Leih- und ⸗ ingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bit liothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelieh⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zei den angenommen. 3. Caution. Unbekannte A esfhene bei Entgegennahme den Buches wird von eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ eines Buches, eine dem Werthe d ben ent prechende Summe Vinterlegen, welche bei deſſen Zurü gabe vof mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 Leteag e für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 heer nſ 4 Monzt 2 i, Mi. 50 r 2 M— 4 deſennal neren auan deß Bücher nicht ſelben von mir geli hhen, auch dafü — —“—“ Unſere Tiſchgenoſſenſchaft. Von Charles Texver. (Harry Lorrequer.) Aus dem Engliſchen überſetzt von Gottlob Fink. V. Tom Burke. Dreizehntes bis fünſzehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. † —.— Tom Burke. Ein Roman aus der napoleon’ſchen Zeit. Von Charles Tever. Aus dem Engliſchen überſotzt von Gottlob Fink. Dreizehnter bis fünfzehnter Theil. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. — Erſtes Kapitel. Ein Bruchſtück aus den Erfahrungen eines Fechtmeiſters. Betäubt und gleich einem halb Wachenden folgte ich dem Strome der Marſchirenden, der gleich einem mächti⸗ gen Fluß vorbei rauſchte, während der Donner des Ge⸗ ſchützes und das Toſen der Schlacht noch die Verwirrung meines Gehirnes ſteigerte. Von dem, was an dieſem Tage weiter vorging, iſt mir keine deutliche Erinnerung geblie⸗ ben. Ich beſinne mich nur noch des Auffliegens mehrerer herrſchte der Gedanke vor, daß ich über den Rand eines Karrens lehnte, in welchem ich mit mehreren verwundeten g, um den Ruckzug der von Murats Kaval⸗ lerie verfolgten Preußen zu beobachten. Francois war an meiner Seite und beſchrieb mir die großen Schlachtereig⸗ niſſe; aber obgleich ich zuzuhören ſchien, fielen die Worte doch unbeachtet in mein Ohr. Jetzt noch kommt mir Alles wie ein Traum vor und die einzige mir klare Idee iſt die heiße Luft, der dunkle trübe Himmel und der betäubende Kanonendonner. Wie bekannt, wurde der Sieg bei Jena durch den glorreichen Ausgang der Schlacht von Auerſtädt gekrönt, wo die Hauptmacht der Preußen unter des Königs eige⸗ nem Befehle von Davouſt mit viel geringeren Streitkräften gänzlich geſchlagen wurde. Die beiden in Unordnung ge⸗ brachten Heere durchkreuzten ſich auf der Flucht, während die tollkühne Wuth der franzöſiſchen Reiter auf ſie ein⸗ drang und das ſchreckliche Gemetzel endete erſt, als die Nacht den Geſchlagenen Friſt gab. Die Sieger und die Beſtegten betraten Weimar zu⸗ gleich, welches volle ſechs Stunden vom Schlachtfelde ent⸗ fernt war. Der Kampf hatte ſchon lange geendet, hier war es widerſtandsloſe Metzelei; das Landvolk war ſo ge⸗ täuſcht und erbittert, daß preußiſche Offiziere häufig von Bauern überfallen und getödtet wurden, weil ſie argwöhn⸗ ten, die Schlacht ſei durch deren Verrath verloren ge⸗ gangen. 3 Alle nur leicht Verwundeten, deren Verletzung ſchnelle Heilung verſprach, wurden auf Wagen geladen, die dem Feinde abgenommen worden waren, und mit dem Heere fortgeſchafft. Darunter befand auch ich mich, und ſchlief dieſe Nacht friedlich und ruhig im Stroh des Karrens, der mich von Jena wegbrachte. Des Kaiſers Hauptquartier war in Weimar aufge⸗ ſchlagen und dahin wurden alle Feldſpitäler verlegt, waͤh⸗ rend die Marſchälle mit ihren Diviſionen zur Verfolgung des Feindes abgeſchickt wurden. Vor Ende der Woche war ich ſo weit hergeſtellt, daß ich etwas herumgehen konnte, denn zum Gluck war die unmittelbar auf meine Verletzung ſich einſtellende Betäu⸗ bung die ſchlimmſte Folge derſelben, und meine Wunde in der Schulter zeigte ſich als unbedeutend. „Sie ſind alſo entſchloſſen, wieder zur Kavallerie zu gehen,“ ſagte Francois, der neben mir unter einem Baume ſaß, zu dem ein angenehm loderndes Feuer Mehrere her⸗ bei gelockt hatte.„Das kann ich nicht begreifen, wie —2 Einer, der einmal der Voltigeure Leben und Treiben geſe⸗ hen, wieder zum langweiligen Einerlei des Dragonerdien⸗ ſtes zurückkehren kann.“ „Ich habe genug vom Plänkeln, Fragnois,“ erwiederte ich lächelnd. „Sprechen Sie von dem Schlag auf den Schädel?“ ſagte er verächtlich.„Bahl! Der ſchwere Tſchako, den Sie tragen, würde Ihnen noch mehr Kopfſchmerzen ma⸗ chen. Beſinnen Sie ſich eines Beſſern. Ich kann Ihnen ſagen, Burke,“ hier ging ſeine Stimme in ein Flüſtern über—„der Major bemerkte ihr Verhalten im alten. Pachthauſe. Ich hörte, wie er ſich weigerte, Verſtärkung zu ſchicken, als die Preußen zum zweiten Male angriffen. „Nein, nein,“ ſagte er,„der Huſar dort macht ſeine Sache ganz gut, er braucht unſere Hülfe nicht.“ Da er dieß ſagte, mein Freund, ſo können Sie Ihrer Beförderung ge⸗ wiß ſein. Sie ſind zum Voltigeur geboren.“ „Es nützt Alles nichts, Frangois— Ihre Schmei⸗ cheleien machen mich nicht abtrünnig. Ich will verſuchen, mich morgen wieder meiner Brigade anzuſchließen, wenn ich ſie finden kann— heißt das!“ „ Sie ſagten mir noch nicht, wie Sie zuerſt von Ih⸗ rem Korps getrennt wurden?“ „Das iſt ein Geheimniß, Francvis— Sie dürfen mich nicht fragen.“ „Ah, ich verſtehe,“ bemerkte er mit einem pfiffigen Blick, wozu er mit der Hand die Bewegung des Fechtens machte.„Tödteten Sie ihn 2⸗ „Nein, nicht ſo ganz,“ ſagte ich lachend. .„Sie verſetzten ihm blos jene hübſche Terze, womit Sie mich beglückten,“ ſagte er, ſeine Hand an die Seite legend. „Auch das nicht.“ „Zum Teufel! was war's denn?“ „Ich habe es Ihnen ja ſchon geſagt, es iſt ein Ge⸗ heimniß.“ „Geheimniß! im Felde gibt's keine Geheimniſſe, au⸗ ßer wenn die Militärkaſſe leer iſt oder dem Kommiſſär die Grütze ausgeht. Das iſt das Einzige, was man je zu verheimlichen ſucht. Alſo rücken Sie nur heraus. Wenn es denn ſein muß, ſo kann ich eben ſo gut mir Ihren Rath zu Nutzen machen. Kommen Sie⸗ alſo ein wenig näher, ich moͤchte nicht, daß es Alle hörten.“ Mit ſo wenig Worten als möglich erklärte ich Fran⸗ cois die Urſache meines nächtlichen Rittes und mein Zu⸗ ſammentreffen mit dem Kaiſer in dem Hohlweg, wo die Geſchütze ſtecken geblieben waren; als ich aber zu dem Vorfall bei dem Piket kam und erzählte, wie mein Pferd unter mir getödtet wurde, als ich den Kaiſer aus der ge⸗ fährlichen Lage rettete, da konnte er ſich nicht länger hal⸗ ten, wendete ſich an die Uebrigen, die etwa fünfzehn oder ſechszehn an der Zahl um das Feuer ſaßen, und rief: „Mille tonnerres! Der Junge iſt ja toll!“ und be⸗ vor ich es hindern konnte, war er mit dem ganzen Aben⸗ teuer herausgeplatzt. 3 Es nüßte jetzt nichts mehr, ein Geheimniß daraus machen zu wollen, noch mich über ſein Benehmen zu er⸗ zürnen— eins wäre ſo thöricht geweſen als das andere; und ſo mußte ich, ſo gut ich konnte, die verſchiedenen Be⸗ merkungen über mein Benehmen ertragen, deſſen Super⸗ klugheit einſtimmige Würdigung fand. „Sie müſſen die Beförderung in der Taſche haben, Kapitän,“ ſagte ein alter Sergeant mit grauem Bart, „ſonſt würden Sie wohl ein ſolches Gluck beſſer benützen.“ „Der Teufel!“ rief Francois,„ſeht ihr denn nicht, daß er nichts annehmen will— er iſt zu ſtolz, dem„klei⸗ nen Korporal“ aufzuwarten, obgleich er ihn darum gebe⸗ ten hat.“ 3 „Er hätte Ihnen auf jeden Fall das Kreuz der Ch⸗ renlegion gegeben,“ meinte ein Anderer. „Ja, meiner Seel!“ eiferte der Reitmeiſter eines 12 — —— 9 Dragonerregiments und ein anderes Pferd aus ſeinem eige⸗ nen Stall.“ „Und das glauben Sie, ſei Beſcheidenheit!“ ſagte Francois, deſſen Entrüſtung über meine Thorheit keine Grenzen kannte.„Beim heiligen Joſeph! wenn ich ſo be⸗ ſcheiden geweſen wäre, würde ich heute nicht Fechtmeiſter eines Voltigeurbataillons ſein, obgleich ich, ohne mich zu rühmen, ſagen kann, daß ich mich mit keinem in der gan⸗ zen Armee den Degen zu kreuzen fürchte. Nein, neinz auf dieſe Weiſe benahm ich mich nicht.“ „Wie kam es alſo, Meiſter Francois,“ fragte ein junger Offizier, der neugierig war, den Umſtand kennen zu lernen, auf den er anzuſpielen ſchien. „Wenn es die ehrenwerthe Geſellſchaft zu hoͤren wünſcht,“ ſagte Francois, indem er ſeine Kappe abnahm und ſich ringsum höflich verbeugte, wird es mir Vergnü⸗ gen machen, einen kleinen Vorfall aus meinem Leben zu erzählen.“ Das Anerbieten wurde mit lautem Beifall aufgenom⸗ men; Francois nahm einen„Tropfen“ aus meiner Feld⸗ flaſche, die ihm dargereicht wurde und begann folgender⸗ maßen: Ich diente von unten herauf. War zuerſt Trommel⸗ junge bei Jemape, und als ich alt genug war., um die Trommelſchlägel mit dem Schwert zu vertauſchen, wurde ich den Jägern zu Pferd beigeſellt und ging mit nach Aegypten. Ich könnte Euch ſonderbare Geſchichten von unſerem dortigen Treiben erzählen— ich will nicht ſagen, gegen die Türken, ſondern unter uns ſelber— wir hatten faſt alle Tagen kleinere Affairen mit dem Degen, und ich zeigte ihnen bald, wer ihr Meiſter ſei— Doch das gehört nicht zur Sache. „Eines Morgens mit Tagesanbruch erhielt das Piket, bei dem ich war, Befehl aufzuſitzen und den General längs den Ufern des Nils nach Chebrheis zu begleiten, wo ſich, wie wir hörten, ein Mamelukenheer verſammelte, deſſen 10 Stärke und Ausrüſtung zu erforſchen von Wichtigkeit war. Als wir aufbrachen, waren unſere Pferde noch vom vorigen Tage ermüdet, wir hatten eine harte Tour von Rhemanieh her, durch eine furchtbare Wüſte im heißen Sand und ohne Waſſer gemacht. General Bonaparte aber glaubte, wir ſollten ausholen, als ob wir friſch remontirt worden wä⸗ ren; wir thaten unſer Möglichſtes und biſſen uns heraus, ſo gut wir konnten. Wir waren noch nicht anderthalb Meilen geritten, als wir bemerkten, daß der ſtarke Schritt des Generals mehr als die Hälfte der Bedeckung zurück⸗ gelaſſen hatte, und von vier Schwadronen waren nicht über zwanzig Reiter gegenwärtig. „Der Kaiſer— er war damals, wie ihr wißt, blos General, es kommt aber Alles aufs Nämliche heraus— lachte herzlich, auf Koſten unſerer armen keuchenden Thiere, denen alle Glieder zitterten und die ihre dürren, mageren Knochen durch die Decken ſtoßen zu wollen ſchienen, mit denen wir ſie aus Scham über ihr elendes Ausſehen zu ver⸗ hüllen pflegten; doch der Spaß dauerte nicht lange, denn gerade jetzt flog hinter den Mauern einer alten Tempel⸗ ruine hervor wie der Blitz eine ganze Ladung Musketen⸗ ſchüſſe mitten unter uns— ein Wunder iſt's, wie nur Ei⸗ ner davon kam; im nächſten Augenblick ſahen wir etwa fünfzig Mameluken, von Gold ſtrotzend, mit wildem Hurrah auf ihren Arabern auf uns zuſprengen. Tauſend Donner! was war da zu thun? nichts werdet ihr ſagen, als davon zu laufen und das hätten wir auch gethan, wenn die Be⸗ ſtien gewollt hätten, aber keine Rede davon, ſie konn⸗ ten keinen Galopp einſprengen, ſelbſt wenn Murad⸗Bey⸗ mit ſeiner ganzen Armee da geweſen wäre, und ſo machten wir gute Miene zum boͤſen Spiel, ſtellten uns quer über den Weg auf und thaten, als ob wir angrei⸗ fen mallten. Die Türken waren verdutzt, hielten raſch an und guckten herum, um zu ſehen, wo denn die Infanterie oder das Geſchütz ſei, die uns zu Hülfe kommen ſollte, ſo keck ſtanden wir da. — 11 „Wir wollen ſie in Schach halten, General,“ ſagte der Offizier der Pikets.„Verlieren Sie jetzt keine Zeit, ſondern ſprengen Sie ſort, was Sie können, und Sie wer⸗ den ihnen entkommen,“ und ohne weitere Umſtände wen⸗ dete Bonaparte ſein Pferd, gab ihm die Sporen und ritt in vollem Jagen davon. „Dieß war für die Mameluken die Looſung zum An⸗ griffe und heran kamen ſie. Sacristi! wie die Ungläu⸗ bigen uns überritten; unſere Burſche, Mann und NRoß, purzelten übereinander, während ſie mit ihren ſcharfen Sä⸗ beln nach allen Seiten Hiebe austheilten— Wenige hatten einen zweiten nöthig, dafür bürge ich euch. „Ein glücklicher Zufall wollte, daß ſich mein Beeſt im Durcheinander auf den Beinen hielt und ein noch glück⸗ licherer, daß er ſcheu wurde und in vollem Galopp dem General nachrannte, der ungefähr zweihundert Schritte vor mir hinritt, von einem Mameluken verfolgt, der einen Sä⸗ bel über ſeinem Kopfe ſchwang. Des Türken Pferd war jedoch verwundet und konnte ſogar das erſchöpfte Thier ver ihm nicht einholen, während ihm meines mit jedem Schritte näher kam. „Als der Mameluk das Getrappel hinter ihm hörte, wandte er ſeinen Kopf, ich aber benützte den Augenblick und ſchoß mein einziges übriges Piſtol nach ihm ab, leider ohne Erfolg. Mit einem wilden Kriegsgeſchrei wirbelte der Kerl herum und kam auf mich zu, in der Abſicht, mein Pferd in die Flanke zu nehmen und mich zu über⸗ reiten; aber das gute Thier machte einen Sprung vorwärts und mein Feind wiſchte hinter ihm vorbei und ſtreifte blos die Hüften; einen Augenblick nachher war er an meiner Seite— parbleul dieſe Kameradſchaft war mir nicht angenehmz ich konnte wohl mit einem Haudegen oder mit einem Rapier gut umgehen, aber ein krummer Pallaſch, ſcharf wie ein Raſirmeſſer, von Damaszenerſtahl, der über meinem Kopfe glänzte und flimmerte, war ein ganz ver⸗ ſchiedenes Ding— auch funkelten die großen ſchwarzen 12 Augen des Burſchen wie Feuerbälle und er biß ſeine Zähne aufeinander. Seine Klinge ſchwang über dem Kopfe ſo loſe, daß ich dachte, er habe ſie von ſich geſchleu⸗ dert und wollte mir einen Hieb in den Nacken geben, allein ſchnell wie der Blitz bückte ich mich auf die Mähne nieder und die ſcharfe Waffe ſchnitt die rothe Feder von meinem Tſchako, daß ſie in die Luft flog, während ich ihn ſtracks durch den Leib ſtieß und ſein Todesgeſtöhn hörte, als er in Blut gebadet in den Sand fiel. Der General ſah ihn fallen und ſchrie eiwas, ich konnte ihn jedoch nicht verſtehen und kümmerte mich, aufrichtig geſagt, damals auch nicht viel darum— am froheſten war ich darüber, den Reſt der Cskorte, die wir hinter uns gelaſſen hatten, in ſcharfem Trabe herankommen zu ſehen. Kaum bemerk⸗ ten ſie die Türken, als ſie umkehrten und flohen, und ſo kehrten wir ins Lager zurück, mit einem Verluſte von un⸗ gefähr zwanzig braven Burſchen und nicht klüger, als wir vorher waren. „Was ſoll ich für Sie thun, Freund?“ fragte mich der General, als ich mich auf ſeinen Befehl bei ſeinem Zelte einfand,„was ſoll ich für Sie thun?“ „Meiner Treu,“ erwiederte ich und zuckte die Achſeln, „das kann ich gerade jetzt nicht ſagen; vielleicht wäre es am Beſten, wenn Sie mir verſprächen, mich nie mehr unter Ihrer Eskorte mitzunehmen, wenn Sie ſolch einen Gang machen, wie dieſen Morgen.⸗ „Nein, nein, das will ich nicht zuſagen; wer ſind Sie? welchen Grad haben Sie?“ „Francois, Fechtmeiſter des zweiten Gardejägerregi⸗ ments, gab ich ſtolz zur Antwort und dachte, er hätte wohl ohne dieſe Frage wiſſen können, wer ich ſei. Ah, wirklich i“ bemerkte er ernſthaft,„dann iſt hier Beförderung überflüſſig— ein Fechtmeiſter iſt gleich ei Diviſionsgeneral auf dem Gipfel des Baume jetzt habe ich's, ein Burſche Ihrer Art iſt in Klemme, duellirt und rauft ſich immer, un 13 Tage in jeder Woche im Arreſt— ich kenne Euch wohl. Alſo, Meiſter Francois, ich will Sie das erſte Mal, wenn Sie mich darum bitten, wegen jedes Vergehens begnadi⸗ gen, wo dieß in meiner Macht ſteht. Gehen Sie, Sie ſind mit dem Verſprechen zufrieden, nicht wahr?“ „Ja, General, und ich werde es Ihnen bald ins Ge⸗ dächtniß zurückrufen,“ ſagte ich, ſalutirte und entfernte mich.— ij„Ich ſehe einige alte„Tapfere“ von den Pyramiden da um mich herum,“ fuhr Francois fort,„und ſo brauche ich bei den Ereigniſſen dieſes Feldzuges nicht länger zu verweilen. Ihr wißt Alle, wie General Bonaparte das Heer Kleber übergab und nach Frankreich zurückging, und wir hatten ſonach kein rechtes Gluck mehr— ich kam mit dem Regimente hinan und war bei der Schlacht von Ma⸗ rengo, wo unſere Brigade vier Kanonen von Skal's Bat⸗ terie nahm und eilf Offiziere davon als Gefangeue mit fortführte. Ihr werdet Euch jetzt wundern, Kameraden, wie dieſer glückliche Zufall mir ſo ſchlecht bekommen konnte, eben das war der Fall. Nachdem die Schlacht gewonnen war, verfügte ſich General Bonaparte mit ſeinem Stabe nach Gerofola, und ich bekam Befehl, ihm zu folgen, mit dem Hauptmann Klingenſchwert von der öſterreichiſchen Armee, einem unſerer Gefangenen, der im Stabe des Ge⸗ nerals Melas gedient hatte und die Stärke der Armee und alle ihre Plane genau kannte. „Wir begaben uns mit Tagesanbruch auf den Weg, es war im Juni und ein prächtiger Morgen dazu, und da mein Gefangener ein Offizier und ein Mann von Ehre war, ſo nahm ich keine Eskorte mit und ritt an ſeiner Seite; um Mittag hielten wir in einem kleinen Cedernge⸗ büſche an, um etwas zu eſſen, wo ich mein Flaſchenfutter offnete und den Inhalt auf das Gras breitete, und nach⸗ dem wir uns gütlich gethan, zündeten wir unſere Meer⸗ ſchaumpfeifen an und plauderten mit einander, wie alte Kameraden, über Krieg und deſſen Wechſelfälle. Einen 14 angenehmeren Burſchen, als dieſen Oeſterreicher, ſah ich nie; er erzählte mir ſeine ganze Geſchichte und ich ihm die meinige, und wir tranken mit einander Bruderſchaft und ſchworen uns, ich weiß nicht wie oft, ewige Freundſchaft. Doch der Teufel ſäte unterdeſſen Unkraut unter den Wai⸗ zen, wie ihr gleich ſehen werdet, denn wir geriethen in einen Wortwechſel über den Angriff, in welchem unſere Brigade die Kanone nahm. Er ſagte, daß wir, wenn die Munition nicht ausgegangen wäre, den Angriff nie ge⸗ wagt haben würden und ich ſchwor, daß wir unter einem Hagel von Kugeln auf die Batterie losritten. „Ueber dieſen Streit wurden wir warm und ſchauten immer tiefer ins Glas, um uns zu kühlen, und ſo vom Wein und unſerer eigenen Hitze aufgereizt, wurden wir ganz zornig und es kam ſo weit, daß wir mit einander Redensarten wechſelten, die nach nichts weniger als nach „Bruderſchaft“ ſchmeckten. „Ach, wie mich das Unglück immer verfolgt,“ ſagte ich ſeufzßend.„Wäre ich jetzt nur der Geſangene und Du die Bedeckung—“ „Und was dann?“ fragte er. „Wie leicht und wie angenehm könnten wir dann dieß kleine Geſchäft mit einander abthun. Der Grund iſt glatt wie Sammet— kein Sonnenſchein— alles ſtill, ruhig und friedlich.“ „Nein, nein,“ ſagte der Oeſterreicher,„ich könnte Deinen Vorſchlag nicht annehmen— ich wäre für immer entehrt, wenn ich meine Ueberlegenheit ſo benützte. Du mußt wiſſen, Frangois,“ denn er nannte mich ſo, indem er wieder ſeinen freundlichen Ton annahm,„ich bin der beſte Fechter in meiner Brigade.“ „Ich konnte mich bei dieſen Worten kaum enthalten, ihn zu umarmen— ein ſolches Glück war mir noch nie begegnet.„Und ich,“ rief ich mit Begeiſterung,„ich der erſte in der ganzen franzöſiſchen Armee!“ Ihr wißt, Ka⸗ 15 meraden, ich ſagte da blos eine Gasconnade, damit ihm unſer Zuſammentreffen Vergnügen machen ſollte. „Wir maßen unſere Degen und warfen unſere Jacken ab.„Frangois,“ begann er,„ich muß Dir ſagen, daß mein Ausfall in der Terze meine Hauptſtärke iſt— damit mißlingt es mir ſelten, meinen Gegner durch die Bruſt zu rennen.“ „Ich kenne den Kunſtgriff wohl,“ erwiederte ich,„hüte Dich vor meinem Stoß außerhalb der Wehr.“ „O wenn das Deine Art iſt,“ ſagte er lachend,„ſo will ich mit Dir kurzen Prozeß machen— nun fangen wir an.“ „Alles in Ordnung, rief ich, en garde und wir kreuzten unſere Waffen— für einen Deutſchen war er ein ausgezeichneter Fechter und hatte eine recht hübſche Art, ſeinen Stoß über dem Gefäſſe anzubringen und den rech⸗ ten Arm zu verwunden; aber wäre es nicht des Weines wegen geweſen, den ich getrunken, ſo hätte die Geſchichte in einer oder zwei Sekunden ihr Ende gehabt. Allein ſo ſechten wir nur auf's Gerathewohl, ohne beſondere Ueber⸗ egung. „Ha, das ſaß endlich,“ ſagte ich, als ich ihm einen Stoß in den Rücken gab, außerhalb des Stichblattes. „Nein, nein,“ rief er leidenſchaftlich; denn er war in der Hitze und wollte den Tuſch nicht geſtehen.„Nun denn, das ſitzt,“ rief ich und ſtieß unterhalb des Gefäſſes zu, daß ſein Blut längs meiner Klinge hinauf und mir ſogar bis in die Augen ſprudelte. 3 „Ja, das ſitzt,“ ſtöhnte er und taumelte zurück, die Füße wankten und er fiel auf's Gras.„Ich beugte mich nieder, um den Schlag ſeines Herzens zu fühlen, dabei ſchwanden mir die Sinne— ich konnte mich nicht mehr aufrecht halten und rollte kopfüber auf ihn. Ich war näm⸗ lich ſchwer verwundet, obwohl ich nicht wußte wo— denn ſein Degen war mir unter einer Rippe in die Bruſt ge⸗ drungen und hatte einige Gefäſſe in der Lunge verletzt. 46 „Das Ende von Allem war, daß man den Oeſter⸗ reicher begrub und mich ohne Beſoldung oder Penſion ent⸗ ließ— da die Aerzte erklärten, meine Wunde hindere mich in Zukunft am Dienen. „Kameraden, wir hören Leute oft von dem glücklichen Tage reden, an dem ſie die Armee verlaſſen, den Torniſter ablegen und die Muskete mit der Hacke vertauſchen wer⸗ den. Nun, glaubet mir— dieß iſt fürwahr kein ſolches Vergnügen, wie ſie meinen. Da ſtand ich, in die Welt hinaus geſtoßen, nichts auf dem Leibe, als eine lumpige Kleidung, die meine Kameraden unter ſich zuſammen ge⸗ bracht hatten— ein altes Rapier und eine hartnäckige Engbrüſtigkeit. Das war mein Kapital, um mit ſieben⸗ undvierzig Jahren ein neues Leben zu beginnen— und ſo machie ich mich auf meinen ſchweren Weg nach Paris zurück. „Verſuchteſt Du nicht zuerſt Dein Glück mit dem kleinen Corporal? fragte einer der Züuhörer. „Gewiß that ich das. Ich ſchickte ihm eine lange Bittſchrift, in der ich die ganze Geſchichte erzählte und in alle Einzelnheiten des Duelles einging, aber ich erhielt ſie uneröffnet zurück, mit dem Worte Abgewieſen und Du⸗ roc's Unterſchrift auf der Kehrſeite. „Es iſt ſonderbar, wie wenig wir alte Soldaten für irgend eine bürgerliche Beſchäftigung taugen, wenn wir ein halbes Leben im Felde zugebracht haben. Als ich Pa⸗ ris erreichte, hätte ich mich ſelbſt beinahe in die Scheide meines Degens einzwängen können. Langes Marſchiren und ſchmale Koſt hatten mir ſcharf zugeſetzt— und der Zollbeamte an der Barriére ließ mich ohne Weiteres paſ⸗ ſiren, ohne nur im Geringſten nachzuſehen, ob ich etwas von verbotenen Waaren bei mir hätte. „Zwolf bis vierzehn Monate lang führte ich ein recht erbärmliches Leben. Der einzige Weg, mir etwas zu ver⸗ dienen, war, daß ich Rekruten fechten lehrte— und ihr wißt, daß ſie mir dieſen Dienſt nicht ſehr freigebig 17 vergelten konnten, auch hatte es damit bald ein Ende, denn auf einen Bericht der Polizei, daß ich die jungen Solda⸗ ten zum Duelliren aufmuntere— allerdings ein großes Verbrechen— ward mir dieſer armſelige Erwerb verboten — es ging mir eben, wie ihr ſeht, damals Alles ſchief. „Ich wußte nun wirklich nicht, was aus mir werden ſollte, als es der Vermittlung eines alten Kameraden, der unter Moreau gedient hatte und penſionirt worden war, gelang, mich als beſoldeten Supernumerarius, wie ſie es heißen, in der großen Oper anzubringen, wo ich für fünf Franken wöchentlich einen römiſchen Soldaten, oder einen Mönch, oder einen Bauer und dergleichen vorzuſtellen pflegte — keinen Sou mehr hatte ich und dabei gab es mehr zu thun als im Felde. „Nach zwei Jahren ſtarb die türkiſche Trommel an einem. rheumatiſchen Fieber, das ſie ſich durch ein gro⸗ ßes Solo in einer neuen deutſchen Oper zugezogen hatte, und ich wurde an ihre Stelle befördert; denn ich war von den Folgen meiner Wunde wieder gänzlich geneſen und konnte meine Arme ſo gut brauchen, wie vorher. Einige aus der ehrenwerthen Geſellſchaft erinnern ſich vielleicht an die erſte Nacht, wo Napoleon nach ſeiner Ernennung zum Kaiſer die große Oper beſuchte. Es war ein präch⸗ tiger Anblick, den man nicht vergeſſen kann— das ganze Haus voll Generale und Marſchälle— ein großer Schlacht⸗ tag, von zehntauſend Wachslichtern beleuchtet; und die Kai⸗ ſerin war da mit ihrem ganzen Gefolge und die hübſcheſten Weiber von Frankreich. Ich hatte freilich wenig Zeit, mich nach ihnen umzuſehen, denn da ſaß ich in der Ecke des Orcheſters mit der großen Trommel vor mir, auf der ich das vertrackte Ding ſpielen ſollte, woran der andere Burſche geſtorben war. Es war ſicherlich eine verdammt— kurioſe Geſchichte; denn mitten im derbſten Geklirr und Getoͤſe kam eine todtenſtille Pauſe und dann mußte ich drei feierliche Schläge auf die Trommel thun und hinterher ſchnell wie der Blitz fünf Minuten lang wirbeln. Dieß Tom Burke. v.. 2 1 48 war der Begriff, den der Komponiſt von einer Schlacht hatte— ſchießen in der Ferne— Gott ſegne ſeine Ein⸗ falt! ich wünſchte, er hätte etwas davon geſehen! „Dieß ſollte im zweiten Akt vorkommen und bis da⸗ hin hatte ich nichts zu thun. Was ſage ich, nichts? ich hatte auf den kleinen Korporal zu ſchauen, der da in der Loge ober mir ſaß, mit ſo ernſter und gedankenvoller Miene wie immer und ſich nicht viel um das zümmerte, was die Kaiſerin ſagte, obwohl ſie während der ganzen Zeit ihm ins Ohr hinein ſchwätzte und ſeine Aufmerkſam⸗ keit zu feſſeln ſuchte. Parbleu! er dachte nicht an all den Unſinn um ihn herum— ſein Geiſt verweilte bei wirk⸗ lichen Schlachten— er hatte wirkliches Pulver gerochen — ja das hatte er!— er ſah fetter und bleicher aus als ſonſt, und wie mir vorkam, auch finſterer, als da ich ihn zuletzt erblickt hatte: das war aber bei Marengo, und auf dem Schlachtfelde hatte er immer eine vergnügte Miene. Ich konnte mein Auge nicht von ihm abwenden— ſein feines, gedankenreiches Geſicht, ſo voll Entſchloſſenheit und Energie, erinnerte mich an mein altes Leben im Felde. Ich dachte an Arcola und Rivoli, an Cairo und die Pyrami⸗ den und den großen Reiterangriff bei Marengo, als Deſ⸗ ſair's Diviſion herbei kam, und mein Herz zerſprang faſt, wenn mir in den Sinn kam, daß ich die Epaulette nicht mehr trug. Ich vergaß ganz, wo ich war— und erwar⸗ tete jeden Augenblick, ihn nach einem ſeiner Marſchälle rufen zu hören oder mit der Hand nach einem fernen Punkte des Schlachtfeldes zeigen zu ſehen; und ſo vertieft war ich in meine Träumereien, daß ich für nichts, was mich um⸗ gab, Augen oder Ohren hatte; da hörte plötzlich aller Lärm im Orcheſter auf— kein Ton war mehr zu hören — eine Hand ſchüttelte mich heftig am Arm und eine Stimme flüſterte:„Jetzt, jetzt.“ Mechaniſch ergriff ich die Trommelſchlägel, aber meine Augen hefteten ſich noch immer auf den Kaiſer— mein ganzes Weſen verſenkte ſich in ihn. Die Stimme rief mir wieder zu, anzufangen 19 und ein leiſes Gemurmel des Unwillens ſtrich durch das Orcheſter. Ich ſprang empor, und in der Aufregung des Augenblicks Zeit und Ort gänzlich vergeſſend, wirbelte ich den pas de Charge. Kaum ſchallte die erſte Roulade dieſer wohlbekannten Töne durch das Haus, als der ein⸗ ſtimmige Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ die Wände erzittern machte. Es war keine Bewillkommung— ſondern der aus dem Herzen kommende Ausbruch des Gefühls von tauſenden begeiſterter Anhänger. Marſchälle, Generale, Oberſten, Geſandte, Miniſter, alle ſtimmten ein und die zahlloſe Verſammlung wogte hin und her wie das Meer im Sturm, während Napoleon ſelbſt langſam aufſtand, dankend ſein ſtolzes Haupt neigte und ſich dann unter don⸗ nerndem Zurufe wieder ſetzte. Es dauerte wohl zwanzig Minuten, bis man mit dem Stücke fortfahren konnte und ſelbſt dann unterbrachen es noch zuweilen Ausbrüche des Enthuſiasmus, die nicht aufhörten, bis der Vorhang fiel. Gerade in dem Augenblick erſchien ein Adjutant neben dem Orcheſter und befahl mir, in die Loge des Kaiſers zu kommen. „Sacristi, wie zitterte ich! ich wußte nicht, was daraus werden ſollte. „Ah Spitzbube!“ ſagte er, als ich aus Furcht vor der Logenthüre beinahe zuſammenſank—„Das war einer von Deinen Streichen, nicht wahr?“ „Za, Sire,“ murmelte ich halblaut. „Und wie konnteſt Du es wagen, eine Oper ſo zu verderben?“ fuhr er mit finſterem Blicke fort.„Antworte mir, Burſche.“ „Ew. Majeſtät waren ſelbſt daran Schuld,“ erwie⸗ derte ich, ohne mich weiter wegen der Folgen zu ängſti⸗ gen.„Sie ſchienen ſich nicht viel um all ihr Gekratze und Geblaſe zu kümmern und ſo dachte ich, die alte Rou⸗ lade möchte Sie ein wenig aufregen. Sie pflegten einſt an ihr Gefallen zu finden und thun dieß vielleicht noch, wenn die Zeiten nicht anders geworden ſind.“ „Das ſind ſie nicht,“ ſagte er ernſt.„Wer biſt Du, der Du mich ſo gut zu kennen ſcheinſt 24 „Der alte Francois, einſt Fechtmeiſter im 4ten Re⸗ giment in Aegypten, der Sie bei Gebrheis vor dem Hiebe eines Mamelukenſäbels bewahrte.“ 4 „Was! Der Burſche, der nach der Schlacht von Marengo einen öſterreichiſchen Gefangenen umbrachte. Nun, ich hielt Dich für todt.“ G „Das wäre wohl beſſer für mich geweſen,“ antwor⸗ 4 tete ich.„Sie wollten meine Bittſchrift nicht leſen. Ja, Sie mögen die Stirne runzeln, wie Sie wollen, Gene⸗ ral,“ ſagte ich zu Duroc, der mir Blicke zuwarf, wie ein Tiger,„ich fing als Tambour an— das bin ich wieder und parbleu! zu weniger können Sie mich nicht machen.“ „Der Kaiſer flüſterte der Kaiſerin etwas zu und dieſe wendete ſich um, ſah mich an und lachte; dann winkte er mir, mich zu entfernen. Bevor ich ein Dutzend Schritte von der Loge weg war, holte mich ein Adjutant ein. „Francois,“ ſagte er,„„Sie müſſen ſich morgen vor der ärztlichen Kommiſſion ſtellen und wenn ihr Bericht günſtig iſt, ſo bekommen Sie ihre alte Stelle als Fecht⸗ meiſter wieder.“ „Und ſo war es auch. Ich wurde nicht nur wieder angeſtellt, ſondern ſogar im nämlichen Regimente, in dem ich während der Feldzüge in Italien und Aegypten gedient hatte. Das Korps hat ſich ſeitdem jedoch beträchtlich verändert; daher bat ich den Kaiſer, mich zu einem Vol⸗ tigeurbataillon zu verſetzen, wo die Zucht nicht ſo ſtrenge iſt und es mehr luſtige Kameraden gibt. Der Wunſch wurde mir gewährt, meine Herren, und jetzt will ich mit Ihrer Erlaubniß auf die Geſundheit der Vorſtadt St. An⸗ toine trinken, der Wiege unſerer Waffe.“ Francois war nicht der Einzige, den es in Erſtaunen ſetzte, wie ich den Freuden des Voltigeurlebens entſagen „könne und mein Freund, der Korporal, betrachtete meinen 21 Entſchluß, mich wieder der Huſarenbrigade anzuſchließen, als einen jener außerordentlichen Fälle, wo Pflichtgefühl über Neigung den Sieg davon trägt.—„Nicht,“ ſagte er,„als ob es unter den Dragonern nicht auch brave Burſche und tüchtige Soldaten gäbe; obwohl ein Pferd unter ſich zu haben, den Muth eines Mannes gewaltig ſchmälert, und wenn man einmal den Muth gehabt hat, Aug in Auge und Fuß an Fuß dem Feinde gegenüber zu ſtehen, kann ich nicht begreifen, wie einer ſich entſchließen kann, auf andere Art zu fechten.“ „Ein Mann kann ſich an Alles gewoͤhnen, Korporal,“ bemerkte ein abgehärteter alter Soldat, der mit der nach⸗ denklichſten Miene ſeine Pfeife rauchte.„Als ich bei der Dromedarbrigade in Kairo war— konnten Anfangs We⸗ nige von uns den Sitz behalten und wenn wir herabſtelen, war es oft ſchwer genug, den Mameluken zu widerſtehen und daneben die Thiere zu halten, doch auch das lernten wir mit der Zeit.“ Dieſe Erläuterung, ſo wenig ſchmeichelhaft ſie für die Kavallerie auch war, ſchien doch die Zuhörer zu uber⸗ zeugen, daß die Zeit, die alle Beſchwerlichkeiten mildert, auch einen Mann mit ſeinem Looſe, Dragoner zu ſein, ausſöhnen könne. „Gut, wenn Sie alſo keiner der Un ſern ſein wol⸗ len,“ ſagte Francois,„ſo trinken wir den Abſchiedsbecher und ſagen einander Lebewohl, denn ich hoͤre die Hoͤrner rufen.“ 4 „Auſ's Wohl des Faubourg St. Antoin, Jungens,“ rief ich, ein herzlicher Jubel beantwortete den Toaſt und mit vielen Händedrücken und Verſprechungen froͤhlichen Willkommens, wenn ich je meinen Irrthum einſehen und den Dolman mit der Voltigeurjacke vertauſchen wollte, nahm ich Abſchied von dem wackern 22ſten und machte mich auf nach Weimar. Zweites Kapitel. Berlin nach Jena. Wie die Schlacht von Auſterlitz Oeſterreich den Todes⸗ ſtoß verſetzte, ſo ſiel Preußen mit der Niederlage bei Jena; das große Königreich wurde Beute des Eroberers Napo⸗ leon. Wäre hier der Platz dazu, ſo würde es der Mühe werth ſein, die Urſachen zu erforſchen, welche einen ſo plötzlichen und vollſtändigen Untergang herbeiführten, und zu ermitteln, wie es kam, daß eine ſo große und wohl⸗⸗ geordnete Armee mit einem Schlage vernichtet und zerſtöoͤrt ſchien. So vollkommen und entſcheidend die Siege von Jena und Auerſtädt auch waren, ſo hätten ſie doch nicht zu ſol⸗ chen Erfolgen hingereicht, und wenn des Kaiſers Genie den Sieg nicht eben ſo ſchnell verfolgt als gewonnen hätte, wären dieſelben nie eingetreten. Aber kaum war der ſchreck⸗ liche Kampf beendet, als er die gefangenen ſächſiſchen Offi⸗ ziere vor ſich kommen ließ, ſie in einem gütigen Tone anredete und ihnen ſogleich erklärte, daß ſie frei nach ihrer Heimath zurückkehren könnten, wenn ſie ihr Chrenwort gäben, gegen Frankreich und ſeine Alliirten keine Waffen zu tragen. Hundert und zwanzig Offtziere verſchiedener Grade, vom Generallieutenant abwärts, gaben dieſes Ver⸗ ſprechen und kehrten, Napoleons Großmuth preiſend, in ihr Land zurück. Dieſem erſten Schritte folgte bald ein anderer, viel bedeutenderer: mit dem Churfürſten von Sachſen wurden Unterhandlungen angeknüpft und ihm der Königstitel unter der Bedingung angeboten, ſich dem Rhein⸗ bunde anzuſchließen, und ſo wurde hier im Norden Deutſch⸗ lands die nämliche argliſtige Politik in Anwendung ge⸗ bracht, die im Süden in Bezug auf Bayern mit dem gleichen Erfolge betrieben worden war. 23 Dieſer ſchlau angelegte Plan raubte dem preußiſchen Heere achtzehntauſend Mann, gerade in dem Augenblicke, wo Niederlage und Unglück ihren entmuthigenden Einfluß durch die ganze Armee verbreitet hatten: mehrere der beſten Generale waren todt, noch mehr gefährlich verwun⸗ det— unter den erſtern Prinz Louis, Rüchel, Schmettau, unter den letztern der Herzog von Braunſchweig und Prinz Heinrich— der Herzog lebte unter den groͤßten Schmerzen nur noch einige Tage; Marſchall Möllendorf, dem faſt achtzigjährigen Veteran, durchbohrte ein Lanzenſtich die Bruſt. Es war Unheil genug da, um Muthloſigkeit und Verzweiflung zu erzeugen, denn unglücklicher Weiſe war das Volk ſelbſt ſeinen Gefühlen und ſeiner Organiſation nach nur ein Heer und mit der Niederlage erſtarb jede Hoffnung und jeder Arm ward gelähmt. Die Vaterlands⸗ liebe des Volkes hatte ſich unter eine Fahne geſtellt; ſobald dieſe vor einem Eroberer geſenkt wurde, blieb nichts mehr übrig. Das iſt das Schickſal einer Militär⸗Monarchie; nur Sieg gewährt ihr Lebenskraft— die Stunde des Un⸗ ſterns gibt ihr den Todesſtoß. Das Syſtem des Kapitulirens ganzer Corps, welches die Preußen unbedenklich verſpotteten, als es in Oeſterreich ſtattfand, griff hier noch ſchneller um ſich. Es verging faſt kein Tag, an welchem nicht irgend ein Regiment die Waffen niederlegte und ſich auf Parole ergab. Paniſcher Schrecken herrſchte durch's ganze Land. Unbezweifelt ſtarke und feſte Plätze wurden als unzuverläſſig und unhaltbar übergeben. Weder Raſt noch Ruhe goͤnnte man den Be⸗ ſiegten; durch die weiten Ebenen flatterten die bunten Fähnlein der Alles verfolgenden Lanciers; Infanterie⸗ kolonnen durchzogen in allen Richtungen das Koͤnigreich und die Adler glänzten in jeder Stadt und jedem Dorfe des eroberten Preußen. Nie zeigte ſich Napoleons Geiſt unbarmherziger, als in dieſem Feldzuge; während jede ſei⸗ ner Handlungen den Entſchluß darthat, die Nation nieder⸗ zubeugen und zu vernichten, ſtrotzte der Moniteur in Paris 24 von Aufſätzen zur Verſpottung einer Armee, deren Tapfer⸗ keit er nie hätte bezweifeln ſollen. Sogar die kühnen Führer ſelbſt, alte vernarbte Krieger, wurden verächtlich als blinde bethörte Schwärmer dargeſtellt, die weder Gnade noch Achtung verdienten. So hätte er nicht vom hoch⸗ herzigen Prinzen Louis, vom heldenmüthigen Herzog von Braunſchweig ſprechen ſollen. Sie fochten für eine gerechte Sache und ſtarben den Tod tapferer Krieger.„Ich will ihren Adel dazu bringen, ſein Brod auf der Straße zu betteln,“ war das ſchreckliche Wort, welches er in Weimar ausſprach und dies wurde nie vergeſſen. Das Benehmen und die Haltung des Kaiſers wurde um ſo beleidigender durch den Gegenſatz, in welchem ſie zu dem Verfahren ſeiner Marſchälle und Generale ſtanden, von denen viele in ihren Berichten unbedingt die Aufopfe⸗ rung und Vaterlandsliebe ihrer beſiegten Feinde anerkann⸗ ten. Murat verlor keine Gelegenheit, dieſes Gefühl an den Tag zu legen, und ſchickte acht Oberſten von ſeiner eigenen Diviſion, um das Leichentuch zu tragen bei der Beerdigung General Schmettau's, welcher mit allen Ehren⸗ bezeigungen beſtattet wurde, die dem Kriegsgefährten Frie⸗ drichs des Großen zukamen. Soult, Bernadotte, Augereau, Ney und Davouſt ver⸗ folgten mit ihren verſchiedenen Corps die geſchlagenen Truppen mit unermüdetem Eifer. Umſonſt wendete ſich der König von Preußen in einem demüthigen Schreiben an Napoleon und bat um Wafefenſtillſtand. Er würdigte ihn kaum einer Antwort und befahl dem Vortrab, nach Berlin zu marſchiren. Ein Jahr vorher hatte er ſeine kaiſerlichen Dekrete aus dem Palaſte der Cäſaren erlaſſen— nun brannte er vor Begierde, ſeine Bülletins aus dem Palaſte des großen Friedrichs zu datiren: und am zehnten Tage nach der Schlacht bei Jena bivouakirten die Truppen von Lannes Divifion in der Ebene um Potsdam. 3 Am vorhergehenden Tage hatte ich mich meiner 25— Brigade wieder angeſchloſſen und zog mit ihr am Morgen des 23. Oktober in Berlin ein. Vorbereitungen zu einem ſiegprangenden Einzuge waren Tags zuvor gemacht wor⸗ den— um Mittag nahten ſich die Truppen der Hauptſtadt in aller Pracht voller Rüſtung. Zuerſt kamen die Gre⸗ nadiere von Oudinot's Brigade, eines der ſchönſten Corps im franzöſiſchen Heere— ihre hellgelben Aufſchläge und Achſelbänder hatten ihnen den Spitznamen„gelbe Grena⸗ diere“ zugezogen. Sie bildeten einen Theil von Davouſt's Streitmacht bei Auerſtädt und ſtanden der preußiſchen Garde im heißeſten Kampfe dieſes ganzen Tages gegenüber. Ihnen folgten zwei Bataillone Jäger zu Fuß, eine glän⸗ zende Infanterie, der Ueberreſt von Viertauſenden, die am Morgen des 14ten in die Schlacht gezogen. Dann erſchien eine Artilleriebrigade, über jeglicher Kanonenlaffette wehte ein preußiſches Banner. Hinter dieſer kamen die rothen Lanciers von Berg— Murat ſelbſt an der Spitze, denn es war ſein eigenes Regiment und er durfte ſtolz auf ſolche Leute ſein. Der Großherzog erſchien in aller Pracht ſei⸗ nes Galaanzuges: er trug einen aufgekrämpten ſpaniſchen Hut, vorn mit einem ungeheuren Brillanten, und ein Buſch Straußenfedern wallte ihm über Nacken und Schultern. Zweihundert und vierzig auserwählte Männer von der kai⸗ ſerlichen Garde ſchritten zu zweien hinterher; jeder trug eine dem Feinde in der Schlacht abgenommene Fahne. Dann folgten Nauſouty's Küraſſiere— ſie hatten bei Jena ſtark gelitten und ſahen ſich genöthigt, manche ihrer Ver⸗ wundeten mitzunehmen, um die Lücken in ihren Schwadro⸗ nen auszufüllen. Hernach kam die reitende Artlllerie⸗ brigade, deren Uniformen und Ausrüſtung trotz aller Mühe, ſie zu verbergen, die ſchrecklichen Folgen der großen Schlacht zeigten. General d'Auvergne's Diviſion mit den ihr beige⸗ gebenen Huſaren und leichten Reitern folgte— hinter dieſen die Voltigeurs und acht Bataillone von des Kaiſers Garde, deren Reihen die Grenadiere zu Pferd und noch mehr Artillerie ſchloſeen— im Ganzen achtzehntauſend Mann, —— 5— 26 die Elite des franzoͤſiſchen Heeres. Sie zogen langſam heran, kein Laut wurde gehört, außer dem dumpfen Nach⸗ hall der Erde, die unter den Kolonnen erzitterte, wenn ein heiſeres„Halt“ von Glied zu Glied gerufen ward, ſo oft die Nachkommenden vorwärts drängten,— aber als ſie das Brandenburger Thor erreichten, brachen alle Regiments⸗ muſiken los und der weite Platz wiederhallte von kriegeri⸗ ſchen Tönen. Vor dem Palaſte ſtand der Kaiſer, von ſeinem Stab umringt, welcher ſich nach und nach durch die Brigade⸗ generale vermehrte, deren Corps vorbeizogen. Eine ein⸗ fache Erwiederung des militäriſchen Grußes war Alles, was Napoleon den vorbeimarſchirenden Bataillons zu Theil werden ließ, bis die kleine Abtheilung der kaiſerlichen Garde mit den eroberten Fahnen erſchien; da heiterten ſich ſeine ſtolzen Züge auf— ſeine Augen ſtrahlten und funkelten, er lüftete den Hut gerade über ſeinem Kopf und blieb, ſo lange ſie vorbeizogen, unbedeckt. In dieſem Augenblick konnte die Begeiſterung nicht länger zurückgehalten werden und der Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ tönte fort und fort in kuſerdſnchemn Echo durch die fernſten Vorſtädte von Berlin. Dieſe glorreichen, glänzenden, in Schlachten gebräun⸗ ten Haufen zu ſehen, deren ſtolze Geſichter im Bewußtſein des Sieges erſtrahlten, war wirklich ein Triumph; man wendete ſich unwillkuhrlich, um die Mienen des Erſtaunens und der Bewunderung zu betrachten, die ein ſolcher Anblick erregen mußte. Doch mit welch trübem Gefühle mußte man ſich ſagen: dieß iſt die ſtolze Erhebung des Siegers über den Beſiegten— hier ſind keine glücklichen Geſichter und freudige Blicke, um diejenigen, welche ſie von der Sklaverei erlöſt, zu bewillkommnen— hier ertönen keine Stimmen zur Begrüßung des Befreiers. Nein: hier war ein gedrücktes, niedergetretenes Volk— ſeine ſchwer errun⸗ genen Lorbeern beſleckt und entehrt— ſein Vaterland in — 27 Feſſeln geſchlagen— ſein Monarch ein Flüchtling, Nie⸗ mand wußte, wo. 3 Die, welche das Standbild Friedrichs des Großen auf⸗ richteten, dachten wohl nicht, daß jemals franzöſiſches Waffengeklirre um daſſelbe gehoͤrt werden würde. Roßbach war wrklich gräßlich gerächt. Niemals hat ſich ein Volk im Unglück würdiger be⸗ nommen, als die Preußen beim Einzuge der Franzoſen in ihre Hauptſtadt. Die Straßen waren verödet, die Häuſer geſchloſſen, die Stadt trauerte, keiner erniedrigte ſich zu ſllrviſcher Schmeichelei, um die Gunſt des Eroberers zu gewinnen. Es war ein Triumphzug— der keine Zeugen hatte. Vom Adel war faſt niemand in Berlin geblieben. Sie waren in der Schlacht gefallen oder folgten dem Schickſal ihrer geſchlagenen Armee, die durch das König⸗ reich zerſprengt und zerſtreut war. Ihre Frauen und Töchter beweinten in tiefſter Trauer ihr zu Grunde gerichtetes Land, wie ſie den Tod ihres liebſten Freundes beklagt haben würden. Sie ſchnitten ihre blonden Locken ab und trauerten hoffnungslos. Ihr mäch⸗ tiges Land ſollte zum Range einer einfachen deutſchen Provinz herabgewürdigt— ihre Armee aufgelöst— ihr Koͤnig entthront werden. Das war der Gegenſatz unſeres Triumphes— die trübe Kehrſeite der prunkenden Schau⸗ ſtellung unſerer bewaffneten Schwadronen. Kaum hatte der Kaiſer ſein Hauptquartier in Pots⸗ dam aufgeſchlagen, als die ganze Verwaltung des König⸗ reichs unter franzöſiſche Leitung geſtellt wurde. Präfekte wurden für verſchiedene Departements des Landes ernannt — dem Volke eine ſchwere Steuer auferlegt, alle Staats⸗ ämter der Controle von Perſonen unterworfen, die der Kaiſer ernannte. Das Poſtamt war darunter das wich⸗ tigſte; denn während alles Mögliche gethan ward, damit im gewohnten Poſtlaufe keine Unterbrechung entſtehen könne, ward zugleich ein„Cabinet noir“ wie in Paris errichtet, deſſen Geſchäft es war, die Briefe verdächtiger Perſonen 28 zu eroͤffnen und Abſchriften davon zu nehnten— dieſe letztern wurden oft mit ſolcher Geſchicklichkeit verfertiget, daß ſie weiter befoͤrdert werden konnten, während man die Originale als Beweiſe gegen die Betreffenden aufbewahrte, falls man es ſpäter einmal für nothwendig erachtete, ſie anzuklagen. Und hier will ich erwähnen, daß die Kunſt, Metalle durch galvaniſchen Prozeß in Formen zu bringen bekannt und zum Nachahmen und Verfertigen verſchiedener Siegel benutzt wurde, viele Jahre bevor dieſe Entdeckung in Europa allgemein verbreitet war.— Der Eingriff in Privatrechte, den dieſer Treubruch enthielt, gab im ganzen Königreich das größte Aergerniß; aber die Strenge, mit welcher jede verdächtige Meinung verfolgt und beſtraft wurde, wandelte die Gefühle der Ent⸗ rüſtung und des Zornes in Furcht und Zittern um— dieß war überall ein weſentlicher Theil der Politik Napoleons: die Strafe für jedes Vergehen war ſo bemeſſen, daß ſie der Empfindung für das Lächerliche keinen Raum ließ, und die Leute waren nicht geneigt, zu ſcherzen, wo ihr Frohfinn in Trauer enden konnte. 3 Der merkwürdigſte Fall, welcher mehr Eindruck als jeder andere in dieſer Zeit auf die öffentliche Meinung ausübte, war der des Fürſten von Hatzfeld, deſſen Brief an den Koͤnig von Preußen auf dem Poſtamte erbrochen und zum Gegenſtande einerKapitalanklage gemacht wurde. Sein Inhalt war, wie man nach dem Abſendungsweg leicht ver⸗ muthen konnte, nicht von der Art, daß ſich darauf irgend eine verrätheriſche Geſinnung von ſeiner Seite ermitteln ließ. Das Ganze enthielt eine ehrerbietige Huldigung gegen ſeinen entthronten Monarchen.— Einzelnheiten über die ſchmerzlichen Empfindungen, welche die Hauptſtadt erfüllten, und einige Auseinanderſetzungen über die von den Fran⸗ zoſen beſetzten Orte; dafüͤr kam er vor Gericht und wurde zum Tode verurtheilt— ein Spruch, der nach des Kaiſers Befehl noch am nämlichen Tage vor Sonnenuntergang vollzogen werden ſollte. Zum Glück für den Fürſten, wie für den guten Ruf Napoleons, waren Duroc und Rapp ihm ſehr gewogen, und ihren eifrigen Verwendungen ge⸗ lang es, ſein Leben zu retten; doch der Eindruck, den dieſer Umſtand auf die Gemüther der Einwohner machte, war tief und dauernd; ein Tag mußte kommen, an dem ſie ſich aller dieſer Beſchimpfungen erinnern und ſich rächen würden. Wenn ich dieſes Ereigniß hier anführe, ſo ge⸗ ſchieht es, weil ich nur zu viel Urſache habe, deſſelben zu gedenken, indem es auf mein künftiges Schickſal einwirkte. Als ich eines Abends mit mehreren Offizieren in Heinem Kaffeehanſe ſaß, wurden auch des Fürſten von Hatz⸗ feld Vergehen erwähnt; mit dem unvorſichtigen Freimuth einer Beſprechung unter Kameraden, drückte ich meine Freude aus über die Gnade des Kaiſers, und meinte dieſer könne unmöglich Antheil am Vertrauensbruche haben, welcher zur Anklage des Fürſten geführt, noch deſſen Ver⸗ folgung auf irgend eine Weiſe billigen. Meine Kameraden, welche wenig Mitleiden für die Preußen hatten, und für die Ariſtokratie insbeſondere nicht, waren verſchiedener Mei⸗ nung, und ſcheuten ſich nicht zu bedauern, daß der Urtheils⸗ ſpruch des Kriegsgerichtes nicht vollzogen worden ſei. Die Erörterung ward heftig, um ſo mehr, da ich allein meine Meinung vertheidigte und von mehren angegriffen wurde, die mich überſchrieen. Auch wurden einige unbedeutende Sticheleien gegen Ausländer und Fremde hingeworfen, die, wie behauptet wird, die Ueberlegenheit Frankreichs und der Franzoſen im Herzen nie vergeben können. Meine Entgegnung hierauf war hitzig, denn wenn ich auch einen Vorwurf, den meine Auffuͤhrung im Dienſte ſchlagend zurückwies, nicht auf mich perſönlich bezog, ſo fühlte ich mich doch verletzt und beleidigt. Ach! in meinem Herzen wußte ich zu gut, welche Opfer es mich gekoſtet, mein Geburtsland zu vertauſchen— wie ich alle Hoff⸗ nungen, die den Menſchen an ſein Vaterland binden, für eine Laufbahn ſelbſtſüchtigen Ehrgeizes hingegeben. Ich hatte ſchon lange erkannt, daß ich nicht für die Sache der Frei⸗ heit, ſondern für die des Despotismus focht. Napoleons Glorie war das ſchimmernde Licht, das meine wahre An⸗ ſchauung verdunkelte, und meine Verehrung war eine Art Verblendung, gegen welche die Vernunſt nichts vermochte. Wie ſchon erwähnt, beantwortete ich jene Sticheleien hitzig und durch augenblickliche Aufregung hingeriſſen, ſagte ich ihnen, daß ſie es ſeien, nicht ich, die des Kaiſers unbe⸗ ſcholtenen Ruf ſchmälern wollten. „Die Züge, die Sie ihm zuſchreiben wollen,“ ſagte ich, ſind nicht die der Stärke, ſondern der Schwäche. Hat der Eroberer von Aegypten, von Oeſterreich und nun von Preußen nothwendig, ſich dazu herabzuwürdigen? Wir können keine Beurtheiler ſeiner Politik noch der großen Ereigniſſe ſein, die Europa bewegen. Wir würden über ſeine großartigen Plane in Betreff des Schickſals der Na⸗ tionen höchſt unwiſſend abſprechen; wo es ſich aber blos um hochherzige und ehrenwerthe Geſinnungen, um männ⸗ liche Biederkeit handelt, können wir ganz gut ein Wort mitreden, und ich ſage noch einmal, das war nicht ſein Werk.“ Ein höhniſches Lächeln war die einzige Erwiederung auf dieſe Worte; von den Oſfizieren entfernte ſich einer nach dem andern, und ließen mich nun allein das Ge⸗ ſpräch überdenken, welches mich, wie ich erkannte, zu un⸗ vorſichtiger Wärme hingeriſſen hatte. Dieß geſchah Anfangs November, und da meine Ka⸗ meraden auf keine Weiſe die Sache weiter erwähnten, hatte ich ſie bald vergeſſen. Mein Dienſt beſchäftigte mich von Morgen bis Abend; denn General d'Auvergne, der um die Perſon des Kaiſers war, hatte mich für dieſe Zeit dem Departement der General⸗Adjutantur des Heeres zugewieſen, wo meine Kenntniß der deutſchen Sprache ſehr nützlich ge⸗ funden wurde. 4 Am 17. dieſes Monats ward ein Tagsbefehl erlaſſen, welcher die Namen der zu befördernden Offiziere, ſowie auch derjenigen, die das Kreuz der Ehrenlegion bekommen . 5 331 ſollten, enthielt. Ich kann nicht ſagen, mit welchem Schauer des Entzückens ich meinen Namen unter den Letztern las, noch meine Freude über die beigefügten Worte ausdrücken —„Auf Befehl Seiner Majeſtät des Kaiſers für einen beſonderen Dienſt am 13. Oktober 1806.“ Es war die Nacht vor der Schlacht, hier war der Beweis, daß mich der Kaiſer nicht vergeſſen, wie ich befürchtet hatte. Dieſe Zögerung ſollte vielleicht meine Verſchwiegenheit erproben, oder es war angemeſſener befunden worden, meinen Na⸗ men erſt in der allgemeinen Liſte erſcheinen zu laſſen; auf jeden Fall war die lang gewünſchte ſtolze Auszeichnung jetzt mein, die ich mir Tag und Nacht erſehnt hatte. Die Ordensvertheilung gab immer Anlaß zu einem großen militäriſchen Schauſpiel und der Kaiſer beſchloß, die gegenwärtige ſolle die effektive Stärke ſeiner Armee und ihre vollkommene Ausrüſtung in wirkſamſtem Lichte zeigen; demzufolge erhielten die verſchiedenen zwölf bis fünfzehn Stunden von Berlin entfernten Diviſionsgenerale Befehl, ihre Truppen nach der Haptſtadt zu führen. Der 28. No⸗ vember war für dieſe große Schauſtellung beſtimmt, und Alles war in geſchäftiger Vorbereitung auf dieſes Ereigniß. Am Morgen des 22. erhielt ich ein Dienſtſchreiben aus dem Bureau des General⸗Adjutanten, welcher mich einlud, mich dieſen Vormittag bei ihm einzufinden. In der Vorausſetzung, dieß beziehe ſich auf meine Beförderung zur Ehrenlegion, begab ich mich mit unruhigen, aufgeregten Gefühlen einige Minuten nach eilf Uhr ins Vorzimmer, welches gedrängt voll Offiziere war, die vorgelaſſen zu werden ſuchten, oder erwarteten. Mitten im Geräuſch des Geſpräches, welches unge⸗ achtet der durch den Ort gebotenen Zurückhaltung fort⸗ während geführt wurde, hoͤrte ich meinen Namen rufen, und folgte einem Adjutanten durch einen Gang in ein großes Gemach, welches ſich in ein kleineres Zimmer öff⸗ nete, wo der Marſchall Berthier mit dem Rücken gegen 8⁸ das Kamin ſtand; bei ihm befand ſich blos ein Offizier in Stabsuniform, der emſig an einem Tiſche ſchrieb. „Sie ſind Kapitän Burke vom dten Huſarenregiment, nicht wahr?“ ſagte der Marſchall, langſam von einem Papierſtreifen leſend, den er um den Finger gewickelt hatte. „Ja, mein Herr.“ „Ein Irländer von Geburt,“ fuhr der Marſchall fort —„im Auguſt 1801 in die polytechniſche Schule einge⸗ treten. Iſt das richtig?“ Ich verbeugte mich.„Nachher beſchuldigt, an der Verſchwörung von Georges und Pi⸗ chegru betheiligt zu ſein,“ begann er wieder und blickte dabei flüchtig vom Papiere auf, mich ſcharf firirend. „Mit Unrecht, Herr Marſchall,“ war meine kurze Entgegnung. „Sie wurden frei geſprochen— das genügt: ein Verweis wegen Unbeſonnenheit und ein leichter Arreſt war Alles. Seit der Zeit haben Sie ſich, wie Ihr Befehls⸗ haber meldet, eifrig und brav betragen.“ Er hielt inne und ſchien zu erwarten, daß ich etwas ſage; da mich dieſes ein ſehr ſonderbarer Anfang zur Or⸗ densverleihung dünkte, ſo ſchwieg ich ſtille. „Als Sie mit den Eliten in Paris waren, haben Sie die Herzogin von Montſerrat und ihre Soireen be⸗ ſucht.“ gen hier zugebracht habe.“ „Speisten gelegentlich in der Moiſſon d'Or,“ fuhr der Marſchall fort, ohne meine Erwiederung zu beachten. „Gut, da ich nun glaube, Sie überzeugt zu haben, daß vor Seiner Majeſtät Regierung keine Geheimniſſe beſtehen, werden Sie mir vielleicht ſagen, in welchen Verbindungen ſie mit dem Chevalier Duchesne ſtehen 2 Schon ſeit einigen Minuten dachte ich an dieſen Menſchen und beantwortete die Frage mit wenigen Worten, „Ein einziges Mal war ich im Hauſe der Herzogin; mein Beſuch dauerte kaum ſo lange, als ich dieſen Mor⸗ 33 indem ich den Urſprung unſerer Bekanntſchaft und deren Verlauf in Kürze angab. „Sie korreſpondiren mit dem Chevalier?“ unterbrach er mich. „Das that ich nie und nach der Weiſe, in der wir ſchieden, glaube ich nicht, daß es je geſchehen wird.“ „Dies hier beſtätigt Ihre Ausſage nicht,“ ſagte der Marſchall, indem er einen offenen Brief vom Tiſche nahm und ihn mir vorhielt.„Sie kennen ſeine Handſchrift— iſt's dieſe?“ „Ja, ohne Zweifel, ſie iſt's.“ „Wohlan, mein Herr, der Brief gehört Ihnen; Sie können ihn nehmen und leſen. Er enthält genug, um Sie vor ein Kriegsgericht zu ſtellen; ich hoffe indeſſen, die Warnung werde Ihnen genügen. Laſſen Sie dies eine ſolche ſein und merken Sie ſich's, daß die Anſchläge einer armſeligen und boshaften Partei ſchlecht zu den Pflichten eines braven Soldaten ſtimmen und daß ein Kapitän der Garde ſich beſſere Geſellſchaften wählen ſollte, als die Narren und Ränkemacher des Faubourg St. Germain. Hier iſt Ihr Patent zur Legion vom Kaiſer unterzeichnet; ich werde ſelbiges Sr. Majeſtät zurückſtellen. Es kann ſein, daß Ihr künftiges Betragen Beſſeres verdient. Ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß ein in der Auswahl ſeiner Freunde ſo unvorſichtiger Herr in der„Legion“ durchaus nicht an ſeinem Platze ſein würde.“ Mit einer Handbewegung entließ er mich; überwäl⸗ tigt von Verwirrung verbeugte ich mich und verließ das Zimmer; erſt als ſich die Thüre hinter mir ſchloß, fühlte ich, wie grauſam und ungerecht ich behandelt worden warz da drängte ſich mir plötzlich das Blut in's Geſicht und meine Schläfe klopften, als ob mein Kopf auf beiden Sei⸗ ten zerſpringen ſollte; ich vergaß, wo und wer ich war, ergriff die Klinke und riß die Thüre auf. „Herr Marſchall,“ ſagte ich mit der Furchtlofigkeit eines Mannes, der entſchloſſen iſt, um jeden Preis ſeine Tom Burke. V. 3 34 Chre zu retten,„ich weiß nichts von dem Briefe, habe auch keine Zeile davon geleſen. Ich ſtehe in keinem ver⸗ trauteren Verhältniß mit dem Schreiber deſſelben, als je⸗ der Offizier mit ſeinem Kameraden; wenn ich aber der Gegenſtand der Polizeiſpionage ſein ſoll, wenn meine zu⸗ fälligen Bekanntſchaften in der Welt dazu benützt werden, meine Ehre und Treue zu verdächtigen— wenn ich, der ich nichts habe, als meinen Degen und meine Epau⸗ lette— 0 Jetzt ſah ich, wie Todesbläſſe des Marſchalls Ge⸗ ſicht überzog, während der Offizier am Tiſch mir ſchnell mit dem Finger ein Zeichen machte, ſtiille zu ſein. Im nämlichen Augenblicke ward die Thüre zugemacht, ich wendete mich um, da ſtand der Kaiſer⸗ Jetzt noch ſehe ich die Geſtalt vor mir— die Hände auf dem Rücken und ſeinen niedrigen Hut tief in die Stirne gedrückt. Sein grauer Rock war offen und ſah aus, wie in Eile überge⸗ worfen. „Was gibt's hier?“ ſagte er mit dem ziſchenden Tone, den er im Zorne ſtets annahm—„Was gibt's hier? ſind wir im Bureau des Miniſters oder iſt dies ein Polizeiſaal? Wer ſind Sie?“ Erſt als die Frage wiederholt wurde, fand ich Muth zu antworten; doch er wartete die Antwort nicht ab, ſon⸗ dern riß mir den offenen Brief aus der Hand und fuhr fort—„Dies iſt nicht die Weiſe, wie Sie hieher kom⸗ men ſollten. Ihr Geſuch oder Memorial— Ha! par- bleu! was iſt das?“ In dem Augenblick ſiel ſein Blick auf die Schrift, und eben ſo ſchnell überzog ſein Geſicht faſt erdfahle Bläſſe, Mit Blitzesſchnelle ſchien er die Zeilen zu überfliegen. Dann zeigte er mit der Hand auf die Thüre und mur⸗ melte:„Warten Sie draußen.“ Gleich Einem, der aus furchtbaren Träumen er⸗ wacht, ſtand ich da und ſuchte mich zu ſammeln und zu überzeugen, in wie weit meine Phantaſien der Wirklichkeit * 35 augehörten; da gewahrte ich einen Fetzen des Briefes, der mir in den Fingern geblieben, als ihn mir der Kaiſer aus der Hand geriſſen. Ein halbbeendeter Satz war Alles, was ich heraus⸗ bringen konnte; doch der Ton deſſelben machte mich für das Uebrige zittern, was das Schreiben enthalten konnte. „Sich ſelbſt übertroffen, verſteht ſich, mein theurer Burke; und das that der Kaiſer auch. Es blieb dem Feldzug in Preußen vorbehalten, zu beweiſen, daß hundert⸗ und fünfundachtzigtauſend Gefangene von einem Heere, das nur hundert und fünfundvierzigtauſend Mann zählt, ge⸗ macht werden können.— Was Davouſt betrifft, der wirk⸗ lich den ganzen Kampf zu beſtehen hatte, obgleich er kein Buͤlletin geſchrieben, ſo meint ganz Paris— So lautete das gerettete Bruchſtück— eine Probe „Kapitän Burke,“ aagte eine Stimme im Zimmer, deſſen Thüre offen geblieben war. Ich trat langſam, aber mit feſtem Schritte ein. Mein Entſchluß war gefaßt und in der Kraft feſten Wollens fand ich Muth für Alles, was geſchehen mochte.. Mit ſtrengem, ernſtem Ausſehen ſagte der Marſchall: offentlichen Kaffeehauſe in ſehr unangemeſſenen Ausdrucken ſeld ausgeſprochen.“ „Alles, was ich über dieſen Gegenſtand geſagt habe, war, ſo viel ich mich erinnern kann, ein Lob auf des Kaiſers ſo wohl angewandte Gnade.“ 4 „Da waren alſo keine hochtrabenden Aeußerungen über den Bruch ehrenvollen Vertrauens durch Eröffnung von Privatbriefen?“ bemerkte der Marſchall höhniſch. „Ja, mein Herr, ich erinnere mich, daß ich mich über den Gegenſtand ſehr beſtimmt ausgeſprochen habe.“ „Ihre Entrüſtung wundert mich nicht,“ unterbrach er mich,„Ihr eigenes Gewiſſen muß Sie bei dieſer Ver⸗ anlaſſung dazu angetrieben haben. Wenn man ſolche Kor⸗ reſpondenten hat, wie den Chevalier Duchesne, kann man ſich ſchon getroffen fühlen. Doch genug davon. Seiner Majeſtät Befehle in Bezug auf Sie lauten— „Entſchuldigen Sie, wenn ich mir die Freiheit nehme, Sie einen Augenblick zu anterbrechen. Ich bin ein Aus⸗ länder und mit den Sitten und Gebräuchen eines Landes wenig bekannt, in deſſen Dienſte ich mein Blut vergoſſen habe; aber ich bin gewiß, ein Marſchall von Frankreich wird einem Offizier der Armee, ſo gering auch ſeine Stellung ſein mag, eine Gefälligkeit nicht verſagen. Ich erbitte mir blos Antwort auf eine Frage.“ „Was iſt's?“ ſagte der Marſchall ſchnell. „Habe ich als Offizier die Freiheit, meinem Grade zu entſagen und den Dienſt zu verlaſſen 2 „Ja, parbleu! das können Sie,“ ſagte er errö⸗ thend. „So thue ich es hiemit,“ ſagte ich und zog meinen Degen aus ver Scheide.„Ich gebe eine Laufbahn auf, die ich nicht länger ehrenhaft und unabhängig verfolgen kann.“ „Ihr Korps, mein Herr?“ „Das 8te Gardehuſarenregiment.“ „Notiren Sie das, Gardanne.“ „Ich will Ihnen alle unnöthige Verzögerung durch Einreichung eines ſchriftlichen Entlaſſungsbegehrens erſpa⸗ 5½ ren. Ich nehme es jetzt an. In vierundzwanzig Stunden verlaſſen Sie Berlin.“ Ich verbeugte mich ſchweigend. „Ihr Paß wird nach Paris ausgefertigt werden; mor⸗ gen früh ſollen Sie ihn erhalten.“ Er winkte mit der Hand nach der Thüre und ich verließ das Zimmer. So bald ich allein war, verließ mich der Muth, der mich bis jetzt aufrecht erhalten hatte, ich lehnte mich an die Mauer und bedeckte mein Geſicht mit beiden Händen. Ich fühlte, mein Lebenstraum ſei vorüber; die Bahn des Ruhmes war mir für immer verſchloſſen. Alle Hoffnun⸗ gen, welche in guten Stunden mein Herz gehegt, waren dahin; und zu dem Elende meiner Verbannung geſellte ſich nun der Kummer eines freundloſen, einſamen Daſeins. Zuletzt kam der Gedanke, daß mir keine Laufbahn offen ſei; denn Anfangs hatte ich nur Alles, was ich verlor, nicht die düſtere Zukunft vor mir bedacht; wenn ich mir indeſſen die Ungerechtigkeit vorſtellte, mit der ich behandelt worden war— das Spionierſyſtem, dem ich als Fremder beſonders ausgeſetzt war, ſo fühlte ich, daß ich recht ge⸗ than, und daß mein längeres Verbleiben im Dienſte auf Koſten meiner perſönlichen Unabhängigkeit unwürdig und gemein geweſen wäre. Mit halb gebrochenem Herzen und ſchwankenden Schrit⸗ ten erreichte ich mein Quartier, wo mein Schmerz nur noch heftiger als zuvor ausbrach. Jeder Gegenſtand er⸗ innerte mich an die Laufbahn, die ich auf immer verließ; wohin ich blickte, ſiel mein Auge auf Dinge, die meinem Kummer neue Nahrung gaben. Die Piſtolen, die ich bei Elchingen trug, ein Geſchenk vom General d'Auvergne; ein öſterreichiſcher Säbel, den ich ſeinem Beſitzer abgenommen, und den noch eine kleine, von Minette daran befeſtigte Bandſchleife zierte, hing über dem Kamin; ich vermochte kaum, ohne Thränen hinzubli⸗ clen. Auf dem Tiſche entfaltet lag der Tagesbefehl, der meine Aufnahme in die Ehrenlegion ankündigte; und nun — war der gemeine Soldat, der im Gliede trug, mein Vorgeſetzter. Alle Gründe, au Entſchluß geſtützt, waren nicht im Stande, bruch meines Schmerzes zu mildern. Die ritterliche Begeiſterung für das hatten mir lange jene Anſprüche auf Glück welche andere Menſchen beſitzen. Mit ich meine Laufbahn lieber. Jede kü jedes gefahrvolle Unternehmen ſchien mich, in Gedanken wenigſtens, dem Manne näher zu bringen, deſſen Größe ich abgöttiſch verehrte; jetzt ſollte Alles dieß nur ein Traum ein— etwas das geweſen war und nicht mehr ſein konnte. Während ich dieſen trüben Gedanken Jemand an meine Thüre. Ich öffnete und ſah einen Sol⸗ daten meines Regiments. Sein Kleid war kothbeſpritzt, und er ſah aus, als ob er weit her käme. Er kannte mich ſogleich und nannte meinen Namen, als er mir einen Brief vom General d'Auvergne übergab. „Ihr habt einen ſcharfen Ritt gehabt,“ ſagte ich, ſein erhitztes Geſicht und ſeine verdorbene Uniform betrachtend. „Ja, Kapitän, von der Oder her. Unſere Diviſion iſt volle zwölf Stunden von hier. Ich verließ ſie ſchon geſtern Morgen, der General war beſorgt, das Thier möchte unter⸗ wegs leiden, als ob ein ſolches Pferd den doppelten Weg achten würde.