“ — 8 Schloßgaſſe eit. A. Nr. 256. Sceiß- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibli 1 Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 h Phnbe ücher jeden Tag von Mor r offen. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ bekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 8 dem den eenunſe entiprechentden Wnuhme welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet mnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für whehentlich 22 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: n 1 e⸗ afür zu ſtehen 4 ———— ————— RN von . — 8 S ‿—‿ ——3 — — — — —— Dritter Theil. Bei Hoffmann und Campe in Hamburg ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu be⸗ kommen: Almanach dramatiſcher Spiele von A. v. Kotzebue, fortgeſ. von C. Lebruͤn, fuͤr die J. 1827, 1828, 1829, 1830, 1831, 1832, u. 1833 jeder 1 Rthlr. 16 Gr. Caͤcilia. Ein Taſchenbuch fuͤr Freunde der Tonkunſt, herausg. v. Lyſer. 1r Jahrg. 1833 1 Rthlr. 8 Gr. Heine, H., Buch der Lieder, 8. 1 Rthlr.— Gr. auf fein Velinpapier 1 Rthlr. 12 Gr. —— Reiſebilder, 2. verm. Aufl. 3 Theile, 8. 5 Rthlr. 8 Gr. —— Nachtr. z. d. Reiſebildern, 8. 1 Rthlr. 16 Gr. Lewald, A., Album aus Paris, 2 Thle. 2 Rthlr. 8 Gr. —— Novellen, 2 Thle. 3 Rthlr.— Gr. —— Graf Lowzinski. Polniſche Novelle— Rthlr. 18 Gr. —— Przebracki der ruſſiche Polizeiſpion 1 Rthlr. 12 Gr. —— Warſchau. Ein Zeitbild— Rthlr. 20 Gr. Maltitz, Freih. G. A. v., der alte Student, Schau⸗ ſpiel, 8.— Rthlr. 12 Gr. — Oliver Cromwel, od. d. Republikaner, Trauerſp., 8. 4 1 Rthlr.— Gr. — Pfefferkoͤrner, 3 Hefte. à 16 Gr. 2 Rthlr.— Gr. Raupach, Dr. E., Rafaele, Trauerſp. 1 Rthlr.— Gr. —— Laßt die Todten ruhen! Luſtſp., 8.— Rthlr. 20 Gr. auf fein Velinpapier. 1 Rthlr. 4 Gr. —— Kritik u. Antikritik, Luſtſp., 8. 1 Rthlr.— Gr. auf fein Velinpapier. 1 Rthlr. 4 Gr. —— die Bekehrten, Luſtſpiel, 8. 1 Rthlr.— Gr. auf fein Velinpapier. 1 Rthlr. 4 Gr. —— die Schleichhaͤndler, Luſtſp, 8. 1 Rthlr.— Gr. —— der Wechsler, Luſtſp., 8.— Rthlr. 16 Gr. auf fein Velinpapier 1 Rthlr. 4 Gr. —— die Tochter der Luft. Mythol. Tragoͤdie. 1 Rthlr.— Gr. —— Denk an Caͤſar! Poſſenſpiel. 8. 1 Rthlr.— Gr. Novellen von Auguſt Lewald. Dritter Theil. Hamburg, 1833. Bei Hoffmann und Campe. I. Roswalde. II. Die Verbrecherkolonic. III. Die heilige Linde, Sage. IV. Das heimliche Gericht. „Roswalde en héritage entre vos mains passé, „Le disputa bientét au palais de Cireé, „Et ce bourg ignoré du Tanais à L'Ebre, „Graces à vos talens est devenu celèbre.“ Oeuvr. posth, de Fréderie II. T. VII. 1. In dem fruchtreichen Lande, unweit des erzbiſchoͤf⸗ lichen Sitzes von Ollmuͤtz, erhob ſich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus ſeinen kuͤnſtlich an⸗ gelegten Parks, ſeinen ſpringenden Waſſern und ſeiner marmornen Goͤtterverſammlung, das wun⸗ derbare Roßwalde, welches die prachtliebende Eitel⸗ keit eines Privatmannes, im kuͤhnen Wetteifer, zu einem deutſchen Verſailles erheben wollte. Alle Zeitgenoſſen ſtaunten dieſe Unternehmung an, und wenn gleich berechnende Beſonnenheit den gefahr⸗ vollen Schlund ſchon geoͤffnet ſah, der des Eigen⸗ thuͤmers Gluͤck und Vermoͤgen bald verſchlingen mußte, ſo war die ſinnliche Begeiſterung fuͤr alle⸗ Kuͤnſte und der phantaſtiſche Geſchmack, welcher das Ganze beſeelte, ſogar im Stande, Friedrichs und Joſephs Aufmerkſamkeit zu erregen, die einſt Roswalde's Schloß zum Orte eines freundlichen Stelldicheins machten. 10 Graf Hoditz, der Schoͤpfer dieſes Feenſitzes, ein durch Reiſen gebildeter Cavalier, lebte hier mit ſeiner Gemahlin Sophia, Wittwe des Markgrafen Georg Wilhelm von Bayreuth, und Alles, was auf den Namen Kuͤnſtler Anſpruch machte, eilte von fern und nah herbei, um mit den Wundern Roswalde's zugleich ſeines Beſitzers Freigebigkeit kennen zu lernen, und es genuͤgte zu damaliger Zeit, bei den dort veranſtalteten Feſtlichkeiten ſich auszuzeichnen, um ſich einen bedeutenden Ruf in Europa zu gruͤnden. 4 Es zierte bereits der ſchoͤnſte Aſternflor die Blumenterraſſen des Pallaſtes und die hohen Laub⸗ gaͤnge des Parks ſchmuͤckten ſich mit den goldenen Tinten des Spaͤtſommers, in den Morgenſtunden verſammelte munterer Hoͤrnerſchall die vornehmſten Herren und die anmuthigſten Damen zur Jagd, waͤhrend Abends zum weithintoͤnenden Halali, tau⸗ ſend Raketen in den heitern Herbſtazur der Luͤfte ziſchten; Opern und Schauſpiele der uͤberraſchend⸗ ſten Art waͤhrten bis tief in die Nacht, an welche ſich ein uͤppiges Mahl reihte, das ſich bis gegen den Morgen hinerſtreckte; Alles athmete Freude und Luſt, aber das rege Leben, das ſtets dieſe Hallen erfuͤllte, ward noch durch eine ganz eigene Regſamkeit, durch eine geſteigerte Thaͤtigkeit ver⸗ mehrt. 11 Der Graf erwartete einen Gaſt. Friedrich war's, der bei ihm einkehren wollte, und Alles wurde aufgeboten, zu den reichen vorhandenen Kraͤften geſellten ſich neue, weither verſchriebene und es ſollte ein Kranz von Feſtlichkeiten werden, wuͤrdig des ruhmgekroͤnten Helden, zu deſſen Ehren ſie gefeiert wurden. Die Bluͤthe der Schoͤnheit und der Kuͤnſte, die vornehmſten Geſchlechter und die gefeiertſten Namen waren bereits in Roswalde's Mauern, und Alle barg das ungeheure Schloß in ſeinen glanz⸗ erfuͤllten Gemaͤchern, und nicht minder glaͤnzende ſtanden noch leer da, zum Empfange der Gaͤſte, die noch immer herbeiſtroͤmten, und die herrlichſten waren bereitet, um den vornehmſten Gaſt zu em⸗ pfangen. Die ganze Geſellſchaft hatte ſich verſammelt, um den Bau des majeſtaͤtiſchen Triumphbogens in Augenſchein zu nehmen, der— bei der Fuͤlle von Arbeiten aller Art— ſelbſt in der mondhellen Nacht noch fortgeſetzt wurde. Um die Arbeiter zu befeuern, fehlte es an guten Speiſen und Getraͤnken nicht, und von einem waldigen Huͤgel ſtroͤmte eine volltoͤnende Muſik herab. So hatte es den An⸗ ſchein, als wenn bei dieſen Klaͤngen der Bau wuͤchſe und die Sage vom Amphion verwirklichte ſich. Der Platz war ſo ſchoͤn, die milde Luft, 12 ———q die Muſik, die Thaͤtigkeit der Arbeiter, Alles ließ den Wunſch entkeimen, hier auf der Wieſe, die nur durch einen Graben von der Straße getrennt wurde, einige Stunden zuzubringen. Es bedurfte nur, daß ein ſchoͤner Mund dieſen Wunſch aus⸗ ſprach und der maͤchtige Zauberer, der hier waltete, ließ ein weites Zelt aufſpannen, unter welchem in der naͤchſten halben Stunde ein froͤhlicher Kreis um klingende Glaͤſer und blinkende Schuͤſſeln ſich gereiht hatte.— An einem ſteilen Abhange, von dem ſich die Straße von Wien hinabſenkte, hielt ein ſtattlicher Reiſewagen, belaſtet mit Gepaͤcke, deſſen Poſtillon abgeſtiegen war, um den Hemmſchuh auzulegen. Waͤhrend deß rief eine wohltoͤnende Frauenſtimme, nicht ohne innere Bewegung, dem Bedienten auf italieniſch zu, den Schlag zu oͤffnen. Eine feingebaute, ſchlanke Geſtalt, in ge⸗ ſchmackvollem Reiſecoſtuͤm entſtieg dem Wagen, und nachdem der Bediente, gleich als wenn es zu ſeinem Dienſt gehoͤre, der Dame, die ſchon im Fortſchreiten begriffen war, den langen Shawl, von oſtindiſcher Seide, mehrmals um den Hals wickelte, folgte er ihr in einiger Entfernung, um die im Wagen zuruͤckgebliebene Geſellſchaftsdame aus einem tiefen, ſie gefangen haltenden Schlummer zu erwecken, und ſie an ihre Pflicht zu erinnern. —,—— 13 Indeß war die Eigenthuͤmerin des Wagens bis an einen Abhang gelangt, wo ſie mit einem Blicke das vor ihr liegende Thal uͤberſchaute. Der Triumphbogen, an dem auf unſichtbaren Leitern lichte Geſtalten emporſchwebten, die lieb⸗ liche Muſik, welche die Luͤfte durchzog, das erleuch⸗ tete Zelt mit den ſchwelgenden Gaͤſten, der glaͤn⸗ zenden Dienerſchaft, und in der Ferne die ſchim⸗ mernde Fagade des Pallaſtes, aus deſſen Hof ſich das allgewoͤhnliche Schauſpiel eines Feuerwerkes durch eine donnernde Batterie verkuͤndete, dem Hunderte von Schwaͤrmern nachziſchten— Alles dies glich ſo ſehr einer feenhaften Beſchreibung aus der blauen Bibliothek, daß der Fuß des Wanderers, den der Zufall in dieſe Gegend fuͤhrte, unwillkuͤrlich an die Stelle gebannt wurde; und in der That hielt der neben ſeinen Pferden gehende Poſtillon dieſe an, der Bediente ſchrie laut auf vor Ent⸗ zuͤcken und die im Wagen ſchlafende Geſellſchafts⸗ dame fuhr ſchnell in die Hoͤhe und mit dem Kopfe zum Schlage hinaus. „Was iſt denn das?“ rief die Letztere aus und der Bediente, ein munterer Neapolitaner, riß das Maul weit auf, um Verwunderung und Ent⸗ zuͤcken durch eine Grimaſſe auszudruͤcken, aber der Poſtillon ſagte, unbekuͤmmert, ob die Fremden es verſtanden oder nicht:„das iſt der hochgnaͤdige 14 Herr Graf, der nun einmal ſo praͤchtige Einfaͤlle hat!“ 4 Langſam und vorſichtig rollten ſie den letzten, ſteilſten Abhang hinunter und als ſie nun ſtill hiel⸗ ten, um die Dame wieder einſteigen zu laſſen, als der Poſtillon ſich ſchon im Buͤgel hob und das Horn anſetzte, um raſſelnd und ſchmetternd mit Roß und Wagen in die flimmernde Zauberwelt hinein zu raſen, da war keine Dame zu ſehen und zu hoͤren. Alles Warten, Rufen, Suchen half nichts. Mit dem Gedanken, die Gebieterin werde bereits das herrſchaftliche Zelt erreicht haben, troͤ⸗ ſtete ſich die Dienerſchaft und befahl dem Poſtillon, die Pferde anzutreiben. Das mißtoͤnende Horn und der uͤbrige Laͤrin, der einen ſchweren, uͤber Pflaſter dahin rollenden Wagen zu begleiten pflegte, ſtoͤrte die Geſellſchaft auf unangenehme Weiſe. Der Graf jedoch, wel⸗ cher in jeder Stunde neue Gaͤſte erwartete, erhob ſich ſelbſt von der Tafel und— da hier jeder Zwang der Etikette aufgehoben war— ſo eilte er nach der Straße, um den Namen des Reiſenden zu erfragen. „Signora Doriflea,“ erwiderte der herabſpringende Diener. Und ſchnell, den Namen in freudigem Aus⸗ rufe wiederholend, war der Graf uͤber den Graben 15 geſprungen, um den Schlag mit hoͤchſteigener Hand zu oͤffnen, und den willkommenen Gaſt, die erſte Saͤngerin Italiens, dem ihm umgebenden Kreiſe, der aus dem Zelte getretenen Geſellſchaft, im Triumphe vorzuſtellen. Wie entſetzt trat er aber zuruͤck, als mit ent⸗ ſchuldigender Bitte, die aͤltliche Geſellſchaftsdame, den ihr gebotenen Arm ablehnend, aus dem Wagen ſtieg und der Bediente ganz verdutzt hinzuſetzte: Die Signora iſt ja ſchon hier.“ Ueberraſcht ſah ein Jeder ſeinen Nachbar an; Niemand hatte die Fremde bis jetzt bemerkt und man wußte ſich dieſen originellen Schwank nicht zu deuten. Der Graf ließ ſich von dem Bedienten die Art und Weiſe des Ausſteigens und des Ab⸗ handenkommens ſeiner Gebieterin erklaͤren und ſchuͤttelte den Kopf. Nach einigem Nachdenken bat er die Geſell⸗ ſchaft, ſich in das Zelt zu verfuͤgen und ohne Be⸗ ſorgniß um das Verſchwinden der Dame, ſich un⸗ geſtoͤrt dem Vergnuͤgen zu uͤberlaſſen, das Feuer⸗ werk zu betrachten, welches ſich ſo eben in vollſter Glorie entfaltete.. Dem Poſtillon befahl er nach dem Schloſſe zu fahren, jedoch ſein Horn auf dem Ruͤcken ruhen zu laſſen, und nachdem er ſich in einen Mantel gehuͤllt, ſchlug er einen Fußpfad nach dem im 16 Erlengrunde verſteckt liegenden Kirchdoͤrfchen ein. „Sie wird mir die ganze Ueberraſchung verdorben haben,“ brummte er dabei unwillig vor ſich hin. 2. In dem niedrigen Stuͤbchen des Schulhauſes ſtand ein alter Mann an einem Pulte und ſchrieb. Neben ſich hatte er einen Stoß Schulbuͤcher liegen, die ſo eben abgefertigt waren, und nun ſcandirte er mit den Fingern trommelnd und murmelte dabei und ſchien mit ſich nicht zufrieden, denn er ſchuͤt⸗ telte bedeutend den haarloſen Kopf, deſſen Perruͤcke ſeitwaͤrts einem hoͤlzernen aufgeſetzt war. „Es will mir auch heute gar nichts fließen, ich weiß nicht, wo meine Gedanken ſind,“ brummte er vor ſich hin,„und das Ding muß ordentlich werden, wenn ich eine Ehre damit aufheben ſoll. Schaͤumen, reimen, Raͤumen, Baͤumen, Traͤumen, Keimen, ſaͤumen, leimen, zaͤumen, daran fehlt's nicht! Reime genug! aber— laß doch einmal hoͤren!“ Bei dieſen Worten trat er einen Schritt zu⸗ ruͤck und las mit lauter, jedoch zitternder Stimme aus dem Papier, welches er nahe vor die Augen brachte: „O ſtimm, Teutonia, zum Hochgeſang die Leier, „Wenn Er, der Helden Held im Sieggepraͤnge naht, 17 „Ihr armen Blumen ſeid nicht werth zu ſolcher Feier, „Nur Eich' und Lorbeerzweig umſtreuen ſeinen Pfad— „Laßt gluͤhend Euer Herz vor Wonnen uͤberſchaͤumen— Ja— da liegt fuͤr jetzt der Hund noch begraben.“— „Nimmt's denn da draußen fuͤr heute gar kein Ende, Martin,“ toͤnte eine heiſere Frauen⸗ ſtimme aus der Kammer, deren Thuͤr nur angelegt war,„ich kann kein Auge zuthun, und wenn's Morgen die Herrlichkeiten alle zu ſchauen geben wird, da werd' ich ſchlaͤfrig und krank daheim ſitzen muͤſſen.“ „Weib!“ ſprach der Alte,„Du reißeſt mich vollends aus der poetiſchen Begeiſterung. Und wenn Du nun nicht zugaffen wirſt, wird der große Koͤnig deshalb weniger ſeinen Einzug halten? Aber denke Dir einmal das Ding ſo, als wenn ich mit meinem Poem verungluͤckte. Es ſiele eine Schande auf das ganze Roswalde, der Schulmeiſter in Ros⸗ walde muß ein wirklich dummer Mann ſein, wenn ihn ein Stoff wie ich, nicht zu einem heroiſchen Schwung begeiſterte, wuͤrde Friedrich ſagen und vor Voltairen, deſſen Bekanntſchaft ich doch bei dieſer Gelegenheit fuͤr mein Leben gern machen moͤchte, duͤrft' ich mich gar nicht ſehen laſſen.“ „Nun, ſo mache wenigſtens die Kammerthuͤr zu,“ ſeufzte die Schulmeiſterfrau,„und dichte— A, Lewald, Novellen. III. 2 — 18 da Dir doch das Dichten uͤber die Geſundheit Deiner Frau geht.“ Das hatte Martin Heller, der Schulmeiſter in Roswalde nicht mehr gehoͤrt, denn er machte die Thuͤr der Schlafkammer zu, ſobald er den Wunſch ſeiner Ehehaͤlfte vernommen. Rings um ihn her war's nun wohl recht ſtille, aber die poetiſchen Gedanken wollten nicht kommen. Heller verwuͤnſchte innerlich die ſchoͤne Zeit, die er mit dem Geſang der Schulkinder, nach der Melodie des Deſſauer Marſches, zugebracht hatte, weil ihm nun zu wenig uͤbrig blieb, das Carmen auf Friedrichs Einzug zu verfertigen. Die trockene Zunge klebte ihm am Gaumen, die Augen brannten, und in den Schlaͤfen klopf⸗ ten zwei dicke Adern. „Ja, wer ſich kuͤnſtlich begeiſtern koͤnnte!“ rief er aus,„und wahrhaftig— waͤr's noch unten in der Thalſchenke offen, ich holte mir ein Haͤlb⸗ chen Falkenſteiner.“— Doch dabei ließ er's fuͤr jetzt bewenden. Er ſah alle Gegenſtaͤnde forſchend an, die ihn umga⸗ ben, um einige Poeſie herauszuſaugen. Seine Blicke fielen zuerſt auf die Schulbuͤcher, die er mit Widerwillen von ſich ſchob, dann hafteten ſie auf dem uͤber die Haͤlfte durchſtrichenen Wandkalen⸗ der, auf einer Waſſerflaſche, auf ſeiner kleinen 19 Handbibliothek, auf einem Bilde darunter. Seuf⸗ zend ſtand er auf, ſchlich hin zu dem verbleich⸗ ten Bildniſſe, das in ſchlechten Paſtellfarben ein blaſſes Kindergeſicht, mit weißlichen Haaren und veilchenblauen Augen, ohne allen Ausdruck zeigte. Lang ſtand er davor, und eine innere Nuͤhrung wurde an ihm bemerkbar. War das nicht Poeſie, was in dem Herzen des vertrockneten Schulmeiſters aufglimmte, ſo gibt es auf Erden keine. Reimlos und tactfrei machte ſie ſich Luft und eine karge Thraͤnenquelle rieſelte dabei durch die Gramesfurchen des duͤrſtenden Poeten. „Meine Doris,“ hub er an,„wo mag ſie jetzt wohl ſein? Nie will ich Dich wiederſehen, wenn Dich nicht die Tugend unter dies Dach zuruͤckge⸗ leitet, ſo rief ich ihr beim Abſchiede zu. Ach, was mag wohl ihr langes Ausbleiben zu bedeuten haben?— Und lang und unverwandt blickte er nach dem Bilde hin, und ſeine Zuͤge belebten ſich wunderbar, und ein ſuͤßes Andenken nach dem andern ſchien ihm durch die Seele zu zihen und traute Melo⸗ dien wurden drin wach. Mit geſchloſſenen Lippen preßte er durch die Naſe dumpfe Toͤne hervor, die ſich fuͤr ihn zu einem Liedchen geſtalteten, aber er wußte nur den Anfang, den er in einem fort wiederholte. Er 2* 20 trat zum Fenſter, oͤffnete ſeine Weſte und legte die ſchmale, ſchwarze Halsbinde ab. „Ah,“ rief er mit kraͤftigem Nachdrucke, als er den wohlthaͤtigen Einfluß der Nachtluft ver⸗ ſpuͤrte, und weit zum Fenſter hinausgebeugt, ſetzte er freudig hinzu:„Was will ich denn mehr? Kann mir Italien mehr bieten? Hab' ich denn hier nicht Alles? So wie ich mich uͤber andere maͤhriſche Dorfſchulmeiſter erhaben fuͤhle, ſo iſt auch der Ort den ich bewohne, vor allen andern verherrlicht. Feuerwerk! Luſtbarkeit! Ach ja— ja 1— Und hier ſiel ihm ſein Poem mit Centnerlaſt auf's Herz— doch ruͤſtig ſchritt er jetzt zum Tiſche, und die Gedanken floſſen ihm ſo reichlich, die Reime machten ihm ſo wenig Kopſzerbrechens, daß die Feder in fluͤchtiger Eile auf dem Papiere hinflog. Der Morgen beſchien ein fertiges Carmen, das keine kleinere Beſtimmung hatte, als den geprie⸗ fenſten Helden der Zeit wuͤrdig zu beſingen und Voltairen einen guͤnſtigen Begriff von unſerer Lite⸗ ratur beizubringen. Draußen am Hauſe, im dicken Geſtraͤuche, hing indeß eine weiße Geſtalt in den Sproſſen der Hecken, und wandte kein Auge von dem gequaͤl⸗ ten Dichter. Eine innige Freude durchzuckte ſie, wie ſie ſeine ſonderbaren Selbſtgeſpraͤche vernahm, 21 und ſie zitterte heftig, als ſie die Frauenſtimme aus der Kammer hoͤrte, deren Worte ſie jedoch nicht verſtehen konnte. Wie aber der alte Mann von dem Bilde weg zum Fenſter trat, und ſie nun deutlich die Zuͤge ſah, und der Kahlkopf auf dem langen Halſe, aus dem weißen Hemdkragen, ſo ſchwermuͤthig und freudig zugleich, ſein eng be⸗ graͤnztes Gluͤck preiſen, da floſſen ihre Augen von Thraͤnen uͤber und ſie ließ ſich hinab vom Spalier auf die Erde gleiten, wo ſie die hochgraͤflichen Arme des Schloßbeſitzers umſingen, der ihr den Mantel umhing und die Erſchreckte ſogleich fort⸗ fuͤhrte. Zum Gluͤcke ſaß der Alte ſchon beim Ge⸗ dichte, und bemerkte nichts davon. Nach dem ſchon Geſagten waͤr' es jedoch laͤcherlich, dem geneigten Leſer noch verſchweigen zu wollen, daß des Schulmeiſters Doris und Sig⸗ nora Doriflea ein und dieſelbe war, indem ich dieſe Art von Ueberraſchungen nie zu beabſichtigen pflege. Graf Hoditz geleitete die Signora auf einem Seitenwege ins Schloß und begab ſich dann zu der Geſellſchaft unter dem Zelte, die nur ſeiner Ruͤckkunft geharrt hatte, um ſich zuruͤckzuziehen. „Signora Doriflea ſei ermuͤdet und ließe ſich entſchuldigen,“ verkuͤndete der Graf,„um Mor⸗ gen ohne Ruͤckhalt ſich den bevorſtehenden Feſtlich⸗ keiten anſchließen zu koͤnnen.“ 3. Der Schulmeiſter Martin Heller, den wir ſo eben kennen gelernt haben, hatte zwei Toͤchter, welche von der Natur, die ſich weder an Stand noch Reichthum kehrt, nicht ſtiefmuͤtterlich behan⸗ delt worden waren. Sie ſtrahlten in ſeinem nie⸗ dern Schulhaͤuschen mit einer Schoͤnheit, wie ſie ſich Prinzeſſinnen wohl wuͤnſchten und waren da⸗ neben mit andern gar lieblichen Talenten begabt. Dabei ſahen ſich Beide in keiner Hinſicht aͤhnlich. Die Aeltere, Luiſe, war braun und klein, und liebte das ſtille Loos, das ihrer wackern Mutter zu Theil geworden war, einen nicht gar zu brummigen Mann und einen eigenen Herd; die Juͤngere, Doris, war ſchlank und blond, und dieſe ward ſchon von groͤßerer Hoffaͤrtigkeit beſeſſen. Dabei hatte es dem Schoͤpfer gefallen, ihre Kehle ſo zu organiſiren, daß ein lieblicher Wohllaut in derſelben wohnte und bald ſprach man nicht nur im Dorfe, ſondern ſogar im Schloſſe davon, wie ſo gar lieb⸗ lich Schulmeiſters Tochter Abends in der Geis⸗ blattlaube: 4 „Als Doris, die reizende Schoͤne, „Den Vorzug der Freiheit verlor,“ und die neuere Arie: „Philint ſtand juͤngſt vor Babets Thuͤx“ zu ſingen pflegte. 23 Graf Hoditz, der jedes Talent, wo er es ent— deckte, auf's Eifrigſte ans Licht zu ziehen bemuͤht war, beſuchte in eigener Perſon den Schulmeiſter und verkuͤndete ihm, daß das Maͤdchen bei Mr. le Beau im Tanzen und bei dem Maeſtro Nafioli im Singen unterrichtet werden ſollte, um dann in die Hochgraͤfliche Capelle zu treten. Hellern blieb der Mund vor Erſtaunen offen ſtehen, als er dieſe Worte des Grafen vernahm. Nie hatte er, ſo ſehr er auch die Kuͤnſte liebte, und namentlich Muſik und Poeeſie ſelbſt exercirte, auf ſolche Auszeichnung Anſpruͤche gemacht. Aber ablehnen konnte er die hohe Gnade nicht. Er nahm ſie ſtumm an und hoffte von des Maͤdchens Ungeſchicktheit das Beſte zur Vereitelung der Plane des Grafen. Nicht lange ſollte er hieruͤber in Zweifel bleiben. Doris machte ihm nicht dieſe Freude. Die beiden Meiſter, denen ihre kuͤnſtleriſche Bildung uͤbertragen war, wurden des uͤbertriebenſten Lobes nicht muͤde und der Graf fuͤhlte ſich begluͤckt, auf einem Boden eine ſolche Wunderpſlanze entkeimen zu ſehen. Sie mußte das Schulhaus verlaſſen und erhielt ihre Wohnung auf dem Schloſſe ſelbſt, um im Umgange mit den Kuͤnſtlern und vorneh⸗ 24 men Leuten, die zu jeder Zeit dort verſammelt waren, ihre Sitten abzuſchleifen. Bald waren dieſe auch ſo abgeſchliffen, daß ſie nichts mehr zu wuͤnſchen uͤbrig ließen. Die ungeheuere Luſt, welche Doris beſeelte, ſich in dieſer Sphaͤre auszuzeichnen, machte ihr jede Muͤhe leicht. Sie legte ab und eignete ſich zu, ſie verbeſſerte ihre Natuͤrlichkeit, wie Alle mit Freuden wahrnahmen und in Kurzem war das gepuderte, geſchniegelte und durch die dermalige Mode verunſtaltete Weſen fertig, welches in Doris nicht mehr die arme Schulmeiſterstochter vermuthen ließ. Die Herren waren entzuͤckt von ihrer Lieblichkeit und ihrer Kunſt, und die Damen ſahen neidiſch auf ſie her⸗ ab und verſchmaͤhten ihren Umgang. Ein ſicherer Beweis, daß ſie ihnen gefaͤhrlich war. Eine einzige Dame, die Frau von Werden⸗ berg, welche nicht heimiſch in dieſer Gegend, aber durch ihre große Kunſtliebe nach Roswalde gezogen war, nahm ſich ihrer freundlich an und wuͤrdigte ſie ihres beſtaͤndigen Umgangs. Ward auch Doris bei großen oͤffentlichen Ge⸗ legenheiten uͤberſehen, bemerkte die erlauchte Dame des Schloſſes ſie nicht eben gern in ihrer naͤchſten Umgebung, und ſprach der Graf nur nach einer ihrer unuͤbertrefflichen Leiſtungen in Concerten ein 1 1 25 gnaͤdiges Wort mit ihr; ſo waren es andere Cir⸗ kel, wo ſie ſtrahlte, wo ſie die Sonne war, um die ſich Alles drehte. Frau von Werdenberg verſammelte oftmals in den von ihr bewohnten Gemaͤchern die ausgewaͤhl⸗ teſte Bluͤthe der im Schloſſe verſammelten Kuͤnſtler und nur aus beſonderer Gunſt wurde es den vor⸗ nehmſten Cavalieren geſtattet, an diefen Geſellſchaf⸗ ten, wo die Eſſenz alles Geiſtreichen und Pikanten vereinigt war, Theil zu nehmen. Hier nun feierte Doris die glaͤnzendſten Triumphe und ihre zaͤrtliche Freundin, ihre erfahrene Lehrerin, ſah mit Entzuͤcken ihre Siegesbahn beginnen. Aber weiter hinaus mußte ſich dieſe erſtrecken. In Doris ſollte die Welt bald eines der erſten Talente anſtaunen, es bedurfte nur einer leiſen Anregung bei dem Grafen und die Tochter ſeines Schulmeiſters wurde zu ihrer fernern Kunſtbil⸗ dung nach Italien geſandt. Der Maeſtro Na⸗ fioli und die Werdenberg begleiteten den lieb⸗ lichen Engel und verſprachen es, die vollendete Saͤn⸗ gerin in Kurzem in die Heimath zuruͤckzubringen. Der ehrliche Schulmeiſter und ſeine alternde Frau ſchuͤttelten bedenklich den Kopf bei den nur ſehr ſeltenen Beſuchen, die ihre Doris ihnen ab⸗ ſtattete. Was ſie ihnen erzaͤhlte von ihren Pla⸗ nen und Ausſichten, begriffen ſie zum Theil nicht, 2 X 26 oder was ſie davon begriffen, erfuͤllte ſie mit Sor⸗ gen. Der Alte begnuͤgte ſich damit, ihr immer die Tugend und ſeine grauen Haare ins Gewiſſen zu rufen, da er es ja doch nicht anders zu hachen im Stande war. Das Schickſal des Maͤdchens entfaltete ſich indeß immer glaͤnzender und endlich bedeckten die Flitter, welche ihre Laufbahn umgaben, immer mehr die Abgruͤnde, an denen ſie voruͤberfuͤhrte. Des Schulmeiſters Gemuͤth beruhigte ſich nach und nach und er hatte ſelbſt ſeine Frau beſchwichtigt. Da erſchien der Zeitpunkt der Abreiſe nach Italien. Ein Wagen rollte vor das Schulhaus und Frau von Werdenberg und Doris wurden von Rafioli aus dem Wagen gehoben. Mit tiefer Trauer empfing das alte Paar die Nachricht, daß ihre Tochter nach dem fernen Lande ſchon Morgen ziehen werde, um dort einige Jahre zu bleiben. „Und haͤtteſt Du denn Dein Gluͤck michr hier finden koͤnnen?“ fluͤſterte ihr leiſe und verzagt der alte Vater zu, als ſie ſich weinend auf ſeine Hand beugte. 3 Die Mutter und Luiſe mit ihrem Verſpro⸗ nen, einem jungen Schmiedemeiſter aus dem? waren hinzugetreten, waͤhrend die Werdenberg und 27 — der italieniſche Muſicus ſeitwaͤris ſtanden und bei der Scene die Achſeln zuckten. „Wirſt Du gluͤcklich dadurch, ſo gebe ich Dir mit Freuden meinen Segen dazu,“ ſchluchzte die Mutter. Die Werdenberg trat hinzu und ergriff die knieende Doris bei der Hand, die ſich betaͤubt von Thraͤnen erhob und willenlos von dem Maeſtro und ihrer Freundin fortfuͤhren ließ. Da erhob ſich aber ploͤtzlich aus ſeiner Ab⸗ ſpannung der alte Schulmeiſter, und ſchritt ihnen kraͤftig nach. „Auch meinen Segen gebe ich Dir, meine Tochter,“ rief er ſtark, indem er ſie einholte und ans Herz druͤckte,„doch—“ fuͤgte er wunderbar ermuthigt, mit einem Blick auf die Fremden hinzu, „nie will ich Dich wiederſehen oder die Tugend geleitet Dich unter das vaͤterliche Dach heim!“ Mit dieſen Worten entließ er ſie. Als am andern Morgen die ganze Heller'ſche Familie ſich am Schloßportale in ihrem Sonntagsſtaate einge⸗ funden hatte, um die geliebte Doris noch einmal zu ſehen, hoͤrten ſie, daß ſie bereits in der Nacht weggereiſt ſei, und um den traurigen Abſchied nicht zu verlaͤngern, ihren Eltern einige Zeilen zuruͤckge⸗ laſſen habe. 0 Xä* — 28 Nach einem halben Jahre hatte Graf Hodig die Gnade, durch ſeinen Leibjaͤger dem Schul⸗ meiſter einige Zeitungsblaͤtter aus Wien zu ſenden, worin gleich unter den Zeilen, die vom Generalfeld⸗ marſchall Gideon von Loudon meldeten, einer Saͤn⸗ gerin Doriflea Erwaͤhnung geſchah, die das Wunder Italiens genannt wurde, und der Jaͤger mußte muͤndlich dabei die Bemerkung ausrichten, die Sig⸗ nora Doriflea ſei keine Andere als Doris Heller von Roswalde. 4. Am erſten Abende nach ihrer Ankunft ſaß Doriflea allein in die Ecke ihres Sophas gedruͤckt und uͤberdachte ihr durchflogenes Leben. Die Lichter brannten duͤſter, die Vorhaͤnge an den Fenſtern waren zugezogen, und der gewoͤhnliche Laͤrm, der den Schloßplatz belebte, noch vermehrt durch die Ankunft des Koͤnigs von Preußen und ſeines zahl⸗ reichen Gefolges, wurde von ihr uͤberhoͤrt, da ein anderes nicht minder geraͤuſchvolles Treiben ihr Inneres ganz erfuͤllte. Es war ihr, als betraͤte ſie zum erſten Male das Land der goldenen Verheißungen an der Hand ihrer beiden Fuͤhrer, der Frau von Werdenberg und des Maeſtro Raſioli. Sie ſah ſich geblendet von der neuen Umgebung und von Stufe zu Stufe zu immer erhoͤhetem Glanze ſteigend. * 29 Es naheten ſich ihr Bewerber, die alle Kuͤnſte der Verfuͤhrung aufboten, aber die Worte ihres alten Vaters:„nie will ich Dich wiederſehen, wenn Dich nicht die Tugend unter dies Dach zu⸗ ruͤckgeleitet,“ hallten wieder in ihrer Bruſt, und ſie ſehnte ſich oft zuruͤck in das ſtille Thal, wo das Schulhaͤuschen im Erlengrunde ſo ſreundlich ſein rothes Dach herausſtreckte. Mit feſtem Willen und gutem Rathe tand ihr die Werdenberg zur Seite, ihr konnte ſie es vertrauen, wenn hin und wieder ein zaͤrtliches Gefuͤhl in ihrem Herzen keimte, und die aͤltere Freundin half willig ihrer jugendlichen Unerfahren⸗ heit. So dauerte dies Verhaͤltniß noch ununter⸗ brochen fort. Mit Raſioli verhielt es ſich anders. Die erſte Kunſtbildung hatte ſie ihm zu danken, wofuͤr ihm reiche Belohnung zu Theil geworden war, dann blieb er bei ihr, um ſie bei ihren Studien auf dem Piano zu begleiten. Bald aber ruͤckte er mit frechen Bewerbungen heraus, die er mit wach⸗ ſender Zudringlichkeit wiederholte. Doriflea entfernte ihn, nicht ohne Beſorgniß vor dem rachſuͤͦchtigen Italiener. Doch im Gegentheile war er nach einiger Zuruͤckgezogenheit emſiger als je bemuͤht, ſich dienſt⸗ bar und gefaͤllig zu zeigen. 30 Seine fruͤhere Leidenſchaft fuͤr Doriflea ſchien entſchlummert und er nahm ſeinen beſcheidenen Platz in dem Kreiſe von Anbetern an, welche ſich um die gefeierte Kuͤnſtlerin geſammelt hatten, und ſich in tauſend angenehmen Dienſtleiſtungen fuͤr ſie uͤberboten. So geſchah es, daß er ſich durch ſeine aͤltern Verdienſte um die muſikaliſche Ausbildung der Saͤngerin bald wieder zu einem ziemlichen Grade des Vertrauens emporſchwang. Durch ihn wurden die Engagements mit den Impreſſarien ab⸗ geſchloſſen, er beſorgte die hunderttauſend kleinen Mittel und Wege, deren eine Saͤngerin nicht ent⸗ rathen kann, und ward auf ſolche Weiſe als ge⸗ heimer Commiſſionair der Prima Donna ein unent⸗ behrliches Stuͤck in ihrer Hofhaltung. In dieſer Eigenſchaft bereitete er auch oft das erſte Erſcheinen einer ausgezeichneten Perſon vor und begleitete dieſelbe. Er zog Erkundigungen ein, empfahl oder warnte, und in beiden Faͤllen ward ihm Vertrauen geſchenkt. Mit ganz beſonderer⸗Vorliebe hatte er ſich eines jungen, allerdings ſehr intereſſanten Grafen angenommen, den er aus Deutſchland kannte und obgleich es dieſer Erſcheinung bei Doriflea keiner Empfehlung Raſioli's bedurfte, ſo erſchoͤpfte ſich dieſer doch in Mittheilungen uͤber den Chbälan die gern gehoͤrt wurden. 31 In der That konnte man ſich keinen liebens⸗ wuͤrdigern Mann denken, als Hugo von S. war. Selbſt die ſtrenge Werdenberg ſprach ihm das Wort, und Doriflea oͤffnete ihr Herz um ſo ſorg⸗ loſer den Einfluͤſſen einer bis jetzt ganz unbekann⸗ ten Macht. Von dem Augenblicke, da ſie dieſe Bekannt⸗ ſchaft gemacht hatte, entrollte ſich ihr nun beim Ueberdenken ihres vergangenen Lebens eine Reihe der heiterſten Gebilde. Wie ein Teppich voll lieb⸗ licher Blumen ſchien ihr der Weg, den ſie durch⸗ wandelt hatte, er war zuruͤckgelegt worden wie ein Triumphzug, und nicht mehr die kalte beſon⸗ nene Freundin war es, welche ihr die Hand gereicht, ſondern der liebegluͤhende Mann, der ſich ihr an⸗ geſchloſſen hatte fuͤrs ganze Leben.— 8 5. Mit feſtgeſchloſſenen Augen dachte ſie ſich den Eintritt in das Stuͤbchen des Schulhauſes, am Arme des Grafen, ihres Gemahls, und im Geleite der Tugend— dies erſchien ihr als der Gipfel ihres Lebens— ihres Gluͤcks— da hauchte ſie ein Luftzug an und ſie oͤffnete erſchreckt die Augen. Durch eine Tapetenthuͤr, die ſie leiſe geoͤffnet hatte, war die Werdenberg zu ihr eingetreten und den, nach der Mode der damaligen Zeit, Kopf 32 und Buſen verhuͤllenden Entre-deux von weißem Atlas abnehmend, ſagte ſie freudig, und ohne ſich zu ſetzen:„Er iſt draußen, Doriflea!“ „Wo? warum kommt er nicht?“ rief dieſe, ſich erhebend. Die Werdenberg eilte winkend zur Thuͤr und herein ſtuͤrzte ein junger Mann von hohem Wuchſe, den Doriflea in die offenen Arme nahm und zu wiederholten Malen ans Herz druͤckte. Lange hoͤrte man keine Worte und die Freun- din trat ans Fenſter, um die Wiederſehensfeier durch nichts zu ſtoͤren. Graf Hugo hatte lange vor Doriflea Italien verlaſſen, um— wie er vor⸗ gab— Familienverhaͤltniſſe zu ordnen, und Alles zum Empfange ſeiner Gattin im vaͤterlichen Hauſe vorzubereiten. Nachdem der erſte Sturm der Leidenſchaft voruͤber war und Doriflea den Grafen zu ſich ge⸗ zogen hatte und nun auch die treue Freundin ſich vom Fenſter weg nach ihnen wandte, da gewahrte ſie nicht ohne Aengſtlichkeit eine Wolke truͤber Sorge auf des Gatten Stirn, welche ſelbſt der eben dar⸗ uͤber hingezogenen Wonne nicht gewichen war. „Was iſt Dir, mein Hugo?“ ſprach ſie zit⸗ ternd, indem ihr Blick lang und ſchmerzvoll auf dem ſeinigen ruhte.„Ich ſehe Dich nicht ſo heiter wieder, als ich mir's traͤumte.“ 33 Hugo gab ausweichende Antworten. „Sollte Dein Vater mit dem Schritte, den Du wagteſt, ohne ſeine Einwilligung zu haben, nicht zufrieden ſein?“ fragte ſie beſorgt weiter. „Das iſt es nicht— aber Doriflea— ich muß ein Opfer von Dir verlangen, das Dir viel⸗ leicht ſchwerer wird, als jedes andere, welches ich von Dir verlangte.“ „Sprich, lieber Hugo,“ ſagte draͤngend Do⸗ riflea,„welches Opfer? jedes bin ich zu bringen bereit, wenn Du es von mir forderſt.“ „Nun wohlan denn,“ erwiderte er,„ich ver⸗ lange, und Du wirſt Dich ſelbſt von der Noth⸗ wendigkeit uͤberzeugen, ich bitte Dich, hier nicht zu ſingen.“— Doriflea ſah ihn ſchweigend an. „Du gewaͤhrſt mir dieſe Bitte nicht, ſelbſt wenn ich Dir ſage, daß ſie unſer Gluͤck nothwen⸗ dig macht?“ fuͤgte der Graf nicht ohne ſichtbare Verlegenheit hinzu. „Was bedarf's hierzu Deiner Bitte? Gehoͤre ich einem Andern als Dir? Bin ich nicht Deine Gattin? Willſt Du es erlauben, daß dieſe in den Feſten, welche dem Koͤnige zu Ehren hier veran⸗ ſtaltet werden, einige Proben eines glaͤnzenden Ta⸗ lentes ablege, ſo wird ſie es thun, um ihrem Wohlthaͤter, dem Grafen Hoditz, zu ſchmeicheln; A. Lewald, Novellen. III. 3 — 34 willſt Du es nicht, ſo ſoll dieſe Stimme keinem Menſchen mehr toͤnen, und wenn ſie auch noch mehr Gewalt beſaͤße, die Herzen zu erfreuen, wenn ihr nur vergoͤnnt iſt, mit Dir zu koſen, und ſei's in der Einſamkeit eines alten Waldſchloſſes.“ „Das wollteſt Du, Himmliſche?“ ſchrie Hugo ploͤtzlich auf.„Nein, ich taͤuſchte mich nicht, als ich Dich Engel mir zur Gefaͤhrtin beſtimmte und Dir mein ganzes Lebensgluͤck anvertraute. Meine Liebe iſt Dir genug zum Gluͤcke und ſie wird Dir bleiben, ſo lange dies Herz ſchlaͤgt und Dich an— betet.“ Doriflea ſchien der Ausbruch der pende, der ſich auf dem Geſichte des jungen Grafen malte, zu erſchrecken. „Verlaſſe dieſen Glanz, der Dir nie zuſagte, Doriflea,“ fuhr Hugo fort,„nicht Huldigungen, nicht neue Triumphe ſind es, Dein daran uͤberſaͤt⸗ tigtes Herz ſoll ſich nun andern Freuden hingeben“ — und hiermit hatten ſeine gluͤhenden Lippen die Lippen der Saͤngerin umſchloſſen, aus denen nie mehr Geſang ertoͤnen ſollte und deren Augen Thraͤ⸗ nen uͤberſtroͤmten, von den ſuͤßen Schauern des nahen Muttergefuͤhls entlockt. „Ich beſitze ein ſolches Jagdſchloß,“ ſprach er weiter, ohne daß ſie ein Wort einwandte,„ganz ſo, wie Du es meinſt. Einſam und ſtill, wie ein 35 Haus fuͤr die Liebe, unbelauſcht, feſt und bequem. Dort in weiten, alterthuͤmlich reichen Gemaͤchern, von den Geiſtern meiner heldenmuͤthigen Altvordern beſchuͤtzt, ſoll mein Erſtgebornes das Licht des Tages erblicken. Dort“— hier zog er ſie wieder in ſeine gluͤhende Umarmung,„ſoll Graͤfin Do⸗ rothea eine neue Laufbahn beginnen und an der Hand ihres Gatten wieder in die Welt treten.“ „Und wirſt Du um mich ſein, Hugo?“ fragte Dorothea beſtuͤrzt.„Nur Dich zu haben iſt mein Wunſch— dann iſt mir jede Einſamkeit ja recht.) „Ich werde Dich nicht verlaſſen,“ entgeg⸗ nete Hugo und ſah ihr ernſt ins thraͤnende Auge. „Und wirſt Du mich Deinem Vater vor⸗ ſtellen?“ fragte Doriflea weiter. „Sobald der rechte Zeitpunkt da ſein wird,“ ſagte Hugo beruhigend,„der hoffentlich nicht lange mehr ausbleiben kann.“ Eine innere Beſorgniß erwachte in der arg⸗ wohnloſen Bruſt der Gattin. „Und werde ich Deinen Vater hier bei den Feſten ſehen? ich hoͤrte von der guten Werdenberg, daß er auch hier iſt— ich bitte Dich, zeigt ihn mir Morgen nur mit einem leiſen Winke, wenn ich bei der Tafel erſcheine.“— 3 ℳ⁴ 36 „Du mußt mir noch eine Bitte gewaͤhren“ — ſagte Hugo abermals ſchmeichelnd. Doriflea nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Du erſcheinſt nicht bei der Tafel, Kind,“ ſetzte Hugo ſchnell hinzu.„Ich kann Dich noch nicht als Gattin dem Kreiſe vorſtellen, in dem wir uns hier bewegen und kann auch nicht zugeben, daß Du an der ſogenannten Marſchallstafel ſitzeſt. Die Graͤfin, meine Gattin“— „Ach“— unterbrach ihn hier Doriflea mit einem tiefen Seufzer— „Wird es Dir ſo ſchwer?“ fragte Hugo beſtuͤrzt. „Nein, nein,“ ſprach ſie leiſe,„aber es iſt mir manchmal wie ein Traum, daß ich Deine Gattin bin, kann es denn ſein? Bin ich es denn wirklich?“— „O uͤber das naͤrriſche Kind!“ rief hier die Werdenberg,„und kann es denn anders ſein? Wenn je ein Zweifel Dir daruͤber aufſteigt, ſo erinnere Dich doch nur daran, daß ich mit unter den Zeugen war, als der alte, ehrwuͤrdige Prieſter Eure Haͤnde mit der heiligen Stola umwand.“ Doriflea trocknete die Augen.„Und wann?“ fragte ſie leiſe. „Morgen mit dem Fruͤheſten“— war Hu⸗ go's Antwort. e 37 „Und mein Vater!“ rief Doriflea zitternd— „Dein Vater“— wiederholte Hugo kalt— „den muß ich ſehen“— ſiel ſie lebhaft ein— „und“— ſetzte ſie zoͤgernd hinzu—„nur als Deine erklaͤrte Gattin darf ich unter ſein Dach treten.“— „So ſehen wir ihn vorlaͤufig unter freiem Himmel!“ ſcherzte Hugo. Doriflea wandte ſich weferſchütter zu ihm. Der Scherz hatte ſie verletzt. „Nun ja, mein Schatz,“ agie der Graf, „das darf Dich nicht befremden. Unſer Wirth hat abenteuerliche Einfaͤlle, und der Plan, den er entwarf, Deinen Vater zu myſtiſiciren, iſt ganz erwuͤnſcht. Du wirſt ihn noch in dieſer Stunde ſehen.“ Die Werdenberg hatte ihren Entre-deux um⸗ genommen und Doriflea eine Enveloppe umgehaͤngt. „Was ſoll das werden?“ fragte Doriflea beſtuͤrzt. „Komm' nur,“ rief Hugo, ſie beim Arme nehmend,„uͤberlaſſe Dich getroſt meiner Fuͤhrung, Du ſollſt Deinen Vater in Wonne und Entzuͤcken ſchwelgen ſehen.“— 6. Das Wiederſehen Doriflea's und ihrer alten Eltern ſollte dem Grafen Hoditz, wie Alles, was 38 ihm ſolcher Art im Leben aufſtieß, zum Feſte werden. Irgend ein feenhafter Hokuspokus ſollte es einleiten und dann in Ueberraſchung ſich aufloͤſen. Die reichſten Mittel ſtanden ihm hierbei zu Gebote. Am Ende des Parks befand ſich ein einſames Gehege von Buchen eingefaßt und von den Wel⸗ len eines Sees umſpuͤhlt. In jenen Buchen ſtand tief verſteckt der Graf und erwartete die Perſonen ſeines kleinen lyriſchen Stuͤcks. Bald erſchien auf dem See eine zierliche Gondel, die ſich dem Ufer nahete. Die Fuͤhrer ſprangen ans Land, ſtreckten die Haͤnde aus und zogen den Schulmeiſter Heller und ſeine Frau aus dem Fahrzeug hervor, die ſich verdutzt anſahen und nicht begreifen konnten, was man mit ihnen vorhabe. Einige italieniſche Fiſcher umgaben tanzend das Paar, waͤhrend aus dem Gebuͤſche ein heiterer Chor aus Coſarara ertoͤnte. „Das iſt wahrlich wie eitel Traͤumerei!“ ſprach der alte Heller vor ſich hin,„aber ich kenne des Herrn Grafen, Excellenz.“— „Nur begreife ich nicht, was er eigentlich mit uns vorhat,“ ſiel ihm die Frau mit aͤngſtlichem Tone in die Rede,„mir hat vor zwei Naͤchten getraͤumt“— 6 39 „Was da, mit Deinen Traͤumen!“ brummte Heller,„er wird von meinem Carmen gehoͤrt haben, das ich heute dem Herrn Baron von Vol⸗ taire zu hohen Haͤnden uͤberreichen ließ, und da will er mir dann, aus hoͤchſter Gnade und weil er mich zu den Graͤflich Roswaldeſchen Unterthanen zaͤhlen darf, ſo eine Art von Apotheoſe angedeihen zu laſſen geruhen.“ „Aber was ſoll ich denn dabei?“ ſiel die Frau wieder ein. Kaum hatten ſie dieſe Worte gewechſelt, als einige herbeihuͤpfende zierliche Kinder das alte Paar auf eine gedeckte Tafel aufmerkſam machten, die ſehr einladend auf einer kleinen Erhoͤhung mit Allem prangte, was den Gaumen zu kitzeln im Stande war. „Dort ſollen wir Platz nehmen?“ fragte der Schulmeiſter. Aber ſtatt aller Antwort nahmen die Kinder Heller und die Frau in ihre Mitte und geleiteten ſie die Hoͤhe hinauf und forderten ſie auf, ſich die Speiſen und Getraͤnke ſchmecken zu laſſen⸗ „Das kann uns ſchon gefallen,“ ſprach der Alte, indem er zugriff,„am Schnellſten naͤhern wir uns der Aufloͤſung dieſes Raͤthſels, wenn wir uns ganz willenlos leiten laſſen.“ 40 Seine Frau jedoch ſetzte ſich mit aͤngſtlicher Miene und war nicht im Stande, einen Biſſen zu verſchlucken, waͤhrend Heller mit wachſender Drei⸗ ſtigkeit ſich einſchenken ließ. Da ſtroͤmten ploͤtzlich Doriflea's himmliſche Toͤne aus dem unfernen Bosket; die Mutter horchte hoch auf, aber dem Alten entfiel die Gabel und beide Haͤnde ſinken laſſend, ſaß er mit offenem Munde da. Die Kuͤnſtlerin ließ in kuͤhnen Paſſagen und Laͤufen ihre Stimme ertoͤnen, die aus der gepreß⸗ ten Bruſt ſich hoben, um ihr Erleichterung zu ſchaffen, dann ſchmolzen ſie in Uebergaͤngen zu einer ſeligen Ruhe und ſchwammen fort auf den Wellen einer ſanften Melodie, die einſt der Vater an ſei⸗ nem Spinete ſitzend, der zehnjaͤhrigen Doris ein⸗ geuͤbt hatte. Die Worte waren von ihm, die Melodie von Adam Hiller. 3 „Nein, nein, es iſt nicht moͤglich!“ ſchrie die Schulmeiſterin. „ Stille! Stille!“ rief der entzuͤckte Alte und horchte und in ſeinem Innern toͤnten alle Saiten und ein Geſang, wie der Seligen ſtroͤmte durch ſein Herz, aber bei den Worten: „Du, der mich weiſe lenket, „Mir Seelenruhe ſchenket,“ 41 da floß ſeine Seele uͤber von Harmonien, wie ſeine Augen von Thraͤnen, und er ſiel mit zitternder Stimme ein, und ſang die Worte mit: „Dir ſei zu jeder Zeit, „Mein Leben nur geweiht!“— Und„Doris! meine Doris!“ lallte der ent⸗ zuͤckte Vater, und die Mutter hielt ihn mit Muͤhe aͤngſtlich zuruͤck, als er aufſprang und ſich dem Gebuͤſche naͤhern wollte. Aber von dorther flog eine Geſtalt auf ſie zu, und umarmte Beide, und ſie hoͤrten nichts, und ſahen nichts, und hatten nur ſich. Im Gebuͤſche rann manche Thraͤne aus den Augen der Damen, welche der Graf zu dieſem Schauſpiele eingeladen hatte, und nur um die Scene, welche nun folgte, nicht aus Neugier zu entweihen, entfernten ſich die Fremden auf einen Wink des Wirthes. Die dunkle Laube am See, wo die Gondel angebunden war, welche die Alten herausgebracht hatte, umfing die drei gluͤcklichen Menſchen. Do⸗ riflea ſaß in der Mitte ihrer Eltern, trauliche Mit⸗ theilungen wurden gepflogen und der Himmel blickte heiter auf die Gruppe, und die Wellen ſchaukelten die Gondel, deren buntfarbige Lampen einen lieb⸗ lichen Wiederſchein in den Waſſerſpiegel warfen. 42 „ Und bleibſt Du uns nun immer hier?“ fragte die Mutter. „ Und kehrſt Du uns wieder in jenem Ge⸗ leite, wie ich's Dir anbefohlen habe?“ der Vater. Doriflea ſeufzte. „Ja, ja,“ ſprach der Alte mit Ernſt, ſie an ſich ziehend,„meine Doris waͤre nie diedorgekehrt, ohne die Tugend.“ „Rie, mein wuͤrdiger Vater,“ ſetzte Doriflea hinzu. „Und eine große Saͤngerin biſt Du worden,“ ſiel die Mutter ein,„Se. Exellenz der Graf hat es uns ſtets zugeſchickt, wenn von Dir in den Zeitungen zu leſen war. Ich dachte mir immer, ach! wenn ich ſie nur auch einmal büren koͤnnte — und“— „Nun haſt Du ſie gehoͤrt,“ naßm der Va⸗ ter ſchnell das Wort, der ganz andere Dinge auf dem Herzen hatte, die er beantwortet wiſſen wollte— „Aber doch nicht ſo recht,“ erwiderte die Mutter,„ja, wenn ich Dich ſo Morgen bei dem Feſte auf dem Schloſſe hoͤren und ſehen koͤnnte“— „Bei dem Feſte, liebe Mutter,“ erwiderte Doriflea,„werde ich nicht ſingen“— „Nicht?“ fragte der Vater befremdet. „Ich werde nie wieder oͤffentlich ſingen,“ 43 fuhr ſie ernſt fort,„und nun hoͤren ſie denn mein Gluͤck— ich bin“— Hier trat ploͤtzlich eine dunkle Geſtalt in die Laube. Doriflea ſtieß einen Schrei aus. Die Eltern ſprangen entſetzt auf. Der Fremde ſagte in italie⸗ niſcher Sprache: „Signora! ihr Gemahl erwartet ſie laͤngſt. Sie paben die Freuden des Wiederſehens genoſſen, ehren ſie ein Geheimniß, deſſen voreilige Enthuͤl⸗ lung fuͤr Sie von Nachtheil ſein koͤnnte!“ Doriſlea ſeufzte tief. „Ich muß den Verhaͤltniſſen weichen, doch bald ſeht Ihr mich wieder!