Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für vlehentlich 22 Bücher: 4 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M 50 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 7 2 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf Shre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———ꝛ—⅓—ÿ—:üyy——— ¹ 1 — Von W. A. Lindau. Br u n n. Bei Joſeph Georg Traßler. 1832 2. n. Er zaͤhlungen. Von W. A. Lindau. Erſter Theil. P r u nn. Bei Joſeph Georg Traßler. 1 8 2 2. —— — Das Flaͤmmchen am DTeiche. — 28 * Eiine friſche Sommernacht war angebrochen. Dun⸗ kelblaue Wolkenſchleier verhüllten den Himmelsbogen, der über den hohen Felſenwänden eines engen Tha⸗ les ausgeſpannt war, durch welches der Weg, bald von Klippen überwölbt, bald von Tannen und Bir⸗ ken beſchattet, längs der böhmiſchen Gränze ſich hinab wand. Kein Laut regte ſich, als das Rauſchen in den Wipfeln des Waldes, welcher den Rücken der öſtlichen Wand bedeckte, das dumpfe Toſen eines fernes Waſſerfalles, oder zuweilen das Schreien ei⸗ nes Hirſches. Der Weg bog ſich wieder um einen volſpringenden Felſen. Einzelne Sterne blickten aus der Wolkenhülle und flimmerken auf einem ſtill rin⸗ nenden Bache, der hier aus einem Seitenthale her⸗ vor brach, um ſich mit dem Gießbache zu vereinigen, welcher im Hauptthale am Fuße der Felſen hinab floß. Der junge Reiſende, der ſeit einer halben Stunde, ſein müdes Pferd hinter ſich führend, im 8 Thale hinauf zog, blieb hier unſchlüſſig ſtehen. Aus den Nachweiſungen, die man ihm gegeben hatte, ſchloß er, daß der Weg nicht weiter in dem Haupt⸗ thale hinauf gehen und in das Seitenthal ablenken mußte. Nach kurzem Beſinnen folgte der Reiſende, welchen wir Otmar nennen wollen, bis wir ihn nä⸗ her kennen lernen, dem ebenen Pfade, der ſich längs dem Bache zog. Je weiter er ging, deſto mehr Bedenklichkeiten erwachten, ob er den rechten Weg eingeſchlagen. Das Dorf, das ihm Nachtherberge geben ſollte, lag kaum eine Stunde von der Mühle, wo er gegen Abend eingekehrt war, und er hatte ſchon zwei Stunden zurückgelegt, ohne nur eine Spur von Menſchenwohnungen zu finden. Der Mond, der jetzt zuweilen den Wolkenvor⸗ hang durchbrach, zeigte ihm die noch ziemlich lange Strecke des Weges, der ſich über Wieſen in ein Erlengebüſch zog; aber die Wände auf beiden Sei⸗ ten ſchienen ſich in einiger Entfernung zu einem wei⸗ tern Thale zu öffnen. Mit dieſer Hoſſnung ging er voran, als plötzlich eine lange Geſtalt vor ihm ſtand. Die Erſcheinung war wunderbar mahleriſch durch ihre Seltſamkeit, wie durch die Umgebung. Der Hel⸗ leſte Mondblick beleuchtete die hagre Geſtalt. Der Stab, worauf ſie ſich mit der einen Hand ſtützte, und die grauen Locken, die unter einem rothen, um den Kopf gewundenen Tuche faſt wild hervor ſtan⸗ den, verriethen ihr Alter, während in der raſchen Bewegung ihrer Arme, die ſie beim Anblicke des ——— —, 2⸗— 9 Fremden erhob, und in ihrer ganzen Haltung noch friſche Kraft ſich zeigte. Ein weiſſer Mantel mit ro⸗ ther Einfaſſung, der nur bis über die Kniee reichte, und eher zu einem männlichen als weiblichen Anzuge zu gehören ſchien, war nachläßig uber die Schultern geworfen, und wehte im Nachtwinde, als ſie, in ih⸗ rer UÜberraſchung auffahrend, ihn nicht mehr veſthielt. Sie ſchien hinter einem Sandſteinfelſen, der wie al⸗ tes Gemäuer aus dem dunkeln Erlengebüſche vor⸗ ſprang, hervorgekommen zu ſeyn, und mit einem Fuße zurücktretend, blieb ſie einige Augenblicke in dieſer Stellung. Otmar trat ihr näher. Was ſucht Ihr ſo ſpät in der Nacht hier? hob er an. Und warum ſeid Ihr zu ſolcher Zeit auf dieſen einſamen Wegen? Wißt Ihr nicht, daß die Nacht keines Menſchen Freund iſt? Ich fürchtete zeither, mich verirrt zu haben, ſprach Otmar, aber da ich Euch hier finde, muß ich wohl in der Nähe von Menſchenwohnungen ſeyn. Nehmt dieß, fuhr er fort, ihr ein Stück Geld in die Falte des Mantels werfend, den ſie nun über die Arme zuſammenzog: und ſagt mir, wie heißt das nächſte Dorf. Oder könnt Ihr mir ſagen, ob ich auf dem rechten Wege nach Lorbach bin? Lorbach? wiederhohlte lebhaft die Alte. Lorbach ſagt Ihr? Ein Edelhof iſt's mit wenigen Häuſern, nicht wahr? Gehört dem Freiherrn von Nordeck? Ganz recht. Ihr ſcheint da gut bekannt zu ſein. Bekannt? erwiederte die Alte, mit einem ſelt⸗ ſamen Lächeln, das faſt höhniſch ausſah. Ei jan Und zum Wahrzeichen kann ich Euch ſagen, vor drei Wochen ſtarb ſeine Gemahlinn, und der Herr wird wohl nicht daran denken, noch einmahl zu freien, und wenn er auch ſeinen alten Stamm abſterben ſieht; es iſt Mehlthau darauf gefallen, darum ſind ſeine Zweige verdorrt und ſeine Wurzeln verfault. Was ſollen dieſe ſeltſamen Reden? fragte Ot⸗ mar heftig. Wer ſeid Ihr, daß Ihr ſo zu ſprechen Euch erkühnt von dieſem edlen Geſchlechte? Was liegt Euch daran, wer ich bin, erwiederte die Alte mit ſtolzem Lächeln, wenn ich Euch ſage, wohin Euer Weg geht? Heute kommt Ihr nicht nach Lorbach. Es liegt nach Mitternacht und Ihr zieht gen Morgen, Aber ſeht hier den Kreuzweg, worauf wir ſtehen. Reitet jenen Pfad durch's Er⸗ lengebüſch und in einer halben Stunde kommt Ihr auf ein Dorf, wo Ihr Herberge finden könnt, im dritten Hauſe rechts— Ei ſeht! da hüpft ein Irr⸗ wiſch; er will Euch leuchten. Mit dieſen Worten bog ſie ſchnell um den Fel⸗ ſen, und ihr ſchien das ſchallende Gelächter zu ge⸗ hören, das durch die Stille der Nacht wiederhallte. Der röthliche Lichtglanz, der die Umriſſe des Felſens beleuchtet hatte, war plötzlich erloſchen. Was war das? fragte ſich Otmar befremdet. — — 11 Sonderbar! Wer iſt ſie, daß ſie meinen Oheim ſo genau kennt, und feindſelig gegen ſein Haus geſinnt zu ſein ſcheint? Im Gedanken verloren, ſah er auf den Pfad, den die Alte ihm angewieſen hatte. Noch hüpfte am Rande des Gebüſches das Irrlicht, als hätte es ihn erwartet, Wohlan! dachte er, ich folge der Weiſung. Einmahl verirrt, kann ich einen Pfad ſo gut, als den andern wählen, ſelbſt wenn die ſeltſame Erſchei⸗ nung mich hintergangen hätte. Er zog ein Piſtol aus der Halfter, und faßte ſtraff den Zügel des Pferdes, das ſcheu vor dem flimmernden Lichte ſeitwärts ſprang. Nach einigen Minuten verlor ſich das Irrlicht in dem Erlendickig⸗ welches eine, tiefer liegende, Wieſe bedeckte, und alsbald lief der Pfad in ein breiteres Thal. Bei dem trüben Scheine des Mondes ſah Otmar einige Häuſer, die am Fuße einer bewaldeten Felſenwand in eine Schlucht ſich zu verlaufen ſchienen, und als er völlig aus dem Gebüſche trat, war er nur wenige Schritte von einem Lichte, und hörte nahes Hundge⸗ bell, dem bald viele ähnliche Stimmen antworteten. Das Haus, wo er durch die halb verſchloſſenen Laden Licht ſchimmern ſah, war genau das dritte rechts; eine ziemlich freundliche Wohnung, auf der einen Seite von einem wohl gepflegten Gärtchen umgeben, Als er ſtehen blieb, wurde im Hauſe ein Geſang fortgeſetzt, den er ſchon in einiger Entfer⸗ nung gehört hatte, und eine ältliche Stimme ſang: 12 Er wolle meiner Sünden In Gnaden mich entbinden, Durchſtreichen meine Schuld; Er wird auf mein Verbrechen, Nicht ſtracks das Urtheil ſprechen, Und haben noch Geduld⸗ Die Stimme ward ein wenig unruhig nach den erſten Zeilen und erſtarb bei den letzten Worten in bebende Töne. Eine Pauſe folgte. Otmar, ſchon aufgeregt durch das Abenteuer dieſer Nacht, war lebhaft bewegt. Er horchte, kaum athmend. Eine andre zartere Stimme ſchien die folgenden Abſätze des Liedes zu leſen, bis ſie endlich mit hellen Sif⸗ bertönen die Schlußworte ſang. Es gehe wie es gehe, Dein Vater aus der Höhe, Weiſt allen Sachen Rath. Der Reiſende glaubte in dem ſtillen Kreiſe, woraus ihm ſo fromme Töne entgegen kamen, Gaſt⸗ freundſchaft, oder doch freundliche Nachweiſung zu finden. Er pochte an den Fenſterladen, als der Ge⸗ ſang verſtummt war, Kein Laut antwortete, aber es wurde leiſe geſprochen. Der Fremde klopfte ſtär⸗ ker, und, wie es ſchien, nach einer neuen Berath⸗ ſchlagung, wurde das Fenſter geöffnet, der Laden zurückgeſchoben und eine entſchloſſene Stimme fragte: Wer iſt da? Ein verirrter Reiſender, der Euch bittet, ihm zu ſagen, wo er Obdach finden könne, —& SPT nach orten ſchon war Eine zſätze Siß⸗ Eiſ ——— 13 Wartet einen Augenblick, antwortete die Frau, als ſie aus dem Fenſter geſehen, und den Fremden bei dem matten Mondlichte genauer betrachtet hatte⸗ Sie zog den Laden wieder an, und man ſchien abermal ſich zu berathen. Endlich ward an der Gartenmauer ein Pförtchen geöffnet, und eine be⸗ jahrte Frau, in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, er⸗ ſchien mit einem Lichte in der Hand. Führt, euer Pferd herein, hob ſie an, und ruhet einen Augen⸗ blick aus, ſo wird ſich überlegen laſſen, wo Ihr Obdach findet. Otmar folgte, und als er ſein Pferd an einen Baum im Hofe gebunden hatte, ließ er ſich von der gaſtfreundlichen Alten in's Haus führen. Sie öffnete eine Stube, wo Reinlichkeit und Ordnung herrſch⸗ ten, die Gewohnheit zu ſeyn ſchienen und nicht erſt in der Eile hergeſtellt ſeyn konnten. Nicht weit von dem kleinen runden Tiſche, wo die blank ge⸗ ſcheuerte zinnerne Lampe brannte, ſaß ein ſchönes Mädchen am Spinnrade. Ihr braunes Haar hing in leicht geſchlungenen Flechten um Hals und Schul⸗ ter, die ein ſeidnes Tuch auf dem weißen Mieder ſittſam verhüllte. Bei Otmar's Eintritte ſtand ſie auf, und er hatte nur Augen für die ſchlanke, hohe Geſtalt, die ihn mit edlem Anſtande begrüßte. Helene, ſprach die Alte, hohle dem Herrn ein Glas Milch oder Obſt, wenn er unſre arme Gaſt⸗ freundſchaft nicht verſchmäht. Das Mädchen kam der Alten zuvor, welche 14 dem Fremden den bequemen Lehnſtuhl vorſchieben wollte, der in einer Ecke ſtand, und eilte dann hin⸗ aus, den Auftrag auszurichten. Nach einigen Minu⸗ ten kam ſie zurück mit der gaſtlichen Spende. Der Fremde hatte indeß einige gleichgiltige Worte mit der Alten gewechſelt, die ihn oft forſchend anſah, und ihn endlich bat, es ſich bequem zu machen. Als er ſeinen Reitermantel ablegte, ſchien ein Theil ſei⸗ nes Anzugs, ſo wie ſeine Haltung, einen Kriegs⸗ mann zu verrathen. Er ſah der holden Jungfrau zu, die geſchäftig ein weißes Tuch über den Tiſch breitete, Milch und Obſt darauf ſetzte, den Lehn⸗ ſtuhl näher rückte, und ihn freundlich bat, ſich nie⸗ derzulaſſen. Ich fürchte, in ſo ſpäter Stunde Euch zu ſtö⸗ ren, hob er an, und will Euch nur bitten, mir zu ſagen, ob hier im Dorfe ein Wirthshaus iſt, wo ich ein Nachtlager erhalten könnte. Die Schenke kann Ihnen ſolche Bequemlichkeit nicht geben, ſprach die Alte höflich; unſer Dorf liegt weit von der Straße und ſelten verirrt ſich ein Reiſender hierher. Ich habe mich freilich, wie es ſcheint, völlig verirrr, erwiederte er, aber die Nacht iſt ſo ange⸗ nehm, daß ich gern meine Reiſe fortſetzte, wenn ich hier einen Führer finden könnte. Die Wirthinn ſchien mit ſich zu Rathe zu ge⸗ hen. Es war etwas in ihrem Benehmen, das den Fremden überraſchte, und eine Bildung verrieth, die jeben hin⸗ inu⸗ — 15 wenig zu den etwas dürftigen Umgebungen paßte. Otmar ſah ſich während der ſtummen Pauſe in der kleinen Stube um. Helene ſaß wieder auf ihrem Rohrſtuhle am Spinnrade. Ihr braunes Köpfchen war ſeitwärts geneigt, und ein ſüßes Lächeln ſchwebte um die Roſenlippen, als ſie ſah, das ihre Gabe den müden Gaſt erquickte. Eine tiefe Stille herrſchte, worin man jeden Ton der Uhr hörte, die an der Wand zwiſchen zwei Tabuletten hing, worauf buntes Fayence und etwas Porzellän, eine Bibel mit gold⸗ nem Schnitte und ein Paar andre Bücher zu ſehen waren. Die Wanduhr ſchlug eilf. Schon ſo ſpät? fragte der Fremde. Ich muß meine Frage wieder⸗ hohlen, meine gütige Wirthinn, ob ich hier einen Führer werde finden können? Ich denke eben darüber nach, antwortete ſie, aber in dieſer ſpäten Stunde wird ſich Niemand dazu finden laſſen. Wenn es Ihnen gefällt unter unſerm Dache, ſo wollen wir Ihnen gern geben, was unſre arme Wohnung vermag. Ich nehme es dankbar an, antwortete Otmar, und werde Euch nicht zu lange zur Laſt fallen, da ich bei Tagesanbruche abreiſen muß. Und ich werde dann für einen Führer ſorgen können, ſprach die Wirthinn und zu einer kleinen rothwangigen Dirne ſich wendend, die eben aus dem Schlafe aufgeſtört, dämiſch herein trat, fuhr ſie fort: „Annchen; dein Bruder in der Mühle wird morgen 165 früh mit dieſem Herrn als Wegweiſer gehen koͤnnen⸗ Du mußt noch zu ihm gehen. Aber ſieh erſt nach dem Pferde, das verſtehſt Du ja.— Und wohin geht Ihr Weg, werther Herr?“« wendete ſie ſich wie⸗ der zu dem Fremden. Ich bin, wie ich fürchte, ſehr weit vom Ziele meiner Reiſe, antwortete Otmar, ich will nach Lor⸗ bach, auf das Gut meines Oheims. Lorbach? rief die Alte lebhaft. Ihr Oheim? Der Freiherr.— Von Nordeck, erwiederte Otmar. Kennt Ihr ihn vielleicht?— Ja— ja— ich kenne ihn, hob die Alte wie— der an, und ſchien eine innere Bewegung nieder zu kämpfen. Ich habe Ihnen Gaſtfreundſchaft verſpro⸗ chen, fuhr ſie nach einer Pauſe fort. Wollen Sie ſich nicht zur Ruhe begeben, da Sie ſo früh aufzu⸗ brechen gedenken? Ännchen, hohle Licht! Helene, zeige ihr, wie ſie die Oberſtube in Ordnung brin⸗ gen ſoll. Sie ſprach dies ſchnell und verrieth eine innere Unruhe. Helene ſchien ſich über das Benehmen der Alten ſelber zu wundern, und ſah baͤld ſie, bald den Fremden an. Otmar war freilich nicht wenig überraſcht, als er nun zum Zweitenmahl hörte, daß der Name von ſeines Oheims Wohnſitze eine ſolche Bewegung erwecken konnte; aber die Reize der lieb⸗ lichen Helene, deren Blicken er oft begegnete, mach⸗ ten einen ſo tiefen Eindruck auf ihn, daß andre 17 Gedanken ſchnell vor ſeiner Seele vorüber gingen. köman Helena ging nach einigen Augenblicken mit dem 8 u4 Mädchen hinaus und Otmar blieb mit der Alten — allein. h nier Iſt Helena eure Tochter? hob er nach einer iele Pauſe an. d uun Meine Enkelinn, antwortete ſie, kurz abbre⸗ 4 chend, mit ernſtem Blicke. Sind Sie der Sohn Iheint eines Bruders, oder einer Schweſter des Freiherrn 77 von Nordeck? . Seiner Schweſter, antwortete er. Otmar von t Ihr Wilden iſt mein Nahme. Die Alte ſchwieg gedankenvoll, und ließ ihre 3 m Blicke zuweilen unter den finſtern Augenbrauen auf der in ihn ſchießen. zerſped⸗ Vermuthlich habt Ihr meinen Oheim zuweilen 4 Sr in eurer Gegend geſehen, hob Otmar wieder an. ani Er iſt ein Freund der Jagd, wie ich höre, und Helene⸗ vielleicht geht ſein Gebiet bis zu eurem Dorfe. Nein, meine Wohnung iſt weit von ſeinem Gebiete, antwortete die Alte. Und Sie ſcheinen innere ihn auch nicht genau zu kennen, oder ihn lange een der nicht geſehen zu haben. „ bal Nie habe ich ihn geſehen, und zum Erſtenmahl— wenig ruft er mich zu ſich, nach dem Tode ſeiner Ge— „dazs mahlinn. brin⸗ 1 plche Nach dem Tode ſeiner Gemablinn? wieder⸗ dlehohlte die Alte lebhaft. Sie iſt todt, ſagen Sie? mach⸗ Euer Ton, gute Frau, verräth eine Theib⸗ I. 3 18 nahme, die mich in Verwunderung ſetzt. Habt Ihr die Verſtorbene gekannt? Ich höre, ſie hat weit umher in der Gegend den Ruf der Wohlthätigkeit zurückgelaſſen. Sie ſind alſo ſein naher Verwandter, vielleicht ſein Erbe? fuhr die Alte fort, ohne ſeine Frage zu beantworten. Sein nächſter Verwandter allerdings, ſeit er ſeinen Sohn durch einen unglücklichen Zufall verlor. Sie wiſſen davon? hob die Alte wieder an, einen fragenden Blick auf ihn heftend. Was ich in meiner Jugend davon gehört habe, daß der arme, vierjährige Knabe durch Vernachläſ⸗ ſigung ſeiner Wärterinn in einem Teiche umgekom⸗ men iſt. Ja, ſo hat man geſagt, erwiederte die Alte. Im Teiche iſt er umgekommen, das hab' ich oft ge⸗ hört. Seinen Hut hat man am Ufer gefunden und ſein Steckenpferd im Schilfrohre. Der Teich iſt da unergründlich, habe ich mir ſagen laſſen; darum hat man auch ſeinen Leichnam nie finden können. 3 Otmar bemerkte, daß die Alte, als ſie ſo ſprach, ihn anſah, als hätte ſie den Eindruck ihrer Worte beobachten, oder auch ſeine Meinung ergrün⸗ den wollen. Es fuhr ihm plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß ſie vielleicht in frühern Zeiten in ſei⸗ nes Oheims Hauſe geweſen, und jenes Unglück mit angeſehen habe. Habt Ihr vielleicht in meines Oheims Hauſe gelebt? hob er wieder an. öt Ihr weit tigkeit llei lleicht age zu 19 Ich— in ihres Oheims Hauſe gelebt? Wohl gar als Magd, meinen Sie? Sie ſprach dieſe Worte mit ſo 68 Verach⸗ tung, daß Otmar faſt empfindlich wa Ihr könnt meine Frage nicht übel deuten, twicderte er. In meiner Ältern Hauſe wenigſtens, ſind wohl viele Töchter achtbarer Bürger in Dienſten geweſen. Die alte Frau zuckte ſtolz die Achſeln, und ſchien ungeduldig die Nückkehr ihrer Enkelinn zu er⸗ warten, um der Unterredung ein Ende zu machen. Auf ihren Ruf erſchien Helena. Die Großmutter ließ Annchen mit dem Lichte vorangehen und gelei⸗ tete den Fremden bis an die Thüre der Oberſtube, und als ſie ſich durch einen flüchtigen Blick überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, wünſchte ſie ihm mit ſtillem Ernſte gute Nacht. Otmar fand ſich, ſo müde er war, nicht in der Stimmung, ruhig ſchlafen zu können. Die kleine Stube verrieth zwar auch die beſchränkte Lage der beiden einſamen Bewohnerinnen des Hauſes, aber auch hier erfreute ihn die Reinlichkeit, die er überall bemerkt hatte. Auf dem, mit einem roth und wei ßen Damaſttuche bedeckten Tiſche ſtand ein blank ge⸗ ſcheuertes zinnernes Waſchbecken von altfränkiſchem Anſehen und daneben unter dem kleineu Spiegel mit verblichenem Goldrahmen ein Blumengefäß von Por⸗ zellan, worin zwei halb erblühte Roſen dufteten, die Helena's ſchöne Hand, wie eine ſchmeichelnde Ahnung, ihm ſagte, friſch gepflückt hatte. Er trat 20 an's offene, von Weinlaub umſchattete, Fenſter, das in den Garten ging. Der Mond ſtand am wolken⸗ loſen Himmel, und hell beleuchtet ragten die weiß⸗ grauen Sandſteinfelſen aus dem Fichtenwalde am Eingange der Schlucht, wohin die letzten Häuſer des Dorfes ſich zogen. Der laute Ton der Wanduhr in der Unter⸗ ſtube, die eben zwölf ſchlug, ſtörte ihn aus ſeinen Gedanken auf. In demſelben Augenblicke ſah er eine Geſtalt, die am Zaune des Gartens hinſchlich. Otmar zog ſich zurück, um unbemerkt beobachten zu können, und ſah deutlich einen Mann, den der Fe⸗ derbuſch auf dem Hute und das Gewehr als Jäger bezeichneten. Die ſchleichende Geſtalt war nun ſo nahe an dem Fenſter der Unterſtube, als der ſchräg laufende Zaun es geſtattete. Das Fenſter war noch erleuchtet und wurde geöffnet. Gute Nacht, Jung⸗ fer Lenchen! ſprach der Jäger halblaut. So ſpät? antwortete ſie leiſe. Es geht früh zu Holze, hob jener wieder an, nur gute Nacht wollte ich ſagen. Mit dieſen Worten eilte er ſchnell davon und ſchien ſich wieder zu den andern Jägern zu geſellen. Bald hörte man in der Ferne einen dreiſtimmigen Jagdgeſang, deſſen fröhliches Hallali! noch lange zwiſchen den Felſen nachhallte. Unter allen Erſcheinungen dieſer Nacht, machte dieſe den lebhafteſten Eindruck auf Otmar. Das ſtille, ſittſame Mädchen hatte alſo ein zärtliches er, das wolken⸗ 2 weiß⸗ nun ſo ſchraͤg ar noch Jung⸗ der an, oon und geſellen. nmigen lange machte Das cliches 22 Verſtändniß. Er wiederhohlte ſich die Frage, was es ihn kümmern könnte, wenn auch dieſes Verſtänd⸗ niß ſogar heimlig wäre; aber er konnte den Gedanken nicht los werden, und das Bild des holden Mäd⸗ chens prägte ſich noch tiefer in ſeine Seele, ſeit er ahnete, daß ſie einem Andern gehörte. Endlich ſchloſſen ſich ſeine müden Augen; als aber der erſte Schimmer des Morgenrothes ihn er⸗ weckte, hörte er die Töne des Hifthorns in der Ferne, und ſie riefen ihm alsbald die Erſcheinungen des geſtrigen Abends zurück. Er ging hinab, und nahm die beiden Roſen zum Andenken mit. Als er in die Stube trat, bemerkte er, daß die Großmut⸗ ter das Mädchen bei der Hand hielt, und ſie mit ſichtbarer Bewegung anblickte. Er wollte dieß mit dem ſchleichenden Jäger in Verbindung ſetzen, und fragte das Mädchen mit forſchendem Blicke, od die Jagd, die ſich angekündigt hatte, weiter gezogen wäre, oder ob es in der Nähe des Dorfes eine gute Wildbahn gäbe. Eine ſanfte Röthe überfloß ihre Wangen, als ſie eine Antwort ſtammelte, wor⸗ aus ſich nicht viel nehmen ließ. Die Großmutter zeigte ihm den jungen Führer, der im Hofe das Pferd ſattelte, und nach dem ein— fachen Frühſtücke nahm Otmar Abſchied. Seine frei⸗ gebige Vergütung für die empfangene Gaſtfreund⸗ ſchaft ward durchaus abgelehnt. Er fragte, ob er auf der Rückreiſe ihr Haus wieder beſuchen dürfte, da er vielleicht Luſt hätte, die mahleriſche Gegend 2½ noch einmal zu ſehen, um ihren Pflanzenreichthum, zu unterſuchen. Es war ein ſtrenger Ernſt in dem Geſichte der alten Frau, als ſie einige Augenblicke ſchwieg.„Ihr Weg wird Sie wohl ſchwerlich über unſer Dorf führen, ſprach ſie endlich; aber— wenn Sie allein ſind, ſollen Sie immer willkommen ſeyn. Auge eine freundlichere Einladung leſen könne, als die, wie es ſchien, nicht gern verſprochene Gaſtfreund⸗ ſchaft der Alten war; aber mit geſenktem Blicke er⸗ wiederte ſie beim Abſchiede kaum fühlbar den Druch ſeiner Hand. Otmar blickte das Mädchen an, ob er in ihrem chthum—— n dem nblicke ihrem „as II. Druch Laichte Morgennebel umwebten die Wipfel der Tan⸗ nen, als Otmar an der Seite ſeines Führers, über eine hohe Waldblöße ritt, bis endlich die Sonne, das graue Gewölk durchbrechend, in den Thauperlen am hohen Graſe ſchimmerte. Eine Stunde führte der Weg durch den Wald, behauptete der Führer, ehe ſie auf die Straße nach Lorbach kämen. Seid Ihr in dem Hauſe bekannt, wo ich heute Nacht geſchlafen habe? hob Otmar endlich an. Ei, wie ſollt' ich da nicht bekannt ſein! Meine Schweſter iſt ſeit ſechs Jahren da. Frau Heinau hat uns beiden immer viel Liebes und Gutes erwie⸗ ſen, ſeit wir Waiſen ſind. 1 Wohnt ſie ſchon lange in eurem Dorfe? So lange ich mir denken kann, erwiederte der Führer, aber nicht immer, habe ich mir ſagen laſ⸗ ſen; ſie hat vor vielen Jahren das Häuschen gekauft. 24 Und ohne Zweifel hat ſie ihre Enkelinn mitge⸗ bracht? fuhr Otmar fort, um das Geſpräch ſchnell auf den Gegenſtand zu lenken, der ihn am meiſten anzog. Jungfer Lenchen, meint der Herr? Ich weiß es nicht, aber die iſt nicht immer bei ihr, und ich höre, ſie geht auch bald wieder zu ihrer Mutter, die wohnt drei Meilen von hier in Weilsberg. Und wer iſt ihr Vater? fuhr der neugierige Reiſende fort, aber ſo weit ging die Kunde des Führers nicht. Er hatte Helena's Mutter nur etwa dreimal bei Frau Heinau geſehen, und wußte nicht, ob ſie die Tochter oder die Schwiegertochter der Großmutter war.— Otmar wollte das Geſpräch nicht fallen laſſen, und als er eine geſchickte Wendung ſuchte, um auf den nächtlichen Jäger zu kommen, fiel er ziemlich abgebrochen mit einer Frage ein, die den Führer nothwendig darauf bringen mußte. Ich weiß nicht, antwortete er, ob ſie einen Verwandten hat, der ein Jäger iſt. Der Förſter in Bergheim gehört auch nicht zu ihrer Freundſchaft, ſo viel ich weiß, aber er kennt Frau Heinau. Und beſucht ſie vermuthlich oft? fragte Otmar. Das habe ich nie geſehen, aber in unſre Kir⸗ che, eine halbe Stunde von hier, da kommt er zu⸗ weilen hin, noch mehr aber ſein Vetter, der junge Moritz, und ich habe ein Paarmal geſehen, wie er mit Frau Hieinau und Jungfer Lenchen auf dem Kirch ſcher, gewef Felde ſagen Ver Ged gilt ſein Bet ſch ſche dai mitge⸗ ſchnell neiſten zierige e des laſſen, m auf emlich führer einen porſter ſchaft, tmar. Kir⸗ r zu⸗ zunge je er dem 4 25 Kirchwege recht manierlich ſprach. Es iſt ein hůb⸗ ſcher, artiger Menſch, der Moritz. Der Führer ſetzte hinzu, Moritz ſey Soldat geweſen, und erſt vor einigen Monaten aus dem Felde zurückgekommen. Er wußte weiter nichts zu ſagen; aber es war genug für Otmar, ſich das Verhältniß zwiſchen Moritz und Helena zu erklären. Gedankenvoll ritt er voran. Es kann mir ja gleich⸗ giltig ſeyn, wie nahe ſie ſich ſtehen, riß er endlich ſeine Träumereien ab. Wie könnte die flüchtige Bekanntſchaft mich ſo ſehr anziehen! Werde ich doch ſchwerlich je wieder über die Schwelle der mürri⸗ ſchen Alten kommen, die es faſt zu bereuen ſchien, daß ſie mir Gaſtfreundſchaft gewährt hatte, und zum Zweitenmal mich wohl nicht allzufreundlich empfan⸗ gen würde. In dieſem Augenblicke führte der Weg an ei⸗ nem freundlichen Gebäude, nahe am Saume des Waldes, vorbei.„Das iſt auch ein Forſthaus, hob der Führer wieder an. Der alte Förſter will ſeinen Dienſt abgeben, heißt es, und der Moritz ſoll ſich darauf freuen; die Leute ſagen ſogar, er würde wohl die bildſchöne Förſtertochter nehmen.“ Nicht möglich! rief Otmar, und wünſchte nur noch mehr zu hören, was zur Beſtätigung des Ge⸗ rüchts dienen könnte. J nun, antwortete der Führer, ein hübſches Mädchen, Geld dazu und den Dienſt in den Kauf— da wird ſich wohl niemand lange beſinnen. 26 Otmar ſuchte des Fuhrors Vermuthung mit der widerſprechenden Erſcheinung, die er in der vo⸗ rigen Nacht belauſcht hatte, ſo gut als möglich aus⸗ zugleichen, und der grübelnde Verſtand war geſchäf⸗ tig genug, dem geheimen Wunſche ſeines Herzens zu dienen. Er war damit ſo weit gekommen, daß er Helena zu einer Freundinn der ſchönen Förſtertochter und zu einer Vertrauten der beiden Liebenden ge⸗ macht hatte, als er zu dem Wirthshauſe kam, der Waldweg in die Landſtraße fiel. wo Der Führer wurde entlaſſen mit einem freigebigen Geſchenke, und mit dem Auftrage, der guten Frau Heinau für ihre Gaſtfreundſchaft nochmal zu danken, und Otmar ritt in raſchem Trabe voran. Der Weg ſenkte ſich endlich in ein weites, von ſchön bewaldeten Hügeln eingeſchloſſenes Thal, wo auf einer vorſpringenden Bergzunge, von alten Ei⸗ chen beſchattet, das Schloß des Freiherrn von Nordeck ſich erhob, deſſen bewohnter Flügel an die mahleriſchen Trümmer einer Burg angebaut war. Nach einer Viertelſtunde ritt Otmar durch das alte Burgthor in den Schloßhof. Der Freiherr hatte hier ſeinem Wohnhauſe lieber eine reizende Ausſicht ent⸗ ziehen, als ein, ſchon im dreißigjährigen Kriege zer⸗ ſtörtes Gemäuer vollends niederreißen wollen, weil über der Innenſeite des Thores ein Wapenſchild ganz unverſehrt war, womit er ſeine Behauptung der Turnierfähigkeit ſeines Geſchlechtes im drei⸗ zehnten Jahrhunderte bekräftigte, wenn Jemand den nanne g mit er vos aus⸗ eſchaͤf⸗ 27 den ehrlichen Rürner einen unzuyverlaͤßigen Zeugen nannte. Aus dem Burghofe kam Otmar auf einen freundlichen Platz, der den Zugang zu dem neuen Schloſſe bildete, eine große Raſenrundung, mit Ta⸗ xus⸗Pyramiden und zwei Reihen von Pomeranzen⸗ bäumen, auf deren Kübeln die verblichenen Wapen⸗ farben des freiherrlichen Hauſes, gelb und roth, noch zu unterſcheiden waren. Als er nach dem Eingange des Schloſſes ritt, kam zwiſchen den einförmig ver⸗ ſchnittenen Bäumen ein eben ſo ſteifer alter Diener hinauf, der ſeine wohl gepuderte Haarbeutelperücke aufgeſetzt, aber ſeine Hausjacke, von großgeblümtem Kalmank auszuziehen, ſich nicht Zeit genommen hatte, um den Fremden zu empfangen. Otmar's erſte Frage verrieth den erwarteten Neffen des Ge⸗ bieters, und der alte Diener benutzte die zeitgemäße Erſcheinung eines Reitknechts, dem er es überließ, dem Fremden das Pferd abzunehmen, und eilte in die Dienſtbotenſtube. Nach einigen Minuten kam er in ſeinem rothen Treſſenrocke, mit dem Trauerflor um den Arm zurück, um Otmar zu dem Freiherrn zu führen. Er ſagte dem jungen Manne, ſein Geblieter wäre am vorigen Abende ſehr bekümmert über das Ausbleiben des ſehnlich erwarteten Gaſtes geweſen, hätte bis um zwölf Uhr mit der Tafel warten laſ⸗ ſen und ſich erſt um ein Uhr zur Ruhe begeben. Endlich öffnete der alte Nann eine Flügelthüre, und ——— 28 Otmar trat in ein hohes Zimmer, das mit grünen Damaſttapeten behangen und mit großen goldrahmi⸗ gen Spiegeln und einigen Bildniſſen, die zwiſchen ſilbernen Wandleuchtern hingen, geziert war. Ein langer, ſchmächtiger Mann in Trauerkleidern ſtand vor einem großen rothbedeckten Armſeſſel, mit der einen Hand auf einen marmornen Spiegeltiſch ſich ſtützend, während er in der andern einen aufgerollten Perga⸗ mentbrief hielt. In einiger Entfernung ſaß ein wohl beleibtes Männchen mit ſtruppigen Augenbrau⸗ en, bebrillter Naſe und ſchwarzer Zopfperrücke, vor einem andern Tiſche, und das Wort des Freiherrn erwartend, hielt er die Feder ſteif zwiſchen den Fingern. Der Freiherr, deſſen bleichem Geſtchte man es nicht anſah, daß er nicht viel über vierzig Jahre alt war, trat einen Schritt näher, als der junge Mann ſchnell ihm entgegen flog. Theuerſter Herr Oheim, hob Otmar an, ich eilte nach dem Empfange ihres Briefes, ihrer güti⸗ gen Einladung zu folgen, und den Bruder meiner geliebten Mutter kennen zu lernen. Es freut mich, lieber Neffe, erwiederte der Freiherr, als er ihn mit höflicher Förmlichkeit um⸗ armte. Darauf gab er dem Schreiber einen Wink, ſich zu entfernen, und als er mit dem Gaſte allein war, fuhr er fort: Lieber Neffe, Sie werden wiſ⸗ ſen, daß durch leidige Umſtände zwiſchen ihrer ſeli⸗ gen Mutter und mir ein unfreundliches Verhältniß eutſta chen, kann mit gruͤnen ahmi⸗ iiſchen Ein d vor einen ützend, Perga⸗ ; ein brau⸗ 29 eutſtanden iſt. Wir wollen jetzt nicht mehr unterſu⸗ chen, wer die Schuld davon getragen hat; aber ich kann mir leicht denken, daß Sie durch ihre Mutter mit Vorurtheilen gegen mich erfüllt worden ſind.— Denken Sie das nicht, Herr Oheim, fiel Ot⸗ mar ein. Sie würden meiner edlen Mutter ſehr Unrecht thun, wenn Sie glauben wollten, daß die anglückliche Trennung ein anderes Gefühl, als Kum⸗ mer, in ihr erweckt hätte. Sprach ſie von dieſem traurigen Zwiſte, und es geſchah nur ſehr ſelten, ſo ſchrieb ſie die Schuld immer nur unſeligen Mißver⸗ ſtändniſſen zu. Bis zu ihrem Tode wünſchte ſie nichts, als Frieden und geſchwiſterliche Eintracht, aber die Freude zu erleben, ward ihr nicht gegönnt. Der Freiherr drehte ſeine goldne Doſe ſchnell zwiſchen den Fingern, und ſprach nicht ohne eine innere Bewegung, die in ſeinem Benehmen ſichtbar wurde: Lieber Neffe, es iſt gut, daß darüber nun kein Wort mehr gewechſelt zu werden braucht. Ihre Mutter hat ſchon ſeit einigen Jahren geſehen, daß ich den Rechtshandel nicht weiter betrieben habe, als es bei einer einmal anhängigen Sache durchaus nothwendig war. