Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur f . 1 von.. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe d hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nPchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.—ℳ——— EAe auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ..—— und Zurückſe endung 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i beſonders darauf aufm erkſam der Bücher nicht ſtattfinden d ſelben von mir geliehen, auch — Völache Do Sfene edene 5 3 4 ————,— —2 ‿ 2 — —2—½ * 8 5 *. — —. 2 8 —. — —,— — A2Ae 5 5- EEEe&EEKKEEESEE NAo Kaiſer Maximilian einmahl mit vielen Für⸗ ſten und Nittern in ſeiner lieben Stadt Augsburg war, ließ er eines Tages mehrere ehrbare Frauen und Einige aus dem Rathe zum Mittagsimbiß in ſeine Herberge laden. Nach der Mahlzeit wollte er zum Herzoge von Bayern reiten, aber einer der Fuürſten ſagte ihm, wie ſehr die Frauen wünſchten, daß er dieſen Tag bey ihnen verbleiben und mit ihnen tanzen wolle, und wie ſie in ihrem luſtigen Muthe Seiner Majeſtät Stiefel und Spornen ver⸗ borgen hätten*). Da lachte der Kaiſer über den Scherz, aber gütig bewilligte er die Bitte der Frauen und ging alsbald mit ihnen auf das Tanz⸗ haus, wo er noch mehr geſchmückte Frauen an⸗ traf, mit welchen er den Tag zubrachte. Als er nun, vom Tanze ausruhend, die dicht verſchleyer⸗ ten Frauen und die züchtig blickenden Jungfrauen in langen Reigen vorüber ziehen ſah, da ſprach er *) Dieß geſchah wirklich 1439, jedoch in Rürnberg. lächelnd zu den Rittern, die um ihn ſtanden: Traun! es ſind auch unter den vermählten Frauen ſo viele, holdſelig von Angeſicht und Geberde, die lieber ihre häßlichen Schleyer ablegen und das offene Geſicht unter einem luſtigen Federhütlein, wie die lieblichen Jungfrauen, mir und andern Freunden ſchöner Angeſichter zeigen mögen. Als nun die Frauen vernahmen, was der Kaiſer ge⸗ wünſcht, waren ſie gern bereit, ihm zu willfahren*), er aber wollte nicht ſcheiden, ohne ihnen ein An⸗ denken dieſes Tages zu hinterlaſſen. Auf ſeinen Wink trat ein Ritter mit einem Geſchmeidekäſtlein zu ihm, und ſeiner Einladung folgend, näherten ſich alle Frauen dem Kaiſer, und jede empfing aus ſeiner Hand einen goldenen Ring. Maximilian reich⸗ te jede Gabe mit einem freundlichen Blicke, doch manche Hand ſchien er mit beſonderem Wohlge⸗ fallen zu berühren, zumahl als faſt zuletzt eine liebliche Jungfrau an der Seite einer ältlichen Begleiterinn vor ihm trat. Es war eine hohe ſchlan⸗ ke Geſtalt. Ein enges Mieder von ſchwarzem Sam⸗ met umſchloß den zarten Leib über dem weitfaltigen Rocke, und den jugendlichen Buſen, auf welchem eine reiche goldene Kette glaͤnzte. Unter dem zierli⸗ chen Hute mit weißen Federn, der die heitere Stir⸗ ne deckte, floß die Fülle blonder Locken am Hals . K * 5. 8 5 **) Dieß geſchah 1518, nach der Zeit, worein dieſe Ge⸗ 5 ſchichte verlegt wird. 9 und Schultern herab, und ſpielte, wie die Wel⸗ len eines Baches mit den Blumen am Ufer ſpielen, um die blühenden Wangen, als ſie, das große blaue Auge ſenkend, vor dem Kaiſer ſittſam ſich neigte. Maximilian ließ ſein Auge mit freundlicher Überraſchung einen Augenblick auf ihr ruhen, ehe er ihre Hand ergriff, um den Ring an den zarten Finger zu ſtecken. Schöne Jungfrau, ſprach er darauf, glücklich wird der Mann zu preiſen ſeyn, von welchem Ihr einſt ein ſolches Zeichen der Liebe und Treue annehmet. 2 Noch mehr aber als der Kaiſer, war der jun⸗ ge Ritter, der ihm die Ringe gebracht hatte, von dem Anblicke der Jungfrau bewegt. Mit unver⸗ wandtem Auge ihr nachſehend, als ſie ſich ent⸗ fernte, vergaß er, den letzten RNing aus dem Kaͤſt⸗ chen zu nehmen, und ſchon hatte ſich eine junge Frau, die denſelben empfangen ſollte, vor dem Kai⸗ ſer geneigt, als dieſer endlich lächelnd anhob: Nun, Raimund, wo ſind Eure Augen? Beſtürzt, die erwachende Regung verrathen zu haben, wandte ſich der Ritter erröthend zu ſeinem Gebiether, ihm den Ring zu überreichen. Als nun die Vertheilung geendigt war, entfernte ſich der Kaiſer mit ſeinen altern Begleitern und üverließ den jüngern, ſich noch ferner mit den Frauen zu erluſtigen. Raimund miſchte ſich alsbald in die bunten Reihen, um die Jungfrau wieder zu fin⸗ den, die ihn ſo ſehr angezogen hatte. Endlich fand — 10 er ſie, umgeben von zwey Kindern, ihren Schwe⸗ ſtern, wie er meinte, welchen ſie des Kaiſers glän⸗ zendes Geſchenk zeigte. Unbemerkt konnte er ſie ei⸗ nige Augenblicke betrachten, aber als er ſah, daß die erſte Ahnung ihn nicht betrogen hatte, verrieth er ſeine Empfindung ſo laut, daß die Jungfrau zu aͤhm aufblickte. Fräulein! ſprach er vortretend, iſt es möglich? Ich ſehe Euch wieder! Margaretha!.. Die Jungfrau heftete ihren Blick auf den Jüngling, und je länger ſie ihn betrachtete, deſto mehr verrieth ihr glänzendes Auge, daß die lieb⸗ lichſten Erinnerungen in ihrer Seele erwachten, und als ſie nun keinen Zweifel mehr hatte, daß dieſe männlich ausgebildeten Züge dem geliebten Geſpielen ihrer Jugend gehörten, ſo wenig ſie auch die Umgebungen, worin ſie ihn fand, mit dieſer Entdeckung vereinigen konnte, da vermochte auch ihr Herz nicht länger ſich zu halten. Naimund, ſprach ſie, Ihr ſeyd es, lieber Raimund! eine war⸗ me Gluth überzog das holde Geſicht, als ſie ſich er⸗ innerte, daß ſeit den Tagen, wo ſie den Nahmen des Knaben mit dieſem ſüßen Tone ausgeſprochen hatte, faſt zehen Jahre verfloſſen waren. Wie ſeh' ich Euch wieder! ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu. Wohl hat ſich manches zugetragen, ſeit wir von einander geſchieden, Fräulein Margaretha, ant⸗ wortete der Ritter. Wißt Ihr noch, es war in dem Garten Eures Vaters vor dem Gögginger Thore. Ihr ſaßet mit Eurem Papagey, den Euch — 1*½ Euer Oheim aus Hiſpanien geſandt, vor dem Luſt⸗ hauſe am Teiche. Als ich nun über die Brücke flog, um zu Euch zu eilen, ſiehe da ſpritzte ein ſteiner⸗ nes Götterbild, das aus dem Gebüſche hervor ſchaute, mich über und über naß. Da habt Ihr mich ausgelacht, Margaretha! Es war die neue Waſſerkunſt, die mein Va⸗ ker durch den Baumeiſter aus Venedig hatte anlegen laſſen. Aber als ich Euch nun ſagte, daß mein Va⸗ ker zu dem Eurigen gegangen und daß ich gekom⸗ men, um Abſchied von Euch zu nehmen.— Wir hatten nicht gedacht, daß wir ſo bald ſchon uns krennen ſollten. Das war der Tag, wo ich Euch zum letzten Mahle ſah. Ich vergeſſe den ſchönen Mayabend nie, Margaretha, ich habe nicht ver⸗ geſſen, was ich Euch verſprochen, als wir une zum letzten Mahle die Hände reichten, in dem Augen⸗ blicke, wo Eure Mutter kam, Euch abzuhohlen. Die Gute iſt auch bald darauf von mir ge⸗ krennt worden, hob Margaretha wieder an, und ih⸗ re Schweſter hat ſeitdem meine verwaiſete Jugend gepflegt. Eure edle Mutter war mir immer gewogen, erwiederte Raimund. Wenn ſie noch lebte— Nein, Margaretha, ich habe nicht vergeſſen, was ich Euch in der Stunde der Trennung verſprach, Euch gut zu bleiben und an Euch zu gedenken. Als ich am folgenden Morgen mit meinem Vater auf dem We⸗ 12 ge nach Inſpruck hinzog, da ſah ich nicht vorwarts auf die fernen Alpen, die der erſte Sonnenſtrahl beleuchtete, und achtete wenig auf die Worte mei⸗ nes Vaters, der das ſchöne Italien rühmte, wo ich wohnen ſollte: nur rückwärts blickte ich auf die ver⸗ ſchwindenden Thürme der geliebten Vaterſtadt, und auf die freundlichen Auen am Lech, wo ich jüngſt noch ſo luſtig mich getummelt, und als ich aus weiter Ferne noch den wohl bekannten Ton der großen Domglocke hörte, die zum Feſte läutete, da gedachte ich des Tages, wo ich Euch in der Domkirche zum erſten Mahle geſehen. Erinnert Ihr Euch noch, Margaretha, es war am Charfreytage; Ihr bethetet mit Eurer Mutter vor dem Grabe des Heilandes. O ich ſehe Euch noch in dem ſchwar⸗ zen Gewande mit dem langen Schleyer, aus wel⸗ chem die blonden Ringellocken hervor blickten. Ihr waret kaum acht Jahre alt. Alle die glücklichen Stunden, die ich ſeit jenem Tage an Eurer Seite genoſſen, gingen vor meiner Seele vorüber, wie lächelnde Engel, und heiterten die Traurigkeit auf, worin ich verſunken war. So ſaß ich einſt, halb ſchlummernd in einem ſchönen Traume von Euch, an meines Vaters Seite im Wagen, als er mich weckte und mir das Meer zeigte, das in der Morgenſonne glühte, und die prächtige Stadt mit⸗ ten im Meere, von zahlloſen Maſten umringt. Ve⸗ nedig! ſprach er, ſelbſt entzückt von dem Anblicke, der ihm theure Erinnerungen aus der ſchönſten Ju⸗ 1 .—„ 2 ——— —4—— — 4 13 gendzeit zurück rufen mochte... O Margaretha, vieles hat ſich ſeitdem begeben, und wunderſam hat das Schickſal mich ſchon herum geführt, aber was ich verſprochen, habe ich gehalten, Euer Bild iſt nicht aus meinem Herzen gekommen. Raimund, es iſt mir, als wäre ich im Trau⸗ me, wenn ich Euch ſo vor mir ſehe, hob Marga⸗ retha wieder an. Ja, es hat mir oft geträumt, Ihr ſtändet vor mir im glänzenden Waffenſchmucke, oder ich ſehe Euch mit Rittern im Turniere käm⸗ pfen. Als Ihr ein Knabe waret, ſtand Euer Sinn nach ſolchen Dingen, und oft habt Ihr mir geſagt, Ihr möchtet lieber fröhliche Ritterſpiele freiben, als in Eures Vaters Handelsſtube mit Venedig und Antwerpen rechnen. Sagt mir, Naimund, was iſt mit Euch vorgegangen? Es iſt Euer Werk, Margaretha. Ich ſollte in Venedig den Handel lernen, das war meines Va⸗ kers Wille, als er mich in eines der erſten Häuſer brachte. Zwey Jahre ſtritt ich gegen meine Neigung, Ich fühlte, daß der Kaufmann ſich nie zu Marga⸗ retha von Heydeck erheben durfte, wie feſt auch unſere Väter durch Freundſchaft verbunden waren. Mein Vater ſtammte„ wie Ihr wißt, aus einem edien ulmiſchen Geſchlechte, das durch Unfälle herab gekommen war, und ſchon mein Großvater hatte ſich zu dem Handel gewendet. Durch ritterliche Tha⸗ ken den Nahmen meiner Ahnen, die in vielen Krie⸗ gen und Turnieren ſich Ruhm erworben, wieder zu 14 dem alten Glanze zu erheben, das war der Gedan⸗ ke, der Tag und Nacht meine Seele bewegte, und als nach meines Vaters Tode niemand mehr meine Neigung zwingen konnte, riß ich mich los und ging mit fröhlichem Muthe hinaus in die Welt. Die Bahn, welche die gefährlichſten Abenteuer zu verſprechen ſchien, lockte den fünfzehnjährigen Jüng⸗ ling am mächtigſten. Die Belagerung von Granada zog damahls viele Ritter aus allen Ländern der Chri⸗ ſtenheit nach Spanien, und ſchon hatte ich einen Platz auf einem Schiffe bedungen, mit welchem ich nach Sevilla reiſen wollte, um unter Iſabella's Fahnen gegen die Mauren zu ſtreiten. Da begab ſich's, daß ich eines Tages im Hafen einem kai⸗ ſerlichen Feldhauptmanne begegnete, der ſich freund⸗ lich zu mir geſellte, als er hörte, daß ich ſein Lands⸗ mann war. Er gewann alsbald mein Vertrauen, und es ward ihm nicht ſchwer, mich abzubringen von meinem Vorſatze, nach Spanien zu gehen. Er ſprach mit mir von dem Kriege, den eben damahls König Maximilian gegen ſeine aufrühriſchen Städte in Flandern und gegen die hinterliſtigen Franzoſen führte. Alles was er mir erzählte, war für mich ſo lockend, daß ich mich freudig entſchloß, ihn nach den Niederlanden zu begleiten. Er empfahl mich den angeſehenſten Rittern und gleich nach meiner An⸗ kunft ward ich unter des Königs Gefolge aufgenom⸗ men. Ihr habt wohl gehört, was ſich damahls mit dem edlen Fürſten begeben, wie die Bürger von 15 Brügge ihn eingeladen und verrätheriſch gefangen gehalten*) und wie er dabey in große Gefahr ge⸗ rathen. Da zeigte ſichuns gar herrlich ſein tapferes ritterliches Gemüth, und wie er gegen Alle, die ihn umgaben, ſehr gütig war, ſo ſprach er auch⸗ mit mir oft freundlich, als er ſah, wie ich mit den Andern treulich alle Beſchwerden und Gefahren der Gefangenſchaft ertrug. Raimund, ſprach er eines Tages zu mir, als ich mit großer Betrübniß den edlen Herrn in dem engen Hauſe, worin wir einge⸗ ſperrt waren, auf der harten Bank liegen ſah: es thut mir wahrlich leid, daß Du gleich anfangs in meinem Dienſte ſolche Noth tragen mußt. Doch ſey getroſt, Du biſt noch jung, haſt noch lanze Zeit, Dich in der Welt herumzutummeln und der Jugend Luſt und Freuden zu genießen. Tragt Sor⸗ ge für ihn, ſprach er darauf zu dem alten Ritter, der mir vorgeſetzt war, und haltet ihn nicht zu ſtrenge; es ſieht dem jungen Menſchen ein fröhli⸗ cher Muth aus den Augen. Ein junger Kerl, ſetzte er lachend hinzu, muß ſieben Jahre lang ein Narr ſeyn, und wenn er in dieſer Zeit etwas Witziges begehet, ſoll er auf' neue anfangen und noch ſieben Jahre ein Narr ſeyn**). Darauf ant⸗ wortete ich ihm: Gnädigſter Herr, nicht um mei⸗ netwillen bin ich bekümmert, aber daß ich Euch in *) 4486. *) So pflegte Marimilian zu ſagen. 16 ſolcher Lage ſehe und kein Schwert habe... Der König ſchlug mich freundlich auf die Schulter, und ich mußte ihm erzählen, was mir bis dahin begeg⸗ net war. Sey gutes Muthes, ſprach er darauf, wird ſchon beſſer werden. Wenn wir wieder frey ſind, will ich an Dich gedenken. Der Franzoſe wird uns dann ſchon Arbeit geben, und da kannſt Du Dir Deine Spornen verdienen. Reichthum könnte ich Dir wohl geben, aber was mehr iſt, Rikterſchaft und Adel, die wirſt Du durch Tugend erwerben. 2 Das Wort des edlen Fürſten war für mich ein neter Antrieb, nach Ruhm und Ehre zu trachten. Nicht lange nach ſeiner Befreyung zog er ins Feld gegen die Aufrührer in Holland. Da brauchte ich zum erſten Mahle mein Schwert unter ſeinen Au⸗ gen und Maximilian war mit mir zufrieden. Im folgenden Jahre zog der König gegen die Ungarn, die Öſterreich beſetzt hatten. Wir ſollten die Burg zu Wien mit Sturme nehmen. Maximilian focht tapfer an unſerer Spitze. Ich wurde im heftigſten Kampfe von ihm getrennt, als ich mit dem Kriegs⸗ volke, das ich anführte, vordrang, um eine Fahne auf die Mauer zu pflanzen. Da ſahen wir des Köngs Helmbuſch mitten im Gedränge eines feind⸗ lichen Haufens, der ausgefallen war. Ich machte mir mit meinem Schwerte den Weg frey. Der König war ſchon verwundet, als ich, mit Staub und Blute bedeckt, zu ihm durchdrang, aber ich konnte aus 8 17 größerer Gefahr ihn retten und brachte ihn glücklich in ſein Gezelt. Er legte mir mit eigener Hand eine goldene Kette um, die er auf ſeinem Panzer getra⸗ gen, und als er gleich nach dem Abzuge der Un⸗ garn ſein Kriegsvolk verſammelte, um in die be⸗ freyte Burg zu ziehen, mußte ich vor ihm nieder⸗ knien auf der ſelben Stelle, wo er verwundet wor⸗ den, und erhielt die Erfüllung des ſchönſten Wun⸗ ſches, die Ehre der Ritterſchaft von dem ritterlichen König. Seht, theure Margaretha, ſo bin ich auf die Bahn gekommen, auf welcher ich fortwandeln will, um Eurer würdig zu werden; ſo habe ich mein Wort gehalten, nach unſerer Trennung an Euch zu gedenken, und der Gedanke an Euch hat unter Gefahren und Tod mir Muth und Kraft ge⸗ geben. Euch verdanke ich's, wenn mein Leben nicht ruhmlos vergeht, aber alles, was ich ſchon gewon⸗ nen habe und was ich noch erwerben mag, ſoll nur der Preis ſeyn, um welchen ich meinem Leben ein ſchöneres Glück erkaufen wollte. Margaretha, darf der Jüngling hoffen, bey Euch wieder zu finden, was dem Knaben die Jugendzeit verſchönerte? Naimund, antwortete die Jungfrau, theuer iſt mir der Ruhm, den ihr erworben, weil er Euch ehret, aber gewiß, auch wenn Ihr nicht im Ritter⸗ ſchmucke vor mir ſtändet, würde die Erinnerung an jene glückliche Zeit meinem Herzen doch das Liebſte ſeyn. Auch ich habe gehalten, was wir uns in der Stunde der Trennung verſprachen, Rai⸗ 18 mund, ich habe Euer Andenken treu bewahrt in der Seele behalten. Margaretha neigte nach dieſen Worten ihr Ge⸗ ſicht zu dem kleinen Mädchen herab, das vor ihr ſtand, und band die, vor ihr ſelbſt in ihrer liebli⸗ chen Verwirrung aufgelöſete, Schleife wieder feſt, um ihr Erröthen zu verbergen. Ihre Muhme, die Mutter des Kindes, trat in dieſem Augenblicke hin⸗ zu. Als ſie den Nahmen des jungen Ritters gehört hatte, deſſen Vater ein Freund ihres verſtorbenen Mannes geweſen war, wurde mancherley von alten Zeiten geſprochen, wie gut und ſanften Sinnes Margaretha's Mutter geweſen, und die redſelige Frau ließ nicht undeutlich merken, ihre Schweſter habe gewünſcht, eine Verbindung zwiſchen Raimund und ihrer Tochter zu ſtiften, und gehofft, auch den Vater zu gewinnen, welcher zu ſtrenge auf den al⸗ ten Adel ſeines Geſchlechtes halte. Am folgenden Tage machte Raimund einen Beſuch bey Margaretha's Vater, der den Sohn eines Mannes, welchem er manche Verbindlichkei⸗ ten gehabt hatte, deſto freundlicher aufnahm, da der Glanz des wohl erworbenen Ruhmes und der Fürſtengunſt, worin er den Jüngling ſah, dem Standesvorurtheile ſchmeichelte. Er ſchien die Be⸗ werbungen des Ritters aufzumuntern, und bald wußte man im Kreiſe ſeiner Bekannten, daß die Verbindung nur darum aufgeſchoben werden ſoll⸗ te, weil Raimund den Kaͤſer, der ſeine Kriegs⸗ — 19 rüſtung eben vollendete, erſt nach Italien beglei⸗ ten mußte.. Das Verſtändniß zwiſchen Raimund und Mar⸗ garetha ward immer inniger und die Gluth der Lie⸗ be brannte immer tiefer in des Ritters Herz. Bey den glänzenden Turnieren und Feſten, welche die Stadt dem Kaiſer und ſeinem Prinzen Philipp zu Ehren gab, hatte Naimund vielfältige Gelegenheit, ſeiner Geliebten öffentliche Huldigungen darzubringen, und in einem Turniere, wo er den Preis des Ruh⸗ mes gewann, legte Margaretha den Dank, deſſen Austheilung der Kaiſer ihr übertragen hatte, in die Hand des geliebten Siegers. Aber mitten in dem bunten fröhlichen Leben, das ſie umgab, ſchienen die Liebenden nur ihr ſtilles Glück zu genießen und al⸗ les um ſich her zu vergeſſen, bis der Gedanke an vie nahe Trennung ſie aus dem glücklichen Trauane aufſtörte. Am Vorabende des Johannestages 2) ließ des Kaiſers Sohn, Prinz Philipp, auf dem Frohnhofe einen hohen Scheiterhaufen aufrichten. Die Tanzeinlader wurden in Bewegung geſetzt, und man ſah ſie, feſtlich geſchmückt in einem rothen Atlaswamms, rothen Hoſen mit Doppeltaffet durch⸗ zogen und mit ſeidenen Schnüren verbrämt, und einem kleinen rothwollenen, auf der rechten Seite offenen, Mantel, zu den edlen Frauen und Jung⸗ frauen gehen, zu dem Feſte ſie zu laden, daß der —) Ein geſchichtlicher Zug, es geſchah 1496. 20 Fürſt ihnen geben wollte. Alle erſchienen. Der Erzherzog erwartete ſie auf dem Platze, hinter deſe⸗ ſen Schranken neugierige Volkshaufen ſich dräng⸗ ten. Schon ſtand hinter ihm ein Diener mit der 4 Fackel, die das Luſtfeuer anzünden ſollte. Der junge Fürſt ließ ſeine Blicke durch den Kreis der 4 Frauen fliegen und ſchien die Königinn des Feſtes zu wählen. Alle Herzen pochten in ungeduldiger. Erwartung. Manche ſchien des Sieges gewiß zu ſeyn und mit ſtolzem Blicke die Nachbarinn zu fra⸗ gen: wer iſt würdiger als ich? Ein ſolcher Blick fiel auch auf Margaretha von Heydeck, welche be⸗ ſcheiden und im einfachen Schmucke ihrer Schönheit 1 unter ihren Schweſtern ſtand, und nur zuweilen 4 ihr Auge aufſchlug, um auf den Fürſten und ſein glän⸗ zendes Gefolge zu blicken, unter welchem auch Raimund im ſchimmernden Nittorſchtnucke ſich zeigte Da nä⸗ herte ſich Philipp mit raſchen Schritten dem bun⸗ ten Kreiſe und in manchem ſchönen Geſichte, worin freudige Erwartung geglänzt hatte, wechſelten Glut und Bläſſe, als er Margarethen ſeine Hand reichte. Er bath ſie, die Fackel zu nehmen und den Schei⸗ terhaufen anzuzünden, und als dieß geſchehen war, kanzte er mit ihr bey dem fröhlichen Schalle der Trompeten und Panken um die lodernde Flamme.⸗ Alle Frauen folgten der ſehnen Führerinn des Reigens. 8 Margaretha ſchien ſich des Borzuges nicht ſtolz zu überheben, aber Raimund glaubte doch zu be⸗ — Awe 21 merken, daß ſie ſich dadurch geſchmeichelt fuhlte. Er ſtand mit verſchränkten Armen und folgte allen Bewegungen der geliebten Tänzerinn. Jeder freund⸗ liche Blick, womit ſie auf die Fragen des Fürſten Antwort gab, verwundete ſein Herz, und die Wuth der Eiferſucht ergriff ihn, als ſie, im Tanze ein⸗ mahl an ihm vorüberwandelnd, nur für den Glück⸗ lichen ein Lächeln, für ihn aber keinen Blick hatte. Die Flamme des Luſtfeuers war faſt niederge⸗ brannt, als Margaretha wieder zu ihm trat. Der Erzherzog hat Euch hoch geehret, Margaretha, ſprach Raimund kalt. Ihr habt Neid erweckt. 1 Und Ihr könntet glauben, daß ich Neid ver⸗ dient habe? fragte Margaretha.— Das würde davon abhangen, wie Ihr den er⸗ haltenen Vorzug angeſehen habet.. In dieſem Augenblicke trat Margaretha's Va⸗ ter hinzu. Er umfaßte ſie, und der ſtolze Blick, womit er aufſah, als er ſie in ſeine Arme ſchloß, ſchien das Gefühl auszuſprechen, daß nur ein Kind, ſolcher Ehre werth, ſeiner würdig ſey. Herr Ritter, wandte er ſich darauf zu Rai⸗ mund, thut mir den Gefallen, dem edlen Fürſten, bey welchem Ihr in beſonderer Gunſt zu ſtehen ſcheinet, die Verſicherung zu geben, daß ich, wie es alle meine Altvordern waren, der treueſte An⸗ hänger ſeines erlauchten Hauſes bin. Ich werde es zu rühmen wiſſen, antwortete Raimund gleichgültig. 22 Zu einem neuen Kampfe hat ſich Maximilian gerüſtet, fuhr der Freyherr fort. O daß mein Arm zu ſchwach iſt, noch einmahl das Schwert für ihn zu führen! Hätte ich einen Sohn, wie freudig wollte ich ihn unter Hſterreichs herrliches Banner ſtellen! Ritter Naimund, euer Vater, mein werther Freund, hat ſterbend Euch mir empfohlen, und ich habe ihm gern verſprochen, mit väterlicher Neigung Euch zugethan zu ſeyn. Laſſet Eures Vaters Ver⸗ trauen mir das Recht zu einer freundlichen Bitte⸗ geben, fuhr er fort, Raimunds Hand faſſend; lö⸗ ſet in dem Kampfe, wo euch neuer Ruhm erwartet, auch die Schuld meines alten Armes. Die Wärme, womit Raimund des Freyherrn Hand drückte, verrieth, welche glückliche Deu⸗ tung er jenen Worten gab, und der Blick der Jungfrau, die ſich erröthend an des Vaters Seite ſchmiegte, ſchien zu ſagen, daß ſie die Auffoderung, die an ihren tapfern Dreund ergangen war, in gleichem Sinne nahm. Ja, ich werde an Euch ge⸗ denken, edler Freyherr, ſprach Raimund, ich wer⸗ de an Euch gedenken, wenn's zur Schlacht ruft, und gelingt es mir, im Kampfe gegen den Feind des teutſchen Nahmens Ruhm zu erwerben, ſo werde ich's dem Beſtreben danken, mich Eurer Freundſchaft werth zu machen⸗ Die trübe Wolke, welche die Aufwallung der Eiferſucht auf Raimunds Stirne zuſammen gezogen hatte, verſchwand, und er nahm nun deſto freyer und heiterer Antheil an der Freude des Feſtes, da er, der erſte nach dem Königsſohne, Margarethen in den fröhlichen Reigen führte. Am nächſten Morgen folgte Raimund des Frey⸗ herrn Einladung. Er fand Margaretha im Wohn⸗ zimmer, wo ſie mit der Stickerey eines Teppichs ſo eifrig beſchäftigt war, daß ſie erſt auf das Wort ihrer Zofe aufblickte und den eintretenden Ritter bemerkte. Sie breitete ſchnell ein weißes Tuch über die Stickerey, ehe ſie Raimund entgegen ging. Überraſcht näherte er ſich bald der geheimnißvollen Arbeit. Ich wäre wohl neugierig, das Werk Eu⸗ rer kunſtreichen Hand zu ſehen, hob er an und hatte ſchon den Zipfel des verhüllenden Tuches an⸗ gefaßt, als Margaretha ſeine Hand zurück hielt. Bloß Neugier? antwortete Margaretha lä⸗ chelnd. Darf ich's Euch glauben? Geſteht's ohne Hehl, es wandelt Euch wieder ein böſer Gedanke an, wie geſtern? Dafür muß billig noch Strafe ſeyn, und ich habe Luſt, Eure Neugier nicht zu be⸗ friedigen. Ja, ja, Ihr werdet Euch nicht lange beſinnen, was für ein Bild ich hier ſticke. Was könnte es anders ſeyn, als ein Andenken des ſchön⸗ ſten Tages in meinem Leben, wo ein edler Fürſt mich ſo großer Ehre werth achtete! Ich mitten in dem glänzenden Kreiſe— welch ein Bild für die Erinnerung! 23 24 Margaretha, hob Naimund mit ſichtbarer Un⸗ ruhe wieder an, Ihr irret Euch, wenn Ihr glau⸗ bet, es hätte mißtrauiſche Beſorgniß— Keine Rechtfertigung; antwortete ſie neckend. Bekennet Euch ſchuldig und zeigt fromme Reue. Aber was wollt Ihr hier ſchon ſehen, fuhr ſie fort, ſeine Hand abwehrend, die das Geheimniß zu ent⸗ hüllen ſuchte. Ihr könnet leicht denken, das Bild iſt kaum angelegt. Ungeduldig riß Raimund das Tuch weg und wie groß war ſeine freudige Überraſchung, als er eine faſt vollendete Stickerey ſah, welche im leb⸗ hafteſten Farbenglanze den Augenblick darſtellte, wo Margaretha den Turnierpreis, den ſie aus des Kaiſers Hand empfangen hatte, ihm, dem Glück⸗ lichen, übergab. O Margaretha! rief er, entzückt ſie in ſeine Arme ſchließend. Aber Du konnteſt mich ſo quä⸗ len! Nicht wahr, ſprach ſie, mit dem wärmſten Blicke der Liebe: der Augenblick war doch einer der ſchönſten unſeres Lebens? Ich denke, der ſieg⸗ reiche Ritter mit wild fliegendem blonden Haare⸗, der da mit abgenommenem Helme vor mir kniet, damit ich ihm die Kette umhange, iſt ſo ziemlich ähnlich gerathen, wenn er auch während der Arbeit nicht vor mir geſeſſen hat. Raimund drückte ſie an ſeine Bruſt, und was beyde empfanden, und mehr als Worte ſagen konn⸗ 25 ten, fühlten ſie in dem lauten Klopfen ihrer Her⸗ zen, die gegen einander ſchlugen. Der ſchöne Tag wpurde noch glücklicher, als die Liebenden, von dem Freyherrn geſegnet, ihren Bund beſchworen Mar⸗ garetha gab dem Ritter zum Liebespfande einen Ning mit ihrem Bildniſſe, das nicht lange vorher ein Künſtler aus Venedig gemahlt hatte, und er ihr ein Demantherz, an deſſen Spitze eine köſtliche Perle, als ein Sinnbild ihres Nahmens, hing. Eine Perle? Es hat mir neulich geträumt, Raimund, Ihr wolltet mir einen Perlenſchmuck geben, und wenn man von Perlen träumt, ſo ſol⸗ len Thränen folgen, ſprach Margaretha, von einer dunkeln Ahnung bewegt, ehe Raimund ihr die An⸗ 1 ſpielung auf ihren Nahmen erklärt hatte. Ihre Ahnung ſchien erfüllt zu werden; denn ſchneller, als es die Glücklichen gefürchtet hatten, foderte das Schickſal ihre Trennung, da Raimund 4 noch am Abend jenes Tages vom Kaiſer den Befehl erhielt, ſogleich nach Tirob aufzubrechen, um einen Haufen Kriegsvolk zu übernehmen, der ſchon gegen die Gränze Italiens zog. So kam er, wenige Stunden nach dem Abſchiede, zu Margaretha zurück, um ihr die traurige Bothſchaft zu bringen. Der plötzliche Wechſel erſchütterte heftig Margaretha's Herz und von ihrem Trübſinne ergriffen, riß auch Raimund ſich mit bangen Ahnungen aus ihren Armen los. Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 6. B⸗ B 26 Aus Italien kamen bald unglückliche Both⸗ ſchaften. Maximilian belagerte gegen den Winter Livorno, aber die Kälte ward ſo heftig, daß er, von zwey Feinden bedrängt, die Unternehmung aufgeben mußte und ſeine Kriegsvölker nach Deutſch⸗ land zurück führte. Bald nachher kam das Gerücht nach Augsburg, Ritter Raimund ſey während der Zeit, als Maximilian vor Livorno gelegen, ver⸗ mißt worden. Einige ſchwäbiſche Ritter, die in des Kaiſers Gefolge geweſen waren, beſtätigten dieſe Nachricht, und ſetzten hinzu, Maximilian habe, aller Nachforſchungen ungeachtet, noch keine ſichere Spur gefunden, was aus dem tapfern Ritter geworden; man könne aber wenig auf eine von Fiſchern herrührende Sage vertrauen, daß Rai⸗ mund, als er ſich auf einem Streifzuge zu weit gewagt, unter einen Haufen Seeräuber in einer abgelegenen Bucht gefallen ſey, vielmehr müſſe man glauben, daß er bey einem Ausfalle der Be⸗ lagerten ſeinen Tod gefunden habe. Lange ward Margarethen die Trauerbothſchaft verhehlt, aber ungeachtet der Sorgfalt, die ihr Vater brauchte, ſie darauf vorzubereiten, ergriff der Schmerz ſie ſo heftig, daß ihr Leben einige Zeit in Gefahr ſchweb⸗ te. Der Freyherr both alles auf, ſich gewiſſe Nach⸗ richt über Raimunds Schickſal zu verſchaffen. Er ſandte vertraute Diener nach Italien, welche in der Gegend von Livorno die genaueſten Nachforſchun⸗ gen machen mußten. Kein glückſicher Erfolg; di⸗ 27 Fiſcherſage ſchien ſich bey näherer Erkundigung in ein Mährchen aufzulöſen, und aus einigen, in Li⸗ vorno bekannten, Umſtänden wurde es ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß Raimund der tapfere Ritter geweſen ſey, der in einem Treffen vor den Mauern der Stadt gefallen und mit vielen Wunden bedeckt, in dem Graben, worin man ihn am Morgen nach ei⸗ ner heftig kalten Nacht gefunden, umgekommen war. So vergingen beynahe vier Jahre, ohne daß die Hoffnung, eine Spur von dem Verlornen zu finden, wieder erwachte. Am Hofe des Kaiſers, der ſeitdem einige Mahle in Augsburg war, hatte man alle Nachforſchungen ſchon aufgegeben, und der tapfere Ritter, der ſeinem Fürſten alles redlich aufgeopfert, war hier längſt vergeſſen, als ſeine Brant noch um ihn weinte. Doch die Zeit trocknete endlich auch ihr Auge, und ihr Herz ward in frommer Ergebung ruhig. Der Freyherr, dem das Andenken des unglückli⸗ chen Ritters nicht minder theuer war, hatte ihren Schmerz geſchont, als ihm aber zur Gewißheit ge⸗ worden, daß der Tod das Band der erſten Liebe zerriſſen hatte, dachte er nur an den Vortheil ſeines alten Stammes, deſſen Erlöſchung er mit trauri⸗ gem Gefühle voraus ſah. Aber während er einen neuen Bräutigam für ſeine Tochter ſuchte, lernte er ein Fräulein kennen, das ſein mehr als fünf⸗ zigjähriges Herz zu verjüngen verſtand. Er ſchloß eine neue Verbindung, und ein Jahr ſpäter B 2 28 erfüllte die Geburt eines Sohnes ſeine kühnſte Hoffnung. Margaretha hatte ihres Vater Vermählung ohne Neid, ja mit Freude geſehen, da ſie, ent⸗ ſchloſſen dem Andenken ihres Geliebten treu zu blei⸗ ben, der väterlichen Bitte, daß ſie ihr Herz zu ei⸗ ner neuen Verbindung ſtimmen möge, nun auszu⸗ weichen hoffte. Aber für ſie war bald das ſtille Glück in ihres Vaters Hauſe verloren. Ihre Stief⸗ mutter war eine von den Jungfrauen, welche durch den Vorzug, den Margaretha einſt von Maximili⸗ ans Sohne erhalten hatte, auf das empfindlichſte war gekränkt worden, und verfolgte ſie ſeitdem mit dem bitterſten Haſſe. Gleich nach der Geburt ihres Sohnes warb der Graf von Helfenſtein um ihre Stieftochter. Die Freyfran wußte, daß Margare⸗ tha jeder neuen Verbindung abgeneigt war, und gerade dieß bewog ſie, alles aufzubiethen, um ih⸗ ren Gemahl dafür zu gewinnen. Leicht mußte ihr dieß gelingen, da ein Bündniß mit dem reichen, durch wichtige Verbindungen mächtigen, Grafen ſeinem Ehrgeitze nur zu ſehr ſchmeichelte. Marga⸗ retha ſah, daß ihres Vaters Eutſchluß gefaßt war, und gehorſam nahm ſie des Grafen Bewerbung an. Die Vorzüge des liebenswürdigen und edel geſinn⸗ ten Mannes machten ihr das Opfer, welches ſie dem Willen des Vaters brachte, gleich aufangs minder ſchwer, und gewannen nach und nach ſo viel über ſie, daß ſich zwar nicht Liebe, aber ein Gelühl 29 in ihrem Herzen bildete, welche, auf Hochachtung und freundſchaftliche Zuneigung gegründet, der Liebe ähnlich war. Der Graf, bekannt mit der Geſchichte ihrer erſten unglücklichen Liebe, ehrte gern mit ihr das Andenken ihres Jugendfreundes, ſo oft er das Bild des edlen Mannes in ihrem Herzen ſah; doch gewannen ſeine ſanften Worte immer mehr lindernde und heilende Kraft, wenn er ihr ſagte, der Geiſt des geliebten Todten ſelbſt würde ihr zurufen, daß die friſchen Blumen eines neuen Lebensglückes gar wohl den Buſen ſchmücken könnten, wo lange nur ein Strauß von Nosmarin und Cypreſſen getrauert hätte. Ungefähr ſeit einem halben Jahre hatte Mar⸗ garetha ſich an den Gedanken gewöhnt, dem Wil⸗ len ihres Vaters zu gehorchen und noch einmahl einem Manne das Wort der Treue gegeben. Ihre Vermählung mit dem Grafen ſollte in der glänzen⸗ den Zeit gefeyert werden, wo die Verſammlung des ſchwäbiſchen Bundes*) den Kaiſer mit vielen Fürſten und Herren nach Augsburg geführt hatte. Das Bild ihres erſten Geliebten war nicht aus ih⸗ rer Seele verdrängt, aber in den Hintergrund zu⸗ rück getreten; ſie dachte nicht mehr mit ſchmerzli⸗ cher Wehmuth, ſondern wie man einem verſchwun⸗ denen Traume nachblickt, an das verlorne Glück, ia zuweilen ſchien der Gedanke ſogar ſtörend zu 30 ſeyn, ſo ſchnell wurde er entfernt, und faſt ſo viele Monathe, als ihre Bekanntſchaft mit dem Grafen gedauerk hatte, waren vergangen, ohne daß ſie, wie ſonſt, dieſes und jenes liebe Angedenken, daß ſie von Raimund beſaß, betrachtet und mit ihren Thränen benetzt hatte. Der Vermählungstag war nahe, als Marga⸗ retha eines Morgens allein in die Domkirche ging, um die Meſſe zu hören. Der Zufall wollte, daß ſie gerade auf derſelben Stelle kniete, wo Raimund ſie zum erſten Mahle geſehen hatte. Dieſe Erinne⸗ rung ergriff ihr Herz mit wunderbarer Gewalt⸗ Das Andenken des theuren Todten preßte ihr einen tiefen Seufzer aus. O Raimund, ſprach ſie, ver⸗ zeihe mir, daß ich den Schwur breche, den ich im erſten Schmerze gethan habe, nach dir keinem Manne anzugehören. Auch Gott wird's mir ver⸗ geben. Als ſie nach einigen Minuten aus tiefen Ge⸗ danken aufſah, bemerkte ſie einen alten gebeugten Dominikanermönch mit kahler Glatze, um welche einige ſilberweiße Haare hingen, und hagerm gelb braunem Geſichte, der aus tiefen Augenhöhlen ei⸗ nen feſten Blick auf ſie warf. Sie ſchauderte un⸗ willkührlich, und unvermögend den ernſten Blick des Mönchs zu ertragen, ſah ſie nieder und ſuchte vergebens die bewegte Seele zu beruhigen. Endlich hörte ſie des Meßprieſters letztes: Der Herr ſey mit Euch! da erhob ſie ſich, ohne aufzublicken, und ——ÿ—— 3 ¼ ging mit ſchwankenden Schritten durch die langen Hallen des Doms. Als ſie unter den letzten Sär⸗ len in einem Gange war, worein durch die gemahl⸗ ten Fenſter nur ſchwaches Licht ſiel, ſtand der fin⸗ ſtere Mönch plötzlich vor ihr. Sie blieb ſtehen, ihre Kniee bebten, Margaretha von Heydeck, ſprach er mit tiefer Stimme, wohl hat die Perle Thrä⸗ nen bedeutet. Von der Erinnerung überwältigt, welche dieſe Worte hervor riefen, lehnte ſich Margaretha an einen Pfeiler. Ewiger Gott, was iſt das! rief ſie mit bebender Stimme. O möchten nicht noch mehr fließen, als ſchon gefloſſen ſind! fuhr der Mönch fort, und ging darauf in den Kreuzgang, wo Margaretha ihn wie einen Schatten verſchwinden ſah. Es überlief ſie eiskalt, und als wäre ſie von einem Geſpenſte ver⸗ folgt, eilte ſie fort. Sie war faſt krank, als ſie zu Hauſe kam, verſchloß ſich in ihr einſames Ge⸗ mach, und das erſte, was hier in ihre Hände fiel, war Raimunds Bildniß, das ſchon einige Zeit in einem Winkel ihrer Truhe verborgen gelegen hatte⸗ Es däuchte ihr, die milde Freundlichkeit ſeiner Züge ſey verdüſtert, und ernſt und ſtrafend der Blick ſeines großen blauen Auges. Sie drückte es an ihre bewegte Bruſt, und kniete dann vor dem Bilde der heiligen Jungfrau der ſchmerzenreichen, nieder, um im Gebethe Ruhe zu finden. Als ſie ſich erhohlt hatte, dachte ſie über die ſonderbare Erſcheinung nach⸗ N 32 Wer war der Mönch? Welche andere Deutung konnte ſie ſeinen geheimnißvollen Worten geben, als daß er die Geſchichte ihrer erſten Liebe kenne? Ihre aufgeregte Einbildung quelte ſie mit ängſtli⸗ chen Vermuthungen. Ja, der Monch mußte ihren Geliebten gekannt haben. Hatte er die letzte Beichte des Sterbenden empfangen? Hatte er die letzten Seufzer des treuen Herzens ihr zu bringen? Sie mußte ihn noch einmahl ſehen, ſie mußte alles wiſſen, und ſollte es um den Preis ihrer Ruhe geſchehen. Aber der Augenblick drängte, in zwey Tagen ſollte ihre Vermählung ſeyn, und von ſtrei⸗ tenden Empfindungen bewegt, beſchloß ſie, am folgenden Morgen wieder in die Domkirche zu ge⸗ hen. Kaum hatte ſie dieſen Entſchluß gefaßt, als ihr der Beſuch ihres Bräutigams gemeldet ward. Ihr Vertrauen gegen ihn war noch nicht ſo innig, daß ſie ſich hätte überwinden können, ihm zu ſa⸗ gen, was ihr begegnet war, aber ſeinem ſcharfen Blicke entging die Bewegung nicht, die ſie verge⸗ bens zu verbergen ſuchte. Theure Margaretha, ſprach er mit leuchtendem Auge, ich bringe Euch eine frohe Bothſchaft. Die Stadt gibt übermorgen dem Kaiſer zu Ehren ein Luſtſchießen mit Armbru⸗ ſten, und an beyden folgenden Tagen wird große Falkenbeize ſeyn. Darum hat Euer Vater ſo eben beſchloſſen, ſchon morgen unſere Vermählung zu feyern.. —— 4 32 Morgen ſchon? Morgen? ſprach Margaretha angſtlich⸗ 3 Ja, morgen ſoll ich der glücklichſte Mann ſeyn: erwiederte der Graf, ſie zärtlich umfaſſend, und ein Schmuckkäſtlein hervorziehend, das köſtlich mit rothem goldgeſticktem Sammet überzogen war, fuhr er fort: Und darum bringe ich Euch heute das Ge⸗ ſchmeide das Euch künftig an den glücklichen Tag unſeres Bundes erinnern ſoll. Das Käſtlein öffnend, zeigte er einen prächti⸗ gen Gürtel von Demanten und Karfunkeln, in wel⸗ chem zwey große hochſchätzbare Perlen glänzten. Perlen! Wieder Perlen! rief Margaretha er⸗ blaſſend, mit bebender Stimme, und wehrte das Geſchmeide von ſich ab, das der Graf in ihre Hand legen wollte. Margaretha, theure Margaretha, was fehlt Euch? fragte der Graf mit zärtlicher Beſorgniß. Mein erſter Bräutigam gab mir eine Perle zum Liebespfande, und ſie hat mir Trauer gebracht, antwortete Margaretha langſam, und das geſenkte Haupt ſchuttelnd, ſetzte ſie mit bewegter Stimme hinzu: Nein, nein, unſere Verbindung wird nicht glücklich ſeyn! 4 Margaretha, meine ſüße Braut: ich bitte Dich, rede, was beunruhigt Deine Seele? 1 Ich habe Euch feyerlich mein Wort gegeben, Graf von Helfenſtein, und ich muß es halten; aber ich glaube, es würde doch beſſer ſeyn, wenn ich 0 34 ins Kloſter ginge. Ich habe meinen den erſten Schwur gebrochen, den ich dem Schatten meines erſten Geliebten gegeben, darum kann mir Gott kein Glück mehr verleihen... O nur morgen noch nicht, nur morgen nicht! ſetzte Margaretha nach ei⸗ ner Pauſe hinzu. Der Graf beſchwur ſie, ihm zu entdecken, was ſie in ſolche Bekümmerniß verſetzt habe. Was hätte ſie ſagen können? Wußte ſie doch nicht zu deu⸗ ten, was ſie ahnete, was ſie bewegte. Aber je mehr der Graf mit liebevoller Beſorgniß in ſie drang, deſto ſichtbarer ward ihre Bewegung. Ihr Vater kam hinzu. Seine erſten Worte beſtätigten, was der Graf ihr ſchon geſagt hatte, und Margaretha ſah, daß ſie es nicht wagen durfte, den Wunſch, die Hochzeit aufzuſchieben, vor dem Vater, dem Manne von unerſchütterlichem Entſchluſſe, noch ein Mahl zu verrathen. Margaretha brachte die Nacht in banger Un⸗ ruhe zu, und wenn ſie zuweilen in Schlummer ſank, ängſtigten Träume ihre bewegte Seele. Bald ſah ſie ihren unglücklichen Geliebten, mit Wunden bedeckt, unter einem Haufen wilder Krieger das brechende Auge ſchließen, bald in Sclavenkleidern, mit Feſſeln beladen, auf der Ruderbank eines Schif⸗ fes, bald erſchien ihr die theure Geſtalt im friſchen Neitze jugendlicher Kraft, inmitten einer luſtig ge⸗ ſchmückten Stechbahn, wo er, von den ſchönſten Frauen freundlich begrüßt, auf ſeinem ſtolzen Kampf⸗ 8 poſſe einritt, und ſie, die treuvergeſſene, mit ſtra⸗ fendem Ernſte anſchaute. Gleichgültig und ohne Theilnahme, ließ ſie von ihren Zofen zur Hochzeit ſich ſchmücken, und erwachte aus tiefen Gedanken, als ihr Vater und ihre Stiefmutter in ihr Gemach traten, ſie zum Altare zu führen. 