e 35 4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Sgeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 1e02. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 „ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 4 We— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Tel.— Pf. „ 3—„ 9—„.—„ 5. Auswäörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Beide Frauen waren zwar an gute Geſellſchaft gewoͤhnt, aber entſchloſſen, in Bucklaws Freunde einen angenehmen und wohl erzoge⸗ nen Mann zu finden, gelang es ihnen zum Verwundern, ſich ſelbſt zu taͤuſchen. Man nahin ſeine Unverſchaͤmtheit fuͤr achtbare Ge⸗ radheit, wie ſie zu ſeinem vermeintlichen Krie⸗ gergewerbe paßte, ſein Prahlen fuͤr Muth. Als er ſich in der Gunſt veſt geſetzt hatte, A 2 ——— ſann er darauf, wie er ſie auf's Beßte zur Be⸗ foͤrderung der Abſichten ſeines Goͤnners benuz⸗ zen koͤnnte. Lady Aſhton war ſehr eingenom⸗ men fuͤr den Heirathantrag. Bucklaw, jetzt nicht mehr verſchwenderiſch, war gerade der Mann, den ſie fuͤr ihre Schaͤferinn wuͤnſchte, und da dieſe Heirath ihrer Tochter Vermoͤgen und einen Edelmann zum Gemahl gab, ſo meinte die Mutter, es werde derſelben das gluͤcklichſte Loos fallen. Als Craigengelt dieſe guͤnſtige Stimmung bemerkte, gab er, um den Entſchluß der Frau kraͤftiger anzuregen, einen Wink uͤber die La⸗ ge der Dinge im Schloſſe Ravenswood und uͤber die verbreiteten Geruͤchte. Die gluͤhenden Wangen, die unſichere Stimme nnd das flam⸗ mende Auge der Lady Aſhton, verriethen ihm bald, daß ſie die Beſorgniſſe gefaßt hatte, die er ihr erwecken wollte. Sie hatte von ihrem Manne nicht ſo oft und ſo regelmaͤßig Nach⸗ richt erhalten, als er, nach ihrer Meinung, ſchuldig geweſen waͤxe, ihr zu ſchreiben, und 5 weder von ſeinem Beſuche in Wolfsfels, noch von dem, ſo herzlich aufgenommenen Gaſte, hat⸗ te ſie ein Wort gehoͤrt, bis ſie jetzt zufaͤllig durch einen Fremden Nachricht davon erhielt. Solches Stillſchweigen glich, nach ihrer Mei⸗ nung, einer Verheimlichung von Verraͤtherei, wenn nicht einer offenen Empoͤrung gegen ihre eheliche Gewalt, und ſie ſchwur in ihrem In⸗ nerſten, an ihrem Manne ſich zu raͤchen. Ihr unwille ergluͤhte noch heftiger, da ſie ihn vor ihrer Freundinn und vor Craigengelt unter⸗ druͤcken mußte. Jetzt wuͤnſchte ſie noch einmal ſo lebhaft, ihre Tochter mit Bucklaw zu ver⸗ maͤhlen, weil ihre unruhige Einbildungskraft ihr ſagte, daß ihr Mann aus politiſchen Gruͤn⸗ den, oder aus Furchtſamkeit, die Verbindung mit Ravenswood vorziehen koͤnnte. Craigen⸗ gelt war gar nicht uͤberraſcht, als er an dem⸗ ſelben Tage vernahm, daß Lady Aſhton ſich entſchloſſen hatte, das Schloß zu verlaſſen, und bei Anbruch des folgenden Tages nach 3 2 ——õ—ñõ—— 6 Schottland zuruͤck zu kehren, um ihre Heimath, ſo ſchnell als moͤglich, zu erreichen. Der arme Aſhton! Wie wenig ahnete er den Sturm, der ſo ſchnell ſich naͤherte, als ſechs Pferde eine altfraͤnkiſche Kutſche ziehen konnten. Er dachte nur an den Beſuch des Marquis von A.., welcher des Nachmittags eintreffen ſollte. Alles war in Bewegung im Schloſſe. Aſhton ging von Zimmer zu Zim⸗ mer, hielt Rath mit Kellermeiſter und Koch, und als er ſich endlich uͤberzeugt hatte, daß al⸗ les in Bereitſchaft war, lud er Edgar und ſeine Tochter ein, ſich auf die Terraſſe zu be⸗ geben, da ſie von dieſer vorſpringenden Erhoͤ⸗ hung die Ankunft des Marquis am beßten be⸗ obachten konnten. Man genoß hier eine ſchoͤne und weite Ausſicht, und uͤberſah zwei Wege, einen der von Morgen, und den andern, der vom Abend kam, welche beide uͤber einen, dem Schloſſe gegenuͤber ſich erhebenden, Huͤgel liefen, und nicht weit vom Eingange zum Schloſſe zuſammenfielen. Auf den weſtlichen 7 Weg blickte Aſhton, von einer gewiſſen Be⸗ kuͤmmerniß getrieben, ſeine Tochter/ aus Ge⸗ faͤlligkeit gegen ihn, und Edgar, ungeachtet er eine Regung innerer ungeduld nicht unter⸗ druͤcken konnte, aus Gefaͤlligkeit gegen Luzie. Endlich erblickte man die weiß gekleideten Laͤufer, mit ſchwartzen Muͤtzen und langen Staͤben in der Hand, die mit ungemeiner Behaͤndigkeit den Pferden voran eilten; ih⸗ 4 nen folgte, unter dicken Staubwolken, ein Schwarm von Reitern, die den Staatswagen des Marquis umgaben. Aſhton war ſo ſehr beſchaͤftigt mit dieſem Anblicke und mit dem Gedanken an den Empfang des Gaſtes, daß er es kaum hoͤrte, als der kleine Heinrich ausrief:„Vater, da kommt ja noch eine andere Kutſche mit ſechs Pferden auf der oͤſt⸗ 4 lichen Straße, gehoͤrt die auch dem Marquis von A. 2 Als der Knabe endlich des Vaters Auf⸗ merkſamkeit geweckt hatt, blickte A hton nach Morgen. Welcher Anblick! Es war ein an⸗ 8 derer Wagen mit ſechs Pferden, von vier Rei⸗ tern begleitet, und er fuhr ſo ſchnell den Huͤ⸗ gel hinab, daß es zweifelhaft ward, welche von den beiden Kutſchen, die blaue oder die gruͤ⸗ ne, zuerſt das Schloßthor erreichen werde. Wer konnte es ſein? Kein Nachbar wuͤrde ſich ſo, ohne alle Umſtaͤnde naͤhern. Es muß meine Frau ſein, ſprach Aſhtons Gewiſſen, und ihre ploͤtzliche und unangekuͤndigte Ruͤck⸗ kehr erfuͤllte ihn mit unruhiger Ahnung. Daß die Geſellſchaft, worin ſie ihn zum Uagluͤcke uͤberraſchte, ihr hoͤchſt zuwider ſein mußte, war keine Frage, und nur die Hoffnung richtete ihn auf, daß ihr feiner Sinn fuͤr Schicklichkeit einen aͤrgerlichen Auftritt verhuͤten werde. Nicht er allein war beſorgt.„Es iſt mei⸗ ne Mutter— meine Mutter iſt's!“ ſprach Luzie leichenblaß, und ſchlug die Haͤnde zuſam⸗ men, als ſie auf Edgar blickte.— Und wenn's Eure Mutter waͤre, erwieder⸗ te er leiſe, was koͤnnte Euch ſo beunruhigen? Die Ruͤckkehr einer Hausfrau zu den Ihrigen, 1 9 nach langer Trennung, ſollte andere Empfin⸗ dungen erregen, als Furcht und Schrecken. Ihr kennt meine Mutter nicht, ſprach Lu⸗ zie, faſt athemlos vor Schrecken. Was wird ſie ſagen, wenn ſie Euch hier findet? Mein Aufenthalt hat zu lange gedauert, ſprach Edgar etwas ſtolz, wenn ihr Mißver⸗ gnuͤgen uͤber meine Gegenwart ſo furchtbar ſein ſollte. Liebe Luzie, ſetzte er hinzu, mit dem Tone beſaͤnftigender Ermunterung, Ihr feid zu kindiſch bange vor Eurer Mutter; ſie iſt eine Frau von Stande, von Bildung; ſie muß die Welt kennen und wiſſen, was ſie ihrem Manne und ihres Mannes Gaſte ſchuldig iſt. Luzie ſchuͤttelte den Kopf, und als haͤtte ihre Mutter, ſelbſt in dieſer Entfernung, ſie ſehen und ihr Benehmen beobachten koͤnnen, entfernte ſie ſich von Edgar, und begab ſich mes ihrem Bruder Heinrich auf das andere Ende der Terraſſe. Auch Aſhton ging zum Schloßthore hinab, ohne Eogar einzuladen, 1³⁴ ihn zu begleiten, und ſo blieb der Juͤngling allein auf der Terraſſe zuruͤck, gleichſam ver⸗ laſſen und gemieden von den Bewohnern des Schloſſes. Dieß konnte ein Mann nicht er⸗ tragen, der ſtolz, trotz ſeiner Armuth war, und glaubte, daß er eine Gunſt erzeigte, aber nicht empfing, als er ſeine tief gewurzelte Em⸗ pfindlichkeit ſo weit aufopferte, daß er ſich ent⸗ ſchließen konnte, Aſhtons Gaſt zu werden. „Ich kann Luzien verzeihen, ſprach er zu ſich ſelber, ſie iſt jung, ſchuͤchtern, und die wichti⸗ ge Verbindung, die ſie ohne Einwilligung ih⸗ rer Mutter geknuͤpft hat, macht ſie aͤngſtlich; aber ſie ſollte ſich erinnern, mit wem ſie ſich verbunden hat, und mir keinen Grund zu dem Verdachte geben, daß ſie ihrer Wahl ſich ſchaͤme. — Wohlan! ich muß ſehen, wie das enden will, und gibt man mir Grund zu glauben, daß ich ein unwillkkommener Gaſt bin, ſo iſt mein Beſuch bald abgekuͤrzt.“ Mit dieſem Argwohne verließ er die Ter⸗ raſſe und ging in den Stall, iwo er Befehl 11 gab, ſein Pferd bereit zu halten, wenn's ihm einfallen ſollte, auszureiten. —— Die beiden Kutſcher hatten indeſſen be⸗ merkt, daß ſie nach einem Ziele ſtrebten. La⸗ 8 dy Aſhton gab dem ihrigen ſogleich Befehl voran zu eilen, weil ſie vor der Ankunft der Gaͤ⸗ ſte ihre erſte Zuſammenkunft mit ihrem Manne haben wollte. Der andere Kutſcher wollte dem 8 Nebenbuhler nicht den Vorrang laſſen, und ſo wurde Aſhton's Perwirrung vermehrt, als er die Zeit, die ihm zur Ueberlegung uͤbrig blieb, durch die Eile der Wetteifernden abgekuͤrzt ſah. Es blieb ihm nichts uͤbrig, als die Moͤg⸗ lichkeit, daß man umwerfen und ſeine Frau, oder ſein Gaſt, den Hals brechen koͤnnte. Es laͤßt ſich ſchwerlich ausmitteln, ob er das Ei⸗ ne oder das Andere wuͤnſchte, aber wahrſchein⸗ — lich wuͤrde ſein Kummer auf keinen Fall un⸗ 35 troͤſtlich geweſen ſein. Der Zufall wollte es nicht ſo. Lady Afhton ſah, daß es laͤcherlich ſein wuͤrde, mit einem vornehmen Gaſte vor ihrem eigenen Schloſſe ein Wettrennen anzu⸗ 12 ſtellen, und gab ihrem Kutſcher Befehl/ zu⸗ ruͤckzubleiben, und dem Fremden den Vorrang zu laſſen. Die gruͤne Kutſche fuhr nun lang⸗ ſam unter den Schatten der hohen Ulmen hinab, und langſamer folgte Lady Aſhton in einiger Entfernung. unter dem Schloßthore ſtand Aſhton ſehr verlegen, ihm zur Seite ſeine Tochter und hinter ihm ein Schwarm von Dienern. Er war jedoch zu ſehr gewohnt, ſich ſelber zu be⸗ herrſchen, als daß ſelbſt unter den widrigſten Umſtaͤnden ſeine Verlegenheit von langer Dauer haͤtte ſein koͤnnen. Er empfing den Marquis mit den gewoͤhnlichen hoͤflichen Be⸗ willkommungen, aber, als er ſeine Tochter ihm vorſtellte, verrieth er, was hauptſaͤchlich ſein Gemuͤth beſchaͤftigte, da er ſie als ſeine Gemahlinn einfuͤhrte. 4 Luzie erroͤthete. Der Marquis ſchien ſich uͤber das jugendliche Anſehen der Wirthinn zu verwundern, und Aſhton ſammelte ſich nur mit Muͤhe ſo weit, daß er das Mißverſtaͤnd⸗ 13 niß erklaͤren konnte,„Meine Tochter, haͤtte ich ſagen ſollen, aber ich ſah den Wagen mei⸗ ner Frau gleich nach dem Eurigen kommen, und— 4 Keine Entſchuldigung! ſiel der Marquis ein, ich bitte Euch, geht Eurer Gemahlinn ent⸗ gegen, unterdeſſen erlaubt mir naͤhere Bekannt⸗ ſchaft mit Fraͤulein Afhton zu machen. Es iſt mir ſehr unangenehm, daß meine Leute un⸗ ſerer edlen Wirthinn vor ihrem eigenen Thore den Vorrang abgewonnen haben, aber ich muß⸗ te ja, wie Ihr leicht denken koͤnnt, glauben, daß Eure Gemahlinn noch in England ſei. Noch einmal, macht keine Umſtaͤnde, und eilet, ſie zu bewillkommen. Das war es gerade, was Aſhton wuͤnſchte, und er entfernte ſich ſchnell. Wenn er ſeine Frau unter vier Augen ſah, und dem erſten Ausbruche ihres Mißvergnuͤgens begegnete, hoff⸗ te er, ſie einiger Maßen vorzubereiten, ihre un⸗ willkommenen Gaͤſte mit gebuͤhrendem Anſtande zu empfangen. Als ihr Wagen hielt, war der 2* —— 14 Arm des aufmerkſamen Gemahls bereit, ihr beim Ausſteigen zu helfen. Sie that, als ob ſie ihn nicht ſehe, ſchob ſeinen Arm weg, und verlangte den Beiſtand des Hauptmanns Crai⸗ gengelt, der ſie auf der Reiſe begleitet hatte, und nun, mit ſeinem Treſſenhut unter dem Arm, am Kutſchenſchlage ſtand. Den Arm ih⸗ res Begleiters faſſend, ging Lady Afhton uͤber den Schloßhof, ſprach ein paar Worte zu den Dienern, aber kein einziges Wort zu ihrem 4 Manne, der vergebens ihre Aufmerkſamkeit zu 3 gewinnen ſuchte, als er eher hinter als neben ihr in den Saal ging, wo der Marquis mit Edgar in ein Geſpraͤch vertieft war. Luzie hatte die erſte Gelegenheit benutzt, ſich zu ent⸗ fernen. Alle verriethen Verlegenheit, nur nicht der Marquis; denn ſelbſt der unverſchaͤmte 1 Craigengelt war kaum vermoͤgend, ſeine Furcht 4 gegen Edgar zu verbergen, und die uͤbrigen fuͤhlten das Druͤckende der Lage, worin ſie ſich ſo unerwartet befanden. Der Marquis wartete einen Augenblick —— 1 vergebens, daß Afhton ihn vorſtellen wuͤrde, und entſchloß ſich endlich, ſich ſelber einzufuͤh⸗ ren.„Euer Gemahl, ſprach er, ſich verbeu⸗ gend, hat mir eben ſeine Tochter als ſeine Gemahlinn vorgeſtellt; er koͤnnte mir jetzt leicht Euch, gnaͤdige Frau, als ſeine Tochter vorſtellen, ſo wenig habt Ihr Euch veraͤndert, ſeit ich Euch vor einigen Jahren zuletzt geſe⸗ hen. Wollt Ihr einem alten Bekannten das Recht des Gaſtes vergoͤnnen? Bei dieſen Worten kuͤßte er die Hausfrau mit ſo edlem Anſtande auf die Wangen, daß er keine unfreundliche Aufnahme zu beſorgen hatte.„Gnaͤdige Frau, fuhr er hierauf fort, dieß iſt ein friedeſtiftender Beſuch, darum er⸗ laube ich mir, meinen Vetter, den Junker von Ravenswood, zu einer guͤnſtigen Aufnahme Euch zu empfehlen.“— Lady Aſhton konnte nicht umhin, ihn zu bewillkommen, aber es ſprach aus ihrem Gru⸗ ße ein Stolz, der faſt einer zuruͤckweiſenden Verachtung glich. Ravenswood verbeugte ſich, ———————1 16 aber ſein Benehmen erwiederte den Hohn, wo⸗ mit man ihm empfangen hatte. Erlaubt mir, ſprach Lady Aſhton zu dem Marquis, Euch meinen Freund vorzuſtellen. Craigengelt machte mit der Unverſchaͤmt⸗ heit, welche Leute ſeines Schlages fuͤr leichtes Benehmen halten, eine Verbeugung gegen den Marquis, die er mit einer Schwenkung ſeines Treſſenhutes begleitete. Die Edelfrau wendete ſich zu ihrem Ge⸗ mahle.„Wir haben beide, ſprach ſie, und es waren die erſten Worte, die ſie an ihn richte⸗ te— ſeit unſerer Trennung neue Bekannte erworben, laßt mich den meinigen Euch vor⸗ ſtellen— Hauptmann Craigengelt. Eine neue Verbeugung, eine neue Hut⸗ ſchwenkung; aber als Aſhton den Gruß erwie⸗ derte, verrieth er nichts von der fruͤheren Be⸗ kanntſchaft, und mit der unruhigen Eile, die ſeinen Wunſch andeutete, Friede zwiſchen den ſtreitenden Parteien zu ſtiften, ſprach er zu 17 Traigengelt:„Ich ſtell Euch hier den Jun⸗ ker von Navenswood vor.“ Edgar warf ſich ſtolz in die Bruſt, und ohne den Vorgeſtellten eines Blickes zu wuͤrdi⸗ gen, ſprach er mit ſcharfem Tone:„Haupt⸗ mann Craigengelt und ich, kennen einander bereits vollkommen. Vollkommen, vollkommen! erwiederte der Hauptmann mit murmelndem Tone, wie ein Scho, und mit einer Hutſchwenkung, deren Um⸗ fang aber bei weitem nicht ſo groß war, als bei jenen, womit er den Marquis und Afhton gegruͤßt hatte. Als man den Gaͤſten Erfriſchungen vorge⸗ ſetzt hatte, bat Lady Aſhton um Erlaubniß, ih⸗ ren Mann auf einige Augenblicke zu entfernen, um uͤber eine wichtige Angelegenheit mit ihm ¹ zu ſprechen. Der Marquis bat ſie, ſich keinen Zwang anzuthun, und Craigengelt, als er ein zweites Glas Canarienſekt herunter geſtuͤrzt zatte, verließ eilig das Zimmer, unter dem Zormande, nach ſeinem Pferde zu ſeben, ob⸗ d . d 3 4 jfr 8 3 18 gleich Lady Afhton dem Diener beſonders befahl, dem Hauptmann Craigengelt auf das Sorgfaͤl⸗ tigſte aufzuwarten. Der Marquis und Edgar blieben allein, um ſich ihre Bemerkungen uͤber die empfangene Aufnahme mitzutheilen, waͤh⸗ rend Aſhton ſeiner Gemahlinn, wie ein ver⸗ urtheilter Verbrecher, in ihr Zimmer folgte. Als die beiden Gatten allein waren, mach⸗ te Lady Aſhton den Regungen ihres heftigen Gemuͤthes Luft, welche ſie, des Anſtandes hal⸗ ber, nur mit Muͤhe unterdruͤckt hatte. Sie ſchloß die Thuͤre hinter dem beſtuͤrzten Ge⸗ mahl, zog den Schluſſel heraus, und mit ei⸗ nem Blicke, der Entſchloſſenheit und Empfind⸗ lichkeit verkuͤndete, richtete ſie an ihn die Wor⸗ te:„Ich wundere mich nicht ſehr uͤber die Verbindungen, die Ihr waͤhrend meiner Ab⸗ weſenheit geſchloſſen habt; ſie paſſen ganz zu Euerer Herkunft und Erziehung, und wenn ich etwas anders erwartete, ſo bekenne ich gern, daß ich mich geirrt, und dadurch die Taͤ ſchung verdient habe, die Ihr mir bereitetet. — 19 Meine Theuere,— meine liebe Eleonore, ſprach Aſhton, nimm nur einen Augenblick Vernunft an, und ich will Dich uͤberzeugen, daß ich alles beobachtet habe, was die Wuͤrde und der Vortheil meiner Familie erheiſchte. Den Vortheil Eurer Familie moͤget. Ihr wohl im Stande ſein zu bedenken, erwiederte die unwillige Gemahlinn, auch wohl die Wuͤr⸗ de Euerer Familie, aber da die meinige nun einmal unaufloͤßlich damit verbunden iſt, ſo werdet Ihr mir erlauben, daß ich ſelbſt ein aufmerkſames Auge darauf richtete, in ſo fern eine ſolche Verbindung ſtatt hat. Was verlangſt Du, ſprach der Gemahl, was mißfaͤllt Dir, warum muß ich bei Deiner Ruͤckkehr nach einer ſo langen Abweſenheit ei⸗ nen ſolchen Empfang erfahren? Fragt Euer eigenes Gewiſſen. Was hat Euch verleitet, Euerer Partei und Eueren Mei⸗ nungen untren zu werden? Seid Ihr nicht im Begriff, Euere einzige Tochter einem Bett⸗ B 2 . D 2—— 20 ler, einem geſchwornem Feinde Eures Hauſes zu geben? 2 Aber bei allem, was geſunder Menſchen⸗ verſtand und Hoͤſlichkeit verlangen, kann ich, ohne allen Anſtand zu verletzen, einen jungen Mann aus meinem Hauſe weiſen, der meiner Tochter und mir das Leben gerettet hat? Euch das Leben gerettet! erwiederte ſeine Frau. Ich habe von der Geſchichte gehoͤrt. Ihr waret erſchrocken vor einer wilden Kuh, und hieltet den jungen Menſchen, der ſie toͤdtete, Gott weis fuͤr welchen Helden; jeder Fleiſcher in der Nachbarſchaft koͤnnte bald einen aͤhnlichen Anſpruch auf Euere Gaſt⸗ freundſchaft erlangen. Das iſt unertraͤglich, ſtotterte Aſhton. Aber gern will ich Dich durch irgend ein Opfer beruhigen, ſage mir nur, was Du wuͤnſcheſt. Geht hinunter zu Eueren Gaͤſten, ſprach ſie gebieteriſch, und entſchuldigt es bei Na⸗ venswood, daß die Ankunft des Hauptmanns Craigengelt und einiger anderen Freunde es — — 21 Euch unmoͤglich macht, ihm eine Wohnung im Schloſſe anzubieten. Ich erwarte auch den jungen Hayſton von Bucklaw. Lieber Himmel! rief Afhton. Ravens⸗ wood ſoll Craigengelt Platz machen, einem ge⸗ meinen Spieler und Angeber? Ich konnte mich nur mit Muͤhe enthalten, ihn aus mei⸗ nem Hauſe zu weiſen, und nicht wenig war ich uͤberraſcht, ihn in Deinem Gefolge zu ſehen. Weil Ihr ihn da geſehen habt, ſolltet Ihr uͤberzeugt ſein, daß er eine ſchickliche Geſell⸗ ſchaft iſt. Ravenswood empfaͤngt uͤbrigens nur die Behandlung, die er einem ſehr geachteten Freund von mir gegeben hat, der ſo ungluͤck⸗ lich war, eine Zeitlang ſein Gaſt zu ſein. Aber entſchließt Euch, entweder muß Ravenswood aus dem Hauſe, oder ich gehe. Aſhton ging, lebhaft bewegt, auf und nie⸗ der. Furcht und Scham kaͤmpften mit der Nachgiebigkeit, die er ſeiner Frau zu erweiſen gewohnt war. Endlich, wie es bei furchtſa⸗ 22 men Gemuͤthern unter ſolchen umßinden zu gehen pflegt, ließ er ſich ein Mittelding von Maßregel gefallen.„Gerade heraus geſagt, ſprach er, ich kann und will nicht einer ſolchen Unhoͤflichkeit gegen den Junker von Navens⸗ wood mich ſchuldig machen. Er hat es von mir nicht verdient. Willſt Du ſo verſtaͤndig ſein, einen Mann ſeines Standes unter Dei⸗ nem Dache zu beſchimpfen, ſo kann ich Dich nicht hindern, aber ich will durchaus nicht das Werkzeug dabei ſein. Ihr wollt nicht? fragte ſie. Nein, bei Gott nicht! erwiederte er. Je⸗ de andere Maßregel, die mit Anſtand und Hoͤſtichkeit vereinbar iſt, will ich mir gefallen laſſen, z. B. ſeine Bekanntſchaft nach und nach aufgeben, oder ſo etwas— Aber mein Haus ihm verbieten, das will, das kann ich nicht! So iſt es meine Sache, ſprach ſie, uͤber die Ehre des Hauſes zu wachen, wie ich's oft vorher gethan habe. Sie ſetzte ſich nieder, und ſchrieb einige 8 23 Zeilen. Aſbton machte noch einen Verſuch, ſie von einem, ſo entſcheidenden Schritte abzu⸗ halten, als ſie eben die Thuͤre oͤffnete, um ih⸗ ve Dienerinn aus dem Vorzimmer zu rufen. „Bedenke, was Du thuſt, ſprach er. Du machſt einen Todfeind aus einem jungen Man⸗ ne, der wohl Mittel haben koͤnnte, uns zu ſchaden. Habt Ihr je gehoͤrt, daß ein Douglas ei⸗ nen Feind fuͤrchtete? erwiederte ſie mit Ver⸗ achtung. Aber er iſt ſtolz und rachſuͤchtig, wie hun⸗ dert von Deinem Geſchlechte. Ueberleg's nur eine Nacht. Nicht einen Augenblick mehr, erwiederte ſie, und gab der Dienerinn den Brief an Ravenswood. So waſch' ich meine Haͤnde, ſprach Afh⸗ 1 ton. Ich gehe in den Garten und will ſehen, 1 ob der Gaͤrtner die Fruͤchte fuͤr den Nach⸗ tiſch bereit hat. Thut das, ſagte ſie mit Verachtung ihm 24 nachſehend, und danket Gott, daß jemand da bleibt, der es ſo gut verſteht, die Ehre des Hauſes zu beſchuͤtzen, als Ihr nach Aepfel und Birnen zu ſehen. Aſhton blieb ziemlich lange im Garten, um den erſten Ausbruͤchen von Ravenswood's Unmuth auszuweichen. Bei ſeiner Ruͤckkehr in den Saal gab der Marquis einigen ſei⸗ ner Diener Befehle. Er ſchien ſehr mißver⸗ gnuͤgt zu ſein, und als Aſhton ſeine lange Abweſenheit entſchuldigen wollte, fiel er ihm in's Wort:„Ohne Zweifel iſt Euch dieſer ſeltſame Brief nicht unbekannt, den Cuere Gemahlinn meinem Vetter Ravenswood ge⸗ ſchickt hat. Ihr werdet erwarten, daß ich nun Abſchied nehme. Mein Vetter iſt ſchon abge⸗ reiſt, und hielt es fuͤr unnoͤthig, ſich zu be⸗ urlauben, da das Andenken an alle fruͤher empfangenen Hoͤflichkeiten durch dieſe ſonder⸗ bare Beleidigung ausgeloͤſcht iſt. Ich betheuere Euch, erwiederte Aſhton, das Blatt in der Hand haltend: der Inhalt 8* 25 dieſes Briefes iſt mir unbekannt. Ich weiß es, meine Frau iſt heftig, und von Vorurthei⸗ len eingenommen. Es thut mir ſehr leid, wenn eine Kraͤnkung ſtatt gefunden hat, aber ich hoffe, Ihr werdet bedenken, daß eine Frau— Sich gegen Leute von Stande wie eine gebildete Frau betragen ſollte, ſiel der Mar⸗ quis ein. Aber da kommt ſie ja ſelbſt, und ich will aus ihrem eigenen Mundeshoͤren, war⸗ um ſie meinem nahen Verwandten dieſe un⸗ erwartete Beleidigung zugefuͤgt hat, waͤhrend er und ich ihre Gaͤſte waren. Lady Aſhton trat in vollem Staate her⸗ ein. Der Marquis verbeugte ſich ſtolz und ſie erwiederte es mit gleicher Kaͤlte. Er nahm darauf den Brief aus Aſhton's Hand und ſich ihr naͤhernd, wollte er ſie anreden, als ſie ihn unterbrach:„Ich merke, Ihr wollt von einem unangenehmen Gegenſtande ſprechen. Es thut mir leid, daß ſo etwas in dieſem Augenblicke vorgefallen iſt, die ehrerbietige — — — 26 Aufnahme, die Euch gebuͤhrt, im mindeſten zu ſtoͤren; aber es iſt ſo. Herr Edgar Ra⸗ venswood, dem ich den Brief geſchrieben, wel⸗ chen ich in Euren Haͤnden ſehe, hat die ge⸗ noſſene Gaſtfreundſchaft und meines Mannes Gutmuͤthigkeit gemißbraucht, meine Tochter zu einer Verbindung zu verleiten, wovon ihre Aeltern nichts wußten, und wozu ſie nie ihre Einwilligung geben koͤnnen. Mein Vettrer kann unmoͤglich— fiel der Marquis ein. Nein, unmoͤglich kann meine Tochter, ſprach Aſhton zu gleicher Zeit. Euer Vetter, wenn Herr Ravenswood die Ehre hat, es zu ſein— hob Lady Aſhton wie⸗ der an— hat heimlich den Verſuch gemacht, die Zuneigung des jungen unerfahrnen Maͤd⸗ chens zu gewinnen. Euere Tochter— wendete ſie ſich darauf zu ihren Manne— iſt ſo ein⸗ faͤltig geweſen, ihn mehr aufzumuntern, als ſie bei einem, ſo wenig paſſenden, Freier haͤtte thun ſollen. 