8888—ſſſͤſſſſ111 —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ofkmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Deih- und LCeſebedingungen. 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 83.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 bintterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. dben Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.. für nlchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Nr. Ff. 1 Mr. 50 Ff. 2 M. Pf. „ 3„„—„„=»„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines großeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 Die Braut, ein 3 romantiſches Gemaͤhlde nach Walter Scott, von 1 . A. Liud auu.. * 4 4 Zweiter Theil. * Ddrresden, 130. 1 in der Arnoldiſchen Buchhandlung. f. u Theil. r e — — — — Ol οꝑꝑ I. Da Beſtuͤrzung war allgemein, und nur den vereinten Bemuͤhungen Aſhton's und Edgar's gelang es, Luzien vor einer Ohnmacht zu be⸗ wahren. So war dem Juͤnglinge noch einmal die kitzlichſte und gefaͤhrlichſte aller Aufgaben gegeben, einem ſchoͤnen, huͤlfloſen Weſen beizu⸗ ſtehen, deſſen Bild, wie er es fruͤher in einer aͤhnlichen Lage geſehen, ſchon ein Lieblingsge⸗ genſtand ſeiner Einbildung, im Wachen wie im Schlafe, geworden war. Wollte der Schutz⸗ geiſt der Felſenburg wirklich den Bund zwi⸗ ſchen Edgar und ſeinem holden Gaſte verdam⸗ men, ſo waren die Mittel, wodurch er ſeine Geſinnungen ausdruͤckte, ſo ungluͤcklich ge⸗ waͤhlt, als waͤre er nur ein Sterblicher gewe⸗ ſen. Die kleinen Aufmerkſamkeiten, die durch⸗ A 2 4 aus nothwendig waren, das Fraͤulein zu be⸗ ruhigen und zur Faſt ſung zu bringen, mußten den Junker in eine Verbindung mit ihrem Vater ſetzen, die wenigſtens s auf einen Augen⸗ blick die Schranken ererbter Feindſchaft nie⸗ derriß, welche ſie trennte. Sich rauh oder kalt auszudruͤcken gegen einen alten Mann, deſſen Tochter— und welche Tochter!— vor ihnen lag, von Schrecken uͤberwaͤltigt, und zwar unter Kinen eigenen Dache— nein, es war unmoͤglich! Und als Luzie, ſich erholend, ihre Haͤnde gegen ihren Vater und Sdgar aus⸗ frect und ihnen fuͤr ihre Guͤte dankte, fuͤhl⸗ te der Juͤngl ling, daß feindſelige Empfindun⸗ hton nicht die vorherrſchenden in gen gegen Aſt ſeiner Bruſt waren. Luzie konnte bei dieſem Wetter, bei ihrem Geſundheitzuſtande, bei der Abweſenheit ihrer Dienerſchaft, nicht daran denken, wieder nach Lord Bittlebrains Landſitze zuruͤck zu kehren, der faſt zwei Wegſtunden en tfernt war, und Edgar fuͤhlte ſich durch die Pflichten gewoͤhnli⸗ —— 5 cher Hoͤflichkeit gebunden, ihr Obdach fuͤr den uͤbrigen Tag und die folgende Nacht anzu⸗ bieten. Minder ſanft aber waren ſeine Worte und aͤhnlicher ſeine Blicke dem gewoͤhnlichen Ausdrucke ſeiner Zuͤge, als er erwaͤhnte, daß 3 er fuͤr die Unterhaltung ſeiner Gaͤſte nur ſehr aͤrmlich eingerichtet ſei. Solcher Maͤngel moͤget Ihr nicht geden⸗ ken, ſiel Aſhton ſchnell ein, um ihn abzuhal⸗ ten, auf einen beunruhigenden Gegenſtand zu⸗ ruͤck zu kommen: Ihr ſeid beſtimmt, auf s veſte Land zu reiſen, darum iſt Euer Haus fuͤr jetzt nicht eingerichtet. Wir begreifen dieß ſehr wohl, aber freilich, wenn Ihr von Ungelegen⸗ heit reden wolltet, ſo wuͤrdet Ihr uns noͤthi⸗ gen, unten im Dorfe Unterkommen zu ſuchen. Als Edgar antworten wollte, oͤfnete ſich die Thuͤre und Caleb ſtuͤrzte herein. Der Don⸗ nerſchlag, der Alle betaͤubte, hatte den kuͤhnen und erfinderiſchen Geiſt dieſer Blume aller Haushofmeiſter nur kraͤftiger erweckt. Kaum war das Getoͤſe verhallt, und es wußte nie⸗ mand, ob die Burg noch veſt ſtand, oder zu⸗ fammen ſtuͤrzen wollte, als Caleb ausrief: „Der Himmel ſei geprieſen! Das kommt wie gerufen!”“ Er verrammelte darauf die Kuͤchen⸗ thuͤre im Angeſicht von Aſhton's Diener, der eben vom Burgthore zuruͤck kam.„Wie zum Henker iſt der herein gekommen?“ brummte Caleb in den Bart.„Aber meinetwegen!— Miekchen, was ſitzeſt Du da im Winkel und heulſt? Komm her— oder bleib' auch wo Du biſt— heule nur, ſo laut Du kannſt, Du biſt ja zu ſonſt nichts gut. Schreie, ſchreie! Lau⸗ ter, lauter, Alte! daß ſie's hoͤren in der Hal⸗ le, und halt— herunter mit dem Bettel! Mit dieſen Worten warf er etwas Zinn⸗ geſchirr und irdene Gefaͤße vom Simſe. Er erhob ſeine Stimme bei dem klirrenden Ge⸗ toͤſe und bruͤllte ſo laut, daß Miekchen beſorg⸗ te, der alte Mann ſei verruͤckt geworden.„Er hat die letzten Schuͤſſeln herunter geworfen, ſprach ſie: wir koͤnnen nun nicht, mal mehr Milchſuppe eſſen, und auch die Schuͤſſel fuͤr — den Hetrn hat er zerbrochen... Gott ſteh' uns bei, das Donnerwetter hat den alten Mann toll gemacht.“ Halt's Maul, Alte! rief Caleb, voll un⸗ geſtuͤmer Freude uͤber ſeinen gluͤcklichen Ge⸗ danken. Für alles iſt nun geſorgt, fur's Eſſen und alles— das Donnerwetter hat's gemacht wie man die Hand umkehrt.— Hoͤre! fuhr er fort, als die Alte mitleidig und bekuͤmmert ihn anſah: laß nur den fremden Mann nicht in die Kuͤche. Du ſchwoͤreſt, das Donner⸗ wetter waͤre im Schornſtein herunter gefahren, und haͤtte Dir das beßte Eſſen zu Schanden gemacht.. Ich geh! hinauf— laß Du's nur drunter und druͤber gehn, aber den Fremden laß nicht herein. Nach dieſen Anordnungen, ging Caleb hinauf. Er verweilte vor der Thuͤre der Halle, und als er durch ein Loch, das die Zeit in die morſchen Breter gebohrt hatte, neugierig blickte und Luziens Zuſtand bemerkte, war er vorſichtig genug, einige Augenblicke zu warten⸗/ — — um ihre Angſt nicht zu erhoͤhen und zugleich ſeiner Erzaͤhlung von den zerſtoͤrenden Wir⸗ kungen des Gewitters die gehoͤrige Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſichern. Als aber das Fraͤulein ſich erholt hatte, und die Rede auf die Bewir⸗ thung ſiel, hielt er's fuͤr die hoͤchſte Zeit, die Unterhaltung zu unterbrechen. 8 Ach daß Gott erbarm! rief er. Welches Ungluͤck hat das Haus Ravenswood betroffen! Was muß ich erleben! Was gibt's, Caleb? ſprach Edgar, ziem⸗ lich unruhig. Iſt etwas vom Schloſſe einge⸗ fallen? Eingefallen? Nein, aber der Ruß iſt herunter gefallen, das Donnerwetter iſt gerad' in der Eſſe herunter gekommen und alles liegt unter einander, wie Kraut und Nuͤben — und fuͤr die Bewirthung unſerer hohen Gaͤſte, fuhr er fort mit tiefen Verbeugun⸗ gen— nein, es iſt auch gar nichts mehr da, weder fuͤr den Mittag, noch fuͤr den Abend. — ——— Das will ich glauben, Caleb, ſprach Ed⸗ gar trocken. Caleb warf auf ſeinen Herrn einen Blick, der ihm Vorwuͤrfe machte und zugleich flehentlich bat.„Wir harten eben nicht gro⸗ ße Anſtalten gemacht, kuhr er fort, nur ein paar Schuͤſſeln mehr, als Euer Gnaden ge⸗ woͤhnliche Tafel, drei Gaͤnge und ein Nach⸗ Beale deine Abgeſchmacktheiten fuͤr Dich, alter Thor! ſprach Ravenswood, empfindlich uͤber die Otenfffertigkeit des Alten; aber er wußte nicht, wie er ihm widerſprechen ſollte, ohne noch laͤcherlichere Auftritte herbei zu fuͤhren. Caleb ſah, daß er im Vortheile war, und wollte es benutzen. Waͤhrend Aſhton's Die⸗ ner, der in dieſem Augenblicke herein trat, heimlich mit ſeinem Herrn ſprach, ſagte er leiſe dem Junker in's Ohr:„Schweigt doch, um's Himmelswillen! Wenn'’s mir nun be⸗ liebt, meine Seele in Gefahr zu ſetzen durch 2* —— Luͤgen fuͤr die Ehre des Hauſes, was geht's Euch an! Laßt mich nur gewaͤhren, und ich will's maͤßig machen mit meinem Gaſtmahl, aber wenn Ihr mir widerſprecht, meiner Treu'! ich richte ein Eſſen an, das fuͤr einen Herzog gut genug ſein ſoll. Sdgar glaubte ſelber, es ſei am beßten, den dienſtfertigen Alten ruhig gehen zu laſſen, der nun anſing, ſeinen Kuͤchenzettel herzube⸗ ten.„Nein, nicht viel hatten wir den geehr⸗ ten Herrſchaften vorzuſetzen. Erſter Gang: Kapaunen mit weißer Sauce— Kalbseotte⸗ lets mit Morcheln und Truͤffeln— Schin⸗ kenpaſtete mit Conſommé— Zweiter Gang: Haſenbraten— geſchmorte Krebſe— Grenade von Kalbszungen. Dritter Gang: ein Auer⸗ hahn— ach der ſieht aus vom Ruß!— Prunel⸗ len— Buttertorte mit Mandelereme— Kirſch⸗ kuchen und anderes ſuͤßes Zeug und Back⸗ werk— und— ja das iſt alles— fuhr er fort, den unmuthigen Blick ſeines Herrn be⸗ merkend— ja gerade alles, außer Aepfel und Birnen.— Luzie hatte ſich nach und nach ſo weit erholt, daß ſie bemerken konnte, was vorging. Sie fah, wie Edgar ſeinen Unmuth unterdruͤckte, waͤhrend der Alte mit ſeltſamer Entſchloſſen⸗ heit ſein eingebildetes Gaſtmahl beſchrieb, und das Ganze kam ihr ſo luſtig vor, daß ſie, trotz aller Anſtrengung, ſich zu bemeiſtern, in ein unbezwingliches Gelaͤchter ausbrach, worein ihr Vater, jedoch mit mehr Maͤßi⸗ gung, und endlich ſelbſt Edgar einſtimmte, wiewohl er fuͤhlte, daß der Spaß auf ſeine Koſten ging. Das alte Gewoͤlbe wiederhallte von dem lauten, oft erneuten Gelaͤchter, waͤh⸗ vend der alte Caleb ernſt, unwillig, in zorni⸗ ger Wuͤrde da ſtand, was die Lacherlichkeit des Auftrittes erhoͤhte und die Lachluſt der Zuſchauer reizte. Als ſie endlich ſtill waren, rief Caleb ohne Umſtaͤnde aus:„Die Vornehmen haben den Teufel! Sie fruͤhſtuͤcken ſo herrlich, daß ſie — e — ñ—— —— —— 12 lachen, wie uͤber den luſtigſten Schwank, und wenn das beßte V verloren gegangen waͤre. Aber wenn die gnaͤdigen Herrſchaften ſo wenig im Magen haͤtten als ich, ſo wuͤrden ſie nicht ſo viel Seß dabei haben. Dieſe Worte erregten neues Lachen, das der Alte nicht nur fuͤr eine Beleidigung der Wuͤrde des Hauſes, ſondern auch fuͤr eine Verhoͤhnung der Beredſamkeit hielt, die er aufgeboten hatte, den erlittenen Verluſt fuͤhl⸗ bar zu machen. Aber ſind denn alle dieſe Leckerbiſſen ſo gaͤnzlich vernichtet, daß nichts mehr davon gerettet werden koͤnnte? hob endlich Luzie an, und ſuchte ernſthaft zu ſein. Gerettet, gnaͤdiges Fraͤnlein? Was wollt Ihr retten aus Ruß und Aſche? Bemuͤht Euch nur ſelber in unſre Kuͤche. Die Koͤ⸗ chinn eree und bebt. Alles liegt unter ein⸗ ander, Kapaunen, Cotelets, Schinken, Krebſe, Backwerk/. werdet's ſelber ſehn, gnaͤdiges Fraͤulein— ich will ſagen— ſiel er ſich ſchnell ₰ 13* in's Wort, Ihr werdet nun nichts mehr da⸗ von ſehen, denn die Koͤchinn hat alles mit dem Beſen weggekehrt, wie ſich's gebuͤhrt. Aber die weiße Bruͤhe ſeht Ihr noch. Ich ſteckte den Finger darein, und es ſchmeckte wie ſaure Milch; das muß das Donnerwet⸗ ter gemacht haben, oder ich weiß nicht, wo⸗ her es kommt. Dieſer Herr da— fuhr Ca⸗ leb fort, auf Aſhton's Diener deutend— muß das Gepolter von Schuͤſſeln, Tellern und Sil⸗ berzeug gehoͤrt haben. Der fremde Diener, der doch wohl von ſeinem Herrn gelernt haben mochte, den Ausdruck ſeines Geſichts in der Gewalt zu haben, ward ein wenig beſuuͤrtt, als man ſich ſo auf ihn berief, und antwortete nur mit einer Verbeugung. Aſhton fuͤrchtete, der Auftritt werde dem Junker endlich unangenehm werden. Ich daͤchte, ſprach er zu dem alten Haushofmei⸗ ſter, Ihr beriethet Euch unter vier Augen mit meinem Kammerdiener Lockhart, er hat 6 — — 14 auf Reiſen gelernt, ſich in allerlei Unfaͤlle und Stoͤrungen zu ſchicken, und ich hoffe, Ihr beide werdet ſchon Mittel entdecken, die⸗ ſer Verlegenheit abzuhelfen. Caleb, der zwar die Hoffnung verloren hatte, ſelber das Beduͤrfniß des Augenblicks zu befriedigen, aber doch, gleich dem muthi⸗ gen Elefanten, lieber in der letzten Anſtren⸗ gung ſterben, als den Beiſtand eines Ge⸗ faͤhrten annehmen wollte, hob nach einer Pau⸗ ſe an: Mein gnaͤdiger Herr weiß es, daß ich keinen Nathgeber brauche, wo es die Ehre des Hauſes gilt. Ich wuͤrde Euch Unrecht zhun, wenn ich's laͤugnete, ſprach Edgar. Aber Eure Kunſt beſteht hauptſaͤchlich darin, Entſchuldigungen zu machen, wovon wir eben ſo wenig zu Mit⸗ tag eſſen koͤnnen, als von dem Kuͤchenzettel des leckern Mahles, um welches wir durch das Gewitter gekommen ſind. Vielleicht ver⸗ ſteht es Herr Lockhart, Erſatz fuͤr etwas zu 15 finden, das nicht mehr iſt und wahrſcheinlich nie geweſen iſt. Es beliebt Euer Gnaden zu ſpaßen, er⸗ wiederte Caleb. Aber wenn man im ſchlimm⸗ ſten Falle den kurzen Weg nach Wolfshaven machen muͤßte, ſo getrau' ich mir, Eſſen fuͤr vierzig Mann zu finden. Ich vill nicht ſa⸗ gen, daß die Leute Eure Kundſchaft verdie⸗ nen, ſie haben ſich ſchlecht gegen Euch be⸗ nommen— Gut, ſiel Edgar ein. Berathet Euch mit einander. Geht in's Dorf, und richtet's ſo gut ein, als Ihr koͤnnt. Wir duͤrfen unſere Gaͤſte nicht ohne Erfriſchung laſſen, um die Ehre eines geſunkenen Hauſes zu retten. Hier, nehmt meinen Geldbeutel, Caleb, das wird wohl Euer beßter Bundesgenoſſe ſein. Den Geldbeutel? den Geldbeutel? ſprach der Diener und warf ihn unmuthig weg. Was ſollt' ich mit Eurem Geldbeutel machen auf Eurem Grund und Boden? Ich daͤchte 4£ 16 doch, wir werden nicht bezahlen ſollen fuͤr unſer Eigenthum. 2 Als die beiden Diener ſich entfernt hat⸗ ten, entſchuldigte Afhton die laute Luſtigkeit, wozu er ſich hatte hinreiſſen laſſen, und Luzie hoffte, ſie werde den gutherzigen treuen Alten nicht gekraͤnkt haben. Ealeb und ich muͤſſen lernen, mit Gleich⸗ muth, oder wenigſtens mit Geduld, das Laͤ⸗ cherliche zu tragen, das uͤberall ſich zu der Duͤrftigkeit geſellt. Ihr thut Euch Unrecht, Junker von Ra⸗ venswood, auf meine Ehre! ſprach Luziens Vater. Ich glaube Eure Angelegenheiten beſ⸗ ſer zu kennen, als Ihr ſelber, und hoffe, Such zu zeigen, daß ich Antheil daran nehme, und daß— kurz, daß Eure Ausſichten beſſer ſind/ als Ihr fuͤrchtet. Ich kenne indeß nichts, was ſo viel Achtung verdiente, als der Muth, der ſich uͤber das Ungluͤck erhebt, und lieber ehrenvoll Entbehrung duldet, als Schulden machen, oder abhaͤngig ſein will. 3 17 Aſhton machte dieſe Anſpielungen mit ei⸗ nem Anſchein von furchtſamer und ſchuͤchter⸗ ner Zuruͤckhaltung, ſei es, daß er das Zart⸗ gefuͤhl des Junkers zu beleidigen oder deſſen Stolz zu wecken fuͤrchtete, und er ſchien aͤngſt⸗ lich beſorgt zu ſein, daß er zudringlich wer⸗ den koͤnne, wenn er, auch noch ſo leiſe, einen ſolchen Gegenſtand beruͤhrte, ungeachtet Edgar ſelbſt ihn darauf geleitet hatte. Kurz, waͤh⸗ rend der Wunſch, ſich freundlich zu zeigen, ihn zur Offenheit trieb, hielt die Furcht, uͤberlaͤſtig zu werden, ihn zuruͤck. Kein Wunder, wenn Edgar, der zu jener Zeit noch wenig Lebens⸗ erfahrung hatte, dem ausgelernten Hofmanne mehr Aufrichtigkeit zugetraut haͤtte, als wahr⸗ ſcheinlich bei zwanzig Leuten dieſes Schlages zu finden geweſen waͤre. Er antwortete je⸗ doch zuruͤckhaltend, er ſei Allen verbunden⸗ die gut von ihm denken wollten, und ſich entſchuldigend, verließ er die Halle, um fuür die Bewirthung ſeiner Gaͤſte die Einrichtun⸗ — 18 8 gen zu machen, welche die Umſtaͤnde ihm er⸗ naubten. Als er mit der alten Haushaͤlterinn ſich berieth, waren die Einrichtungen fuͤr die Nacht bald angeordnet, da hier nicht viel zu waͤh⸗ len war. Edgar wollte ſein Zimmer Luzien aͤberlaſſen, und um dem Fraͤulein als Kam⸗ merfrau außzuwarten, legte Miekchen ein ſchwar⸗ zes Atlaskleid an, worin einſt des Junkers Großmutter auf den Hofbaͤllen geglaͤnzt hatte. Als Edgar erfuhr, daß Bucklaw mit den Jaͤ⸗ gern in der Schenke war, gab er dem Haus⸗ hofmeiſter den Auftrag, den vertriebenen Gaſt mit der Lage der Dinge in Wolfsfels bekannt zu machen, und ihn zu bitten, im Doͤrfchen fuͤr die naͤchſte Nacht ſein Unterkommen zu ſuchen, da das einzige annehmliche Bett in der geheimen Kammer fuͤr Luziens Vater in Beſchlag genommen werden mußte. Edgar fand es nicht hart, die Nacht vor dem Ka⸗ minfeuer in der Halle, in ſeinen Reitermantel gehuͤllt, zuzubringen, und ſchottiſche Dienſtbo⸗ 1 19 ten, ja ſelbſt junge Leute von Ton, hielten im Nothfalle reines Stroh, oder trockenes Heu fuͤr ein gutes Nachtlager. Waͤhrend Aſhton's Diener Wildbret aus dem Wirthshauſe herbeiholen ſollte, mußte Caleb noch einmal ſeinen Witz aufbieten, die Ehre des Hauſes zu retten. Sein Herr keich⸗ te ihm zum zweiten Male ſeinen Geldbeutel hin, aber der fremde Diener ſah es ja und ſo 2 glaubte der gute Alte, abweiſen zu muͤſſen, wonach alle ſeine Finger zuckten.„Haͤttet Ihr ihn mir nicht heimlich in die Hand 8 druͤcken koͤnnen! ſprach er. Aber Ihr wer⸗ det's nie lernen, wie man ſich in ſolchen Faͤllen benehmen muß.“ 8 BS. — — 20 II. Nicht ohne heimliche Bangigkeit ging Caleb auf Kundſchaft aus. Es druͤckte ihn eine drei⸗ fache Verlegenheit. Er wagte es nicht, ſeinem Herrn zu ſagen, wie er den jungen Bucklaw beleidigt, wagte es nicht zu geſtehen, daß er den Geldbeutel zu uͤbereilt abgelehnt hatte, und endlich fuͤrchtete er, Bucklaw unter die Augen zu treten in einen Augenblicke, wo die Erinnernng an die erlittene Kraͤnkung noch friſch war und wahrſcheinlich eine reich⸗ liche Branntweinladung ihre Wirkungen aͤu⸗ ßerte. Caleb war, man muß es ihm nachruͤhmen, loͤwenkuͤhn, wo es die Ehre des Hauſes Ra⸗ venswood galt, aber er hatte den beſonnenen Muth, der ſich nicht in nutzloſe Gefahren be⸗ —,— 24 gibt. Doch das war nur eine Nebenruͤckſicht, aber der Hauptpunkt, die Duͤrftigkeit des Haus⸗ halts im Schloſſe zu verſchleiern und ohne Beiſtand des fremden Dieners herbei zu ſchaf⸗ fen, was er konnte. Das Dorf, dem ſie ſich naͤherten, hatte ſonſt oft in aͤhnlichen Noͤthen Hilfe gegeben, aber ſeit einiger Zeit waren Caleb's Verbindungen hier gaͤnzlich abgebro⸗ chen. Die Bewohner des Doͤrfchens, deren Huͤtten zerſtreut am Ufer eines ſchmalen See⸗ arms lagen, waren vor Zeiten Unterthanen 3 der Herren von Ravenswood geweſen, waͤh⸗ rend der Bedraͤngniſſe des Hauſes aber hat⸗ ten die Meiſten von dem alten Verhaͤltniſſe der Hoͤrjgkeit ſich loszumachen und das freie Ei⸗ genthum ihrer Beſitzungen zu erlangen gewußt.. Caleb, der das Andenken der alten Oberge« walt liebte, und ihren Verfall beklagte, war der Meinung, daß die alten Rechte des Hau⸗ ſes Navenswood nur ſchlummerten, und wollte die Erinnerung der Bewohner von Zeit zu Zeit durch kleine Erpreſſungen auffriſchen. Anfangs —— . 8 22 ließen es ſich die Landleute mehr oder min⸗ der bereitwillig gefallen, da ſie ſo lange ge⸗ wohnt geweſen waren, die Beduͤrfniſſe ihrer Herrſchaft ihren eigenen vorzuziehen. Aber wer die Freiheit genießt, wird ſich ihrer bald bewußt. Die Bewohner von Wolfshaven fin⸗ gen an zu murren, und endlich wurden Ca⸗ leb's Foderungen rund abgeſchlagen. Der alte Haushofmeiſter behauptete, einer der ehemali⸗ gen Herren von Ravenswood haͤtte ſich fuͤr die Erbauung eines Hafendammes, der die Fiſcherboote der Dorfbewohner gegen Stuͤrme ſchuͤtzte, einen Anſpruch erworben auf den er⸗ ſten Stein Butter nach dem Kalben jeder Kuh und auf jedes, von jeder Henne an jedem Montage im Jahre gelegte Ei. Er verlangte die Ruͤckſtaͤnde diefer Abgaben, war aber bereit, ſich ein billiges Abkommen gefallen zu laſſen. Die Bewohner des Dorfes verſammelten ſich, entſchloſſen, die Foderung abzuweiſen, und waren nur uneinig, wie ſie ihren Widerſpruch begruͤnden ſollten, als der Boͤttcher, ein be⸗ — 23 deutender Mann im Fiſcherdorfe, mit der Be⸗ merkung auftrat, ihre Hennen haͤtten lange genug fuͤr die Herren von Ravenswood ge⸗ gackt, und es waͤre nun Zeit, daß ſie fuͤr die⸗ jenigen gackten, die ihnen Pflege und Gerſte gaͤben. Alle ſtimmten dem Redner bei und zum Ungluͤcke fuͤr Caleb's Anſpruͤche fanden ſie einen maͤchtigen Beiſtand in dem ſchlauen David Dingwall, einem pfifigen Advokaten⸗ ſchreiber, der ſchon einmal gegen die Familie Ravenswood aufgetreten war und zu Aſhton's Geſchaͤftsfuͤhrern gehoͤrte. Der arme Caleb wußte aus trauriger Erfahrung, daß er gegen dieſen Soͤldner nicht ſo gut auskommen wuͤr⸗ de, als gegen die Landleute ſelbſt, auf deren alte Erinnerung, Vorliebe und gewohnte Denk⸗ art er durch Gruͤnde wirken konnte, gegen welche der Schreiber, der ſich an den Buch⸗ ſtaben der alten Urkunde hielt, ganz fuͤhllos war. 1 Dieſer ungluͤckliche Erfolg ſchnitt dem be⸗ draͤngten Caleb alle Hilfsmittel ab, die Wolfs⸗ 24 haven ihm zeither in jeder Verlegenheit dar⸗ geboten. Er hatte ſich verſchworen, nie wie⸗ der einen Fuß ins Dorf zu ſetzen, und auch ſo treulich Wort gehalten, daß ſeine Entfern⸗ ung, wie es ſeine Abſicht war, auf die wider⸗ ſpenſtigen Dorfbewohner gewiſſermaßen wie ei⸗ ne Zuͤchtigung gewirkt hatte. Caleb war in ihren Augen ein Mann, der zu einer hoͤhern Menſchenklaſſe gehoͤrte, der ihre kleinen Feſte durch ſeine Gegenwart verherrlichte, bei vie⸗ len Gelegenheiten nuͤtzlichen Rath ertheilte, und durch ſeinen Verkehr ihrem Dorfe ein gewiſſes Anſehen gab. Sie ſagten es ſelbſt, es waͤre ein ganz anderes Weſen in ihrem Dorfe, ſeit Herr Caleb ſo abgeſchieden im Schloſſe lebe.