— ihbibl deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen... 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für Aochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat:„ N Wf 1 M. 5 Lf. 2 Te.= Pf 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt b der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 64 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird vpeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen ha der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem din higtn⸗ welche die⸗ en. 4 —. Die Braut, ein romantlſches Gemaͤhlde nach Walter Scott, von W. A. Lindau. Erſter Theil. ——— Dresden, 1820. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. * Er Ker Theil. 1 . 5 33 17 Vorwort. . Die Erzaͤhlung, wovon ich hier eine Ver⸗ teutſchung gebe, ſteht in den erſten Baͤn⸗ den der dritten und letzten Sammlung der Tales of my Landlord(Edinburgh 1819, 4 Bde.), die der Verfaſſer der Romane: Waverley, der Aſtrolog und Robin der Rothe, unter dem t Namen Jedediah Cleiſhbotham herausgab, Den uͤbrigen Theil der Baͤn⸗ de fuͤllt die eben ſo anziehende Erzaͤh⸗ lung Montroſe, deren Ueberſetzung Th. Hell liefert. Der Verfaſſer verſetzt uns in den An⸗ fang des 18ten Jahrhunderts. Die blu⸗ † tigen Meinungzwiſte und Buͤrgerkriege, welche Schottland waͤhrend des 17ten A 2 3—— 2. 4 zerruͤttet hatten,*) waren zwar ſeit der Vertreibung des Hauſes Stuart und der Thronbeſteigung Wilhelms von Oranien (1689) beſchwichtigt worden, aber die dumpfe Gaͤhrung dauerte fort und die verſchloſſene Erbitterung grollte deſto hef⸗ tiger, da nun die einſt herrſchende Par⸗ tei unterworfen war und die ſiegreiche nicht ſelten ihre Macht uͤbermuͤthig miß⸗ brauchte. Der geſellſchaftliche Zuſtand Schottlands war ſeit der Revolution, die Wilhelm III herbeifuͤhrte, weſentlich ver⸗ aͤndert worden. Das biſchoͤfliche Kir⸗ chenweſen, das die letzten Stuarte, nach dem Vorbilde der engliſchen Kir⸗ cheneinrichtung, gegen die herrſchenden Anſichten und ſelbſt gegen die Beduͤrf⸗ 4) S. die Einleitung zu meiner Verteut⸗ ſchung des Romans: Die Schwaͤrmer, eine Geſchichte, die in jene ſtuͤrmiſch be⸗ wegte Zeit des 27ten Jahrhunderts faͤllt. A — — 5 niſſe der Mehrheit des Volkes, gewalt⸗ ſam einfuͤhrten, wurde geſtuͤrzt, und die alte kirchliche Gemeineverfaſſung, die der ſchottiſche Reformator, Johann Knox, geſtiftet hatte, der Presbyterianismus, voͤllig hergeſtellt. Daher ſtete Reibun⸗ gen beider Parteien, die bald mehr, bald minder heftig waren, aber nur im Raͤn⸗ keſpiele und im Ringen nach Einfluß und Obergewalt ſich zeigten, und ſelten in Feindſeligkeiten uͤbergingen. Die Ver⸗ einigung zwiſchen Schottland und Eng⸗ land(1707) gab dem Parteikampfe neue Nahrung. Als endlich unter Wilhelnis Nachfolgerin, der Koͤnigin Anna, die Hoffnungen der Anhaͤnger des Hauſes Stuart ſich von neuem erhoben und in Anna's ſpaͤterer Regierungzeit, da Marl⸗ borough's Einfluß vernichtet war, auch auf guten Grund bauten, wurden die Verbindungen der ſogenannten Jakobi⸗ ten in Schottland mit dem Hofe des⸗ — 6 von Frankreich anerkannten, Praͤtenden⸗ ten, Jakob Stuart zu St. Germain, haͤufiger und offener. In dieſer Zeit laͤßt der Verfaſſer die Ereigniſſe vorge⸗ hen, die er uns erzaͤhlt, und obige An⸗ . deutungen werden hinlaͤnglich ſeyn, die geſchichtlichen Beziehungen aufzuklaͤren, die er mit der Sage verwebt hat, In einiger Zeit werde ich eine Ver⸗ teutſchung des hoͤchſt anziehenden Ro⸗ mans Waverley herausgeben, der V V mit den Ereigniſſen verflochten iſt, die V den ungluͤcklichen Verſuch des tapfern Eduard Stuart(1746), den Thron ſeiner Vaͤter wieder zu erkaͤmpfen, be⸗ gleiteten: — Dresden, im October 1819. W. A. L. — 8398 ger 18 Es war ein Novembermorgen. Dicke/ ſchwere Nebel hingen um die Klippen, die in das Meer hinab ſchauten. Da oͤffneten ſich die Thore der alten, halb zertruͤmmerten Burg, wo der Herr von Ravenswood die letzten unru⸗ higen Jahre ſeines Lebens zugebracht hatte/ damit ſeine ſterblichen Ueberreſte den Weg zu einer traurigern, einſamern Wohnung faͤnden. Prunkendes Gefolge hatte der Verſtorbene in der letzten Zeit ſeines Lebens nicht mehr ge⸗ kannt, aber noch einmal erſchien es in dem Augenblicke, als er in's Reich der Vergeſſen⸗ heit hinab gehen ſollte. Fahne folgte auf Fah⸗ ne mit den Wappen des alten Geſchlechtes, in dem Trauerzuge durch das niedrige Thor⸗ gewoͤlbe des Burghofes. Die benachbarten Edelleute geleiteten in tiefer Trauer den Sarg und hemmten den Schritt ihrer Pferde, wie es ſich fuͤr die ernſte Feierlichkeit eines Leichen⸗ gefolges ziemte. Trompeten mit ſchwarzen Floͤ⸗ ren ließen lang gedehnte, ſchwermuͤthige Toͤne erſchallen, um die Bewegung des Zuges zu lei⸗ ten.—Ein unermeßliches Gefolge von geringern Leidtragenden und Hausgenoſſen ſchloß den Zug, und war noch nicht aus dem Burgthore, als die Erſten an der Spitze ſchon die Kapelle erreicht hatten, wo der Leichnam beigeſetzt wer⸗ den ſollte. Gegen die Sitte, ja ſelbſt gegen die Ge⸗ ſetze jener Zeit begleitete die Leiche ein Geiſt⸗ licher von der biſchoͤflichen Kirche, mit ſeinem Chorhemde angethan, und war im Begriffe, die herkoͤmmlichen Gebete uͤber dem Sarge zu ſprechen. So hatte es der Herr von Ravens⸗ wood in ſeiner letzten Krankheit verlangt, und willfaͤhrig verfuͤgten es ſo die Edelleute im Lei⸗ chengefolge, da die Meiſten von ihnen Anhaͤn⸗ ger des vertriebenen Koͤnighauſes waren, wo⸗ zu guch der Verſtorbene gehort hatte. Die 9 kirchliche Obrigkeit des Bezirkes aber, welche dieſe Feierlichkeit fuͤr eine Verletzung ihres An⸗ ſehens hielt, hatte ſich an ein Mitglied des geheimen Rathes, William Aſhton, der in der ) Naͤhe wohnte, gewandt, um ein Verbot gegen h) ¹ die Vollziehung jenes Vorhabens zu erlangen, und in dem Augenblicke, als der Geiſtliche das Gebetbuch oͤffnete, erſchien ein Gerichtsdiener mit einigen Bewaffneten und gebot ihm Schwei⸗ gen. Dieſe Beleidigung, welche alle Anweſen⸗ den zum Unwillen entflammte, war fuͤr Nie⸗ mand empfindlicher, als fuͤr den einzigen Sohn des Verſtorbenen, Edgar, gewoͤhnlich Junke 3 von Ravenswood genannt, ein Juͤngling von ungefaͤhr zwanzig Jahren. Er faßte ſein Schwert, und den Gerichtsdiener warnend, von fernerer Stoͤrung abzuſtehen, gebot er dem Geiſtlichen, fortzufahren. Der Gerichtsdiener verſuchte es, ſeinen Auftrag mit Gewalt aus⸗ 3 zurichten, als aber hundert Schwerter ihm ent⸗ 4 gegen blitzten, begnuͤgte er ſich, gegen die Ge⸗ waltthaͤtigkeit, womit man ihm bei der Voll⸗ 19 ziehung ſeiner Dienſtpflicht gedroht habe, Wi⸗ derſpruch einzulegen, und ſtand in der Ferne, ein muͤrriſcher, unw. er? Duſchauer der Feier⸗ lichkeit, der zwiſchen den Zaͤhnen zu murmem ſchien: Bereuen ſollt ihr den Tag, Ko ihr durch ſolche Antwort mich hindert.. Unter dem Gewoͤlbe der Vegraͤbnißkapelle ſtand indeß der Prieſter, erſchrocken uͤber die Stoͤrung, ja beſorgt fuͤr ſeine Sicherheit, und ſprach haſtig und widerwillig das Trauerge⸗ bet, Staub auf den Staub werfend, und Aſche zur Aſche auf den vernichteten Stolz und ein geſunkenes Geſchlecht. Ihn umringten die Verwandten des Verſtorbenen, aus deren Zuͤ⸗ gen mehr Unwille als Leid ſprach, und die blitzenden Schwerter, die ſie ſchwangen, mach⸗ ten den grellſten Gegenſatz zu ihrer tiefen Trauer. In den Zuͤgen des Juͤnglings allein ſchien die Empfindlichkeit auf einen Augen⸗ blick dem heftigen Schmerze zu weichen, wo⸗ mit er ſeinen naͤchſten, ja faſt ſeinen einzigen Freund in das Grab ſeinet Vaͤter hinab ſtei⸗ 8 ———— 11 gen ſah. Ein Verwandter bemerkte, daß der junge Mann todtenblaß wurde, als nach ge⸗ hoͤrig vollzogenen Kirchengebraͤuchen der erſte Kidtragende die Pflicht zu erfuͤllen hatte, die Leiche in das Todtengewoͤlbe zu ſenken, wo modernde Saͤrge ihren zerriſſenen Sammet und verblichenen Silberſchmuck zeigten. Er trat zu dem bewegten Juͤnglinge und byt ſei⸗ nen Beiſtand an, den Edgar mit einer ſtum⸗ men Gebehrde verwarf. Mit ſtandhaftem Mu⸗ „the, ohne eine Thraͤne, erfuͤllte der Sohn die letzte Pflicht. Der Stein ward auf das Grab gelegt, die Thuͤre der Gruft verſchloſſen, und Edgar nahm den ſchweren Schluͤſſel. Als das Leichengefolge die Kapelle verlaſ⸗ ſen wollte, blieb der Juͤngling auf den Stu⸗ fen ſtehen, die zu dem gothiſchen Chore fuͤhrten. „ Ihr Herren und Freunde, ſprach er: Ihr habet heute keine geringe Pflicht erfuͤllt gegen die Leiche eures verſtorbenen Verwand⸗ ten. Die Leichengebraͤuche, die man in an⸗ dern Laͤndern ſelbſt dem geringſten Chriſten als Pflicht bewilligt, wuͤrde man heute eurem Ver⸗ wandten verſagt haben, der wahrlich nicht aus dem geringſten Hauſe in Schottland ſtammt, wenn nicht euer Muth ſie ihm geſichert haͤtte. 6 Andere begraben ihre Todten mit Leid und Thraͤnen, mit ſtummer Ehrfurcht; unſere Lei⸗ chenbegaͤngniſſe werden geſchaͤndet durch die Einmiſchung von Voͤgten und Geſindel; die Glut gerechtes Unwillens jagt von unſern Wan⸗ gen den Schmerz um unſern abgeſchiedenen Freund. Aber es iſt gut, daß ich weiß, aus welchem Koͤcher dieſer Pfeil gekommen iſt. Nur & er allein, der das Grab gegraben hat, konnte die niedrige Grauſamkeit begehen, das Leichen⸗ begängniß zu ſtoͤren. Der Himmel laſſe mir Gleiches widerfahren und mehr, wenn ich die⸗ ſem Manne und ſeinem Hauſe nicht vergelte, das Verderben und den Schimpf, ſo er uͤber mich und mein Haus gebracht.“ Viele unter den Anweſenden empſingen dieſe Rede, als den muthigen Ausdruck gerech⸗„ tes Unwillens, mit Beifall, die kaltbluͤtigern — 13 und verſtaͤndigern Zuhoͤrer aber bedauerten, daß Edgar jene Worte ausgeſpro chen hatte. Das moͤgen des jungen Mannes war zu unbe⸗ deutend, als daß er zu weitern Feindſeligkei⸗ ten haͤtte herausfodern koͤnnen, welche, wie ſeine Freunde glaubten, jene offene Aeuſſerung des Unwillens nothwendig herbei fuͤhren mußte. Ihre Beſorgniſſe waren jedoch grundlos, we⸗ nigſtens ſchienen es die naͤchſten Folgen jenes Ereigniſſes zu verrathen. Edgars Vater, der Ab bömting eines al⸗ ten, einſt maͤchtigen ſchottiſchen Geſchlechtes, das waͤhrend der Birgerkicgr im ſiebzehnten 3 3 9 Jahrhunderte in Verfall gekommen war, hatte ſich zur Zeit der Vertreibung des Hauſes Stuart gezwungen geſehen, ſein Stammhaus zu veraͤuſſern, und in einer einſamen Burg, an der oͤden Kuͤſte der ſtuͤrmiſchen Nordſee, ſeinen Wohnſitz zu nehmen. Unfaͤhig, ſeinen ſtarren Sinn nach der neuen Lebenslage zu beugen, trat er waͤhrend des Buͤrgerkrieges, der nach dem Sturze des alten Koͤnighauſes ſich entzuͤndete, auf die Seite der Gefallenen, und wenn er auch ohne Strafe an Leben oder Gut davon kam, ſo wurde doch ſein Haus be⸗ ſchimpft und ſeine Adelswuͤrde vernichtet. Er hatte den Stolz und unruhigen Geiſt ſeiner Ahnen geerbt, und den Mann, dem er den endlichen Verfall ſeines Hauſes zuſchrieb, ver⸗ folgte er mit bitterm Haſſe. Dieß war eben derjenige, der durch Kauf Eigenthuͤmer des al⸗ ten Schloſſes Ravenswood, und der Guͤter ge⸗ worden war, deren der Erbe des Hauſes ſich nun beraubt ſah. Er ſtammte aus einem Ge⸗ ſchlechte, das weit juͤnger war, als das Haus Ravenswood und erſt waͤhrend der großen Buͤr⸗ gerkriege zu Macht und Einfluß ſich erhoben hatte. Zu einem Rechtsgelehrten erzogen, hatte er hohe Staatsaͤmter verwaltet, und waͤhrend ſeines Lebens die Rolle eines geſchtckten Fi⸗ ſchers in dem getruͤbten Waſſer eines, durch Parteiungen zerruͤtteten und durch Statthalter beherrſchten, Landes geſpielt, und anſehnliche Reichthuͤmer aufgehaͤuft, da er ſich eben ſo gut 8 ——— 15 auf den Werth des Reichthums, als auf die Mittel verſtand, ihn zu vermehren, und ihn als Werkzeug zur Erhöhung ſeiner Macht und ſeines Einfluſſes zu benutzen. Ein ſolcher Mann war ein gefaͤhrlicher Gegner des ſtolzen und unvorſichtigen Ravens⸗ wood. Ob er gegruͤndeten Anlaß zu der Feind⸗ ſchaft gegeben habe, die der Freiherr gegen ihn hegte, daruͤber waren die Meinungen getheilt. Einige ſagten, der Zwiſt ſey hloß durch zie Nachſucht und den Neid des alten Navenswood entzuͤndet worden, dem es unertraͤglich war, ei⸗ nen Andern, wenn auch durch rechtlichen Kauf, im Beſitze ſeiner Guͤter und der Burg ſeiner Ahnen zu ſehen. Die Meiſten aber, geneigt die Reichen hinter dem Nuͤcken zu laͤſtern, waͤh⸗ rend ſie ihnen in's Geſicht ſchmeicheln, hatten eine liebloſere Meinung. Sie behaupteten, Herr William Afhton, der Siegelbewahrer, habe vor dem endlichen Ankaufe des Stamm⸗ gutes Ravenswood mit dem Freiherrn bedeu⸗ tende Geldgeſchaͤfte gemacht, und ihn in ſehr verwickelte Verhaͤltniiſſe zu bringen gewußt; ſie ließen durch ziemlich deutliche Winke merken, welche Vortheile der kaltbluͤtige Rechtsgelehrte und gewandte Staatsmann uͤber den hitzigen, ſtolzen, unbeſonnenen Gegner gehabt hatte, der in ſolche Schlingen verwirrt war. Die Zeit⸗ umſtaͤnde erhoͤhten dieſen Argwohn. In jenen Zeiten, wo ſtreitende Adelspaͤrteien wechſelnd die Herrſchaft fuͤhrten und ihre Anhaͤnger be⸗ lohnen mußten, wo die Gerechtigkeit ohne Scheu ſchmaͤhlich verkauft wurde, war es frei⸗ lich keine allzu liebloſe Vermuthung, daß ein ſchlauer Staatsmann und ein maͤchtiges Mit⸗ glied der ſiegenden Partei, Mittel ſinden und benutzen koͤnne, uͤber ſeinen minder geſchickten/ minder beguͤnſtigten Gegner Vortheile zu ge⸗ winnen. Wollte man auch vorausſetzen, Aſh⸗ ton ſei zu gewiſſenhaft geweſen, dieſe Vortheile zu benutzen, ſo glaubte man doch, ſein Ehrgeiz und ſein Wunſch, Reichthum und Einfluß zu vermehren, habe durch die Ermahnungen ſeiner Gemahlin einen eben ſo kraͤftigen Sporn 17 erhalten, als Macbeths kuͤhnes Streben in den Tagen der Vorzeit. Seine Gemahlinn war von aͤlterem Adel als er, aus dem edlen Geſchlechte Douglas; ein Vortheil, den ſie aufs Beßte zu benutzen nicht ermangelte, um ihres Mannes Einfluß auf Andere, und, wenn man ſie nicht hoͤchlich ver⸗ laͤumdet hat, ihren Einfluß auf ihn, zu be⸗ haupten und auszudehnen. Sie war ſchoͤn ge⸗ weſen, und noch immer hatte ihr Aeuſſeres Wuͤrde und Hoheit. Mit ſtarker Geiſteskraft, mit heftigen Leidenſchaften begabt, hatte ſſe durch Erfahrung gelernt, jene anzuwenden, und dieſe, wo nicht zu maͤßigen, doch zu verhehlen. Sie beobachtete ſtreng' und puͤnktlich wenig⸗ ſtens die aͤuſſeren Andachtgebraͤuche; in ihrer Gaſtfreundſchaft zeigte ſie Pracht, ja ſelbſt Prunkſucht; ihr Betragen war ernſt, wuͤrdevoll und genau abgemeſſen nach den Vorſchriften der Umgangfitte. Nie hatte ſich die Laͤſterung an ihren Ruf gewagt, und dennoch nannte man dieſe Frau, bei allen jenen Eigenſchaften, 6 18 die Achtung erwerben konnten, nie mit Aus⸗ druͤcken von Liebe oder Zuneigung. Eigennutz, der Vortheil ihres Hauſes, wo nicht ihr eigener, ſchien zu auffaltend der Beweggrund ihrer Hand⸗ lungen zu ſeyn, und wo dieß der Fall iſt, wird die ſcharfſichtige, boshafte Welt nicht leicht durch aͤußern Schein getaͤuſcht. Man ſah und uͤberzeugte ſich, daß ſie bei ihren freundlichſten Hoͤflichkeiten und Schmeichelreden eben ſo we⸗ nig ihr Ziel aus dem Geſichte verlor, als der Falke in ſeinem kiliſenden Fluge das ſcharfe Auge von dem ausgeſuchten Raub' abwendet, und daher vermiſchten ſich Zweifel und Arg ehn mit den Empfindungen, welche ihre Artigkeiten bei Leuten ihres Standes erweckten. Bei Ge⸗ ringeren hingegen verſchmolzen jene Empfindun⸗ gen mit Fure cht; ein Eindruck, der zwar ihren Abſichten nuͤtzlich war, da er ihren Bitten ſchnelle Willfaͤhrigkeit und ihren Befehlen un⸗ bedingten Gehorſam ſicherte, aber auch nach⸗ theilig, weil er mit Zuneigung oder Achtung unsertraglich 1 iſt. Selbſt ihr Mann, auf deſſen — — — 19 Gluͤckslage ihr Geiſt und ihre Gewandtheit ſo entſcheidenden Einfluß gehabt hatten, betrach⸗ tete ſie, wie man ſagte, mehr mit ſcheuer Ehr⸗ furcht, als mit vertrauender Zuneigung, und das Geruͤcht behauptete, es habe Augenblicke gegeben, wo ihm ſeine Groͤße um den Preis haͤuslicher Dienſtbarkeit zu theuer erkauft ge⸗ ſchienen. Doch beruhte dieß meiſt nur auf Arg⸗ wohn, und es konnte nur wenig davon ausge⸗ mittelt werden, da die kluge Frau die Ehre ih⸗ res Mannes wie ihre eigene achtete, und ſehr wohl einſah, wie ſehr ſeine Ehre in den Au⸗ gen der Welt wuͤrde gelitten haben, wenn er als der Untergebene ſeiner Gemahlinn erſchienen waͤre. Seine Meinung galt, wo ſie Gruͤnde anfuͤhrte, in ihrem Munde fuͤr unfehlbar; auf ſeinen Geſchmack berief ſie ſich, und nahm ſeine Ausſpruͤche mit jener unterwuͤrfigen Achtung auf, die eine gehorſame Gattinn einem Manne von ſeinem Rang' und Anſehen ſchuldig zu ſein ſchien. In dieſem allen aber war doch Etwas, das ſalſch und hohl klang, und Leute, B 2 „ “ die das Paar mit ſcharfem, vielleicht boshaftem, Auge bewachten, wollten deutlich bemerken, daß ſie im Gefuͤhle hoͤherer Wuͤrde und Ab⸗ ſtammung, und bei entſchiedenern Vergroͤßerung⸗ abſichten, mit einiger Verachtung auf ihn her⸗ ab ſah, und er eher mit eiferſuͤchtiger Furcht, als mit Liebe oder Bewunderung auf ſie blickte. Wo es aber ihre Hauptvortheile galt, wa⸗ ren Beide eines Sinnes, und eriangelten nie, nach einſtimmiger Verabredung, wenn auch oh⸗ ne herzliche Eintracht, zu wirken, und aͤuſſer⸗ lich immer diejenige Achtung gegen einander zu beweiſen, welche, wie ſie wohl fuͤhlten, noth⸗ wendig war, ſich fremde Achtung zu ſichern. Von mehren Kindern lebten noch drei. Der aͤlteſte Sohn war auf Reiſen; ihre Tochter aber von ſiebzehn Jahren und ein dreizehnjaͤhriger Knabe wohnten bei ihren Aeltern, bald in der Hauptſtadt, bald in dem alten Schloſſe Ravens⸗ wood, das Aſhton bedeutend erweitert hatte. Deer letzte Beſitzer des Schloſſes, der alte Freiherr von Ravenswood, fuͤhrte noch einige 3 21 Zeit gegen ſeinen Nachfolger einen unwirkſa⸗ nmen Krieg uͤber verſchiedene Streitpunkte, die aus ihren fruͤhern Verbindungen hervor gegan⸗ gen waren, und nach einander zum Vortheile des Reichen und Maͤchtigen entſchieden wurden, bis endlich der Tod, den Ungluͤcklichen vor ei⸗ nen hoͤheren Richterſtuhl rufend, allem Streite ein Ende machte. Sein Lebensfaden, laͤngſt ſchon abgenutzt, riß waͤhrend eines Anfalles heftiger und ohnmaͤchtiger Wuth„die ihn bei der Nachricht von dem Verluſte eines Recht⸗ handels ergriff, welcher vielleicht mehr nach der Billigkeit, als nach ſtrengem Rechte haͤtte ent⸗ ſchieden werden ſollen. Edgar war Zeuge von dem heftigen Schmerze des Ster enden, und vernahm die Verwuͤnſchungen, welche der ungluͤckliche Vater wider ſeinen Gegner ausſtieß, als waͤren ſie fuͤr ihn ein Vermaͤchtniß der Rache ge⸗ weſen. Was bei dem Leichenbegaͤngniffe ſich ereig⸗ nete, reizte noch mehr ſeine Erbitterung. Die Leidtragenden begleiteten ihn in die Burg, wo 22 ſie, nach einer noch nicht lange in Schottland vergeſſenen Sitte, auf das Andenken des Ver⸗ ſtorbenen volle Becher leerten, im Trauerhauſe die Stimmen froͤhlicher Schwelger erſchallen ließen und durch den Aufwand eines verſchwen⸗ deriſchen Schmauſes die aͤrmlichen Einkuͤnfte des Erben verminderten. Aber es war Sitte, und auch hier wurde ſie treulich befolgt. Die Tafeln ſchwammen im Weine; auch geringere Gutshoͤrige wurden reichlich bewirthet, und ei⸗ ne zweijaͤhrige Einnahme von Ravenswoods Guͤtern war kaum hinreichend, die Koſten des Leichenſchmauſes zu beſtreiten. Der Wein wirkte auf Alle, nur nicht auf Edgar. Er ließ den Becher kreiſen, ohne ihn ſelber zu koſten, und vernahm bald tauſend Verwuͤnſchungen gegen Aſhton, und lebhafte Betheurungen von Anhaͤnglichkeit an ihn und ſeines Hauſes Eh⸗ re. Der Juͤngling horchte mit finſterer, muͤrri⸗ ſcher Stirne den Aufwallungen, die er mit Recht fuͤr eben ſo fluͤchtig hielt, als die pur⸗ purnen Perlen am Nande des Bechers, oder 23 als die Weinduͤnſte in den Koͤpfen der Zecher, die ihn umgaben.— Die letzte Flaſche war nun geleert, und ſie nahmen Abſchied, noch einmal Betheurungen wiederholend, die morgen vergeſſen ſein ſollten, wenn man es nicht etwa fuͤr die eigene Si⸗ cherheit nothwendig hielt, einen feierlichen Wi⸗ derruf zu machen. Edgar empfing ihr Lebewohl mit einer Ver⸗ achtung, die er kaum verbergen konnte, und als ſeine Wohnung endlich von den ſchwaͤr⸗ menden Gaͤſten leer war, ging er in die oͤde Halle zuruͤck, die nach dem Geraͤuſche, das ſie vor wenigen Augenblicken erfuͤllt hatte, ihm jetzt noch einmal ſo einſam vorkam. Aber der oͤde Naum ward durch Gebilde bevoͤlkert, welche des Juͤnglings entflammte„Seele beſchwor— die verdunkelte Ehre und der verfallene Reichthum ſeines Geſchlechtes; die Zerſtoͤrung ſeiner eigenen Hoffnungen, und die ſtolze Siegesfreude jenes Hauſes, das ſie zerſtoͤrt hatte. Fuͤr eine Seele, die von Natur ſinſter geſtimmt war, gab's hier reichen Stoff zum Nachdenken und der einſame Edgar blieb lange in tiefes Sinnen verſunken. Der Landmann, welcher die Truͤmmer der Burg zeigt, die noch heute von der uͤberhan⸗ genden Klippe auf den Kampf der Wogen hin⸗ ab ſchauen, aber nur von Moͤwen und Seera⸗ ben bewohnt werden, erzaͤhlt dem Wanderer, der Junker von Ravenswood habe in jener ver⸗ haͤngnißvollen Nacht durch die ſchmerzlichen Toͤne ſeiner Verzweiflung einen boͤſen Geiſt er⸗ weckt, unter deſſen feindſeligem Einfluſſe das Gewebe der ſpaͤtern Ereigniſſe geſchlungen wor⸗ den. Ach! welcher hoͤlliſche Feind koͤnnte ver⸗ wegenere Nathſchlaͤge eingeben, als jene, wozu unſete eigenen heftigen und ungezaͤhmten Lei⸗ denſchaften uns verfuͤhren. 12 II. Am folgenden Morgen erſchien der Gerichts⸗ vogt, der die Leichenfeierlichkeit geſtoͤrt hatte, vor dem Siegelbewahrer Aſhton, um uͤber die gehinderte Vollziehung ſeines Auftrages Be⸗ richt abzulegen. Der Staatsmann ſaß in einem geraͤumi⸗ gen Buͤcherſaale; einſt die Gaſtmahlhalle der alten Burgherren, dieß verriethen die Wappen theils im Schnitzwerke am Simſe der gewoͤlb⸗ ten, mit Kaſtanienholz getaͤfelten Decke, theils in den bunten Fenſterſcheiben, durch welche ein gebrochenes aber volles Licht ſtrahlte, und auf den langen Reihen der Breter, die ſich unter dem Gewichte von Rechtsbuͤchern und Moͤnchs⸗ chroniken beugten. Auf dem ſchweren eichenen Schreibetiſche lag ein verwirrter Haufen von Briefen, Bittſchriften und Urkunden, womit William Afhton zu ſeiner Freude und zugleich zu ſeiner Plage ſich beſchaͤftigte. Sein Aeuſſe⸗ res war ernſt, ja edel, wie ſich's fuͤr fuͤr den hohen Staatsbeamten ziemte, und erſt nach ei⸗ ner langen vertraulichen Unterhaltung uͤber wichtige perſoͤnliche Angelegenheiten wuͤrde ein Fremder etwas Schwankendes und Unſicheres in des Mannes Entſchluͤſſen entdeckt, und ei⸗ ne Schwaͤche des Vorſatzes bemerkt haben, die aus einer vorſichtigen Schuͤchternheit entſprang, welche er, wohl bekaunt mit ihrem geheimen Einfluſſe auf ſein Gemuͤth, aus Stolz und Klugheit vor Andern zu verbergen aͤngſtlich be⸗ muͤht war. Er höoͤrte mit anſcheinender großen Faſſung die uͤbertriebene Erzaͤhlung von dem Aufſtande beim Leichenbegaͤngniſſe, von der Verachtung, womit ſeine Befehle und das obrigkeitliche Anſehen verletzt worden, und ſelbſt der treue „Bericht von den beleidigenden, drohenden Re⸗ den, die Edgar und Andere ausgeſtoßen und offenbar nur gegen ihn gerichtet hatten, ſchien — ihn nicht zu kiheen Auch hoͤrte er alles an, was der Gerich ner, freilich in ſehr entf ter und vergroͤße ter e Gedan von den Trink⸗ ſpruͤchen beim Trauermahle und von den Droh⸗ worten der Zecher hatte aufſammeln koͤnnen. Er zeichnete alle Umſtaͤnde und die Nahmen derje igen, deren Zeugniß im Nothfalle eine Anklage bekraͤftigen konnte, ſorgfaͤltig auf, und entließ den Berichterſtatter, uͤberzeugt, daß er nun den Ueberreſt des Vermoͤgens und ſelbſt die perſoͤnliche Freiheit des jungen Ravens⸗ wood in Haͤnden habe. Als der Gerichtsdiener die Thuͤre verſchloſ⸗ ſen hatte, blieb Aſhton einige Augenblicke in tiefes Nachdenken verſunken, bis er endlich aufſprang, und raſch auf und nieder ging, als haͤtte er einen ploͤtzlichen kraͤftigen Ent⸗ ſchluß erwogen.