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß jetzt die nöthigen Schritte geſchehen werden, die Sache völlig niederzuſchlagen. Auch darum habe ich gewünſcht, Sie zu ſehen, und ſo ſeien Sie mir aufrichtig willkommen.. Mit dieſen Worten reichte der Freiherr dem jungen Manne die Hand, und Otmar, den das Be⸗ 50 nehmen ſeines Oheims anfangs ſehr abgekühlt hatte, glaubte in ihm nun eine wärmere Aufwallung zu bemerken, und kam ihm mit Wärme entgegen. Er wurde aber wieder ein wenig kühler, als ſein Oheim fortfuhr: Um die Sache niederzuſchlagen, um auch vor der Welt zu zeigen, daß der Friede in unſrer Familie völlig hergeſtellt iſt, und allen möglichen nachtheiligen Folgen des alten Streites vorzubeugen, ſind gewiſſe Förmlichkeiten nöthig, worüber mein Rechtsfreund mit Ihnen ſprechen wird. Sie ſind mündig und konnen alſo die Urkunde unterſchreiben, die er zu dieſem Zwecke bereits entworfen hat. Ich voffe, Sie werden keinen Anſtoß an Kleinigkeiten nehmen, und ſich darüber hinwegſetzen, wenn aus einigen Ausdrücken und Wendungen vielleicht hervor⸗ gehen ſollte, daß ihre Mutter nicht durchaus recht gehabt hätte. Ich werde nichts unterſchreiben, nichts bekräfti⸗ gen, mein Oheim, als was ich reiflich erwogen habe, und um keinen Preis auch nur den Schein geben, als ob ich glauben könnte, meine Mutter wäre fähig geweſen, leidenſchaftlich nach dem Un⸗ wechte zu trachten. Wer wird denn eine Sache ſo rauh behandeln! erwiederte der Freiherr. Mein Rechtsfreund ſoll al⸗ les mit gebührender Schonung einrichten, und ich hoffe, Sie werden künftig alle Urſache haben, mit meinen guten Abſichten gegen Sie, zufrieden zu ſein. — Damit wurde die Unterredung über dieſen Ge⸗ genſt Otm ſtand ſeine 51 genſtand abgebrochen, und das Geſpräch kam auf hatte, 3 zu Otmars Feldzug und endlich auf allgemeine Gegen⸗ Et ſtände. Der Freiherr that weiter keine Frage über heim ſeine Stiefſchweſter, mit welcher er gegen zwölf„ nuch Jahre in Feindſchaft gelebt hatte, und es wurde Otmar immer klärer, daß eine Eisrinde um des Mannes Herz lag, wovor ihn ſchauderte. Er wußte, u daß der Freiherr mit ſeiner Gemahlinn in einer un⸗ glücklichen Ehe gelebt hatte. Nahm er an, daß die 4 Verſtorbene ſo ſanft und gut geweſen war, als der 62 Ruf von ihr erzählte, ſo mußte er geneigt ſein, ben die Schuld des häuslichen Unſegens ſeinem Oheime 9 zuzuſchreiben; aber er wußte auch aus einigen Au⸗ üt ßerungen ſeiner Mutter, daß man die unglückliche * Frau gezwungen hatte, dem Freiherrn ihre Hand, h gegen die Stimme ihres Herzens, zu geben, und tech daß ihr Leben durch den Schmerz über dieſes Opfer 5 . war verbittert worden. aiti⸗ Nach einigen Tagen legte der Rechtsfreund ihm Vgef den Stand der vieljährigen Streitſache vor, und er hein glaubte, daß ſeine Außerungen Eindruck auf ſeinen utter Oheim gemacht hatten, da es ſorgfältig vermieden Un⸗ wurde, ſeine Gefühle auf irgend eine Art zu ver⸗ wunden, und er hatte Urſache, mit der Art, wie elu! der alte Streit ausgeglichen wurde, zufrieden zu al⸗ ſein. 2 ich Dies machte Otmar's Stimmung milder, und mit ihn geneigt, alles zu vermeiden, was einen freund⸗ ein lichen Verkehr zwiſchen ihm und ſeinem Oheime ſtö⸗ Gie .. „ 32² ren konnte. Der Freiherr wollte ihm eines Tages ben ſein Jagdgebiet zeigen, und gab ſeinen Jägern Be- überei fehl, einen Birsgang im Walde zu veranſtalten. Nachmittags ging er mit Otmar aus. Er ſprach nig b mit Theilnahme von den Angelegenheiten des jungen veſten Kriegsmannes, und ließ die Bemerkung fallen, daß er ſeine Verbindungen am Hofe benutzen werde, der ihm zu ſchnellerem Fortkommen behilflich zu ſeyn. ſie a Otmar gab zur Antwort, er glaubte, ſeine Pflicht ges im Felde redlich erfüllt zu haben, und dieß wäre kam auch von ſeinen Obern ſo laut anerkannt worden, Schi daß er mit Zuverſicht bei der erſten Gelegenheit auf fuhr Beförderung rechnen könnte; aber er wäre zu ſtolz, end um dabei irgend etwas fremdem Schutze verdanken diſe zu wollen. Uen Das ſind freilich etwas ſtolze, wenn auch ſehr Ph ſtan . ehrenwerthe Geſinnungen, antwortete der Freiherr, an aber Sie werden vielleicht Gelegenheit finden, wenn fahr auch nicht bei ſich, doch bei Andern, die Bemer⸗ iun kung zu machen, daß das unbeſchützte Verdienſt nicht das immer Anerkennung, nicht immer gerechte Beloh⸗ mei nung findet. r Nun, dann iſt der Schritt deſto leichter, mich ſih aus einem Verhältniſſe zu ziehen, wo ich ſie nicht w finde, zumahl, da dieſer Schrist über kurz oder lang ohnehin geſchehen wird. ni Sie haben alſo die Abſicht, den Kriegs⸗— dienſt zu verlaſſen? Sie wollen auf dem Lande, lin oder vielleicht in einem ruhigern Staatsdienſte le⸗ 4 9r Tages pen? But, das ſtimmt mit meinen Abſichten auch n Be⸗ überein. falten. Mein Lebensplan iſt in der That noch ſo we⸗ ſprach nig beſtimmt, daß ich jetzt ſchon kaum über einen ungen veſten Entſchluß mit mir einig werden könnte. fallen, Nach dieſem Geſpräche folgte eine Pauſe, und verde, der Freiherr war in tiefe Gedanken verſunken, als 4 ſeyn. ſie aus dem Gebüſche, das den Fuß des Schloßber⸗ 3 pfüicht ges bedeckte, an das Ufer eines ſehr großen Teiches wäre kamen, und in dieſem Augenblicke aus dem dichten orden Schilfe einige wilde Anten aufflogen. Der Freiherr auf fuhr zuſammen. Er blieb ſtehen, und heftete ſchwei⸗ ſol⸗ gend ſeine Blicke auf den ſtillen Waſſerſpiegel, an 4 auken deſſen Ufer, nahe vor ihm, eine einfache Marmor⸗ Urne unter den tiefgeſenkten Aſten einer Trauerweide h ſehr ſtand. Seine Züge verriethen, daß die Erinnerung iiherr, an einen zerreiſſenden Schmerz durch ſeine Seele wenn fuhr. Er faßte mit zitternder Hand den Arm des emner⸗ jungen Mannes, und ſprach bewegt: Sie kennen nicht das Unglück meines Hauſes? Hier— hier verſank lohr mein einziges Kind. Dieſes Schilfrohr deckt ſein Pelch Grab— Kommen Sie! kommen Sie! fuhr er fort, nic ſich faſſend, und folgte mit ſchnellen Schritten den nicht wartenden Jägern. 11u Die Zerſtreuungen der glücklichen Jagd ſchienen wohlthätig auf die Stimmung des Freiherrn zu wir⸗ , ben, doch blieb er immer ungewöhnlich ernſt, und dede zeigte gegen Otmar eine kalte Zurückhaltung, als 2 wäre es ihm unangenehm geweſen, das aufwallende le 0 1 3 34 Gefühl ihm verrathen zu haben. Schon glänzte das Spätroth durch die Wipfel, ſchon war das zweite Reh abgefangen, und laut tönte das Hohoho! todt! todt! todt! durch den Wald, als zwei Wildhüter mit einem fremden Jäger, den ſie in die Mitte ge⸗ nommen hakten, aus einem Holzwege kamen, und zu dem Freiherrn traten, der auf einem umgeſtürz⸗ ten Stamme ſaß. Sie hatten, nach ihrer Erzäh⸗ lung, den Jäger mit Büchſe und Hund, dieſſeit der Gränze des herrſchaftlichen Reviers gefunden, und der junge Mann war ohne Weigerung bereit gewe⸗ ſen, ihnen zu folgen, wenn man ihn nur ſogleich zu dem Jagdherrn bringen wollte. Der Jäger trat mit edlem Anſtande vor den Freiherrn, der ihn mit einem langen Blicke maß, und erzählte mit Offenheit, er ſey der Vetter des Förſters in Bergheim, habe ſich auf dem Rückwege verſpätet und ſich erlaubt, um ſchneller heim zu om⸗ hen hatte, herbei kam, und bei dem erſten Anblicke des jungen Jägers flog er auf ihn zu und ſchloß ihn in ſeine Arme. Lieber— lieber Walding! biſt Du es wirklich? rief er. Wie lange hab' ich ge⸗ wünſcht, Dich wieder zu ſehen, tapfrer Retter mei⸗ nes Lebens! Iſt es möglich? Herr Lieutenant von Wilden! erwiederte der Jäger, freudig überraſcht. ten d verwu ſchon du ſo mente Han hätt fren guten zte das zweite todt! dhüter itte ge⸗ , und geſtürz⸗ Erzäh⸗ ſſeit der , und gewe⸗ ſogleich vor den fe maß⸗ ter des ückwege u kom⸗ erti en zugeſe⸗ Anblicke ſchloß g! biſt ich ge⸗ er mei⸗ Wilden 35 Otmar erzählte ſeinem Oheime, wie er im letz⸗ ten Feldzuge, bei einem Vorpoſtengefechte mit ſeinem verwundeten Pferde geſtürzt wäre, und ein Huſar ſchon den Säbel geſchwungen hätte, ihm den Kopf zu ſpalten, als Walding, der bei dem Jägerregi⸗ mente geſtanden, mit Geiſtesgegenwart und ſicherer Hand den feindlichen Reiter vom Pferde geſchoſſen hätte. Junger Mann, ſprach der Freiherr zu dem trenoc Jäger, es iſt mir lieb, daß Ihr einen ſo guten Bürgen gefunden habt. Ich weiß nicht, ob ich eurer bloßen Verſicherung geradezu geglaubt ha⸗ ben würde, wenn auch euer Geſicht ein gutes Wort für Euch einlegt. Wohlan, nehmet auch meinen Dank für den Dienſt, den Ihr meinem Neffen ge⸗ leiſtet habt. Ich habe euren Vetter, den Förſter in Bergheim, ſchon lange als einen treuen Diener un⸗ ſeres Fürſten, und als einen trefflichen Weidmann ruͤhmen hören. Grüßt ihn freundlich von mir, und ſagt ihm, ich möchte künftigen Herbſt gern einmal mit ihm jagen. Der Vetter des Förſters in Bergheim? ſprach Otmar lebhaft. Ja, lieber Hexrr Lieutenant, erwiederte Wal⸗ ding, und ich hoffe, Sie werden ihrem alten Kriegs⸗ kameraden erlauben, Sie zuweilen zu beſuchen, ſo lange Sie in unſerer Gegend ſind. Gewiß— gewiß! antwortete Otmar ein wenig befangen. —— 4 1 36 Walding, der das Anerbieten des Freiherrn, ihn durch einen Jägerburſchen auf den nächſten Weg nach Bergheim bringen zu laſſen, gern annahm, reichte nun ſeinem Kriegsgefährten die Hand; aber es war auffallend, daß Otmar den Gruß nicht mit der Herzlichkeit erwiederte, womit er den jungen Mann bewillkommet hatte. 3 Es muß Sie gefreut haben, lieber Neffe, den. Mann wieder zu ſehen, dem Sie ſo viel verdanken, ſprach der Freiherr auf dem Rückwege zum Schloſſe. Es iſt etwas in ſeinem Geſichte, das mich ſehr für ihn eingenommen hat. Ein wackerer junger Mann, erwiederte Otmar, er hat ſich ausgezeichnet im Kriege, und wuürde ſein Glück machen, wenn er im Dienſte bliebe. Das Geſpräch hatte ſich auf weidmänniſche Ge⸗ genſtände gelenkt, bis die Geſellſchaft an den vor⸗ ſpringenden Hügel kam, wo der Pfad ſich von der Spitze des Teiches durch das Gebuſch hinaufzog. Der Freiherr erzählte eben ein Jagdabenteuer, das er in feiner Jugend beſtanden, als ein paar Jäger, die einige Schritte hinter ihm gingen, leiſe und ängſtlich ſprachen: Das Licht! Es iſt das Leichen⸗ flämmchen! Was gibt's? fragte der Freiherr, ſich umſe⸗ hend, mit verweiſendem Tone. Alle ſchwiegen, aber auf die wiederhohlte Frage des Gebieters, der bald ſeine Leute anblickte, bald ſchen auf den Teich hinab ſah, erwiederte endlich ein a das thöri herr ſo ſo nicht lih Sd ſein Auft Bü⸗ reiherrn, en Weg annahm, ; aber icht mit jungen ſe, den erdanken⸗ Schloſſe. ſehr für Otmar, arde ſeit ſche Ge⸗ den vor⸗ von der naufzog er, das r Jiger, eiſe und Leichen⸗ 9 umſe⸗ te Frage bald endlich 37 ein alter Jäger, die jungen Leute hätten geglaubt, das Flämmchen im Geröhrig zu ſehen. Wie oft hab' ich ſchon geſagt, daß ich dieſes thörige Geſchwätz nicht hören will? ſprach der Frei⸗ herr mit finſterm Ernſte. Glauben Knaben daran, ſo ſollten Grauköpfe ſie zurechte weiſen, wenn ſie nicht ſelber faſeln. Otmar blickte nach dem Teiche, und ſah deut⸗ lich ein zitterndes Flämmchen, das ſich eben im Schilfe verlor. Der alte Jäger, der über die Worte ſeines Herrn empfindlich war, bemerkte Otmar’'s Aufmerkſamkeit, und warf ihm einen bedeutendeu Blick zu. Als ſie in den Schloßhof kamen, und der Freiherr ſchneller voran ging, zupfte der Jäger den jungen Mann am Arme. Herr Lieutenant, ſprach er, der gnädige Herr mag nicht gern davon hören, aber es iſt dennoch wahr, ich habe das Licht oft ge⸗ ſehen, wenn ich ſpät aus dem Holze kam. Sehr natürlich, auf dem feuchten Moorgrunde müſſen ſich wohl Irrlichter erzeugen, die dann am Ufer verſchwinden. Irrlichter 2, erwiederte der Jäger. Nein, das iſt kein Irrlicht, lieber Herr. Und warum denn gerade an dem Orte, wo das Unglück geſchah? Ge⸗ rade an dem Tage der Woche, wo das Kind er⸗ trank? Es war ein Freitag, wie heute⸗ Ihr waret alſo ſchon hier, als meinen Oheim dieſes harte Schickſal traf? fuhr Otmar fort. Durch welche Verwahrloſung konnte es dazu kommen. ₰ 56 Nun, ich will juſt nicht ſagen, daß es Ver⸗ wahrloſung geweſen iſt, erwiederte der Jäger. Die Wärterinn liebte und hütete das Kind, wie ihren Augapfel, und ſie hat ſich auch über das Unglück faſt zu Tode gehärmt. Es war ein ſchöner Som⸗ merabend; bald ſind's nun vierzehn Jahre. Der gnädige Herr war auf der Jagd, und die Wärte⸗ rinn ging mit dem vierjährigen Kinde den Weg durch das Gebüſch hinab, weil der kleine Junker wohl wußte, daß er vom Vater geliebkoſet wurde, wenn der ihm entgegen kam. Die gute Frau ſaß mit dem Kinde unter der Weide, wohl zehn Schritte vom Ufer, als ſie das Abblaſen im Walde vernah⸗ men. Das liebe Kind war ganz Leben und Freude, wenn’s ein Hifthorn hörte, und die edle Weid⸗ mannsluſt ſchien ihm gleichſam im Blute zu liegen. „Blumen! Blumen! Der Vater kommt!“« rief der Knabe, der dem gnädigen Herrn gewöhnlich einen Blumenſtrauß zu dem Bruch auf den Hut ſteckte, Die alte Anne ging ſchnell in's Gebüſch, wo Stein⸗ brech und Federnelken blühten. Nicht zehn Minu⸗ ten— es war wohl ein bischen lange— hatte ſie ſich aufgehalten, da hörte ſie ein lautes Geſchrei, und als ſie ganz außer Athem hinab kam, ſtand eine alte Frau am Wege, und ſchlug die Hände über den Kopf zuſammen und zeigte auf den Teich. Dicht am Ufer, wo Sie das Licht geſehen haben, lag des Knaben grüner Hut und ſein Steckenpferd. Zwiſchen dem Geröhrig hatte man kurz zuvor Lücken, es Ver⸗ r. Die e ihren Unglück Som⸗ Der Wärte⸗ n Weg Junker wurde, au ſaß Schritte vernah⸗ Freude⸗ Weid⸗ liegen, rief der jeinen ſteckte. Stein⸗ Minu⸗ zaatte ſie heſchrei⸗ ſtand Haͤnde Teich haben, npferd. Lücken⸗ 39 wie wir Jäger es nennen, zur Äntenjagd gehauen, und da muß das Kind hineingefallen ſein. Der Teich hat da keinen Grund. Und die alte Frau, die das Geſchrei erhob, konnte denn die nicht helfen? fragte Otmar. Sie war wohl zwanzig Schritte weit vom Ufer auf dem Wege gegangen, als ſie das arme Kind in den Teich hatte ſtürzen ſehen, wie ſie ſagte. Die Wärterinn dachte in der Angſt nicht daran, das Weib mehr zu fragen, und als wir mit der Jagd dazu kamen, war die Alte über alle Berge. Doch was hätten alle Fragen helfen können; der Augen⸗ ſchein war da, das arme Kind lag im Waſſer. Die fremde Frau kommt mir doch faſt verdäch⸗ tig vor, erwiederte Otmar. Hat man ihre Spur nicht verfolgt? War vielleicht eine ſchreckliche Rache im Spiele? Ja, man hat wohl ſo etwas gemunkelt, ſprach der Jäger zurückhaltend, wiewohl der gnädige Herr von ſolchen Dingen nie etwas hören wollte. Die gnädige Frau mochte wohl mehr daran glauben, und ſeitdem war es bei ihr vollends vorbei mit der Luſt am Leben. Es war damahl, fuhr er nach einer Pauſe zutraulicher fort: nicht lange nach dem ſieben⸗ jährigen Kriege, wo viel loſes Geſindel ſich im Lande umhertrieb. Ein paar Monate vor dem Unglück bettelte ein fremdes Weib im Schloſſe, und als der gnädige Herr ſie etwas ſcharf abwies, ſoll ſie ge⸗ droht haben, ſo ſagte ein Knecht, der im Hofe ge⸗ 40 weſen war. Nun meinte man, die könnte der Teu⸗ fel zum Werkzeuge gebraucht haben, und ſie hätte ſich vielleicht blenden laſſen, von einer Elenklaue, in Silber gefaßt, die das Kind am Halſe hatte. Otmar fand dieſe Deutung nicht ſehr wahr⸗ ſcheinlich, wiewohl er ſich die Räthſel nicht löſen konnte, die mit der ſonderbaren Geſchichte verfloch⸗ ten zu ſein ſchienen. Er ging gedankenvoll in ſein Zimmer, und als er ſich umgekleidet hatte, erſchien des Freiherrn alter Diener, um ihm zu melden, daß ſein Herr unpäßlich geworden, und den geehr⸗ ten Gaſt nicht bei Tiſche ſehen könnte. Beſtürzt über dieſe Botſchaft, wünſchte Otmar, ſeinen Oheim wenigſtens beſuchen zu dürfen. Der gnädige Herr hat ſich bereits zu Bette ge⸗ legt, erwiederte der Diener. Aber ſein Sie ohne Sorgen. Ich vermuthe, es iſt bloß eine Erkältung. Als der gnädige Herr in's Zimmer kam, merkte ich ſchon, daß Hochdieſelben nicht recht heiter„waren, und kaum war ein Brief geleſen, der heute mit ei⸗ nem Boten gekommen war, ſo wurde der Schwin⸗ del ſo heftig, daß ich wirklich Sorgen hatte. Seit⸗ dem iſt's aber beſſer geworden. Ein Brief? hob Otmar wieder an. Vielleicht eine unglückliche Nachricht? Ich will nicht geſagt haben, erwiederte der vorſichtige Alte, daß der Brief einen beſondern Eindruck auf den gnädigen Herrn gemacht hätte. Nur ſchien bei dem Leſen des Briefes das Übelbe⸗ r Teu⸗ hätte ue, in wahr⸗ löſen rfloch⸗ in ſein erſchien zelden, geehr⸗ eſtürzt Oheim tte ge⸗ ohne iltung⸗ ite ich varen⸗ nit ei⸗ chwin⸗ Seit⸗ lleicht 41 finden zuzunehmen, das ohne Zweifel vorher ſchon da geweſen war.. Otmar, der die Zurückhaltung des alten Man⸗ nes nicht länger durch Fragen in Verlegenheit ſetzen wollte, ließ ſeinem Oheime die Verſicherung ſeiner Theilnahme melden, und um die Erlaubniß bitten, ihn am folgenden Morgen zu beſuchen. Kaum war er aufgewacht, als er zum Frühſtücke in ſeines Oheims Zimmer gerufen wurde. Der Freiherr war auffallend verſtimmt und niedergeſchlagen, befand ſich jedoch, nach ſeiner Verſicherung, beſſer und ſchrieb ſeinen Unfall der kühlen Abendluft zu. Otmar hatte ſich ſeit einiger Zeit ſo ſehr mit ſeinem Oheime be⸗ freundet, daß er ſeine Beſorgniße über deſſen Ge⸗ ſundheitzuſtand mit einer Wärme äußerte, die den Freiherrn zu rühren ſchien. Nach dem Frühſtück gingen ſie in's Freie. Ihr Weg führte über den Schloßberg auf die Waldhöhe, wo ſich eine reizende Ausſicht in das Thal und auf die ferne Gebirglandſchaft öffnete.„Nicht wahr, lie⸗ ber Oheim, ſprach Otmar, auf den fröhlichen Kranz von Wald, Wieſen und blühenden Feldern deutend, der das Schloß umgab: hier überſehen wir ihre Beſitzung?“ So iſt's, in dem Umkreiſe von einer Stunde, erwiederte der Freiherr gleichgiltig⸗ Ja, mit ſol⸗ chen Gaben hat das Glück mich geſegnet. Und doch— fuhr er lebhaft fort, indem er vor ſeinem Reffen ſtehen blieb, und ihn bewegt bei der Hand 4² nahm: Otmar, o ich wollte alles dieß gern darum geben, wenn ich wieder auf dem Punkte meiner Le⸗ bensbahn ſtände, wo Sie ſtehen. Welche Ausſicht Theurer Oheim, Sie wollen mich ihres Ver⸗ trauens würdig finden, nahm Otmar endlich das Wort. Der Freiherr blickte ſchnell auf und ſah ihn fragend an. Sie ſcheinen verſtimmt zu ſein, fuhr Otmar fort. Wenn irgend ein Kummer Sie drückt, und meine Theilnahme ihn lindern könnte.— Ich bin davon überzeugt, lieber Neffe, ſiel der Oheim ein, und wich mit Zurückhaltung jeder Her⸗ zensergießung aus. Aber laſſen Sie uns auf dem nächſten Wege umkehren, die kurze Wanderung hat mich in der That ein wenig angegriffen. Otmar wurde durch einige ähnliche Vorfälle im⸗ mer mehr in der Vermuthung beveſtigt, daß entwe⸗ der ein finſteres Schickſal durch ſeines Oheims Haus gegangen war, oder die Schuld das Leben des un⸗ glücklichen Mannes getrübt hatte. Eben ſo deutlich aber ward es ihm, wie wenig er im Stande ſein werde, die Eisrinde, die auf dem verſtörten Gemü⸗ the lag, zu brechen, um es durch einen Strahl der * läge vor mir!.. Junger Mann, bewahre dein- Herz rein und dein Gewiſſen. Seine Stimme ſank bei den letzten Worten, und es folgte eine ſtumme Pauſe, wo er ſich Gedanken verlor. Aeb⸗ Lebe gen der ſamd füh hat un darum er Le⸗ sſicht dein drten, h in Ver⸗ das 4 Liebe zu erwärmen. Gewohnt an ein freies heiteres Leben, fand er den Aufenthalt im Schloſſe nach eini⸗ * gen Wochen allmählich drückend, und ſo willkommen der Stimmung, die er mitgebracht hatte, die Ein⸗ ſamkeit anfänglich war, er mußte doch bei dem Ge⸗ fühle, womit ſich ſein Herz ſchon zu ſehr befreundet hatte, aus den engen Umgebungen ſich wegſehnen, um Gelegenheit zu ſuchen, ſich dem Mädchen wieder zu nähern, deſſen Bild noch immer vor ſeiner Seele ſtand. Nichts ſchien ihn länger im Schloſſe aufzu⸗ halten. Alles, was ſich auf den alten Streit bezog, war völlig abgemacht und für's Erſte ſchien ſein Oheim nichts anders von ihm gewollt zu haben. In der erſten Zeit hatte er freilich ziemlich deutlich geäu⸗ ßert, daß er Otmar zu ſeinem Erben beſtimmt, und deßhalb, bei ſeiner ſchwankenden Geſundheit, bereits Verfügungen entworfen hätte; ſpäter aber vermied er auffallend, etwas zu berühren, wodurch das Ge⸗ ſpräch auf dieſen Gegenſtand gebracht werden konnte, und beſonders war dieß ſeit dem Jagdtage merklich. Otmar fand darin nichts weniger, als eine empfind⸗ liche Täuſchung, da er, wenn auch nicht reich, doch ſo unabhängig leben konnte, als ſeine beſcheidenen Anſprüche es begehrten. Er äußerte endlich, daß er nur einen kurzen Urlaub genommen, und nicht wohl um Verlängerung anſuchen könnte. Entſchloſſen, in zwei Tagen abzureiſen, ſaß er Abends in ſeinem Zim⸗ mer und ergetzte ſich an den ritterlichen Geſchichten des alten Froiſſart, den er in ſeines Oheims Bücher⸗ 44 ſammlung gefunden hatte, als der Freiherr plötzlich hereintrat. Otmar bemerkte an ihm eine ungewöhn⸗ liche Bewegung. Lieber Neffe, hob Nordeck an, und ſuchte mit ſichtbarer Anſtrengung eine ruhige Faſſung: ich muß Sie, als meinen nächſten Verwandten, mit einem Lebensereigniſſe bekannt machen, das nach vielen Jahren noch einen unerwarteten Einfluß auf mein Schickſal zu haben ſcheint. Es iſt ein peinliches Ge⸗ ſtändniß— doch weg mit falſcher Scham! Ich habe Sie meines Vertrauens werth gefunden, und beſſer, Sie hören von mir ſelber, was Sie, wenn es Ih⸗ nen durch Andre bekannt würde, vielleicht zu ungün⸗ ſtig für mich auslegen könnten. Ich war fünf und zwanzig Jahre alt, als ich ein Maͤdchen kennen lernte— ſo ſchön, ſo ſanft, o ich fühle jetzt, was ich an ihr verloren habe! Sie war von bürgerlichem Stande, die Tochter eines armen Offiziers, der im Kriege verwundet, ſeinen Abſchied erhalten hatte, und bald nachher geſtorben war. Ich liebte ſie aufrichtig⸗ und war entſchloſſen, ihr meine Hand zu geben. Es war Aufſchub nöthig, um meine Angehörigen darauf vorzubereiten; aber man hatte mir ein Fräulein aus einem alten reichen Geſchlechte beſtimmt, und durch ſie ſollte ich in Verbindungen kommen, die meinem Ehr⸗ geize die glänzendſten Ausſichten eröffneten. Eine Reiſe, wozu eine wichtige Angelegenheit mich nö⸗ thigte, trennte mich auf einige Zeit von meiner Ge⸗ liebten, und dieſen Augenblick benutzten meine Ver⸗ tzlich oöhn⸗ mit muß nem ellen mein 45⁵ wandten, mich in die neuen Feſſeln zu ziehen. Die Reize des Fräuleins, die Vortheile der Verbindung, die Rückſichten auf die alte Würde unſeres Stam⸗ mes— kurz, ich gab den Gründen meiner Ver⸗ wandten nach, und ſah das Mädchen nicht wieder, dem ich Treue geſchworen. Ja, ich liebte ſie auch damahl noch, als ich mich verleiten ließ, und hätte ſie nur einen Schritt gethan, mich wieder an ſich zu ziehen, ich wäre zu ihr zurückgekehrt, ich wäre glück⸗ lich geworden. Sie that keinen Schritt, und ich, um die ſtrafende Stimme im Innern zu beruhigen, wollte mich dadurch überreden, daß ſie mich nicht wahrhaft geliebt hätte, und meinen Treubruch leicht vergeſſen würde. Meine Braut war zu der Verbin⸗ dung gezwungen worden, wie ich erſt erfuhr, als wir ſchon unauflöslich vereint waren. Das Glück kam nicht mit ihr in mein Haus. Ihr Herz blieb gegen michz verſchloſſen, und ich fühlte wohl, daß ich ihr nicht erſetzen konnte’, was man ihr um mei⸗ netwillen entriſſen hatte. Wir blieben kalt und fremd gegen einander. Meine Geliebte hatte ſich aus ihrer Heimath entfernt, und ich hörte nichts von ihr. Bei dem harten Schickſale, das mich in dem Verluſte meines Kindes traf, erwachte lauter in mir der Vor⸗ wurf, und ich ſah darin die Hand der ſtrafenden Vergeltung. Ich forſchte heimlich nach der Lage der Verlaſſenen, ſo ſehr ich fürchtete, etwas zu hören, wodurch ich ſchmerzlich bewegt werden könnte, bis ich endlich erfuhr, daß ſie auch ihren letzten Aufent⸗ 46 halt mit ihrer Mutter verlaſſen hatte. Seitdem war ihre Spur für mich verloren. Denken Sie ſich, wie ſehr es mich ergreifen mußte, als ich vor einigen Wochen, bald nach ihrer Ankunft, einen Brief von unbekannter Hand erhielt, worin mir gemeldet wurde, daß meine Geliebte mir eine Tochter gebo⸗ ren habe, die noch lebe. Sonſt enthielt die Nach⸗ richt nichts, als die Angabe, wo Emilie und ihre alte Mutter wohnte. Ich zog einige Erkundigungen ein, und erfuhr Manches, was jene Nachricht beſtä⸗ tigte, aber über die Hauptſache bin ich noch in der peinlichſten Ungewißheit. Sie ſehen, lieber Neffe, ich kann in dieſer Angelegenheit einem Fremden die Nachforſchung nicht anvertrauen. Mit vollem Ver⸗ trauen habe ich Sie dazu auserſehen. Wollen Sie es übernehmen? Ich danke Ihnen für ihr Vertrauen, lieber Oheim. Sagen Sie mir, was ſoll ich thun, und in der nächſten Stunde bin ich auf dem Wege. Emilie wohnt acht Meilen von hier in Weils⸗ berg, ihre Mutter nicht weit von Bergheim, im Gränzdorfe Rothkirch; die Witwe des Lieutenants Heinau. Iſt es möglich! rief Otmar überraſcht, und erzählte, wie er dieſe Frau kennen gelernt, und was er von ihrer Lage erfahren hatte. Ihre Enkelinn lebt bei ihr? ſiel ſein Oheim bewegt ein. Doch nein— das gibt noch keine Ge⸗ wißheit. Emilie hatte einen Bruder, der ſehr jung 2 ngen eſtaͤ⸗ der 47 als Landprediger ſtarb und verheirathet war. Und doch— wäre es möglich? Ja, lieber Otmar, reiſen Sie mit Tagesanbruche; beſuchen Sie Emilien, be⸗ ſuchen Sie die alte Mutter, bieten Sie alles auf, das Geheimniß aufzuklären. In ihre Hände lege ich es, meiner Seele die Ruhe zurückzugeben, die ihr ſo lang fremd geweſen iſt. Erlauben Sie mir eine Frage, lieber Oheim, hob Otmar wieder an. Und wenn das Geheimniß nun, erfreulich enthüllt, vor Ihnen liegt, wenn ich Ihnen melden kann, daß ihre Geliebte ihrer Ach⸗ kung und Liebe immer würdig geweſen iſt— wie dann? Der Freiherr ſah den jungen Mann einige Au⸗ genblicke ins Geſicht, und ſeine Rechte ihm darrei⸗ chend, ſprach er mit veſtem Tone:„Dann bieten Sie ihr dieſe Hand zur Verſöhnung, und wenn ſie Demjenigen wieder trauen kann, der einmahl ſein Wort gebrochen hat, ſo hoffe ich das Glück wieder zu finden, das mir mit ihr entfloh.“ III. Feib am folgenden Morgen war Otmar auf der Reiſe. Sein Oheim hatte ihm die Leitung der An⸗ gelegenheiten ganz überlaſſen, und der junge Mann hielt es für das Beßte, zuerſt Emiliens Mutter auszuforſchen. Ein raſcher Ritt brachte ihn in drei Stunden zu dem Döörſchen. Er ließ den Reitknecht, den ſein Oheim ihm mitgegeben hatte, mit den Pfer⸗ den in der Schenke zurück, und ging allein zu Frau Heinau. AÄnnchen ſtand vor der Thüre, und ant⸗ wortete auf ſeine Frage, Frau Heinau ſei auf einen Augenblick ausgegangen, Jungfer Lenchen aber zu Hauſe. Mit zwei Sprüngen war Otmar in der Stube. Helene ſaß, ſeitwärts gegen die Thüre gekehrt, am Spinnrade; ſie hielt den Faden zwiſchen den zar⸗ ten Fingern, und der rechte Fuß mit dem hochro⸗ then Pantoffel ſchwebte zögernd über dem Tritte, als hätte ſie gefürchtet, durch das Sihnurren des Räd⸗ der An⸗ Mann Nutter n drei knecht, Pfer⸗ Frau ant⸗ einen her iu in der zekehrt⸗ en zar— hochto⸗ te/ als „Räd⸗ 7 49 chens die Gedanken zu ſtören, die das tief geſenkte Köpfchen bewegten. Im nächſten Augenblicke ſah ſie den Fremden, der ihr zur Seite ſtand; eine hohe Glut färbte die Wangen der überraſchten und als ſie in ihrer Verwirrung ſchnell das Rad drehte, zer⸗ riß der Faden zwiſchen ihren Fingern; aber bald ſich faſſend, ſtand ſie auf und empfing den Fremden mit freundlichem Gruße. Das war ja wohl eine böſe Vorbedeutung, ſprach Otmar lächelnd, daß der Faden reißt, in dem Augenblicke, wo ich hereintrete? Was ſollt' es denn Böſes vorbedeuten? fragte ſie zweifelnd. Nein, ich glaub' es ſelber nicht, erwiederte Otmar. Ein guünſtiger Stern führt mich heute her. Nicht als Verirrter komme ich, um ihre wohlwol⸗ lende Gaſtfreundſchaft zu bitten; ich hoffe, Glück in dieſe ſtille Wohnung zu bringen. Helene ſchlug ihr blaues Auge auf, und ſah den Fremden verwundert an, als hätte ſie den Sinn ſeiner Worte in ſeinem Geſichte leſen wollen; aber es war ein heiliger Ernſt in ſeinen Zügen, als ſein Blick auf dem lieblichen Mädchen ruhte. Ihrer Großmutter bringe ich Glück und Ihnen, fuhr er fort, und faßte ihre Hand. Es ſchien dem Mädchen aufzufallen, daß der Fremde in ſeiner Rede und ſeinem Benehmen weit höflicher gegen ſte war, als bei feinem erſten Be⸗ 4 5⁰ ſuche, wo er ſie zwar mit feiner Auszeichnung, aber doch das ſchlichte Landmädchen nur mit ländlicher Traulichkeit behandelt hatte. Sie konnte dieſe Ver⸗ änderung nicht begreifen, und ſchien diefelbe faſt mißzuverſtehen, als ſie mit geſenktem Blicke antwor⸗ tete:„Glauben Sie mir, ich bin mit dem ſtillen Glücke zufrieden, das ich hier bei meiner Großmut⸗ ter, oder an der Seite meiner Mutter finde.“ Auch ihrer Mutter hoffe ich, zur Vergütung für viele Leiden, Glück zu bringen. Otmar wollte durch dieſe Worte ſie verleiten, ein Geheimniß zu enthüllen, das er ahnete, aber er war ſo bewegt, daß er ſeine Abſicht ſelber ver⸗ rieth. Als ſie mit ſteigernder überraſchung ihn an⸗ ſah, fuhr er fort:„Sie begreifen mich nicht, oder vielleicht ſehen Sie mit Mißtrauen auf den Frem⸗ den, den ein Zufall mit Umſtänden bekannt gemacht hat, die Sie ſo nahe angehen; aber bald wird ſich alles aufklären.“ Das Mädchen ſchien durch Otmar's Worte auf die Vermuthung geführt zu werden, daß er ein Ge⸗ heimniß berühren wollte, welches ſie zunächſt an⸗ ging, und es glühten ihre Wangen. In dieſem Augenblicke trat Frau Heinau her⸗ ein. Sie hatte von der Ankunft des Fremden ſchon gehort, aber ſie war dennoch ſichtbar bewegt, als ſie 4. ihn begrüßte. Ich komme allein, ſprach er, und das haben Sie ja zur Bedingung gemacht, aber mit einer „ „aber blicher Ver⸗ e faſt atwor⸗ ſtillen ßmut⸗ gütung leiten, aber r ver⸗ )u an⸗ oder Frem⸗ rmacht d ſich te auf in Ge⸗ at⸗ u her⸗ ſchon als ſie haben einer 51 glücklichen Botſchaft, wie ich eben ihrer ſchönen En⸗ kelinn ſagte.