———— 1— 2 ‿. . öbk————— 2 —yyy——— “ 3 ————= Leihbibliothek f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und Leſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 „3. Caution. Unbekannte Perſonen mitſſſen, bei Entgegennahmen ſ . B ¹ o ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 8 8 3 pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 14: Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für aerchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Ml. 50 Pf. 2 Mt.— f. 5„ N„—„ 9— uI 1I. 11 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf iyre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der eſen zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 v —= „ — ———— Griechenland un d d i e Griechen. b 5 V 3 Nach dem Engliſchen bearbeitet von 1 W. A. Lindau. „ Dresden, 1821. 11 5 in der Arnoldiſchen Buchhandlung. VBor worft. 5 Da Ueberſicht, welche nachſtehende Blaͤtter geben, iſt groͤßtentheils aus einem Aufſatze im 23ſten Bande des Quarterly Review entlehnt deſſen Verfaſſer mit einem kundigen, durch Selbſt⸗ anſicht geſchaͤrften Blicke die Ergebniſſe der zu⸗ verlaͤſſigſten Berichte neuerer Reiſenden zuſam⸗ menſtellt, und beſonders folgende Werke be⸗ nutzt: 1, Travels in the Ionian Isles, in Al- bania, Thessaly, and Greece, in 1812 and 13; togelher with an account of a residence of Joannina, the capital and court of Ali Pasha, by H. Hollland, M. D. London 1815. N. E. 1819. 2, An Essay on certain points of resemblance between the ancient and modern Greeks; by— Fred. Sylv. North Douglas, London 1819. 3, Greece, a poem; with notes, classical illustrations and Sketches of the Scenery. By Will. Haygarth. London 814. Auſſer dieſen, noch 7 IV einige andre Werke, z. B. von Hobhouſe und Dodwell, und einzelne, in der eberſicht ſelbſt er⸗ waͤhnte Berichte, die in Robert Walpole's reichhaltiger Sammlung: Memoirs relating to European and Asiatic Turkey.(London 1819) wozu 1820 eine Fortſetzung, unter dem Titel: Travels in various countries of the East kam— aufbewahrt worden. Sehr ſchhaͤtz⸗ bar iſt auch das neuere Werk des Mahlers Wil⸗ liams: Travels in Italy, Greece and the Jonian Isles,(Edinburgh 1820. 2 Bde. 8.) das viele Kupfer enthaͤlt; und Pouqueville's neue Reiſe durch Griechenland(Voyage de la Grece, orné de figures et de cartes. Paris 1820, 4 Bde. 8.) gibt gleichfalls reiche Ausbeute zur Kenntniß des jetzt ſo merkwuͤrdig gewordenen Schauplatzes. Der Anhang uͤber Ali Paſcha von Joan⸗ nina iſt aus Hobhouſe's oben angefuͤhrten Werke(A Journey through Albania, and other provinces of Turkey in Europe and Asia, to Constentinople during the years 1809 an 10. London 1813) genommen. ——--— d — — Die eigentlich ſogenannte Halbinſel Griechen⸗ land iſt eine Landzunge, die in das Mittelmeer ein⸗ ſpringt, wie die Halbinſel Italien. Von dieſer trennt ſie das joniſche Meer, und von Klein⸗Aſien der Archipelagus. In dem erſt genannten Meere liegen die ſieben Inſeln, welche die joniſche Republik bilden, und eigentlich ein Theil von Griechenland ſind, im Archipelagus aber ungefaͤhr hundert Inſeln von verſchiedener Groͤße. Alle dieſe Inſeln, ſammt der, zwiſchen ihnen liegenden Halb⸗ inſel, bilden ein Gebiet, deſſen Bewohner hauptſäͤch⸗ lich aus den aͤchten Abkoͤmmlingen der alten Grie⸗ chen beſtehen.. Rechnen wir den Anfangspunkt oͤſtlich von der Spitze des Meerbuſens von Salonichi und weſt⸗ lich vom Buſen von Awlona, oder ungefaͤhr von dem Parallelkreiſe des 4oſten Breitengrades, ſo finden wir, daß jenes Gebiet ungefaͤhr eine Laͤnge von 50 Meilen, und eine mittele Breite von 25 Meilen hat, und einen Flaͤchenraum von etwa 5000 Quadratmeilen einnimmt. Verbunden iſt mit Grie⸗ chenland auf der Suͤdweſtſeite, durch die Land⸗ enge von Korinth, die Halbinſel Morea, (der ehemalige Peloponneſus,) deren Flaͤchen⸗ raum ungefaͤhr um die Haͤlfte geringer iſt Die Inſeln des Archipelagus koͤnnen ziemlich eben ſo hoch, als Morea gerechnet werden. Das Ganze bildet daher einen Flaͤchenraum von etwa 10000 Quadratmeilen. Schwieriger iſt es, die Volksmenge zu beſtimmen; vergleicht man indeß die Angaben verſchiedener Schriftſteller, ſo kann man folgende Schaͤtzung annehmen: Die Halbinſel Griechenland 2,000,000 Morea und Negropont 1,000,000 Die Inſeln des Archipelagus 1,000,000 Von dieſer Inwohnerzahl von 4 Millionen, be⸗ ſtehen wenigſtens drei Viertheile aus Griechen; die uͤbrigen ſind Tuͤrken, Muhamedaner, Albanier, Juden und vermiſchte Abkoͤmmlinge von Roͤmern, Venedigern, Neapolitanern und andern Europaͤern, die man gewoͤhnlich Franken nennt. Der Englaͤn⸗ der Carlyle rechnet das Verhaͤltniß der Griechen in Europa zu den Tuͤrken wie 3 bis 4 zu 1, und ſchaͤtzte jene zu vierthalb Millionen. Wie groß die Zahl der, in den innern Landſchaften des tuͤrkiſchen Reiches, in Klein⸗Aſien, in Rußland und Teutſch⸗ land zerſtreuten griechiſchen Familien ſei, laͤßt ſich 7 gar nicht beſtimmen; man hat ſie zu 90,000 an⸗ geſchlagen. Die Volksmenge der, ſeit dem Jahre 1815 unter Großbrittaniens Schutze ſtehenden, ſieben joniſchen Inſeln iſt zu 200,000 geſchaͤtzt worden, und be⸗ ſteht aus einem ſehr gemiſchten Stamme, doch der Mehrzahl nach aus Griechen. Davon rechnet man auf Corfu(0 bis 70,000, Cephalonia 60,000, Zante 40,000, Santa Maura 18,000, Ithaka und Cerigo, jede 8000, und Napo 3 bis 4000. Zante iſt bei Weitem das ſchoͤnſte und fruchtbarſte dieſer Eilande, deſſen Oberflaͤche groͤßtentheils aus einer unermeßlichen Ebene eines zuſammenhangenden Weinaartens beſteht, welchen einzelne Pflanzungen von Oehlbaͤumen, Pomeran⸗ zen und andern Fruchtbaͤumen unterbrechen; aber auch die andern Inſeln ſind ungemein mahleriſch und reizend. Durch die Mitte der griechiſchen Halbinſel, und mit ihren beiden Kuͤſten faſt parallel, zieht ſich eine Kette hoher Gebirge, deren Hoͤhe von 7 bis 8000 Fuß in dem noͤrdlichen Theile, bis zu 7 oder 800 Fuß an der fuͤblichen Spitze abwechſelt. Zu den hoͤchſten Spitzen gehoͤren die maͤchtigen Ruͤcken des Pindus und Parnaſſus, wahrend der Par⸗ nes, Pentele und Hymettus in Attika, die niedrigſte Hoͤhengraͤnze nicht uͤberſteigen. Von dem Hauptſtamme laufen andre Zweige nach beiden Seiten der Kuͤſte; oſtwaͤrts der beruͤhmte Olymp, der nahe am Hintergrunde des Meerbuſens von Salonichi bis zu 6000 Fuß ſich erhebt, und die noͤrblichſte Spitze eines niedrigern Gebirgzuges bildet, der aus dem Oſſa, Pelion, Oeta und Othrys beſteht, und ſich durch die Inſel Negropont er⸗ ſtreckt. Der Berg Delphis iſt der hoͤchſte Punkt dieſer Kette. Gegen Abend liegen die gebirgigen Landſchaften Epirus, Aetolia und Acharna⸗ nia, die denjenigen Theil von Griechenland bilden, den man gewoͤhnlich Albanien nennt. Die hoͤch⸗ ſten Gebirge in Morea ſind die C ylleniſche Bergkette, unweit der weſtlichen Kuͤſte, und der Taygetus an der Suͤdſpitze. Weitgedehnte Ebenen, in anſehnlicher Hoͤhe uͤber der Meerflaͤche, ſind von Bergketten umſchloſſen. Unter dieſen haben Theſſalien, Boͤotia und Arkadia nocch ihre alte Eigenheit. Die Fluͤſſe, welche dieſe Ebenen waͤſſern, ſind nicht viel mehr als Bergſtroͤme; ausgenommen der Peneus oder Salimpria, deſſen zahlreiche Arme Theſſalien durchſchneiden, ehe ſie ſich durch das beruͤhmte Thal Tempe in den Meerbuſen von Salonichi er⸗ gießen, und der Alpheus,*) der die gruͤnen Ebe⸗ nen von Arkadia, Elis und Achaja durch⸗ fließt. Der Sperchius, oder Hellada, der Cephiſſus, der Aſopus, der Ilyſſus, und viele andre, in der alten Geſchichte beruͤhmte Stroͤme wuͤrden kaum bemerkt werden in jedem andern Lande, als in Griechenland, wo jeder Bach und jedes Baͤch⸗ lein durch Verſe beruͤhmt iſt; denn, wie Spon**) treffend ſagt, dieſe Fluͤßchen machen mehr Geräͤuſch in den Buͤchern, als in ihren Betten. Nach der Lage des Lundes, in Hinſicht auf den Breitengrad und die umfließende See, koͤnnte man glauben, daß das Klima hier wie im fuͤdlichen Italien ſei, es iſt jedoch im Winter weit ſtrenger, und im Som⸗ mer in vielen Gegenden waͤrmer. Die Ebene von Joannina, 1200 Fuß uͤber dem Meere, und in gleicher Entfernung von der mittlen Gebirgsreihe und von der Weſtkuͤſte, unter 390 30 der Breite, hat, nach Doktor Hollands Bemerkung, eine eben ſo heftige Winterkaͤlte, als das weſtliche England Auf den Hochebenen von More a, unter einem noch *) Nach Angabe einiger Reiſenden, vergeht kein Jahr, wo man nicht mehre alte Helme auf dem Alpheus herabkommen ſieht. *) Voyage d'Italie, de Dalmatie, de Grece et du Le- vant, fait aux années 1675 et 1676. Lyon 1678. 3 Bde, 12. ſuͤdlichern Breitengrade, iſt die Kaͤlte noch heftiger und zuweilen bedeckt der Schnee 18 Zoll hoch die Ebenen von Tripolizza.„Ich hatte nicht er⸗ wartet, ſagt D. Holland, in Arkadia, welches die Dichter als die Heimath des Fruͤhlings und milder Reize ſchildern, ſo etwas zu finden, und in der erſten Ueberraſchung erinnerte ich mich nicht, daß Pauſanias von der kalten, dicken Luft des Landes ſpricht und die rauhen Sitten der Bewohner daraus ab⸗ leitet.“ Er fand nicht weit von der Hauptſtadt Tripolizza die Luftwaͤrme um 6 Uhr fruͤh 160 nach Fahrenheit.„Kurz, ſetzt er hinzu, die Kaͤlte war mitten in Arkadia ſo heftig und ſo dauernd, daß ich mich nicht erinnere, etwas aͤhnliches in Eng⸗ land erfahren zu haben.“ Dieß war indeß im Win⸗ ter 1813, der uͤberall in Europa ungewoͤhnlich ſtreng war. Im Sommer aber haben die bluͤhenden Thaͤ⸗ ler Arkadien'’s eine ganz andre Geſtalt, und zei⸗ gen uns Landſchaften, wie die reizendſten Bilder der Dichter ſie uns ſchildern. Stroͤme ſchlaͤngeln ſich durch dieſe uͤppigen Thaͤler und bis zu ihren Gipfeln ſind die Huͤgel mit Walde bedeckt. In den niedrigen Gegenden von Attika iſt die Luftwaͤrme gemaͤßigter und gleichmaͤßiger, als in den meiſten andern Theilen von Griechenland; die Luft gewoͤhnlich heiter, trocken und milde, die 11 Kälte ſelten ſtrenge, die Hitze weniger druͤckend, der Regen minder haͤufig. Die Sommerhitze wird in Athen, durch die Regelmaͤßigkeit des Windes ge⸗ mildert, der um zehn Uhr zu wehen beginnt, und dann den ganzen Tag dauert. Dieſer Verſchieden⸗ heit der Luft wurde bekanntlich die Verſchiedenheit in der Gemuͤthsart der Boͤotier und Athener zugeſchrie⸗ ben. In Athen ſteigt die Luftwaͤrme ſelten uͤber 88 oder 96 Grad Fahrenheit, und faͤllt eben ſo ſel⸗ ten auf den Gefrierpunkt. Die ungemeine Trocken⸗ heit des Klima's hat, nach Dodwells Bemerkung, ſehr zur Erhaltung der alten Gebaͤude in Athen beigetragen, die, trotz aller Verwuſtung, nöch ein fri⸗ ſches Anſehen haben. Athen iſt im Ganzen ge⸗ ſund, andre Gegenden Griechenlands aber ſind gerade das Gegentheil waͤhrend der Hitze des Sommers, beſonders die Sumpflaͤnder und Reißfelder.„Die ganze Kuͤſte von Achaja— ſagt Haygarth— iſt ſehr ungeſund und voll von Suͤmpfen; das kraͤnk⸗ liche Anſehen der Inwohner, die ich ſah, war mir auffallend. Sie iſt die entvoͤlkertſte Gegend von Griechenland.“ Die hoͤchſten Kuppen des Hauptgebirges ſind neun Monate lang mit Schnee bedeckt, und in den Hoͤhlen und Schluͤchten einiger Gebirge findet man ſtets Schneelagen. Den Parna ſſus hielt man * zwar, wegen einer ewigen Schneedecke, fuͤr unerſteiglich, der Englaͤnder Sibthorp aber fand den Gipfel ganz frei, als er ihn im Julius erſtieg. Die Haupterzeugniſſe der Ebenen Griechenlands ſind: Waizen, Gerſte, Reiß, Mais, Hirſe und Taback. Man baut acht verſchiedne Arten von Waizen. Hawkins fand, daß der Mavro⸗ gano, oder ſchwarzbaͤrtige Waizen, in den Ebenen von Argos das zehnte Korn gab, in den beßten Gegenden von Megara und Eleuſis das zwoͤlfte, und bei Korinth das funfzehnte. Eine andre Waizenart, Greneas genannt, gibt in den uͤppigen Ebenen am Pheneus in Arkadia das zwoͤlfte Korn, und der Devedeſchi, in den Ebenen von Theſſalien, in den beßten Jahren das funf⸗ zehnte.„Im Ganzen, ſagt Hawkins, kann man den Ertrag des guten Bodens in Griechenland in guͤnſtigen Jahren auf das zehnte bis zwoͤlfte Korn anſchlagen, und in dem beßten Boden, in ungewoͤhn⸗ lich guten Jahren, auf das funfzehnte bis achtzehnte. Der Waizen wird in Griechenland aber gewoͤhnlich auf ungeduͤngte Felder geſaͤet.“ In Boͤotia iſt der Boden ungemein reich und bringt Waizen, Mais, Gerſte, welſche Bohnen, Reiß, Seſam, alles in vorzuͤglicher Guͤte, und Baum⸗ wolle in anſehnlicher Menge hervor. Die Seeen von Boͤotia verſorgen Athen und andre Gegenden Griechenlands noch immer, wie vor Zeiten, mit Aalen, Waſſergefluͤgel, Binſenkoͤrben, Matten und Lampendochten von Schilf. Auf den Ebenen von Theſſalien gibt es große Pflanzungen von Maulbeerbaͤumen fuͤr die Seidenwuͤrmer, auf deren Pflege man viel Sorgfalt wendet. Morea aber— deſſen heutigen Nahmen man von den Maulbeeren ableitet— iſt beruͤhmt wegen ſeiner vortrefflichen Seide, und alles, was uns die Alten von der Fruchtbarkeit von Meſſenien erzaͤhlen, gilt noch jetzt von allen Erzeugniſſen, be⸗ ſonders von Korn, Wein und Feigen. Der Waizen ſoll hier das dreißigſte Korn und zwei Ernten jäͤhrlich geben. Die Pflanzungen werden oft mit dem indi⸗ ſchen Feigenbaum(cactus) eingehaͤgt, deſſen dornige Haͤute eine undurchdringliche Hecke bilden. Aber bei aller Fruchtbarkeit von More a, ſind die Bewohner elend.„Ein Geſicht, von Sorgen gefurchet, ſagt Sibthorp, ein Koͤrper, durch harte Arbeit und ſparſame Nahrung abgemagert— das iſt ein Bild des heutigen Arkadiens. Eine Anzahl hungriger Tuͤrken, die unter ihnen wohnen, das Ungeziefer vom Hofe des Paſcha, unterdruͤckt das ungluͤckliche Volk, welches nur dazu beſtimmt zu ſein ſcheint, den traͤgen Gebietern Nahrung zu ſchaffen,“ Doch ſcheint dieſe Schilderung nur auf die Ackerbauer in der Umgegend von Staͤdten zu paſſen, da uns ein andrer Beobach⸗ ter, Haygarth, die laͤndlichen Hirten in dieſem — Theile des Landes ganz anders beſchreibt.„Ales, ſagt er, zeigt uns ein Bild hirtlicher Ruhe. Die Landleute, in ihrer mahleriſchen Tracht, mit dem bunten Turban, in der leinenen Jacke und dem ſchneeweißen Unterrocke, mit dem hoͤlzernen Hir⸗ tenſtabe in der Hand, folgten friedlich ihren zahlrei⸗ chen Heerden von Ziegen und Schafen, oder be⸗ wachten ſie auf der Weide, unter dem Schatten eines alten Baumes liegend, und blieſen auf ihrer Rohr⸗ pfeife die rauhen Sangweiſen ihrer Heimath. Solche Erſcheinungen erinnerten mich lebhaft an die Stellen der Dichter, welche Arkadia's Schöͤnheiten geruͤhmt haben, „und ich ſah bei jedem Schritte, daß man es mit Recht zur Heimath laͤndlicher Gluͤckſeligkeit gemacht hatte.“ Baumwolle wird allgemein gebaut. Die Ebenen von Trikala in Theſſalien ſollen allein 600,000 Pfund liefern. Die Abhaͤnge der Huͤgel, beſonders in der Naͤhe von Staͤdten oder großen Doͤrfern, ſind mit Reben und Oehlbaͤumen bepflanzt. Feigen und Pomeranzen findet man uͤberall und in Ueberfluß. Dem Anbau des Feigenbaumes wird beſondre Sorgfalt gewidmet. Die Bluͤten des wil⸗ den Feigenbaumes(eeoes) werden noch immer zur Fortpflanzung(Caprification) der veredelten Feigen⸗ baͤume in verſchiedenen Theilen von Griechenland gebraucht.„In Athen, ſagt Hawkins, nimmt man die wilden Feigen im Junius, wenn ſich das Inſekt darin zeigt, zieht einige auf eine Schnur, und haͤngt ſie uͤber die Zweige des veredelten Feigenbaumes, in der Meinung, daß die Frucht ſonſt abfallen werde.“ Die Felder ſind in Griechenland gewoͤhnlich of⸗ fen, nur in einigen Gegenden mit der oben erwaͤhn⸗ ten Cactus⸗Art eingehaͤgt und zuweilen durch Gra⸗ ben abgeſondert. Der Pflug iſt einfach und roh. Raͤderfuhrwerk aller Art kennt man im ſuͤdlichen Griechenlande nicht; in Theſſalien aber hat man eine Art von Karren, den Haygarthecht homeriſch nennt. Dieſes Fuhrwerk hat zwei Raͤder, wovon jedes aus einem einzigen Stuͤcke Holz beſteht, iſt hinten offen und hat vorn eine Stange, woran man zwei Ochſen ſpannt. Ein großer Theil des Bodens wird als Weide fuͤr Schafe, Ziegen und Pferde be⸗ nutzt. Kuͤhe werden wenig geachtet, auſſer zur Zucht der Ochſen; ihre Milch wird nicht benutzt, und die Milch der Ziegen und Schafe nur gebraucht, um elenden ſalzigen Kaͤſe und ein wenig ſchlechte Butter zu machen.