„Der junge Ravenswood, ſprach er, iſt nun mein— mein iſt er— hat ſich ſelber in meine Haͤnde gegeben und ſoll ſich beugen oder brechen. Ich habe die ent⸗ ſchl oſſene, ſtoͤrrige Hartnaͤckigkeit nicht vergeſ⸗ 28 *. ſen, womit ſein Vater jeden Punkt bis auf's Auſſerſte gegen mich verfocht, jeden Vergleich⸗ antrag verwarf/ mich in Rechtshaͤndel verwik⸗ kelte, und meinem Rufe zu ſchaden ſuchte, als er meine Rechte nicht anzufechten vermochte. Dieſer junge Menſch, ſein Erbe, dieſer Edgar, dieſer Hitzkopf und unbeſonnene Thor, hat ſein Schiff ſcheitern laſſen, eh' es aus dem Hafen gekommen iſt. Ich muß darauf ſehen, daß nicht etwa eine zuruͤckkehrende Fluth ihn wieder flott mache..... Aus dieſen Berichten laͤßt ſich ſchon ein ſtrafbarer Aufſtand gegen das Anſehen der buͤrgerlichen und kirchlichen brigkeit heraus bringen. Eine ſchwere Geld⸗ ſtrafe koͤnnte die Folge ſein— Einſperrung vielleicht— ſelbſt die Anklage auf Hochverrath ließe ſich auf manche dieſer Ausdruͤcke begruͤn⸗ den— aber Gott verhuͤte, daß ich's ſo weit trelbe! Nein, ich will's nicht— an's Leben will ich ihm nicht kommen, ſelbſt wenn es ing meiner Gewalt ſtaͤnde. Und doch— wenn er lebt, bis ſich die Zeiten aͤndern, was wird die . ———— X 29 Folge ſei 2² Wiedereinſetzung in ſeine Guͤter — Nache vielleicht. Ich weiß es ja, Lord Athol verſprach dem alten Nubenswood Bei⸗ ſtand, und da ſehen wir den Sohn, der ſchon durch ſeinen eigenen veraͤchtlichen Einfluß An⸗ haͤnger wirbt und Parteiungen macht. Wuͤrde er nicht ein bereitwilliges Werkzeug fuͤr diejeni⸗ gen ſein, die auf den Sturz der jetzigen Ver⸗ waltung lauern? Waͤhrend dieſe Gedanken die Seele des Staatsmannes beſchaͤftigten, und er ſich uͤber⸗ redete, daß er, um ſich ſelber und ſeine An⸗ haͤnger zu ſichern, den Vortheil, der ſich ihm darbot, bis aufs Aeuſſerſte gegen Ravenswood verfolgen muͤſſe, ſetzte er ſich wieder an ſeinen Schreibetiſch und entwarf einen Bericht an den geheimen Rath uͤber die Auftritte bei Na⸗ venswood's Leichenbegaͤngniſſe. Er wußte es nur zu gut, daß die Nahmen der meiſten ghunnezue und die Thatſache ſelbſt, in den hren ſeiner Amtgenoſſen ſehr uͤbel klingen, 1 und ſie anreiten muͤßten, ein abſchreckendes Beiſpiel zu ſtiften. Aus Zartgefuͤhl aber durfte er nur ſolche Ausdruͤcke waͤhlen, welche die Strafbarkeit des jungen Mannes zwar andeuten konnten, aber doch nicht ſchneidend heraus hoben, was auf ihn, des Vaters alten Gegner, nothwendig ei⸗ nen Schein von Gehaͤſſigkeit haͤtte werfen muͤſ⸗ ſen. Als er muͤhſam die Worte ſuchte, welche Edgar als den Veranlaſſer des Aufſtandes be⸗ zeichnen ſollten, ohne geradezu die Beſchuldi⸗ gung auszuſprechen, erblickte er zufaͤllig am vorſpringenden Simſe der Decke das Wappen des Hauſes Ravenswood, fuͤr deſſen Erben er eben Pfeile wetzte. Es war ein ſchwarzer Stier⸗ kopf mit der Umſchrift: Ich wart auf mei⸗ ne Zeit. Die Veranlaſſung, welche dieſen Wahlſpruch in das alte Geſchlechtswappen gebracht hatte, trat plötzlich vor ſeine Seele, und verſchmolgg mit den Gedanken, die ihn bewegten. Ein, Ritter von Ravenswood, erzaͤhlte die alte Ue⸗ 31 berliefernng, ward im dreizehnten Jahrhun⸗ derte ſeiner Burg und ſeiner Guͤter durch ei⸗ nen Gewaltigen beraubt, der eine Zeitlang ru⸗ hig der Beute genoß. Endlich h aber, am Abend eines praͤchtigen Gaftmayles, ſchlich ſich Rit⸗ ter Ravenswood, die Gelegenheit erlauernd, mit einem Haufen treuer Anhaͤnger in's Se chloß. Ungeduldig erwarteten die Gaͤſte das Mahl und foderten es laut von dem Burgherrn. Ravenswood aber, der als Vorſchneider verklei⸗ det, zugegen war, antwortete mit rauher Stim⸗ me: Ich wart auf meine Zeit! und in demſelben Augenblicke ward ein Stierkoyf, des Todes altes Sinnbild, auf die Taſel geſtell Dieß war die Looſung zum Ausbruche der Ver⸗ ſchwoͤrung, und der Burgraͤuber wurde ammt ſeinen Anhaͤngern erſchlagen. Es war vielleicht ett was in dieſer mer erzaͤhlten Sage, das Aſhton's Gewiſſen Wbhaft ergriff. Er ſchob das Blatt weg, wor⸗ nuf der Anfang ſeines Berichte 8 ſtand, und 8 gls er alle Schriften, die ſich darauf noch im⸗ f bezogen, — 32 forgfaͤltig verſchloſſen hatte, ſtand er auf, um in's Freie zu gehen, als haͤtte er ſeine Gedan⸗ ken ſammeln und die Folgen des beſchloſſene Schrittes erwaͤgen wollen, ehe ſie unvermeid⸗ lich geworden waren. Als er durch den weiten gothiſchen Vor⸗ ſaal ging, hoͤrte er die Toͤne der Laute ſeiner Tochter. Wer weiß nicht, mit welcher ange⸗ nehmen Ueberraſchung Muſik uns ergreift, wenn der Spieler verborgen iſt! Der Staatsmann, zwar wenig gewohnt, ſo einfach natuͤrlichen Regungen ſich zu uͤberlaſſen, war doch immer Menſch und Vater. Er horchte, waͤhrend Lu⸗ ziens Silberſtimme folgende Worte ſang, die man der Weiſe eines alten Liedchens untergelegt hatte: Sieh nicht auf der Schoͤnheit Zuͤge; Sitze ſtill beim Fuͤrſtenkriege; Trink' nicht, wenn die Zapfen ranſchen; Sprich nicht, wenn die Leute lauſchen; Schließ' dein Ohr dem Minneſinger— Weg vom gelben Gold den Finger! Laß' Herz, Hand und Auge leer, Lebſt du leicht und ſtirbſt nicht ſchwer. 33 Die Toͤne ſchwiegen und Aſhton trat in Lueiens Zimmer. Die Worte ihres Geſanges ſchienen ganz die Sinnesart des Fraͤuleins auszuſprechen. Ihre ſehr ſchoͤnen, aber noch etwas kindlichen, Zuͤge verkuͤndeten Gemuͤthsruhe, Heiterkeit und Gleichgiltigkeit gegen den Flitter weltlicher Freuden. Ihre goldnen Locken theilten ſich auf der weißen Stirne, wie ein gebrochener, matter Sonnenſtrahl auf einem Schneehuͤgel. Der Ausdruck ihres Geſichts war im hoͤchſten Grade milde, ſanft, ſchuͤchtern und weiblich; ſie ſchien ſelbſt vor dem zufaͤlligſten Blicke ei⸗ nes Fremden eher zuruͤck zu beben, als um ſeine Bewunderung zu werben. Das Madonnenhafte in ihrem Weſen war vielleicht die Folge ihres zarten Baues und ihres Aufenthaltes in ei⸗ nem Hauſe, deſſen uͤbrige Genoſſen ſich durch ein heftigeres, thaͤtigeres und kraͤftigeres Ge⸗ muth auszeichneten. Dieſe ruhige Stimmung war aber keines⸗ weges in Gleichgiltigkeit vder Gefuͤhlloſigkeit C gegruͤndet. Wenn Luzie den Eingebungen ih⸗ rer eigenen Neigungen und Gefuͤhle folgen konnte, war ſie beſonders fuͤr Empfindungen von romantiſchem Anklang empfaͤnglich. Sie ergetzte ſich heimlich an den alten maͤhrchenhaf⸗ ten Erzaͤhlungen von gluͤhender Andacht und unwandelbarer Zuneigung, die ſo oft mit ſelt⸗ ſamen Abenteuern und ſchauerlichen Wundern durchwebt ſind. Dieß war ihr liebes Feien⸗ reich, worin ſie ihre Luftſchloͤſſer erbaute. Nur heimlich aber durfte ſie ſich mit dieſer freund⸗ lich taͤuſchenden Baukunſt beſchaͤftigen. In ihrer einſamen Kammer, oder in der Wald⸗ laube, die ſie nach ihrem Nahmen genannt hatte, vertheilte ſie im Geiſte Daͤnke beim Kampfſpiele, oder ließ aus ihren Blicken Auf⸗ munterung in die Herzen der tapfern Streiter blitzen, oder verwandelte ſich in die einfache, edelherzige Miranda*) auf der bezauberten Wunderinſel. 5 In Shakespeare'? Sturm. 35 In allen ihren aͤuſſern Beziehungen aber, rieß ſich Luzie willig von dem herrſchenden Ein⸗ fluſſe ihrer Umgebungeu leiten. In den mei⸗ ſten Faͤllen war die Wahl zu gleichgiltig fuͤr ſie, als daß ſie zum Widerſpruche geneigt gewe⸗ ſen waͤre, und ſie fand leicht in der Meinung ihrer Angehoͤrigen irgend einen beſtimmenden Grund, den ſie bei einer ſelbſtaͤndigen Wahl vielleicht vergebens geſucht haͤtte. Jeder Leſer wird wohl in irgend einem haͤuslichen Kreiſe ein ſanftes, nachgiebiges Weſen kennen, das unter kraͤftigern, feurigern Gemuͤthern nur von fremdem Willen geleitet wird, und eben ſo we⸗ nig Kraft zum Widerſtande zeigt, als die Blu⸗ me, welche auf des Stromes fluͤchtige Welle ge⸗ worfen wird. Gewoͤhnlich wird ein ſo gefaͤlli⸗ ges, ſanftes Gemuͤth der Liebling derjenigen, deren Neigungen es die eigene Neigung ohne Murren bereitwillig zum Opfer bringt. Dieß war in hohem Grade Luziens Fall. Ihr ſtaatskluger, behutſamer, weltlich geſinnter Vater, fuͤhlte eine Zuneigung gegen ſie, deren C 2 35 Staͤrke ihn zuweilen zu einer ungewoͤhnlichen Bewegung hinriß. Ihr aͤlteſter Bruder, der mit noch ſtolzeren Schritten, als ſein Vater, die Bahn des Ehrgeizes betrat, war auch fuͤr menſchlichere Regungen empfaͤnglich. Er war Soldat, in einem Zeitalter zuͤgelloſer Sitten, und zog dennoch den Umgang mit ſeiner Schweſter ſelbſt dem Genuſſe der Vergnuͤgungen und ſeiner Befoͤrderung vor. Ihr uͤngerer Bru⸗ der, in einem Alter, wo meiſt nur Kleinigkei⸗ ten die Seele beſchaͤftigen, machte ſie zur Ver⸗ trauten ſeiner Freuden und Bekuͤmmerniſſe, ſeines Jagdgluͤcks und ſeiner Streitigkeiten mit Aufſeher und Lehrern. Luzie hoͤrte ſeine Erzaͤh⸗ lungen, wie unbedeutend ſie ſein mochten, ge⸗ duldig und nicht ohne Theilnahme an. Hein⸗ rich war geruͤhrt und froh daruͤber, und mehr bedurfte es nicht fuͤr ſie, ihm ihre Aufmerkſam⸗ keit zu ſchenken. Ihre Mutter allein fuͤhlte nicht jene Zu⸗ neigung, wodurch Luzie von allen uͤbrigen An⸗ geehoͤrigen ausgezeichnet wurde. Was ſie die 37 Geiſtloſigkeit ihrer Tochter nannte/ war in ih⸗ ren Augen ein entſcheidender Beweis, daß in Luziens Adern das gemeinere Blut des Vaters vorherrſchte, und ſpoͤttiſch pflegte ſie das Maͤd⸗ chen ihre Schaͤferin zu nennen. Es war frei⸗ lich unmoͤglich, ein ſo ſanftes, argloſes We⸗ ſen zu haſſen, aber die Mutter gab ihrem aͤlte⸗ ſten Sohne, auf welchen ein reichlicher Antheil von ihrem ehrſuͤchtigen, kuͤhnen Geiſte uͤberge⸗ gangen war, den Vorzug vor einer Tochter, deren ſanftes Gemuͤth die Süntj fuͤr Schwaͤche Lino „ ſprach ſie oft zu ſich ſelber: er wird den 1 sſen Ruhm ſeines muͤtterlichen Hau⸗ ſes erhalten und die Ehre des vaͤterlichen er⸗ heben. Luziechen paßt nicht fuͤr Hoͤfe und Ge⸗ ſellſchaftſaͤle. Ein Landjunker muß ihr Mann werden, reich genug, ihr ein gemaͤchliches Leben zu ſchaffen, ohne daß es ihr ſelber Muͤhe koſtet, und ohne daß ihr irgend etwas anders eine Thraͤne auspreßt, als die zaͤrtliche Beſorgniß, er moͤchte auf der Fuchsjagd den Hals brechen. 38 Aber ſo hat ſich unſer Haus nicht erhoben und ſo kann es nicht beveſtigt und vergroͤßert wer⸗ den. Meines Mannes Wuͤrde iſt noch neu; wir muͤſſen ſie tragen, als waͤren wir daran ge⸗ wohnt, ihrer werth, und ſtets bereit, ſie zu be⸗ haupten. Vor altem Anſehen beugen ſich die Menſchen aus angeerbter Ehrerbietung; vor uns aber werden ſie aufrecht ſtehen, wenn ſie nicht gezwungen werden, ſich niederzuwerfen. Eine Tochter, die nur fuͤr die Schaͤferhuͤtte, oder das Kloſter paßt, taugt wenig dazu, eine Achtung zu erzwingen, die man widerwillig ge⸗ waͤhrt. Der Himmel hat uns einen dritten Sohn verſagt, darum ſollte das Maͤdchen geeig⸗ net ſein, ihn zu erſetzen. Ich werde die Stun⸗ de ſegnen, wo ſie ihre Hand einem Manne gibt, der mehr Geiſteskraft hat, oder eben ſo wenig Ehrgeiz als ſie. So dachte eine Mutter, welche die Her⸗ zenseigenſchaften ihrer Kinder und die Ausſich⸗ ten derſelben auf haͤusliches Gluͤck ſo wenig achtete/ wo es Rang und zeitliche Groͤße galt. — — 39 Aber, wie es ſo vielen Aeltern von feurigem, heftigem Sinne begegnet, ſie verkannte die Ge⸗ fuͤhle ihrer Tochter, welche unter der Huͤlle der ruhigſten Gleichgiltigkeit den Keim jener Lei⸗ denſchaften hegte, die zuweilen plöͤtzlich ſich er⸗ heben und den Beobachter durch ihre unerwar⸗ tete Glut und Staͤrke uͤberraſchen. Luziens Gefuͤhle ſchienen kalt zu ſein, weil ihr noch nichts begegnet war, das ſie haͤtte erregen oder wecken koͤnnen. Ihr Leben war hisher einfoͤr⸗ mig und ſtill dahin gefloſſen, und gluͤcklich waͤ⸗ re ſie geweſen, wenn nicht ſein ſanfter Wellen⸗ ſpiegel dem Strome geglichen haͤtte, der zum Waſſerfalle hinab gleitet.— Wie, Luzie! ſprach der Vater, als er nach dem Geſange hinein trat— lehrt Dich dein weiſer Tonkuͤnſtler die Welt verachten, ehe Du ſie kennſt? Das iſt doch wohl ein wenig uͤber⸗ eilt. Oder ſprachſt Du nur, wie's ſchoͤne Maͤd⸗ chen pflegen, die immer des Lebens Freuden verachten muͤſſen, bis es der Gewandtheit eines artigen Ritters gelingt, ſie ihnen aufzu⸗ dringen? Luzie erroͤthete, und wollte aus dem zufaͤl⸗ lig gewaͤhlten Liede keineswegs einen Schluß auf irgend eine eigenthuͤmliche Geſinnung ma⸗ chen laſſen. Sie legte ſogleich ihre Laute weg, als ihr Vater ſie auffoderte, mit ihm in's Freie zu gehen. Laͤngs dem Huͤgel, an deſſen Fuße das Schloß Ravenswood aus einer Schlucht her⸗ vorblickte, zog ſich ein großes ſchattiges Gehaͤ⸗ ge, und ſtieg mit ſchoͤn belaubten Wipfeln den Abhang hinan. Vater und Tochter wandelten Arin in Arm, in einem Gange, von hohen Ulmen uͤberwoͤlbt, wo ſie in weiter Ferne mun⸗ tre Damhirſche herumſchweifen ſahen. Als ſie langſam weiter gingen, die Reize der Natur bewundernd, wofuͤr Aſhton, ungeachtet ſeiner zerſtreuten Lebensweiſe, nicht ohne Sinn war, begegnete ihnen der Forſter, der mit ſeiner Armbruſt am Arme ſich dem Walde nahte. Ein Knabe fuͤhrte den Hund ihm nach. * — — 41¹ Wollt Ihr uns ein Stuͤck Wildbret hohlen, Norman? ſprach Aſhton zu dem gruͤßenden Weidmanne. 3 Ja, das will ich, edler Herr. Habt Ihr Luſt, die Jagd zu ſehn? O nicht doch! erwiederte Aſhton, als er ſeine Tochter angeblickt hatte, die bei dem Ge⸗ danken, ein Reh fallen zu ſehen, erblaßt war⸗ obgleich ſie wahrſcheinlich, wenn ihr Vater dem Jaͤger zu folgen geneigt geweſen waͤre, ihren Widerwillen kaum wuͤrde verrathen haben. Der Jaͤger zuckte die Achſeln. Es macht wohl nicht Luſt und Muth, ſprach er, wenn kein Herr kommt, der Jagd zuzuſehen. Der Herr Oberſt wird wohl bald heim kommen, ſonſt kann ich nur meine Bude zuſchließen. Den Junker Heinrich verderben ſie mit dem lateiniſchen dummen Zeng, aber ſein Wille iſt gut, er waͤre gern vom Morgen bis Abend im Walde. Schade darum, ſie werden keinen Mann aus ihm machen! Ich habe mir ſa⸗ gen laſſen, es war nicht ſo, als Lord Ravens⸗ 4⁹ wood lebte. Sollt' ein Rehbock geſchoſſen wer⸗ den, ei! da lief alles hinaus, Mann und Mut⸗ terſoͤhnchen, und wenn's Reh gefallen war, wurde dem Herrn immer das Jagdmeſſer ge⸗ bracht und er gab nie weniger als einen Tha⸗ ler fuͤr die Hoͤflichkeit. Und da war Edgar Navenswood— Junker von Ravenswood heißt er nun— einen beſſern Weidmann gab's lan⸗ ge nicht. Er legt an, und das Reh faͤllt, man kann drauf wetten. Aber's iſt gar aus bei uns mit dem Weidwerke. Es war in dieſer Rede viel Mißffaͤlliges fuͤr Aſhton's Gefuͤhl, und es konnte ihm nicht entgehen, daß der Jaͤger ſich gar nicht die Muͤ⸗ he nahm, die Verachtung zu verhehlen, die er gegen einen Gebieter empfand, dem der Sinn fuͤr Weidmannsluſt mangelte, welchen man in jenen Zeiten fuͤr ein unumgaͤnglich nothwendiges Erfoderniß eines wahren Edel⸗ mannes hielt. Afh wußte wenigſtens ſo viel, daß der Jaͤger ein wichtiger Mann im laͤndlichen Haushalte war, der ſich viel heraus⸗ 43 nehmen durfte. Er habe heute an andre Dir ge zu denken, als an die Rehijagd, gab er laͤ⸗ chelnd zur Antwort, indem er einen Thaler aus dem Beutel nahm, den er dem Jaͤger zur Aufmunterung ſchenkte. Der Weidmann nahm das Geldſtuͤck mit einem Laͤcheln, worin die Freude uͤber die Gabe mit der Verachtung ge⸗ gen die Unwiſſenheit des Gebers verſchmolz. Ihr ſeid kein guter Zahlmeiſter, edler Herr, ſprach er, Ihr gebt, eh' was gethan iſt. Was wolltet Ihr denn machen, wen⸗ ich den Reh⸗ bock nicht traͤfe?* Nun, erwiederte der Sta smann laͤchelnd: Ihr wuͤrdet wohl ſchwerlich errathen, was ich meine, wenn ich von einer condietio indebiti ſpraͤche. Nein, wahrhaftig nicht! Es wird ſo'ne Juriſtenbrocke ſein. Aber— bittet einen Bett⸗ ler um eine Gabe, und ihr kriegt— Ihr wißt ja was, edler Herr! Doch, ich will's redlich mit Euch machen, und wenn Bogen und Brak⸗ fe nicht fehlen, ſo ſollt Ihr'n Stuͤck Wild 44 haben, mit zwei Finger dick Feiſt auf der Bruſt. Mit dieſen Worten wollte ſich der Jaͤger entfernen, als ſein Herr ihn zuruͤck rief, und, wie zufaͤllig, ihn fragte, ob der Junker von Ravenswood wirklich ſo tapfer und ein ſo gu⸗ ter Schuͤtze ſei, als man von ihm ruͤhme. Tapfer? erwiederte Norman. Ja wohl tapfer, das koͤnnt Ihr mir glauben. Ich war dabei, als wir große Jagd hielten, zur Zeit des alten Heren von Navenswood. Da ſprang ein Bock auf uns los— ein maͤchtiger, alter Kerl— eine Stirne ſo breit als ein Stier. Die Beſtie ſetzte auf den alten Herrn zu, und bald waͤre ein Lord weniger geweſen, aber im Hui war der Junker da, und zerhieb dem Bock die Flechſen mit dem Hirſchfaͤnger. Erſt ſech⸗ zehn war er alt— Gott laß' es ihm wohl ergehn! Und verſteht er ſich ſo gut auf die Flinte als auf den Hirſchfaͤnger? fragte Aſhton. 45 Er trifft Euch dieſen Thaler zwiſchen mei⸗ nem Finger und dem Daumen auf achtzig Schritt. Und was wollt Ihr mehr von Auge, Hand, Pulver und Blei? O gewiß, mehr iſt nicht zu wuͤnſchen, ant, wortete Aſhton. Aber wir halten Euch von der Jagd ab. Lebt wohl, guter Norman. Der Jaͤger ging ſeines Weges, ein Liedchen traͤllernd, bis allmaͤhlig die Toͤne ſeiner rauhen Stimme in der Ferne verhallten. Der Moͤnch muß wohl auf, wenn's zur Mette klingt, Der Abt aber ſchlaͤft beim Gelaͤut'. Der Landmann faͤhrt auf, wenn's Hiefhorn ſingt: 's iſt Zeit, ihr Kinder,'s iſt Zeit! Es huͤpft auf den Huͤgeln dort Boͤcklein und Reh, In Waldesnacht graſſt eine Heerd'; Das milchweiße Reh, das im Garten ich ſehn, Iſt mehr doch als alle noch werth.— Hat denn dieſer Burſche, fragte Afhton, als der Wind des Liedes Toͤne verwehte, je bei den Ravenswood gedient, daß er ſo ſehr an ihnen haͤngt? Du wirſt das ja wohl wiſ⸗ ſen, Luzie; denn Du haͤltſt es fuͤr eine Gewiſ⸗ ſenspflicht, Dich um die Geſchichte jedes Bauers in unſerer Nachbarſchaft zu bekuͤmmern. So ganz genau bin ich doch in dieſen Ge⸗ ſchichten nicht bewandert, lieber Vater. Ich glaube, Norman hat als Knabe hier gedient. Aber wenn Ihr von der alten Familie etwas wiſſen wollt, die alte Alix weiß alles am Beßten. 5 Und was ginge das mich an, Luzie? Was mich ihre Geſchichte, oder ihre Vorzuͤge? Ich weiß es auch nicht, Vater. Aber ich meine nur, weil Ihr Norman nach dem jungen Navenswood fragtet. Pfui, Kind! ſiel der Vater ein, und ſetzte ſchnell hinzu: Wer iſt denn die alte Alix? Du kennſt wohl alle alten Weiber der ganzen Gegend? 3 47 ten ſonſt helfen, wenn ſie in Noͤthen ſind! Die alte Alix iſt die wahre Kaiſerinn der alten Wei⸗ ber, und die Koͤniginn der Schwaͤtzerinnen, wo es gilt, alte Maͤhrchen zu erzaͤhlen. Sie iſt blind, die gute Frau, aber wenn ſie mit Euch ſpricht, ſo muͤßt Ihr glauben, ſie koͤnnte Euch durch und durch ſehen. Ja wahrhaftig, ich be⸗ decke oft das Geſicht mit meinen Haͤnden, oder wende mich weg; es iſt, als ob ſie einen erroͤ⸗ then ſaͤhe, und ſie iſt doch ſchon zwanzig Jahre blind. Es iſt der Muͤhe werth, ſie zu beſuchen, Vater, und waͤr's auch nur, daß Ihr ſagen koͤnn⸗ tet, Ihr haͤttet eine blinde, gelaͤhmte alte Frau geſehen, die ſo viel Scharfſinn hat, und ſo viel Wuͤrde in ihrem Betragen. Ihr koͤnnt's mir glauben, es iſt, als ob man eine Graͤfinn ſaͤhe, ſo ſpricht ſie und ſo benimmt ſie ſich. Kommt, Ihr muͤßt Alix beſuchen, es iſt nicht weit mehr zu ih⸗ rer Huͤtte.. Aber Du haſt mir immer noch keine Antwort auf meine Frage gegeben, liebes Kind. Wer iſt 43 denn die alte Frau? In welcher Verbindung ſtand ſie mit der Familie des ehemaligen Guts⸗ herrn? 3 O ſo etwas von einer Amme, oder Waͤr⸗ terinn wird ſie geweſen ſein. Sie blieb hier, weil ihre beiden Enkel bei Euch dienen. Aber es war gegen ihren Willen, denk' ich; die gute Alte bedauert noch immer, daß hier Alles ſo ganz anders geworden iſt. Ich bin ihr ſehr verbunden, ſprach Aſhton. Sie und die Ihrigen ſind in meinem Brode, und beklagen immerfort, daß ſie nicht mehr un⸗ ter Leuten leben, die weder ſich ſelber, noch ſonſt jemanden etwas Gutes erweiſen konnten. Gewiß, lieber Vater, Ihr thut der alten Alix Unrecht. Sie iſt gar nicht lohnfuͤchtig; ſie naͤhme keinen Pfennig Almoſen an, und koͤnnte ſie ſich damit vom Verhungern retten. Sie ſchwatzt nur gern, wie alle alten Leute, wenn man ſie auf ihre Jugendgeſchichte bringt, und ſie ſpricht gern von den Herren von Ravenswood, weil ſie ſo viele Jahre unter ihnen gelebt hat. 49 Aber ich weiß es, lieber Vater, ſie iſt Euch dank⸗ bar fuͤr euren Schutz und moͤchte ſo gern mit Euch ſprechen, lieber als mit irgend jemand in der ganzen Welt. Kommt, Vater, kommt zur alten Alix! 3 Und mit der Freiheit eines verhaͤtſchelten Kindes zog ſie ihn auf den Weg zur Huͤtte der Alten. 50 III. Luzie mußte die Fuͤhrerinn ihres Vaters ſein, der ſich ſeinen Amtsgeſchaͤften, oder geſellſchaft⸗ lichen Zerſtreuungen zu ſehr widmete, als daß er in ſeinem eigenen ausgedehnten Gutsgebiete einheimiſch geweſen waͤre und uͤberdieß gewoͤhn⸗ lich in der Hauptſtadt lebte. Sie hatte waͤh⸗ rend des ganzen Sommers mit ihrer Mutter auf dem Lande gewohnt, und auf ihren haͤuſi⸗ gen Wanderungen jeden Pfad, jedes Thal, je⸗ de ſchattige Schlucht kennen gelernt. Ihrem Vater war r ſo Manches neu, was er ſah, und er genoß die Reize der anmuthigen Landſchaft doppelt, wenn die holde Tochter, die mit kind⸗ licher Freundlichkeit an ſeinem Arme hing, ihm bald eine Gruppe uralter Eichen zeigte, bald auf einem Pfade, der aus dem Schatten eines 51 Thales anſtieg, zu der uͤberraſchenden Ausſicht auf einem Huͤgel fuͤhrte, an deſſen Fuß ſich ei⸗ ne buſchige Felſenſchlucht hinab zog. Als Beide einige Augenblicke auf der Hoͤ⸗ he verweilt hatten, ſagte Luzie, ſie waͤren nur wenige Schritte von der Huͤtte der Blinden. Ein ſchmaler Pfad fuͤhrte um den Fuß des Huͤgels in ein tiefes dunkles Thal, wo die Huͤtte unter einem maͤchtigen, drohend uͤber⸗ hangenden Felſen lag. Ein Strohdach ſchuͤtzte das ziemlich verfallene Gebaͤude, das von Ra⸗ ſen und Steinen errichtet war. Eine duͤnne Nauchſaͤule erhob ſich uͤber dem Dache und wallte an der uͤberhangenden weißen Felſenwand mah⸗ leriſch empor. In einem kunſtloſen Gaͤrtchen, das einzelne Hohllunderbuͤſche wie eine Hecke umgaben, ſaß unweit einiger Bienenſtoͤcke die blinde Alte. Wie auch das Schickſal ſie geſchlagen ha⸗ ben mochte, wie armſelig auch ihre Wohnung war, man ſah auf den erſten Blick, daß weder Alter noch Armuth, weder Ungluͤck noch Schwaͤche D 2 8½ den Geiſt der merkwuͤrdigen Frau gebeugt hatte. Sie ſaß auf einem Raſenſitze unter einer alten Haͤngebirke von ungewoͤhnlicher Groͤße, wie Ju⸗ da nach dem Geſichte des Propheten unter dem Palmbaume, mit einem Blicke voll Ho⸗ heit und Trauer. Ihre Geſtalt war groß, edel und nur wenig von Alterſchwaͤche gebeugt. Ihr einfach laͤndlicher Anzug zeichnete ſich durch ei⸗ ne auffallende Reinlichkeit aus und war mit einem, unter Frauen ihres Standes eben ſo ungewoͤhnlichen, Sinn fuͤr Nettigkeit und Ge⸗ ſchmack geordnet. Der Ausdruck ihres Geſichts aber war es vorzuͤglich, was dem Fremdlinge bei dem erſten Blicke auffiel, und was die Meiſten bewog, ſie mit einer Achtung und Hoͤflichkeit zu behandeln, die wenig zu ihrer elenden Umgebung paßte, aber von ihr mit ei⸗ ner ſo ruhigen Faſſung aufgenommen wurde, als ob ſie gefuͤhlt haͤtte, es gebuͤhre ihr nicht anders. Sie war einſt ſchoͤn geweſen, nur hat⸗ ten ihre Reize jene kuͤhnen maͤnnlichen Zuͤge gehabt, welche die Bluͤte der Jugend nicht „ 53 uͤberleben, und noch immer ſprach aus ihrem Geſichte kraͤftiger Verſtand, tiefes Nachdenken und ein Stolz, der, wie ihr Anzug, das Be⸗ wußtſein der Ueberlegenheit uͤber ihres Gleichen anzukuͤndigen ſchien. Man moͤchte es kaum fuͤr moͤglich halten, daß ein Geſicht, dem das Licht der Augen fehlte, das Gemuͤth ſo ſtarf auszudruͤcken vermoͤge; aber ihre todten Augen waren faſt ganz geſchloſſen und konnten daher den Ausdruck des Geſichts nicht widrig ſtoͤren. Sie ſaß in ſinnender Stellung, vielleicht durch das Geſumme des geſchaͤftigen B Bienenſchwar⸗ mes in waches Nachdenken gewiegt. Luzie ſchob den Riegel des Gaͤrtchens weg, und weckte die Alte mit den Worten: Mein Vater will Euch beſuchen, Alix. Er iſt wiltennen, Auzulan Aſhton, und Ihr auch, ſprach die Alte, das Haupt gegen die Fremden neigend. Ein ſchoͤner Morgen fuͤr eure Bienen, Mutter! ſprach Luziens Vater, den das Aeuſ⸗ ſere der alten Alix ſo ſehr uͤberraſchte, daß er 54 neugierig war, ob ihre unterhaltung einer ſo vortheilhaften Ankuͤndigung entſpraͤche. Ich glaub' es, edler Herr, erwiederte ſie. Ich fuͤhl' es wohl, die onft weht milder als neulich. Ihr beſorget doch nicht ſelber dieſe Bie⸗ nen, Mutter? fuhr Aſhton fort. Wie koͤnnt Ihr ſie in Ordnung halten? Durch Abgeordnete, wie Koͤnige ihre Un⸗ terthanen, und ich habe einen guten Miniſter. Heda, Baͤrbchen! Sie pfiff auf einem ſilbernen Pfeifchen, das an ihrem Halſe hing, und Baͤrbchen, ein fuͤnfzehnjaͤhriges Maͤdchen, kam aus der Huͤtte, freilich nicht ſo reinlich, als ſie wohl geweſen ſein wuͤrde, wenn das Auge ihrer Gebieterinn ſie haͤtte beobachten koͤnnen, aber doch weit niedlicher, als ſich erwarten ließ. Baͤrbchen, ſprach die Alte: bringe dem gnaͤ⸗ digen Herrn und dem Fraͤulein Brod und Ho⸗ nig. Biſt du nur reinlich und ſchnell, ſo wer⸗ 65 den ſie's entſchuldigen, wenn du dich linkiſch zeigſt. Das Maͤdchen ferfuͤllte die Befehle ihrer Gebieterinn, aber waͤhrend ſich ihre Beine vor⸗ waͤrts bewegten, drehte ſie den Kopf hin und her, den gnaͤdigen Herrn anſtaunend, von wel⸗ chem ſeine Gutshoͤrigen mehr zu hoͤren als ſehen gewohnt waren. Sie uͤberreichte Brod und Honig auf einem Wegerichblatte und freundlich dankend nahmen die Fremden die Bewirthung an. Aſhton ſaß noch auf dem Stamme eines gefallenen Baumes, wo er ſich niedergelaſſen hatte, und ſchien die Unterre⸗ dung gern fortſetzen zu wollen, aber um einen paſſenden Stoff verlegen zu ſein. Wohnt Ihr ſchon lange auf dieſem Gute? hob er endlich an. Es ſind nun bald ſechzig Jahre, als ich nach Navenswood kam, erwiederte die Blinde, welche in der Unterredung bei aller Hoͤflichkeit und Ehrerbietung ſich vorſichtig nur auf un⸗ ſ 56 vermeidliche und durchaus noͤthige, Antworten zu beſchraͤnken ſchien. Nach eurer Ausſprache ſeid Ihr nicht hier zu Lande geboren, fuhr Afhton fort. Nein, ich bin eine Englaͤnderinn von Geburt. Aber Ihr ſcheint das Land zu lieben, als ob's eure Heimath waͤre. Hier, antwortete die Blinde, hab' ich den Freudenkelch und den Leidenskelch getrunken, die Gott mir beſtimmt hatte— hier war ich das Weib eines redlichen, liebevyllen Mannes uͤber zwanzig Jahre lang— hier war ich die Mutter von ſechs vielverſprechenden Kindern— hier nahm mir Gott alle dieſe Segnungen— hier ſtarben ſie und dort in der verfallenen Kapelle liegen ſie alle begraben. Ich hatte kei⸗ ne Heimath, als ihre, ſo lange ſie lebten, ich habe keine als ihre, jetzt da ſie nicht mehr ſind. Aber euer Haus iſt elend verfallen, hob Aſhton wieder an. —Q-— 67 Lieber Vater, ſprach Luzie, lebhaft, aber verſchaͤmt den Wink auffaſſend: laßt es doch ausbeſſern— ich meine, wenn Ihr's fuͤr ſchick⸗ lich haltet. Es wird ſchon aushalten, ſo lange ich le⸗ be, mein liebes Fraͤulein, antwortete Alix. Ich moͤchte nicht, daß euer Herr Vater ſich meinet⸗ wegen die mindeſte Muͤhe machte. Aber Ihr hattet einſt ein weit beſſeres Haus, ſprach Luzie, und waret reich, und nun muͤßt Ihr in euren alten Tagen in dieſer ſchlechten Huͤtte leben. Sie iſt ſo gut als ich ſie verdiene, Fraͤu⸗ lein Luzie. Wenn mein Herz hat ertragen koͤnnen, was ich gelitten habe, und Andre habe leiden ſehen, ſo muß es wohl ſtark geweſen ſein, und mas von dieſem alten Koͤrper noch uͤbrig iſt, darf ſich nicht ſchwaͤcher nennen. Ihr habt wohl manche Veraͤnderungen er⸗ lebt, fuhr Aſhton fort: aber eure Erfahrung zwird Euch gelehrt haben, ſie zu elwarten. 