“ Meiner Enkelinn eine Botſchaft? ſprach die Alte mit finſterm Ernſte. Was für eine Botſchaft? Herr von Wilden, es ziemt ſich nicht, meiner En⸗ kelinn Botſchaften zu bringen, ohne daß ich es er⸗ laubt habe. Sie mißverſtehen mich, ich habe nur im Allge⸗ meinen einer Botſchaft erwähnt, die zunächſt für Sie beſtimmt iſt. Helene, ſprach die Großmutter, Du haſt ver⸗ geſſen, die Blumen zu begießen. Geh', es wird ein heißer Tag werden. Das MNädchen ging; aber ehe ſie die Thüre öffnete, blickte ſie ängſtlich zurück, um zu ſehen, ob ihre Großmutter unwillig wäre, und ging dann ſchnell hinaus, als ſie dem Auge des Fremden be⸗ gegnete, der ihr auch nachgeblickt hatte⸗ Eine Pauſe folgte.„Ja, Sie haben mich miß⸗ verſtanden, hob Otmar wieder an, oder mich unbil⸗ lig verkennen wollen. Laſſen Sie mich alles auf einmahl ſagen, damit Sie ſehen, daß ich in guter Abſicht ihre Schwelle betrete.“ 1 Ehe Sie weiter reden, Herr von Wilden, ich ſehe aus ihrem Benehmen und ihren Juſſerungen⸗ daß Sie mehr von mir erfahren haben, als Sie bei ihrem erſten Beſuche zu wiſſen ſchienen. Sagen Sie mir, wer ſchickt Sie zu mir?. A Ich kenne das Verhältniß, das zwiſchen ihren 52 Familie und meinem Oheim beſtanden, und er ſchickt mich zu Ihnen, um zu verſöhnen und auszu⸗ gleichen, was er einſt— er fühlt es tief gebeugt, und ich will's nicht ſchonend ſagen— gegen ihre Tochter und gegen Sie verbrochen hat. Tief gebeugt, ſagen Sie? erwiederte Frau Hei⸗ nau, ziemlich bitter. Wirklich dazu wäre es noch gekommen? Herr von Wilden, fuhr ſie ernſt fort, zwiſchen dem Freiherrn von Nordeck und mir, oder den Meinigen, kann nichts verſöhnt und ausgegli⸗ chen werden. Sie haben ihre Botſchaft ausgerichtet, und— haben meine Antwort. Bei dieſen Worten verbeugte ſie ſich mit kal— tem Ernſte. Ich begreife ihre Empfindlichkeit, hob Otmar wieder an, aber ſie ſoll mich nicht abhalten, meinen Auftrag vollends auszurichten, und ich will ſelbſt unſchuldig ihren Unwillen ertragen, wenn ich die gute Abſicht ausführen kann, die mich zu Ihnen bringt. Ich ſage es noch einmahl, mein Oheim iſt tief gebeugt; er kann und will jetzt ſein Unrecht ge⸗ gen ihre Tochter gut machen; er hofft— ſo ſagt er ſelber— das Glück wieder zu finden, das ihm mit ihr entflohen iſt, und Sie werden fühlen, was die⸗ ſen Entſchluß und dieſe Hoffnung in ihm erwecken muß, wenn ich Ihnen ſage, daß er jetzt, erſt jetzt, erfahren hat, was die Folgen ſeiner Verbindung mit ihrer beleidigten Tochter geweſen ſind. Frau Heinau ſchien lebhaft überraſcht zu ſein. . »Wo für hörer trau von eine gut qls nd er auszu⸗ beugt, n ihre Hei⸗ noch t fort, oder zgegli⸗ eichtet, it kal⸗ Otmar meinen ſelbſt ch die Ihnen aim iſt gi xe ſagt er 53 „Was wollen Sie ſagen? hob ſie wieder an. Was für Folgen meinen Sie?“ 2 Ich begreife ihre Zurückhaltung nicht, da Sie hören, daß mein Oheim mir ſein Geheimniß anver⸗ traut hat. Wohlan, leſen Sie dieſen Brief, den er von unbekannter Hand erhielt. Vielleicht finden Sie einen Faden in dieſem dunkeln Irrgange. Sie durchflog den Brief. Ihre innere Bewe⸗ gung ward in ihren Zügen ſichtbar, und ſie ſchwieg, als ſie geleſen hatte. Laſſen Sie mich hinzu ſetzen, fuhr Otmar fort, mein Oheim hat nach Empfange dieſes Briefes Er⸗ bundigungen eingezogen, die ihm dieſe Nachricht be⸗ ſtätigten. Nein, ich kann nicht errathen, woher dieſe Nachricht kommt, erwiederte Frau Heinau. Aber mögen Sie es wiſſen, es iſt wahr, was hier ſteht; ich achte es meiner unwürdig, es jetzt zu verhehlen, wie ich's früher meiner unwürdig hielt, es ihrem Oheime zu entdecken. Und Helene iſt meines Oheims Tochter? ſprach Otmar bewegt. So iſt'’s, antwortete ſie. Unglückſelige Zurückhaltung! rief Otmar. Wie viele Leiden, wie viele Vorwürfe, hätten Sie ver⸗ hüten können, wenn Sie offen geweſen wären, wenn Sie den Schmerz der gekränkten Mutter hät⸗ ten laut werden laſſen! Was konnte Sie dazu be⸗ wegen? 54 Mein Haß und meine Verachtung gegen den Verführer meines Kindes. Furchtbare Vergeltung! Sprach Otmar, in Ge⸗ danken verloren, und nach einer Pauſe ſetzte er hinzu: Aber dieſe Regungen müſſen gemildert wer⸗ den, wenn Sie ſich von meines Oheims Abſichten vollkommen überzeugen, und dann werden Sie ihrer Tochter ſagen wollen, daß der Augenblick gekommen iſt, wo die Rechte in Beſitz genommen werden müſ⸗ ſen, die Niemand ihrer Enkelinn rauben darf. Frau Heinau ſah den Fremden mit forſchenden Blicken an. Herr von Wilden, ſprach ſie endlich, Sie wären, wie ich vermuthe, ihres Oheims näch⸗ ſter Erbe, wenn er kinderlos bliebe? Ja, ich glaube, Sie gleichen ihm nicht, und ich finde in Ihnen eine edle Geſinnung, darum will ich offen gegen Sie ſein. Es koſtet mir etwas, mich dazu zu überreden, ſeit ich mich in einem Manne betrogen habe, auf deſſen Redlichkeit ich veſt vertraute. Aber es ſei! Als ihr Oheim meine Tochter verließ, hatte ich Gründe zu vermuthen, daß er nichts von dem Um⸗ ſtande wußte, der meiner Tochter Lage noch unglück⸗ licher machte, und ſein Verbrechen erhöhte. Ich ver⸗ achtete ihn zu ſehr, als daß ich hätte glauben kön⸗ nen, die Entdeckung jenes Umſtandes würde ihn auf beſſere Geſinnungen bringen. Ich traute ihm nur zu, daß er, durch das beleidigende Anerbieten einer Unterſtützung, unſers Unglückes ſpotten würde. Darum ſchwieg ich, als ich erfuhr, daß er im Be⸗ — — den den t wer⸗ Jſichten e ihrer kommen in müſ⸗ henden endlich, näch⸗ glaube⸗ en eine en Sit rreden⸗ , auf z ſei! 55⁵ griffe war, ſich zu verheirathen, und nahm meiner Tochter das Verſprechen ab, dem Freiherrn von Nordeck nie etwas zu entdecken. Meine Tochter hat ihr Schickſal mit ſtiller Ergebung getragen; ihr Herz iſt von der unglücklichen Leidenſchaft frei ge⸗ worden, und ſie hat ſich erhoben über den trüben Schmerz.“ Und dann auch wohl, hob Otmar wieder an, edelmüthig ſich erhoben über Haß und Groll, daß ſie keiner Empfindlichkeit Raum laſſen wird, wo es gilt, die Anſprüche ihrer Tochter zu ſichern. Nein, es iſt noch nicht zu ſpät, wieder gut zu machen, was ſo vielen Menſchen Unglück gebracht hat. Aber die Zeit drängt. Laſſen Sie uns beide mit ruhiger Beſonnenheit die Vermittelung führen. Möge nicht noch einmahl durch unglückliche Zurückhaltung und durch Mißtrauen Unheil geſtiftet werden! Ich habe meinen Auftrag bei Ihnen ausgerichtet; erlauben Sie mir nun, ſogleich aufzubrechen, um ihrer Toch⸗ ter die Botſchaft meines Oheims zu bringen. Frau Heinau war in Nachdenken verloren. Bei der Ausſicht, die ſich ihr öſſnete, die Rechte ihrer Enkelinn zu ſichern, konnte zwar die Erbitterung ge⸗ gen den Mann, der ihr und ihres Kindes Glück ſo grauſam geſtört hatte, nicht ganz geſtillt werden; aber ſie fühlte, daß ſie es ihrer hilfloſen Enkelinn ſchuldig war, den Weg einer verſöhnenden Ausglei⸗ chung nicht trotzig zu verſperren. Der junge Mann hatte überdieß durch ſeine warme Theilnahme, ſeine 56 Offenheit, und die Uneigennützigkeit, die er verrieth, ihr Vertrauen gewonnen.„Ich wünſche, hob ſie endlich wieder an, meine Tochter wäre auf eine Botſchaft vorbereitet, die ihr ſo ſchmerzliche Erinne⸗ rungen erwecken muß. Lieber wäre es mir, wenn es hier geſchehen könnte. Ich erwarte ihren Be⸗ ſuch; ſie kommt, ihr Kind auf einige Zeit wieder mitzunehmen.“ Nicht gern möchte ich meinen Oheim lange auf Antwort warten laſſen. Ich reite ſogleich fort, kann wenigſtens morgen zurückkehren, und wenn ich mei⸗ nem Oheim die Worte der Verzeihung bringe, wird vielleicht in wenigen Tagen das Feſt der Verſöhnung unter dieſem ſtillen Dache gefeiert werden. Herr von Wilden, ſprach Frau Heinau mit ernſtem Blicke, ſo ſchnell kann nicht Verſöhnung ge⸗ ſtiftet werden, wo ſo viel zu vergeſſen iſt, was ſich nicht leicht vergeſſen läßt. Doch— mögen Sie zu meiner Tochter reiſen. Sie mag ſelber entſcheiden, und ich traue es ihr zu, ſie wird ſo entſcheiden, als es ihrer würdig iſt... Ja, Sie können recht haben, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, wenn nichts wäre verhehlt worden, hätte ſich vielleicht einem Unglücke vorbeugen laſſen, das ſich jetzt kaum wieder gut ma⸗ chen läßt. Aber ſagen Sie ſelbſt, wie ließ ſich noch Vertrauen hegen, wo es ſo ſchmählich war betrogen worden?.. Neiſen Sie mit Gott, edler junger Mann. Ihnen hat nicht gegolten, was aus einem bitter gekränkten, verſtörten Gemüth gekommen iſt... bo die rinne⸗ wenn Be⸗ wieder ge auf „kann mei⸗ wird hnung u mit ng ge⸗ s ſich jie zu eiden, 4, als haben, wäͤre glückt ma⸗ noch trogen unger einem iſ. 57 Sagen Sie meiner Tochter, daß ich ſie ungeduldig erwarte. 4 Otmar nahm Abſchied und eilte hinaus. Als er in den kleinen Hof trat, kam Helene aus dem Garten, mit friſch gepflückten Roſen in der Hand. Er trat zu ihr, mit den Worten:„Ich gehe zu ih⸗ rer Mutter; haben Sie einen Auftrag?“ Das Mädchen ſah ihn überraſcht an.„Ja, fuhr er lebhaft fort, ich darf nun hoffen, es iſt mir vorbehalten, der Bote eines ſchönen Glückes für Sie und ihre Mutter zu werden, und wenn ich wieder dieſe Schwelle betrete, werde ich Sie in theuren Armen ſehen.“ Er wollte ihr nicht voreilig von dem glücklich enthüllten Geheimniſſe etwas verrathen; aber er dachte nicht daran, daß ſeine Worte von der Art waren, ſie in das größte Erſtaunen zu ſetzen. Ehe ſie zu einer Antwort gefaßt war, bat er um eine der beiden Roſen, die ſie in der Hand hielt, und bei der Erinnerung, daß er bei dem er⸗ ſten Beſuche das Blumengefäß beraubt hatte, errö⸗ thete ſie, als ſie ihm die ſchönſte Roſe gab. Er dankte mit einem feurigen Blicke und eilte aus dem Hofe. In wenigen Minuten war er zu Pferde, und in dem Walde, durch welchen der Weg lief. Kein Lüftchen wehte durch die Tannen, die von allen Seiten wie ungeheure Säulen ihn umgaben, und kräftiger duftete ihre harzige Rinde in der ſengenden 5³ Sonnenglut. Endlich verlor ſich der Pfad in ein enges Thal, wo ein ſchneller Bach erquickende Küh⸗ lung verbreitete. Eine einſame Mühle lag mahleriſch vor der finſtern Spalte eines ſchroff überhangenden Granitfelſens. Oemar ſtieg ab, um ſich durch einen Trunk zu erquicken und ließ den Neitknecht vor der Thüre halten. Als er in der Mühle Niemand be⸗ merkte, trat er auf eine Brücke an der Hinterſeite des Gebäudes, und es überraſchte ihn der Anblick des, aus der finſtern Schlucht hervorſtürzenden Ba⸗ ches, der ſich wuͤthend durch Felſenblöcke drängte, ehe ihn das Mühlenwehr zu einem neuen Falle zwang. Kaum hatte er ſein Auge auf das prächtige Schau⸗ ſpiel geheftet, als er eine weibliche Geſtalt erblickte, die mit einem Milchnapfe in der Hand nahe am ſchäumenden Wehre auf einem Blocke ſaß und ihn mit veſten Blicken anſah. Die hagre Geſtalt, die vorwallenden grauen Locken unter der hochgelben Kopfbinde, erinnerten ihn ſogleich an die ſeltſame Erſcheinung im Walde, und er glaubte, nicht ſehr weit von der Gegend zu ſein, wohin er ſich damahl verirrt hatte. Guten Morgen, Herr Otmar von Wilden, hob ſie an. Habt Ihr Euch wieder verirrt, daß Ihr einen Wegweiſer braucht? Ich kann Euch helfen, und hab' ich Euch nicht das Erſtemahl eine gute Herberge gewieſen? Das habt Ihr und ich danke Euch noch dafür, erwiederte Otmar. Aber eben ſo ſehr wird es mich 59 freuen, wenn Ihr mir ſagen woltet, woher Ihr meinen Nahmen kennt. Die Zeit iſt nahe, wo ſich das alles erklären wird, lieber Herr. Aber ich vermuthe, Ihr kennt heute am hellen Tage recht gut eure Wege. Nun— mag es gut gelingen, was Ihr vorhabt. Es iſt hohe Zeit, Herr Lieuteuant; aber wenn man den alten dürren Stamm recht pflegt und wartet, ſo könnten wohl wieder ein Paar Sprößlinge aufkom⸗ men, die jetzt unter Streu und Moder begraben ſind. Weib! rief Otmar unmuthig, erinnere mich nicht, daß ich Soldat bin, wenn Du mit ſolchen Spöttereien über meine Verwandten mir in den Weg trittſt. . Gemach! gemach! tapfrer Herr, erwiederte die Alte mit grinſendem Lachen, wartet bis es wieder Krieg wird, da findet Ihr etwas Beſſeres für euer gutes Schwert, als den grauen Schädel eines alten Weibes. Ich kann nicht helfen, die Schößlinge wer⸗ den luſtig und ſchlank aufwachſen und grünen, wenn ſie Euch auch im Wege ſind. Aber gebt Euch zu⸗ frieden, für Euch ſoll auch ein Heidenröslein aus dem Mooſe aufblühen. In dieſem Augenblicke ſtand ſie auf, und nahm ihren Milchnapf in die Hand.„»Gott befohlen! ſprach ſie. Die Zeit iſt bald erfüllt. Dann ſeht Ihr mich zum Letztenmahl.“ Mit dieſen Worten ging ſie in die Mühle, und leich darauf trat die Müllerinn, ein freundliches 4 60 junges Weib, auf die Brücke und hieß den Fremden willkommen.„Wer iſt die alte Frau, die eben hin⸗ ausging?« fragte Otmar ſchnell. Mutter Martha nennen wir ſie, erwiederte die Müllerinn. Weiter weiß ich nicht viel von ihr. Sie gehört zum Keſſelflickervolk, das oft über die Gränze kommt. Man gibt den Leuten gern, was man kann, daß man nur in Frieden mit ihnen lebt, und Mar— tha bringt uns immer gutes Pulver für die Kühe und Pflaſter gegen das Herzgeſpann. Dieß ſchien einigermaßen zu erklären, wie die geheimnißvolle Alte zur Kenntniß von perſönlichen Verhältniſſen gekommen war, die der Landſtreicher⸗ ſchwarm, wozu ſie gehörte, auf ſeinen gewöhnlichen Zügen zu erforſchen Gelegenheit genug ſinden konnte. Als Otmar ſich mit der Milch, welche die junge Frau ihm brachte, erquickt hatte, ſchwang er ſich wie⸗ der auf's Pferd, und ritt in Gedanken langſam voran. Helena's halb aufgeblühte Roſe, die an ſeiner Bruſt duftete, erinnerte ihn an das Heidenröslein der Alten, und ſo leicht kann ſich bei Verliebten Aberglaube einſchleichen, daß er faſt an Wahrſagerei glaubte. Nach einer Stunde kam er auf eine Hochebene, und über das Gebüſch ragte bald, im Strahle der Mittagsſonne glänzend, der Kirchthurmknopf des Dorfes hervor, wo Helena's Mutter, bei ihrem al— ten Verwandten, dem Schulmeiſter, wohnte. Otmar ging in's Wirthshaus, um nähere Erkundigung ein⸗ „zuziehen, und als er das Geſpräch angeknüpft hatte, ruͤhn Sin Ohe das ſchon liens tun⸗ von er läng erfa nur abe me ihr nich emden hin⸗ e die Sie raͤnze kann, Mar⸗ Kühe cher⸗ ichen unte. junge wie⸗ ran. ruſt lten, aube . bene⸗ 61 rühmten Alle Schulmeiſters Milchen, ihren frommen Sinn, ihre hilfreiche Milde bei jeder Noth. Sein Oheim hatte ihn ermächtigt, dem Pfarrer des Dorfes das Geheimniß völlig anzuvertrauen, da er ſelber ſchon, gleich nach Empfange der Nachricht von Emi⸗ liens Schickſal, an den Geiſtlichen geſchrieben. Der würdige Mann verrieth einige Zurückhal⸗ tung, als aber Otmar ihm mittheilte, was er ſchon von Frau Heinau wußte, geſtand ihm der Pfarrer, er hätte das Schickſal der Unglücklichen ſchon vor längerer Zeit unter dem Siegel der Verſchwiegenheit erfahren, und daher ſeine Antwort an den Freiherrn nur ausweichend und dunkel einkleiden können, da er aber in der Anfrage die redliche Abſicht eines beküm⸗ merten Gemüthes zu erkennen geglaubt, ſo wäre es ihm als Pflicht erſchienen, die erweckte Vermuthung nicht niederzuſchlagen, ſondern im Gegentheil zu wei⸗ tern Forſchungen zu reizen. Die nächſte Frage war, ob ſich die Gekränkte leicht werde bewegen laſſen, die Hand zur Verſöhnung zu reichen. Der Pfarrer ver⸗ ſchwieg nicht, er hätte ihr vor Kurzem die Nachricht von dem Tode der Gemahlinn des Freiherrn mitge⸗ theilt und ihr von fern die Möglichkeit gezeigt, daß dieſes Ereigniß auf ihre Lage einen günſtigen Einfluß haben könnte. Dieſe Mittheilung ſetzte er hinzu, hätte ſie ſichtbar bewegt, und die ruhige Faſſung, die er ſeit Jahren an ihr gekannt, ſo ſehr erſchüttert, daß er noch vor einigen Tagen die ihr eigene ſtille Heiterkeit in ihren Zügen vermißt hätte, 62 Otmar wollte darin die Vorbedeutung eines glücklichen Erfolgs ſeiner Sendung ſinden, wiewohl der Pfarrer ihm verſicherte, Emilie hätte den Gedan⸗ ken an eine neue Verbindung mit dem Freiherrn faſt unter einer Negung von Schauder zurückgeſtoßen; aber er war zuvorkommend bereit, ihm in ſeinen Bemühungen beizuſtehen. Nach dieſer Abrede ging Otmar ſogleich in Emiliens Wohnung. Schon das freundliche Haus mit einem, von Obſtbäumen umſchloſſenen Raſenplatze vor dem Ein⸗ gange, machte einen wohlthätigen Eindruck. Die Schulſtunde war zu Ende und aus den Fenſtern auf beiden Seiten des Erdgeſchoſſes ſchallten die wohl⸗ lautenden Danklieder. Otmar trat in's Haus und blieb vor der offnen Thüre einer hellen Schulſtube ſtehen, wo ungefähr dreißig reinlich gekleidete Mäd⸗ chen ihre Bücher und Arbeiten zuſammen nahmen, um heim zu gehen. Jedes Kind reichte die Hand, mit freundlichem Lächeln, einer Frau, die an einem Tiſche ſtand, und jedem Mädchen liebevoll zum Ab⸗ ſchiede nickte, einige aber, die ihr naher geſeſſen, mit mütterlicher Herzlichkeit auf die Stirne küßte. Alle gingen ſtill und ſittſam hinaus, und ſelbſt in der lauten Fröhlichkeit, die einige der juͤngſten Kinder zeigten, war der wohlthätige Einfluß des ſchönen Beiſpieles ſichtbar. Otmar hefrete ſein Auge auf die freundliche Leh⸗ rerinn, in deren Zügen der Glanz jugendlicher Schön⸗ heit durch Leiden nicht verwiſcht, nur rührend gemil⸗ einem 1 Ab⸗ , mit Alle n der einder 65 dert war. Sie erblickte ihn, während ſie noch ein Paar Worte mit den ausgezeichneten Schülerinnen ſprach, und einige Schritte vortretend, begrüßte ſie ihn mit edlem Anſtande. Als er ſeinen Nahmen ge⸗ nannt, und ihr geſagt hatte, er käme mit einem Auftrage von ihrer Mutter, ſchien ſie es entſchuldi⸗ gen zu wollen, daß ſie ihn ſo lange in der Schul⸗ ſtube aufgehalten, und bat ihn, in die Wohnſtube zu gehen. Ich habe Sie an dieſem Orte in ihrem ſchön⸗ ſten Berufe, als die wohlthätige Mutter heiterer und glücklicher Kinder, kennen gelernt, erwiederte Otmar. Sie ſchlug die Augen nieder und kaum merklich ſchien ein Seufzer ihre Bruſt zu heben. „ Aus der gegenüber liegenden Schulſtube hatten ſich indeß die Knaben entfernt, und es erſchien ein munterer Greis in hellblauem Kalmankſchlafrock, mit einem ſchwarzſammetnen Scheitelkäppchen, das auf den vollen Silberlocken ſich abſchnitt. Neugierig trat er an die Thüre, den Fremden zu ſehen.— Nachrichten von meiner Mutter, lieber Herr Vetter, ſprach Emilie. Herr von— Eine Erinnerung ſchien bei dem Nahmen in ihr zu erwachen, und ſie ſchwieg, ſichtbar bewegk. Lieutenant von Wilden, ſetzte Otmar hinzu. Ihre Frau Mutter, die ich vor wenigen Stunden verließ, hat mir den Auftrag gegeben, Ihnen zu ſa⸗ gzen, daß ſie mit Sehnſucht Ihnen entgegen ſieht. Nun, die Erntearbeit iſt bei uns angegangen, 64 ſprach der Alte, da kann ich meine treue Gehilfinn ſchon in der Schule miſſen, und wenn ſie will, kann ſie morgen abreiſen. Nur nicht über acht Tage, lie⸗ bes Milchen! Sie ſollten ihr nur länger zuſehen, Herr Lieutenant; ſie iſt zur Jugendbildung geboren. Es iſt ein ganz anderer Geiſt unter den Kindern, ſeit den zehn Jahren, wo ſie hier wirkt und waltet. Sie können nicht glauben, wie wohlthätig es für die Kinder iſt, daß ſie mir während der meiſten Schul⸗ ſtunden die Mädchen abnimmt, die ſie im Leſen und in weiblichen Arbeiten unterrichtet. Als der Schulmeiſter den Fremden in die Wohn⸗ ſtube geführt hatte, entfernte er ſich um in den Schulſtuben aufzuräumen. Ich muß freilich wünſchen, ſprach Otmar zu Emilien, den Auftrag, der mich zu Ihnen führt, ſo glücklich auszurichten, daß ich ihrem Vetter ihren Beiſtand, und den Kindern, die ſo liebevoll an Ih⸗ nen hangen, ihre Pflege ganz entzöge. Emilie ſah ihn mit Befremdung an. Ich will Sie nicht länger in peinlicher Unge⸗ wißheit laſſen, ſetzte er ſchnell hinzu, und erzählte mit Wärme den Auftrag ſeines Oheimes und den Erfolg ſeiner Unterredung mit ihrer Mutter. Sie war ſo heftig erſchüttert, daß ſie einige Augenblicke nicht reden konnte, und die Stirne in die Hand legte. Sie faßte ſich und fragte lebhaft:„Von unbekannter Hand, ſagen Sie, hat Herr von Nordeck etwas erfahren, das meine Mut⸗ * ehilfinn l, kann ge, lie⸗ zuſehen, eboren. indern, waltet. fuͤr die Schul⸗ ten und Wohn: in del mar zü führt, er ihren an JIh⸗ Unge⸗ ecählte nd delt einige Stirne fragte ſt, hat eNut⸗ . 65 ter und ich ihm verborgen haben? Ich bitte Sie, verhehlen Sie mir nichts.“ Otmar erzählte ihr umſtändlich, was er aus ſeines Oheimes Munde wußte, und wlederhohlte ihr die letzten Worte, womit der Freiherr ihm beim Abſchiede ſeine Aufträge gegeben hatte. Ich glaube gern, antwortete Emilie nach einer Pauſe, daß Sie es gut mit mir meinen, ja ich will auch glauben, Herr von Nordeck ſelber hat ſein Un⸗ recht gegen mich erkannt; aber glücklich an ſeiner Seite zu werden, nein— ſetzte ſie hinzu und lä⸗ chelte ſchmerzlich durch die Thräne, die in ihrem Auge zerfloß— dazu iſt es zu ſpät. Zu ſpät, ihrer Tochter das Recht auf des Va⸗ ters Nahmen und auf das väterliche Erbe zu ver⸗ ſchaffen? Dieſer Gedanke hat ſelbſt die bitkre Em⸗ pfindlichkeit ihrer Mutter gemildert, und hier ſollte ich ihn vergebens anfgeregt haben? In dieſem Augenbliche trat der Pfarrer her⸗ ein. Er vereinte ſich mit Otmar, die Wankende zu bewegen; aber der Erfolg war nur, daß ſie zwar die Hand zur Verſöhnung und zur Verbindung mit dem Freiherrn bieten wollte, ſich jedoch vorbehielt, auch künftig getrennt von ihm zu leben. Es ſei für ihre beiderſeitige Ruhe ſo am beßten, ſetzte ſie hinzu. Ihm werde ſie dadurch peinliche Erinnerun⸗ gen, ſich ſelber ein äangſtliches Verhältniß erſparen⸗ Der Pfarrer ſuchte vergebens dieſen Gedanken zu bekämpfen, und gab es endlich auf, da er hoſfte 5 * . 66 die Verſöhnung ſelbſt werde ſie tief genug bewegen, um ſie zu völliger Verzeihung zu erweichen. Mit derſelben frohen Hoffnung nahm Otmar nach einer Stunde Abſchied, und eilte auf dem nächſten Wege⸗ ohne Emiliens Mutter wieder zu beſuchen, nach dem Schloſſe ſeines Oheims zurück, deſſen ungeduldige Erwartung er gegen Mitternacht erſt befriedigte. ——— 4— geſ ewegen, Mit heiner Wege⸗ ſch den* duldige te. IV. Einige Tage ſpäter kam Emilie, früh Morgens bei Frau Heinau an. Sie fand ihre Mutter in ei⸗ nem ernſten Geſpräche mit Helena, deren Auge Thränen füllten, als die mütterlichen Arme mit un⸗ gewöhnlicher Innigkeit ſie umſchloſſen. Die Groß⸗ mutter fand bald einen Vorwand, das Mädchen zu entfernen. Sie hatte ihrer Enkelinn von den uner⸗ warteten Ausſichten, die ſich öffneten, noch nichts geſagt. Begierig, den Erfolg der Sendung des jun⸗ gen Mannes zu erfahren, knüpfte ſie das Geſpräch an, als Helena hinausgegangen war; aber ſie ſchien, ſeit der Unterredung mit Otmar, ihre Anſichten nicht wenig geändert zu haben, da ſie gegen den Entſchluß ihrer Tochter ſprach.„Nein, ſetzte ſie lebhaft hinzu: nicht ſo! Früher hielt mein gerechter Stolz mich ab, unſerm Beleidiger deine Lage zu entdecken, damit er nicht glauben ſollte, wir wollten ſeine Hilfe erfle⸗ 4 hen. Aber jetzt— wo die Stimme ſeines Gewiſ⸗ 4 2 fens ihn quält und das Unglück ihn gedemüthigt hat— wenn er jetzt Verzeihung erlangen will, kann es nur unter der Bedingung geſchehen, daß Du in dein volles Recht eingeſetzt wirſt und deine Nechte ausübeſt. Als Freifrau von Nordeck mußt Du gebieten auf ſeinen Schlöſſern, oder— bleibe Emilie Heinau in deiner Dorſſchule.“— Mutter, ſprach Emilie, ich achte und ehre ihre Meinung, aber Sie müſſen mit mir zufrieden ſein, wenn ich der Pflicht gegen mein Kind ein Opfer bringe. Ich will ja die weſentlichen Bedingungen erfüllen, die nothwendig ſind, die bürgerlichen Rechte meiner Tochter zu ſichern, aber ohne von dem Frei⸗ herrn etwas anders anzunehmen, als ſeinen Nah⸗ men, und dann ziehe ich mich in eine anſtändige Abgeſchiedenheit zurück, deren er ſich nicht zu ſcha⸗ men haben wird... Aber ſagen Sie mir erſt, was iſt meiner Tochter begegnet? Ich habe ſie nie ſo be⸗ wegt geſehen. Sie hat mir geſagt, daß ſie den Vetter des Förſters in Bergheim liebt, und ich habe ihr geant⸗ wortet— aber ohne ihr etwas von ihren neuen Verhaltniſſen zu ſagen— daß ſie an eine ſolche Verbindung nicht denken darf. Der junge Mann, der auf dem Kirchwege mit uns ſprach, als ich zuletzt hier war 2 fragte Emilie. Und Sie haben von dieſem Umgange etwas gewußt, Mutter? Oder könnte unter ihren Augen— Sprich's nicht aus, ſiel die Mutter mit ern⸗ * müthigt n wil, n, daß d deine k mußt bleibe ihre ihre den ſein, Opfer gungen Nechte m Frei⸗ en Nah⸗ nſtändige zu ſchä⸗ ſt, was e ſo be⸗ 69 8 ſtem Tone ein, wenn Du einen Worwurf wagen willſt, den ich aus deinem Munde nicht hören darf. Nein, ich habe nichts von dieſem Verſtändniſſe ge⸗ wußt, aber eben ſo wenig hat auch unter meinen Augen ein vertrauter Umgang ſtatt gefunden, und deine Tochter geſtand mir ſelber, daß ſie unter vier Augen nur dreimahl mit ihm geſprochen hat. Ich glaube es ihr. Geſtern hat er ihr geſchrieben. Er ſoll eine Förſterſtelle hier in der Nähe erhalten, und will nun um ſie werben. Kennen Sie ihn näher? fragte Emilie. Ein Menſch von dem beßten Ruſe, beſcheiden und gut, und durch ſeine Geſchicklichkeit im Forſtwe— ſen und ſeine Tapferkeit im Kriege hat er ſich ſein Fortkommen geſichert. Aber weil er doch bald er— fahren wird, daß die Tochter des Freiherrn von Nordeck nicht ſeine Braut werden kann, habe ich dem Mädchen lieber alle Hoffnung ſtrenge nehmen wollen. Strenge? erwiederte Emilie. Das arme Mäd⸗ chen! Soll ihr denn gleich der Eintritt in das neue gebensverhältniß durch ein ſchmerzliches Opfer ver⸗ bittert werden? Ich will ſelber mit ihr ſprechen. Wir können nicht ſo kalt und hart über das Glück ihres Lebens entſcheiden, und wenn der junge Mann ſo gut und geachtet iſt, als Sie ſagen, ſo weiß ich nicht, warum er meiner Tochter unwürdig ſein ſollte⸗ wenn auch der Freiherr von Nordeck ihr Vater iſt Liebe Mutter, was iſt denn, auſſer der unglückli⸗ X 7⁰ chen Schwachheit, die ich ſeit Jahren unter bittern Vorwürfen beweint habe, was iſt denn anders Schuld an meinem Schickſal, als das Vorurtheil des Standes, und wir wollten uns verleiten laſſen, eben dieſem Vorurtheile vielleicht das Glück meiner Tochter zu opfern? Ihr Vater wird freilich auch eine Stimme haben, aber wenn ich nicht hoffen kann, Einfluß auf ihn zu erhalten, ſo könnte viel⸗ leicht der edle junge Mann, den er zu uns geſchickk hat— Ich muß Dir ſagen, Emilie, ſiel Frau Heinau ein, es iſt mir in dieſen Tagen, wenn ich an Man⸗ ches zurückdenke, faſt wahrſcheinlich geworden, daß deine Tochter dem jungen Manue nicht gleichgil⸗ tig iſt. Was ſagen Sie, Mutter? ſprach Emilie über⸗ raſcht. Nein, unmöglich! Eine ſo flüchtige Be⸗ kanntſchaft— Frau Heinau erzählte, welche Umſtände ſie ſeit Otmar's letztem Beſuche auf eine Vermuthung ge⸗ führt hatten, die aber ziemlich ſchwankend erſchien. Nein, Sie irren ſich, Mutter, erwiederte Emi⸗ lie. Ich mag den Gedanken nicht Raum geben. Dann hätte ja wohl nur Eigennutz ihn angetrieben, die Vermittelung zu führen, die ihm ſo ſehr am Herzen zu liegen ſchien. In dieſem Augenblicke öffnete ÄAnnchen die Thüre und ließ den Förſter von Bergheim herein. Er warb mit der offenen Geradheit, die in ſeinem — bittern anders rurtheil zlaſſen, meiner h auch hoffen te viel⸗ geſchickk Heinau Man⸗ , daß leichgil⸗ e über⸗ e Be⸗ ſie ſeit ng ge⸗ chien 3 Emi⸗ geben. trieben⸗ hr am herein⸗ ſeinem 21 Weſen lag, für ſeinen Vetter um Helene. Emilie kam ihrer Mutter zuvor, und gab mit feiner Scho⸗ nung eine ausweichende Antwort, welche von einer wichtigen, noch nicht ausgeglichenen Familienangele⸗ genheit, die ſelbſt auſ den künftigen Stand ihrer Tochter Einfluß haben werde, die Entſcheidung ab⸗ hängig machte. Der wackere Mann ſchien ſich zwar nicht ganz dabei zu beruhigen, brach aber die Unter⸗ redung ab, und ließ ſich mit Frau Heinau in ein Geſpräch über wirthſchaftliche Gegenſtände ein, wobei Emilie ſich entfernte. Sie fand ihre Tochter in der ſchattigen Geiß⸗ blattlaube des Gartens, und dog die Trauernde an ihre Bruſt. Helena entdeckte ihr gern ihr Geheim⸗ niß, und Emilie überzeugte ſich, daß ihre Mutter ſich in der Vermuthung nicht geirrt hatte, es wäre kein heimlicher Verkehr zwiſchen den beiden Lieben⸗ den geweſen. Sie wußte das leidende Herz aufzu⸗ richten und zu ſtärken, ohne ihm mit Hoffnungen zu ſchmeicheln. Während ihres Geſpräches ſahen ſie den Förſter aus dem Hauſe gehen, und bald nachher ſprengten einige Reiter den Pfad hinab, der aus dem Walde ſich ſenkte. Helena erkannte unter ihnen ſogleich Otmar's edle Geſtalt. Emilie ſchien zu ahnen, wer der Andre neben ihm war, und ihre Hand zitterte, als ſie ſchnell Helena's Arm faßte, um aufzuſtehen. Sie eilte in die Wohnſtube, wo ſie ihre Mutter fand. Eine halbe Stunde war beinahe vergangen, 7 ohne daß Jemand erſchien.„Sie kommen!« fprach endlich Helena, die ans Fenſter getreten war. Emi⸗ lie erkannte mit einem Blicke die Ankommenden, ſtützte ſich anf die Stuhllehne, und es verrieth ſich die Anſtrengung, womit ſie ihre Bewegung zu be⸗ meiſtern ſuchte. Ihre Mutter hatte mehr Gewalk über ſich, und mit ruhigem Ernſt in ihren Zügen, ging ſie einige Schritte nach der Thüre, als ſie die Fremden draußen hörte. Otmar führte ſeinen Oheim herein. Der junge Mann fand mit dem erſten Blicke das geliebte Mädchen, und mit dem andern ſuchte er Emilien, auf welche der Freiherr beim Eintreten ſein Auge richtete, das er aber bald, von ihrem Blicke getrof⸗ fen, niederſchlug⸗ Eine lange Pauſe folgte. He⸗ lena, die ſich an die Seite ihrer Mutter geſtellt hatte, bemerkte mit Befremden die auffallende Be⸗ wegung, die ſich in den Zügen der Anweſenden ausdrückte. Mein Neffe bringt mir die glückliche Nachricht, ſprach endlich der Freiherr mit unſicherer Stimme zu Emiliens Mutter: daß mein Beſuch nicht unan⸗ genehm ſein werde, und— Er hielt inne, und als ſein Blick noch ein⸗ mahl auf Emilien fiel, die jetzt ruhigere Faſſung er⸗ rungen hatte, wandte er ſich ſchnell zu ihr:„Theure Emilie, ſagen Sie mir, ob ich von dieſer Stunde ein neues Lebensglück rechnen darf— O nur dieſes hätte ich immer kennen, nur dieſes ſuchen ſollen!« — — fprach . Emi⸗ menden, jeth ſich zu bt⸗ Gewalt Zügen, ſie die er junge gelieble milien, Auge getrof⸗ e. He⸗ geſtellt de Be⸗ eſenden achricht⸗ Stimme t unan⸗ ch ein⸗ ung er⸗ Theure Stunde dieſes 75 Emilie faßte die Hand ihrer Tochter. Heleye, ſprach ſie bewegt, dein Vater öffnet Dir ſeine Arme. Der Freiherr umſchloß das erſtaunte Mädchen und drückte ſie an ſeine Bruſt. Die ſtarre Ninde ſchien ganz von ſeinem Herzen zu ſchmelzen, und ſeine Augen ſſchwammen in Thränen.