— So ſtanden die Sachen zwiſchen beiden Parteien, als Caleb, vbgleich es ihm bitter wie Galle und Wermuth war, ſich in der Nothwendigkeit ſah, entweder vor einem vor⸗ nehmen Fremden und, was noch ſchlimmer war, vor des Fremden Diener das Geſtaͤnd⸗ niß abzulegen, daß ſich in Wolfsfels kein Mit⸗ tageſſen finden laſſe, oder ſich auf das Mitleid der Bewohner von Wolfshaven zu verlaſſen. Es war eine ſchreckliche Herabwuͤrdigung, aber die Noth hatte kein Gebot. Als er in's Dorf kam, ſuchte er ſich ſo bald als moͤglich von ſeinem Begleiter loszu⸗ machen, dem er die Schenke zeigte, aus deren hell erleuchteten Fenſtern die Stimmen der froͤhlichen Zecher ſchallten. Geht nur hinein, ſprach er zu ihm, und thut, was Euer Herr Euch geheißen hat, ich werde ſchon nachkom⸗ men, wenn ich die andern Lebensmittel habe. Das Wildpret iſt zwar nicht gerade noͤthig fuͤr die Mittagtafel, aber es iſt eine Artigkeit gegen die Jaͤger, wenn wir's nehmen, ſetzte er hinzu, den Diener beim Nockknopfe hal⸗ tend. Und ſollte man Euch drinnen einen Becher Wein anbieten, oder ein Glas Brannt⸗ wein, ſo ſeid ſo klug und nehmt's; es koͤnn⸗ te wohl ſein, daß das Donnerwetter bei uns alles ſauer gemacht haͤtte. Mit langſamen Schritten, als haͤtte er Blei an den Fuͤßen gehabt, aber mit noch ſchwererem Herzen, ging Caleb durch das Dorf, und erwog, gegen wen er ſeinen erſten An⸗ griff machen ſollte. Er mußte jemand finden, in welchem die Achtung fuͤr ehemalige Groͤße lebenbiger war, als das Gefuͤhl neu erworbe⸗ ner Unabhaͤngigkeit, und der in ſeinem An⸗ ſinnen einen Ausdruck von Wuͤrde ſah. Er ſann vergebens. Der Pfarrer hatte mit dem verſtorbenen Lord um den Zehnten geſtritten, des Brauers Wittwe lange geborgt und noch keine Bezahlung erhalten. Niemand war beſ⸗ ſer im Stande, aber niemand wahrſcheinlich weniger geneigt, Beiſtand zu leiſten, als Gil⸗ bert, der Boͤttcher, das Haupt des Aufſtan⸗ des gegen das Eier⸗ und Buttergeſuch.„Aber es kommt alles darauf an, daß man's bei den Leuten auf die rechte Art anfaͤngt, ſprach Caleb zu ſich ſelber. Es war dumm von mir, daß ich dem Kerl zmal ſagte, er haͤtte nur erſt gerochen in unſer Dorf; ſeitdem hat er's 8 „ 27 der Familie nachgetragen. Aber er hat das huͤbſche Hannchen geheirathet, des alten Leicht⸗ mann's Tochter; und ihre Mutter war Kam⸗ mermaͤdchen bei der ſeligen gnaͤdigen Frau, vor vierzig Jahren. Ich hab' da oft mit ihr gedahlt und geſpaßt, und ich denke, ſie wohnt noch bei ihrem Schwiegerſohne. Ja, Geld hat er, wenn man ihm nur beikommen koͤnnte, Er muß ſich's zur Ehre rechnen, hat's gar nicht verdient um uns, der grobe Flegel, und wenn er's auch verloͤre, er kaͤme noch wohlfeil davon und kann's entbehren. Nach dieſem Selbſtgeſpraͤche kehrte Caleb dreiſt zu des Bottchers Hauſe zuruͤck, oͤffnete ohne Umſtaͤnde die zugeklinkte Thuͤre und ſtand im naͤchſten Augenblicke hinter der Schirmwand, wo er ungeſehen das Innere der Kuͤche uͤberſchauen konnte. Wie ganz an⸗ ders war's hier, als in der traurigen Wirth⸗ ſchaft im Schloſſe! Ein luſtiges Feuer lo⸗ derte auf des Boͤttchers Herde. Seine Frau, in ihrem beßten Staate, ſtand auf der Seite 28 und legte die letzte Hand an ihren feſtlichen Put, waͤhrend ſie ihr freundliches Geſicht in einem zerbrochenen Spiegel beſah, den ſie zu ihrem eigenen Gebrauche auf dem Schuͤſſel⸗ brete aufgeſtellt hatte. Ihre Mutter, Caleb's alte Freundinn, ſaß in vollem Glanze am Herde, und gemaͤchlich ihre Pfeife rauchend/ fuͤhrte ſie die Oberaufſicht in der Kuͤche. Ein angenehmerer Anblick fuͤr das bekuͤmmerte Herz des Haushofmeiſters war der Feuerherd, wo aus einem großen Keſſel einladende Fleiſch⸗ daͤmpfe aufſtiegen und an zwei Spießen, von des Boͤttchers Lehrjungen gedreht, eine Schoͤps⸗ keule und eine ſette Gans nebſt einem Paar wilder Enten brieten. Der Anblick und Ge⸗ ruch ſolcher Fuͤlle war zu viel fuͤr des armen Caleb's niedergeſchlagene Seele. Als er ſich nun zu dem Wohnraum wendete, hatte er einen nicht minder beweglichen Anblick, eine große runde Tafel, mit zehn bis zwoͤlf Ge⸗ decken, auf ſchneeweißem Tiſchtuche, große Zinnkruͤge neben einigen ſilbernen Bechern, 29 deren Inhalt vermuthlich der glaͤnzenden Auſ⸗ ſenſeite wuͤrdig war. Da ſeh' einer den Boͤttcher, den Zun⸗ gendreſcher! dachte Caleb, voll neidiſchen Er⸗ ſaunens. Es iſt Suͤnd' und Schande, daß ſo Einer ſo in Saus und Braus lebt. Aber wenn heut' Abend nicht etwas von dieſen leckern Dingen den Weg nach Wolfsſels fin⸗ det, ſo will ich nicht Caleb heißen! Mit dieſem Entſchluſſe trat er herein, und gruͤßte hoͤflich Mutter und Tochter. Ei, Herr Caleb Balderſtone, ſeid Ihr's denn wahrhaftig! riefen beide. Sieht man Euch denn auch mal wieder? Setzt Euch, ſetzt Euch. Gilbert wird Euch gern ſehn. Wir haben heut' Abend Kindtaufe, Ihr wer⸗ det's gehoͤrt haben— und Ihr bleibt doch bei uns? Nein, junge Frau, nein! ſprach Caleb. Ich wollte nur hinein ſehen und Euch Gluͤck wuͤnſchen. Euern Mann haͤtt' ich gern geſehn, aber— 30 Mit dieſen Worten wollte er aufbrechen, aber lachend hielt die Mutter ihn auf, und faßte ſeinen Arm mit einer Freiheit, die auf Rechnung der alten Bekanntſchaft kam. Gehn? Nein, daraus wird nichts! Ihr wollt doch dem Kinde die Ruhe nicht mitneh⸗ men wollen? Aber ich habe große Eile, Mutter Marie, erwiederte Caleb, der ſich ohne ſonderliches Straͤuben zu einem Stuhle ziehen ließ. Und was das Eſſen anlangt, ſetzte er hinzu, als die geſchaͤftige Hausfrau ihm ein Meſſer vor⸗ legte: du lieber Himmel! damit werden wir gequaͤlt vom Morgen bis in die liebe Nacht. Es iſ eine ſundliche Praſſerei, aber das ha⸗ ben wir von den engliſchen Kloßfreſſern. O ſtill doch von den Kloßfreſſern, ſprach die junge Frau. Koſtet unſere Kloͤßer, Herr Balderſtone. Hier iſt Roſinen⸗Kloß und hier Reißkloß. Verſucht, was Euch am beßten ſchmeckt. Beides gut— beides vortrefflich, kann 2 3 4 nicht beſſer ſein; aber ich habe ſchon genug am Geruche, ſo ſpat hab' ich zu Mittag ge⸗ ſpeiſet. Doch ich will Eurer Kuͤche keinen Schimpf anthun, junge Frau, und mit Eu⸗ rer Erlaubniß, moͤchte ich ſie wohl beide in mein Tuch binden, und ſie zum Abendbrod eſſen. Ich habe die Paſteten und das ſuͤße Zeug ſatt, das uns die alte Mieke macht, und Ihr wißt's ja, Mariechen, Leekerbiſſen vom Lande hatt' ich immer am liebſten, und— ſetzte er hinzu mit einem Blicke auf die junge Frau— huͤbſche Maͤdchen vom Lande auch. Meiner Treu! ſie ſieht doch jetzt noch beſſer aus, als da ſie den Gilbert nahm, und war doch das ſchmuckeſte Maͤdchen in unſerm Kirch⸗ ſpiel. Aber von einer guten Kuh kommt auch ein huͤbſches Kaͤlbchen. Mutter und Tochter laͤchelten fuͤr ſich uͤber die Schmeichelei, und ſahen ſich laͤchelnd an, als Caleb die beiden großen Kloͤße in ein Tuch band, das er mit kluger Vorſorge zu ſich geſteckt hatte. und was gibt's gutes Neues im Schloſſe? fragte die Hausfrau. Neues? Ei das beßte, was Ihr je gehoͤrt 8 habt. Lord Afhton iſt da mit ſeiner ſchoͤnen Tochter, und will ſie meinem Herrn an den Hals werfen, wenn er ſie ihm nicht aus dem Arm nehmen will. Und ich will wetten, der Vater haͤngt ihr unſere alten Laͤndereien an die Rockſchleppe. Ei was Ihr ſagt! Und will er ſie haben? Und iſt ſie ihm gut? Und was hat ſie fuͤr Haare? Und traͤgt ſie einen kurzen Rock oder ein Schleppkleid?— waren die Fragen, wo⸗ mit die Weiber ihn beſtaͤrmten. Still doch, ſtill! Ich muͤßte ja einen ganzen Tag haben, auf alles zu antworten, und habe kaum eine Minute Zeit. Wo iſt Euer Mann, Hannchen? 5 Er holt den Pfarrer, antwortete die jun⸗ ge Frau. So! ſo! Nun ich muß fort. Wollte nur bei Euch einſprechen und Eurem Manne 33 ſagen, daß der Boͤttcher im koͤniglichen Vor⸗ rathhauſe in Leith geſtorben iſt. Ich daͤchte, wenn mein Herr bei Lord Aſhton ein gutes Wort fuͤr Euren Mann einlegte— Aber weil er nicht zu Hauſe iſt— O Ihr muͤßt warten, bis er kommt, ſprach die Alte. Ich hab's ihm immer geſagt, daß Ihr's gut mit ihm meint; aber wie er nun iſt, gleich obenaus! Gut, ich will bleiben, ſo lange ich kann, verſprach Caleb. Ihr glaubt alſo, das Fraͤulein iſt dem Junker gut? hob die huͤbſche Hausfrau wie⸗ der an. Ei nun, ich meine, das muͤßte ſie auch. Der hat ein Geſicht, eine Hand— und zu Pferde ſitzt er wie ein Prinz. Wißt Ihr auch, daß er immer in unſer Fenſter guckt, wenn er durch's Dorf reitet? Ich muß wohl wiſſen, wie er ausſieht, ſo gut als ſonſt je⸗ mand. O ich weiß es wohl, erwiederte Caleb. Der gnaͤdige Herr ſagte zu mir: die Boͤtt⸗ C cherfrau hat die ſchwaͤrzeſten Augen in der — ganzen Herrſchaft. Und ich ſagte: Ei ja frei⸗ lich, gnaͤdiger Herr, und vorher gehoͤrten die Augen ihrer Mutter, das hab' ich zu meinem Schaden erfahren. Nicht wahr, Mariechen? Haͤl haͤl haͤ! O das waren luſtige Tage! J, alter Burſche, ſprach die Mutter, ſchwatzt doch nicht ſolches Zeug vor dem jungen Ding da!.. Aber Hannchen— hoͤrſt du denn nicht, Kind, wie der Junge wieder ſchreit! Er kriegt gewiß wieder das Herzge⸗ ſpann. Mutter und Großmutter eilten in einen entlegenen Winkel, wo der junge Held des Feſtes ruhte. Als Caleb nun reine Bahn ſah, nahm er eine ermunternde Prieſe Taback, um ſich in ſeinem Entſchluſſe zu ſtaͤrken.„Ich will des Todes ſein, dachte er, wenn der Pfar⸗ rer und der Boͤttcher heut' Abend einen Biſ⸗ ſen von den wilden Enten koſten ſollen 1 Er wendete ſich zu dem aͤlteſten Jungen, der den Bratſpieß drehte, und gab ihm ein — . 35 kleines Geldſtuͤck: Da, lieber Junge, geh' da⸗ mit in die Schenke, und ſag' der Wirthinn, ſie ſollte mir Taback in die Doſe geben. Ich will unterdeſſen den Spieß fuͤr Dich drehen. Sie gibt Dir auch ein Stuͤckchen Pfefferkuchen fuͤr Deine Muͤhe.. Kaum aber war der Knabe fort, als Ca⸗ leb den andern Bratenwender ernſt und veſt an⸗ ſah, den Spieß mit dem Gefluͤgel vom Feuer nahm, den Hut ins Geſicht druͤckte und von dannen zog. An der Thuͤre der Schenke ver⸗ weilte er nur einen Augenblick, um mit weni⸗ gen trockenen Worten die Botſchaft beſtellen zu laſſen, daß Herr Hayſton von Bucklaw heute kein Nachtlager im Schloſſe zu erwarten habe. Bucklaw war hoͤchſt aufgebracht, als er dieſe Nachricht aus dem Munde der Wirthinn empfing. Craigengelt machte mit einſtimmi⸗ gem Beifalle den Vorſchlag, dem alten Fuchs, dem Caleb, nachzuſetzen, ehe er ſein Loch er⸗ reicht haͤtte, und ihn zu prellen. Aſhton's E32 36 5 Kammerdiener aber erklaͤrte mit ernſtem Tone den Leuten ſeines Herrn und des Lord Bittle⸗ brain, daß die geringſte Ungezogenheit gegen den Diener des Junkers von Navenswood ſei⸗ nen Gebieter im hoͤchſten Grade erzuͤrnen wer⸗ de. Nach dieſer wirkſamen Warnung verließ er die Schenke, begleitet von zwei Leuten, die Lebensmittel trugen, und holte den alten Caleb am Ende des Dorfes ein. Der arme Bratenwender ſaß noch beſtuͤrzt am beraubten Herde, als haͤtte er einen Geiſt geſehen, und vergaß ſeinen Dienſt ſo ſehr, daß die Schoͤpskeule faſt zur Kohle verbrannte. Endlich weckte ihn aus ſeiner Betaͤubung eine derbe Maulſchelle, die ihm die Großmutter gab, deren Haͤnde ſehr geuͤbt waren, wie ihr ver⸗ ſtorbener Mann, ſo hieß es, auch zu ſeinem Schaden erfahren haben ſollte. Den Braten verbrannt, Du Taugenichts? Und wo iſt der andre Junge? Wo iſt Herr Balderſtone? Und— ums Himmelswillen! wo iſt der andre Spieß geblieben? Der Knabe wußte in ſeiner Beſtuͤrzung auf alle dieſe Fragen nichts zu antworten, als er wiſſe es nicht. Die Hausfrau kam indeſſen hinzu, und beide betaͤubten den armen Jungen ſo ſehr mit Ausrufungen und Fragen, daß er kein Wort hervorbringen konnte, und erſt als der aͤltere Knabe zuruͤck kehrte, fing man an zu ahnen, was geſchehen war. Ei! wer haͤtte das gedacht, fprach die Mutter, daß Caleb einer alten Bekannten ei⸗ nen ſolchen Streich ſpielen wuͤrde! O daß er beim Kukuck waͤre! rief die junge Frau. Und was ſoll ich meinem Manne— ſagen? Er wird mich pruͤgeln.„ A Schweig, albernes Ding! fiel die Mutter 8 ein. Nein, nein,'s iſt wohl ſchlimm, aber ſo ſchlimm ſoll's doch nicht werden. Will er Dich ſchlagen, ſa hat er's mit mir zu thun, unnd ich habe wohl ſchon Andre abgehalten, die mehr zu bedeuten hatten, als er. In dieſem Augenblicke ritt der Boͤttcher mit dem Pfarrer vor das Haus. Als ſie ah⸗ 38 geſtiegen waren, eilten ſie herein, um am Herdfeuer nach dem Ritte in der Abendkuͤhle ſich zu waͤrmen. Die junge Frau, auf die Reize ihres Sonntagſtaates vertrauend, kam ihrem Manne entgegen, um den erſten Angriff aufzufangen, waͤhrend ihre Mutter im Hinter⸗ treffen blieb, ſie im Nothfalle zu unterſtuͤtzen. Beide hofften die Entdeckung des Unfalles hinaus zu ſchieben, die Mutter, indem ſie ſich geſchaͤftig zwiſchen ihren Schwiegerſohn und das Feuer draͤngte, die Tochter durch die gro⸗ ße Herzlichkeit, womit ſie den Pfarrer und ihren Mann empfing, und durch die aͤngſtlich beſorgte Frage, ob die Kaͤlte ihnen nicht ge⸗ ſchadet habe. Kaͤlte? ſprach muͤrriſch der Hausßerr der nie unter dem Pantoffel geſtanden hatte. Freilich Kaͤlte genug, wenn Du uns nicht zum Feuer laſſen willſt. Mit dieſen Worten machte er ſich Bahn, und einen Blick auf den Herd werfend, ver⸗ 39 mißte er den Spieß mit dem leckern Gefluͤgel. Alle Teufel, Frau— 3 Pfui doch! riefen Mutter und Tochter. So was zu ſagen vor dem Herrn Pfarrer! Ich habe gefehlt, ſprach der Boͤttcher, aber— 3 Wenn wir, hob der Pfarrer an, den Na⸗ men des Erzfeindes unſerer Seele im Munde fuͤhren— Ich habe gefehlt, wiederholte Gilbert. So ſetzen wir uns ſeinen Verſuchungen aus, und laden ihn ein, oder zwingen ihn vielmehr, von ſeinem Verkehr mit ungluͤckli⸗ chen Perſonen abzulaſſen, und ſich zu denjeni⸗ gen zu wenden, in deren Reden ſein Name oft gebraucht wird. Freilich, freilich, ehrwuͤrdiger Herr, ſprach Gilbert, doch was kann man mehr thun, als ſeinen Fehler bekennen? Aber laßt mich nun die Weibsleute fragen, warum ſie die wilden Enten angerichtet haben, ehe wir kamen. Wir haben ſie nicht angerichtet, Gilbert⸗ 40 ſprach die Hausfrau, aber— aͤber ein Un⸗ fall— Was fuͤr ein Unfall? ſprach der Mann mit flammenden Blicken. Sie ſind doch nicht verungluͤckt, will ich hoffen? He? Die junge Frau, die ihn fuͤrchtete, wagte nicht zu antworten, aber ihre Mutter eilte, ihr beizuſtehen. Und wenn ich ſie einem Bekann⸗ ten gegeben haͤtte, ſprach ſie, was waͤr's denn weiter? Gilbert verſtummte einen Augenblick vor ihrer Zuverſicht. Und Ihr habt die Enten weggegeben, das Beßte von unſerm Kindtauf⸗ eſſen 2 Und einem von Euren Freunden? Und der waͤre? Herr Caleb Balderſtone von Wolfsfels, erwiederte die Alte, zum Kampfe geruͤſtet. Gilbert konnte ſeinen Zorn nicht bezwin⸗ gen. Der Mann, den er ſo bitter haßte, hat⸗ te das koͤſtliche Geſchenk empfangen. Er hob ſeine Reitgerte gegen die Alte auf, aber ſie wich nicht, und ſchwang unerſchrocken den ei⸗ . ſernen Loͤffel, womit ſie eben die Schoͤpskeule begoſſen hatte. Ihre Waffe war gewiß die beßte, und ihr Arm ſo ſtark, daß Gilbert es faͤr's Sicherſte hielt, ſich gegen ſeine Frau zu wenden, deren bewegliches Gewinſel den guten Pfarrer nicht wenig dauerte.„und Du haſt ſo ſtill dabei geſeſſen, ſprach Gilbert, als man mein Eigenthum dem muͤſſigen, wurmſtichigen Kerl hinwarf, weil er die Ohren des einfälti⸗ gen alten Weibes mit unnuͤtzem Geſchwaͤtze zu kitzeln wußte?. Der zuͤrnende Eheherr hob bei vieſen Worten die Hand gegen ſie auf. Aber der Pfarrer erhob ſeine Stimme und die Mutter trat ſchuͤtzend mit ihrem eiſernen Loͤffel vor die Tochter. Pfui ſchaͤmt Euch, ſprach der Geiſtliche. Ich haͤtt' es nicht von Euch erwartet, daß Ihr Euch Euren ſuͤndlichen Leidenſchaften gegen Eure theuerſten(Verwandten alſo uͤberlaſſen wuͤrdet. Und zumal heut' Abend, wo Ihr die heiligſte Pflicht eines chriſtlichen Vaters zu er⸗ 1 fuͤllen habt. Und warum?, Um eines Ueber⸗ fluſſes willen, der ſo nichtswuͤrdig als unnoͤ⸗ thig iſt. Nichtswuͤrdig? rief der Boͤttcher. Eine beſſere Gans ging nie auf den Stoppeln, und ſchoͤnere wilde Enten haben nie eine Feder naß gemacht. Mag's ſein, lieber Nachbar, erwiederte der Geiſtliche. Es iſt ja noch genug am Herde. 8 * 3 Ich habe die Zeit erlebt, wo zehn von den Ha⸗ ferkuchen, die dort auf dem Brete ſtehen, ein Leckerbiſſen geweſen waͤren fuͤr eben ſo viele Ver⸗ folgte, die in der Einoͤde Hunger litten, um des Evangelii willen. Ja, ich wuͤrde mich nicht ſo ſehr aͤrgern, ſprach der Boͤttcher, wenn ſie's einem frommen Mann in Noͤthen gegeben haͤtte. Aber dieſem raͤube⸗ riſchen, luͤgenhaften Kerl, der eines Tags un⸗ ter dem alten Ravenswood einen Haufen Kriegs⸗ polk anfuͤhrte gegen den tapfern Argyle,* *) Er wurde bei ſeinem Einfall in Schottland im J. 1685 gefangen und bald nachher hingerichtet. das Beßte von unſerm Schmauſe zzu ge⸗ ben— Und ſeht Ihr denn nicht des Himmels Gericht darin? ſprach der Pfarrer. Die Nach⸗ kommen der Gerechten ſollen nicht ihr Brod betteln— aber der Sohn des maͤchtigen Un⸗ terdruͤckers ſieht ſich dahin gebracht, ſeine Wirthſchaft von Shrem Ueberfluſſe zu erhalten. und wenn Gelbert nur ein Wort hoͤren wollte, ſiel die junge Frau ein, es war nicht einmal fuͤr Lord Ravenswood; Caleb wollte etwas zur Bewirthung des Herrn Siegelbe⸗ wahrers haben, wie ſie ihn nennen, der iſt in Wolfsfels. 2 Gilbert war hoͤchlich erſtaunt, und wollte eben ſo wenig glauben, daß Afhton und der Junker von Ravenswood freundlich verbunden waͤren, als daß, wie ſeine Schwiegermutter erzaͤhlte, der Dienſt im koͤniglichen Vorrath⸗ hauſe erledigt ſeyn ſollte; aber im naͤchſten Augenblicke wurden beide Nachrichten durch ſeinen Altgeſellen, der dazu kam, beſtaͤtigt. ½ Der Geſell glaubte, den Kuͤchenraͤuber leicht ein⸗ holen zu koͤnnen, welcher, wie er meinte, noch nicht weit vom Dorfe ſein werde. Gilbert fuͤhrte ihn bei Seite, um ihm heimlich ſeine Auftraͤge zu geben, und ſprach darauf zu ſei⸗ ner Frau: Hannchen, richte an, und— nun kein Wort mehr von der Geſchichte! Auf ſeines Herrn munterm Roſſe hatte der Altgeſell den Naͤuber boͤld eingeholt. Ca⸗ leb zoͤgerte aus begreiflichen Gruͤnden nicht auf dem Heimwege, und verbot ſich ſogar ſein Lieblingsgeſchwaͤtz, als er ſeinem Begleiter verſichert hatte, er habe die wilden Enten im Dorfe nur ein wenig braten laſſen, auf den Fall, daß Miekchen mit ihrer Kuͤche noch nicht wieder in Ordnung waͤre. Eilig ging er nun voran, um die Anhoͤhe zu erreichen, und glaub⸗ te in Sicherheit zu ſein, als er laut ſeinen Namen rufen hoͤrte.. Caleb war nicht eilig, auf den Ruf zu achten, und wollte ſeine Begleiter anfangs uberreden, es ſei nur der Wiederhall des Win⸗ 1 45 des, und als er nun den eilenden Reiter hinter ſich ſah, nahm er ſich muthig zuſam⸗ men, ſeine Beute zu vertheidigen, hielt den langen Bratſpieß vor, zugleich Speer und Schild, veſt entſchloſſen, eher zu ſterben, als ihn zu uͤbergeben. Wie groß aber war ſein Erſtaunen, als der Geſell ihm ehrerbietig mel⸗ dete, ſeinem Herrn ſei es ſehr leid, daß der werthe Gaſt ihn nicht zu Hauſe gefunden und— nicht Zeit gehabt habe, dem Kindtaufſchmauſe beizuwohnen, er nehme ſich aber die Freiheit, ein Faͤßchen Sekt und einen Anker Branntwein zu ſenden, da er gehoͤrt, daß man Beſuch im Schloſſe habe, und nicht ganz vorbereitet ſei. Ein aͤltlicher Mann ward einſt von einem Baͤren, der ſeinen Maulkorb losgeriſſen hatte, heftig verfolgt und war faſt erſchoͤpft. In der Verzweiflung blickte er dreiſt ſeinem Ver⸗ folger ins Angeſicht und hob ſeinen Stock auf. Bei dieſem Anblicke ſiegte das Gefuͤhl der gewohnten Zucht, und ſtatt ihn zu zerrei⸗ ßen, ſeellte ſich der Baͤr auf die Hinterbeine und fing alsbald au, eine Sarabande zu tan⸗ zen. Nicht minder freudig uͤberraſcht, als der Verfolgte, der ſich ſo ploͤtzlich aus der groͤßten Gefahr gerettet ſah, war Freund Caleb, als der Verfolger die Beute vermehrte, ſtatt ſie ihm wegzunehmen. Er war jedoch ſchnell ge⸗ faßt/ da der Reiter ſich von dem Pferde, wo er zwiſchen zwei Faͤßchen ſaß herab beugte, und ihm zufliſterte:„Wenn wegen des Dien⸗ ſtes im Vorrathhauſe etwas gethan werden konnte, ſo wuͤrde mein Meiſter ſich gegen den Junker von Ravenswood gehoͤrig abfinden, er moͤchte gern auch mit Euch ein Woͤrtchen aus der Sache ſyrechen, und ihr ſollt ihn in al⸗ lem, was Ihr wuͤnſchen könnt, ſo biegſam ſinden, als einen Weidenzweig.“ Caleb antwortete darauf, wie ein ſtolzer Machthaber, mit einer Goͤnnermiene:„Wir wollen ſehen!“ und ſprach dann laut zu ſei⸗ nes Begleiters Erbauung:„ Es iſt eine ge⸗ bührende Höflichkeit von Eurem Meiſier, daß er uns dieſe Getraͤnke liefert, und ich werde 47 nicht ermangeln, es meinem gnaͤdigen Herrn gehoͤriger Maßen vorzuſtellen. Reitet Ihr nur immer auf's Schloß, lieber Freund, und ſollte noch niemand von den Dienſtboten zuruͤck ge⸗ kommen ſein— und ich fuͤrcht' es leider, man weiß ja, wie's das Volk macht, wenn man's einmal aus dem Geſichte hat— nun, ſo legt nur alles in des Pfoͤrtners Stube, rechter Hand am großen Thorweg. Der Pfort⸗ ner hat Erlaubniß, ſeine Freunde zu beſu⸗ chen, darum werdet Ihr niemand finden, der Euch zurecht fuͤhren kann.