“ ſagte ſie ſchluchzend und ſank in die Arme der Eltern. Dceer finſtere Begleiter draͤngte. Sie mußte ihm Folge leiſten. „Und biſt Du denn gluͤcklich?“ rief ihr der Vater nach. „Ich bin's! ja— unausſprechlich!“ antwor⸗ tete ſie mit unterdruͤckten Thraͤnen und ließ ſich von dem Fremden fortziehen. Stumm weinend ſtand die Mutter da. In bangen Zweifeln verſenkt, blickte der Vater der Flie⸗ henden nach und ſah wie ein Wagen ſie aufnahm, deſſen lang verhallendes Rollen ihm von der Wirk⸗ lichkeit des Erlebten die Ueberzeugung aufdrang. 44 Kein Wort wechſelten mehr die alten Leute. Auf der Gondel wurden die Schiffer ſichtbar, der Nachtwind froͤſtelte ſie an und ſie ſtiegen in das Fahrzeug und ließen ſich tiefbewegt nach ihrer ein⸗ ſamen Wohnung fuͤhren. 7. Es war am hohen Vormittage, als der Kam⸗ merdiener in das Schlafzimmer des Herrn von Voltaire trat, um die Vorhaͤnge von den Fenſtern zu ziehen. Hierauf ging er zum Bette hin, um ſeinen Gebieter zu wecken. Es iſt nicht zu laͤugnen, daß die Zuͤge Meiſter Arouets nicht die angenehm⸗ ſten waren, die man ſehen kann, allein ein Gaͤh⸗ nen des Erwachens gab ſeiner Phyſiognomie, nach dem uͤbereinſtimmenden Zeugniſſe aller Augenzeugen, einen unbeſchreiblichen Ausdruck von Haͤßlichkeit. Sogleich ſchloß ſich jedoch wieder der Mund und die gewoͤhnlichen Lachrunzeln, die um denſelben lagerten, zerrten ſich betraͤchtlich in die Breite, welches auf gute Laune deutete. Nachdem das magere Maͤnnchen in die Huͤlle eines weiten, violet ſammtenen Caſſaquins mit goldenen Brandenbourgs verziert, geſchluͤpft war, und ſeine feinen Fuͤße, mit perſiſchen Brodequins chauſſirt hatte, warf es ſich in den Lehnſtuhl und befahl, daß man ihm Chocolade bringe und ſich 45 ſogleich nach dem Beſinden ſeiner Nichte, der Marquiſe von Hauteroche erkundige. Er ruͤckte, ſich einhuͤllend, zu dem flackernden Caminfeuer, und ſchimpfte ein Weniges auf das Klima von Boͤh⸗ men, worin er ſich zu beſinden glaubte, da er ſich, wie jeder Franzoſe, um Enclaven, Kreiſe, Unterabtheilungen und Provinzen gar nicht bekuͤm⸗ merte, und Maͤhren zu Boͤhmen ſchlug. Mit Schleſien war es ein Anderes. Nach dieſer Pro⸗ vinz wurde ja der Krieg benannt, den ſein großer koͤniglicher Freund eben beendigt hatte. Mit der Chocolade kam die Meldung von dem Wohlſein ſeiner Nichte und ein junger Menſch trat ein, der ihm als Dollmetſch diente und zugleich ſeine Correſpondenz beſorgte, wo ſie dentſch ſein mußte. „Hier iſt,“ fing dieſer an,„die Antwort an den Schulmeiſter, der geſtern das Gedicht auf den Koͤnig uͤberreichte.— „Aha gut,“ ſagte Voltaire und ließ ſich die eingetauchte Feder reichen. „Das Gedicht iſt nicht ganz zu verachten,“ fuhr der junge Menſch fort,„der Mann hat mit Nutzen ſeinen Horaz geleſen, es hat Schwung und richtige Fuͤße.“— „Wie ſo?“ fragte Voltaire zerſtreut.— „Es iſt in alexandriniſchem Versmaße,“ ant⸗ worteke der junge Pedant etwas verlegen, der die Frage nicht ganz begriffen hatte. „Ich wollte, wir haͤtten dergleichen Schul⸗ meiſter in Frankreich, die das zu machen verſtaͤn⸗ den,“ ſagte Voltaire, und indem er laͤchelnd hin⸗ zufuͤgte,„geben Sie mir das Gedicht,“ nahm er es dicht vor die Augen und ſchien es durch⸗ zuleſen. „Es iſt nicht moͤglich!“ rief der Secretair aus, welcher Ausruf ſich auf die Unwiſſenheit der franzoͤſiſchen Schullehrer beziehen ſollte, von deren gaͤnzlichem Nichtvorhandenſein der junge Mann nicht einmal die Ahnung hatte. Voltaire, der vom Deutſchen nicht mehr verſtand, als die Meiſten ſeiner Landsleute, gab ſich doch gar zu gern das Anſehen, es von Grund aus zu kennen. „Es iſt Verve drin!“ rief er aus,„Sie ſag⸗ ten mir zu wenig, der arme Mann verdient meine vollſte Anerkennung!“ Und in dem Gefuͤhle, dadurch den Empfaͤn⸗ ger des Briefes zum gluͤcklichſten Menſchen zu machen, ſchrieb er eigenhaͤndig folgende Worte darunter: „und verbleibe ſonder Umſtand ſein dienſt⸗ willigſter Diener Voltaire.“ 4 Eine Formel, die er ſich angeeignet hatte und in beſondern Faͤllen, namentlich in ſolchen, wie der gegenwaͤrtige, anzuwenden pflegte, um zu zeigen, daß er der deutſchen Sprache maͤchtig ſei, und ihre Literatur zu wuͤrdigen wiſſe. Der Kammerdiener trat ein und meldete zwei preußiſche Officiere. Es war ein Graf aus Oſtpreußen und ein franzoͤſiſcher Chevalier, die in der damaligen ſteifen Uniform der preußiſchen Krieger, als das Ideal zweier Helden erſchienen. Der Oſtpreuße, Lieutenant in einem Infan⸗ terie⸗Regimente in den ſchwarztuchenen Kamaſchen, der rothen Halsbinde, der langen, gelben Tuch⸗ weſte und dem dunkelblauen, mit goldenen Schlei⸗ fen geſtickten Rocke, machte ſeine ſteif militaͤriſche Verbeugung, waͤhrend der Chevalier, welcher bei dem Regimente der koͤniglichen Krongarde ſtand, die damals noch mit dem altherkoͤmmlichen Titel der koͤniglichen Gensd'armerie beehrt wurde, ſich mit größerer Vertraulichkeit und obgleich in viel ſteiferer Tracht als ſein Camerad, dennoch weit un⸗ gezwungener ſeinem beruͤhmten Landsmanne naͤherte. Der Chevalier war ganz in Weiß gekleidet; das Reiterwamms war auf der Bruſt zugehaͤkelt, mit einem Streife von Scharlach und Gold beſetzt, und ſo eng, daß der darin ſteckende Soldat ſich nur ſehr gravitaͤtiſch bewegen konnte. Um den Leib ſchmiegte ſich ein Guͤrtel von hochrother Wolle, der einem tartariſchen Coſtuͤm entlehnt zu ſein ſchien, und eine dicht unter demſelben, am Ende des Ruͤckgrates haͤngende Huſarentaſche, worauf das verzogene F. R. in Gold zu ſchauen war, vollendete die barocke Uniform. Dennoch nahmen ſich Friedrichs Helden re⸗ ſpectabler aus, als die damaligen Franzoſen in den Roͤcken von Atlas, roſa mit himmelblauen Klappen, oder hellgruͤn und citrongelb, mit weißſeidenen Struͤmpfen und den gepuderten Friſuren, ſtatt deren die Preußen die Zierde martialiſcher Locken und ganz heldenmaͤßiger Zoͤpfe unter den kleinen, ſchiefaufgeſetzten Huͤten hervorſchauen ließen. Voltaire ließ Chocolade reichen, und ſetzte ſich behaglich zurecht, um von dem Chevalier die chro⸗- nique-scandaleuse vortragen zu hoͤren⸗ Der Anfang wurde mit Nachrichten aus Pa⸗ ris gemacht, die wir hier nicht mittheilen, denn obgleich ſie den Philoſophen von Fernay ſehr zu in⸗ tereſſiren ſchienen, ſo gehoͤren ſie nicht in den Be⸗ reich dieſer Erzaͤhlung. Endlich wurde Roswalde auf das Tapet gebracht. „Der Herr Graf,“ bemerkte Arouet fein, „zeigt einen ſeltenen Geſchmack in der Bizarrerie, ich muß geſtehen, daß das einem Franzoſen nicht 49 moͤglich ſein wuͤrde. Die traͤumeriſchen, in einem gewiſſen poetiſchen Aberglauben verſunkenen Deut⸗ ſchen ſind darin Meiſter, und die ſlaviſchen Voͤl⸗ ker, z. B. die Boͤhmen, zeichnen ſich hierin noch mehr aus. Ich bedaure oftmals, daß wir Andern nicht wiſſen, was Aberglauben iſt, es thut unſerer Poeſie Eintrag. Nun, und was wird uns denn heute fuͤr ein Genuß zu Theil werden,“ fragte er raſch, zu dem Oſtpreußen gewendet,„womit ge⸗ denkt heute Ihr Compatriote die Anweſenheit Ihres großen Monarchen auszuſchmuͤcken?“ „Ich fuͤrchte ſehr,“ ſagte dieſer mit ſehr finſterer Miene, welche genugſam ſeinen großen An⸗ theil und die Wichtigkeit beurkundete, die er dem Vorfalle beimaß,„daß das Vergnuͤgungsregiſter des Grafen ein Loch hat“— „Ein Loch? das Regiſter?“ unterbrach ihn laͤchelnd Voltaire, der den Germanism nicht ſogleich begriff. „Ei ja,“ fuhr der Offtcier fort,„die Sig⸗ nora Doriflea, die Alles uͤbertreffen ſoll, was man hoͤren kann“— „Iſt fort— entwiſcht— entfuͤhrt—“¹ fiel ihm raſch der Chevalier ein, der ſich dieſe Pointe des Ganzen nicht wollte nehmen laſſen. „Wie?“ rief lautlachend Voltaire aus,„ein A. Lewald, Novellen. III. 4 Roman? Vortrefflich! Das iſt mir lieber, wie ein Concert!“— 5 „Fuͤr den Dichter, das glaub' ich wohl“— ſagte fein laͤchelnd der Graf aus Oſtpreußen,„aber wenn Sie, mein Herr von Voltaire, ſich an die Stelle des Grafen von Hoditz ſetzen wollen, ſo muͤſſen Sie mir geſtehen, daß es keine geringe Ver⸗ legenheit iſt, eine ſolche Luͤcke auszufuͤllen. Wel⸗ ches wir unmaßgeblich mit dem Ausdrucke, das Regiſter hat ein Loch, auszudruͤcken beſtrebt ſind. Es iſt in dieſem Augenblicke, unſere Mara ausge⸗ nommen, keine Saͤngerin von dieſem Rufe vor⸗ handen und das war eben des Grafen Ehrgeiz, dem Koͤnige eine auf dieſem Gute gezogene Saͤn⸗ gerin zu praͤſentiren, welche die Frau des Berliner Trompeters auszuſtechen im Stande ſei, auf die— unter uns geſagt— Friedrich ſtolzer iſt, als auf ſo manchen ſeiner bravſten Officiere.“ Deer junge Herr hatte ſo ſchnell und eifrig dieſe Worte geſprochen, daß eine gluͤhende Roͤthe ſein Antlitz uͤberzog und nun die Halsbinde und das Geſicht eine gleichfarbige Flaͤche zeigte, nur von dem weißen ſchmalen Umſchlage der Binde durchſchnitten und dem Puder der Stirne, der ſich an die Ohren herunterzog, begrenzt. „Mort de ma vie!“ ſchrie der Chevalier, „ich weiß den Zuſammenhang. Ich ſaß mit dem 51 Hexenmeiſter Philadelphia bei einer Partie Schach. in der Tabagie, und da er mich ſchon mehrmals matt gemacht hatte, ſo warf ich ihm die verlornen Friedrichsd'ors hin, ohne beſondere Aufmerkſamkeit der Partie zu ſchenken, welche die Letzte und eben⸗ falls ſchon rettungslos verloren war. Da ſah ich zwei Leute eintreten, welche ein geheimer Handel dieſen einſamen Winkel den dunkelſten ſuchen ließ. Und, tarie à la crème! ich kannte ſie“— „ und wer war's?“ fragte der Graf. „Ich ſage es hier meinem großen Compa⸗ triote,“ ſprach ploͤtzlich, zu einer Art von feierli⸗ chem Ernſt geſtimmt der Chevalier,„und will auch gern vor Ihnen, mein Herr, kein Geheimniß ma⸗ chen, aber ich wuͤnſchte nun eben nicht“— „Auf Ehre, Herr Camerad,“ ſagte deutſch der Preuße,„ich halte reinen Mund.“ „Nun denn, die Beiden waren,“ fuhr Je⸗ ner fort, indem er ſich zu Voltaire vertraulich naͤ⸗ her ruͤckte,„der italieniſche Maeſtro Rafioli, der geſtern mit dem Maeſtro des Koͤnigs, Monſieur Graun, den biſſigen Streit hatte— und der Graf von S., der unmenſchlich reiche, ſchoͤne Cavalier, der Muſiker par excellence, der“— „Nicht moͤglich,“ rief Voltaire hier aus, ohne ihn enden zu laſſen, indem die ſtets wie zum Spott geruͤſteten Zuͤge, ploͤtzlich eine andere 4* 52. Richtung nahmen, und zu einem furchtbar daͤmo⸗ niſchen Ernſt ſich geſtalteten.„Sie meinen, Herr Chevalier, daß Graf S. die Saͤngerin entfuͤhrt habe?“ „So iſt es“— ſtotterte verlegen und zoͤ⸗ gernd der Franzoſe, deſſen Fuͤhlhoͤrner der Poli⸗ teſſe ſich krampfhaft ausſtreckten, um zu erwittern, welche empfindliche Partie er eigentlich in Voltai⸗ re's Herzen, uͤber deſſen Daſein er uͤbrigens noch gar nicht im Klaren war, verletzt hatte. Der meldende Diener machte jedoch der pein⸗ lich werdenden Scene ein erfreuliches Ende: „Madame von Hauteroche, und Graf Hugo von S.,“ rief er laut, und Voltaire erhob ſich von ſeinem Sitze und ging den Eintretenden mit feiner Foͤrmlichkeit entgegen. Die Marquiſe, eine junge Witwe von acht⸗ zehn Jahren ungefaͤhr, hatte nach vierjaͤhriger Ehe ihren aͤltern, ausſchweifenden Gatten begraben, und ſeinen Namen und Vermoͤgen als Erbtheil erhal⸗ ten. Obgleich nur ſehr weitlaͤuftig mit Voltair verwandt, ſo ſchmeichelte es ihm dennoch, ſich von der liebenswuͤrdigen Dame mit dem Titel eines Onkels beehrt zu ſehen, und alle ehrerbietigen Hul⸗ digungen, welche damit verknuͤpft waren, in Em⸗ pfang zu nehmen. 53 Sie war von Berlin, wo ſie laͤngere Zeit ge⸗ lebt hatte, nach Roswalde gekommen, um ihren beruͤhmten Onkel wiederzuſehen, und Graf Hoditz freute ſich, auch dieſes Juwel in ſeinem glaͤnzen⸗ den Kranze erſtrahlen zu ſehen. Daß Graf Hugo von S. ſich um die Gunſt der ſchoͤnen Witwe bewarb, daß er ihr ſeine Hul⸗ digungen weihete, nahm Niemanden Wunder, er theilte dieſe Geſinnungen mit einem Heere von An⸗ betern, welche die Reize der Marquiſe zu feſſeln wußte. „Gottlob, da iſt er,“ rief der Oſtpreuße. „Rinaldo in den alten Feſſeln,“ fluͤſterte der Che⸗ valier dem Philoſophen von Ferney zu, der ihm zwar freundlich, aber mit dem Finger drohend zu⸗ nickte, und ganz mit dem alten Geſichte ausrief: „Welchem ſchlimmen Verdachte ſind nicht die tugendhafteſten Maͤnner ausgeſetzt.“— „Wenn ſie ſchoͤn und von den Damen be⸗ guͤnſtigt ſind,“ ſetzte ſchnell der Chevalier hinzu— „wir Andern laufen dieſe Gefahr nicht ſo leicht, 7 rief er, ſich zu ſeinem Cameraden wendend, der nicht erfreut uͤber dieſe Anſpielung war. Man beruͤhrte den Punkt nicht weiter in der Marauiſe Gegenwart, aber Voltaire ging in ein Nebenzim⸗ mer und ſchickte ſeinen pfiffigſten Diener Forbin aus, um uͤber die Signora Doriflea Nachrichten 54 einzuziehen. Indem er ſich zu der Geſellſchaft wieder begab, wurde ein neuer Gaſt gemeldet, der einige Bewegung in die Verſammlung brachte. „Sa Majesté le Roi!“ ſchallte es durch die geoͤffnete Thuͤr und herein trat, den Hut auf dem Kopf, geſtuͤtzt auf die Kruͤcke, Friedrich, der ſchnell ſeine Blicke rings im Kreiſe ſchoß, und wie er die Dame erblickte, den Kopf entbloͤßte und hoͤflich gruͤßend auf ſie zutrat. „Ei, meine Herren Offtziere divertiren ſich beim Grafen Hoditz nicht ſchlecht, wie ich ſehe,“ ſagte er deutſch zu den Beiden, die ſich ſtreng militaͤriſch vor ihm hielten.„Dies iſt hier ein ganz artiges Herbſtmanoeuver— aber eine Saͤngerin iſt unſerm Wirth echappirt, und das hat einigen Alarm in die Wirthſchaft gebracht.“ „Wiſſen Sie ſchon,“ fuhr er nun in fran⸗ zoͤſiſcher Sprache, zur Marquiſe gewendet, fort, in⸗ dem er einem feinen Windſpiel, das den huͤbſchen Kopf an ſeinem Degenknopf rieb, die Ohren kraute, „wiſſen Sie ſchon, daß die Signora fort iſt, Nie⸗ mand weiß wohin, und daß aus dem angeſagten Concerte nichts werden ſoll. Ich hoͤre es ſo eben auf der Promenade. Die Verwirrung iſt allge⸗ mein, und mir iſt bange, daß der gute Hoditz ſich das Leben nimmt, wie einſt Vatel, als ihm eine Schuͤſſel verungluͤckte.“ 55 „„ Alſo doch?“ ſagte leiſe der Oſtpreuße. Es wurde nunmehr viel von der Geſchichte geſprochen, man erſchoͤpfte ſich in Vermuthungen, und der Koͤnig, der hier jeden Zwang entfernte und ſich einige Zeit den ihm ſich darbietenden Zer⸗ ſtreuungen mit großer Selbſtverlaͤugnung uͤberließ, nahm lebhaften Theil an dem Geſpraͤche, das ſich bald ohne allen Ruͤckhalt um ihn zu bewegen anfing. Nur einer der Anweſenden fuͤhlte ſich nicht frei genug, um in die verſchiedenartigen Aeußerun⸗ gen uͤber den ſeltſamen Vorfall einſtimmen zu koͤn⸗ nen, und ſeine Verlegenheit entging keinesweges dem ſtrengbeobachtenden Blicke des feinen Philo⸗ ſophen von Ferney. 8. Damals lebte ein Mann in Deutſchland, der ſeine Zeitgenoſſen zur groͤßten Bewunderung zwang und ſich einer raͤthſelhaften Macht bedienen konnte, um die unerhoͤrteſten Wirkungen hervorzubringen. Viele beſpoͤttelten ſein Thun und Treiben und nann⸗ ten ihn einen Taſchenſpieler, und er ſelbſt— weit entfernt wie Caglioſtro vorzugeben, daß er in einem ununterbrachnen Verkehr mit der Geiſterwelt ſtaͤnde— begnuͤgte ſich damit— ſeine Wiſſenſchaft zu den menſchlichen zu zaͤhlen, wenn ſie auch im eigent⸗ 56 lichen Sinne nur eine geheime, fuͤr ihn allein bekannte, war. 2 3 Man ſah ihn mit fuͤrſtlicher Pracht die Laͤn⸗ der durchziehen. Er fuhr ſtets in einem elegan⸗ ten, mit Gold uͤberladenen Wagen, vor dem ſechs Schecken geſpannt waren, und denen ein Reiter vorſprengte in praͤchtiger Livree. Sein Kutſcher und ſeine Dienerſchaft trugen Gruͤn und Gold, ſeine zwei Mohren waren in tuͤrkiſche Tracht ge⸗ kleidet, und er ſelbſt hatte ſich eine ſcharlachrothe Hoſuniform, aus eigener Macht zugelegt. Nie⸗ mandem ſiel es ein, ihm irgend etwas von dieſem Glanze, als ſeinem Stande unangemeſſen, zu neh⸗ men, man war daran gewoͤhnt, ihn ſo und nicht anders zu ſehen, und die maͤchtigſten Monarchen pflogen Umgang mit ihm. Dieſer merkwuͤrdige Mann nannte ſich mit dem ſonderbaren Namen: Meyer Philadelphia, man wußte nichts von ſeiner Herkunft, woruͤber man unglaubliche Fabeln verbreitete, und kuͤmmerte ſich wenig ſowohl um dieſe, als um ſein Alter, das mit dem des bekannten St. Germain rivali⸗ ſirt haben ſoll. Wenn man von ihm erzaͤhlte, daß er einſt als ſein Barbier ihn eingeſeift hatte, und ſich nun mit dem Meſſer nach ihm wandte, zu ſeinem Entſetzen keinen Kopf auf dem Rumpfe mehr erblickte, ſo iſt dies wahrſcheinlich eine Er⸗ 57 dichtung; wenn man berichtet, daß er in einer ſoaͤtern Zeit, als er auf Friedrichs Befehl Berlin auf der Stelle verlaſſen mußte, zu allen Thoren gleichzeitig hinausgefahren ſei, ſo iſt dies allenfalls zu erklaͤren, ſchwerer jedoch duͤrfte es die Urſache ſein, die jene ploͤtzliche Verbannung herbeifuͤhrte, daß er naͤmlich dem Koͤnige den Inhalt eines Bil⸗ lets wiederſagen konnte, welches dieſer bei ver⸗ ſchloſſenen Thuͤren in ſeinem Cabinet geſchrieben hatte. War Phlladelphia auch nicht mit Geiſtern im Umgange, ſo hatte er eine Unzahl von Spio⸗ nen in ſeinem Solde, aller Staͤnde, jedes Alters und Geſchlechts, und er ſelbſt wurde vielleicht zu geheimen Zwecken gebraucht. Seine Eitelkeit war, wie bei allen ſolchen Leuten, grenzenlos, und bekannt iſt es, wie der witzige Lichtenberg ihn durch einen von ihm er⸗ ſundenen Anſchlagezettel ſeiner Kunſtſtuͤcke aus Goͤttingen fortbrachte, ohne etwas gezeigt zu ha⸗ ben. Dieſel Schwank findet ſich in Lichtenbergs vermiſchten Schriften. Graf Hoditz, der Alles, was im Stande war, ſein Roswalde zu beleben und den Zauber ſeiner Schoͤpfung zu erhoͤhen, in ſeinen Kreis zog, hatte auch Philadelphia eingeladen, waͤhrend der Feſt⸗ lichkeiten, welche zu Ehren ſeines koͤniglichen Ga⸗ 58 N ſtes Statt finden, unter ſeinem Dache zu weilen. Obgleich der Wundermann bereits einige Wochen im Schloſſe war, ſo hatte er noch nicht einmal die Aufmerkſamkeit der uͤbrigen Gaͤſte auf ſich ge⸗ zogen, die in den verſchiedenartigſten Genuͤſſen und Zerſtreuungen gewiegt, ſich nicht eben viel um ihn bekuͤmmerten. Er verſchmaͤhte die glaͤnzenden Gemaͤcher, die ihm der Graf angeboten hatte, und lebte mit ſei⸗ nem Schuͤler und Juͤnger, dem nach ihm eben⸗ falls beruͤhmt gewordenen Marcheſe Pinetti, in einem alten, runden Thurme, der das neue Schloß weit uͤberragend, ihm zu aſtronomiſchen Beobach⸗ tungen tauglich ſchien, wie er vorgab, einſam und von der Geſellſchaft gaͤnzlich zuruͤckg ezogen. Die Flucht oder Entfuͤhrung der Saͤngerin, welche die beabſichtigten Concerte, deren erſter Stern ſie geweſen waͤre, zum Theil unterbrach, leitete nun die Aufmerkſamkeit des Grafen, deſſen Streben nach uͤberraſchenden Ergoͤtzlichkeiten jetzt doppelt eifrig war, auf Philadelphia hin, und die⸗ ſer trat nunmehr willig aus dem ſelbſt gewaͤhlten Helldunkel hervor, um vor dem Koͤnige im hoͤch⸗ ſten Lichte ſeiner Kunſt zu glaͤnzen. Es war Alles im Concertſaale verſammelt, das Wetter war einer Unterhaltung im Freien nicht guͤnſtig und von einem Kreiſe der vornehm⸗ 59 ſten Damen und Herren umgeben, ganz unfern des großen Koͤnigs ſtand der kleine, unterſetzte Phil⸗ adelphia im rothen, goldgeſtickten Kleide, die zu⸗ ruͤckgekaͤmmten Haare ſtark gepudert, den Petit⸗ degen an der Seite, den Chapeaubas unter dem Arme. Man haͤtte ihn fuͤr einen Ceremonienmei⸗ ſter irgend eines Hofes gehalten, nicht aber fuͤr einen Taſchenſpieler, der einen Hof amuͤſiren wollte. Pinetti, der ſeinen Handlanger machte, uͤber⸗ reichte Karten, ließ ſie herausziehen, that alle klei⸗ nen Dienſte, waͤhrend der Meiſter ſich begnuͤgte, mit einem kleinen Stoͤckchen von Elfenbein die Karten zu beruͤhren, Zeichen in der Luft zu be⸗ ſchreiben und dergleichen mehr, um, wie er ſich ausdruͤckte— den Hokuspokus wirkſam zu machen. Er hatte eben ein auffallendes Kunſtſtuͤck ge⸗ macht. Die Karte von einem Mitgliede der Ge⸗ ſellſchaft gezogen, wurde zum Fenſter hinausge⸗ worfen. Philadelphia erklaͤrte, daß ein alter, blin⸗ der Bettler, der am Schloßthore ſaß, die Karte in ſeinem Schnappſacke haben muͤſſe. Mehrere Cavaliere gingen ſogleich fort, und der erſtaunte Bettler ſtand kurz darauf inmitten der glaͤnzenden Verſammlung, von welcher kein Strahl in ſeine Nacht ſiel. Hier wurde ſein Bettelſack geoͤffnet, und neben einer alten Brodrinde lag die Karte, und zwar mit dem Kreuze bezeichnet, das man 60 darauf gemacht hatte, ehe ſie zum Fenſter hin⸗ ausgeworfen wurde. Viele der Anweſenden nannten dieſes Kunſt⸗ ſtuͤck eine zu offenbare Myſtification, es laͤge nicht im Reiche der Moͤglichkeit, und doch waͤre keine Geſchicklichkeit hierzu noͤthig. Ein Jeder koͤnne ſo etwas bei getroffenen Vorkehrungen bewerkſtelligen und was dergleichen mehr war. Philadelphia, deſſen Stolz beleidigt war, ließ die Geſellſchaft fuͤr und wider ihre Aeußerungen machen, ohne ein Wort zu erwidern. Am meiſten erhitzte ſich Graf Hugo von S., der an dieſen Unterhaltungen kein großes Behagen zu finden ſchien, und der an der Seite ſeines Vaters, der vor wenigen Stunden nach Noswalde gekommen war, und ſeiner nunmehr Verlobten, der jungen Marquiſe von Hauteroche, ſitzend, weit weniger Aufmerkſamkeit dem Beginnen Philadel⸗ phia's, als dem ſich jetzt daruͤber entſpinnenden Wortwechſel geſchenkt hatte. Seine Aeußerungen, dem Hexenmeiſter gegenuͤber, wurden immer beißen⸗ der, je mehr dieſer ihm Ruhe und Stillſchweigen entgegenſetzte. „Wollen Sie, Herr Philadelphia, uns vom Gegentheile meiner Behauptungen uͤberzeugen,“ ſagte Graf Hugo endlich,„wohlan! ſo zeigen Sie einige jener wahrhaft wunderbaren Dinge, dle 61 Ihnen nacherzaͤhlt werden, welche man aber, gibt man der geſunden Vernunft Gehoͤr, fuͤr muͤßige Erfindungen zu erklaͤren geneigt ſein muß. Ihre Ehre ſteht auf dem Spiel, ich fordre ſie auf! Hier dieſe glaͤnzende, erhabene Verſammlung ſcheint mir der Muͤhe wohl werth zu ſein, das Beſte ſeiner Kunſt ihr zu zeigen!“ „So ſcheint mir's auch!“ ſprach bleich und von innerem Groll erſchuͤttert, der gedraͤngte Tau⸗ ſendkuͤnſtler.„Geiſter zu citiren iſt abgedroſchen und die erlauchte Verſammlung, worin ich ſo wenig Glauben fuͤr meine geheime Wiſſenſchaft finde, wird dies ganz abgeſchmackt zu finden belieben wollen, nicht wahr, Herr Graf? Wie aber, wenn ich Lebende, fern weilende, doch von uns Allen gekannte Menſchen citirte, wie da? Wuͤrden Sie mir dann eine guͤnſtigere Meinung von meinen muͤhſam erworbenen Kenntniſſen wohl zuwenden? So hoͤren Sie mich denn, Allerhoͤchſte, Gnaͤdigſte und Erlauchte! ich mache mich anheiſchig, die uns ſo ploͤtzlich entſchwundene italieniſche Saͤngerin Doriflea ſogleich, hier in dieſem Saale, erſcheinen zu laſſen und Alle, die hier verſammelt, ſollen ihren Geſang vernehmen.“. Dieſe Worte hatte er mit ſeltſam erhoͤheter Stimme, und mit leuchtenden Augen ausgerufen, ſein Elfenbeinſtaͤbchen flirrte in der Luft, ein ſchril⸗ 62 lender Schall, wie ihn der naſſe Finger dem Rande der Glaͤſer entlockt, wurde hoͤrbar, ein Toͤnen wie ferner Geſang hallte in dem aͤußern Gemache und ſchon begann er ſeine Beſchwoͤrung, als ein anderer Gegenſtand die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit feſſelte und die Unterhaltung in Be⸗ ſtuͤrzung aufloͤſte, denn Graf Hugo ſank in todten⸗ aͤhnlichem Zuſtande ſeinem Vater in die Arme. 9. Am Morgen nach dieſem Vorfalle ſaß Phil⸗ adelphia in dem hohen Gemache ſeines aſtrologi⸗ ſchen Thurmes, den er ſich von dem Grafen zur Wohnung erbeten hatte. Die langen, gewandten Finger hielten ſeltſam geformte Inſtrumente, um ſie zu putzen und in Ordnung zu legen, und ein Laͤcheln, das um den Mund ſpielte, begleitete die heitern Gedanken, welche durch ſein Inneres zogen. Er hatte bei der Schachpartie mit dem preußiſchen Officier, wovon ſchon die Rede war, ein italieniſches Geſpraͤch zwiſchen Graf Hugo und Raſioli behorcht, woraus ihm genug uͤber Doriflea's Verhaͤltniß und ihre Entfuͤhrung bekannt geworden war. Der Zufall, der ihn gegen den jungen Grafen aufgereizt hatte, und der Wunſch, den er hegte, vor Friedrichs Augen ſich in ſeinem Glanze zu zeigen, ließen ihn auf dies Ereigniß 63 einen kuͤhnen Plan bauen. Sein Ehrgeiz ſtrebte lange danach, ſich in des groͤßten Monarchen Ver⸗ trauen zu ſtehlen, welches jedoch, wie begreiflich, Leuten ſeines Schlages nicht leicht wurde. Da trat ein Jaͤger in das Gemach, und meldete ſei⸗ nen Herrn, den Altgrafen von S., Oberjaͤgermei⸗ ſter des Fuͤrſtbiſchofs von Breslau. Philadelphia hatte kaum ſo viel Zeit, das Coſtuͤm eines Armeniers, welches er in den Mor⸗ genſtunden zu tragen pflegte, abzulegen, und ſich in eine anſtaͤndige Verfaſſung zum Empfange des vornehmen Gaſtes zu ſetzen, wie auch die muth⸗ maßliche Veranlaſſung dieſes Beſuchs erwaͤgend, auf ſchickliche Ausfluͤchte zu denken, als ſchon der Altgraf eintrat und unter vielen Entſchuldigungen, die er mit vornehmer Herablaſſung machte, neben dem Tauſendkuͤnſtler vertraulich Platz nahm. „Mein verehrter Herr,“ ſagte er, nachdem er mit emporgezogenen Naſenfluͤgeln und zugeſpitz⸗ tem Munde ſich uͤberall im Zimmer umgeſehen hatte,„wolle man mir vor allen Dingen die Zu⸗ ſicherung ertheilen, daß wir ganz allein ſind.“ „Sie ſehen dies, Herr Graf,“ erwiederte laͤchelnd Philadelphia. „Ich ſehe— ja—“ ſetzte der Graf leiſe hinzu,„aber was vermag ich zu ſehen? Wir ſind unter uns! was vermoͤgen unſere Augen zu ſehen? 64 Nichts!— ich bin daron uͤberzeugt wie von den jenſeitigen Strafen. Sind auch keine ſuͤr mich unſichtbaren Hausteufelchen gegenwaͤrtig? Ich bitte ſie zu entfernen. Denn ich habe von hochgraͤflichen Familienangelegenheiten zu ſprechen, und das bringt man nicht vor fremden Ohren gern zu Markte.“ Hierauf war Philadelphia nicht gefaßt gewe⸗ ſen. Der ſchlaue Mann, der bisher den Schein verſchmaͤhet hatte, als ſtaͤnden ihm uͤbernatuͤrliche Kraͤfte zu Gebote, ſah ſich durch die verſprochene Citirung der abweſenden Saͤngerin, die ihm nur der hochgereizte Zuſtand abzudringen vermochte, mit einem Male in dem Geruche eines Gei⸗ ſterbeſchwoͤrers, einem Manne gegenuͤber, der feſt an dieſem damals weitverbreiteten Glauben zu halten ſchien. „Ich kann Ew. Excellenz die feſte Verſiche⸗ rung ertheilen,“ ſprach Philadelphia ernſt,„daß außer uns ſich Niemand in dieſem Gemache auf⸗ haͤlt., „Nun wohlan denn,“ hob der Altgraf an, indem er ſich zurechtſetzte,„mein Sohn, der hoffnungsvollſte Cavalier am Koͤniglichen Hofe zu Potsdam, ſteht auf dem Punkte, die Witwe des Marquis von Hauteroche, Anna Victoria von Saint⸗Serin, Graͤfin von la Mothe⸗Grosbois, zu ehelichen, die zu den angeſehenſten und reich⸗ 65 — ſten Particen zu zaͤhlen iſt. Ich wiege mich ſeit einigen Monden ſchon in den angenehmſten Hoff⸗. nungen, und dachte, daß nichts dieſelben zu zer⸗ ſtoͤren im Stande ſein koͤnnte. Wie ſollte man glauben, wenn man ſieht, daß ein Graf fuͤr eine Saͤngerin Attachement zeigt, daß dies von unge⸗ woͤhnlichen Folgen begleitet werde? Ich ſelbſt, mein hochverehrter Goͤnner, habe dergleichen Atta⸗ chements zu oͤftern Malen im Leben uͤberſtanden, ohne daß deshalb meinem Stammbaum der kleinſte Makel zugefuͤgt worden waͤre. Aber man ziſchelt ſich in die Ohren, und zwar ſo laut, daß ich es zu vernehmen im Stande bin, die Entfuͤhrung der Signora— wie heißt ſie doch?— wuͤrde ziemlich allgemein auf die Rechnung meines Sohnes geſetzt. Eine ſolche Galanterie iſt einem Cavaliere von unſerm Range wohl verzeih⸗ lich und hoͤchſt angemeſſen, nur macht gerade der gegenwaͤrtige Zeitpunkt, wie Sie wohl einſehen, und die Naͤhe der verſprochenen Braut, einige Vorſicht noͤthig. Denn— il faut respecter les dehors— darin werden Sie mit mir einverſtanden ſein. Ueberdies ließ der Herr von Voltaire, den ich immer aus der Entfernung fuͤr einen aimabeln Libertin zu kennen glaubte, in dieſem Falle ſo execrable Ideen ruchtbar werden, die gaͤnzlich nach Roture riechen, und ſich fuͤr ein Genie gar nicht A, Lewald, Noyvellen. III. 5 66 ſchicken. Das war mir Alles noch nicht genug, um meinem Sohne mein Anſehen fuͤhlen zu laſſen. Denn ſelbſt der erzuͤrnte Vater darf die Schicklich⸗ keit nie verletzen. Wie nun aber geſtern die ſchreckliche Scene ſich ereignete, und uͤbernatuͤrliche Kraͤfte aufgeboten wurden, um meinen Stamm zu vernichten“— Hier hielt der Altgraf inne, preßte die Lippen feſt zuſammen, und draͤngte durch Kunſt viel Blut in die Augen, die glaͤſern und dumm den Taſchen⸗ ſpieler eine lange Weile anglotzten. Endlich fuhr er fort, da dieſer nichts ſagte, ſondern aufmerk⸗ ſam das Ende zu erwarten ſchien. „Da die entſetzliche Kataſtrophe ſich ereignete, mein Sohn leblos in meinen Armen lag, da ſah ich rings umher, weil ich beobachten wollte, was die Geſellſchaft dazu wohl fuͤr ein Geſicht ſchnitte; denn man wird einer Hofcharge, die an hoch⸗ fuͤrſtlicher Tafel, den Hut auf dem Kopfe, eine Wildſchuͤſſel zerlegen darf, doch ſo viel présence d'esprit zutrauen, daß ſie ſelbſt uͤber einen ohn⸗ maͤchtigen Sohn hinwegſchaut, wenn es gilt! Und ſomit ward ich dermaßen uͤber haͤmiſche Gloſſen und Geſichter conſternirt, daß es des Zwieſprachs mit dem Monſieur de Voltaire, der doch nichts weiter als écrivain célèbre iſt, gar nicht bedurf haͤtte“—. 67 — „Ew. Excellenz haben mit ihm ein téte- à- téte gehabt?“ ſiel Philadelphia ein.„Ein onrani. ches,“ fuhr der Altgraf fort.„Der Mann pre⸗ digt Moral und maßt ſich Rechte an, mein Gott! ich wollte ihm ja gern Alles verzeihen und uͤber⸗ nehmen jede réparation— aber mein Sohn, iſt nun wirklich fortgereiſt, nach einem meiner Jagd⸗ ſchloͤſer, wie er vorgibt, um ſich in der Einſam⸗ keit zu erholen, die rauſchenden Divertiſſemens, womit Graf Hoditz uns hier regalirt, laſten zu ſchwer auf ihm, ſagt er ferner, kurz er iſt nach dem Jagdſchloſſe, wo nichts iſt, was ihn feſſeln kann, wenn es nicht die geheimen relations ſind, die er dort mit der Saͤngerin unterhaͤlt und die ihn immer weiter vom Ziel der Ehre abbringen. Denn er verliert hier daruͤber die Braut und ſtuͤrzt mich, ſeinen alten Vater, in die Grube, das koͤnnen Sie mir glauben.“ Eine abermalige Pauſe, ganz der vorigen aͤhnlich, folgte hier. Philadelphia ſprach kein Wort, um vorerſt das Ende abzuwarten. „Was mich nun zu Ihnen fuͤhrt,“ ſprach der Altgraf weiter,„iſt der Umſtand, daß ſie mir aus der Karte, dem Satze ihres Kaffee's, den ſie dort noch auf dem Tiſche ſtehen haben, oder vielleicht noch auf andere Weiſe enthuͤllen moͤgen, wie es um das Verhaͤltniß meines Soh⸗ 5* nes zu der mir bis zum Tode verhaßten Saͤnge⸗ rin ſtehe. Ich ſchwoͤre Ihnen hiermit, daß ich nie wieder ſingen hoͤren kann, ohne daß ſich mir das Herz im Leibe vor Ekel umwendet, und nie ſoll dieſe Hand, einem wandernden Baͤnkelſaͤnger je wieder einen Pfennig ſchenken, ja, das ſchwoͤr⸗ ich und will es halten.“ „Weder des Kaffeeſatzes, noch der Karte bedarf ich,“ fing der Taſchenſpieler mit gewohn⸗ tem Ernſte und der ihm eigenthuͤmlichen Wuͤrde an,„um Eurer Excellenz alle gewuͤnſchten Auf⸗ ſchluͤſſe zu geben. Iſt Ihr Herr Sohn nach dem Jagdſchloſſe gereiſt, ſo ſein Sie uͤberzeugt, daß er dort nicht allein ſei, und wollen Sie den Knoten durchhauen und die reiche, noble Partie nicht quitt gehen“— „Ei, das will ich,“ ſchrie der Oberjaͤgermei⸗ ſter,„drum will ich ſogleich nachreiſen.“ „Nicht doch!“ ſprach Philadelphia,„das hieße das Aufſehen vermehren, welches ohnedies dieſe ungluͤckſelige Geſchichte bereits zur Ungebuͤhr hier erregt hat. Bedenken Sie, was hier geſchieht, ſieht der vornehmſte Adel der Welt“— „Ach ja— ja,“ wimmerte der Altgraf. „Darum ſchreiben Sie Ihrem Herrn Sohne einen Brief der vaͤterlichen Ermahnung,“ fuhr Phila⸗ delphia fort,„und ich ſelbſt will mich der Muͤhe 69 unterziehen, ihn ihm einzuhaͤndigen, weil ich doch einmal das Ungluͤck hatte, in etwas dieſe Kata⸗ ſtrophe zu beſchleunigen. Ich habe in dieſer Sache ſchlecht gemacht, und ich halte es fuͤr meine Pflicht, wieder gut zu machen. Wenn mich nicht Alles truͤgt, ſo gelingt es mir.“ „Wie ſollte es Ihnen nicht gelingen?“ rief entzuͤckt der Oberjaͤgermeiſter und zog den Gaukler mit Praͤtenſion an die Bruſt, indem er ihn zwei⸗ mal auf die Wangen kuͤßte.„Ein Mann, der mit unſichtbaren Luftbewohnern converſirt, iſt nicht zu ſchlecht in altgraͤflichen Armen zu liegen, und reich ſind wir, und zu belohnen weiß man auch.“ Waͤhrend deß hatte Philadelphia Schreibzeug zurecht gelegt und deutete dem Alten ſtumm dar⸗ auf hin, der nun folgende vaͤterliche Zeilen an ſeinen Sohn erließ: „Ich weiß, cher Hugo, daß Dich ein penchant fuͤr das Saͤngervolk ſtets beſeſſen hat und will mich gar nicht in Deine Attachements auf buͤrgerliche Weiſe einmiſchen. Aber den Henker auch! eine Partie deshalb in den Wind zu ſchlagen!— Finde Dich mit ihr ab, ſo gut es gehen will, meine Boͤrſe ſteht Dir zu dieſem Behufe offen, und waͤre es ſelbſt eine jaͤhrliche Penſion; denn da Du nicht mit ihr verheirathet biſt, ſo muß und wird ſie zufrie⸗ den ſein— Dein Dich ſtets aufrichtig liebender Vater.“ 70 „Geben Sie,“ ſagte nun der Taſchenſpieler, nachdem der Altgraf geſiegelt hatte,„ich ſtelle die⸗ ſen Brief dem Herrn Sohne zu, um mich von den naͤhern Umſtaͤnden ſelbſt zu uͤberzeugen, und treu werde ich Ew. Excellenz Alles berichten.“ Der Graf aͤußerte eine erheuchelte Ruͤhrung, hierauf legte er ſeine Hand auf des Taſchenſpielers Schulter, ſah ihm eine lange Zeit feſt ins Geſicht, und ſagte mit Nachdruck: „Was Sie auch unternehmen moͤgen, weiſer Mann, um die Wahrheit zu ergruͤnden, laſſen Sie ſolche wie ein tiefes Geheimniß zwiſchen uns ruhen.“ 8 Dann ging er bis zur Thuͤr, wandte ſich noch einmal um und ſprach fein laͤchelnd: „Sie ſelbſt werden nun wohl nicht noͤthig haben, ſich dieſerhalb in Bewegung zu ſetzen, der Brief wird an die rechte Stelle gelangen, ohne daß Sie ſich beſonders incommodiren duͤrfen. Ja, wer ſo bedient iſt, wie Ihres Gleichen!“ und damit huͤſtelte der Oberjaͤgermeiſter verſchmitzt hm! hm! und verließ Philadelphia, dieſer aber— von einem unbeſtimmten Gefuͤhle geleitet, wie das bei aben⸗ teuerlichen Menſchen oftmals der Fall iſt, ſetzte ſich in unſcheinbarer Kleidung zu Pferde, um als Bote in eigener Perſon ſich nach dem einſamen Jagdſchloſſe zu begeben.— ſt.. 71 10. Waͤhrend dieſe uͤberraſchenden Begebenheiten ſich in Roswalde zutrugen, hatte Doriflea un⸗ freundliche Tage auf dem einſamen Jagdſchloſſe verlebt, wohin Maeſtro Rafioli ſie auf Graf Hu⸗ go's Befehl geleitet hatte. „Was ſollen dieſe raͤthſelhaften Anſtalten?“ hatte ſie ſich ſelbſt gefragt,„ſein Weib zu ſein, iſt das Gluͤck meines Lebens, aber ein bittres Loos iſt es, die Verachtung ſeiner Verwandten zu tra⸗ gen, und ihn ſelbſt vielleicht in Zwieſpalt mit ſei⸗ nem Vater zu bringen.“ Aufz alle Fragen, die ſie ihren Gatten be⸗ treffend an Rafioli richtete, antwortete dieſer mit kalter Verſchloſſenheit, er ließ Raͤthſel ahnen, de⸗ ren Loͤſung keinesweges erfreulich zu ſein ver⸗ ſprach· Doriflea achtete ihrer wenig. Nur Eines wollte ſie, als rechtliches Weib des Mannes ihrer Liebe vor der Welt erſcheinen. Allem Glanze ihrer Laufbahn entſagte ſie willig, dies Jagdſchloß, und wenn es ſein mußte, ein noch oͤderer Aufenthalt, waͤre ihr erwuͤnſcht geweſen. Hatte ſie ja ſchon ſo viel geopfert, um nur ihm anzugehoͤren. Das herrliche Neapel bot ihr den glaͤnzendſten Schauplatz fuͤr ihre Kuͤnſtlertriumphe, der Contract des Unternehmers von San Carlo lag vor ihr, 72 eine ungeheure Summe war ihr geboten worden, groß genug ihr zeitliches Gluͤck und das ihrer ar⸗ men alten Eltern zu begruͤnden, aber er wußte ſo ſuͤß zu uͤberreden, er bot ihr Hand und Herz, und wahrlich nicht die Ausſicht auf ſeinen Rang und Reichthum war es, die ſie beſtimmte; ſein Weib zu werden, uͤberwog jedes Gluͤck der Erde, und der Contract wurde vernichtet, und das Band der Ehe geſchloſſen. Das truͤbe Wetter hatte ihr ſelbſt nicht er⸗ laubt, die kleine Abwechslung eines karg bemeſſenen Spazierganges in die naͤchſte Umgebung des Schloſ⸗ ſes, in ihr taͤgliches Einerlei zu bringen. Allein verlebte ſie den Herbſtmorgen in dem hohen Ge⸗ mache, deſſen graue Tapete ein blutiges Jagdſtuͤck zierte, und ſtand ſinnend am Fenſter, auf die we⸗ henden Tannenwipfel in der Tiefe das Auge ge⸗ richtet, als Raſioli zu ihr eintrat. Sie wendete ſich fragend mit rothgeweinten Augen, auf welche ſie ein naſſes Schnupftuch druͤckte, zu ihm hin. „Das Sehnen hat ein Ende, Signora,“ ſagte er trocken,„ſo eben erhalte ich die Nach⸗ richt, daß ſich ſeltſame Dinge in Roswalde zuge⸗ tragen haben. Graf Hugo trifft noch dieſen Mor⸗ gen hier ein.“ 73 „Seltſame Dinge?“ wiederholte Doriflea aͤngſtlich.„Doch er kommt, und Alles iſt gut.“ „ Er kommt, aber krank,“— ſprach Raſioli ſcharf betonend. „Krank?“ ſchrie Doriflea außer ſich. „Und das ſagen Sie ſo gewichtig! o Gott! i*ſt er gefaͤhrlich krank! bringt man ihn vielleicht hierher, damit ich ihn noch einmal ſehen kann!“ „Faſt wird es ſo der Fall ſein, doch gefaͤhr⸗ lich krank iſt er nicht,“ verſetzte der Italiener.„Ei, Signora, wollen Sie denn gar nicht begreifen, was um Sie vorgeht?“ „Was geht um mich vor, Entſetzlicher!“ rief Doriſlea, von einer Ahnung ergriffen. „Nicht meines Amtes iſt es, den Schleier voreilig zu luͤften,“ ſagte, wieder in die vorige Kaͤlte uͤbergehend, Rafioli. „Welch ein Schleier? nichts iſt mir verhuͤllt. Sie ſind es, der mir mein Schickſal zu verſchlei⸗ ern ſtrebt, wozu dieſe Naͤthſel? Sprechen Sie deutlich— was hab' ich zu fuͤrchten?“ ſo rief Doriflea, durch das fruͤhere Benehmen ihres Be⸗ gleiters in einen Zuſtand hoͤchſter Aufreizung ver⸗ ſetzt. „Signora,“ entgegnete Nafioli,„es ſind bereits viele Jahre, daß wir uns kennen. Meine ſchwarzen Haare ſind ſeitdem grau und meine 5*△* 74 Stirne iſt garſtig raſtrirt worden. Mein Herz, das einſt gluͤhete und von Feuer uͤberſtroͤmte, iſt jetzt gerade ſo warm, als noͤthig, um dieſer hin⸗ faͤlligen Maſchine Leben zu verleihen. Signora, von Liebe weiß ich nichts mehr.“ „Und was ſoll mir das Alles?“ fragte be⸗ fremdet Doriflea, die nun mit einem Male klar zu ſehen glaubte.— „Signora,“ nahm Raſioli mit boshaftem Laͤcheln wieder das Wort,„von Liebe weiß ich nichts mehr, aber ſo ganz gleichguͤltig bin ich nicht Ihrem Schickſale gefolgt. Ich bannte mich an Ihre Schritte, ich leitete Ihren Gang, ohne daß Sie es wußten, und habe jetzt die kleine Freude, kalt und unempfindlich, wie ich bin, Sie in Gluth und Liebe verzweifeln zu ſehen. Ja, ich weiß es, Sie ſind ſehr ungluͤcklich, und nicht lange waͤhrt es, ſo werden Sie ſelbſt die Gewißheit davon haben.“ Doriflea ſtarrte ihn lange ſprachlos an, end⸗ lich brach ſie in Thraͤnen aus. „Nein, nein, es iſt nicht ſo, es kann nicht ſo ſein!“ rief ſie.„Was kann mir in dieſem Augenblicke ſo Schreckliches bevorſtehen, in dem Augenblicke, da ich meinen Gatten wiederſehen werde, da ich ihn hier in uuſcdin Deſigth en erwarte?“ 75 „Was ich geſagt habe, kann mich allerdings um das Vertrauen meines gnaͤdigſten Freundes bringen, aber ich wage noch mehr, oder vielmehr ich wage nichts, denn die Komoͤdie iſt ja ohnedies bald zu Ende geſpielt, und ich habe die Klingel in der Hand, um das Zeichen zum Fallen des Vor⸗ hangs zu geben. Darum hoͤren Sie, Signora! Wenn der Graf hier erſcheint, ſo merken Sie wohl auf ſeine Worte, erwaͤgen Sie, was er von Ih⸗ nen fordern wird, und wenn Sie dann noch im⸗ mer vom Staar geblendet ſind, ſo erwarten Sie noch die Ankunft des hochgraͤflichen Herrn Papa's, und wenn Sie deſſen Segen nicht ſehend macht, ſo ſind Sie rettungslos erblindet“— „Wird der Altgraf hierher kommen?“ fragte Doriflea. „Er ſoll hierher kommen, das verſpreche ich Ihnen, und wird nicht lange ſaͤumen,“ ſprach Rafioli.„Krank, wie der Graf iſt, werden Sie am Beſten thun, Signora, ihm von dieſem Ge⸗ ſpraͤche noch nichts zu ſagen. Verhalten Sie ſich geduldig, beſchleunigen Sie nichts, die Kataſtrophe kann ja doch nicht lange mehr ausbleiben.“ Mit dieſen Worten verließ er hoͤflich gruͤßend das Zimmer, die ungluͤckliche Doriflea ihren kum⸗ mervollen Gedanken uͤberlaſſend. 76 Doch nicht lange waͤhrte es und ſie hoͤrte des Grafen Lieblingshund freudig anſchlagen, Sporen klirrten die Treppen herauf, die Thuͤren wurden aufgeriſſen und Hugo ſtand vor ihr, bleich zwar, doch nicht krank, und ließ ſich mit kraͤnklicher Hin⸗ gebung ihre Umarmungen gefallen. 11. Der Abend war hereingebrochen. Hugo, den die peinlichſte Unruhe von Roswalde fort zu Do⸗ riflea getrieben hatte, ſaß ſtumm an ihrer Seite. Obgleich es draußen ſtuͤrmte und ſtroͤmte, ſo war es am waͤrmenden Kamine doch traulich, nur einen Bewohner mehr zaͤhlte das Schloß und es war fuͤr Doriflea nicht mehr oͤd' und einſam. Sie hatte eine Stickerei hervorgeholt, die ſchon lange in gluͤcklichern Tagen begounen, in ih⸗ rer Einſamkeit von ihr ganz vergeſſen worden war, von Zeit zu Zeit blickte ſie davon auf und in die umwoͤlkten Zuͤge ihres Hugo. „Und werden wir nicht bald immer ſo bei⸗ ſammen ſein koͤnnen?“ ſagte ſie freundlich.„Sieh, Hugo, heute fuͤhl' ich erſt ſo recht, was Du mir biſt, mein einziges Lebensgluͤck! Es war recht thoͤricht und eitel von mir, mich als Deine Gat⸗ tin in die vornehme Welt eindraͤngen zu wollen. Schon den ganzen Tag denk' ich daruͤber nach⸗ ———— —— 77 Dort fand ich als Saͤngerin meinen Platz, nicht aber werde ich ihn dort als Graͤfin finden. Hier laſſe mich und ich werde gluͤcklich ſein in Deinem Beſitze, in dem Beſitze des Kindes, deſſen Leben ſchon ſich unter meinem Herzen regt.“ Die Arbeit war ihren Haͤnden entſunken, und mit Thraͤnen ſchlang ſie einen Arm um den Ge⸗ liebten. „Fuͤhlſt Du das?“ ſprach mit Entzuͤcken der Graf.„Dann iſt ja unſer Gluͤck vollkommen. Nicht wahr, Du laͤßt die ehrgeizigen Anſpruͤche und begnuͤgſt Dich mit dem ſtillen Looſe, das Du der Liebe verdankſt. Mich uͤberlaſſe der Welt, lei⸗ der muß ich meinem Namen, meinem Stande noch ſo manches Opfer bringen, aber mein Gluͤck werde ich doch nur ſtets in Deinen Armen finden, und ich komme, ſo oft ich kann, es mir zu holen.“ „Du wollteſt nicht immer um mich ſein?“ fragte wieder betruͤbt Doriflea.„Ich ſollte allein in dieſem wuͤſten Schloſſe Monate lang trauern, und Du wuͤrdeſt nur dann und wann, auf Tage, wohl nur auf Stunden, mich beſuchen? Nein, mein Hugo, dann wuͤrden wir nicht gluͤcklich ſein. Die Sorgen der Welt, die Plagen des oͤffentli⸗ chen Lebens, wuͤrden Dir in dies ſtille Aſyl fol⸗ gen, Du wuͤrdeſt am Ende wohl gar die Zer⸗ ſtreuungen, die Vergnuͤgungen vermiſſen, welche Dir 78 die glaͤnzenden Cirkel bieten. Ihre Lockungen wuͤr⸗ den Dich von meiner Seite reißen, das Anden⸗ ken daran wuͤrde ſelbſt den kleinen Zeitraum ver⸗ kuͤrzen, den Du meinem Gluͤcke beſtimmt haſt. Nein, Hugo, es waͤre Verrath an unſerer Liebe, wollteſt Du nicht gaͤnzlich mit mir dieſe Einſam⸗ keit theilen.“ „Damit ich den Neid, den Verrath weckte, unſer ſtilles Gluͤck zu untergraben?“ ſagte Hugo. „Den Verrath?“ wiederholte Doriflea, deren innerm Blicke ſich mit einem Male Rafioli haͤmiſch laͤchelnd darſtellte.„Iſt unſer Buͤndniß nicht oͤf⸗ fentlich, ſelbſt wenn wir uns freiwillig zuruͤckzie⸗ hen?— Und Neid?— was kann der Neid un⸗ ſerm Gluͤcke anhaben?“— „Du haſt Recht, Doriflea!“ erwiederte der Graf.„Aber, wie Du doch ſo ungenuͤgſam biſt! Haſt Du mich denn nicht heute? und biſt Du heute nicht gluͤcklich? und dieſe Tage werden oft wiederkehren— ſehr oft!“— „Ich bin ein Kind!“ rief ſie wieder laͤchelnd. „Und kannſt Du denn wirklich ſo grauſam ſein,“ ſprach, hierdurch ermuthigt, Graf Hugo,„zu verlangen, daß ich mein ganzes Leben hier an Deiner Seite beſchließe, ohne mich in der Welt gezeigt zu haben, nur lebend meiner Liebe, ſie allein zur Beſtimmung meines Daſeins zu machen? 