„O mein Kind! bringe Du mir das Herz deiner Mutter!“ rief er aus, ſie inniger umſchlieſſend, und ſtreckte die Rechte Emilien entgegen. Sie folgte der zit⸗ ternden Hand und von ſeinem Arm umfaßt, neigte ſie ſich an ſeine Bruſt. Alle ſchwiegen. Frau Heinau blickte auf die Vereinten, und der ſtrenge Ernſt in ihrem Auge ſchien in ein weicheres Gefühl überzugehen; doch es war nicht der offene glänzende Blick der Freude, ihn trübte eine ängſtliche Unruhe.„Herr von Nordeck, ſprach ſie endlich, meine Enkelinn iſt von uns auf dieſen Augenblick nicht vorbereitet worden.“ Ehe wir das Räthſel ihr löſen, theure Emilie, hob Nordeck an, den Wink faſſend: vergönnen Sie mir ein Wort. Frau Heinau gab ihrer Enkelinn leiſe den Be⸗ fehl, in der Gartenlaube einige Erfriſchungen aufzu⸗ tragen. Als ſie hinausgegangen war, entfernte ſich auch Otmar, um die vertrauten Beſprechungen der Wiedervereinten nicht zu ſtören. Egmilie, ſprach Nordeck bewegt, haben Sie mir verziehen? Können Sie vergeſſen? Ich habe Ihnen verziehen, erwiederte ſie, und — 74 lch werde vergeſſen, wenn meine Tochter an ihres Vaters Seite glücklich iſt, und ſein Glück machen kann. 2. Sie können zweifeln, ob es mein ſüßeſtes Be⸗ ſtreben ſein werde, mein Kind glücklich zu machen 2.. Und ſpricht denn keine Stimme mehr in deinem Herzen, Emilie, für denjenigen, der zu Dir zurück⸗ kehrt, das leichtſinnig verſcherzte Glück ſeines Lebens noch einmahl von Dir zu fodern? Herr von Nordeck, der junge Mann, den Sie zu ihrem Vertrauten gemacht haben, hat Ihnen ge⸗ wiß geſagt, in welchen Verhältniſſen ich künftig mit Ihnen zu leben wünſche. Erfüllen Sie meinen Wunſch, ſetzte ſie weich hinzu. Es iſt gewiß beſſer für uns Beide. Emiliens Mutter runzelte die Stirne, und die⸗ ſes auffallende Zeichen der Mißbilligung reizte den Freiherrn, ſeine Bitte zu wiederhohlen; aber Emilie gab nicht nach, und ſelbſt als ihre Mutter hinaus⸗ gegangen war, und er noch eine halbe Stunde bei ihr blieb, vermochten ſeine dringenden Bitten ſie nicht zu bewegen.„Laſſen Sie es ſo ſein, ſprach ſie. Auch wenn wir getrennt leben, werde ich an Allem, was Sie angeht, den nächſten Antheil neh⸗ men, und Gutes und Böſes gern mit Ihnen thei⸗ len, wenn Sie ihr Vertrauen mir geben wollen. Aber ehe wir hinausgehen, noch ein Wort über Et⸗ was, das ich nicht verſchweigen kann, von dem Au⸗ genblicke an, wo ich Ihnen volles Vertrauen ſchul⸗ *— an ihres k machen eſtes Be⸗ chen?.,. deinem r zurück⸗ 6 Lebens den Sie hnen ge⸗ ftig mit meinen iß beſſer und die⸗ zte den Emilie hinaus⸗ nde bei tten ſte ſprach ich an eil neh— n thei⸗ wollen⸗ eer Et⸗ m Au⸗ ſchul⸗ ½ 75⁵ dig bin. Ihre Tochter liebt einen jungen Mann, der den beßten Ruf hat, den Vetter des Förſters zu Bergheim.«— Den jungen Mann, der meinem Neffen im Kriege das Leben gerettet hat? ſiel Nordeck ein. Davon weiß ich nichts, erwiederte Emilie. Noritz Walding iſt ſein Nahme. Ich habe die Hoff⸗ nung meiner Tochter nicht ermuntert, aber wenn es ſich beſtätigte, daß er des Mädchens würdig iſt, würden Sie ihre Einwilligung geben? Nordeck ſchwieg einige Augenblicke und ſeine Stirne runzelte ſich ein wenig.„Der Vetter des Förſters in Bergheim? hob er endlich an, und ſetzte nach einer längern Pauſe hinzu: wenn es ſich beſtä⸗ tigt, was der Ruf von ihm ſagt, wenn er meine Tochter glücklich machen kann— ja! Aber, Emilie, ſprich Du dafür auch ein beglückendes Ja. Ich kann dieſes Haus nicht verlaſſen, ehe ich, durch den Se⸗ gen des Prieſters mit Dir vereint, die Bürgſchaft der vollen Verzeihung mitnehmen kann.“ Wie wäre das ſo ſchnell möglich? erwiederte Emilie. Ohne alle Vorbereitung— Er verſicherte, es ſei für alles geſorgt, und ſie gab ihre Einwilligung. Helena war indeſſen, nach ihrer Großmutter Auftrag, in die Laube gegangen, und hatte der Magd Befehl gegeben, einen Tiſch und Stüͤhle her⸗ bei zu hohlen. Die überraſchende Umwandlung ihrer Lage bewegte ſie ſo ſehr, daß ſie, tief in Gedanken 76 verloren, Otmar's Annäherung nicht merkte. Sie . blickte erſchrocken auf, als er leiſe ihre Hand faßte. »Thenre Helene, ſprach er, wie hätte ich je ahnen können, daß wir in einer ſo lieben verwandſchaftli⸗ chen Verbindung ſtänden! Sie müſſen das wunderbare Rärthſel näher ken⸗ nen, das ich nicht begreife, erwiederte ſie. Meine Großmutter ſprach immer von meinem Vater, als ob ich ihn vor meiner Geburt verloren hätte, und wenn ich meine Mutter darüber fragte, ſah ich Thränen in ihrem Auge. Liebe Helene, hob Otmar wieder an, freuen Sie ſich des Glückes, das die Vorſehung auf wun⸗ derbaren Wegen Ihnen bringt, freuen Sie ſich, daß ihre edle Mutter keine Thränen mehr weinen wird. Beide ſtanden am Ende des Gartens, wo eine Hinterthüre auf den vorſpringenden Saum des Fich⸗ tenwaldes ſtieß.. Plötzlich ſtürzte Walding, gftig bewegt, durch die offne Thüre herein. Er ſtu e bei Otmar's Anblicke, aber ſchnell ſich faſſend, ſprach er mit einem Tone, der den Sturm in ſeiner Bruſt ahnen ließ:„Ich weiß alles, Helene! Was mein Better mir ſagt, läßt mir keine Hoffnung mehr. Leben Sie wohl! Das Waldhorn ruft die Schützen wieder zuſammen zum Heere. Es ruft auch mich... Lebe wohl!“ Mit dieſen Worten ließ er Helena's Hand los, die er in der Aufwallung ſeiner Leidenſchaft an ſein Herz geriſſen hatte, und wollte hinausſtürmen. Qt⸗ . kte. Sie ind faßte, je ahnen ndſchaftli⸗ äher ken⸗ Meine tter, ale kte, und ſah ich freuen zuf wun⸗ ſich, daß n wird. wo eine des Fich⸗ 4 tig 12 ſprach er er Bruſt as mein g mehr⸗ Schüztn mich. and los, an ſein n. O 77 mar hielt ihn mit Gewalt zurück, während das Mädchen ſich an den Gartenzaun lehnte.„Wal⸗ ding— lieber Walding! ſprach Otmar. Biſt Du von Sinnen? Nur einen Augenblick! ſetzte er hinzu, und ſein Gefühl niederkämpfend, fuhr er fort: „Wenn es denn wahr iſt, was ich geahnet habe— Helene— Walding— wenn Ihr Euch liebt— rechnet auf mich— auf meinen Beiſtand! Auf ihren Beiſtand? erwiederte Walding. Wie können Sie helfen! Otmar eröffnete ihm mit wenigen Worten die Entdeckung, welche ihm in Helena eine Verwandte gegeben hatte, und verhieß ſeine Fürſprache bei ſei⸗ nem Oheim. Die Tochter des Freiherrn von Nordeck? ſprach Walding betäubt, ale hätten dieſe Worte die wie⸗ der erwachende Hoffnung noch einmahl niedergeſchla⸗ gen. Er legte die Hand ſinnend an die Stirne. Unbegreiflich! ſprach er, halb für ſich. Wäre es dennoch möglich? 4 Walding! noch einmahl, rechne auf mich, hob Otmar wieder an. Gib mir dein Wort, daß Du ruhig ſein willſt, bis ich Dir Nachricht gebe. Mor⸗ gen, hoffe ich. Geh, ich höre Stimmen. Jetzt darf man Dich hier nicht ſinden. Helene eilte ihrer Großmutter entgegen, die ih⸗ ren Nahmen rief. Walding hielt noch Otmars Hand der ſeine Zuſage wiederhohlte.„Sonderbare Ver⸗ wickelung! ſprach der Jäger. Vor einiger Zeit be⸗ 76 gegnete mir eine ſeltſam gekleidete Frau im Walde, und ergriff meine Hand, um mir wahrzuſagen.„Die Ihr liebt, ſagte ſie zu mir, iſt nicht, was ſie ſcheint, aber wenn ſie wird, was ſie iſt, und Ihr denkt, ſie müßte von Euch geriſſen werden, wird ſie doch mit Euch verbunden.“* Und dennoch willſt Du nicht hoffen, ſelbſt wo ſolche Orakel Dir dein Glück verkündigen? erwie⸗ derte Otmar mit trübem Lächeln. Eile, mein Freund! Man kommt. Morgen ſiehſt Du mich wieder. Otmar blieb ſtehen, als er einige Schritte ge⸗ gangen war.„Ja, ſprach er bewegt, ich vollende das Opfer. Helene, Du mußt glücklich werden. Es ſoll nicht ſcheinen, als ob ich bei allem, was ich gethan habe, nur für mich hätte arbeiten wollen.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich der Laube, als die Geſellſchaft ſich eben verſammelte. Emilie trat an dem Arme ſeines Oheims in die Laube, wo Helene an dem reinlich gedeckten, mit einfachen Er⸗ friſchungen beſetzten Tiſche ſtand. Lieber Otmar, ſprach Nordeck zu dem Eintre⸗ tenden, wie kann ich Ihnen danken? Sie haben ſo viel dazu beigetragen, mir dieſen glücklichen Tag ſchnell zu geben. Das Glück, wovon ich Zeuge bin, belohnt mich für Alles, lieber Oheim. Nur ein Herz iſt noch da, das an ſeinem Glücke bange zweifelt. Der Freiherr warf einen Blick auf Helene, de⸗ vas ſit nd Ihr vird ſie löſt wo erwie⸗ „ mein u mich itte ge⸗ vollende en. Ei was ich llen.“ „Laube, Emilie be, wo hen Er⸗ Eintre⸗ gaben ſo en Tag helohut Herz it lt. ene, de — 79 ren Wangen erglühten, und ſprach darauf zu ſeinem Neſſen:„Ich merke wohl, was Sie meinen, und errathe, wer der Schützling iſt, für welchen auch Sie reden wollen. Er hat ſo viele Steine im Brete, wie ich ſehe, daß er ſein Spiel leicht gewin⸗ nen könnte.“ Otmar ſchwieg; aber ſeine Freude an dem Glücke, deſſen Schöpfer er war, ſchien nicht ſehr lebendig zu ſein. Er war, während die Übrigen an den würzigen Erdbeeren ſich labten, gedankenvoll und zerſtreut, und nur wenn Helena's ſanfte Stim⸗ me ſich zu ihm wendete, wurde ſein ganzes Weſen belebt. Sie fühlte den Antheil, den er an ihrem Glücke genommen hatte, ſo tief, daß ſie ihm die zarteſte Aufmerkſamkeit bewies, faſt als hätte ſie geahnet, daß es ihm ein Opfer koſtete, und ihn dafür entſchädigen wollen. Als die Sonne tiefer ſank, ſchien Nordeck un⸗ geduldig zu werden, und ſah zweifelnd ſeinen Neffen an. Plötzlich aber rollte ein glänzender Wagen ins Dorf, und als ein Diener in des Freiherrn Livrei den Schlag geöffnet hatte, trat der Pfarrer aus Emiliens Wohnorte in den Garten. Nordeck erin⸗ nerte Emilien an ihr Verſprechen, und der Pfarrer⸗ ſagte ihr, daß er zur Vollziehung der Feierlichkeit ermächtigt und bereit wäre. Er ſetzte ſich mit dem Brautpaare und mit Otmar in den Wagen, und fuhr in das nahe Kirchdorf, um in Gegenwart ſei⸗ nes Amtsbruders den Bund der Verſöhnten zu ſeg⸗ 80 nen. Nach zwei Stunden fuhr der Wageu wieder vor den Garten, wo Helena und ihre Großmutter die Rückkehrenden erwarteten. Die Neuverbundenen umſchloſſen mit vereinten Armen ihre Tochter. Eine große Thräne glänzte in Emiliens Auge, und als Nordecks Blick dem ihrigen begegnete, ſchien es, als ob die lange entfremdeten Herzen ſich näher gekom⸗ mmen wären. Der Pfarrer folgte der Einladung des Frei⸗ herrn, eine Stunde in dem glücklichen Kreiſe zu verweilen. Der Wagen hielt angeſpannt vor dem Garten, und Nordeck meinte, es werde angenehm ſein, nach Sonnenuntergang in der Abendkühle heim zu fahren. Die Dämmerung war angebrochen, und ſchon lagen dunklere Schatten auf dem hohen Föh⸗ renwalde, aus welchem, der Laube gegen über, der weiße felſige Weg hinab fiel. Plötzlich zeigten ſich hier zwei ſchwarze Geſtalten. Die Eine, in einem langen Mantel, ſchritt ſchnell voran, und ſchien die Andre, welche ihr folgte, zu ermuntern. Beide ver⸗ loren ſich im Gebüſche am Fuße des Weges, aber wenige Augenblicke nachher traten ſie in den Garten. Otmar erkannte in der verhüllten Geſtalt, die voran ging, alsbald die geheimnißvolle Mutter Martha. Ihr zur Seite ging Walding. Sie ſchlug ihren Mantel aus einander.„Ich glaube den Freiherrn von Nordeck hier zu ſinden?“ hob ſie an. Alle Blicke waren auf die Alte gerichtet.„Ich bin's, ſprach der Freiherr, was wollt Ihr von mir?« dieſe begeg lange der d Zeit verfl loret war Euch men, den ſor ſtür Arr und St La Al lan ker 6 di 8 wieder zmutter indenen Eine nd als es, als gekom⸗ 3 Frei⸗ eiſe zu or dem genehm ee heim n, und en Föh⸗ er, der ten ſich einem ien die de ver⸗ „ aber Garten. 3 voran 81 Gnädiger Herr, ſprach Walding vortretend, dieſe Frau, der ich auf dem Heimwege im Walde begegnete, ſagte mir, daß Sie mich zu ſprechen ver⸗ langen, und hat mich hergeführt. Ja, Freiherr von Nordeck, hob die Alte wie⸗ der an, Ihr werdet ihn heute ſprechen wollen. Die Zeit iſt erfüllt. Zweimahl ſieben Jahre ſind heute verfloſſen, als Ihr euren Sohn am Schilfteiche ver⸗ loret. So lange ſolltet Ihr ihn entbehren, das war in den Sternen geſchrieben. Ich bringe ihn Euch wieder, und Ihr dürfet Euch ſeiner nicht ſchä⸗ men. Hier iſt das Zeugniß, daß ich Wahrheit rede. Mit dieſen Worten warf ſie ein Papier auf den Tiſch. Der Freiherr und Otmar waren aufge⸗ ſprungen. Frau Heinau ſtieß einen Ausruf der Be⸗ ſtürzung aus. Heleua lag halb ohnmächtig in den Armen ihrer Mutter. Walding ſtand wie betäubt, und die Arme ausſtreckend, rief er mit bebender Stimme:„Ewiger Gott! meine Schweſter— mein Vater!“„ Mitten in dieſer Verwirrung verſchwand die Alte, und als zuerſt der Pfarrer ſo viel Faſſung er⸗ langte, daß er die Nothwendigkeit fah, die Entdek⸗ kerinn näher zu befragen, war ſie nirgend zu finden. Der Freiherr hatte den Jüngling umſchloſſen. Sein Herz bekräftigte die Entdeckung, ehe ſie be⸗ wieſen war.„Iſt es möglich! rief er. Mein Sohn— Emil!“ Der Pfarrer hatte indeß das Papier geöffnet I.. 6 8² Er fand darin eine Elenklaue in Silber gefaßt, de⸗ ren Griff, eine Schlange, das freiherrliche Wappen, zierlich gearbeitet, im geringelten Schwanze hielt⸗ Dabei ein Brief, an den Freiherrn überſchrieben. Nordeck erkannte darin ſogleich dieſelbe Handſchrift, die ihm die erſte Nachricht vom Leben ſeiner Toch⸗ ter gegeben hatte. Die alte Martha beſchuldigte ſich, ſie hätte, als der Knabe am Ufer des Teiches ge⸗ ſeſſen und die Wärterinn fern geweſen, mit Hilfe eines gewandten Vertrauten den Augenblick benutzt, ihn ſchnell in's Gebüſſhe zu ſchaffen, Hut und Stek⸗ kenpferd aber in's Geröhrig geworfen. Nache gab ſie als den Beweggrund des Raubes an. Sie ſetzte hinzu, ſie hätte den Knaben in der Abſicht, ihn vierzehn Jahre lang zu behalten, bis an die Gränze geführt; als ſie aber hier erfahren, daß Tags vor⸗ her der Schwager des Förſters von Bergheim in einem Streite mit wüthenden Schleichhändlern er⸗ ſchlagen, und deſſen unmündiger Sohn vermißt wor⸗ den, hätte ſie ſogleich den Gedanken gefaßt, den ge⸗ raubten Knaben für das verlorne Kind auszugeben, und auch von dem kinderloſen Förſter eine freigebige Belohnung erhalten. Es blieben in dieſer Erzählung, wiewohl ſie ſonſt das Geheimniß genügend aufklärte, doch einige Umſtände dunkel, zumahl der angegebene Beweg⸗ grund des Naubes. Der Pfarrer fragte Frau Hei⸗ nau, ob ſich die geheimnißvolle Alte früher in der Gegend des Dorfes hätte ſehen laſſen; aber ihre — *. Antwo von de ¹ fern 6 bewegt beüderl überlie Seite wachte daß e in ihre vieder liche 7 du ſtre ſchmei Norde 1 Dunke muthic ſic; auf nen, ſetzte ihn ränze vor⸗ m in er⸗ wor⸗ 8³ Antwort gab keinen Aufſchluß, und ſie ſchien ungern von dem Gegenſtande zu ſprechen, Auf Niemand machte die Entdeckung einen tie⸗ fern Eindruck, als auf Helene und Otmar. Das bewegte Madchen erröthete hoch, als Emil ſie mit brüderlichem Kuſſe begrüßte, und nur ſchüchtern uͤberließ ſte ihm ihre Hand, während er an ihrer Seite ſaß. In Otmars Augen leuchtete die neu er⸗ wachte Hoffnung, und Helena's Blicke verriethen, daß er ſchon früher nach Moritz den näaͤchſten Platz in ihrer Zuneigung gehabt hatte. Emilie zeigte dem wiedergefundenen Sohne ihres Gemahls eine freund⸗ liche Theilnahme, und man muß ihre Schwäche nicht zu ſtrenge richten, wenn ſie in ſeinem Nahmen eine ſchmeichelnde Andeutung fand, daß ihr Andenken in Nordecks Herzen nie ganz erloſchen geweſen war. Bei dieſen unerwarteten Ereigniſſen war die Dunkelheit angebrochen. Ungeduldig ſtampften die muthigen Pferde vor dem Wagen. Nordeck erhob ſich; bewegt ſtand Emilie neben ihm; ſeine Kinder auf beiden Seiten.„Wir müſſen uns alſo tren⸗ nen, Emilie? ſprach er leiſe. Es iſt dein Wille; ich ehre ihn, und wenn Du mir nicht erlaubſt, heute meine Tochter mitzunehmen, ſo hohle ich ſie morgen ab.“ Er fühlte ihre Hand in der ſeinigen zittern. Sie folgte dem Zuge ſeines Armes, als er ſie an ſein Herz drückte. Das Lebewohl, das ſchon auf ſeinen Lippen ſchwebte, erſtarb, und im nächſten 84 * Augenblicke lispelte ſie, nur ihm vernehmlich:„Ich bringe ſie Dir.“ Er riß ſie veſter an ſich, and von den Armen ſeiner Kinder umfaßt, eilten ſie zu dem Wagen. Emilie löſte ſich noch einmahl aus ſeinen Ar⸗ men, um ihrer Mutter Lebewohl zu ſagen.„Meine Wünſche ſind erfüllt, ſprach Frau Heinau. Nimm meinen Segen! Alles was auf meinen Herzen lag— o ſo ſchwer und drückend— es iſt herab. Emilie! ſetzte ſie leiſe hinzu: ſei dem Sohne deines Mannes die liebreichſte Mutter.“ Mutter, ſprach der Freiherr, zu ihr tretend, wir ſcheiden nur auf wenige Tage, um Ihnen eine bequeme Wohnung bei uns zu bereiten. Nein, antwortete ſie mit freundlichem Ernſte, ich bleibe in meiner Einſamkeit. Jährlich an dieſem Tage beſuche ich Sie, oder Sie und meine Kinder ſind willkommene Gäſte in jener Laube, die ich pflegen werde. Nordeck hielt den Augenblick nicht für ſchicklich, ihren Entſchluß zu beſtreiten, und hoffte, ſie werde ſich ſpäter bewegen laſſen, ihn zu ändern. Er ſetzte ſich mit ſeiner Gemahlinn, ſeiner Tochter und dem Pfarrer in den Wagen. Otmar und Emil folgten auf den Pferden, die in der Schenke warteten. Der Reitknecht flog als Eilbote voran, die Ankunft der Herrſchaft im Schloſſe zu verkündigen. Es wehte eine milde Nachtluft, und als der Seiger auf dem Schloßthurme Nitternacht ſchlug. kame wo ging chen glän Fach 1 Armen agen. inen Ar⸗ „Meine Nimm ien lag— Emilie! Mannes tretend, nen eine Ernſte, n dieſem e Kinder die ich ſchickiih⸗ ſie werde Er ſebte und dem folgten tten. Da nkunft der als dir 8⁵ kamen Wagen und Reiter am Fuße des Hügels an, wo der Weg nahe am Teiche in's Gebüſche hinauf⸗ ging. In dieſem Augenblicke bewegten ſich Flämm⸗ chen zwiſchen dem Laube, und als ſie hervortraten, glänzte der ſchilſige Teich vom Widerſcheine wehender FJackellichter. Lieber Oheim, rief Otmar in den Wagen, das Flämmchen am Teiche war nichts als eine glückliche Vorbedeutung. SGlück fanden wenigſtens Diejenigen, die deſſen würdig waren. Otmar und Helene wurden vor Ende des Jahres von dem würdigen Pfarrer in Weilsberg getraut. Emil hatte ſich ungefähr ein Jahr auf der Hochſchule mit der Forſtkunde beſchäf— tigt, als ihn die Krankheit ſeines Vaters zurückrief, der einige Monate auf dem Siechbette lag, von Emiliens zärtlicher Sorgfalt gepflegt, die ſeinen Tod ſchmerzlich beweinte, Einige Tage nachher mel⸗ dete ihr Freund, der Pfarrer, den Tod ihrer Mut⸗ ter, die im Hauſe des Schulmeiſters geſtorben war. Er ſetzte hinzu, das Glück ihrer Tochter und ihrer Enkelinn wäre ihr letztes Gebet geweſen; aber er verſchwieg ihr, daß die Sterbende ihm reuig geſtan⸗ den, ſie haͤtte die Rachſucht der alten Wahrſagerinn zum Raube des Kindes aufgereizt, ſpäterhin aber von ihr erfahren, der Knabe wäre an den Blatrern geſtorben, und ſeitdem keinen Verkehr mehr mit ihr gehabt. Emilie lebte noch lange glücklich an der 9. Seite glücklicher Kinder, aber auch ihre Pfleglinge Glu t t ſon — ₰ 86 in Weilsberg vergaß ſie nicht, zu deren Vortheile ſie bald nach ihrer Vermählung eine Stiftung mach⸗ te, wodurch die von ihr eingeführten Schulverbeſſe⸗ rungen für immer begründet wurden. An jedem Jah⸗ restage der glücklichen Vereinigung verſammelten ſich alle Glieder des Hauſes auf dem Schloſſe zu Lor⸗ bach, als Emil in einer andern reizenden Helene keine Schweſter, ſondern eine Braut gefunden hatte. ortheile S — 0 — 1. Soon lange hatte Kaiſer Diocletianus die Chriſten grauſam verfolgen laſſen und mit neuer Wuth ſchien nach kurzer Unterbrechung die Bedrängniß wieder be⸗ ginnen zu wollen. Da trat eines Tages die fromme Witwe Marcella mit ihren Töchtern, Agathonika und Herais, den lieblich blühenden Jungfrauen, aus der ſtillen Wohnung in der Vorſtadt von Antiochia, und ging langſam den Pfad zur Oberſtadt hinan.„Der Morgen iſt ſo ſchön,“ ſprach ſie, als ſie das Bet⸗ haus in der Vorſtadt ſeitwärts liegen ließen:„wir wollen zur großen Verſammlung der Gläubigen ge⸗ hen, die Ermahnungen des Biſchofs zu hören.— O wir bedürfen keiner Aufmunterung, ſtandhaft zu ſein im Glauben“ fuhr ſie nach einer Weile fort, als ſie an einem Freiplatze vorüber gingen, und Marcella auch in den Blicken der Jungfrauen die ſchmerzliche Erinnerung zu leſen ſchien, welche ſie ſelber bewegte.„Hier— fuhr ſie fort— hier er⸗ 90 litt euer Vater den grauſamen Tod in den erſten Jahren dieſer Verfolgung, als r Nc nicht zwingen laſſen wollte, den Göttern zu opfern, hier ward ſein Leib von den wilden Thie zertiſſen— o Gott! vo meinen Augen zerriſſen... Hier errang er die Palme des Märtererthums,“ ſetzte ſie hinzu, das Auge in frommer Begeiſterung zum Himmel erhe⸗ bend:„und vor Gottes Throne betet er für uns um Stärke in der Stunde der Prüfung. Ja, ich bin— wir ſind Alle freudig bereit, ſeinem Beiſpiele zu folgen.“ „Freudig bereit, ihm zu folgen!“ ſprachen die Jungfrauen ihr nach. Sie traten darauf ins Bethaus, wo der Bi⸗ ſchof die Gemeine verſammelt hatte, um, wie ge⸗ wöhnlich vor drohenden Verfolgungen, noch einmahl die heiligen Gebräuche des Glaubens zu üben. Schon hatten, als ſie hereintraten, die Täuflinge die Weihe des Shnſh ume empfangen, und der Biſchof begann ſeine Rede voll Kraft und Feuer, das Volk zur Standhaftigkeit zu ermuntern. Alle verſprachen für den Glauben jede Qual zu erleiden, und bereiteten ſich, ihren frommen Entſchluß bei dem Mahle des Herrn zu ſtärken. Als nun der Prieſter das Brod gebrochen und jedem der Gläubigen ſeinen Antheil gereicht hatte, und Alle in ſtiller Samm⸗ lung an den Stifter des Glaubens gedachten, da neigte ſich eine andächtige Alte zu Marcella und den beiden Jungfrauen, und flüſterte ihnen zu:„Seid * ꝛerſten zwingen ard ſein Gott! er dio 1, das l erhe⸗ ür uns za, ich zeiſpiele den die er Bi⸗ vie ge⸗ einmahl üben. iflinge d der Feuer⸗ Ale rleiden⸗ ei dem rieſter ſeinen amm⸗ 1/ da d den „Seid 91 auf eurer Hut! Euch drohet der Sturm zuerſt. Seid ſtark ud gedenket dieſes Augenblicks im ſchwe⸗ ren Käampfe!“ Die überraſchten ſahen auf und erkannten in der Warnerinn eine Frau, welche, wie ſie ſich erin⸗ nerten, im Hauſe des Stadtbefehlhabers lebte und ſchon lange als eine heimliche Chriſtinn bekannt war. Agathonika ſchien mehr, als ihre Mutter und ihre Schweſter, bei dieſer Entdeckung überraſcht zu wer⸗ den, und eine glühende Röthe überlief ihre Wangen. Sie ſchlug die Augen nieder, und mit dem herab fallenden Schleier wallten ihre dunkeln Locken um das liebliche Geſicht. „Sei ſtandhaft!“ ſprach die Warnerinn leiſer zu ihr allein.„Metrodor wird bald kommen. Er kann Dich ſchützen.“ N dieſen Worten verlor ſich die Alte unter dem Volke, welches das Bethaus verließ⸗„Was ſoll die Warnung bedeuten At ſprach Marcella auf dem Heimwege zu ihren Töchtern.„Aber wir dür⸗ fen ſie nicht verſchmähen; die gute Alte hat wohl Gelegenheit, etwas zu erfahren. Ihr wißt, Kinder⸗ ſie ſteht in Gunſt bei dem Statthalter, als die Amme ſeines einzigen Sohnes, der vor drei Jahren im Kriege ſiel, und auch den edlen Metrodor, der in glücklichern Tagen der Freund und Liebking eures Vaters war, hat ſie in ſeiner verwaiſeten Kindheit gepflegt, als er im Hauſe des Statthalters erzogen wurde. Er hat uns ja oft von ihrer gutmüthigen A 9² Anhänglichkeit und ihrem frommen Gemüthe erzählt. Sie hängt treu und veſt an unſerm Glauben, ſo gefährlich es für ſie ſein mag.“ „Metrodor!s ſprach Herais, die Jüngſte der Schweſtern.„Ich erinnere mich ſeiner recht gut. Kaum neun Jahre war ich alt, als er von uns ſchied, um in den Krieg zu ziehen. Weißt Du noch, Agathonika, wie ſchön er die Leier ſpielte? Wie oft er uns durch einen Geſang von Pindar, oder Alkäos erfreute? Was Du von der Kunſt der Töne ver⸗ ſteheſt, haſt Du von ihm gelernt.“ Agathonika ſchwieg und ein leiſer Seufzer hob ihre Bruſt. „Er hat kapfer grfochten im Kriege gegen die Seythen, wie das Gerücht erzählt,« ſiel die Mutter ein,„er iſt ſchon hoch geſtiegen im Heere und ſteht in großem Anſehen zu Rom, und in des Kaiſers Gunſt. Wenn er nur nicht die guten Geſinnungen verloren hat, womit er in ſeiner Jugend unſerm Glauben zugethan war.“ „Er hörte ja ſo gern zu, liebe Mutter,« hob Herais wieder an,„wenn unſer Vater die heiligen Schriften uns vorlas.“« „O mein Kind, ſprach die fromme Witwe, „Du weißt nicht, wie mächtig der Ehrgeiz die Bruſt der Männer bewegt, und wie leicht er oft die beß⸗ ten Geſinnungen zerſtört. Wir haben ja in dieſen harten Zeiten geſehen, daß Mancher durch Menſchen⸗ gunſt und Menſchenfurcht ſich verleiten ließ, vor den d hob n die Kutter ſeht aiſers ngen ſerm 1 hob lligen 9³ Gotterbildern niederzuknien, die man uns zum Hohn aufrichtete.“ „Nein, Mutter!“ ſprach Agathonika lebhaft, „nie wird er vor den Götterbildern knien. Er hat es mir verſprochen, als er von uns ſchied. Er legte bei ſeiner Betheurung die Hand auf das heilige Buch, das vor mir auf des Vaters Tiſche lag, und als ich hinſah, berührte ſein Finger die Worte des Evangeliſten:„Glaubet an das Licht, dieweil ihr's habt, auf daß ihr des Lichtes Kinder ſeid!“„Das war mir ein Zeichen, Mutter, daß ſeine Worte aus dem Grunde eines tief bewegten Gemüthes kamen.“ „Ja, ich weiß es,“ erwiederte Marcella,„die fromme Pflegerinn ſeiner Kindheit hat ſein Gemüth früh auf die Wahrheiten des Glaubens geleitet, und er auch wohl in ſeiner Jugend das Glück des Un⸗ terrichts genoſſen. Möge Gott ihn erleuchtet und ihm Stärke verliehen haben, den Verſuchungen zu widerſtehen, die er in ſeiner Laufbahn gefunden ha⸗ ben muß!“ Unter dieſen Geſprächen war die Mutter mit den Jungfrauen vor der einſamen Wohnung ange⸗ kommen. Ein wohlwollender Nachbar erwartete ſie ungeduldig und ſagte ihr, wie er ſichere Kunde er⸗ halten, daß ſie und ihre Töchter die erſten Opfer der Verfolgung ſein ſollten, die von Neuem wüthen⸗ der als je auszubrechen drohte. Alles, was er ihr mittheilte, beſtärkte ſie in der Beſorgniß, die ſie 94 ſchon lange gehegt hatte. Sie wußte, daß ſie der Gegenſtand des Neides und des Haſſes einiger viel geltenden Menſchen war, welche die Verfolgungſucht gegen die Chriſten nur zu oft benutzten, um heimli⸗ chen Groll zu befriedigen. Die Nachrichten des treuen Nachbars verkündeten die dringendſte Gefahr; er ſah keine Hilfe, als in ſchleuniger Flucht, und auf ſeinen Rath beſchloß Mareella, ihren Verfolgern auszuweichen, und auf das Landhaus eines bewähr⸗ ten Freundes ihres Mannes zu eilen, das von der Heerſtraße entlegen war. Der Nachbar wollte ſie bei Anbruche der Nacht aus der Stadt geleiten. d. welch ſoß. baun Anti dunk rieg Stal Glue erwe Ein len Die Abendſonne glänzte auf der Ebene, durch welche der Orontes am Fuße des Gebirges hinab floß, deſſen Abhang Feigenbäume, Reben und Ohl⸗ bäume fröhlich ſchmückten. Fern ſchimmerte die ſtolze Autiochiga im Schatten der hohen Felſenſpitze, die in dunkle Wolken gehüllt war, als ein Jüngling von kriegeriſchem Anſehen, den Blick auf die Zinnen der Stadt heftend, gedankenvoll durch die Ebene ritt. Glückliche Erinnerungen ſchienen in ſeiner Seele zu erwachen, ſo verrieth es ſein leuchtendes Auge. Am Eingange der Vorſtadt kam der Statthalter mit vie⸗ len Begleitern daher, und begrüßte den jungen Krie⸗ ger, ſobald er ihn erblickte und erkannte. Der Rei⸗ ter ſtieg ab und ging mit dem Statthalter voran, der ſich mit ſeinem Gefolge zu einem nahen Tempel begab, wo man eben Götterbilder aufgeſtellt hatte, zu deren Verehrung die Chriſten gezwungen werden ſollten. Durch feierliche Weihe wollte man den 96 neuen Gottesdienſt eröffnen. Die Prieſter zeigten ſich durch den offenen Eingang im Hintergrunde des ſchön geſchmückten Tempels, wo das glänzende Mar⸗ morbild des hohen Zeus, eine treffliche Nachbildung jenes Meiſterwerkes, das einſt die Hand des Phi⸗ dias für Olympia geſchaffen hatte, ſich erhob. Das Volk drängte ſich zu dem neuen Schauſpiele; Einige neugierig, Andre durch Verfolgungſucht entflammt, unter Verwünſchungen gegen die Anhänger des neuen Glaubens. Weg mit den Gottesläugnern! riefen viele Wüthende, und mancher Chriſt, der es ge⸗ wagt hatte, des Weges zu wandeln, ward mit ge⸗ waltthätiger Hand angefallen, um ihn zu zwingen, jene Loſung, als Zeichen des Abfalles vom Glauben, auszuſprechen. Als nach vollbrachtem Weihopfer der Vefehl⸗ haber an der Seite des jungen Kriegers aus der Pforte des Tempels trat, ging ein ältlicher Mann mit einem Knaben von funfzehn Jahren in einiger Entfernung ſchüchtern vorüber, dem drei verſchleierte Frauen folgten. Einige aus dem erbitterten Volke ergriffen das Kind und geboten ihm unter furchtba⸗ ren Drohungen, jene Loſung auszurufen. Standhaft weigerte ſich der Knabe.„Nein,“ ſprach er,„werft mich den wilden Thieren vor, oder führt mich zur Marter; dann, wenn die Heiligen, die ihr hinge⸗ richtet habt, aus den Wolken die Palme des Sie⸗ ges mir zeigen, dann will ich dieſe Worte gegen Euch ausrufen.* Vate ihre gleit mend ihren ſeime ſonn die erſt ſiehe folg und und the gle Me teit beß zelgtet unde des de Mar⸗ hbildung des Phi⸗ .. Das Einige tflammt, es neuen ¹tiefen es ge⸗ mit ge⸗ zwingen, Glauben, Befehl⸗ aus der er Mann einiger ſchleierte en Volke 97 Man riß den Knaben von der Seite ſeines Vaters, und jammernd rangen die Verſchleierten ihre Hände; da trat der Statthalter mit ſeinen Be⸗ gleitern von den Stufen des Tempels zu dem lär⸗ menden Haufen, und als Eine der verhüllten Frauen ihren Blick auf den jungen Krieger warf, der in ſeiner glänzenden Rüſtung im Strahle der Abend⸗ ſonne herrlich erſchien, ſiel ſie faſt beſinnunglos in die Arme ihrer Gefährtinn, und auf ihren Lippen erſtarb der Nahme: Metrodor! Der Statthalter, der in einiger Entfernung ſtehen blieb, ſandte einen Diener aus ſeinem Ge⸗ folge ab, die Urſache des Auflaufes zu erkunden, und gab dann Befehl, den Knaben mit dem Alten und die Frauen ruhig ziehen zu laſſen.„Komm, theurer Metrodor,« ſprach er darauf zu ſeinem Be⸗ gleiter,„Du bedarfſt Ruhe nach deiner Reiſe. Die Meinigen werden Dich freundlich bewillkommen. Du trittſt wieder in das alte Gaſtrecht, und mit dem beßten Weine aus Chios bringen wir heute den Göttern ein Trankopfer für deine Rückkehr.