58 Sie hat mich gelehrt ſie zu ertragen, gnaͤ⸗ diger Herr. Aber Ihr wußtet doch, daß es mit der Zeit ſo kommen mußte, ſprach Afhton. Ja, ſo gut als ich wußte, daß der Stamm, auf oder neben welchem Ihr ſitzet, einſt ein ſchlanker, hoher Baum, eines Tages verdorren oder durch die Axt fallen mußte, aber ich hoff⸗ te, meine Augen ſollten den Fall des Baumes nicht ſehen, der meine Huͤtte beſchattete. Glaubet ja nicht, erwiederte Luziens Va⸗ ter: daß ihr mein Wohlwollen verlieren werdet, weil Ihr mit Bedauren auf die Tage zuruͤck⸗ blickt, wo eine andre Familie dieſes Gut be⸗ ſaß. Ihr hattet ohne Zweifel Urſache, ſie zu lieben und ich achte eure Dankbarkeit. Ich werde eure Wohnung ein wenig ausbeſſern laſ⸗ len, und ich hoffe, wir werden mit der Zeit Freunde werden, wenn wir einander erſt beſſer kennen.. In meinem Alter macht man keine neuen Freundſchaften, antwortete Alix. Ich dank * S W 59 Euch fuͤr eure Guͤte; ſie iſt ohne Zweifel wohl gemeint; aber ich habe alles was ich brauche, und kann nichts mehr von eurer Hand an⸗ nehmen. Nun, ſo laßt mich wenigſtens ſagen, daß ich Euch fuͤr eine Frau halte, die mehr Ver⸗ ſtand und Bildung hat, als euer Aeuſſeres an⸗ kuͤndigt, und ich hoffe, Ihr werdet, ſo lange Ihr lebet, zinsfrei auf meinem Gute wohnen wollen. Das hoff ich wohl, erwiederte die Alte ge⸗ laſſen. Ich glaube, das war eine von den Be⸗ dingungen, die Ihr bei dem Ankaufe von Ra⸗ venswood eingegangen ſeid, aber ein ſo unbe⸗ deutender Umſtand kann eurem Gedaͤchtniß entfallen ſein. Ich beſinne— ja ich erinnere mich, ſprach Afhton, ein wenig verlegen. Ich merke wohl, Ihr hangt zu ſehr an euren alten Freunden, als daß Ihr eine Wohlthat von ihrem Nach⸗ folger annehmen moͤhtet. —— 60 Das ſei fern, gnaͤdiger Herr. Nein, ich bin dankbar fuͤr die Wohlthaten, die ich ab⸗ lehne, und ich wuͤnſche, ich koͤnnte Euch fuͤr euer guͤtiges Anerbieten durch etwas Beſſeres danken, als dasjenige iſt, was ich Euch ſagen will. Aſhton ſah ſie verwundert an, ohne ein Wort zu ſagen. Gnaͤdiger Herr, hob die Blinde wieder an, mit nachdruͤcklichem, feierlichen Tone: ſehet Euch wohl vor, was Iyr thut, Ihr ſteht am Rande eines Abgrundes. Was ſagt Ihr? erwiederte Afhton, der an die ſchwankende Lage des Landes dachte. Waͤre etwas zu eurer Kenntniß gekommen— ein gefaͤhrlicher Anſchlag— eine Verſchwoͤrung? Nein, gnaͤdiger Herr, wer mit ſolchen Din⸗ gen Verkehr hat, ruft nicht die Alten, Blin⸗ den und Schwachen zu ſeinem Rathe. Meine Warnung iſt von anderer Art. Ihr habt's mit dem Hauſe Ravenswood aufs Aeußerſte ge⸗ trieben. Glaubt mir, es iſt ein wildes Ge⸗ 62 ſchlecht, und es bringt Gefahr, wenn man Menſchen zur Verzweiflung treibt. Still! antwortete Afhton: was zwiſchen uns vorgegangen iſt, war Werk des Geſetzes, nicht das meinige; und mit dem Geſetze ha⸗ ben ſie's zu thun, wenn ſie mein Verfahren anfechten wollen. Ja, aber ſie koͤnnten's anders machen, und das Geſetz ſelbſt in die Hand nehmen, wenn andre Mittel fehl ſchlagen, zu ihrem Recht zu kommen. Was wollt Ihr ſagen? hob Aſhton wieder an. Sollte der junge Ravenswood zu Gewalt⸗ thaͤtigkeiten ſchreiten wollen? Gott verhuͤt' es, daß ich ſo ſpreche! Ich weiß nichts von dem Juͤnglinge, als was ehr⸗ bar und aufrichtig iſt— ehrbar und aufrichtig ſagt' ich?— ja, offenherzig, großmuͤthig, edel ſollt' ich ſagen. Aber er iſt ein Ravenswood und kann— auf ſeine Zeit warten.. Denkt an Lock hart's*) Schickſal! *) Prälident des Gerichtshofes zu Edinburah, den — 62 Afhton fuhr beſuͤrzt zuruͤck bei der Erinne⸗ rung an die Ermordung eines Staatsbeamten, den er perſoͤnlich gekannt hatte. Der Mann, der jene That veruͤbte, fuhr die Alte fort: war ein Verwandter des Hauſes Ravenswood. Ich war zugegen mit vielen An⸗ dern, als er im Saale des Schloſſes Ravens⸗ wood laut ſeinen Entſchluß ausſprach, die blu⸗ tige That zu begehen. Ich konnte nicht dazu ſchweigen, ſo wenig ſich's fuͤr meinen Stand ziemte. Ihr ſinnet auf ein ſchreckliches Ver⸗ brechen, ſprach ich, und muͤßt Rechenſchaft dar⸗ aͤber geben vor Gottes Richterſtuhle. Nie ver⸗ John Chisley, der durch einen ungerechten Nichter⸗ ſpruch gelitien zu haben giaubte, im Jahre 1689 auf offener Straße zu Edinburgb erſchoß. Der Mörder hatte anfangs während des Gottesdienſtes den Betenden tödten wollen, aber die Scheu, das Heiligthum zu verletzen, hielt ihn ad, und er lauer⸗ te dem Unglücklichen auf, der eben aus der Kirche kam. Chisley machte keinen Verſuch zu entfliehen, ſondern rühmte ſich ſeiner That mit den Worten: Ich habe den Präſidenten Recht ſprechen gelehrt. Er büßte auf dem Richtplatze. — 63 geſſe ich, den Blick, womit er mir antwortete: Muß ich denn fuͤr viele Dinge Rechenſchaft ge⸗ ben, ſo thu' ich's auch fuͤr dieß. Darum ſag' ich Euch, fuhr Alix fort: treibet einen Mann, der in Verzweiflung iſt, nicht zu weit mit der Hand der Gewalt. Das Blut jenes Moͤrders fließt in Ravenswood's Adern, und ein Tro⸗ pfen davon waͤre genug ihn anzufeuern in der Lage, worin er jetzt iſt. Ich ſag' Euch, huͤtet Euch vor ihm! Die Alte hatte, ſei's abſichtlich oder zu⸗ faͤllig, Aſhton's Furcht nicht wenig aufgeregt. Meuchelmord, in den Tagen der Vorzeit ſo ge⸗ woͤhnlich unter Schottlands Adel, war ſelbſt in jenen Zeiten oft die letzte Regung wilder Verzweiflung geweſen, wo eine ungewoͤhnliche Verſuchung reizte, oder des Thaͤters Gemuͤth zu ſolchem Verbrechen vorbereitet war. Afhton konnte ſich nicht verhehlen, daß der junge Ra⸗ venswood Kraͤnkungen erlitten hatte, die ihn wohl zur Rache reizen konnren. Er ſuchte der Alten zu verbergen, welche Beſorgniſſe in ihm 8 6 ½ erwacht waren, aber es gelang ihm ſo wenig, daß ſie auch ohne den Scharfſinn, womit die Natur ſie begabt hatte, leicht errathen haben wuͤrde, was ihn bekuͤmmerte. Seine Stimme war auffallend geaͤndert, als er ihr ſagte, der Junker von Ravenswood ſei ein Mann von Ehre, und wenn es nicht waͤre, ſo wuͤrde das Schickſal des Moͤrders, woran ſie ihn erinnerte, fuͤr jeden, der ſich vermeſſen wolle, eingebildetes Unrecht ſelbſt zu raͤchen, eine hinlaͤngliche War⸗ nung ſein. Als er dieß haſtig geſagt hatte, ſtand er auf und entfernte ſich, ohne eine Ant⸗ wort abzuwarten. 65 IV.. In tiefes Schweigen verſunken, ging Aſhton lange an ſeiner Tochter Seite. Die ſchuͤchter⸗ ne Luzie, nach den Begriffen von kindlicher Ehrfurcht erzogen, die man zu jener Zeit der Jugend einfloͤßte, wagte es nicht, den ſinnen⸗ den Vater zu ſtoͤren. Warum ſiehſt Du ſo blaß aus, Luzie? fragte er endlich, ſich ploͤtzlich zu ihr um⸗ wendend. Nach der Sitte der Zeit, die jungen Maͤd⸗ chen nicht erlaubte, ihre Meinung uͤber irgend einen wichtigen Gegenſtand zu aͤuſſern, wenn ſie nicht ausdruͤcklich dazu aufgefodert wurden, mußte Luzie ſich ſtellen, als ob ſie nicht ver⸗ ſtanden haͤtte, was zwiſchen ihrem Vater und Aliy vorgegangen war. Sie ſchrieb ihre unru⸗ hige Bewegung, die ihr Vater bemerkt hatte, E 66 der Furcht vor dem wilden Rindvieh zu, das hier im weit gedebnten Gehaͤge weidete; Ueber⸗ reſte jener Heerden, welche einſt frei in den ſchottiſchen Forſten umher ſchweiften. Zu je⸗ ner Zeit und ſpaͤter noch, gehoͤrte es zum Prunke der Edelleute, in ihren Luſtwaͤldern ei⸗ nige Abkoͤmmlinge des wilden Urſtammes zu haͤgen, die zwar ziemlich entartet waren, aber doch nicht leicht gezaͤhmt werden konnten und dem Unvorſichtigen nicht ſelten gefaͤhrlich wur⸗ den. An den Anblick dieſer Bewohner des Luſt⸗ waldes gewoͤhnt, war Luzie freilich nicht ſo aͤngſtlich, als ſie ſcheinen wollte; aber ſte er⸗ hielt nur zu bald Grund zu wirklicher Be⸗ ſorgniß. Kaum hatte ſie ihrem Vater geant⸗ wortet, und er wollte eben ihre vorgebliche Furchtſamkeit ſchelten, als ein Stier, den viel⸗ leicht des Fraͤuleins Scharlachmantel reizte, ſich ploͤtzlich aus der kleinen Heerde losriß, die am Ende einer grasreichen Bloͤße weidete. Das Thier naͤherte ſich anfangs nur langſam den 67 fremden Geſtalten, die ſeinen Weideplatz ſtoͤr⸗ ten, ſtampfte den Boden, bruͤllte laut und wüͤhlte den Sand mit den Hoͤrnern auf, als haͤtte es ſich in Wuth bringen wollen. Aſhton ahnete Gefahr, und den Arm ſei⸗ ner Tochter faſſend, ging er ſchneller voran, in der Hoffnung, dem Stiere aus dem Ge⸗ ſichte zu kommen. Dieſe Unvorſichtigkeit ver⸗ groͤßerte nur die Gefahr. Die anſcheinende Flucht machte das Thier dreiſter und es ver⸗ folgte die Enteilenden mit wuͤthender Schnel⸗ ligkeit. Bei einer ſo drohenden Gefahr wuͤrde ſelbſt ein muthigerer Mann, als Luziens Va⸗ ter war, gezittert haben. Die vaͤterliche Liebe, ſtaͤrker als der Tod, gab ihm neue Kraft. Er unterſtuͤtzte das bebende Maͤdchen, und zog ſie fort, bis ſie, der Furcht erliegend, an ſeiner Seite niederſank. Als er nun nicht laͤnger durch die Flucht ſie zu retten vermochte, ſtellte er ſich zwiſchen ſie und das wuͤthend anſtuͤr⸗ mende Thier, deſſen Wildheit durch die ſchnelle Verfolgung erhoͤht wurde. Es war nur noch E 2 68 wenige Schritte entfernt, und Afhton hatte keine Waffen. In dieſem furchtbaren Augenblicke, wo Va⸗ ter oder Tochter, oder Beide zugleich, der un⸗ vermeidlichen Gefahr erliegen zu muͤſſen ſchie⸗ nen, hemmte ploͤtzlich ein Schuß aus dem na⸗ hen Dickig den Fortſchritt des wuͤthenden Stie⸗ res. Der unſichtbare Schuͤtze hatte ſo gut ge⸗ troffen, daß die Wunde ſchnell toͤdtlich war. Das Thier ſtolperte mit graͤßlichem Bruͤllen und ſtuͤrzte ein Paar Schritte von Aſhton auf den Rafen nieder, wo es leblos in ſeinem Blute liegen blieb. Luzie war ohnmaͤchtig niedergeſunken, ehe ſie die wunderbare Rettung geſehen hatte. Ihr Vater war faſt nicht weniger betaͤubt, ſo ſchnell und unerwartet war der Uebergang von unver⸗ meidlich ſcheinendem, ſchrecklichen Tode zu voll⸗ kommener Sicherheit geweſen. Mit einer ſtum⸗ men Beſtuͤrzung, worin er ſich kaum deutlich erinnern konnte, was geſchehen war, ſtarrte er das Thier an, das noch im Tode furchtbar er⸗ 69 ſchien, und er hatte ſo ganz ſeine Beſinnung verloren, daß er leicht geglaubt haben wuͤrde, ein Blitzſtrahl habe den Stier niedergeſtreckt, haͤtte er nicht zwiſchen den Zweigen des Dickigs eine maͤnnliche Geſtalt mit einem kurzen Ge⸗ wehre in der Hand geſehen. Dieſe Entdeckung erinnerte ihn ſogleich an ſeine Lage, und ein Blick auf ſeine Tochter ſagte ihm, daß ſie Beiſtand brauchte. Er rief den Mann herbei, den er fuͤr einen ſeiner Jaͤ⸗ ger hielt, und trug ihm auf, bei dem Fraͤulein zu bleiben, waͤhrend er ſelber Hilfe hohlen wollte. Der Weidmann naͤherte ſich, und Afh⸗ ton ſah einen Fremden, war aber zu lebhaft bewegt, als daß er weitere Beobachtungen haͤtte machen koͤnnen. Mit wenigen eiligen Worten gab er dem Schuͤtzen, der fuͤnger und ſtaͤrker als er war, die Weiſung, das Fraͤulein zu ei⸗ ner nahen Quelle zu bringen, und eilte zu der Huͤtte der alten Alix zuruͤck. Der Mann, deſſen gluͤcklicher Erſcheinung Beide ſo viel verdankten, ſchien ſein gutes 70 Werk nicht halb vollenden tu wollen. Er nahm diẽ Ohnmaͤchtige in ſeine Arme und trug ſie durch den Wald auf Pfaden, die er ſehr gut zu kennen ſchien, bis er ſie endlich unweit ei⸗ ner reichen, klaren Quelle niederlegte, welche von einem gothiſchen Gebaͤude bedeckt geweſen war. Das ſchuͤtzende Gewoͤlbe war nun nie⸗ dergeſtuͤrzt, und der Born, der uͤppig aus der Erde hervorſprudelte, ſuchte ſeinen Weg durch zertruͤmmertes Bildwerk und moosbewachſene Steine, die in wilder Unordnung umher lagen. G Die Sage, die in Schottland ſo gern jeder anziehenden Stelle durch ein ſinniges Maͤhr⸗ chen hoͤhere Reize zu geben ſucht, hatte die Ver⸗ ehrung, welche dieſem Borne geweiht war, auf eine Wundetgeſchichte gegruͤndet. Ein ſchoͤnes Fraͤulein, erzaͤhlte ſie, begegnete hier dem Rit⸗ terr Naimund von Ravenswood, als er dem Wild in's Walddunkel gefolgt war, und ge⸗ wann die Liebe des jungen Weidmannes. Oft ſahen ſich nun die beiden Liebenden hier, aber 71 immer nur bei Sonnenuntergang. Den Sieg, den des Fraͤuleins Schoͤnheit gewonnen, voll⸗ endete die Anmuth ihres Geiſtes, und das Geheimniß gab dem zaͤrtlichen Buͤndniſſe neuen Reiz. Sie erſchien und verſchwand immer nahe bei der Quelle, und lihr Lieb⸗ ſter ſchloß daraus, ſie muͤſſe mit dem Bor⸗ ne in geheimnißvoller Verhindung ſtehen. Auch die Bedingungen, wodurch ſie den Umgang mit dem Ritter einſchraͤnkte, ließen Geheimniſſe ahnen. Nur einmal in der Woche ſahen ſich Beide; Freitag war der beſtimmte Tag, und das Fraͤulein ſagte ihrem Freunde, ſie muͤßten ſich trennen, ſobald die Glocke des Kirchleins, das zu einer Klauſe im nahen Walde gehoͤrte, zur Veſper laͤute. Der Ritter beichtete dem frommen Kloſterbrnder, der hier wohnte, und entdeckte ihm das Geheimniß ſeiner Liebe. Es wurde dem Moͤnch alsbald offenbar, daß ſein Goͤnner in des Teufels Netzen ſei, und in Gefahr an Leib und Seele zu verderben. Er ſchilderte dem Ritter dieſe Gefahren mit aller Kraft ſeiner Beredſamkeit, und nach dem furcht⸗ baren Gemaͤhlde, das er ihm vorhielt, hatte ein Bewohner des Reiches der Finſterniß die ſchoͤne Huͤlle der Nixe des Waldbornes geborgt, ihn zu verfuͤhren. Der Ritter hoͤrte dem Moͤn⸗ che mit hartnaͤckiger Unglaͤubigkeit zu, bis ihn endlich das unablaͤſſige Zureden des frommen Mannes bewog, ſeine Geliebte auf die Probe zu ſtellen. Er willigte in den Vorſchlag des Moͤnches, der bei der naͤchſten Zuſammenkunft die Veſperglocke eine halbe Stunde ſpaͤter als gewoͤhnlich laͤuten wollte, und dabei ſtandhaft behauptete, wenn man den Geiſt verleitet ha⸗ be, uͤber die beſtimmte Zeit zu bleiben, werde er ſeine wahre Geſtalt annehmen, und dem erſchrockenen Ritter als hoͤlliſcher Feind erſchei⸗ nend, in Schwefelflammen verſchwinden. Rit⸗ ter Raimund ließ es bei der Verabredung, nicht unbekuͤmmert uͤber den Erfolg, aber voll Zuverſicht, die Erwartung des Waldbruders vereitelt zu ſehen. Zur beſtimmten Stunde ſahen ſich die Liebenden, und ihre Zuſammen⸗ 73 kunft wurde durch den zoͤgernden Moͤnch weit uͤber die gewoͤhnliche Zeit verlaͤngert. Die Ge⸗ ſtalt des wunderbaren Fraͤuleins blieb unver⸗ wandelt; als aber die laͤngeren Schatten ihr verriethen, daß die Zeit der Veſperglocke ver⸗ ſtrichen war, riß ſie ſich mit einem Schrei der Verzweiflung aus ihres Liebſten Armen, ſagte ihm ewiges Lebewohl, und in den Born ſich ſtuͤrzend, verſchwand ſie vor ſeinen Augen. Die Waſſerblaſen, die nach ihrem Sturze aufwall⸗ ten, waren mit Blute gefaͤrbt, und der erſchrok⸗ kene Ritter ahnete, daß ſeine unbeſonnene Neugier den Tod des lieben geheimnißvollen Weſens herbeigefuͤhrt hatte. Die Pein des in⸗ nern Vorwurfes und die Erinnerung an die Neize der Geliebten, waren die Qual ſeines Lebens, bis er nicht lange nachher ſeinen Tod auf dem Schlachtfelde fand. Vorher aber hatte er, zum Andenken ſeiner Geliebten, den Born, worin ſie zu wohnen ſchien, mit einem Gebaͤu⸗ de geziert und durch ein kleines Gewoͤlbe die Quelle vor Entweihung geſchuͤtzt. Von dieſer 74 Zeit an ſollte das Haus Ravenswood in Ver⸗ fall gekommen ſein. So lautete die Sage, worin diejenigen, die ſich weiſer duͤnkten, als das Volk, eine Anſpielung auf das Schickſal eines ſchoͤnen Landmaͤdchens fanden, das jener Ritter, in ei⸗ nem Anfalle von Eiferſucht, an dem Borne er⸗ ſchlagen haben ſollte. Andre ſuchten den Ur⸗ ſprung des Maͤhrchens in der alten Heidenzeit; aber es war allgemeiner Glaube, daß dieſe Stelle verhaͤngnißvoll fuͤr das Haus Ravens⸗ wood ſei, und von dem Waſſer der Quelle zu trinken, oder auch nur dem Rande des Bor⸗ nes nahe zu treten, jedem Abkoͤmmlinge des alten Geſchlechtes ein Ungluͤck vorbedeute. Auf dieſer unſeligen Stelle erwachte Luzie aus langer Ohnmacht. Schoͤn und bleich, wie jenes Wunderfraͤulein in dem Schmerze der Trennung von ihrem Geliebten, ſaß ſie da, an ein Truͤmmerſtuͤck der Borneinfaſſung ſich leh⸗ nend, waͤhrend ihr Mantel, von dem Waſ⸗ ſer triefend, womit ihr Beſchuͤtzer ſie wieder —n erweckt hatte, ſich veſt an die ſchlanke, ſchoͤne Geſtalt ſchmiegte. Im erſten Augenblicke der Beſinnung er⸗ innerte ſie ſich an die Gefahr, welche ſie des Bewußtſeins beraubt hatte, im naͤchſten dachte ſie an die Gefahr ihres Vaters. Sie ſah ſich um, ſie fand ihn nirgend. Mein Vater— mein Vater! war alles, was ſie auszuſprechen vermochte. Er iſt in Sicherheit, erwiederte der Frem⸗ de, voͤllig in Sicherheit, und wird ſogleich bei Euch ſein. Wißt Ihr das gewiß? rief Luzie. Der Stier war uns ſo nahe... Haltet mich nicht auf— ich muß meinen Vater ſuchen. Sie ſtand auf, aber ihre Kraͤfte waren ſo erſchoͤpft, daß ſie nicht im Stande war, ihren Vorſatz auszufuͤhren, und ſie waͤre beinahe auf den Stein gefallen, an welchen ſie ſich gelehnt hatte. Der Fremde war ihr nahe, und ohne ſie einem wahrſcheinlich gefaͤhrlichen Falle aus⸗ zuſetzen, konnte er nicht vermeiden, ſie mit ſei⸗ 276 nen Armen aufzufangen, aber indem er es that, ſchien er einen Widerwillen zu bekaͤmpfen, wel⸗ cher bei einem Juͤnglinge, der ein ſchoͤnes Maͤdchen vor Gefahr ſchuͤtzt, allerdings nicht wenig auffallen mußte. Die ſchoͤne Buͤrde ſchien, ſo leicht ſie war, fuͤr den jungen, kraͤf⸗ tigen Beſchuͤtzer zu ſchwer zu ſein; denn ohne die Verſuchung zu fuͤhlen, ſie nur einen Au⸗ genblick in ſeinen Armen zu halten, ſetzte er ſie auf den Stein nieder, wovon ſie ſich erho⸗ ben hatte, und trat einige Schritte zuruͤck. Sir William Afhton, wiederholte er ſchnell, iſt voͤlig in Sicherheit, und wird ſogleich hier ſein. Seid ganz unbekuͤmmert um ihn.— Das Schickſal hat ihn wunderbar geſchuͤtzt.— Ihr ſeid erſchoͤpft, Fraͤulein, und duͤrfet nicht daran denken, euren Platz zu verlaſſen, ehe Ihr einen ſchicklichern Beiſtand habt, als der Meinige iſt. Luzie, die ſich nun voͤllig erhohlt hatte, warf einen aufmerkſameren Blick auf den Frem⸗ den. Sie fand nichts in ſeinem Aeuſſern, das en emen 77 ihn haͤtte abgeneigt machen koͤnnen, einem Maͤdchen, dem Beiſtand Beduͤrfniß war, ſei⸗ nen Arm zur Unterſtuͤtzung anzubieten, nichts das ſie haͤtte bewegen moͤgen, ſeinen Beiſtand abzulehnen, und ſie konnte ſich ſelbſt in jenem Augenblicke des Gedankens nicht erwehren, er ſcheine kalt zu ſein und nicht gern ſeine Hilfe leiſten zu wollen. Ein dunkelgruͤnes Jagdkleid blickte aus einem weiten ſchwarzbrau⸗ nen Mantel hervor. Eine Reiſemuͤtze mit einer herab wallenden ſchwarzen Feder verdeckte zum Theil das Geſicht, deſſen Zuͤge, ſo viel man ſehen konnte, ſinſter, regelmaͤßig und voll Ho⸗ heit, aber nicht ohne muͤrriſchen Ausdruck wa⸗ ren. Geheimer Gram, oder dumpfes Bruͤten uͤber einer ſinſtern Leidenſchaft, hatte die mun⸗ tre, offene Lebhaftigkeit der Jugend in dieſem Geſichte gedaͤmpft, das ſo ganz gemacht war, ſie auszudruͤcken, und man konnte den Frem⸗ den nicht leicht anſehen, ohne eine geheime Regung von Mitleid oder Furcht, oder doch von Zweifel und Neugier, die mit beiden ver⸗ wandt waren. Dieſen Eindruck fuͤhlte Luzie ſchnell bei dem erſten Blicke, und kaum hatte des Frem⸗ den ſcharfes, ſchwarzes Auge ſie getroffen, als ſie ihren Blick ſchuͤchtern ſenkte, mit einer Empfindung, worin Verlegenheit und Furcht verſchmolten. Aber es war nothwendig, etwas zu ſagen, wenigſtens glaubte ſie's, und mit unſicherer Stimme ſprach ſie von ihrer wun⸗ derbaren Rettung, wobei der Fremde, nach des Himmels Fuͤgung, ihres Vaters und ihr Be⸗ ſchüͤtzer geweſen ſein muͤſſe. Er ſchien vor dem Ausdrucke ihrer Dank⸗ barkeit zuruͤck zu fahren. Fraͤulein, ſprach er kurz abbrechend, und ein faſt ernſter Ton machte die tiefe wohllautvolle Stimme kraͤftig, aber nicht rauh: ich uͤberlaſſe Euch dem Schu⸗ tze derjenigen, welchen Ihr heute leicht ein Schutzengel geworden ſein koͤnntet. 3 Luzie war beſtuͤrzt uͤber den Doppelſinn dieſer Worte, und im Gefuͤhle kunſtloſer, auf⸗ 79 richtiger Dankbarkeit wolle ſie den Gedanken abwehren, als habe ſie die Abſicht gehabt, ihren Befreier zu beleidigen. Es iſt mir nicht gelungen, ſprach ſie: mei⸗ nen Dank gut auszuſpenden. Ja gewiß, es muß ſo ſein, wenn ich mich auch nicht beſin⸗ nen kann, was ich geſagt habe. Bleibt doch⸗ bis mein Vater— der Groß⸗Siegelbewahrer kommt, und wenn Ihr ihm auch nur erlauben wolltet, Euch ſſeinen Dank zu bringen und nach eurem Nahmen zu fragen. Mein Nahme iſt unnoͤthig, antwortete der Fremde. Euer Vater— Sir William Aſhton wollt' ich lieber ſagen— wird ihn fuͤr das Vergnuͤgen, das er dabei fuͤhlen moͤchte, wohl fruh genug erfahren. Ihr verkennt ihn, ſprach Luzie ernſthaft: er wird um meinetwillen dankbar ſein und auch um ſeinetwillen. Nein, Ihr kennt meinen Va⸗ ter nicht.