— Griechenland iſt ein Weinland. Sibthorp 16. zaͤhlt neun und dreißig verſchiedene Traubenarten, die zu Wein benutzten Johannisbeeren nicht gerechnet; aber keiner von allen, aus jenen Trauben bereiteten Weinen kann gut genannt werden, ausgenommen der Wein einiger wenigen Inſeln des Archipela⸗ gus. Die Neugriechen miſchen, nach dem Bei⸗ ſpiele ihrer Vorfahren, Terpentin von einer beſondern Foͤhrenart(Pinus maritima) mit allen ihren Weinen; ein Gebrauch, der nach Lord Aberdeen's Meinung Anlaß gegeben haben kann, den Tann⸗ zapfen auf dem Thyrſusſtabe mit der Verehrung des Bachus in Verbindung zu bringen.*) Jener Baum iſt einer der nuͤtzlichſten in Griechenland, und dient nicht nur dazu, die Weine gegen Saͤure zu be⸗ wahren, ſondern gibt auch, nebſt der Pinienfoͤhre, (Pinus pinca) Theer und Pech zum Gebrauch fuͤr Seeleute und in der Hauswirthſchaft. Die harzigen Theile dienen, in kleine Stuͤcke geſchnitten, als Lich⸗ ter, die Zapfen werden in Weingefaͤße gethan, das Holz wird zum Bauen gebraucht und die Rinde zum Gerben. Den reichſten Ertrag in Attika geben die Oehl⸗ baͤume, und die Oliven dieſer Landſchaft ſind die beſten in der Welt. Griechenland beſitzt nicht weni⸗ **) Sieh Walpole's Sammlung. ——— V 17 ger als acht bis zehn verſchiedene Arten jenes Bau⸗ mes. Die zum Eſſen beſtimmten Oliven werden in Salzwaſſer, in Oehl und Weineſſig, oder in einge⸗ dicktem Moſt aufbewahrt. Aus dem Ueberreſte wird Oehl gepreßt, und zwar jaͤhrlich gegen 30000 Gal⸗ lonen.*) Die Ebene von Athen hat, auſſer dem Oehlbaume, ſehr wenig Baͤume, doch iſt dieſe duͤnne Bewaldung keineswegs eine allgemeine Eigenheit Griechenlands. Der Hymettus*) iſt ſeit undenklichen Zeiten wegen ſeines trefflichen Honigs beruͤhmt„ der noch immer ſo ſehr geſchaͤtzt wird, daß jaͤhrlich Ge⸗ ſchenke davon nach Konſtantinopel gehen. Die Satureia capitata(Pfefferkraut) und die Satureia Thymbra ſind die Lieblingspflanzen der Bienen, und ihnen verdankt der Honig von Hymettus ſeine Beruͤhmtheit. Fourmont, dem man freilich nicht unbedingt trauen darf, behauptet, der Honig von Hymettus wirke wie Wein, und Chandler 1½½) *) Ein Gallon haͤlt ungefähr 230 franzoͤſiſche Kubikzoll. **) Der neuere ſeltſam verderbte Nahme iſt TgεAXo vr d. i. der tolle Berg. Von Hymettus machten die Venediger monte Imetto, woraus durch verderbte Ausſprache monte matto wurde, und dieß gab, in's „Romaik zuruͤck uͤberſetzt, den heutigen Nahmen. 4**) Travels into Greece— Oxford 1776. 4. Teutſch (von Boje und Voß) Leipzig 1777. 8. Ein ſchaͤtzbares Werk.— 2 — 18 ſagt, der Geruch deſſelben halte die Fliegen davon ab. Die Athener lieben den Honig ſehr, nehmen ihn faſt zu allen Gerichten, und glauben, wie ihre Vorfahren, daß er die Geſundheit und Lebenskraft erhalte. Die Berge Griechenlands, groͤßtentheils Kalkge⸗ birge, zeigen nichts Großartiges, oder Mahleriſches in ihrer Geſtalt; viele von ihnen aber ſind gut hewaldet und liefern Nutzholz in Ueberfluß zum Schiff⸗ und Haͤuſerbau. Wenige Laͤnder haben einen erleſenern Reichthum von ſchoͤn bluͤhenden Geſtraͤuchen. Der Lorberbaum(Laurus nobilis, Alom) deſſen Bee⸗ ren den Griechen ein wohlriechendes Oehl zum Sal⸗ ben der Haare geben, faßt den Rand jedes Huͤgels ein. Der Oleander(Nerium Oleander, zigo- 22m) gruͤnt an den Ufern des Ilyſſus und jedes Bergſtroms; die Bluͤten deſſelben dienen zum Schmucke des Haares und mit den Zweigen bedeckt man in Athen den Bazar.*) Die Baͤrentraube (Arhutus unedo, 2onagua) iſt haͤufig auf den penteliſchen Gebirgen. Die Frucht des Baumes wird als Leckerbiſſen geſchaͤtzt, und aus dem Holze die griechiſche Hirtenfloͤte(Qduμ) gemacht. In Zante zieht man ein geiſtiges Waſſer und einen ————— 8 *) Marktplatz. 19 goldgelben Eſſig daraus. Die Burzelbaͤrentraube (Arbutus andrachne) wächſt uͤberall haͤufig. Keuſchlamm(vitex agnus caustus, veanarirra) der ſtete Gefaͤhrte des Oleander, ſchmuͤckt die Ufer des Ilyſſus und die Naͤnder der Bergſtroͤme. Aus den Zweigen macht man Koͤrbe und Bienenſtoͤcke, und die Blaͤtter geben eine gelbe Farbe. Die Alten glaubten, daß Reiſende, wenn ſie einen Zweig oder eine Gerte vom Agnus castus in der Hand haäͤt⸗ ten, keine Muͤdigkeit empfaͤnden, und noch glauben es die heutigen Griechen. Die Ciſtroſe(ceystus creticus) gibt das Ladanum, eine wuͤrzhafte Sub⸗ ſtanz, deren Duft man fuͤr ein Schutzmittel gegen die Peſt haͤlt. Die Maſtix⸗Piſtazie(Pistachia Lentiscus) gibt den Maſtix, und die Aſche des Hol⸗ zes wird zum Seifenſieden gebraucht. Die gemeine Mirte und die vielblumige Heide findet man uͤberall auf den Huͤgeln. Der Epheu(Hedera helix) haͤngt wie ein Vorhang in den mahleriſchen Mar⸗ morhoͤhlen von Pentele, wo auch die ſchoͤne baum⸗ artige Salbei(Salvia arborea) wild waͤchſt. Der wilde Oehlbaum, die Steinlinde(Phillyrea) und der Carob⸗ Baum(Johannisbrodbaum) die bluͤ⸗ hende Aeſche und die Eſchwurzel(Fraxionella) die Peltſche(Coronilla) die Blaſenſchote(Lolulea 2* 20 und der ſpaniſche Ginſter(Genista Florida) ſchmüͤ⸗ cken die Abhaͤnge der Berge. Die meiſten griechiſchen Pflanzen, Nutz⸗ oder Ziergewaͤchſe, haben noch immer ihre alten Nahmen, mehr oder minder unverderbt, beibehalten.„Als ich mit einem Hirtenknaben— ſagt Sibthorp*) in der Erzaͤhlung von ſeiner Beſteigung des Par⸗ naſſus— Kraͤuter ſuchte, ſetzte mich mein kleiner Fuͤhrer durch die Nahmen, die er den Pflanzen gab, nicht wenig in Erſtaunen; ich erkannte die, bei Dioskorides und Theophraſtus vorkommenden Nah⸗ men wieder, wiewohl etwas verderbt durch die Aus⸗ ſprache, und durch den Einfluß der Zeit, die ſeit jenen Naturforſchern verfloſſen iſt, viele aber waren un⸗ verſtuͤmmelt, und die Angabe ihrer Tugenden hatte ſich durch muͤndliche Ueberlieferung treulich fort⸗ gepflanzt.“ Das Klima, der Boden und die verſchiedenen Erzeugniſſe Griechenlands ſind im Allgemeinen vor⸗ zuͤglicher, als in den meiſten andern europaͤiſchen Laͤndern von gleichem Umfange, die Bewohner aber keineswegs in der Lage, die von der Natur ihrem Lande verliehenen Vortheile voͤllig benutzen zu koͤnnen, und ſie vernachlaͤſſigen ſelbſt diejenigen, die ihnen — 2) Jn. Walpole's memoirs. 21 nahe liegen. Sie koͤnnten, unter andern, große Vortheile von ihrer ausgedehnten Seekuͤſte ziehen, wo es eine Menge von trefflichen Fiſchen gibt, be⸗ ſonders Makrelen, Zungenſchollen, Steinbutten, Barben, auch Hummern, Auſtern und Kammmu⸗ ſcheln; aber die Griechen ſind, wie vermuthlich auch ihre Vorfahren, ſehr ungeſchickte Fiſcher. Man ſollte glauben, daß die große Menge ihrer Faſttage, welche mehr als die Haͤlfte des Jahres ausmachen, ihnen wenigſtens Aufmunterung, wenn auch nicht Geſchicklichkeit, in ihrem Gewerbe geben koͤnnte; in der ſtrengſten Faſtenzeit ſind jedoch ſelbſt friſche Fiſche verboten, und man zieht immer geſalzenen Stockfiſch und Kaviar vor, die man von Fremden kauft.— Die kleinen Staͤdte und Doͤrfer, welche in den Thaͤlern und auf den Abhaͤngen des Pindusgebirges und deſſen zahlreichen Zweigen zerſtreut ſind, gehoͤren zu den merkwuͤrdigſten Theilen des griechiſchen Hoch⸗ landes. Die Bewohner ſind ein Gemiſch von Grie⸗ chen, Albaniern und Wallachen und meiſt Chriſten. Unter ihnen ſind die Vlaki,(wahrſcheinlich aus der Wallachei) nach Hollands Berichte, ein kuͤhnes, regſames Volk, regelmaͤßig in ihrer Lebensweiſe und minder wild, als die Albanier. Waͤhrend der Som⸗ mermonate wohnen ſie mit ihren Heerden auf dem —ͤãJ]́q —-——— —— 22 Pindusgebirge, und im Winter verbreiten ſie ſich auf den Ebenen, wo ſie Zelte und Huͤtten aufſchlagen. Holland beſchreibt*) uns folgendermaßen einen Schwarm dieſer wandernden Hirten: Der Reiter⸗ ſchwarm, durch welchen wir kamen, war wenigſtens zwei(engliſche) Meilen lang, und nur ſelten unter⸗ brochen. Die Auswanderer hatten uͤber tauſend Pferde bei ſich, die hauptſaͤchlich dazu beſtimmt wa⸗ ren, die tragbaren Wohnungen und die bewegliche Habe des Stammes fortzuſchaffen. Alles dieß war ungemein nett und gleichfoͤrmig gepackt. Die klei⸗ nern Kinder waren auf verſchiedene Weiſe auf dem Gepäcke angebracht; Maͤnner, Weiber und aͤltere Kinder aber gingen meiſt zu Fuße. Alle ein geſun⸗ der, kraͤftiger Menſchenſchlag„aber ihre Lebensweiſe war in ihrem wilden, rauhen Aeuſſern ſtark ausge⸗ druckt. Die meiſten Maͤnner trugen weiße Kleider von grobem Wollenzeuge; der Anzug der Weiber war von demſelben Stoffe, aber bunter„ und ge⸗ woͤhnlich auf der Bruſt mit Borten verziert. Die Unterroͤcke der Weiber reichten kaum bis unter die Kniee, und ließen faſt die ganze Laͤnge der Struͤmpfe ſehen, die von vielfarbiger Wolle, roth, hochgelb, weiß und mattgelb waren. Faſt alle junge Weiber *) Im angefuͤhrten Werke, S. 152. 23 und Kinder trugen auf dem Kopfe einen Kranz, der aus Piaſtern, Paras, und andern zuſammengereihten Silbermuͤnzen beſtand, und zuweilen in mehren Reihen uͤber einander gehaͤngt war, und eine Art von Muͤtze bildete. Auch an andere Theile des An⸗ zugs werden ſolche Muͤnzen gehaͤngt, und zuweilen auch wohl geſchmackvoll angebracht. Zwei Prieſter der griechiſchen Kirche waren bei den Ausgewanderten und ſchloſſen den langen Zug.“ Die zahlreichen Buſen, Baien und Haͤfen, an den Kuͤſten des griechiſchen Veſtlandes, geben der, Schiffahrt Bequemlichkeit und Sicherheit. Die Um⸗ ſtaͤnde, worin ſich Europa in neuern Zeiten befand, waren dem Handel Griechenlands guͤnſtig, und viele ſeiner Hafenſtaͤdte gelangten zu einem Wohlſtande, wovon man ſeit der Eroberung durch Muhamed II. nichts aͤhnliches geſehen hatte. Die Stadt Salo⸗ nichi, am Ende des gleichnahmigen Buſens, wurde die Niederlage engliſcher Schiffladungen von Kaffee, Zucker, Indigo, Baumwollengarn und verſchiedenen andern Waaren, die von hier zu Lande bis tief in's Binnenland von Europa gebracht wurden. Zuweilen gingen Zuͤge von tauſend Pferden auf einmal mit Waaren von Salonichi ab. Livadia treidbt eineu anſehnlichen Ausfuhr⸗ Handel, beſonders durch den Meerbuſen von Ko⸗ 24 rinth, mit verſchiedenen Getreidearten, Huͤlſen⸗ fruͤchten, Baumwolle, Wolle, Honig. Die Kauf⸗ leute ſind reiche Griechen, von welchen viele ſehr praͤch⸗ tig leben, von zahlreichen Dienern umringt, und in prunkvoll eingerichteten Haͤuſern wohnen. Da Ali Paſcha in Livadia nur als Derveni⸗Paſcha(d. i. Huͤter der Paͤſſe, Grenzhuͤter) zu befehlen hat, ſo iſt ſeine Gewalt hier weit mehr eingeſchraͤnkt, als in Albanien, oder Theſſalien... Die heutigen Griechen haben, bei ihrem Hange zu thaͤtigen und unternehmenden Anſtrengungen, eine große Neigung zum Handel. Dieſer Hang war beſonders auffallend in dem ſchnellen Wachsthum einer kleinen Anſiedlung, die auf dem oͤden Felſen von Hydra gegruͤndet ward.„Dieſe kleine Inſel, unweit der Muͤndung des Buſens von Argolis, ſagt Holland*) iſt in neuern Zeiten wegen des Umfangs und der Wichtigkeit ihres Handels merk⸗ wuͤrdig geworden. Sie hat nur wenige lengliſche) Meilen im Umfange, eine ſo felſige Oberflaͤche, daß kaum gewoͤhnliche Pflanzen gedeihen, und kaum andres Waſſer, als was in Behaͤltern aufgefangen wird. Hier leben jetzt uͤber 25,000 thaͤtige und reiche Menſchen, die gegen 300 Handelsſchiffe beſizen, wo⸗ — *) Seite 202, d 25 von viele von anſehnlichem Tonnengehalte und wohl bewaffnet ſind. Ich habe gehoͤrt, und darf der An⸗ gabe glauben, daß ein Kaufmann in Hydra lebt, der ſich ein Vermoͤgen von einer Million Thalern er⸗ worben hat, und viele andre gleichfalls anſehnliche Summen im Handel haben.“ Ein bedeutender und immer zunehmender Handel wird in den joniſchen Inſeln getrieben. Ihre Ausfuhr beſteht hauptſaͤchlich in Oehl, Wein und Korinthen. Von dem letzt genannten Erzeugniſſe fuͤhrt Zante, meiſt nach England, 7,000,000 Pfund aus, von Oehl 60,000 Tonnen, und 4000 Faß Wein; Cephalonia ungefaͤhr eben ſo viel. Die vermiſchten Bewohner dieſer Inſeln ſchildert man als lebhaft und ſcharfſinnig, als ſchlau und thaͤtig im Geſchaͤftsverkehr, laͤrmend, geſchwaͤtzig und wortreich in ihrem Benehmen, zu Streit und Raͤnken geneigt. Von den verdorbenen Sitten und den La⸗ ſtern der Venediger angeſteckt, die mit Verbrechen handelten und dem Meiſtbietenden Strafloſigkeit ver⸗ kauften, waren ſie, in Hinſicht auf Sittlichkeit und Religion, in tiefen Verfall gerathen. Mordthaten geſchahen haͤufig, und der ganze geſellſchaftliche Zu⸗ ſtand, vom Hoͤchſten bis zum Niedrigſten, war ver⸗ derbt und verwildert. Engliſche Berichte verſichern uns, daß der Zuſtand der Bewohner ſich ſeit der letz⸗ einer ſeltenen Hinterliſt, einer unverſoͤhnlichen Rach⸗ 26 ten Staatsveraͤnderung verbeſſert habe; die Parteiungen ſollen unterdruͤckt, wo nicht gar voͤllig ausgetilgt ſein, die Geſetze treu und ſtrenge vollzogen werden und Mordthaten ſelten vorkommen. Die Griechen auf dem Veſtlande haben mehr, als die Inſelbewohner, ihre urſpruͤngliche Eigenheit bewahrt. Man findet darin noch immer ſo viele Verſchiedenheiten, als in irgend einem Zeitpunkte ihrer Geſchichte. Andre Verſchiedenheiten entſpringen aus der Vermiſchung mit roͤmiſchem, gothiſchem, cataloniſchem, venediſchem und tuͤrkiſchem Blute. Will man die Sinnesart der Griechen richtig beur⸗ theilen, ſo muß man das Volk im Einzelnen betrach⸗ ten und zugleich alles Moͤgliche zu ihren Gunſten auslegen, da ſie unter tuͤrkiſchem Einfluße ſtehen, und ihr Betragen in nicht gewoͤhnlichem Grade durch die perſoͤnliche Eigenheit des Paſcha's oder Aga's, der ſie beherrſcht, beſtimmt wird. Auf dem griechi⸗ ſchen Veſtlande, mit Ausnahme von Megaris, Attika und Morea, iſt der Einfluß des Ali Paſcha und ſeiner Soͤhne vorherrſchend, und, wie wir geſehen haben, iſt er jetzt der Pforte zu maͤchtig ge⸗ worden. D. Holland ſchildert ihn als einen Mann von ſchneller Faſſung, ſcharfer Beobachtung, Kraft und Veſtigkeit im Handeln, verbunden mit 1 27 ſucht und einer gaͤnzlichen Verachtung aller Grund⸗ ſaͤtze, die der regen Ehrſucht widerſtreiten, welche die Haupttriebfeder ſeines Gemuͤthes iſt. In hohem Grade beſitzt er die Kunſt, durch ein offenes, mildes, ja freundliches Benehmen zu bezaubern. Der ge⸗ nannte Reiſende erhellet aber das finſtere Gemaͤhlde, das er von Ali gibt, durch einige Lichter.„Einen Beweis ſeines ausgezeichneten Verſtandes, ſagt Holland, findet man auch darin, daß er von volk⸗ thuͤmlichen und religioͤſen Vorurtheilen freier iſt, als man es gewoͤhnlich bei tuͤrkiſchen Machthabern findet. Er hat verſchiedene nuͤtzliche Erfindungen gebildeter Voͤlker mit Eifer in ſeinem Gebiete eingefuͤhrt, zahl⸗ reiche Raͤuberbanden zerſtoͤrt, welche die friedlichen Bewohner des Landes bedraͤngten, Straßen anlegen, Bruͤcken bauen und Verbeſſerungen im Ackerbau ein⸗ fuͤhren laſſen. Dieſes ruͤhmliche Streben hat mit dem Schrecken, das ſeine Verwaltung einfloͤßt, Ehr⸗ furcht verbunden, und ſelbſt diejenigen, welche, auſſer dem Bereiche ſeines maͤchtigen Armes, ihren Haß gegen ſeine Willkuͤhr ausſprechen duͤrfen, muͤſſen ein⸗ geſtehen, daß Albanien unter ſeiner alleinigen ſtrengen Herrſchaft mehr Gluͤck und Wohlſtand ge⸗ nießt, als zu der Zeit, wo es unter zahlreichen Haͤupt⸗ üingen getheilt und durch ſtete Kriege gequaͤlt war. Mit dieſer Meinung iſt keinesweges eine Billigung 28 der Grundſatze der Wilkkuͤhrherrſchaft verbunden. Die Geſchichte aber bewahrt uns die Erfahrung auf, daß ein einziger Zwingherr dem Gluͤcke eines Volkes minder nachtheilig iſt, als Zwingherrſchaft, unter Viele getheilt, und der Weßir von Albanien iſt nur dadurch ſelber ein Gewaltherrſcher geworden, weil er zahlreiche Zwingherren vernichtet hat, die fruͤher das zerruͤttete und getheilte Land auspluͤnderten.“ Die Gebirgbewohner von Albanien hat man immer als tapfer, entſchloſſen, unternehmend und unermuͤdet geſchildert. Aus ihnen hat Ali Paſcha ſeine treueſte Leibwache, ſeine beßten Krieger genom⸗ men.„Der albaniſche Bauer oder Kriegsmann— Woͤrter, die man in dieſem Lande immer fuͤr gleich⸗ bedeutend nimmt— zeigt ſich hier ganz in ſeiner volkthuͤmlichen Eigenheit und Tracht, ſagt D. Hol⸗ land.