« Kaum war das Gefolge des Statthalters vor⸗ uber gegangen, als die Verſchleierte aus den Armen ihrer Begleiterinn ſich erhob. Ihr erſter Blick fiel auf den offenen Eingang des Tempels. „Er kam aus dem Tempel, Herais!“ ſprach ſie mit leiſer Stimme.„Er hat doch vor dem Götter⸗ terbilde gekniet, Mutter!“ ſetzte ſie ſchmerzlich hinzu— 1. 3 9⁸ „O er hat ſein Gelübde gebrochen, das er mir in der Stunde des Abſchiedes gab.“ „Sei ruhig, Agathonika!«— erwiederte die Mutter. Haſt Du Dich nicht geirrt? Haſt Du ihn wirklich erkannt?« „O wie könnte ich ihn verkennen?“ antwortete die Jungfrau. „Kommt, kommt!“ ſprach nun ihr alter Be⸗ gleiter, der mit dem Knaben dem Zuge nachgeſehen hatte:„Das Volk hat ſich zerſtreut. Der Abend dämmert. Laßt uns eilen, ehe neue Gofahren uns begegnen. Wir wählen den Pfad am Fluſſe, der uns vor Anbruche der Nacht auf das Landhaus bringen wird, wo im Nothfalle ein Boot Euch auf⸗ nehmen und nach Cypern tragen kann.* Stat ſoihl jeug ſchon und Verf Vor Han erm red wei tert mir in eerttee die Du ihn twortete lter Be⸗ igtſehen r Abend pren uns ſe, der andhaus uch auf⸗ - Me xnodor entfernte ſich unbemerkt vom Tiſche des Statthalters, als der kreiſende Becher die Gäſte fröhlicher machte. Alles, was er gehört hatte, über⸗ zeugte ihn, daß die Verfolgung der Chriſten mit ſchonungloſer Grauſamkeit wieder begonnen hatte, und machte ihn beſorgt für ſeine Freunde unter den Verfolgten. Die alte Amme begegnete ihm in der Vorhalle des Hauſes.„»Metrodor, ſprach ſie, ſeine Hand ergreifend:„gedenkeſt Du deiner alten Freun⸗ de nicht?“ „Ich habe ſie nicht vergeſſen, gute Severina,“ erwiederte er, und eben wollte ich Dich nach dem redlichen Baſilides fragen.“ „»Baſilides?“ hob die Alte wieder an.„O Du weißt es noch nicht, daß er ſchon lange die Märte— rerkrone errungen hat!“ „Todt!“ rief Metrodor.„Und Marcella? Und Agathonika?“ 100 „Sie ſind verlaſſen und hilflos, aber in from⸗ mer Ergebung bereit, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Metrodor! auch auf ſie warten ſchon Martern und vielleicht in dieſem Augenblicke— „O ich beſchwöre Dich, treue Pflegerinn mei⸗ ner Kindheit! ſage mir alles. Wo find' ich ſie? Wie kann ich ſie retten?« „In ihrer ſtillen Wohnung in der Vorſtadt wirſt Du ſie finden, wo Du einſt ſo gern an der Seite deines redlichen Freundes ſaßeſt.« „Ich eile, Severina!« rief Metrodor.„Ich⸗ ſuche ſie ſogleich.“ „Nicht doch zu dieſer Stunde. Du würdeſt ſie mehr erſchrecken, als ihnen Freude bringen. Aber erkundige Dich nach ihrer Lage, und Du wirſt ſe⸗ hen, welchen Beiſtand Du leiſten mußt.“ Metrodor hörte ſchon ihre Worte nicht mehr, und in wenigen Augenblicken ſtand er vor Marcel⸗ la's Wohnung. Kein Laut antwortete, als er zuerſt leiſer, dann laut anpochte. Eine alte Nachbarinn erzählte endlich dem Stoͤrer ihrer Nachtruhe, Mar⸗ cella ſei gegen Abend mit ihren beiden Töchtern und einem freundlichen Nachbar aus der Stadt gegangen, vermuthlich, um eine Freundinn auf dem Lande zu beſuchen. Metrodor beruhigte ſich bei dieſer Nach⸗ richt, und überredete ſich, die alte Amme habe bei ihrer Theilnahme an dem Schickſale ihrer Glauben⸗ genoſſen vielleicht zu ängſtliche Beſorgniſſe gehegt, und ohne Grund Gefahren für Marcella geahnet. Als mat alsb prie hene beſu Thü er wie ſten den frac tet ein der ſei d in from⸗ folgen. tern und inn mei⸗ ich ſie? Vorſtadt n an der .„Ich Irdeſt ſie n. Aber wirſt ſe⸗ ht mehr⸗ Marcel⸗ er zuerſt achbariun e, Mar⸗ tern und gegangel Lande zu er Nach⸗ habe bei Glauben⸗ b gehegt geahutt 101 Als er durch die einſame Straße ging, ſah er ein mattes Licht aus einer eleinen Hütte ſchimmern, und alsbald erkannte er die Wohnung des gelehrten Prieſters Lucian, der ſeit vielen Jahren eine angeſe⸗ hene Schule hielt, die Metrodor in ſeiner Jugend beſucht hatte. Ein ehrwürdiger Greis öffnete die Thüre, und war einen Augenblick überraſcht, als er den Mann im Kriegerkleide erblickte; aber bald wieder ruhig gefaßt, ſchien er ſich auf den ſchlimm⸗ ſten Fall zur Ergebung zu ſtimmen, und begrüßte den ſpäten Gaſt. „Du erkenneſt mich nicht, ehrwürdiger Lucian?“* fragte Metrodor. Der Greis hob die Lampe empor, und betrach⸗ tete zweifelnd die fremden Züge. „Du darfſt mich unbeſorgt unter dein Dach eingehen laſſen,“ fuhr der Kriegsmann fort.„Hat denn Metrodor ſich ſo ſehr verändert, daß er ſelbſt ſeinen theuerſten Freunden fremd geworden?“ „Metrodor!“ ſprach Lucian mit froher Überra⸗ ſchung.„Ja, Du biſt es. Deine Stimme klang mir wohl wie ein Ton aus glücklichern Zeiten. Tritt herein und ſei willkommen.“ „Und Friede in dieſem Hauſe!“ erwiederte der Eintretende. „Ja, hier iſt ein Kind des Friedeus,“ ſprach der Greis,„darum wird dein Friede auf ihm ruhen.“* Nach dieſen Worten führte Lucian den jungen Krieger in ſein ſtilles Gemach, wo die Schriften Grundſatz deines Glaubens.“ 102 einiger Kirchenlehrer aufgeſchlagen waren. Metrodor erzählte ihm mit wenigen Worten, was ihm ſeit der Trennung begegnet war, und brachte bald das Ge⸗ ſpräch auf Baſilides, Marcella und ihre Töchter. Dem Prieſter war es nicht bekannt, daß die Witwe die Stadt verlaſſen, aber was er von der Mißgunſt erzählte, welche ſie ſchon lange verfolgt hatte, beſtä⸗ tigte die Beſorgniſee der Amme. Der Greis ver⸗ ſprach, Erkundigung einzuziehen und ihm am näch⸗ ſten Tage genauen Bericht zu geben. Beim Ab⸗ ſchiede faßte er Metrodor's Hand und ſprach mit Wärme:»Metrodor, ſoll mir der Antheil, den Du an dem Schickſale der Witwe nimmſt, ein günſtiges Zeichen ſein? Haſt Du die guten Geſinnungen, die Du in der Kindheit zeigteſt, im Gedränge der Welt nicht verloren? Dein junges Gemüth war offen für die Wahrheit, und ich hoffe, das Leben hat Dir be— wieſen, daß ſie allein Beruhigung und Stärke geben kann bei allen ſchmerzlichen Erfahrungen, die das Leben uns bereitet.“. „Mein ehrwürdiger Freund,“ erwiederte Me⸗ krodor, dem Greiſe bewegt die Hand drückend:„Du weißt es ſelber, die guten und weiſen Menſchen al⸗ ler Zeiten und aller Völker ſind nie uneinig geweſen über die Wahrheiten, die uns ein Leitſtern auf dem Wege des Lebens ſein ſollen, und uns ſicher durch alle Stürme führen. Was Sokrates und Platon und Marcus Aurelius für wahr erkannt, iſt ja auch Metrodor m ſeit der ddas Ge⸗ Töchter, ie Witwe Mißgunſt te, beſtä⸗ hreis ver⸗ am naͤch⸗ Beim Ah⸗ prach mit den Du günſtiges gen, die der Welt ofen für Dir be⸗ rke geben die das erte Me⸗ nd:„Du ichen al⸗ geweſen auf dem er durch b Platon ja auch 105 „Du meineſt alſo,« fragte Luéian ernſt,„auch „or den Götterbildern köͤnne man der Wahrheit treu bleiben! Hab' ich Dich recht verſtanden, Metrodor? Als wir uns vor ſieben Jahren trennten, ſchieneſt Du andrer Meinung zu ſein. Auch in dem Hauſe deines edlen Freundes bewahrte man dein Andenken deſto treuer, da Du beim Abſchiede ſo edle Ent⸗ ſchlüſſe ausſpracheſt, und als Baſilides den blutigen Todespfad ging, wo er die ewige Siegespalme brach, freute er ſich der Hoffnung, daß er beigetragen habe, Dich für die Wahrheit zu gewinnen, wofür er freu⸗ dig leiden wollte.“ Metrodor war in Gedanken verſunken.„Glaube mir, mein edler Freund,“ ſprach er, als Lucian ſchwieg,„ich bin den Geſinnungen, die ich zu jener Zeit ausſprach, nie untreu geworden, und daß ich Dich aufſuche, muß Dir auch ein Beweis ſein, wie hoch ich den Glauben ehre, den Du bekenneſt. Aber in deiner ſtillen Abgeſchiedenheit weißt Du nicht, frommer Greis, wie das Leben oft ſtörend auf uns einwirkt, wie der Lauf der Welt uns zwingt, zwar nicht zu verläugnen, was uns in den Augenblicken geiſtiger Verklärung als Wohrheit erſchien, aber doch eine kluge Schonung und Duldung zu üben gegen Vieles, das bei ernſter Prüfung uns ſelber nicht ge⸗ nugen kann.“ „Ich verſtehe Dich leider, Metrodor! Du willſt es mit der Welt nicht verderben, weil die Welt Dir Glanz und Ruhm bietet; im übrigen, wo ſie Dir 104 nichts zu bieten vermag, willſt Du der Wahrheit ebenfalls die Ehre geben. Der Ehrgeiz, Metrodor, iſt der Götze, vor welchem Du knieſt; die Wahrheit haſt Du nie erkannt.ℳ Metrodor ſchwieg erröthend, von dem Vor⸗ wurfe getroffen.„Du richteſt mich zu ſtrenge, ehr⸗ würdiger Freund,“ erwiederte er nach einer Paufe. »Sollt' ich müſſig ſitzen, und dem Vaterlande mei⸗ nen Arm weigern, wo es mich brauchen konnte?“ „Nein, gewiß nicht,“ ſprach der Greis.„Abet kennſt Du den Ausſpruch:„Wer ſein Leben verliert um meinetwillen, der wird es erhalten?— Gehe hin, Metrodor; ich hoffe, es wird Dich bald ein Licht vom Himmel umleuchten, und dann wird es von deinen Augen fallen, wie Schuppen.“ Mit dieſen Worten reichte Lucian dem Krieger die Hand, und ging in ſeine Wohnung zurück. Wahrheit Retrodor, Wahrheit m Vor⸗ ge, ehr⸗ r Pauſe. nde mei⸗ unte?“ .„»Abet verliert — Gehe bald ein wird es Krieget k. Der Morgen dämmerte, als Agathonika und He⸗ rais eines Tages auf dem Söller des einſamen Landhauſes ſtanden, das unterhalb Antiochia unter dem Schutze einer dicht bewaldeten Thalwand, un⸗ weit der Mündung des Orontes lag. Auf des be⸗ ſorgten Gaſtfreundes dringende Bitte, wagten es die Frauen, ungeachtet der Abgeſchiedenheit ihrer Woh⸗ nung, in den erſten Tagen dennoch nicht, anders als früh, oder Abends auf den Söller zu treten, und nur nach Anbruche der Nacht durften ſie ſich in den Schatten des nahen Waldes ergehen. Sie wuß⸗ ten, daß man ſeit ihrer Entfernung aus der Stadt ihren Aufenthalt zu erforſchen ſuchte, und der Freund, der ihr Begleiter auf der Flucht geweſen war, hatte nicht verſäumt, ihnen von den Aus⸗ ſpähungen ihrer Feinde Nachricht du geben. In ſchwermüthige Gedanken verloren, blickten die Jungfrauen hinaus in die weite Ebene, an de⸗ 100 ren Rande ihre Vaterſtadt ſich zeigte.„Sieh,“ ſprach Agathonika nach einer Pauſe zu ihrer Schweſter, „wie ſchön Gott ſeine Sonne leuchten läßt über der theuren Stadt, wo er einſt zuerſt unter den Heiden das Licht des Glaubens und der Gnade entzündete, und die Frommen zuerſt den heiligen Nahmen der Chriſten führten. Nein, es wird der Menſchen Liſt und Trutz nichts vermögen gegen ſeine Kirche, die er auf Felſen gegründet. Die Tempel Gottes wer⸗ den zerſtört, aber herrlicher ſollen ſie aus ihren Trümmern erſtehen, und das Feuer, das unſere hei⸗ „ligen Bücher verzehrt, wird die Seelen der Gläubi⸗ gen erwärmen und das Blut der Märterer eine Quelle des ewigen Lebens werden.. Die Scheiter⸗ haufen lodern, die wilden Thiere lechzen nach eurem Blute— geht freudig in den Tod, Ihr Frommen! „Ihr beveſtigt den Glauben und das Glück künftiger * Geſchlechter.“. Das Auge der begeiſterten Jungfrau erhob ſich zum Himmel, als ſie jene Worte ſprach.„Und vielleicht«— ſetzte ſie nach einigen Augenblicken hinzu—„vielleicht wird auch Mancher beveſtigt, der wankte, oder vom Glanze der Welt geblendet wurde.“ In dieſem Augenblicke kam ihre Mutter herauf. Ihre Züge verriethen Beſorgniß. Sie hatte neue Nachrichten von den Nachforſchuugen ihrer Verfolger erhalten, und mußte fürchten, ſelbſt ihren gaſtfreund⸗ lichen Beſchützer in Gefahr zu bringen. Als ſie mit ſprach hweſter, ber der Heiden ündete, een der en Liſt ſe, die es wer⸗ ihren re hei⸗ lläubi⸗ eine heiter⸗ eurem mmen! inftiger ob ſich „Und nblicken weſtigt, blendet herauf neue folget reund⸗ ie mit 107 ihren Töchtern auf den Weg ſah, der ſich nach An⸗ tiochia zog, kam ein Reiter heran geſprengt. Deut⸗ lich bemerkte man im Glanze der Morgenſonne ſeine kriegeriſche Rüſtung. Marcella war lebhaft beſtürzt, als er plötzlich auf den Seitenpfad bog, der vom Ufer des Orontes zu dem Landhauſe lief.„Unſer Auf⸗ enthalt iſt verrathen,“ ſprach ſie,„wir ſind verloren!“ Jetzt ſprengte der Reiter in die waldige Thal⸗ ſchlucht, an deren Abhange das Landhaus lag. „Mutter! es iſt Metrodor,“ rief Agathonika lebhaft, ehe die Andern ihn erkannt hatten. „Ja, er iſt's! bekräftigte Herais, und bald er⸗ kannte ihn auch das ſchwächere Geſicht der Mutter. „Ihm dürfen wir uns nicht verbergen,“ ſprach Marcella.„Kommt, meine Kinder!“ Sie ging hinab. Langſam folgten die Jung⸗ frauen. Ehe ſie unten waren, ſtand der junge Krie⸗ ger ſchon vor dem Eingange des Landhauſes, wo der Hausherr, nicht ohne Beſorgniß, ihm entgegen trat.„Fuüͤrchte nichts!“ ſprach Metrodor.„Ich weiß, welchen Gäſten Du Zuflucht unter deinem Dache gegeben. Sie ſind Dir nicht ſo theuer, als mir. Gönne mir die Freude, ſie zu ſehn.“ Der Hausherr zögerte unſchlüßig, als Marcella ſich näherte.„»Nein, vor Dir wollen wir uns nicht verbergen, Metrodor,“ ſprach ſie.„»Zwar trägſt Du die Rüſtung der Menſchen 4 die uns zu verderben trachten, aber ich weiß, dein Herz kann nicht auf Böſes gegen uns ſinnen. 108 »O ich hoffe, bald werde ich Euch die Zeit zurück bringen, wo Ihr Euch nicht mehr zu verber⸗ gen braucht. Erſt geſtern, edle Marcella, hab' ich nach langem angſtvollen Forſchen die Spur deines Aufenthaltes gefunden, und ich eile herbei, um zu ſehen, ob mein Beiſtand Dich aus dieſer Bedräng⸗ niß zu retten vermöge.“ Als Marcella und der Hausherr den jungen Krieger herein führten, erſchien Agathonika, auf den Arm ihrer Schweſter ſich ſtützend, im Hintergrunde der Halle. Metrodor eilte den Jungfrauen entgegen. »Theure Agathonika!“« ſprach er,„in welcher Lage finde ich Dich wieder! O es war eine ſo glückliche Zeit, als wir uns trennten, und nun—« »Und nun, Metrodor?« ſprach die Jungfrau, ſich bald erhohlend von der Verwirrung, worein der Anblick des Jünglings ſie geſetzt hatte, mit mildem Ernſte:„Und nun, wie finde ich Dich wieder? Ich habe mit Dir zu dem wahren Gott gebetet, ich habe für Dich zu ihm gebetet— und nun ſah ich Dich mit dem Haufen dahin ziehen, den Götzenbildern Opfer zu bringen.“ „Du ſaheſt mich?« fragte Metrodor überraſcht. »Als meine Mutter mit uns unſern Verfolgern entfloh, ſah ich Dich mit ihnen aus dem neuen Göttertempel kommen, wohin ſie gewaltſam die Gläubigen ſchleppen.“ »Theure Agathonika, Du kennſt meine Lage und meine Verbindungen,« antwortete er.„Meine die Zelt u verber⸗ hab' ich r deines um zu Bedräng⸗ lungen auf den tergrunde entgegen. ſer Lage glückliche zungfrau, rein der mildem r? Ich i habe cc Dich nbildern erraſcht rfolgern neuen um die Lage ine „Mein 109 Geſinnungen ſind unverändert geblieben, aber wie hätte ich's vermeiden können, mit dem Statthalter bei einer öffentlichen Feierlichkeit—“ „Metrodor!« fiel Agathonika ein,„Du haſt nicht begriffen, daß man Alles verlaſſen muß, wenn man das ewige Leben erben will. Es war eine Zeit, da fühlteſt Du die Bedeutung der hohen Worte: Was Nutzen hätte der Menſch, ob er die ganze Welt gewänne, und verlöre ſich ſelbſt!.. Ach, Du haſt Dich ſelbſt verloren!“ Marcella trat hinzu, als der Hausherr ſich entfernt hatte, für die Bewirthung des neuen Ga⸗ ſtes zu ſorgen.„Agathonika richtet mich hart,“ ſprach Metrodor zu ihr.„Du wareſt mir einſt gewogen, edle Frau, wie der redliche Baſilides, den ich als Vater ehrte. Willſt Du meine Vertheidigung über⸗ nehmen, und Bürginn für meine Geſinnung werden? Sieh, ich bin zu Ehren, Würden und Neichthum gekommen, ich darf mir geſtehen, daß nicht bloß des Kaiſers Gunſt, ſondern auch mein eigenes Verdienſt mich erhoben hat; aber eingedenk der theuren Ver⸗ bindung, die ich in der glücklichen Jugendzeit ſchloß⸗ eile ich mitten von der Laufbahn meines Glückes zu Euch her, und— O gib mir Agathonika's Hand, edle Frau, damit ich deſto kräftiger zu eurem Schutze auftreten könne, woran ich Leib und Leben ſetzen will.“ „Metrodor,“ ſprach Mareella ernſt, in dieſen unglücklichen Zeiten kann man nicht daran denken, Brautkränze zu flechten.“„ 110 »Und mein Brautkranz blüht nicht mehr auf Erden,“ ſprach Agathonika, tief bewegt. In dieſem Augenbliche kam der Hausherr be⸗ ſtürzt herbei. Es war ihm eben die Bothſchaft zu⸗ gekommen, daß Bewaffnelte ſchon am vorigen Tage geflüchtete Chriſten in den nahen Dörfern au fgeſucht hatten. Nach langem vergeblichen Forſchen waren ſie wieder aufgebrochen, und in die Wüſten und Ge⸗ birge gezogen, wo Flüchtlinge, von Hunger und Krankheit aufgerieben, von wilden Thieren und Näu⸗ bern verfolgt, umher irrten; aber man mußte ihre Rüchkehr befürchten. Metrodor war beſtürzt über die Gefahr, die er ſich nicht ſo drohend vorgeſtellt hatte.„Seid ohne Furcht,“ ſprach er lebhaft.„Ich will Euch retten, ich bann retten. Erſt jetzt iſt das Anſehen und die Ehre mir etwas werth, die ich mir erworben, da ich Mittel darin ſinde, Euch zu beſchützen. Die Ge⸗ fahr ſoll Euch nicht erreichen. In wenigen Stunden bin ich wieder bei Euch— und dann, theure Mar⸗ cella, dann ſollſt Du über mein Glück entſcheiden.“ ehr auf ir be⸗ aft zu⸗ Tage geſucht waren d Ge⸗ r und Näu⸗ e ihre die er dohne retten, nd die 1, da Ge⸗ zunden Mar⸗ V 5. Da Frauen ſahen dem jungen Krieger nach, der ſich auf ſein Roß ſchwang, und wie auf des Win⸗ des Flügeln, am Stromufer hinauf ſprengte. Aga⸗ thonika ſank in die Arme ihrer Mutter. Für immer glaubte ſie das Glück ihres liebenden Herzens ent⸗ fliehen zu ſehen, und als Marcella und Herais auf Metrodors feurigen Eifer neue Hoffnungen bauten, blickte ihr großes blaues Auge, von einer Thräne umhüllt, zum Himmel, als hätte ſie in ſtiller Erge⸗ bung ihre Neigung zum Opfer gebracht. Sie bebte Annäherung der Gefahr verkündete. iden. nicht bei der neuen Unglücksbotſchaft, welche die Metrodor war in einer Stunde in der Stadt. Er entdeckte dem Statthalter ſeine Liebe und ſeine Beſorgniſſe. Der Statthalter hatte keine perſönliche Abneigung gegen Marcella und ihre Töchter, aber von ihren Neidern, die den frommen Baſilides bis zum Tode verfolgt hatten, wurde die Beſchuldigung, / reaNeeeSdewen 11¹²2 Mareella habe die Chriſten zur Standhaftigkeit er⸗ mahnt und zum Aufruhr gereizt, ſo oft und dreiſt wiederhohlt, daß er ſie endlich der Wuth ihrer Feinde Preis gab. Gern hätte er nun, als Metro⸗ dor ihm ein treueres Bild von der bedrängten Frau entwarf, die Verfolgten heimlich entfliehen laſſen; aber wie er wußte, war der Aufenthalt der Geflüch⸗ teten vor wenigen Stunden endlich verrathen wor⸗ den, und die ausgeſandten Kriegsleute auf dem Wege, die Unglücklichen zu fangen. Metrodor war auſſer ſich. Der Statthalter fühlte theilnehmend den Schmerz ſeines jungen Freundes, aber er ſah kein Mittel mehr, die Verfolgten gegen die Gefahren zu ſchützen, die ihnen drohten, wenn ſie ſchon in der Gewalt der rohen Kriegsleute waren. Von den un⸗ geſtümen Bitten des jungen Mannes gedrängt, über⸗ gab er ihm endlich einen Befehl, der alle Gewalt⸗ thätigkeit gegen Marcella und ihre Töchter verbot. Von banger Unruhe gejagt, eilte Metrodor damit zurück. Schon hatte der junge Krieger die Hälfte des Weges hinter ſich; ſchon ſah er das Landhaus, wo er Agathonika zurück gelaſſen hatte, aus den dun⸗ keln Wipfeln hervor ragen, als er einen Haufen Krieger über eine Wieſenmatte den Fluß hinan zie⸗ hen ſah. Heftig ſpornte er ſein muthiges, faſt er⸗ liegendes Roß, und bald ſah er einige Frauen in der Mitte des Kriegerhaufens. Die Qual ſchrecklicher Ahnungen zerriß ſeine Bruſt. 113 Kiiai 6 Nareella ging mit ihren Töchtern, fromm er⸗ und dreſt geben, in der Mitte der Krieger, welche die Un⸗ üh ijrer glücklichen höhnten und mit frechen Reden verfolg⸗ Manre ten.„Munter aufgeſchaut, ihr holden Kinder!“ ken tau ſprachen ſie zu den Jungfrauen.„»Nicht vor den laſſen; Altären der ernſten Artemis ſollt ihr knien, in Afro⸗ Geflüch⸗ dite's heiterm Tempel werdet ihr opfern«... ſagte hen wor⸗ der Eine—„Hebe Du nicht den Blick zu den— auf dem Wolken,“ ein Anderer zu Agathonika.„Da blühen odor wak keine Roſen ans Paphos.“* nend del„Meine Kinder!« ſprach Marcella im Inner⸗ ſah kein ſten bewegt durch die Reden der Kriegsleute, und fahren zu bebend vor den Gefahren, die ſie voraus ſah:„wir a in der ſind verloren— ohne Rettung verloren. Erwartet den un⸗ das Schrecklichſtes... ut iber„Sei ruhig, Mutter!“ erwiederte leiſe Aga— Gewalt⸗ thonika, deren Entſchluß ſchon gefaßt war.»Sie t verbot. ſollen uns nicht verderben. Wir ſind Bräute des er damit Himmels, und Chriſtus wird uns heim führen.“ Nach dieſen Worten faßte ſie die Hand ihrer älfte des Schweſter. Sie bat einen der Krieger, welcher aus, wo menſchlichere Geſinnungen verrieth, ſie auf den Trüm⸗ den düͤn⸗ mern einer Kirche, die auf dem ſteilen Uferrande ſich Haufen erhoben, einen Augenblick ausruhen zu laſſen. Man inan Jie gewaͤhrte es, aber Marcella wurde zurückgehalten. faſt er⸗ Die Jungfrauen gingen ſchnell zu den Trümmern, n in de und Araten auf ein umgeſtürztes Säulenpaar, wel⸗ redlicer ches über das ufer hinaus ragte. Sie umſchloſſen ſich in veſter Umarmung. Agathonika ſah noch ein⸗ I. 8 mahl zurück auf ihre Mutter und blickte dann mit frommer Begeiſterung zum Himmel empor. Ferne, und Metrodor ſprengte am Ufer hinab. war in ihrer Seele.„Rufe ihn zu Dir!“ betete ſie. lichkeit!« wand anſtändig zurecht, und ſprang, die Schweſter umfaſſend, in die rauſchenden Fluten. mit mächtig in der Mitte der Krieger, welche nun folg— ſam zurück wichen, als Metrodor mit furchtbarer Stimme im Nahmen des Statthalters Gehorſam foderte. ſchmerzlich, als die weiſſen Gewänder der Jungfrauen, ſchon hervor blickten.„Ich folge Dir! Du ſollſt mich 5 114 „Agathonika!« rief nun eine Stimme aus der Sie hörte ihn nicht; aber der Gedanke an ihn „Laß mich ihn wiederſehn in deiner Herr⸗ Mit dieſen Worten legte Agathonika ihr Ge— Metrodor ſah ſie ſinken.„Agathonika!“ rief er Tone der Verzweiflung. Marcella ſank ohn⸗ Er trat ans Ufer.„»Agathonika!“« rief er weit entfernt, noch einmahl aus den Wellen wiederfinden in deinem Himmel!“ Er wendete ſich zu Marcella, die, ſich erhoh⸗ lend, leiſe ſeinen Nahmen nannte, und unterſtützte die Wankende.„Meine Mutter!« ſprach er bewegt. „Führe mich zur Taufe! Segne deinen Sohn! 4 ann m aus der ihr Ge, zchweſter rief er ul ohn⸗ un folg⸗ rchtbarer⸗ gehorſam rief er gfrauen, Wellen ſſt mich — — h erhoh⸗ terſtuͦlte 5 ewegte⸗ 4 Am Weihnachtfeſte rief die Glocke von der Kirche zu Sanet Anna in der ehrwürdigen Reichsſtadt Augs⸗ burg zum Frühgottesdienſte, wo ein junger Geiſtli⸗ cher aus Wittenberg, dem großer Nuf vorhergegan⸗ gen war, zum Erſtenmahl predigen ſollte. Mit vie⸗ len Andächtigen ging der angeſehene Kaufmann Hie⸗ ronymus Herwart durch die dämmernden Straßen. Zu ſeiner Rechten war ſeine freundliche Hausfrau, zu ſeiner Linken Apollonia, ſeine ſiebzehnjährige Toch⸗ ter, die ſittſam das liebliche Geſicht auf die Hände ſenkte, worin ſie das Andachtbuch hielt. An der goldenen Kette, die auf dem ſchwarzſeidenen, mit koſtbarem Pelzwerke verbrämten Gewande glänzte, hing das Bild der heiligen Jungfrau, auf Silber gemahlt, ein Weihgeſchenk, das Apollonia von ihrer Pathinn in Venedig erhalten. 2 Freundlich erwiederte der alte Herwart die Grüße, die er von vorübergehenden Handwerkern er⸗ 118 4 hielt, deren Fleiß er Beſchäftigung gab, von Dürf⸗ tigen, deren Noth bei ihm nie vergebens Troſt ſuchte, und mit Treuherzigkeit grüßte er ſelber Be⸗ kannte und Geſchäftsfreunde, die durch tiefere Ver⸗ beugungen anzudeuten ſchienen, daß ſie ſich nicht mit ihm zu vergleichen wagten. Als er nach einigen Stunden heimkehrte, ſtand im Hausflur beſcheiden ein Jüngling von einneh⸗ mender Geſtalt, mit großen blauen freundlichen Au— gen und einer offenen Stirne, von welcher braune Ringellocken herabwallten. Zweimahl neigte er ſich vor den Eintretenden; zuerſt vor dem Hausherrn, der voran ging, und dann tiefer vor den beiden Frauen; aber ein Blick auf die liebliche Jungfrau ſchien, wie eine himmliſche Erſcheinung, ihn zu blenden. Wen ſucht Ihr, jun er Freund? ſprach Her⸗ wart, ſich nähernd. Ich habe eine Botſchaft zu beſtellen an den Herrn Hieronymus Herwart, Handelsherrn allhier, erwiederte der Jüngling ſchüchtern, und ſeine Stimme wurde ſchier unſicher, als er noch einmahl ſeinen Blick auf die Jungfrau warf, deren Auge ihm be⸗ gegnete. 1 Der bin ich, ſprach der Hauswirth. Und was bringt Ihr mir? Einen Brief von meinem werthen Lehrer, Mei⸗ ſter Albrecht Duͤrer in Nürnberg, antwortete der Jüngling. ſpra Bri Hau wert Prie Kan der re Ver⸗ cht mit , ſtand einneh⸗ hen Au⸗ braune er ſich sherrn, beiden ungfrau ihn zu h Her⸗ un den allhier, timme ſeinen um bt⸗ d was Mei⸗ te der 119 Neiſte Albrecht, mein lieber Gaſtfreund? ſprach Herr Herwart freudig und griff nach dem Briefe. Willkommen iſt mir jeder, den er in mein. Haus ſendet. Willkommen ſeid Ihr und mir ein werther Gaſt, ſetzte er freundlich hinzu, als er den Brief ſchnell geleſen. Kommt, an dem warmen Kamin ſprechen wir mehr von eueren Meiſter und der guten Stadt Nürnberg. Sie traten in das prächtig geſchmückte Zimmer. Ein lieblicher Wohlgeruch von morgenländiſchen Spe⸗ zereien duftete ihnen entgegen. Köſtliche Teppiche bedeckten den Boden. Auf dem Marmorſimſe des Kamins ſtanden zur Schau allerlei Seltenheiten und Wunder aus Afrika und Indien, die der Hausherr von ſeinen Handelsfreunden in Venedig und Genua zum Geſchenke erhalten. An der Wand hingen zwei Bilder; die drei Weiſen aus Morgenland, und Chri⸗ ſtus am Ohlberge, worin der Jüngling alsbald den Geiſt des verehrten Meiſters erkannte, ehe er deſſen Nahmenzug ganz unten erblickt hatte. Nicht wahr, von wem die Bilder ſind, brauche ich Euch nicht zu ſagen? ſprach der Kaufmann. Nun, ſagt an, was treibt der liebe Meiſter Albrecht, ſeit er aus den Niederlanden heimgekehrt iſt? Er hat viel Arbeit für Fürſten und Herrn, die ihn ehren und lieben, wie immer, erwiederte der Jüngling, welcher dreiſter und offener geworden zu ſein ſchien, als die Frauen, um den feſtlichen Schmuck abzulegen, ſich entfernt hatten. 120 Sebald Roos iſt euer Nahme, wie er mir ſchreibt, und Ihr ſeid in unſere Stadt gekommen, um eure Kunſt auszuüben? Ich wünſche Euch glück⸗ lichen Fortgang, und gern werde ich dazu thun, was ich vermag. Ich danke Euch, lieber Herr, ſprach der Jüng⸗ ling, und Meiſter Albrecht hat mir auch geſagt, als er mich mit väterlichem Segen entließ, ich würde an Euch einen Gönner finden, der gern meine uner⸗ fahrene Jugend mit klugem Rathe leiten wollte. Und eure Heimath? hob Herwart wieder an, Nach eurer Sprache möchte ich faſt glauben, Ihr wäret von der deutſchen Gränze gegen Welſchland. Nein, erwiederte Sebald. Aber meine Ju⸗ gend— ſetzte er hinzu und ſenkte ſein Auge— ward von einem unglücklichen Geſchick verfolgt. Früh war ich verwaiſet und verlaſſen, und ich kann meine Heimath in der That nicht genau angeben; nur weiß ich, daß meine Mutter aus Nürnberg war, weshalb ſie mich denn auch nach dem heiligen Se⸗ baldus genannt, der daſelbſt ſeit alten Zeiten hoch verehrt wird. Der junge Fremdling erwiederte auf Herwarts Frage, er ſei geſonnen, ſeine Herberge in dem Hauſe zu nehmen, das ihm ſein erſtes Nachtlager gegeben hatte und nicht weit vom Weinmarkte lag, wo Herr Herwart wohnte. Das freut mich, ſprach der Kaufmann, und Ihr werdet dann wohl deſto öfter bei mir einſpre⸗ — — chen Hat mir übri freu lich Be er Ka ſch Her er mir kommen, h glück⸗ un, was Jüng⸗ gt, als vuͤrde der an. Ihr land, e Ju⸗ ige— Früh meine nur war, in Se⸗ in hoch rwarts Hauſe egeben und inſpte⸗ 121 chen. Ich würde Euch gern Herberge in meinem Hauſe anbieten, aber meine Waarenvorräthe laſſen mir nicht Platz für werthe Gäſte, und der einzige übrige Raum iſt dem Sohne eines alten Handels⸗ freundes beſtimmt, den ich erwarte. Beim Abſchiede nahm der Jüngling die freund⸗ liche Einladung mit, während der Feſttage ſeinen Beſuch zu wiederhohlen. Er verſprach es, und als er am letzten Feiertage wieder kam, fand er den Kaufmann und ſeine Hausfrau mit einem Briefe be⸗ ſchäftigt, der ſie in große Verwunderung zu ſetzen ſchien. Ei, hört doch, junger Freund, ſprach Herr Herwart, nach herzlichen Bewillkommung, da erfah⸗ ren wir eine Geſchichte, die Euch mehr Spaß ma⸗ chen wird, als ſie uns macht. Ein alter Handels⸗ freund in Venedig hat ſchon lange mit mir verabre⸗ det, mir ſeinen älteſten Sohn zu ſchicken, der ſich in meinem Hauſe mit den deutſchen Handelsgeſchäften bekannt machen ſoll. Alles war zur Abreiſe bereit; aber nun ſchreibt mir der gute Vater, wie der tolle Wildfang, der auch ein wenig mit dem Pinſel ge⸗ pfuſcht haben mag, auf dem Einfall gekommen, ſein Reiſegeld nach Süden, ſtatt nach Norden, zu tra⸗ gen und mit einigen jungen Mahlern nach Florenz oder Rom zu wandern, wie es den Anſchein habe. Ich merke es wohl, der loſe Bube mag ein wenig verzogen ſein, und wenn er über kurz oder lang heimkehrt, hat er ſchwerlich ein heftiges Ungewitter zu fürchten. 122 Das wünſche ich ihm auch, ſprach der Jüng⸗ ling lächelnd. Was er gethan hat, verräth ein war⸗ mes Herz für die Kunſt, und hat er eben ſo viel Beruf dazu, ſo wied ſich der Vater freuen, wenn ein guter Mahler, ſtatt eines ſchlechten Kaufmanns heimkehrt. Ihr habt vielleicht nicht ganz Unrecht, erwie⸗ derte Herwart. Luſt und Liebe muß Einer auch zu mir bringen, ſonſt mag ich ihn nicht. Aber daß der Bube ſo davon gelaufen iſt, dafür wird er ein we⸗ nig gezüchtigt werden, hoffe ich zu Gott. Überlaßt das Gott, lieber Herr, ſprach Sebald. Ich ſehe wohl, Ihr wollt nichts auf den Kunſt⸗ bruder kommen laſſen; antwortete Herwart. Nun— von euren eigenen Angelegenheiten! Ich habe Euch verſprochen, hier etwas für Euch zu machen. Um Euch zu empfehlen, muß ich etwas von eurer Kunſt haben, und wenn's Euch gefällt, ſollt Ihr meine Frau und Tochter mahlen. Der Jüngling verbeugte ſich ſchweigend. Eine hohe Röthe überflog ſeine Wangen, als in dieſem Augenblicke die holde Jungfrau mit ihrer Mutter herein trat, und ſeine Verwirrung ſchien immer grö⸗ ßer zu werden. 