— Oder taͤuſcht Ihr mich mit der Verſicherung, daß er gerettet ſei, und iſt er 30 ſcon ein Obfer des wuͤthenden Thieres ge⸗ worden? Als ſie dieſen Gedanken ergriffen hatten ſprang ſie auf, und wollte in den Waldgang ei⸗ len, wo der ihr begegnet war. D Fremde ſchien zu ſe 3 langen ihr hen, und dem Wunſche, ſie zu verlaſſen, aber Menſchlichkeit gebot ihm, ſich ihrem Beginnen durch Bitten und ſelbſt durch thaͤtigen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Auf das Wort eines Edelmannes, ſprach er: ich ſag' Euch die Wahrheit, Fraͤulein; euer Vater iſt ganz ſicher. Ihr werdet Euch in Ge⸗ fahr bringen, wenn Ihr es wagt, auf den Wei⸗ deplatz der Heerde zuruͤck zu kehren. Wollet Ihr aber gehen— ſetzte er hinzu, als Luzie, bei dem Gedanken, daß ihrem Vater noch immer Gefahr drohe, ſich nicht aufhalten ließ— wollt Ihr wiſchen dem Ver⸗ durchaus gehen, ſo nehmt meinen Arm an, wenn ich vielleicht auch nicht der Mann bin, der Euch am ſchicklichtten ſeinen Beiſtand anbieten kann. 8¹ Luzie achtete dieſen Wink nicht, und nahm ihn beim Worte. O, ihr ſeid ein Mann— ſprach ſie: Ihr ſeid ein Edelmann, darum helft mir meinen Vater ſuchen. Ihr ſollt mich nicht verlaſſen— Ihr muͤßt mit mir ge⸗ hen. Vielleicht ſtirbt er, waͤhrend wir hier plaudern. Ohne auf die Entſchuldigung des Frem⸗ den zu hoͤren, faßte ſte ſeinen Arm; aber ſie fuͤhlte nichts, als daß er ihr die Unterſtuͤtzung gab, welche ſie brauchte, um weiter zu kommen, und es war nur eine dunkle Regung in ihrer Seele, daß ſie ihn hindern wollte, ihr zu ent⸗ fliehen. So zog ſie ihn faſt vorwaͤrts, als ihr Vater erſchien, begleitet von der blinden Alix, und von zwei Holzhauern, die er im Walde von der Arbeit gerufen hatte, ihm beizuſte⸗ hen. Er war ſo erfreut bei dem Anblicke des geretteten Kindes, daß die Ueberraſchung nicht gufkommen konnte, die er zu andrer Zeit wohl gefuͤhlt haben wuͤrde, wenn er ſeine Tochter 8 82 ſo vertraulich am Arme eines Fremden erblickt haͤtte. Luzie— liebe Luzie! biſt du wohl? wa⸗ ren die einzigen Worte, die er auszuſprechen vermochte, als er ſie entzuͤckt umarmte. 8 Ich bin wohl, lieber Vater— t ſei Dank! und noch mehr, daß Ihr wohl ſeid. Aber was wird dieſer Herr— fuhr ſie fort, des fremden Arm loslaſſend und ſcheu zuruͤck⸗ tretend— was wird er von mir denken! Die beredte Glut, die ihr Geſicht uͤber⸗ ſtroͤmte, verrieth noch mehr, wie beſchaͤmt ſie uͤber die Dreiſtigkeit war, womit ſie ſeinen Beiſtand erbeten, ja erzwungen hatte. Dieſer Herr, ſiel ihr Vater ein, wird hof⸗ fentlich die Muͤhe nicht bereuen, die wir ihm gemacht haben, wenn ich ihm die Dankbarkeit des Groß⸗Siegelbewahrers zuſichere, fuͤr den groͤßten Dienſt, den je ein Menſch dem An⸗ dern leiſten kann,— fuͤr das Leben meines Kindes— fuͤr mein Leben— fuͤr die Ret⸗ — 3⁵ tung, die wir ſeiner Entſchloſſenheit und Geiſtesgegenwart verdanken. Er wird mir ge⸗ wiß erlauben, ihn zu erſuchen— Erſucht mich um nichts, erwiederte der Fremde mit barſchem, herriſchen Tone: ich bin der Junker von Ravenswood. Eine tiefe Pauſe folgte, und die Ueber⸗ raſchung war mit unerfreulichern Gefuͤhlen verſchmolzen. Edgar wickelte ſich in ſeinen Mantel, neigte ſich ſtolz gegen das Fraͤulein, murmelte einige hoͤfliche Worte, die eben ſo unvernehmlich waren, als ſie ungern ausge⸗ ſprochen wurden, und ſich umwendend, verlor er ſich ſchnell im Dickig. Der Junker von Navenswood! ſprach Afhton, als er ſich von ſeiner augenblicklichen Beſtuͤrzung erhohlt hatte. Eilt ihm nach— haltet ihn auf— bittet ihn, nur einen Au⸗ genblick mit mir zu ſprechen. Die beiden Waldarbeiter eilten dem Frem⸗ den nach, kamen aber ſchnell wieder und ſag⸗ ten verlegen, der Herr wolle nicht zuruͤck keh⸗ F 2 ren. Afhton nahm einen von ihnen bei Seite, und drang in ihn, ohne Ruͤckhalt zu reden. J nun, gnaͤdiger Herr, antwortete der Mann, die Augen niederſchlagend: er ſagte— doch Ihr werdet's nicht gern hoͤren, gnaͤdiger Herr, wenn's auch der Junker gewiß nicht boͤſe gemeint hat. Das geht Euch nichts an; ſeine eigenen Worte will ich wiſſen. Nun denn, er antwortete uns: Sagt euerm Herrn, wenn wir das naͤchſte Mahl uns wiederfinden, ſoll er nicht halb ſo froh bei unſerm Zuſammentreffen ſein, als jetzt bei unſerm Scheiden. Gut, gut! ſprach Aſhton. Er hat wohl auf eine Wette uͤber unſre Falken angeſpielt. Es iſt nicht von Bedeutung. Er wendete ſich nun zu ſeiner Tochter zu⸗ ruͤck, die ſich erhohlt hatte, und im Stande war, mit ihm in's Schloß zu gehen. Der Eindruck, den die Erinnerungen an das furchtbare Er⸗ eigniß auf ihr empfaͤngliches Gemuͤth machten, 85⁵ war dauernder, als die Erſchuͤtterung ſelbſt, welche ſie empfunden hatte. Im Schlafe und in wachenden Traͤumen traten vor ihre Seele Schreckbilder, welche ihr die Geſtalt des anſtuͤrmenden, wuͤthend bruͤllenden Thieres zu⸗ ruͤck riefen, und immer war es das Bild des Junkers von Ravenswood, der edlen Juͤng⸗ linggeſtalt, das zwiſchen ſie und den gewiſſen Tod zu treten ſchien. Es iſt wohl immer ge⸗ faͤhrlich fuͤr ein junges Maͤdchen, auf einem und demſelben Gegenſtande ihre Erinnerungen oͤſter und mit zu großem Wohlgefallen ver⸗ weilen zu laſſen; faſt unvermeidlich aber war dieß in Luziens Lage. Nie hatte ſie eine ſo anziehende und auffallende Juͤnglinggeſtalt geſehen, als Edgar Ravenswood war, und haͤtte ſie hundert geſehen, ihm gleich oder uͤberlegen, es wuͤrde doch keinen Andern ein ſo ſtarkes Band, als die Erinnerung an Gefahr und Rettung, als Dankbarkeit, Erſtaunen und Neugier knuͤpften, an ihr Herz gefeſſelt haben. Neugier war hier gewiß kein ſchwaches Band⸗ denn das zuruͤckhaltende und unfreundliche Betragen des Junkers, das dem Ausdrucke ſeiner Zuͤge und der natuͤrlichen Anmuth ſei⸗ nes Weſens ſo ſehr widerſprach, trug wohl nicht wenig bei, ihr Erſtaunen zu erhoͤhen und eben dadurch ihre Aufmerkſamkeit auf ihre Erinnerungen zu lenken. Sie wußte wenig von Ravenswood, wenig von den Zwiſtigkeiten, die zwiſchen ihrem und ſeinem Vater ſtatt ge⸗ funden hatten, und ihr ſanftes Gemuͤth wuͤrde auch den Ingrimm und die bittern Leiden⸗ ſchaften, die daraus entſtanden waren, kaum begriffen haben. Es war ihr aber wohl be⸗ kannt, daß er aus einem edlen Geſchlechte ſtammte, in Armuth lebte, ſo edel und maͤch⸗ tig ſein Vater geweſen, und ſie fuͤhlte, daß ſie die Regung eines ſtolzen Gemuͤthes thei⸗ len koͤnnte, die ihn antrieb, die angebotene Dankbarkeit der neuen Beſitzer ſeines Stamm⸗ gutes zu verſchmaͤhen. Wuͤrde er aber ihrer Erkenntlichkeit eben ſo ſehr ausgewichen ſein, ihre Freundſchaft eben ſo vermieden haben, 87 waͤre ihres Vaters Geſuch ſanfter und ein⸗ ſchmei heln der ausgeſprochen, und durch die Anmuth gemildert worden, welche die Frauen ihrem Betragen ſo gut zu geben wiſſen, wenn ſie verſoͤhnend zwiſchen die unbeſonnenen Lei⸗ denſchaften des rauhen Geſchlechts treten wollen? Eine gefaͤhrlichere Frage haͤtte Luzie ſich nicht vorlegen koͤnnen. Sie wurde immer tiefer in die Irrgaͤnge der Einbildungkraft verlockt, wo jungen und gefuͤhlvollen Herzen ſo viele Gefahren drohen. Zeit, Trennung und veraͤnderte umgebungen, wuͤrden wohl auch hier die Taͤuſchung bald zerſtoͤrt haben; aber Luzie blieb in ihrem einſamen Aufent⸗ halte, und nichts kam ihrem Gemuͤthe zu Hilfe, jene freundlichen Traͤumereien zu ver⸗ ſcheuchen. Ihre Mutter hielt ſich zu jener Zeit in Edinburgh auf, um den Gang gewiſſer Staatsraͤnke in der Naͤhe zu beobachten; ihr Vater, von Natur zuruͤckhaltend und unge⸗ ſellig, empfing nur aus ſchlau berechneten Ab⸗ 83³ ſichten, oder aus Prunkſucht Geſellſchaft, aber es erſchien keine Geſtalt, die das Bild ritter⸗ licher Trefflichkeit, das Luzie in dem Junker von Ravenswood ſah, haͤtte verdunkeln koͤnnen. Waͤhrend ſie dieſen Traͤumereien nachhing, beſuchte ſie die blinde Alix, in der Hoffnung, die Alte leicht verleiten zu koͤnnen, von ei⸗ nem Gegenſtande zu reden, der die Gedanken der Unbeſonnenen ſo ſehr beſchaͤftigte. Alix aber erfuͤllte in dieſem Punkte keineswegs Lutiens Wuͤnſche und Erwartungen. Sie ſprach gern und mit tiefer Ruͤhrung von dem Hauſe Navenswood im Allgemeinen, ſchien aber uͤber den Erben deſſelben ein behutſames Stillſchweigen beobachten zu wollen. Was ſie von ihm ſagte, war auch nicht ganz ſo guͤn⸗ ſtig, als Luzie vermuthet hatte. Alix ließ den Wink fallen, der Junker ſei von finſterm, un⸗ verſoͤhnlichen Gemuͤthe, eher bereit, Kraͤnkun⸗ gen nachzutragen, als zu verzeihen, und Luzie wurde nicht wenig beunruhigt, als ſie dieſe Winke verband mit dem Rathe, den ihrem 89 Vaker die nachdruͤcklichen Worte der Alten ge⸗ geben hatten, ſich vor Ravenswood zu huͤten. 3 Aber eben dieſer Ravenswood, auf wel⸗ chen man ſo ungerechten Argwohn werfen wollte, hatte ja jene Worte, als ſte kaum ausgeſprochen waren, durch die Rettung des Va⸗ ters und der Tochter widerlegt. Haͤtte er ſo ſchwarze Rachſucht gehegt, als die Winke der Alten anzudeuten ſchienen, ſo brauchte er ſich ja nicht einmahl mit Schuld zu beladen, um ſeine Leidenſchaft zu befriedigen. Er wuͤrde ſeinen unentbehrlichen Beiſtand nur einen Augenblick zuruͤck gehalten haben, und der Ge⸗ genſtand ſeiner Erbitterung waͤre ohne einen Angriff von ſeiner Hand das Opfer eines furchtbaren Todes geworden. Luzie glaubte, daß irgend ein geheimes Vorurtheil, oder die argwoͤhniſche Stimmung, die dem Alter und dem Ungluͤcke eigen iſt, die arme Blinde zu Vermuthungen verleitet habe, welche fuͤr den Junker ſo beleidigend und mit ſeinem groß⸗ muͤthigen Betragen und ſeinen edlen Zuͤgen ſo unvereinbar waren. Auf dieſen Glauben gruͤn⸗ dete Luzie ihre Hoffnung, und webte ihr Zau⸗ bergewebe, ſo ſchoͤn und vergaͤnglich, als die Faͤden der Sommerweben, wenn ſie vom Mor⸗ genthau beperlt ſind und in der Morgenſonne glaͤnzen. Ihr Vater und Ravenswood waren in⸗ deß nicht weniger beſchaͤftigt, uͤber das ſon⸗ derbare Ereigniß haͤufige, aber freilich ernſtere „ Betrachtungen zu machen. Als Aſßhton ooͤllig daruͤber beruhigt war, daß der erſchuͤtternde Vorfall der Geſundheit ſeiner Tochter nicht geſchadet hatte, nahm er die Schriften wieder zur Hand, welche ſich auf die Anklage gegen den Junker von Navenswood bezogen. Es koſtete dem Manne, den ſein Beruf an Dop⸗ pelzuͤngigkeit und Achſeltraͤgerei gewoͤhnt hatte, wenig Muͤhe, den Vorfall bei dem Leichenbe⸗ gaͤngniſſe des alten Ravenswood zu mildern, den er fruͤher ſo gern in dem grellſten Lichte hatte darſtellen wollen. Er predigte ſeinen 191 Amtsgenoſſen von der Nothwendigkeit vor, verſöhnende Maßregeln gegen heftige Juͤng⸗ linge ohne Welterfahrung zu brauchen, und tadelte ſogar den Gerichtsdiener, der un⸗ noͤthiger Weiſe gereizt haben ſollte. Seine 3 Briefe an ſeine Freunde lauteten eben ſo guͤn⸗ ſtig. Er ſuchte zu zeigen, daß Schonung in dieſem Falle einen ſehr vortheilhaften Ein⸗ druck machen muͤſſe, ſtrenge Behandlung des jungen Ravenswood hingegen, bei der hohen Ehrerbietung, die man in Schottland gegen 4 Leichengebraͤuche hege, allen Parteien hoͤchſt unangenehm auffallen werde. In der Sprache eines hochherzigen, zartfuͤhlenden Mannes aͤußerte er den Wunſch, daß die Sache ohne Ahndung hingehen moͤchte, und auf das Ver⸗ haͤltniß deutend, worin er, als der Beſitzer des Stammgutes eines edlen, durch verwickel⸗ te Rechtshaͤndel geſunkenen Geſchlechtes, ge⸗ gen den jungen Erben ſiehe, verſicherte er, es werde ſeinem Gefuͤhle wohl thun, wenn ſich ihm Gelegenheit zeige, die Nachtheile, 92 welche er bei der Verfolgung ſeines geſetzli⸗ chen Rechts, dem Hauſe Navenewood zuge⸗ fuͤgt habe, einiger Maßen zu verguͤten. Er ließ dabei den Wunſch merken, daß er ſich das Verdienſt erwerben moͤge, dieſe Angele⸗ genheit durch guͤnſtigen Bericht und Fuͤr⸗ ſprache vermittelt zu haben. Merkwuͤrdig war es, daß er, gegen ſeine Gewohnheit, in dem Briefe an ſeine Frau keine umſtaͤndliche Er⸗ zaͤhlung von dem Aufſtande beim Leichenbe⸗ gaͤngniſſe gab, und obgleich er ihr von der Angſt ſchrieb, die das wuͤthende Thier Luzien gemacht hatte, doch nicht ausfuͤhrlich von dem wichtigen Vorfalle ſprach. Seine Amtsgenoſſen und Freunde laſen ſeinen Bericht und ſeine Briefe mit Laͤcheln und Kopfſchuͤtteln. Nun, er mag ſeinen Wil⸗ len haben, ſagten ſie/ aber wir wollen ſehen, ob er's nicht binnen Jahr und Tag bereuen wird. “ 1 ——— V. An Abend des Tages, wo Aſhton und ſeine Tochter aus ſo drohender Gefahr gerettet wur⸗ den, ſaßen zwei Fremde in der abgelegenſten Stube einer kleinen Schenke, die ungefaͤhr anderthalb Stunden Weges vom Schloſſe Ra⸗ venswood und eben ſo weit von der verfalle⸗ nen Burg Wolfsfels lag. Einer von ihnen war gegen vierzig Jahre alt, hoch gewachſen, duͤnn in den Seiten, mit einer Habichtsnaſe, ſchwarzen durchdrin⸗ genden Augen und ſchlauen, aber abſtoßenden Zuͤgen. Der Andere war etwa funfzehn Jahre juͤnger, unterſetzt, ſtark, friſches Angeſichts, mit rothen Haaren, und offenen, muthvollen, froͤhlichen Augen, welchen unbekuͤmmerter, furchtloſer Freimuth und ein keckes Gemuͤth, trotz ihrer hellgrauen Farbe, Feuer und Aus⸗ druck gaben. Ein Weinkrug ſtand vor ihnen und vor jedem ein hoͤlzernes Trinkgeſchirr mit ſilbernen Zierrathen. Geſelligkeit aber ſchien ſie nicht zuſammengefuͤhrt zu haben; mit un⸗ tergeſchlagenen Armen, mit Blicken voll un⸗ ruhiger Erwartung, ſahen ſie ſich ſchweigend an, jeder in ſeine eigenen Gedanken verloren. Endlich brach der Juͤngere das Schweigen durch den Ausruf: Was TDeufel kann den Junker ſo lange aufhalten! Der Anſchlag muß ihm mißlungen ſein. Warum habt Ihr mir abgerathen, mit ihm zu gehen? Jeder iſt allein genug, ſich fuͤr Unrecht Recht zu ſchaffen, erwiederte der Aeltere. Wir ſetzen unſer Leben auf's Spiel, daß wir uns ſo weit in eine ſolche Geſchichte einlaſſen. Ihr ſeid am Ende doch nur eine Mem⸗ me, erwiederte der Andere, und das haben viele Leute ſchon lange gedacht. Aber niemand hat ſich erkuͤhnt, es mir zu ſagen, ſprach der Aeltere, die Hand an den 95 Schwertgriff legend. Und wenn ich einen un⸗ beſonnenen Menſchen nicht fuͤr wenig beſſer hielte, als einen Thoren, ſo wollt' ich— Er ſchwieg, des Gegners Antwort erwar⸗ tend. Ibr wollet? ſprach dieſer kalt. War⸗ um thut Ihr's denn nicht, Craigengelt? Craigengelt zog ſein Schwert ein paar Zoll weit heraus, und es heftig in die Scheide ſtoßend, ſprach er: Weil der Einſatz in die⸗ ſem Spiele mehr gilt, als das Leben vyn zwanzig Brandfuͤchſen, wie Ihr. Da habt Ihr recht, erwiederte der Andere, denn haͤtte man mich nicht durch all' dieſe Geldbußen von Haus und Hof gejagt, ſo waͤr ich wohl ein Narr, daß ich euern Ver⸗ ſprechungen traute, mir eine Ofſtzierſtelle im irlaͤndiſchen Regiment zu verſchaffen. Was geht mich das irlaͤndiſche Regiment an! Ich bin ein ehrlicher Schottlaͤnder, wie mein Va⸗ ter auch war, und meine Großtante, Frau Girnington, kann auch nicht ewig leben. Ja Bucklaw, ſprach Craigengelt, aber 96 noch manchen Tag kann ſie leben. Euer Va⸗ ter, der hatte Guͤter und Einkuͤnfte, hatte nichts zu ſchaffen mit Borgern, bezahlte jedem das Seinige und lebte auf ſeinem Eigenthum. und wer iſt Schuld, daß ich's nicht auch kann? ſprach Bucklaw. Wer anders als der Teufel und Ihr und Eures Gleichen. Die haben mich um Haus und Hof gebracht. Und nun ſoll ich wohl, wie Ihr, im Lande herum ſtreichen und Obdach ſuchen? Eine Woche leben von einem vertraulichen Woͤrt⸗ chen vom vertriebenen K chauſe, die an⸗ dere vom Geruͤchte eines An nandes der Berg⸗ ſchotten— mein Fruͤhſtuͤck und mein Morgen⸗ ſchluͤckchen ſuchen bei alten Edelfrauen, die dem Jakob Stuart anhangen— Alles dieß muß ich thun fuͤr einen Biſſen Brod und fuͤr den Hauptmannstitel! Ihr meinet wohl, Ihr haͤttet da eine ſchoͤne Rede gehalten und viel Witz gezeigt auf meine Koſten, ſprach Craigengelt. Iſt Hungerleiden oder der Galgen beſſer, gls das — Leben, das ich fuͤhren muß, weil der Koͤnig9) jetzt nicht in der Lage iſt, ſeine Geſandten ge⸗ hoͤrig zu unterſtuͤtzen? 1 Hungerleiden iſt ehrlicher, Craigengelt, und der Galgen wird wohl das Ende vom Liede ſein. Aber was ihr mit dem armen Ravenswood vorhabt, das weiß ich nicht. Er hat kein Geld mehr, ſo wenig als ich; ſeine Laͤndereien ſind verpfaͤndet und die Zinſen freſſen die Einkuͤnfte und haben nicht genug daran. Was verſprecht Ihr Euch davon, daß Ihr Euch in Sachen mengt? Laßt mich ſorgen, Bucklaw, ich weiß, was ich zu thun habe. Sein Name und ſeines Vaters Dienſte im Jahre 1699*), werden eine ſolche Erwerbung in Frankreich willkommen machen, und ich muß Euch ſagen, der Junker *) Der vertriebene König Jakob II, der mit ſei⸗ ner Familie zu St. Germain unweit Paris lebte. 4½ Wo das Haus Stuart bei der Revolution von Wilhelm von Orgnien vertrieben ward. G —2 97 98 von Ravenswood iſt ein ganz anderer Burſche, als Ihr. Er hat Verſtand und Gewandtheit, Muth und Geiſt, er wird ſich im Auolande als ein Mann von Kopf und Herzen zeigen, der ein bischen mehr weiß, als von Pferden und Falken. Und iſt doch nicht klug genug, den Schlin⸗ gen eines Seelenverkaͤufers zu entgehen! Aber werdet nur nicht boͤſe. Ihr wißt ja, mit dem Fechten gebt Ihr Euch nicht ab; darum laßt nur eure Klinge in Ruhe und Frieden, und ſagt mir ganz trocken, wie habt Ihr den Jun⸗ ker kirre gemacht? Ich ſchmeichelte ſeiner Rachgier. Er trau⸗ te mir nie; aber ich paßte meine Zeit ab, und packte ihn, als das Gefuͤhl des erlitte⸗ nen Schimpfes und Unrechts in ſeiner Seele brannte. Nun geht er hin, den Aſhton zur Rede zu ſtellen; ſo ſagt er und denkt's viel⸗ leicht auch. Ich aber ſage, wenn ſie ſich tref⸗ fen, und Aſhton zwingt ihn, ſich zu wehren, ſo macht der Junker ihn kalt; denn er hat —X—⁊— 99 den Funken im Auge, der Euch nie triegt, wenn Ihr einem Menſchen ſeine Abſicht aus der Seele heraus leſen wollt. Auf alle Faͤlle wird er ihn ſo packen, daß man's fuͤr einen moͤrderiſchen Anfall erklaͤren wird, und dann hat er's auf immer verdorben mit der Regier⸗ ung; in Schottland vird ſeines Bleibens nicht mehr ſein, er muß nach Frankreich hin⸗ uͤber, und wir ſegeln Alle davon in dem Schiffe, das auf uns wartet. Meinetwegen! ſprach Bucklaw. In Schott⸗ land liegt mir wenig mehr am Herzen, und finden wir beſſere Aufnahme in Frankreich, wenn wir den Junker mitbringen, ſo ſei's in Gottes Namen. Unſre eigenen Verdienſte werden uns wohl nicht vorwaͤrts bringen. Ja, ich glanbe, er wird dem Aſhton eine Kugel durch den Kopf jagen, ehe wir ihn wiederſehn. Man ſollte alle Jahre ein paar von den ſchuf⸗ tigen Staatsmaͤnnern niederſchießen, damit die Andern ſich beſſer betruͤgen. Ei ja! erwiederte Craigengelt. Aber ich 62 100 muß ſehen, ob unſre Pferde bereit ſind, denn waͤre ſo etwas geſchehen, ſo koͤnnte kein Gras unter ihrem Hufe wachſen. Er war bis an die Thuͤre gegangen, als hrte und mit Ernſt zu Bucklaw ſprach: „„Was auch aus dem Handel kommen ſollte, Ihr werdet mir ſicherlich die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ich dem Junker nichts geſagt habe, wodurch ich meine Beiſtimmung zu irgend einer Gewaltthaͤtigkeit erklaͤrt haͤtte, die er ſich etwa vorgenommen haben koͤnnte. Nein, nein, nicht ein einziges Wort, das wie Beiſtimmung lautete, gab Bucklaw zur Ant⸗ wort. Ihr wißt, das iſt ein gefaͤhrlich Spiel. Darauf ſprach er, wie fuͤr ſich, die Worte: Der Weiſer ſprach nicht, doch mit ſchlauer Deutung Hat er grad' auf Todſchlag hingewieſen. Was ſprecht Ihr da mit Ench ſelber? ſiel Craigengelt ein, und ſah ſich aͤngſtlich um. Nichts, ein paar Verſe, die ich einmal auf der Buͤhne gehoͤrt habe. 101 Es faͤllt mir zuweilen ein, Bucklaw, Ihr haͤttet ein Schauſpieler werden ſollen. Alles iſt Leben und Luſtigkeit bei Euch. Hab's auch oft gedacht. Ich glaube, es wuͤrde ſicherer ſein, als mit Euch in der un⸗ gluͤckklichen Verſchwoͤrung zu ſpielen. Aber ſpielt Ihr eure eigne Rolle, und ſeht nach den Pferden, wie ein Stallknecht.— Ein Schau⸗ ſpieler! Ein Komoͤdiant! Dafuͤr haͤtte er eins verdient. Aber der Kerl iſt eine Memme. Und doch geſiele mir das Leben nicht uͤbel. Halt! laß ſehen. Als Alexander wuͤrde ich auf⸗ treten: Dem Grab entſteig' ich, will die Liebſte retten. Zieht All' das Schwert, mit Blitzesſchnelle zieht's. Ich dringe vor, wer wird zu zögern wagen? Die Liebe ruft, und Ruhm zeigt uns den Weg. Mit einer Donnerſtimme, und die Hand an's Schwert legend, wiederholte Bucklaw jene Worte, als Craigengelt, ſichtbar beſtuͤrzt, zu⸗ ruͤck kam. Wir find verloren! rief er. Des Junkers Handpferd hat ſich im Stalle ver⸗ 2 102 ſprungen und iſt lahm! Sein Klepper wird muͤde ſein vom Tagewerk, und er hat kein friſches Pferd. Nun, da kommen wir nicht mit Blitzes⸗ ſchnelle fort, ſprach Bucklaw trocken. Aber Ihr koͤnnt ihm ja euer Pferd geben. Und ſelbſt gefangen werden! Ein ſchoͤner Vorſchlag. Sollte dem Siegelbewahrer ein Ungluͤck begegnet ſein, was ich meiner Seits nicht glauben kann, da der Junker nicht der Mann iſt, einen wehrloſen Alten anzufallen,— aber wenn's nun Streit auf dem Schloſſe gegeben haͤtte, ſo habt ihr ja nicht Theil dar⸗ an, wie Ihr wißt, und alſo nichts zu befuͤrch⸗ ten. Freilich, freilich nicht, erwiederte der An⸗ dre verlegen. Aber meine Beſtallung vom Hofe zu St. Germain— Halten viele Leute fuͤr euer eigen Mach⸗ werk, edler Hauptmann. Nun, wollt Ihr ihm euer Pferd nicht uͤberlaſſen, ſo muß ich — — 103 ihm wahrhaftig das meine geben. Man ſoll nie ſagen, ich haͤtte einem Ehrenmanne mei⸗ nen Beiſtand in einer kleinen Ehrenſache ver⸗ ſprochen und ihm weder dabei, noch daraus geholfen. Euer Pferd ihm geben? Und bedenkt nicht den Verluſt? Verluſt? Der Graue koſtet vierzig Duka⸗ ten, das iſt wahr, aber ſein Klepper iſt auch was werth, und ſein Rappe noch mehr, wenn er nur wieder geſund waͤre, und ich will ihm ſchon wieder auf die Beine helfen. Man nimmt einen fetten, ſaugenden Hund, weidet ihn aus, ſtopft ihn mit ſchwarzen und grauen Schnecken, braͤt ihn eine gute Weile und be⸗ gießt ihn mit Spikoͤl, Safran, Zimmt und Honig, ſalbt damit— Ja, Bucklaw, fiel der Hauptmann ein, aber ehe der Fuß geheilt, ehe der Hund ge⸗ braten iſt, ſeid Ihr gefangen und gehaͤngt. Glaubt mir, man wird dem Ravenswood ſcharf nachſetzen. Ich wollte, wir haͤtten uns doch 104 lieber an einen andern Ort, naͤher an der Kuͤſte, beſtellt. Meiner Treu! ſprach Bucklaw, ich gehe fort, und laſſe ihm mein Pferd hier. Aber halt!