*) Meiſt kraͤftige Geſtalten, deren Zuͤge ver⸗ rathen, daß dieſe Maͤnner noch nicht zu ſtlaviſcher Geſchmeidigkeit ſich gebeugt haben; dabei ein eigener Stolz im Gang und Benehmen, und eine Tracht, welche die ganze Geſtalt auffallender und mahleriſcher macht, als Alles, was ich je geſehen habe. Fuͤr ein Auge, das ſich noch nicht gewoͤhnt hatte, kleine Ver⸗ — *) Seite 98 ff „»— »— 29 ſchiedenheiten zu bemerken, wo Alles neu war und Ehrfurcht gebot, war das Aufeallendſte in dieſer Tracht der loſe uͤber die Schultern fallende, hinten bis auf die Kniee hinab reichende, Mantel von grobem braunem Wollenzeuge, mit einem Saume von ro⸗ then Faͤden; die beiden Weſten, wovon die aͤuſſere offen, zuweilen von gruͤnem oder purpurfarbigem Sammet iſt und bis auf die Huͤften reicht, die innere aber in der Mitte mit Borten beſetzt und reich ver⸗ ziert iſt; eine breite Schaͤrpe oder ein Wehrgehenke um die Huͤften, worin eine Muskete, oder zuweilen auch deren zwei, und ein großes Meſſer getragen werden; die Schaͤfte dieſer Gewehre oft ſehr lang, und kuͤnſtlich mit Silber verziert; ein grobes Baum⸗ wollenhemd, das unter dem Guͤrtel hervor kommt, bis ein wenig unter die Kniee hinab reicht, beinahe dem ſchottiſchen Schurz aͤhnlich, und die baumwolle⸗ nen weiten Hoſen bedeckt; der lange Saͤbel; die kreisfoͤrmigen Schienen von Metall, welche Kniee und Knoͤchel beſchuͤtzen; die bunten Struͤmpfe und Sandalen; die kleine rothe Muͤtze, die gerade nur den Scheitel bedeckt, und unter welcher das Haar uͤppig nach hinten faͤllt, waͤhrend es vorne ſo kahl geſchoren iſt, daß Vorderhaupt und Schlaͤfe ganz ent⸗ bloͤßt ſind. Dazu kommt der Obermantel, eines der auffallendſten Stuͤcke der Albaniertracht, ein grobes, 30 zottigee, wollenes Gewand, mit offenen Aermeln und mit einem viereckigen Lappen hinten, der zuweilen als Kappe dient, nicht ſelten von grauer oder weißer Farbe; einer uͤber den Ruͤcken geworfenen Ziegen⸗ haut nicht unaͤhnlich. Ich wage es nicht, zu ent⸗ ſcheiden, ob dieß das Sagum der Alten ſei, aber ohne Zweifel hat der Anzug des Albaniers viel Aehn⸗ lichkeit mit der Tracht des griechiſchen und roͤmiſchen Soldaten. In ihren Außenlinien gleicht dieſe Volks⸗ tracht keiner andern ſo ſehr, als der Tracht der ſar⸗ diniſchen Bauern. Die Vergleichung faͤllt aber ganz zum Vortheile des Albaniers aus, und der halb nackte Sarde, wie man ihn in den Straßen von Cagliari ſieht, iſt nur ein ſchwaches Abbild der ſtolzen Geſtalten, die das Schloß des Ali Paſcha bewachen.“ 3 Den Albaniern im noͤrdlichen Griechenlande ſehr aͤhnlich, ſind dee Mainoten auf der ſuͤdlichen Spitze von Morea. Dieſes Volk, das man fuͤr die Abkömmlinge der alten Spartaner haͤlt, war ſo kuͤhn und entſchloſſen auf dem Meere, als die Epi⸗ roten auf dem Lande; in den neueſten Zeiten aber ſind ihre Seeraͤubereien durch Gewoͤhnung an fried⸗ liche Betriebſamkeit und durch den zunehmenden Handel ſehr beſchraͤnkt worden. Als der Franzoſe 31 Guilletiere*) im Jahre 1669 Griechenland bereiſete, war es unſicher fuͤr Schiffe, ſich dem ſuͤd⸗ lichen Vorgebirge von Maina zu naͤhern. Reihen von Felſengrotten an der Kuͤſte dienten den Moͤn⸗ chen oder Prieſtern als Zellen und Einſiedeleien, wo ſie, immer auf der Lauer, bei der Annaͤherung von Schiffen, ein Zeichen gaben, und zur Belohnung den Zehnten der Beute zum Vortheile der Kirche erhielten. Tuͤrken und Chriſten wurden ohne Unterſchied ge⸗ fangen und als Sklaven verkauft, die Tuͤrken an Chriſten, und die Chriſten an Tuͤrken; ja ſie raub⸗ ten und verkauften ſogar einander ſelbſt. Jener Reiſende berichtet einen luſtigen Vorfall, der ſich zwei Tage vor ſeiner Ankunft an der Kuͤſte ereignete. Zwei Seeraͤuber zankten ſich uͤber die Beute eines geraubten Schiffes aus Venedig, und einer von ihnen erſah die Gelegenheit, ſeines Freundes Weib zu rauben, um ſie dem Hauptmanne eines Raub⸗ ſchiffes aus Malta zu verkaufen, das eben auf der Rhede lag. Der Schiffhauptmann fand den Preis zu hoch und verſicherte dem Verkaͤufer, er habe ſo eben eine weit huͤbſchere Frau fuͤr die Haͤlfte des ge⸗ *) Lacedémone antique et nouvelle, où P'on voit les moeurs et les coustumes des Grecs modernes, des Mahometans et des Juifs— Paris 1676, 2 Bde. 12⸗ 2 32 foderten Geldes gekauft, und wollte ihn ſelber ur⸗ theilen laſſen. Die Frau ward herbei geholt, und der Mainote ſah zu ſeinem groͤßten Erſtaunen ſeine eigene Frau, da ſein Mitbruder ihm den Vorſprung abgewonnen hatte. Nichts blieb nun uͤbrig, als dem Hauptmann auch die andre Frau füͤr ſein Gebot zu uͤberlaſſen, und die beiden Ehemaͤnner hielten es fuͤr das Beßte, ſich zu vertragen, und ihre Bemuͤhungen zur Wiedererlangung ihrer Weiber zu vereinigen, um nicht fuͤr immer ein Gegenſtand des Spottes ihrer Landsleute zu werden. Nur ſehr wenige Reiſende haben ſich unter die Mainoten gewagt; aber das Schrecken, welches die⸗ ſes Volk einfloͤßt, ſcheint mehr eingebildet, als ge⸗ gruͤndet, und aus ihrem tiefgewurzelten Haſſe gegen die Tuͤrken entſtanden zu ſein. Sibthorp und Morrit, die im Jahre 1795 durch das Gebiet von Maina zogen, fanden die Gemuͤthsart der Be⸗ wohner den gewoͤhnlichen Schilderungen gerade ent⸗ gegengeſetzt. Ueberall wurden ſie mit Aufmerkſam⸗ keit und Freundlichkeit behandelt. Sie hatten Urſache zu glauben, daß die Freundſchaft der Mainoten un⸗ verbruͤchlich ſei, wie verraͤtheriſch und grauſam auch ihre Feindſeligkeit ſein moͤge, und daß ein Fremder in ihrer Mitte ein eben ſo heilig geachtetes Gaſtrecht genieße, als unter den Arabern. Jeder Haͤuptling 33 empfing die Reiſenden mit ausgezeichneten Beweiſen von Wohlwollen und Gaſtfreundſchaft, geleitete ſie bei der Abreiſe jedesmal ſicher zu dem naͤchſten Haͤupt⸗ linge, und Alle wuͤnſchten ſo eifrig, die Fremden zu bewirthen, daß die beiden Reiſenden ſahen, man wuͤrde es fuͤr eine Beleidigung halten, wenn ſie einen Haͤuptling voruͤber gehen wollten, ohne ihm einen Beſuch zu machen. Dieſe ſehr zahlreichen Haͤuptlinge der Mainoten wohnen in viereckigen, ſtark beveſtigten Thuͤrmen. In der Ausuͤbung ihrer Gewalt gleichen ſie, in man⸗ cher Hinſicht, den Haͤuptern der ehemaligen Clane im ſchottiſchen Hochland. Sie liegen haͤufig in Feh⸗ den mit einander. Zu Hauſe ſind ſie Richter ihres Stammes, im Felde ſeine Kriegsfuͤhrer. Der maͤch⸗ tigſte Haͤuptling hat den Titel Bej. Er unterhan⸗ delt mit den Tuͤrken uͤber die jaͤhrliche Abgabe; denn kein Tuͤrke darf in irgend einem Theile des Gebietes von Maina wohnen.„Hier, ſagt Sibthorp, ſcheint die Natur des Menſchen ihre aufrechte Ge⸗ ſtalt wieder anzunehmen, und wir ſahen nichts mehr von der Knechtsgeſtalt des Gemuͤthes und des Leibes, wodurch die, von den Tuͤrken unterjochten Griechen ſich auszeichnen.“ Jeder Mann traͤgt ſeine Kugel⸗ buͤchſe, und jede Frau wird in den Waffen geuͤbt. Bei jedem Dorfe iſt ein Freiplatz, wo die Knaben 4 3 34 B ſich mit Schilden uͤben, und ſelbſt die Maͤdchen und aͤltern Frauen nehmen Theil an dieſen kriegeriſchen Beluſtigungen. Nach dieſen Uebungen folgen immer Taͤnze auf dem Raſenplatze. Leicht und gewandt ſind die Geſtalten der Weiber und ihre Zuͤge reizend⸗ Die Maͤnner ſcheinen fuͤr dieſe Vorzuͤge nicht unem⸗ 6 pfaͤnglich zu ſein. Der Haͤuptling erzaͤhlte den Rei⸗ ſenden, die Weiber haͤtten nicht ſelten ihreVaͤter und Bruͤder in den Krieg begleitet, und immer waͤren die V Maͤnner deſto eifriger geweſen, ſich vor den Augen ihrer Kampfgenoſſinnen auszuzeichnen. Ein anderer, nicht minder volkthuͤmlicher Zug der Mainoten iſt der offene, trauliche Umgang, der zwiſchen beiden Geſchlechtern zu herrſchen ſcheint. Die Weiber ſind hier die Vertrauten ihrer Maͤnner und nehmen Theil an der Erziehung der Kinder und b an der Fuͤhrung des Hausweſens. Kurz, ſie genie⸗ ßen voͤllige Freiheit, und ſcheinen derſelben nicht un⸗ wuͤrdig zu ſein. Beiſpiele ehelicher Untreue ſollen ſehr ſelten vorkommen. Ein armer teutſcher Fiedler, der ein Jahr vor jenen Reiſenden in Maina ge⸗ weſen war, hatte ein huͤbſches Maͤdchen durch eine Beleidigung ihrer Keuſchheit ſo heftig aufgebracht, daß ſie ihr Piſtol zog, und ihn auf der Stelle niederſchoß. Maina iſt ſehr volkreich. Die Inwohner be⸗ 3⁵ kennen ſich zum griechiſchen Glauben. Ihre Kirchen ſind zahlreich, reinlich und werden haͤufig beſucht. Der Boden iſt im Ganzen unfruchtbar und ſteinig; aber die Erde, welche durch Regen und Gießbaͤche von den hoͤhern Gegenden herab geſchwemmt wird, weiß der unermuͤdete Fleiß der Bewohner auf un⸗ zaͤhligen kuͤnſtlichen Ebenen und Erhoͤhungen veſt zu halten. Dieſe Terraſſen ſind mit Korn, Mais, Oehlbaͤumen und Maulbeerbaͤumen bedeckt, die aus dem Felſen ſelbſt hervor zu ſproßen ſcheinen⸗ Meiſt auf allen Huͤgeln ſieht man Bienenſtoͤcke, deren Ho⸗ nig faſt dem hymettiſchen gleicht, nur von beſſerer Farbe iſt. Das Weideland in der Umgegend des Gythion iſt noch immer wegen ſeiner Kaͤſe be⸗ ruͤhmt, die zu den Zeiten der alten Spartaner im übrigen Griechenland ſehr geſchaͤtzt waren.*) Man irret ſich, wenn man glaubt, daß man in Athen den heutigen Griechen in ſeiner echten Ge⸗ ſtalt finde. Nach den Berichten der Reiſenden ſind die Maͤnner in dieſer beruͤhmten Stadt weniger ſitt⸗ lich, und die Frauen haͤßlicher, als in den uͤbrigen griechiſchen Staͤdten. Die Inwohner theilen ſich noch immer, wie vor Alters, in vier Klaſſen: Land⸗ bauer, Gewerbleute, Krieger und Prieſter. Zur er⸗ *) Morrit in Walpole's Memoirs. 1 2* 3⁵ ſten Klaſſe gehoͤren die Albanier; die Griechen be⸗ ſchaͤftigen ſich mit Handel und Handwerken, die Tuͤrken bewachen die Stadt und rauchen, die Prieſter thun nichts. Die meiſten fruͤhern Reiſenden ſchildern die Athe⸗ ner als ein ſehr verſchlagenes Volk, und ein altes Sprichwort ſtellt die geringere Volksklaſſe in Attika in eine Reihe mit den Juden in S alonichi und den Tuͤrken in Negropont. Es ſcheint jetzt nicht viel beſſer zu ſein.„Lieber Herr, ſprach, mit luſti⸗ ger Ernſthaftigkeit, ein franzoͤſiſcher Kaufmann, Nahmens Noque, zu Lord Byron: es iſt noch im⸗ mer daſſelbe Geſindel, wie in den Tagen des Themiſtokles.“ Fluͤchtig abſprechende Meinungen der Art ſind allerdings nicht viel werth⸗ Spon, ein geſetzter, verſtaͤndiger Mann, der viel Verkehr mit den Griechen hatte, beſchreibt*) ſie als betrieb⸗ ſam, maͤßig lebend, keuſch, und geduldig unter dem Drucke; aber neben dieſen guten Eigenſchaften ſind die ſchlechten noch ziemlich dieſelben, die Themiſtokles ihren Vorfahren zuſchrieb: Eitelkeit, Ziererei, Unbe⸗ ſtändigkeit, Gewinnſucht, Neuerungluſt und Hang zur Wortbruͤchigkeit. Wenn Mangel an Wahrhaf⸗ tigkeit, wie faſt alle Schriftſteller behaupten, den *) In dem angefuͤhrten Werke. 37 Griechen in allen Zeitaltern vorgeworfen werden konnte, ſo kann man eine Veredlung in dieſer Hin⸗ ſicht unter den jetzigen Umſtaͤnden kaum erwarten. „Ihr Leben, ſagt Lord Byron,*) iſt ein Kampf gegen Wahrheit, und ſie ſind laſterhaft, um ſich zu vertheidigen. Sie ſind an wohlwollende Behandlung ſo wenig gewohnt, daß ſie, wenn man ihnen zuwei⸗ len ſo etwas zeigt, argwoͤhniſch werden, wie ein oft geſchlagener Hund nach unſern Fingern ſchnappt⸗ wenn wir ihn liebkoſen wollen.“ Einen guten Zug des heutigen Volkſtammes darf man nicht uͤberſehen. Die Prieſter, vom Hoͤch⸗ ſten bis zum Niedrigſten, empfangen den Fremdling mit offenen Armen in ihren Wohnungen; der Bauer iſt ſtets bereit, ſeine aͤrmliche Wohnung und ſeine grobe Koſt mit ihm zu theilen; und die Thuͤre des reichen Kaufmannes iſt dem Europuͤer von anſtaͤndi⸗ gem Aeuſſeren nie verſchloſſen.„Der Reiſende iſt in Attika, ſagt Dodwell,**) ganz ſicher; die Inwohner ſind guͤtig und gaſtfreundlich gegen Fremde, und nie habe ich Unhoͤflichkeiten, oder Erpreſſungen erfahren. Die alterthuͤmliche Gaſtfreiheit, die den *) Anmerkungen zu Child Harold. **) In ſeiner Classical and topographical Tour through Grcecc. dͤberſ. von Sickler, Meiningen 1821.) 38 Griechen ſo heilig war, wird zum Theil noch aus⸗ geuͤbt. Der Reiſende, der zum Zweitenmal durch eine Gegend koͤmmt, kann denjenigen, der ihn fruͤher guͤtig aufgenommen, nicht empfindlicher beleidigen, als wenn er nicht wieder bei dem Gaſtfreunde ein⸗ kehrt.“ Die Protogeroi, oder Primaten, ſind ver⸗ pflichtet, auf die Beduͤrfniſſe der Reiſenden zu achten, und ſie entweder in ihren eigenen Wohnungen zu empfangen, was gewoͤhnlich geſchieht, oder ihnen Herberge und Bewirthung unter den billigſten Be⸗ dingungen zu verſchaffen. Jeder biedre Reiſende, der Gelegenheit gehabt hat, mit den Griechen umzugehen, wird gern be⸗ kennen, daß die hoͤhern Klaſſen ihre jetzige Herab⸗ wuͤrdigung tief empfinden, und nicht ohne Begeiſte⸗ rung und Verehrung an ihre alten Helden, an ihre Dichter, Weiſen und Staatsmaͤnner denken, die jedem Volke Ehre bringen wuͤrden. Es wuͤrde un⸗ gerecht ſein, wenn man das Volksgefuͤhl nach den⸗ jenigen beurtheilen wollte, welche, wie D ouglas*) uns erzaͤhlt, nach wilden Ausrufungen des Mitleids mit ihrem Vaterlande und des Haſſes gegen deſſen Unterdruͤcker, an den Raͤnken in dem Vorzimmer eines Woiwoden**) Theil nehmen, und ein arm⸗ ) Im angefuͤhrten Werke. **) Der tuͤrkiſche Abgabenpachter eines Bezirks. — — 39 ſeliges Aemtchen in ſeinem Haushalt durch die ſchwaͤr⸗ zeſten Verlaͤumdungen gegen ihre Mitſklaven erkau⸗ fen. D. Holland, den man in vielen Hinſichten fuͤr einen verſtaͤndigern Beurtheiler der Gemuͤthsart der Griechen halten muß, als Douglas, gibt uns viele glaͤnzende Beiſpiele einer Denkart und eines Benehmens, die das Gegentheil von dem Betra⸗ gen jener raͤnkevollen Menſchen in Athen ſind. Wenn Vellara, einer der Aerzte des Veli Paſcha zu Lariſſa, uͤber ſeinen Lieblingsgegenſtand, die Befreiung ſeiner Landsleute, ſprach, zeigte er, wie Holland uns erzaͤhlt, eine vertraute Bekanntſchaft mit den alten Schriftſtellern, eine kraͤftige Begeiſte⸗ rung fuͤr die alte Herrlichkeit ſeines Landes, und blickte er von dieſen Gegenſtaͤnden zuweilen auf den herabgewuͤrdigten Zuſtand Griechenlands, ſo geſchah es mit einem Tone, worin Schwermuth und Spott verſchmolzen waren, einem Tone, der das Gemuͤth des Mannes enthuͤllte, und nicht uͤbel zu dem Ge⸗ genſtande paßte. Die Sinnesart eines Volkes erhaͤlt ſtets ſeine Hauptrichtung durch den Glauben, wozu es ſich be⸗ kennt. Alle Griechen, mit Ausnahme der Albanier, die ſich bei Ali Paſcha haben anwerben laſſen, ſind Chriſten. Die Reinheit der chriſtlichen Lehre hat 40. freilich gelitten und ihre Einfachheit iſt entſtellt wor⸗ den durch vielerlei heidniſchen Aberglauben, den ein⸗ gewurzelte Vorurtheile auf die chriſtlichen Gebraͤuche geimpft haben. Es waͤre auch vielleicht wohl zu viel verlangt, daß ein Volk, welchem jede Stelle ſeines Vaterlandes etwas Geweihtes hat, auf einmal jene heiligen Zufluchtoͤrter verlaſſen ſollte, die ihm durch ſo viele Erinnerungen an alte Herrlichkeit theuer ſind. Es war ſehr natuͤrlich, daß in den erſten Zeiten des Chriſtenthums Kirchen aus den Truͤmmern heidniſcher Tempel erſtanden, und gemahlte Heiligen die Stelle marmorner Goͤtterbilder einnahmen; daß jeder Huͤ⸗ gel, jeder Hain, jede Quelle, jede Hoͤhle ein eigenes Kapellchen erhielt, und wirklich ſind viele von ihnen bis auf den heutigen Tag, Zufluchtoͤrter des Aber⸗ glaubens, wo man bei gewiſſen Gelegenheiten dem Schutzheiligen Weihopfer darbringt, um ein drohen⸗ des Uebel abzuwenden, oder ein gehofftes Gut ſich zu ſichern. In dieſer Hinſicht ſind die heutigen Grie⸗ chen ganz den Alten gleich. Sie beobachten mit der groͤßten Gewiſſenhaftigkeit die eingefuͤhrten Gebraͤuche ihres Glaubens.„Ein Grieche, ſagt Douglas, hat entweder einen Feſttag, oder einen Faſttag, und ein Schwarm, den ich einſt unter freiem Himmel 3 vor der Burg auf der Inſel Zante zweihundert Schafe braten ſah, haͤtte mich auf den Gedanken 41 bringen koͤnnen, daß dem Jupiter, und nicht der Panagia*) der Tag geweiht ſei.“ Es wuͤrde gut fuͤr die Griechen ſein, ſelbſt ſo lange das tuͤrkiſche Joch ſie druͤckt, wenn eine Ver⸗ beſſerung in ihren kirchlichen Einrichtungen ſtatt faͤnde. Die Zahl der Faſttage und Feſte nimmt drei Vier⸗ theile des Jahres weg. Die zahlreichen geringern Geiſtlichen, die arm ſind und haͤufig mit Handar⸗ beiten ſich beſchaͤftigen, muͤſſen groͤßtentheils von der Gemeine unterhalten werden. Es wimmelt in den Kloͤſtern von Caloyeren, oder Moͤnchen, und von Papas, oder Pfarrgeiſtlichen, in jedem Dorfe. Ihre Einkuͤnfte ſind ſo duͤrftig, daß in der Regel nur Leute aus der niedern Volksklaſſe geiſtliche Stellen ſuchen; Alle ſind in der That Kinder von Armen, und haben nichts gelernt, als Leſen und Schreiben der Volkſprache, des Romaik, ausgenommen,“ daß ſie auch die griechiſche Liturgie in der helleniſchen Sprache, ohne ſie zu verſtehen, lernen müſſen. Die Biſchoͤfe, die im Verhaͤltniße zu der uͤbrigen Geiſt⸗ lichkeit zahlreich zu ſein ſcheinen, haben im Allge⸗ meinen nur geringe Einkuͤnfte. Nichts war arm⸗ ſeliger, als die ganze Einrichtung des Biſchofs von Salona, den Dodwell beſuchte.