4 27 und ich glaube, ſprach Afhton, ſeinen gewoͤhnlichen Gleichmuth und ſeine Geduld verlierend: wenn Du uns nichts Beſſeres zu ſagen wußteſt, haͤtteſt Du dieſes Familienge⸗ heimniß fuͤr Dich behalten koͤnnen. Verzeiht, ſprach ſie ruhig, der Herr Mar⸗ quis war berechtigt, nach der Urſache der Be⸗ handlung zu fragen, die ich gegen einen Mann noͤthig gefunden habe, den er ſeinen Ver⸗ wandten nennt. Ich hoͤre zum erſten Male von dieſen Dingen, antwortete der Marquis, aber da Ihr einen kitzlichen Gegenſtand auf's Tapet gebracht habt, ſo erlaubt mir die Bemerkung, daß meines Vetters Herkunft und Verbindungen ihn berechtigen, ein ruhiges Gehoͤr und we⸗ nigſtens eine hoͤfliche Abweiſung zu erwarten, ſelbſt wenn er ſo ehrgeizig geweſen waͤre, ſeine Blicke zu Sir William Aſytons Tochter zu erheben. Ihr werdet Euch guͤtigſt erinnern, ſprach 28 1 Lady Afhton, welchem Hauſe Luzie Afhton von muͤtterlicher Seite angehoͤrt. 88 Ja, ich erinnere mich, antwortete der Mar⸗ quis, Ihr ſtammt von einem juͤngeren Zwei⸗ ge des Hauſes Angus, aber Ihr ſolltet nicht vergeſſen, gnaͤdige Frau, daß das Haus Ra⸗ venswood ſich dreimal durch Vermaͤhlungen mit dem aͤlteren Zweige verbunden hat. Gut, ich weiß, wie die Sachen ſtehn; alte, lange genaͤhrte Vorurtheile ſind ſchwer zu uͤberwin⸗ den, und ich halte ihnen alles moͤgliche zu Gute. Ich haͤtte es nicht leiden duͤrfen, und wuͤrde es nicht gelitten haben, meinen Vetter allein und gleichſam vertrieben abreiſen zu ſehen, wenn ich nicht gehofft haͤtte, den Ver⸗ mittler zu machen. Ungern will ich Euch in Unmuth verlaſſen, und werde erſt heute Nach⸗ mittag abreiſen, da ich mit dem Junker von Ravenswood einige Meilen von hier zuſam⸗ mentreffe. Laßt uns die Sache kaltbluͤtiger beſprechen. 3 Das wuͤnſch' ich dringend, ſprach Aſhton 29 lebhaft. Liebe Frau, Du wirſt nicht wollen, daß unſer hochgeehrter Gaſt uns mißvergnuͤgt verlaſſe. Wir muͤßen ihn bitten, das Mittag⸗ eſſen in unſerem Hauſe einzunehmen. Unſer Haus, ſprach Lady Aſhton, und alles was darin iſt, ſteht dem Herrn Mar⸗ quis zu Befehl, ſo lange er es mit ſeiner Gegenwart beehren will; aber eine weitere Unterredung uͤber dieſen unangenehmen Ge⸗ genſtand— Verzeiht mir, gnaͤdige Frau, ſiel der Mar⸗ quis ein, ich kann es nicht geſtatten, daß Ihr einen raſchen Entſchluß uͤber einen ſo wichti⸗ gen Gegenſtand ausſprecht. Ich ſehe, es kommt mehr Geſellſchaft, und da ich ſo gluͤcklich bin, meine alte Bekanntſchaft mit Euch zu erneu⸗, ern, ſo werdet Ihr mir hoffentlich erlauben, daß ich der Gefahr ausweiche, etwas ſo un⸗ gemein Schaͤtzbares, bei einer Verhandlung uͤber unangenehme Gegenſtaͤnde zu verlieren— Wenigſtens wollen wir erſt uͤber angenehmere Dinge reden. —— Lady Afhton verbeugte ſich laͤchelnd, und gab ihre Hand dem Marquts, der ſie in den Speiſeſaal fuͤhrte, wo man Bucklaw, Craigen⸗ gelt und einige Nachbarn fand, die Afhton ſchon fruͤher eingeladen hatte. Lnziens Abwe⸗ ſenheit ward durch eine leichte Unpaͤßlichkeit entſchuldigt, und ihr Stuhl blieb leer. — II. Mi Unwillen und Empfndlichkeit verließ Ravenswood die Wohnung ſeiner Vaͤter. Die, Edelfrau hatte ihm in Ausdruͤcken geſchrieben, daß er unmoͤglich einen Augenblick laͤnger bleiben konnte, ohne den ſtolzen Geiſt zu ver⸗ läͤugnen, wovon er nur zu viel beſaß. Der Marquis fuͤhlte zwar gleichfalls die Beleidi⸗ gung, wuͤnſchte aber noch einen Suͤhneverſuch zu machen. Er nahm ſeinem Vetter, als ſie ſchieden, das Verſprechen ab, ihn in dem Wirthshauſe zwiſchen dem Schloſſe Navens⸗ wood und Wolfsfels zu erwarten, wo er ſei⸗ nen jungen Freund, entweder am Abend, oder am naͤchſten Morgen zu treffen ſich vor⸗ nahm. Er ſelber wuͤrde, wenn er nur ſeinem 32 Gefuͤhle folgen wollte, das Schloß ſogleich verlaſſen haben, aber er mochte die Vortheile, die er ſich von ſeinem Beſuche bei Afhton verſprochen, nicht einbuͤßen, ohne wenigſtens noch einen Verſuch zu machen, und auch Ed⸗ gar wollte, ſelbſt in der heftigſten Aufwallung ſeines Unwillens, doch die Moͤglichkeit einer Ausſoͤhnung nicht aufheben, die bei Aſhtons Wohlwollen gegen ihn, und durch die Vermitt⸗ lung ſeines Verwandten, noch zu hoffen war. Nach dieſen Verabredungen reiſete er ab. Anfangs ſprengte er ſchnell durch einen Gang des Luſtwaldes, als haͤtte er durch die raſche Bewegung die Empfindungen betaͤuben koͤnnen, die ihn beſtuͤrmten. Als aber der Weg wilder und einſamer wurde, und der Wald die Thuͤrme des Schloſſes verbarg, hielt er ſein Pferd an, um den ſchmerzlichen Be⸗ trachtungen nachzuhaͤngen, die er vergebens zu unterdruͤcken geſucht hatte. Der Pfad lei⸗ tete zum Nixenborn, und zur Huͤtte der bliſi⸗ den Alix. Der unſelige Einfluß, den der — —-—— 53 Aberglaube jenem Platze zuſchrieb, und die Er⸗ mahnungen der Alten drangen ſich ſeiner Erinnerung auf. Alte Sagen reden wahr, ſprach er zu ſich ſelber. Der Nixenborn iſt Zeuge der letzten Unbeſonnenheit des Erben von Ravenswood ge⸗ weſen. Alix hatte Recht, fuhr er fort, ich bin in der Lage, die ſie vorherſah; ja ich bin noch tiefer entehrt, ich bin nicht abhaͤngig von dem Verderber meines Hauſes, nicht mit ihm ver⸗ bunden, wie es die alte Sybille verkundigte, aber ich bin der herabgewuͤrdigte Elende, der dahin ſtrebte, eine ſo untergeordnete Stelle einzunehmen, und mit Verachtung abgewieſen wurde. Die Ueberlieferung, welche dieſe Geſchichte uns aufbewahrt und auch wohl mit Wunder⸗ barem ausgeſchmuͤckt hat, erzaͤhlt ein ſeltſames Abenteuer, das dem Junglinge begegnete, als er dem Nixenborn nahe kam. Sein Pferd, das langſam vorwaͤrts ging, ward ploͤtzlich unruhig, ſchnaubte, baͤumte ſich, und wollte, von dem C —— ——— 34 Sporne des Neiters getrieben, nicht weiter ge⸗ hen, als waͤr' es vor einem furchtbaren Ge⸗ genſtande erſchrocken. Edgar blickte nach dem Born, und ſah eine weibliche Geſtalt, in ei⸗ nen weißen, oder graulichen Mantel gehuͤllt, gerade auf der Stelle, wo Luzie geſeſſen hatte, als ſie dem ungluͤcklichen Liebesgeſtaͤndniſſe zu⸗ hoͤrte. Sein erſter Gedanke war, das Fraͤulein habe vermuthet, welchen Weg er nehmen wuͤr⸗ de, und dieſe einſame Stelle geſucht, um bei einer letzten Zuſammenkunft den Schmerz des Abſchieds mit ihm zu theilen. In dieſer Ver⸗ muthung ſprang er vom Pferde, band es an einem Baum, und ſchnell zum Borne eilend. ſprach er leiſe:„Luzie!“ Die Geſtalt wendete ſich um, als er die⸗ ſen Ausruf that, und der verwunderte Edgar ſah nicht Luziens Geſicht, ſondern die Zuͤge der blinden Alix. Ihr ſonderbarer Anzug, eher einem Leichengewande, als der Kleidung eines Lebenden aͤhnlich, ihre Geſtalt groͤßer als gewoͤhnlich, wie es ihm vorkam, und beſonders 35. „ der ſeltſame Umſtand, eine blinde hinfaͤllige Alte ſo weit entſernt von ihrer Wohnung zu finden— alles dieß vereinigte ſich, Empfin⸗ dungen in ihm außzuregen, die der Furcht aͤhnlich waren. Als er ſich naͤherte, erhob ſie ſich von ihrem Sitze, ſtreckte ihre duͤrre Hand aus, als haͤtte ſie ſeine Annaͤherung verhuͤten wollen, und ihre welken Lippen bewegten ſich ſchnell, wiewohl kein Laut hoͤrbar war. Edgar ſtand ſtill, und als er nach einer Pauſe ſich wieder naͤherte, verſchwand die Erſcheinung, immer das Geſicht gegen ihn wendend, im Dik⸗ kig. Die Baͤume verbargen ſie bald, und von dem furchtbaren Gedanken ergriffen, das We⸗ ſen, welches er geſehen, gehoͤre nicht dieſer Welt an, ſtand er wie eingewurzelt auf der Stelle, wo er ſie zuletzt erblickt hatte. Endlich, ſeinen Muth ſammelnd, naͤherte er ſich dem Platze, wo die Geſtalt geſeſſen zu haben ſchien, aber er ſah weder eine Spur auf dem Raſen, noch irgend einen Umſtand, der vermuthen ließ, die Erſcheinung ſei wirklich geweſen. C2 —— — — —— 36 Edgar ging zu ſeinem Pferde zuruͤck, waͤh⸗ rend er oft ſich umſah, als haͤtte er gefuͤrchtet, die ſeltſame Geſtalt noch einmal zu erblicken, aber die Erſcheinung, mochte ſie ein wirkliches Weſen, oder ein Geſchoͤpf ſeiner erhitzten Ein⸗ bildung ſein, zeigte ſich nicht wieder. Er ritt langſam weiter und ſtreichelte beſaͤnftigend ſein Pferd, das beſtuͤrzt zu ſein ſchien, ſo oft ein neuer Gang im Walde ſich oͤffnete. Nach kurzer Erwaͤgung beſchloß er, das Abenteuer naͤher zu unterſuchen.„Koͤnnten meine Au⸗ gen mich getaͤuſcht haben? ſprach er. So lange getaͤuſcht? Oder iſt die Hinfaͤlligkeit der Alten nur Verſtellung, die Mitleid erregen will? Aber nein— ſie bewegte ſich nicht wie ein lebendes Weſen. Muß ich den Volksglau⸗ ben annehmen, daß die Ungluͤckliche einen Bund mit den Naͤchten der Finſterniß ge⸗ ſchloſſen habe? Ja, ich will muthig das Naͤth⸗ ſel loͤfen.. Er ritt den ſchmalen Pfad hinan, der zu dem Garten der alten Alix fuͤhrte. Ihr Sitz 37 unter der Birke war leer, ſo freundlich der Tag war und ſo hoch die Sonne noch ſtand. Als er ſich der Huͤtte naͤherte, hoͤrte er eine weibliche Stimme ſeufzen und klagen. Keine Antwort, als er anpochte. Nach einer Pauſe oͤffnete er die Klinke. Er trat in ein Trau⸗ erhaus. Auf ihrem elenden Lager ſah er den Leichnam der treuen Dienerinn ſeines Hauſes/ die in der vaͤterlichen Huͤtte hatte ſterben wol⸗ len. Kaum war das Leben entflohen, und das kleine Baͤrbchen, die Waͤrterinn der Alten, rang weinend die Haͤnde uͤber dem Leichnam, und ſchluchzte, von kindiſcher Furcht und Kum⸗ mer bewegt. Nur mit Muͤhe konnte Edgar die Kleine beruhigen, die ſeine unerwartete Erſcheinung eher erſchreckt als getroͤſtet hatte. Als es ihm gelungen war, aͤußerte ſie, er ſei zu ſpaͤt ge⸗ kommen. Auf ſeine Frage, was ſie damit ſa⸗ gen wolle, erfuhr er, die Verſtorbene habe, als ſie die Annaͤherung des Todes gefüͤhlt, einen Landmann in's Schloß geſchickt, um den 38 Junker von Ravenswood zu einer Zuſammen⸗ kunft einzuladen, und mit der groͤßten Unge⸗ duld die Ruͤckkehr des Boten erwartet. Aber die Boten der Armen ſind langſam und nach⸗ laͤſig; der Burſche kam erſt nach Edgars Ab⸗ reiſe in's Schloß, und fand ſo viel Zerſtreuung unter den Dienern der Fremden, daß er nicht an die Ruͤckkehr dachte. Die Gemuͤthsunruhe der Alten ſchien mit der Todesangſt zu wach⸗ ſen, und wie Baͤrbchen ſagte, hatte ſie im ei⸗ frigen Gebete gewuͤnſcht, daß es ihr noch ein⸗ mal vergoͤnnt ſein moͤge, den Sohn ihres Ge⸗ bieters zu ſehen und ihre Warnung zu wie⸗ derholen. Sie ſtarb, als die Glocke im ent⸗ fernten Dorfe Eins ſchlug, und Edgar erinner⸗ te ſich mit geheimem Schauder, daß der Glok⸗ kenſchlag durch den Wald zu ſeinem Ohre ge⸗ drungen war, kurz zuvor, als die wunderbare Erſcheinung ihm ſichtbar geworden. Er mußte endlich daran denken, das arme Maͤdchen aus ihrer bedraͤngten Lage zu erloͤſen. Die Verſtorbene hatte, wie er vernahm, den 1 1 39 Wunſch verrathen, auf einem einſamen Kirch⸗ hofe begraben zu werden, wo einige Edle vom Hauſe Ravenswood und viele ihrer Diener ruhten. Edgar glaubte, dieſen Wunſch erfuͤllen zu muͤſſen, und ſchickte Baͤrbchen zu dem naͤch⸗ ſten Dorfe, um einige Weiber herbei zu holen, mit dem Verſprechen, unterdeſſen bei der Tod⸗ ten zu bleiben, da der Volksglaube in Schott⸗ land es fuͤr hoͤchſt ungebuͤhrlich haͤlt, eine Lei⸗ che ohne Wache zu laſſen. Sine Viertelſtunde ſaß er an dem ein⸗ ſamen Sterbelager der Alten, deren Geſtalt ihm, wenn ſein Auge ihn nicht ſeltſam ge⸗ taͤuſcht hatte, vor wenigen Augenblicken erſchie⸗ nen war. So muthvoll er war, er konnte bei einer Vereinigung ſo wunderbarer Umſtaͤnde eine lebhafte Bewegung nicht unterdruͤcken. „ Sie ſtarb mit dem dringenden Wunſche, mich zu ſehen, ſprach er. Koͤnnen denn leb⸗ hafte Wuͤnſche, die im letzten Augenblicke die ſcheidende Seele bewegen, die Aufloͤſung uͤber⸗ leben, die geheimnißvollen Schranken der Chri⸗ 4 4⁰ ſtenwelt uͤberſchreiten und ihre Bewohner in den Zuͤgen und Farben des Lebens vor uns ſtellen? Und warum erſchien dem Auge, was dem Ohre nichts ſagen konnte? Und warum ſollte das Geſetz der Natur verletzt werden, und doch die Abſicht unbekannt bleiben? Eitle Fragen! Nur der Tod kann ſie ja loͤſen, der mich dieſer bleichen, welken Geſtalt aͤhnlich macht. Bei dieſen Worten breitete er ein Duch uͤber das Geſicht der Leiche, deren Zuͤge er nicht laͤnger betrachten mochte. Er warf ſich darauf in einen alten eichenen, mit dem Wap⸗ pen ſeines Hauſes gezierten Stuhl, den ſich Alix zugeeignet hatte, als Glaͤubiger, Gerichts⸗ diener und Dienſtboten pluͤnderten, nachdem ſein Vater den letzten Abſchied von dem Schloſ⸗ ſe genommen. Er verbannte, ſo viel ihm moͤglich war, die aberglaͤubigen Regungen, welches ſein letztes Abenteuer in ihm erweckt hatte. Seine traurigen Gefuͤhle bewegten ihn ſo tief, daß ſie durch uͤbernatuͤrliche Schreck⸗ 7 4¹ niſſe nicht erhoͤhet werden konnten. War er doch, der gluͤckliche Liebhaber Luziens, der ge⸗ ehrte Freund ihres Vaters, ſo ploͤtzlich in den einſamen Vaͤchter der Leiche einer Bettlerinn verwandelt worden! Schneller als er erwarten konnte, wurde er aus dieſer traurigen Lage erloͤſt. Die drei al⸗ ten Weiber, die aus dem ziemlich entfernten Dorfe herbei kamen, naͤherten ſich mit ſchnel⸗ leren Schritten, als bei jeder andern Gelegen⸗ heit der Fall geweſen ſein wuͤrde; denn die erſte war uͤber achtzig Jahr alt, die zweite ge⸗ laͤhmt, und die dritte hinkte. Aber die Dien⸗ ſie, die man dem Verſtorbenen bei der Beer⸗ digung erweiſt, halten die ſchottiſchen Landleu⸗ te fuͤr ein Liebeswerk. Mag der Grund in der ernſten, ſchwaͤrmeriſchen Gemuͤthſtimmung des Volkes, oder in der Erinnerung an die alten Meinungen der katholiſchen Zeit liegen, wo man die Beerdigung ſtets als ein Feſt fuͤr die Lebenden betrachtete, es waren und es ſind noch jetzt in Schottland Schmauſereien und 42 ſelbſt Berauſchung haͤufig die Begleitung einer Leichenfeierlichkeit nach alter Sitte. Was die Begraͤbnißfeier fuͤr die Maͤnner, war die Ein⸗ ſargung der Leiche fuͤr die Weiber. Die ge⸗ kruͤmmten Gliedmaßen auf einem dazu be⸗ ſtimmten Brete zu ſtrecken, den Leichnam in reine Leinwand zu huͤllen und das wollene Lei⸗ chengewand daruͤber zu legen, waren Geſchaͤfte, die man ſtets den beiahrten Frauen im Dorfe überließ, welche darin ein ſeltſames lihnnetli⸗ ches Vergnuͤgen fanden. Die drei Alten gruͤßten den Junker mit grinſendem Laͤcheln, das ihn an Maebeths Zu⸗ ſammenkunft mit den Hexen auf der oͤden Heide erinnerte. Er gab ihnen etwas Geld, und empfahl ihnen fuͤr die Leiche zu ſorgen. Sie uͤbernahmen es willig, und deuteten ihm an, er moͤge die Huͤtte verlaſſen, damit ſie ihr Geſchaͤft beginnen koͤnnten. Edgar zoͤgerte nur einen Augenblick, um erſt nach der Wohnung des Todtengraͤbers zu fragen, der die Aufſicht — 43 aͤber den verlaſſenen Kirchhof fuͤhrte, den Alix zu ihrer Ruheſtaͤtte gewaͤhlt hatte. Den werdet Ihr leicht finden, ſprach die aͤlteſte der Leichenwaͤchterinn, er wohnt bei der Einſiedelei nicht weit von der Schenke, wo's manch froͤhlich Gelage gegeben hat— Tod und Trunkenheit ſind ja Nachbarn. Ei ja! hob die Lahme an, auf ihre Kruͤ⸗ cke ſich ſtuͤtzend. Ich erinnere mich noch recht gut, wie der Vater des Junkers von Ravens⸗ wood, der jetzt vor uns ſteht, den jungen Black⸗ hall erſtach, fuͤr ein boͤſes Wort, das er beim Wein oder Branntwein geſagt hatte— was weiß ich's! Leicht wie eine Lerche war er hinein gegangen, und er kam heraus mit den Fuͤßen merſt. Ich war bei der Leiche; ein huͤbſcher Burſche war's. Man kann denken, daß dieſe ſo unzeitig angebrachte Erinnerung den Juͤngling nur noch mehr antrieb, eine Geſellſchaft von ſo boͤſer Vorbedentung zu verlaſſen. Als er an dem Baume ſtand, wo er ſein Pferd angebun⸗ 44 den hatte, und den Sattelgurt ſchnuͤrte, hoͤrte er hinter der Hecke des kleinen Gartens ein Geſpraͤch zwiſchen der Lahmen und der Achtzig⸗ jaͤhrigen, die aus der Huͤtte gekommen waren, um Rosmarin, Raute und andre Kraͤuter zu ſuchen, welche auf die Leiche geſtreut und als Naͤucherwerk auf dem Herde verbrannt werden mußten. Es iſt ein mackerer, freigebiger Mann, der Junker, ſprach die Eine, und huͤbſch iſt er auch; breit in den Schultern, ſchlank um die Huͤfte. Das moͤcht' ein ſchoͤner Leichnam wer⸗ den— ich moͤcht' ihn wohl ſtrecken und legen. Es ſteht ihm auf der Stirne geſchrieben, erwiederte die Aelteſte, weder die Hand eines Weibes, noch eines Mannes ſoll ihn je ſtrecken, und kein Leichenbret unter ſeinen Ruͤcken kom⸗ men. Verlaßt Euch darauf, ich hab's von ſiche⸗ rer Haͤnd. Wird's denn ſein Loos ſein, in der Schlacht zu fallen? fragte die Andre. Wird * 4 ₰ z 6 G 1 ——““ —ÿx:xõ= 44 ein Schwert oder eine Kugel ihn toͤdten, wie viele ſeiner Vaͤter? Fragt nicht mehr, hob die Alte wieder an. Nein, ſo gut wird's ihm nicht werden. Edgar hoͤrte noch die letzten Worte, als er ſich auf's Pferd geſchwungen hatte. Er verachtete die gemeinen Vorurtheile uͤber Hexe⸗ rei, Vorbedeutungen und Wahrſagerei, die in ſeinem Zeitalter und in ſeiner Heimath ſo herrſchend waren, daß ein Zweifel dage⸗ gen fuͤr eine eben ſo große Suͤnde galt, als juͤdiſcher oder muhamedaniſcher Unglaube; aber was ihm an dieſem Tage begegnet war, hatte ſeinem Gemuͤthe eine Empfaͤnglichkeit fuͤr aber⸗ glaͤubige Meinungen gegeben, die er vergebens zu verbannen ſuchte. Das Geſchaͤft, welches er noch zu beſorgen hatte, war nicht von der Art, ihn zu beruhigen. Als er in der Schenke abgeſtiegen war, be⸗ gab er ſich auf den Kirchhof, um den Todten⸗ graͤber zu ſuchen. Eine rauhe Hoͤhle, die in der Heſtalt eines Kreuzes in einen Felſen ge⸗ * ——— —— —— 6 356 hauen war, bildete die Einſiedelei, wo in der Vorzeit ein Heiliger Buße gethan haben moch⸗ te. In ſpaͤtern Zeiten hatte die reiche Abtei Coldingham hier eine Kapelle geſtiftet, wovon keine Spur mehr zu ſehen war, wiewohl der umliegende Kirchhof noͤch immer zu Beerdi⸗ gungen gebraucht wurde. Einzelne Eibiſch⸗ baͤume ſtanden zerſtreut zwiſchen den Graͤbern alter Krieger und Edeln, deren Namen ver⸗ geſſen und deren Denkſteine zerſtoͤrt waren. Die Wohnung des Todtengraͤbers war eine einſame Huͤtte an der verfallenen Mauer des Kirch⸗ hofs, aber das niedrige Dach, das faſt bis auf die Erde reichte, war ſo dicht mit Gras und Haus⸗ lauch bedeckt, daß ſie einem bewachſenen Grabe glich. Der Mann war abweſend auf einer Hoch⸗ zeit, denn er machte ſowohl den Fiedler als den Todtengraͤber der Umgegend. Edgar ließ die Nachricht zuruͤck, er werde am naͤchſten Mor⸗ gen wieder kommen, und als er in's Wirths⸗ haus zuruͤckkehrte, fand er einen Neitknecht des Marquis, der ihm melden ließ, daß er 1 4 47 ihn in den Morgenſtunden des folgenden Ta⸗ ges treffen werde. Er brachte die Nacht in der einſamen Schenke zu. Aengſtliche Traumgeſichter ſtoͤrten ſeinen Schlummer und wenn er wachte, be⸗ unruhigten ihn ſchwermuͤthige Gedanken an dje Vergangenheit und bekuͤmmernde Ahnun⸗ gen. Fruh erhob er ſich von ſeinem Lager, um in der friſchen Morgenluft die Staͤrkung zu ſuchen, die der Schlaf ihm nicht gegeben hatte. Er wanderte zu dem oͤden Kirchhofe. Der duͤn⸗ ne blaue Rauch, der ſchon empor wallte und die Huͤtte des Lebenden von den Wohnungen der Todten unterſchied, verrieth ihm, daß der Todtengraͤber von der Hochzeit zuruͤck gekehrt war. Als er auf den Kirchhof trat, ſah er einen alten Mann, der an einem Grabe ar⸗ beitete, und, auf ſeinen Spaten ſich lehnend, den Fremden erwartete. Ihr kommt wohl mich zu einer Hochzeit zu holen, lieber Herr, eroͤffnete der Mann das Geſpraͤch. Nicht wahr? ͤͤͤͤͤͤͤͤ 1— 48 Und warum glaubt Ihr das? erwiederte Edgar. Ich lebe von zwei Gewerben, lieber Herr, von der Fiedel und vom Spaten, ich fuͤlle die Welt und mache ſie leer. Seit dreißig Jahren habe ich gelernt, beiderlei Kunden auf einen Buͤchſenſchuß zu erkennen. und doch irrt Ihr Euch jetzt, antwortete der Junker. Sollt' ich? ſprach der Alte, ihn ſcharf an⸗ ſehend. Nun, es kann ſein, es iſt heut' etwas in Eurem Geſichte, das mit Tod ſo nahe ver⸗ wandt iſt, als mit Hochzeit. Doch— ſei's wie es wolle, Hacke und Spaten ſiehn Euch zu Befehl, ſo gut, als Bogen und Fiedel. Als Edgar ſeine Beſtellung ausgerichtet hatte, fuhr der Alte fort:„Alix? die blinde Alix? Iſt ſie endlich todt? Nun, da muß ich ja wohl bereitwillig ſein. Ich erinnere mich recht gut, wie ihr Mann ſie in's Land brachte, ein huͤbſches Ding war ſie zu jener Zeit und trug das engliſche Naͤschen hoch ge⸗ 49 nug gegen uns. Aber ihr Stolz iſt freilich gebrochen. Eben erſt geſtorben? Geſtern, und ſie wuͤnſcht hier an der Seite ihres Mannes begraben zu werden. Ihr wißt ja wohl, wo er liegt? Wo er liegt? Ich weiß, wo alle Leute liegen. Hier! Aber vom Grabe ſprecht Ihr? Lieber Himmel, ein gewoͤhnliches Grab wird ſie nicht halten, wenn's wahr iſt, was die Leute von ihr in ihren alten Tagen geſagt haben. Und wenn ich's ſechs Fuß tief mache, ihre Hexenſchweſtern wuͤrden ſie bald aus dem Leichentuche heraus holen. Aber mag's ſechs oder drei Fuß ſein, wie ſteht's mit der Bezah⸗ lung? Ich bezahl' es und alles was ſonſt erfo⸗ derlich iſt, erwiederte Edgar, und gab ihm das Geld, als der Alte zuſammen gerechnet hatte. Ihr ſeid wohl einer von ihren engliſchen Verwandten? ſprach der Todtengraͤber. Ich habe gehoͤrt, ſie hat ſich weit unter ihrem Stande verheirathet. Es war ſehr recht, ſie zappeln zu D 5⁰ laſſen, ſo lange ſie lebte, und es iſt ſehr recht, ihr ein anſtaͤndiges Begraͤbniß zu geben nach ihrem Tode, denn das bringt Euch mehr Ehre als ihr. Als der Alte im Verfolge des Geſpraͤches auf den verfallenen Grabſtein eines Ravens⸗ wood deutete, verrieth ein hingeworſener Aus⸗ ruf, daß er dem geſunkenen Geſchlechte wenig gewogen war. Edgar fragte uͤberraſcht nach der Urſache dieſer Stimmung, und der Tod⸗ tengraͤber erzaͤhlte. ihm, er ſei in ſeinen jun⸗ gen Tagen Schloßtrompeter bei des Junkers Großvater geweſen, habe aber ſeine Stelle ver⸗ loren, als er im Kriege durch einen Sturz vom Pferde engbruͤſtig geworden. Er habe je⸗ doch Lohn und freie Wohnung behalten, ſetzte er hinzu, und nichts zu thun gehabt, als ſeinem Herrn etwas vorzugeigen, aber uͤber den verſtorbenen Lord muͤſſe er ſich noch mehe beklagen, da dieſer ſeine Angelegenheiten ſo ſchlecht beſorgt habe, daß Aſhton zum Beſitze der Guͤter gekommen ſei, worauf er und andre 5¹ arme Leute, die noch Obdach und einen Biſſen Brod im Schloſſe gehabt haͤtten, vollends her⸗ unter gekommen waͤren. Doch— fuhr der Todtengraͤber fort, der junge Edgar wird wohl das Unrecht raͤchen, das ich von ſeinen Ver⸗ wandten erlitten habe. Wirklich? fiel Edgar ein. Und warum glaubt Ihr das? Es heißt, er will die Tochter der Lady Aſhton heirathen, erwiederte der Alte. Hat die gnaͤdige Frau ihn erſt unter'm Joche, ſo wird er's ſchon fuͤhlen. Ja, ich wuͤrde mich huͤten, wenn ich wie er waͤre! Ich habe kei⸗ nen ſchlimmeren Wunſch fuͤr ihn, als wenn ich wuͤnſche, daß er ſeinen Weg gehen und ſich verbinden moͤge mit ſeines Vaters Feinden, die ſeine ſchoͤnen Laͤndereien und mein huͤb⸗ ſches Kohlgaͤrtchen ihren rechtmaͤßigen Eigen⸗ thuͤmern genommen haben. Cervantes bemerkt ſcharffinnig, daß Schmei⸗ chelei ſelbſt im Munde eines Verruͤckten an⸗ genehm laute, und Tadel wie Lob uns oft er⸗ D 2 52 greife, waͤhrend wir auf die Meinungen und Beweggruͤnde, worauf ſich beide ſtuͤtzen, mit Verachtung herabſehen. Sdgar wiederholte, das Geſpraͤch ſchnell abbrechend, den Auftrag, das Leichenbegaͤngniß gehoͤrig zu beſorgen und entfernte ſich mit dem ſchmerzlichen Gefuͤhle, daß Vornehme und Geringe uͤber ſeine Ver⸗ bindung mit Luzien wie dieſer rohe Landmann denken wuͤrden. Dieſen Laͤſterungen hab' ich mich aus⸗ geſetzt, ſprach er zu ſich ſelber, und bin den⸗ noch abgewieſen worden. Luzie, deine Treue muß echt und rein ſein wie der Demant, wenn ſie die