2 —᷑—᷑——— 8½ 79 „Und biſt Du wirklich ſo grauſam,“ ent⸗ gegnete ſtolz die Saͤngerin,„von mir ein ſolches Opfer zu begehren? Einer Dame Deines Standes koͤnnteſt Du eher eine ſolche Zumuthung ſtellen, nicht aber der Kuͤnſtlerin, die angeſtaunt von der Welt zu andern Siegen berufen ſchien, als einen ungetreuen Liebhaber zu feſſeln. Geh', Du biſt nicht aufrichtig! ich fuͤhle mich in dieſem Augen⸗ blick ſtark genug, Dich verlaſſen zu koͤnnen, ich kehre in die Welt zuruͤck, mit Deinem Namen geſchmuͤckt, nein— denn es iſt kein Schmuck, die Feſſel eines Unwuͤrdigen zu tragen, aber die arm⸗ ſelige Trophaͤe fuͤr das eingebuͤßte Gluͤck meines Lebens mit mir nehmend!“ Sie ſank erſchoͤpft ins Sopha zuruͤck. Hugo ſtand erſtarrt vor ihr. Dieſen ploͤtzlichen Aus⸗ bruch hatte er nicht erwartet. Er wollte ſo eben erneuete Verſicherungen ewiger Liebe von den Lip⸗ pen ſtroͤmen laſſen, als ſich die Thuͤr oͤffnete und Rafioli ſichtbar wurde, um ſich ſogleich wieder zuruͤckzuziehen. „Was gibt's?“ ſchrie Hugo ihm nach. „Es iſt, es hat—“ ſtotterte der Andere, indem er ſchnell bis in die Mitte des Zimmers trat, und auf Doriflea bedeutend blickte. „Ich will nicht beſchwerlich fallen—“ ſagte Doriſlea, indem ſie ein Licht ergriff und ſich entfernte. 8 80 „Dieſen Brief Sr. Excellenz des Herrn Va⸗ ters brachte ein Reitender,“ ſprach ſchnell Rafioli, damit ſie es noch hoͤren konnte, und uͤbergab das Schreiben, welches Philadelphia ſelbſt ihm einge⸗ haͤndigt hatte. Hugo uͤberflog ſchnell die wenigen Zeilen. „Schaͤndlich! Schaͤndlich!“ rief er aus. „In welches Labyrinth bin ich gerathen! Die Arme— und ich liebe ſie nicht mehr, waͤre ſie genuͤgſamer, wie gluͤcklich koͤnnte ſie ſein!— Ra⸗ fioli, Du haſt mich zu einer ſchurkiſchen That ver⸗ leitet, deren Folgen Du einſt ſchwer zu verant⸗ worten haben wirſt.“ Der Italiener laͤchelte fein.„Dieſe Situa⸗ tionen ſind ſchon zu oft in den Komoͤdien da ge⸗ weſen, um noch beſondern Effect machen zu koͤn⸗ nen. Ich war zum Betruge behuͤlflich und Sie, Herr Graf, genoſſen ſeine Fruͤchte. Fuͤr einen Mann von Welt kann dieſer Fall ja gar nicht von Wichtigkeit ſein. Sie handeln, wie es die Ehre und Kindespflicht erheiſchen, Sie geben der liebenswuͤrdigen Marquiſe die Hand, und Signora Doriflea wird ſich darein ſinden, wenn ſie hinter die Wahrheit gekommen ſein wird, und ich rathe ſogar dazu, ſie ihr ſo bald als moͤglich zu enthuͤllen—“ „Raſioli, ich habe nicht Kraft dazu,“ ſagte mit leiſer Stimme der Graf.— 81 „Und iſt es nicht eine heilende Arzenei?“ fragte der tuͤckiſche Maeſtro,„iſt es nicht der Schnitt, von deſſen Gelingen die Erhaltung zweier Leben abhaͤngt?“ „Ach— und mein Kind!“ jammerte Hugo. „Zieht die weiſe Hand des Vaters nicht die Linien, wonach das Gebaͤude feſt und ſicher aufzufuͤhren iſt?“ fiel Rafioli ein.„Es waͤre grauſam, ja unadelig, hier knickern zu wollen. Ich finde es billig in dieſer Hinſicht Alles zu thun—“ „Und wie ſoll ſie's erfahren?“— fragte bebend Hugo. „Ich werde dafuͤr ſorgen,“ ſagte gelaſſen Rafioli, und Graf Hugo verſchloß das Schreiben ſeines Vaters zu den Briefen, die er mit der Marquiſe gewechſelt hatte, und verließ den Saal. Rafioli aber ſandte noch in der Nacht einen Eilboten an den Oberjaͤgermeiſter, mit der Bitte, andern Tages, wegen hoͤchſtwichtiger Angelegen⸗ heiten auf dem Jagdſchloſſe zu erſcheinen. 12. Vergebens hatte am andern Morgen Doriflea den Grafen beim Fruͤhſtuͤcke erwartet. Er ließ ſich mit einem Unwohlſein entſchuldigen. Sie hatte die Hoffnung aufgegeben, ihn an dieſem Tage zu ſehen, und dies gab ihr die er⸗ A. Lewald, Novellen. III. 6 82 forderliche Ruhe, ſich zu ſammeln. Sie wiederholte ſich alle Beweiſe und Betheuerungen heißer Liebe, die ſie von Hugo empfangen hatte, er war ihr Gatte, ihr angetraut im Angeſichte Gottes, er durfte von ihr Gehorſam fordern, und ſie nahm ſich vor, ihm willig Folge zu leiſten. Ja— ſie war nunmehr entſchloſſen, dies Schloß nicht zu verlaſſen, nur ihre alten Eltern wollte ſie zu ſich nehmen und dies wuͤrde ihr Hugo nicht verweigern, davon war ſie uͤberzeugt. Mochte er doch in Kuͤnſten des Friedens am Hofe glaͤnzen, oder eine ſeinem Range angemeſſene Stelle im Rathe ſeines Fuͤrſten einnehmen, ſie wollte ſich deſſen in ihrer Zuruͤckgezogenheit freuen; es kommen ja wieder die Augenblicke— dachte ſie— wo er mein ſein wird, ungetheilt— und meine Seligkeit wird dann ſo groß ſein, daß ſolch ein Augenblick ja ein langes Menſchenleben aufwiegt. Sie war nun ganz ruhig und entſchloſſen. Zwei Zeilen luden Hugo ein, zu ihr zu kommen und ſie erwartete ihn mit hochklopfendem Herzen. Bleich, mit niedergeſchlagenen Blicken trat er zu ihr ein, wie ein Suͤnder ſich dem Richter naͤhert, ſo ſtand er vor ihr. „Ja, Du biſt krank, mein Hugo!“ rief ſie ihm entgegen,„Du biſt krank durch mich. O9 meine Widerſetzlichkeit, wie verwuͤnſche ich ſie! 83 Doch ſei beruhigt, ich verſpreche Dir, nie wieder nach einem Looſe zu ſtreben, das nun einmal un⸗ erreichbar fuͤr mich iſt und bleiben ſoll. Ich wil⸗ lige in Alles, was Du uͤber mich beſchließeſt. Ziehe fort in den Glanz der Welt, ſo lange ich Deine Briefe erhalten werde, bin ich gluͤcklich, denke ſtets an Deine Gattin daheim auf der al⸗ ten Ritterburg und wirſt Du bei ihr einkehren, ſo wird Dich mit treuherziger Gemuͤthlichkeit Deine Hausfrau empfangen.“ Hugo ſchauderte zuſammen und reichte ihr die eiſige Hand. „Du biſt wahrlich ſehr krank, Armer! Ach, wenn Du mir draußen ſo krank wuͤrdeſt,“ ſagte aͤngſtlich beſorgt Doriflea,„dann ſchreibſt Du mir's ſogleich, oder noch beſſer, Du kommſt hierher. Wartke, ich will Dich ſo pflegen, daß Du es nir⸗ gends beſſer haben ſollſt. Ich will Dir ſogleich einen waͤrmenden Thee bereiten.“ Bei dieſen Worten hoͤrte man das Raſſeln eines Wagens, und Rafioli trat ins Zimmer, meldend, daß Se. Excellenz der Oberjaͤgermeiſter ſo eben auffahre. „Mein Vater?“ rief Hugo entſetzt auf⸗ ſpringend. „Sein Vater?“ wiederholte freudig Doriflea. „O herrlich, Hugo, erwuͤnſcht! fuͤhre mich zu 6* 84 ſeinen Fuͤßen, in dieſer Einſamkeit darf ſich ja ſein Stolz meiner nicht ſchaͤmen.“ „Nein, nimmermehr!“ ſchrie Hugo, wie außer ſich ſie zuruͤckdraͤngend,„er darf Dich nicht ſehen, jetzt nicht— nie! verſprich mir, dies Zim⸗ mer nicht zu verlaſſen! Sobald ich ihn geſprochen habe, eile ich wieder her, um Dir das ſchreckliche Raͤthſel zu loͤſen!“ Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er zur Thuͤr hinaus. Doriflea war vernichtet. „Was werde ich hoͤren? Welch ſchreckliches Naͤthſel ſoll ſich mir enthuͤllen?“ Sie erblickte Rafioli, der ſich ihr genaͤhert hatte. „Der Augenblick iſt da,“ ſprach dieſer,„in welchem ein langgehegter Racheplan zur Reife ge⸗ deiht. Meine aufrichtige Liebe wurde zuruͤckge⸗ wieſen, um der leichtfertigen dieſes Grafen Gehoͤr zu geben. Sie ſind betrogen, Donna, die Trauung war Mummerei. Wollen Sie der Entwickelung gefaßt entgegentreten, ſo bereiten Sie ſich dazu vor. Einige Zeit haben Sie noch, waͤhrend Vater und Sohn ſich expectoriren. Dort in jenem Schiebfache ſinden Sie Briefe, die Alles er⸗ klaͤren.“ Mit fuͤrchterlicher Haſt fiel die gemarterte Doriflea auf das angedeutete Schiebfach. Sie riß die dort befindlichen Briefe heraus und wuͤhlte 85 darin mit den Augen. Jedes Wort zerriß ihr armes Herz. Kein Troſt, keine Barmherzigkeit, ſie mußte immer weiter leſen. Hier verliebte Taͤndeleien, dort zaͤrtliche Vor⸗ wuͤrfe, Neckereien, Hindeutungen auf das ver⸗ trauteſte Verhaͤltniß, Aeußerungen uͤber die nahe bevorſtehende Vermaͤhlung, nichts als Gluͤck, un⸗ nennbares Gluͤck. Eine vor der Welt anerkannte Braut oͤffnet ihr Herz voll Sehnſucht und Liebe, dem Braͤutigam, ihr Gluͤck an Rang und Stand, ihre Ausdruͤcke und Wendungen laſſen leicht er⸗ rathen, von welcher Art die Briefe waren, welche ſie empfangen hatte. „Und Alles das— waͤhrend er mir—“ ſtammelte bebend Doriflea⸗ 4 „Hier— leſen Sie dies—“ ſagte draͤngend Rafioli, der indeß den Brief des Altgrafen hervor⸗ geſucht hatte. „O Himmel und Erde! was iſt das?“ ſchrie ſie entſetzt aus, fruͤher dachte ſie nur an Untreue, jetzt aber war ſie ihres ganzen Ungluͤcks vollkom⸗ men gewiß. Sie hatte kaum den Brief uͤberflogen, als Hugo wieder eilig und verſtoͤrt zu ihr eintrat. Auf ſeinen Wink entfernte ſich Rafioli. Sie hatte kaum ſo viel Zeit, das Schiebfach zu ſchließen, nachdem ſie die Briefe wieder hineingeworfen. 86 „Ich habe Dein Wort, Doriflea, nur ſo lang mein Vater hier verweilt, verlaſſe dies Zim⸗ mer nicht, dann biſt Du wieder unumſchraͤnkte Herrin im Schloſſe—“ rief ihr Hugo zu, und wollte ſich entfernen. Aber Doriflea ſprang auf und ergriff ihn am Arme. „Nein, nicht ſo,“ ſchrie ſie mit furchtbarer Kraft,„zu ihm begleite ich Dich, damit er un⸗ ſern Bund ſegne. Der gute Mann weiß nicht, daß wir verheirathet ſind— er glaubte— Du koͤnnteſt Dich mit mir nur ſo abfinden, um eine Andre zu nehmen! Oder bin ich etwa nicht Dein Weib? Kannſt Du es laͤugnen?“ Hugo's Blicke wurzelten in dem Boden. „War Alles nur Mummerei?“ ſchrie ſie wildlachend,„haſt Du Dir einen gnaͤdigen Scherz mit meiner Tugend erlaubt? Soll ich Dir den Fluch meines alten Vaters zu verdanken haben, nicht mehr unter ſein niedriges Dach, das nur die Tugend ſchirmen darf, treten zu koͤnnen? Sprich— iſt Alles wahr, was ich dort geleſen habe?“* „Wie! Du weißt?“ rief Hugo.„O ewige Vernichtung!“ er warf ſich vor ihr auf die Knie. „Elender! Verworfener! So geb' ich denn hiermit jeden Anſpruch an Dich auf! Verflucht ſei die Stunde, da ich Dich kennen lernte! ver⸗ 87 —— flucht jeder Genuß, den ich in Deinen verbreche⸗ riſchen Armen fand! Moͤgen Dich Gottes Blitze zerſchmettern!“ Eine todesaͤhnliche Ohnmacht hatte ſie er⸗ griffen, und ſie ſank in die Arme Hugo's und des herbeieilenden Rafioli, der ſich bei der Heftigkeit ihrer Rede, wieder in das Gemach geſtohlen hatte⸗ 13. e Still und oͤde lag das alte Jagdſchloß im Schooße der Wildniß⸗ Seine dunkeln Mauern ſtachen wenig von der Nacht der Koͤhren ab, welche es umgab, und nur die hohen Fenſter⸗ woͤlbungen, aus denen kein Licht ſchimmerte, zeigten ein noch tieferes Schwarz. Kein Schall war weit und breit vernehmbar, der wachſame Hund ſelbſt hatte ſich in ſeine Huͤtte zuruͤckgezogen, und der alte Burgwart lag mit ſeinem Weibe zur Ruh. Doch hoch im Erker, nach der Seite des Gartens hin, dem wohnlichſten Theile des alten Gebaͤudes, zeigte ſich dann und wann ein bleicher Schein durch die dichten Vorhaͤnge. Dies war das Schlafzimmer einer auf den Tod Kranken, die dalag mit offenen, brennenden Augen. Sie hef⸗ tete ſie auf die Bilder rings umher, welche die hohen Waͤnde von oben bis unten bedeckten. Es 2 88 waren die Altvordern des graͤflichen Hauſes, mit den ſtolzen, langnaſigen Familiengeſichtern, in der ſteifbarocken Tracht hingeſchwundener Zeit. Die Aelteſten in den Harniſchen hatten ruhende Loͤwen, Schwert und Wappen und Faͤhnchen neben ſich; die Neuern ſtanden da in dem Harniſch, ſtatt der Weſte, unter dem gallonirten Kleide, auf Kanonen geſtuͤtzt, oder mit feiſten Glatzkoͤpfen aus den de⸗ muͤthigen Kutten blickend, die mit den prachtvoll⸗ ſten Orden widerſinnig genug geſchmuͤckt waren; die Neueſten endlich trugen die koͤnigliche Uniform oder das gruͤne Kleid des Waidmanns, und hatten geſteckte Hunde neben ſich, und rieſige Hirſch⸗ geweihe prangten uͤber ihren Haͤuptern. Wie eine geſpenſtige Reihe von Ungeheuern umkreiſten ſie das Bett der Fieberkranken, die in wirren Traͤumen dalag; das ganze edle Geſchlecht nur von den Zeichen des Stolzes, der Macht und der Zerſtoͤrung begleitet; da war kein Einziger, deſſen Attribut eine mildere, edlere Neigung ver⸗ rathen haͤtte. Und wenn ſie nun ſich die noch Lebenden dachte, die in der Gallerie fehlten— die kalten Stlaven der Convenienz!— Da fiel ihr Blick auf ein kleines Bild, welches abgeſondert von den Andern zunaͤchſt des Fenſters hing, es zeigte einen bleichen Juͤngling in neueſter Hof⸗ tracht, ſie erkannte ihn, das todtenſtarre Geſicht —— 89 ſah nach ihr hin, ſeine Augen ſuchten ihr Herz in der Bruſt, ſeine Blicke durchbohrten es mit unzaͤhligen Todeswunden— bis es verblutet war. Von einem krampfhaften Schauer durchrieſelt warf ſie ſich jammernd nach der andern Seite und konnte nun die Augen ſchließen. Sie lag in der Erſtarrung des Todes da.— Da ſchlich auf den Zehenſpitzen, aus der Nebenkammer, ein langes, hageres Weib im Nachtkleide. Lange, flatternde Haare fielen aus der verſchobenen Muͤtze auf den gelben, hohen Hals, an den ſich blaue dicke Adern huͤpfend, gleich Schlangen ſchmiegten. Sie beugte ſich lange und forſchend uͤber die Schlafende, und ſchluͤpfte dann wieder leiſe fort in die Kammer, wo der ſchwarze Italiener ihrer harrte. „Nun, was meinen Sie?“ fragte dieſer in ſeiner Sprache. „Wir werden den Mord ſparen koͤnnen,“ antwortete das Weib, jene kuppleriſche Werden⸗ berg, kalt.„Das Fieber reibt ſie auf, oder ſie nimmt ſich im Paroxysm, den wir nicht bewachen, wohl ſelbſt das Leben. Ich kenne dies Herz zu genau, der Stoß muß es brechen.“ „Auf jeden Fall,“ ſagte Rafioli,„muß ſie ſo lange leben, bis der Graf uns die Schenkungs⸗ acte eingehaͤndigt hat. Wird es uns dann mit 90 ihr zu lange, ſo haben wir ja unſer Succeſſions⸗ puͤlverchen! Dank ſei es meinen Freunden im Vaterlande.“ Sie nickte ihm beifaͤllig zu. „Ich verlaſſe mich auf Ihre Klugheit,“ fuhr Jener fort,„Alles ruht in Ihren Haͤnden. Ich reiſe noch in dieſer Stunde mit dem Grafen fort. Sein langes Ausbleiben faͤngt an in Roswalde Aufſehen zu machen, wie uns der Vater ſagte. Jetzt ſchnell dort zur Vermaͤhlung der Marquiſe geſchritten, und die fatale Geſchichte hat ein Ende— bis auf die Perſon in dem Bette dort.“ „Auch das wird bald zu Ende ſein. Ich will nur ſehen, ob ſich die Krankheit nicht zu un⸗ ſern Gunſten wendet, deren Ausgang wir ja doch immer nach unſerm Ziele zu lenken vermoͤgen. Bringen Sie nur dort unſere wichtigern Ange⸗ legenheiten in Ordnung, damit wir bald dies Land verlaſſen oͤnnen. Fuͤr jetzt, Addio! ich bin ſchlaͤf⸗ rig.“— Und ſomit verließen Beide zu verſchie⸗ denen Seiten die Kammer, Doriflea in ihrem Schlummer, der ſie jetzt wirklich umfangen hielt, allein laſſend. Wie lange ſie ſo mochte gelegen haben, laͤßt ſich nicht beſtimmen; doch finſtre Nacht war es draußen und die Lampe im Zimmer brannte hell, als ſie ein leiſes Geraͤuſch an ihrem Bette ver⸗ nahm. Ein wehender Luſtzug bewegte die Vor⸗ — 91 haͤnge, und ſie ſchloß feſter die Augen, ahnend, daß irgend etwas Unheimliches in ihrer Naͤhe ſich befinde. Da rief es leiſe:„Doriflea! Doriflea! wach' auf! Nichts Boͤſes naht Dir mehr! Du ſollſt Deinem Gluͤck entgegengehen!“ Ein bittrer Hohn durchzuckte ihr blutendes Herz und ſchnell erhob ſie ſich und ſtarrte mit weit geoͤffneten Augen nach dem Sprechenden hin. Eine dunkle Erſcheinung, in einem weiten Mantel, blickte ſie an mit milden Augen. Eine feine Hand ſtreckte ſich aus dem Mantel und er⸗ griff die ihrige, und eine wohlthaͤtige Waͤrme theilte ſich ihr mit. „Du biſt kein Geſpenſt— das fuͤhl' ich an dem warmen Druck Deiner Hand—“ rief Do⸗ riflea.„Wer biſt Du?“ „Ums Himmels willen, leiſe!“ ſagte die Er⸗ ſcheinung,„im Nebenzimmer koͤnnte die Werden⸗ berg lauſchen, das Ungeheuer, das Dich verkuppelte und noch Aergeres mit Dir vorhat, wir duͤrfen ihren Argwohn nicht erregen. Ich bin gekommen, Dich zu troͤſten—“ „Troſt?“ wimmerte Doriflea,„ſpotteſt Du meiner? Tod, ſprich eher, der nur allein befreit mich von meiner Schande.“ 92 „Nicht Tod, meine Tochter,“ ſprach leiſe troͤſtend die Erſcheinung,„gedenke Deines armen alten Vaters, Deiner beklagenswerthen Mutter, nicht Tod! verſprich es mir feierlich mit einem Eide, nicht das Ende Deiner Tage zu beſchleuni⸗ gen, nicht vorzugreifen der Hand des ewig wal⸗ tenden, richtenden Geſchicks. Verſprich es mir!“ Doriflea zoͤgerte mit der Antwort. „Wiſſe, daß Deine Ehre in ihrem vollſten Glanze wieder ſtrahlen wird, daß Deine Feinde entlarvt und vernichtet werden ſollen,“ fuhr die Erſcheinung fort,„daß bei Dir der Kelch der Gnade ſein wird; Du wirſt richten uͤber die, welche ſich ein Gericht uͤber Dich angemaßt haben.“ „Und wer biſt Du, der dies Alles mir ver⸗ heißt?“ fragte die Kranke. „Dein Freund!“ erwiederte die Erſcheinung. „Forſche nicht. Du kennſt mich nicht und doch bin ich Alles fuͤr Dich zu thun bereit. Schwoͤre mir deshalb, Du wolleſt Dich mir anvertrauen, nicht eigenmaͤchtig handeln, und in Geduld der Aufloͤſung harren.“ „Ich ſchwoͤre!“ ſagte leiſe bebend Doriflea. „Und heuchle zunehmende Schwaͤche, welche Deine bevorſtehende Aufloͤſung andeute, ſelbſt wenn Du Dich geſtaͤrkt fuͤhlen ſollteſt; genieße nichts, was Dir die Werdenberg bietet; hier dieſer ſtaͤr⸗ 93 kende Trank iſt im Stande, Dein Leben zu friſten, bis ich wieder komme, Dich zu holen. Bald ſiehſt Du mich wieder!“ „Mein Himmel, was ſoll das?“ rief ſie aus. Statt der Antwort fuͤhlte ſie einen heftigen Druck und zugleich durchzog es ihre matten Glie⸗ der, wie friſcherwachende Lebenskraft. Sie ath⸗ mete hoch auf— ihre Augen ſchloſſen ſich un⸗ willkuͤrlich und wie ſie ſie wieder oͤffnete, fuͤhlte ſie ſich wunderbar geſtaͤrkt, die Lampe war ver⸗ loͤſcht, und der erſte graue Morgenſtrahl ſiel durch die geſchloſſenen Fenſtervorhaͤnge. 14. Die Unterhaltungen in Roswalde gingen, trotz aller dieſer Stoͤrungen, durch die unermuͤd⸗ liche Sorgfalt des Grafen Hoditz, deſſen ſchoͤpfe⸗ riſche Einbildungskraft ihn nie im Stiche ließ, ihren gewohnten Gang fort. Es fehlte nie an Ueberraſchungen der ſeltenſten Art, und ſelbſt aus einer Rieſenpaſtete, ſtieg einſt, nachdem der Deckel abgehoben worden war, ein Heer von Liliputanern, die zierlich von der Tafel ſprangen und ein artiges Divertiſſement vor den Augen der entzuͤckten Gaͤſte auffuͤhrten. Friedrich war mit der Aufmerkſamkeit ſeines Wirthes ſo zufrieden, daß er ſein feenhaftes Ros⸗ 94 walde in einem eigenen Gedichte beſang und waͤh⸗ rend ſeines Aufenthaltes in einer ſo heitern Stimmung ſich befand, die ſeit lange ſchon ſeine naͤchſte Umgebung nicht an ihm wahrgenom⸗ men hatte. Es war an jenem Tage, wo der Koͤnig ſich den ſeltſamen Spaß machte, eine Schuͤſſel, die ſein Mundkoch Noel, der ihn begleitete, bereitet hatte, auf die graͤfliche Tafel ſerviren zu laſſen. Es galt die Wette, Noel verſtaͤnde die unſchmack⸗ hafteſten Speiſen ſo zu bereiten, daß ſie zu Lecker⸗ biſſen wuͤrden, und zugleich unverdauliche und un⸗ genießbare Gegenſtaͤnde, zu leichten und ange⸗ nehmen Gerichten umzuwandeln. „Dies waͤre der Triumph der hoͤhern Koch⸗ kunſt,“ aͤußerte Friedrich bei dieſen Gelegenheiten. Mit den Entrées aus der graͤflichen Kuͤche erſchien Noels Gericht, das dieſer ohne Zeugen in einer abgeſonderten Kuͤche bereitet hatte, und nun mit eigener Hand zu ſerviren den Befehl er⸗ hielt. Alles langte neugierig zu und konnte die milde, aromatiſch duftende Speiſe nicht genugſam ruͤhmen. Der Franzoſe ſah ernſt ſeinen Gebieter an, und dieſer aß davon in der heiterſten Laune. „Es kommt mir nicht zu, vor ſo vielen wuͤrdigen Kennern,“ fing endlich der Koͤnig an, „meinen Diener mit Lobeserhebungen zu uͤber⸗ 95 haͤufen. Ihr Beifall, den Sie ſeiner Adreſſe ſchenkten, ſpricht ſich deutlich genug in dem leeren Plat aus. Nun aber fordre ich Sie Alle auf, mir die Hauptſubſtanz jenes Gerichtes zu nennen, und wer ſie zu deſiniren vermag, den honorire ich ſeiner hohen Intelligenz wegen und will ihn mit einer neuen Charge im geheimen Hoffuͤchen⸗ Amt gern bekleiden.“ Dieſer Scherz des Koͤnigs machte, daß ſich die ganze Geſellſchaft mit Rathen abmuͤhete, und faſt alle drei Reiche der Natur mußten herhalten. Der, wollte eine eigene Art von Schwaͤm⸗ men kennen, die ganz das zaͤhe, ſuͤßliche Fleiſch enthielten, welches dem Gerichte den originellen Charakter lieh. Ein Anderer meinte, daß die all⸗ bekannte pate d'Italie durch eine eigene kuͤnſtliche Zubereitung zu dieſem Hochgeſchmacke geſteigert werden koͤnne. Der Dritte ſprach von Schnecken, der Vierte von den fetten Sehnen eines Wild⸗ prets, und wie nun Alles erſchoͤpft zu ſein ſchien, und Noel immer noch ernſt daſtand und der Koͤnig immer noch den Kopf ſchuͤttelte; da ſtreck⸗ ten Alle die Waffen, und erklaͤrten einſtimmig, daß dieſe Aufgabe nicht zu loͤſen waͤre. „Nun denn,“ fing Friedrich endlich heiter laͤchelnd an,„das, was Sie ſo eben gegeſſen haben, iſt durch eine beſondere Procedur, die Noel Ihnen * 96 auf Verlangen communiciren kann, nur ſo ſchmack⸗ haft geworden, als Sie es eben allerſeits fanden; denn es wird keiner Creatur ſonſt wohl jemals in den Kopf gefahren ſein, ſich davon zu naͤhren. Es iſt naͤmlich nichts mehr noch weniger geweſen, als ein Dutzend lederne Pariſer Damenhand⸗ ſchuhe.“— Man kann denken, welche Geſichter einige Damen und Herren bei dieſer Mittheilung mach⸗ ten; Viele wollten das Ganze fuͤr einen Scherz Sr. Majeſtaͤt erklaͤren; aber bei den Meiſten ward nur ein Ausruf des Ekels und Abſcheu's von der hohen Ehrfurcht vor dem Koͤnig zuruͤckgedraͤngt. „Und was iſt denn ſo Suͤrprennantes da⸗ bei?“ fuhr Friedrich fort.„Sie koͤnnen mir glauben, Noels große Einſicht in die Wirkungen der Chemie hat eine ſolche Umwandlung der matière première vorgenommen, daß ſie bis auf die leiſeſte Spur verſchwunden iſt; wie wir uns ja Alle gehoͤrig uͤberzeugt haben. Es galt im Uebrigen nur einen Scherz, und die wuͤrdige So⸗ cietaͤt ſoll mir an der Tafel in Sansſouci gern willkommen ſeyn, wo mein mactre d'hôtel noch mit andern ingenioͤſen Fabricationen aufwarten kann, wenn man naͤmlich nach dieſer Probe dar⸗ nach luͤſtern geworden ſein ſollte.“ 97 Die Gaͤnge folgten nun in der gewoͤhnlichen Ordnung, und obgleich keine Handſchuhe mehr ſervirt wurden, ſo ſtreckten doch die Aengſtlichſten bei jeder etwas befremdend ausſehenden Schuͤſſel die Fuͤhlhoͤrner des Geſchmacks weit hinaus, zum großen Ergoͤtzen des Koͤnigs. Beſonders ungehalten war Voltaire uͤber den Scherz. Er ſchien ohnedies in uͤbler Stimmung zu ſein und konnte nicht umhin, ſeinem Nachbar, einem Landsmanne, zuzufluͤſtern.„Welch ein Bar⸗ bar! Das Volk civiliſirt ſich noch in Jahrhunder⸗ ten nicht. Ein Koͤnig und ein Weiſer, der ſeine Gaͤſte mit gekochten Thierfellen regalirt. Was riskirt man nicht Alles an ſeiner Tafel? Er waͤre im Stande, ein diner à la Atrée uns aufzutiſchen.“ Dem Koͤnige war Voltaire's uͤble Laune nicht entgangen, und er nahm ſich vor, ſie zu ſeinem Spaße zu benutzen, wie er oft zu thun pflegte. 15. „Was iſt Euch, Voltaire?“ ſagte der Koͤnig mit angenehmem Humore, zu dem graͤmlichen Philoſophen von Ferney, als Beide, nach aufge⸗ hobener Tafel am Kamine eine Taſſe Mocca ſchluͤrften.„Sind Euch einige Verſe mißrathen, oder bruͤtet Ihr gar uͤber irgend einem politiſchen Plan, den Euer Herr und Meiſter zu Verſailles A. Lewald, Novellen. III. 7 98 Euch auszuhecken gab? Daß ich's Euch nur kurz ſage, ich mag Euch nicht mit dieſer Miene um mich ſehen.“ Voltaire verbeugte ſich tief und machte An⸗ ſtalt, ſich ſtumm zu entfernen. „Halt! halt! mein Herr!“ rief ihm der Koͤnig nach,„ich wollte damit keinesweges zu ver⸗ ſtehen geben, daß man ſich entfernen moͤge, ſon⸗ dern ich wuͤnſchte die Urſache Eurer Verſtimmung zu erfahren; und um mir ſolche mitzutheilen, iſt es noͤthig, hier zu bleiben.“ „Es ſind Familienangelegenheiten daran Schuld, die zu unbedeutend ſind, die Aufmerkſamkeit Ew. Majeſtaͤt auf ſich zu ziehen,“ verſetzte der Dichter. „Und wenn ich ſie denn doch zu wiſſen wuͤnſchte,“ nahm der Koͤnig wieder das Wort, da Voltaire's Hartnaͤckigkeit ihn aufreizte. „Eitel Liebesgeſchichten! Dieſe Gegenſtaͤnde ſind doch wahrlich nicht im Stande,“ weiter hatte Arouet nicht geſprochen, als Friedrich ihm lachend in die Rede ſiel:„Ei, mein lieber Freund, wenn Euch die Liebe plagt, ſo muͤßt Ihr eben mich zum Vertrauten machen. Mein Wort iſt bei einigen Schoͤnen von Gewicht. Nun ſagt mir denn offen, welche es iſt? Iſt es die Graͤfin Hoditz vielleicht ſelbſt?“ 5 99 „Sire,“ ſprach Voltaire mit gemeſſenem An⸗ ſtande,„wenn ich in den Scherz in dieſem Au⸗ genblicke nicht mit gebuͤhrendem Gehorſam einzu⸗ gehen vermag, ſo iſt wirklich die Gemuͤthsverfaſ⸗ ſung daran Schuld, worin ich mich beſinde.⸗ Meine Nichte, die Marquiſe von Hauteroche, war die Verlobte des jungen Grafen Hugo von S.— Sie hatte die Ehre, als ſolche Ew. Majeſtaͤt vor⸗ geſtellt zu werden.“ „Ich erinnere mich deſſen,“ ſagte der Koͤnig, „nun und wie iſt's damit? Erzaͤhlt mir Alles⸗ Dergleichen Dinge gehoͤren eben hierher, weil ich mich alles Ernſthaften hier zu entſchlagen Willens bin.“ „Dieſe Angelegenheit,“ fuhr Voltaire fort, „iſt leider nur zu ernſt. Die Marquiſe ſieht ſich proſtituirt, der junge Graf hatte eine heimliche Ehe mit der Saͤngerin Doriflea geſchloſſen, dieſe macht nunmehr ihre Rechte geltend. Es iſt ein Teufelsſcandal. Der Herr Papa, der Herr Sohn, die Saͤngerin, Alles iſt auf einem alten Jagd⸗ ſchloſſe in der Naͤhe. Man ſpricht davon, daß die Doriflea entbunden ſein ſolle, man iſt bemuͤht, ſich mit ihr abzufinden, man begeht vielleicht ein Verbrechen, um ihr Stillſchweigen zu erkaufen. Meine Nichte weiß um Alles. An eine Verbin⸗ dung mit dem jungen Grafen iſt natuͤrlich nicht 3 7* 100 mehr zu denken, wenn man nur wuͤßte, wie man ohne zu großes Aufſehen ſich zuruͤckziehen koͤnnte. Es iſt ein Ungluͤck, daß ſich dieſe ſchreckliche Ent⸗ wickelung gerade hier zutragen mußte, der Affront iſt nicht abzuwenden, und wird meiner unſchuldi⸗ gen Nichte bis in die Salons von Verſallles fol⸗ gen. Urtheilen Ew. Majeſtaͤt nun, ob meine finſtere Miene guten Grund habe, oder ob es die Wandelbarkeit meiner Laune iſt, die mir im gnaͤ⸗ digen Scherze oft vorgeworfen wird.“ Friedrich hoͤrte geſpannt zu, als Voltaire ihm dieſe Mittheilung machte. Er hatte von der Ent⸗ weichung der Saͤngerin vernommen, ihr aber keine beſondere Aufmerkſamkeit geſchenkt. Die Abweſen⸗ heit eines jungen Cavaliers, wie Graf Hugo, war zu unbedeutend, um in Gegenwart Friedrichs ver⸗ handelt zu werden, mithin wußte er ſie nicht einmal. Der große, Monarch der im Felde Noth litt, und in Zeiten der Ruhe die ſinnlichſten Genuͤſſe nicht verſchmaͤhte, ſich ſelbſt einen Zoͤgling Epikurs nannte, und an der beruͤhmten Bombe des Sar⸗ danapal ſich krank eſſen konnte; der, einfach im gewoͤhnlichen Leben, ſich bei Feſtlichkeiten mit koͤ⸗ niglicher Pracht umgab; der wie ein Weiſer ſich den tiefſten Forſchungen hingab, bald erhabene Oden, bald witzige Epiſteln dichtete, ein Geſchicht⸗ 101 ſchreiber ſeines Hauſes und ſeiner Zeit, Feldherr und Regent im weiteſten Sinne war, ſich dabei der Muſik mit Leidenſchaft hingab, und in dem Kreiſe der aufgeklaͤrteſten und weiſeſten Maͤnner ſich damit begnuͤgte, aufgeklaͤrt und weiſe mit ihnen zu ſein, der bei Allem dem nie aufhoͤrte, ſich den taͤglichen Ereigniſſen des Lebens zuzuwen⸗ den, jener kleinen Welt in unſerer engſten Umge⸗ bung, die von minder emporragenden Naturen oft mit Stolz uͤberſehen wird; er, der das Fraͤulein Kneſebeck verherrlichte, als ſie, beim Durchgehen ihrer Pferde im Berliner Thiergarten, einen herz⸗ haften Sprung aus dem Phaeton wagte; dem alten Gellert manch poetiſches Compliment machte; und ſeinen Mundkoch beſang; wie konnte es feh⸗ len, daß dieſem Koͤnige, in dem lieblichen Aufent⸗ halte zu Roswalde, wo er fuͤr einige Tage ſich ganz der Erholung und dem Genuſſe, ohne alle Etiquette hingab, dieſe Geſchichte erwuͤnſcht kam, um im Gefuͤhle ſeiner Weisheit und Macht ein gluͤckliches Ende ihr geben zu koͤnnen. „Fuͤr den Augenblick iſt die Sache allerdings ſchlimm,“ ſprach der Koͤnig,„aber, mein lieber Voltaire, ich glaube, daß hier leicht heiligere In⸗ tereſſen verletzt werden, als der Ruf Euerer Nichte. Eine hoͤhniſche Bemerkung in den Salons einer Pompadour iſt leichter zu ertragen, als das gren⸗ 102 zenloſe Ungluͤck, das ſich vielleicht in dem alten Jagdſchloſſe ereignen koͤnnte.“ Waͤhrend er nachdenkend auf und abging, fuhren dem franzoͤſiſchen Dichter boshafte Spoͤtte⸗ reien durch den Kopf, womit er die biedre Aeu⸗ ßerung des Koͤnigs gloſſirte. Er gedachte dabei im Stillen der Handſchuhpaſtete und zuckte mit⸗ leidig die Achſeln. „Was weiß man Naͤheres von dieſen Ver⸗ haͤltniſſen?“ fragte, ploͤtzlich vor Voltaire ſtehen bleibend, der Koͤnig.„So viel ich als Oheim davon unterrichtet bin, ſo ſchreibt ſich die Bekannt⸗ ſchaft meiner Nichte—“ „Wer will das wiſſen?“ rief barſch der Koͤ⸗ nig.„Von der armen Italienerin— mein' ich—“ „Die Saͤngerin?“ warf leicht der Dichter hin,„die iſt keine Italienerin. Sie iſt eine Toch⸗ ter dieſes Landes. Graf Hoditz nahm eine merk⸗ wuͤrdige Stimme an ihr wahr und ließ ſie nach Italien reiſen, mein Kammerdiener Forbin hatte es gleich heraus, ſie iſt, man ſollt' es faſt nicht . glauben, die Tochter des hieſigen Schulmeiſters.“ 2„Eine Deutſche?“ ſagte verwundert der Koͤ⸗ nig.„Daher kommt die Sentimentalitaͤt, die heimliche Ehe, der ganze Betrug, das Elend! Mein Gott! ſo etwas kann nur einer Schulmei⸗ ſterstochter widerfahren. Eine Signora Doriflea 103 aus Italien wuͤrde ſich groß aus der Geſchichte zu ziehen wiſſen. Und auch Eure Nichte, die Mar⸗ quiſe, wird ſich darein finden. Sie gehe vorerſt nicht nach Paris, wenn ſie den Spoͤttereien à la Pompadour entgehen will; ſie komme einſtweilen nach Potsdam, meine maͤrkiſchen und pommerſchen Cavaliere werden ihr mit aller Achtung den Hof machen. Dafuͤr ſteh' ich ihr. Aber auf der an⸗ dern Seite, da muß man helfen. Darum trage ich Euch auf, Voltaire, mir alle noͤthigen Aus⸗ kunftsmittel in der Sache aufs Schnellſte zu ver⸗ ſchaffen. Glaubt mir, das wird Euch zerſtreuen.“ „Wie? Ew. Majeſtaͤt?“ ſtotterte von ſchlecht verborgenem Zorn erſtickt, der ſranzoͤſiſche Dichter, „mir kaͤme ein ſolcher Auftrag?“— „Und warum nicht?“ ſagte Friedrich ernſt. „Bedient Euch Eures pfifſigen Dieners Forbin, deſſen verſchmitzter Miene ich mich ſehr gut ent⸗ ſinne und der gewiß uns bald ins Klare ſetzen wird—“ „Dieſe Sache greift mich ſo an, daß ich mich ihrer gaͤnzlich zu entſchlagen wuͤnſchte, ich fuͤrchte, meine Geſundheit koͤnnte,“ wendete Vol⸗ taire wieder ein.„Forbin mag mir direct rappor⸗ tiren, Euch ſoll die Sache nicht naͤher ruͤcken, als ſie Euch bereits angeht,“ ſprach Friedrich. „Forbin iſt pfiffig, aber eben ſo tuͤckiſch. Der Franzoſe iſt von Natur boshaft, ich fuͤrchte, er koͤnnte, wuͤrde er zu ſehr in Dinge eingeweiht,“ fuhr Voltaire immer einwendend fort. „Ich will es ſo,“ ſagte der Koͤnig, um die Sache zu beendigen,„und um Euern unbedingten Gehorſam in Anſpruch zu nehmen, will ich mich der beliebten Form Eurer Ludwige bedienen: Car tel est notre plaisir!« Voltaire verbeugte ſich tief und ging, mit zoͤgernden Schritten, gleich als erwartete er einen Ruf, durch das Vorzimmer. Der Koͤnig hatte einmal raſch das Gemach durchſchritten, und noch war Voltaire nicht an die Thuͤr gelangt. „He, Herr von Voltaire!“ rief Friedrich ploͤtzlich.„Laßt Euern Forbin nur aus dem Spiele. Wir wollen uns nicht eines boshaft ge⸗ borenen Franzoſen in dieſer Angelegenheit bedie⸗ nen. Wir finden wohl noch einen ſchicklichen Kundſchafter unter unſerm Gefolge. Adieu!“ Ein ſtolzer Wink mit der Hand uͤberhob den halb Zuruͤckgekehrten einer Antwort. „Ich verbiete Euch bei meinem Zorn,“ rief ihm der Koͤnig nach,„Euch der Sache auch nur im Geringſten anzunehmen.“ 105 16. Gleich dem Kalifen Harun-al⸗Raſchid, ſtieg am Abende dieſes Tages, als es zu dunkeln be⸗ gann der weiſe Koͤnig, gekleidet in unſcheinbare Tracht, vom Schloſſe hernieder und ſuchte, in tiefem Sinnen, die Huͤtte des Schulmeiſters im Erlengrunde. „Verrichte ich das Geſchaͤft des Kundſchaf⸗ ters ſelbſt,“ ſagte er fuͤr ſich,„ſo werde ich ſicher treu und aufrichtig bedient.“ Das freundliche Haͤuschen mit dem hellrothen Dache, den klaren Fenſterſcheiben, wodurch die reinlichen Vorhaͤnge blinkten, dem wohlunterhalte⸗ nen Gaͤrtchen, welches der einhegende Zaun uͤber⸗ all umgab, dies Alles zeigte dem Menſchenkenner ſogleich, welche Leute hier wohnten. Er ſtand ſeit⸗ waͤrts, um dies in vorlaͤufigen Augenſchein zu nehmen und nochmals bei ſich zu uͤberdenken, wie er ſich bei den Leuten einfuͤhren wollte, da ſah er wie ein Reiter eiligſt anſprengte, das Pferd an die Hecke band, und tief verhuͤllt in Mantel und Hut, beſpritzt vom Wege, ohne Umſtaͤnde eintrat in die Wohnung des Schulmeiſters. „Was will der abenteuerliche Menſch bei den Leuten?“ fragte ſich der Koͤnig und vermuthend, daß dieſer Bote mit den Vorgaͤngen im Jagd⸗ ſchloſſe in genauer Verbindung ſtehe, machte er 106 ſich aus ſeinem Verſtecke hervor und trat, vom Dunkel beguͤnſtigt, naͤher zum Fenſter, um das im Hauſe ſich Ergebende beobachten zu koͤnnen. Der Schulmeiſter und ſeine Frau waren er⸗ ſchreckt aufgefahren, als der Fremdling zu ihnen eintrat. Aus ihrer Anrede an denſelben, nach⸗ dem Jener ſich enthuͤllt hatte, ging deutlich her⸗ vor, daß ſie ihn nicht kannten. „Ich komme von Euerer Tochter, Leute,“ ſprach er kurz und eilig,„ſie iſt krank, auf dem Jagdſchloſſe des Grafen v. S., hier in der Naͤhe. Es iſt nicht gefaͤhrlich, aber ihr Zuſtand verlangt eine groͤßere Sorgfalt, als die ſie umgebenden Leute ihr angedeihen laſſen.“ Die armen Eltern hatten hundert Fragen in Bereitſchaft, die jedoch alle unbeantwortet blieben. „Fragt mich nicht,“ ſagte der Fremde draͤn⸗ gend,„denn Alles das fuͤhrt zu nichts. Aber wenn Euch das Leben Euerer Tochter lieb iſt, ſo ſpannt ſogleich Euern Wagen an, und Ihr, Mut⸗ ter, laßt Euern Haushalt im Stich, und begebt Euch zu ihr und verlaßt ſie nicht eher, bis Ihr von mir weitere Nachrichten habt.“ „Da iſt nichts Anderes zu thun,“ ſagte der Schulmeiſter, ſeine Jacke anziehend, um gleich Hand ans Werk zu legen. — my—— 107 „Aber koͤnnt' ich ſie denn nicht lieber abho⸗ len und mit mir nehmen,“ jammerte die Frau, „hier hat ſie denn doch—“ „Das wird leider nicht angehen,“ ſprach der Schulmeiſter, von einer furchtbaren Ahnung er⸗ griffen.„Eingedenk der Worte ihres Vaters, wird die Kranke auf des Grafen Jagdſchloß es nicht wagen, unter dieſes Dach zu treten.“ Und ſomit ſchritt er ſchnell und ernſt zur Hinterthuͤr hinaus, um den kleinen Leiterwagen anzuſpannen, waͤhrend die ſtill weinende Frau in die Kammer ging, um ſich zur Abfahrt zu ruͤſten. Wie nun der Bote allein im Zimmer war, oͤffnete ſich ploͤtzlich die Stubenthuͤr und der verkleidete Monarch ſtand vor dem Erſtaunten. „Ew. Majeſtaͤt!“ ſtammelte dieſer, indem er den Hut vom Kopfe nahm.„Erſchreck Er nicht, Hexenmeiſter,“ ſagte Friedrich, indem er die Hand auf des Fremden Schulter legte, in welchem er Philadelphia erkannte.„Sag' Er mir ſo ſchnell als moͤglich, iſt die Saͤngerin im Stande, in einem bequemen Wagen hierher zu fahren?“ „In einem bequemen Wagen wohl,“ erwie⸗ derte der Andre,„das Jagdſchloß iſt nicht weit.“ „Gut,“ ſprach der Koͤnig,„ich weiß genug von der Geſchichte, und will das, was Er mir uͤber Sein Verhaͤltniß zu ihr mittheilen koͤnnte, 108 mir auf gelegnere Zeit verſchieben. Geleite Er die Mutter nach dem Schloſſe und laß' Er mich fuͤr das Weitere ſorgen.“ Bei dieſen Worten verließ Vriedrich wieder ſchnell das Zimmer. „Der Koͤnig iſt ein groͤßerer Hexenmeiſter als ich,“ murmelte Philadelphia vor ſich hin,„er weiß um Alles und iſt Ueberall und Nirgends. Es freut mich uͤbrigens, daß ich durch dieſe Geſchichte mit ihm in Beruͤhrung komme. Das ſoll langgehegte Plane beleben.“ Der Schulmeiſter fuhr vor, die Alte ſtieg auf und ſo ging's fort, was das Pferd laufen konnte, von dem daneben trabenden Philadelphia begleitet, dem graͤflichen Jagdſchloſſe zu. 17. Doriflea hatte ſich erholt und lag auf dem Canapee. Die Werdenberg, die ſich mehrmals an der Thuͤr gezeigt hatte, mit der Hand abwinkend⸗ „Sie hat noch die unbegreifliche Keckheit, ſich vor mir ſehen zu laſſen!“ rief Doriflea aus.„O waͤr' ich ſtark genug, um dieſen Mauern entfliehen zu koͤnnen.“ Zu ihrem Troſte verließ die Werdenberg das Vorzimmer. Kein Zweifel war's, daß ſie ſich zuruͤckgezogen hatte und fuͤr heute Doriflea nicht 109 mehr belaͤſtigen wuͤrde. Da hoͤrte man das Raſ⸗ ſeln eines Wagens und beſtuͤrzt lief die Frau des Burgwarts herein, um Fremde zu melden. „Ich ſpreche heut Niemand mehr,“ hatte Doriflea der Meldenden entgegengerufen, als Phil⸗ adelphia die Thuͤr aufriß und hereintrat. „Es kommt darauf an, was es fuͤr Leute ſind,“ rief er, ſich hoͤflich verbeugend.„Ei, Sig⸗ nora, ſehen ja heute ganz anders aus, als neu⸗ lich, da ich Nachts die Ehre, hatte mich vor Ihrem Bette zu praͤſentiren,“ fuͤgte er leiſer hinzu. „Sie waren jene Erſcheinung, die ich fuͤr einen Fiebertraum gehalten hatte?“ fragte Doriflea uͤberraſcht. „Nun ja,“ erwiederte Philadelphia,„wo man ein Geſchoͤpf mit Fleiſch und Bein zuruͤck⸗ weiſt, da werden Erſcheinungen durchgelaſſen. Sein Sie ganz ruhig, Signora, es wird Alles gut werden. Ich war ſo frei, ein wenig die Rolle des Schickſals zu ſpielen, oder mir wurde viel⸗ mehr von hoͤherer Hand dieſe Rolle zugetheilt. Durch meine Vermeſſenheit, deren Folgen ich nicht zu berechnen im Stande war, habe ich dies Alles ſo herbeigefuͤhrt, bis jetzt iſt's leider nicht beſonders erfreulich geweſen, aber die Freude kann nicht lange mehr ausbleiben. Ich habe die Kar⸗ ten vorlaͤufig in die Haͤnde eines beſſern Spielers 110 gegeben, wobei mir der Zufall wieder guͤnſtig war. Doch vorerſt beantworten Sie mir eine Frage: fuͤhlen Sie Sich ſtark genug, eine kleine Freude anticipando zu empfangen?“ „Welche Freude koͤnnte mir hier geboten werden?“ ſprach ſchmerzlich die Saͤngerin.„Doch wenn es moͤglich waͤre, ſo wuͤrde ſie mich jeden— falls zu den mir noch bevorſtehenden Leiden ſtaͤrken.“ „Nicht doch! von Leiden wollen wir nichts mehr wiſſen!“ ſagte Philadelphia und oͤffnete die Thuͤr. „Jeſus, Marial meine Eltern!“ ſchrie Do⸗ riflea auf, wollte ſich erheben, ſank aber zuruͤck, ihre bleichen Zuͤge von wohlthaͤtigen Thraͤnen uͤberſtroͤmt. Mit tauſendfaͤltigen Liebkoſungen hatte die Mutter das ſchoͤne Haupt ihrer Doris in die Arme genommen. „Dacht' ich's doch,“ ſagte tiefbewegt der Vater,„doch ich murre nicht und danke Gott, mein Kind ſo wiederzufinden.“ Philadelphia warf ihm einen verweiſenden Blick zu. Die Werdenberg war ins Zimmer getreten und gruͤßte kalt, indem ſie die Gaͤſte ſcharf be⸗ trachtete. „Ei, welche lobenswerthe Sorgfalt?“ ſing ſie endlich an,„wahrſcheinlich die wackern Eltern 2— 3 111 und auch Sie, Herr Philadelphia, in der That, ſehr raͤthſelhafte Beſuche. Soll ich vielleicht Ihre ganz beſondere Bewerbung um die kranke Dame auch ganz beſondern Urſachen zuſchreiben? Iſt da vielleicht eine Abſicht im Spiele—“ Philadelphia aber unterbrach ſie:„Madame, Ihre Vorausſetzungen entſpringen aus Ihrem Cha⸗ rakter. Der Taſchenſpieler Philadelphia, wie es Ihnen gefaͤllt, ihn gewoͤhnlich zu benennen, hat ſich in jener Abendgeſellſchaft auf Roswalde vermeſſen, Signora Doriflea dort erſcheinen zu laſſen, um Verraͤther zu entlarven. Er iſt jetzt damit beſchaͤf⸗ tigt, ſein Wort zu loͤſen. Der Zufall will, daß Sie Einiges von ſeiner Maſchinerie zu ſehen bekommen, aber Sie werden zu viel Savoir vivre beſitzen, um Nichts zu verrathen, auch dazu beſitze ich uͤbrigens die Mittel.“ Die Werdenberg ließ das Wort:„insolence!“ fallen und wandte ſich veraͤchtlich von ihm weg. Aber Philadelphia drehte ſich gelaſſen nach ihr um, indem er fortfuhr:„Mir ſtehen nicht ganz gewoͤhnliche Mittel zu Gebote, das Amt des Raͤchers zu uͤben, und um Sie davon zu uͤberzeu— gen, werden Sie uns die Ehre erzeigen, das kleine Stuͤck Weges, das wir noch bis zu unſerm ge⸗ mmeinſchaftlichen Ziele zuruͤckzulegen haben, mit uns zu gehen.“ 11² „Verlaſſe dieſe Bahn gaͤnzlich,“ ſagte der Schulmeiſter zu ſeiner Tochter,„Deine Stimme ertoͤne fortan nur zum Preiſe des Herrn und zur Freude Deiner Eltern. Du folgſt mir in mein ſtilles Haus, verſprich mir das, meine Tochter.“ „Ich?“ rief Doris, von tauſend Schmerzen gefoltert aus.„Ich? o mein Vater! warum ſoll ich's Ihnen taager verſchweigen, ich bin Mutter, nicht Gattin! Betrogen— verfuͤhrt—! darf ich ſo Ihre Schwelle betreten?“— „Wehe, wenn ich meinem armen, verfüͤhrten, beteogenen Kinde nicht die vaͤterlichen Arme oͤffnen wollte, wenn ich ihm gar die Thuͤr verſchloͤſſe, und es nicht zum heimiſchen Heerde niederſitzen ließe!“ ſagte der alte Mann.„So dacht' ich mir das Wiederſehen nicht, ich hab es eigentlich nie von Herzen herbeigewuͤnſcht. Ich hatte ſo ſuͤße Erinnerungen von Dir, ich machte manch kleines Liedchen zu Deinem Gedaͤchtniß, ich feierte ſtill Deinen Geburtstag vor Deinem Bilde, ich ſah Dich lieber ſo, als ich Dich in Glanz und Herrlichkeit geſehen haͤtte. Doch, ich ſollte Dich ja auch nicht darin ſehen, gleichviel! Die Wege des Herrn ſeien geprieſen! wir wollen unſere Thraͤ⸗ nen zuſammen fließen laſſen, Dein Kind ſoll mein lieber Enkel ſein und in Froͤmmigkeit erzogen wer⸗ den und meinen Namen fuͤhren, mein lieber Gott! 113 So lange Du gluͤcklich warſt, mochte ich Dich nicht wiederſehen, und nun ich Dich ſo wiederfinde, oͤffnet ſich mein altes Herz, und Du und Dein unſchuldiges Kind, nehmen den ganzen Raum darin ein!“ Doriflea lag feſt an ſeine Bruſt gedruͤckt und wimmerte leiſe, unverſtaͤndliche Worte. Die Mut⸗ ter zerfloß in Thraͤnen. „Doch jetzt ermanne Dich, meine Tochter,“ ſprach endlich der Alte,„hier dieſe Wohnung ziemt Dir nun nicht mehr. Unſer Leiterwagen ſteht unten, Du biſt ſonſt wohl beſſer gefahren, aber ſteige nur getroſt auf, diesmal kutſchirt Dein alter Vater.“ „J mein Himmel!“ kreiſchte hier mit einem Male die Werdenberg, die waͤhrend der ganzen Zeit an den Scheiben trommelnd, zum Fenſter hinaus in die oͤde Nacht geglotzt hatte.„Was iſt denn da los? welch ein Fuͤrſt kommt denn hier auf einmal an?“ Erſchreckt liefen Alle zum Fenſter, nur Phil⸗ adelphia horchte laͤchelnd auf und ſprach, ſich die Haͤnde reibend, vor ſich hin:„Der Weiſe haͤlt Wort!“ Hinter einem glaͤnzenden Vorreiter, der eine Fackel trug, rollte ein mit Sechſen b A. Lewald, Noyellen. III. 8 114 Staatswagen, deſſen Schlag ein goldenes Scepter zierte, donnernd in den Schloßhof. Ein Diener in blauer mit Silber bedeckter Livree, ſprang aus dem Wagen und eilte die Treppe hinauf⸗„ „Wer iſt hier Monſieur Philadelphia,“ fragte er im Eintreten und uͤbergab dem ſich ihm Naͤhern⸗ den ein kleines Billet. „Ich rechtfertige mein gegebenes Verſprechen,“ ſprach dieſer nun ſtolz zur Werdenberg gewandt, „ich laſſe Signora Doriflea im Cirkel zu Ros⸗ walde erſcheinen. Machen Sie keine beſchwerliche Toilette, Signora, dieſes Négligé kleidet Sie vor⸗ zuͤglich; doch nehmen Sie eine Huͤlle gegen die rauhe Nachtluft—“ „Wie?“ rief uͤberraſcht Doriflea—„ich ſollte— hier— mit Ihnen?—“ „Ueberlaſſen Sie ſich getroſt meiner Fuͤhrung, ich loͤſe nur ein feierlich gegebenes Verſprechen— ſagte der Taſchenſpieler.„Der ganze Apparat meiner Magie iſt hoffentlich wohl im Stande, Ihnen einige Achtung vor meiner Kunſt einzufloͤßen.“ Hierbei deutete er auf die Nünzende Livree des Bedienten. „Ei, das ſollte ich denken—“ ſetzte der Schulmeiſter hinzu, welcher die Kutſche und das Wappen daran ſogleich erkannt hatte, aber ſich —— b— 115 nichts zu erklaͤren wußte,„sub umbra alarum tuarum!