„Es gab *) d. i. die Allheilige, die heilige Jungfrau. 4² nichts zu eſſen, ſagt er, als Reiß und ſchlechten Kaͤſe; der Wein war abſcheulich, und ſo ſtark mit Harz (Terpentin) verſetzt, daß er uns faſt die Lippen wund beizte.“ Die Erzbiſchoͤfe ſind, wie es ſcheint, die einzigen Kirchenbeamten, die nicht unter Armuth erliegen, aber ſie kaufen ihre Stellen von dem Patriarchen in Konſtantinopel, der ſeine Wuͤrde ſelbſt von der Pforte kauft. Polykarp, der Erzbiſchof von Lariſſa, hat neun Bisthuͤmer in ſeinem Sprengel, und ein jaͤhr⸗ liches Einkommen von ungefaͤhr 60,000 Thalern. Dieſer Geiſtliche war ohne alle Gelehrſamkeit, konnte keine andre Sprache, als das Romaik und das Al⸗ baniſche, und radebrechte ein wenig das Italieniſche; aber bei den gottesdienſtlichen Gebraͤuchen fand Hol⸗ land das Benehmen dieſes Mannes wuͤrdig und er⸗ hebend, und wenn derſelbe waͤhrend des Hochamtes von ſeinem Sitze aufſtand und ſegnend ſeine Haͤnde uͤber das Volk ausbreitete, mit den einfachen, ſchoͤnen Worten: Eaun xas— Friede Allen! war etwas unerreichbar Feierliches und Ruͤhrendes in der Handlung. Die ſchwarze Seidenkappe uͤber dem viereckigen Hute, das volle Purpurgewand, reich mit Golde geſtickt, und der lange, ſchwarze Bart, gaben ihm ein ehrwuͤrdiges, fuͤrſtliches Anſehen.„Die Verzierungen ſeines Gewandes und ſeiner Biſchofs⸗ 4³ mütze an feſtlichen Tagen, ſollen auſſerordentlich glaͤnzend und praͤchtig ſein, ſetzt Holland hinzu, und die Geſchichte von Adam und Eva, die in Gold mit Perlen darauf geſtickt iſt, gab dem Erzbiſchofe Anlaß zu einigen Aeuſſerungen uͤber den Gegenſtand, die ſo frei waren, daß ſie mich in ſeinem Munde nicht wenig uͤberraſchten.“ Bei dieſer Gelegenheit erfahren wir, daß die gereiſten Griechen mit ihren Kenntniſſen ſehr ſchlaffe Grundſaͤtze uͤber Religion und Sittlichkeit von den Univerſitaͤren Italiens mit⸗ gebracht haben, und D. Holland erwaͤhnt beſon⸗ ders den Ton ſpottender Zweifelſucht, womit der vor⸗ hin genannte Vellara, des Erzbiſchofs Geſellſchaf⸗ ter, ſich aͤuſſerte. Die Caloyere oder Moͤnche ſind unſtreitig die unnuͤtzeſten Diener der griechiſchen Kirche, wenn ſie überhaupt dazu gerechnet werden können. Eine ſon⸗ derbare, aber ſehr unnüuͤtze Anſiedlung derſelben fin⸗ det man in dem ſchoͤnen Thale des Peneus. Hier erheben ſich einzelne nackte Felſenmaſſen, in der Ge⸗ ſtalt verſtummelter Kegel oder Pyramiden, von hun⸗ dert bis zu fuͤnfhundert Fuß Hoͤhe. Auf den Spitzen dieſer Felſen ſieht man viele Kloͤſter, wie Tauben⸗ haͤuſer auf Pfeilern, die zuweilen die ganze Flaͤche des Felſens bedecken. Dieſe luftigen Denkmale der Eitelkeit und des Aberglaubens ſind nur mittels 44 Stricken, oder auch durch Leitern erſteigbar, wenn der Felſen Abſaͤtze hat, wo ſie angelehnt werden koͤn⸗ nen. Von den urſpruͤnglichen vier und zwanzig Kloͤſtern ſind nur noch zehn uͤbrig„ die andern hat man verlaſſen, weil der Felſen verwilderte und die Gebaͤude verfielen. Holland, der das Kloſter Ajos Stephanos, das gegen 180 Fuß hoch liegt, beſuchte, gibt uns folgenden Bericht*) davon: „Wir ſtiegen auf einem Schneckenpfade allmaͤhlich aufwaͤrts, bis wir an den Fuß einer ſteilen Klippe kamen, wo wir das Kloſter gerade uͤber uns ſahen. An einem vorragenden hoͤlzernen Schirmdache hing ein Strick herab, der oben uͤber einen Kloben ging,. Von der Hoͤhe blickte ein Mann hinab, dem unſer Tatar laut zurief, um ihn mit unſerm Verlangen bekannt zu machen, das Kloſter zu erſteigen; aber die Moͤnche waren eben in ihre Kapelle, und wir mußten zehn Minuten auf Antwort warten. End⸗ lich kam ein dickerer Strick von dem Kloben herab, woran ein kleines Stricknetz beveſtiget war, das uns in die luftige Wohnung bringen ſollte. Das Netz war bald unten. Unſer Tatar und ein Bauer, den wir mitgebracht hatten, breiteten es aus einander, bedeckten den untern Theil mit einem albaniſchen *) S. 340 ff. 43 Dkerkleide, und ich ſetzte mich mit meinem Freunde in das leichte Fahrzeug. Als wir hinauf gewunden wurden, zog unſer Gewicht die obere Oeffnung des Netzes zuſammen und wir lagen gekruͤmmt neben einander, kaum faͤhig, und auch wenig geneigt, Hand oder Fuß zu ruͤhren. Es ging ziemlich ſchnell auf⸗ waͤrts, und das Schirmdach mit dem Kloben ſtand ſo weit von der Felſenwand ab, daß wir gegen Ver⸗ letzung geſichert waren. Aber das Aufſteigen hatte etwas Furchtbares, und machte einen ganz andern Eindruck, als das Hinabſteigen in ein Bergwerk, wo man die Tiefe nicht ſieht, und die Seiten des Schachtes eine anſcheinende Sicherheit gegen Gefahr geben. Hier hingen wir ganz in der Luft; ein duͤn⸗ nes Stricknetz war unſere einzige Stuͤtze, und wir wußten nicht, ob die Maſchine ſicher war, die uns ſo ſchnell empor zog. Alles ging jedoch gluͤcklich und in weniger als drei Minuten waren wir oben. Als wir der Thuͤre des hoͤlzernen Schirmdaches gegenuͤber waren, erſchienen einige Moͤnche und andre Leute, die das Netz herein zogen und uns aus unſerer unan⸗ genehmen Lage erloͤſeten. Als wir uns umſahen, fanden wir, daß jene Leute die Winde gedreht hatten, mit deren Hilfe wir herauf gekommen waren, und einige von ihnen waren ſo ſchwaͤchlich und hinfaͤllig, daß wir uns unmöglich vorſtellen konnten, unſer Auf⸗ 45 ſteigen ſei nur ſcheinbar gefäͤhrlich geweſen. Unſer Diener war indeſſen auf einem noch beſchwerlichern Wege herauf gekommen, auf Leitern naͤmlich, die zwiſchen den Schichten des Felſens angebracht wurden, welche zu einem, mitten im Kloſter ſich oͤff⸗ nenden, unterirdiſchen Gange fuͤhren. 1 Die Gebaͤude ſind armſelig und verfallen. Ihre Buͤcherſammlungen ſcheinen aus einigen Baͤnden chengeſchichte zu beſtehen. Ueber den Urſprung ihrer Wohnungen wiſſen die Moͤnche nichts, und hatten keine andre Antwort als:„ſie ſind ſehr alt.“ Der Ausdruck wurde oft, ſagt Holla nd, auf eine Art wiederholt, die faſt wie Bloͤdſinn ausſah. Weibern iſt zwar, nach den Kloſtergeſetzen, der Zutritt ſtrenge verſagt, doch ſoll man Einige zur Beſorgung haͤus⸗ licher Geſchaͤfte im Kloſter haben. Ddiieſe Nachſicht gilt jedoch nicht in jenen Anſtal⸗ ten, die in einiger Hinſicht noch merkwuͤrdiger ſind, als die Gebaͤude auf jenen Felſen. Ich meine die beruͤhmten Moͤnchſitze auf dem Berge Athos, woruͤber wir eine anziehende Nachricht von D. Hunt*) haben, der mit Profeſſor Carlyle *) In Walpole's angefuͤhrter Sammlung. griechiſcher Homilien und einigen Schriften uͤber Kir⸗ 47 ſich einige Wochen in dieſen Kloͤſtern aufhielt, um griechiſche Landſchriften aufzuſuchen. Athos, jetzt Monte Santo, der heilige Berg, erhebt ſich auf einer großen, ins aͤgaͤiſche Meer vorſpringenden Halbinſel, gegen 5000 Fuß hoch. Der Gipfel iſt, mehre Monate lang, mit Schnee bedeckt. Die Landenge, welche die Halbinſel mit dem Veſtlande verbindet, iſt ein ſehr ſchmaler Ruͤcken, den auf der Abendſeite der Singetiſche, auf der Morgenſeite der Strymoniſche Buſen(jetzt Conteſſa) begraͤnzt. Am Fuße, und auf den niedrigern Abhaͤngen des Gebirges liegen zwei und zwanzig Kloͤſter, die in ihrer Groͤße, ihrem Bau und ihrer Lage zwar verſchieden, aber alle bald auf⸗ fallend ſchoͤn, bald auffallend praͤchtig ſind, und jedes iſt geeignet, die Langweile der Einſamkeit zu mildern, oder Andacht zu erwecken. Nichts geht uͤber die Schoͤnheit und die abwechſelnden Reize der Umge⸗ gend.„Die Dichtung, ſagt der oft erwaͤhnte Rei⸗ ſende Sibthorp, hat nie eine ſo wilde und mah⸗ leriſche Landſchaft geſchildert, und nie habe ich etwas Erhabeneres geſehen“ Ungeheure Eichen, Platanen und Kaſtanienbaͤume ſchmuͤcken die Schluchten und Abhaͤnge des Berges, deſſen hoͤhere Gegenden mit Fichten bedeckt ſind. Der Lorber, die Mirte, die Daphne(Daphne mezereum ⁷) und eine Menge 48. andrer ſchoͤner und duftender Geſtraͤuche wuchern üp⸗ pig zwiſchen den Felſen; Waͤldchen von Pomeranzen, Citronen und Feigenbaͤumen umgeben die Klöſter und die Zellen der Einſiedler. Nachtigallen und und andre Singvoͤgel fuͤllen die Luft mit ihren Lie⸗ dern, die man bis tief in die Nacht hoͤret.“ Jedes dieſer Kloͤſter hat ſeinen Abt, mit einer angemeſſenen Anzahl von Moͤnchen nnd von Laien, welche die Weinberge beſorgen, den Wein machen, Obſtbaͤume und Gemuͤſe ziehen und alle Arbeiten im Felde und in den Gaͤrten verrichten. Die Geſammt⸗ zahl aller Kloſterbewohner betraͤgt gegen ſechsrau⸗ ſend. Kein Weib darf die heiligen Graͤnzen des Berges Athos je betreten. Selbſt der tuͤrkiſche Woiwode, der auf der Landenge ſeinen Sitz hat, um die Abgaben zu erheben, darf ſein Harem nicht mit⸗ bringen und ſieht waͤhrend ſeiner langweiligen drei⸗ jaͤhrigen Amtsverwaltung kein weibliches Weſen. Nicht bloß Weiber allein, ſelbſt weibliche Hausthiere ſind ausgeſchloſſen; man findet keine Kuh, keine Katzinn, ja nicht einmal eine Henne. Milch, But⸗ ter und Eier, die Hauptnahrung der Kloſterbruͤder, muͤßen daher vom veſten Lande gebracht und zehnmal ſo theuer bezahlt werden, als man ſie auf dem Platze ſelbſt erzeugen koͤnnte. Die Moͤnche behaupten frei⸗ lih in allem Ernſte, ein weibliches Thier koͤnne nicht — 49 drei Tage auf dem heiligen Boden leben, aber trotz dem hoͤren ſie die Turteltauben um ſich her girren, Voͤgel niſten ringsum in den Wipfeln, Schwalben bruͤten ihre Jungen unter dem heiligen Dache, und Ungeziefer vermehrt ſich in den ſchmutzigen Kellern und ſelbſt auf dem Leibe der Kloſterbruͤder. Wer nicht mit dem Anbau des Bodens beſchaͤf⸗ tigt iſt, ſtrickt Struͤmpfe, bereitet Oehle und Eſſen⸗ zen, mahlt ſchlechte Heiligenbilder, oder ſchreibt Pſal⸗ ter ab, die man in der Stadt Charieſa auf der Halbinſel verkauft, oder gegen Kaffee, Zucker, Taback und Herzſtaͤrkungen vertauſchet. Dieſe allerdings ſehr unſchuldigen Beſchaͤftigungen koͤnnen, wie Hunt bemerkt, die armen Moͤnche gegen die Beſchuldigung rechtfertigen, daß ſie ein traͤges, laſterhaftes Leben fuͤhren, was man ihnen gewoͤhnlich vorwirft. Eine andre Frage iſt es, ob die gande Anſtalt dieſer Klo⸗ ſtergemeinden durchaus ſo nuͤtzlich ſei, als er es be⸗ hauptet.„Selbſt in ihrem jetzigen unterdruͤckten und herabgewuͤrdigten Zuſtande, ſagt er, iſt ſie vor⸗ theilhaft. Sie traͤgt dazu bei, die griechiſche Sprache gegen fortſchreitendes Verderbniß und gegen voͤllie Ausrottung durch die Eroberer zu ſichern, ſie hemmt oder verhuͤtet vielmehr gaͤnzlich den Abfall der Chri⸗ ſten in der europaͤiſchen, ja ſelbſt in der aſiatiſchen Tuͤrkei. Faſt alle griechiſchen Schullehrer(idasuaa³) 4 50 und die vornehmen Geiſtlichen kommen aus dieſer Pflanzſchule. Verbirgt ſich auch zuweilen ein Ver⸗ brecher, welcher der Gerechtigkeit entflohen iſt, in dieſen Mauern, ſo wird er doch in den meiſten Fäl⸗ len ſein Leben in einer Wohnung beſſern, die ſo gut dazu geeignet iſt, die Seele zu ernſtem Nachdenken zu bringen. Den Eid, den Jeder ablegen muß, der ein Moͤnch auf dem Berge Athos wird, iſt ſehr feierlich und einfach; er muß der Welt gaͤnzlich ent⸗ ſagen, und es wird ihm eingeſchaͤrft, ſich als voͤllig todt fuͤr alle weltlichen Angelegenheiten zu betrachten. Einige beobachten dieſes Geluͤbde ſo gewißenhaft, daß ſie fortan nie mehr ihren Geſchlechtsnahmen fuͤhren, nie mit ihren Verwandten und ehemaligen Freunden Verkehr haben, und ſich weigern, Fremden zu ſagen, aus welchem Lande, oder aus welcher Lebenslage ſie ſich zuruͤckgezogen haben.“ Die Anzahl dieſer gewiſſenhaften, alle Mitthei⸗ lung ſcheuenden Kloſterbruͤder ſcheint jedoch nicht ſehr zahlreich zu ſein, und es gibt wohl noch mehre Aus⸗ nahmen, als die merkwuͤrdige, die uns Sibthorp erzaͤhlt.„In einer der Einſiedeleien, die zum Pauls⸗ kloſter gehoͤren, ſagt er, fanden wir einen Caloyer, der ſeit vier und zwanzig Jahren auf dem Berge Athos wohnte, und uns mit wahrem Entzuͤcken in engliſcher Sprache anredete. Er ſtammte aus 51 Epirus; hatte ſieben Jahre als Matroſe auf un⸗ ſern Schiffen gedient, bis er endlich, der Beſchwerden und Gefahren des Seelebens muͤde, eine Zuflucht in dieſer reizenden Einſamkeit ſuchte. Er brachte ſeine Zeit keineswegs in moͤnchiſcher Traͤgheit hin. Wir fanden ihn ſehr beſchaͤftigt, eine grobe Art von Wol⸗ lenzeug zu weben, die auf dem Berge Athos vor⸗ zuͤglich gut gemacht wird. Seine Einſiedelei war ungemein niedlich, und beſtand aus einem Vorſaal und zwei Gemaͤchern. Vor ſeiner Thuͤre ſtand eine Laube, von einer Rebe beſchattet, die reiche Purpur⸗ trauben trug. Ein Garten auf dem Felſenabhange lieferte Kuͤchenkraͤuter und koͤſtliches Obſt, und mit vergnuͤgtem Blicke ſagte der Einſiedler:„Alles dieß iſt mein!“ Es iſt bereits erwaͤhnt worden, daß die Griechen mit ihrem neuen Glauben viele Gebraͤuche und aber⸗ glaͤubige Fererlichkeiten ihrer Vorfahren verbunden haben. Jede Quelle in einem anmuthigen und ein⸗ ſamen Haine, oder einer Hoͤhle wird als Heiligung (dyναᷣν) verehrt.„Zu dieſen Quellen, ſagt Douglas, ziehen die Griechen ſchaarenweiſe zu gewiſſen Zeiten, um den Heiligen anzurufen, deſſen Schutz ſie zu genießen glauben, und um durch Ge⸗ ſaͤnge und Taͤnze die frohen Gefuͤhle auszudruͤcken, welche ſolche Veranlaſſungen immer in den feurigen 4* 52. Gemuͤthern der Griechen erweckt haben.“ Die Kranken werden dahin gebracht, und wenn ſie geheilt von dannen gehen, wird eine Haarlocke, oder ein Streif Leinwand, zuruͤck gelaſſen, als Weihopfer, um die Macht des Heiligen und die Froͤmmigkeit des Weihenden zu bezeugen. Niie verlaͤßt ein Athener den Piraͤus,*) ohne dem heiligen Spiridion eine Kerze darzubringen, auf derſelben Stelle, wo einſt Diana Munychia ihre Opfer empfing. Keine Reiſe wird angetreten, kein Geſchaͤft begonnen, ohne dem Lieblingsheiligen ein Opfer zu weihen, und ſelbſt der Papas opfert eine von ſeinen Haarlocken auf dem Altare. Am erſten Mai iſt jede Thuͤre mit Blu⸗ menkraͤnzen geziert, und nichts als Muſik, Tanz und Froͤhlichkeit ſieht und hoͤrt man dann uͤberall in Griechenland. Dieſelbe Liebe zu Blumen, dieſelbe myſtiſche und bildliche Bedeutung gewißer Pflanzen, jetzt, wie in fruͤhern Zeiten.„Man machte mich mit einer Geheimſchrift bekannt, ſagt Douglas, deren Zeichen aus Blumen beſtanden. Man hat Entfuͤhrungen bloß mit Hilfe dieſer Erfindung ent⸗ worfen und ausgefuͤhrt, und es iſt einer der liebſten Zeitvertreibe der griechiſchen Maͤdchen, dieſe Sinn⸗ bilder ihres Wohlwollens, oder ihrer Abneigung auf 1 *) Der Hafen. die Wanderer zu werfen, die unter ihren vergitterten Fenſtern hingehen. 7. Selten findet man einen alten Hageſtolzen in Griechenland, und dennoch iſt kein Land ſo mit Moͤnchen uͤberſchwemmt, welchen das eheloſe Leben zur Pflicht gemacht wird. Unter den Landleuten werden die Ehen nach eigener Wahl und Neigung geſchloſſen, in den Staͤdten hingegen und bei den hoͤhern Staͤnden wird die Sache gewoͤhnlich von den Verwandten oder Freunden in Ordnung gebracht, ohne daß die Parteien einander vorher kennen lernen, oder von einer bejahrten Frau, die als Unterhaͤnd⸗ lerinn, wie die Proxenetria im Alterthum, die Wer⸗ bung uͤbernimmt und den Handel abſchließt. Iſt dieß geſchehen, ſo ſteht es den jungen Leuten frei, ſich zu ſeben und Umgang mit einander zu haben. Nicht immer aber wird ſolche Freiheit gewaͤhrt, und es gibt Faͤlle, wo es dem Braͤutigam nicht eher, als am Hoch⸗ zeittage, geſtattet iſt, ſeine Braut anzuſehen. Eine der Hauptbeſchaͤftigungen einer Braut iſt die Bereitung ihres hochzeitlichen Gewandes. Wenn ſie damit fertig iſt, wird ſie am Vorabend der Hoch⸗ zeit von ihren jungen Freundinnen in glaͤnzendem Aufzuge ins Bad gefuͤhrt. Fruͤh am folgenden Morgen begibt ſich der Braͤutigam zu dem Hauſe ihrer Aeltern, begleitet von vielen jungen Maͤnnern⸗ 54 welche ſingend und tanzend die Vollkommenheiten und Tugenden des jungen Paares laut verkuͤndigen. Endlich erſcheint auch die Braut, mit Armbaͤndern und Halsgeſchmeide beladen, von ihrem Vater und ihrer Brautjungfer(α⁴κιναν) gefuͤhrt. Langſam, mit abgemeſſenen Schritten und geſenkten Blicken geht ſie einher, und aus den Fenſtern ihrer Freunde regnet es Nuͤße, Kuchen und Blumenſtraͤußer, mit Gebeten und Wuͤnſchen fuͤr ihr Gluͤck. Die Mutter und die bejahrten Freunde ſchließen den Zug. Die Trauung wird mit viel abgeſchmackter Mummerei und wenig Feierlichkeit vollzogen. Der„ Braut und dem Braͤutigam werden abwechſelnd von einem der Prieſter Blumenkraͤnze aufgeſetzt, worein, wenn man ſie haben kann, Lilien und Kornaͤhren, als Sinnbilder der Reinheit und des Ueberfluſſes, geflochten werden; zwei goldne oder ſilberne Ringe werden mehrmal zwiſchen den Brautleuten gewechſelt, und die Feierlichkeit beſchließt ſich damit, daß Beide aus demſelben Becher Wein trinken. Die Braut wird alsdann in demſelben froͤhlichen Zuge in ihres Gatten Wohnung gefuͤhrt, und betritt ſie die Schwelle, 2 „welche noch, wie vor Alters, heilig iſt, ſo wird ſie 4 von ihren Angehoͤrigen ſorgfäͤltig hinuͤber gehoben. 