— er kommt, ich hoͤre ein Pferd. Nur eins? Gewiß? ſiel Craigengelt ein. Ich fuͤrchte, man ſetzt ihm nach. Drei oder vier Pferde glaub' ich zu hoͤren. Sicherlich mehr als eins. Pah! die Hausmagd trampelt zum Brun⸗ nen in ihren Holzſchuhen. Wahrhaftig, Crai⸗ gengelt, Ihr ſolltet eure Hauptmannſchaft aufgeben und euern geheimen Dienſt dazu; Ihr ſeid ja ſo ſchuͤchtern, als eine wilde Gans. Aber ſeht, da kommt Ger Junker allein, er ſieht finſter aus, wie eine Novembernacht. Der Junker trat herein, in ſeinen Man⸗ tel gehuͤllt, mit untergeſchlagenen Armen. Sein Auge war finſter und truͤbe. Er warf den Mantel bei ſeinem Eintritte ab, ſank auf einen Stuhl und ſchien in tiefe Gedan⸗ ken verſunken zu ſein. —— —— — —y 105 Was iſt geſchehen? Was habt Ihr ge⸗ than? fragten Craigengelt und Bucklaw haſtig in demſelben Augenblicke. Nichts! war die kurze muͤrriſche Ant⸗ wort. Nichts? Und als Ihr von uns ginget, waret Ihr entſchloſſen, dem alten Schurken Rechenſchaft abzufordern fuͤr alles Unrecht, das Ihr, wir und unſer Vaterland von ihm empfangen haben? Habt Ihr ihn geſehn? Ja, erwiederte der Junker. Geſehn? Und kommt zuruͤck, ohne eine Rechnung abgeſchloſſen zu haben, die ſo lan⸗ ge offen ſteht? ſprach Bucklaw. Das haͤtte ich nicht erwartet vom Junker von Ravens⸗ wood. Mich kuͤmmert wenig, was Ihr erwartet, antwortete der Junker. Ich habe gar nicht Luſt, Euch irgend eine Rechenſchaft von mei⸗ nem Betragen zu geben. Geduld, Bucklaw! fiel Craigengelt ein, als ſein Gefaͤhrte eine zornige Antwort be⸗ 106 reit hatte. Irgend ein Unfall wird den Jun⸗ ker in der Ausfuͤhrung ſeines Vorſatzes ge⸗ ſtoͤrt haben; aber er muß die unruhige Neu⸗ gier ſeiner Freunde entſchuldigen, die ſich, wie Ihr und ich, ſeiner Sache geweiht haben. Freunde, Hauptmann Craigengelt? erwie⸗ derte Ravenswood ſtolz. Ich wuͤßte nicht, welche Vertraulichkeit zwiſchen uns ſtatt ge⸗ funden haͤtte, die Euch zu dieſem Ausdrucke 4 nte. Mich daͤucht, unſre Freund⸗ ſchaft beſteht darin, daß wir uͤberein gekommen ſind, mit einander aus Schottland zu gehen, ſobald ich die veraͤußerte Wohnung meiner Vaͤ⸗ ter beſucht und eine Unterredung mit dem jetzigen Beſitzer gehabt haͤtte, den ich nicht Eigenthuͤmer nennen will. Sehr richtig, Junker! erwiederte Bucklaw. Und da wir glaubten, Ihr haͤttet Luſt, etwas zu thun, das euern Hals haͤtte in Noͤthen bringen koͤnnen, ſo waren wir hoͤflich genug auf Euch warten zu wollen, wenn wir auch unſern eigenen Hals dabei haͤtten wagen koͤn⸗ —,— „— „— 107 nen. Fuͤr den Hauptmann hat das nichts zu bedeuten, dem ſtand der Galgen auf der Stirne geſchrieben, als er aus Mutterleibe kam; aber ich moͤchte meinen Verwandten doch nicht gern den Schimpf machen, um eines An⸗ dern willen ein ſolches Ende zu nehmen. Ihr Herren, erwiederte Ravenswood, es thut mir leid, wenn ich Euch Ungelegenheiten gemacht habe; aber ich muß das Necht be⸗ haupten, uͤber das Beßte meiner Angelegen⸗ heiten ſelbſt zu urtheilen, ohne irgend jemand Erlaͤuterungen zu geben. Ich habe meinen Sinn geaͤndert und nicht die Abſicht, das Land jetzt zu verlaſſen. Das Land nicht verlaſſen, Junker! rief Craigengelt. Nicht hinuͤber gehen, nach all den Sorgen und Koſten, die ich gehabt, nach der Gefahr, entdeckt zu werden, und nach ſo viel Frachtkoſten und Liegegeld? Als ich das Land eilig verlaſſen wollte, antwortete der Junker, war mir euer ver⸗ bindliches Anerbieten willkommen, mir die 108 Mittel zur Ueberfahrt zu verſchaffen; aber ich erinnere mich nicht, daß ich mich ver⸗ pflichtet haͤtte, fortzugehen, ſelbſt wenn ich mich veranlaßt ſehen ſollte, meinen Entſchluß zu aͤndern. Daß Ihr um meinetwillen Euch Muͤhe gemacht, thut mir leid und ich danke Euch dafuͤr; eure Auslagen aber— ſetzte er hinzu und griff in die Taſche— laſſen ſich gehoͤrig verguͤten. Frachtkoſten und Liegegeld ſind Dinge, wovon ich nichts verſtehe, Haupt⸗ mann Craigengelt; aber hier iſt mein Beu⸗ tel, nehmt daraus, was Ihr mit gutem Ge⸗ wiſſen verlangen koͤnnt. Mit dieſen Worten reichte er dem Haupt⸗ mann den Beutel. Ich ſeh's, fiel Bucklaw ein, die Finger zucken Euch, Craigengelt, in dieß gruͤne Beutelchen zu fahren, aber ich ge⸗ lob' es zu Gott, wenn Ihr's Euch einfallen laßt, komm' ich mit meinem Dolche dazwi⸗ ſchen. Da der Junker ſeinen Sinn geaͤndert hat, ſo haben wir hier nichts mehr zu thun; vorher wird er mir erlauben, ihm zu ſagen— — 109 Sagt ihm was Ihr woht, ſiel Craigengelt ein, aber laßt mich ihm erſt zu Gemuͤthe fuͤh⸗ ren, welchen Ungelegenheiten er ſich ausſetzen wuͤrde, wenn er ſich von uns trennen wollte; laßt mich ihm ſagen, daß es bedenklich fuͤr ihn ſein wuͤrde, hier zu bleiben, und daß er ſich nicht leicht in Frankreich gehoͤrigen Eingang verſchaffen wuͤrde, ohne von Leuten eingefuͤhrt zu werden, die dort nuͤtzliche Ver⸗ bindungen angeknuͤpft haben. Und daß er obendrein die Freundſchaft wenigſtens eines Mannes von Muth und Ehre verlieren wuͤrde, ſetzte Bucklaw hinzu. Laßt mich Euch noch einmal verſichern, Ihr Herren, erwiederte der Junker, Ihr habt unſerer fluͤchtigen Verbindung weit mehr Wich⸗ tigkeit beigelegt, als ſie nach meiner Meinung je haben ſollte. Wenn ich fremde Hoͤfe beſu⸗ chen will, ſo brauche ich mich nicht einſuͤhren zu laſſen von einem Naͤnkemacher und Aben⸗ teurer, und ich habe nicht noͤthig, auf die 110 Freundſchaft eines tollen Hitzkopfes Werth zu ſetzen. Mit dieſen Worten, und ohne eine Er⸗ wiederung abzuwarten, ging er hinaus, ſtieg auf und ritt davon. Verwuͤnſcht! rief Craigengelt, mein Re⸗ krut iſt verloren. Ja, Hauptmann, der Lachs iſt fort, ſammt dem Angelhaken. Aber ich geh' ihm nach; ich habe mehr von ſeiner Unverſchaͤmtheit hoͤren muͤſſen, als ich gut verdauen kann. Craigengelt wollte ihn begleiten. Nein, nein, Hauptmann! antwortete Bucklaw, ſetzt Euch hier in eine Ecke, bis ich wiederkomme; es ſchlaͤft ſich gut in heiler Haut. Nach dieſen Worten ging er ſingend hin⸗ aus. d* 111 VI. De Junker von Ravenswood trabte auf ſei⸗ nem muͤden Pferde langſam voran auf dem Wege zu der alten Burg Wolfsfels, als ein Reiter ihm nachſprengte. Er ſah ſich um, nud erblickte den jungen Bucklaw, welcher ſein kurzes Verweilen beim Stallknechte, dem er, von unwiderſtehlicher Verſuchung getrieben, eine Vorſchrift zur Behandlung des lahmen Pferdes mittheilte, im raſchen Trabe bald wie⸗ der eingebracht hatte. Halt! rief er dem Jun⸗ ker zu: ich bin kein Hauptmann Craigengelt, deſſen Leben zu wichtig Vertheidigung ſeiner Ehre daran ſetzen ſollte. Ich bin Franz Hayſton von Bucklaw, und wer mich beleidigt durch Wort, That, Zeichen oder Blick, der muß mir Rede ſtehn! 14„1 7 8„ iſt, als ß er's Das iſt alles recht gut, Herr Hayſton von Bucklaw, erwiederte der Junker mit dem Tone der ruhigſten Gleichgiltigkeit. Aber ich habe keinen Streit mit Euch und mag keinen ha⸗ ben. Unſre Wege heimwaͤrts, wie unſre Wege durch's Leben, laufen in verſchiedenen Rich⸗ tungen, und es wird ſich nie treffen, daß wir uns kreuzen. Nicht? ſprach Bucklaw heftig. Aber beim Himmel! ich ſage, es kann doch geſchehen. Ihr nanntet uns Naͤnkemacher und Aben⸗ teurer. Erinnert Euch genan, fiel der Junker ein, nur euren Gefaͤhrten habe ich ſo genannt, und Ihr wißt, er verdient's. Was denn? Er war damals mein Ge⸗ faͤhrte, und niemand ſoll meinen Gefaͤhrten beſchimpfen, mit Recht oder Unrecht, ſo lange er in meiner Geſellſchaft iſt. Dann ſolltet Ihr eure Geſellſchaft beſſer waͤhlen, erwiederte der Junker mit gleicher Faſſung, oder Ihr moͤchtet viel Arbeit bekom⸗ ——— 213 men, wenn Ihr als Verfechter auftreten wollt.. Kehrt heim, Herr, ſchlaft aus und ſeid morgen verſtaͤndiger in Eurem Zorne. Niihht ſo, Junker! Ihr verkennt Euern Mann. Mit ſtolzem Weſen und weiſen Spruͤ⸗ chen ſoll die Sache nicht abgemacht werden. Und uͤberdieß nanntet Ihr mich einen tollen Hitzkopf; das Wort ſollt Ihr widerrufen, bevor wir ſcheiden. 1 Wohl ſchwerlich, antwortete Ravenswood: wenn Ihr mir nicht beſſere Beweiſe gebt, daß ich mich geirrt habe, als Ihr jetzt vorbringt. Junker, einem Manne von Eurem Stan⸗ de ſag' ich nicht gerne ſo etwas, aber wenn Ihr Eure Unhoͤllichkeit nicht rechtfertigen, oder widerrufen wollet, und auch keinen Ort nen⸗ nen, wo wir uns treffen ſollen, ſo muß es hier zu harten Worten und zu harten Hieben kommen. Keins von beiden wird noͤthig ſein. Mir genuͤgt, was ich gethan habe, den Streit mit Euch zu vermeiden. Iſt's aber Euer Ernſt, H 114 ſo wird dieſer Platz ſo gut ſein, als jeder andre. 3 Steigt ab und zieht! ſprach Bucklaw, und gab ihm das Beiſpiel. Ich hab' immer gedacht und geſagt, Ihr waͤret ein wackerer Mann, und es ſollte mir leid thun, wenn ich's anders berichten muͤßte. Sollt keine Urſache dazu haben, erwieder⸗ re Navenswood, ſtieg ab und ſetzte ſich in Ver⸗ theidigung. Bucklaw, ein geuͤbter und gewandter Fech⸗ ter, begann den Kampf mit großem Muthe. Dießmal aber brachte ihm ſeine Geſchicklich⸗ keit keinen Vortheil. Die kalte Verachtung, womit der Junker anfangs Genugthuung ver⸗ weigert und endlich gewaͤhrt hatte, ſetzte den Gegner aus der Faſſung, der nun in ſeiner Ungeduld mit unbedachtſamer Heftigkeit an⸗ griff. Der Junker/ eben ſo geſchickt, und weit gefaßter, beſchraͤnkte ſich meiſt auf Vertheidi⸗ gung, und vermied ſogar, einige Bloͤßen zu benutzen, die ihm der Ungeſtuͤm ſeines Gegners 115 gab. Endlich glitt Bucklaw, bei einem wuͤthen⸗ den Ausfalle, aus und fiel auf den glatten Raſen, den ſie zum Kampfplatze gewaͤhlt hatten. Behaltet Euee Leben, ſprach der Junker, und beſſert's, wenn Ihr koͤnnt. Ich fuͤrchte, es wuͤrde nur ein ſchlechtes Flickwerk werden, antwortete Bucklaw, lang⸗ ſam ſich erhebend und ſein Schwert aufneh⸗ mend, aber weit weniger beſtuͤrzt uͤber den Aus⸗ gang des Kampfes, als man's von ſeinem Un⸗ geſtuͤm haͤtte erwarten ſollen. Ich danke Euch fuͤr mein Leben, Junker, fuhr er fort. Hier meine Hand darauf, ich habe keinen Groll ge⸗ gen Euch wegen meines Mißgeſchicks, oder Eurer hoͤheren Fechterkunſt. Der Junker heftete eine Weile ſeine Blicke auf ihn und reichte ihm dann die Hand. Bucklaw, Ihr ſeid ein Ehrenmann und ich hab' Euch Unrecht gethan. Ich bitte Euch herzlich um Vergebung fuͤr den Ausdruck, der „Cuch beleidigt hat; er ward uͤbereilt und un⸗ H 2 — 116 bedachtſam ausgeſprochen, und ich bin uͤber⸗ zeugt, er iſt ganz unpaſſend. Seid Ihr's wirklich, Junker? ſprach Buck⸗ law, und ſein Geſicht hatte wieder ſeinen na⸗ tuͤrlichen Ausdruck frohherziger Sorgloſigkeit und Keckheit. Das iſt mehr, als ich von Euch erwartet habe, denn die Leute ſagen, Ihr waͤ⸗ ret nicht dazu bereit, Eure Meinungen oder Eure Rede zu widerrufen. Nicht, wenn ich ſie wohl erwogen habe, ſprach der Junker. Dann ſeid Ihr ein bischen kluͤger als ich, denn ich gebe immer meinem Freunde erſt Ge⸗ nugthuung und hinterher Erklaͤrung. Faͤllt einer von uns, ſo iſt die ganze Rechnung ab⸗ geſchloſſen; wo nicht, ſo iſt man nie bereit⸗ williger zum Frieden als nach dem Kriege.— Aber was ſchreit der Junge hinter uns her? fuhr Bucklaw fort. Ich wollte, er waͤre ein paar Minuten fruͤher gekommen, aber freilich haͤtte der Handel doch einmal abgemacht wer⸗ hrterce 117 den muͤſſen, und vielleicht iſt's ſo beſſer, als anders. Als er dieß ſagte, kam der Junge heran, der ſeinen Eſel, worauf er ritt, unbarmherzig mit dem Pruͤgel trieb und, wie einer von Oſſian's Helden, ſeine Stimme voraus ſchallen ließ:„Ihr Herren, Ihr Herren, rettet Euch! Die Wirthin laͤßt Euch ſagen, ſie haͤtten den Hauptmann Craigengelt aus ihrem Hauſe ge⸗ holt und ſie ſuchten auch Bucklaw. Drum reitet, was Ihr reiten koͤnnt! Meiner Treu', da haſt du recht, lieber Junge! ſprach Bucklaw. Hier ein Trinkgeld fuͤr deine Nachricht, und zweimal ſo viel gaͤbe ich dem, der mir ſagen wollte, welchen Weg ich zu reiten habe? Das will ich Euch ſagen, Bucklaw, ſprach der Junker. Reitet mit mir nach Wolfsfels, In der alten Burg gibt's Winkel, wo Ihr ſicher waͤret, und wenn Euch tauſend Menſchen ſuchten. Aber wird's Euch nicht ſelbſt in Ungele⸗ 118 genheit bringen, Junker? Seid Ihr nicht ſchon im Netze der Jakobiten“), ſo brauche ich Euch nicht hinein zu ziehen. Nicht doch, ich habe nichts zu fuͤrchten. Nun, ſo reite ich gern mit Euch; denn wahrhaftig! ich kenne den Ort nicht, wohin der Hauptmann uns dieſe Nacht fuͤhren wollte, und iſt er gefangen, ſo ſagt er ſicherlich alles, was wahr iſt von mir, und zwanzig Luͤgen von Euch, um ſich zu retten. Beide ſtiegen auf und ritten auf unge⸗ bahnten Pfaden, welche, nur Jaͤgern bekannt, durch das wilde Moor fuͤhrten, wo man nicht leicht ihre Spur verfolgen konnte. Als die Nacht einbrach, ließen ſie ihre muͤden Thiere langſamer voran gehen, weil ſie hofften, vor der Verfolgung geſichert zu ſein und der Weg nun ſchwerer zu finden war. Nun, ⸗da wir den Zuͤgel ein bischen han⸗ gen laſſen, Junker, hob Bucklaw an, moͤchte ich gern eine Frage an Euch thun. *) Anhänger des vertriebenen Hauſes Stusrt⸗ 119 Soll mir willkommen ſein, erwiederte Je⸗ ner: aber Ihr muͤßt mir verzeihen, wenn ich ſie nur in dem Falle beantworte, wo es mir paſſend duͤnkt. Gut, eine ganz ſchlichte Frage: Was, in's Teufels Namen! konnte einen Mann von Eurem Rufe auch nur einen Augenblick auf den Gedanken bringen, Euch abzugeben mit einem Schelme, wie der Hauptmann, und mit einem ſolchen Bruder Luͤderlich, wie die Leute den Bucklaw nennen? Auch meine Antwort iſt ſe hr einfach; ich war in Verzweiflung und ſuchte verzweife elte Geſellen. 3 Und warum brach't Ihr bald wieder mit uns ab? fragte Bucklaw. Weil ich andrer Meinung geworden war⸗ und meinen Vorſatz aufgegeben habe, wenig⸗ ſtens fuͤr jetzt. Aber wie ich Eure Fragen auf⸗ richtig und freimuͤthig beantwortet habe, ſo ſagt Ihr mir nun auch, wie koͤnnt Ihr Euch zu Craigengelt geſellen, dem Ihr durch Her⸗ kunft und Muth ſo weit uͤberlegen ſeid? 120 Gerade heraus geſagt, weil ich ein Thor bin, der Haus und Hof verſpielt hat! Meine Großtante hat wieder neue Lebenskraft bekom⸗ men, glaub' ich, und nur bei einer Veraͤn⸗ derung im Staate konnt' ich Etwas zu ge⸗ winnen hoffen. Craigengelt war ſo eine Spiel⸗ bekanntſchaft. Er ſah meine Lage, und wie Einem der Teufel immer an der Seite ſteht, ſo ſagte er mir ein Schock Luͤgen von ſeinen Auftraͤgen vom franzoͤſiſchen Hofe, von ſeinem Anſehen bei dem vertriebenen Koͤnige, ver⸗ ſprach mir eine Hauptmannſtelle, und, ich Eſel! ließ mir die Schlinge von ihm uͤber den Kopf werfen. Wer weiß, was er nun der Obrigkeit fuͤr ſaubere Geſchichtchen von mir erzaͤhlt. Und das hab' ich von Wein, Weibern und Wuͤrfeln, von Kampfhaͤhnen, Hunden und Pferden! Ja Bucklaw, Ihr habt allerdings die Schlangen in Eurem Buſen genaͤhrt, die Euch jetzt beißen. 3 Frei und wahr geſprochen, Junker; aber — 7 — 121 mit Eurer Erlaubniß, Ihr ſelber habt in Eurem Buſen eine große gewaltige Schlange genaͤhrt, die alles andre verſchlungen hat, und ſie wird Euch ſo gewiß auffreſſen, als mein halbes Dutzend alles verzehren, was Bucklaw uͤbrig hat, und das iſt nicht mehr, als was zwiſchen Muͤtze und Stiefelabſatz zu finden iſt. Ich darf die freimuͤthige Rede, wozu ich ſelber das Beiſpiel gegeben habe, nicht ſtra⸗ fen. Und was fuͤr ein Scheuſal von Leiden⸗ ſchaft waͤre es denn— ohne Bild geſprochen — die ich, nach Eurer Beſchuldigung, naͤhren ſoll? Die Nachſucht, mein guter Junker, die Rachſucht. Sie mag eine eben ſo vornehme Suͤnde ſein, als Wein und Gelage, mit allem, was dem anhaͤngt; aber ſie iſt eben ſo unchriſt⸗ lich und nicht ſo unblutig. Es iſt beſſer, in ein Jagdgehaͤge einbrechen und einem Reh oder Damhirſch aufpaſſen, als einen alten Mann niederzuſchießen. Ich laͤugne die Abſicht, erwiederte der Jun⸗ 122 ker. Bei meiner Seele! den Vorſatz hatte ich nicht. Ich wollte dem Unterdruͤcker nur unter die Augen treten und ihm ſeine Haͤrte vor⸗ werfen. Von dem erlittenen Unrechte wollte ich ſprechen, daß ſeine Seele haͤtte erbeben ſollen. Ja, und er haͤtte Euch beim Kragen gepackt und um Huͤlfe geſchrieen, und dann wuͤrdet Ihr ihm wohl die bebende Seele ausgeblaſen haben. Euer Blick und Euer Benehmen ſchon haͤtte den alten Mann auf den Tod erſchreckt. Bedenkt, wie er mich gereizt hat, ſprach der Junker, wie er durch hartherzige Grau⸗ ſamkeit Mißgeſchick und Tod herbeigefuͤhrt— ein altes Haus tzerſtoͤrt, einen liebevollen Va⸗ ter gemordet! In den Zeiten unſerer Vaͤter haͤtte man den, der bei ſolchen Unbilden ruhig geſeſſen, weder fuͤr faͤhig gehalten, einen Freund zu beſchuͤtzen, noch einem Feinde die Stirne zu bieten. Gut, Junker! es freut mich wahrhaftig, wenn ich ſehe, daß der Teufel mit andern Leu⸗ ten ſo liſtig verfaͤhrt, als mit mir. Seht/ 4 — —-p- 123 wenn ich eine Thorheit begehen will, dann beredet er mich immer, es ſei das nothwen⸗ digſte, wackerſte, edelſte Ding auf der Welt, und ich bin bis an den Sattelgurt im Sumpfe, ehe ich merke, daß der Boden weich iſt. Und Ihr, Junker, aus lauter Achtung gegen Eures Vaters Andenken, haͤttet Ihr ein— Moͤrder werden koͤnnen. Es iſt mehr Sinn in eurer Rede, Buck⸗ law, als man nach Eurem Betragen haͤtte er⸗ warten koͤnnen. Es iſt nur zu wahr: unſere Laſter beſchleichen uns unter Geſtalten, die von Außen ſo reizend ſind, als die boͤſen Geiſter, die nach dem aberglaͤubigen Wahn, mit dem menſch⸗ lichen Geſchlechte Verkehr haben, und wir er⸗ blicken ſie nicht eher in ihrer urſpruͤnglichen Scheußlichkeit, bis wir ſie in unſre Arme geſchloſſen haben. 3 Aber wir koͤnnen ſie dennoch von uns werfen, ſprach Bucklaw, und daran werde ich auch einmal denken, wenn meine alte Groß⸗ tante todt iſt. * 1 124 Habt Ihr nie gehoͤrt, was ein Schrift⸗ ſteller ſagt? Die Hoͤlle iſt mit guten Abſich⸗ ten gepflaſtert! Ja freilich werden ſie haͤufi⸗ ger gefaßt, als ausgefuͤhrt. Gut! Ich will auch noch dieſen Abend einen Anfang machen, und bin entſchloſſen, nicht uͤber eine Flaſche Wein zu trinken, Euer Bordeaux⸗Wein muͤßte denn auserleſen ſein. Ihr werdet in Wolfsfels wenig finden, das Euch in Verſuchung fuͤhren koͤnnte, er⸗ wiederte der Junker. Ich weiß nicht, ob ich Euch viel mehr, als Obdach verſprechen kann; alles und mehr, als alles, was wir an Wein und Lebensmitteln beſaßen, iſt bei der letzten Gelegenheit darauf gegangen. Moͤge noch lange nicht zu aͤhnlichem Ge⸗ brauche etwas noͤthig ſein! erwiederte Buck⸗ law. Aber bei einem Leichenmahle haͤtte nicht die letzte Flaſche ausgeleert werden ſollen, dar⸗ in iſt kein Gluͤck. Es iſt kein Gluͤck, denk' ich, in allem, was mich angeht, erwiederte Ravenswood. Doch— 125 da ſeht Ihr Wolfsfels, und alles, was da noch zu finden iſt, ſteht Euch zu Dienſten. Das Brauſen der See hatte ihnen ſchon lange verkuͤndigt, daß ſie ſich den Klippen naͤ⸗ herten, auf deren Gipſel der Gruͤnder jener Veſte ſeinen Horſt, wie das Neſt eines Meer⸗ adlers, erbaut hatte. Der bleiche Mond, der zeither mit ſchnell ſegelnden Wolken gekaͤmpft, brach nun hervor, und beleuchtete den ein⸗ ſamen, kahlen Thurm, auf einer vorſpringen⸗ den Felſenklippe, deren Fuß die Nordſee be⸗ ſpuͤlte. Auf drei Seiten ſtuͤrzte der Felſen ſteil ab; auf der Landſeite hingegen war er ur⸗ ſpruͤnglich von einem kuͤnſtlichen Graben mit einer Zugbruͤcke eingeſchloſſen, dieſe aber war zuſammen geſtuͤrzt und jener ſo hoch ausge⸗ fuͤllt, daß man hinuͤber reiten konnte, um in den engen Hof zu kommen. Der Hof war auf zwei Seiten von niedrigen Wirthſchaft⸗ gebaͤuden und Staͤllen umgeben, die zum Theil in Truͤmmern lagen, auf der Landſeite von einem niedrigen Walle eingeſchloſſen, die an⸗ 126 dere Seite des Vierecks aber ſchloß die Felſen⸗ burg ſelbſt, die hoch und ſchmal, von grauem Ge⸗ ſtein erbaut, wie das bleiche Geſpenſt eines un⸗ geheuren Rieſen, im Mondlichte ſchimmerte. Ein wilderer, oͤderer Wohnſitz ließ ſich kaum denken. Der dumpfe ſchwerfaͤllige Schlag der Wogen, die nach einander tief unten am felſi⸗ gen Geſtade ſich brachen, war fuͤr das Ohr, was die Landſchaft fuͤr das Auge, das Bild einer einfoͤrmig traurigen, ſchauerlichen Abge⸗ ſchiedenheit iſt. Die Nacht war noch nicht weit vorgeruͤckt, und doch zeigte ſich keine Spur eines leben⸗ den Bewohners rings um die oͤde Behauſung, als ein ſchwacher Lichtſchimmer in einem ein⸗ zigen von den ſchmalen lang geſtreckten Fen⸗ ſtern, die an den Mauern des Gebaͤudes in unregelmaͤßigen Hoͤhen und Entfernungen ſicht⸗ bar waren. Da ſitzt, ſprach Edgar, der einzige Die⸗ ner, der dem Haufe Navenswood uͤbrig geblie⸗ ben iſt, und gut, daß er hier blieb, ſonſt wuͤrden ——— 127 wir ſchwerlich weder Licht noch Feuer finden. Aber folgt mir behutſam; der Weg iſt ſchmal und nur ein einzelnes Pferd hat hier Platz. Der Pfad fuͤhrte uͤber eine Landzunge, auf deren in's Meer vorſpringendem Ende das Felſenſchloß lag, deſſen Stifter jede Nuͤckſicht auf Bequemlichkeit dem Zwecke der Veſtigkeit und Sicherheit geopfert hatte, wie es die ſchot⸗ tiſchen Edlen der Vorzeit bei der Wahl des Platzes, wie bei der Bauaxt ihrer Wohnſitze thaten. Vorſichtig ſich naͤhernd, kamen die Reiter gluͤcklich in den Burghof. Lange aber pochte Ravenswood vergebens an der niedrigen Pfor⸗ te, und ſo laut er dem alten Caleb zurief, ſie herein zu laſſen, es kam keine Antwort. Der alte Mann muß ausgegangen, oder ihm etwas zugeſtoßen eein, ſagte er endlich, ich habe doch einen Laͤrm gemacht, der die Siebenſchlaͤ⸗ fer haͤtte erwecken koͤnnen. Endlich erwiederte eine furchtſame, zoͤgern⸗ 128 de Stimme: Junker— Junker von Ravens⸗ wood, ſeid Ihr's?. Ja, ich bin's, Caleb! Oeffne nur ſchnell. Aber ſeid Ihr's leibhaftig in Fleiſch und Blut? Lieber wollt' ich funfzig Teufel ſehn, als meines Herrn Geiſt, oder auch nur ſeinen Schatten. Drum bleibt wo Ihr ſeid, und waͤret Ihr zehnmal mein Herr, wenn Ihr nicht leibhaftig und lebendig kommt. Ich bin's, alter Thor! antwortete Ra⸗ venswood, leibhaftig und lebendig, nur halb todt vor Kaͤlte. Das Licht im obern Fenſter verſchwand, und aus einer Oeffnung nach der andern in langen Zwiſchenraͤumen ſchimmernd, verrieth es, daß der Alte ſehr bedaͤchtig die Wendel⸗ treppe hinab ſtieg, die in einem der Thuͤrme lag, welche an den Ecken der Felſenburg ſich erhoben. Des Junkers Ungeduld machte ſich waͤhrend der langen Pauſe durch ein paar Ausrufungen Luft, waͤhrend ſein minder ge⸗ duldiger Gefaͤhrte nicht wenig Verwuͤnſchun⸗ ——V—;⸗ÿ—ÿ—ÿ—x—ꝛ— 129 gen ausſtieß. Caleb zoͤgerte wieder, ehe er das Thor entriegelte und fragte abermal, ob es Menſchen von Fleiſch und Gebein waͤren, die zu ſolcher Stunde der Nacht Einlaß begehrten. Waͤre ich Euch nahe, alter Thor! ſprach Bucklaw, ich wollt' Euch ſchon hinlaͤnglich beweiſen, daß ich Fleiſch und Gebein habe. Mach' auf, Caleb! ſprach der Junker in beſaͤnftigendem Tone, aus Achtung gegen den alten treuen Diener und weil ihm zuͤrnende Worte vergeblich duͤnken mochten, ſo lange das ſtarke, mit Eiſen beſchlagene Thor zwi⸗ ſchen ihnen war. Endlich ſchob Caleb mit zitternder Hand die Riegel weg und oͤffnete das Thor. Er ſtand nun vor ihnen mit ſeinen duͤnnen grauen Haaren, ſeiner kahlen Glatze, ſeinen ſcharfen vorſpringenden Zuͤgen, beleuchtet von der zit⸗ ternden Lampe, die er in der einen Hand hielt, waͤhrend er mit der andern ſich gegen die Flamme ſchirmte. Schuͤchtern und hoͤſlich⸗ umher blickend, rief er aus:„Ihr ſeid's, J — 130 mein lieber Herr! Seid Ihr's wahrhaftig? Recht leid iſt's mir, daß Ihr habt ſo lange warten muͤſſen vor Eurer eignen Thuͤre, aber wer haͤtt' es gedacht, daß Ihr ſo bald kaͤmet. Und ein fremder Herr bei Euch— Nun ſprach er, ſich abwendend, zu einer unſichtbaren Mit⸗ bewohnerinn des Schloſſes, mit leiſer Stim⸗ me: Miekchen, ums Himmelswillen, mach's Feuer an! Nimm den alten dreibeinigen Stuhl, oder was Dir in die Haͤnde fäͤllt!— Wir werden wohl ſchlecht verſehen ſein, fuhr er fort: wir erwarteten Euch erſt in einigen Monaten, und dann waͤret Ihr empfangen worden, wie's Eurem Range zukommt und Recht iſt, aber— Aber unſre Pferde muͤſſen Unterkommen finden und wir ſelber dazu, ſo gut es gehn will. Ich hoffe, es iſt Euch nicht leid, daß Ihr mich eher ſeht, als Ihr erwartetet? Leid, lieber gnaͤdiger Herr? Ich weiß gewiß, Ihr werdet immer der gnaͤdige Herr heißen bei allen ehrlichen Leuten, wie Eure 131 edlen Vorfahren ſeit drei hundert Jahren ge⸗ heißen. Leid ſollt' es mir ſein, den Herrn von Ravenswood in einem ſeiner Schloͤſſer zu ſehn?— Miekchen! rief er wieder der unge⸗ ſehenen Gefaͤhrtinn hinter dem Schirme zu: ſchlachte die Bruthenne, und bedenk' Dich nicht lange. Wer nachher kommt, mag ſehn, wo er was findet!— Ich will nicht ſagen, fuhr er fort, zu Bucklaw ſich wendend: daß dieß unſer beßter Wohnſitz iſt, aber es iſt ein veſter Ort, wo der Lord von Ravenswood Zu⸗ flucht ſucht, das heißt nicht flieht, ſondern ſich zuruͤck zieht in ſolchen unruhigen Zeiten, wie die jetzigen, wo ſich's nicht fuͤr ihn paßt, tiefer im Lande zu wohnen in einem ſeiner beſſern Schloͤſſer. Aber Wolfsfels iſt ein altes Gebaͤude und die Leute ſagen, die Schrift draußen uͤber'm Eingange waͤre der Muͤhe werth zu leſen. Und Ihr wollt uns wohl Zeit dazu ge⸗ ben? ſprach Ravenswood, laͤchelnd uͤber die Liſt, womit der alte Mann ſie vor der Thuͤre J 2 ——ꝛ, 132 auſtuhalten ſuchte, bis Miekchen, ſeine Ver⸗ buͤndete, mit ihren Anſtakten fertig waͤre. Laßt's gut ſein mit der Schrift draußen, lieber Mann, ſprach Bucklaw, laßt uns hin⸗ ein und unſre Pferde in den Stall, das iſt O ja, lieber Herr— allerdings, lieber Herr!