“ „Und auch Sie begleiten uns,“ ſagte Phil⸗ adelphia zur Werdenberg,„um Zeuge zu ſein, wie weit ſich Philadelphia's Macht erſtreckt.“ Doriflea hatte einen Mantel umgehaͤngt und ſich zum Wagen hinabgeleiten laſſen, in den ſie ſich mit ihrer Mutter ſetzte. Philadelphia ſtand am Schlage, um die Werdenberg hineinzuheben, dieſe aber hatte ſich als Meiſterin einer Kunſt ge⸗ zeigt, die ſonſt nur ihm gelaͤufig war, ſie war naͤmlich ploͤtzlich unſichtbar geworden. Der koͤnigliche Wagen fuhr nun mit Doriflea und ihrer Mutter davon. Daneben trabte Philadelphia, und der alte Schulmeiſter peitſchte weidlich auf ſein Roͤß⸗ lein los, um nicht zuruͤckzubleiben. 18. Friedrich hatte dem Grafen Hoditz melden laſſen, daß er dieſen Abend auf ſeinem Zimmer bleiben wolle. Am andern Tage war eine große Feſtlichkeit angeſagt, nach welcher der Koͤnig in ſeine Reſidenz zuruͤckreiſen wollte, und ſein bereits vorgeruͤcktes Alter machte ihm in ſolchen Faͤllen einige Schonung doppelt nothwendig. Gegen ſeine Gewohnheit hatte er weder ſein Quartett, noch Voltaire bei ſich, ſondern man 8* 116 ſah mit dem achten Glockenſchlage den allbekann⸗ ten Taſchenſpieler zu ihm einlaſſen, der eine lange Audienz hatte, und ſich erſt entfernte, als zwei Herren angemeldet wurden, welche nicht zu der naͤhern Umgebung des Koͤnigs gehoͤrten. Es war der Altgraf v. S., in Begleitung ſeines Sohnes, die heut zur Partie des Monarchen geladen worden waren, und ſich zu ihrem großen Erſtaunen allein bei ihm fanden. „Meine Herren,“ rief er ihnen beim Ein⸗ treten entgegen,„wollen Sie es heute einmal nicht verſchmaͤhen, an der Unterhaltung eines Po⸗ dagriſten zu participiren. Ich habe bereits ſeit einiger Zeit obſervirt, daß Sie bei den glaͤnzenden geſellſchaftlichen Reunionen fehlen, und es iſt mir nicht egal, zwei Cavaliere von Diſtinction ſich aus meiner Naͤhe zuruͤckziehen zu ſehen.“ Die Grafen verbeugten ſich und verſicherten von der allerhoͤchſten Auszeichnung tief durchdrungen zu ſein. Mit Ungeduld erwarteten ſie, daß noch Jemand erſchiene, um die etwas trockene Unter⸗ haltung zu beleben— allein vergebens. Der Altgraf brachte viel naͤrriſches Zeug zu Markte, worauf Friedrich nicht zu achten ſchien, ſondern groͤßtentheils an Graf Hugo Fragen richtete, die ſich auf ſeine Studien, ſeine Neigungen, ſeine Reiſen und Verbindungen bezogen, und ihn in 117 eine Art aͤngſtlicher Verlegenheit brachten, welche er ſich ſelbſt nicht zu erklaͤren vermochte. „Wie man mir ſagt, ſo ſtehen Sie im Be⸗ griffe, ſich mit der aimabeln Marquiſe von Hau⸗ teroche zu verbinden,“ ſagte Friedrich,„und ich muß Ihnen mein Compliment uͤber den Gout machen, den ſie bei dieſer Wahl an den Tag legen.“ „Es iſt allerdings eine vortreffliche Dame, Ew. Majeſtaͤt,“ erwiederte der Altgraf. „In jeder Hinſicht eine reſpectable Partie,“ nahm der Koͤnig das Wort,„Sie kommen da⸗ durch auch mit dem Herrn von Voltaire in Ver⸗ wandtſchaft— „Ah ja, mit dem!“ ſagte naſeruͤmpfend der Altgraf,„Ew. Majeſtaͤt wollen gnaͤdigſt zu ver⸗ zeihen geruhen, dieſe Verwandtſchaft iſt es eben nicht, die wir bei der Mariage ambitionniren— denn eigentlich iſt Herr von Voltaire doch nur ein ſimpler Edelmann und lebt von ſeiner Feder—“ „Ei, und wovon muß man denn leben, um wuͤrdiger ſeinen Platz zu occupiren,“ rief lebhaft der Koͤnig. „Herr von Voltaire,“ nahm Graf Hugo fein einlenkend das Wort,„iſt eben ſo 1 als Dichter und Philoſoph, ni als Freund un⸗ ſers erhabenen Monarchen—“ 118 „J nun ja—“ aaͤchelte der Altgraf, „ſolch eine hoͤchſt vornehme Bekanntſchaft macht die Perſonnage allerdings intereſſant— aber ich meine— ſo eigentlich von Familie iſt er denn doch nicht; und unſer eins, die wir von altem Adel ſind, gibt nicht viel auf ſo dergleichen Kunſt⸗ ſtuͤkkchen, wie ſie der Herr von Voltaire mit ſei⸗ ner Feder machen kann.“ Hugo ruͤckte verlegen den Seſſel:„die Werke des Herrn von Voltaire—“ wollte er eben ſagen, aber ſein Vater ſiel ihm in die Rede:„ich weiß, was Du ſagen willſt, ſie ſollen ganz artig zu leſen ſein, aber Ew. Majeſtaͤt wiſſen, daß ein Mann, wie ich, der eine Hofcharge bekleidet, nicht im Stande iſt Verſeleien zu leſen.“ „Um wie viel ſinke ich dann nicht in Ihren Augen,“ ſprach laͤchelnd der Koͤnig,„wenn ich Ihnen offen geſtehe, daß ich nicht nur Voltaire's und Anderer Verſe leſe, ſondern mir ſogar ein⸗ ſallen laſſe, ſchlechtere ſelbſt zu fabriciren.“ „Ahz wenn Ew. Majeſtaͤt ſo etwas thun,“ rief, nach ſeiner Meinung, mit feiner Schlauheit der dumm⸗plumpe Hoͤfling,„ſo geſchieht das, um ſich einen gnaͤdigen Spaß zu machen, denn im Ernſte, das kann ja gar nicht moͤglich ſein!“ „Apropos!“ wandte ſich Friedrich zu Hugo, „ich glaube gehoͤrt zu haben, daß Sie an der 119 Idioſynkraſie des Herrn Papas nicht participiren; Sie lieben die ſchoͤnen Kuͤnſte— nicht wahr?“ „Ich bin ihr großer Verehrer,“ antwortete der junge Graf, hocherfreut, daß das Geſpraͤch eine neue Wendung nahm. „Sie waren in Italien?“ „Ja, Ew. Majeſtaͤt!“ „Sie treiben Muſik?“ „Zu Zeiten.“ „Singen? Klavier?“ „Beides, Sire!“ „Der Tauſend! Da faͤllt mir ſo eben ein, wo mag die celebre Saͤngerin hingekommen ſein— Niemand denkt mehr an ſie— und ich ſelbſt ver⸗ gaß, nach ihr mich zu erkundigen. Wiſſen Sie etwas von ihr?“ fragte der Koͤnig. „Ich?“ ſtotterte verlegen Graf Hugo. „Ich muß in der That geſtehen,“ ſiel der Altgraf raſch ein,„daß ich fuͤr mein Theil einen dégout vor dergleichen Perſonen hege. Es kommt mir, mit hohem Verlaub, wie jedes andere Ge⸗ ſindel vor, und iſt nicht werth, daß man davon viel fait mache.“— „Ei, Sie haben charmante Sentiments, mein Herr,“ ſagte Friedrich,„Sie ſtehen in Dienſten bei dem Fuͤrſtbiſchof von Breslau?“ „Zu Ew. Majeſtaͤt Befehl—“ 120 „Ich beneide den geiſtlichen Herrn um ſeinen geiſtigen Diener!“ rief der Koͤnig, und waͤhrend ſich der Altgraf bis zum Boden neigte, wandte er ſich von ihm weg zu Hugo:„wie hieß doch die Saͤngerin, mein junger Herr? dergleichen Notizen muß man ſich bei Ihres Gleichen holen—“ „Signora Doriflea,“ erwiederte der Graf, und zeigte ein todtenbleiches Antlitz. Da tͤnte, wie auf das Stichwort des Schauſpielers, ein langverhallender Harfenklang durch das Gemach⸗ „Was iſt das?“ freagte ſcheinbar befremdet der Koͤnig. „Mein Himmel— war mir's doch—“ meckerte furchtſam der Altgraf, deſſen Sohn in ein ſtilles Bruͤten ſich verloren hatte. „Es iſt ſicher der Hexenmeiſter Philadelphia,“ ſagte der Koͤnig,„der hier im Nebenzimmer ſeine Praͤparationen macht, und den ich zu un⸗ ſerm Delaſſement hierher beſchieden. Er ſoll mir heute ſein Verſprechen loͤſen.“ „Welches Verſprechen?“ erlaubte ſich in ſei⸗ ner geſteigerten Angſt der Altgraf zu fragen. „Er ſoll uns die Saͤngerin citiren, wir wollen ſie ſehen, ſie befragen. Ich wollte es dem Taſchenſpieler nicht rathen, ſich mit geheimen Kraͤften zu bruͤſten, wenn er ſie nicht wirklich be⸗ ſitzt,“ entgegnete Friedrich. 121 „O mein Himmel, der Mann iſt Alles im Stande,“ ſagte leiſe der Altgraf. „Ich wollte lieber eine Sau anlaufen laſſen, als dieſe Saͤngerin ſehen,“ ſetzte. er leiſer, aus beklommener Bruſt, hinzu. „Ein Jeder in ſeinem Fache!“ ſagte hinge⸗ worfen der Koͤnig,„Sie ſind ein unmuſikaliſcher Jaͤgermeiſter. Wir denken darin anders. Nicht wahr?“ Er wandte ſich bei dieſen Worten zu Hugo⸗ Dieſer ſtand bleich und verlegen da. Man konnte nicht laͤnger im Zweifel ſein, daß ein ſchweres Verbrechen dieſes Herz belaſtete, und daß die Kraniche des Ibicus das Haupt des Ver⸗ worfenen umkreiſ ten. „Die ſcharfen Blicke, die nun aus Friedrichs majeſtaͤtiſchen Augen auf Hugo, wie Blitze des Weltenrichters herabſchoſſen, vernichteten deſſen Faſſung gaͤnzlich. Er ſchien nicht mehr zu wiſſen, wo er ſich befand. Er ſah die von Schmerz ge⸗ quaͤlte, arme Betrogene vor ſich, er hoͤrte ihre Klagen, ihre Vorwuͤrfe donnerten ihm in die Ohren, ihre Thraͤnen floſſen. So ſtand er da mit ſtarrgeoͤffneten Augen und ſchien nichts von Allem zu ſehen, was ihn umgab. Da trat ploͤtziich eine Geſtalt hart vor ihn hin, nicht geſpenſtiſch, kein Traum ſeiner fieber⸗ 8*△* 122 haft bewegten Einbildungskraft, doch nicht minder furchtbar und zerſchmetternd als dieſe. Es war die Geſtalt des Herrſchers, des Richters, Macht und Ernſt, Zorn und Strafe in Zuͤgen und Haltung. „Er hat ſich ehrloſer, verbrecheriſcher Streiche gegen dieſe Saͤngerin ſchuldig gemacht,“ toͤnte des Monarchen Stimme,„ſei Er ſtill, ich weiß Al⸗ les— wenn ich ſtrenge ſein wollte, ſo verdiente Er— daß ich Ihm den Adel, auf den Er ſo ſtolz iſt, naͤhme, und wenn das horrible Attentat wahr iſt, was mir als ganz gewiß berichtet wurde, ſo waͤre lebenslaͤngliche Karre nicht zu hart fuͤr Ihn!“ „Welch ein Attentat?“ fragte bebend Hugo. „Ein ſchaͤndliches Weib, Seine Helfershelferin in der ſaubern Affaire, ſoll aus Italien ein Puͤl⸗ verchen mitgebracht haben, he? und ſie ſoll nur auf Seine Einwilligung gewartet haben— ſo wurde mir fuͤr ganz beſtimmt berichtet.“ „Sire,“ ſagte, ſich ermannend, Hugo,„ nie wuͤrde ich darein gewilligt haben. Einen Mord! ich an Doriſlea! oh, dieſer Gedanke waͤre nicht zu tragen geweſen. Ich liebte ſie— ja— ich liebe ſie noch— und nur dem Drange der Ver⸗ haͤltniſſe mußte ich weichen—“ „Die Verhaͤltniſſe haͤtten Ihn dazu draͤngen ſollen, ein ehrlicher Mann zu bleiben,“ ſagte der 123 — Monarch.„War Ihm die Tugend des Maͤdchens zu hoch, ſo haͤtte das Verbrechen nicht die Leiter abgeben ſollen, ſie zu erreichen. War es Ihm denn keine Schande, die bindenden Eide, welche die Kirche fordert, vor Seinen vermummten Spieß⸗ geſellen abzulegen? ſchien es Ihm nicht unwuͤrdig, mit Seinen elenden Helfershelfern ein ſo ſchnoͤdes Geheimniß zu theilen, und den Becher der Schande von ihren ſchmutzigen Lippen wegzureißen und an Seine hochgraͤflichen zu druͤcken; eil was waͤr's denn ſo gar malhonnete fuͤr einen Cavalier, einer Buͤrgersdirne die Hand zu reichen, wohlverſtanden, wenn ihre Attraits ihm imponiren?“ „Ew. Majeſtaͤt, es waͤre doch immer eine ſchmaͤhliche Meſalliance!“ wimmerte der Altgraf. „Was verſteht Er davon?“ rief ihm der Koͤnig veraͤchtlich zu, und fuhr dann zu Hugo gewandt fort:„ich will den Meſalliancen nicht das Wort reden, und halte dafuͤr, daß der wahr⸗ hafte Edelmann ſein Blut mit dem edelſten ſeines Vaterlandes vermiſche und dem Throne die alten Stuͤtzen rein in angeſtammter, unwandelbarer Treue erhalte. Aber, wer heißt Ihm, ſich ernſtlich vergaffen? Iſt es einmal ſo weit gediehen, ſo loͤſt der Ehrenmann ſein gegebenes Wort— um wie viel mehr der Ehrencavalier! Und nun— was denkt Er zu thun?“ 12²4 „Ich will— ich werde—“ ſtotterte Huc zerknirrſcht. „Er weiß es nicht. Wohlan, ſo will ich es Ihm ſagen, ich, Sein Souverain! Mit der Mar⸗ quiſe iſt es nichts, das wird Ihm Sein Verſtand wohl ſelbſt ſagen. Aber mit der Saͤngerin iſt es auch nichts—“ „Ah!“ ſtoͤhnte, wie wenn ihm ein Muͤhl⸗ ſtein von der Bruſt ſiel, der Altgraf. „Sie kennt Seinen ganzen Betrug, ſie wurde vor der Werdenberg gewarnt, von Liebe fuͤr Ihn kann in ihrem Herzen keine Rede mehr ſein,“ fuhr der Koͤnig fort,„aber Seine Frau muß ſie dennoch werden.“ Hugo hielt ſich in ehrfurchtsvoller Haltung, und blickte nicht in die Hoͤhe, er erwartete den Spruch aus des Richters Munde. Nach kurzer Pauſe fuhr der Koͤnig fort: „Morgen mit dem Fruͤheſten wird Er hier in der Dorfkirche ihr angetraut, ich ſelbſt werde mich als Zeuge einſtellen, und gleich nach been⸗ digter Ceremonie wird die Trennungsacte voll⸗ zogen. Dann kann Er hingehen, wohin es Ihm beliebt.“ „Und die Saͤngerin ſoll Graͤfin S. heißen?“ fragte kleinlaut der Altgraf. 125 „So iſt mein feſter unwandelbarer Befehl,“ ſprach der Koͤnig,„und hiermit will ich Euch Beide entlaſſen haben.“ 19. Am fruͤhen Morgen ſtand der Prieſter am Altare, mit Meßgewand und Stola, die geweihe⸗ ten Ringe in einer ſilbernen Schuͤſſel, die mit dem preußiſchen großen Wappen prangte. Ein koͤniglicher Wagen fuhr vor, und heraus⸗ ſtieg eine tief verſchleierte Frauengeſtalt, von dem wohlgekannten Taſchenſpieler Philadelphia zum Altare geleitet. Von der andern Seite nahete ſich ein junger, todtenbleicher Mann, in ſchwarzer Kleidung. In einem unfernen Betſtuhle will man einen Herrn, in einen koſtbaren Pelz gehuͤllt, bemerkt haben, der nach Ausſage des Pfarrers ſowohl, wie des Kirchendieners, Sr. koͤniglich preußiſchen Majeſtaͤt außerordentlich aͤhnlich geſehen haben ſoll, auf deſſen allerhoͤchſt ſpeciellen Befehl dieſe ſonder⸗ bare Trauung auch vollzogen wurde. Der alte Schulmeiſter ſaß an der Orgel und weinte, eben ſo ſeine Frau, die vom Chore herabſchaute. Sonſt war Niemand gegenwaͤrtig. Die Kirch⸗ thuͤren wurden geſchloſſen. Bei dem„Ja“ mußte der junge Mann an ein Flaͤſchchen riechen. Die 126 verſchleierte Braut ſah nicht einmal nach ihm hin. Nach geſchehener Einſegnung wollte der Gatte zur Seitenthuͤr hinausgehen, kehrte aber gleich wieder um, und fragte ſeine eben angetraute Frau, laut und feſt, daß es Alle hoͤren konnten:„Wir trennen uns nun auf ewig! vergib mir was ich gefrevelt, und verſchweig' meinem Kinde das Ver⸗ brechen ſeines Vaters!“ „Ich— vergebe—“ hauchte es leiſe aus den Schleiern hervor, aber der junge Mann riß ſich aus ſeiner zerknirrſchten Haltung auf, druͤckte dem Begleiter der Frau ein Papier in die Hand, und warf ſich in den, vor der Seitenthuͤr halten⸗ den Reiſewagen, der ſogleich mit ihm in die weite Welt rollte. Das Papier enthielt die von ihm vollzogenen Stipulationen der Scheidung dieſer ſo eben geſchloſſenen Ehe. 5 Aber die Vermaͤhlte ſchritt wankend zwor, doch freudig, von ihrem Begleiter unterſtuͤtzt, dem, unfern der Kirche liegenden Schulhaͤuschen zu, deſſen Bewohner in ſtummem Gebete folgten. Ehe ſie die Schwelle uͤberſchritten, ſchlug ſie ihren Schleier zuruͤck, ein weinendes Auge ſtrahlte aus dem bleichen Geſichte und ſuchte den Schul⸗ meiſter. Er naͤherte ſich. „Ich komme wieder, wie Du es gewollt,“ ſagte ſie verklaͤrt. 127 „Wie der Himmel es wunderbar gefuͤgt,“ ſetzte der fromme Vater hinzu. Die glaͤnzende Feſtlichkeit, welche dieſen Tag verherrlichte, den letzten, welchen der große Fried⸗ rich bei ſeinem Wirthe verlebte, ging unbemerkt an den gluͤcklichen, und doch zugleich tiefbetruͤbten Bewohnern des Schulhaͤuschens voruͤber. Noch ſpaͤt am Abende uͤberbrachte Phila⸗ delphia ein Handbillet des Koͤnigs, mit der Auf⸗ ſchrift: A Madame la Comtesse Dorothée de S. in franzoͤſiſcher Sprache, deſſen getreue Ueber⸗ ſetzung hier folgt: „Madame!l das unverſchuldete Leiden hat die gerechteſten Anſpruͤche an unſer Herz, um wie viel mehr das Leiden edler Menſchen an die Gerech⸗ tigkeit der Koͤnige. Tragen Sie Ihr Loos mit Charakterſtaͤrke und widmen Sie der Erziehung Ihres Kindes, bei dem ich Pathenſtelle vertreten will, alle nur moͤgliche Sorgfalt.“ Andern Tages reiſ'te der große Monarch nach Potsdam zuruͤck, erfreuter uͤber die Gelegenheit, welche ihm der Zufall geſchenkt, eine koͤnigliche Handlung ausuͤben zu koͤnnen, als uͤber alle Herrlichkeiten, die waͤhrend ſeines Aufenthaltes Graf Hoditz veranſtaltet hatte, ſeinen hohen Gaſt zu unterhalten. 128 Deſſenungeachtet nahm er eine ſehr angenehme Erinnerung an dieſen Aufenthalt mit, wie ſich in ſeiner beruͤhmten Epiſtel an den Grafen Hoditz genugſam zu erkennen gibt. Doriflea, oder jetzt Dorothea Graͤfin von S., zog nach dem unfernen Breslau, und lebte dort in ſtiller Gemeinſchaft mit ihren Eltern, mehrere Jahre in einem angenehmen Hauſe, das ſie auf dem ſogenannten Sande erkauft hatte. Sie wen⸗ dete einen Theil ihres betraͤchtlichen Vermoͤgens den Urſulinerinnen zu, welche ſich mit dem Un⸗ terrichte der weiblichen Jugend beſchaͤftigten und ſtrebte auf dieſe Weiſe, die Mittel jenes wuͤrdigen Ordens hierzu in einen guͤnſtigern Stand zu ſetzen. Nach ihrem bald erfolgten Tode ward der junge Graf Friedrich Hugo v. S. in die koͤnigliche Pagerie aufgenommen. Die weiſe Schlichtung dieſes Falles, die in mancher Beziehung an jenen gerechten Kalifen des Morgenlandes erinnert, bezeichnete die Anweſenheit des großen Koͤnigs in Roswalde, und Philadelphia verſchaffte ſeine Mitwirkung dabei die Auszeich⸗ nung, eine Zeitlang des Monarchen Vertrauen zu genießen, bis ſeine uͤbermuͤthige Dreiſtigkeit ihn ploͤtzlich daraus entfernte. —6 — η — η — —;— ᷣ B ᷣ — ◻η — — A. Lewald, Novellen. III. — „Was ſind Verbrecher⸗Colonien?— „Kerker— Galeeren— Cloake des menſchlichen „Geſchlechts— Nothſtaͤlle des Handels.— Soll man „das ſchoͤne Verdienſt, ein Land anzubauen, dem „Abſchaum des Volks uͤberlaſſen? Soll der ſchoͤpferiſche „Beruf, die Natur zu erwecken, Taugenichtſen anheim⸗ „fallen!—“ * 1. Ungefaͤhr vierzig kleine Haͤuschen von aͤrmlich ein⸗ — gehegten Gaͤrtchen umgeben, die wir nach unſern Begriffen nicht fuͤglich ein Dorf nennen koͤnnen, liegen dort unfern des gelben Strandes, die un⸗ bedeutende gruͤne Hoͤhe hinan, welche rings um⸗ her die Fernſicht begrenzt. Sie ſehen ihrer Bau⸗ art nach den Holzhuͤtten einer Quarantaineanſtalt nicht unaͤhnlich, oder den Baraken, welche in dem innern Hafen, zum Aufbewahren von Tauen, Ankern und kleinen Boͤten gebraucht werden. Hin und wieder ziert ein hoher Baum, wie er nicht in Europa geſehen wird, das bleiche Gefild, ein Fahrzeug liegt zum Kalfatern bereit auf dem Sande, in der Entfernung erblickt man einen Rothrock mit blitzendem Gewehr als Schildwache auf eine Erdſpitze ausgeſtellt und daneben flattert auf hohem Maſte die Flagge von Groß⸗Britannien. Weiterhin irrt das Auge auf dem grauen, unend⸗ lichen Meere umher, ohne ein Segel zu erblicken, oder es verliert ſich in den weiten Luftraum, der beide Hemiſphaͤren umwallt. 9* 132 Wirr ſind auf Neuholland, und dies iſt eine jener Niederlaſſungen an ſeiner ſuͤdoͤſtlichen Kuͤſte, welche die engliſche Regierung, zu Ende des vori⸗ gen Jahrhunderts, mit Verbrechern zu bevoͤlkern anfing. Von Laſtern aller Art zu Verbrechen ge⸗ trieben, mit Herzen voll Begierden, mit tief ein⸗ gewurzeltem Haſſe in der Bruſt gegen jene be⸗ vorrechtete Geſellſchaft, die ſie ausſtieß aus dem Lande der freundlichen Heimath, betreten die Ver⸗ bannten dieſes ferne Ufer, und die Seereiſe, wenn gleich lang und beſchwerlich, war dennoch nicht im Stande, ihrem Gemuͤthe eine ſanftere Stim⸗ mung, ihren Sitten und Gewohnheiten eine mil⸗ dere Verfaſſung zu geben. Sie ſind, nach dem Glauben der Kirche, ohne Abſolution Geſtorbene, die zu den ewigen Qualen druͤben erwachen. Ihr Leben unter be⸗ kannten Bedingungen und Formen iſt geendet und ſie landen hier an einem unbekannten Strand, neuen Leiden, neuen Klagen, die ſie nie noch empfunden, von denen ſie nie gehoͤrt, entgegen⸗ gehend. Alle alten Verhaͤltniſſe ſind fuͤr ſie zer⸗ riſſen, waren ſie verheirathet, hatten ſie Kinder? ſie wiſſen es nicht mehr. Hier ſollen ſig Beides ſuchen, ſo will es die Regierung, um aus der Verbrecherſaat, ſichin 133 hundert Jahren eine reiche, bettiebſame Colonie zu ziehen. Da die kriegeriſchen, mißtrauiſchen Eingebor⸗ nen zu Verbindungen dieſer Art nur felten die Hand bieten, ſo weiß man in Europa dieſem Mangel abzuhelfen. Loſe Dirnen, von Laſtern und Schaͤndlichkeiten genaͤhrt, werden hierher ge⸗ ſchickt, um mit den Verbannten Ehen zu ſchließen, und die Colonie zu bevoͤlkern⸗ Ddies nennen die europaͤiſchen Regierungen ein Land der Wilden civiliſiren⸗ Die Niederlaſſung, von welcher hier geſprochen wird, beſtand bereits ſeit zehn Jahren. Sie zaͤhlte achtzig bis hundert Seelen. Ein alter Falſchmuͤnzer hatte ſich das Vertrauen des Gou⸗ verneurs in Sidney in ſo hohem Grade erworben, daß ihm verwilligt worden war, hier eine Colo⸗ niſation zu beginnen, und wirklich trieb der Alte, der in Europa laͤngſt das Leben verwirkt hatte, das Amt eines Richters und Vorſtehers der Colo⸗ nie mit ſolcher Umſicht und aͤußern Wuͤrde, daß Obriſt Jameſon, der Gouverneur, oft im Scherze zu ſagen pflegte: es waͤre doch recht Schade ge⸗ weſen, wenn ein Ende zuſammengedrellten Hanfes dem alten Morris die Kehle zugeſchnuͤrt haͤtte. Morris war in Europa bereits verheirathet geweſen, ſeine Verbannung hatte aber ſeinen 13⁴4 buͤrgerlichen Tod herbeigefuͤhrt. So wie er in Fort⸗Sidney ans Land ſtieg, war er zu einem neuen Leben erwacht, deſſen offene Wege vor ihm lagen, die er nach freier Wahl betreten durfte. Seine Geſchmeidigkeit und verſchiedene Kenntniſſe brachten ihn bald in Gunſt, eine Verbindung mit einer Europaͤerin, die noch Spuren von Schoͤn⸗ heit beſaß, machten ihn zum Vater, und der ſchnelle Tod dieſer Gattin, zum Wittwer. Eine Tochter blieb ihm aus dieſer kurzen Ehe, die ſich in London dreiſt neben den Schoͤnſten haͤtte ſehen laſſen duͤrfen. Alle Vorzuͤge der Englaͤnderinnen waren in ihr in hohem Grade vereinigt. Die durchſichtige Haut, das große Auge, das goldene Haar, der ſchlanke Wuchs; Morris trauerte, da er die Knospe ſo himmliſch ſich entfalten ſah, daß ſie hier in dieſem Winkel ſich entblaͤttern wuͤrde, und dann leuchtete es wohl zwiſchendurch in ſeinem Innern mit freudiger Gluth: ſie bringt dich noch einmal an Bord der Rettung, zu den Ufern des Savern, wo aus der vaͤterlichen Eſſe der Rauch ſteigt, wo die ungluͤcklichen Tigel, und Stempel, und Praͤgſtoͤcke ſtanden, die dich ver⸗ lockten zum verderblichen Gewerbe, und wo du nun zufrieden waͤreſt mit trockenem Brode, und einem Kruge Bier⸗ und einem Stein zum Lager in der Straßenecke und dem harten Dienſte eines 135 Schiffziehers. Ja, ja, Ebbi bringt dich noch ein⸗ mal heim zu den Fleiſchtoͤpfen Alt⸗Englands— das Maͤdchen hat der Himmel fuͤr Sidney⸗Cowe nicht ſo ſchoͤn werden laſſen. 2. Ebbi's Anlagen entfalteten ſich eben ſo wun⸗ derbar als ihre Schoͤnheit. Ein wuͤſter Menſch, der zu ſeinem Ungluͤcke ein geſchickter Kalligraph geworden war und ſich von fruͤheſter Jugend darin uͤbte, Handſchriften, Namenszuͤge und aͤhnliche Federkunſtſtuͤckchen auszufuͤhren, war zu jener Zeit auch in der Colonie. Seine Geſchicklichkeit hatte ihn zu einer Geſellſchaft von Verfaͤlſchern von Banknoten gebracht und mit dieſer nach Neuhol⸗ land. Er war noch jung und hieß Pinkſon, er beſorgte die Rechnungen der Colonie und verſah das Amt einer Art von Staatsſecretaͤr des Innern, dabei hatte er ſich anheiſchig gemacht, die ſchoͤne Ebbi zu unterrichten. Es war um die Zeit, wo man in Europa das Wiegenfeſt des Weltheilandes mit freundlichen Kinderbeſcherungen und andern lieblichen Ge⸗ braͤuchen zu begehen pflegte, als der alte Morris, auf der Steinbank vor ſeiner kleinen Huͤtte in tiefen Gedanken daſaß und dem Winde zu horchen ſchien, der auf dem ungeheuern Wellenſpiegel ein⸗ 136 herzog, und wie ein Ungeheuer der Wuͤſte heulte. In der That aber hoͤrte und ſah der alte Morris nichts von Allem, was um ihn vorging. Er wußte, trotz der gruͤnen Baͤume und der milden Luft, die ihn umgab, doch recht gut, in welchem Jahres⸗ abſchnitte er lebte, und ſah vor ſich das vater⸗ kaͤndiſche Eiland, mit den entblaͤtterten Baͤumen, eingehuͤllt in ſeine Nebel und den erwaͤrmenden Steinkohlendampf, der darauf lagert, wie ein ſchirmendes Dach gegen die boͤſen Eindruͤcke der Luft. Es war eine ſonderbare Wehmuth uͤber ihn gekommen. Er dachte ſeiner Judith, die nun— wenn ſie noch lebte— auch alt geworden war— runzlich und grau— wie er, und ſeiner Kinder Jonathan und Eliſa. Er dachte daran, daß er druͤben todt ſei, daß ihn die Seinigen laͤngſt beweint hatten, und nun ſeiner gedachten, wie man eines Dahingeſchiedenen gedenkt. Aber er dachte auch daran, daß ſeine Kinder aller buͤr⸗ gerlichen Rechte verluſtig gegangen, daß ſie in England keine Englaͤnder mehr waren, kein Gut beſitzen durften, keinen Namen hatten, daß der Junge gluͤcklich genug waͤre, wenn ihn ein mit⸗ leidiger Indienfahrer zum niedrigſten Schiffsdienſte angenommen haͤtte und ſeinem Maͤdchen ein noch ſchlechteres Loos gefallen ſein wuͤrde. Er konnte nicht weinen, ſeine Zaͤhne knirrſchten, und das 137 Auge bohrte wild in den Sand. Da trat Pink⸗ ſon aus dem Hauſe und ſetzte ſich zu ihm. Er hatte eine ſchoͤne hellrothe Blume im Knopfloche, nach europaͤiſcher Weiſe und war in der freund⸗ lichſten Stimmung der Welt. Das truͤbe Weſen des Alten mußte ihm daher auffallen. Er fragte nach der Urſache, die Jener ihm willig offenbarte. „Seid Ihr nicht ein Thor?“ ſagte Pinkſon, „kennt Ihr denn noch immer den alten Francis Morris, den Goldſchmied aus Dundee, der vor zehn Jahren in England geſtorben iſt und begraben und keine ſeines Namens hinterlaſſen hat? Habt Ihr den noch nicht vergeſſen? Ei, Ihr ſolltet froh ſein, daß Euch das Nebelbild mit Allem, was dran haͤngt, auf ewig aus Euern Blicken ent⸗ ſchwunden iſt. Haͤtten ſie den alten Kerl gehenkt, ſo koͤnntet Ihr nicht hier ſitzen und haͤttet keinen Engel, keine Ebbi, der Euch das Leben verſuͤßt und tauſendfaͤltige Freude bereitet.“ Der Alte athmete auf, mit dem Gedanken an Ebbi zog die Hoffnung wieder ein in ſein ver⸗ kohltes Herz. Es war ihm wie dem Geliebten, der im herbſtlichen Laubgange ſeiner Erſehnten entgegenharrt und endlich ihr ſanftes Nahen im Raſcheln der gefallenen Blaͤtter zu vernehmen glaubt. Er druͤckte die Augen feſt zu, und dachte ſich alle Moͤglichkeiten, die er ſich ſchon hundert⸗ 138 —2 mal gedacht hatte, und ſah ſich ſchon mit ihr auf dem Schiffe, deſſen Segel der Wind heimwaͤrts ſchwellte. „Nun, warum macht Ihr die Augen zu?“ fuhr Pinkſon fort,„ſeid Ihr graͤmlich daruͤber, daß ich Eurer Ebbi erwaͤhne? Hatte der alte, todte und verſchollene Francis Morris etwa ſchoͤ⸗ nere und beſſere Kinder? Iſt Euch die Ebbi zur Laſt? Duͤrft's nur ſagen, ich nehme ſie Euch ab⸗ Heirathen muß ſie ja doch in der Colonie, ſo will es das Geſetz und Einem von uns faͤllt ſie heim, und da denk' ich, daß ich dann doch einige Ruͤck⸗ ſicht verdiene.“ Dieſe Worte begleitete er mit einem boͤſen Laͤcheln.— „Pinkſon,“ ſagte Morris ernſt,„das geht nun und nimmermehr. Ich bitt' Euch, denkt nicht daran.“* „Und warum ſollt' ich nicht?“ fragte der Andere frech,„ſie iſt mir ja wohl nicht zu vor⸗ nehm? Ihr ſeid Richter, ich bin Secretaͤr der Colonie, den Stand nach iſt Schwiegervater und chwiegerſohn nie im richtigern Verhaͤltniß zu 3 einander geweſen. An Gluͤcksguͤtern ſind wir uns ja wohl auch gleich und an Adel, je nun! unſer Stammbaum iſt gleich alt und hoch. Ganz Lon⸗ don kennt ihn auf dem Dache des Gefaͤngniſſes.“ „Ihr ſcherzt daruͤber noch, Pinkſon!“ ſagte Morris, tief erſchuͤttert. „Und ſollt' ich daruͤber weinen?“ entgegnete dieſer.„Gebt mir Eure Ebbi, eine beſſere Par⸗ tie koͤnnt Ihr fuͤr ſie nicht ſinden. Fragt ſie nur einmal, ob ſie mich will und hoͤrt, was ſie antworten wird?“ „Habt Ihr irgend eine ſolche Macht uͤber ſie zu erlangen geſtrebt, ſo ſeid verflucht!“ rief Morris vor Zorn bebend und aufſtehend. „Nun, nun, Ihr wollt ja gar einen euro⸗ paͤiſchen Hausvater ſpielen, Sir— wie heißt Ihr doch? Ihr ſeht einem Alten aͤhnlich, den ich einmal in London von den Gerichten als Falſch⸗ muͤnzer zum Galgen verurtheilen ſah—“ ſchrie ihm Pinkſon hoͤhniſch nach. Da wandte ſich Morris mit ſeinem bleichen Geſichte und ſah Pinkſon durchdringend an. Nicht beleidigt hatte ihn der Hohn des Elenden, Beleidigungen kannte man hier nicht mehr; aber eine Angſt hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt, die Bosheit Pinkſon's koͤnne ihm ſeine ſchoͤnſten Hoffnungen zerſtoͤren, die an Ebbi geknuͤpft waren, und er waͤhlte nicht lange, ſondern ergriff ſchnell, was ihn von dem frechen Bewerber, nach ſeiner Meinung, mit einem Male befreien konnte. 140 „Man ſagt, daß Ihr ein Jude ſeid, Pink⸗ ſon!“ ſprach Morris feſt,„und meine Ebbi kann Euer Weib nicht ſein.“ 4 „Unſere Religion iſt hier in Ulimaroa die⸗ ſelbe,“ ſchrillte es zwiſchen Pinkſon's bleichen Lip⸗ pen hervor, waͤhrend die gewandten Finger der rechten Hand im krauſen Haare wuͤhlten und die linke ans vorſtehende Kinn griff.„Ich meinte es gut mit Euch, alter Morris, und Ihr werdet es ſchwer buͤßen, daß Ihr mich verſchmaͤh⸗ tet, das glaubt mir, ſo wahr Euch einſt am heu⸗ tigen Tage Ener Gott, der ein beſchnittener Jude war, aus David's, des Koͤnigs Stamme, geboren wurde.“ In dieſem Augenblicke ward dies Geſpraͤch durch ein Geſchrei unterbrochen, das aus dem nahen Hohlwege zu kommen ſchien. Bald er⸗ blickte man eine junge Wilde, die mit blutendem Kopfe ſich Morris Wohnung nahete. Es war Banalok, eine Geſpielin Ebbi's, die mit einem Indianer bereits mehrere Monate lebte, und von ihm ſchon oft mit Ermordung bedroht worden war. 8 Die Eingebornen mißhandelten ihre Weiber bei jeder Gelegenheit und die ſchlanke Banalok, die ſich jetzt nach der Niederlaſſung der Europaͤer gefluͤchtet hatte, ſtuͤrzte zu Morris Fuͤßen nieder, vom Blut⸗ verluſte erſchoͤpft. Ihr Auge ſchoß einen Blick —,— nach Pinkſon, worin ſich Schmerz und Wildheit paarten, ihr Geſchrei war verſtummt, und ſie ließ es geduldig zu, als Morris ihr die klaffende Wunde am Kopfe unterſuchte, die ihr das Streitbeil ihres Liebhabers geſchlagen hatte. Pinkſon war ruhig den Huͤgel hinab zum Strande gegangen, wo ihn das hereinbrechende Dunkel den Blicken bald entzog. 3. Alles ruhete in dem Weiler der Verbannten; Aller Augen waren geſchloſſen und die gluͤhenden Hirne, die raſtlos bemuͤht waren, eine Flucht aus den Niederlaſſungen zu erſinnen, genoſſen einer kurzen Ruhe, um ſich bald wieder von Neuem in dieſer fruchtloſen Qual zu erſchoͤpfen. Nur zwei Augen waren offen, nur ein Hirn bruͤtete furcht⸗ bare Plane, es waren Pinkſon's Augen, Pink⸗ ſon's Hirn, der daſaß auf dem Stein, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt und hinſtarrte nach des Rich⸗ ters Haus. Unten in der Vorhalle erblickte er den ſchwa⸗ chen Schein einer kleinen Hauslampe.„Dort liegt Banalok,“ ſagte er zu ſich,„und ſie muß ich ſprechen!“ Die Landesſprache war ihm gelaͤu⸗ ſig und er machte ſich auf den Weg. 142 In einem Winkel der Vorhalle lag auf einem Lager von Moos und Blaͤttern das wilde Maͤd⸗ chen, den verbundenen Kopf tief in dieſe vergra⸗ ben und von dem ſtarken Blutverluſte in einen betaͤubenden Schlummer gewiegt. Ihre ſchlanken Glieder hier und da von Moos und Blaͤttern gedeckt, ſahen einer bunten Schlange nicht unaͤhnlich. Pinkſon ſchlich leiſe herbei und weckte ſie mit einem Kuſſe. Raſchelnd ſuhr Banalok in die Hoͤhe und auf den Ferſen gekauert, mit vorge⸗ recktem Kopfe, ſtarrte ſie ihn an. Das blutige Tuch hatte ſich verſchoben und einige dicke Tropfen geronnenen Blutes hafteten auf der Stirne. „Was will Pinkſon?“ fragte ſie entſetzt, nachdem ſie ihn erkannt hatte. „Ich komme, Dich zu herzen und zu lieben, ſchlanke Banalok,“ ſprach Jener.„Ich habe vor Trauer nicht ſchlafen koͤnnen, daß Dein Blut ge⸗ floſſen iſt, gefloſſen iſt fuͤr mich— weil ich Dich lieb habe und Du mich wieder liebſt.“ Banalok zeigte die Zaͤhne wie ein gereizter Affe und knirrſchte, dann ballte ſie die Faͤuſte ge⸗ gen Pinkſon, und warf ihm eine Hand voll feuch⸗ ten Mooſes an den Kopf. Pinkſon fragte nach der Urſache ihres Zor⸗ nes. Sie aber warf ſich ungebehrdig hin und wimmerte leiſe. 143 „Schmerzt Dich Deine Wunde, Banalok?“ fragte er mit verſtellter Theilnahme. Sie ſprang ſtatt aller Antwort in die Hoͤhe, riß das Tuch herunter und lachte, den Kopf ſchuͤt⸗ telnd, daß die vom Blute getraͤnkten ſtarren Haare ihr das Geſicht bedeckten. „So ſprich, meine Banalok?“ fragte Jener weiter.„Soll ich Rache nehmen an Deinem Gatten? ſoll ich ihn toͤdten, weil er Dich miß⸗ handelt hat?“ „Toͤdten?“ rief ſie mit unterdruͤcktem Grimme; „toͤdte Dich und Ebbi und dann will ich meinen Bruder bitten, daß er mich umbringe.“ Es ward Pinkſon klar, daß hier Eiferſucht im Spiele ſei. „Was haſt Du, Banalok,“ fragte er weiter, „das Dich ſo aufregt? Theile mir Deinen Schmerz mit, damit ich ihn lindere.“ „Waͤhrend Canjaruht, mein Herr, mich toͤdten will, weil ich Dich lieb habe, biſt Du im Hauſe des Richters und liebſt Ebbi,“ ſprach die Wilde.„Geh zu Deiner weißen Schoͤnen, Du kannſt ja doch nur Deinesgleichen lieben, ihr ſeid naͤher dem großen Weſen als wir, dafuͤr ſchuͤtzt es Euch und freut ſich an Euch, ich aber will als Magd hier im Haäuſe bleiben und ſehen, wie es Luh gut geht— 14⁴4 „Thoͤrin,“ ſagte Pinkſon.„Ich kann nie Ebbi umarmen, wie ich Dich umarmt hielt. Als das große Weſen ſichtbar um uns blitzte und flammte, gedenkſt Du noch des Donners, den wir vernahmen, da wir aneinander geſchmiegt lagen, in der Hoͤhle des Panthers, auf ſeinem Mooslager, das noch warm war von dem ſchecki⸗ gen Vlies des wilden Jaͤgers, der hinausgezogen war zur Morgenjagd? Und wie wir uns ſtreckten und uns nicht fuͤrchteten und uns Beiden Alles verging, was in der weiten Schoͤpfung uns um— gab, und die flammenden Blitze unſern halbge⸗ oͤffneten Augen erſchienen, wie tanzende Funken, wie ein goldener Regen?“ 3 Banalok ſchauerte vor ſeliger Erinnerung zu⸗ ſammen und ſank dann in die raſchelnden Blaͤtter. „Ich liebe Ebbi nicht, Banalok, das kannſt Du mir glauben,“ ſprach Pinkſon weiter,„ich will nur frei ſein, frei ſein um jeden Preis. Dann nehm' ich Dich mit mir nach Europa, dort ſollſt Du wie mein Weib leben und ganz gluͤcklich ſein. Aber bevor ich dahin gelange, mußt Du mir ganz zu eigen ſein und thun, was ich Dir befehle.“— Banalok horchte hoch auf und ſtarrte ihn an⸗ „Ebbi's Vater hat mich beleidigt, mich aufs Tiefſte gekraͤnkt, ich will mich an ihm und ihr 145 raͤchen. Ich will mich an den Europaͤern raͤchen, denen ich mein Ungluͤck zu verdanken habe. Und dann Banalok werden wir Beide frei und gluͤck⸗ lich ſein.— Du kennſt die Kraͤuter, woraus der giftige Saft gepreßt wird, womit Ihr Eure Pfeile vergiftet.“ „Seit meinen erſten Jahren, ſeitdem ich Zaͤhne habe die Kraͤuter zu kauen und ſo viel Ein⸗ ſicht, den giftigen Saft nicht hinunterzuſchlucken, mußte ich das Gift fuͤr die Bruͤder ſtets bereiten,“ erwiederte Banalok ſchnell. „Eile, Banalok,“ ſagte Pinkſon,„ſchaffe mir ſo viel von dem Safte, als Du kannſt. Laſſe vom Morgen bis zum Abende dies Deine einzige Sorge ſein. Ich werde Dich ſehen jeden Abend bei Sonnenuntergang in dem Thal der Panther⸗ hoͤhle und dort wirſt Du mir das, was Du am Tage bereitet haſt, ſtets uͤbergeben und ich will Dich herzen und Deine Lippen kuͤſſen, ſelbſt wenn ſie noch gefaͤrbt waͤren, von dem Gifte, das Dein Mund bereitete.“ Banalok's Auge leuchtete. „Und Ebbi?“ fragte ſie zoͤgernd,„und ihr Vater?“ ſetzte ſie ſchnell hinzu.„Willſt Du Krieg fuͤhren mit Deinen Landsleuten? Und ich ſoll Dir beiſtehen?“ Sie lachte.„Vier Pfeile ſchießen A. Lewald, Novellen. III. 10 146 wir ab, auch ſechs, und dann ergreifen ſie uns und eſſen uns auf.“ „Wir toͤdten ſie, ohne daß ſie es merken, Alle vergiften wir,“ ſprach ſehr leiſe der Europaͤer, der wohl merkte, daß Banalok nicht zu faſſen im Stande war, welchen andern Gebrauch man von dem Safte machen konnte, als Pfeile zu vergiften. „Banalok iſt Dein, weißer Mann,“ rief die Wilde und warf ſich an ſeinen Hals und ſchlang die Arme um ihn.„Nun geht ſie wieder mit Canjaruht und ſeinen Bruͤdern, die ſie Mor⸗ gen holen werden, ſie will ihr Blut gern vergie⸗ ßen, wenn Du ſie liebſt und Ebbi haſſeſt.“ Pinkſon ließ ſich ihre ungeſtuͤmen Liebkoſun⸗ gen gefallen und nach einigen Stunden verließ er ſie und die Halle, um uͤber ſeinen teufliſchen Plan reiflicher nachzudenken.„Morgen im Pantherthale und halte Wort,“ rief er ihr beim Weggehen zu. Sie aber warf ſich in die welken und zerwuͤhl⸗ ten Blaͤtter des Lagers, ihr erhitztes Blut, das den Koͤrper durchtobte, drang in ſpaͤrlichen Tropfen aus der Wunde und die gedungene Giftmiſcherin, vom Genuſſe ergluͤht, achtete jeden Schmerz gering und uͤberließ ſich ſorgloſen Traͤumen. 147 4. Als am fruͤhen Morgen Canjaruhts und der Andern rauhe Stimmen in des Richters Hofe er⸗ ſchallten, fuhr Banalok aus ihrem Schlummer empor. Sie hoͤrte, daß Morris Canjaruht uͤber ſei⸗ nen Jaͤhzorn Vorwuͤrfe machte und ihm ſagte, daß er das junge Weib nicht mehr vom Hofe laſſen wolle, um ſie vor aͤhnlichen Mihhandlungen zu ſchuͤtzen. Aber Banalok ſprang herbei wie die Gazelle des Gebirgs, ſtreckte ſich und ſagte froͤhlich, daß ſie mitgehen wolle. Canjaruht lachte ihr freundlich zu. „Du wirſt todtgeſchlagen, wenn Du ihm folgſt,“ ſprach der Richter und auch Ebbi, die in den Hof gekommen war, naͤherte ſich der Wilden, um ſie zu warnen, und zu bitten daß ſie bei ihr bleiben moͤchte. Aber Banalok ſah ſie nicht an, ergriff Canjaruht's Arm, und lief mit ihm und ſeinen Begleitern, mit Sturmwindſchnelle davon. Morris und ſeine Tochter ſahen ihnen nach und konnten ſich das Betragen dieſer wunderlich eigenſinnigen Wilden nicht erklaͤren. Vater und Tochter gingen an die Gartenarbeit ohne mit ein⸗ ander zu ſprechen und erſt nach einigen Stunden 10* 148 ruhete der Alte unter einem Baume aus, waͤhrend Ebbi, ein grobes, nach Europaͤiſcher Weiſe gebacke⸗ nes Brod und einige in Aſche gebratene Kartof⸗ feln, ihr aͤrmliches Fruͤhſtuͤck, aus dem Hauſe holte. „Ebbi,“ fing der Alte mit bekuͤmmerter Miene an,„ich will wiſſen, was Du mit Pinkſon ſeit laͤngerer Zeit geſprochen haſt; ſei aufrichtig gegen Deinen Vater und verhuͤlle ihm kein Faͤltchen Deines Herzens.“ Ebbi wurde bleich wie der Mond, der aus dem dunkelblauen Himmel auf Ulimaroa herab⸗ ſtrahlt. Ihre Augen ſenkten ſich und ihr Buſen wogte. Sie war nicht vermoͤgend zu antworten. „Mein Kind,“ ſchrie Morris außer ſich, „was fuͤr ſchreckliche Dinge ſoll ich hoͤren? Foltre mich nicht laͤnger, entdecke mir Alles.“ „Vater!“ ſagte das Maͤdchen, nachdem ſie ſich geſammelt hatte.„Du befiehlſt und ich muß gehorchen.— Du weißt, wie ich einſam lebe und wie Niemand von der Niederlaſſung in unſer Haus kommt und wie ich zu Niemand gehe als zu dem Gouverneur, wenn ich Dich dahin begleite. Ich weiß recht gut, daß alle Europaͤer, die hier leben, Verbrecher ſind, ich wußte laͤngſt, daß auch Pink⸗ ſon ein großes Verbrechen begangen hat, und daß er es hier abbuͤßt und von Dir und dem Gouver⸗ neur ausgezeichnet wird, weil er ſich gebeſſert hat. 149 Aber ich weiß auch, daß Du, mein Vater, kein Ver⸗ brecher biſt, ſondern ein tugendhafter Mann, den, gleich dem Gouverneur, der Koͤnig von England hierhergeſchickt hat, um die boͤſen Menſchen zur Ordnung zuruͤckzufuͤhren und daß es nur von Dir abhaͤngt zuruͤckzukehren in Dein Vaterland und daß wir einſt Beide dorthin reiſen werden, wo Du den Lohn empfangen wirſt fuͤr Deine Treue.“ Morris zuckte zuſammen und bedeckte ſeine Augen mit der Hand.— „Weißt Du jetzt ſchon, was der Schaͤndliche Dir nachgeſagt hat?“ fragte Ebbi,„o ſo erlaſſe mir, Dir's zu wiederholen.“ „Nein, nein, erzaͤhle!“ ſtammelte Morris. „Schon ſeit lange iſt Pinkſon bemuͤht,“ ſprach Ebbi,„mir dieſe Meinung von unſerm Gluͤcke zu rauben und neulich ging er ſo weit zu behaupten, Du ſeiſt ein noch ſchaͤndlicherer Verbrecher als er, und haͤtteſt in Deinem Vaterlande den Tod erlei⸗ den ſollen, nur des Koͤnigs Gnade haͤtte Dich hierhergeſchickt, aber obgleich Du hier lebteſt, ſeieſt Du doch im Vaterlande todt, und zwar ehr⸗ los todt, Deinen Namen nenne keine Zunge mehr, Dein Eigenthum ſei dem Koͤnige zugefallen, Deine Kinder ſeien dem Elende preisgegeben, Du duͤrf⸗ teſt nie mehr Dich dort blicken laſſen und ich— ich ſelbſt waͤre ein ganz verworfenes Geſchoͤpf, die 150 Tochter eines Todten, ich waͤre verdammt, mein ganzes Leben hier zu bleiben, und muͤſſe einſt das Weib des erſten beſten Pflanzers werden, und wenn der verruchteſte Moͤrder meine Hand begehre, ſo muͤſſe ich ſie ihm reichen.“ Ebbi hielt ihre Thraͤnen nicht mehr zuruͤck, ſie ſank an die Bruſt des Alten und benetzte ſie. Morris war ſo ſtark ergriffen, daß er nicht zu antworten vermochte. „ Aber wenn ich mich ihm anvertrauen wollte,“ fuhr Ebbi nach einer langen Pauſe fort,„wenn ich ihm meine Hand gebe, ſo wuͤrde ſich mein trauriges Loos zum freudigſten umgeſtalten. Er habe zwar gefehlt, aber ſein Fehltritt ſei nur zu hart beſtraft worden, es ſei ein jugendlicher Leicht⸗ ſinn geweſen, den er nun laͤngſt abgebuͤßt und abgelegt habe. Bald wuͤrde er nach England zu⸗ ruͤckberufen werden, und als ſeine Frau koͤnnte ich ihm dahin folgen und in Ehren alsdann wie⸗ der einer Familie angehoͤren, die mich liebend auf⸗ nehmen wuͤrde. Er wollte mich alsdann fuͤr eine Eingeborene dieſes Landes ausgeben, damit nicht der Schimpf Deiner Erniedrigung an ſeiner Gat⸗ tin hafte.“ 4 Morris ſtarrte ſtumm vor ſich hin. Das Geheimniß ſeines ſchrecklichen Looſes vor Ebbi's reinem Herzen bis jetzt bewahrt zu haben, war 151 das einzige Gluͤck, deſſen er in ruhigen Stunden froh werden konnte. Seine Lage war ſchrecklich⸗ Ebbi ſaß vor ihm mit den fragenden Augen, ſie glaubte kein Wort von dem, was Pinkſon ihr ge⸗ ſagt hatte, und erwartete jetzt, daß der ganze Unwille ihres Vaters gegen den ſchnoͤden Luͤgner losbrechen wuͤrde, aber Morris hatte nicht Kraft dazu und kaͤmpfte mit ſich ſelbſt, was er ihr ſagen ſollte. Mit einem Male den ſchoͤnen Wahn des Maͤdchens zu zerſtoͤren und ihr die ganze Tiefe ihres Elends zu entdecken, war er nicht im Stande, und ihr ein Geheimniß noch verbergen, das ihr jetzt der Zufall bei der erſten Gelegenheit enthuͤllen mußte, ſchien ihm ganz unmoͤglich. Ebbi hatte die Hand ihres Vaters ergriffen. „Werden wir nach England zuruͤckkehren, Vater? werden wir nicht laͤnger mehr unter den boͤſen Leuten hier weilen?“ fragte ſie mit dem Tone der kindlichen Bitte. „Wir werden zuruͤckkehren,“ ſprach Morris gepreßt, und—„Pinkſon iſt ein Luͤgner,“ war er im Begriffe hinzuzufuͤgen, als Kanonenſchuͤſſe ſeewaͤrts ertoͤnten, die von dem Fort beantwortet wurden. Alles lief auf die nahe Hoͤhe und auch Morris und Ebbi erklommen von den Andern ab⸗ geſondert, eine hohe Spitze und genoſſen das ma⸗ 152 jeſtaͤtſche Schauſpiel, eine herrlich ausgeſlaggte Kriegsbrigg, mit vollen Segeln, unter Schießen und Vivatrufen in die Bucht einlaufen zu ſehen. 5. Obriſt Jameſon, der Gouverneur der Colonie wurde abberufen und Sir Thomas Lawrence, der einen neuen Verbrechertransport nach Sidney⸗Cowe geleitet hatte, war dazu beſtimmt, ſeine Stelle zu erſetzen. Der Zuwachs beſtand in ſechzig Seelen und da keine Huͤtten leer waren, ſo wurden die neuen Straͤflinge bei den Alten einquartiert, bis daß ſie Land und Material erhalten haben wuͤrden, ſich Huͤtten zu bauen. Auch Morris mußte die eine Haͤlfte ſeiner Wohnung dieſen ungebetenen Gaͤſten einraͤumen und Ebbi, ſchuͤchtern wie ſie war und gewarnt von ihrem Vater, zog ſich in ein kleines Kaͤmmer⸗ chen zuruͤck, wo ſie von Niemand geſehen wurde, waͤhrend die Neuangekommenen mit großem Laͤrm im Hauſe ſchalteten, gleich als waͤren ſie Herren der Inſel. Die Sonne ſaͤumte bereits den Rand der Fluthen, als der neue Gouverneur von Fort Sidney herabkam, um die Riederlaſſung zu beſu⸗ chen und ſich von dem Zuſtande der Verbannten zu uͤberzeugen. 