4 Ihr ſeht ſo trübſinnig aus, Margaretha, ſprach die Freyfrau. Das iſt kein Angeſicht für einen ſol⸗ chen Tag. Aber freylich iſt dieſer Tag noch nicht zu vergleichen mit dem Abend auf dem Frohnhofe⸗ als Erzherzog Philipp Euch zum Tanze aufzog. Da ſah ich Euer Auge glänzen⸗ Margaretha ſchwieg und lag einige Augenbli⸗ cke in den Armen ihres Vaters, der ſie gerührt anfaßte⸗ Die Kränzeljungfrauen, feſtlich geſchmückt, erwarteten die Braut im Saale, und während ſie den Gäſten grüne Kränze austheilten, ſiel eine Thräne aus Margaretha's Auge, das unter den Jungfrauen einige liebe Geſpielinnen der glücklichen Jugend ſah. Sie ſchauderte, als ſie vernahm, daß die Trauung nicht, wie früher beſtimmt geweſen, in der Annenkirche, ſondern im Dom ſeyn ſollte. Mit ſteigender Angſt, und von ſchmerzlichen Erin⸗ nerungen bewegt, trat ſie in die Kirche, und wag⸗ te es kaum, die Augen aufzuſchlagen, beſorgt, dem drohenden Blicke des geheimnißvollen Mön⸗ ches zu begegnen. Und als ſie mit dem Grafen vor 36 dem Altare kmete, als der Prieſter die Worte des Gebethes anſtimmte, da fühlte ſie ihre Bruſt bange beklemmt, wie wenn des Domes Gewölbe auf ihr gelaſtet hätte, und kaum hörbar kam ihr Ja über die bebenden Lippen. Sie hatte das Wort ausge⸗ ſprochen, und blickte ſchnell ſich um, aufgeſchreckt von ihrer Einbildung, welche ihr immerdar die furchtbare Geſtalt des Mönches zeigte. Von dieſer Angſt nun erlöſet, erwartete ſie ruhiger das Ende der heiligen Handlung, und auf dem Rückwege aus der Kirche wagte ſie dreiſter, ja faſt mit unruhiger Neugier, zwiſchen die Pfeiler, und in die Hallen des Kreuzganges zu blicken, wo die wunderbare Erſcheinung am vorigen Tage verſchwunden war. Jetzt ſielen die ehernen Thore des Domes ſchallend hinter ihr zu, als der Graf, ihre Hand mit zärtli⸗ cher Inbrunſt drückend, aus ihren Gedanken ſie weckte. Margaretha! ſprach er bewegt, jetzt mein auf ewig! Dieſe Worte ſchienen ihr das volle Bewußtſeyn ihrer Lage wieder zu geben; ſie zog ihre Hand ſchnell zurück und heftete einen ſtarren Blick auf ihren Bräutigam, deſſen Auge ihr ſagen wollte, wie glücklich er ſich fühlte. Schweigend ging ſie an ſeiner Seite zu dem Landhauſe ihres Vaters, wo die hochzeitliche Freude das junge Paar begrüßte. Der Freyherr hatte, trotz der unverhehlten Unzu⸗ friedenheit der Stiefmutter, alles aufg ebothen, bey dieſem Feſte ſeinen Reichthum und ſeine Pracht⸗ 37 liebe in vollem Glanze erſcheinen zu laſſen. Ein gro⸗ ßer Saal des Landhauſes, den kurz zuvor ein Mah⸗ ler aus der Lombardey mit ſchönen Wandgemähl⸗ den gar kunſtreich geziert hatte, war zum Empfan⸗ ge der Gäſte eingerichtet. Alles ſollte zu Freude und Luſt ermuntern; aber die Fröhlichkeit der Hoch⸗ zeitgäſte ward durch den ſtillen Ernſt, den ſie in dem blaſſen Angeſichte der Braut bemerkten, oft herabgeſtimmt. Der Schalksnarr, der die Geſell⸗ ſchaft während des Mahles durch allerley Scherze und Poſſen ergetzte, weckte Alle zu munterem Ge⸗ lächter, aber Margaretha blieb ſtil und in Gedan⸗ ken verſunken, und als der Becher mit dem Trink⸗ ſpruche auf das Glück ihrer Zukunft unter den Gä⸗ ſten die Runde ging, dankte ihr Blick durch eine kaum verhaltene Thräne. Gedankenvoll heftete Margaretha ihr Auge auf das neue Wandgemählde, welches die Geſchichte der Tochter Jephta's vorſtellte, als eine fröhliche Sangweiſe am Eingange des Saales erklang und alle Gäſte ihre Blicke auf den eintretenden Lauten⸗ ſpieler richteten. Es war ein berühmter Meiſterſän⸗ ger von Nürnberg, der die Singſchulen in Augs⸗ burg beſuchte und von dem Freyherrn war einge⸗ laden worden, um das Feſt, wie es Sitte war, auch durch ſolche Unterhaltung zu zieren. Er ſang⸗ einige heitere Lieder von dem Glücke der Minne und von den Freuden des Frühlings. Margaretha horchte nur mit halber Theilnahme, denn für ſie 3³⁸ war das Glück der Liebe verloren und der Jahres⸗ zeiten freundlicher Wechſel konnte ſie fortan nur er⸗ innern, daß ihres Lebens Blüthen kein Frühling mehr pflegen, kein Sommer mehr reifen ſollte. Da griff der Sänger nach kurzem Schweigen einen neuen Ton, und gleich die erſten Worte des Geſanges bewegten Margaretha's Gemüth. Es war ein altes bekanntes Lied*), das ſie ehedem oft von manchen Sänger gehört hatte: Mit Urlaub will ich von hennen gehn Und von dem Lande ſcheiden; Und nimmer ſollt ihr mich wiederſehn, Wenn S ie es nicht will leiden, Wenn ſie mich nicht als Freund empfängt, Ohn' Wanken an mir hängt. Und ob ich arm, ob reich ich bin, Sie ſoll in Banden halten Mein Herz und Muth, meinen Leib und Sinn, Meines Lebens ſoll ſie walten. Deß hat allein die Eine Macht, Der ich mein Herz gebracht. Doch trau' ich ihr, ſie iſt ſo gut, Wird mich nicht laſſen ſterben; *) Von Werner von Honberg, in der Maneſſiſchen Sammlung der Minneſinger, 1. 24. Hier mit eini⸗ gen Veränderungen. 29 Nie laſſ' ich ſie, ich hab' den Muth, Und ſollt' ich drum verderben. Ich dien' ihr all mein Lebelang, Weiß ſie's auch nie mir Dank. Er ſang das Lied mit ſo tiefem Gefühle, daß Margaretha ſich überzeugt haben würde, dieſe Töne der Empfindung wären nur aus einem warmen Jünglingsherzen gekommen, wenn nicht des Sän⸗ gers graue Locken und die tiefen Runzeln ſeines Ge⸗ ſichts ihr geſagt hätten, daß nur das Erwachen ſü⸗ ßer Erinnerungen ſeiner Stimme dieſe Laute des Gefühls geben konnte. Die Worte ſeines Geſanges, die immer in ihrer Seele nachklagen, erhöhten ihre Schwermuth, und ehe der Sänger, als der Tanz anhob, Abſchied nahm, mußte er, auf einen Wink ihrer treuen Zofe, das Lied noch ein Mahl ſingen. Als Margaretha den Tanz eröffnet hatte, wußte ſie ſich durch einen ſcheinbaren Vorwand gegen fer⸗ nere Einladungen zu ſchützen. Während der Graf mit ihrer Stiefmutter tanzte, lockte das milde Abendlüftchen, das mit dem Dufte blühender Bäu⸗ me beladen aus dem Garten in das offene Fenſter wehre, ſie hinaus⸗ Unbemerkt ging ſie durch das Seitenzimmer, aus welchem eine Thüre in den Garten führte. Es war der erſte ſchöne Frühlings⸗ abend. Zwiſchen den Bäumen hingen Lampen und hier und da an günſtigen Stellen waren Pechfeuer angebracht, deren hochlodernde Flammen einen 8 blendenden Schein auf die ſteigenden Strahlen der Springbrunnen warfen. Margaretha verlor ſich in die dunkelſten Gänge des Gartens. Süße Erinne⸗ rungen aus den Tagen der Kindheit überwältigen ihre Seele. Hier, unter dieſem dicht gewölbten Geißblattbuſche, von deſſen jungen Ranken ſie einſt den erſten Strauß für Raimund gepflückt hatte, fand ſie jetzt ſchon kühlen Schatten, und dieſe bey⸗ den Linden, welche ſie einſt an ihrem Geburtstage mit ihm gepflanzt hatte, waren jetzt in ihren Wi⸗ pfeln mit tauſend Zweigen feſt in einander ver⸗ ſchlungen. Sie nahte ſich nun mit höher pochendem Herzen dem Gebüſche am Teiche, wo Raimund, als er nach Venedig reiſen mußte, von ihr Abſchied genommen hatkte⸗ Die fröhlichen Töne des Tanzes ſchallten aus den Fenſtern des Saales zu ihr her über den glänzenden Spiegel des Teiches. Kargaretha lehnte ſich an einen Baum und ſtützte gedankenvoll das Haupt auf den Arm, an welchem die Thräne der Wehmuth herabfloß „Nie laß' ich ſie, ich habe den Muth, Und ſollt' ich drum verderben!“* ſprach ſie nach einer Pauſe zu ſich ſelbſt. Da rauſchte es dicht neben ihr im Gebüſche, und als ſie erſchrocken auffuhr, ſtand eine Geſtalt vor ihr— Na imund in ritterlichem Schmucke mit Mantel und Federhute. Nein, ich laſſe Dich nicht! 41 rief er mit dem Tone der heftigſten Leidenſchaft und breitete ſeine Arme aus, die Geliebte zu um⸗ fangen. Margaretha ſank mit einem lauten Angſtge⸗ ſchrey ohnmächtig an ſeiner Seite nieder, ehe er ſie auffaſſen konnte. Raimund warf ſich neben ihr nieder, hob ſie in ſeine Arme und rief mit dem Tone der Verzweifelung: Margaretha! Margare⸗ tha! ich habe Dich wieder! Nein! nein! nie laß' ich Dich, und ſollt' ich drum verderben! fuhr er nach einer Pauſe fort. O wer hat Dir in dieſem Augenblicke dieſe Worte eingegeben, die alles aus⸗ ſprechen, was ich fühle! Aber Margaretha hörte ihn nicht, ihre Augen waren geſchloſſen, als ob die Hand des Todes über ſie gefahren wäre, und kein Athem hauchte über die bleichen halboffenen Lippen. Da naheten ſich mehrere Stimmen und Windlichter bewegten ſich hin und her am Ufer des Teiches. Man hatte im Landhauſe Margaretha's Angſtruf gehört, und als nan ſie nirgend im Saale fand, eilte alles hinaus, ſie zu ſuchen. Jetzt trat der Graf mit dem Frey⸗ herrn ins Gebüſche, wo Raimund, unbekümmert um alles, was um ihn her vorging, noch immer neben der Ohnmächtigen kniete, um ſie ins Leben, zurück zu rufen. Ha! was iſt das? rief der Graf wüthend und zog ſein Schwert, und ſchon wollte er auf den Knieenden eindringen, als der Freyherr dieſen erkannte. Ewiger Gott! rief Raimund! 4A2. Der Ritter ſprang auf, und als er die dro⸗ hende Waffe in der Hand des Grafen erblickte, riß er auch ſein Schwert aus der Scheide und rief mit wildem Blicke: Ihr ſeyd es? Ihr wollt ſie mir ent⸗ reißen! Ha ſteht! nur durch meine Bruſt geht der Weg Su ihrem Brautbette. In dieſem Augenblicke ſprang ein alter Mönch zwiſchen die blinkenden Schwerter. Ritter Rai⸗ mund, ſprach er ernſt, denkt Ihr ſo des Wortes, das Ihr mir heute vor Gottes Angeſicht gegeben? Raimund ließ ſein Schwert niederſinken, und ſprach mit gedämpfter Stimme: Ja Ihr erinnert mich, daß alles verloren iſt. 4 Graf von Helfenſtein, hob der Mönch wieder an: dieſer Ritter iſt der Verlobte Eurer Braut, den ein entſetzliches Schickſal verfolgt und von ihr getrennt hat. An ihn band ſie auch ein heiliges Wort und des Herzens unbezwungene Neigung, mit Euch hat das heilige Sakrament ſie vereint. Schonet ihr Unglück; ſteckt Eure Schwerter ein, Männer, die ein finſteres Geſchick feindlich gegen einander geſtellt hat, und laſſet Gott richten. Da ſchlug Margaretha die Augen auf, und als ſie die wohlbekannte Geſtalt des Mönches er⸗ blickte, fuhr ein neuer Angſtruf aus ihrem Munde. Aber ſchon waren ihr Vater und die Zofen mit ihr beſchäftigt, um ſie aufzurichten. Bringt ſie zur Ruhe, ſprach der Mönch. Ich will für ſie bethen⸗ 43 Von ihrem Vater und ihren Dienerinnen un⸗ kerſtützt, ſchwankte Margaretha, als ſie noch einen Blick auf den Geliebten geworfen hatte, nach dem Landhauſe zurück. Kommt, Ritter Raimund, hob der Mönch wieder an, und gedenkt als Mann Eu⸗ res Wortes. Der Graf von Helfenſtein erwachte aus tiefen Gedanken. Ritter Raimund, wir werden uns wie⸗ derſehen, ſprach er mit mildem Tone, und folgte dem Trauerzuge, welcher die Unglückliche begleitete. Die furchtbare Entſcheidung ihres Schickſals hatte ſie zu heftig erſchüttert. Das Fieber zerrüttete bald ihre Sinne und lange fürchtete man für ihr Leben. Als die Gefahr vorüber war und ihre Be⸗ ſinnung zurück kehrte, bath ſie ihren Vater, den Prediger⸗Mönch herbey zu rufen, den ſie im Gar⸗ ten geſehen habe, weil ſie ihm zu beichten wünſchte. Er kam. Sein Anblick bewegte die Kranke lebhaft und nur der milde Blick und Gruß des Mönches konnten ſie ruhiger machen. Ich habe an Euch ge⸗ dacht, ehe Ihr mich begehrt habt, hob er an. Ich habe Gott Tag und Nacht gebethen, Euch Ruhe zu verleihen, und er hat mich ſchon erhört, Ihr ſeyd beſſer. 4 Ehrwürdiger Vater, ſprach Margaretha, ich⸗ brauche es Euch nicht zu ſagen, welche Empfin⸗ dung es geweſen iſt, die Euer erſter Anblick in mir rweckt hat. Es ſchmerzt mich der Gedanke, daß ich, ohne es zu wiſſen, auch ein Werkzeug ſeyn mußte, Euer Herz zu brechen, hob der Mönch wieder an.. Ich habe gewünſcht, Euch zu ſehen, ſprach Margaretha, um Euch zu beichten, vor allen Din⸗ gen aber aus Eurem Munde zu erfahren, was mir in dieſer unglücklichen Auflöſung noch dunkel und unbegreiflich iſt. Erzählt mir alles, was Ihr wißt, ehrwürdiger Vater, dann will ich meine Rechnung, mit der Welt abmachen und Ihr werdet mir helfen ausführen, was ich beſchloſſen habe.— 4 Der Mönch wußte alles. Raimund war wäh⸗ rend der Belagerung von Livorno, als er mit eini⸗ gen Reutern einen Streifzug machte, von ſeinen Begleitern getrennt worden, und in einer öden Gegend der Küſte unter heimlich gelandete Seeräu⸗ ber gefallen, die ihn nach Tunis brachten, wo er lange zu hartem Stlavendienſte gezwungen ward. Hier fand ihn der Predigermönch, welcher, als er ſeine Wallfahrt zum Grabe des Heilandes vollbracht hatte, nach Afrika gegangen war, um mit einem anſehnlichen Löſegelde, der Gabe einer frommen Witwe zu Jeruſalem, gefangene Chriſten zu be⸗ freyen. So ward auch Raimund erlöſet. Sein Retter wollte ihn über Italien nach Teutſchland führen. In Insbruck ward Raimund krank und ſein Zuſtand ward noch gefährlicher, als durch einen Kaufmaunn, der nach Italien reiſete, das Gerücht zu ihm kam, daß Margaretha von Heydeck mit 45 einem mächtigen ſchwäbiſchen Edlen verlobt ſey. Er entdeckte dem Mönche nun alle Geheimniſſe ſei⸗ nes Herzens, als aber der fromme Mann einige Wochen bey dem Kranken zugebracht hatte und alle Hoffnung der Geneſung verſchwunden zu ſeyn ſchien, mußte er ihn unter mildthätiger Pflege im Kloſter der Urſulinerinnen zurück laſſen, weil die Befehle ſeiner Obern ihn nöthigten, eine Reiſe nach Bay⸗ ern und Schwaben zu machen. Mit tiefem Schmer⸗ ze ſchied er von ſeinem ſunglücklichen Freunde, dem er das Verſprechen gab, bey ſeinem Aufenthalte in Augsburg ſorgfältige Erkund digung einzuz ziehen, und Margarethen von dem Schickſale ihres Freundes Kunde zu bringen. Er war noch nicht acht Tage in Augsburg geweſen, als er in der Domkirche Margaretha ſah, die ein anderer Mönch, der ſie kannte, ihm bezeichnete. Der innige Antheil, den er an dem Schickſale des jungen Ritters nahm, machte ihn deſto leichter geneigt, Margarethen ſtrenge zu beurtheilen, da er damahls noch nicht wußte, wie viele Erkundigungen man eingezogen hatte, ehe man Naimunds Tod für gewiß hielt. Er konnte es Margarethen nicht verzeihen, daß ſie nicht länger gezögert hatte, er hielt ſie der Liebe nicht werth, womit ihr unglücklicher Freund an ihr hing; aber an Naimunds Retrung verzweifelnd, wollte er nicht ihre Ruhe ſtören, indem er Hoff⸗ nungen erweckte, die er vielleicht nach wenigen Ta⸗ gen ihr grauſam hätte nehmen müſſen. Daher gab 46 er nur einen Wink, der mehr Ausbruch ſeiner in⸗ nern Bewegung war, als aus einer beſtimmten Abſicht hervor ging, und ehe er irgend einen Ent⸗ wurf machen konnte, die Vermählung zu verzögern, war Margaretha gebunden. Am Morgen des Hochzeittages, in dem Augenblicke, als einer ſeiner Ordensbrüder ihm die Vollziehung der Trauung meldete, überraſchte ihn Raimunds Ankunft. Kaum gelang es dem Mönche durch den Einfluß, den er auf das Gemüth ſeines jungen Freundes gewonnen hatte, den heftigen Sturm der Leidenſchaft zu ſtillen und ihn zu der Entſagung vorzubereiten, welche die Beſchlüſſe der Vorſehung von ihm ver⸗ langten. Erſt als Raimund ruhiger zu ſeyn ſchien, erſt als er feyerlich verſprochen hatte, ſich zu mä⸗ ßigen und Margaretha's Ruhe zu ſchonen, überließ er ihn ſich ſelbſt, doch von unruhiger Ahnung ge⸗ trieben, hörte er nicht auf, ihn bis zum Anbruche der Nacht zu beobachten, wo der Ritter den Bli⸗ cken ſeines beſorgten Freundes ſich entzog, um die Geliebte noch ein Mahl zu ſehen. Als Margaretha alles erfahren hatte, öffnete ſie ihr Herz dem frommen Manne, ſie bath ihn, die Einwilligung ihres Vaters und des Grafen zu gewinnen, damit ſie ungeſtört ihren Entſchluß aus⸗ führen könne, in ein Kloſter zu gehen. Sie war in ſtiller Ergebung, als der Mönch ihre Beichte ge⸗ hört hatte, und nach einer Stunde ihr Gemach ver⸗ ließ, Der Freyherr und der Graf erwarteten ihn. 47 Ehrwürdiger Vater, redete der Graf ihn an, ich brauche eure Vermittelung, um ein Opfer zu brin⸗ gen, das ich der Unglücklichen ſchuldig bin, es iſt der letzte Beweis der Liebe und Achtung, die ich ihr ewig weihen werde. Das Band, das mich mit ihr verbunden hat, ſey vernichtet, ſie ſoll frey ſeyn, ihrer erſten Neigung zu folgen. Bringt die Sache vor den Biſchof und den heiligen Vater zu Rom. Edler Herr, antwortete der Mönch, Ihr mö⸗ get Eurer Gemahlinn ſchon verrathen haben, was Ihr ſo edelmüthig bedacht habt, oder ſie hat es Eurer Geſinnung zugetraut, aber dennoch hat ſich der Entſchluß in ihr befeſtigt, den Gott in ihre Seele gelegt hat, um ihr Ruhe zu geben. Das Opfer, das Ihr bringen wollt, würde ihr zartes Gewiſſen nie beruhigen, noch die Losſprechung des heiligen Vaters ihr verwundetes Gemüth heilen, und ſie laßt Euch bitten, und Euch edler Freyherr, ihr frommes Vorhaben zu ſegnen. Der Freyherr und der Graf waren einige Au⸗ genblicke in Gedanken verſunken, als der Mönch ſchwieg. Ich glaube, es iſt Gottes Wille, hob der Vater endlich an, darum darf ich's nicht hindern. Wenn ſie es will, ſprach der Graf, ſo ſegne der Himmel ſeine Braut und gebe ihr Ruhe und 4 mehr als das Glück das ich ihr gern gegeben hätte, Aber was wird aus ihrem Freunde werden? 3 Er hat ſich ſchon an den Gedanken der Entſa⸗ gung gewöhnen müſſen, antwortete der Mönch. Was die unglückliche Entſcheidung herbey geführt hat, war der letzte Sturm ſeiner bewegten Seele; aber er wird Ruhe finden, er kehrt morgen zurück ins Getümmel der Welt, die noch Rechte hat auf die jugendliche Kraft ſeines Armes und ſeines Ge⸗ müths. Lebt wohl, edle Herren; ich gehe zu der Abtiſſinn des St. Margarethenkloſters, Eurer Muh⸗ me, Freyherr von Heydeck, und bitte ſie, Eure Tochter in den Orden des heiligen Dominikus auf⸗ zunehmen. Gott hat das Herz der Gebeugten getrö⸗ ſtet und zu ſich gehoben; er wird ihr helfen, die Welt kann ihr keinen Troſt geben. VNNAAN II. Wer iſt ſie. uuntyrh. Bibl. 3. Zahrg. 6 B. C 5 5 5 5 9 9 9. KESEEEEECGE&CKSSEEEE Ir bin unzufrieden mit Dir, Rudolph! ſprach Herr von Oktenwald zu ſeinem Neffen, und ſein Geſicht, aus welchem ſonſt alle Geiſter eines fröh⸗ lichen Lebensgenuſſes lachten, legte ſich in unge⸗ wöhnliche Falten. Das lautet ja ſehr feyerlich, lieber Oheim, antwortete der junge Mann, aber Sie ſehen, ich richte mein offenes Auge auf Sie, ein Beweis, daß ich ein gutes Gewiſſen habe. Das wird mir lieb ſeyn, wenn ich Dein offe⸗ nes Auge immer für einen ſolchen Beweis halten darf, erwiederte der Oheim etwas milder. Aber noch einmahl, ich bin nicht zufrieden mit Dir, lie⸗ ber Rudolph. Nun, lieber Oheim? Sieh mich feſt an, und höre, was ich Dir rzählen will. Ein Mann, der ſich recht ſchlau in einen Reutermantel hüllt und einen Federhut trägt, vermuthlich um auf eine falſche Fährte zu leiten, C 2 5² geht jeden Abend gegen zehn Uhr in der Karlsſtra⸗ ße einige Zeit auf und nieder, bleibt endlich vor einem Eckhauſe ſtehen, es erſcheint ein Licht im zweyten Stockwerke, man klatſcht zwey Mahl in die Hände, die Thüre wird geöffnet, und ſchnell iſt der Mann im Reutermantel herein. Wenn er wie⸗ der heraus kommt, hat niemand geſehen, vermuth⸗ lich weil niemand den Schlaf ſich hat abbrechen wol⸗ len. Nun, iſt das nicht ſonderbar? Lieber Oheim... In der That... ſprach Rudolph verlegen, und ſein Auge konnte den Blick des Oheims nicht mehr ertragen. Nun, was ſoll ich davon denken? Ich daͤchte, du falteteſt getroſt die Hände zu einem ehrlichen: Ich habe geſündigt. Beſter Oheim, glauben Sie ja nicht— Nur gerade heraus! Iſt ſie... ſprich aufrich⸗ tig, Rudolph, iſt es Ernſt, oder iſt es ein gewöhn⸗ liches Abenteuer? Nun ja, lieber Oheim, antwortete Rudolph, ſich ſammelnd, es iſt ein Abenteuer. Alſo.. Ja, das ließen Zeit und Umſtände allerdings erwarten. Nun, ſo ſey man beſonnen und klug. 4 Aber mißverſtehen Sie mich nicht, lieber Oheim, ein ernſthaftes Abenteuer. 4 Was ſoll das heißen? erwiederte Herr von O ttenwald geſpannt. 8 1 Nun, ein Abenteuer, womit es Ernſt iſt. * 5³⁵ Mit der Erklärung würde Dein Lehrer der Lo⸗ gik nicht ganz zufrieden geweſen ſeyn. Noch kin Mahl, rede beſtimmter.* Lieber Oheim, ich kann, ich darf noch niche re⸗ den.. Mein Ehrenwort. Biſt du toll? Ich begreife Dich nicht. Dein Ehrenwort? Rudolph, bringe mich nicht auf den Gedanken, daß bey dem Handel überall nicht viel Ehre ſey. 1 Sie könnten einen unwürdigen Verdacht ge⸗ gen mich haben? Sein Sie verſichert, das Aben⸗ teuer, worein der Zufall mich verwickelt hat, iſt von der Art, daß mir die ängſtlichſte Gewiſſenhaf⸗ tigkeit nichts dabey vorwerfen kann. Du kannſt mir alſo nicht ſagen, wer die ſchöne Frau iſt, die in dem bewußten zweyten Stockwerke in den beyden Eckfenſtern nach der Straße und dem Garten hin wohnt? Du ſiehſt, ich habe gute Nachrichten, Sie iſt eine Fremde. Einen Nahmen hat ſie angegeben, oder vielmehr Du haſt ihn an⸗ gegeben, aber ob es ihr Nahme ſey, und was ſonſt ihre Verhältniſſe ſeyen, weiß niemand zu ſa⸗ gen. Wer iſt ſie? Wer iſt der junge Mann, der bey ihr wohnt? Wirklich ihr Bruder? Lieber Oheim, mein Ehrenwort erlaubt mir nicht, Ihre Neugier zu befriedigen. Und wie lange wird das ſonderbare Ehrenwort Dich noch binden? Hoffentlich nur noch wenige Wochen. 24 Gut, ich vertraue Dir, Nudolph, ſprach Herr von Ottenwald, ihm die Hand reichend. Alſo, wenn es Dich nicht mehr bindet, werde ich— Alles erfahren, lieber Oheim. Sie zuerſt. Das hoffe ich, und ſo werde ich fürs Erſte auf andern Wegen nichts mehr zu erfahren ſuchen. Der Oheim hielt Wort, und erwähnte ſogar der ganzen Sache mit beiner Silbe gegen Nudolph, mit welchem er, obgleich er ihn ſeit dem zwölften Lebensjahre erzogen hatte, mehr auf den Fuß eines Freundes lebte, als daß er das Anſehen geltend ge⸗ macht hätte, das durch ein ſolches Verhältniß be⸗ gründet werden mußte. Es vergingen vier Wochen, es vergingen zwey Monathe, und noch immer ſchwieg Nudolph; aber Herr von Ottenwald hatte ſchon lange bemerke, daß der junge Mann zuweilen trüb⸗ ſinnig war, gegen ſeine frühere Gewohnheit wenig geſellſchaftliche Zerſtörung ſuchte und mit ungewöhn⸗ lichem Eifer der Lernung oblag. Ein neugieriger Blick, den der Oheim auf Rudolphs Schreibtiſch warf, und die häufigen Beſuche eines alten franzö⸗ ſiſchen Geiſtlichen aus Navarra, verriethen ihm end⸗ lich, daß der junge Mann mit der ſpaniſchen Spra⸗ che ſich beſchäftigte, aber zugleich ſchien Shakes⸗ peare’'s Othello zu verrathen, daß auch die engliſche Sprache, die er noch nicht kannte, ſeine Neigung gewonnen hätte. Als Herr von Ottenwald den jungen Mann einige Zeit beobachtet hatte, redete er ihn eines — 55 Abends alſo an: Rudolph, ich erfahre zufällig, daß die bewußte Geſtalt ſich ſeit einiger Zeit nicht mehr in der Karlsſtraße ſehen läßt, daß die bewuß⸗ ten Fenſter im zweyten Stockwerke immer dunkel ſind, kurz daß der ſchöne Paradiesvogel ausgeflo⸗ gen iſt. Alles ſehr wahr, lieber Oheim, ich will Ih⸗ nen ſogar nicht verſchweigen, daß der ſchöne Zug⸗ vogel ſeit Kurzem unſere Gegend ganz verlaſſen hat⸗ Aber ich darf noch nicht reden⸗ Nudolph, kann ich Dir trauen? Wie ſich ſelbſt, Oheim. Und damit Sie ſeben⸗ wie ſehr ich Ihnen vertraue, und wie feſt ich über⸗ zeugt bin, Ihres vollen Vertrauens würdig zu ſeyn, ſo bitte ich Sie, mir eine Reiſe von zwey Mona⸗ then zu erlauben. Herr von Ottenwald ſah ihn mit dem lebhaf⸗ teſten Erſtaunen an. Er wollte ſich beynahe ärgern über die ſeltſame Zurückhaltung des jungen Man⸗ nes, aber ſeine gewöhnliche frohe Laune behielt die Oberhand, Rudolph, ſetze Dich an meine Stelle, hob er endlich an. Ein ſolches Räthſel, als Du mir aufgibſt, würde Dich eben ſo ſehr verwirren. Erſt haſt Du Dich lange Zeit in ein undurchdring⸗ liches Geheimniß gehüllt, das allein ſchon ſonder⸗ bar genug war, um allerley bedenkliche Vermu⸗“ thungen zu erwecken, und nun willſt Du gar ſporn⸗ ſtreichs in die Welt hinaus. Ohne Zweifel ſteht die Reiſe mit Deinem Abenteuer in Verbindung? Ver⸗ muthlich dem Zugvogel nach in wärmere Gegen⸗ den? Und das Original des Don Quixote, das ein ſtehender Artikel in Deinem Tagewerke ge⸗ worden iſt, kann mir wohl ſagen, daß es ins Vaterland des Ritters von der traurigen Geſtalt geht? Ich läugne es nicht, lieber Oheim, die Reiſe, die ich zu machen wünſche, ſteht in Verbindung mit den Ereigniſſen, die ich Ihnen bald erzählen zu können hoffe. Aber ihre Vermuthung, die Sie ſo launig ausdrücken, iſt doch auf falſcher Fährte. Wohlan, Rudolph, ich gebe Dir einen Beweis des Vertrauens, das ich auf Dich ſetzen zu können glaube. Du magſt reiſen, ſobald Du willſſt. Heute Nacht, lieber Oheim. Und ich gebe Dir, was Du brauchſt. Dreyhundert Ducaten, und für den Nothfall Kreditbriefe auf das Dreyfache. Für zwey Monathe? Dein voller Ernſt? Ja Ernſt, lieber Oheim. Gut, ſo beſtelle Poſtpferde. Im Vertrauen auf Ihre Liebe habe ich ſie ſchon beſtellt. Abends nach Tiſche warf ſich Rudolph ſeinem Oheim bewegt in die Arme⸗ Lieber, edler Mann, ſprach er gerührt, ich muß Ihnen wunderlich vor⸗ kommen, ich fühle es. Aber wenn ich Ihnen ſagen könnte, was Sie mir durch Ihre Güte gegeben haben!. Leben Sie wohl!. Ich hoffe, Sie 57 bald wieder zu ſehen. Und wenn ja unerwartete Er⸗ eigaiſſe— Glauben Sie, daß ich Ihrer Liebe ſtets werth ſeyn werde Wie, Rudolph, fiel der Oheim ein, und ſchloß ihn feſter in ſeine Arme, Du haſt ſelbſt Zweifel? Nein, lieber Oheim, ich werde Sie bald glück⸗ lich wieder ſehen. Leben Sie wohl. Mit dieſen Worten riß er ſich aus den Armen des Erſtaunten. Nach Mitternacht hörte der Oheim den Wagen aus dem Hofe rollen. Es verfloſſen zwey, drey, vier Monathe, und es kam weder der Neffe, noch Nachricht von ihm, bis endlich ge⸗ meldet ward, daß er den Betrag der mitgenomme⸗ nen Papiere in Hamburg erhoben habe. Bald darauf erhielt Herr von Ottenwald folgenden Brief: Gothenburg, am— 180.. Ja, mein theuerſter Oheim, reiben Sie ſich nur die Augen; Sie haben doch recht geleſen, ich bin auf der Küſte von Schweden, und endlich kann ich Ihnen ſagen, wie mich das Schickfal hierher geführt hat. Im Anfange des vorigen Herbſtes trabte ich auf einem Luſtritte gemächlich auf das freundliche Wirthshaus zu, das an der Str aße nach*** dicht am Ufer des Rheins liegt. Die artige junge Wie⸗ thinn, meiner Beſuche gewohnt, rief ſchon nach 2 — meinem Doppelkaffeh, wie ſie's zu nennen belieb⸗ te, und als ſie mir ſcherzend meinen Eigarro an⸗ geſteckt hatte, ſetzt' ich mich vor die Thüre unter die ſchattige Linde, und ſah im Genuſſe behaglichen Nichtsthuns bald in die blühende Landſchaft hin⸗ aus, bald auf das geſchäftige Treiben der Fuhr⸗ leute und Kärner vor dem Wirthshauſe. Nun, die bleiben lange aus, hob endlich einer der Fuhrleute an. Ob ſie ihren Wagen noch hergeſtällt haben mögen? Das möchte ich ſehen, wie der ſo ſchnell her⸗ zuſtellen wäre, antwortete der Andere, das Rad war ja ganz zexbrochen⸗ Iſt irgendwo ein Unglück vorgefallen? fragte ich. Weiter kein großes Unglück, antwortete der Fuhrmann. Wir begegneten vor ei⸗ ner Stunde dort oben im Hohlwege, wo die Stra⸗ ße nach** ſcharf bergab geht, einem Reiſewagen, der nicht weiter konnte. Wir ſahen einen Herrn und eine hübſche junge Frau dabey, die beyde kein Wort Deutſch ſprachen. Sie waren ausgeſtiegen und ſtan⸗ den neben dem Schwager, der die Arme unterge⸗ ſchlagen hatte und auch keinen Rath wußte.— Ich hörte wenig mehr auf die nähern Umſtände von dem zerbrochenen Rade, und ohne mich einen Augenblick zu beſinnen, bath ich meine freundliche Wirthinn,* mir ihren Knecht mit einem Kutſchrade folgen zu laſſen, ließ mein Pferd vorführen und eilte im Fluge in den Hohlweg. Schon in der Ferne ſah ich den Reiſenden und den Schwager beſchäftigt, das Nad mit Weidenzweigen und Stricken wieder zu 59 vereinigen. Nicht weit davon ſaß auf einem abge⸗ riſſenen Felſenblocke eine ſchöne Frau, die, den Kopf auf den Arm ſtützend, traurig zuſah. Die holde Geſtalt machte bey dem erſten Blicke einen tiefen Eindruck auf mich. Nie vergeſſe ich das rei⸗ tzende Bild. Ihre vollen braunen Locken hingen— eine Folge des erlittenen Umfalles— ein wenig zerſtreut in üppiger Fülle um das liebliche Geſicht, das die Spuren des Kummers noch anziehender machten, und um den ſchönen Hals, den das blaue Gewand und der mahleriſch geworfene dunkelrothe Shawl züchtig verhuͤllten. Ihr ſchwarzer Reiſehut mit hoher Feder hing an ihrem linken Arme, der nachläſſig auf dem Knie ruhte. Ich ſprang ab und redete den jungen Mann franzöſiſch an. Erfreut, jemand zu ſinden, dem er ſich verſtändlich machen konnte, ſagte er mir mit weni⸗ gen Worten, in welche Verlegenheit ſe in Unfall ihn geſetzt hatte. Seine Ausſprache verrieth mir ſogleich, daß er kein Franzoſe war. Der Schwa⸗ ger ſagte mir darauf, daß er ſich nur, weil der Fremde darauf beſtanden habe, die vergebliche Mühe mache, das Rad zuſammen zu fügen, aber es werde an dem ſchweren Wagen nicht zwanzig Schritte weit halten. Ich wandte mich darauf in franzöſiſcher Sprache zu der ſchönen Begleiterinn des, Reiſenden, um ihren Unfall zu beklagen; aber in⸗ dem ſie mit unbeſchreiblicher Anmuth durch Zeichen andeutete, daß ſie meine Worte nicht verſtand, 88 ſagte mir ihr freundliches Lächeln, daß ſie den Sinn meiner Anrede begriffen hatte. Meine Schwe⸗ ſter ſpricht nicht franzöſiſch, hob der junge Mann wieder an⸗. Ich muß es Ihnen geſtehen, lieber Oheim, das Wort Schweſter machte einen ſo tiefen Ein⸗ druck auf mich, daß ich glaube, der Fremde muß es bemerkt haben, wie ich ſo plötzlich von den Em⸗ pfindungen bewegt ward, die in meinem Innern erwachten. Ehe ich mich wieder gefäßt hatte, und als der Reiſende eben den Verſuch machen wollte, mit dem zuſammengefügten Rade weiter zu fahren, kam der Knecht meiner gefälligen Wirthinn im vol⸗ len Trabe herbey. Überraſcht ſahen die Reiſenden die unerwartete Hülfe nahen. Ich erklärte dem Fremden mit wenigen Worten, wie ich von ſeinem Unfalle Kunde erhalten, und wie ſehr es mich freu⸗ en würde, wenn der Verſuch, dem Unglücke fürs Erſte abzuhelfen, gelingen ſollte. In einer Spra⸗ che, die ich nach einigen Worten, welche am deut⸗ lichſten vorklangen, für Spaniſch hielt, ſagte er alles ſeiner ſchönen Schweſter, die den Zuſammen⸗ hang ſchon geahnet zu haben ſchien, und mir mit einem Blicke dankte— o mit einem Blicke, der mich noch in der Erinnerung entzückt. Das Nad paßte ziemlich gut, und in wenigen Augenblicken ritt ich freudig neben dem Wagen her. Als wir vor dem Wirthshauſe anlangten, kam der Fremde meinem Vorſchlage zuvor, auf eine halbe Stunde 61 einzukehren, da ſeine Schweſter, durch zweyſtündi⸗ ges Warten erſchöpft, einer Erquickung bedurfte⸗ Die Wirthinn mußte uns eine Stube öffnen, und ich beſtellte bey ihr das Beſte, was ſie nach meiner Kenntniß von ihren Kunſtfertigkeiten und dem Werthe ihrer Vorräthe uns vorſetzen konnte. Ihre neugierige Frage über mein Abenteuer, womit ſie mich quälte, wies ich ſo ſchnell als möglich ab, und eilte zu meinen Reiſenden. Der junge Mann wiederhohlte ſeinen Dank auf das wärmſte, und bath mich, ihm den Gebrauch des Noth⸗ und Hulfs⸗ rades bis in die Stadt zu verſchaffen. Ich beru⸗ higte ihn durch die Verſicherung, daß die Fortſe⸗ tzung ſeiner Reiſe weiter nicht gehindert werden ſollte. Eine Stunde entſchwand mir ſchnell in der Nähe des lieblichen Weſens, welches durch den Reitz des Geheimniſſes, worein das Abenteuer ge⸗ hüllt war, und durch den Umſtand, daß ich nur in Blicken und Zeichen, oder durch Vermittelung ih⸗ res Bruders, mich ihr verſtändlich machen konnte, einen Eindruck auf mich machte, der ſich mit jedem Augenblicke tiefer in mein Herz grub. Ihr Bruder ſprach nur von allgemeinen Gegenſtänden, aber er ſagte nichts von ſeinen Verhältniſſen, und dem Ziele ſeiner Reiſe, als daß er eine Zeitlang in un⸗ ſerer Stadt bleiben werde, um die Ankunft theu⸗ rer Verwandten, oder Nachricht von denſelben zu erwarten. Je mehr mich dieß entzückte, deſto leb⸗ „hafter wurde— ich muß Ihnen alle meine Schwach⸗ 6² 5 heiten beichten— meine Unruhe, wenn ich die zärtliche Sorgfalt bemerkte, welche er ſei ner ſchönen Gefährtinn bewies; Alles, was er ihr ſagte, jede Aufmerkſamkeit, die er ihr zeigte, ſchien mir faſt mehr als brüderliche Zuneigung zu verrathen⸗ Endlich brachen wir wieder auf. Meine hübſche Wirthinn war zwar, noch ehe von vollwichtigen Beweggründen die Rede geweſen war, gern bereit, dem Nothſtande der Reiſenden abzuhelfen, aber ih⸗ re gewöhnliche Freundlichkeit gegen mich war merklich herab geſtimmt, als ſie ſah, wie ich die ſchö⸗ ne Fremde in den Wagen hob, und ich bemerkte vollends, wie überall unter Eva's verzogenen Töchterchen die Eigenliebe ſich zu Tage legt, da ich beym Abſchiede nicht, wie ſonſt, ſcherzend und ſchäkernd, ſondern ernſt und zerſtreut mich von ihr trennte. 3 44 Wir erreichten die Stadt erſt bey Anbruche der Nacht. Ich führte die Reiſenden in einen Gaſthof in der Vorſtadt, als der junge Mann den Wunſch äußerte, in ein ſtilles Wirthshaus einzu⸗ kehren. Beym Abſchiede bath er mich, ihn am fol⸗ genden Morgen zu beſuchen, damit ich ihm wei⸗ tern Rath und Beyſtand geben möchte. Ich brauche ihnen nicht zu ſagen, lieber Oheim, daß ich die Nacht ziemlich unruhig zubrachte. Ich war ſchon um fünf Uhr angekleidet, und die drey Stunden, die ich warten mußte, ehe ich meine Reiſenden zu ſtören wagen durfte, waren eine — — * 8 1 53 Ewigkeit für mich. Sie ſaßen beym Frühſtücke, als ich herein trat. Die ſchöne Frau ſtützte das Haupt auf ihren Arm, ihre Blicke auf ein Papier heftend, das vor ihr lag, und als ſie aufſah, mei⸗ nen Gruß zu erwiedern, lächelte ihr Auge durch Thränen. Sie erhielt nur nach und nach ihre Faſ⸗ ſung, während ſie mir den Thee einſchenkte. Nach einer langen Pauſe in der Unterhaltung hob der junge Mann endlich an: Ich betrachte den Zufall, der Sie zu uns geführt hat, als das Gliücklichſte⸗ das mir je begegnet iſt. Wenn ich Sie mit mei⸗ nem und meiner Schweſter unglücklichem Schickſale werde bekannt gemacht haben, müſſen Sie fühlen, wie lebhaft wir Ihnen danken für alles, was Sie ſchon für uns gethan haben, und für die Gefällig⸗ keiten, die wir noch von Ihnen zu erhalten hoffen⸗ Glauben Sie mir, es iſt keine Regung von Miß⸗ trauen in meiner Seele; nein, das innigſte Ver⸗ trauen zieht mich zu Ihnen, wie nie zu einem Manne, aber das Schickſal verfolgt uns ſo grau⸗ ſam, wir ſind von ſo großen Gefahren umringt, daß ich gegen meine Schweſter, deren Rettung mir obliegt, eine Pflicht zu verletzen glauben würde, wenn ich, ſelbſt wo der Augenſchein und meine überzeugung jeden Argwohn widerlegen, die ängſt⸗ lichſte Vorſicht vernachläſſigte. Wollen Sie Ihr feyerliches Ehrenwort mir geben, daß Sie von Allem, was ich Ihnen ſagen werde, gegen niemand, wer es auch ſey, und wie nahe er Ihnen ſtehen 54½. möge, das Mindeſte verrathen wollen, ſo lange wir nicht außer Gefahr ſind? Ich gebe Ihnen dagegen. mein Wort, daß Sie ſich dadurch zu nichts verbin⸗ den werden, was der Pflicht eines rechtlichen Mannes entgegen wäre. Es bedarf dieſer Verſicherung nicht, antwortete ich. Es gilt die Rettung Ihrer Schweſter, wie Sie ſagen, es gilt, Sie ſelbſt aus einer Gefahr zu ziehen; ja, ich will Ihnen das Wort geben, das Sie verlangen, ich will Ihnen auch verſpre⸗ chen, alles zu thun, um Sie beyde zu ſchützen und zu retten, und ſollte ich ſelbſt Gefahren trotzen müſſen. Der Fremde enthüllte mir nun das Geheimniß. Die Zeit wo ich durch mein Ehrenwort zum Schwei⸗ gen verpflichtet war, iſt vorbey; beyde ſind jetzt allen Gefahren glücklich entgangen, und ſo will ich denn Ihnen, lieber Oheim, mittheilen, was ich Ihnen ſo ungern verborgen habe. Richard Hurd ſtammt aus einem edlen engli⸗ ſchen Geſchlechte. Sein Vater, dem der Großvater ein, im Handel erworbenes, anſehnliches Vermö⸗ gen hinterließ, beſaß auch eine blühende Pflanzung in Jamaika, und um ſie vortheilhafter einzurichten, war er ſchon als Jüngling nach Weſtindien geſchickt worden. Eine reiche Erbinn aus Havana, deren Liebe er gewann, vermehrte ſein Vermögen, und er lebte ſeitdem faſt immer auf der Inſel Cuba. Die allte Amme ſeiner Frau, eine Kreolin, war die 82 . 65 treue Wärterinn ſeiner Kinder. Eliſa ſprach daher ſeit ihrer Kindheit das Spaniſche und verſtand das Engliſche noch weit unvollkommener, als ihre älte⸗ re Schweſter. Sie und ihr Bruder Richard waren ſeit ihrer früheſten Jugend durch die zärtlichſte Liebe verbunden. Eliſa war zehn Jahre alt, als ihre Mutter ſtarb. Ihr Vater hatte ſchon längſt den Gedanken gehabt, ſeine Beſitzungen in Weſtindien zu verkaufen und ſeine Tage in ſeinem Vaterlande zu beſchließen, die Anhänglichkeit ſeiner Frau an ihre Heimath aber ihn abgehalten, ſeinen Entſchluß auszuführen. Nach ihrem Tode bereitete er ſich zur Rückkehr nach Europa. Es war nicht lange nach dem Frieden zwiſchen Frankreich und England, zu Anfange des Jahres 1802, als ſie auf einem nach Liſſabon beſtimmten Schiffe unter Segel gingen. Die Geſundheit ſeiner beyden Töochter hatte wäh⸗ rend der Reiſe ſo ſehr gelitten, daß der Vater be⸗ ſchloß, eine Zeitlang auf dem feſten Lande zu blei⸗ ben, ehe er nach England abreiſete. Nach einem kurzen Aufenthalte auf einem Landgute bey Liſſa⸗ bon, ging er ins ſüdliche Frankreich. Er lebte hier mit ſeinen Kindern und der treuen Kreolin, die ih⸗ ren geliebten Pfleglingen gern nach Europa gefolgt war, als der Krieg zwiſchen Frankreich und Eng⸗ land wieder ausbrach. Ehe ſie auf ihre Sicherheit⸗ denken konnten, hatten ſie mit vielen andern Lands⸗ leuten das Schickſal, durch die ungerechte Verfügung der franzöſiſchen Regierung als Gefangene in Frank⸗ 66— reich zurück behalten zu werden. Man brachte ſie nach Verdun. Hier hatten ſie ſechs Jahre in der Kriegsgefangenſchaft gelebt, als der, von Richard und ſeinem Vater ſchlau angelegte, Entwurf zur Fluche gelang. So gefährlich das Unternehmen war, der lange Weg durch Deutſchland war der einzige, der ſich ihnen zur Flucht öffnen wollte, aber um allen Geſahren auszuweichen, ließ es ſich nicht anders einrichten, als daß Vater und Sohn verſchiedene Straßen einſchlugen; jener wandte ſich mit der ält eſten Tochter nach der Schweiz, dieſer ging durch das Elſaß nach unſerm Lande. Sie nahmen Ab⸗ rede, ſich in unſerer Stadt zu treffen, und zuſam⸗ men über Holland oder Schweden nach England zu gehen⸗ 3 So weit ging Richards Erzählung. Sie ſehen, ſetzte er am Schluſſe hinzu, wie gefährlich unſere Lage iſt, und was wir zu befürchten haben, wenn fran zöſiſche Ausſpäher uns entdecken ſollten. Bis⸗ her haben wir uns als geflüchtete, von den Aufrüh⸗ rern vertriebene, Spanier glücklich genug durchge⸗ holfen, und unſere Kenntniß der ſpaniſchen Sprache hat uns dabey nicht wenig begünſtigt. Das Schick⸗ ſal unſeres Vaters und unſerer Schweſter iſt jetzt das Nächſte, was uns tief bekümmert. Der letzte Brief, den ich hier gefunden habe, iſt aus Zürich, von meiner Schweſter geſchrieben, aber ſchon drey Wochen alt. Mein Vater war damahls krank, und genöthigt, in Zürich zu bleiben. Die alte Pflegerinn „— * 67 unſerer Kindheit, die treue Anna, iſt dort auch ge⸗ ſtorben. Sie ſehen, wie dieſe traurigen Nachrich⸗ ten meine gute Eliſa bewegen. Als Richard ihren Nahmen nannte, und ſie errteth, wovon die Rede war, drückte ſie den Brief ihrer Schweſter an ihr Herz, und der Blick ihres großen ſchwarzen Auges, der dieſen einfachen Ausdruck ihrer Empfindung begleitete, rührte mich tief. Sie ſah meine Bewegung und dankte mir mit einem freundlichen Blicke, und als ihr Bruder auf meine Bitte ſie meiner Theilnahme und meines feſten Entſchluſſes verſichert hatte, alles zu ihrem Schutze aufzubiethen, reichte ſie mir mit holder Anmuth ihre Hand und entzog ſie mir nicht, als ich ſie an meinen Mund drückte. Ihr Bruder woll⸗ te, um der Beobachtung deſto mehr auszuweichen, das Wirthshaus ſogleich verlaſſen. Ich beſorgte alles in dem bewußten Eckhauſe in der Karlsſtraße⸗ das meinem theuren Oheim ſo genau iſt beſchrieben worden, und führte meine neuen Freunde noch am Abende deſſelben Tages in die neue Wohnung. Ich beſuchte ſie gewöhnlich jeden Abend. Richard ward mir täglich theurer, und das Gefühl, das mich ſeit dem erſten Blicke zu Eliſa gezogen hatte, ward mit jedem Tage glühender und mächtiger. Ich fing an, Spaniſch und Engliſch zu lernen— Sie wiſſen, wie fleißig ich war— und in weuigen Wochen war ich ſo weit, daß ich mich ihr verſtänd⸗ lich zu machen wußte. Es konnte ihr nicht entgehen, * 68 was meinen Eifer entzündete, und die Theilnahme, womit ſie meine Fortſchritte beförderte, verrieth mir, daß auch ſie ſich freute, als dieſes neue Band des Einverſtändniſſes ſich immer feſter zwiſchen uns knüpfte. Doch war ich auch glücklich in jener er⸗ ſten Zeit, wo ich noch nicht mit ihr reden konnte, und als ich ihr in der ſchönen Sprache Spaniens zu ſtammeln vermochte, daß ich ſie lievte, hatte es ihr mein Blick ſchon lange beredter geſagt, und ich an ihren ſchönen Augen ſchon lange die ſüße Antwort geleſen. Ja, ſie liebte mich, ich durfte nicht zweifeln. Das neue Gefühl, das in ihrem Herzen erwacht war, ſchien ihren Kummer zu zer⸗ ſtreuen, den die fortdauernde Ungewißheit über das Schickſal ihrer Angehörigen ihr machte.