3 Ihr könnt morgen Hand an's Werk legen, wenn Ihr wollt, fuhr der Kaufmann fort. Und Du, lie⸗ bes Kind, wähle Dir einen Anzug, worin Du Dir gefällſt und gern auf die Nachwelt kommen möchteſt. Wir werden's ſchon zu machen wiſſen, liebe er Jüng⸗ ein war⸗ ſo viel n, wenn ufmanns , erwie⸗ auch zu daß der ein we⸗ Sebald. n Kunſt⸗ Nun— be Euch en. Um er Kunſt meine Eine dieſem Mutter ner gro⸗ 1 wenn du, lie⸗ Du nchteſ Dir 123 Apollonia, fiel lächelnd die Mutter ein, und dem Alten freundlich auf die Schulter klopfend, ſetzte ſie hinzu: Ich will mich auch bräutlich ſchmücken, daß der Vater ſeine Freude an mir haben ſoll. Ja, erwiederte er munter, mit dem Röslein vor der Bruſt, wie ich Dich vor dreißig Jahren zum Erſtenmahl ſah, als Du an der Seite deiner Mutter in die Domkirche gingſt. Am folgenden Tage begann der junge Künſtler ſeine Arbeit. Der Kaufmann führte ihn in das freundliche Gaſtzimmer, das Sebald zur Werkſtätte einrichtete. Macht nun euer Probeſtück, ſprach Her⸗ wart. Sind die Weiber mit Euch zufrieden, ſo bin ich vielleicht auch noch zu bewegen, mein altes Ge⸗ ſicht mahlen zu laſſen. Doch nein!— ſind ſie mit Euch zufrieden, ſo thue ich's wohl ſchwerlich; man fagt ja, die Frauen ſollen's nur dann ſein, wenn der Pinſel mahlt, was nicht mehr iſt, oder gar nie geweſen iſt, und ich mag nicht ein Haar anders er⸗ ſcheinen, als ich bin. Ich hoffe, unſer lieber Gaſtfreund wird ſich von deinen boshaften Bemerkungen nicht verführen laſ⸗ ſen, unſern Beifall auf dem Wege zu ſuchen, wo er ihn gewiß nicht finden würde, ſprach die Hausfrau. Wie könnt' ich das, erwiederte Sebald. Nein, Ihr ſollt, hoffe ich, meine Kunſt ſo wahr und auf⸗ richtig ſinden, als mein Herz es immer ſein wird. Bei dieſen Worten begeguete er zufällig dem Auge der Jungfrau, aus deſſen tiefem Blau ein 124 Himmel voll Unſchuld ihn anſah. Von der Flamme des Seinigen getroffen, blickte ſie nieder und ordnete das verſchobene Mirthenzweiglein vor ihrer Bruſt auf dem ſchwarzſeidenen Mieder. Brav, junger Freund, ſprach Herwart. Hal⸗ tets immer ſo. Ich ſehe, Ihr legt jenes alte Ge⸗ ſetz nicht ſo wunderlich aus, als zu meiner Zeit ein Mahler in Welſchland, der ſich damit rechtfertigte, wenn man ihm ein verſchönerndes Konterfei tadeln wollte. Ihr wißt ja wohl, es waren die Thebaner, wenn ich nicht irre, die dem Mahler die Nachah⸗ mung ins Schönere befahlen, und vie Nachahmung ins Häßlichere bei Strafe verboten. Ich denke, es liegt ein Sinn darin, erwiederte der Jüngling. Wir ſollen die Züge aus der Natur aufſammeln und zu einem ſchöneren Gebilde verei⸗ nen. Ihr wart alſo in Welſchland? Es mögen funfzehn Jahre ſein, als ich zum Zweitenmahl da war. Zu jener Zeit lebte noch der treffliche Mahler Leonardo da Vinci, der ſelber ſein herrliches Abendmahl in Mailand mir zeigte, und in Venedig ſah ich oft den wackern Bellino. Wie beneide ich Euch um ſolche Erinnerungen? erwiederte Sebald. Meine Seele ſtrebt mit Sehn⸗ ſucht nach jenen Gegenden, wo die Kunſt eine Zu⸗ flucht fand, als Stürme über die Erde flohen, und wo ſie jetzt ſo ſchön erblüht. Ich habe ſo viel von den Herrlichkeiten gehört, die dort zu ſchauen ſind, von den prächtigen Trümmern römiſcher Größe, von den und imme ken, und! nur erſchi wäh Tafe ſeig als orda er Flamme nd ordnete rer Bruſt art. Hal⸗ alte Ge⸗ r Zeit ein ſchtfertigte, rfei tadeln Thebaner, Nachah⸗ chahmung erwiederte der Natur de verei⸗ ich zum noch der elber ſein gee, und . werungen! üt Sehn⸗ eine Zu⸗ en, und viel von nen ſind ge⸗ von 125 den alten Marmorbildern, die unter den Lorbern und Pinien glänzen, von den Gemählden, womit immer herrlicher die Altäre der Kirchen ſich ſchmük⸗ ken, daß es mir oft vorkommt, ich ſei dort heimiſch und habe mit lebendigen Augen geſehen, was doch nur der bewegten Seele des Knabens in Träumen erſchienen war. So ſprach der Jüngling mit begeiſtertem Auge, während er den Entwurf zu ſeinem Bilde auf die Tafel zeichnete. Apollonia hörte ihm mit immer ſteigender Theilnahme zu, und ihr Herz ſchlug laut, als er, ſelber ſchüchtern und verwirrt, die Gruppe ordnete, worin er ſie mit ihrer Mutter zu ſeinem Gemählde zuſammenſtellte. Man ſah die Jungfrau, wie ſie an der Seite ihrer Mutter zur Kirche ging; das frei fliegende Haar mit einer rothen Stirnbinde umwunden, und um der Mutter eine theure Erinne⸗ rung zu erwecken, ſollte es die Domkirche ſein, die auf dem Bilde ſich zeigte. Das Bild rückte in kurzer Zeit ſo weit vor, daß man des Künſtlers Geiſt und Geſchick ſchon beurtheilen konnte. Der wackere Handelsherr war eben ſo zufrieden damit, als die beiden Frauen. Nach einer Pauſe von einigen Tagen kam er einſt in die Werkſtätte, und verweilte lange bei der erhei⸗ ternden Beſchauung des Bildes, das ihm die Züge des geliebten Kindes, von einem begeiſterten Ge⸗ müthe aufgefaßt und wiedergegeben, in höherer Vol⸗ lendung und Wahrheit zeigte. 126 Herrlich, junger Freund! ſprach er, dem Jüng⸗ ling die Hand drückend. Vortrefflich! Man ſieht, daß Ihr aus einer guten Schule kommt. Iſt doch das Geſicht, und vor allen das ſchön geſchneckelte Lockenhaar des Mädchens ſo zart und natürlich, als ich's in Albrechts beßten Bildern fand. O! er iſt doch ein herrlicher Meiſter! Noch denk' ich mit Freude an ſeine Himmelfahrt Maria's, die ich vor langer Zeit in ſeinem Hauſe ſah, als ſie eben voll⸗ endet war, und vor wenigen Jahren im Kloſter der Dominikaner zu Frankfurt wieder fand. Der gute Mann! wäre er nur auch glücklich in ſeinem Hauſe! Wir haben ſchon gehört, die böſe Agnes hat die alte Tücke wieder gezeigt, wie hoch und theuer ſie ihm auch Beſſerung verſprochen, um nur den armen Mann aus den Niederlanden herbeizuziehen. Sebald zuckte die Achſeln, und als er ſah, daß ſein Gönner von Allem völlig unterrichtet war, er⸗ zählte er manches von der Kargheit der Frau Dürer, und wie der gebeugte Künſtler ſichtbar unter häusli⸗ chem Kummer erliege. Freilich hätte Albrecht früher ein ſtrengeres Re⸗ giment im Hauſe führen ſollen, ſprach Herwart, dann wäre das Ding nicht ſo ſchlimm geworden. Ich hab's ihm auch geſagt, als einmahl bei ſeinem treuen Freunde, dem trefflichen und gelehrten Herrn Wilibald Pükheimer, die Rede von Meiſter Albrechts Hauskreuz war. Der hatte eine wackere Frau! Ihr kennt wohl Albrechts Bild, wo er ſeinen Freund an dem Und ſie betr Freu Jeit der Der Vil ther Mun die entg dene digt Toc in Jüng⸗ an ſieht, Iſt doch hneckelte ich, als er iſt ich mit ich vor ben voll⸗ oſter der HDer gute Hauſe! hat die heuer ſie n armen ſaß, daß var, er⸗ Dürer⸗ hůͤubli⸗ etes Ree Herwart, eworden jſeinem 1 Herrn llbrechts au! Ihr eund aſ 227 dem Bette der ſterbenden Crescentia gemahlt hat ² Und das ſchöne Lob darunter von ihrem Manne: ſie habe ihn nie, als durch ihren Tod, betrübt. Eine ſolche Hausfrau, mein junger Freund, möget Ihr einſt finden, wenn Ihr's an der Zeit haltet, ſie zu ſuchen. Sebald ſchwieg, und als ſein Blick das Auge der Jungfrau traf, ſah auch ſie erröthend nieder. Der Vater war zu ſehr mit der Beſchauung des Bildes beſchäftigt, als daß er jene ſtummen Verrä⸗ ther hätte merken können. Dem ſchärferen Auge der dutter waren zwar die Zeichen des Eindrucks, den die jungen Leute auf einander gemacht hatten, nicht entgangen, aber ſie ſchrieb der ſchüchternen Beſchei⸗ denheit des Jünglings und der jungfräulichen Blö⸗ digkeit ihrer, in häuslicher Stille aufgewachſenen Tochter zu, was die AÄußerung einer Neigung war, die in der Tiefe der jungen Herzen aufkeimte. Als das Gemaßd. weit gediehen war, daß der Künſtler keine Sitzung mehr brauchte, ließ er es in ſeine Wohnung bringen, wo er unterdeſſen eine Werkſtätte eingerichtet hatte, um nun Gewänder und Beiwerke mit Muße auszuführen und dann das vollendete Bild ſeinen Gönner zu bringen. Er hatte ſeitdem durch Herwarts Empfehlung ſo viele Beſtel⸗ lungen erhalten, daß er auf viele Monate beſchäf⸗ tigt ſein konnte, und ſein Ruf mehrte ſich mit jeder Arbeit, die er vollendete. Während dieſer Zeit be⸗ ſuchte er zuweilen das Haus ſeines Gönners, und — 128 nicht leicht ließ Herr Herwart eine Entſchuldigung gelten, wenn der Künſtler es einmahl verſäumt hatte, an einem Sonntage ſein Gaſt zu ſein. Das Verſtändniß der jungen Leute wurde immer inniger, wiewohl noch nie ein Wort das Geheimniß ihrer Empfindungen verrathen hatte. So war ein Vierteljahr verfloſſen, als Herr Herwart einen Brief aus Venedig erhielt, der ihn nicht wenig in Erſtaunen ſetzte. Der bekümmerte Handelsfreund ſchrieb ihm, ſein Sohn wäre, nach einem kurzen Aufenthalte, von Rom weggegangen und nach Deutſchland gereiſet; ja, es wären Nach⸗ richten eingelaufen, woraus es mehr als wahrſchein⸗ lich geworden, daß der junge Mann in Franken und Schwaben ſich als fahrender Künſtler herumtriebe⸗ Die Stimmung ſeines Sohnes, ſetzte er hinzu, mache es ihm ſogar glaublich, daß ſich der junge Mann nicht ohne Abſicht nach Schwaben gewandt hätte, um vielleicht unter einer erborgten Hülle Her⸗ warts Tochter kennen zu lernen; denn er habe im⸗ mer gern dem Gedanken nachgehangen, in ihr ſeine Braut zu finden, ſeit ihm bekannt geworden, daß die beiden Väter, nach einer alten Übereinkunft, ihre Freundſchaft in ihren Kindern fortdauern zu laſſen, gewünſcht hätten. Herr Herwart hatte ſich darüber nie durch ein beſtimmtes Verſprechen gebunden, wenn er auch der ſtillſchweigenden Vorausſetzung nicht widerſprochen; jetzt aber erweckte die Erinnerung daran ſehr ernſt⸗ huldigung verſäumt n. Das inniger, iß ihrer als Herr der ihn kümmerte re, nach gegangen i Nach⸗ ihrſchein⸗ uken und umtriebe⸗ r hinzu, er junge gewandt alle Her⸗ habe im⸗ ihr ſeine en, daß jnſt, ihre u laſſen⸗ ürch ein auch der drohe hr ernſt b 129 liche Betrachtungen. Er gehörte ſeit einigen Jahren zu der evangeliſchen Gemeinde, welche ſich ſeit Lu⸗ ther's Aufenthalt in Augsburg im Stillen gebildet hatte, und wenn auch ſeine Frau und ſeine Tochter ſich noch nicht ſo ganz von der Herrſchaft alter Ein⸗ drücke und Meinungen losmachen konnten, als ſein entſchiedenes und klares Gemüth, ſo ſchien es ihm doch bedenklich zu ſein, die Jungfrau nach Italien zu verheirathen⸗ überdieß war die entſchiedene Ab⸗ neigung des jungen Gaetano gegen den Handel ein anderes Hinderniß, und bei aller Unbefangenheit, womit Herwart die Lebensverhältniſſe beurtheilte, er⸗ ſchien ihm zuweilen die Ausführung des Entwurfes, wovon der Italiener geſchrieben hatte, ganz unthun⸗ lich zu ſein, da ſein alter Handelsfreund zwar ver⸗ mögend, aber nicht reich genug war, ſeinen Kindern ein ganz unabhängiges Leben zu ſichern, wenn ſie nicht ihr Erbe durch Glück im Handel mehrten. Er las den Brief mehr als einmahl und immer räthſel⸗ hafter ward ihm die ganze Geſchichte. In ſeiner Nähe ſollte der junge Abenteurer, der den Handels⸗ büchern entlaufen war, um den Pinſel zu nehmen, ſich herumtreiben? Sonderbar! Hatte doch der junge Sebald Roos ihm nie etwas von ſeinen Lebensſchick⸗ ſalen geſagt, als die ſehr unbeſtimmten und geheim⸗ nißvollen Nachrichten, die er gleich nach ſeiner An⸗ kunft mittheilte. Alles ſchien die Vermuthung zu rechtfertigen, daß er der kunſtliebende Landſtreicher wäre. Er ſprach ja das Italieniſche ſo geläufig, als I. 9 84 130 ein Eingeborner, und das Deutſche dagegen zwar ſehr gut, doch mit einem etwas fremden Anklange. Unter jener Vorausſetzung ſah er nun auch die Auf⸗ merkſamkeit, die Sebald ſeiner Tochter widmete, in einem ganz anderen Lichte, und er rief ſich manchen Umſtand zurück, den er früher wenig beachtet hatte, der ſich aber jetzt als Außerung einer geheimen Nei⸗ gung erklären ließ. Als der junge Mann am folgenden Tage einen Beſuch machte, beobachtete Herwart ihn mit unruhig ſpähendem Auge, und wußte ſinnreich in jedem Um⸗ ſtande eine Beſtätigung ſeines Argwohns zu finden. Er ſprach abſichtlich faſt immer Italieniſch mit ihm, er fragte ihn über Mailand, Florenz und Rom, über die Merkwürdigkeiten von Venedig, ja er nannte mehrmahl den Nahmen ſeines Handelsfreundes, aber Sebald verſicherte immer mit der größten Unbefan⸗ genheit, er hätte nie irgend einen Theil von Italien geſehen, und noch weniger je den Nahmen jenes Kaufmanns gehört. Nur dunkel erinnerte er ſich, daß er in ſeinem fünften Jahre mit ſeiner Mutter erkrankt war, und erſt ſpäter hatte er gehört, ſie ſich damahl in Tyrol mit ihm aufgehal Herr Herwart ſchüttelte den Kopf ſchied zum Erſtenmahl ein wenig mißmuthig von ſeinem Schützlinge, in deſſen Benehmen er eine Übung in der Verſtellung ſehen wollte, die ſeine gute Mei⸗ nung von ihm faft erſchütterte. Sebald merkte die Veränderung in der Stim⸗ — gen zwat Anklange⸗ die Auf⸗ mete, in manchen tet hatte, men Nei⸗ age einen t unruhig dem Um⸗ u ſinden⸗ mit ibm, dom, über r nannte nds, aber Unbefan⸗ n Italien zen jenes er ſich er Mutter ſött, d hatte 1 ſchied n ſeinem üibung in zute Mii⸗ er Süm⸗ 131 mung ſeines Gönners, und ſann lange über die Veranlaſſung, ehe es ihm klar wurde, daß irgend eine argwöhniſche Vermuthung über ſeine urſprüngli⸗ chen Verhältniſſe im Spiele ſein müßte. Er nahm ſich vor, bei der erſten Gelegenheit den wackeren Mann offen zu fragen, und ihm alles zu ſagen, was er ſagen konnte, um jeden Verdacht zu entfernen. Abends an einem ſchönen Frühlingstage, ging Sebald durch ein einſames Gebüſch am Ufer des Lechs. Er dachte an das geliebte Mädchen und er⸗ wog das Schickſal ſeines Lebens. Gedankenvoll an einen Baum ſich lehnend, ſah er auf dem Pfade, der ſich durch das Gebüſch zog, ein kleines Buch liegen. Er hob es auf und fand verſchiedene Zeich⸗ nungen darin, flüchtige Entwürfe, welche, zwei geiſtreiche Köpfe abgerechnet, ihn gar nicht anzogen. Gleichgiltig machte er das Buch zu, und ging wei⸗ ter, als er plötzlich ſehr rauh angeruſen wurde. Ein junger Mann in etwas fremder Kleidung, aus deſ⸗ ſen ſchwarzen Augen und blaſſem Geſichte eine unru⸗ hige Leidenſchaftlichkeit ſprach, trat haſtig auf ihn zu, als Sebald ſich umwendete, und ſoderte mit trotzi⸗ gem Tone, in ziemlich unreinem Deutſch, das Buch zurück. Sebald ſah ihn eben ſo ſtolz an, und ſagte ihm Italieniſch, in der einzigen fremden Sprache, welcher er mächtig war.„Sehr gern! Ich würde es dem Erſten gegeben haben, der mich darum ange⸗ ſprochen hätte; es hat gar nichts, das mich anzie⸗ hen könnte.* r 132 So? erwiederte der Unbekannte empfindlich. Und ihr verſteht darüber zu urtheilen? Vielleicht! ſprach Sebald kalt, wenigſtens es beſſer zu machen. Wie, Ihr wäret ein Künſtler? fragte Jener und maß ihn mit ſtolzen Blicken. Ich wag' es nicht, mich ſo zu nennen, weil ich weiß, wie viel dazu gehört, den Nahmen zu verdienen. Ein Kunſtfreund, wenn Ihr wollt. Der Fremde wurde milder.„Der Inhalt die⸗ ſer Blätter, ſprach er, hat freilich jetzt, ſelbſt in meinen Augen, nicht viel Werth mehr; nur als Er⸗ innerung iſt mir manches theuer. So hab ich es mir auch gedacht, erwiederte Sebald, und ſtimmte gern in den freundlichen Ton, den Jener fortdauern ließ. Von dem Fremden gefragt, ob ſein Veg zur Stadt gehe, gab er ihm willig das Geleite. Jener erzählte ihm bald, er ſei aus Antwerpen und komme von Nom, um nach ſeiner Heimath zurückzukehren. Er ſprach ſo lebhaft von Italien und verrieth ſo feurige Kunſtliebe, daß Sebald ihm theilnehmend zu⸗ hörte und die erſte rauhe Begrüßung völlig vergeſſen hatte, als ſie an's Stadtthor kamen. Der Fremde wurde von ihm in eine Herberge, unweit ſeiner Wohnung geführt, und ſchied dankbar, mit dem Verſprechen, ihn am folgenden Tage zu beſuchen. Er kam ziemlich früh am Morgen. Die Bil⸗ der, die er in Sebalds Werkſtätte ſah, machten npfindlich. gſtens es te Jener en, weil ahmen zu ollt. nhalt die⸗ ſelbſt in als Er⸗ erwiederte hen Ton, d komme Pukehten. errieth T mend zü⸗ vergeſſen t Frende it ſeiner mit dem ſuchen. Die Bil nahſen 133 einen auffallend tiefen Eindruck auf ihn, und mit jedem Augenblicke ſchien ſeine Achtung gegen Sebald zu ſteigen, ja, die Anerkennung der hohen überle⸗ genheit ſeines Kunſtgenoſſen ihn faſt kleinlaut zu machen. Endlich trat er vor das ganz vollendete Bild der holden Kaufmannstochter, das Sebald, von dem Beſuche überraſcht, mit der Staffelei gegen die Wand gewendet hatte. Die Bewunderung gab ſeiner feurigen Seele wieder Sprache.„Vortrefflich!“ rief er und ergriff in der Aufwallung ſeines Gefühls die Hand des jungen Mannes.„Und das iſt euer Werk? O wie könnte ich fragen, wenn ich nur eins geſehen hätte!“«— Nur ein ſchwacher Verſuch, ein vollkommnes Urbild zu erreichen, erwiederte Sebald. Alſo ein Bildniß? fragte der Fremde. Und dieſen Engel zu mahlen, ward Euch vergönnt? Im Anſchauen dieſer Reize habt Ihr tagelang Euch be⸗ rauſchen dürfen? Ja, man ſieht in dieſem Werke die Begeiſterung, die dieſer Anblick in Euch er⸗ weckt hat. Sebald verbarg kaum ſein Erröthen. Es er⸗ wachte eine faſt eiferſüchtige Regung in ihm als ein fremdes Auge aus dem Bilde die Empfindungen zu leſen ſchien, womit er es geſchaffen. Neidiſch wollte er das Bild auf der Staffelei umwenden und den Fremden zu einem anderen Gemählde führen.. Nein, ſprach Jener, ihn abhaltend, gönnt mir den Anblick länger. Etwas Schöneres könnt Ihr 2 134 mir nicht zeigen—— Sagt mir, fuhr er fort und ergriff lebhaft Sebalds Hand, habt Ihr mir meine Unfreundlichkeit von geſtern Abend ganz vergeben? Ich bitte Euch, redet nichts mehr davon! ant⸗ wortete Sebald, den Druck der Hand herzlich er⸗ wiedernd. Ich war unmuthig über den Verluſt jener Blät⸗ ter, die, wie geſagt, nur als Schatten entflohener glücklichen Augenblicke noch Werth für mich haben, das muſt meine Aufwallung entſchuldigen. Ich darf vor einem ſolchen Richter, als Ihr ſeid, nicht ſa⸗ gen, daß ich ein Künſtler bin; denn wahrlich, nie fühlte ich mehr, als jetzt, wie wenig ich den Nah⸗ men verdiene; aber ich liebe die Kunſt, und ringe eifrig, ihren Kranz zu erlangen, und weil ich vor eurem Werke fühle, wie hoch er hängt, darf ich vielleicht hoffen, künftig etwas Beſſeres zu vollbrin⸗ gen, als mir bis jetzt gelungen iſt. Ich muß das Bild wirklich umwenden, ſprach Sebald lächelnd, wenn Ihr mit dem unverdienten Lobe nicht inne halten wollt. Ihr kommt aus einem Lande, wo Ihr ſo Herrliches geſehen und würdigen gelernt habt, daß Ihr mir eher durch ſtrenge Beur⸗ theilung nützlich werden könnt. So laßt uns denn Freunde ſein, antwortete der Fremde. Ich denke einige Zeit hier zu verweilen. Laßt uns brüderlich mit einander leben und arbeiten. Leitet freundlich mein Bemühen, in der Kunſt vor⸗ wärts zu kommen. 27 fort und nir meine geben? on/ ant⸗ zlich er⸗ ner Bäät⸗ ntflohener h haben, Ich darf nicht ſa⸗ lich, nie den Nah⸗ und ringe l ich vor darf ich vollbrin⸗ 7 ſprach erdienten us einem würdigen ge Beuk⸗ rtete det erweilen. arbeiten⸗ unſt vor⸗ 155 Sie beſiegelten den Bund durch Wort und Handſchlag. Alſo ein Bildniß? hob der Fremde wieder an⸗ noch einmahl vor das Gemählde tretend. Ja, es gehört zu denjenigen, wovon man dreiſt ſagen kann, es muß ähnlich ſein. Vielleicht aus dieſer Stadt? Ja, die Tochter des Kaufmanns Herwart. Herwart? rief der Fremde überraſcht. Ihr kennt ihn? fragte Sebald ſchnell. Dem Rufe nach, erwiederte Jener. Alſo ſeine Tochter Apollonia? Wie, woher kennt Ihr den Nahmen? ſprach Sebald verwundert. Ihr ſeid ja erſt geſtern an⸗ gekommen. Nun, warum ſollte denn nicht der Ruf eines ſolchen Engels über das Weichbild der Stadt kom⸗ men? antwortete der Fremde lächelnd. Seid Ihr neidiſch, daß Ihr nicht einmahl den Nahmen der Göttinn, die euer begeiſterter Pinſel verherrlicht hat, vor fremden Ohren wollet ausſprechen laſſen? Sebald erröthete, und des Fremden ſcharfer Blick ſchien ihm zu verrathen, daß er das Geheim⸗ niß des glücklichen Künſtlers ahnete. Eine ſtumme Pauſe folgte.„Ich will Euch nicht länger aufhal⸗ ten,“ ſprach endlich der Fremde.„»Die Farben auf euerem Täflein würden eintrocknen, wenn ich ſo lange von eurem Bilde reden wollte, als ſeine Vor⸗ züge es verdienen. Ich will die Wohnung, die Ihr mir verſchafft habt, zu meinen Arbeiten einrichten, 156 und ich hoffe, Ihr werdet mich bald in meiner Werkſtätte beſuchen.“ Das Benehmen, womit der Fremde nach die⸗ fen Worten ſchied, war mehr höflich, als herzlich, und ſehr ſichtbar die Zurückhaltung, die gegen ſeine frühere Wärme und Hingebung auffallend abſtach. Als Sebald allein war, fiel es ihm ein, daß er nicht einmahl den Nahmen des fremden Kunſtge⸗ noſſen erfragt hatte, von welchem er nicht mehr wußte, als was dieſer im Geſpräche ihm mitgetheilt hatte, die Heimath und einige Reiſebegebenheiten. Er wunderte ſich, daß er am folgenden Morgen ſei⸗ nen neuen Bekannten nicht wiederſah, wie ſie ver⸗ abredet hatten, und vergebens ſuchte er ihn zwei⸗ mahl an dieſen und den drei nächſten Tagen. Der Wirth des Fremden äußerte, der junge Mann habe zwar nach ſeiner Ankunft ſehr eifrig ſeine Wohnſtube zur Kunſtwerkſtätte einzurichten angefangen, ſei aber ſeitdem bei Tage unſtät und nur ſpät am Abend wieder ſichtbar geweſen. Sebald ſchickte unterdeſſen das vollendete Bild. in das Haus ſeines Gönners, und folgte bald dar⸗ auf, um ſich des Eindruckes zu freuen, den ſein Werk, wie er hoffte, hervor bringen ſollte. Als er in den Saal trat, wo man es einſtweilen aufgeſtellt hatte, fand er Mutter und Tochter allein in freudi⸗ gem Anſchauen des Gemähldes. Er trat unbemerkt an Apollonia's Seite, die zuerſt mit holder Beſtür⸗ zung ihn gewahr wurde. freun “ Bilde ſebte ſchöne laßt. ſolche lohn⸗ den nvo — meiner ich die⸗ herzlich, n ſeine ach ach „ daß runſtge⸗ t wehr getheilt theiten. en ſei⸗ ee ver⸗ zwei⸗ „Der i habe inſtube i aber Abend Bild ld dar⸗ en ſein Als er geſtelt freudi⸗ emerkt zeſtür⸗ —— 157 Es iſt ein gutes Lob eures Werkes, ſprach freundlich die Mutter, daß Ihr uns ſo vor dem Bilde uͤberraſchen konntet. Ich danke Euch herzlich, ſetzte ſie hinzu, ihm die Hand reichend, für das ſchöne Andenken, das Ihr uns in dem Bilde zurück laßt. Gold und Sdelſteine können den Künſtler, der ſolche Werke hervor bringt, nicht allein würdig be⸗ lohnen, wenn er nicht die Freude, die er in fühlen⸗ den Herzen erweckt, auch für etwas rechnet,— Aber wo mag der Vater bleiben, Apollonia! fuhr ſie fort. Ich will ſehen, ob der ungelegene Beſuch ihn ver⸗ laſſen hat. Sie ging. Sebald und Apollonia ſtanden ei⸗ nige Augenblicke ſtumm vor dem Bilde. Die Freude, wovon euere Mutter ſprach, werthe Jungfrau, hob der Jüngling endlich an, iſt wohl ſüß und beloh⸗ nend, zumahl wenn ich ſie in euerem Herzen erweckt hätte; aber den ſchönſten Lohn hab' ich lange ſchon voraus empfangen, als Ihr es mir vergönntet, mit Ent⸗ zücken nachzubilden, was Gott ſo herrlich geſchaffen hat. Apollonia ſchlug die Augen nieder. Er um⸗ ſchloß ihre Hand. Ein Andenken, ſagt euere Mut⸗ ter, würde ich in dem Bilde zurück laſſen, fuhr er fort. O meine Seele werde ich zurück laſſen, wenn ich je ſcheiden ſoll. Scheiden? ſprach die Jungfrau, von dem Ge⸗ danken lebhaft ergriffen, und hielt ſeine Hand ſo feſt, daß alle ſeine Nerven von dem Drucke bebten. O nur ein Wort aus eurem Munde, theuere 138 Apollonin, und nichts ſoll das Band berreißen, das mich hier feſt hält. Nein, nein, Ihr dürft nicht ſcheiden, erwie⸗ derte ſie ſchnell und zog ihre Hand zurück, als die Chure ſich öffnete. 1 Die Mutter kam zmrück. Der Vater folgt mir, ſprach ſie. Gleich darauf trat Herr Herwart herein, und an ſeiner Seite ein junger Mann, in welchem Se⸗ bald mit Erſtaunen ſeinen Kunſtgenoſſen erkannte. Kommt, ſprach Herwart Italieniſch zu ſeinem Be⸗ gleiter, ich glaube, Ihr werdet etwas ſehen, das auch nach Italiens Herrlichkeiten Euch erfreuen kann. Aber ſeht, der liebe Meiſter ſelber iſt da. Des Fremden finſterer Blick ſtreifte an Sebald hin; aber als nun Apollonia ſich gegen ihren Vater wendete und in der Anmuth ihrer Geſtalt ihm ge⸗ genüber ſtand, verrieth das in ſeinen Augen auflo⸗ dernde Feuer, wie ſein Herz vollends entzündet wurde. Er ſchien ſich aber ſchnell zu faſſen, und grüßte Sebald als einen Bekannten. Ihr ſeht Euch alſo nicht zum Erſtenmahl? fragte Herwart, ein wenig überraſcht, und ſuchte auch dieſen Umſtand im Stillen mit der Vermuthung, die er über Sebald's Geheimniß gefaßt hatts, in Ein⸗ klang zu bringen. 4 Nur eine ſehr neue Bekanntſchaſt. fiel der Fremde ein, die mein gutes Glück mir zuführte, alz ich eben in eure Stadt trat, n, das erwie⸗ als die gt mir, u, und im Se⸗ kkannte. m Be⸗ , das — kann. Sebald Vater ihm ge⸗ auflo⸗ tzündet und mahl? 139 Alle ſtanden nun vor dem Bilde. Herr Her⸗ wart war ſehr zufrieden, und ſprach das treffende Urtbeil eines natürlichen Kunſtſinnes, und mit er⸗ freuender Wärme das Löb des Künſtlers aus. Der Fremde fühlte die Wahrheit dieſer Außerungen, und als Herwart ihn um ſeine Meinung fragte, pries er die Vorzüge des Werkes eben ſo gerecht, als er es einige Tage früher gethan hatte; aber es war ihm offenbar peinlich, es auch hier thun zu müſſen. Herwart, ſo wenig ſein gerader Sinn ſich ſonſt durch Schmeichelei beſtechen ließ, war doch ein we⸗.4 nig ſtolz darauf, ſich nach einander von zwei Künſt⸗ lern als Gönner begrüßt zu ſehen; denn auch der 4 Fremde aus Antwerpen war an dieſem Tage zum Erſtenmahl vor ihm erſchienen, um ſeiner Gunſt ſich zu empfehlen. Ihr ſeht wohl, ſprach er nun zu ihm, ihr habt einen tüchtigen Mitbewerber; aber ich will auch für Euch gern thun, was in meinen Kräften ſteht, und es iſt dann an Euch, eure eigne Vermögſamkeit zu zeigen. Doch, Ihr ſeid Freunde, und ſo werdet Ihr auch freundlich neben einander euren Weg gehen. Die beiden Künſtler verließen bald nachher zu⸗ ſammen das Haus. Es war dem Fremden, der ſich Van Bliet genannt hatte, nicht entgangen, daß der frühere Schützling des wackern Handelsherrn in ho⸗ her Gunſt bei Allen ſtand, und Sebalds Verhältniß mit Apollonia, das er bisher nur geargwohnt hatte, war ſeinem ſcharfen Blicke nun offenbar geworden. 140 Sebald war ein wenig mißtrauiſch und zurückhaltend gegen den Fremden, und mußte deſſen Wunſch, mit Herwart Bekanntſchaft zu ſtiften, einem geheimen Beweggrunde zuſchreiben. Beide gingen ſtumm ne⸗ ben einander, bis ſich die Wege zu ihren Wohnun⸗ gen trennten.. Ich habe gehört, Ihr habt mich zweimahl ver⸗ gebens in meiner Wohnung geſucht, ſprach Van Vliet und blieb ſtehen. Ich hoffe, es wird Euch nicht abſchrecken, wieder bei mir einzuſprechen, und wenn Ihr's mir erlaubt, ſo komme ich zu Euch, um Euch zu fragen, wann wir einmahl einen Tag mit einander zubringen können, uns über die Kunſt zu unterhalten. Scobald es Euch gefällt, erwiederte Sebald mit der kalten Höflichkeit, womit jene Einladung aus⸗ geſprochen wurde. Beide waren von dem Kaufmanne auf den nächſten Sonntag zu Gaſte gebeten worden. Sebald mußte einige Tage vorher einen Beſuch bei ſeinem Gönner machen, um das Aufhängen des eingerahm⸗ ten Bildes anzuordnen. Er war ſo glücklich, das Mädchen auf einen Augenblick allein zu ſehen, und ging mit dem beſeligenden Gefühle, ihre Liebe zu beſizzen. Zwei Tage hatte er auf den Beſuch des Fremden gewartet, der endlich am dritten, aber ſichtbar bewegt, unruhig und leidenſchaftlich geſtimmt, bei ihm einſprach, um eine, die Kunſt betreffende, Erkundigung einzuziehen, und ging nach wenigen dhaltend ſch, mit geheimen mm ne⸗ Vohnun⸗ ahl ver⸗ ch Van d Euch n;, und u Euch, en Tag Kunſt ald mit ng aus⸗ uf den Sebald ſeinem gerahm⸗ das und 1 diebe zu ich des aber ſimmt, effende, wenigen 141 Minuten. Am Sonntag war Sebald eine Stunde vor Mittag, wie gewöhnlich, in Herwarts Hauſe. Er fand Mutter und Tochter allein im Speiſezim⸗ mer. Beide ſchienen fehr unruhig zu ſein, und Apollonia's Blick verrieth ihm, daß ein lebhaſter Eindruck ſie bewegt hatte. Es ſind ſonderbare Dinge kund geworden, hob die Mutter an. Hättet Ihr's Euch je gedacht, daß wir in dem fremden Mahler den Sohn unſeres Han⸗ delsfreundes in Venedig, den jungen Gaetano Bros⸗ chi, finden ſollten? Iſt es möglich? ſprach Sebald höchſt überraſcht, und erinnerte ſich an alles, was ihm Herwart's Außerungen früher von den Wünſchen des Handels⸗ freundes verrathen hatten. So eben hat er uns die unwiderſprechlichſten Beweiſe ſeiner Verſicherung vorgelegt, fuhr die Mut⸗ ter fort, und iſt jetzt allein bei meinem Manne. Sebald warf einen forſchenden Blick auf Apol⸗ konia. Ihr Auge ſagte ihm, daß ſie ſeine Gedan⸗ ken verrieth, aber ihrem Worte treu bleiben wollte. Herwart trat nun mit dem Fremden herein. Seine Stirne war finſter. Er reichte Sebald wohl⸗ wollend die Hand. Es hat ſich mit euerem Freunde, ſprach er, eine unerwartete Veränderung begeben, die Ihr noch nicht wiſſen könnt, weil ich, wie er ſagt, der Erſte bin, dem er ſein Geheimniß ent⸗ deckt. Aber auch den Pinſel läßt er nun eintrock⸗ nen, und will, nach ſeines Vaters Wunſche und 1 2 — —— 2 ——————:Z—BCOÜ 1 142 Willen, wieder mit dem Gänſekiel in die Handels⸗ bücher zeichnen. Dieſes Wort ſchien auf Sebald einen tiefen Eindruck zu machen. Er ſah Apollonia erblaſſen. Die Tiſchgeſellſchaft war wortarm und freudelos. Herwart ſaß oft in Gedanken, und zeigte nur durch ſtummes Nicken, daß er den Erzählungen von Rei⸗ ſeabenteuern zuhörte, womit Gaetano die Stille un⸗ terbrach. Der Italiener ſchien dieſen Gegenſtand des Geſprächs abſichtlich zu wählen, um in mauchen Wendungen anzudeuten, daß Apollonia die anzie⸗ hende Kraft geweſen, die ihn, nach kurzem Umher⸗ ſchweifen in Italien, über die Alpen gelockt hätte. Sebald war im Innerſten bewegt, und ging, ehe der Italiener Abſchied genommen hatte. Er meinte, Gaetano ſei durch ſeinen Rücktritt zum kauf⸗ männiſchen Gewerbe in Herwart's Gunſt geſtiegen, und habe ein großes Hinderniß ſeiner Wünſche weg⸗ geräumt. Herwart mußte, nach Sebald's Voraus⸗ ſetzung, den Sohn ſeines Freundes in ſein Haus aufnehmen. Gaetano ſollte jeden Tag, jede Stunde die holde Jungfrau ſehen. Sebald glaubte, auf ihr Herz bauen zu können; aber wie leicht konnte die Ausſicht auf eine Verbindung mit dem ſchönen Fremd⸗ linge, mit dem Sohne eines vermögenden Kaufman⸗ nes, ſie verleiten, den Jüngling aufzugeben, der nichts beſaß, als ſeine kunſtfertige Hand. Was in Herwarts Hauſe vorging, ſchien dieſe Beſorgniſſe nicht ganz zu rechtfertigen. Er verſchwieg der die hen, ühr Mut mitte dem noch gar halt won und ſchaf viel her u tiefen erblaſſen. eeudelos. ar durch on Rei⸗ kille un⸗ ꝛgenſtand mauchen e anzie⸗ Umher⸗ hätte. nd ging, te. Er im kauf⸗ geſtiegen he weg⸗ Voraus⸗ in Haus Stunde auf ihr unte die Fremd⸗ uſnan heu, mittelnd, gar denken, halt wonnen werden könne. und meinte, unter ihnen 145 der treuen Hausfrau nicht, daß Gaetano den Wunſch, die alten Entwürfe ſeines Vaters ausgeführt zu ſe⸗ deutlich genug verrathen hatte, aber er legte ihr auch alle ſeine Bedenklichkeiten dagegen vor. Die Mutter, Apollonia's Liebe nicht ahnend, ſprach ver⸗ es ließe ſich, trotz der ſeit⸗ dem eingetretenen Glaubensverſchiedenheit, vielleicht noch eine glückliche Ausgleichung hoffen, und wohl daß der Italiener durch ſeinen Aufent⸗ am Ende für die neue Lehre ge⸗ und wollte von einer Umwandlung, ſchaftlicher Verblendung hervorgehen könnte, ſich nicht viel Erſprießliches verſprechen. Herwart ſchüttelte den Kopf die aus leiden⸗ Bei dieſen Bedenklichkeiten beſchloſſen beide, dem Jünglinge eine bequeme Wohnung in der Nähe zu beſorgen, ihn aber für's Erſte nicht in ihr Haus aufzunehmen, wie der Handelsfreund in Venedig in feinen früheren Briefen gewünſcht hatte. war ſichtbar betroffen, täuſcht, Nachricht davon Tiſchgaſt zu ſein, Herbe der fehlgeſchlagenen Hoffnung. wo er ſeine erſte Wohnung ᷣ als man In der Stunde, verließ, kam er in Sebalds Werkſtätte. ihm bei gab. milderte dem jedoch nächſten Die Einladung, Gaetano und in ſeiner Erwartung ge⸗ Beſuche täglich ihr ein wenig das Das zeit⸗ herige Gelingen ſeiner Anſchläge gab ihm ſo viel Zuverſicht, daß er mehr Unbefangenheit und weniger gezwungene Zurückhaltung zeigte, als gewöhnlich. 