— Nein Herr und jeder ſeiner geehrten Gaͤſte— 3 Aber unſre Pferde, alter Freund, unſre Pferde! wiederhohlte Bucklaw. Sie werden die Rehe bekommen, wenn ſie nach dem ſchar⸗ fen Ritte hier in der Kaͤlte ſtehen muͤſſen, und das meine iſt zu gut, als daß ich's verder⸗ ben laſſen moͤchte. Freilich— ja Eure Pferde— Ich will die Stallknechte rufen, ſprach Caleb und bruͤllte, daß es wiederhallte im oͤden Hofe: Hans! Jakob! Thomas! Die Jungen ſind ausgegangen, oder ſchlafen, ſetzte er hinzu, als er einige Augenblicke die Antwort erwar⸗ tet hatte, die keine menſchliche Stimme Jeben —— konnte. Aber alles geht verkehrt, wenn der Junker nicht zu Hauſe iſt. Ich will ſelber fuͤr Eure Pferde ſorgen. Das daͤcht' ich auch, ſprach Ravenswood, ſonſt wuͤßt' ich nicht, wer's thun ſollte. Still, lieber Herr! um Gottes willen ſtill! ſprach Caleb leiſe mit flehendem Tone zu dem Junker. Wenn Ihr nicht auf Eure ei⸗ gene Ehre achten wollt, ſo denkt an die mei⸗ nige. Es wird uns ſauer genug werden, uns heute Abend mit Anſtand zu zeigen, ich mag luͤgen, ſo viel ich will. Gut, gut! ſprach der Junker, macht Euch deshalb keine Sorge. Geht in den Stall. Futter iſt doch da? O Futter die Fuͤlle! erwiederte keck und laut der Alte, und ſetzte leiſer hinzu:'s ſind noch ein paar Metzen Hafer und ein paar Bund Heu uͤbrig geblieben nach dem Begraͤb⸗ niß. Gut, hob der Junker wieder an und nahm die Lampe aus des Dieners widerſtrebender Hand. Ich will den Fremden ſelber hinauf fuͤhren. Ich kann's nicht zugeben, gnaͤdiger Herr. Nur fuͤnf Minuten, nur zehn Minuten, laͤng⸗ ſtens eine Viertelſtunde habt Geduld! Be⸗ trachtet doch nur die ſchoͤne Ausſicht im Mond⸗ ſchein, unterdeſſen ich die Pferde beſorge. Dann will ich Euch hinauf fuͤhren, wie ſich's ziemt, Euer Gnaden und Euern geehrten Gaſt. Ich hab' auch die ſilbernen Leuchter einge⸗ ſchloſſen, und die Lampe ſchickt ſich nicht— Wird mittlerweile ſchon gut ſein, erwie⸗ derte Ravenswood. Im Stalle werdet Ihr kein Licht brauchen, das halbe Dach iſt offen, ſo viel ich weiß. Freilich, gnaͤdiger Herr, freilich! ſprach der treue Diener, und ſetzte mit ſchnellem Witze hinzu: die faulen Ziegeldeckerjungen ſind noch immer nicht gekommen. Haͤtte ich Luſt, uͤber das Elend meines Hauſes zu ſcherzen, ſprach Ravenswood, als er ſeinen Gaſt die Treppe hinauf fuͤhrte, ſo —— wuͤrde mir der alte Caleb Mittel genug dazu geben. Es iſt ſeine Leidenſchaft, alles in un⸗ ſerer armſeligen Wirthſchaft nicht, wie es iſt, ſondern wie es, nach ſeiner Meinung, ſein ſollte, darzuſtellen, und in der That, es hat mir oft Spaß gemacht, wie der arme Teufel zu erſetzen ſucht, was ihm fuͤr das Anſehen des Hauſes nothwendig duͤnkt, und wie er den Mangel derjenigen Dinge gutmuͤthig entſchul⸗ digt, wofuͤr er, trotz ſeiner ſinnreichen Erfin⸗ dungen, kein Erſatzmittel zu entdecken wußte. Aber es wird mir ſchwer werden, ohne ihn, ſo klein das Schloß iſt, ein Zimmer zu finden, wo Feuer iſt. 3 Mit dieſen Worten oͤffnete er die Thuͤre der Halle. Hier wenigſtens finden wir weder Herd noch Herberge. Sie ſahen ein Bild der Veroͤdung. Das große gewoͤlbte Gemach war beinahe noch in dem Zuſtande, wie es die Gaͤſte bei dem Lei⸗ chenbegaͤngniſſe verlaſſen hatten. Umgeſtuͤrzte Kruͤge, Flaſchen und Trinkgeſchirre bedeckten den großen eichenen Tiſch; die Scherben der Glaͤſer, welche die Gaͤſte, durch beliebte Trink⸗ ſpruͤche begeiſtert, geopfert hatten, lagen auf dem Eſtrich des Bodens zerſtreut. Das Sil⸗ bergeſchirr, das Freunde und Verwandte ge⸗ liehen, war gleich nach dem Prunkfeſte wieder weggeſchafft worden. Nichts war uͤbrig, das Reichthum angezeigt haͤtte, und man ſah uͤber⸗ all nur Spuren neuerlicher Vergeudung und gegenwaͤrtiger Verwuͤſtung. Die ſchwarzen Wandbekleidungen, die beim Trauerfeſte die zerlumpten, von Motten zerfreſſenen Tapeten bedeckt hatten, waren theilweiſe herabgeriſſen und ließen die nackte Mauer ſehen. Die um⸗ geſtuͤrzten, oder in Unordnung zerſtreuten Stuͤh⸗ le verriethen, in wolcher ſorgloſen Verwirrung das Trauergelage war geſchloſſen worden. Dieſes Zimmer, ſprach Navenswood, die Lam⸗ pe empor haltend, wiederhallte von dem Laͤrm der Zecher, als es traurig haͤtte ſein ſollen, und es iſt gerechte Vergeltung, daß es traurig iſt, wo wir es froͤhlich finden ſollten. 137 Endlich fand Ravenswood im zweiten Stock⸗ werke ein kleines Gemach, wo Miekchen ein ziemlich erquickliches Feuer zu Stande ge⸗ bracht hatte. Freudig uͤberraſcht, rieb ſich Bucklaw die erſtarrten Haͤnde, und hoͤrte nun freundlicher auf die Entſchuldigungen ſeines Wirths. Bequemlichkeit, ſprach Ravenswood, kann ich Euch nicht verſchaffen, weil ich ſie ſelber nicht habe; ſie iſt laͤngſt fremd in dieſen Mauern, wenn ſie je hier gewohnt hat. Ob⸗ dach und Sicherheit aber kann ich Euch ver⸗ ſprechen. Vortreffliche Gaben, Junker, und nebſt einem Mundvoll Eſſen und Wein, alles was ich heute Abend verlangen kann. Ich fuͤrchte, unſer Abendeſſen wird arm⸗ ſelig ausfallen, ſprach Ravenswood. Caleb und Miekchen ſtreiten ſich eben daruͤber, wie ich hoͤre. Der gute Alte iſt ein wenig taub, und was er bei Seite geſprochen wiſſen will, wird meiſt von allen Anweſenden gehoͤrt, be⸗ 138 ſonders von denjenigen, vor welchen er ſeine Kunſtgriſſe am Liebſten verbergen moͤchte. Hoͤrt Ihr ihn? Sie horchten und vernahmen deutlich das Geſpraͤch der beiden Dienſtboten.„Mach's ſo gut Du kannſt, Miekchen, ſo gut Du kannſt! Es iſt ja leicht, zu jeder Sache ein freund⸗ lich Geſicht zu machen.,, Aber die alte Brut⸗ henne? ſprach Miekchen. Sie wird zaͤh ſein, wie Sohlenleder! Sag' nur, Du haͤtteſt Dich vergriffen, Miekchen, antwortete der treue Diener, mit beruhigendem Tone. Nimm alles auf Dich, laß nur die Ehre des Hauſes nicht darunter leiden!“ Aber die Bruthenne! hob die Alte wieder an. Sie wird irgendwo in der Halle ſitzen, und ich fuͤrchte mich im Dun⸗ keln vor dem Geſpenſt. Und wenn ich auch's Geſpenſt nicht ſehe, die Henne koͤnnt' ich auch nicht ſehen, es iſt ja pechfinſter und wir haben kein Licht im Hauſe, als die liebe Lampe, die der Herr mitgenommen hat. Und haͤtt' ich die Henne, wie köͤnnt' ich ſie rupfen und zurecht 139 machen? wir haben ja kein Feuer mehr im Hauſe.„Freilich, freilich, Miekchen! erwie⸗ derte Caleb. Aber wart' ein bischen, ich will ſehen, daß ich ihnen die Lampe wegmauſen kann! Der alte Diener trat gleich nachher in's Zimmer, ohne zu ahnen, daß man ſeine Un⸗ terhaltung mit der Koͤchinn gehoͤrt hatte. Nun, alter Freund, redete der Junker ihn an, haben wir denn etwas zum Abendbrod zu hoffen? Abendbrod zu hoffen, gnaͤdiger Herr? er⸗ wiederte Caleb, ſeinen Unmuth uͤber den aus⸗ geſprochenen Zweifel verrathend. Wie koͤnnte davon die Frage ſein in Euer Gnaden Hauſe? Abendbrod zu hoffen? Ei ja wohl! Aber vom Fleiſcher wollt Ihr doch nichts haben? Fettes Federvieh, daran iſt kein Mangel, zum Bra⸗ ten wie zum Noͤſten. Den fetten Kapaun, Miekchen! rief er kuͤhnlich, als ob ſo etwas in der alten Burg zu finden geweſen waͤre. Ganz unnoͤthig! ſprach Bucklaw, der es fuͤr eine Pllicht der Hoͤflichkeit hielt, die Ver⸗ zenheit des bekuͤmmerten Moanes ein wenig zu mildern. Ihr habt ja wohl etwas Kaltes, oder einen Biſſen Brod? Die beßten Haferkuchen! rief Caleb mit ſehr erleichtertem Herzen. Und Kaltes— ja alles, was wir haben, iſt kalt genug. Das Meiſte von den kalten Speiſen und Paſteten haben zwar die armen Leute nach dem Be⸗ graͤbniſſe gekriegt, wie ſich's gebuͤhrte, in⸗ deſſen— Hoͤrt, Caleb, ich muß dem Dinge ein Ende machen, ſprach Ravenswood. Dieſer Herr iſt der junge Laird von Bucklaw, er muß ſich verbergen, und Ihr ſeht alſo— Froͤhlich nickte der Alte, als habe er's wohl verſtanden. Es thut mir leid, daß der Herr in Noͤthen iſt, ſprach er, aber es freut mich, daß er nicht viel gegen unſre Wirthſchaft ſagen kann, denn ich glaube, wenn er ſelber in der Klemme iſt, wird er bei uns nicht dar⸗ auf ſehen. Nicht, als ob wir in der Klemme waͤren, Gott ſei Dank, nicht! ſetzte er hinzu, 8 141 das Geſtaͤndniß widerrufend, das er im erſten Ausbruche der Freude gethan hatte: aber frei⸗ lich ſteht's ſchlimmer mit uns, als ſonſt, oder als es ſein ſollte. Und auf's Eſſen zu kom⸗ men— was ſoll ich luͤgen! Es iſt noch das Hinterſtuͤck von der Schoͤpskeule da, ſie iſt nur dreimal auf der Tafel geweſen, und je naͤher dem Knochen, deſto ſuͤßer, das brauch' ich Eu⸗ er Gnaden nicht zu ſagen. Auch noch ein Stuͤck Schafkaͤſe und ein Bischen gute But⸗ ter, und— und— ja das naͤre das Beßte. Froͤhlich brachte er ſeine geringen Vorraͤ⸗ the herbei, und ſetzte ſie mit großer Feierlich⸗ keit auf den kleinen runden Tiſch vor die bei⸗ den Herren, welchen der Hunger auch der beßte Koch war. Caleb verſah ſeinen Tafeldienſt mit ernſtem Eifer, als haͤtte er durch ſeine ehrerbietige Emſigkeit den Mangel jeder an⸗ dern Bedienung gut machen wollen. Zum Ungluͤck ſetzte ihn Bucklaw, der die dreimal gepluͤnderte Schoͤpskeule meiſt allein verzehrt 142 hatte, in neue Verlegenheit, als er einen Krug Malzbier foderte. unſer Bier will ich gerade nicht empfehlen, erwiederte Caleb. Das Malz war nicht gut, und vorige Woche war ein ſchreckliches Ge⸗ witter, aber ſolch Waſſer, als wir hier haben, habt Ihr wohl nicht geſehen, dafuͤr ſteh' ich Euch. Aber wenn das Bier ſchlecht iſt, ſo bringt uns etwas Wein, ſprach Bucklaw, der bei der Erwaͤhnung des Waſſers, das der Alte empfahl, ein ſaures Geſicht machte. Wein! erwiederte Caleb unverzagt. Wein genug! Noch vor zwei Tagen— ach es war ein trauriger Fall!— da floß hier ſo viel Wein, daß ein Boot haͤtte ſchwimmen koͤn⸗ nen. An Wein hat's nie gefehlt in Wolfs⸗ fels. So hohlt uns etwas, ſtatt davon zu ſchwa⸗ tzen, ſprach der Junker. Der Alte ging dreiſt hinaus. Er kippte jedes ausgeleerte Gefaͤß im alten Keller und 143 ſchuͤttelte es mit der verzweifelnden Erwar⸗ tung, noch ſo viel Neigen zu finden, um den großen zinnernen Krug voll zu machen, den er mitgebracht hatte. Alles war leider er⸗ ſchoͤpft, und nach vergeblichen Verſuchen brach⸗ te er nicht mehr als eine halbe Kanne zu⸗ ſammen, die er vorſetzen konnte. Aber den⸗ noch verließ er das Schlachtfeld nicht, ohne durch eine Kriegsliſt ſeinen Nuͤckzug zu de⸗ cken. Unerſchrocken warf er den leeren Krug auf die Erde, als waͤre er beim Eintritte ins Zimmer geſtrauchelt, und rief der alten Hausmagd zu, den Wein außzuwiſchen. Das andre Gefaͤß ſetzte er auf die Tafel, und hoffte, es werde noch genug fuͤr die Herren ſein. So war's; denn ſelbſt Bucklaw, der ſonſt keinen Rebenſaft verſchmaͤhte, hatte nicht Luſt, nach dem erſten Zuge einen zweiten zu wa⸗ gen, und hielt ſich an das geprieſene Waſſer. Endlich wurde dem Gaſte ſein Nachtlager gewieſen, und da die geheime Kammer dazu auserſehen ward, ſo konnte Caleb leicht den 144 Mangel aller Bequemlichkeiten entſchuldigen. Wer haͤtte gedacht, ſprach er, daß hier ſo et⸗ was noͤthig waͤre! Seit undenklichen Zeiten hat hier niemand geſchlafen. Das Weibsvolk hat mir nie hinein gucken duͤrfen, ſonſt waͤr's nicht lange eine geheime Kammer geblie⸗ ben. 145 9Q VII. Rarenswood erwachte, als die Schatten der Naͤcht vor dem Morgenlichte flohen. Der Sturm in ſeiner Bruſt war ruhiger; er fuͤhlte ſich faͤhig, die Empfindungen zu zergliedern, welche ihn bewegt hatten, und war entſchloſſen, ſie zu bekaͤmpfen und zu unterdruͤcken. Der Glanz des ſtillen Morgens erheiterte ſelbſt das oͤde Heideland, das auf der einen Seite des Schloſſes hinan lief, und das herrliche Meer, von tauſend huͤpfenden Silberwellen gekraͤuſelt, lag dort in furchtbarer und doch freundlicher Hoheit, bis an den Himmelsrand ſich ausdeh⸗ nend. Das menſchliche Herz wird beim An⸗ blicke ſolcher ſtillen Erhabenheit, waͤre es auch noch ſo unruhig bewegt, freundlich angeregt und zu edlen Thaten begeiſtert. K 146 Nach einer ungewoͤhnlich ſtrengen Selbſt⸗ pruͤfung beſuchte Ravenswood ſeinen Gaſt. Nun, Bucklaw, ſprach e bie gefaͤllt Euch das Lager, wo einſt der verbannte Graf von Angus*) ruhig ſchlief, waͤhrend ſein erbitter⸗ ter Koͤnig ihn verfolgte? Hm! erwiederte Bucklaw, ich darf mich alſo nicht daruͤber beklagen, wenn vor mir ein ſo großer Mann hier ruhte; aber die Ma⸗ tratze iſt freilich ſehr hart, die Wand etwas feucht und die Ratten ſind aufruͤhriſcher, als ich es nach allem, was von Calebs Speck⸗ kammer zu vermuthen ſteht, erwarten konnte. Die Kammer iſt veroͤdet genug, ſprach Edgar, ſich umſehend, aber wenn Ihr aufſte⸗ hen und mich begleiten wollet, ſo wird uns Caleb wohl etwas Beſſeres zum Fruͤhſtuͤcke verſchaffen, als er uns geſtern Abend vorſetzen konnte. *) Er ſpielte unter Jakob V. eine wichtige Rolle in. Schottland. 147 Laßt's nicht beſſer werden! ſprach Buck⸗ law, als er aufſtand und ſich anzukleiden ſuch⸗ te, ſo gut es in der dunkeln Kammer moͤglich war; laßt's ei werden, wenn Ihr mich im Vorſatze der Sinnesaͤnderung ſtaͤr⸗ ken wollet. Die bloße Erinnerung an Caleb's Getraͤnke hat, mehr als zwanzig Predigten vermoͤchten, mein Verlangen unterdruͤckt, den Tag mit einem Morgenſchluͤckchen zu beginnen. Und wie ſteht's mit Euch, Junker? Habt Ihr tapfer gegen eure Buſenſchlange kaͤmpfen koͤn⸗ nen? Ihr ſeht, ich bin auf dem Wege, meine Nattern, eine nach der andern, zu erdruͤcken. Wenigſtens hab' ich den Kampf begonnen, Bucklaw, und es iſt mir ein ſchoͤner Engel er⸗ ſchienen, der zu meinem Beiſtande herab ſtieg. Weh mir! ſprach Bucklaw, eine ſolche Erſcheinung kann ich nicht erwarten, meine Tante muͤßte denn in's Grab ſteigen, und ſelbſt dann wuͤrde eher ihre Erbſchaft als ihr Geiſt mich in meinen guten Entſchluͤſſen be⸗ ſtaͤrken koͤnnen. Aber wieder auf's Fruͤhſtuͤck K8 148 zu kommen: das Reh huͤpft wohl noch mun⸗ ter umher, das uns eine Paſtete geben ſoll? Das will ich eben aut forſchen ſuchen, erwiederte Ravenswood und ging hinaus, um Caleb aufzuſuchen. Er fand ihn in einem ſinſtern Gemache, das in beſſern Zeiten als Speiſekammer gedient hatte. Der gute Mann war ſehr eifrig mit der zweifelhaften Arbeit beſchaͤftigt, einem zinnernen Kruge durch Scheuern das glaͤnzende Anſehen einer ſilbernen Kanne zu geben. Ich denke es geht, ja, es wird angehen, wenn ſie ihn nicht ſo nahe am Tiſche betrach⸗ ten, murmelte Caleb von Zeit zu Zeit, als haͤtte er ſich bei der Arbeit ermuthigen wollen. Nehmt das und ſchafft das Noͤthige her⸗ bei, unterbrach ihn der Junker, und gab ihm den Geldbeutel hin, der am vorigen Abende kaum den Klauen des Hauptmanns entgangen war. Der Alte ſchuͤttelte die duͤnnen Silber⸗ locken, blickte mit dem Ausdrucke eines tief⸗ gefuͤhlten Kummers auf ſeinen Gebieter, den — 19 kleinen Schatz in der Hand waͤgend, und ſprach mit trauriger Stimme: Und iſt das alles, was noch da iſt? Fuͤr jetzt alles, erwiederte Edgar, und zeigte mehr Froͤhlichkeit, als er vielleicht im Innern fuͤhlte. Aber es wird ſchon eine Zeit kommen, wo's beſſer geht, Caleb. Ehe die Zeit kommt, wird's wohl ein Ende ſein mit Allem, und mit einem alten Diener obendrein. Aber es ziemt ſich nicht fuͤr mich, ſo. mit Euer. Gnaden zu reden, und Ihr ſeht ſo blaß aus. Nehmt doch den Beutel wieder, und braucht ihn zur Schau und zum Schein vor den Leuten. Wollt Ihr mir eine Bitte nicht fuͤr ungut nehmen, ſo zieht ihn zuweilen heraus vor den Leuten und ſteckt ihn wieder ein, dann wird uns nie⸗ mand Kredit verſagen, wenn auch noch ſo viel verloren iſt. Aber, guter Caleb, ich bin noch immer Willens, das Land bald zu verlaſſen. Ich will den Ruf eines ehrlichen Mannes mitneh⸗ —— 150 men, und keine Schulden zuruͤck laſſen, we⸗ nigſtens keine ſelbſt genachten. Ja, das ſollt Ihr auch, als ein Ehren⸗ mann weggehen; der alte Caleb kann ja alles auf ſich nehmen, was fuͤr's Haus noth⸗ wendig iſt; ich werde ſo gut im Gefaͤngniß leben, als in Freiheit, und das Anſehn der Familie bleibt ſicher und unverletzt. Edgar ſuchte dem Alten vergebens begreif⸗ lich zu machen, daß die Bedenklichkeiten, die er gegen Schuldenmachen hatte, eher verſtaͤrkt als entfernt wuͤrden, wenn der Diener die Verantwortlichkeit fuͤr ſolche Verpflichtungen uͤbernehmen wollte. Der gute Alte war zu eifrig beſchaͤftigt, Mittel und Wege aufzufinden, als daß er ſich haͤtte damit irre machen moͤ⸗ gen, die Gruͤnde zu widerlegen, die man ge⸗ gen die Gerechtigkeit oder Zweckmaͤßigkeit ſei⸗ ner Maßregeln vorbrachte. Er berechnete leiſe fuͤr ſich, wer von den ehemaligen Hinterſaſſen und Unterthanen des Hauſes Ravenswood al⸗ lenfalls noch mit Federvieh helfen koͤnnte, oder —— 182 Bier und Branntwein borgen moͤchte.„Wir werden uns ſchon zu helfen wiſſen, wenn’s Euer Gnaden beliebt, ſprach er, wir ſchlagen uns durch; drum ſeid gutes Muthes, das Haus ſoll bei ſeinem Anſehn bleiben, ſo lan⸗ ge der alte Caleb noch an der Spitze ſteht.“ Die Bewirthung, welche Caleb durch ma⸗ nigfaltige Bemuͤhungen den beiden jungen Maͤnnern drei bis vier Tage zu verſchaffen wußte, war freilich nichts weniger als glaͤn⸗ zend, aber man begreift leicht, daß er es nicht mit ſchwer zu befriedigenden Gaͤſten zu thun hatte, und ſelbſt die Bekuͤmmerniſſe,, Entſchul⸗ digungen, Ausfluͤchte und Liſten des alten Mannes machten Ihnen Spaß und die un⸗ ordentliche Bewirthung beluſtigend. Sie hat⸗ ten auch wohl Urſache, jeden Umſtand zu be⸗ nutzen, um die Zeit, die ſonſt ſo traͤge da⸗ hin ſchlich, durch angenehme Abwechſelung zu kuͤrzen. Bucklaw, den der gezwungene Auf⸗ enthalt in dem einſamen Schloſſe von ſeinen ge⸗ woͤhnlichen Jagdvergnuͤgungen und froͤhlichen * 15² Gelagen trennte, ward ein unluſtiger, wenig anziehender Geſellſchafter. Fand er den Jun⸗ ker nicht mehr geneigt zum Fechten, oder zum Drucktafelſpiel, hatte er ſein Pferd und das Reitzeug dazu geputzt, und ſah er, wie das Thier ſein Futter fraß und gemaͤchlich der Ruhe genoß, ſo konnte er nicht umhin, es um dieſe anſcheinend geduldige Ergebung in eine ſo einfoͤrmige Lebensweiſe zu benei⸗ den.„Das dumme Vieh, ſprach er, denkt weder an's Wettrennen, noch an die Jagd, und findet's ſo behaglich vor der Raufe in dieſem verfallenen Stalle, als ob's hier ſchon als Fuͤllen geweſen waͤre, und ich, bei aller Freiheit, in den Loͤchern dieſes elenden Schloſ⸗ ſes herum zu kriechen, ich weiß kaum, wie ich mit Pfeifen und Schlafen die Zeit bis zum Mittageſſen hinbringen ſoll.“" Unter dieſen troſtloſen Betrachtungen beſtieg er die Zinne des Schloſſes, um zu beobachten, was etwa in der fernen Heide ſich zeigen moͤchte, oder mit Kieſelſteinen und Kalkſtuͤckchen die Moͤ⸗ 153 wen und Seeraben zu werfen, die unvorſichtig in ſeinen Bereich kamen. Ravenswood hatte, bei einem unvergleich⸗ bar tieferen und kraͤftigeren Gemuͤthe, gleich⸗ falls ſeinen Stoff zu bekuͤmmernden Betrach⸗ tungen, die ihn eben ſo ungluͤcklich machten, als Langeweile und Geſchaͤftloſigkeit ſeinen Ge⸗ ſellſchafter. Luziens erſter Anblick hatte weni⸗ ger Eindruck auf ihn gemacht, als es ihr Bild that, wenn er nun an ſie dachte. Die Tiefe und Heſftigkeit der wilden Rachſucht, die ihn gereizt hatte, eine Zuſammenkunft mit ihrem Vater zu ſuchen, ward nach und nach gemildert, und er fand, wenn er zuruͤck blickte, ſein Betragen gegen die Tochter hart und beleidigend fuͤr ein ſchoͤnes Maͤdchen von achtbarem Stande. Ihre Blicke voll inniger Dankbarkeit, ihre liebreich hoͤflichen Worte, hatte er ja faſt mit Verachtung zuruͤck ge⸗ ſtoßen, und wenn Edgar von Ravenswood Un⸗ bilden von Aſhton erlitten hatte, ſo ſagte ihm ſein Gewiſſen, er habe es deßs Tochter un⸗ 154 artig vergolten. Wenn ſeine Gedanken in dieſe Vorwuͤrfe uͤbergingen, machte die Erinnerung und Luziens reizende Geſtalt, welche durch die Um⸗ ſtaͤnde ihrer Bekanntſchaft noch anziehender wur⸗ de, einen Eindruck auf ſein Gemuͤth, der zugleich beſaͤnftigend und peinlich war. Ihre ſuͤße Stim⸗ me, ihr angenehmer Ausdruck, die lebhafte Glut ihrer kindlichen Liebe, alles dieß machte den Gedanken noch bitterer, daß er ihre Dank⸗ barkeit rauh zuruͤck gewieſen, und brachte zu⸗ gleich ein verfuͤhreriſches Bild vor ſeine Seele. Selbſt das kraͤftige ſittliche Gefuͤhl des Juͤnglings und die Redlichkeit ſeiner Vorſaͤtze erhoͤhten die Gefahr, dieſe Erinnerungen zu naͤhren, und beveſtigten den Hang, ſich ihnen zu uͤberlaſſen. Bei dem veſten Entſchluſſe, das herrſchende Laſter ſeiner Seele, wo moͤg⸗ lich, zu bezwingen, gab er dem Gedanken, wo⸗ durch er demſelben am kraͤftigſten entgegen arbeiten konnte, gern Raum, ja erweckte ſie in ſeinem Gemuͤthe, und waͤhrend er dieß that/ fuͤhlte er die Haͤrte ſeines Betragens gegen 155 Luzie ſo tief, daß er nothwendig verleitetz wur⸗ de, ihr gleichſam zur Vergeltung mehr Reit und Anmuth zu geben, als ſie vielleicht wirk⸗ lich beſaß. Haͤtte es jetzt ihm Jemand geſagt, wie er vor Kurzem erſt dem ganzen Stamme des Mannes, den er nicht mit unrecht als den Urheber von ſeines Vaters Verderben und To⸗ de anſah, Nache geſchworen, er wuͤrde die Be⸗ ſchuldigung anfangs als ſchaͤndliche Verlaͤum⸗ dung abgewieſen haben, bei ernſter Selbſtpruͤ⸗ fung aber zu dem Bekenntniſſe gezwungen ge⸗ weſen ſein, daß die Anklage zu einer gewiſſen Zeit wohl Grund gehabt habe, wiewohl es ſich nach ſeiner jetzigen Stimmung ſchwerlich glauben laſſe. Schon waren zwei ſtreitende Leidenſchaften in ſeiner Bruſt: das Verlangen, den Tod ſei⸗ nes Vaters zu raͤchen, und die Bewunderung der Tochter ſeines Feindes, die jenen Wunſch ſo wunderbar milderte. Gegen die erſte Lei⸗ denſchaft hatte er gekaͤmpft, bis ſie geſchwaͤcht 156 zu ſein ſchien, der andern aber ſetzte er kei⸗ nen Widerſtand entgegen, weil er ihr Daſein nicht ahnete. Daß dieß wirklich der Fall war, bewies ſein wieder gefaßter Entſchluß, Schottland zu verlaſſen; aber, ungeachtet die⸗ ſes Vorſatzes, verlaͤngerte er ſeinen Aufent⸗ halt in Wolfsfels von Tage zu Tage, ohne Maßregeln zur Vollziehung zu nehmen. Er hatte allerdings an einige Verwandten in einer entfernten Gegend des Landes, und be⸗ ſonders an den Marquis von A.. geſchrie⸗ ben, um ſeine Abſichten ihnen mitzutheilen, und wenn Bucklaw in ihn drang, ſo ſprach er gewoͤhnlich von der Nothwendigkeit, die Antworten ſeiner Verwandten, zumal des Mar⸗ quis, abzuwarten, ehe er einen ſo entſcheiden⸗ den Schritt thun koͤnne. Der Marquis war reich und maͤchtig, aber obgleich er in dem Verdachte ſtand, den Veraͤnderungen, welche die Vertreibung des alten Koͤnighauſes her⸗ bei gefuͤhrt hatte, nicht gewogen zu ſein, ſo war er doch ſo gewandt, eine Partei in der 157 oberſten Staatsbehoͤrde Schottlands zu leiten, die maͤchtig genug war, den Freunden des Siegelbewahrers den Sturz zu drohen. Die Berathung mit einem ſo bedeutenden Manne war eine ziemlich ſcheinbare Entſchuldigung, womit Edgar gegen Bucklaw, und vermuth⸗ lich lauch gegen ſich ſelber, die Verlaͤngerung ſeines Aufenthaltes im alten Schloſſe recht⸗ fertigte, um ſo mehr, da die Geruͤchte von einer wahrſcheinlichen Veraͤnderung der Ge⸗ walthaber in Schottland immer allgemeiner wurden, und durch den alten Caleb, einem eifrigen Politiker, der ſelten in's nahe Dorf ging, ohne etwas der Art aufzuſammeln, auch in die einſame Felſenburg kamen. Bucklaw konnte zwar keine befriedigenden Einwendungen gegen Ravenswoods aufgeſcho⸗ bene Abreiſe aus Schottland vorbringen, aber die Unthaͤtigkeit, wozu er dadurch verurtheilt wurde, machte ihn darum nicht weniger un⸗ muthig, und nur der Einfluß, den Edgar auf ihn gewonnen hatte, bewog ihn, ſich eine 158 Lebensweiſe gefallen zu laſſen, die ſeinen Gewohnheiten und Neigungen ſo ſehr wider⸗ ſtritt. Man haͤlt Euch fuͤr einen ruͤhrigen, thaͤ⸗ tigen jungen Mann, pflegte er oft zu ſagen, aber es ſcheint, Ihr wollt hier fort und fort leben, wie eine Ratte in ihrem Loche, nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß das kluͤgere Un⸗ geziefer eine Einſiedelei waͤhlt, wo's wenigſtens Futter gibt. Aber bei uns werden Calebs Entſchuldigungen immer laͤnger, je knapper ſei⸗ ne Biſſen werden, und am Ende geht's uns, wie’s dem Faulthiere gehen ſoll, wir haben faſt das letzte gruͤne Blatt aufgezehrt, und es bleibt uns nichts uͤbrig, als daß wir vom Baume herab fallen und den Hals brechen. Fuͤrchtet nichts, erwiederte Edgar, das Schickſal lwacht fuür uns, auch wir werden einen Antheil an der Revolution haben, die bevorſteht. Was fuͤr ein Schickſal? Was fuͤr eine . meinem armen Teufel einen Trunk Waſſfer auf⸗ 159 Nevolution? fragte Bucklaw. Ich daͤchte, wir haͤtten genug gehabt an Einer Revolution. Edgar reichte ihm einen Brief, und Buck⸗ law fuhr fort: O das war mein Traum! Mich daͤucht, ich hoͤrte heute fruͤh, wie Caleb drang, und ihm dabei die gute Lehre gab, es fei fruͤh Morgens beſſer fuͤr den Magen, als Bier und Branntwein. 1 Es war der Bote des Marquis von A. erwiederte Edgar. Er mußte Calebs prahleri⸗ ſche Gaſtfreiheit erfahren, die am Ende nur ſaures Bier und Heringe darzubringen hatte. Aber leſet, und Ihr werdet ſehen, was der Brief uns Neues bringt. So ſchnell als moͤglich, ſprach Bucklaw, aber ich bin kein großer Gelehrter, und Se. Herrlichkeit ſcheint auch nicht der erſte Schrei⸗ ber zu ſein. Dieſes offenherzige Geſtaͤndniß bewaͤhrend, mußte Bucklaw den Sinn, ja faſt jedes Wort des Briefes muͤhſam herausklanben.