⸗ Vier glückliche Wochen waren vergangen, ohne daß wir uns dieſe Gefühle geſtanden hatten, als ich ſie eines Abends allein fand. Sie ſaß, mit ei⸗ ner weiblichen Arbeit beſchäftigt, am Tiſche. Die ſpaniſche Sprachlehre, worin ſie mir am vorigen Tage die Ausſprache einiger Wörter angegeben und die deutſche Überſetzung mir nachgeſprochen hatte, lag noch vor ihr. Sie ſuchte mir verſtändlich zu machen, daß ihr Bruder einen Brief auf die Poſt gebracht habe. Ich ſetzte mich neben ſie. Wir ſchwie⸗ gen beyde, und wenn mein Auge ihr begegnete, ſenkte ſie es bald wieder auf das Werk ihrer fleißi⸗ gen Hände. Eine ſüße Verwirrung hielt mich be⸗ fangen. Endlich öffnete ich das Buch, um die 4 8 K. 69 Verlegenheit abzuleiten, die immer größer ward, je länger dieſes Schweigen dauerte. Eliſa ſah mit mir zugleich in das geöffnete Buch, und un⸗ ſere Blicke begegneten ſich auf den erſten Zeilen der linken Blattſeite, wo die vergangene Zeit des Zeitworts lieben anfing. He amado las ich; ich habe geliebt— las ſie deutſch vollkom⸗ men richtig. Wir ſchiegen, und ſahen uns bey⸗ de an. Was iſt nunca? fragte ſie mich endlich. Nie, gab ich zur Antwort. Nie! niel wieder⸗ hohlte ſie, und ſchüttelte mit holder Anmuth das Köpfchen, daß ihr die dunkeln Locken um die blü⸗ henden Wangen ſchlugen. Da wehte ein Hauch des Windes durch die Roſenſtöcke im offenen Fenſter über, den Tiſch, und wendete die Blattſeite um. Unſere Blicke fielen auf den Anfang des Zeitworts. Amo, ſprach ich mit bewegter Stimme; ich liebe, kam faſt unhörbar über ihre Lippen; liebe, wie⸗ derhohlte ſie, als ob der Klang des Worts ihr ge⸗ fallen hätte, und eine ſanfte Gluth überfloß ihre Wangen. Sie ſenkte ihr Auge ſchnell, als mein Blick ihm begegnete, und wir ſagten kein Wort mehr, da das einzige, das ausgeſprochen war, al⸗ les geſagt hatte. So fand uns ihr Bruder. Sein Blick ſchien fröhliche Bothſchaft zu verkündigen. Er zog einen offenen Brief hervor, den er mit freu⸗ diger Eile ſeiner Schweſter hingab. Sie verſchlang ihn, drückte ihn an ihre Bruſt und ihr Auge leuch⸗ 8 kete. Ihr Vater war außer aller Gefahr, und hoff⸗ 70 te, ſeine getrennten Kinder bald zu vereinigen und mit ihnen in das geliebte Heimathland zu ziehen. Eliſa's Herz ſchien ſich von nun an dem Gefühle, das uns verband, ungeſtörter zu überlaſſen. Ri⸗ chard, ein trefflicher Menſch, von tiefer ſtarker Em⸗ pfindung, der mit warmer Liebe ſich hingibt, wo. er einmahl ein Herz gefunden, dem er vertraut, ahnete ſchon unſer Verhältniß, und ſeine innigere Herzlichkeit ſchien mir zu verſprechen, daß er meine Wünſche begünſtigen werde. Am folgenden Tage, als er mit offenem Vertrauen vyn ſeinen häusli⸗ chen Verhältniſſen ſprach, ergriff ich den günſtigen Augenblick; ich geſtand ihm alles, und fragte ihn, was ich von ihm, was ich von ſeinem Vater zu hoffen habe. Für meine Geſinnung, ſprach er mit innigem Händedrucke, brauche ich Ihnen wohl kei⸗ nen Bürgen zu ſtellen. Mein Vater wird Ihnen, wie ich hoffe, nicht entgegen ſeyn; es iſt ſein Grund⸗ ſatz, den Willen ſeiner Kinder nur zu leiten, nie zu zwingen. Richard verſprach mir, ſeinem Vater alles zu entdecken und ihn vorzubereiten. Er that es; er überſetzte mir die Stelle des Briefes, die mich be⸗ traf, und ich konnte mit der warmen Empfehlung, die ſie enthielt, zufrieden ſeyn. Vier Wochen ver⸗ gingen mir noch ſchneller, als der erſte Monath, in dem glücklichen Gefühle, daß Eliſa mich liebte⸗ und täglich gewann unſer Umgang neue Reitze, da wir mit jedem Tage mehr im Stande waren, un⸗ 71 ſere Empfindungen in Worten gegen einander aus⸗ zutauſchen. Unerwartet früh kam ein Brief von Eli⸗ ſa's Vater. Er ſchrieb ſeinen Kindern, daß der Verdacht, der ihm ſchon auf der Spur geweſen, ihn zu verdoppelter Vorſicht nöthigen müßte, und daß er daher, um den Argwohn ſeiner Feinde irre zu leiten, auf einem andern Wege aus der Schweiz durch Bayern, Franken und Sachſen nach Ham⸗ burg zu reiſen geſonnen ſey, ohne erſt mit ſeinen beyden andern Kindern in unſerer Stadt zuſammen zu treffen. Richard und Eliſa ſollten ſogleich nach demſelben Ziele und weiter nach Gothenburg rei⸗ ſen, wo ſie ſich nach England einſchiffen wollten Freundlich ſprach er über die Mittheilung, die mei⸗ ne Wünſche betraf, aber er ſetzte hinzu, daß ſeine und der Seinigen beunruhigende Lage nicht dazu paſſe, eine Angelegenheit von ſolcher Wichtigkeit zu entſcheiden. Es könnte ſeinen Kindern und mir ſelbſt nachtheilig werden, meinte er, wenn ich, von meiner Liebe hingeriſſen, auf den Gedanken fiele, Richard und Eliſa zu begleiten; mit offe⸗ nen Armen aber werde er mich empfangen, wenn ich ihm und ſeinen Kindern, ſo bald die Umſtän⸗ de es mir erlauben würden, nach England folgen wollte. Drey Tage nachher reiſete Richard mit ſeiner Schweſter ab. Ich begleitete ſie nicht weiter, als bis zum nächſten Poſtwechſel. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, lieber Oheim, wie ſchmerzlich der 4 8 72 Abſchied unter dieſen Umſtänden war. Wie ſehr auch des Vaters freundliche Worte meine Hoffnun⸗ gen aufmuntern konnten, wie ſehr die Schwüre der Treue, womit Eliſa von mir ſchied, und Ri⸗ chards Händedruck mein Herz erhoben; welche äng⸗ ſtigende Möglichkeiten lagen nicht zwiſchen dieſen glücklichen Hoffnungen und der Erfüllung! In Eng⸗ land! ſollte ich ſie ſuchen! Wahrlich, einem tapfe⸗ ren Peladin konnte in den Tagen des Ritterthums kaum ein gefährlicheres Abenteuer aufgelegt werden, als Bedingung für den Minneſold einer ſchönen Frau. Mit unruhiger Sehnſucht wartete ich auf die Nachricht, die Richard mir von Hamburg zu ſenden verſprochen hatte⸗ Endlich erhielt ich einige Zeilen. Die Famillie hatte ſich in Hamburg wieder vereinigt, und wartete auf den Abgang eines Schif⸗ fes nach Schweden, um endlich allen Gefahren zu entfliehen. Sie, lieber Oheim, waren ſo gütig, meine Wünſche zu erfüllen, als meine unruhige Sehn⸗ ſucht mich trieb. Bey meiner Ankunft in Ham⸗ burg waren meine Freunde wenige Tage vorher abgereiſet. Ich benutzte die erſte Gelegenheit⸗ die ſich mir darboth, und kam glücklich hier an; aber noch einmahl war die theure Geſtalt, der ich nacheilte, vor mir verſchwunden, wie ein Wol⸗ kenbild. Faſt fünf Monathe habe ich hier auf die Nach richt aus England gewartet, die Richard in ſeinem 1 75 letzten Briefe, den er mir in dem Augenblicke der Einſchiffung ſchrieb, verſprochen hatte. Ich habe ſie in der peinlichſten Unruhe zugebracht, da zur Zeit der Abfahrt des Schiffes die See ſehr ſtürmiſch war und täglich Nachrichten von verunglückten Fahrzeugen kamen. Auch Sie, guter Oheim, ſind gewiß um mich beſorgt geweſen, aber ich wollte Ihnen keine halbe Beruhigung geben, darum zö⸗ gerte ich, bis ich glückliche Hoffnungen mit Ihnen theilen könnte. Heute endlich kommt fröhliche Both⸗ ſchaft. Meine Freunde ſind glücklich in ihrer Hei⸗ math angelangt. Richard ſchreibt es mir mit weni⸗ gen Worten in ſeinem Briefe, der freylich ſchon einige Monathe alt iſt. Eliſe fügt einige ſüße Worte hinzu. Es iſt der Ruf der Liebe. Er hat neues Feuer in meine Seele gegoſſen, und in einigen Tagen reiſe ich ab mit dem Schiffe, das mir dieſe glückliche Kunde bringt. Muthig, muthig hindurch, wenn auch noch einmahl ſo wild die Wogen an dieſes Ufer ſchlügen! Doch ſeyn Sie unbeſorgt, mein theurer Oheim, und theilen Sie die Zuver⸗ ſicht, welche mir das Glück einflößt, womit bis hierher der Stern der Liebe mich geleitet hat⸗ Die Abreiſe des Schiffes verzögerte ſich längar, als der Ungeduldige geglaubt hatte. Während die⸗ ſer Zeit erbielt er durch ein Handlungshaus in Go⸗ Untery. Bibl. 3. Jahrg. 6. B. D 74 thenburg einen neuen Brief von ſeinem Freunde in England. Richard hatte dieſen, wie die frühern Briefe, die auf demſelben Wege gekommen waren⸗ zwar nach Hamburg gerichtet, aber Rudolphs Reiſe nach Gothenburg ſo wenig geahnet, daß er auf den Fall, wenn ſein Freund nicht in Hamburg an⸗ gekommen ſeyn ſollte, Anweiſung gegeben hatte, den Brief in deſſen Heimath zu ſenden Der Inhalt war beunruhigend für Rudolph. Richard redete zwar noch immer die hoezliche Spra⸗ che des Freundes, er ſprach von dem glücklichen Leben, das er, nach ſo vielen Gefahren mit den Seinigen wieder vereint, genoß, und erzählte von frohen Ausſichten in die Zukunft. Sein Vater wollte das, aus Weſtindien mitgebrachte, Vermö⸗ gen auf eine Art anlegen, die der Familie den hei⸗ terſten Genuß des Lebens verſprach, und war eben abgereiſet, um ein ſchönes Landgut. in Weſtmore⸗ land in Beſitz zu nehmen, über deſſen Ankauf ſein Geſchäftsführer ſchon früher die Unterhandlung ab⸗ geſchloſſen hatte. Am Schluſſe des Briefes aber äußerte Richard allerley Bedenklichkeiten, um ſei⸗ nen Freund abzuhalten, die Reiſe nach England 4 ſchon jetzt zu wagen; der eben wieder ausbrechende Krieg werde das Unternehmen noch ſchwieriger machen, meinte er, die Üüberfahrt ſey bey der Wach⸗ ſan keit feindlicher Kreuzer noch gefährlicher, ſelbſt die Aufnahme eines Fremden, der in dieſem Augen⸗ blicke aus einem, von den Feinden beſetzten, Lande. 7 75 ankame, würde in England große Schwierigkeiten finden, und es möchte daher am beſten ſeyn, erſt abzuwarten„ob der neue Kampf gegen Frankreichs Übermacht eine glückliche Veränderung in der Lage von Europa hervor bringen und den freyen Verkehr zwiſchen feindlich getrennten Völkern herſtellen wer⸗ de. Indeß wollten ſie, fügte Richard hinzu, ſo viel jene Hemmungen es erlaubten, ihre freundſchaftliche Verbindung durch Briefwechſel treulich unterhalten. Eliſa hatte dieß Mahl kein Wort der Liebe hinzu gefügt. Richards Gründe waren ſcheinbar genug; al⸗ les, was er ſagte, ließ ſich aus den Beſorgniſſen eines aufrichtigen Freundes erklären, und Rudolph konnte ihn keiner Falſchheit fähig halten; aber in jeder Zeile ſchien ſo viel Stoff zu bekümmernden Zweifeln zu liegen. Doch der Würfel war gefallen; das Schiff lichtete die Anker, ein günſtiger Wind trieb die Segel und bald ſah Rudolph über einen Wald von Maſten die Thürme der brittiſchen Haupt⸗ ſtadt hervor ragen. Je näher Nudolph Englands Küſten gekommen war, deſto lebhafter harten ſeine Beſorgniſſe ihn gequält, und die Nachricht, welche er gleich nach ſeiner Ankunft in London erhielt, daß Richard mit den Seinigen ſchon vor mehreren Wochen die Haupt⸗, ſtadt verlaſſen habe, und entweder auf dem neu er⸗ kauften Landgute oder in Bath wohne, konnte ſeine Bekümmerniſſe eher ſchärfen, als mildern. — D 2 76 Rudolphs Entſchluß war bald gefaßt, und am fol⸗ genden Morgen zog er auf der nächſten Straße nach Weſtmoreland. Der Anblick der herrlichen Land⸗ ſchaft, welche die Natur mit reitzender Mannigfal⸗ tigkeit ausſtattete, gab ſeinem ziemlich getrübten Gemüthe neues Feuer, neuen Schwung⸗ Gewaltige Waſſerfälle, himmelhohe Berge, Felſengipfel mit Wolken bedeckt, und klare Seen, die ſich in ſchat⸗ tigen Thälern ausbreiten, und bey jeder Krüm⸗ mung ihrer Ufer in anmuthige Einſamkeiten führ⸗ ten, bothen dem Wanderer in dieſem Gebirglande überall neue Reitze dar. Eines Abends, als Rudolph nicht weit mehr von dem Ziele ſeiner Reiſe zu ſeyn glaubte, wand ſich der Weg um einen vorſpringenden Felſen plötz⸗ lich in ein offenes Thal, aus deſſen ſchönem See die letzten Strahlen der Sonne glänzten. Er zog längs dem anmuthigen Ufer auf ein Wirthshaus zu, wo ſein Führer genauere Nachrichten über den Weg einzuziehen hoffte, wenn der Reiſende nicht etwa die Nacht hier zuzubringen ſich entſchließen ſollte. Die Dämmerung war angebrochen, als ſie das Haus erreichten, und bey der erſten Frage des Wegwei⸗ ſers zeigte die Wirthinn auf ein ſchönes Schloß, das am jenſeitigen hohen Ufer des Sees ſich erhob, und fing alsbald an, von dem neuen Beſitzer des reitzenden Landgutes, der erſt ſeit einigen Monathen in ihrer Gegend wohne, eine lange Geſchichte zu erzählen, wie er aus Weſtindien gekommen, in. — 77 Frankreich gefangen geweſen und glücklich entflohen ſey. Rudolph nannte den Nahmen Hurd, und die Antwort der Wirthinn ließ weiter keinen Zweifel übrig. Die fuhr fort, alles zu ſagen, was ſie von der Familie wußte, und ſchloß mit der Verſiche⸗ rung, ſie habe von einem Diener des Hauſes, der zuweilen einen Krug Porter bey ihr trinke, erſt heute gehört, es ſollte eine Hochzeit im Schloſſe ſeyn, ſo bald der junge Herr mit ſeiner Schweſter aus dem Bade zurück gekommen ſeyn werde. Ru⸗ dolph war, wie vom Donner getroffen. Er ent⸗ ſchloß ſich ſogleich, fürs Erſte in dem Wirthshauſe zu bleiben. Die Wirthinn verſicherte ihn, er werde in ihrem Hauſe, ſo einſam es liege, nie Langeweile haben, da ein Paar junge Herrn ſeit einigen Tagen bey ihr wohnten, welche das Land zu Fuße durch⸗ reiſeten und eben jetzt eine Wanderung am Ufer des Sees machten. Rudolph achtete wenig auf ihr Geſchwätz. Der quälende Argwohn, den ſie in ſeiner Seele erweckt hatte, ließ ihn nicht ruhen, und er brachte alsbald das Geſpräch wieder auf den Herrn des Schloſſes, um den Nahmen der Braut zu erfahren. Die eine der beyden Töchter des Squire heiße Miß Mathilde, die andere Miß Eliſa, ſagte die Wirthinn, und wenn ſie recht gehört, ſo ſey die jüngſte, die eben jetzt mit ihrem Bruder in Bath ſey, die Braut ei⸗ nes reichen Kaufmannes, der ſie ſchon in Weſtindien gekannt habe. 78 1 1b Rudolph war außer ſich: Sein Vertrauen auf Nichards edle Geſinnung, ſein Glaube an Eliſa's Schwüre, alles ſchien ſeine Hoſfnung aufamantern zu müſſen, aber wenn er ſich die beunruhigenden Außerungen in Richards letztem Briefe zurück rief⸗ ſo konnte er den Gedanken nicht unterdrücken, daß vielleicht ſein Freund eigennützigen Rückſichten ihn aufgeopfert hätte, und die Geliebte ihrem Worte untreu geworden wäre⸗ Er mußte klar ſehen in die⸗ ſen quälenden Zweifeln, und wenn es ſeine Ruhe koſten ſollte. Der Zufall ſchien ihn günſtig geleitet zu haben. Sein Entſchluß war gefaßt; er wollte ſich am folgenden Tage dem Vater ſeiner Geliebten als einen reiſenden Mahler aus Schweden bekannt machen, eine Rolle, welche er, ein geſchickter Landſchaftzeichner, ebenfalls mit Ehre ſpielen konn⸗ te. Bald nachher kamen die beyden Wanderer, von welchen die Wirthinn geſprochen hatte, zurück, zwey Eingeweihte der Kunſt, unter deren Jünger ſich Rudolph ſtellen wollte. Er konnte den Abend ſehr angenehm mit ihnen zubringen, da er ſich während ſeines Aufenthaltes in Gothenburg und auf der Überfahrt eine ziemliche Fertigkeit in der engliſchen Sprache erworben hatte. Sie waren zu⸗ vorkommend bereit, dem Fremden, der ſich als ei⸗ nen Kunſtliebhaber ankündigte⸗ mit Zeichnungsbe⸗ dürfniſſen zu unterſtützen, als er ihnen erzählte, daß er auf ſeiner Reiſe durch einen unglücklichen 6 79 Zufall ſeine ſämmtlichen Geräthſchaften verloren habe. So ausgerüſtet, ging er am folgenden Mor⸗ gen auf das Schloß. Als er auf einen grünen Platz vor dem Wohngebäude kam, erblickte er einen ält⸗ lichen, ziemlich wohlbeleibten Mann, deſſen Züge einen einnehmenden Ausdruck von fröhlicher Laune hatten, und an deſſen Seite einen jüngern, eine edle Geſtalt. Rudolph näherte ſich, und als er in jenem den Herrn des Schloſſes gefunden, vermochte er kaum ſeine Bewegung zu verbergen, indem er den Wunſch eröffnete, von der Berghöhe eine An⸗ ſicht des Seeufers aufzunehmen. Hurd empfing ihn mit freundlicher Gutmüthig⸗ keit und kündigte ſich ihm als einen eifrigen Kunſt⸗ freund an. Sein Begleiter ſchien wenig auf den Fremden zu achten, der in dem einfachen Reiſekleide und mit der Mappe unter dem Arme freyllich ein ſehr beſcheidenes Anſehen hatte, und Rudolph, ſchon verſtimmt durch eiferſüchtigen Argwohn“, wollte in den Zügen dieſes Mannes, die freylich die ruhigſte Kälte des Gemüthys ausſprachen, einen un⸗ erträglichen Hochmuth leſen. Nach einem kurzen Geſpräche führte Hurd den Künſtler durch den Park auf die Anhöhe, wo das Thal mit den einſchließen⸗ den Bergen und einer prächtigen Ferne von ſteilen Felſen, über welche ein ſchäumender Waſſerfall, in den Straylen der Sonne glänzend, herab ſtürzte, die herrliche Landſchaft zeigte. 8⁰ Einen ſchöneren Standpunct werden Sie ſchwerlich ſinden, ſprach er. Ein paar junge Künſtler aus London, die vorgeſtern mich beſuchten, waren. „hier ganz entzückt; Einer von ihnen hat dieſe An⸗ ſicht im Abendlichte aufgenommen, und mir ver⸗ ſprochen, ſeinen Entwurf für mich auszuführen. Es wird mich freuen, wenn Sie mir ein Seiten⸗ ſtück dazu in der Morgenbeleuchtung liefern wollen. Mit dieſen Worten ließ er den Fremden allein. Nudolph war zu künſtleriſchen Arbeiten wenig auf⸗ gelegt, aber wenn er ſeine Abſicht erreichen wollte, konnte er nicht umhin, der Aufforderung, die an 2 9 ihn ergangen war, Genüge zu thun, und als er einmahl angefangen hatte, die Aufgabe zu löſen, zog der Reitz derſelben ihn ſo ſehr an, daß er mit Eiche und Sorgfalt arbeitete und ſeine Unruhe da⸗ bey wohlthätig zerſtreut wurde. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als er ſeine Mappe zuſammen legte. Der Herr des Schloſſes begegnete ihm auf dem Wege aus dem Parke; Rudolph aber lehnte unter einem ſcheinba⸗ ren Vorwande die gaſtfreundliche Einladung deſſel⸗ ben ab, um die Entdeckungen, welche er zu machen hoſfee, durch unvorſichtige Eile nicht zu vereiteln, ſondern ſich Gelegenheit zu verſchaffen, in den Um⸗ gebungen des Schloſſes erſt recht bekannt zu werden. Er wollte am folgenden Morgen wiederkommen, ſeinen Entwurf noch einmahl zu überarbeiten. Sei⸗ —— 8² ne eigene Ungeduld trieb ihn, und am nächſten Ta⸗ ge, bald nach Sonnenaufgange, fand Herr Hurd den Fremden wieder am Eingange des. Parks, und wiederhohlte ſeine Einladung. Rudolph ſaß gedankenvoll an dem ſchroffen Nande des Berggipfels, aber nur ſelten kam ein Strich auf das Papier, und mit ſteigender Unruhe ſah er den Augenblick nahen, wo Hüurd ihn im Schloſſe erwartete. Endlich brach er auf und ging langſam durch den Schattengang des Luſtwaldes. Sollte er die Geliebte ſehen? Als Braut eines Andern ſie ſehen? Mit dieſen Gedanken ging er voran, als plötzlich, nicht weit von ihm, eine weibliche Geſtalt mit dem Manne, den er Tags vorher an Hurd's Seite geſehen, über eine Brücke herbey kam. Er ſtand, wie in den Boden gewur⸗ zelt. Es war Eliſa's Gang, ihr Wuchs, ihr dun⸗ keles, wallendes Haar, und als ſie ſich umwendete, erkannte er alle Züge des ſchönen Geſichts, die ſo lebendig vor ſeiner Seele ſtanden. Sie hatte ihn geſehen, ſie mußte ihn erkannt haben, ſie hatte ihn, wie ihr Begleiter, auf deſſen Arm ſie ſich vertrau⸗ lich lehnte, gleichgültig gegrüßt, und ging nun, ohne ſich umzuſehen, in den Seitengang. Es war zu viel! Es dauerte lange, ehe Rudolph einen kla⸗ ren Gedanken feſt halten, einen Entſchluß faſſen konnte. Endlich hob die Regung des Unwillens ſeine erſchütterte Seele, ſein Stolz erwachte; er wollte der Treuloſen noch einmahl in den Weg . 4 832 treten, mit einem Blicke der bitterſten Verachtung ſie ſtrafen, und dann auf ewig meiden. Herr Hurd begegnete ihm in dem nächſten Gan⸗ ge, der auf den freyen Platz vor dem Schloſſe führte. Während er die Zeichnung, die er ſich ſo⸗ gleich zeigen ließ, mit großem Wohlgefallen be⸗ rrachtete, ſah Rudolph noch einmahl die Ungetreue, welche wenige Schritte vor ihm mit ihrem ſchönen Begleiter in's Schloß eilte, und kaum einen Blick auf ihn warf. Der junge Mann konnte ſeine heftige Bewegung nicht unterdrücken, und als Hurd ihn in das Schloß führen wollte, wich er unter einem nichts ſagenden Vorwande aus, und nahm ſo un⸗ geſtüm Abſchied, daß jener mit Überraſchung ihm nachſah. Von einer ſchnellen Wanderung erſchöpft, kam er in das Wirthshaus zurück und ſchloß ſich in ſein einſames Gemach, um ſeinen Entſchluß zu erwägen. Er wollte ſich noch nicht entfernen; die Ungetreue ſollte ſich nicht rühmen, ſie habe ihn mit ſchnöder Verachtung behandelt, und er es nicht gewagt, vor ihr zu erſcheinen und die gebrochenen Schwüre ihr vorzuwerfen. Wenigſtens wollte er Richards Nückkehr erwarten, er wollte wiſſen, ob auch dieſer ſich ein Spiel daraus gemacht, Hoffnungen in ihm zu erwecken, die man jetzt treulos betrog. Entſchloſ⸗ ſen, in dem Wirthshauſe als Beobachter zurück zu bleiben und die weitern Ereigniſſe abzuwarten, naym er den Vorſchlag der beyden Mahler an⸗ 85 mit ihnen auf einige Tage eine Wanderung in an⸗ dere Gegenden des Gebirgslandes zu machen. Der Genuß, welchen die mannigfaltig wechſelnden Na⸗ kurreitze auf dieſer Reiſe ihm darbothen, die Ulbung des Kunſttalents, wozu der Beyfall ſeiner Beglei⸗ ter ihn aufmunterte, und die Unterhaltung mit den geiſtvollen Künſtlern hatten ſo wohlthätigen Ein⸗ fluß auf ſein Gemüth, daß er in einer weit ruhi⸗ gern Stimmung war, als er nach acht Tagen ins Wirthshaus zurück kam. Es war Abend. Die Fenſter des Schloſſes glänzten, hell erleuchtet, über den See, und die Wirthinn erzählte ihren Gäſten, es ſey drüben ein Feſt, da der junge Herr mit ſeiner Schweſter zurück gekommen ſey. Die Hochzeit? fragte Rudolph ſchnell. Nein, antwortete die Wirthinn, es iſt, wie ich höre, der Geburtstag der Tochter. Rudolph trennte ſich von ſeinen Gefährten und ging am Ufer des Sees hinab. Das Geräuſch eines Ruders weckte ihn aus ſeinen Träumereyen, und als er einen jungen Schiffer erblickte, der eben ans Ufer ſpringen wollte, fiel es ihm ein, den Kahn zu dingen und dem Schloſſe ſo nahe als mög⸗ lich zu fahren, da er auf dem Söller, der uüͤber das Seeufer hervor ragte, einige Geſtalten deutlich be⸗ merkte. Die Fenſter des Schloſſes wurden allmäh⸗ lich dunkler, ſchwarze Wolken verhüllten den Him⸗ mel, und ſo fuhr der Kahn mit leiſem Ruderſchlage 834 unbemerkt über die dunkle Fläche des Sees, bis an den Fuß des ſchroffen Berges, wo eine kleine Bucht, welche die Wellen in das felſige Ufer geſpühlt hatten, den nächtlichen Schiffer barg. Nudolph hörte weibliche Stimmen über ſich, und unterſchied deutlich Eliſa's ſanfte Stimme von einer andern, die ähnlich klang, doch ſtärker tönte. Es waren ſpaniſche Worte, und obgleich der Nachtwind man⸗ che Laute verwehte, ſo hörte er doch folgende Bruchſtücke des, oft durch Pauſen unterbrochenen, Geſpräches.. Du biſt ſo ſtill, Schweſter, ſprach die ſtärkere Stimme. 3 Könnteſt Du laute Fröhlichkeit von mir er⸗ warten? Ja, einer glücklichen Zeit nahe, ſollteſt Du freudigen Muth haben.. Die Antwort verhallte in dem Winde, nur ein Seufzer ſchien durch die Luft zu wehen. 3 Wir haben Beyde ſchöne Erinnerungen aus vergangenen Zeiten, glückliche Ahnungen des jun⸗ gen Herzens— Die Erfüllung wird Dich bald glücklich ma⸗ chen. 1 1 Glaubſt Du, daß ich's hoffen dürfe? fragte Eliſa. Er iſt ein edler Mann, er wird mein Ver⸗ trauen nicht täuſchen— In dieſem Augenblicke wunde das Geſpräch unterbrochen. Rudolpy porte Richards Stimme. . 85 Nun, Maͤdchen, ſo allein? Nicht wahr, Träume aus glücklicher Zeit? Muth gefaßt, Eliſa! Im Ge⸗ nuſſe froher Wirklichkeit ſollſt Du das Träumen bald verlernen... Kommt, Bradley ſucht euch. Wir wollen die Luſtfahrt für Morgen beſprechen, womit wir den Vater erfreuen wollen⸗ Nach dieſen Worten ward es ſtill. Rudolph ſaß noch nachdenkend im Kahne, als der junge Schiffer ihn fragte, ob er weiter rudern wollte. Fort! fort, antwortete Rudolph ungeſtüm. Was er gehört hatte, ſchien ihm allein ſchon hinlänglich Beſtätigung ſeiner Beſorgniſſe zu ſeyn, wenn es noch eines Beweiſes für ſeinen Argwohn bedurft „hätte. Aus allem wollte er ſehen, daß Eliſe zwar noch an die Vergangenheit ſich erinnerte, aber ent⸗ ſchloſſen war, ſein Andenken zu unterdrücken, um ſich des Glückes einer neuen Verbindung, ungeſtört von dem ſtrafenden Mahner in ihrem Innern, er⸗ freunen zu können.. Mit dem Gedanken beſchäftigt, wie er ſich eine Zuſammenkunft mit Richard verſchaffen könnte, ging Rudolph am folgenden Morgen längs dem Ufer des Sees hinauf, während ſeine beyden Freun⸗ de im Wirthshauſe blieben, um den Ertrag der letz⸗ ten Wanderung zu ordnen. Er verlor ſich in eine waldige Schlucht, die ſich am öſtlichen Ufer öffnete, und war ungefähr eine halbe Stunde gegangen⸗ als zwey Jäger mit dem Gewehre im Arme haſtig aus dem Gebuſche traten. Rudolph erkannte in dem 4 4 ————————ᷓrJeB 86 Einen Eliſa's Bruder, in dem Andern den jungen Mann, welchen er im Parke geſehen hatte. Richard blieb mit einem Ausdrucke der lebhafteſten Überra⸗ ſchung ſtehen, und flog mit offenen Armen auf ſei⸗ nen Freund zu. Rudolph konnte den herzlichen Empfang nur kalt und gezwungen erwiedern; die Gegenwart des verhaßten Nebenbuhlers zog ihm das Herz zuſam⸗ men. Mein Freund Ottenwald, von welchem ich Ihnen erzählt habe, fuhr Richard fort, zu ſemnem Begleiter ſich wendend. Was ſagen Sie, Nichard? ſiel dieſer ein, in⸗ dem er den Fremden ſcharf anſah. Haben Sie, fragte er dieſen, ſich nicht vor wenigen Tagen als Mahler im Schloſſe eingeführt? Wie, der waren Sie? ſprach Richard über⸗ raſcht. Herr Bradley, fuhr er darauf fort, ſeinen Begleiter dem Freunde vorſtellend, der Bräutigam meiner älteſten Schweſter. Ihrer älteſten Schweſter? fragte Rudolph bewegt. Nun ja, oder wollen Sie lieber der jüngſten? antwortete Richard lächeln d. Ein ſchneller Gedan⸗ ke ſchien durch ſeine Seele zu fliegen. Ein allerlieb⸗ ſtes Abenteuer! Lieber Ottenwald, Sie haben ſich Aapfehlend eingeführt bey meinem Vater. Er hat mir ihre Kunſtfertigkeit ſehr gerühmt; nur ihr ha⸗ ſtiger, ein wenig unfreundlicher, Abſchied bey dem * 37 en Beſuche iſt ihm aufgefallen. Ihr Entwurf doch ausgeführt? Rudolph hatte ſich die Zeit damit vertrieben. Ich muß ihn haben, fuhr Richard fort: Sie woh⸗ nen im Wirthshauſe drüben am See, nicht wahr? Kommen Sie, ich nehme Ihre Zeichnung mit. Mein Vater wird nicht wenig erſtaunt ſeyn, in dem wan⸗ dernden Mahler den erwarteten Freund ſeines Soh⸗ nes zu ſinden. Sie gingen voran⸗ Bradley folgte einige Schrit⸗ te weiter. Lieber Hurd, hob Rudolph wieder an, des Freundes Hand lebhaft ergreifend, ich beſchwö⸗ re Sie, ſagen Sie mir noch einmahl, Ihre älte⸗ ſte Schweſter iſt Braut? mnd Eliſa. Nun, ich hoffe, zwey Bräute für Eine, ſprach Richard mit fröhlicher Laune. Aber laſſen Sie mir die Freude, angenehme Überraſchungen zu bereiten. Fort mit der trüben bedenklichen Miene! Angeneh⸗ me Überraſchungen, ſage ich Ihnen. Mit ſchnellen Schritten ging es zu dem Wirths⸗ hauſe. Richard nahm die Zeichnung zu ſich, und ſagte, eilig Abſchied nehmend: Heute Nachmittag um drey Uhr ſind wir alle zuſammen in dem Land⸗ hauſe, das Sie dort an der weſtlichen Bucht des Sees aus dem Gebüſche hervor, blicken ſehen. Eine Virtelſtunde ſpäter laſſen Sie ſich überfahren und erſcheinen mit ihrer Mappe als wandernder Mah⸗ ler. Sie ſind pünctlich und laſſen nicht auf ſich warten⸗ letzt iſt d 3³⁸ Rudolph faßte die Hand, welche Richard ihm darboth, und ſprach mit aufgeheitertem Blicke: Sie ſetzen meine Geduld wahrlich auf eine ſchmerzliche Probe. Ich kann mir das Räthſel nicht löſen. Doch — ic komme. Richard eilte mit ſeinem Begleiter in den her⸗ bey gerufenen Kahn, und ließ ſeinen ſinnenden Freund am Ufer zurück. Was ließ ſich von dem ſeltſamen Abenteuer denken? Richards Zuverſicht und fröhliche Offenheit ließ kaum einen Zweifel in ſeinem Freunde aufkommen, aber wie ſollte wider⸗ legt werden, was Rudolphs Augen geſehen hatten? Mit der peinlichſten Ungeduld erwartete er die be⸗ ſtimmte Stunde, und als es auf dem Schloßthur⸗ me drey Uhr ſchlug, ſah er auf dem jenſeitigen Ufer eine zierliche Gondel aus einer Bucht am Fuße des Berges hervor kommen, die weſtlich nach dem En⸗ de des Sees ſteuerte. Gleich darauf ſchwamm ſein Kahn über den Waſſerſpiegel, der in dem Lichte ei⸗ nes heitern Tages glänzte. Rudolph landete auf einer, von hohen Ahorn⸗ bäumen beſchatteten, Landzuge, und ging mit un⸗ ruhigem Herzen auf den Kiosk zu, wo er die ver⸗ ſammelte Geſellſchaft erblickte. Richard erkannte ihn von fern und machte ſeinen Vater auf den herbey⸗ kommenden Künſtler aufmerkſam. Hurd ging ihm mit der Zeichnung in der Hand entgegen, und in dem Augenblicke, wo er ihn erreicht, tritt Bradley aus dem Kiosk, und an ſeinem Arme hängt eben — 39 die weibliche Geſtalt, welche Rudolph ſchon einmahl mit eiferſüchtigem Argwohne an der Seite dieſes Mannes geſehen hat, in demſelben Anzuge, den ſie damahls trug. Rudolph vermag in ſeiner Beſtür⸗ zung Hurd's freundlichen Gruß kaum zu erwiedern. Er blickte bald auf das nahende Paar, bald auf Richard, und ſchon ſpricht die heftig bewegte Lei⸗ denſchaft aus allen ſeinen Zügen, als eine andere weibliche Geſtalt aus dem Kiosk tritt, welche nicht, wie jene, gleichgültig ihn anſteht, ſondern bey ſei⸗ nem Anblicke die lebhafteſte Überraſchung verräth, und beſtürzt den eilenden Schritt anhält. Es war ihm nun klar, daß die auffallende Ahnlichkeit der Schweſtern ihn getäuſcht hatte; aber als beyde ne⸗ ben einander ſtanden, ſah er wohl, daß er, wenn nicht die Unruhe des Argwohns ihn verblendet hätte, doch würde bemerkt haben, wie in Wuchs und Zü⸗ gen bey der Altern alles ſtärker ausgedrückt war, was bey der Jüngern in zarteren und weicheren JFormen erſchien.. Herr Hurd bemerkte erſtaunt Rudolphs und Eliſa's Bewegung, als Richard den Fremden als ſeinen Freund ihm vorſtellte. Nun, ich habe Wort gehalten, ſprach er, und Sie hier angenehm über⸗ raſcht. Und Ihnen, wendete er ſich darauf zu Rudolph, ſind nun wohl alle Räthſel freundlich gelöſet? Rudolph konnte mit der Bewillkommnung, die zer nach dieſer Entdeckung erbielt, zufrieden ſeyn. —————— 99 Hurd ſchüttelte ihm mit Herzlichkeit die Hand, und verſicherte ihn, er werde halten, was er einſt in ſei⸗ nem Briefe zugeſagt habe. Alle hatten ihn unge⸗ duldig erwartet, ſeit die Nachricht von der Nieder⸗ lage der Franzoſen bey Wien mit allerley Ge⸗ rüchten von einer günſtigen Wendung der Ange⸗ legenheiten Deutſchlands in England war berei⸗ tet worden. 4 Der Tag war ein doppeltes Feſt für die Fa⸗ milie. Zwey Monathe ſpäter fragte man den gu⸗ ten Oheim in Deutſchland, ob er nicht Luſt habe, Gefahren zu trotzen, um das Hochzeitfeſt durch ſei⸗ ne fröhliche Laune zu erheitern, und mit Roaſtbeef nebſt altem Portwein ſeine Kennerzunge zu laben. Als endlich der Friede die Meerſtraße frey gemacht, führte Rudolph ſeine junge Gattinn und einen ſchö⸗ nen Knaben, der recht deutlich Großoheim grüſſen konnte, in die Arme des entzückten Alten. Wild⸗ fang, ſprach er, heiter lächelnd zu Rudolph: der Zugvogel war's woßl werth, daß Du ihm nachflo⸗ geſt über Land und Meer. III. Der Familienroman. —— 5AeeeSS4KESSSEEKESA 1.5 Das Todtengericht. 4 De Geſchichte einer Frau iſt immer ein Roman“ las Frau von Hellborn, und überraſcht durch den Gedanken, hielt ſie inne. Haſt Du's gehört, Na⸗ kalie? fuhr ſie fort zu ihrer Tochter, welche, mit einer Perlſtrickerey eifrig beſchäftigt, ihr gegenüber ſaß. 3 Ja, liebe Mutter, antwortete Natalie, leſen Sie doch weiter. Nicht doch, mein Kind, das Buch iſt ſonſt lang⸗ weilig⸗ Dieß iſt der einzige gute Gedanke, den ich auf ſechszehn Seiten gefunden habe, und am Ende nicht einmahl des Verfaſſers eigener Zuwachs. Laß doch die neuen Romane ſehen, die der Bücheryer⸗ leiher geſandt hat. 94 4.. Nakalie reichte der Mutter das dicke Bücherdacket⸗ das neben ihr auf der Bank lag⸗ Die Geſchichte einer Frau iſt immer ein Ro⸗ man! hob Frau von Hellborn wieder an, die Bü⸗ „cher anſehend. Es liegt etwas darin. Was ſagſt Du dazu, meine Tochter? Liebe Mutter, ich weiß dazu gar nichts zu ſa⸗ gen, antwortete Natalie. Meine Geſchichte, ſetzte ſie lächelnd hinzu, iſt noch ſo jung und leer, daß ſie als Roman ſich herzlich langweilig würde leſen laſſen.— 1 Ja freylich, ein ſiebenzehnjähriges Mädchenleben kann höchſtens das erſte Blatt eines Romanes ſeyn. Auch das wäre ſchon zu viel, ſprach Herr von Hellborn, in die Laube tretend. Das erſte Blatt geht oft ſchon ſehr tief in den Text hinein. Ey ſieh da, man behorcht uns erwiederte Frau von Hellborn, mit einem Blicke, der auch einem mittelmäßigen Beobachter geſagt haben würde, daß in dieſer Ehe der Wärmemeſſer oft bis zum Eis⸗ puncte falle. 4 In einer offenen Laube! hob Hellborn wieder an. Aber welches geiſtreiche Buch gibt Stoff zu ſolchen erbaulichen Geſprächen? Das wird Dich ſchwerlich anziehen können, er⸗ wiederte Frau von Hellborn gleichgültig. Hellvorn ſah einige Romane an. Liebe und Vernunft.“ Ey, ey, die ſind wohl ſchwerlich 9 98 jemahls anderswo beyſammen gewefen, als auf ei⸗ nem Büchertitel. Liebe und Ehre“ Die Liebe kommt hier in ſehr achtungswerthe Geſellſchaft, wie ich merke. Erzogene und unerzogene Frauen.“ Das mag ein loſer Spötter ſeyn! «Glück der Häuslichkeit. Ein ganz altfrän⸗ kches Diug. Geheimniß und Vertrauen“. Das Geheimniß mancher Familie! Gerader Sinn.” In einem Romane? Ein Kranz für ſaue⸗ ren Wein! Biſt Du bald fertig mit Deiner witzigen Mu⸗ ſterung? ſprach Frau von Hellborn, ein wenig em⸗ pfindlich. Schade um alle die ſchönen Bemerkungen, daß ſie nicht ſchwarz auf weiß die Welt erleuchten ſollen! Wird nicht auch einmahl jemand den Verſuch machen, einen Roman ohne Liebe zu ſchreiben, wie man ſie ohne R hat! Schreibe Du doch einen! antwortete Frau von Hellborn ein wenig ſpöttiſch. Ein ſolches Werk möch⸗ te Dir wohl gelingen. Ohne Liebe! Nun, wer weiß, was noch geſchieht! Wenn Dir einmahl ſo etwas in die Hände fällt und Du anders bis zu Ende das Leſen aushältſt, ſo wirſt Du den Verfaſſer errathen. Aber ernſtlich geſpro⸗ chen, willſt Du alle dieſe Herrlichkeiten leſen? Na⸗ talie hoffentlich doch nicht? Du wirſt doch nicht glauben, daß ich ihr ſchlech⸗ te Bücher in die Hände gebe? — — 5 96. Meine Liebe, es gibt auch außer Schierling und Rattenpulver ſehr giftige Dinge, welchen es nicht jeder gleich anſieht, wie gefährlich ſie ſind. Lieber Vater, ſprach Natalie, ich leſe keines von dieſen Büchern, wenn Sie's wünſchen. Frau von Hellborn hatte ſchon einen ſtrafen⸗ den Blick für ihre Tochter bereit, als ihr Mann mit ſanftem Ernſte ſagte: Liebe Natalie, wenn Deine Mutter für Dich wählt, ſo darf ich auf ihre Vor⸗ ſicht vertra uen. Und der Waffenſtillſtand war damit geſchloſſen. Ich werde Euch auf einige Zeit allein laſſen müſſen, hob Herr von Hellborn nach einer Pauſe wieder an. Ich habe eben Briefe erhalten, die mich wegen meines Reochtsſtreites in die Hauptſtadt rufen. Und wie lange wird Deine Abweſenheit dauern? fragte ſeine Frau. „Vielleicht ſechs Wochen. Nicht länger? antwortete Frau von Hellborn. Nun, mein Kind, ich bin wohl nie ſo lange von Euch getrennt geweſen, ſprach Hellborn. Gewiß, ich werde mich nach Euch zurück ſehnen. Deſto glücklicher wird das Wiederſehen ſeyn, erwiederte Frau von Hellborn mit der erzwungenen Wärme, wobey man mehr friert, als bey vffenba⸗ rer Kalte. Liebe Natalie, hob ſie wieder an, als ihr Mann hinaus gegangen war, es gibt doch kein traurigeres 97 Schickſall für uns, als wenn unſer Herz nicht be⸗ griffen und erkannt wird, und eine rauhe kalte Hand unſere zarteſten Gefühle niederhält und einſchüchtert. Aber, liebe Mutter, wie kommen Sie zu dieſer Bemerkung?. Wohl Dir, meine Tochter, wenn Du nie im Leben Veranlaſſung erhältſt, eine ſolche Bemerkung zu machen!.. Dein Vater iſt ein Mann, den man wegen vieler Eigenſchaften des Geiſtes und Her⸗ zens aufrichtig hochachten muß, und ich kann es ihm nicht zu ſtrenge anrechnen, daß er für gewiſſe Gefühle und Regungen nun einmahl nicht empfäng⸗ lich iſt. Mein Vater iſt ein ſo vortrefflicher Mann, liebe Mutter, daß er Sie gewiß nie verkennen wird. Das Geſpräch ſtockte, und als Frau von Hell⸗ born ſich der Spöttereyen ihres Mannes über ihre Lieblingsleſerey erinnerte, nahm ſie, wie ihm zu Trotze, mit einem blinden Griffe den erſten beſten Roman aus dem Haufen, fing rüſtig an zu leſen, bis bey Sonnenuntergange die Glückſonne des zärt⸗ lichen Paares am Ende des erſten Theiles in ein Thränenmeer ſich hinab geſenkt hatte, 4 Anterh. Bibl 3. Cahrg. 6. B. E 2. Der erwaͤhlte Held. Zwey Tage darauf reiſete Herr von Hellborn Kb. Er wußte die Einſamkeit des Landlebens durch allerley Unterhaltungen ſo angenehm zu machen, daß Mutter und Tochter bald eine unfreundliche Leere fühlten, und ſie ſuchten ſchon in den erſten Tanen Zerſtreuung in dem benachbarten Landſtädt⸗ chen, das den Reitz eines recht geſelligen Lebens darboth. Ein Ball verſammelte am nächſten Sonn⸗ tage eine erleſene Geſellſchaft aus der Stadt und der Umgegend Der ſchöne Lieutenant Mainau, erſt ſeit einigen Monathen im Glanze des Ruhmes aus dem Feldzuge heimgekehrt, ſtrahlte hier als Stern erſter Größe. Er hatte ſchon bey andern Ge⸗ legenheiten verrathen, welchen Eindruck Nataliens Reitze auf ſein Herz machten, und ſchien bemerkt zu haben, daß er dem Fräulein nicht mißſiel, und die Mutter ihm gewogen war. Schon ſeit einigen Wochen hatte er geſonnen, wie er ſich bey dem Vater einführen möchte, einem Manne, dem der Ruf ſehr ſtrenge Anſichten über bürgerliche Rang⸗ verhältniſſe zuſchrieb, und deſſen Gewogenheit da⸗ her nicht leicht zu gewinnen war. Der Ball ſchien ihm eine günſtige Gelegen⸗ heit zu geben, zur Erre ichung dieſes Zweckes Vor⸗ 99 bereikungen zu treffen. Frau von Hellborn nahm ſeine Bewerbungen frenndlich auf, und trug kein Bedenken, ihn einzuladen, als er ſeinen Wunſch verrieth, ſie beſuchen zu dürfen. Sie war, ob⸗ gleich Mutter einer blühenden Tochter, noch immer reitzend genug, um Anſprüche machen zu können. Mainau, der es bald merkte, er werde unter ih⸗ rem Schutze alle Schwierigkeiten beſiegen, war ſo artig gegen ſie, daß mancher auf die Vermuthung kam, er werbe mehr um der Mutter, als um der Tochter Liebe. Die erhaltene Erlaubniß wurde bald benutzt. Frau von Hellborn, deren Eigenliebe er ſchlau ge⸗ nug zu ſchmeicheln wußte, hatte ſchon eine lange Neihe anziehender Auftritte entworfen, welche ſich an dieſen Anfang eines zärtlichen Verſtändniſſes knüpfen konnten; ſie ſah ſich, wenn auch nicht als Holdinn, doch als Leiterinn des Familienromans, der unter ihren Augen geſpielt werden ſollte. Wel⸗ che anziehende Lagen, welche rührende Glückswech⸗ ſel mußten ſich von ſelbſt finden, wenn ſie, die Vertraute der Liebenden, ihrem Manne, dem ſie zum Voraus alle Züge eines ſtolzen grauſamen Va⸗ ters aus irgend einem ihrer Romane lieh, gegen⸗ über ſtand! 3. Der Minenkrieg. Ehe ſechs Wochen vergangen waren, hatte Mainau das Herz des unerfahrenen Mädchens ge⸗ wonnen, und in dem Vertrauen der Mutter ſich feſt geſetzt. Herr von Hellborn war bey ſeiner Rückkehr nicht wenig überraſcht, einen Mann, mit welchem er vorher kaum zwey Mahl geſprochen hatte, als den Geſellſchafter ſeiner Frau und Tochter bennen zu lernen. Mainau war ſcharfſichtig genug, Hell⸗ born's Befremdung zu bemerken, und both alles auf, ſich durch einſchmeichelndes Betragen eine Be⸗ ſtätigung des Rechts zu erwerben, das die Mutter unbedachtſam ihm bewilligt hatte; aber es entging ihm nicht, daß er hier große Schwierigkeiten zu beſiegen haben werde. Wer hat den jungen Mann hier eingeführt? fragte Hellborn, als er mit ſeiner Frau allein war. Ich hoffe, antwortete ſie, Du wirſt nichts Er⸗ hebliches gegen ihn einwenden können⸗ Sein Stand, ſein guter Ruf und ſeine ausgezeichneten Verdienſte verſchaffen ihm überall gute Aufnahme. 8 Alles, was Du von ihm rühmeſt, mag auf ſich beruhen, aber es ſollte mir leid ſeyn, wenn Du das Unſchickliche nicht fühlſt, das darin liegt, eine ſol⸗ 101 che Bekanntſchaft während meiner Abweſenheit ſo weit kommen zu laſſen. Du wirſt mir zutrauen, daß ich mir nicht vorwerfen dürfe, das Gefühl der Schicklichkeit wäh⸗ rend der kurzen Zeit dieſer Bekanntſchaft beleidigt zu haben. Sey dem, wie ihm wolle, ſprach Hellborn ernſt, ich verlange hier Zurückhaltung und ſtrenge Beobachtung des Anſtandes, und ich hoffe, auch Natalie wird ſich darnach zu richten wiſſen. Was das Zartgefühl hier zu beobachten hat, läßt ſich nicht Lorſchreiben. denklich über den Ernſt, womit dieſe Worte ge⸗ ſprochen wurden. Der Lieutenant Mainau ließ ſich in den erſten acht Tagen nicht wieder ſehen, und ſein nächſter Beſuch galt bloß dem Herrn des Hau⸗ ſes, aber der eiskalte Empfang, den er ſich mußte gefallen laſſen, ſagte ihm nur zu deutlich, daß es bey ſeinem Angriffsentwurfe ein entſchiedener Feh⸗ ler geweſen war, eines ſo wichtigen Punetes ſich nicht früher verſichert zu haben. Bey dieſer mißli⸗ chen Lage der Sache hätte er beynahe an einem glück⸗ lichen Erfolge verzweifelt, wenn nicht Frau von Hellborn eben ſo viel Luſt gehabt hätte, als er, den Minenkrieg zu verſuchen. Sie geſiel ſich in dem kleinen Geheimniſſe, deſſen Vertraute ſie werden mußte, und die Verwickelung ihres kleinen Romans verſprach nun erſt recht anziehend zu werden. Sie Frau von Hellborn ward doch ein wenig be⸗ ————— 102. vergaß ſich ſo ſehr, heimliche Zuſammenkünfte zwi⸗ ſchen dem Lieutenant und ihrer Tochter, freylich unter ihren Augen, zu dulden und ſelbſt herbey zu führen. An die Gefahren, welchen ſie ſich und ihre Tochter dabey ausſetzte, dachte ſie nicht, und wenn ſie ja zuweilen, in hellern Augenblicken, die Pflicht der Mutter fühlte, oder wenn die zunehmende Drei⸗ ſtigkeit des jungen Mannes ſie erinnerte, was ſie der Würde der Mutter ſchuldig wäre, ſo beruhigte ſie ſich damit, daß ja immer in ihrer Hand die Fäden des ganzen Spieles bleiben müßten, die ſie nach Umſtänden nur ſchärfer anzuziehen brauchte, um alle Gefahr zu verhüthen. Die Unbeſonnene be⸗ dachte nicht, daß die Sache ſchon zu weit gekom⸗ men war, und daß ſie ſelbſt die Mittel dargebothen hatte, das Geheimniß zu bewahren, auch ohne ſie immer zu Vertrauten zu machen. Fand ſie es bedenk⸗ lich, eine Zuſammenkunft zu geſtatten, irgend eine vertrauliche Annäherung zu dulden, ſo wußten der kühne Schützling und ihre Tochter das Unterneh⸗ men auf eigene Gefahr zu wagen, und ſie hatte ih⸗ rem Anſehen ſchon zu viel vergeben, als daß ſie ein ernſtes Wort hätte reden dürfen, wenn ſie, wie es oeft geſchah, ein ſolches Geheimniß im Geheimniſſe entdeckte. 