55 Hat der Mann den mindeſten Zweifel gegen die un⸗ verſehrte Ehre ſeiner Braut, ſo laͤßt er ſie auf ein, mit einer Haut bedecktes Sieb treten, und ſollte es nicht dem Drucke weichen, ſo wuͤrde keinerlei Erlaͤu⸗ terung ihn bewegen koͤnnen, eine Frau zu nehmen, deren Ruf eine ſo unfehlbare Probe nicht zu beſtehen vermochte. Auf dem Lande geht die Braut, von ihren Braut⸗ jungfern und ihres Mannes Verwandten begleitet, von Haus zu Haus und erhaͤlt von jedem maͤnnlichen Bewohner einige Para oder Piaſter. Hunt be⸗ ſchreibt eine Braut, die von ihm das gewoͤhnliche Geſchenk erbat, mit folgenden Worten:„Kleine Geldſtuͤcke waren in ihre Haarflechten gereihet, die uͤber Ruͤcken und Schulter herab faſt bis auf die Erde reichten, die Haube aber war mit groͤßern Geld⸗ ſtuͤcken bedeckt, worunter viele alte Muͤnzen waren, wofur wir vergebens hohe Preiſe boten. Man ſagte uns, die Haube der Braut werde als ein Familien⸗ ſchatz betrachtet, und komme als Erbſtuͤck, von Zeit zu Zeit vermehrt, auf die Nachkommen, duͤrfe aber nie eine ihrer alten Zierden verlieren.„ In den ent⸗ legenen Gegenden Griechenlands iſt es gebräuchlich, jene Geſchenke vor der Hochzeit zu ſammeln. In einem Dorfe, Nahmens Mazi, nicht weit von 56 Livadia, hoͤrte Hobhouſe*) von einigen Land⸗ maͤdchen, mit welchen er ein Geſpraͤch anknuͤpfte, daß die Maͤnner in jener Gegend ſelten waͤren, und daher kein Maͤdchen heirathen koͤnnte, wenn ſie nicht gegen tauſend Piaſter ihrem Braͤutigam mitbraͤchte. „Wir ſahen mehre Maͤdchen unter ihnen, ſetzt er hinzu, die ihre Mitgift an ihren Haaren ſammelten, und die Flechten einer recht huͤbſchen Dirne, die faſt bis zu den Fuͤßen hinabreichten, waren von oben bis unten mit Para durchzogen. Die armen Maͤdchen waren in der duͤrftigſten Lage, und brachten oft, wie ſie uns mit Thraͤnen in den Augen verſicherten, ganze Tage ohne Nahrung zu, aber dennoch haͤtten weder die Muͤtter, noch die Toͤchter eine von den Ziermuͤn⸗ zen wegnehmen moͤgen, die einmal zur Mitgift be⸗ ſtimmt waren.“ Die meiſten alten Leichengebraͤuche, welche Ver⸗ ehrung gegen die Todten ausdruͤcken, ſind noch herr⸗ ſchend unter den heutigen Griechen. Der Todte wird in ſeinen beßten Anzug gekleidet, mit Blumen be⸗ kraͤnzt und in einem feſtlichen Zuge, den gedungene Traurer, laut klagend, eroͤffnen, zu Grabe getragen. Die Verwandten des Verſtorbenen bepflanzen oder *) A Jonrney through Albania, and other provinces of Turkey, in Europe and Asia, to Constantinople, during the years 1809& 10. London 1815. 4. 57 beſtreuen zu gewiſſen Zeiten das Grab mit Blumen. Oft ſieht man zu beſtimmten Jahreszeiten Weiber auf den Graͤbern ſitzen, den Blumenſchmuck zu er⸗ neuern, oder die Pflanzen zu begießen.„Nicht Blumen allein aber, ſagt Douglas, ſind die Opfer, welche die Griechinnen mit frommer Hanb den Graͤbern weihen. Kuchen von Honig, Mehl und Oehl, oder die Colyva, ein Pudding von ge⸗ kochtem Weizen, Honig und Mandeln, vertreten noch immer, bedeutunglos, die Stelle des Mehles mit Honig(mellitum far,) des Suͤhnemahles fuͤr den Cerberus, oder des Kuchens meAavos, deſſen ſich die Alten bei derſelben Gelegenheit bedienten.“. Die Griechen ſtellen die Peſt unter einem Bilde dar, wie ihre Vorfahren es auch thaten. Es iſt eine alte, ſchwarzgekleidete Frau, die waͤhrend der Nacht auf jedes Haus, wo ſie voruͤbergeht, ein toͤdliches Gift haucht. Aber ſie beſitzen Amulete, Zauber und Traͤnke gegen jedes ihnen drohende Ungluͤck, und wenn auch das Mittel fehl ſchlaͤgt, ſo zweifeln ſie doch nicht an den Tugenden des Gegengiftes, ſondern nur an der gehoͤrigen Vorſicht desjenigen, der Ge⸗ brauch davon gemacht hat. Thorheiten der Art, im Glauben und im Handeln, herrſchen noch immer, wie in alten Zeiten. Wird das Auge von einer un⸗ willkuͤhrlichen Zuckung bewegt, ſo erwartet der Grieche 58 die Annaͤherung eines Bekannten; klingt ihm das Ohr, ſo ſchlaͤgt er nahe davor drei Schnippchen, und haͤlt es fuͤr eine gute Vorbedeutung. Ein Freund wird kommen, wenn eine Kraͤhe ſich auf das Dach ſetzt. Jedem, der in einer Geſellſchaft nieſet, wen⸗ den ſich alsbald alle Geſichter zu, und Alle rufen: r,αᷣꝗàß— Geſundheit!„Ihre Traͤume, ſagt Haygarth, erklaͤren ſie durch das Gegentheil; ſehen ſie einen Tuͤrken, ſo erwarten ſie einen Engel, und wenn ein Prieſter im Traum erſchien, einen Teufel.“ Faͤllt der Schatten eines Menſchen unter gewißen Umſtaͤnden auf eines Andern Schatten, ſo iſt es ein ſehr boͤſes Zeichen. Wie die Peſt aber fuͤrchtet man den Einfluß des boͤſen Auges. Korallen, Ambra und andre Amulete werden gegen die Bezauberung des auo gars gebraucht, und bibli⸗ ſche Spruͤche, die man in einem Saͤckchen um des Kindes Hals haͤngt, ſind ein unfehlbares Schutzmittel gegen den Zauber. Sollte ein Fremder einem Kinde beſondre Theilnahme beweiſen, oder deſſen Schoͤnheit ruͤhmen, ſo wuͤrden die Aeltern ſich nicht eher beruhi⸗ gen, bis er ihm ins Geſicht geſpieen haͤtte, um dem Zauber entgegen zu wirken. Die jungen Leute beiderlei Geſchlechts, auf den Inſeln, wie in den Staͤdten des Veſtlandes, ver⸗ ſammeln ſich in den Sommermonaten an jedem 39 Abende, in der Naͤhe einer Lieblingsquelle, oder eines Hains, wo ſie, mit Kraͤnzen und Blumen geſchmuͤckt, und im fliegenden Haare, mit der beliebten Ro⸗ maika, oder dem Kreistanze, ſich unterhalten. Dieſer raſche, an abwechſelnden, anmuthigen Bewe⸗ gungen reiche Tanz iſt gut geeignet, die Schoͤnheit der Geſtalt in reizenden Stellungen zu zeigen. Die Ariadne des Tanzes wird entweder durch die Reihe⸗ folge oder einen Vorzug beſtimmt, den man der Jugend und Schoͤnheit zugeſteht. Sie haͤlt in der linken Hand ein weißes Tuch, den Knaul fuͤr den Theſeus, der, ihr zunaͤchſt folgend, mit der Rechten den an⸗ dern Zipfel des Tuches faßt und die Linke einer zwei⸗ ten Taͤnzerinn reicht. So folgen abwechſelnd Taͤnzer und Taͤnzerinnen bis zu unbeſtimmter Zahl.„Die Haupthandlung des Tanzes, ſagt Holland,*) haͤngt von den beiden Fuͤhrern des Reigens ab; die Andern folgen bloß den Bewegungen derſelben, ge⸗ woͤhnlich in einer Art von Kreislinie, abwechſelnd einen Schritt vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts, nach dem Takte der Muſik. Die Reigenfuͤhrerinn, die ihre Be⸗ wegungen nach eigener Wahl macht, fuͤhrt ihren Geliebten gleichſam auf einem gewundenen, labyrin⸗ thiſchen Pfade. Beide wechſeln ſtets in ihren Be⸗ — *) A. a. O. Seite 242. ff. 60 wegungen, bald nach dem Winke der Muſik, die jetzt langſam und gemeſſen iſt, jetzt lebhaft und wild rauſcht, bald aber nach der augenblicklichen Anregung und den Eingebungen ihres eigenen Geſchmackes. Bes dieſen raſchen und haͤufigen Abwechſelungen in der Stellung, und bei der Gelegenheit, durch Ausdruck und Neuheit die Bewegungen anmuthig zu machen, wird die Romaika ein ſehr gefaͤlliger Tanz, und iſt vielleicht der beßte von allen Volkstaͤnzen, da die Regel deſſelben geſchickten, wie ungeſchickten Taͤnzern Spielraum geſtattet. In einem Tanzſaale zu Athen ſah ich ihn mit großer Wirkung tanzen. Mit noch groͤßerem Vergnuͤgen aber ſah ich ihn in einigen arkadiſchen Doͤrfern, wo ſich im Fruͤhlinge, als das ganze Land mit uͤppigen Reizen geſchmuͤckt war, Gruppen von Juͤnglingen und Maͤdchen in der Naͤhe ihrer Wohnungen verſammelten und ſich in den Windungen dieſes Tanzes bewegten. Man kann die Romaika nicht ſehen, ohne an die Dar⸗ ſtellungen auf alten Marmordenkmahlen und Vaſen und an die Beſchreibungen zu denken, die alte Dich⸗ ter von aͤhnlichen Taͤnzen geben.“ Douglas*) ſah dieſen Tanz zuerſt auf der Inſel Scio oder Chios.„Ich landete, ſagt er, an einem ſchoͤnen *) Siehe das angefuͤhrte Werk S. 121. —,—— 61 Sonntagabend, nachdem ich drei Monate unter der tuͤrkiſchen Gewaltherrſchaft zugebracht hatte. Die meiſten aͤrmern Bewohner ſchlenderten am Geſtade⸗ waͤhrend die Reichern anf ihren Landguͤtern waren⸗ Als ich drei Meilen weiter laͤngs der Kuͤſte ritt, um die faͤlſchlich ſogenannte Schule des Homer zu be⸗ ſuchen, ſah ich ungefaͤhr dreißig Gruppen die Romaika auf dem ſandigen Ufer tanzen. In einigen Grup⸗ pen verfolgte die Fuͤhrerinn des Reigens die weichende Woge. Die Nachfolgenden befluͤgelten vergebens ihre Schritte, und meiſt immer wurden Einige von der ruckfluthenden See aͤberraſcht; aber Alle ließen ſich lieber auslachen, als daß ſie die unaufloͤsliche Kette haͤtten brechen wollen. Bei jeder Tanzgeſell⸗ ſchaft ſaß eine Gruppe von Verwandten und aͤltern Freunden, die bei dem Anblicke des Jugendgluͤckes umher, den letzten Funken ihrer erloͤſchenden Froͤhlichkeit und Lebenskraft anfachten. 4 In Albanien iſt der gewoͤhnliche. Tanz, ſelbſt unter den Griechen, der Albanitiko, der ſehr verſchieden von der Romaika iſt, und eine Menge ſeltſamer Bewegungen hat. Reiſende haben in die⸗ ſem rohen Tanze eine Aehnlichkeit mit dem pyrrhi⸗ ſchen Tanze der Alten finden wollen. Er wird aus. ſchließend von Maͤnnern getanzt, welche Kraft und Gewandtheit, aber ohne Anmuth, zeigen.„Der 62 albaniſche Tanz, den wir ſahen, ſagt Ho lland,*) übertraf an roher Seltſamkeit alles, was man von einem Wilden in Nord⸗Amerika haͤtte erwarten koͤnnen. Ein einziger Mann fuͤhrte ihn aus. Pfeife und Tambourin begleiteten ſeine Bewegungen. Er warf ſein Haar in wilder Unordnung zuruͤck, ſchloß die Augen und machte zehn Minuten lang, unab⸗ laͤßig, die wildeſten und unnatuͤrlichſten Stellungen. Zuweilen bog er ſeinen Leib heftig auf die eine Seite, und warf ſich dann fuͤr ein Paar Augenblicke auf die Kniee, zuweilen drehte er ſich ſchnell im Kreiſe, und warf dann wieder ſeine Arme mit Heftigkeit gegen den Kopf. Schienen ſeine Anſtrengungen auf einen Augenblick zu ermatten, ſo ermahnten ihn die lautern Toͤne der Pfeife wieder zu neuen Kraftaͤuſ⸗ ſerungen, und er hoͤrte nicht eher auf, bis er ſichtbar erſchoͤpft war.“ An jenen Ergetzungen aber nehmen die Weiber in den Staͤdten nur wenig Antheil, ausgenommen etwa in Athen, wo man den geſellſchaftlichen Zu⸗ ſtand anders, als in den uͤbrigen Theilen von Grie⸗ chenland findet, weil das Volk lebhafter und freier von Zwang iſt, was theils in der Schwaͤche der tuͤr⸗ kiſchen Verwaltung, theils in den haͤufigen Beſuchen — *) A. a. O. Seite 114. —— —— 63 von Fremden ſeinen Grund hat. Selbſt hier aber muͤſſen die Griechen, wenn ſie Luſt haben, ein Tanz⸗ feſt zu halten, den Woiwoden erſt um Erlaubniß bitten. Die Englaͤnder haben, wie man verſichert, in neuern Zeiten viel beigetragen, die Athenerinnen geſellig zu machen, und Niemand mehr, als der ruͤhmlich bekannte Lord Guilford, der die Zuneigung der Athener ſo ſehr zu gewinnen wußte, daß er ſie bewog, einige ihrer eingewurzeliſten Gewohnheiten aufzugeben, um ihm gefaͤllig zu ſein. Das Bad war zu allen Zeiten der Lieblingsgenuß beider Geſchlechter, ſowohl zur Erhaltung der Ge⸗ ſundheit, als zum Vergnuͤgen. Der zu haͤufige und zu lange Gebrauch dieſer Erquickung aber wird fuͤr die Haupturſache des fruͤhern Verfalls der Schoͤnheit und Anmuth der Geſtalt gehalten, wodurch die Weiber— wie der oft erwaͤhnte Holland, ein Arzt, ſagt— nachdem ſie wenige Jahre lang das Spielzeug des Mannes geweſen ſind, Gegenſtaͤnde ſeiner Verachtung werden. Man bringt ganze Tage im Bade zu, und wo der Geſchwaͤtzigkeit, welche die griechiſchen Schoͤnen noch immer auszeichnet, nicht Zwang aufgelegt wird, gibt es, wie man uns erzaͤhlt, Auftritte, wobei man ſich an die Eccleſiazuzaͤ und die Lyfiſtrata erinnert. Ob die Schilderung, die Ariſto⸗ phanes entwirft, treu ſei, moͤge auf ſich beruhen, aber ſchwerlich kann ein fluͤchtiger Reiſender ſo genau wiſſen, was in den Frauenbaͤdern in Athen vor⸗ geht. Hoͤchſtens vom Hoͤrenſagen. Der bloße Ver⸗ ſuch, in jenes Heiligthum einzudringen, koͤnnte einen Mann in Lebensgefahr ſetzen. Dodwell erzaͤhlt*) uns ein merkwuͤrdiges Beiſpiel davon. Der Disdar, oder tuͤrkiſche Befehlshaber der Burg(Akropolis) zu Athen, hatte einſt den Einfall, ſich in dem Frauen⸗ bade zu verbergen, und, wie ein neuer Aktaͤon, ſein unheiliges Auge an den Reizen der jungen Weiber zu weiden, die ſich arglos vor ihm enthuͤllten. Der unbeſonnene Beobachter wurde jedoch bald entdeckt. Ein Schrei des Entſetzens wiederhallte in dem Ge⸗ woͤlbe des Badezimmers. Der unverſoͤhnliche Schimpf ward alsbald den wuͤthenden Ehemaͤnnern bekannt, und der zitternde Disdar mußte in der Burg Zuflucht ſuchen. Aber auch hier war er nicht ſicher; er mußte nach Aegina, endlich nach Hydra fliehen, und erſt ſpaͤter, als er ſich viele Monate lang in einem katholiſchen Kloſter in Athen verborgen hatte, ge⸗ lang es ihm, Frieden zu ſchließen, worauf er ſeine Befehlshaberſtelle wieder uͤbernahm. Es gibt jedoch, außer dem unmaͤßigen Gebrauche der Baͤder, noch andre Urſachen des ſchnellen Ver⸗ *) In dem oben angefuͤhrten Werke. — 65 falles der weiblichen Reize in Griechenland. Selten ſind die Maͤdchen uͤber funſzehn Jahre alt, wenn ſie heirathen, ja oft noch weit juͤnger; ſie fuͤhren ein ſitzendes, eingezogenes Leben, und das Klima ſelbſt bewirkt Abſpannung.„Es verkuͤrzt, ſagt Hol⸗ land, die Bluͤte der Jugend und die Schoͤnheit des reifern Alters; es vermindert die Zeit der geiſtigen Ausbildung, und macht dadurch den letzten Lebens⸗ abſchnitt laͤſtiger an ſich und minder angenehm, min⸗ der wuͤrdig fuͤr Andre.“ Dieſer Beobachter gibt uns folgende Schilderung von den Griechinnen. „Im Umgange ſind ſie zwar ungemein lebhaft, aber es fehlt ihrer Unterhaltung an dem Reize der Man⸗ nigfaltigkeit. Sie leſen nur wenig und ſind Skla⸗ vinnen vieler aberglaͤubigen Gefuͤhle und Gebraͤuche. „Das Benehmen der Griechinnen hat eine gewiſſe Traͤgheit, welche zwar durch Stellung, Anzug und Beziehung auf morgenlaͤndiſche Sitten fuͤr den Fremden anziehend werden kann, die aber doch bald durch ermuͤdende Einfoͤrmigkeit ihren Reiz verlieren muͤßte. Alle ihre Bewegungen ſind langſam und matt; alle Beſchaͤftigungen, welche ſie vornehmen, werden mit einer gewiſſen Verdroſſenheit vollzogen, die jeden Augenblick wieder in Unthaͤtigkeit uͤberzu⸗ gehen ſcheint. Man kann indeß nicht laͤugnen, daß in ihrem Betragen eine weibliche Sanftheit herrſcht, 5 66 die Bewunderung erweckt, und es iſt etwas in ihrem Aeuſſern und in ihrer Tracht, das die Fantaſie auf⸗ regt, weil es an die Sitte und Pracht des Morgen⸗ landes erinnert. Ihr Benehmen im Umgange iſt gewoͤhnlich anmuthig und einnehmend, und ich habe, ſowohl in meinem aͤrztlichen Verkehr, als in andern Verhaͤltniſſen, Griechinnen aus der vornehmen Klaſſe in Joannina gefunden, die ſich ſo gut betrugen, daß ſie in den meiſten europaͤiſchen Geſellſchaften an ihrem Platze geweſen ſein wuͤrden.“ Die Weiber auf dem Lande muͤſſen Feldarbeit verrichten, oft mit einem Kinde auf dem Ruͤcken. „Wenn ſie von einem Orte zum andern gehen, ſagt Hunt,*) tragen ſie nicht nur ihre Kinder auf dieſe Weiſe, ſondern haben oft auch noch einen hohen Krug auf dem Kopfe, Rocken und Spindel in den Haͤnden, und arbeiten fleißig im Gehen.“ Ihr Aeuſſeres hat jedoch einen Reiz und eine Schoͤnheit, die man auſſerhalb Griechenland nicht leicht findet. In Boͤotien zumahl ſollen die Zuͤge der jungen Maͤdchen ſich mehr als irgendwo dem ſchoͤnen Ideal der alten Kunſt naͤhern. Der Reiſende, der die Quelle Hercyna, unweit der Hoͤhle des Thropho⸗ nius in Livadia, oder die Ouelle der Dirce bei *) In Walpole's Sammlung,. 67 Thebe beſucht, witd dieß ſelbſt bei den gemeinen Waͤſcherinnen beſtaͤtigt finden, die ſich hier verſam⸗ meln. Ihr Profil iſt den Zuͤgen der alten Statuen, oder der Geſtalten auf den Vaſengemaͤhlden aͤhnlich. Das Geſicht iſt eirund, die Naſe macht gewoͤhnlich eine gerade Linie mit der Stirne, und die Augen ſind groß, ſchwarz und glaͤnzend. 