“ 7 Ich hatte den Brief geöffnet, der. folgende wenige Zei⸗ len enthielt:— „Mein lieber Burke— Jeder Neuangekommene brachte mir Nachricht von Ihnen und Ihrem Verhalten bei Jena; ich kann nicht ſagen, mit welchem Stolze ich hörte, daß der Kaiſer Sie mit in der Liſte der Decorirten“ aufge⸗ nommen hat. Dieß iſt der Tag, den ich Ihnen oft vor⸗ hergeſagt, und die wahre und einzige Widerlegung aller Verläumdungen von Falſchherzigen und Neidiſchen. Ich ſchicke Ihnen ein polniſches Pferd für Ihre Galamuſterung. ſeine Muskete f die ich meinen den erſten Aus⸗ ſeligkeit erſetzt, jedem Tage gewann hne verwegene That, nachhing, klopfte Soldatenleben 39 Nehmen Sie es von mir an und glauben Sie, daß Sie keinen wärmern und treuern Freund haben als Ihren D'Auvergne, Generallieutenant. Lager an der Oder, den 24. November 1806.“ Bevor ich den Brief endete, verdunkelten ſich meine Augen, daß ich kaum mehr die Buchſtaben erkennen konnte. Jedes gütige Wort— jede Lobpreiſung zerſchnitt mein Herz. Wie peinigend ſind die Glückswünſche unſerer Freunde, bei ſolchen Lebensereigniſſen, wo uns unſer eige⸗ nes Gewiſſen Vorwürfe macht— wis durchbohrend die durch unverdientes Lob erzeugte Selbſtanklage! Was wird er von meinem Betragen denken? Durch welches Mittel ſollte ich ihn überzeugen, daß mir keine andere Wahl blieb 2 Ich wendete mich ab, damit der ehrliche Soldat meine Bewegung nicht bemerke, und gewahrte, als ich mich dem Fenſter näherte, unten im Hofe das prächtige Schlachtroß mit der vollſtändigen Huſarenaufzäumung, das mit ſeinem langen ſeidenen Schweife ſtolz die Flanken ſchlug. Mit welchem Schauer betrachtete ich es!— Wie ſchlug mein Herz bei dem Gedanken, von ihm durch die Schlacht ge⸗ tragen zu werden, wo jeder ſeiner Sprünge mit meinen Hieben uͤbereinſtimmte! Einen Augenblick vergaß ich alles Geſchehene, und betrachtete entzückt den herrlichen Hals und den prächtigen Bau des Thieres. „Ah,“ bemerkte der Dragoner, der ebenfalls darauf hinſah,„kein Marſchall von Frankreich iſt ſo gut beritten, und er kennt den Trompetenruf ſo gut wie der älteſte Soldat.“ „Ihr kehrt morgen zurück,“ ſagte ich mich faſſend, und gab mir Mühe, ruhig zu ſcheinen.„Ich gebe Euch heute Abend eine Antwort an den General mit. Seid um acht Uhr hier.“ Ich ſah, daß meine Verwirrung und meine gebrochene Stimme dem Soldaten nicht entgingen, und war froh, als ſich die Thüre ſchloß und ich wieder allein war. Meine erſte Sorge war, dem General zu ſchreiben, es gelang mir aber erſt nach manchen Verſuchen, ihm die Urſache dieſes Schrittes, der meine Zukunft verbittern mußte, zu meiner Befriedigung auseinander zu ſetzen. Ich erklärte ihm, wie das fortwährende Mißtrauen mich tief verletzt habe— wie ich als Soldat und Ehrenmann durch das über meine Handlungen angeſtellte Spioniren empört ſei — daß ich nach Abwägen dieſer Beleidigungen gegen alle meine zerſtoͤrten Hoffnungen den Pfad gewählt habe, der weder Ruhm, Rang noch Ehre biete, der mir aber einen ungebundenen Geiſt und den innern Frieden laſſe. „Ich muß nun,“ ſchrieb ich, Vohne einen Leitſtern meine Bahn von Neuem anfangen. Jede Täuſchung, wo⸗ mit ich das Leben ausgeſchmückt, hat mich verlaſſen— ich muß mir beides wählen, Laufbahn und Heimath, und kann von hier nichts mitnehmen, als die herzlichſte Dank⸗ barkeit, die ich ſtets für den fühlen werde, der durch Wohl und Wehe mein Freund war und deſſen Andenken ich ſege nen werde, ſo lange ich lebe.“ Ich fühlte mich erleichtert und ruhig, als ich dieſen Brief beendet hatte— die Bemühung, meine Handlungs⸗ weiſe einem andern in ihrem wahren Lichte zu zeigen, wirkte auch auf mein eigenes Gemüth. Zudem wußte ich, daß ich alle meine irdiſchen Güter meiner Ueberzeugung zum Opfer gebracht hatte, und glaubte, daß, wo Selbſt⸗ ſucht gegen Grundſätze kämpfen, der wahre Weg nicht zu bezweifeln ſei. Während der ganzen Zeit dachte ich nicht daran, was in Zukunft aus mir werden ſollte. Es war befremdend, aber ſo ausſchließlich hatte die gegenwärtige Kriſis mein Gemüth erfüllt, daß auch nicht ein Gedanke an das Kom⸗ mende mich berührte. Mein Paß war nach Paris ausgefertigt, dorthin mußte ich nun. So viel war ohne alles Zuthun von meiner Seite beſtimmt; es blieb mir nur übrig, mich der kleinen Habſeligkeiten, die meinem frühern Stande angehörten, zu entledigen und abzureiſen. 41 Die Juden, welche ſtets das Heer begleiteten„boten ſcchnelle Aushülfe in dieſem Falle. Mein ängſtlicher Wunſch, Berlin mit Tagesanbruch zu verlaſſen, um das Zuſammen⸗ — treffen mit Bekannten zu vermeiden, ließ mich die gebote⸗ nen Summen annehmen. Solche Geſchäfte wurden täglich geſchloſſen und ſie wußten ſie gut zu benützen. Mein gan⸗ zes Vermögen beſtand aus zweihundert Napoleons, und mit dieſem kleinen Betrage ſollte ich ein neues Leben an⸗ fangen? ich ſetzte mich, um zu überdenken, was ich thun, welchen Weg ich einſchlagen ſollte. „So verging die Nacht; ich hatte bei Tagesanbruch kein Auge geſchloſſen. Gegen vier Uhr fuhr die Diligence, in der ich einen Platz nach Weimar genommen, vor mei⸗ ner Thüre. Ich eilte hinunter, erſtieg einen Sitz neben 8 dem Condukteur, verbarg mein Geſicht in den Falten mei⸗ nes Mantels und getraute mich nicht, aufzublicken, bis wir 4 außerhalb der Stadt, die weite Sandfläche, die Berlin umgibt, durchfuhren. Der Condukteur, ein Preuße, errieth aus meinem 8 Ausſehen meine Eigenſchaft als Soldat, und beobachtete kalte abgemeſſene Höflichkeit— ſprach nie, außer wenn er aangeredet wurde, und auch dann ſo wenig als möglich. Dieß war mir eine Erleichterung— mein Herz war von eeigenen Leiden zu voll, um Vergnügen am Geſpräch zu 8 ſinden und ich verträumte die Stunden, bis die Nacht ein⸗ brach. Drittes Kapitel. Ein Waldweg. In Weimar verließ ich die Diligence, und beſchloß, den Reſt der Reiſe zu Fuß zu machen, wodurch ich meine „ geringen Mittel ſparen und zugleich den vielen Fragen und Erkundigungen entgehen konnte, denen ich auf dem öffent⸗ lichen Reiſewagen ausgeſetzt war. Mit dem Torniſter auf dem Rücken und dem Stock in der Hand bemühte ich mich vorwärts; ich begegnete Vielen, die auf dem Heimwege begriffen waren, vermied aber jede Gemeinſchaft mit ſol⸗ chen, die nicht mehr meine Kameraden waren. Die zwei Menſchenſtröme, die ſich auf dieſer großen Landſtraße begegneten, erklärten die ganze gsgeſchichte. Da kamen junge, friſch in die Conſeription aufgenommene Soldaten; glühend voll Eifer, ſprudelnd von Leben und Jugendluſt, vermiſchten ſie ihre Dorflieder mit Kriegsge⸗ ſängen. Dort ermüdete, fußwunde Veteranen mit zerriſſe⸗ nen Uniformen und verwitterten Geſichtern, die ſich müh⸗ ſam hinſchleppten, und die wilden Vivat, womit jene ſte begrüßten, mit Blicken mitleidiger Verachtung erwiederten. Ich konnte weder die freudigen Hoffnungen der einen thei⸗ len, noch hatte ich Mitgefühl für die im Kriege abgenutz⸗ ten Naturen der andern. Fehlſchlagen, bitteres Fehlſchla⸗ gen aller meiner geliebteſten Erwartungen hatten mich muthlos gemacht, und ich beſaß nicht einmal die nöthige Energie, mich meines Kummers zu entledigen. In dieſem Zuſtand wagte ich nicht, der Zukunft ins Auge zu blicken, und überdachte in trüber Niedergeſchlagenheit das Vergan⸗ gene. Iſt dieß die Zukunft, die mir Maria von Meudon prophezeiht? war mein ſteter Gedanke. Muß ich ſo vor ihr erſcheinen? 4 Hundertmal ſtieg mir der Gedanke auf, als gemeiner Soldat einzutreten, im Gliede die Muskete zu tragen; doch dann ergriff mich in ihrer ganzen Stärke die Erinnerung an das Mißtrauen und den Argwohn, mit dem meine Dienſte aufgenommen worden— die Ueberzeugung wurde mir täglich klarer, nicht für Freiheit, ſondern für Despo⸗ tismus— nicht für Befreiung, ſondern für Sklaverei mein Blut vergoſſen zu haben. Um den Heerabtheilungen auszuweichen, welche täg⸗ ich die Landſtraße einnahmen, lenkte ich, als ich Eiſenach 43 durchſchritten, von der Hauptſtraße ab in einen Waldweg, der durch Murbach nach Fulda führt. Mein Pfad ging durch die Kreuzberge, eine wilde unbeſuchte Strecke Land, wo man nur wenige Hütten und höchſt ſelten ein Dorf trifft. Große Wälder von Schwarztannen oder rauhe nackte Berge erſtreckten ſich zu beiden Seiten— wenige erbärm⸗ liche Stücke bepflanzten Bodens zeigten ſich hie und da— der ganze Anblick machte einen betrübenden Eindruck und ſtimmte nur zu ſehr mit meiner eigenen Niedergeſchlagen⸗ heit überein. Um ein Nachtlager zu erreichen, mußte ich des Tages oft zwoͤlf Stunden wandern und vor Tagesanbruch mich auf den Weg begeben. Doch dieſe Anſtrengungen wurder belohnt: das Reizmittel der Arbeit, die Nothwendigkeit, mein Ziel zu erreichen, beſänftigte nach und nach meine innere Aufregung; geſündere und männlichere Betrachtun⸗ gen folgten meinem frühern Bedauern und mit erhobe⸗ nem, wenn auch nicht freudigem Herzen ſetzte ich meinen Weg fort. Der dritte Tag meiner mühſeligen Wanderung neigte ſich zu Ende— ſchwere dunkle Donnerwolken zogen lang⸗ ſam am Himmel hin— dumpfes fernes Rollen verkündete den nahenden Sturm. Ich war noch drei Stunden von meinem Haltplatze entfernt und berieth mich, ob mir nicht der dichte Fichtenwald, der ſich bis an die Straßenſeite herunter erſtreckte, einen ſicheren Zufluchtsort gegen den Orkan gewähren würde, als die. Ungewißheit, ein Haus zu erreichen, ehe er losbrach. Die Hirten, welche dieſe trübſeligen Strecken beſuchen, errichten oft kleine Hütten von Baumrinde, zum Schutz gegen die Strenge und Kälte der Wintertage; eine ſolche aufzuftnden, war nun mein eifrigſtes Bemühen. Ich ge⸗ wahrte bald einen ſchmalen Pfad, der in den Wald führte, an deſſen Eingange das an einen Baumſtamm genagelte Brett andentete, daß ein ſolcher Schutzort nicht fern ſei. Dieſe Waldzeichen hatte ich auf meiner Wanderung kennen gelernt und ſchritt nun mit erneuertem Muthe weiter. Der Weg führte allmählig bergauf und wurde ſo ſehr von Buſchwerk überwachſen, daß ich Mühe hatte, mich durchzuwinden und faſt fürchtete, mich verirrt zu haben. Es war ganz dunkel— mit einbrechender Nacht goß der Regen auf die Baumgipfel, konnte aber die dicht verſchlun⸗ genen Aeſte nicht durchdringen. Der Wind tobte ſtoßweiſe und das lange ſchon drohende Unwetter brach aus. Betäu⸗ bend gleich dem Brauſen des Meeres heulte der Sturm und zerbrach krachend die Aeſte der Bäume; der Donner rollte Schlag auf Schlag, endlich rieſelten die ſchweren Tropfen von Blatt zu Blatt und der Regen goß in Strömen herab, bis er den Ort erreichte, wo ich ſtand— ich eilte wieder vorwärts, da gewahrte ich den rothen Schein eines Feuers: mein Ziel feſt im Auge behaltend, ging ich ihm raſch ent⸗ gegen und bemerkte mit Entzücken, daß das Leuchten aus dem Fenſter einer dieſer kleinen Schäferhütten drang. Um zum Eingange derſelben zu kommen, mußte ich am Fenſter vorbei, und ich konnte mich nicht enthalten, einen Blick in das Innere zu werfen, wo ein freundliches Feuer andeutete, daß ſie bewohnt ſei. 8 Mit Erſtaunen ſah ich da ſtatt eines Hirten an ſei⸗ nem behaglichen Feuer einen alten Mann im Prieſter⸗ anzuge, der mit tiefer Inbrunſt vor einem kleinen, an der Wand befeſtigten Crucifire kniete. Das raſende Toben des Sturmes ſchien nicht einmal ſeine Aufmerkſamkeit von dem Gegenſtande ſeiner Anbetung abzulenken— ſeine Augen waren geſchloſſen, aber ſein zurückgebogener Kopf ließ ſein aufwärts gerichtetes Antlitz ſehen und ſeine Lippen beweg⸗ ten ſich raſch im Gebete. Noch nie hatte ich ein ſolches Bild der aufrichtigſten Frömmigkeit geſehen— jeder Zug ſeines ausdrucksvollen Geſichtes bezeichnete die Spannung eines von einem mächtigen Gedanken erfüllten Gemüthes — ſeine gefalteten zitternden Hände bebten vor inniger Erregung. Welch einen Gegenſatz zu den tobenden Ele⸗ Aᷓ 4 menten zeigte die ruhige, im andächtigen Gebete über die Erde und ihre Leiden erhabene Geſtalt— wie rührend war die zufriedene Heiterkeit ſeiner Stirne, unter dem Krachen der fallenden Aeſte und dem Jagen des Sturmes! Ich wagte nicht, ihn zu unterbrechen und nahte mich mit leiſen Schritten der Thüre. Jetzt hatte der alte Prieſter ſein Gebet beendet, nahm das Crucifir von der Wand, küßte es ehrfurchtsvoll und ſchob es in den Buſen— dann erhob er ſich langſam und bemerkte mich mit einiger Ver⸗ wunderung, der ſogleich ein Lächeln freundlicher Bewill⸗ kommnung folgte, während er auf Franzöſiſch ſagte: „Seid gegrüßt, mein Sohn,— kommt herein und theilt mein Obdach mit mir, es iſt eine ſtürmiſche Nacht.“ „Ja wohl, Vater, eine ſtürmiſche Nacht,“ ſagte ich und blickte in der Hütte herum, wo nichts eine Spur von Bewohntſein verrieth,—„ich möchte Ihnen wohl den Schutz eines beſſern Hauſes gegen den rauhen Winter wünſchen.“ Ich bin ein Reiſender gleich Ihnen,“ bemerkte er, über meinen Irrthum lächelnd,—„und Ihr Landsmann, wenn ich nicht irre.“ . Dar Ton, mit welchem dieſe Worte geſprochen wur⸗ den, ließen den Franzoſen erkennen, und unſere Kamerad⸗ ſchaft war bald geſchloſſen; wir warfen friſches Holz auf's Feuer und ſetzten uns Beide davor. Mein Querſack war glücklicher Weiſe beſſer verſehen, als der des guten Prie⸗ ſters, und nachdem wir ſeinen Inhalt aufgeſtellt, aßen wir froͤhlich zu Nacht, gleich Männern, die nicht ihr erſtes Bivouaemahl halten. „Ich bemerke, Vater,“ ſagte ich, als ich gewahrte, wie er mit ſeiner Fleiſchportion umging,„Sie haben frü⸗ her Feldzüge mitgemacht— die Gewohnheiten des Krieges laſſen ſich nicht leicht verkennen.“ „Es bedurfte dieſer Ihrer Bemerkung nicht, um mich zu überzeugen, daß Sie Soldat ſind,“ erwiederte er lachend, „wie Sie ganz richtig ſagen, das Lager läßt ſeine unaus⸗ 48 döſchlichen Spuren zurück. Sie eilen vermuthlich nach „ Berlin?“ 4 Ich erröthete tief bei der Frage— die Schmach mei⸗ ner veraͤnderten Lage war bis dahin in meinem Herzen verborgen geweſen und ſollte nun vor einem Fremden aus⸗ geſprochen werden. „Verzeihen Sie, mein Sohn, eine Frage, zu der ich kein Recht hatte— meine Soldatenerziehung that ſich dadurch wieder kund. Ich kehre nach Frankreich zurück, ſuchte einen kürzern Pfad von Eiſenach und befand mich bei Anbruch der Nacht hier, ſehr zufrieden mit meinem guten Obdache— um ſo mehr, da Sie mir nun Geſell⸗ ſchaft leiſten.“ Es ſprach ſich eine ſolche Freimüthigkeit in dieſen wenigen einfachen Worten aus, die, vereinigt mit dem Beweis guter Erziehung, womit er ſeine Neugierde durch offene Mittheilungen über ſich ſelber entſchuldigte, mich ſogleich befriedigte, und ich beeilte mich, ihm zu ſagen, daß gewiſſe Umſtände mich beſtimmt, den Dienſt zu verlaſſen, in welchem ich Kapitän war und daß ich jetzt gleich ihm nach Frankreich zurückkehre. „Sie müſſen nicht denken,“ ſetzte ich eifrig hinzu, „daß andere Urſachen als mein eigner freier Wille meiner Soldatenlaufbahn ein Ende gemacht haben.“ „Ein ſolcher Verdacht würde mir nicht ziemen,“ unter⸗ brach er mich ſchnell.„Wenn ein ſo junger lebenskräftiger Mann, wie Sie, die Bahn verläßt, die Ehre, Rang und Ruhm bietet, muß er Gründe haben, das Opfer zu brin⸗ gen— denn ich kann mir kaum denken, daß in Ihrem Alter dieſe Dinge nichtig erſcheinen.“ „Sie haben Recht, Vater, das ſind ſie mir nicht; fie waren lange Zeit mein Leitſtern— ach! daß ſie es nicht mehr ſein können!“ „Es gibt höhere Hoffnungen als dieſe,“ ſagte er feier⸗ lich;„ja ſogar neben den Beſtrebungen bloßen Ehrgeizes, denn wir Alle hängen im Leben an dieſen Dingen, bis ihre vergängliche Natur uns mit Enttaͤuſchung und Kum⸗ mner erfuͤllt und von ihnen abwendig macht. Eine ſolche fung erleide ich eben jetzt,“ ſetzte er leiſe hinzu und Thränen rollten langſam über ſeine blaſſen Wangen. Es entſtand eine Pauſe, die keiner von uns zu unter⸗ brechen Luſt hatte, endlich ſagte der Prieſter. „In welchem Korps dienten Sie?⸗ „Im Sten Gardehuſarenregiment,“ antwortete ich, bei jedem Worte bebend. „Ach, er war bei den„Guides,“ wiederholte er traurig für ſich;„Sie kennen das Regiment?“ „Ja, die gehören auch zur Garde; ſie tragen keine Epauletten, ſondern einen kleinen goldenen Pfeil am Kragen.“ „Gleich dieſem,“ ſagte er, knöpfte ſeinen Rock auf und nahm ein Päckchen heraus, welches unter andern Sa⸗ chen den goldgeſtickten Pfeil, das Zeichen des Corps der Guiden enthielt.„Hatte er nicht wunderſchöne Haare, lang und fein wie ein Mädchen,“ fragte er und zeigte mir eine lichtbraune Locke.„Armer Alphons! geſtern wäreſt Du zwanzig Jahr alt geweſen, wenn Du gelebt hätteſt. Ich weine, junger Mann, weil ich den groͤßten irdiſchen Troſt meines einſamen Lebens verloren habe; Andere ha⸗ ben Verwandte, Freunde, eine beglückende Heimat, welche, wenn wir ſchwere Verluſte erlitten, mit der Zeit die Wunden heilen— ich hatte nur ihn!“ „Er war ihr Neffe?2“ 4 Der Alte ſchüttelte verneinend den Kopf und mur⸗ melte für ſich: „Auerſtädt mag für Viele eine ſtolze Erinnerung ſein, mir iſt es ein trübes, ſchmerzliches Wort. Die Ge⸗ ſchichte iſt nur kurz— ach! ſie trägt nur Eine Farbe.“ „Graf Louis de Meringues— von dem Sie ohne Zweifel werden gehört haben, daß er den Wagen ſeines Souveräns auf der berühmten Flucht nach Varennes als Poſtillon begleitete— wurde eine Woche nach des Koͤnigs — Prozeſſe guillotinirt; die Gräfin wurde auf bem nämlichen Schaffot hingerichtet— ich war der Prieſter, der ſie be⸗ gleitete, in meine Arme legte ſie ihr einziges Kind, einen Knaben von zwei Jahren. Die Menge ſchrie, man ſolle das Kind auch tödten und Viele riefen, aus der Brut werde eine Schlange werden, les ſei beſſer, ſie bei Zeiten zu vertilgen; aber der kleine Burſche war ſo nett und ſchaute ſo gewinnend herum auf die bewaffneten Reihen und die glänzenden Gewehre, daß ſelbſt ihre grauſamen Herzen erweicht und er geſchont wurde. Es iſt mir, als wäre es erſt geſtern geweſen; ich entſinne mich des klein⸗ ſten Umſtandes; noch ſehe ich die Geſichter dieſer ſtürmiſch aufgeregten Verſammlung, die im einen Augenblick nach Blut kreiſchte und im nächſten ſich zum wilden Lachen verzogen. Als ich mich durch die geſchloſſenen Reihen drängte, ſtreckte ſich ein rauher Arm aus der Maſſe und ein in das Blut des Schaffots getauchter Finger ſtrich über des Knaben Geſicht, während eine ruchloſe Stimme rief: „Die Meringues waren ſtets ſtolz auf ihr Blut, laßt uns ſehen, ob es röother iſt, als das anderer Leute.“ Das Kind lachte und mit gräßlichem Spott lachte der Haufen mit. „Ich nahm ihn mit nach Hauſe in meine Pfarrei nach Severs; hier lebten wir im Frieden, bis jenes ent⸗ ſetzliche Dekret erſchien, welches in ganz Frankreich den Atheismus einführte; da wanderten wir ſüdwärts nach der guten Vendée, welche durch alle Wechſel ihrem Glau⸗ ben und ihrem König treu blieb. In Lyon begegneten wir einer Abtheilung Revolutionsſoldaten mit einem Re⸗ gierungskommiſſär, die junge Leute für die Conſcription aushoben. Alphons, der zwölf Jahre alt war, ſah mit Knabenbegeiſterung die kriegeriſche Schauſtellung und über⸗ redete mich, mit ihm der Menge nach der„Place de Terreaux“ zu folgen, wo die Nummern verleſen wurden. „Paul Ducos,“ rief eine laute Stimme, als wir uns dem Gerüſt näherten,, auf welchem der Kommiſſär und ſein Stab ſtand—„wo iſt dieſer Paul Ducos?“ 49 „Hier,“ antwortete ein hübſcher, friſch ausſehender Junge von etwa fünfzehn Jahren;„doch mein Vater iſt blind, ich kann ihn nicht verlaſſen.“ „Das werden wir bald ſehen,“ ſchrie der Kommiſſär. „Lest ſein Signalement.“ 3 „Paul Ducos, Sohn des Eugen Ducos, welcher ſich früher Graf Ducos de la Breche nannte— 4. „Nieder mit den Royaliſten— à bas! die Tyran⸗ nen!“ heulte die Menge, daß man das Uebrige nicht hö⸗ ren konnte.. „Tritt näher, Paul Ducos,“ ſagte der Kommiſſär. „Wart hier, Vater,“ iflüſterte der Junge;„ich bin ſogleich wieder bei Dir,“ doch der alte Mann, eine ſchöne ehrwürdige Geſtalt, das Ueberbleibſel eines edlen Geſchlechts, hielt ihn feſt und ſagte mit zitternden Lippen:„verlaß mich nicht, Paul— mein Kind, mein Troͤſter, bleib bei mir.“ Der Knabe ſah ſich unter dieſen Umſtänden nach ei⸗ nem mitleidigen Geſicht um und, ſich zu mir wendend, ſagte er ſchnell:„Bleibt bei ihm,“ riß ſich aus den Ar⸗ men des alten Mannes los, eilte durch das Volk und er⸗ ſtieg die Tribüne. „Du biſt für die Conſcription bezeichnet, junger Mann,“ ſprach der Kommiſſär;„aber in Berückſichtigung der Ge⸗ brechlichkeit Deines Vaters wollen wir einen Stellvertreter annehmen— haſt Du einen ſolchen?“ „Der Knabe ſchüttelte ſtill und traurig den Kopf. „Haſt Du keinen Freund, der Dir beiſtehen würde? Bedenke Dich ein wenig,“ fügte der Kommiſſär bei, der für ſeine Stellung und Obliegenheiten ein guter, wohl⸗ wollender Mann war. „Ich habe keinen; ſie haben uns nichts gelaſſen, we⸗ der Heimath noch Freunde;“ ſagte er bitter;„wenn es nicht um ſeinetwillen wäre, mit mir koͤnnten ſie thun, was ſie wollten.“ Tom Burke. V. 4 50 „Nieder mit den Tyrannen!“ ſchrie der Pöbel, als er dieſe ſtolzen Worte hörte. „Dann iſt ſein Loos entſchieden— ℳ entgegnete der Kommiſſär. „Nein, noch nicht, ich will ſein Stellvertreter ſein,“ rief Alphons, riß ſich von meiner Seite los und eilte auf das Gerüſt. „O! wie ſoll ich die namenloſe Angſt dieſes Augen⸗ blickes beſchreiben, welcher auf einmal meine eetzte, liebſte lagen ſich die beiden Knaben in den Armen. Es war ein Anblick, der jedes Herz erweichen mußte, nur das der Umſtehenden nicht, denn Blutvergießen und Verbrechen hatten ihr Gefühl abgeſtumpft und ihnen keine Menſchlich⸗ keit mehr gelaſſen, ſondern ſie zu Tigern gemacht. „Alphons de Meringues,“ rief der Junge, als man ihn nach ſeinem Namen fragte. „Es gibt keinen ſolchen Namen in Frankreich,“ ſagte ein grimmig ausſehender Mann mit einer dreifarbigen Schärpe, welcher am Tiſche des Schreibers ſaß. „Ich wurde nie anders genannt,“ erwiederte der Junge ſtolz. „Bürger Meringues,“ unterbrach der Kommiſſär gü⸗ tig,„wie alt biſt Du?“ „Ich weiß nicht, wie alt; aber man ſagte mir, ich ſei noch ein Kind geweſen, als ſie meinen Vater er⸗ ſchlugen.“ Die Menge brach in wildes, leidenſchaftliches Gebrüll aus, als ſie dies hörte und wieder erſchallte der Ruf: „Nieder mit den Tyrannen.“ „Du biſt alſo der Sohn dieſes niederträchtigen Sy⸗ kofanten, der den Capet als Courier nach Varennes be⸗ gleitete?“ bemerkte der rauhe Mann am Kiſche. „Des treueſten Edelmannes von Frankreich,“ rief eine laute Stimme neben dem Gerüſte.—„Es lebe der . 51 Koͤnig!“ Es war der blinde Mann, er ſchwenkte die Mütze über ſeinem Kopf. 4 „Zur Guillotine, zur Guillotine!“ heulten hundert Stimmen wüthender, als hungrige Wölfe; ſie ergriffen den alten Mann und riſſen ſeine Kleider in Stücke. Au⸗ genblicklich war alle Aufmerkſamkeit dahin gerichtet, wo der ſchreckliche Pöbel mit Wuthgeſchrei lnach Blut heulte. Vergebens„bemühten ſich die Truppen, das Volk zurück⸗ zuhalten, welches ſein Opfer zweimal den Händen der Soldaten entriß und bereits murmelten ſie, der Kommiſ⸗ ſär ſei ſelbſt ein Verräther am Volke, er begünſtige die Tyrannen, da übertönte ein dumpfes Geraſſel den Tumult und mit lautem Beifall begrüßten ſie die Ankunſt des Mordinſtrumentes. In ihrer unbändigen Racheluſt hatten ſie die Guillo⸗ tine vom Ende des Platzes hergeſchleppt, wo ſie gewöhn⸗ lich ſtand, und dort kniete noch immer ein Verurtheilter, der mit an das Gerüſt zurückgebundenen Armen den To⸗ desſtreich erwartete. Auf dieſes ſchreckliche Geſicht hatte der Tod bereits ſein Siegel gedrückt. Mit verglasten, matten Augen und bleiernen zitternden Wangen ſtarrte er die feindlichen Geſtalten um ſich an, gleich einem aus dem Traume Erwachenden; ſein Mund that ſich wie zum Spre⸗ chen auf, er brachte aber keinen Laut hervor. „Platz, Platz für den Herrn Marquis!“ rief ein Kerl, welcher den blinden Mann die Stufen hinauf bringen half und ein teufliſches Lachen begleitete den groben Spaß. „Du wirſt Deine Reiſe in der beſten Geſellſchaft ma⸗ chen,“ ſagte ein anderer zu dem an die Plattform gebundenen Verbrecher. „Und wenn er in der andern Welt nicht beſſer ſieht als hier, ſo mußt Du ihn führen, Freund,“ meinte ein dritter, und mit vielen gemeinen Scherzen quälten ſie ihre Opfer, die auf der Schwelle des Todes ſtanden. Unter der Menge auf dem Gerüſte des Schaffotes ſah ich den Blin⸗ . 53 um ihn noch einmal zu umarmen, ehe er von der Platt⸗ form herunterſtieg.. „Der Abſchied thut ihnen ſo wehe, daß es eine Schande iſt, ſie zu trennen,“ rief ein Wütherich aus dem Haufen. 3 „Du vergißt, Bürger, daß dieſer Knabe ſein Stell⸗ vertreter iſt,“ bemerkte der Kommiſſär ſanft;„man muß die Republik ihrer Vertheidiger nicht berauben.“ „Es lebe die Republik!“ riefen die Soldaten, und mit dem tauſendfach wiederhallenden Ruf ſtieg der letzte ſchwache Seufzer eines ſterbenden Opfers empor. „Das Schauſpiel war vorüber, die Menge theilte ſich und die Soldaten gingen nach ihren Quartieren, von einigen hundert Rekruten begleitet, unter denen auch Alphons war; ſein unſicheres unruhiges Ausſehen bewies, daß er kaum wußte, was um ihn her vorgegangen war. „Das Regiment, welchem er zugewieſen wurde, ſtand in Toulon, und dorthin folgte ich ihm. Sie wurden nach dem nördlichen Italien und bald darauf nach Aegypten be⸗ ordert. Auf den Schlachtfeldern des Berges Tabor und der Pyramiden war ich ſtets an ſeiner Seite; auf den Höhen von Auſterlitz verband ich ſeine Wunden, und auf dem Felde von Auerſtädt legte ich ihn in die Erde.“ Des alten Mannes Stimme zitterte und erloſch faſt als er zu ſprechen aufhörte; tiefer Kummer überzog ſein leichenblaſſes Geſicht. „Ich muß Sevres wiederſehen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ich muß die alten Häuſer des Dorfes, die kleinen Gärten, die ehrwürdige Kirche ſehen— ſie werden die einzigen Gegenſtände ſein, die mich dort begrüßen, und doch moͤchte ich ſie ſehen, ehe ich meine Augen vor der Welt und ihren Sorgen ſchließe.“ „Sprechen Sie nicht ſo, Vater, wer ſo edel wie Sie gehandelt hat, für den muß das Leben noch immer ſeinen eigenen Werth haben.“ „Ich ſprach nicht vom Sterben,“ erwiederte er ſanft; „aber die heilige Nuhe eines Kloſters wird meinem ver⸗ wundeten und müden Herzen beſſer bekommen als Alles, was die Welt ihre Freuden und Vergnügungen nennt. Sie ſind jung und voller Hoffnungen— ℳ. „Ach! glauben Sie das nicht; man kann die trüben Wolken des Unglücks am Abend des Lebens beſſer ertragen, als am Morgen des Daſeins. Trotz Jugend und Geſund⸗ heit habe ich keine Hoffnung— keine Zukunft.“ „Das will ich nicht von Ihnen hören,“ ſagte der Prieſter;„Sie ſind jetzt ermüdet. Wenn wir morgen zu⸗ ſammen reiſen und Sie mir dann gerne Ihre Geſchichte mittheilen, dann kann vielleicht meine Welterfahrung da Troſt und Beruhigung gewähren, wo Sie keine ſehen können.“ Der Sturm hatte ziemlich nachgelaſſen, ſchwere Wol⸗ ken zogen raſch über den Mond und ließen jeden Augen⸗ blick ſein glänzendes Licht durchſchimmern. „So iſt unſer Leben hienieden mit ſeinen glücklichen und traurigen Tagen,“ ſprach der Pater,„darum ſollen wir in den trüben Stunden unſeres Lebens den Glanz unſerer beſſern Umſtände ertragen lernen, denn glauben Sie mir, unſere größten Freuden ſind auch unſere ſchwerſten Prüfungen.“ Er redete nicht mehr, und ich ſah bald, daß ſich ſeine Lippen wie im Gebete bewegten. Ich legte mich in meinem Mantel neben das Feuer, und verſiel bald in einen geſunden Schlaf, den nicht einmal Träume ſtörten. Viertes Kapitel. Ein zufälliges Zuſammentreffen. Mit dem guten Pfarrer von Sevres wanderte ich den Gränzen Frankreichs zu, wobei wir ſtets die unbeſuchteſten — 5⁵ Wege und ſolche Straßen wählten, die von den täglich nach Berlin ziehenden Truppen nicht benutzt wurden. Der Freimuth meines Gefährten machte mich bald mit ihm vertraut, und ich erzählte ihm ohne Rückhalt meine Le⸗ bensgeſchichte, bis zu dem entſcheidenden Moment, wo ich die Armee verlaſſen hatte. „Sie ſehen, Vater, wie gänzlich meine Laufbahn ver⸗ fehlt wurde— wie ich mich mit allem Eifer eines Sol⸗ daten, der ganzen Verehrung eines Anhängers dem Schick⸗ ſal des Kaiſers anſchloß— und jetzt—“ „Ihr Ehrgeiz, ſo groß er war, konnte ihr Gewiſſen nicht übertäuben. Das glaub' ich gerne. Die, welche mit hohen Hoffnungen und klopfendem Herzen in den Krieg ziehen— die ſich glänzende Belohnungen der großen Tha⸗ ten vormalen, ſollten blind ſein gegen die Schrecken und Ungerechtigkeiten der Sache, für die ſie bluten. Einiges Mitgefühl für Unglück würde die Grundlage dieſes Hel⸗ denmuthes untergraben, deſſen Weſen im Erfolge beſteht. Man kann, ſelbſt wo es ſich um Gegenſtände weltlichen Ehrgeizes handelt, kein doppeltes Spiel ſpielen. Hätten Sie den Eingebungen Ihres Herzens nicht gehorcht, Sie wären größer geweſen; wären Sie dem blendenden Schein Ihrer Hoffnungen nicht gefolgt, Sie würden glücklicher geweſen ſein— beides, konnten Sie nicht wohl ſein. Ich verſichere Sie, mein Sohn, der Triumphe eines Landes können ſich nur die Kinder ſeines Bodens freuen— der tapfere Soldat, der ſeinen Arm der Sache leiht, fühlt, daß er wenig Theil an dem Ruhm hat. „Wahr, in der That— nur zu wahr— das fühle ich.“ „Und wenn es anders wäre, wie unbefriedigend iſt der Durſt nach dieſem Ruhme— wie endlos der dahin füh⸗ rende Pfad— wie viele Schmerzen begleiten ihn— wie viel Bande werden zerriſſen— wie viele Freundſchaften verſcherzt! Nein, nein; gehen Sie heim— in Ihr Ge⸗ burtsland— eine ehrenhafte Laufbahn wird ſich dem im⸗ mer darbieten, der nur Unabhängigkeit und Herzenslauter⸗ 56 ihren König lieben und den Uſurpator haſſen; Jakobiner, die der Freiheit huldigen und den Tyrannen verabſcheuen; da ſind ſtrenge Republikaner— Vendeer und Anhänger von Moreau— aber doch ſind alle Franzoſen.„La belle France,“ iſt das Loſungswort, das zu jedem Herzen ſpricht— und Vaterlandslibe das Band zwiſchen Tauſen⸗ den. Daran haben Sie keinen Theil. Der Trug des Na⸗ tionalruhmes kann Sie niemals täuſchen. Kehren Sie alſo in Ihr Vaterland zurück; und ſeien Sie verſichert, das Wenigſte, was Sie in ſeinem Dienſte thun werden, wird Sie mehr adeln, als die kühnſten Thaten, welche die Hand eines Söldlings je vollbracht.“ Der angeborne Wunſch, mein Vaterland wieder zu ſehen, wurde durch den Rath des Prieſters noch geſtärkt; umgebenden Gegenſtände empfänglicher weiter. Nicht ſo mein armer Reiſegefährte; die ermüdenden Tagreiſen, nebſt ſeinen Seelenleiden übten einen nachtheiligen Einfluß auf ſeine Geſundheit, und brachten ihm ein Fieber zurück, das er ſich in Aegypten zugezogen, und von dem er ſich nie ganz erholt hatte.. 57 Die erſten Symptome der Krankheit thaten ſich durch große Niedergeſchlagenheit kund, er ſprach ſtundenlang kein Wort— bald wurde es ſchlimmer; das Gehen war ihm beſchwerlich— er aß wenig— und ſchien von einer trau⸗ rigen Ahnung ergriffen, daß die Krankheit tödtlich ſei. „Ich wollte mein Dorf erreichen— mein ſtiller Kirch⸗ hof ſollte meine Ruheſtätte ſein,“ ſagte er, als er ſich müde und erſchöpft auf eine kleine Bank an der Straßen⸗ ſeite niederließ—„doch das war blos die Einbildung eines kranken Mannes. Der arme Alphons liegt weit von dort, in der trübſeligen Fläche von Auerſtädt.“ An einem klaren Decembertage befanden wir uns ge⸗ gen Sonnenuntergang auf einer kleinen Anhöhe, die eine weite Ausſicht nach allen Seiten gewährte: hinter uns lagen die dunkeln Wälder Deutſchlands, auf deren wogen⸗ des Wipfelmeer die vorüberziehenden Wolken ihre Schat⸗ ten warfen; vor uns konnten wir des noch einige Meilen entfernten Rheines Silberſtrom im Sonnenlicht erkennen, jenſeits dehnten ſich die weiten Ebenen Frankreichs aus, und auf ihnen ruhten des kranken Mannes Augen mit ſtar⸗ ren Blicken. „Ja,“ ſagte er, nachdem wir beide lange geſchwiegen, „Felder und Berge, Sonnenſchein und Schatten, ſind gleich denen anderer Länder— aber das Gefühl, welches das Herz mit dem Vaterlande verbindet, iſt uns angeboren— das bloße Wort Heimath enthält die ganze Erklärung unſerer Zuneigung. Schon ein ſolcher Anblick ſeines Ge⸗ burtslandes thut dem Herzen des Verbannten wohl.“ Ich wagte kaum, die Träumerei zu unterbrechen, welche dieſen Worten folgte; da er aber fortwährend, ganz in Be⸗ trachtungen verloren, das Geſicht in ſeinen Händen bergend da ſaß, erinnerte ich ihn, daß wir noch eine Stunde von Heimbach, dem kleinen Dorf, wo wir übernachten wollten, entfernt ſeien und auf dieſer rauhen unbeſuchten Straße wenig Hoffnung haben, ein näheres Obdach zu finden. „Sie müſſen ſich auf mich ſtützen, Vater— die Nacht⸗ 58 luft iſt friſch und ſtärkend, Sie werden ſich bald ein we⸗ nig beſſer fühlen.“ Er ſtand ſchweigend auf, nahm mei⸗ nen Arm und wir ſtiegen den Berg hinab— ſeine Schritte waren ſchwankend und unſicher, ſein Athem ſchnell und keuchend, ſeine Haltung verrieth die größte Hinfälligkeit. „Ich kann nicht weiter, mein Sohn,“ ſagte er, auf den Raſenbord des Weges hinſinkend;„Sie müſſen mich verlaſſen. Es liegt wenig daran, wo dieſer gebrechliche Köͤrper ruht; in wenigen Stunden wird das üppige Gras darüber wogen und der Regen darauf fallen, ohne daß er's fühlt. Scheiden wir hier; eines alten Mannes Segen für alle Ihre Güte wird Sie durch's Leben begleiten und es wird Sie in Zukunft freuen, deſſen zu gedenken.“ „Glauben Sie, ich könnte Sie ſo verlaſſen?“ ſagte ich vorwurfsvoll;„denken Sie das von mir?“ 1 „Meine Minuten ſind gezählt, mein Kind,“ erwiederte er feierlich,„ich möchte vie letzten Augenblicke meines Le⸗ bens allein zubringen.— Wenn Sie nicht wollen— ſo verlaſſen Sie mich eine Weile und kommen dann wieder; mein Gemüth wird dann ruhiger ſein, vielleicht auch meine Kraft ſtärker, daß ich Sie zum Dorfe begleiten kann. Ich nahm dieſen Vorſchlag um ſo lieber an, da ich hoffen konnte, Mittel zu finden, ihn nach Heimbach zu brin⸗ gen; ſorgſam wickelte ich ihn in meinen Mantel ein, und eilte ſo ſchnell ich konnte, den Berg hinab. Der Zickzackpfad ließ mich zuweilen die Lichter des kleinen Weilers ſehen, die gleich Sternen im Thale ſchim⸗ merten; als ich näher kam, hörte ich verworrene Stimmen. Ich horchte und zu meinem Erſtaunen ſchlug der tiefe, heiſere Schall einer Trompete an mein Ohr. Wie gut kannte ich den Ton— es war der Nacht⸗ appel, der die Herumſtreifer zuſammen rief. Ich konnte in der Stille deutlich Reitergetrappel und das Geklirr ih⸗ rer Waffen unterſcheiden; die Trompete ertönte wieder und wurde in der Ferne beantwortet. Die Straße lag einige hundert Schritte gerade unter mir, ich verließ den Fuß⸗ . 59 pfad und kam eben hinunter, als die vorderſten Reiter ei⸗ nes kleinen Detaſchements langſam daher trabten. Auf ihr lautes„Qui vive“ erzählte ich von dem kranken Mann, und bat den Sergeant, welcher die Abtheilung befehligte, mir beizuſtehen, um ihn nach dem Dorſfe zu bringen. „Ja, parbleu, das wollen wir,“ ſagte der ehrliche Soldat;„ein Prieſter, der den ägyptiſchen und öſterrei⸗ chiſchen Feldzug mitgemacht, iſt unſerer ganzen Sorgfalt werth. Wo iſt er?“ „Ungefähr eine Meile von hier; der Weg kann aher nicht beritten werden.“ „Gut, ich gebe Ihnen zwei von meinen Leuten; die werden ihn bald hieher bringen;“ und ſogleich mußten zwei Reiter abſitzen, ihre Säbel ablegen und mir folgen. „Wir erwarten euch im Bivouac,“ rief der Sergeant fortreitend, während ich ungeduldig mit erneuter Kraft den Berg hinanſtieg. „Sie gehoͤren zur Garde, meine Freunde,“ fragte ich, als ich bei einer Biegung des Weges ſtille ſtand, um Athem zu ſchoͤpfen. „Zum vierten Küraſſierregimente der Garde,“ erwie⸗ derte der angeredete Soldat—„Milhaud's Brigade.“ Wie ſchlug mein Herz bei dieſen Worten. Sie ge⸗ hörten zu der Diviſion, welche General d'Auvergne einſt kommandirte— auch war es das Regiment des armen Pioche vor dem ſchrecklichen Tag bei Auſterlitz. „Sie kennen alſo das Vierte?“ fügte der eine bei, als er meine Bewegung gewahrte. „Das Vierte kennen?“ wiederholte ſein Kamerad halb aufgebracht—„sacrebleu! wer kennt es nicht?—“ℳ „Es iſt das Vierte, welches auf ſeinen Mützen den Wahlſpruch trägt:„zehn gegen einen,“ bemerkte ich, um dem natürlichen Stolze dieſer Leute zu ſchmeicheln. „Ja, mein Herr, Sie haben, wie es ſcheint, auch ge⸗ dient.“ Ich nickte, denn ſchon rief mir jedes Wort, jede 60 war er auf den Raſen d trugen ihn auf ihren Einen Augenblick ſah er Italien diente. Wir nannt Mameluken aus dem vorwärts ſprang, die Piſtole aus und den Türken durch den Kopf ſchoß, d ſterbenden Mann, dem er „Wo war das, Kamerad?“ „Bei Elkankah.“ „Wohl eher bei Quoreyn, mein Freund, den ſüdwärts,“ flüſterte eine leiſe Stimme. „Donner und Wetter!“ ri einem Athem,„er iſt es ſelbſt;“ Die Bemühung, zu ſprechen und zu denken, übergehend geweſen, er blieb au Erfolge wandten ſie ſich vor ſo kurzer Zeit erſt durch vernünfti⸗ erwunden, erneute ſich mit Ungeſtüm ilend erreichten wir bald den Ort, wo ich ſter gelaſſen; von Schwäche und Müdigkeit geſunken und lag in Reiter hoben ihn be⸗ zuſammengefaßten auf; als er aber drückte er mir die Hand ſagte einer der Dragoner leiſe,„es eern, wenn es Pater Arſéne wäre, Er war der einzige Prieſter, den Brigade geſehen habe. Du kann⸗ ihn, wie er bei Elkankah, als einer der vorher beigeſtanden hatte, nieder⸗ kniete und ſein Gebet fortſetzte. Ventre bleu! das heiße ich Disciplin!“ zwei Stun⸗ efen die beiden Soldaten in 3*¹ denn die leiſen Worte Hatte der Prieſter geſprochen, der die fragliche Perſon war. i war nur vor⸗ f alle ihre Fragen ſtumm und ſchien bewußtlos dazuliegen. Mit nicht viel beſſerem mit ihren Erkundigungen an mich; * 61 ſo eilten wir den Berg hinunter, mit dem Verlangen, dem guten Pater bald Hülfe zu verſchaffen. Als wir uns dem Dorfe näherten, erkannte ich ſogleich, was die Abtheilung, die es beſetzt hielt, beabſichtigte. Die kleine Straße war mit Vieh angefüllt, Ochſen und Schafen, feſt eingezwängt zwiſchen ungeheuern Fouragewagen und Korn⸗ karren, und reitende Dragoner trieben die matten Thiere, unbekümmert um die zornigen Drohungen und die unge⸗ duldigen Einreden und Bitten der Bauern, die in großer Anzahl ihrem von den Höfen fortgetriebenen Vieh gefolgt waren. Die Soldaten, welche verſchiedenen Corps angehörten, ſtritten unter ſich ſelbſt um die Beute, und dieſe Zänke⸗ reien, in denen mehr als einmal Säbel blitzten, erhöhten den Tumult. Es war ein Auftritt unausſprechlich ver⸗ wirrten Lärmes. Da vertheidigte eine Abtheilung Küraſ⸗ ſiere mit Karabinern in den Händen eine Heerde Schafe, um welche das Landvolk ſtand, ſcheinbar unſchlüſſig, ob es den Angriff wagen ſollte, wozu die andern Soldaten ſie oft ermunterten, in der Hoffnung, im Durcheinander ihr Theil am Raube zu erhaſchen. Auf vielen Ochſen ſaßen Huſaren oder Lanciers, deren glänzender Sattelſchmuck einen ſeltſamen Gegenſatz zu den Thieren bildete, und mehr als ein ſtattlicher Reiter hielt ein Schaf vor ſich auf dem Sattel, dem ein geſpanntes Piſtol keinen unwirkſamen Schutz zu gewähren ſchien. Mir kam es faſt unmsglich vor, dieſen dichten toben⸗ den Haufen zu durchdringen und ich theilte den Soldaten meine Beſorgniß mit; doch dieſe erwiederten, hier ſeien zu viel Brave aus Aegypten, die ſich gewiß des Pater Arſéne erinnern würden,— bei welchen Worten der eine Soldat ſeinem Kameraden etwas zuflüſterte und den Prieſter ſanft auf den Boden legte, worauf er raſch einen Fouragekarren beſtieg und mit ſtarker, den Lärm übertönender Stimme rief:„Kameraden vom Vierten, wir haben einen alten 62 Waffenbruder gefunden— Pater Skapulier iſt hier— Platz für den guten Vater— Platz da!“ Hundert laute Vivats bewillkommneten dieſe Nach⸗ richt, denn der Name des Prieſters war Vielen bekannt, Der wilden Verwirrung folgte plötzlich regelmäßige Ordnung und es wurde ſchnell eine Gaſſe gebildet, durch welche die Soldaten den Prieſter trugen, den jeder Reiter im Vorbeikommen ſalutirte, wie ſeinen General auf der Parade.— „Zur Traube— zur Traube!“ riefen mehrere Stim⸗ men; dies war, wie ich hörte, die kleine Dorfſchenke, in welcher die Unterofftziere der verſchiedenen Abtheilungen zu Nathe ſaßen, um die Beute zu vertheilen. Wenn nicht ein lanigeres Gefühl als bloße perſön⸗ liche Beachtung mich erfüllt hätte, würde ich jetzt den Prieſter ſeinen Gefährten überlaſſen haben, von denen ich verſichert war, daß ſie ihn gütig und liebreich behandeln o leicht konnte ich mich nicht von Jeman⸗ den trennen, den ich in der kurzen Zeit unſeres Beiſam⸗ menſeins liebgewonnen hatte; ich ertrug alſo ſo gut ich konnte die Zuchtloſigkeit einer jeden Zwanges der Disci⸗ plin ledigen Soldateska nnd folgte zur Traube nach. een Eingang bewachte ein Dragoner mit blankem Schwerte, den ein Haufe zorniger Bauern umgab, die laut gegen die Plünderung ihrer Heerden und Pachthöfe Einſpruch thaten. Mit vieler Mühe konnte ich die Schild⸗ wache bewegen, mich eintreten zu laſſen, und als es mir endlich gelang, fand ich Niemand, der mir Gehör gab oder behülflich war, den Pater unterzubringen, denn mißlicher eiſe war ſein Name und Charakter denen, an die i mich wendete, nicht bekannt. Ich beſann mich, was in dieſem Falle zu thun ſei, als einer der Soldaten, die mit eifriger Hingebung uns nicht verlaſſen hatten, herauf fam, 6 63 zu melden, ſein Korporal habe ſo eben ſein eigenes Quar⸗ tier für den Gebrauch des Prieſters eingeräumt, und dies war zum Glück ein kleines Sommerhaus im Garten hin⸗ ter der Schenke. „Er ſelber kann nicht mit uns kommen,“ ſagte der Soldat, weil er die Fouragerationen abzutheilen hat, aber er hat mir erlaubt, ſein Quartier zu beziehen.“ Ein kleines Pförtchen neben der Schenke öffnete in einen großen verwilderten Obſtgarten, durch welchen ein breiter Weg zum Sommerhauſe führte, aus deſſen Fenſtern uns endlich der helle Schein eines behaglichen Feuers ent⸗ gegenſtrahlte. Durch das Thor kam man auf einen kleinen Vor⸗ platz, aus welchem zwei Thüren in verſchiedene Gemächer führten. Ober der einen war mit Kreide geſchrieben „Hauptquartier“, nach dem Muſter der Aufſchrift des OQuartiers eines Generals, und das mußte das Zimmer des Korporals ſein, meinten die Soldaten. Ich öffnete und trat ein. Es war klein und nett eingerichtet und ſah mit dem lodernden Feuer im Kamin ſehr behaglich und einla⸗ dend aus. „Wir ſind am rechten Orte— ich kenne ſeinen Helm hier,“ ſagte der Dragoner,„jetzt müſſen wir Sie alſo verlaſſen. Sagen Sie dem guten Vater, zwei Reiter vom vierten Regiment haben ihn hierher gebracht, der eine davon heiße Auguſt Prevot— er wird ſich meiner erinnern; er pflegte mich in Italien, als ich das Fieber hatte.“ „Wenn er nur im Stande wäre, mir noch einmal ſeinen Segen zu ertheilen,“ meinte der Andere,„er gab ihn mir vor dem Gefechte bei Brescia und da wurden neben mir vier Kameraden getödtet, während mich keine Kugel traf. Doch gute Nacht, Kamerad, gute Nacht!“ Bei dieſen Worten legten ſie den Pater der Länge nach auf ein Bett, ſalutirten und entfernten ſich.— Außer einem Beutel mit Taback und einigen Pfeifen konnte ich im ganzen Zimmer nichts entdecken, als einen 64 plumpen Bierkrug, der auf dem Tiſche ſtand. Ich füllte ein Glas daraus und hielt es dem Prieſter an die Lippen; er trank ein wenig, öffnete die Augen, ſah langſam herum und erwiederte auf meine Frage, wie er ſich befinde: „Beſſer, viel beſſer!“ Ich kannte genug von ſolchen Din⸗ gen, um zu wiſſen, daß die vollkommenſte Ruhe und Stille ſeine Geneſung am Beſten fördern würden; daher legte ich noch Holz auf's Feuer, warf mich auf den großen Dra⸗ gonermantel, der am Boden lag, und ſchickte mich an, die Nacht da zuzubringen, wo ich war. Die langen Athemzüge des ſchlafenden Mannes, die gänzliche Ruhe und Stille umher— denn obgleich wir nicht fern vom Dorfe waren, hielten doch die dichten Bäume jeden Ton von dieſer Gegend fern— dazu noch meine Mü⸗ digkeit machten mich ſchläfrig. Eine gute Weile widerſtand ich der Verſuchung, aber es ſummte mir in den Ohren, die Gegenſtände verſchwan⸗ den vor den Augen, ich verſank in den halb träumenden Zuſtand, wo uns zwar das Bewußtſein bleibt, aber dunkel und unbeſtimmt in allen ſeinen Wahrnehmungen. Zweimal öffnete ſich die Thüre, Leute traten herein und ſprachen laut, aber die Worte hörte ich nicht und erkannte ſie nicht; dann fiel ich in einen tiefen feſten Schlaf, den Lohn gro⸗ ßer Anſtrengungen. Das Herabfallen eines Stückes Holz vom Herde weckte mich, ich öffnete die Augen und ſah herum. Das Gemach ward nur durch das verglimmende Feuer und das eben heruntergefallene flammende Holz erleuchtet, aber ſelbſt bei dieſem ungewiſſen Scheine konnte ich genug ſehen, was mich erſtaunt und verwirrt machte. Auf dem Lager, wo ich den Prieſter ſchlafend gelaſ⸗ ſen, ſaß nun der alte Mann mit entblößtem Haupte, und eine Schärpe von hellblauer Seide hing über ſeine Schul⸗ tern bis zu den Füßen herabz vor ihm kniete eine Ge⸗ ſtalt, deren Züge zu erkennen ich mir einige Minuten ver⸗ gebliche Mühe gab, denn, während in dem militäriſchen —,— 65 Anzug etwas lag, was den Soldaten bezeichnete, deutete eine wogende Maſſe von Haaren, die aufgelöst über den Rücken hinabſielen, auf das andere Geſchlecht. Noch war ich ungewiß, als ich bei hellerem Aufleuchten der Flamme unter einem weiten Beinkleide einen kleinen niedlichen Fuß hervortreten ſah, und an dem hübſchen mit geſchmackvol⸗ len Sporen gezierten Stiefel ſogleich erkannte, es ſei eine „Vivandiere“ der Armee— eine von denen, die unter all dem unbekümmerten Dahinleben in den Lagern und auf den Schlachtfeldern dennoch einen Reſt von Gefallſucht und weiblicher Anmuth bewahren können.— Der Anblick war ſo befremdend— und die Betäu⸗ bung meiner Sinne ſo vollkommen, daß ich immer wieder zweifelte, ob das Ganze nicht blos ein Traumgeſicht ſei; doch die wohlbekannte Stimme des alten Mannes gab mir Gewißheit, als ich ihn ſagen hörte: „Ich weiß es auch, mein Kind; ich machte zu lange die Glückswechſel einer Armee mit, um dieſe Dinge nicht zu fühlen und zu beklagen, aber tröſte Dich.“ Ein heftiger Thränenſtrom von ihr, die zu ſeinen Fü⸗ ßen kniete, unterbrach ihn, auch ſchien es, als wären alle ſeine Troſtgründe nicht im Stande, den tiefen Kummer des armen Mädchens zu ſtillen, deren bebender Körper ihre Seelenangſt verrieth. Nach und nach wurde ſie ruhiger— man hoͤrte nur noch tiefes Schluchzen oder einen lang gezogenen Seufzer, als ihr der ehrwürdige Vater mit leidenſchaftlicher Bered⸗ ſamkeit die Glückſeligkeit derjenigen ſchilderte, welche die Segnungen der Religion ſuchen und ſich von der Welt und ihren Begierden loszureißen vermöchten; im Eifer ſeines Gegenſtandes ſprach er lange über das Leben jener Heili⸗ gen auf Erden, die jegliche Minute der himmliſchen Liebe weihten; er ſtellte die heilige Stille eines Kloſters dem wilden Jubel eines Lagers, oder der einpörenden Metzelei eines Schlachtfeldes entgegen. Tom Burke. V. 5 66 „Sprecht nicht von dieſen Dingen, Vater; Eure ei⸗ gene Stimme zittert vor ſtolzer Bewegung bei dem An⸗ denken ruhmvollen Krieges. Sagt mir, o! ſagt mir, daß ich hoffen kann, ohne Alles zu verlaſſen, was das Leben erträglich macht.“ Der alte Mann ſprach wieder, doch leiſe, und ſeine Worte ſchienen eine Zurechtweiſung zu ſein, denn ſie neigte ihr Haupt auf ihre Hände und ſchluchzte bitter. Dem langen leidenſchaftlichen Zureden des Prieſters folgte Stillſchweigen, welches nur von den tiefen Seufzern der traurigen Büßenden vor ihm unterbrochen wurde. „Und ſein Name?“ fragte der Prieſter:„Du haſt ſeinen Namen nicht genannt.“ Es folgte eine Pauſe, in der man auch keinen Athem⸗ zug hörte— dann ein leiſe murmelnder Ton, mit dem ich meinen Namen ausſprechen zu hoͤren glaubte— ich fuhr auf und hei dieſem Geräuſch ſprang die Marketenderin empor. „Ich hörte Geräuſch hier,“ ſagte ſie entſchloſſen. „Es iſt mein Reiſegefahrte,“ erwiederte der Prieſter, arme Burſche iſt müde und erſchöpft— er ſchläft feſ. „Ich wußte nicht, daß Sie einen Reiſegefährten haben.“ „Wir trafen uns in den Kreuzbergen— und wander⸗ ten ſeitdem zuſammen. Ein Soldat—" „Ein Soldat! iſt er denn verwundet 2, „Nein, mein Kind— er verläßt die Armee.“ „Er verläßt die Armee, und iſt nicht verwundet— iſt er vielleicht alt und untauglich?“ „Keines von beiden— er i*ſt jung und ſtark.“ „Dann Schmach über ihn, daß er dem Ruhme und Glück den Rücken wendet und den Pfad verläßt, den tapfere Männer wandeln, Er war nie Soldat; nein, Vater. Der, in deſſen Herzen die edle Leidenſchaft einmal lebte, kann ſie nie vergeſſen.“ 1 67 „Still, Kind, ſtill!“ ſagte der Prieſter, und winkte ihr mit der Hand zu ſchweigen. „Ich will ihn ſehen,“ ſprach die Marketenderin, bückte ſich und nahm ein brennendes Stück Holz vom Herde— „ich muß den Mann ſehen— und die Züge deſſen kennen, der ſo feigen Geiſtes und ſo ſchlechten Herzens ſein kann, dem Schlachtfelde zu entfliehen— während Tauſende hin⸗ ſtrömen.“ Glühend vor Scham und Entrüſtung erhob ich mich, als ſie ſich nahte. Der Fichtenaſt warf ſeinen rothen Schein über ihre glänzende Uniform, und dann auf ihr Geſicht. „Minette! Minette!“ rief ich aus, mit einem wilden Schrei ließ ſie das brennende Holz fallen und ſank bewußtlos zu Boden. Es währte einige Zeit, ehe ſie unter unſeren Bemü⸗ hungen wieder zum Bewußtſein erwachte— auch dann ſah man in ihren irren aufgeregten Blicken, welchen Kampf es ihr koſtete, das Vorgefallene zu glauben. Zuweilen ent⸗ ſchlüpften ihr einige abgebrochene, unzuſammenhängende Reden und ſie ſchien den verlorenen Faden ihrer Erinne⸗ rung zu ſuchen— als ſie mich noch einmal anſtarrte. In dieſem Augenblicke wurde draußen die Reveille geblaſen, und von verſchiedenen Seiten beantwortet. Im ſtarren Erſtaunen heftete ſie ihre Augen auf mich— ſtrich ſich zweimal mit der Hand über die Augen, als bezweifle ſie das Zeugniß ihrer Sinne. „ Minette, hören Sie mich, laſſen Sie mich nur ein Wort ſagen.“ 3 „Da kommt es noch einmal„“ rief ſie aus, als zum zweiten Male geblaſen wurde und das Getrappel der Rei⸗ ter von der Straße her ertoͤnte.„Adieu, mein Herr, un⸗ ſere Wege gehen nicht zuſammen. Vater, Ihren Segen— wenn Ihr guter Rath in dieſer Nacht ſeinen Weg nicht zu meinem Herzen gefunden hat— ſo kam die Belehrung von anderer Seite, Lebet wohl! lebet wohl!“ Sie druckte 68 des alten Mannes Hand an ihre Lippen und ſtürzte aus dem Zimmer. Betäubt und wie durch Zauber gebannt, vermochte ich mich einige Augenblicke nicht zu rühren— dann ſprang ich ihr mit einem wilden Schrei durch den Garten nach. Das Pförtchen war vermuthlich von außen verriegelt und es währte einige Zeit, bis ich über die Mauer geſtiegen war und die Straße erreichte. Der Tag brach eben an, das Dorf war bereits mit Soldaten angefüllt, die ſich zum Abmarſch rüſteten und die Wagenzüge ordneten. Ich durcheilte die dichten wir⸗ ren Maſſen und ſchaute überall nach der Marketenderin, aber vergebens. Abtheilungen verſchiedener Regimenter, die hin und her zogen, beantworteten meine Fragen mit Hohn oder ſpöttiſchem Gelächter. Vor einigen Tagen noch, dachte ich, hätten dieſe Burſche ſich kaum getraut, mich anzureden— und jetzt— Ol der niederſchlagende Ge⸗ danke, kein Soldat mehr zu ſein— der Geringſte dieſer Reitertruppe war mein Vorgeſetzter. Ich ging durch das Dorf nach der Landſtraße: vor mir eskortirte eine Abthei⸗ lung Dragoner eine Heerde Vieh— ich eilte ihnen nach, entdeckte aber, als ich näher kam, daß es leichte Kaval⸗ lerie war. Krankhaft ergriffen, lehnte ich mich an einen Baum am Wege— als ſich wieder Pferdegetrapel nahte— ſah die hohen Helme des vierten Regiments, die lang⸗ e mit großen acht⸗ und zehnſpännigen Wagen heran⸗ kamen. Voraus ritt ein Mann, deſſen ungeheurer Körper⸗ bau, ſo wie ſein durchaus kriegeriſches Ausſehen ihn ſo⸗ gleich bemerkbar machte; neben ihm ritt Minette— die Zügel waren auf den Hals des Pferdes gefallen, und ihr Geſicht barg ſie in ihren Händen. „Ach! wenn ich gedacht hätte, daß dieſer Prieſter Dich ſo betrüben würde, ſo hätte ich ihn eher dieſe Nacht unter einem Wagen, aber nicht in meinem Quartiere zu⸗ bringen laſſen,“ ſagte eine tiefe hohle Stimme, an der ich ſogleich Pioche erkannte.„Die Morgenluft wird Dich ſtärken; alſo vorwärts— drei Mann hoch— angeſchloſ⸗ ſen— Trab.“ Das Kommando wurde befolgt— das ſchwerfällige Pferdegetrappel und das dumpfe Rollen der Wagen übertönte alles andere Geräuſch— der Zug ging weiter und ich war allein. -—Oᷣᷣ:— Fünftes Kapitel. Das„Koſthaus in der Straße Mi⸗Cnrème.« Als ich in den Garten zurückkehrte, fand ich den Pater Arſéne von jener furchtbaren Krankheit ergriffen, deren lichtere Momente noch ſchrecklich ſind. Das ägyp⸗ tiſche Terzianfieber, welches ſo gräßlich unter den franzö⸗ ſiſchen Truppen hauste, zählte ihn zu ſeinen Opfern— er ſah elend und erſchöpft aus, gleich einem, der diele Wochen krank geweſen. Meine erſte Sorge war, bei dem die Päſſe ordnenden Beamten meinen Beſuch abzuſtatten, ihm den Zuſtand meines armen Freundes mitzutheilen und ihn um die Er⸗ laubniß zu bitten, meine Reiſe aufzuſchieben, nur bis er ſich etwas beſſer befände. Der murriſche, alte Sergeante beſichtigte aufmerkſam meinen Paß und ſchlug es mir ge⸗ radezu ab. Die Worte, welche der Miniſter in den Paß geſchrieben, lauteten klar und beſtimmt, daß ich„Tag für Tag und ohne Halt zur nächſten franzöſiſchen Grenze“ müſſe. Vergebens verſicherte ich ihn, daß weder perſön⸗ liche Bequemlichkeit oder eigener Wunſch mich zu dem Anſuchen veranlaſſe, ſondern nur die Pflicht der Menſch⸗ lichkeit gegen einen Reiſegefährten, welcher gerechte An⸗ ſprüche an alle Soldaten des Kaiſerreichs habe. Aneberlaſſen Sie ihn mir,“ war die einzige Antwort, die ich erhielt; und die größte Gunſt, die er mir gewäh⸗ ren wollte, war die Erlaubniß, von meinem armen Freund Abſchied zu nehmen, ehe ich abreiste. Mitten in ſeinen Leiden war das Gemüth des armen Prieſters von dem Vorfalle mit der Marketenderin ganz erfüllt— und ſo vermiſchte er in ſeinen Reden ſeine Leiden mit ihrem Kum⸗ mer ohne irgend einen Zuſammenhang. Als ich ihm die Nothwendigkeit, uns zu trennen, mittheilte, ſchien er mehr für mich, als für ſich beſorgt zu ſein. „Wenn ich nur mit Ihnen nach Paris kommen könnte,“ wiederholte er immer wieder.„Ich hätte viel⸗ leicht ihre Heimreiſe bewerkſtelligen können. Sie müſſen nach Sevres gehen, wer immer dort Prieſter ſein mag— er wird mich kennen— ſagen Sie ihm Alles ohne Rück⸗ halt. Ich bin zu ſchwach zum Schreiben, wenn mir aber bald beſſer wird— Gut, gut, das arme Mädchen iſt auch eine Waiſe— wie Alphons— mit welchem Elend haben wir in Frankreich zu fämpfen, ſeitdem dieſer Mann uns beherrſcht! Wie haben die Verbrechen eines Volkes ihren Lohn in jedes Haus mitgebracht! Keines iſt niedrig ggenug, um nicht darunter zu leiden. Verlaſſen Sie dies Land, auf dem jetzt kein Segen ruhen kann. Das arme Kind iſt eines beſſern Looſes würdig— wenn dies der Offizier wußte— es iſt nicht unmöglich— doch, wozu ſage ich das? Nein, nein; Sie werden ihm nie begegnen.“ Einige Minuten murmelte er noch abgebrochene, unver⸗ ſtändliche Sätze— offenbar ohne ſich meiner Gegenwart bewußt zu ſein. „Er diente in einem Garderegiment— ach, ſie ſagte mir, in welchem, ich vergaß es aber— aber ſeines Na⸗ mens erinnere ich mich gewiß. Es iſt eine traurige Ge⸗ ſchichte. Adieu, mein liebes Kind— Gott ſegne Dich; wir haben jedes einen beſchwerlichen Weg vor uns— meine Reiſe, obwohl die längere, wird am eheſten voll⸗ bracht ſein. Vergeſſen Sie nicht meine Worte— Ihre Heimath— und die Sache Ihres Vaterlandes geht über Alles— alles Andere iſt Soͤldlingsdienſt; Pflichtgefühl allein kann den Mann in den Prüfungen aufrecht halten, die ihn für dieſe Welt oder die beſſere, welche folgt, ge⸗ ſchickt machen. Adieu.“ Bei dieſen Worten ſchlang er ſeinen Arm um mich und lehnte erſchöpft an meine Schulter. Die Wenigen, welche ohne die Freundſchaft und Zu⸗ neigung ihrer Nebenmenſchen durch's Leben wandeln, mö⸗ gen fühlen, wie wehe es mir that, mich von ihm zu trennen, zu dem ich mich jede Stunde mehr hingezogen fühlte; mein Herz pochte, meine Kehle war zugeſchnürt, ich konnte nur ein ſchwaches Lebewohl hervorbringen, als ich mich losriß. Als ich die Thüre zumachte, höͤrte ich ſeine Stimme noch einmal. „Ja; jetzt fällt es mir ein— Kapitän Burke“— Verwundert ſchreckte ich zuſammen, denn während unſerem Beiſammenſein hatte er nie nach meinem Namen gefragt, noch hatte ich ihm denſelben genannt— ich ſtand ſprach⸗ los, als er fortfuhr: „Sie werden den Namen nicht vergeſſen. Auch ſagte ſie, er ſei beim Stab. Burke— armes Mädchen.“. Ich wartete nicht, um noch mehr zu hören, ſondern ſtürzte, wie vor einem gefürchteten Feinde fliehend, durch den Garten und erreichte mit zerriſſenem Herzen und wi⸗ derſprechenden Gedanken die Landſtraße; der bitterſte war⸗ die Erinnerung an Minette, das Waiſenmädchen die allein in der Welt ſich um mich bekümmerte. Ol wenn ſtarke, tief eingewurzelte Neigung— die Liebe eines gan⸗ zen Herzens, den Geiſt über die täglichen Kämpfe der Welt erheben kann— wenn in Gedanken zu veredlen, Gefühle zu läutern, das Leben von ſeinen gemeinern Zu⸗ ſätzen zu befreien, zwiſchen den Felſen und Dornen un⸗- ſerer weltlichen Pilgerfahrt einen Blumenpfad zu erſchaffen vermag— ſo hüllt der Beſitz einer Neigung, die wir nicht erwiedern können, die Seele in Traurigkeit, für die es kein Mittel gibt. Tauſendmal beſſer hätte ich die Büerde meines einſamen Looſes unerleichtert durch einen 72 Beweis des Mitgefühls, ertragen, als da ich jetzt an ſie dachte, deren Lebensglück um meinetwillen geſcheitert war. Viel traurige Gedanken begleiteten mich auf meinem Wege— die Meilen gingen vorüber gleich den Geſichten eines unruhigen Traumes— und von meiner Reiſe blieb mir keine Erinnerung. Eines Abends ſpät erxeichte ich die Barrière de l'Etoile und betrat Paris. Die langen Reihen Lampen an den Quais— der glänzende Wieder⸗ ſchein im ruhigen Fluß— das gedämpfte, aber ununter⸗ brochene Geräuſch einer großen Stadt— weckte mich aus meinen Träumereien; ich ward mir bewußt, daß nun ein neuer Lebenslauf für mich beginnen ſollte, und ich allen Vhui zuſammennehmen mußte, um meine Zukunft zu ge⸗ ſtalten. Am Morgen nach meiner Ankunft ſtellte ich mich der üblichen Form gemäß dem Polizeiminiſter vor. Es erforderte wenig Erläuterung von meiner Seite, um ihm Einſicht in meine Lage zu geben. Er war von Allem unterrichtet und ſchien keineswegs geſtimmt, beſondere Nach⸗ ſicht gegen Jemand zu üben, der freiwillig des Kaiſers Dienſt verlaſſen hatte. „Wo gedenken Sie ſich aufzuhalten, mein Herr?“ ſagte der Präfekt, als er mich lange und durchdringend gemuſtert hatte. „In Paris!“— „In Paris natürlich,“ erwiederte er mit einem leich⸗ ten höhniſchen Kräuſeln der Lippen,—„daran wird Nie⸗ mand zweifeln; ich wünſche aber Ihre Adreſſe genauer zu wiſſen— in welchem Theile der Stadt?⸗. „Den kann ich noch nicht nennen— ich bin hier faſt fremd; in ein paar Tagen werde ich jedoch gewählt haben und dann werde ich wieder hierher kommen und Sie davon in Kenntniß ſetzen.“ „Das genügt— ich erwarte Sie bald.“ Er machte mit der Hand eine Bewegung, daß ich entlaſſen ſei und 73 ich war nur zu froh, dieſer Weiſung zu folgen. Als ich die Treppen hinuntereilte und meinen Weg durch die Menge bahnte, die vorgelaſſen zu werden erwartete, flüſterte mir eine Stimme zu:„Ein Wort mit Ihnen, mein Herr!“ Ich glaubte jedoch nicht, daß ich gemeint ſein koͤnne, weil ich kein bekanntes Geſicht ſah, ging vorüber und erreichte den Hof. Da hörte ich hinter mir ſchnelle Fußtritte im Kies; ich drehte mich um und gewahrte einen ärmlich gekleideten Mann, deſſen ganzes Aeußere die größte Armuth verrieth und der mit abgezogenem Hute auf mich zukam. „Wollen Sie mir ein Wort erlauben, mein Herr?“ ſagte er mit bittender Stimme, die jedoch vom gewöhnlichen Tone der Bettler weit entfernt war. „Sie müſſen mich verkennen,“ erwiederte ich und wollte weiter,„ich bin Ihnen fremd.“ „Es iſt wahr, mein Herr,— aber eben weil Sie ein Fremder ſind, nehme ich mir die Freiheit, Sie anzureden. Ich hörte Sie vorhin ſagen, daß Sie Ihren Wohnort in Paris noch nicht beſtimmt hätten; wenn ich Sie nun er⸗ ſuchen dürfte, dieſem Etabliſſement den Vorzug zu geben, ſo würde das für mich, den beſcheidenen Beſitzer, eine große Ehre ſein.“ Bei dieſen Worten reichte er mir eine kleine Karte, worauf geſchrieben ſtand:„Pension Bourgoise, Rue de Mi-Carème, Boulevard Mont Parnasse Nr. 46.“ — unten kam die Benachrichtigung, daß ein Mann für zwölf Franken wöchentlich dort eſſen, trinken und ſchlafen, „die beſte Geſellſchaft, ſchoͤne Gegend und alle Vortheile eines Landhauſes“ genießen könne.„Kaum vermochte ich ein Lächeln über die aͤrmliche Geſtalt des Mannes zu unterdrücken, der es wagte, ſich ſelbſt als Lockmittel für ſein Koſthaus auszuhängen. Der alte Mann ſchien zu errathen, was ich dachte, und ſagte: „Monſieur wird die Penſion nicht nach der beſcheide⸗ nen Erſcheinung des Beſitzers beurtheilen. Verſuchen Sie 74 es— ich verſichere Sie, daß dieſe Lumpen und dieſe kläg⸗ liche Geſtalt nicht das Gepräge des Hauſes tragen.“ Er ſprach im Tone tiefer Niedergeſchlagenheit, gepaart mit einem gewiſſen ſelbſtbew ßten Stolze, was mich be⸗ ſtimmte, ihn durch meine Weigerung nicht zu betrüben. „Sie können ſich auf mich verlaſſen, mein Herr,“ erwiederte ich,„für jetzt bin ich ihr Gaſt, wie lange ich aber bleiben werde, kann ich nicht beſtimmen, das hängt nicht ganz von mir ab.“ Ich zog meine Börſe, da ich wußte, daß es in dieſen kleinen Koſthäuſern Gebrauch war, vorauszubezahlen— doch der alte Mann erröthete und wehrte mit der Hand ab. „Der Herr iſt Kapitän der Garde, das genügt voll⸗ kommen,“ ſagte er ſtolz. „Sie irren ſich, mein Freund, das bin ich nicht mehr, ich habe das Heer verlaſſen.“ „Verlaſſen, en retraite?⸗ fragte er forſchend. „Nein, freiwillig und aus eigner Wahl— auch wird es beſſer ſein, wenn ich Ihnen ſage, daß mich die hieſige Polizei nicht beſonders begünſtigt— weßwegen vielleicht meine Gegenwart Ihnen oder Ihren übrigen Gäſten unan genehm ſein könnte.