“ Deer Geſelle that, wie ihm geheißen, und als er die Faͤßchen in der veroͤdeten Pfoͤrtner⸗ ſtube abgelegt hatte, eilte er zuruͤck, und im Vorbeireiten den alten Haushofmeiſter ehrer⸗ bietig gruͤßend, kehrte er heim zum Dorfe, um ſeinen Antheil am Kindtaufſchmauſe nicht zu verlieren. III. Ac der treue Caleb ſeine gluͤcklich errun⸗ genen Schuͤſſeln gemuſtert und geordnet hatte, ſtand ein Gaſtmahl bereit, ſo herrlich, als ſeit dem Leichenſchmauſe in Wolfsfels nicht war geſehen worden. Mit frohem Stolze ſchmuͤckte er den alten eichenen Tiſch mit einem reinen Tuche, und als er ſeine Gerichte auftrug, ſchien ſein Blick dann und wann die Un⸗ glaͤubigkeit ſeines Gebieters und der Gaͤſte zu ſtrafen. Aſhton's Diener ward mit mancher, mehr oder minder wahren, Geſchichte von der ehemaligen Herrlichkeit der Burg Wolfsfels, und der weitherrſchenden Macht ihrer Gebie⸗ ter unterhalten. Koͤnnt Ihr denn gut fertig werden mit —; ——-—,—,—‧˖ 49 den Leuten im Dorfe? fragte der fremde Die⸗ ner. In Ravenswood, wo mein Herr jetzt zu ſagen hat, habt Ihr ein Volk zuruͤck gelaſſen, das ſich ſchwer regieren laͤßt. Kann ſein! Aber Ihr muͤßt bedenken, es iſt auch ein ander Regiment da. Der alte Herr haͤtte zwei Gefaͤlligkeiten erwarten koͤn⸗ nen, wo der neue nur eine erhaͤlt. Das Beßte, daͤcht' ich, waͤre wohl, wenn man eine Heirath ſtiftete zwiſchen Eurem Herrn und unſerm huͤbſchen Fraͤulein. Mein Herr koͤnnte Eure alten Guͤter ihr an den Aermel heften, er wuͤrde ſchon wieder zu andern kom⸗ men, dazu iſt er pfifig genug. Caleb ſchuͤttelte den Kopf. Ich wuͤnſche, es moͤchte gehn. Aber es gibt alte Prophe⸗ zeihungen uͤber dieß Haus, und ich moͤchte ſie nichtz gern erfuͤllt ſehen mit meinen alten Augen, die ſchon ſo viel Ungluͤck geſehen ha⸗ ben. Pah! wer wird ſich davor fuͤrchten! Wenn die jungen Leute ſich gut ſind, waͤren ſie wohl D — —õÿõõõÿõ m⅓⅓ 5⁰ ein huͤbſches Paͤrchen. Aber freilich iſt bei uns zu Hauſe eine gewiſſe Perſon, die muß auch die Hand darin haben, wie in allen Dingen. Waͤhrend die Diener ſich's in der Kuͤche wohl ſein ließen, unterhielt ſich die Geſell⸗ ſchaft im Saale eben ſo angenehm. Als Edgar ſich entſchloſſen hatte, Aſhton gaſtfreundlich zu behandeln, hielt er ſich fuͤr verbunden, die Offenheit und Hoͤflichkeit eines vergnuͤgten Wirthes zu zeigen. Auch ihm aber erging's, wie manchem Andern; er ſpielte bald in vol⸗ lem Ernſte die anfangs nur angenommene Rolle. In weniger als zwei Stunden war Ed⸗ gar zu ſeiner eigenen Ueberraſchung in dee Stimmung eines Mannes, der ſein Beßtes thut, willkommene und geehrte Gaͤſte zu unter⸗ halten. Errathe, wer es kann, wie viel zu dieſer Veraͤnderung die Schoͤnheit und holde Unſchuld des Fraͤuleins und die freundliche Bereitwilligkeit, womit ſie ſich in die Unbe⸗ quemlichkeit ihrer Lage fuͤgte, wie viel die milde einſchmeichelnde Rede des Staatsman⸗ 5¹ nes dazu beigetragen habe. Edgar war wenig⸗ ſtens gegen keines von beiden unempfindlich. Aſhton, vertraut mit dem Hofleben, und aufgewachſen unter den Staatsumwaͤlzungen am Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts, konnte aus eigener Erfahrung von Menſchen und Er⸗ eigniſſen ſehr anziehend reden, und beſaß die beſondre Kunſt, ohne ſich je mit einem einzi⸗ gen Worte eine Bloͤße zu geben, den Zuhoͤ⸗ rer zu uͤberreden, daß er ohne alle aͤngſtliche Vorſicht und Zuruͤckhaltung ſich aͤußere. Ed⸗ gar, ſo viele Vorurtheile, und ſo viel Grund zu gerechter Empfindlichkeit er hatte, fand ſich unterhalten und belehrt, als er auf die Worte des Staatsmannes horchte, der nur anfangs durch ein inneres Gefuͤhl in der Anſtrengung, ſich in ſeiner Eigenheit zu zeigen, gehindert wurde, nun aber ſeine Un befangenheit und die Zungengelaͤufigkeit eines Rechtsgelehreen der erſten Groͤße wieder erlangt hatte. Luzie ſprach nicht viel, aber ſie lichee⸗ und was ſie ſagte, verrieth eine ſtille anſpruch D2 5²⁸ loſe Freundlichkeit, und den Wunſch, Freude zu machen, was fuͤr einen ſo ſtolzen Mann, als Ravenswood, noch bezaubernder war, als der glaͤnzendſte Witz. Es entging ihm nicht, daß ihn ſeine Gaͤſte, ſei es aus Dankbarkeit, oder einem andern Beweggrunde, in ſeinem oͤden, duͤrftigen Saale mit eben ſo ehrerbieti⸗ ger Aufmerkſamkeit behandelten, als wenn er mit allen, ſeiner edlen Herkunft angemeſſe⸗ nen Mitteln zur Gewaͤhrung gaſtfreundlicher Bewirthung umgeben geweſen waͤre. Alle Maͤngel blieben unbemerkt, oder wenn ſie beach⸗ tet wurden, ruͤhmte man die Erſatzmittel, wel⸗ che Caleb herbei geſchafft hatte, um dem Man⸗ gel der gewoͤhnlichen Bequemlichkeiten abzu⸗ helfen. Das Laͤcheln, deſſen man ſich zuweilen doch nicht erwehren konnte, war immer freund⸗ lich, und oft von artigen Worten begleitet, welche verriethen, wie hoch die Gaͤſte die Ver⸗ dienſte ihres edlen Wirthes ſchaͤtzten und wie wenig ſie an die Unbequemlichkeiten dachten, die ſie uͤberall fanden. Auch mochte es dem 5 *³ 53 ſtolzen Gemuͤthe des Junkers nicht wenig ſchmeicheln, daß ſeine perſoͤnlichen Verdienſte alle Nachtheile ſeiner Gluͤckslage uͤberwogen. Als die Zeit des Schlafengehens kam, gingen Aſhton und Luzie in ihre Zimmer, wel⸗ che die alte Haushaͤlterinn und Caleb ein we⸗ nig aufgeputzt hatten. Nach hergebrachter Sitte geleitete Edgar den Vater des Fraͤu⸗ leins in das Schlafgemach. Caleb folgte, und ſetzte mit einem Gepraͤnge, als ob er Wachs⸗ kerzen gehabt haͤtte, zwei plumpe Talglichter in elenden Drahtleuchtern auf den Tiſch. Er entfernte ſich darauf, und kam bald zuruͤck mit zwei irdenen Gefaͤßen— das Porzellan, ſagte er entſchuldigend, ſei ſeit dem Tode der gnaͤdigen Frau wenig in Gebrauch geweſen— das eine war mit Sekt, das andre mit Branntwein gefuͤllt. Der Canarienſekt war, nach ſeiner vermeſſenen Behauptung, ſeit zwan⸗ zig Jahren in den Kellern von Wolfsfels ge⸗ weſen, und der Branntwein mild wie Meth und ſtark wie Simſon. 54 Ich hoffe jedoch, fiel Aſhton ein: Ihr werdet ſo gefaͤllig ſein, mir etwas Waſſer zu bringen. Gott verhuͤt' es, gnaͤdiger Herr, daß Ihr Waſſer trinken ſolltet, zur Schande eines ſo— ehrenwerthen Hauſes. Aber wenn's der Herr wuͤnſcht, ſo werdet Ihr ihm wohl willfaͤhrig ſein muͤſſen, denn ich daͤchte, man haͤtte hier vor nicht langer Zeit Waſſer getrunken und ſich's ſchmecken laſſen. Freilich, freilich wenn's der gnaͤdige Herr wuͤnſcht, ſprach Caleb, mit einem Waſſerkruge herein tretend. Ein Waſſer, wie unſer Brun⸗ nen gibt, findet man ſelten. Edgar unterbrach den ſchwatzhaften Alten, um von ſeinem Gaſte Abſchied zu nehmen, Afhton aber hielt ihn auf, als Caleb die Thuͤre oͤffnete, um den Junker heraus zu laſ⸗ ſen. Ich habe ein Woͤrtchen mit Eurem Herrn zu ſprechen, lieber Caleb, ſprach Aſhton, und ich glaube, er wird Euch erlauben zu gehen. Caleb entfernte ſich mit einer tiefen Ver⸗ 2 beugung. Edgar ſtand unbeweglich, und er⸗ wartete mit ſichtbarer Verlegenheit, was den uͤberraſchenden Vorfaͤllen des ereignißvollen Tages noch folgen ſollte. Junker von Ravenswood, ſprach Afhton, auch nicht ohne Verlegenheit: ich hoffe, Ihr verſteht die chriſtliche Lehre zu gut, als daß Ihr die Sonne uͤber Eurem Zorn wolltet un⸗ tergehen laſſen. Edgar antwortete erroͤthend, er habe an dieſem Abende keinen Anlaß, die Pflicht aus⸗ zuuͤben, die der Chriſtenglaube auflege. Ich ſollt' es doch meinen, erwiederte ſein Gaſt: wenn ich an die verſchiedenen Streitigkei⸗ ten und Rechtshaͤndel denke, die leider haͤufiger, als wuͤnſchenswerth oder nothwendig war, zwi⸗ ſchen dem verſtorbenen edeln Lord, Eurem Va⸗ ter, und mir ſtatt gefunden haben. Ich wuͤnſche, erwiederte Edgar mit unter⸗ druͤckter Bewegung: eine Anſpielung auf die⸗ ſe Umſtaͤnde waͤre irgend anderswo als in meines Vaters Hauſe gemacht worden, 56 Zu einer andern Zeit wuͤrde ich gefuͤhlt haben, was das Zartgefuͤhl hier verlangt, aber jetzt muß ich alles ſagen, was ich Euch er⸗ offnen wollte. Ich habe zu ſehr gelitten durch das falſche Zartgefuͤhl, das mich abhielt, um eine perſoͤnliche Zuſammenkunft mit Eurem Vater, die ich oft verlangte, dringend zu bit⸗ ten. Ihm und mir waͤre viel Kummer erſpart worden. Es iſt wahr, ſprach Edgar nach kurzem Nachdenken: mein Vater hat mir geſagt, Ihr haͤttet ihm eine perſoͤnliche Zuſammenkunft vor⸗ geſchlagen. Vorgeſchlagen, lieber Junker? Das that ich, aber ich haͤtte bitten, inſtaͤndig bitten, flehen ſollen. Ich haͤtte den Schleier zerreißen ſollen, den eigennuͤtzige Menſchen zwiſchen uns ausgebreitet hatten, haͤtte mich ihm zeigen ſollen, als ich war, bereitwillig, ſelbſt einen betraͤchtlichen Theil meiner geſetzlichen Rechte aufzuopfern, um Gefuͤhle zu verſoͤhnen, die bei ihm ſo natuͤrlich waren... Laßt mich's ſa⸗ 57 gen, mein junger Freund— ſo will ich Euch nennen— haͤtte ich mit Eurem Vater ſo viele Stunden zugebracht, als mein gutes Gluͤck mich heute in Eurer Geſellſchaft finden ließ, ſo wuͤrde das Vaterland vielleicht noch einen der wackerſten Maͤnner ſeines alten Adels beſitzen, und ich wuͤrde mir den Schmerz er⸗ ſpart haben, in Feindſchaft von einem Man⸗ ne zu ſcheiden, deſſen Eigenſchaften ich ſo ſehr bewunderte und hochachtete. Er legte das Tuch vor das Geſicht. Auch Edgar war bewegt, aber ſchweigend erwartete er den Verfolg dieſer ſonderbaren Mittheilung. Es iſt nothwendig und dienlich, Euch zu unterrichten, daß es viele Punkte zwiſchen uns gab, worin ich zwar eine genaue Be⸗ ſtimmung meiner geſetzlichen Rechte durch rich⸗ terlichen Ausſpruch wuͤnſchen mußte, die ich aber nie uͤber die Graͤnzen der Billigkeit hin⸗ aus zu verfolgen die Abſicht hatte. Es iſt unnoͤthig, erwiederte Edgar, uͤber dieſen Gegenſtand weiter zu reden. Was das 1 58 Geſetz Euch geben will, oder gegeben hat, ge⸗ nießt Ihr, oder werdet Ihr genießen; weder mein Vater, noch ich ſelber, wuͤrde je irgend etwas als eine Gunſt angenommen haben. Gunſt? Nein, Ihr mißverſteht mich, ſiel Aſhton ein, weil Ihr kein Rechtsgelehrter ſeid. Ein Recht kann im Geſetze gegruͤndet und als ein ſolches anerkannt ſein, das dennoch kein 8 Mann von Ehre in jedem Falle zu benutzen Luſt haben koͤnnte. Das bedaure ich, mein Herr, erwiederte Rahenswood. Nein, nein, antwortete Aſhton: Ihr ſprecht wie ein junger Herr im Rathe, Euer Muth laͤuft mit Eurem Verſtande davon. Es gibt noch viele Gegenſtaͤnde zwiſchen uns Beiden, die noch immer einer rechtlichen Entſcheidung unterlie⸗ gen. Koͤnnt Ihr es tadeln, wenn ich, ein al⸗ ter friedliebender Mann, in dem Hauſe des⸗ jenigen, der meiner Tochter und mir das Le⸗ ben rettete, eifrig wuͤnſche, dieſe Punkte nach den billigſten Grundſaͤtzen geſchlichtet zu ſehen? — 59 Der alte Mann druͤckte bei dieſen Worten des Juͤnglings Hand ſo veſt, daß Edgar, was auch ſein vorgefaß er Entſchluß geweſen ſein mochte, unmoͤglich anders als willfaͤhrig ant⸗ worten konnte und ſeinem Gaſte gute Nacht wuͤnſchend, verſchob er die weitre Unterredung auf den folgenden Tag. Edgar eilte in den Saal, wo er die Nacht zubringen mußte, und ging einige Zeit, tief bewegt, mit raſchen Schritten auf und nieder. Sein Todfeind war unter ſeinem Dache, und doch war, was er gegen ihn empfand, weder die Regung ererbter Feindſchaft, noch echte Chriſtengeſinnung. Er fuͤhlte, daß er ihm we⸗ der als Erbfeind vergeben, noch als Chriſt ſei⸗ ner Rachgier folgen koͤnne, ſondern im Begriff war, zwiſchen ſeiner Empfindlichkeit gegen den Vater und ſeiner Zuneigung gegen die Toch⸗ ter einen niedrigen, entehrenden Vergleich zu ſtiften. Er verwuͤnſchte ſich ſelber, als er im blaſſen Mondſchein und dem roͤthlichen Lichte des erloͤſchenden Heerdfeuers hin und her ſtuͤrm⸗ 60 te. Er riß die Gitterfenſter heftig auf und ſchlug ſie ungeſtuͤm zu. Endlich, als der Sturm der Leidenſchaft ausgetobt hatte, warf er ſich auf den Seſſel, der ſein Nachtlager ſein ſollte. Wuͤnſcht dieſer Mann wirklich nicht mehr, als das Geſetz ihm gewaͤhrt, ſprach er zu ſich ſelber, als er ruhiger war: iſt er geſonnen, ſelbſt ſeine anerkannten Rechte nach den Grund⸗ ſaͤtzen der Billigkeit auszugleichen, wie haͤtte mein Vater Grund zu Beſchwerden gehabt? Wie haͤtte ich's? Diejenigen, von welchen wir unſre ehemaligen Beſitzungen gewannen, fielen unter dem Schwerte meiner Ahnherren und uͤberließen ihre Guͤter den Eroberern; wir fallen unter der Gewalt des Seſetzes, das jetzt dem ſchottiſchen Ritterthum zu maͤchtig geworden. Unterhandeln wir alſo mit den Siegern, die heute maͤchtig ſind, als waͤren wir in unſerer Veſte belagert und ohne Hoffnung auf Ent⸗ ſatz. Vielleicht iſt der Mann doch anders, als ich ihn mir gedacht habe, und ſeine Toch⸗ ter— Aber an ſie will ich ja nicht denken! 61 Er huͤllte ſich in ſeinen Mantel, ſiel bald in Schlaf und traͤumte von Luzien, bis das Tageslicht durch die Gitter ſchien. IV. Alton nahm auf ein Nachtlager, das er haͤrter fand, als er es gewohnt war, dieſel⸗ ben ehrgeizigen Gedanken und politiſchen Ver⸗ legenheiten mit, die den Schlaf von den weich⸗ ſten Dunen treiben. Er hatte ſo lange zwi⸗ ſchen den Fluten und Stroͤmen der Zeitum⸗ ſtaͤnde hindurch geſegelt, daß er ihre Gefahr und die Nothwendigkeit fuͤhlte, ſein Schifflein nach dem herrſchenden Winde zu lenken, wenn er dem Schiffbruche entgehen wollte. Seine Geiſtesanlagen und ſeine Furchtſamkeit hat⸗ ten ihm die geſchmeidigſte Biegſamkeit gege⸗ ben. Bei allen Gelegenheiten hatte er die Veraͤnderungen am politiſchen Himmel klug bewacht und gewoͤhnlich wußte er, bevor der Kampf entſchieden war, diejenige Partei zu gewinnen, welche den Sieg erwarten konnte. Man kannte ſeine Stimmung, den Mantel nach dem Winde zu haͤngen, und die kuͤhne⸗ ren Parteihaͤupter verachteten ihn, aber ſeine Geiſtesgaben waren nuͤtzlich und brauchbar, und ſeine Rechtskenntniſſe, die in hoher Ach⸗ tung ſtanden, wogen ſeine andern Maͤngel ſo ſehr auf, daß die Machthaber froh waren, ihn zu benutzen und zu belohnen, wenn ſie auch weder Vertrauen noch Achtung gegen ihn hatten. Der Marquis von A. Edgars Ver⸗ wandter, hatte ſeinen ganzen Einfluß ge⸗ braucht, eine Veraͤnderung in der Verwaltung des Landes zu bewirken, und ſeine Entwuͤrfe ſo gut gemacht, daß ihr endliches Gelingen wahrſcheinlich war. Er hatte jedoch nicht ſo viel ſtarke Zuverſicht, daß er es verſaͤumt haͤt⸗ te, fuͤr ſeine Fahne zu werben. Es ſchien nicht unwichtig zu ſein, auch Afhton zu ge⸗ winnen, und ein Freund, der deſſen Verhaͤlt⸗ niſſe und Gemuͤthsart vollkommen kannte, nahm 646 es auf ſich, den Mann iu bekehren. Als der Unterhaͤndler, unter dem Vorwande eines hoͤf⸗ lichen Beſuches, auf dem Schloſſe Ravenswood ankam, war Aſhton von der Furcht geqguaͤlt, daß Edgar ſein Leben bedrohe. Die raͤthſel⸗ haften Worte der blinden Altx, die ploͤtzliche Erſcheinung des bewaffneten Edgars auf ſei⸗ nem Gebiete gleich der empfangenen Warnung, die ſtolze Kaͤlte, womit der Juͤngling die Dankbezeigungen fuͤr den gluͤcklich geleiſteten Schutz erwiedert hatte; alles dieß mußte ei⸗ nen tiefen Eindruck auf ſein Gemuͤth machen. Als der ſchlaue Unterhaͤndler ſah, woher der Wind kam, ſing er an, Beſorgniſſe und Zwei⸗ fel anderer Art zu erwecken, die Afhton nicht weniger ergreifen mußten. Er fragte mit ſchein⸗ barer Theilnahme, ob Aſhton's verwickelter Rechtshandel mit der Familie Ravenswood von dem Gerichtshofe voͤllig entſchieden, und keine weitere Berufung mehr moͤglich ſei; Aſſton bejahte es, aber der Frager war zu gut unterrichtet, als daß er ſich haͤtte taͤuſchen 65 laſſen. Er zeigte durch unwiderlegliche Be⸗ weiſe, daß einige der wichtigſten Punkte, wel⸗ che fruͤher gegen das Haus Ravenswood waren entſchieden worden, bei einer Berufung an das ſchottiſche Parliament von neuen unter⸗ ſucht werden koͤnnten. Aſhton beſtritt zwar anfangs die Geſetzlichkeit eines ſolchen Ver⸗ fahrens, konnte ſich aber endlich nur mit der Unwahrſcheinlichkeit troͤſten, daß der Junker von Ravenswood maͤchtige Freunde finden werde. Der liſtige Freund rieth ihm, dieſer falſchen Hoffnung nicht zu ſehr zu vertrauen, da Edgar ſehr leicht auf mehr Freunde und Goͤnner rechnen koͤnne, als ſelbſt der Siegel⸗ bewahrer. Aſhton erinnerte ſich an aͤhnliche Faͤlle, und ward bedenklich. Als der Unterhaͤndler dieß merkte, gab er zu verſtehen, daß der Mar⸗ quis von A., wenn er ſeine Abſichten erreichen ſollte, ſeinen jungen Vetter Navenswood kraͤf⸗ tig unterſtuͤtzen werde, und wenn der alte Rechtshandel dann noch einmal zur Sprache E 7 1 66 kaͤme, ſo werde der Marquis ein Huͤhnchen mit ihm zu pfluͤcken haben. Afhton meinte, das wuͤrde eine ſchlechte Vergeltung ſuͤr ſeine vielſaͤhrigen oͤffentlichen Dienſte und ſeine alte Hochachtung gegen des Marquis hohes Haus ſein. Der Unterhaͤndler aber erwiederte, Aſh⸗ ton moͤge nicht auf vergangene Dienſte und alte Hochachtung zuruͤckſehen; in dieſen ſchluͤpfrigen Zeiten werde der Marquis nur gegenwaͤrtige Dienſte und augenſcheinliche Be⸗ weiſe von Achtung erwarten.. Afhton ſah, wo der Mann hinaus wollte, aber zu vorſichtig, eine beſtimmte Antwort zu geben, erwiederte er:„Ich weiß nicht, wel⸗ chen Dienſt der Marguis von einem Manne von meinen beſchraͤnkten Faͤhigkeiten erwarten koͤnnte, der ihm nicht zu jeder Zeit zu Gebote ſtaͤnde, wenn meine Pflicht gegen Koͤnig und Vaterland nur nicht dabei leidet.“ So hatte Afßton nichts geſagt, waͤhrend eer doch alles zu ſagen ſchien; denn die Aus⸗ nahme war von der Art, daß er hinterher 67 alles, was ihm paſſend duͤnkte, damit bedecken konnte. Aſfhton aͤnderte das Geſpraͤch und ließ es nicht wieder auf den Gegenſtand zu⸗ ruͤck kommen. Der Gaſt reiſete ab, ohne den Staatsmann verleitet zu haben, ſich bloß zu geben, oder ſich zu irgend etwas zu verbin⸗ den, aber veſt uͤberzeugt, daß er die Beſorgniſſe deſſelben lebhaft erweckt und den Grund zu einem kuͤnftigen Vertrage gelegt habe. Als der Unterhaͤndler dem Marquis Be⸗ richt von ſeiner Botſchaft ablegte, waren beide der Meinung, daß man Aſhton, beſonders waͤhrend der Abweſenheit ſeiner Frau, neuen Anlaß zu Beſorgniſſen geben muͤſſe. Sie wuß⸗ ten, das ihr ſtolzer, rachgieriger und herrſch⸗ ſuͤchtiger Geiſt ihm den Muth einfloͤßen wuͤr⸗ de, woran es ihm gebrach, daß ſie veſt an die herrſchende Parthei gebunden war, und daß ſie die Familie Ravenswood, deren alte Wuͤr⸗ de einen Schatten auf die neu erlangte Groͤße ihres Mannes warf, furchtlos haßte, und ſelbſt den Vortheil ihres Hauſes in Gefahr geſetzt E2 68 haben wuͤrde, wenn ſie die Ausſicht gehabt haͤtte, das verhaßte Geſchlecht ganz zu vertil⸗ gen. Sie war ſeit einiger Zeit in London, um ſich mit ihrer Freundinn, der beruͤhmten Her⸗ zeginn von Marlborough, zu beſprechen um dieſe Zeit ſchrieb der Marquis von A. den oben mitgetheilten Brief an Ravenswood, der ſo vorſichtig abgefaßt war, daß der Schreiber ſpaͤterhin einen lebhafteren oder ſchwaͤcheren Antheil an dem Schickſale ſeines Verwandten nehmen konnte, wie es der Fortgang ſeiner eigenen Entwuͤrfe verlangen moͤchte, wiewohl er im Grunde eine aufrichtige Zuneigung ge⸗ gen den Juͤngling fuͤhlte. Der Bote war an⸗ sewieſen, die Nachricht von ſeiner Sendung unterwegs auszubreiten, damit Afhton Kunde davon erhielte. Dieſe Liſt gelang. Es wurde bald bekannt, daß der Eilbote von dem geſal⸗ zenen Lachſe und ſauren Bier, womit er von Caleb war bewirthet worden, vier und zwanzig Stunden krank in der Dorfſchenke gelegen hat⸗ 69 te, und von allen Seiten erhielt Aſhton Nach⸗ richt von der außerordentlichen Haſt, womit der Bote nach Wolfsfels geeilt war. Das Einverſtaͤndniß zwiſchen dem Marquis und dem jungen Ravenswood war außer allem Zweifel. Aſhton hielt es fuͤr nothwendig, ſich nach einem Schutze gegen den nahenden Sturm umzuſehen. Die Furchtſamkeit ſeines Gemuͤ⸗ thes verleitete ihn, ausgleichende und verſoͤh⸗ nende Maaßregeln zu waͤhlen. Die Lebens⸗ rettung konnte, nach ſeiner Meinung, bei ge⸗ ſchickter Benutzung zu einer Zuſammenkunft und Ausſoͤhnung mit dem Junker von Ra⸗ venswood fuͤhren. Dann konnte er ia ſehen, ob Ravenswood ſelbſt den Umfang ſeiner Rech⸗ te, und die Mittel, ſie geltend zu machen, kann⸗ te, und vielleicht ließ ſich ein Vergleich ſtiften, wo der eine Theil reich, der andere aber ſehr arm war. Eine Ausſoͤhnung mit Ravenswood konnte ihm leicht Anlaß geben, ſein eigenes Spiel gegen den Marquis von A. zu ſpielen. Es wird edel ſein, ſprach er zu ſich ſelbſt, den 70. 