Schmach verguͤten ſoll, welche die Meinung der Menſchen und das Betra⸗ gen deiner Mutter auf den Erben von Ra⸗ venswyod haͤufen. m. Eaar blickte auf und ſah den Marquis von— A..., der vor wenigen Augenblicken ange⸗ kommen war und ihn ſuchte. Als ſie ſich be⸗ gruͤßt hatten, ſagte der Marquis, es ſei ſeine Abſicht geweſen, ſchon am vorigen Abend zu kommen, aber er habe Umſtaͤnde erfahren, die ihn bewogen, ſeine Abreiſe aufzuſchieben. Ich hoͤre, lieber Vetter, fuhr er fort, es iſt ein Liebeshandel hier im Spiele. Ich koͤnnte mich beſchweren, daß Ihr mir daruͤber nichts geſagt habt, da ich gewiſſer Maßen das Haupt Eurer Familie bin— Ich bin Euch ſehr verbunden, ſiel Edgar ein, fuͤr den Antheil, den Ihr mir guͤtig be⸗ 54 weiſet, aber verzeiht mir, ich bin das Haupt meiner Familie. Ich weiß es, ich weiß es, erwiederte der Marquis, im ſtrengen heraldiſchen, genealogi⸗ ſchen Sinne ſeid Ihr's freilich, aber ich meine nur, da Ihr einigermaßen unter meiner Vor⸗ mundſchaft ſteht— Ich muß mir die Freiheit nehmen, Euch zu ſagen— fiel Edgar ein, und ſein Ton ver⸗ ſprach der Freundſchaft der beiden Verwand⸗ ten keine lange Dauer, als er zum Gluͤck ſel⸗ ber durch des Todtengraͤbers Knaben unterbro⸗ chen wurde, der athemlos hinter ihnen her lief und ſie fragte, ob er ihnen in der Schenke etwas vorſpielen ſollte. Er zaͤhlte alle Weiſen auf, die er ſpielen konnte, Lieder fuͤr Anhaͤn⸗ ger des alten wie des neuen Koͤnighauſes, und verſicherte, die Wirthinn ſei verſchwiegen, und— taub gegen alle Toͤne, die ſich in ihrer Schenke hoͤren ließen, nur nicht gegen den Klang des Silbers. Um des Zudringlichen ſich zu erweh⸗ ren, warf der Marquis ihm ein Geldſtuͤck hin, 55 und befahl ihm, dafuͤr ſeinen Dienern etwas vorzuſpielen, wenn er Luſt haͤtte. Ich wollte Euch ſagen, lieber Vetter, fuhr darauf der Marquis fort, uͤber dieſen Euren Liebeshandel mit Aſhtons Tochter habe ich ein Wort zu ſprechen verſucht. Ich ſah das Fraͤu⸗ lein erſt heute auf ein paar Minuten, und kenne alſo ihre perſoͤnlichen Verdienſte nicht, aber ich glaube Euch etwas Verbindliches zu ſagen, und will ſie nicht beleidigen, wenn ich Euch verſichere, Ihr koͤnntet beſſer waͤhlen. Ich bin Euch ſehr verbunden fuͤr den An⸗ theil, den Ihr an meinen Angelegenheiten ge⸗ nommen habt, aber es war nicht meine Ab⸗ ſicht, Euch wegen Fraͤulein Aſhton im Min⸗ deſten zu bemuͤhen. Da meine Verbindung mit ihr Euch zu Ohren gekommen iſt, ſo kann ich bloß ſagen, Ihr muͤßt nothwendig glauben, daß die Einwendungen, die gegen meine Ver⸗ bindung mit ihres Vaters Hauſe ſich machen laſſen, mir nicht entgangen ſind, daß aber die Gruͤnde, die ſolche Sinwendungen uͤberwie⸗ 56 gen, mich ooͤllig befriedigt haben muͤſſen, weil ich ſo weit in der Sache gegangen bin. Haͤttet Ihr mich doch nur ausgehoͤrt, Jun⸗ ker, ſo waͤre dieſe Bemerkung unnoͤthig gewe⸗ ſen. Ohne Zweifel hattet Ihr Gruͤnde, die Euch ſtaͤrker zu ſein ſchienen, als jedes andre Hinderniß, und auch ich ſelber bot alle Mittel auf, die ſich fuͤr mich ſchickten, ſie gegen Afh⸗ tons Familie anzuwenden, um ſie zur Beguͤn⸗ ſtigung Eurer Abſichten zu uͤberreden. Ich danke Euch fuͤr Eure unverlangte Fuͤrſprache, erwiederte Edgar, zumal da ich uͤberzeugt bin, Ihr wuͤrdet dabei nie die Graͤnze uͤberſchreiten wollen, die ich ſchickli⸗ cher Weiſe beobachten mußte. Ihr koͤnnt Euch darauf verlaſſen. Ich fuͤhlte zu ſehr, wie zart dieſer Gegenſtand iſt, als daß ich einen, mir ſo nahe befreundeten Mann gegen dieſe Familie in eine herabwuͤr⸗ digende, oder zweideutige Stellung haͤtte brin⸗ gen koͤnnen. Ich zeigte alle Vortheile einer Verbindung ihrer Tochter mit einem ſo achtbaren, *³ 57 den erſten Familien Schottlands verwandten Hauſe, ich erklaͤrte ihnen den Grad der Ver⸗ wandtſchaft, worin das Haus Navenswood mit uns ſteht, und ließ merken, welche Wen⸗ dung die politiſchen Angelegenheiten nehmen moͤchten, und welche Karten im naͤchſten Par⸗ liament Trumpf ſein wuͤrden. Ich ſagte ihnen, ich betrachtete Euch mehr als einen Sohn, einen Neffen, denn als einen entfern⸗ tern Verwandten, und wuͤrde Eure Sache ganz zur meinigen machen. Und was war der Erfolg Eurer Erlaͤu⸗ terung? fragte Edgar, zweifelnd, ob er Em⸗ pfindlichkeit oder Dank fuͤr die Vermitt des Marquis ausdruͤcken ſollte. Nun, Aſſhton haͤtte ſich wohl uͤberzeugen laſſen. Er buͤßt ungern ſeine Stelle ein, wo⸗ mit es bald bedenklich ausſehen koͤnnte, und er ſcheint Euch in der That gewogen zu ſein und die Vortheile einer ſolchen Verbindung einzuſehen. Aber ſeine Gemahlinn— Nun! ſeine Gemahlinn? hob Edgar wie⸗ 58 der an. Laßt mich den Ausgang dieſer ſonderbaren Unterhandlung erfahren. Ich bin darauf gefaßt. Das freut mich, Vetter, erwiederte der Marquis. Ich ſchaͤme mich, Euch nur halb zu ſagen, was ſie aͤußerte. Kurz, ſie verwarf mit hochfahrendem Stolze jeden Vorſchlag einer Vermittlung, den ich zu Euren Gunſten ſchicklicher Weiſe machen konnte. Ich begreife nicht, was ſie will. Eine ehrenvollere Ver⸗ bindung koͤnnte ſie gewiß nicht ſchließen. Was Geld und Guͤter anlangt, das iſt ja mehr ihres Mannes, als ihre Sache. Ich glaube wahrlich, ſie haßt Euch, weil ihr den Vorzug guter Herkunft beſitzt, der ihrem Manne fehlt, und vielleicht, weil Ihr die Guͤter nicht habt, die ihr Mann hat. Doch was ſoll ich Euch laͤnger mit dieſen Dingen quaͤlen. Kommt, hier iſt die Schenke. Sie ſtanden vor der Huͤtte, aus deren zahlloſen Spalten der Rauch drang, da die Reiſekoͤche des Marguis eifrig beſchaͤftigt wa⸗ ren, ein gutes Mahl zu bereiten. — —.— 59 Edgar blieb ſtehen.„Der Zufall, ſprach er, hat Euch ein Geheimniß verrathen, das nach meinem Willen auch Euch noch eine Zeitlang verborgen bleiben ſollte. Doch da es nun ein⸗ mal nicht mehr mir allein und derjenigen ge⸗ hoͤrt, der es außer mir wichtig war, ſo bin ich nicht bekuͤmmert daruͤber, daß Ihr es er⸗ fahren habt; denn ich bin uͤberzeugt, daß Ihr die Geſinnung eines edlen Verwandten und Freundes gegen mich hegt.“ Verlaßt Euch darauf, es iſt ſicher bei mir aufbewahrt. Aber gern wuͤrde ich Euch ſagen hoͤren, daß Ihr den Gedanken an eine Ver⸗ bindung aufgeben wollt, den Ihr ſchwerlich ohne einige Herabwuͤrdigung verfolgen koͤnnt. Daruͤber werde ich ſelber urtheilen, erwie⸗ derte Edgar, und ich hoffe, mit eben ſo regem Zartgefuͤhle, als irgend meiner Freunde. Ich habe keine Verbindung mit Aſhton und ſei⸗ ner Gemahlinn geſchloſſen. Mit Fraͤulein Luzie allein habe ich mich verbunden, und 60 mein Betragen ſoll ſich gaͤnzlich nach dein ihrigen richten. Wenn ſie fortfaͤhrt, mich in meiner Armuth den reichern Bewerbern vor⸗ zuziehen, die ihre Angehoͤrigen ihr vorſchlagen, ſo koͤnnte ich ihrer aufrichtigen Zuneigung wohl ein Opfer bringen, ihr wohl den Vorzug der Herkunft und die tief gewurzelten Vorurtheile eines exrerbten Haſſes aufopfern. Sollte Luzie aber ihre Geſinnungen aͤndern, ſo werden meine Freunde, hoffe ich, uͤber meine Taͤuſchung Schweigen beobachten, und meine Feinde wer⸗ de ich iſchon zum Schweigen zu bringen wiſſen. Das heißt geſprochen, wie ein wackrer jun⸗ ger Edelmann! erwiederte der Marquis. Ich achte Euch ſo ſehr, daß es mir leid thun wuͤr⸗ de, wenn die Sache vor ſich ginge. Dieſer Aſhton war vor zwanzig Jahren ein Zungen⸗ dreſcher von Advokaten, der ſich pfiffig durch⸗ geſchlagen hat und ſeine Schaͤfchen ins Trockne zu fuͤhren wußte. Aber ich denke, das Blatt wird ſich wenden. Wer auch an's Ruder kommt, niemand wird ihn fuͤr das gelten laſ⸗ —— — 61 ſan. was er nach ſeiner, oder nach ſeiner Ge⸗ mahlinn Schaͤtzung werth ſein will, und bei ſeiner Unentſchloſſenheit und ihrer Unverſchaͤmt⸗ heit wird er bald muͤſſig am Markte ſtehen und niemand ihn dingen wollen. Von Fraͤulein Luzie ſag' ich nichts, aber ſo viel kann ich Euch ver⸗ ſichern, eine Verbindung mit ihrem Vater wird weder nuͤtzlich noch ruͤhmlich ſein, und wenn er auch als Mitgabe etwas von Euren Guͤ⸗ tern zuruͤck geben muß, ſo werdet Ihr doch, auf mein Wort! mehr bekommen, wenn Ihr den Muth habt, vor dem ſchottiſchen Parlia⸗ ment mit ihm anzubinden.— Ich uͤbernehme das, Vetter, ich will den Fuchs fuͤr Euch jagen, und er ſoll an den Tag denken, wo er eine fuͤr ihn zu ehrenvolle Ausgleichung abwies, die ich ihm im Namen eines Verwandten antrug. Edgar merkte es an jenen Aeußerungen, daß ſich der Marquis von ſeiner Empfindlich⸗ keit uͤber die unguͤnſtige Aufnahme ſeiner Be⸗ 62 werbung zu weit fuͤhren ließ. Er begnuͤgte ſich, zu wiederholen, er habe mit Luzien allein eine Verbindung geſchloſſen, er verlange weder Reichthum noch Befoͤrderung durch ihres Va⸗ ters Einſluß, aber nichts werde ihn abhalten, ſeiner Verpflichtung gegen ſie treu zu bleiben, als ihr eigenes ausdruͤckliches Verlangen, den Bund außzuloͤſen. Darauf bat er ſeinen Ver⸗ wandten, fuͤr jetzt die Unterhaltung uͤber die⸗ ſen Gegenſtand abzubrechen, und verſprach, ihn auf alle Faͤlle zum Vertrauten ſeiner Schritte zu machen. Der Marquis erhielt bald angenehmern und wichtigern Stoff zur Unterhaltung. Ein Eilbote aus der Hauptſtadt brachte ihm gluͤck⸗ liche Nachrichten, und er ſaß ſich faſt ſchon im Beſitze der Gewalt, die ſein unruhiger Ehrgeiz erſtrebte. Bei der Tafel, die ſeine Dienerſchaft in der armſeligen Schenke berei⸗ 3 tet hatte, ſprach er mit froher Herzensergie⸗ ßung von ſeiner bevorſtehenden Erhebung und von dem Gebrauche, den er von ſeinem Anſe⸗ 63 hen zu Gunſten ſeines Vetters zu machen hoffte. Edgar wiederholte den Ausdruck der Dankbarkeit, die er wirklich fuͤhlte, wiewohl es ihm vorkam, es ſei wohl zu lange die Rede von dieſen Ausſichten und Erwartungen. Der Marquis ſaß ziemlich lange bei den guten Flaſchen, die ſein Kuͤchenwagen mitge⸗ bracht hatte, und die Abreiſe ward zwei Stun⸗ den laͤnger aufgeſchoben, als es anfangs die Abſicht geweſen war.„Aber Euer Schloß Wolfsfels iſt ja nicht weit, ſprach er zu Ed⸗ gar, und es wird auch mir wohl die gaſtfreie Aufnahme gewaͤhren, die Aſhton da gefunden hat. 4 Der nahm es im Sturme, erwiederte der Junker, und er hatte, wie mancher Sieger, we⸗ nig Urſache, ſich der Eroberung zu freuen. Wohlan! ſprach der weinfrohe Marquis, ich ſehe wohl, ich muß Euch beſtechen, um Her⸗ berge bei Euch zu finden. Fuͤllt den Becher! Auf das Wohlſein der Schoͤnen, die zuletzt in Wolfsfels ſchlief und mit ihrem Nachtlager zufrieden war! Meine Gebeine ſind nicht ſo zart als die ihrigen, und ich bin entſchloſſen, heute Nacht ihr Schlafgemach ei nzunehmen, um ſelber zu urtheilen, wie hart das Lager ſei, das die Liebe weich machen kann. Wenn's Euch gefaͤllt, ſo moͤget Ihr die Bußuͤbung Euch auflegen, erwiederte Edgar, aber glaubt mir, ich muß erwarten, daß mein alter Diener ſich haͤnge, oder von der Zinne des Schloſſes herabftuͤrze, wenn Ihr ihn ſo un⸗ erwartet beſucht. Ich betheure Euch, wir ſind durchaus mit gar nichts verſehen. Der Marquis verſicherte auf dieſe Erklaͤ⸗ rung, er ſei ganz gleichgiltig gegen alle Be⸗ uemlichkeit, und muͤſſe das Schloß ſehen, wo einſt ſein Ahnherr, der Gaſt des Lords von Navenswood geweſen ſei, kurz vor der Schlacht bei Floddenfield, worin beide umge⸗ kommen. Edgar wollte voraus reiten, um viel als moͤglich Vorbereitungen zu treffen, aber der Marquis weigerte ſich, ihn von ſeiner Seite zu laſſen, und geſtattete nur, daß ein ————y—— Vorreiter dem ungluͤcklichen Haushofmeiſter die unerwartete Nachricht von dem neuen Einfall hraͤchte. Edsar ſaß neben ſeinem Verwandten im Wagen. Beide waren im Laufe dieſes Tages ſo vertraut geworden, daß der Marquis uͤber die Befoͤrderung, welche er ſeinem Vetter, bei gluͤcklichem Erfolge ſeiner Entwuͤrfe, zugedacht hatte, offenherziger ſprach. Es betraf ein Ge⸗ heimniß und eine wichtige Sendung auf das veſte Land, die nur einem vertrauten Manne von Nang und Einſicht uͤbertragen werden konnte, aber fuͤr den Geſandten eben ſo ehrenvoll als vortheilhaft ſein mußte. Dieſe Ausſicht war hoͤchſt erwuͤnſcht fuͤr Edgar, und er uͤberließ ſich freudig der Hoffnung, ſich aus ſeiner Duͤrftigkeit und Unthaͤtigkeit zu Unab⸗ haͤngigkeit und ehrenvoller Thaͤtigkeit zu er⸗ heben. Als er mit lebhaftem Antheil dem Mar⸗ auis zuhoͤrte, der ihm naͤhere Erlaͤuterungen aͤber jene Angelegenheit gab, kam der voraus⸗ E —y——— — 5 5 2 66 geſandte Bote mit der Nachricht zuruͤck, daß Caleb alles, ſo viel es die Eile erlaube, bereit halten werde, um die gnaͤdigen Herren ge⸗ buͤhrend zu empfangen. Edgar kannte ſeines Haushofmeiſters Art und Weiſe zu gut, als daß er jener zuverſichtlichen Verſicherung haͤtte trauen koͤnnen. Er wollte dem Marquis ſeine Bedenklichkeit nicht verbergen. Ihr thut Euch Unrecht, Junker, erwie⸗ derte dieſer, oder Ihr wollt mich angenehm uͤberraſchen. Ich ſehe ein helles Licht in der Gegend wo Wolfsfels liegt, ſo viel ich mich erinnere, und nach dem Glanze zu ſchließen, der die alte Burg umgibt, haben wir einen herrlichen Empfang zu erwarten. Auch Edgar war uͤberraſcht. Die wenigen Fenſter der alten Burg waren ſchmal, und begriff nicht, wie irgend eine gewoͤhnliche Er⸗ leuchtung einen ſolchen Glanz geben koͤnne. Das Naͤthſel ward bald geloͤſet. Caleb eilte zu dem Wagen und rief mit dem Tone des die untern von der Hofmauer verdeckt. Er ——— 67 Schmerzes und der Angſt:„Ach meine gnaͤ⸗ digen Herren! Ach! fahrt nur rechts! rechts! Wolfsfels ſteht in Flammen. Alles, alles brennt— alle Vorraͤthe draußen und drinnen — die ſchoͤnen Gemaͤhlde, Tapeten, Stickereien und ſonſtigen Zierrathen— alles in Feuer. Nur rechts gefahren, gnaͤdige Herren, ich bitt' Euch inſtaͤndig. In der Schenke zu Wolfsha⸗ ven wird noch was zu finden ſein. O, der un⸗ gluͤckliche Abend— daß ich dieß erleben muß!“¹ Edgar war anfangs hoͤchlich beſtuͤrzt uͤber dieſen neuen Unfall; aber nach kurzer Erwaͤ⸗ gung ſprang er aus dem Wagen, ſagte dem Marquis eilig Lebewohl, und war im Begriff den Schloßhuͤgel hinanzuſteigen, auf welchem die rothe Feuerſaͤule hoch empor loderte und weit hinaus die Wogen des Meeres erleuchtete. Der Marquis, lebhaft bewegt, bat ſeinen Vetter, ein Pferd zu beſteigen, und befahl ſei⸗ nen Leuten, dem Junker zu folgen und beim Loͤſchen und Retten Beiſtand zu leiſten. Alle ſetzten ſich in Bewegung, und drangen in Ca⸗ E2 leb, ihnen den Weg zu zeigen. Aber die Stim⸗ me des ſorgſamen Haushofmeiſters uͤbertaͤubte die Laͤrmenden.„Halt! rief er, um Gottes⸗ willen halt! Wollt Ihr Euer Leben wagen fuͤr zeitliche Guͤter? Dreißig Faͤſfer mit Pul⸗ ver— es kam von Duͤnkirchen zur Zeit des ſeligen Herrn— die liegen in den Gewoͤlben des alten Thurms— das Feuer iſt nicht weit mehr davon. Um's Himmelswillen! raczto⸗ nur rechts, Ihr Leute!“ Dieſe furchtbare Nachricht trieb den Mar⸗ quis und ſein Gefolge auf den Weg, den Caleb bezeichnete, und Edgar wurde von ſei⸗ nem Verwandten fortgezogen. Was er hoͤrte, war ihm unbegreiflich.„„Pulver?“ ſprach er, den alten Caleb veſt haltend, der vergebens zu entrinnen ſuchte.„Was fuͤr Pulver? Wie kann ſo viel Pulver im Schloſſe ſein, ohne mein Wiſſen? Ich begreif es nicht.“ Aber ich, ſiel der Marquis ein, und ſetzte leiſer hinzu: Ich begreife es vollkommen; um Gotteswillen, fragt ihn nicht weiter. —— — 69 So iſt es, ſprach Caleb, ſich losreiſend. Ihr werdet's dem gnaͤdigen Herrn wohl glau⸗ ben. Ihr wißt ja, gnaͤdiger Herr, in dem Jahre, als Koͤnig Wilhelm ſtarb, wie ſie ihn nannten— 5 Still, ſtill, mein Freund! unterbrach ihn der Marquis, ich werde Eurem Herrn ſchon Aufſchluß daruͤber geben. Und haben die Leute in Wolfshaven Euch keinen Beiſtand geleiſtet, ehe das Feuer uͤber⸗ hand genommen? hob Edgar wieder an. Ei ja! es kamen nur zu viele, erwiederte Caleb, aber ich war nicht eilig, ſie in's Schloß zu laſſen, wo ſo viel Silberwerk und Koſtbar⸗ keiten waren. Unverſchaͤmter Luͤgner! ſprach Edgar. Das Feuer, rief Caleb, ſeinen Herrn un⸗ ehrbietig uͤberſchreiend: kam uns ſchnell uͤber den Hals, weyen der Tapeten im Speiſeſaal, und das Volk lief, mas es laufen konnte, als es vom Pulver hoͤrte. 70 Ich bitte Euch, fiel der Marquis ein, fragt ihn doch nicht mehr. Nur noch eins, erwiederte Edgar. Was iſt aus der armen Magd geworden? Miekchen? ſprach Caleb. Ich hatte nicht Zeit, nach ihr zu ſehen. Wird wohl im Schloſſe ſein. O Sott! rief Edgar. Das Leben der treuen Alten in Gefahr!... Nein, ich laſſe mich nicht halten. Ich muß hinan reiten und ſehen, ob die Gefahr ſo dringend iſt, als der alte Thor behauptet. Nun gewiß und wahrhaftig, fiel Caleb ein, Miekchen iſt friſch und geſund. Ich ſah ſie ſelber aus dem Schloſſe gehen, ehe ich's verließ. Wie haͤtt' ich auch gehen koͤnnen, ohne an ſie zu denken! Und warum ſagt Ihr mir ſo eben das G⸗⸗ gentheil? fragte Edgar.— Das haͤtt' ich gethan? Nun, da muß ich getraͤumt haben, oder dieſer ungluͤckliche Abend — 71 hat mir die Gedanken verwirrt. Aber ſie iſt in Sicherheit, das ſag' ich Euch. Auf dieſe wiederholte Verſicherung ließ ſich Edgar, ſo gern er Zeuge der Zerſtoͤrung ge⸗ weſen waͤre, die der Burg ſeiner Vaͤter bevor⸗ ſtand, nach Wolfshaven fuͤhren, wo alles bereit war, ihn und ſeinen Gaſt zu empfangen und freigebig zu bewirthen. Die Stimmung der Dorfbewohner war ſeit Kurzem gaͤnzlich umgewandelt, und Caleb angeſehener als je in Wolfshaven. Aſhton, der durch ſeinen Kammerdiener mit dem Beu⸗ tezuge des Haushofmeiſters bekannt geworden war, hatte nicht wenig daruͤber gelacht, und um dem Junker gefaͤllig zu werden, den ge⸗ pluͤnderten Boͤttcher zur erledigten Stelle em⸗ pfohlen. Caleb erfuhr es erſt ſyaͤterhin zufaͤl⸗ lig, aber er allein erntete den Dank fuͤr dieſe Befoͤrderung, welche er, wie man glaubte, durch ſeinen Herrn bewirkt habe, und es war nie⸗ mand im Dorfe, der ſich nicht beeifert haͤtte, die Gunſt des vermeintlich viel geltenden Man⸗ 72 — nes zu erwerben. Die veraͤnderten Geſinnun⸗ gen zeigten ſich auffallend an dem unruhigen Abend, wo die Flamme von Wolfsfels den Himmel roͤthete. Alle eilten zum Loͤſchen her⸗ bei, und als die Furcht vor dem Pulpver ſie vertrieben hatte, nahm ihr Dienſteifer nur eine andere Richtung. Lange geſchonte Gaͤnſe und Kapaune wurden geſchlachtet, Kuchen ge⸗ backen, Faͤſſer angeſteckt, Flaſchen entſtopſelt, und alle Haͤuſer oͤffneten ſich, um die hohen Gaͤſte und ihr Gefolge aufzunehmen. Der Pfarrer machte ſeinen Anſpruch geltend, die vornehmſten Fremden zu beherbergen, weil er, wie man glaubte, ein Auge auf eine benach⸗ barte Pfarre hatte, deren Beſitzer kraͤnkelte, Caleb aber beſtimmte dieſe Ehre dem Boͤttcher, deſſen Haus ſo geraͤumig und reinlich war⸗ daß Edgar und ſein Verwandter alle Bequem⸗ lichkeit darin fanden. Von tauſend Gefuͤhlen bewegt, verließ Edgar bald das Haus und eilte durch dds Dorf, um den Gipfel eines Huͤgels zu erſeei⸗ 73 gen, wo man das Schloß uͤberſah. Caleb holte ihn ein und begleitete ihn. Als er die Hoͤhe erreicht hatte, ſah ker zu ſeiner großen Ver⸗ wunderung, daß die Flamme niedergebrannt, und nur die Wolke, welche gerade uͤber dem Schloſſe ſchwebte, matt geroͤthet war, wie er glaubte von dem Wiederſcheine der Aſche des erloſchenen Feuers. Das Schloß kann nicht in die Luft geflo⸗ gen ſein, ſprach Edgar. Wir wuͤrden ja den Knall gehoͤrt haben. Ich denk' les auch, erwiederte Caleb ge⸗ faßt. Das Feuer kann nicht bis zu den Gewoͤl⸗ ben gekommen ſein— Schwerlich, ſprach der Alte mit unerſchuͤt⸗ lerlicher Ernſthaftigkeit. Caleb, das Ding wird zu arg fuͤr meine Geduld. Ich muß fort und ſelber ſehen, wie's in Wolfsfels ſteht. Ihr werdet das nicht thun, gnaͤdiger Herr. 74 und warum nicht? fragte Edgar mit ſcharfem Tone. Wer oder was wird mich ab⸗ halten? Ich ſelber, ſprach Caleb mit gleicher Ent⸗ ſchloſſenheit. Ihr Caleb? Ihr vergeßt Euch. Ich daͤchte nicht. Alles was Ihr vom Schloſſe wiſſen wollt, koͤnnt Ihr hier auf dem Huͤgel von mir erfahren und braucht nicht erſt hinzugehn. Ihr wuͤrdet Euch nur vor den Jungen, die hier herum laufen, und vor Redet, alter Thor! erwiederte Edgar. Laßt mich das Beßte und Schlimnmſe auf ein⸗ mal hoͤren. Nun, das Beßte und das Schlimmſte iſt eben, daß Euer Schloß unverſehrt und ſo ſicher und ſo leer iſt, als Ihr es Marlaſſen habt. In der That! Und das Feuer? kuhr Edgar fort. dem Marquis bloß geben, wenn Ihr hinginget. 4 5 “ 75 Nicht ein Fuͤnkchen Feuer, ausgenommen ein bischen Torf. Aber die Flamme?(Es loderte ja, daß man's viele Meilen weit ſehen konnte. Es iſt ja ein altes Sprichwort: Ein kleines Licht ſieht man weit in der Nacht. Ich ſteckte ein wenig Stroh und Reiſig im Hofe an, als ich den Reitknecht weggeſchickt hatte. Aber hoͤrt, gnaͤdiger Herr, wenn Ihr wieder Gaͤſte ſchickt oder mitbringt, laßt nur nicht fremdes Bedientenvolk mitkommen, das gafft zund ſpuͤrt uͤberall herum, das ſieht wo's fehlt im Hauſe, und zwingt einen, ſich in die Hoͤlle zu luͤgen— oder meiner Treu! ich ſtecke das Schloß lieber in allem Ernſte an, ehe die Ehre der Familie leiden ſoll. Sehr verbunden fuͤr den Vorſatz, ſprach Sdgar, der kaum des Lachens ſich enthalten konnte, ſo aͤrgerlich er war. Aber das Pulver! Iſt es im Schloſſe? Der Marquis ſchien darum zu wiſſen. Das Pulver! Ha! ha! ha! Und der 76. Marquis— ha! ha! Ja, es war da, und er wußte wohl darum, und viele große Herren hatten zu jener Zeit die Hand im Spiele; aber ich hab's ſchon lange fuͤr Branntwein an hollaͤndiſche und franzoͤſiſche Schiffer ver⸗ tauſcht— Euer Unwille iſt nun voruͤber, nicht wahr? Sagt mir nun, hab' ich's nicht wohl gemacht? Seid Ihr nicht beſſer aufgehoben im Dorfe, als Ihr's in Eurem alten Schloſſe ge⸗ weſen waͤtet? Ich glaube, Ihr habt Recht, antwortete Ravenswood, aber ehe Ihr mein Schloß in Brand ſtecktet, ſei's im Ernſt, oder im Scherz, hätte ich wohl verlangen können, das Ge⸗ heimniß zu erſahren. O pfui doch, gnaͤdiger Herr! ſprach Caleb. Fuͤr mich alten Kerl ſchickt ſich's wohl, zu luͤgen fuͤr die Ehre des Hauſes, aber Euch wird es nicht anſtehen. Doch dieſes Feuer— und ein Feuer ſoll's ſein, wenn ich auch denzlalten Stall noch anzuͤnden muͤßte, um's glaublicher zu machen dieſes Feuer wird uns eine gute Entſchuldie — 2⁴ 77 gung geben, wenn ich im Dorfe und in der Nachbarſchaft fodern muß, was wir brauchen, und es wird viele Dinge zur Ehre des Hau⸗ ſes in's Gleiche bringen, die mir ſonſt taͤglich ein paar Dutzend Luͤgen koſteten, ohne daß ich Glauben fand. War auch wohl ſchwer, Caleb, aber ich ſehe nicht, wie dieſes Feuer Euch Glauben ver⸗ ſchaffen koͤnnte. Das ſeht Ihr nicht? Ich will's Euch ſa⸗ gen. Auf zwanzig Jahre gibt die Geſchichte eine gute Entſchuldigung zur Ehre des Hauſes, wenn ſie gehoͤrig benutzt wird. Wo ſind die Familienbilder? fragt ein neugieriger Burſche. Das große Feuer in Wolfsfels, antworte ich. Wo uſt das Silberwerk? fragt ein Anderer. Das große Feuer ſag' ich. Wer konnte an Silberwerk denken, als Leib und Leben in Ge⸗ fahr ſtand? Wo find Kleider und Waͤſche, Tapeten und andere Zierrathen, Gaſtbetten, Tiſchzeug und dergleichen? Das Feuer— das Feuer— das Feuer! Haltet nur auf das ₰ 78 Feuer, ſag; ich Euch, und es wird Euch zu Allem nuͤtzen, was Ihr haben ſolltet und nicht habt, und eine gute Entſchuldigung iſt in einer Art beſſer, als die Sachen ſelbſt, denn die Sachen werden abgenutzt und wandelbar, aber eine gute Ausflucht haͤlt aus, wer weiß wie lange, wenn man ſie geſchickt benutzt. Edgar kannte Caleb's Eigenſinn zu gut, als daß er laͤnger mit ihm haͤtte ſtreiten moͤ⸗ gen. Er kehrte allein in des Boͤttchers Haus zuruͤck, wo die Hausfrau und ihre Mutter, die alte Freundinn ſeines Haushofmeiſters, die ſich etwas damit wußte, noch von ihrer Dienſtzeit her Sitten und Lebensweiſe der Edelleute zu kennen, die leckere Abendtafel ſchon gedeckt. hatten. Eben ſo ſorgfaͤltig waren Beide bedacht geweſen, die Schlafkammer der hohen Gaͤſte aufzuputzen, und ihnen ein ein⸗ ladendes reinliches Nachtlager zu bereiten. Fruͤh am Tage erhoben ſich die Fremden, um ihre Reiſe fortzuſetzen. Waͤhrend unter den laͤrmenden Vorbereitungen zum Aufbruche 79 4. der Marquis die genoſſene Gaſtfreundſchaft freigebig verguͤtete/ nahm Edgar den alten Caleb auf die Seite, und erfreute das Horz des treuen Dieners, als er ihm mit aller Vor⸗ ſicht, die bei der warmen Einbildungskraft deſſelben noͤthig zu ſein ſchien, die bevor⸗ ſtehende gluͤckliche Veraͤnderung ſeiner Lage verkuͤndigte. Er uͤbergab dem Alten den groͤß⸗ ten Theil ſeines geringen Geldvorraths mit der wiederholten Verſicherung, daß ey ſelber hinlaͤngliche Hilfsmittel zu erwarten habe, und ſchaͤrfte ihm ernſtlich ein, von allen fer⸗ nern Verſuchen gegen die Keller und Speiſe⸗ vorraͤthe der Bewohner von Wolfshaven abzu⸗ ſtehen. Caleb unterwarf ſich dieſem Verbote willi⸗ ger, als Edgar erwartet hatte.