“ Des Alten Augen funkelten, ſeine Lippen bewegten ſich ſchnell, als ſpräche er mit ſich ſelbſt— dann nahm er meine Hand, preßte ſie an ſeine Lippen und ſprach: „ Sie könnten nie willkommener ſein, als jetzt. Sollen wir Sie heute zum Mittageſſen erwarten?“ „Ja. Wann ſpeiſen Sie?“ „Genau um vier Uhr. Vergeſſen Sie nicht Nr. 46. — Monſieur Rubichon— das Haus mit dem großen Garten davor.“ „Auf Wiederſehen alſo,“ ſagte ich, mich meinem Wirthe empfehlend, deſſen ausgezeichnete Höflichkeit mich meinen Gruß beinahe als eine Grobheit betrachten ließ. Ich war froh, daß meine Gedanken durch dieſen klei⸗ nen Vorfall eine andere Richtung genommen hatten und ⸗ 7 „E 79 ſchlenderte in ſonderbaren Vermuthungen über die Penſion und deren Bewohner weiter. Endlich rückte die Stunde heran; ich packte meine wenigen Habſeligkeiten in ein Kabriolet und ließ mich nach dem entfernten Boulevard Mont Parnaſſe fahren. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß die Straßen immer leerer und leerer wurden: kaum begegnete uns ein Fuhr⸗ werk. Die ruhigen anſpruchsloſen Läden glichen denen, welche man in den Provinzſtädten ſieht; es herrſchte hier eine Stille und Zurückgezogenheit, die ſehr von dem Lärm und Getöſe des Innern der Stadt abſtach. Dies war noch auffallender, als wir das Boulevard erreichten; auf der einen Seite ſah man nur in langen Zwiſchenraͤumen Häuſer; auf der andern lag die Gegend mit ihren Aeckern und Gärten meilenweit offen. „Sapperlot,“ ſagte der Kutſcher, der gleich Vielen ſeines Berufes ein derber Elſäßer war,„da kommen wir ja an's Ende der Welt. Wie heißt die ſonderbare Straße, die Sie ſuchen?“ „Rue de Mi⸗Carèéme.“ „Mi⸗Carèéme? Dieſer Name verſpricht keine gute Koſt. Iſt mir lieber, Sie wohnen hier, als ich. Viel⸗ leicht iſt es dieſe?“ Er zeigte mit der Peitſche nach einer ſchmalen öden Straße, die auf das Boulevard führte. Die alten bau⸗ fälligen Häuſer ſtanden in kleinen Gärten und ſchienen in längſt vergangenen Zeiten Landſitze der Pariſer geweſen zu ſein. Einige neuere Gebäude, von rothen Ziegelſteinen aufgeführt, waren hie und da zwiſchen ihnen zerſtreut; allein neben dem Gräuel der Verwüſtung der andern gli⸗ chen ſie Standesperſonen in Geſellſchaft ihrer Unter⸗ gebenen. 4 Von den größern Häuſern waren wenige bewohnt. Große Zettel„à louer“ waren an den Thorwegen oder den zerbrochenen Gartengeländern befeſtiget und prieſen die Annehmlichkeit einer Wohnung zwiſchen Hof und Garten 76 an; aber die verfallenen Dächer und zertrümmerten Fenſter ſtimmten ſchlecht zu der Lobpreiſung. Das ungewöhnliche Geräuſch eines Wagens lockte Viele an die Thüren und ich bemerkte in den erſtaunten Mienen, wie ſelten der Anblick eines Kabriolets in dieſem entfernten Quartier ſein mußte. „Iſt das die Straße Mi⸗Carème?“ fragte der Kut⸗ ſcher einen Jungen, der ganz verwundert unſere Equipage betrachtete. „Ja,“ ſtammelte das Kind.„Wen wollt Ihr abholen?“ „Abholen, mein Kleiner? Niemand. Warum frägſt Du dies?“ „Ich glaubte, es ſei der Kommiſſär.“ „Ha Sapperment! Wir find in einer ſchönen Nach⸗ barſchaft. Es ſcheint, ſie ſehen hier nie ein Kabriolet, als wenn der Polizeikommiſſär kommt, einen zu holen.“ Wenn dieſe Bemerkung nicht dazu beitrug, meinen Verdacht über die Beſchafſenheit dieſes,Ortes zu verrin⸗ gern, ſo erregte ſie doch meine Neugierde, und ich ver⸗ harrte bei meinem Entſchluſſe, wenigſtens das Innere des Koſthauſes zu ſehen. „Da ſind wir endlich,“ rief der Kutſcher, ſprang ab und las laut von einer an einen Baum befeſtigten Tafel, „Pension Bourgeoise. M. Rubichon, Propriétaire.“ Soll ich auf Sie warten?“. „Nein. Nehmt den Mantel und Reiſeſack heraus. Ich gehe nicht ſogleich zurück.“ Ein Blick der unverſtellteſten Verwunderung war die einzige Antwort, als er mein Gepäck neben das kleine Thor legte. 4 „Sie werden wohl am Abend zurück kommen,“ ſagte er endlich;„ſoll ich Sie abholen?—„Auch am Abend nicht,“ wiederholte er beſtürzt.„So leben Sie wohl, mein Herr— Sie werden es am beſten wiſſen; aber hierher würde ich zu meinem Vergnügen nicht kommen, wenn ich ein junger Mann gleich Ihnen wäre.“ 77 Als er fortgefahren war, betrachtete ich das Gebäude, welches ich bis dahin noch nicht genau angeſehen hatte, es war ein langes, zweiſtockiges Haus, das offenbar in frühern Zeiten ein Herrenhaus von Bedeutung geweſen ſein mußte. Die Pfeiler, welche die Fenſter ſchmückten, die Geſimſe und die Verzierungen über der Thüre waren noch da, obgleich ſehr verfallen. Der Garten trug noch Zei⸗ chen des zierlichen holländiſchen Geſchmackes, und die Ei⸗ benbäume bewahrten noch einige Aehnlichkeit mit den Thie⸗ ren und Figuren, nach denen ſie einſt geſchnitten waren, wenn auch mit der Zeit das Wachsthum die Umriſſe zer⸗ ſtoͤrt hatte, und manchem ſchoͤnen Löwen oder Hirſch den borſtigen Mantel eines Stachelſchweins umgehängt hatte. Ein kleiner Springbrunnen, der aus den Nüſtern eines Seeungeheuers ſprudelte, war mit Gras überwachſen und mit Unkraut verſtopft. Aus Allem ſprach Vernachläſſigung und Verfall; ſogar die Sonnenuhr war in den Weg ge⸗ fallen und lag mit Moos bedeckt und vergeſſen, als wolle ſie ſagen, es ſei hier nicht nothwendig, an die Zeit ge⸗ mahnt zu werden. Die Jalouſien, welche alle Fenſter verſchloſſen, er⸗ laubten nicht, ins Innere des Gebändes zu ſehen; deſſen Bewohntheit nur ein dünner blauer Rauch aus dem einen Schornſtein verrieth. 1 Ich lächelte für mich ob meiner abgeſchmackten Ein⸗ bildung, die mich glauben ließ, dieſer entlegene Stadttheil, dieſe einſame Wohnung enthalte etwas Eigenthümliches oder Beſonderes, oder ich werde in der Penſion und ihren Bewohnern etwas finden, womit ich mich unterhalten könnte. Mit dieſen Gedanken ging ich durch den Garten, und zog die Klingel an der Hausthüre. 5 Bevor die Glocke ausgeklungen, ging die Thüre auf und Herr Rubichon ſelbſt ſtand vor mir. Er war nicht mehr in armſelige Lumpen gehüllt wie am Morgen, ſon⸗ derrn trug ein Kleid, das, obwoyl fadenſcheinig, doch ſau⸗ ber und anſtändig ausſah; eine weiße Weſte und Man⸗ 78. ſchetten erhoͤhten die Nettigkeit ſeines Anzuges; und war es wirklich ſein Verdienſt, oder meine Ueberraſchung über ſeine Verwandlung, er ſchien mir ganz das Ausſehen und die Haltung eines echten Gentlemans zu haben. Nachdem er mich mit der feinen und unbefangenen Hoͤflichkeit eines Mannes bewillkommt, der die Gebräuche der Geſellſchaft kennt, gab er einem Dienſtmädchen Be⸗ fehl, mich in ein Zimmer zu führen und fügte bei:„Darf ich Monſieur bitten, ſchnell Toilette zu machen, denn das Mittageſſen wird in weniger als zehn Minuten aufgetragen werden.“ Der Herr Rubichon von dieſem Morgen bereitete mich eben ſo wenig auf den Gentleman am Abend als das ver⸗ nachläſſigte Aeußere auf das artige wohnliche Zimmer vor, in das ich nun geführt wurde. Die Möbeln waren nicht zahlreich, aber außerordentlich reinlich; und die weißen Vorhänge des kleinen Bettes, die Stuͤhle von Kirſchholz, der Tiſch mit ſeiner grauen Marmorplatte— Alles trug das Gepräge jenes eigenthümlichen Anſtandes, welcher den gewöhnlichſten Dingen den Anſchein von Eleganz verleiht. Ich hatte kaum Zeit, meinen Anzug etwas zu ord⸗ nen, als die Tiſchglocke tönte, und zugleich klopfte es leiſe an meine Thüre. Herr Rubichon kam, um mich in den Salon zu führen und ſich zu erkundigen, ob ich mit nrei⸗ nem Zimmer zufrieden ſei. „Im Sommer, mein Herr, wenn wir das Glück ha⸗ ben ſollten, Sie in dieſer Jahreszeit hier zu beſitzen, iſt die Ausſicht von dieſem Fenſter in den Garten entzückend, und— Sie haben es wahrſcheinlich noch nicht bemerkt— hier führt eine kleine Treppe vom Fenſter in den Garten, was Ihnen ſehr bequem ſein wird, wenn ſie ſpazieren wol⸗ len. Wir haben heute, und vermuthlich für einige Wochen, nur eine kleine Geſellſchaft. Wen habe ich die Ehre an⸗ zumelden?“ „Mr. Burke.“ „D ein irländiſcher Name,“ bemerkte er lächelnd, als 79 er die Thüre eines geräumigen, aber einfach eingerichteten Zimmers öffnete, in dem etwa zwölf Perſonen um den Ofen verſammelt waren. Als Herr Rubichon mich der Reihe nach vorſtellte, ſchien mein Name Niemanden ganz fremd zu ſein. Mein Wirth gewahrte und erklärte es ſo⸗ gleich, indem er ſagte:„Wir haben einen Herrn Ihres Namens unter uns— nicht gerade jetzt, er iſt in der Normandie— aber in einer Woche wird er zuͤrück ſein. Frau von Langeac, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Burke vorzuſtellen.“ Herrn Rubichons Gäſte waren ſämmtlich ältere Leute und wiewohl ihr Anzug die äußerſte Einfachheit und Spar⸗ ſamkeit verrieth, zeigten ſie doch unverkennbar eine gute Erziehung und feines Benehmen. Unter dieſen ganz be⸗ ſonders die eben erwähnte Dame, die mich unbefangen und anmuthig empfing, und durch ihre höflichen Manieren über⸗ zeugte, ſie ſei an die beſte Geſellſchaft gewöhnt. Sie drückte in einigen halb ſcherzhaften Bemerkungen ihre Ver⸗ wunderung darüber aus, daß ein junger— und ſolglich, wie ſie vermuthe, ein fröhlicher Mann— ein ſo unbeſuch⸗ tes Quartier und abgelegenes Haus zu ſeinem Aufenthalt gewählt habe, nahm darauf meinen Arm und ging nach dem Speiſezimmer.— „Das Eſſen ſelbſt, ſo wie das⸗ Tiſchgeräthe ſtimmte mit der Einfachheit des ganzen Hauſes überein; wenn auch die Mahlzeit beſcheiden war und der Wein vom wohlfeil⸗ ſten, herrſchten doch alle Gewohnheiten der höchſten Ge⸗ ſellſchaft, und die verfeinerte Leichtigkeit und Eleganz, welche die altfranzöſiſche Sitte in ſo hohem Grade auszeichnete, waren deutlich zu erkennen. Die Gaͤſte zeigten gegen einander das Vertrauen einer zahlreichen Familie, zugleich bemerkte man aber auch ein äußerſt artiges Rückſichtnehmen, das nie in Vertraulichkeit ausartete— ſie ſprachen leicht und gefällig mit einander, von gemeinſchaftlichen Freunden und Orten, die ſie beſucht hatten— dabei wurden die bekannteſten Tagesereigniſſe * 80. gar nicht erwähnt— ein mir ganz unerklärlicher Umſtand — über den ich mich nicht enthalten konnte, der Dame neben mir mein Befremden mitzutheilen.. Sie lächelte bedeutſam und erwiederte blos:„Es iſt ſo angenehm, über Dinge zu ſprechen, wo keine große Meinungsverſchiedenheit herrſchen kann,— wenigſtens keine größere, als den Witz des Sprechers ſchärft— Sie wer⸗ den ſelten andere Gegenſtände hier beſprechen hoͤren.“ „Haben denn die gegenwärtigen großen Ereigniſſe kein Intereſſe für Sie?“ 18 „Vielleicht flößen ſie zu tiefe Theilnahme ein, um viel darüber zu ſprechen,“ ſagte ſie ſehr ernſt—„aber ich ſelbſt überſchreite die Regeln— und beraube Sie, was noch ſchlimmer iſt, der Bemerkungen des Herrn von Saint⸗George über Frau von Sevigné.“.2. Die Bemerkung hatte offenbar die Beſtimmung, unſe⸗ rem Geſpräch eine andere Wendung zu geben— ich ging darauf ein und horchte dem Geplauder um mich her, wel⸗ ches allein durch ſeine Neuheit einen ungewöhnlichen Reiz für mich hatter Es war ſo ſeltſam, die Anſpielungen auf die Höflinge und Schönheiten vergangener Zeiten zu hoͤren, mit aller Friſche einer Bekanntſchaft von geſtern— und die Geſchichten und Anekdoten über den Hof Ludwigs XV., die ſo pikant erzählt wurden, als ob ſie erſt dieſen Morgen vorgefallen wären. 6 3 Ehe wir zum Kaffee in das Wohnzimmer gingen, ſah ich, daß dieſe Penſion eine royaliſtiſche Anſtalt war, und wunderte mich nur, wie es zuging, daß ich von dem Wirthe zu einem ſeiner Gäſte ausgewählt worden war. Offenbar beobachteten ſie keine Zurückhaltung gegen mich— im Gegentheil, Jeder zeigte mir eine Offenheit und Herzlich⸗ keit, bei der ich mich ganz behaglich und wohl zufrieden mit dem Geſchick fühlte, welches mich nach der Straße Mi⸗Caréème geführt hatte.. Kleine Domino⸗ und Piket⸗Partien bildeten ſich im Salon— Einige traten im Geſpräche zuſammen— die * —ͤ 8¹ Damen nahmen ihre Stickereien wieder auf— und alle Beſchaͤftigungen eines häuslichen Lebens begannen mit einer Fertigkeit, welche auf Gewohnheit deutete und dem Koſt⸗ hauſe ein behagliches heimiſches Anſehen gab. So verging der erſte Abend. Am nächſten Morgen verſammelte ſich die Geſellſchaft zeitig genug zum Fruüh⸗ ſtück— nach welchem die Herren ausgingen und erſt zum Mittageſſen zurückkamen— ſo folgte Tag auf Tag in unveränderter, mir aber nicht unangenehmer Einförmigkeit. Ich ging ſelten über den großen verwilderten Garten beim „Hauſe hinaus und Wochen verſtrichen, ohne daß ich daran dachte, daß man das Leben nicht ſo verrinnen laſſen dürfe. Sechstes Kapitel. Mein Nameusvetter. Nachdem ich einen Monat in der Penſion verlebt hatte, ſaß ich eines Abends am Fenſter und betrachtete mit der Aufmerkſamkeit, die ein müßiger Mann ſtets gering⸗ fügigen Sachen ſchenkt, die ſchwellenden Knoſpen eines zeitigen Frühlings— als ich Schritte näher kommen hörte — es war Frau von Langeac, die, ihr Taburet mit ſich tragend, auf mich zukam. „„Ich komme, Ihnen ein wenig von Ihrem Sonnen⸗ ſchein zu ſtehlen, Herr Burke,“ ſagte die alte Dame gut⸗ müthig lächelnd, als ich aufſtand, um ihr einen Stuhl anzubieten,„aber nicht, um ſie wegzutreiben, wenn Sie ſo großmüthig ſein wollen, mir Geſellſchaft zu leiſten.“ Ich ſtammelte einige abgedroſchene Höflichkeiten und blieb ſtill, denn meine Gedanken hingen an der Zukunſt, ich war für eine Unterbrechung übel gelaunt. „Sie lieben die Blumen, wie ich bemerkt habe,“ fuhr Tom Burke. v.. 6 4 ſie fort— als ob ſie meine Befangenheit wahrgenommen und mich gerne davon befreit hätte, indem ſie die Koſten der Unterhaltung beſtritt.„Es iſt eine Liebhaberei, die ich gerne ſehe— es ſcheint mir, als ſpreche daraus häus⸗ licher Sinn. Bloß in der Kindheit nehmen wir dieſe Neigung an, wir mögen ſie im ſpätern Leben pflegen, wie es uns zuſagt.“ 3 „Meine Mutter liebte ſie leidenſchaftlich,“ ſagte ich, eine lange begrabene Erinnerung an Heimath und Kindheit hervorrufend. „Ich dachte es. Dieſe einfachen Gewohnheiten erben die Kinder von ihrer Mutter— und ſie überleben glück⸗ licher Weiſe alle Glückswechſel.“ Ich ſeufzte tief, denn dieſe Worte beri die empfindlichſte Saite meines Herzens.. „Noch mehr, ſie ſind das Band, welches uns mit der Vergangenheit vereint— das des Mannes Herz an die Kindheit knüpft— das Stolz und Hochmuth beugen und ſchuldloſe Zuneigung und kindlichen Glauben erwecken kann.“ „Die ſind gluͤcklich,“ ſagte ich träumeriſch,„welche ſo frühe Erinnerungen mit der Gegenwart verweben können.“ „Wer kann es nicht?“ unterbrach ſie ſchnell,—„wer hat nicht die Liebe ſeiner Eltern empfunden— nicht den Einfluß des häuslichen Kreiſes? So alt ich bin, erinnere ich mich dennoch recht gut der kleinen Spaziergänge mei⸗ ner Kindheit und der Hand, die mich gewöhnlich führte— ſogar den Ton der Stimme weiß ich noch, die an meinem Herzen erzitterte, wenn ſie meinen Namen ſprach. Aber wie viel glücklicher noch ſind diejenigen, bei welchen ſich dieſe Erinnerungen an die Beweiſe gegenwärtiger Zuneigung reihen und ſie in den Freuden des Mannesalters die Liebe eines Vaters oder einer Mutter empfinden können.“ „Ich wurde ſchon als Kind zur Waiſe,“ erwiederte ich, als wenn dieſe Bemerkung namentlich mir gegolten hätte. 1 „Aber Sie haben Brüder, Schweſtern?“ ührten zufällig 8³ Ich ſchüttelte verneinend den Kopf.„Doch, einen Bruder, wir haben uns aber ſeit unſerer Kindheit nicht geſehen.“. „Und doch hat Ihr Vaterland nicht die grauenvollen Erſchütterungen des unſrigen zu beſtehen gehabt; kein geſellſchaftlicher Schiffbruch hat diejenigen zerſtreut, die einſt in inniger Zuneigung bei einander lebten. Es iſt traurig, wenn ſolche Bande zerriſſen werden. Sie haben mir, wenn ich nicht irre, erzählt, daß Sie früh nach Frank⸗ reich kamen.“ 1 „Ja, Madame. Ich war noch ein Knabe, als mein Herz ſchon den Kaiſer verehrte— ſein Ruhm, ſeine gro⸗ ßen Thaten zeigten etwas Uebermenſchliches und erfüllten alle meine Gedanken— und Soldat zu ſein, ſein Sol⸗ dat, war das Ziel meines Ehrgeizes. Ich bildete mir ein, die Sache, die er vertrat, ſei die der Freiheit— Be⸗ freiung, allgemeine Befreiung ſei das zum Siege führende Loſungswort.“ „Und Sie haben Ihren Irrthum eingeſehen,“ unter⸗ brach ſie.„Ach! es wäre beſſer geweſen, bei der Täu⸗ ſchung zu bleiben— ein Glaube, der einmal erſchüttert iſt, läßt einen wankenden Geiſt zurück— und mit einem ſolchen hat man wenig Thatkraft.“ „Und noch weniger Hoffnung,“ ſagte ich niederge⸗ ſchlagen. „Das nicht, ſo lange man jung iſt. Sie müſſen mir ihre Geſchichte erzählen. Ich wünſche es nicht aus bloßer Neugierde— ich habe viel von der Welt geſehen und bin vielleicht eher als Sie im Stande, Ihnen Rath zu erthei⸗ len. Ich habe ſeit einiger Zeit bemerkt, daß Sie in Paris keine Freunde, keine Bekannte zu haben ſcheinen. Laſſen Sie mich Ihnen das ſein. Wenn das Vertrauen kein anderes Ergebniß hat, wird es Ihrem Herzen doch einen Theil ſeiner Laſt abnehmen— und zudem werden die An⸗ dern hier lernen, Sie mit weniger Mißtrauen zu betrachten.“ „Sind dies ihre Gefühle gegen mich?“ 84 „Vergeben Sie mir; ich hätte nicht gerade das Wort dafür gebrauchen ſollen— da ich aber ſo weit gegangen bin, kann ich Ihnen ſchon geſtehen, daß Sie in Aller Au⸗ gen ein ſehr intereſſanter Gegenſtand ſind— auch können ſie ſich des Eindruckes nicht entledigen, irgend ein tief angelegter Plan habe Sie hierher gebracht.“ „Hätte ich das früher gewußt—⸗ „Sie hätten uns verlaſſen— das vermuthete ich. Ich habe bereits in Ihrem Charakter bemerkt, daß eine krank⸗ hafte Furcht vor Verdächtigung in Ihren Gedanken über⸗ wiegend iſt— und es mir durch die Vermuthung erklärt, Sie möchten wohl zu früh in's Leben hinausgeſtoßen wor⸗ den ſein— Sie müſſen nicht böſe auf uns hier ſein. Was mich betrifft, ſo habe ich kein Verdienſt dabei, daß ich Sie richtig beurtheile— Herr Rubichon erzählte mir, wie ſie ſich durch bloßen Zufall im Bureau des Präfekten begegneten. „So war es auch— ich bin noch nicht im Stande geweſen, zu errathen, warum er mich anredete, noch welche Umſtände ihn glauben machen konnten, meine Geſinnungen ſtimmten mit denen ſeiner Gäſte überein.“ „Der Grund iſt ganz einfach— er hörte aus Ihrem eigenen Munde, Sie wären fremd, ohne Bekannte in Pa⸗ ris. Die Polizei beſuchte ſeit einiger Zeit oft dieſes Haus — die ausſchließlich royaliſtiſche Tendenz der Penſion er⸗ regte Unzufriedenheit. Um dieſen Eindruck zu verwiſchen, entſchloß ſich Herr Rubichon täglich im Bureau des Prä⸗ fekten zu warten und auf gut Glück unter den dort be⸗ findlichen Perſonen welche zu erſuchen, ſein Haus zu wäh⸗ len. Wir erkannten die Nothwendigkeit und ſtimmten alle dem Plane bei. Unſer gutes Glück führte uns Sie zu. Sie müſſen nicht erſtaunen, wenn langer Kummer und vieles Leiden Mißtrauen erzeugen, noch ſich darüber wun⸗ dern, daß die alten Anhänger eines Königs argwöhniſch auf den Soldaten des“— ſie ſtockte, erröthete leicht und fügte leiſe bei—„des Kaiſers blicken.“ Das Wort aus⸗ 8⁵ zuſprechen, ſchien ihr Mühe gekoſtet zu haben, ſie ſchwieg einige Minuten ſtill. „Ich kann demnach annehmen, daß dieſe Herren die gegenwärtige Regierung nicht lieben, oder auf ihren Fall hoffen?“ Ich weiß nicht, ob ich dies mit einiger Gering⸗ ſchätzung ſprach— aber Frau von Langeac erwiederte raſch:. „Sie ſind gute Franzoſen, mein Herr, loyale Edelleute — was ſie hoffen, betrifft ihr eigenes Herz allein.“ „Entſchuldigen Sie, Madame, wenn ich ein Wort geſagt habe, in dem ein Tadel ihrer Beweggründe liegen könnte.“ „Ich vergebe Ihnen gern,“ ſagte ſie verbindlich lä⸗ chelnd,„wer ſo lange einen Degen führte, mag deſſen Einfluß für allvermögend halten; aber eglauben Sie mir, junger Mann, es wohnt ein Gefühl im Herzen einer Na⸗ tion, gegen welches die Gewalt allein nichts vermag: be⸗ waffnete Schwadronen und dichtgedrängte Glieder ſind machtlos dagegen. Die Anhänglichkeit an einen Herrſcher, deſſen Recht durch eine lange Reihe von Königen geheiligt wird, iſt ein Glauben, dem die Religion ihren Segen und die Ueberlieferung ihre Hoffnung verleiht. Betrachten Sie dieſe Leute hier; hat das Unglück ihre Zuneigung erkältet, oder die Armuth ihren Eifer gedämpft? Sie kennen ſie nicht, ich will Ihnen ſagen, wer ſie ſind. Dort neben dem Feuer der ehrwürdige alte Mann mit der kühnen, hchen Stirne iſt Herr von Pleſſis— Graf Pleſſis von Riancourt. Sein Großvater bewirthete in ſeinem Schloſſe Ludwig XIV. und deſſen Gefolge; er ſelbſt war Oberſt⸗ falkenmeiſter des Königs; und was iſt er jetzt? Ich ſchäme mich, es auszuſprechen— Fechtmeiſter in einer beſcheide⸗ nen Schule der Vorſtadt. Und ihm gegenüber— er hebt ſo eben etwas vom Boden auf— ich ſelbſt ſah ihn beim Lever des Konigs knieen und war Zeuge, als der König ihn aufhob und ſagte—„Herr von Maurepas, ich würde ſie zum Herzog machen, wenn einem Maurepas ein Fitel 86 theurer ſein könnte, als der, den ſeine Ahnen ſchon vor ſechshundert Jahren getragen haben.“ Und er, über deſ⸗ ſen Unterſchrift nur die des Königs ſtand, kopirt die Akten eines Advokaten, um ſeinen Unterhalt zu verdienen. Und dort drüben der hohe Mann, welcher gerade vom Tiſche aufſtand, weder Jahre noch Armuth haben den Stempel des Adels von ſeiner anmuthigen Geſtalt verwiſcht— Graf Felir d'Ancelot, Kapitän der Leibgarde— derſelbe, wel⸗ cher mit elf Wunden für todt auf der Treppe von Ver⸗ ſailles blieb; er gibt Zeichnungslectionen, zwei Stunden von hier, am andern Ende von Paris. Sie fragen mich, ob ſie hoffen— was anders als Hoffnung könnte ſolche Männer tröſten, die in Mangel und Dürftigkeit leben und jedes Anerbieten von Beförderung ausſchlagen— jede Ver⸗ ſuchung abweiſen, welche ſie von ihrer Treue ablenken könnte? Ich habe von großen Thaten ihres Kaiſers ge⸗ leſen und von heldenmüthigen Zügen ſeiner Generale ge⸗ hört, vor denen die berühniten Thaten der Kreuzfahrer erbleichen; aber ſagen Sie mir, ob Sie glauben, daß aller je von tapfern Kriegern errungene Ruhm den Muth ſo prüft, das ſtandhafte Herz ſo läutert, wie der lange Kampf ſolcher Männer? Hier kommt noch einer, wenn ich nicht irre, der keinem von ihnen nachſteht.“ Als ſie dies ſagte, rollte eine Kaleſche vor die Thüre, aus der ein hoher, kräftiger Mann ſtieg. Wir hörten ſeine Tritte im Gange, gleich darauf öffnete ſich die Saal⸗ thüre und Herr Rubichon meldete:„der General, Graf Burke.“ Der General hatte kaum Zeit, ſich ſeines Reiſeman⸗ tels zu entledigen, als er von Allen umringt und mit der größten Begeiſterung bewillkommt wurde. „Frau Marquiſe von Langeac,“ ſagte er, indem er ſich der alten Dame, die in einer Fenſtervertiefung ſaß, näherte und ihre Hand an ſeine Lippen drückte,„ich bin erfreut, ſie in ſo guter Geſundheit zu ſehen. Ich ver⸗ brachte drei Tage mit ihrem liebenswürdigen Vetter Arnold 87 von Rambuteau; der, gleich Ihnen, ſich des glücklichſten Naturells und des begabteſten Geiſtes erfreut.“ „Wenn Sie ſo ſchmeicheln, General, wird mein junger Freund hier kaum einen Landsmann in Ihnen er⸗ kennen— einen Verwandten vielleicht. Laſſen Sie mich Ihnen Herrn Burke vorſtellen.“ Des Generals Geſicht erglühte, ſeine Augen funkel⸗ ten, als er meine Hand in ſeine beiden nahm und ſagte: „Sind Sie wirklich aus Irland? Iſt Ihr Name Burke? Ach, daß ich kein Wort engliſch mit Ihnen ſpre⸗ chen kann. Vor achtunddreißig Jahren verließ ich mein Vaterland und habe es ſeitdem nie beſucht.“ Der General beſtürmte mich mit Fragen, zuerſt nach meiner Familie, von der ich ihm wenig ſagen konnte und meinen Glücksfällen, bei deren Anhörung er zu meinem Erſtaunen kein Zeichen des Mißfallens verrieth, was ich ſicher von einem alten Anhänger der Bourbons erwartet hatte. Während des Geſpräches aß er eilig ſeine im Saale aufgetragene Mahlzeit; die Uebrigen ſtanden in einem Halbkreiſe herum und quälten ihn während jeder Pauſe mit Fragen nach dieſem oder jenem Freunde. „Sie ſehen, meine Herren,“ rief er, als ich ihm eine Frage über meinen Feldzug beantwortete,„dies iſt ein Beiſpiel wie ich es Ihnen oft angeführt habe. Da iſt ein junger Mann, der ſeine Heimat einzig um zu fechten, verläßt— es iſt ihm nicht viel an den Epauletten gele⸗ gen, er bekümmert ſich wenig wofür— Bah, bah, un⸗ terbrechen Sie mich nicht; ich kenne Sie beſſer, als Sie ſich ſelbſt kennen. Sie verlangten nach Streit und Kampf und Sieg, und parbleu, wir mögen ſagen, was wir wollen, Ihre Wahl hätte kaum beſſer ausfallen können, als bei Sr. Majeſtät, dem Kaiſer und König, wie ſie ihn nennen.“ Dieſe Rede wurde von den Umſtehenden ungünſtig aufgenommen und in ihren unzufriedenen Geſichtern hätte 88 ein weni geleſen; der General fühlte dies nicht, oder wenn er es that, ließ er es nicht merken. „Ihr habt mich noch nicht nach Guſtav de Meiſin gefragt,“ ſagte er, im Kreiſe herumſchauend. ger zuverſichtlicher Sprecher ſeine Verdammung „Sie haben ihn gewiß nicht geſehen; wir hörten, er ſei in Wien,“ kiefen alle zuſammen. „Nein, parbleu: er wohnt ungefähr eine Meile von ſeiner alten Heimat— demſelben Hauſe, in dem wir vor achtzehn Jahren zuſammen das Chriſtfeſt feierten. Sie haben aus ſeinem Schloſſe eine Kaſerne gemacht und ſeinen Park in eine königliche Jagd verwandelt; er hat ſich eine Hütte an der Flußſeite gebaut und ſpaziert jeden Tag durch ſein eigenes Land, welches er, wie er ſagt, viele Jahre lang nicht ſo gut mit Wild beſetzt geſehen hat. Er iſt ſo glücklich wie immer und ſchaut gern vor ſeiner Thüre in die Seine, wenn der glänzende Strom manches breite Blatt kräuſelnd beſpült— das noch dazu, meine Herren, von guter Vorbedeutung iſt, ich meine die Lilien von Frankreich.“ Er hob bei dieſen Worten einen Becher an ſeine Lippen und trank begeiſtert den Toaſt. Dieſe plötzliche Rückkehr zur Loyalität, die ſich ſo keck ausſprach, gewann ihm ihre volle Achtung wieder; die frühere Freude über ſein Erſcheinen ſtellte ſich von Neuem unvermindert ein und von allen Seiten her wurde er wieder mit Fragen beſtürmt. „Und der Abbé,“ fragte einer,„was iſt mit ihm? hat er ſich noch nicht entſchloſſen?“ „Gewiß— hat er ſich entſchloſſen und ſeinen Ent⸗ ſchluß wieder geändert, wenigſtens zweimal alle vierund⸗ zwanzig Stunden. Er iſt ſtets voll Vertrauen und Hoff⸗ nung, wenn der Wind von Oſten weht— kommt aber ein Lüftchen von Weſten, ſo wird ſein Geiſt plötzlich muthlos, und er träumt von Fregatten, von Kanonenbooten und den Gefängnißſchiffen auf der Themſe; wenn ſie ihm einen 89 Cardinalshut anböten, würde er ſich nicht auf die See wagen.“ Warnende Blicke der Umſtehenden und ſogar Zeichen, vorſichtig zu ſein, unterbrachen den Sprecher, der einige Augenblicke inne hielt und ſeine Augen auf mich heftete. „Deßwegen habe ich keine Furcht, meine Herrn. Ich kenne meine Landsleute gut, wenn ich ſchon wenig unter ihnen lebte. Mein Namensvetter hier mag den Dienſt des Kaiſers dem eines Königs vorziehen, er mag den Glanz des Adlers höher ſchätzen, als den Schlachtruf des heiligen Ludwig— doch nie wird er Privatgeſpräche verrathen, oder Meinungen, die in vertrautem geſellſchaftlichem Ver⸗ kehr vor ihm ausgeſprochen wurden, bloßſtellen.— Wir ſprechen von einem Abbé, Herr Burke, der nach Irland zu reiſen im Begriffe iſt, und deſſen Furcht vor den eng⸗ liſchen Kreuzern einigen meiner Freunde hier unvernünftig ſcheint, obwohl Sie vielleicht erklären können, daß ſie nicht ungegründet iſt. Doch ich vergaß, Sie waren noch ein Knabe, als Sie über den Kanal fuhren.“ „Aber reiſen wird er endlich,“ ſagte Frau von Lan⸗ geac, Nich denke, darauf können wir uns verlaſſen.“ „Wir hoffen es,“ erwiederte der General achſelzuckend mit zweifelhafter Miene,„denn, wenn wir nichts anders zu thun vermögen, können wir doch immer hoffen;“ mit dieſen Worten ſtand er auf, empfahl ſich jedem Anweſen⸗ den ſehr höflich, ſchützte Ermüdung von der Reiſe vor und zog ſich zurück. Bald nach ihm verließ ich den Saal und ging in Gedanken über den Abbe und ſeine Reiſe, und Alles, was ich gehört hatte, auf mein Zimmer. Ich verbrachte eine ſchlafloſe Nacht— Gedanken an meine Heimath, welche während meiner bewegten Laufbahn vergeſſen waren, kamen ſchaarenweiſe auf mich eingeſtürmt, und der Wunſch, mein Vaterland wieder zu ſehen, der, weil deſſen Gegenſtand unbeſtimmt, vielleicht ſtärker war, regte mich auf und beunruhigte mich. Mit Entzücken ſah ich den Tag anbrechen, kleidete mich ſchnell an und ging 90 hinab in den Garten. Zu meiner Verwunderung fand ich den General Burke bereits dort. Er ſchlenderte langſam daher und ſchien in Betrachtungen verſunken. Das Ge⸗ räuſch meiner Schritte ſchreckte ihn auf und er blickte empor. S „Ahl mein Landsmann— ſo früh auf,“ ſagte er mich höflich begrüßend.„Iſt dieß Ihre Gewohnheit?²“ „Nein. Das Verdienſt einer ſolchen Wachſamkeit kommt mir nicht zu; ich habe jedoch die letzte Nacht kein Auge geſchloſſen. Einige Worte, die Ihnen im Geſpräch entfallen, nahmen mein ganzes Weſen in Anſpruch, und ſogar jetzt noch kann ich ihrer nicht los werden.“ „Ich ſah es, als ich ſprach,“ erwiederte der General mit einem raſchen, durchdringenden Blicke.„Sie änderten zweimal die Farbe, als ich den Abbé Gernon erwähnte— kennen Sie ihn?“ „Nein, mein Herr. Seine beabſichtigte Reiſe, nicht er ſelbſt war es, was mich ſo ſehr intereſſirte.“ „Sie wünſchen ihn vielleicht zu begleiten. Nun, die Sache iſt nicht unmöglich; da aber die Zeit drängt und wir wenig Muße für Geheimniſſe haben, ſo ſagen Sie mir aufrichtig, warum ſind Sie hier?ℳ Mit wenigen Worten und ohne auf eine Erläuterung meines Benehmens irgendwie einzugehen, erzählte ich ihm die hauptſächlichſten Umſtände meines Lebens, bis zu dem entſcheidenden Augenblicke, wo ich meinen Abſchied nahm. „Nach dieſem Schritte,“ ſagte ich,„kann ſich mir hier keine Laufbahn mehr eröffnen, und ich wünſche in mein Vaterland zurückzukehren.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte der General langſam. „Das iſt jetzt Ihr einziger Weg. Das Wagniß iſt nicht ohne Gefahr; weniger von den engliſchen Kreuzern, als den Franzoſen aus, denn der Abbé iſt in England und Irland wohl bekannt; aber ſeine royaliſtiſchen Geſinnungen würden bei Fouché wenig Gunſt finden. Sie ſind Wil⸗ lens, den Verſuch zu wagen?“ 91 „Gewiß.“ „Und als des Abbé's Diener wenigſtens bis Falaiſe zu reiſen?— Dort würde die Verkleidung enden 20 „Ganz gut.“ 3 „Und ſind Sie geneigt, uns dieſen Dienſt durch einen andern zu erwiedern?“ ſagte er und blickte mich for⸗ ſchend an. „Wenn er die Treue verletzt, die ich einmal dem Kai⸗ ſer Napoleon zu bewahren geſchworen habe, ſo verweigere ich ihn. Unter dieſer Bedingung kann ich Ihre Huülfe nicht annehmen.“ „Weilt Ihr Herz noch immer da, wo Ihr Stolz ſo beleidigt wurde?⸗. „So iſt's— um ihm noch einmal zu dienen, wollte ich mich Allem, nur nicht der Entehrung unterwerfen.“ „In dieſem Falle,“ ſagte er gutmüthig lächelnd,„iſt mein Gewiſſen rein; und ich kann Ihre Flucht mit dem befriedigenden Gedanken befördern, daß ich die Feinde Sr. Majeſtät Ludwigs XVIII. um einen äußerſt ſtandhaften Anhänger Napoleons vermindert habe. Ich verlange keine Bedingung von Ihnen. Wann ſind Sie bereit?“ „Heute— jetzt.“ „Wir wollen ſehen— morgen iſt der Achte— mor⸗ gen wird es gehen.“ „Ich will ſogleich deßwegen ſchreiben. Inzwiſchen iſt es gut, wenn Sie nichts von Ihrer bevorſtehenden Abreiſe verlauten laſſen, außer gegen Frau von Langeac, auf deren Verſchwiegenheit man ſich verlaſſen kann.“ „Darf ich fragen, ob Sie durch Ihre Güte für mich irgend welche Gefahr laufen? Glauben Sie mir, es iſt ein Dienſt, der Ihnen vielleicht nicht viel Gutes bringt.“ „Auf keine Weiſe. Es vergeht ſelten ein Monat, daß nicht der Eine oder Andere von hier nach England reist. Der Verkehr zwiſchen Rom und Irland iſt ununterbrochen und war es, während der Krieg am ärgſten wüthete.“ 92 Das kann ich weder verſtehen noch zuſammen rei⸗ men.“ „Hier iſt der Schlüſſel zu dieſem Geheimniß,“ ſagte er lächelnd.„Die engliſche Regierung hat Vertrauen in die friedlichen Bemühungen der Prieſterſchaft, ſo weit ſie Irland betreffen, und geſtattet ihnen ungehinderten Verkehr mit dem heiligen Stuhl, welcher Frankreich und den Geiſt ſeines Kaiſers fürchtet. Die Bourbons ſehen in der Kirche die letzte Hoffnung ihrer Wiedereinſetzung. In der katho⸗ liſchen Religion dieſes Landes und ſeinen Ueberlieferungen wurzelt die Monarchie. Wer an der einen rüttelt, unter⸗ gräbt die andere. Legitimität iſt eine heilige Reliquie— wie jede andere, und die Prieſter ſind deren Bewahrer; und was den gegenwärtigen Beherrſcher von Frankreich betrifft, ſo überläßt er es dem Geiſte der Kirche, ihre Gläubigen zu vermehren, und glaubt, daß Irland durch das Wirken der Prieſter zum Aufſtande heranreife. Fouché allein läßt ſich nicht täuſchen. Zwiſchen ihm und der Kirche iſt Krieg auf Leben und Tod, und wenn er nicht wäre, ſo würde die hohe See offener ſein, als der Weg nach Straßburg— wenigſtens für alle Leute mit geſcho⸗ renem Kopfe und ſeidener Kutte. Das iſt alſo die ein⸗ fache Erklärung deſſen, was Ihnen ſo unbegreiflich ſchien; und ich glaube, Sie werden finden, daß es die wahre iſt. „Aber zwei von den drei Parteien müſſen ſich täu⸗ ſchen,“ ſagte ich. „Vielleicht alle Drei,“ erwiederte er bitter lächelnd. „Wenigſtens gibt es Leute, die glauben, die Rückkehr des rechtmäͤßigen Herrſchers ſei eher vom Schwerte, als dem Biſchofsſtab zu erwarten, und Rom ſei immer nur ſich ſelbſt treu geweſen. Was jedoch Ihre Reiſe betrifft, ſo liegt deren einzige Schwierigkeit oder Gefahr in dem Wege durch Frankreich— ſo bald Sie einmal an der Küſte ſind, ſind Sie ganz ſicher. Ihr Paß ſoll für einen ver⸗ abſchiedeten Unteroffizier, der in ſeine Heimath zurückkehrt, ausgefertigt werden. Sie werden durch Marboeuf reiſen, 93 und ich will Ihnen die nöthigen Weiſungen ertheilen, um den Abbé aufzufinden.“ „Könnte es nicht ſein, daß er wenig Luſt hätte, ſich mit einem Reiſegefährten und namentlich mit einem ihm fremden zu behelligen?“ fragte ich. „Befürchten Sie das nicht. Ihre Gegenwart wird ihn im Gegentheil ermuthigen, und wir müſſen ihn glau⸗ ben machen, daß Sie ihn auf unſern Wunſch begleiten.“ „Ohne daß ich jedoch dabei in irgend eine Verbin⸗ dung mit Ihren Abſichten komme, darüber ſind wir voll⸗ kommen einverſtanden.“ „Vollkommen. Erwarten Sie mich dieſen Abend nach dem Kaffee hier, ich werde Ihnen dann noch die ſchließlichen Mittheilungen machen. Bis dahin Adieu.“ Er winkte mit der Hand und verließ mich. Nachdem er einige Schritte gethan, wendete er ſich raſch noch ein⸗ mal um und ſagte: itn„Sie werden nicht vergeſſen, daß eine Blouſe und dn Schuidpind unerläßlich zu Ihrer Ausrüſtung ſind.— ieu. Siebentes Kapitel. Ein alter Matroſe des Kaiſerreichs.. Auf meiner Reiſe nach Marboeuf ereignete ſich kein bemerkenswerther Umſtand; mein Paß, der auf meinen eigenen Namen als den eines beurlanbten Unteroffiziers ausgeſtellt war, ſicherte mich gegen jede Unterbrechung oder Verzögerung; am dritten Abend erreichte ich die kleine Schenke an der Straße, etwa eine Stunde vor der Stadt, wo, wie der Graf geſagt, der Abbé mich erwarten würde. Zu meiner Verwunderung fand ich das Haus von ei⸗ ner Abtheilung Marineſoldaten der Garde beſetzt, die ſich 1 94 von Marboeuf nach der Küſte begaben; mit dieſen war ich bald bekannt, indem ich die Kameradſchaft des Dienſtes geltend machte, und da ich Nachrichten von der Armee zu geben im Stande war, ſuchten die Seeleure ſogleich meine Geſellſchaft, da ſie nicht oft Gelegenheit hatten, die Begebenheiten des Feldzuges zu erfahren. Das unruhige Benehmen des Wirthes und ſein über⸗ eifriges Verlangen, ſich beliebt zu machen, entging mir nicht; ich ergriff die erſte Gelegenheit, ihm in ſein Zim⸗ mer zu folgen und ſchloß die Thüre hinter mir zu. „Iſt er gekommen?“ ſagte ich, indem ich ſogleich den Ton eines Mannes annahm, vor dem man kein Ge⸗ heimniß zu haben braucht. „Ah, Sie ſind der Kapitän und ich hatte Recht,“ ſagte er, ohne meine Frage zu beantworten, um zu zeigen, daß er wiſſe, wer ich ſei. Sogleich jedoch hob er wieder an:„Ach, nein, mein Herr; ich bekam geſtern Befehl, Quartier für zehn Mann bereit zu halten, und obwohl ich ſeinem Boten ſagte, er könne ganz ſicher herkommen, die Marineſoldaten bekümmern ſich nie um die Reiſenden, iſt er doch offenbar zu furchtſam geweſen, um das zu wagen. Heute iſt der zehnte, am zwölften fährt das Schiff ab, nachher iſt es zu ſpät.“ „Er kann aber noch kommen.“ Der Mann ſchüttelte den Kopf, ſeufzte und murmelte halblaut:„es war albern, eine feige Memme für ein ge⸗ fährliches Unternehmen zu wählen. Der Graf von Cham⸗ bord war heute zweimal umſonſt hier, um ihn zu ſehen.“ „Wo iſt er alſo und wie weit von hier entfernt?“ „Das weiß Niemand; es muß mehrere Stunden weit ſein, denn ſein Bote ſcheint bei ſeiner Ankunft müde und erſchöpft und kehrt nie am nämlichen Tage zurück.“ „Könnte es nicht ſein, daß er ſchon nach der Küſte gegangen wäre, als er dies Haus beſetzt fand 2 3 „Oh, mein Herr, man ſieht wohl, daß Sie ihn nicht kennen; dieſe Kühnheit beſitzt er nicht, und er wird ——— ˖⏑ʒ⏑—ÿ:˖——— . nie einen neuen Weg ſuchen, wenn ihm der alte verſperrt würde; es würde auch am Ende hier nichts nützen.“ „Wie ſo?“ „Die Briefe, ohne welche er die Küſte nicht verlaſſen kann, ſind noch nicht angekommen. Inzwiſchen ſeien Sie vorſichtig und nehmen Sie ſich in Acht, daß Ihre Ab⸗ weſenheit von den Leuten nicht bemerkt wird; kehren Sie zu ihnen zurück, und wenn etwas vorfällt, werde ich Ih⸗ nen ein Zeichen geben.“ Der Wirth hatte Recht, die Geſellſchaft war bereits ungeduldig über mein Wegbleiben und neugierig über die Veranlaſſung dazu. „Man ſagt, Kamerad!“ bemerkte ein kurzer, finſter ausſehender Bretagner, deſſen ſchwarzer Schnur⸗ und Backenbart wenig Spuren von einem menſchlichen Antlitz ſehen ließ,„man ſagt, die Kavallerie der Garde ſei hoch⸗ müthig gegen uns Seeleute und unſere Geſellſchaft ſei ih⸗ nen nicht gut genug; iſt das wirklich der Fall?“ „Es iſt das erſte Mal, daß ich dieſe Bemerkung höre und ich hoffe, es werde das letzte Mal ſein; ich weiß, daß bei uns im 8ten Regiment dieſe Anſicht nie⸗ mals herrſchte, obwohl wir uns nicht geringer achteten, als unſere Kameraden.“ „Warum verließt Ihr uns denn vorhin?“ murrten zwei oder drei von ihnen zugleich. „Das ſollt Ihr gleich erfahren,“ ſagte ich lächelnd; ſtand zugleich auf, öffnete die Thüre und rief:„Meiſter Joſeph, Ihr könnt jetzt den Burgunder hereinbringen; wir ſind bereit dazu.“ Dieſe Worte wurden mit lautem Beifall aufgenom⸗ men und manche harte Hand ſtreckte ſich aus, um die meine zu drücken; im nämlichen Augenblick trat der Wirth, welcher genau errathen hatte, was der Augenblick er⸗ heiſchte, mit einem Korbe herein, welcher ſechs Flaſchen enthielt, deren ſpinnenumwobene Hälſe und ſtaubiges Aeu⸗ 96 ßere andeutete, daß ſie dem gewählteſten Vorrathe ſeines Kellers angehörten.. 1 „Macon! Ihr Herrn,“ ſagte er, den Kork einer Flaſche mit der ganzen Geſchicklichkeit eines Mannes her⸗ ausziehend, der den Burgunder gebührend zu behandeln weiß. „Ah, parbleu! ein herrliches Gewächs,“ ſagte der kurze Matroſe, welcher zuerſt geſprochen, indem er ſein Glas leerte und wieder füllte.„Allons, Kameraden, der Kaiſer!“ 3 „Der Kaiſer!“ wiederholten Alle, ſogar der arme Wirth, deſſen Vorſicht ſtärker war, als ſeine Loyalität. „Der Kaiſer! und möge der Himmel ihn beſchützen!“ ſagte der dunkelbärtige Geſell.. „Der Kaiſer! und möge der Himmel ihm verzeihen!“ ſagte der Wirth, der jetzt, ohne es zu wiſſen, die wahre Geſinnung ſeines Herzens ausſprach. „Verzeihen!“ riefen drei oder viere zugleich;„was verzeihen?“ „Daß er Dich nicht zu einem Admiral der Flotte macht,“ erwiederte der Wirth, dem ſtämmigen Seemann auf die Schulter klopfend. Ein lautes Gelächter bezeigte, daß dieſe Rede Bei⸗ fall gefunden, und der Wirth wurde einſtimmig in die Geſellſchaft gewählt. Als der Wein zu wirken begann, übernahm der ſchwarze Burſche, deſſen Sergeantengrad nur eine goldene Schnur am Aufſchlag bezeichnete, die ich bis jetzt nicht bemerkt hatte, die Unterhaltung und er⸗ zählte einige Begebenheiten aus ſeinem Leben, die, weil ſie einen in allen Beziehungen mir ſo unbekannten Dienſt⸗ zweig betrafen, höchſt anziehend für mich waren, obgleich der Stoff ſelbſt unbedeutend und unwichtig war. Ein Umſtand fiel mir bei Allem, was er ſagte, ganz beſonders auf und gab dem Dienſte, welchem er ange⸗ hörte, einen völlig eigenthümlichen Charakter, der gänzlich verſchieden war von dem, was ich unter den Soldaten der 97 Armee bemerkt hatte. Dieſe zählten die Heere von ganz Europa zu ihren Feinden— die Oeſterreicher, die Ruſſen, die Italiener und die Preußen waren die Gegner, welche ſie auf manchem ruhmvollen Schlachtfelde bekämpft und beſiegt hatten. Der Stolz auf ſolche Siege war ein groß⸗ artiges, aber natürliches Gefühl, das keinen Haß gegen den Feind, noch irgend einen Wunſch, ſeinen Muth oder ſeine Gewandtheit herabzuſetzen, einſchloß. Der Seemann des Kaiſerreichs hatte nur einen Widerſacher und den verabſcheute er von ganzem Herzen— England war das Wort, welches ſeine Leidenſchaft im Innerſten aufregte und ſein Blut in die heftigſte Wallung brachte. Des Sol⸗ daten fröhlicher Uebermuth— der ſeinen Sieg als eine leichte ſichere Sache betrachtet— gleicht nicht dem be⸗ wußten, leidenſchaftlichen Haſſe des Matroſen, der fühlte, daß man aus ſeinen Siegen nicht unbeſtreitbar auf ſeine Ueberlegenheit ſchließen konnte. Die Landſiege bildeten rüberdies einen ſo ſtarken Gegenſatz zu dem, was als See⸗ ſieg angenommen wurde, daß die Matroſen ihre Abnei⸗ gung gegen diejenigen nicht zu unterdrücken vermochten, welche ihnen ihren Antheil am Lob ihres Landes geraubt und die gefährliche Laufbahn, der ſie folgten, in den Augen Frankreichs zu einem untergeordneten Gegenſtande gemacht hatten. Ein entſchiedenerer Vertreter dieſes Gemiſches von Eiferſucht und Haß konnte nicht gefunden werden als Paul Dupont, der Unterofftzier, welcher dieſe kleine Abtheilung befehligte. Er war ein Bretagner und trug den vorherr⸗ ſchenden Charakter ſeiner Provinz in den unbedeutendſten Zügen ſeines Benehmens zur Schau. Keck, derb, herzhaft, freimüthig, furchtlos; aber leidenſchaftlich bis zum Wahn⸗ ſinn, wenn ihm etwas in die Quere kam, und unverſoͤhn⸗ lich in ſeiner Rache, wenn er beleidigt wurde, glaubte er nur an die Bretagne und bekümmerte ſich um das übrige Frankreich ſo wenig als um die Schweiz. Er hatte ſein Tom Burke. v. 7 98 ganzes Leben auf der See zugebracht, bis etwa vor zwei Jahren, als er vom Bootsmann zum Sergeanten der Garde⸗ marineſoldaten befördert wurde— ein Schritt, den er ſtets bereute, und wirklich war er jetzt darum eingekom⸗ men, auf ſeinen frühern Grad zurück verſetzt zu werden, ſelbſt auf Koſten ſeines Soldes und Ranges— einen ſo ungünſtigen Eindruck hatte ein kurzes Leben auf dem Lande hervorgebracht und ſo vollſtändig verachtete er jeden Dienſt, außer den auf dem blauen Waſſer. 4 „Komm, alter Seewolf“— dies war der Spitzname, den Paul unter ſeinen Kameraden hatte—„Du biſt ſchwer⸗ müthig dieſen Abend,“ ſagte ein alter Matroſe mit ſchnee⸗ weißen Haaren,„ich habe Dich ſeit Langem nicht ſo nie⸗ dergeſchlagen geſehen.“ „Es iſt kein Wunder, wenn ich ſo bin,“ entgegnete Paul mürriſch.„Dieſer Küſtendienſt iſt ſchlecht genug, ohne noch dadurch ärger zu werden, daß man ein ſolches Gewäſch wie wir es hier hatten, von Pelotons und Schwa⸗ dronenangriffen hier und Gegenmärſchen dort anhören muß. Der Teufel! das mag Leute unterhalten, welche noch nie eine volle Lage geſehen oder beim Entern mitgeholfen ha⸗ ben, aber was mich betrifft— Schaut, Kamerad!“ bei dieſen Worten wendete er ſich an mich und legte ſeine breite Hand auf meine Schulter—„bis ihr eure beritte⸗ nen Reihen dazu bringt, gegen eine Kartätſchen und Ku⸗ geln ſpeiende Batterie anzuſtürmen, müßt Ihr eure Ge⸗ ſchichten nicht vor alten Matroſen erzählen— ſelbſt wenn dache,kinde davon nur Marineſoldaten von der Garde ſind. „Seien Sie dem alten Paul nicht böſe, Kamerad,“ ſagte der Mann, welcher früher geſprochen hatte,„er will Sie nicht beleidigen.“ „Wer ſagt Dir das?“ entgegnete Paul ernſt;„wa⸗ rum kannſt Du Dich nicht aus dem Wege ſcheeren und mich,nuf meine Weiſe mit meinem Feinde anbinden laſ⸗ ſen? 99 „So müßt Ihr mich nicht nennen,“ ſagte ich;„wir dienen alle dem Kaiſer und haben keine andern Feinde als die ſeinigen. Kommt, Paul, laßt uns ein Glas Wein zu⸗ ſammen trinken.“ 4 „Einverſtanden— aber Ihr verſprecht mir keine Ge⸗ ſchichten mehr von Dragonern, Huſaren und dergleichen Vieh zu erzählen, dann trinke ich mit Euch. Pfui, es iſt nicht chriſtlich, zu Pferde zu fechten— das paßt nur für Türken und Araber; aber Männer, die auf ihren eigenen feſten Stützen ſtehen können, brauchen keine vierfüßigen Thiere, die ſie gegen den Feind tragen. Hier iſt meine Hand, Kamerad— ſind wir einig?“ „Recht gern,“ ſagte ich lachend;„wenn Ihr uns da⸗ gegen einige von Euren eigenen Abenteuern zum Beſten geben wollt, ſo verſpreche ich feierlich, Euch nicht mit den mei⸗ nigen zu beläſtigen.“ „Das heißt wie ein Mann geſprochen,“ bemerkte Paul, ſichtlich dadurch geſchmeichelt, daß es ihm gelungen, ſeine Ueberlegenheit geltend zu machen;„und nun bin ich bereit, wenn der Wirth uns noch mehr Wein geben will.“ „Ja, ja,“ riefen mehrere zuſammen,„füllt den Korb wieder an.“ „Dießmal, meine Herren, müſſen Sie mir erlauben, Sie zu bewirthen. Es ſind nicht alle Tage ſolche Gäſte unter meinem armen Dache verſammelt,“ ſagte der Wirth mit einer höflichen Verbeugung,„auch werde ich wahr⸗ ſcheinlich nicht bald wieder einen ſo vergnügten Abend zu⸗ bringen.“ „Wie es Ihnen gefällig iſt,“ erwiederte Paul nach⸗ läſſig;„wenn Sie zu gut ſind, ſich um Geld zu kümmern, ſo ſind hier drei Napoleons für die Armen des Doͤrfes; s' iſt vielleicht auch etwa ein alter Matroſe darunter.“ Ein Beifallsgemurmel über ihres Kameraden Beneh⸗ men verbreitete ſich im Kreiſe, als der Wirth fort war, um friſchen Wein zu holen. Im Augenblick war er wie⸗ der da mit einem zweiten Korb unter dem Arm, den er 100 ſorgfältig auf den Tiſch ſtellte und ſagte:„Pomard 8 r, Ihr Herrn— ich wollte, es wäre Chambertin, um Ihnen aufzuwarten.“ „Donner und Wetter! das nenne ich Wein,“ ſagte einer und ſchnalzte mit den Lippen, als er das herrliche Getränk gekoſtet hatte. „Ja,“ meinte Paul,„das läßt ſich eher trinken, als das rothe Waſſer, das ſie uns im Dienſt austheilen. Mor- pleu! wie würden wir fechten, wenn ſie ein Ohm ſolchen anzapften, ehe ſie zum Angriff trommeln.“ Die Flaſche ging jetzt frohlich von Hand zu Hand; Paul lehnte mit halb geſchloſſenen Augen und gekreuzten Armen in ſeinen Seſſel zurück und ſchien ſich an eine längſt vergangene Begebenheit zu erinnern. „Wahrhaftig, Kameraden,“ ſagte er nach einer lan⸗ gen Pauſe,„der Wirth war nicht ſo weit vom Ziele, als Ihr denkt. Ich könnte jetzt, wenn auch nicht ein Admiral der Flotte, doch wenigſtens Kapitän oder Commodore ſein, wenn ich es gewünſcht hätte; aber ich wollte nicht.“ „Du wollteſt nicht, Paul,“ riefen drei oder vier zu⸗ ſammen,„wie meinſt Du das? Beliebte es Dir nicht 22 „So iſt's, es beliebte mir nicht,“ erwiederte er, mit Blicken umherſchauend, die keinen Scherz aufkommen lie⸗ ßen, wenn etwa die Geſellſchaft dazu geneigt geweſen wäre. „Es ſind vielleicht einige hier, die dieſes nicht glauben,“ fuhr er fort, als wünſche er von irgend einem, der kühn genug dazu wäre, Widerſpruch zu erzwingen; es ſchien aber niemand geneigt, ſeinen Wünſchen zu begegnen, und ſo hob er dann wieder an—„das ging ſo zu: „Wir ſegelten von Breſt aus im Meſſidor des Jah⸗ res 13 der Republik mit ſieben Segeln und zwei Fregat⸗ ten— und hatten Ordre, zuſammen zu halten und allen Fahrzeugen unſerer Flagge beizuſtehen, auch den Feind an⸗ zugreifen, wo ſich immer die Gelegenheit dazu mit Hoff⸗ nung auf Erfolge darböte. Es war ein ſchwerfälliger Seg⸗ ler bei der Flotte, die„alte Fackel“ und glücklicherweiſe 101 4 war ich darauf; und ehe wir acht Tage draußen waren, heulte ein Orkan von Nordoſt her, die See ging hohl und drohte uns bei jedem Stoße zu verſchlingen. Wie ihn die andern aushielten, kann ich nicht ſagen. Wir wurden ſo furchtbar hin und her getrieben, daß wir unſern Hauptmaſt und unſer halbes Bollwerk verloren, und als der Tag an⸗ brach, konnten wir von den übrigen Fahrzeugen nichts ſehen, wir lagen zappelnd zwiſchen den Wellen, und hatten nichts als einen Sturmklüver, um das Schiff gerade zu halten, alle Hände arbeiteten an den Pumpen; die Alte war aus den Fugen gegangen und leckte wie ein Korb. Wir kapp⸗ ten das Wrack vom Maſte, warfen zwölf von unſern Ka⸗ nonen, kurze Achtzehnpfünder, über Bord, und das erleich⸗ terte ſie ein wenig, und wir hofften den Sturm auszuhal⸗ ten, als der Ruf ertönte: ein fremdes Segel windwärts. Wir ſahen hin und erblickten ein großes Schiff, gleich einem Dreidecker, welches mit eingerefften Togſegeln auf uns zu kam und gleich einem Schwertfiſch das Waſſer durchſchnitt. Wir hofften zuerſt, es ſei eins der unſerigen, die Hoffnung dauerte aber nicht lange, denn als es ſich uns näherte, ſahen wir von ſeinem Piek die verdammte Flagge wehen, welche uns nie Glück bringt. Es war ein engliſches Achtzigkanonenſchiff; ſie nannten es die„Blanche.“ Ventre bleul ich wußte nicht, woher ſie ein ſo hübſches Modell hatten, hoͤrte aber nachher, daß es ein franzöſi⸗ ſches in Toulon erbautes Schiff ſei; denn wißt, Kamera⸗ den, die hatten niemals ſolche Fahrzeuge wie wir. Her⸗ unter kamen ſie, als ob ſie gerade über uns hinfahren wollten, machten nicht einmal ein Signal und kümmerten ſich nicht um uns, bis ſie ganz nahe waren, da rief ein Burſche vom Hüttendeck herab auf franzöſiſch— es war freilich ſchlecht genug— wir ſollten uns dicht an ſie hal⸗ ten, bis die See ſich ein wenig lege, und dann ein Boot herüber ſchicken. Sacristi! es handelte ſich um weiter nichts, und ſie machten uns ſogleich zur Priſe. Aber un⸗ ſer Kapitän war keiner von dieſem Schlage, er gab Ant⸗ 10²2 wort, indem er die Mannſchaft auf ihre Poſten komman⸗ dirte, und gerade, als die Blanche vorüber fuhr, flogen unſere Stückpforten auf, und acht Caronaden ſchleuderten ein Kartätſchenfeuer auf ihr Verdeck, das ſie nach der Muſik tanzen machte. Teufel! der Spaß war kurz: herum drehte ſie ſich wie eine Pinaſſe, Steuer nieder, und fuhr wieder an uns vorbei, plötzlich, als wenn ſich ihre Seiten öffneten, ſpieen vierzig Geſchütze Flammen und gaben uns eine volle Ladung, daß das Fahrzeug erzitterte und unſer Verdeck zu einer Maſſe Todter und Verwundeter wurde. Jetzt war keine Hülfe mehr möglich. Das klare Waſſer kam in Strömen durch manche Kugelöffnung herein und die Lukenwege herauf, das Schiff ſank ſchnell, wir zogen die Flagge ein und machten das Nothſignal. Die Ant⸗ wort war:„Haltet das Schiff flott, wenn Ihr könnt.“ Aber aufrichtig geſtanden, unſere Burſchen kümmerten ſich wenig darum, den Engländern eine Priſe zu retten, und wollten nicht Hand an die Pumpen legen, ſondern ſtanden mit gekreuzten Armen da und warteten auf ihren Unter⸗ gang. Da ſahen wir von der Blanche zwei Boote herab⸗ laſſen und in die See ſtechen, die nun berghoch ging. Feu d'enfer! dieſe Engländer wiſſen gar nicht, wo Gefahr iſt oder nicht, das iſt auch die Urſache, warum ſie ſo muthig ſcheinen! Wir glaubten mehrere Minuten, ſie ſeien zu Grunde gegangen, denn man bemerkte ſie gar nicht mehr; dann ſah man ſie auf dem Gipfel einer Woge ſchaukeln, ſo gut es ging, nun verſchwanden ſie wieder, die unge⸗ heure dunkle Fluth ſchien ſie verſchlungen zu haben, und ſo ſtarrten wir nach ihnen, als ob unſere eigene Gefahr nicht eben ſo groß geweſen wäre, als wir plötzlich einen fürchterlichen Schrei hörten und eine Stimme rief:„Sie ſinkt mit dem Vordertheil!“ So war es, ein Gekrache wie von fallendem Gebälke hörte man durch Sturm und andern geworfen, dann tauchte ſie mit dem Bugſpriet unter und die ſchäumende Brandung überwogte ſie. Ein wildes Seegeheul, heftig wurde die„Fackel“ von einer Seite zur 103 Geheul ertönte, Andere ſagten, es ſei Jubelruf geweſen, mir kam es vor, wie das Geſchrei von Ertrinkenden, und ich beſinne mich an nichts weiter— das heißt, ich habe eine gräßliche traumähnliche Erinnerung von Ringen in den Wogen, und daß ich eine Hand abſchüttelte, die mich⸗ an der Schulter faßte, und darauf fühlte, wie das Waſſer über mir zuſammenſchlug, als ich immer erſchöpfter und müder wurde. Das Ende davon war, daß ich einige Stunden darauf wieder zur Beſinnung kam und mich in einer Hängematte an Bord der Blanche befand, mit acht⸗ undzwanzig von meinen Kameraden. Alle übrigen, mehr als zweihundertundfünfzig, waren zu Grunde gegangen, unter dieſen der Kapitän und die Offtziere. „Die Blanche war nach St. Domingo beſtimmt und unſere Geſellſchaft war ihr keineswegs erwünſcht; ehe eine Woche verging, wurden wir auf eine kleine Kriegsſchaluppe gebracht, welche acht Geſchütze führte und das„Rehkalb“ genannt wurde. Sie war nach England mit Depeſchen von Nelſon beordert, einem ihrer engliſchen Admirale, von welchem ſie die ganze Zeit ſprechen. Dieſes kleine Schiff konnte ſegeln wie der Wind, es war aber überfüllt mit Kranken und Invaliden von irgend einer auswärtigen Sta⸗ tion und hatte nicht ſo viel Platz als ein Hundehaus am Bord, der nicht beſetzt war. Wir waren nur Gefangene; ihr koͤnnt euch wohl denken, daß ſie ſich nicht beſonders um unſere Bequemlichkeit bekümmerten; ſo wurden wir auf die Leeſeite unter die Bollwerke aufgeſchichtet, denn ſie wollten ihren Segelzug dadurch nicht verderben, daß ſie uns erlaubt hätten, an der Windſeite zu ſitzen; da waren wir nun bis auf die Haut durchnäßt und vor Kälte zitternd vom Morgen bis zum Abend. „Vier Tage verſtrichen auf dieſe Weiſe, als am fünf⸗ ten, etwa um acht Uhr Morgens, der Maſtwächter mehrere fremde Segel ankündigte, und wir die Offiziere ſogleich ihre Fernröhren anſetzen ſahen, um ſie zu beobachten. Wir bemerkten, daß der Anblick ihnen nicht ſonderlich geſtel, 104 aber mehr erfuhren wir nicht, denn es ward uns nicht er⸗ laubt, aufzuſtehen und über die Bollwerke zu ſehen. Der wachhabende Lieutenant begab ſich zum Kommandanten, und als er auf das Verdeck kam, gab er Ordre, mehr Segel beizuſetzen und das Schiff mehr nach dem Winde zu richten; ſo bald dieß geſchehen war, verkündete das ungeſtüme Brauſen am Bruſtholz, mit welcher Schnellig⸗ keit es durch die See ging. Es war ein ſchöner Tag, friſcher Wind und Wogengekräuſel, und hübſch anzuſehen, wie die Schaluppe dem Winde nachgab und ſich wieder aufrichtete mit Segeln, weiß wie Schnee und ſtramm wie ein Brett; wir merkten bald aus dem Benehmen der Oſſi⸗ ziere und den ängſtlichen Blicken, die ſie von Zeit zu Zeit leewärts richteten, daß ein anderes Schiff auf das Reh⸗ kalb Jagd machte. Niemand auf dem Verdecke rührte ſich, außer der wachhabende Lieutenant, welcher auf dem Hin⸗ terverdeck herumging, mit dem Fernrohr in der Hand, das er bald an die Augen brachte, bald in die Höhe richtete, um zu ſehen, wie die Segel zogen. „Es holt uns ein, Sir, rief der Hochbootsmann, als er auf den Maſt ſtieg, dem Lieutenant zu.„Sollen wir ein wenig mehr in den Wind?“ „Nein, nein,“ ſagte er ungeduldig.„Wir können ihm nicht mehr ausweichen. Räumet das Verdeck und macht euch zum Kampfe bereit.“ „Wie ſchlug mein Herz, als ich dieſe Worte höͤrte, ich wartete, bis mir der Lieutenant den Rücken zuwendete, dann ſah ich heimlich über das Bollwerk und erblickte die hohen Maſten und ſchlanken Sparren einer Fregatte ganz mit Segeln bedeckt, etwa zwei Meilen hinter uns. Sie war ein ziemlich großes Fahrzeug, von etwa achtunddreißig Kanonen; was mir aber am beſten daran geſiel, war die breite Tricolore, die von ihrem Maſte wehte. Jede ihrer flatternden Bewegungen flüſterte meinem Herzen Freiheit zu. „Ihr kennt ſie,“ ſagte der Lieutenant und legte ſeine — 105 Hand auf meine Schulter, ehe ich nur bemerkte, daß er hinter mir ſtand.„Was iſt ſie?“ 3 „Geben Sie mir einen Augenblick Ihr Glas, Lieu⸗ tenant, vielleicht kann ich es Ihnen ſagen,“ ſprach ich; er gab mir ſein Teleskop und lehnte neben mir auf das Bollwerk.„Ha!“ rief ich, als ich ihren Rumpf ſah,„die ſollte ich wohl kennen. Ich fuhr zwei und ein halb Jahr darauf. Es iſt die„Creolin“ von achtunddreißig Kano⸗ nen, die ſchnellſte Fregatte in unſerer Flotte. Sie hat ſechs Caronaden auf dem Hinterdeck und ſticht nie mit weniger als dreihundertundzwanzig Mann in die See.“ „Und wenn ſie dreimal ſo viel hätte, würden wir ihr nicht weichen,“ ſagte eine Stimme hinter uns. Es war der Commandant ſelbſt, in voller Uniform und mit vier Piſtolen im Gürtel. „Man kann's nicht läugnen, die Engländer bereiteten ſich gleich braven Burſchen zum Gefechte vor und räum⸗ ten Alles, was den Kanonen hinderlich war, vom Verdeck, aber was half's. In weniger als einer Stunde kam die „Creolin“ windwärts und eröffnete aus ihren langen Ka⸗ nonen ein Feuer, welches die andern nicht beantworten konnten. Einige Kugeln trafen in den Rumpf, andere zer⸗ ſplitterten die Bollwerke, zerriſſen. die Takelung, und die Mannſchaft konnte weiter nichts thun, als den Schaden ausbeſſern, den die Beſchießung aus der Ferne anrichtete. „S' iſt auf jeden Fall eine feige Art, in der Eure Landsleute den Kampf beginnen,“ ſagte der Lieutenant, die über das Waſſer leewärts hüpfenden und ſpringenden Ku⸗ geln betrachtend.„Viermal ſo ſtark als wir holen ſie uns nicht ein, um uns anzugreifen.“) „Während er ſprach, ſchoß eine Kugel den Piek des Beſanſegels entzwei, krachend ſtürzte die Spiere herunter, und riß in ihrem Falle die Flagge mit, auf die ſie ſo ſtolz ſind. Wir Gefangene konnten uns kaum enthalten, darüber zu jubeln; doch die Geſichter umher ermuthigten uns nicht dazu und wir ſaßen ſchweigend da, ſie zu beobachten. 106 „Sogleich kletterten zwanzig ſtarke Burſche die Take⸗ lung hinan, und eben ſo viele waren beſchäftigt, das Un⸗ heil gut zu machen; als ploͤtzlich der Commandant dem Lieutenant etwas zuliſpelte; die Leute wurden herabgeru⸗ fen, das Schiff fiel vom Striche ab und ſchleppte ſeine hängenden Segel und das verwickelte Takelwerk nach. „Und die Gefangenen, Sir,“ ſagte der Lieutenant nach einer Phraſe, die ich nicht hörte. „Schickt ſie hinunter!“ war die kurze Antwort. „Wir können nicht, der Raum zwiſchen den Verdecken iſt zum Erſticken voll; doch da kommt ſie.“ Jetzt ſegelte d Fregatte ſtolz heran, ihr ganzes Verdeck wimmelte von euten. „Nieder— Leute, nieder—“ flüſterte der Lieutenant, ſank auf ein Knie hinter dem Bollwerk und bedeutete den andern, das Nämliche zu thun— während ſie auf dem Verdeck kauerten, bemerkte ich, daß jeder einen blanken Hieber in der Hand und Piſtolen im Gürtel trug. Die Fregatte war jetzt ſo nahe, daß ich die Befehle der Offi⸗ ziere auf dem Hinterdeck hören konnte, und die Worte: „bas le branles!“ das Zeichen zum Entern, gingen von Mund zu Munde. Im nächſten Augenblick ſchloß ſie ſich an und thürmte ihre hohen Wände über uns. „Jetzt, Leute,“ rief der Commandant des„Rehkalbs,“ „jetzt vorwärts für Alle, die leben wollen, iſt dort der Platz;“ er wies auf die Fregatte.„Die aber auf einem brittiſchen Verdeck ſterben wollen, bleiben bei mir.“ Ehe noch die Mannſchaft die Haken befeſtigen konnte, ſprangen die Enterer an Bord der„Creolin.“ Tonnere de dieu, welch ein Augenblick war das. Die Burſche jubelten wie Wahnſinnige, als ſie ſich in den gewiſſen Tod ſtürzten— der Lieutenant ſelbſt war einer der erſten am Bord, und fiel im nämlichen Augenblick todt auf ſein Verdeck zurück. Es war ein kurzer, aber blutiger Kampf, einige Minuten drängten die Engländer unſere Leute zurück und gewannen Raum auf dem Hinterdeck, aber ein mörderiſches Feuer 107 von den Maſten herunter warf ſie in Menge nieder, ſie kämpften jetzt nicht mehr um Sieg, ſondern um Rache. „Jetzt, Kapitän, jetzt,“ kreiſchte ein junger Menſch in Lieutenantsuniform, der ganz mit Blut bedeckt— ſein Ge⸗ ſicht von einem Hiebe zerfleiſcht über das Bollwerk der„Creo⸗ lin“ lehnte und ſeine Kappe ſchwenkte. „Ich bin bereit,“ erwiederte der engliſche Befehlsha⸗ ber und ſprang mit einer Piſtole in der Hand die Haupt⸗ treppe hinunter. Ein gräßlicher Schrei entfuhr in dieſem Augenblick den Gefangenen, mit dem Inſtinkt der Ver⸗ zweiflung erriethen ſie ſeinen Entſchluß, das Schiff in die Luft zu ſprengen. Wir waren gebunden, Handgelenk an Handgelenk, und die Taue waren hinter uns auf eine Weiſe durch die Blöͤcke gezogen, welche uns hinderten, uns weiter als einige Zoll zu bewegen— aber was vermag nicht die Furcht vor einem ſchauerlichen Tode? Durch eine vereinte Anſtrengung zerriſſen wir unſere Bande und waren frei. Ich ſelbſt war es zuerſt und ſprang nach der„Creo⸗ lin.“ O Gott! ſie hatten das ſchreckliche Loos errathen, das uns erwartete und bemühten ſich ſogleich, abzutreiben. Die Schiffe waren bereits zehn bis zwölf Fuß aus ein⸗ ander. Ich ſtürzte vorwärts, um den Bugſpriet zu errei⸗ chen, eine unbeſtimmte Lebenshoffnung gab mir Kraft dazu. Im Hinrennen gewahrte ich ein Buch, das der Kapitän mit ſeinem Hute hingeworfen hatte, als er hinunter ſtürzte. Ich nahm es auf, barg es in meinem Buſen— warum, wußte ich nicht. Leben, und Leben allein, war mein Ge⸗ danke in dieſem Augenblick. Mit Blitzesſchnelle eilte ich über das Verdeck hin und auf den Bugſpriet hinaus. Ge⸗ rade jetzt ſchoß die Fregatte an uns vorüber— in äußer⸗ ſter Todesangſt wagte ich einen Sprung und erwiſchte den Arm des Ankers— eine freundliche Hand warf mir ein Tau zu und zog mich auß's Verdeck— wie ich es erreichte, erdröhnte ein Donnerſchlag, lauter als zehn volle Lagen— die Fregatte fiel auf eine Seite, als wolle ſie ſinken— und über ihre Maſten und ihr Takelwerk flogen brennende 108 und glühende Sparren und Balken, durch einen ſchwarzen Rauch, der die Luft erfüllte. Alles herum fiel verwundet oder entſetzt auf das Verdeck, wo ſie zwiſchen dem herab⸗ fallenden Feuer vom Wrack und dem gräßlichen Gemetzel lagen. Ich wiſchte mir das Blut aus den Augen, das aus einer Splitterwunde ſtromte, und ſah mich um. Auf dem Verdeck waren eine Menge Todter und Verwundeter, deren durchdringendes Geſchrei und Aechzen grauenhaft an⸗ zuhören war. Indeſſen flog die Fregatte ſchnell durch das Waſſer— das„Rehkalb“ war verſchwunden!