„Wenn 160 wir zeither— ſchrieb der Marquis— weniger thaͤtig geweſen ſind/ unſern guten Willen ge⸗ gen Euch, hochachtbarer Herr Vetter, zu zeigen, als wir es in der Eigenſchaft eines liebreichen Verwandten und Blutfreundes gern haͤtten thun wollen; ſo bitten wir Euch, daß Ihr es dem Mangel an Gelegenheit, unſer Wohlwol⸗ len zu beweiſen, nicht aber einem kaltſinnigen Gemuͤthe zuſchreiben wollet. Was nun Euern Entſchluß betrifft, in fremde Lande zu reiſen, ſo halten wir ſelbiges in dieſen Zeitlaͤuften nicht fuͤr rathſam, inmaßen diejenigen, ſo Euch nicht wohl wollen, nach der Gewohn⸗ heit ſolcher Leute, Eurer Reiſe Beweggruͤnde zuſchreiben koͤnnten, womit ſie, wiewohl wir Euch kfuͤr ſo lauter halten und glauben, als wir ſelber ſind, dennoch Glauben finden koͤnn⸗ ten an Orten, wo Euch ſolches ſehr nachthei⸗ lig werden moͤchte, und welches wir zwar un⸗ gern und mit Leidweſen ſehen, jedoch abzu⸗ wenden außer Stande ſein wuͤrden. Nachdem wir nun ſolchergeſtalt, wie es einem Verwand⸗ — 4 hat ſchon lange geargwohnt, er habe ein Auge auf das vertriebene Koͤnighaus. Er ſollte mich nicht unbeſonnen in ein ſolches Abenteuer verwickeln, ſprach Edgar. Wenn ich an die Zeiten des erſten und zwei⸗ ten Karls und an den letzten Jakob denke, ſo finde ich wahrlich wenig Auffoderung, als Mann oder als Vaterlandsfreund, mein Schwert fuͤr ihre Nachkommen zu ziehen. Aber ich glaube, der Marquis iſt zu weiſe, wenig⸗ ſtens zu vorſichtig, ſich in ſolche Haͤndel ein⸗ zulaſſen. Ich vermuthe, er hat eher auf eine Veraͤnderung in unſerer Landesverwaltung, als im Koͤnigreiche angeſpielt. O Pfui uͤber Eure Staatsraͤnke! rief Bucklaw, uͤber Eure kalten Berechnungen, die alte Herren in ſchaͤbigen Nachtmuͤtzen und warmen Schlafroͤcken machen, wie ſie ein Schachſpiel ſpielen. Sie ſchieben einen Schatz⸗ meiſter oder Staatsrath auf die Seite, wie ſie einen Rochen oder einen Bauer ſchlagen. Das Ballſpiel fuͤr mich zum Spaß, und die . L 2 Schlacht, wenn's Ernſt gilt. Mein Racket und mein Schwert ſind mir Spielzeug und Broderwerber. Und Ihr, Junker, ſo ernſt und bedachtſam Ihr ſcheinen wollet, es iſt et⸗ was in Euch, das Euch das Blut ſchneller in Aufruhr bringt, als es paßt fuͤr Eure jetzi⸗ ge Grille, uͤber politiſche Wahrheiten zu pre⸗ digen. Ihr ſeid Einer von den weiſen Leu⸗ ten, die alles mit großer Faſſung betrachten, bis ihr Blut kocht, und dann— wehe jedem, der ſie an ihre eigenen klugen Grundſaͤtze er⸗ innern wollte! Vielleicht leſet Ihr beſſer aus meiner Seele, als ich es ſelber kann, erwiederte Ra⸗ venswood. Aber Rechtdenken wird mir ſicher⸗ lich helfen, recht zu handeln.... Doch hoͤrt! Caleb laͤutet die Tiſchglocke. Die laͤßt er immer deſto wohllautender erſchallen, je magerer die Koſt iſt, die er uns zu geben hat, ſprach Bucklaw, als ob der ver⸗ dammte Klingklang eine ausgehungerte Henne in einen fetten Kapaun, oder ein Schoͤpsſchul⸗ 165 terblatt in eine Rehkenle umwandeln koͤnn⸗ ke.— Ich muß wuͤnſchen, ſprach Ravenswood, daß wir nur ſo gut davon kommen moͤgen, als es Eure aͤrgſten Vermuthungen argwoͤh⸗ nen; denn ſeht nur, mit welcher Feierlichkeit er die einſame, verdeckte Schuͤſſel auf den Tiſch ſtellt.„ Aufgedeckt, Caleb, um Gotteswillen auf⸗ gedeckt! ſprach Bucklaw. Gebt uns, was Ihr habt, dhne Vorrede. Nun, es ſteht ja gut genug ſo! fuhr er fort, als der Alte, ohne zu antworten, die verdeckte Schuͤſſel genau auf die Mitte des Tiſches zu ſchieben ſuchte. Nun, was habt Ihr denn hier, Caleb? fragte Edgar. Ich haͤtt' es Euch ſchon ſagen wollen, aber Ihr Gnaden, der Herr von Bucklaw, iſt ſo ungeduldig, erwiederte der Alte, der noch im⸗ mer mit der einen Hand die Schuͤſſel, mit der andern den Deckel hielt. Aber was iſt's denn? Ich hoffe doch nicht, 166. ein paar blanke Sporen, wie's in den alten kriegeriſchen Zeiten Sitte war? Jh, Euer Gnaden beliebt zu ſcherzen, ant⸗ wortete Caleb, aber ich daͤchte, der Gebrauch war ſo uͤbel nicht, und ſoll, wie ich mir habe erzaͤhlen laſſen, in einer edlen angeſehenen Fa⸗ milie hergebracht geweſen ſein. Aber daß ich auf Euer Mittageſſen komme, es iſt morgen der Feſttag der heiligen Margaretha, die war eine wuͤrdige Koͤniginn in Schottland, und da dacht“ ich, Ihr wuͤrdet's wohl fuͤr anſtaͤndig halten, heute juſt nicht zu faſten, aber doch der Na⸗ tur nur ſo eine leichte Erquickung zu geben, etwa einen Salzhering, oder ſo etwas. Mit dieſen Worten deckte er die Schuͤſſel auf, worin vier Fiſche lagen, und verſicherte, es waͤren nicht gewoͤhnliche Heringe, ſondern alle gute Milcher, und die Haushaͤlterinn habe ſie mit beſonderer Sorgfalt nur fuͤr die Herr⸗ ſchaft eingepoͤkelt. Nun gut, ſo eſſen wir die Heringe, weil wir nichts beſſeres haben, ſprach Edgar, aber —— ich fange an mit Euch zu glauben, Bucklaw, wir verzehren das letzte gruͤne Blatt, und wer⸗ den wohl, trotz den Staatsraͤnken des Mar⸗ quis, unſer Lager, aus Mangel an Lebensmit⸗ teln, verlaſſen muͤſſen, ohne auf den Erfolg zu warten. 2 σ VIII. Am Morgen des folgenden Tages ſtuͤrzte Bucklaw in Edgard's Schlafgemach mit einem lauten ho! ho! Tago! Tago! das die Tod⸗ ten haͤtte erwecken koͤnnen. Auf! Auf! rief er, ums Himmelswillen auf! Die Jaͤger ſind da— dieſen ganzen Monat hab' ich noch nichts von Jagd gehoͤrt. Und Ihr, Junker, koͤnnt in einem Bette liegen, das nur ein bischen weicher iſt, als der Eſtrich in der Hal⸗ le Eurer Vaͤter? Ich wuͤnſche, ſprach Ravenswood, ſich muͤr⸗ riſch erhebend, Ihr haͤttet Euch dieſes fruͤhen Scherzes enthalten. Es iſt in der That nicht angenehm, in der kurzen Ruhe geſtoͤrt zu wer⸗ den, die ich eben zu genießen anfing, denn ich habe mich die ganze Nacht mit Gedanken aͤber ein Schickſal gequaͤlt, das noch haͤrter iſt, als mein Lager. Pah! erwiederte Bucklaw. Aufgeſtanden, aufgeſtanden! Die Hunde ſind draußen. Ich habe die Pferde ſelber geſattelt. Der alte Ca⸗ leb rief nach Stalljungen und Dienerſchaft und haͤtte wohl noch ein paar Stunden ge⸗ braucht, die Abweſenheit von Leuten zu ent⸗ ſchuldigen, die, wer weiß, wie weit ſind. Auf, auf, Junker! Die Hunde ſind draußen, ſag: ich Euch. Kommt! die Jagd faͤngt an. Mit dieſen Worten eilte er hinaus. Das kann mich wenig kuͤmmern, ſprach Edgar, langſam aufſehend. Und weſſen Hun⸗ de ſind uns ſo nahe? Seiner Gnaden, des Lords Bittlebrjin, erwiederte Caleb, der dem ungeduldigen Buck⸗ law gefolgt war. Und wahrhaftig, ich weiß nicht, wer ihnen das Recht gibt, zu klaͤffen und zu heulen in Eurer Gnaden Jagd⸗ und Forſtgerechtigkeit. So viel weiß ich, hat man Laͤndereien 170 und Jagdgerechtigkeit gekauft, und kann ſich alſo wohl fuͤr befugt halten, die erkauften Ge⸗ rechtſame auszuuͤben. Kann ſein, gnaͤdiger Herr, erwiederte Ca⸗ leb; aber es iſt nicht fein von ihnen, daß ſie herkommen und ſolches Recht ausuͤben, ſo lan⸗ ge Ihr hier auf Eurem Schloſſe Wolfsfels ſeid. Lord Bittlebrain thaͤte wohl, wenn er bedaͤchte, was ſeine Leute geweſen ſind. Und wir, was wir jetzt ſind, ſprach Edgar, ein ſchmerzliches Gefuͤhl unterdruͤckend. Aber gebt mir meinen Mantel, Caleb. Ich will Bucklaw zu Gefallen der Jagd zuſehen. Es wuͤrde ſelbſtſuͤchtig ſein, wollte ich meines Ga⸗ ſtes Vergnuͤgen dem meinigen opfern. Opfern? wiederholte Caleb, in einem To⸗ ne, der zu ſagen ſchien, daß er die geringſte Nachgiebigkeit ſeines Herrn zu Gunſten eines Andern fuͤr ungereimt hielt. Ja wahrhaftig, opfern! Aber mit Euer Gnaden Erlaubniß, was fuͤr einen Rock wollt Ihr anziehen? 171 Welchen Ihr wollt, Caleb, ich daͤchte, mein Kleidervorrath waͤre nicht ſehr zahl⸗ reich. Nicht zahlreich? wiederholte jener. Nun, da war der graue Rock und der mit Silber⸗ treſſen, die habt Ihr verſchenkt— und der franzoͤſiche Sammetrock, den Euer Vater trug— Gott hab' ihn ſelig!— all' die Klei⸗ der des ſeligen gnaͤdigen Herrn kriegten die armen Freunde der Familie— und der Rock von franzoͤſiſchem Tuche— Den hab' ich Euch geſchenkt, Caleb, und wuͤrde wohl der einzige ſein, außer dem/ den ich geſtern trug. Her mit dem, nnd kein Wort mehr daruͤber! Wenn Ihr Luſt habt, gnaͤdiger Herr,— und es iſt freilich ein Anzug fuͤr die Trauer: aber ich habe den Rock noch nicht auf meinen Leib gebracht, wuͤrde ſich auch ſchlecht ſchi⸗ cken. Ihr habt nun gerade jetzt nichts zum Wechſeln und der Rock iſt gut ausgebuͤrſtet— und es ſind ja auch Frauenzimmer unten— 1792 Frauenzimmer? fiel Edgar ein. Und was fuͤr Frauenzimmer: 4 Was weiß ich's? Ich ſah ſie vom Wart⸗ thurm, aber ich konnte ſie nur voruͤber fliegen ſehn; ihre Zaͤume klimperten und die Federn auf ihren Huͤten wehten, als ob's die Elfen⸗ koͤniginn mit ihrem Hofſtaate geweſen waͤre. Gut, gut, Caleb! Gieb mir nur den Mantel her und den Degen. Was iſt das fuͤr ein Laͤrm im Hofe? Bucklaw fuͤhrt die Pferde heraus, antwor⸗ tete Caleb, aus dem Fenſter ſehend, als wenn's nicht Leute genug im Schloͤſſe gaͤbe, oder als wenn ich's nicht ſelber thun koͤnnte. lch Caleb, es wuͤrde uns wenig mangeln, wenn Ihr ſo viel vermoͤchtet, als Ihr gern wollt. 3 Und ich hoffe, es hat Euch noch nicht viel gemangelt, gnaͤdiger Herr, denn wir ha⸗ ben ja die Ehre der Famtlie ſo gut erhalten, als ſich's bei den Umſtaͤnden thun ließ, Nur Bucklaw iſt immer ſo frei und ſo vorſchnell, und da hat er wieder Euer Pferd ohne den geſtickten Sattel herausgefuͤhrt; in einer Mi⸗ nute haͤtt' ich ihn ja ausbuͤrſten koͤnnen! Es iſt alles ſehr gut, erwiederte Edgar, ſich von ihm losmachend, und ging die ſchmale Wendeltreppe in den Hof hinab. Mag alles ſehr gut ſein, ſprach Caleb, ein wenig verdrießlich, aber wenn Ihr einen Au⸗ genblick warten wollt, ſo will ich Euch etwas ſagen, was nicht ſehr gut ſein wird. Und was iſt das? antwortete Ravenswood ungeduldig. Ich meine nur, wenn Ihr Euch doch bei einem von den Herren auf der Jagd zu Gaſte laden wolltet. Ich kann nicht noch einmal einen Faſttag aus einem Feſttage ma⸗ chen, wie ich dem Bucklaw mit der Koͤniginn Margarethe kam. Vielleicht beliebt's Euch, gnaͤdiger Herr, es bei Lord Bittlebrain ſo einzurichten, und fuͤr Morgen ſorg' ich dann, dafuͤr ſteh' ich. Geht's nicht, ſo ſpeiſet mit ihnen in der Schenke, und mit der Zeche wird 174 ſich's ja wohl auf gute Art machen laſſen; Ihr braucht ja nur zu ſagen, Ihr haͤttet Eu⸗ ren Beutel vergeſſen, oder die Wirthinn waͤre Euch noch Zinſen ſchuldig und Ihr wolltet's abrechnen. Oder ſonſt eine Luͤge, nicht wahr? Gott befohlen, Caleb! Ich empfehle Eurer Sorge die Ehre des Hauſes. Mit dieſen Worten ſchwang ſich Edgar aufs Pferd und folgte dem ungeduldigen Bucklaw, welcher, ſobald der Junker den Fuß im Buͤgel hatte, mit offenbarer Lebensgefahr den ſteilen Pfad hinab ſprengte, der zur Fel⸗ ſenburg fuͤhrte. Caleb ſah ihnen aͤngſtlich nach, und ſchuͤt⸗ telte die duͤnnen Silberlocken. Ich hoffe, ſie werden nicht zu Schaden kommen. Nun, ſie ſind unten, und es iſt wahr, die Pferde ha⸗ ben Muth und Geiſt. Von dem Ungeſtuͤm und Feuer ſeines Ge⸗ muͤthes getrieben, ſtuͤrmte Bucklaw wie ein Wirbelwind fort. Edgar kaum weniger; denn 175 ſein Gemuͤth ließ ſich zwar ungern aus muͤſſi⸗ gem Tiefſinne aufſtoͤren, aber wenn es einmal in Bewegung gerathen war, entwickelte ſich im Fortſchritte ſeine Kraft und Heftigkeit. Nicht immer war auch die Lebhaftigkeit ſeiner Re⸗ gungen im Verhaͤltniße mit dem Antriebe, ſon⸗ dern ließ ſich der Schnelligkeit eines Steines vergleichen, der mit⸗gleicher Wuth vom Huͤgel hinab rollt, es mag zuerſt ein Rieſenarm, oder eine Knabenhand ihn in Bewegung geſetzt ha⸗ ben. Mit ganzer Seele uͤberließ er ſich da⸗ her dem lebhaften Eindrucke, den die Jagd auf ihn machte, ein Vergnuͤgen, welches alle Juͤnglinge ſo ſehr anzieht, daß man es mehr in einem Hange unſerer thieriſchen Natur, der alle Verſchtedenheiten des Standes und der Erziehung aufhebt, als in der angenom⸗ menen Gewohnheit raſcher Bewegung gegruͤn⸗ det finden moͤchte. Die Toͤne des Waldhorns, zu jener Zeit ſtets zur Ermunterung der Hunde gebraucht, das tiefe, ferne Gebell der Meute, der halb 176 gehoͤrte Ruf der Jaͤger, die halb geſehenen Ge⸗ ſtalten, die jetzt aus den buſchigen Schluchten, welche das Moor durchſchnitten, hervor tauch⸗ ten, jetzt uͤber die offene Heide flogen, jetzt den Weg durch hemmende Suͤmpfe ſuchten,— alles dieß und noch mehr das Gefuͤhl ſeiner eigenen Bewegung, regte Edgar ſo lebhaft an, daß er auf einen Augenblick die peinlichen Er⸗ innerungen vergaß, die alles, was ihn umgab, erweckte. Das erſte, was ihn wieder an dieſe unangenehmen Umſtaͤnde mahnte, war die Be⸗ merkung, daß ſein Pferd, ſo gut er die Ge⸗ end kannte, nicht im Stande war, der ſchnel⸗ len Jagd zu folgen. Als er den Zuͤgel anzog, mit dem bittern Gefuͤhle, daß ſeine Armutb ihn von dem Lieblingzeitvertreibe ſeiner Vor⸗ aͤltern ausſchloß, naͤherte ſich ihm ein wohl berittener Unbekannter, der unbemerkt ihm ſchon von Anfange an gefolgt war. Euer Pferd iſt ſchwach, ſprach er freund⸗ lich. Duͤrft' ich Euch bitten, des meinigen Euch zu bedienen? Mein Herr, erwiederte Edgar, mehr uͤber⸗ raſcht als erfreut bei dem Anerbieten: ich weiß in der That nicht, wodurch ich eine ſolche Gunſt von einem Fremden verdient haͤtte. Fragt doch nicht danach, Junker, fiel Bucklaw ein, der zeither ſehr ungern ſein munteres Pferd angehalten hatte, um ſeinen Wirth nicht zu uͤberreiten. Nehmt die Gaben, welche die Goͤtter Euch zutheilen. Oder lieber Freund! leihet mir das Pferd; ich ſehe, es hat Euch ſchon lange viel Muͤhe gemacht, es zu baͤndigen. Ich will ihm den Teufel ſchon austreiben. Nun, Junker, reitet meines, es wird wie ein Adler mit Euch davon fliegen. Mit dieſen Worten warf er dem Junker den Zuͤgel ſeines Pferdes zu, ſchwang ſich auf das andre, das der Fremde lüm uͤberließ, und ſprengte davon.. Ueber den tollen Wildfung! ſprach Edgar. Und wie koͤnnt Ihr, mein Freund, Euer Pferd ihm anvertrauen? Das Pferd, antwortete der Fremde, ge⸗ M 478 hoͤrt einen Manne, der Euer Gnaden und je⸗ dem Eurer achtbaren Freunde mit allem zu Dienſte ſteht. und der Eigenthuͤmer heißt? fragte Ed⸗ gar. 1 Verzeiht mir, Ihr werdet es von ihm ſelber erfahren. Wollt Ihr Eures Freundes Pferd nehmen, und mir das Eure uͤberlaſſen, ſo werd' ich Euch wieder treffen, wenn der Hirſch gefallen iſt; ich hoͤre, man blaͤſet ſchon den Fuͤrſtenruf. Ich glaube ſelber, es wird das beßte Mit⸗ tel ſein, Euch wieder zu Eurem Pferde zu ver⸗ helfen, erwiederte Ravenswood, und als er Bucklaw's Pferd beſtiegen hatte, eilte er zu der Stelle, wo nach dem Tone des Jagdhorns das Schickſal des verfolgten Hirſches enſchieden werden ſollte. Lebendiger ward die Jagd, lauter und wilder das ungeduldige Gebell der Hunde und froͤhlicher ſcholl das muntere Geſchrei der zer⸗ ſtreuten Jaͤger, die von allen Seiten herbei 179 ſprengten, um ſich zu ſammeln. Bucklaw war zuerſt auf dem Platze, wo der Hirſch, unver⸗ moͤgend, laͤnger zu ſliehen, ſich gegen die Hun⸗ de gewendet hatte, und nach dem Weidmanns⸗ ausdrucke Halali war. Das ſnattliche Haupt niederbeugend, mit Schaum bedeckt, mit Blicken voll Wuth und Schrecken, war das gehetzte Thier nun ein Gegenſtand der Furcht ſeiner Verfolger geworden. Die Jaͤ⸗ ger kamen einer nach dem Andern herbei, und erlauerten eine Gelegenheit, den Hirſch mit Vortheil anzufallen. Die Hunde ſtanden verplefft; ſie verriethen durch ihr Gebell zugleich Eifer und Furcht, und jeder Jaͤger ſchien zu erwarten, es werde einer von ſeinen Geſellen den gefaͤhrlichen Angriff wagen, da es ſchwer war, ſich dem Hirſche im Hohlwege unbemerkt zu naͤhern. Ein allgemeiner Ju⸗ belruf erſcholl, als Bucklaw vom Pferde ſprang und mit gluͤcklicher Gewandtheit ploͤtzlich und ſchnell auf den Hirſch los eilte und ihm mit ſeinem Hirſchfaͤnger die Hinterlaͤufe zerhieb. Ma2 130 Das Thier ſank; die Hunde ſelen uͤber den gefallenen Feind und machten bald ſeinem ſchmerzlichen Kampf ein Ende. Die Toͤne der Hoͤrner und das froͤhliche Halalil der Jaͤger ſchallten weit hinaus uͤber die Wogen des Meeres. Der Oberjaͤger rief darauf die Hunde ab, und uͤberreichte das Weidmeſſer knieend einer ſchönen Frau auf einem weißen Zelter, die aus Furcht, oder vielleicht aus Mitleid, zeit⸗ her in einiger Entfernung ſich gehalten hatte. Sie trug eine Larve von ſchwarzer Seide, wie es zu jener Zeit bei den Reiterinnen Sitte war, ſowohl um die Haut gegen Sonne und Regen zu ſchuͤtzen, als auch aus Anſand⸗ gefuͤhl, das einer Frau nicht erlaubte, bei geraͤuſchvoullen Jagden und unter gemiſchter Geſellſchaft mit unbedecktem Angeſichte zu er⸗ ſcheinen. Ihr koſtbarer Anzug, ihr ſchoͤnes Pferd, und die weidmaͤnniſche Huldigung, die der Jaͤger ihr darbrachte, verriethen dem kun⸗ digen Bucklaw, daß ſie die Koͤniginn des Jagd⸗ 181 feſtes war. Nicht ohne eine Regung von Mit⸗ leid, die faſt an Verachtung graͤnzte, bemerkte der begeiſterte Weidmann, daß ſie das darge⸗ reichte Meſſer ausſchlug, womit ſie den erſten Einſchnitt in des Hirſches Bruſt machen ſollte, um die Beſchaffenheit des Wildbrets zu erproben. Er fuͤhlte nicht wenig Luſt, ihr ſeine Huldigung darzubringen, aber zu ſeinem Ungluͤcke hatte er, bei ſeiner Lebensweiſe, mit der hoͤhern und beſſern Klaſſe der Frauen nie traulichen Umgang gehabt, und eigte ſich daher einfaͤltig und bloͤde, wenn er eine Frau von Stande anreden mußte. Endlich faßte er doch Herz, die ſchoͤne Jaͤgerinn zu begruͤßen, und die Hoffnung aus⸗ zuſprechen, daß die Jagd ihre Erwartung be⸗ friedigt haben werde. Sie antwortete ſehr hoͤflich und ſittſam, und ſprach ein paar Wor⸗ te des Dankes zu dem Tapfern, der mit ſo gluͤcklicher Gewandtheit der Jagd ein Ende gemacht habe, als Hunde und Jaͤger in Ver⸗ legenheit geweſen. Dieſe Bemerkung brachte Bucklaw auf einmal wieder in ſein eigenes Gebiet.„O meine Gnaͤdige, dabei iſt, meiner Treu! gar nichts Schweres oder Verdienſtliches, und unſereins fuͤrchtet ſich nicht allzuſehr, ein paar Enden vom Gehoͤrn in die Kaldaunen zu kriegen. Viel hundertmal bin ich beim Hetzen geweſen, meine Gnaͤdige, und nie ſah ich einen Hirſch Halali auf dem Felde, oder im Waſſer, daß ich ihm nicht gerade zu Leibe gegangen waͤre. Es kommt dabei alles auf Gewohnheit an, meine Gnaͤdige; aber das muß ich Euch ſagen, Vorſicht und Behut⸗ ſamkeit iſt dennoch dabei nothig, und Ihr werdet wohl thun, wenn Ihr immer einen recht ſcharfen zweiſchneidigen Hirſchfaͤnger habt, daß Ihr vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts hauen koͤnnt, wie Ihr's noͤthig habt, denn ein Stoß vom Rehbocksgehoͤrne iſt eine gefaͤhrliche Sa⸗ che, ja wie Gift.“ Ich glaube, mein Herr, erwiederte die Jaͤgerinn, und die Larye verbarg kaum ihr 14 183 Laͤcheln: es wird ſich fuͤr mich wohl wenig Gelegenheit finden, von ſo ſorgfaͤltigen Vor⸗ bereitungen Vortheil zu ziehen. Aber der Herr hat ganz recht, gnaͤdiges Fraͤulein, hob ein alter Jaͤger an, der Buck⸗ law's Rede mit großer Erbauung vernommen hatte. Mein Vater, er war ein Foͤrſter, hat mir oft geſagt, ein Hieb von einem Eber laſſe ſich leichter heilen, als ein Stoß vom Rehgehoͤrn. Soll ich rathen, hob Bucklaw wieder an⸗ der nun ganz in ſeinem Elemente war und gern alles leiten wollte: ſo muß man fuͤr die muͤden Hunde den Kopf des Hirſches zer⸗ wirken und zerlegen, und ich daͤchte, der Jaͤger, der den Hirſch aufbrechen ſoll, muͤßte auf Euer Gnaden Wohlſein einen tuͤchtigen Krug Bier, oder ein Glas Brannt⸗ wein trinken, denn bricht er ihn auf, ohne zu trinken, ſo haͤlt ſich das Wildbret nicht. Dieſer Vorſchlag war dem Jaͤger hoͤchlich willkommen, der nun zur Vergeltung dem 184 jungen Edelmanne das Weidmeſſer darreich⸗ te. Das Fraͤulein unterſtuͤtzte dieſes hoͤfliche Anerbieten.„Ich glaube, mein Herr, ſprach ſie, ſich von den Jaͤgern entfernend, mein Vater, zu deſſen Unterhaltung Lord Bittle⸗ brain die Jagd veranſtaltet hat, wird die Sorge fuͤr alle dieſe Dinge ſehr gern einem Manne von Eurer Erfahrung uͤberlaſſen.“ Nach dieſen Worten nahm ſie, freundlich ſich neigend, Abſchied, und begleitet von zwei Dienern, verließ ſie den Jagdplatz. Bucklaw, erfreut ſeine weidmaͤnniſche Geſchicklichkeit zu zeigen, achtete wenig darauf, zog ſeinen Rock aus, ſtreifte die Hemdaͤrmel auf bis an die Elbogen, und wuͤhlte, ſchneidend, hackend und hauend, mit Luſt in Schweiß und Feiſt herum. Als Edgar ſeinem Begleiter eine kurze Strecke gefolgt war und den Fall des Hir⸗ ſches geſehen hatte, wich ſeine Theilnahme an der Jagdluſt bald dem Widerwillen, den er immer empfand, wenn ihn Leute ſeines 185 Gleichen oder Geringere in ſeiner geſunkenen Gluͤckslage erblickten. Er ritt auf eine An⸗ hoͤhe, wo er auf die geſchaͤftige und froͤhliche Bewegung im⸗ Thale hinab ſah. Die mun⸗ tern Toͤne der Jagd klangen traurig in dem Ohre des Ungluͤcklichen. Schmerzlich war ihm der Anblick neuer Emporkoͤmmlinge, die der Jagd auf dieſen Duͤnen ſich erfreuten, welche ſeine Vorfahren ſo eiferſuͤchtig ihrem eigenen Vergnuͤgen geweiht hatten, waͤhrend er, der Erbe des Gebietes, ſroh war, ihnen aus der Ferne zuzuſehen, und es erwachten in ihm Betrachtungen, die ein Gemuͤth, das einen Hang zu gruͤbelndem Truͤbſinn hatte, tief nie⸗ derdruͤcken mußten. Sein Stolz aber ver⸗ ſcheuchte dieſe Niedergeſchlagenheit, und ſbald zerſtreute ihn eine unmuthige Regung, als er ſah, daß ſein fluͤchtiger Freund Bucklaw nicht zu eilig war, das erborgte Pferd zuruͤck zu geben, welches Edgar, ehe er den Jagdplatz ver⸗ ließ, dem gefaͤlligen Eigenthuͤmer wieder zuge⸗ ſtellt zu ſehen wuͤnſchte. 186 Als er im Begriff war, ſich den ver⸗ ſammelten Jaͤgern zu naͤhern, kam ein Reiter heran geritten, welcher, wie er, aus der Ferne den Fall des Hirſches angeſehen hatte. Es ſchien ein aͤltlicher Mann zu ſein. Er trug einen Scharlachmantel, der bis uͤber das Knie zugeknoͤpft war, und hatte den Hut nieder⸗ geſchlagen, vermuthlich zum Schutze gegen die Witterung. Sein Pferd, ein klraͤftiger, ruͤſti⸗ ger Zelter, paßte mehr fuͤr einen Reiter, der nur Zuſchauer der Jagdluſt ſein wollte. Ein Diener hielt in einiger Entfernung. Der Unbekannte naͤherte ſich dem Junker ſehr hoͤflich, aber nicht ohne Verlegenheit. So jung und wacker, mein Herr, vedete er ihn an, und Ihr ſcheint doch ſo gleichgiltig ge⸗ gen die edle Weidmannsluſt zu ſein, als ob Ihr meine Laſt von Jahren auf den Schul⸗ tern haͤttet. Zu andern Zeiten hab' ich froͤhlichen An⸗ theil daran genommen, erwiederte Edgar, jetzt aber muͤſſen unlaͤngſt eingetretene haͤusli⸗ 187 che Ereigniſſe mich entſchuldigen, und uͤber⸗ dieß war ich bei Anfange der Jagd nicht gut beritten. Ich glaube, es hatte einer von meinen Leuten den ſchicklichen Gedanken, Eurem Freunde mit einem Pferde zu dienen. Ich war ihm und Euch fuͤr dieſe Hoͤflich⸗ keit verbunden, erwiederte Ravenswood. Mein Freund iſt Herr Hayſton von Bucklaw, und Ihr werdet ihn ſicherlich unter den eifrigſten Jaͤgern ſinden. Er wird Eures Dieners Pferd zuruͤck geben und das meinige dagegen uͤber⸗ nehmen, und— ſetzte er hinzu, ſein Pferd ablenkend— Euch gleichfalls ſeinen Dank darbringen. Mit dieſen Worten Abſchied nehmend, wollte Edgar heim reiten. Aber ſo leicht kam er von dem Fremden nicht los, der zu glei⸗ cher Zeit ſein Pferd wendete, und in der⸗ ſelben Richtung ritt. Edgar konnte dem Ge⸗ ſellſchafter nicht entgehen, ohne geradezu von ihm weg zu reiten, was er fuͤr unhoͤllich, und 183 gegen einen Mann von des Fremden Alter, der ſich eben erſt ſo verbindlich gezeigt hatte, doppelt unartig hielt. Der Unbekannte blieb nicht lange ſtumm. Dieß iſt alſo das alte Schloß Wolfsfels, wovon ſo oft in der ſchottiſchen Geſchichte die Rede iſt? ſprach er, auf die alte Burg blickend, die ſich im Schatten einer dunkeln Gewitterwolke erhob. Edgar begnuͤgte ſich mit einer kalten Be⸗ jahung. Es war, wie man mir erzaͤhlt hat, fuhr jener fort, ohne durch des Junkers Kaͤlte ſich abſchrecken zu laſſen: eine der aͤlteſten Beſitzungen des achtbaren Hauſes Ravens⸗ wood. Ihre aͤlteſte Beſitzung, antwortete Edgar, und vermuthlich ihre letzte. Ich— ich hoffe nicht, ſprach der unbe⸗ kannte, als er ſich einige Male geraͤuspert, und ſich angeſtrengt hatte, eine gewiſſe Unſchluͤſſig⸗ keit zu beſiegen. Schottland weiß, was es 189 dieſem Hauſe verdankt, und denkt an die vie⸗ len ruͤhmlichen Thaten, die den Namen Ra⸗ venswood ehren. Gewiß, wenn es der Koͤni⸗ ginn auf gehoͤrige Art vorgeſtellt wuͤrde, daß die Guͤter einer ſo alten, edlen Familie ver⸗ ſchleudert worden— in Verfall gerathen ſind, will ich ſagen— ſo wuͤrden wohl Mittel gefunden werden, ad reaedificandam antiquam domum— Ich will Euch die Muͤhe erſparen, mein Herr, dieſen Gegenſtand weiter zu beſprechen, erwiederte Edgar ſtolz. Ich bin der Erbe dieſes ungluͤcklichen Hauſes, ich bin der Jun⸗ ker von Ravenswood; und Ihr, als ein Mann von Bildung, wie es ſcheint, werdet fuͤhlen, daß es, naͤchſt dem Ungluͤcke, nichts Empfind⸗ licheres gibt, als mit unverlangtem Mitleid uͤberhaͤuft zu werden. 