„Es waͤre gewiß Suͤnd' und Schande, ſprach er, die armen Leute zu quaͤlen, wenn die Famile in den Umſtaͤnden waͤre, ehrenvoll von ihren eigenen Mitteln zu leben, und es iſt auf alle Faͤlle klug, wenn man ſie ein Bischen zu 3⁰ Athem kommen laͤßt, ſie werden dann deſto bereitwilliger gegen Euer Gnaden ſein, wenn Ihr's kuͤnftig einmal brauchen ſolltet.”“ IV. Bau nach der Ankunft in Edinburgh, wo Edgar bei dem Marquis wohnte, trat die laͤngſt vorbereitete Veraͤnderung in der Lan⸗ desverwaltung ein, dis eine Folge von dem Falle der Macht des Herzogs von Marlbo⸗ rough und ſeiner Partei in England war. Der Marquis von A... war am Ziele ſeiner Wuͤnſche. Die geſchmeidigen Leute, die ſich nicht einer Partei blindlings ergeben hatten, die regelmaͤßigen Anhaͤnger des Uebermaͤchti⸗ gen, buhlten um ſeine Gunſt, und da ſich leicht vorausſetzen ließ, daß er an den An⸗ gelegenheiten ſeines Vetters, des Junkers von Navenswood, warmen Antheil nehmen werde/ ſo waren ſie, ſelbſt Afhton's Amtsge⸗ 4** 5 . 82 noſſen, die Erſten, welche Maßregeln angaben, wenigſtens einen Theil der vergendeten Guͤter des geſunkenen Hauſes wieder zu erlangen und Edgar gegen ſeines Vaters Widerſacher zu unterſtuͤtzen. Auch unter ihnen waren einige, die bei dem Falle des ungluͤcklichen Hauſes verpfaͤn⸗ dete Guͤter in volles Eigenthum zu verwan⸗ deln gewußt hatten. Man zwang ſie, die un⸗ erwerbung gegen Befriedigung ihrer e heraus zu ben. Aſhton, der ſeine Stelle bereits verloren hatte, wurde mit einer Berufung an das Narliament bedroht; Ed⸗ gar aber glaubte ſowohl um Luziens willen, als wegen der genoſſenen Gaſtfreundſchaft, ge⸗ gen ihn mit großer Aufrichtigkeit handeln zu muͤſſen. Er ſprach in ſeinem Briefe an ihn offenherzig von ſeiner Verbindung mit Luzien, bat ihn um die vaͤterliche Einwilligung, und gab ihm die Verſicherung, daß er bereit ſei, alle ſtreitigen Angelegenheiten nen auf die Art auszugleiche Aſhton wiſchen ih⸗ 8³ ſelbſt fuͤr guͤnſtig halten werde. Mit dem⸗ ſelben Boten ſchrieb er an Afhton's Gemah⸗ linn. Er bat ſie, ihm jeden Anlaß zum Miß⸗ fallen, den er unabſichtlich ihr gegeben haben koͤnnte, zu verzeihen, er ſprach umſtaͤndlich von ſeiner Zuneigung zu Luzien, von der Verbindung, die er mit ihr geſchloſſen, und beſchwor ſie, als eine Douglas nach Gemuͤth und Namen, alte Vorurtheile und Mißver⸗ ſtaͤndniſſe großmuͤthig zu vergeſſen, und uͤber⸗ zeugt zu ſein, daß ihr Haus einen Freund, ſie ſelber aber einen innig ergebenen Verehrer in Edgar, dem Junker von Ravenswood, er⸗ worben habe. Der dritte Brief war an Luzien, und der Bote erhielt den Auftrag, Mittel zu ſuchen, ihn heimlich und ſicher ihr einzuhaͤndigen. Edgar gab ihr die ſtaͤrkſten Betheurungen ſei⸗ ner unwandelbaren Zuneigung, und ſprach von der bevorſtehenden Veraͤnderung ſeiner Lage, die er fuͤr einen gluͤcklichen Umſtand hielt, der dazu beitragen muͤſſe, die Hinderniſſe ihrer F 2 —— 84 3 Verbindung zu entfernen. Er ſagte ihr, welche Schritte er gethan hatte, die Vorurtheile ih⸗ rer Aeltern, beſonders ihrer Mutter, zu be⸗ ſiegen, und aͤußerte die Hoffnung, daß ſie gu⸗ ten Erfolg haben moͤchten. Waͤre es nicht, ſo glaubte er, daß waͤhrend ſeiner Abweſenheit von Schottland, wovon eine wichtige und ehrenvolle Sendung ihn auf einige Zeit ent⸗ fernen werde, die Vorurtheile abſterben koͤnn⸗ ten. Er traute veſt auf Luziens Beſtaͤndig⸗ keit, und hoffte, daß ſie jeden Verſuch, ihre Zuneigung gegen ihn zu erſchuͤttern, vereiteln werde. Auf jeden Brief erhielt Edgar, aber auf beſondern Wegen, eine Antwort. Lady Aſfh⸗ ton antwortete mit ſeinem Boten, der aber nicht einen Augenblick laͤnger im Schloſſe blei⸗ ben durfte, als ſie brauchte, folgende Zeilen zu ſchreiben: Mein Herr. Ich habe einen Brief erhalten mit der Unterſchrift, Edgar, Junker von Ravenswood, 85 weiß aber nicht, wer der Schreiber ſein kann, da die Ehrentitel genannter Familie in der Perſon des verſtorbenen ehemaligen Lords Ravenswood, wegen Hochverrathes, verwirkt worden. Solltet Ihr aber etwa derjenige ſein, der ſich ſo unterſchrieben hat, ſo beliebt Euch verſichern zu laſſen, daß ich die vollen Rechte einer Mutter uͤber Fraͤulein Luzie Aſhton in Anſpruch nehme, und bereits zu Gunſten eines achtbaren Mannes unwiderruflich uͤber ſie verfuͤgt habe. Und ſelbſt wenn dem nicht ſo waͤre, mein Herr, wuͤrde ich auf keinen An⸗ trag von Euch, oder von irgend jemanden aus Eurer Familie achten, da dieſelbe ſtets gegen die Freiheit des Volkes und die Rechte der Kirche Gottes ſich erhoben hat. Ein fluͤchti⸗ ger Blick des Gluͤcks kann meine veſte Mei⸗ nung uͤber dieſen Gegenſtand nicht aͤndern; ſintemal es ſchon vordem mein Loos geweſen, gleich dem heiligen Duvid, Gottloſe zu ſehen, die maͤchtig waren, und gruͤneten wie ein Lor⸗ berbaum, aber als ich voruͤber ging, ſiehe, da 86 waren ſie dahin und wurden nirgend gefun⸗ den. Ich wuͤnſche, daß Ihr ſolches um Eu⸗ retwillen zu Herzen nehmet, ſo fern es Euch angehet, und will Euch erſucht haben, Euch fortan nicht mehr zu bekuͤmmern um diejenige, ſo zu bleiben wuͤnſcht Eure unbekannte Dienerinn, Margaretha Douglas, ſonſt Aſhton. Ungefaͤhr zwei Tage nach Empfang dieſes ſehr unbefriedigenden Briefes, ward Edgar, als er durch die Straße von Edinburgh ging, von einem Manne angerufen, in welchem er bald Afhron's vertrauten Diener Lockhard erkannte. Der Mann verbeugte ſich, mit hoͤfli⸗ cher Entſchuldigung, uͤbergab ihm einen Brief und verſchwand. Der Brief beſtand aus vier enge geſchriebenen Blaͤttern, woraus, wie es nicht ſelten bei den Aufſaͤtzen großer Rechts⸗ gelehrten der Fall iſt, nicht viel anders ſich nehmen ließ, als daß der Schreiber in einer — 87 ſehr großen Verlegenheit war. Aſhton ſprach zuvoͤrderſt von ſeiner hohen Achtung gegen ſeinen werthen jungen Freund, den Junker von Ravenswood, von ſeiner hoͤchſten Achtung gegen den Marquis von A..., ſeinen theu⸗ ren alten Freund. Er hoffte, daß man die Maßregeln, welche man in Hinſicht auf ihn ergreifen moͤchte, mit gebuͤhrender Achtung gegen die Heiligkeit richterlicher Entſcheidun⸗ gen und Urtheile ausfuͤhren werde, und be⸗ theuerte vor dem Himmel und der Welt, daß die Uebel, die fuͤr das Gemeinweſen entſtehen muͤßten, wenn man die, von den Gerichts⸗ hoͤfen gehandhabten Landesgeſetze in irgend einer Volksverſammlung umſtoßen wollte, ſein Herz tiefer verwunden wuͤrden, als irgend ein Verluſt, den er durch ein ſolches unregelmaͤ⸗ ßiges Verfahren erleiden koͤnnte. Er machte viele Worte uͤber die großmuͤthige Verzeihung gegenſeitiger Unbilden und deutete auf die Wandelbarkeit menſchlicher Dinge. Mit ziem⸗ licher Lebhaftigkeit beklagte und tadelte er 83 die Eile, womit man ihn ſeiner Stelle, welche er bei ſeiner Erfahrung zu einigem Nutzen des Gemeinweſens haͤtte verſehen koͤnnen, entſetzt habe, ohne ihm auch nur Gelegenheit zu ge⸗ ben, ſich zu erklaͤren, ob ſeine politiſchen An⸗ ſichten von den Meinungen der neuen Macht⸗ haber weſentlich abweichend waͤren. Bei ſei⸗ ner Ueberzeugung, daß der Marquis eben ſo aufrichtige Geſinnungen gegen das Vaterland hege, als er ſelber, meinte er, man wuͤrde ſich, wenn man ſich mit ihm haͤtte beſprechen wollen, uͤber die zu befolgenden Maßregeln leicht vereinigt, und er ſich bewogen gefunden haben, die gegenwaͤrtige Verwaltung zu un⸗ terſtuͤzen. Ueber Edgar's Verbindung mit Luzien ſprach er ziemlich trocken und verwor⸗ ren. Er bedauerte, daß ein ſo voreiliger Schritt, als dieſe Verbindung zwiſchen den jungen Leuten, Statt gefunden, und bat den Junker, ſich zu erinnern, daß er nie irgend eine Aufmunterung zu einer Verbindung ge⸗ geben habe, welche als eine, zwiſchen Unmuͤn⸗ 89 digen, ohne Theilnahme der natuͤrlichen Vor⸗ muͤnder ſeiner Tochter, geſchloſſene Verhand⸗ lung ungiltig und vor dem Geſetze nichtig ſei. Dieſer raſche Schritt, ſetzte er hinzu, habe einen ſehr nachtheiligen Eindruck auf das Ge⸗ muͤth ſeiner Frau gemacht, den man vor der Hand unmoͤglich vertilgen koͤnne. Ihr Sohn, der Oberſt Douglas⸗Aſhton, habe alle Vor⸗ urtheile der Mutter angenommen, und es ſei dem Vater unmoͤglich, durch eine ihnen miß⸗ faͤllige Maßregel einen unſeligen und unver⸗ ſoͤhnlichen Familienzwiſt herbei zu fuͤhren. Die Zeit, die alles heilende, ſetzte er hinzn, werde, wie er hoffe, auch hier ausgleichen.— In einer Nachſchrift erklaͤrte er etwas beſtimmter, er wolle, ehe die Landesgeſetze durch eine Auf⸗ hebung richterlicher Urtheile gefaͤhrlich verletzt werden ſollten, ſich lieber außergerichtlich zu bedeutenden Aufopferungen verſtehen. Von Luzien erhielt Edgar durch eine un⸗ bekannte Hand folgend Zeilen: „Ich! habe Euren Brief erhalten, aber 9 90 „nur mit der groͤßten Gefahr. Verſucht's „nicht wieder, mir zu ſchreiben, bis beſſere „Zeiten kommen. Ich bin ſehr bedraͤngt, aber , ich will meinem Worte treu bleiben, ſo lange „ich den Gebrauch meiner Vernunft habe. „Daß Ihr gluͤcklich ſeid und erfreuliche Aus⸗ „ſichten habt, gibt mir Troſt, und ich brauche „Troſt in meiner Lage.“ L. A. Ddieſe Zeilen erweckten die lebhafteſte Un⸗ ruhe in Edgar Gemuͤthe. Er machte, ungeach⸗ tet Luziens Verbot, mehre Verſuche, Briefe an ſie zu befördern, und ſelbſt eine Zuſammen⸗ kunft zu erhalten; aber alle Bemuͤhungen wa⸗ ren vergebens, und zu ſeinem Schmerze erfuhr er, daß man die ſorgfaͤltigſten und wirkſamſten Maßregeln getroffen hatte, allen Verkehr zwi⸗ ſchen ihm und ſeiner Geliebten unmoͤglich zu machen. Edgar war uͤber dieſe Umſtaͤnde deſto tiefer bekuͤmmert, da er nicht laͤnger zoͤgern durf⸗ te, Schottland zu verlaffen. Vor ſeiner Abreiſe uͤbergab er Aſhtons Brief dem Marquis, der 9¹ laͤchelnd bemerkte, fuͤr Aſhton ſei der Tag der Gunſt untergegangen, und er muͤſſe ſich nun nach der Seite wenden lernen, welche die Son⸗ ne beſcheine. Nur mit der groͤßten Muͤhe konnte Edgar den Marquis zu dem Verſprechen bewe⸗ gen, die Verhandlungen vor dem Parliament aufzugeben, wenn Aſfhton zu der Verbindung mit Luzien ſeine Einwilligung gewaͤhren wollte. Ich wuͤrde nicht leicht zugeben, ſprach der Maraquis, daß Ihr auf dieſe Weiſe Euer Erb⸗ recht verſchleudert, wenn ich nicht veſt uͤber⸗ zeugt waͤre, daß Lady Afhton, oder Lady Dou⸗ glas, oder wie ſie ſonſt heißen will, auf ihrem Kopfe beſtehen wird, und daß ihr Mann es nicht wagt, ihr zu widerſprechen. Aber ich hoffe, Ihr werdet meine Ver⸗ pflichtung als heilig betrachten, hob Edgar wie⸗ der an. Glaubt es meinem Ehrenworte, erwiederte der Marquis, ich wuͤrde ſelbſt der Freund Eu⸗ rer Thorheiten ſein, und da ich Euch nun meine Meinung geſagt habe, ſo will ich 92. 2 3 ſuchen, Euch nach Eurer Meinung zu dienen, wenn ſich die Gelegenheit darbietet.) Edgar dankte ſeinem großmuͤthigen Freun⸗ de, dem er volle Gewalt gab, ſeine Angelegen⸗ heiten zu beſorgen, und verließ darauf ſein Va⸗ terland, um den Auftrag zu oollziehen, der ihn einige Monate auf dem veſten Lande be⸗ ſchaͤftigen ſollte. —;— 93³ vV. Zoolf Monate waren ſeit Edgar's Abreiſe verfloſſen, und noch immer war ſeine laͤngſt erwartete Nuͤckkehr nicht erfolgt, da die Ge⸗ ſchaͤfte ſeiner Sendung, oder wenn man dem Geruͤchte trauen durfte, perſoͤnliche Angelegen⸗ heiten ihn im Auslande veſthielten. Wie es unterdeſſen in Aſhton's Familie ausſah, mag uns eine unterredung zwiſchen Bucklaw und ſeinem vertrauten Zechbruder verrathen, die wir behorchen wollen. Sie ſaßen vor dem munter lodernden Kaminfeuer an einem Tiſche, der mit trefflichem Wein und andern Erfriſchun⸗ gen reichlich bedeckt war, und dennoch ſah der Goͤnner truͤbe und unmuthig aus, waͤhrend der Geſellſchafter ſeinen ganzen Witz aufbot, 94 die muͤrriſche Laune ſeines Beſchuͤtzers zu ver⸗ ſcheuchen. Nach einer langen Pauſe hob er endlich an:„Ich hab' doch in meinem Le⸗ ben niemand geſehn, der weniger das Aus⸗ ſehen eines Braͤutigams hatte, als Ihr. Wahr⸗ haftig, Ihr ſeht eher aus, als einer der zum Galgen verurtheilt iſt.“ Schoͤnen Dank fuͤr das Komyliment! Ihr dachtet wohl an das Schickſal, das Ihr am Ende zu erwarten habt. Aber in Ernſt, Crai⸗ gengelt, warum ſollt' ich luſtig ſein, wenn ich traurig, ganz verdammt traurig bin. Das bekuͤmmert mich eben. Ihr ſchließt die beßte Verbindung im ganzen Lande, woran Euch ſelber ſo viel lag, und nun da's zum Altare gehen ſoll, ſeht Ihr ſo muͤrriſch aus, als ein Baͤr, der ſeine Jungen verloren hat. Ich weiß nicht, ob ich ſie noch ſchließen ſollte oder nicht, wenn ich nicht zu weit ge⸗ gangen waͤre, als daß ich zuruͤck treten koͤnnte. Zuruͤck treten! rief Craigengelt mit dem gut erkuͤnſtelten Ausdrucke des Erſtaunens. 95 Zuruͤck treten? Aber das Vermoͤgen des Maͤ⸗ chens— 3 Des Fraͤuleins, wenn's Euch beliebt, fiel Bucklaw ein. Gut, gut! Es war nicht unehrbietig ge⸗ meint. Aber wird nicht des Fraͤuleins Mitgift ſo ſchwer ſein als eine? Mag ſein! Was liegt mir an ihrer Mit⸗ gift. Ich habe genug. Und die Mutter, ſie liebt Euch ja, wie ihr eigenes Kind. Beſſer, glaub' ich, als eins ihrer Kin⸗ der, oder es waͤre wenig Liebe beim ganzen Handel. Und ihr Bruder, der Oberſt, wuͤnſcht die Verbindung ſo ſehr. Weil er hofft, daß ich ihm durch meinen Einſluß zu einem Sitze im Parliament helſen ſoll. e. Und ihr Vater, er kann's ja auch nicht erwarten, die Verbindung zu ſchließen. Ja, antwortete Bucklaw, immer gleichgil⸗ 96 tig, es liegt ihm daran, die erſte beßte Ver⸗ bindung zu ſchließen, weil er ſein Kind nun einmal nicht verhandeln kann, um Ravens⸗ woods Guͤter zu retten, die ihm das Parliament aus den Klauen reißen will. Aber was ſagt Ihr zu dem Fraͤnlein ſel⸗ ber? Das ſchoͤnſte Kind in Schottland! Ihr waret ſo verliebt, als ſie ſich widerſetzte; und nun, da ſie einwilligt, Euch zu nehmen und ihre Verbindung mit Ravenswood aufgibt— nun wollt Ihr Schwierigkeiten machen. Der Teufel plagt Euch; Ihr wißt nicht, was Ihr haben wollt, und was Ihr nicht moͤgt. Ich will Euch meine Meinung mit einem Worte ſagen, antwortete Bucklaw, im Zimmer auf und nieder gehend. Ich moͤchte wiſſen, warum Fraͤulein Afhton ihren Sinn ſo ploͤtz⸗ lich geaͤndert hat. Was geht das Euch an, wenn die Aen⸗ derung zu Eurem Vortheile iſt! Hoͤrt, Craigengelt, ich habe dieſe Art von ſchoͤnen Weibern in meinem Leben nicht ſon⸗ * 97 derlich gebannt, und ich glaube wohl, ſie moͤ⸗ gen eigenſinnig ſein, wie der Teufel; aber mit des Fraͤuleins Sinnesaͤnderung iſt es doch ſo verteufelt ſchnell gegangen, und zu ernſthaft, als daß es bloß eine Laune von ihr ſein koͤnn⸗ te. Ich glaube ſicherlich, Lady Aſhton verſteht ſich auf alle Maſchinen, womit man in ein menſch⸗ liches Gemuͤth einbricht, und es gibt ja de⸗ ren ſo viele fuͤr junge Maͤdchen als Kanonen und Feldſchlangen. Nun, wenn das nicht waͤre, wie zum Henker wollten wir denn je mit ihnen fertig werden. Auch wahr! erwiederte Bucklaw, und ſtuͤtzte ſich, ſtill ſtehend, auf die Stuhllehne. Aber ſteht denn nicht Ravenswood immer im Wege? Wird er die Verbindung mit Luzie aufgeben? Gewiß wird er's. Was hilft's ihm, es abzuſchlagen, da er eine andre Frau will und ſie einen andern Mann. Glaubt Ihr in allem Ernſt, daß er eine G 98 Frau im Auslande nehmen will, wie man ſagt? Ihr habt ja ſelber gehoͤrt, was der Haupt⸗ mann— Weſtenho heißt er, denk' ich, von der Geſchichte und den großen Vorbereitungen zur Hochzeit erzaͤhlt hat. Der Hauptmann iſt Einer von eurem Schlage, Craigengelt. Er zecht, er ſpielt, er flucht tuͤchtig, und ich glaube, er kann oben⸗ drein auch ein bischen luͤgen und betruͤgen. Nuͤtzliche Eigenſchaften, Craigengelt, wenn ſie bleiben, wohin ſie gehoͤren, aber bei einem Zeugen vor Gericht mochten ſie nicht empfeh⸗ lend ſein. Aber dem Oberſten Douglas Afhton werdet Ihr doch glauben? Er hoͤrte ja den Marquis von A... in oͤffentlicher Geſellſchaft ſagen— daß der Oberſt ſo nahe war, wußt er nicht— ſein Vetter haͤtte ſich beſſer verſorgt, als daß er ſei⸗ nes Vaters Guͤter fuͤr Aſhton's blaßwangige Tochter hingeben wollte, und Bucklaw ſei es 99 gern vergoͤnnt, Ravenswood's niedergetretene Schuhe zu tragen. Das hat er geſagt! rief Bucklaw, in ei⸗ ner der leidenſchaftlichen Aufwallungen, wel⸗ chen er unterworfen war. Waͤr' ich dabei ge⸗ weſen, die Zunge haͤtt' ich ihm aus dem Hal⸗ ſe geriſſen mitten unter ſeinen Guͤnſtlingen und hochlaͤndiſchen Prahlhaͤnſen? Und warum rannte ihm der Oberſt nicht den Degen in den Leib? Was weiß ich's! Verdient haͤtt' er's ge⸗ wiß, aber er iſt ein alter Mann, und ein Mi⸗ niſter, und es waͤre mehr Gefahr als Nutzen dabei, mit ihm anzubinden. Ihr ſolltet lieber daran denken, wie Ihr von dem Fraͤulein den Nachtheil abwenden koͤnntet, der fuͤr ſie daraus entſtehen moͤchte, als Euch mit einem Manne einzulaſſen, der zu alt zum Fechten iſt, und auf einem ſo hohen Stuhle ſit/ daß Ihr ihn nicht erreichen koͤnnt. 1 Ich werde ihn dennoch errechen, ſprach Bucklaw und ſeinen Vetter dazu. Ich will G 2 100 ſchon ſorgen, daß Fraͤulein Luzie die Laͤſterung nicht ſchaden ſoll... Eine dumme Geſchichte iſt s bei alle dem und ich wollte, ſie waͤre zu Ende. Ich weiß nicht, was ich zu ihr ſagen ſoll.. 4 Schenkt ein, zu guter letzt, Craigengelt. Ihre Geſundheit, und dann zu Bette! Am naͤchſten Morgen erſchien Bucklaw mit ſeinem treuen Begleiter im Schloſſe Navens⸗ wood. Sie wurden von Aſhton, ſeiner Ge⸗ mahlinn und dem Oberſten ſehr hoͤflich empfan⸗ gen. Bucklaw, ungeachtet ſeiner gewoͤhnlichen Kuͤhnheit ſo einfaͤltig blöde, als es Menſchen zu ſein pflegen, die wenig in achtbarer Geſell⸗ ſchaft gelebt haben, konnte erſt nach langem Stottern und Erroͤthen den Wunſch ausſpre⸗ chen, daß man ihm eine Unterredung mit Lu⸗ zien uͤber ihre bevorſtehende Verbindung ge⸗ ſtatten moͤge. Afyton und ſein Sohn ſahen die allgebietende Frau an, die mit der groͤßten Faſſung antwortete, Luzie werde ſogleich er⸗ ſcheinen.„Ich hoffe, ſetzte ſie laͤchelnd hinzu, unſer theurer Bucklaw wird es entſchuldigen, 101 wenn ſie meine Gegenwart bei der Unterredung wuͤnſcht, da ſie ſo ſehr jung iſt und ſich vor Kurzem zu einer Verbindung hat verleiten laſſen, deren ſie ſich jetzt von Herzen ſchaͤmt.“ Wahrhaftig, gnaͤdige Frau, darum hab' ich Euch ſelber bitten wollen, erwiederte Buck⸗ law. Ich verſtehe mich ſo wenig auf die Ga⸗ lanterie, wie ſie's nennen, daß ich gewiß ver⸗ wuͤnſchte Pudel machte, wenn Ihr nicht mei⸗ ne Dolmetſcherinn waͤret.. So vergaß Bucklaw in ſeiner unruhigen Verlegenheit ſeine gerechten Beſorgniſſe, daß Lady Afhton einen gebieteriſchen Einfluß auf das Gemuͤth ihrer Tochter ausuͤbe, und es entſchwand ihm die Gelegenheit, Luziens Ge⸗ fuͤhle durch eigene Erforſchung zu ergruͤnden. Die Uebrigen verließen das Zimmer und bald nachher trat Lady Aſhton mit ihrer Toch⸗ ter herein. Luzie ſchien, wie Bucklaw ſie bei fruͤhern Gelegenheiten geſehen hatte, mehr ru⸗ hig gefaßt, als bewegt zu ſein; aber ſelbſt ein ſchaͤrferer Beobachter, als er, wuͤrde kaum ha⸗ 702 ben beſtimmen koͤnnen, ob ihre Ruhe aus Ver⸗ zweiflung oder aus Gleichgiltigkeit entſtanden waͤre. Bucklaw war ſelber zu ſehr bewegt, als daß er die Gefuͤhle des Fraͤuleins haͤtte erforſchen koͤn⸗ nen. Er ſtammelte eine Anrede ohne Zuſam⸗ menhang, und ſchwieg, ehe er zu einem or⸗ dentlichen Schluſſe gekommen war. Luzie hoͤr⸗ te zu, oder ſah aus, als ob ſie es thaͤte, ant⸗ wortete aber nicht eine einzige Silbe, und hef⸗ tete fortdauernd ihre Blicke auf eine Stickerei, womit ihre Finger gleichgiltig, wie aus Ge⸗ wohnheit, eifrig beſchaͤftigt waren. Ihre Mut⸗ ter ſaß in einiger Entfernung, in der tiefen Fenſterwoͤlbung. Sie fliſterte mit einem Tone, der zwar ſanft und fuͤß, doch ein wenig wie Ermahnung, ja wie Befehl klang:„Liebe Lu⸗ zie, Du haſt doch gehoͤrt, was Herr Hayſtone Dir ſagte?“ Der Gedanke an ihrer Mutter Gegenwart ſchien der Erinnerung des ungluͤcklichen Maͤd⸗ chens entfallen zu ſein. Sie fuhr auf, ließ ihre Nadel fallen, und wiederhohlte haſtig, 10 gleichſam in einem Athem, die widerſprechen⸗ den Worte:„Ja, Frau Mutter— Verzeiht mir— ich hoͤrte es nicht.“ Du brauchſt nicht zu erroͤthen, liebes Kind, und noch weniger brauchſt Du ſo blaß und er⸗ ſchrocken auszuſehen, ſprach die Mutter, naͤher tretend. Wir wiſſen, ein Maͤdchen muß nicht eilig ſein, auf eines Mannes Rede zu horchen, aber Du wirſt Dich erinnern, Herr Hayſtone ſpricht von einem Gegenſtande, woruͤber ihn guͤnſtig anzuhoͤren, Du ſchon lange eingewilligt haſt. Du mußt wiſſen, wie ſehr dein Vater und ich nach einem ſo erwuͤnſchten Ereigniſe ſich ſehnen. Die Edelfrau wußte den Ton eines ein⸗ dringlichen, ja ſtrengen Winkes in ihrer Stim⸗ me ſehr geſchickt unter dem Scheine liebevoller Mutterzaͤrtlichkeit zu verbergen. Der Schein war fuͤr Bucklaw, der ſich leicht taͤuſchen ließ, der Inhalt der Warnung fuͤr die erſchrockene Luzie, die ihrer Mutter Winke wohl zu erklaͤ⸗ * 10½ ren verſtand, wie die Schlaue auch die Bedeu⸗ tung verſchleiert haben mochte. Das Fraͤulein ſaß aufgerichtet auf ihrem Stuhle, und warf einen Blick um ſich her, worin Furcht mit einem wildern Ausdrucke verſchmolzen war, blieb aber voͤllig ſtumm. Bucklaw, der unterdeſſen auf und nieder ge⸗ gangen war, und ſich gefaßt hatte, blieb in einiger Entfernung von ihr ſtehen, und brach in folgende Worte aus:„Ich glaube, Fraͤu⸗ lein Aſhton, ich bin ein rechter Thor geweſen. Ich habe mit Euch zu ſprechen verſucht, wie junge Frauenzimmer, als man mir ſagte, gern ſprechen hoͤren, und es kommt mir vor, als wenn Ihr mich gar nicht verſtanden haͤttet. Kein Wunder auch, denn ich will verdammt ſein, wenn ich mich ſelber verſtehe. Aber ein⸗ mahl fuͤr allemahl will ich's gerade heraus ſagen, Eure Aeltern ſind mit dem Antrag zufrieden, und wenn Ihr einen ehrlichen jungen Kerl zum Manne nehmen koͤnnt, ſo wird er Euch nie in etwas zuwider ſein, was Ihr wuͤnſcht; ———— 105 Ihr kommt in die beßte Wirthſchaft in der gan⸗ zen Gegend, Ihr ſollt ein huͤbſches Haus in Edinburgh haben, Ihr koͤnnt gehn, wohin Ihr wollt, und thun was Ihr wollt, und ſehn was Ihr wollt, und das iſt meine aufrichtige Mei⸗ nung. Nur muͤßt Ihr mir eine Ecke am Ti⸗ ſche laſſen fuͤr einen alten Kameraden, deſſen Geſellſchaft ich freilich lieber los waͤre, aber der verwuͤnſchte Kerl hat mich uͤberredet, ich koͤnnte ihn nicht entbehren, und ich denke, Ihr werdet nichts gegen Craigengelt einzuwen⸗ den haben, wenn ſich auch wohl beſſere Geſell⸗ ſchaft finden ließe.