“ „Der Teufel! er ſprengte es in die Luft,“ ſagten drei oder vier zugleich. 1 Paul nickte und fuhr fort—„Ja, Kameraden, und das halbe Dutzend von ſeinen Leuten, welche noch lebend auf unſerem Verdeck ſtanden, begrüßten jubelnd die Explo⸗ ſion, als ſei es ein Sieg; ein Burſche, der bluttriefend auf den Planken lag, rief aus:„Schaut dort, ſchaut, ob unſere prächtige Flagge nicht hoch ob der Euren iſt, und das wird ſie immer ſein;“ und dießmal hatte er Recht, denn die Spiere, auf der ſie hing, war hoch in den Wol⸗ ken. In acht Tagen erreichten wir Breſt, wo alle Ver⸗ wundeten an das Land, ins Spital geſchickt wurden. Es war ein kläglicher Haufen— die meiſten von uns waren durch Splitterwunden untauglich gemacht, und viele muß⸗ ten amputirt werden. Ich war eher als die Uebrigen wie⸗ der hergeſtellt und wurde eines Morgens auf das Admi⸗ ralſchiff berufen, um Bericht über das„Rehkalb“ zu geben, von dem ſie nie genug hören konnten; als ich mein Ent⸗ kommen erzählte, lachten Alle, daß ich mich in einem ſol⸗ chen Momente aufgehalten, um ein Buch aufzuheben. Und einer der Lieutenants ſagte ſcherzend: „Es war vermuthlich des Engländers Gebetbuch, das euer Leben rettete, Paul, nicht wahr?“ „Nein, Lieutenant,“ entgegnete ich;„Sie würden he jetzt recht ſtolz darauf ſein, dieſes Gebetbuch zu be⸗ ſitzen. 3 3 109 „Wie ſo, braver Burſche?“ fragte der alte Villaret Jojeuſe, der Admiral ſelbſt, welcher ſtets gleich unſer einem ſprach.„Was iſt denn das für ein koſtbares Buch?“ „Ich will es Ihnen zeigen, weil ich weiß, daß Sie keinen Mißbrauch davon machen werden; ich würde es auf der ganzen Flotte niemanden außer Ihnen zeigen;“ damit zog ich es aus dem Buſen, wo ich es immer barg, und reichte es ihm. Ach, Ihr hättet ſehen ſollen, wie er erglühte und ſeine Augen flammten, als er es durch⸗ blätterte. 22anl Dupont,“ ſagte er;„wißt Ihr, was das iſt? „Ja, Admiral, ſo gut, als Sie.“ „Euer Glück iſt gemacht, mein wackerer Freund,“ ſagte er, mich auf die Schulter klopfend. Die ſchoͤnſte Fregatte in der engliſchen Flotte liſt keine ſo werthvolle Priſe.“ 8 „Mille tonneres! wie mich die Andern anſtaunten, aber ich bekümmerte mich nicht darum, ich war der näm⸗ liche Paul Dupont, den ſie eben noch ausgelacht hatten.“ „Inzwiſchen legte der Admiral das Buch auf den Tiſch und deckte ſeinen dreieckigen Hut darüber, nahm dann eine Feder und ſchrieb einige Zeilen auf ein Stück Papier.“ 4 „Iſt das genug, Paul?“ ſagte er, es mir überrei⸗ chend. Es lautete:„Das Marinebureau in Breſt. Zahlt an Paul Dupont die Summe von zehntauſend Franken, für Sr. kaiſerlichen Majeſtät geleiſtete Dienſte, bezeugt durch eine Note von mir, Villaret Jojeuſe, Admiral von Frankreich.“ 8 „Vor Zorn konnte ich die Worte kaum leſen, Kame⸗ raden.„Zehntauſend Franken!“ rief ich endlich, als ich wieder zu Athem kam— ohnlauſend Franken!“ „Was,“ ſagte der Admiral,„nicht zufrieden? Wohlan, 1¹0 Du ſollſt mehr haben; ich habe ſelten einen in Deiner Tracht geſehen, der ſo geldgierig war.“ „Halt, Admiral,“ ſagte ich, als ich ſah, daß er eine neue Anweiſung ſchreiben wollte;„wir irren uns Beide, Sie verkennen mich und ich Sie. Ein alter Ad⸗ miral der Flotte ſollte ſeine Matroſen beſſer kennen, um zu denken, daß Geld ihre hoͤchſte Belohnung ſei; mit Paul Dupont war das wenigſtens nie der Fall. Geben Sie mir mein Buch zurück.“ „Bah, bah, Paul— ich glaube euch jetzt zu ver⸗ ſtehn,“ erwiederte er;„euer Patent ſoll noch heute aus⸗ gefertigt werden.“ „Nein, Admiral, es iſt zu ſpät,“ entgegnete ich, „wenn Sie mir das zuerſt und von ſich aus geboten hät⸗ ten, wäre Alles in Ordnung, jetzt ſieht's aber einem Handel ähnlich und auf dieſe Weiſe will ich keine Beför⸗ derung.“ „Mort de diable!“ ſagte er zornig ſtampfend; „aber ſo ſind ſie alle. Dieſe Bretagner ſind ſo ſtarr⸗ köpfig, wie ihr Vieh.“ „Sie ſprechen wahr, Admiral,“ wenn ſie aber ſtarr⸗ ſinnig im Unrecht ſind, ſo ſind ſie entſchloſſen im Rechte. Sie ſind ein bretagniſcher Edelmann, geben Sie mir mein Buch zurück.“ „Da nimm's,“ ſagte er, es mir zuſchleudernd,„und laß Dich nie mehr vor mir blicken,“ mit dieſen Worten verließ er die Kajüte und warf in wüthendem Zorne die Thüre zu. Ich, Kameraden, ging auf mein Schiff zu⸗ rück, diente noch manches lange Jahr nachher, trug ſtets das Buch auf meiner Bruſt und dachte bei mir ſelbſt: „Gut, Paul, wenn Du auch nur ein Bootsmann biſt, Du haſt Etwas in Deiner Gewalt, womit Du Dich je⸗ den Tag zum Commodore machen kannſt.“ „Was kann denn dies für ein Buch ſein?“ fragten Alle miteinander. 3 „Ihr ſollt es ſehen,“ ſprach Paul feierlich—„ob⸗ 111 gleich ich es ſeitdem nie gezeigt noch die Geſchichte er⸗ zählt habe, hier iſt es.“ Er zog einen kleinen Quart⸗ band in Pergament und mit einer Klammer verſchloſſen aus dem Buſen, mit der Ueberſchrift:„Signale der Ka⸗ nalflotte.“ Das war des ehrlichen Pauls Lebensgeheimniß und beim Umwenden der Blätter erklärte er mit beredtem Entzücken die verſchiedenen brittiſchen Sinnbilder, welche hier in den glänzendſten Farben dargeſtellt waren. „Dieſer doppelte gelbe Strich auf ſchwarzem Grunde bedeutet, alle Segel beizuſetzen, Kameraden. Sobald ſie uns in die See gehen ſehen, könnt ihr jedesmal dieſes Signal bemerken.“ „Und was iſt dieſe große blaue Flagge mit all den bunten Querſtrichen?“ fragte Einer. „Ah!“ rief ein Anderer,„dieſes Zeichen lieben ſie ſehr, was mag es bedeuten?“ „Es iſt das Signal zum Kampfe,“ brummte Paul verdrießlich, der nicht einmal dieſes beziehungsweiſe Lob der verhaßten Nebenbuhler leiden konnte. „Sacre bleu!“ ſagte ein Dritter,„ſie haben keine andere, um den Sieg anzukündigen. Schaut her, die nämliche Flagge gilt für Beides.“ Bei dieſen Worten ſchloß Paul ſein Buch zu, mur⸗ melte einen Fluch, der entweder ſeinen Kameraden oder den Engländern oder beiden zuſammen gelten konnte und die ganze Geſellſchaft verſtummte plötzlich. Jetzt zeigte ſich des Wirthes feiner Takt; denn ſtatt aller Beileidsbezeugungen, welche dem erfolgloſen Ergeb⸗ niß von Pauls Laufbahn hätten angemeſſen erſcheinen können, ſtellte er ſich, als glaube er, der tapfere See⸗ mann ſei mehr zu beneiden um den Beſitz dieſes Buches, als wenn er als Admiral von Frankreich auf dem Ver⸗ decke einherſchritte. Dieſe Schmeichelei, der eine friſche Auflage Bur⸗ gunder nachhalf, hatte den beſten Erfolg; vom Geſchichten⸗ erzählen kam die Geſellſchaft an's Singen; die Lieder waren eine nur noch prahleriſchere Auseinanderſetzung ih⸗ rer Heldenthaten zu Waſſer, als ihre erzählende Proſa, und auch hier behauptete Paul ſeine Ueberlegenheit. Doch der Schlaf, welcher ſtärker iſt, als Eigenlob und Hochmuth, überwältigte einen nach dem andern, ſie testen ſih auf die Tiſche und Bänke nieder und entſchlie⸗ en feſt. Achtes Kapitel. Eine Erkennung beim Mondſchein. Ich ſaß in dem kleinen mir angewieſenen Zimmer auf meinem Bette; der Mond goß ſein helles Licht über den Fußboden und beleuchtete die weite Landſchaft draußen; ich war unſchlüſſig, ob ich den Morgen erwarten oder meinen Weg nach der Küſte ſogleich fortſetzen ſollte. Der Abbé war wirklich noch nicht angekommen, und ohne ihn wußte ich weder von dem Schiffe, noch wo es lag, et⸗ was, und noch weniger, durch welche Mittel ich die Mannſchaft bewegen ſollte, mich als Reiſenden mitzuneh⸗ men, aber mein Herz ſehnte ſich nach der Küſte; war ich einmal dort, ſo rollte nur noch das Meer allein zwiſchen mir und melner Heimath, und ich zweifelte nicht, daß ſich irgend ein Mittel zu meiner Flucht darbieten werde. Der lange beſchwichtigte Wunſch, nach Irland zurück⸗ zukehren, war nun zur Leidenſchaft geworden. Ich dachte, dort müſſe ſich mir eine neue Laufbahn öffnen, und in ihrer abwechſelnden Thätigkeit würde ich Erſatz ſinden für die ermüdende Langweiligkeit meines jüngſten Lebensab⸗ ſchnittes. Was das für ein neuer Pfad ſein und wohin er führen ſollte, konnte ich nicht ſagen; jetzt noch, wenn ich zurückblicke, bin ich nicht im Stande, zu errathen, ——— 113 durch welche Verblendung ich mir dieſen Glauben einredete. Es war eben mein letzter Hoffnungsſtrahl, und um ſeiner⸗ Ungewißheit willen mir nur deſto lieber. Als ich ſo mit mir ſelbſt rathſchlagte, was zu thun ſei, wurde die Thüre vorſichtig geöffnet und der Wirth trat herein.— —„Er iſt gekommen,“ flüſterte er;„dem Himmel ſei Dank, noch nicht zu ſpät.“ „Der Abbé?“ fragte ich. „Nein, nicht der Abbé, der Graf von Chambord. Der Abbé will es nicht wagen; doch das hat nichts zu ſagen, wenn Sie es wollen. Die Briefe ſind alle bereit— die Schaluppe iſt an der Küſte— der Wind iſt günſtig— 4 „Und kein Augenblick zu verlieren,“ fügte eine leiſe Stimme bei, und die Geſtalt eines hohen in einen Reiſe⸗ mantel gehüllten Mannes ſtand unter der Thüre.„Ver⸗ laßt uns jetzt, Pater— dieß iſt alſo der Herr, wie ich vermuthe?0 „Ja, Herr Graf,“ ſagte der Wirth.„Wenn Sie ein Licht bedürfen, will ich eines bringen.“ „Danke Ihnen, wir brauchen keines, der Mond ſcheint hell genug.“ Als ſich die Thüre wieder ſchloß, ſetzte ſich der Fremde neben mich auf das Bett und begann mit leiſer Stimme: „Ich weiß nur, mein Herr, daß Sie das vollſte Ver⸗ trauen eines meiner bewährteſten und beſten Freunde beſi⸗ zen, der mir ſagt, Sie ſeien Alles zu wagen bereit, wenn Ihnen dagegen möglich gemacht werde, Ihr Vaterland zu erreichen. Dieſe Möglichkeit— nein, Gewißheit, will ich ſagen, liegt in meiner Macht; wenn Sie geneigt ſind, mir für meinen Beiſtand einen Dienſt zu leiſten?“ „Ich diente dem Kaiſer, mein Herr, fordern Sie nichts Unwürdiges von einem, der ſeine Cpaulette trug. Alles Andere, wenn es ehrenhaft und billig iſt, will ich thun.“ Tom Burke, v. 8 „Ich habe weder Zeit noch Sinn fuͤr Kaſuiſtik,“ er⸗ wiederte er unwillig.„Auch verlange ich von Ihnen keine wunderbare Hingebung. Der Dienſt iſt ſehr leicht— ko⸗ ſtet für jetzt nichts— und kompromittirt nicht für die Zukunft.“— „Der geringe Werth, den Sie darauf ſetzen, vermin⸗ dert meine Einwendung wenig,“ ſagte ich. „Sacre ciel!“ rief er lauter, ſprang vom Bett auf und ſchlug die Hände zuſammen.„Soll es denn immer ſo ſein? Muß uns denn jeder Schritt, den wir thun, durch unvorhergeſehene Gewiſſensſkrupel gehemmt werden? Soll jeder unſerer Handlungen der Stempel der Furcht und Unſicherheit aufgedrückt ſein? Dieſer Abbé, unſer Ge⸗ ſchöpf, dieſer Mann, deſſen Glück wir machten, konnte un⸗ ſerer Sache nur einen Dienſt leiſten, und verläßt uns in der Noth; und nun, Sie— „Ei behüte, wie können Sie ſo von jemanden ſpre⸗ chen, der nie gewöhnt war, ſeinen Namen geringſchätzend nennen zu hören, noch ſeine Ehre bezweifelt zu ſehen, was Ihre Sache auch ſei, ich habe keine Sympathie für ſie— nun edenken Sie, ſo wie auch, daß wir uns fremd iind. „Nein, beim St. Denis, das ſind wir nicht,“ ſagte er, ergriff mich am Arm, wendete ſeinen Kopf um und ſah mir feſt ins Geſicht.„In dieſem Augenblick noch ver⸗ wünſchte ich mein Geſchick, und jetzt finde ich, daß es ohne Grund geſchah. Kennen Sie mich jetzt?“ Bei die⸗ ſen Worten warf er ſeine Reiſemütze ab und ließ ſeinen Mantel von den Schultern fallen. „De Beauvais?“ rief ich, wie vom Schlage gerührt, bei ſeinem Anblick. „Ja, Herr, derſelbe de Beauvais, deſſen Glück Sie zerſtört— deſſen Ehre Sie befleckt haben— unterbrechen Sie mich nicht. Die Mühle von Hollitſch war Zeuge des letztern— wenn auch das erſte ein Irrthum wäre— und nun treffen wir uns wieder.“ 115 „Doch nicht als Feinde— von meiner Seite wen ig⸗ ſtens nicht. Sie mögen darauf beſtehen, wenn Sie wollen, mir das Unrecht, welches ich nie beging, zuzuſchreiben. Ich kann die Beſchuldigung, ſo unrecht ſie auch ſein mag, eher ertragen, als mich in einen Streit mit einem Mann einlaſſen, dem ich nicht zürne. Ich hoffte in wenigen Stun⸗ den auf meinem Wege aus Frankreich zu ſein, für immer — aber weder hier, noch anderswo, will ich Ihre Feind⸗ ſchaft erwiedern.“ De Beauvais antwortete nicht, mit gekreuzten Armen und geſenktem Kopfe ſchien er in tiefen Gedanken verſun⸗ ken. Endlich ſagte er mit leiſer wehmüthiger Stimme: „Alſo haben Sie den Dienſt des Uſurpators nicht ſo viel⸗ verſprechend gefunden, wie Sie hofften— Sie ſind lange genug ſeinen Fahnen gefolgt, um einzuſehen, wie ungenu⸗ gend ſogar der Ehrgeiz ſein kann, und wie erbärmlich ſelbſt⸗ ſüchtig der höchſte Aufſchwung eines Abenteurers iſt. „Der Kaiſer war mir ein guter Herr,“ ſagte ich ſtrenge.„Es würde mir übel anſtehen, mein Mißgeſchick etwas Anderem als eigener Verſchuldung zuzuſchreiben.“ „Dennoch habe ich geſehen, daß eben ſo geringe Ver⸗ dienſte hoch belohnt wurden,“ erwiederte er,„und noch dazu ihren Antheil an Lob von Lippen erhalten, von denen ein Lob wirkliche Ehre iſt. Es gab einen Dienſt, Burke—“ „Halt, nichts mehr davon,“ ſagte ich.„Sie ſind un⸗ gerecht gegen Ihre eigene Sache und gegen mich, wenn Sie muthmaßen, daß die Stunde vereitelter Hoffnungen diejenige ſei, in welcher ich deren Gerechtigkeit einſehe. Sie ſind einem treu und ergeben, deſſen Ausſichten auf Glück dunkel ſind. Ich ehre dieſe Treue, während ich ih⸗ ren Geboten nicht folgen will. Ich verlaſſe den Pfad, wo Ruhm und Reichthum im Ueberfluß iſt— und bitte Sie, mir zu glauben, daß ich es mit Ehren thue. Damit wollen wir ſcheiden.“ „Wohin denken Sie von hier aus zu gehen?“ „Ich weiß nicht— die Ausſicht zu entkommen hat . 116 mich hierher geführt— ich muß nun auf einen andern Weg denken.“ „Burke, ich bin wenigſtens für einen Freundesdienſt Ihr Schuldner,“ ſagte Beauvais nach einer kurzen Pauſe; „Sie retteten mein Leben mit Gefahr des Ihrigen. Die Nacht im Schloß d'Ancre werde ich nie vergeſſen— und hätte ſie auch nie vergeſſen, wenn ich nicht meine eigenen vereitelten Hoffnungen, Sie für unſere Sache zu gewinnen, an Ihnen hätte rächen wollen. Es kann ſein, daß ich Ih⸗ nen in Allem, alſo auch in dieſer Sache Unrecht thue.“ „Glauben Sie mir, Beauvais, das thun Sie.“ 3 „Sei dem wie ihm wolle, ich bin Ihr Schuldner. Ich kam dieſen Abend hieher, um jemand zu treffen, der ſich verpflichtet hatte, einen Dienſt zu leiſten— er hat ſein Verſprechen nicht gehalten— wollen Sie ſeinen Platz einnehmen? Dieſelben Mittel zur Flucht ſollen Ihnen wer⸗ den. Alle Vorſichtsmaßregeln für ſeine ſichere und ge⸗ wiſſe Ueberfahrt ſollen Ihnen zu Gute kommen. Ich for⸗ dere keine andere Bürgſchaft für die gewiſſenhafte Ver⸗ richtung deſſen, was ich von Ihnen verlange, als Ihre Zuſtimmung.“ „Was verlangen Sie von mir 2 „Daß Sie dieſe Briefe eigenhändig an Ihre verſchie⸗ denen Adreſſen abgeben— und daß— wenn Sie, was leicht möglich iſt, über den Zuſtand Frankreichs befragt werden, Sie dieſe Fragen nicht als Anhänger des Uſur⸗ pators beantworten. „Ich verſtehe Sie— genug— ich ſchlage Ihr An⸗ erbieten aus. Ihr Eifer für die Sache, der Sie dienen, muß wirklich groß ſein, wenn er Sie für alle Rückſichten gegen einen Mann in meiner Lage blind machen kann.“ „Er hat mich noch mehr vergeſſen machen— mein Herr— viel mehr als das, was ich Ihnen beweiſen könnte, wenn ich Ihnen erzählte, was für ein Leben ich die letzten zwei Jahre gefuͤhrt; aber für eine ſolche Ver⸗ geſſenheit gibt's eine reichliche— rühmliche Belohnung— 117 den Gedanken an unſern König.“ Hier hielt er inne, ſeine zitternde Stimme und aufgeregten Bewegungen ließen deutlich die Leidenſchaft erkennen, von der er ergriffen war. „Kommen Sie, es ſoll von keinem Vertrage mehr zwiſchen uns die Rede ſein. Ich mache keine Bedingun⸗ gen— ſuche keinen Vortheil— Sie ſollen entkommen. Nehmen Sie mein Pferd— mein Diener, der auch be⸗ ritten iſt, wird Sie nach Beudron begleiten, wo Sie friſche Pferde bereit ſinden werden. Dieſer Paß wird jede Unterbrechung oder Verzogerung verhüten; er iſt von Fouché ſelbſt unterzeichnet. In Liſienr, welches Sie bei Sonnen⸗ untergang erreichen werden, laſſen Sie die Thiere, und der Junge in der Schenke wird Ihr Führer bis zu den Abhängen von Beville ſein. Um eilf Uhr tritt die Ebbe ein, eine Rakete von der Schaluppe wird Ihnen das Zei⸗ chen zum Einſchiffen geben.“ „und für dies Alles kann ich nichts thun,“ ſagte ich betrübt. „Doch. Es kann ſein, daß Sie in Ihrer Heimat hören, wie man die Anhänger unſeres Königs auslacht und verſpottet, wie man ſie Narren und Fanatiker oder noch etwas Aergeres nennt. Dann moͤchte ich Sie nur bitten, zu bezeugen, daß ſie wenigſtens für die Sache glühen, die ſie aufrecht zu halten geſchworen, und feſt die Treue bewahren, zu der ſie ſich ſelbſt verpflichtet ha⸗ ben. Dies iſt der einzige Dienſt, den Sie uns leiſten können, es iſt kein geringer— und nun leben Sie wohl.“ „Leben Sie wohl, Beauvais, ehe wir aber auf im⸗ mer ſcheiden, laſſen Sie mich aus Ihrem Munde verneh⸗ men, daß Sie keine Feindſchaft gegen mich nähren, daß wir Freunde ſind, wie wir es früher waren.“ „Hier iſt meine Hand— ich frage nichts darnach, ob Sie mich einſt beleidigten— jetzt koͤnnen wir Freunde ſein, denn es iſt nicht wahrſcheinlich, daß wiy uns als Feinde wieder begegnen. Adieu!“ 118 Als Beauvais das Zimmer verließ, um die Pferde in Bereitſchaft ſetzen zu laſſen, trat der Wirth herein und ſchien ſich eifrig mit der Beſorgung meines Reiſeſackes zu beſchäftigen. „Ich hoffe, Sie werden vor Tagesanbruch viele Mei⸗ len von hier ſein,“ ſagte er mit einer Aengſtlichkeit, die ich nicht begriff, welche ich aber dem Wunſche für die Sicherheit eines mit einem ſo wichtigen Geſchäft Beauf⸗ tragten zuſchriebz„da kommen die Pferde.“ Im nächſten Augenblick ſaß ich im Sattel— ein kurzes Abſchiedswort war Alles, was Beauvais ſagte, dann kehrte er um und ich eilte vorwäͤrts nach Beudron. Nenntes Kapitel. Die„Falaiſe von Beville.“« Alles geſchah, wie mir de Beauvais vorhergeſagt hatte. Die Behörden der kleinen Dörfchen, durch die wir kamen, warfen einen Blick in meinen Paß und gaben mir ihn ſogleich wieder zurück und wir reisten gleich kai⸗ ſerlichen Kurieren ohne Halt noch Hinderniß. Früh am Abend erreichten wir Liſienr, wo ich den Diener mit den Pferden verabſchiedete und meinen Weg zu Fuß nach einem kleinen Fiſcherdorfe, la Hupe genannt, fortſetzte. Hier ſollte ich in einer gewiſſen Schenke mei⸗ nen Führer nach Beville finden.— Die Adreſſe des Matroſen, welche auf eine Karte geſchrieben und von Beauvais noch mit einer beſondern Chiffre bezeichnet war, wurde von dem alten Normannen ſogleich erkannt, der mich mit roher, aber herzlicher Gaſt⸗ freundſchaft begrüßte, 3 119 „Du ſiehſt eher aus, als ob Du das wagen würdeſt, als die letzten drei, welche hier herunter kamen,“ ſagte er, als er mich gemächlich vom Scheitel bis zur Zehe betrachtete.„Die Prieſter, welche ſie uns herſandten, getrauten ſich nicht einmal die Küſte anzuſchauen und noch viel weniger die Klippen hinabzuſteigen; Du ſiehſt aber ganz anders aus. Jetzt mußt Du vor allen Dingen et⸗ was zu eſſen haben und ich verſichere Dich, ein Schluck Branntwein wird keine unnütze Vorbereitung ſein zu dem, was Du vorhaſt.“ „Iſt denn das Herunterſteigen ſo gefährlich?“ „Wenn einer einen feſten Kopf und eine ſichere Hand hat, dann nicht; aber das muß er haben und ein muthi⸗ ges Herz, das beide leitet, ſonſt iſt die Reiſe nicht beſon⸗ ders angenehm. Biſt Du kaltblütig genug, Dich im Au⸗ genblicke der Gefahr deſſen zu erinnern, was Dir zu Dei⸗ ner Weiſung geſagt wurde?“ „Jaz ſo viel hoffe ich verſprechen zu können.“ „Dann biſt Du geſichert; jetzt iß, das Uebrige über⸗ laß mir.“ Wiewohl des Matroſen Worte meine Neugierde auf das höchſte geſteigert hatten, unterdrückte ich jede Aeuße⸗ rung dieſes Gefühls und verzehrte mein Nachteſſen mit wohlerkünſtelter, ruhiger Gleichgültigkeit, während er mich über das, was die Partei der Bourbonen von ihren ge⸗ heimen Umtrieben hoffte, mit einer forſchenden Neugierde ausfragte, die oft allen Scharfſinn, den ich auf die Ant⸗ worten verwendete, beinahe vereitelte. „Ah, beim St. Denis!“ ſagte er mit einem tiefen Seufzer; vich ſehe wohl, Du haſt wenig Hoffnung; und fürwahr, es geht mir ebenſo; wenn es George Cadoudal und ſeinen braven Burſchen mißlang, wie können wir Erfolg erwarten? Ich entſinne mich gut der Nacht, als er hier ſpeiste.“. „Hier, ſagt Ihr?“— „Ja, auf dem nämlichen Seſſel, wo Du jetzt ſitzeſt; ————— 120 es war ein engliſcher Oſſizier bei ihm in blauer Uniform, der ſaß dort drüben neben dem Fiſchernetz— die Andern waren längs der Küſte verſteckt.“ „Sie landeten alſo hier 20 „Verſteht ſich, an der Falaiſe; es gibt meilenweit längs der Küſte keinen andern Landungsplatz.“ Der alte Seemann begann nun einen umſtändlichen Bericht von der Ankunft Georges und ſeiner Gefährten aus England und erzählte, wie ſie einer nach dem andern die Klippen er⸗ kletterten mit Hülfe eines Taues, das in dieſer Gegend unter dem Namen„Schmugglerſtrick“ wohl bekannt iſt. „Du ſollſt jetzt den Ort ſehen, dort drüben iſt das Signal.“ Er zeigte auf einen alten verfallenen Thurm, welcher eine halbe Meile entfernt auf der Spitze einer Klippe ſtand und aus einer Schießſcharte ſah ich ei⸗ nen Epheuzweig wie vom Winde bewegt hin und her⸗ ſchwanken. „Was mag dies bedeuten 2, „Der Kutter iſt im Angeſicht, da der Wind vom uUfer weht, wird es ihm bei der Nacht möglich ſein, nahe heranzukommen. Wenn er von Weſten kaͤme, dürfte er es nicht wagen, ſich noch mehr zu nähern, noch Du, zu ihm herab zu ſteigen— ſo, jetzt wollen wir vorwärts.“ Nach zwanzig Minuten erreichten wir den alten Sig⸗ nalthurm, aus deſſen Fenſtern ich das Meer volle dreihun⸗ dert Fuß unter mir wogen ſah. Die dunkeln, von Zeit und Unwetter geſpaltenen Felſen waren ſo abſchüſſig wie eine Mauer, und überhingen ſogar an einigen Orten die heftig rollenden Wellen. In den Felsſpalten ſah man Maſſen verworrenes Seegras und Muſcheln, die andeute⸗ ten, wie hoch der Sturm das wilde Waſſer trieb, während weiter unten zwiſchen Felstrümmern ſchwere Balken und Bretter geſcheiterter Schiffe bei jeder Bewegung der Fluth aufſtiegen. „Du kannſt den Kutter noch nicht ſehen,“ ſagte der Alte.„Die untergehende Sonne verbreitet einen Nebel 1241 über das Meer; doch in wenigen Minuten wird er zum Vorſchein kommen.“ „Ich ſehe mich vielmehr nach dem Pfade um, der von dieſer gähen Klippe hinabführt,“ entgegnete ich, und ſtrengte meine Augen an, um etwas meinem Wege zum Hinunterklimmen Aehnliches zu entdecken. „Dann mußt Du dahin ſchauen,“ er zeigte gerade unter das Thurmfenſter.„Siehſt Du die Kette dort?— und ein wenig weiter wirſt Du einen aus dem Felſen her⸗ vorſpringenden Balken gewahren.“ „Ja, den ſehe ich deutlich.“ „Gut, der Weg, nach dem Du frägſt, iſt unter die⸗ ſem Sparren. Es iſt ein gutes Seil von ſtarkem Hanf, das ſchon manchen wackeren Burſchen getragen hat.“ „Der Schmugglerſtrick?“ „Derſelbe— fürchteſt Du Dich jetzt, es zu wagen, da Du den Ort ſiehſt?“ „Nein, mein Freund, das werdet ihr nicht finden; ich habe die Gefahr auch ſchon in ſolcher Nähe erblickt, ohne zu zagen.“ „Gib recht Acht,“ ſagte er, ſeine Hand auf meinen Arm legend.„Wenn Du das Tau erreichſt, mußt Du Dich vorſichtig zu einer kleinen vorſpringenden Felsſpitze herunter laſſen; wir können ſie hier nicht ſehen, aber im Herabſteigen wirſt Du ſie ſchon unterſcheiden. Der Strick reicht von da aus nicht weiter, die Stelle iſt etwa ſechs⸗ zig Faden unter uns. Von da ſenkt ſich die Klippe etwa dreißig bis vierzig Fuß ſcharf hinunter— da mußt Du behutſam kriechen, denn das Moos iſt trocken und ſchlüpfe⸗ rig in dieſer Jahreszeit, bis Du Dich dem Rande näherſt. Merk nun wohl auf— nahe daran wirſt Du einen feſt in den Boden gewurzelten großen Stein finden, um den ein anderes Tau befeſtiget iſt, an welchem Du den Boden des Abgrunds erreichſt. Es hat im Ganzen nur eine ge⸗ fährliche Stelle.“ „Die jähe Felsbank meint Ihr?“ 122 „Ja; dieſer Biſſen wird Deine Nerven erproben— bedenke, daß wenn Du ausgleiteſt, nichts da iſt, um Dei⸗ nen Sturz aufzuhalten— über dem Rande rundet ſich die Klippe und die blaue See braust zweihundert Fuß darun⸗ ter— ah, ſchau dorthin, fern von hier— ſiehſt Du den Schein, gleich einem kleinen Stern auf dem Waſſer?“ „Der Kutter wird eine Rakete aufſteigen laſſen— nicht wahr?2ℳ „Eine Rakete!“ wiederholte er verächtlich—„das hat Dir irgend eine Landratte weiß gemacht. Eine Ra⸗ kete würde ihm die ganze Bootsflotte von Treport auf den Hals bringen. Ne, ne; das wiſſen die beſſer— der ſchwächſte Lichtſchein eines Fiſcherbootes iſt Alles, was ſie zeigen dürfen; wie ruhig es jetzt brennt— wir müſſen das Signal ſeewärts machen.“ 4— „He da, Joſeph, ein Licht her.“ Eine Knabenſtimme antwortete vom Thurme oben— das nämliche Weſen, welches das Signal nach der Küſte gemacht und deſſen Gegenwart ich beinahe vergeſſen hatte; in wenigen Minuten zeigte der rothe Schein an den Felſen unten, daß des Alten Befehle vollzogen und das Feuer an⸗ gezündet war. 8 „Ha!l ſie haben es geſehen,“ rief er triumphirend und zeigte auf das Meer,„ſie haben das ihrige ausgelöſcht, werden es aber von Zeit zu Zeit wieder zeigen.“ „Aber ſagt mir, Freund, wie es zugeht, daß die längs der ganzen Küſte wachhabenden Gardemarineſoldaten dieſe Signale nicht bemerken?“ „Wer ſagt Dir, daß ſie es nicht thun. Sie ſchauen vielleicht jetzt eben ſo gut wie wir nach dem nämlichen Fahrzeug und beobachten, wie es zur Küſte ſteuert, aber die wiſſen etwas Beſſeres zu thun, als uns zu verrathen. Meiner Treu, es ſchaut bei der Contrebande mehr heraus, als beim Dienſt. Es genügt, wenn ſie zuweilen irgend einen armen engliſchen Gefangenen erwiſchen, und ihn er⸗ ſchießen— das ſtellt den Kaiſer, wie ſie ihn nennen, zu⸗ — 123 frieden— und er glaubt, dieſer Poſten ſei brav und wach⸗ ſam. Was uns anbetrifft, ſo iſt es nur unſere eigene Schuld, wenn wir mit ihnen in Berührung kommen. Schau dort, ſiehſt Du, wie nahe er ans Ufer gekommen iſt. Der Kutter zieht raſch durch das Waſſer. Beant⸗ worte das Signal, Joſeph.“ Der Knabe ſchürte das Feuer mit trockenem Holze an, es flackerte hell auf und beleuchtete die grauen Klip⸗ pen und ſchwarzen Felſen, welche bereits die Nacht be⸗ deckte— die alles außer ſeinem Bereiche in tiefes Dunkel hüllte. „Ich ſehe nicht ein, mein Freund, durch welche Mit⸗ tel ich die abſchüſſige Klippe entdecken und noch weniger, wie ich meinen Weg längs derſelben finden kann,“ ſagte ich, als ich in den Abgrund ſtarrte und die düſtere Tiefe unter mir zu durchdringen verſuchte. „In weniger als zwei Stunden wirſt Du Vollmond haben, und wenn Du einen freundlichen Rath annehmen willſt, ſo ſchlafe bis dahin— leg Dich dort auf die Bin⸗ ſen, ich werde Dich aufwecken, wenn es Zeit iſt.“ Eher um meinem alten Führer in allen ſeinen Wei⸗ ſungen zu folgen, als aus Luſt zum Schlafen in einem ſolchen Augenblick, ſtreckte ich mich in einer Ecke des Thur⸗ mes aus. In der vollkommenen Stille hörte man nur das Meer, welches langſam und abgemeſſen in manchen tiefen Höhlen unten aufſchäumte, und dann, als ob es friſche Kräfte ſammelte, anſchwoll und mit ſtürmiſcher Wuth an die harten Felſen ſchlug. Dieſe Tone, in der Stille der Nacht gehört, machen den düſterſten Eindruck — auch wurde dieſer nicht gemildert durch den tiefen ein⸗ förmigen Geſang des alten Matroſen, der in einer Ecke ein Fiſchnetz auszubeſſern begann und ein Schifferlied ſummte. Wie ſonderbar ergriff mich der Gedanke, daß ich alle Gefahren, die ich einſt beſtanden, um Frankreich, das er⸗ ſehnte und gewünſchte Land zu erreichen, jetzt wieder zu 124 beſiegen hatte, um von ſeiner Küſte zu entkommen. Jeder Traum knabenhaften Ehrgeizes war verſchwunden— jede erhabene Hoffnung entflohen— ich kehrte ſo arm und demüthig in meine Heimath zurück, wie ich ſie verlaſſen, aber mit einem Herzen, das aller Begeiſterung baar war, die das Leben verſchönert. Wie ſich meine künftige Lauf⸗ bahn geſtalten werde, konnte ich nicht errathen— ein un⸗ beſtimmtes Hinneigen nach irgend einer entfernten engli⸗ ſchen Colonie, eine neue Welt jenſeits des Meeres war Alles, was meiner Einbildungskraft von meinem Geſchicke vorſchwebte. Ein plötzlicher Lichtſchein, der das Innere des Thurmes ganz erleuchtete, ſtörte mich in meinen Träu⸗ mereien, der Seemann rief:„Wache auf, Freund, der Kutter iſt ganz nahe und ein Signal zur Eile flattert von ſeinem Maſt.“ Ich ſprang auf und ſah hinaus, das Meer ſchim⸗ merte im Mondlicht und das kleine Fahrzeug erglänzte ſilbern, als die Strahlen ſeine weißen Segel erhellten. Die hohen Felſen allein bewahrten ihre Düſterheit und warfen einen ſchwarzen drohenden Schatten unten auf die Wellen. „Hier kann ich noch nichts ſehen,“ ſagte ich, auf die dunkeln Felſen unter dem Fenſter deutend. „Du wirſt ſogleich den Mond haben, er ſteigt ſchon über den Kamm des Hügels und dann ſind die Felſen ſo hell, wie am Mittag. Darum beeile Dich, ſchnalle den Ranzen hoch auf die Schulter, damit ſich die Arme frei bewegen können. So, jetzt mache noch Deine Schuhe feſt. Nimm Dich in Acht, daß Du das Seil nicht am Felſen ſchwingſt, das verdirbt die Stricke— und vor Al⸗ lem, denk daran, wenn Du die Klippe erreichſt, den Strick nicht los zu laſſen, bis Du feſten Fuß gefaßt haſt. Da iſt der Mond.“ Als er ſprach, ſchien ſich eine Decke von gelbem Lichtſchein über den ganzen Abgrund zu verbreiten, alle Felſen und Umriſſe zeigten ſich deutlich, Felsblöcke und Moosplätze erglänzten in ſchimmernden Farben, während man viele Klafter tief unten die ſchwerfälligen Wogen ſah, wie ſie jetzt in ihrer ganzen Macht aufſchwollen und dann wieder in tauſend Waſſerſtrahlen aus allen Fels⸗ ſpalten in den Abgrund zurückſtürzten. So furchtbar deut⸗ lich zeigte ſich jeder Gegenſtand, ſo drohend war jede Entfernung gezeichnet, daß es mir zu Muthe war, als ſei alle fruͤhere Dunkelheit nicht halb ſo ſchauderhaft ge⸗ weſen, als dieſer helle Mondglanz. „Die heilige Marie beſchütze Dich jetzt!“ ſprach der Alte und drückte mir kräftig die Hand.„Sei ſtandhaft und kaltblütig, dann iſt keine Gefahr da, und ſchau nicht hinunter, ehe Du an die Klippe gewöhnt biſt.“ Er öffnete eine kleine Thüre am Fuße der Thurm⸗ treppe, trat heraus und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich that es und befand mich auf einem ſchmalen Fels⸗ vorſprung gerade über der Klippe; die Kette, an welcher das Tau befeſtigt war, lag etwa zehn Fuß tiefer, und dieſe zu erreichen, war nicht das am wenigſten gefährliche Unternehmen; doch dazu half mir der Alte, er zog einen Strick durch eine ſtarke eiſerne Klammer und ließ mich allmälig daran hinunter, bis meine Hand der Kette ge⸗ genüber kam. „Du haſt ſie nun,“ rief er, als er ſah, daß ich eine Hand los ließ und die eiſernen Ringe feſt ergriff. „Ja— ganz ſicher! Lebt wohl, Freund— lebt wohl!“ .„Wart noch,“ rief er wieder.„Laß den Strick nicht los, bis Du Dich noch eine Minute bedacht haſt. Mehr als einen ſah ich ſeinen Entſchluß ändern, als er da war, wo Du jetzt biſt.“. „Ich bin entſchloſſen. Adieu!“ „Halt, halt!“ ſchrie er raſch.„Du haſt dieſe Boͤrſe auf dem Felſen da vergeſſen, wart, ich laſſe ſie Dir an einer Schnur herab.“ Schon hatte ich mit beiden Händen die Kette ergrif⸗ fen und mit der Entſchloſſenheit eines Menſchen, der weiß, daß ſein Leben von ſeiner Standhaftigkeit abhängt, begann ich herabzuſteigen. Die Stimme des alten Mannes, der für mich betete, wurde ſchwacher und ſchwächer, bis ſie endlich mein Ohr nicht mehr erreichte. Zum erſten Male ſank mir jetzt der Muth. Die Worte eines menſchlichen Weſens, wenn auch ſchwach und gebrochen durch die Ent⸗ fernung, erweckten einen Gedanken an Sympathie, der ⸗ meinen Muth belebte und meinen Arm ſtärkte; aber die furchtbare, nur vom Rauſchen des Meeres unterbrochene Stille war über alle Beſchreibung beängſtigend. Hand unter Hand ging's hinab, der Raum ſchien ſich nicht zu vermindern, als ich mich bemühte, die Klippe zu erblicken, wo das erſte Tau endete. Wie in einem fürchterlichen Traum dehnte ſich die Zeit zu Jahren aus, und ich ahnte ſchon den Augenblick, wo meine Kräfte mich verlaſſen, meine Hände das Tau fahren laſſen und ich auf den ſchwarzen Felſen unten zerſchellen würde. Die Waſſervögel, welche ich im Hinabgleiten aufſchreckte, flo⸗ gen mir kreiſchend um den Kopf, als könnten ſie ihre Beute kaum erwarten. Ueber mir ragte dunkel die dro⸗ hende Klippe hervor; unten ſchien ſich eine unermeßliche Tiefe hinzuſtrecken, aus deren ſchwarzem Abgrunde die wilden Toͤne der anſchlagenden Wellen aufſtiegen. Mehr als einmal glaubte ich, das Tau habe oben nachgelaſſen und ich falle durch die Luft herab und entſetzt hielt ich meinen Athem an; dann bildete ich mir wieder ein, un⸗ vermeidlicher Tod erwarte mich, und ich glaubte in den ſchwellenden Wogen der böſen Geiſter wildes Freudenge⸗ ſchrei über meinen Fall zu hören. Durch all dieſe wahn⸗ ſinnigen Viſionen behauptete ſich der Inſtinkt der Selbſt⸗ erhaltung und ich umklammerte das geknotete Tau mit der eifrigen Haſt eines Ertrinkenden, als ich plotzlich mit dem Fuß unten an einen Felſen ſtieß und entdeckte, daß ich auf der Klippe war, welche mir der Matroſe beſchrie⸗ ben hatte. Freudig erbebte mein Herz im Gefühle der Sicher⸗ 1 127 heit, ich ſtammelte ein Dankgebet für meine Rettung; da folgte ſchnell das Bewußtſein noch größerer Gefahr. Das Tau, dem ich mich ſo lange vertraut hatte, endete hier; das letzte Stück hing träg am Felſen; und von da bis zum Rande der Klippe war nichts, woran man ſich hal⸗ ten konnte, als das kurze Moos und der dürre, an der Sonne verwelkte Farn. Die Oberfläche dieſes gefährlichen Abhanges ſenkte ſich ſteil bis zum Rande, wo der Felſen lag, um den das Tau befeſtigt war. Durch meine vorhergehende Anſtrengung ermüdet, ſetzte ich mich auf die bemooste Klippe und ſtarrte auf die See hinaus, wo der Kutter anmuthig über die Wel⸗ len tanzte und ſtolz den Schaum von ſeinen Bugen ab⸗ ſchüttelte. Er näͤherte ſich furchtlos, denn der Wind wehte vom Lande, und wie er hinflog, ſchien es mir, als ſei er gerade unter meinen Füßen. Ich erholte mich von der augenblicklichen Ermattung und fing an die Klippe hinabzukriechen; das Gras war aber von der Hitze ſo ſchlüpfrig geworden, daß ich mich mit Mühe durch das Einkrallen meiner Finger in die Erde zu halten vermochte. Ein lautes Hallo! erſcholl von dem Fahrzeuge, welches das Echo vielfach wieder⸗ holte. Ich wollte antworten, konnte aber nicht. Ein zweiter Jubelruf begrüßte mich, aber ich verſuchte nicht, ihn zu erwiedern. Der Moment war gefahrvoll, ich hatte die letzte Stelle erreicht, die noch einigen Halt darbot; einige Fuß tiefer unter mir hing der Felsblock über dem Abgrund. Es kam mir vor, als ob das Gewicht eines Seevogels ihn donnernd in die Tiefe zu ſtürzen vermöchte. Der Mond beſchien den Block, ich ſah, wie das Tau zweimal herumgewickelt und ſorgfältig zuſammengeknüpft war. Was hätte ich in dieſem ſchrecklichen Augenblick nicht um ein Grasbüſchel, einen dunnen Zweig gegeben, der mich einige Sekunden gehalten hätte, bis ich den Strick erfaſſen konnte! doch hier war nichts. Ein lauter Schrei von dem Schiffe drang in mein Ohr, der ſchauer⸗ 128 liche Gedanke, zu Grunde zu gehen, erfüllte mich, ich kehrte mein Geſicht gegen die Klippe und ließ mich hinab⸗ rutſchen. Zuerſt langſam, dann ſchweller und ſchneller. Jetzt kamen meine Beine über den Rand des Abgrunds. Ich fiel! Meine Sinne ſchwanden— ich ſchrie und in verzweifelnder Todesangſt ſtreckte ich meine Hände aus. Sie erfaßten das Tau. Knoten nach Knoten glitt mir im Hinabfahren durch die Finger, ehe ich zum Bewußt⸗ ſein kam, wie mir geſchah; aber ſauch da muß der In⸗ ſtinkt der Selbſterhaltung ſtärker als der Verſtand gewe⸗ ſen ſein, denn die Schiffleute erzählten mir nachher, mit welcher Geſchicklichkeit ich mich an der Klippe herabge⸗ laſſen, jeden Felsvorſprung vermieden und meinen Weg gleich dem geſchickteſten Kletterer fortgeſetzt habe. Ich ſtand auf einem breiten, flachen Felſen, den weißer Schaum überfloß. O, wie erfreute mich ſein Kräuſeln zu meinen Füßen! ich hätte das glänzende Waſſer, auf dem die Mondſtrahlen tanzten, küſſen mögen, denn die Gefahr war überſtanden. Die Schatten eines ſchauderhaften To⸗ des ſchwanden aus meiner Seele. Was kümmerte mich jetzt die tobende Brandung, die um mich her ziſchte und wüthete! Die Gefahren der Meerestiefe waren nichts gegen die eben überſtandenen und als ein Boot vom Kutter auf mich zukam, dachte ich nicht mehr an die oft wiederholte Warnung der Matroſen, ſondern ſprang hinein, prallte an eine zurücktretende Welle und wurde, von meinen An⸗ ſtrengungen faſt zu Tod erſchöpft, an Bord gezogen. Die rothe Flamme des Signalfeuers loderte vom alten Thurme, als wir vorbei kamen. Ich wandte meine Augen nicht davon ab, als ich auf dem Verdeck des kleinen Fahrzeuges lag, das nun friſch in die See ging. Es war mein letzter Blick auf Frankreich, und ich wußte das, — Zehntes Kapitel. Die Landung. Mit der Mannſchaft des Kutters hatte ich wenig Ver⸗ kehr. Es waren Jerſey⸗Leute, jene Baſtardrace, die, weder Franzoſen noch Engländer, das Gewerbe von Spionen und Schmugglern trieben, und Niemanden treu waren, als ihrem eigenen Vortheil. Der Schiffsherr, ein roher häß⸗ licher Menſch, in keiner Beziehung höher ſtehend als die andern, durchlas gemächlich den Brief, den mir Beauvais bei meiner Abreiſe gegeben; zerriß ihn dann langſam und warf die Stücke ins Feuer. „Was iſt denn dies?“ ſagte er, und nahm ein ver⸗ ſiegeltes Paket, welches, wie ich jetzt erſt bemerkte, an meinen Reiſeſack befeſtiget geweſen war.„Das ſcheint der Adreſſe nach für mich beſtimmt—„Jacques Cloquette,“ am Bord des„Rouge Galant;“ mit dieſen Worten er⸗ brach er das Siegel, und überflog den Inhalt. „Oh!“ rief er mit triumphirender Freude,„das iſt ein Priſe, die ſich der Mühe lohnt— das engliſche Sig⸗ nalbuch;“ damit hielt er den kleinen Band in die Höhe, welchen Paul Dupont vom„Rehkalb“ gerettet hatte. „Wie kommt das hierher?“ fragte ich, entſetzt über des armen Seemannes Verluſt. „Der alte Martin aus dem„Stern“ ſchreibt mir, er habe es einem Gardemarinenſoldaten genommen, und es habe ihm vierundzwanzig Flaſchen von ſeinem beſten Po⸗ mard gekoſtet, ehe der Burſche und ſeine Kameraden be⸗ trunken genug waren, um den Diebſtahl ausführbar zu machen.“ Ich erinnerte mich nun der Eilfertigkeit, mit welcher der Wirth meine Abreiſe betrieb, und wie ängſtlich er Tom Burke. V. 9 130 wünſchte, daß mich der Morgen viele Meilen weit auf meinem Wege finden möchte, wie auch der Sorgfalt, mit der er meinen Schnappſack aufgeſchnallt hatte, und jetzt wurde mir Alles klar. „ SIch kannte ſchon die meiſten Signale,“ fuhr der Schiffer fort,„doch hier iſt eins, welches uns gute Dienſte leiſten wird. Gerade was wir brauchen, um ohne Hinder⸗ niß fort zu kommen. Dieſe Flagge iſt das Signal für Admiralitätsdepeſchen, die oft durch kleine Fahrzeuge wie das unſrige gebracht werden, wenn ſie keine Kreuzer ent⸗ behren können. Die wollen wir gleich aufziehen, ihr wer⸗ det's ſehen, und mit vollen Segeln den Kanal hinab⸗ fahren.“ 4„ Er ging ans Steuer, in einigen Sekunden war der Kutter gerade nach der engliſchen Küſte gerichtet, es wurde noch ein Segel beigeſetzt, und wir flogen durch das Waſſer.. Die erfriſchende Seeluft, das Bewußtſein der über⸗ ſtandenen Gefahr, die Hoffnung, zu entkommen, Alles zu⸗ ſammen erhob meinen Geiſt und gab mir Muth; doch ſchmerzte mich des armen Paul Dupont's Verluſt im höchſten Grade. Die Beute, die der brave Burſche faſt höher als ſein Leben ſchätzte, ward ihm im nämlichen Augenblick genommen, als er ſich deren rühmte. Zudem konnte ich mir nicht verhehlen, daß mein plötzliches Ver⸗ ſchwinden den Verdacht auf mich lenken müßte; ich war grenzenlos entrüſtet bei dem Gedanken, wie ſehr eine ſolche Beſchuldigung die Ehre des Dienſtes beflecken würde, den ich ſo hoch ſchätzte. Wie weit kann ſich eine ſolche Ver⸗ läumdung verbreiten? dachte ich, wie mancher Mund das Mährchen wiederholen, und⸗Niemand iſt im Stande, ihm zu widerſprechen! So ſehr ich des braven Bretagners Ver⸗ luſt bedauerte, war doch mein Zorn über deſſen Folgen noch größer; ich hätte mit Freuden alle Hoffnung, Eng⸗ land zu erreichen, auf's Spiel geſetzt, um das Buch wie⸗ der in Pauls Hände zurück zu ſtellen. 131 Dieſe Gefühle waren nicht geeignet, mich mit dem Schiffsherrn näher zuſammen zu bringen, deſſen Freude über den Beſitz des Buches noch durch die Schlauheit, mit welcher der Diebſtahl ausgeführt worden, erhöht wurde, und der nie glücklicher ſchien, als wenn er einige Bruchſtücke aus dem Briefe des Wirthes wiederholte und ſich am Verdruſſe ergötzte, den der Matroſe empfunden haben mußte, als er den Verluſt gewahr wurde. Zeuge zu ſein von dem Vergnügen eines rohen Menſchen über eine gelungene ſchlechte That iſt die ſchwerſte Strafe, die ein ehrliches Herz erfahren kann, wenn, unglücklicher Weiſe, deſſen Beſitzer auf irgend welche Art zu dem Erfolge bei⸗ getragen. Mit dieſen Gedanken ſchlief ich ein und erwachte nicht eher, als bis die Sonne hell in die weißen, ſchäu⸗ menden Wogen ſchien, denen das Fahrzeug trotzte, welchem ein friſcher Wind die Segel ſchwellte. 2 Als wir den Kanal hinabfuhren, kamen wir an meh⸗ reren nach Spithead ſteuernden Kriegsſchiffen vorbei; aber unſere blau und weiß geſtreifte Flagge war ein Signal, welches alle anerkannten, und Niemand wagte uns aufzu⸗ halten. So verging der erſte Tag. Als die Nacht einbrach, ſahen wir die Nadeln an unſerer Leeſeite und ſteuerten mit friſchem Winde fort. Am zweiten Morgen war das Meer mit den weißen Segeln einer prachtvollen, wie der Schiffer ſagte, nach Weſtindien beſtimmten Flotte bedeckt. Es war ein glorrei⸗ cher Anblick, die gewaltigen Schiffe den Signalen des Flaggenſchiffes gehorchen und durch die blaue Fluth ſteuern zu ſehen, als ob ſie Leben und Vernunft hätten. Sie waren fern ſeewärts; und wir hielten nun ſo viel als möglich nach der Küſte, da der Schiffer eine Gelegenheit wünſchte, mich unbemerkt zu landen, ehe er ſein eigenes Unternehmen ausführte— die Einſchmuggelung einiger Oxhofte Brannt⸗ wein in Irland. Meinen eigenen Gedanken und Erinnerungen über⸗ laſſen, vertraͤumte ich unbewußt die Stunden, und als die Zeit vorüber war, wußte ich nicht, wie ſie entflohen. Manchmal zogen fremdartige Segel in der Ferne auf einen Augenblick meine Aufmerkſamkeit auf ſich; es war aber nur ein vorübergehender Eindruck und ich fiel ſogleich wieder in meine Träumereien zurück, als ob ſie nie unter⸗ brochen worden wären. Wenn ich jetzt auf die Reiſe zu⸗ rückblicke und an die in dumpfer Gleichgültigkeit verbrach⸗ ten Stunden denke, vermuthe ich faſt, es müſſe in unſerm Leben Perioden geben, die uns das ſind, was unſerer täg⸗ lichen Exiſtenz die Nacht iſt und dazu beitragen, den Geiſt und Körper nach mühevollen Zeiten wieder zu beleben und 3 zu kräftigen. Mir kam es vor, ich gewinne nach überſtan⸗ denen Anſtrengungen durch Raſt und Ruhe wieder Muth, das Leben von Neuem zu beginnen, und ich überdachte jede vergangene Begebenheit, um mich ſelbſt beſſer kennen zu lernen und für meine Zukunft eine Richtſchnur zu finden. „Ihr könnt jetzt landen, wo Ihr wollt,“ ſagte mir der Schiffer, als wir bei mondheller Nacht und ſtillem Meere dahin gleiteten,„wir können Euch hier jeden Au⸗ genblick an's Land bringen.“ 3 Ich ſprang überraſcht auf, als ob ich daran noch nie gedacht hätte, lehnte mich, ohne zu antworten, über das Bollwerk und ſtarrte nach dem ſchwachen Schatten des hohen, etwa drei Meilen entfernten Küſtenlandes. ha„Wie nennt Ihr die Klippe dort?“ fragte ich nach⸗ äßig. * 8, Wicklow Head.“ „Wicklow Head! Irland!“ rief ich mit einem Ent⸗ zücken, wie mein Herz es lange nicht empfunden hatte. „Ja, ja; ſetzt mich ans Land, hier, ſogleich,“ tauſend Ge⸗ danken und Hoffnungen beſtürmten mein Gemüth— und Hoffnungen, denen ich keine Worte geben konnte, die aber faßbar genug waren, um an ihnen zu hängen. Mit der Eile, die ihr Beruf lehrt, ſetzte die NMann⸗ ſchaft das Boot aus, ich nahm meinen Platz am Spiegel und raſch giengs dem Ufer zu. Als die ſchnelle Bane 133 über die ſeichte See glitt, konnte ich mich kaum enthal⸗ ten, hinauszuſpringen und ans Land zu ſtürzen. Ohne Fa⸗ milie, oder Freunde— ohne Jemand, der mich bewill⸗ kommte oder erwartete. War es doch mein Vaterland— die einzige Heimath, die ich je gehabt. Der ſcharfe Kiel ſchnarrte am Geſtade, die Töne machten mein Herz erbeben— ich ſprang ans Ufer— noch einige Abſchiedsworte, dann ruderten die Leute zurück— das Boot glitt ſchnell durchs Waſſer, auch war der Kut⸗ ter bald wieder unter Segel und ich allein. Jetzt bahnte ſich der Strom meiner Gefühle ſeinen Weg, ich brach in Thränen aus. Ach, es waren keine Thränen des Schmer⸗ zes, aber auch keine der Freude— es war der Ausbruch eines kummerbelaſteten Herzens, dem das bloße Berühren des heimathlichen Bodens Erleichterung verſchaffte. Ich war nicht länger freundlos. Ich fühlte, daß mein theures Geburtsland mir Freunde und Familie erſetzen würde— ich fiel auf meine Kniee und ſegnete es. Ich folgte einem ſchmalen Fußpfad, der ſich an der Klippe hinaufſchlängelte, und erreichte mit Tagesanbruch die Hoͤhe, wo ich eine Ueberſicht auf die Gegend gewann. Die Reihe ſchwellender Hügel mit Hütten und Waldung bedeckt— die ſmaragdgrünen Wieſen, die man in keinen andern Ländern ſieht— die Hecken, welche die kleinen Pachthöfe einſchloſſen— ſo unähnlich Alles den ausge⸗ dehnten Flächen Frankreichs, entzückte mich und mit wahrer Gliückſeligkeit nannte ich das Land meine Heimath. Ich ſchlug den Weg nach Dublin ein und beeilte mich ziemlich, folgte aber einem Fußpfad, der an den Klippen herumführte, um die Landſtraße zu vermeiden, weil ich überzeugt war, daß mein Ausſehen und Anzug die Neu⸗ gierde rege machen und nicch vielleicht ernſtlichen Unan⸗ nehmlichkeiten ausſetzen könnte. Meine erſte Abſicht war, Kunde von meinem Bruder zu erhalten— wenn auch die Bande der Zuneigung ſeit lange zwiſchen uns zerriſſen waren, ſo blieben doch die des Blutes— und ich wünſchte 134 von ihm zu hoͤren— und wenn es moͤglich wäre— ihn noch einmal zu ſehen. Seit mehreren Meilen hatte ich eine kleine Huͤtte im Auge gehabt, die auf einer das Meer überhängenden Klippe ſtand, dieſe erreichte ich endlich, hun⸗ gerig und ermüdet... Als ich auf dem engen Pfade zur Thüre ging, ſtürzte ein grimmiger Dachshund heraus, um mich anzufallen, wurde aber von einer Stimme drinnen, ſogleich zurückge⸗ rufen und auf der Schwelle erſchien ein kräftiger Mann im mittleren Alter. „Fürchten Sie nichts, er iſt nicht böſe— aber wir ſind nicht gewoͤhnt, hier Fremde zu ſehen.“ „Das habe ich an dem Pfade bemerken köͤnnen,“ ſagte ich, indem ich einen Blick auf den ſchmalen Fußweg warf, den ich mehrere Meilen über Hügel und Abgründe zurückgelegt hatte—„aber ich war mit der Gegend un⸗ bekannt und ſah mich nach einem Hauſe, wo ich ein Fruͤh⸗ ſtück zu erhalten hoffte.“ „Etwa drei Meilen dort unten iſt eine Stadt und ein gutes Wirthshans, wie man ſagt—“ erwiederte er mich mit forſchendem Blicke betrachtend—„wenn ich aber ſo frei ſein darf, Sie gehen vielleicht nicht gerne dorthin, und vielleicht nehmen Sie mit dem, was wir hier haben, verlieb?⸗ „Recht gerne,“ ſagte ich, das gaſtfreundliche Anerbie⸗ ten ebenſo ungezwungen annehmend, als es gemacht wurde, in die Hütte tretend.— Eine Bäuerin von gewinnendem Aeußern ſaß mit mehreren Kindern am Tiſche, auf dem eine große Schüſ⸗ ſel Erdäpfel und einige friſche Fiſche dampften— in der Mitte ſtand ein großer Milchnapf. Die Frau erröthete, da ſie hoͤrte, ihr Mann habe mich eingeladen, ihr einfaches Mahl zu theilen— die beſcheidene Koſt, zu der er mich ſo unbefangen eingeladen hatte, kümmerte ihn aber wenig und er ſtellte mir einen Stuhl neben den ſeinigen mit der Miene eines Mannes, der für die Behaglichkeit ſeines Ga⸗ 135 ſtes mehr beſorgt war, als darum, welchen Eindruck er ſelbſt auf dieſen machen würde. Nach einigen Worten über die Jahreszeit und den Stand der Fluth— mein Wirth war ein Fiſcher— wandte ich die Unterhaltung auf den politiſchen Zuſtand des Landes und bekannte aufrichtig, daß ich mehrere Jahre abweſend war und nicht wiſſe, was inzwiſchen begeg⸗ net ſei. „Das dachte ich, mein Herr,“ erwiederte er, den er⸗ ſten, aber nicht den andern Theil meiner Bemerkung be⸗ antwortend.„Als ich Ihr Geſicht und Ihren Bart ſah, ſagte ich zu mir ſelber, Sie ſeien ein Franzoſe.“ „Da irrt Ihr, denn— ich bin Euer Landsmann— lebte aber viele Jahre in Frankreich.“ „Um für Boney zu fechten,“ ſprach er, und ſeine Augen öffneten ſich weit vor Erſtaunen, Jemanden zu er⸗ blicken, der unter Napoleon gedient haben mochte. „Ja, mein guter Freund— ſo iſt's— ich diente in des Kaiſers Heere.“ „Was der tauſend! kommt Er jetzt herüber?“ rief er faſt athemlos vor Eifer. „Nein, nein,“ erwiederte ich ernſt;„dafür dankt Gott um Euret⸗ und Eurer Kinderwillen, daß Ihr keinen Krieg die Felder und Städte Eures Landes verheeren ſeht. Seid verſichert, welches Unrecht Ihr auch immer leiden mögt — ich will nicht beſtreiten, daß dies manchmal der Fall iſt— weil ich, wie geſagt, den Zuſtand des Landes nicht kenne— aber es mag ſein, was es will, Ihr köͤnntet die Abhülfe zu theuer bezahlen.“ 3 „Sie würden doch gewiß auf unſerer Seite ſein, nicht wahr?"“ „Ohne Zweifel; glaubt Ihr aber, ſie würden umſonſt Eure Schlachten ausfechten wollen? Und meint Ihr hier, die Franzoſen lieben Euch ſo ſehr, daß ſie herkommen, um für Eure Sache ihr Blut zu vergießen, ohne irgend eine Ausſicht auf eigenen Vortheil?“. 136 „Sie haſſen die Engländer eben ſo ſehr, als wir, ſagt man.“ 4— „Das thun ſie auch und mit größerem Rechte; dieſe Abneigung würde wohl hinreichen, einen Krieg herbeizu⸗ führen— aber darum allein würden ſie ihn nicht begin⸗ nen. Nein, nein. Ich kenne den Geiſt der franzöſiſchen Eroberungsſucht, ich ehre den Heldenmuth und die Tapfer⸗ keit, mit der ſie ausgeübt wird; werde aber nie wünſchen, mein Land der Willkühr Frankreichs preisgegeben zu ſehen. Weſſen Soldaten würdet Ihr werden, wenn morgen der Kaiſer Napoleon hier landete? Die ſeinen. Welche Uni⸗ form müßtet Ihr anziehen— welche Muskete tragen— weſſen Sold empfangen und weſſen Befehlen gehorchen? Nur den ſeinen. Und wie lange glaubt Ihr, daß Eure Dienſte auf die Heimath beſchränkt blieben? Was würde ihn hindern, Euch nach Aegypten, Polen oder Rußland zu ſchicken? Welche Gnade glaubt Ihr, daß ein irländiſcher Deſerteur vor einem franzöſiſchen Kriegsgerichte zu erwar⸗ ten hätte? Nein, mein guter Freund, ſo lange Ihr dies warme Obdach habt, um Euch zu ſchützen und das weite Meer Eurem Fleiße offen ſteht, wünſcht nur keine fremde Hülfe.“. Ich ſah, daß der arme Menſch durch meine Worte entmuthiget ward, und brachte ihn allmählig dazu, von den Uebelſtänden zu ſprechen, deren Abhülfe er von Frank⸗ reich erwartete. Zu meiner Verwunderung ſprach er we⸗ niger von politiſchen Beſchwerden, als von ſolchen, welche die geſellſchaftliche Wohlfahrt des Landes angingen. Er klagte nicht über die Beſchränkung der Freiheit, aber über Armuth. Nicht die Strenge der Regierung, ſondern der Mangel an Ermunterung des Gewerbfleißes— die Ver⸗ nachläßigung der Armen— betrübte ihn. England war nicht länger der Tyrann. Der Gutsbeſitzer hatte deſſen Stelle eingenommen: dennoch ſchrieb er mit hartnäckiger Unwiſſenheit alles Uebel dem Lande zu, woher urſprüng⸗, lich ſein erſtes Unglück kam und mit wunderlichem Scharf⸗ — 137) ſinne bemühte er ſich, jedes Unrecht, das er ertragen, von dem böſen Willen und Haſſe, den die Sachſen gegen ihn hegten, abzuleiten. Es war leicht einzuſehen, daß er die Gründe, deren er ſich bediente, nicht ſelbſt ausgedacht hatte; andere hatten ſie ihm mitgetheilt, in deren Anſicht er Vertrauen ſetzte, und obwohl ſie an ſich werthlos und ſchwach waren, ſo galten ſie ihm doch für unwiderlegbar und von hoͤchſter Ueberzeugungskraft— vielleicht vorzüglich deßhalb, weil ſie der Selbſtliebe jene Befriedigung gaben, die daraus entſteht, wenn wir Uebel, die wir erdulden, außer uns befindlichen und von uns unabhängigen Urſachen zuſchreiben. Damit waren ausſchweifende Hoſſnungen von den Folgen verbunden, welche die Begründung nationaler Unabhängigkeit haben würde, und wenn auch dieſes ſein Glaubensbekenntniß in jedem Punkte widerlegt wurde, ſo blieb doch eine gewiſſe Ueberzeugung übrig, die zu tief in ihm wurzelte, als daß ſie durch irgend eine Gegenrede hätte ausgerottet werden können, und aus ſeinem„Nun, nun, Gott weiß es am Beſten und vielleicht haben wir ein andermal beſſeres Glück,“ konnte man entnehmeu, daß er für jedes Zureden unzugänglich war, außer es kam von dunhe, wo ſeine Unzufriedenheit und Abneigung Nahrung and.— Aus Allem, was er ſagte, ward mir klar, daß, wenn der Geiſt offenen Widerſtandes gegen England nicht, mehr beſtand, an deſſen Stelle ein eben ſo entſchiedener als erbitterter Haß getreten war— ein unheilbrütender Widerwille hatte ihn erſetzt, der nicht weniger feindſelig und viel ſchwerer zu nnterdrücken war. Wie dieß auch enden mochte— entweder im Wege quüälender Furcht, welche die Energie und Kraft eines Volkes untergräbt und aufzehrt, oder im Kampfe eines Bürgerkrieges— die Aus⸗ ſicht war gleich traurig. Betrübt über dieſen Gegenſtand nachdenkend, trennte ich mich von meinem Wirthe und ſchlug den Weg nach der Hauptſtadt ein. Hatte mein Geſpräch mit dem Irländer 138 mich einigermaßen über den in Irland gerade herrſchenden Geiſt aufgeklärt, ſo gab es mir auch eine andere und ſehr verſchiedene Lehre: es ſetzte mich in den Stand, die Verän⸗ derung in Anſchlag zu bringen, welche die Zeit in meiner eigenen Denkweiſe hervorgebracht. In den Knabenjahren hatten hochfliegende, ſchwankende und unbeſtimmte Ideen von nationaler Freiheit und Unabhängigkeit mich in Frank⸗ reich den Befreier von Europa erblicken laſſen. Als Mann erkannte ich, daß der Durſt nach Eroberungen die Frei⸗ heitsliebe der Franzoſen erſtickt hatte, daß die, welche ihnen tranten, blos die Herrſchaft ihrer alten Herrn mit der Ty⸗ rannei eines neuen vertauſchten, während diejenigen, welche ſich kühn zur Vertheidigung ihrer Freiheit aufmachten, inne wurden, daß Unterjochte weder auf Gnade noch auf Mit⸗ leid zu rechnen hatten. Ich hatte die öſterreichiſchen und die ruſſiſchen Gefan⸗ genen durch vie Straßen von Paris führen geſehen— ich war Augenzeuge geweſen von der Trauer, welche über die große Hauptſtadt Preußens nach der Schlacht bei Jena kam— und alle meine Begeiſterung für den Feldherrn wog kaum meinen Abſcheu vor dem Kaiſer auf, deſſen Nachſucht über zwei Voͤlker ſo ſchweres Unglück gebracht hatte, und ich ſagte zu mir ſelbſt— mögen meine Lands⸗ leute, welche Noth auch über ſie komme, ſich nie um ein Bündniß mit dem despotiſchen Frankreich bewerben. Eilftes Kapitel. Ein Original des„alten Dublin.« Es war gegen neun Uhr an einem ſtillen Sommer⸗ abend, als ich nach Dublin kam: faſt die nämliche Stunde, zu welcher ich mich etwa zehn Jahre früher dieſer Stadt . 1 139 arm, heimathlos und ohne Freund genähert; und immer noch war ich dies. In der großen Hauptſtadt meines Va⸗ terlandes war Niemand, der mich begrüßte, Niemand, den meine Ankunft erfreute, oder der an meinem Schickſal An⸗ theil nahm. Das war in der That Vereinzelung— gänz⸗ liche Verlaſſenheit. Wenn jedoch auf dem Herzen eines Einſamen, gleich mir, auch eine ſchwere Bürde laſtet, ſo ſteht mit ihr doch ein gewiſſes Bewußtſein der Unabhän⸗ gigkeit von ſeinen Nebenmenſchen einigermaßen im Gleich⸗ gewicht, welches den Muth aufrecht hält und dem Willen Thatkraft verleihet. Dieſes Bewußtſein hatte ich, als ich mich unter die Menge miſchte, die ſich in den Straßen drängte, und ich ſchrak vor den forſchenden Blicken nicht zurück, die mein verdächtiges Ausſehen überall erregte. Wiewohl ſich die äußeren Theile der Hauptſtadt, ſeit ich ſie zuletzt geſehen, ſehr verändert hatten, waren doch die Hauptſtraßen gerade ſo, wie ich mich ihrer erinnerte; als ich durch die Dame⸗ſtreet ging und einen bekannten Ge⸗ genſtand um den andern erblickte, kam mir beinahe die lange Zwiſchenzeit ſeit meinem Hierſein wie ein bloßer Traum vor. Auch die National⸗Eigenthümlichkeit macht einen ſonderbaren Eindruck auf den, der lange Zeit aus ſeiner Heimath entfernt war. Jedes Geſicht, dem man begegnet, ſcheint ein bekanntes zu ſein. Die Züge, an welche das Auge einſt ſo gut gewöhnt war, erinnern uns an In⸗ dividuen, und es iſt oft eine ſchwere Aufgabe, die Bekann⸗ ten von den vorübergehenden Fremden zu unterſcheiden. Dies erfuhr ich jeden Augenblick; als ich endlich ſtaunend auf dem Platze vor der Bank ſtand und mir die letzte dort erlebte Scene ins Gedächtniß rief, eilte ein hoher, kräftiger Mann dicht an mir vorbei, wendete ſich dann um und hef⸗ tete einen feſten fragenden Blick auf mich. Als ich ſein Anſtarren erwiederte, erinnerte ich mich plötzlich, dieſes Geſicht früher geſehen zu haben, aber wie, wo, oder wann konnte ich mich nicht entſinnen; ſo betrachteten wir uns ſtillſchweigend einige Minuten. 140 „Wie ich ſehe, find Sie hier fremd, mein Herr,“ ſagte er höflich, ſeinen Hut anfaſſend—„kann ich Ihnen mit irgend einer Nachweiſung in der Stadt dienen?“ Durch den Ton der Stimme noch verlegener gemacht, als durch die Züge des Fremden, erwiederte ich:„Ich wünſchte zu wiſſen, ob Mileys Hotel, welches in dieſer Ge⸗ gend war, noch beſteht?“ „Ja, mein Herr, obgleich es mehrere Male ſeinen Be⸗ ſitzer wechſelte, ſeit dem Sie es kannten,“ ſagte er bedeu⸗ tungsvoll.„Das Haus iſt dort drüben, wo Sie die große Lampe ſehen. Ich bemerke, daß ich mich irrte, als ich Sie für einen Fremden hielt. Guten Abend;“ er grüßte mich und ging weiter. Als ich über die Strac dem Hotel zueilte, bemerkte ich, daß er ſich umwendete und mir nachſah, was meine Verlegenheit in Betreff ſeiner Perſon noch vermehrte.— Der Thorweg des Gaſthofes war gedrängt voller Müßiggänger aus allen Klaſſen von den Pflaſtertretern an bis zum zerlumpten Ausrufer, zwiſchen denen, wie ungleich auch ihre Verhältniſſe ſein mochten, eine hoͤchſt ungezwun⸗ gene Unterhaltung geführt wurde, indem die Ausrufer mit⸗ ten in die Ankündigungen der friſcheſten Neuigkeiten Er⸗ wiederungen auf die neben ihnen gemachten Bemerkungen einſchalteten. 1 Beſonders zeichnete ſich eine Geſtalt in der Gruppe aus. Er war ein kurzes, zwergartiges Geſchöpf, mit einem ungeheuren Kopf, von ſchwarzen Haaren bedeckt, die in dichten Büſcheln über Rücken und Schultern hinabhin⸗ gen. Ein Paar ſtechende, ſchwarze Augen funkelten unter ſeinen ſtarken Brauen hervor und ein großer Mund mit dicken Lippen bewegte ſich mit all der ſeinem Berufe und ſeiner Klaſſe eigenen Beredſamkeit. Fürchterlich verdrehte Beine und Klumpfüße gaben ſeinem Gange eine rollende Bewegung, was die Sonderbarkeit der ganzen Erſcheinung noch erhöhte. 4 Terry Regan ſtand damals in Dublin an der Spitze ——— 141 ſeiner Zunft, und ſeiner kräftigen Lunge und beweglichen Zunge wurde die Ankündigung der großen Ereigniſſe an⸗ vertraut, welche von Zeit zu Zeit dem iriſchen Publikum durch den„Correſpondenten“ und das„Dubliner Journal“ mitgetheilt wurden. Ich befand mich bald ſelbſt im Gedränge, welches dieſes berühmte Original umgab, das wie gewoͤhnlich den großen Werth der heutigen Abendzeitung durch gewiſſe, kurze Andeutungen ihres Inhalts hervorhob.— „Hier iſt der ganze, vollſtändige und treue Bericht — es fehlt kein Haar daraus— von der großen und blu⸗ tigen Schlacht zwiſchen Bonney und den⸗ Ruſſen, mit al⸗ len Einzelnheiten über die Getödteten, Verwundeten und Vermißten, auch mit dem, was Bonney ſagte, als es vor⸗ bei war.“ „Was hat er geſagt, Terry?0 „Halt's Maul, Du Lausbub? Ich werde wohl Dei⸗ nes Gleichen Kabinetsgeheimniſſe anvertrauen? Hier, Ew. Ehren— befehlen Sie„Falkner“ oder„Saunders 2 Mit dem Bericht von Mr. O'Gormann's großer Rede in En⸗ nis über die Beſchwerden der Katholiken. Die iſt meiner Seel fünf Pence werth, jeden Tag in der Woche. Noch 8 mehr, der Brief des Jenny O'Brien an ſeine Frau, mit eeinem eleganten, epiſchen Gedicht, unter dem Titel„der Guager.“ Blutige Neuigkeiten, meine Herrn, blutige Neuigkeiten. Wer gibt n'en Sirpence für'ne Anſicht von zner wirklichen Schlacht und zehntauſend Getödteten— da⸗ bei iſt„Abhandlung über die Pflichten eines Angebers, in zwei leichten Lektionen.“ Der Preis der Aktien und Staats⸗ papiere— he, Herr O'Hara, und welche Wahlflecken zu verkaufen ſind.“ Dieſer letzte Ausfall war gegen einen ſtarken Mann mit rothem Geſichte gerichtet, der gutmüthig in das ge⸗ gen ihn erhobene Gelächter einſtimmte. „Wer iſt das, Jungens?“ ſchrie der Kerl plötzlich, ſeine ſtechenden Augen auf mich heftend, während ich Schritt 142 für Schritt die Thüre des Hotels zu erreichen ſuchte. „Hurra, ſeht ſeinen Bart an, Kinder. Es würde mich meiner Treu nicht wundern, wenn es General Hoche ſelbſt wäre.„Sie kommen ſpät, mein Herr,“ ſagte er, ſich unmittelbar an mich wendend,„es gibt keinen Spaß mehr, außer demjenigen, welchen Beresford in der Reitſchule hat.“ „Geht Eurer Wege, Lump,“ ſagte ein wohlgekleide⸗ ter, ehrbar ausſehender Mann, etwas über das mittlere Alter hinaus.„Wie dürft Ihr Euch ſolche Freiheiten ge⸗ gen einen Fremden erlauben? Geſtatten Sie mir, Ihnen Platz zu machen, mein Herr,“ fuhr er fort, als er höflich einen Weg durch das Gedränge bahnte und mich in das Haus herein ließ. „O, lieber Herr Advokat, ſeien Sie nicht ärgerlich,“ wimmerte der Neuigkeitskrämer.„Es iſt wahrhaftig nicht unſere boͤſe Zunge, durch die wir Beide unſer Brod ver⸗ dienen. Und hier,“ ſchrie er wieder laut—„und hier habt Ihr das große Diner des Lordmajors mit allen Reden und Toaſten— mit dem glorreichen, frommen und un⸗ ſterblichen Andenken König Wilhelms, welcher uns vom Papſtthum befreite—(durch Pechkappen)— von der Sklaverei—(durch Peitſchen)— von Kupfermünzen— (durch ſchlechte Halfpence)— und von Holzſchuhen— (durch bloße Füße). Haben wir nicht Urſache, ihn zu ſegnen—? Der Himmel möge ſein Bett ſein. Er glich Molly Crownahon's Mann.“ „Wie war das, Terry?“ fragte ein Herr neben ihm. „Kaufen Sie einen„Saunders,“ Ew. Ehren und ich will es Ihnen erzählen.“ „Da ſind fünf Pence; und nun fang' an.