8 Erben eines verfallenen Geſchlechts aufzurich⸗ ten, und wenn er wirklich ſo viele Freunde unter den Maͤnnern hat, die nach der Gewalt ſtreben, ſo koͤnnte meine Tugend ja wohl auch ihren Lohn finden. So dachte Aſhton und bedeckte in einer nicht ungewoͤhnlichen Selbſttaͤuſchung ſeine ei⸗ gennuͤtzigen Abſichten mit der Larve der Tu⸗ gend, und als er einmal ſo weit gekommen war, ging ſeine Einbildungskraft immer wei⸗ ter. Wenn Ravenswood eine bedeutende Stel⸗ le erhalten, dachte er bei ſich ſelbſt, und eine Vermaͤhlung den wichtigern Theil der unaus⸗ gemachten Anſpruͤche e zur Ruhe gen koͤnnte, ſo waͤre es noch immer uuct he ſchlechteſte Verbindung fuͤr ſeine Tochter Luzie. Das Haus Ravenswood war von altem Adel, und eine Vermaͤhlung wuͤrde auf gewiſſe Weiſe den Beſitz des groͤßten Theils ſeiner Guͤter rechtmaͤßig, und die Abtretung der uͤbrigen minder ſchmerzlich machen. In dieſer Stimmung kam Afhton waͤh⸗ ——— 71 rend des Gewitters in die Naͤhe der Burg Wolfsfels. Seine Furcht vor der Empfindlich⸗ keit des jungen Mannes hatte ſehr abgenom⸗ men, ſeit Ravenswvod ihm nur durch ſeine Rechtsanſpruͤche und die Mittel, ſie auszu⸗ fuͤhren, gefaͤhrlich war. Er wußte zwar wohl, daß nur verzweifelte umſtaͤnde den Menſchen zu verzweifelten Maaßregeln treiben, aber den⸗ noch fuͤhlte er ein geheimes Entſetzen, als er ſich zum erſtenmal in der oͤden Burg fand, welche durch ihre Einſamkeit und Veſtigkeit ſo gut zu einem Schauplatze blutiger Rachgier paßte. Daher ſein Schrecken, als das Schloß⸗ thor heftig zugeworfen wurde. Es klangen ihm die Worte der alten llix in den Ohren: er habe es mit dem wilden Geſchlecht Ravens⸗ wood zu weit getrieben, und die Gekraͤnkten wuͤrden ihre Zeit zur Rache erwarten. Die offene Gaſtfreundlichkeit, welche der Junker ihnen erwies, milderte die Beſorgniſſe, die durch jene Erinnerungen erweckt werden muß⸗ ten, und es entging Aſhton nicht, daß er Lu⸗ ung in dem Betragen ihres Wirthes ver⸗ dankte. Alle jene Gedanken aber ergriffen ihn noch einmal, als er Abends in der einſamen Kam⸗ mer war. Die eiſerne Lampe, das wilde An⸗ ſehen der Kammer, die eher einem Gefaͤng⸗ niß als einem Schlafgemach glich, und das dumpfe Rauſchen der Wogen, die unaufhoͤr⸗ lich an den Fuß des Felſens ſchlugen, auf welchen das Schloß gegruͤndet war, alles dieß ſetzte ſein Gemuͤth in eine traurige und un⸗ ruhige Stimmung. Seine Raͤnke hatten meiſt das alte Geſchlecht geſtuͤrzt, aber er war liſtig, doch nicht grauſam, und der Anblick der Zer⸗ ſtoͤrung und Duͤrftigkeit, die er verurſacht hat⸗ te, war ihm ſchmerzlich. Wenn er nun dar⸗ an dachte, daß er entweder dem jungen Ra⸗ venswood einen großen Theil des Raubes zu⸗ ruͤckgeben, oder ihn, den Erben dieſes verarm⸗ ten Geſchlechts, zu einem Mitgliede ſeiner Fa⸗ milie aufnehmen ſollte, ſo mochte er wie die ziens Anmuth und Schoͤnheit die Veraͤnder⸗ —————ʒ—ÿʃ—:y:y:—— — 73 Spinne empfinden, deren kuͤnſtlich gemachtes Gewebe ploͤtzlich ein Beſen zerſtoͤrt. Und wenn er ſich zu tief in dieſe Sache einließ, erhob ſich die bedenkliche Frage: Was wird meine Frau dazu ſagen? Endlich kam er zu dem Entſchluſſe, wozu ſchwaͤchere Gemuͤther ſo oft ihre Zuflucht nehmen; er wollte die Ereig⸗ niſſe abwarten, von den Umſtaͤnden Vortheil ziehen, und ſein Betragen danach einrichten. Der Junker von Ravenswood verrieth wieder eine finſtere Stimmung, als er am folgenden Morgen mit ſeinem Gaſte zuſam⸗ men traf. Auch er hatte die Nacht meiſt un⸗ ter Betrachtungen zugebracht, und die Gefuͤhle gegen Luzien die unwillkuͤhrlich in ihm erwach⸗ ten, hatten einen ſchweren Kampf zu beſtehen wider die Empfindungen, die er ſo lange ge⸗ gen ihren Vater gehegt. Dem Feinde ſeines Hauſes freundlich die Hand zu druͤcken, ihn zu bewirthen unter ſeinem Dache und die hoͤftichen Gefaͤlligkeiten haͤuslicher Vertraulich⸗ keit ihm zu erweiſen, war einer Herabwuͤrdi⸗ 74 gung, der ſein ſtolzer Geiſt ſich nicht ohne ei⸗ nen Kampf unterwerfen wollte. Das Eis aber war einmal gebrochen, und Aſhton wollte es nicht wieder frieren laſſen; es war ſeine Abſicht geweſen, Ravenswoods Ge⸗ danken durch eine verwickelte und kunſtmaͤßi⸗ ge Auseinanderſetzung der Streitigkeiten zwi⸗ ſchen ihren Familien in Verwirrung zu brin⸗ 1 gen. So werde ich, dachte er, freundlich mit⸗ theilſam erſcheinen und der junge Mann wird doch von allem, was ich ihm ſage, wenig Vor⸗ theil haben. Er zog den Junker in eine Fen⸗ ſterwoͤlbung des alten Saales und das Geſpraͤch vom vorigen Abende wiederanknuͤpfend, aͤußerte er die Hoffnung, ſein junger Freund werde die Geduld haben, eine umſtaͤndliche Eroͤrter⸗ ung der ungluͤcklichen Verhaͤltniſſe anzuhoͤren, worin ſein Vater mit ihm geſtanden hatte. Edgar erroͤthete lebhaft, ohne zu antworten, und ſo unguͤnſtig Afhton dieſe hoͤhere Glut auf des Juͤnglings Wangen deuten mußte, ſo be⸗ gann er doch mit der Geſchichte einer Schuld 4 75 von 20/000 Mark, welche ſein Vater von Ed⸗ gar's Großvater zu fodern gehabt hatte, und die nach vielfachen gerichtlichen Verhandlun⸗ gen auf das Stammgut war gegruͤndet wor⸗ den.— 2. Nicht hier, ſiel Edgar ein, kann von ſol⸗ chen Dingen zwiſchen uns die Rede ſein. Nicht hier, wo mein Vater mit gebrochenem Hettzen ſtarb, kann ich mit Anſtand oder Gleich⸗ muth nach den urſachen ſeines Ungluͤcks forſchen. Ich koͤnnte mich erinnern, daß ich ein Sohn war, und die Pflichten des Wirthes vergeſſen. Zu ſeiner Zeit aber muͤſſen dieſe Dinge an ei⸗ nem Orte und vor Zeugen verhandelt werden, wo jeder von uns gleiche Freiheit zu ſprechen und zu hoͤren haben wird. Jede Zeit, ſiel Aſhton ein, jeder Ort ſind demjenigen gleich, der nichts als Gerechtigkeit ſucht. Aber ich wuͤnſchte, Ihr wolltet es als einen Beweis meiner Redlichkeit erkennen, wenn ich meine Warnung in Hinſicht auf die Gruͤnde ausſpreche, wodurch Ihr die ganzen 4 Verhandlungen anfechten wollt, die in den Gerichtshoͤfen bei reifer Erwaͤgung gefuͤhrt worden ſind. 1 Die Guͤter, antwortete Edgar mit Waͤr⸗ me, die Ihr jetzt beſitzt, wurden meinem aͤlte⸗ ſten Ahnherrn fuͤr die Dienſte verliehen, die er mit ſeinem Schwerte gegen die Feinde des Landes geleiſtet hatte. Wie ſie von uns gekom⸗ men ſind durch eine Reihe von Verhandlun⸗ gen, die weder Verkauf, noch Verpfaͤndung, noch Zuerkennung fuͤr eine Schuld, ſondern ein Gemiſch von allen dieſen Dingen geweſen zu ſein ſcheinen; wie man keinen geſetzlichen Vortheil unbenutzt gelaſſen hat, bis unſer Erbe weg geſchmolzen war, wie ein Eiszapfen im Thauwind— das ſind Dinge, die Ihr beſſer verſteht, als ich. Nach Eurem offenen Betragen aber will ich glauben, daß ich Eure Gemuͤthsart groͤßtentheils verkannt habe, und daß Ihr, ein geſchickter und erfahrener Rechts⸗ gelehrter, Dinge fuͤr' recht und anſtaͤndig ge⸗ halten haben moͤgt, die meinem unwiſſenden 77 Verſtande nicht viel anders als Ungerechtigkeit und ſchwere Unterdruͤckung vorkommen. Und auch Ihr, lieber Junker, erlaubt mir zu ſagen, daß man Euch mir gleichfalls in einem falſchen Lichte gezeigt hat. Ich mußte Euch fuͤr einen heftigen rauhen Jungling hal⸗ ten, der bei der leiſeſten Anreizung bereit waͤre, ſein Schwert in die Waagſchale der Gerechtigkeit zu werfen und zu den gewaltſa⸗ men Maaßregeln zu greifen, gegen welche eine geordnete Verfaſſung unſere Mithuͤrger ſchon kange beſchuͤtzt hat. Da wir uns alſo beide wechſelſeitig verkannt haben, warum ſollte der junge Edelmann dem alten Rechtsgelehrten nicht willig zuhoͤren, der die ſtreitigen Punkte zwiſchen ihnen erlaͤutert? Nein, antwortete Ravenswood, vor dem ſchottiſchen Pgrliament muͤſſen wir mit ein⸗ ander reden. Schottlands Herren und Ritter muͤſſen entſcheiden, ob es ihr Wille iſt, daß ein Geſchlecht, das nicht zu den unruͤhmlich⸗ ſten des Landes gehoͤrt, ſeiner Beſitzungen, des 78 Lohnes alter Vaterlandsliebe, beraubt werden ſoll, wie das Pfand eines gemeinen Hand⸗ werkers dem Wucherer verfaͤllt, wenn die Zeit der Einloͤſung verſtrichen iſt. Wollen ſie die habſuͤchtige Strenge des Glaͤubigers, oder den hungrigen Wuchergeiſt beguͤnſtigen, der ſich in unſere Guͤter einfrißt, wie Motten in die Kleider, ſo wird's fuͤr ſie und ihre Nachkom⸗ men ſchlimmere Folgen haben, als fuͤr das Haus Ravenswood. Mir aber bleibt immer mein Schwert und mein Reitermantel, und ich kann dem Waffengewerbe folgen, uͤberall wo eine Kriegstrommete ertoͤnt. Als er dieſe Worte mit veſtem, aber weh⸗ muͤthigen Tone ſprach, erhob er ſeine Blicke, und ſah ploͤtzlich Luzien, welche ſich unbemerkt herein geſchlichen hatte, und beobachtete, daß die Jungfrau ihre Blicke, mit einem Aus⸗ drucke begeiſterter Theilnahme und Bewun⸗ derung, auf ſie geheftet hatte. Edgar's edle Geſtalt und ſchoͤne Zuͤge, worin Ahnenſtolz und Gefuͤhl innerer Wuͤrde leuchteten; die * 79 weichen kausdruckvollen Toͤne ſeiner Stimme, der Verfall ſeines Vermoͤgens und die Gleich⸗ giltigkeit, womit er das Schlimmſte, was be⸗ gegnen kann, zu ertragen, ja ihm zu trotzen ſchien; alles dieß machte ihn zu einem gefaͤhr⸗ lichen Gegenſtande der Betrachtung fuͤr ein Maͤdchen, das ſchon zu ſehr geneigt war, bei Erinnerungen zu verweilen, die mit ihm ver⸗ bunden waren. Als ihre Augen ſich begegne⸗ ten, erroͤtheten Beide, einer lebhaften innern Bewegung ſich bewußt, und ſie vermieden ſich anzuſehen. Afhton hatte ohne Zweifel den Ausdruck ihrer Zuͤge ſcharf bewacht. Ich brauche weder das Parliament, noch Widerſpruch zu fuͤrch⸗ ten, dachte er bei ſich ſelber, ich habe ein wirkſames Mittel, mich mit dieſem Hitzkopf auszuſoͤhnen, wenn er furchtbar werden ſollte. Der Angelhaken haftet. Wir wollen die Leine nicht zu ſehr anziehen, wir wollen uns die Ge⸗ walt vorbehalten, ſie wieder fahren zu laſſen⸗ 8⁰ wenn's nicht der Muͤhe werth iſt, den Fiſch an's Land zu ziehen. Waͤhrend er auf die vorausgeſetzte Zunei⸗ gung zwiſchen Edgar und Luzien, ſeine ſelbſt⸗ ſuͤchtige und grauſame Berechnung gruͤndete, dachte er ſo wenig an die Qual, welche er dem Juͤnglinge durch dieſes Spiel mit ſeinen Nei⸗ gungen machen konnte, daß er nicht einmal die Gefahr bemerkte, ſeine Tochter in eine ungluͤckliche Leidenſchaft zu verwickeln, als haͤt⸗ te ihre Vorliebe, die ihm nicht entgehen konn⸗ te, ſich nach Belieben wie eine Kerze anzuͤn⸗ den oder ausloͤſchen laſſen. Aber eine furcht⸗ bare Vergeltung hatte die Vorſehung dieſem ſcharfen Beobachter der menſchlichen Leiden⸗ ſchaften bereitet, der ſein Leben damit zu⸗ gebracht hatte, ſich durch ſchlaue Benutzung fremder Leidenſchaften Vortheil zu ſichern. In dieſem Augenblicke trat Caleb herein, um das Fruͤhſtuͤck anzukuͤndigen.„Schon den ganzen Morgen, ſprach er darauf, ſteht ein Mann am Schloßthore, ſo viel weiß ich; aber 8¹ ob Ihr ihn ſprechen wollt, das kann ich nicht ſagen. Wuͤnſcht er mit mir zu ſprechen? fragte Edgar. Es wird wohl nicht anders ſein, erwieder⸗ te Caleb, aber am beßten waͤre es, wenn Ihr ihn Euch erſt durch das Loch am Thore ein wenig anſaͤhet. Wir koͤnnen nicht jedermann in's Schloß einlaſſen. Wie, es iſt wohl gar ein Gerichtsbote, der mich wegen Schulden verhaften will? ſprach Edgar. 3 Ein Gerichtsbote— Euer Gnaden wegen Schulden verhaften, in Eurer eigenen Burg Wolfsfels! Ihr beliebt zu ſcherzen mit dem alten Caleb. Ich wollte nicht gern, ſliſterte er ihm in's Ohr, als er ihm folgte, jemand, der vielleicht ein wackerer Mann iſt, in Euer Gnaden guter Meinung herabſetzen, aber wir wollen ihn erſt naͤher betrachten, ehe wir ihn einlaſſen. 3 Es war kein Gerichtsbote, ſondern nie⸗ F 3.2 mand, als der Hauptmann Craigengelt, deſſen Naſe von Branntwein gluͤhte. Er hatte ſei⸗ nen Treſſenhut oben auf die ſchwarze Reiter⸗ perruͤcke geſetzt, trug einen Degen an der Sei⸗ te, Piſtolen in den Holftern und der ganze Mann hatte in ſeinem Reitkleide mit abge⸗ nutzten Treſſen ein recht muthiges Anſehen. Als Edgar ihn erkannt hatte, ließ er das Thor oͤffnen. Ich vermuthe, Hauptmann Crai⸗ gengelt, ſprach er, es gibt zwiſchen uns keine ſo wichtigen Angelegenheiten, daß ſie hier verhandelt werden muͤßten. Ich habe jetzt Geſellſchaft hier, und die Art, wie wir uns neulich getrennt haben, muß mich entſchuldi⸗ gen, daß ich Euch nicht dazu einlade. So unverſchaͤmt Craigengelt war, dieſe unguͤnſtige Aufnahme beſchaͤmte ihn ein we⸗ nig. Es ſei nicht ſeine Abſicht, ſagte er, ſich als Gaſt einzudraͤngen, ſondern er habe das ehrenvolle Geſchaͤft, dem Junker eine Botſchaft von einem Freunde zu bringen. Macht's kurz, ſprach Edgar, das wird 84 83 die beßte Entſchuldigung ſein. Wer iſt der Mann, der ſo gluͤcklich iſt, Eure Dienſte, als Bote, zu beſitzen? Mein Freund, Herr Hayſton von Buck⸗ law, antwortete der Hauptmann, im Gefuͤhle ſeiner Wichtigkeit und mit der Zuverſicht, die der anerkannte Muth ſeines Freundes einfloͤß⸗ te. Er glaubt, Ihr habt die Achtung gegen ihn verletzt, die er zu verlangen berechtigt war, und fodert Genugthuung. Ich bringe Euch hier, fuhr er fort, ein Stuͤck Papier aus der Taſche ziehend, das genaue Maaß von ſeinen Waffen; er bittet Euch, Ihr wollet in Beglei⸗ tung eines Freundes, und gleich bewaffnet, irgendwo in der Entfernung von einer Stun⸗ de von dieſem Schloſſe ihn treffen. Ich werde ihn als Schiedsrichter oder Sekundant beglei⸗ ten. Genugthuung? wiederholte Ravenswood, der ſich nicht erinnern konnte, wodurch er Buck⸗ law beleidigt haͤtte. In der That, Haupt⸗ mann Craigengelt, Ihr habt entweder die F 2 — 84 unwahrſcheinlichſte Luͤge erfunden, die je in den Mund eines ſolchen Mannes kam, oder Ihr habt einen zu ſtarken Morgentrank genoum⸗ men. Was konnte Bucklaw bewegen, mir eine ſolche Botſchaft zu ſenden? Ich muß Euch deshalb, erwiederte Crai⸗ gengelt, auf das ungaſtfreundliche Benehmen verweiſen, womit Ihr ihn, ohne angegebene Gruͤnde, aus Eurem Hauſe ausgeſchloſſen habt. Unmoͤglich, erwiederte Edgar, kann er ſo thoͤricht ſein, etwas fuͤr Beleidigung zu hal⸗ ten, was die Noth geboten hat. Auch glaube ich nicht, daß er, bekannt mit meiner Mein⸗ ung von Euch, die Dienſte eines ſo gemeinen und unbedeutenden Mannes, als Ihr ſeid, bei einer ſolchen Gelegenheit gebraucht hat, denn gewiß, kein Mann von Ehre wird mit Euch als Schiedsrichter handeln. Ich, gemein und unbedeutend? ſprach Craigengelt, ſeine Stimme erhebend, und leg⸗ te die Hand auf's Schwert. Wenn nicht der Streit eines Freundes den Vorzug haͤtte, und — 85 ſchon aͤlter waͤre, ich wollte Euch zu verſtehen geben— 3 Ich verſtehe nichts von Eurer Erlaͤuterung, Hauptmann Craigengelt. Begnuͤgt Euh da⸗ mit und erfreut mich mit Eurem Abſchiede. Verdammt! brummte der Hauptmann. Und iſt das die Antwort, die ich auf eine eh⸗ renvolle Botſchuft zuruͤckbringen ſoll? Hat Euch der Herr von Bucklaw wirklich geſandt, erwiederte Ravenswood, ſo ſagt lihm, wenn er mir die Urſache ſeiner Beſchwerde durch einen Mann ſchickte, der dazu paßte, ein ſolches Geſchaͤft zwiſchen ihm und mir zu ver⸗ handeln, ſo wuͤrde ich ihm entweder Erlaͤuter⸗ ung geben, oder meine Meinung behaupten. Aber ihr werdet doch wenigſtens dem Herrn von Bucklaw durch mich die Habſeligkeiten zu⸗ ruͤck ſchicken, die noch bei Euch ſind. Was Bucklaw hier zuruͤckgelaſſen haben mag, antwortete Edgar, ſoll ihm durch mei⸗ nen Diener zuruͤckgegeben werden, da Ihr mir 86 keine Beglaubigung zeigt, die mich berechtigen koͤnnte, ſie Euch anzuvertrauen. Gut, Junker, ſprach Craigengelt mit ei⸗ ner Bosheit, die ſelbſt ſeine Beſorgniſſe vor den Folgen nicht unterdruͤcken konnten: Ihr habt mir heute Morgen viel Unrecht und Un⸗ ehre angethan, aber Euch ſelber noch mehr. Ein Schloß waͤre das? fuhr er fort, um ſich her kblickend. Schlimmer iſt's, als ein Kopf⸗ abhackerhaus, wo man Wanderer aufnimmt, um ſie ihres Eigenthums zu berauben. Unverſchaͤmter Schurke! ſprach Edgar, ſei⸗ nen Stock erhebend und dem Pferde nach dem Zuͤgel greifend: wenn Ihr nicht ſogleich geht, ohne noch ein einziges Wort zu ſprechen, ſo ſell mein Stock Euch auf den Rippen tanzen. Als der Junker ſich raſch gegen ihn wand⸗ te, drehte Craigengelt ſein Pferd ſo ſchnell um, daß es bei nahe geſtuͤrzt waͤre. Aber er faßte eilig den Zuͤgel und ſprengte in's Dorf zuruͤck. e ett Aſhton, der aus dem Saale herabgekom⸗ 87 men war, begegnete dem Junker, der aus dem Schloßhofe zuruͤckkam. Ich habe dieſes Men⸗ ſchengeſicht geſehen, ſprach er, und zwar vor nicht langer Zeit. Sein Name iſt Craig— oder ſo ungefaͤhr. Craigengelt heißt er, erwiederte der Jun⸗ ker, wenigſtens jetzt. Der Galgen ſteht dem Kerl auf der Stir⸗ ne geſchrieben, ſiel Caleb ein, ich wette, er hat ſchon ein Stuͤck Hanf um den Hals. Ihr verſteht Euch darauf, Geſichtszuͤge zu deuten, lieber Caleb, erwiederte Aſhton laͤ⸗ chelnd. Ich verſichere Euch, dieſer Mann iſt vor nicht langer Zeit ſolchem Schickſale ſehr nahe geweſen. Ich war ſelbſt vor vierzehn Tagen in Edinburgh, als er vor Gerichte ſtand. Weshalb? fragte Edgar mit einiger Theil⸗ nahme. Afhton faßte des Junkers Arm, und fuͤhr⸗ te ihn in den Sypeiſeſaal zuruͤck. Die Antwort auf Euere Frage, ſprach er, iſt zwar eine laͤ⸗ cherliche Geſchichte, aber nur Ihr allein koͤnnt 6 HA 1 88 ſie hoͤren.— Ihr begreift, fuhr Afhton mit anſcheinender Unbefangenheit fort, mein jun⸗ ger Freund, Argwohn iſt in unruhigen Zeiten natuͤrlich, und ſetzt die beßten und weiſeſten Menſchen den Taͤuſchungen liſtiger Schurken aus. Haͤtte ich Luſt gehabt, in dieſen Tagen auf ſo etwas zu hoͤren, oder waͤre ich ein ſol⸗ cher niedertraͤchtiger Staatsmann geweſen, als man Euch mich geſchildert hat, ſo wuͤrdet Ihr in dieſem Augenblicke, anſtatt frei zu ſein, und mit voller Freiheit gegen mich auftreten und Eure vermeintlichen Rechte gegen mich verfechten zu koͤnnen, in einem Gefaͤngniſſe ſitzen oder, wenn Ihr dieſem Schickſale ent⸗ gangen waͤret, als Fluͤchtling in der Fremde umherirren. Ich glaube, erwiederte Edgar, Ihr wuͤrdet uͤber einen ſolchen Gegenſtand nicht ſcherzen wollen, und doch koͤnnt Ihr auch, wie es ſcheint, nicht im Ernſte reden. Unſchuld, erwiederte Afhton, iſt auch zu⸗ * —— . 39 verſichtlich und zuweilen, wiewohl es ſehr zu entſchuldigen, vermeſſener Weiſe. Ich begreife nicht, ſprach Edgar, wie ein Bewußtſein der Unſchuld in irgend einem Fal⸗ le fuͤr vermeſſen gelten kann. Unvorſichtig wenigſtens kann man's nen⸗ nen, erwiederte Aſfhton, weil es uns zu dem Irrthume verleiten kann, zu glauben, daß auch Andere davon hinlaͤnglich uͤberzeugt ſeien, deſ⸗ ſen wir uns eigentlich nur ſelbſt bewußt ſind. Zur Sache, wenn ich bitten darf, erwie⸗ derte Edgar. Ihr ſcheint ſagen zu wollen, daß ein Verdacht auf mich gefallen waͤre. Verdacht? ja allerdings, und ich kann Euch Beweiſe davon geben, wenn ich ſie nur gerade bei mir habe. Er rief ſeinen Bedienten zu ſich, und be⸗ fahl ihm, die Brieftaſche zu holen, die er ihm zu ſorgfaͤltiger Bewahrung gegeben habe. Ich denke, ſprach er halb zu ſich ſelbſt, ich werde die Papiere bei mir hahen, ich denk' es, weil es mir natuͤrlich einfallen muß⸗ 9 ———— ——rↄ s2 qñł-o--— — 90 te, ſie mitzunehmen, da ich einmal in dieſe Gegend kommen wollte. Auf alle Faͤlle aber habe ich ſie in Ravenswood. In dieſem Augenblicke trat der Kammer⸗ diener herein, und uͤbergab ſeinem Herrn eine große lederne Brieftaſche. Afhton zog ein paar Schriften hervor, welche ſich auf den ſogenannten Aufſtand bei dem Leichen⸗ begaͤngniſſe des alten Ravenswood, und auf ſeine Bemuͤhungen bezogen, die Unterſuchung gegen den Junker niederzuſchlagen. Dieſe Schriften waren mit Sorgfalt ausgewaͤhlt, da ſie Edgar's natuͤrliche Neugierde uͤber dieſen Gegenſtand reizten, ohne ſie zu be⸗ friedigen, aber auch bewieſen, daß Afhton bei jener entſcheidenden Gelegenheit als Fuͤrſpre⸗ cher und Friedenſtifter zwiſchen ihm und der eiferſuͤchtigen Obrigkeit gehandelt hatte. Als er ſeinem Wirthe dieſe Schriften zur naͤhern Prufung uͤbergeben hatte, trat Aſhton zu dem Fruͤhſtuͤcktiſche, wo er bald mit ſeiner Tochter, hald mit dem alten Euleb ſich unterhielt, 9¹ deſſen Empfindlichkeit gegen den Raͤuber des Schloſſes Ravenswood die Leutſeligkeit des Gaſtes ſchon zu mildern begann. Als Edgar die Schriften geleſen hatte, blieb er einige Minuten in tiefes Nachdenken verſunken und legte die Stirne in die Hand. Darauf uͤberlas er die Papiere noch einmal ſehr ſchnell, als haͤtte er darin eine tiefe Ab⸗ ſicht, oder etwas Zuſammengeſchmiedetes ent⸗ decken wollen. Wahrſcheinlich bekraͤftigte die zweite Leſung die Meinung, welche die Erſte ihm aufgedrungen hatte; denn er ſprang ſchnell von der ſteinernen Bank, worauf er ſaß, eilte zu Aſhton, druͤckte ihm lebhaft die Hand, und aͤußerte die wiederholte Bitte, ihm die Unge⸗ rechtigkeit zu verzeihen, die er gegen ihn be⸗ gangen habe, in einem Augenblicke, wo er von ihm, wie es ſcheine, Schutz und Nechtfertigung erhalten habe. Afhton empfing dieſe Aeußerung anfangs mit wohl verſtellter Ueberraſchung, und dann mit dem erkuͤnſtelten Scheine offener Herzlich⸗ 9² keit. Schon floſſen Thraͤnen aus Luziens blau⸗ en Augen bei dieſem unerwarteten und ruͤhren⸗ den Anblick. Es war uͤberraſchend, ſchmei⸗ chelnd und ruͤhrend, zu ſehen, wie der, einſt ſo ſtolze und zuruͤckhaltende, Edgar, den ſie im⸗ mer fuͤr den gekraͤnkten Theil gehalten, ihren Vater um Verzeihung bat. Trockne deine Augen, Luzie, ſprach Aſh⸗ ton. Warum ſollteſt Du weinen, weil