144 Nun, ſprach er, darf der Abtrünnige noch ein⸗ mahl in euer Heiligthum treten? Doch glaubt mir, ich werde bei der Feder den Pinſel nicht ganz vergeſſen. Sebald hatte in dem Selbſtgefühle, womit er auf jenen herabſah, der, ſeiner Meinung nach, keine ausgezeichnete Anlage beſaß, eine ſcharfe Bemerkung auf der Zunge, die er aber noch ſchnell genug unter⸗ drückte; aber es blieb ein ſpöttiſches Lächeln auf den Lippen zurück, als Gaetano die Hoffnung ausſprach, er werde künftig zuweilen aus ſeinem Berufsgebiete in Sebalds Werkſtätte treten, die er zeither in ſeinem unſteten Treiben nur ſehr wenig hätte beſuchen können. Gaetano ſuchte das Beſpräch in einem ſcherzen⸗ den Tone fortzuſetzen, bis er, in der Werkſtätte ſich umſehend, eine faſt vollendete Nachbildung von Apollonia's Bildniſſe entdeckte, Er nahm das Ge⸗ mählde mit heftiger Gebehrde in die Hand. Sein Auge glühte.„Sehr ähnlich, fürwahr! ſehr gut! ſprach er, mit unterdrückter Bewegung. Und— iſt es beſtimmt, hier zu bleiben?“ Ihr habt es geſagt, erwiederte Sebald, und unwillig über den zudringlichen Ausſpäher, nahm er ihm das Bild aus der Hand, und ſtellte es auf die Seite. Es ſoll hier bleiben! Beide ſahen ſich einen Augenblick ſchweigend an. „Gotkt befohlen!“ ſprach Gaetano endlich, und als er zur Thüre hinaus eilte, ſchien ein Racheblitz in ſeinem Auge zu leuchten⸗ * — nicht reiße Gewi Wide Freie zu ſi am aufte loſig dem währ bis gin Gal ßern und loch ein⸗ ubt mir, ht ganz omit er h, keine merkung g unter⸗ auf den usſprach, fsgebiete r ſeinem können. ſcherzen⸗ gätte ſich ung von das Ge⸗ „Sein hr gut! 5— ſſ ld, und nahm dr b auf de gend att⸗ und als eblit in 145 Sebald ſah ihm lange nach.„Ich fürchte Dich nicht,“ ſprach er endlich.„Du wollteſt ſie mir ent⸗ reißen? Nimmermehr! Sie liebt mich— mit der Gewißheit bin ich ſtark und kühn gegen jeglichen Widerſtand.“ 4 In dieſer gereizten Stimmung eilte Sebald ins Freie. Tauſend Entwürfe, das Glück ſeiner Liebe zu ſichern, flogen durch ſeine bewegte Seele; aber am Ende ſah er Hinderniſſe und Schwierigkeiten ſich aufthürmen, und Zweifel, Eiferſucht und Hoffnung⸗ loſigkeit wechſelten in ſeinem Innern. Er ſtand vor dem anmuthigen Garten in der Lechau, wo Herwart während der ſchönen Jahreszeit zuweilen den Tag bis nach Anbruche der Dunkelheit zubrachte. Er ging hinein und traf Apollonia am Eingange des Garkenſaales. Sie hatte aus den vertraulichen Au— ßerungen ihrer Mutter Gaetano's Abſichten errathen, und wenig Worte waren genug, ſie mit Sebald's Stimmung und Beſorgniſſen bekannt zu machen. Er faßte feurig ihre Hand.„Apollonia!“ ſprach er, der entſcheidende Augenblick für mein Leben iſt ge⸗ kommen. Was hab' ich von Euch zu erwarten?“ Treue ohne Wanben! ſprach ſie. Er umſchloß das bewegte Mädchen. Sie lag einige Augenblicke in ſeinen Armen.„Darf ich auf eure Mutter rechnen?“ fuhr er fort. Ich wag' es nicht ganz zu hoffen. Auf euren Vater 2 Apollonia ſchwieg einen Augenblick.„Er ach⸗ 10 146 tet, er liebt Euch, Sebald,“ hob ſie endlich an, „aber—“ Apollonia, fiel der Jüngling haſtig ein, ich muß Euch ohne Zeugen ſprechen. Kann ich's 2 Bald— heute noch. Siie zögerte mit der Antwort, ſie weigerte ſich; aber er drang mit aller Beredſamkeit der Leiden⸗ ſchaft in ſie, und ſie verſprach, ihn um neun Uhr, eine Stunde vor der Rückkehr ihrer Ältern in die Stadt, an der innern Seite der angelehnten Hinter⸗ thüre des Gartens zu erwarten. Sebald begleitete ſie, um ihre Ältern zu grü— ßen und das Innere in der Nähe der Thüre zu un⸗ terſuchen. Nach kurzem Verweilen entfernte er ſich, und erwartete mit unruhiger Ungeduld den Anbruch der Dunkelheit. Zur beſtimmten Stunde ſchlich er ſich, in einen weiten Mantel gehüllt, längs der Gartenmauer, im Schatten des weit überhangenden Weinlaubes. Plötzlich, als er die Hinterthüre er⸗ reicht hatte, ſprang eine verhüllte Geſtalt ihm in den Weg, und eine Degenklinge blitzte ihm entge⸗ gen.„Wohin?“ rief eine drohende Stimme. Wer wagts zu fragen? erwiederte Sebald und zog den Degen. Beide Nebenbuhler hatten ſich erkannt. Sie warfen die Mäntel ab.„Ihr oder ich!« ſprach Gaetano mit heftigem Grimme. Der Kampf begann. Sebald vertheidigte ſich kräftig und ziemlich beſonnen gegen den wuthend thür Mon vor Sie Arn Bru glich an, in, ich ich's? ete ſich; Leiden⸗ eun Uhr, win die Hinter⸗ zu grl⸗ zu un⸗ er ſich, Anbruch chlich er ngs der ngenden hüre er⸗ ihm in m entge⸗ e. bal gie nt. ſprach igte ſch püͤthend d und 147 andringenden Gegner, und war bald in Vorrtheile des Angriffes. In dieſem Augenblicke aber ward die Garten⸗ thüre aufgeriſſen. Apollonia ſtürzte hervor und der Mond, der eben hell glänzend aus einer Wolke her⸗ vor getreten war, beleuchtete ihre hohe Geſtalt. Sie umſchlang den geliebten Jüngling mit beiden Armen und rief dem Gegner zu:„Nur durch meine Bruſt ſindet Ihr den Weg zu ſeinem Leben.“ Gaetano ſenkte beſtürzt ſeinen Degen. Laß mich, geliebte Apollonia! ſprach Se⸗ bald. Ich habe Kraft, Dich und mich zu verthei⸗ digen. Er wand ſich aus ihren Armen und hielt dem Feinde die blitzende Klinge entgegen. Gaetano ſtand noch unſchlüſſig, als Herwart und ſeine Frau, von den Stimmen der Streitenden herbei gelockt, aus dem Garten kamen. Die Mutter trat mit einem Angſtrufe zwiſchen ihre Tochter und Sebald. Der Vater warf einen zornigen Blick auf Gaetano. Der Italiener trat ſchnell vor ihn, zerbrach mit heftiger Bewegung die Degenklinge und ſprach mit gepreßter Stimme:„Ich verdiene euren Vor⸗ wurf. Ich habe das Gaſtrecht beleidigt. Verzeiht mir, edle Jungfrau,« fuhr er fort, zu Apollonia. „Ihr habt eure Neigung ausgeſprochen, und das gebietet mir, jeden Anſpruch aufzugeben.“ Nach kurzem Schweigen trat er zu Sebald, * 148 faßte ſeine Hand und ſprach laut:„Ich beneide Euch, aber Ihr verdient euer Glück.« Nach dieſen Worten vickelte er ſich in ſeinen Mantel, grüßte ſchweigend die Überraſchten, und mit ſchnellen Schritten enteilend, verſchwand er bald im Gebüſche am Ufer des Flußes. Herwart erhielt am folgenden Morgen einen Brief, worin Gaetano ihm ſchrieb, daß er nach dem geſtrigen Vorfalle nicht länger verweilen könne, und in einem befreun⸗ deten Handelshauſe in Antwerpen die Kenntniſſe zu erwerben trachten wollte, die er am liebſten dem al⸗ ten Freunde ſeines Vaters verdankt hätte. Ein eben angekommener Brief von ſeinem Vater an Herwart war eingeſchloſſen. Als Herwart ihn mit lebhafter Überraſchung geleſen hatte, ließ er ſogleich den jun— gen Künſtler rufen. Einige Fragen, und das Ge⸗ heimniß des Briefes war enthüllt. Der Handels⸗ freund in Venedig hatte in ſeiner Jugend in einem Handelshauſe in Nürnberg gedient, und eine ſchöne Jungfrau kennen gelernt, mit welcher er ſich in heimlicher Ehe verbunden. Ein plötzlicher Befehl ſeines Vaters rief ihn zurück, und eine Handelsreiſe nach Smyrna und Alexandria entfernte ihn fünf Jahre von ſeiner Heimath. Auch nach ſeiner Rück⸗ kehr wagte er es nicht, ſeinem Vater die heimliche Verbindung zu geſtehen. Vergebens waren alle Nach⸗ forſchungen nach ſeiner Geliebten, die ſich von Nürn— berg wegbegeben hatte. Nach einigen Jahren erfuhr er endlich, daß ſie ſich durch Tyrol auf den Weg gen erk Vo nig ren M M beneide ſeinen n, und er bald erhielt Gaetano Vorfalle befreun⸗ niſſe zu dem al⸗ eebhafter den jun⸗ das Ge⸗ Handels⸗ meinem 4 ſchöne ſich in Befehl delsreiſe hn fünf Rück⸗ che Nach⸗ RNürn⸗ 1 erfuht eu Weg er einli * 149 gemacht hatte, ihn aufzuſuchen, aber in Roveredo erkrankt und bald nachher in Baiern geſtorben war. Von dem Schickſale eines Sohnes, den ſie ihm we⸗ nige Monate nach der unglücklichen Trennung gebo⸗ ren, konnte er nichts erfahren, und erſt vor Kurzem hatte er eine dunkle Nachricht von dem Verlornen erhalten, der von einem entfernten Verwandten der Mutter in Insbruck erzogen ſein ſollte, und er bat ſeinen Freund Herwart, dieſe Spur zu verfolgen. Herwart ſchloß den überraſchten Jüngling be⸗ wegt in ſeine Arme.„Nun,“ ſprach er lächelnd, „muß ich doch wohl erfüllen, was mein alter Freund für ſeinen Sohn gewünſcht hat?“ Zwei Jahre ſpäter reiſete Gaetano wieder durch Augsburg, um ſeine junge Frau, eine ſchöne blau⸗ äugige Flammländerinn, in ſeine Heimath zu führen, und kam gerade zu rechter Zeit, den Erſtgebornen ſeines Bruders aus der Taufe zu heben. B — ‿ O —2 — Fluch — A—Z=—= E h b in „Sie hat ihren Vater betrogen, und kann Dich betrügen“ las der Freiherr von Wieden, und ließ, von dem Gedanken betroffen, das Buch in den Schooß ſinken. Und kann Dich betrügen! wieder⸗ hohlte er nach einer Pauſe. Welcher böſe Geiſt bringt mir das Buch gerade in dieſem Augenblicke in den Weg? Und unterſtrichen iſt die Zeile, als hätte ſie mir ja nicht entgehen ſollen.— Und kann Dich betrügen! ſprach er noch einmahl und legte den Kopf in die Hand. Die Stimme der beiden Kinder ſeines Jägers, die ihm einige Rebhühner getragen hatten, ſtörte ihn endlich aus ſeinen Träumereien.— Können wir nun gehen, gnädiger Herr? fragte das Mädchen. Ach Ihr ſeid noch da, liebe Kinder! erwiederte der Freiherr. Komm Luischen! Nicht wahr, das iſt ja dein Nahme? Nein, Julchen heiß' ich, erwiederte lächelnd das Mädchen. Luiſe heißt meine älteſte Schweſter. 154. Ganz recht, das blonde Krausköpfchen. Kommt Kinder! Ich hätte es beinahe vergeſſen, Euch Bo⸗ tenlohn zu geben, und das wäre nicht recht ge⸗ weſen. Als er jedem Kinde ein Geſchenk gegeben hatte, blickte er mit Theilnahme in die hübſchen Geſichter, woraus Heiterkeit und fröhliche Geſundheit lachten.— Geht, Kinder! daß Ihr nicht zu ſpät nach Hauſe kommt, und grüßt mir eure AÄltern. Sonntag kommt zu mir mit all euren Geſchwiſtern. Ich will Euch ein Vogelſchießen in meinem Garten geben, wie ich Euch ſchon längſt verſprochen habe, Des Paſtors Kinder ſollen auch kommen. Hört Ihr? Vergeßt es nicht! Nunter gingen die Kinder hinaus. Der Frei⸗ herr ſah ihnen gedankenvoll nach, und als ſie fort waren, ſprach er ſeufzend: Auch der Segen iſt mir verſagt! Vielleicht wäre ich glücklicher mit ihm. Er hielt das Buch noch in der Hand, und als ſein Blick darauf fiel, warf er es heftig auf den Tiſch. Fort damit! ſprach er: ein Feind meiner Ruhe hat es mir in den Weg gelegt. Nach einigen Augenblicken trat ein Diener her⸗ ein, und meldete, er wäre eben zurückgekommen, die Gemahlinn des Freiherrn aber wollte in der Stadt bleiben, und hätte den Wagen bei ſich be⸗ halten. G 2 In der Stadt bleiben? rief der Freiherr., Une möglich! —— 135 4 ſonm Die Tante des Freiherrn, erwiederte der Die⸗ Guch Bo ner: hätte einen Beſuch aus Niederſachſen erhalten, recht ge und auf den Abend eine Geſellſchaft geladen; die hätte die gnädige Frau bewogen, den Bitten der ben hatte i is Tante nachzugeben, und ſie werde vielleicht am geſchter nächſten Tage zurücklommen. aißt Der Freiherr hatte kaum ſo viel Gewalt über uch Hauſe ſich, ſeine Überraſchung und ſeinen Unmuth dem cag kommt Diener zu verbergen, und ſprach endlich mit ge— will Sr zwungener Gleichgiltigkeit: Ich beſinne mich jetzt „ wie ich was es ſein wird. Schon gut! Paſors Der Herr Paſtor iſt im Vorſaal und wünſcht Vergeßt aufzuwarten, fuhr der Diener fort. 6 Der Paſtor? Wozu ihn melden? Ihr wißt ja, Der Frei⸗ das iſt bei ihm nicht gewöhnlich. Führt ihn herein. 3 ſie fort Der Pfarrer des Dorfes, der in ſeinem Weſen en iſt mir die einnehmendſte Sanftmuth mit edler Würde und hm. feinem Anſtande vereinte und in ſeinen Zügen den und als verſtändigen und beſonnenen Geiſt verrieth, trat im auf den nächſten Augenblicke in's Zimmer. Der Freiherr d meiner empfing ihn mit herzlicher Freundlichkeit.— Lieber Herr Paſtor, hob er an: haben Sie den geraden enet her⸗ Weg zu meiner Thüre vergeſſen? ekommen, Ich höre, gnädiger Herr, Sie wären eben erſt „ in der von der Jagd zurückgekommen, und ich fürchtete ſich be⸗ Sie zu ſtören. Aber nach ihrem Verſprechen von heute früh rr, Ur durfte ich ja ihren Beſuch erwarten. Ich komme eben, um Verzeihung zu bitten, 156 daß ich meine Zuſage nicht halten kann, erwiederte der Pfarrer. Meine Nichte kam heute Nachmittag unerwartet bei uns an. Ich habe ſie ſeit zwei Jah⸗ ren nicht geſehen, und finde zu meiner Freude, daß ſie den Aufenthalt bei meiner Schweſter in G. zu ihrer Ausbildung in manchen Kenntniſſen, die ſie hier auf dem Lande nicht erwarten konnte, glücklich benutzt hat. Sie iſt noch nicht halb fertig mit al⸗ lem, was ſie uns erzählen muß, und— gewiß⸗ Sie entſchuldigen. mich, wenn ich dieſen Abend den Meinigen widme. 2 Ich beſinne mich, die Tochter ihres Bruders, des Rittmeiſters, der im Kriege geblieben iſt, er⸗ wiederte der Freiherr. Aber, lieber Freund, wozu unter uns Beiden ſo viel Umſtände bei einer Sache, die ſich von ſelbſt verſteht? Doch— ich bin heute ganz allein; meine Frau bleibt bis morgen bei mei⸗ ner Tante. Sie können mich nicht beſuchen— aber, nicht wahr, ich darf mich bei Ihnen auf ein Stünd⸗ ſchen nach Tiſche einladen? Noch lieber auf den ganzen Abend, wenn Sie mich recht erfreuen wollen. Gern! ich komme. Aber ſetzen Sie ſich einen Augenblick, daß Sie mir die Ruhe nicht mitnehmen, wie meine Jägerfrau ſagt, wenn ich unter ihre fröh⸗ lichen Kinder trete. Die gute, ſorgſame Mutter! Ich habe ſie heute erſt geſehen, und war recht in der Stimmung, dem wackern Fritz ſeinen Kinderſe⸗ gen zu beneiden. ——y—— — — eewiederts achmittag wei Jah⸗ de, daß 1 G. zu die ſie glücklich mit al⸗ gewiß⸗ bend den , wozu r Sache, in heute bei mei⸗ — aber, Stünd⸗ 1257 Warum beneiden? erwiederte der Pfarrer. Das lang' erſehnte Glück wird Sie deſto mehr erfreuen, wenn es Ihnen gewährt wird. Das lang' erſehnte! wiederhohlte der Freiherr. Indeß, lieber Freund— Eheu fugaces! Permitte Divis caetera! rufe ich Ihnen auch mit Horaz zu— Doneo virenti canities abest mo- rosa.— Aber ich ſehe, Sie haben Neuigkeiten er⸗ halten, ſetzte der Pfarrer nach einer Pauſe hinzu, und deutete auf einige Bücher und Zeitſchriften, die 47 auf dem Tiſche lagen.. Ja, mein Buchhändler hat mir eine ziemlich bunte Auswahl geſchickt.— Abhandlungen über die Drehkrankheit und Trauerſpiele, uber Baſaltbildung und Staatsverfaſſungen. Ich hatte mich auf ihren Beſuch gefreut, weil ich den Haufen mit Ihnen durchgehen wollte.— Doch— etwas will ich Ih⸗ nen gleich mittheilen. Ehe ſie kamen, ſiel mir eine engliſche Zeitſchrift in die Hände, wo ich eine Ge⸗ ſchichte finde, die mich zum Nachdenken gereizt hat, ich meine über die ſittliche Würdigung des Falles, der hier erzählt wird. Hören Sie! Ein junges Mädchen von guter Herkunft und den glücklichſten Ausſichten, ſchön, mit manchen Geiſtesvorzügen und Kunſtſertigkeiten begabt, doch ohne viel Neigung zur Häuslichkeit, ein Mädchen mit einem Worte, das Aufmerkſamkeit in der Welt auf ſich ziehen konnte, war bis zu ihrem ſiebzehnten Jahre— ihre Mutter hatte ſie in der Wiege verloren— bei ihrem Vater 158 geweſen, der ſie vielleicht durch ſchwache Nachſicht verzärtelt, aber ſonſt nichts geſpart hatte, ihr jene blendenden Vorzüge zu geben. Sie glücklich zu ver⸗ ſorgen, war nun ſein liebſter Wunſch, ſo ſehr ihn der Gedanke ſchmerzte, ſich von ihr zu trennen; doch gerade darum warf er ſein Auge auf einen Mann, der in ſeiner Nähe lebte. Gegen die Wahl ließ ſich nichts einwenden. Der Mann war angenehm, ſehr gebildet, vom beßten Rufe, und ich läugne nicht, er verdiente alle Achtung— ich meine, nach der Schil⸗ derung, welche meine Quelle macht. Der Vater ſprach mit dem Mädchen über ſeine Wünſche. Nach ihrer Antwort hatte ſie den jungen Mann immer mit Achtung bemerkt, und fühlte keine Abneigung gegen ihn. In dem Augenblicke aber, wo ſie dieſe Verſicherung gab, hatte ſie— ein heimliches Ver⸗ ſtändniß. Ihr Geliebter war ein junger Offizier aus Ireland, und ſie wußte, daß ihr Vater das hart⸗ näckigſte Vorurtheil gegen den Kriegerſtand hegte. Das Mädchen beobachtete ein unverbrüchliches Still⸗ ſchweigen gegen ihren Vater, und ſelbſt, als er ei⸗ nen flüchtigen Argwohn faßte, läugnete ſie dreiſt. Ihr Freund beſtärkte ſie leider in dem unglücklichen Entſchluße, gegen ihren Vater zurückhaltend zu ſein. In der Meinung, daß er ihre völlige Einwilligung hahe, ſchloß nun der Vater die Verbindung ab. Der Bräutigam machte ſeine Bewerbung, und um ihr Gebeimniß zu ſichern, verſtellte ſich das Mädchen auch gegen ihn, obgleich ſie ſeine Bewerbung nicht * Nachſicht ihr jene zu ver⸗ ſehr ihn en; doch Mann, ließ ſich zm, ſehr nicht, er er Schil⸗ rr Vater Nach immer bneigung ſie dieſe hes Ver⸗ zier aus as hart⸗ hegte⸗ 6 Still⸗ t et ei⸗ : dreiſt lücklichen zu ſein. villigung Mädchen ung nicht 159 ausdrücklich ermunterte. Endlich kam die Sache auf den Punkt, daß der Tag zur Verlobung beſtimmt ward. Am Vorabende verließ das Mädchen, von dem Geliebten entführt, das väterliche Haus, und eilte mit ihm nach Gretna-Green— wie ſie wiſ⸗ ſen, ein Ort an der Gränze von Schottland, wo man ohne Umſtände getraut wird. Sie ging mit ihrem Gatten auf ein kleines Gut, das er gekauft hatte, und ſchrieb dann an ihren Vater. Er aber war ſo heftig entrüſtet über die Flucht ſeiner Toch⸗ ter, daß ein alter Krankheitſtoff plötzlich bedenkliche Erſcheinungen hervor rief, und er ſtarb wenige Wo⸗ chen nachher. Auf ſeinem Todesbette hat er ſeine Tochter— nicht geſegnet. Eine wahre Geſchichte? hob der Pfarrer an, als der Freiherr ſchwieg. Allerdings wahr, wenigſtens verſichert es der Erzähler. Und das weitere Schickſal des jungen Paares? Beide ſind noch verbunden, damit ſchließt jetzt die Erzählung, und die Forkſetzung ſoll folgen. Die Geſchichte hat mancherlei Gedanken in mir erweckt, und ich möchte wohl ihre Meinung wiſſen.— Sa⸗ gen Sie mir, kann man annehmen, daß der Vater⸗ fluch immer erfüllt werde? Ich ſchaudere bei der Frage, erwiederte der Pfarrer. Zum Glück kann man glauben, daß es nur ſelten Veranlaſſung gibt, ſie aufzuwerfen. Aber ich beantworte ſie freilich mit Ja. Der Fluch an 160 ſich kann zwar kein Unheil herbeiführen, ſo wenig als der Segen an ſich Gluck; aber ſo wie der Va⸗ ter, der ſcheidend die ſegnende Hand auf ſein Kind legt, dem Himmel dankt, daß er der Welt einen guten Menſchen hinterläßt, der für gute Thaten ſei⸗ nen Lohn finden wird, ſo kann der Unglückliche, der fluchen muß, keinen guten Menſchen erzogen haben, und auch hier wird die böſe Geſinnung ſtrenge Ver⸗ geltung finden. Der Freiherr ſtand auf, und verbarg kaum ſeine Bewegung.„Glauben Sie das wirklich?“« Im Allgemeinen gewiß, erwiederte der Pfar⸗ rer. Aber wer wollte zweifeln, daß Reue und Rück⸗ kehr zum Guten auch den Fluch der böſen That auf⸗ heben könnte? Selten freilich; denn, um zu dem Falle wieder zurückzukehren, wovon wir ausgegan⸗ gen ſind, es iſt ſehr unwahrſcheinlich, daß die pflicht⸗ vergeſſene Tochter eine gute Gattinn ſein und ihre Kinder zum Guten erzieben werde. Und ſo kann der Fluch forterben auf viele Geſchlechter. Der Freiherr war wie vernichtet von dieſen Worten, und vermochte kaum, ſich zu faſſen. Der Pfarrer bemerkte es.„Wir wollen uns durch dieſe finſteren Gedanken nicht erſchüttern, fuhr er fort. Ich könnte mir faſt die glückliche Stim⸗ mung dadurch ſtören, worin ich heute bin, da ich mich über eine liebe Pflegetochter freue, die ich aus vollem Herzen ſegnen kann.“. Ich komme zu Ihnen, lieber Freund, ſprach ſo wenig der Va⸗ ſein Kind elt einen aaten ſei⸗ liche, der en haben, enge Ver⸗ arg kaum ich?“ er pfar⸗ ud Rück⸗ That auf⸗ m zu dem ausgegan⸗ je pflicht⸗ und jhre ſo kann 161 der Freiherr, und drückte ihm lebhaft die Hand: ich komme, mich über ihr Glück zu freuen. In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen. Ich habe nur noch einen Kranken in meiner Gemeinde zu beſuchen, und hoffe, Sie ſollen nicht lange auf mich warten. Mit dieſen Worten entfernte ſich der Pfarrer. Als er allein war, ging der Freiherr mit verſchränk⸗ ten Armen auf und nieder.„»Der Fluch kann fort⸗ erben auf viele Geſchlechter? ſprach er bewegt zu ſich ſelber. Ewiger Gott, ſoll ich Dir danken, daß ſie mir keine Kinder gibt!“ ◻ꝗ 2. Da Freiherr hatte auf einem Gange durch den Luſtwald, der ſein Schloß umgab, unter dem wohl⸗ thätigen Einfluße des lieblichſten Herbſtabends, eine ruhigere Stimmung wieder gewonnen, als er in das Pfarrhaus trat.— Er öffnete die Thüre des Wohn⸗ zimmers, und war überraſcht bei dem Anblicke, der ſich ihm darbot. Das Zimmer ſchien feſtlich ge⸗ ſchmückt zu ſein, doch ohne allen Schein von Ab⸗ ſichtlichkeit und Prunk, der häuslichen Feſten ſo leicht den Reiz ſtiller Einfachheit und Rührung nimmt. Die Abendtafel war nur etwas zierlicher als gewöhn⸗ lich; aber die Gefäße mit friſchen Blumen, die auf beiden Seiten zwiſchen kandirten Torten ſtanden, konnten auch einer Feier der Rückkehr des lieben Pflegekindes gelten. Der Pfarrer ſchien eben heim gekehrt zu ſein. Seinen rechten Arm hatte die liebende Gattinn innig umfaßt, ſeine Linke hielt eine blühende Jungfrau, durch den em wohl⸗ nds, eine er in das des Wohn⸗ licke, der eſtlich ge⸗ von Ab⸗ zeſten ſo ng nimmt⸗ 6 gewöhn⸗ , die auf ſtanden, 6 lieben f zu ſein. linn innig unafraul- Jungf 163 welche feſtlicher geſchmückt war, als jene, die im einfachen Hauskleid erſchien. Vor ihm ſtanden ſeine beiden Kinder, ein Mädchen und ein Knabe, die ihm Blumenſträußer überreichten, während er ſich liebevoll zu ihnen herab beugte. Das Mädchen ward in einigen Worten unterbrochen, die ſie zu ihm ſprach, als die Erſcheinung des Freiherrn ſie ſtörte. Der Pfarrer reichte dem Freiherrn die Hand. „Gnädiger Herr, ſprach er, in dieſem Augenblick, als ich heim komme, ſehe ich, daß man mir eine freundliche Überraſchung bereiten wollte. Man wußte ſchlau die Erinnerung von mir zu entfernen, daß ich heute vierzig Jahre alt werde, und hatte mich mit guter Art aus dem Hauſe geſchafft, als ich zu Ih⸗ nen kam.“ Der Freiherr wünſchte ihm herzlich Glück und bat das Mädchen, die unterbrochene Anrede fortzu⸗ ſetzen. Die Mutter ſprach auch ein ermunterndes Wort zu der Kleinen, und als Sophie während ei⸗ ner Pauſe ihre Schüchternheit überwunden hatte, umfaßte ſie ihren jüngern Bruder, und ſprach mit einer einfachen Innigkeit und Wärme, die jeden Ge⸗ danken an eine gelernte Nolle entfernte: Guter Vater, unſre Gaben Sind des Herbſtes Blumen nur, Die wir aufgeleſen haben Auf der grünen Wieſenflur. Freundlich nimm, wie wir es reichen, Was Dir unſre Liebe weiht, Nimm es hin, das kleine Zeichen Unſrer frommen Dankbarkeit! 164 Der Pfarrer umſchloß die Kinder mit inniger Rührung. Und wer hat Euch dieſe Worte gelehrt? fragte er nach einer Pauſe. Auguſte, ſprachen die Kinder und blickten mit dankbarem Lächeln auf die Nichte. Ich muß alſo Dir danken, liebe Auguſte, fuhr der Pfarrer fort, daß Du in meinen Kindern ein frommes Gefühl erweckt haſt. Das erröthende Mädchen beugte ſich auf die Hand ihres väterlichen Wohlthäters. Der Freiherr hatte dem Auftritte mit einer Bewegung zugeſehen, die er nicht unterdrückte. Als der Pfarrer aus dem Kreiſe ſeiner Lieben trat, drüͤckte der Freiherr ihm die Hand und ſprach mit einem Tone, der ſein Gefühl verrieth:„Glücklicher Vater!.. Nein, ſetzte er leiſe hinzu: für mich iſt dieſes Glück verloren!« Der Pfarrer ſchien die letzten Worte abſichtlich zu überhören, und eilte, den Freiherrn wieder in den Kreis zu ziehen, der ſich um die geſchmückte Tafel ſtellte, welche nun von der geſchäftigen Haus⸗ frau mit den Speiſen beſetzt wurde, die ſie zur, Feier des doppelt feſtlichen Tages bereitet hatte. Es gelang ihm, den Gaſt allmählich in eine heitere Stimmung zu bringen, wozu auch alles hier aufre⸗ gen mußte. Als man ſchon bei Tiſche ſaß, erſchien auch der Schulmeiſter, ein freundlicher Greis, mit ſeiner Frau, welche die Pfarrerinn gleichfalls zum Feſto nit inniger te gelehrt? lickten mit uſte, fuhr ndern ein auf die mit einer kte. Als den trat, ſprach mit Glücklicher t mich iſ abſichtlich wieder in eſchmüͤckt gen Haub⸗ te ſie zur halte Gs ꝛe heitete ier aufte⸗ ien auch nit ſeiner um delt 165 geladen hatte. Auguſte ging ihnen entgegen und wurde herzlich von ihnen begrüßt. Die beiden alten Leute zögerten einige Augenblicke, ehe ſie ſich nieder⸗ ließen, und thaten es nur mit vielen Verbeugungen gegen den vornehmen Mitgaſt. Der Freiherr reichte dem Schulmeiſter freundlich die Hand über den Tiſch.„Lieber Herr Heiring, ſprach er, faſt hätte ich Luſt, mit Ihnen zu ſtreiten.— In ein fremdes Haus muß ich kommen, wenn ich Sie einmahl ſehen ſoll, und doch möchte ich gern oft mit dem Manne mich unterhalten, der ſeit vierzig Jahren in ſeinem ehrwürdigen Berufe ſo redlich bemüht geweſen iſt, gute Menſchen um mich her zu bilden.“ Der Schulmeiſter verbeugte ſich ſchweigend; aber er mußte ſich erinnern, mit welchem ſtolzen Blicke die Gemahlinn des Freiherrn auf ihn herab⸗ geſehen hatte, als ſie ihn einige Monate früher in dem Zimmer ihres Gemahles ſitzen ſah, der eine Flaſche Wein mit ihm theilte. Nach Tiſche wußte der Schulmeiſter das Ge⸗ ſpräch auf Muſik zu lenken, weil er vor allen Din⸗ gen zu hören wünſchte, welche Fortſchritte Auguſte in der früher erworbenen Kunſtfertigkeit gemacht hatte. Die Hausfrau leerte das Klavier ſchnell von einigen Büchern, die bei der Aufräumung des Zim⸗ mers dahin waren verwieſen worden, und das be⸗ ſcheidene Mädchen ſetzte ſich, als auch der Freiherr ſie gebeten hatte, den feſtlichen Abend durch Spiel und Geſang zu feiern. Der Schulmeiſter ſtellte ſich 166 mit Lehrerernſt ihr zur Seite, ſuchte unter einem Haufen von Muſitkſtücken nach denjenigen, die Au⸗ guſte einſt mit beſonderer Geſchicklichkeit vorgetragen hatte, und hob die Hand zum Taktſchlagen. Auguſte ließ ſich die Wahl gefallen, die er getroffen, als ſie aber die vorgelegte Fuge ſpielte, ſetzte ſie ihn durch die Vollkommenheit ihres Vortrags in ein Erſtau⸗ nen, das er durch ein beifälliges Kopfnicken gegen die Umſtehenden äuſſerte. Er bemerkte mit inniger Selbſtzufriedenheit gegen den Freiherrn, Auguſte wäre ſchon vor ihrer Abreiſe unter ſeiner Leitung in die erſten Grundſätze des Generalbaſſes eingeweiht worden. Beſonders freute es ihn, ſetzte er hinzu: daß in der Stadt durch das Trommeln auf den mo⸗ diſchen Flügeln mit Janitſcharenmuſik ihr Vortrag nicht wäre verderbt worden, den ſie auf dieſem ech⸗ ten und guten Silbermanniſchen Klavier gelernt hätte.. Als er nach einem Geſangſtücke ſich umſah, bat die kleine Sophie, die mit ihrem Bruder neben der Spielerinn ſtand, halblaut um das hübſche Kinder⸗ liedchen vom Engel der Unſchuld. Auguſte verſchmähte es nicht, dieſen Wunſch zu erfüllen; mit innigem Ausdrucke ſang ſie das Lied: Unſchuld iſt den Kindern hold— und als ſie bei den Worten: Wohl verſorgt in ihrer Hut Seid ihr lieben Kleinen— ſich zu den Kindern herab beugte, ward ihr Ton ſo ter einem „die Au⸗ orgetragen „ Auguſte , als ſie n Erſtau⸗ ken gegen nit inniger „Auguſte zeitung in ingeweiht er hinzu: den mo⸗ r Vortrag ieſem ech⸗ r gelernt nſah bat neben der e Kinder⸗ Auguſte lllen; mit nſchuld hei den „Ton ſt 167 füß, daß den Freiherrn dieſes einfache Lied tiefer bewegte, als die kunſtreichern Geſänge, die ſie nach⸗ her vortrug. 4 Bei dieſen Unterhaltungen kam die elfte Stunde. Der Freiherr verließ das glückliche Haus in einer ſtill freudigen Stimmung; als er aber in ſeine ein— ſame Wohnung trat, überfiel ihn das Gefühl, daß er keine glückliche Heimath hatte, mit verdoppelter Gewalt. Das ſchöne Bild des häuslichen Lebens, das ihn an dieſem Abende entzückt hatte, ſtand im heiterſten Farbenglanze vor ſeiner Seele. Auch am folgenden Tage, dem Sonnabend, dauerte ſeine Einſamkeit fort, und er ſuchte Zer⸗ ſtreuung in ſeinem Jagdgebiete. Als er gegen Abend heim kam, verkündigte ihm der geſchäftige Lärm in ſeinem Hauſe, daß ſeine Gemahlinn zurückgekehrt war. Er empfing ſie nicht unfreundlich; ſie aber verrieth einige Verlegenheit, als ſie ſich zu entſchul— digen ſuchte, daß ſie den Bitten ſeiner Tante nach⸗ gegeben hatte.»Wenn es auch Dir Unterhaltung gewährt hat, ſprach er: ſo vergeſſe ich gern, daß ich mich ein wenig einſam hier gefunden habe.