“ „Molly Crownahon, Ihr Ehren,“ war, wie wir ar⸗ men Geſchöpfe, ſtets dankbar und zufrieden mit des Herrn Güte gegen uns, ſelbſt wenn er unſern beſten Troſt und Segen von uns nimmt— der Schatz dort auf dem Pferde! Fürwahr, elegant ſitzt Ihr da, ohne Steigbügel— Und ſie ging eines Tags und wollte eine Handvoll Gebete auf 143 ſeinem Grabe ſagen— nämlich auf dem ihres Mannes, nicht zu vergeſſen— und gewiß und wahrhaftig, kaum war ſie auf's Grab niedergekniet, ſo ſprang ſie eben ſo ſchnell wieder auf, denn auf der ganzen Stelle waren nichts als Neſſeln.„Unglück über dich,“ Peter,“ ſagte ſie und rieb ihre Beine—„Unglück über Dich, todt und lebend haſt Du immer einen Stachel in Dir gehabt.“ Da der letzte Theil dieſer Rede wie eine Art Apo⸗ ſtrophe an die Bildſäule des Königs Wilhelm gerichtet war, ſo wurde er von der verſammelten Menge mit brüllendem Gelächter aufgenommen. Inzwiſchen war ich in das Haus getreten und dachte erſt daran, wie wenig dieſes große Hotel der Stadt zu meinen beſcheidenen Anſprüchen paſſe. Doch jetzt war es zu ſpät, umzukehren, ich trat alſo mit meinem Ranzen an der Hand in den Kaffeeſaal. Als ich durch das Zimmer ſchritt, um einen leeren Tiſch zu ſuchen, zeigten die Blicke der über meine Erſcheinung verwunderten Gäſte ganz deut⸗ lich, daß ſie mich für einen Eindringling hielten; Einige begnügten ſich, mich ſtarr anzuſtaunen, Andere, die ihre Unverſchämtheit offener zur Schau trugen, flüſterten und winkten ſogar ihren Nachbarn zu, um die Aufmerkſamkeit auf mich zu lenken. So beleidigend dies unſtreitig war, erregte es doch eher mein Erſtaunen als meinen Unwillen. In Frankreich wären ſolche Aeußerungen unmöglich geweſen— und der gemeinſte Soldat des Heeres würde nicht ſo empfangen worden ſein, wenn er es für gut befunden hätte, bei Beau⸗ villiers oder Very einzuſprechen. Ob durch dieſes Benehmen verletzt und folglich für jede andere Beleidigung empfänglicher, oder ob die Auf⸗ wärter wirklich die Anſichten der Höherſtehenden theilten, kann ich nicht beſtimmt ſagen, genug, mir ſchien es, aus ihrem Benehmen ſpreche die nämliche Unverſchämtheit. Darüber war ich nicht lange ungewiß, denn als ich fragte, ob ich ein Zimmer für die Nacht haben konne, be⸗ rührte der Kellner meinen neben mir auf der Erde liegen⸗ den Reiſeſack mit dem Fuße und erwiederte: „Iſt das Ihr Gepäck, mein Herr?“ Dieſe Frechheit brachte mich ſo gänzlich aus der Faſ⸗ ſung, daß ich nur durch einen Blick antworten konnte. Dies wirkte jedoch, der Menſch eilte ohne weitere Zögerung fort, um nachzufragen. In wenigen Minuten kam er mit der höflichen Mel⸗ dung zurück, ich könne untergebracht werden, zugleich trug er mir das geforderte einfache Mahl auf und zog ſich dann zurück. Während ich beim Abendeſſen ſaß, fühlte ich leb⸗ haft, wie unaͤhnlich dieſe Geſellſchaft den frühern Beſuchern des Hauſes war. Ich erinnerte mich der Zeit, wo Bub⸗ bleton und ſeine Mitofftziere hieher kamen und wo die Näume von Mitgliedern beider Parlamentshäuſer angefüllt waren— wo Pairs und Edelleute aus den erſten Fami⸗ lien zuſammen an den Fenſtern oder Kaminen ſaßen, wo man hier bei den wechſelſeitigen Begrüßungen die höchſten Namen des Landes hörte— und prächtige Equipagen und Handpferde vor den Thoren ſtanden, und jetzt der zerlumpte Haufen draußen ſtach von dem frühern glänzenden Schau⸗ ſpiele kaum greller ab, als die Geſellſchaft drinnen, gegen die ehemaligen Beſucher. Anmaßende Unverſchämtheit, Groß⸗ thuerei und ſpottender Trotz, gerade das Gegentheil von der feinen Höflichkeit, welche einſt hier herrſchte, trat jetzt hervor; an ihrem lauten Reden und ihren heftigen Geber⸗ den war es leicht zu bemerken, wie tief ſie von dem hohen Standpunkte heruntergekommen waren, der den irländiſchen Edelmann früher zum gebildetſten Manne Europas machte. Wenn ihre Erſcheinung und ihr Benehmen ſo weit von denen abſtand, die ich mir ins Gedächtniß rief, ſo be⸗ zeichnete ihre Unterhaltung noch beſtimmter den weiten Zwiſchenraum von damals und jetzt. Hier wurden einſt die neueſten Berichte über die Par⸗ lamentsverhandlungen beſprochen— die letzte glänzende Rede Grattans oder die letzte ſchlagende Erwiederung 145 Flood's— hieher kamen erhitzt von der Debatte die Vor⸗ kämpfer jeder Partei, um ſich abzuſpannen und neue Kräfte zu ſammeln, und in den Gruppen, welche ſte umringten, konnte man ſehen, wie ein großer Geiſt ſemnen Einfluß verbreiten und Belehrung ertheilen kann, gleich wie die Gewäſſer des Nil überall, wohin ſie fluthen, Fruchtbarkeit und Ueberfluß erzeugen. Edle und hochherzige Geſinnun⸗ gen, hehre Beſtrebungen und beredte Gedanken bildeten eine Atmoſphäre, durch deren Einathmen man ſich wiederge⸗ boren fühlte. Jetzt hatte ein nichtsſagendes Gemiſch von Einbildung und Wortkram deren Stelle eingenommen und ein Ton gemeiner Selbſtgenuͤgſamkeit ſtimmte unglücklicher⸗ weiſe nur zu ſehr mit dem Aeußern derjenigen überein, die damit prahlten. Die erbärmlichen Streitigkeiten der ver⸗ ſchiedenen Faktionen hatten das kühne Streben entgegen⸗ geſetzter Parteien verdrängt, der Provinzialismus hatte auf alles ſeinen Stempel gedrückt. Die Nation ſelbſt ſchien, wenn ich dem, was um mich her geredet wurde, trauen durfte, alle Erinnerung an ihren früheren großen Namen verloren zu haben, und neue Kandidaten der Volksgunſt nahmen deren Plätze ein. Dieß ſind einige der Veränderungen, welche ich von meinem Sitze aus gewahr wurde. Meine Aufmerkſamkeit ward jedoch ſchnell durch einen mich perſönlich betreffen⸗ den Umſtand davon abgezogen; der Herr nämlich, welcher mich auf der Straße zuerſt angeredet hatte, erſchien im Kaffeehauſe. 3— Als er von einem augenſcheinlich untergeordneten Menſchen gefolgt durch das Zimmer ging, erkannten ihn die meiſten Anweſenden; viele davon ſchüttelten ihm mit Wärme die Hand und baten ihn, ſich zu ſetzen; dieß lehnte er ab und betrachtete forſchend jedes Geſicht im Weiter⸗ gehen. Jetzt ſah er mich. Es war nur ein ſchneller Blick, er richtete ſeine Augen ſogleich nach einer andern Seite; doch bemerkte ich, daß er ſeinem Begleiter etwas zuflüſterte und dann, nachdem er nachläſſig eine Zeitung auf dem Tom Burke. vV. 10 Tiſche überflogen, unbeſangen das Zimmer verließ. In dieſem Augenblick ſtreckte der zwerghafte Zeitungskrämer ſeinen zottigen Kopf herein und ſpähte mit ſeinen großen ſchwarzen Augen im Saale herum, bis ſie ſich zuletzt auf mich hefteten. „Ah!“ rief der Burſche mit einem ſonderbaren Ge⸗ miſche von Spott und Mitleid,„ich wußte, wie es kom⸗ men würde— der Major hat Euch.“ Jetzt brach ein allgemeines Gelächter aus und aller Augen hafteten auf mir. Mittlerweile hatte der Begleiter faſt mir gegenüber am Tiſche Platz, genommen und überlas aufmerkſam ein aus der Taſche genommenes Papier. „Darf ich ſragen, ob Ihr Name Burke iſt?“ ſagte er mit leiſer Stimme über den Tiſch. Ich ſchrak erſtaunt auf, als ich meinen Namen nen⸗ nen hörte, wo ich durchaus fremd zu ſein glaubte und ver⸗ gaß vor Verwunderung zu antworten. „Ich fragte, mein Herr—“ wiederholte er. 3„Ja, ganz recht, das iſt mein Name. Darf ich da⸗ gegen erfahren, warum Sie dieſe Frage an mich richten?“ „Thomas Burke, mein Herr?“ fuhr er fort, ohne auf meine Bemerkung zu achten, und ſchickte ſich an, den Namen niederzuſchreiben. Ich nickte, als er die Worte ſchrieb. „Das erſpart uns Allen viel Mühe, mein Herr,“ ſagte er, nachdem er fertig geſchrieben. Hier iſt ein Haft⸗ befehl gegen Sie, doch genügt es dem Major vollkommen, wenn Sie für Ihr Erſcheinen Bürgſchaft leiſten können.“ „Verhaftet!“ wiederholte ich,„weßwegen werde ich verhaftet?“ „Sie werden es morgen erfahren,“ ſagte er ruhig. „Wie iſt's mit der Bürgſchaft, haben Sie Bekannte oder Freunde in der Stadt?“ „Keines von beiden— ich bin ganz fremd hier— wenn Sie aber berechtiget ſind, mich zu verhaften, ſo über⸗ gebe ich mich Ihnen hier ſogleich.“ Inzwiſchen hatten ſich —— mehrere Perſonen dem Tiſche genähert, unter dieſen auch der Herr, der mir ſo freundlich einen Weg durch das Ge⸗ dränge nach der Thüre bahnte. „Was gibt's, Noche? ein Verhaftsbefehl?“ fragte er den Mann am CTiſche. „Ja, für dieſen Herrn hier— doch koͤnnen wir Bürg⸗ ſchaft nehmen, wenn er welche hat.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich fremd bin und hier niemand kenne.“ 3 Der Herr betrachtete den Verhaftbefehl— dann ſchaute er mir feſt ins Geſicht— und flüſterte dem Be⸗ amten zu: er muß noch ein Knabe, ein wahres Kind ge⸗ weſen ſein zu der Zeit.“ „Es iſt wahr, aber der Major ſagt, es müſſe ge⸗ ſchehen. Vielleicht wollen Sie ſelbſt Bürge ſein.“ Dieſe Worte fügte er halb ſpöttiſch mit ſchlauem Auge blin⸗ zelnd bei.. „Ich wiederhole Ihnen,“ ſagte ich, ungeduldig über die ganze Scene,„daß ich bereit bin, mit Ihnen zu gehen.“. „Iſt dieſes Ihr Name, mein Herr?“ fragte mich der Fremde und zeigte auf den Verhaftbefehl. „Ja,“ unterbrach der Beamte,„das iſt nicht zu be⸗ zweifeln, er gab ihn ſelbſt an.“ „Nun, nun, Roche,“ ſagte er ſchmeichelnd,„es iſt jetzt nicht die Zeit für unnütze Strenge. Laßt den Herrn für dieſen Abend wo er iſt, morgen wird er euch begleiten. Ihr koͤnnt hier bei ihm bleiben, wenn Ihr wollt.“ „Wenn Sie das ſagen, denke ich, mag's geſchehen,“ erwiederte der Beamte, als er ſein Papier zuſammenfaltete und vom Tiſche aufſtand. 25 „Ja, ja— ſo iſt's recht; und nun,“ ſagte der An⸗ dere ſich an mich wendend,„wollen Sie mir erlauben, mich zu Ihnen zu ſetzen, während ich dieſe Flaſche Claret trinke?“ Ich konnte gegen einen ſo angenehmen Vorſchlag nichts 148 einwenden— und ſo endigte, wenigſtens für jetzt, dieſer widrige Handel. 3 Zwölftes Kapitel. Ein unvorhergeſéhenes Unglück. „Ich bemerke, mein Herr,“ ſagte der Fremde, in⸗ dem er ſich an meinen Tiſch ſetzte,„daß man einen ver⸗ alteten Gebrauch gegen Sie geltend machen will. Ich glaubte, die Tage der Strafbefreiungen wären für immer verſchwunden.“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ „Die Behörden wollen in Ihnen einen franzöſiſchen Emiſſär herausfinden, als ob Frankreich nicht ſchon genug zu thun hätte, ohne ſich in einen Streit einzulaſſen, von dem es keinen Vortheil haben könnte, von der Unwahr⸗ ſcheinlichkeit gar nicht zu ſprechen, daß irgend Jemand in ſolchen Geſchäften das erſte Hotel in Dublin wählen würde, wie Sie es gethan haben.“ „Ich bin ganz unbeſorgt, welche Anklage ſie auch gegen mich erheben mögen. Ich bin mir keines Verbre⸗ chens bewußt, als mein Vaterland im Knabenalter ver⸗ laſſen und als Mann wieder betreten zu haben.“ „Sie waren in franzöſiſchen Dienſten?“ „Ja, ſeit 1801 war ich Soldat.“ „So lange? Sie müſſen ja noch ein Knabe geweſen ſein, als Sie Irland verließen. Wie konnten Sie an den Unruhen jener Zeit betheiligt ſein?“ Ich zögerte einige Augenblicke, ungewiß, was ich auf dieſe abgebrochene Frage antworten ſollte. Ein Blick in das männliche, offenherzige Geſicht des Fremden über⸗ zeugte mich, daß nicht bloße Neugierde die Frage veran⸗ laßt habe und ich erzählte ihm mit wenigen Worten, wie 149 mich die Meinungen der Patriotenpartei als Kind einer Sache gewonnen hätten, die ich weder würdigen noch ver⸗ ſtehen konnte. Ich ſchilderte raſch die Hauptereigniſſe meines Jugendlebens bis zum letzten Abend, den ich in Irland verbrachte. Als ich zu dieſem Theile meiner Er⸗ zählung kam, wurde der Fremde außerordentlich aufmerk⸗ ſam und fragte mich wiederholt nach der Urſache meines Streites mit Crofts und nach der Zeit von Darbys Er⸗ ſcheinung, über deſſen Namen und Eigenſchaft ich ihm je⸗ doch keine Auskunft ertheilte, ſondern ihn blos als einen alten treuen Anhänger meiner Familie bezeichnete. .„Seit der Zeit waren Sie alſo nicht in Irland?“ ſagte er, als ich endete. „Nie; auch hatte ich nicht im Sinne zurückzukehren, bis mich vor Kurzem die Umſtände bewogen, des Kaiſers Dienſt zu verlaſſen; und unſchlüſſig kam ich hierher, ohne ſelbſt zu wiſſen, warum.“ „Dann haben Sie natürlich die Entwicklung ihres Abenteuers mit Crofts nie erfahren. Für ihn war es ein glücklicher Zufall.“ „Wie ſo? ich verſtehe Sie nicht.“ „Ganz einfach: Crofts wurde am Morgen ſchwer verwundet gefunden, wo Sie ihn gelaſſen hatten: ſeiner Ausſage nach war er von einer Abtheilung Rebellen überfallen worden, die ſich das Loſungswort für dieſen Abend zu verſchaffen gewußt hatten und nun in verſchie⸗ denen Verkleidungen an der Schildwache vorbeikamen. Sie ſelbſt— denn ſo vermuthe ich, muß es geweſen ſein— wurden als der Anſtifter des Anſchlags bezeichnet und die Regierung ſetzte einen Preis auf Ihre Verhaftung. Crofts wurde zum Ritter geſchlagen und dem Stabe zugetheilt— zur Belohnung für ſeinen Muth und ſeine Loyalitat— die genaueren Einzelnheiten ſind meinem Gedächtniß zum Unglück wirklich entfallen.“ „Die wahren Umſtände des Vorfalles wurden alſo nie bekannt?„ „Was ich Ihnen erzählt habe, war die allgemeine Sage. Ich habe Wrſache, nich derſelben ſo wohl zu er⸗ innern, denn ich war damals und bin es noch jetzt, einer der geſetzlichen Rathgeber der Krone, und wurde über die⸗ ſen Fall befragt, der mir, ich geſtehe es, immer ver⸗ dächtig vorkam. Es herrſchte damals eine Wuth für Loyalitätsbelohnungen, wie man es nannte; die Geſchichte kam in alle Zeitungen. Nun denke ich, Crofts wuürde lieber ſehen, wenn Sie nicht zurückgekommen wären. Er hat das Abenteuer ſo gut benützt, wie er konnte und würde es nun gerne in Vergeſſenheit begraben ſehen.“ „Aber kann ich es dabei bewenden laſſen? Soll eine lihe, Beſchuldigung auf meinem Charakter haften blei⸗ en? „Thun Sie in dieſer Angelegenheit keinen Schritt; die Nechtfertiaune kommt früh genug, wenn der Angriff geradezu gethan wird; wo ſollten Sie zudem Ihre Zeugen finden— wo iſt der Dritte, welcher Ihre Unſchuld be⸗ weiſen und darthun könnte, daß Alles, was Sie thaten, nur Nothwehr war?— ohne ſein Zeugniß würde ihre Erzählung nichts nützen. Nein, nein, ſeien Sie wohl zufrieden, wenn man die Anklage auf ſich peruhen läßt, was nicht unwahrſcheinlich iſt. Crofts würde gewiß nicht gerne eingeſtehen, daß ſein Gegner noch ein Kind war; ſeine Tapferkeit würde bei dem Bekenntniſſe nichts ge⸗ winnen; zudem geht's ihm jetzt gut in der Welt; es iſt noch kein Monat her, als er ganz unerwartet einen gro⸗ ßen Landſitz erbte.“ Der Fremde, deſſen Namen M'Dougall war, unter⸗ hielt ſich noch längere Zeit ſehr theilnehmend mit mir und erbot ſich freundlich, mir in meiner ſchwierigen Lage Rath zu ertheilen; nachdem er mir ſeine Adreſſe gegeben, wünſchte er mir gute Nacht und ging fort. Umſonſt legte ich mich zu Bette; ſo müde und er⸗ ſchöpft ich war, konnte ich doch nicht ſchlafen; die Aus⸗ ſicht auf neue Verlegenheiten, die mich erwarteten, machte —— ——ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ˖—-— 151 mich ruhelos und ſiebernd und ich verlangte nach des Ta⸗ ges Anbruch, damit ich der Gefahr, die mich erwartete, mannhaft entgegentreten und dem Mißgeſchick mit kräfti⸗ gem Herzen begegnen könne. Auch ſtärkte meine zufällige Bekanntſchaft mit dem Fremden meinen Muth und ich fühlte dankbar, daß ſolche Begegnungen im Leben die ſonnigen Stellen ſind, die unſere Laufbahn erhellen— Vorboten künftiger beſſerer Tage. Dieſes Gefühl empfand ich noch ſtärker, als ich bei meinem Eintritt in das kleine Amtszimmer auf dem Schloſſe M'Dougall in einem Armſtuhle ſitzen und Zei⸗ tungen leſen ſah. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß er in gütiger Abſicht für mich hier war und betrachtete ihn bereits als meinen Freund. Major Barton ſtand ne⸗ ben dem Sekretär und flüſterte ihm von Zeit zu Zeit et⸗ was in's Ohr. „Ich habe ſichere Nachrichten, mein Herr,“ ſagte der Sekretär,„daß Sie in Verbindung mit den Parteien 2 waren, die ſich bei der letzten Rebellion in dieſem Lande thätig zeigten und von Ihnen nach Frankreich geſchickt wurden, um wegen Hülfe und Mitwirkung von dort her zu unterhandeln;“— Barton flüſterte hier etwas und der Sekretär fuhr fort—„und in Folge dieſes Anſchlages jetzt hier ſind.“ „Ich habe nur zu bemerken, mein Herr, daß ich Irland als ein Knabe verließ; welches auch damals meine Meinungen ſein mochten, ſo vermuthe ich, Sr. Majeſtät Regierung konnte wenig Gewicht darauf legen; ſeitdem habe ich mehrere Jahre in der franzöſiſchen Armee ge⸗ dient, bin während der ganzen Zeit mit Niemanden hier in Briefwechſel geſtanden, noͤch habe ich mit Irländern irgend einen Verkehr gehabt; bin endlich ohne Beglaubi⸗ gung von irgend einer Partei zurückgekommen und glaube nuc auf der ganzen Inſel keinen einzigen Bekannten zu haben.“ „Sind Sie noch immer in franzöſiſchen Dienſten?“ 1⁵² „Nein, mein Herr. Ich habe meinem Kapitänsrange vor einiger Zeit entſagt.“ „Aus welchem Grunde thaten Sie den Schritt 2 „Aus rein hverfüuliihen und nicht poltnſchen Rückſich⸗ ten, deßhalb bitte ich Sie, mich nicht darum zu befragen. „Ich kann nur ſagen, daß ſie weder auf meine Ehre, noch auf meine Loyalität ein ungünſtiges Licht werfen.“ „Seine Loyalität! Froaen Sie Phn doch, wie er die⸗ ſen Ausdruck verſteh zt oder welchem Souverän und welcher Regierung er Gehorſam leiſtet?“ ſagte Barton mit bos⸗ haftem L Lächeln. Pu 75e) haben Recht, Barton— die Frage iſt ſehr am „Wenn ich ſagte, Loyalität, mein Herr,“ antwortete ich,„ſo geſtehe ich, mich nicht ſo deutlich ausgeſprochen zu haben, wie ich es beabſichtigte. Ich meinte damit, daß keine meiner Handlungen in franzöſiſchen Dienſten mich als Irländer und Unterthan Sr. Majeſtät, Georgs III., was ich nun bin, compromittirte.“ „Sie fochten doch gegen die Verbündeten Ihres eige⸗ nen Vaterlandes.“ „Das iſt wahr, mein Herr. Ich ſpreche aber nur mit Be; ziehung auf die nächſten Intereſſen Englands. Ich war Söldat des Kaiſers, aber niemals ein Spion ſeiner Regierung.“ „Ihr Name iſt unter denen, welche ſich nie um Straf⸗ befreiung bewarben. Wie kommt dieß Sch hörte nie davon. Wußte auch nicht, daß ein ſolcher Akt nothwendig ſei. Ich bin mir keines Verbre⸗ chens bewußt, und habe falglich auch keine Urſache, um Gnade zu bitten.“ „Gut, gut, die huldreichen Verfügungen der Krone terlauben uns, das Vergangene nachſichtig zu behandeln. Eine mäßige Bürgſch aft für Ihre Erſcheinung, wenn ſie gefordert wird und Ihre eigene Cautionsleiſtung wird ge⸗ nügen.“ . — 453 „Zu dem letztern bin ich gerne bereit, was aber die Bürgſchaft betrifft, ſo wiederhole ich Ihnen, daß ich nie⸗ manden habe, den ich um einen ſolchen Dienſt bitten könnte.“ 4 „Keinen Verwandten?— oder Freund?“ „Beſinnen Sie ſich, junger Mann,“ ſagte M'Dougall nun zum erſten Male ſprechend.„Denken Sie nach, ob Sie ſich nicht an Jemand erinnern, der Ihnen in dieſer Verlegenheit beiſtehen würde. Baſſet war der einzige Name, der mir einfiel, und ſo albern auch der Gedanke war, von ihm eine ſolche Dienſtleiſtung zu verlangen, ſo vermuthete ich doch, daß er es mir als Agent meines Bruders nicht abſchlagen würde. Ich glaubte ein eigenthümliches Grinſen an Bar⸗ ton zu bemerken, als ich dieſen Namen nannte, nachdem jedoch meine perſönliche Caution angenommen und einige übliche Fragen beantwortet waren, ſagte man mir, ich könne nun die geforderte Bürgſchaft aufſuchen. 1 Ich wendete mich nach Baſſet's Hauſe, wo ich auf jeden Fall etwas von meinem Bruder zu erfahren hoffte. Wie ich in die Straße kam, erkannte ich ſogleich das alte Haus, deſſen mit Spinnengeweben überzogene Fenſter und ſchmutziges Ausſehen mich an frühere Zeiten mahnte. So⸗ gar der Ton des ſchweren eiſernen Klopfers erweckte ſchla⸗ fende Erinnerungen; und als ſich die Thüre öffnete und ich den engen Gang mit ſeinen zerbrochenen Lampen und feuchten farbloſen Mauern ſah, ſank mir der Muth, wie in frühern Zeiten, als der bloße Name Tony Baſſet mir ein Gegenſtand des Schreckens war. Herr Baſſet, ſagte man, ſei im Gerichtshofe und wies mich in die Schreibſtube, um dort ſeine Rückkehr zu erwarten. Ich kannte die düſtere Höhle wohl, mit ihren beſchmutzten Geſtellen und noch ſchmutzigeren Papieren, alten zinnernen Büchſen und dem gebrechlichen Pulte, an welchem zwei ſchlecht gekleidete ausgehungerte Burſche em⸗ ſig ſchrieben. Sie warfen einen flüchtigen Blick auf mich, 154 als ich eintrat und ſetzten dann ihre Beſchäftigung wieder fort; ich hörte ſie etwas über mein Ausſehen und meine Kleidung murmeln, das Uebrige konnte ich nicht ver⸗ ſtehen. ſh Des langen Wartens auf Baſſet's Ankunft endlich müde, entſchloß ich mich, die Schreiber um Nachrichten von meinem Bruder zu fragen.. „Haben Sie Geſchäfte mit Herrn Burke?“ entgegnete der eine, an den ich mich wandte, mit einem Ausdrucke gemeiner Spaßhaftigkeit. „Ja,“ ſagte ich kurz. „Koͤnnten ſie durch einen Brief nicht eben ſo gut als durch eine perſönliche Unterredung abgethan werden?“ fragte der andere mit erkünſtelter Hoflichkeit. „Vielleicht,“ erwiederte ich, zu ſehr mit meinen eige⸗ nen Gedanken beſchäftigt, um ihre leichtfertige Unverſchämt⸗ heit zu bemerken. 1 „Dann adreſſiren Sie Ihren Brief nach dem Kirch⸗ hofe von Loughrea oder wenn Sie noch pünktlicher ſein wollen, nach dem Erbbegräbniſſe.“ „Iſt er todt?— iſt Georg todt?“ „Das iſt ſchwer zu ſagen, aber begraben haben ſie ihn, das iſt gewiß.“ Gleich einem betäubenden Schlag raubte mir der Schreck dieſer Kunde meine Sinne. Verwirrte Gedanken kreuzten ſich in meinem Gehirne, ich konnte mich weder faſſen noch auf das hören, was um mich her geſagt wurde. Meine erſte klare Erinnerung war das Andenken an die kindliche Liebe, die zwiſchen uns beſtanden hatte. Tauſend längſt vergeſſene Liebesbeweiſe ſchwebten mir wieder lebhaft vor, und er, dem ich vor wenigen Augenblicken kein brüderliches Gefühl zugetraut hatte, wurde nun wahrhaft und ſchmerz⸗ lich von mir beweint. Die niedrige und gemeine Unver⸗ ſchämtheit der Schreiber machte keinen Eindruck auf mich; und als ſie auf meine Frage als Urſache ſeines Todes ein Fieber nannten, das er ſich in Orford durch eine Aus⸗ V ſchweifung zugezogen— hörte ich nur die Nachricht und beachtete die Gefühlloſigkeit nicht, womit ſie ertheilt wurde. Mein Bruder todt!— der einzige Verwandte, den ich hatte. Vor einigen Augenblicken hatten die Bande noch ſo ſchwach geſchienen. Was hätte ich jetzt gegeben, um ihn ins Leben zurück zu rufen! Zum erſten Male empfand ich nun, wie heimlich das Herz ſeine Troſtgründe aufzu⸗ bewahren vermag; und wie unbewußt das Gemüth bei Hoffnungen verweilen kann, die es ſich ſelbſt nie einge⸗ ſtand! Wie malte ich mir unſer Wiederſehen aus, und dachte mir, wie die jahrelang bewahrte Liebe in rauſchen⸗ dem Strome hervorgebrochen wäre! Das Grab iſt wirklich geheiliget, wenn das Gras des Kirchhofes alle Erinnerun⸗ gen zu bedecken vermag; nur die der Liebe nicht. Wir verweilen bei jeder guten Eigenſchaft des Dahingegangenen, als ob kein unwürdiger Gedanke dieſen kleinen Erdhaufen durchdringen könnte— die Scheidewand zweier Welten! Schmerzerfüllt und traurig barg ich mein Geſicht in mei⸗ nen Händen und bemerkte nicht, daß Baſſet eingetreten war und am Schreibpulte Platz genommen hatte. Seine mir ſo wohl bekannte rauhe Stimme machte mich zuerſt auf ſeine Gegenwart aufmerkſam. Ich ſah auf, und hier ſtand er wenig verändert, ſeit ich ihn zum letzten Male geſehen hatte. Die ſcharfen Linien über dem Munde waren ein wenig tiefer geworden, die Stirne ge⸗ furchter, die Haare mehr mit Grau gemiſcht, ſonſt war er ganz der nämliche. Als ich ihn ſo betrachtete, dünkte mich, die Zeit mache weniger Eindruck auf gemeine ge⸗ fühlloſe Menſchen, als auf edlere Naturen. Die Erleb⸗ niſſe laſſen keine Spur auf dem ſtarren Geſichte des einen zurück, während ſie ſich in das der andern tief eingraben. „Rücken Sie die Anzeige wieder ein, Simms,“ ſagte er, ſich an einen der Schreiber wendend,„laſſen Sie ſie in einigen Zeitungen der Seeſtädte erſcheinen. Unter den franzöſiſchen und flamändiſchen Schmugglern, die dahin kommen, iſt vielleicht irgend einer, der Nachricht geben kann. Sie müſſen im Stande ſein, zu beweiſen, daß, obwohl Thomas Burke— Ich fuhr auf, als ich meinen Namen hörte. Die Bewegung überraſchte ihn— er ſah um und gewahrte mich. So ſchnell und durchdringend ſein Blick war, konnte ich an nichts bemerken, daß er mich erkannt habe, obgleich es mir ſchien, als er meine Züge genau betrachtete und meine Kleidung muſterte, es ſei nicht bloßer Zufall oder oberflächliche Beobachtung. „Mein Herr,“ ſagte er endlich,„haben Sie hier Ge⸗ ſchäfte mit mir?„ „Ja; aber ich wünſche Sie allein zu ſprechen.“ „Dann kommen Sie da herein. Während deſſen ferti⸗ gen Sie den Akt aus, Sam— wir können ohne Beweiſe teſtamentlicher Uebertragung fortſchreiten.“ Dieſe wenigen unbeſtimmten Worte deuteten mir an, daß Baſſet Beweiſe meines Todes ſuche, ohne Zweifel, um dem Inteſtaterben die Beſitznahme der Güter meines Bruders zu ſichern. Dieſe Vermuthung ward mir augenblicklich zur Gewißheit und ich beſchloß auf der Stelle, meinen Verhaltungsplan darnach einzurichten. Sobald wir allein waren, die Thüre ſich hinter uns ſchloß, ſagte ich,„Sie haben eine Aufforderung, einen Herrn Burke betreffend, einrücken laſſen, welches ſind die beſonderen Umſtände, über die Sie Beweiſe wünſchen?“ „Der Ort, Tag und die Art ſeines Todes,“ erwie⸗ derte er langſam—„denn obſchon er, wie wir wohl wiſ⸗ ſen, im Auslande ſtarb, ſo würde doch eine authentiſche Beſtätigung der Thatſachen einige Mühe erſparen. Na⸗ türlich muß die Identität hergeſtellt, es muß ſein Herkom⸗ men, ſein wahrſcheinliches Alter und ſo fort ins Klare ge⸗ bracht werden. Für dieſe Nachricht bin ich freigebig zu zahlen bereit— auf hundert Pfund wenigſtens könnte ich mich einlaſſen.“ 2 „ s betrifft eine Erbſchaftsangelegenheit, wie ich ge⸗ höͤrt habe.“ .— 157 „Ja; indeſſen iſt der Ausweis nicht ſo wichtig, wie Sie vielleicht glauben mögen,“ entgegnete er ſchnell— mit der ſeinem Berufe anklebenden Schlauheit erwägend, wel⸗ chen Werth ich vielleicht meinen Aufſchlüſſen beilegen möchte —„die Thatſache ſeines Todes genügt uns; und wenn es ſogar anders wäre, iſt es ſehr unwahrſcheinlich, daß das betreffende Individuum dagegen Einſprache thun würde— eer wird wohl ſeine Gründe haben, Irland nicht zu be⸗ treten.“ „Wirklich!“ Das Wort entfuhr meinen Lippen, ehe ich es zurückhalten konnte. „So iſt's, doch dieſes kann für Sie kein Intereſſe haben, da Sie Ihrer Ausſprache nach ein Fremder ſind— haben Sie irgend einen Aufſchluß über dieſen Gegenſtand. zu ertheilen?“ „Ja; wenn wir von dem Individuum ſprechen, wel⸗ ches im Jahre 1800 als vierzehnjähriger Knabe dieſes Land verlaſſen und die polytechniſche Schule in Paris be⸗ zogen hat.“ „Leicht möglich. Fahren Sie gefälligſt fort, was wurde ſpäter aus ihm?“. „Er trat in franzöſiſchen Dienſt, erlangte Kapitäns⸗ rang— verließ dann die Armee— kam nach Irland zu⸗- rück— und jetzt, mein Herr, ſteht er vor Ihnen.“ Herr Baſſet änderte bei dieſer Erklärung keinen Zug ſeines Geſichtes. So unbeweglich und ſtarr blieb ſein Aus⸗ ſehen, daß ich einige Weile vermuthete, er glaube meinen Worten nicht; doch dieſer Eindruck verſchwand bald, als er ſeine Augen auf mich heftete und ſagte: „Ich erkannte Sie, mein Herr, im nämlichen Augen⸗ blicke, als ich in der Schreibſtube an Ihnen vorbei ging — aber es würde Ihnen ſchlecht ergangen ſein, wenn ich dieß hätte merken laſſen.“ „Wie ſo— ich verſtehe Sie nicht.“ „Meine Schreiber hätten Sie um der Belohnung willen angeben können— und wenn Sie einmal in New⸗ gate wären, hätten alle Unterhandlungen ein Ende.“ „Sie müſſen ſich deutlicher erklären, wenn ich Sie verſtehen ſoll, mein Herr. Ich bin mir keines Vorfalles. bemußt, in Folge deſſen mir dieſes Schickſal drohen könnte.“ „Vergaßen Sie Kapitän Crofts, Montague Crofts?“ ſagte Baſſet leiſe, während ein boshaft herausforderndes Lächeln ſeine Züge. verzerrte.“ „Nein; deſſen erinnere ich mich wohl— was iſt's mit ihm 2⸗ „Was mit ihm iſt? Er klagt Sie eines peinlichen Verbrechens an— gegen das unſere Geſetze nicht ſehr nachſichtig ſind— wie auch Ihre franz öfiſchen Gemmhndi⸗ gen es Sie betrachten gelehrt haben mögen. Ja— der Ver⸗ ſuch, einen Offtzier in Sr. Maj. Dienſten umzubringen, als er Sie hinderte, die Soldaten zu verführen, iſt ein Vergehen, deſſen Sie ſich wohl erinnern werden.“ „Kann der Mann ſo gemein ſein, eine ſolche Au⸗ klage gegen einen Knaben, wie ich damals war, zu er⸗ heben? „Sie waren nicht allein— bedenken Sie das.“ „Gewiß; auch danke ich dem Himmel dafür. So iſt wenigſtens Einer da, der meine Unſchuld beweiſen kann, wenn ich ihn aufzufinden vermag. „Das wird Ihnen wohl etwas ſchwer werden. Ihr würdiger Freund und Lehrer wurde vor fünf Jahren de⸗ portirt. 4 „Armer Burſche— ich wollte lieber hören, er ſei todt.“ „In dieſer Beziehung ſind noch Viele Ihrer Meinung, 74 ſagte Baſſet mit rohem Grinſen;„der Burſche, war allen Advokaten zu ſchlau— ſeine Ueberführung ward endlich durch eine Liſt erzielt.“ „Durch eine Liſt! rief ich erſtaunt. „Weder mehr noch weniger, Darby wurde zu vier 1⁵9 verſchiedenen Malen vor Gericht geſtellt, aber immer frei⸗ gelaſſen. Bald wegen ungenügender Zeugenausſage— bald durch nachſichtige Richter— oder wegen Formfehler in der Anklage— aber ſo ging's, er entkam ſtets den Schlingen des Geſezes, obgleich ihn Jedermann einer Menge Vergehen ſchul⸗ dig wußte. Endlich entſchloß ſich Major Barton zu einem andern Mittel. Darby wurde in Ennis verhaftet— in den Kerker geworfen— und vier Wochen in einer dunkeln Zelle bei Gefängnißkoſt gehalten, dann erſchien eines Mor⸗ gens der Henker, um ihm zu ſagen, daß ſeine Stunde ge⸗ kommen und der Befehl zu ſeiner Hinrichtung angelangt ſei. Sie ſollte ohne Richter oder Geſchworene innerhalb der vier Kerkermauern vollzogen werden. Dieſer Streich gelang— ihm ſank der Muth— und er erbot gegen Ver⸗ ſchonung ſeines Lebens ſich irgend eines Verbrechens ſchul⸗ dig zu bekennen, auf dem Deportation ſteht und wegen deſſen die große Jury erlauben würde, ihn vor Gericht zu ſtellen. Das that er und wurde dem Urtheil gemäß deportirt.“ 4 „Gerechter Himmel! kann eine ſolche Ungerechtigkeit in einem Lande geduldet werden, deſſen Bewohner ſich Chriſten nennen?“ rief ich aus, als er endete. „Ungerechtigkeit,“ ſpottete er nach,„das Land von einem mit jedem Verbrechen belaſteten Schurken zu be⸗ freien— einem Burſchen, der bei jedem Aufruhr des Lan⸗ des betheiligt war. Halten Sie das für Ungerechtigkeit? Ich nicht? und daß ich Ihnen dieſes jetzt erzählt habe, geſchah nur, damik Sie lernen mögen, daß, wenn loyalen und gutgeſinnten Männern die Vollziehung der Geſetze an⸗ vertraut iſt, die Grundſätze der Gerechtigkeit mehr beachtet werden, als ſpitzfindige, legale Formen. Dieſe Lehre kann für Sie von Werth ſein.“ 4 „Für mich! Wie kann ſich das auf mich oder meine Zukunft beziehen?“ „Mehr als Sie glauben. Ich habe Ihnen von der Anklage geſagt, die über Ihrem Haupte ſchwebt— erwägen Sie es wohl und prüfen Sie, welche Wahrſcheinlich⸗ keit des Entkommens Sie haben. Wir brauchen keine Zeit zu verlieren, um Ihre Unſchuld zu erörtern. Das Gericht, welches die Sache behandeln wird, iſt nicht ſo leichtgläu⸗ big, als Sie vermuthen. Weder die Meinungen, welche man Ihnen zuſchreibt und Ihre nachherige Flucht— noch Ihre Laufbahn in Frankreich werden zu Ihrer Entſchuldi⸗ gung beitragen, ſelbſt wenn Sie gültige Beweiſe zu Ihren Gunſten hätten: die Ihnen jedoch fehlen. Ihr einziger Zeuge iſt weit entfernt, ſo gut als todt. Worauf verlaſ⸗ ſen Sie ſich nun? Auf das Bewußtſein der Unſchuld! Neune unter zehn betheuern dieſe ebenfalls, wenn ſie das Schafſot beſteigen— aber es iſt mir noch nie vorgekom⸗ men, daß ihr Ruf das Wort„ſchuldig“ übertönte. Nein, mein Herr. Ich ſage Ihnen feierlich, man wird Sie ver⸗ urtheilen!“ 8 Der Ton, in dem er dieſe letzten Worte ſprach, niachte mein Blut erſtarren. Der Tod eines Soldaten auf dem Schlachtfelde hatte nichts Schreckendes für mich— aber dem verabſcheuten Schickſal eines Verbrechers konnte ich nicht die Stirne bieten. Meine erbleichenden Wangen und bebenden Glieder mußten meine Bewegung verrathen haben— weil ſogar Baſſet Mitleid zu haben ſchien, und mich in einen Seſſel niederdrückte. 3 „Es gibt indeß einen Weg, allen dieſen Gefahren zu entgehen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ein eben ſo leichtes als ſicheres Mittel. Sie haben von den Ankündigungen gehört um Nachrichten über Ihren Tod zu erhalten, wel⸗ cher im Auslande erfolgt ſein ſoll. Sie ſind hier fremd — ohne einen einzigen Verwandten, der Sie erkennen oder ſich Ihrer erinnern würde— warum ſollten Sie nicht unter einem andern Namen dieſe Beweiſe liefern— um dadurch Ihr eigenes Entkommen zu ſichern, und die Be⸗ lohnung in Anſpruch nehmen zu können.“ „Was, mich ſelbſt verläugnen! um meines Erbrechtes verluſtig zu werden.“ 3 161„ „Was die Erbſchaft betrifft,“ ſagte er ſpöttiſch,„ſo verſpricht Ihre Lage keinen langen Genuß derſelben.“ „Wäre es nur für einen Tag— eine Stunde!“ rief ich leidenſchaftlich.„Ich will meine Ehre nicht verletzen. Möge es auf die Häupter derer zurückfallen, die einen Un⸗ ſchuldigen zum Tode verurtheilen— es iſt ſogar beſſer, als ſolcher auf einem Blutgerüſt zu ſtehen, als ein Leben voll Schande und vergeblicher Reue zu führen.“ „Die dunkeln Kerkerſtunden ändern des Menſchen Ge⸗ ſinnungen wunderbar,“ bemerkte er langſam:„ich habe Manche, welche dem Tod in ſeiner ſchrecklichen Geſtalt unerſchrocken ins Antlitz ſahen, feige erbeben ſehen, wenn er in der Tracht eines gemeinen Henkers erſchien. Laſſen Sie ſich von mir rathen, überlegen Sie, was ich Ihnen geſagt habe, und wenn es einen Pfad im Leben gibt, auf dem Ihnen eine mäßige Summe helfen kann—“ „Still, mein Herr— ich bitte ſchweigen Sie; es kann ſein, daß Ihr Rath von gütigen Geſinnungen für mich herrührt; wenn Sie aber wollen, daß ich dies glau⸗ ben ſoll, dann ſagen Sie nichts weiter,— mein Entſchluß iſt gefaßt.“ „Warten Sie auf jeden Fall bis morgen, vielleicht zeigt ſich ein anderer Ausweg. Was ſagen Sie zu Amerika? — Würden Sie ſich weigern, dorthin zu gehen? „Hätten Sie mich vor einer Stunde gefragt, ſo würde ich nach Ihrem Wunſche geantwortet haben. Jetzt iſt es ein Anderes, meine Abreiſe gliche der Flucht eines Schul⸗ digen, dazu kann ich mich nicht verſtehen.“ „Beſſer die Flucht als das Loos eines ſolchen,“ mur⸗ melte Baſſet zwiſchen den Zähnen, und im nämlichen Au⸗ genblick hörte man laute Stimmen im äußern Gemach mit einander ſprechen.. „Bedenken Sie ſich, ehe es zu ſpät iſt, vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen geſagt habe: Ihre Meinungen, Ihre Laufbahn, Ihre Verbindungen ſind nicht von der Art, um Sie der günſtigen Berückſichtigung eines Gerichtes zu Tom Burke. v. 11 162 empfehlen. Glauben Sie Ihre Sache ſtark genug, dem Allem zu widerſtehen? Sir Montague wird freigebige Bedingun⸗ gen machen— er wünſcht nicht das Unglück einer Familie bloszuſtellen.“ „Sir Montagnue!— von dem reden Sie?“ „Sir Montague Crofts,“ ſagte Baſſet erröthend, denn er hatte unwillkührlich den Namen ausgeſprochen.„Wiſſen Sie denn nicht, daß er Ihr Verwandter iſt, ein entfernter, das iſt wahr, aber doch Ihr nächſter Angehöriger.“ „Und der Erbe der Güter?“ rief ich, denn mir ging plötzlich ein neues Licht auf.„Erbe im Falle meines Able⸗ bens?“ Baſſet nickte bejahend.. „Sie ſpielten ein gewagtes Spiel, mein Herr,“ ſagte ich tief Athem holend,„waren aber nie nahe daran, es zu gewinnen.“ 4— „Sie auch nicht,“ rief er, die Thüre, welche die bei⸗ den Zimmer trennte, weit aufreißend.„Ich höre hier eine Stimme, welche dieſe Frage auf immer entſcheidet.“ In dieſem Augenblick trat Major Barton von zwei Männern geſolgt herein. „Ich vermuthete, Sie hier zu finden, mein Herr. Sie brauchen meinen würdigen Freund nicht um ſeine Bürg⸗ ſchaft zu bemühen, ich verhafte Sie wegen Felonie.“ „Felonie!“ rief Baſſet mit verſtelltem Erſtaunen. „Eines ſolchen Verbrechens iſt Herr Burke angeklagt!“ Unwille und Scham überwältigten mich, ſo daß ich kein Wort hervorbringen und nur durch eine Bewegung der Hand andeuten konnte, daß ich bereit ſei, mit ihm zu gehen; ich folgte ihm nach der Thüre, wo ein Wagen ſtand, der uns nach Newaate führte. Dreizehntes Kapitel. Die Gefahr abgewendet. Wenn ich mit unnoͤthiger Weitläufigkeit bei dieſem traurigen Abſchnitte meiner Geſchichte verweilte, ſo geſchah es, weil die einzige Lehre, die aus meinem Leben gezogen werden kann, in ähnlichen Stellen enthalten iſt. Die Folge von Unfällen, die ein Irrthum der Jugend nach ſich zieht, das Unglück, welches aus einem einzigen falſchen unüber⸗ legten Schritt entſteht, verdunkelt oft die ganze Zukunft. Dieß überdachte ich jetzt in der Einſamkeit meines Ker⸗ kers. Obwohl ich mich von dem mir zur Laſt gelegten Ver⸗ brechen freiſprechen konnte, ſo vermochte ich doch nicht ſo leicht mein Herz wegen der früheren Thorheit zzu entſchul⸗ digen, welche mich wähnen ließ, daß die Wiedergeburt eines Landes durch die Beſtrebungen eines blutdürſtigen und fanatiſirten Haufens bewirkt werden könne. Dieſem Irrthume konnte ich jeden falſchen Schritt meines Lebens, wie auch den langen Kampf zuſchreiben, den meine Frei⸗ heitsliebe mit meinem Abſcheu gegen Pöoͤbelherrſchaft zu beſtehen hatte; und wie viel Jahre koſtete es mich, um zu lernen, daß um die Bürde der Unterdrückten zu erleich⸗ tern, die Ausübung einer größern Tyrannei erforderlich ſein mag, als ihre frühern Herrſcher je anwendeten. Gleich vielen Andern betrachtete ich Frankreich als das Land der Freiheit— aber wo herrſchte Despotismus ſo unumſchränkt! wo war die Herrſchaft eines großen Geiſtes ſo grenzenlos! Sie hatten die Freiheit gegen Gleichheit vertauſcht, und weil der Druck auf Allen gleichſchwer laſtete, wähnten ſie ſich freitz; während die Klaſſenvorrechte bei uns dem armen Manne Gefühle von Knechtſchaft einſlößen, deſſen wirkliche Freiheit doch ungehemmt iſt.. 8 Von allen meinen Jugendträumen blieb nur das ehr⸗ geizige Streben nach kriegeriſchem Ruhme übrig, und das lebte in der ſchreckenden Einſamkeit meines Kerkers fort und tröſtete mich in mancher einſamen Stunde durch Er⸗ innerungen an die Vergangenheit. Die glänzenden Reihen berittener Schwadronen, der dumpfe Donner des Geſchützes die dichten, beim Anſturm der Reiterei unbeweglichen Maſſen Infanterie, waren Bilder bei denen ich Tage und Stun⸗ den verweilen konnte; und mein heißeſter Wunſch kannte kein hoͤheres Ziel, als noch einmal Soldat in Frankreichs Reihen zu ſein. 3 Während der ganzen Zeit beſchäftigte ſich mein Ge⸗ müth ſelten mit den Umſtänden meiner Gefangenſchaft, auch ängſtigte mich das Ergebniß derſelben nicht. Das Bewußtſein der Unſchuld erhielt die Flamme der Hoffnung am Leben, und geſtattete ihr kein Flackern oder Abweichen. Sie leuchtete ſtandhaft in mir, und machte ſelbſt die dunkle Kerkerzelle zu einem ſtillen Ruheplatze: und ſo verfloß die Zeit, die Tanſenden fröhliche und glückliche Stunden brachte, zu kurz und flüchtig für die Freude, die ſie mit ſich führten: ſie vergingen auch dem Gefangenen, wie Ei⸗ nem, der am Ufer des Stroms wartet und nicht weiß, welches Geſchick ihm auf ſeiner Reiſe bevorſtehen mag. Ein beharrliches Gefühl des Rechtes hatte⸗mich gehindert, die gewoͤhnlichen Schritte zu meiner Vertheidigung zu thun, und der Gerichtstag nahte heran ohne die geringſte Vorbereitung von meiner Seite. Ich wußte nicht, wie weſentlich die Gewandtheit und Geſchicklichkeit eines Ad⸗ vokaten guch in der einfachſten Sache ſei, und verließ mich ganz auf meine Schuldloſigkeit, als ob die Menſchen im Herzen eines Gefangenen leſen und ſeine Regungen zu er⸗ kennen vermöchten. Herr M'Dougall, der einzige Rechtsgelehrte, deſſen Namen ich kannte, hatte ein Richteramt in Indien ange⸗ nommen und war bereits dahin abgereist, ſo daß ich in meiner Verlegenheit weder Freund noch Rathgeber hatte. Ueberdieß hätte ſich mein Stolz ſchwerlich zu der Erklä⸗ rung aller kleinlichen Umſtände herabgelaſſen, welche ein Advokat zu meiner Rechtfertigung nöthig erachtet haben möchte, und ich war jetzt ſogar ſroh, zu denken, daß ich nur der einfachen Thatſache die Auerkennung meiner Un⸗ ſchuld zu verdanken haben würde. Im November hörte ich endlich, die Verhandlung ſei bis zum nächſten Februar aufgeſchoben; und ſo gedan⸗ kenlos und gleichgültig hatte mich die Einkerkerung ge⸗ macht, daß ich dieſe Nachricht ohne Ungeduld oder Be⸗ dauern vernahm. Die Oeffentlichkeit eines Gerichtshofes, wo man den Bemerkungen der ſich dort drängenden gaf⸗ fenden Menge blosgeſtellt iſt, machte mir mehr Kummer, als die Wichtigkeit einer Anklage, die, obwohl ſie falſch war, mein Leben aufs Spiel ſetzte, und zum erſten Male freute ich mich jetzt, daß ich freundlos war. Ja der Ge⸗ danke tröſtete und beruhigte mich, daß Niemand über die Verwandtſchaft mit mir erröthen, noch über mein Schick⸗ ſal Thränen vergießen werde. Gewiß hat der Gram un⸗ ſer innerſtes Weſen tief ergriffen, wenn uns das Vergnü⸗ gen und Beruhigung verſchafft, was in glücklicheren Um⸗ ſtänden die Quelle des Bedauerns iſt. 4 Ich will nun vorwärts eilen. Meine Leſer werden mir gern verzeihen, wenn ich mit ſchnellen Schritten über einen Theil meiner Geſchichte hinweggehe, an den ich noch jetzt nicht ohne Bitterkeit denken kann. Endlich kam der Tag, an dem ich mit allen in einem Gefängniß üblichen Feierlichkeiten aus meinem Kerker in die Anklagezelle geführt wurde. Wie ſonderbar iſt der plötzliche Umſchwung der Gefühle, den die Verſetzung aus der ſtillen Einſamkeit ei⸗ nes Kerkers in das Gedränge des Gerichtshofs erzeugt, wo Alles Blicke lebhafter Neugierde, der Furcht, oder viel⸗ leicht des Mitleidens auf denjenigen richtet, der ſelbſt in halber Vergeſſenheit ſeiner Lage, eben ſo erſtaunt als über⸗ raſcht, den großen Haufen anſtarrt.. 3 Ich erinnerte mich mit einem Male an einen frühern Augenblick meines Lebens, als ich unter den gefangenen Chouans angeklagt vor dem pariſer Tribunale ſtand; ob⸗ wohl jedoch bei dem Verfahren hier weniger Aufregung und Leidenſchaft zu bemerken war, ſo flößte der ſtrenge Ernſt des engliſchen Rechtsganges bei weitem mehr Schrecken ein; und in Ermanglung alles deſſen, was den Geiſt be⸗ wegen konnte, ſich zu ermannen, erfüllte er das Gemüth eines Gefangenen mit bangeren Ahnungen. Ich habe geſagt, daß ich mich bei dieſem Theil mei⸗ nes Lebens nicht lange verweilen würde. Ich könnte es nicht, wenn ich auch wollte. Wirkliche Ereigniſſe und die Eindrücke, welche ſie auf mich machten— Thatſachen und wechſelnde Gemüthsbewegungen, ſind in meinem Gedächt⸗ niß auf ſonderbare Weiſe vermiſcht und unter einander geworfen; obwohl ich mich auf gewiſſe kleinliche Einzeln⸗ heiten deutlich beſinne, ſo ſind mir doch andere wichtige ganz entſchwunden. Die üblichen Foͤrmlichkeiten wurden erlebigt; die Ge⸗ ſchwornen waren aufgerufen und der Umſchreiber verlas laut die Anklageakte, worauf meine Einrede„nicht ſchul⸗ dig,“ ſogleich zu Protokoll genommen wurde. Der Rich⸗ ter fragte mich dann, ob ich einen Vertheidiger habe, und als er hoͤrte, daß dieß nicht der Fall ſei, ernannte er da⸗ zu einen jungen Anwalt und die Verhandlung begann. Ich war nicht der Erſte, der eines Verbrechens ange⸗ klagt, deſſen er ſich unſchuldig wußte, durch die Darſtel⸗ lung der ihm aufgebürdeten Schuld dennoch ſo überwäl⸗ tigt, durch das unentwirrbare, künſtlich verflochtene Ge⸗ webe von Wahrheit und Lüge ſo beſtürzt wurde, daß ihm ſeine eigene Ueberzeugung ſo abweichenden Anſichten gegen⸗ über zweifelhaft vorkam. 8 Die erſte Empfindung des Angeklagten iſt Staunen darüber, daß ein ihm ganz Fremder— der Rechtsgelehrte, den er vielleicht nie geſehen, deſſen Namen er nie gehört— mit ſeiner eigenen Geſchichte ganz vertraut iſt, und wie durch innere Anſchauung ſogar mit ſeinen Gedanken und 4 167 Beweggründen bekannt zu ſein ſcheint. Indem er nicht blos die Handlungen, ſondern auch die Geſinnungen in eine willkührliche Reihenfolge bringt, erfindet er eine Geſchichte, deren Held der Angeklagte iſt, und ſtattet ſeine Erzählung mit allen jenen Anſprüchen auf Glaubwürdigkeit aus, die ſich aus Zeit, Ort und Umſtänden ergeben. Kein Wunder, daß die bloße Anklage die Seele mit Schrecken erfüllt. Kein Wunder, daß die Darſtellung der Schüld dem allen Muth nimmt, der, im Bewußtſein, daß Einiges wahr iſt, fühlen mag, ſeine Handlungen könnten in einem andern Lichte betrachtet werden, das von jenem ſehr verſchieden iſt, in welchem ſie ihm ſelbſt erſcheinen. Dieß war, ſo weit ich mich erinnere, der Gang mei⸗ ner Gedanken. Zuerſt hatte Staunen über die Genauig⸗ keit der meinen Namen, mein Alter und meinen Stand betreffenden Einzelnheiten die Oberhand— dann folgte Entrüſtung über die mir zur Laſt gelegten Beſchuldigungen, die allmählig, wie der Advokat fortfuhr, einer Art Ver⸗ wirrung Platz machte, welche wieder in eine ungewiſſe Furcht überging, als ich einige unbedeutende Thatſachen wiederholen hoͤrte, von denen mein Gedächtniß bei ge⸗ nauerem Nachſinnen einige als wahr erkannte, ohne daß ich in meiner Verwirrung entdecken konnte, ob ſie geeignet ſeien, die Anklage gegen mich zu unterſtützen— endlich verlor ſich Alles in einem wüſten Durcheinander, in dem das Bewußtſein ſelbſt unterging und nichts übrig blieb, um dem Verſtand zur Richtſchnur zu dienen. Der Ankläger machte die Geſchwornen aufmerkſam, daß ſie, obwohl nicht verſammelt, um mich wegen eines politiſchen Vergehens zu richten, doch bedenken müſſen, daß der mörderiſche Angriff, deſſen man mich beſchuldige, nur Theil eines, den Umſturz der Regierung bezweckenden Planes ſei— er ſagte ihnen, ſo jung ich damals gewe⸗ ſen, ſei ich in vertrauter Verbindung mit der mißvergnüg⸗ ten Partei geſtanden, welche die mißverſtandene Milde der Regierung, bei der Beendigung des letzten Aufruhres, nicht gänzlich ausgerottet habe— indem mein beſtändiger Ge⸗ fährte ein Mann geweſen, deſſen Verbrechen in lebensläng⸗ licher Deportation bereits eine nur zu gnädige Strafe ge⸗ funden; und um das Militär zu gewinnen, ſei es mir ge⸗ „lungen, Zutritt in die Kaſerne zu erlangen, wo ich mir das Vertrauen eines ſchwachköpfigen, aber gutmüthigen Of⸗ fiziers vom Regimente erworben habe. „Dieſe Anſchläge,“ fuhr er fort,„waren blos theil⸗ weiſe von Erfolg. Mein ausgezeichneter Klient war da⸗ mals Ofſizier bei dem Korps und beſchloß mit jener im⸗ mer wachſamen Loyalität, durch die er ſich auszeichnet, die⸗ ſen Eindringling ſcharf im Auge zu behalten, der durch ſeine Jugend und anſcheinende Unſchuld bereits das Ver⸗ trauen der Mehrheit des Regiments gewonnen hatte; auch war ſein Argwohn nicht ungegründet. Ein zur Enthüllung verrätheriſcher A lbſichten ſcheinbar wenig geeigneter Vorfall entlarvte bald den Charakter des Gefangenen und die Be⸗ ſchaffenheit ſeiner Seudung. 44 Mit umſtändlicher Genauigkeit erzäh lte er dann, was ſich in der Kaſerne der Georgsſtraße in jener Nacht bege⸗ ben, als Hilliard, Crofts und einige Andere mit Bubbleton in ſein Quartier kamen, um eine Wette zwiſchen zwei der Anweſenden zu entſcheiden. Indem er die Aufmerkſamkeit der Jury auf dieſen Theil des Falles lenkte, ſchilderte er den Auftritt, welcher ſtattfand, und wenn mich mein Ge⸗ dächtniß nicht täuſchte, ſo entſchlüpfte ihm kein Satz, kein Wort, das geſprochen worden war. „In dieſem Augenblicke nun, meine Herrn,“ ſagte er, „ließ den Gefangenen ſeine gewöhnliche Behutſamkeit im Stiche und in einer unbewachten Minute trat ſeine ganze Schuld an den Tag. Kapitän Bubbleton verlor die Wette, welche mein Klient gewann. Einem Herkommen zufolge, das in ſolchen Fällen entſcheidend iſt, mußte auf der Stelle Zahlung geleiſtet werden. Bubbleton beſaß nicht die Mit⸗ tel, ſeine Schuld zu tilgen, und während er ſich unter ſei⸗ nen Kameraden nach Beiſtand umſchaute, trat der Gefangene 169 vor und erlegte den Betrag. Merken ſie auf, was nun folgte. Plötzliche Dienſtgeſchäfte nöthigten jetzt die Offi⸗ ziere, ſich zu entfernen, mit Ausnahme Crofts, der nicht im Dienſte war und nicht nöthig hatte, ſie zu be⸗ gleiten. „Die von dem Angeklagten zu ſo gelegener Zeit her⸗ beigeſchaffte Banknote lag auf dem Tiſche und Croft's ſchickte ſich an, ſie mit Muße zu entfalten und zu unter⸗ ſuchen, bevor er das Zimmer verließ. Indem er das Pa⸗ pier langſam aufmachte, legte er es vor ſich hin und was glauben Sie wohl, meine Herren, daß es enthielt? Eine engliſche Zwanzigpfundnote, werden Sie ⸗wahrſcheinlich ſa⸗ gen. Nichts weniger als das! Das Papier war eine franzöſiſche Aſſignate, auf der die Worte ſtanden— „Payex au porteur la somme de deux milles li- vres.“ Ja, die von dieſem jungen Menſchen ſo nach⸗ läßig auf den Tiſch geworfene Summe war eine von der franzöſiſchen Regierung ausgeſtellte Anweiſung auf achtzig Pfund. „Bedenken Sie, meine Herren, den Zeitpunkt, in dem dies geſchah; wir hatten gerade die Schwelle eines der fürchterlichſten und blutigſten Aufſtände überſchritten, die Ruhe des Landes war nach einer Zuckung, welche die Ver⸗ faſſung und den Thron ſelbſt in ihren Grundveſten erſchüt⸗ terte, kaum wieder hergeſtellt— die Einmiſchung Frank⸗ reichs in die Angelegenheiten des Landes war keine bloße Drohung geweſen— ſeine Schiffe waren abgeſegelt, ſeine Heere hatten gelandet und obwohl die Tapferkeit und Loya⸗ lität unſerer Truppen der Expedition gänzliche Niederlage und Vernichtung bereitet hatte, ſo lauerten die Sendlinge aus dieſem Lande der Anarchie doch noch an unſern Küſten und verbreiteten heimlich jenen Verrath, den ſie oſſen zu verkünden nicht wagten. Wenn fie auch ihr Blut nicht aufs Spiel ſetzten, ſo waren ſie doch deſto verſchwenderiſcher mit ihrem Golde— was ihnen an Muth abging, erſetzten ſie durch Aſſignaten. Im ganzen Lande wurden die lockend⸗ ſten Verheißungen großen Gewinnes und reicher Beute her⸗ umgeboten und wo immer ſich Mißvergnügte herumtriebe oder der Aufruhr Anhänger hatte, fanden die Feinde Eng⸗ lands Blerbeſete Verbündete. Nichts war für dieſen verbrecheriſchen Bund zu gemein, nichts zu verworfen; er achtete nicht darauf, mochte der Stand noch ſo gering, die Wirkſamkeit noch ſo beſchränkt ſein. Verrath kann ſeine Agenten nicht auswählen; er lnnß ſich der Werkzeuge be⸗ dienen, die ihm Zufall und Gelegenheit darbietet; ſie moͤ⸗ gen der Auswurf der Menſchheit ſein, allein öͤnnen ſie auch nichts Gutes bewirken, ſo ſind ſie darum für das Böͤſe nicht minder thätig. So war der junge Menſch be⸗ ſchaffen, der nun als Aadehlagter vor Ihnen ſteht und dies war der Preis ſeiner Treuloſigkeit.“ Bei dieſen Worten hielt er triumphirend die franzöſi⸗ ſche Aſſignate empor und ſchwenkte ſie vor den Augen des Gerichtshofes. Wie geringe Wichtigkeit ich auch dieſen Umſtänden beilegte, ſo war der Eindruck, den dieſes Cor- pus delicti auf die Geſchihorenen hervorbrachte, doch offenbar ſo groß, daß mich eine plötzliche Angſt vor dem Ergebniß durchzuckte. Bis jetzt hatte ich geglaubt, Darby habe ſich wieder in den Beſitz 8— Aſſignate geſetzt, als Grofbs beſinnungs⸗ los auf dem Boden lag— wenigſtens erinnerte ich mich genau, daß er ſich über ihn beugte und ihm etwas zu neh⸗ men ſchien. Waͤhrend ich mir uͤber dieſen Punkt den Köpf zerbrach, bemerkte ich nicht, daß der Advokat ſich Mühe gab, 35 Geſchwornen die entſcheidende Wichtigkeit dieſes Umſtandes begreiflich zu machen. Mein Anerbieten an Croft's, die Aſſignate gegen eine engliſche Banknote auszutauſchen— mein dringendes Ver⸗ langen, daß er ſie mir zurückſtellen ſollte— die Gründe, welche ich vorgebracht, um ihm zu beweiſen, daß der Be⸗ ſitz deſſelben mich in kein verdächtiges Licht ſtellen könne— dies alles wurde mit ſo wenig Uebertreibung erzählt, daß ich wirklich unfähig war, zu ſagen, gegen welche Behaup⸗ 171 tung ich Einwendungen erheben könne, während ich das Bewußtſein hegte, daß die daraus hergeleiteten Folgerungen falſch und ungerecht waren. Nachdem er mit vollendeter Geſchicklichkeit die gefährliche Stellung bezeichnet hatte, in welche mich dieſes Papier verſetzte, benützte er den Anlaß, um mein ängſtliches Streben, mich aus meiner mißlichen Lage zu befreien, mit dem ruhigen Benehmen meines Geg⸗ ners zu vergleichen, dem ſeine Loyalitäͤt gebot, die Aſſignate zu behalten und den Umſtänden nachzuforſchen, durch die es in meine Hände gelangte. Aufgebracht über Croft's entſchloſſene Feſtigkeit, ſollte ich durch Beſchimpfungen und Beleidigungen einen Streit hervorzuruſen geſucht haben, in den ſich jedoch Croft's in Betracht meiner Unebenbürtigkeit als Gegner unmöglich einlaſſen konnte. Auf jede Art abgewieſen, ſei ich dann, hieß es, aus dem Zimmer geſtürzt, habe es von außen zweimal verſchloſſen und ſei die Treppe hinab und aus der Kaſerne hinaus geeilt, jedoch nicht um zu entfliehen, ſon⸗ dern in ganz verſchiedener Abſicht— um in wenigen Au⸗ genblicken in Begleitung dreier Burſche wieder zu kommen, denen die Wache auf mein Vorgeben, ſie wollen ſich an⸗ werben laſſen, Eintritt geſtattet. Die Treppe erſteigen, das Thor öffnen und über den eingeſchloſſenen Offizier herfallen, war das Werk eines Au⸗ genblicks. Seine Vertheidigung, obwohl herzhaft und ent⸗ ſchloſſen, dauerte nicht lange: nachdem ſein Degen zer⸗ brochen war, erhielt er einen Schlag mit einem Knüttel, der ihn für todt zu Boden ſtreckte. Die Schurken plün⸗ derten ſeine Taſchen aus und machten ſich fort. Das nämliche Loſungswort, welches ihnen Eingang verſchafft hatte, half ihnen wieder hinaus— und als der Morgen anbrach, fand man den verwundeten Mann ſich in ſeinem Blute wälzen, aber es war noch ſo viel Leben und Kraft in ihm, daß er den Hergang erzählen konnte. 4 Durch einen bloßen Zufall ſei die franzoͤſiſche Bank⸗ 1 note nicht in ſeine Taſche geſteckt worden, ſondern während des Kampfes auf den Boden gefallen, wo man ſie am folgenden Tage entdeckt habe. Dies waren die Hauptzüge einer Anklage, die, obwohl ſie in ſolcher Kürze nacherzählt, unwahrſcheinlich heraus⸗ kommen, doch im Vortrage des Advokaten einen erſtaun⸗ lichen Zuſammenhang hatten, indem ſie durch eine Menge geringfügiger Umſtände beſtätigt wurden, welche gewiſſe unweſentliche Theile der Geſchichte bekräftigten. Meine politiſchen Meinungen zum Beiſpiel— die zweifelhafte, ſogar zweideutige Stellung, die ich einnahm, der durch das Bankbillet erwieſene Verkehr mit Frankreich oder mit Fran⸗ zoſen— mein plötzliches Verſchwinden nach dem Vor⸗ ſalle— und meine Flucht nach jenem Lande, wo ich fort⸗ an lebte, bis ich, ſo hieß es in der Anklage, geglaubt hobe, daß die Zeit jede Spur, wenn auch nicht meines Verbrechens, doch meines Daſeins verwiſcht— dies wa⸗ ren die Angaben, welche mit gewohnter Geſchicklichkeit glaubwürdig gemacht wurden— und die durch ſeine Aus⸗ ſage zu bekräftigen Sir Montague Croft's zum Zeugen aufgernfen wurde. 4 Ein Gemurmel der Erwartung erhob ſich im Gerichts⸗ hof, als der Name dieſer wohlbekannten Perſon ausge⸗ ſprochen wurde und in wenigen Augenblicken machte die Menge an der innern Schranke Platz und eine hohe Ge⸗ ſtalt erſchien an der Zeugentafel. Unſere Blicke begegneten ſich im nämlichen Augenblicke und wir ſaßten uns einige Sekunden lang feſt in's Auge. Wir ſchienen uns gegen⸗ ſeitig herauszufordern— und wilde Freude durchzuckte mich, als ich bemerkte, daß er nach ungefähr einer Minute er⸗ röthend ſein Geſicht abwendete und Befangenheit und Un⸗ behaglichkeit verrieth. Die erſten Fragen des Advokaten beantwortete er mit offenbarer Gezwungenheit und leiſer, gedämpfter Stimme, bald jedoch faßte er ſich vollkommen und gab keck und rück⸗ haltslos ſein Zengniß ab— indem er durch ſeine Ausſage V 5 173 alle Angaben ſeines Advokaten bekräftigte. Sowohl der Gerichtshof als die Geſchwornen hoͤrten ihn mit achtungs⸗ voller Aufmerkſamkeit an— und als er im Vorbeigehen auf ſeine Loyalität und Anhänglichkeit an die Verfaſſung anſpielte, unterbrach ihn der älteſte Richter und ſagte: „Ueber dieſen Punkt, Sir Montague, kann keine ab⸗ weichende Meinung ſtattfinden— Ihre unantaſtbare Ehren⸗ haftigkeit iſt dem Gerichtshofe wohl bekannt.“ Die Abhörung dauerte nicht lange, kaum eine halbe Stunde. Und als mein junger Vertheidiger vortrat, um ihm einige Querfragen vorzulegen, wurde ſeine Unwiſſen⸗ heit und ſein Mangel an der nöthigen Vorbereitung ſogleich erkannt und der Zeuge faſt unmittelbar darauf entlaſſen. Sir Montague's Advokat verzichtete auf die Vorru⸗ fung anderer Zeugen. Das Regiment, zu dem ſein Klient damals gehörte, war außer Landes; allein er hielt ſich überzeugt, daß der Fall keiner weitern Auseinanderſetzung bedurfte, als die Jury bereits gehoͤrt hatte. Es ſolgte nun eine kurze Berathung zwiſchen den Mit⸗ gliedern der Richterbank und dann forderte der älteſte Rich⸗ ter meinen Advokaten auf, mit der Vertheidigung zu be⸗ ginnen. Der junge Anwalt erhob ſich ſchüchtern, erklärte mit wenigen Worten, daß es ihm unmöglich ſei, zur Wider⸗ legung der gemachten Angaben irgend ein Zeugniß beizu⸗ bringen.„Der Angeklagte, Mylord,“ ſagte er,„hat mir nichts von der Sache anvertraut. Ich weiß davon blos das, was hier im Gerichte vorgekommen iſt.“ S „Es iſt wahr, Mylord,“ unterbrach ich.„Die that⸗ ſächlichen Umſtände dieſes unglücklichen Ereigniſſes ſind blos drei Perſonen bekannt. Sie haben bereits gehört, wie eine derſelben ſie darſtellt. Sie ſollen nun meine Ausſage hoͤren. Der Dritte, deſſen Zeugniß vielleicht zu meinen Gunſten den Ausſchlag geben würde, iſt, wie ich vernom⸗ men habe, nicht mehr in dieſem Lande, und es bleibt mir jetzt nur übrig, mich deſſen zu entledigen, was ich mir 2 174 ſelbſt und meiner eigenen Ehre ſchuldig bin, indem ich den Vorfall der Wahrheit getreu erzähle und den Ausgang Ih⸗ nen anheim ſtelle, damit Sie verfahren, wie Ihr Gewiſſen Ihnen gebietet.“ Mit der feſten Entſchloſſenheit, welche das Bewußt⸗ ſein der Wahrheit einflößt, erzählte ich Alles, was mir mit Croft's begegnet war, bis zu Darby's plöͤtzlichem Er⸗ ſcheinen. Ich erzählte, was zwiſchen uns vorfiel— und wie der Streit, der mit heftigen Worten begann, in einem Handgemenge endete, in welchem ich als der Schwächere den Kürzern zog und der Waffe meines Gegners preisge⸗ geben da lag, durch den ich bereits eine ſchwere und ge⸗ fährliche Wunde erhalten hatte. „Ich ſollte hier zögern, Mylords,“ ſagte ich,„von einem Manne zu ſprechen, der mir nun zu Hülfe kam, wenn ich nicht wüßte, daß in Folge eines ſtrengen Urtheils⸗ ſpruches die Strafe, welche ſein wackeres Benehmen ihm zuziehen könnte und die Feindſchaft, mit der ihn der Klä⸗ ger ebenſo gewiß verfolgen würde, ihm nichts mehr anha⸗ ben können; allein er iſt außer dem Bereich Beider und ich kann offen von ihm ſprechen.“ 8 Ich erzählte dann, wie Darby jene Nacht als Balla⸗ denſängerin verkleidet in der Kaſerne erſchienen, wie er in dieſer Eigenſchaft bei der Wache vorbei gekommen und im Zimmer zugegen geweſen ſei, als die Offtziere eintraten, um die Wette zu entſcheiden— wie er es bald, nachdem ſie fortgegangen, verlaſſen und erſt wiedergekommen ſei, als er das Geräuſch des Handgemengs zwiſchen Crofts und mir gehört. Der Kampf ſelbſt war mir nicht mehr klar im Gedächtniß, aber ſo weit ich mich deſſen entſann, ſtat⸗ tete ich dem Gerichte einen gedrängten Bericht darüber ab. „Ich will nun, Mylords,“ ſagte ich,„die wenigen Vorfälle erwähnen, die folgten— nicht weil ſie in irgend einer Weiſe den ſchlichten Thatbeſtand, welchen ich vorge⸗ legt habe, beſtätigen könnten oder eine andere als ganz ent⸗ fernte Beziehung auf die mitgetheilten Ereigniſſe haben— 175 ſondern ich will dies thun in der Hoffnung, die freilich ſchwach iſt, daß in dieſem Gerichtshofe ſich jemand finden moͤchte, der meine Ausſage bekräftigen und ſprechen könnte —„das iſt wahr— davon bin ich ſelbſt Zeuge geweſen.“ Nach dieſer kurzen Einleitung erzählte ich, wie mich Darby nach einem Hauſe in einer dunkeln Straße gebracht, in dem ein allem Anſchein nach ſterbender Mann auf ei⸗ nem ärmlichen Bette lag— daß, während meine Wunde verbunden wurde, ein Karren vor das Thor fuhr, um den Kranken irgendwo andershin zu ſchaffen, dies ſei jedoch un⸗ ausführbar gefunden worden, ſo nahe habe ſeine letzte Stunde geſchienen und an ſeiner Stelle ſei ich weggeführt und an Bord des nach Frankreich beſtimmten Schiffes gebracht worden. „Von meiner Laufbahn in dieſem Lande zu ſprechen, iſt nutzlos: denn ſie kann weder über die vorangegangenen Ereigniſſe Licht verbreiten, noch für den Gerichtshof an⸗ ziehend ſein. Meine Anſtellung als Kapitän der kaiſerlichen Huſaren mag jedoch die Stellung bezeichnen, die ich be⸗ kleidete, während die Beſcheinigung des Kriegsminiſters auf der Rückſeite des Patentes zeigt, daß ich den Dienſt frei⸗ willig und mit Ehren verließ. „Der Hof möchte Ihnen rathen, Sir,“ ſagte der Oberrichter,„nicht Umſtände zu berühren, die zu Ihrer Rechtfertigung nichts beitragen und auf die Geſchworenen einen Ihnen ſehr ungünſtigen Eindruck machen könnten. Haben Sie Zeugen vorzufordern?“ „Keinen, Mylord.“ . Eine minutenlange Pauſe folgte, in der man nur das Geflüſter von Croft's Stimme vernahm, welcher ſei⸗ den Anwalt etwas in's Ohr ſagte. Dieſer erhob ſich und prach:— 3 „Meine Aufgabe, Mylord, iſt kurz. Ich brauche wohl, aller Wahrſcheinlichkeit nach weder Ihre Herrlichkeiten noch die Jury mit weiteren Worten über einen Fall zu behelligen, wo der Thatbeſtand die Schuld des Angeklag⸗ ten ſo deutlich herausſtellt und der Verſuch, ihn zu wider⸗ 176 legen, ſo gänzlich mißlungen iſt. Vielleicht nie iſt inner⸗ halb der Mauern eines Gerichtshofes eine Geſchichte er⸗ zählt worden, die ſo voll nnwahrſcheinlicher, ja ich möchte faſt ſagen, unmöglicher Ereigniſſe iſt, wie jene des Ange⸗ klagten. Er wiederholte nun raſch, aber genau ins Ein⸗ zelne gehend, die Hauptpunkte meiner Erzählung und be⸗ gleitete jeden mit kurzen Bemerkungen. Er ſpottete über die Geſchichte des Kampfes und zog die ganze Beſchrei⸗ bung des Handgemenges zwiſchen Crofts und mir ins Lä⸗ cherliche, indem er die Geſchwornen aufforderte, die männ⸗ liche Stärke und die kräftige Geſtalt ſeines Klienten zu betrachten und dann das Alter ſeines Gegners zu beden⸗ ken, der ein vierzehnjähriger Knabe geweſen.