153 Morris, deſſen Huͤtte die Erſte war auf ſei⸗ nem Wege, beſuchte er zuerſt. In dem Hofe lagen die neuangekommenen Verbrecher fluchend und knirrſchend, daß ſie nur die gewoͤhnliche Schiffsration erhalten hatten und forderten ſchreiend von dem Gouverneur Land, um Huͤtten zu bauen und Gaͤrten anlegen zu koͤnnen. In der Mitte des Hofes hatten ſie ein gro— ßes Feuer gemacht und ſich darum gelagert, waͤh⸗ rend einer unter ihnen, ein franzoͤſiſcher Koch, der ſeinem Herrn, einem edeln Lord, einſt in Lon⸗ don ein diplomatiſches Diner verdorben hatte, und als er dafuͤr beſtraft wurde, ihm eine ganze koſt⸗ bare Orangerie aus Rache zerſtoͤrte, ſeinen wuͤrdi⸗ gen Collegen eine Mahlzeit bereitete. Sie hatten einige Hunde eingefangen und er war bemuͤht, die⸗ ſelben auf verſchiedene Weiſe zuzurichten. Eingeborene hatten ſich eingefunden und einige Landesfruͤchte mitgebracht, Morris Vorraͤthe mußten Kartoffeln, Salz und Butter liefern, und von der Regierung war ihnen eingeſalzenes Fleiſch, Reis und Rum gegeben worden. Mit dieſen In⸗ gredienzien handthierte nun der Franzoſe ſo wich⸗ tig, als ſtaͤnde er am Heerde einer herrſchaftlichen Kuͤche, und die Verbrecher ſahen zu mit waͤßrigen Maͤulern. ⁴ 154 Das luſtige Feuer und der Laͤrm in dem Hofe des Richters hatten die andern Neuangekom⸗ menen von nah und fern herbeigezogen, und ſie brachten ihre Vorraͤthe und verlangten, daß der Franzoſe ſie ihnen bereite, um Theil an der Mahl⸗ zeit zu nehmen. Nur wenige von den juͤngern Verbannten, die erſt kurze Zeit auf der Inſel waren, geſellten ſich dazu, um Nachrichten aus der Heimath zu hoͤren, die Aeltern aber blieben daheim, im Kreiſe der Ihrigen. Fuͤr ſie war England nicht mehr auf der Welt, ſie wollten durch nichts mehr daran erinnert werden, ſie haß⸗ ten die neuen Bruͤder, welche ihre Niederlaſſung mit friſchen Laſtern und Begierden bereicherten, und fuͤr ſie ſelbſt in ihrer ſtrengen Zuruͤckgezogen⸗ heit nur alte Wunden wieder aufriſſen. Der Richter trat unter die Thuͤr um ſeinen hohen Gaſt zu empfangen. Der Gouverneur war ein junger Mann, wel⸗ chem die Luſt nach einer abenteuerlichen Thaͤtigkeit dieſen Poſten wuͤnſchenswerth gemacht hatte. Er kam an dieſe Kuͤſte im Gefuͤhl eines unumſchraͤnk⸗ ten Herrſchers, ſein Herz war nicht von dem Wunſche erfuͤllt, tiefes Elend zu lindern, es hegte den Abſcheu vor Verbrechern, wenn gleich der Keim zu Verbrechen in ihm ſchlummerte. Es war das Herz eines jener Bevorrechteten, deſſen Macht * — ——— und Willkuͤr unerlaubte Geluͤſte ſchnell zu be⸗ friedigen vermag, und ſie daher nie zu Verbre⸗ chen reifen laͤßt. Er hatte den Willen, die Ver⸗ bannten in ſtrenge Zucht zu nehmen, und hofſte ſo ſich ſeiner Regierung im beſten Lichte zu zeigen. Nach einem kurzen Aufenthalte auf der Inſel wuͤr⸗ den ihn ſeine hohen Goͤnner, das wußte er, zu einem andern Poſten abberufen, und der Gouver⸗ neur der Verbrechercolonie konnte in einigen Jah⸗ ren darauf rechnen, Gouverneur am Cap oder von Oſtindien zu ſein. Auf ſeinen Befehl wurden die aͤltern Ver⸗ bannten alle in des Richters Hof berufen. Von nah und fern kamen ſie herbei. Die trotzigen Geſichter der Einen, die der Andern, worauf ſich ein Strahl der Hoffnung ſpiegelte, hier die gebraͤunten, tief gefurchten Zuͤge eines Verbrechers, der ſeit langen Jahren dieſem Klima, dieſem Boden ſchon angehoͤrte, dort die bleiche Farbe des kraͤnkelnden Europaͤers, der im Kampfe mit dieſem Elende noch ein ungewiſſes Loos er⸗ wartete. Der Gonuverneur ließ ſie in Reihen treten, um ſie zu muſtern, und es denjenigen zu ver⸗ kuͤnden, welche nur auf eine beſtimmte Zeit ver⸗ bannt, mit der ruͤckkehrenden Fortuna, die ihn auf das Eiland gebracht, nach England abgehen konnten. 156 Die auf dieſe Weiſe Begnadigten hatten ſich auf einen Haufen ſeitwaͤrts geſtellt, und dem Koͤ⸗ nige von England ein donnerndes Hurrah gebracht. Nur ein einziger alter Mann, mit weißen Haaren ſchlug die ihm zugedachte Gnade aus. „Die Thoren,“ ſagte er,„ſie freuen ſich, wie— der in das Land zuruͤckzukehren, wo zwar Blumen duften, aber hinter einer jeden eine giftige Schlange lauert. Wo der Hunger regiert und der Mangel, wo die Verworfenheit herrſcht und die Verfuͤhrung, wo Goldhaufen dem armen Entbehrenden winken, und der Galgen ihn lohnt, wenn er zugreift. Wo ſich uͤppige Praſſer von dem Schweiße der Armuth naͤhren, wo arme Landbewohner, die bei ſchwerer Arbeit halb hungrig zu Bette gehen, da⸗ fuͤr ſorgen muͤſſen, daß dem Reichen, der Alles im Ueberfluſſe beſitzt, nichts abgehe. Wo die uͤber⸗ muͤthigen Ungeheuer ſchreien, die geſellſchaftliche Ordnung ſei verletzt, wenn ein armer, verhungern⸗ der Teufel ein Huhn ſtiehlt, oder ein Schaf, ſeinen Hunger zu ſtillen. Wo ein gemeiner Knecht des Reichen ihn niederſchießen darf, fuͤr ein Haͤs⸗ chen, das er ſich zur Mahlzeit erkor. Nein, nein, ich will nicht mehr zuruͤck in das Land der Lockun⸗ gen und der Galgen. Ich war dort ein Moͤrder um der Tugend willen, und ich wuͤrd' es jetzt aus Hunger werden, denn dem Elenden, von Sidney⸗ 157 Cowe Heimgekehrten, wird kein Menſch mehr Vertrauen und Milde beweiſen, als dem damals freigebornen Sohn von Altengland. Ich war ein Moͤrder, weil ich mich nicht aus Verzweiflung, wie Taufende meiner ungluͤcklichen Landsleute, in die Themſe ſtuͤrzen wollte und der Gnade des Koͤnigs verdanke ich's, daß ich noch lebe. Fragt Alle die hier ſtehen, wie ich mich betragen habe, ob ich ein mordluſtiges Ungeheuer bin, vor dem ſich die menſchliche Geſellſchaft zu fuͤrchten habe. Daß dies auch Altenglands weiſe Gerichte einge⸗ ſehen haben, bewies mir einmal die Milderung der Todesſtrafe in Deportation, und jetzt die Er⸗ laubniß nach Europa zuruͤckkehren zu duͤrfen. Nein, nein, laßt mich hier, ich nuͤtze hier durch mein Beiſpiel, und wenn Alle einſt ſo denken wie ich, ſo ſchickt Eure ſogenannten guten Buͤrger her, damit ſie von ausgeſtoßenen Verbrechern fuͤr eine kraͤnkelnde Tugend eine geſunde eintauſchen.“ Waͤhrend der alte Moͤrder ſo ſprach, deſſen Haͤnde einſt von dem Blute eines reichen Buͤrgers der City gefaͤrbt waren, der ihn— den Armen— zu ſchaͤndlichen Luͤſten zwingen wollte, war auch Ebbi hinausgetreten in den Hof, und da ſie von Begnadigungen hoͤrte, hatte ſie erwartungsvoll der Vorleſung der Namen zugehorcht. Der Gouver⸗ neur betrachtete ſie mit Wohlgefallen, und erkun⸗ 158 digte ſich bei ihrem Vater nach dem ſchoͤnen Maͤd⸗ chen. Die meiſten Namen waren nun verleſen worden, nur einige Wenige wurden nicht genannt, und ihre Traͤger ſchlichen ſich in ſtillem Grame von des Richters Hofe. Auch Morris Namen ſtand nicht auf der Liſte. Cobi ſiel es nicht auf. „Er iſt ja kein Verbrecher,“ dachte ſie ſich,„wie kaͤme ſein reiner, unbefleckter Name unter die Zahl der Verdammten oder Begnadigten. Wir koͤnnen nach England reiſen, wenn wir wollen, und der Gouverneur, der junge, ſchoͤne Herr, der mich ſo leutſelig betrachtet, ſoll in den erſten Tagen, ohne daß es der Vater weiß, meine Bitte hoͤren. Das erſte ruͤckſegelnde Schiff nimmt uns dann auf.“ Dieſe Gedanken beſchaͤftigten Ebbi, aber finſt⸗ rer durchkreuzten ſie ſich in Morris altem Kopfe. Alle waren genannt worden, die Zuruͤckgerufenen, wie die auf laͤngere Zeit Verurtheilten, aber die Wenigen, die ſich nicht auf der Liſte befanden, waren auch in England nicht mehr dem Namen nach gekannt, ſie waren getilgt von den Geſchlechts⸗ regiſtern der Nation, ihre Verwandten hatten an⸗ dere Namen annehmen muͤſſen, um der Schande zu entgehen— es waren die buͤrgerlich Todten. Der Gouverneur verließ den Hof unter dem wiederholten Hurrahgeſchrei der Begnadigten, von 159 denen Einige, im frohen Rauſche ihrer bevorſtehen⸗ den Abreiſe, langgeſparte Vorraͤthe freudig herbei⸗ ſchleppten, um den Neuangekommenen ein Feſt des Empfanges zu bereiten. Der Laͤrm zog ſich bis gegen Morgen, die anfaͤnglich ſcheuen Eingebornen miſchten ſich unter die Froͤhlichen und keine Macht ließ ſich's einfallen, dieſer Freude Einhalt zu thun. 6. Pinkſon war nicht auf des Richters Hofe er⸗ ſchienen. Er wußte, daß ihn Niemand vermiſſen wuͤrde, denn ſein Name wurde in England nicht mehr genannt. Er hatte unterdeß eine fuͤr ihn ſehr intereſ⸗ ſante Bekanntſchaft gemacht. Der Zufall wollte, daß bei der Vertheilung der Ankoͤmmlinge ein Weib von dreißig Jahren ungefaͤhr ſeiner Huͤtte zugewieſen wurde. Sie hatte eine nicht unange⸗ nehme Geſichtsbildung, und einen Anſtrich des Benehmens, der von der gewoͤhnlichen Rohheit dieſer Anſiedler ſehr abſtach. Da es die Hoͤflich⸗ keit unter dieſen Leuten erheiſchte, nie nach dem Verbrechen zu fragen, welches die Urſache der neuen Bekanntſchaft unter dem fremden Himmels⸗ ſtriche geworden war, und Pinkſon, um einen guͤnſtigen Eindruck auf ſeinen Gaſt zu machen, 160 nicht dagegen fehlen wollte, ſo ſuchte er bei den Andern einige Auskunft zu erhalten. Man wußte ihm zu ſagen, daß es eine beruͤchtigte Gift⸗, miſcherin ſei, die London durch mehrere Jahre in Angſt und Schrecken verſetzt hatte. Pinkſon pries ſein Geſchick. Waͤhrend Alles im Hofe des Rich⸗ ters verſammelt war, ſaß er bei dem Weibe. Speiſ' und Trank ſo gut ſie auf Ulimaroa anzu⸗ treffen waren, ſogar ſaftiges Schweinefleiſch, ein in damaliger Zeit koſtbarer Leckerbiſſen, hatte er ſich zu verſchaffen gewußt, und eine Flaſche alten Portweines, den ihm einſt ein befreundeter Capi⸗ taͤn zuruͤckgelaſſen hatte, und den er immer zu einer feſtlichen Gelegenheit aufgeſpart, mußte her⸗ bei, um mit einem berauſchenden Indianer⸗Tranke vermiſcht, die Stimmung von Wirth und Gaſt zu ſteigern. Das Weib war geſpraͤchig und ließ ſich nicht lange um die Mittheilung ihrer Schickſale bitten. Sie hatte einen beruͤchtigten Kerl zum Manne gehabt, der bei der Matroſenpreſſe gebraucht wor⸗ den war, und in einem blutigen Handel ſein Ende gefunden hatte. Sie trieb zuerſt Geldgier zu einer Vergiftung und da ſie dabei ſo leicht keine Gefahr fuͤr ſich ſah, ſo mordete ſie fort, ſo wie ſich Gelegenheit dazu darbot. Zu einem Morde mit dem Stahl wuͤrde ſie ſich nie verſtehen 4 161 koͤnnen, ſagte ſie, ſie habe einen Abſcheu vor Blut. Kein Huhn koͤnne ſie ſchlachten. Jetzt da ihr das Handwerk wohl fuͤr immer gelegt ſei, wolle ſie auch nicht leben. Es waͤre ihr Recht geweſen, wenn man ihr das Leben genommen haͤtte, aber die Richter erkennen keinem Weibe die Todesſtrafe zu, um die Colonie zu bevoͤlkern.„Nun,“ ſetzte ſie lachend hinzu,„will ich einmal ſehen, wer ſich um mich bewirbt. In England war ich namen⸗ los, hier aber gelte ich vielleicht etwas, denn ich bin die Tochter eines angeſehenen Buͤrgers, der ſeit Jahren ſchon hier iſt und dem ich ganz mein jetziges Loos zu verdanken habe. Waͤhrend er mich im Wohlſtande und Ueberfluſſe ins Leben rief, zur Faulheit und zum Schlemmen erzog, uͤber⸗ haͤufte er mich in meiner erſten Jugend mit einem ſolchen Maße von Schande, daß mich die Men⸗ ſchen aus ihrer Mitte verſtießen und mir die ein⸗ zige Wohlthat, die gerechte Strafe wurde, nicht mehr den Namen meines Vaters tragen zu duͤrfen.“ „Die Tochter eines auf Lebenszeit Verbann⸗ ten alſo?“ fiel ihr Pinkſon heftig in die Rede. „Die Tochter des Goldſchmiedes Morris, des Falſchmuͤnzers—“ ſagte das Weib.„Meine Mutter ſtarb im Elende, mein Bruder lief davon, ehn weiß wohin. Ich war allein, der Him⸗ mel hatte mir nur Schoͤnheit und Schande zu A. Crwald, Novellen. III. 11 162 Theil werden laſſen, und Jeder gebraucht ſeine Mittel; von Beiden naͤhrte ich mich.“ „Ihr ſeid Eliſa Morris?“ rief Pinkſon von freudiger Rachſucht gehoben.„Eliſa Morris, die Tochter meines Todfeindes, die Giftmiſcherin, die Schweſter meiner Geliebten, o koͤſtlicher Schatz! guͤtiger Himmel! welch koͤſtlicher Schatz! Du bleibſt bei mir. Hier wohnen Rache, Gift, verzweifelte Plane, Hoffnung, Gluͤck und eine goldene Zukunft. Wie es auch komme, nun iſt der Ausgang gut, denn er bringt ihm ſeine Vernichtung, und ſchritte ſie auch mit der meinigen— verſchwiſtert ein⸗ her!“— Der Abend war tief hereingebrochen, er ge⸗ dachte der harrenden Banalok und ſchnelle Ruͤck⸗ kehr verheißend, eilte er ſort zum Thale der Pan⸗ therhoͤhle, die uͤberraſchte Eliſa ſeltſamen Gedanken uͤberlaſſend, in deren Herzen jedoch keine Regung laut wurde, den langentbehrten, alten ungluͤcklichen Vater wieder zu ſehen. Ueber die den Weiler umgebenden Huͤgel weit weg, trugen Pinkſon die ſchnellen Fuͤße, bis zu— dem bekannten Thale, welches ringsum von kahlen Sandhoͤhen eingeſchloſſen war, und an deſſen ſuͤd⸗ lichem Ende im lockern Geſtein ſich eine Hoͤhle gebildet hatte, die der fleckigen Zierde der Muͤſte, dem goldenen Panther mit hellrother Zunge und 163 Feueraugen zur Wohnung diente. Banalok lag auf der einen Seite im Gebuͤſche und blickte wie ein Raubthier den Weg hinan, der zu den Nieder⸗ laſſungen der Europaͤer fuͤhrte; waͤhrend auf der andern der Panther, geſaͤttigt von einem aus dem Fort gelaufenen und hier erwuͤrgten Pferde, deſſen Haͤlfte noch vor der Hoͤhle lag, ruhig ſich auf dem Mooslager dehnte und ſich um die Menſchen, die nicht ſeine naͤchſte Umgebung entweiheten, wenig zu kuͤmmern ſchien.. Jetzt ſprang Banalok in die Hoͤhe, denn Pinkſon war es, der ſich dem Gebuͤſche nahete. Sie hatte das Blut von der Stirne gewaſchen, und die geſaͤuberten Haare, wie ſie es von Ebbi geſehen, in einen großen Knoten auf dem Wirbel geſchlungen. Ihre Augen funkelten und die dunkle Farbe ihrer Haut erhoͤhte den ſeltſamen Eindruck, den ihre uͤbergroße, ſchlanke Geſtalt machte. Hoch in der Hand hielt ſie einen ausgehoͤhlten kleinen Kuͤrbis, der die graͤßliche Miſchung enthielt, die * ſie nach Landesſitte bereitet hatte und mit denſelben ippen, denen das Gift entfloſſen war, kuͤßte ſie den Verraͤther Pinkſon, der nach kurzem Verweilen ſie auf den morgenden Tag beſchied und mit dem Werkzeuge ſeiner teufliſchen Rache von dannen ſloh. 4 Mond ſtrahlte in Majeſtaͤt hernieder, die herrlichſten Sternbilder traten aus dem Dun⸗ 11* * 164 kelblau des Himmels hervor, der in ſeiner uner⸗ meßlichen Pracht ſich woͤlbte uͤber dieſem Europaͤer, dieſer Wilden und dem Panther der Wuͤſte!— 74* Ebbi hatte den ganzen Tag uͤber daran ge⸗ dacht, wie ſie dem neuen Gouverneur ihre Bitte vorbringen ſollte. Er wuͤrde ihren Vater, der ſich um die Colonie ſo große Verdienſte erworben hatte, und der darum fuͤr ſie ſo noͤthig zu erhal⸗ ten war, nicht in ſein Vaterland zuruͤckkehren laſſen. So dachte ſie. Wie traurig iſt es, in einem Lande geboren zu werden, das man nicht lieben kann. Es iſt kaum zu glauben, daß ein Weſen auf der Welt lebt, bei welchem es der Fall iſt. Der aͤrmſte Winkel der Erde hat Reize fuͤr den, der dort das Licht zuerſt erblickte. Aber Ebbi kannte dies Gefuͤhl nicht.* Ihr Heimathland war das ſchoͤne Europa, von dem ſie traͤumte wie Kinder von einer Feen⸗ welt. Stand gleich hier ihre Wiege, ſo wurzelte 4 ihr Stamm dort, dem ſie als lieblichſte Bluͤthe ent⸗ keimt war. Dort hatte ſie ihre Verwandten, die ſie, die Unbekannte, unter fremdem Himmel ihnen Geſchenkte, mit offenen Armen empfangen werden, dort wird ſie Gleichgeſinnte finden, die den engen Kreis ihrer Kenntniſſe zu erweitern im Stande ſind und ein Gluͤck des Daſeins empfinden, von dem ſie hier nur ein ſchwaches Vorgefuͤhl hegen konnte. Sie wollte die Gewißheit ihres Gluͤcks nicht laͤnger verſchieben, und andern Tages den Vater nach Fort⸗Sidney begleiten, der dort Ge⸗ ſchaͤfte hatte. Bei fruͤhem Morgen erhob ſich Morris von ſeinem Lager, ordnete einige Papiere, und griff nach ſeinem Hute von Baſt und ſeinem knotigen Stabe, waͤhrend Ebbi eine Art von Sandalen um die Knoͤchel befeſtigte, wie ſie auf Neuholland getragen wurden. „Du willſt mit mir gehen,“ fragte Morris, „und das Haus allein den wilden Gaͤſten uͤber⸗ laſſen, die wir noch immer gezwungen beherbergen muͤſſen?“ „Ach, Vater, ich fuͤrchte ſie,“ erwiederte Ebbi,„laßt mich immerhin Euch begleiten. Wir legen das große engliſche Schloß vor unſere Thuͤr, . und da koͤnnen ſie uns von den Vorraͤthen nichts ſtehlen— im Hofe moͤgen ſie treiben, was ſie wollen. Sie haben Holz, um ein Feuer zu machen, wenn ſie kochen wollen, und wie mir's ſcheint, ſo hat ſich ihr Muthwille ſchon gelegt, ſeitdem ſie hienſind. Einige unter ihnen werden die Uebrigen wohl in Zucht halten koͤnnen. Sie werden ſich 166 damit begnuͤgen, klares Waſſer aus unſerm Brun⸗ nen zu ſchoͤpfen, um ſich zu laben, denn mit dem Rum iſt es ohnedies vorbei, der floß nur am erſten Abende.“ „Und wenn uns die Boͤſewichte den Brunnen verſchuͤtten, der ſie traͤnkte?“ ſagte der Vater be⸗ ſorgt.„Doch komme nur, mein Kind, ich will Dich auch lieber mitnehmen, denn ich habe viel im Fort zu ſchaffen, und kann erſt ſpaͤt wieder heimkehren.“ Damit machte er ſich daran, das Vorlege⸗ ſchloß anzulegen, und Ebbi ging voraus, dem Fort zu, von gefluͤgelter Hoffnung getragen. Waͤhrend Morris dort bei den verſchiedenen Beamten ſeine Geſchaͤfte beſorgte, hatte ſich Ebbi, der Wohnung des Gouverneurs gegenuͤber, auf einen Stein geſetzt, und in einem fort nach ſeinem Fenſter geſehen, ob ſie ihn nicht darin erblicken wuͤrde. Sir Lawrence ward bald, ſeine Cigarre im Munde, ſichtbar, ein Fernglas in der Hand, und hatte kaum das Maͤdchen auf dem Steine bemerkt, als er im feinen, unmilitaͤriſchen Morgen⸗ anzuge herabkam, um eine, im Fluge, bei der erſten Viſitation der Colonie, gemachte Bekannt⸗ ſchaft, zu ſeiner Unterhaltung weiter auszuſpinnen. Ebbi ſprang ſchnell auf, wie ſie den Gou⸗ verneur auf ſich zukommen ſah, und ſtand ihm *⁴ 167 verlegen gegenuͤber. Nie hatte ein Mann dieſen Eindruck auf ſie gemacht. Er war ſchoͤn gewachſen und die feine, wenn gleich nachlaͤſſige Kleidung, ſo wie die feſte militaͤriſche Haltung erhoͤhten die⸗ ſen Reiz. Das arme Maͤdchen ſtand vor ihm, in ſeiner wunderbaren Schoͤnheit ſtrahlend, wodurch ſie eine Herrſchaft uͤber jedes Maͤnnerherz unbewußt aus⸗ uͤbte, und wuͤrde es kaum gewagt haben, den Europaͤer anzureden, wenn ſie nicht ein inneres Gefuͤhl dazu geſtaͤrkt haͤtte, das ihr ſagte:„Du biſt ja unſchuldig und frei, und Dein Vater iſt es auch. Es iſt nicht das Verhaͤltniß der Andern, worin Du zum Gouverneur ſtehſt, Dein Vater iſt koͤniglicher Beamter, wie er, nur ihm unter⸗ geordnet.“ Sir Lawrence aber ſah dies Alles nicht aus ihrem Geſichtspunkte an. „Du erwarteſt Deinen Vater hier?“ rief er ihr entgegen, als er noch mehrere Schritte von ihr entfernt war. „Ach ja, ich habe ihn hierher begleitet,“ ant⸗ wortete die ſchuͤchterne Ebbi,„weil ich mich zu Hauſe mit den rohen Europaͤern allein zu ſein fuͤrchte.“ „Ja wohl ſind es boͤſe Leute,“ ſagte Sir Lawrence.„Du biſt hier geboren?“ fuͤgte er freundlich hinzu. 168 Ebbi bejahete es. „Und wollteſt Du nicht einmal England ſehen?“ fragte Sir Lawrence weiter. Mit dieſer Frage war der armen Ebbi die Schleuſe der Rede aufgezogen worden, die ſich nun mit holder Gelaͤufigkeit uͤber ihre Lippen er⸗ goß. Sie theilte dem Gouverneur Alles mit, was ſie in dieſer Hinſicht auf dem Herzen trug. Dieſer vertiefte ſich immer mehr in das Anſchauen ihrer gefaͤlligen Zuͤge, ihrer ungeſchmuͤckten Grazie, ihrer unbefangenen Unſchuld, der lieblichen Miſchung der wilden Natuͤrlichkeit der Eingebornen mit der angebornen Sanftheit der Europaͤerinnen. Er hatte noch keine Antwort fuͤr ſie, als ſie⸗ ſchon lange geendet hatte. „Du willſt alſo nach Europa—“ ſagte er endlich nach einer Weile.„Ja, mein Kind, dazu kann Rath werden. Doch mußt Du Dich vorerſt mit unſern Sitten und Gebraͤuchen vertrauter machen, um Dein Geburtsland unter uns nicht zu ſehr zu verrathen, was Dir nicht zur Empfeh⸗ lung gereichen wuͤrde.“ Gekraͤukt ſiel ihm Ebbi in die Rede: „Wir ſind ja unſchuldig hier, und mein Vater—“ „Laſſe das gut ſein, Kleine,“ nahm der Gouverneur ſchnell das Wort.„Die Fortuna 169 geht Morgen unter Segel, und das wuͤrde ſelbſt fuͤr Deine heißeſte Sehnſucht, dieſem Lande zu entfliehen, zu ſchnell kommen. Doch ein Wort von mir und der Capitain muß ſeine Abreiſe noch aufſchieben. Es kann lange waͤhren bis hier wie⸗ der ein Schiff aus Europa landet, und die Mit⸗ theilungen, die ich uͤber die Colonie zu machen habe, ſind zu wichtig, als daß der Capitaͤn der Fortuna ohne ſie abſegeln koͤnnte. Ich verzoͤgre ſie um ein paar Tage, und dann kann er Dich nach England mitnehmen. Du ſiehſt, daß ich Alles fuͤr Dich thun will, und ich rechne auf Deine Dankbarkeit. Morgen erwarte ich Dich allein im Fort, um das Uebrige mit Dir zu ver⸗ abreden.“ „Und mein Vater?“ fragte Ebbi beſremdet, „wird es nicht beſſer ſein, wenn er ſelbſt uͤber Alles Ruͤckſprache nimmt?“ „Deinem Vater ſprich noch nicht davon,“ ſagte der Gouverneur,„es wuͤrde ihn zu ſehr er⸗ ſchuͤttern. Morgen erwarte ich Dich allein im Fort, um dort ohne Zeugen mit Dir zu ſprechen.“ Bei dieſen Worten nickte er ihr freundlich zu und verließ ſie. „Erſchuͤttern? den Vater erſchuͤttern?“ ſagte Ebbi zu ſich ſelbſt,„er kennt den Vater nicht und glaubt, daß er ungern die Colonie verlaſſe. 170 Aber ſagen will ich ihm noch nichts davon, um ihn mit der Kunde deſto mehr zu uͤberraſchen, wenn alle Hinderniſſe beſeitigt ſein werden.— Nur in der ſchnellen Abreiſe der Fortuna glaubte ſie ein Hinderniß zu ſehen, und ſie freute ſich mit der ſichern Ausſicht, nach England zu kommen, pries ſich gluͤcklich, in dem jetzigen Gou⸗ verneur einen ſo gefaͤlligen Freund gefunden, zu haben, und wollte gern die Ankunft eines, Trans⸗ portſchiffes auf der Inſel abwarten. Nachdem Morris ſeine Geſchaͤfte abgemacht hatte, und nach Hauſe ſeine Schritte lenkte, lief Ebbi munterer, als am Morgen neben ihm her, und ſchaute nach dem Fnſtern Vater, laͤchelnd und mit leuchtenden Anzen. 8. Welche Veraͤnderung bringen die wunderbaren Klimate der Tropenlaͤnder auf alle Weſen des Erdballs, ſelbſt auf die Elemente, hervor; das Aeußere nimmt andere Geſtalten und Formen an, und auch das Innere, die Seele, veraͤndert die Art und wird der Spiegel, der Nachklang der ſie umgebenden neuen Welt. Das Meer, das mit ſeinen gruͤnen Wellen die grauen Fiſche deckt, leuchtet hier wie ein Hoͤl⸗ lenpfuhl in gluthiger Pracht uͤber zahlloſen Mollusken, 171 die ſelbſt kalt und truͤb, dennoch dem Meere jenen Glanz verleihen; von unterirdiſchem Feuer gehoben, ſteigt die Erde empor auf die Oberflaͤche des Meeres, und ſie bebt und pulſirt dieſe Welt im Entſtehen. Bewohner ſendet ihr das uͤbervoͤlkerte Aſien, das ſuͤdliche Afrika, Menſchen und Thiere und ſie zerſtreuen ſich auf dieſe oͤden Eilande und pflanzen ſich fort und werden wunderbar wie ſie. Der treue Hund, der bellende Waͤchter des Hauſes, ſchweift hier wild und tonlos, ein un⸗ heimliches Thier in den Felſen umher; das fleckige Opoſſum, der fabelhafte Hirſcheber und der Meer⸗ elephant, ſeltſame Vermiſchungen der Gattungen, bevoͤlkern dieſe Wildniſſe der Erde und der Ge⸗ waͤſſer. Und dazwiſchen lebt der Menſch, arme Sprachen lallend, aͤhnlich dem erſten Sprechen der Kinder. Aber roh und wild in ſeinen Be⸗ gierden und reich an allen Mitteln, ſie zu befrie⸗ digen, wenn ihm gleich Worte fehlen, ſie zu bezeichnen. So wird der phlegmatiſche Englaͤnder zum Wuͤtherich, unter dem Einfluſſe dieſes Himmels⸗ ſtrichs und in dem Gefuͤhle ſeiner Macht, der zu Hauſe ein ungefaͤhrlicher Dandy, den Schoͤnen ſeiner Heimath die Koͤpfe verdreht und hoͤchſtens einen Renner zu Tode gejagt haͤtte. Aber hier praͤgen ſich die Triebe der Mordluſt und der eiſer⸗ 172 nen Beharrlichkeit, welche in dem Gemuͤthe der kalten Nordſeeinſulaner ſchlummern, mit ganzer Macht aus. Der ſtarre Egoismus, die Luſt an Parforcehetzen und Hahnenkaͤmpfen, der raͤthſel⸗ hafte Spleen, alle dieſe Eigenſchaften eines eng⸗ liſchen Gemuͤthes werden furchtbar unter dem Stich der Tropenſonne, wenn ſie ausgeruͤſtet ſind mit der Macht eines Nabobs, oder der willkuͤrlichen Gewalt eines Colonial⸗Gouverneurs. Der natuͤr⸗ lich maͤßige Orientale, der traͤge Chineſe, der wolluͤſtige Malaye, was ſind ſie in ihrer Grau⸗ ſamkeit, ihrer rohen Sinnlichkeit, ihrem despoti⸗ ſchen Muthwillen, gegen den verfeinerten, unna⸗ tuͤrlichen Europaͤer, der ſich in ihre Umgebungen verſetzt ſieht. Ebbi ſchuͤtzte andern Tages ein Geſchaͤft außer dem Hauſe vor, und ging ſorglos und heiter auf das Fort zu. Ein alter Matroſe, des Gouver⸗ neurs treuer Diener, fuͤhrte ſie ins Haus, das etwas beſſer gezimmert war als das ihrige, und nur wenig von den Bequemlichkeiten eines euro⸗ paͤiſchen enthielt. In einem Zimmer des Erd⸗ geſchoſſes empfing ſie Sir Lawrence auf einem Ruhebette liegend, das mit einem Teppich bedeckt war, und uͤber welchem ein paar herrliche Sack⸗ piſtolen hingen. Ebbi blieb in einiger Entfernung, ſtumm und verlegen ſtehen, und wartete ab, was 173 ihr der Beſchuͤtzer zu ſagen haben wuͤrde. Dieſer blieb ihr aber ebenfalls ſtumm gegenuͤber und be— gnuͤgte ſich damit, ihr anmuthiges Bild mit feu⸗ rigen Blicken zu betrachten. „Du haſt wahrlich Unrecht,“ fing er nach einer langen Pauſe an, waͤhrend welcher die Ver⸗ legenheit des ſchoͤnen Maͤdchens den hoͤchſten Grad erreicht hatte,„Fort Sidney verlaſſen zu wollen, um Dich allein in Europa in unbekannte Gefah⸗ ren zu ſtuͤrzen. Iſt Dir's unlieb in dem Hauſe Deines Vaters zu verweilen, ſo komme in mein Haus, wo Dich nichts daran erinnern ſoll, daß Du die Tochter eines Verbannten biſt. Und iſt es nach einem Jahre noch Dein Wunſch, dies Land zu verlaſſen, ſo kannſt Du mir folgen, und ich werde nie vergeſſen, daß Du mir die Lange⸗ weile hier verſuͤßt haſt.“ Bei dieſen Worten ſtand er auf, umfaßte ihren Leib und zog mit ſanfter Gewalt die ſich Straͤubende auf ſein Ruhebett. „Nun Ebbi?“ fuhr er fort.„ Kannſt Du Dir ein herrlicheres Loos denken, als das, welches ich Dir anblete? Ich bin hier Herr, die Macht des Koͤnigs von England iſt groß, und er⸗ hat mich damit ausgeruͤſtet, um ſie in einem Welttheil zu uͤben, wohin ſein Arm nicht reichen kann. Biſt Du mir gefaͤllig, ſo ſollſt Du gluͤcklich ſein, 174 wie keine Deiner Schweſtern in Europa, und an meiner Seite ſollſt Du dort einſt erſcheinen und fuͤr eine Lady gelten; laͤdeſt Du aber meinen Zorn auf Dein Haupt, ſo kann ich Dich hier verderben und nie ſollſt Du das praͤchtige London ſehen und das herrliche Eiland, wo die Herren der Welt wohnen.“ Ebbi blickte ihn fragend an, ſie verſtand nur halb den Sinn ſeiner Worte. Sie vernahm wohl die Verheißung, in Jahresfriſt dem Gouverneur nach England folgen zu duͤrfen, aber ſie hoͤrte zu⸗ gleich, daß ſie ihm gefaͤllig ſein ſolle, dienſtbar als Magd wuͤrde ſie ſich's erklaͤrt haben, wenn nicht die ganze Art des Empfangs, das Neben⸗ einanderſitzen, Hand in Hand, und die aufmerk⸗ ſamen Blicke des Gouverneurs, ihr jenen Wahn wieder geraubt haͤtten. Und dann glaubte er doch auch, daß Vater Morris ein Verbannter ſei und ihnen nicht nach England folgen duͤrfe, dies mußte ſie ihrem neuen Freunde gleich benehmen. „Mein edler Herr,“ ſprach ſie beſcheiden, „ich fuͤhle wohl, wie guͤtig Ihr gegen mich ſeid, und will gern Euch in Allem gefaͤllig ſein—“ Da ließ ſie der junge Britte nicht ausſprechen, und in gluͤhendſter Liebeswuth warf er ſich auf ſie und bedeckte ihren Mund, Hals und Buſen mit brennenden Kuͤſſen. Das nach Landesſitte 175 halbnackte Maͤdchen wand ſich ſchreiend in ſeinen ſtarken Armen, und er rief immer dazwiſchen: „ich nehme Dich mit nach England— nicht leben kann ich ohne Dich— Du ſollſt die ſtolzeſte Lady beſchaͤmen!—“ Mit der jenen Naturmenſchen eigenen Ge⸗ lenkigkeit und Kraft gelang es endlich der geaͤng⸗ ſtigten Ebbi, die eines ſolchen Ausbruchs ſich nicht verſehen hatte, ihm zu entkommen, und die Thuͤr des Zimmers zu erreichen, und ſchon wollte ſie die Klinke ergreifen, als ſie aufgeriſſen wurde und ein junger Menſch, ſchoͤn wie der pythiſche Sieger, herein und auf den Gouverneur zutrat. „Ich koͤnnte mich damit begnuͤgen,“ ſagte er kalt,„dieſe Scene geſtoͤrt zu haben, wenn wir im Vaterlande waͤren. Aber hier muß ich weiter gehen, um dies unſchuldige Maͤdchen Deinen Klauen zu entziehen.“ In dem bleichen Geſichte und der laͤchelnden Miene des Gouverneurs malte ſich eine Verlegen⸗ heit, die vergebeus ſich hinter Hohn zu verbergen ſtrebte. „Dies Maͤdchen, mein Herr!“ fuhr Jener fort,„glaubten Sie ganz ſchutzlos, und ſich waͤhn⸗ ten Sie allmnaͤchtig, darum wagten Sie dieſen ſchaͤndlichen Angriff. Aber der Himmel gibt oft⸗ mals der verfolgten Unſchuld einen Schutzengel, der 176 ſie umgibt. Wenn Sie in ihrem modernen Un⸗ glauben dieſe Meinung auch laͤcherlich finden, ſo moͤgen Sie mindeſtens mich fuͤr einen Vertreter derſelben halten, den ein Zufall hierher fuͤhrte. Forſchen Sie nach meinem Rechte— ſo diene Ihnen zur Antwort— daß das, was ich ſah und hoͤrte, mir ein vollkommenes dazu gibt— erzeigen Sie mir daher die Ehre, ſich mit mir zu ſchießen!— Mit dem Stolze eines brittiſchen Ariſtokraten und der veraͤchtlichen Miene eines geſchliffenen Weltmannes nahm der Gouverneur dieſe Herans⸗ forderung auf. „Die Geſetze der Ehre ſind hier nicht ver⸗ letzt,“ ſprach er kalt.„Die Tochter von Sidney⸗ Cowe, und ihr feuriger Vertreter oder Schutzengel, wie Sie wollen, werden mir nicht dergleichen vor⸗ ſchreiben koͤnnen.“ „Und doch— weeil ich's will!“ rief der Juͤngling in geſteigertem Zorne. „Wir ſind hier nicht in Europa, wo Edel⸗ leute um einer Taͤnzerin willen ſich das Lebens⸗ licht ausblaſen. Hier an der Botany-Bay laͤßt der Gouverneur der eoͤniglich großbritanniſchen Colonie ſich von keinem Studenten von Oxford in ſeinen Unterhaltungen ſtoͤren, und wenn ihn ſelbſt der erſte Herzog des Reichs als ein verlor⸗ nes Kind auf der Landſtraße gefunden haͤtte.“ 177 Dabei wandte er ſich ſtolz von ſeinem Geg⸗ ner und ging dem Hintergrunde des Zimmers zu, indem er der zitternden Ebbi zurief:„ſie möͤge andern Tages wiederkommen.“ Aber im Nu war der junge Unbekannte zu dem Ruhebette hingeſprungen und hatte mit ſicherm Griffe beide Piſtolen vom Nagel genom⸗ men, von denen er muthmaßen konnte, daß ſie geladen waren. Mit wunderbarer Schnelle war alles Blut, das ſo eben noch ſeine Wangen gluͤhend faͤrbte, aus ſeinem Geſichte verſchwunden und hatte eine Todesblaͤſſe ſich daruͤber verbreiten laſſen. Der Gedanke, daß er einen Augenblick nachher ein Moͤrder ſein koͤnne, brachte dieſe gewaltige Ver⸗ wandlung in ihm hervor. „Nun denn,“ ſprach er dumpf und bebend, „da Du denn ſelbſt mich ein verlornes Kind nennſt, ſo magſt Du wiſſen, daß ich in dieſem Augenblicke meinen Vater wiedergefunden habe. Dieſem Momente, dem ich alle Freuden meines Lebens bis jetzt geopfert habe, dankeſt Du, daß ich Dich nicht todt niederſtrecke. Aber eben des⸗ halb hoffe ich, daß Du nichts gegen mich unter⸗ nehmen werdeſt. Du wirſt meinen Edelmuth zu vergelten wiſſen. Erfahre denn, Ebbi iſt meine Schweſter, und ich eile mit ihr in die Arme des langbeweinten Vaters.“ A. Lewald, Novellen. III. 12 178 Der Gouverneur hatte ſchnell das Zimmer verlaſſen; Ebbi ſtand da wie im Traume, und wußte ſelbſt nicht, wie ſie hinabgekommen war aus dem Fort, und nun an der Seite eines ſchoͤ⸗ nen, fremden Mannes der vaͤterlichen Wohnung zueilte. Der alte Morris ſah beſorgt hinaus auf den Weg und war nicht wenig uͤberraſcht, ſeine Toch⸗ ter in der befremdenden Geſellſchaft, wie vom Winde getragen, auf ſich zueilen zu ſehen. Bald ſtanden Beide vor ihm. Lange betrachteten ſich der alte Verbannte und der fremde Juͤngling. Die Stimme der Natur ſpricht immer zum Ge⸗ muͤthe des Menſchen, doch unverſtanden im Ge⸗ wuͤhle und in den Zerſtreuungen des uns taͤglich umgebenden Lebens; in der Einſamkeit und auf der Hoͤhe des Ungluͤcks, wo der Menſch horcht auf jeden leiſen Ton der Hoffnung, wird ſie ihm verſtaͤndlich und heilt das zerriſſene Herz. „Dies iſt kein Fremder!“ toͤnte es in Morris, des Falſchmuͤnzers, Innerm,„der Beſuch bringt Dir Gluͤck,“ bebte es wie Glockenklang durch die zitternde Bruſt. Kein gewoͤhnliches Wort des Willkomm's kam aus ſeinem Munde, er harrte aufmerkſam, wie ſich die Verheißung ſeiner Ah⸗ nung aufklaͤren wuͤrde. Der Juͤngling ſtand mit wonniger Rährung in den Zuͤgen dem Alten gegen⸗ 179 uͤber. Endlich ſtuͤrzte er lautſchluchzend zu ſeinen Fuͤßen, ergriff ſeine Hand und rief:„und ich kann nichts thun, mit allen Guͤtern der Erde, ihn zum Leben und zum Gluͤcke zu fuͤhren!“ „Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn!“ ſchrie der Alte in verzweiflungsvoller Ohnmacht und ſank entſeelt auf die harte Erde, woran ihn eine unſichtbare Feſſel geſchmiedet hatte. Nach einer Pauſe erholte er ſich wieder und erblickte ſich an ſeinem Herde zwiſchen dem Sohne des Vaterlandes und der Tochter der Ver⸗ bannung. Nach des Vaters Einſchiffung irrten die Mut⸗ ter und beide Kinder im Elende umher. Bald trennte ſie Noth und Kummer. Die Mutter ſtarb; die Kinder bettelten im Lande. Wo die Schweſter geblieben war, konnte Jonathan nicht berichten. Alle Verſuche, eine Spur von ihr zu entdecken, waren fruchtlos geblieben, weit ſie keinen Familiennamen mehr hatten und die namenloſe Bettlerin lange unter fremden Leuten verſchollen war. Dem ſchoͤnen Knaben ward ein ſeltenes Gluͤck zu Theil. Der Viscount von Dunbal, von altem Geſchlechte und kinderlos, traf ihn zufaͤllig, nahm ſich ſeiner an und ſorgte fuͤr ihn. Er ließ ihn in Oxford ſeine Studien machen und gab ihm ſeinen Namen und ſein Vermoͤgen, als er ſich 12* 4 180 von den gluͤcklichen Anlagen des jungen Menſchen uͤberzeugt hatte. Die einzige Bedingung, die er ihm machte, war die, bei ſeinen Lebenszeiten nie ſeines Vaters Erwaͤhnung zu thun und nur ihn ganz als ſolchen zu betrachten. Es war in der That nicht zu viel verlangt und das dankbare Ge⸗ muͤth des Adoptivſohnes uͤbertrug ihm alle Liebe, deſſen ſein Herz faͤhig war. Aber gleich einem finſtern Schatten verfolgte ihn die Nebelgeſtalt ſeines rechten Vaters. Wachend und traͤumend ſah er ihn vor ſich in undeutlichen Umriſſen, von Gram abgezehrt und erliegend unter der Laſt ſchwerer Arbeit in dem fremden Lande. Er—. der Sohn eines zum Tode verurtheilten Ver⸗ brechers— in Glanz und Ehren gewiegt, er konnte nicht froh werden ſeines Lebens und fluchte ſeinem Daſein. Er zurnte dem Himmel, der an ihm das Unrecht gut machen wollte, das er und die Menſchen an ſeinem armen Vater, veruͤbt hatten. Er hatte die Geſetze ſeines Landes ſtudirt und ſein Herz empoͤrte ſich bei ihrer kalten Grau⸗ ſamkeit. Das Geſetz ſoll keiner Deutung unter⸗ liegen und mit der groͤßten Beſtimmtheit ſprechen, darum ſollten aber auch die Geſetzgeber vor Allem Menſchen ſein, die ſich ſelbſt kennen und mild denken von Irrthuͤmern und Vergehungen. So verging ihm ſchnell die erſte Ingend in freudloſem 181 Glanze, die Kindheit hatte ihm nur Elend ge⸗ ſpendet, doch war er bewußtlos und roh, gleich einem jungen Thier daruͤber hinweggekommen. Endlich ſtarb ſein Wohlthaͤter. Mit dem Antritte des Erbes befriedigte er den lang gehegten Wunſch, nach dem fernen Auſtralien zu ſchiffen. Mit dem neuen Gouverneur, der in ihm nur den britiſchen Sonderling ſah, war er durch Magelhans Straße gezogen, und an der Suͤdoſtkuͤſte von Reuholland ans Land geſtiegen. Hier fand er ſeinen Vater und fuͤr die verlorne, unbetrauerte, eine ihm fremde, in dieſer Zone geborne Schweſter. Sein Vater hatte keinen Namen mehr in England, er wollte ihm jetzt den ſeinigen geben. Der Viscount von Dunbal wog den Namen Morris wohl hin⸗ laͤnglich auf. Er wollte ihn nur erſt wieder ſehen und in England ſeine Befreiung erwirken, es koſte was es wolle. Dann aber nicht mehr mit ihm zuruͤckkehren in das Land ſchmerzlicher Erinnerun⸗ gen, ſondern unter einem midan Himhaldſtiche ſeinen Wohnſitz aufſchlagen. 5 Alles dies theilte er dem entzuͤckten Greiſe mit, der nur baͤnglich ſein Herz der Freude oͤffnete, und immer nicht glauben konnte, daß er denn wirklich am Ende ſeiner Tage noch gluͤcklich werden ſollte. Ebbi weinte ſtill und hoͤrte zu. Mit der Kenntniß ihres ganzen Ungluͤcks kam ihr auch der 182 Troſt einer gluͤcklichen Zukunft. Sie ſah ſich ge⸗ rettet und reich mit einem Male. Nur vom Gou⸗ verneur beſorgte ſie eine Zerſtoͤrung all ihrer Hoff⸗ nungen, aber ihr Bruder druͤckte ihr feſt die Hand, und vor ſeinem Ernſte und ſeiner Ruhe ſchwanden die truͤben Vorſtellungen und ſie uͤberließ ſich dem Glauben, daß der Himmel, der ſie durch Noth und Elend zu dieſem Gluͤcke gefuͤhrt hatte, nicht ſein ſchoͤness Werk durch Menſchenbosheit werde zertruͤmmern laſſen. 9. Waͤhrend der Abendhimmel wieder einmal ſich. mit allen ſeinen Kron⸗Juwelen geſchmuͤckt hatte und wie ein Fuͤrſt der Ruhe und des Friedens, auf einem Throne goldener Wolken einherſchwamm, keimte die ſchwarze Nacht des Verbrechens auf einer andern Seite ſchauerlich ſtill hervor, um ſich bald im wilden Orcane verderblich zu entladen. Es war am ſpaͤten Abend. Pinkſon ſaß neben ſeinem Gaſt in ſeiner Huͤtte und horchte ſeiner Worte. Eine dunkelrothe Gluth zehrte an dem Holzklotze, der unter dem Rauchfange glimmte, und der Ueberreſt der Abendmahlzeit ſchmorte auf dem Feuer, unbeachtet von den Sprechenden. Pinkſon genoß die Freude eines Indianers, der eine Schlange durch Biſſe, die er in irgend einen 183 Gegenſtand thun laͤßt, ihres Giftes beraubt hat, und nun mit ihr ſorglos ſpielen kann. Da liegt das herrliche, bunte Ungeheuer, ſich ergoͤtzend in uͤppigſchoͤnen Windungen, bald zum Knaͤuel ge⸗ ballt, dann emporgeſchnellt mit Rieſenkraft, den Rachen auſſperrend und die toͤdtlichen Waffen zeigend— und der Indianer zieht der Schlange die giftloſen Zaͤhne aus, um ſie ſich als Spiel⸗ zeug zu kirren, und die Ohnmaͤchtige ziſcht ver⸗ gebens, das Gift, das ſie ſo furchtbar machte, kann ſie nicht mehr in das Blut des Verwundeten gießen.—— Eliſa vertraute ihm Alles. Sie hatte mehr als den Tod verdient, ſo viele Graͤuel waren durch ſie veruͤbt worden. Aber der Geſchicklichkeit ihres Vertheidigers, ſo wie der Unbekanntſchaft der Richter mit allen ihren Verbrechen, dankte ſie die Milderung der Todesſtrafe. Pinkſon erhitzte dieſe Unterhaltung und ſteigerte den Wahnſinn, der ſich ſchon laͤngſt in dem Hirne dieſes Verbrechers gebildet hatte. „Ich wollte,“ ſagte er,„daß Dein Vater, der alte Morris, kluͤger geweſen waͤre, ich wollte es zu ſeinem Heile, denn ich meinte es gut mit ihm. Haͤtte er mich nicht ſo ſchnoͤde abgewieſen, ſo koͤnnte er leben bleiben, nun muß er mit Allen hinunter.“ 184 „Hinunter?“ ſchrie Eliſa.„Mit Allen hin⸗ unter? Was haſt Du erſonnen? Halte damit nicht zuruͤck!“ „Es iſt kein Mittel, dieſem Eilande zu ent⸗ kommen,“ ſprach Pinkſon,„wenn man nicht zu einem gewaltigen zu greifen den Muth beſitzt. Alle Verſuche, dem ſchaͤndlichen Drucke, womit unſere Verfolger uns hier noch plagen, ſich zu entziehen, ſcheiterten. Einige von uns, die ſich in das Innere wagten, und ſo zu entkommen trach⸗ teten, wurden entweder von den wilden Thieren oder den Einwohnern gefreſſen. Die See bildet ein nicht zu uͤberſchreitendes Bollwerk, und es iſt mir ein unertraͤglicher Gedanke, unter dieſem Ge⸗ ſindel hier im Elend zu verſchmachten, von der heulenden See und den Bewohnern der Wildniß rings eingeſchloſſen. Glaube mir, es gibt keine ſchrecklichere Sclaverei als dieſe. Ein Todesſtreich iſt Gluͤck, ein Kerker in Europa, und waͤr' es der oͤdeſte, iſt Wonne. Jener hebt uns weg in einem Nu aus dem Thal des Elends. Es muß ein Schmerz ſein, nicht ſo ſtark wie das Ausreißen eines Zahnes. Der oͤdeſte Kerker in Europa hat eine Pforte, und ſei ſie auch noch ſo klein, durch welche die Hoffnung blickt, wenn der Kerkermeiſter ſie oͤffnet, um das Hungermahl hereinzuſchieben. Durch dieſe Pforte kann dereinſt die Befreiung hereinſchreiten, und der Gefangene naͤhrt dieſen Glauben und haͤlt feſt daran. Aber hier iſt alle Hoffnung geſtorben. Von hier aus ruft uns kein engliſcher Steuermann an Bord mehr, nur der finſtre Schiffer erſcheint dem Hoffnungsloſen, und fuͤhrt ihn hinuͤber— zu welchen neuen Qua— len?——“ Pinkſon verſtummte; Eliſa blickte ihn groß an. Sie hatte eine ganz andere Mittheilung er⸗ wartet. Das gewaltige Mittel wollte ſie kennen, das man ergreifen muͤßte, um dieſem Elende zu entſliehen, ſtatt deſſen wurden ihr leere Betrach⸗ tungen aufgetiſcht, die ihr nicht zuſagten. „Und wie willſt Du denn dieſem Looſe ent⸗ rinnen? Was kann Dir frommen und allen An⸗ dern Verderben bringen?“ fragte ſie geſpannt. „Dir's jetzt zu ſagen, waͤre unklug!“ er— wiederte Pinkſon.„Ein furchtbarer Plan iſt mir gereift in ſchlafloſen Naͤchten, der bald ausgefuͤhrt werden muß. Die Abreiſe der Fortuna iſt nicht mehr fern, dann mache ich mich zum Herrn der Inſel und jedes Boot bringt mich zur Freiheit! Deine Naͤhe ſtaͤrkt mich wunderbar in meinem Vorhaben, Dich hat mir die Hoͤlle geſendet. Da⸗ fuͤr ſollſt Du aber auch mit mir fliehen— ſetzte er ſchaudernd hinzu— wenn Du mir ſchwoͤren willſt, nach dieſem großen Werke, woran Du 186 Theil haben ſollſt, keine Ratte mehr zu ver⸗ giften.— „Ha!“ rief Eliſa, von einer Ahnung durch⸗ zuckt— und ihre Haͤnde ballten ſich krampfhaft. „Sie ſollen ſterben durch Gift— Alle auf dieſer Inſel— Du willſt die Brunnen vergiften?—“ Pinkſon ſprach nichts. „Und wo haſt Du ſo viel, um dies Werk zu vollbringen?“ ſchrie ſie mit leuchtenden Augen. Pinkſon ſchwieg, er getraute ſich nicht, ihr mehr zu verrathen. Die Abreiſe der Fortuna war auf den morgenden Tag beſtimmt, und ſein Vor⸗ haben konnte morgen ausgefuͤhrt werden. Die in das Geheimniß eingeweihte Eliſa mahnte ihn, ſchnell zu ſein. Sein Vorrath an ſchnelltoͤdtendem Gifte, den er Banalok zu danken hatte, ſchien ihm hinreichend. Er hatte es an dieſem Abende verſaͤumt, ſie im Thale aufzuſuchen, dies fiel ihm jetzt erſt ein. Ploͤtzlich ſchallte ein eilender Schritt durch die Nacht; die Huͤttenbewohner horchten hoch auf und herein ſtuͤrzte Banalok, ihren gefuͤllten Kuͤrbis in der Hand und mit wuͤthender Gebehrde vor Pinkſon tretend. „Iſt das Deine Liebe?“ ſchrie die Wilde. „Laͤſſeſt mich allein mit dem Gifte, das ich Dir doch bereitet habe, wie Du befahlſt, und kommſt es nicht Dir zu holen? Ich war nahe daran, es ————— 187 auszuleeren, aber Du biſt nicht werth, daß Ba⸗ nalok um Dich ſtirbt. Eher ſtirbt dieſe, welche Du mehr liebſt als mich!—“ Bei dieſen Worten wollte ſie ſich auf Eliſa werfen, die nur mit Muͤhe ihren nach ihr ausge— ſtreckten, nervigen Armen entkam. Pinkſon rang mit der Wilden, und entriß ihr den Kuͤrbis mit dem Gifte, den er ſeitwaͤrts ſtellte. „Aber verderben will ich Dich, Du Treu⸗ loſer!“ ſchrie Banalok,„ich laufe in dieſem Augenblicke zum Gouverneur, er ſoll es wiſſen, daß Du Gift geſammelt haſt, womit Du alle Einwohner der Inſel zu toͤdten vermagſt!“ Bei dieſen Worten war ſie aufgeſprungen und hatte mit ſchnellem Satze die Thuͤr erreicht, aber Pinkſon eilte ihr nach, umfaßte ſie und ſprach ihr milde zu, um ſie zu beſaͤnftigen. Er zog ſie ſich nach auf die Matte und verſchwendete Liebkoſungen an ihr und erklaͤrte ihr den Zuſam⸗ menhang der Geſchichte, wie Eliſa zu ihm ge⸗ kommen ſei, daß neue Ankoͤmmlinge gelandet waͤren, und daß er in ihr eine Landsmaͤnnin ent⸗ deckt habe, die ihm nun vom Vaterlande viel zu erzaͤhlen wiſſe. Banalok wurde ſtill. Eliſa wollte wiſſen, was es gaͤbe, da dieſe Unterhaltung in der Landesſprache gefuͤhrt worden war. 188 „Sie will mich verrathen— ich laſſe ſie nicht mehr aus dieſer Huͤtte—“ erwiederte Pinkſon ſchnell auf Engliſch. Eliſa holte die Ueberbleibſel ihres Mahles vom Feuer und brachte Brod und einige Fruͤchte herbei. Banalok, welche nun in ihr nur eine Verbannte erblickte, und keine Eiferſucht mehr hegte, ſah ſie mitleidvoll an und hungrig wie ſie war, griff ſie nach den Nahrungsmitteln, welche ihr Eliſa reichte.