103 4. Reitz der Verwickelung. Bald zitterte ſie vor dem Unwillen ihres Man⸗ nes, der ſchon ſchärfer zu beobachten ſchien, und zuweilen abſichtlich kleine Reiſen machte, um durch Überraſchung bey einer unerwarteten Rückkehr ſei⸗ ne argwöhniſchen Zweifel aufzuklären. So gerieth ſie unmerklich tiefer in das leichtſinnige Spiel, ſie war immer gezwungen, durch neue Künſte ſich aus Verlegenheiten herauszuwickeln, und begangene Feh⸗ ler durch Verſtellung zu verhüllen, und mußte, aus Furcht, entdeckt zu werden, die Ränke fortführen, wozu anfangs bloß Leichtſinn, Verkehrt heit und Geſchäftloſigkeit ſie verleitet hatten. Das häusliche Glück und der eheliche Friede ſtanden vollends auf dem Spiele, Hatte anfangs Frau von Hellborn bloß in ihrer überſpannten Ein⸗ bildung ihren wackern Mann, wenn er zuweilen, doch immer ſchonend genug, ihre Verkehrtheiten angriff, unter dem Bilde eines überſtrengen Ro⸗ manengemahls geſehen, ſo fürchtete ſie jetzt wirk⸗ lich die Strenge des beleidigten Gatten, und konnte ſich's in den ſeltenen Augenblicken des Nachdenkens 4 nicht verbergen, daß ſie den Ausbruch ſeines Un⸗ willen verdienen würde. 104 Mainau überredete ſich, die redlichſten Abſich⸗ ten zu haben; aber er war ohne Vermögen, hatte keine Hülfsmittel, ſich in der Welt Bahn zu ma⸗ chen, als ſeinen Muth und ſeinen Huſarenſäbel, übrigens eine wackere Geſinnung, viel fröhliche Laune, viel jugendliche Eitelkeit, ein warmes Herz, einen leidlich ausgeſtatteten Kopf, doch er ahnete nicht, wohin man mit dieſen Eigenſchaften und mit ſo wenig Beſonnenheit, als andere junge Männer von drey und zwanzig Jahren haben, an der Seite eines ſchönen Mädchens gerathen könne. Natalie war ganz dazu geſchaffen, dieſe Gefahr zu vergrö⸗ ßern. Die Nachſicht und der Leichtſinn ihrer Mut⸗ ter hatten die Empfindungen des jungen Herzens zu früher Reife getrieben⸗ Als dieſe unvorſichtigen Künſte und die Überredungsgewalt des ſchönen jun⸗ gen Mannes Nataliens Herz einmahl dahin gebracht hatten, Partey zu nehmen, fühlte ſie ſich freylich sben ſo ſehr zu der gefälligen Mutter hingezogen, als ſte von ihrem Vater abgezogen wurde, den ſie ſonſt von Kindheit an zu lieben und zu achten ge⸗ wohnt war; aber man hatte ſo oft auf ſeine Stren⸗ ge und ſeine vorgefaßten Meinungen, wie man es nannte, hingedeutet, daß ſie endlich ſelbſt ihn zu fürchten begann, und jede Regung kindlichen Ver⸗ trauens vor ſeinem Auge in das verſchuchterte Herz zuruck wich⸗ 105 5. Der verhaͤngnißvolle Brief. Bey den ſchlauen Veranſtaltungen der Mutter, das Geheimniß zu ſchützen, ſah Herr von Hellborn den Lieutenant nie anders, als in den geſelligen Kreiſen des benachbarten Städtchens. Mainauzeigte mit kluger Selbſtbeherrſchung der Tochter nur die gewöhnliche Artigkeit, worauf jedes ſchöne Mäd⸗ chen Anſpruch macht, der Mutter die feinſte Auf⸗ merkſamkeit; aber Fran von Hellborn hatte nicht ſo viel Gewalt über ſich, ihr Wohlwollen gegen den ſchönen Huſaren und ihr Einverſtändniß mit ihm immer zu verbergen, und ſo konnte es leicht geſche⸗ hen, daß beſonders unter den Frauen, die mit vier und dreyßig Jahren nicht mehr ſo reitzend gefunden wurden, als Frau von Hellborn, das Gerücht, es habe der Lieutenant ihre Gunſt gewonnen, mitun⸗ ter Glauben fand und boshaft genug verbreitet ward. Es fehlte nicht an Leuten, welche, um die Eh⸗ re der Ehefrauen zu retten, wie ſie heuchelnd zu ſich ſelbſt ſagten, ſich ein Verdienſt zu erwerben glaub⸗ ten, wenn ſie dem getäuſchten Manne einen Wink“ darüber gäben, was in ſeinem Hauſe vorgehen ſoll⸗ te. Schon zu Argwohn geneigt, braucyte er nicht mehr, um ſeine Ruhe geſtort zu ſehen und die hef⸗ 466 tigſte Regung der Eiſerſucht und des Un willens zu fühlen. Als er eines Tages in einer ſolchen Stim⸗ mung unerwartet heim kam, ſah er den Reitknecht des Lieutenants aus dem Hofe ſprengen. Das Kam⸗ mermädchen, dem jener den Brief ſeines Herrn übergeben hatte, ging eben die Treppe hinauf, als Herr von Hellborn mit ſchnellen Sprüngen ſie er⸗ reichte. An wen iſt der Brief? fragte er. An die gnädige Frau, antwortete das zitternde Mädchen. Gut, ich will ihn meiner Frau ſelbſt bringen, ich weiß ſchon von der Sache, ſprach Herr von Hell⸗ born, und ging in das Zimmer ſeiner Frau, wäh⸗ rend das Mädchen, verwundert über den neuen Ver⸗ trauten des Geheimniſſes, ihm nachſah⸗ Ein Brief an dich von dem Lieutenant Mainau! ſprach Hellborn hereintretend. Seine Frau erröthete und zitterte bey den über⸗ raſchenden Worten; aber ſchnell von ihrer Verwir⸗ rung ſich erhohlend, ſagte ſie mit erzwungenem Un⸗ willen: An mich? Er kann es wagen, an mich zu ſchreiben? Und mit dieſen Worten zerriß ſie den Brief, aber bedächtiger, als es zu der Rolle einer heftig Erzürnten zu paſſen ſchien, in die kleinſten Stückchen. Herr von Hellborn ſah ihr verwundert zu. Ich würde Dich beleidigen, hob er endlich an, wenn ich glauben wollte, daß ſein Wagen die natürli⸗ che Folge unvorſichtiger Bewilligungen ſey. 7 1⁰7 Bewilligungen? antwortete ſie. Wie meinſt Du das? Wie kannſt Du fragen, nach allem, was frü⸗ her geſchehen iſt, und was vielleicht wieder— Frau von Hellborn ſah ihn mit einem Blicke an, der ihre Unruhe deutlich verrieth, und ſchlug erröthend ihre Augen nieder. Ich ſehe, fuhr er fort, ehe ſie zu einer Antwort gefaßt war, wie Du ſelbſt zurück bebſt vor dem Gedanken, daß Du durch irgend eine Unvorſichtig⸗ keit der Läſterſucht Veranlaſſung zu nachtheiligen Auslegungen gegeben habeſt. Natalie trat herein, als er dieſe Worte ſprach, ihr Arbeitskörbchen in der einen Hand, und in der andern ein Buch, das ſie in den Bücherſchrank ih⸗ rer Mutter ſtellte. Herr von Hellborn milderte ſo⸗ gleich den Ernſt ſeiner Züge, um ihr zu verbergen, daß zwiſchen ihm und ihrer Mutter etwas Un⸗ angenehmes vorgefallen war. Er warf mit gezwun⸗ genem Lächeln einen Blick in den Schrank. Neue Vorräthe? hob er an. Cy, hier zur Rechten ſieht's ja recht erbaulich aus. Marezoll's Andachtsbuch— Cäciliens Briefe an Lilla— Ehrenbergs Andachts⸗ buch— Ey ſieh doch! Die Hausmutter— Alles ſau⸗ ber und nett, als ob's der Buchbinder erſt heute ge⸗ bracht hätte! Aber hier links auf der Seite der Ver⸗ dammten**'s lüſterne Romane, und** 3 empfindſame, die am Ende mit jenen zu einem Zie⸗ le führen— alles recht abgegriffen, recht angeſch wol⸗. 1⁰8 len von Buchzeichen und Bruchen. Ich werde heute oder morgen Deine Leſerey muſtern, Natalie, ſetzte Hellborn ernſter hinzu, und Dir eines und das an⸗ dere aus meiner Sammlung geben, das gut in Dein Arbeitskörbchen paſſen wird. —— Kommen, oder nicht kommen— das iſt die Frage. Des Vaters ſtrenge Worte gaben der gereitz⸗ ten Mutter, als ſie mit ihrer Tochter allein war, Stoff zu einer Klage über das Schickſal einer Frau, deren unſchuldigſte Genüſſe man verdamme⸗ Darauf erfuhr Natalie den leidigen Vorfall, der den letz⸗ ten Auftritt herbey geführt hatte, und dem Lieute⸗ nant ward ein derber Verweis für ſeine ungeſchickte Briefbeſtellung zugedacht. Aber was war der Inhalt des zerriſſenen Briefes geweſen? Die Stückchen wurden ſorgfältig aufgeſucht, zuſammen gepaßt, und abermahl zuſammen geſetzt, aber am Ende ließ ſich nichts heraus bringen als:«heute Abend um 7 Uhr. Das fehlte noch! ſprach Frau von Hellborn. Er zwird heute Abend kommen wollen. 6 169 Natalie hatte einen neuen Verſuch gemacht, die Bruchſtücke zu vereinen und las:«Im Gar⸗ ten.“ Enkſetzliche Unvorſichtigkeit! rief die Mutter⸗ Er wird im Garten uns ſuchen wollen. Was ſol⸗ len wir thun? Es hat ſchon 5 Uhr geſchlagen. Wir können nicht daran denken, ihm noch einen Wink zu geben. — zh—icht kommen“ las Natalie. O möchte ihm der Himmel den guten Gedan⸗ ken eingeben! Die Mutter traute indeß der trüglichen Hoff⸗ nung nicht, und da die Briefſtückchen weiter keinen Aufſchluß gaben, ſo ward beſchloſſen, das vertraute Kammermädchen auf den Weg nach der Stadt zu ſenden, damit ſie dem Lieutenant, wenn er käme, einen Wink geben könnte, daß es im Schloſſe nicht geheuer ſey. Die getreue Zofe ging in der ſchatti⸗ gen Baumreihe hinab, die von dem Schloſſe auf die Landſtraße führte, ſie drang, rechts und links mit ihren hellen ſchwarzen Augen ſpähend, auf ih⸗ rem Kundſchaftsgange bis zum nächſten Zollhauſe vor, aber der wohlbekannte Reuter erſchien nicht, und als es auf dem Thurme der Dorfkirche ſieben ſchlug, nahm ſie mit ſchnellen Schritten den Rückweg⸗ 4 7. Er kommt.. 4 Der Huſar wählte dieß Mahl, bey der drücken⸗ den Hitze, den Umweg durch den Wald, und kam kurz nach der beſtimmten Stunde vor der Hinter⸗ thüre des Gartens an. So hatte er in dem Briefe angekündigt, dem das Schickſal ſo grauſam mit⸗ ſpielte, und hinzu geſetzt, daß er nur in dem Falle nicht kommen werde, wenn ſein Reitknecht ihm die Nachricht von der Rückkehr des Herrn von Hellborn bringen ſollte. Der Diener, der von der Zofe nichts Bedenkliches gehört, und den Herrn des Schloſſes nicht geſehen hatte, brachte gute Bothſchaft, und ſo machte Mainau ſich liebeſehnend auf den Weg. Verwundert, niemand zu ſehen, der ihn, wie ge⸗ wöhnlich, erwartete, ſtieg er ab, band ſein Pferd an einen Baum, und trat an die Thüre, die er angelehnt fand. Frau von Hellborn, von ihrer Un⸗ ruhe getrieben, war⸗um ſieben Uhr in den Garten gegangen, um den Lieutenant, wenn er kommen ſollte, ſegleich fortzuſchicken, und hatte ihre Toch⸗ ter im Schloſſe gelaſſen mit dem Auftrage, ihren Mann zu beſchäftigen und aufzuhalten. Der feind⸗ ſelige Zufall aber, der ſich auf einmahl gegen ihre Entwürfe zu verſchwören ſchien, fügte es, daß Herr von Hellborn in dem Augenblicke ausgegangen wor⸗ 111 als Natalie mit zitterndem Herzen an ſeine Thüre kam. Er ging um die Gartenmauer, um auf dem nächſten Wege in den Wald zu kommen, erblickte mit lebhafter Überraſchung das angebundene Huſa⸗ renpferd, drückte ungeſtüm die noch unverſchloſſene Gartenthüre zurück, und ſah den Lieutenant, der eben die Hand ſeiner Frau zum Abſchiede küßte. Er warf einen wüthenden Blick auf beyde. Seine Frau war außer ſich und ſank auf die nahe Bank. Mai⸗ nau, äußerſt verwirrt, vermochte kaum einige Worte zu ſeiner Entſchuldigung hervor zu bringen, die ohne ſonderlichen Zuſammenhang ſagten, er habe ſich im Vorbeygehen erkundigen wollen, ob Herr von Hell⸗ born zurück gekehrt ſey, da er ihn beſuchen zu dür⸗ fen wünſche, um in einer wichtigen Angelegenheit ihn zu ſprechen. Ja, Herr Lieutenant, ja wir ſprechen uns! ſiel Hellborn heftig ein. Sie ſollen hören, wie und wo. Leben Sie wohl! Darauf wendete er ſich zu ſeiner Frau, die ohne Beſinnung zurück ſank. Mai⸗ nau war eben aus der Gartenthüre, als Natalie hinzu trat. Ihr Vater befahl ihr, das Kammer⸗ mädchen zu rufen, das nach einigen Augenblicken, von der fruchtloſen Sendung zurückkehrend, herbey eilte, um die Ohnmächtige ins Schloß zu bringen. Gleich nachher ſchickte Herr von Hellborn einen Diener in die Stadt mit einem Briefe, worin er den Lieutenant auf dem folgenden Morgen um ſie⸗ ben Uhr zum Zweykampfe foderte, und den Waͤld 112 hinter ſeinem Gute, als der Gränze am nächſten, zum Orte der Zuſammenkunft vorſchlug. Wir haben geſuͤndigt. Als Frau von Hellborn, zur Beſinnung er⸗ wachend, ſich in den Armen ihrer weinenden Toch⸗ ter fand, fühlte ſie erſt das Peinliche ihrer Lage, und fühlte es doppelt, da ſie ſich den Vorwurf ma⸗ chen mußte, durch eigene Schuld das Unglück her⸗ bey geführt zu haben. Sie wollte ſich ihrem Manne, alles reuig geſtehend in die Arme werfen, und zu ſchwach, zu ihm zu gehen, ließ ſie ihn bitten, ſie zu beſuchen. Sie werde am folgenden Morgen von ihm hören, war die Antwort. Zugleich erfuhr ſie, daß ihr Mann ſich in ſein Zimmer eingeſchloſſen ha⸗ be und allein bleiben wolle. Das Kammermädchen brachte bald darauf auch die Nachricht von der Ab⸗ ſendung des Dieners in die Stadt. Mit ſteigender Angſt ahnete Frau von Hellborn die unglücklichen Fol⸗ gen des Ereigniſſes, das durch ihren Leichtſinn war her⸗ Sbey geführt worden; aber es fiel ihr nicht ein, daß ihr Mann nur gegen ſie einen Argwohn gefaßt ha⸗ be, und nichts weniger als das Verſtändniß ſeiner Tochter mit Mainau ahnete.— 5 —— 8 1 13 Entſchloſſen, alles zu wagen, um die Folgen ihrer Thorheit zu verhürhen, und das geſtörte Ver⸗ hältniß mit ihrem Manne wieder herzuſtellen, er⸗ wartete ſie den Morgen, und ſuchte indeß ihre Toch⸗ ter zu dem Entſchluſſe vorzubereiten, ſelbſt ihre Nei⸗ gung zum Opfer zu bringen, wenn es ſeyn müßte, um des Vaters gerechten Unwillen zu beſänftigen und den geſtörten Frieden wieder ins Haus zu füh⸗ ren. Es war halb ſieben Uhr, da wurden die Reut⸗ pferde vorgeführt. Der Vater ließ Natalien in ſein Zimmer rufen. Nicht ohne mich! ſprach Frau von Hellborn ſchmerzlich, und wollte, an dem Arme ihrer Tochter hangend, zu ihrem Manne gehen, als ſie aus dem Fenſter ihres Zimmers den Lieute⸗ nant in den Hof ſprengen fah. In wenigen Augenblicken war Mainau oben, und trat in den Saal, als Hellborn, Natalien er⸗ wartend, die Thüre ſeines Zimmers öffnete. Herr Lieutenant, hier habe ich Ihnen nichts zu ſagen, ſprach Hellborn mit finſterem Ernſte. Nur einen Augenblick noch für meine Tochter, dann bin ich bereit. 3 Herr von Hellborn, erwiederte der Lieutenant, näher tretend, drey Narben können bezeugen., daß ich in den Schlachten nicht feige gewichen bin, aber da, wohin Sie mich gerufen haben, wollte ich um keinen Preis mit Ihnen zuſammen kommen, damit es auch nicht ſcheinen ſollte, ob ich's füur möglich — 114 gehalten hätte, mich gegen den Vater eines gelieb⸗ ten Mäͤdchens zu bewaffnen. Herr von Hellborn ſah ihn mit lebhafter Über⸗ raſchung an. Sie reden von meiner Tochter? Die ich liebe, die mich liebt, und der ich, das ſagt mir das Bewußtſeyn der edelſten Abſicht, nicht unwürdig bin... O vergelten Sie es nicht zu ſtrenge, daß ich ſo lange gegen Sie geſchwiegen habe! 3. In dieſem Augenblicke ſtürzte Frau von Hell⸗ born in heftiger Bewegung in den Saal. Sie eilte mit ausgebreiteten Armen auf ihren Gatten zu, aber von ſeinem ernſten Blicke getroffen, blieb ſie einige Schritte von ihm, wie gelähmt, ſtehen. Natalie ſank zu des Vaters Füßen nieder, und drückte ſeine Hand, mit brennenden Thränen ſie netzend, an ihren Mund. 9. Buße. Sie lieben meine Tochter, ſagen Sie? ſprach Herr von Hellborn, und ſah ſeine Frau fragend an. Sein Blick war milder. Sie trat zu ihm, und faßte zitternd ſeine Hand. O kannſt Du verzeihen? 115 ſprach ſie bewegt. Ich fühle mein Unrecht. Ich habe Dein Vertrauen beleidigt⸗ Und auch du, Natalie! ſprach der Vater mehr mit dem Tone des Schmerzes, als des Vorwurfes, und hob die Tiefgebeugte auf, die ſchluchzend ſeine Hand umſchloß. Auch Du konnteſt Dein Herz ſo lange gegen Deinen Vater verſchließen? ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. Herr von Hellborn, ſiel Mainau ein, der Er⸗ folg einer unglücklichen Verkettung der Umſtände iſt dem offenen Geſtändniſſe zuvorgekommen, das ich Ihnen machen wollte.. Wenn ich ſo lange zu⸗ rück hielt— o es war nicht Mangel an Vertrauen gegen den edlen Mann, zu welchem ich mich ſo gern hingezogen fühlte... Ja, ich fühle es, daß ich bey dieſem Geſtändniſſe nichts gewagt haben würde. Sie können die unglückliche Zurückhaltung, deren Schuld ich allein trage, nicht ſo ſtrenge richten, als ich ſie mir in dieſem Augenblicke vorwerfe⸗ Herr Lieutenant, antwortete Hellborn, Sie haben mit ſchönem Muthe für Ihr Vaterland ge⸗ kämpft, und bey dem Muthe edler Begeiſterung kann keine unwürdige Geſinnung wohnen. Sie ſind Zeuge von Auftritten in meinem Hauſe geweſen, nach welchen Sie mir nicht mehr fremd ſeyn kön⸗ nen, und ich glaube gern, daß ich bey näherer Be⸗ 4 kanntſchaft Sie meiner Achtung und meines Zutrau⸗ ens werth finden werde; aber Sie fühlen ſelbſt, 446 daß ich Ihnen in dieſem Augenblicke nicht mehr ſagen kann. Mainau ergriff bewegt ſeine Hand. Edler Mann ſprach er, was Sie mir in dieſem Augenblicke ge⸗ ben, der Anſpruch auf Ihre Freundſchaft„ ehret und beglückt mich. Heute über ein Jahr, fuhr Hellborn fort, erinnern Sie mich an dieſe Stunde, und Sie ſollen meine Antwort erhalten. Mainau fühlte, daß zwiſchen dem Vater, der Nutter und der Tochter noch etwas auszugleichen war, wobey man auch ihn nicht als Zeuge wünſchen konnte. Er nahm Abſchied, und erhielt eine Ein⸗ mdung von Herrn von Hellborn, den folgenden Tag bey ihm zuzubringen. Eine ſtumme Pauſe folgte, als Hellborn mit den Seinigen allein war. Du haſt mir verziehen? hob ſeine Frau an, und drückte ſeine Hand mit ei⸗ nem Blicke, der ihn an die ſchönſten Frühlingstage des ehelichen Glückes erinnerte. Du haſt Deinem Kinde verziehen? fuhr ſie fort, als Natalie mit geſenktem Blicke ſchüchtern an der andern Seite des Vaters ſtand. 4 Hellborn umfaßte Beyde mit inniger Rührung. Laß uns vergeſſen, ſprach er zu ſeiner Frau mit einem warmen Blicke der Liebe, daß je ein ſolcher Vorfall unſer Glück geſtört hat, laß uns vergeſſen, daß es je einen Augenblick gab, wo wir uns ver⸗ kannten. Undrauch meine Tochter werde i ewiß 4 9 * ☛ 117 nie wieder erinnern müſſen, daß Vertrauen der ſchönſte Lohn der väterlichen Liebe iſt. O mein guter Vater! ſprach Natalie, an ſeine Bruſt ſinkend, und er fühlte, daß dieſer Augenblick für ſie reich an guten Entſchlüſſen war⸗ Kommt, meine Lieben! hob Hellborn wieder an. Wir hahen heute wohl alle das Frühſtück ver⸗ ſäumt. Dann möget ihr überlegen, wie wir mor⸗ gen unſern Gaſt für den heutigen ungaſtfreundlichen Empfang zu entſchädigen haben... Vielleicht, ſprach er, mit ſeiner Frau voran gehend, leiſe zu ihr: vielleicht kürze ich die Probezeit um ſechs Mo⸗ nathe ab, wenn ihr alle hübſch artig und beſonnen feyd. Aber reinen Mund gehalten, liebe Henriette. Als ſie eben aus dem Saale gingen, kam ein Diener mit einem großen Packete. Vom Bücherver⸗ leiher aus der Stadt, ſprach er⸗ Es geht uneröffnet zurück, antwortete Frau von Hellborn. Ich werde Dich bitten, meinen Bü⸗ cherverleiher zu machen, wendete ſie ſich lächelnd zu ihrem Manne... Bringt's in mein Zimmer, ich will's durchſe⸗ hen, ſprach Herr von Hellborn zu dem Diener, und dann mit freundlichem Ernſte zu ſeiner Frau: Prüfet alles— AANVNNKwVW W. Die Freundinn. — „ 5 29.5 9- 525 99 9-eEREEERREREKRESRKKEEEA* „ Mauntne ſtand vor der Leiche ihres Kindes. Sie küßte ſeine kalte Stirne und der Schmerz des jun⸗ gen Mutterherzens ergoß ſich in Thränen. Schlafe, lieber Engel, ſprach ſie, ſchlafe ſanft! O könnteſt Du allen Kummer Deiner unglücklichen Mutter mit hinüber nehmen in das Land des Friedens, wohin Du ſchnell zurück gekehrt biſt. Als ſie dieſe Worte geſprochen hatte, trat der Träger im ſchwarzen Mantel herein, um den Sarg wegzuſchaffen. Sie nahm von den Blumen, womit ihre Mutter und Hedwig ihre Freundinn, die Leiche geſchmückt hatten, eine Roſe, warf einen ſchmerz⸗ vollen Blick zurück, und eilte dann, das Geſicht mit beyden Händen verhüllend, in den Garten hinab, wo ſie einen dunkeln einſamen Gang ſuchte. Sie kniete nieder, und die Hände faltend, und den naſſen Blick erhebend zu dem Himmel, der blau über den Baumwipfeln glänzte, ſprach ſie mit be⸗ wegter Stimme: Du haſt mein Kind zu Dir ge⸗ Untery. Bibl. 3. Jahrg. 6. B. F 122 nommen; Vater im Himmel. Ich war des Glückes, Mutter zu ſeyn, nicht würdig. O laß nicht noch mehr mich büßen! Laß meing Schuld durch Reue geſühnt ſeyn! Pauline legte ihr Haupt auf die Raſenbank, vor welcher ſie kniete⸗ Die Empfindungen, die ihre Bruſt zerriſſen, wurden ſtiller und weicher durch fromme Ergebung. Da trat Hedwig zu ihr. Pau⸗ line, ſprach ſie, überlaß Dich nicht zu ſehr dem Schmerze. Ertrage muthig, was nicht zu ändern iſt. Dein Schickſal iſt freylich hart, doch bey dem Unglücke iſt auch hier ein Glück. Ich fühle es, in dieſem Augenblicke wird Dein Herz für ſolchen Troſt wenig empfänglich ſeyn. Aber frage Dich ſelbſt, in welcher Lage würdeſt Du Dich beſinden, wenn Dein Kind am Leben geblieben wäre? Ach Hedwig, erwiederte Pauline, daran habe ich noch nicht gedacht. Als ich ihm das Leben gege⸗ ben hatte, als ich es zum erſten Mahle an mein Herz drückte, da verlor ich mich in dem ſüßen Ge⸗ fühle, das mich erfüllte, da vergaß ich, in welchen Abgrund des Elends ſein kreuloſas Bater mich ge⸗ ſtürzt hat. Nun, liebe Pauline, der Hunmel hat Dich ſchon halb heraus gezogen, hob Hedwig wieder an⸗ Das Kind iſt todt, und mit ihm der Zeuge Deines Unglücks.. Aber hier wohnt ein Zeuge, der nicht ver⸗ ſiummt, antwortete Pauline, die Hand auf ihre — 123 Bruſt legend: das Bewußtfſeyn der Sünde und der Schande.. Sünde! Schande! Welche Übertreibungen, liebes Kind! Wer wird ein ſechszehnjähriges Mäd⸗ chen, deſſen unerfahrenes Herz ſich den erſten Re⸗ gungen der Liebe hingab, und der ſchmeichelnden Stimme eines gewandten Verführers unterlag, wer wird ſte ſo ſtrenge, ſo grauſam richten? Kein Mann wird es thun, denn die Männer ſind mit Recht nachſichtig gegen ſolche Verirrungen; keine Frau, denn wenn ſie nicht heucheln, müſſen ſie alle fühlen, daß ſie unter ähnlichen Umſtänden nicht ſtärker ge⸗ weſen ſeyn würden. Nein, Pauline, Deine Vergan⸗ genheit ſinke mit in das Grab, welches Dein Ge⸗ heimniß auf ewig bedeckt. Du darfſt Deinen Blick wieder frey und muthig auf die Zukunft richten; Du darfſt hoffen, in einem ſchönen Glücke Erſatz zu finden für das Mißgeſchick, das die Heiterkeit Deiner erſten Jugend getrübt hat.. Nein liebe Hedwig, nein! Ach auf welches Glück könnte ich noch Anſpruch machen? Das Glück der Liebe? Häusliches Glück? Nimmermehr! Wie könnte ich einem Manne, der mir ſeine Hand geben wollte, das Geheimniß des befleckten Lebens ver⸗ ſchweigen? Und wenn ich's ihm geſtände, würde er mit der Entehrten ſich verbinden? Für mich iſt ja⸗, des Glück des Lebens verloren, dem das ſchuldloſe Mädchen mit froher Sehnſucht entgegen blicken darf. O könnte ich in ein Kloſter gehen! 3 52 1 24 Schwermerinn! ſprach Hedwig, die Freundinn umfaſſend. Vergiß nicht, Pauline, daß Du eine Mutter haſt, die auf Dich rechnen muß.. Ach, wenn ich das vergeſſen hätte, Hedwig, ich würde nicht mehr in Deinen Armen liegen. Als Pauline dieſe Worte geſprochen hatte, kam ihre Mutter langſam unter den Bäumen herauf und trat zu den beyden Freundinnen. Sie umſchloß Paulinen, die an der mütterlichen Bruſt noch ein⸗ mahl den Schmerz des gedrückten Herzens ausweinte. Riahte dich auf, mein Kind! ſprach ſie ſanft. Gott wird wiſſen, daß es für Dich gut geweſen iſt; er wird Dich vollends tröſten und Dein armes Herz heilen. Faſſe Muth, meine Tochter, Du darfſt Deinen Blick frey zu ihm erheben; Deine Seele iſt rein vor ſeinem Auge.. O+ Mutter, Ihre Liebe iſt das einzige Glück, das mir übrig bleibt. Halten Sie mich aufrecht. Ja, Gott wird mich tröſten. Ich habe zu ihm ge⸗ bethet, ich habe ihm verſprochen, die Schuld reuig abzubüßen. Ich fühle es, er wird meiner Seele Frieden geben. Komm, mein Kind, komm! hob die Mutter wieder an, Paulinens Hand faſſend. Morgen ver⸗ laſſen wir dieſen ländlichen Aufenthait, wo nur ſchmerzliche Erinnerungen Dich anſprechen. Sey ruhig, Pauline, ein dichter Schleyer wird alles bedecken. Niemand hat uns hier errathen. Dein Geheimniß iſt in meinem Herzen verborgen, und 125 daß es in der Bruſt Deiner Freundinn eben ſo ſicher ruhe, wie köunteſt Du daran zweifeln. Zweifeln? ſiel Hedwig ein. Nein, das wird Pauline nicht. Wie könnte ſie zweifeln, ob ihre Ruhe mir theuer ſey? Selbſt meine Mutter, ſelbſt mein Bräutigam, ſoll nie auch nur eine leiſe Ah⸗ nung davon erhalten. Ich weiß, liebe Hedwig, auch ohne Ihre Be⸗ theurung, daß wir auf Ihr Zartgefühl ſicher rech⸗ nen können. Darauf wandte ſie ſich zu ihrer Toch⸗ ter mit den Worten: Noch eines muß ich Dir ent⸗ decken, liebes Kind, denn Du biſt in der Stim⸗ mung, wo du mit Muth und Ruhe alle Täuſchun⸗ gen ſchwinden ſtehſt und in frommer Ergebung ſtark wirſt. Wenn Du noch auf die Rückkehr des Urhebers Deines Unglücks gerechnet haſt, ſo mußt Du die Hoffnung aufgeben. Er hat mit der reichen Braut, die er Dir vorzog, vor ſechs Wochen ſich verbunden. Ich habe nicht mehr gehofft, ſprach Pauline, an die mütterliche Bruſt ſinkend. Es kann ihm nie gut gehen, hob die Mutter wieder an. 8 O nein, es möge ihm gut gehen! ſprach Pau⸗ line bewegt. Gott möge es ihm nie vergelten, was er an mir verſchuldet hat.„ Am folgenden Morgen verließ Pauline mit ihrer Mutter und ihrer Freundinn das einſame Land⸗ haus, das Hedwig gemiethet hatte um das Ge⸗ * 126 3 heimniß der Unglücklichen zu ſichern. Man hatte alles mit ſo kluger Vorſicht eingeleitet, daß nie⸗ mand die Urſache ihrer Abweſenheit ahnete, als ſie in ihre Heimath zurück kehrten. Pauline lebte in der ſtrengſten Eingezogenheit. Als Hedwig im nächſten Herbſte ſich verheirathete, und ihrem Gat⸗ ten, einem reichen Gutsbeſitzer, nach Franken folg⸗ te, mied Pauline noch mehr jede Zerſtreuung, wo⸗ durch ſie von ihrer Arbeit abgezogen werden konnte. Ihre Mutter, die Witwe eines wenig vermögen⸗ den Beamten, genoß ein ſehr geringes Jahrgeld, und hatte nur durch den angeſtrengteſten Fleiß ſo viel erwerben können, ihrer Tochter eine gute Er⸗ ziehung zu geben. Pauline erfüllte nun treu die Pflicht, ihr die mütterliche Sorgfalt zu vergelten. Es war ihr ein ſüßes Gefühl, daß es ihr gelang, der guten Mutter, deren Geſundheit die Sorgen und Leiden eines langen Witwenſtandes geſchwücht hatten, ein ruhiges Leben zu ſichenr. So vergingen beynahe acht Jahre. Es melde⸗ ten ſich zwar während der erſten Zeit manche Frey⸗ er, aber Pauline wies ſie mit abſtoßender Kälte zurück, und ſo geſchah es, daß ihre Schönheit nur im Verborgenen wieder aufblühte. Die Geſundheit ihrer Mutter ward immer ſchwächer. Der Wunſch, das geliebte Kind vor ihrem Tode verſorgt zu ſe⸗ hen, ſchien das einzige zu ſeyn, was ſie noch an die Erde band, und ſie verrieth nicht ſelten die Sorgen, die das mütterliche Herz erfüllten. * 84 — 127 Mein Schickſal möge Ihnen keinen Kummer machen, liebe Mutter, antwortete dann Pauline⸗ Dank ſey es Ihrer liebevollen Sorgfalt, ich kann arbeiten, ich bin an Mäßigkeit gewöhnt und mein Fleiß wird mich nie darben laſſen. Das weiß ich, liebe Pauline, aber ich würde doch ruhiger aus der Welt gehen, wenn ich Dich unter dem Schutze eines wackern Mannes zurück⸗ laſſen könnte. 4 Pauline ſeufzte. Unter den Männern, die wir zuweilen in der Geſellſchaft bey meiner Schwägerinn ſehen, hob die Mutter wieder an, ſind Einige, die Dich auszu⸗ zeichnen ſcheinen. Hat Keiner von ihnen Dir Ver⸗ trauen einflößen können? Nein, antwortete Pauline. Aber ſie erröthete, als ſie an den Kaufmann Erlan dachte, der nie fehlte, wenn ſie bey ihrer Verwandten war. Er hatte ſchon lange merken laſſen, daß er ſie nicht mit gleichgültigen Augen ſah. Pauline, die nie anders, als in jener Geſellſchaft, mit ihm zuſam⸗ men kam, weil ſie ſelten an öffentlichen Orten er⸗ ſchien, weihte die innigſte Achtung einem Manne, der den Ruf edler Geſinnung, den er in der ganzen Stadt hatte, ſo ſehr zu verdienen ſchien⸗ Ach, Mutter! fuhr Pauline fort, und ſenkte, das trübe Auge tiefer auf die Stickerey, woran ſie arbeitete, wie dürfte ich es wagen, der Stimme 128 meines Herzens zu folgen, wenn je eine zärtliche Neigung mich zu einem edlen Manne zöge⸗ Die Mutter faßte bewegt Paulinens Hand, und wollte ein aufmunterndes Wort ſprechen, als man anpochte. Erlan trat herein. Pauline ließ in ihrer Überr aſchung die Nadel fallen und eine hohe Gluth färbte ihre Wangen. Verzeihen Sie, wendete er ſich zu der Mutter, daß ich es wage, mich ſo ohne Umſtände ſelbſt bey Ihnen einzuführen. Sie haben mir einiger Maßen die Erlaubniß dazu gege⸗ ben, als ſie meinen Wunſch, die Arbeiten Ihrer Toch⸗ ter zu ſehen, ſo gütig aufnahmen. Es iſt ſo viel Nachfrage nach den ſchönen Werken dieſer kunſtfer⸗ tigen Hand, daß ich mein Verlangen nicht länger unterdrücken konnte. Die Mutter hieß ihn freundlich willkommen, Pauline ſah unverwandt auf ihren Stickrahm, als ſie ſeinem Gruſſe gedankt hatte, aber ſie arbeitete ſo zerſtreut und ſo ſchnell, daß kein Faden halten wollte. Erlan trat vor ſie. Er ſchien ſein Auge auf die Stickerey zu heften, aber ſeine Blicke wurden nur angezogen von den beweglichen zarten Fingern, deren blendende Weiße ſich auf dem veilchenblauen Taffte, den ſie ſtickten, noch mehr hob, von dem ſchönen Arme, deſſen ſanfte Rundung ein enger Mußelin⸗Armel umſchloß, von der jugendlichen Fülle des züchtig verhüllten Buſens, auf welchen zwey kaum aufgeblühte Noſen ſich neigten, und dem 129 lieblichen, von braunen Locken umwallten, Geſich⸗ te, wo noch ſchönere Roſen blühten. Herrlich! herrlich! ſprach er endlich mit einem Toue, den mehr die Schönheit der Künſtlerinn, als der Werth des Kunſtwerkes zu beſeelen ſchien. Darf ich bitten, ſprach er darauf zu der Mutter ſich wen⸗ dend, auch mir von dieſen Arbeiten etwas zu über⸗ laffen? Ich weiß, andere hieſige Häuſer ſind ſo glücklich, Ihr Vertrauen zu beſitzen. Ich werde es gewiß eben ſo ſehr zu verdienen ſuchen. „Herr Erlan, Sie erzeigen mir eine Gefällig⸗ keit, wenn Sie ſich den Vertrieb dieſer Putzſachen wollen angelegen ſeyn laſſen. Ich muß Ihnen geſte⸗ hen, meine Tochter hat für dieſe feineren Arbeiten, zu welchen ihre Neigung ſie am meiſten hinzieht, lange nicht ſo viele Abnehmer, als ihr Fleiß befrie⸗ digen könnte⸗ Erlan machte ſogleich eine anſehnliche Beſtel⸗ lung, und erwarb ſich dadurch das Recht, ſeine Beſuche von Zeit zu Zeit zu wiederhohlen, um neue Beſtellungen zu machen. Es bildete ſich allmählich ein freundliches Einverſtändniß zwiſchen ihm und Paulinen, da er Alles, was der Ruf von ſeiner vorzüglichen Bildung und ſeiner edlen Denkart ſagte, völlig beſtätigte, und täglich höher in ihrer Achtung ſtieg. Endlich wagte er es, ſeine Liche, ſeine Wünſche ihr zu geſtehen. 4 Dieſes Geſtändniß überraſchte ſie nict; ſie hatte längſt in Erland's Herzen geleſen, Aber auch 130„ was in dem ihrigen ſich regte, war ihr nicht mehr verborgen. Schon lange hatte ſie geſtrebt, die er⸗ wachte Neigung zu bezwingen; ſie hatte in dem ſchmerzlichen Kampfe ſich gefragt, ſollte ſie dem ed⸗ len, dem geliebten Manne ihr Geheimniß enthüllen, um zu ſehen, ob er ſie auch dann noch ſeiner Liebe und Achtung werth halte; ſollte ſie ihm das unglück⸗ liche Geheimniß verſchweigen und ihm alle Hoffnung nehmen. Aber die Scham, die Beſorgniß, ſeine Achtung zu verlieren, überwanden. Sie ſchwieg⸗ Er ward dringend. Die Unmöglichkeit, ſich von ihrer kränklichen Mutter zu trennen, mußte ihr ei⸗ nen Vor vand leihen, die Erfüllung ſeines Wun⸗ ſches abzuweiſen. Trennung von ihrer Mutter? antwortete er⸗ Nein, liebe Pauline, Sie, Ihre Mutter und ich⸗ wir werden unzertrennlich ſeyn, wenn Sie mich zum glücklichſten Manne machen wollen. O könnte 1h Sie glücklich machen! ſprach ſie gerührt. Sie oder keine! ſiel er lebhaft ein. Nein, nein, nimmermehr! erwiederte ſie, und unterdrückte die hervorquellende Thräne. Theure Pauline, hob Erlan wieder an, ihre Hand faſſend, und ſah ihr offen ins Auge— iſt Ihr Herz nicht frey? 3 Mein Herz iſt frey, antwortete ſie⸗ 1 1231 Es iſt frey? ſprach Erlan. Und doch ſtören Sie die glückliche Hoffnung, der ich mich überlaſſen hatte, daß ich Ihr Herz gewinnen würde? Lieber Erlan, erwiederte ſie, ich bleibe Ihre Freundinn im edelſten Sinne des Wortes, aber ich kann Sie nicht glücklich machen⸗ O. Du kannſt es, Pauline, nur Du allein! Du mußt es! Pauline ſuchte ſich aus den Armen los zu win⸗ den, die ſich umſchlangen. Ihre Freundinn! wie⸗ derhohlte ſie, und ihre Seele ſchwamm in dem Blicke, der mehr ſagte, als ſie ſagen wollte. Erlan ſchloß ſie entzückt an ſein Herz und drückte einen Kuß auf ihren Mund, der ſeine Lip⸗ pen nicht floh, Pauline! ſprach er, ich rede mit Ihrer Mutter. In dieſer Stunde! Heute noch muß ſich mein Glück entſcheiden. Er ging. Sie ſah ihm nach, und unwillkührlich breiteten ſich ihre Arme gegen ihn aus. Aber von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, ließ ſie die Arme herabſinken. Lieber, edler Mann! ſprach ſie, nein, ich darf Dich nicht täuſchen. Du mußt alles wiſſen, und wenn Du mich für immer von Deinem Herzen verſtoßen ſollteſt. Nach einer halben Stunde ließ ihre Mutter ſie rufen. Sie ging mit klopfendem Herzen und erſt als ſie ſah, daß Erlan nicht mehr in der Stube war, konnte ſie ſich wieder ſaſſen. Die Mutter war einer Bewegung, welche ihre krankhafte Stimmung 132 44 3 ſehr anzugreifen ſchien. Sie zog Paulinen zu ſich. Liebes Kind, ſprach ſie, Erlan hat um Deine Hand angehalten. Ich habe ihm verſprochen, in acht Tagen ſoll er Deinen Entſchluß erfahren. Ich fühle es, meine Tochter, wir werden nicht lange mehr bey einander ſeyn. O wie ruhig würde ich Dich verlaſſen, wenn ich Dein Schickſal in ſeine Hände legen könnte! Er liebt Dich ſo innig, ſo redlich. Hat Dein Herz nicht für ihn geſprochen? O Mutter, erwiederte Pauline, und ſank ihr in die Arme, ich liebe ihn. Aber kann ich denn je die Seinige werden? ich muß dem Glücke ent⸗ ſagen. Nein, Pauline, Du biſt des edlen Mannes nicht unwürdig. Wenn du uhm Dein Geheimniß entdeckteſt, würdeſt Du in ſeiner Achtung nicht ſin⸗ ken, und rein vor ihm ſtehen, wie Du rein vor Gottes Auge ſteheſt. Aber fühlſt Du nicht, daß ei⸗ ne ſolche Entdeckung ſein Glück ſtören müßte? Er liobt Dich. Wie ſchmerzlich würde ihm der Gedanke ſeyn, daß Du unglücklich geweſen biſt! Schone die Ruhe und das Glück dieſes edlen Herzens, das ſo warm an Dir hängt. Ja, Pauline, Du wirſt glücklich an ſeiner Seite ſeyn, aber laß ihn jetzt in der wöhlthätigen Unwiſſenheit. Was könnteſt Du beſorgen? Der treuloſe Urheber Deines Un⸗ glücks iſt todt, nachdem er in einer unglücklichen — 133 Che ſeine Schuld gebüßt hat. Hedwig, die einzige Vertraute Deiner Leiden, lebt fern von Dir und iſt Deine Freundinn. Das Geheimniß kann nicht verrathen werden⸗ Aber wenn Du einſt das Ver⸗ trauen Deines Gatten feſt gegründet haſt, wenn Liebe, gegenſeitige Achtung und die ſüße Gewohn⸗ heit des Zuſammenlebens euch unzertrennlich vereint haben, dann wird vielleicht eine Stunde kommen, wo Du, ohne ſein Glück zu ſtören, Dein Geheim⸗ niß ihm enthüllen kannſt. Noch einmahl, Pauline, ich bitte Dich, in dieſem Augenblicke kein unbe⸗ dachtſames Vertrauen! Pauline ward nicht überredet durch dieſe Wor⸗ te, aber ſie ſchwieg, um die leidende Mutter zu ſchonen, welche in den Gedanken, ſie mit Erlan zu verbinden, eine lindernde Beruhigung fand. Sie wollte nur Zeit gewinnen, entſchloſſen dem Ge⸗ liebten, ehe ſie ſich mit ihm verbände, alles zu ent⸗ decken. Nach einigen Tagen verſchlimmerte ſich täg⸗ lich der Zuſtand ihrer Mutter. Der Schlag ſchien ſie gelähmt zu haben, und ſie ward bald ſo ſchwach, daß man für ihr Leben fürchtete. Erlan kam, ſobald er die unglückliche Nachricht erfuhr. Die Kranke ließ ihn und Paulinen vor ihr Bett treten. Sie faßte die Hand der weinenden Tochter⸗ Pauline, ſprach ſie mit ſchwacher Stimme, der Augenblick der Trennung nahet. Das Scheiden wird mir leicht werden, wenn ich Dich mit dieſem edlen Manne vereint ſehe. 15½ Mit dieſen Worten vorband ſie die Hände der Gerührten. Pauline war heftig bewegt von den ſtreitenden Empfindungen, die ihre Bruſt ergriffen, und faſt beſinnungslos gab ſie dem Drucke des Ar⸗ mes nach, der ſie an das Herz des glücklichen Man⸗ nes zog. Auf der Mutter Wort trat ein Prieſter herein und ſprach ſeinen Segen über die Verbunde⸗ nen. Zwey Tage nachher ſtarb die Mutter. Ihre letzten Worte ermahnten Paulinen, die Ruhe ihres Gatten zu ſchonen. Das junge Paar lebte in der glücklichſten Ein⸗ tracht. Pauline ſuchte durch innige Liebe, durch treue Erfüllung ihrer Pflichten das Herz und die Achtung ihres Mannes immer mehr zu gewinnen, und be⸗ ruhigte allmählich die innere Stimme, welche ihr den Mangel an Vertrauen vorwarf, deſſen ſie ſich ſchuldig gemacht hatte. Das Glück ihrer Ehe ward och feſter gegrundet, als ſie nach Verlauf eines Jahres ihrem Gatten einen Sohn ſchenkte, dem bald andere Pfänder der Liebe folgten. Sie war das Muſter einer tugendhaften Hausfrau, einer zärtlichen, ſorgſamen Mutter. So vergingen ihr ſechs Jahre. Die Erinne⸗ rung an ihre unglüchliche Jugendzeit lag wie ein Traum vor ihrer Seel Ste fühlte mit dankbarem frommen Gemüthe nur das Glück der Gegenwart, das die Liebe eines edlen Mannes ihr immer neu und ſchöner machte. Da erhielt ſie eines Tages ei⸗ nen Brief von ihrer Jugendfreundinn, die ſeit ei⸗ 133 nigen Jahren geſchwiegen hatte. Hedwig war un⸗ glücklich verheirathet. Ihr Mann wagte ſein Ver⸗ mögen im unbedachtſamen Unternehmungen; ſie trug durch leichtſinnige Verſchwendung nicht wenig dazu bey, ſeine häusliche Lage zu zerrütten, und als er, von Sorgen gebeugt, ſtarb, blieb ihr nur ein kümmerlicher Unterhalt. Paulinens Herz ward tief bewegt, als ſie die bedrängte Lage der Freun⸗ dinn erfuhr, und es bedurfte nicht des Winkes, den Hedwig ihr gab, um ſie zu beſtimmen, der Unglücklichen eine anſehnliche Unterſtützung zu ſen⸗ den.— Hedwig dankte kaum für die Gabe; aber bald nachher kam ein neuer Brief, worin ſie den Bey⸗ ſtand der Freundinn dreiſter anſprach, und ungroß⸗ müthig an früher geleiſtete Dienſte erinnerte. Pau⸗ line empfand dieß auf das ſchmerzlichſte; aber ſie befriedigte die Wünſche der Freundinn freygebiger, als dieſe erwarten konnte. Hedwig verläugnete mit jedem Briefe mehr alles Zartgeſühl in ihren For⸗ derungen, daß Pauline in Verlegenheit gerieth, wie ſie das Verlangen der Zudringlichen befriedi⸗ gen ſollte, ohne ihrem Manne Anlaß zur Befrem⸗ dung und Mißtrauen zu geben. Sie both indeß alles auf, was ſie konnte, ohne ihm läſtig zu fal⸗ len; aber ſie mußte es in ihrer Antwort merken laſſen, wie ſchwer es ihr ward, die wiederhohlten 4 Beyſtandgeſuche zu erfüllen. Hedwigs nächſter Bitt⸗ „Prief enthielt eine ſehr unfeine Hindeutung auf das 136 3 Geheimniß, deſſen Vertraute ſie war. Pauline ſchauderte, und fühlte tief die Demüthigung„von einer Frau abhängig zu ſeyn, die ihre unedle Ge⸗ ſinnung ſo laut verrieth. Kaum war das neue Geſuch befriedigt, als ei⸗ nes Tages Hedwig ſelbſt erſchien, um, wie ſie er⸗ klärte, den Winter bey ihrer lieben Jugendfreun⸗ dinn zu verleben. Erlan nahm ſie freundlich auf, und war weit entfernt, den Eindruck, welchen die Erſcheinung des Gaſtes auf ſeine Frau machte, ir⸗ gend einer andern Regung, als der frohen Überra⸗ ſchung zuzuſchreiben. Hedwig knüpfte alle ihre al⸗ ten Bekanntſchaften wieder an, machte neue, die nach ihrem Sinne waren, und ſchien ſich auf lange Zeit anſiedeln zu wollen; aber zwiſchen ihr und Paulinen konnte die alte Vertraulichkeit nicht wie⸗ der aufkommen. Pauline ſah in ihr eine feindſelige Geſtalt, die das Glück ihres Lebens mit grauſamer Schadenfreude zu ſtören drohte. Hedwig verbarg auch nicht den geheimen Neid, den ſie bey dem An⸗ blicke: des Glückes ihrer Jugendfreundinn empfand. Nicht wahr, Pauline, ſprach ſie einſt, als wir vor vierzehn Jahren zuſammen auf dem einſamen Landhauſe am See wohnten, da hätteſt Du nicht gedacht, daß es Dir noch ſo wohl gehen würde? Nein, Hedwig, antwortete Pauline, mit ei⸗ nem ſchmerzlichen Blicke, der einen Vorwurf für dieſe grauſame Erinnerung ausdruͤckte. Aber laß doch die unglückliche Vergangenheit! I24. — 2 137 Es freut mich nur, daß ich dazu beygetragen habe. Wenn ich Dich in Deiner damahligen Stim⸗ mung nicht aufgerichtet hätte, was wäre da gewor⸗ den? Habe ich's Dir nicht geſagt, Du würdeſt noch das ſchönſte Eheglück ſinden? Iſt's mir doch nicht halb ſo gut geworden für alle die Beſonnenheit, womit ich den Pfad der Jungfräulichkeit gewandelt habe! Doch warum ſollten wir uns nicht daran erinnern? Es iſt gar gut, an heitern Tagen der trüben zu gedenken, damit wir unſeres Glückes uns nicht überheben⸗ So quälte ſie oft durch ſchmerzliche Erinnerun⸗ gen. Paulinens Heiterkeit ſchwand. Oft, wenn ſie an der Seite ihres Mannes ſaß, umhüpft von froöh⸗ lichen Kindern, und die Vertraute hereintrat, beb⸗ te Pauline heftig auf, und immer glaubte ſie in Hedwigs liſtig lächelndem Auge die furchtbare Dro⸗ hung zu leſen: Nur ein Wort brauche ich zu ſagen, um Deinen glücklichen Traum zu ſtören. Erlan ward unenzia⸗ als er Paulinens S Stim⸗ mung bemerkte. An ihre Wirthſchaftlichkeit und ſtrenge Sparſamkeit gewöhnt, mußte er es auffallend ſinden, daß ſie ſeit einigen Monathen weit mehr, als ſonſt brauchte, während ſie doch den Aufwand für ihren Anzug und ihre Bequemlichkeit merklich einſchränkte. Sie hatte ihm zwar nicht verheimlicht,. daß ſie ihrer bedrängten Freundinn Beyſtand leiſte⸗ te, und hatte dazu von ihm ſelbſt ſchon manche Beyträge erhalten! aber er ahnete nicht, daß dieſe 3 13G Unterſtützungen bedeutend genug waren, um ſie ſo⸗ gar zu empfindlichen Entbehrungen zu zwingen. Hedwig hatte während ihrer Ehe eine Neigung zum Spiele gefaßt, und ungeachtet ihrer bedräng⸗ ten Lage ergab ſie ſich mit blindem Leichtſinne die⸗ ſem unglücklichen Hange, deſſen nachtheiliger Ein⸗ fluß auf ihr Gemüth immer merklicher ward. Ver⸗ gebens ſuchte Pauline durch freundliche Warnungen ſie abzuhalten. Hedwig antwortete launiſch, und weit entfernt, die wohlwollende Geſinnung ihrer Freundinn anzuerkennen, glaubte ſie, Pauline woll⸗ te jene Neigung nur in der eigennützigen Abſicht bekämpfen, um die Veranlaſſungen zu Geldgeſuchen zu vermindern. Dieſe Geſuche wurden, als Hed⸗ wig vom Unglücke verfolgt ward, ſo häufig, und ſo unedel mit Drohungen begleitet, daß die un⸗ glückliche Pauline die ſchmerzlichſten Aufopferungen machen mußte, um Hedwigs Begehrlichkeit zu be⸗ friedigen. Sie ward mit jedem Tage ſtiller und trauriger. Oft war ſie nahe daran, ihrem Manne, auf deſſen Liebe und Großmuth ſie feſt baute, al⸗ les zu entdecken, um aus ihrer quälenden Lage ſich zu erlöſen und Hedwig zu beſchämen. Aber ſie konnte die ängſtliche Scheu, die ihr Bekenntniß ſo lange zurück gehalten hatte, noch nicht überwinden; und ſie fühlte, daß ihr Mann mit Recht ihr einen Vorwurf über ſo ſpätes, nur durch unglückliche Um⸗ ſtände abgebrungenes, Vertrauen machen könnte. —— 139 Erlan beobachtet ſie mit ſteigender Bekümmer⸗ niß. Er glaubt, ihre Geſundheit ſey angegriffen. Er bittet ſie oft mit der innigſten Theilnahme, ihm ihr geheimes Leid zu entdecken und macht ihr zärt⸗ liche Vorwürfe über ihre Zurückhaltung. Aber Pau⸗ line kann nicht antworten und ſinkt, in Thränen zerfließend, an ſeine Bruſt. Einſt fand er ſie allein in ihrem Zimmer, umringt von ihren Kindern, welche die weinende Mutter durch unſchuldige Lieb⸗ koſungen zu tröſten ſuchten. Er drang unruhiger als je in ſie. Pauline ſah ihn einige Augeablicke ſchweigend an. Lieber Theodor, ſprach ſie endlich, ſollteſt Du mir je Deine Liebe und Dein Vertrauen entziehen wollen, laß es meine Kinder nur nicht fühlen, daß Du der Mutter⸗zürneſt. Erlan ſchloß ſie bewegt in ſeine Arme. Pau⸗ line, ſprach er, liebe Pauline, was willſt Du? Um Gotteswillen rede! Es liegt eine ſchwere Laſt auf Deinem Herzen. Ich muß ſie heben; ich muß es aufrichten. Mir iſt nichts, gar nichts, wenn ich Deine Liebe nicht verliere, antwortete ſie mit unſiche⸗ erer Stimme, drückte ſeine Hand heftig an ihr Herz, und aus ſeinen Armen ſich löſend, eilte ſie hinaus. Erlan hatte ſchon einige Mahle bemerkt, daß Hedwig nicht immer freundlich gegen ſeine Frau geſtimmt war, und es ward ihm immer wahrſchein⸗ licher, daß dieſes Verhältniß auf Paulinens Ge⸗ 140 müth einen unglücklichen Einfluß habe. Einige Srunden nach jenem Auftritte ſah er Hedwig, die aus einer Spielgeſellſchaft zurück kam, in das Zim⸗ mer ſeiner Frau eilen. Sie war in einer zu lebhaf⸗ ten Bewegung, um ihn zu bemerken. Er ahnete irgend ein wichtiges Ereigniß. Um jeden Preis wollte er der Ungewißheit, die ihn quälte, ein En⸗ de machen, folgte leiſe der Eilenden nach, und ging in einen, mit altem Geräthe angefüllten, Gang, in welchem eine verſchloſſene Seitenthüre aus dem Zimmer ſeiner Frau führte. Er horchte und hörte folgendes Geſpräch. Hedwig, Dein Betragen gegen mich wird un⸗ würdig, ſprach Pauline mit bewegter Stimme. Unwürdig? antwortete Hedwig. Mir das? Sie vergeſſen, Pauline, es iſt mein Werk, daß Sie dieſes Glück genießen. Und Sie können zö⸗ gern, mir ein kleines Opfer von dieſem Gluücke zu bringen, das Sie nie erreicht haben würden, wenn ich Ihr Geheimniß nicht ſo treu bewahrt hätte? Wie, Sie wollen Ihren Mann nicht bewegen kön⸗ nen, mir fünfzig Ducaten zu borgen, das ich brau⸗ che, um dieſe drückende Schuld zu tilgen. Ich ſehe, Sie wollen nicht. Ja, damahl war ich die liebe Freundinn, als ich ſo bereitwillig half, Ihre Ver⸗ irrungen mit einem dichten Schleyer zu bedecken. Aber ich kann auch jetzt noch einen Geiſt aus dem Grab⸗ bannen, Sie zu ſchrecken. 