„Doch ich bitte um Verzeihung, meine Herrn— ich vergaß, daß er ſich zu einem Verbündeten bekennt— dieſem verrufenen Pfeifer. Ich hoffte wirklich, dieſer Name ſei für immer beſeitigt. Ich überließ mich dem Wahne, daß unter den Erinnerungen an einen ſchrecklichen Zeitraum, dieſe nicht mehr vorkommen würde; aber unglücklicher Weiſe hat mich meine Erwartung getäuſcht. Dieſer Menſch wird uns noch einmal vorgeführt und vielleicht das erſte Mal in ſeinem langen Leben voll Miſſethaten mit einem Verbrechen bela⸗ ſtet, das er nicht begangen hat. Mit wenigen Worten er⸗ klärte er, gerade in jenen Tagen ſei auf die Einbringung Darbys ein großer Preis geſetzt geweſen und derſelbe würde nicht gewagt haben, in irgend einer Verkleidung der Hauptſtadt zu nahen, noch viel weniger innerhalb der Mauern einer Kaſerne zu erſcheinen.„Das Gewebe aben⸗ teuerlicher und unzuſammenhängender Ereigniſſe, von de⸗ nen der Angeklagte behauptet hat, ſie ſeien auf das Atten⸗ tat gefolgt, verdient nicht, daß ich es beachte. Wo war das Haus? wie hieß die Straße? wer war der Doktor, von dem er ſpricht und der Kranke— wie hieß er?“ „Seines Namens entſinne ich mich ſehr wohl. Er iſt der einzige von Allen, den ich behalten habe,“ erwie⸗ derte ich. 177 „Nun ſo laßt uns ihn denn hören,“ ſagte der Advo⸗ kat halb verächtlich. „Daniel Fortescue nannte man den Kranken.“ Kaum hatte ich den Namen ausgeſprochen, als Crofts in ſeinem Seſſel zurück lehnte und todtenblich wurde, wäh⸗ rend er ſeine Hand nach des Advokaten Gewand ausſtreckte und ihn zu ſich heranzog. Einige Sekunden lang flüſterte er ihm eifrig etwas ins Ohr, dann bedeckte er das Geſicht mit ſeinem Taſchentuche und lehnte den Kopf auf das Ge⸗ länder von ihm. „Es iſt noͤthig, Mylords,“ ſprach der Advokat,„daß ich Ihnen die Urſache der Gemuthsbewegung meines Klien⸗ tten erkläre und zugleich die Niederträchtigkeit entſchleiere, aus der dieſer letzte Verſuch des Angeklagten entſprang, wenn auch nicht den Ruf meines Klienten anzutaſten, ſo doch deſſen Gefühl eine Wunde zu ſchlagen. Die Perſon, deren Name erwähnt worden iſt, war der Halbbruder mei⸗ nes Klienten und ſeine unglückliche Verwicklung in die traurigen Ereigniſſe des Jahres 1798 brachte eine Reihe ‚von Unheil über ihn, die mit ſeinem Tode endigte, der im Jahre 1800 erfolgte— aber einige Monate vor dem Er⸗ eigniß, das wir jetzt unterſuchen. Die Einmiſchung des Namens dieſes Unglücklichen, war alſo von Seite des An⸗ geklagten ein boshafter Verſuch, meinem Klienten wehe zu thun, ein Verſuch, den Eure Herrlichkeiten und die Jury richtig zu würdigen wiſſen werden.“ Ein Gemurmel der Mißbilligung verbreitete ſich bei dieſen Worten durch den vollgedrängten Gerichtsſaal; ich konnte jedoch weder entſcheiden, ob es mir oder den Be⸗ merkungen des Advokaten galt, noch, ſo groß war meine Verwirrung, dem Reſte der Rede des Advokaten mit kla⸗ rem Bewußtſein folgen. Endlich ſchloß er und der Ober⸗ richter begann, nach einer leiſen Unterredung mit ſeinen Collegen auf der Richterbank, folgendermaßen: WMeine Herrn Geſchwornen, der Fall, den Sie heute zu entſcheiden haben, zeigt meines Erachtens nur eine zwei⸗ Tom Burke. V. 12 178 felhafte und ſchwierige Seite. Der Hauptpunkt, welcher Ihrer Erwägung unterliegt, iſt zu beſtimmen, welchem von zwei entgegengeſetzten und einander widerſprechenden Zeugniſſen Sie Glauben beimeſſen wollen. Auf der einen Seite ha⸗ ben Sie die Ausſage des Klägers— eines Mannes von Stand und Charakter, der des vollen Vertrauens ehren⸗ werther Männer genießt und mit allen Attributen von Rang und Stellung ausgeſtattet iſt; auf der andern haben Sie eine Erzählung, die in einigen Theilen genau zuſam⸗ men hängt, in andern aber eben ſo ſch erklärbar iſt, nämlich die des Angeklagten, deſſen Leben, ſelbſt wie er es darſtellt, keinen jener Anſprüche auf Ihre gute Meinung beſitzt, die ſich auf Loyalität und Anhänglichkeit an die Verfaſſung dieſes Koͤnigreiches ſtützen. Beide Ausſagen werden durch keine mittelbaren Zeugniſſe unterſtützt. Das Regiment des Klägers befindet ſich in Indien und die ein⸗ zigen Zeugen, die er beibringen könnte, ſind mehrere tau⸗ ſend Meilen weit entfernt. Auch der Angeklagte beruft ſich auf Abweſende, aber mit weniger Grund; denn köͤnn⸗ ten wir dieſen Mann M Keown vorfordern— hätten wir, ſage ich, dieſen nämlichen Darb) M' Keown hier vor Gericht—ℳ Ein furchtbarer Lärm in der Vorhalle übertönte den Schluß des Satzes, und obwohl der Ausrufer laut Stille gebot und die Richterbank den Befehl zweimal mit ihrem Anſehn unterſtützte, ſo dauerte das Getöſe doch fort und verbreitete ſich endlich auch in dem Gerichtsſaal, wo plötz⸗ lich alle Ehrerbietung verſchwunden zu ſein ſchien. Wenn dies noch einen Augenblick länger währt,“ rief der Oberrichter aus,„ſo werde ich den erſten Ruhe⸗ ſtörer, welchen ich ausfindig machen kann, nach Newgate abführen laſſen.“. Dieſe Drohung ſtillte jedoch die Unordnung nur zum Theil, denn noch immer war ein wirres Gemurmel zu hö⸗ ren, das von den Advokatenbänken bis zu den Gallerien des Gerichtshofes ertönte.. 179 „Was ſoll dies heißen,“ ſagte der Richter erzürnt. „Wer wagt es, hier die Rechtspflege zu ſtoͤren?“ „Ein Zeuge— ein Zeuge, Mylord,“ riefen mehrere Stimmen vom Zugang zum Saale her, während ein Haufe heftig vorwärts drängte und mit Mühe näher kam, bis die vorderſten Perſonen über die innere Schranke gehoben wurden.. Der Richter wiederholte ſeine Frage noch einmal und winkte den Gerichtsbeamten zu ſich heran. „Ich bin es, Mylord,“ rief eine tiefe Stimme mit⸗ ten aus dem Haufen heraus.„Ew. Herrlichkeit fragten nach Darby M'Keown und er ſchämt ſich ſeines eigenen Namens nicht.“ Ein wahres Freudengeheul wurde von dem zerlump⸗ ten Pöbel ausgeſtoßen, der jetzt alle Zugänge zum Gerichte füllte, und ſich ſogar auf den Treppen und in den Vor⸗ hallen drängte. Und jetzt erſchien Darby im Triumph auf den Schul⸗ tern des Haufens getragen; ſein breites und keckes Antlitz, von Sonne und Wetter gebräunt, trug das Gepräge ſorg⸗ loſen Trotzes, den weder Scheu vor dem Gerichte noch Furcht für ſich ſelbſt zu bemeiſtern im Stande war. Von meinen eigenen Empſindungen während dieſes Auftrittes brauche ich nicht zu ſprechen und als ich auf die verwitterten Züge des abgehärteten Pfeifers ſtarrte, hatte ich alle Anſtrengung meines Verſtandes nöthig, um dem Zeugniſſe meiner Augen zu glauben. Wäre er vom Tode ſelbſt erſtanden, ſo würde die Ueberraſchung kaum größer geweſen ſein. Mittlerweile legte ſich der Tumult und die beiderſeitigen Advocaten— denn jetzt, da ſich ein Schimmer von Hoffnung zeigte, widmete ſich mein An⸗ walt mit Eiſer ſeiner Aufgabe— erörterten, ob auf dem jetzigen Standpunkte der Procedur ein Zeugniß zugelaſſen werden könne. Nachdem dieſer Punkt ſchnell zu meinen Gunſten entſchieden war„ kam eine andere und wichtigere Frage zur Sprache, in wie weit die Ausſage eines über⸗ führten Verbrechers— denn ſo nannte der Advokat Darby ohne weiters— als Zeugniß angenommen werden dürfe. Man berief ſich auf frühere Fälle und führte Auto⸗ ritäten an, um zu beweiſen, daß ſolche Verbrecher nicht als Zeugen gehört werden können— daß ſie zu jenen ge⸗ hören, die das Geſetz für ehrloſe Leute erklärt, denen kein Glauben gebuhre, und während der Advokat dieſe Be⸗ hauptung mit einem unendlichen Schwall von Gründen zu belegen fortfuhr, wurde er vom Gerichte unterbrochen, das ſeiner Anſicht beiſtimmte. „Es bleibt alſo nur übrig, Mylord,“ ſagte mein Anwalt,„daß die Krone die Identität dieſes Individuums herſtellt.“ „Nichts leichter,“ unterbrach der andere. „Ich bitte um Vergebung. Ich war im Begriffe, beizufügen: und eine authentiſche Abſchrift des Urtheils beibringt.“ Letzteres ſchien ein entſcheidender Schlag; denn ob⸗ wohl der alte Advokat weder jetzt noch ſonſt bei irgend einer Entgegnung den leichteſten Anſchein von Verdruß zeigte, ſo konnts ich doch aus dem Zucken der tiefen Fal⸗ ten um ſeinen Mund merken, daß ihm dieſe neue Ein⸗ wendung Unmuth verurſachte. Es folgte eine hitzige Erörterung, in der mein An⸗ walt durch das Gutachten eines älteren Sachwalters un⸗ terſtützt wurde. Und der Punkt wurde abermals zu mei⸗ nen Gunſten entſchieden, worauf Darby M'Keown aufge⸗ fordert wurde, die für die Zeugen beſtimmte Erhöhung zu beſteigen. Die verſchiedenen Gerichtsbeamten mußten ſich alle Mühe geben, einen zweiten Ausbruch der Begeiſterung des Pöbels über dieſen Beſchluß zurückzuhalten; denn der Pro⸗ ceß hatte bereits einen Charakter angenommen, der von dem einer gewöhnlichen Geſetzübertretung ganz verſchieden war. Seine politiſche Färbung hatte dem ganzen Ver⸗ fahren ſchon lange das Anſehen eines Parteikampfes ge⸗ 4 181 geben; und während Sir Montague Crofts unter den beſſergekleideten und ehrenhafteren Anweſenden ſeine Göͤn⸗ ner fand, neigte ſich eine viel groͤßere Zahl auf meine Seite und trug kein Bedenken, allen an dieſem Ehrfurcht gebietenden Orte üblichen Gebräuchen zum Trotz, mich bei jedem Abſchnitt der Verhandlung mit Blicken und ſo⸗ gar mit Worten zu ermuntern. Darbys Erſcheinen brachte die Volksbegeiſterung auf den Gipfel. Es gab Wenige, die in früheren Zeiten den vielberufenen Pfeifer nicht ge⸗ ſehen oder wenigſtens von ihm gehört hatten. Seine kecken Geſetzübertretungen— die bekannte Geſchicklichkeit, mit der es ihm gelang, der Entdeckung zu entgehen— ſeine Bekanntſchaft mit allen Einzelnheiten der letzten Empö⸗ rung— das Vertrauen, welches ihm alle Anführer ſchenk⸗ ten, hatten ihm in einem Lande, wo ſolche Eigenſchaften nach Würden geſchätzt werden, Heldenglorie verliehen. Und jetzt gewährte ihm die ſorgloſe Frechheit, ſmit der er ſich als Zeuge vor einem Gericht einſtellte, während die Ver⸗ urtheilung zur Deportation noch über ihm ſchwebte, einen Anſpruch auf Bewunderung, dem Niemand Anerkennung verweigerte. 1 Seine Miene und ſein Benehmen, als er Platz auf der Erhöhung nahm, ſchien auf eine Anerkennung der ihm dargebrachten Huldigung zu deuten; denn obwohl ein ober⸗ flächlicher Beobachter aus der Weiſe, wie er ſeinen ab⸗ getragenen und durchloͤcherten Hut neben ſeine Füße legte und ſein kurzes ſchwarzes Haar über die Stirne herab⸗ ſtrich, hätte den Schluß ziehen können, daß er durch die Verſammlung, in deren Angeſichte er ſaß, eingeſchüchtert und verwirrt ſei, ſo würde ein mit ſeinen Landsleuten. vertrauterer Zuſchauer aus dem unbefangenen Blinzeln ſeines pfiffigen ſchwarzen Auges und einem gewiſſen Her⸗ vortreten ſeiner dicken Unterlippe herausgefunden haben, daß Darby ſich auf ſeinem Platze ſo behaglich fühlte, wie der anſehnliche Richter, welcher ihn nun feſt in's Auge faßte. Von mir nahm er bloß durch ein leichtes, aber nicht unehrerbietiges Nicken Kenntniß, dann verbarg er ſeine über einander gelegten Hände in ſeinen Aermeln, zog ſeine Füße unter den Stuhl zurück und nahm jene Stellung ſcheinbarer Unterwürfigkeit an, die bei dem am wenigſten bloͤden Irländer ſo beliebt iſt. Der alte Advokat unterwarf inzwiſchen den Zeugen der ſeinem Stande eigenthümlichen, genauen Muſterung; er blickte ihn durch ſeine Brille an und ſtarrte dann dar⸗ über hin; er maß ihn vom Scheitel bis zur Zehe, wobei ſein Auge nicht die geringſte Kleinigkeit in ſeinem Anzug oder Benehmen außer Acht ließ, als ſollte er darin den Schlüſſel zu ſeiner Denk⸗ und Handlungsweiſe finden. Nie muſterte ein Matador das muskelkräftige Thier, mit * er ſich in Gewandtheit oder Stärke zu meſſen im egriffe war, mit ſchärferer Genauigkeit, als der Advo⸗ kat Darby dem Pfeifer widmete; auch entging dies dem Gegenſtand der Unterſuchung keineswegs. Die große Auf⸗ merkſamkeit, welche man ihm zuwendete, ſchien ihm viel⸗ mehr zu gefallen und er empfand, wie viel Schmeichel⸗ haftes für ihn darin lag; allein wenn dies auch der Fall war, ſo drückte ſich ſeine Zufriedenheit doch nur durch gelegentliche drollige Seitenblicke aus, die, ſo flüchtig und vorübergehend ſie waren, doch im Gerichtsſaale zahlreiche Bewunderer fanden, aus deren Flüſtern:„Du wirſt Dich den Teufel vor ihnen fürchten, Darby, kannſt's jeden Tag mit ihnen aufnehmen,“ oder„fürwahr, er kümmert ſich wenig um ſie,“ hervorging, daß es ihnen an Vertrauen in den Pfeifer nicht fehlte. „Euer Name iſt M'Keown, Sir?“ fragte der Ad⸗ vokat mit jener abgebrochenen Kürze, der es ſo oft ge⸗ lingt, einen Zeugen aus der Faſſung zu bringen. „Ja Sir— Darby M'Keown.“ „Führtet Ihr je einen andern Namen, als dieſen?" „Sie heißen mich manchmal„Darby den Pfeifer,“ wenn das ein Name iſt.“ 4. 5 183 „Iſt dies der einzige Name, welcher Euch ſonſt bei⸗ gelegt worden iſt?⸗ „ Ich erinnere mich nicht genau, denn es iſt ſchon ſo lange her, ſeit ich mich unter Freunden und Bekannten befand; aber wenn Ew. Ehren mir ein wenig darauf hel⸗ fen wollten, könnte ich's vielleicht ſagen.“ „Wohlan, wurdet Ihr je„Larry, der Flegel“ ge⸗ nannt?“ „Meiner Treu, ja,“ erwiederte er lachend, der Teu⸗ fel mag das bezweifeln.“ „Wie kamt Ihr zu dem Namen„Larry, der Flegel?“ „Sie gaben mir den Spitznamen in Mulhuldad dro⸗ ben, wegen der Schläge, die ein gewiſſer M'Clancy mit einem Dreſchflegel erhielt.“ „Ein ſehr guzee Grund. Alſo bekamt Ihr den Na⸗ men, weil Ihr einen gewiſſen M'Clancy mit einem Dreſch⸗ flegel ſchluget?“ „Das ſagte ich nicht. Ich ſagte nur, fie gaben mir den Namen, weil die Rede ging, ich habe ihn geſchlagen.“ „Nannte man Euch je Scheunenbronner?“ „O ja, ſehr oft.“ „Ohne Grund vermuthlich?“ „Ja, ein verteufelter Grund. Die Burſche ſagten es im Spaß gerade ſo, wie ſie da draußen in der Halle von Ew. Ehren ſchwatzen.“ „Wie meint Ihr das, von mir ſchwatzen?2“ „Nun ſicherlich hörte ich ſie ſelber ſagen, wie ich hereinkam, Sie ſeien ein netter Mann und ein durchtrie⸗ bener Advokat. Sie treiben immer ſolche Poſſen.“ Bei dieſen Worten, die mit einer naiven Unbefangen⸗ heit geſprochen wurden, welche Viele täuſchen konnte, ließ ſich auf den Bänken der Anwälte ein Kichern hören. „Ihr wart, glaube ich,„Vereinigter Irländer,“ Mr. M'Keown?“ fuhr der Advokat fort und runzelte ſtrenge die Stirne, wie um ihn einzuſchüchtern. „Ja, Sir, und ein„Weißer Bube“ und ein„Ver⸗ 184 theidiger“ und ein„Dreſcher“ obendrein. Ich machte da⸗ mals den ganzen Spaß mit.“ „Die Dreſcher ſind, wie ich glaube, die Geſellen, welche jeden Mann ſchlagen müſſen, den man ihnen be⸗ zeichnet, nicht wahr?“ „Ja, Sir.“ „So daß, wenn ich euch als derjenige genannt würde, der angefallen werden müßte, ihr nicht anſtehen würdet, mir aufzulauern, obwohl ich Euch nie etwas zu Leide ge⸗ than?“ „Nein, Sir, das würde ich nicht thun— ich würde Ew. Ehren nicht anrühren.“ „Ach geht, was meint Ihr wohl? Warum würdet Ihr mich nicht anrühren?“ 4 „Ich moͤchte es lieber nicht ſagen, wenn's Ihnen ſo gefällig wäre.“ „Ihr müßt es ſagen, Sir. Heraus damit! warum wolltet Ihr mich nicht angreifen?“ „Sie ſagen, Sir,“ ſagte Darby und ſeine Stimme ging in ein eigenthümliches Liſpeln über, das große Be⸗ ſcheidenheit ausdrücken ſollte, ſie ſagen, Sir, daß, wenn einer eine große Warze da auf ſeiner Naſe hat, wie Ew. Ehren, ſo bringt's kein Glück, wenn man ihn durchprü⸗ gelt, denn das iſt die Art, wie der Teufel ſeine Leute zeichnet.“ Dießmal konnte der Gerichtshof ſeinen Anſtand nicht länger behaupten und die ungewaſchenen Geſichter, welche alle Zugänge und Corridore füllten, verzerrten ſich in lau⸗ tem Gelächter; auch war es nicht leicht, die Ordnung wieder herzuſtellen mitten unter den mannigfaltigen Be⸗ weiſen von Beifall und Ermunterung, die Darby von ſei⸗ nen zahlreichen Bewunderern erhielt. „Bedenkt, wo Ihr ſeid, Sir,“ ſagte der Richter ſtrenge. „Ja, Mylord,“ erwiederte Darby mit unterwürfiger Miene.„Dieß iſt das erſte Mal, daß ich mich in einer 185⁵ ſolchen Stellung befinde wie jetzt. Es iſt mir viel beſſer zu Muthe, wenn ich in dem Verſchlage dort unten bin— an den bin ich am meiſten gewöhnt, Gott helfe mir!“ Der wimmernde Ton, in welchem er dieſe verſtellbe Klage über ſein Unglück vorbrachte, gab dem Pöbel zu einem neuen Ausbruch Anlaß, und er wurde mit Austrei⸗ bung aus dem Gerichtsſaale bedroht, wenn noch eine Un⸗ terbrechung ſtattfinde. „Ihr waret alſo zu jener Zeit Mitglied jedes unge⸗ ſetzlichen Vereins, Mr. Darby,“ ſagte der Advokat, indem er mit dem Verhöre fortfuhr.„Iſt's nicht ſo?2“ „Von den meiſten jedenfalls,“ war die kalte Ant⸗ wort. „Ihr nahmt auch an den Vorfällen von 1798 thäti⸗ gen Antheil.“ „Allerdings— ſehr thätigen. Ich ging eines Tages von jenſeits Caſtlecomer nach Dublin, um hier eine Pro⸗ zeßverhandlung anzuſehen. Es war damals, als M. Cur⸗ ran Ew. Ehren dran kriegte. Bei Gott!— mich wun⸗ dert! daß Sie hernach noch unter die Leute zu gehen wagten.“ Das laute Gelächter, in welches Darby bei dieſer Er⸗ innerung ausbrach, ſchien ſo natürlich, daß die gange Ver⸗ ſammlung ſeine anſteckende Wirkung empfand. 12591 ſeid ein Witzkopf, Herr M'Keown, denke ich — he 2 „Ei der tauſend, das bin ich nicht, Sir. Mit nur ein wenig Witz würde ich heute wohl von hier weggeblie⸗ ben ſein.“ „Aber Ihr kamt her, um einem Freunde zu dienen— er nennt Euch einen ſehr alten Freund.“ „Thut er das?“ fragte Darby mit einer Energie in Stimme und Geberden, die von ſeinem bisherigen Beneh⸗ men ganz verſchieden war.„Sagt Maſter Tom das wirk⸗ lich?“ Als ſich bei dieſen Worten das Antlitz des armen Burſchen roͤthete und ſein Auge vor ſtolzer Rührung glänzte, 186 bemerkte ich im Geſicht des Advokaten eine eben ſo ſchnelle Veränderung. Ein Lächeln des Triumphs darüber, daß er endlich entdeckt, wo das Gemüth des Zeugen zugänglich war, glitt über ſeine bleichen Züge und verlieh ihnen einen erſtaunlich verſtändigen Ausdruck. „Das iſt wohl ſehr natürlich, Darby, daß er euch ſo nennt. Ihr waret früher ſchon Gefährten— wenig⸗ ſtens, als er noch ganz jung war— Reiſegefährten, wenn ich nicht irre.“ Obwohl dieſe Worte nur ſo nachläſſig hingeworfen wurden, in der Abſicht, Darby zu weitern Aufſchlüſſen über den nämlichen Gegenſtand zu veranlaſſen, ſo hatte doch der ſchlaue Burſche ſeine gewoͤhnliche Selbſtbeherrſchung völlig wieder erlangt und antwortete blos, wenn das Ant⸗ wort heißen kann: „Ich war ein armer Mann, Sir, und lebte von der Sackpfeife.“ 3 Der Advokat und der Zeuge wechſelten jetzt Blicke, in denen ihre gegenſeitige Stellung klärlich ausgeſprochen war. Jeder ſchien zu ſagen, er ſei zum Kampfe entſchloſ⸗ ſen; aber der Advokat erneute den Angriff mit Nachdruck und verlangte, Darby ſolle erzählen, auf welche Weiſe un⸗ ſere erſte Bekanntſchaft begonnen und wie unſer vertrautes Verhältniß entſtanden ſei. Deutlich und genau berichtete er jeden Schritt unſe⸗ rer frühzeitigen Wanderungen, und während er keinen ein⸗ zigen Umſtand unrichtig darſtellte, wußte er es doch ſo einzurichten, daß ich als ganz unbetheiligt an den hochver⸗ rätheriſchen Umtrieben jener Periode erſchien. Großes Gewicht legte er vorzüglich auf die Thatſache, daß meine Bekanntſchaft mit Charles de Meudon mich von allem Verkehr mit den Inſurgenten ausgeſchloſſen hatte, zwiſchen welchen und ihren franzöſiſchen Verbündeten ganz unver⸗ hülltes Mißtrauen und offene Abneigung beſtanden. Sein Bericht über den Auftritt in der Kaſerne wich von dem meinigen nicht im Geringſten ab, auch war aller 187 auf ein langes und verwickeltes Gegenverhör verwendete Scharfſinn nicht im Stande, ſein Zeugniß auch nur im mindeſten zu erſchüttern. „Ihr kennt alſo gewiß auch Sir Montague Crofts. Es iſt ganz klar, daß Ihr Euch nicht in einer Perſon ir⸗ ren könnt, mit der Ihr einen ſolchen Zank gehabt habt, wie Ihr ſagt.“ „Meiner Treu, ich wollte ihn am Galgen kennen,“ ſagte Darby;„wenn er ſo ausſieht wie damals; aber er wird ſich ſeitdem wohl geändert haben. Sie ſagen, ich ſelbſt ſehe alt aus und kein Wunder. Känguruh jagen greift einem furchtbar die Konſtitution an.“ „Schaut da im Saale herum und ſagt, ob er hier iſt.“ Darby erhob ſich vom Stuhle, beſchattete die Augen mit der Hand und ſah ſich die Anweſenden bedächtig an. Obwohl er aus früherer Erfahrung recht gut wußte, wo die fragliche Perſon in der Verſammlung wahrſcheinlich zu finden ſein würde, ſo benützte er doch die Gelegenheit, um die Züge aller der Leute zu muſtern, die er unter einem andern Vorwande nicht hätte ſo genau betrachten können. „Ihr braucht nicht auf der Richterbank nach ihm zu ſuchen,“ ſagte der Advokat, als M'Keown ſeine Augen ziemlich lange in dieſer Richtung verweilen ließ. 3 „Bei Gott, das kann man nicht wiſſen,“ entgegnete Darby unſchlüſſig;„wenn er ſo gekleidet wäre, könnte ich ihn nicht von einem alten Bock unterſcheiden.“ Er wendete ſich bei dieſen Worten um und ſtarrte unverwandt nach den Schranken. Es war für mich ein ſehr peinlicher Augenblick! Wenn ſich Darby in der Per⸗ ſon von Crofts irrte, ſo würde ſein ganzes Zeugniß in der Meinung der Geſchwornen ſo erſchüttert worden ſein, daß es gar keinen Werth mehr gehabt hätte. Ich folgte daher mit klopfendem Herzen ſeinen Blicken, als ſie über die gedrängte Menge ſchweiften, und wie ſie endlich an 488 einer fernen Ecke des Saales hafteten, die von der Stelle, wo Crofts ſaß, ganz abgelegen war, wurde mir faſt wehe vor Angſt, er koͤnnte einen Andern für ihn anſehen. eh Pkun Sir,“ fragte der Advokat barſch,„ſeht Ihr ihn „Ach was, Ihr treibt Euern Spott mir mir,“ erwie⸗ derte Darby barſch und warf ſich anſcheinend ganz übel⸗ launig in ſeinen Stuhl zurück. Lautes Gelächter erſchallte von den Schranken bei die⸗ ſer plötzlichen leidenſchaftlichen Aufwallung, die ſo meiſter⸗ haft erkünſtelt war, daß Niemand deren Aufrichtigkeit be⸗ zweifelte; als das fröhliche Geräuſch nachließ, ſenkte Darby den Kopf, legte die Hand ans Ohr und rief:„Bei Gott, das iſt's; das Lachen läßt ſich durchaus nicht verkennen; da iſt ein Gekreiſch darin, an dem eine Eule Freude hätte.“ Bei dieſen Worten drehte er ſich raſch um und faßte die Bank ins Auge, wo Crofts ſaß.„Vor einer Weile hörte ich's ſchon, konnte aber nicht ſagen wo. Das iſt der Mann,“ ſagte er, und zeigte mit dem Finger auf Crofts, der unter ſeinem durchdringenden Blicke ſich wirklich zu krümmen ſchien. „Bedenkt, Sir, Ihr habt einen feierlichen Eid abge⸗ legt. Wollt Ihr ſchwören, daß der Herr dort Sir Mon⸗ tague Crofts iſt?“ „Ich weiß nichts von Sir Montague,“ ſagte Darby gefaßt, während er aufſtand und dem Rande der Erhö⸗ hung zuging, nach der Seite hin, wo Crofts ſaß;„aber ich will ſchwören, daß dieß der nämliche Kapitän Crofts iſt, den ich niederſchlug, während er ſeinen Degen an ſich zog, um damit Maſter Burke zu durchſtoßen; und zum Beweis davon, hat er einen Schnitt auf dem Schädel, wo er auf das Kamingitter fiel,“ und bevor der Andere es hindern konnte, ſtreckte er ſeine Hand aus und legte ſie auf den hintern Theil von Crofts Schädel.„Da iſt's, gerade wie ich's euch ſagte.“— Dieſe Worte brachten im Gerichtshof einen ſchlagen⸗ 189 den Eindruck hervor, und ſelbſt der alte Advokat ſchien durch die mit Feſtigkeit gepaarte Gewandtheit des Pfeifers ganz überwältigt. Das Verhör wurde wieder aufgenommen, allein Darbys Zeugniß ſtimmte ſo genau mit meiner Aus⸗ ſage überein, daß die Fortſetzung deſſelben das Gewicht der Anklage nur verminderte. 4 Wie das ploͤtzliche Leuchten des Blitzes zuweilen enthüllt, was beim Lichte des Mittags dem Auge entging, ſo er⸗ faßt auch unerwartet Ueberzeugung den menſchlichen Geiſt in Folge irgend eines geringfügigen, aber ſchlagenden Um⸗ ſtandes, der ſich unverſehens mit der unwiderſtehlichen Ge⸗ walt der Wahrhaftigkeit aufdrängt. Von dieſem Augen⸗ blicke an war es klar, daß die Geſchwornen bis auf den letzten Mann für Darby waren. Sie widmeten Allem, was er ſagte, die größte Aufmerkſamkeit und notirten ſich die unbedeutendſten Thatſachen, die er erwähnte; während er, wie wenn er den von ihm hervorgebrachten Eindruck er⸗ riethe, ſich der gewiſſenhafteſten Vorſicht befließ, daß, ſei es auch nur wegen einer flüchtig hingeworfenen, den Stempel der Uebertreibung tragenden Redensart, auch nicht ein Ti⸗ telchen ſeiner Ausſage in Zweifel gezogen oder die Wir⸗ kung ſeines Zeugniſſes geſchwächt werden konnte. Es war in der That ein der Forſchung werthes Phänomen, dieſen Burſchen, den die Natur mit unzähmbarem Drange zu leichtfertiger Poſſenreißerei ausgeſtattet hatte— deſſen ganzes Weſen in der Neigung aufzugehen ſchien, ſeinen wunderlichen, ſorgloſen Launen nachzuhängen— ploͤtzlich das Excentriſche ſeines Charakters vöͤllig ablegen und ſich in einen verläßlichen und pünktlichen Zeugen verwandeln zu ſehen, der ſeine Ausſage ſorgſam und bedächtig ablegte und ſich ſtets davor hütete, daß ſein eigener Hang zu bei⸗ ßenden Gegenreden oder die neckenden Anſpielungen desje⸗ nigen, der ihn befragte, ihn auch nur einen Augenblick von dem Hauptziele ablenkten, das er ſich vorgeſetzt hattte; jeder Lockung widerſtehend, welche der verſchmitzte Advokat ihm hinwarf, um ihn zu einer Abſchweifung in jenes phan⸗ 190 taſtiſche Land zu verführen, das der Neigung eines Ir⸗ länders ſo ſehr zuſagt, blieb er feſt gegen jede Verſuchung und hielt ſogar die für die Geduld ſeiner Landsleute ſchwerſte aller Proben aus— er ließ zu, daß man mehr als ein⸗ mal auf ſeine Koſten lachte, ohne einen Verſuch zu ma⸗ chen, es ſeinem Gegner heim zu geben. Das Verhör währte drei Stunden, und als es ge⸗ ſchloſſen war, hatte jede von mir vorgebrachte Thatſache durch Darby's Zeugniß Beſtätigung erhalten, bis zu dem Augenblick, wo wir zuſammen die Kaſerne verließen. „Nun M'Keown,“ begann der Advokat,„ich bin im Begriffe, Euer Gedächtniß, welches ſo wunderbar genau i*ſt, daß Euch die Erinnerung keine Mühe koſten kann, we⸗ gen eines Umſtandes in Anſpruch zu nehmen, der unmit⸗ telbar auf dieſen Vorfall folgte.Ä“ Kaum hatte er dies geſprochen, ſo beugte ſich Crofts hinüber und zog den An⸗ walt an ſich heran, indem er ihm ſchnell einige Worte zuflüſterte. Es entſpann ſich zwiſchen ihnen ein kurzes Zwiegeſpräch, worauf der Advokat ſich umkehrte und zu Darby gewendet ſagte: „Ihr koͤnnt heruntergehen, Sir, ich bin mit Euch fertig.“ „Wartet einen Augenblick,“ ſprach der junge Anwalt an meiner Seite, der auf der Stelle erkannte, daß die Unterbrechung ihren heimlichen Grund hatte.„Mein ge⸗ lehrter Freund war im Begriffe, Euch über etwas zu fra⸗ gen, was ſich ereignete, nachdem Ihr die Kaſerne verlaſſen, und obwohl er ſich über dieſen Gegenſtand eines andern beſonnen hat, ſo würden wir unſererſeits gerne hören, was Ihr zu ſagen habt.“.. Darby's Augen flammten mit ungewöhnlichem Glanze, und mir wars, als ſehe ich ihn triumphirend auf Crofts blicken, als er ſeine Erzählung begann, die ihrem weſentli⸗ chen Theile nach nichts mehr enthielt, als was der Leſer ſchon weiß— wie er jedoch zur Erwähnung von Fortes⸗ cues Namen kam, verlor Crofts, deſſen Aufregung mit 191 jedem Augenblicke ſtieg, alle Selbſtbeherrſchung und rief: „Es iſt falſch— jedes Wort unwahr— der Mann war damals todt.“ Der Gerichtshof mißbilligte die Unterbrechung und Darby fuhr fort. „Nein, Mylord, er lebte— aber Mr. Crofts verdient keinen Tadel, denn er hielt ihn für todt— und noch mehr, er meinte, er habe den ſicherſten Ausweg ergriffen, um ihn todt zu machen.“ Dieſe Worte brachten auf den Gerichts⸗ hof den größten Eindruck hervor nnd eine lebhafte Eroͤrte⸗ rung folgte, wie weit es dem Zeugniß geſtattet werden könnte, einen nicht angeklagten Theil zu beſchuldigen. Zu⸗ letzt wurde beſchloſſen, die Ausſage ſollte angehöhrt werden, in wie fern ſie den vorliegenden Fall betraf und ohne un⸗ mittelbare Beziehung auf Croft's; und dann begann Darby eine Erzählung, von der ich früher nie eine Sylbe ge⸗ hört oder die leiſeſte Ahnung gehabt hatte. Die Geſchichte, welche theils in erzählendem Tone vorgetragen, theils durch Fragen herausgelockt wurde, war ihrem Hauptinhalt nach folgende: Daniel Fortescue war der Sohn eines reichen Gent⸗ leman von Roscommor, deſſen uneheliches Kind Crofts war. Der Vater, ſeinen politiſchen Geſinnungen nach ein Hoch⸗ tory, hatte auf das Entſchiedenſte Partei gegen die irlän⸗ diſchen Patrioten ergriffen, für die ſich ſein Sohn Daniel mehr als einmal günſtig geſtimmt gezeigt hatte. Die Folge davon war eine Erkältung ihrer wechſelſeitigen Zuneigung, die nach und nach in einen offenen Bruch überging, als der alte Mann, ein Wittwer, den unehelichen Sohn in ſein Haus aufnahm und den Hausgenoſſen erklärte, er werde ihm Alles hinterlaſſen, was er in der Welt beſitze. Dieſer Schlag vollendete Daniels Verderben— er verließ die Univerſitäat, wo er ſich bereits ausgezeichnet hatte— und warf ſich kopfüber in die Parteiumtriebe der „Vereinigten Irländer.“ Diejenigen, welchen er ſich an⸗ ſcchloß, uberließen ſich zuerſt feurigen Hoffnungen auf Un⸗ 192 Unabhängigkeit ihres Volkes— träumten von einem abge⸗ ſonderten Königreiche mit ſeinen eigenen Intereſſen und ſei⸗ ner eigenen Sphäre von Gewalt und Einfluß; im Ver⸗ lauf der Ereigniſſe fanden ſie jedoch, daß es, um ihre Plane zur Reife zu bringen, für ſie nothwendig war, ſich mit den Maſſen in Verbindung zu ſetzen, durch deren Ver⸗ mittlung die aufſtändiſche Bewegung bewerkſtelligt werden ſollte— und indem ſie dies thaten, entdeckten ſie, daß, obwohl Theorien von Freiheit und Unabhängigkeit und idealiſche Regierungsſyſteme für Männer von Verſtand und Geiſt Reiz haben mögen— dem Pöbel der Preis ſeines Aufſtandes in der baren Münze des Raubens und Plün⸗ derns— oder noch ſchlimmer, der triumphirenden Herr⸗ ſchaft der Verdorbenen und Niedrigdenkenden über die Ge⸗ bildeten und Wuͤrdigen gezahlt werden muüſſe. Viele, welche die patriotiſche Sache, wie man ſie nannte, begünſtigten, wurden durch die gemeinen Verbün⸗ deten und die ſchmutzigen Berührungen, welche das Partei⸗ treiben erforderte, ſo angeekelt, daß ſie geradezu vom Kampf⸗ platz abtraten— und Andern, die weniger bedenklich oder eifriger waren, die Bahn überließen, der zu folgen ſie nicht über ſich gewinnen konnten. Wahrſcheinlich würde ſich der junge Fortescue unter dieſen befunden haben, wenn er ſeiner eigenen Ueberzeugung und Neigung hätte folgen können— denn als ein Mann von Ehre und Einſicht mußte er nothwendig Mißfallen über die Forderungen em⸗ pfinden, die von den Sprechern des Volkes geſtellt wur⸗ den; allein der Einfluß eines Mannes, dem es gelungen war, die unbeſchränkteſte Gewalt über ihn zu erlangen, geſtattete ihm nicht, dieſen Weg einzuſchlagen. Dies war ein gewiſſer Moriz Mulcahy, ein wohlbekanntes Mitglied der verſchiedenen ungeſetzlichen Klubbs jener Zeit und ur⸗ ſprünglich ein Landſchulmeiſter. Mulcahy war es, der Fortescues Gemüth zuerſt mit dieſem Parteigifte anſteckte — indem er ihm bald Bände voll jenes aufrühreriſchen Geſchwätzes lieh, von welchen die Preſſe überfloß; bald 193 Zeitungen, deren Artikel überſchrieben waren,„Orangiſtiſche Gewaltthätigkeit gegen harmloſe, keinen Widerſtand lei⸗ ſtende Bauern;“ oder„Das Volk wieder einmal der blu⸗ tigen Rache der Sachſen aufgeopfert;“ ſo kam es, daß ſein jugendlicher Geiſt allmählig an dem Looſe derjenigen Antheil nahm, von denen er glaubte, ſie würden grauſam behandelt und frech unterdrückt— während, wie er an Jahren zunahm, ſein Verſtand durch jene großartigen und aufreizenden Reden in Anſpruch genommen wurde, die Grattan und Eurran fortwährend entweder im Parlamente oder an den Schranken der Gerichtshöfe hielten,— und in denen die edelſte Sehnſucht nach Freiheit mit heißer und hingebender Baterlandsliebe gepaart war. Die leeren und lügenhaften Angaben einer entwürdigten Zeitungspreſſe mit den ehrenhaften Hoffnungen und edlen Ideen geſinnungs⸗ voller und genialer Männer in Verbindung zu ſetzen, dazu verleitete ihn ſeine politiſche Erziehung— und zu keiner Zeit konnte man ſich einer ſolchen Täuſchung leichter hin⸗ eben.. 4 Indem Mulcahy bald den knabenhaften Eifer eines hochherzigen Jünglings ſpornte— bald ſeiner Eitelkeit durch Hinweiſung auf die Stellung ſchmeichelte, die einer von ſeinem alten Namen und angeſehenen Stamme in der großen nationalen Bewegung einnehmen müſſe, wurde er nach und nach ſein leitender Dämon, der bei jedem Ent⸗ ſchluſſe den Ausſchlag gab. Er verließ ſein Opfer nicht einen Augenblick, und während er auf dieſe Weiſe ſeinen unbegränzten Einfluß ſicherte, gab er zugleich Beweiſe ſcheinbarer Anhänglichkeit— denen Fortescue vertrauens⸗ voll Glauben ſchenkte. Auch mangelte es Mulcahy nie an Geld— indem er vorgab, daß die Leiter des Komplottes den Werth der Verbindung mit Fortescue zu ſchätzen wüß⸗ ten und ihm jede Summe, deren er bedürfte, vorzuſtrecken bereit wären, verſah er ihn mit den Mitteln zu allen Aus⸗ ſchweifungen, in die ſich ein zuchtloſer und leichtſinniger Tom Burke. v. 13 194 zunger Menſch ſtürzen kann und ſchmiedete ſo die Feſſeln immer enger, die denſelben an ihn banden. Als der Aufſtand ausbrach, war Fortescue wie viele Andere entſetzt über das Benehmen ſeiner Partei. Er war ſtündlich von grauſamen und blutigen Auftritten Zeuge, die ſein Herz empörten, die ihm aber, wenn er ſeine mit⸗ leidige Theilnahme geſtanden hätte, auf der Stelle das Leben gekoſtet haben würden. Er war jedoch im Strome und mußte mit dem Strome ſchwimmen— und wozu treibt nicht eiſerne Nothwendigkeit! Täglicher vertrauter Umgang mit Leuten von gemeiner und ſchmutziger Geſin⸗ nung, ſtündliche Berührung mit Verbrechern und vielleicht mehr als beides, Verzweiflung am Gelingen brachen ſeinen Geiſt völlig und mit der thörichten Verblendung eines zu Böſem Prädeſtinirten wurde er völlig unbekümmert um das, was ihm begegnete und gleichgültig gegen jedes Ge⸗ ſchick, das ihm bevorſtehen mochte. Immer noch aber war zwiſchen ihm und ſeinen Ge⸗ fährten ein weiter Abgrund. Der Baum, verwelkt und verſengt wie er war, bewahrte noch immer einige Spuren ſeiner frühern Schönheit, und Fortescue ragte über ſeine blutbefleckte, verſunkene Umgebung als ein Weſen verſchie⸗ dener Art hervor. Dieſe Ueberlegenheit war für Niemanden beleidigender als für die Parteien ſelber. So lange das Planentwerfen für einen Aufſtand währt, wird die Gegenwart eines Gent⸗ lemans oder eines Mannes von Geburt und Rang mit Beifall und Entzücken begrüßt. Wenn aber die Stunde zum Handeln kommt, ſo werden die Bedenklichkeiten eines Ehrenmannes oder der Widerwillen eines hochherzigen Cha⸗ rakters von denen als Feigheit betrachtet, die Muth nur im Blutvergießen ſehen und von keinem Heldenſinn wiſſen, der nicht mit Grauſamkeit gepaart iſt. Fortescue wurde ſeiner Partei verdächtig. Er erhielt Winke und Gerüchte kamen ihm zu Ohren, daß man ihn ſcharf beobachte— daß jetzt keine Zeit zum Zaudern ſei. Ihn, der dieſer Sache Alles geopfert, ſo zu verdächtigen! Er beſprach ſich mit Mulcahy und gewahrte zu ſeiner größten Kränkung, daß ſelbſt ſein alter Verbündeter und Nathgeber in Betreff ſeiner nicht ganz ohne Argwohn war. Etwas mußte geſchehen und zwar ſchnell; was, war ihm einerlei. An das Leben knuͤpfte ihn ſchon lange weder Hoffnung noch Furcht mehr. Das einzige Band, welches ihn ans Daſein feſſelte, war das wunderliche Verlangen, von denen geachtet zu werden, an die er nicht ohne Ekel denken konnte. Zu jener Zeit wurde gerade ein Angriff auf das Haus und die Familie eines Werforder Gentlemans beabſichtigt, deſſen entſchiedener Widerſtand gegen die Unternehmungen der Rebellen ihren ganzen Haß erregt hatte. Fortescue verlangte für ſich die Leitung des Zuges, die ihm ſogleich von jenen übertragen wurde, welche froh über einen Anlaß waren, ſein Benehmen bei einem ſolchen Ereigniß zu er⸗ proben. Der Angriff wurde zur Nachtzeit unternommen und dabei eine ſolche Grauſamkeit geübt, daß der Geſchicht⸗ ſchreiber dieſen Auftritt noch jetzt zu den entſetzlichſten je⸗ ner entſetzlichen Periode zählt. Das Haus wurde in einen Aſchenhaufen verwandelt und die Bewohner ohne Rückſicht auf Alter und Geſchlecht niedergemetzelt. Bei dem Ver⸗ ſuche, ein Weib aus den Flammen zu retten, ward For⸗ tescue von einem ſeiner Genoſſen niedergeſchlagen, während ihm ein Anderer mit einem großen Meſſer eine tiefe Wunde in die Bruſt verſetzte. Er ſiel in ſeinem Blut gebadet und lag ſcheinbar todt da. Nachdem ſich ſeine Partei zurückgezo⸗ gen, ſtrengte er jedoch ſeine letzte Kraft an, um in einen Graben zu kriechen, wo er ſich verbarg. Dort lag er bis gegen Tagesanbruch, wo eine andere Rebellenſchaar ihn fand, die von den näheren Umſtänden ſeiner Verwundung nichts wußte und ihn in Sicherheit brachte. Einige Monate lang war er gefährlich krank. Ein Zehrfieber, die Folge ſeiner Leiden, brachte ihn an den 196 Nand des Grabes; und endlich gelang es ihm, heimlich Dublin zu erreichen, wo ein der Partei wohlbekannter Arzt wohnte, unter deſſen Behandlung er genas, worauf er endlich ſo glücklich war, nach Amerika zu entkommen. Mittlerweile glaubte man allgemein an ſeinen Tod und Crofts wurde überall als der Erbe des Vermögens aner⸗ kannt. Mulcahy, über den einige Worte beigefügt werden müſſen, wurde bald nachher auf eine Anklage wegen Auf⸗ ſtandes hin verhaftet und zur Deportation verurtheilt. Er berief ſich auf Viele, die ihn, wie er ſagte, in beſſeren Zeiten gekannt hatten und zu ſeinen Gunſten Zeugniß ab⸗ legen ſollten. Unter andern wurde auch Kapitän Croft's — dies war er damals noch— vorgefordert. Seine Aus⸗ ſage lautete jedoch mehr zum Nachtheile als zu Gunſten des Angeklagten. Und obwohl ſie auf den Urtheilsſpruch keinen Einfluß übte, ſo glaubte doch das Volk, ſie habe viel zu deſſen Strenge beigetragen. Dies war ihrem Weſen nach die ſeltſame Geſchichte, welche nun vor Gericht erzählt wurde— erzählt, ohne ir⸗ gend ein Bemühen, etwas zu verhehlen oder zurückzuhal⸗ ten— und die zu beweiſen ſich M⸗Keown auf der Stelle anbot.. „Zeit und Ort, Mylord,“ ſagte Darby als er ſchloß, „paſſen jetzt gerade, um Herrn Croft's eine Kleinigkeit zurückzugeben, die ich ihm in jener Nacht in der Kaſerne nahm. Ich meinte, ich bekäme die Banknoten, aber es zeigte ſich am Ende als etwas Beſſeres.“ Bei dieſen Worten brachte er ein umfängliches, ſchwarz⸗ ledernes Taſchenbuch zum Vorſchein, das mit einer ſtähler⸗ nen Klammer geſchloſſen war. Kaum erblickte es Croft's als er mit dem Sprunge eines Tigers vorwärts ſtürzte und es zu erhaſchen verſuchte. Darby war jedoch auf ſeiner Hut, zog die Hand ſogleich zurück und rief: „Nein, nein, Sir! ich trug es nicht acht lange Jahre bei mir, um es auf dieſe Weiſe wegzugeben. Hier, My⸗ 197 lords,“ ſagte er und überreichte es den Richtern,„hier iſt ſein Taſchenbuch mit einer Menge Zettel darin von allerlei wohlbekannten Leuten— und Moritz Mulcahy unter an⸗ dern— und Sie werden bald ſehen, wer es war, von dem die erſte Veranlaßung zu Fortescues Verderben aus⸗ ging und wer dazu das Geld hergab.“ Als Darby dieſes ſagte, äußerte ſich in der Ver⸗ ſammlung Abſcheu und Erſtaunen. In lautem, entſchie⸗ denem Tone ſchrie Crofts: 2 „Er iſt ein Meineidiger! Ich wiederhole es, Mylord, Fortescue iſt todt.“ „Meiner Treu, für einen todten Mann hat er einen recht guten Appetit,“ ſagte Darby,„und überdies eine ſchöne Geſichtsfarbe, denn dort ſteht er,“ und hier zeigte er mit dem Finger auf einen Mann, der mit übereinander gelegten Armen an einem der Pfeiler lehnte, welche die Gallerie ſtützten. Jedes Auge wendete ſich nun nach die⸗ ſer Richtung, während der junge Anwalt ausrief:—„Iſt Euer Name Daniel Fortescue?“— bevor aber eine Ant⸗ wort folgen konnte, hatten ihn mehrere Advokaten, die in den Schuljahren mit ihm vertraut geweſen, erkannt und umgeben.—. „Ich bin Daniel Fortescue,“ ſagte der Fremde.„Wel⸗ ches auch die Folgen des Geſtändniſſes ſein mögen, ich er⸗ kläre hier vor dieſem Gerichtshofe, daß jede Angabe, die der Zeuge in Betreff meiner gemacht hat, buchſtäblich wahr iſt.“ Ein ſchwaches, dumpfes Geräuſch, das die Stille unterbrach, welche auf dieſe Worte folgte, hallte nun durch den Gerichtsſaal— Crofts war beſinnungslos über die Bank hinter ihm gefallen. Nun folgte eine Scene lärmender Aufregung, denn während Crofts Freunde, von denen manche zugegen waren, Hülfe leiſteten, um ihn in's Freie zu bringen, drängten ſich Andere ungeſtüm vorwärts, um Fortescue zu Geſicht zu bekommen, der in der Achtung des Publikums bereits 198 ſo hoch ſtand wie Darby ſelbſt. Er war ein ſchlanker, kräftig gebauter Mann von fünf bis ſechsunddreißig Jahren und trug die blaue Jacke und Hoſen eines Matroſen; aber weder die Angewöhnungen ſeines Gewerbes, noch ſeine be⸗ ſcheidene Kleidung konnten die auffallenden Spuren ver⸗ wiſchen, die in ſeiner Miene und ſeinem Benehmen auf Stand und Geburt deuteten. Als er die Zeugentafel beſtieg— denn es wurde zu- letzt beſchloſſen, daß ſeine Ausſage zur Widerlegung oder Beſtätigung jener von M'Keown gehört werden ſollte— verbreitete ſich ein Gemurmel des Beifalls theils über den kühnen Schritt, den er jetzt gewagt, theils durch jene per⸗ ſönlichen Eigenſchaften hervorgerufen, die auf jede gedrängte Verſammlung ſtets ihre Wirkung hervor bringen. Ich brauche nicht in die Einzelnheiten ſeiner Ausſage einzugehen, die er in einer offenen, geraden Weiſe ablegte, welche ganz zu ſeinem Ausſehen paßte; indem er auch nicht einen Augenblick die Sache verläugnete, in die er ſich ein⸗ gelaſſen hatte, oder Handlungen, die Treuherzigkeit und Parteieifer eher als Gegenſtände des Lobes als des Tadels betrachtet haben würde, in einem günſtigen Lichte darzu⸗ ſtellen verſuchte. 3 Seine Erzählung bekräftigte nicht nur das Alles, was Darby vorgebracht hatte, ſondern enthüllte auch den ab⸗ ſcheulichen Plan, in Folge deſſen er zuerſt verleitet worden war, ſich den Reihen der Mißvergnügten anzuſchließen. Dies war das Werk von Crofts, der wußte und fühlte, daß hauptſächlich Fortescue die Schranke war, welche zwi⸗ ſchen ihm und einem großen Vermögen im Wege ſtand. Zu dieſem Zwecke wurde Mulcahy gemiethet; darum die treuloſe Falle gelegt, die endlich ſein Verderben herbei⸗ führte; denn ſo ſchlau war der Anſchlag ausgedacht wor⸗ den, daß die Vorfälle jenes Tages das Zurücktreten ſchwie⸗ riger machten, bis es endlich ganz unmöglich wurde. Dem Leſer iſt die Kataſtrophe bereits bekannt, mit der ſeine Laufbahn im Heere der Rebellen ſchloß. Es 199 bleibt nur noch zu erwähnen übrig, daß er nach Amerika entkam, wo er am Bord eines Kauffahrers als Matroſe Dienſte nahm und obwohl ſeine höhere Bildung und ſeine Aufführung ihm in ſeiner neuen Lebensſphäre leicht ein beſ⸗ ſeres Loos hätten verſchaffen können, ſo verließ ihn doch nie die Furcht vor Entdeckung und er zog den beſchwer⸗ lichen Dienſt eines gemeinen Matroſen dem Schwanken zwiſchen Hoffnung und Furcht vor, welchem eine beſſere Stellung ihn ausgeſetz haben würde. Das Schiff, auf welchem er diente, ſcheiterte auf der Höhe von Neuholland und er nebſt wenigen andern von der Mannſchaft wurde von einem engliſchen Fahrzeug auf⸗ genommen, das ſich auf der Reiſe dahin befand. In einer Abtheilung, die um Waſſer einzunehmen ans Land ge⸗ ſchickt worden war, befand, ſich auch Fortescue und traf mit Darby zuſammen, der aus der Sträflingsniederlaſſung entflohen war und halb verhungert und kaum bekleidet in den Wäldern umher irrte. Sein armſeliger Zuſtand und vielleicht noch mehr ſein drolliges Weſen, das ihn auch jetzt noch nicht verlaſſen, bewog die Matroſen, Fortescues Vorſchlag anzunehmen und ihn in einer Waſſertonne heim⸗ lich auf das Schiff zu bringen und ſo verſteckt legte er die ganze Reiſe nach England zurück, wo er ungefähr vierzehn Tage vor dem Beginn des Prozeſſes landete. Aus Furcht, vor dieſem Tage aufgegriffen zu werden und auf jeden Fall hin entſchloſſen, ſein Zeugniß abzugeben, verbarg er ſich bis zu der Zeit, wo er, wie bereits erzählt, plötzlich zum Vorſchein kam, um mich zu retten. Mulcahy, der im nämlichen Trupp mit Darby arbei⸗ tete, oder, um des Pfeifers hochtrabenden Ausdruck zu ge⸗ brauchen, denn gelegentlich bediente er ſich eines ſolchen, in ſeiner„verketteten Nachbarſchaft“ war, erzählte die ganze Geſchichte ſeiner eigenen Niederträchtigkeit und ſchmähte laut über Crofts, der ihn in ſeinem Unglück ver⸗ laſſen. Seine Angaben wurden durch das Taſchenbuch, welches Darby Letzterem genommen, vollkommen beſtätigt. 200 Es enthielt außer mehreren Noten von des Eigenthümers eigener Hand verſchiedene Briefe von Mulcahy, in denen er meldete, welchen Verlauf ihr Plan nahm— einige be⸗ ſcheinigten den Empfang beträchtlicher Geldſummen, in an⸗ dern wurden weitere Zuſchüſſe verlangt, alle aber bekräftig⸗ ten den ſchändlichen Anſchlag, durch welchen Fortescues Verderben zu Stande gebracht wurde. Wie man auch im gedrängten Gerichtsſaale Fortes⸗ cues und des Pfeifers frühere Lebens⸗ und Denkungsweiſe beurtheilen mochte, jetzt hatte offenbar ein Eindruck das Uebergewicht, nämlich allgemeiner Abſcheu vor der plan⸗ mäßigen Schurkerei von Crofts, deſſen ganzes Leben nur ein Gewebe der niederträchtigſten Treuloſigkeit geweſen war. Das Zeugniß wurde bis ans Ende mit Aufmerkſam⸗ keit angehört; man ſtellte keine Kreuzfragen, der Richter ſetzte den Geſchwornen kurz den ihnen vorliegenden Fall auseinander, von deſſen unmittelbarer Beachtung ſpätere Vorfälle ihre Gemüther großentheils abgezogen hatten, und wies ſie an, ein Nichtſchuldig auszuſprechen. Dieſe Worte wurden von den Geſchworenen nachge⸗ ſprochen, welche ſie, Mann für Mann, laut ausriefen, un⸗ ter betäubendem Beifallsjubel von allen Seiten her. Als ich ermüdet und vollig erſchöpft meinen Platz verließ, ſtreckten ſich ein Dutzend Hände aus, um die mei⸗ nige zu ſchütteln; aber eine kräftige Fauſt faßte meinen Arm und eine wohlbekaunte Stimme rief mir ins Ohr: „Und Sie waren alſo beim Bony, Maſter Tom. Alle Wetter, ich wußte ja immer, aus Ihnen würde etwas Großes werden.“ Im nämlichen Augenbl ich kam Fortescue mit ausge⸗ breiteten Armen auf mich z „Wir müſſen Freunde iwerden, Sir,“ ſagte er,„denn wir beide haben von einem gemeinſchaftlichen Feinde gelit⸗ ten. Wenn man mich hier fortläßt— „Das geſchieht nicht, Sir,“ unterbrach eine tiefe 201 Stimme hinter uns. Wir wendeten uns um und erblick⸗ ten Major Barton.„Das Gemetzel in Kilmacshogue muß noch geſühnt werden.“ 3 Fortescues Antlitz wurde bei Erwähnung dieſes Na⸗ mens todtenbleich und er athmete mühſam und ſchwer. „Hier,“ fuhr Barton fort,„iſt der Befehl, Sie zu verhaften,„und Euch auch, Darby,“ ſetzte er, ſich um⸗ wendend, hinzu;„wir müſſen in Newgate noch einmal Eure Geſellſchaft haben.“ „Meiner Treu, ich vermuthe, es niützt nichts, eine Entſchuldigung zu ſenden, wenn Freunde ſo preſſiren,“ er⸗ wiederte er, ſeinen Rock ſo kaltblütig als möglich zu⸗ knöpfend;„aber ich hoffe, Ihr werdet dem Herrn geſta⸗ ten, mich zu beſuchen.“ „Herr Burke ſoll ſtets Einlaß finden,“ ſagte Barton mit einer verbindlichen Artigkeit, die ich früher an ihm nie bemerkt hatte. „Ja, der Teufel, vielleicht ſeid Ihr nicht ſo ſchnell bei der Hand, ihn herauszulaſſen,“ bemerkte Darby trocken, denn ſeinen Begriffen vom gerichtlichen Verfahren war ein beträchtlicher Zuſatz von Argwohn beigemiſcht. Ich hatte nur noch Zeit dem ehrlichen Burſchen meine Börſe in die Hand zu drücken und Fortescue flüchtig zu grüßen, als Beide unter Bartons Gewahrſam fortgebracht wurden; und ich nahm nun meinen Weg durch die Menge in der Halle, welche ſich öͤffnete, um mich durch zu laſſen. Tauſend Willkommrufe tönten mir von jenen entgegen, die das Er⸗ gebniß der Verhandlung eben ſo ängſtlich erwarteten, als ob ein Bruder oder theurer Freund in Gefahr geweſen wäre. Ein Geſicht fiel mir im Vorbeigehen auf— und theils meiner eigenen Aufregung wegen— theils weil die Züge deſſelben einen ganz andern Ausdruck hatten, als ge⸗ wöhnlich— konnte ich es nicht ſo ſchnell erkennen, als es wohl ſonſt der Fall geweſen wäre. Es kam immer wieder 202 zum Vorſchein und war endlich an meiner Seite, als ich ans Thor kam, welches auf die Straße führte. „Wenn ich wagen dürfte, meine Glückwünſche dar⸗ zubringen,“ ſagte eine Stimme, welche das ängſtliche Zit⸗ tern des Sprechers und die wirkliche oder erheuchelte Be⸗ ſchämung, die ihn niederzudrücken ſchien, kaum hoͤrbar machte. „Was,“ rief ich,„Mr. Baſſet!“ denn es war dieſer würdige Mann ſelber. „Ja, Sir. Ihres Vaters alter und vertrauter Ge⸗ ſchäftsführer— ich dürfte mich erkühnen zu ſagen, Freund — der gekommen iſt, den Sohn ſeines erſten Gönners die Stellung einnehmen zu ſehen, welche er ſo lange ſchon verdient hat.“ „Ein ſchlechtes Gedächtniß iſt die einzige Spur von Alter, die ich an Ihnen bemerke, Sir,“ ſagte ich und wollte weitergehen, denn es ſtand mir nicht an, mich im Augenblicke meiner Befreiung aus einer ſo gefährlichen Lage, über einen ſo unwürdigen Gegenſtand zu erzürnen. „Einen Augenblick, Sir, nur einen Augenblick,“ flü⸗ ſterte er leiſe.„Sie werden wahrſcheinlich Geld brauchen. Die Novemberrenten ſind noch nicht eingegangen, aber es iſt ein beträchtlicher Saldo zu Ihren Gunſten. Wollen Sie für jetzt ein oder zweihundert Pfund von mir an⸗ nehmen?“ 3 „Geld annehmen!— von Ihnen Geld annehmen!“ ſagte ich zurückfahrend. „Ihr Eigenthum, Sir— Ihr eigenes Gut. Haben Sie vergeſſen,“ fügte er hinzu, und bemühte ſich vergeblich, zu lächeln,„daß Sie Mr. Burke von Cromore ſind, mit einem Zinſenbuch von netto viertauſend Pfund jährlich. Wir haben den Prozeß wegen des Clouan⸗Moors gewon⸗ nen, Sir,“ fuhr er fort,„ich war es, Sir, der die Quit⸗ tung für die Obligation aufgefunden hat. Ihr Bruder ſagte, er verdanke es ganz dem Tony Baſſet.“ Es bedurfte blos noch der zwei letzten Worte, um 203. meinen Widerwillen auf den höͤchſten Gipfel zu ſteigern, und ich verſuchte noch einmal von ihm los zu kommen. „Ich kenne die Güter, Sir, ſchon ſeit achtunddreißig Jahren. Ich hatte die Aufſicht darüber. Ihr Vater und Ihr Bruder trauten mir immer— „Laſſen Sie mich, Mr. Baſſet,“ ſagte ich ruhig,„Ich wünſche nicht die Neugierde des Poͤbels in noch höherem Grade zu erregen. Ich bitte, laſſen Sie mich weiter gehen.“ 3 „Und wegen Darby M'Keown,“ flüſterte er. „Was iſt's mit ihm?“ fragte ich, denn er hatte jetzt die empfindlichſte Saite meines Herzens berührt. „Ich will ihn frei machen. Er ſoll um Ihretwillen in achtundvierzig Stunden frei werden. Ich habe alle Pa⸗ piere bei mir und eine Eingabe an den Geheimenrath wird ſeine Freilaſſung bewirken.“ „Thun Sie das,“ ſagte ich,„und ich will mehr von Ihrem Benehmen gegen mich verzeihen, als ich aus irgend einem andern Grunde im Stande wäre.“ „Darf ich Ihnen dieſen Abend oder morgen früh in Ihrem Gaſthof aufwarten? Wo ſind Sie abgeſtiegen, Sir?“ „Es ſei dieſen Abend, wenn dadurch M'Keown's Frei⸗ laſſung beſchleunigt wird. Vergeſſen Sie jedoch nicht, Mr. Baſſet, ich will mit Ihnen über keinen andern Gegenſtand ſprechen, bis dieſe Angelegenheit zu meiner vollſten Zufrie⸗ denheit erledigt iſt.“ „Es bleibt dabei, Sir,“ entgegnete er, trat zurück und ließ mich weiter gehen. Ich nahm meinen Weg längs den Quais und Da⸗ meſtreet hinunter, von einem großen Volkshaufen begleitet, der in meiner Freiſprechung einen Triumph für ſich er⸗ blickte; denn ſo war es— jeder Fall hatte ſein politiſches Gepräge und ſchien mit den Zwecken einer oder der an⸗ dern Partei in engem Zuſammenhange zu ſtehen. Beifalls⸗ rufe mit den Loſungsworten der Faktion erſchallten auf 204 meinem Wege und ich mußte mich in die am wenigſten von allen befriedigende Lage bequemen, in welcher man Ruf ohne Ruhm und Popularität ohne Verdienſt gewinnt. Als ich in den Gaſthof trat, erkannte ich manche von den Perſonen wieder, die ich früher dort geſehen; aber ihre Blicke richteten ſich nicht mehr mit jener Ungeſchlif⸗ fenheit auf mich, die damals aus ihnen ſprach. Es zeigte ſich im Gegentheil ein eifriges Bemühen, Zuvorkommen⸗ heit und Artigkeit an den Tag zu legen. Wie ſonderbar iſt das! dachte ich— wie verſchieden lächelt alle Welt den Reichen und den Armen an! Hier befanden ſich Manche, die aus meiner veränderten Lage durchaus keinen Vortheil ziehen konnten— die ſo unabhängig von mir warenk, wie ich von ihnen; und ſelbſt dieſe legten in ihr Benehmen jenen rückſichtsvollen Ausdruck, den der Klient ſeinem Goͤn⸗ ner gegenüber annimmt. Dieß iſt jedoch der Weltlauf. Die Stellung, welche Reichthum verleiht, wird von Allen anerkannt— die Perſönlichkeit des Inhabers iſt dabei blos Nebenſache. Das Leben öffnete ſich nun vor mir in der That mit ganz neuen und verſchiedenen Ausſichten und ich empfand, indem ich mich wachend den Träumen hingab, die plötzli⸗ ches Reichwerden hervorruft, daß man, um ſich des Ge⸗ nuſſes von Unabhängigkeit in vollem Umfange zu erfreuen, gleich mir den ſchweren Druck von Widerwärtigkeiten er⸗ fahren haben müſſe. Es war mir, als habe nun eine lange düſtere Straße ihren Wendepunkt erreicht und ein Weg werde mich nun einen friedlicheren und glücklicheren Pfad entlang führen. Gedanken an die neue Bahn, die vor mir lag, paar⸗ ten ſich mit der Erinnerung an die Vergangenheit— es waren Hoffnungen, aber durch die Schatten gedämpft, die eine verkümmerte Neigung über das ganze Leben wirft. Dennoch war dieſer Abend ein glücklicher— ich empfand zwar nicht jene freudige Aufregung, die aus der Erlan⸗ gung eines lange erſehnten Gegenſtandes entſpringt, aber 205 4 jene ruhigere Wonne, welche die Ankunft im ſicheren Ha⸗ fen dem verſchafft, der Sturm und Wetter überſtanden hat. Mit ſolchen Empfindungen ging ich zu Bett und legte mein Haupt gedankenvoll und im Frieden auf das Kiſſen. In meine Träume miſchte ſich noch immer das überſtandene Ungemach; allein wer bedauert die ängſtlichen Minuten eines Traumgeſichts, das beim Erwachen ver⸗ ſchwindet— gleichen ſie nicht eher den Schatten des Berges, durch die der Glanz des Sonnenlichtes in der Ebene erhöht wird? So brach der Morgen für mich an mit all dem Entzücken über vergangene Gefahren und dem bunten Gemiſche der Hoffnungen auf eine glückliche Zu⸗ kunft. Die hundert Plane, welche ich während meiner Ar⸗ muth für das Wohlſein der Dürftigen und Geringen ent⸗ worfen hatte, konnten nun verwirklicht werden, und ich er⸗ blickte mich ſelbſt als Mittelpunkt glücklicher, vertrauens⸗ voller und zufriedener Landleute. Allerdings würden ſich„das Feldlager und die zelt⸗ bedeckte Ebene“ im friedlichen Kreiſe des Landlebens ſchwer vergeſſen laſſen; aber einfache Pflichten nehmen uns oft ſo ſehr in Anſpruch, als ſolche von einer höhern Art, und bringen einen dem Herzen nicht minder angenehmen Lohn mit ſich; auch ſchmeichelte ich mir, mein Ehrgeiz werde ſich damit begnügen.. Die Augenblicke, in denen man ſolchen wachenden Träumen nachhängt, ſind wahrhaft die glücklichſten im Leben. Die Hoffnungen, welche ſich auf die Wohlthaten ſtützen, die wir Andern erzeigen, geben unſern eigenen Ge⸗ ſinnungen einen höhern Schwung; und ſolche Beweggründe läutern die Seele und erheben den Geiſt weit uͤber die kleinlichen Begierden der Welt. Meine eigenen Genüſſe erweiterte der Reichthum viel weniger, als dieß bei den Meiſten der Fall geweſen wäre. ie einfache Weiſe des Soldatenlebens genügte allen mei⸗ nen Wünſchen. Den Lurus, welchen Gewohnheit Andern zum Bedürfniſſe macht, kannte ich nie; und ich beſchloß 206 die Grenzen nicht zu erweitern, die mein beſcheidener Ge⸗ ſchmack meinem Aufwande zog, damit für die Mildthätig⸗ keit größerer Spielraum blieb. Mit dieſen Gedanken beſchäftigte ich mich im Wachen. Ach, wie wenig von ſolchen Planen verwirklichen wir je; wie wenige gleiten den Strom des Lebens hinunter, ohne von den Wirbeln und widrigen Strömungen des Schick⸗ ſals aus der Bahn gebracht zu werden. Je höher wir den Tempel unſerer Hoffnungen aufbauen, deſto gewiſſer wird er in Trümmer zuſammenſtürzen. Wer läugnet, daß unſer groͤßtes Vergnügen darin beſteht, dieſen Bau aufzuführen, und unſere glücklichſten Stunden die ſind, wo wir uns ganz jenen Hoffnungen hingeben, die unſer ruhigeres Ur⸗ theil nie billigt? Bis jetzt war es mir noch nicht in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken, welche Stellung die Welt jemanden einräumen würde, deſſen Leben einen ſolchen Verlauf genommen hatte, wie das meinige; noch kümmerte ich mich um einen Gegenſtand, von dem ein großer Theil meines känftigen Glückes abhing. Lange konnte ich jedoch dieſen Betrachtungen nicht mehr aus⸗ weichen. Wie ſie ſich einſtellten und was ihr Ergebniß war, muß einem künftigen Kapitel meiner Geſchichte vor⸗ behalten bleiben. Vierzehntes Kapitel. Ein haſtiger Entſchluß. Im letzten Kapitel führte ich meine Leſer bis zu je⸗ nem Abſchnitte meiner Geſchichte, der den Wendepunkt meines Geſchickes bildete; und hier wäre es vielleicht paſ⸗ ſend, dieſe kurzen Denkwürdigkeiten meiner jüngern Jahre zu ſchließen, in denen ich hauptſächlich beabſichtigte, die 207 Folgen voreiligen Aburtheilens darzuſtellen, das von einem Knaben ausgehend auf das ganze Leben Einfluß übte. Ein einziger Vorfall bleibt noch zu erzählen übrig, und ich will die gutmüthige Geduld meiner Leſer damit nicht zu lange auf die Probe ſtellen. 