“ Er hörte der Erzählung von dem Feſte bei ſei⸗ ner Tante ſchweigend zu, ohne ſie zu unterbrechen, aber vielleicht zum Erſtenmahl, ſeit er mit ihr ver⸗ bunden war, fiel ihm ihre Ausſprache unangenehm auf, welche ſeit den fünf Jahren, wo ſie in der neuen Heimath lebte, gar nicht milder geworden war, und was ihm einſt ſo lieblich geklungen hatte, 168 kam ihm ſo breit vor, daß er ſich während ihrer Erzählung faſt ein Geſchäft daraus machte, die un⸗ angenehmſten Laute heraus zu horchen, wobei er denn die überraſchende Bemerkung machte, daß man⸗ cher Ton ihren Mund ſehr unlieblich verzog. Am folgenden Morgen ging er mit ihr in die Kirche. Die ſchöne Fremde in dem Betſtübchen der Pfarrerfamilie, dem ſeinigen gegenüber, ſiel der Freifrau beim erſten Blick auf, und ſie erkannte nicht ſogleich die kleine Auguſte wieder, der ſie früher zu⸗ weilen ein freundliches Wort gegönnt hatte. Nach dem Gottesdienſte machte die Pfarrerinn mit ihrer Nichte einen Beſuch im Schloſſe, den die Edelfrau mit einer ſo ſtädtiſchen Förmlichkeit empfing, daß die ſchlichte Hausfrau ſich verlegen fhlte; Auguſte aber wußte ſich mit ſo würdigem Anſtande und ſo viel Unbefangenheit zu benehmen, daß Frau von Wieden, auf deren Stirne ſich immer mehr Wölk⸗ chen ſammelten, einem ruhigen Beobachter ſehr zu ihrem Nachtheile erſchienen ſein würde.— Das Mädchen ſcheint eingebildet geworden zu ſein, ſprach ſie zu ihrem Manne, als der Beſuch fort war. Er ſchwieg; aber was er auch nur in den letz⸗ ten Augenblicken, als er zufällig in das Zimmer ſeiner Frau kam, in ihrem Benehmen bemerkt hatte, war ihm nicht wenig aufgefallen, und mußte auch ihn zu Vergleichungen reizen, die ihr nicht günſtig waren. Als ſie am Nachmittkage die Zurüſtungen zum end ihrer , die un⸗ wobei er daß man⸗ ör in die bchen det fiel der inte nicht rüher zu⸗ e. Nach nit ihrer Sdelfrau ng, daß Auguſte und ſo rau von r Wöll⸗ ſehr zu — Das 1, ſprach Far. den let⸗ gimmet kt halle⸗ ſte auch günſtig en zum 169 Kinderfeſte bemerkte, und mehre Knaben und Mäd⸗ chen in den Garten kommen ſah, fragte ſie verwun⸗ dert, was vorgehen ſollte. Ich habe den Kindern des Pfarrers und unſe⸗ res Jägers ein kleines Feſt verſprochen, erwiederte der Freiherr. Unſers Jägers? und vielleicht ſonſt noch eini⸗ gen Erwählten aus der lieben Dorfjugend? Wäre denn das ſo auffallend und auſſerordentlich? Und Dir der Anblick gücklicher Kinder ſo zuwider? Auffallend allerdings, aber wenn Du denn ja ein Feſt geben willſt, ſo muß ich Dich bitten, die Kinder in den Garten des Schenkwirths zu ſchicken. Vielleicht— gehe ich auch hin, wenn denn durch⸗ aus ein ländliches Schauſpiel aufgeführt werden ſoll. Sie bleiben in meinem Garten, erwiederte der Freiherr mit kaltem und ruhigen Tone, und ſeine Gemahlinn, die dieſen Ton kannte, biß ſich in die Lippen und ging ſchweigend hinaus. Der ſichtbare Unmuth und die froſtige Gleich⸗ giltigkeit, womit ſie an der Seite ihres Gemahles unter den kleinen Gäſten ſich zeigte, ſchien ſelbſt die aufgeregte Fröhlichkeit der Kinder, wie ein eiſiger Wind, nieder zu drücken, und der Freiherr, der ſeine Freude auch zerſtört ſah, machte dem Feſte ſchneller ein Ende, als es ſonſt ſeine Abſicht geweſen war. So vergingen acht Tage in dem lauen Ver⸗ hältniſſe. Der Freiherr deutete einmahl den Wunſch an, die Familie des Pfarrers einzuladen, aber ſeine 1786 Frau nahm den hingeworfenen Gedanken ſo kalt auf, daß er nach kurzem Schweigen ſelber zuerſt ihn auf⸗ gab, als er ſich erinnerte, was bei dem letzten Be⸗ ſuche vorgefallen war. Der Freiherr ſuchte am folgenden Morgen wie⸗ der auf ſeiner Wildbahn zu vergeſſen, daß ſein Haus keine Freuden für ihn hatte. Von ſeinem Hühner⸗ hunde begleitet, ging er gedankenvoll auf dem an⸗ muthigen Wege, der ſich über eine hohe Waldblöße zog, und wollte oben auf dem nächſten Pfade durch das Dickig zu ſeines Jägers Wohnung gehen, als er einen Wagen hinter ſich rollen hörte. Er ſah ſich um und erblickte die Pfarrerinn mit ihrer Nichte, welche die beiden Kinder an der Hand führte. Die Pfarrerinn ſagte ihm, ſie hätte Auguſte, die in die Stadt zurückkehren müßte, bis auf die Höhe beglei⸗ ten wollen. Der Wagen kam nun herbei, und das Mädchen ſank bewegt in die Arme ihrer mütterlichen Wohlthäterinn, welche ſie innig umfaßte. Endlich riß ſie ſich los, ſchloß die weinenden Kinder an ihr Herz und, ihren Muth zuſammenfaſſend, wendete ſie ſich ſchnell zu dem Wagen. Leben Sie wohl! ſprach der Freiherr, in den Abſchiedruf der Kinder einſtimmend. Sie zog ſanft ihre Hand aus der ſeinigen, und unter dem Schirme des Strohhutes, der ihre braun umlockte heitere Stirne beſchattete, ſah er die Thrä⸗ ne, die der Schmerz der Trennung von ihren Lieben in ihr ſchönes Auge drängte. — — kalt auf, t ihn auf⸗ ſetzten Be⸗ rgen wit⸗ ſein Haus n Hühner⸗ f dem an⸗ Waldbloße fade durch ehen, als r ſah ſich r Nichte, rte. Die die in die he beglei⸗ und das jtterlichen Endlich er an ihr endete ſit in den / jaen, und 7 braun je Thrä⸗ en Lieben ——— 171 Die Pfarrerinn ging mit den Kindern langſam den Weg hinab; er aber blieb einige Augenblicke ſtehen, bis der Wagen hinter der Waldecke ver⸗ ſchwunden war, und ging dann ſchnell in's Dickig. Am folgenden Tage fuhr die Edelfrau in die Stadt. Als ſie ſchon in den Wagen geſtiegen war, ſagte ſie ihrem Manne, ſie werde wahrſcheinlich zwei Tage ausbleiben. Willſt Du mich abhohlen? ſetzte ſie gleichgiltig hinzu. Vielleicht, erwiederte er, ſeine Überraſchung und ſeinen Unmuth kaum verbergend; aber in die⸗ ſem Augenblicke beſchloß er, ihr am nächſten Tage nachzureiſen. Er beſuchte im Sommer faſt nie die Stadt, und hatte zeither auch im Winter nur einige Monate daſelbſt zugebracht, ſeiner Gemahlinn zu Ge⸗ fallen.— Am Abend des folgenden Tages kam er in die Stadt. Er fand ſeine Frau nicht in ſeiner Abſteigewohnung, und ſie war im Schauſpiele, wie der alte Diener ſagte, der die Aufſicht führte. Im nächſten Augenblicke war er, in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt, im vollen Hauſe. Er kannte die gewöhnliche Loge ſeiner Tante, und kaum hatte er einen Blick dahin geworfen, als er ſeine Frau, an der Seite ihrer Verwandten, im eifrigen Geſpräche mit einigen jungen Männern ſah, die hinter ihr ſtanden. Die Eiferſucht erwachte in ſeiner Bruſt, und wenn man meinen möchte, daß bei der Stimmung, worin die beiden Gatten lebten, die Beſorgniß vor einer Kränkung ſeiner Ehre mehr gewirkt haben 27² müßte, als der Schmerz betrogener Liebe, ſo ſchien doch gerade dieſe Entdeckung die faſt erloſchene Flamme neu anzufachen. Ohne das Ende des Schau⸗ ſpiels abzuwarten, eilte er in's Freie, um ſich zu ruhiger Erwägung der Schritte, die er thun mußte, zu ſammeln. Er wußte, daß es ſeiner Tante nur im Geräuſche der großen Welt wohl war, wo ſie, ſo wenig jung als reizend, noch immer die Anſprüche machte, die ſie in ihrer Jugend nicht zu allen Zei⸗ ten anſtändig verfolgt hatte. Noch unſchlüſſig, ob er in ihrem Beſuchzimmer ſeine Frau beobachten ſollte, kam er vor die Wohnung eines alten Freun⸗ des, den er ohnehin ſprechen mußte. Das Geſpräch ſiel bald auf die Anweſenheit ſeiner Frau, und der aufrichtige Freund verhehlte ihm nicht, daß man über ihren zu vertrauten Verkehr in dem Hauſe der Tante des Freiherrn Bemerkungen gemacht hatte, die ihr nicht günſtig waren. Ausdrückliche Beſchul⸗ digungen hatte zwar Niemand gegen ſie vorgebracht; aber es bedurfte nicht mehr, den Argwohn des Frei⸗ herrn heftig zu reizen. Er ging mit ſeinem Freunde in ein Kaffeehaus, um ſich zu zerſtreuen, und ſie trennten ſich erſt, ge⸗ gen Mitternacht. Als er vor ſeine Wohnung kam, fuhr eben ein Wagen vor. Er trat zurück; ein fremder Diener öffnete den Schlag, und der Frei⸗ herr ſah einen jungen Offizier und dann ſeine Frau ausſteigen. Er folgte ihnen nach einer kurzen Pauſe, hohlte in heftiger Aufwallung einen Degen aus ſei⸗ nem ſee in fochte buhle maͤch ſo ſchien rloſchene Schau⸗ ſich zu mußte, nte nur wo ſie, nſprüche len Zei⸗ ſig, ob obachten Freun⸗ geſpräch und der ß man nuſe der t hatte/ Beſchul⸗ ebracht; 6s Fräi⸗ feehau, rſt, ge⸗ g kam, c iin er Frei⸗ : Frau Pauſt aus ſti 173 nemn Zimmer, und als er die Thüre öffnete, ſa ſie in den Armen des jungen Mannes. 1 Ziehen Sie! rief er ihm drohend zu.— Sie fochten, und im nächſten Augenblicke lag der Neben buhler zu den Füßen der Erſchrockenen, die 1 mächtig neben ihm niederſank, 1 Der Freiherr erhielt zuerſt ſeine Faſſung wieder⸗ Er verriegelte die Thüre, und als er dem Verwun⸗ deten Beiſtand zu leiſten eilte, fand ſich, daß der junge Mann mehr durch die Heftigkeit des Stoßes niedergeſunken war, und nur, da Muth nicht zu ſei⸗ nen empſehlenden Eigenſchaften gehörte, in der Angſt die Beſinnung verloren hatte. Die Wunde war un⸗ bedeutend. Als er ſich wieder erhoben und ſich leicht verbunden hatte, ſah ihn der Freiherr mit einem Blicke ſtolzer Verachtung an und wies auf die Thüre. Der Beſchämte ging ſchweigend hinaus. 83 Die Ohnmächtige hatte ſich erhohlt und ſchwankte auf das Sofa. Ihr Mann ſtand vor ihr und hef⸗ tete einen ernſten Blick auf ſie.— Rudolf! ſprach ſie, ihr Geſicht verhüllend, mit bebender Stimme: verdamme mich nicht zu ſtrenge! Ich war am Rande des Abgrundes, aber noch nicht ſo ſchuldig, als 13 ſcheinen kann. wieder⸗ erwun⸗ aß der Stoße zu ſei⸗ Angſt dar un⸗ h leicht einem b Thuͤrt⸗ zwankte nd hef⸗ ſprach imme! Rande als ich 275 Marianne, ſprach er mit veſtem Tone: ich üͤberlaſſe Dich deinen eigenen Gedanken. Morgen werde ich Dir meinen Entſchluß mittheilen, und ich traue es Deinem Verſtande zu, daß Du über die Schritte, die ich thun muß, eben ſo denken wirſt, als ich. Am folgenden Tage war das nächtliche Aben⸗ teuer in des Freiherrn Hauſe allgemeines Stadtge⸗ ſpräch. Der Unfall des Verwundeten war ſeinen Bekannten nicht verborgen geblieben, und da er ih⸗ nen ſeine Bewerbung um die Gunſt der ſchönen Frau und ſeine Hoffnungen nicht verhehlt hatte, ſo ſetzte man, obgleich er ſelber nur Andeutungen geben wollte, eine Geſchichte zuſammen, die dem Rufe der Frau von Wieden nicht nachtheiliger ſein konnte. Der Freiherr war noch zu den mildeſten Schrit⸗ ten geneigt, wobei er ſeine Gemahlinn ſchonen konn⸗ te, ohne ſeiner Ehre etwas zu vergeben, als ſein Freund ihm die umlaufenden Gerüchte mittheilte. Er zerriß den faſt vollendeten Brief an ſeine Frau und ſchrieb ihr nun, da ſie, ſelbſt wenn ſie auch nur im geringeren Grade einer Schuld ſich bewußt ſein ſollte, durch ſtrafbare Unbeſonnenheit ihren Ruf unwiederbringlich zerſtört hätte, ſo müßte er auf Scheidung klagen und ihr überlaſſen, ob ſie auf ei⸗ nem ſeiner entfernten Gürer, deſſen Einkünfte er ihr überlaſſen wollte, ſo lange ſie ſich nicht wieder ver⸗ heirathete, künftig zu leben, oder irgend einen an⸗ dern Aufenthalt zu wählen wunſchte. 276 8 Als er den Brief geſiegelt hatte, ſchwang er ſich auf das geſattelte Pferd und eilte auf ſein Land⸗ gut zurück. Er betrat das Haus, wo er fünf Jahre früher, faſt um dieſelke Zeit, ſeine junge Frau in dem erſten Entzücken des Brautſtandes, mit den froheſten Hoffnungen auf Lebensglück, eingeführt hatte; da ſiel ſein Blick auf einige verdorrte Blu⸗ menkränze, die noch, von der Zeit des feſtlichen Einzuges her, in der Vorhalle des Hauſes hingen, und als er ſich erinnerte, wie man eine böſe Vor⸗ bedeutung darin gefunden, daß die Kränze faſt welk geweſen waren, als die Bauern ſie der Braut über⸗ gaben, ergriff ihn noch einmahl der Schmerz über die getäuſchten Hoffnungen. Sie hat Dich betrogen, wie ſie ihren Vater betrog, ſprach er bitter. Und dennoch— ſetzte er hinzu— darf ich ſie zu ſtrenge verdammen? Der unglückliche Fluch der böſen That verfolgt ſie, der wie ein Geier frißt an ihrem Le⸗ bensglück und jeden Keim des Guten aufzehrt!.. Darf ich ſie verdammen?— O wer hat ihres Va⸗ ters Zorn auf ſie gezogen? In dieſem Augenblicke trat der Pfarrer herein. Er hatte ein dunkles Gerücht von dem Unfall in des Freiherrn Hauſe vernommen und war mit unru⸗ higer Beſorgniß zu ihm geeilt.— Der Freiherr reichte ihm ſeine zitternde Hand.„Mein edler Freund, ſprach er: nur einmahl bin ich nicht auf⸗ richtig gegen Sie geweſen. Was ich Ihnen von ei⸗ ner ſchuldigen Tochter, von einem unglücklichen Paare — vang er n Land⸗ geführt te Blu⸗ feſtlichen hingen, ſe Vor⸗ aſt welt tt über⸗ rz über etrogen, r. Und herein. nfall in ſt unru⸗ Freiherr m edler cht auf⸗ von ei⸗ Paats 177 erzählte, war— meine Geſchichte. Die ewige Vergeltung wendet den Fluch auch bensglück und meine Ruhe.“ Mit dieſen Worten ſank er in die Arme des erſchütternden Freundes.»Um Gotteswillen, was iſt vorgefallen?“ ſprach der Pfarrer. Erlaſſen Sie mir jetzt die peinliche Erzählung. Denken Sie ſich das Schlimmſte. Scheidung klagen. 2 und Ihr häusliches Glück unwiederbringlich geſtört?— Unwiederbringlich! Und die Unglückliche nicht zu retten? Möge Gott ſie aufrecht erhalten, wenn ſie tloch nicht ganz geſunken iſt. Noch eine Frage, hob der Pfarrer wieder an: die ſie einem Freunde erlauben würden, und die ich thun muß, wenn Sie mein Urtheil Würdigung ihrer Handlungweiſe fodern.— Sind Sie ſich bei dieſem unglücklichen Ereigniſſe keiner Schuld bewußt? Bei dem Fehltritte, wozu ſie ſich jetzt hat ver⸗ keiten laſſen— keiner! Aber ſonſt— die Geſchichte, die ich Ihnen erzählt habe, iſt buchſtäblich wahr. Nein, mein Freund, ich bin nicht ſchuldlos. Eine lange Pauſe folgte. Der Freihetr ging mit ſchnellen Schritten auf und nieder. Der Pfar⸗ rer war in Nachdenken verſunken. der Stadt unterbrach die Stille, gegen mein Le⸗ Ich muß auf über die ſittliche Ein Bote aus Der Freiherr er⸗ 4 2 278 hielt einen Brief von ſeiner Gemahlinn, worin ſie das Geſtändniß ausſprach, daß ſie durch ihren ſträf⸗ lichen Leichtſinn ihren Mann in die Nothwendigkeit geſetzt hätte, den Schritt zu thun, der ihr angekün⸗ digt war. Sie dankte ihm für ſeine Liebe, ſah die Hand der rächenden Vergeltung in ihrem Schickſale, und wünſchte künftig in einer entfernten Gegend ihr Leben zuzubringen. Der Freiherr überreichfe dem Pfarrer den Brief. Ich hoffe, ſie iſt nicht ganz tief geſunken, ſprach der Geiſtliche, als er den Brief geleſen hatte. Ich brauche dieſe Hoffnung zu meiner Ruhe, antwortete der Freiherr und erzählte ihm nun um⸗ ſtändlich den ganzen Vorfall.„Lieber Freund, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu: wir müſſen uns auf ei⸗ nige Zeit trennen. Ich reiſe nach Frankreich und Italien.« Ungern ſehe ich Sie in dieſer Stimmung in die Welt hinausſtürmen. Suchen Sie erſt in länd⸗ licher Einſamkeit, in der Beſchäftigung mit ihren Lieblingswiſſenſchaften ihr Gemüth zu beruhigen. Der Freiherr beharrte bei ſeinem Entſchluſſe. Er ſuchte auf die ſchonendſte Weiſe um die Schei⸗ dung an, und verſicherte ſeiner Gemahlinn ein frei⸗ gebiges Jahrgeld, das ſie aus jedem Orte, wo ſie zu leben wünſchte, von ſeinem Geſchäftführer bezie⸗ hen ſollte. Am Abend vor ſeiner Abreiſe beſuchte er den Pfarrer, der eben, als der Freiherr herein trat, ſeiner Frau einen Brief von Auguſta vorlas. ———— rin ſie ſträf digkeit ggekün⸗ ah die ickſale, ud ihr Brief. ich der Ruhe, num⸗ ſetzte nuf ei— ) und ng in länd⸗ ihren 179 Die Pfarrerinn erzählte dem Freiherrn, wie es ihr Wunſch geweſen wäre, ihre Nichte bei ſich zu behal⸗ ten, die ſie nun vielleicht lange nicht wiederſehen werde. Laß uns doch meiner Schweſter in ihrer Abge⸗ ſchiedenheit die Freude gönnen, die ihr das Mädchen macht! ſprach der Pfarrer. Es iſt beinahe ein Zwiſt darüber entſtanden, wendete er ſich zu dem Frei⸗ herrn, den er von den trüben Gedanken abzuleiten wünſchte, die er ihm von der Stirne zu leſen glaubte. Urtheilen Sie ſelber! ſetzte er hinzu, und reichte ihm den Brief. Auguſte ſchrieb:„»Als ich mich von Ihnen, lie⸗ „ber Oheim, und der theuren Pflegerinn meiner ver⸗ „waiſeten Kindheit losreißen mußte, empfand ich „mehr, als beim erſten Abſchied, die ſchmerzliche „Trennung. So viele Erinnerungen aus den Ju⸗ „gendtagen, die mir durch ihre Sorgfalt glücklich „geworden waren, hatten mein Herz angeſprochen, „und ich fühlte mich nach zweijähriger Trennung „wieder ſo froh in dem geliebten Kreiſe, daß tau⸗ „ſend neue Bande mich an die ſtille Wohnung, die „Liebe und Dankbarkelt mir zum Vaterhauſe ma⸗ „chen, und an die freundliche Heimath meiner Kind⸗ „heit knüpften. Aber ich mußte ſie wieder verlaſſen, „um mein Wort zu löſen. Als meine gute Tante „Ihren Brief geleſen hatte, verſprach ſie mir ſo⸗ „gleich, daß ich im künftigen Frübling das liebe „Haus wieder beſuchen ſoll, und ſie hofft, dann 180 „ſelber mitkommen zu können. Wenn der Winter „ihr nicht ſo einſam wäre, ſagte ſie, würde ſie gern „den Wunſch meiner lieben Mutter erfüllt und mich „bei ihr gelaſſen haben, aber nun müßte ſie bitten, »es bei der alten Abrede zu laſſen, daß ich wenig⸗ „ſtens drei Jahre bei ihr bleiben ſollte; denn ſie „meinte, ich wäre noch in vielen nützlichen Kennt⸗ »niſſen zurück, die ich mir erwerben müßke, und »darin hat ſie gewiß auch Recht. Glauben Sie nicht, „lieber Oheim, daß ich den Aufenthalt in der Stadt „vorzöge. O wie gern gäbe ich die Zerſtreuungen, „die meine gute Tante mir zuweilen hier verſchafft— „es iſt Ihnen bekannt, wie wenig ſie für ſich ſelbſt »ſich etwas daraus macht— für einen ſchönen »Sommerabend bei Ihnen in unſerm Garten, für »eine Morgenwanderung mit den Kindern auf unſre „Berge!“ Der übrige Theil des Briefes ſprach von eini⸗ gen häuslichen Aufträgen der Tante, und Auguſte behandelte alles mit einer Sorgfalt, die ihre warme Theilnahme an ihrer Freundinn verrieth. Der Frei⸗ herr gab das Blatt, das er mit ſichtbarem Antheile geleſen hatte, dem Pfarrer mit den Worten zurück: „Ich glaube, ſie hat Recht, wenn ſie den Wunſch der Tante erfüllt. Laſſen Sie das liebe Mädchen der Stimme ihres reinen, kindlich frommen Gemü⸗ thes folgen; die wird ſie immer ſicher leiten.“ Am folgenden Morgen reiſete der Freiherr ab Die Heerſtraße führte eine Stunde weit von der wenig⸗ un ſie Kennt⸗ , und nicht, Stadt zungen⸗ afft— ſelbſt chönen , für funſte meini⸗ uguſte warme Frei⸗ ntheile urück: gunſch adchen Gemü⸗ er ab. n der 181 wtade wo Auguſte wohnte. Er ließ den Wagen bere di Wege ſich ſchieden, und ſchien einige a it ſich ſelber zu kämpfen.„Fort! fort! rief er endlich dem Kutſcher zu, und bei der nä. ſten Wendung des hinablaufenden Waldweges nas ſchwandon die glänzenden Thürme der Qtadt. din mich iſt jede Hoffnung verloren! ſprach er u d d ſich in die Ecke des Wagens. 17 A . d⸗ D. Schweiz, Italien und das ſüdliche Frankreich waren durchflogen. Der Reiſende hatte zwar nicht die verlorene Heiterkeit wieder gewonnen; aber eine ruhigere Faſſung verdankte er dem fröhlichen Wechſel der Gegenſtände und beſonders der Beſchäftigung mit Naturforſchung, die er, nach dem Rathe des Pfar⸗ rers, zum Zwecke ſeiner Reiſe gemacht hatte, um ſeinem Geiſte eine beſtimmte Richtung zu geben. Er ſtand bei Marſeille an der Küſte, und blickte über das Meer, das ihn nach Valencia tragen ſollte, wo er den bevorſtehenden Winter zuzubringen beſchloſſen hatte, als die Nachricht vom nahen Ausbruche des Krieges in Teutſchland ihn traf. Er eilte auf dem nächſten Wege, mitten durch die Heerhaufen, die gegen den Rhein zogen, nach Strasburg. Ehe er noch den teutſchen Boden betreten hatte, kam die Kunde von der Eröffnung des Feldzuges und der Schlacht bei Jena. Beſorgt für ſeine Güter, die 183 an der Saale lagen, beſchleunigte er ſeine Reiſe, zum Unglücke aber zerbrach ſein Wagen, als er an der Gränze von Schwaben nach Anbruch der Nacht mitten auf der Landſtraße war. Das nächſte Dorf lag wenigſtens eine halbe Stunde weit, aber ſeit⸗ wärts vom Wege ſtand ein freundliches Landhaus, wo man Licht ſah, und auf einige Stunden Schutz gegen den Regen und Beiſtand zu finden hoffte. Der Reiſende ging dahin und ließ den nothdürftig zuſammengebundenen Wagen nachſchleppen. Als er in das Haus trat, ſchien alles in ſo unruhiger Geſchaͤftigkeit zu ſein, daß man ihn kaum bemerkte. Ein Diener, an welchen er ſich mit dem Geſuche wandte, ihm auf einige Augenblicke Zuflucht zu geben und einen Boten nach dem Dorfe zu ver⸗ ſchaffen, antwortete ihm, ſeine Herrſchaft ſei krank, und er könne keinen Fremden melden. Doch— in der unangenehmen Lage, worin Sie ſich befinden, würde meine Herrſchaft gewiß gern allen Beiſtand ſelber anordnen, ſetzte er hinzu, und verſprach, für das Nöthige zu ſorgen. Es dauerte nicht lange, ſo war ein Bote bereit, und der Reiſende ward in dem kleinen, reinlichen Zimmer, das man ihm angewie⸗ ſen hatte, mit einigen Erfriſchungen brwirthet. Nach ciner Stunde kam aus dem Dorfe, wo der Wagen ausgebeſſert werden konnte, ein anderes bequemes Fuhrwerk, den Fremden abzuhohlen. Der Fremde bat den Diener, ſeinen Dank der gaſtfreien Herr⸗ ſchaft zu überbringen und fragte nach ihrem Nahmen⸗ 184 Fran von Wieden! war die Antwort. Der Freiherr fuhr betäubt zurück.— Frau von Wieden? Aus Thüringen? Ja, aus Thüringen iſt ſie gekommen. Der Freiherr war von ſtreitenden Empfindun⸗ gen heftig bewegt. Sie iſt krank? fuhr er nach einer Pauſe fort. Seit einigen Tagen gefährlich, erwiederte der Diener. Geht, ſprach der Freiherr haſtig: meldet mich ihr.— Nein, ſagt nur, ein Freund aus Thüringen wünſche ſie zu ſehen. Der Diener brachte nach einigen Augenblicken die Antwort, ſeine Herrſchaft ſei zu ſchwach, einen Beſuch anzunehmen, zumahl einen Unbekannten, der ſich nicht nenne, und ſie laſſe ihm glückliche Reiſe wünſchen. So meldet mich, ſprach der Reiſende lebhaft: Freiherr von Wieden. Der Diener ging befremdet hinaus, und nach einigen Minuten erſchien eine Kammerfrau, die den Fremden bat, ihr zu folgen. Sie führte ihn ſchwei⸗ gend durch einige Zimmer in ein kleines Gemach, das von einer Nachtlampe erleuchtet war, und ging wieder hinaus, Auf einem Ruhebette lag eine weib⸗ liche Geſtalt, in deren todtenbleichen Zügen der Frei⸗ herr kaum die einſt geliebte Frau erkannte. Ihr er⸗ ſtorbenes Auge war auf ihn gerichtet. Tief erſchüt⸗ kert, vermochte er keinen Laut hervorzubringen. u von ndun⸗ nach te der mich eingen licken einen„ , der Reiſe haft. nach e den hwei⸗ mach⸗ ging weib⸗ Frei⸗ rer⸗ 18⁵ Ich darf hoffen, ſprach ſie mit matter Stimmes daß Gott mir verziehen hat, weil er mein eifrigſtes Gebet erhört, und wie durch ein Wunder Sie in dieſem Augenblicke zu mir bringt.— Rudolf! ſprach ſie lauter, mit heftiger Anſtrengung: nehme ich auch deine Verzeihung mit in's Grab? Sie hatte ihre zitternde Hand erhoben, als hätte ſie dieſelbe gegen ihn ausſtrecken wollen. Er faßte ſie bewegt. Ich darf ſie Dir reichen, fuhr ſie leiſer fort: auch in dem Augenblicke, wo ich zu meinem Nichter gehen ſoll, kann ich Dir betheuern, ich bin nicht ſo ſtrafbar geweſen, als ich ſchien, aber ſo leichtſinnig, daß unſere Verbindung getrennt werden mußte.— Ach! wie hätte glücklich ſein können, was mit dem Fluche eines ſterbenden Vaters begann? Der Gedanke ergriff ſie ſo heftig, daß ſie einen Augenblick unbeweglich lag. Unglückliche! ſprach der Freiherr, ihre eiskalte Hand drückend: ich habe Dir verziehen. Das Wort ſchien die erlöſchende Lebensflamme noch einmahl aufzuregen.— Ich danke Dir, ſprach ſie: Du biſt gut und großmüthig gegen mich ge⸗ weſen. Die Anſtrengung hatte ſie ſo ſehr erſchöpft, daß der Freiherr die Kammerfrau herein rufen mußte. Die beſorgte Pflegerinn fragte ſie, was ſie wünſche. Nichts— antwortete ſie: nichts— mir iſt leicht und frei. 8 186 Sie heftete ihr mattes Auge auf den Mann, der an ihrem Lager ſaß und ſchien wie im Traume zu liegen. Endlich fuhr ſie auf, wollte die Hände falten und erheben, und als die matten Arme auf die Bruſt zurück ſanken, ſprach ſie leiſe: Er hat mir verziehen.. Noch eine halbe Stunde lag ſie ſtill athmend, bis endlich kein Hauch mehr über ihre Lippen kam und ihr Auge erſtarrte. Der Freiherr blieb drei Tage in dem Land⸗ hauſe, und erſt als die Unglückliche begraben war, ſetzte er die Reiſe in ſeine Heimath fort, wo er in trüber Stimmung ankam. Seine Güter hatten be⸗ trächtlich gelitten, aber unter den Unglücksbotſchaf⸗ ten, womit man ihn empfing, war eine der ſchmerz⸗ lichſten, daß das Haus ſeines Freundes gleichfalls harte Prüfungen erlitten hatte. Die Frau des Pfar⸗ rers war an den Folgen des Schreckens, den die Nähe des Schlachtfeldes ihr gebracht hatte, vor we⸗ nigen Tagen geſtorben, und er ſelber lag nicht ohne Gefahr krank. Seine Schweſter war eben mit ihrer Nichte angekommen, ihn zu pflegen. Am nächſten Morgen beſuchte der Freiherr ſei⸗ nen Freund. Wie ganz anders an dem Krankenbette des edlen Mannes, als an dem Lager der einſamen Unglücklichen, das er vor einigen Tagen verlaſſen hatte! Still duldend lag er da, und das ruhige Gewiſſen gab ſeinen Zügen, ſelbſt unter ſchmerzlichen Leiden, eine milde Heiterkeit. An ſeinem Lager ſaß 187 Mann, ſeine Schweſter, die ſein jüngſtes Kind auf dem Traume Schooße hatte, während das älteſte dem Vater das Hande Kiſſen unter dem Haupte zurecht legte. Auguſte, in me auf einer Trauerhanbe, die ihre braune Lockenfülle ver⸗ Er hat barg, ſtand auf der andern Seite, um mit einem kühlenden Tranke ſeine brennenden Lippen zu er⸗ 1 hmend, quicken. en kam O mein edler Freund, ſprach der Kranke, dem Freiherrn die Hand entgegen ſtreckend: Sie finden Land⸗ mein Haus nicht wieder, wie beim letzten Abſchiede. n war, Mein ſtilles Glück iſt dahin, aber ich beuge mich er in„vor dem Willen deſſen, der es gegeben und genom⸗ n be⸗ men hat. Der Pfarrer wurde bald nach der Ankunft des öiſchaf⸗ 4* Freiherrn ſchlimmer. Die Gefahr ſtieg von Stunde chſalls zu Stunde. Der Freiherr beſuchte den Kranken täg⸗ pfar⸗ lich mehrmahl und leiſtete auf alle Art den thätig⸗ en die ſten Beiſtand. Nach dem neunten Tage brach ſich we⸗ das heftige Fieber und der Arzt verbürgte die Ret⸗ t ohne tung. Der Kranke aber genas nur langſam und ihre mußte noch mehre Tage das Bett hüten. Auguſte war ſeine unermüdete Pflegerinn und tr ſi⸗ der Freiherr oft Zeuge ihrer kindlichen Aufopferung. anbette Eines Tages, als er mit ihr vor dem Bette ſaß, unnn fiel der Kranke in einen ruhigen Schlummer. Au⸗ haſen guſte, durch zwei Nachtwachen erſchöpft, ſchlief all⸗ Giig mählig in der Stille des Krankenzimmers ein und 3 feen ſank endlich von ihrem Stuhle an des Freiherrn icher Schulter, der ſie ſanft auffaßte. Er wagte es kanm t ſaß 188 zu athmen, aber ſein Herz ſchlug laut. Mit tiefer Bewegung ſah er auf das ſchöne Geſicht der Schlä⸗ ferinn, deren leiſer Odem ihn anwehte.— Frommes Kind! dachte er, Du wirſt Segen in das Haus bringen, worin Dich einſt der Glücklichſte führt! Nach einigen Augenblicken hörte er Fußtritte im nahen Zimmer, und legte das Mädchen leiſe an die Nücklehne des Stuhles. Des Pfarrers Schwe⸗ ſter trat herein und Auguſte erwachte. Ein häusli⸗ ches Geſchäft rief das Mädchen hinaus. Der Frei⸗ herr ging, als der Kranke, durch den Schlaf ge⸗ ſtärkt, erwacht war. Im Vorzimmer begegnete ihm Auguſte, mit einer Erfriſchung für den Kranken. Ich freue mich mit Ihnen, ſprach er: daß un⸗ ſer theurer Freund heute ſo wohl iſt. Bald werden Sie den glücklichſten Erfolg ihrer liebevollen Pflege ſehen. Aber Sie ſtrengen ſich zu ſehr an, ſetzte er hinzu: Sie müſſen ſich nun Ruhe gönnen, ſonſt werden Sie der Ermüdung erliegen. O nein, antwortete ſie: es iſt ja Pflicht, und eine ſo ſüße Pflicht. 1 Er ſah ſie mit überwallendem Gefühle an, drückte ihre Hand lebhaft an ſein Herz und ging ſchnell hinaus. Als der Pfarrer ſich der Geneſung näherte, fuhr der Freiherr fort, ihn durch die Erzählung ſeiner Reiſegeſchichte zu unterhalten, und verhehlte ihm nun nicht länger den Auftritt an dem Ster⸗ bebette ſeiner Gemahlinu, wovon er zeither, um ——— 189 it liefer das Gefühl des Kranken zu ſchonen, geſchwiegen Schlä⸗ hatte. Es freut mich, ſprach der Pfarrer: daß die hhen unglückliche nicht ohne den Troſt der Vergebung ge⸗ t; ſtorben iſt, und daß Sie ihrer nur mit Mitleid ge⸗ ußttitte denken können. Der Himmel wird Ihnen den ge⸗ 1 leiſe an ſtörten Frieden wieder geben. Schwt⸗ Am Weihnachtfeſte wollte der Pfarrer zum Er⸗ häusli⸗ ſtenmahle wieder die Kanzel beſteigen. Der Vor⸗ rei abend war ein doppelt ſchönes häusliches Feſt, da r örei⸗... die Kinder den Vater, der ſie mit ſeinen Gaben er⸗ bi freute, erſt vor wenigen Wochen zu verlieren ge⸗ fürchtet hatten, und nur die Erinnerung an die 3 un⸗ Mutter, die ſonſt immer dieſen Abend durch ihre vende Sorgfalt und ihr Entzücken über den Kinderjubel phege verſchönert hatte, miſchte Wehmuth in die Freude. „.„Als das jüngſte Kind ihren Nahmen nannte, blickte dt⸗ 4 der Vater mit naſſem Auge zum Himmel, und ſen ſprach:„Sie ſieht auf uns herab.“ Der Freiherr, den man zum Feſte geladen 7 und hatte, war tief gerührt. Als er endlich Abſchied nehmen wollte, drängte ſich das verſchwiegene Ge⸗ ſ 4 fühl aus der gepreßten Bruſt.„Gute Nacht! ſprach ging 3 er, des Pfarrers Hand veſt umſchließend. Ich muß in mein finſteres Haus gehen, wo keine Lichter bren⸗ iherte nen, keine Chriſtbäume grünen.— Sie könnten es 1 ihlung zu einem glücklichen Hauſe machen, ſetzte er nach hehlie einer Pauſe hinzu. Geben Sie mir die Hand ihrer Stet⸗ Nichte!« um 1 190 Derr Pfarrer war überraſcht bei dieſen Worten. Auguſte erblaßte. Der Freiherr ergriff ihre Hand. „Ja⸗ die Hand dieſes lieben, frommen Mädchens, fuhr er lebhafter fort: wenn ſie das Gefühl erwie⸗ dern kann, das mich ewig an ſie bindet.“ Eine ſtille Pauſe folgte. Auguſta's Hand zit⸗ terte, ward aber nicht zurückgezogen und in holder Verwirrung ſchlug die Jungfrau ihr Auge nieder. Mit Freude und Hoffnung ſegne ich den Bund, wenn eure Herzen ihn ſchließen, ſprach der Pfarrer und legte ſeine Hand auf die vereinten Hände. Auguſte ſank erröthend in die Arme des Glück⸗ lichen. Am freundlichen Pfingſtfeſte traute ſie der Pfarrer. Die Landleute weihten ihnen neue Kränze von friſchem Laub und Frühlingsblumen, womit— jetzt eine fröhlichere Vorbedeutung— die Vorhalle des Schloſſes friſch geſchmückt wurde, und als das zweite Weihnachtfeſt wiederkehrte, hielt Auguſte einen lächelnden Knaben auf dem Schooße, der die Händ⸗ chen nach dem ſchimmernden Chriſtbaum ausſtreckte, den des Pfarrers Kinder brachten. Worten, e Hand. dädchens, ll erwie⸗ und zit⸗ n holder jeder. n Bund, Jn h. a. 1 4. b Pfarrer de. Glück⸗ Das Flämmchen am Leiche, ſie de Agathonika. grünſe Das Bildniß. omit— urnu Fluch und Segen. als das je einen — Haͤnd⸗ ſtreckte/ ———— ——ᷣ—CQOQO/QCů⸗QQBCB:’’’ ——— — &Grey Control Chart Green vellow Hed Magenta Grey 3