8 DO das iſt zu viel! rief Pauline außer ſich. 9 re auf, Grauſame, mich langſam zu Tode zu quä⸗ 141 len. Stoße mir auf einmahl den Dolch in die Bruſt. Gehe hin zu meinem Manne, ſage ihm Alles, Al⸗ les. Sage ihm, daß er eine Entehrte in ſein Bett aufgenommen hat, und wenn fünfzehn Jahre der Reue, wenn fünfzehn Jahre eines fleckenloſen Le⸗ bens die Schuld der Jugend nicht geſühnet haben, ſo mag er mich von ſich ſtoßen, und Du magſt dann hohnlachen in der grauſamen Freude, mein ſtilles Glück vernichtet zu haben. Erlan hörte nichts mehr. Er war heftig er⸗ ſchüttert, und kaum hatte er ſo viel Gewalt über ſich, ſeine Nähe nicht zu verrathen. Als er nach einigen Augenblicken wieder gefaßt war, eilte er in ſein Zimmer. Allmahlig legte ſich der Sturm in ſeiner Bruſt; er konnte ruhig überlegen. Alles war ihm klar. Hedwigs unwürdige Geſinnung empörte ihn. Paulinens Bild ſtand rein vor feiner Seele, und ſo weh es ihm that, daß ihr Vertrauen auf ſeine Liebe nicht feſter geweſen war, er verzieh ihr ddieſe Zurückhaltung, ehe er noch wußte, wie ſie ge⸗ kämpft hatte. Endlich ſteckte er eine ſchwere Gold⸗ rolle zu ſich und ging in Paulinens Zimmer. Als er die Thür öffnete, legte ſeine Frau, Schmerz im thränenvollen Auge, ihr Schmuckkäſtchen in Hed⸗ wigs Hand. Was ſoll das, Pauline? ſprach er mit ruhi⸗ gem Ernſte. 3 . Die Zitternde konnte nicht antworten. Er ſchloß ſie in ſeine Arme. Hier, an meinem Herzen, theure — 2⁴2 Pauline, hier wird immer der Platz ſeyn, deſſen Du würdig biſt.. Nicht doch! fuhr er fort, das Käſtchen hinnehmend: gib es mir. Und Sie, ſprach er darauf zu Hedwig, die Goldrolle ihr reichend: Sie finden hier mehr, als irgend jemand auf den Schmuck borgen würde, mehr als meine Frau in dieſem Augenblicke braucht, fremde Bedürfniſſe zu befriedigen. Hedwig konnte vor Beſtürzung nicht antwor⸗ ten; aber unwillkührlich krümmten ſich ihre Fin⸗ ger, die Goldrolle feſt zu halten. Erlan zog ſeine Hand zurück mit einem ſchneidenden Blicke der Verachtung. Pauline lag noch zitternd in ſeinen Armen, und ahnete noch nicht, daß er alles wuß⸗ te. Edles Weib, ſprach er, richte Dich auf! Du darfſt Dein Haupt ſtolz und frey erheben unter Al⸗ len. Darauf wandte er ſich zu Hedwig mit den Worten: Und wenn Sie je wieder in Verſuchung gerathen, das Glück einer Ehe zu ſtören, ſo erwä⸗ gen Sie ſorgfältiger, wie feſt auf Liebe und Ach⸗ tung der Bund gegründet ſey, den Sie zerreißen wollen... Frau von Wallner, ſetzte er mit ſchar⸗ fem Tone hinzu: ich werde Morgen fruh mit mei⸗ ner Frau auf mein Landgut reiſen, wo meine Ge⸗ genwart nothwendig iſt. Und ich habe heute Poſtoferde beſtellt, antwor⸗ zete Hedwig mit erzwungener Aitagdi ier. Reiſen Sie gluciih MNVNNNVMN V. Liebſchaften in drey Welttheilen. b „»*22 eeeeeeEee K&EECKESEKEKESE Reiſende ſtanden am Ufer, die Abfahrt des Treck⸗ ſchuyts*) zu erwarten, das von Utrecht nach Am⸗ ſterdam ging. Ein junger Holländer lehnte ſich ge⸗ mächlich an einen Baum, und den Dampf ſeiner Pfeife langſam vor ſich hinblaſend, muſterte er die Geſellſchaft. Er ſah nur einige Weiber, die ihre wärmenden Kohlentöpfe in der Hand hielten, und einige Männer aus dem niederen Volke, welche noch einige Eßbedürfniſſe eingekauft hatten; aber Alle ſchienen nur in dem Ruim ihren Platz zu ſu⸗ chen. Schon ergab er ſich darein, die Nacht in dem gemächlichern Roef einſam zuzubringen, als zwey Männer von edlem Anſehen aus dem nahen Wirths⸗ *) Die holländiſchen Treckſchuyte ſind Kahne, mit ei⸗ nem 7 Fuß hohen Häuschen überbaut, das in 2 Haupträume abgetheilt iſt. In dem längern, Ruim (Raum) genannt, befinden ſich die geringern Reiſen⸗ den und das Gepäcke, der hintere kleinere Raum, Roef, iſt ein freundliches Gemach mit gepolſterten Sitzen. 3 3 Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 6. B. G 246 hauſe herbey kamen, die er auf den erſten Blick für⸗ Fremde hielt. Er fragte ſie franzöſiſch, ob er auf das Vergnügen rechnen dürfe, in ihrer Geſellſchaft zu reiſen. Sie wollten mit dem Treckſchuyt nach Amſterdam fahren, war die Antwort. Wohlan, meine Herren, hob der Holländer an, ſo laſſen Sie uns eiten, in den Roef zu kommen, um uns die beſten Plätze auszuſuchen. Vielleicht kommen noch andere Reiſende. Die beyden Fremden ſchienen verlegen zu ſeyn. Wahrſcheinlich kennen Sie die Einrichtung die⸗ ſer Boote nicht, fuhr der Holländer fort. In dem Kuim erhält man freylich ſeinen Platz wohlfeiler, aber eine Geſellſchaft, in welcher es Ihnen ſchwer⸗ lich gefallen möchte. Die Fremden ſahen ſich an, bis nach einigen Augenblicken Einer von ihnen, ein ältlicher Mann, erwiederte: Man hat uns die Geſellſchaft in dem größeren Raume des Bootes als ſehr unterhaltend geſchildert, und wir wollten unſere Plätze darin neh⸗ men, weil wir den kleineren Raum ganz leer, oder ſchon beſetzt zu ſinden glaubten. Ihre Geſellſchaft freylich, mein Herr... Der Holländer hatte ſchon geahnet, daß die beyden neuen Reiſegeſellſchafter Ausgewanderte wa⸗ ren, und er konnte leicht errathen, warum ſie die wohlfeileren Plätze wählen wollten. Sein Zartge⸗ fühl gab ihm ein Mittel ein, den Fremden die Ge⸗ mäͤchlichkeit zu verſchaffen, welche ſie ſich vielleicht 147 ſehr ungern verſagten. Ich habe drey Plätze im Roef genommen, unterbrach er den Wortführer, und kann doch nicht mehr als einen brauchen, da zwey Freunde, die mit mir reiſen wollten, durch plötzlich eingetretene Vorfälle zurück gehalten wer⸗ den. Darf ich Sie bitten, meine Herren, dieſe lee⸗ ren Plätze einzunehmen? Mögen auch alle übrigen beſtellt ſeyn, wir werden am bequemſten ſitzen, und ich habe die Ehre, in angenehmer Geſellſchaft zu reiſen. Die Fremden verbeugten ſich und gingen mit dem Holländer in den Roef. Die Stunde der Ab⸗ fahrt ſchlug. Sie blieben allein. Man machte ſich's bequem in dem artigen, reinlichen Gemache, das grün angeſtrichen und zierlich mit Spiegeln und Gemählden ausgeſchmückt war. Der Abend war mild und heiter. Sanft glitt das Boot, von einem Pferde gezogen, auf dem Waſſer, in deſſen ſtillem Spiegel der aufgehende Mond glänzte. Die Rei⸗ ſenden ſetzten ſich an das offene Fenſter, und freu⸗ ten ſich bald der Ausſicht auf die Ufer des Kanals. die mit Dörfern und freundlichen Landhäuſern be⸗ deckt waren, bald der Munterkeit des jungen Bur⸗ ſchen auf dem Zugpferde des ſogenannten Jägers, der ſich die Zeit mit luſtigen Liedern vertrieb, und bald bewunderten ſie die ungemeine Geſchicklichkeit, womit die Führer des Bootes einem andern Treck⸗ ſchuyt auszuweichen wußten, ohne anzuſtoßen, o nahe auch die Fahrzeuge an einander hinſtrichen. . 6 2 148 Schnell war eine Stunde vergangen. Der. Hol⸗ länder ließ ſich von dem Schiffer einige Flaſchen Bordeauxwein reichen, und die Erfriſchungen her⸗ bey hohlen, welche er ins Fahrzeug hatte bringen laſſen. Seine Geſellſchafter, die er freundlich ein⸗ lud, wurden bald geſprächiger, und allmählig hei⸗ terte die Wolke des Trübſinnes ſich auf, die in ih⸗ ren Zügen lag. Der Holländer ſah ſeine erſte Ver⸗ authung beſtätigt: die beyden Fremden waren durch die innern Unruhen aus ihrer Heimath ver⸗ trieben worden. Der Altere, ein Franzoſe, Nah⸗ mens Dandeuil, war kaum dem Mordbeile ent⸗ ronnen, womit man ihm drohte, weil er, wie es damahls hieß, im Verdachte war, verdächtig zu ſeyn; der Andere, Adrian Vandernelt, der Sohn eines reichen Kaufmanns aus Brügge, hatte unter den Stuͤrmen, die ſein Vaterland trafen, den Wohl⸗ ſtand ſeines Hauſes fallen ſehen, und ward jetzt von Verfolgungen, die ſchon ſeine theuerſten An⸗ gehörigen ihm geraubt hatten, aus der Heimath vertrieben. Beyde wollten mit den letzten ärmli⸗ chen Trümmern ihren Vermögens zur See gehen, um an den Ufern des Ohio ein neues Glück zu ſuchen. Der gaſtfreye Holländer, ein wohlhabender Kaufmann aus Deventer, den wir fortan mit ſei⸗ nem Nahmen Kornelius van Hoegen nennen wol⸗ len, freute ſich bey der Mittheilung dieſer Nach⸗ richten noch mehr über die neue Bekanntſchaft, da 3 —— 149 auch er im Begriffe war, eine Reiſe nach Amerika zu machen. Wie glücklich wir uns hier zuſammen gefunden haben, ſprach er, wir reiſen ja Alle drey⸗ nach einer Weltgegend. Es war alſo beſchloſſen, ſich zu Amſterdam in demſelben Schiffe Plätze zu dingen, um die lange Reiſe gemeinſchaftlich zu machen. Den freund⸗ loſen Ausgewanderten konnte kein glücklicherer Zu⸗ fall begegnen, als die Bekanntſchaft mit dem ge⸗ fälligen Holländer, von deſſen Kenntniß der Ver⸗ hältniſſe und der Sitten des Landes ſie manche Er⸗ leichterungen erwarten durften, und Kornelius van Hoegen gewann dagegen die angenehme Ausſicht, ſeine Seefahrt dieß Mahl nicht in langweiliger Ge⸗ ſellſchaft zu machen. Bald nach der Ankunft in Amſterdam fanden ſie ein Schiff, das nach Süd⸗Carolina unter Se⸗ gel gehen wollte. Die Anker wurden gelichtet und ein günſtiger Wind trieb ſie bald ins atlantiſche Meer. Je weiter Europa's Küſten verſchwanden, deſto heiterer wurden die beyden Ausgewanderten, als ob in dem Nebel, der jene verhüllte, alle ihre ſchmerzlichen Erinnerungen verſunken wären. Die drey Freunde waren faſt immer zuſammen; ſie hatten eine beſondere Kajüte, und ſahen die übri⸗ gen Reiſegefährten ſelten anders, als Mittags bey dem Schiffsführer, oder bey ſolchen, auf Seerei⸗ ſen gewöhnlichen Ereigniſſen, welche Alle durch das Gefühl gleicher Theilnahme vereinen. Ihre Fahrt 150 war ſehr glücklich und bald ſahen ſie den Spitzberg der Juſel Teneriffa, wo das Schiff anlegen wollte. Aille freuten ſich des Anblicks, welcher jedem der drey Freunde die Abenteuer ſeiner erſten Seereife zurück rief. Das Geſpräch ward belebter. Jeder verrieth unbefangener ſein Gemüth; der Franzoſe ſeine Eitelkeit, und den leichten fröhlichen Sinn, den ſelbſt Leiden nicht ganz hatten zerſtören kön⸗ nen, und der ſich immer freyer wieder regte, je mehr heitere Gegenwart und ſchmeichelnder Hoff⸗ nung das Andenken an jene ſchwächten; der Flammänder, eine warme empfängliche Seele, die jeden Eindruck leicht aufnahm und tief bewahrte, ein biederes Herz mit dem regen Eifer für nützliche Thätigkeit, der ſeinen Landsleuten eigen iſt; der Holländer eine offene Geradheit, eine wackere Herz⸗ lichkeit und Theilnahme, die ſein kluger, ſorgſam berechnender Kaufmannsgeiſt nicht ganz hatte ab⸗ kühlen können; Alle aber verriethen die Erfahrung und Beſonnenheit, welche ein ſo köſtlicher Preis ſind, daß ſie nicht zu theuer mögen erkauft werden durch Leiden und betrogene Hoffnung. Sie ſaßen zuſammen auf dem Verdecke, und genoſſen den herrlichen Abend. Schon war das Meer dunkel, nur der hohe Spitzberg auf der In⸗ ſel glühte noch, wie ein Leichtthurm, im Glanze der ſinkenden Sonne. Landvögel ſchwirrten um Maſten und Tauwerk, und liebliche Düfte wehten herüber von den fröhlich geſchmückten Küſten. Der * „ 151 gaſtfreye van Hoegen ließ alten Conſtantia⸗Wein aus ſeinem Vorrathe bringen, und reichte ſeinen Freunden die vollen Gläſer. Der edle Saft flog wie Feuer durch ihre Adern, und das Vertrauen, deſſen ſchon längſt Einer den Andern werth gefun⸗ den, öffnete jetzt die frohen Herzen. Euer Glück in der neuen Welt! ſprach van Hoegen, ſein Glas erhebend⸗ Die Gläſer klangen. Aber auch die Erinnerung an die Vergangenheit im neuen Leben! ſprach Van⸗ dernelt, und ſein Auge ſagte, daß vor ſeiner Seele eine theure Erinnerung aufgelebt war. Ja wohl, unſere glücklichen Erinnerungen! fiel Dandeuil ein. Owe rhätte die nicht, wie ſchmerz⸗ lich auch die Vergangenheit war. Sie blühen, wie liebliche Blumen, unverwelklich aus Trümmern hervox. Schöne Tage ruft mir der feurige Wein zurück, hob van Hoegen wieder an, ſein Glas empor hal⸗ tend. Glückliche Stunden, die ich in dem hohen Weinberge auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung zubrachte! Mehr als vier Jahre ſind ſeitdem ver⸗ floſſen, und als ob's erſt geſtern geweſen wäre, ſehe ich die ſchöne Frau vor mir ſtehen, der ich die volle glühende Traube darboth. 1 Die beyden Reiſegefährten bathen um die Mit⸗ theilung des freundlichen Abenteuers, und jeder verſprach, das Merkwürdigſte zu erzählen, das ihm auf der erſten Seereiſe begegnet war⸗ Ich blieb einige Monathe auf dem Kap, fuhr der Holländer fort, um meine Geſundheit zu pfle⸗ gen, die in Batavia gelitten hatte. Der Beſitzer des Weinberges, wo dieſer treffliche Saft von den Strahlen der ſüdlichen Sonne gekocht wird, war ein entfernter Verwandter meiner Mutter, und lud mich gaſtfreundlich ein, mich durch den Genuß ſei⸗ ner Trauben zu ſtärken. Ich brachte gewöhnlich ei⸗ nige Morgenſtunden in dem hohen Weingarten zu. Die friſche Bergluft, der nährende Traubenſaft, gaben mir bald wieder neue Kräfte und frohe Hei⸗ terkeit. Eines Tages, als ich unter den Rebenge⸗ ländeyn auf und nieder ging und mich der herrlichen Ausſicht auf das Meer freute, das unter mir lag; da ſah ich plötzlich eine junge Frau mir entgegen kommen, eine himmliſche Geſtalt. Ein einfaches ſchwarzes Gewand umſchloß ihren edlen Wuchs, ein ſchwarzer Schleyer war zurück geworfen über die londen Locken, und ihr ſchönes blaues Auge er⸗ wiederte meinen Gruß mit freundlichem Lächeln. Überraſcht durch den Anblick, ſtand ich einige Au⸗ genblicke ſtumm und verlegen. Verzeihen Sie einer Fremden, daß ſie hier ſo zudringlich erſcheint, hob ſie an. Zudringlich? erwiederte ich. Das ſollten Sie nicht ſagen. Die Schönheit iſt überall in ihrem eigenen Gebiethe. Allerliebſt! unterbrach der Franzoſe den Er⸗ zähler. Man hat einſt manchen guten Einfall, man⸗ che witzige Antwort von mir gerühmt, aber wahr⸗ ——— lich, dieſe artige Schmeicheley möchte ich mein Ei⸗ genthum nennen können. Sie erheben den Gedanken zu hoch, fuhr Kor⸗ nelius van Hoegen fort, wenigſtens ſchien die ſchö⸗ ne Fremde nicht viel darauf zu achten. Ohne Zwei⸗ fel habe ich die Ehre mit dem Eigenthümer dieſes bezaubernden Ortes zu ſprechen, hob ſie wieder an. Ich wollte das Kap nicht verlaſſen, ohne den Berg zu ſehen, wo die Perle unter allen Gaben des Bacchus reift. Doch dürfen Sie ja nicht glauben, ſetzte ſie lächelnd hinzu, daß ich eine begeiſterte Verehrerinn des Weingottes ſey, weil ich eine Wall⸗ fahrt zu ſeinem Heiligthume mache. Ich bin, gab ich zur Antwort, nur der Gaſt meines Verwandten, welcher eilen wird, Sie hier zu bewillkommen. Erlauben Sie mir indeß, Ih⸗ nen dieß als Pfand ſeiner Gaſtfreundſchaft zu über⸗ reichen, fügte ich hinzu, und both ihr eine köſtli⸗ che Traube, die ich von dem überhangenden Re⸗ benzweige brach, der uns Schatten gab. In die⸗ ſem Augenblicke kam mein Vetter aus dem Land⸗ hauſe, wo er die Zeit der Weinleſe zubrachte, und die beyden Kammerfrauen, welchen die ſchöne Ge⸗ bietherinn voraus geeilt war, ließen ſich ſehen⸗ Die Fremde ward höflich empfangen, und mein Ver⸗ wandter bath ſo freundlich, daß ſie ſeine Einladung zu einem Frühſtücke annahm. Als wir ſie ins Haus führten, erzählte ſie uns, ſie kämen aus Oſtindien, das ſie nach dem Tode ihres Mannes verlaſſen habe 1 —ÿ——— —— Aufenthalts in Batavia, war's mir eingefallen, 154 um nach England, dem Lande ihrer Väter, zu rei⸗ ſen. Allein alſo haben Sie die lange, gefahrvolle Reiſe unternommen? agte mein Vetter. Seit einigen Monathen bin ich mit meinen Begleiterinnen auf der See, antwortete ſie. Kaum haben wir die Hälfte des Weges zurück gelegt, ſo⸗ gar einen heftigen Sturm beſtanden, und doch ſehe ich ohne Furcht den langen Weg, der noch vor uns liegt. Aber Sie müſſen wiſſen, Glück zur See iſt ein Erbtheil meines Hauſes; mein Großvater und mein Vater ſind beyde auf dem feſten Lande geſtor⸗ ben, und doch haben ſie einen großen Theil ihres Lebens auf dieſen Meeren zugebracht, ohne je einer Gefahr zu unterliegen, und es fehlte wenig, ſo wäre das indiſche Meer meine Geburtsſtätte ge⸗ worden. Wir brachten einen frohen Tag in dem Land⸗ hauſe zu, wo die Fremde von meinem gaſtfreund⸗ lichen Verwandten zurück gehalten, bis gegen Abend verweilte. Ihre geiſtreiche Heiterkeit, ihr warmes und zartes Gefühl, ihre edlen Geſinnungen, alles feſſelte mich nicht weniger an ſie, als ihre herrliche Schönheit. Ich merkte bald, daß ihr Anzug mehr als ihre Seele um den verlorenen Gatten trauerte, und ich hoffte, wenigſtens keine geliebten Erinnerungen beſiegen zu müſſen. Ja, mein Freund, ich hatte wirklich Freyerabſichten. Schon vor meiner Abreiſe aus der Heimath, und wieder während meines — — 155 daß man im dreyßigſten Jahre wohl anfangen möch⸗ te, daran zu denken, wenn Ernſt daraus werden ſollte. Die Fremde war ſchön, verſtändig und nach dem Anſchein zu urtheilen, brachte ſie einen hüb⸗ ſchen Antheil von Indiens Reichthümern nach Euro⸗ pa. Was konnte ich mehr wünſchen. Ich ſah ſie noch einige Mahle in dem Weinberge meines Vetters und in der Kapſtadt; mein Verwandter und ich be⸗ gleiteten ſie, als ſie die merkwürdigſten Gegenden der Anſiedlung beſah, wir beſtiegen mit ihr den Ta⸗ felberg, um uns an der herrlichen Ausſicht zu erge⸗ tzen, die ſich auf der einen Seite in den Gebirgen von Afrika verliert, auf der andern über das Welt⸗ meer nach den Eisbergen des Südpols hin uner⸗ meßlich ſich ausdehnt. Die ſchöne Witwe war freundlich gegen mich und ich ſchmeichelte mir, daß ihr Wohlwollen mehr, als bloße Dankbarkeit gegen die gaſtfreundliche Ge⸗ fälligkeit war, die mein Vetter und ich ihr erwie⸗ ſen hatten. Ihr Aufenthalt in der Kapſtadt ſchien noch lange dauern zu müſſen, da ihr Schiff, das in der Tafelbay vor Anker lag, vieler Ausbeſſerun⸗ gen bedurfte, ehe es die Reiſe nach England fort⸗ ſetzen konnte. 4 Recht glücklich für deine Bewerbungen! dachte ich. Du haſt Zeit und Gelegenheit, ihr Herz zu ge⸗ winnen, und ihr zu zeigen, daß ſie auch mit dir nicht ganz übel fahren möchte. Vielleicht ſegelſt du mit ihr nach Europa, und wenn du dann den geraden Weg zu dem Glücke deines Lebens gefun⸗ den haſt, wird dieſes Vorgebirge auch für dich das Land der guten Hoffnung geweſen ſeyn. Eines Tages, als ſie mit einigen andern Gä⸗ ſten auf der Kapſtadt auf dem Weinberge meines Vetters war, ging ich allein mit ihr, von der übri⸗ gen Geſellſchaft entfernt, unter den Reben auf und nieder. Nach einer langen Pauſe faßte ich Muth und ſagte ihr aufrichtig und warm, wie's mir um das Herz war. Sie ſah mich einige Augenblicke ſchweigend an. Lieber van Hoegen, antwortete ſie endlich, ihr Antrag überraſcht mich eben ſo ſehr, als ich mich dadurch geehrt fühle. Das Vertrauen, das Sie zu mir, der Fremden, faſſen, rührt mich tief. Aber, ſetzte ſie hinzu, und drückte ſanft mei⸗ nen Arm, den ſie führte: wenn Sie wüßten, was ich gelitten habe in einer unglücklichen Ehe, die ich mit widerſtrebenden Herzen ſchließen mußte, ſo würden Sie es ſehr natürlich finden, daß ich vor dem Gedanken an eine neue Verbindung zurückbe⸗ be, wie ein erlöſeter Gefangener vor dem Gedan⸗ ken an die Feſſeln, welche er abgeworfen hat. Wenn”“ ich je den Entſchluß faſſen könnte, einen neuen Bund zu knüpfen ſo würde ich ihn nur mit einem Manne ſchließen, den ich vielleicht nirgend in der Welt finde⸗ 1 137 Alſo ein Ideal ausbündiger Vollkommenheit, das kein armer Sterblicher erreichen kann 2 antwor⸗ tete ich mit einem Lächeln, das meine Empfindlich⸗ keit nicht ganz verbergen mochte⸗ Ja, hob ſie wieder an, ein Ideal, wenn Sie wollen, mein Ideal, aber noch ein Mahl, ſchwerlich werde ich es je ſinden. Darum will ich lieber die Freyheit bewahren, die ich in zwey traurigen Jah⸗ ren ſo ſchmerzlich herbey geſehnet habe, als das größte Glück des Lebens. Glauben Sie mir, lieber van Hoegen, ich achte Sie hoch, und ihr Andenken wird mir immer theuer ſeyn, und noch theurer nach dem Vertrauen, das Sie mir eben bewieſen haben. Doch ich bitte Sie, laſſen Sie uns nicht wieder davon reden. Wie ſollte ich die Antwort nehmen? Jetzt ſehe ich freylich wohl, daß ſie nichts als ein zart und zierlich geflochtenes Körbchen war, aber damahls war meine Eitelkeit, oder die Verblendung meiner Liebe, weit entfernt, dieß zu ahnen. Ich hielt die Stimmung der jungen Witwe für eine natürliche Folge ihres Unglücks, ich glaubte, ſie hätte nur in einem Augenblicke ſchwärmeriſcher Überſpannung ihre Erwartungen von dem künftigen Gatten uner⸗ reichbar hoch geſteigert, und hoffte, daß ſie bey ru⸗ higer Sammlung des Gemüths auch mir, einem minder vollkommenen Erdenſohne, einige Gerech⸗ tigkeit würde wiederfahren laſſen. Von dieſer Hoff⸗ nung erhoben, genoß ich noch einige Zeit das Glück —õ;— 158 ihres Umganges, bis ſie mir eines Tages, uner⸗ wartet ſchnell, die Nachricht gab, ihr Schiffs⸗ hauptmann werde mit dem erſten günſtigen Winde die Anker lichten, da die Ausbeſſerung des Schiffes vollendee wäre. Was empfand ich in dieſem Augen⸗ blicke! Ich hatte mir oft vorgenommen, zu glei⸗ cher Zeit mit ihr nach Europa zu reiſen, aber das war unmöglich. Die Geſchäfte, die ich vor meiner Abreiſe beſorgen mußte, waren noch lange nicht ge⸗ endigt, ſo ſehr ich auch damit geeilt hatte, und unvollendet konnte ich ſie nicht laſſen, ohne einen beträchtlichen Theil meines Vermögens in Gefahr zu bringen und einen bedeutenden Gewinn zu ver⸗ lieren. Ja, ich fürchtete, ſelbſt in der Achtung der Witwe zu ſinken, wenn ſie entdecken würde, daß ich mir ſolchen Leichtſinn, ſolche Sorgloſigkeit hätte zu Schulden kommen laſſen. Ich mußte alſo der ſchmerzlichen Entſagung mich unterwerfen. Konnte ich doch vielleicht ſchon in wenigen Wochen ihr fol⸗ gen, vielleicht ſie noch einhohlen auf ihrem Wege, und auf alle Fälle wollte ich gleich nach der Rück⸗ kehr in meine Heimath ſie in England aufſuchen, wohin meine Geſchäfte mich ohnehin bald rufen mußten. So ſchied ich von ihr mit der Hoffnung, ſie noch vor Ende des Jahres in London wiederzu⸗ ſehn. Sie war beym Abſchiede nicht weniger ge⸗ rührt, als ich, und ſagte mir, daß ſie auch in Eu⸗ ropa gern die Freundſchaft fortſetzen werde, die wir auf der äußerſten Spitze von Afrika geknüpft hät⸗ 139 ten. O es ſollte nicht ſo erfüllt werden! Als ich in meine Heimath zurück kam, wurden meine Ent⸗ würfe durch wichtige häusliche Ereigniſſe vereitelt, die Störungen des Krieges kamen balh hinzu, und jetzt, wo das Schickſal mich auf's neue von Euro⸗ pa's Küſten geführt hat, muß ich vielleicht für im⸗ mer die Hoffnung aufgeben, die ſchöne Frau wie⸗ der zu ſinden. Unvergeßlich aber ſind mir die ſüßen Augenblicke, die ich an ihrer Seite in dem Wein⸗ berge auf dem Kap verlebte, und immer wird mir der Gedanke theuer ſeyn, daß ich ihre Achtung und Theilnahme gewonnen habe. Wohlan, ſchloß Kor⸗ nelius van Hoegen ſeine Erzählung und füllte noch ein Mahl die Gläſer: Ihrem Andenken! Ja, billig gedenken wir ihrer reitzenden Wit⸗ we bey dieſem Wein ſprach Dandeuil. Vielleicht hat wohl gar, ſetzte er lächelnd hinzu, auf eben den Trauben, deren Saft uns jetzt erquickt, ihr Auge geruhet, vielleicht ihre ſchoöne Hand ſie berührt. Doch, ich muß mein Verſprechen löſen. Sie wer⸗ den ſehen, lieber van Hoegen, unſer Schickſal hat viele Ahnlichkeit. Auch ich war in Arkadien, auch ich war, wie Sie, ein Leidgenoſſe des armen Tan⸗ talus. Kurz vor dem Ausbruche der Revolution mußte ich eine Reiſe nach San Domingo machen, um eine anſehnliche Pflanzung zu unterſuchen, die mir durch Erbſchaft zugefallen war. Nach einem langen Aufenthalt auf der Inſel fand ich die ge⸗ wünſchte Gelegenheit, einen ſehr guten Handel zu 100 machen, und verkaufte meine Beſitzung. Ich hielt ſie zu jener Zeit für das Läſtigſte in der Welt, denn um ſie zu einem guten Ertrage zu bringen, hätte ich auf der Inſel bleiben müſſen, und es dünkte mir unmöglich, die Annehmlichkeiten mei⸗ nes Vaterlandes aufzugeben. Welchen Erſatz für die Reitze des geſelligen Lebens unter den gebilde⸗ ten Frauen in unſerer Hauptſtadt konnten mir die ſchwarzen und halbſchwarzen Schönen verſprechen! Alles war in Ordnung, und ich erwartete in Port⸗ Louis die Abreiſe eines Schiffes nach Europa, als ich einſt in einer Geſellſchaft eine Frau kennen lernte,— o nie ſah ich etwas ÄAhnliches, und doch kann ich mich rühmen, die reitzendſten Frauen in Paris gekannt zu haben. Sie war eine Englände⸗ rinn, und im Begriffe, nach Jamaika zu reiſen, um einige Zeit bey einer Verwandten zuzubringen, deren Erbinn ſte ſeyn ſollte, und die Kränkliche zu pflegen. Es iſt wahr, ſie hatte etwas von dem kal⸗ ten Ernſte, der den ſchönen Engländerinnen eigen iſt und ihnen oft ſo gut ſteht, aber mich konnte das nicht abſchrecken. Ich ſah ſie, ich ſprach ſie und mein Herz war entflammt. Alles, was mir je bey Weibern gelungen war, both ich auf, ſie zu feſſeln. Die kleinen Kunſtfertigkeiten, wodurch ich einſt Beyfall gewonnen, die ich aber während meines Aufenthaltes auf San Domingo nur ſelten Luſt und Gelegenheit hatte, auszuüben, waren jetzt wie⸗ der an ihrer Stelle. Die reitzende Frau begeiſterte 161 —„. mich zu manchem zärtlichen Liede. Ich ſah ſie zwar nie anders, als in großen Geſellſchaften, wo die Aufmerkſamkeit einer ſchönen Frau, die Anſprüche machen kann, ſo ſehr getheilt wird; aber ich glaubte zu bemerken, daß ich mich auszeichnete, ſich gern mit mir unterhielt und meine Huldigungen nicht unfreundlich aufnahm. Ja, ich darf mir, ohne der Eigenliebe ungebührlich viel zu glauben, vielleicht wohl ſchmeicheln, daß ich ſo glücklich geweſen ſey, mich ihrem Herzen zu nähern. Ich hatte zwar nur unter dem Schleyer der Dichtung und durch die be⸗ redte Sprache der Blicke meine Empfindungen verrathen, ich hatte noch keine Erklärung gewagt, und von ihr kein aufmunterndes Wort für meine Hoffnungen erhalten; aber ich glaubte, die Weiber ein wenig zu kennen. Wenn ſie ſich für überwunden erklären, ſagte ich zu mir ſelbſt, ſind ſie längſt überwunden geweſen, und wir faſt ſchon des frohen Sieges müde. Ich war eines Abends in einer Ge⸗ ſellſchaft, wo ſie zugegen war, ſehr heiter und glücklich geweſen, ich hatte mich ihrer frohen Laune gefreut, ich hatte in ihrem ſchönen Auge bald das Lächeln der Freude, bald aufmunternden Beyfall über meine zärtlichen Bemühungen geleſen, und beym Abſchiede die Hoffnung erhalten, ſie zwey Tage nachher bey einem, von mir vorbereiteten, ländli⸗ chen Vergnügen wieder zu ſehen. Da mußte mir ja wohl eine günſtige Gelegenheit werden, ſie allein zu ſprechen, ihr alles zu ſagen, was ich für ſie 16² empfand, und die Entſcheidung meines Schickſals aus ihrem Munde zu vernehmen. Ja, die Ent⸗ ſcheidung meines Schickſals, denn die ſchöne Eng⸗ länderinn hatte mein Herz ergriffen, wie nie eine Frau, und ich war entſchloſſen, ihr meine Hand anzubiethen, da ſie Witwe war. Am folgenden Tage machte ich einen Beſuch in einem Hauſe, wo ich ſie einige Mahle geſehen hatte. O welche ſchmerz⸗ liche Nachricht erwartete mich! Das Schiff, wor⸗ auf ſie ihre Reiſe machte, war vor wenigen Stun⸗ den bey günſtigem Winde nach Jamaika abgegangen. Ich eilte in den Hafen. Kaum ſah ich noch in der Ferne die weißen Segel, mit welchen meine Hoff⸗ nungen entflohen. Der Eigenthümer des Schiffes, mit welchem ich wegen der Rückreiſe nach Frankreich einig geworden war, wollte nun, ſeinen frühern Entſchluß ändernd, ſchon in wenigen Tagen die Antillen verlaſſen, und es ließ ſich nicht erwarten, daß vor dem Winter noch ein anderes Schiff nach Europa ſegeln werde. Mit trgurigem Herzen ſchied ich von dem Eilande, wo ich in den letzten acht Tagen meines Aufenthaltes ſo glücklich geweſen war. O ſie waren mir ſo ſchnell entflohen, als mir früher doppelt ſo viele Monathe langſam und unluſtig dahin geſchlichen waren! Ich nahm das Geld, welches ich aus dem Verkaufe meiner Pflanzung gelöſet hatte, mit nach Frankreich, um es dort an⸗ zulegen. Unglückliches Verhängniß! Bald nach mei⸗ ner Ankunft brach der Sturm aus, und verſchlang 4 — 163 alles, was ich beſaß. Kaum entfloh ich dem Blut⸗ gerüſte. Keine Hoffnung mehr auf Rückkehr und Erſatz, keine Ausſicht mehr in ein glückliches, un⸗ abhängiges Leben!.. Von dem ſchmerzlichen Ge⸗ danken bewegt, ſchwieg Dandeuil, und legte ſin⸗ nenden Kopf in die Hände. Die Launen des Schickſals werden Sie nie ganz niederbeugen, mein Freund, hob van Hoegen an. Mit Kraft und muthiger Hoffnung wird es Ihnen gelingen, ſich wieder zu verſchaffen, was es Ihnen entriſſen hat. Ja, wenigſtens was ſich durch Muth und An⸗ ſtrengung wieder erwerben läßt, ſiel Vandernelt ein. Und ich hoffe, was ſo durch Mühe errungen wird, ſoll auch kein ganz unglückliches, kein trau⸗ riges abhängiges Leben ſeyn. Aber auch ich, meine Freunde haben erfahren, daß es Verluſte gibt, die nichts erſetzen kann, Träume glücklicher Stunden, welche unſre Sehnſucht nie zurück zu rufen vermag. Mich hat das Schickſal doch noch härter getroffen, als Euch, meine Freunde. Ich liebte, ich genoß die zaͤrtlichſte Gegenliebe, und mir iſt nichte geblie⸗ ben, als die unvergängliche Erinnerung an das verlorene Glück, das ich nie wieder finden kann, Sonderbar, jeder von uns fand ſein Arkadien in einem andern Erdtheile, Sie lieber van Hoegen in Afrika, Sie, Dandeuil, in Amerika, und ich in Aſien am Ufer des Ganges. Ich kam vor ſieben Jahren nach Kalkutta, als Geſchäftsführer eines 164 Hauſes in Liverpool, in welchem ich lange gearbei⸗ tet hatte. Meine Geſchäfte machten mich mit einem angeſehenen Kanfmanne bekannt, der ſeit zwanzig Jahren eine große Mußelinfabrik betrieb, und ei⸗ nige Dienſte, die ich ihm leiſten konnte, gewannen mir ſein Wohlwollen. Er lud mich eines Tages ein, ihn zu ſeinem Landhauſe zu begleiten, das einige Meilen von der Stadt, nicht weit vom Fort William, an einem Arme des Ganges lag. In die⸗ ſem reitzenden Aufenthalte lebte er faſt immer mit den Seinigen, und kam gewöhnlich nur am Ende jeder Woche nach Kalkutta, um die Angelegenheiten ſeiner Fabrik zu beſorgen, über welche ſein Sohn die unmittelbare Aufſtcht führte. Außer dieſem hatte Waddiſon noch eine Tochter, kaum ſechzehn Jahre alt. Ein herrliches Mädchen! Schmerzliche Leiden haben ſeitdem vielfältig auf mich gewirkt und mei⸗ ne Stimmung trübe und finſter gemacht, aber un⸗ vergeßlich iſt mir der Tag, wo ich ſie zum erſten Mahle ſah, und dieſe Erinnerung würde mich ganz heiter machen, wenn nicht ſo viele andere ſchmerz⸗ liche ſich an ſie knüpften. Nie hatte ich eine reitzen⸗ dere Geſtalt geſehen, nie eine ſchönere Seele gekannt. Der edle Stolz der Engländerinn war mit dem Zarte⸗ ſten verſchmolzen, was unter Indiens mildem Himmel gedeiht: Ja, ſie würde den Preis der Anmuth ge⸗ wonnen, und Herz und Sinne entzückt haben, wenn ſie unter den indiſchen Tänzerinnen, den 165 lieblichen Devedaſchis,*) ſich gezeigt hätte, und durch den Ausdruck von Würde und hoher Geſin⸗ nung, der in ihrem Weſen lag, wäre ſie die Zierde eines Thrones geweſen. Ich verlebte einige glückliche Tage auf dem bezaubernden Landſitze, wie in einem ſeli⸗ gen Rauſche. Mit freyem ruhigen Herzen hatte ich es betreten, und als ich's verließ, ſagte mir ſchon ein geheimes Gefühl, daß ich fortan nur unter ei⸗ ner Bedingung glücklich ſeyn könnte. Hätte ich's mir geſtehen können, wie ſchwer ſie zu erfüllen war? O was dünkt der Begeiſterung eines Herzens unmöglich, das zum erſten Mahle von dem heiligen Feuer einer edlen Liebe entflammt wird! Nach dem zweyten Beſuche kehrte ich in einer lebhafteren Stimmung, mit einem glücklicheren Herzen zurück. Faſt zu jeder Stunde war mir die Gelegenheit Miß Waddiſon zu ſehen, ſie zu beobachten, un⸗ geſucht entgegen gekommen, und bey der vertrau⸗ lichen Nähe, welche das Landleben herbey führte, hatte ſich zwiſchen uns ein ſtilles Verſtändniß ge⸗ bildet, das während des dritten Beſuches, wo mei⸗ ne Geſchäfte mir erlaubten, länger als acht Tage in dem Kreiſe der trefflichen Menſchen zu verweilen, noch inniger ward. Die Üübereinſtimmung in unſern Anſichten und unſerer Empfindart, die ſich bey ſo manchen Gelegenheiten, oft zu unſerer eigenen *) Gewöhnlich, nach einem portugieſiſchen Worte, Bajaderen genannt. 3 266 Überraſchung, verrieth, zog uns unmerklich näßer zu einander, und zuweilen, wenn wir uns in ei⸗ nem Gedanken, in einem Gefuͤhle begegneten, geſchah es denn wohl, daß wir beyde verlegen ſchwie⸗ gen, als ob wir gefürchtet hätten, ein Geheimniß zu verrathen, das wir ſelbſt kaum noch ahneten. Ich will euch nicht beſchreiben, meine Freun⸗ de, wie allmäh lich das ſchüchterne Gefühl dreiſter ward, und wie ich durch eine Reiho glücklicher Au⸗ genblicke zu der ſchönen Stunde kam, wo das Ge⸗ ſtändniß der Gegenliebe alle Zweifel löſete, womit ſich das unruhige Herz zuweilen quälte, obgleich ihm längſt ſchon, wenn auch erſt Blicke geredet hatten, in ſtiller Ahnung klar geworden war„ was die Schwüre der Liebe ſagten. Laßt euch von eurer Erinnerung in die Zeit zurück führen, wo die zarte Blüthe des Lebens euch entzückte, die ſich im Mor⸗ genroth der erſten Liebe aufſchließt. Henriettens Vater wußte noch nichts, und wir ſcheuten uns beyde, ihm unſere Wünſche zu entdecken. Er war ein biederer Mann, liebevoll gegen die Seinigen, verzlich und offen gegen jeden, dem er Vertrauen und Freundſchaft geſchenkt hatte; aber er zeigte ſich unerbittlich, wo einmahl ein Entſchluß gefaßt war, der ſeine Entwürfe fördern konnte, und von früher Jugend an gewohnt, den Erwerb von Reichthum als den höchſten und würdigſten Zweck aller Arbeit und Anſtrengung im Leben zu betrach⸗ ten, richtete er bey jedem Entwurfe, den er für 88 8 167 feiner Kinder Beglückung machte, vor allen Din⸗ gen auf jenen Zweck ſein Auge. Ich hatte mir da⸗ mahls durch eigene Thätigkeit ſchon etwas erwor⸗ ben, und verdankte dem regen Fleiße meinés Va⸗ ters die Ausſicht auf ein Erbtheil, das auch in meinen Händen, wie ich hoffte, wachſen und gedei⸗ hen ſollte. Dieß erhob zuweilen meinen Muth, und in manchen Augenblicken, wo der wackere Mann, nach ſeiner herzlichen Weiſe mir die wärmſten Be⸗ theurungen ſeiner Freundſchaft gab, war ich nahe daran, das volle Herz vor ihm auszuſchütten, aber eine bekümmernde Ahnung hielt mich immer zurück, und meine Geliebte ſchien meine Beſorgniſſe zu theilen. 3 2 Ihr Vater wollte das Geburtsfeſt ſeiner Gattinn glänzend feyern. Das Sinnreichſte, was europäi⸗ ſche Kunſt erfunden, das Prächtigſte, was die Üp⸗ pigkeit der Morgenländer erſonnen, wurde aufge⸗ bothen, um die Gäſte zu erfreuen. Nie hatte ich ſolche Gelegenheit gehabt, das üppige Leben der rei⸗ chen Europäer in Indien zu betrachten. Als die heißen Tagesſtunden vorüber waren, kamen viele ſchöne Frauen in koſtbaren Palankins aus Kalkutta, und mehrerejunge Offiziere aus dem Fort William ſpreng⸗ ten auf muntern Pferden hinter der glänzenden Reihe her, die ſich dem Landhauſe näherte. Die Geſellſchaft ging in den kühlen Marmorſaal, der unter den ſchattigſten Bäumen des Gartens lag, und ward mit feurigem Schiraswein, mit dem 168 8* lieblichen Früchten, die der Manguſabaum und der Roſenäpfelbaum darbothen, und mit andern köſtli⸗ chen Leckerbiſſen des Morgenlandes reichlich bewir⸗ thet, während die ſchönſten Devadaſchis uns durch anmuthige Tänze entzückten. Darauf zerſtreuten ſich die Gäſte im Garten. Es war eine köſtliche Nacht. Kühle Lüftchen wehten vom Fluſſe her und raubten die ſüßeſten Wohlgerüche den blühenden Bäumen und Blumen, deren Spitzen ihr leiſer Hauch kaum beugte. Es gelang meiner Geliebten, ſich wegzu⸗ ſchleichen, wie ſie mir verſprochen hatte, und wir wandelten allein unter einer Reihe von Granat⸗ bäumen, welche zu einem Waſſerbecken von hell⸗ rothem Granit führte, das in einer dicht umſchatte⸗ ten Gegend des Gartens lag. Das Becken war umpflanzt mit duftenden Karkemebäumen, welche, unten kugelförmig geſtaltet, oben ſpitzig zulaufen. Die Blätter und Zweige dieſer Bäume waren mit zahlloſen Leuchtwürmern bedeckt, welche einen glän⸗ zenden Lichtſchein von ſich warfen, der hier eine prächtigere Erleuchtung bildete, als ſie in den an⸗ dern Gängen des Gartens die Kunſt angeordnet, hatte. Einige liebliche Singvögel, Nachtigallen und Pagodendroſſeln, waren vor dem Geräuſche des Feſtes in dieſe einſamen Schatten geflohen, und entzückten uns durch ihre Töne. Wir ſetzten uns beyde auf eine Bank am Rande des Waſſerbeckens, in deſſen klaren Spiegel die leuchtenden Bäͤume wiederſtrahlten. Meine Freundinn war ſtill und nach⸗ 6 1 8 169 denkend mitten unter dem frohlichen Lärme. Eini⸗ ge Äußerungen, die ihrem Vater in den vergange⸗ nen Tagen entſchlüpft waren, hatten ihr die Ver⸗ nuthung beſtätigt, daß er ſie nur einem, in Ben⸗ gal anſäſſigen, reichen Manne zur Gattinn geben, und nie einwilligen würde, ſich von ihr zu trennen. Sie erzählte mir dieß, als ich ihr einen Vorwurf machte über ihre Traurigkeit in einem Augenblicke, wo ich das ſeltene Glück genoß, ſie allein zu ſehen.⸗ O meine Geliebte, ſo lange dieſes Herz ſchlägt, deſſen Empfindungen Ihnen geweiht ſind, erhebt mich die Hoffnung jede Schwierigkeit zu beſiegen. Nein, es iſt kein Opfer zu groß, das ich nicht gern brächte, um Sie zu gewinnen; Freunde, Va⸗ terland, Alles will ich verlaſſen. Wo Sie athmen, wo ich an ihrer Seite leben kann, da iſt meine liebſte Heimath. O laſſen Sie uns morgen, fuhr ich fort, laſſen Sie uns heute noch mit ihrem Va⸗ ter reden. 