3 Arm, heimatlos und unbekannt, war ich durch einen plötzlichen Glückswechſel reich und in eine angeſehene Stel⸗ lung verſetzt— ich war der Eigenthümer großer Güter und in meiner heimatlichen Grafſchaft einer der einfluß⸗ reichſten Männer geworden. Meiner Dazwiſchenkunft ge⸗ lang es, die Freilaſſung von M⸗Keown zu bewerkſtelligen, und meine Fürſprache trug ſehr viel dazu bei, für Fortes⸗ eue die königliche Begnadigung zu erwirken. Ich könnte mich über die Welt nicht beklagen, und das Glück, wel⸗ ches mich bei jedem Schritte begleitete und alle meine Plane begünſtigte, war unter meinen Nachbarn ſprüch⸗ wörtlich geworden. Möge niemand meinen, ich ſei ver⸗ geßlich und undankbar geweſen, wenn ich geſtehe, daß ich bei alledem nicht glücklich war. Nein. Das Gemüth kann nicht zur Ruhe, der Geiſt nicht zur Selbſtzufrieden⸗ heit gelangen, wo kein Pflichtgefühl vorhanden iſt. Der Drang, welcher das Herz des Knaben ſchwellte, ſpornte auch noch den Ehrgeiz des Mannes. Die Beſtrebungen, welche ich hätte für die edelſten und reinſten halten ſollen, ſchienen mir unintereſſant und unedel— die Verbindungen, welche ich hätte für die glücklichſten und höchſten halten müſſen, ſchienen mir gemein, niedrig und alltäglich. Meine jugendlichen Freiheitstraͤume waren getäuſcht worden, ich hatte Tyrannei gefunden, wo ich Freiheit ſuchte, und Un⸗ duldſamkeit, wo ich Aufklärung erwartete; allein gerade deßhalb blickte ich mit zehnfacher Begeiſterung auf die Laufbahn des Soldaten, deren Glorie mir immer vor⸗ ſchwebte. Dieſe edle Bahn hatte mich nicht betrogen— im Gegentheile, ihre wilde und ſtürmiſche Aufregung, ihre kecken Wagniſſe, ihre immerwährenden Gefahren wa⸗ ren Reizmittel, die mir theuer waren und herrlich erſchie⸗ nen. Alle die Zufälle und Veränderungen eines friedlichen Lebens waren ärmlich und gering im Vergleich mit den ſtündlichen Wechſelfällen des Krieges. Ich wußte damals freilich nicht, wie viel Genuß mir das Vergeſſen gewährte, wie ſehr mein Glück aus meiner Eingenommenheit ent⸗ ſprang, die meine Gedanken hinderte, bei der einzigen Lei⸗ denſchaft zu verweilen, die je mein Herz in Aufregung brachte— meiner Liebe für ein Weſen, auf deſſen Gegen⸗ liebe ich nicht hoffen durfte. Wie doch das Weſen einer Jugendliebe dem ganzen Leben ſeine Färbung gibt! Unſere Neigungen gleichen Blumen: ſie ziehen ihren Wohlgeruch und ihren Blüthen⸗ glanz aus dem Boden, in dem ſie wachſen— einige kei⸗ men fröhlich und friſch beim Plätſchern einer glitzernden Quelle und blühen in unverwelklicher Schönheit fort; an⸗ dere, die ſich unter Dornen und Unkraut abmühen und von Dunkel überſchattet ſind, bewahren ihre früheſten Ein⸗ drücke bis ans Ende— ſogar ihr Wohlgeruch hat etwas Beklemmendes. Dieſe hoffnungsloſe Leidenſchaft zu bemeiſtern war ich auf hundert Wegen bemüht. Indem ich mich den Beſchäf⸗ tigungen eines Landedelmannes hingab, trachtete ich mich in alle jene Sorgen und Beſtrebungen zu vertiefen, die für meine Nachbarn ſoviel Intereſſe hatten. Da mir dies nicht gelang, wurde ich ein Jäger. Ich hielt Pferde und Hunde und begann mit allem Eifer, der aus bloßem Ent⸗ ſchluſſe entſpringen kann, dieſes Leben männlicher Anſtren⸗ gung, das Tauſenden ſo viel Vergnügen gewährt— aber auch dies war erfolglos. Ich beſuchte Geſellſchaft, zog mich jedoch bald zurück, als ich fand, daß mir unter mei⸗ nes Gleichen das Andenken an mein früheres Leben ſtets auf dem Fuße folgte. Ich war in ihren Augen ein Rebell, den ſein beſſeres Glück vor dem Schickſal ſeiner Gefähr⸗ ten gerettet hatte. Meine Jugend hatte für mein Mannes⸗ alter keine Bürgſchaft gegeben, und man traute mir nicht. Da alle meine Bemühungen, meinen verborgenen Kummer zu beſänftigen, ſcheiterten, ſo überließ ich mich ihm nun, als hätte mich das Schickſal darauf angewie⸗ ſen, einer Erinnerung nachzuhängen, die nichts verwi⸗ ſchen konnte. Ich entſagte allen kleinlichen Auskunftsmit⸗ teln, durch die ich mich der Vergangenheit erwehren wollte, und ſchwelgte von nun an ohne Rückhalt in meiner Schwermuth. Da ich ganz auf mein Gut beſchränkt lebte, von meinen Nachbarn nie erblickt wurde und keine Beſuche machte oder empfing, ſo erſchien ich vielen als ein herz⸗ loſer Einſiedler, deſſen Menſchenhaß in der Einſamkeit Nahrung ſuchte. Andere, die weniger hart abſprachen, hielten mich für einen Mann, den die unglückliche Art, wie er ſein Leben begonnen, für die Stellung untüchtig gemacht habe, zu der das Glück ihn erhoben. Von bei⸗ den wurde ich bald vergeſſen. Die Landleute waren edelmüthiger und gerechter. Sie ſahen in mir einen, der die Entbehrungen, welche ſie litten, peinlich empfand, ſie aber nie mit jener wohlfeilen Hoff⸗ nung täuſchte, daß Veränderungen in der Geſetzgebung geſellſchaftlichen Uebelſtänden abhelfen— daß Parlaments⸗ beſchlüſſe in die tauſend Krümmungen des Geſchicks eines armen Mannes eindringen würden. Sie fanden in mir einen Freund und Rathgeber. Sie wunderten ſich blos über einen einzigen Punkt— wie jemand für die Armen Theilnahme empfinden und die Reichen nicht haſſen könne. So lange hatte der Kampf zwiſchen Ueberfluß und Elend gedauert, daß ſie keinen Vertrag begreifen konnten. So bitter auch ihre Armuth geweſen war, ſo vertilgte ſie doch nie die Poeſie ihres Lebens. Sie waren hungrig und nackt; aber ſie hielten an ihren alten Ueberlieferungen und banuten auf ſie große Hoffnungen für die Zukunft. Die alten Familiennamen— die durch die Zeit geheiligten Erinnerungen, die ſich an den Boden knüpfen— die be⸗ rühmten Thaten der Vorfahren ſchufen ein ideales Daſein, deſſen Eindrücke ſtark genug waren, um die Qual wirk⸗ Tom Burke. V. 14 licher, ſich täglich erneuernder Uebel zu überwinden, und ſie ſchloſſen aus dem, was geweſen war, auf das, was wieder werden könnte, mit einer hartnäckigen Hoffnung, die zu zerſtören faſt grauſam ſchien. So tief wurzelten dieſe Gedanken in ihrem Weſen, daß ſie den nur halb für ihren Freund hielten, der es wagte, ſie gering zu ſchätzen. Die Erleichterung ihrer gegenwärtigen Armuth— der Beiſtand in wirklichen Leiden wurde von ihnen blos als eine vorübergehende freundliche Bemühung betrachtet. Sie erwarteten irgend eine durchgreifende Verbeſſerung ihres Zuſtandes, irgend einen wunderbaren Wechſel— die Her⸗ ſtellung irgend eines eingebildeten Grades von Unabhän⸗ gigkeit und Behaglichkeit, wovon freilich Alles, was ge⸗ wöhnliche Dazwiſchenkunft verſuchen konnte, noch ſchreiend genug abſtach; und ſo richteten ſie unverwandte Blicke nach einer Regierung, einer herrſchenden Gewalt, von wel⸗ cher ſie ein unbeſtimmtes, unbekanntes und unbegrenzbares Gut erſehnten. Für Erwartungen gleich dieſen iſt Rath und kleine Aushülfe was ein Waſſertropfen der von Durſt ausge⸗ trockneten Zunge, und dies erkannte ich auch. Ich konnte ſte weder in ihren Hoffnungen auf ſolche Veränderungen in der Geſetzgebung beſtärken, durch die ihre Lage bedeu⸗ tend verbeſſert würde, noch ihrer Selbſttäuſchung ſchmei⸗ cheln, daß keines ihrer Leiden einheimiſchen Urſprungs ſei; daher ſetzten ſie in meine Anſichten kein Vertrauen, wenn ſie gleich für manche Güte Dankbarkeit empfanden. Der Patriot von Handwerk, welcher viel verſprach, während er ihre mühſeligen Erſparniſſe in die Taſche ſteckte; der wü⸗ thende Zeitungsſchreiber, der die Regierung ſchmähte und den Gutsbeſitzer anklagte, dies waren die Gegenſtände ihrer Sympathie, und auf wen dieſe Maßſtäbe nicht paß⸗ ten, der war nicht ihr Freund. Der geſellſchaftliche Zuſtand des Volkes war mit ei⸗ nem Worte bis ins Mark verdorben. Ihre beſten Eigen⸗ ſchaften, durch die vereinigte Gewalt der Armuth, des 8 211 Aberglaubens und ſchlechter Regierung herabgewürdigt, waren zu Quellen von Verbrechen und Elend geworden. Sie hatten ſo lange und ſo viel gelitten; ihre Geduld war erſchöpft und ſie zogen die Ausficht auf irgend eine ge⸗ waltſame Erſchütterung, die das Land umgeſtalten würde, von welchen Gefahren ſie auch immer begleitet ſein mochte, einer langſamen und ſtufenweiſe, wenn auch ſichern und gewiſſen Verbeſſerung ihres Zuſtandes vor. Ihr Vertrauen um den einzigen Preis zu gewinnen, um welchen ſie es gewähren wollten, dazu konnte ich mich nimmer entſchließen, und ohne daſſelbe war ich faſt nicht im Stande, Gutes zu wirken. Hier alſo fand ich aber⸗ mals den Zugang zu einer andern Wirkſamkeit für mich verſchloſſen, und zwar zu jener, die mich am meiſten an⸗ geſprochen haben würde. Die Heftigkeit ihrer eigenen leidenſchaftlichen Naturen, die tollkühnen Antriebe, denen ſie nachgaben, beraubten ſie aller Fähigkeit, jene zu beur⸗ theilen, deren Anſichten gemäßigter und ruhiger waren. Sie konnten den hochtoryſtiſchen Gutsbeſitzer begreifen, den ſie als ihren offenen, unverhüllten Widerſacher mit allen Attributen der Tyrannei ausſtatteten. Sie konnten in dem wuthentbrannten Volksredner des Tages einen warmen Freund erblicken; aber ſie ließen keinen Zug der Güte an jenen gelten, der ſie lieber genährt als geſchmeichelt, eher im Genuſſe behaglichen Wohlſtandes als in der Begeiſte⸗ rung des Triumphes ſehen wollte. Von„Darby dem Pfeifer,“ denn er war jetzt ein Glied meines Haushaltes, erfuhr ich, in welchem Lichte mich die Leute betrachteten und wie mißvergnügt ſie ſich darüber äußerten, daß Einer, der„Boney gedient“ nicht be⸗ reit ſein ſollte, ſich im Nothfalle an die Spitze eines Auf⸗ ſtandes zu ſtellen. So war ich überall in einer falſchen Stellung. Da mich alle beargwohnten, weil ich weder die Parteiübertreibungen mitmachen, noch für die Wahr⸗ heit blind werden wollte, die meine Sinne mir offenbarten, ward der Kreis meiner nützlichen Wirkſamkeit auf die Erfüllung bloßer Wohlthätigkeitspflichten beſchränkt, und meine Gegenwart unter meinen Pächtern brachte nicht mehr Gu⸗ tes hervor, als ob ich meine Boͤrſe als Stellvertreter zu⸗ rückgelaſſen hätte. Jahre vergingen und der geräuſchloſe Gang der Zeit ließ mich ihr ſchnelles Fliehen vergeſſen. Die Gewohn⸗ heiten eines einſamen Lebens waren mir ſo lieb geworden, daß gerade deſſen Eintönigkeit eine Quelle des Vergnü⸗ gens für mich ward. Ich hatte mich ſelbſt auf einen klei⸗ nen Kreis von Genüſſen beſchränkt und ſo brachte ich meine Tage vergnügt zwiſchen meinen Büchern und auf meinen Spaziergängen zu. 8 Lange wagte ich nicht die Zeitungen zu leſen oder von den großen Ereigniſſen Kenntniß zu nehmen, die Eu⸗ ropa bewegten. Ich verſuchte mich ſelbſt zu überreden, daß ich nach einem ruhigen Zwiſchenraum bei ihrer Er⸗ wähnung gleichgültig bleiben würde, und ſo ſtrenge ver⸗ ſagte ich meiner Neugierde jede Befriedigung, daß der Brand von Moskau und der Beginn des darauf folgenden ſchrecklichen Rückzugs das Erſte war, wovon ich las. Von dieſem Augenblicke an konnte ich mich nicht länger beherr⸗ ſchen und mein leidenſchaftliches Verlangen nach Nach⸗ richten aus Frankreich wurde zu einer eigentlichen Wuth. Wo ſtanden die verſchiedenen Corps der großen Armee? Wo war der Kaiſer ſelber? Durch welche großartige An⸗ ſtrengung ſeines Genius wird er die Schwierigkeiten über⸗ winden, die ihn umgeben und auf den Feind einen ſeiner entſcheidenden Schläge führen? Dies waren die Fragen, welche ſich mir beim Erwachen aufdrängten und mich den Tag über peinigten. 4 Ich folgte in den Zeitungen jeder Bewegung dieſes ſchrecklichen Rückzuges, mit einer an Wahnſinn gränzenden Angſt ging ich auf der Karte den Spuren dieſes langen Marſches nach und wie ich die Städte und Flecken, die ſchauerlichen Schneewüſten und die breiten Ströme zählte, durch die der Weg führte, überſiel mich tiefe Trauer, in⸗ 213 dem ich bedachte, wie mancher tapfere Soldat jenes ſchöne Frankreich nicht mehr ſehen würde, für deſſen Ruhm er ſein beſtes Blut vergoſſen hatte. Unglück folgte auf Unglück und zugleich mit den Nach⸗ richten davon trafen in England Berichte über jene großen Abfälle ein, welche die Stärke der großen Armee ſchwäch⸗ ten und die zum Behufe ihres Rückzuges entworfenen Plane vereitelten. Diejenigen, welche ſich der Zeit, von der ich ſpreche, entſinnen können, werden ſich auch der Wirkung erinnern, die in England durch dieſe täglichen Nachrichten vom Kriegsſchauplatze hervorgebracht wurden„ wie ein ſchwerer Schlag nach dem andern den Wechſel jenes Glücks ver⸗ kündeten, das einſt die Adler Frankreichs ſo treu begleitete — wie jedes neue Bülletin einen andern Unfall meldete — bald, daß zerſtreute Ueberbleibſel eines großen Armee⸗ corps von Koſaken abgeſchnitten worden, bald, daß man ſich gegen überlegene Streitkräfte in einen ſchrecklichen Kampf eingelaſſen und verzweiflungsvoll nicht um des Sie⸗ ges willen gekämpft habe, ſondern um ſich die Möglichkeit des Rückzugs zu erkaufen. Große Namen wurden unter den Gebliebenen genannt, und die ſtolzeſte Ritterſchaft von Gallien hatte in den fernen Steppen Rußlands ihren Un⸗ tergang gefunden. Dies waren die entſetzlichen Geſchichten, die man von dieſem ſchrecklichen Rückzuge las; und die Freude in Eng⸗ land war groß über die Kunde, daß der mächtigſte ſeiner Feinde endlich den bittern Kelch der Niederlage bis auf die Hefe habe leeren müſſen. Während die Leute einander in Erzählungen von dem Mißgeſchick des Kaiſers zu über⸗ bieten ſuchten, während jede Poſt die lange Reihe der Un⸗ fälle, welche die große Armee betroffen, vergrößerte, ſaß ich in meinem einſamen Hauſe in einem entfernten Theile Irlands und brütete über den traurigen Glückswechſel, der über den Mann gekommen war, welcher noch immer mein Ideal eines Helden bildete, 214 Ich ſtellte mir vor, wie mitten unter den zuſammen⸗ ſtürzenden Trümmern ſeiner glänzenden Gewalt ſeine große Seele den Zerfall überleben würde, der alle Andern zur Verzweiflung brachte— wie jedes neue Uebel ſogleich im Entſtehen den Gedanken an das Gegenmittel erzeugen und wie der Geiſt, dem es nie an Auswegen gebrach, durch die dunkle Nacht des Mißgeſchicks ſtrahlender leuchten würde, als dieß je in den glücklichſten Tagen der Fall ge⸗ weſen. Wo alle Andern bloß die gewaltige Energie der Verzweiflung erblickten, glaubte ich jene glorreichen Aus⸗ brüche von Heroismus zu erkennen, wodurch eine franzöſi⸗ ſche Armee den Beifall ihres Kaiſers ſuchte und errang. Ich war ſtolz darauf, wie ich ſah, daß die geſchlagenen und zerſtreuten Abtheilungen, die ſcheinbar in verworrener Flucht begriffen waren, die Haltung von Soldaten bei der Annäherung von Gefahr annahmen und ſich beim wilden Hurrah⸗Geſchrei der Koſaken mit ſolcher Feſtigkeit in Reih und Glied ſtellen konnten, wie in den ſtolzeſten Tagen ih⸗ res Glücks.— Der Rückzug dauerte fort. Die ſchrecklichen Leiden eines ruſſiſchen Winters kamen zu dem Schlachtengemetzel, welches von den zerſtörten Wällen des Kremls bis zu den Ufern der Weichſel unaufhörlich wüthete. Die Schlacht von Boriſow und der Uebergang über die Bereſina folgten ſchnell auf einander, und nun hörten wir, der Kaiſer habe den Oberbefehl Murat übertragen und eile mit Blitzes⸗ ſchnelle nach Frankreich zurück, denn bereits hatte ſein Mißgeſchick über die Hauptſtadt ſeinen Schatten gebreitet. Nicht mehr nach Zehntauſenden gezählt, war jene unge⸗ heure Armee in Diviſionen von einigen hundert Mann zuſammengeſchwunden. Von der alten Garde blieben kaum mehr als tauſend Mann übrig, und von zwanzig ganzen Kavallerieregimentern kounte Murat nur noch eine einzige Schwadron als Leibgarde um ſich verſammeln. Haufen Verwundeter, Verſtümmelter ſchleppten ihre müden Glieder über den harten Schnee oder durch dichte Fichtenwälder, 215 wo man auf keine Dörfer ſtieß— ein wahnwitziger Ent⸗ ſchluß, alle Kräfte aufzubieten, um Frankreich zu erreichen, war der einzige Antrieb, der alle ihre Leiden überdauerte. Mit dem Abfall von York und Maſſenbach begann nun jene neue Unglücksperiode, in der ſich ſo bald lange zurückg drängter Haß mit all ſeiner grimmigen Wuth ent⸗ laden ſollte. Die ſo lange und ſo grauſam beſchimpfte Nationalität Deutſchlands ſah endlich den Tag der Ver⸗ geltung kommen. Ein Mißgeſchick führte das andere her⸗ bei und Niederlage erzeugte Verrath in den Reihen der Verbündeten des Kaiſers. Selbſt Murat, der Günſtling Napoleons, der von ſeiner Hand geſchaffene König, verließ ihn jetzt und floh ſchmählich von der ſeinem Befehle an⸗ vertrauten Armee. Die Elbe— die Elbe— war nun das Loſungswort der Trümmer jener Armee, die kaum ein Jahr vorher von keiner Grenze für ihre ruhmvolle Bahn wußte. An der Elbe allein durfte man noch hoffen, ſich von den monate⸗ langen Mühſeligkeiten und Entbehrungen einen Augenblick zu erholen. Längs dieſer Linie konnte das Heer halten und den Strom der Verfolgung dämmen, mochte er auch noch ſo gewaltig heran brauſen. Die Preußen hatten ſich be⸗ reits mit den Ruſſen vereinigt, der Abfall Oeſterreichs konnte nicht ferne ſein. Auch Sachſen wurde als ein Glied der deutſchen Völkerfamilie aufgefordert, ſich in Waffen gegen den Tyrannen zu erheben; und in das wilde Hurrah der Koſaken miſchte ſich nun das laute„Vorwärts“ des beleidigten Preußenlandes. Wo ſoll er jetzt Beiſtand ſuchen? Was bleibt ihm in dieſem letzten entſcheidenden Kampfe noch übrig? Wie ſoll der Kaiſer die Legionen ins Leben zurückrufen, durch deren Tapferkeit ſeine großen Siege erfochten und Europa als Vaſall an die Stufen ſeines Thrones niedergebeugt wurde? Dieſer Gedanke verließ mich weder Tag noch Nacht. Immer ſah ich ſein ruhiges Antlitz vor mir und ſeine Züge, die bleicher, aber nicht weniger ſchoͤn waren, 216 als gewöhnlich. Ich konnte mir ſeinen raſchen Blick vor⸗ ſtellen— ſeine ſchnellen Handbewegungen— ſeine abge⸗ brochene Sprechweiſe, wenn Commandoworte aus ſeinem Munde ertönten— und ſein Lächeln, wenn ihm eine Nach⸗ richt Vergnügen machte. Ich konnte nicht ſchlafen— kaum eſſen. Eine fie⸗ beriſche Aufregung erhitzte mein Blut und meine ausge⸗ trocknete Zunge und heiße Hand deuteten an, daß meine Geſundheit in ihrem innerſten Keime angegriffen war. Ich ging mit eiligen Schritten von einer Stelle zur andern und murmelte bald die Worte irgend einer De⸗ peſche— bald bildete ich mir ein, ich ſei mit Befehlen wegen Truppenbewegungen abgeſendet worden. Wenn ich ritt, Aharni ich mein Pferd in Galopp und meine er⸗ hitzte Phantaſie gaukelte mir vor, ich ſei vor dem Feinde und bereite mich zum Kampfe vor. So groß auch meine Erſchöpfung oft war, ſo verſchaffte mir Ermüdung doch keine Ruhe. Oft kehrte ich Abends nach Hauſe zurück, von Mattigkeit überwältigt, aber es folgte eine ſchlafloſe Nacht in der ich von Angſt gepeinigt und von Zweifeln und Be⸗, fürchtungen gequält wurde und beim Erwachen verfolgte ich die nämliche Bahn, bis ſich in meinem geſchwächten Körper und der hektiſchen Wange Krankheitsſymptome ein⸗ ſtellten, die nicht länger mißverſtanden werden konnten. Voll Schrecken uͤber die Verheerungen, welche einige Wochen an meiner Geſundheit angerichtet und ängſtlich da⸗ rüber, was für eine geheime Krankheit wohl an mir zehre, verließ Darby, ohne mir etwas davon zu ſagen, eines Morgens bei Tagesanbruch das Haus und kehrte mit dem Arzt aus der benachbarten Stadt zurück. Ich war im Begriffe, mein Pferd zu beſteigen, als ich ſie durch den Baumgang ſah und auf der Stelle den Zweck ihres Beſuches errieth. Ein Augenblick reichte hin, um mich zu beſtimmen, welches Benehmen ich beobachten ſollte; denn da mir wohl be⸗ kannt war, wie geneigt vie Welt iſt, irgend eine blos ex⸗ zentriſche Gewohnheit einer Störung des Verſtandes * 217 zuzuſchreiben, ſo beſchloß ich, den Doktor ſo zu empfangen, als wäre ich über ſeine Ankunft erfreut, und ihn uͤber meinen Zuſtand zu Rathe zu ziehen. Dadurch mußten we⸗ nigſtens ſo ärgerliche Gerüchte widerlegt werden, indem ich den Arzt auf meine Seite zog. Zum Glück war Doctor Clibborn ein Mann von ge⸗ ſundem Menſchenverſtande und zugleich ein Arzt von nicht gewöhnlicher Geſchicklichkeit. In der kurzen Unterredung, die wir zuſammen hatten, bemerkte ich, daß, während er alle Einzelnheiten, die auf das Daſein einer Krankheit deuteten, aufmerkſam beachtete, ſeine Fragen mehr die Möglichkeit einer geiſtigen Veranlaſſung zur Aufregung, woraus mein Leiden entſprang, im Auge hatten. Dabei konnte ich jedoch gewahren, daß er ſich zu der Meinung hinneigte, die Ereigniſſe bei dem Prozeſſe haben in meinem Gemüthe unauslöſchliche Spuren zurückgelaſſeu, die mich bewegen, ein zurückgezogenes und einſames Leben zu füh⸗ ren, und die Wirkungen hervorgebracht, deren Zeuge er war. Ich war über dieſen ſeinen Irrthum nicht ungehalten. Indem ich ihm geſtattete, ſich ſeiner Täuſchung hinzuge⸗ ben, erſparte ich mir ſelbſt die Verlegenheit, meine wahren Empfindungen zu verbergen, mit denen ich ihn nicht be⸗ kannt zu machen wünſchte. Ich hinderte ihn daher nicht, ſich mit mir über die grundloſen Vorſtellungen, die ich mir ſeines Erachtens von den Geſinnungen der Welt in Betreff meiner machte, in Erörterungen einzulaſſen, und hörte ihn geduldig an, als er das Syſtem der Pflichten gegen das Publikum auseinanderſetzte, durch deren Erfüllung ich meinen rechten Platz in der Geſellſchaft einnehmen und meine eigene Geſundheit und Wohlfahrt am beſten för⸗ dern könnte. „Es gibt,“ ſagte er,„gewiſſe fire Eindrücke, die ich nicht auf dieſe Weiſe bekämpfen möchte. Erſt geſtern zum Beiſpiel gab ich dem Wunſche eines alten Generals nach, der faſt ein halbes Jahrhundert gedient hat und ſich noch 218 einmal an die Spitze ſeines Regimentes zu ſtellen wünſcht. Sein Herz war darauf erpicht. Ich ſah, daß ich, obwohl er vielleicht ſein Vorhaben aufzugeben bewogen werden konnte, doch nicht gewiß ſein koͤnne, er würde deſſen Fehl⸗ ſchlagen ertragen, denn der Verſtand geht manchmal irre, wenn er ſich bemüht, die Spuren ſeines Ganges zurück zu verfolgen. So dachte ich, es ſei beſſer, nachzugeben, wo eine Weigerung ſchlimmere Folgen haben könnte.“ Die letzten Worte des Doctors blieben mir noch lange im Sinn, nachdem er mich verlaſſen hatte, und ich konnte mich nicht enthalten, ſie auf. meinen eigenen Fall an⸗ zuwenden. War nicht mein Eindruck von dieſer Art?— wa⸗ ren nicht meine Gedanken eben ſo feſt wie jene des Offi⸗ ziers, von dem er geſprochen, auf einen Gegenſtand ge⸗ richtet? Konnte ich durch irgend eine Anſtrengung meines Verſtandes oder Willens meiner Phataſie einen Zügel an⸗ legen und ſie an die ſchaale Wirklichkeit feſſeln, die mich umgab? Dieſe Fragen drängten ſich mir immer auf, und im⸗ mer erfolgte die nämliche Antwort: Es iſt umſonſt, einen Antrieb zu bekämpfen, in dem alle anderen Neigungen auf⸗ gegangen ſind. Mein Herz verweilt bei den ſchimmernden Reihen und wiehernden Schwadronen der Franzoſen. Ich wollte noch einmal hin. Ich wollte der Bahn folgen, auf der zuerſt die ſtolzeſten Hoffnungen erwacht waren, welche ich je hegte. Am nämlichen Abend brachte der Poſtwagen die Nach⸗ richt, daß Eugen Beauharnais ſich auf Magdeburg zuruck⸗ gezogen und wiederholte Depeſchen an den Kaiſer geſendet habe, um ihn zu veranlaſſen, ſich ſogleich zu den Truppen zu begeben, denen nichts als die Gegenwart Napoleons in ihrer Mitte ihre gewohnte Tapferkeit und Entſchloſſenheit wieder geben konnte. Napoleon erwiederte kurz: „Ich komme, und Alle, die mich lieben, folgen mir.“* Wie dieſe Worte in meinen Ohren tönten—„Tous 219 ceux qui m'aiment!“— Ich hörte ſie in jedem Rau⸗ ſchen des Windes, in jeder Bewegung des Laubes vor mei⸗ nem Fenſter. Jede Fiber meines Gehirns flüſterte ſie mir zu, und ich fuhr nicht wie gewoͤhnlich im Leſen fort, ſon⸗ dern wiederholte mit gekreuzten Armen den kurzen Satz Wort für Wort. Es war Mitternacht, im Hauſe war Alles ſtill und ſchweigend. Kein Diener rührte ſich und ſogar das Ge⸗ räuſch des Windes hatte ſich völlig gelegt. Ich ſaß in meiner Bibliothek, als mir war, als ob eine leiſe deutliche Stimme an meiner Seite die Worte ſpreche, welche ich wiederholt hatte. Ich fuhr auf— Angſtſchweiß bedeckte meine Stirne und fiel in Tropfen auf meine Wange; denn ich wußte, daß ich allein war, und der ſchreckliche Ge⸗ danke durchzuckte mich— dieß könnte Wahnſinn ſein! Ein paar Sekunden lang war die Angſt, die ich bei dieſer Vorſtellung empfand, faſt unerträglich— dann kam eben ſo plötzlich ein Entſchluß. Ich öffnete mein Pult und nahm alles baare Geld heraus, das ich beſaß. Ich ſchrieb meinem Geſchäftsführer in der Eile einige Zeilen, ging dann leiſe in den Stall, ſattelte mein Pferd und führte es heraus. In zwei Stunden hatte ich faſt zwanzig Mellen auf dem Wege nach Dublin zurückgelegt. Bei Tagesanbruch befand ich mich in der Hauptſtadt. Ich hielt mich dort nicht auf, ſondern nahm friſche Pferde und fuhr nach Sker⸗ ries, wo ſich, wie ich wußte, die Küſtenfiſcher einfanden.“ „Hundert Pfund dem Manne, der mich an der Küſte von Frankreich oder Holland landen will,“ ſagte ich zu Fhhe Gruppe, die ihre Netze am Ufer in Bereitſchaft etzte. Eine ungläubige Miene war die einzige Antwort. Wenige Worte ſchloſſen jedoch den Handel ab. Ehe eine halbe Stunde verging, war ich am Bord. Ein friſcher Wind erhob ſich und wir fuhren ab. „Wenn dieſer Wind anhält,“ ſagte der Schiffer,„ſo wird unſere Reiſe nicht lange dauern.“ Wind und Fluth begünſtigten uns. Wir ſegelten raſch den Kanal hinunter und die blauen Hügel verſchwammen immer mehr vor meinen Blicken, bis das Auge am Hori⸗ zont blos eine graue Wolke entdecken konnte, die endlich im Glanze der Mittagsſonne verſchwand, und nun breitete ſich auf allen Seiten eine weite blaue Waſſerwüſte aus. Fünfzehntes Kapitel. Der letzte Feldzug. Auf den Straßen lag noch tiefer, halb von Regen⸗ güſſen weggeſchmolzener Schnee und am Himmel zogen ſchwere tiefe Wolken als ich, ſo raſch ich konnte, dem öſt⸗ lichen Frankreich zueilte. Ddie Verbündeten hatten ſchon den Rhein überſchritten. Schwarzenberg im Süden, Blücher im Oſten und Berna⸗ dotte an der Grenze von Flandern waren mit ihren unge⸗ heuren Heeren im Anzug, um über denjenigen herzufallen, dem ſich allein gegenüberzuſtellen keiner gewagt hatte. Ganz Frankreich war in Waffen und Alles ſtrömte dem Oſten zu. Zahlloſe Schaaren von Rekruten, von denen manche kaum das Knabenalter erreicht hatten, bedeckten die Landſtraßen. Die Beteranen ſelber traten noch einmal in Dienſt und bildeten Bataillone zum Schutze ihrer Hei⸗ math. Jede Stadt und Dorfſchaft wurde zur Feſte. Das dumpfe Rollen der Munitionswagen und ſchwerfälliges Pferdegetrappel ſchallte durch die Nacht. Jeder Gegen⸗ ſtand rund umher deutete auf Krieg, ſchrecklichen Krieg. Ueberall wurden die Beſatzungen der feſten Plätze verſtärkt, Regimenter in Brigaden geformt, Kavallerie organiſirt. 221 Aber ich vermißte die wilde Begeiſterung, welche das Heer, wie mir ſo lebhaft im Gedächtniß ſchwebte, ſonſt gezeigt hatte. Es fanden keine glorreichen Ausbrüche jenes küh⸗ nen Geiſtes ſtatt, der den Franzoſen ſo auszeichnete und ihm im Kriege faſt unwiderſtehliche Kraft verlieh. Ueberall herrſchte traurige und düſtere Stille, Alles trug das An⸗ ſehen ſtolzer, aber verzweifelter Entſchloſſenheit. Sie mar⸗ ſchirten wie Männer, die zum Tode gingen, aber mit dem Schritte und der Haltung von Helden. Ich kam in die kleine Stadt Verviers. Der Tag brach an; die Truppen ſtanden jedoch unter Waffen. Der Kaiſer war gerade nach Chalons⸗ſur⸗Marne abgegangen. Man erzählte mir dieß während des Pferdewechſels; nicht mit ihrer ſtolzen Selbſtzufriedenheit, die ſonſt ſchon ein flüchtiger Blick auf den großen Napoleon erzeugt haben würde. Die Leute ſprachen von ihm ohne Bewegung. Ich fragte, ob er bleicher oder magerer ſei als gewöhnlich: ſie wußten es nicht. Sie ſagten, er ſei mit Poſtpferden ge⸗ fahren, aber ſein Stab ſei zu Pferde geweſen. Daraus ſchloß ich, daß er entweder krank oder in jener Stimmung war, in der er Einſamkeit vorzog. Während ich noch ſprach, kam ein Ingenieuroffizier an den Wagen und rief: „Spannt dieſe Pferde aus und bringt ſie zur Kaſerne hinunter. Dieß,“ fügte er zu mir gewendet hinzu,„iſt keine Zeit zum Ceremonienmachen. Wir müſſen mit acht⸗ zehn Kanonen vorwärts und es fehlt uns an Beſpannung.“ „Genug, mein Herr,“ erwiederte ich.„Ich bin nicht hier, um Ihre Bewegungen zu verzögern, ſondern um ſie, wenn ich kann, zu beſchleunigen. Kann ich als Freiwilli⸗ ger in dieſem Augenblick von irgend einem Nutzen ſein?⸗ „Haben Sie früher gedient?— Mir ſcheint es ſo: bei welcher Waffe 2“ „Als Gardehuſar, einige Jahre lang.“ „Kommen Sie mit mir: ich will Sie ſogleich zum General führen.“ Der Offizier ging wieder in den Gaſthof zurück und 222 vor mir die Treppe hinauf, dann begleitete er mich nach einem Augenblick Verzug zu General Letort, der damals eine Kavalleriebrigade befehligte. „Ich habe von Ihrem Anſuchen gehört, mein Herr. Wo iſt Ihr Patent? Haben Sie es bei ſich 24 Ich überreichte es ihm ſchweigend. Er überflog es raſch, kehrte es dann um und las die paar Zeilen, die der Kriegsminiſter darauf geſchrieben hatte. „Ich hätte Ihnen heute, dieſe Stunde noch einen Po⸗ ſten geben können, wenn die Leute von unſerm Kommiſſa⸗ riat nicht ein Verſehen begangen hätten. Da unten war⸗ tet ein Trupp auf Remonte, aber die Ordre von Paris iſt noch nicht da, und unſere Beamten hier wollen das Geld nicht vorſtrecken, bis ſie kommt, als ob das die Zeit für ſolche Bedenklichkeiten wäre. Sie ſollen zu General Kel⸗ lermann's Korps ſtoßen, das Verſtärkung ſehr von Nöthen hat. Bleiben Sie jedoch hier und vielleicht morgen—„ „Wie viel mag die Summe betragen, mein Herr 2ℳ unterbrach ich. 3 Der General fuhr bei dieſer ploͤtzlichen Frage vor Erſtau⸗ nen faſt zurück, und erwiederte in einem halb verweiſenden Tone: „Um den Betrag handelt es ſich hier nicht, mein Herr; außer,“ fügte er bitter hinzu,„Sie wären ſelbſt ge⸗ neigt, ihn vorzuſtrecken.“ „Das war eben der Zweck meiner Frage,“ bemerkte ich ruhig und entſchloſſen den Ton nicht zu beachten, deſ⸗ ſen er ſich dedient hatte. 4„Parbleu,“ rief er aus;„das macht einen großen Unterſchied. Zwanzigtauſend Franken ſind jedoch eine be⸗ trächtliche Summe.“ „Ich habe ſo viel und für den Nothfall noch etwas mehr in meinem Wagen— wenn engliſches Gold kein Hinderniß iſt.“ „Nein, Pardieu, das iſt nicht der Fall,“ rief er la⸗ chend;„ich wünſchte nur wir bekämen mehr davon zu Geſicht. Iſt es Ihnen mit alledem Ernſt.“ ——— 2 „Die beſte Antwort auf dieſe Frage war, die Treppe hinunter zu eilen und mit zwei kleinen Leinwandſäcken in der Hand zurück zu kommen. „Hier ſind tauſend Guineen,“ ſagte ich und legte ſie auf den Tiſch. Während einer von des Generals Adjutanten das Gold zählte und unterſuchte, erzählte ich auf ſeinen Wunſch die Veranlaſſung, welche mich wieder nach Frankreich zu⸗ rück brachte, um unter dem Banner des Kaiſers zu dienen. 8 „Und Ihr Name, mein Herr,“ ſprach er, indem er ſich zum Schreiben niederſetzte,„iſt Thomas Burke, ehe⸗ maliger Kapitän im achten Gardehuſarenregiment. Nun, ich kann Ihnen verſprechen, daß Sie Ihren frühern Rang wieder erhalten. Mittlerweile müſſen Sie den Befehl über dieſe Burſche übernehmen— es ſind blos Parteigänger⸗ truppen, in der Eile ausgehoben und ſchlecht organiſirt; aber ich will Ihnen einen Brief an General Damremont in Chalons geben, und er wird ſich Ihrer annehmen.“ „Ich ſuche keine Stellung für mich ſelbſt, General,“ bemerkte ich. Wo ich immer dem Kaiſer am Beſten die⸗ nen kann, dort allein wünſche ich zu ſein.“ „Ich habe mir herausgenommen,“ erwiederte er lä⸗ chelnd, dieſen Punkt General Damremont anheim zu ſtellen. Ihre Beweggründe bedürfen keiner beſonderen Erläuterung. Jetzt wollen wir frühſtücken, und um Mittag ſoll Alles zu Ihrem Abmarſch in Bereitſchaft ſein.“ So raſch, und durch einen bloßen Zufall, wie es ſchien, war ich wieder ein Soldat des Kaiſers geworden, und noch am nämlichen Tage an der Spitze einer Schwa⸗ dron auf dem Wege nach Chalons. Mein Trupp ſtach von der glänzenden Schaar meiner alten Gardehuſaren wirklich ſehr ab. Die Leute waren in der Eile ausgehoben, und nicht ſehr gut gerüſtet, aber doch waren es ſtämmige, abgehärtete Bauern, von denen ich wußte, daß ſie, was ———— 224 ihnen an Uebung abgehen mochte, vor dem Feinde keinen Mangel an Muth zeigen würden. 8 Bei meiner Ankunft in Chalons fand ich, daß Ge⸗ neral Damremont nur einige Stunden früher mit dem Stabe nach Vitry abgegangen war, und ſo meldete ich mich bei dem Offtzier, der in der Stadt kommandirte, und er⸗ hielt von ihm die Weiſung, mich der Kavalleriebrigade an⸗ zuſchließen, die gegen Vitry vorrückte. Hätte ich in dieſem Augenblick Muße, ſo koͤnnte ich mich nicht enthalten, einige Minuten der Beſchreibung des wunderlichen und buntſcheckigen Haufens zu widmen, der damals die Brigaden der kaiſerlichen Kavallerie bildete. Dragoner jeder Art, ſchwere und leicht bewaffnete, berit⸗ tene Grenadiere und Huſaren, Küraſſire, Karabinier und Lancier waren in größter Verwirrung durch einander ge⸗ miſcht, einige um ſich mit ihren betreffenden Korps zu ver⸗ einigen, wenn ſie dieſelben finden konnten, aber Alle bereit, dort zu dienen, wo man ihrer Säbel bedurfte. Die Un⸗ ordnung war auf den höchſten Grad geſtiegen, aber es fehlte dem Gewirre an Begeiſterung und Antrieb. Die höhern Offiziere, denen der Stand der Dinge wohlbekannt war, machten aus ihren düſteren Ahnungen kein Geheim⸗ niß. Den jüngern mangelte es an Energie für eine Sache, wobei ſie keine Hoffnung auf Beförderung hatten, und die Soldaten, die immer geneigt ſind, ihre Empfindungen nach denen ihrer Offiziere zu richtent, ſchienen eben ſo traurig und entmuthigt. Welche Veränderung, verglichen mit der ausgelaſſenen und freudigen Stimmung, die einſt alle Klaſ⸗ ſen belebte— welcher Abſtand von jenem edlen Enthuſias⸗ mus, der einſt jedes kühne Herz erwärmte und aus jedem Soldaten einen Helden machte! Ach! die ſchrecklichen Fol⸗ gen auf einander folgender Niederlagen wirkten auf Alle ein;— das Mißgeſchick, das an den zerſtörten Wällen des Kremls begann, ſchwebte über allen Schlachtfeldern und kam immer näher an den großen Palaſt der Tuile⸗ rien. Deutſchland war Zeuge von der Vernichtung zweier mächtigen Heere geweſen— das dritte und letzte erwartete nun den entſcheidenden Kampf auf dem Boden der Hei⸗ math ſelber. Der Strom der Flüchtlinge, welcher von den weichenden Heerſäulen Victor's und Neys herfluthete, ſtieß auf die vorrückenden Schaaren der Rekruten und ver⸗ breitete auf ſeinem Wege Schrecken und Beſtürzung. Die Niedergeſchlagenheit war nur das Vorzeichen der Nähe des letzten Unheils. In der Nacht vom 27. Jänner erhielt die Kavallerie⸗ brigade, bei der ich mich befand, Ordre, durch den Wald von Bar auf Brienne zu marſchiren, wo Blücher ſtand, ohne einen Angriff zu erwarten. Ungeachtet der ſchlechten Straßen wurde die Bewe⸗ gung mit großer Schnelligkeit ausgeführt und am folgen⸗ den Mittage vereinigten wir uns mit dem Hauptkorps der Armee, die in vollem Marſche gegen den Feind begriffen war. Hier erkannte ich noch einmal den alten Geiſt der Soldaten. Die verſchiedenen Korps, an denen wir vorbei kamen, ließen luſtige Geſänge und, fröhliche Zurufe erſchal⸗ len. Die Ausſicht auf ein baldiges Zuſammentreffen mit den Preußen hatte die Truppen neu belebt. Wir kamen aus dem dunkeln Schatten des Waldes in ein Thal, wo ein Regiment leichter Infanterie bivonakirte. Die Feuer der Soldaten bildeten einen weiten Kreis und unter fröhli⸗ chem Geſange und Jauchzen machte man ſich überall ans Kochen. Unſere eigene Raſt war gerade zu Ende, die Hör⸗ ner riefen zum Aufbruch und ich hielt noch einen Augen⸗ blick an und bewunderte das heitere Treiben der Infan⸗ terie, als ein voller Chor eine wohlbekannte Melodie ſang; ich brauchte mich nicht lange darauf zu beſinnen, wo und bei welcher Gelegenheit zch dieſe Töne zuerſt gehört hatte. Der wilde Lärm brachte mir Beides ins Gedächtniß, als ſie den Refrain erſchallen ließen: 3 2 „Ein Hurrah dem Faubourg St. Antoine.“— . Kaum hatte ich dieſe Worte gehört, als ich mein Pferd vorwärts ſpornte und zu ihnen hinritt. Tom Burke. V. 15 „Welches iſt euer Regiment, Kamerad?“ fragte ich Flien Burſchen, der ſich in Reih und Glied zu ſtellen eilte. „Das fünfte, mon officier,“ erwiederte er,„Vol⸗ tigeurs von der Linie.“ „Iſt noch ein gewiſſer Francois, ein Fechtmeiſter bei euch?“ „Ja wohl. Dort drüben iſt er und ſchlägt den Takt zur Roulade.“ Ich blickte nach der angegebenen Richtung und dort ſtand mein alter Freund. Er war vor die Fronte einer Kompagnie getreten und ſchien mit der Miene eines Tam⸗ bourmajors den Takt zu der Melodie anzugeben. „ Ah, vermaledeite Rekruten, die ihr ſeid!“ rief er und machte mit geballten Fäuſten wüthende Geſtikulationen gegen ſie.„Könnt ihr nicht Takt halten? Jetzt allein und dann alle zuſammen. Picardie zuerſt und dann— 9 „Holla! Meiſter Francois, kennt Ihr noch einen al⸗ ten Freund?“ Der kleine Mann wendete ſich raſch um, ſalutirte und ſtand ſteif und gerade wie auf der Parade. „Connais pas— mon Capitaine,“ entgegnete er nach einer ziemlich langen Pauſe. 5 „Was! Mich nicht kennen!— mich, den ihr in eure eigene tapfere Geſellſchaft aufgenommen und„Un⸗ ſern Burke“ genannt habt?“ „Ha, beim Barte des H. Peter! iſt dies mein lieber Kamerad vom achten? Wo haben Sie auch geſteckt? Es hieß, Sie hätten uns für immer und ewig verlaſſen.“ „Ich verſuchte es, Francois, aber es wollte nicht gehen.“ „Mille bombes!“ rief er,„Sie ſind in einer lu⸗ ſtigen Zeit zurückgekommen— um die Koſaken zu ſehen, wie ſie Champagner trinken lernen und uns die Rechnung bezahlen laſſen. Kommen Sie jedoch mit uns— nehmen Sie wieder Ihren alten Platz ein. Sie können jetzt frei — ——õ———-õʒ— 227 wählen und brauchen nicht länger ein Dragoner zu ſein; — womit ich jedoch nicht ſagen will, daß Ihr alter Ge⸗ neral nicht froh wäre, Sie wieder zu ſehen.“ „General d'Auvergne— wo iſt er jetzt?“ „Bei der leichten Kavalleriebrigade in der Fronte. Ich ſah ihn vor zwei Stunden hier vorbeikommen.“ „Und wie ſieht er aus, Frangois?“ „Ein bischen gebeugt— mehr als wo Sie bei ihm waren— aber er ſcheint noch ſo feſt im Sattel zu ſitzen, wie ſonſt. Ventre bleu! wäre er ein Voltigeur gewe⸗ ſen, ſo könnte er's noch zehn Jahre lang aushalten.“ Vergnügt über die Nachricht, daß ich mich ſo nahe bei meinem theuerſten und älteſten Freund in der Welt befand, ſchüttelte ich François die Hand und trennte mich von ihm— jedoch nicht, ohne ihm mein Wort zu geben, daß, wenn ich je zu der Infanterie überträte, das fünfte Voltigeurregiment den Vorzug haben ſollte. Als wir uns Brienne näherten, hörten wir fernen Kanonendonner, der lauter und anhaltender wurde und anzeigte, daß die Schlacht bereits begonnen hatte. Da die Straßen mit dichten Maſſen Infanterie und langen Wagenzügen bedeckt waren, ſo konnten wir uns nicht ſchnell vorwärts bewegen und als wir in die Felder auf beiden Seiten abzuſchwenken verſuchten, ſanken wir in dem durch die kürzlichen Regengüſſe aufgeweichten Boden mit unſern Pferden bis an den Gurt ein— doch trieb eine Ordre nach der andern die Truppen zum Vorwärtseilen an und es wurde alle Anſtrengung aufgeboten, um dem Befehle zu gehorchen. Es war fünf Uhr, als wir auf die Ebene kamen und das Feld erblickten, auf dem die Schlacht entſchieden worden war— denn der Feind war bereits auf dem Rück⸗ zug begriffen und wurde von den Franzoſen hitzig verfolgt. Im Hintergrunde lag jedoch die Stadt Brienne, in der ſich die Ruſſen noch hielten, die aber wenig beſſer war, 228 als eine Maſſe rauchender Ruinen, indem das fürchterliche Feuer des franzöſiſchen Geſchützes den Platz in einen Aſchenhaufen verwandelt hatte. Hoch über Alles ragten die zerſtörten Wälle der ehmaligen Militärſchule empor— der Schule, wo Napoleon zuerſt das Kriegführen gelernt — wo er zuerſt verſucht hatte, jene Kanonen zu richten, mit denen er nun an ihr ſelbſt eine ſo entſetzliche Ver⸗ wüſtung anrichtete. Was für ein ſeltſamer trauriger Gegenſtand der Betrachtung für denjenigen, der nun darauf hinſtarrte! Auf beiden Seiten dauerte das Feuer der Artillerie bis zum Einbruch der Nacht— die Nuſſen behaupteten die Stadt jedoch noch immer. Einige wenige vereinzelte Schüſſe beſchloſſen das Gefecht und Dunkel ſenkte ſich über die weite Fläche, außer wo Wachtfeuer die Stellung der franzöſiſchen Truppen andeuteten. Da warf ein plötz⸗ liches Aufleuchten einer düſtern Flamme ſeinen Schein über die Stadt und wilder Jubelruf übertönte das Ge⸗ praſſel des Musketenfeuers. Eine Abtheilung Grenadiere hatte ſich durch einen Ueberfall ihren Weg in das Innere des alten Schloſſes gebahnt, wo Blücher ſein Hauptquar⸗ tier hatte. Das Feuern wurde lauter und lauter und eine rothe Gluth am dunkeln Himmel verkündete, wie die Schlacht tobte. Die ſteile Straße hinauf, welche zum ehrwürdigen Schloß führte, drängten ſich die Colonnen der Infanterie im Sturmſchritt. Der Kampf war kurz— das dumpfe Wirbeln der ruſſiſchen Trommeln mahnte bald zum Rück⸗ zug und eine Rakete, die am dunkeln Himmel aufſtieg, gab dem Kaiſer das Zeichen, daß man ſich der Stellung bemächtigt hatte. Am folgenden Tage ſchlug der Kaiſer ſein Haupt⸗ quartier im Schloſſe auf und ein Bataillon der Garde bivouakirte im anliegenden Park. Ich hatte den Brief dem General Damremont zugeſchickt und war begierig, wann —ÿ—O—E—K—CꝑCꝑQ—L—ꝛ—·————Qñͤ————— 229 und in welchen Ausdrücken die Antwort kommen würde, als der General ſelbſt von einem einzigen Adjutanten be⸗ gleitet herangeritten kam. „Ich habe Gelegenheit gehabt, mein Herr, Ihr Be⸗ nehmen am paſſenden Orte zu erwähnen,“ ſagte er artig, „und das Ergebniß iſt Ihre Ernennung zum Major im zehnten Hnſarenregiment— oder wenn Sie es vorziehen, beim Stabe.“ „Wo immer meine beſcheidenen Dienſte am beſten von Nutzen ſein können, mein Herr. Ich habe keinen andern Wunſch.“ „Dann nehmen Sie die Anſtellung beim Regimente an,“ entgegnete er; Ihre Brigade wird bald genug zu thun bekommen— und jetzt eilen Sie nach Meziers, wo Sie Ihr Regiment ſinden werden— es hat Ordre be⸗ kommen, morgen in aller Frühe aufzubrechen.“ Ich war nicht ungehalten darüber, daß ich des Com⸗ mandos über meine unregelmäßigen Reiter enthoben wurde, die man im Heere allgemein„Brigands“ hieß— ob⸗ wohl, um die Wahrheit zu ſagen, zu dem Vorwurf, ſo weit er ſich auf die Zucht betraf, diejenigen wenig Recht hatten, von welchen er ausging. Es war indeſſen immer eine angenehmere Stellung, in einem regulären Kavallerie⸗ regiment zu dienen, und zwar in einem ſolchen, deſſen Ruf auf gleicher Höhe ſtand, wie der irgend eines andern im Heere. „Ich wünſche mich dem kommandirenden Oberſten vorzuſtellen, mein Herr,“— mit dieſen Worten wendete ich mich an einen Offizier, der mit zwei oder drei andern plaudernd an der Thüre einer Hütte ſtand. „Sie finden ihn hier, mein Herr,“ erwiederte er und zeigte auf die Hütte— doch während er ſprach, hörte man das Klirren eines Säbels und im nämlichen Augen⸗ blicke bückte ſich eine ſchlanke ſoldatiſche Geſtalt unter dem niedern Thorwege und kam näher. „Der Oberſt vom zehnten, wenn ich nicht irre,“ ſagte ich und überreichte die Depeſche vom General Dam⸗ remont. „Was!l mein alter Schulfreund und Kamerad,“ rief der Oberſt und trat überraſcht zurück—„bin ich ſo glück⸗ lich, Sie in meinem Regiment zu ſehen?“ „Sind Sie es wirklich?“ fragte ich eben ſo erſtaunt, —„ſind Sie Taſcher?“ „Ja, mein theurer Freund— der nämliche Taſcher, den Sie in der Schule ſo leicht zu entwaffnen pflegten— endlich Oberſt— aber warum ſind Sie nicht ſchon lang an der Spitze eines Regiments? O richtig, ich vergaß,“ fügte er etwas verlegen hinzu—„ich hörte die ganze Geſchichte; aber kommen Sie hier herein, ich kann Ihnen kein beſſeres Quartier anbieten— mag es jedoch ſein, wie es wolle, ſehen Sie es als das Ihrige an.“ Mein alter Kamerad aus der polytechniſchen Schule war durch die Zeit wirklich wenig geändert— ſorglos, unbeſonnen und gutmüthig wie immer— er erzählte mir, daß er das Kommando des Regiments erſt vor wenigen Wochen bekommen habe—„und wenn es nicht bald beſſer geht,“ fügte er hinzu,„werde ich es wahrſcheinlich nicht mehr lange behalten. Die Depeſchen, welche mir eben zugekommen ſind, bringen die Nachricht, daß die Verbündeten ſich in Trannes koncentriren und wenn dies der Fall iſt, ſo werden wir uns mit unverhältnißmäßig überlegenen Streitkräften meſſen müſſen. Doch wenn auch, Burke, Sie ſind zu einem prächtigen Korps gekommen— ſie fechten famos— und mein vortrefflicher Onkel, Se. Majeſtät, befriedigt gerne ihre Liebhaberei.“ Ich brachte den Tag mit Taſcher zu, im Geplauder über unſere bei⸗ derſeitigen Schickſale, und im Geſpräch über Vergangen⸗ heit und Zukunft verfloß der größere Theil der Nacht. Vor Tagesanbruch waren wir jedoch auf dem Marſche nach Chaumiere, dem Sammelplatze des Heeres, wo ſich der Kaiſer ſelbſt befand. Es war der 1. Februar und das Wetter trüb und 231 düſter— ein kalter Wind jagte den Schnee in ungeſtümen Stößen vor ſich her, und auf den grundloſen Straßen konnten wir nur langſam und mit Schwierigkeit vorrücken. Da wir jedoch auf einem andern Wege marſchirten, als die übrigen Diviſionen, ſo war ſchon Mittag vorüber, als wir erfuhren, daß der Feind nur drei franzöſiſche Meilen von uns entfernt ſtehe. Beim weitern Vorrücken hörten wir den fernen Don⸗ ner einer Kanonade, und dann wurde er lauter und lauter, bis die ganze Atmoſphäre durch die Erſchütterung zu zit⸗ tern ſchien. „Ein tüchtiges Feuer, Oberſt,“ ſagte ein altgedienter Offizier des Regiments;„ich ſollte denken, daß nicht weniger als achtzig oder hundert Kanonen in Thätigkeit ſind.* „Vorwärts, Leute, vorwärts,“ rief Taſcher.„Wenn Se. Maj. für ſolche Muſik ſorgt, iſt es nicht artig, zu ſpät zu kommen.“ In raſchem Trabe ritten wir vorwärts und ungefähr um drei Uhr kamen wir auf die Ebene hinter Oudinot's Reſervebataillonen, die in zwei dichten Colonnen, etwa hundert Klafter auseinander, aufgeſtellt waren.. „Huſaren in die Fronte!“ rief ein Adjutant, der vor⸗ bei galoppirte und ſeinen Hut in der Richtung der Lücke zwiſchen den beiden Colonnen ſchwenkte. In geſonderten Schwadronen drangen wir durch den Zwiſchenraum und kamen auf eine Fläche hinter dem Cen⸗ trum der erſten Linie. Der Boden war hier erhöht genug, daß ich die Fronte überſchauen konnte, aber ich ſah nichts als einen dichten, ſchweren Rauch, der ſich zwiſchen den beiden Stellungen ausbreitete, in deren Mitte, unmittelbar in der Fronte, ein Dorf lag. Auf dieſes zu ſchwenkten drei Infanteriekolon⸗ nen und rund herum tobte der Lärm der Schlacht. Dies war la Giberie— der Flecken bildete den Schlüſſel zur franzöſiſchen Stellung und war von den Alliirten zwei⸗ mal genommen und ihnen zweimal entriſſen worden. Wie ich aufblickte, ſah ich die unterſtützenden Kolonnen halten, ſich umwenden und zurückziehen, während aus dem Dorfe, das nun wieder von den Verbündeten genommen worden zu ſein ſchien, ein entſetzlicher Kartätſchenhagel auf ſie nie⸗ derfiel.* „Kavallerie in die Fronte!“ ſo lautete nun die Ordre, und ſechstauſend Reiter rückten zwiſchen den Bataillonen hervor und bereiteten ſich zum Angriff. Nanſouty führte ſie und ſeine ſchweren Küraſſiere bildeten den Vortrab, dann kamen die berittenen Grenadiere, unſer Corps war im dritten Gliede. Wie die Regimenter aufmarſchirten, erſcholl das Wort„Charge“ und vorwärts ging es. Da der Wind den Schnee uns entgegenwehte, konnten wir nichts ſehen, noch merkte ich, daß ſich uns etwas in den Weg ſtellte, bis die Erſchütterung der ſtarken Kolonne in der Fronte und dann das Oeffnen der Schwadronen auf Widerſtand deutete, worauf plötzlich etwas aufblitzte und ein Hagel von Kanonenkugeln durch unſere Reihen flog. Nun erſt ge⸗ wahrte ich, daß wir eine Batterie ſtürmten. Wuthgeſchrei, und das Stöhnen der Verwundeten miſchte ſich mit dem Klirren der Säbel und dem Gepraſſel des Kleingewehr⸗ feuers. Die Kavalleriemaſſe ſchien zu keuchen und zu äch⸗ zen, wie ein Ungeheuer im Todeskampfe. Die Trompete blies zum Rückzug und wir galoppirten in unſere Linien zurück, mit Zuruͤcklaſſung von etwa fünfhundert Todten auf einem Schlachtfelde, wo ich noch keinen Feind geſehen. Mittlerweile ſammelten die Nuſſen beträchtliche Streitkräfte um das Dorf, denn jetzt begann die Kanonade in der Fronte mit zehnfacher Stärke und friſches Geſchütz wurde herbeigeholt, um das Feuer zu erwiedern. Bis jetzt war Alles in den blauen Rauch des Artilleriefeuers und die dichten Flocken des Schneegeſtöbers gehüllt, als auf ein⸗ mal ein Sturmwind daher brauste, der Schnee und Rauch verjagte— und wir erblickten in einer Entfernung von kaum fünfhundert Schritten die verbündeten Heere uns 233 gegenüber. Zwei von den drei Dörfern, auf die ſich unſere vorgeſchobene Stellung ſtützte, waren bereits genommen und auf das dritte, la Rothiere, marſchirten ſie im Sturm⸗ ſchritte los. Neys Corps, das zu deſſen Vertheidigung beordert wurde, ſtürmte muthig vorwärts, und das Gepraſſel des Musketenfeuers verkündete, daß der Kampf begonnen hatte, als zwoͤlf Kanonen in vollem Galopp zur Unterſtützung deſſelben heranſprengten und ihr Feuer auf einmal eröffne⸗ ten. Kaum war dies geſchehen, als ein wildes Hurrah erſchallte und gleich einem Wirbelwind eine große Maſſe Kavallerie, die doniſchen Koſaken und die Uhlanen aus dem Süden durcheinander, ſich über die Kanonen herſtürzten. Der Kampf war auf Leben und Tod. Es wurde kein Pardon gegeben. Ney ruft ſeine Kolonne zurück und die Kanonen ſind verloren. „Wer bringt dem Kaiſer dieſe Nachricht,“ ſagte Ta⸗ ſcher, und ſeine Stimme zitterte vor Aufregung;„ich möchte lieber ganz allein eine Batterie ſtürmen, als dies thun.“ 1 „Er iſt heute ſchon von Schlimmerem Zeuge gewe⸗ ſen,“ bemerkte ein Adjutant an unſerer Seite.„Er hat Lahories Schwadronen der Gardedragoner von der ruſſi⸗ ſchen Reiterei in Stücke hauen geſehen.“ „Die Garde! Die Garde!“ wiederholte Taſcher in einem halb ungläubigen, halb verzweiflungsvollen Tone. „Dort geht ein anderes Bataillon zum ſichern Tode,“ murmelte der Adjutant und zeigte auf eine Grenadierko⸗ lonne, die aus der Fronte hervor trat.„Seht hin, ich wußte es wohl, ſie rücken auf la Rothiere zu; aber hier kommt der Kaiſer.“ Bevor ich die Geſtalt unter dem Haufen entdecken konnte, ſprengte der Stab raſch vorüber, von einem langen Zuge Kavallerie gefolgt, die ſich nach dem linken Flügel hin bewegte. 3 „Sein Lieblingsmanoͤver,“ ſagte Taſcher:„Infanterie voraus und Kavallerie in die Flanke,“ und wie dieſe Worte von ſeinen Lippen fielen, ſahen wir die Reiter im ſchnell⸗ ſten Galopp dem Dorfe zuſprengen. Doch jetzt konnten wir nicht länger mehr zuſehen; unſere Brigade erhielt den Befehl, den Angriff zu unterſtützen und wir ritten raſch vorwärts. Der Feind ſah die Bewegung und eine große Maſſe Kavallerie ſchwenkte ab, uns entgegen. „ Hier kommen ſie!“ riefen drei oder vier miteinander aus, und die Erde zitterte bei der Annäherung der Schwa⸗ dronen. Unſere Kolonne ſprengte vorwärts, ihnen entgegen, als wir plötzlich durch das Geſtoͤber eine Menge zerſtreuter Flüchtlinge auf uns zueilen ſahen. Es war unſere eigene Reiterei, deren Flankenbewegung mißlungen war, und die nun geſchlagen und in Unordnung zur Nachhut flohen. Bevor wir ihren Rückzug decken konnten, war der Feind an uns. Der Stoß war ſchrecklich und riß einige Minu⸗ ten lang Alles mit ſich, dann aber ſammelten ſich die bra⸗ ven franzoͤſiſchen Reiter wieder, ſchloßen ihre Glieder und boten dem Feinde die Stirne. Wie ſcheiterten alle Bemü⸗ hungen der gefürchteten Krieger vom Dnieper und der Wolga an der Feſtigkeit der Soldaten Napoleons. Ihre Säbel funkelten wie Wetterleuchten und fuhren ebenſo zer⸗ ſchmetternd auf Alles nieder; und als die geworfenen Schwadronen zurück flüchteten, verkündete der betäubende Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ daß wenigſtens ein großer Erfolg das Mißgeſchick des Tages ausglich. „Seine Majeſtät ſahen Ihren Angriff, Oberſt,“ ſagte ein General zu Taſcher, als er an der Spitze einer Schwa⸗ dron zurück ritt.„Eine ſo tapfere That wie dieſe bleibt nie unbelohnt.“ 8 Taſcher errothete, als er ſich für das Lob dankend verneigte, aber ich hoͤrte ihn im nämlichen Augenblick für ſich hin murmeln—„Zu ſpät!— zu ſpät!“,— Dieß waren verhängnißvolle Worte— Vorzeichen des drohenden Mißgeſchicks. Man rüſtete ſich zu einem Hauptangriff auf la 1dS7b-RSnn—ꝑę—QC————— Rothiere. Er ſollte vermittelſt des Lieblingsmanövers Napo⸗ leons, einer Vereinigung von Kavallerie, Artillerie und Infanterie, die einander wechſelſeitig unterſtützten, bewerk⸗ ſtelligt werden. Achtzehn Kanonen nebſt dreitauſend Rei⸗ tern und zwei Infanteriekolonnen, deren jede viertauſend Mann zählte, wurden aufgeſtellt, um ſich auf das erſte Zeichen in Bewegung zu ſetzen. Ney erhielt den Befehl über ſie, und nun ſtürmten ſie fort in die Ebene. Unſer eigenes Mißvergnügen darüber, daß wir nicht dazu gehörten, ging ſchnell in die ängſtlichſte Beſorgniß wegen des Ausganges über. Es war in der That ein präch⸗ tiger Anblick, dieſe gewaltige Maſſe ſich entwickeln zu ſe⸗ hen. Die Kanonen jagten wie raſend vor die Fronte, auf beiden Flanken von der Kavallerie gedeckt; während hinter ihnen verſteckt die dunkeln Infanteriekolonnen marſchirten, deren ſchlanke Tſchakos wie die Baumwipfel eines Wal⸗ des nickten. Der Schnee fiel nun in dichten Flocken, die Geſtalten verſchwammen immer mehr und mehr, und uns blieb nur noch die Nachhut der Kolonnen im Geſichte, die ſich gerade aus der Linie herausbewegte. Die Artillerie der Verbündeten öffnete eine betäubende Kanonade auf den Vortrab, die unſer Geſchütz unerwiedert ließ, da es den Befehl hatte, nicht eher zu feuern, als bis er dem Feinde auf halbe Schußweite nahe gekommen. Ploͤtzlich taucht aus dem dichten Schneegeſtöber eine Geſtalt hervor und reitet ſpornſtreichs weiter. Eine andere und wieder eine andere kommt in raſcher Folge nach. Sie nahmen ihren Weg dorthin, wo der Kaiſer ſteht.„Was kann dies ſein?“ ruft jeder in ſchrecklicher Ungewißheit. Sieh da, die Ko⸗ lonnen halten. Schreckliche Nachrichten! die Kanonen ſind im weichen Grunde ſtecken geblieben, die Pferde koͤnnen ſie nicht von der Stelle bringen— kaum iſt erſt die Hälfte des Weges zurückgelegt— und dort ſind ſie unter dem zermalmenden Feuer des Feindes feſtgebannt, machtlos und unbeweglich. Die Kavallerie ſteigt ab und ihre Pferde werden vorgeſpannt— Alles umſonſt— die Räder ſinken 236 immer tiefer in den ſchlammigen Boden, und jetzt hat der Feind die Richtung gefunden und ſein Feuer richtet in der dichten Maſſe ein fürchterliches Gemetzel an. Die Adjutanten ſprengten wieder zurück, um Ordre zu holen, doch Ney kann nicht länger warten. Er läßt ſeine Rei⸗ terei auf den Feind los und befiehlt der Infanterie, zu folgen. Mittlerweile löst ſich von der Schlachtreihe der Verbündeten eine große Reitermaſſe ab und ſucht der Ko⸗ lonne in die Flanke zu kommen. Der Kaiſer ſieht die Ge⸗ fahr und ſchickt einen Offizier aus ſeinem Stabe ab, um ſie zum Empfange von Kavallerie vorzubereiten. Zu ſpät! — zu ſpät! Vor dem Schneegeſtöber haben ſie dieſelbe nicht herankommen geſehen und die wilden Reiter aus den Steppen ſprengen auf die tapfern Reihen ein. Es ent⸗ ſteht Unordnung und Verwirrung. Die Kolonne wird durch⸗ brochen und zerſtreut. Die Lanciers verfolgen die Flücht⸗ linge über die Ebene, und vor den Augen des Kaiſers ſelber wird die Garde— ſeine Garde— niedergeſäbelt und geworfen. „Was wird nun aus unſerer Kavallerie werden?“ dieſer Ruf ertönt überall, denn ſie iſt ohne Deckung gegeu das Dorf vorgerückt. Schrecklicher Augenblick der Unge⸗ wißheit! Niemand kann ſie ſehen. Die Kanonen liegen verlaſſen da, weder Freund noch Feind bekümmert ſich um ſte. Wer wagt es jetzt, ſich ihnen zu nähern?„Dort drüben jauchzen ſie,“ rief ein Offizier.„Ich höre ſie wieder.“ „Huſaren voran,“ ſchrie Damremont—„Euern Ka⸗ meraden zu Hülfe— dorthin, Leute,“ und er wies auf das Dorf. Mit Adlersſchnelle fliegen die Schwadronen über die Ebene hin und den jenſeitigen Abhang hinauf. Die Luft wird helle, und welch ein Anblick bietet ſich uns dar! Die Kavallerie iſt abgeſtiegen; ihre Pferde todt oder ſterbend bedeckten den Boden; die Leute haben, mit dem Säbel in der Hand, das Dorf geſtürmt. Zwei von des 237 Feindes Kanonen ſind genommen und auf ihn gerichtet, und die Mauern von mehreren Stellen überſtiegen. Unſere vorderſte Schwadron bahnt ſich durch eine Oeffnung in der Umzäunung eines Pachthofes ihren Weg, und im nämlichen Augenblicke haben wir den Feind in der Flanke und im Rücken gefaßt. Die Nuſſen wollen ſich weder zurückziehen noch erge⸗ ben, und das Gemetzel wird ſchauderhaft: denn obwohl ſie der Uebermacht unterliegen, fahren ſie doch zu kämpfen fort und geben ſterbend den Tod. Die größte Bauern⸗ wohnung des Dorfes war von unſern Truppen genommen worden; aber der Feind hielt ſich noch im Garten. Die niedrige Hecke iſt nur ein geringes Hinderniß; wir ſetzten über ſie hinweg und das tapfere 10te Regiment ritt ihn unter Siegesgeſchrei nieder. In dieſem Augenblick hörte man das Gekrache der Kanonen die Mauerwerk zerſchmettern. Es iſt das Ge⸗ ſchütz der Verbündeten, die ohne auf ihre eigenen Truppen Rückſicht zu nehmen, das Feuer auf. das Dorf eröffnet ha⸗ ben. Jede Salve trifft; die Entfernung beträgt kaum ein Viertel der Schußweite, und jedesmal fallen ganze Rei⸗ hen. Die Trompete blies zum Rückzug und ich beſtrebte mich eben, meine zerſtreuten Leute zu ſammeln, als mein Blick unter einem Haufen Todten die Bandſchleife. eines Generals entdeckte und zugleich bemerkte ich, daß irgend ein alter tapferer Offizier, mit dem Degen in der Fauſt, gefallen war, denn ſein langes weißes Haar hing ihm loſe über das Antlitz. Ich ſprang vom Pferde, ſtrich die ſchneeigen Locken zurück und erkannte, mit einem Schrei des Entſetzens, meinen Herzensfreund, General d'Auvergne. Ich hebe ihn mit meinen Armen empor und unter⸗ ſuche die Wunde. Ach! eine Kugel war ihm durch die Bruſt gegangen und hatte jenes edle Herz entzweigeriſſen, das nur für Ehre ſchlug. Obwohl der Körper noch warm warm, ſo blieb doch keine Spur des Lebens zurück. Ich preßte nun die Hand, die ich oft freundſchaftlich gedrückt 238 hatte, mit der letzten Energie der Verzweiflung und warf mich im Uebermaße meines Jammers auf den Leichnam. Die Nacht war eingebrochen; Alles um mich her ſchwieg; Niemand war in der Naͤhe; beide Theile hatten das Dorf verlaſſen. Der betäubende Lärm der Kanonade dauerte fort und zuweilen ſchmetterte ein vereinzelter Schuß durch die zerfallenden Mauern und warf ſie mit donnern⸗ dem Getöſe zu Boden— aber Alles war geflohen. Bei dem bleichen Lichte des Neumondes grub ich neben der zerſtörten Mauer eines Pachthofes ein Grab. Die Arbeit war lang und mühſam: aber mein brechendes Herz achtete nicht auf die Zeit. Als ich mit meiner Aufgabe fertig war, ſetzte ich mich neben das Grab, nahm ſeine kalte Hand in die meinige und preßte ſie an meine Lippen. O! hätte ich dieſes enge Bett von Erde mit ihm theilen kön⸗ nen, welch ſeliger Troſt wäre dies für mein bekümmertes Gemüth geweſen. Ich hob den Krieger auf und legte ihn ſanſt in die Erde; als ich mich erhob, bemerkte ich, daß ſich irgend etwas in meine Uniſorm verwickelt hatte und mich hielt. Es ſchien ein Medaillon zu ſein, das er an einem Bande um den Hals trug. Ich löste es ab und ſteckte es in den Buſen. Eine Locke des weißen Haares ſchnitt ich noch von dem edlen Haupte und dann füllte ich das Grab. 4 „Lebe wohl auf ewig,“ fluſterte ich, als ich die Stelle verließ. Es war der Tod eines echten d'Auvergne„auf dem Schlachtfelde.“ Sechzehntes Kapitel. Die Brücke von Montreau. 3 Bevor ich das Dorf verließ, ftel aus den franzöſiſchen Linien ein Hagel von Bomben in daſſelbe und in wenigen Minute 239 loderte Alles in rothen Flammen auf, deren Schein weithin über das Schlachtfeld leuchtete. Mein Pferd ſpor⸗ nend, galoppirte ich vorwärts und ſah nun, daß ſich unſere Truppen in größter Eile zurückzogen. Die Verbündeten hatten die Schlacht gewonnen und wir wichen auf Brienne zurück. Dreiundſiebzig Kanonen nebſt mehr als tauſend Ge⸗ fangenen in den Händen des Feindes und ſechstauſend Todte auf dem Schlachtfelde zurücklaſſend, zog Napoleon mit ſei⸗ nen zerſtreuten Truppen ab und marſchirte durch das Dun⸗ kel einer langen Winternacht. So endigte die Schlacht von Arcis⸗ſur⸗Aube, ſeit dem ſchrecklichen Tage von Leip⸗ zig, die verhängnißvollſte für die Hoffnungen des Kaiſers. Von dieſer Stunde an ſchien das Glück jene zu ver⸗ laſſen, deren Waffen es ſo oft mit Sieg gekrönt hatte, und er ſelbſt, der gewaltige Anführer ſo vieler Eroberer⸗ ſchaaren, ſtand die ganze Nacht an dem Fenſter des Schloſ⸗ ſes in Brienne, in ängſtlicher Beſorgniß, der Feind werde ihn verfolgen; er, deſſen Schlachten ſonſt die Triumphe eines Eroberers geweſen waren, war nun froh, daß ſeine Truppen ſich unverfolgt zurückzogen. Warum ſoll ich bei einer Bahn, die nichts als Miß⸗ geſchick aufzuweiſen hat, länger verweilen oder mich bei dem Todeskampfe eines gewaltigen Reiches aufhalten? Was nützen jetzt die Verſtärkungen, die uns zu Hülfe kom⸗ men— die verſuchten Legionen von der Halbinſel her? Immer ertönt der Ruf—„Zu ſpät— zu ſpät!“— Schreckliche Worte, die man jeden Augenblick hort!— unheilverkündende Vorzeichen für ein dem Verderben ge⸗ weihtes und verzweifelndes Heer! Von Brienne gehen wir auf Troyes zurück, von da auf Bar⸗ſur⸗Aube— immer näher und näher der Hauptſtadt, auf welche die Verbün⸗ deten mit wildem Triumphgeſchrei zueilen. Am letzten Februar war unſer Hauptquartier in Nogent, kaum dreißig franzöſiſche Meilen von Paris— Nogent, mit dem großen Walde von Fontainebleau zur Linken und Meaux, dem 240 alten Biſchofsſitze der Monarchie, zur Rechten, und hinter dieſem Vorhang Paris! Der Kaiſer übergibt Bourmont das Komma ndo über die Linie, welche die Oeſterreicher im Schach hält, und eilt ſelbſt Blücher entgegen, dem uner⸗ ſchrockenſten und kühnſten ſeiner Feinde. Vermittelſt eines Seitenmarſches im tiefen Winter über einen Boden, der mit halb gefrorenem Schnee bedeckt iſt, kann er der preußiſchen Armee in die Flanke fallen. Er wagt es. Bei jedem Schritt ſtoͤßt er auf Gefahren und Widerwärtigkeiten— das Geſchütz geht beinahe verloren, die Kavallerie iſt erſchöpft. Aber der Ruf„der Feind“ ſpornt Alles zur Energie; ſie kommen auf die Ebene von Champ⸗Aubert und überfallen die auf dem Marſche be⸗ findlichen Ruſſen unter Alſufief. Glorreicher Wechſel des Geſchicks! Noch einmal lächelt dem verwöhnten Glücks⸗ kinde der Sieg. Der Feind wird geworfen und retirirt auf Montmirail und Galons. Das vorgeſchobene Heer der Preußen hört die Kanonade und geht zurück, um die Ver⸗ bündeten in Montmirail zu unterſtützen, aber der Kaiſer erwartet ſie bereits mit ſeinen Bataillonen der alten Garde und erkämpft in einer zweiten großen Schlacht den Sieg. Arcole und Rivoli wurden durch nicht weniger glorreiche Siege ins Gedächtniß zurückgerufen und noch einmal kehrte Hoffnung bei denjenigen ein, welche ſie für immer verlaſ⸗ ſen zu haben ſchien. Ein anderer gewaltiger Schlag wird auf Blüchers Kolonne geführt. Marmont greift ſie in Vaux⸗Champs an und die ſchleſiſche Armee wird zurück⸗ geſchlagen; und nun eilt der Kaiſer Nogent zu, wo er Bourmont im Angeſichte der Oeſterreicher zurückgelaſſen hat. Wieder ertönt der Ruf„zu ſpät! zu ſpät!“ Die Kolonne von Oudinot und Victor iſt bereits auf dem Rück⸗ zuge. Schwarzenberg rückt mit einer ihnen dreifach über⸗ legenen Macht auf der Seineebene vor. Die Koſaken bi⸗ vouakiren im Walde von Fontainebleau. Stabsofftziere ſprengen mit der Nachricht vorwärts, daß der Kaiſer ſich nähert; das ſiegreiche Heer, welches Blücher geſchlagen, 1 8 3 241 wird auf dem Marſche verſtärkt durch die verſuchte Ka⸗ vallerie von Spanien und die Veteranen der Halbinſel. Sie halten und ſtellen ſich in Schlachtordnung auf. Die Ver⸗ bündeten machen in Nangis halt und werden abermals ge⸗. ſchlagen. Nangis reiht ſich den andern Namen an, die bei den Franzoſen glorreiche Erinnerungen erwecken. Ich will einen Augenblick in dieſer raſchen Ueberſicht einer Woche inne halten, deren Großthaten ſelbſt in Na⸗ poleons Leben nicht ihres Gleichen finden— das letzte Aufflammen der Leuchte des Ruhmes, ehe ſie für immer verloſch. Drei Tage waren ſeit jener traurigen Stunde verfloſſen, wo ich meinen theuerſten Freund in ſein Grab gelegt, ehe ich das Medaillon öffnete, das ich von ſeinem Herzen genommen hatte. Die wilde Aufregung des Krie⸗ ges vermiſchte ſich in meinem Gehirn mit Gedanken tiefer Bekümmerniß, ich lebte in einer Art fieberiſchem Traum und ſuchte dem Gram, der an mir nagte, zu entfliehen, indem ich mich in den Strom der Gefahr ſtürzte. Der Spieler, welcher ſich nicht ums Gewinnen küm⸗ mert, verliert ſelten— ſo kommt derjenige, der den Tod in der Schlacht ſucht, unverletzt durch jede Gefahr. Jeden Tag wagte ich mein Leben auf irgend einem Poſten, wo Rettung kaum möglich ſchien, aber blinde Waghalſigkeit hat ihre eigene Schutzwehr. Auf dem Schlachtfelde von Montmirail wurde ich dem Kaiſer gemeldet; und bei Melun für einen Angriff auf den öſterreichiſchen Nachtrab auf dem Schlachtfelde zum Oberſten eines Küraſſierregiments ernannt. Solche Beföoͤrderungen waren an der Tagesordnung. Jeden Tag ſielen Hunderte. Manche Regimenter wurden von drei⸗ oder vierundzwanzigjährigen Offizieren befehligt. Wenige hofften, ihre neuen Epauletten über das Gefecht hinaus zu behalten, in dem ſie dieſelben gewonnen hatten. Keiner glaubte, das Kaiſerreich ſelbſt könne den Kampf überdauern. Jeder ſpielte um einen großen Einſatz. Wenigen lag et⸗ was daran, das Spiel ſelbſt zu überleben. Der Kaiſer Tom Burke. v. 16 Medaillon war ein Geſchenk der Kaiſerin an den General Gefahr— ritt ich nun an der Spitze meiner tapfern häufte Gunſtbezeugungen über Häupter, welche jeder Schlacht⸗ tag hinmähte. Auf dem Rückmarſch von Melun öffnete ich zuerſt das Medaillon, welches ich fortwährend am Halſe trug. In der vollen Aufregung eines augenblicklichen Triumphes dar⸗ über, daß ich mich ſelbſt an der Spitze eines Regimentes ſah, dachte ich an ihn, der meine ſtolze Freude getheilt haben würde. Ich ſaß in der Hausflur einer kleinen Schenke an der Straße; meine Schwadronen hielten rund herum eine kurze Raſt; und als in mir die Erinnerung an den tapfern d'Auvergne erwachte, zog ich das Medail⸗ lon aus dem Buſen. Es war ein ſchmales ovales goldenes Gehäuſe, das der Druck einer Feder öffnete. Ich berührte dieſe, das Medaillon ſprang auf und ich erblickte ein Mi⸗ niaturporträt von Marie de Meudon. So ſchön wie ich ſie in dem Walde von Verſailles geſehen, ihre ſchwarzen Locken um ihre edle Stirne wallend, und ihre Augen ſo voll zarter Lieblichkeit, von ihren langen Wimpern beſchat⸗ tet— Alles, wie es mir vorſchwebte. Die Lippen waren halb geoffnet, als ob der Künſtler den Ausdruck des Spre⸗ chens erfaßt hätte; und wie ich hinſchaute, war es mir, als ob die ſüße Muſik dieſer Stimme noch immer in mei⸗ nen Ohren toͤnte. Ich konnte mich an dem Anblick nicht ſättigen. Die Züge riefen die Scenen zurück, wo ich ihr zuerſt begegnet und der gewaltige Liebesſtrom, gegen den ich ſo lange gekämpft, riß mich nun mit zehnfacher Stärke fort. Sollten wir uns je wiederſehen— und wie? das waren die Fragen, welche ſich mir aufdrangen und auf die Hoffnung und Furcht die Einwendungen eingaben. Das — ſo legte ich wenigſtens eine Inſchrift auf der Rückſeite aus und dieß— ſoll ich es geſtehen— that meinem Her⸗ zen wohl. Gleich Einem, der irgend ein wunderbares Amulet bei ſich trug— irgend einen Zauber gegen das Nahen der . 