1 Trunkenheit iſt ein, faſt ganz unbekanntes La⸗ ſter unter den heutigen Griechen, und in dieſer Hin⸗ ſicht ſind ſie ganz verſchieden von ihren Altvordern. Auch im Eſſen ſind ſie weit einfacher. Fiſche, Gefluͤ⸗ gel und Reiß, auf verſchiedene Art bereitet, geben die Hauptgerichte in den Kuͤchen der Reichen, und geſalzne Oliven, grobes Brod, Honig und Zwiebeln, ſind jetzt, wie es immer der Fall geweſen zu ſein ſcheint, die Nahrung der geringern Klaſſen. Die Bauern in dem fruchtbaren Thale von Theſſa⸗ lien und vom Tempethale laͤngs der Oſtkuͤſte bis nach Attika, ſind wohl eben ſo wohlhabend, als die Landleute in andern Gegenden von Griechen⸗ land, und doch begnuͤgen ſich ſelbſt die Reichſten un⸗ ter ihnen mit einer Wohnung, die wir eine elende Huͤtte nennen wuͤrden, worin man nichts findet, als einige Kochgeſchirre, und ein großes, ungefaͤhr fuͤnf Fuß hohes Gefaͤß von Weidengeflecht, das mit Lehm uͤberzogen und mit Getreide gefuͤllt iſt. Der 5* 68 Anzug der Bäuerinnen in jener Gegend beſteht in einem groben wollenen Rocke, einem kurzen Ober⸗ kleide und einem Guͤrtel um den Leib, der vorn mit zwei ungeheuren metallenen Spangen geſchloſſen iſt; um den Kopf geht eine Binde, und das Haar iſt hinten in zwei Flechten gebunden, die bis zu den Knoͤcheln hinab reichen. Die Wohnungen und das haͤusliche Leben der hoͤhern Klaſſen hat uns D. Holland genau und um⸗ ſtaͤndlich beſchrieben. Er wohnte mehre Wochen in dem Hauſe eines wackern Griechen in Joannina, deſſen lebhafte und ſchoͤne Frau eben ſo edel war. Die Familie beſtand aus zwei Soͤhnen, zwei Toͤch⸗ tern und einer aͤltlichen Frau, einer nahen Verwand⸗ ten des Mannes.„Die Wohnung unſeres Wirthes — ſagt der Reiſende*)— war wie gewoͤhnlich hier zu Lande eingerichtet. Auſſen von der Straße ſieht man nichts, als eine hohe Mauer und etwas von den Zinnen des innern Gebaͤudes. Große Doppel⸗ thore fuͤhren in einen aͤuſſern Hof, aus welchem an⸗ dere Thore in ein inneres Viereck gehen, das auf drei Seiten von den Gebaͤuden der Wohnung um⸗ ſchloſſen iſt. Das, untre Stockwerk iſt ſteinern, der obere Theil des Gebaͤudes faſt ganz von Holz. Eine *) S. 227— 232. 8 — — 69 breite Galerie laͤuft laͤngs zweien Seiten des Hofes, iſt vorn offen und von dem Dache des Hauſes be⸗ ſchirmt. Zu dieſer Galerie ſteigt man auf einer Treppe, die auch zu den verſchiedenen Wohnſtuben fuͤhrt, deren Thuͤken auf die Galerie gehen. Es iſt in Griechenland, ausgenommen bei den untern Klaſ⸗ ſen, ungewoͤhnlich, im Erdgeſchoſſe zu wohnen. Die Wohnſtuben der Familie ſind im erſten Stockwerke. Das Haus unſers Wirthes hatte vier bis fuͤnf Wohnſtuben, die mit Ruhebetten, Fußteppichen und Spiegeln verſehen waren, welche, nebſt den Verzie⸗ rungen der Decke und der Waͤnde, faſt das einzige Zubehoͤr eines griechiſchen Zimmers ausmachen. Das beßte Zimmer war groß, hoch und ſehr reich verziert. Bei ſeiner betraͤchtlichen Hoͤhe hatte es eine doppelte Reihe von Fenſtern auf drei Seiten; alle dieſe Fenſter aber waren nur klein, und ſo angebracht, daß ſie bloß Licht gaben, aber keine Ausſicht gewaͤhr⸗ ten. Die Decke war reich gemahlt und vergoldet auf geſchnitztem Holzwerke; die Waͤnde, in Felder getheilt, waren auf aͤhnliche Art verziert und hatten mehre Pfeilerſpiegel. Ein Ruhebett, oder Divan, lief laͤngs drei Seiten des Zimmers und machte Stuͤhle und Tiſche uͤberfluͤſſig, die man ſelten in ei⸗ nem griechiſchen Hauſe findet. Das Speiſezimmer war ebenfalls geraͤumig, aber weniger verziert, und 70 eben ſo die uͤbrigen Wohnzimmer. Die Kuͤche und Dienſtbotenſtuben waren durch einen Gang mit der großen Galerie verbunden; auf dieſer Galerie ſelbſt aber hatten alle Genoſſen des Hauſes freien Zutritt, und gewoͤhnlich fand man hier einige Dienſtboten, die an den Spielen der Kinder Theil nahmen, und gegen ihre Herrſchaft eine Vertraulichkeit ſich erlaub⸗ ten, die im fuͤdlichen Europa ziemlich gewoͤhnlich, aber ſehr ſelten in England iſt. Schlafkammern muß man in griechiſchen, oder tuͤrkiſchen Wohnungen nicht ſuchen. Das Sofa in den Wohnzimmern iſt die naͤchtliche Ruheſtaͤtte der Vornehmen; die nie⸗ dern Volksklaſſen ſchlafen auf dem Fußboden. Auf das Sofa legt man eine baumwollene oder wollene Matratze, baumwollene Tuͤcher, zuweilen mit geſtick⸗ tem Muſſelinbeſatz, und verzierte Polſter. Maͤnner ſowohl, als Frauen, ziehen beim Schlafengehen nur einen kleinen Theil ihrer Kleidung aus, und gemeine Leute legen ſelten irgend etwas von ihrem Anzuge ab, ehe ſie ſich zwiſchen die groben wollenen Decken werfen, die ihr Nachtlager ausmachen.— Die Ver⸗ vindung der Wohnzimmer mit einer offnen Galerie macht das Innere der griechiſchen Haͤuſer ſehr kalt im Winter. Die vornehmen Griechen haben ſelten ein anderes kuͤnſtliches Mittel zur Erwaͤrmung, als eine Kohlenpfanne, die in der Mittẽ ſteht. Sie 71 ſchuͤtzen ſich durch ihre Pelze und ihre dicke Kleidung gegen die Kaͤlte. Zuweilen wird die Kohlenpfanne unter einen Tiſch geſtellt, der mit einem dicken wolle⸗ nen Tuche bedeckt iſt, das bis auf den Boden hinab reicht.*) So wird die Hite zuſammengehalten, und die Beine derjenigen, die um den Tiſch ſitzen, empfangen eine angenehme Waͤrme, die ſich dem uͤbrigen Koͤrper mittheilt.— Man ſtand in dem Hauſe meines Wirthes gewoͤhnlich vor acht Uhr auf. Zum Fruͤhſtuͤke nahm man hoͤchſtens zwei Taſſen Kaffee, wozu man Zuckerwerk reichte, ſonſt aber nichts genoß. Fuͤr unſere kraͤftigere Eßluſt trug man noch Brod, Honig und Milchreiß auf. Unſer Wirth, der von ſeinen Kindern und Dienſtboten immer mit dem Ehrentitel Effendi angeredet ward, brachte den Mor⸗ gen meiſt mit Rauchen zu, ging auf der Galerie auf und nieder, oder plauderte mit den Freunden, die ihn beſuchten. Da er nicht Handel trieb, und uͤber⸗ *) Ein ſolcher Tiſch heißt Tandur. Bei den Griechen in Konſtantinopel iſt dieß Geraͤth präͤchtiger, und hat gewoͤhnlich eine koſtbare Decke. Es ſteht im Winkel des Sofa's. Sieh: Anastasius, or Memoirs of a Greek, written at the close of the leighteenth cen- tury(von Th. Hope) 5 Bde. London 1820. Ueber⸗ ſetzt von W. A. Lindau.(Dresden 1821.) Bd. 1⸗ S. 86. Eine Schrift, die uͤber die Denkart und Sitten der heutigen Griechen die anziehendſten und belehrendſten Mittheilungen macht. L. * „ 72 dieß von Natur ſchuͤchtern war, ſo ging er ſelten aus, und ich erinnere mich nicht, ihn mehr als ſechsmal auſſerhalb des Hofes ſeiner Wohnung geſehen zu haben. Seine Frau war indeſſen mit der Leitung des Hausweſens, oder mit Sticken, oder Seidenwe⸗ ben beſchaͤftigt. Die Knaben lernten in den Mor⸗ genſtunden unter der Aufſicht eines jungen Mannes das Romaik leſen und ſchreiben.— Die Zeit des Mittageſſens war gewoͤhnlich zwiſchen zwoͤlf und ein Uhr, ward aber aus Gefaͤlligkeit gegen uns bis zwei Uhr ausgeſetzt. War man im Speiſezimmer ver⸗ ſammelt, ſo reichte eine Magd, nach morgenlaͤndiſcher Sitte, der ganzen Tiſchgeſellſchaft nach einander ein Becken mit Seife, und goß aus einer kupfernen Kanne lauwarmes Waſſer auf die Haͤnde. Darauf ſetzte man ſich an den Tiſch, der bloß aus einer kreis⸗ foͤrmigen zinnernen Mulde beſtand, die noch immer Trapeza heißt, und auf einen Stuhl geſtellt wird, aber ohne Tuch und ſonſtiges Zubehoͤr. Das Mit⸗ tageſſen beſtand gewoͤhnlich aus zehn bis zwoͤlf Schuͤſ⸗ ſeln, die nach einander von einem albaniſchen Diener, der ſeine Landestracht trug, auf den Tiſch geſetzt wurden. In den Gerichten war nicht viel Mannig⸗ faltigkeit, und die Aufzaͤhlung der Speiſen eines Mittagmahles mag als Probe der Lebensweiſe in einem vornehmen griechiſchen Hauſe hier Platz finden. — — 73³ Gekochter Reiß mit Citronenſaft— Schoͤpſenfleiſch zerkocht— Schoͤpſenfleiſch mit Spinat oder Zwie⸗ beln und nahrhaften Bruͤhen— ein tuͤrkiſches Ge⸗ richt von gehacktem Fleiſche mit Kraͤutern, in Kloͤ⸗ ſen— ein andres tuͤrkiſches Gericht, das wie ein platter Kuchen ausſieht, von auſſen einen nahrhaften fetten Guß hat und aus Eiern, Kraͤutern und etwas Fleiſch beſteht— gebackenes Schoͤpſenfleiſch mit Ro⸗ ſinen und Mandeln— gekochter Reiß mit Oehl— Pfannkuchen— duͤnne Kuchen von Mehl, Eiern und Honig, oder zuweilen ſtatt dieſer, kleine Kuchen von Mehl, Kaffee und Eiern. Den Beſchluß mach⸗ ten Trauben, Roſinen und Kaſtanien. Waͤren nicht Fremde zugegen geweſen, ſo wuͤrden die Glieder der Familie gemeinſchaftlich aus den aufgetragenen Schuͤſſeln gegeſſen haben, und dieß geſchah auch oft bei beſondern Schuͤſſeln, die man ihnen vorſetzte. Bei Tiſche trank man leichten Landwein.— Als die Speiſemulde weggenommen war, wurde das Waſchbecken mit der Gießkanne wieder umher ge⸗ reicht, ein Gebrauch, den man ſelbſt unter der ge⸗ ringen Volksklaſſe ſelten vernachlaͤßigt. Nach Ver⸗ lauf von einigen Minuten wurde uns ein Glas Liqueur und Kaffee gereicht, und jedem, der Luſt hatte, eine tuͤrkiſche Pfeife gebracht. Im Sommer haͤlt man einen kurzen Mittagſchlaf. Hatte man 74 ein Paar Stunden auf dem Ruhebette zugebracht, ſo kam gewoͤhnlich Beſuch, und man begab ſich in den Saal. Die Beſucher waren Griechen aus der Stadt, theils Verwandte, theils Freunde des Hau⸗ ſes, die ohne ausdruͤckliche Einladung kamen, um den Abend mit der Familie zuzubringen. Dieſe Art des geſellſchaftlichen Verkehrs iſt gewoͤhnlich in Joan⸗ nina, und ſehr angenehm, bis auf den Umſtand, daß die Frauen wenig Antheil daran nehmen⸗ Wenn ein Beſucher in's Zimmer tritt, gruͤßt er und wird gegruͤßt durch das Auflegen der rechten Hand auf die linke Bruſt, eine eben ſo einfache, als edle Begruͤßung. Hat er ſich auf den Divan nieder⸗ gelaſſen, ſo reicht man ihm Zuckerwerk, Kaffee und eine Pfeife, und darin beſteht in der That die ganze Bewirthung.“ Bei der gegenwaͤrtigen Herabwuͤrdigung Griechen⸗ lands, wuͤrde man ſich vergebens nach Fortſchritten in der Mahlerei und Bildhauerei umſehen, die nur unter einem reichen und gebildeten Volke gedeihen koͤnnen. Es iſt indeß nicht wenig merkwuͤrdig, daß man bei den Neuern ſo ganz alle Spuren dramati⸗ ſcher Darſtellungen vermißt, woran die Alten ſo viel Vergnuͤgen fanden. Gar nichts iſt davon uͤbrig ge⸗ blieben, und eben ſo wenig haben die heutigen Grie⸗ chen Neigung und Geſchicklichkeit zur Tonkunſt. ——— 75 Was Guys*) von der Schoͤnheit und dem Aus⸗ drucke der griechiſchen und tuͤrkiſchen Muſik ſagt, iſt — aus der Luft gegriffen. Wie niederſchlagend die Vergleichung zwiſchen den alten und den heutigen Griechen auch ſein mag, wer moͤchte ſich nicht gern uͤberreden, daß die ſittliche Wiedergeburt der Nachkommen des ruhmvollen Vol⸗ kes kein unwahrſcheinliches Ereigniß ſei! Eines we⸗ nigſtens iſt gewiß, ſie haben in neuern Zeiten auge⸗ fangen, ihre Aufmerkſamkeit auf gelehrte Thaͤtigkeit zu richten.„Nach einer Zwiſchenzeit von zwoͤlf Jahrhunderten, ſagt Haygarth, iſt ihre Leier wieder beſaitet, und iſt auch die Hand, welche die Saiten ruͤhren ſoll, noch ungeſchickt, und der Geiſt, der die Dichtung eingibt, noch ſchwach, ſo muͤſſen doch ſelbſt die roheſten Anſtrengungen der Abkoͤmm⸗ linge ſo erlauchter Ahnen immer anziehend ſein.“ Dieſe Anſtrengungen zu geiſtiger Veredlung ſind aber keineswegs roh, und ſind auch nicht erfolglos geweſen. Die Fortſchritte, welche man in den letzten dreißig Jahren in der alt⸗griechiſchen Sprache und in algge⸗ meiner Gelehrſamkeit gemacht hat, ſind ſehr bedeu⸗ *²) Voyage littéraire de la Grece, ou lettres sur les Grecs anciens et modernes— N. A. Paris 1783, 2 Bde. 4. Ein angenehm geſchriebenes, aber nicht durchaus zuverlaͤſſiges Buch. 76 tend, und in derſelben Zeit hat ſich das Romaik, die Volkſprache, dem Helleniſchen genaͤhert. Das Ro⸗ maik ſteht zu dem Alt⸗Griechiſchen ungefaͤhr in dem Verhaͤltniſſe, wie das Alt⸗Italieniſche zu dem La⸗ teiniſchen, ja vielleicht in einem noch naͤhern, weil das Helleniſche bis in ſehr ſpaͤte Zeiten gepflegt wurde; die Annaͤherung zu dem alt⸗ griechiſchen Muſter kann daher nicht wohl die Nachtheile haben, welche man von den neuerlich verbeſſerten Ausgaben der Lehrbuͤcher der heutigen Griechen beſorgt hat, und muß dagegen nothwendig beitragen, die Kenntniß der alten Schriftſteller unter ihnen neu zu beleben. Die Griechen in Joannina ſind unter ihren Landsleuten wegen ihrer Gelehrſamkeit vor Andern beruͤhmt. Sie haben ſich zeither meiſt auf Ueber⸗ ſetzungen der beßten Werke aus neuen europaͤiſchen Sprachen beſchraͤnkt, welche durch die freigebige Un⸗ terſtuͤtzung ihrer Kauſleute im Auslande beſorgt wur⸗ den. Joannina beſitzt zwei Akademieen; die eine, unter Athanaſius Pſalida, gilt fuͤr eine der beßten Lehranſtalten der neugriechiſchen Literatur, die andere, fuͤr juͤngere Lehrlinge beſtimmt, wird von Valano geleitet, der ſeinem Vater, dem Verfaſſer einiger mathematiſchen Schriften, folgte. Der Arzt Sakallarius hat einige eigene Werke und Ueber⸗ ſetzungen herausgegeben. Koletti, gleichfalls Arzt, 77 ſchrieb eine chemiſche Abhandlung in neugriechiſcher Sprache, hauptſaͤchlich uͤber die neueren Lehren von der Waͤrme; auch uͤberſetzte er die Geometrie von Legendre und die Arithmetik von Biot. In der beruͤhmten Stadt Volo, am gleichnah⸗ migen Meerbuſen, die gegen 700 ſteinerne Häuſer enthaͤlt, in der großen volkreichen Stadt Mackri⸗ nitza, in der Doͤrfer⸗Gruppe, Zagora genannt, und uͤberhaupt in dem ganzen Gebiete von Theſ⸗ ſalien, vom Tempe⸗Thal bis zum Meerbuſen von Volo, genießen die Griechen gewiſſe Vorzuͤge in ihrer Lage und in ihren Handelsverhaͤltniſſen, welche ihnen mehr Freiheit und weitern Spielraum fuͤr ihre Thaͤtigkeit gewaͤhren, als die meiſten von ihren Landsleuten beſitzen. Die Literatur des heuti⸗ gen Griechenlands, ſagt Holland, kommt großen⸗ theils aus dieſer Gegend. Die Verfaſſer der neugrie⸗ chiſchen Geographie waren aus Melies, und eben ſo Gazi, der Herausgeber der griechiſchen Zeitſchrift Hermes(Eeuis Aorιαςεᷣ 1 Hϑμιeιœzῦ⁊LM ννινα ayyα) die in Wien erſcheint. Philipidi, gleichfalls aus Melies, hat Ueberſetzungen von La Lande's Aſtronomie und Condillac's Logik herausgegeben, und Kavra aus Ampe lach ia die Arithmetik und Algebra von Euler, und Millot's Weltgeſchichte uͤberſetzt. Die helleniſche Sprache wird jetzt innerhalb und auſſerhalb Griechenland von den Griechen eifrig ge⸗ trieben. In Conſtantinopel*) gibt es zwei Schulen, eine fuͤr das Alt⸗ Griechiſche, die andre fuͤr Logik, Phyſik und Mathematik. In Sm yrna iſt eine Schule fuͤr die alt⸗griechiſche Sprache, in Scio gibr es deren zwei, eine auf Patmos, zwei in Joannina,**) eben ſo viele in Athen und mehre auf den joniſchen Inſeln. In Venedig, Wien und mehren Staͤdten der oͤſterreichiſchen Mo⸗ narchie gibt es Freiſchulen zum Unterrichte der Grie⸗ chen in ihrer alten Sprache. Die Univerſitaͤten Padua, Piſa, Bologna werden haͤufig von ihnen beſucht. †**)» Eine neue umfaſſende Lehranſtalt *) Das grischiſche Patriarchat hat hier eine große Buch⸗ ddruckerei angelegt, worin neuerlich, unter der Aufſicht des juͤngſt ermordeten ehrwuͤrdigen Patriarchen Gre⸗ gorios, der Anfang eines großen Woͤrterbuches der alt- und neugriechiſchen Sprache, das aus 6 Folio⸗ baͤnden beſtehen ſoll, erſchien. 2. **) Eine dieſer Lehranſtalten, die mit einer trefflichen Buͤcherſammlung verſehen iſt, wurde von den, aus Joannina ſtammenden wackern Bruͤdern Zoſimas geſtiftet, die ſich ſeit 20 Jahren um die Bildung ihres Vaterlandes die ausgezeichnetſten Verdienſte erworben haben. Der altere dieſer Bruͤder hat ſeit ſeiner Ju⸗ gend in Moskwa gelebt, wo er eine große Natura⸗ lienſammlung beſitzt, die er einſt nach Griechenland ſchicken will. L. **9) Unter den teutſchen Univerſitäten vorzuͤglich Leipzig, Goͤttingen und Jena. L. 79 endlich beginnt auf den joniſchen Inſeln zu erbluͤhen, zu deren Kanzler Lord Guilford ernannt iſt, der bei der Begruͤndung der neuen Univerſitaͤt beſonders thaͤ⸗ tig war.