— Aber als wenn der Tod an den Fingern des Ungeheuers klebte, ſo verderblich wurde der Ge⸗ nuß derſelben der ungluͤcklichen Wilden. Unter fuͤrchterlichen Schmerzen hauchte Banalok in wenigen Minuten den Geiſt aus. Pinkſon ſtand bleich daneben, keines Wortes maͤchtig. Die Vergifterin ſchaute ihr Opfer aufmerkſam an, verfolgte mit den Blicken eine jede der Kruͤmmungen und Ver⸗ zerrungen, bis die ſtarre Leiche vor ihr lag. Ein Tuch, feſt um den Mund des Opfers geſchnuͤrt, verhinderte den lauten Ausbruch des Schmerzes, der die That verrathen haben koͤnnte. „Haͤtte ich die Wirkung gekannt, ſo waͤre die Haͤlfte hinreichend geweſen,“ ſprach Eliſa mit graͤßlicher Ruhe, indem ſie den Kuͤrbis verſtopfte und ſich darauf die Haͤnde wuſch.„Jetzt, Freund,“ fuhr ſie fort,„muͤſſen wir die Leiche aus dem 189 Hauſe ſchaffen, ſie wird nichts mehr verrathen, doch hicr duͤrfen wir ſie nicht behalten. Wohin Du ſie bringſt, um unſere erſte That in Nacht zu begraben, uͤberlaſſe ich Deiner Klugheit und Landeskenntniß.“ Pinkſon ging ſtillſchweigend in die Schlaf⸗ kammer und holte einen alten dunkeln Mantel, worin er Banaloks kalte Glieder einwickelte. Dann warf er ſie uͤber die Schulter und ſtieg mit ihr hinan den Weg, den ſie kurz vorher lebensfriſch und gluͤhend gekommen war, zur Hoͤhle der Wild⸗ niß; dort enthuͤllte er ſie und legte ſie nieder zur Aetzung des Panthers, der auf ſeiner allnaͤchtlichen Jagd begriffen, im nahen Forſte heulte.— 10. Auf dem Nuͤckwege nach der Huͤtte beſchaͤf⸗ tigte Pinkſon der Gedanke ſeines Vorhabens. Er ſah ſein Geheimniß durch Zufall an ſeinen fuͤrch⸗ terlichen Gaſt verrathen, und es ſchien ihm nicht klug, laͤnger mit der Ausfuͤhrung zu ſaͤumen. Noch in dieſer Nacht ſollte das Werk vollendet werden, hierzu wollte er ſich der Mitgenoſſenſchaft Eliſa's bedienen, durch ihre Erzaͤhlungen angefeuert, durch ihre Gegenwart ermuthigt; aber dann mußte er ſich auch ihrer entledigen, um nicht ſelbſt in 190 ihrer Naͤhe einer ewigen Todesfurcht preisgegeben zu ſein. Zwei Brunnen gab es auf der Kuͤſte. Der eine in des Richters Hofe, der andere im Fort. Bis Mittag, ſo dachte er, iſt die Wirkung des Giftes allgemein. Die Fortuna geht mit fruͤ⸗ hem Morgen unter Segel. Man wird glauben, irgend eine Epidemie fange zu herrſchen an, Schre⸗ cken wird ſich aller Gemuͤther bemaͤchtigen, und Niemand wird der Sache auf den Grund kommen. In der Verwirrung wird, was nicht ſogleich ſtirbt, daran denken, dem verpeſteten Eilande zu entflie⸗ hen, ein ſolch grenzenloſes Ungluͤck wird Alles gleich machen, und Verbannte und Waͤchter, wer noch den Lebensfunken ſtark genug in ſich fuͤhlt, wird ſich den Wellen anvertrauen, und die Inſel, den Pfuhl voll Leichen und Gift verlaſſen. Noch ruhete Alles im Weiler der Verbannten als Pinkſon ſeine Huͤtte erreichte. Leiſe ſchlich er zur angelehnten Thuͤr herein, um Eliſa zu belau⸗ ſchen. Sie lag auf dem Thierfelle, das unweit des Herdes ausgebreitet zur Nachtruhe diente, der obere Theil ihres Koͤrpers war aufgerichtet, die Haͤnde zupften krampfhaft an dem Felle, der Mund war verzogen, und das Laͤcheln des Wahn⸗ ſinns ſpielte um ihn, die Augen ſtarrten aus weit⸗ 191 aufgeriſſenen Kreiſen. Sie ſchien abweſend im Geiſte, und bemerkte den Eintretenden nicht. Pinkſon ſchritt zum wohlverſchloſſenen Wand⸗ ſchranke, wo ſein Giftvorrath aufgehaͤuft ſtand, auch den letzten Kuͤrbis, den die ungluͤckliche Ba⸗ nalok ihm gebracht hatte, und der ihr ſelbſt zur Todesquelle geworden war, hatte er dort verwahrt, bevor er die Huͤtte verließ. Er trat zu Eliſa hin und ruͤttelte ſie. „Auf, auf!“ ſagte er.„Die Nacht enteilt und wir duͤrfen nicht ſaͤumen.“ Eliſa fuhr, wie aus einem Traume geweckt, auf. „Hier nimm die Haͤlfte dieſer Kuͤrbisflaſchen,“ fuhr er fort,„und folge mir zum Fort und in des Richters Hof.“ Eliſa ſtand raſch auf, ohne ein Wort zu er⸗ widern. Er bepackte ſie mit drei von den Fla⸗ ſchen, und ſie traten hinaus in die Nacht. Mit leichten Schritten gingen ſie an den Huͤtten vorbei. Kein treuer Waͤchter bellte ſie an, Alles ſchien in Frieden zu ruhen, wie in dem kleinen Gebirgs⸗ dorfe in Europa, wo der treue, fleißige Landmann, nach dem beſchwerlichen Tagewerke, ermuͤdet, mit ſeinen engen Begriffen und ſeinen kargen Wuͤn⸗ ſchen zu Bette geht, doch hier waren nicht Aller Augen geſchloſſen, und waren ſie es, ſo zogen blutige Schatten an ihrem innern Sinne voruͤber, 192 und ſie traͤumten von ſchweren Ketten, von Richt⸗ beilen und Blut, und prieſen ſich gluͤcklich, wenn ſie mit dem Morgen erwachten und ſich auf Neu⸗ holland fanden. Und an dieſen Schlaͤfern voruͤber ſchritt das alte Verbrechen, ſchaurig und rieſenhaft. Wie die Flamme, die an ausgebrannte Schlacken leckt, ſo wollte es dieſen Leben noch Verderben bereiten. Mit Gift beladen wankt es durch die Nacht, um den huͤlf⸗ und rettungslos Verbannten, im Mor⸗ gentrunke den Tod zu bringen, und der Mond leuchtete zu dieſem Gange, und der Hof des Rich⸗ ters war unbewacht, und der Brunnen ſtand da offen und von keinem Engel geſchuͤtzt, um die toͤdt⸗ liche Gabe zu empfangen. Auf den Zehen, damit der hallende Tritt auf dem Kies ſie nicht verrathe, traten ſie ein in Mor⸗ ris Gehege. Nach allen Seiten die Blicke ſen⸗ dend, und gewiß, daß Niemand ſie ſah, gingen ſie raſch auf den Brunnen zu, und ein Augen⸗ blick, ſo war die Haͤlfte der Kuͤrbiſſe geoͤffnet und hinab geworfen. Schnell flohen Beide davon und eilten dem Fort zu. 3 Noch zoͤgerte die Morgenroͤthe, dem Meeres⸗ ſchooße zu entſteigen, ein friſcher Wind kraͤuſelte die Gewaͤſſer der Bai, und die Fortuna ſchaukelte ſich am ſtarken Ankerſeile. Nichts deutete auf ihre 193. nahe Abfahrt, welche des Gouverneurs Befehl aufgeſchoben hatte. Pinkſon blieb ſtehen und ſah hinuͤber nach der Brigg, die wie ein unheilbringendes Raͤthſel vor ſeinen Blicken dalag. „Sollte ſie darum hier aufgehalten worden ſein, um dich in ſchweren Ketten an Bord zu nehmen?“ murmelte er vor ſich hin. Und eine bedruͤckende Ahnung ſtieg in ihm auf, wie ſie nur ſelten der Himmel in dies verſtockte Herz leuchten ließ. Noch ſtand er und blickte nach dem Meere, als ihn ein Ruͤtteln am Arme aus ſeinen Traͤumen erweckte.— „So komm' doch!“ ziſchte die Furie, die ihn begleitete,„oder wollen wir uns auf der That ertappen laſſen?“ Und ſie zog ihn vom Hoſe, und eilte mit ihm davon, denn ſie hatte ſich des Reſtes der Flaſchen entledigt, und ſie ruheten bereits tief unten im Brunnen. Beide langten in Pinkſon's Hütte unaufge⸗ halten an, und warfen ſich ermuͤdet auf das Lager. Der Schrank ſtand offen, der ſo lange den Hort der Hoͤlle ſorgfaͤltig verſchloſſen hatte, der war nun ausgeſaͤet, um ſchnelle Fruͤchte zu reifen. Die Verbrecher ſchloſſen die Augen, wenn gleich A. Lewald, Novellen. III. 13 „ 194 ſie nicht ſchliefen, damit ſie den Tag nicht ſaͤhen, der ſchon heraufglomm, um die Leichen der Ver⸗ gifteten zu beſcheinen. 11. Im Hofe des Richters ſtanden zwei Menſchen tief verſteckt im Schatten, und hatten ſchaudernd die That Pinkſon's mit angeſehen. Es war Canjaruht der Wilde, der noch in ſpaͤter Nacht gekommen war, Banalok zu ſuchen, und Ebbi, welche die Huͤtte verlaſſen hatte, um Linderung zu verſchaffen. So wie die Andern vom ren, kamen Beide aus ihrem Verſtecke hervor. Kein Zweifel blieb dem erfahrenen Wilden, was hier geſchehen war. Sie ttraten auf den Weg hinaus und ſahen wie Pinkſon und ſeine Gefaͤhr⸗ tin zum Fort hinabgin,. Scogleich weckten ſie den Vater. Waͤhrend dieſer ſich von Canjaruht Alles erzaͤhlen ließ, und ſich anſchickte, Verſuche mit dem Waſſer an Hun⸗ den zu machen, eilte Ebbi, von Seelenangſt getrie⸗ ben, nach dem Fort. Um den Verbrechern nicht zu begegnen, lief ſie muthig dem Hauptwege nach, wohl wiſſend, daß dieſe einen Nebenweg einſchla⸗ gen wuͤrden, wenn ſie von ihrer That zuruͤckkehrten. 195. 4 Der Tag war ſchon da, und leicht konnte Da er ſie erblickte, verzog ſich ſeine freund⸗ liche Miene zum Zuͤrnen. „Kommſt Du, fuͤr Deinen Geliebten um Gnade zu flehen?“ rief er der zu ihm Eintreten⸗ den zu.„Wiſſe, daß ihn nichts aus den Eiſen erretten kann, die er nun ſchon bis nach Europa ſchleppen muß. Die Fortuna, die noch heute ab⸗ ſegelt, nimmt ihn mit. Du, mein Kind, bleibſt hier, und wenn gleich der edle Viscount, Dein Beſchuͤtzer, der meine Piſtolen mitnahm und mir nach dem Leben trachtete, fern von hier ſein wird, ſo ſollſt Du von meinen Nachſtellungen nichts mehr zu befuͤrchten haben. Europaͤer von meinem Stande koͤnnen ſich wohl in ein Laͤrvchen wie Deines fuͤr einen Augenblick vergaffen, aber wir troͤſten uns leicht, wenn wir nicht zum Ziele kom⸗ men. Du kannſt meinen Worten trauen, wenn ich Dich jemals wieder mit meiner Liebe incom⸗ modiren will, ſo werde dieſer Trunk mir zu Gift!“ Hierbei griff er nach einem Glaſe Waſſer, das nebſt ſeinem Fruͤhſtuͤcke auf dem Tiſche da⸗ 13* * 196 ſtand, allein Ebbi, die bis jetzt uͤberraſcht und verwundert ihm zugehoͤrt hatte, ſprang jetzt mit Haſt auf ihn zu und hielt ihm den Arm.„Trinkt nicht, Sir,“ ſchrie ſie entſetzt,„dies iſt Gift!“ Der Ton, womit ſie dies ſagte, ergriff den Gouverneur auf ſeltſame Weiſe, und ein Getuͤm⸗ mel, das in dieſem Augenblicke im Hofe entſtand, und aus dem die Worte: Gift, Mord, Verrath, laut wurden, erhoͤhten dieſe Stimmung. „Folge mir, Maͤdchen!“ ſagte er ernſt und entſchloſſen, ergriff Ebbi's Hand und ging mit ihr in den Hof, nachdem er ſein Zimmer ver⸗ ſchloſſen hatte. Eine Gruppe von Wuͤthenden umſtand den Brunnen, und einige Leichen, die mit ſtarr ver⸗ renkten Gliedern dalagen, und ſo eben den letzten Athemzug verhaucht hatten. „Eine graͤßliche Verraͤtherei!— Der Brunnen iſt vergifet!— Herbei den Moͤrder!— Zerreißt ihn in Stuͤcken!“— ſo ſchallte es wild durch⸗ einander, und Ebbi's Bruder, der Viscount Dun⸗ bal, der bei ſeiner Nachhauſekunft auf Befehl des Gouverneurs in Ketten gelegt worden war, wurde herbeigeſchleppt. „Auch das hat er gethan!“ ſchrien Einige. „Er, der den Gouverneur ermorden wollte, er iſt gedungen von unſern Feinden, die das Land 197 fuͤr ſich haben wollen,“ ſchrien Andere.„Es ſind Goldminen, Goldquellen hier! Nieder mit dem Verraͤther!“— die Dritten. Unter dieſem graͤßlichen Toben war Dunbal bis vor den Gouverneur gebracht worden, der ſich bemuͤhete, die Ruhe herzuſtellen; aber Ebbi, wie ſie den Bruder bedroht ſah, warf ſich mit einem Heldenmuthe den Wuͤthenden entgegen, den man der Jungfrau nicht zugetraut haͤtte, ihre Stimme uͤbertoͤnte augenblicklich das wilde Geſchrei, und eine tiefe Stille folgte alsbald. „Er iſt es nicht!“ ſchrie ſie,„ich, ich ſah Alles! Auch den Brunnen in unſerm Hofe haben ſie vergiftet die Boͤſewichte. Eilet, lauft nach Pinkſon's Huͤtte, dort werdet ihr ſie finden, die das Graͤßliche vollbrachten.“ Erſchoͤpft ſank ſie in Dunbal's Arme, und der Gouverneur gab Befehl, auf Morris Hofe nachzufragen und Pinkſon herzubringen. Canjaruht begleitete den Richter, der jetzt in's Fort kam, und entſetzt ſeine todtenaͤhnliche Toch⸗ ter in den Armen des gefeſſelten Dunbal, neben den Leichen der Vergifteten erblickte. Er hatte mit dem Wilden den Brunnen in ſeinem Hofe ver⸗ nagelt und eine Wache dabei hingeſtellt, dies Ge⸗ ſchaͤft verhinderte ihn, fruͤher hier zu erſcheinen. Bei ſeinem Anblicke erhob ſich wieder ein drohen⸗ 198 des Gemurmel, doch Canjaruht, der Alles beſtaͤ⸗ tigte, was Ebbi ausgeſagt, und was er mit ihr angeſehen hatte, beruhigte die Gemuͤther. Jetzt wurden Pinkſon und Eliſa in den Hof gebracht. Bleich und verſtoͤrt ſtanden ſie Beide da, wie Verbrecher, die den Spruch ihrer Richter erwarteten. Pinkſon, an den zuerſt der Gouver⸗ neur ſeine Fragen richtete, ſtand ſtumm und un⸗ beweglich, gleich als begriffe er nicht, was man von ihm wollte, und als habe er die Sprache verloren. Da erhob jedoch Eliſa Morris ihre Stimme, und klagte in heulenden Toͤnen das Tribunal von England an, und fluchte dem Himmel, der ſeine Blitze fuͤr unſchuldige Opfer ſpare, und damit nicht niederſchmettere die Grauſamen, die Recht ſprechen nach den Geſetzen des Wahnſinns und der Blutgier und eine unabſehbare Kette des Elends an ganze Geſchlechter haͤngen, die ſie hinabzieht in den Abgrund der Laſter. „Ich war geboren zur Freude im Schooße einer gluͤcklichen Familie, ich hatte Eltern, die mich liebten, einen Bruder, Freunde und Geſpielen, ich war eine Tochter des Landes, das ſich ſtolz das freieſte nennt, und ich durfte nicht fuͤrchten, dereinſt dem Laſter, dem Ungluͤck zu verfallen. Da wird mein Vater, durch Verfuͤhrung und 199 Geldgier zu einer That hingeriſſen, die von Men⸗ ſchen zu einem Verbrechen geſtempelt, von den Geſetzen unſers Landes mit dem entehrendſten Tode, dem buͤrgerlichen beſtraft, wird, und wir Alle, Mutter und Kinder, die unſchuldigen, denen er nichts ſagte von ſeinem naͤchtigen Treiben, die wir ihm nicht einmal die unſchuldigſte Handrei⸗ chung bei ſeinen Blasbaͤlgen, Tiegeln, und Am⸗ boßen leiſten durften, wir werden elender, wie er, ihn traͤgt der buͤrgerliche Tod in ein fernes Land, wo er, unbekannt, ein neues Leben beginnt, wo er zu Anſehen und Ehren wieder kommt, wo er ſich eine neue Familie ſchafft, wo liebende Kin⸗ der ihm das Andenken der armen, ungluͤcklichen, die er im Vaterlande zeugte, aus dem Gedaͤcht⸗ niſſe verwiſchen, die indeß daheim vertrieben, ge⸗ ſchaͤndet, mit Fuͤßen getreten in den Pfuhl, dem Auswurfe der Menſchheit, der ſtets im Schooße des Laſters wuͤhlt, und am Rande des Verbre⸗ chens ſtreift, anheimfallen. Dies Loos ward mir durch Menſchen zu Theil, die ich nun haſſe mit dem gluͤhendſten Haſſe, und zu vernichten ſtrebe, wie ich kann!“ Hier hielt ſie inne, und ſah erſt frech rings umher, dann tuͤckiſch und hohnlaͤchelnd auf ihren ſtummen Gefaͤhrten. Alles hatte einen weiten Kreis um ſie gebildet, und ſelbſt die haͤrteſten Ver⸗ 200 ——— brecher, die hier verſammelt waren, erbebten in ihrem Innern gleich als wuͤrde der Abgrund ihrer eigenen Herzen ihnen erſt nun ſichtbar, bei den Flammenworten dieſer Suͤnderin. „Kennt Ihr den alten Goldſchmied Francis Morris aus Dundee?“ fragte ſie nun mit lauter Stimme. Und herbei ſchwankte der alte Mann, nun Richter der Colonie, und die Haͤnde vors Geſicht geſchlagen, rief er jammernd: „Ja, es iſt Eliſa! ſelbſt in ihrer Verzerrung erkenn' ich dieſe Zuͤge!“ Aber Eliſa wendete ſich hohnlachend von ihm weg und zu Pinkſon hin. „Ich habe mit dieſem hier die Brunnen ver⸗ giftet,“ ſchrie ſie,„zerreißt mich und macht mei⸗ nem elenden Daſein ein Ende!“ Im Augenblicke waren Steine erhoben, und die Menge wollte ſich mit wildem Geheul auf die Schlachtopfer ſtuͤrzen; doch der Gouverneur ließ von der Wache Ordnung machen, welche auf ſei— nen Wink Beide in ihre Mitte nahm. „Euer Leben Euch hier zu rauben, waͤre Wohlthat fuͤr Euch und ſaͤhe einer ſchnell ausge⸗ 201 uͤbten Rache aͤhnlich. Nein, Ihr ſeid zur ewigen Verbannung verurtheilt, ſeid darum verdammt, Euer Leben in ihr zu Ende zu bringen. Sogleich ſchafft ſie in einem Boote nach der wuͤſten Adler⸗ inſel; dort moͤgen ſie ihre Tage friſten, ſo gut ſie koͤnnen; Einer diene dem Andern zur ſchauerlichen Geſellſchaft, und die Raubvoͤgel, die jene Felſen bewohnen, moͤgen ſich einſt an ihren Leichnamen ſaͤttigen!“ Ein allgemeines Hurrah folgte dieſem Urtheils⸗ ſpruche, der ſogleich ausgefuͤhrt wurde. Pinkſon und Eliſa ſchleppte man unter lautem Freuden⸗ geſchrei und ſtarker Bedeckung nach dem Strande, wo ſie in ein Kriegsboot hinabgeſtoßen wurden, das Augenblicks die Segel aufzog und der Adler⸗ inſel zuſteuerte. Alles Volk hatte ſich verlaufen. Der Gou⸗ verneur, Dunbal, Ebbi und Morris waren allein zuruͤckgeblieben. „Mein Herr,“ ſagte Lawrence, indem er nun erſt dem Viscount die Ketten ſelbſt abnahm,„ich ſtand im Begriffe, eine ſchwere Ungerechtigkeit zu begehen, die große Lehre aber, die ich in dieſem Augenblicke empfing, wird mich fuͤr mein ganzes Leben davor bewahren. Nehmen Sie Ebbi, ihre Schweſter, mit ſich nach Europa, machen Sie 202 den Engel, welchem ich mein Leben verdanke, zur Gluͤcklichſten. Ich will Alles daran ſetzen, dieſem ſchauervollen Aufenthalte ſo ſchnell als moͤglich zu entfliehen, und kehre ich dann nach England zu⸗ ruͤck, ſo laſſen Sie mich Zeuge ſein Ihres Gluͤ⸗ ckes, und vergeben Sie mir aus vollem Herzen!“ Hochgluͤhend ſtand Ebbi da, ihre Ahnung hatte ſie nicht betrogen, es ward ihr ja die Ret⸗ tung durch dieſen Gouverneur. Doch ein Blick auf ihren Vater machte ſie wieder ernſt, der fin⸗ ſter und tief erſchuͤttert, mit gebeugtem Nacken zur Seite ſtand. „Und mein Vater?“ ſprach ſie ſcheu. Dundal ſeufzte tief. „Er iſt lebendig todt!“ entgegnete dumpf der Gouverneur. „Doch Alles wollen wir aufbieten,“ rief Dunbal mit Zuverſicht,„und ſicher, Ebbi, erwir⸗ ken wir ſeine Freiheit und in Jahresfriſt iſt der Vater bei uns, und wir leben vereinigt und gluͤcklich!“— Sie verließen das Fort und begaben ſich nach der Huͤtte des Richters. Als am Abend der Himmel ergluͤhete, und das Wundermeer in ſeiner Farbenpracht einher⸗ ———y——,— 203 wogte, krachte der erſte Kanonenſchuß am Borde der Fortuna, und eine Stunde darauf ſah man ſie die Fluthen majeſtaͤtiſch durchſchneiden, ein gluͤckliches Geſchwiſterpaar auf dem Verdecke, das zur Rettung eines ungluͤcklichen Vaters einem fer⸗ nen Welttheile zueilte. Und auf der aͤußerſten Spitze der Sandduͤne, die Fuͤße umhuͤllt vom Meeresgewaͤſſer, ſtand ein alter Mann, das graue Haar im Winde flatternd, die Muͤtze ſchwenkend, im Auge Thraͤnen und im Herzen Hoffnung. Die Nacht brach herein, und noch immer ſtand er da, die Blicke ſeewaͤrts gekehrt, wo er den leuchtenden Streif ſah, den das Schiff hin⸗ ter ſich herzog. Und um die Ecke bog das Boot, das nun ſtill auf der grauen Fluth von der Apdlerinſel heimkehrte und mit Schauder ſah er die Mann⸗ ſchaft allein ans Land ſteigen. Als nach Monaten der alte Morris durch die Gnade des Monarchen zur Heimath zuruͤck⸗ berufen wurde, hatte ihn ein Hoͤherer ſchon in ſeiner ihm urſpruͤnglichen aufgenommen. 204 Die vergifteten, nun laͤngſt mit Steinen gefuͤllten und uͤbermauerten Brunnen werden noch heute mit dem Namen der Pinkſonſteine, als Denkmale einer ſchauerlichen Sage, den Ankoͤmm⸗ lingen in Botany⸗Bay gezeigt. Die heilige Linde. Sage. 1. Die Hoͤhen, welche heutzutage das Staͤdtchen Heilsberg im Ermeland gar anmuthig umgeben, und theils mit terraſſenartigen Gaͤrten, theils mit wogenden Kornfeldern bedeckt ſind, zu Nutz und ergoͤtzlichem Behagen der Einwohner, waren vor Jahrhunderten mit dichten Waldungen bewachſen, welche dem Elennthier und Auerochſen, dem Wolf und Baͤren zum ruhigen Aufenthalt dienten. Nie ertoͤnte die Wildniß von dem Schalle der faͤllenden Art; der einſame Holzhaͤher pickte mit ſtarkem Schnabel an die bemooſten Staͤmme, und die freundlichen Eichhoͤrnchen ſchaukelten ſich in den Zweigen, deren Laub ſich uͤber dem Bau der Drommeln, als ſchirmendes Dach woͤlbte. Von den unfernen Kuͤſten der Oſtſee, wo ein handeltreibendes Fiſchervolk hauſ'te, von ſeinem Szupan beherrſcht, zogen wandernde Staͤmme hierher in die Wildniß, wo dem donnernden Per⸗ kunos im Schatten majeſtaͤtiſcher Eichen reichliche Opfer fielen; wo man ſich mit dem hohlaͤugigen Pikullos, deſſen grauſes Bild inmitten von Ge⸗ 208 beinen der ihm geſchlachteten Thiere errichtet war, abzufinden hoffte, damit man ſich ſicher hinaus⸗ wagen konnte in das ſtuͤrmende Reich des lang⸗ haarigen Potrimpos, um deſſen Segen, den gold⸗ klaren, koſtbaren Bernſtein einzufangen. Auf einer Hoͤhe, welche jetzt noch mit dem Schmucke maleriſchen Laubholzes prangt, aus deſ⸗ ſen gruͤner Kuppel ſich ein hohes Kreuz erhebt, der betraͤchtlichſten der amphitheatraliſchen Huͤgel— reihe, ſtand des Donnergottes furchtbare Verſinn⸗ lichung von Sandſtein grob behauen. Den Unter⸗ theil des Koͤrpers bildete der Block, wie er nun eben war, ungeſtalt und koloſſal, und erſt in be⸗ traͤchtlicher Hoͤhe vom Boden gewann er das An⸗ ſehen einer dem Menſchen entfernt aͤhnlichen Bildung.— Zwei ſtark gewoͤlbte, rieſige Bruͤſte, darunter Arme und Haͤnde im Kreuze gelegt, nur mit d⸗ ten Umriſſen in dem Steine angedeutet. Unmit⸗ telbar auf der Bruſt ſaß der Kopf; des Geſichtes am meiſten von dem bildenden Kuͤnſtler ausge⸗ fuͤhrte Zuͤge zeigten die roheſte Barbarei und lie⸗ ßen eben nicht auf die Schoͤnheit der Urbewohner jener Gegend ſchließen. Kleine faſt unmerkliche Augen, eine lange Naſe, das Maul eines gefraͤ⸗ ßigen Thieres, und unter demſelben ein uͤbermaͤßi⸗ ges Kinn von dreieckiger Form, dies bildete das 209 Geſicht des altpreußiſchen Goͤtterfuͤrſten, von dem man die Familienaͤhnlichkeit noch jetzt in dem ur⸗ alten Goͤtzenbilde, das vor dem Rathhauſe in Bar⸗ tenſtein zu ſehen iſt, bewundern kann. Die Abendſonne warf ſchraͤg ihre Strahlen durch den gruͤnen Hain, der den Donnerer umgab, die buntblumige Wieſe dampfte auf, als ſie ihren moorigen Schoos von den Strahlen belebt fuͤhlte, und die Naturſprache des Wildes, die hier jeden Abend laut zu werden pflegte, war verſtummt vor den wilden Geſaͤngen der opfernden Waidelotten und dem Geraͤuſche der Wallfahrer, welche des Gottes Feſt herbeigezogen hatte. Sein Stand⸗ bild prangte heute mit dem blutigen Pelze des Rieſenwolfes, den der kuͤhnſte Jaͤger Szamaitens erlegt und ihm opfernd umgehaͤngt hatte, an ſei⸗ nem Halſe hingen funkelnde Stuͤcke Bernſteins, zur Schnur gereihet, ihm dargebracht von der an⸗ muthigſten Fiſcherin Natangens, und an ſeinem felſigten Fuße dampfte das Gebein von Elenn und Ur, und erfuͤllte die Luft weit und breit mit einem erſtickenden Qualme. Vom Meth berauſcht waren die Waidelotten ins hohe Gras geſunken, und ſchliefen erſtarrt in Verzuͤckung wie die Fiſcher und Jaͤger glaubten; dieſe in Matten und Felle gehuͤllt, mit buntem Schmucke reichlich verziert, hier und da zerſtteut A. Lewald, Novellen. III. 14 210 ſitzend erlabten ſich an gedoͤrrten Aalen, wildem Honig und Holzbirnen. Die Jaͤger theilten dieſes frugale Mahl, weil die Heiligkeit des Orts ihnen nicht erlaubte, ſich hier ein Wildpret zu erlegen und nach gewohnter Weiſe zu bereiten. Die Fiſcher des beſuchtern Strandes wußten viel bunte Maͤhren den einſamen, dahinlebenden Waidmaͤnnern zu verkuͤnden, die außer den ge⸗ woͤhnlichen Feſten, oder wenn ſie ſich zu der Drei⸗ Goͤtter⸗Eiche zu Romown, dem heiligen Sitze des erhabenen Criwe⸗Criwaito begaben, ſelten fremde Menſchen zu ſehen bekamen. Die Fiſcher aber meldeten Wunderbares. „Wie kann ich Euch Alles erzaͤhlen, was ſich bei uns zutraͤgt,“ ſprach der Aelteſte derſelben, der graugelockte Kunzatis, aus deſſen tiefen Augen⸗ hoͤhlen liſtige Blicke leuchteten, und der verehrt wurde als Greis und folglich als Weiſer.„Viel hab' ich geſehen und erlebt, ich bin hinauf gegan⸗ gen die Kuͤſte bis zu den Kunxen im fernen Bir⸗ kenforſte, wo ſie das Waſſer der jungen Baͤume trinken und nichts wiſſen von Waldbienen, Honig und Meth, ich habe es erlebt, wie der. Sturm das graue Boot in die Bucht jagte, worauf die kleinen, triefaͤugigen Finnen waren, die eine Sprache reden, die Niemand verſteht, ſich mit Fiſchthran laben und keine Goͤtter kennen. Ich 211 habe ſie in meinem Hauſe beherbergt, bis der Wind guͤnſtig ward, und ſie fortſegeln konnten in die ferne Heimath, wo noch nie den Knecht eines Szupans ſein Fuß hingetragen hat. Ich bin ge⸗ kommen, das iſt zwar ſchon lange her, und ich war damals noch klein und jung an Jahren, bis zu den reichen Polonen, die ſich kleiden in ſchoͤne Pelze, kurzbeſchnittene Baͤrte tragen, heißes Fleiſch der Thiere verſchlingen, in großen Haͤuſern leben und andere Goͤtter haben als wir, wovon ich mich jedoch mit Schauder abwandte. Alles dies habe ich geſehen und erlebt, und koͤnnte Euch, die Ihr mit offenen Maͤulern um mich herum ge⸗ lagert ſeid, zehn Naͤchte nach einander den Schlaf von den Liedern ſcheuchen und doch Euern Danke dafuͤr haben, aber was jetzt auf Natangens Boden ſich ergeben hat, iſt merkwuͤrdiger, denn Alles, was ich ſah, und Ihr junge Leute werdet in Zukunft nicht Gefahren Trotz bieten duͤrfen, wie der alte Kunzatis gethan, um Erfahrungen zu ſammeln, denn Euch aufſuchen werden die Bewohner der Erde, die luͤſtern ſind nach unſern Schaͤtzen, nach unſerm gluͤcklichen Lande, nach unſern Weibern, nach unſern heimiſchen Goͤttern, die uns beſchuͤtzen und durch den goͤttlichen Criwe unter uns wohnen.“ Die Juͤnglinge hatten unwillkuͤrlich nach ihren Keulen gegriffen, ihre leuchtenden Augen 14* 212 erfaßten die großen Jungfrauen mit ſolcher Ge⸗ walt, als koͤnnten ſie ſchon mit den Blicken allein ſich vor jedem Raube ſicher ſtellen, und Alles ſchloß den Kreis enger um den weiſen Kunzatis, der eine Pauſe gemacht hatte, weil der Opfer⸗ dampf der langſam verglimmenden Thierleiber ihm einen Huſten zugezogen. Das Schnarchen der Waidelotten wurde waͤh⸗ rend der Pauſe hoͤrbar. „Am Strande,“ fuhr der Greis fort,„un⸗ ter dem Sandberge erſchienen mit einem Male Maͤnner in ſtarren Kleidern, feſt und nicht von unſern Pfeilen zu durchbohren, mit Muͤtzen auf dem Kopfe, die unſern Keulen widerſtehen, mit glaͤnzenden Waffen, die uns aͤrger zu verwunden vermoͤgen wie Rachen und Klaue des Baͤren. Unter ihren Baͤrten ſchallen rauhe Worte hervor unverſtaͤndlich uns Allen. Sie haben ſich leichte, biegſame Wohnungen erbaut, aͤhnlich dem ſchir⸗ menden Dache, das dem hochheiligen Criwe zu Romown zur Wohnung dient. Was braucht auch ihre Wohnung feſt zu ſein, bei dem Kleide, das ſie tragen und das ſie ſchuͤtzt wie das Schalthier ſeine Muſchel. Sie liegen da in ihren Gezelten und begnuͤgen ſich damit, unſere Waͤlder zu durch⸗ jagen und dem Wilde nachzuſpuͤren, mit uns ſuchten ſie noch keine Gemeinſchaft, und wir zie⸗ 213 hen uns auch furchtſam vor den ſeltſamen Gaͤſten zuruͤck. Aber merkwuͤrdiger als ſie ſind jene Men⸗ ſchen, die ſie mit ſich fuͤhren. Je glaͤnzender ihre Herren gekleidet ſind, deſto aͤrmer ſind ſie's, ſie tragen hohe Stangen in der Hand, woran Tuͤcher flattern, die bunt und ſchoͤn bemalt ſind. Sie haben keine Haare am Kopfe und ſchreien ge⸗ waltig, wo ſie uns immer ſehen, und ich fuͤrchte, daß ſie uns haſſen und uns noch viel Boͤſes von ihnen kommen wird.“ Die Fiſcher, welchen die Erſcheinung der Fremden, gleich dem Greiſe Kunzatis, bekannt war, hatten doch, aus Ehrfurcht vor ihm, ſeine Erzaͤhlung nicht unterbrochen, und waren nun erſt, da er ſchwieg, bemuͤht, auch ihre Beobach⸗ tungen den Bewohnern des Binnenlandes, den Jaͤgern der Wildniß und den Fiſchern des Spir⸗ ding⸗ und Mauerſees umſtaͤndlich mitzutheilen. 2. Die Waidelotten ſchnarchten noch immer vom Methrauſche betaͤubt und verſaͤumten den Dienſt des mitternaͤchtigen Mondes; die Verſammlung der Andaͤchtigen war auch um die verglimmenden Koh⸗ len des Opfers eingeſchlafen, und eine erhabene Ruhe lagerte in der Wildniß. 214 Nur Barnauda, die Jungfrau mit den langen, gelben Haaren, die Tochter des alten Glapks, in dieſer Gegend heimiſch, ſaß auf einem alten Wei⸗ denſtumpf, zu ihren Fuͤßen der ruͤſtige Jaͤger Waidewuth, und ſein grauer Waldhund. Sie hatten ſich lieb und ſprachen ſuͤße Worte mit einander. Da ploͤtzlich ſtrecken Beide die Koͤpfe hoch empor und horchen auf. Ein ſeltſames, fernes Summen klingt durch den Wald, ſie wunderbar ergreifend. Und wie ein ſich verbergendes Thier bricht es ſich Bahn durch das Gezweig und rauſcht unweit von den Wachenden voruͤber. „Ein Wolf!“ ruft Waidewuth, zur Keule greifend und dem Waldhund zurufend, der zu knurren beginnt. „Nicht doch,“ ſagt die Jungſrau, indem ſie ſich ſchuͤchtern an ihn ſchmiegt,„es iſt— ich kann es Dir nicht beſchreiben, obgleich ich es doch geſehen.“ „Du haſt es geſehen?“ fragte der Jaͤger, „ſo kuͤnd' es mir ſchnell, vielleicht droht uns Allen Gefahr, die wir noch ſchleunigſt abwenden koͤnnen.“ „Nein, nein,“ fluͤſterte Barnauda leiſe,„es wird uns nicht gefaͤhrlich werden, denn es iſt friedlicher Art. Aber folge mir und Du wirſt es ſelbſt ſehen, was ich ſchon einigemal Nachts beobachtete, wenn ich allein in unſerer Huͤtte ſaß 215 und das ſeltſame Ranſchen und Summen ver⸗ nahm.“ Sie machten ſich leiſe auf und ſchlichen mit der Vorſicht, welche den Wilden eigen iſt, durch dickes Geſtruͤpp unhoͤrbar fort. Der Waldhund wurde am Weidenſtumpf feſtgebunden. Waͤhrend in aͤngſtlicher Erwartung Waide⸗ wuth ſich von Barnauda leiten ließ, huſchte es ungefaͤhr auf zweihundert Schritte von ihrem Pfade, eben ſo leiſe durchs Dickicht fort, wie ein flackerndes Irrlicht, das vor zwei dunkeln, mur⸗ melnden Geſtalten einherhuͤpfte. Bald kam es unſerm Paare naͤher, bald entfernte es ſich wieder. Oft ſchien es den wilden Preußen, als ob ſie Worte vernahmen, ihrer Sprache freind, oft toͤnte es ihnen wie Geſang, manchmal hoͤrten ſie deut⸗ lich das Schnaufen der Gehenden, ſie folgten neugierig, doch mit wachſender Beklemmung, dem ihnen unheimlich duͤnkenden Spuke. Endlich erreichten ſie einen Weiher, deſſen Ufer die Wanderer umſchritten, um ſich am an⸗ dern Ende deſſelben einer prachtvollen Linde zu nahen, die im vollſten Schmuck ihrer Bluͤthen ihr duftendes Haupt im monderhellten Waſſer ſpiegelte. Die Geſtalten mit ihrem Lichte, das einer von ihnen in der Hand trug, naͤherten ſich dem Baume mit Zeichen heiliger Verehrung. 216 Waidewuth und Barnauda hielten ſich ſcheu in der Entfernung im dichteſten Geſtraͤuche und athmeten leiſe. Die Fremden ſprachen jetzt lau⸗ ter, und das Paar belauſchte folgendes Geſpraͤch, wovon ſie jedoch kein Wort zu verſtehen im Stande waren. „Macht Euch flugs an die Arbeit, Meiſter Felix,“ begann der Eine der Fremden,„ich halte Euch die Leuchte— und gebt dem heiligen Bilde ganz den Ausdruck des Goͤttlichen, davon die Werke Eurer maͤchtigen Hand Zeugniß ablegen. Wir ſind nun ſchon zu oft hierher gegangen, als daß ich nicht beſorgen muͤßte, die boͤſen Heiden haͤtten unſere Spur entdeckt und ſaͤnnen auf Zer⸗ ſtoͤrung unſers frommen Werkes. Alſo ruͤſtig, wackerer Meiſter, ich will Euch redlich alle Hand⸗ reichung leiſten.“ Und darauf zog der Andre ſchnell Meißel und anderes Geraͤthe aus der braunen Kutte hervor, und ſich auf einen Stein ſtellend, begann er an dem Stamm der Linde zu meißeln und zu klopfen mit einer Emſigkeit, daß von den Doppelſchlaͤgen das Echo erwachte, und die Nachtvoͤgel von der Atzung aufgeſchreckt, im niedern Fluge die Wellen des Weihers ſtreiften. „Bruder Martin,“ ſprach der Bildner,„ſtellt vor Allem Eure Leuchte dort hinter das Geſtraͤuch, 217 ſie blendet mich und widerſpricht dem Mondlichte, das mir ſattſam Erhellung ſpendet bei dem naͤcht⸗ lichen Werke. Traun, geſchaͤh' es nicht zur Ver⸗ herrlichung der ewigen Gnadenmutter, und hoffte ich nicht dadurch Bekehrung dieſer ſchlimmen Hei⸗ den, wofuͤr auch ich Erlaß meiner ſchweren Suͤnden zu erhalten glaube, ich wuͤrde mich nie zu dieſem Wagniß verſtanden haben. Die Hand zittert mir, wenn ich die Woͤlfe heulen hoͤre, und wenn uns erſt ſolch ein Rieſe mit der Keule be⸗ gegnete, was wollten wir da wohl anfangen?“ „Denkt doch nur daran, daß bei ſolchem Werke, wie wir es treiben, uns nicht Wolf, nicht Heide etwas anhaben koͤnnen. Naͤchtlich muß das heilige Bild vollendet werden, damit es am lichten Strahle der Sonne gefunden werde von den Wil⸗ den wie ein vom Himmel geſchneites Wunder, denen ich verkuͤnden will das Heil und ſie taufen, damit ſie eingehen zur ewigen Seligkeit. Glaubt Ihr aber, dieſe Nacht fertig zu werden, Meiſter Felix? Mir ſcheint es, daß Eure Kunſt ſich hier nicht eben bemuͤhen darf, das Vollendetſte zu lie⸗ fern, deſſen ſie faͤhig iſt.“ „Wohl iſt dies nicht noͤthig,“ erwiederte der arbeitende Meiſter,„auch bin ich nicht Willens, dieſen Lindenſtamm mit einem Werke zu ſchmuͤcken, wie es in den Saͤlen der Burgen unſrer Fuͤrſten 14** 218 anzutreffen iſt. Seht her, die heilige Mutter mit dem Kinde tritt ſchon recht lebendig aus dem Grunde des Rieſenſtammes hervor. Nun will ich noch der rings umgebenden Rinde einige Zierrathen einſchneiden, und ich denke, daß Ihr nichts daran auszuſetzen haben werdet, Bruder Martin.“ Der Moͤnch nahm die Leuchte und beſah das grobe Bildwerk, welches der Andere in den Stamm geſchnitzt hatte, es preiſend und erhebend und ſich freuend, in wenigen Tagen ſchon das Geſchaͤft des Heidenbekehrens in der Wildniß beginnen zu koͤnnen. Auch die Zierrathen waren in kurzer Zeit beendet, und die Leuchte huͤpfte wieder den beiden dunkeln Maͤnnern beim Ruͤckwege voran, wie es beim Hinwege der Fall geweſen war. Sie waren aber Beide aus dem Lager eines deutſchen Ritters, der mit ſeinem Faͤhnlein ein paar Stunden weit weg war, hierher gegangen, und Bruder Martin hoffte mit Gottes Hilfe, ohne der Reiſigen Ge⸗ walt, zum freudigen Ziele zu gelangen, und ließ ſich nicht abſchrecken von der Kunde, daß Adalbert, Biſchof der erſten Kirche in dieſem Lande, am Ufer des friſchen Haffs als Maͤrtyrer gefallen war. Mit pochendem Herzen traten die beiden jungen Preußen aus ihrem Verſtecke hervor, dem wandelnden Lichtſchein nachſehend, und erſt als es nur noch wie ein Stern in weiter Ferne durch 219 die Buͤſche erglimmte, traten ſie auf die Linde zu, um zu ſehen, was die Fremden dort zu ſchaffen hatten. Ueberraſcht ſenkte ſich das Auge der wilden Jungfrau, als ſie das Bild der Himmelskoͤnigin, das Jeſusknaͤblein auf dem Arme, erblickte. Wie mit einem Wunderſtrahle entzuͤndete es ihr Inne⸗ res durch die Milde, die ſich darin ausſprach, im Widerſpruche mit dem graͤßlichen Eindruck, den ihre Goͤtzenbilder hervorzubringen pflegten. Sie ſtand ſtaunend davor, und ſah es wie ein Wun⸗ der des Himmels an, obgleich ſie die Fremden daran arbeiten geſehen hatte; denn dieſe ſelbſt waren ihr uͤbernatuͤrlich erſchienen. Nicht ſolchen Eindruck verſpuͤrte aber Wai⸗ dewuth. „Fort von hier!“ ſchrie er,„das iſt das Unheil, das Verderben! die Goͤtter zuͤrnen uns und ſenden uns fremde Bilder, um uns zu ver⸗ wirren und uns zu ihrer Verehrung hinzulenken. Aber nicht beſchuͤtzen koͤnnen uns dieſe Bilder! Sie haben keine Macht und kein Anſehn und Perkunas kann ſie und uns mit einem Donner⸗ keile vernichten. Komm' Barnauda, ſchnell folge mir zu den Andern— laſſe Dich nicht von dem boͤſen Nebel beruͤcken, der von dem Bilde ausſtroͤmt.“ A ber die Jungfrau wandte ſich mit freund⸗ lichen Worten zu ihm und bat ihn, den Anbruch 220 des Tages mit ihr abzuwarten, um zu ſehen, was alsdann mit dem Bilde geſchehen wuͤrde, und ob die Fremden zuruͤckkaͤmen, ſie fuͤhle ſich ſo wohl in der Naͤhe des Baumes und nichts Boͤſes webe und wirke darin. Waidewuth ließ ſich leicht uͤberreden. Sie ſetzten ſich auf einen Stein unter dem Marien⸗ bilde nieder und ſchauten hinauf in ſeine Zuͤge, die ſich ihnen immer freundlicher zu erſchließen ſchienen. Der Morgenwind rauſchte kuͤhl durch die Wipfel, Waidewuth ſchlang ſeinen Arm mit der waͤrmenden Decke um Barnauda's Nacken, ihr Kopf lehnte an ſeiner Schulter und Beide ſchlum⸗ merten ein vom Trillern der Lerche im wehenden Walde umſchallt, und gefaͤrbt von der bleichen Roͤthe des nordiſchen Sonnenaufgangs. 3. Das Chriſtenthum wurde bereits weit und breit im Preußenlande verkuͤndet, aber die ſtoͤrrigen Wilden ſtraͤubten ſich mit Gewalt, es anzunehmen. Sie rotteten ſich zuſammen, und durchzogen in wilder Furie das Land, jedes Zeichen der neuen Lehre zerſtoͤrend, und ſowohl ihre Verkuͤnder als auch diejenigen ihrer Landsleute blindlings mor⸗ dend, die ſich den Apoſteln zuwendeten. 221 Der wilde Poſinna mit ſeiner Schar hatte den Goͤttern ſeiner Vaͤter die furchtbarſte Rache geſchworen, und fuhr wie der zerſtoͤrende Blitz durch die heimiſchen Haiden und Wildniſſe, dem bleichen Pikollos zahlloſe Opfer ſchlachtend. Jetzt war er in Warmien, dem jetzigen Ermelande, weil ihm ſeine Spaͤher die Ankunft von Fremden verrathen hatten. Nur gering war ſeine Macht, und haͤtte er es gewagt, in offener Schlacht ſich den Rittern gegenuͤberzuſtellen, ſo wuͤrde ein zer⸗ malmender Schlag derſelben genuͤgt haben, den gefaͤhrlichen Feind zu vernichten. Aber wie die Schlange lauerte er in dem Dickicht, und erſah zu ſeinen Mordthaten und Zerſtoͤrungen ſich ſtets mit berechnender Liſt den guͤnſtigſten Zeitpunkt aus. Er hatte erfahren, daß auch hier allnaͤchtlich die Fremden ihre Bilder in die maͤchtigen Ur⸗ ſtaͤmme der Waͤlder ſchnitten, um deren Verehrung zu erheiſchen von den Eingebornen. Durch den Thau der hohen Graͤſer zog er nun heran mit ſeinen wilden Bilderſtuͤrmern, um in der Fruͤhe vielleicht noch die Arbeiter zu finden, und dieſe zugleich mit ihrem Werke zu vernichten. Zu dem Weiher kam er mit Ungeſtuͤm. „Hal ſeht dort die Linde mit dem weißen Dache,“ rief der wilde Poſinna mit Hohn,„und den Goͤtzen darin und die Beiden davor, in ver⸗ ſchraͤnkter Stellung, ihre Verehrung darbringend, als gaͤb' es keinen Donnergott, ſie zu zerſchmet⸗ tern. Aber Pikoll! Dir ſoll ein Doppelopfer fal⸗ len!“ und auf ſeinen Wink lagen alsbald hundert Pfeile auf den Bogen, ihre Spitzen nach den Schlummernden gerichtet, ein Druck der kraͤftigen Finger, und jeder flog toͤdtend ins ſicher er⸗ waͤhlte Ziel. — Mit lautem Hohne ſprang Poſinna auf die im Schlafe gemordeten Leichname, und traf noch mit der Axt ihre Haͤupter zu mehreren Malen. Bald ſtuͤrzte der maͤchtige Lindenſtamm unter weit hinſchallenden, unzaͤhligen Streichen rauſchend hinab in denſelben Weiher, der kurz zuvor ſein Spiegelbild zuruͤckgeworfen hatte, und nun ihn begrabend, ſein Waſſer uͤber ihm zuſammenſchlug. Nachdem dieſe Thaten veruͤbt waren, zogen die Wilden weiter, Zerſtoͤrung und Verwuͤſtung 6 dahinbringend, wo eine Spur der Eingewanderten ihre trotzige Eigenthuͤmlichkeit bedrohete. Die Graͤuel, welche dieſen Zug begleiteten, und von denen der fromme Bruder Martin Kunde erhielt, hatten ihn abgehalten, zum Bilde der Gnadenmutter ſich zu begeben, um ſein heiliges Werk zu beginnen. 8 223 Die friedlich geſinnten Einwohner zu bekeh⸗ ren, durfte er, mit der Kraft des Himmels aus⸗ geruͤſtet, wohl hoffen, ſich jedoch den Wuͤthenden entgegenſtellen, hieß ein auserkorenes Werkzeug dem ſichern Tode weihen. Poſinna's Thaten erſchreckten bald eine an⸗ dere Gegend, dieſe Wildniß hatte er verlaſſen, und ſie erſchallte nicht mehr von Mord und Schlachtruf. Bruder Martin erhob ſich daher eines Morgens aus dem Lager ſeines Ritters, und zog, von einigen Reiſigen begleitet, nach dem Orte, wo das Mattergottesbild in den Lindenſtamm geſchnitzt worden war. Sie traten in die Nacht der Baͤume und erreichten den Rand des Weihers. Von Schau⸗ dern ergriffen, gewahrten ſie den Stumpf der Linde mit den weithin verbreiteten Wurzeln, von blutgefaͤrbten Axthieben die Spur zeigend, daneben die ſchmaͤhlich ermordeten Leichname zweier Wil⸗ den, an denen die Verweſung keine Wirkung zu uͤben vermocht hatte. Aber auf den klaren Spiegel des Weihers hatte der erhabene Baum im Sturze ſeine Bluͤ⸗ thenkrone ausgeſtreut, und darauf ruhte das hei⸗ lige Bild der Himmelskoͤnigin, geſchaukelt von den leisbewegten Wellen, ſicher getragen von den zarten Blaͤttchen der Lindenbluͤthen. Und die 224 Baͤume der alten Wildniß, alle neigten ihre gruͤnen Haͤupter vor dem Bilde, und eine hehre Stille herrſchte, kein Kaͤferchen ſummte, keine Biene ſchwaͤrmte, kein Wuͤrmchen durchkroch das Geſtruͤppe des Bodens. Und anbetend das Wunder, ſanken Alle nie⸗ der, und Bruder Martin erbaute ſich eine Zelle am Rande des Weihers und bekehrte die Heiden, wie er vom Himmel dazu beſtimmt war. In ſpaͤtern Zeiten woͤlbte ſich ein prachtvoller Dom uͤber dem Wunderbaume, und ein reiches Kloſter wurde daneben geſtiftet. Die Linde mit dem Bilde iſt nun von einer Huͤlle gediegenen Silbers umgeben, aber mehr als das, ſpricht fuͤr die Heiligkeit des Ortes die tiefe Rinne, welche die Andaͤchtigen, die hier ſeit Jahr⸗ hunderten knieten, dem harten Marmorboden ein⸗ gedruͤckt haben, und der erhabene Anblick, den man auf dem letzten Abhange vor dem Kloſter genießt. Da liegt das Prachtgebaͤude mit ſeinen weißen, ſtrahlenden Mauern, am blauen, klaren Weiher, in ſeinem gruͤnen Gehege, und der ganze Wald ringsum neigt die hohen Wipfel tief gegen das Gotteshaus, und rauſcht ein majeſtaͤtiſches Hoſiannah.— B☛ — — ᷣ S B☛ — — g — — A 14 A. Lewald, Novellen. III. 7 Kuno von Kyburg nahm die Silberlocke des 7) „Enthaupteten und ward Zerſtoͤrer des heimlichen „Gerichts.— 4 Kuno von Kyburg. 1. Dort liegt das große Haus in der Schmaußen⸗ gaſſe, mit Oelfarbe angeſtrichen, die unzaͤhligen Fenſter und Fenſterchen glaͤnzen im Mondſchein, das Choͤrla, ein weit hervorſpringender Erker, mit ſeidenen Vorhaͤngen und gothiſchen Verzierun⸗ gen, ſieht ſo ſtattlich aus, die Wetterfahnen auf den Thuͤrmchen an den Ecken des Hauſes kreiſchen ſo melodiſch im Nachtwinde, Alles an dem Hauſe iſt ſo traulich und wohnlich, daß es einem Jeden wohl auffallen muß, kein Fenſter erleuchtet, die ungeheuere gelbe, mit ſtarken Naͤgeln beſchlagene Thuͤr feſt verſchloſſen und uͤberdies zwei lange Maͤnner davor hin⸗ und hergehen zu ſehen, mit einer Art von Morgenſternen bewaffnet, die un⸗ bezweifelt das alte Kriegsarſenal der ehemaligen heil. roͤm. Reichs freien Stadt Nuͤrnberg herge⸗ liehen hatte. Wuͤßte man nicht, daß der wohlbekannte Stadtflaſchner, auch Magiſtratsrath Puttfarken in dieſem Hauſe, ſeinem vom Vater ererbten Eigen⸗ 15* 228 thume, der in den Stadtchroniken ſeit Jahrhun⸗ derten oft erwaͤhnten„gruͤnen Peiterlſtau⸗ den“ wohne, und ein durchaus hochzuachtender Mann ſei, man muͤßte auf den Gedanken ge⸗ rathen, das ſchoͤne Gebaͤude ſei, trotz der freund⸗ lichen Außenſeite, eine Frohnveſte, zum Gewahr⸗ ſam loſen Geſindels beſtimmt. Die beiden bewaffneten Maͤnner vor der. Thuͤr ſchreiten mit ſtampfenden Fuͤßen nebeneinan⸗ der und ſcheinen zu frieren, und in der That iſt der durch die Schmaußengaſſe wehende Wind eben kein angenehmer. Wir wollen das Geſpraͤch der beiden Maͤnner belauſchen. „Heut Nacht kommt Nichts, Gevatter!“— ſagte der Nachtlichterfabricant Kleinlein, deſſen armſeliges Gewerbe ihn zwang, zu Zeiten, auf beſondere Veranlaſſung, Nachtwaͤchterdienſte zu thun—„Ich glaube, das Ganze war ein Hirn⸗ geſpinnſt des Herrn Magiſtratsraths, das in dem Magen ſeinen Sitz hat; denn wo in aller Welt ſollen bei unſerer guten Polizei, die uͤberall ihre Naſe hat und ſelbſt auf das Vieh vigilirt, ſolche Undinge ſich einſchleichen, wie der Herr Rath ſich einbildet. Die barbariſchen Zeiten ſind nun vor⸗ bei, wir ſind jetzt aufgeklaͤrt und haben, Gott ſel Dank, Stellen und Behoͤrden, die uns nach No⸗ 229 ten ſchinden und dem Ehrlichen wie dem Spitz⸗ buben den Hafer hoch haͤngen.“. „Daran erkenn' ich den Republicaner und das iſt Verrina!“— rief mit Feuer der Neben⸗ mann des Sprechenden, der Theater⸗Schneider⸗ gehuͤlfe und Hausſtatiſt des Nuͤrnberger National⸗ theaters, Weichelt aus, ein langer, voͤllig ausge⸗ trockneter Mann, mit hoher Glatze und einem ſchwaͤrmeriſchen Blicke—„Euere Geſinnungen freuen mich, Gevatter Kleinlein, aber deſſen un⸗ geachtet kann ich Euch doch verſichern, daß ich in jetziger Zeit der Gaͤhrung nur zu oft an die barbariſchen Zeiten des Mittelalters denken muß. Denn ſeht— es iſt natuͤrlich— die Leute wiſſen nicht, was ſie eigentlich wollen, und da kommt dummes Zeug heraus. Ich wuͤnſchte, daß das Mittelalter an die Reihe kaͤme— da paßte ich recht hinein. Ich bin zum Schwaͤrmer geboren und ein Republicaner bin ich— wenn ich einen Tyrannenknecht ſehe, ſo wackelt mir die Lanze. Drum mag ich fuͤr mein Leben gern den Otto von Wittelsbach— ſeht, ſo ein Kerl bin ich! Ich habe Schererei vom Teufel drin, muß mich dreimal umziehen; erſtlich Wappenherold im Hoch⸗ zeitzuge, dann raͤum' ich ab beim alten Reuß und drauf komm' ich mit Konrad von Aicha— aber dennoch iſt's mein Lieblingſtuͤck, weil ich mit Leib 230 —— und Seel ein Republicaner bin. Seht, Klein⸗ lein, ich bin wahrhaftig ein guter Kerl und eine ehrliche Nuͤrnberger Haut— aber eine dampfende Schuͤſſel mit Griesknoͤdeln und Peterl— oder den Kaiſer umbringen?