4 Meine Geliebte antwortete mir, ſie hätte ihr Herz ihrer Mutter geöffnet, auf deren Wohlwollen und Theilnahme ich rechnen dürfte. Sie wird mei⸗ nen Vater vorbereiten, ſetzte ſie hinzu, dann wird er vielleicht günſtiger auf unſete Verbindung ſehen. O ich kann eine bange Ahnung nicht los werden, wenn ich an an die Zukunft denke fuhr ſie fort, als ich meinen Arm um ſie geſchlungen hatte. Die Be⸗ harrlichkeit, womit mein Vater ſeine Entwürfe verfolgt, die Anſichten, welche er vom Glücke des Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 6. B. H 170 Lebens hat— ach ich fürchte, er wird ein Opfer füͤr leicht halten, das mir Ruhe und Glück koſten würde. Als ſie dieſe Worte geſprochen hatte, ſchallte die fröhliche Muſik aus dem Saale, uns ein Zei⸗ chen, daß ſich die Geſellſchaft wieder vereint hatte. Wir mußten fürchten, vermißt zu werden; meine Geliebte wand ſich aus meinem Arme, und wir wollten den einſamen Platz verlaſſen. Da ſahen wir eine männliche Geſtalt am Rande des Waſſer⸗ beckens unter den erleuchteten Bäumen herauf kom⸗ men. Ich erkannte den Vater meiner Geliebten. Es war unmöglich, uns zu verbergen, oder zu fliehen. Er blieb einige Augenblicke ſtehen, indem er uns erkannte, als ob er bey der Überraſchung, die ihn ergriff, ſeinen Augen nicht getraut hätte. Wir eilten ihm entgegen, und von ſeinem ernſten Blicke empfangen, faßten wir, von einer Em⸗ pfindung bewegt, ſeine Hände, die wir an unſer Herz drückten. O mein Vater! Edler Mann! rie⸗ fen wir dann zugleich. Herr Vandernelt, hob Waddiſon nach einer Pauſe an, Sie fühlen, daß ich Urſache habe, durch ihr Betragen überraſcht zu ſeyn. Er ſprach dieſe Worte ſehr ernſt, aber nicht mit dem zurückſchre⸗ ckenden Unwillen, den ich gefürchtet hatte. Das gab mir Muth, und ich zeigte ihm mein ganzes Herz, meine Wünſche, meine Entſchlüſſe, ich er⸗ wartete von ſeinem Ausſpruche die Entſcheidung 171 iber das Glück meines Lebens. Meine Geliebte ſprach eben ſo warm zu dem Herzen des Vaters⸗ Der Ernſt ſeines Auges ward milder. Heute weder ja noch nein, hob er endlich an. Wir wollen das Feſt in heiterer Stimmung beſchließen, und Sie Herr Vandernelt, wünſche ich morgen nach dem Frühſtücke in meinem Zimmer zu ſehen. Von der Hoffnung erhoben, welche dieſe Worte erweckten, konnte ich mit unbefangener Heiterkeit an dem Feſte Theil nehmen, und nur zuweilen ward meine Stimmung getrübt, wenn ich bemerk⸗ te, daß Waddiſon in Nachdenken verſunken war⸗ Als er am folgenden Morgen vom Frühſtücke auf⸗ ſtand, gab er mir einen Wink, der mich an unſere Verabredung mahnen ſollte. Ich folgte ihm. Er machte mir einen ſanften Vorwurf über meinen Mangel an Vertrauen, aber je milder er mich daran erinnerte, daß ich die Pflichten der Gaſt⸗ freundſchaft nicht heilig geachtet hatte, deſto ſchmerz⸗ licher empfand ich's. Was ich ihm darüber ſagte, ſchien ihn zu verſöhnen, und ich wiederhohlte nun alles, was ich ſchon am vorigen Abende ihm ent⸗ deckt hatte. Ich eröffnete ihm den Entſchluß, mein Vermögen aus Europa zu ziehen, und mich in Indien niederzulaſſen, wenn ich nur um dieſen Preis die Hand ſeiner Tochter erhalten könnte. Lieber Vandernelt, antwortete Waddiſon, Sie wiſſen, ich habe Achtung und Zutrauen gegen Sie, wie gegen wenige Menſchen. Aber ich berge es Ih⸗ §H 2 V 172 nen nicht, da ich entſchloſſen bin, mein Leben hier zu beſchließen, ſo werde ich meine Tochter nie ei⸗ nem Manne geben, der ſie mir entführen müßte; ſie und ihre Kinder ſollen einſt die letzte Freude meines Alters ſeyn. Was Sie mir von ihrem Ent⸗ ſchluſſe ſagen, beweiſet mir, daß ihre Liebe gegen meine Tochter warm und aufrichtig iſt; aber wird es Ihnen auch vergönnt ſeyn, ihren Vorſatz aus⸗ zuführen, da ihr Vater noch lebt? Ich antwortete ihm, daß ich dieſe Schwierig⸗ keit am wenigſten fürchtete, da ich, nicht der ein⸗ zige Sohn leicht meines Vaters Einwilligung zu erhalten hoffte, um mein Glück in fernen Gegen⸗ den zu ſuchen. Wohlan, ſprach Waddiſon, ich gebe Ihnen gern einen Beweis meines Vertrauens und meiner Liebe. Reiſen Sie in ihre Heimath, um ihres Vaters Einwilligung zu hohlen. Es biethen ſich mir zwar Gelegenheiten dar, meine Tochter vor⸗ theilhaft zu verheirathen, aber ich will anderthalb Jahre auf Sie warten. Laſſen Sie ſich mit ihrem Vermögen hier nieder und ich umarme Sie mit Freude als meinen Sohn. Bey der Verabredung blieb's. Ich bereikete mich, mit dem nächſten Schiffe abzureiſen, und ſah der Zukunft mit frohem Muthe entgegen. End⸗ lich erſchien der Tag der Trennung— o der ewigen Trennung! Ich hatte von meiner Geliebten ſchon im Kreiſe der Ihrigen Abſchied genommen, aber als ich raſch unter den hohen Ahornbäumen hinab 173 ging, die zu dem Landhauſe führten, ſah ich ſeit⸗ wärts in einem Pomeranzenwäldchen die winkende Freundinn. Ich flog ihr entgegen. Sie ſank tief bewegt in meine Arme. Zum letzten Mahle! ſprach ſie, ach ich fühle es zum letzten Mahle! Wir ſehen uns auf Erden nicht wieder. Thränen erſtickten ihre Stimme. Dann nahm ſie aus ihrem Buſen einen Strauß von Granatblüthen, weißen roſenartigen Mongris und duftenden Seeroſen, der mit einer Locke von ihrem Haare umwunden war. Zum An⸗ denken an meine Liebe, zum Andenken an unſer kurzes Glück! ſprach ſte. Ich drückte die Blumen und die theure Hand, welche ſie mir darreichte, an meine Lippen. Mein Herz wird immer glühen, hob ſie wieder an, für Dich glühen, wie dieſe Granatblüthen; aber treu wird es bleiben dem erſten Gefühle, das Du er⸗ weckteſt, rein und aufrichtig, bis es bricht, das ſollen Dir dieſe weißen Blumen ſagen. Sieh, fuhr ſie fort und zeigte mir das grüne Blättchen, wel⸗ ches, kaum ſichtbar, unter den Blumen hervor blickte: die Farbe der Hoffnung wagt es kaum ſich zu zeigen.. O theures Mädchen! fiel ich ein, Hoffnung, glückliche Hoffnung und Muth erheben mein Herz auch in dieſem Augenblicke, ſonſt müßte ich erliegen⸗ Nein, antwortete Sie bewegt, dieſes Blätt⸗ chen wird lange verdorrt ſeyn, wenn die andern Blumen, auch verwelkt, noch den Glanz ihrer Far⸗ be nicht verloren haben. Doch mag alle Hoffnung ſchwinden, auf ewig bleiben Liebe und Treue!.. Es waren die letzten Worte ihrer Liebe. Kaum vermochte ſie das Lebewohl auszuſprechen; ſie wand ſich aus meinen Armen und war aus meinen Bli⸗ cken verſchwunden, als ich noch, vom Schmerze der Trennung ergriffen, meine Arme nach ihr ausbrei⸗ tete. Endlich riß ich mich los von der Stelle, wo der Traum meines Glückes verſchwunden war, und eilte nach der Stadt, die ich am folgenden Tage verließ. Nach einer glücklichen Fahrt landete ich in England und bald nachher ſah ich meine Heimath wieder. Welcher Schmerz erwartete mich! Kaum war der Sturm beruhigt, der im Innern meines Vaterlandes getobt hatte, da wälzten ſich die Schreck⸗ niſſe des Krieges über unſere Gränzen. Mancher Verluſt hatte meinen unglücklichen Vater ſchon ge⸗ beugt, und jetzt ſiel der letzte Schlag, der ſein gan⸗ zes Vermögen vernichtete und auch mir alles nahm, was ich ſeit fünf Jahren durch eigenen Fleiß ge⸗ wonnen. In jeder andern Lage würde ich dieſen Verluſt gleichgültiger ertragen, und Kraft und Muth in mir gefunden haben, durch verdoppelte Anſtrengung wieder zu erwerben, was das Schick⸗ ſal mir entriſſen hatte; aber es raubte mir mit den Gaben des Glückes und dem Lohne des Fleißes zu⸗ gleich die ſchönſte Hoffnung meines Lebens, und dieß war's, was meinen Muth niederwarf und alle Kraft der Seele unheilbar lähmte. Wie hätte ich 175 daran denken mögen, dahin zurück zu kehren, wo die Liebe mich rief! Waddiſon war theilnehmend und edel, aber den dürftigen Verbannten, der es gewagt hätte, um die Hand ſeiner Tochter zu wer⸗ ben, würde er ſtolz abgewieſen haben. Und ich läugne es nicht, ich ſelbſt war zu ſtolz, als daß ich den Gedanken hätte faſſen können. Mein armer Va⸗ ter und mein Bruder erlagen unter ihrem Unglücke und als ich ſie begraben hatte, blieb mir kaum ſo viel übrig, daß ich die Reiſe nach Amerika unter⸗ nehmen konnte, wo ich ja wohl ein Plätzchen finden werde, das einen fleißigen Anbauer nähren kann. So endigte Vandernelt ſeine Erzählung. Die Freunde hatten ihm mit Theilnahme zugehört, und als er ſchwieg, folgte eine Pauſe ſtiller Rüh⸗ rung. Lieber Vandernelt, hob endlich Kornelius van Hoegen an, es iſt wahr, Sie nehmen ſchmerz⸗ liche Erinnerungen mit in's neue Leben, und was Dandeuil und ich erfahren haben, iſt gering gegen die grauſamen Täuſchungen, welche das Schickſal Sie erleiden ließ. Aber, Sie ſagten es ja ſelbſt, kein ganz unglückliches, kein traurig abhängiges Leben kann es ſeyn, was durch eigene Arbeit und Mühe errungen wird. Nein, gewiß nicht, und wir müſſen uns deſto mehr unſerer eigenen Achtung werth fühlen, und alſo deſto glücklicher ſeyn, je mehr wir uns mit Muthe und ſelbſtſtändiger Kraft über unſer Schickſal erheben. Doch, meine theuren Freunde, unſere Unterhaltung hat uns in eine 276 Stimmung verſetzt, die gar nicht frommt, wenn man auf den ſchwankenden Brettern zwiſchen Meer und Himmel dahin ſchwebt. Wohlan, hier iſt noch eine verſiegelte Flaſchedes Weines, der uns die erſte Veranlaſſung gab, dieſe Erinnerungen zurück zu rufen. Er ſoll uns nun ein wohlthätiger Lethe⸗ tropfen werden. Nach dieſen Worten füllte van Hoegen die Gläſer wieder und ſeine gemüthliche Heiterkeit wußte der Unterhaltung eine ſo muntere Wendung zu geben, daß die Freunde noch lange beyſammen blieben, und ſie waren auch wieder die Erſten auf dem Verdecke, als ſich beym Anbruche der Morgen⸗ roöthe ein günſtiger Wind erhob und das Schiff an die Küſte von Teneriffa trug. Der Aufenthalt auf dem blühenden Eylande, das eben im vollen Schmu⸗ cke des Sommers ſtand, und den] Seefahrern die köſtlichſten Früchte darboth. brachte die beyden Aus⸗ gewanderten völlig in eine fröhlichere Stimmung, und als das Schiff nach einigen Tagen wieder unter Segel ging, ſahen ſie der Zukunft mit fri⸗ ſchem Muthe entgegen, zumahl da der biedere Hol⸗ länder ihnen Hoffnung machte, ihnen durch ſeine Verbindungen in Amerika zu dem Beſitze vortheil⸗ hafter Anſiedlungen zu helfen. Eine fortdauernd glückliche Fahrt brachte ſie bald zu den Küſten der neuen Welt, und an ei⸗ nem heitern Abende erreichten ſie endlich das vor⸗ läufige Ziel ihrer Reiſe, den Haſen von Charles⸗ 177 town. Der Holländer mußte hier einige Zeit ver⸗ weilen, aber er verſprach ſeinen Freunden, ſie vor Antritt ſeiner Reiſe nach Surinam bis Philadel⸗ phia zu begleiten, wo ſie über die Anſiedlungen am Ohio Erkundigung einziehen wollten. Wäh⸗ rend er ſeine kaufmänniſchen Geſchäfte beſorgte, wobey Vandernelt ihn eifrig unterſtützte, ſuchte ſich Dandenil in der Stadt und Umgegend zu zerſtreuen. Eines Morgens gingen die drey Freunde nach dem Frühſtücke aus des Holländers Zimmer, da der Wagen vor der Thüre des Wirthshauſes war⸗ tete, um ſie zu einem benachbarten Landhauſe zu bringen. Kaum waren ſie an der Treppe, als ei⸗ ne junge Frau, begleitet von einem Kammermäd⸗ chen ihnen entgegen kam, die eben herauf geſtiegen war. Überraſcht blieben die Männer ſtehen. Mi⸗ ſtriß Meadow! riefen van Hoegen und Dandeuil, mit dem Ausdrucke des lebhafteſten Erſtaunens; Henriette! rief Vandernelt, und in ſeinem Ausru⸗ fe verrieth ſich das tief erſchütterte Herz. Während der ſtummen Pauſe ſahen alle drey bald die ſchö⸗ ne Frau, bald einander an. Die Fremde erkannte den Flammänder zuerſt. Vandernelt! ſprach ſie mit einer bewegten Stim⸗ me, die ihm ſchon viel ſagen konnte. Nein, dch irre mich nicht, fuhr ſie nach einer Pauſe fork, von ihrer Überraſchung ſich erhohlend: Herr Korne⸗ gius van Hoegen, ich ſehe Sie wieder— Sie ſind 178 es, Herr von Dandeuil! Ja, ich habe Sie alle drey unter ſehr verſchiedenen Umſtänden, in wun⸗ derbar verſchiedenen Lagen gekannt, und es über⸗ raſcht mich nicht wenig, Sie hier vereint zu finden. Ich hoffe, Sie ſind nicht im Begriffe, wieder abzurei⸗ ſen. Es wird mich freuen, wenn ich Sie heute Mittag, oder heute Abend bewirthen kann, um die alte Be⸗ kanntſchaft zu erneuern. Alſo, wann darf ich Sie erwarten?* Der Franzoſe war der Erſte, der ruhig und unbefangen genug war, um der Fremden mit der artigſten Wendung ſagen zu können, daß nur eine gegebene Zuſage ſeine Freunde und ihn zwänge, das Glück, an ihrer Seite zu ſeyn, bis zu Ende des Tages zu entbehren. Die ſchöne Frau verbeugte ſich, und ging über den Gang, der zu ihren Wohn⸗ zimmern führte. Noch einmahl aber begegnete ihr Auge Vandernelts Blicke, und ſchien ihm zu ſagen, daß auch ihr die Erinnerung an die Vergangenheit, welche ſein Herz ſo lebhaft bewegte, lieb und theuer wäre. Schweigend gingen die Freunde die Treppe hinab, und ſtiegen in den Wagen. Sonderdar! In der That, ein wunderbares Abenteuer! unterbra⸗ chen endlich van Hoegen und Dandeuil die Stille. Alſo dieſe ſchöne Frau, Miſtriß Meadow, fuhr der Franzoſe fort, war die Geliebte, welche Sie vor ſieben Jahren in Indien zurück ließen, Van⸗ dernelt? 3 — 179 Ja, Miß Henriette Waddiſon, erwiederte der Flammänder. Glaubet mir, meine Freunde, mich überraſcht nicht weniger, als euch, dieſe ſeltſame Fügung. Wer hätte das ahnen können! hob Dandeuil wieder an. Jeder von uns war verliebt in einem andern Erdtheile, und wir hatten alle drey nur eine Dame unſerer Gedanken⸗ Sie ſprachen noch lange hin und her, um ſich die Räthſel zu erklären, welche in der Geſchichte der ſchönen Frau zu liegen ſchienen, bis ſie endlich en dem Landhauſe ankamen, wo mancherley Zer⸗ ſtreuungen ſie erwarteten. Vandernelt nahm am we⸗ nigſten Antheil an Allem, und ſah mit Ungeduld dem Abſchiede entgegen. War ſeine geliebte Hen⸗ riette noch Witwe? oder war ſie wieder verheira⸗ thet? Er fühlte, daß er in ſeiner jetzigen Lage, arm und heimathlos, weniger als je, Hoffnung wagen dürfte, und obgleich Miſtriß Meadow in dem Augenblicke des Wiederſehens ihm mehr Theil⸗ nahme verrathen hatte, als ſeinen Begleitern, ſo war's ihm doch auch nicht entgangen, daß es nicht der Blick, nicht die Stimme geweſen, womit Henriette einſt zu einem entzückten Herzen geſprochen hatte. Freylich war ihr Herz ſeitdem ſieben Jahre älter geworden, ein Zeitraum, worin ein weibliches Herz viele Er⸗ fahrungen machen, viele Verwandlungen beſtehen kann; aber dieſes Wiederſehen, und jener unvergeß⸗ liche Abſchied im Pomeranzenwäldchen am Ganges— 180 welcher Unterſchied! Welche Zurückhaltung, welch⸗ Kälte jetzt, welche ſüße Hingebung einſt! Alſo, Thorheit jede Hoffuung. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, ſchrieb Van⸗ dernelt ſich das Betragen vor, welches er gegen die ſchöne Frau glaubte beobachten zu müſſen. Er woll⸗ te ſorgfältig über ſich wachen, damit ich nicht ver⸗ riethe, daß noch die alte Liebe, noch Hoffnung in ſeinem Herzen wäre. Endlich, weil auch ſeine Freun⸗ de ungeduldig waren, nahmen ſie Abſch ied von dem gaſtfreyen Beſitzer des Landhauſes, und kamen noch einige Zeit vor Anbruche der Nacht in die Stadt zurück. Mit klopfendem Herzen traten ſie in das Zimmer der Fremden, welche ſie allein fanden. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Die ſchöne Bewirtherinn war freundlich gegen Alle, ohne Einen ihrer Gäſte merk⸗ lich auszuzeichnen, und gewandt genug, ſich ſchnell wieder zu ſammeln, wenn ja ihr Blick zuweilen länger auf Vandernelt geruhei hatte. Die drey Freunde verriethen während der Unterhaltung ihr Gemüth nicht weniger, als den Wärmegrad ihrer Liebe. Dandeuil, durch den Anblick der reitzenden Frau begeiſtert, ſchien ſeine unglückliche Lage auf einen Augenblick zu vergeſſen, und zeigte im Ge⸗ ſpräche ſo viel Beſonnenheit und Witz, als in den Tagen ſeines ungetrübten Glückes. Der gerade, offene van Hoegen verrieth herzlich, daß die Em⸗ pfindungen, welche die junge Witwe auf dem Con⸗ Kantia⸗Weinberge ihm eingeflößt hatte, noch nicht 181 ganz erloſchen waren. Vandernelt aber war ſtill und verlegen, und ſeine Seele in einer zu unru⸗ higen Bewegung, als daß es ihm hätte gelingen können, ſo über ſich zu wachen, wie er ſich vorge⸗ nommen hatte. Miſtriß Meadow war nicht weniger neugierig zu erfahren, wie die drey Freunde ſich zuſammen ge⸗ funden, als dieſe wünſchten, die Schickſale der ſchö⸗ nen Frau kennen zu lernen; aber vor allen Dingen lag ihr daran, zu wiſſen, warum Vandernelt ſei⸗ ner Zuſage, nach Indien zurück zu kehren untreu geworden. Ich kann es mir denken, hob ſie an, daß jeder von Ihnen ſehr überraſcht geweſen iſt, mich hie. zu finden. Ich will Ihnen meine Schick⸗ ſale und⸗ Irrfahrten erzählen, und mir dadurch ei⸗ nen Anſpruch auf eine ähnliche Mittheilung von ihrer Seite erwerben. Ihnen, Herr Vandernelt, muß ich zuerſt ſagen, daß ich zwey Jahre nach ih⸗ rer Abreiſe aus Indien meine Hand einem nicht mehr jungen Manne gab, den mein Vater mir aus⸗ gewählt hatte. Ich mußte der Ruhe meines Vaters, der nach dem Verluſte meiner Mutter, nach dem erſchütternden Tode meines edlen Bruders, in eine tiefe Schwermuth verſank, ein ſolches Opfer brin⸗ gen. Er ſtarb einige Zeit nachher, und bald löſete der Tod auch das unglückliche Band, das ich mit kindlicher Ergebung geknüpft hatte. Nun war ich einſam in meiner Heimath, ohne Angehörige, ohne Verwandte, und ich faßte den Entſchluß, nach 182 England zu reiſen, wo noch ein Bruder meiner Mutter lebte. Das Schiff, mit welchem ich von dem Vorgebirge der guten Hoffnung abfuhr, blieb einige Zeit auf der Inſel St⸗ Helena vor Anker liegen. Während meines Aufenthaltes in James⸗ town langte ein nach Bengal beſtimmtes Schiff aus Weſtindien an, das mir Briefe von einer alten Verwandten aus Jamaika mitbrachte. Alt und kränk⸗ lich, ohne Erben, ohne Freunde, wünſchte ſie die Tochter ihrer geliebten Jugendfreundinn als treue Pflegerinn um ſich zu haben, und wie ſehr ich mich auch nach Europa ſehnte, ich konnte doch den rüh⸗ renden Bitten der guten Frau nicht widerſtehen, da ich ihr einmahl ſo nahe gekommen war. Es fand ſich bald eine Gelegenheit nach Weſtindien, die ich benutzte. Ein furchtbarer Sturm zwang uns, in den Hafen von Port⸗Louis auf San Domingo einzulaufen, von wo ich endlich nach Jamaika ab⸗ reiſete. Und wo Sie mich troſtlos, hoffnungslos zu⸗ rück ließen, ſiel Dandeuil ein. Ariadne, als ſie dem Schiffe nachblickte, das den geliebten Theſeus ent⸗ führte, kann nicht empfunden haben, was ich in jenem Augenblicke fühlte. Ariadne fand, wie Sie wiſſen, einen freund⸗ lichen Tröſter, erwiederte lächelnd die ſchöne Wit⸗ we, und ich glaube, die Götter werden nicht we⸗ niger gütig gegen Sie geweſen ſeyn. Ich lebte ſeit⸗ dem an der Seite meiner guten Muhme, und freu⸗ 233 te mich, daß ich ihr die liebevolle Freundſchaft, welche ſie mir bewies, durch zärtliche Pflege und Wartung vergelten konnte. Vor einigen Monathen iſt ſie von langen Leiden erlöſet worden, und ich habe Jamaika ſogleich verlaſſen, um endlich, nach ſo vielen Irrſalen, das theure Land meiner Väter zu begrüſſen. Der Auftrag meiner Muhme, einem ihrer Jugendfreunde, den ich in Charlestown fin⸗ den ſoll, ein Andenken ihrer Liebe zu übergeben, hat mich aber erſt hierher geführt. So ſchloß Henriette. Die drey Freunde erzähl⸗ ten ihr darauf, was ihnen ſeit der Trennung be⸗ gegnet war, und als Dandeuil und zuletzt Van⸗ dernelt von ihrem unglücklichen Schickſale geſpro⸗ chen hatten, verbarg die junge Witwe nicht die Thräne, welche ihr ſchönes Auge umhüllte. Eine ſtumme Pauſe folgte. Henriette hatte bisher den Mann ihrer erſten Liebe, dem ſie ſo lange mit Sehnſucht entgegen geſehen, einer Untreue verdächtig gehalten. Dieſer quälende Argwohn ſchien nun zwar widerlegt zu ſeyn, aber ſie meinte den⸗ noch, Vandernelt hätte, wenn ſeine Liebe ſo ſtark geweſen wäre, als die Ihrige, trotz ſeines Mißge⸗ ſchickes, nach Indien zurück kehren ſollen, um al⸗ les aufzubiethen, ihr ein ſchmerzliches Opfer zu erſparen. Sie konnte ſich dieſes Gedankens nicht erwehren, und noch immer blieb ihr ein Zweifel gegen Vandernelts Liebe, deſſen Löſung ihrem Her⸗ zen Bedürfniß war⸗ 184 1 Einige Stunden waren im Geſpräche unmerk⸗ lich entflohen, als Dandeuil, vor der Trennung die Witwe einlud, mit ihm und ſeinen Freunden, am folgenden Tage eine Luſtreiſe auf das Land zu machen. Der Vorſchlag war ihr willkommen, und die Gäſte nahmen Abſchied, jeder in einer ganz an⸗ dern Stimmung. Dandeuil und van Hoegen konn⸗ ten ſich's freylich nicht verhehlen, wie ſehr Vander⸗ nelt im Vortheile war, aber die Ausſicht, das Herz der ſchönen Frau zu gewinnen, die ja gegen jeden oon ihnen freundlich ſich gezeigt hatte, war ſo lo⸗ cend, daß ſie gar noch nicht dazu geſtimmt waren, ihre Abſichten gänzlich aufzugeben, und je mehr ſie dieß verriethen, deſto unruhiger ward ihr Neben⸗ buhler. Konnte Henriette auf ihn, den Vertriebe⸗ nen, den Armen, noch ihren Blick richten, konn⸗ te ſie ſchwanken, wenn van Hoegen ſo reich als bieder, um ihre Hand werben wollte? Hatte ſie ihm in dieſen Abendſtunden mehr Theilnahme, mehr Zärtlichkeit verrathen, als bey dem erſten Wiederſehen? Nein, ſie war gleichgültig geworden gegen die Erinnerung an die ſeligen Tage der Vergangenheit, Zeit und Erfahrung hatten ihr Herz ausgekältet, eine neue Liebe hatte vielleicht ſchon lange es von ihm abgewandt. Von dieſen Gedanken bewegt, folgte er ſeinen Reiſegefährten ins Wohnzimmer, und zum erſten Mayle verrieth ſich in ſeinem Betragen gegen ſie Zwang und Zu⸗ 185 rückhaltung, die erſten Außerungen des Argwohns und der Eiferſucht. Am andern Morgen, als ſeine Freunde noch in tiefem Schlafe lagen, ſtand er ſchon am Fen⸗ ſter, in den Garten hinab ſchauend, der von der heiterſten Morgenröthe beleuchtet war und friſche Blüthendüfte zu ihm hinauf ſandte. Es lockte ihn hinunter. Eine Viertelſtunde war er in einem ſchat⸗ tigen Gange auf und nieder gewandelt, und zerriß gedankenvoll eine Blume, die er eben gepflückt hatte, als er, umkehrend, Henrietten gegenüber. ſtand. Beyde ſchwiegen überraſcht und verlegen. Ein ſchöner Morgen! hob endlich Henriette an, und ſuchte ſich zu ſammeln. Henriette, ſprach Vandernelt, Sie haben ei⸗ nen ſchöneren Morgen vergeſſen. Ein ſchmerzlicher Augenblick war's, und dennoch der letzte glückliche Augenblick meines Lebens. Ich habe Ihnen geſtern erzählt, wie grauſam das Schickſal mit mir umgegan⸗ gen iſt! aber was ich empfunden habe, als ich mei⸗ ne ſeligſten Hoffnungen vernichtet ſah, das mußte ich verſchweigen. Verzeihen Sie es mir, ſetzte er kälter hinzu, daß ich Sie daran zu erinnern wage. Ich verzeihe kaum mir ſelbſt dieſe Thorheit. Vandernelt, wären Sie ungerecht gegen mich? antwortete Henriette. Glauben Sie mir, nach un⸗ ſerer Trennung zählte ich nur unglückliche Tage⸗ und das Opfer, welches mein Vater von mir for⸗ derte, und ich nach langem Kampfe bringen mußte, 186 ward durch den Gedanken verbittert, daß Sie ih⸗ ren Schwüren untreu geworden wären. Das Schick⸗ ſal hat Sie ſehr hart getroffen, aber warum ver⸗ loren Sie das Vertrauen auf meine Standhaftig⸗ keit? Vandernelt, wenn Sie auch alles verloren hatten, warum kehrten Sie nicht zurück mit Hoff⸗ nung, mit dem Muthe der Liebe? Zurück kehren? ſprach Vandernelt ſchmerzlich⸗ Ich hatte ihrem Vater verſprochen, mein Vermö⸗ gen mitzubringen, und arm, elend, kaum dem ſchrecklichen Schiffbruche entronnen, ein Bettler ſollte ich vor ihm erſcheinen? Henriette ſchien ſich Gewalt anzuthun, ihre Bewegung zu verbergen. Und würde auch ich den Unglücklichen, den Vertriebenen verſtoßen haben? ſprach ſie. Hätte es mir nicht gelingen können, das Wohlwollen meines Vaters gegen Sie in eine zärtliche Theilnahme zu verwandeln? Ein edler Freund, dem er vertrauen konnte, eine kräftige Stütze ſeines leidevollen Alters, war dem Gebeug⸗ ten ſo ſehr Bedurfniß. Ja, Vandernelt, Ihr Stolz war mächtiger als Ihre Liebe...Kommen Sie, ich habe Sie und Ihre Freunde ſo eben zum Früh⸗ ſtücke bitten laſſen: man wird mich erwarten. Sie ging mit dieſen Worten und ſchweigend folgte ihr Vandernelt in das Haus. Er fand ſeine Reiſegefährten bereit, Henriettens Einladung zu folgen. Waͤhrend des Frühſtückes unterhielten Dan⸗ deuil und van Hoegen beynahe allein das Geſpräch, 187 and beyde ſuchten ſich in dem beſten Lichte vor der ſchönen Wirthinn zu zeigen. Vandernelt bemühte ſich, ruhig und unbefangen zu erſcheinen, aber im⸗ mer ſiel er wieder in ſtilles Nachdenken, wenn er zuweilen an dem Geſpräche Theil genommen hatte⸗ Das Schickſal hat Ihnen hart mitgeſpielt, wandte ſich Henriette endlich zu Dandeuil, aber Sie ſchei⸗ nen doch nicht ganz unglücklich zu ſeyn, da Sie gerettet haben, was viel erſetzen kann, ein heiteres Gemüth. Dieſen Schatz will auch ich mir erhal⸗ ten, und blicke dann ruhig auf den Verluſt anderer vergänglichen Schätze. Vandernelt erwachte bey dieſen Worten plotz⸗ lich aus tiefen Gedanken, und ſah die ſchöne Wit⸗ we ſo überraſcht an, als van Hoegen und Dan⸗ deuil es thaten. Sie wundern ſich darüber, meine Herrn? hob Henriette wieder an. Aber ich habe ſchon ſo viel Mißgeſchick ruhig erduldet, daß ich mir zutrauen darf, auch die Verluſte, die mir jetzt dro⸗ hen, mit Muth zu ertragen. Das väterliche Ver⸗ mögen, welches ich aus Indien mitnahm— Wäre es verloren, oder in Gefahr? ſiel van Hoegen ein. Leider in Gefahr, antwortete Henriette, doch ich kann darüber noch nichts Beſtimmtes ſagen⸗ Aber andere Sorgen gehen mich jetzt noch näher an. Ich glaubte bisher ein unbeſtreitbares Recht auf die Erbſchaft meiner verſtorbenen Muhme in Jamaika zu haben, aber ich erhalte ſo eben Briefe, 188 die mich in große Verlegenheit und Bekümmerniß ſetzen. Es hat ſich ein anderer Verwandter gemel⸗ det, der mir die Erbſchaft ſtreitig machen will, und ich ſehe es⸗ ein, er hat gegründete Anſprüche. Sie werden aber ohne Zweifel den Richter darüber entſcheiden laſſen, ſprach Dandeuil. Die Geſetze können Sie vielleicht mehr beguͤnſtigen, als Sie ſelbſt glauben 1 Das iſt keineswegs meine Abſicht ,erwiederte Miſtriß Meadow. Ich muß, wie ich Ihnen ſage, das Recht meines Gegners anerkennen, und lieber will ich arm und abhängig leben, als ihm einen Augenblick vorenthalten, was ihm gebührt. Arm und abhängig! ſprach Vandernelt. Aber der Entſchluß iſt Ihrer würdig, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu.. Ich hoffe, ſprach darauf Henriette, jeder von Ihnen wirv bry näherer Erwägung finden, daß ich nicht anders handeln kann, und ein Opfer brin⸗ gen muß, welches Gerechtigkeit und Pflicht fordern. Was mich aber am meiſten in Verlegenheit ſetzt, iſt der Umſtand, daß ich ſelbſt nach Jamaika zu⸗ rück kehren muß, wenn ich nicht einen vertrauten Mann hinſenden könnte, um die Angelegenheit mit meinem Gegner aus einander ſetzen zu laſſen. Dieſe Mittheilung machte auf die drey Freun⸗ de einen ganz verſchiedenen Eindruck. Kornelius van Hoegen hatte den Wunſch, die ſchöne Frau zu gewinnen, deſto eifriger genährt; da er nach dem * — 4 139 Falle eines reichen Hauſes in Charlestown, wobey er bedeutend verlor, die Hoffnung vereitelt ſah, durch ſeine Reiſe nach Amerika einen amſehnlichen Vortheil zu gewinnen, und er war in einer Lage, wo ihm nichts willkommener geweſen wäre, als eine reiche Braut. Dandeuil ward von ähnlichen Beweggründen geleitet. Gelang es ihm, Henriek⸗ tens Hand zu gewinnen, ſo konnte er ſich die be⸗ ſchwerlichen Arbeiten neuer Anſiedler erſparen, und die Annehmlichkeiten einer großen Stadt genießen, oder wohl gar in ſeine Heimath zurück kehren. Beyde ſchwiegen beſtürzt, und ſannen, wie ſie der Aufforderung ausweichen ſollten, die in Henriettens Worten lag. Vandernelt war nicht weniger über⸗ raſcht, aber was die Hoffnung ſeiner Freunde nie⸗ derſchlug, hatte ſein Herz erhoben und ihm neuen Muth gegeben. Er glaubte es nun wieder wagen zu können, ſein Auge zu der geliebten Frau auf⸗ zurichten, und er freute ſich beynahe, daß die Lau⸗ ne des Schickſals ihre Lage der Seinigen ähnlicher gemacht hatte. Seine Freunde ſchienen nicht Luſt zu haben, der jungen Witwe ihre Dienſte zur Beſorgung der Angelegenheit in Jamaika anzubiethen, und eben war Vandernelt im Bexhriffe, ſeine Bereitwilligkeit zu erklären, als Henriette, die in ſeinen Blicken leſen konnte, was in ſeiner Seele vorging, das Schweigen unterbrach. Was ich Ihnen mitgetheilt habe, meine Herrn, ſprach ſie, darf das Vergnä⸗ 2 „ 190 gen nicht ſtören, das wir auf unſerer Luſtfahrt uns⸗ verſchaffen wollen. Ich bitte Sie, kein Wort mehr davon. Ich vergeſſe gern meine Sorgen, und ich hoffe, Sie werden mich nicht daran erinnern wol⸗ len. Kommen Sie, ich höre den Wagen vorfahren. Nach unſerer Rückkehr, oder morgen, werde ich Ihnen die Schriften vorlegen, die ſich auf meine Angelegenheit beziehen, und jeder von Ihnen wird ſo gütig ſeyn, mir ſeinen Rath zu geben⸗ Dieſe Worte brachten den Franzoſen und den Holländer wieder in eine etwas unbefangenere Stimmung, und da auch Vandernelt, in ſeinem Entſchluſſe und in ſeinen Hoffnungen geſtärkt, hei⸗ terer ſeyn konnte, ſo freuten ſich die Männer des ſchönen Sommertages an der Seite der reitzenden Frau, die alles aufboth, die Unterhaltung zu be⸗ leben. Es war auf dem angenehmen Landſitze am Meerufer eine zahlreiche Geſellſchaft verſammelt, unter welcher van Hoegen einige Freunde fand. Er ſtellte die ſchöne Witwe und ſeine Reiſegefährten vor, und bey dem gemeinſchaftlichen Genuſſe länd⸗ licher Vergnügungen war bald Bekanntſchaft geſtif⸗ tet. Einige muntere Mädchen ſchlugen einen Tanz im Grünen vor. Man wählte einen glatten Raſen⸗ platz, von ſchattigen Bäumen eingeſchloſſen, und auch Henriette nahm mit ihren Begleitern Antheil an der luſtigen Unterhaltung⸗ Als Vandernelt den letz⸗ ten Tanz mit ihr geendigt hatte, führte er ſie, wäh⸗ rend van Hoegen und Dandeuil ſich mit ihren Tän⸗ 191 zerinnen wieder in die Reihe ſtellten, abſichtlich durch einen einſamen Schattengang auf die Laube zu, wo ſie bey ihrer Ankunft ausgeruhet hatten. Ich muß dieſen Augenblick benutzen, hob er an, ich muß Sie, gegen ihr Verboth, an die Angelegen⸗ heit erinnern, welche Sie beküm mert. Halten Sie mich ihres Vertrauens werth, ſo reiſe ich ſogleich nach Jamaika, um ihre Angelegenheiten zu ordnen. Nein, ich habe mich in Ihnen nicht geirrt, Vandernelt, ſprach Henriette bewegt, ich durfte dieſes Anerbiethen von Ihnen erwarten. Aber be⸗ denken Sie ihre Lage, die Ihnen vielleicht ſolche großmüthige Aufopferung verbiethet, oder erſchwert, bedenken Sie, daß meine Lage... O ich bedenke nichts, theure Henriette, als daß ich Ihnen hierdurch noch nicht genug beweiſen kann, welcher Aufopferung ich für Sie fähig bin; ich den⸗ ke an nichts, als an den Schmerz der neuen Tren⸗ nung, in dem Augenblicke, von welchem ich wie⸗ der ein neues Leben zu zählen anfange. Ich reiſe morgen, wenn Sie wollen, aber— O wenn ich bey dieſem Abſchiede die beglückenden Hoffnungen mitnehmen dürfte, mit welchen ich mich einſt von Ihnen trennte! Vielleicht würden jetzt... Hen⸗ riette! fuhr er fort, und nahm von ſeinem Herzen ein Papier, worin verdorrte Blumen lagen: die⸗ ſes Andenken ihrer Liebe, dieſes Anden⸗ kenunſeres kurzen Glückes, bat mich durch alle Gefahren begleitet, und ein Blick auf dieſe 1 192 welken Blumen oft den ſtarren Schmerz in Weh⸗ muth aufgelöſet. O dieſes grüne Blatt iſt ſchon ſehr lange im Staub zerfallen, aber ſelbſt meine heißen Thränen haben die Farbe der Blumen nicht aus⸗ gelöſcht. Keine Hoffnung mehr! rief auch ich oft in bangen Stunden mir zu: aber Liebe und Treue auf ewig! Bey dieſen Worten hatte Vandernelt Henriet⸗ ten umfaßt⸗ Von ihren Empfindungen überwältigt, ſank ſie an die Bruſt des Glücklichen. Vandernelt! ſprach ſie mit einem Blicke, worin ihr Herz lag⸗ Ja, Hoffnung, glückliche Hoffnung! und Liebe und Treue auf ewig! Nicht wahr, Trennungen ſind ge⸗ fährlich für uns? Was in Jamaika anszugleichen ſeyn möchte, wird ſich auf andere Weiſe. abmachen laſſen. Nein, wir ſcheiden nicht mehr. Vandernelt ſchloß ſie entzückt in ſeine Arme⸗ Henriette rief er, Du mein? Darf ich's ausſpre⸗ chen— Du mein? Kannſt Du mir verzeihen, daß ich Dich einer Prüfung unterworfen habe! hob ſie wieder an. Ich ahnete, daß Du ſie beſtehen würdeſt, und wollte mich in dem ſüßen Gefühle berauſchen, daß ich von Dir über alles geliebt werde. Jetzt keine Täuſchung mehr! Ja, es iſt wahr, ein Verwandter meiner Muhme in Jamaika macht Anſpruch auf einen Theil der Erbſchaft. Aber der Brief iſt ſchon geſchrieben⸗ der ihm mehr gewährt, als er verlangt⸗ 4 195 O ich denke nicht an Erbſchaft, nicht an Reich⸗ thümer! ſprach Vandernelt. Der arme Verbannte iſt reicher, als ein König, und wieder voll Muth und Kraft, wenn er Dich ſein nennen darf. Ich bin auch nach dieſem unbedeutenden Ver⸗ luſte noch reich genug für uns beyde, erwiederte Henriette, aber auch wenn ich dieſe Gunſt des Glü⸗ ckes entbehrte, würde ich gern dein Schickſal thei⸗ len, gern mit Dir an die einſamen Ufer des Ohio ziehen, und Dir Arbeit, und Sorgen und Noth durch die Liebe verſüßen, der mein Herz in keiner Lage meines Lebens untreu geworden iſt. Sie ſanken ſich in die Arme. Dann, nach ei⸗ nem Augenblicke ſüßen Schweigens, gingen ſie vor⸗ an zu der Laube, wo ihre Begleiter ſie erwarteten. Dandeuil und van Hoegen kamen ihnen entgegen, und waren ſcharfſinnig genug zu bemerken, daß die Glücklichen einig waren für das ganze Leben. Van⸗ dernelt umarmte ſoine Freunde, und beſtätigte, wie er mit Henrietten verabredet hatte, ihre Ver⸗ muthung. Ich habe euch erzählt, ſprach er, wie das Schickſal meine Liebe verfolgt hat, und Ihr ſeyd die Erſten, deren theilnehmendes Herz meines Glü⸗ ckes ſich freuen wird. Beyde waren zu wenig leidenſchaftlich geſtimmt und zu bieder, um das Glück zu beneiden, worauf ſie ihrem Freunde die gerechteſten Anſprüche zuer⸗ kannt hatten. Alle fuhren bald nach der Stadt zu⸗ rück, und brachten den Abend fröhlich mit einan⸗ Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 6. B. J3 194 der zu. Vandernelt und Henriette feyerten noch vor der Abreiſe nach England, wo ſie künftig leben wollten, ihre Verbindung. An dem Hochzeittage both Henriette den beyden Reiſegefährten ihres Gatten mit ſo viel Zartgefühle Beyſtand an, daß auch das ſtolzeſte Gemüth die freundlich helfende Hand nicht hätte zurückweiſen können. Dandeuil empfing einen Vorſchuß, welcher ihn in Stand ſetzte, ſich in einer angenehmen und ſehr frucht⸗ baren Gegend von Amerika vortheilhaft anzu⸗ ſiedeln, und eine bedeutende Summe, die van Hoegen erhielt, um ſie auf gemeinſchaftlichen Ge⸗ winn im Handel anzulegen, gab ihm ein Mittel, den Verluſt reichlich zu erſetzen, den er beklagte. So knüpften ſich an dieſem Tag für alle drey Freun⸗ de die glücklichſten Erinnerungen⸗ Laſſen Sie uns, lieber Vandernelt, ſprach⸗Dan⸗ deuil, auch wenn wir einſt durch Meere getrennt ſind, dieſer Seereiſe mit Freuden gedenken. In den ſichern Hafen ſind Sie glücklich eingelaufen, und mich haben die Wellen auf ein freundliches Ufer getragen; noch weiß ich nicht, ob's Eiland iſt, —— oder feſtes Land, aber ich ſehe fruchtreiche Baum⸗ zweige, ich ſehe blühende Gefilde, und in dem Her⸗ zen des armen Schiffbrüchigen erwacht mit friſcher Hoffnung neuer Muth zum Leben. ᷣVNTNTNT V. — 2 B — 9 — — = ‿ — 22 9 JF 2 ———— „ 5-2- eEEEEKEEEEEE Die Nachtlampe warf nur einen matten Schein auf das Geſangbuch, als Luiſe die letzten Zeilen des Abendliedes geleſen hatte. Du, mein Erretter, biſt bey mir, Und hilfſt aus aller Noth— ſprach ſie, das große blaue Auge fromm erhebend, und richtete das lockige Köpfchen auf, das der ent⸗ hüllte Arm geſtützt hatte. Dann blickte ſie beſorgt auf ihren Vater, der ſchwer athmend im Lehnſtuhle ſich erhob. Iſt Ihnen nicht wohl, lieber Vater? ſprach ſie, vor ihn tretend, faßte ſeine matt herab hangende Hand, und forſchte liebevoll in ſeinem Auge. Ich habe mich lange nicht ſo leicht und frey gefühlt, als heute, ſprach er. Der kurze Schlum⸗ mer hat mich recht erquickt. Die Worte deines Lie⸗ des weckten mich auf; der freundliche Traum, der vor meiner Seele ſtand, war verſchwunden, und es war mir, als ob Engelſtimmen mir zugerufen hätten: Du, mein Erretter, biſt bey mir, Und hilfſt aus aller Noth. Komm, ſetze Dich zu mir, mein Kind; ich kann noch nicht ſchlafen gehen, ich will noch eine halbe Stunde mit Dir plaudern. Ich habe deine Mutter geſehen, Luiſe, fuhr er nach einer Pauſe fort. Sie war in himmliſchem Glanze verklärt, und lä⸗ chelte mir freundlich zu, wie einſt, wenn ſie ſchwe⸗ re Sorgen von mir verſcheuchen wollte. Da war's mir, als ob Du plötzlich an ihrer Seite ſtändeſt.; ſie deutete auf Dich, und ihr Auge ſchien mir zu ſagen: Die habe ich Dir gelaſſen, Dich zu erfreuen und zu tröſten. Luiſe legte ihr Geſicht an des Vaters Arm, der ſich ausſtreckte, ſie zu umfaſſen. Gott gebe, daß ich es immer könne! ſprach ſie bewegt. Du biſt mein gutes Kind! antwortete der Va⸗ ter. Ein wicht iger Augenblick deines Lebens iſt na⸗ hye, hob er nach einer Pauſe wieder an. Bedenke den Schritt wohl, Luiſe. Du haſt dein Wort ge⸗ geben, aber noch biſt Du frey. Ich habe Dich nicht beredet, ich will Dich nicht zwingen, dein freyer Wille ſoll allein entſcheiden. Ich habe alles erwogen, lieber Vater, ich ha⸗ be mit ruhiger Überlegung mein Wort gegeben⸗ —— 199 und will es halten. Die ſchöne Ausſicht, von ihrem langen Leben die lange Sorge zu nehmen, kann mich allein glücklich machen; das iſt mein Beruf, meine Pflicht· Ich verlange keine Aufopferung für mich, Lui⸗ ſe. Ich habe ſchon ſo lange mit der Armuth käm⸗ pfen müſſen, daß ſie mir wie eine trübſinnige Hans⸗ freundinn geworden iſt, an die man ſich auch g wöhnt, und als unverſchuldetes Unglück habe 1 ſie auch leichter tragen können, als wenn ich ſie mir vorwerfen müßte. Dein Fleiß ſchützt mich vor Mangel, und Du wiürdeſt mir auch noch ein wei⸗ ches Kiſſen geben für meinen letzten Schlummer. Aber wenn ich Dich hülflos und abhängig zurück laſſen müßte, das wuͤrde mir den Abſchied von der Welt ſchwer machen. Dein Entſchluß iſt ſo gut und verſtändig; Gott wird es Dir dafür wohl gehen laſſen. Aber noch einmahl, bedenke es wohl, ehe Du unauflöslich gebunden biſt. Amberg iſt eined⸗ ler Mann; er wird Dich nicht binden wollen, wenn du dich nicht ſtark genug glaubſt, deinen Entſchluß zu halten. Er weiß ja, welche Erinnerungen Du aufopfern mußt.— Ja, mein Vater, ich habe ihm nichts ver⸗ ſchwiegen; aber er weiß, daß ich ihm frey und oh⸗ ne Zwang mein Wort gebe, und er hofft, durch Freundſchaft mir das Glück erſetzen zu können, das die Liebe mir verhieß⸗ Du wageſt viel, meine Tochter, ſehr viel. Ich zittere oft, wenn ich daran denke. Morgen iſt dein ſechszehnter Geburtstag, und er wird bald ſeinen ſechszigſten feyern. Haſt Du auch das wohl be⸗ dacht, Luiſe? 3 O ija, aber es ſchreckt mich nicht. Sechszig Jahre, ſagen Sie? Ich kann daran nicht denken, wenn ich ihn ſehe und höre. So friſch und hei⸗ ker, wie mancher Mann nicht mehr bey vierzig Jahren. Wir waren Geſpielen in unſerer Jugend. Schon als Knabe liebte ich ſein redliches Herz; denn mit Muth und Kraft nahm er, der Altere, mich immer in Schutz, wenn muthwillige Buben mich neckten und drückten. Unſere Lebenswege trennten ſich bald; ihn hat das Glück als Liebling geführt, und ſeine Seele ſtark und munter erhalten, mein Haupt hat die Noth vor der Zeit gebeugt. O er ſſt ein guter Menſch, und wenn die Achtung und Freundſchaft eines Biedermanns Dich glücklich ma⸗ chen können, ſo wird deinem Glücke nichts feh⸗ len... Wie aber, fuhr der Vater fort, wenn Du einſt den Mann wiederſäheſt, der deine erſte Lie⸗ be beſaß? Luiſe ſchwieg. Du haſt ihm geſchrieben, wel⸗ ſchen Schritt Du thun willſt, hob der Vater wie⸗ der an. 3 4 Ich habe ihm alles geſtanden, daß ich ihm entſagen und ihn vergeſſen muß. Er wird mei⸗ 201 nen Entſchluß nicht verkennen, und er iſt zu edel, als daß er je daran denken könnte, meine Ruhe zu ſtören. Ja, er iſt ein wackerer Mann, keinen hätte ich lieber meinen Sohn genannt, wenn ich dem ar⸗ men Jünglinge, der nichts hat, als eine edle Ge⸗ ſinnung und ſeinen Muth, das Glück meiner Toch⸗ ter hätte anvertrauen können, die auch keine Mit⸗ gabe hat, als ein frommes Herz und ihren Fleiß. Er iſt ſo verſtändig, daß er dieß ſelbſt zu fühlen ſchien, als er uns zum letzten Mahle ſah. Aber ich darf mir nichts vorwerfen. Ich habe ſeine Bewer⸗ bungen nur darum geduldet, weil ich hoffte, daß ſeine Kenntniſſe ihn bald höher bringen, und in Stand ſetzen würden, Dich zu ernähren, als der Krieg ihn von uns rief. Möge der Himmel ihn ſchützen unter den Gefahren, die ihn umringen! Luiſe ſeufzete und dem Andenken des Freun⸗ des floß eine ſtille Thräne, die ihr Vater, der nachdenkend ſein Haupt ſenkte, nicht bemerete. Es iſt ſpät, hob er endlich an, Du haſt in den letzten Tagen viel bey mir wachen müſſen. Ruhe heute aus, meine Tochter. Mir iſt wohl, und morgen werde ich deinen Geburtstag fröhlicher feyern, als ſeit vielen Jahren. Der Vater ſtand auf, und als er ſeine Tochter gerührt umarmt hatte, ging er mit ziemlich feſten Schritten in ſein Schlafgemach. Luiſe ſah ihm nach⸗ O mein Vater, ſprach ſie bewegt, welches Opfer 20²2 brächte ich nicht gern, um deine letzten Tage zu erheitern! Dann ſank ſie an des Vaters Stuhle nieder, und den naſſen Blick erhebend, fuhr ſie fort: O Gott, du haſt den Entſchluß in mir er⸗ weckt; laß mich ſtark ſeyn und nicht wanken, und gib meinem Herzen Ruhe. 1 Mit geſtärktem Muthe erhob ſie ſich nach einer Pauſe, und ging mit der faſt erlöſchenden Lampe zum engen Kämmerlein und ſchlummerte ſanft hin⸗ über in das neue Lebensjahr. Die Mayſonne warf ihre erſten Strahlen in das Gärtchen, und ſchon ſtand Luiſe am Fenſter, um dem Morgenliede der Vögel zuzuhören, die in den blühenden Bäumen erwachten, da pochte es langſam an die Hausthüre. Sie ging leiſe vordes Vaters Gemach vorüber, um ſeinen Morgenſchlum⸗ men nicht zu ſtören, und öffnete⸗ Es war Ambergs Diener. Er brachte einen ſchönen Moosroſenſtock und eine verſiegelte Schachtel, welche ſein Herr, wie er ſagte, mit eigener Hand öffnen werde. Ei⸗ ne Stunde ſpäter folgte Amberg ſelbſt den voraus⸗ geſandten Geſchenken, und fand Luiſens Vater ziem⸗ lich heiter im Lehnſtuhle. 