“ Wie koͤnnt Ihr doch glauben, Bucklaw, ſiel die Mutter wieder ein, daß Luzie gegen den ſchlichten, ehrlichen, gutmuͤthigen Haupt⸗ mann Craigengelt das Mindeſte einzuwenden habe. 8 1 J nun, gnaͤdige Frau, was ſeine Aufrichtig⸗ keit, Ehrlichkeit und Gutmuͤthigkeit anlangt, das gehoͤrt nicht hierher, aber er kennt nun einmal meine Art und Weiſe, er iſt mir nuͤtz⸗ 1⁰6 lich, und wie geſagt, ich kann ihn nicht ent⸗ behren. Aber alles dieß gehoͤrt nicht zur Sa⸗ che— und weil ich nun einmal meinen Muth zuſammen genommen habe, um einen aufrich⸗ tigen Antrag zu machen, ſo moͤchte ich gern aus des Fraͤuleins eigenem Munde auch eine aufrichtige Antwort haben. Lieber Bucklaw, ſprach die Edelfrau, laßt mich Luziens Schuͤchternheit ſchonen. Ich ſa⸗ ge Euch in ihrer Gegenwart, ſie hat bereits ihre Einwilligung gegeben, ſich in dieſer Sa⸗ che von ihrem Vater und mir leiten zu laſſen. Liebe Luzie, ſetzte ſie hinzu, und wieder mit dem Tone, worin Milde und ſchneidende Kraft ſo ſonderbar ſich vereinten: ſprich doch felber! Iſt es nicht ſo? Das ungluͤckliche Opfer ſprach mit einer zitternden, tiefen Stimme:„Ich habe verſpro⸗ chen, Euch zu gehorchen, aber unter einer Be⸗ dingung. Sie meint, ſprach die Edelfrau, zu Buck⸗ law ſich wendend: daß ſie eine Antwort erwar⸗ 107 tet von dem Manne in Wien, oder Regens⸗ burg, oder Paris, oder wo er ſonſt ſein mag, der ihr die Verpflichtung zuruͤck geben ſoll, wo⸗ zu er ſie liſtig zu verleiten gewußt hat. Ge⸗ wiß, mein theurer Freund, werdet Ihr's nicht fuͤr unrecht halten, daß ſie uͤber dieſen Punkt ſo zart fuͤhlt; es iſt uns allen ja daran ge⸗ legen. Ganz richtig— ſehr gut ſo! antwortete Bucklaw, und traͤllerte halb fuͤr ſich das Ende eines alten Liedchens: Löſ' erſt der alten Liebe Band, und dann gib wieder deine Hand. Aber ich daͤchte, fuhr er nach einer Pauſe fort, es haͤtte ſchon ſechsmal eine Antwort von Ravenswood da ſein koͤnnen. Meiner Treu' ich gehe ſelber und hohle ſie, wenn's das Fraͤu⸗ lein mir auftragen will. Nicht doch! ſiel die Edelfrau ein. Wir haben unſern Sohn, den Oberſten, nur mit Muͤhe von einem ſo unbedachtſamen Schritte abhalten koͤnnen, der ſonſt fuͤr ihn doch am 108 ſchicklichſten waͤre, und Ihr koͤnnt glauben, wir wuͤrden es Euch— Ihr ſeid uns ja faſt eben ſo theuer— wir wuͤrden es Euch erlau⸗ ben, ein ſo mißliches Geſchaͤft bei einem Man⸗ ne von ſo heftigem Sinne auszurichten? Alle Freunde unſeres Hauſes ſind der Meinung, und meine liebe Luzie ſelber muß ſo denken, daß auch hier, wie in andern Faͤllen, Schweigen fuͤr Einwilligung gelten muß, da der unwuͤrdi⸗ ge Menſch ihren Brief nicht beantwortet hat. Mein Mann, der die Sache doch wohl am beßten verſtehen muß, iſt der veſten Meinung, daß ein Vertrag fuͤr aufgehoben zu halten iſt, wenn der eine Theil nicht darauf beſteht, und Du wirſt alſo, liebe Luzie— Frau Mutter, ſprach Luzie mit ungewoͤhn⸗ licher Staͤrke, dringt nicht weiter in mich! Wird mir dieſe ungluͤckliche Verpflichtung er⸗ laſſen, dann ſollt Ihr uͤber mich nach Eurem Willen ſchalten, wie ich ſchon geſagt habe. Aber ſo lange das nicht geſchehen iſt, wuͤrde ich eine ſchwere Suͤnde in den Augen Gottes 109 und der Menſchen begehen, wenn ich Euer Verlangen erfuͤllen wollte. Aber, liebes Kind, wenn dieſer Menſch hartnaͤckig ſchweigt— Er wird nicht ſchweigen, erwiederte Lutie: ich habe ihm vor ſechs Wochen eine Abſchrift meines erſten Briefes durch eine ſichre Hand geſchickt. Das haſt Du nicht— das konnteſt Du nicht— das durfteſt Du nicht— ſprach die Mutter mit einer Heftigkeit, die gar nicht zu dem Tone paßte, den ſie bis dahin angenom⸗ men hatte, aber ſchnell ſich beſinnend, ſetzte ſie hinzu, mit dem mildeſten Tone des Vorwur⸗ fes: Liebſte Luzie, wie konnteſt Du an ſo etwas denken? Thut nichts! hel Bucklaw ein. Ich achte Fraͤulein Afhton wegen ihrer Geſinnungen, und ich wuͤnſchte nur, ich waͤre ſeler ihr Bote ge⸗ weſen. und wie lange, ſprach die Mutter ſpoͤttiſch zu Luzien, ſollen wir auf die Nuͤckkehr deines 110 Boten aus dem Geiſterreiche warten, da un⸗ ſern Eilboten von Fleiſch und Blut in dieſer Sache nicht getraut werden konnte? Ich habe Wochen, Tage, Stunden und Minuten gezaͤhlt, erwiederte das Fraͤulein, und in der naͤchſten Woche werd' ich Antwort ha⸗ ben, wenn er nicht todt iſt. Darf ich Euch um etwas anſprechen, wandte ſie ſich darauf zu Bucklaw, ſo bittet meine Mutter, daß ſie bis dahin Geduld mit mir habe. Ich will Eure Frau Mutter inſtaͤndig da⸗ rum bitten, erwiederte Bucklaw. Bei meiner Ehre, Fraͤulein, ich achte Eure Gefuͤhle, und ſo ſehr mir die Sache jetzt am Herzen liegt, ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich wuͤrde ſie aufgeben, wenn ſie ſo betrieben werden ſollte, daß es Euch nur einen Augenblick Kummer machte. Herr Hayſtone kann das nicht fuͤrchten, ſprach die Edelfrau, vor Aerger erblaſſend. Das Gluͤck der Tochter liegt jg in dem Buſen der 111 Mutter.— Aber in welchen Ausdruͤcken war Dein letzter Brief geſchrieben? Ganz in denſelben Ausdruͤcken, die Ihr mir fruͤher in die Feder geſagt habt, erwiederte Luzie. G Nach acht Tagen alſo, hob die Mutter mit dem Tone der Zaͤrtlichkeit wieder an, duͤr⸗ fen wir hoffen, liebes Kind, die Zeit der Er⸗ wartung geendigt zu ſehn? Fraͤulein Afhton muß nicht gedraͤngt wer⸗ den, ſprach Bucklaw, der bei aller Rohheit nicht ohne Gutmuͤthigkeit war. Boten koͤnnen unfaͤlle haben, oder aufgehalten werden. Laßt mich in den Kalender ſehn. In zwanzig Ta⸗ gen haben wir Sankt⸗Judas. Den Tag vor⸗ her muß ich zu Caverton⸗Edge beim Pferde⸗ rennen ſein. Ich kann freilich die ganze Nacht reiten, und allenfalls koͤnnte mir auch Crai⸗ gengelt Nachricht bringen, wie der Handel ab⸗ gelaufen iſt— bis dahin alſo werde ich Fraͤu⸗ lein Aſhton nicht wieder beſchweren, und ich hoffe, gnaͤdige Frau, Ihr ſelber und Euer Herr * 2 112 Gemahl und der Oberſt Douglas werden ſo gut ſein, dem Fraͤulein dieſe Zeit zu goͤnnen, ihr Gemuͤth ungeſtoͤrt zu beruhigen. Ihr ſeid großmuͤthig, ſprach Luzie. Ich will nichts ſein, erwiederte Bucklaw, als, wie ich ſchon geſagt habe, ein aufrichti⸗ ger, gut geſinnter Mann, der Euch gern gluͤcklich machen will, wenn Ihr's ihm erlau⸗ ben wollt, und ihm ſagt, wie er's kann. Nach dieſen Worten nahm er Abſchied, lebhafter bewegt, als es bei ſeiner Gefuͤhlſtim⸗ mung gewoͤhnlich war. Die Sdelfrau begleitete ihn, als er hinaus ging. An der Thuͤre gab ſie ihm die Verſiche⸗ rung, ihre Tochter laſſe ſeiner aufrichtigen Zu⸗ neigung volle Gerechtigkeit widerfahren, und bat ihn, vor ſeiner Abreiſe erſt mit ihrem Manne zu ſprechen.„Denn— ſetzte ſie hin⸗ zu, einen Blick auf Luzien zuruͤck werfend: am Sankt⸗Judastage muͤſſen wir Alle bereit ſein, zu unterſchreiben und zu ſie⸗ geln.* 1 213 Zu unterſchreiben und zu ſiegeln! wieder⸗ hohlte Luzie, leiſe fuͤr ſich, als die Thuͤre ſich ſchloß: Unterſchreiben und ſiegeln—— und ſterben! Sie ſchlug bei dieſem Ausrufe ihre abgemagerten Haͤnde zuſammen und ſank, wie betaͤubt, in den Lehnſtuhl zuruͤk. Sie ward bald aufgeſtoͤrt durch ihren Bru⸗ der Heinrich, der laͤrmend herein trat, und ſie an ihr Verſprechen erinnerte, ihm zwei Ellen fleiſchfarbiges Band zu den Schleifen an ſei⸗ nen neuen Kniebaͤndern zu geben. Mit ſtill gefaßter Geduld ſtand Luzie auf, hohlte aus ei⸗ nem elfenbeinernen Kaͤſtchen das Band, wel⸗ ches der Knabe wuͤnſchte, ſchnitt nach dem Maße ab, und knuͤpfte ihm die Schleifen, wie er es verlangte. Mach' das Kaͤſtchen noch nicht zu, ſprach Heinrich, Du mußt mir auch noch ein Bis⸗ chen Silberdraht geben, daß ich meinem Fal⸗ ken die Schellen veſt machen kann. Werth iſt's der neue Falke freilich nicht, daß ich mir ſo viel Muͤhe gebe. Er iſt nicht beſſer als ein H 114 gewoͤhnlicher Stoßvogel. Denk' Dir nur, er ſchießt auf das Rebhuhn los, daß es blutet, und laͤßt's wieder fliegen. Aber was kann der arme Vogel dann anders thun, als ſich abquaͤ⸗ len und ſterben, auf der erſten Brache, oder im Buſch, wenn er ſo weit flattern kann. Recht, lieber Heinrich, ſehr recht! ſprach Luzie wehmuͤthig und hielt des Knaben Hand veſt, als ſie ihm den Silberdraht gegeben hatte. Aber es gibt mehr Raubvoͤgel in der Welt, als Dein Falke, und mehr verwundete Voͤgel, die gern in Ruhe ſterben moͤchten, und weder ein Brachland, noch ein Gebuͤſch finden koͤnnen, um ihr Haupt zu verbergen. O das iſt etwas aus Deinen Liebesbuͤchern! ſprach der Knabe. Die haben Dir den Kopf⸗ verdreht, wie der Bruder ſagt. Aber ich hoͤre Norman pfeifen; ich muß zu meinem Falken gehn. Bei dieſen Worten ſprang der Knabe in gedankenloſer Froͤhlichkeit hinaus und ließ ſeine 115 Schweſter allein mit ihren ſchmerzlichen Be⸗ trachtungen. Es iſt beſchloſſen, ſprach ſie, jedes leben⸗ de Weſen, ſelbſt die am freundlichſten gegen mich ſein ſollten, wollen mich meiden und uͤberlaſſen mich denjenigen, die mich bedraͤn⸗ gen. Aber es mußte ſo kommen— allein und unberathen hab' ich mich in dieſe Gefahren verwickelt— allein und unberathen muß ich mich herausziehen, oder ſterben. . 146 V. Man muß ſich erinnern, unter welcher ſtren⸗ gen haͤuslichen Zucht zu jener Zeit die Frauen in Schottland gehalten wurden, wenn man ſich erklaͤren will, wie Bucklaw, in der That ein gutgeſinnter Menſch, ſein Urtheil bei der Bewerbung um Luzien gaͤnzlich der Leitung ihrer Mutter unterwerfen konnte. Die Sitten in Schottland waren damahl, in dieſer und mancher andern Hinſicht, wie in Frankreich vor der Revolution. Die Toͤchter der Vorneh⸗ men erhielten ſelten vor ihrer Verheirathung Zutritt in der Geſellſchaft, und ſtanden nach dem Geſetze und in der That unter der ſtren⸗ gen Vormundſchaft ihrer Aeltern, die nur zu —, 117 oft das Lebensloos derſelben beſtimmten, ohne auf die Neigung der Parteien die mindeſte Nuͤckſicht zu nehmen. Der Freier erwartete nicht viel mehr von ſeiner Braut, als eine ſtillſchweigende Genehmigung des Willens ihrer Aeltern, und da ſich ſelten Gelegenheit fand, Bekanntſchaft, oder ein vertraulicheres Verhaͤlt⸗ niß zu ſtiften, ſo waͤhlte er bloß nach der Außenſeite. Kein Wunder alſo, daß auch Bucklaw, den ſeine ungebundene Lebensweiſe von guter Ge⸗ ſellſchaft entfernt gehalten hatte, von ſeiner erwaͤhlten Braut nicht die Gefuͤhle erwartete, gegen welche ſelbſt Maͤnner von mehr Sinn, Erfahrung und Ueberlegung wohl auch gleich⸗ giltig geweſen waͤren. Er wußte, daß ihre Angehoͤrigen und Freunde fuͤr ihn geſtimmt waren, und dieß hielt er fuͤr die Hauptſache. Das Betragen des Marquis von A. ſeit ſeines Vetters Abreiſe, hatte Edgars Verbin⸗ dung mit Luzien faſt unmoͤglich gemacht. Er war des Juͤnglings aufrichtiger Freund, aber, —õõxixixxx 118 wie mancher Freund und Goͤnner, beachtete er nur, was er fuͤr ſeines Vetters wahren Vor⸗ theil hielt, obgleich er wußte, daß er dadurch den Neigungen deſſelben in den Weg trat. Im Beſitze herrſchender Gewalt, brachte er ei⸗ ne Berufung gegen die richterlichen Spruͤche, durch welche Aſhton Edgars Erbtheil erlangt hatte, vor das ſchottiſche Parliament. Die Gegner der neuen Machthaber nannten dieſe Einmiſchung in die richterliche Gewalt eine beiſpielloſe, harte Willkuͤhr; und man kann denken, was Afhton und die Seinigen daruͤber ſagten und dachten, da ſelbſt Fremde, die nur durch gleiche Parteianſichten mit ihnen ver⸗ bunden waren, ſo viel Unmuth aͤußerten. Aſhton war außer ſich uͤber den Verluſt, der ihm drohte. Seines Sohnes ſtolzerer Geiſt ge⸗ 7 rieth in Wuth bei dem Gedanken, das vaͤter⸗ liche Erbtheil einzubuͤßen. Das rachſuͤchtige Gemuͤth ſeiner Mutter fand in Ravenswoods, oder vielmehr ſeines Goͤnners, Betragen eine Beleidigung, welche zur bitterſten, unaus⸗ füͤndhafte Verbindung mit dem Todfeinde ih⸗ 1¹19 loͤſchlichſten Rache auffoderte. Selbſt auf die ſanfte, vertrauende Luzie hatten die Meinun⸗ gen, welche alle ihre Umgebungen aͤußerten, ſo viel Einfluß, daß ſie Edgars Benehmen fuͤr uͤbereilt, ja fuͤr unfreundlich hielt.„Es war mein Vater, ſprach ſie ſeufzend, der ihn hier willkommen hieß, und unſere Freundſchaft er⸗ munterte, wenigſtens erlaubte. Haͤtte er nicht daran denken, haͤtte er nicht, zur Vergeltung, die Verfolgung ſeiner angeblichen Rechte auf⸗ ſchieben ſollen? Fuͤr ihn haͤtte ich gern zwei⸗ mal ſo viel eingebuͤßt, als dieſe Guͤter werth ſind, nach welchen er mit einer Begierde trach⸗ tet, die mir wohl beweiſen kann, daß er ver⸗ geſſen hat, wie ſehr ich dabei verwickelt bin. Luzie konnte dieſe Klagen nur heimlich ausſprechen, um die Vorurtheile gegen ihren Freund nicht zu vermehren, welche Alle um ſie her hegten. Man bot alles auf, um ſie zu be⸗ wegen, ihren Bund mit Ravenswood aufzuhe⸗ ben, den man eine aͤrgerliche, ſchimpfliche und 120 res Hauſes nannte, wodurch ſie den bittern Gram ihrer Aeltern erhoͤhe. Luzie hatte Muth, und wenn auch unbe⸗ rathen und allein, haͤtte ſie doch viel erdulden, haͤtte ihres Vaters Kummer, ſein Murren gegen die neuen Machthaber, ſeine Aeußerungen gegen Edgars Undankbarkeit, ſeine endloſen Vorleſungen uͤber die verſchiedenen Arten, Vertraͤge zu vernichten und uͤber die raͤterliche Gewalt ertragen koͤnnen. Auch wuͤrde ſie die bitteren Ausfaͤlle ihres aͤlteren Bruders, ſo wje die unbeſcheidene und zudringliche Einmi⸗ ſchung anderer Freunde und Verwandten, er⸗ tragen oder mit Verachtung zuruͤckgewieſen ha⸗ ben; aber es ſtand nicht in ihrer Macht, der ſteten und unaufhoͤrlichen Verfolgung ihrer Mutter zu widerſtehen oder auszuweichen. Je⸗ den andern Wunſch legte Lady Aſhton bei Seite, und bot alle Kraft ihres harten Ge⸗ muͤths auf, um den Bund zwiſchen ihrer Tochter und Navenswood zu zerreißen, und durch Luziens Verbindung mit Bucklaw eine ——— 121 ewige Scheidewand zwiſchen den beiden Lieben⸗ den aufzurichten. Beſſer als ihr Mann mit den tiefſten Falten des Menſchenherzens be⸗ kannt, ſah ſie ein, daß ſie auf dieſe Weiſe die bitterſte Rache an einem Manne nehmen koͤnne, in welchem ſie ihren Todfeind erblickte, und ſie zoͤgerte nicht, ihren Arm zu erheben, obgleich ſie wußte, daß die Wunde durch die Bruſt ihrer Tochter gehen mußte. Mit die⸗ ſem ſtrengen Vorſatze erforſchte ſie Luziens Gemuͤth, indem ſie bald in dieſer, bald in jener Geſtalt ſich zeigte, wie es ihren Abſich⸗ ten nuͤtzlich ſein konnte, und bereitete ſich auf alle die Raͤnke, die dazu dienen koͤnnen, ein menſchliches Gemuͤth von ſeinem Vorhaben abzubringen. Es war vor allen Dingen wichtig, allen Verkehr zwiſchen den Liebenden aufzuheben, und durch Geld und Anſehen gelang es ihr, ſich Aller, die um ihre Tochter waren, voll⸗ kommen zu verſichern, waͤhrend Luzie dem aͤu⸗ beren Anſchein nach, gar keine Einſchraͤnkung — 122 erlitt. Die Graͤnze des vaͤterlichen Gutes war faͤr ſie wie der Zauberkreis um ein Feenſchloß/ dem ohne Bewilligung nichts ſich nahen, nichts entrinnen kann. Jeder Brief, worin Edgar Luzien die unvermeidlichen Urſachen ſeiner ver⸗ zoͤgerten Nuͤckkehr mittheilte, jeder Brief, den die arme Luzie ihm auf einem Wege ſchicken wollte, den ſie fuͤr ſicher hielt, ſiel in die Haͤnde ihrer Mutter. Dieſe aufgefangenen Briefe, beſonders von Edgar, mußten man⸗ ches enthalten, was die Leidenſchaften der rach⸗ ſuͤchtigen Frau reizte, und ihren Eigenſinn be⸗ veſtigte, aber ihre Lidenſchaften waren zu tief gewurzelt, als daß ſie dieſer friſchen Nahrung bedurft haͤtten. Sie verbrannte alles, ſobald ſie es geleſen hatte, und wenn die Blaͤtter in Rauch aufgegangen waren, blickte ſie auf die zerfallene Aſche, und das Laͤcheln auf ihren zuſammengepreßten Lippen, der Jubel in ihrem ſtierem Blicke, verriethen ihre Zuverſicht, daß die Hoffnungen der Liebenden bald eben ſo zerfallen wuͤrden. 1 123 Gewoͤhnlich beguͤnſtigt das Gluͤck die Naͤn⸗ ke derjenigen, welche jeden ſich darbietenden Zufall zu benutzen bereit ſind. Edgar ſei im Begriff, ſich mit einem reichen Fraͤulein von hohem Range auf dem veſten Lande zu vermaͤh⸗ len, erzaͤhlte ein Geruͤcht, das ſich auf eini⸗ ge ſcheinbare Umſtaͤnde ſtuͤtzte, aber ohne wirk⸗ lichen Grund war. Selbſt der Marquis von A. hatte es, wenn auch nicht in den groben Ausdruͤcken, die Craigengelt ihm beilegte, laut beſtaͤtigt. Er halte das Geruͤcht fuͤr hoͤchſt wahrſcheinlich, waren ſeine Worte geweſen, und wuͤnſche von Herzen, es moͤge ſich bewaͤh⸗ ren; denn eine ſolche Heirath ſei ſchicklicher und weit ehrenvoller fuͤr einen wackeren jungen Mann, als eine Verbindung mit der Tochter eines alten Rechtsgelehrten, deſſen Raͤnke Ed⸗ gars Vater zu Grunde gerichtet haͤtten. Man war ſorgfaͤltig bemuͤht, dieſes Geruͤcht auf ver⸗ ſchiedenen Wegen in das Schloß Ravenswood zu bringen, da Luziens Mutter wohl einſah, daß die Sage durch oͤftere Wiederhohlung end⸗ —— — ———— —õʒ —— lich einen Schein von Wahrheit gewinnen wer⸗ de. Selbſt der kleine Heinrich wurde zum Werkzeuge gebraucht, die Qualen ſeiner Schwe⸗ ſter zu ſchaͤrfen. Eines Tages kam er ins Zimmer mit einem Weidenzweige in der Hand, welcher, wie er ſagte, ſo eben fuͤr ſie aus Deutſchland angekommen ſei. Luzie hing ſehr an ihrem juͤngeren Bruder, und ſeine muth⸗ willige und unbeſonnene unfreundlichkeit kraͤnk⸗ te ſie in dieſem Augenblicke tiefer, als ſelbſt die abſichtlichen Beleidigungen ihres aͤlteren Bruders. Ihr Gram hatte jedoch keinen Schat⸗ ten von Unwillen; ſie ſchlang ihre Arme um den Hals des Knaben, ſprach mit matter Stimme:„Guter Heinrich, Du ſagſt nur,⸗ was man Dir vorgeſagt hat“— und unauf⸗ haltſam floſſen ihre Thraͤnen. Der Knabe war, trotz ſeiner jugendlichen Unbeſonnenheit, tief gerührt.„ Nein wahrhaftig, Luzie, ſprach er, ich will mich nicht wieder mit ſolchen quaͤlenden Nachrichten zu Dir ſchicken laſſen. Ich liebe Dich mehr“ ſetzte er hinzu, ihre N 125 Thraͤnen wegkuͤßend:„als all' die Andern. Ich will Dir mein Grauſchimmelchen leihen, wenn Du willſt, und Du ſollſt auch uͤber das Dorf hinaus reiten, wenn Du Luſt haſt.“ Wer hat Dir denn geſagt, fragte Luzie, daß ich nicht reiten duͤrfte, wohin ich will? Das iſt ein Geheimniß, antwortete der Knabe, aber gib nur Acht, reiteſt Du weiter als bis zum Dorfe, ſo wird Dein Pferd ein Eiſen verlieren, oder lahm werden, oder die Schloßglocke gelaͤutet werden, oder es geſchieht ſonſt etwas, daß Du zuruͤck mußt. Aber ich ſage Dir nichts mehr von dieſen Dingen, ſonſt gibt mir mein Bruder nicht die neue Fahne, die man mir verſprochen hat. Leb wohl! Dieſes Geſpraͤch machte Luzien noch nie⸗ dergeſchlagener, denn ſie ſah nun deutlich, daß ſie nicht viel mehr, als eine Gefangene in ih⸗ res Vaters Hauſe war, wie ſie ſchon lange geargwohnt hatte. Wir haben ſchon erzaͤhlt, daß ſie in ihrer ſchwaͤrmeriſchen Stimmung ſich an Liehesgeſchichten und Wunderſagen er⸗ 8* 126 freute, und ſich gern an die Stelle der Maͤhr⸗ chenheldinnen verſetzte, mit deren Abenteuern ſie aus Mangel an beſſerer Leſerei ihr Gedaͤcht⸗ niß gefuͤllt hatte. Das Feenſtaͤbchen, womit ſie ſonſt in ihrer Einſamkeit froͤhliche Zauber⸗ bilder erweckt hatte, wurde fuͤr ſie jetzt eines furchtbaren Zauberers Stab, dem boͤſe Geiſter dienſtbar waren, und der nur Geſpenſtergeſtal⸗ ten hervorrief, vor welchen die Beſchwoͤrerinn ſelbſt erbebte. Sie fuͤhlte, daß ſie ein Gegen⸗ ſtand des Verdachts, des Mißfallens wenig⸗ ſtens, wo nicht des Haſſes, ihrer Angehoͤri⸗ gen war, und es ſchien ihr endlich, daß ſelbſt derjenige ſie verlaſſen habe, um deſſentwillen Alle ſie anfeindeten, denn taͤglich ſchien Ed⸗ gars Untreue wahrſcheinlicher zu werden. Ein Kriegsmann, ein alter Bekannter Craigen⸗⸗ gelts, kam gerade um dieſe Zeit vom veſten Lande. Der Hauptmann, der immer eifrig bemuͤht war, die Abſichten der Lady Aſhton zu unterſtuͤtzen, ohne ſich aber ausdruͤcklich mit ihr zu beſprechen, bewog leicht ſeinen Freund ——— 127 von Ravenswoods bevorſtehender Vermaͤhlung ein ausdruͤckliches Zeugniß abzulegen. Von allen Seiten bedraͤngt, und faſt zur Verzweif⸗ lung gebracht, erlag Luziens Gemuͤth unter dem Drucke des Kummers und der Verfol⸗ gung. Sie wurde finſter und tiefünnig und gegen ihre gewoͤhnliche Stimmung wandte ſie ſich zuweilen mit Muth, und ſelbſt mit Hef⸗ tigkeit, gegen diejenigen, von welchen ſie lan⸗ ge und hart gequaͤlt wurde. Ihre Geſundheit begann zu wanken; ihre blaſſen Wangen, und ihr unruhig umherirrendes Auge verriethen, daß ihr Gemuͤth angegriffen war: Andere Muͤtter wuͤrde dieß zu Mitleid bewegt haben, aber ih⸗ re Mutter, ſtarr und veſt in ihzem Entſchluſſe, ſah dieſe Erſchuͤtterung der Geſundheit und des Gemuͤths ihrer Tochter nicht mit groͤßerer Theilnahme, als der Belagerer die Thuͤrme ei⸗ ner eingeſchloſſenen Stadt, vor dem Geſchuͤtze erzittern ſieht; ſie wollte vielmehr in Luziens Aufwallungen und ungleichen Launen nur Zei⸗ chen eines ermattenden Entſchluſſes erblicken. — ͦ 1—ÿ um die Entſcheidung zu beſchleunigen, nahm ſie endlich ihre Zuflucht zu einem Mittel, das mit der Stimmung und Leichtglaͤubigkeit ihres Zeitalters ſehr vertraͤglich war, ſo teufliſch es uns erſcheint. Luziens ſchwaͤchlicher Zuſtand verlangte bald eine geſchicktere Krankenwaͤrterinn, als ſich unter den weiblichen Dienſtboten des Hau⸗ ſes fand. Ihre Mutter waͤhlte dazu aus gu⸗ ten Gruͤnden die achtzigjaͤhrige Alte, die wir am Sterbelager der blinden Alix ſchon einmahl ge⸗ ſehen haben, und unter den Landleuten die klu⸗ ge Frau hieß. Die Alte war beruͤhmt wegen wunderöarer Heilung bedenklicher Krankheiten, die kein Arzt hatte bezwingen koͤnnen, wozu ſie Kraͤuter, zu beſtimmten Zeiten geſammelt, oder Worte, Zeichen und andre geheimniß⸗ volle Mittel anwenden ſollte. Dieß war der bekannte Beruf der Alten, aber ihre argwoͤhni⸗ ſchen Nachbarn trauten ihr zu, daß ſie ſich heimlich mit der Hexenkunſt abgebe. Sie ſel⸗ ber wollte begreiflicher Weiſe von einem Bun⸗ 8 a29 de mit dem Boͤſen nichts wiſſen, weil fee ſonſt bald zum Scheiterhaufen haͤtte wan⸗ dern muͤſſen; ihre Hexerei ſagte ſie, ſei ganz unſchuldig und unſchaͤdlich; aber deßungeach⸗ tet gab ſie ſich mit Wahrſagerei und Traum⸗ deutung ab/ verfertigte Liebestraͤnke, entdeckte geſtohlene Guͤter, ſchloß und trennte Liebes⸗ verbindungen, ſo gut als ob in allen dieſen Kuͤnſten Beelzebub ihr beigeſtanden