man in deinem Vater, ungeachtet er ein Rechts⸗ gelehrter iſt, einen redlichen und achtbaren Mann gefunden hat. Und was habt Ihr mir zu danken, lieber Junker, ſprach er zu Ra⸗ venswood, das Ihr nicht auch in meinem Falle gethan haben wuͤrdet? Ueberdieß habt Ihr mich durch die Rettung dieſes geliebten Kin⸗ des uͤberreichlich bezahlt. Ja, antwortete Edgar im Gefuͤhle des in⸗ nern Vorwurfes: aber der geringe Dienſt, den ich Euch erwies, entſprang blos aus innerm Antriebe; Euere Vertheidigung meiner Sache aber war die Handlung edelmuͤthiger, muth⸗ 9³ voller und uͤberlegter Weisheit, dn Ihr wußtet, wie nachtheilig ich von Euch dachte und wel⸗ che feindliche Geſinnungen ich gegen Euch hegte. Pah! jeder von uns handelt auf ſeine eigene Weiſe, ſprach Aſhton, Ihr als ein tapferer Kriegsmann, ich, als ein aufrichtiger Richter und Staatsmann. Vielleicht haͤtten wir aber unſere Rollen nicht gut austauſchen koͤnnen, wenigſtens wuͤrde ich den wilden Stier nicht bekaͤmpft haben, und Ihr, lieber Junker, haͤttet Euere vortreffliche Sache viel⸗ leicht noch ſchlechter gefuͤhrt, als ich es vor dem Staatsrathe gethan habe. Mein edelmuͤthiger Freund! ſprach Ravens⸗ wood. Und mit dieſen Worten, die Aſhton ge⸗ gen ihn ſchon oft gebraucht hatte, Edgar aber zum erſten Mal ausſprach, oͤffnete er ſeinem Erbfeinde vertraulich ein ſtolzes, aber redliches Herz. Er war unter ſeinen Zeitgenoſſen wegen ſeines Verſtandes und ſeines Scharfſinnes ſo⸗ wohl, als wegen ſeines verſchloſſenen eigenſin⸗ 94 nigen Gemuͤths bekannt. Wie hartnaͤckig aber auch ſeine Vorurtheile ſein mochten, ſie wichen der Liebe und Dankbarkeit, und die Reize der Tochter, vereint mit den vorausgeſetzten Dienſtleiſtungen des Vaters, loͤſchten in ſeiner Erinnerung die Rachegeluͤbde aus, die er ant Begraͤbnißtage ſeines Vaters ſo tief ſich ein⸗ gepraͤgt hatte. Aber ſie waren gehoͤrt und auf⸗ gezeichnet worden im Buche des Schickſals. Caleb war bei dieſem außerordentlichen Auftritte zugegen, und konnte keinen andern Grund fuͤr dieſen auffallenden Vorgang finden, als eine Verbindung zwiſchen dieſen beiden Familien. Edgar ſprach die leidenſchaftlich⸗ ſten Entſchuldigungen ſeiner undankbaren Nach⸗ laͤſſigkeit gegen Luzien aus. Sie konnte nur durch ihre Thraͤnen laͤcheln, und als ſie ihm ihre Hand uͤberließ, in gebrochenen Toͤnen die Verſicherung geben, wie ſehr ſie ſich der voll⸗ kommenen Ausſoͤhnung zwiſchen ihrem Vater und ihrem Retter erfreue. Selbſt Aſhton war geruͤhrt uͤber die ſtolze offenherzige und edel⸗ 95⁵ muͤthige Hingebung, womit Edgar der Erb⸗ feindſchaft entſagte, und ohne ſich zu beden⸗ ken, ihn um Verzeihung bat. Seine Augen leuchteten, als er auf die jungen Leute ſah, welche offenbare Zuneigung gegen einander fuͤhlten, und fuͤr einander geſchaffen zu ſein ſchienen. Er bedachte, wie hoch Edgar mit ſeinem ſtolzen ritterlichen Gemuͤthe ſich erheben koͤnnte unter Umſtaͤnden, wo ihn ſelber Man⸗ gel erlauchter Abkunft und ein ſchuͤchternes Gemuͤth niederhielten. Seine geliebte Tochter ſchien ihr Gluͤck an der Seite eines Mannes von Edgar's kuͤhnem Muthe finden zu muͤſſen, und ſelbſt Luziens zarte Geſtalt der Stuͤtze eines kraͤftigen Mannes zu beduͤrfen. Nicht etwa blos nur wenige Minuten dachte Afhton an die Verbindung zwiſchen den jungen Leuten, als ein wahrſcheinliches und ſelbſt erwuͤnſchtes Ereigniß, erſt nach einer vollen Stunde er⸗ innerte er ſich an Edgar's Armuth und das unfehlbare Mißvergnuͤgen ſeiner Gemahlinn. Unſtreitig war der ungewoͤhnliche Erguß mil⸗ 1 96 der Empfindungen, wovon ſich Afhton uͤber⸗ raſchen ließ, einer der Umſtaͤnde, welcher der Zuneigung zwiſchen Edgar und Luzien viel heimliche Aufmunterung gab, und beide zu glauben verleitete, daß ihre Verbindung ihm ſehr angenehm ſein wuͤrde. Nach einer Pauſe knuͤpfte Afhton die Unterhaltung mit den Worten wieder an: Ihr ſeid ſo ſehr uͤberraſcht geweſen, mich ehr⸗ licher zu ſinden, als Ihr erwartetet, daß Ihr Eure Neugierde wegen Craigengelt verloren habt, und doch kam auch Euer Name bei der Geſchichte vor. Der Schuft, erwiederte Ravenswood. Mei⸗ ne Verbindung mit ihm war nur ſehr vor⸗ uͤbergehend, aber dennoch war es hoͤchſt thoͤ⸗ richt von mir, mich uͤberhaupt mit ihm ein⸗ zulaſſen. Was hat er von mir geſagt? Genug, erwiederte Aſhton, um einige unſerer hochweiſen Herren zu erſchrecken, wel⸗ che gern auf bloßen Verdacht und Angeberei vorſchreiten. Es war ſo etwas von Euerer 97 Abſicht, in die Dienſte Frankreichs oder der Stuarte zu treten. Weder der Marquis von A.e einer Eurer beßten Freunde, noch ein gewiſſer anderer Mann, einer Eurer aͤrgſten und eigennuͤtzigſten Feinde, konnten dahin ge⸗ bracht werden, darauf zu hoͤren. Ich danke meinem achtbaren Freunde, er⸗ wiederte Edgar, und Aſhtons Hand druͤckend, ſetzte er hinzu: aber noch mehr meinem wuͤr⸗ digen Feinde. Als Aſhton den Druck der Hand erwiedert hatte, fuhr er fort: Ich fuͤrchte, dieſer junge Mann, Hayſton von Bucklaw— der Burſche nannte ja ſeinen Namen— iſt unter ſehr ſchlechter Fuͤhrung. Er iſt alt genug, ſich ſelbſt zu fuͤhren, ant⸗ wortete Edgar. Kann ſein, aber ſchwerlich weiſe genug, wenn er dieſen Burſchen zu ſeinem Freunde erkohren hat. Craigengelt brachte eine An⸗ klage gegen ihn vor, die boͤſe Folgen haͤtte haben koͤnnen, haͤtten wir nicht mehr auf den G 98 Charakter des Zeugen, als den Inhalt ſeiner Angabe geſehen. Ich halte Hayſton von Bucklaw fuͤr einen ſehr achtbaren Mann, und zu nichts Schlech⸗ tem und Unwuͤrdigem faͤhig. Aber doch auch faͤhig zu vielen Unbedacht⸗ ſamkeiten, das werdet Ihr eingeſtehen muͤſſen, Junker. Er wird bald im Beſitze eines großen Vermoͤgens ſein, wenn er's nicht ſchon iſt, denn wahrſcheinlich iſt ſeine alte Tante in dieſem Augenblicke ſchon todt. Ich kenne ihre Guͤter ſehr wohl; ſie grenzen an die meinigen. Herrliche Beſitzungen! Das freut mich, ſprach Edgar, und noch mehr wuͤrde es mich freuen, wenn er in ſei⸗ ner neuen Gluͤckslage ſeinen umgang und ſei⸗ ne Sitten aͤnderte. Aber die Erſcheinung die⸗ ſes Craigengelt iſt ein boͤſes Zeichen fuͤr die Zukunft. 99 V. Edgar verließ endlich ſeine Gaͤſte auf einen Augenblick, um Vorbereitungen zu ihrer Ab⸗ reiſe zu treffen, und zugleich fuͤr ſich ſelbſt Anſtalten zu machen, da er die Abſicht hatte, ſeine Burg auf einige Tage zu verlaſſen. Caleb, der ſchon aͤngſtlich berechnete, wie weit ſeine Vorraͤthe langen koͤnnten, war herz⸗ lich froh uͤber den Abſchied der Gaͤſte, aber als Edgar ihm ſagte, er habe ſich vorgenom⸗ men, mit Aſfhton nach dem Schloſſe Ravens⸗ wood zu reiten, und einige Tage daſelbſt zu verweilen, fuhr der Alte beſtuͤrzt zuruͤck.„Der barmherzige Himmel verhuͤt' es“ ſprach er mit todtenbleichem Geſichte. Und warum, Caleb, ſiel Edgar ein, ſollte G 2 der barmherzige Himmel verhuͤten, daß ich des Siegelbewahrers Beſuch erwiedere? O! lieber Herr, ſprach Caleb. O! Herr Edgar, ich bin Euer Diener, und es ziemt mir nicht zu reden; aber ich bin ein alter Diener, habe Eurem Vater und Großvater gedient, und als Knabe noch Euren Uegroſba⸗ ter geſehen. Und mas ſoll das alles, Caleb? erwiederte Edgar. Was kann es zu thun haben, mit einem bloßen Hoͤflichkeitbeſuche bei einem Nachbar? O, lieber Herr, erwiederte Caleb, Euer Gewiſſen muß Euch ſagen, es ſchickt ſich nicht fuͤr Euch, mit ſeines Gleichen gute Nachbar⸗ ſchaft zu halten; die Ehre des Hauſes lei⸗ det’'s nicht. Haͤtte er ſich ſchon mit Euch ausgeglichen, und Euer Eigenthum Euch zu⸗ ruͤckgegeben, und wenn Ihr auch ſein Haus mit Eurer Verbindung beehren ſolltet— ich wuͤrde nichts dagegen ſagen, denn das Fraͤu⸗ lein iſt ein holdes ſuͤßes Geſchoͤpf. Aber hal⸗ 101 tet Euch fern von ihnen, ich kenne dieſe Art nur zu gut. Nun, Caleb, Ihr geht ja weiter als ich, ſprach Edgar, eine gewiſſe Regung ſeines Be⸗ wußtſeins mit einem gezwungenen Gelaͤchter unterdruͤckend: Ihr wollt mich in eine Fa⸗ milie verheirathen, die ich doch nicht einmal beſuchen ſoll. Wie verſteht Ihr das? Und Ihr ſeht ja aus, wie eine Leiche. O, lieber Herr, hob Caleb wieder an, Ihr wuͤrdet mich auslachen, wenn ich's Euch er⸗ zaͤhlte; aber der Reimer Thomas, uͤber deſſen Zunge keine Luͤge kam, ſprach das Wort von Eurem Hauſe, das nur zu wahr werden wird, wenn Ihr heute nach Ravenswood geht. O daß ich's nie erleben moͤchte! Und was iſt's, Caleb? ſprach Edgar, der die Furcht des alten Dieners gern beruhigen wollte. Caleb erwiederte, er habe die Worte nie einem Sterblichen wiederholt, ein alter Prie⸗ ſter habe ſie ihm geſagt, der Beichtvater im 1⁰2 Schloſſe geweſen, als die Familie den katho⸗ liſchen Glauben bekannt habe. Oft aber, ſetz⸗ te er hinzu, habe ich die finſteren Worte mir vorgeſagt, und dachte wenig daran, daß ſie heute erfuͤllt werden ſollten. Weg mit Eurem Unſinn! ſprach Edgar ungeduldig. Laßt mich den Reim hoͤren, der Euch den Kopf verwirrt hat. Calebs Wange ward bleich, als er mit zitternder Stimme folgende Worte ſprach: Wenn der Letzte von Ravenswoods altem Haus Nach Ravenswood reitet hinaus, Daß ihm, dem Freier, als ſeine Braut, Ein todtes Mägdlein werd' angetraut; Dann ſtallt er ſein Roß im Elfenſand, und ſein Nam' iſt für immer verſchollen im Land. Ich kenne den Elfenſand ſehr wohl, er⸗ wiederte Edgar, vermuthlich meint Ihr den Flugſand zwiſchen dem Schloſſe und dem Dorfe. Aber welcher vernuͤnftige Mann wuͤrde ſein Roß da ſtallen wollen? O, forſcht danach nicht, lieber Herr! Gott verhuͤt es, daß wir den Sinn der Prophezeih⸗ 103 ung erkennen! Bleibt zu Hauſe, und laßt die Fremden allein nach Ravenswood reiten. Wir haben genug fuͤr ſie gethan; wenn wir mehr thun wollten, wuͤrde es mehr gegen das An⸗ ſehen des Hauſes, als zu ſeinen Gunſten ſein. Ich dank' Euch herzlich fuͤr den guten Rath, den Ihr mir bei dieſer Gelegenheit gebt, Caleb, aber da ich nicht nach Ravens⸗ wood gehe, eine Braut zu ſuchen, eine todte ſo wenig als eine lebendige, ſo hoff' ich ei⸗ nen beſſeren Stall fuͤr mein Pferd zu waͤh⸗ len, als den Elfenſand. Ich habe eine beſon⸗ dere Furcht vor dem Orte, ſeit vor mehren Jahren einige Dragoner hier umkamen, welche vergebens gegen die andringende Flut kaͤmpf⸗ ten. Sie verdienten's, ſiel Caleb ein. Sie hatten nichts zu thun auf unſere Sand⸗ Duͤnen, als daß ſie ehrliche Leute hinderten, einen Tropfen Branntwein ans Ufer zu brin⸗ gen. 1⁰4 Caleb kam nun ſo ſehr in Hitze gegen die engliſchen Zoͤllner, daß Edgar ſich leicht von ihm losmachte, um zu ſeinen Gaͤſten zuruͤck⸗ zukehren. Alles war zur Abreiſe bereit. Ca⸗ leb oͤffnete das aͤußere Schloßthor, wo er ſei⸗ nen Platz nahm, und durch ein ehrerbietiges und zugleich wichtiges Anſehen, das er ſich gab, ſuchte er den Mangel der Dienerſchaft zu erſetzen. Aſhton erwiederte des Dieners tiefe Verbeugung mit einem herzlichen Lebe⸗ wohl, indem er, nach hergebrachter Sitte, das Trinkgeld ihm in die Hand gleiten ließ. Lu⸗ zie laͤchelte dem alten Manne mit ihrem ge⸗ woͤhnlichen Liebreiz zu, und reichte ihm ihre Gabe mit ſo viel Anmuth, daß ſie den treu⸗ en Diener gewonnen haben wuͤrde, wenn nicht der Reimer Thomas und der gluͤckliche Rechts⸗ bandel gegen ſeinen Herrn ihn verſtimmt haͤt⸗ ten. 4. Edgar war an Luzien's Seite, ihre Furcht⸗ ſamkeit ermuthigend, und leitete ihr Pferd orgfaͤltig den felſigen Pfad hinab, der zu —,j,— — 105 dem Moore fuͤhrte, als einer von den Dienern meldete, daß Caleb ihm laut nachrufe, und mit ſeinem Herrn zu ſprechen begehre. Ed⸗ gar fuͤhlte, daß es ſonderbar ausſehen wuͤrde, dieſe Auffoderung zu vernachlaͤſſigen, ſo ſehr er Caleb's zudringliche Dienſtfertigkeit ver⸗ wuͤnſchte. Er uͤberließ Aſhton's Kammerdie⸗ ner die angenehme Pflicht, die ihn beſchaͤftigte⸗ und ritt ans Schloßthor zuruͤck. Eben wollte er muͤrriſch den Alten nach der Urſache ſei⸗ nes Rufes fragen, als Caleb ausrief: Nur ein Wort, lieber Herr! Ich konnt's Euch nicht ſagen, vor den fremden Leuten. Hier, fuhr er fort, und legte ſeinem Herrn die empfangenen Geſchenke in die Hand: Hier, ſind drei Goldſtuͤcke. Ihr werdet drunten Geld brauchen. Aber noch Eins! macht, daß Ihr ſie im naͤchſten Orte gewechſelt kriegt, ſie ſind funkelnagelnen, wie aus der Muͤnze. Ihr vergeßt, Caleb, ſprach Edgar, der ihrt das Geld wieder aufdringen und ſich von ihm losmachen wollte: Ihr vergeßt, daß ich 1206 auch noch einige Goldſtuͤcke habe. Behaltet dieß fuͤr Euch ſelbſt, alter Freund, und noch einmal, Gott befohlen! Ich verſichere Euch, ich habe zur Genuͤge. Dieß wird Euch zu einer andern Zeit gut ſein, ſprach Caleb, und Ihr muͤßt auch etwas haben, um den Dienſtooten ein Trink⸗ geld zu geben und Euch ſehen zu laſſen. Edgar machte ſich ungeduldig los. Ihr wollt alſo gehen? ſprach Caleb mit traurigem Tone. Ihr wollt gehen, nach allem, was ich Euch von der Prophezeihung, der todten Braut und dem Elfenſand geſagt habe, aber ſchont Euer Leben, wenn Ihr im Walde jagt. Huͤtet Euch, aus dem Nixenborn zu trinken— Er iſt fort! wie ein Pfeil hinter ihr her! Der gute Alte blickte ſeinem Herrn noch lange nach, und wiſchte oft die Thraͤnen aus den Augen, um die edle Geſtalt ſeines Herrn ſo lange als moͤglich unter den uͤbrigen Rei⸗ tern zu erblicken. Mit einem Herzen voll 107 banger Ahnungen kehrte er endlich in s Schloß zuruͤck, als die Reiter in der Ferne verſchwun⸗ den waren. Die Geſellſchaft ſetzte indeß froͤhlich ihre Reiſe fort. Edgar war nicht der Mann, nach einmal gefaßtem Entſchluſſe zu wanken. Er uͤberließ ſich ganz dem Vergnuͤgen, das er in Luziens Geſellſchaft fuͤhlte, und zeigte in der Unterhaltung mit ihr eine Artigkeit, welche ſo nahe an Froͤhlichkeit ſtreifte, als es ſeine Gemuͤthſtimmung und ſeine Lage erlaubten. Aſfhton war erſtaunt uͤber Edgar’s tieffinnige Bemerkungen und geiſtige Bildung. Er war der Mann, uͤber dieſe Eigenſchaften zu urthei⸗ len, aber er wußte auch eine ihm gaͤnzlich fremde Eigenſchaft zu wuͤrdigen, die entſchloſ⸗ ſene Unverzagtheit in Edgar's Stimmung, der Zweifel ſo wenig, als Furcht zu kennen ſchien. In ſeinem Herzen freute ſich Afhton, einen ſo furchtbaren Gegner verſoͤhnt zu ha⸗ ben, und mit einer Miſchung von Freude und Unruhe ahnete er die Hoͤhe, die ſein junger Freund gewinnen koͤnne, wenn erſt der Wind der Hofgunſt in ſeine Segel blieſe. Was koͤnnte fie mehr wuͤnſchen, ſprach er zu ſich ſelber, da er ſich ſeine Frau ſtets in Wi⸗ derſpruch mit ſeinem jetzt vorherrſchenden Wun⸗ ſche dachte: was koͤnnte eine Frau mehr bei einer Heirath wuͤnſchen, als die Unterdruͤckung eines ſehr gefaͤhrlichen Anſpruchs und die Vexrbindung mit einem edlen tapfern Schwie⸗ gerſohn, der hohe Verwandte hat? Iſt er nicht gerade darin ſtark, worin wir ſchwach ſind, in erlauchter Abkunft und kriegeriſchem Mu⸗ the? Gewiß, keine vernuͤnftige Frau wuͤrde ſich bedenken, aber ach!— hier hielt er inne, da er ja wußte, daß ſeine Frau nicht immer, in ſeiner Bedeutung des Wortes, vernuͤnftig war. Einen plumpen Landjunker, dieſem tap⸗ fern jungen Manne, und dem ſicheren Beſitze der Guͤter des Hauſes Ravenswood vorzuzie⸗ hen— wahrlich, nur eine Pbirinn koͤnnte ſo handeln. 5 Es war ſchon dunkel, als ſie ſich dem 109 Schloſſe Ravenswood naͤherten. Eine Doppel⸗ reihe hoher Ulmen fuͤhrte zum Haupteingange des Schloſſes, und die Baͤume ſeuſzten im Nachtwinde, als haͤtten ſie den Erben der alten Burgherrn beklagt, der jetzt zu ihren Schatten zuruͤck kehrte, in der Geſellſchaft und faſt im Gefolge der neuen Gebieker. Aehn⸗ liche Gefuͤhle druͤckten Edgar's Gemuͤth. Er ward allmaͤhlig ſtill und zog ſich hinter das Fraͤulein zuruͤck, an deſſen Seite er ſich bis⸗ her ſo ehrerbietig gehalten hatte. Deutlich er⸗ innerte er ſich der Zeit, wo er in derſelben Abendſtunde ſeinen Vater begleitet hatte, als er das Schloß ſeiner Ahnen verließ, um es nie wieder zu ſehen. Die maͤchtige Vorder⸗ ſeite der alten Burg, wohin der Knabe oft zu⸗ ruͤckgeblickt, war damals ſchwarz, wie ein Trauer⸗ flor, jetzt aber ſchimmerten hier zahlloſe Lichter, welche bald einen glaͤnzenden Schein weit hinaus in die Nacht warfen, und bald von Fenſter zu Fenſter eilten, die geſchaͤftigen Vorberei⸗ tungen: andeutend, welche die angekundigte 110 Ankunft der Gebieter in Bewegung geſetzt hatte. Der Gegenſatz ergriff Edgar's Herz ſo maͤchtig, daß einige der finſteren Gefuͤhle wie⸗ der erwachten, womit er den neren Gebieter ſeiner vaͤterlichen Burg zu betrachten gewohnt war, und ein hoher Ernſt lag in ſeinen Zuͤ⸗ gen, als ſer abgeſtiegen war, und von den zahlreichen Dienern des jetzigen Burgherrn umgeben, in der Halle ſtand, die nicht mehr ſein eigen war. Als Afhton den Junker mit der Herzlich⸗ keit bewillkommen wollte, welche nach den letzten Ereigniſſen an ihrer Stelle zu ſein ſchien, bemerkte er die Veraͤnderung an ſei⸗ nem Gaſte, und von ſeinem Vyrſatze abge⸗ hend, begnuͤgte er ſich, ihn mit einer tiefen Verbeugung zu begruͤßen, indem er zartfuͤhlend die Empfindungen zu theilen ſchien, die auf des Juͤnglings Stirn ausgedruͤckt waren. Zwei Diener, von welchen jeder ein paar ſilberne Leuchter trug, fuͤhrten die Geſellſchaft in einen weiten Saal, wo neue Veraͤnder⸗ 111 ungen den Juͤngling an den Reichthum der jetzigen Bewohner des Schloſſes erinnerten. Die modernden Tapeten, welche zu ſeines Vaters Zeiten theils die Waͤnde dieſes Pracht⸗ zimmers bedeckten, theils in Fetzen herabhin⸗ gen, hatten einem ſchoͤnen Getaͤfel mit kunſt⸗ reichem Schnitzwerk in Eichenholz Platz ge⸗ macht. Einige alte Bildniſſe gewappneter Helden aus dem Hauſe Ravenswood, einige alte Ruͤſtungen und Waffen, waren von den Bildniſſen des Koͤnigs Wilhelm, der Koͤniginn Maria, und einiger ſchottiſchen Rechtsgelehrten verdraͤngt worden. Auch ſah man die Bildniſſe von Afhtons Vater und Mutter; ſie, ſauer und ernſt in ſchwarzem Leib⸗ chen und eng anliegender Haube, mit einem Andachtbuche in der Hand; er mit einem ſchwarz⸗ ſeidenen Scheitelkaͤppchen, ein gemeines, ver⸗ drießliches Geſicht, das in einem duͤnnen, roͤth⸗ lichen ſpitzigen Baͤrtchen endigte, und in deſ⸗ ſen Zuͤgen der Heuchler mit dem Knauſer und dem Schurken ſtritt. und um Solchen Platz zu machen, dachte Ravenswood, hat man meine Ahnen von den Vaͤnden geriſſen, die ſie erbaut ha⸗ ben? Er ſah ſie noch einmal an, und als er hinſah, ſchien die Erinnerung an Luzie, die nicht mit in das Zimmer gekommen war, minder lebendig in ſeiner Seele zu ſein. Er ſah neben einigen Bildern von Oſtade und Teniers und einem guten Gemaͤlde aus der italieniſchen Schule, das lebensgroße Bild⸗ niß Aſhtons in ſeinem Staatskleide an der Seite ſeiner Gemahlinn in Seide und Her⸗ melin, einer hochmuͤthigen Schoͤnheit, aus de⸗ ren Zuͤgen der Stolz des Hauſes Douglas ſprach, von welchem ſie abſtammte. Der geſchickte Mahler, den die Wirklichkeit, oder vielleicht ein unterdruͤcktes Gefuͤhl muth⸗ williger Laune gezwungen hatte, war nicht im Stande geweſen, dem Manne jenes ge⸗ bieteriſche Anſehen zu geben, das den vollen Beſitz der haͤuslichen Herrſchaft anzeigt, und man ſah auf den erſten Blick, daß er, trotz *½ 113 ſeiner aͤußern Herrlichkeit, unter dem Pan⸗ toffel ſtand. Waͤnſcht Ihr eine Erfriſchung, Junker? ſprach Afhton, der gern das peinliche Schwei⸗ gen brechen wollte. Edgar beobachtete ſo aufmerkſam die, im Zimmer gemachten, Veraͤnderungen, daß er Aſfhtons Frage kaum vernahm. Die wieder⸗ holte Anerbietung von Erfriſchungen, mit dem Zuſatze, daß die Mahlzeit bald bereit ſein werde, zwang ihn zur Aufmerkſamkeit, und erinnerte ihn, daß er eine kleinliche, vielleicht laͤcherliche, Rolle ſpielen wuͤrde, wenn er ſich von den Umſtaͤnden, worin er ſich befand, uͤberwaͤltigen ließe. Er zwang ſich daher, bei dem Geſpraͤche, das er mit Aſhton anknuͤpfte, ſo viel Unbefangenheit zu zeigen, als er ſich geben konnte. Ihr werdet Euch nicht verwundern,— er, daß ich ſo viel Antheil an den Veraͤnder⸗ ungen nehme, wodurch Ihr dieſes Zimmer verſchoͤnert habt. Als unſre Ungluͤcksfaͤlle mei⸗ 3 1 H 114 nen Vater zwangen, abgeſchieden zu leben, ward es wenig gebraucht, außer von mir, als Spielzimmer, wenn das Wetter mir nicht er⸗ laubte, auszugehen. In jenem Winkel ſtand meine Werkſtaͤtte, wo Caleb mir den Gebrauch der Werkzeuge zeigte, dort lag mein Fiſcherge⸗ raͤthe, mein Jagdzeug, mein Bogen, meine Pfeile. Ich habe, ſprach Afhton, der gern die Un⸗ terhaltung aͤndern wollte, einen kleinen Wild⸗ fang von gleichem Schlage. Er iſt nie gluͤck⸗ licher/ als wenn er im Freien iſt. Ich wun⸗ dre mich, daß er ſich nicht ſehen laͤßt. Lock⸗ hard, laßt Heinrich rufen. Er wird wohl, wie gewoͤhnlich, an Luzien's Schuͤrzenbande hangen. Das naͤrriſche Maͤdchen zieht nach ihrem Belieben die ganze Familie nach ſich. Selbſt dieſe, ſchlau hingeworfene, Anſpie⸗ lung auf ſeine Tochter brachte Edgar nicht von ſeinem Gegenſtande ab.