9 Es freut mich, lieber Dietheim, daß ich Dich heute ſo munter ſinde, ſprach er, ihm die Hand reichend. Ich nehme es als eine frohe Vorbedeu⸗ tung, daß deine Tochter mit dem neuen Lebensjah⸗ re eine Reihe glücklicher Tage anfangen werde. Ja⸗ liebe Luiſe, fuhr er fort, zu dem Mädchen ſich wen⸗ 265 dend, ich hoffe, es ſoll mir gelingen, Ihnen ein glückliches Leben zu bereiten, und mehr brauche ich nicht, um mich ſelbſt glücklich zu fühlen. Er legte darauf Luiſens Hand in ſeinen Arm und trat mit ihr vor den Vater. Blicke froh ins Leben, Dietheim, wie der Schiffer auf die ruhige See, wenn er in der Ferne Land ſieht. Die Stür⸗ me, die über Dich hinfuhren, haben Dich nieder⸗ gedrückt, aber Freundſchaft und Liebe ſollen Dich aufrichten und ſtützen. Wer von uns beyden hätte das gedacht, daß es noch ſo kommen würde! Aber ich will's Dir geſtehen, Bruder, als Du mir vor zehn Jahren zum erſten Mahle nach unſerer Tren⸗ nung ſchriebſt und mir von deinem lieben ſechsjäh⸗ rigen Mädchen erzählteſt, da kam mir gleich, ich weiß nicht wie, der wunderliche Gedanke in den Kopf. Du weißt, ich war damahls noch nicht lan⸗ ge aus Surinam zurück, und lebte in Amſterdam, um die Angelegenheit meiner Pflanzung in Ord⸗ nung zu bringen. Das Bild des Kindes, das Du mir ſo lebendig geſchildert hatteſt, ſtand immer vor meiner Seele, und wo ich ſeitdem ein fröhliches vollblühendes Kindergeſicht ſah, wie man ſie in Holland häufig ſindet, dachte ich mir, ſo müßte dein Mädchen ſeyn⸗ Die Jahre vergingen mir ſchnell in rüſtiger Geſchäftigkeit, und ich vergaß das liebe Bild nicht, ich ſah es immer wachſen und reitzender werden. Aber Du ſchriebſt mir nicht wieder, Diet⸗ heim; das Kriegsunglück brach über euch aus, und 2⁰04 zerſtörte den Wohlſtand, den dein Fleiß erworben, und Du, böſer Mann, ſchriebſt nicht dem treuen Freude deiner Jugend. Deine Frau ſtarb, aller Jammer kam über Dich und dein Kind, und Du vergaßeſt, was wir uns einſt geweſen waren, und ich mußte die ſchmerzliche Überraſchung haben, Dich in Noth und Elend zu finden, als ich vor zwey Monathen herkam, und Dich zuerſt ſuchte, das Liebſte, was ich in der Heimath hatte. O das ſoll⸗ te ich eher gewußt haben, ich wäre zu Dir geeilt, und hätte ich am Nordpol gewohnt und Du am Südpol. Eben weil ich das wußte, ſprach Dietheim be⸗ wegt, daß Du ſelbſt dein Glück verſäumen würdeſt, wenn die Stimme des bedrängten Freundes Dich gerufen hätte. Geſtehe es nur, Dietheim, Du wollteſt mir nur nicht die Freude gönnen, Dir beyzuſtehen. Ich weiß es noch aus alten Zeiten her, wie ich's im⸗ mer errathen mußte, wenn Dir etwas Unangeneh⸗ mes widerfahren war, wo ich helfen konnte⸗ Edler, lieber Mann! ſprach Luiſe und drückte gerührt Ambergs Hand an ihr Herz: nein, es war nicht Mangel an Vertrauen, was meinen Va⸗ ter zurück hielt. Ich weiß, wie oft er in den kum⸗ merpollſten Tagen mit der alten Liebe an Sie dachte. Nun, es mag ſeyn! Vergeſſen und vergeben. Keine Vorwürfe an dieſem ſchönen Tage, meine theure Luiſe! Wir ſind wieder vereinigt, Dietheim⸗ 205 und nun keine Trennung mehr, ſo lange wir leben⸗ Aber wirſt Du rathen, wie ich dieſen Tag gern feyern möchte? Du wirſt Dich wundern, vielleicht auch lächeln über den alten Knaben, ſey meinetwe⸗ gen auch böſe, daß ich alles hinter deinem Rücken abgemacht habe. Das ſoll die kleine Rache ſeyn, die ich für dein Schweigen nehmen will... Mit dieſen Worten reichte er ſeinem Freunde einige Schriften. Du ſiehſt, es iſt alles in Rich⸗ tigkeit, was die geiſtlichen Herrn an Mauth und Zoll verlangen, ehe ſie den Schlagbaum öffnen, der auf den Weg zu Hymens Tempel führt⸗ Wenn Du's nicht übel nimmſt, ſo fährt mein Wagen um eilf Uhr vor. Unſer alter Jugendfreund, der Pfar⸗ rer in Arnſtein, erwartet uns um zwölf Uhr in ſei⸗ ner ſtiller Dorfkirche... Sie erſchrecken, liebe Lui⸗ ſe? fuhr er fort, die Jungfrau freundlich anſehend, deren erblaßtes Geſicht plötzlich wieder eine hohe Nöthe überſtrömte. Ja, meine Theure, ſetzte er hinzu, ſie umarmend, laß dieſen Tag auch den Ge⸗ burtstag meines Glückes ſeyn. Luiſe ſank in die Arme des edlen Mannes, und ſah ihren Vater mit einem fragenden Blicke an. Ja, es ſey, meine Lieben, ſprach Dietheim, und mit den Gebethen, die ich heute für meine gute Toch⸗ ter zum Himmel ſende, bitte ich dann auch um Se⸗ gen für dieſen Bund.— Amberg öffnete die verſiegelte Schachtel und Luiſe erblickte einen geſchmackvollen Brautanzug⸗ 2⁰06 Ich hoffe, meine Luiſe wird es nicht puichtiger wün⸗ ſchen, ſprach er. Einfach und ſchlicht, wie wir le⸗ ben wollen, aber ſchön und gefällig. In einer hal⸗ ben Stunde wird ſich jemand bey Ihnen melden, um zum erſten Mahle den Dineſt bey Ihnen zu ver⸗ ſehen und um eilf Uhr ſinde ich Sie im Brautſchmucke⸗ Mit dieſen Worten küßte er ſie auf die Stir⸗ ne, und ſchied mit einem Händedrucke von dem Va⸗ ter. Bald darauf erſchien ein ſeltſames Mädchen, das ſich als Luiſens künftige Kammerjungfer an⸗ kündigte und die Befehle derſelben erwartete. Lui⸗ ſe wußte ſich in das ungewohnte Verhältniß freund⸗ lich zu findem, und als der glänzende Wagen, von allen Nachbarn angeſtaunt, vor dem ärmlichen Vor⸗ ſtadthäuschen hielt, ſetzte ſte eben den grünen Kranz, mit Roſenknoſpen durchflochten, in das einfach ge⸗ ringelte braune Lockenhaar. Das Brautpaar und der glückliche Vater brach⸗ ten den Nachmittag unter dem gaſtfreyen Dache des Pfarrers in Arnſtein zu, und der Abend war ſchon angebrochen, als der Wagen vor Dietheims Wohnung hielt. Nehmt nun Abſchied von der Woh⸗ nung, wo ihr ſo viel geduldet habt, ſprach Amberg, und Du nimmſt mit, Dietheim, was Dir etwa lieb iſt. In meinem Hauſe iſt alles zu eurer Auf⸗ nahme bereit. Dietheim ſchied gerührt von dem Hauſe, wo er ſeit dem Vorfalle ſeines Wohlſtandes gewohnt hatte. Luiſe verließ mit Thränen ihr kleines reinli⸗ .* . 207 ches Hausweſen, und unterdrückte einen tiefen Seufzer, als ſie den letzten Blick in das kleine Ge⸗ mach und in das ſtille Gärtchen warf, die ſo viele traurige Bilder, aber auch ein paar freundliche aus dem kurzen Traume der erſten Liebe vor ihre See⸗ le riefen. Dann umfaßte ſie feſter mit Muth und Zuverſicht den Arm des Biedermannes, der ſie in ein neues Leben führen ſollte. Amberg war bedacht geweſen, ſeine junge Frau durch die heiterſten Umgebungen zu erfreuen. Nirgends zwar ſah ſie Pracht und Glanz, ſo ſehr ſein Reichthum ihn dazu in Stand ſetzte; aber überall die freundliche Reinlichkeit und Nettigkeit, woran er ſich während ſeines Aufenthaltes in Hol⸗ land gewöhnt hatte, und alles war ſo eingerichtet, das neue Hausweſen ihr lieb zu machen. Die herz⸗ liche Zuneigung, die zarte Aufmerkſamkeit, die er ihr erwies, rührten ſie tief, aber mehr noch als durch alles, was er für ſie that, wurde ſie durch ſei⸗ ne liebevolle Sorgfalt für ihren Vater zu inniger Dankbarkeit geſtimmt, und dieſe Empfindungen knüpften allmählig ein ſchönes Band, das bey ihr freylich mehr einem kindlichen, als einem bräutli⸗ chen Gefühle ähnlich war. Dietheim ſchien ſich zwar anfangs unter der Pflege ſo theurer Hände zu erhohlen, aber die lan⸗ ge Noth hatte ſeine Kraft aufgezehrt und vor En⸗ de des Jahres weinte Luiſe an ſeinem Sterbebette⸗ Der Anblick ihres Glückes gab ihm ein heiteres 298 Abendroth des Lebens, wie der Morgen ſchön gewe⸗ ſen war; aber als ſeine brechende Stimme ſie er⸗ mahunte, ihrem Manne immer Vertrauen und Zu⸗ neigung zu beweiſen, da ſchien er eine unruhige Beſorgniß mit hinüber zu nehmen in die Wohnung des Friedens. So lange ihr Vater lebte, dem ſie das Opfer ihrer Liebe gebracht hatte, erweckte der Anblick des Glückes, das um ſolchen Preis war erkauft worden, ein frohes Gefühl in ihrem Herzen, und brachte andere Regungen zum Schweigen. Nach ſeinem To⸗ de aber erwachte häufiger die Erinnerung an den Geliebten, von welchem ſie ſeit dem Abſchiede nie wieder etwas gehört hatte, und wie ſehr ſie, im frommen Pflichtgefühle, ihr Gemüth zu ſtärken und zu erheben ſuchte, ſolche Erinnerungen ſtörten oft das ſtille Glück, das Amberg in ihrem Hauſe ihr bereiten wollte. Die Zerſtreuungen der Stadt genoß ſie nur ſelten, ſelbſt wenn ihr Mann ſie auf⸗ munterte, ſobald ſie beſorgen mußte, ſeine häus⸗ liche Bequemlichkeit dadurch im mindeſten zu ſtören, und ihre liebſte Erhohlung war der Genuß ländli⸗ cher Freuden auf einem reitzenden Landgute, das ihr Mann gleich nach ſeiner Verheirathung ange⸗ kauft hatte. Hier lebte ſie mit ihm bis zu Anfange des Winters; dann lockte ihn zur Stadt ein geſelliger Kreis, den er zwey Mahl in der Woche beſuchte, um bey einer Pfeife köſtlichen Knaſters über das Woyl „ 2⁰9 und Weh der Staaten und die Unternehmungen der Fürſten gutmüthig ſich zu ereifern. Eines Abends, als Luiſe ungewöhnlich lange mit dem Eſſen auf ihn warten mußte, nahm ſie den Hamburgiſchen Correſpondenten in die Hand, den der Zeitungsträger ſo eben gebracht hatte. Gleichgültig ließ ſie ihre Blicke über die ungewohnte Leſerey fliegen, als ſie plötzlich den Nahmen Mur⸗ bach fand. Sie erſchrak, und ihre zitternde Hand konnte das Blatt kaum halten. Der Lieutenant Murbach, der bey Eröffnung des Feldzuges erſt Unteroffizier geweſen, hieß es in dem Kriegsberich⸗ te, habe in drey Schlachten ſo herrliche Tapferkeit gezeigt, daß der König ihm nach dem letzten Tref⸗ fen auf dem Schlachtfelde ſein eigenes Ordenszei⸗ chen umgehängt und ihn auf der Stelle zum Haupt⸗ mann ernannt habe. Dieſe Worte machten den tiefſten Eindruck auf ihre Seele, und ehe ſie ſich wieder faſſen konnte, kam ihr Mann zurück. Sie hatte das Blatt ſchnell auf den gewöhnlichen Plaßt gelegt, als er herein trat. Die überreſte einer trüben Wolke, die ein hitziger Streit über Staatshändel, um ſeine Stir⸗ ne gezogen hatte, waren noch zu ſehen, verſchwan⸗ den aber völlig in dem Augenblicke, wo er ſich ſei⸗ ner Frau gegenüber ſetzte. Luiſe war wenig dazu geſtimmt, ein Geſpräch zu unterhalten, und als Amberg das neue Zeitungsblatt erblickte, konnte er, mit dem Gegenſtande des Streits noch immer 210 beſchäftigt, ſich nicht überwinden, die Durchſicht bis nach dem Eſſen aufzuſchieben. Er las mit Ei⸗ fer und manche ihm beſonders wichtige Nachricht laut. Luiſe war in der unruhigſten Bewegung, in⸗ dem ſie ſeine forteilenden Blicke begleitete, und ihr Herz klopfte heftig, als er die Blattſeite umwandte, 3 wo gleich zu Anfange die verhängnißvollen Worte ſtanden. Ey höre doch! ſprach er überraſcht, aber plötz⸗ lich hielt er inne und ſah ſie an. Eine glühende Röthe bedeckte ihr Geſicht. Das wird viel Aufſehen hier machen, fuhr er nach einer Pauſe fort, und erzählte ihr mit wenigen Worten die Nachricht⸗ Es kann niemand anders ſeyn, als dein ehemahli⸗ ger Freund, nicht wahr? Ich glaube, antwortete ſie mit bewegter Stimme.⸗. Auch dich darf das freuen, meine theure Luiſe, hob er wieder an, und reichte ihr liebevoll die Hand: ſo wie es mich freut, daß der Mann, der Deine erſte Achtung und Neigung erwarb, ſich dieſes Vorzuges ſo würdig beweiſet. Er hat ſich herrlich gezeigt, und wenn das Glück ihn ferner ſchützt und heim führt, ſo werde ich einſt, hoffe ich, noch einen Freund in ihm gewinnen⸗ Der Vorfall war ſehr nachtheilig für die Ruhe der jungen Frau. Das geliebte Bild ſtand vor 6. rrer Seele, ſchöner als je, ſeit es von dem Glanze des Ruhmes umleuchtet war. Der Kampf gegen 211 das unbezwingliche Gefühl wurde ſchwerer; mit ängſtlicher Unruhe hörte ſie nun die Nachrichten von neuen Gefechten, heimlich las ſie mit bangen Beſorgniſſen jedes Zeitungsblatt, und wenn die Stimme der Pflicht ein ernſtes Wort mitten in die⸗ ſen Streit der Empfindungen rief, fand die Mit⸗ ternachtsſtunde ſie oft auf ihren Knieen, wie ſie im frommen Gebethe das un ruhige Herz zu ſtillen ſuchte. Das entſcheidende Treffen, worin Luiſens Freund ſo glänzenden Ruhm erworben, führte den Frieden herbey; und bald zogen die Krieger heim auf allen Wegen. Luiſe genoß mit ihrem Manne die erſte Frühlingszeit auf dem Lande. Oft, wenn ſie neben ihm am Fenſter ſtand, um die tapferen Söhne des Vaterlandes vorbey ziehen zu ſehen, zitterte ſie vor dem Gedanken, wie leicht ſie den Geliebten plötzlich erblicken könnte, und ihr Herz ſchlug un⸗ rruhig, wenn eine edle Geſtalt auf muthigem Roſſe aus der Ferne heran ſprengte, und faſt war ſie außer ſich, als ſie eines Tages eine Abtheilung kommen ſah, unter welchen ſie einige Offiziere des Regiments erblickte, zu welchem Murbach einſt ge⸗ hört hatte. Die müden Krieger lagerten ſich in der heißen Mittagsſtunde auf einer Wieſe, nicht weit von dem Schloſſe. Amberg ſiel auf den Gedanken, ehnen eine Erfriſchung zu geben, und ertheilte ſo⸗ gleich ſeinen Leuten Befehl, die Offiziere in den Garten einzuladen, und für die Gemeinen Bier 212 hinaus zu ſchaffen. Luiſe wagte es nicht, etwas dagegen zu erinnern; zitternd folgte ſie ihm in den Garten, und erſt, als ſie unter den verſam⸗ nelten Gäſten ihren Freund nicht fand, erhielt ſie wieder ruhigere Faſſung. Ihr Mann war höchlich erfreut, als er eine Stunde über die Ereigniſſe des Krieges ſich unterhalten, und von den Schlach⸗ ten und Belagerungen, die für ihn beſonders wich⸗ tig geweſen weren, ſich erzählen laſſen konnte. Am folgenden Tage, am Sonntagsmorgen, war ſie allein in der Kirche zu Arnſtein. Der An⸗ blick des Altares, vor welchem ſie ihrem Manne die Hand zum Ewigen Bunde gegeben hatte, erweckte in dieſem Augenblicke lebhafter, als je, die Erin⸗ nerung an Alles, was jenem Entſchluſſe vorher ge⸗ gangen war. Sie ſaß, in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken, in ihrer Bethſtube, und hörte nur mit Zerſtreuung auf die Worte des ehrwürdigen Pre⸗ digers, bis eine Wendung ſeiner Rede plötzlich ihre Aufmerkſamkeit feſſelte. Er ſprach von der Stand⸗ haftigkeit im Kampfe zwiſchen Pflicht und Neigung. «Wo iſt, ſprach er, ein Menſchenherz, dem die Stimme der Pflicht nie gebothen hätte, von einem Wunſche, der gle ichſam mit ihm aufgewachſen war, ſich los zu reißen, wie tief auch die Wunde ſein moch⸗ te, die der gewaltſame Riß zurückließ? Ach und wie oft fordert die ſtrenge Pflicht ſelbſt die ſchwerſte Entſa⸗ gung, auch zu vergeſſen, was wir aufgeopfert ha⸗ ben. Durch Prüfungen ſollen wir reifen zur Voll⸗ 215 endung in einem höheren Leben, verſucht und geläutert werden, wie das Silberge⸗ läutert wird.*) Darum murre nicht, wenn die Vorſehung Schweres Dir aufgelegt hat, und will der Muth Dich verlaſſen, ſo wende Dein Auge zu dem, von welchem geſagt iſt: Mit Maßen rich⸗ teſt Du ſie, und läſſeſt ſie los, wenn du ſie betrübt haſt mit dem rauhen Win⸗ de. 2*) 5 Als der Pfarrer dieſe Worte ſprach, ward die Gemeinde durch den Eintritt einiger Offiziere ge⸗ ſtört, die bis unter die Kanzel kamen. Luiſe ſah auf, und ward heftig bewegt, als ſie unter den⸗ ſelben ihren Freund erblickte. Murbach erkannte ſte in demſelben Augenblicke. Sie wagte es nicht, ihr Auge wieder zu erheben, um den Blicken des Mannes, die feſt auf ſie gerichtet waren, nicht zu begegnen.; ſie war zu ſehr erſchüttert, um ihre Verwirrung verbergen zu können, und es dauerte lange, ehe ſie ſo viel Faſſung gewann, um an die nächſten Folgen dieſes Wiederſehens zu denken. Als die Predigt zu Ende war, verließ ſie ſogleich ihren Sitz, und eilte aus der Nebenthüre, welche dahin führte, ſchnell in das nahe Pfarrhaus, um dem Offizier auf dem Wege zu dem Schloſſe nicht zu begegnen. Eine glückliche Vorſicht! Als ſie neben der Pfarrerinn am 9 Pſ. 66, 1 0. 2*) Jeſgigs, 27. 1 214 Fenſter ſtand, ſah ſie Murbach mit andern Offizie⸗ ren am Kirchwege ſtehen, unddes ſchien ihr, als ob⸗ er in heftige Bewegung gerathen wäre, nachdem er angelegentlich mit einigen Landleuten geſprochen hatte. Er ging noch lange, erſt mit einigen Kriegs⸗ gefährten, dann allein, in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken, an der Kirchhofmauer auf und nieder⸗ Die Offiziere waren, wie die Pfarrerinn erzählte, in der Schenke abgeſtiegen, nachdem die Heerabthei⸗ lung, wozu ſie gehörten, durch das Dorf gezogen war. Endlich wurden ihre Pferde vorgefuhrt; ſie ſtiegen auf, und flogen der Staubwolke nach, wel⸗ che den Weg des voranziehenden Heerhaufens be⸗ zeichnete⸗ Luiſe eilte nun auf dem nächſten Wege zu dem Luſtwäldchen ihres Landgutes, das ſich bis zu dem Dorfe ausdehnte. Sie überließ ſich auf der einſa⸗ men Wanderung den Gefühlen, welche in dem ver⸗ floſſenen Augenblicke ſo mächtig waren erweckt wor⸗ den. Sie hatte ihn wieder geſehen und mit verſtärk⸗ ter Gewalt hatte alles, was ſie je für ihn empfun⸗ den, ihr Herz ergriffen. Seine edle Geſtalt war noch herrlicher ausgebildet, ſeine Züge waren kräf⸗ tiger und männlich ſchöner, ſeit die Sonne ſein Ge⸗ ſicht gebräunt hatte, und das Gefühl ſeines Wer⸗ thes und des wohl erworbenen Ruhmes ſchien ihm eine ſtolzere Haltung zu geben⸗ Als ſie in den dich⸗ teſten Schattengang des Wäldchens kam, blieb ſie ſtehen, bis ſie endlich, von dem Gefühle ihres Ver⸗ — 215 häugniſſes niedergedrückt, ausrief: O Gott, was habe ich verloren! Der Ton der Schloßuhr, die zwölf ſchlug, weckte ſie aus ihren Träumen. Noch nie hatte ſie ſo, wie jetzt, bey dem Gedanken gebebt, vor ihrem Manne zu erſcheinen. Wie glücklich, dachte ſie, daß gerade heute ein dringendes Geſchäft ihn abgehalten hatte, die Kirche zu beſuchen. Zum erſten Mahle ward ihr der Entſchluß nicht ſchwer, ihr Vertrauen ihm zu entziehen. Er empfing ſie, wie immer, mit froher Herzlichkeit, aber zum erſten Mahle nahm ſie ſeine Liebkoſungen nicht mit ihrer gewöhnlichen Anmuth und Freundlichkeit auf, und nie waren ihr ſo ſehr, als in dieſem Augenblicke, die Spuren des Alters in ſeinen Zügen aufgefallen. Bey Tiſche fragte Amberg nach dem Inhalte der Predigt. Mit ſichtbarer Verwirrung gab Luiſe ſo allgemein, als möglich, den Gegenſtand an. Sehr fruchtbar! ſprach er. Ich hätte wohl hören mögen, wie mein alter Freund mit ſeinen ſtrengen Grundſätzen und ſeiner ſalbungsvollen Wärme die⸗ ſen Stoff behandelt habe. Er pflegt bey ſolchen Ge⸗ genſtänden ſeine Lebenserfahrung und ſein tiefes Gefühl recht eindringlich reden zu laſſen. Er that es auch, ſprach Luiſe mit geſenktem Blicke, und wollte das Geſpräch ableiten, als Am⸗ berg wieder anhob: Kampf zwiſchen Pflicht und Neigung! Wohl iſt das ſchwer, und Wenige mögen da gerecht gefunden werden. Am beſten iſt's wohl 216 für uns Menſchenkinder, wenn Gott uns erhört⸗ ſo oft wir bethen: Führe uns nicht in Verſuchung⸗ Weit entfernt, zu ahnen, daß der ſchwere Kampf in Luiſens Herzen begonnen hatte, ſagte Amberg dieſe Worte ohne alle Beziehung, aber ſie ergriffen mit der lebhafteſten Gewalt das Herz der Tiefbewegten, welche nur zu ſehr fühlte, daß ſie ganz auf ihre Lage paßten⸗ 3 Es vergingen acht Tage. Bald machte ſie ihrem Freunde Vorwürfe, daß er noch keinen Verſuch ge⸗ macht hatte, ſie zu ſehen, bald zitterte ſie vor dem Gedanken, mit ihm zuſammen zu treffen, was ſo leicht möglich war, da das Regiment, bey welchem Murbach ſtand, die Beſatzung einer benachbarten Landſtadt ausmachte. Ihre Ruhe ſtand auf dem Spiele, und ihre Heiterkeit war ſo ſehr geſtört, daß ihr Mann es bemerkte, und oft mit zarter Bekümmerniß ſeine Theilnahme verrieth⸗ Sie wich ſeinen Fragen aus, oder fand einen Vorwand, der ihn nicht beruhigen konnte; aber deſto ſchmerzlicher ward nach ſolchen Augenblicken ihr innerer Kampf. Der ſtille häusli⸗ che Kreis, der ſie bisher beglückt, und worin ſie ſelbſt ihre Freude gefunden hatte, war ohne Reitz für ſie, und ſelbſt ihr holder Pflegling, das zwey⸗ jährige Kind eines armen Verwandten, deſſen Er⸗ ziehung bisher ihre liebſte Sorge geweſen war, konnte ihren Kummer nur ſelten erheitern⸗ 217 Eines Tages ſaß ſie im Luſtwäldchen auf einer Bank von Baumzweigen. Es war ein ſtilles einſa⸗ mes Plätzchen, dicht umſchattet von Lerchenbäumen, rothen Akazien und Platanen. Durch die ſchlanken Stämme der jungen Birken, welche den Abhang hinab liefen, blickte nur ein kleiner Abſchnitt des reitzenden Thales hervor, in welchem der Fluß zu den fernen blauen Bergen ſich hinzog. Reben ihr rieſelte eine Quelle aus dunkelm Brombeergeſträu⸗ che zwiſchen Felſen hervor und nur der Geſang der Droſſeln im Gebüſche unterbrach die Stille. Vor ihr ſaß auf dichtem Mooſe ihr Pflegling und ſcherz⸗ te mit dem Windſpiele, das ihr gefolgt war. Da fuhr der Hund plötzlich bellend auf, und in dem⸗ ſelben Augenblicke ſtand Murbach vor ihr. Luiſe! Heinrich! waren die einzigen Worte, die beyde ſa⸗ gen konnten. Er lag vor ihren Füßen und drückte ihre Hand an ſeinen Mund. O Gott; rief ſie end⸗ lich, erſchreckt von ſeiner Heftigkeit, ſtehen Sie auf! Verlaſſen Sie mich! O Luiſe, was haſt Du gethan! ſprach er⸗ Dich verlaſſen! fuhr er nach einer Pauſe fort. Iſt dieß der Empfang, den ich mir ſo ſchön gedacht hatte? Iſt dieß das Wiederſehen, das ich mir als den ſeligſten Lohn für alle Gefahren verſprach? Der kleine Wilhelm hatte ſich bey dem An⸗ blicke der fremden Gewalt erſchrocken zu ihrer Pfle⸗ gerinn geflüchtet und ſchmiegte ſich ihr ängſtlich in Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 6. B. K 218 die Arme. Ihr Kind, Luiſe? fuhr Murbach leb⸗ haft fort. Nein! antwortete ſie bewegt. Aber was ſagen Sie, Murbach, haben Sie den Brief nicht erhal⸗ ten, worin ich⸗ Ihren Brief⸗ fiel er ein. Ich habe nie einen Brief von Ihnen erhalten. Ich kam mit einem Herzen voll treuer Liebe in meine Heimath zurück; ich kam, den Preis, womit das Glück mich belohnt hat, mit Dir zu theilen, und Du.. O mein Gott rief ſie ſchmerzlich, aber ſich faſ⸗ ſend, fuhr ſie fort: Laſſen Sie mich! Sie wiſſen, daß ein unauflösliches Band mich von Ihnen trennt. Ich kann, ich darf nicht länger ſo mit Ihnen reden. Aber ich will Ihnen ſchreiben, ich will Ihnen alles wiederhohlen, was ich Ihnen damahls ſchrieb. Ja, Sie müſſen wiſſen, was mich zu dem unglucklichen Opfer beſtimmt hat. Luiſe ſtand bey dieſen Worten auf, und ging, das Kind auf dem Arme haltend und von Murbach begleitet, ſinnend den Pfad hinab, der aus dem einſamen Gebüſche zu einem, mit Trauerweiden und Tannen beſchatteten, grünen Platze führte, wo am Rande der Quelle das Denkmahl ihres Vaters ſich erhob. Überraſcht bey dieſem Anblicke, fuhr ſie aus ihren Gedanken auf, und ward heftig ergriffen von der Erinnerung, die in ihr erwachte. Dem Vater und dem Freunde“ las Murbach auf dem Granitwürfel, der die weiße Marmorurne 3 219 krug, und darunter,«Leichter, als des Le⸗ bens Bürde, ſey ihm die Erde.⸗ Seiner Ruhe und dem Glücke ſeiner letzten Lebenstage, ſprach Luiſe, habe ich das Opfer ge⸗ bracht, das uns für immer getrennt hat. Leben Sie wohl, Murbach! fuhr ſie fort, ihre Hand ihm reichend. Hier will ich auf ewig Abſchied von Ih⸗ nen nehmen. Der Schatten meines Vaters wurde mit einem Blicke des Vorwurfs auf mich herab ſe⸗ hen, wenn ich einen Augenblick meine Pflicht ver⸗ geſſen könnte. Leben Sie wohl! Schonen Sie mei⸗ ne Ruhe!. Sie ſprach dieſe Worte mit einem Ausdrucke von Adel und Würde, daß Murbach im Innerſten bewegt, nicht wagte, ihr noch einen Schritt zu folgen, und mit ſeinem Schmerze in das Gebüſch zurück ging. Luiſe warf noch einen Blick auf des Vaters Denkmahl und kehrte mit geſtärktem Muthe in das Schloß zurück. In dieſem Augenblicke von den edelſten Vor⸗ ſätzen erfüllt, ſetzte ſie ſich nieder, um ihrem Freun⸗ de zu ſchreiben, was ſie zur Entſagung gezwungen hatte; aber bey der Stimmung, worin ſie war, verrieth jede Zeile, wie ſehr ſie den Vorwurf ver⸗ letzter Treue von ſich zu entfernen, und ihren Schritt bloß als ein ſchmerzliches Opfer, das harte Noth⸗ wendigkeit gebothen, darzuſtellen ſuchte. Sie ver⸗ ſchwieg ihm auch nicht, welche günſtige Meinung Amberg von ihm geäußert hatte; aber ſie ließ die K 2 220. Beforgniß merken, daß ein Verſuch von ſeiner Sei⸗ te, eine nähere Verbindung zu knüpfen, ſehr leicht ihre und des würdigen Mannes Ruhe ſtören könnte. Für Sie beſtimmt zu ſeyn, ſagte ſie zuletzt, glaubte ich in der glücklichſten Zeit meines Lebens; aber das Schickſal hat es nicht gewollt, und erlaubt mir nichts, als ihre Freundinn zu bleiben, auch bey einer ewigen Trennung, und Gott zu bitten, daß Sie an der Seite einer Würdigern und Glückliche⸗ ren vergeſſen mögen, was wir einſt gehofft haben.* Die Entſchlüſſe, womit ſie dieſen Scheidebrief der Liebe vollendete, brachten zwar ruhigere Faſſung in ihre Seele zurück; aber alles, was ſeit einigen Wochen ſie erſchüttert hatte, ſtörte ihre Heiterkeit ſo ſehr, daß Amberg die unruhigſten Beſorgniſſe für ihre Geſundheit faßte. Eines Tages, als er von einem Beſuche aus der Stadt zurück kehrte, war er ungewöhnlich ernſt. Er ſah ſeine Frau, wenn ſie ſtill ihm gegenüber ſaß, oft forſchend an, ohne ein Wort zu reden. Der Hauptmann Murbach, dein Freund, iſt auch zurück gekehrt, hob er endlich an, immer ſeinen Blick auf ſie heftend. Du weißt es noch nicht? Luiſe erbebte bey dieſer Frage, und vermochte kein Wort hervor zu bringen. Ein wackerer Mann! fuhr Amberg fort. Ich habe ihn heute zufällig in der Stadt kennen gelernt. Es iſt nur eine Stimme über ihn. 221 Darauf brach er, Luiſens Verwirrung bemer⸗ kend, das Geſpräch plötzlich ab; allein er blieb den ganzen Abend ſehr ernſt, und wenn ſie zuweilen ihr Auge zu ihm erhob, ſah ſie, wie er in Nach⸗ denken verſunken war. Als die gewöhnliche Stunde der Trennung kam, faßte er ihre Hand, ſah ſie einige Augenblicke an, und ſprach dann mit merkli⸗ cher Bewegung: Glaube mir, liebe Luiſe, ich ver⸗ kenne dein Herz nicht, aber ich bin überzeugt, es iſt kein Gefühl darin, daß Du Dir ſelbſt vorwerfen müßteſt.— Von ihren Empfindungen überwältigt, ſank ſie an ſeine Bruſt, und er fühlte ihre Thränen auf ſeine Hand fallen. Ich muß vermuthen, daß Du von ſeiner Rückkehr gewußt habeſt, und ich fühle, was in Dir vorgeht; aber folge Du der Stimme deines reinen Gemüths. Um das Eine nur bitte ich Dich, vergiß nie, daß ich dein Freund bin, dem Du unbe⸗ gränzt vertrauen kannſt, und dem dein Glück und deine Ruhe über alles theuer ſind. Mit dieſen Worten verließ er ſie. Lange ſtand ſie unbeweglich, von dem Schmerze ihrer Empfin⸗ dungen ergriffen, bis ſie endlich, ihre Hände erhe⸗ bend, ausrief: O Gott, laß mich allein unglücklich ſeyn, wenn Du es über mich verhängt haſt; leite mich nur, daß ich die Ruhe dieſes edlen Mannes nicht ſtöre. AUm folgenden Morgen, vier Tage nach der — Abſendung ihres Briefes, erhielt ſie einige Zeilen 222 von dem Hauptmanne. Er bath, ihm noch eine Zuſammenkunft zu bewilligen. Bey dem Grab⸗ mahle ihres Vaters will ich zum letzten Mahle Sie ſehen, fügte er hinzu; dieß muß Sie völlig darü⸗ ber beruhigen, mit welcher Geſinnung und in wel⸗ cher Stimmung ich zu Ihnen kommen werde.“” Er wollte ſie an demſelben Tage, Abends um ſechs Uhr, an der beſtimmten Stelle erwarten. Luiſe dachte an die rührende Bitte, womit Am⸗ berg ihr Vertrauen gefordert hatte. Ihr erſter Ent⸗ ſchluß war, die Zuſammenkunft nicht zu gewähren. Unter ſchmerzlichem Kampfe verging ihr der Tag, und ſie verrieth ſich ſo ſehr, daß Amberg ihre Un⸗ ruhe mehr als einmahl bemerkte. Als die Sonne immer tiefer ſank, ermannte ſie ſich noch einmahl zu dem würdigſten Vorſatze, und blieb, mit ihrem Arbeitskörbchen abſichtlich an der Seite ihres Man⸗ nes, der mit Briefſchreiben beſchäftigt war, aber oft uͤber das Papier weg einen beobachtenden Blick auf die Sinnende warf. Es hatte fünf Uhr geſchla⸗ gen; immer unruhiger pochte ihr Herz, als Amberg aufſtand, und ihr ſagte, daß ein Geſchäft ihn nach Arnſtein rufe. Luiſe war mit ihm hinunter gegangen, und wandelte nach ſeiner Entfernung unter den Pap⸗ peln vor dem Schloſſe langſam auf und nieder⸗ Die verhängnißvolle Stunde ſchlug, als ſie an dem Scheidewegs ſtand, wo links der Kirchweg nach dem Dorfe, rechts ein ſchattiger Pfad. in den Luſt⸗ 223 wald gerade zu dem Denkmahle ihres Vaters hin⸗ ab führte. Noch einmahl wollte ſie ſich zur Stand⸗ haftigkeit ermuntern, aber das ſchwache Herz ſiegte⸗ Durfte ſie dem Freunde die letzte Bitte grauſam verweigern? Nur noch einmahl wollte ſie ihn ſe⸗ hen, um ihm das letzte Lebewohl zu ſagen. Es zog ſie unwiderſtehlich in den Wald; ſchon ſah ſie mit unruhig zitterndem Herzen die weiße Marmorurne durch das Gebüſch ſchimmern, jetzt ging ſie über die ſchwankende Brücke von Baum⸗ ſtämmen, welche über das felſige Bett des Baches führte, und endlich trat ſie unter die ſtillen Schat⸗ ten der Trauerweiden, wo Murbach ſeit einer hal⸗ ben Stunde ſie erwartete. Er kam ihr entgegen. Ich glaubte, Sie wür⸗ den mir den letzten Wunſch abſchlagen, hob er an⸗ Ich danke Ihnen, Luiſe. Ja, ich komme, Ihnen das letzte Lebewohl zu fagen, antwortete ſie mit ſichtbarer Bewegung. Vor dem Schritte den ich thun will, mußte ich Sie noch einmahl ſehen, hob er wieder an. Vor welchem Schritte? fragte ſie unruhig. Ich verlaſſe dieſe Gegend, ich verlaſſe mein Vaterland, erwiederte er. Der Krieg, der in Ita⸗ tien ausbricht, ſoll mir eine Laufbahn öffnen, wo ich vielleicht— Ruhe finde. Luiſe ſah ihn ernſt an. Ihr Vaterland verlaſ⸗ ſen? ſprach ſie nach einer Pauſe⸗ In fremden Län⸗ 224 dern dem Kriege nachziehen? Murbach, fragen Sie ſich ſelbſt, iſt der Entſchluß Ihrer würdig? Mein Verhängniß treibt mich, antwortete er heftig. Nein, dem Vaterlande ſollen Sie Geiſt und Arm weihen, die ihm gehören; das müſſen Sie mir verſprechen, wenn Ihr Andenken mir werth bleiben ſoll, wenn Sie mich je geliebt haben. Dann, nur dann wird Alles, was der Ruf Gutes von Ihnen mir erzählt, ein ſchönes Band zwiſchen uns knüpfen, das uns, auch wenn wir getrennt ſind, vereinen wird. O Luiſe! rief er außer ſich, edles, herrliches Weib, Dich ſollte ich verlieren, auf immer verlie⸗ ren! Nein, nein, uns knüpft ein Band, das nie⸗ mand zerreißen kann. Du biſt mein, und wenn Du Dich mit tauſend Eiden von mir losgeſagt hät⸗ teſt!.. Bey dieſen Worten umfaßte er ſie, und drückte ſie mit wilder Gewalt an ſeine Bruſt. In dieſem Augenblicke, als Luiſe ſich loszu⸗ winden ſuchte, kam ihr Mann aus dem dichten Gebüſche. Sie riß ſich mit heftiger Anſtrengung aus den Armen des jungen Mannes, der die leb⸗ hafteſte Beſtürzung verrieth. Amberg trat näher⸗ Beyde Männer ſahen ſich ſchweigend an. Luiſe lehnte ſich faſt beſinnungslos an das Denkmahl ih⸗ res Vaters. Amberg trat endlich zu ihr. Komm, Luiſe, ſprach er mit kaum unterdrückter Bewegung; du 225 brauchſt Ruhe. Sie ſollen mehr von mir hören, wandte er ſich darauf zu Murbach, und grüßte ihn ſchweigend, indem er den Arm ſeiner Frau faßte, und ſich mit ihr entfernte. Luiſe blieb ſtehen, als ſie in den ſchattigen Gang kamen. Amberg, ſprach ſie, der Schein iſt gegen mich, aber ich bin unſchuldig. Still davon, Luiſe, antwortetezer, und ſuchte ſeinen Ton zu mildern, um ſeine Empfindlichkeit zu verbergen. Du biſt jetzt nicht in der Stimmung, von dieſer Angelegenheit zu reden. Wir werden davon zu einer andern Stunde ſprechen. Beruhige Dich. Nein, nicht einen Augenblick darfſt Du glau⸗ ben, daß ich mir etwas vorzuwerfen habe, ant⸗ wortete ſie, und erzählte ihm treulich alles, was zwiſchen ihr und Murbach ſeit dem erſten Wieder⸗ ſehen vorgefallen war. Er hörte ihr mit einiger Überraſchung zu, und freundlicher ward ſein ern⸗ ſtes Auge. Als ſie geendigt hatte, ſah er ſie eine Minute ſchweigend an. Antworte mir, Luiſe, ſprach er, glaubſt Du, daß Du mit ihm glücklich gewe⸗ ſen ſeyn würdeſt? Sie ſchlug ihr Auge nieder. Du haſt ihn ſelbſt als einen edlen Mann gerühmt, antwortete ſie nach einer Pauſe. Ich glaube, er wird immer meiner Achtung würdig ſeyn. Sie waren jetzt am Eingange des Schloſſes⸗ Amberg küßte ſie, tief bewegt, auf die Stirne, 236 3 als er ſie bis an den Eingang ihres Zimmers ge⸗ führt hatte. Gute Nacht, ſprach er ſanft. Suche Ruhe, und ſey überzeugt, daß mir nichts zu ſchwer iſt, Dich glücklich zu machen⸗ Luiſe fand in Ambergs Worten einen Wink, daß er nicht wünſchte, ſie an dieſem Tage wieder zu ſehen, und ſie vermuthete, er werde ſeinen Ent⸗ ſchluß erwägen wollen. Sie brachte einige Stun⸗ den in ſchmerzlicher Bewegung zu, tief gerührt von der edlen Schonung, welche er ihr bewies, un⸗ geachtet ſie den Vorwurf, ſein Vertrauen gekränkt zu haben, nicht von ſich abzuwälzen vermochte. Welchen Entſchluß konnte er faſſen? Er ſchien auf etwas zu ſinnen. Sie ſollen mehr von mir hören, hatte er zu Murbach geſagt. Was war der Sinn dieſer Worte? In dieſer ängſtlichen Stimmung war ſie, als ihr Mann, gegen neun Uhr, ihr ſa⸗ gen ließ, eine wichtige Angelegenheit habe ihn in die Stadt gerufen, ſie werde aber am folgenden Morgen Nachricht erhalten, wenn ſeine Abweſen⸗ heit länger dauern ſollte. In demſelben Augenblicke hörte ſie den Wa⸗ gen aus dem Schloßhofe rollen. Kein Schlaf be⸗ ſuchte ihr Auge in der bangen Nacht. Am folgen⸗ den Morgen zählte ſie unruhig jede Stunde, bis ſie endlich gegen Mittag einen Reuter in den Schloß⸗ hof ſprengen hörte, und ehe ſie ſich gefaßt hatte⸗ ans Fenſter zu eilen, hörte ſie den zweyten; es war ihres Mannes Reitknecht. Nach einigen Au⸗ 227 genblicken trat Ambergs alter Diener mit einem großen Briefe herein. Herr Hauptmann Murbach wartet unten im Saale, ſetzte er hinzu. Er iſt ein⸗ geladen worden, wie er ſagt, um Mittag hier zu ſeyn, und glaubte den Herrn hier zu finden. Luiſe hielt den Brief in der zitternden Hand, und konnte lange kein Wort hervor bringen. Was ſoll ich dem Offizier ſagen? fuhr der Diener fort. Gleich! antwortete Luiſe, und winkte ihm hinaus zu gehen. Mit pochendem Herzen öffnete ſie den Brief und las Folgendes: „Theure Luiſe, ich weiß es endlich, was ich längſt hätte ahnen können, daß Du nicht glücklich biſt. Dein Herz liegt offen vor mir, und ich glau⸗ be, es ruht keine Schuld, kein Vorwurf darauf, Ich kann es mir jetzt denken, wie ſchmerzlich Du bisher gekämpft haſt, aber länger ſoll der grauſa⸗ me Kampf Dich nicht aufreiben. Ich, ich hätte be⸗ denken ſollen, welchen gefährlichen Schritt Du thateſt, als ich Dich zum Altare führte. Auf mir liegt die Schuld alles Unglücks, und mich trifft die Vergeltung. Nein, Luiſe, Du kannſt nicht glück⸗ lich ſeyn an meiner Seite. Keine Täuſchung mehr, ich habe ſie lange genug unbedachtſam unterhalten. Von dieſem Augenblicke an biſt Du frey, Luiſe, ganz frey Deiner Neigung zu folgen. Beyliegen⸗ de Schriften werden Dir ſagen, daß es nur von Dir abhängt, das Band, das uns vereint, ſo⸗ leich zu trennen. Das Andenken, das ich Dir. 228 überlaſſe, das Landgut, das Dir ſo lieb geworden iſt, ſoll Dich freundlich an die Zeit erinnern, wo es mein Beſtreben und meine Freude war, Dich glücklich zu machen. Beſprich das Weitere mit meinem Rechtsfreunde, den Du kennſt; er iſt ein wackerer Mann, der Deine Sache verſtändig und mit Zartgefühl leiten wird. Er ſoll auch von mir nähere Erklärungen und Weiſungen erhalten, ſo bald Du ihm die erſten Eröffnungen gemacht haben wirſt; denn von Dir muß, um allen Mißdeutun⸗ gen vorzubeugen, die erſte Anregung zu unſerer Trennung ausgehen.“ cUnſerer Trennung! Nein, ich ſollte das ſchmerzliche Wort nicht brauchen. Auch wenn das Band gelöſet iſt, das uns bisher vereint hat, wer⸗ den wir doch verbunden bleiben, wenigſtens magſt Du überzeugt ſeyn, daß Du keinen treuern Freund haſt, als mich, und ich darf hoffen, der Gedanke an mich werde auch Deinem Herzen künftig lieb ſeyn.“ Der Hauptmann Murbach wird, auf meine Einladung, zu derſelben Stunde, wo Du die⸗ ſen Brief erhältſt, Dein Landgut beſuchen. Er mag aus Deinem Munde erfahren, welchen Entſchluß ich gefaßt habe. Wie aber eure künftige Verbindung einzuleiten, und was zu beobachten ſey, um alle nachtheiligen Deuteleyen zu verhüthen, muß ich Oei⸗ nem und ſeinem Zartgefühle überlaſſen.“ 229 «Lebe wohl, meine theure Freundinn! Zum letzten Mahle rede ich mit Dir dieſe trauliche Spra⸗ che. Lebe wohl! Es wird uns beyden unangenehme Empfindungen erſparen, wenn wir mündlichem Ab⸗ ſchiede ausweichen. Künftig aber, wenn wir ruhi⸗ ger geworden ſind, und uns beyde an das neue Verhältniß gewöhnt haben, das zwiſchen uns ent⸗ ſtehen wird, mögen wir dann immer uns wieder⸗ ſehen und freundſchaftlichen Umgang haben.“ Luiſe hatte den Brief mit der heftigſten Er⸗ ſchütterung geleſen. Die eine der beyden Beylagen enthielt Ambergs unbedingte Einwilligung in die Scheidung von ſeiner Frau, und war ſo abgefaßt, daß auch der Schein eines Vorwurfes, oder irgend einer Unzufriedenheit mit ihrem Betragen vermie⸗ den wurde; die andere war der Entwurf einer Schen⸗ kungsurkunde über das Landgut zu Arnſtein. Ed⸗ ler Mann! ſprach Luiſe endlich, aus ihrem ſtum⸗ men Schmerze ſich erhebend: nein, nein, Du ſollſt Dich nicht in mir geirrt haben. Jetzt fällt ihr wieder ein, daß Murbach im Beſuchzimmer wartet, und ſie klingelt eben, um ihn zu ſich bitten zu laſſen, als er, der Ungeduldi⸗ ge, ſchon herein tritt. Leſen Sie! ſprach ſie zu ihm, und überreichte ihm die Schriften ihres Mannes. Murbach durchflog den Brief mit leuchtendem Auge. Dann ſah er Luiſen ſchweigend an. Er glaubte in ihrem Auge zu leſen, was in ihrem 7 230— Herzen vorging. Und Sie, Luiſe? hob er endlich an mit ſichtbarer Bewegung. Nicht wahr, ſprach ſie, die Schriften ſchnell zerreißend, ſo handle ich Ihrer und meiner wür⸗ dig? Murbach wollte anfangs, wie es ſchien, eine Bewegung machen, ihre Hand aufzuhalten, aber ſein beſſeres Gefühl hatte ſchnell geſiegt, als er ge⸗ rührt ausrief: Edles, edles Weib! Luiſe klingelte, und befahl, den Wagen an⸗ zuſpannen. Ich fahre ſogleich in die Stadt, ſprach ſie. Mein Mann weiß, zu welcher Stunde ich ſei⸗ nen Brief erhalten habe, und er ſoll ſehen, daß mir mein Entſchluß keinen Augenblick Überlegung oder Kampf gekoſtet hat. Gehen Sie voraus, Herr Hauptmann, und ich bitte Sie, gleich nach meiner Ankunft in unſer Haus zu kommen. Auch Sie ha⸗ ben etwas mit Amberg auszugleichen, und ich hof⸗ fe, dieſe Stunde ſoll Freundſchaft ſtiften zwiſchen zwey Männern, die es werth ſind, einander zu achten. Murbach ſchied. Seine Empfindungen für Lui⸗ ſen waren ſo geheiligt, daß er es kaum wagte, ihre Hand, die ſie ihm reichte, an ſeinen Mund zu drü⸗ cken. Gleich nachher war Luiſe auf dem Wege nach der Stadt. Sie ließ langſam vorfahren, und über⸗ raſchte ihren Mann in ſeinem einſamen Zimmer auf der Gartenſeite. Die zerriſſene Schrift in der Hand haltend, warf ſie ſich in ſeine Arme, und 231 thre Empfindungen ergoſſen ſich in Thränen. Gu⸗ ter, lieber Mann, ſprach ſie endlich mit einem Blicke des innigſten Gefühles: nur an deiner Seite bin ich glücklich! Luiſe! rief Amberg überraſcht, und drückte ſie, heftig bewegt, an ſein Herz. Der Sieg iſt Deiner würdig, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. Erſt nach dieſem Kampfe biſt Du mein. In dieſem Augenblicke ward der Hauptmann gemeldet. Ich habe ihn gebethen, uns zu beſuchen, ſprach Luiſe leiſe, damit er Zeuge meines freyen Entſchluſſes ſey⸗ Er trat herein. Herr Hauptmann, ſprach Am⸗ berg zu ihm, indem er Luiſen wieder umfaßte: wenn das, was Sie für meine Frau empfunden haben, auf Achtung gegründet war, ſo ahne ich, was Sie in dieſem Augenblicke fühlen.. Meine Gefühle werden des Gegenſtandes, der ſie einflößt, immer würdig ſeyn, antwortete er⸗ Und Sie, edler Mann, fuhr er fort, Ambergs Hand faſſend: auch Sie müſſen mir einen Anſpruch auf ihre Freundſchaft geben, die ich zu verdienen hoffe. Der Frauenneigung will man ſonſt nicht viel Unparteylichkeit nachrühmen, ſprach Amberg freundlich, aber der Vorzug, den meine Frau Ih⸗ nen bewieſen hat, würde mir Bürge ſeyn, daß Sie meiner Achtung werth ſind, wenn Sie einen Bürgen brauchten⸗ Seyen Sie mein Freund! Mit 233 dieſen Worten öffnete Amberg ihm die Arme und drückte ihn an ſeine Bruſt. Und unter den Augen dieſes edlen Mannes, ſprach Luiſe nach einer Pauſe, dem Hauptmanne die Hand reichend: wiederhohle ich das Verſpre⸗ chen, als Freundinn Ihrer zu gedenken. Murbach küßte die theure Hand mit ehrerbiethi⸗ ger Wärme. Und Ihr Andenken, ſprach er, ſoll mich fortan als ein Schutzgeiſt durch das Leben begleiten. Beyde blieben den Entſchlüſſen treu, die ſie in dieſer Stunde gefaßt hatten. Luiſe pflegte ihren Mann noch mit liebevoller Sorgfalt, als er ſpät, ein Greis, die Schwächen und Leiden des Alters trug. Murbach folgte noch einmahl dem Rufe des Vaterlandes in den Krieg, und als er, mit neuem Ruhme gekrönt, in ſeine Heimath zurück gekehrt war, fand er das Glück der Häuslichkeit an der Seite einer Frau, die dem hohen Bilde weiblicher Tugend ähn⸗ lich war, das die erſte Geliebte in ſeiner Seele er⸗ weckt hatte. 