haͤtte. Sie war das Werkzeug, deſſen die grauſa⸗ me Mutter ſich bedienen wollte, das Gemuͤth ihrer Tochter voͤllig zu unterjochen. Eine Frau von geringerem Stand wuͤrde einen ſolchen Schritt nicht gewagt haben; aber ihr Rang und ihre kraͤftige Gemuͤthsart ſetzten ſie uͤber 1 den Tadel der Welt hinaus, und man ſagte ihr ſogar, ſie habe die beßte Krankenpflegerinn gewaͤhlt, die weit und breit zu finden waͤre, Die Alte uͤbernahm bereitwillig das Amt, und errieth ſchlan die Abſicht der Mutter, ohne ihr eine peinliche Erklaͤrung noͤthig zu machen. Sie paßte ziemlich gut zu der ihr beſtimmten 3 230 Rolle, wozu ſo viel Kenntniß des menſchlichen Herzens und der Leidenſchaften gehoͤrte, als ſie beſaß. Es entging ihr nicht, daß ihre ſcheuß⸗ liche Geſtalt Luzien Schauder erweckte, aber waͤhrend ſie das arme Maͤdchen fuͤr dieſe un⸗ willkuͤhrliche Regung des Abſcheus mit heimli⸗ chem Haſſe ſtrafte, begann ſie ihre Verſuche damit, jene Vorurtheile zu beſiegen, die ſie im Herzen als eine toͤdliche Beleidigung em⸗ pfand. Dieß ward ihr nicht ſchwer, und ihre aͤußere Haͤßlichkeit wurde bald weniger beachtet, als ſte gegen Luzien nur Guͤte und Theilnah⸗ me zeigte, welche das arme Kind ſeit einiger Zeit ſo wenig geſehen hatte. Durch ihren Dienſteifer und ihre Geſchicklichkeit in der Krankenpflege gewann ſie in Kurzem das Ohr, ja das Vertrauen der Leidenden, und unter dem Vorwande, die Einſamkeit der Kranken⸗ ſtube zu erheitern, feſſelte ſie bald die Auf⸗ merkſamkeit des Fraͤnleins durch Maͤhrchen und Sagen, worin ſie gut bewandert war. Anfangs waren es heitere Erzaͤhlungen, aber 4 231 allmaͤhlig wurden ſie finſterer und geheimniß⸗ voller, und wuͤrden, bei der mitternaͤchtlichen Lampe erzaͤhlt, durch den bebenden Ton, die zitternde, bleiche Lippe, den aufgehobenen duͤr⸗ rem Zeigefinger, und das wackelnde Haupt der alten Hexe verſtaͤrkt, auch eine minder glaͤubi⸗ ge Einbildungskraft wohl erſchreckt haben. Die Alte ſah den Vortheil, den ſie gewonnen hat⸗ te, und zog den Zauberkreis immer naͤher um das Opfer. Ihre Maͤhrchen bezogen ſich nur auf die Schickſale des Hauſes Ravenswood, deſſen alte Groͤße und Macht die leichtglaͤubige Sage mit vielen wunderbaren Umſtaͤnden in Verbindung gebracht hatte. Die Geſchichte von dem verhaͤngnißvollen Born ward ausfuͤhr⸗ lich und mit ſchrecklichen Zuſätzen erzaͤhlt. Die Prophezeihung von der todten Braut, die der letzte Ravenswood gewinnen ſollte, erhielt ihre beſondere geheimnißvolle Deutung, und da die ſeltſame Erſcheinung, die Edgar im Wal⸗ de gehabt hatte, durch ſeine haſtigen Nachfor⸗ ſchungen in der Huͤtte der alten Alix zum J a r 13³ Theil war verrathen worden, ſo gab auch dieſe Stoff zu vielen Uebertreibungen. Luzie wuͤrde dieſe Maͤhrchen verachtet haben, wenn ſie eine andere Familie betroffen haͤtten und ihre Lage weniger troſtlos geweſen waͤre. Nun aber ward der Gedanke, daß ein ungluͤckliches Verhaͤngniß uͤber ihre Neigung walte, herrſchend in ihrer Seele, und der truͤ⸗ be Aberglaube verfinſterte ein Gemuͤth, das durch Leiden, Ungewißheit und das druͤckende Gefuͤhl der Einſamkeit und Abgeſchiedenheit ſchon ſo tief gebeugt war. Es wurde manche Geſchichte erzaͤhlt, die ſo viel Aehnlichkeit mit dem Schickſale des Fraͤuleins hatte, daß die Ungluͤckliche nach und nach ſich verleiten ließ, mit ihrer Waͤrterinn, auf welche ſie noch im⸗ mer ſchaudernd blickte, von dieſen traurigen, und geheimnißvollen Gegenſtaͤnden ſich zu un⸗ terhalten. Die Alte wußte dieſes halbe Zu⸗ trauen zu benutzen. Sie leitete Luziens Ge⸗ danken auf die Kunſt, in der Zukunft zu le⸗ ſen, vielleicht das ſicherſte Mittel, ein Ge⸗ 133 müth zu zerruͤtten. Vorbedeutungen wurden erklaͤrt, Traͤume gedeutet, und vielleicht lauch andre Gaukeleien angewendet, wie wenigſtens aus der peinlichen Unterſuchung, die einige Zeit nachher gegen die Alte verhaͤngt wurde, ſich zu ergeben ſchien. Sie ward unter an⸗ dern beſchuldigt, ſie habe einem Maͤdchen von Stande in einem Spiegel einen abweſenden jungen Mann, mit welchem jene verlobt geweſen/ in dem Augenblicke geteigt, wie er einer an⸗ dern ſeine Hand gegeben. Hatte die Alte wirk⸗ lich eine ſolche Gaukelei gemacht, ſo mußte ſie offenbar einen beſſern Beiſtand zur Vollfuͤn⸗ rung des Betrugs gehabt haben, als ſie in ih⸗ ren eigenen Hilfsmitteln finden konnte. Der gezeimnißvolle Verkehr hatte ſeine gewoͤhnliche Wirkung. Luziens Gemuͤth ward zerruͤttet. Ihre Geſundheit nahm von Tage zu Tage ab; ihre Stimmung ward ungleich, ihr ganzes Weſen ſinnend, ſchwermuͤthig und truͤbe. Ihr Vater errieth zum Theil die Urſa⸗ cche diefer Erſcheinung, und mit einer ungewoͤhn⸗ 134 lichen Kraftaͤußerung machte er ſein Anſehn einmahl ſo geltend, daß die Alte aus dem Schloſſe verwieſen wurde; aber der Pfeil war abgeſchoſſen und ſaß tief in der Wunde. Es war nicht lange nachher, als Luzie, von ihren Aeltern getrieben, ihnen mit einer uͤberraſchenden Lebhaftigkeit ankuͤndigte, ſie wiſſe, daß Himmel, Erde und Hoͤlle ſich ge⸗ gen ihre Verbindung mit Edgar geſetzt; aber ihr Vertrag ſei dennoch bindend, und ſie wol⸗ le und koͤnne ihn nicht aufloͤſen, ohne Edgars Einwilligung.„Gebt mir Gewißheit, ſetzte ſie hinzu, daß er mir mein Wort erlaſſen hat, und verfuͤgt uͤber mich nach Eurem Gefallen; mir gilt gleich, wie. Wenn die Diamanten weg ſind, was liegt am Schmuckkaͤſtchen!“ Der Ton, womit ſie dieſe Worte ſprach,“ verkuͤndigte ſo eigenſinnige Hartnaͤckigkeit, und das ungewoͤhnliche Feuer ihrer Augen, ihre veſt in einander geſchlungenen Haͤnde verrie⸗ then eine ſo lebhaft aufgeregte Stimmung, daß man nicht mit ihr ſtreiten konnte, und t 133 ihre Mutter gewann nur ſo viel, daß ſich Lu⸗ zie von ihr die Ausdruͤcke des Briefes vorſagen ließ, worin ſie Edgar fragte, ob er die Abſicht habe, auf ihrer ungluͤcklichen Verbin⸗ dung, wie es genannt wurde, zu beſtehen, oder ſie aufzugeben. Lady Aſhton benutzte ih⸗ ren Vortheil ſo gut, daß es nach den Worten des Briefes ſchien, als ob Luzie ihren Freund aufgefodert habe, einen Vertrag zu brechen, der dem Nutzen und den Neigungen beider Theile entgegen ſei. Aber ſie wollte ſich auch auf die⸗ ſe Taͤuſchung noch nicht verlaſſen, und ent⸗ ſchloß ſich endlich, den Brief zu vernichten, in der Hoffnung, daß ſich Luzie durch ihre Unge⸗ duld wuͤrde verleiten laſſen, den abweſenden Edgar ungehoͤrt zu verurtheilen. Sie irrte ſich. Die Zeit war lange verfloſſen, wo eine Antwort vom veſten Lande haͤtte ein⸗ treffen koͤnnens der ſchwache Hoffnungſtrahl, der noch immer in Luziens Seele daͤmmerte, mußte bald erloͤſchen; aber nie verließ ſie der Gedanke, ihr Brief koͤnnte nicht gehoͤrig be⸗ 136 ſorgt worden ſein. Ein neuer Anſchlag ihrer Mutter gab ihr unerwartet das Mittel, ſich daruͤber Gewißheit zu verſchaffen. Als die alte Hexe ihren Abſchied erhalten hatte, wollte La⸗ dy Aſhton, die ulle Mittel aufbot, durch den Pfarrer, einen Mann von ſehr ſtrengen Grund⸗ ſaͤtzen, auf das Gemuͤth ihrer Tochter wirken laſſen. Sie vergriff ſich auch in dieſer Wahl. Die Vorurtheile des Pfarrers wußte ſie leicht auf ihre Seite zu bringen, und es ward ihr nicht ſchwer, ihm zu zeigen, daß eine Verbin⸗ dung zwiſchen der Tochter einer gottesfuͤrchti⸗ gen presbyterianiſchen Familie und dem Erben eines blutduͤrſtigen Anhaͤngers der biſchoͤflichen Kirche, ein Graͤuel ſein wuͤrde. Bei allen ſei⸗ nen Vorurtheilen aber war der Pfarrer ein verſtaͤndiger Mann, und hatte Mitgefuͤhl in der Schule des Leidens gelernt, wo das Herz ſo oft verhaͤrtet. Als er nun mit Luzien unter vier Augen ſprach, ruͤhrte ihr Kummer ihn tief, und er konnte nicht laͤugnen, daß ihre Bitte, ſich mit Edgar uͤber eine feierlich geſchloſſene .* 137 Verbindung zu beſprechen, gerecht ſei. Sie ent⸗ deckte ihm, wie ſehr die Ungewißheit ſie quaͤle, ob man ihren Brief je beſorgt habe. Der alte Mann ging mit großen Schritten auf und nie⸗ der, ſchuͤttelte das graue Haupt, ſtuͤtzte ſich ei⸗ nige Mahle, ſtill ſtehend, auf den Elfenbeinknopf ſeines Stockes, und ſagte ihr nach langem Zoͤgern, daß er ihre Zweifel fuͤr vernuͤnftig halte und ihr beiſtehen wolle, ſie zu loͤſen. „Ich will Euch ſelber behilflich ſein, ſprach er, Eueren Brief an den Edgar Ravenswood zu beſtellen, ſintemahl ich hoffe, daß es den Er⸗ folg haben werde, Euch aus den Netzen zu be⸗ freien, worin er Euch ſuͤndhaft verwickelt hat. Um aber hierin nicht mehr und nicht weniger zu thun, als ich bei Euren geehrten Aeltern verantworten kann, bitt' ich Euch, den Brief ohne Zuſatz und Weglaſſung ſo zu ſchreiben, wie ihn Euere gnaͤdige Frau Mutter Euch vorgeſagt hat. Ich werde ihn alsdann ſichern Haͤnden uͤbergeben, und wenn Ihr keine Ant⸗ wort erhaltet, mein werthes Fraͤulein, ſo muͤßt F 138 Ihr nothwendig ſchließen, daß der Mann den Vertrag aufzugeben denkt. 2 Luzie nahm den Vorſchlag an, und uͤber⸗ gab dem Pfarrer den Brief, der in denſelben Ausdruͤcken wie der fruͤhere geſchrieben war. Sie glich nun dem Schiffbruͤchigen, welcher auf dem ſtuͤrmiſchen Meere umhergeworfen, ein einzelnes Bret zu ſeiner Rettung umfaßt; mit jedem Augenblicke ſchwindet mehr und mehr ſeine Kraft ſich veſt zu halten, und die tiefe Finſterniß der Nacht erhellen nur Blitze, wel⸗ che, durch die Wolken zuckend, die Spitzen der Wogen zeigen, die ihn bald verſchlingen ſollen. 139 VII. 1 Sjankt⸗Zubaatag war da, und doch weder ein Brief, noch eine Nachricht von Edgar ein⸗ getroffen. Bucklaw und ſein treuer Gefaͤhrte, Craigengelt, waren fruͤh am Tage im Schloſſe angekommen, um die Verlobung zu feiern. Aſhton hatte den Heirathantrag mit großer Sorgfalt entworfen. Es ward veſtgeſetzt, daß vier Tage nach der Unterzeichnung deſſelben, die Vermaͤhlung gefeiert werden ſollte, eine Maaßregel, welche die Mutter angeordnet hat⸗ te, damit Luzie ſo wenig Zeit als moͤglich ha⸗ ben ſollte, wieder zuruͤck zu treten. Dazu war aber gar kein Anſchein. Die Ungluͤckliche hoͤr⸗ te die vorgeſchlagenen Anordnungen mit der „ 14⁰0 ſtillen Gleichgiltigkeit der Verzweiflung, oder eher mit einer Gefuͤhlloſigkeit, die aus dem gedruͤckten und betaͤubten Zuſtande ihrer Em⸗ pfndungen hervor ging. Ein ſo ſchlechter Beobachter als Bucklaw war, ſah in ih⸗ rem Benehmen nicht viel mehr als das Wi⸗ derſtreben einer ſchamhaften Braut; er konnte ſich jedoch nicht verbergen, daß ſie ſich mehr die Wahl ihrer Freunde gefallen, als ſich von ir⸗ gend einer Vorliebe gegen ihn beſtimmen ließ. Als der Braͤutigam ſeinen Morgengruß dargebracht hatte, ließ man Luzien einen Au⸗ genblick allein; denn ihre Mutter bemerkte, der Heirathvertrag muͤſſe vor Mittage unterzeichnet werden, damit die Ehe gluͤcklich ſei. Luzie ließ ſich ankleiden, wie es der Geſchmack ihrer Dienerinnen am Beßten fand. Schoͤn geſchmuͤckt, ſtand ſie im weißen Atlaskleide mit Bruͤſſeler Spitzen, und ihre Haare waren mit Edelſteinen beſaͤet, deren Glanz ſeltſam abſtach gegen die Todtenblaͤſſee ihres Geſichts, und gegen die Verwirrung in dem unruhigen Auge. — 141 Kaum war ſie angekleidet, als Heinrich her⸗ einkam, ſie in den Saal zu fuͤhren, wo Alle zur Unterzeichnung des Vertrages verſammelt waren.„Weißt Du was, Schweſter, ſprach er, es freut mich, daß Du den Bucklaw nimniſt, ſtatt des Ravenswood; der ſah aus wie ein ſpaniſcher Grande, als haͤtte er uns die Kehle abſchneiden wollen und uns unter die Fuͤße treten. Es freut mich, daß die weite See heute zwiſchen uns beiden iſt; ich vergeß' es nie, wie ſehr ich erſchrocken war, als ich ihn fuͤr das Bild des alten Maliſe Ravenswood hielt. Sage mir aufrichtig, Lu⸗ zie, iſt es Dir nicht auch lieb, daß Du ſo gut von ihm gekommen biſt?““ Frage mich nicht mehr, Heinrich, ſprach die Ungluͤckliche, es kann wenig mehr geſche⸗ hen, das mich froh oder traurig machte in dieſer Welt. Ja, ja, ſo ſprechen alle junge Braͤute, erwiederte Heinrich. Sei nur nicht niederge⸗ ſchlagen, Luzie, in zwoͤlf Monaten wirſt Du ſchon anders reden. Weißt Du auch, daß ich unter den Brautfuͤhrern bin? Ich reite vor Dir her in die Kirche. Und alle unſere Verwandten ſind auch dabei, und Bucklaws Vettern, alle zu Pferde. Ich hab' ein Schar⸗ lachkleid, mit Gold beſetzt, und einen Feder⸗ hut, und ein Degenband, mit Gold einge⸗ faßt, und einen Dolch ſtatt des Degens. Ein Degen waͤre mir lieber geweſen; aber davon wollte der Bruder nichts wiſſen. Alles kommt heute Abend von Edinburgh, und ich bring' es Dir ſogleich, wenns da iſt. Des Knaben Geſchwaͤtz ward durch die Ankunft der Mutter unterbrochen, die uͤber Luziens Ausbleiben ein wenig unruhig war. Mit freundlichem Laͤcheln faßte ſie den Arm ihrer Tochter und fuͤhrte ſie in den Saal., Hier war niemand, außer dem Vater, ſeinem Sohne, dem Oberſten, dem geputzten Braͤutigam Bucklaw, dem Hauptmann Craigengelt, den ſein Goͤnner von Kopfe bis zu Fuße neu gekleidet hatte, und dem Pfarrer, der bei ſolchen feier⸗ 243 lichen Gelegenheiten nie fehlen durfte. Wein und Erfriſchungen ſtanden auf dem Tiſche, wo der Ehevertrag zur Unterzeichnung bereit lag. Ehe man dazu ſchritt, bat der Pfarrer die Verſammelten, ſich mit ihm in einem kur⸗ zen Gebete zu vereinigen, worin er den Segen des Himmels uͤber dem abzuſchließenden Bund erflehte. Nach der einfachen Sitte jener Zeit, welche auffallende perſoͤnliche Anſpielungen ge⸗ ſtattete, bat er, das verwundete Gemuͤth der edlen Braut moͤge geheilt werden, zum Lohne ihrer Folgſamkeit gegen den Rath ihrer Aeltern, und da ſie ſich als ein Kind nach Gottes Ge⸗ bot bewieſen und Vater und Mutter geehrt ha⸗ be, ſo moͤge ſie den verſprochenen Segen ge⸗ nießen, ein langes Leben auf Erden, und ein gluͤckliches Loos kuͤnftig in der beſſeren Heimath. Der Braͤutigam, bat er weiter moͤge ſich von den Thorheiten entwoͤhnen, welche die Jugend von dem rechten Pfade ableiten, er moͤge nicht laͤnger Vergnuͤgen finden an eitler und un⸗ nuͤtzer Geſellſchaft, an Spielern und Zechern, die 144 lange bei der Flaſche ſitzen— hier gab Buck⸗ law Craigengelt einen Wink— und von Men⸗ ſchen ablaſſen, die auf Irrwege fuͤhren. Endlich ſchritt man zum Werke. Afhton unterzeichnete den Vertrag mit herkoͤmmlicher Feierlichkeit, ſein Sohn mit dem nachlaͤſſigen Weſen eines Kriegsmanns, und Bucklaw, der ſo ſchnell unterſchrieb, als Craigengelt die Blaͤtter umwenden konnte, wiſchte ſeine Feder an der Spitzenhalsbinde ſeines wuͤrdigen Freun⸗ des ab. 1 Jetzt kam die Reihe an Luzie, die von ih⸗ rer wachſamen Mutter zu dem Tiſche gefuͤhrt wurde. Bei dem erſten Verſuche wollte ſie mit einer trockenen Feder ſchreiben, und als man ſie aufmerkſam darauf machte, ſchien ſie nicht im Stande zu ſein, ſie in das große ſilberne Dintenfaß zu tauchen, das vor ihr ſtand. Ih⸗ re Mutter half dem Mangel bald ab. Ihr Name ſteht auf jeder Seite der Urkunde, und in den Zuͤgen bemerkt man nur leichte Spuren der zitternden Hand, die den Zuſtand ihres Ge⸗ muͤthes im Augenblicke der Unterzeichnung verrathen. Die letzte Unterſchrift aber iſt unvollſtaͤndig, ausgeloͤſcht und mit einem Dintenfleck bedeckt; denn in dem Augen⸗ blicke, als ihre Hand ſie ſchrieb, hoͤrte man Pferdegeraͤuſch am Schloßthore, gleich darauf haſtige Schritte im Vorſaale, und eine Stimme, welche gebieteriſch den Widerſtand der Dienſtboten zuruͤckwies. Luzie ließ die Fe⸗ der fallen, und mit einem ohnmaͤchtigen Schrei rief ſie aus:„Er iſt da! er iſt da! 4 Kaum war die Feder ihr entfallen, als die Thuͤre des Zimmers aufflog, und Edgar herein⸗ trat. Die Dienſtboten, welche vergebens ihn aufzuhalten geſucht hatten, ſtanden uͤberraſcht auf der Schwelle, und eben ſo beſtuͤrzt waren Alle im Saale. Der Oberſt verrieth bei ſeiner Ueberraſchung zugleich Unwillen, Bucklaw ſtol⸗ ze und erzwungene Gleichgiltigkeit, die Uebri⸗ gen aber, ſelbſt Lady Aſhton, zeigten Furcht, und Luzie ſtand wie verſteinert bei dieſer uner⸗ K — 145 146 warteten Erſcheinung. Wohl mochte man es eine Erſcheinung nennen, denn Edgar glich weniger einem Lebenden, als einem Manne, der aus dem Reiche der Todten zuruͤckkehrte. Er ſtellte ſich in die Mitte des Zimmers, dem Tiſche gegenuͤber, wo Luzie ſaß, und als ob ſie allein im Zimmer geweſen waͤre, heftete er auf ſie ſeine Augen mit dem Ausdrucke tie⸗ fen Kummers und beſonnenen Unwillens. Sein dunkelfarbiger Reitermantel, von der einen Schulter herabgefallen, hing auf der einen Seite weitfaltig wie ein ſpaniſcher Mantel. Der uͤbrige koſtbare Anzug zeigte die Spuren der Reiſe, und war durch einen raſchen Ritt in Unordnung gebracht. Er hatte ein Schwert an der Seite und Piſtolen im Guͤrtel. Sein herabgeſchlagener Hut, den er beim Eintritte nicht abgenommen hatte, verdunkelte noch mehr ſeine finſteren Zuͤge, worin man Spuren des Kummers las, und der furchtbare Blick, den eine lange Krankheit ihm gegeben, machte den Ausdruck ſeines ohnehin ernſten Geſichts, noch 4 147 wilder und ſchrecklicher. Die zerzauſten Locken, die unter dem Hute hervor fielen, und ſeine unbewegliche Stellung machten ſein Haupt ei⸗ ner Marmorbuͤſte aͤhnlich. Er ſprach nicht ein Wort und uͤber zwei Minuten herrſchte tiefes Schweigen unter allen Anweſenden. Lady Aſyton brach es endlich, als ſie un⸗ terdeſſen ihre natuͤrliche Kuͤhnheit zum Theil wieder erlangt hatte. Sie wollte die Urſache der unbefugten Erſcheinung des jungen Man⸗ nes wiſſen. Das iſt eine Frage, ſprach ihr Sohn, wo⸗ zu ich am beßten berechtigt bin, und ich muß den Junker von Ravenswood erſuchen, mir an einen Ort zu folgen, wo er ſie mit Muße be⸗ antworten kann. Niemand auf Erden, fiel Bucklaw ein, ſolle ihm das Recht nehmen, zuerſt eine Er⸗ klaͤrung von dem Junker zu fodern. Craigen⸗ gelt, ſetzte er leiſer hinzu: was ſteht Ihr da und ſtarrt ihn an, als ob Ihr einen Geiſt ſaͤ⸗ het? Holt nur meinen Degen herein. K 2 8 148 Ich will Niemanden, fuhr der Oberſt fort, mein Recht uͤberlaſſen, Rechenſchaft von dem Manne zu fodern, der meiner Familie dieſe beiſpielloſe Beſchimpfung anthut. Geduld, Ihr Herrn! ſprach Ravenswood, ſich mit ernſtem Blicke zu ihnen wendend, und bewegte ſeine Hand, als haͤtte er ihrem Zwiſte Ruhe gebieten wollen. Seid Ihr Eures Lebens ſo muͤde als ich, ſo werde ich Zeit und Gele⸗ genheit ſinden, es gegen einen oder Beide zu wagen; jetzt hab' ich nicht Zeit zu Zaͤnkereien uͤber Nichtswuͤrdigkeiten. Nichtswuͤrdigkeiten? rief der Oberſt, ſei⸗ nen Degen ziehend, waͤhrend Bucklaw nach der Waffe griff, die Craigengelt ihm eben brachte. Afhton, beſorgt fuͤr ſeines Sohnes Si⸗ cherheit, ſprang zwiſchen die beiden jungen Maͤnner und Edgar.„Mein Sohn, ſprach er, ich befehle dir— Bucklaw, ich bitte Euch— ſeid ruhig, im Nahmen der Koͤniginn und des Geſetzes! — 1 149 Im Nahmen des goͤttlichen Geſetzes, fiel der Pfarrer ein, der gleichfalls mit aufgehobe⸗ nen Haͤnden zwiſchen die Streitenden trat. Im Nahmen Desjenigen, der Friede auf die Erde brachte und gute Geſinnung unter die Menſchen, ich bitte, ich flehe Euch an, ich befehle Euch, von Gewaltthaͤtigkeit abzuſtehen. Gott haſſet blutduͤrſtige Menſchen— wer das Schwert nimmt, der ſoll durchs Schwert um⸗ kommen. 4 Wofuͤr haltet Ihr mich? ſprach der Oberſt, ſich barſch zu ihm wendend. Dieſe Beſchim⸗ pfung in meines Vaters Hauſe ſollte ich ertra⸗ gen? Laßt mich, Bucklaw! Er ſoll mir Rede ſtehen, oder bei Gott! ich durchbohre ihn auf der Stelle.— Hier ſollt Ihr ihn nicht anruͤhren, erwie⸗ derte Bucklaw. Er hat mir einmahl das Le⸗ ben geſchenkt, und wenn er der Deufel waͤre, der mit dem ganzen Hauſe davon fliegen woll⸗ te, es ſoll redlich gegen ihn verfahren wer⸗ den. 3 150 Der heftige Zwiſt der jungen Maͤnner ward noch einmahl durch Edgars ernſte, kraͤftige Stimme unterbrochen.„Still!“ rief er. „Wer Gefahren ſucht, mag die Zeit waͤhlen/ wo er ſie finden kann. Mein Geſchaͤft hier, wird bald abgethan ſein. Iſt dieß Eure Hand, Fraͤulein?“ ſprach er mit ſanfterem Tone, und zeigte Luzien ihren letzten Brief. Ein zitterndes Ja! ſchien eher ihren Lippen zu entſchleichen, als en fie wilige Antwort zu ſein. Und iſt dieß auch Eure Hand! hob Edgar wieder an, und hielt ihr das ſchriftliche Treue⸗ verſprechen entgegen. Luzie antwortete nicht. Schrecken und ein maͤchtigeres, verwirrteres Gefuͤhl ergriffen ihre Seele ſo ſtoͤrend, das ſie Edgars Frage wahr⸗ ſcheinlich kaum verſtand. Wenn es Eure Abſicht iſt, ſprach Afhton, auf dieſes Papier einen rechtlichen Anſpruch zu gruͤnden, ſo duͤrft Ihr nicht erwarten, auf ei⸗ 1531 ne außergerichtliche Frage eine Antwort zu er⸗ halten. Ich bitte Euch, mein Herr, erwiederte Edgar, ich bitte Alle, die mich hoͤren, meine Abſicht nicht zu verkennen. Wenn das Fraͤu⸗ lein aus eigenem freien Willen die Aufhebung dieſes Vertrages verlangt, wie ihr Brief an⸗ zudeuten ſcheint, ſo iſt kein welkes Blatt, das der Herbſtwind jetzt auf die Heide wirft, werth⸗ loſer in meinen Augen. Aber ich muß und will die Wahrheit ds ihrem eigenen Munde hoͤren— ohne dieſe Beruhigung gehe ich nicht von der Stelle. Ihr koͤnnt mich durch Ueber⸗ macht ermorden; aber ich bin bewaffnet, ich bin in Verzweiflung und will nicht ſterben oh⸗ ne blutige Rache. Das iſt mein Entſchluß, haltet's nun, wie Ihr wollt. Ich will aus ihrem eigenen Munde hoͤren, was ſie beſchloſſen hat, aus ihrem eigenen Munde, allein und ohne Zeugen will ich's hoͤren. Nun waͤhlet, fuhr er fort, und zog ſein Schwert mit der Rech en, und mit der Linken aus dem Guͤrtel 132 das Piſtol, deſſen Hahn er ſpannte, richtete aber die Spitze der einen Waffe und die Muͤn⸗ dung der andern gegen den Boden— Waͤh⸗ let, ob dieſer Saal mit Blute ſoll uͤber— ſchwemmt werden, oder ob Ihr mir die ent⸗ ſcheidende Unterredung mit meiner verlobten Braut geſtatten wollet, wie ich's nach goͤttli⸗ chen Geſetzen und nach dem Rechte des Landes zu fodern berechtigt bin. Alle bebten zuruͤck vor dem Tone ſeiner Stimme, und der entſchloſſenen Handlung, die ſie begleitete; denn die Aufwallung der Verzweiflung uͤberwaͤltigt gewoͤhnlich die min⸗ der kraͤftigen eidenſchaſtan, die ſich ihr entge⸗ gen ſetzen. Der Geiſtliche brach zuerſt das Schweigen, „Im Nahmen des Himmels, ſprach er, laßt Euch zum Frieden rathen von dem geringſten ſeiner Diener. Was dieſer achtbare Herr ver⸗ langt, iſt nicht ohne einigen Grund, wiewohl es mit zu großer Heftigkeit gefodert wird. Laßt es ihn aus des Fraͤuleins eigenem Munde hoͤ⸗ ———— — 253 ren, daß ſie gehorſam dem Willen ihrer Ael⸗ tern ſich gefuͤgt hat, und ihren Bund mit ihm 3 bereuet, und wenn er deſſen verſichert iſt, will er in Frieden heim kehren zu ſeinem Hauſe, und uns nicht mehr ſtoͤren. Gewaͤhrt ihm al⸗ ſo die Unterredung, worauf er beſteht; es kann nur eine voruͤbergehende Qual ſein fuͤr dieſes 3 geehrte Fraͤulein, ſintemal ſie ſich nach der Wahl ihrer Aeltern bereits unwiderruflich ge⸗ bunden hat. Laßt es alſo geſchehen, ſage ich, es iſt meines Amtes, Euch zu bitten, dieſen 3 Vorſchlag anzunehmen, der alles gut machen wird.