*). Bei der fortſchreitenden Veredelung, worin die Griechen unſtreitig begriffen ſind, und bei dem neu *) Zur Vervollſtaͤndigung der oben mitgetheilten Nach⸗ richten uͤber die Fortſchritte der Geiſtesbildung unter den Griechen hier noch Einiges. Die wichtigſte der bis jetzt beſtehenden Lehranſtalten iſt das große Kolle⸗ gium auf Scio, wo zugleich eine oͤffentliche Buͤcher⸗ ſammlung angelegt wurde und eine thaͤtige Druckerei bereits mehre wichtige Werke geliefert hat. Auch in Buchareſt beſteht ſeit 1810 eine Lehranſtalt(Aux³⁴²) welche durch die Bemuͤhungen der philologiſchen Ge⸗ ſellſchaft gegruͤndet wurde, die Ignatius, der Ober⸗ biſchof der Moldau und Wallachei, aus der Inſel Lesbos, ſtiftete. Hier werden, auſſer der altgriechi⸗ ſchen, lateiniſchen, franzöſiſchen, teutſchen und ruſſi⸗ ſchen Sprache, Mathematik, Naturwiſſenſchaften, Philoſophie, Geographie, Rhetorik, Poetik, Geſchichte und Archaͤologie gelehrt.— In Athen hat die im Jahr 1814 geſtiftete Geſellſchaft der Muſenfreunde ihren Sitz, die vorzuͤglich auf Jugendbildung ihr Au⸗ genmerk richtet. Sie zaͤhlte 1820 uͤber 500 Mitglie⸗ der. Junge Griechen werden auf Koſten der Geſell⸗ ſchaft nach Italien und Teutſchland geſchickt, um ſich zum Lehramte zu bilden. Sie hat in Athen eine Schule angelegt, wo die alte und neue griechiſche, die franzoͤſiſche und italieniſche Sprache, Geometrie und Geographie gelehrtwerden. Es ſcheint jedoch, dieſe Geſellſchaft habe auch ſehr wirkſam politiſche Zwecke verfolgt.— Unter den Einzelnen, welche ihre Lands⸗ leute mit der literariſchen Bildung des uͤbrigen Eu⸗ 80 erwachten Streben nach gelehrter Bildung, mußte nothwendig kraͤftiger der Wunſch nach der Herſtellung ihrer Unabhaͤngigkeit ſich regen, die ſie auch nie ganz aus den Augen verloren haben. Vieles aber muß noch gethan werden, ehe man ſie fuͤr eine ſolche Um⸗ wandlung reif halten kann. 4 „Die Keime vernuͤnftiger Freiheit, ſagt der oben erwaͤhnte Douglas, werden nie anderswo, als in einem Boden gedeihen, der zuvor durch gehoͤrigen Anbau empfaͤnglich gemacht worden iſt.“ Die Griechen haben zwar dieſen vorbereitenden Anbau durch die Verbreitung der Wohlthaten der Erziehung begonnen, aber das ſchwere Werk iſt nur erſt ange⸗ fangen. Geiſtige Bildung muß noch weit allgemei⸗ ner werden, Religion und Sittlichkeit muͤſſen unter den niedern Volksklaſſen weit mehr Herrſchaft ge⸗ winnen, die unnuͤtzen kirchlichen Gebraͤuche, die zahl⸗ loſen Faſttage, die Heere von Prieſtern und Moͤnchen muͤſſen bedeutend vermindert, der Anbau des Landes muß ſorgfaͤltiger betrieben, die Verbindungwege im Lande muͤſſen vermehrt, der Handel muß erweitert ropa bekannt zu machen ſich bemuͤhen, wird auch Koumanos in Smyrna geruͤhmt, der ein Lehr⸗ buch uͤber die Philoſophie hergausgab, worin er die Er⸗ gebniſſe der philoſophiſchen Forſchungen der Teutſchen in gedraͤngter Kuͤrze darſtellt. L. 8‧ und beſonders auch die morgenlaͤndiſche Sitte, die Weiber einzuſchließen und ihnen die Vortheile einer gebildeten Erziehung zu verſagen, abgeſchafft werden, ehe allgemeine Geſittung gedeihen kann. Und wuͤr⸗ den dann, fragt man, die Griechen, zerſtreut und un⸗ verbunden, wie ſie ſind, ohne Kriegskunde, ohne Mit⸗ tel zur Kriegfuͤhrung, und bei der Unwiſſenheit und dem ſittlichen Verfalle der Volksmaſſe, im Stande ſein, ſich ſelber zu beherrſchen? Von den Zeiten des achaͤiſchen Bundes bis auf den heutigen Tag, waren die Griechen nie zu einem allgemeinen Zwecke vereint, und kaum laͤßt ſich erwarten, daß ſie jetzt, wo ſie in ihrer Sinnesart noch verſchiedener,*) in ihren Ab⸗ ſichten noch uneiniger ſind, ſich in veſter Eintracht zur behatrlichen Verfolgung eines Zieles ſammeln *)„Man glaube nicht,“ heißt es im 10. Bande(1814) des Quarterly Review S. 457:„daß die, unter den Griechen bemerkbare Verſchiedenheit im Grunde nicht auffallen koͤnne, da weſentlich verſchiedene Voͤlker durch Gleichheit des Glaubens in einem Lande verbunden werden, wo der Glaube die Hauptverſchiedenheit be⸗ gruͤndet. Auch unter den Bewohnern des eigentlichen Griechenlands findet man eben dieſe Verſchiedenheit, Ein Berg, einFluß, ſondert oft zwei ganz verſchiedene Staͤm⸗ me. Es iſt eine merkwuͤrdige Thatſache, daß der Befehls⸗ haber eines unlaͤngſt fuͤr unſern Dienſt geworbenen griechiſchen Regiments, um die Kriegszucht zu erhal⸗ ten, ſich genöthigt ſaͤh, ſeine Leute nach den Bezirken, aus welchen ſie ſtammten, in Compagnieen zu theilen.“ 6 82 werden. Wie ſehr hat ſich auch die Lage der Welt veraͤndert, ſeit Griechenland aufgehoͤrt hat, ein unab⸗ haͤngiges Volk zu ſein! Die Griechen, einſt geſittet und gebildet mitten unter Barbaren, ſtehen jetzt, mit den uͤbrigen Europaͤern verglichen, auf einer tiefern Stufe der Geſittung, und die ewigen Zwiſte und Fehden, welche in der bluͤhenoͤſten Zeit des Landes ſeine klei⸗ nen Staaten entzweiten, wuͤrden bei dem heutigen Zuſtande der geſitteten Welt, bald die Keime einer neuen Zerruͤttung entwickeln. Freiheit nur dem Nah⸗ men nach, wuͤrde aber, bei dem gegenwaͤrtigen Bil⸗ dungzuſtande und der Uneinigkeit des Volkes, vielleicht noch ſchlimmer ſein, als ſelbſt das Joch der tuͤrkiſchen Zwingherrſchaft. So weit die engliſche Urſchrift, welche jene Be⸗ denklichkeiten gegen das Gelingen des Kampfes um die Unabhaͤngigkeit der Griechen, zu einer Zeit aͤuſſerte, wo das große Ereigniß ſich ſchon ahnen ließ. Ge⸗ wiß nicht ohne Gewicht ſind jene Zweifel, aber nicht minder gewiß war eben jenes druͤckende Joch der Tuͤr⸗ ken eine ſo wirkſame Urſache der Herabwuͤrdigung des Volkes, und ein ſo großes, ja das wichtigſte, Hinderniß zur Erfuͤllung der Grundbedingungen eines veredelten geſellſchaftlichen Zuſtandes, daß deſſen Ab⸗ werfung der erſte Schritt zu dieſer Veredlung werden zu muͤſſen ſcheint. Die Freiheit bildet zu geiſtiger Kraft und ſittlicher Wuͤrdigkeit, und nur diejenigen pflegen am meiſten von Unmuͤndigkeit der Voͤlker und Unreife zur Freiheit zu reden, die Unmuͤndige und Sklaven brauchen. An die, in Vorſtehendem enthaltenen beilaͤufigen Angaben uͤber Albanien und Ali Paſcha, moͤgen ſich noch folgende, aus Hob houſe's Werke entlehnte Nachrichten reihen, die mit der ſpaͤtern, durch Pouqueville gewonnenen Kunde, das Beßte ſind, was wir daruͤber haben. Albanien erſtreckt ſich laͤngs der Kuͤſte des adriatiſchen Meeres, vom Meerbuſen Arta unter dem Zoſten Breitengrade, bis zu den ehemaligen Beſitzungen Venedigs unter bem 42ſten Grade, und etwa 1 Grad weiter noͤrdlich landeinwaͤrts, aber nir⸗ gend in einer Breite von mehr als zwanzig geogra⸗ phiſchen Meilen. Das Land hat eine anmuthige Abwechſelung von weit gedehnten Ebenen und hohen Bergen, und der Boden belohnt den Anbauer nicht nur reichlich mit den Beduͤrfniſſen des Lebens, ſon⸗ dern auch mit vielen Erzeugniſſen fuͤr den uͤppigen Lebensgenuß. Oehlbaͤume, Reben und die Zwergeiche 6* 84* ſchmuͤcken die Hüͤgel, Korn, Reiß, Taback und Mais bedecken die von ihnen umſchloſſenen Ebenen. Den beßten tuͤrkiſchen Schnupftaback liefern die bei Del⸗ vinacki gezogenen Blaͤtter. Das Bauholz von den Bergen Albaniens verſorgte vor dem Revolution⸗ kriege die Schiffwerften von Marſeille und Toulon. Die natuͤrlichen Erzeugniſſe des Landes ſcheinen an ſich hinlaͤnglich zu ſein, einem bedeutenden Handel Vorraͤthe zu liefern, wiewohl der Durchgangshandel, den die Lage des Landes begünſtigt, noch andre Vor⸗ theile herbeifuͤhrt. Auf dem großen jaͤhrlichen Markt in Joannina verſorgen ſich die reichern Tuͤrken und Griechen in Albanien und in einem großen Theile von Morea und Rumili mit Stoffen und Pelzwerke zur Winterkleidung, welche aus Frankreich und Teutſchland kommen. Hier wird das, aus Triccala eingefuͤhrte geſponnene Baumwollengarn in andre Theile des tuͤrkiſchen Reichs vertheilt und zum Theil nach Teutſchland verladen. Hier kauft man jaͤhrlich Zuchtvieh fuͤr die Inſeln des adriatiſchen und joni⸗ ſchen Meeres und Pferde fuͤr den inlaͤndiſchen Bedarf. Von Joannina(Janina) der Hauptſtadt des Ali Paſcha, hat man, bis in neuere Zeiten, we⸗ nig gewußt. Die Stadt liegt auf dem weſtlichen Ufer eines großen, zwei bis drei Meilen langen, und wenigſtens drei Viertelmeilen breiten Sees, ungefaͤhr 85 eine halbe Stunde von deſſen noͤrdlicher Spitze. Uep⸗ pig gruͤne Ebenen umſchließen den See auf der einen, hohe, ſteil vom Geſtade aufſteigende Berge auf der andern Seite. Die Stadt hat in ihrer groͤßten Laͤnge eine halbe Meile, in ihrer Breite ungefaͤhr die Haͤlfte. Zunaͤchſt am Ufer liegt ſie auf einem niedrigen Bo⸗ den, noͤrdlich und nordweſtlich aber auf ungleichen Abhaͤngen. Auf einer in den See vorſpringenden Halbinſel liegt die Burg des Paſcha, welche auf jedem Winkel durch Beveſtigungen und Thuͤrme vertheidigt wird. Den Eingang der Veſte bildet eine Zugbruͤcke. Viele Haͤuſer ſind groß und gut gebaut. Sie haben einen Hof, Waarenniederlagen oder Staͤlle im Erd⸗ geſchoſſe, nebſt einer offenen Galerie, und im obern Stockwerke die Wohnung der Familie. Kleine, mit hoͤlzernen Gittern verwahrte Fenſter, und große Dop⸗ pelthore, die immer verſchloſſen ſind, geben den Haͤu⸗ ſern von außen ein finſteres ungaſtfreundliches An⸗ ſehen, der Hof aber, der oft mit Pomeranzen⸗ und Citronenbaͤumen beſetzt iſt und in den beßten Haͤuſern an einen Garten ſtoͤßt, macht das Innere ſehr an⸗ genehm, und die Galerieen ſind ſo geraͤumig, daß ſie bei Regenwetter einen bedeckten Gang darbieten Der Bazar, die von Kaufleuten bewohnte Haupt⸗ ſtraße, nimmt ſich glaͤnzend aus. Es gibt auſſer der Burg des Paſcha in der Veſtung noch zwei Palaͤſte 86 fuͤr deſſen Soͤhne, und in der Vorſtadt eine Som⸗ merwohnung fuͤr den Paſcha, die in einem Garten liegt, wo Pomeranzen, Feigen und Granaten in Ueberfluß wachſen. Dieſes Gartenſchloß enthaͤlt einen großen Saal, mit kleinen vergitterten Gemaͤchern auf beiden Seiten. Der Fußboden iſt von Marmor. In der Mitte ein marmorner Springbrunnen in Geſtalt einer Veſtung, deren kleine metallene Ka⸗ nonen, auf ein gegebenes Zeichen, Waſſer ausſpritzen, wobei eine kleine verborgene Orgel italieniſche Me⸗ lodieen ſpielt. Die kleinen Zimmer haben Sofas mit Seidendecken, und die Fenſtergitter, ſo wie die Kranzleiſten, ſind glaͤnzend vergoldet. In dieſem von Oehlbaͤumen beſchatteten Pavillon bringt der Paſcha, mit den liebſten Frauen ſeines Harems, die heißeſten Sommertage zu. Auch die anſehnlichſten Be⸗ wohner haben Gaͤrten mit Sommerwohnungen, welche den Flaͤchenraum der Stadt anſehnlich ver⸗ groͤßern. Die Zahl der Einwohner betraͤgt zwiſchen 35 und 40000. Ueber den Ertrag des Handels konnte Hob⸗ houſe keine genauen Nachrichten erhalten, wiewohl derſelbe ſehr bedeutend ſein muß, da der Paſcha, ohne die Kaufleute zu druͤcken, ein reines Einkommen von 250,000 Piaſter daraus zieht. Die Kaufleute leben in Joannina glaͤnzender, als in den uͤbrigen griechi⸗ 7 87 ſchen Staͤdten. Viele von ihnen haben einige Jahre in Handelshaͤuſern zu Trieſt, Genua, Livorno, Ve⸗ nedig und Wien gedient. Dieſer Aufenthalt im Auslande, und die Gelegenheit, in den Schulen ihrer Stadt Franzoͤſiſch und Italieniſch zu lernen, macht ſie in neuern Sprachen gut bewandert, und gibt ihnen ein feines Benehmen. Sie haben ſo viel von abend⸗ laͤndiſchen Sitten eingefuͤhrt, als ſich wagen ließ, und hegten ſogar einmal den Gedanken, ein Theater fuͤr italieniſche Opern zu bauen. Ali Paſcha erkennt ſehr wohl die Vortheile dieſes Verkehres mit Auslaͤndern, und ermuntert die Aus⸗ wanderungen ſeiner Unterthanen, wiewohl er, als Buͤrgſchaft fuͤr ihre Ruͤckkehr, gewoͤhnlich einige ihrer Angehoͤrigen zuruͤckhaͤlt, und aus Furcht, daß ſie ihm ganz entwiſchen moͤchten, ſie ſelbſt zu Hauſe bewachen laͤßt. Die reichen Kaufleute duͤrfen nicht einen Ritt ins Land machen, ohne ihm vorher Nachricht zu geben. Geiz iſt zwar die Haupttriebfeder ſeiner 3 Handlungen, ſeine Herrſchaft iſt hart und druͤckend, die Regelmaͤßigkeit dieſes Druckes aber, und die Veſtigkeit ſeiner Herrſchaft, geben denjenigen, die unmittelbar unter ſeinem Einfluße ſtehen, viele Vor⸗ theile. Der Kaufmann in Joannina weiß, daß alles, was der Paſcha ihm laͤßt, gegen die Raubſucht untergeordneter Beamten geſichert iſt, und er lebt ſo weit zuruͤck, daß in Joannina Niemand zu finden nicht in der ſteten Furcht vor dem Wechſel der Macht⸗ haber, der in andern Gegenden des Reichs ſo viel Elend herbeifuͤhrt, da jeder durch neue Geſchenke ver⸗ ſoͤhnt werden muß, und durch neue Erpreſſungen ſich bereichern will. Wo der Geiz nicht ins Spiel kommt, laͤßt Ali's Gleichgiltigkeit ihnen auch Freiheit genug in ihrem Betragen. Er, der ſich gegen äußere Ge⸗ fahr ſicher fuͤhlt, ſcheint die Furcht uͤberwunden zu haben, womit die tuͤrkiſchen Machthaber in Aſien und in der Hauptſtadt die Fortſchritte ihrer Unterthanen in Kuͤnſten und Gelehrſamkeit betrachten. In den mechaniſchen Kuͤnſten iſt man zwar noch war, der einen Regenſchirm haͤtte ausbeſſern koͤnnen, und nur Einer, ein Italiener, der eine Bettſtelle zu machen im Stande war; aber man bemerkt doch ſchon einen Anfang von Veredlung in dieſer Hinſicht, und zwar in denjenigen Theilen von Albanien, die an die geſittetern Gegenden von Griechenland ſtoßen, oder an das ehemalige Gebiet von Venedig graͤnzen. Hobhouſe theilt, hauptſaͤchlich nach der auf⸗ fallenden Verſchiedenheit des Zuſtandes der Geſittung, das Land in Ober⸗ und Nieder⸗Albanien. In dieſem ſind die Bewohner meiſt von der griechiſchen K Kirche; ſie haben die Sitten der vornehmen Griechen in den geſitteten Gegenden der Tuͤrkei angenommen, 89 und gleichen in vielen Stuͤcken mehr ihren Glaubens⸗ bruͤdern, als ihren Landsleuten. Die Chriſten im albaniſchen Oberlande ſind in ihrer Gemuͤthsart ihren muhamedaniſchen Landsleuten gleich, und bilden mit ihnen ein Volk. In keinem Theile des, von den Tuͤrken eroberten Gebietes, begruͤndet der Glaubens⸗ unterſchied ſo wenig Verſchiedenheit in dem Zuſtande des Volkes. Hobhouſe fand die Verſchiedenheit in der Gemuͤthsart und den Sitten zwiſchen den Be⸗ wohnern des Ober⸗ und Niederlandes ſo groß, daß er ſie fuͤr zwei verſchiedene Staͤmme haͤlt. Man hat dieſe Meinung, wohl nicht ohne Grund, beſtritten, und ein anderer Beobachter*) will bei allen Alba⸗ niern, die er in verſchiedenen Theilen von Griechen⸗ land antraf, durchaus eine allgemeine Aehnlichkeit der Sinnesart gefunden haben, die beſonders ſichtbar iſt in einem wilden Weſen, in einer kraͤftigen Volk⸗ thuͤmlichkeit, und einer Liebe zu der Heimath, wovon man in andern Theilen der Tuͤrkei, weder bei Chri⸗ ſten, noch bei Muhamedanern, eine Spur findet. Die Albanier aus Joannina, die dieſer Beobachter kennen lernte, ſprachen alle mit der groͤßten Verach⸗ tung von den Griechen und waren nicht wenig ſtolz auf ihre albaniſche Abſtammung. Sie freuten ſich *) Quarterly Review, Bo. 10. lande, uͤber Ali's Herrlichkeit und glaubten ſich auch einen Antheil an dem Ruhme der Tapferkeit ihres Landes zuſchreiben zu koͤnnen. Die auffallende Ver⸗ ſchiedenheit zwiſchen den Bewohnern der beiden Theile von Albanien entſtand aus Umſtaͤnden, die nach und nach die Gemuͤthart der Unter⸗Albanier umwandel⸗ ten, waͤhrend ſie auf die Gebirgbewohner wenig wirk⸗ ten. Am meiſten laͤßt ſie ſich aus der verſchiedenen Lage gegen die tuͤrkiſchen Gebieter erklaͤren. Bei der Eroberung des Landes nahmen die meiſten Bewohner des Oberlandes, dem Nahmen nach, den Glauben der Sieger an. Die Tuͤrken ſchreiben zwar dieſer Bereitwilligkeit die friedliche Unterwerfung des Vol⸗ kes unter ihre Herrſchaft zu, aber eben dadurch ward ihnen dieſe Landſchaft ein weniger erwuͤnſchtes Be⸗ ſitzchum, als andre, und die Beſiegten, die auf dieſe Weiſe mit den Ueberwindern auf gleiche Linie kamen, wurden nicht durch die ſtete Gegenwart der Gebieter gedruͤckt, ſondern blieben, die Glaubensveraͤnderung abgerechnet, ziemlich in dem Zuſtande, worin ſie fruͤ⸗ her geweſen waren. Die ſogenannte Glaubensver⸗ aͤnderung hatte ſo wenig Einfluß, daß die Ober⸗Al⸗ banier, obgleich ſie nach Umſtaͤnden bald zum Chri⸗ ſtenthum, bald zum Islam ſich bekennen, doch weder voon dem einen, noch von dem andern Glauben etwas eben ſo ſehr, als die Krieger aus dem gebirgigen Ober⸗ —— 91 wiſſen. Die Bewohner von Unter⸗ Albaniern hin⸗ gegen, die weniger nachgiebig in ihren Glaubens⸗ meinungen ſind, und die Raubſucht der Tuͤrken mehr in Verſuchung ſetzen, wurden durch ihre Machthaber, die in ihren Städten und Doͤrfern wohnen, in Schrecken gehalten. Ohne die Mittel, dem Drucke auszuweichen, oder zu widerſtehen, den die kuͤhnen Bewohner des rauhen Gebirglandes beſitzen, und von dem