„Wir mußten ei⸗ nige Rüſtungen und Bildniſſe in dieſem Zim⸗ 4 115 mer zuruͤcklaſſen, ſprach er. Darf ich fragen, wohin man ſie gebracht hat?“ Nun— antwortete Afhton mit einiger Verlegenheit, das Zimmer ward waͤhrend un⸗ ſerer Abweſenheit in Stand geſetzt, und Ihr wißt, cedant arma togae iſt der Grundſatz der Rechtsgelehrten. Man hat ſich hier, wie ich fuͤrchte, ein wenig zu buchſtaͤblich daran ge⸗ halten. Ich hoffe, ich glaube, ſie ſind gut aufgehoben; gewiß habe ich's befohlen. Wenn man ſie wiedergefunden und gehoͤrig in Ord⸗ nung gebracht hat, werdet Ihr mir doch die Ehre erweiſen, ſie von meiner Hand als eine Verguͤtung fuͤr die zufaͤllige Stoͤrung anzu⸗ nehmen? Der Junker machte eine ſteife Verbeu⸗ gung, und fuhr fort, mit gekreuzten Armen das Zimmer zu betrachten. Heinrich, ein verhaͤtſchelter Knabe von funfzehn Jahren, ſtuͤrmte herein und lief zu ſeinem Vater.„Denk' nur, die Luzie, Va⸗ ter, ſie iſt ſo eigenſinnig, daß ſie nicht mit H 2 mir in den Stall gehen will, mein neues Pferdchen zu ſehn.“ Es war ſehr unverſtaͤndig von Dir, glaub' ich, ihr ſo etwas anzuſinnen. Dann ſeid Ihr ſo eigenſinnig, als ſie, antwortete der Knabe, und wenn die Mutter zu Hauſe kommt, ſo ſoll ſie Euch beiden was abgeben. Unverſchaͤmter Naſeweis, ſprach der Va⸗ ter. Wo iſt dein Lehrer 2 Auf die Hochzeit. Ei, er iſt ſehr aufmerkſam. Und wer hat die Aufſicht uͤber Dich gefuͤhrt, in mei⸗ ner Abweſenheit? Norman, Wilſon und ich ſelbſt, erwie⸗ derte Heinrich. Ein Jaͤger, ein Stallknecht und Du klei⸗ ner Pinſel ſelbſt— Herrliche Vaͤchter fuͤr einen kuͤnftigen Rechtsgelehrten! Du wirſt wohl nie um andere Rechte Dich bekuͤmmern, als um Jagdgeſetze. Ja, und nur von Rothwild ſprechen, fiel 117 der Wildfang unbedenklich ein. Norman hat einen Bock geſchoſſen. Ich habe das Geweih Luzien gezeigt; ſie ſagt, es waͤre nur von 8 Enden, und Ihr haͤttet mit Lord Bittle⸗ brain's Hunden einen Hirſch gehetzt, der haͤt⸗ te zehn Enden gehabt. Iſt das wahr? Vielleicht gar zwanzig, was weiß ich's! Aber wenn Du zu dieſem Herrn gehen willſt, der kann Dir's ſagen. Geh, ſprich mit ihm, Heinrich, es iſt der Junker von Ravenswood. Vater und Sohn ſtanden, waͤhrend ſie ſprachen, am Kamin. Edgar aber, der am an⸗ dern Ende des Zimmers ein Gemaͤhlde auf⸗ merkſam zu betrachten ſchien, hatte ihnen den Nuͤcken zugekehrt. Der Knabe lief zu ihm, zupfte ihn, mit der Freiheit eines verzoge⸗ nen Kindes, beim Rockſchoß, und ſprach: Wollt Ihr ſo gut ſein, mir zu ſagen, lieber Herr— 1 Edgar drehte ſich um, und Heinrich kam bei ſeinem Anblicke ploͤtzlich aus der Faſſung. Er trat ein paar Schritte zuruͤck, und blickte 118 immer auf den Junker mit einer Furcht und Verwunderung, welche aus ſeinen Zuͤgen den gewoͤhnlichen Ausdruck muthwilliger Lebhaftig⸗ keit gaͤnzlich verbannt hatten. Kommt zu mir, junger Herr, ſprach Ed⸗ gar, ich will Euch alles, was ich weiß, von der Jagd erzaͤhlen. Geh' zu dem Herrn, ſprach der Vater, Du biſt ja ſonſt nicht ſo bloͤde. Aber weder Einladung, noch Ermahnung vermochten etwas uͤber den Knaben. Als er den Junker genau betrachtet hacte, drehte er ſich um, ſchlich leiſe und vorſichtig, als ob er auf Eiern gegangen waͤre, zuruͤck und druͤckte ſich ſo veſt als moͤglich an ſeinen Vater. Ed⸗ gar hielt es fuͤr ſchicklich, ſich noch einmal zu den Gemaͤhlden zu wenden, um die Worte, die Vater und Sohn wechſelten, nicht zu hoͤren, und richtete keine Aufmerkſamkeit dar⸗ auf. Warum ſprichſt Du nicht mit dem Junker, Naͤrrchen? ſprach Aſhton. 119 Ich bin bange, erwiederte Heinrich mit leiſem Tone. 6 Bange? Du Pinſel! ſprach der Vater, und ſchuͤttelte ihn ein wenig beim Kragen. Warum biſt Du denn bange? Warum ſieht er denn gerade ſo aus, als das Bildniß von Maliſe Ravenswood? fliſterte der Knabe. Was fuͤr ein Bildniß, Dummkopf? Es iſt das Bildniß des alten Maliſe von Ravenswood, und er ſieht aus, als ob er aus der Leinwand geſchnitten waͤre. Es ſteht oben im Saale, und hat eine Ruͤſtung an, und nicht einen Rock wie dieſer Herr, und er hat keinen Bart wie das Bild. Warum ſollte der Herr nicht ausſehen, wie ſeine Vorfahren, Du alberner Burſche? Aber wenn er uns nun Alle aus dem Schloſſe jagt, ſprach der Knabe, und zwanzis Mann verborgen im Hinterhalt hat, und mit dumpfer Stimme ruft: Ich wart' auf meine Zeit— und Euch am Herd er⸗ * 120 ſchlägt, wie Maliſe den Mann erſchlug, deſſen Blut man noch ſieht. Still! Unſinn! ſprach Afhton, der ſich ungern an ein ſo leidiges Zuſammentreffen der Umſtaͤnde erinnern ließ— Junker von Ravenswood ſprach er laut, als der Diener herein getreten war: man meldet, das Eſſen ſei angerichtet. In demſelben Augenblicke trat Luzie zu einer andern Thuͤre herein. Sie hatte ſich umgekleidet. Edgar erblickte die holde Schön⸗ heit ihres Geſichtes, das jetzt nur von uͤppi⸗ gen Locken beſchattet war, die zarte Geſtalt, des ſchwerfaͤlligen Reitkleides entlaſtet, ſund in himmelblaue Seide gehuͤllt, ihr anmuthiges Benehmen, ihr liebliches Laͤcheln, und mit ei⸗ ner Schnelligkeit, die ihn ſelbſt uͤberraſchte, waren die truͤben unguͤnſtigen Gedanken auf⸗ gehellt, die eine Zeitlang ſeine Seele verhuͤllt hatten. In dieſen holden Zuͤgen konnte er keine Verwandſchaft mit dem hungrigen Ge⸗ ſichte des Spitzbarts, oder ſeiner welken Ehe⸗ 121 haͤlfte, mit der Schlauheit in Afhtons Geſichte, oder dem hochmuͤthigen Blicke ſeiner Gemah⸗ linn entdecken. Luzie erſchien ihm wie ein himmliſcher Engel, nicht verwandt mit iden rohen Sterblichen, unter welchen ſie eine Zeitlang zu verweilen ſie wuͤrdigte. ⁸ VI. Das Gaſtmahl im Schloſſe Ravenswood war eben ſo merkwuͤrdig durch ſeine Fuͤlle, als jenes in Wolfsfels durch ſchlecht verhuͤllte Armſe⸗ ligkeit. Aſhton haͤtte bei dieſem Gegenſatze Stolz fuͤhlen koͤnnen, aber er hatte zu viel Feinheit, ſo etwas durchſcheinen zu laſſen. Er ſchien im Gegentheile mit Vergnuͤgen an Calebs Junggeſellen⸗Mahl, wie er's nannte, zu denken, und uͤber den Aufwand ſeiner Ta⸗ fel mehr Widerwillen als Vergnuͤgen zu em⸗ pfinden. Wir leben ſo, weil's Andere thun, ſprach er, aber ich bin an meines Vaters maͤßiger Tafel als ein ſchlichter Mann aufgewachſen, und wenn meine Frau und meine Familie 123 es geſtatteten, wuͤrde ich gern zu meiner ein⸗ fachen Hausmannskoſt zuruͤckkehren. Das war ein wenig uͤbertrieben, und Ed⸗ gar begnuͤgte ſich, zu antworten: Verſchieden⸗ heit des Ranges, Verſchiedenheit der Ver⸗ moͤgensumſtaͤnde, will ich ſagen, machen eine verſchiedene Lebensweiſe noͤthig. 8 Dieſe trockene Bemerkung machte dem Geſpraͤche uͤber dieſen Gegenſtand ein Ende. Der Abend wurde munter, ſelbſt mit Herz⸗ lichkeit zugebracht. Heinrich hatte ſeine Furcht ſo ſehr bemeiſtert, daß er eine Hirſchjagd mit dem lebendigen Ebenbilde des grimmigen Ma⸗ liſe Ravenswood, genannt der Naͤcher, verab⸗ redete. Der folgende Morgen ward dazu be⸗ ſtimmt. Das Gluͤck beguͤnſtigte die muntern Jaͤger. Ein Gaſtmahl folgte, und eine drin⸗ gende Einladung, noch einen Tag zu verwei⸗ len, ward gemacht und angenommen. Dieß ſollte, nach Ravenswoods Entſchluſſe, der letz⸗ te Tag ſeines Aufenthaltes ſein, aber er er⸗ innerte ſich, daß er die alte treue Dienerinn 184 ſeines Hauſes, die blinde Alix, noch nicht beſucht hatte, und die gute Alte verdiente wohl die freundliche Ruͤckſicht, ihr einige Mor⸗ genſtunden zu widmen. Luzie wollte ihn zu der Huͤtte der Alten fuͤhren. Heinrich begleitete ſie zwar, aber dennoch warenbe ide ſo gut, als unter vier Au⸗ gen, da den Knaben ſo vielerlei Umſtaͤnde zer⸗ ſtreuten, daß er wenig darauf achtete, was unter den jungen Leuten vorging. Bald ſprang ein Haſe uͤber den Weg, und Heinrich eilte mit dem Windhunde fort, ihn zu verfolgen, bald verlor er ſich in ein langes Geſpraͤch mit einem Jaͤger, das ihn eine Weile hinter ſeinen Begleitern zuruͤckhielt, und bald war er eine große Strecke vor ihnen, um die Hoͤhle eines Dachſes zu unterſuchen. Die Unterhaltung zwiſchen Edgar und Luzien wurde anziehender und faſt vertraulich. Sie konnte ſich nicht erwehren, ihr Mitgefuͤhl uͤber den Schmerz zu aͤußern, den er bei dem Anblicke ſo wohl bekannter und jetzt ſo ver⸗ 125 anderter Gegenſtaͤnde empfinden mußte, und ſie druͤckte dieſe Regung ſo zart aus, daß Edgar darin auf einen Augenblick vollen Erſatz fuͤr alle ſeine Ungluͤcksfaͤlle fand. Er verrieth ei⸗ nen ſolchen Gedanken, den Luzie mehr mit Verwirrung als mit Mißvergnuͤgen anhoͤrte, und man verzeiht ihr leicht die Unvorſichtig⸗ keit, auf ſolche Reden zu horchen, wenn man erwaͤgt, daß die Lage, worein ihr Vater ſie geſetzt hatte, Edgar zu berechtigen ſchien, eine ſolche Sprache zu fuͤhren. Sie that ſich Ge⸗ walt an, dem Geſpraͤche eine andere Wendung zu geben, und es gelang ihr; denn auch Ed⸗ gar war weiter gegangen, als er die Abſicht hatte, und ſein Gewiſſen machte ihm eben ei⸗ nen Vorwurf, als er nahe daran war, mit Afhtons Tochter von Liebe zu reden. Sie waren jetzt nicht weit mehr von der Huͤtte der alten Alix, welche neuerlich eine bequemere Einrichtung erhalten hatte, und ei⸗ nen, vielleicht weniger mahleriſchen, aber freund⸗ lichern Anblick darbot, als zuvor. 126 Alix ſaß auf ihrem gewoͤhnlichen Platze unter der Haͤngebirke, und waͤrmte ſich mit dem freudeloſen Genuſſe der Alterſchwaͤche in den Strahlen der herbſtlichen Sonne. Als ſie die Nahenden hoͤrte, wendete ſie nach ih⸗ nen das Haupt. Ich hoͤre Eure Schritte, Fraͤu⸗ lein Luzie Aſhton, ſprach ſie, aber der Herr, der Euch begleitet, iſt nicht Euer Vater. uUnd warum glaubt Ihr das, Alix? er⸗ wiederte Luzie. Waͤre es moͤglich, daß Ihr ſo genau einen Tritt auf veſter Erde, unter frei⸗ em Himmel, unterſcheiden koͤnntet? Mein Gehoͤr, liebes Kind, iſt geſchaͤrft durch meine Blindheit, und ich kann jetzt die leiſeſten Toͤne unterſcheiden, die einſt ſo unbemerkt vor meinem Ohre voruͤber gingen, als vor dem Eurigen. Die Noth iſt eine ſtrenge, aber treffliche Lehrerinn, und wer ſein Geſicht verloren hat, muß aus andern Quellen Unterricht ſchoͤpfen. Nun, ich gebe es zu, Ihr hoͤrt eines Man⸗ 127 nes Tritte, ſprach Luzie, aber warum koͤnnte es nicht auch mein Vater ſein? Der Schritt des Alters, mein Kind, iſt furchtſam und bedaͤchtig. Der Fuß verlaͤßt langſam die Erde und wird zoͤgernd nieder⸗ geſetzt. Es iſt der raſche entſchloſſene Gang eines Juͤnglings, was ich hoͤre, und— koͤnnt' ich dem ſeltſamen Gedanken glauben— ich wuͤrde ſagen, es iſt der Schritt eines Ravens⸗ wood. In der That, euach Edgar, an eine ſolche Schaͤrfe des Sinnes wuͤrde ich nie geglaubt haben, wenn ich nicht Zeuge geweſen waͤre. Ja, Alix, ich bin der Junker von Ravenswood, der Sohn Eures alten Herrn. Ihr? ſprach die Alte, faſt laut aufſchreiend in ihrer Ueberraſchung. Ihr der Junker von Ravenswood? Hier— an dieſer Stelle— in ſolcher Begleitung?— Ich kann's nicht glau⸗ ben. Laßt meine alte Hand uͤber Euer Ge⸗ ſicht gleiten, damit mein Genäß meinen Ohren es bezeuge. 128 Edgar ſetzte ſich an ihrer Seite auf die Raſenbank und ließ ſeine Zuͤge von ihrer zit⸗ ternden Hand betaſten. Es iſt wahrlich ſo, ſprach die Alte. Es ſind die Zuͤge, es iſt die Stimme eines Ra⸗ venswood. Die hohen Linien des Stolzes, wie der kuͤhne hochfahrende Ton.— Aber was macht Ihr hier, Junker von Ravenswood? Was macht Ihr in Enres Feindes Gebiet, und in der Geſellſchaft dieſes Maͤdchens? Bei dieſen Worten gluͤhte das Geſicht der Alten, wie wahrſcheinlich vor alten Zeiten ein treuer Lehnmann erroͤthet ſein wuͤrde, in deſſen Gegenwart ein junger Gebieter verrathen haͤtte, daß er dem Geiſte ſeiner Ahnen untreu ge⸗ worden. Der Junker von Ravenswood, ſiel Luzie ein, die den Ton jener Vorwuͤrfe nicht leiden konnte und der Rede ein Ende zu machen wuͤnſchte, iſt auf Beſuch bei meinem Vater. Wirklich? ſprach die blinde Alte, mit dem Tone der Ueberraſchung. 129 Ich wußte, erwiederte Luzie, daß ich ihm Vergnuͤgen machen wuͤrde, wenn ich ihn zu Eurer Huͤtte fuͤhrte. Und ich haͤtte hier, ſiel Ravenswood ein, in der That einen herzlicheren Empfang er⸗ wartet. Es iſt iſehr wunderbar, ſprach die Alte fuͤr ſich ſelber. Aber des Himmels Wege ſind nicht wie unſere Wege, und ſeine Rathſchluͤſſe werden durch Mittel vollzogen, die fuͤr uns unergruͤndlich ſind.— Hoͤrt, junger Mann, fuhr ſie fort, Eure Vaͤter waren unverſoͤhnlich, aber ſie waren ehrbare Feinde, und ſuchten nicht das Verderben ihrer Feinde unter der Larve der Gaſtfreundſchaft. Was habt ihr zu thun mit Luzie Aſhton? Warum gehn Eure Schritte auf einem Pfade mit ihren? Warum klingt Eure Stimme in gleichem Ton und Takt mit der Stimme von Afhton's Tochter? Jun⸗ ger Mann, wer Nache ſucht durch ehrloſe Mit⸗ tel— 1 Schweigt, Weib! rief Edgar finſter. Gibt J * 2130 Euch die Hoͤlle ſolche Worte ein? Wiſſet, die⸗ ſes Fraͤulein hat auf Erden keinen Freund, der mehr wagen wuͤrde, ſie gegen Unbilde und Kraͤnkung zu ſchuͤtzen. Und iſt es wirklich ſo? ſprach die Alte in einem veraͤnderten, aber wehmuͤthigen Tone: dann helf' Gott Euch Beiden! Amen! ſprach Luzie, welche die Bedeutung des Winkes der Alten nicht verſtanden hatte: und Gott erhalt' Euch bei gutem Verſtande, Alix, und bei guter Laune. Wenn Ihr ſo ge⸗ heimnißvolle Reden fuͤhrt, ſtatt Eure Freunde zu bewillkommen, ſo werden ſie von Euch den⸗ ken, wie andre Leute. Und wie denken andre Leute? fragte Ra⸗ venswood, der ſelber zu glauben anfing, die Alte ſpreche ohne Zuſammenhang. Sie denken, fliſterte Heinrich, der in die⸗ ſem Augenblicke herbei kam: daß ſie auch eine Hexe iſt, die man haͤtte verbrennen ſollen mit den Andern, die zu Haddington gebuͤßt ha⸗ ben. Se 1 131 Was ſagt Ihr da? ſprach die Alte, das augenloſe heftig gluͤhende Geſicht gegen den Knaben wendend. Eine Hexe bin ich, und haͤtte ſollen leiden mit den hilfloſen Alten, die in Haddington gemordet wurden? Hoͤrt Ihr's? fliſterte Heinrich. Und ich redete doch ſo leiſe, wie ein Zaunkoͤnig piept. Wenn der Wucherer, und der Draͤnger, und der unterdruͤcker der Armen, und der Verruͤcker alter Grenzſteine, und der Verderber alter Geſchlechter, mit mir auf einem Schei⸗ terhaufen ſtaͤnde, ja dann koͤnnt' ich ſagen: zuͤndet an, in Gottes Namen! Das iſt entſetzlich! ſprach Luzie. Ich habe die arme Verlaſſene nie in ſolcher Ge⸗ muͤthſtimmung geſehn; aber Alter und Ar⸗ muth vertragen nicht gern Vorwuͤrfe... Komm, Heinrich, wir wollen ſie jetzt verlaſſen; ſie wuͤnſcht mit dem Junker allein zu ſprechen. Wir wollen heimgehen und ausruhen, ſetzte ſie hiniu mit einem Blicke auf Edgar, beim Nixenborn. J 2 132 Und wenn Ihr hoͤrt, Alix, ſprach der Knabe zu der Alten, daß ein Haſe unter die Rehe laͤuft, und macht, daß ſie vor der Zeit verwerfen, ſo ſagt ihm, mit einem ſchoͤnen Gruß von mir, wenn unſer Jaͤger Norman keine ſilberne Kugel fuͤr ihn haͤtte, ſo wollt' ich einen von meinen Bruftlatzknoͤpfchen dazu geben. Die Alte antwortete nicht, bis ſie merkte, daß Jene ſie nicht mehr hoͤren konnten. Und auch Ihr, ſprach ſie darauf zu Ravenswood, ſeid mir boͤſe fuͤr meine Liebe? Fremden kann ich's nicht verdenken, daß ſie zuͤrnen, aber auch Ihr ſeid boͤſe! Ich bin nicht boͤſe, Alix, ſprach der Jun⸗ ker, aber meine Mutter hat mir ſo oft Euren geſunden Verſtand geruͤhmt, daß es mich wundert, wie Ihr beleidigenden und grundlo⸗ ſen Argwohn hegen koͤnnt. Beleidigend? ſprach die Alte. Ja die Wahrheit iſt immer beleidigend— aber gewiß nicht grundlos. laig 1 133 Ich ſage Euch, ſehr grundlos, erwiederte Edgar. Dann hat die Welt ihre Gewohnheit ge⸗ aͤndert, und das Geſchlecht Ravenswood ſeine angeerbte Neigung, und die Augen meines Verſtandes ſind blinder, als mein Geſicht. Wann ſuchte je ein Ravenswood ſeines Fein⸗ des Haus ohne Gedanken der Rache? Und Ihr ſeid hierher gekommen, Edgar Navens, wood, in unſeligem Zorne, oder in noch un ſeligerer Liebe. Keines von Beiden, erwiederte Ravens⸗ wood, ich geb' Euch mein Ehrenwort— ich verſichere Euch, wollt' ich ſagen. Die Alte konnte ſeine erroͤthende Wange nicht ſehen, aber es entging ihr ſo wenig ſeine unſchlſſigkeit, als der Widerruf der Betheu⸗ rung, womit er anfangs ſein Laͤugnen hatte bekroͤftigen wollen. 4 Es iſt alſo wirklich? ſprach ſie. uUnd darum will ſie Euch erwarten beim Nigxen⸗ 134 born? Oft hat man geſagt, der Platz ſei ver⸗ haͤngnißvoll fuͤr das Haus Ravenswood— oft iſt er's geworden— aber nie war ſo ſehr zu fuͤrchten, daß alte Sagen wahr werden follten, als an dieſem Tage. Ihr bringt mich von Sinnen, Alte! ſprach Edgar. Seid Ihr eine ſo ſchlechte Chriſtinn, daß Ihr glauben koͤnnet, ich wollte in Fehde leben mit Aſhton's Hauſe, wie's der blutduͤr⸗ ſtige Brauch alter Zeiten war? Oder haltet Ihr mich fuͤr ſo thoͤricht, daß ich nicht an ei⸗ nes Fraͤuleins Seite gehen koͤnnte, ohne mich unbeſonnen in ſie zu verlieben? Meine Gedanken ſind mein eigen, erwie⸗ derte die Alte, und wenn mein leibliches Au⸗ ge geſchloſſen iſt fuͤr die Welt um mich her, ſo kann ich vielleicht deſto ſchaͤrfer in die Zu⸗ kunft ſehen. Seid Ihr darauf vorbereitet, un⸗ ten an dem Tiſche zu ſitzen, der einſt Euerem Vater gehoͤrte, wider Willen, als ein Angehoͤ⸗ riger und Verbuͤndeter ſeines ſtolzen Nachfol⸗ gers? Seid Ihr bereit, von ſeiner Guͤte zu 135 leben? Ihm zu folgen auf den Schleifwegen der Raͤnke und Liſten, die Niemand beſſer Euch zeigen kann? Die Knochen ſeines Raubes abzunagen, wenn er das Fleiſch hat abgefreſ⸗ ſen? Koͤnnt Ihr ſprechen, wie William Aſh⸗ ton ſpricht— denken, wie er denkt— ſtim⸗ men, wie er ſtimmt, und Eures Vaters Moͤr⸗ der Euren achtbaren Schwiegervater und geehr⸗ ten Goͤnner nennen? Ravenswood, ich bin Eures Hauſes aͤlteſte Dienerinn, und lieber ſaͤh' ich Euch im Sterbekleide und Sarge. Der Sturm in Edgar's Seele war heftig. Die Alte hatte eine Saite angeſchlagen, die er ſeit einiger Zeit mit gluͤcklichem Erfolge zum Schweigen gebracht. Er ging mit raſchen Schritten in dem kleinen Garten auf und nie⸗ der, bis er endlich, ſich faſſend, der Alten ge⸗ genuͤber ſtehen blieb, mit dem Ausrufe:„Weib, Du wagſt es am Rande des Grabes, den Sohn Deines Herrn zu Blut und Nache zu treiben?/1 Gott verhuͤt' es! ſprach ſie feierlich. und darum wollt' ich, daß Ihr uͤber dieſe unſelige— 136 Graͤnze ginget, wo Eure Liebe, wie Euer Haß, gewiſſes Unheil oder Ungluͤck droht, Euch ſel⸗ ber und Andern. Vermoͤchte es dieſe welke Hand, ich wollte Aſhton und die Seinigen ge⸗ gen Ench und Euch gegen ſie ſchuͤtzen, und Beide gegen ihre eigenen Leidenſchaften. Mit ihnen habt Ihr nichts gemein, und ſollt's nicht haben. Geht fort von ihnen/ und hat Gott dem Hauſe des Unterdruͤckers Rache zu⸗ gedacht, ſo ſollt Ihr nicht das Werkzeug ſein. Ich will erwaͤgen, was Ihr mir geſagt habt, ſprach Edgar gefaßter. Ich glaube, Ihr meint's aufrichtig und treu mit mir, aber Ihr treibt die Freiheit eines alten Dienſtboten ein wenig zu weit. Lebt wohl! Gibt der Himmel mir beſſere Mittel, ſo werde ich nicht erman⸗ geln, Eure Lage gluͤcklicher zu machen. Mitt dieſen Worten ſuchte er ihr ein Gold⸗ ſtuͤk in die Hand zu legen. Sie weigerte ſich es anzunehmen, und waͤhrend er ſich anſtrengte, es ihr aufzudringen, ſiel es auf die Erde. Ed⸗ gar buͤckte ſich, es aufzuheben. Laßt es einen 137 Augenblick da liegen, ſprach ſie. Glaubt mir, dieſes Goldſtuͤck iſt ein Sinnbild derjenigen, die Ihr liebt. Ja, ſie iſt eben ſo koͤſtlich, aber Ihr muͤßt Euch zur Erniedrigung herablaſſen, ehe Ihr ſie gewinnen koͤnnt. Ich fuͤr meinen Theil habe ſo wenig niit Gold zu thun, als mit irdiſchen Leidenſchaften, und es gaͤbe fuͤr mich keine beſſere Nachricht, als daß Edgar Navenswood hundert Meilen weit vom Sitze ſeiner Ahnen waͤre, mit dem Entſchluſſe, ihn nie wieder zu ſehen. Edgar fing an zu glauben, daß der Ernſt der Alten einen geheimeren Grund habe, als ſie aus irgend einem Umſtande dieſes zufaͤlli⸗ gen Beſuchs geſchoͤpft haben konnte.