“ 3 Nie, erwiederte Luziens Mutter, deren Wuth jetzt die erſten Regungen der Ueberra⸗ raſchung und des Schreckens beſiegt hatte: nie ſoll dieſer Mann allein mit meiner Tochter ſprechen, mit der verlobten Braut eines An⸗ dern. Mag das Zimmer verlaſſen, wer da will, ich bleibe hier. Ich fuͤrchte weder ſeine Heftigkeit, noch ſeine Waffen, wenn auch Ei⸗ nige— ſetzte ſie hinzu, auf den Oberſten ei⸗ 154 nen Blick werfend— die meinen Nahmen fuͤh⸗ ren, ſich mehr dadurch erſchuͤttern laſſen. Um Gotteswillen, gnaͤdige Frau, ſprach der Geiſtliche, ſchuͤret das Feuer nicht an. Der Junker von Ravenswood wird gewißlich nichts gegen Eure Gegenwart haben, wenn er den Geſundheitzuſtand des Fraͤuleins und Eure muͤtterliche Pfiicht bedenket. Ich will auch zu⸗ ruͤckbleiben; vielleicht kann mein graues Haar Zorn abwenden. Gern ſehe ich's, wenn Ihr es thut, ſprach Edgar, und auch Eure Gegenwart iſt mir will⸗ kommen, gnaͤdige Frau, wenn Ihr es fuͤr gut haltet, zu bleiben; die Uebrigen aber moͤgen ſich entfernen. Ravenswood! ſprach der Oberſt, als er im Hinausgehen ihm nahe kam, dafuͤr ſollt Ihr mir Rede ſtehen, das darf nicht lange waͤh⸗ ren. 1. Wann's Euch gefaͤllt, erwiederte Ravens⸗ wood. Aber ich, ſprach Bucklaw, ein wenig laͤ⸗ 155 chelnd, habe ein aͤlteres Recht auf eure Zeit; es ſteht ſchon lange angeſchrieben. Richtet's ein, wie Ihr wollt, gab Edgar zur Antwort, nur heute laßt mich in Ruhe, und morgen werde ich keine ſo theure Angele⸗ genheit haben, als Euch alle Genugthuung zu geben, die Ihr nur verlangen koͤnnt. Die Naͤnner entfernten ſich, bis auf Aſhton, der zoͤgerte. Junker von Ravenswood, ſprach er mit verſoͤhnendem Tone, ich glaube es nicht verdient zu haben, daß Ihr einen ſo aͤrgerlichen und beleidigenden Auftritt in mei⸗ ner Familie macht. Wenn. Ihr Euer Schwert in die Scheide ſtecken und mit mir in mein Arbeitzimmer gehn wollt, ſo will ich Euch mit den trifftigſten Gruͤnden beweiſen, wie unnuͤtz Euer gegenwaͤrtiges, unregelmaͤßiges Verfah⸗ ren iſt— Morgen, werther Herr, morgen, morgen will ich alles anhoͤren, was Ihr mir ſagen wollt, fiel Edgar ein, dieſer Tag aber hat ſein eigenes heiliges und unaufſchiebliches Geſchaͤft. 156 Mit dieſen Worten deutete er auf die Thuͤre und Aſhton ging hinaus. Edgar ſteckte ſein Schwert in die Scheide und das Piſtol in den Guͤrtel, und ging ge⸗ faßt an die Thuͤre des Zimmers, die er verrie⸗ gelte. Als er zuruͤckkam, ſetzte er ſeinen Hut ab, ſah mit einem Blicke, in welchem der Ausdruck des Kummers den wilden Zorn ver⸗ draͤngte, auf Luzien, ſtrich die zerſtreuten Lok⸗ ken aus dem Geſichte und ſprach:„Kennt Ihr mich, Fraͤulein Afhton? Ich bin noch im⸗ mer Edgar Ravenswood.. Sie ſchwieg und er fuhr fort, mit ſteigen⸗ der Heftigkeit:„Ich bin noch immer jener Edgar Ravenswood, der um Eurer Zuneigung willen die theure Pflicht aufgab, Rache zu ſu⸗ chen fuͤr die gekraͤnkte Ehre. Ich bin jener Ravenswood, der um Euretwillen verziehen, ja freundlich die Hand ge eicht hat dem Un⸗ terdruͤcker und Pluͤnderer ſeines Hauſes— dem Verlaͤumder und Moͤrder ſeines Vaters.“ Meine Tochter, ſiel Lady Aſhton ein, — 157 braucht nicht zu bezweifeln, daß Ihr derſelbe ſeid, Eure giftige Rede muß ſie erinnern, daß ſie mit dem Todfeinde ihres Vaters ſpricht. Ich bitte Euch, habt Geduld, gnaͤdige Frau. Ich muß meine Antwort aus des Fraͤu⸗ leins eigenem Munde haben. Noch einmahl, Fraͤulein Luzie Aſhton, ich bin jener Ravens⸗ wood, dem Ihr die feierliche Verpflichtung sabt, die Ihr jetzt zuruͤck zu nehmen und auf⸗ zuheben begehrt. Luziens todtenblaſſe Lippen konnten nur die Worte ſtammeln: Es war meine Mutter. Sie ſpricht wahr, fiel ihre Mutter ein, ich, ich habe, durch goͤttliche und menſchliche Geſetze berechtigt, ſie berathen und mit ihr verabredet, dieſe ungluͤckliche und uͤbereilte Verpflichtung aufzuheben und ſie zu vernichten, wie es ſelbſt die heilige Schrift verordnet. Die heilige Schrift? ſprach Edgar auf⸗ fahrend. Laßt ihn die Stelle hoͤren, wendete ſich die Edelfrau zu dem Geiſtlichen, nach welcher 158 Ihr ſelber, mit vorſichtigem Zoͤgern, die an⸗ gebliche Verpflichtung, worauf dieſer heftige Mann beſteht, fuͤr nichtig erklaͤrt habt. Der Geiſtliche nahm ſeine Bibel aus der Taſche und las folgende Worte:„Wenn ein Weibsbild dem Herrn ein Geluͤbde thut, und ſich verbindet, weil ſie in ihres Vaters Hauſe und im Magdthum iſt; und ihr Geluͤbde und Verbindniß, das ſie thut uͤber ihre Seele, kommt vor ihren Vater, und er ſchweiget da⸗ zu, ſo gilt alles ihr Geluͤbde und alles ihr Verbindniß, daß ſie ſich uͤber ihre Seele ver⸗ bunden hat. Nun, war es denn nicht ſo mit uns? fiel Edgar ein. Zaͤhme Deine Ungeduld, junger Mann,, antwortete der Geiſtliche, und hoͤre, was fol⸗ get:„Wo aber ihr Vater wehret, des Tages wenn er's hoͤret, ſo gilt kein Geluͤbde noch Verbindniß, deß ſie ſich uͤber ihre Seele ver⸗ 159 bunden hat; und der Herr wird ihr gnaͤdig ſein, weil ihr Vater ihr gewehret hat. †*) Und war es nicht bei uns ſo der Fal, als es die heilige Schrift beſtimmt? ſiel die Edel⸗ frau heftig und triumphirend ein. Will dieſer Mann laͤugnen, daß wir Aeltern in dem Au⸗ genblicke, wo wir von dem Geluͤbde oder Ver⸗ bindniß hoͤrten, deſſen ſich unſre Tochter uͤber ihre Seele verbunden hat, ihr in den beſtimm⸗ teſten Ausdruͤcken gewehret, und ihm ſelbſt ſchriftlich unſern Entſchluß gemeldet haben? Und iſt das alles? ſprach Edgar, Luzien anſehend. Seid Ihr Willens, die beſchworene Treue, den Gebrauch des freien Willens, und die Gefuͤhle gegenſeitiger Zuneigung gegen die⸗ ſe elenden heuchleriſche Trugſchluͤſſe außzu⸗ geben? Hoͤrt ün! ſprach die Edelfrau zu dem Geiſtlichen. Hoͤret den Laͤſterer! — *») 4. Buch Moſe, Kap. 30., Vets 4. ff. 160 Moͤge Gott ihm vergeben, erwiederte je⸗ ner, und ſeine Unwiſſenheit erleuchten! Hoͤret, was ich Euch geopfert habe, ſprach Edgar zu Luzien, bevor Ihr bekraͤftigt, was in Eurem Nahmen geſchehen iſt. Die Ehre ei⸗ nes alten Hauſes, der drinaende Rath meiner beßten Freunde haben ſich vergebens gegen meinen Entſchluß geſetzt; weder die Gruͤnde der Vernunft, noch die boͤſen Vorbedentungen des Aberglaubens, konnten weine Treue er⸗ ſchuͤttern. Selbſt die Todten ſind aufgeſtan⸗ den, mich zu warnen, und ihre Warnungen wurden verſchmaͤht. Wollt Ihr mein Herz fuͤr ſeine Treue durchbohren mit eben der Waffe, die mein unbeſonnenes Vertrauen Eurer Hand uͤbergeben hat? Junker von Ravenswood, ſprach die Edel⸗ frau, Ihr habt die Fragen gethan, die Ihr 4 fuͤr paſſend hieltet. Ihr ſeht, meine Dochter iſt gaͤnzlich unvermoͤgend, Euch zu antworten. Aber ich will fuͤr ſie antworten, und auf eine Weiſe, die Ihr nicht beſtreiten koͤnnt. Ihr 16² wollt wiſſen, ob meine Tochter, aus eigenem freien Willen, die Verpflichtung aufzuheben wuͤnſcht, wozu ſie verleitet worden. Ihr habt den Brief von ihrer eigenen Hand, worin ſie es verlangt; und zum augenſcheinlichen Be⸗ weiſe ihrer Abſicht ſeht hier den Ehevertrag, den ſie heute, in Gegenwart dieſes ehrwuͤrdigen Herrn, mit Herrn Bucklaw von Hayſton voll⸗ zogen hat.. Edgar ſtarrte, wie verſteinert, auf die Ur⸗ kunde.„und iſt das Fraͤulein nicht durch Trug oder Zwang verleitet worden, dieſen Vertrag zu unterzeichnen?“ fragte er den Geiſtlichen. Ich verſichere es, bei der Wuͤrde meines Amtes, erwiederte dieſer. Allerdings, gnaͤdige Frau, iſt dieß ein unwiderſprechlicher Beweis, ſprach Edgar fin⸗ ſter, und es wuͤrde eben ſo uͤberfuuͤſfig als herabwuͤrdigend ſein, noch ein Wort mit un⸗ nuͤtzen Vorſtellungen oder Vorwuͤrfen zu verlie⸗ ren... Hier, Fraͤulein, fuhr er fort, das L 262 Treuverſprechen und die Haͤlfte des zerbroche⸗ nen Goldſtuͤckes vor Luzien legend: hier ſind die Beweiſe Eurer erſten Verpflichtung— Moͤget Ihr treuer der zweiten ſein, die Ihr jetzt geſchloſſen habt! Ich muß Euch auch be⸗ muͤhen, mir die Zeichen meines uͤbel ange⸗ brachten Vertrauens zuruͤck zu geben— ich ſollte eher ſagen, meiner herrlichen Thorheit! Als Edgar ſein Auge voll Unmuth auf ſie richtete, begegnete ihm ihr Blick, der kaum et⸗ was wahrzunehmen ſchien, aber ſie mochte doch etwas von dem Sinne ſeiner Rede verſtanden haben, da ſie ihre Haͤnde erhob, als haͤtte ſie ein blaues Band loͤſen wollen, das ſie unt den Hals trug. Es war ihr unmoͤglich, ihre Abſicht zu vollfuͤhren, aber ihre Mutter zer⸗ ſchnitt das Band und riß das zerbrochene Goldſtuͤck herab, das Luzie bis dahin in ihrem Buſen verborgen hatte. Edgars ſchriftliche Verpflichtung war ſchon ſeit einiger Zeit in den Haͤnden ihrer Mutter. Mit einer ſtolzen Verbeugung uͤbergab die Sdelfrau beides dem 163 Junker, der weicher ward, als er das Gulh. ſtuͤck in Haͤnden hielt. Und ſie konnte es ſo tragen, ſprach er zu ſich ſelber, konnte es in ihrem Buſen tragen, nahe an ihrem Herzen, ſelbſt als— doch woza Klagen! ſetzte er hinzu, zerdruͤckte die Thraͤ⸗ ne, die in ſeinem Auge aufquoll und die ernſte Faſſung ſeines Benehmens kehrte wieder. Er ging zu dem Kamin, warf Papier und Gold⸗ ſtuͤk ins Feuer und trat mit dem Abſatze ſei⸗ nes Stiefels auf die Kohlen, als haͤtte er ih⸗ rer Zerſtoͤrung gewiß ſein wollen. Ich will nicht laͤnger hier beſchwerlich fal⸗ len, ſprach er darauf. Eure boͤſen Wuͤnſche, gnaͤdige Frau, und Eure ſchlimmeren Dienſte, will ich nur mit der Hoffnung erwiedern, daß dieß Eure letzten Anſchlaͤge gegen die Ehre und das Gluͤck Eurer Tochter ſein moͤgen.— und Euch, Fraͤulein, Euch hab' ich nichts mehr zu ſagen, aber ich will Gott bitten, daß man nicht mit Fingern auf Euch zeigen moͤge fuͤr dieſen abſichtlichen und uͤberlegten Meineid!.. L 2 16 4 Mit dieſen Worten wandte er ſich um und verließ das Zimmer. Aſhton hatte ſeinen Sohn und Bucklaw in einem entlegenen Thei⸗ le des Schloſſes zuruͤck gehalten, um ein zwei⸗ tes Zuſammentreffen mit Edgar zu verhuͤten. Als dieſer die Treppe hinab ging, uͤberreichte ihm ein Diener einen Brief von dem Oberſten, der zu wiſſen wuͤnſchte, wo der Junker von Ravenswood in vier oder fuͤnf Tagen zu fin⸗ den ſein werde, da er mit ihm eine wichtige Angelegenheit abzumachen habe, was aber erſt nach einem bedeutenden Familienereigniſſe ſtatt finden koͤnne. Sagt dem Oberſten, erwiederte Edgar mit ruhiger Faſſung, ich werde in Wolfsfels zu ſinden ſein, ſobald er Zeit hat. Unten an der Treppe kam Craigengelt ihm entgegen, der im Nahmen ſeines Goͤnners ihm ſagte, der Herr von Bucklaw hoffe, daß der Junker unter zehn Tagen Schottland nicht vexlaſſen werde, da er fuͤr fruͤhere und neuere 165 Hoͤflichkeiten ihm noch ſeinen Dank Püukan⸗ ten habe. Sagt Eurem Herrn, erwiederte Edgar ſtolz, er moͤge die Zeit beſtimmen. Er wird mich in Wolfsfels finden, wenn ſeiner Abſicht nicht vorgegriffen wird. Meinem Herrn? erwiederte Craigen⸗ gelt, ermuthigt, als er den Oberſten und Bucklaw auf der Terraſſe erblickte. Ich muß Euch ſagen, ich kenne Niemand dergleichen auf Erden, und ich geſtatte nicht, daß man eine ſolche Sprache gegen mich fuͤhre. So ſucht denn Euren. Herrn in der Hoͤl⸗ le! rief Ravenswood, der Leidenſchaft ſich uͤber⸗ laſſend, die er zeither unterdruͤckt hatte, und ſtieß Craigengelt mit ſolcher Heftigkeit von ſich, daß dieſer die Treppe hinab rollte und beſinnunglos unten liegen blieb.„Ich bin ein Thor, ſprach Ravenswood ſchnell, daß ich meine Wuth an dem Elenden auslaſſe. Er ſchwang ſich auf ſein Pferd, das er bei ſeiner Ankunft im Schloßhofe angebunden ae 166 hatte. Als er langſam an dem Oberſten und Bucklaw voruͤber ritt, nahm er den Hut ab, und ſah ihnen veſt ins Geſicht bei dem ſtum⸗ men Gruße, der mit eben ſo finſterm Ernſt erwiedert ward. Edgar ritt im Schritte wei⸗ ter bis an den Ulmengang, als haͤtte er zei⸗ gen wollen, daß er eher Unterbrechung wuͤnſch⸗ te als zu vermeiden begehrte. Am aͤußern Thore wendete er ſich um, heftete einen veſten Blick auf das Schloß, und eilte dann, ſein Roß ſpornend, ſchnell davon, wie ein boͤſer Geiſt, den der Beſchwoͤrer entlaſſen. 267 VIII. Nac dem ſchrecklichen Auftritte im Schloſſe, ward Luzie in ihr Zimmer gebracht, wo ſie einige Zeit in einem Zuſtande gaͤnzlicher Be⸗ taͤubung war. Am folgenden Tage fand man ſie in einer ganz andern Stimmung; ſie ſchien ihre Beſinnung und Entſchloſſenheit wieder er⸗ langt zu haben, aber man bemerkte auch eine Art von fluͤchtigem Leichtſinn, der ſo wenig zu ihrer Gemuͤthsart und Lage paßte und zu⸗ weilen mit Anwandlungen von tiefer, ſtiller Schwermuth und eigenſinniger Mißlaune ab⸗— wechſelte. Ihre Mutter ward ſehr unruhig und befragte die Aerzte, welche aber, da ſie keine Spuren koͤrperlichen Uebelbeſindens entdeckten⸗ 4 168 auf Seelenleiden riethen und Zerſtreuung em⸗ pfahlen. Luzie erwaͤhnte nie, was bei der Feierlichkeit im Saale vorgegangen war, und es ſchien ſogar zweifelhaft zu ſein, ob ihr Ge⸗ int einen deutlichen Eindruck da⸗ 1 Sie griff oft an den Hals, als haͤtte ſe as weggenommene blaue Band geſucht, und wenn ſie's nicht finden konnte, ſprach ſie verwundert und unmuthig zu ſich ſelbſt:„Es war die Kette, die mich ans Le⸗ ben band.“ So beunruhigend alle dieſe Srſcheinangen waren, Lady Aſhton hatte ihr Wort zu be⸗ ſtimmt gegeben, als daß ſie die Vermaͤhlung ihrer Tochter, ſelbſt unter dieſen Umſtaͤnden, haͤtte aufſchieben moͤgen. Es koſtete ihr viele Muͤhe, dem Braͤutigam alles im beßten Lichte zu zeigen. Sie wußte ſehr wohl, daß er, ihr zum Schimpf und zur Unehre, den ganzen Vertrag aufheben wuͤrde, wenn er Widerſtreben bei ihrer Tochter bemerkt haͤtte. Es ward da⸗ her beſchloſſen, die Vermaͤhlung am beſtimmten *82 2 169 Tage zu feiern, wenn Luzie in ihrer leidenden Stimmung beharrte, und ihre Mutter hegte die Hoffnung, daß die Veraͤnderung des Wohn⸗ orts und der Lage ein wirkſameres Heilmittel fuͤr das geſtoͤrte Gemuͤth ſein 1 langſamen Maßregeln, welch pfahlen. Afhton fuͤgte ſich, be inem Wun⸗ ſche, die Groͤße ſeines Hauſes zu erhalten uͤnd ſich gegen die Maßregeln des Marquis von A. zu ſtaͤrken, ſehr leicht in eine Anordnung, die er vielleicht auch nicht haͤtte hintertreiben koͤn⸗ nen, ſelbſt wenn es ſein Wille geweſen waͤre. Bucklaw und der Oberſt meinten, es wuͤrde nach dem Vorgefallenen ſehr ſchimpflich ſein, die Vermaͤhlung auch nur eine Stunde aufzu⸗ ſchieben, da Jedermann glauben muͤßte, ſie haͤtten ſich durch Ravenswoods Zudringlichkeit und Drohungen ſchrecken laſſen. Bucklaw wuͤrde ſich nie einer ſolchen Uebereilung ſchul⸗ dig gemacht haben, wenn er Luziens Gemuͤth⸗ zuſtand gekannt haͤtte; aber die Sitte geſtat⸗ tete bei ſolchen Gelegenheiten nur ſeltene und 170 kurze Zuſammenkuͤnfte zwiſchen den Verlobten, und Luziens Mutter wußte dieſen Umſtand ſo gut zu benutzen, daß Bucklaw weder etwas be⸗ merkte, noch argwohnte. 2 nde des Hochzeittages hatte eine olung von froͤhlichem Leicht⸗ finn, und muſterte mit maͤdchenhaftem Antheile die Putzſtuͤcke, und andere Gegenſtaͤnde, wel⸗ che ihre Angehoͤrigen fuͤr die geierlichteit be⸗ reitet hatten. Heiter und froͤhlich erwachte der Morgen. Die Hochzeitgaͤſte kamen von allen Seiten in glaͤnzenden Zuͤgen herbei; Aſhton's Freunde, die vornehmern Verwandten ſeiner Frau, und Bucklaw's zahlreiche Sippſchaft, Alle zu Pfer⸗ de, feſtlich geſchmuͤckt. Den Gaͤſten wurden Erfriſchungen gereicht und nach kurzem Ver⸗ weilen hieß es: Zu Pferde! Die Braut ward von Heinrich und ihrer Mutter herein gefuͤhrt. Die Froͤhlichkeit, worin man ſie am vorigen Abende geſehen hatte, war einer tiefen Trau⸗ rigkeit gewichen, die aber fuͤr den wichtigen 4 171 Augenblick nicht unpaſſend war. Man ſah ein Feuer in ihren Augen, eine Waͤrme auf ihren Wangen, die man lange nicht bemerkt hatte, und ihre Schoͤnheit, durch Anzug und glaͤn⸗ zendes Geſchmeide gehoben, wurde dadurch ſo ſehr erhoht, daß ihr Eintritt aden Snn alle Stimmen zu leiſen Beifallaͤußerungen verei⸗ nigte. Waͤhrend der Zug aufbrach, bemerkte Afh⸗ ton, der auf Friedlichkeit und Foͤrmlichkeit hielt, daß Heinrich ſich mit einem Kriegsde⸗ gen von ungebuͤhrlicher Laͤnge umguͤrtet hatte, welcher ſeinem Bruder gehoͤrte.„Wenn denn ein Degen da ſein mußte bei einer ſo friedli⸗ chen Gelegenheit, ſprach er, ſo haͤtteſt Du ja den kleinen nehmen koͤnnen, den wir aus Edinburgh bekommen haben.“ Der Knabe behauptete, der Dolch, den ſein Vater meinte, ſei nirgend zu finden ge⸗ weſen, aber Aſhton glaubte, der Wildfang werde ihn wohl ſelber auf die Seite gewor⸗ fen haben, um nur den langen Degen zu tra⸗ ——— 1782 gen. Aber es mag gut ſein, ſetzte er hinzu. Steig' auf, und gib huͤbſch acht auf Deine Schweſter! Heinrich war bald mitten im glaͤnzenden Zuge. Zu ſehr mit ſeinem Putze, ſeinem Degen, Treſſenkleid, Federhut und zugerittenen Pfer⸗ de beſchaͤftigt, achtete er wenig auf ſonſt et⸗ was, ſpaͤter aber auf ſeinem Sterbebette erin⸗ nerte er ſich, wie die Hand ſeiner Schweſter, als ſie, auf ſeinen Sattel ſich ſtuͤtzend, die ſei⸗ nige beruͤhre, feucht und kalt wie ein marmor⸗ nes Grabmahl geweſen waͤre. Weit glaͤnzend uͤber Huͤgel und Thal, naͤ⸗ herte ſich der feſtliche Zug der laͤndlichen Pfarr⸗ kirche, die das zahlreiche Gefolge kaum faſſen konnte. Auf dem Kirchhofe wurden, nach al⸗ ter Sitte, reichliche Lebensmittel unter die, Armen der benachbarten Kirchſpiele vertheilt, was der alte Todtengraͤber vom Kirchhofe der Einſiedelei beſorgte, der ſeit Kurzem in gleicher Eigenſchaft zu der Pfarrkirche gekommen war. Auf einem Grabmahle ſaß die kluge Frau 1 175 mit den beiden Alten, welche mit ihr bei der Leiche der blinden Alix gewacht hatten. Alle drei ſahen mit neidiſchen Blicken auf die An⸗ theile, die ihnen zugefallen waren.„Wenn die Vornehmen, ſprach die Eine, den armen Leuten, die zu ihren Hochzeiten und Begraͤb⸗ niſſen kommen, etwas geben wollen, ſo ſollt' es doch etwas ſein, das ihnen gut thaͤte.““ Sie geben ihre Gaben nicht aus Liebe, er⸗ wiederte die kluge Frau, und ihnen liegt nichts daran, ob wir zu eſſen haben, oder verhungern. Muͤhlſteine wuͤrden ſie uns geben fuͤr Brode, wenn's ihrer Eitelkeit wohl thaͤte, und doch ſollen wir dankbar ſein, wie ſies nennen, als ob ſie uns aus Liebe und gutem Herzen gegeben haͤtten. Aber habt Ihr je einen groͤßern Brautzug geſehen? ſiel eine der beiden Andern ein. Das koͤnnt' ich juſt nicht ſagen, aber ich denke bald ein eben ſo herrliches Begraͤbniß zu ſehen.. Auch gut, dann wird wieder ſo viel aus⸗ 14 getheilt, als heute, antwortete jene. Aber Ihr ſeid die Aelteſte und Kluͤgſte, ſagt uns doch, wer unter dieſem luſtigen Volke wird denn zuerſt auf dem Leichenbrete liegen. Seht Ihr dort das geputzte Maͤdchen? ſprach die kluge Frau.— Sie glaͤnzt von Gold und Geſchmeide, auf ihrem Schimmel hinter dem Burſchen im Scharlachkleide, mit dem langen Degen an ſeiner Seite. Das iſt ja die Braut! erwiederte die An⸗ dre, und eine Regung von Mitleid erwachte in ihrem kalten Herzen. Ja die Braut ſelbſt! O ſo jung! ſo huͤbſch— und ihre Zeit ſollte nur noch ſo kurz ſein! 1 Ihre Sanduhr hat nur noch wenige Koͤrn⸗ lein, hob die Alte wieder an, und kein Wun⸗ der— man hat ſie hart geſchuͤttelt. Die Blaͤt⸗, ter welken ſchnell auf den Baͤumen, aber die Braut wird's nicht erleben, wenn ſie im Mar⸗ tinswind im Kreiſe tanzen, wie Elfenringe. Ich habe gehoͤrt, ſprach Eine der beiden an⸗ dern, die Edelfrau ſoll nicht gut ſein. 175 Geht Ihr ſie dort, wie ſie ſtolz thut auf ihrem Grauſchimmel? erwiederte die kluge Frau. Ja, wie herrlich und ſchoͤn ſie auch ausſehen mag, dieſe Frau hat mehr mit dem Teufel zu thun, als alle ſchottiſche Hexen, die je im Mondſchein uͤber die Heide flogen. Die uͤbrigen Zuſchauer waren nicht ſo gleichgiltig gegen die Feſtlichkeit, als die al⸗ ten Menſchenhaſſerinnen. Das glaͤnzende Braut⸗ gefolge, die froͤhlichen Anzuͤge, die muthigen Pferde, das luſtige Ausſehen der Reiter und Reiterinnen, alles hatte die gewoͤhnliche Wir⸗ kung auf das Volk.„Aſhton und Bucklaw hoch!“ erſcholl es von allen Seiten, und man feuerte im Jubel Piſtolen und Flinten ab, als man den feſtlichen Zug nach dem Schloſſe zu⸗ zuͤck geleitete. Selbſt die aͤltern Landleute, die uͤber den Prunk der neu emporgeſchoſſenen Fa⸗ milie ſpoͤttiſch die Naſe ruͤmpften und ſich an die Zeit des alten Hauſes Ravenswood erin⸗ nerten, lockte die freigebige Bewirthung, die Reiche und Arme im Schloſſe zu erwarten hatten. 176 Mit dieſem zahlreichen Gefolge kam Luzie in ihres Vaters Haus zuruͤck. Bucklaw ritt nun, nach hergebrachter Sitte, an der Seite ſeiner Braut, aber neu in ſeiner Lage, dachte er mehr daran, ſich und ſeine Reiterkunſt im beßten Lichte zu zeigen, als ein Wort an Luzien zu richten. Unter dem Ju⸗ belrufe der Menge erreichte der Zug endlich das Schloß. Nach der alten Sitte wurden die Hoch⸗ zeitgaͤſte mit verſchwenderiſchem Aufwande be⸗ wirthet, und der Abhub der Tafel war noch betraͤchtlich genug, die froͤhliche Menge zu er⸗ quicken, die auf dem Schloßhofe um einige Biertonnen ſich gelagert hatte. Die Maͤnner labten ſich lange an den koͤſtlichen Weinen, waͤhrend die Frauen ungeduldig den Tanz er⸗ warteten, womit jedes Hochzeitfeſt beſchloſſen wurde. Endlich erhob ſich die Geſellſchaft ſpaͤt am Abend; die Naͤnner draͤngten ſich in den Tanzſaal, wo die Muſik ſchon erſchallte, und als ſie in froher Weinlaune ihre Degen ab⸗ 1 277 gelegt hatten, traten ſie mit den Taͤnzerinnen in die Reihe.. Nach der ſtrengen Sitte haͤtte die Braut den Ball eroͤffnen muͤſſen, aber Lady Aſhton machte die Schwaͤchlichkeit ihrer Tochter als Entſchuldigung geltend und reichte Bucklaw ihre Haͤnd zum Tanze. Als ſie ihr Haupt anmuthvoll erhob und der Muſik ein Zeichen gab, wurde ſie heftig uͤberraſcht bei dem An⸗ blicke einer unerwarteten Veraͤnderung in den Verzierungen des Saales.„Wer hat ſich un⸗ terſtanden,“ rief ſie,„die Bilder zu vertau⸗ ſchen?“— Alle ſahen auf, und wer im Zimmer be⸗ kannt war, ſah mit Erſtaunen, daß an die Stelle des Bildniſſes von Aſhton's Vater das Bild des alten Maliſe Ravenswood ge⸗ kommen war, der zuͤrnend und rachgierig auf die unten verſammelte Geſellſchaft herab zu blicken ſchien. Die Vertauſchung mußte ge⸗ ſchehen ſein, als der Saal leer war, aber man hatte ſie erſt nach Anzuͤndung der Fackeln M 178 und Lichter entdeckt. Die hochfahrenden er⸗ hitzten Maͤnner verlangten ſchleunige Unterſu⸗ chung eines Umſtandes, den ſie fuͤr eine Be⸗ leidigung ihres Wirthes und ihrer ſelbſt hiel⸗ ten; die Edelfrau aber faßte ſich ſchnell, und ſagte, es ſei ein Einfall von einem etwas uͤberſpannten Geſchoͤpfe, das vom Schloſſe un⸗ terhalten werde, und deſſen empfaͤngliche Ein⸗ bildung durch die Erzaͤhlungen der klugen Frau von der ehemaligen Familie, zu lebhaft ſei ergriffen worden. Man ſchaffte das an⸗ ſtoͤßige Gemaͤhlde ſogleich fort, und die Edel⸗ frau eroͤffnete den Tanz mit einer Anmuth und Wuͤrde, welche die Reize der Jugend er⸗ ſetzten. Als ſie ſich niederließ, um auszuruhen, fiel es ihr keineswegs auf, ihre Tochter nicht, mehr im Saale zu finden, und ſie ging ſchnell hinaus, um den Eindruck zu verwiſchen, den die geheimnißvolle Verwechſelung der Gemaͤhl⸗ de auf Luziens reizbares Gemuͤth gemacht ha⸗ ben koͤnnte. Sie hatte ihre Beſorgniſſe wahr⸗ 8 . 