Umgange mit den rohen Gebietern ausgeſchloſe ſen, verbanden ſie ſich enger mit den ſuͤdlichern Grie⸗ chen in Theſſalien und Livadien Der gemeinſchaft⸗ liche Gebrauch einer Kirchenſprache, die wegen der Nachbarſchaft auch im Leben nicht unbekannt iſt, und als eine geſchriebene Sprache dem Verkehre Er⸗ leichterungen darbietet, waͤhrend das Albaniſche nur geſprochen wird, knuͤpfte ein neues Band, Kein Wunder daher, daß ihre alten einheimiſchen Sitten ein unzaͤhligen Faͤllen durch die Gewohnheiten der Neugriechen verdraͤngt wurden. Von dem Dorfe Delvinaki, ungefaͤhr 21 Wegſtunden nordweſtlich von Joannina, wird die Verſchiedenheit zwiſchen den Be⸗ wohnern des Ober⸗ und Niederlandes auffallend. Bis dahin bemerkten Hobhouſe und ſein Reiſege⸗ faͤhrde, Lord Byron, in dem Zuſtande und Weſen des Volkes, abgerechnet eine gewiſſe Wildheit unter den uͤberall bewaffneten Landleuten, nicht Eigenes; kaum aber waren ſie uͤber Delvinaki hinaus, als ſie eine freiere Luft, ein volkreicheres Land fanden. Reiſende auf den Heerſtraßen; Doͤrfer auf den Huͤgeln zer⸗ ſtreut; die Ebenen uͤberall angebaut; und ſtatt des Gewandes der Griechen, das Baumwollenhemd der Albanier. Die albaniſche Sprache war herrſchend, und ſelbſt der Ton der Chriſten muthiger und ſtolzer. Gleich in dem erſten Dorfe(Ceſarades,) wo ſie uͤber⸗ nachteten, fanden ſie alles ganz anders, als in den griechiſchen Doͤrfern. Ihr Wirth war ſehr freund⸗ lich und hatte in ſeinen Zuͤgen nichts von dem krie⸗ chenden, niedergeſchlagenen, furchtſamen Weſen des griechiſchen Bauers. Sein Haus war reinlich ge⸗ weißt, hatte einen Pferdeſtall, eine Unterſtube und zwei Oberſtuben, ganz anders als in Nieder⸗ Albanien. Die Albanier— die Eingebornen, nicht ihre entarteten Abkoͤmmlinge und Sprachgenoſſen, die. als Landbauer zerſtreut in Rumili leben— ſind meiſt von mittler Groͤße, etwas uͤber 5 Fuß hoch; muskelkraͤftig und ſtraff, doch keineswegs vierſchroͤtig, und beſonders duͤnn um die Huͤften, woran ihre thaͤ⸗ tige Lebensweiſe und der enge Guͤrtel Schuld ſein moͤgen. Die Bruſt voll und breit, der Hals layg. Das Geſicht eirund mit vorragenden Backenknochen und flacher, aber hoher Stirn. Der Ausdruck ihrer 93 Augen, die blau odes vraun, ſelten ganz ſchwarz ſind, ungemein lebhaft. Der Mund klein mit ſchoͤnen Zaͤhnen. Die Naſe meiſt hoch und gerade, mit duͤn⸗ nen offenen Naſenloͤchern. Die Augenbrauen ge⸗ woͤlbt. Die Stirn iſt nicht mit Haaren bedeckt, die aber vom Scheitel lang hinab wallen, meiſt in Locken, wiewohl gerades langes Haar mehr bewun⸗ dert wird. Ein kleiner Knebelbart ziert die Ober⸗ lippe, das uͤbrige Kinn aber wird immer mit dem Vorderhaupte, gewoͤhnlich einmal woͤchentlich, ge⸗ ſchoren. Die mahleriſche Tracht der Albanier haben wir oben(S. 28— 29) nach Holland's Be⸗ ſchreibung kennen gelernt. Auch Hobhouſe fand ſie in dieſer Tracht dem alten roͤmiſchen Krieger aͤhn⸗ lich, zumahl bei den Wohlhabendern, wo zwei bis drei, reich mit Gold oder Silber verzierte Sammet⸗ weſten faſt dem ſteifen Panzerhemd gleichen. Die „Albanier ſind ſehr unreinlich; wechſeln ſelten die Waͤſche, und ſchlafen auf dem Fußboden in ihren dicken Wollenkleidern, wo Ungeziefer aller Art gedeiht. Die Weiber ſcheinen nicht reinlicher zu ſein. Sie ſind lang und ſtark, nicht unangenehm, aber in ih⸗ ren Zuͤgen ſieht man alle Spuren eines armſeligen Lebens, ſchlechter Behandlung und harter Arbeit. In vielen Gegenden des Landes muͤßen ſie ſaͤen und die Ernte beſorgen, waͤhrend die Maͤnner nur die⸗ 94 jenigen Arbeiten uͤbernehmen, wozu mehr als weibliche Koͤrperſtaͤrke, oder beſondre Geſchicklichkeit gehoͤrt. Jeder Betriebſamkeit abhold, zieht der Mann lieber mit ſeinen Heerden durch die Gebirge und Waͤlder. Der hoͤchſte Genuß aber in der Zeit, wo nicht Krieg ihn beſchaͤftigt, iſt fuͤr ihn, in der Sonne zu liegen, zu rauchen, zu eſſen, zu trinken, zu ſchlummern, oder langſam um den Garten vor ſeiner Huͤtte zu ſchlendern, auf ſeiner uͤbeltoͤnenden Laute klimpernd. Bei aller Traͤgheit aber iſt er un⸗ ruhig, und auf das erſte Aufgebot ſeines Anfuͤhrers bereit, mit ſeinem Gewehre in die Waͤlder zu eilen. Die Huͤtten, die von trockenem Lehm meiſt ſehr ſauber gebaut ſind, beſtehen gewoͤhnlich nur aus ei⸗ nem Stockwerke, mit zwei Stuben und wenig Haus⸗ geraͤthe. In der Regel gehoͤrt ein Garten dazu, und oft ſind ſie mit einem Walle umgeben, der Schieß⸗ loͤcher hat. In den Doͤrfern findet man einen, von einem breitwipfeligen Baume beſchatteten Raſenplatz, fuͤr die ſonntaͤgigen Beluſtigungen der Landleute. Dieß erweckt eine guͤnſtige Meinung von der allge⸗ meinen Sicherheit, die jedoch zuweilen von der Zwie⸗ tracht benachbarter Doͤrfer geſtoͤrt wird. Die Inwohner naͤhren ſich meiſt von Brod— das aus Weizen und andern Getreidearten gebacken wird— Kaͤſe, Eiern, Butter, Oliven und Garten⸗ 8 95⸗ fruͤchten, eſſen jedoch nur wenig Fleiſch, das man aber an Feiertagen deſto reichlicher genießt. Muhame⸗ daner und Chriſten trinken Wein, und ein aus Traubenhuͤlſen und Gerſte bereitetes geiſtiges Getraͤnk. Im Ganzen aber leben ſie maͤßig, um ihr Geld fuͤr Waffen und Putz zu ſparen. Man ſieht ſie gefraͤßig eſſen, wo es auf fremde Koſten geht, aber um Reich⸗ thum zu ſammeln, ſcheuen ſie keine Muͤhe, keine Gefahr, keine Selbſtverlaͤugnung. Sie haben noch ſo viel von dem Zuſtande des Wildheit, daß man ſie kaum halb geſittet nennen kann, ſondern Barbaren, in deren Land einige Kuͤnſte des geſitteten Lebens Eingang gefunden haben. Unter keinen Geſetzen lebend, vertheidigt Jedermann ſelber ſeine Rechte, ſucht Vergeltung fuͤr erlittenes Unrecht, und haͤufig gibt es Mord und Todtſchlag. Naͤuberei wird nicht fuͤr ſchimpflich gehalten. Wenn ihre Dienſte in der Heimath nicht gebraucht werden, treibt ihr Wider⸗ wille gegen ein friedliches Leben ſie zu Paſcha's in Europa oder Aſien, deren tapferſte Kriegsvoͤlker ſie unter dem Nahmen der Arnauten ausmachen. Ob⸗ gleich von den Tuͤrken verabſcheut, werden doch ſie allein auserwaͤhlt, die heilige Fahne von Mekka nach Konſtantinopel zu bringen, und nicht Wenige von ihnen haben ſich zu den hoͤchſten Wuͤrden im osma⸗ niſchen Reiche erhoben. Sie dienen aber nicht bloß den Osmanen, ſondern waren lange gewohnt, ſich bei dem Koͤnige von Neapel anwerben zu laſſen, und haben neuerlich in großer Anzahl bei den, von den Englaͤndern auf den joniſchen Inſeln geworbenen griechiſchen Regimentern Dienſte genommen. Alle dieſe gebirgiſchen Albanier aber, die in auswaͤrtige Dienſte treten, haben den Vorſatz, wieder in ihre Heimath zuruͤck zu kehren. Diejenigen, welche im Dienſte des Paſcha von Morea ſtehen, haben mehr als einmal den Verſuch gewagt, durch die Wache auf der korin⸗ thiſchen Landenge zu brechen, und einige in engli⸗ ſchem Solde ſtehende Arnauten machten einen ernſt⸗ lichen Aufſtand unter der Beſatzung von Malta, als ſie fanden, daß ſie auf Lebenszeit geworben waren. Im Stolze auf ihre Abſtammung und Heimath, verachten ſie alles Fremde. Alle uͤbrigen Menſchen, Tuͤrken, wie Chriſten, halten ſie, mit ihren Lands⸗ leuten verglichen, fuͤr Memmen, und da ſie ſchon lange als die beßten Krieger des tuͤrkiſchen Reichs be⸗ ruͤhmt ſind, ſo iſt der Stolz nicht ohne Grund, den man ſelbſt in dem aͤrmſten Bauer findet. Ihren ſtolzen Gang, und das trotzige Weſen, das ſie an⸗ nehmen, mit der einen Hand am Saͤbel, und dem rothen Kaͤppchen quer auf der Stirne, vergißt man nie, wenn man ſie einmal geſehen hat. Hob⸗ houſe ſchaͤtzt die Volksmenge von Albanien auf 97 beinahe 1,200,000 Seelen, aber er beſtimmt nicht ganz genau, ob er darunter alle, unter dem Nahmen Albanier bekannte Bewohner des tuͤrkiſchen Reiches, oder bloß diejenigen begreife, die er als eigentliche Albanier beſchreibt. Von ihrer Anzahl aber auch abgeſehen, iſt die Gemuͤthsart des Volkes ſo kriege⸗ riſch und rege, und ſeine geographiſche Lage ſo guͤn⸗ ſtig, daß ſich wohl vermuthen laͤßt, ſie werden bei den kuͤnftigen Umwaͤlzungen des tuͤrkiſchen Neiches keine unwichtige Rolle ſpielen. Ali Paſcha ward um das Jahr 1750 in Tepellene(nach Andern Tepedlen) geboren; aber er verhehlt ſorgfaͤltig ſein Alter, und ungeachtet einer Krankheit, die man fuͤr unheilbar haͤlt, ſieht er aus, wie ein geſunder Mann von mittlen Jahren. Er iſt zwar der Sohn eines Paſcha(Veli) von zwei Roßſchweifen, ſoll aber gern damit prahlen, er habe ſeine Laufbahn mit ſechs Para und einer Muskete begonnen. Hobhoͤuſe ſprach mit vielen Men⸗ ſchen, die den Paſcha gekannt hatten, als er in einer zerriſſenen Jacke das Leben eines naͤchtlichen Naͤubers fuͤhrte. Nach und nach, doch nicht ohne bedeutende Unfaͤlle, gewann er ſo viel, daß er ein kleines Pa⸗ ſchalik kaufen konnte, und ſpaͤterhin erlangte er durch Kriegsgluͤck, oder Verraͤtherei, eine Stelle nach der andern in Albania, bis es ihm endlich gelang, ſich 7 9⁸ 1 zum Herrn von Joannina zu machen, worauf er durch einen kaiſerlichen Gnadenbrief zum Paſcha er⸗ hoben ward. Anfangs war er zuweilen in einer ſo bedraͤngten Lage, daß er ſich nicht aus ſeiner Heimath Tepellene wagte. In der Folge vergiftete er den Paſcha Giaffar von Vallona mit einer Taſſe Kaffee. Nicht bedenklich in der Wahl der Mittel, die zu ſeiner Vergroͤßerung fuͤhren konnten, gewann er all⸗ maͤhlig einen vorherrſchenden Einfluß uͤber den groͤß⸗ ten Theil von Griechenland, und wurde ſelbſt in denjenigen Theilen der europaͤiſchen Tuͤrkei gefuͤrch⸗ tet, welche auſſerhalb der Graͤnzen ſeines Gebietes liegen.— Nach einem ungenannten franzoͤſiſchen Schriftſteller*) begreift dieſes Gebiet: die Paſcha⸗ like von Joannina und Delvino, oder den groͤßten Theil des alten Epirus; den oͤſtlichen und ſuͤdlichen Theil von Macedonien, das heißt ungefaͤhr die Haͤlfte dieſer Landſchaft; das Paſchalik Triccala, oder Theſ⸗ ſalien; den groͤßten Theil von Livadien; Xeromeros oder Akarnanien, und die Landſchaft Arta und Pre⸗ veſa. Als Weſſit, oder Paſcha von drei Roßſchwei⸗ fen, herrſcht er jedoch nur in den Landſchaften Joan⸗ ) Mémoire sur la vie et la puissance d'Ali Pascha— Paris 1820, 8. Ali wird hier mit ſchwarzen Farben geſchildert.. 99 nina und Triccala.— In allen jenen Landſchaften beſitzt er ein anſehnliches Privateigenthum an Laͤn⸗ dereien, gegen 400 Doͤrfer, nach Hobhouſe. Man ſchaͤtzte, als dieſer in Albanien war, die Einkuͤnfte des Paſcha auf 6 Millionen Piaſter,*) nicht ge⸗ rechnet die Abgaben, welche er gelegentlich erhebt, und die ihm von ſeinen chriſtlichen Unterthanen dar⸗ gebrachten Geſchenke. Alle Arbeiten muͤſſen unent⸗ geltlich fuͤr ihn verrichtet, und in den Staͤdten, wo er Wohnungen hat, Kuͤche und Staͤlle von den Be⸗ wohnern verſorgt werden. Seine Kriegsvoͤlker koſten ihm wenig, jeder Soldat monatlich nur zwoͤlf Piaſter, da die Städter und Landleute ſie ernaͤhren muͤſſen. Die Sklaven und Sklavinnen fuͤr ſeinen Haushalt erhaͤlt er aus den Familien der Raͤuber, die er hin⸗ richten laͤßt, oder in die Flucht jagt. Seine Gemuͤthsart, die von den Griechen mit den finſterſten Farben geſchildert wird, und glaubt man auch nur die Haͤlfte der von ihm erzaͤhlten Ge⸗ ſchichten, wild grauſam ſein muß, wuͤrde doch wohl ungerecht beurtheilt werden, wenn man bloß auf die Thatſachen ſehen wollte, die man gegen ihn anfuͤhrt, geſetzt auch, ſie waͤren wahr. Man muß auf die — ²) Der Verfaſſer des angefuͤhrten Memoire ſchlaͤgt ſie zu 9 Millionen an. 7* 100 Lage, worin er ſich befand, und auf das Volk, mit welchem er zu thun hatte, Ruͤckſicht nehmen. Ge⸗ waltthaͤtigkeiten, mit einer Gleichgiltigkeit gegen Menſchenleben veruͤbt, wovon Jemand, der nicht in der Tuͤrkei war, gar keinen Begriff haben kann, ſind etwas Gewoͤhnliches in der oͤffentlichen Verwaltung im tuͤrkiſchen Reiche, und erwecken weder Entſetzen, noch Abſcheu. Die ſtrengſten Maßregeln waren in Albanien noͤthig, um die Sicherheit gegen Raͤuber zu erlangen, die jetzt in dem groͤßten Theile von Ali's Gebiet herrſcht. Auch Hobhouſe beſtaͤtigt, was wir oben(S. 27.) nach Hollands Angaben von den gluͤcklichen Bemuͤhungen Ali's zur Verbeſſerung des Zuſtandes ſeiner Unterthanen erfahren haben. „Er hat, ſetzt der Reiſende hinzu, durch viele heil⸗ ſame Anordnungen wie ein guter und großer Fuͤrſt gehandelt, wiewohl vielleicht ohne einen einzigen an⸗ dern Beweggrund, als ſeine Vergroͤßerung.“ Hobhouſe fand den Paſcha in Tepellene, einer kleinen ſchmutzigen Stadt, die Ali's Lieblings⸗ aufenthalt iſt. Er und ſein Begleiter erhielten Woh⸗ nungen in der Burg des Paſcha. Der Schloßhof war auf zwei Seiten von Gebaͤuden und auf den beiden andern von hohen Mauern umſchloſſen. Sol⸗ daten, die ihre Waffen an die Mauer gelehnt hatten, ſah man bald langſam auf und nieder gehen, bald 101 auf dem Bohen ſitzen. Mehre Pferde, voͤllig an⸗ geſchirrt, wurden umher gefuͤhrt. Im Hintergrunde des Hofes, am weiteſten von der Wohnung, machte man Vorbereitungen zum Abendſchmauſe, und Koͤche, die ſelber halb bewaffnet waren, bereiteten Schafe und Laͤmmer. Der Paſcha nahm die Fremden freundlich auf, und verſprach, ihnen am naͤchſten Tage feierliches Gehoͤr zu geben. Abends erhielten ſie einen Beſuch von zwei Aerzten Seiner Hoheit,(ſo nennen die Griechen jeden Paſcha von drei Roßſchweifen,) einem Elſaßer in Frankentracht, und einem Griechen, der Teutſch, Italieniſch, Franzoͤſiſch, Lateiniſch und Albaniſch verſtand. Am folgenden Tage, gegen Mit⸗ tag, wurden ſie durch Ali's weißes Staͤbchen zur Audienz gerufen. Sein Geheimſchreiber, der mit ihnen von Joannina gekommen war, und ſein ſchlech⸗ teſtes Kleid angezogen hatte, um nicht das Anſehen eines Mannes zu haben, von welchem ſich etwas er⸗ preßen ließe, fuͤhrte ſie in das große huͤbſch eingerich⸗ tete Gemach. Ihr Dolmetſch begleitete ſie. Hier fanden ſie den Paſcha, als waͤre es zufaͤllig geweſen, ſtehend, wie es der hoͤflichen Sitte bei den Tuͤrken gemaͤß iſt, die nur vor einem Hoͤhern und einem Moslem von ihrem Sitze ſich erheben. Als er ſich geſetzt hatte, lud er die Gaͤſte ein, neben ihm Platz zu nehmen. Ali war ein Mann von etwas uͤber Ar 102 fuͤnf Fuß Laͤnge, ſehr fett, doch nicht eben wohl be⸗ leibt. Er hatte ein ſehr einnehmendes, huͤbſches rundes Geſicht, lebhafte blaue Augen, und nichts von der tuͤrkiſchen Ernſthaftigkeit. Sein weißer Bart war lang, und von der Art, worauf jeder andre Tuͤrke ſtolz geweſen ſein wuͤrde; aber Ali, mehr mit ſeinen Gaͤſten, als mit ſich ſelber beſchaͤftigt, blickte nicht immer auf ſeinen Bart, oder beroch und ſtrich ihn nicht, wie's bei ſeinen Landsleuten gewoͤhnlich iſt, um die Pauſen bei der Unterhaltung auszufuͤllen. Er war nicht eben praͤchtig gekleidet, nur ſchien ſein hoher Turban, der aus vielen kleinen Rollen zuſam⸗ men geſetzt war, aus Gold⸗Mußelin zu beſtehen, und ſein langer Dolch war mit Demanten beſetzt. Er war ungemein hoͤflich. Er zeigte den Fremden eine Haubitze, die in ſeinem Zimmer lag, und ſagte ihnen bei der Gelegenheit, er habe mehre große Ka⸗ nonen. Die Gaͤſte erhielten Pfeifen, Kaffee und Zuckerwerk, doch war er in dieſen Dingen nicht ſo eigen, als andre Tuͤrken. Er hatte ſo gute Laune, daß er mehrmal laut auflachte, was bei vornehmen Tuͤr⸗ ken ſehr ungewoͤhnlich iſt. Sein Zimmer war nicht, wie gewoͤhnlich bei den tuͤrkiſchen Großen, mit ſeinen Hofbedienten angefuͤllt, ſondern es war Niemand bei ihm, als vier oder fuͤnf praͤchtig gekleidete Juͤng⸗ linge in albaniſcher Tracht, deren Haar tief hinab — —,— 103 wallte. Dieſe brachten die Erfriſchungen herein, und verſorgten die Fremden mit Pfeifen, welche man⸗ obgleich ſie noch nicht halb ausgeraucht waren, drei⸗ mal mit friſchen vertauſchte, wie es Sitte iſt, wenn einem Gaſte beſondre Ehre erwieſen werden ſoll. In der Unterhaltung zwiſchen einem tuͤrkiſchen Weſſir und einem Reiſenden gibt es keine allgemeinen Geſpraͤch⸗ ſtoffe, welche beiden Gelegenheit geben koͤnnten, ihre Faͤhigkeiten zu verrathen. Ein Franke, ſetzt Hob⸗ houſe hinzu, kann einen Tuͤrken ſchon fuͤr etwas Ungemeines halten, wenn er keine alberne Frage von ihm hoͤrt, und Ali fragte uns nichts, was ſeine Un⸗ wiſſenheit verrathen haͤtte. Seine Lebhaftigkeit und ſeine Leichtigkeit im Benehmen gaben uns eine ſehr guͤnſtige Meinung von ſeiner natuͤrlichen Faͤhigkeit. —— ———— 4 — Gngdcdaunuanauaunmunmmaunnuuunuum 9 11 13 9 1r.