3 Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, erwiederte der aͤltlice Mann: ich wußte nicht— ich fuͤhl es, ich haͤtte es nicht er⸗ 190 waͤhnen ſollen— es iſt mir nicht eingefallen, voraus zu ſetzen— Entſchuldigungen ſind uͤberfluͤſſig, mein Herr, ſprach Navenswood, denn hier ſcheiden ſich unſre Wege, wie ich vermuthe, und ich verſichere Euch, wir trennen uns, was mich angeht, in voͤlligem Gleichmuthe. Bei dieſen Worten lenkte er ſein Pferd auf einen ſchmalen, grasbewachſenen Stein⸗ damm, den alten Weg zu der Burg, aber ehe er ſich von ſeinem Geſellſchafter los machen konnte, naͤherte ſich das Fraͤulein, dem wir ſchon einmal begegnet ſind, mit ihrem Die⸗ nergefolge dem alten Herrn. Meine Tochter, ſprach er zu der Ver⸗ larvten, hier iſt der Junker von Ravens⸗ wood. Sdgar haͤtte auf dieſe Vorſtellung etwas erwiedern muͤſſen, aber die anmuthige Geſtalt und ſchuͤchterne Sittſamkeit des Fraͤuleins uͤberraſchten ihn ſo ſehr, daß er nicht nur vergaß, zu fragen, wem und von wem er vor⸗ 191 geſtellt worden war, ſondern ſogar einige Au⸗ genblicke voͤllig ſtumm blieb. Die Wolke, die ſchon lange uͤber der Anhoͤhe von Wolfsfels geſchwebt hatte, ver⸗ breitete ſich immer finſterer und dichter uͤber Land und Sce, die entfernten Gegenſtaͤnde verhuͤllend, die naͤhern verdunkelnd. In die⸗ ſem Augenblicke verkuͤndigten ein paar ent⸗ fernte Donnerſchlaͤge das Gewitter, womit ſie beladen war, und zuckende Blitze, die ſchnell nach einander durch den Himmel fuh⸗ ren, zeigten in der Ferne die grauen Thuͤrme von Wolfsfels, und naͤher die rollenden Wo⸗ gen des Meeres, das ploͤtzlich von rothem blendenden Lichte ergluͤhte. Das Pferd der ſchoͤnen Jaͤgerinn ſchien ſcheu zu werden, und unmoͤglich konnte Ed⸗ gar, ohne alle Nuͤckſichten zu vergeſſen, ſie der Sorge ihres bejahrten Vaters oder ihrer Dienſtboten ſo ploͤtzlich uͤberlaſſen. Er war, oder hielt ſich durch die Pflichten der Hoͤflich⸗ keit gebunden, den Zuͤgel ihres Pferdes zu 192 faſſen und ihr beizuſtehen, das unruhige Thier zu baͤndigen. Der alte Herr bemerkte waͤhrend dieſer Pauſe, daß das Gewitter heftiger zu werden ſcheine, daß er zu weit von dem Land⸗ ſitze des Lords Bittlebrain, ſeines Wirthes, ſei, und ſehr dankbar ſein werde, wenn ihm der Junker von Ravenswood eine naͤhere Zuflucht gegen das Gewitter anweiſen wolle. Er warf dabei einen ſo ſehnlichen und verlegenen Blick auf die Burg Wolfsfels, daß Edgar unmoͤg⸗ lich vermeiden, konnte, dem alten Manne und dem Fraͤulein in dieſer dringenden Noth ſeine Wohnung anzubieten. Der Zuſtand der ſchoͤ⸗ nen Jaͤgerinn machte dieſe Hoͤflichkeit in der That unumgaͤnglich nothwendig; denn waͤh⸗ rend er ihr Beiſtand leiſtete, mußte er be⸗ merken, wie ſehr ſie zitterte und wie heftig ſie bewegt war, ohne Zweifel aus Furcht vor dem herannahenden Gewitter. Es laͤßt ſich nicht ſagen, ob Edgar ihre Beſorgniſſe theilte, aber er war nicht ganz frei von einer aͤhnlichen unruhigen Bewegung, 193 als er ſprach: Wolfsfels kann nichts als Ob⸗ dach anbieten, aber waͤre es in einem ſolchen Augenblick annehmlich— Er ſchwieg, und der uͤbrige Theil der Ein⸗ ladung wollte nicht uͤber die Zunge. Der alte Herr aber erlaubte ihm nicht, die mehr ange⸗ deutete als ausgeſprochene Einladung wieder zuruͤck zu nehmen. Das Gewitter, ſagte er, muͤſſe es entſchuldigen, daß man keine Umſtaͤn⸗ de mache; die ſchwaͤchliche Geſundheit ſeiner Tochter ſei erſt, neuerlich durch Schrecken er⸗ ſchuͤttert worden, und er hoffe Verzeihung zu finden, wenn er unter dieſen Umſtaͤnden des Junkers Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehme. Edgar konnte nicht zuruͤck treten. Er ritt voran und fuͤhrte des Fraͤuleins Pferd, da⸗ mit es bei einem ploͤtzlichen Ausbruche des Ge⸗ witters nicht ſcheu werde. Trotz ſeiner leb⸗ haften Gemuͤthsbewegung, entging es ihm nicht, daß die Todtenblaͤſſe, die ihren Hals und die nicht verlarvten Theile ihres Geſichts — N 194 bedeckt hatte, einer roſigen Glut gewichen war, und er fuͤhlte mit Verlegenheit, wie eine ſtillſchweigend verwandte Regung auch ſei⸗ ne Wangen faͤrbte. Der Unbekannte, der ſeine Aufmerkſamkeit unter der Beſorgniß fuͤr die Sicherheit ſeiner Tochter zu verſchleiern ſuchte, fuhr fort, Edgar's Zuͤge zu beobachten, als ſie den Schloßhuͤgel hinan ritten. Sie waren nun am Eingange der alten Burg. Edgar wurde von Regungen verſchiedener Art beſtuͤrmt. Als er in den verͤdeten Burghof voran ritt, und ſeinen Diener herbei rief, hatte ſeine Stimme einen ernſten, ja faſt wilden Ton, der zu der Hoͤflichkeit, womit man geehrte Gaß⸗ empfaͤngt, wenig paßte. Caleb kam, und weder die Blaͤſſe der ſchoͤ⸗ nen Fremden bei der Annaͤherung des Gewit⸗ ters, noch irgend eines andern Bedraͤngten, ließ ſich mit der Leichenfarbe vergleichen, wel⸗ che die duͤrren Wangen des untroͤſtlichen Al⸗ ten uͤberzog/ als er ſo viele neue Gaͤſte kurz vor der Mittagieit erblickte.„Iſt er toll, murmelte er fuͤr ſich, iſt er denn reintoll, daß er Herren und Frauen bringt und einen Schwarm von Geſinde hinterdrein!“ Darauf naͤherte er ſich ſeinem Herrn, ent⸗ ſchuldigend, daß er den uͤbrigen Leuten erlaubt habe, der Jagd zuzuſehen. Sie denken gewiß, ſetzte er hinzu, der gnaͤdige Herr kaͤme vor Apbend nicht zuruͤck, und ich fuͤrchte ſchon, ſie werden faullenzen. Still, Caleb! ſprach Edgar mit finſterm Ernſt, Eure Thorheit iſt unpaſſend in dieſem Augenblicke.. Dieſer alte Mann, wandte er ſich darauf zu ſeinen Gaͤſten, und eine aͤlte⸗ re, noch hinfaͤlligere Magd ſind meine ganze Dienerſchaft. Unſre Vorraͤthe von Lebensmit⸗ teln ſind noch weit duͤrftiger, als eine ſo arm⸗ ſelige Einrichtung und ein ſo verfallenes Haus ankuͤndigen moͤgen, aber was ſich finden mag, iſt zu Euren Dienſten. Den aͤltlichen Mann uͤberraſchte das ver⸗ fallene, ja wilde Anſehn der Burg, das der dunkle Wolkenhimmel noch oͤder machte, und N 2 195 — 196 vielleicht hoͤrte er nicht ohne Ruͤhrung die ern⸗ ſte entſchloſſene Stimme, womit Edgar ihn an⸗ redete. Er ſah ſich unruhig um, und bedauer⸗ te faſt, daß er die angebotene Gaſtfreundſchaft angenommen hatte: aber er hatte ſich einmal ſelber in dieſe Lage geſetzt, und an Umkehren war nicht zu denken. Caleb war ſo befuͤrzt uͤber ſeines Herrn offenes Geſtaͤndniß, daß er einige Minuten wie betaͤubt war und nur in den langen Bart, der ſeit ſechs Tagen kein Scheermeſſer gefuͤhlt hatte, murmelte:„Er iſt toll, reintoll— hat ganz den Kopf verloren! Aber Caleb ſoll des Teufels ſein, ſetzte er hinzu, ſeinen er⸗ finderiſchen Geiſt ſammelnd: wenn die Ehre der Familie dabei leiden ſoll, und waͤre der Junker ſo toll als die ſieben weiſen Meiſter.“ Ploͤtzlich aber hoͤrte er Bucklaw's Stimme, die ſelbſt den Hufſchlag der Roſſe und die Toͤ⸗ ne der Jagdhoͤrner uͤbertaͤubte, und es zeigte ſich, daß der alte Gaſt mit dem groͤßten Theil 197 des muntern Jagdgefolges den Schloßberg hin⸗ an zog. Ich will des Teufels ſein, ſprach Caleb, der, trotz diele neuen Einfalls der Philiſter, friſchen Muth faßte: wenn ſie mich ſchlagen! So viel au herzubringen, die denken, der Branntwein fließt hier; und er weiß ja, in welchen Noͤthen wir jetzt ſind. Aber wenn ich nur dieſes muͤſſige Geſindel fortſchaffen kann, das mit in den Hof gekommen iſt, ſo geht wohl noch alles gut. 1 198 IX. Bulaw gehoͤrte zu den unbedachtſamen, die unbedenklich ihren Freund einem Scherze opfern. Als man hoͤrte, daß die vornehmſten des Jagdgefolges ihren Weg nach Wolfsfels genommen hatten, machten die Jaͤger das hoͤf⸗ liche Anerbieten, das Wild ins Schloß zu bringen. Bucklaw nahm es bereitwillig an. Er dachte zum voraus, mit welchem Erſtaunen Caleb den ganzen Zug ankommen ſehen wuͤrde, aber wenig an die Verlegenheit, worein er ſeinen Freund, den Junker, bringen mußte, der ſo wenig in der Lage war, tahlreiche Gaͤ⸗ ſte zu empfangen. Er hatte aber an Caleb einen liſtigen und gewandten Gegner, der in allen Bedraͤngniſſen Ausfluͤchte und Entſchul⸗ 199 digungen zu erſinnen wußte, wo es, nach ſei⸗ ner Meinung, die Ehre der Familie erheiſchte. Gott ſei Dank! ſprach Caleb zu ſich ſelbſt, der Wind hat geſtern einen Thorfluͤgel zuge⸗ worfen, und mit dem andern denk' ich fertig zu werden. Aber, wie ein kluger Befehlshaber, wuͤnſch⸗ te er, wo moglich, zugleich von dem innern Feinde ſich zu befreien, was in ſeinen Augen jeder Eſſer und Trinker war, ehe er Maßre⸗ geln nahm, diejenigen auszuſchließen, die mit froͤhlichem Laͤrm ihre Naͤhe ankuͤndigten. Als ſein Herr die beiden Gaͤſte ins Schloß gefuͤhrt hatte, trat Caleb zu der Dienerſchaft im Hofe. „Sie bringen das Wild ins Schloß, ſprach er zu ihnen, und ich daͤchte, wir empfingen ſie am Thore. Kaum waren die Reitknechte, auf jenen hinterliſtigen Wink, arglos hinaus gegangen, als Caleb ohne Zeitverluſt den offenen Thor⸗ fluͤgel mit einer Heftigkeit zuwarf, daß der Hall durch die alten Mauern ſchallte. Er trat 200 1. darauf an ein kleines vorſpringendes Fenſter oder Schießloch, das in alten Zeiten dem Burgwart gedient hatte, diejenigen zu erkun⸗ den, welche Einlaß begehrten, und gab ihnen nun mit wenigen kraͤftigen Worten zu verſte⸗ hen, der Junker von Ravenswood und ein paar vornehme Gaͤſte waͤren bereits zur Tafel gegangen, es faͤnde ſich aber vortrefflicher Branntwein bei der Wirthinn unten im Dor⸗ fe, und er ließ dabei eine dunkle Hoffnung durchblicken, ſein Herr werde vielleicht die Ze⸗ che bezahlen.. Einige vernahmen dieſe Ankuͤndigung mit Erſtaunen, Andre mit Gelaͤchter, die vertrie⸗ benen Dienſtboten aber mit Schrecken, und ſie ſuchten zu beweiſen, daß ihr Recht, Einlaß zu fordern, um ihrer Herrſchaft aufzuwarten, we⸗ nigſtens unbeſtreitbar ſei. Caleb war jedoch kei⸗ neswegs in der Stimmung, irgend einen Un⸗ terſchied gelten zu laſſen. Er blieb bei ſeinem erſten Vorſchlage mit der muͤrriſchen, aber wirkſamen Hartnaͤckigkeit, die gegen alle Ueber⸗ 8 201 zeugung gewaffnet und taub gegen alle Gruͤnde iſt. Bucklaw naͤherte ſich endlich auch dem verſchloſſenen Thore, Einlaß fodernd mit un⸗ 1 1 ¹ 1 muthigem Tone. Caleb's Entſchluß war unerſchuͤtterlich. Und wenn der Koͤnig auf ſeinem Throne vor dem Thore waͤre, ſagte er, er wollte es nicht oͤffnen mit ſeinen zehn Fingern gegen den al⸗ ten Gebrauch und das Herkommen in der Fa⸗ milie Navenswood,*) wie es ihm, als dem erſten Diener des Hauſes, zieme. Bucklaw war hoͤchſt aufgebracht, beſchwerte ſich mit vielen Fluͤchen und Verwuͤnſchungen uͤber unwuͤrdige Behandlung und verlangte den Junker ſelbſt zu ſprechen. Caleb blieb taub. Den Henker ſoll er— *) Eine alte Sitte in Schottland. So lange die Familie bei Tiſche ſaß, wurde das Hof⸗ thor geſchloſſen, und nur etwa ein vorneh⸗ mer Gaſt, oder wer ein dringendes Geſchäft hatte, ſuchte oder erhielt um dieſe Zeit Ein⸗ laß. 20⁰02 * ſprechen, bis er ausgeſchlafen hat, ſprach er zu ſcch ſelbſt. Es ſchickt ſich auch fuͤr ihn, uns einen Schwarm von trunkenem Jäͤgervolk her⸗ zubringen, und er weiß doch, daß wir kaum was haben fuͤr ſeine eigene trockne Kehle. Er ging nun vom Fenſter, und uͤberließ die Ausgeſtoßenen ihrem Unmuthe. Ein An⸗ derer aber, den Caleb in der Hitze der Ver⸗ handlung nicht bemerkte, hatte ſchweigend al⸗ les angehoͤrt. Es war der vertraute Diener des Fremden, eben derſelbe, welcher dem jun⸗ gen Bucklaw ſein Pferd geliehen hatte. Er war im Stalle, waͤhrend Caleb die uͤbrigen Dienſtboten hinaus trieb, und entging dadurch gleichem Schickſale. Die Beweggruͤnde des alten Mannes ahnend, und bekannt mit den Abſichten ſeines Herrn gegen Ravenswood, war er nicht zweifelhaft, was er zu thun hatte. Er trat, unbemerkt von dem alten Diener, an das Thorfenſter, und erklaͤrte den Dienſt⸗ boten, es ſei ſeines Herrn Wille, daß Lord Bittlebrains Dienerſchaft und ſeine eigenen . 2⁰3 Leute in die nahe Schenke gehen und ſich die noͤthigen Erfriſchungen geben laſſen ſollten, fuͤr deren Bezahlung er ſorgen werde. freundliche Thor der Burg Wolfsfels und verwuͤnſchten, als ſie den ſteilen Pfad hinab gingen, den geizigen und unwuͤrdigen Eigen⸗ thuͤmer. Bucklaw beſaß viele Eigenſchaften, die ihn unter guͤnſtigen Umſtaͤnden zu einem wuͤrdigen und verſtaͤndigen Manne gemacht haben wuͤrden, aber ſeine Erziehung war ſo vernachlaͤſſigt, daß er faͤhig war, in die Ge⸗ danken und Empfindungen ſeiner Freudenge⸗ noſſen einzuſtimmen. Die Lobſpruͤche, womit man ihn eben erſt uͤberhaͤuft hatte, ſtellte er den Mißhandlungen entgegen, die Edgar jetzt erfuhr; er verglich die langweiligen einfoͤrmi⸗ gen Tage, die er in Wolfsfels verlebt hatte, mit ſeiner gewoͤhnlichen luſtigen Lebensweiſe, er füͤhlte mit tiefem Unwillen ſeine Vertrei⸗ bung aus dem Schloſſe, die er fuͤr eine grobe Beſchimpfung hielt, und ſo brachten ihn alle Die froͤhlichen Jaͤger verließen das ungaſt⸗ 204 dieſe gemiſchten Empfindungen dahin, die Ver⸗ bindung mit Edgar abzubrechen. Bei der Ankunft in der Schenke fand er unerwartet einen alten Bekannten, der eben vom Pferde ſtieg. Es war Hauptmann Crai⸗ gengelt, der ſogleich auf ihn zukam, und ohne ſich, wie es ſchien, der Gleichguͤltigkeit zu er⸗ innern, womit ſie ſich juͤngſt getrennt hatten, ihm mit der lebhafteſten Waͤrme die Hand druͤckte. Einen warmen Druck der Hand muß⸗ te Bucklaw immer herzlich erwiedern, und kaum hatte Craigengelt den Druck gefuͤhlt, ſo wußte er, wie er mit ihm ſtand. Lange lebe Bucklaw! rief er aus. Ja, ehrliche Leute koͤnnen noch leben in dieſer Lumpenwelt! Und auch wohl andre Leute, erwiederte Bucklaw, wie kaͤmet Ihr ſonſt hierher, edler Hauptmann?. Wie Ich? O ich bin ſo frei, als ein Vogel in der Luft, der weder Zins noch Steu⸗ er bezahlt. Alles iſt aufgeklaͤrt, alles beigelegt. 2⁰05 Nicht eine Woche wagten ſie mich aufzuhal⸗ ten. Gewiſſe Leute haben beſſere Freunde dort unter den Herren, als Ihr Euch einbilden moͤ⸗ get, und koͤnnen einem Freunde dienen, wenn 3 am wenigſten erwartet wird. Pah! erwiederte Bucklaw, der den Mann durchaus kannte und verachtete, nur nichts von Eurem truͤglichen Kauderwelſch! Sagt mir aufrichtig, ſeid Ihr frei und ſicher? Ganz frei und in voller Sicherheit, ſag ich Euch, und ich wollte Euch melden, daß Ihr Euch nicht laͤnger zu verbergen braucht. Dann nennt Ihr Euch wohl meinen Freund, Hauptmann Craigengelt? Freund? Ich bin Dein treuer Achates, Bruͤderchen— wie Hand und Handſchuh find wir, Dein bin ich auf Leben und Tod. So laß Dich gleich auf die Probe ſtellen, antwortete Bucklaw. Du haſt immer Geld, wie Du auch dazu kommen magſt. Borge mir ein paar Goldfuͤchſe; ich muß dieſen ehrlichen 2⁰6 Jungen den Staub aus der Kehle ſpuͤlen. Das iſt daß erſte, und dann- Zwei, Bruͤderchen? fiel Craigengelt lein. Zwanzig ſtehen Dir zu Dienſte, und zuanzig andre zur Unterſtuͤtzung.. So? Was Ihr ſagt! ſprach Bucklaw, und ſchwieg einen Augenblick, da ſein natuͤr⸗ licher Scharffinn ihn auf den Argwohn leitete, es moͤge unter einer ſo angemeſſenen Freige⸗ bigkeit irgend ein außerordentlicher Beweg⸗ grund verborgen ſein. Craigengelt, fuhr er endlich fort, Ihr ſeid entweder in allem Ern⸗ ſte ein ehrlicher Kerl, und das kann ich mir kaum denken, oder Ihr ſeid kluͤger, als ich mir gedacht habe, und auch das kann ich kaum glauben. Eins ſteht dem andern nicht im Wege, ſprach Craigengelt. Aber ſo nehmt doch; das Gold iſt ſo gut, als es je auf die Wage kam. Er legte bei dieſen Worten eine Anzahl Goldſtuͤcke in Bucklaw's Hand, der ſie unge⸗ 20„ zaͤhlt und unbeſehen in die Taſche ſteckte, und nur aͤußerte, er ſei in einer ſo bedraͤngten La⸗ ge, daß er ſich muͤſſe anwerben laſſen, und wenn der Teufel ſelbſt ihm Handgeld boͤte. Darauf wendete er ſich zu den Jaͤgern: Folgt mir, Kinder! Ich halt' Euch frei. Bucklaw ſoll leben— hoch! riefen die froͤhlichen Jaͤger. Und verdammt ſei, wer die Jagd mit⸗ macht, und die Jaͤger ſo trocken laͤßt, als ein Trommelfell, ſprach ein Anderer dazu. Das Haus Navenswood war ſonſt ein gutes ehrbares Haus hier zu Lande, ſetzte ein alter Mann hinzu, aber heut' zu Tage hat's ſein Anſehen verloren, und der Junker zeigt ſich nicht viel beſſer, als ein gieriger Lump. Alle ſtimmten ein und ſtuͤrmten in die Schenke, wo ſie bis ſpaͤt in die Nacht zechten. Bucklaw war bei ſeinem luſtigen Leben ſelten ekel in der Wahl ſeiner Geſellen, und da ſei⸗ ne Zechluſt bei dieſer Gelegenheit, nach einer ungewoͤhnlich langen Nuͤchternheit, ja faſt Ent⸗ *½ haltſamkeit, aufs Neue ſtark angeregt war, ſo fuͤhlte er ſich an der Spitze des Trinkge⸗ lages ſo gluͤcklich, als ob ſeine Kumpane Fuͤrſtenſoͤhne geweſen waͤren. Craigengelt hat⸗ te’ ſeine beſondern Abſichten mit Bucklaw; und begabt mit einer gewiſſen Laune gemei⸗ ner Art, mit großer Unverſchaͤmtheit und der Kunſt ein gutes Lied zu ſingen, uͤberdieß mit der Stimmung des wieder gewonnenen Freun⸗ des durchaus bekannt, gelang es ihm leicht, den jungen Mann bis zum froͤhlichen Rauſche zu verleiten. 8 Einen ganz andern Auftritt gab es unter⸗ deſſen im Schloſſe Wolfsfels. Als Edgar den Burghof verließ, war er ſo beſchaͤftigt mit ſei⸗ nen eigenen verwirrenden Betrachtungen, daß er auf Caleb's Schritte nicht achten konnte. Er fuͤhrte ſeine Gaͤſte in die große Halle, wel⸗ che der alte Diener nach und nach wieder et⸗ was in Ordnung gebracht hatte, aber bei aller Geſchicklichkeit und Muͤhe, das duͤrftige Ge⸗ raͤth vortheilhaft aufzuſtellen, war doch das 209 äinſtre, oͤde Anſehen der alten nackten Waͤnde geblieben. Die ſchmalen Fenſter in den dicken Mauern ſchienen eher dazu gemacht zu ſein, das freundliche Tageslicht auszuſchließen, als einzulaſſen, und der ſchwarze Gewitterhimmel vermehrte noch die Dunkelheit. Als Edgar, mit der Feinheit damaliger Umgangſitte, aber doch ein wenig ſteif und verlegen in ſeinem Benehmen, das Fraͤulein in die Halle hinauf fuͤhrte, blieb ihr Vater naͤher an der Thuͤre, als ob er Hut und Man⸗ tel abzulegen beſchaͤftigt geweſen waͤre. In dieſem Augenblicke hoͤrte man den ſchallenden Ton des zugeworfenen Schloßthors. Der Frem⸗ de fuhr zuſammen, eilte ſchnell an's Fenſter, und blickte unruhig auf Edgar, als er ſah, daß die Pforte verſchloſſen und ſein Gefolge draußen war. Ihr habt nichts zu fuͤrchten, mein Herr, ſprach Ravenswood ernſt. Dieſes Dach kann noch Schutz gewaͤhren, wenn auch nicht will⸗ kommenen. Aber ich glaube, es iſt Zeit, daß ich 9 — erfahre, wer meiner verfallenen Wohnung ſo. hohe Ehre erwieſen.— Das Fraͤulein blieb ſtumm und unbeweg⸗ lich, und ihr Vater, an welchen die Frage ei⸗ gentlich gerichtet war, ſchien in der Lage eines Schauſpielers zu ſein, der eine Rolle uͤber⸗ nommen hat, die er nicht zu ſpielen vermag, und eine Pauſe macht, wo man ſeine Rede erwartet. Er ſuchte ſeine Verlegenheit unter den aͤußern Beweiſen guter Lebensart zu ver⸗ bergen, aber man ſah deutlich, wie er bei ſei⸗ ner Verbeugung einen Fuß vorſchob, als ob er haͤtte voran gehen wollen, und den andern, in der Abſicht zu entfliehen, zuruͤck zog. Als er den Kragen ſeines Mantels los machte und den Hut abhob, taſteten ſeine Finger hin und her, als waͤre jener mit verroſtetem Eiſen ge⸗ kettet und dieſer zentnerſchwer geweſen. Der Himmel ward immer dunkler, und ſchien die Verhuͤllung, welche der Fremde mit ſichtbarem Widerwillen ablegte, uͤberſluͤſſig machen zu wol⸗ len. Edgar ward ungeduldiger, je laͤnger der „Fremde zögerte, und eine lebhafte Bewegung, die aber einen andern Grund haben mochte, ſchien ihn ergriffen zu haben. Er unterdruͤckte mit Anſtrengung ſein Verlangen zu reden, waͤhrend der Fremde, wie es ſchien, verlegen Worte ſuchte, um auszadrücken, was er ſagen mußte. Endlich brach Edgar's Ungeduld den Zwang, den er ſich aufgelegt hatte. Ich mer⸗ ke, ſprach er, Sir William Aſhton will ſich nicht gern ſelber im Schloſſe Wolfsfels an⸗ kuͤndigen. Ich hatte gehofft, es wuͤrde unnoͤthig ſein ſprach Afhton, von ſeinem Schweigen erloͤſet, wie ein Geſpenſt von der Stimme des Be⸗ ſchwoͤrers. Ich danke Euch, Junker von Ra⸗ venswood, daß Ihr das Eis auf einmal ge⸗ brochen habt. Umſtaͤnde— laßt s mich un⸗ gluͤckliche Umſaͤnde nennen— machten die Selbſteinfuͤhrung unziemlich. Alſo hab' ich, ſprach Edgar ernſt, die Ehre 92 dieſes Beſuches nicht fuͤr eine bloß zufaͤllige zu halten? 3 Da muͤſſen wir ein wenig unterſcheiden, antwortete Afhton, und gab ſich das Anſehen leichter Unbefangenheit, die ſeinem Herzen vielleicht ſehr fremd war. Ich habe dieſe Ehre ſeit einiger Zeit eifrig geſucht, wuͤrde ſie aber wohl nie erhalten haben, wenn nicht das Gewitter ein guͤnſtiger Zufall geworden waͤre. Meine Tochter und ich, wir ſind beide erfreut uͤber dieſe Gelegenheit, dem wackern Manne danken zu koͤnnen, der ihr und mir das Le⸗ ben gerettet hat. Der Haß, welcher in fruͤherer Vorzeit die maͤchtigen Geſchlechter des Landes trennte, hatte wenig von ſeiner Bitterkeit verloren, wenn er auch nicht mehr in offenen Gewalt⸗ thaten ſich aͤußerte. Die kraͤftigen Leiden⸗ ſchaften, die in Edgar erwachten, als er ſei⸗ nes Vaters Feind, der den Sturz des alten Geſchlechts ſo ſehr beſchleunigt hatte, in der Halle ſtehen ſah⸗ wurden zwar lebhaft he⸗ — 213 kaͤmpft von den Gefuͤhlen, die ihn ſchon zu Luzien zogen, und von der Gaſtfreundſchaft, die er ihr und ihrem Vater ſchuldig war, aber noch vermochte er jene feindſeligen Re⸗ gungen nicht ggaͤnzlich zu bezwingen. Er ließ ſeine Blicke von dem Vater auf die Tochter ſchweifen, mit diner unſchluͤſſigkeit, deren Er⸗ folg abzuwarten Aſhton nicht fuͤr gut hielt. Der Vater hatte jetzt ſein Reitkleid abgelegt und trat zu ſeiner Tochter, deren Larve er los band. Liebe Luzie, ſprach er, ſie zu Edgar fuͤh⸗ rend, lege deine Larbve ab, und laß uns dem Junker unſern Dank aufrichtig und mit offe⸗ nem Angeſichte ausſprechen. Wenn er ſo guͤtig ſein will, ihn anzu⸗ nehmen— war alles, was Luzie ſagte; aber der Ton ihrer Stimme war ſo ſuͤß, und ſchien den kalten Empfang, dem ihr Vater und ſie ausgeſetzt waren, ſo tief zu fuͤhlen und zugleich ſo milde zu verzeihen, daß Ed⸗ gar in den Worten des ſchuldloſen ſchoͤnen Maͤdchens einen Vorwurf fand, der ihm das Herz zerſchnitt. Er ſprach etwas von Ueber⸗ raſchung, von Verlegenheit, und verſicherte endlich mit Lebhaftigkeit und Waͤrme, daß es ihn gluͤcklich mache, ihr Schutz unter ſeinem Dache geben zu koͤnnen, wobei er ſie, wie es zu jener Zeit die Sitte bei ſolchen Gelegen⸗ heiten gebot, auf die Wangen kuͤßte. Edgar hielt ihre Hand, die er freundlich gefaßt hat⸗ te, nach der Begruͤßung noch umſchloſſen, und eine ſanfte Glut, die jener Hoͤflichkeitbezei⸗ gung weit mehr Bedeutung beilegte, als ſie gewoͤhnlich hatte, brannte noch auf Luziens zarten Wangen, als plötzlich ein heller Blitz⸗ ſtrahl das dunkle Gewoͤlbe der Halle erleuch⸗ tete. Man ſah auf einen Augenblick deutlich jeden Gegenſtand. Luziens ſchlanke, faſt hin⸗ ſinkende Geſtalt, der wohl gebildete ſtattliche Juͤngling, mit ſeinen finſtern Zuͤgen und dem ſeurigen, aber unentſchloſſenen Ausdruck ſei⸗ ner Blicke; die alten Wappenſchilde, die an den Waͤnden hingen— alles ſtand auf einen 215 * Augenblick in rothem Lichtglanze hell vor Afhton's Auge. Dem verſchwindenden Schim⸗ mer folgte ſogleich aus der uͤberhangenden Gewitterwolke ein plöͤtzlicher, ſo furchtbarer Donnerſchlag, daß die alte Burg in ihren Grundveſten erbebte, und alle fuͤrchteten, un⸗ ter Truͤmmern begraben zu werden. Der Ruß, ſeit Jahrhunderten unberuͤhrt, rauſchte in den ungeheuren Rauchfaͤngen hinab; Kalk und Staub flogen in Wolken von der Wand, und einige ſchwere Steinmaſſen, vom einſchla⸗ genden Blitze, oder vom heftigen Luftdrucke losgeriſſen, ſtuͤrzten von en verfallenen Zin⸗ nen in die Tiefe des brauſenden Meeres hin⸗ ab. Der alte Stifter der Burg ſchien daher zu fahren auf der Donnerwolke und ſeinen Unmuth uͤber die Verſoͤhnung ſeines Ab⸗ kommlings mit dem Feinde ſeines Hauſes zu verkuͤnden. Ende des erſten Theiles. Tnſfſſſſſſſſſſſſſnſſſnſſſſinſiſſſinſiſſſiſiſſſſ 12 1 14 15 1 7 8 9 10 11 3 6