„Meine Mutter hat mir Euern Scharfſinn und Eure Treue geprieſen, hob er an, und Ihr ſeid nicht ſo thoͤricht, vor Schatten zu erbeben, oder al⸗ te aberglaͤubige Sagen zu fuͤrchten. Saget mir mit klaren Worten, wo die Gefahr fuͤr mich liegt, wenn Ihr wirklich eine ſeht, die mir droht. Wenn ich mich ſelber kenne, ſo 138 bin ich frei von allen ſolchen Abſichten auf das Fraͤulein, als ihr mir beilegt. Ich habe ein nothwendiges Geſchaͤft mit Aſfhton auszuma⸗ chen— iſt dies geſchehen, ſo reiſe ich ab, und wuͤnſche, wie Ihr leicht glauben koͤnnt, nicht ſehr, einen Ort wieder zu beſuchen, der mir eben ſo viele traurige Gedanken erweckt, als Euch, mich hier zu ſehen. Die Alte richtete ihre blinden Augen auf den Baden und ſchien einen Augenblick in tiefes Nachdenken verſunken zu ſein. Ich will die Wahrheit ſagen, hob ſie endlich an, ihr Haupt erhebend. Ich will Euch ſagen, woher meine Beſorgniß kommt, mag meine Aufrich⸗ tigkeit zum Guten fuͤhren, oder zum Boͤſen — Luzie Afhton liebt Euch, Herr von Ra⸗ venswood! AUnmoͤglich! rief Edgar. Tauſend Umſtaͤnde haben's mir bewieſen, fuhr die Alte fort. Ihre Gedanken ſind auf Niemand anders gerichtet, ſeit ihr ſie vom Tode gerettet habt. Mein Urtheil, das lange 139 Erfahrung ſchaͤrfte, hat aus ihren Geſpraͤchen dieſe Gewißheit gewonnen. Ihr wißt es nun, und ſeid Ihr wahrhaft ein Edelmann und Eures Vaters echter Sohn, ſo wird's Euch bewegen,, ihre Gegenwart zu fliehen. Ihre Leidenſchaft wird ſterben, wie eine Lampe, wenn nichts die Flamme mehr naͤhrt; aber wenn Ihr hier bleibt, ſo iſt ihr Untergang, oder der Eure, oder Beider Verderben, die un⸗ vermeidliche Folge ihrer ungluͤcklichen Neigung. Ich ſag' Euch ungern dieſes Geheimniß, aber es wuͤrde Eurer eigenen Bevbachtung nicht lange verborgen geblieben ſein, und es iſt beſ⸗ ſer, Ihr erfahrt es von mir. Entfernt Euch, Junker von Ravenswood. Ihr habt mein Ge⸗ ſtaͤndniß. Bleibt Ihr eine Stunde unter Afh⸗ ton's Dache, ohne den Entſchluß, ſeine Toch⸗ ter zu heirathen, ſo ſeid Ihr ein Nichtswuͤrdi⸗ ger— bleibt Ihr in der Abſicht, Euch mit ihm zu verbinden, ſo ſeid Ihr ein unrettbar ver⸗ blendeter Thor. Mit dieſen Worten erhob ſich die Alte, 140 nahm ihren Stab, und als ſie mit wankenden Schritten die Huͤtte erreicht hatte, verſchloß ſie die Thür und uͤberließ Edgar ſeinen Be⸗ rachtungne. -⸗ 141¹ VII. Edgar ſah ſich nun auf einmal in die pein⸗ liche Lage verſetzt, die er ſeit einiger Zeit vor⸗ ausgeſehen hatte, und fuͤhlte die ſchwere Wahl. Das Vergnuͤgen, das er in Luziens Umgange fand, hatte ihn bezaubert, aber doch nie ganz ſeinen innern Widerwillen beſiegt, die Tochter des Feindes ſeines Vaters zu heirathen, und ſelbſt wenn er dieſem Manne die Beleidigun⸗ gen verzieh, die ſein Haus von ihm erlitten, und an die wohlwollenden Abſichten glaubte, die man ihm jetzt betheuerte, ſo konnte er es doch nicht uͤber ſich gewinnen, eine Verbin⸗ dung zwiſchen beiden Haͤuſern als moͤglich zu denken. Er fuͤhlte, daß die blinde Alix Necht hatte, und die Ehre ihm nun gebot, das Schloß Ravenswood ſogleich zu verlaſſen, oder um Luzie Aſhton zu werben. Aber wenn ihr reicher, maͤchtiger Vater ihn zuruͤckwies? Um die Hand einer Aſhton zu bitten, und abge⸗ wieſen zu werden— gaͤb' es eine groͤßere Schmach? Ich wuͤnſche Ihr alles Gute, ſprach er zu ſich ſelber, und um Ihretwillen verzeihe ich die Beleidigungen, die ihr Vater meinem Hauſe zugefuͤgt hat. Aber nie— nein, nie will ich ſie wiederſehen! Mit bitterem Schmerze entrang er ſich dieſen Entſchluß, eben als zwei Wege ſich ſchie⸗ den, wovon der eine zum Niyenborn fuͤhrte, wo ihn Luzie erwartete, der andere, ein weit gekruͤmmter Pfad, ſich zum Schloſſe zog. Ed⸗ gar blieb einen Augenblick ſtehen, im Begriffe, den letzten Weg zu waͤhlen, und erwog, wie er ein Betragen entſchuldigen wollte, das auffal⸗ lend erſcheinen mußte.„Ploͤtzliche Nachrich⸗ ten von Edinburg— irgend ein Vorwand— nur nicht laͤnger hier gezoͤgert! ſprach er zu ſich ſelber, als der kleine Heinrich halb athem⸗ 145 los ihm entgegenflog.„Junker! Junker! rief er, Ihr muͤßt Luzie in's Schloß fuͤhren. Ich kann's nicht. Norman nartet auf mich. Ich muß mit ihm durch den Wald gehn. Lu⸗ zie iſt bange, und alles Wild iſt doch nun weggeſchoſſen. Kommt nur gleich!“ Zwiſchen gleich beſchwerten Wagſchalen entſcheidet oft ein federleichtes Gewicht. Un⸗ moͤglich kann ich das Fraͤulein allein im Wal⸗ de laſſen, dachte Edgar. Sie noch einmal zu ſehen— was kann das bedeuten, da wir uns ſo oft geſehen haben! Ich wuͤrde ja auch un⸗ hoͤflich ſein, wenn ich ihr nichts von meiner Abſicht ſagte, das Schloß zu verlaſſen. Als er ſich ſo uͤberredet hatte, daß er nicht nur einen weiſen, ſondern ſelbſt einen durchaus nothwendigen Schritt thue, betrat er den Pfad zu dem verhaͤngnißvollen Born. Heinrich ſah ihn kaum auf dem Wege zu Luzien, als er wie ein Blitz in einer andern Richtung davon eilte, um die Geſellſchaft des Weidmannes zu ſuchen. Edgar ließ ſich nicht Zeit, noch ein⸗ 144 mal uͤber ſeinen Schritt nachzudenken und eil⸗ te ſchnell zu dem Nixenborn. Luzie ſaß auf einem Truͤmmerſteine am Borne und richtete ihre Blicke auf das Waſfer, das aus dem dunkeln Gewoͤlbe luſtig hervor⸗ ſprudelte. In den bunten Mantel gehuͤllt, . mit dem Lockenhaare, das ſich halb aus der Flechte geloͤſet hatte, und auf den Silbernacken hinab wallte, glich ſie der gemordeten Nymphe 8 des Bornes. Edgar aber ſah nur das wunder⸗ ſchoͤne Maͤdchen, und noch reizender mußte ſie ſeinen Blicken erſcheinen, ſeit er wußte, daß ſie ihn liebte. Als er ſein Auge auf ſie hefte⸗ te, fuͤhlte er ſeinen Entſchluß dahin ſchmelzen, und trat aus dem Dickig herde⸗ das ihn ver⸗ barg. Luzie gruͤßte ihn, ohne von dem Steine aufzuſtehen. Mein Bruder, der Wildfang, ſprach ſie, hat mich allein gelaſfen, aber er wird wohl bald wieder kommen, denn zum SGlaͤcke gefaͤllt ihm jedes Ding, wenigſtens ir⸗ gend ein Ding, nicht laͤnger als eine Minute. Edgar konnte es nicht uͤber dem Fraͤulein zu ſagen/ daß ih eine weite Wanderung vorgeng ſobald nicht zuruͤckkehren kon in's Gras, nicht weit von An beide ſchwiegen einige Augenbg Ich liebe dieſe Stelle, hob endli an, als ob das Schweigen ſie unruhig gemac 1 haͤtte. Das Gemurmel der klaren Quelle, das⸗ Schwanken der Wipfel, die uͤppige Fuͤlle von Gras und Blumen, die aus den Truͤmmern hervorſchießen, alles iſt ſo romantiſch. Und ich glaube auch, dieſer Platz ſpielt eine Rolle in alten Sagen, die ich ſo gern hoͤre. Es ſoll ein verhaͤngnißvoller Platz fuͤr mein Haus ſein, erwiederte Edgar, und ich habe Urſache, ihn ſo zu nennen, denn— hier ſah ich Fraͤulein Luzie zum erſten Mal, und men. Dem Erroͤthen, das die erſten Worte des Juͤnglings auf Luziens Wangen gejagt hatten, K hier muß ich auf ewig Abſchied von ihr neh⸗ A war usſe gefolgt. Abſchied von uns zu nehmen? ſprach ſie. Aber was kann denn fallen ſein, das Euch von uns treibt? Ich weiß, Alix haßt meinen Vater— ſie kann ihnnicht leiden, will ich ſagen— und ich heute ihre Stimmung nicht begreifen; ſie war ſo geheimnißvoll. Aber gewiß, mein Vater weiß Euch aufrichtig Dank fuͤr den großen Dienſt, den Ihr uns geleiſtet habt. Laßt mich hoffen, daß wir Eure ſchwer errun⸗ gene Freundſchaft nicht leicht verlieren wer⸗ den. Verlieren, Fraͤulein Aſhton? Nein— wohin mein Schickſal mich auch rufe— was es mir auch auftege— es iſt Euer Freund, Euer aufrichtiger Freund, der handelt oder duldet. Aber es liegt ein ungluͤckliches Ver⸗ haͤngniß auf mir; ich muß gehen, oder ich ziehe Andere mit in mein Verderben. Geht nicht von uns, Junker, ſprach Luzie, und legte in holder Unſchuld ihre Hand an den Saum ſeines Mantels, als haͤtte ſie ihn 147 zuruͤck halten wollen: Ihr ſollt nicht von uns ſcheiden. Mein Vater iſt maͤchtig, und hat Freunde, die noch mehr vermoͤgen. Geht nicht, bis Ihr ſehet, was ſeine Dankbarkeit für Euch thun will. Glaubt mir, er arbeitet ſchon fuͤr Euch bei der Regierung. Es kann ſein, erwiederte Edgar ſtolz. Aber nicht Eurem Vater, Fraͤulein, ſondern meinen eigenen Anſtrengungen muß ich in der Laufbahn, die ich betreten will, einen glückli⸗ chen Erfolg zu danken haben. Ich bin ſchon geruͤſtet— ein Schwert und ein Neitermantel, ein kůhnes Herz und eine entſchloſſene Hand. Luzie bedeckte das Geſicht mit beiden Haͤn⸗ den, aber ſie konnte die Thraͤnen nicht zuruͤck⸗ halten, die durch ihre Finger drangen.. 8 „Vergebt mir!“ ſprach Edgar und faßte ihre Rechte, die ſie nach kurzem Straͤuben ihm uͤberließ, waͤhrend ſie mit der linken Hand ihr Geſicht bedeckte.„Ich bin zu rauh, zu V hart, zu unlenkſam, mit einem ſo zarten, hol⸗ den Weſen umzugehn, als Ihr ſeid. Vergeſſet, K 2 148 daß eine ſo finſtre Erſcheinung in Euren Le⸗ benspfad getreten iſt. Laßt mich meinen Pfad verfolgen, und ſeid verſichert, es kann mir kein ſchlimmeres Ungluͤck begegnen nach dem Augen⸗ blicke, der mich von Euch ſcheidet.““ Luzie weinte noch, aber ihre Thraͤnen wa⸗ ren minder ſchmerzlich. So oft Edgar den Vorſatz ausſprechen wollte, ſie zu verlaſſen, bewies er auf's. Neue den Wunſch, nicht von ihr zu ſcheiden, bis er endlich, ſtatt Lebewohl zu ſagen, ihr ewige Treue ſchwur und das Ge⸗ ſtaͤndniß ihrer Gegenliebe empfing. Alles ge⸗ ſchah ſo ſchnell und ging ſo ganz aus augen⸗ blicklicher Eingebung hervor, daß Edgar nicht eher an die Folgen des gewagten Schrittes denken konnte, bis ſie ſich mit Mund und Hand die Aufrichtigkeit ihrer Liebe verſichert hatten. Und nun muß ich mit Eurem Vater ſpre⸗ chen, hob Edgar nach kurzem Nachdenken wieder an. Er muß um unſre Verbindung wiſſen. Es darf nicht ausſehen, als ob ich 149 unter ſeinem Dache verweile, um heimlich die Zuneigung ſeiner Tochter zu gewinnen. Ihr ſpraͤchet lieber nicht mit meinem Va⸗ ter daruͤber, erwiederte Luzie zweifelnd, und ſetzte dann lebhafter hinzu: O thut es nicht, thut es nicht! Laßt erſt Euer Lebens⸗ loos beſtimmt ſein, Eure Lage und Eure Zu⸗ kunft geſichert, ehe Ihr mit meinem Vater ſprecht. Ich weiß, er liebt Euch— Ich glaube, er wird einwilligen, aber meine Mut⸗ ter— Sie ſchwieg, als haͤtte ſie ſich geſchaͤmt, den Zweifel auszudruͤcken, ob es ihr Vater auch wagen koͤnne, irgend einen beſtimmten Entſchluß in dieſer hochwichtigen Angelegen⸗ heit zu faſſen, ohne Zuſtimmung ſeiner Ge⸗ mahlinn. Eure Mutter, meine theure Luzie? fiel Edgar ein. Sie iſt aus dem Hauſe Douglas, das ſich foft mit dem meinigen durch Ver⸗ maͤhlungen verbunden hat, ſelbſt als ſein Ruhm und ſeine Macht auf dem hoͤchſten Gip⸗ fel ſtanden. Was koͤnnte Eure Mutter gegen die Verbindung mit mir einwenden?. Ich ſagte nicht, einwenden, ſprach Luzie. Aber ſie iſt eiferſuͤchtig auf ihre Rechte und koͤnn⸗ te wohl fodern, daß ſie als Mutter zuerſt be⸗ fragt werde. Es mag ſein, antwortete Edgar. London iſt weit, aber in vierzehn Tagen kann eine Antwort hier ſein, und ich will Euren Vater nicht zu einer augenblicklichen Antwort draͤn⸗ gen.. Aber, waͤr' es nicht beſſer, zu warten— ſprach Luzie unſchluͤfſg— nur noch einige Wochen zu warten? Wenn meine Mutter Euch ſaͤhe, Euch kennen lernte, ſie wuͤrde gewiß ihre Zuſtimmung geben, aber ſie kennt Euch nicht, und der alte Zwiſt unſerer Fami⸗ lien— Edgar heftete einen ſcharfen Blick ſeines dunkeln Auges auf Luzie, als haͤtte er in ihre Seele dringen wollen. Luzie, ſprach er, ich habe Euch einen lange gehegten Nache⸗ . 1 4 3 181 —„ennn. entwurf geopfert, den ich mit faſt heidniſcher 1 Feierlichkeit beſchworen. Ich opferte ihn Eu⸗ 6 rem Bilde, ehe ich noch wußte, wie viel es werth war. Am Abend des Tages, wo mein ungluͤcklicher Vater begraben wurde, ſchnitt ich mir eine Locke vom Haupte, und als das Feuer ſie verzehrte, that ich den Schwur, meine Wuth und Rache ſollten meines Va⸗ 1 ters Feinde verfolgen, bis ſie vor mir zuſam⸗ menſchrumpften, wie jenes verſengte Sinnbild b 3 der Vernichtung. Es iſt eine ſchreckliche Suͤnde, ſprach Ldus-s-— zie erblaſſend, ein ſo unſeliges Geluͤbde zu thun! Ich geſtehe es, erwiederte Edgar, und es war ein ſchlimmeres Verbrechen, dem Geluͤb⸗ de ſo lange treu zu bleiben. Um Euretwillen habe ich dieſe rachſuͤchtigen Entwuͤrfe abge⸗ ſchworen, wiewohl ich kaum wußte, warum ich es gethan, bis ich Euch noch einmal ſah und den Einfluß erkannte, den Ihr auf mich gewonnen hattet. 152 4 Und warum erinnert Ihrz jetzt an ſo ſehreck⸗ liche Geſinnungen, ſprach Luzie, an Geſinnun⸗ gen, die ſo unvereinbar find mit den Gefuͤh⸗ len, die Ihr mir betheuert, mit denienigen, die Ihr mich gezwungen habt, zu erwiedern. Weil Ihr fuͤhlen ſolltet, um welchen Preis ich Eure Liebe erkaufte, und wie viel Recht ich habe, Eure Beſtaͤndigkeit zu erwarten. Ich ſage nicht, daß ich die Ehre meines Hau⸗ ſes, mein letztes Beſitzthum, dafuͤr aufgegeben habe, aber wenn ich's auch nicht ſage, nicht denke, ſo kann ich’s mir doch nicht verbergen, daß die Welt es thun wird. Iſt das Eure Geſinnung, ſprach Luzie, ſo habt ihr ein grauſames Spiel mit mir geſpielt. Aber es iſt noch nicht zu ſpaͤt, zu⸗ ruͤck zu gehen. Nehmt das Wort der Treue zuruͤck, wenn Ihr mir es nicht geben koͤnn⸗ tet, ohne an Eurer Ehre zu leiden. Was ge⸗ ſchehen iſt, ſeht an, als ob es nicht geſche⸗ hen waͤre. Vergeßt mich— Ich will mich ſelber zu vergeſſen ſuchen. 153 Thut mir nicht unrecht! ſprach Edgar. Bei allem, was ich fuͤr wahr und ehrenvoll halte, Ihr thut mir hoͤchlich Unrecht. Ich ſprach von dem Preiſe, um welchen ich Eure Liebe erkauft habe, nur damit Ihr ſehen ſoll⸗ tet, wie viel Werth ich darauf lege, unſere Verbindung noch veſter zu knuͤpfen, damit Euch dasienige, was ich gethan habe, Eure Achtung zu erlangen, nun beweiſe, wie ſehr ich leiden muͤßte, wenn Ihr mir je die Treue brechen ſolltet. und wie koͤnntet Ihr das fuͤr moͤglich halten? erwiederte Luzie. Ihr quaͤlt mich, wenn Ihr nur der Treuloßgkeit erwaͤhnt. Thut Ihr es, weil ich verlange, daß Ihr noch kurze Zeit warten ſollet, ehe Ihr Euch an meinen Vater wendet? Bindet mich, durch welches Geluͤbhe Ihr wollet; wenn Ge⸗ luͤbde auch unnoͤthig ſind, Beſiaͤndigkeit zu ſichern, ſie koͤnnen doch Argwohn verhuͤten. Navenswood ſuchte ſich zu rechtfertigen und in entſchuldigen, um ihr Mißfallen zu 154½ ſtillen, und Luzie, ſo verſoͤhnlich als auf⸗ richtig, veraab ihm gern die Kraͤnkung, die ſeine Zweifel ihr zugefuͤgt hatten. Der Zwiſt endigte ſich damit, daß die beiden Liebenden den Bund der Treue durch eine ſinnbildliche Feierlichkeit bekraͤftigten, die noch jetzt hier und da in Schottland gebraͤuchlich iſt. Sie zerbrachen das duͤnne Goldſtuͤck, das 6 nicht hatte annehmen wollen. und nie ſoll dies von meiner Bruſt kommen, ſprach Luzie, als ſie ihre Haͤlfte um den Hals haͤngte und an ſich druͤckte, bis Ihr, Edgar, von mir verlanget, daß ich's Euch wiedergebe, und ſo lange ich's trage, ſoll mein Herz nie eines andern Mannes Liebe erkennen! Mit gleichen Betheurungen barg Edgar die andere Haͤlfte des Goldſtuͤckes in ſeinem Buſen. Endlich beſannen ſie ſich, daß die Zeit waͤhrend ihrer Unterredung ſchnell ver⸗ ſtrichen war, und ihre Abweſenheit vielleicht ſchon Unruhe im Schloſſe erweckt haben koͤnn⸗ 155 te. Als ſie aufſtanden, den Born zu verlaſſen, wo iſie ihren Bund geſchloſſen, pfiff ploͤtzlich ein Pfeil durch die Luft und traf einen Na⸗ ben, der auf dem duͤrren Aſte einer alten Ei⸗ che ſaß, nicht weit von ihrem Ruheplatze. Der verwundete Vogel flatterte noch eine Weile und fiel vor Luzien nieder, deren Gewand ſein Blut beſpruͤtzte. Das Fraͤulein war hoͤchſt erſchrocken. Ed⸗ gar ſah ſich beſtuͤrzt und unmuthig uͤberall nach dem Schuͤtzen um, der ihnen einen eben ſo unerwarteten als unerwuͤnſchten Beweis ſeiner Geſchicklichkeit gegeben hatte. Es zeig⸗ te ſich bald, daß es Niemand anders war, als der muntre Heinrich, der, mit der Armbruſt in der Hand, herbeigelaufen kam. Ich wußte wohl, daß ich Euch erſchrecken wuͤrde, ſprach Heinrich. Ihr waret ſo ver⸗ tieft, daß Euch, wer weiß was, haͤtte auf den Kopf fallen koͤnnen. Was ſagte der Jun⸗ ker zu Dir, Luzie? Ich erzaͤhlte Eurer Schweſter, ſprach Edgar, um Lutien aus der Verwirrung zu helfen: Ihr waͤret ein fauler Burſche, daß Ihr ſo auf Euch warten ließet. Auf mich warten? Ich ſagte Euch ja, daß Ihr Luzien in's Schloß fuͤhren ſolltet. Eine gute Stunde bin ich mit Norman im Dickig geweſen und wir haben die Faͤhrte des Rothwilds aufgeſpuͤrt, und die ganze Zeit uͤber ſitzt Ihr hier muͤßig mit Luzien. Gut, gut, lieber Heinrich! ſprach Ed⸗ gar, laßt ſehen, wie Ihr's verantworten wollt, daß Ihr den Raben getoͤdtet habt. Ihr muͤßt wiſſen, alle Raben ſtehen unter dem . Schutze der Herren von Ravenswond, und wer in ihrer Gegenwart einen toͤdtet, macht eine ſo boͤſe Vorbedeutung, daß er Strafe ver⸗ dient. Das ſagt auch Norman, antwortete der Knabe. Er ging mit mir biss auf einen Flintenſchuß weit von Euch, und er ſagte, er haͤtte nie einen Raben ſo nahe bei leben⸗ digen Menſchen geſehen, und er wollte, es 157 moͤchte Gutes bedeuten. Ich ſchlich mich im⸗ mer naͤher bis auf ſechszig Schritt. Witſch! flog der Pfeil ab, und wahrhaftig da liegt er. War das nicht ein guter Schuß? Und doch hab' ich kaum zehnmal mit der Arm⸗ bruſt geſchoſſen. Ganz herrlich geſchoſſen, antwortete Edgar, Ihr werdet ein guter Schuͤtze werden, wenn Ihr Euch uͤbt. Das ſagt Norman auch, ſprach Heinrich, aber es iſt nicht meine Schuld, wenn ich mich nicht genug uͤbe;! hings von mir ab, ich thaͤte nicht viel anders, aber der Vater und mein Lehrer ſind zuweilen boͤſe; auch Lu⸗ ziechen will mich zur Arbeit antreiben, und ſitzt doch ſelbſt den ganzen Tag muͤßig am Brunnen, wenn ſie mit einem huͤbſchen Herrn ſchwatzen kann. Ich habe das wohl zwanzig⸗ mal geſehen, Ihr koͤnnt's mir glauben.. Der Knabe ſah ſeine Schweſter an, als er ſprach, und bei ſeinem unſeligen Geſchwaͤ⸗ tze fuͤhlte er, daß er ihr wehe that, wiewohl 158 er nicht einſehen konnte, aus welchem Grun⸗ de. Komm, Luzie, ſprach er, ſei nicht ſo traurig. Hab' ich was anders geſagt, als vom Schuſſe, ſo ſoll's nicht geſagt ſein. Und was geht's den Junker von Ravenswood an, wenn Du auch hundert Liebſten haͤtteſt? Darum weine nur nicht daruͤber. Edgar war in dieſem Augenblicke nicht ſehr zufrieden mit dieſen Reden; aber ver⸗ ſtaͤndig genug, ſie als das Geſchwaͤtz eines verhaͤtſchelten Knaben zu betrachten, der ſei⸗ ne Schweſter auf einer Seite, die gerade die empfindlichſte zu ſein ſchien, zu quaͤlen ſuchte. Edgar war zwar gewohnt, ſo langſam Ein⸗ drͤcke aufzunehmen, als er ſie hartnaͤckig veſt hielt; aber dennoch weckte das Geſchwaͤtz des Knaben den unbeſtimmten Argwohn in ſeiner Seele, daß der Bund, den er geſchloſſen, ihn am Ende dahin bringen wuͤrde, als ein Ge⸗ fangener dem Wagen des Siegers zu folgen, der nur darauf ſaͤnne, ſeinen Stolz auf Ko⸗ 159 ſten der Ueberwundenen zu befriedigen. Es war in der That kein wirklicher Grund zu ſolcher Beſorgniß, und keinen Augenblick heg⸗ te ſie Edgar im Ernſt. Wie haͤtte er in Luziens blaues Auge blicken, und den mindeſten dau⸗ ernden Zweifel gegen ihre Aufrichtigkeit hegen koͤnnen? Sein Stolz aber und das Gefuͤhl ſeiner Armuth vereinten ſich, ein Gemuͤth argwoͤhniſch zu machen, dem unter gluͤcklichern Umſtaͤnden dieſe und andere Schwaͤchen fremd geweſen ſein wuͤrden. Als ſie in's Schloß zuruͤck kehrten, be⸗ gegnete ihnen Afhton in der Vorhalle. Er war uͤber ihr langes Ausbleiben unruhig ge⸗ weſen. Haͤtte ſich Luzie, ſagte er, nicht an der Seite eines Mannes befunden, der ſich ſo vollkommen faͤhig gezeigt, ſie zu be ſchuͤtzen, ſo wuͤrde er große Bekuͤmmerniß empfunden und Leute nach ihnen ausgeſchickt haben; aber in der Geſellſchaft des Junkers von RNavenswood habe ſeine Tochter, wie er wiſſe, nichts zu fuͤrchten. 4 — X 160 Luzie wollte ihr langes Ausbleiben ent⸗ ſchuldigen, aber von ihrem Gewiſſen ergriffen, wurde ſie bald verlegen, und als Edgar, um ihr beizuſtehen, die Erklaͤrung vollſtaͤndiger und befriedigender machen wollte, ward er eben ſo verlegen. Schwerlich entging die Verwirrung der jungen Leute dem Scharf⸗ blicke des ſchlauen Mannes, den Uebung und Beruf gewoͤhnt hatten, der menſchlichen Natur in allen ihren Windungen zu folgen, aber es lag jetzt nicht in ſeinem Plane, ſei⸗ ne Bemerkungen zu benutzen. Er wollte den Junker veſthalten, ſelbſt aber ungebunden blei⸗ ben, und es fiel ihm nicht ein, daß ſein Plan geſtoͤrt werden koͤnnte, wenn Luzie die Lei⸗ denſchaft erwiederte, die ſie nach ſeinem Wun⸗ ſche einfloͤßen ſollte. Und faßte ſie ja eine Neigung gegen Edgar, deren Beguͤnſtigung durch die Umſtaͤnde, oder durch den aus⸗ druͤcklichen Widerſpruch der Mutter unthulich wuͤrde, ſo glaubte Aſhton, ſolche Regungen durch eine Reiſe, durch ein Stuͤck Braban⸗ 161 terſpitzen und durch das ſuͤße Gefliſter eines hal⸗ ben Dutzends Liebhaber unterdruͤcken zu koͤnnen. Dieß war die Hilfe, die er auf den ſchlimm⸗ ſten Fall ſah. Nach dem wahrſcheinlicheren Erfolge aber ſchien ihm jede voruͤbergehende Gunſt, die ſie gegen Edgar hegen moͤchte, eher Aufmunterung, als Unterdruͤckung zu verlan⸗ gen. Er ward in dieſer Geſinnung noch mehr beſtaͤtigt, da er an eben dieſem Tage Briefe von wichtigem Inhalt erhalten hatte, die er ſeinem Gaſte mittheilte. Der thaͤtige und ehr⸗ geizige Marquis von A.. ſchien dem Ziele ſeiner Wuͤnſche ſich zu naͤhern. Sein Anhaͤn⸗ ger, der bereits fruͤher mit Aſhton unterhan⸗ delte, war zwar nicht mit einer geradezu guͤn⸗ ſtigen Antwort begluͤckt, aber doch gewiß ſehr geduldig angehoͤrt worden. Er hatte ſeinem Goͤnner dies berichtet, und dieſer mit dem franzoͤſiſchen Spruͤchwort geantwortet:„Cha- teau qui parle, et femme qui écoute, l'un qui p t et l' autre va se rendre.