— und mein Seel! ich bringe den Kaiſer um—“— „Mein Gott! Ihr blutduͤrſtiger Moͤrder! Mir wird Angſt und bang vor Euch!“— „Verſteht mich wohl, Gevatter, wenn er mir nicht Wort haͤlt, wie dem Otto von Wittels⸗ bach; das heißt, wenn mir der Kaiſer erſt die eine Tochter verſpricht und dann die andere und dann die dritte, und wenn er mich nach Polen ſchlecht recommandirt.“ „Apropos, die Polen, Gevatter Weichelt, die ſind auch viel ſchuld, die haben vollends die Koͤpfe in Aufruhr gebracht.“ „Alles iſt in Aufruhr, Alles! das iſt ja eben, was ich meine. Neulich ging ich durch unſer Rathhaus; das iſt noch ſo aus dem Mittel⸗ alter, dacht' ich mir, drum haͤlt's auch noch ſo gut. Es iſt ein Meiſterſtuͤck, ein Italiener hat's gebaut und jeder gute Mann in Nuͤrnberg ſollte ſeinen Namen wiſſen und ſtolz auf ihn ſein. Beſonders ſind die Keller ein bewundernswerthes Stuͤck Arbeit. Die Gewoͤlbe, Gevatter, und die eiſernen Ringe und die Keiten daran und die ab⸗ r 231 ſonderlichen, abenteuerlichen Werkzeuge— das waren die Marterkammern. Ich kann mich, wenn ich da hineingerathe, ganz in das Mittelalter ver⸗ tiefen— ſeht! ſolch ein Schwauͤrmer bin ich! So mit einer Pluderhoſe von ſtreifigem Atlas, mit Silberſpitzen garnirt, und mit einem Baret von Mancheſter auf'm Kopſe und einem langen Barte— ja, wenn ich Euch ſo dort haͤtte in der Kammer, ich wollte Euch martern, Gevatter, daß ſich die lieben Engel im Himmel daruͤber freuen ſollten!“ „Ach warum nicht gar! Ich habe Euch im⸗ mer fuͤr einen uͤberſpannten Kopf gehalten, das bringt ſchon Eure Handtirung, die Schauſpiel⸗ kunſt, ſo mit ſich; doch von ſolch entſetzlichem Humore habe ich Euch mir nie gedacht.“ „Das macht, weil Ihr blos Nachtlichter macht, ſie aber ſelbſt nie brennt— ich meine naͤmlich, weil ihr niemals Nachts ſtudiert—“ „Nein, Gevatter, das fehlte mir noch. Weib und Kind arbeiten bis Neun, dann ſprechen ſie den Abendſegen und legen ſich ſchlafen, ich ſpreche ihn mit, haͤnge aber mein Horn um und rufe die Stunden aus. Wozu ſollte ich denn da wohl ein Nachtlicht brennen?“ „Ja, und wenn man nicht ſtudirt, abſon⸗ derlich des Nachts, und die Chronik kennt und die Zeiten miteinander vergleicht und dann einmal ordentlich ruͤckwaͤrts geht— denn, mein Seel! ich ſollte einmal den Kaspar Hauſer vorkriegen— ich ſag' Euch— ich wollte Euch Dinge heraus⸗ bringen— aber ſtill— halt— da iſt's! dort! ſeht Ihr nichts?“— Der Mond war laͤngſt unter und es war ſtockfinſter in der krummen, engen, ſtark abſchuͤſſi⸗ gen Schmaußengaſſe. Die hohen Haͤuſer, deren zackige, thurmgezierte Giebel noch vor Kurzem ſich ſcharf am hellblauen Firmamente abkannteten, ſtan⸗ den jetzt wie ungeheure, formloſe ſpaniſche Waͤnde da, die mit den Wolken in eins zerfloſſen. Die ganze Schmaußengaſſe ſah dadurch wie ein Kran⸗ kenzimmer aus, deſſen beengte Luft den Athem verſetzte. Druͤben, unfern der ploͤtzllich verſtummten Nachtwaͤchter, die ſich feſt an die Mauer gedruͤckt hatten, kroch es von der Pegnitz her, neben der ſprudelnden Goſſe, die wie ein Gebirgsbach her⸗ niedertoſ'te, das holperige, treppenaͤhnliche Pflaſter an den Haͤuſern herauf. Schnaufend und keuchend kam es naͤher, immer an den Waͤnden forttappend, ſtolpernd bei jedem Schritte. „Der Verdacht iſt gerechtfertigt; o drei Mal gluͤckſelige Stunde!“ ſagte Weichelt leiſe zu Kleinlein. 233 „Ihr glaubt!“ fluͤſterte Jener. „Das iſt ein Moͤrder!“ „Ho, ho!“ „St!—“ ziſchte Weichelt wie eine Klap⸗ perſchlange, und feſt den Gevatter unter'm Arme, den rechten Fuß vorgeſetzt und den Spieß weit vorhaltend, rief er donnernd:„Steh', halt! we⸗ der vor noch ruͤckwaͤrts! oder wir durchbohren Euch ohne allen Scherz, daß kein Hahn darnach kraͤht!“ 3 Der auf dieſe Weiſe Angedonnerte kam nicht nur buchſtaͤblich dem Befehle Weichelt's nach, ſondern er ſetzte ſich unwillkuͤrlich und ziemlich unſanft in die Goſſe und benahm dergeſtalt den fuͤrchterlichen Sbirren Augenblicks jeden Verdacht einer beabſichtigten Flucht. „Da liegt er!“ rief Kleinlein. „Eine Falle!“— ſagte Weichelt— „buͤcken wir uns, ihn aufzuheben, ſeo druͤckt er uns ein Stilet in die Weichen. Da muͤßte ich den Fackeljungen von Cremona nicht kennen!“ „Ihr moͤgt Recht haben,“— ſprach Klein⸗ lein—„aber der Kerl ruͤhrt und regt ſich nicht und iſt am Ende todt. Daß wir auch keine La⸗ terne bei uns haben!“ „Wir bewachen ihn hier in dieſer Stellung bis zum Morgen!“ ſprach der Andere. 234 „Und laſſen ihn hier in der Goſſe?“ „Und laſſen ihn in der Goſſe. Iſt ein Ver⸗ brecher etwas Beſſeres werth?“ „Wißt Ihr denn aber, daß der arme Teufel ein Verbrecher iſt?“ „Und wißt Ihr denn, ob der arme Teufel ein ehrlicher Kerl iſt? Er bleibt in der Goſſe und wir erwarten den Aufgang der Sonne zu⸗ ſammen. Das iſt ſtets, in allen Verhaͤltniſſen, ein ſchoͤnes Schauſpiel. Auch ſcheint es ihm ganz behaglich zu ſein; er ruͤhrt ſich noch immer nicht.“ „Das macht Euere ſchreckliche Drohung von vorhin, ihn zu durchbohren.“ „Ja, ich kann erſchrecklich drohen; das lernt man aus guten Stuͤcken,“ ſprach ſelbſtgefaͤllig Weichelt. In dieſem Augenblicke kam, als ob eine Schleuße aufgezogen wuͤrde, aus einem der Nach⸗ barhaͤuſer eine furchtbar ſtinkende Fluth hervor⸗ geſchoſſen und ſchaͤumte die Goſſe hinab, um ſich mit den Gewaͤſſern der Pegnitz zu vermaͤhlen. „Ei, das iſt unſer fleißiger Gevatter, der Gerber Mollweide, der ſeine gegohrenen Schaffelle ausſchweift,“ bemerkte Kleinlein. Der Delinquent in der Goſſe richtete ſich aber, wie aus einem milden Schlummer unſanft aufgeweckt, ſchnaubend und pruhſtend in die Hoͤhe; — — 235 in dem Augenblicke guckte der erſte helle Morgen⸗ ſtrahl neugierig uͤber die Spitzgiebel, um das Abenteuer in der Schmaußengaſſe zu belauſchen, und die beiden Nachtwaͤchter erblickten zu ihrem Leidweſen einen ihrer beliebteſten Mitbuͤrger in dem beklagenswertheſten Zuſtande von der Welt. Der ſich aus der Goſſe Erhebende war naͤm⸗ lich Niemand anders als der meerſchaumene Pfei⸗ fenkopfbohrer und Volksdichter Duͤnkelſpiel, ein echt poetiſcher Kopf und himmliſcher Geſellſchafter. Er war aus einer heitern Stimmung und Ge⸗ ſellſchaft, die ſich in einem Haͤuschen auf der Inſel Schuͤtt, ſtets am erſten Mittwoch eines jeden Monats, zu Luſt und Geſelligkeit zu ver⸗ einigen pflegte, nach Hauſe gekehrt und hatte hier, wie eben erzaͤhlt worden, den Ueberfall und Un⸗ fall erlitten. Wie der Mann ausſah, laͤßt ſich nicht beſchreiben. Die ganze Nacht hindurch hat⸗ ten ein Hutmacher und ein Faͤrber, die als fleißige Nuͤrnberger ihrer Arbeit kein Ziel wußten, die tiefe Goſſe mit ihren Abfluͤſſen verſehen und den armen Saͤnger mit einer unvertilgbaren Lauge gewaſchen, wozu jetzt noch der caſtaliſche Quell des Gerbers ſich geſellte. Duͤnkelſpiel war Pegniſchaͤfer und hatte demnach einen großen Blumenſtrauß an der Bruſt, von dem weder Farbe noch Geruch mehr zu er⸗ 236 —C—C— kennen waren. Das iſt das Loos des Schoͤnen auf der Erde!— „Aber Herr Duͤnkelſpiel!“ fing Kleinlein an— „Herr Duͤnkelſpiel, wie iſt es moͤglich?“ ſiel Weichelt ihm ins Wort „Nennet meinen Namen nicht, ſondern rich⸗ tet mich auf!“— ſagte leiſe der Saͤnger, dem beim Anbruche des Morgens mit einem Male Alles klar wurde.—„Ein Dichter traͤumt oft wunderbar,“— fuͤgte er waͤhrend des Aufſtehens hinzu—„ſprecht nicht davon, Freunde, daß Ihr mich ſchwach geſehen,“— ſagte er dann noch und gab jedem der Beiden ein naſſes Zwoͤlf⸗ kreuzerſtuͤck, das er mit ſchwarzer Hand aus der triefenden Weſte holte. Lange ſtanden die Freunde noch und blickten ihm nach, da er mit ſchweren Schritten ſich die Straße hinanzog, dem Aegidienplatze zu, wo er wohnte, indem ſeine, von den Wellen geſaͤttigten Kleider eine Spur, gleich einer ſchwarzen Milch⸗ ſtraße, auf dem Straßenflaſter zuruͤckließen. „Ohne uns“— ſagte Kleinlein, indem er ſein geſchenktes Zwoͤlfkreuzerſtuͤck beſah und ab⸗ wiſchte—„laͤge unſer Duͤnkelſpiel noch in der Goſſe, zum Geſpoͤtte der erwachenden Menſchheit, denn dort ſtoͤßt ſchon der Rothgießer ſeinen Laden 237 auf. So ſind wir denn doch nicht vergebens dieſe Nacht hier geweſen.“ „Vergebens hier geweſen?“— rief entruͤſtet Weichelt und ſchwang ſeine Laaze, ſo gut er es mit dem knochenduͤrren Arm zu thun vermochte.— „Und haben wir nicht Gevatter Puttfarkens Haus bewacht? und haben wir nicht unſere Schuldig⸗ keit gethan? und haben wir nicht unſern Nacht⸗ waͤchterlohn verdient und ein Trinkgeld dazu? Vergebens hier geweſen! was das naͤrriſch ge⸗ ſprochen iſt!“— Und hierauf wandte er ſich gegen das Haus des Magiſtratsraths, das ſeiner naͤchtlichen Obhut anvertraut geweſen war und ſprach mit geruͤhrter Stimme:„Schlafe ſuͤß, edler Mann, dem ge⸗ ſegneten Mittage entgegen, ſo lange Du mir Dein Haus anvertraut, darf kein Verraͤther Dir nahen. Gleich zwei aus Stein gehauenen Ungeheuern be⸗ wachen wir den Eingang Deiner Burg.“— Und ſomit warf er die roſtige Lanze mit zierlicher Leichtigkeit auf die Schulter, und ein „Recht ſehr,“ den gewoͤhnlichen Gruß der Nuͤrn⸗ berger, einer vom Lauferthor herabtrabenden Milch⸗ frau entgegen und bog um die Ecke, ſeine er⸗ muͤdeten Glieder auf dem kuͤrzeſten Wege zur Ruhe zu bringen. Kleinlein nahm einen andern Weg. 238 2. Im weichgepolſterten Armſtuhle, mit einem uͤberwachten Geſichte, das aus nichtsſagenden Augen unter der Schlafmuͤtze hervorblickte, ſaß der Magiſtratsrath Puttfarken vor einer maͤchtigen Kaffeekanne, deren braunen Inhalt er mit tiefem Seufzen hinabſchluͤrfte, und große Nuͤrnberger „Eierweckla“ dazu voll Gram hinunterwuͤrgte. Er ſtillte ſeinen Gram mit Eſſen, Und trank gar hochbetruͤbt dazu. Vor ihm ſaß, mit vor dem Leibe gefalteten Haͤn⸗ den, Fraͤulein Jacobe Puttfarken, ſeine eheleib⸗ liche Schweſter, Haushaͤlterin und praͤſumtive Erbin, und ſeufzte die zweite Stimme zu den Seuſzern ihres Bruders und graͤnte ſich obli⸗ gat dazu.. Beide ſprachen lange kein Wort. „Wieder eine ſchreckliche Nacht voruͤber,“ fing endlich der Magiſtratsrath an,„eine ganz entſetzliche Nacht, wo gar nichts vorgefallen iſt und wir mit der bloßen Angſt davongekom⸗ men ſind.“ „Ich bin doch begierig, wie lange ſie Dich noch in Ruhe laſſen werden, lieber Bruder,“ ſagte Jacobe,„mich duͤnkt, daß Dein Stuͤndlein bald geſchlagen haben wird.“ 239 „Rede doch nicht ſo dumm, geliebte Schwe⸗ ſter,“ ſprach gelaſſen der Rath,„was ſollen ſie denn von mir wollen, die Aufruͤhrer?“ „Die Aufruͤhrer? nichts— gar nichts— aber die Gerichte.“ „Die Gerichte? habe ich denn etwas ver⸗ brochen?“ „J nun, daß Du die Sache nicht zur Kenntniß der Behoͤrden bringſt, daß Du das Schlangengezuͤcht ruhig ſeinen Gang gehen laͤßt, bis das Staatsgebaͤude in Flammen ſteht. Biſt Du dann nicht ſtrafbar? Biſt Du nicht Buͤrger? Beamter? Haͤltſt Du es mit dem Koͤnige oder mit den Wieglern?“ Jacobe, eine fromme Seele, die einſt jenſeits ſelig zu werden hoffte, befleißigte ſich ſchon hie⸗ nieden mindeſtens redſelig zu ſein, deſſen ungeach⸗ ttet glaubte ſie ſich kurz auszudruͤcken, wenn ſie dann und wann ihrer Converſation an Sylben entzog, was ſie ihr an Worten ſchenkte, daher ſie Wiegler ſtatt Aufwiegler und dergleichen mehr zu ſagen pflegte. „Mein Gott! was ſoll ich thun?“ fragte der Rath. „Alles angeben!“ rief Jacobe, indem ſie ſich in dem Seſſel herumwarf und dabei ihr Huͤnd⸗ chen trat. 240 „Kuſch!“— ſchrie der Rath, das ſchreiende Huͤndchen meinend, aber die Schweſter warf ihm einen herriſchen Blick zu, der ihn ſelbſt verſtum⸗ men machte. „Ich kuſche nicht vor!“ ſchrie ſie,„ich habe Dir Alles geſagt, was ich weiß. Ich bin als eine ſorgſam liebende Schweſter Nachts hin⸗ untergeſchlichen auf die Tenne, um Alles zu be⸗ lauſchen, und habe mir Huſten und Schnupfen geholt, wie mir der Doctor Ziegengeiſt nach aͤrzt⸗ lichem Gewiſſen bezeugen kann— ich bin hinter Alles gekommen und Du machſt keinen Gebrauch davon.“ „Ich keinen Gebrauch davon machen?“ ſchrie verwundert der Bruder,„und aͤngſtige ich mich denn nicht, daß mir der Schweiß ausbricht? Schmeckt mir Eſſen und Trinken? Schlafe ich? Laſſe ich nicht mein Haus bewachen? Schelten mich nicht die Nachbarn verruͤckt und toll? Mun⸗ kelt man nicht naͤrriſches Zeug von mir?“ „Eben weil Du die Sache nicht recht an⸗ greifſt,“ ſprach ruhiger die Schweſter.„Wie ich Dir ſagte, Dein Neffe, der Friede ſei wieder hier, und ſtecke am ſpaͤten Abend vor der Haus⸗ thuͤr mit Lieschen zuſammen, da haͤtteſt Du ſo⸗ gleich als Mann dazwiſchentreten muͤſſen.“ 241 „Ach Gott!“ ſeufzte der Rath. „Wie ich Dir endlich meine Entdeckungen mittheilte, wie ich Dir ſagte, daß ich mit meinen beiden feinen Ohren gehoͤrt habe, daß Friede einen Dolch bei ſich trage, mit dem er noͤthigen Falls Jeden erſtechen wollte, der ſich ihm in den Weg ſtellen wuͤrde, da haͤtteſt Du Dich ihm gerade in den Weg ſtellen muͤſſen—“ „Damit er mich doch guͤtigſt erſtechen moͤchte? Nein, Schweſter, das waͤre nicht recht von mir geweſen. Aber ich erwiederte Dir ja ſchon oft, daß Friede ſtets ein großer Freſſer war, daß er gern etwas Gutes zu ſich nahm, wie das nun einmal in unſerer Familie liegt, und daß er von Morcheln und Sardellen geſprochen hat und Du haſt Dolchen und Stellen verſtanden.“ „Du unglaͤubiger Thomas! glaubſt Du mir nicht, ſo uͤberzeuge Dich ſelbſt. Laß eintnal Deine fuͤrchterlichen Nachtwaͤchter weg, bleibt Deine Thuͤr unbewacht, was gilt's, ſo iſt er wieder da und avertirt Lieschen und wir koͤnnen lauſchen, und dann wirſt Du hoͤren.“ „Ja, ſchoͤnen Dank! meine Nachtwaͤchter weglaſſen!“ kreiſchte der Rath.„Dieſen Rath kann mir keine Schweſter gegeben haben. Die Nachtwaͤchter ſind meine einzige Stuͤtze, ohne A. Lewald, Novellen. III. 16 „ 1 242 Nachtwaͤchter waͤre ich wohl ſchon laͤngſt des blaſſen Todes.“ „Nun gut,“— ſprach Jacobe—„ſo triff mit den Leuten ganz heimlich die Abrede, daß ſie die Nacht im Innern des Hauſes, im Erdgeſchoſſe neben der Thuͤr zubringen ſollen, um im Falle der Noth bei der Hand zu ſein. Wir lauern indeß hier oben und ſchleichen dann ſachte nach, wenn Lieschen zu ihrem Amanten hinab⸗ huſcht.“ „Ja— oben auf der Treppe wir— und die Waͤchter unten im Erdgeſchoſſe an der Thuͤr— das geht, und ſo meinſt Du, werd' ich dahinter kommen?“ „So und nicht anders— und zum Ueber⸗ fluß kann unſer Hanns uns den Ruͤcken decken!“— bemerkte die Schweſter. „Ach der Haſenfuß!“ ſagte der Rath, doch gleich fuͤgte er hinzu,„ja, er mag den Ruͤcken decken, beſſer ein Haſenfuß im Ruͤcken als keiner.“ Das Geſchwiſterpaar wollte noch weiter uͤber dieſen Gegenſtand verhandeln, als mit heiterer Miene Lieschen hereinhuͤpfte und einen freundlichen guten Morgen wuͤnſchte. Sie bot dem alten graͤmlichen Onkel ein Maͤulchen, und er hielt ge⸗ zwungen das verzerrte Geſicht dem roſigen Dirn⸗ chen entgegen. 243 Tauſende in Deutſchland wuͤrden dieſen Kuß freundlicher empfangen haben. 3. Der ehemalige Stadtflaſchner, nunmehrige Magiſtratsrath Puttfarken, wuͤrde in England un⸗ bezweifelt nur ein armer Teufel geweſen ſein, in Nuͤrnberg war er aber ein ſteinreicher Mann. Er hatte auf der Gotteswelt faſt keine Beſchaͤftigung und wußte oftmals nicht, was er vor langer Weile machen ſollte, daher machte er ſich allerlei Ge⸗ danken. Waͤr' er ein Britte geweſen, man haͤtte ſagen muͤſſen, er habe den Spleen, ſo truͤbſelig ſah es um den Mann aus. Seitdem die demagogiſchen Umtriebe Mode wurden, hatte er keine ruhige Stunde, und ſeit Kotzebue's Ermordung wurde er faſt wahnſinnig. Man fragt mit vollem Rechte, was Putt⸗ farken mit dem Allen zu ſchaffen hatte, und in welcher Beziehung Sand's That zu ihm ſtand. Aber er erklaͤrte ſich ſelbſt fuͤr einen hoͤhern Staats⸗ beamten und als einen Mann, der bei der be⸗ ſtehenden Ordnung der Dinge um Rath gefragt wuͤrde, der aber bei etwaiger Umwaͤlzung des Staats und der Ordnung nothwendiger Weiſe mit umgewaͤlzt werden muͤſſe. Ferner war er ſich be⸗ wußt, fuͤr ein ruſſiſches Jaͤgerregiment, als er 16* 244 noch die Flaſchnerei trieb, Feldflaſchen von Blech geliefert zu haben, die er nicht bezahlt erhalten hatte, weshalb er mehrmals nach Rußland ſchrei⸗ ben muͤſſen. Dieſe Correſpondenz konnte von den jungen, exaltirten Brauſekoͤpfen falſch gedeutet und ihm unheilbringend werden. Er fuͤrchtete mehr fuͤr ſeinen Kopf, als fuͤr die Koͤpfe aller Staats⸗ maͤnner von Europa, weil ihm der ſeinige am liebſten war, den er mit keinem andern vertauſcht haben wuͤrde. Waͤhrend dieſer großen Angſt, die mit ihm noch ſo Mancher in Deutſchland theilte, zog er ſich in ſein feſtes, gutes Haus, wie eine Schild⸗ kroͤte in ihre Schale zuruͤck und brach allen Um⸗ gang ab. Mehrere Jahre vergingen und die Angſt verlor ſich, da die Gefahr voruͤber zu ſein ſchien. Es wurde nach und nach Alles verrathen, die praͤchtigſten Unterſuchungen brachten Licht in die Irrgaͤnge einer jugendlichen Politik, und Wit's großartige Enthuͤllungen brachen endlich dem Un— weſen ganz den Hals. Ein Ehrenmann wie Putt⸗ farken konnte wieder ruhig ſchlafen und durfte ſich getroſt in die Arme einer wachſamen Polizei werfen. In dieſer Zeit wurde der Rath wieder zum Menſchen. Sein Herz thaute auf nach dem 245 langen Winterſchlafe, und das Baͤrenfett der Guͤte, das bis jetzt nur zur eignen Nahrung gedient hatte, ſollte auf einige Angehoͤrige niedertraͤufeln. Er ging mit ſeiner getreuen Schweſter Jacobe zu Rathe, und die Wahl ſiel auf einen luſtigen Jungen, Friede, der die Univerſitaͤt Erlangen auf des Onkels Koſten beziehen ſollte, und auf Baͤs⸗ chen Lieschen, die als arme Waiſe ins Haus ge⸗ nommen wurde. 8 Auch dies hatte in Nup und Guͤte zwei Jahre gedauert, als boͤſe Haͤndel den Burſchen Friede von der Univerſitaͤt trieben. Er floh nach Frankreich und hinterließ bedeutende Schulden⸗ Dort hatte er, wie es verlautete, geheime Ver⸗ bindungen angeknuͤpft. Lieschen war troſtlos, und nun kam es heraus, wovon man bis jetzt keine Ahnung hatte, Lieschen und Friede waren bis uͤber die Ohren ineinander verliebt. Seit der Flucht hoͤrte man nichts von dem jungen Menſchen. Mittlerweile nahmen die Proceſſe des be⸗ ruͤhmten Nuͤrnberger Findlings und der Bremer Giftmiſcherin, wodurch beide Staͤdte eine laͤngſt entſchlafene Beruͤhmtheit wieder erweckten, das ganze gebildete und ungebildete Deutſchland in Anſpruch. Puttfarken lag in der Mitte. Seine Beſorgniſſe wurden wieder maͤchtig angeregt. Er 246 [—— traͤumte wachend und ſchlafend von großen ge⸗ heimen Verbrechen. Er hatte ordentlich eine Scheu vor allem Geheimen erhalten und wuͤrde gewiß das Praͤdicat„geheim,“ wenn es vor ſeinem Magiſtratsrath moͤglich geweſen waͤre, abgelehnt haben. So aber gibt es noch zu Zeiten keine geheimen Magiſteatsraͤthe. Nun brach die Inlirevolution in Frankreich los, und auch Deutſchlands politiſcher Himmel truͤbte ſich. Unſer Puttfarken gerieth außer ſich. Er konnte ſich ſeinen jugendtollen Vetter, den re⸗ legirten, entflohenen, nicht aus den Gedanken ſchlagen. Er ſah ihn ſchon im Geiſte an der Spitze eines Haufens Rebellen uͤber den Rhein ziehen, eine mehrfarbige Fahne auf das herzoglich naſſauiſche Schloß Biberich pflanzen, und rings umher den Aufruhr predigen.„Einen ſolchen Prediger glaubte ich nicht aus ihm zu machen, als ich ihn Theologie ſtudieren ließ,“ pflegte er dann mit einem unterdruͤckten Seufzer zu ſagen, der wie Schluchzen klang. So wuchs ſeine Angſt immer mehr und mehr. Jeden Tag nahm er den Nuͤrnberger Frie⸗ dens⸗ und Kriegs⸗Courier zitternder in die Hand, aus Beſorgniß, ſeinen Namen darin zu finden, denn als er ſein Stadtflaſchnergeſchaͤft aufgab, war dies zum letzten Mal der Fall geweſen, und ſeitdem iſt kein Zeitungsartikel mehr von ihm er⸗ ſchienen. Da er wußte, wie gern die Franzoſen deutſche Namen verſtuͤmmeln, erſchrak er einſt un⸗ gemein, als er den Namen Copfigue fand, und meinte, das koͤnnte wohl Puttſarken heißen. Er war lange nicht davon abzubringen. Endlich hob ihn ſeine geliebte Schweſter Jacobe auf den Gipfel der Aengſtlichkeit durch eine Mittheilung, die ſie ihm machte, die wir aber unſern Leſern erſt im folgenden Capitel offenbaren wollen. 4. Es war um die Mitte des Sömiers und ein wunderherrlicher Abend. Die Nachbarn ſtan⸗ den in aufgeſchuͤrzten Hemdaͤrmeln, die Pfeifen im Munde, unter den Thuͤren und fuͤhrten laute, heitere Geſpraͤche in ihrer breiten Mundart. Die Weiber hatten Baͤnke herbeigeholt, ſaßen in ganzen Klatſchconventen beiſammen und ſtrickten, wobei die Zungen ſich noch ſchneller als die Nadeln be⸗ wegten. Schmutzige Kinder ſpielten auf behaue⸗ nem Bauholze mit zerriſſenen Blumen, und Jung⸗ frauen begoſſen mit hochklopfendem Buſen ihre Blumen an offenen Fenſtern. Von den Zwingern her ſtellte die ſchoͤne Welt aber bereits ihren Heim⸗ weg an und hatte ſich ergoͤtzt.— So freute ſich jedes Menſchenkind nach ſeiner Weiſe. 248 In dem alten Hauſe des Magiſtratsraths, ſo wie in der Schmaußengaſſe herrſchte ein Si⸗ rocco. Die vielen Feuerarbeiler waren Schuld an dieſem italieniſchen Clima. Zu jener Zeit war eben ein Angſtſtilleſtand eingetreten. 3 Puttfarken war ins„Colleg“ gegangen, das aͤlteſte Caſino Dentſchlands. Sein gedeckter Abend⸗ tiſch erwartete ihn, und Jacobe ſtand am Herde, um fuͤr ihren geliebten Bruder einige Speiſen mit Sorgfalt zu bereiten. Denn der Magiſtrats⸗ rath galt weit und breit fuͤr einen der erſten Feinſchmecker. 3 Ploͤtzlich kam Hanns, mit ſteifen Beinen, ſo gut er es vermochte, in die Kuͤche geſprungen. „Sehen Sie, Fraͤulein, ſehen Sie einmal, was dort los iſt!“— Jacobe, welche glaubte, es ſei eine ihrer fal⸗ ſchen Locken losgegangen, griff danach und ſagte: „es iſt ja nichts!“— Hanns aber hatte ſie beim Arme genommen und ſchleppte ſie, die Bratpfanne in der Hand, wie ſie war, zur Thuͤr und deutete mit dem Finger nach der Straßenecke. Dort erblickte man Lieschen im eifrigſten Ge⸗ ſpraͤch mit einem jungen Manne, der einen pol⸗ niſchen Rock trug und deſſen jugendlich ſchoͤne 249 Zuͤge noch durch einen ſtattlichen Schnurrbart einen Reiz mehr erhielten. Es war gar nicht ſchwer fuͤr Jacobe, ſogleich den relegirten Erlanger Studenten Friede zu ent⸗ decken. „Hm, Hm!“ ſagte ſie,„alſo wieder hier— und Lieschen iſt die Vertraute.“ Sonſt ſagte ſie nichts und blieb unverwandten Blickes die Bratpfanne in der Hand, unter der Thuͤr ſtehen und bemerkte nicht die Gruͤße der Voruͤbergehenden. Was in ihrem Innern vorging, iſt unbeſchreiblich, denn ſie ſelbſt liebte Friede und haßte Lieschen. Der junge Menſch bog um die Ecke und das Maͤdchen kehrte mit verweinten Augen ins Haus zuruͤck und ging, an ihrer Tante voruͤberſtreifend, in ihr Zimmerchen hinauf. Jacobe ſah ihr mit Hohnlaͤcheln nach, und erhob die Bratpfanne drohend am Stiele in der Luft:„ich will Dir die ſentimentalen Ideen aus dem Kopfe rupfen, wie ich jene Tauben ſo eben rupfte; ich will eine Wildbeitze uͤber Euer girren⸗ des Herzensragout gießen, als ob ich Schnepfen einmachte, ich will Euch bei langſaͤmen Feuer roͤſten, Ihr weichen Eierſeelen!“— Die gute Perſon war in ihrer Wuth offen⸗ bar zu weit gegangen und druͤckte ſich ganz bom⸗ 250 baſtiſch aus. Aber fuͤrchterlich ſtand es ihr an; ſie hatte etwas von irgend einer alten Rachegoͤttin. Hanns ſchauderte.— Mittlerweile kam der Magiſtrathsrath nach dem Colleg nach Hauſe. Er hatte Hunger und freute ſich auf das Abendbrod und dies verſetzte ihn ſtets in eine heitre Stimmung. Den Hut im Nacken, die Halsbinde los, mit ſchlotternden Modeſten und offenem Frack, in der einen Hand ein weißes Schnupftuch, in der andern ſeinen Stock, den er wie ein Gewehr ge⸗ ſchultert hatte, ſo trabte Puttfarken die Straße hinan, ein Bild des Sommerabends. Er begruͤßte die Schweſter, gab Hanns Hut und Stock und wollte ſich eben erkundigen, welche Tafelfreuden ihn erwarteten, als Jacobe mit einem Mal, ernſt wie ein finſterer Schatten, in den heiterſten Sonnenſtrahl ſeiner Hoffnungen trat. „Was wirſt Du haben?“ fing ſie an, ſeine Frage nach dem Eſſen beantwortend—„ein Co⸗ telett und Sallat! Aber weißt Du, wer hier iſt? Ich will Dir den Appetit nicht verderben. Dann eingemachte Tauben und eine geſpickte Kalbsniere in Champagner— aber was hilft das Alles? Du ißt nichts davon, wenn Du einmal wiſſen wirſt, wer hier iſt.“ 4— 251 Mehr bedurfte es nicht, um aus dem hei⸗ tern Manne ein Bild der Angſt und des Schreckens zu machen. 2 „Und wer iſt denn hier, Satan!“ rief er. „Wer will mir meine ruhige Lebensfreude ver⸗ gaͤllen?“ 3 „Friede iſt hier!“ ſagte ſie kalt und rich⸗ tete an. Der Bruder hielt ihren Arm zuruͤck, der eben Sauce auf die Schuͤſſel gießen wollte und ſagte:„Friede— mein Gott! laß jetzt Alles ſtehn und liegen und ſprich: war er hier im Hauſe, wollte er mich ſprechen?“— „Er wird ſich huͤten,“ rief Jacobe,„mit der Dirne hat er am Eckſtein geſprochen; aber laß meinen Arm los!“ „Mit der Dirne— mit Lieschen nur?“— wiederholte langaufathmend der Rath, indem er in das Wohnzimmer eintrat und ſich an den ge⸗ deckten Tiſch ſetzte—„trag' das Eſſen auf!“— ſagte er nach einer Weile ſanft zu Jacobe— „liebe Schweſter, mich hungert!“— Sie konnte diesmal aus dem Bruder nicht klug werden, der bei ſolchen Ereigniſſen Kopf ge⸗ nug behielt, das Eſſen zu verlangen. Sie trug die Schuͤſſeln herbei mit dem feſten Vorſatze, dem armen Manne ſtaͤrker zuzuſetzen. 252 —— „Der Junge kommt aus Frankreich, wo ſie vor ſechs Wochen erſt den Koͤnig fortgejagt haben!“ ſagte Jacobe. „Es iſt Alles dort wieder beim Alten,“ er⸗ wiederte kauend der Rath. „Er iſt nicht ohne Abſicht hier“— fuhr die Schweſter fort—„er fuͤhrt Großes im Schilde. ſonſt wuͤrde er ſich nicht hier eingeſtellt haben, Er hat gewiß etwas Gefaͤhrliches zu unternehmen im Sinne, denn Lieschen weinte, wie ſie von ihm zuruͤckkam— es wird wohl das theure Leben des Taugenichts auf dem Spiele ſtehn.“ Puttfarken wuͤrgte am Biſſen, den er im Munde hatte, der Schlund war ihm trocken, er war nicht mehr im Stande zu ſchlucken. „Wie ſo?“ fragte er heiſer. „J nun,“ ſagte Jacobe, die ſich von der Wirkung ihrer Rede genugſam uͤberzeugt hatte und als verſtaͤndige Koͤchin jetzt einen Deckel uͤber die Pfanne deckte und den Rath ſchwitzen ließ. „Wie meinſt Du? fragte gedehnt, mit ſtarkem Fragezeichen der Bruder. Sonderbar! Jacobe hatte Hunger bekommen und aß mit beiden Backen. Sie ſprach nie un— ter dem Eſſen und antwortete daher nicht. Puttfarkens Appetit war hin; er ſah wie ſeine Schweſter eben eine Taubenbruſt zwiſchen 253 einem Paar langer gelber Zaͤhne zermalmte, die ſie noch in beiden Kiefern mit großer Vorliebe pflegte und ſagte freundlich:„Sie iſt Dir zu zaͤh— Du wirſt unruhig darauf ſchlafen. Kaue ſie ja recht klein und wenn Du ſie hinunterge⸗ ſchluckt haſt, ſo ſage mir, warum des Taugenichts Leben auf dem Spiele ſtehen wird.“ „Man kann nicht einmal in Ruhe eſſen“— ſagte noch immer kauend Jacobe—„weil er wahr⸗ ſcheinlich à la Sand“— Mehr ſprach ſie diesmal nicht und mehr brauchte ſie auch nicht zu ſprechen. Mit beiden Fuͤßen ſchob Puttfarken ſich den Tiſch vom Leibe, ſtand auf und faßte ſich mit beiden Haͤnden an den Kopf. Er hatte ſich ſchon laͤngſt gedacht, daß ſein Neffe in irgend einer geheimen Verbindung ſtehe, er wußte laͤngſt ſchon, was ſeine Schweſter ſagen wollte, aber deſſen ungeachtet war er ruhig geblieben, er hatte ſich ſelbſt nicht ſeine Beſorg⸗ niſſe mitzutheilen getraut. Die beſtimmt ausge⸗ ſprochene Muthmaßung Jacobe's gab aber den Ausſchlag, nun war kein Halten mehr und er peinigte ſich ab, irgend etwas zu erſinnen, was ihn vor der vermeinten Gefahr zu ſchuͤtzen im Stande geweſen waͤre. „Vor allen Dingen muß Lieschen herbei, ich will ſie verhoͤren als Onkel und Magiſtratsrath und wenn ſie noch einen Funken Menſchlichkeit im Herzen hat, ſo muß ſie Alles geſtehen.“ Jacobe lachte.—„Ei, warum nicht gar der Mamſell einen ſolchen Triumph goͤnnen. Nichts wird ſie ſagen— nichts geſtehen; und die Sache wird deſſen ungeachtet ihren Gang gehen.“ „Welchen Gang?“ fragte der Rath aͤngſt⸗ lich, obgleich er wußte, was ſeine Schweſter ſagen wollte. Sie kannte dergleichen Fragen und be⸗ antwortete ſie nicht. „Das Einzige, was uns zu einem Reſultate fuͤhren kann, iſt das Lauſchen. Wir wollen ſchein⸗ bar freundlich gegen Lieschen ſein, ihr alle Frei⸗ heit goͤnnen, die Thuͤr etwas laͤnger als gewoͤhn⸗ lich offen laſſen und fuͤr das Uebrige will ich dann ſorgen. Es muͤßte nicht mit rechten Dingen zu⸗ gehen, oder der verliebte Burſche umſchleicht unſer Haus und Lieschen zu ihm hinunter.“ Puttfarken ſah nicht ſogleich ein, zu welchem Reſultate dies fuͤhren ſollte. „Und dann?“ fragte er,„was dann?“— „Dann will ich ihr Geſpraͤch belauſchen und Dir Alles hinterbringen; dann mußt Du handeln, wie es einem Manne in Amt und Wuͤrden ziemt“— ſprach Jacobe. Dies nahm der Rath an und beruhigte ſich fuͤr den Augenblick dabei. 25⁵ Aber die Thuͤr blieb die halbe Nacht offen, Lieschen konnte ein⸗- und ausgehen, ſo viel ſie mochte, der Rath und Jacobe konnten ſo freund⸗ lich als moͤglich mit ihr ſein, das Maͤdchen war traurig und dachte nicht daran, Nachts vor die Thuͤr zu ſchleichen. Auch von Friede war nichts mehr zu hoͤren noch zu ſehen. Es war ja augenſcheinlich, daß er nur durch Nuͤrnberg gereiſ't war und in einem und dem⸗ ſelben Geſpraͤche die Freuden des Wiederſehens mit dem Schmerze des Abſchieds verſchmolzen hatte. Wohin er gereiſt war, wußte, außer Lies⸗ chen, Niemand. Dies war im Sommer geſchehn. Als im November deſſelben Jahres der Aufſtand in Warſchau losbrach, konnte man an Lieschen den Ausdruck großer Bangigkeit wahrnehmen. 5. Der Winter verſtrich im Puttfarkenſchen Hauſe wie uͤberall in Nuͤrnberg. Um Weihnachten wurden Lebkuchen, weiße und braune, gebacken und Karpfen gegeſſen, dann wurde ein Muſeumball mitgemacht und alle vier⸗ zehn Tage ein Theekraͤnzchen gegeben. Trotz aller dieſer Freuden und Luſtbarkeiten war Lieschens Gemuͤth von Trauer umfangen und dem Rath, 256 der jetzt wieder ein wenig ruhig zu werden an⸗ fing, konnte nur des Maͤdchens Traurigkeit einige Unruhe erregen, denn dabei fiel ihm gleich Friede ein und dann dachte er an den Unfrieden der Voͤlker und daß ihm noch einmal von dieſem Jungen Unheil erwachſen koͤnne. Er dachte daran, ſich Lieschen vom Halſe zu hefe und hoffte auch dadurch der einſtmaligen Ruͤckkehr ſeines Neffen einen Riegel vorzuſchieben. Iſt ſie einmal weg, weit weg und verheirathet, dachte er, dann mag der Junge kommen, wann er will, er bleibt ſicher nicht lange hier, er laͤuft Lieschen nach und hat es dann mit ihrem Manne zu thun, ich aber waſche meine Haͤnde. Seine Wahl ſchwankte nicht lange. Seit vielen Jahren ſchon ſtand er mit dem Hauſe der Herren Johann Peter Raſchmann und Compagnie in Frankfurt am Main in Verbindung. Er be— zog naͤmlich ſeinen Bedarf an Gaͤnſeleberpaſteten von dieſem Hauſe. Der Sohn deſſelben, der junge Monſieur Louis Raſchmann, ein Juͤngling wie eine Cigarre, gerade gewachſen, ſchlank, nicht groß, trocken, leicht Feuer fangend, von feinem Geruch und ganz geſchmacklos, war oftmals in Nuͤrnberg anweſend, weil er fuͤr das Haus ſeines Vaters reiſ'te, das, nach dem Kunſtausdrucke der reiſenden Handelswelt, in Paſteten machte. 257 Er wußte viel von der Jagd der Truͤffeln zu erzaͤhlen, die Puttfarken jeder andern vorzog, weil dabei kein Blut vergoſſen wurde; er zergliederte die Beſtandtheile der Farce von Gaͤnſefleiſch und Truͤffeln, die dem Rathe ein freundlicheres Laͤcheln ab⸗ gewann, als die beſte Farce auf dem Theater, das Puttfarken nie beſuchte, kurz er ergoͤtzte ihn auf die mannigfachſte Weiſe, bis auf die Erzaͤhlung von der Durſtmarter der Gaͤnſe, woraus hervorging, daß der durch die abſcheulichſte Kuͤnſtelei erzielte Leckerbiſſen eigentlich eine kranke, in Eiterung uͤber⸗ gegangene Leber ſei. „Wenn ich mir das nicht aus dem Sinne ſchlage, ſo kann ich nie wieder mit Andacht eine Paſtete genießen,“ ſagte ſehr ernſt der Rath und verbat ſich's fuͤr die Folge. Er pflegte auch von dieſem Augenblicke an nie eine Paſtete zu oͤffnen, ohne die Worte auszuſtoßen:„muͤſſen denn unſere herrlichſten Genuͤſſe ſich ſtets auf die Leiden unſe⸗ rer Mitgeſchoͤpfe gruͤnden?— Nein, dieſe Welt iſt nicht die beſte!“— Und damit ſtieß er die ganze Lehre vom Op⸗ timismus uͤber den Haufen. Auf Raſchmann junior hatte Puttfarken ſeine Hoffnung gebaut, der ſollte ihn von ſeiner Marter befreien; dann mag er ſich mit Friede dereinſt abſinden, dachte er bei ſich. A. Lewald, Novellen. III. 17 258 Raſchmann ſchien nicht uͤbel Luſt zu haben, anzubeißen, denn er hielt den Rath, ſeinen Be⸗ ſtellungen nach, fuͤr einen reichen Mann. Er war noch nie in ſeinem Hauſe geweſen, als um irgend eine Beſtellung anzunehmen oder einen Saldo ein⸗ zucaſſiren. Ihre naͤhere Bekanntſchaft ſchrieb ſich vom Muſeum her. An dem Tage des Fruͤhlingserwachens, wo Alles in Nuͤrnberg ſchon Spargel und junge Pe⸗ terſilie im Ueberfluſſe hatte, machte Puttfarken dem Frankfurter den Vorſchlag, ſein Lieschen zu eheli⸗ chen, und lud ihn zur Beſichtigung derſelben an⸗ dern Tages ins Haus ein.— Der junge Menſch empfing den Antrag, der ihm nicht mehr unerwartet kam, mit vieler Artig⸗ keit, lehnte aber die Einladung zum Beſuche mit der hoͤflichen Entſchuldigung ab, daß er andern Tages eine Reiſe nach Bamberg antreten muͤſſe, woſelbſt ſein Haus eine bedeutende Truͤffel⸗ und Paſtetenlieferung an einige fette Domherren zu machen habe, er daher das Vergnuͤgen, ſeine Braut kennen zu lernen, bis zu ſeiner Ruͤckkunft aufſparen muͤſſe, wo er auch alsdann die Antwort von ſeinen Principalen, reſp. Vater vorfinden wuͤrde, ohne deſſen Ermaͤchtigung er dies erſte Geſchaͤft à conto suo ſich nicht abzuſchließen getraute. Raſchmann erſchien als Sohn und Commis 259 gleich ehrenwerth, und Puttfarken war damit zu⸗ frieden und ließ ihn reiſen. Nun hatte er ſeine Ruhe, ſein Lebensgluͤck, wie der Knabe den Schmetterling am Faden, den er ſpielend vor ſich herflattern laͤßt, des Beſitzes gewiß, da trat ſeine Schweſter gleich der Parze mit einer furchtbaren Scheere ihm entgegen und durchſchnitt ihm Alles bis aufs innerſte Herz mit den Worten: 3 „Weißt Du's ſchon? Der Friede iſt wieder da!“ Und er war wieder da im polniſchen Rocke, mit dem Schnurrbarte und alle Graͤuel der pol⸗ niſchen Revolution traten dem armen Magiſtrats⸗ rathe vor die geaͤngſtete Seele. „Es iſt eine ewige Vereinigung zwiſchen den Rebellen, denen kein Staat klug genug iſt. Gott weiß, wo das Alles noch hinaus will. Ich ver⸗ ſtehe die Kanzeliſten nicht.“ Er meinte damit die Staatskanzliſten, die uͤber der Voͤlker Wohl zu wa⸗ chen haͤtten. Er fuͤr ſein Theil jedoch verrieth nichts von der Sache, ſondern hielt auf eigene Koſten zwei Nachtwaͤchter. Dies machte Aufſehen und es konnte nicht fehlen, daß die abenteuerlichſten Geruͤchte bald im Schwange waren, von einem Neffen, der dem Onkel das Haus uͤber dem Kapfe anſtecken wollte und dergleichen mehr. Niemand 17* 260 wußte jedoch das Wahre als das arme Lieschen, das ein recht betruͤbtes Leben im Hauſe des Onkels dahinbrachte. Wir aber haben jetzt nachgeholt, was zu wiſ⸗ ſen noͤthig war und ſtehen jetzt wieder beim An⸗ fange dieſer Geſchichte. 6. Der große Entſchluß war nunmehr gefaßt⸗ Die Nachtwaͤchter wurden eingezogen, das heißt ganz leiſe ins Haus eingelaſſen und die ſcheinbar unbewachte Thuͤr blieb den Verliebten offen. Der Rath, Jacobe und Hanns ſteckten lauernd im Hintergrunde voll der ſchlaueſten Liſt. Ein Paar Naͤchte war dies bereits geſchehen und noch immer nichts erfolgt. Die dritte Nacht brach an. Sie war finſte⸗ rer als die fruͤheren, weil eine ſchwarze Wetter⸗ wolke uͤber der Schmaußengaſſe ſchwebte. Die Nachtwaͤchter Weichelt und Kleinlein ſaßen bei gutem Bier und Karten im Erdgeſchoſſe, ihre Lanzen waren an die Wand gelehnt und ſie ſich keines Ueberfalls gewaͤrtig. Horch! da knarrte die Thuͤr. Die Waͤchter merkten nichts davon. Ein Paar Fuͤßchen huſchten die Treppe kaum hoͤrbar herab. Wie haͤtten das ſolche Ohren, wie Weichelt's und Kleinlein's wohl 261 hoͤren ſollen? Und zwiſchen der halbgeoͤffneten Haus⸗ thuͤr umfing ſich's und fluͤſterte und druͤckte ſich und kuͤßte, und auf der Schwelle des Puttfarken⸗ ſchen Hauſes erbluͤhte eine Gluͤckſeligkeit, von der die Bewohner deſſelben keine Ahnung hatten. Sie blieb aber auf der Schwelle und wollte keinen Schritt uͤber dieſelbe machen. Indeſſen ſchnauften oben im Verſtecke an der Treppe, wie alte Ohr⸗ eulen im wuͤſten Gemaͤuer, voll Angſt, Sorge und Neugier der Rath und ſeine Schweſter. Dem alten dummen Hanns machten die jungen Leute Spaß. War es, daß das Paͤrchen mehr kuͤßte als ſprach, aber die Horcher verſtanden nichts Rechtes; denn wenn auch Jacobe ihrem Bruder zufluͤſterte: „Hoͤrteſt Du, o Graͤuel! deutlich von Dolch und Strafgericht ſprechen ſie! mit Feuer verheeren! u. ſ. w.“ ſo wiſſen wir ſchon, was das ſagen will. Der Rath ſchuͤttelte bedenklich den Kopf und fragte ſich zuruͤckwendend:„Hanns, haſt Du etwas ver⸗ ſtanden?“— und der antwortete ein ꝛ ziemlich ver⸗ nehmliches:„Ne!“ Die Verliebten hoͤrten es zum Gluͤcke nicht, denn ſie hielten ſich zu feſt umſchlungen. Schon wurde dem Rathe die Zeit lang, da ſing Lieschen zu ſprechen an. Aber der geſpannte⸗ ſten Neugier zum Trotze waren nur einzelne Worte 262 zu verſtehen, dieſe jedoch im Stande, das ſchreck⸗ lichſte Licht uͤber die Verbindungen des aus Polen zuruͤckgekehrten jungen Menſchen zu verbreiten. Ohne Kotzebue's und Clauren's maͤchtiges Ta⸗ lent zu beſitzen, die aus zwoͤlf aufgegebenen Worten einen artigen Roman zu machen verſtanden, indem die zwoͤlf Worte uͤber jedem Capitel als Ueberſchrift prangten, konnte der ehrliche Stadtflaſchner Putt⸗ farken ein gleiches Wunder mit leichter Muͤhe zu Stande bringen. Was er erlauſchte, war Folgendes: Sauerkraut und Schinken— Dolch— Po⸗ len— Begeiſterung— Mundkoch— Was da!— Großfuͤrſt— Verſchwoͤrung— Gift— Truͤffeln— Grauſamkeit— Heimliches Gericht.— Dies waren die zwoͤlf Ueberſchriften zu dem fuͤrchterlichen Romane, den Puttfarken's Phantaſie ganz ohne Muͤhe ausheckte. ₰ Er war noch mit der Ausarbeitung ſeiner Dichtung beſchaͤftigt, als Jacobe mit ihren Naͤgeln, die ſie chineſiſch wachſen ließ, ihn am Schlafrock⸗ aͤrmel mit ſolcher Gewalt in ein anſtoßendes Zim⸗ mer riß, daß ſie das Fleiſch des bruͤderlichen Armes mit zu packen bekam und blaue Spuren darin zuruͤckließ. Friede hatte Lieschen noch einen Kuß gegeben und war fortgelaufen; Lieschen aber war noch einen Augenblick ſtehen geblieben, um dem Geliebten 263 nachzuſehen, dann huſchte ſie eben ſo leiſe die Treppe hinauf, wie ſie herabgekommen war. „Was ſagſt Du nun?“ ſprach mit ihrer ge⸗ woͤhnlichen Altſtimme Jacobe, da ſie ſich nicht mehr Zwang aufzulegen brauchte,„iſt was an der Sache, oder nicht?“— „Ich begreife nunmehr Alles und weiß, wo es hinaus will!“ ſprach zitternd der Rath.„Was er ihr mittheilte, war eine Art von Lebensgeſchichte; es bezog ſich Alles auf die Revolutionen, die er mitgemacht hat und worin er es wahrſcheinlich zur Meiſterſchaft brachte. Das Einzige, wobei ich mir am Wenigſten etwas denken kann, iſt das heimliche Gericht.“. „Das kannſt Du nicht begreifen?“ fragte ironiſch Jacobe,„und haſt Du Kuno von Kyburg, Alf von Duͤlmen, Ida Muͤnſter, und all die ſchoͤ⸗ nen Buͤcher nicht geleſen? Weißt Du nicht, was Freigrafen, Freiſchoͤffen, Freifrohnen, Freiſtuͤhle ſind? Und muß jetzt nicht Alles frei ſein? Drei Splitter mit dem Dolche aus der Thuͤr geſchnitten, in allen Wunden derſelbe Dolch— die unſichtba⸗ ren Richter des verborgenen Verbrechens“— „Und das ſollte wieder aufkommen?“ fragte Puttfarken. „Wie denn anders?“ entgegnete Jacobe. „Und der Junge ſollte auch mit dem heim⸗ 264 lichen Gerichte etwas zu ſchaffen haben?“ fragte Puttfarken weiter.„Glaubſt Du das, Schweſter?“ „Natuͤrlich!“ bejahte dieſe. „Aber das koͤnnte mir ja keinen Nachtheil bringen“— ſagte Puttfarken halbfragend, halb mit Gewißheit. „Biſt Du Dir keiner That bewußt, die in den Augen junger Schwindelkoͤpfe Strafe ver⸗ diente?“ fragte ihn ernſt die Schweſter. Puttfarken ſagte nichts. Ihm fielen die Blech⸗ flaſchen fuͤr das ruſſiſche Regiment ein und man⸗ ches Andre noch. Aber er ſprach nicht weiter da⸗ von. Gramvoll ſtieg er in ſein Schlafzimmer hinauf. Die Hausthuͤr knarrte, er ſchauerte zu⸗ ſammen und ſchlich zum Fenſter. Hanns ließ die Waͤchter hinaus und ſchloß zu. Er erkannte ſie Beide, denn der Morgen daͤmmerte bereits. Wei⸗ chelt buͤckte ſich und hob etwas auf, das er Klein⸗ lein zeigte— und o Graus! der Rath ſah es deutlich, es waren drei Spaͤhne, aus ſeiner gelben Thuͤr geſchnitten. Er warf ſich angekleidet aufs Bett, zog die Decke uͤber den Kopf und entſchlummerte bald, aber er traͤumte von Vehmgerichten, Blutzeugen und Dolchen. 265 7. Erſt ſpaͤt ſtand andern Tages der Magiſtrats⸗ rath auf und klingelte. Hanns kam und brachte Kaffee und Morgenpfeife. Mit ſchleifenden Schritten und herabhaͤngen⸗ den Armen nahete er ſich dem Tiſche, um die Pfeife zu ergreifen; denn was ihm auch Boͤſes im Leben begegnet war, dieſes Morgen⸗ und Rauch⸗ opfer unterließ er nie. Es zerſtreue die Sorgen und erleichtre die Bruſt, ſagte er; und in der That wollen die Aerzte der herba nicotiana eine ſtark abfuͤhrende Kraft zuſchreiben. Schon hatte er die Hand nach der Koͤlniſchen Pfeife ausgeſtreckt, als er mit Entſetzen weit vom Tiſche zuruͤckſprang und in einen Lehnſtuhl ſiel⸗ So erſchrickt der Bramin, wenn er unter den hei⸗ ligen Blaͤttern am Ganges einen ſchlummernden Paria erblickt, ſo ſpringt der Jaͤger zuruͤck, deſſen Fuß einer Klapperſchlange zu nahe kam. Und wirklich war, was Puttfarken erblickt hatte, eben ſo arg. Denn auf dem geoͤffneten Tabacksbeutel von Jacobe's Haͤnden geſtickt, worauf in friedlicher Eintracht ein Scorpion und ein Krebs, die Him⸗ melszeichen der Geburt der Geſchwiſter, zu ſehen waren, lagen drei gelbe Spaͤhnchen, etwas groͤßer als gewoͤhnliche Schwefelhoͤlzchen. 1 17** 266 Der Rath ſchloß ſogleich die Augen und ſuchte die Beſinnung zu verlieren, indem er ſich ſo ſchnell als moͤglich ſeine magiſtratualiſche Wirkſamkeit vor⸗ zuhalten bemuͤhte. Es gluͤckte ihm nur halb. Da ſiel ihm ein, ſich vorzuſtellen, es ſei nur ein boͤſer Traum, wie er in voriger Nacht ja mehrere noch unſinnigere getraͤumt; dieſe Traͤume haben aber ihren Urſprung aus dem Magen, und da Tabacks⸗ rauch den Magen erleichtern koͤnne, ſo ſei es ge— rathen, zur Pfeife zu greifen, und hiermit oͤffnete er wieder die Augen. Aber, o Graus! das Erſte, was er erblickte, war Hanns mit den verhaͤngnißvollen drei Spaͤhnen in der Hand. „Ja, Herr Rath,“ fing er an,„die Frevler haben mit einem ſchneidenden Inſtrumente unſere Thuͤr zerſchnitten. Das ſind die drei Splitter, die mir der Kleinlein, einer von unſern Nachtwaͤchtern, heut Morgen uͤbergab.“ „Mit einem ſchneidenden Inſtrument?“ wie⸗ derholte Puttfarken.