243 Schaar. Das Leben war mir theuer geworden, ohne daß ich den Tod mehr fürchtete. Ihr Bild an meinem Herzen gab mir das Gefühl, als ſollte ich unter ihren eigenen Augen kämpfen und ich brannte vor Begierde, mich ihrer würdig zu zeigen. Eine wilde, halb wahnſinnige Freude belebte mich auf meinem Wege, die den fröhlichen Kame⸗ raden um mich nicht entging. Um Mitternacht kam mir eine Depeſche mit der Ordre zu, in forcirten Märſchen Montreau zuzueilen, einer Stadt, deren Brückenkopf ein Poſten von der größten Wichtigkeit war und gegen die Oeſterreicher behauptet werden mußte, bis Victor herbei kommen konnte. Wir verloren keinen Augenblick. Es war eine ruhige kalte Nacht mit hellem Mondſchein, und wir ſprengten unaufhaltſam vorwärts. Ungefähr eine Stunde vor Tagesanbruch begegnete uns eine Kavalleriepatrouille, die uns benachrichtigte, Gerard und Victor ſeien beide angelangt, aber zu ſpät. Montreau war von würtember⸗ giſchen Truppen beſetzt, welche die Brücke mit einem ſtar⸗ ken Artillerietrain vertheidigten. Zweimal waren die fran⸗ zoͤſiſchen Truppen mit furchtbarem Verluſt zurückgeſchlagen worden und Alles ſah dem kommenden Tag entgegen, um den Angriff zu erneuern. Wir marſchirten weiter und ge⸗ wahrten beim Aufgang der Sonne in einiger Entfernung auf der Straße neben dem Fluſſe eine Infanteriemaſſe. Es war der Kaiſer ſelbſt, der mit der Garde herbei gekommen war, um die Stellung anzugreifen. Bereits war man daran, Vorbereitungen zu einem gewaltigen Angriff zu treffen. Eine Batterie von zwoͤlf Kanonen wurde auf einer Anhöhe errichtet, um die Brücke zu beſtreichen. Eine andere etwas entferntere beherrſchte das Städtchen ſelber. Verſchiedene Corps Infanterie und Kavallerie waren aufgeſtellt, wo ſich irgend eine natürliche Deckung fand, und bereit, ſich auf den erſten Wink vor⸗ wärts zu bewegen. Zur Brücke führte eine breite Straße, die ſich eine ziemliche Strecke dem Ufer des Fluſſes ent⸗ lang hinzog, und dies war durch das feindliche Geſchütz 244 tief ausgehöhlt, das auf und ober der Brücke aufgeſtellt mai und jedem Verſuche zum Vorrücken Trotz zu bieten ien. Wirklich ſchien nie ein Unternehmen gefahrvoller zu ſein. Jedes auf die Brücke ſehende Haus war für Klein⸗ gewehr mit Schießſcharten verſehen und von Scharfſchützen beſetzt— den kühnen Jägern Deutſchlands, deren Büchſen der Stolz des Vaterlandes ſind. Kanonen ſtarrten von den Höhen herab, ihre weiten Schlünde gegen den Platz gerichtet, der bereits das Grab von Hunderten war. Mein Regiment hielt mit zwei andern Corps ſchwerer Kavallerie unter dem Schutze eines ſteilen Hügels und wartete auf Befehle, und von dem Gipfel der Anhöhe herab konnte ich die erſten Bewegungen des Gefechts beobachten. Wie gewoͤhnlich wurde von beiden Seiten ein heftiges Feuer eröffnet, welches bloß gegen die Artillerie ſelbſt ge⸗ richtet, kein anderes Ergebniß hatte, als daß es hie und da eine einzelne Batterie zum Schweigen brachte, ohne weiter Schaden anzurichten. Endlich ließ ſich der dumpfe Schall einer Trommel hören und man ſah die Spitze ei⸗ ner Infanteriekolonne auf der Straße vorruͤcken. Sie kam unter einem Felſen vorbei, auf dem eine kleine Gruppe von Offizieren ſtand, und ließ beim Vorübermarſchiren den jauchzenden Zuruf„Vive l'Empereur!“ erſchallen. Ich blickte ſcharf nach der Stelle hin, denn nun wußte ich, daß der Kaiſer ſelbſt dort war. Jedoch konnte ich ihn unter den vielen Umſtehenden nicht unterſcheiden, die alle, um die Truppen zu ermuntern, ihre Hüte ſchwenkten. Vorwärts rückten ſie einen gähen Abhang der Straße zur Brücke hinunter. Plötzlich beginnt die Kanonade von Seiten des Feindes mit verdoppelter Stärke; die Kugeln pfeifen durch die Luft, während zehntauſend Musketen auf einmal donnern. Meine Augen ſtrengen ſich an, die Ko⸗ lonne zu verfolgen, aber wie groß war mein Entſetzen, als ich Niemand auf der Brücke erſcheinen ſah: die Maſſen bewegen ſich hinauf— ſie erſteigen die Höhe— verſchwin⸗ 245 den hinter ihr— und kommen nicht wieder zum Vor⸗ ſchein. Keiner entkommt dem mörderiſchen Feuer der Ka⸗ nonen, die in einer Entfernung von kaum zweihundert Klaf⸗ tern die Brücke beſtreichen. Aber immer noch ruckten ſie hinauf. Ich konnte auf meinem Standpunkte die Kommandoworte hören, welche die Offtziere an ihre Kompagnien richteten. Da war keine Furcht oder Zögerung; ſie gingen zum Tode. In weni⸗ ger als fünfzehn Minuten ſielen zwölfhundert todt oder verwundet; endlich wurde das Zeichen zum Rückzug gege⸗ ben und die zerſtreuten Ueberbleibſel einer Kolonne wichen hinter die Anhoͤhe. Wieder wurde die Kanonade eröͤffnet und ohne Unterbrechung faſt eine Stunde lang immer ſtär⸗ ker fortgeſetzt. Unterdeſſen richteten unſere Kanonen im Flecken eine fürchterliche Verwüſtung an, ohne jedoch in Betreff der Brücke irgend etwas von Bedeutung auszu⸗ richten. Die Grenadiere von der Garde hatten durch forcirte Märſche von Nangis her den Schauplatz des Kampfes er⸗ reicht und wurden, nachdem man ihnen eine kurze Raſt vergönnt, zum Angriff kommandirt. Welch ein prächtiges Korps dieſe maſſenhafte Kolonne, die ſich durch ihre ſchar⸗ lachrothen Achſelbänder und hohen ſchwarzen Bärenmützen auszeichnete! Mit welcher Sicherheit ſie marſchiren! Sie halten unter den Felſen— der Kaiſer iſt noch dort— und ſiehe, der Offtzier, welcher neben ihm ſteht, ſteigt von der Anhoͤhe herab und ſtellt ſich ſelbſt an die Spitze der Kolonne: es iſt Guyot, der Oberſt des Bataillons— er ſchwenkt ſeinen Federhut, um den Kaiſer zu ſalutiren.— Dieſer Gruß iſt der letzte in ſeinem Leben. Die Trom⸗ meln wirbeln; aber der laute Ruf:„en avant“ übertöͤnt ihren Lärm. Vorwärts ſtürzen ſie— ſie ſind auf der Hoͤhe— verſchwinden den Abhang hinunter— und ſiehe! dort ſind ſie auf der Brücke!„Vive la garde!“ jauchzen zehntauſend Kameraden, die ſie von der Höhe herab nicht aus den Augen laſſen—„Vive la garde!“ wiederholt 246 das Echo von den Felſen jenſeits des Fluſſes her. Die Kolonne bewegt ſich vorwärts und hat ſchon die Mitte der Brücke erreicht, als achtzehn Kanonen ihr Feuer in ſie ſchleudern; der blaue Rauch wälzt ſich en den ſteilen Höohen herab und lagert auf der Brücke— hie und da durchbricht ihn ein Leuchten wie der zackige Schein des Blitzes; die Wolke zieht weiter; die Brucke iſt leer, nur Todte und Sterbende darauf; die Grenadiere von der Garde ſind nicht mehr! „Was für ein Herz muß der beſitzen, der ſeine Mit⸗ menſchen in ſolchen Tod ſchickt!“ ſo rief ich, als ich den gräulichen Kampf erblickte. „Die Küraſſiere und Karabiniere von der Garde bil⸗ den drei Mann hoch eine Angriffskolonne,“ rief ein Adju⸗ tant, der an mir vorbei ritt, und nicht länger dachte ich an die Beweggründe desjenigen, der nun mir ſelbſt die Ruhmesbahn öͤffnete. Die Schwadronen wurden unter dem Schutz der Höhe in Reih und Glied geſtellt; die Kugeln und Bomben flo⸗ gen aus den Batterien des Feindes dicht über uns— ein Vorzeichen des Sturmes, dem wir entgegen gingen⸗ Der Befehl zum Auffitzen wurde gegeben; und als die Leute ſich in den Sattel ſchwangen, galoppirte eine Schaar Reiter raſch um die Ecke des Felſens und näherte ſich. Auf den erſten Blick ſah ich, daß es der Kaiſer und ſein Stab war. „Küraſſiere von der Garde,“ ſagte er, indem er den Hut lüftete, um ſeine tapfern Soldaten zu begrüßen.„Ich habe zwei Bataillone beordert, jene Brücke zu nehmen. Es iſt ihnen nicht gelungen. Moͤgen nun die, welchen nie etwas fehlſchlägt, zum Sturm anrücken. Montreau ſoll auf eure Helme geſthrieben werden, wenn ich euch auf je⸗ nen Höhen ſehe. Vorwärts.“ „Vorwärts, vorwärts! 1“ jubelten die bepanzerten Schaa⸗ ren, durch die Gegenwart Napoleons zu halb wahnſinniger Begeiſterung erhitzt. Die Streitmacht war in vier abgeſonderte Angriffs⸗ kolonnen getheilt: das Küraſſierregiment ging voran, die Gardekarabiniere folgten, dann kam mein eigenes Regi⸗ ment, und zuletzt das vierte, das Korps des armen Pioche. Was würde ich darum gegeben haben, um zu wiſſen, ob er dabei wäre; allein jetzt war keine Zeit zu einer ſolchen Nachfrage. Die Schwadronen waren bereit und warteten auf das Zeichen zum Vorwärtsſprengen. Der Donner von beinahe zwanzig Kanonen erſchütterte die Erde, und der Rauch, der ſich von ihnen fortwälzte, verbarg die Brücke den Blicken. Eine Trompete ſchmetterte und der Ruf: „charge!“ folgte. Die Maſſe drängte vorwärts. Wie jubelten ſie im Vorbeijagen. Die Kanonade beginnt wie⸗ der, der Boden zittert weit umher. Jetzt krachen die Mus⸗ keten und das Klirren von tauſend Säbeln miſcht ſich mit dem Schlachtruf der Kämpfer. Dieß dauert nicht lange — das Getöſe nimmt allmählig ab und jetzt erhalten die Karabiniere den Befehl zum Vorrücken. Die Küraſſiere ſind in Stücke zerriſſen worden. Einige wenige haben ſich verſtümmelt oder blutend hinter den Hügel gerettet; aber das Regiment iſt nicht mehr. „Wo ſind die Truppen von Wagram und Eylau?“ ſagte der Kaiſer bitter, als er die einzige Schwadron, die von dem tapfern Korps noch übrig blieb, in einer Unord⸗ nung, blutbedeckt und zum Tode erſchöpft, der Nachhut zuwanken ſah. Wo iſt die Kavallerie, welche an der Moskwa die ruſſiſche Batterie nahm? Ihr ſeid nicht mehr, was ihr einſt wart!“ Dieſer grauſame Vorwurf in dem Augenblicke, wo die Erde mit dem Blute dieſer tapfern Soldaten getränkt war, wurde mit düſterem Schweigen aufgenommen. Nie⸗ mand ſprach ein Wort, aber mit gepreßten Lippen und geballter Fauſt ſtanden ſie da und warteten auf das Kom⸗ mando zum Angriff. Es ertoͤnte; doch kein Jauchzen folgte ihm. Die Karabiniere ſprengten vorwärts, bereit 248 zu ſterben. Welcher Tod war ſo ſchrecklich, als der elſige Spott Napoleons!— „En avant! Küraſſiere vom zehnten!“ rief der Kai⸗ ſer, als die letzten Schwadronen der Karabiniere vorüber waren,„unterſtützt eure Kameraden. Dorthin nach, Leute vom vierten. Ich muß dieſe Brücke haben.“ Und nun ſetzte ſich die ganze Linie in Bewegung. Als wir in vollem Trab um den Felſen ſchwenkten, lag der Schauplatz des Kampfes vor uns. Die ſchreckliche Brücke war nun wirklich mit Todten und Verwundeten vollgeſtopft— ſogar die Geländer waren mit Leichnamen bedeckt. Im Augenblick waren die Karabiniere dort und drängten ſich durch die blutige Maſſe. Wie von Verzweif⸗ lung getrieben, jagten ſie vorwärts und erreichten wirklich⸗ den jenſeitigen Schwibbogen, der, durch ein ſtarkes Gitter geſchützt, den Weg verſpertte. Jede Salve ſchmetterte ganze Reihen nieder, aber andere traten an ihre Stelle, um eben ſo ſchnell unter dem morderiſchen Musketenfeuer zu fallen. „Eine Petarde an das Gitter,“ ruft man jetzt— „eine Petarde und die Brücke iſt unſer.“ Schnell wie der Blitz ſtürzen vier Sappeure von der Garde die Straße entlang und erreichen die Brücke. Sie ſchleppen etwas mit ſich, verſchwinden aber bald in der dichten Maſſe der Reiterei. Der Feind verdoppelt ſein Feuer, die Brücke kracht unter der Kanonade, da ertönt laut der Ruf:— „Die Kavallerie ſoll zurück.“ Triumphgeſchrei erſchallt von der Stadt her, als man dort den Rückzug der Schwadronen gewahrt. Man weiß nicht, daß die Petarde jetzt an das Gitter befeſtigt iſt u daß ſich die Reiter nur der Erploſion wegen zurück⸗ ziehen. 3 Die Brücke wird geräumt und Aller Blicke ſind ge⸗ ſpannt, um die Entladung abzuwarten, die das ſtarke Thor zerbrechen und den Weg frei machen ſoll. Aber unglück⸗ — 249 licher Weiſe iſt der Zunder ausgegangen und die große Maſchine liegt träge und wirkungslos da. Was iſt zu thun? Die Reiterei darf ſich der Stelle nicht nähern, wo eine Exploſton jeden Augenblick nach allen Seiten hin Vernichtung ſchleudern kann, und ſo iſt die Brücke durch unſere eigene Schuld uneinnehmbar geworden. „Unglück über Unglück!“ ruft Napoleon, als man ihm die Nachricht brachte.„Dieß dem Manne, der eine Lunte an den Zunder legt!“ Bei dieſen Worten loͤst er das Großkreuz der Ehrenlegion von der Bruſt und hält es empor. Mit einem Sprung bin ich aus dem Sattel und er⸗ greife die brennende Lunte, die mir ein Kanonier hinhält; Andere drängen ſich herbei, aber ich überhebe ſie, und be⸗ vor ſie die Straße erreichen, bin ich auf der Brücke. Der⸗ Feind hat mich nicht geſehen, und ich bin ſchon auf dem halben Wege, ohne daß ein Schuß auf mich gerichtet wird. Selbſt dann noch ſcheint Ueberraſchung ihr Feuer zu hem⸗ men, denn eine einzige Kugel pfeift an mir vorbei. Ich ſehe die Zündlinie und kniee nieder; der Zunder iſt ver⸗ loͤſcht und ich bücke mich, um ihn anzublaſen— jetzt ſieht man, was ich thue und eine Salve kracht über die Brücke her. Die hohe vorſpringende Bruſtwehr ſchützt mich, und ich bleibe unverletzt. Aber der Zunder will nicht angehen. Schrecklicher Augenblick tödtlicher Angſt, das Pulver iſt blutbefleckt und fängt nicht Feuer. Es kommt mir in Sinn, daß ich meine Piſtolen im Wehrgehenk habe, ich nehme eine, ziehe die Ladung heraus und ſtreue das friſche Pulver auf die Zündlinie. Meine Schutzwehr deckt mich noch immer, obwohl mich ein Hagel von Kugeln umſaust. Es geht an, es zündet, das Pulver ſpritzt und flackert auf, und laut rufen meine Kameraden:„Zurück! zurück!“ Die entſetzliche Angſt des Augenblicks raubt mir die Beſonnenheit und ich ſpringe auf, aber kaum iſt mein Kopf über der Bruſtwehr, als mich eine Kugel trifft. Mit Blut bedeckt ſtürze ich nieder. „Rettet ihn!— rettet ihn!“ riefen tauſend Stimmen, und eine Schaar eilt auf die Brücke. Musketenſalven werden auf dieſe braven Burſche abgefeuert und ſie retiri⸗ ren mit Wunden bedeckt und entmuthigt. Mich unter der Bruſtwehr niederkauernd, verſuche ich meine Wunde zu ſtil⸗ len, aber das Blut ſtürzt ſtromweiſe heraus, mir ſchwin⸗ den die Sinne, die Gegenſtände um mich verdunkeln ſich, der Lärm ſcheint abzunehmen, aber plötzlich fühle ich eine Hand auf meinem Nacken und im nämlichen Augenblicke wird eine Flaſche an meine Lippen gehalten. Ich trinke und fühle mich vom Weine geſtärkt; dem Bluten wird Einhalt gethan, meine Augen öffnen ſich wieder, und darf ich ihrem Zeugniß glauben? Wer birgt ſich neben mir hinter der Bruſtwehr? Minette, die Markedenterin! Ihr hübſches Geſicht iſt geröthet, ihre Augen ſtrahlen in wil⸗ der Aufregung und ihr braunes Haar umwallt ihr in dich⸗ ten unordentlichen Locken Nacken und Schultern. „Minette, biſt Du es wirklich?“ fragte ich und drückte ihre Hand an meine Lippen. „Ich erkannte Sie vor einigen Tagen an der Spitze Ihres Regiments und dachte, wir würden uns bald be⸗ gegnen. Aber liegen Sie ſtill, hier ſind wir ſicher. Das Feuer läßt auch nach; ſie wichen zurück, als das Gitter geſprengt wurde.“ „Iſt das Gitter geſprengt, Minette?“ „Ja wohl, die Petarde hat ihre Wirkung gethan; aber die Kolonnen ſind noch nicht herüber gekommen. Lie⸗ gen ſie ſtill, bis ſie vorbei ſind.“— „Theures, theures Mädchen, wie muthig iſt Dein Herz,“ ſagte ich, den Blick in ihre ſchönen Züge verſen⸗ kend, die der Ausdruck, den der Heroismus ihnen verlieh, zehnfach verſchönerte. „Sie wuürden gewiß eben ſo viel für mich wagen,“ erwiederte ſie halb ſchüchtern, indem ſie ihr Taſchentuch 33 Tineihe Wunde drückte, aus der noch immer Blut trö⸗ pfelte. 4 251 Bei dieſem Anlaß verwickelten ſich ihre Finger in ein Band. Sie bemühte ſich, ſie zu befreien, und das Me⸗ daillon ſiel heraus, öffnete ſich zufällig im nämlichen Au⸗ genblick. Mit krampfhafter Energie faßte ſie die Minia⸗ tur mit beiden Händen und ſtierte ſie an. Ihre Blicke waren wild, als ob der Wahnſinn ſelber aus ihnen ſpräche, ihre Blicke erſtarrten, wie ſie hinſah, tödtliche Bläſſe über⸗ zog ſie. Dieß war kaum das Werk einer Sekunde. In der nächſten warf ſie das Bild von ſich und ſprang auf. Einen Blick warf ſie mir zu, flüchtig wie das Leuchten des Blitzes, aber ſo voll tiefen Grames! Einen Augenblick darauf war ſie in der Mitte der Brücke. Sie ſchwang ihr Barret ungeſtüm über dem Kopfe und winkte der Kolonne, vorwärts zu kommen. Ein Jubelruf antwortete ihr. Der Haufe ſtürzte vorwärts, wieder krachte das Feuer, da übertönte ein Schrei das Getoͤſe der Schlacht, und die vordern Reihen halten. Vier Grenadiere, die ei⸗ nen Körper tragen, ziehen ſich auf die Nachhut zuruck. Es iſt der Leichnam von Minette, der Marketenderin, die ihre Todeswunde erhalten hat. Am nämlichen Abend befand ich mich in einem Bette des Feldſpitals der Garde. So ſehr mich auch meine Wunde ſchmerzte, mein Herz quälte ein noch viel tieferes Weh. 3. Der Kaiſer hat Ihnen ſein eigenes Kreuz der Ehren⸗ legion gegeben,“ ſagte der Wundarzt, indem er ſich be⸗ mühte, mich aus einer Niedergeſchlagenheit aufzurütteln, deren Quelle er nicht kannte. „Er hat ihn auch zum Brigadegeneral ernannt,“ fügte eine Stimme hinter mir bei. General Letort wars, der dieß ſprach— er war dieſen Augenblick mit der Nachricht vom Kaiſer gekommen. Ich bedeckte mein Geſicht mit den Händen, und es war mir, als ob mir das Herz zerſpränge. 1 „Das war ein muthiges Mädchen, dieſe Marketen⸗ derin,“ ſagte der rauhe alte General. Sie muß ein Sol⸗ datenherz unter ihrem Mieder gehabt haben. Parbleu, ich wollte aber lieber keine mehr wie ſie in meiner Bri⸗ gade haben, nach dem, was dieſen Abend vorgefallen iſt.“ „Von was ſprechen Sie?“ fragte ich mit ſchwacher Stimme.— „Das vierte Küraſſierregiment Veranſtaltete ihr dieſen Abend ein militäriſches Leichenbegängniß. Der Kaiſer gab die Erlaubniß und ſchickte General Degeon vom Stabe dazu. Und als man ſie ins Grab legte, kniete einer von den Soldaten, ein Korporal, glaube ich, nieder und küßte ſie, bevor man ſie mit Erde bedeckte und dann legte er ſich langſam mit dem Geſichte auf den Boden.„Er iſt ohnmächtig geworden,“ ſagte einer ſeiner Kameraden, und dann kehrten ſie ihn um, Morbleu! es kam noch ärger— er war mauſetodt— einer der prächtigſten Burſche des Regiments.“ „Ja— ja— ich kenne ihn,“ murmelte ich und ver⸗ ſuchte meine Aufregung zu bemeiſtern. Der General blickte mich an, als ob er glaubte, ich rede irre und fügte in Kürze hinzu: „Und ſo legten ſie Beide in das nämliche Grab, und die nämliche Salve erwies Beiden die letzte Ehre.“ „Ihre Geſchichte, General, hat meinen Kranken über⸗ mäßig angegriffen,“ ſagte der Arzt,„wir müſſen ihn ei⸗ nige Zeit allein laſſen.“ Siebenzehntes Kapitel. Fontainebleau. Eine auf Befehl des Kaiſers erlaſſene Ordre Ber⸗ thiers verſchaffte mir die Aufnahme in den alten Palaſt von Fontainebleau, wo ich länger als zwei Monate an meiner Wunde krank lag. Zweimal hatte mich das Fieber 253 dem Grabe nahe gebracht; doch Jugend und unverdorbene Geſundheit kamen mir zu Hülfe und ich überſtand Alles. Ein Stabschirurg behandelte mich, und ſeine freundliche Geſellſchaft ſowohl, wie ſeine Geſchicklichkeit bewirkten, daß ich mich von meinen Leiden erholte, an dem der Kummer keinen geringern Antheil hatte, als das körperliche Unwohl⸗ ſein ſelber. 1 Ueber die Vergangenheit und alle ihre Wechſelfälle nachdenkend, verlebte ich die Tage in meinem kleinen Zim⸗ mer, das auf den Hof des Palaſtes ging. Jeden Tag er⸗ hielten wir Nachrichten, entweder vom Kriegsſchauplatze, oder aus Paris— dort Niederlage, hier Verrath und Miß⸗ vergnügen, beſchleunigten raſch den Sturz des mächtigſten Reiches, das der Genius eines Mannes je gegründet hat. Champ⸗Aubert, Montmirail und Montereau, ſo gewaltig dieſe Siege auch waren, verzögerten den Gang der Ereig⸗ niſſe nicht. Die„Ruhmeswoche,“ brachte einer dem Ver⸗ derben geweihten Sache keine Hoffnung. Es war Ende März. Einige Tage vorher hatte mich der Arzt verlaſſen, um ein vorgeſchobenes Feldſpital in der Nähe von Melun zu beſuchen und ich war allein. Doch hatte ich Kraft genug, um an meinem Fenſter zu ſitzen, und meine matten Sinne freuten ſich, nach den langweili⸗ gen Stunden im Krankenbette, ſelbſt dieſes kleinen Ver⸗ gnügens. Der Abend war ruhig und für die Jahreszeit mild und ſommerlich; von den Büſchen ſproßte das erſte Laub und die Frühlingsblumen um die marmornen Spring⸗ brunnen zeigten ſchon Spuren von Blüthen. Die unter⸗ gehende Sonne warf die langen Schatten der alten Bu⸗ chen über den weiten Hof, wo Alles ſtill war wie um Mit⸗ ternacht. Kein Bewohner des Palaſtes war in der Nähe — kein Diener ließ ſich ſehen— nicht ein Fußtritt war zu hören. Es war ein Augenblick ſo vollkommener Stille, die den Geiſt zum Nachdenken einladet; ich verſetzte mich in jene fernen Zeiten zurück, als fröhliche Ritter und ſtatt⸗ liche Frauen auf dieſen geräumigen Teraſſen wandelten— 254 als Ritter⸗ und Liebesgeſchichten ſich mit den plätſchernden Tönen dieſer glitzernden Quellen vermiſchten, und der hei⸗ tere Mond auf Geſtalten herunter ſah, die alle dieſe ſchö⸗ nen Marmorſtatuen an Lieblichkeit übertrafen. Ich ſtellte mir die Zeit vor, als der Klang des Jä⸗ gerhorns in dieſen weiten Höfen wiederhallte und ſeine letz⸗ ten Töne ſich im froͤhlichen Geräuſch der Stimmen des Gefolges verloren, das ſich um den Monarchen drängte; und dann ſah ich im Geiſte die glänzende Schaar mit ſich tummelnden Pferden und ſchimmernden Schabraken, ſtolz dem Baumgang entlang zum königlichen Eingang reiten, und malte mir den feierlichen Empfang, der ſeiner harrte, des Abkömmling einer langen Reihe von Königen. Der offene und königliche Franz, der tapfere Heinrich IV.— der„große König“ ſelber— alle zogen vor meinem Geiſte vorüber, wie ſie in dieſem ſtattlichen Gebäude einſt leibten und lebten. Die Sonne war untergegangen, die verſchwimmenden Schatten verdüſterten den weiten Hof und ein Flügel des Palaſtes war in tiefes Dunkel gehüllt, als ich plötzlich auf der fernen Straße das Rollen von Wagen und Pferde⸗ getrappel hörte. Ich horchte aufmerkſam. Aus dem Schall der Tritte ſchloß ich, daß es mehrere ſein muß⸗ ten; und mein geübtes Ohr konnte das Geraſſel von Dra⸗ gonern unterſcheiden, deren Säbel und Säbeltaſchen klir⸗ rend an die Flanken ihrer Pferde anſchlugen. Irgend eine eilige Nachricht vom Kaiſer, dachte ich; vielleicht ein ver⸗ wundeter Marſchall, der in den Palaſt gebracht wird. Im nämlichen Augenblick rief die Wache am fernen Eingang ins Gewehr, und ein mit ſechs Pferden beſpannter Wagen jagte im vollen Galopp herein. Ein zweiter folgte eben ſo ſchnell, von einem Peloton Dragoner begleitet. Meine Angſt wuchs. Wie, wenn es der Kaiſer ſelbſt wäre, dachte ich; aber dieſe Idee verſchwand eben ſo ſchnell, als ſie gekommen war, als ich ſah, daß die Wagen nicht an der 25⁵ großen Treppe hielten, ſondern zu einer niedern Nebenthüre in einen entlegenen Flügel des Palaſtes fuhren. Das Geräuſch, welches durch die Ankunft des Gefol⸗ ges entſtand, dauerte nur einen Augenblick. Die Wagen entfernten ſich ſchnell, die Dragoner verſchwanden und Alles verſank in die frühere Stille; ich konnte ungeſtört über das Ganze nachſinnen und fragte mich ernſthaft, ob es Wirklichkeit geweſen ſein konnte. Ich öffnete meine Thüre, um zu horchen; kein Ton weckte jedoch das Echo auf den langen Gängen. Man hätte ſich einbilden koͤnnen, daß dieſes weite Dach kein lebendes Weſen beherbergte, ſo ſtill war Alles hernm. Ein ſonderbares Gefuͤhl von Angſt, Furcht vor etwas Unbeſtimmtem, ich wußte nicht, was und nicht, woher es kommen ſollte, hatte ſich meiner bemächtigt, und meine Nerven, deren Reizbarkeit meine lange Krankheit erhöht hatte, wurden nun hoöͤchſt empfindlich und ließen keinen Gedanken an Schlaf aufkommen. Wilde Phantaſien trie⸗ ben ſich in meinem Kopfe umher und machten mich un⸗ ruhig und unbehaglich. Es kam mir auch vor, als ob die Nacht ungewoͤhnlich trübe und ſchwül wäre und ich öff⸗ nete das Fenſter, um friſche Luft einzulaſſen. Kaum hatte ich den Vorhang auf die Seite gezogen, als mein Blick auf einen langen Lichtſtrahl ſiel, der von einem Fenſter im Erdgeſchoß des Palaſtes ausging und ſeinen hellen Glanz weit über den Hof hinwarf. Es war im nämlichen Flügel, an dem die Wagen gehalten hatten— es konnte nicht anders ſein, irgend ein kürzlich in der Schlacht verwundeter Offizier von hohem Rang war dahin gebracht worden. Armer Mann, dachte ich, wie viel mochte er wohl in der friedlichen Einſamkeit dieſes ſtillen Ortes leiden. Wer kann es ſein? Dieſe Frage drang ſich mir immer auf; denn der erſte Eindruck war in mir bereits zu feſter Ueberzeugung geworden. Die Stunden verfloſſen, der Lichtſchein blieb unverän⸗ dert und die Stille wurde nicht geſtört. Des Nachſinnens 256 müde und halb meine Schwäche vergeſſend, ſchwankte ich den Corridor entlang, ſtieg die große Treppe hinab und trat hinaus in den Hof. Wie erfriſchend umwehte mich die Nachtluft— wie lieblich waren die Düfte des Früh⸗ lings, welche die durch die Bewegung des Springbrunnens erzeugten Lüftchen verbreiteten. Das erſte Stadium der Geneſung von einer ſchweren Krankheit erfüllt uns mit wunderbarer Jugendwärme. Unſere Sinne ſcheinen ſich noch einmal an den einfachen Genüſſen früherer Tage zu freuen und zu empfinden, daß ſie nichts höher entzückt, als die Ideenverknüpfungen, die dem Kinde Vergnügen ge⸗ währten. Dem Weltgezänke entfremdet, ſcheinen wir uns für dieſe Zeit über die gemeinen Sorgen und Begierden des Lebens zu erheben und verweilen gern in jenem Zu⸗ ſtande idealen Glückes, in den uns ruhiges Sinnen verſetzt, und ſo erfriſcht die Pauſe, welche dem Körper Geſundheit bringt, auch das Gemüth, mit geläuterten Gedanken machen wir uns auf, hoffen auf eine beſſere Zukunft und ſtreben darnach mit all dem edeln Drange früherer Jahre. Wie glücklich war ich, als ich in dieſem Garten wandelte— wie dankbar geſtimmt, als ich fuhlte, daß der Strom der Geſundheit von Neuem durch meine Adern fluthete— daß ich ſo vielen Gefahren glücklich entronnen wieder für den Genuß empfänglich geworden, den Alles in dieſer ſchönen Welt gewährt. Als ich über den erhöhten Hof ging, haftete mnein Blick unverwandt auf dem ſchwa⸗ chen, einem Sterne ähnlichen Licht, welches durch das Dunkel ſchimmerte, und ich ging endlich auf dasſelbe zu, durch ein Gefühl unerklärbarer Sympathis angetrieben. Einem ſchmalen Pfade folgend, näherte ich mich einem kleinen Garten, der einſt ſeltene Blumen enthielt. Sie waren in alten Zeiten Lieblinge der armen Joſephine gewe⸗ ſen; die Stunde war jedoch vorüber, wo ihnen das auf ſorgfältige und aufmerkſame Pflege Anſpruch gab. Jetzt waren ſie ordnungslos und verwirrt emporgewachſen und bedeckten faſt den engen Pfad, der zum Thorweg führte. Ich erreichte dieſen endlich und als ich ſtille ſtand, fiel das ſchwache Mondlicht, das durch eine Wolke ſchimmerte, auf einen hellen und glänzenden Gegenſtand faſt zu meinen Füßen. Ich trat zuruͤck und blickte ihn feſt an. Es war die Geſtalt eines Mannes, der quer über dem Eingang in den Vorſaal ſchlief. Er war in Mamelukentracht geklei⸗ det; ſein reich geſchmücktes Gewand jedoch von der Reiſe beſchmutzt und zerknittert. Seinen gezogenen Säbel hielt er in der einen Hand, und aus der andern ſchien eine tür⸗ kiſche Piſtole gefallen zu ſein. Das ſchwache Licht reichte hin, um Ruſtan zu er⸗ kennen, den Lieblingsmameluken des Kaiſers, der immer vor der Thüre ſeines Zeltes oder Zimmers ſchlief— ſein auserwählter Leibwächter. Napolcon mußte alſo hier ſein. Sein Wagen war es, der ſo eilig angekommen war— ſein das Licht, welches die ſtille Nacht durch brannte. Wie mir dieſe Gedanken nach einander durch den Kopf fuhren, zitterte ich beinahe bei der Vorſtellung, wie nahe ich mich an denjenigen herangewagt hatte, dem ſich Keiner unge⸗ heißen zu nähern wagte. Ich wollte mich nun ſchnell und geräuſchlos zurückziehen, ſtrauchelte jedoch beim erſten Schritte. Das Geräuſch erweckte den ſchlafenden Türken und laut nach der Wache rufend ſprang er emvor. „La Garde!“ rief er noch einmal, in ſeiner Ueber⸗ raſchung vergeſſend, daß keine da war, dann aber ſtürzte er auf mich los, packte mich am Arme und fragte, während ſeine glänzende Waffe über meinem Kopfe blitzte, wer ich ſei und was ich hier wollte. Kaum waren die erſten Worte der Erwiederung über meine Lippen, als ſich im Hintergrunde des Vorſaales eine ſchmale Thüre öffnete und der Kaiſer erſchien. So ſpät es auch war, er war ganz angekleidet und trug ſogar ſei⸗ nen Degen an der Seite. „Was ſoll dies?— wer ſind Sie, mein Herr!“ war die raſche, ſcharfbetonte Frage, die er an mich richtete. In wenigen Worten— ſo kurz ich überhaupt konnte—. Tom Burke. V. 17 258 erzählte ich meine Geſchichte und ſprach mein Erſtaunen aus, daß ich, um der krankhaften Liebhaberei eines Mond⸗ ſcheinſpazierganges nachzuhängen, die Ruhe ſeiner Majeſtät eſtört. geſ„Ich dachte, Sire,“ fügte ich bei,„Ew. Majeſtät ſeien viele Meilen von hier bei Ihrer Armee—“ 3 „Es gibt keine Armee mehr, mein Herr,“ unterbrach er mit einer ſchnellen Handbewegung,„morgen wird es keinen Kaiſer mehr geben. Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie, ſo lange es noch Zeit iſt. Bieten Sie Ihren Degen und Ihre Dienſte dort an, wo es ſo Viele, die höher ſte⸗ hen als Sie, gethan haben. Dies iſt die Stunde zum Ab⸗ trünnigwerden— machen Sie, daß Sie daraus Nutzen ziehen.“ „Wäre mein Name und mein Rang weniger niedrig geweſen, ſie würden Ew. Majeſtät bewieſen haben, wie wenig ich dieſen Vorwurf verdiente.“ „Es thut mir leid, wenn ich Sie beleidigt habe,“ erwiederte er mit einer Stimme, in der unausſprechliche Sanftheit lag.„Sie waren an der Spitze des Angriffes bei Montreau? Jetzt erinnere ich mich Ihrer. Ich würde Ihnen Ihre Brigade gegeben haben, wenn ich—“ hier hielt er plötzlich inne und ſeine Züge überflog ein leiden⸗ der Ausdruck, doch ſammelte er ſich augenblicklich wieder und fuhr fort:„Ich hätte Sie früher kennen lernen ſollen — es iſt zu ſpät! Leben Sie wohl.“ Bei dieſen Worten grüßte er mit einer leichten Kopf⸗ bewegung und ſtreckte die Hand aus. Ich preßte ſie mit Inbrunſt an meine Lippen und hätte ſprechen mögen, aber ich konnte nicht— im nächſten Augenblick war er fort. Es iſt zu ſpät!— zu ſpät!— Die ſchrecklichen Worte, die unter den geſchwärzten Mauern Moskaus aus⸗ geſprochen und bei jedem neuen Mißgeſchicke dieſes entſetz⸗ lichen Rückzuges wiederholt wurden— ſie tonten jetzt aus dem Munde des Mannes, deſſen Schickſal ſie vorherſagten. Zu ſpät!— der Ausruf des ſtolzen Marſchalls, der durch erfolgloſe Beſtrebungen das Geſchick, welches er als unver⸗ meidlich vorausſah, abzuwenden erſchöpft war. Zu ſpät! — das Geſchrei der abgematteten Soldaten. Zu ſpät!— der verhängnißvolle Ausruf des Czars, als der tapfere und treue Macdonald die Nachfolge des Konigs von Rom und die Regentſchaft der Kaiſerin durchzuſetzen verſuchte. Durch eine ſchlafloſe Nacht ermüdet, ſiel ich gegen Morgen in einen Schlummer, als ich plöͤtzlich durch Trom⸗ melgewirbel im Hofe unten erweckt auffuhr. Augenblicklich war ich am Fenſter. Wie groß war mein Erſtaunen, als ich den Hofraum mit Truppen angefüllt ſah. Die Garde⸗ grenadiere, ſowie verſchiedene Schwadronen von den Chaſ⸗ ſeurs und der berittenen Artillerie waren in Schlachtord⸗ nung aufgeſtellt, während ein Stab von Generalen in der Mitte ſtand, unter denen ich Belliard, Montesquieu und Turenne erkannte— große Namen, die würdig ſind, um einer Handlung treuer Anhänglichkeit willen im Gedächt⸗ niß zu bleiben. Auch der Herzog von Baſſano war in tie⸗ fer Trauer da, aus ſeinem bleichen, abgehärmten Geſicht ſprach der Kummer, der an ſeinem Herzen nagte. Das Wirbeln der Trommeln dauerte fort— von einem Ende der Linie zum andern verbreitete ſich das tiefe, unausge⸗ ſetzte Gemurmel des Salutirens. Es hörte auf und bevor ich nach der Urſache forſchen konnte, entblößten die verſam⸗ melten Stabsoffiziere das Haupt und ſtanden in ehrerbie⸗ tigen Stellungen da, der Kaiſer ſelbſt aber ſtieg langſam, Stufe für Stufe die breite Treppe des„Cheval blanc wie die große Terraſſe hieß, hinab und näherte ſich den Truppen. Zugleich präſentirte die ganze Linie das Gewehr und die Trommeln wirbelten zum Salutiren. Sie ſchwie⸗ gen, Napoleon gebot mit einer Handbewegung Stille und die gedrängte Menge ſtand lautlos. Ich konnte bemerken, daß er ſprach, aber die Worte hörte ich nicht. Beredſame, glühende Worte waren es, welche die Geſchichte den fernſten Zeiten überliefern wird. Ich ſah nun, daß er geendigt, als General Petit mit dem Adler des erſten Garderegiments vorſtürzte und ihm denſel⸗ ben überreichte. Der Kaiſer preßte ihn inbrünſtig an die Lippen und ſchlang dann ſeine Arme um Petits Nacken, plötzlich ließ er ihn los, nahm die zerfetzte Fahne, die über ihm flatterte und küßte ſie zweimal. Unfähig, ſich länger zu faſſen, brachen die abgehärteten, wettergebrännten Ve⸗ teranen wie Kinder in lautes Schluchzen aus und wende⸗ ten das Antlitz ab, um ihre Bewegung zu verbergen. Kein Ruf vive l'Empereur tönte nun durch dieſe Rei⸗ hen, wo jeder gern ſein Herzblut für ihn vergoſſen hätte. Kummer hatte die Begeiſterung verdrängt und von Gram überwältigt ſtanden ſie da. Eine hohe, kriegsmänniſche Geſtalt näherte ſich mit entblößtem Haupte dem Kaiſer und ſprach einige Worte zu ihm. Napoleon winkte mit der Hand gegen die Trup⸗ pen und Viele ſtürzten aus den Reihen heraus und ſielen vor ihm auf die Kniee. Er fuhr ſich mit der Hand über das Geſicht und entfernte ſich. Meine Augen wurden dun⸗ kel, ein Nebel verbarg mir Alles rund umher und es war mir, als ob die Augenlieder ſelbſt berſten wollten. Das laute Pferdegetrappel ſchreckte mich auf und dann kam das Rollen der Wagen. Ich blickte empor, ein Wagen von einem Peloton Dragoner escortirt, fuhr aus dem Thore, dann folgte ſchnell ein zweiter, die Obriſten ſtellten ihre Leute in Reih und Glied, der Befehl zum Abmarſch wurde ertheilt, die Trommeln wirbelten, die Grenadiere ſetzten ſich in Bewegung, die Chaſſeurs ſchloſſen ſich an und zu⸗ letzt ſchwenkte ſchwerfällig die Artillerie ab: der Hof war leer— kein Mann blieb zurück— Alle, Alle waren fort. Das Kaiſerreich war zu Ende und der Kaiſer, der gewal⸗ tige Genius, welcher es gegründet, auf dem Wege in die Verbannung. 8 Achtzehntes Kapitel. Schluß. Frankreich erſchien in den Augen Europa's nie in un⸗ vortheilhafterem Lichte, als zu der Zeit, wovon ich ſpreche. Kaum war der prächtige Stern Napoleons untergegangen, als ſich der volle Strom der Volksgunſt ganz denjenigen zuwendete, die noch vor wenigen Tagen für die groͤßten Feinde gegolten hatten. Die Ruſſen und die Preußen, welche geſchmäht und verſpottet worden waren, überhäufte man nun mit Schmeicheleien und Lobhudeleien. Keine Kriechrei war knechtiſch genug, um damit zu den Füßen der Sieger zu wedeln— man glaubte dieſe nicht anders ehren zu koͤnnen, als durch Preisgebung der eigenen Na⸗ tionalehre.. Man wetteiferte nicht mehr, ſich an Ruhm zu über⸗ bieten, ſondern es handelte ſich darum, wer zuerſt ihm, deſſen Geſchöpfe ſie alle waren, abtrünnig würde. Die Marſchälle, die er ernannte, die Generale, denen er Eh⸗ renzeichen verliehen, die Miniſter und Fürſten, die er mit Reichthum und Ländereien überhäuft, verließen ihn jetzt in der Stunde des Mißgeſchickes, um ſich um die Gunſt eines Mannes zu bewerben, gegen den jede Handlung ih⸗ res früheren Lebens gerichtet war. Dieſe Leute, deren Titel ſelbſt an die glorreichen Schlachtfelder erinnerte, auf die er ſie geführt, eilten nun in die Tuilerien, um einem Monarchen, den ſie weder liebten noch achteten, ihre Huldigung darzubringen. Trau⸗ riges und demüthigendes Schauſpiel! Der lange genährte Haß der Royaliſten kam in dieſer Stunde triumphirenden Erfolgs natürlicher Weiſe zum Ausbruch. Chateaubriand, onſtant und Frau von Staöl gaben die Loſung zu jenen 262 Ergießungen der Preſſe, die Napoleon als den abſcheu⸗ lichſten Tyrannen der Welt verſchrieen und ſogar ſeine Größe und ſein Genie läſterten, als ob Bosheit Vergeſſen hervorbringen könnte. Ganz Paris war in Gährung— es war jedoch nicht das unruhige Wogen eines Volkes, deſſen Hauptſtadt einen ſiegreichen Feind beherbergt, ſondern die ſtürmiſche Luſt einer freudeberauſchten Nation. Ueberall traf man auf Feſtlichkeiten und Bälle, fröhliche Züge und öffentliche Freudenbezeugungen; aller Scharfſinn wurde aufgeboten, um Schmeicheleien für die nämlichen Nationen zu erfinden, welche blos eine Woche vorher ſpöttiſch Barbaren und Scythen geſchmäht worden waren. Voll Ekel und Verdruß über den Unbeſtand der Menſchen wußte ich nicht wohin mich wenden. Meine Wunde hatte mir ein ſchleichendes Fieber zugezogen, das von außerordentlicher Schwäche begleitet war, die wahr⸗ ſcheinlich durch die peinigenden Gedanken vermehrt wurde, welche jeder Gegenſtand in mir erweckte. Ich konnte nicht ausgehen, ohne irgend einem Zeichen jenes über⸗ ſchwellenden Triumphes zu begegnen, durch den Verrath ſeine eigene Niederträchtigkeit zu verbergen hofft; über⸗ dies zog man ſich jetzt, wenn man im Rufe eines Na⸗ poleoniſten ſtand, von denjenigen Beleidigungen zu, welche nie eine Meinung zu äußern wagten, bis das Glück ſich zu ihren Gunſten gewendet. Die weiße Kokarde war an die Stelle der dreifarbigen getreten, jedes Sinnbild des Kaiſerreichs wurde beſeitigt und die Uniform, welche einſt Anſpruch auf Auszeichnung gewährte, ward nun die Lo⸗ ſung zu Beſchimpfungen. Ich kehrte eines Abends von einer einſamen Wande⸗ rung in der Umgegend von Paris zurück— denn in Folge irgend einer ſeltſamen Schickung konnte ich mich von den Scenen nicht losreißen, an welche die ereignißreichſten Abſchnitte meines Lebens geknüpft waren— und erreichte endlich den Boulevard Mont⸗Martre gerade, als die vor⸗ derſten Schwadronen eines Kavallerieregimentes über den breiten Durchweg kamen. Ich hatte bisher jede Gelegen⸗ heit vermieden, bei einer militäriſchen Schauſtellung zu⸗ gegen zu ſein, die mich an die Vergangenheit erinnern konnte; allein jetzt hinderte das Gedränge der Zuſchauer mein Entkommen und ich mußte geduldig warten, bis der Zug vorüber war. Sie kamen in einer dichten Kolonne heran, die bra⸗ ven Chaſſeurs von der Garde— die ſonnverbrannten Krieger von Jena und Wagram— mir erſchienen ſie aber ernſter und finſterer als gewoͤhnlich und gleichgültig gegen die Lebehochrufe des um ſie verſammelten Volkes. Wo waren ihre Adler? Ach! die weiße Fahne, die über ihren Köpfen flatterte, war ein armſeliger Erſatz für das ſtolze Zeichen, das ſie ſo oft zum Siege geführt hatte. Und hier waren die Dragoner— des alten Keller⸗ mann tapfere Burſche. Sie blickten ſchwermüthig, nicht ſtolz wie einſt, auf die Menge, deren Zuruf ſie einſt er⸗ hoben hatte; und dort die Artillerte, das prächtige Korps, das er ſo ſehr liebte, ſchlug nicht das Rollen ihrer Ka⸗ nonen traurig an das Ohr! Sie zogen vorüber und dann folgte eine ſonderbare Schaar berittener Kavallerſe, be⸗ jahrter verſchrumpfter Männer in ganz altmodiſchen Uni⸗ formen, die Hüte mit breiten weißen Kokarden geziert und die Degenquaſten mit ähnlichem Schmuck behaͤngt. Auf jeder Bruſt glänzte der Ludwigsorden und in ihrer Hal⸗ tung erkannte man das Benehmen von Leuten„ die einen lange erſehnten und erwarteten Triumph genoßen. Dies waren die Edelleute der alten Monarchie und es fehlte ihnen an dem adeligen Gepräge wahrhaft nicht, das ihre alte Abſtammung ihnen verlieh. Ihr Geſicht trug einen ſtolzen Ausdruck, ihre Blicke glänzten. Aus ihrem ganzen Weſen ſprach jenes Bewußtſein von Ueberlegenheit, das auszurotten alle Gräuel und alles Blutvergießen einer ſchrecklichen Revolution erforderlich geweſen waren. Wie ſeltſam! es ſchien mir, als ob mir manche dieſer Geſichter 1 7 — —— 264 bekannt wären. Ich hatte ſie ſchon geſehen, aber wo und bei welcher Gelegenheit, kam mir nicht in Sinn. Ja, jetzt ſiel mir's ein: ſie waren die Gäſte der alten „Penſion in der Rue Mi⸗Caréème,“ die nämlichen Män⸗ ner, welche ich ihr Mißgeſchick mit edlem Stolze ertragen geſehen hatte. Hier waren ſie, in der lange begehrten Herſtellung ihres früheren Zuſtandes ſchwelgend. Waren ſte nicht bewunderungswürdiger in der Stunde ihres ge⸗ duldigen und treuen Harrens, als in dieſem Augenblicke ihres Triumphes? Das Gedränge der Menge zwang den Zug zum Hal⸗ ten und nun ertönte die Luft von dem Geſchrei:„Vive le Roi!“ dem lange vergeſſenen Ruf der Loyalität. Tau⸗ ſende wiederholten ihn und die Reiter ſchwenkten begeiſtert ihre Hüte.„Vive le Roi!“ ſchrie der Pöbel, als ob er nicht geſtern noch„vive l'Empereur!“ gerufen hätte. „Nieder mit dem Napoleoniſten— nieder mit ihm!“ kreiſchte ein wild ausſehender Kerl, der im Haufen ein⸗ gezwängt auf mich deutete, der ich dem Auftritte blos zuſah. . Nufen Sie auf der Stelle vive le Roi,“ flüſterte eine Stimme neben mir,„oder die Folgen können bedenk⸗ lich ſein. In einem Augenblicke wie dieſer fläßt ſich der Pöbel nicht zügeln.“ Ein dutzend Stimmen brüllten zugleich:„Nieder mit ihm! Nieder mit ihm!“ „Den Hut herunter, mein Herr,“ ſagte ein roher Kerl an meiner Seite und erhob die Hand, um mir ihn zu entreißen.. „Auf eure Gefahr!“ entgegnete ich und ballte meine Fauſt, bereit, ihn augenblicklich niederzuſchlagen, wenn er mich berührte. Kaum waren die Worte über meine Lip⸗ pen, als die Menge ſich um mich herumdrängte und hun⸗ dert Arme ſich ausſtreckten, um mich zu ergreifen. Um⸗ ſonſt war all mein Widerſtand. Der Hut wurde mir * —— 265 vom Kopfe geriſſen und von allen Seiten angefallen, ward ich unter wildem Rachegeſchrei und groben Schmähungen in die Mitte der Straße geſchleppt. Eben als ich von der Ueberzahl bewältigt dalag, erſcholl aus dem Zuge der laute Ruf:„Zurück!“ und auf einem muthigen Pferde ſprengte ein Reiter, den Degen in der Hand, auf den Pöbel ein, und theilte nach allen Seiten Hiebe aus. Mit Blitzesſchnelle bahnte er ſich den Weg durch den dichten Haufen und drängte meine Angreifer zur ück. „Ergreifen Sie die Mähne meines Pferdes,“ ſagte er ſchnell.„Halten Sie einige Sekunden feſt und Sie'ſind gerettet.“ Dem Rathe folgend klammerte ich mich an die Mähne des Roſſes, während er ſich auf beiden Seiten durch den Poͤbel Platz machte und mich mit der Waffe beſchützte, die er über meinem Kopfe ſchwang. „Für diesmal gerettet,“ rief er, als wir in den Rei⸗ hen anlangten; dann drehte er ſich um, ſo daß er mir ins Geſicht ſah, und fügte bei,„Gerettet! und meine Schuld getilgt. Sie haben einſt mein Leben gerettet und obwohl die Gefahr jetzt weniger drohend ſchien, ſo wäre doch, glauben Sie mir, das Ihrige ohne mich der Wuth dieſes Haufens nicht entgangen.“ „Wie, Henri de Beauvais— begegnen wir uns noch einmal?“ „Ja; aber unter veränderten Glücksumſtänden, Burke. Unſer König, wie es im Liede Eurer Garde Ecoſſaiſe heißt, unſer Koͤnig„iſt wieder zu den Seinigen gelangt.“ Der Tag der Loyalität iſt wieder über Frankreich angebrochen, und ein dankbares Volk mag ſeine Begeiſterung für die Reſtauration ſogar bis zur Rache an deren Widerſachern treiben, ohne gerade viel Vorwürfe zu verdienen. Aber nichts mehr davon. Wir köͤnnen jetzt Freunde ſein; aber wenn nicht, ſo iſt es Ihre Schuld. „Ich bin nicht zu ſtolz, de Beauvais, um aus Ihren Händen eine Gunſt ſowohl anzunehmen als zu erkennen.“ „Dann ſind wir Freunde,“ ſagte er fröhlich; und im Namen der Freundſchaft bitte ich Sie, dieſes Band an Ihren Hut zu heften.“ Bei dieſen Worten löſte er die weiße Kokarde, welche er trug, pon dem ſeinigen ab und hielt ſie mir hin.„Nun gut, aber wenigſtens thun Sie die dreifarbige weg. Sie kann Ihnen bloß Beleidigungen zuziehen. Bedenken Sie, Burke, Ihre Zeit iſt vor⸗ über.“ „Ich werde dies nicht leicht vergeſſen,“ erwiederte ich traurig. „Herr Oberſt, Se. königliche Hoheit wünſchen mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte ein Adjutant, der zu de Beau⸗ vais heran geritten kam. „Nehmen Sie ſtatt meiner dieſen Herrn unter Ihre Obhut,“ bat ihn de Beauvais auf mich deutend, dann drehte er ſein Pferd und galoppirte ſpornſtreichs zurück. „Ich will Ihnen meinetwegen alle Mühe erſparen, mein Herr,“ ſagte ich.„Mein Weg geht dort hin und jetzt ſehe ich nichts, was mich hindern koͤnnte, ihn zu ver⸗ folgen.“ „Geſtatten Sie mir wenigſtens Ihnen eine Escorte mitzugeben.“ Ich dankte ihm und lehnte das Anerbieten ab, trat aus dem Zuge, miſchte mich unter die Menge und gelangte wenige Minuten nachher in meinen Gaſthof, ohne weiter beläſtigt zu werden. Die Stunde war gekommen, ich erkannte es deutlich, in der ich Frankreich verlaſſen mußte. Nicht nur war jedes Band, das mich an dieſes Land knüpfte, abgeriſſen, ſondern Bleiben hieß auch nur, mich einzeln dem Strome der öffentlichen Meinung entgegenſtemmen, der nun alle Marken und Spuren des Kaiſerreiches wegzuſchwemmen drohte. Bis jetzt hatte ich es meinem Herzen nie geſtan⸗ den, welche heimliche Hoffnung mich veranlaßte, meinen Aufenthalt einen Tag nach dem andern zu verlängern— welchen Werth ich auf die Erwartung ſetzte, einmal noch, 267 wenn auch nur für einen Augenblick diejenige zu ſehen, die alle meine Gedanken beherrſchte und ohne daß ich es ſelbſt wußte, die Triebfeder aller meiner Handlungen war. Zu dieſer Hoffnung bekannte ich mich erſt, als ich ſie für immer aufgeben zu müſſen ſchien. Indem ich die Vorbereitungen zur Abreiſe traf, kam mir ein Billet von de Beauvais zu, in welchem er ſeinen dringenden Wunſch ausſprach, mich noch dieſen Abend zu ſehen und zu ſprechen und mich erſuchte, jedenfalls zu⸗ Hauſe zu bleiben, da ſein Geſchäft keinen Aufſchub leide. Ich war nicht ſehr neugierig zu erfahren, auf was er anſpielen konnte, und ſah ihn einige Stunden ſpäter in mein Zimmer treten, ohne daß ich wegen deſſen, was er mir mitzutheilen haben würde, die geringſte Beklemmung empfand. „Ich bin gekommen, Burke,“ ſagte er, nachdem wir einige Gemeinplätze ausgetauſcht hatten,„ich bin gekom⸗ men, um mich einer Sendung zu entledigen, die zu über⸗ nehmen mich, wie Sie mir gewiß glauben, die aufrich⸗ tigſte Achtung für Sie beſtimmt hat, und die, was Sie auch dagegen einzuwenden haben mögen, um der Treue desjenigen willen, der Ihnen dieſen Vorſchlag macht, we⸗ nigſtens in keinem falſchen Lichte erſcheinen kann. Um kurz zu ſein— der Graf von Artois ſendet mich, um Ihnen im Namen Sr. Maj. Ludwigs XVIII. Ihren Grad und Rang anzubieten. Ihre letzte Beſtallung war die zum Oberſt; aber es heißt, Sie ſeien auf dem Punkte geweſen, Ihre Ernennung zum Brigadegeneral zu em⸗ pfangen. Es wird nicht ſchwer fallen, Ihr Patent in dieſem Sinne auszufertigen, denn Ihre Dienſte ſind, ſo kurz ſie auch waren, nicht unbemerkt geblieben. Marſchall Ney ſelbſt legt über Ihr Benehmen bei Montreau Zeug⸗ niß ab und Ihr Name kommt auf der Beförderungsliſte des Kriegsminiſters zweimal vor. Sie werden ſagen, dies ſeien ſſonderbare Anſprüche auf Belohnung von Seite des 2 rechtmäßigen Souveräns von Frankreich, da ſie im Dienſte 268 des Uſurpators errungen worden; aber es iſt das Vorrecht der Legitimität, groß und hochherzig zu ſein und wahres Verdienſt anzuerkennen, wo immer es auch vorkommen mag. Nun, was ſagen Sie dazu? Entſpricht dieſer Vorſchlag Ihren Wünſchen?“ „Wenn dadurch, daß meine Erwartungen übertroffen und mein Stolz geſchmeichelt wird, mein Verſtand über⸗ zeugt und mein Maßſtab für Loyalität und Wahrhaftigkeit geändert würde, ſo ſagte ich, ja, de Brauvais, der Vor⸗ ſchlag entſpricht meinen Wünſchen. Dieß iſt jedoch nicht der Fall. Ich trug dieſe Epauletten zuerſt aus Bewun⸗ derung für denjenigen, deſſen Geſchick ich bis zum letzten Augenblick gefolgt bin— mein Stolz, mein Ruhm war es, ſein Soldat zu ſein. Damit iſt's nun vorüber, und das Schwert, mit dem ich für ſeine Sache kämpfte, ſoll nie für die eines andern aus der Scheide.“ „Vergeſſen Sie, daß dieſe Gründe mit gleicher Stärke auf alle jene großen Männer anwendbar ſind, die ſeit we⸗ nigen Wochen Seiner Majeſtät Treue geſchworen haben. Was ſagen Sie zu der Liſte von Marſchällen, von denen kein einziger die huldreichſt dargebotene Gunſt Seiner Ma⸗ jeſtät verſchmäht hat? Sind Ney, Soult, Augereau, Mac⸗ donald und Marmont keine gültigen Beiſpiele?“. „Ich will das nicht ſagen, de Beauvais— aber das ſage ich, ich würde ſie mehr verehren und achten, wenn ſie anders gehandelt hätten. Wenn ſie dem Kaiſer treu waren, ſo können ſie gegen den König kaum loyal ſein?“ „Können ſie nicht zwiſchen den erzwungenen Dienſten, die ein Tyrann abnöthigt, und der Erfüllung edler Pflich⸗ ten gegen einen rechtmäßigen Souverän unterſcheiden?“ „Ich kann den Zauber beſſer würdigen, der Männer bewegt, lieber einem Helden zu folgen, als vor den ver⸗ goldeten Gittern eines Palaſtes Paradeſoldaten abzugeben.“ De Beauvais ſtieg die Röthe ins Geſicht und erwie⸗ derte mit erhöhter Stimme: „Die Cdelleute Frankreichs, mein Herr, haben ſich 269 zu allen Zeiten eben ſo ſehr durch ihre ritterlichen und heroiſchen Thaten ausgezeichnet, als durch die geſelligen Vorzüge echtblütigen Adels.“ „Verzeihen Sie mir, de Beauvais. Ich habe Ihnen und Ihren Beweggründen keinen Vorwurf machen wollen. Es iſt in jeder Weiſe begründet, daß Sie und Ihre wa⸗ ckern Gefährten die Gunſtbezeigungen jener Krone genie⸗ ßen, die durch Ihre Bemühungen auf das Haupt des Kö⸗ nigs von Frankreich geſetzt worden iſt. Ihr wahrer und paſſender Platz iſt am Throne, den Ihre Tapferkeit und Hingebung hergeſtellt haben. Was aber uns betrifft— uns, die wir gefochten haben und ins Feld gezogen ſind— die wir Leib und Leben gewagt haben, um das Glück und den Ruhm desjenigen zu fördern, welcher der Feind dieſes Herrſchers war— wie können wir Theilnehmer an dem Triumphe ſein, den abzuwenden wir uns bemühten, und uns über einen Ausgang freuen, deſſen Anblick wir den Tod vorgezogen hätten.“ „Es iſt nun einmal ſo gekommen. Das Schickſal hat gegen Sie entſchieden. Die Sache, der Sie dienen wollten, iſt nicht nur vom Glücke verlaſſen— ſie erxiſtirt gar nicht mehr. Das Kaiſerreich hat kein Banner zurück gelaſſen. Schließen Sie ſich alſo an dasjenige an, das ſich rühmt, unter ſeinen Anhängern die Hochgebornen und die Edlen zu zählen— die Obergewalt von Rang und Würde gegen die Anſprüche der Niedrigen und Gemeinen zu behaupten— „Ich kann nicht, ich darf nicht.“ „Wenigſtens werden Sie dem Grafen von Artois auf⸗ warten. Sie müſſen Seine königliche Hoheit ſehen und ihm für ſeine gnädigen Abſichten danken.“ 4 „Ich weiß, was dieß heißt, de Beauvais. Ich habe gehört, daß Wenige der zauberiſchen Anmuth ſeines Be⸗ nehmens widerſtehen koͤnnen. Ich werde mich jedoch ge⸗ wiß nicht fürchten, mich derſelben auszuſetzen, wie gefähr⸗ lich ſie auch für meine Grundſätze ſein mag.“ „Aber Sie wollen doch Seiner königlichen Hoheit keine abſchlägige Antwort geben,“ ſagte er raſch;„ich bin über⸗ zeugt, Sie werden das nicht thun.“ „Sie wollen doch nicht, daß mir die ſchmeichelhafte Aufnahme eines Prinzen das entlockt, was ich dem drin⸗ Benden Anhalten eines Freundes verſage— wollen Sie das?“ „Und das iſt Ihr Entſchluß— Ihr feſter Ent⸗ ſchluß L⸗ „Allerdings.“ 3 De Beauvais wendete ſich ungeduldig ab und lehnte ſich einige Minuten ans Fenſter. Nach einer Pauſe ſetzte er dann in langſamem und gemeſſenem Tone hinzu: „Sie ſind dem Hofe bekannt, Burke, durch andere Kanäle, als die ich erwähnte. Ihre Ausſichten auf Be⸗ förderung würden hochſt glänzend ſein, wenn Sie dieß Anerbieten annehmen. Ich weiß kaum irgend etwas, was nicht innerhalb Ihres Bereiches wäre. Denken Sie einige Augenblicke nach.— Hier iſt kein Abfall, keine Abtrün⸗ nigkeit.— Bedenken Sie, daß das Kaiſerreich ein Traum war und wie ein Traum vergangen iſt. Wo die Sache nicht mehr eriſtirt, kann von Treue nicht mehr die Rede ſein.“ „Das iſt ein ſchlechtes Gedächtniß, de Beauvais, welches nur behält, ſo lange es noch auf Vortheile zu hof⸗ fen hat. Das meinige iſt zäher.“ „Dann iſt meine Aufgabe zu Ende,“ ſagte er und nahm ſeinen Hut.„Ich kann Seiner königlichen Hoheit vielleicht ſagen, daß Sie nach England zurück zu kehren wünſchen— daß Sie nicht geneigt ſind, jetzt zu dienen. Es iſt wohl nicht nöthig, Ihre Anſichten genauer aus ein⸗ ander zu ſetzen.“ „Ich überlaſſe den Gegenſtand ganz Ihrem Be⸗ lieben.“ „Nun, ſo leben Sie wohl. Unſere Wege, Burke, liegen weit von einander; und ich wenigſtens bedaure es b 8 271 tief. Es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen dieſes Billet zu geben, das ich verſprach, Ihnen einzuhäͤndigen, im Falle Sie das Anerbieten des Prinzen ablehnen.“ Hoch erröthend gab er mir ein kleines verſiegeltes Billet in die Hand, druckte ſie ſchnell, als ob es ihn drängte, fortzukommen und verließ das Zimmer.. Von Neugierde geſtachelt, den Inhalt des Brieſchens kennen zu lernen, riß ich es auf der Stelle auf, allein erſt, nachdem ich es einige Mal uberleſen, konnte ich den Worten trauen, die ich vor mir ſah. Es waren nur we⸗ nige und ſie lauteten folgendermaßen: „Lieber Herr— Darf ich Sie bitten, mich dieſen Abend im Hotel Grammont mit einem Beſuche zu be⸗ ehren?⸗ Ihre ergebene Marie d' Auvergne, geborene de Meudon. „An Oberſt Burke.“ Wie oft überlas ich dieſe Zeilen— mir legte ich ſie bald als Vorboten einer Zukunft voll Hoffnung aus, und fürchtete bald, ſie möchten jeden Strahl derſelben für immer verloͤſchen. Eine Erklärung drang ſich mir fortwährend auf und peinigte mich in tiefſter Seele. Ihre ganze Fa⸗ milie war royaliſtiſch geweſen. Bloßer Zufall hatte in der Jugend ihren Bruder zum Heere und ſie an den kai⸗ ſerlichen Hof gebracht, wo perſönliche Anhänglichkeit an die Kaiſerin ſie feſthielt. Wie wenn ſie ihren Einfluß an⸗ wenden würde, um mich zur Annahme des gänzlichen Anerbietens zu beſtimmen? Wie konnte ich einem An⸗ ſuchen, vielleicht einer Bitte von ihr widerſtehen? Je mehr ich darüber dachte, deſto mehr wurde mir dieſe Vermuthung zur Gewißheit, und deſto ſchmerzlicher be⸗ klagte ich meine von ſolchen Schwierigkeiten umgebene Stellung; ſo heiß ich auch den Augenblick erſehnte, wo ich ſie wieder ſehen würde, ſo miſchte ſich in dieſes Verlangen doch Furcht, die Zuſammenkunft kaämnte unſere letzte ſein. 272 Der entſcheidende Augenblick meines Lebens war da und ich befand mich am Thore des Hotels Grammont. Ein Diener, der auf meine Aukunft wartete„führte mich in einen Salon mit der Bemerkung, die Gräfin werde in wenigen Augenblicken erſcheinen. Welch ängſtliche Pauſe war das. Ich verſuchte mich ſelbſt mit den Gegenſtänden umher zu beſchäftigen und meine Aufmerkſamkeit von der nahen Begegnung abzuwen⸗ den; allein jeder Ton ſchreckte mich auf und ich wendete mich jeden Augenblick nach der Thüre, durch die ich ihren Eintritt erwartete. Die Zeit ſchien nicht verfließen zu wollen; Minu⸗ ten wurden zu Stunden und noch erſchien Niemand. Meine Ungeduld hatte ihren Gipfel erſtiegen, als ich eine leiſe ſanfte Stimme meinen Namen ſprechen hörte. Ich kehrte mich um und ſie ſtand vor mir. Sie war in tiefe Trauer gekleidet und ſah bleicher, vielleicht ſchmächtiger aus, als ich ſie je geſehen— aber nicht minder ſchon. Entweder durch ihre eigenen Empfin⸗ dungen in dieſem Augenblick dazu veranlaßt oder durch mein unbewußtes Anſtarren in Verlegenheit gebracht, er⸗ röthete ſie tief, als ſich unſere Blicke begegneten. „Ich war im Begriffe Frankreich zu verlaſſen, Oberſt,“ ſagte ſie, nachdem wir Platz genommen hatten,„als ich von meinem Vetter de Beauvais hörte, daß Sie hier ſeien und meine Abreiſe verſchob, um Gelegenheit zu erhalten, Sie zu ſehen.“ Sie hielt hier inne und holte tief Athem um fortzu⸗ fahren; den Kopf auf die Hand ſtützend, ſchien ſie aber einige Minuten lang in Träumerei verſunken zu ſein, als ſie plötzlich auffuhr und ſagte: „Se. königliche Hoheit hat Ihnen, wenn ich nicht irre, Ihren Rang im Dienſt angeboten.“ „Ja, Madame; mein Freund Beauvais hat mich da⸗ von beneheſchtigt.“ „Und Sie haben abgelehnt, nicht wahr?⸗ 273 „Ja wohl, Madame.“ „Wie kommt dieß, mein Herr? Sind ſie des Solda⸗ tenlebens ſo müde, daß Sie es ſo früh ſchon verlaſſen wollen?“ „Dieß war nicht der Grund, Madame.“ „Sie liebten den Kaiſer, mein Herr,“ ſagte ſie haſtig und mit einem Tone faſt leidenſchaftlicher Erregung,„wie ich meine theure, gütige Herrin liebte; und Sie fühlten Treue für eine zu heilige Sache, um ſie jeden Augenblick zu wechſeln.— Iſt dieß die richtige Erklärung?“ „Mit Stolz bekenne ich, daß Sie meine Beweggründe errathen haben— dieß wars, was mich beſtimmte.“ „Warum haben nicht Mehrere ſo gehandelt,“ rief ſie heftig;„warum werden die großen Namen, die er glor⸗ reich machte, nicht größer durch Treue, als ſie je durch Heldenmuth geweſen waren? Es gab Einen, mein Herr, der, hätte er das Leben behalten, der Welt dieß Beiſpiel gegeben haben würde.“ „Gewiß, Madame, allein war ſein Loos nicht ein glücklicheres, als wenn er hätte leben müſſen, um dieß zu ſehen.“ folgte; endlich ſagte ſie: „Ich hatte de Beauvais einige wenige Reliquien mei⸗ nes theuern Bruders übergeben, in der Hoffnung, Sie wür⸗ den ſie um ſeinetwillen annehmen. General d'Auvergne's Schwert— das nämliche, welches er bei Jena trug— ſollte nach ſeinem Wunſche Ihnen eingehändigt werden, als Sie aus dem Dienſte traten. Dieſe Gegenſtände und dieſer Ring,“ fügte ſie bei, indem ſie einen reichen Brillant vom Finger zu ziehen ſuchte, ſind die wenigen Andenken, die um Ihret⸗ und meinctwillen zu behalten ich Sie bitten möchte. Sie wollen nach England zurück, mein Herr?“ „Ja, Madame; das heißt, es war früher meine Ab⸗ ſicht, jetzt weiß ich nicht, wohin ich gehen werde. Einen Mann wie mich knüpfen wenige Bande an die Heimath.“ Tom Burke. V. 3 18 Eine lange Pauſe, die Niemand von uns unterbrach, Tage, als die Wogen des Glücks am ungeſtümſten tobten. 274 „Auch ich muß wandern, ſagte ſie halb träumeriſch, während ſie ſich noch immer Mühe gab, den Ring vom Finger zu bringen.„Wie ich ſehe,“ bemerkte ſie lächelnd, „muß ich Ihnen ein anderes Andenken geben— dies will nicht von mir fort.“ G „So geben Sie mir es dort, wo es iſt,“ rief ich. „Ja, Marie, die Anhänglichkeit eines Herzens, das ganz Ihnen gehört, ſollte nicht unbelohnt bleiben. Ihnen ver⸗ danke ich Alles, was mein Leben von Glück gekannt hat, der Erinnerung an Sie jede hochſtrebende und edle Hoff⸗ nung. Laſſen Sie mich, nachdem ich Jahrelang dieſe Nei⸗ gung gehegt, nicht den Leitſtern meines Daſeins verlieren — das nicht verlieren, wofür ich gelebt habe— was allein ich liebe.“. Dieſen Worten, die mit all der leidenſchaftlichen Energie, die der letzte Hoffnungsſchimmer einflößt, hervor⸗ ſtrömten, folgte die Geſchichte meiner lange verborgenen Liebe. Ich weiß nicht, wie unzuſammenhängend ſie erzählt wurde; ich kann nicht ſagen, wie oft ich meinen eigenen Bericht durch irgend eine Berufung auf die Vergangenheit — durch irgend eine halb angedeutete Hoffnung unter⸗ brach, ſie habe die Leidenſchaft bemerkt, die in mir glühte; ich kann mich nur auf das Entzücken beſinnen, welches meinen Buſen zu zerſprengen drohte, als ſie ihre Hand in die meinige legte und ſagte—„Sie gehört Ihnen.“ Dieſe Worte endigten die Geſchichte eines Lebens, das mancherlei Prüfungen ausgeſetzt war, und zwar in einem Alter, in dem wenige den Kümmerniſſen der Welt ge⸗ trotzt haben. Die Lehren jedoch, welche ich mir eingeprägt hatte, waren die Ergebniſſe jener Schule, Unglück, in der Wenige fruchtloſen Unterricht empfangen; und wenn auch der Morgen meines Lebens düſter umwölkt anbrach, ſo war der Mittag doch nicht weniger friedlich und hell, und der Abend nähert ſich mit dem Anſchein ſtiller Ruhe, die reichlichen Erſatz bringt für jede Fährlichkeit jener erſten — 3 275 Ein Abſchiedswort. Theure Freunde— Die Zeit hat den Gebrauch eines Abſchiedswortes ge⸗ heiligt und ich verzichte nicht gern auf dieſes Vorrecht. In der Erzählung, die ich gerade beendigt habe, beſtrebte ich mich, dabei ſo wenig als möglich zur Erdichtung meine Zuflucht zu nehmen, einige Licht⸗ und Schattenſeiten jener wundervollſten und ereignißreichſten Periode der neuen Ge⸗ ſchichte zu ſchildern— des Reiches Napoleons. Der Cha⸗ rakter, den ich zu meinem Helden wählte, war durchaus nicht fingirt, ſo wenig als manche Scenen, die minder deutliche Spuren der Wirklichkeit an ſich tragen. Der Ge⸗ genſtand wurde lange vorher überdacht, ehe ich an die Ausarbeitung ging; wie jedoch das Werk fortſchritt, ward ich an manchen Stellen inne, wie ſchwierig es ſei, meinen Leſern für Perſonen und Ereigniſſe Intereſſe einzuflößen, die der Zeit und dem Schauplatze nach von ihnen entfernt ſind— an andern fühlte ich meine eigene Unzulänglichkeit für ein Unternehmen, das Eifer allein zu vollenden nicht im Stande war. Dieſe Gründe bewogen mich, von dem Plane abzuweichen, den ich mir urſprünglich vorgezeichnet hatte, und machten, da ſich abnehmende Geſundheit zu ihnen geſellte, dasjenige, was des Verfaſſers Theilnahme hätte erregen und ihm Vergnügen ſchaffen können— zu einer mühevollen beklemmenden Anſtrengung. Es iſt dieß das erſte Mal, daß ich aus ſolchen Grün⸗ den meine Leſer um Nachſicht zu bitten habe; auch würde ich jetzt nicht dabei verweilen, wenn ich mich nicht auf dieſe Weiſe allein wegen der vielen Mängel in einer Er⸗ zählung entſchuldigen koͤnnte, die wider meinen Willen ihre Färbung von meiner eigenen Stimmung in jener Zeit annahm, mehr als von den Begebenheiten, die ich erzählte. 276 Die Moral meiner Geſchichte iſt einfach. Sie ſchil⸗ dert den verhängnißvollen Einfluß, welche unverdaute und ſchwankende Begriffe von Freiheit auf eine Laufbahn üben, der, unter paſſender Leitung der darauf verwendeten That⸗ kraft, Ehre und Auszeichnung zu Theil geworden, und die Unklugheit des Beſtrebens, eine adoptirte Treue der natür⸗ lichen vorzuziehen.. 4 Meine Würdigung Napoleons mag Manchen übertrie⸗ ben ſcheinen; ich habe jedoch ſorgſam zwiſchen Held und Kaiſer unterſchieden und hütete mich, daß meine unbedingte Bewunderung für den Einen mich gegen die Mängel des Andern nicht blind machte. Nachdem ich dieſe Reihe von Entſchuldigungen und Erläuterungen begonnen, weiß ich nicht wo aufhören, daher bitte ich noch einmal um Nachſicht für alle in dieſem Werke enthaltenen Irrthümer und unterzeichne mich hoch⸗ achtungsvoll Templergue Houſe, 25. Auguſt 1844. Euer unterthäniger und gehorſamer Diener Harry Lorrequer. Ende. ſnffſſſſſſ 1 12 13 14 15 1 10 1 6 17 18