= Ein Staatsmann, der den Varſchlag zu Veraͤnderungen ohne Ant⸗ 9 162 wort anhoͤrte, war nach der Meinung des Marquis in der Lage einer Veſtung, die un⸗ terhandelt, und er beſchloß, die Belagerung eifrig zu betreiben. Er ſchrieb ſelbſt an Afh⸗ ton, und kuͤndigte ihm einen Beſuch an, da er im Begriff ſei, nach dem ſuͤdlichen Schott⸗ land zu reiſen. Aſhton nahm die Ankuͤndi⸗ gung freundlich auf, wiewohl entſchloſſen, bei der Befoͤrderung der Abſichten jener Partei nicht einen Zoll breit weiter zu gehen, als die Vernunft— er meinte ſeinen eigenen Vortheil — ſchicklich zeigen ſollte. Nichts war ihm an⸗ genehmer unter dieſen Umſtaͤnden, als Edgar's Gegenwart und die Abweſenheit ſeiner Ge⸗ mahlinn. So lange Edgar ſein Gaſt war, glaubte er gegen alle feindſeligen Verſuche, wozu ſich der Juͤngling unter dem Schutze des Marquis haͤtte bewegen laſſen koͤnnen, geſichert zu ſein. Er ſah ein, daß Luzie fuͤr ſeinen Zweck, zu zoͤgern und außzuſchieben, eine beſſe⸗ re Hausfrau ſein wuͤrde, als ihre Mutter, wel⸗ che ſich durch ihr ſtolzes, unverſoͤhnliches Ge⸗ muͤth gewiß wuͤrde haben verleiten laſſen, ſeine Abſichten zu ſtoͤren. Edgar nahm die dringen⸗ de Bitte, bis zur Ankunft ſeines Verwandten zu verweilen, ohne Zweifel ſehr willfaͤhrig auf, da die Erlaͤuterung am Nixenborn jeden Wunſch einer ploͤtzlichen Abreiſe unterdruͤckt hatte. VIII. Ba aller Einſicht, allem Kenntnißreichthum, und aller Welterfahrung, wodurch Aſhton ſich auszeichnete, bemerkte man doch einige Zuͤge in ſeiner Gemuͤthsart, welche mehr mit ſeiner furchtſamen Stimmung und den ſchlauen Kuͤn⸗ ſten, wodurch er ſich in der Welt empor ge⸗ ſchwungen hatte, als mit ſeiner jetzigen glaͤn⸗ zenden Lage uͤbereinſtimmten, da ſie eine ur⸗ ſpruͤngliche Mittelmaͤßigkeit ſeines, wenn auch ietzt ſehr ausgebildeten, Verſtandes, und eine angeſtammte, wiewohl ſorgfaͤltig verſchleierte, Kleinheit der Geſinnung verriethen. Er liebte den Prunk des Reichthums weniger, weil die Gewohnheit ihn nothwendig gemacht hatte, als weil er ſich noch immer des neuen Zu⸗ 165 1 ſtandes freute. Er bekuͤmmerte ſich um die kleinlichſten Umſtaͤnde, und Luzie bemerkte bald, wie Edgar unmuthig erroͤthete, wenn er hoͤren mußte, daß ihr Vater mit ſeinem Kammer⸗ diener, ja ſelbſt mit der alten Haushaͤlterinn ſich ernſthaft uͤber Dinge unterhielt, um wel⸗ che man in angeſehenen Haͤuſern ſich nicht be⸗ kuͤmmert, weil man Vernachlaͤſſigung fuͤr un⸗ moͤglich haͤlt. Ich wuͤrde Eurem Vater, ſprach Edgar ei⸗ nes Abends zu Luzien, eine gewiſſe Sorglich⸗ keit verzeihen, denn der Beſuch des Marquis iſt eine Ehre, und muß als ſolche aufgenom⸗ men werden; aber unausſtehlich ſind mir diefe erbaͤrmlichen Kleinlichkeiten aus dem Speiſe⸗ gewoͤlbe, aus der Speckkammer und aus dem Huͤhnerhofe. Ich will lieber die Armuth von Wolfsfels ertragen, als mit dem Reichthum in Ravenswood mich quaͤlen laſſen. Und doch, antwortete Luzie, hat mein Va⸗ ter durch Aufmerkſamkeit auf dieſe Kleinlich⸗ keiten die Guͤter erworben—— 166 Die meine Vorfahren verkauften, weil es ihnen daran fehlte, ſprach Edgar. Mag's ſein, ein Laſttraͤger traͤgt immer eine Buͤrde, auch wenn's eine goldne iſt. Luzie ſeufzte; ſie fah nur zu deutlich, daß ihr Geliebter die Sitten und Gewohnheiten eines Vaters verachtete, deſſen Zaͤrtlichkeit ſie oft fuͤr die verachtende Haͤrte ihrer Mutter ge⸗ troͤſtet hatte. 4 Die Liebenden entdeckten bald, daß ſie auch in andern, nicht weniger wichtigen Ge⸗ genſtaͤnden nicht uͤbereinſtimmend dachten. Die Religion, die Mutter des Friedens, ward in jenen Tagen der Zwietracht ſo ſehr miß⸗ verſtanden und verkannt, daß ihre Vorſchrif⸗ ten und Geſetze Gegenſtaͤnde der ſtreitendſten Meinungen und der heftigſten Feindſeligkeit wurden. Aſfßhton gehoͤrte zur Kirchengemeinde der Presbyterianer, Edgar zur biſchoͤflichen Kirche. Er warf Luzien oft den Schwaͤrmer⸗ eifer ihrer Glaubensgenoſſen vor, waͤhrend ſie mehr andeutete als ausdruͤckte, daß ſie Ab⸗ 4 167 ſchen gegen die ſchlaffen Grundſaͤtze hegte, wel⸗ che, wie man ſie gelehrt hatte, in der biſchoͤf⸗ lichen Kirche einheimiſch waren. Ihre gegenſeitige Zuneigung ſchien zwar eher zu wachſen, als abzunehmen, als ſich ihre Gemuͤther mehr gegen einander oͤffneten, aber ihre beiderſeitigen Gefuͤhle waren mit minder angenehmen Regungen vermiſcht. Luzie fuͤhlte bei aller ihrer Zuneigung gegen Edgar doch eine geheime Furcht. Sein Gemuͤth war kraͤftige und ſiolzer, als bei den Menſchen, mit wel⸗ chen ſie zeither umgegangen war; ſeine Ge⸗ danken waren kuͤhner und freier, und er ver⸗ achtete manche von den Meinungen, gegen welche man ihr Verehrung eingeſtoͤßt hatte. Edgar ſah in Luzien ein weiches geſchmeidiges Gemuͤth, das ſich, nach ſeiner Meinung, von denjenigen, mit welchen ſie umging, zu leicht in jede Form druͤcken ließ. Er fuͤhlte/ daß er bei ſeiner Stimmung eine Gekaͤhrtinn von freierem Geiſte beduͤrfte, die mit ihm durch's Le⸗ ben ſteuern koͤnnte, entſchloſſen, wie er ſelbſt, es ——y— 168 auf Sturm und guͤnſtigen Wind ankommen zu laſſen. Luzie aber war ſo ſchoͤn, ihm ſo innig ergeben, und von ſo ſanftem milden Ge⸗ muͤthe, daß er, ſelbſt bei dem Wunſche, ihr mehr Veſtigkeit und Entſchloſſenheit einfloͤßen zu koͤnnen, und ungeachtet ihre Furcht vor ei⸗ ner fruͤhzeitigen Entdeckung ihrer Zuneigung ihn zuweilen unmuthig machte, doch im Inner⸗ ſten fuͤhlte, wie dieſes weiche, faſt ſchwache Ge⸗ muͤth ſie ihm noch theurer machte, ein We⸗ ſen, das ſich freiwillig und Schutz begehrend an ihn geſchmiegt, und ihn zum Herrn ihres Schickſals fuͤr Wohl und Weh gemacht hatte. So ſchienen ſelbſt die Verſchiedenheiten in ih⸗ rer Gemuͤthſtimmung die Dauer ihrer gegen⸗ ſeitigen Zyneigung zu ſichern. Haͤtten ſie vor dem Augenblicke, wo ſie, in der Aufwallung der Leidenſchaft, ſich eilig durch den Bund der Treue banden, ihre beiderſeitige Sinnesart ge⸗ nau gekannt, ſo wurde Luzie den jungen Mann zu ſehr gefuͤrchtet haben, als daß ſie ihn je haͤtte lieben koͤnnen, und ihm wuͤrde ihre 169 Sanftheit und ihr biegſames Gemuͤth als eine Schwaͤche erſchienen ſein, die ſie ſeiner Auf⸗ merkſamkeit unwerth gemacht haͤtte. Aber ſie waren durch das Band der Treue verbunden, und Luzie fuͤrchtete nur, daß ihren Freund ſein Stolz einſt verleiten werde, ſeine Zunei⸗ gung zu bereuen; Edgar aber, daß ſich Lu⸗ ziens geſchmeidiges Gemuͤth bei einer Tren⸗ nung oder bei Schwierigkeiten, durch die Bit⸗ ten oder den Einfluß ihrer Umgebungen, ver⸗ fuͤhren laſſen moͤchte, die geſchloſſene Verbin⸗ dung aufzugeben. Fuͤrchtet es nicht, ſprach Luzie, als Edgar einſt einen ſolchen Verdacht merken ließ: die Spiegel, die das Bild aller voruͤbergehenden Gegenſtaͤnde aufnehmen, ſind von hartem Stof⸗ fe, von Glas oder Stahl, weichere Gegenſtaͤn⸗ de aber behalten den empfangenen Eindruck unveraͤndert. Das iſt Dichtung, Lunie, lwiederte Ed⸗ gar, und in der Dichtung iſt immer etwas Truͤgliches und zuweilen etwas Erfundenes. 170 So laßt mich denn noch einmal in ehr⸗ licher Proſa Euch verſichern, ſprach Luzie, zwar werd' ich nie ohne Einwilligung meiner Aeltern mich vermaͤhlen, aber nie ſoll auch Gewalt oder Ueberredung uͤber meine Hand verfuͤgen, ſo lange Ihr nicht dem Rechte ent⸗ ſagt habt, das ich Euch gegeben. Die Liebenden hatten Zeit genug zu ſol⸗ chen Eröoͤrterungen. Heinrich war jetzt ſeltener ihr Gefaͤhrte, weil er entweder, wiewohl un⸗ gern, bei ſeinem Lehrer war, oder gern die Jaͤger in den Wald begleitete. Afhton brach⸗ te die Morgenſtunden meiſt in ſeinem Arbeit⸗ zimmer zu, wo er die von allen Seiten ein⸗ treffenden Nachrichten uͤher die erwartete Ver⸗ aͤnderung in der Landesverwaltung in ſeinem bekuͤmmerten Gemuͤthe erwog. Zu anderer Zeit war er mit den Vorbereitungen zu dem Empfange des Marquis von A... beſchaͤf⸗ tigt, deſſen Th zweimal war aufgeſchoben worden. Bei allen dieſen Zerſtreuungen ſchien er nicht zu bemerken, wie innig der Umgang 2 2 171 zwiſchen ſeiner Tochter und ſeinem Gaſte ge⸗ worden war. Viele ſeiner Nachbarn tadelten es, daß er dieſe Vertraulichkeit zwiſchen den beiden jungen Leuten Statt finden ließ. Je⸗ dermann mußte glauben, er habe ſie fuͤr ein ander beſtimmt, da er doch nur zoͤgern und warten wollte, bis ihm klar geworden, wel⸗ chen Antheil der Marquis an Edgars Ange⸗ legenheiten nehme, und ob derſelbe Anſehen genug habe, dem jungen Manne nuͤtzlich zu werden. b Zu Aſhtons ſtrengſten Tadlern gehoͤrten auch Bucklaw und ſein Zechbruder Eragene gelt. Jener war bereits im Beſitze der rei⸗ chen Erbſchaft der alten Tante. Craigengelt zog viele Vortheile von ſeines Frenndes guͤn⸗ ſtigerer Lage. Bucklaw, der in der Wahl ſei⸗ ner Geſellſchafter nie bedenklich geweſen war, hatte ſich an einen Menſchen gewoͤhnt, uͤber welchen er lachen konnte, wenn es ihm ein⸗ fiel, und der, wenn der Wirth Luſt hatte, eine Flaſche Wein unsanfehen ſich ſtets be⸗ 172 reit zeigte, ihn gegen die Schmach zu ſichern, ſich allein zu betrinken. Nie, und unter kei⸗ nen Umſtaͤnden haͤtte aus ſolcher Vertraulich⸗ keit Gutes entſtehen koͤnnen, obgleich die ſchlimmen Folgen dadurch gemildert wurden, daß Bucklaw ſeinen Geſellſchafter genau kann⸗ te, und ihn hoͤchlich verachtete. Aber nach der Lage der Umſtaͤnde mußte dieſe nachtheilige Verbindung beſonders dazu beitragen, die gu⸗ ten Grundſaͤtze zu verderben, welche die Na⸗ tur ſeinem Goͤnner eingepflanzt hatte. Craigengelt hatte nie vergeſſen, mit wel⸗ cher Verachtung Edgar ihm die Larve des Muths und der Chrlichkeit abgeriſſen, und Bucklaw's Empfindlichkeit gegen ihn aufzurei⸗ zen, war die ſicherſte Rache, die ſein feiges, aber liſtiges und boshaftes Gemuͤth erſinnen konnte. Er erinnerte bei allen Gelegenheiten an die Herausfoderung, welche Edgar abge⸗ lehnt hatte, und ſuchte ſeinen Goͤnner durch alle moͤgliche Einfliſterungen zu uͤberreden, daß dieſe Angelegenheit mit Ravenswood zur 173 Entſcheidung gebracht werden muͤſſe, wenn kein Flecken auf Bucklaw's Ehre haften ſollte. Sein Freund aber befahl ihm endlich, uͤber dieſen Gegenſtand ein fuͤr allemal zu ſchweigen. „ Ich glaube, ſagte er, der Junker hat mich nicht behandelt, wie ich's verlangen kann, und ich ſehe nicht ein, was ihn berechtigen konnte, mir eine hochfahrende Antwort zu geben, als ich Genugthunng foderte. Aber er hat mir einmal das Leben geſchenkt. Sollte er mir wieder in den Weg kommen, ſo werde ich die alte Rechnung fuͤr abgethan halten, und der Junker mag ſich vorſehen... Wohlan, ſetzte Bucklaw hinzu, fuͤllt einen Becher von meiner alten Tante gutem Bordeaux⸗Wein. Sie ruhe ſanft— Bringt einen LTrinkſpruch aus. Craigengelt ſtand auf, ſchlich auf den Ze⸗ hen zu der Thuͤre, und als er ſie ſorgfaͤltig verſchloſſen hatte, ſetzte er ſeinen ſchaͤbigen Treſſenhut quer auf den Kopf, nahm das Glas in die eine Hand, und mit der andern 174 an's Schwert greifend, ſprach er: Der Koͤ⸗ nig jenſeit des Meere! Ich will Euch was ſagen, Craigengelt, ſprach Bucklaw. Ueber dieſe Dinge hab' ich meine eigenen Grundſaͤtze. Ich ehre das An⸗ denken meiner Tante zu ſehr, als daß ich ihre Laͤndereien in Gefahr ſetzen moͤchte, fuͤr Landesverraͤtherei zu buͤßen. Bringt mir den Koͤnig Jacob nach Edinburgh, und dreißig tauſend Mann mit ihm, ſo will ich Euch ſagen, was ich von ſeinen Anſpruͤchen denke; aber meinen Hals in die Schlinge zu ſtecken und Hab' und Gut zu wagen, verlaßt Euch darauf, ſo thoͤricht werd' ich nicht ſein. Wenn Ihr alſo darauf beſteht, verraͤtheriſche Trink⸗ ſpruͤche auszubringen, ſo— muͤßt Ihr Euern Wein und Eure Geſellſchaft anderswo ſuchen. Wohlan denn, ſprach Craigengelt, gebt ſelbſt einen Trinkſpruch, und er mag lauten, wie er will, ich thu' Euch Beſcheid. und ich will Euch einen Trinkſpruch aus⸗ bringen, der's auch verdient, ſprach Buckla. 175 Fraͤulein Luzie Afhton! Was meint Ihr 8 dazu? 4 Es gilt! antwortete der Hauptmann, zu ſeinem Becher greifend. Das ſchmuckeſte Maͤd⸗ chen in der ganzen Gegend. Jammerſchade,. daß der alte Schleicher, ihr Vater, ſie dem bettelſtolzen Junker an den Hals werfen will. 1 Das iſt noch nicht ganz klar, antwortete Bucklaw, mit einem Tone, der gleichgiltig klang, aber doch ſeinen Geſellſchafter neugie⸗ rig machte, und die Hoffnung in ihm erweck⸗ , ſich in Bucklaw's Vertrauen einzuſchmei⸗ 7, und ſich dadurch norhwendig zu ma⸗ chen. Ich dachte, ſprach er nach einer Pauſe, ees waͤre eine abgemachte Sache. Sie ſind ja immer beiſammen, und jedermann ſpricht da⸗ von. Mag man ſprechen, was man will, erwie⸗ derte Bucklaw, ich weiß es beſſer, und noch einmal, Bruͤderchen, bringe ich Euch Luziens Geſundheit. — 176 Auf meinen Knien wollt' ich ſie trinken, ſprach Craigengelt, wenn ich glauben koͤnnte, das Maͤchen haͤtte ſo viel Geiſt, den verdamm⸗ ten Kerl zu prellen. Ich erſuche Euch, ſprach Bucklaw ernſt⸗ haft, das Wort prellen mit Luziens Namen nicht zu verbinden. Prellen haͤtt' ich geſagt? Wahrhaftig, ihr Spiel mit ihm treiben, wollte ich ſagen. Aber— 1 Nun? fiel Bucklaw ein. Ich weiß gewiß, erwiederte Craigengelt, ſie ſind ganze Stunden allein beiſammen, in Wald und Feld. Daran iſt ihres Vaters Thorheit Schuld, ſprach Bucklaw. Aber das Maͤdchen wird ſichs bald aus dem Kopfe ſchlagen, wenn ſie ſich je etwas in den Kopf geſetzt hat. Noch ein- mal das Glas gefuͤllt, Hauptmann. Ihr ſollt ein Geheimniß erfahren, ſo eine Art von Verſchwoͤrung. Einen Heirathplan? fragte Craigengelt * 177 und ſein Geſicht verlaͤngerte ſich. Er fuͤrchte⸗ te, daß nach einer Vermaͤhlung ſein Aufent⸗ halt in Bucklaw's Schloſſe weit ungewiſſer ſein werde, als waͤhrend der luſtigen Tage des Junggeſellenlebens ſeines Freundes. Nun ja, eine Heirath, Freundchen, ſprach Bucklaw. Aber warum ſinkt Dein kuͤhner Muth, und warum erblaſſen die Rubinen auf Deinen Wangen? An der Tafel wird eine Ecke ſein, auf der Ecke ein Gedecke, und ne⸗ ben dem Gedecke ein Glas, und Teller und Glas ſollen fuͤr Dich gefuͤllt werden, und wenn alle Unterroͤcke in der ganzen Gegend das Gegentheil geſchworen haͤtten. Ich bin nicht der Mann, der ſich am Gaͤngelbande fuͤhren laͤßt. So ſpricht mancher ehrliche Kerl, ſprach Craigengelt, und einige meiner beßten Freun⸗ de ſagten's auch; aber der Henker weiß, wie es kam, die Weiber konnten mich nicht aus⸗ ſtehen, und ſie verdraͤngten mich immer aus der Gunſt, ehe die Flittexwochen voruͤber waren. M 179 Haͤttet Ihr Euch behaupten koͤnnen, bis ſie voruͤber waren, ſo wuͤrdet Ihr Euch ein gutes Jahrgeld gemacht haben. Das wollte mir leider nie gelingen, ſprach Craigengelt.. Wohlan, erwiederte Bucklaw, die Sache geht vor ſich, es mag Euch gefallen oder nicht; die Frage iſt nur, ob Ihr mir einen Dienſt leiſten wollt. Einen Dienſt? Dir, Goldfreundchen? Barfuß lief' ich fuͤr Dich durch die Welt. Nen⸗ ne Zeit, Ort und Umſtaͤnde, Du ſollſt ſehen, ob ich Dir nicht dienen will, wie Du's nur ver⸗ langen kannſt. Nun denn, Ihr muͤßt einen Weg von zweihundert Meilen fuͤr mich machen, ſprach Bucklaw. Vom Herzen gern tauſend. Ich laſſe ſo⸗ gleich ſatteln. Bleibt lieber, bis Ihr wißt, wohin Ihr gehen ſollt, und was Ihr zu thun habt. Ihr wißt, ich habe eine Verwandte in Northum⸗ 179 berland, Lady Blenkenſop heißt ſie. Ich war ſo ungluͤcklich, waͤhrend meiner Armuth aus aller Verbindung mit ihr zu kommen, aber das Licht ihres Angeſichts leuchtete mir wieder, als die Sonne meines Gluͤcks wieder aufge⸗ gangen war. Hol' der Henker ſolche Doppelgeſichter, rief Craigengelt muthig. Ja, das darf ich von mir ruͤhmen, ich bin meiner Freunde Freund in guten und boͤſen Zeiten, in Wohlſtand und Nothſtand; und Ihr ſelbſt wißt etwas davon zu ſagen, Bucklaw. Ich habe Eure Verdienſte nicht vergeſſen, erwiederte der Goͤnner. Ich erinnere mich, Ihr hattet Luſt, mich in meinen Bedraͤng⸗. niſſen fuͤr Frankreich oder fuͤr Koͤnig Jakob anzuwerben, und ſpaͤterhin lieht Ihr mir zwanzig Goldſtuͤcke, als Ihr vermuthlich ſchon wußtet, daß meine Tante der Schlag getrof⸗ fen hatte. Aber ſeid gutes Muthes, Craigen⸗ gelt, ich glaube, Ihr ſeid mir auf Euere Art recht gewogen, und es iſt nur mein Ungluͤck 180 daß ich jetzt keinen beſſern Rathgeber habe— Aber wieder auf meine alte Tante zu kom⸗ men, Ihr muͤßt wiſſen, ſie iſt eine Vertraute der Herzoginn von Marlborough. Durch die Herzoginn iſt ſie mit Afhton's Gemahlinn bekannt geworden, und dieſe iſt eben auf der Ruͤckreiſe von London bei ihr zu Beſuch. Es iſt die Art dieſer Frauen, ihre Maͤnner als unbedeutend im Hausregiment zu betrach⸗ ten, und ſo hat es ihnen gefallen, ohne Afh⸗ ton zu fragen, eine Heirath zwiſchen Luzie und mir auf's Tapet zu bringen. Ihr koͤnnt denken, wie ſehr ich erſtaunte, als ich hoͤrte, daß ein Vertrag, der mich ſo ſehr anging, beinahe abgeſchloſſen war, ehe man mich auch nur um meine Meinung gefragt hatte. Wahrhaftig ſeltſam genug, erwiederte der Hauptmann. Und Eure Antwort? J nun, mein erſter Gedanke war, den Vertrag und die Unterhaͤndlerinn zum Teufel zu wuͤnſchen, der zweite, herzlich zu lachen, und der dritte und letzte, die veſte Meinung, 1 18¹ das Ding ſei ganz vernuͤnftig und paſſe recht gut fuͤr mich. 1 Aber ich daͤchte, Ihr haͤttet das Maͤd⸗ chen nur einmal geſehen und ſie hatte dazu eine Larve. Ihr habt es mir ja erzaͤhlt. Ja, aber ſie geſiel mir ſchon zu jener Zeit. Und Ravenswood benahm ſich ſo ſchlecht gegen mich, ſchlug mir die Thuͤre vor der Naſe zu, weil Afhton und Luzie Gaͤſte in ſeinem hungrigen Bettelſchloſſe waren— Gott ſtraf' mich, Craigengelt, ich vergeb' ihm das nicht, bis ich ihm einen eben ſo argen Streich ge⸗ ſpielt habe. Nicht mehr als billig, antwortete Crai⸗ gengelt, und wenn Ihr das Maͤdchen ihm wegnehmen koͤnnt, ſo wird's ihm das Herz brechen. Nicht doch, ſprach Bucklaw, ſein Herz iſt gepanzert mit Vernunft und Philoſophie — das ſind Dinge, Craigengelt, wovon Ihr ſo wenig verſteht, als ich. Aber ſeinen Stolz wird's brechen. 182 Wahrhaftig, jetzt weiß ich's, warum er ſich ſo unmanierlich gegen Euch betrug in ſeinem alten Eulenneſt. Eurer Geſellſchaft ſich geſchaͤmt? Nein, das war's nicht. Er war bange, Ihr wuͤrdet hineinkommen und das Maͤdchen entfuͤhren. Wie, Craigengelt, glaubt Ihr das wirk⸗ lich? Nein, nein, er iſt ein viel huͤbſcherer Mann als ich. Er? rief der Schmarotzer. Er iſt ſchwarz wie eine Dohle, und ſeine Geſtalt— er iſt frei⸗ lich ein ſchlanker Kerl. Aber laßt mich Euch einmal beleuchten— unterſetzt, mittlerer Sta⸗ tur 4 4 Hol Euch der Henker mit dem Geſchwäͤtz fiel Bucklaw ein. Ich mag Euch nicht mehr anhoͤren— Ravenswood hat mich nicht ge⸗ ſchont, ich will ihn auch nicht ſchonen. Kann ich das Maͤdchen ihm abgewinnen, ſo will ich ſie gewinnen. Gewinnen? Mein Seel', Ihr ſollt ſie gewinnen.. Die Sachen ſind ſo weit gediehen, daß ich den Antrag meiner Verwandten angenommen, und in alles eingewilligt habe. Man verlangt 183 jetzt, daß ich einen Vertrauten mit etwas Schriftlichem ſende. Bis ans Ende der Welt reit' ich fuͤr Euch. Ich glaub's, daß Ihr etwas fuͤr mich thun wollt, und viel fuͤr Euch ſelber. Die Schriften koͤnnte jeder hinbringen, aber Ihr habt etwas mehr zu thun. Ihr muͤßt bei Lady Afhton, als ob's eine Sache von gerin⸗ ger Bedeutung waͤre, ein Woͤrtchen fallen laſſen von Ravenswoods Aufenthalt in ihrem Hauſe, und von ſeinem Umgange mit Luzien, und Ihr könnt ihr ſagen, was man in der ganzen Ge⸗ gend von einem Beſuche des Marquis von A.. ſpricht, der, wie man glaubt, die Heirath zwi⸗ ſchen Ravenswood und ihrer Tochter ſchließen will. Ich moͤchte wohl wiſſen, was ſie zu allen dieſen Dingen ſagt. Aber hoͤrt, da Ihr in die Geſellſchaft von vornehmen Frauen kommt, ſo wuͤrde es mir lieb ſein, wenn Ihr Euere Schwuͤ⸗ re und Fluͤche vergeſſen wolltet. Ich will ihnen ſchreiben, Ihr waͤret ein ſchlichter ungelehrter Mann. Ja, ja! antwortete Craigengelt, ein ein⸗ facher, ſchlichter, ehrlicher, gerader Soldat. Nicht eben allzuehrlich, und auch eben 184 nicht viel von einem Soldaten, aber ſo wie Du biſt, kann ich Dich zum Gluͤcke brauchen, denn ich muß die Bewegungen der Lady Aſfh⸗ ton anſpornen. Nun, ſie ſoll herkommen in vollem Gallop, wie eine Kuh, die von Horniſſen geiagt wird. Noch eins, ſprach Bucklaw, Euere Stie⸗ feln und Euer Rock ſind wohl gut genug fuͤr die Zechſtube, aber etwas zu ſchmierig fuͤr den Thee⸗ tiſch. Du mußt Dich ein bischen beſſer heraus⸗ putzen, und hier haſt Du, was dazu noͤthig iſt. Nein, Bucklaw, bei meiner Seele, Ihr behandelt mich nicht huͤbſch, ſprach der Haupt⸗ mann, das Geld einſteckend. Aber, wenn ich ſo ſehr Euer Schuldner ſein ſoll, ſo muß ich Euch ſchon den Willen thun. Wohlan, zu Pferde und fort! ſprach Buck⸗ law. Ihr koͤnnt den Rappen reiten/ und ihn behalten obendrein. Nun denn, ſprach der Geſandte, einen maͤchtigen Becher ergreifend: Auf den guten Erfolg meiner Sendung! Ende des zweiten Theiles. nnnmnſnſſſſſſſſſiſiſſſſſſiſiſſſſiſiſſſiſinſſſſf 10 11 12 13 14 15 1 6 17