„Vielleicht mit einem glaͤſernen Dolche“— „Ach nein,“ ſagte Hanns,„das iſt mit einem guten Meſſer geſchnitten, das ſieht man. Unſere Thuͤr iſt von hartem Eichenholze, und da mußte 267 das Meſſer ſchon recht ſcharf ſein. Aber der Hen⸗ ker mag auch wiſſen, was ſie denn immer nur mit unſerm Hauſe vorhaben?“ „Ja— wo iſt der Henker, der das wiſſen mag?“ ſeufzte Puttfarken in ſich hinein—„ich wollte ihn umarmen dieſen Henker, er ſollte mein Bruder ſein!“ Und in dieſem Augenblicke trat ſeine Schweſter zur Thuͤr herein. 1 Auf ihren herriſchen Wink entfernte ſich Hanns ſogleich. „Na“— rief ſie barſch im Alt,„haſt Du einen Entſchluß gefaßt?“ Der Bruder hielt die drei gelben Spaͤhnchen wie ein Vergißmeinnicht ihr entgegen. Sie, welche glaubte, es ſeien Zahnſtocher, brummte:„was ſoll das? ich habe heun noch nichts Fleiſchiges gegeſſen.“ Von dem Mangel an Zaͤhnen towieg ſie aus weiblicher Eitelkeit. Dem Rath, deſſen ohnehin zartes Nervenſyſtem ſehr gereizt war, kam ſie in dieſem Augenblicke wie ein ordinaires fleiſchfreſſendes Thier vor, und er mußte ſich, halb mit Ekel erfuͤllt, von der ihm ſonſt werthen Perſon wegwenden. 268 „Nun, was haͤltſt Du ſie denn noch immer?“ ſchrie ſie heftig,„ich frage, ob Du daran gedacht haſt, was jetzt in der Sache zu thun ſei?“ „Vor allen Dingen, Jacobe,“ ſprach der Rath, „bemerke die drei Spaͤhne aus meiner Thuͤr, ach! es ſind Spaͤhne zu meinem Sarge.“ Jacobe blickte hin.„Und?“ fragte ſie. „Was Du geſtern von den Vehmrichtern ſagteſt, hat ſeine Richtigkeit,“ ſeufzte Puttfarken, „ſie ſind hier geweſen, ſie haben die fuͤrchterliche Mahnung ergehen laſſen, ich muß mich ſtellen am Kreuzwege, ſie werden mir die Augen verbinden, ſie werden mich richten in Nacht und Blut und ich werde getilgt ſein von der Erde, als wenn ich nie darauf geweſen waͤre.“— „J warum nicht gar!“ ſprach die Schweſter, „ſo weit kommt's nicht, aber die Haͤnde darfſt Du nicht in den Schooß legen. Mit dieſen drei Spaͤh⸗ nen ging ich hin zur Polizei und zeigte Alles an, was ich wuͤßte“— „Und was iſt damit gewonnen?“ fragte der Bruder—„was kann die arme Polizei gegen ein heimliches Gericht ausrichten? Straßenkoth, Wan⸗ derbuͤcher, Reiſepaͤſſe, Diebſtaͤhle und Pruͤgeleien, das ſind ihre Reiche und da uͤbt ſie Wunder aus, aber Vehmen— ich bitte Dich, Vehmen! Was 269 kann da eine ſo dumme Polizei? ich muß ja das wiſſen als Magiſtratsrath, da die Polizei zum Magiſtrate gehoͤrt.“— „Nun, ſo denke Dir ſelber etwas aus, wenn Du Alles beſſer wiſſen willſt!“ brummte die Alte. „Ich bin der Meinung, eine wohleingerichtete Po⸗ lizei koͤnne Alles, was ſie will.“. „Dem iſt nicht ſo!“ ſprach wichtig Puttfarken, „aber ausgehen will ich und einige Freunde von meiner Lage in Kenntniß ſetzen. Bewaͤhrte Maͤn⸗ ner ſind's, die werden mir rathen, denn mit Dei⸗ nem alten Jungfernverſtande iſt's doch nicht weit her, Kobchen.“ So nannte er ſie, um den„alten Jungfernverſtand“ zu verſuͤßen, der ihm nur ſo herausgefahren war. Sie aber ſah ihn hoͤhniſch an, wollte mit den Zaͤhnen knirrſchen, beſann ſich aber gleich, ſtampfte dafuͤr mit dem Fuße und verließ das Zimmer. „Gut, herzensgut, nur etwas jaͤyzornig!“ ſagte der Rath vor ſich hin, indem er ſich anzog und zum Ausgehen anſchickte. Er ſuchte ſeine bewaͤhrten Freunde auf, die drei Mann hoch in einem Weinſtuͤbchen hinter dem Rathhauſe ſaßen und ſich ihren Lieblingswein, den nunmehr vaterlaͤndiſchen Affenthaler, gutſchmecken ließen und dazu aus abenteuerlichen Zinngefaͤßen 270 ganz vortreffliche Bratwuͤrſte verſchmauſten. Sie freuten ſich, als ſie den ehrenwerthen Magiſtrats⸗ rath Puttfarken zu ſich eintreten ſahen. Nach der erſten Bewillkommnung und nach⸗ dem der Wirth das volle Glas vor den Rath hin⸗ geſetzt hatte, fiel ihnen ſaͤmmtlich ſeine ſeltſam ver⸗ ſtoͤrte Miene auf. Sie durften nicht lange nach der Urſache fragen; Puttfarken geſtand Alles offen. „Abgeſehen von der Gefahr“— nahm der uns von dem Abenteuer in der Goſſe her noch wohlbekannte Volksdichter Duͤnkelſpiel das Wort, „hat die Sache ſehr viel Romantiſches, und ich wuͤrde Euch rathen, Freund Puttfarken, das Aben⸗ teuer zu beſtehen.“ „Wie meint Ihr das, Menſch?“ rief ganz außer ſich der Rath.. „Ich ſaͤhe Alles ruhig mit an, bis ich wuͤßte, wo es hinaus wollte; ich ließ mich laden, ich ſtellte mich, den Hals wird es nicht koſten.“ „Nein, das kann er nicht!“ ſagte kopfſchuͤt⸗ telnd der Wirth, indem er Glaͤſer abtrocknete. „Nein, das darf er nicht!“ ſchrieen die an⸗ dern Beiden. „Nein, das kann und darf ich nicht,“ ſagte feſt der Rath, indem er tief Athem holte. — 271 „Und warum nicht?“ warf Duͤnkelſpiel ein und ſchlug auf den Tiſch—„waͤr' ich's, ich thaͤt's — ich haͤtte einen koͤſtlichen Stoff, um ein Ge— dicht zu fabriciren.“ 3 „Iſt das ein Stoff fuͤr einen Volksdichter?“ ſprach ein ſtattlicher Mann mit einem ziemlich ſatyriſchen Geſichte, der Mediziner, Doctor Ziegen⸗ geiſt,„wie Alles in der Welt, ſo geht auch unſere Volkspoeſie herunter.“ 4 „Ei was, Volkspoeſie!“ fiel ihm erbittert Duͤnkelſpiel ins Wort, den es ſtets verdroß, ſich einen Volksdichter nennen zu hoͤren,„gibt es ein Nuͤrnberger Volk? nein! mithin kann es auch keine Nuͤrnberger Volkspoeſie geben.“ „Mit Verlaub!“ bemerkte der Dritte im Bunde, der Flitterfabricant Suͤßlein aus Fuͤrth, „meine gelehrten Herren, da muß ich widerſprechen. Halten ſich die Nuͤrnberger etwa zu vornehm, um Volk zu ſein? Sind es etwa lauter Patrizier? Haben wir in Fuͤrth und Erlangen und Vorchheim Volk, ſo muß es auch ein Nuͤrnberger Volk ge⸗ ben;— oder iſt dies etwa Keines?“— Hier riß er ein Fenſter auf und zeigte auf die zankenden Obſtweiber und die arbeitenden Rußi⸗ gen, dieſe Nuͤrnberger Bravo's, die fuͤr einige Batzen dem Feinde die Knochen zu Brei ſchlagen. — 272 Doctor Ziegengeiſt laͤchelte ſtumm. Duͤnkelſpiel hatte nicht zugehoͤrt und ſah nicht hin.—.— „Ich bin Mitglied des Blumenordens, Pegne⸗ ſiſcher Schaͤfer, und muß als ſolcher dichten und dichte daher. Ich moͤchte mich den Teufel um Eure Voͤlker ſcheeren, und am allerwenigſten um das Nuͤrnberger Volk. Nennt Euern Gruͤbel Volks⸗ dichter, er war es, ich habe mit ihm nichts gemein. Herr von Goͤthe, Excellenz, nennt ihn einmal einen Philiſter.“ „Die Volkspoeſie liegt im Verfall,“ ſeufzte Ziegengeiſt,„wir werden am Ende nichts mehr haben, was uns vor Andern auszeichnet.“ „Bitte, bitte! unſern ſchoͤnen Brunnen, die Spargel, die Lebkuchen und Kaspar Hauſer nicht zu vergeſſen,“ ſagte der Wirth und luͤftete dabei ein wenig die gruͤne Muͤtze, die in jener Gegend der Wirth tragen darf, waͤhrend die bezahlenden Gaͤſte unbedeckt daſitzen muͤſſen. „Haßte ich die Franzoſen nicht ſo ſehr von Herzensgrunde und ſtaͤnde ich ihnen das kleinſte Fuͤnkchen Poeſie zu, ich wuͤrde mich unſern Be⸗ ranger gern nennen, wie mich neulich einige Preu⸗ ßiſche Poſtbeamte benannten, die hier durch zu ihrem Chef, dem Herrn von Nagler, nach Frank⸗ 273 furt reiſten. Die Leute waren weit herumgekom⸗ men und ſollen jenen Chauſonnier perſoͤnlich gekannt haben,“ ſagte ſich blaͤhend Duͤnkelſpiel, dem der Wein ſchon zu Kopfe zu ſteigen begann,„es gefiel mir gar nicht uͤbel und ich nahm es faſt fuͤr ein Compliment.“ 3 „Aber Freunde,“ fing nun wieder Puttfarken an,„Ihr ſtreitet, wie mir ſcheint, um des Kaiſers Bart, und laßt mich im Stiche. Sprecht, rathet, helft, was ſoll ich beginnen? Hier ſind die Spaͤhne— das Daſein des Gerichtes iſt erwieſen, mein eigener Neffe ſteckt darunter, er kann mich nicht leiden, er iſt vielleicht ſelbſt mein Anklaͤger— was ſoll ich thun?“ Hier ſprachen Alle durcheinander und machten den Laͤrm, den die ſtiller denkenden Deutſchen ge— woͤhnlich in Wein⸗ und Bierhaͤuſern zu machen pflegen.. „Was bringt Euch aber auf den Gedanken“— ſagte Ziegengeiſt, raſch eine Pauſe benutzend,„daß Euer Reffe einen Haß gegen Euch naͤhre?“ „Seht, Freund,“ verſetzte Puttfarken,„ich habe den Jungen ins Haus genommen, habe ihn auf die Schule geſchickt und dann nach Erlangen. Es war das beſte Herz von der Welt, aber die A. Lewald, Novellen. III. 18 6 — —— — 274 verdammten Zeitſchwindel haben ihn mir ſo ver⸗ dorben.“ „Die Zeitſchwindel?“ lachte Ziegengeiſt, der ein Liberaler war, wie Keiner,„Ihr ſelbſt ſchwin⸗ delt wohl?“ „Mit nichten!“ nahm der Rath wieder das Wort.„Aber kann es anders ſein? Wenn ſolch ein Menſch nach Frankreich geht und dort zuſehen kann, wie man einen alten ſiebenzigjaͤhrigen Koͤnig fortjagt, wie man Miniſter anklagt, verurtheilt, feſtſetzt; wenn er ferner nach Polen uͤberſchifft“— „Das hat er nicht gethan“— ſchrie Duͤn⸗ kelſpiel. „Das hat er gethan“— ſchrie entruͤſtet Putt⸗ farken. „Nach Polen ſchifft man nicht,“ bemerkte Ziegengeiſt,„man reiſt dahin.“ „Gleichviel, unterbrecht ihn nicht!“ verlangte Suͤßlein. Hier ſprang mit offenem Rocke, ohne Hut, der Buchhaͤndler Wieſel herein, und verlangte, ſich die Haͤnde reibend, Wurſt und Wein. „Was gibt es? was iſt los? wißt Ihr was Neues? ich bin den ganzen Morgen nicht aus der Officin gekommen;“ ſo ſprach er mit vollem Munde und fließender Suade. 275 Man bat ihn, ſich ſtill zu verhalten und zu⸗ zuhoͤren, Puttfarken gab nun Alles von ſich und ſchloß mit dem Bemerken, daß er nichts ſehnlicher wuͤnſche, als ſeine Nichte Lieschen aus dem Hauſe zu haben, weil dieſe ihm der Magnet zu ſein ſcheine, der ihm das Ungluͤck uͤber den Hals zoͤge. Auch hielt er nicht hinter dem Berge mit dem jungen Frankfurter Gaͤnſeleberfabricanten und ſeinen Hoff⸗ nungen, die er an ihn knuͤpfte. Ziegengeiſt und Duͤnkelſpiel, die ſo ſtark in ihren Anſichten uͤber Volkspoeſie divergirten, waren hierin einig, daß die Furcht Puttfarken's denn doch uͤbertrieben ſei, und daß es mit dem heimlichen Gerichte vollends keinen Halt habe; aber Wieſel bat ums Wort und ſtand auf:„was iſt heutzutag unglaublich? iſt es nicht ein Graͤuel, wenn man Alles ſo recht bedenkt, was vor unſern Augen paſ⸗ ſirt? Wir Buchhaͤndler wiſſen das am Beſten zu beurtheilen, wenn wir den Meßkatalog ſtudieren. Ich wuͤnſchte, einer ſchriebe ſeine Vermuthungen auf, uͤber das Daſein einer heiligen Vehme im Jahre 1832, ich wollte Verleger dazu ſein.“ Ziegengeiſt ſtand auf, ſtrich ſich die Haare nach hinten, machte einen Gang durchs Zimmer, ſchnupfte ſtark und machte dann einen Knoten ins Schnupftuch. Er ſtellte ſich vor den Spiegel und 18* 8 276 ſah den Autor des zukuͤnftigen Werkes lange be⸗ deutungsvoll an. „Vergeſſen wir das Wunderbarſte des Wun⸗ derbaren, das unſere Mauern in ſich ſchließen?“ fragte Wieſel, ſich rings umblickend. „Ihr meint die Kurfuͤrſten, die um den Kai⸗ ſer gehn, an der Lieb⸗Frauenuhr?“ fragte Suͤßlein. „Schnack!“ ſchnob Wieſel,„ich meine Kas⸗ par Hauſer, dieſen Nuͤrnberger Nil, deſſen Quelle ſtets in Dunkkel gehuͤllt bleibt.“ Er hatte Recht, den Findling„Nil“ zu nennen, weil einige Verlagsſchriften, womit er Deutſchland uͤberſchwemmt hatte, ſeine duͤrre Buch⸗ haͤndlerkaſſe befruchteten. „Wer loͤſt dieſes Raͤthſel?“ fragte Wieſel weiter,„und iſt es nicht da? iſt es unglaublicher, ſchrecklicher, romantiſcher, daß Puttfarken durch drei Spaͤhne zum Gericht geladen wird, als daß man Hauſer am hellen Mittage im eigenen Hauſe mit einer Axt niederſchlaͤgt? Ich glaube ſogar, daß Alles dies zuſammenhaͤngt. Puttfarken zitterte laut. „Ja, da iſt ſchlimm rathen. Nichts thun iſt das Beſte und abwarten,“ meinte Suͤßlein, ſeinen Hut nehmend. 277 Die andern Freunde ſtimmten ſo ziemlich die⸗ ſer Anſicht bei. Und Wieſel fuͤgte noch hinzu: „Da es erwieſen iſt, daß Lieschen den Bur⸗ ſchen ins Haus zieht, und da fuͤr Lieschen die Ausſicht zu einer Partie ſich findet, ſo iſt es das Beſte, uͤber Hals und Kopf mit Raſchmann ab⸗ zuſchließen und ihm das Maͤdel zu geben. Ein Paar Tauſend Gulden herauf oder herunter, darauf darf es in dieſem Falle nicht angeſehen werden, das iſt meine Meinung.“ 4 „Ja, GeVvatter, das wird das Beſte ſein!“ ſagten Alle. „Er iſt aber nicht hier, ſondern zur Zeit in Bamberg,“ bemerkte Puttfarken. „So muß keine Zeit verloren werden, hinzu⸗ ſchreiben!“ ſagte Wieſel,„ſchnell, Dinte, Feder und Papier und geſchrieben: er moͤge bald hereilen, wollte er das Maͤdel heimfuͤhren, weit Ihr— Puttfarken, der Oheim, ſonſt anders uͤber ihre Hand disponirtet. Uebrigens laßt von reichlicher Mitgift einige Woͤrtchen einfließen, und macht es dringend.“ Puttfarken ſchrieb mit zitternder Hand große Buchſtaben, eine Art von Klempner⸗Fractur, da er, ſeit er die Stadtflaſchnerei aufgegeben hatte, 278 auch nicht einmal mehr Rechnungen ſchrieb und ihm die Uebung fehlte. Aus dem Weinhauſe ging er zur Poſt, um den Brief ſelbſt hinzubringen.— 8. Wer jemals des Morgens aus Bamberg fuhr und die liebliche Gegend bis Erlangen mit einem Lohnkutſcher durchzog, weiß, wie heißhungrig man in die gaſtliche Pforte des goldenen Kreuzes in Bayersdorf tritt und weder nach dem Urſprunge der nahen Ruine fragt, noch wiſſen will, ob Bayers⸗ dorf ein Lehn der Freifrau gleiches Namens in Muͤnchen ſei, ſondern einzig und allein bemuͤht iſt, einen jener blaugeſottenen Karpfen zu erlangen, welche die freundliche, dicke Wirthin ſo herrlich zu bereiten verſteht. Das koͤſtliche Naturproduct, das Bayersdorf in der Kuͤchenhandelswelt beruͤhmt macht, der Meerrettig, weiß wie carrariſcher Mar⸗ mor, gerad gewachſen, hart und doch nicht holzig, wuͤrzt das Mahl, und der nettare di Bayersdorf, eines der vortrefflichſten Biere zwiſchen der Iſar und dem Main, labt den Durſtigen mit nie ver⸗ ſiegender Fluth. Mittag war bereits lange voruͤber, wie die Berge von Karpfengraͤten, die vor einigen Reiſen⸗ 279 den auf den Tiſchen lagen, bezeugen konnten, und die kleine Gaſtſtube fuͤllte ſich außer jenen Fremden, mit Geſchrei, Tabacksrauch und Bayersdorfern, die ſich um dieſe Zeit gewoͤhnlich einzuſtellen pfleg⸗ ten. Ein junger Mann ſitzt in der einen Ecke und raucht nachdenkend ſeine Pfeife. Jetzt er⸗ ſchallen aus dem Nebenzimmer die Klaͤnge eines jammervollen Claviers. Es iſt der Sohn der Wirthin, der eine muſikaliſche Uebung anſtellt. Der Fremde ſteht auf, hoͤrt freundlich zu und zeigt dem Jungen die rechte Fingerſetzung zur Freude der Bier einſchenkenden Mutter und des Bier trin⸗ kenden Vaters.. Am andern Ende der Stube, bei truͤbbren⸗ nendem Lichte und ganz in Dampf gehuͤllt, ſitzen drei Juͤnglinge, dem Anſcheine nach Muſenſoͤhne, in leiſem Geſpraͤche. Der Eine von ihnen, ein huͤbſcher Burſche mit ſtattlichem Schnurrbarte, ſteht auf, um einen Fidibus zu ſuchen, und da er ein zuſammengerolltes Papier, deſſen Ende bereits angebrannt iſt, auf dem leeren Platze des Fremden findet, ſo will er ſich deſſen bedienen. Schon hat er es zum Lichte gefuͤhrt, als ſein Arm ploͤtzlich, wie vom Blitze geruͤhrt, hinabſinkt, denn er erkennt die Runenſchrift ſeines Oheims und lieſt den Namen Lieschen. 280 Der junge Menſch iſt naͤmlich Niemand an⸗ ders als Friede. Die Gefaͤhrten wollen wiſſen, was ihn ſo ſeltſam bewegt; er aber, ohne zu antworten, fuͤhrt das Papier abermals zum Lichte, doch nur, um zu leſen. Es iſt Puttfarken's Brief an den jungen Monſieur Raſchmann aus Frankfurt am Main, mit dem dieſer ſich die Pfeife angezuͤndet hatte, ehe er ſeinen muſikaliſchen Unterricht im Neben⸗ zimmer begonnen. Friede gerieth außer ſich. „Wie ſchnoͤde handelt mein alter Onkel, des himmliſchen Lieschens Hand ſolchergeſtalt zu ver⸗ kuppeln. Dem Fremden, der ſie nimmt, noch volle Geldſaͤcke an den Hals zu werfen und dann um ſchnelle Entſcheidung zu bitten, um nur das Maͤdchen recht bald loszuwerden. Nein, Freunde, jetzt iſt die hoͤchſte Zeit, ich darf nicht laͤnger zaudern, mein ganzes Gluͤck ſteht auf dem Spiele.“ „Aber Du haſt denn doch Ruͤckſichten,“— ſagte einer der Freunde. „Ich kenne keine mehr!“ rief Friede.„Ich habe eine ernſte Schule durchgemacht, Bruͤder, und es gelernt, daß unſere Vorurtheile laͤngſt in ſauere Gaͤhrung uͤbergegangen ſind und als un⸗ genießbare Speiſe weggeworfen werden muͤſſen. 281 Was ich gethan habe, kann ich vor mir ſelbſt verantworten und Niemandem geſtehe ich ein Recht zu, mich daruͤber zur Rede zu ſtellen. Deshalb hoffe ich auch mit meinem Onkel fertig zu werden, denn ich habe Mittel in Haͤnden, die ihn bekehren ſollen. Ich glaubte, auf Alles gefaßt zu ſein, aber jetzt, da ich dieſes leſe, iſt mein Muth ge⸗ brochen. Was ſoll ich beginnen? Jener Menſch, der ſo eben durch ſeine falſchen Griffe auf dem ſchlechten Inſtrumente unſer Inneres zerreißt, iſt der Auserwaͤhlte, dem Puttfarken die Hand meines Maͤdchens beſtimmt hat. Er bittet ihn, ſchnell nach Nuͤrnberg zu kommen, und ſie in Empfang zu nehmen, wie man eine Waare in Empfang nimmt, und waes laͤßt ſich anders erwarten, als daß er hinreiſen wird, um Lieschens Mann zu werden.“ 3 „Ei, das ſoll er wohl bleiben laſſen!“ rief, den Fremden, der noch immer klimperte, ſcharf ins Auge faſſend, einer von Friede's Freunden. „Es wurde an dieſem Platze ja ſchon ſo mancher Burſchenſtreich ausgeheckt und ausgefuͤhrt. Laßt uns nachdenken! Sollte denn das Kerlchen dort nicht einen einzigen ſchwachen Zipfel haben, woran er zu packen waͤre? und hatte Achill doch einen und war mehr als der!“— ———— — 282 „Wir wollen uns mit ihm in ein Geſpraͤch einlaſſen,“ ſagte der Andere,„doch da iſt er ſchon, er ſcheint mit uns anbinden zu wollen.“ Der junge Raſchmann trat auf Friede zu, der gedankenvoll in ſeines Onkels Brief ſtarrte. „Ich ſuchte meinen Fidibus und fand ihn nicht,“ fing er an,„wollten Sie mir wohl den Ihrigen— ei, der Tauſend! das iſt ja mein Brief— wie kommen Sie dazu?“ „Verzeihen Sie,“ erwiederte Friede, indem er ihm das Papier zuruͤckgab,„ich kenne den Schreiber dieſes Briefes und erkannte ihn an der Handſchrift.“ „Schreibt eine ſaubere Pfote, der Kauz!“ ſagte Raſchmann,„muß ſich nicht viel in ſeinem Leben mit Correſpondenz befaßt haben. Na, konnten Sie's herausbringen, was er will? Mir iſt's ſchwer genug geworden. Ich ſoll ſein Gaͤns⸗ chen von Nichte heirathen, habe aber gar keine rechte Luſt dazu. Man hoͤrt ſo ſeltſame Dinge von dem Manne— doch— Sie kennen ihn ja.“ Die drei Freunde blickten ſich bedeutend an.— Die Offenheit, womit der Milchbart ſeine gehei⸗ men Angelegenheiten zum Beſten gab, lieferte einen Gradmeſſer ſeiner Einfalt. Auf Friede machte ſeine Aeußerung den beſten Eindruck. 283 „Was, werd' ich ihn nicht kennen?“ fing der eine von Friede's Freunden ſogleich im juͤdiſchen Dialekte an,„unſer Eins kommt ſtets mit Leuten in Beruͤhrung, die an der Herzbeutelſchwindſucht leiden; doch, wenn ich ſage: Herzbeutel, ſo ver⸗ ſtehe ich darunter: Geldbeutel, verſtehen Sie mich?“ „Wie das? erklaͤren Sie ſich deutlicher!“ ſagte neugierig Raſchmann. „Nun, ich meine—“ ſagte der Erſte,„es iſt ein ſonderbares Ungefaͤhr, daß wir Alle hier gerade zuſammenkommen müſſen. Wir Alle naͤm⸗ lich ſtehen mit dem guten, braven Herrn Putt⸗ farken in naher Beruͤhrung. Dies naͤmlich—“ indem er auf Friede deutete—„iſt der Reiſende von einem Handelshauſe in Bremen, dem der Herr Magiſtratsrath die faͤlligen Wechſel fuͤr Auſtern, Schellfiſche und Kabeljaue nicht bezahlen kann;— der Andere hier iſt der junge Herr Oleander aus Trieſt, der in gleicher Abſicht nach Nuͤrnberg kam, aber eben ſo ſeine Wechſel fuͤr gelieferte Weine proteſtiren laſſen mußte, und ich bin, mit Ehren zu melden, Suͤskind Nathan aus Vorchheim, der Sohn von dem alten Nathan Suͤskind Vorchheimer, der nach Nuͤrnberg reitet, um mit dem Herrn Puttfarken ſich freundſchaftlich —————— ———— 284 auseinander zu ſetzen; wenn ich ſage: freundſchaft⸗ lich auseinander zu ſetzen, ſo verſtehe ich doch damit: auspfaͤnden zu laſſen; verſtehen Sie mich?“ Raſchmann war außer ſich. Die drei Freunde ſprachen, ihren Rollen gemaͤß, fort. Es blieb dem Frankfurter Fant kein Zweifel, daß Putt⸗ 6 farken ein durch uͤbermaͤßige Verſchwendung, na⸗ mentlich durch Voͤllerei und Schlemmen, gaͤnzlich zu Grunde gerichteter Mann ſei. „Zwar hat er mir die Paſteten ſtets richtig bezahlt,“ ſagte der junge Raſchmann,„aber es war denn doch merkwuͤrdig, was er nur allein in dieſem Artikel verſchwendete.“ 3 „Natuͤrlich!“ ſchrie Suͤskind Nathan,„es iſt ja der groͤßte Gourmand unter der Sonne. Der frißt Ihnen Alles auf. Equipage, vier Pferde, Mobiliar, Waarenlager, ein Haus mit einem Garten— ich ſag' Ihnen, ein Garten mit Alleen, Fontainen und ſteinernen Statuen, Alles hat er aufgefreſſen! Der hat einen Magen! Sein ganzes Vermoͤgen liegt darin begraben. Waͤr' er ein ruſſiſcher Fuͤrſt, deſſen Vermoͤgen nach Seelen berechnet wird, ſo haͤtte er eine halbe Million Seelen wie Nichts verſchlungen. Kann das ein Haiſiſch?“— 285 „Und der will ſich mit unſerm Hauſe ver⸗ binden?“ rief Raſchmann,„das ſollte mir fehlen! Nein, es war recht gut, daß Sie meinen Fidibus nahmen; ich danke Ihnen fuͤr Ihre Aufklaͤrungen. Sie gehen alſo Alle nach Nuͤrnberg, um ſich von dem Kerl bezahlen zu laſſen?“ „J nun ja, meinetwegen!“ rief luſtig Suͤs⸗ kind Nathan,„wir wollen Alle miteinander. Kann man auch von ihm nichts Baares kriegen, ſo iſt doch vielleicht ein Geſchaͤftchen in Nuͤrnberg zu machen.“ Waͤhrend nun Raſchmann nach dem Stalle ging, um ſein Pferd herauszuziehen, ſtanden die drei Freunde unter Gottes freiem Himmel und beſprachen ſich daruͤber, wie ſie ihre Liſt zu Ende bringen wollten.— Friede umarmte den ehr⸗ lichen Bruder, der die Rolle des Suͤskind Nathan ſo trefflich ſpielte, und war wieder ganz gluͤcklich. Dann ſprach er ernſt:„Nun hab' ich's feſt be⸗ ſchloſſen! kein Aufſchub mehr! Dem heimlichen Gerichte werde das Uebrige anheim geſtellt!“— Das Hinzutreten Raſchmann's, der ſein Pferd am Arme fuͤhrte, machte ihrem Geſpraͤche ein Ende. Sie zogen ihre Philiſter ebenfalls aus dem Stalle und ritten die Straße nach Nungortg, die der Mond beleuchtete. 286 9. Waͤhrend Puttfarken nun ſeinen geliebten Befreier, den jungen Raſchmann, ſntuͤndlich er— wartete, war Alles ruhig im Hauſe geblieben. Lieschen war Nachts in ihrem Zimmer, es gab nichts zu erlauſchen und die Waͤchter brachten am Morgen weder Spaͤhne noch ſonſt Ver⸗ daͤchtiges. Puttfarken gab ſich der angenehmen Hoffnung hin, das geheime Gericht ſei vielleicht durch die geheime Polizei entdeckt, und von der oͤffentlichen ſodann aufgehoben worden, und die Gefahr ſei fuͤr diesmal gluͤcklich voruͤber. Wenn auch Nie⸗ mand in der guten Stadt Nuͤrnberg bis jetzt et⸗ was von einer geheimen Polizei geahnet hatte, ſo dachte Puttfarken bei ſich ſelbſt: von einem heim⸗ lichen Gerichte ahnen ſie auch nichts, die Schaſs⸗ koͤpſe! und doch iſt es, da es Spaͤhne aus Thuͤren ſchneidet! Er waͤre wieder ganz ruhig geweſen, haͤtte nicht Jacobe jeden Leckerbiſſen, den ſie dem Bru⸗ der bereitete, mit einer Bruͤhe von Beſorgniſſen und Beaͤngſtigungen verſehen, die ſie ihm in großen Doſen nachzuſchlucken gab. Eines Tages, da er ihren entſetzlichen Muth⸗ maßungen entgehen wollte und zeitig einen Freund 287 beſucht hatte, der mit ihm„gleiche Geſinnungen bruͤderlich theilend,“ ihm ein treffliches Fruͤhſtuͤck vorſetzte und er eben, des Guten faſt uͤbervoll, um die Mittagsſtunde wieder in die Schmaußen⸗ gaſſe trat, um ſich nach Hauſe zu begeben, ſiel es ihm auf, daß aus dem obern Stockwerke deſſelben eine Menge kleiner Papierſtuͤckchen herabflatter⸗ ten, die wie Eintagsſchmetterlinge am Abend ihres Lebenstages weit und breit die Schmaußengaſſe bedeckten. 3 Weil ihm nichts dieſer Art unwichtig ſchien, ſo ſtutzte er einen Augenblick, da es ihm aber in ſeiner jetzigen Verfaſſung, das Fruͤhſtuͤck im Leibe, nicht moͤglich war, die Stuͤckchen aufzule— ſen, ſo ging er, daruͤber nachdenkend, ins Haus, was wohl auf jenem Papiere geſchrieben geweſen ſeyn mochte. An der Thuͤr fand er Hanns, der mit geheimnißvoller Miene ihn in die ſogenannte Prachtkuͤche winkte, die im Vorhauſe, nit ihren ſchoͤnen Zinn⸗ und Porzellangefaͤßen, den Erb⸗ ſtuͤcken einiger Jahrhunderte, als Jacobes gruͤnes Gewoͤlbe und Ambraſer Cabinet prangte. „Was gibt es, Hanns?“ fragte neugierig der Rath. „Ach, mein Gott, viel Neues und nichts Gutes!“ ſagte dieſer ſehr geheimnißvoll,„den —————ͤ — —— —-—— —————— 288 1 ganzen Morgen ein Kommen und Gehen, Be⸗ kannte und Unbekannte. Erſt ein Herr Raſch⸗ mann aus Frankfurt, dann ein Mann mit einem Schnauzbart—“ „Schnauzbart?“ ſchrie wild der Rath. „Nicht unſer Friede,“ ſagte Hanns,„die gingen dann wieder zur Thuͤr hinaus, der Herr Raſchmann und der Schnauzbaͤrtige. Nun kommt aber das Beſte— ein fremder Jude—“ „Iſt ein Jude das Beſte, Eſel!“ rief unge⸗ duldig Puttfarken. „Unterbrechen Sie mich nicht, denn ich kann ſo nicht ordentlich erzaͤhlen,“ fuhr Hanns fort.— „Dieſer fremde Jude fragte nach Mamſel Lieschen, und ging die Treppe hinauf, als waͤre er ganz bekannt. Ich ſagte, er moͤchte nur ins Vorzim⸗ mer treten, ich wollte Lieschen herunterholen. Halt, denk ich mir, du kannſt lange warten, und laufe ſchnell zu Mamſell Schweſter, die ihn aus⸗ forſchen ſoll. Die Mamſell iſt, beim Henker, grade auch nicht zu finden und zieht ſich an. Bis ſie mich hereinlaͤßt, ich ihr Alles mittheile, und wir nach dem Vorzimmer herunterkommen, iſt dies leer, kein Jude zu hoͤren noch zu ſehen, und wir ſtehen da und haben das Nachgucken. Aber mit⸗ genommen hat er nichts.“ 289 „Und Du kannſt glauben, daß er wieder fort⸗ gegangen iſt?“ fragte Puttfarken und ein unge⸗ meiner Scharfſinn lagerte ſich zwiſchen ſeine Brau⸗ nen.„Der iſt noch hier im Hauſe, hier verſteckt. Brav! nun ſind wir geliefert. Das war eben ſo wenig ein Jude, wie ich einer bin. Ein Vehm⸗ richter war es! ein heimlicher Richter! ſie wollen mich heimlich richten!“ Bei dieſen Worten troff dem armen Manne der Schweiß vom Geſichte, das gluͤhend roth, von Schweiß und Puder durchrieſelt, dem be⸗ kannten„Strom der Zeiten“ zu vergleichen war. Er nahm mit Ungeſtuͤm ſeinen breitrandigen Hut ab, um ſich die Stirne zu trocknen, ſiehe, da ſielen mehrere von den Papierſtuͤckchen, die aus dem Fenſter geworfen wurden, und die ein guͤnſti⸗ ger Wind auf den Hut des Raths gefuͤhrt hatte, zur Erde. Schnell buͤckte er ſich darnach, ſetzte die Brille auf und las folgende Wort⸗Fragmente: „Heimliches Ger— Meſſer— Feu—— Leib——“ „Nun iſt's richtig!“ ſagte er entſetzt,„den Leib des armen alten Onkels, meinen ungluͤcklichen A. Lewald, Novellen. III. 19 4 290 alten Leib wollen ſie richten! Mit Meſſer und Feuer! Graͤßliche Strafen verhaͤngen! O, Boͤſe⸗ wicht! Boͤſewicht! Was hat Dir des Onkels armer Leib gethan?“ Er bedeckte mit beiden Händen das Geſicht, dann ſprang er auf. „Wo iſt meine Schweſter?“ fragte er. „Oben in der Kuͤche!“ antwortete Hanns. „Das kalte Ungeheuer ſteht am Feuer und kocht, wenn heimlich hier im Hauſe Gericht ge⸗ halten wird,“ wimmerte er,„aber komm' nur mit, Hanns, wir wollen das Haus durch⸗ ſuchen.“ Bei dieſen Worten zog er Hanns nach ſich und ſie ſchlichen leiſe die Treppe hinauf. Die Thuͤr des Vorzimmers war offen. Der Rath trat ein. „Hier auf dieſem Flecke ſtand er, als ich ihn verließ,“ ſagte Hanns laut. Der Rath ward aber wie von einem elektri⸗ ſchen Schlage durchzuckt und deutete ihm an, nicht zu muckſen, denn ſeine Blicke fielen auf 291 einen großen leeren Schrank, deſſen Schluͤſſel ſteckte, und der in einer Ecke des weitlaͤuftigen Zimmers daſtand. Nun begann die laͤcherlichſte Pantomime, die man ſehen konnte. Der Rath hatte naͤmlich die Gewißheit, der Jude ſtecke in dieſem Schranke und deutete dies Hanns mit grellen Gebehrden an. Dann winkte er ihn in ſeine anſtoßende Stube und zog leiſe die Thuͤr nach ſich zu. 3 Mamſell Jacobe, die eben an Lieschens Thuͤr ſo Manches erlauſcht zu haben glaubte, war wie gewoͤhnlich— wenn ſie aus der Kuͤche ſich fort⸗ ſtahl— mit einer Bratpfanne in der Hand, heruntergekommen, um ihrem Bruder eine Mit⸗ theilung hieruͤber zu machen. Da ſie ſtets auf Filzſohlen, um Alles beſſer behorchen zu koͤnnen, einherſchlich, ſo war ſie ungehoͤrt zur Thuͤr des Vorzimmers gekommen und hatte bemerkt, wie ihr Bruder und Hanns ſich Zeichen vormachten, als waͤren ſie vom Veitstanze geplagt. Nachdem Beide fort waren, trieb ſie die Neu⸗ gier den Schrank zu oͤffnen, dem die Zeichen offenbar gegolten hatten. Sie hatte aber kaum den Schluͤſſel umge⸗ dreht, als ſie die Schritte der Zuruͤckkehrenden 292 vernahm und beſann ſich nicht lange, um viel⸗ leicht einem andern Geheimniſſe auf die Spur zu kommen, da ſie ihrem ſchwachkoͤpfigen Bruder nicht mehr recht trauete, und ſprang in den Schrank, deſſen Thuͤr ins Schloß fiel. „Hanns und der Rath kamen mit einem langen Papierſtreifen, Siegellack, Pettſchaft und Licht zuruͤck und verſiegelten den Schrank. Hanns konnte ſich nicht enthalten durchs Schluͤſſelloch zu gucken; dann ſchlichen Beide da⸗ von und Hanns ſagte draußen zum Rathe:„der Kerl iſt noch darin, ich habe ihn ſelbſt ge⸗ ſehen mit ſeinem zottigen Indenbarte; der mag ſchwitzen!“ Und der Rath ſchob ihn zur Thuͤr hinaus und ſagte:„Schnell vier Mann mit Ober⸗ und Untergewehr, wenn der Kerl ſich etwa zur Wehre ſetzen ſollte. Jetzt laufe, Engel!“— Er ſelbſt ging aber ſchnell in ſeine Stube und ſchloß ſich ein, feſten Willens, nicht eher zu oͤffnen, bis Wache kommen wuͤrde. Jacobe harrte ſchwitzend im Schranke der Dinge, die da kommen ſollten. 293 40. Unterdeſſen war Raſchmann wiedergekommen, einzig und allein, ſich fuͤr die zugedachte Ehre zu bedanken und nebenbei ſeinen kleinen Saldo ein⸗ zukaſſiren. Er wunderte ſich, auf Niemand im ganzen Hauſe zu ſtoßen und trat, den Hut auf dem Kopfe, ins Vorzimmer. „Eine ſchoͤne Wirthſchaft,“ brummte er vor ſich hin; als er aber den verſiegelten Schrank er⸗ blickte, rief er:„Ha, ha!“— und glaubte ſich Alles erklaͤren zu koͤnnen. Er ging mit ſtarken Schritten auf und ab, um ſich vernehmlich zu machen und einen der Hausbewohner herbeizuziehen. Wirklich ging auch Hanns vorbei und ſteckte ſeinen Kopf durch die Thuͤr; denn obgleich ihm der Rath die groͤßte Eile auf die Seele gebunden hatte, ſo mußte er doch erſt in der Kuͤche die Mamſell ſuchen, um ihr Alles zu ſtecken, auch ſeinen Hut mußte er holen. Er war boͤſe, Jacobe nicht gefunden zu haben. Wie Raſchmann ihn ſah, wollte er durch ihn bei dem Rath Heinaldet ſein. 294 „Ei was, hat ſich was zu melden,“ ſchrie der Alte im Weglaufen,„arretirt wird mit Ober⸗ 4 und Untergewehr. Wir haben den ſaubern Vogel gefangen.“ Der ſaubere Vogel war in Raſchmanns Idee kein Anderer als der Rath. „Das dacht' ich wahrlich nicht, daß ſie ihn heut ſchon einſtecken wuͤrden!“ ſagte Raſchmann laut,„aber ſo iſt's, der Krug geht ſo lange zu Waſſer bis er bricht.“ Mit dieſer Sentenz wollte er das Zimmer verlaſſen, als er ein Wimmern vernahm, wie das eines gequaͤlten Thiers, etwa einer Katze. Unſer Raſchmann hatte ein gutes Herz und konnte kein Thier quaͤlen ſehen, mit Ausnahme der Gaͤnſe, und das aus dem ſehr vernuͤnftigen Grunde, weil er davon ganz eigentlich lebte. Denn abgeſehen von der Paſtetenfabrication, wurde in ſeinem Hauſe faſt nichts wie Gaͤnſefleiſch gegeſſen. „Wo ſteckſt Du, armes Beeſt?“ ſagte er mit einem Ton der Stimme, der Katzen ruͤhren konnte, und wendete um. 295 Da ſcholl es deutlicher wie Schimpfen aus dem Schranke, denn Mamſell Jacobe war nahe daran zu erſticken. „Mein Seel! da ſteckt's im Schranke und iſt wie ein Menſch!“ ſagte verwundert unſer Frankfurter. „Was Menſch! ich bin kein Menſch!“ ſchrie Jacobe,„machen Sie auf, ich erſticke!“ „Ich werde mich huͤten, Gerichtsſiegel zu erbrechen, man wird wohl gute Urſachen zu dieſer ſeltſamen Verſtegelung gehabt haben,“ ſprach Raſchmann bedaͤchtig, der, wie jeder gute Buͤrger, die Obrigkeit ehrte. „Was ſchwatzen Sie da fuͤr Unſinn?“ rief Jacobe—„Was? Gerichtsſiegel?“ „Sie ſind ja verſiegelt! ein Papierſtreif klebt quer vor dem Schluͤſſelloche!“ ſprach ganz kalt und ohne beſondern Ausdruck der Fremde. „Wer darf mich verſiegeln?“ tobte Jacobe, indem ſie mit Fauſt, Fuß und Bratpfanne einen furchtbaren Laͤrm im Schranke machte. „Gedulden Sie ch, n meine Bihönene ſagte Naſchmann. „Ach was, ich bin nicht chan ſchrie ſie. „Die Gerichte werden ſchon oͤffnen, wenn's Zeit iſt,“ ſprach er hoͤhniſch weiter. „Hier hat kein Gericht etwas zu oͤffnen!“ ſchrie ſie immer dazwiſchen. Der Laͤrm hatte den hoͤchſten Gipfel erreicht. Puttfarken, der ihn in ſeinem Zimmer hoͤrte, ſchwitzte vor Todesangſt. Ueberdies vernahm er im Neben⸗ zimmer, welches Lieschen bewohnte, ein leiſes Sprechen, ein Klopfen und Droͤhnen, Alles mit Vorſicht, aber doch vernehmbar, das ihm zur Hoͤllenmarter wurde, da er ſich nichts Gutes da⸗ mit zuſammenreimen konnte. Aus ſeinem Verſtecke haͤtte ihn jedoch nichts herausgebracht als die An⸗ weſenheit der Wache, die er jeden Augenblick erwartete. Jetzt ſchoß Wieſel wie wahnwitzig zur Thuͤr herein. „Was iſt hier los?“ rief er,„Hanns holt Wache? Wo iſt der Rath?“ n Raſchmann zeigte lachend auf den Schrank, Jacobe war theils aus Erſchoͤpfung, theils um zu hoͤren, was geſprochen wurde, ganz ruhig geworden. „Verſiegelt?“ ſchrie Wieſel,„ei! wer kann denn hier verſiegeln?“ „Die Gerichte!“ ſiel Jener raſch ein. „Was haben hier bei meinem reichen Freunde die Gerichte zu verſiegeln?“ rief heftig Wieſel. „Das ſind Spaͤße! herunter damit— ich reiße ſie ab— da werden wir gleich der Sache auf dem Grunde ſein.“— Und ſchon eilte er hin, als Puttfarkens Stimme aus ſeiner Stube toͤnte und mit groͤßter Anſtrengung:„Bei Leibe nicht!“ ſchrie. Wieſel, der ſonſt immer ſehr raſch in allen Stuͤcken zu Werke ging und ohne viel Raiſonne⸗ ment doch ſtets mitraiſonnirte, ſtutzte, als er dieſe Worte vernahm. Aber Jacobe begnuͤgte ſich nicht, das Werk ihrer Befreiung wieder unterbrochen zu ſehen und ſing etwas Weniges zu ſchimpfen an. 208 „Ei, wenn der geſchloſſene Schrank die gellende Stimme nicht daͤmpfte, ſo glaubte ich die Schweſter des Herrn Raths zu hoͤren,“ rief, uͤber die Maßen verwundert, Wieſel. „Ja, ſie iſt es, Jacobe Puttfarkin, macht auf, Ihr Ungethuͤme, wenn Ihr ſie noch leben⸗ dig haben wollt!“ toͤnte es aus dem Schranke. „Es gilt ein Menſchenleben!“ ſprach mit Nachdruck Wieſel—„Gott ſieht, was ich thue!“— und riß den Pagpierſtreif ab. Aber das Schloß hielt feſt und wich nicht ohne Schluͤſſel. „Laßt mir den Juden nicht entwiſchen!“ rief Puttfarken in einem fort aus ſeinem Zimmer. Duͤnkelſpiels und Ziegengeiſts Ankunft, die mit Hanns und Wache hereintraten, machten dem Laͤrm ein Ende. „Was geht hier vor?!“ ſchrien die Freunde. Wieſel wollte ſeiner Zunge freien Lauf laſſen und ſeine Muthmaßungen mittheilen, aber der 299 Rath ſelbſt, dem die Ankunft der bewaffneten Macht Muth gab, trat aus ſeinem Zimmer, um Alles zu erzaͤhlen. Da er keinen Harniſch bei der Hand gehabt und einen ploͤtzlichen Ueberfall beſorgte, ſo hatte er ſich ein großes Kiſſen vor den Bauch gebunden, und ein anderes als Schild in die Hand genom⸗ men, um noͤthigenfalls den Kopf damit zu decken, und war ſolchergeſtalt hieb⸗ und ſtichfeſt. „Eine Verſchwoͤrung, die vielleicht die Stadt, den Staat, Deutſchland, ja Europa bedroht—“ kraͤhete er mit emporgerecktem Halſe in groͤßter Haſt—„und die in meinem Hauſe ihren Sitz hat. Ich glaube, daß in dieſem Augenblicke einige Raͤdelsfuͤhrer bei mir feſtgenommen und gleich ge⸗ raͤdert werden koͤnnten. Es handelt ſich um ein geheimes Gericht, eine ſogenannte heilige Vehme, und raͤthſelhafte Weſen, wie z. B. Juden in Schraͤnken, ſind vorhanden, deß bin ich gewiß. Daher thun Sie Ihre Pflicht, meine Herren mit Ober⸗ und Untergewehr!“ Bei dieſen Worten uͤbergab er den Schluͤſſel und der Schrank wurde geoͤffnet. 3⁰00 Puttfarken und Wieſel ſprangen ſehr weit zuruͤck, aus Furcht, der vermeinte Jude dnne ſich wild auf ſie ſtuͤrzen. 2 Wie aber erſtaunten Alle, als im Winkel des Rieſenſchranks gekauert, gleich einem Lebendigbe⸗ grabenen, ein Weſen bemerkt wurde, indem man, haͤtten es nicht die Kleider verrathen, ſchwerlich Jungfer Jacobe entdeckt haben wuͤrde. Sie hatte ſich in ihrer Verzweiflung, und wie ihre Kraͤfte nachzulaſſen anfingen, ganz gehen laſſen, und lag daher in Schweiß und Thraͤnen gebadet, denen der Ruß der Bratpfanne eine graͤuliche Farbe mitgetheilt hatte, in einem erbarmungswuͤrdigen Zuſtande. Man hob ſie auf und trug ſie an Luft und Licht, wo Ziegengeiſt Beleb⸗ und Reinigungs⸗ verſuche mit ihr anſtellte. „Wer erklaͤrt mir dieſe Raͤthſel?“ rief Putt⸗ farken aus,„Schweſter Jacobe im Schranke! Hund von einem Eſel!“ fuhr er auf Hanns los, „hat denn die einen Bart? Was faſelt er von einem Juden, der hereinſchlich und nicht fort⸗ ging?“ Duͤnkelſpiel, ein ſanfter Mann und Pegnitz⸗ ſchaͤfer, der Gewaltthaͤtigkeiten fuͤr den Tod nicht 301 — leiden konnte, trat beguͤtigend dazwiſchen.„So laßt uns Hausſuchung halten“— ſagte er— „wir finden ihn wohl noch.“ Man ſtimmte ein und zog, gleich Teufels⸗ bannern, zuerſt auf Lieschens Zimmer los, Man klopfte ſtark. „Wer iſt da?“ rief Lieschen aͤngſtlich⸗ „Dein Onkel iſt's!“ antwortete Puttfarken. „Sie koͤnnen jetzt nicht herein,“ ſchrie das Maͤdchen noch aͤngſtlicher wie vorhin. „Da wird man wohl lange fragen!“ ſagte Wieſel, und nahm einem von der Wache das Gewehr aus der Hand—„ mir nach, Bruͤder, wenn der Staat in Gefahr iſt!“ Nach einigen Kolbenſtoͤßen ſprang die Thuͤr auf und Lieschens Zimmer war mit Sturm ge⸗ nommen. Die Andringenden waren darauf gefaßt, irgend etwas Raͤthſelhaftes zu finden. Die Hauptperſon, 302 Puttfarken, dachte einen ſchwarzbehaͤngten Tiſch mit Todtenkoͤpfen zu erblicken und berechnete im Voraus, ob ſie auch ſtark genug waͤren, das Ge⸗ richt aufzuheben. Wieſel, ſein Adjutant und Be⸗ lagerungscommandant, der das Wurfgeſchuͤtz mit eigener Fauſt dirigirt hatte, hoffte eine Geſchichte fuͤr die Weinſtube, oder eine Brochuͤre fuͤr ſeinen Verlag, mindeſtens ſo intereſſant wie Hauſer, zu erwiſchen. Die andern Maͤnner hatten unbe⸗ ſtimmte Gefuͤhle und Jacobe, als Repraͤſentantin des zartern Geſchlechts, hoffte Lieschen mit dem Liebhaber zu uͤberraſchen. Aber welch ein Anblick ſtellte ſich ihnen dar. Erſtarrt blieben Alle ſtehen. Auf einem großen Kohlenbecken brannte eine duͤſterrothe Gluth, im Ofen praſſelte ein luſtiges Feuer, ein kraͤftiger, wohlthuender Dampf erfuͤllte das Gemach, deſſen Fenſter geoͤffnet waren, in deſſen Mitte ein junger Menſch in weißer Jacke und Muͤtze ſtand, ein großes Meſſer hoch empor⸗ gehoben, um jeden gewaltſamen Angriff kraͤftig zuruͤckzuweiſen. VDor den Truͤmmern einer Schuͤſſel, deren Inhalt am Boden rauchte, lag, die Schuͤrze 303 vor dem Ge ſicht, Lieschen jammernd auf den Knien. „Was iſt das?“ ſchrien die Eintreten⸗ den bis auf Puttfarken, der, ſeinen Neffen ſogleich erkennend, ausrief:„Das iſt er! greift ihn!“ „Der iſt des Todes, der ſich mir naht!“ ſchrie Friede in feſter, drohender Stellung. „Was wollt Ihr von ihm!“ rief Lieschen aufſpringend und ſich vor ihn ſtellend. „Geh' Natter!“ kreiſchte Puttfarken,„ich weiß Alles! Seit Jahren ertrage ich Angſt und Pein. Aber nun hat es ein Ende. Keine Scho⸗ nung! kein Pardon! Wir haben Alles belauſcht— ſchriftlich und muͤndlich haben wir Beweiſe. Nun ſeid Ihr auf der That ertappt. Streckt die Waffen und entdeckt, was es mit dem heimlichen Ge⸗ richte fuͤr Bewandniß hat.“ „Mit dem heimlichen Gerichte?“ ſagte Friede uͤberraſcht,„und wer hat denn das ſchon wieder verrathen?“ „Wer?“ riefen Alle,„O wir ſind feine Fuͤchſe! Uns faͤngt man nicht!— Die Polizei wacht!“ riefen einzelne Stimmen. „Die Polizei?“ fragte abermals noch uͤber⸗ raſchter Friede,„was hat denn die Polizei damit zu ſchaffen?“ „Das wirſt Du ſchon ſehen!“ ſagte der Onkel,„laß Dich nur erſt ruhig arretiren, dann wirſt Du uͤber Alles Rechenſchaft geben muͤſſen. Erſtlich uͤber dieſe drei Spaͤhnchen— He! haſt Du ſie aus meiner Thuͤr geſchnitten?“ „Ach, Gott, ja,“ erwiederte Friede, „da muß ich recht ſehr um Verzeihung bitten, das iſt ſo meine fatale Gewohnheit, wenn ich ein Meſſer in der Hand habe, und neulich Abend— 1 „Schnitteſt Du ſie in Deiner Unſchuld aus meiner Thuͤr!“ rief Puttfarken aus,„da hoͤren Sie es Alle!“— „Fatale Gewohnheit!“ wiederholte Duͤn⸗ kelſpiel. — „ Des Abends hat er ein Meſſer in der Hand—“ ſprach Jacobe bedaͤchtig⸗ „Und ſchneidet Spaͤhne— drei— aus Thuͤren des Onkels!“ ſchrie Wieſel aufgebracht⸗ „Und was iſt es denn mit dieſem Papiere?“ fragte Puttfarken weiter und hielt ihm die Stuͤcke vor, die aus dem Fenſter geflogen kamen.„Hier: Heimliches Ger— Meſſer— Feu— Leib— iſt hier nicht von meinem Leib die Rede?“— „ Allerdings!“ ſagte Friede, in unmaͤßiges Lachen ausbrechend. „O Boͤſewicht!“ ſchrien Alle entſetzt. Lies⸗ chen jammerte laut. „Nun wird's?“— ſchrie Wieſel durch— „hier ſind Maͤnner von Anſehu und Wache auch, und damit ſpaßt man nicht.“ „Nun denn!“ ſprach Friede pathetiſch,„jener Zettel von Lieschens Hand war eine Einladung, mich hier einzuſinden, die— als ich ungerufen kam— von ihr zerriſſen und den Winden uͤber⸗ A. Lewald, Noyellen. III. 20 . — 306 geben wurde. Das was hier zertruͤmmert auf der Erde liegt, was Lieschens Haͤnden entſank, als ihr fuͤrchterlicher Ueberfall ſie erſchreckte, das iſt das heimliche Gericht! nichts als ein wilder Schweins⸗ kopf in polniſcher Sauce, den der Mundkoch des Fuͤrſten Czartoriski ihnen an ihrem ſechzigſten Ge⸗ burtstage zur Ueberraſchung heimlich in dem Zim⸗ mer ihrer Nichte bereitet hatte.“ Den Meiſten ging nun ein Licht auf, nicht ſo dem Rathe. „Ei was!“ ſchrie er,„abſurde Luͤgen! Kenne ich einen Fuͤrſten Scherwonski? Wird der mir ſeinen Mundkoch ſchicken?“ „Dieſer Mundkoch bin ich ſelbſt;“ ſagte 1 Friede, die Muͤtze abnehmend.„Wie meine 4 Studien in Erlangen unterbrochen wurden, wiſſen Sie. In Frankreich war ich nahe daran, Hungers zu ſterben, das that weh, und ich ergriff, was ſich mir darbot. Ein Unterkommen bei einem Koche war offen, ich trat in ſeine Dienſte und lernte ſeine Kunſt. Von ihm ward ich nach Warſchau in die Kuͤche des Fuͤrſten empfohlen. Der Wunſch, Lieschen wiederzuſehen, ward immer ſtaͤrker in mir 1 und beim Ausbruche der polniſchen Revolution kam ich nach Deutſchland. Lieschen war die Alte. Um Sie uns jedoch zu gewinnen, erſannen wir den unſchuldigen Scherz, an Ihrem Geburtstage Sie mit einem koͤſtlichen Gerichte zu uͤberraſchen, das ich Ihnen heimlich bereiten wollte. Dann ſollte Ihnen Alles entdeckt und um Ihre Einwilligung gebeten werden. Ich erklaͤre mir jetzt Ihre Be⸗ ſorgniſſe, die aus Ihrer uͤbertriebenen Aengſtlich⸗ keit entſprangen und hoffe, Sie werden dieſe fuͤr immer verbannen, mir aber Lieschens Hand nicht verſagen. 4 Puttfarken holte tief Athem; mit dem Kiſſen, das er losband, ſielen ihm Centner vom Leibe; er beklagte nun nichts mehr als das leider! zer⸗ ſoͤrte heimliche Gericht!— Jacobe kniff die Lippen zuſammen und ſchielte auf Lieschen und Friede, die ſich umarmt hielten. Wieſel aͤrgerte ſich, daß aus der beabſichtigten Brochuͤre:„das heimliche Gericht im Jahre 1831 in Nuͤrnberg“ nichts wurde. Er hatte ſchon an Format, Typen und Papier gedacht und das Buͤchlein im Geiſte leibhaftig vor ſich geſehen. 20* ſed dort, auf des neugeborenen Nathes Wohl tinige— Flaſchen leeren zu laſſen. 1 Dänkelſpiel, der Pegnisſchäffr aber, trat mitten in die Stube und rief der abziehenden, bewaffneten Macht mit donnernder Stimme und mit einem Stolze die Worte nach, als ob er ſie ſelbſt gedichtet haͤtte: „ Vor dem Stlaven, wenn er die Kette bricht, „Vor dem freien Mann erzitt're nicht!“— lüqnaaananuanxnxRVxVRRNEANNEEI 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19