3— — 179 ſcheinlich grundlos gefunden; denn nach einer Stunde kam ſie zuruͤck, und fliſterte dem Braͤu⸗ tigam etwas zu, der darauf die Reihe der Taͤnzer verließ, und aus dem Saale verſchwand. Bei der froͤhlicher rauſchenden Muſik aber ſetz⸗ ten die uͤbrigen Taͤnzer mit friſcher, muthiger Jugendluſt ihre Unterhaltung fort, als ein ſo gellender durchdringender Schrei erſcholl, daß Tanz und Muſik ploͤtzlich aufhoͤrten. Alles war betaͤubt, als aber der Schrei wiederhohlt wurde, riß der Oberſt eine Fackel vom Wand⸗ leuchter, und foderte den Schluͤſſel zum Braut⸗ gemache von Heinrich, dem man, als dem Brautfuͤhrer, ihn anvertraut hatte. Er ſtuͤrz⸗ te hinaus, und ſeine Aeltern folgten ihm mit einigen der naͤchſten Verwandten. Die uͤbrigen Gaͤſte erwarteten in ſtummer Beſtuͤrzung ihre Ruͤckkehr. Der Oberſt pochte und rief an der Thuͤre des Gemaches. Keine Antwort, als ein un⸗ terdruͤcktes Stoͤhnen. Man zoͤgerte nicht laͤn⸗ ger, die Thuͤre zu oͤffnen, fand aber einen Ma 4 N 180 Widerſtand, als ob etwas davor gelegen haͤtte. Endlich wich die Thuͤre und man ſah den Braͤutigam auf der Schwelle in ſeinem Blute liegen. Alle ſtießen einen Schrei der Beſtuͤr⸗ zung und des Entſetzens aus, und die Hoch⸗ zeitgaͤſte, von Neuem aufgeſchreckt, ſtuͤrzten un⸗ geſtuͤm nach dem Brautgemache. 3 „Sucht ſie! fliſterte der Oberſt ſeiner Mutter zu. Sie hat ihn ermordet.“ Darauf zog er ſeinen Degen, ſtellte ſich an die Thuͤre, und erklaͤrte, es ſolle Niemand herein treten als der Geiſtliche und der anweſende Wund⸗ arzt. Durch ihren Beiſtand wurde Bucklaw, der noch athmete, aufgehoben und in ein an⸗ deres Zimmer gebracht, wo ſeine Freunde, voll Argwohn und Unmuth, ſich um ihn ſammelten, um die Meinung des Wundarztes zu hoͤren. Vergebens ſuchten indeß Lady Afhton, ihr Mann und die uͤbrigen Angehoͤrigen das Fraͤu⸗ lein uͤberall im Brautgemache. Das Zimmer hatte keinen Ausgang, außer der Hauptthuͤre, und man fuͤrchtete ſchon, Luzie habe ſich aus 181 dem Fenſter geſtuͤrgt, als Einer von den Su⸗ chenden, ſeine Fackel tiefer haltend, etwas Weißes in der Ecke des altfraͤnkiſchen Kamins entdeckte. Hier ſaß die Ungluͤckliche zuſammen⸗ gedruͤckt, ihre Haare in wilder Verwirrung, ihr Nachtgewand zerriſſen und mit Blute be⸗ fleckt; ihre Blicke waren ſtier und aus ihren krampfhaft entſtellten Zuͤgen blickte ein wilder Anfall von Wahnſinn hervor. Als ſie ſich ent⸗ deckt ſah, ſprach ſie unverſtaͤndliche Worte, ſchnitt Geſichter und zeigte auf die Anweſenden mit ihren blutigen Fingern, mit den wuͤthen⸗ den Gebehrden wahnwitziger Freude. Man rief ſchnell weibliche Hilfe herbei, Die Ungluͤckliche wurde, nicht ohne Anſtren⸗ gung, uͤberwaͤltigt. Als man ſie uͤber die Thuͤrſchwelle fuͤhrte, blickte ſie nieder, und ſprach die einzigen vernehmlichen Worte, die ſie bis jetzt hatte hoͤren laſſen, mit einer Art von freudigem Grinſen fragend:„So, habt Ihr ihn aufgehoben, Euren allerliebſten Braͤu⸗ tigam?“ Ihre ſchaudernden Begleiter brachten 5 8 18² ſie in ein anderes entlegenes Zimmer, wo man ſie ſorgfaͤltig bewachte. Wer beſchriebe den Schmer; ihrer Angehoͤrigen, das Entſetzen und die Beſtuͤrzung aller Gaͤſte, die Wuth der ſtrei⸗ tenden Leidenſchaften zwiſchen den Freunden beider Parteien! Der Wundarzt war der Erſte, der ruhiges Gehoͤr erhielt. Er behauptete, Bucklaw's Wunde ſei zwar gefaͤhrlich, aber keineswegs toͤblich, doch koͤnne ſie es durch Stoͤrung und uͤbereilte Wegſchaffung des Kranken leicht wer⸗ den. Dieſe Erklaͤrung brachte viele Freunde des Verwundeten zum Schweigen, die vorher darauf beſtanden hatten, ihn in das naͤchſte Haus eines Verwandten zu bringen. Sie ver⸗ langten jedoch, daß wegen des ungluͤcklichen Vorfalls vier von ihnen am Krankenbette ih⸗ res Freundes wachen, und mehre Diener wohl bewaffnet im Schloſſe zuruͤck bleiben ſoll⸗ ten. Als Aſhton und ſein Sohn dieß bewil⸗ ligt hatten, verließen die Uebrigen noch ſpaͤt in der Nacht das Schloß. A 183 Luzie war nach dem Ausſpruche der Aerz⸗ te, die eilig herbei gehohlt wurden, in großer Gefahr. Sie blieb waͤhrend der ganzen Nacht irrſinnig. Bei Tagesanbruche ſiel ſie in gaͤnz⸗ liche Unempfindlichkeit. Am naͤchſten Abend erwarteten die Aerzte die Entſcheidung der Krankheit. So geſchah's. Sie erwachte aus ihrer Betaͤubung mit anſcheinender Ruhe und ließ ihren Nachtanzug in Ordnung bringen; aber kaum hatte ſie ihre Hand an den Hals gelegt, als ob ſie das ungluͤckliche blaue Band ſuchen wollte, da ſtuͤrmten Erinnerungen auf ſie ein, die ihr Gemuͤth und ihre erſchoͤpften Kraͤfte nicht zu ertragen vermochten. Es folg⸗ te Zuckung auf Zuckung, die mit dem Tode endigten, ohne daß ſie im Stande geweſen waͤre, ein Wort zur Erklaͤrung des ungluͤckli⸗ chen Auftrittes auszuſprechen. Der Beamte des Bezirkes erſchien am folgenden Tage, und erfuͤllte mit der zar⸗ teſten Schonung die Pflicht ſeines Berufes. Es ließ ſich jedoch nichts entdecken, das 184 die allgemeine Vorausſetzung haͤtte auffklaͤren koͤnnen, die Ungluͤckliche habe in einem An⸗ falle von Wahnſinn den Braͤutigam auf der Schwelle des Gemaches verwundet. Man fand die blutige Waffe im Zimmer. Es war der⸗ ſelbe Dolch, den Heinrich am Hochzeittage hat⸗ te tragen ſollen, und den Luzie wahrſcheinlich am Vorabende des Feſtes, als man ihr mit dem Brautſchmucke auch die uͤbrigen Sachen zeigte, auf die Seite geſchafft hatte. Bucklaw's Freunde erwarteten nach ſeiner Geneſung von ihm Licht uͤber die dunkle Ge⸗ ſchichte, und beſtuͤrmten ihn mit Bitten, wel⸗ chen er anfangs unter dem Vorwande ſeiner Schwaͤche auswich. Als er wieder in ſeiner Wohnung und oollgg hergeſtellt war, verſam⸗ melte er ſeine Verwandten, welche ihn ſo drin⸗ gend um Aufſchluß gebeten hatten, und ihnen fuͤr ihre Theilnahme und die angebotene Un⸗ terſtuͤtzung dankend, ſetzte er hinzu:„Ich wuͤn⸗ ſche, meine Freunde, Ihr moͤget Euch alle verſichert halten, daß ich weder eine Geſchich/ 185 te zu erzaͤhlen, noch Beleidigungen zu raͤchen habe. Sollte eine Frau mich kuͤnftig uͤber die Vorfaͤlle jener ungluͤcklichen Nacht befragen, ſo werde ich ſchweigen, und glauben, daß ſie die Freundſchaft mit mir außuheben wuͤnſcht. Thut aber ein Mann die Frage, ſo werd' ich die Unhoͤf⸗ lichkeit fuͤr eine Herausfoderung halten, und erwarten, daß er ſich danach richte. 4 Eine ſo entſcheidende Erklaͤrung geſtattete keine weiteren Eroͤrterungen. Man ſah bald, daß Bucklaw ernſter geſtimmt und beſonnener, als er ſich zeither gezeigt hatte, vom Kranken⸗ bette aufgeſtanden war. Ee trennte ſſch von Craigengelt, dem er aber eine anſehnliche Un⸗ terſtuͤtzung gab, die bei guter Anwendung ihn gegen Mangel und gegen Verſuchung ſchuͤtzen konnte. Spaͤter ging Bucklaw ins Ausland, ohne je Schottland wiederzuſehen, und nie erhielt jemand auch nur einen Wink uͤber die umſeͤnde ſeiner ungluͤcklichen Vermaͤhlung⸗ 186 IX. E⸗ war ein nebeliger Herbſtmorgen, als man die ungluͤckliche Luzie ſtill zu Grabe trug. Nur Einige der naͤchſten Verwandten folgten dem Sarge auf den Kirchhof, den wenige Tage vor⸗ her das glaͤnzende Brautgefolge gefuͤllt hatte. Ein Fluͤgel der Kirche enthielt Aſhton's neu eingerichtetes Erbbegraͤbniß, wo man den einfa⸗ chen Sarg einſenkte, der die ſterbliche Huͤlle verſchloß, die einſt in holder Unſchuld aufge⸗ bluͤht war. Waͤhrend das Leichengefolge im Gewoͤlbe verweilte, ſaßen die drei alten Weiber wieder, wie am Hochzeittage, auf dem verwitterten Lei⸗ chenſteine.„Sagt' ich's nicht,“ ſprach die kluge Frau,„der herrlichen Hochzeit wuͤrde 4 187 bald ein eben ſo herrliches Leichenbegaͤngniß folgen? Dabei ſeh' ich nun eben nichts herrliches, erwiederte Eine von den Dreien. Nichts zu eſſen, nichts zu trinken, nichts als ein paar Silberpfennige fuͤr arme Leute. O wuͤrden denn alle Leckerbiſſen, die ſie uns geben koͤnnten, ſo ſuͤß ſein, als die Rache dieſer Stunde! ſprach die kluge Frau. Da ſehn wir ſie, die ſo ſtolz einher ritten vor vier Ta⸗ gen, und gehen nun ſo trocken und nuͤchtern daher, als wir ſelbſt. Sie glaͤnzten von Gold und Silber, und nun ſind ſie ſchwarz wie die Nacht. Und Fraͤulein Luzie ſchmollte, wenn eine ehrliche Frau ihr nahe kam, und ſaͤße jetzt eine Kroͤte auf ihrem Sarge, das Fraͤulein wuͤrde ſich nicht ruͤhren, wenn ſie ſchriee. Und die Edelfrau mit dem Hoöͤllenfeuer in ihrer Bruſt— und ihr Gemahl mit ſeinen Galgen, und ſeinen Scheiterhaufen und ſeinen Ketten, wie gefaͤllt ihm nun die Hexerei in ſeinem ei⸗ genen Hauſe? 183 Und iſt's denn wahr, murmelte die Andre, daß boͤſe Geiſter die Braut aus dem Bette gehohlt und mit ihr in den Schornſtein hinauf gefahren ſind? Hat man den Braͤutigam ge⸗ funden mit umgedrehtem Geſichte? Was geht's Euch an, wer's gethan hat, und wie's geſchehn iſt! erwiederte die kluge Frau. Aber ſie werden an den Tag gedenken, die edlen Herrn und Frauen. Und wenn Ihr denn ſo viel wißt, ſprach die Dritte, koͤnnt Ihr uns ja wohl ſagen, ob das Bild des alten Maliſe Ravenswood in den Tanzſaal hinab gekommen iſt und den Rei⸗ gen angefuͤhrt hat. Nein, antwortete die kluge Frau, aber in den Saal iſt das Bild gekommen, und ich, weiß recht gut, wie's hinein kam. Es war ein Zeichen fuͤr ſie, daß der Hochmuth zu Falle kommen ſollte. Aber, Gevatterinnen, im Todtengewoͤlbe gibt's einen Spaß, der geht noch uͤber alles. Saht Ihr nicht zwoͤlf Leid⸗ 189 tragende mit Flor und Mantel Paar und Paar die Treppe hinab gehn? J was geht's uns an! eryviederte die Andre. Und Ihr ſeht nicht, ſprach die kluge Frau, ſtolz auf ihre ſchaͤrfere Beobachtung, daß ein Dreizehnter unter ihnen iſt, den ſie nicht ken⸗ nen? Wenn alte Sagen nicht luͤgen, ſo iſt Ei⸗ ner darunter, der nicht lange mehr in der⸗ Welt iſt. Kommt, laßt uns gehn; wenn's ein Ungluͤck gibt, wuͤrden ſie ſagen, wir waͤren Schuld daran, und Gutes kann daraus nicht kommen.. Als die Beerdigung geendigt war, entdeck⸗ ten auch die Leidtragenden alsbald, daß Einer uͤber die Zahl der Eingeladenen ſich unter ih⸗ nen befand, und man fliſterte ſich die Bemer⸗ kung zu. Der Verdacht fiel auf eine Geſtalt, welche, in tiefer Trauer wie die Uebrigen, faſt unempfindlich an einen Pfeiler des Todtenge⸗ woͤlbes ſich lehnte. Afhton's Verwandten ſpra⸗ chen leiſe ihre Verwunderung und ihren Un⸗ 190 muth uͤber dieſe Zudringlichkeit aus, als der Oberſt, der in Abweſenheit ſeines Vaters der erſte Leidtragende war, ſie unterbrach.„Ich kenne den Mann,“ ſprach er leiſe.„Er hat, oder ſoll bald Urſache haben, ſo tief zu trauern als wir. Laßt mich's mit ihm ausmachen, und ſtoͤrt die Feierlichkeit nicht durch Aufſehen. Mit dieſen Worten entfernte er ſich von ſeinen Verwandten, zog den Unbekannten am Mantel und ſprach mit unterdruͤckter Bewe⸗ gung: Folgt mir! Der Fremde, bei dem Tone dieſer Stim⸗ me wie aus tiefer Betaͤubung aufgeſchreckt, gehorchte unwillkuͤhrlich. Beide ſtiegen die zertruͤmmerten Stufen hinan, die auf den Kirchhof fuͤhrten. Die uͤbrigen Leidtragenden folgten, und blieben am Eingange des Gewoͤl⸗, bes ſtehen, wo ſie die Bewegungen des Ober⸗ ſten und des Fremden beobachteten, die jetzt in der Ferne unter dem Schatten eines Ei⸗ benbaumes ſtanden, in lebhaftem Geſpraͤche, wie es ſchien. 191 Als der Oberſt mit dem Verhuͤllten allein war, ſprach er mit finſterm Ernſt und gefaßt: „Ohne Zweifel rede ich mit dem Junker von Ravenswood?“ 4 Keine Antwort folgte.„Ohne Zweifel,“ hob der Oberſt wieder an, zitternd in heftig aufwallender Leidenſchaft:„ohne Zweifel rede ich mit dem Maͤrder meiner Schweſter!“ 1 Ihr habt mich recht genannt, erwiederte Sdgar mit tiefer, bebender Stimme. Bereuet Ihr, was Ihr gethan habt, ſo mag Eure Reue vor Gott Euch zu Gute kom⸗ men; bei mir hilft ſie nichts. Hier— fuhr der Oberſt fort— daß Maaß von meinem Degen. Morgen bei Sonnenaufgang auf den Duͤnen, oſtwaͤrts von Wolfsfels., Edgar ſchien unentſchloſſen zu ſein. Treibt nicht, hob er endlich an, noch mehr zur Ver⸗ zweiflung den Ungluͤcklichen, der ſchon verzwei⸗ felt. Genießt Euer Leben, ſo lange Ihr's koͤnnt, und laßt mich den Tod von anderer Hand ſuchen. 192 Das ſollt Ihr nie— nie! ſprach der Oberſt. Von meiner Hand ſollt Ihr ſterben, oder den Fall meines Hauſes durch meinen Tod vollen⸗ den. Nehmt Ihr meine Herausfoderung nicht an, ſo will ich jeden Vorheil gegen Euch be⸗ nutzen, und jede Schmach auf Euch haͤufen, bis der Nahme Ravenswood ein Zeichen iſt fuͤr alles, was man ehrlos nennt, wie er es ſchon iſt fuͤr alles Unwuͤrdige. Das ſoll er nie ſein! ſprach Edgar heftig. Bin ich der Letzte, der ihn fuͤhren ſoll, ſo bin ichs denjenigen, die ihn einſt trugen, ſchul⸗ dig, daß er ohne Schande erloͤſche. Ich nehme Eure Herausfoderung an, Zeit und Stunde, wie Ihr geſagt. Wir find doch allein? Allein— und allein wird der Ueberlebene vom Kampfplatze gehn. So ſei Gott der Seele des Gefallenen gnaͤdig! ſprach Edgar. So ſei's! erwiederte der Oberſt. Das kann ich auch dem Manne goͤnnen, den ich 193 toͤblich haſſe und mit pollem Rechte. Nun tren⸗ nen wir uns; man wird uns unterbrechen. Auf den Duͤnen bei Wolfsfels— um Sonnen⸗ aufgang— und nur mit Degen. Genug! ſprach Edgar. Ich werde nicht fehlen. Sie ſchieden. Der Oberſt ging zu ſeinen Verwandten zuruͤck, und Edgar hohlte ſein Pferd, das er hinter der Kirche angebunden hatte. Gegen Abend verließ der Oberſt unter einem Vorwande das Schloß und ritt nach Wolfshaven, wo er im Wirthshauſe blieb, um fruͤh am naͤchſten Morgen bereit zu ſein. Man weiß nicht, wo Sdgar die uͤbrigen Stunden des ungluͤcklichen Tages zugebracht hat. Spaͤt in der Nacht kam er in Wolfs⸗ fels an, und weckte den alten Caleb, der ihn nicht mehr erwartete. Dunkle Geruͤchte von dem ungluͤcklichen Tode Lutiens und der ge⸗ heimnißvollen Urſache deſſelben waren ſchon zu dem treuen Diener gedrungen, der vor den NR 194 Folgen zitterte, welche dieſe Ereigniſſe auf das Gemuͤth ſeines Herrn haben koͤnnten. Edgars Benehmen milderte Calebs Be⸗ ſorgniſſe nicht. Auf des Dieners Bitten, ei⸗ nige Erfriſchungen zu nehmen, antwortete er anfangs gar nicht, endlich aber foderte er plotzlich und heftig Wein, und gegen ſeine Gewohnheit ſtuͤrzte er einen vollen Becher hin⸗ unter. Als Caleb ſah, daß Edgar nicht eſſen wollte, bat er ihn theilnehmend, in ſein Schlafgemach zu gehen, aber er mußte drei⸗ mahl ſeine Bitte wiederhohlen, ehe Edgar ein ſtummes Zeichen der Einwilligung gab. Caleb fuͤhrte ihn in ein bequem eingerichtetes Zimmer, wo der Junker ſeit ſeiner Ruͤckkehr gewohnt hatte. Edgar blieb auf der Schwelle ſtehen.„Nicht hier,““ ſprach er finſter.„Fuͤhrt mich in das Zim⸗ mer, wo mein Vater ſtarb, das Zim⸗ mer, wo Sie ſchlief in der Nacht, als ſie im Schloſſe war.“ Wer denn, lieber Herr? fragte Caleb, ſo erſchrocken, daß er alle Geiſtesgegenwart verlor. 4 „— 193 Sie— Luzie Afhton! Willſt Du mich toͤdten, Alter, daß Du mich zwingſt, ihren Nahmen zu wiederhohlen? Caleb wollte ihm vorſtellen, daß jenes Zimmer nicht in Ordnung ſei, aber die reiz⸗ bare Ungeduld, die er in ſeines Herrn Zuͤgen ſah, gebot ihm Schweigen. Zitternd und ſtill ging er voran, ſetzte die Lampe auf den Tiſch des oͤden Gemaches und wollte das Bett bereiten, als ihm ſein Herr mit einem Tone, der keine Zoͤgerung erlaubte, hinaus zu gehen befahl. Der alte Mann entfernte ſich, nicht zur Ruhe, ſondern zum Gebete zu⸗ gehen, aber von Zeit zu Zeit ſchlich er an die Thuͤre des Gemaches, um zu horchen, ob ſein Herr ſich zur Ruhe gelegt habe. Edgar ging mit haſtigen Schritten auf und nieder; nur zuweilen ſtieß er tiefe Seufzer aus, und ſtampfte heftig auf den Boden, wenn der „Schmerz ihn uͤberwaͤltigte. Der Morgen zoͤ⸗ gerte der unruhigen Ungeduld des alten Man⸗ nes zu lange, bis endlich ein roͤthliches Licht N 2 196 auf dem Meere ſchimmerte. Es war fruͤh im November und das Wetter ungewoͤhnlich hei⸗ ter fuͤr dieſe Jahrzeit, aber ein Oſtwind hatte waͤhrend der Nacht geweht, und die ſteigende Flut ſchlug hoͤher als gewoͤhnlich an den Fuß des Felſens, der das Schloß trug.— Bei dem erſten Lichtſchimmer ging Caleb wieder vor Edgars Schlafgemach, und als er durch eine Spalte in der Thuͤre blickte, ſah er ihn beſchaͤftigt, einige Degen zu meſſen, die in einer anſtoßenden Kammer lagen. Der iſt kuͤrzer,“— ſprach Edgar, eine der Waffen waͤhlend:„ aber auch den Vortheil mag er haben, wie jeden andern.“ Caleb errieth leicht, was ſein Herr im Sinne hatte, und wußte wohl, daß er ver⸗ gebens verſuchen wuͤrde, ihn abzuhalten. Kaum hatte er die Thuͤre verlaſſen, als Edgar ploͤtz⸗ lich heraus kam und in den Stall hinab eilte. Der treue Diener folgte. Edgars verſtoͤrter Anzug und ſein furchtbarer Blick verriethen nur zu deutlich, daß er die Nacht ohne Schlaf 197 und Ruhe zugebracht hatte. Caleb fand ihn im Stalle, eifrig beſchaͤftigt, ſein Pferd zu ſatteln, und mit unſicherer Stimme und zit⸗ ternder Hand erbot er ſich, ihm die Muͤhe abzunehmen. Edgar ſchlug den Beiſtand des Dieners durch eine ſtumme Gebehrde aus. Er fuͤhrte ſein Pferd in den Hof, und wollte auf⸗ ſteigen, als Caleb, nur dem Zuge ſeiner leb⸗ haften Zuneigung folgend, ſeine Furcht uͤber⸗ wand, und ſich ploͤtzlich niederwarf, die Kniee ſeines Gebieters umſchlingend, mit dem be⸗ wegten Ausrufe:„O lieber Herr! toͤdtet mich, wenn Ihr wollt, nur geht nicht dieſen ſchreck⸗ lichen Gang. O mein theurer Herr! wartet nur heute— morgen kommt der Marquis von A. und alles wird noch in Ordnung gebracht werden. Ihr habt keinen Herrn mehr, Caleb, ſprach Edgar, und ſuchte ſich von ihm los zu machen. Warum, alter Mann, willſt Du ei⸗ nen fallenden Thurm umfaſſen? Ja, ich habe einen Herrn, rief Caleb, 198 ihn veſt haltend: ſo lange der Erbe von Ra⸗ venswood lebt. Ich bin nur ein Dienſtbote; aber ich habe Eurem Vater, Eurem Großvater gedient— Ich ward gebaren fuͤr Euer Haus, ich habe fuͤr Euer Haus gelebt, und will ſter⸗ ben fuͤr Euer Haus. Bleibt nur hier, und alles wird noch gut werden. Gut? alter Thor, gut? Nein, Caleb, fuͤr mich wird nichts mehr gut im Leben, und die gluͤcklichſte Stunde iſt, die es am ſchnell⸗ ſten endigt. Mit dieſen Worten riß er ſich von dem alten Manne los, ſchwang ſich auf's Pferd und ritt bis ans Schloßthor, wo er ſchnell umkehrte, um den Diener, der ihm entgegen eilte, einen ſchweren Geldbeutel zuzuwerfen. „Caleb, ſprach er mit furchtbarem Laͤcheln, Du ſollſt mein Erbe ſein!“ Darauf wendete er wieder den Zuͤgel und ritt die Anhoͤhe hinab. Der Beutel blieb unberuͤhrt auf der Erde liegen, denn der Alte eilte fort, um zu ſe⸗ * 199 hen, welchen Weg ſein Herr naͤhme. Edgar wendete ſich links auf einen ſchmalen rauhen Pfad, der durch eine Felſenſpalte zu einer Seebucht hinab fuͤhrte, wo einſt die Schloß⸗ boote angelegt hatten. Caleb ſtieg auf die Zinne des Schloſſes, um die ganzen Duͤnen faſt bis zum Dorfe Wolfshaven uͤberſehen zu koͤnnen. Ploͤtzlich erinnerte er ſich der alten Prophezeihung, daß der Herr von Ravenswood auf dem Elfenſande umkommen ſollte, der auf dem halben Wege vom Schloſſe zu den Duͤnen⸗ nordoͤſtlich von Wolfshaven lag. Jetzt ſah er ihn auf der verhaͤngnißvollen Stelle, und— ſah ihn nicht wieder. Der Oberſt, nach Rache ſchnaubend, war ſchon auf dem beſtimmten Kampfplatze, ging auf dem Naſen haſtig auf und nieder, und blickte ungeduldig nach dem Schloſſe, woher ſein Gegner kommen ſollte. Die Sonne war aufgegangen und ihre Scheibe glaͤnzte ſo hell uͤber die Flaͤche des Meeres her, daß er deut⸗ lich den Reiter unterſcheiden, konnte, deſſen 400 ſchnelle Bewegung die Ungeduld verrieth, die auch ihn trieb. Auf einmahl aber war die Geſtalt, die ſich ihm naͤherte, verſchwunden, als waͤre ſie in der Luft zerfloſſen. Der Oberſt, der eine Erſcheinung zu ſehen glaubte, rieb ſich die Augen, und eilte dann zu der Stelle, wo Caleb ſchon auf einem entgegen geſetzten Wege angekommen war. Man fand nirgend eine Spur vom Pferde oder vom Reiter; aber es zeigte ſich, daß der heftige Nachtwind und die hohe Flut die gewoͤhnliche Graͤnze des Sandes weiter ausgedehnt hatten, und die Hufſpur verrieth, daß der ungluͤckliche Reiter, in ſeiner haſtigen Eile, ſtatt des ſichern Weges auf dem veſten Sande des Schloßfelſens den kuͤrzeſten und gefaͤhrlichſten gewaͤhlt hatte. Nur eine Spur ſeines Schickſals ward endlich gefunden. Eine große ſchwarze Feder, die von ſeinem Hute gefallen war, wurde von den Wogen der anſchwellenden Flut zu Calebs Fuͤßen geſpuͤlt. Der alte Mann nahm ſie 201 auf, trocknete ſie ab und ſteckte ſie in ſeinen Buſen. Unruhig kamen die Bewohner des Dorfes herbei, und ſuchten theils an der Kuͤſte, theils in Booten nach dem verſchwundenen Reiter, aber der tiefe Flugſand behielt, wie in ſolchen Faͤllen gewoͤhnlich, ſeine Beute. Beunruhigt durch die verbreiteten ſchreck⸗ lichen Geruͤchte, und beſorgt fuͤr ſeines Vet⸗ ters Sicherheit, kam der Marquis am folgen⸗ den Tage an, um den Verluſt des Juͤnglings zu betrauern. Er ließ noch einmahl vergebens nach dem Leichnam ſuchen und kehrte dann zuruͤck in das Geraͤuſch des oͤffentlichen Le⸗ bens, wo er das ungluͤckliche Ereigniß bald vergaß. Nicht ſo Caleb. Haͤtte zeitlicher Vortheil den guten Alten troͤſten koͤnnen, ſo wuͤrde er der Lage ſich gefreut haben, die in ſeinen letz⸗ ten Tagen gluͤcklicher war, als je in ſeinem fruͤhern Leben, aber das Leben hatte fuͤr ihn keinen Reiz und keine Wuͤrze mehr. Alle ſeine K 202 Gedanken, ſeine Gefuͤhle, ſein Stoltz, wie ſeine Beſorgniſſe, ſeine Freuden, wie ſein Kummer, alles war aus ſeiner innigen Ver⸗ bindung mit der Familie entſprungen, die er nun erloſchen ſah. Sein Haupt war ge⸗ beugt; er verließ alle ſeine gewoͤhnlichen Be⸗ ſchaͤftigungen, und nichts ſchien ihm Vergnuͤ⸗ gen zu machen, als traͤumend umher zu ge⸗ hen in den Zimmern des alten Schloſſes, die ſein Herr zuletzt bewohnt hatte. Die Nahrung erquickte ihn nicht, der Schlaf gab ihm keine Ruhe, und mit einer Treue, die man ſelten unter Menſchen findet, haͤrmte er ſich ab, bis er ein Jahr nach dem ungluͤcklichen Ereigniſſe im Grabe Ruhe fand. Aſhton's Haus uͤberlebte nicht lange das untergegangene Geſchlecht. Der Vater bewein⸗ te vor ſeinem Tode den Verluſt ſeines aͤlteſten Sohnes, der in einem Zweikampfe in Flandern ſiel, und Heinrich, ſein Erbe, ſtarb unver⸗ maͤhlt. Lady Aſhton erreichte ein hohes Alter und uͤberlebte allein die Ungluͤcklichen, an de⸗ 4 203 ren Schickſal ihre Unverſoͤhnlichkeit Schuld war. Ob ſie in ihrem Innern Zerknirſchung em⸗ pfunden und mit dem beleidigten Himmel ſich verſoͤhnt habe, wer wollte, wer duͤrfte es laͤug⸗ nen— nie aber verrieth ſie gegen ihre Umge⸗ bungen das leiſeſte Zeichen von Reue oder in⸗ nerm Vorwurfe, und zeigte in ihrem aͤußern Benehmen eben das kuͤhne, ſtolze, unbiegſame Gemuͤth, das ſie vor jenen ungluͤcklichen Be⸗ gebenheiten verrathen hatte. Ein glaͤnzendes Marmordenkmahl ruͤhmt ihren Nahmen, ihre Wuͤrde und ihre Tugenden, waͤhrend kein Grabmahl und keine Inſchrift die Staͤtten be⸗ jeichnet, wo ihre Opfer ruhen. Ende. 3 1 * 9909*„B.,49* ,⸗.. 6.4,,4.666.,4 6...,.„4 ,6... Gedruckt bei Carl Gottlob Gaͤrtner. 946116b 134,,5555 3,,,9,s be,,eees ſſinnnſnnſſſnnſſſſfſſſſſſſſiſſſſſinſſſsſinſſſ 5 16 1 18 19 9 11 12 13 14 1 7