6 d* 9 5⸗ 5 5&ECGEECESCGSEEEG6EEESER Klaͤrchen hatte eben die letzten Tacte auf ihrem Flügel gegriffen, als ſie das ſchöne braunlockige Köpfchen über die Stuhllehne bog, und freundlich zu dem Oheim hinüber ſah, der, auf dem Soffa ſitzend, eine Zeitſchrift las. Nun, lieber Oheim, hat's Ihnen gefallen? Ein herrlicher Marſch! Ey, es war kein Marſch, antworkete das Mädchen. Eine neue Sonate von Beethoven. So? Nun, ich dachte, es wäre ein Marſch. Dieſer Siegesbericht hat mich ſo ganz auf das brumen höre. Soll ich Ihnen noch mehr vorſpielen, oder wol⸗ len Sie meine neuen Zeichnungen ſehen? Laß ſehen, antwortete der Oheim, und legte das Heft der Zeitſchrift weg. 1 Klärchen öffnete ihre Mappe und zeigte ihm mehrere geiſtreich ausgeführte Skizzen nach Antiken und Studien nach Rafgel und Nubens⸗ Schlachtfeld in Champagne verſetzt, daß ich nur Trommeln und Janitſcharenmuſik vor den Ohren 236 Brav, wirklich recht brav, ſo viel ich davon verſtehe. Wen bedeutet dieß? Ein Wurfſcheibenwerfer, ein— Diskobolus. Ey ſieh doch, wie gelehrt Du biſt, Klärchen! Und dieſer da? 5 Odyßeus, der kluge Held aus Ithaka. Richtig. Seine Frau war die treue Penelope, die ſo fleißig mit ihren Dienerinen webte. Du ſiehſt, ich habe meine Mythologie und meinen Homer auch nicht vergeſſen. Ja, ja, alles recht ſchön! Aber höre, Klärchen, ich habe der Köchinn befohlen, mir heute Abend eine Weinſuppe zu machen. Sieh doch darauf, daß ſie beſſer bereitet werde, als vor⸗ geſtern. Du verſtehſt es ja? O ja, zur Noth, lieber Oheim, antwortete Klär⸗ chen, und verbarg lächelnd ihr Erröthen. Morgen, liebes Kind, könnteſt Du das ſchö⸗ ne Wetter benutzen, und im Garten ein wenig pflan⸗ zen. Was die Dienſtbothen geſtern gepflanzt haben, wird ſchwerlich aufkommen. Und beyl der nächſten großen Wäſche, Klärchen, würde ich's recht gern ſehen, wenn Du ſtrenge Oberaufſicht führteſt. Das Geſinde macht's ſo nachläſſig. Du wirſt wiſſen, was dabey zu beobachten iſt. Es ſoll ſchon gehen, lieber Oheim.— 3 Alſo zur Noth— es ſoll ſchon gehen— Hm! hm! ſprach der Oheim den Kopf ſchüttelnd. Ja, liebes Mädchen, Deine ſelige Großmutter und meine gute Frau, die waren in allen dieſen Din⸗ ⸗ 23 gen gar herrlich bewandert. Kein wirthſchaftliches Geſchäft, worin ſie ſich gern von andern Haus⸗ frauen wollten übertreffen laſſen. Ja, Klärchen, ſo war's vor fünfzig Jahren. Meine Mutter wußte zur Noth auch eine Menuet oder eine Polonaiſe auf dem Clavier zu ſpielen, und kam mein Vater mißlaunig vom Rathhauſe, ſo ging es ſchon, wenn ſie's verſuchte, ihn aufzuheitern durch das Liedchen: Freude, Göltinn edler Herzen, Höre mich! Sie zeichnete auch, daß ich's nicht vergeſſe, aber freylich ging ihre Kunſt nur ſo weit als nöthig war, um die Stickerey zu einem Paar Manſchet⸗ ten für meinen Vater, oder zu einem Halstuche zu entwerfen. Seit fünfzig Jahren iſt's nun freylich anders geworden. Manſchetten tragen wir nicht mehr, und ein beſcheidenes weißes Buſentuch mit zierlichen Blumen und Ranken muß ſich freylich gegen einen türkiſchen Shawl verkriechen. Lieber Oheim, Sie haben heute eine recht mun⸗ tere, beißende Laune⸗ Das wüßte ich nicht, mein Kind. Aber bey⸗ nahe hätte ich's vergeſſen, Herr Monheim aus Wald⸗ hauſen wird uns wahrſcheinlich in dieſen Tagen wie⸗ der beſuchen. Sorge dafür, Dich in der Wirthſchaft ein wenig vorzubereiten. 238 Er kommt ſchon wieder? fragte Klaͤrchen. Schon, ſagſt Du? Es ſind doch wenigſtens vier Wochen, als er zuletzt hier war⸗ Ey, lieber Oheim, nicht vierzehn Tage ſind's. Ja, wahrlich, Du haſt recht, es war im An⸗ fange dieſes Monaths⸗ Nun, es muß ihm bey uns gefallen haben. Es iſt doch ein lieber, wackerer Mann; der verſtändigſte Landwirth unter allen Gutsbeſitzern in unſerer Gegend. Und wie kennt⸗ nißreich, wie gebildet! In der That, ich habe mich immer ſehr angenehm mit ihm unterhalten. Wenn er vollends noch das Schachſpiel lernt, wie er mir verſprochen hat, ſo iſt er ganz mein Mann. Dazu, lieber Oheim, iſt er wohl nicht jung genug mehr. 8 Närriſches Mädchen, als ob ein Mann von vierzig Jahren nicht noch das Schachſpiel lernen⸗ könnte! Ich ſpielte es freylich ſchon, als ich erſt fünfzehn Jahre alt war, dafür nehme ich's aber auch mit jedem auf. Vierzig Jahre ſagen Sie, lieber Oheim? Ich glaube, ihm wenigſtens acht Jahre mehr geben zu dürfen, ohne ihm ſehr unrecht zu thun. Und wenn auch, doch immer noch ein rüſtiger Mann. Freylich haben die Sorgen eines ſechsjäh⸗ rigen Witwerſtandes wohl ein paar Runzeln auf feine Stirne gegraben. Schade, daß er die treffli⸗ che Frau ſo früh verlieren mußte! Er hat an ihrer Seite das häusliche Glück in ſo reichem Maße ge⸗ 259 noſſen, daß jedes Mädchen, das der verſtändig prüfende Mann nach einer ſolchen Frau wieder zur Lebensgefährtinn wählen wollte, durch ſeine Wahl ſich ſehr geſchmeichelt fühlen muß. Bey aller Achtung gegen den würdigen Mann, möchten darin doch wohl manche Mädchen anderer Meinung ſeyn, lieber Oheim. Aber mein verſtändiges Klärchen hoffentlich nicht. Ja, mein Kind, ich glaube, er hat ein Au⸗ ge auf Dich geworfen. Klärchen erblaßte und erröthete wechſelnd, als der Oheim nach dieſen Worten ſie einige Augenbli⸗ cke anſah. Aber, theurer Oheim, ſprach ſie nach einer Pauſe mit unſicherer Stimme, an eine ſo ungleiche Verbindung würden Sie doch gewiß nie denken wollen. Nun, was wäre denn ſonderlich Ungleiches da⸗ bey? Laß ſehen. Seine Geſtalt? Hundert Mädchen haben nicht ſo eine männlich ſchöne gewählt. Seine 3 Lebensweiſe? Ein verſtändiges Mädchen wird ſich darein finden, auch wenn ſie nicht auf dem Lande erzogen, und ſonſt nur an Häuslichkeit gewöhnt iſt. Aber ein redlicher, ein fleißiger Mann, und das ſchönſte Gut in unſerer Gegend; das ſind Vorzü⸗ ge, vor welchen das, was Du Ungleichheit nennſt, ganz verſchwindet. Freylich könnte auf Deine So⸗ naten zuweilen wohl ein wenig Staub von der Tenne fliegen, wenn die Dreſchflegel auf den vol⸗ len Garben im luſtigen Tacte tanzten, und mit 240 den Tönen Deines Flügels würde ſich gar oft das muatere Geläute der Heerdenglocken miſchen, dem Landwirthe eine erfreuliche Muſik, wenn Dein wohl⸗ genährtes Vieh in Deinen reinlichen Hof zöge, wo al⸗ les das wachende Auge des Hausvaters und den Fleiß der ſorgſamen Hausfrau verkündigte. Du würdeſt ſchwerlich auch viel Zeit haben, etwas an⸗ deres zu ſingen, als Sonntags in der Kirche, oder ein munteres Lied beym Erntekranz und in der Weinleſe, oder wie ich hoffe, auch noch ein Wie⸗ genliedchen. Lieber Oheim, Sie ſagen mir mehr, als nöthig— iſt, um mir ein ſolches Leben von der am wenigſten erfreulichen Seite zu zeigen. Klärchen, ſprach der Oheim ernſt, ich habe nie einen guten Menſchen, und beſonders ein rein füh⸗ lendes Weib gekannt, ohne Sinn für die einfachen Freuden des Wandlebens. Und der fehlt auch Dir nicht; die Zerſtreuungen der großen Welt haben Dich nie angezogen. Und werden mich nie anziehen, mein guter Oheim, ſprach Klärchen mit Wärme. Wo ich an Ihrer Seite bin, und Ihr Leben erfreuen kann, da wird immer für mein Herz die liebſte Heimath ſeyn... Aber der Ton, worin Sie mir alle jene Dinge ſagten, beweiſet mir, daß Sie nur ſcherzem⸗ wollten⸗ 4 241 Du haſt wohl nie gehoͤrt, daß ich ſcherze in ernſten Dingen, und dazu rechne ich, wenn von Deinem Glücke die Rede iſt. Ja, theurer Oheim, ich weiß es, antwortete Klärchen, mein Glück war Ihnen ſtets der heilig⸗ ſte Ernſt.. Es könnte alſo doch wohl ernſtlich gemeint ſeyn, erwiederte der Oheim; freundlich ihre Hand faſſend. Wenn Sie von meinem Glücke reden, ſag⸗ ten Sie, guter Oheim⸗ Und Dein Glück glaubſt Du nicht zu finden an der Seite jenes Mannes? Ich muß in alle Ihre Lobſprüche einſtimmen, antwortete ſie. Aber gehört denn nicht noch mehr zum Glücke, als Redlichkeit, Verſtand, Fleiß?.. Und was den Reichthum angeht, ſo wird die vaͤ⸗ terliche Güte, die Sie mir ſeit meiner Kindheit er⸗ zeigten, und meine Luſt zur Arbeit— Nun, Du wirſt nach meinem Tode keine Noth leiden, dafür hat Gott mich geſegnet. Aber darum einem Manne ohne Vermögen Deine Hand zu ge⸗ ben— Nein, mein Kind, das geſchieht nicht mit mei⸗ nem Willen. Sage mir, was iſt mehr nöthig, häusliches Glück zu gründen, als was Du vorhin genannt haſt? Vielleicht Liebe, gleich geſtimmte Herzen, und wie die luftigen Schwärmereyen wei⸗ ter heißen, die Du aus Deinen Romanen mitge⸗ bracht haſt? So weit ich im Leben mich umgeſehen habe, weiß ich unter zehn Ehen nicht eine zu nen⸗ Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 6. B. 242 nen, wo aus ſolchen Dingen das wahre Glück, das ſichere häusliche Glück, hervor gegangen wäre. Die meiſten Ehen der Art, die mit Glut und Liebe an⸗ gefangen hatten, endigten mit Kälte und Haß, und gewiß bringt niemand den Konſiſtorien mehr Gerich tsgebühren ein, als der blinde Amor. Ey, das hätte ich mir nicht träumen laſſen, ſprach Klärchen lachend, daß Amor und das Kon⸗ ſiſtorium auf einem ſo freundſchaftlichen Fuße ſtän⸗ den! Wir wollen jetzt nicht ſcherzen, Klärchen. Aber wo der Verſtand gewaͤhlt hat, wo man vor allen Dingen zuerſt fragte: verdient der Mann, ver⸗ dient die Jungfrau Achtung? Hat der Mann Kennt⸗ niß, Fleiß und Mittel zum Fortkommen, die Jung⸗ frau ſtillen frommen Sinn und hausmütterliche Tu⸗ genden?— Da, mein liebes Kind, da trennt nur der Tod, aber nie das Gericht, was Gott zuſam⸗ men gefügt hat... Habe ich recht? fuhr der Oheim fort, als Klärchen gedankenvoll ſchwieg. Ja, Sie haben recht, erwiederte das Mäd⸗ chen. Aber ſollten denn alle die löblichen Eigen⸗ ſchaften, worauf es bey der Wahl zuerſt ankommen muß, ſich nicht auch mit dem kleinen Vorzuge von zwanzig oder fünfzehn Lebensjahren weniger verei⸗ nen laſſen?2 Allerdings möglich; doch wenn wir ſie nun alle im ſchönſten Vereine beyſammen fänden, aber Verwirrung nicht bemerkte, womit Klärchen die 243 mit ſo viel Lebensjahren mehr, was für ſonderli⸗ ches Unglück würde das machen? Eine frühe Witwe, antwortete Klärchen. Und Witwenſtand, lieber Oheim, iſt kein Freudenſtand. Da haſt Du recht. Darin liegt etwas, aber nur etwas. Kaum hatte der Oheim dieſe Worte geſprochen, als Herr Thorwald gemeldet wurde. Klärchen hör⸗ te den Nahmen mit lebhafter Überraſchung und hatte ſich noch nicht erhohlt, als ein ſchöner jun⸗ ger Mann herein trat, der ſie mit ſichtbarer Ver⸗ wirrung grüßte, und darauf ihrem Oheim ſich nä⸗ herte. Ich danke ihnen, ſprach Herr Reinau nach der freundlichſten Bewillkommung, daß Sie ſo bald Wort gehalten haben. Darauf ſtellte er ſeiner Tochter den jungen Mann vor. Aber ich beſinne mich, Sie waren auf dem letzten Balle, wie Sie mir geſtern erzählten, wahrſcheinlich haſt Du Herrn Thorwald ſchon geſehen, Klärchen. Ich hatte... die Ehre... antwortete ſie mit unſicherer Stimme, und eine glühende Röthe bedeckte ihre Wangen. Schön, alſo ſchon eine Art von alter Bekannt⸗ ſchaft, hob der Oheim wieder an. Nun ich bin Ih⸗ nen geſtern Vergeltung ſchuldig geblieben, Sie ſe⸗ hen mich bereit, ſetzte er hinzu. Ungeduldig, die gewohnte Abendunterhaltung zu beginnen, war er ſo eifrig, das Schachbret zu ordnen, daß er die L 2 244 Frage beantwortete, welche der junge Mann an ſie richtete. Beyde hatten ſich, um das Geheimniß hier zu enthüllen, ſeit der erſten Bekanntſchaft auf dem Faſchingsballe, den Klärchen mit ihrer Muh⸗ me und deren Töchtern beſuchte, ſchon oft zu ſehen Gelegenheit gefunden. Thorwald, der erſt ſeit ei⸗ nigen Monathen ſich in der Stadt niedergelaſſen hatte, war der Univerſitätsfreund des Sohnes ih⸗ rer Muhme, und beſuchte das geſellige Haus der⸗ ſelben nun deſto öfter, da auch Klärchen ſeit jenem Balle an dem Umgange mit ihren jungen Verwand⸗ ten mehr als je Gefallen zu finden ſchien. So hatte ſich ein zärtliches Verſtändniß zwiſchen ihnen ge⸗ bildet, und der liebenswürdige Mann erſt vor we⸗ nigen Tagen, was er ſeit dem erſten Blicke für ſie empfunden, ihr geſtanden. Beyde ſannen, wie Thorwald bey dem Oheim ſich einführen möchte, als ein glücklicher Zufall ihre Abſichten begünſtigte. Der junge Mann hatte Tags vor ſeinem Beſuche Klärchens Oheim in einem öffentlichen Garten vor der Stadt kennen gelernt, und als feiner Schach⸗ ſpieler ſich ihm ſo ſehr empfohlen, daß Reinau ſei⸗ nen gewandten Gegner freundlich zu ſich einlud, mit der, in ſeinem Munde viel bedeutenden, Ver⸗ ſicherung, es ſey ihm lange kein Spieler vorgekom⸗ men, der ihm ſeine Lieblingsunterhaltung ſo an⸗ genehm gemacht habe. Thorwald beſtätigte auch bey dem zweyten Kampfe die gute Meinung, die er von ſich erweckt hatte, obgleich er, die Wahrheit 245 zu ſagen, ſeinem Gegner die Freude machte, von vier Spielen drey, nicht ganz ohne Abſicht zu ver⸗ lieren, da auch ihm die Schwachheit des wackern Reinau, der ſich des Rufes, der erſte Schachſpie⸗ ler in der Stadt zu ſeyn, ziemlich ſelbſtgefällig freute, nicht entgangen war. Klärchen reichte den eifrigen Spielern den Thee, aber dieſe Unterbrechungen ſchienen nicht wenig Schuld zu ſeyn an den falſchen Zügen, wei⸗ chen Thorwald ſeine Niederlagen zu danken hatte. Nach dem Spiele zeigte der junge Mann, der im⸗ mer einnehmender erſchien, je unbefangener er all⸗ mählig ward, ſeine Meiſterſchaft auf dem Flügel und Klärchen begleitete ſein Spiel mit ihrem Ge⸗ ſange. Reinau, durch ſeine Siege in die heiterſte Laune geſetzt, war ſehr vergnügt und beym Abſchie⸗ de wurde Thorwald eingeladen, wenigſtens ein Mahl in der Woche, jeden Freytagabend, mit ihm Schach zu ſpielen, und ein freundlicher Zuſatz gab ihm die Rechte des ſtets willkommenen Hausfreundes. Als Reinau mit ſeiner Nichte allein war, fiel das Geſpräch auf den neuen Geſellſchafter. Wie ſpielt er denn? fragte Klärchen. Recht brav, antwortete der Oheim. Er hat's mir zuweilen recht ſauer gemacht, ihn zu ſchlagen. Doch ich habe es nun weg, wie er zu faſſen iſt und das nächſte Mahl gebe ich ihm getroſt die Köni⸗ ginn vor. 246 Es war Mittewoche, und am nächſten Frey⸗ tage glaubte Thorwald, um ſich pünetlich zu zei⸗ gen, den erſten Spielabend nicht verſäumen zu dür⸗ fen. Klärchen hatte ihn ſeitdem nicht geſehen. Reinau kündigte einen Kampf auf Tod und Leben an. Der junge Mann verlor das erſte Spiel und als jener ihm die Königinn vorgeben wollte, glaubte er ſeine Kunſtfertigkeit in glänzenderem Lichte zeigen und den Siegerſtolz ſeines Gegners ein wenig beugen zu müſſen. Das Spiel ſchien ſchlecht für ihn⸗ zu ſtehen, aber plötzlich that er einige fein vorbereitete Meiſterzüge, durch welche Reinau höchlich überraſcht wurde. Vortrefflich, in der That vortrefflich! rief er aus. Sie erinnern mich durch ihre Spielweiſe ganz an die wackere Frau, die mir den erſten Un⸗ terricht im Spiele gab. Wie, eine Frau hätte einen ſolchen Schüler ge⸗ zogen? fragte Thorwald⸗ Ja, aber was für eine Frau! Meine ſelige Tan⸗ te, der ich überhaupt viel Gutes danke. Mein Oheim ſpielte ſchlecht, und um ſich einen Gegner nach ihrem Sinne zu erziehen, machte ſie ſich das Vergnügen an jedem Sonntage, wenn ſie des Nach⸗ mittags ihre Predigt geleſen hatte, mich, den fünf⸗ zehnjährigen Knaben, im Spiele zu unterrichten. Ein gar kluges, liebes Weib! Nicht wahr, lieber Oheim, ſiel Klärchen ein⸗ die freundliche Geſtalt unter unſern Familienbil⸗ dern, mit dem Halsband von Demanten und Kar⸗ — 247 funkeln, den gewaltigen Engageanten und dem ſtatt⸗ lichen rothen Atlaskleide? Ein ſchönes Geſicht! Es erinnert mich immer an Holbein's heilige Jungfrau. So zart, ſo fromm und gemüthlich! Das Bild iſt ihr ſprechend ähnlich. So oft ich's anſehe, erinnere ich mich an die ſchönen Stunden, wo ich ihr gegenüber ſaß, und ſie mir freundlich zu⸗ lächelte, wenn ich ihren Unterricht begriffen hatte, oder mit ihren lieben Fingerchen mich auf die Hand ſchlug, wenn ich einen dummen Zug machte. War's ſo vor fünfzig Jahren, liebee Oheim? fragte Klärchen mit ſchlauer Unbefangenheit. Lächelnd drohte der Oheim mit dem Finger und wendete ſich darauf wieder zu ſeinem Spiele, um ſich aus einer bedenklichen Lage zu ziehen. Lieber Thorwald, ſprach er, ich glaube, Sie haben mir zeither den gefährlichen Feind verborgen, um mich recht ſicher zu machen. Keinesweges, antwortete der junge Mann, aber haben wir nicht vor unſern Augen geſehen, wie man auch in dem blutigen Spiele mit lebendigen Steinen, deſſen Vorbild unſer Spiel iſt, endlich von dem Sieger lernt? Reinau konnte nur mit großer Anſtrengung das letzte Spiel gewinnen, aber ſeine Achtung für Thorwald, als feinen Kopf war nun gegründet. Als der junge Mann Abſchied genommen hatte, hielt er ihm eine warme Lobrede. Klärchen war im Innerſten entzückt, und um noch mehr zu hören, 248 ſtellte ſie ſich gleichgültig, und wagte ſogar, zu äußern, es könne vielleicht im Leben nicht ſo klug und gewandt ſeyn, wer ſich im Spiele ſo geſchickt und verſtändig zeige. Der dreiſte Zweifel ward nicht gut aufgenommen, und zuverſichtlich behaup⸗ tet, es ſey noch nie ein guter Schachſpieler, ſeit dem indiſchen Weiſen, der das Spiel erfunden, ein Pinſel im Leben geweſen. Reinau wurde dar⸗ auf noch wärmer in ſeinem Lobe, und theilte alles mit, was er ſeit der erſten Bekanntſchaft mit Thor⸗ wald auf eingezogene Erkundigung Rühmliches von ihm erfahren hatte. Überall pries man die Kennt⸗ niſſe und den Fleiß des jungen Mannes, welcher, kaum von der hohen Schule zurückgekehrt, ſchon mit großer Auszeichnung in der Laufbahn eines Rechtsgelehrten aufgetretten war, über ſeine Red⸗ lichkeit war uur eine Stimme, und zum Arger vie⸗ ler von ſeinen Standesgenoſſen rühmte man laut von ihm, daß er eine Ehre darin ſuche, mehr Strei⸗ tigkeiten in der Güte zu ſchlichten, als vor die Ge⸗ richte zu bringen. Aber freylich vergaß Reinau nicht hinzu zu ſetzen, daß der wackere Mann leider gar kein Vermögen und keine Hülfsmittel als ſei⸗ nen Fleiß habe, und bey ſeiner ſtrengen Gewiſſen⸗ haftigkeit ſchwerlich ſo ſchnell als Andere in ſeiner Laufbahn gedeihen werde. Die Ankunft eines Briefes von dem Gutsbe⸗ ſitzer in Waldhauſen unterbrach die Unterhaltung⸗ Er lud Reinau und Klärchen auf den nächſten Sonn⸗ b — è!¹ 249 tag zu einem ländlichen Feſte, zur Feyer ſeines Ge⸗ burtstages ein. Du haſt's doch beynahe getroffen, Mädchen, ſprach Reinan, als er ihr die Einladung mitgetheilt hatte, ſieben und vierzig Jahre, er ſagt es ſelbſt. Klärchen lächelte, und dachte für ſich, es ſey eben nicht klug, dem Oheime eines ſiebzehnjähri⸗ gen Maͤdchens, auf welches man ein Auge gewor⸗ fen habe, den bedenklichen Unterſchied von dreyßig Jahren auf eine ſo feyerliche Art fühlbar zu machen. Am folgenden Tage hätten ſie gern einen Beſuch bey ihrer Muhme gemacht, um den Geliebten zu ſehen, aber die wirthſchaftliche Wochenrechnung ließ ihr keinen Augenblick Zeit, und ſie wußte wohl, daß der gute Oheim gegen manches Andere nach⸗ ſichtig war, wenn er dieſe Rechnung, reinlich ge⸗ ſchrieben, Sonnabends vor Schlafengehen leſen konn⸗ te. Früh am folgenden Morgen fuhr er mit ihr nach Waldhauſen⸗ Es war ein ſchöner Maytag. Der anmuthige Weg, der durch Wieſengründe und üp⸗ pige junge Saaten führte, und die Gruppen feſt⸗ lich geſchmückter Landleute, welche mit einem freund⸗ lichen Gott grüß' Euch! zum nahen Kirchdorfe vor⸗ über zogen, alles bereitete den Oheim auf das länd⸗ liche Vergnügen vor, das er ſich an dieſem Tage verſprach. Nur Klärchen ſaß zuweilen ſtill und nach⸗ denkend an ſeiner Seite, und antwortete dann we⸗ nig, wenn Reinau in ſeiner heiteren Stimmung auf die reitzende Landſchaft, und alles, was dieſel⸗ 25 29 be belebte, ſie aufmerkſam machen wollte. Endlich öffnete ſich ein luſtiges Thal zwiſchen waldigen Hö⸗ hen, von einem kleinen Fluſſe durchſtrömt, und über einem Kranze blühender Obſtbäume erhob ſich das glänzende grüne Thürmchen auf dem ſchönen Wohngebäude des Gutes zu Waldhauſen. Reinau war noch nicht fertig, die ſchöne Lage des Gutes zu rühmenz und die Frau glücklich zu preiſen, die G als Hausmutter hier walten könnte, als der Wa⸗ gen in den Hof rollte. Es war zahlreiche Geſell⸗ ſchaft aus der umliegenden Gegend da. Der freund⸗ liche Wirth empfing den Oheim und die ſchöne Nich⸗ te mit ausgezeichneter Höflichkeit, und das Erſte, worauf Reinau's Blicke ſielen, als er in den Saal trat, war ein zierliches Schachſpiel von Elfenbein⸗ Was ſehe ich! rief Reinau freudig. Sie haben wohl ſchon angefangen, zu lernen? Wenig oder gar nicht, erwiederte Monheim. Aber ich zweiſte nicht, Sie werden unter den Herren ſchon einen Gegner finden⸗ Ein neuer Wagen fuhr in dieſem Augenblicke in den Hof, und gleich darauf trat Thorwald mit einem ältlichen Manne, ſeinem Verwandten, in den Saal. Ey, welches angenehme Zuſammentref⸗ fen! ſprach Reinau überraſcht. Sie kennen ſich ſchon? hob der Wirth wioder an. Eben wollte ich Ihnen Herrn Thorwald als meinen künftigen Gerichtshalter vorſtellen. ——᷑—ÿ—ꝛ——-— 291 Glück auf! hob Reinau wieder an. Cin viel verſprechender Anfang! Thorwald hatte beyder unerwarteten Außerung des Gutsbeſitzers die lebhafteſte Überraſchung verra⸗ then, und die Verlegenheit, worein das Vertrauen, welches man ihm beweiſen wollte, ihn ſetzte, wurde ziemlich peinlich, als er, ehe noch Klärchen ihm einen Wink gegeben hatte, Monheims Abſich⸗ ten nur zu deutlich bemerkte. Die beyden Liebenden ſahen, wie vertraulich ſich der Wirth mehr als ein⸗ mahl mit Rainau unterhielt, und jedes Zeichen ei⸗ nes freundlichen Einverſtändniſſes, das der Oheim in ſeiner heitern Stimmung jenem gab, ſetzte die jungen Leute immer mehr in eine trübe Stimmung. Abends war Tanz im Gartenſaale. Als Thorwald einmahl mit Klärchen gewalzt hatte, zog der Oheim ihn zum Schachbrete, während die Nichte mit Mon⸗ heim zum zweyten Mahle in die Reihe treten mußte. Thorwald war ganz zerſtreut, bis Reinau auf ein⸗ mahl warnend rief: Aber was machen Sie heute? Noch einen Zug und ihre Königinn iſt verloren. Das hatte Thorwald freylich nicht beachtet, da ſeine Blicke zu ängſtlich der Königinn ſeines Herzens folgten, der auch ein bedenkliches Sch gebothen wurde. Klärchen kam bald dazu, ſetzteſ neben den Oheim und ſchlug einige Auffod 3 ab, unter dem Vorwande auszuruhen, aben wald ſpielte nun nicht viel beſſer, und k Schwindel, bis endlich Rainau, ſelbſt 252 den Tanzlärm, die Unherhaltung abbrach. Sobald Thorwald frey war, ſuchte er eine Gelegenheit, mit Klärchen allein zu ſprechen. Sie fanden ſich im Garten, theilen ihre Beſorgniſſe und ihre Entde⸗ Kungen ſich mit, und Thorwald trennte ſich von ihr mit dem Entſchluſſe, ſich dem Oheime, auf deſſen Gunſt er ein wenig baute, muthig wagend, zu entdecken. Auf der Heimfahrt erfuhr Klärchen von ihrem Oheime, daß Monheim von ſeinem Wunſche geſprochen hatte. Er reiſet übermorgen ins Bad, ſetzte Rainau hinzu. Nach ſeiner Rück⸗ kehr, in vier Wochen, will er uns beſuchen, und die Antwort aus Deinem Munde hören. Klärchen ſchwieg. Ihr Oheim war ſo müde, daß er ihre einſylbige Unterhaltung nicht vermißte, bis er endlich einſchlief und ſie ihren Gedanken überließ. Wie lange währte ihr die Zeit bis zum Dienſtage, wo Thorwald zu einer außerordentlichen Schachſpielſitzung eingeladen war! Thorwald nahm ſich an dieſem Tage zuſammen, um den Oheim durch ein recht anziehendes Spiel in eine freundli⸗ che Stimmung zu ſetzen, und als ihm dieß gelun⸗ gen war, ſprach er mit Offenheit und herzlicher Wärme ſein Geſtändniß und ſeine Wünſche aus. Rainau reichte ihm die Hand. Herr Thorwald, ſprach er, ich achte, ich liebe Siez davon ſind Sie hoffentlich überzeugt. Aber was Sie mir da ſa⸗ gen... Meine Nichte iſt noch ſo jung, und Sie auch noch. Sie haben kaum ihre Laufbahn betre⸗ . 233 ken, es hat ſich Ihnen noch keine Ausſicht, zu ei⸗ nem ſichern Fortkommen geöffnet.. Wie könnte das gehen! Sie ſind ein ſo wackerer verſtändiger Nann und wollten bey einem ſo wichtigen Schritte ſo raſch ſeyn...Aber ſagen Sie mir, weiß meine Nichte darum? Geſtehen Sie mir alles. Thorwald verhehlte nichts. Ey, ey! ſprach Rainau verwundert. So ſchnell hat ſich das ge⸗ macht! Klärchen trat gleich darauf in das Zimmer, als Thorwald ſich zum Abſchiede bereitete. Ihr ſcharfer Blick las in ſeinem Auge alles, was ſie wiſſen wollte. Lieber Thorwald, ſprach Rainau, ihm die Hand ſchüttelnd: laſſen Sienes unter uns bleiben, was wir geſprochen haben. Übrigens bleibt's bey unſerer Abrede, ich ſehe Sie Freytag Abends wieder. 3 Dieſe freundlichen Worte machten Klärchen ein wenig irre in ihren bangen Vermuthungen. Sie ſetzte ſich mit ihrem Strickzeuge zu ihrem Oheime und ihre Verwirrung ſtieg, je länger ſein ernſtes Schweigen dauerte. Was fehlt Ihnen, lieber Oheim? hob ſie endlich an mit unſicherer Stimme. Nichts, mein Kind, antwortete er milde. Sage mir doch, hob er nach einer Pauſe wieder an, wie lange kennſt Du Herrn Thorwald? Seit dem Faſchingsball, antwortete ſie be⸗ wegt, und neigte das glühende Geſicht. 254 Von dem Balle bis zu Thorwalds erſtern Be⸗ ſuche in unſerm Hauſe iſt doch eine ziemlich lange Zeit verfloſſen... Klärchen, habe ich mir ſo wenig Recht auf Dein Vertrauen und Deine Liebe erwor⸗ ben, daß Du mir nie ſagen wollteſt, was in die⸗ ſer Zeit vorgegangen iſt? Klärchen beugte ſich auf ſeine Hand herab und er fühlte ihre Thränen brennen. Nein, liebes Kind, es geht nicht, ſprach er nach einigen Augen⸗ blicken mit merklicher Bewegung, ſo kann es nicht gehen. Ich werde Deine Neigung nie zwingen; aber ich verlange ruhige, ernſtliche Prüfung vor der ernſten Wahl, und da es meine Pflicht iſt, über dein Glück zu wachen, ſo muß ich dich war⸗ nend aufhalten, wenn ich Dich ſo unbedachtſam ei⸗ len ſehe. Bedenke das, mein Kind, und vergiß nie, daß mich in allem, was ich je fur Dich that, nichts als die treue ſorgliche Liebe eines Vaters geleitet hat. Nach dieſen Worten ließ er ſie allein, über⸗ zeugt, daß die Gedanken und Empfindungen, wel⸗ che in dieſem Augenblicke in ihrer bewegten Soele erwachen mußten, zu guten Entſchlüſſeu leiten wür⸗ den. Er hatte ſich nicht geirrt. Klärchen war von dem milden Vorwurfe des theuren väterlichen Freundes tiefer getroffen worden, als der ſtrengſte Tadel ſie hätte verwunden können. Sie faßte den Vorſatz, ſeine Liebe und Güte walten zu laſſen, und fortan das kindliche Vertrauen ihm zu beweiſen, — 238 das er ſo rührend verlangt hatte. Durch dieſen Ent⸗ ſchluß geſtärkt und erhoben, wollte ſie ihre Muhme in dieſen Tagen nicht wieder beſuchen, um ihren Geliebten nicht anders, als mit ihres Oheims Vor⸗ wiſſen und unter deſſen Augen zu ſehen. Er ſchrieb ihr von ſeiner letzten Unterredung mit ihrem Ohei⸗ me; ſie richtete in ihrer Antwort ſeine Hoffnung auf, und bath ihn, auf ihre Liebe zu bauen. Klär⸗ chen kannte ihren Oheim. Sie wußte, wie zärtlich er ſie liebte, und wie ſehr es ihm Ernſt war mit ſeiner Verſicherung, daß er ihr Herz nie zwingen wolle; ſie wußte, daß es nicht leicht war, ihn zu einer Einwilligung zu bewegen, wenn man den eigenen Willen gegen ihn wollte geltend machen, aber leicht, wenn man es verſtand, einen Entſchluß geſchickt bey ihm vorzubereiten und reifen zu laſſen. Es hatte ihr nicht entgehen können, das Thorwald zu ihrem Erſtaunen ſchnell in der Gunſt des Oheims geſtiegen war, und daß Monheims Rückkehr aus dem Bade eben nicht ungeduldig erwartet wurde. Seit der letzten Mittheilung auf der Heimfahrt von Waldhauſen war wohl wieder von den Abſichten des Gutsbeſitzers geſprochen worden, die Nainau zwar noch zu begünſtigen ſchien, doch lange nicht mit ſo lebhafter Theilnahme, als bey der erſten Eröffnung wenige Augenblicke vor Thorwalds erſtem Beſuche. 3 Am nächſten Freytage ſchickte Rainau ſeine Nichte mit einem Auftrage zu der Muhme, um 256 jede Veranlaſſung zu entfernen, die den erwarteten Spielfreund hätte zerſtreuen können, und in dem⸗ ſelben Augenblicke, wo Thorwald in das Zimmer trat, ging Klärchen aus dem Hauſe. Der Oheim empfing den Gaſt mit der gewöhnlichen Herzlichkeit und wußte fein uͤnd gewandt jede Erinnerung zu vermeiden, welche der Ruhe und Unbefangenheit der Unterhaltung nachtheilig geweſen ſeyn würde. Auf gleiche Weiſe veranſtaltete er es am nächſten Spieltage, daß er mit Thorwald allein war. So ſchwankten die Hoffnungen der Liebenden, als ein freundliches Geſchick alle Hinderniſſe weg⸗ räumen zu wollen ſchien. Thorwald verlor einen entfernten Verwandten, der ihn ſchon bey den Vor⸗ bereitungen zu ſeinem Berufe väterlich unterſtützt hatte, und in ſeinem letzten Willen ihn zum allei⸗ nigen Erben eines Vermögens von zwanzig tauſend Thalern einſetzte. Das Gerücht von dieſem Ereig⸗ niſſe war eben in der Stadt verbreitet, als Nainau mit Thorwald in dem öffentlichen Garten, wo ſie ihre erſte Bekanntſchaft gemacht hatten, zuſammen traf. Er wünſchte ihm Glück mit einer Wärme, welche faſt mehr als die Theilnahme zu verrathen ſchien, die das Glück eines Bekannten einflößen kann, und er zeigte ſich höchlich überraſcht, als Thorwald ausweichend antwortete, daß er mit der Lage der Sache noch zu wenig bekannt ſey, um den Glückwunſch annehmen zu können. 25 Auch Klärchen, von ihrem Oheim unterrichtet, hatte ſich des Glückwechſels innig gefreut, der ſo heitere Ausſichten eröffnete, und erwartete mit un⸗ ruhiger Sehnſucht den nächſten Freytag, wo ſie aus dem Munde ihres Geliebten die Beſtätigung der frohen Bothſchaft zu hören glaubte. Thorwald kam einige Augenblicke früher als gewöhnlich, ehe der Oheim zu Hauſe gekommen war. Der ſtille Ernſt, den ſie auf ſeiner Stirne ſah, ſchien nichts Glückliches zu verkünden. Liebe Klara, antwortete er auf ihre ungedul⸗ dige Frage, wenn dieß die letzte Stütze unſerer Hoffnung war, o ſo iſt alles verloren! Mein un⸗ glückliches Verhängniß öffnete mir nur eine täu⸗ ſchende Ausſicht auf das ſchöne Glück, um mich deſto tiefer in die Verzweiflung zu ſtoßen. Ich kann, ich darf die Erbſchaft nicht annehmen. Mein Vetter hat nähere Verwandte hinterlaſſen, die kinderreiche Witwe eines Bruders, der er nur ein unbedeuten⸗ des Vermächtniß ausgeſetzt hat. Ich will der Un⸗ glücklichen nicht rauben, was mein Vetter nur aus Vorliebe für mich und in dem unbilligen Andenken an die Zwietracht, worin er mit ſeinem Bruder lebte, ihr entzogen hat. Mein Entſchluß iſt unwi⸗ derrufflich, ich habe bereits das Recht aufgegeben, das mir nach dem letzten Willen des Verſtorbe⸗ nen zuſtand, und keinen Antheil mehr an der Erh⸗ ſchaft.. 258 aber die Freude über den Edelmuth des Freun⸗ des brachte iedes andere Regung zum Schweigen, und mit einer Thräne im ſchönen Auge rief ſie entzückt: O Thorwald, das wird Gott Ihnen lohnen! 4 Ich wußte, daß Sie das große Opfer billigen würden, das ich gebracht habe. Ich liebe Sie, Kla⸗ ra, das weiß Gott; aber hätte ich um dieſen Preis Ihre Hand erkaufen ſollen— nein, lieber wollte ich mein Leben in dem Kummer über Ihren Ver⸗ luſt vertrauern. In jedem Augenblicke, wo Ihre Liebe mich beglückte, würde ich die Thränen der ar⸗ men Waiſen ſehen und die Seufzer der Witwe würden aus meiner Seligkeit mich aufſchrecken. Nein, ich muß entſagen, wenn Ihr Oheim Ihre Hand mir verweigert, weil ich arm bin. In dieſem Augenblicke trat Reinau haſtig her⸗ ein, und rief ſchon in der Thüre Klärchen! Klär⸗ chen! Thorwald hat vortrefflich. Ach, Sie ſind ſchon da, lieber Thorwald! Nun, ſo will ich denn auch in ihrer Gegenwart das Lob ausſprechen, das aus vollem Herzen ſtrömen wollte, Sie haben herrlich gehandelt, ſo edel— So viel Verdienſt kann ich mir nicht zurechnen, nur pflichtmäßig. Nein, eine Erbſchaft auszuſchlagen, die man annehmen kann nach allem Recht⸗ und mit gutem Gewiſſen— Klärchen ſchwieg überraſcht einen Augenblick, 259 Nach allem Rechte, ja, ſiel Thorwald ein, aber mnit gutem Gewiſſen— hier nicht. Reinau drückte ihm herzlich die Hand. Doch ſteht noch ganz ungeſtört unſer letztes Spiel, worin wir neuerlich unterbrochen wurden, hob er wieder an. Kommen Sie, lieber Thorwald! Das iſt eine bedenkliche Lage für mich. Wohlan, wir wollen ei⸗ nen Anhang zu Philidors Spielendungen liefern. Thorwald ſetzte ſich mit Reinau zum Spiele. Klärchen ging an den Flügel, griff leiſe einige klagende Töne und verſank dann in ſtilles Nach⸗ denken. Nun, Klärchen, ſpiele Du nur immer, ſprach der Oheim aufblickend. Du ſtöreſt mich nicht. Klärchen fuhr fort in der angefangenen Weiſe. Nicht doch, das traurige Ding! ſprach Reinau. Einen luſtigen Marſch, es geht zum Siege, Mäd⸗ chen!.. Schach und matt! Ach ja! ſeufzte Thorwald. Während Reinau ſeine Steine wieder aufſtell⸗ te, ſtand Klärchen unbemerkt auf, und ging zu der offenen Saalthüre hinaus, die in den Garten führ⸗ te. Thorwald that einige Züge ohne alle Überle⸗ gung. Nun, Sie ſind heute einmahl wieder gar nicht zum Spiele geſtimmt, hob Reinau an. Theuerſter Mann! ſprach Thorwald aufſtehend, es liegt mir zu ſchwer auf der Seele⸗ Es muß her⸗ aus. Laſſen Sie es mich Ihnen offen ſagen, ich kann ich darf Sie nicht mehr ſehen, ich muß Ihr — 266 Haus für immer meiden, wenn ich meine Nuhe ſichern will. Welcher Einfall! und warum? Sie könnten fragen! Wie ich meine Ruhe be⸗ halten ſoll, wenn mich alles an ein Glück erin⸗ nert, das nicht mein werden kann? Wie ich mei⸗ ne Ruhe behalten könnte, wenn ich vielleicht bald— Hören Sie mich, junger Mann, ſprach Rei⸗ nau aufſtehend, und ſah ihm offen ins Auge: glau⸗ ben Sie wirklich mit meiner Nichte glücklich zu werden? Ohne Sie kein Glück für mich! antwortete Thorwald bewegt. Nicht dieſen Ton der Entzückung! Bey einem fo ernſten Schritte mag ich gern dem Verſtande ein Wort gönnen. Meine Nichte will ich nicht fra⸗ gen: Glaubſt Du mit dieſem Manne glücklich zu ſeyn? Was glaubt ein Mädchen nicht, dem die Liebe den Kopf verdreht hat! Aber ich glaube es⸗ Bey ihr hat die Liebe einmahl ſo gut geſehen, als der ruhige Verſtand ſieht. Sie haben mein Ver⸗ trauen, lieber Thorwald; ja Sie können ſie glück⸗ lich machen. Theuerſter Mann! ſprach Thorwald, ſeine Hand ergreifend: Sie könnten... 4 Ruhig, wer zu raſch fährt, ſtürzt vor dem Ziele. Wie ein Mädchen wählt, ſo ſoll der Mann enicht wählen. Haben Sie ſich, ſo lange Sie das — 4 f 251 Mädchon kennen, die Frage, ob Sie mit ihr glück⸗ lich ſeyn werden, je ernſtlich zu beantworten ge: ſucht? Ja, ich liebe Ihre Richte über alles, erwie⸗ derte Thorwald, aber ich weiß es, die Liebe hat mich nicht verblendet; mein Herz ſagt es mir. Das Herz! Darauf bauen ſo viele, die zum Traualtare hüpfen, und wie bald ſehen ſie, daß auf den Sprecher hier gar nichts zu halten iſt. Laſ⸗ ſen Sie uns ſehen. Sie wiſſen, das Mädchen hat alle Vollkommenheiten, auf welche die Anſicht der Welt leider zu großen Werth legt. Aber iſt Ihnen nie ein Zweifel aufgeſtoßen, ob dieſe fein gebildete Jungfrau, dieſe geſchickte Clavierſpielerinn, dieſe Sängerinn, dieſe Zeichnerinn, und was weiß ich alles, auch eine gute Hausfrau und Mutter ſeyn werde? Ich ſage mit voller überzeugung, ſie wird es ſeyn. Selbſt in den Fertigkeiten, welche ſie der Sorgfalt des edlen Pflegers ihrer Kindheit verdankt, daß ſie einen klaren Verſtand, und— da Sie vom Herzen nichts hören wollen— eine ſtille fromme Geſinnung hat. Ja, das hat ſie, und wer das Gegentheil ſagt, den ſtrafe ich Lügen, ſprach Reinau. Ich habe ihr die Vollkommenheiten, welche die Sitte der Welt verlangt, gegeben, damit man mir nicht vorwerfen möge, ihre glückliche Anlage ſey vernach⸗ läſſigt worden; ich habe ſie ihr gegeben, nicht daß 262 ſie damit glanzen ſolle, aber daß ſie dadurch ein Mittel mehr habe, ihren künftigen Gatten zu er⸗ freuen; denn alles was in den Frauen ſich ausbil⸗ det, muß zunächſt für ihr ſtilles Heiligthum, den häuslichen Kreis, gebildet ſeyn, oder es iſt vom Böſen. Doch ich darf's mir bezeugen, daß ich ih⸗ ren Verſtand und ihr Herz— Sie ſehen, ich bin dem Worte nicht ſo gram, wo es an ſeiner Stelle iſt— vor allen Dingen für ihren Beruf gebildet habe, und ich danke es dem Himmel, daß meine gute Frau lange genug gelebt hat, dem kindlichen Gemüthe die erſte Nichtung, die erſten unvertilg⸗ baren guten Eindrücke zu geben. O edler Mann! der begeiſterte Liebhaber wür⸗ de die Lobrede des herrlichen Mädchens nicht wah⸗ rer, nicht ſchöner halten können, als Sie es thun. Aber wenn denn ihr ruhiges Urtheil mit allem, was mein bewegtes Herz ſagt, ſo innig überein⸗ ſtimmt— Hören Sie, lieber Thorwald, ſel Reinau ein. Sie ſind nicht der Einzige, der da gemeint hat, meine Nichte werde eine gute Hausfrau werden; aber ich habe noch nichts zugeſagt. Das Mädchen ſelbſt ſoll entſcheiden. Denn nach meiner Meinung, die gegen eure überſpannten Begriffe ſo ſcharf an⸗ rennt, gehört bey dem ernſten Schritte zur Che nicht bloß verſtändig prüfende, ſondern auch freye Wahl... Aber wo iſt das Mädchen? Klärchen! 263 Klaͤrchen hatte aus dem langen Gange des Gartens, der auf die Saalthüre ſtieß, das vertrau⸗ liche Geſpräch ihres Oheims mit Thorwald bemerkt, und mit unruhig pochendem Herzen auf den Aus⸗ gang gewartet, und als ſie nun ſah, daß der Oheim ihrem Geliebten bey den letzten Worten die Hand reichte: als ſie den freundlichen Ruf ſeiner Stin me vernahm, da flog ſie ſchnell an ſeine Seite. Reinau ſah die beyden Liebenden, die ihre Be⸗ wegung kaum zu bezwingen vermochten, einige Au⸗ genblicke ſchweigend an, und ſprach endlich mit ſichtbarer Rührung: Nun wenn ihr denn wollet, ſo ſey's! Höre mein Kind, dieſer wackere Mann glaubt es wagen zu können, mit Dir den Gang durchs Leben zu machen. Belohne ſein Vertrauen! Daß Du es mit ihm wagen darfſt, dafür bürge ich Dir. Wer ſeinen Grundſätzen ſolche Opfer zu bringen vermag, als er es gethan hat, dem kann man vertrauen; Sey dieſes Mannes werth, ſo wird euerm häuslichen Glücke nie etwas fehlen. Nehmt meinen beſten Segen! Er umfaßte die Glücklichen, die in ſprachloſem Entzücken ſich umarmt hielten. Kinder! ſprach er bewegt, nach einer langen Pauſe: ihr ruft mir den glücklichen Augenblick zurück, wo mir mein gutes Weib die Hand zum ewigen Bunde reichte, wo wir beyde fühlten, daß es uns nie gereuen werde. Nicht wahr, lieber Oheim, ſprach Klärchen ſchmeichelnd, und lächelte durch die Wonnethräne, 264 die ihr Auge umhuͤllte: auch vor fünfzig Jahren war es ſo, daß Gleich und Gleich ſich gern geſellten? Ja, ja, liebes, loſes Mädchen, es war ſo. Und mach fünfzig Jahren möget ihr das auch noch fühlen!. Wohlan, Kinder, dieſer Tag iſt zu ſchön. Wir bleiben heute beyſammen, Thorwald, und en⸗ digen mit recht puhigem frohen Geiſte unſer ange⸗ fangenes Spiel. Du, Klärchen, wirſt uns das Abendeſſen in die Laube bringen laſſen, und vergiß mir nicht, die beſten Rheinweinflaſchen herauf zu hohlen. Nachher ſpielſt Du uns denn das ſchöne Liede In allen guten Stunden, Erhöht von Lieb' und Wein— Aber auch ich, antwortete die Glückliche, kann ein Opfer bringen, das mein guter Oheim wohl gern ſehen würde Soll ich meinen Flügel und meine Staffeley künftig unberührt hier ſtehen laſſen, als ein Andenken an die luſtige Mädchenzeit? Biſt Du toll, Mädchen? Keine Übertreibung? Nein! nein, an Deinem Hochzeittage ſchenke ich Dir den ſchönſten Flügel, den ich finden kann. und des Mahlen ſollſt Du auch nicht liegen laſſen, denn ic will noch ein Bild von Dir haben, worauf ich mich ſehe wie ich Deine Kinder auf meinen Knieen ſchaukler ——— — —. ſfffſnſnſnſſnſi ſſſſſſſſſſiſſſiiſnnnnhdm 1 5 1 7 1 9 11 12 3 14 † 6 1 8