2 —— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 ihr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gekiehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf, bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3 3 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:*. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mr. 50 Ff. 2 M. ff. 13, Auswärtieg Abonnenten' haben für Hin⸗und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— v 1 1. 4 3 3 — Vanee Cichneroſecha Von Charles Tever. (Harry Lorrequer.) Aus dem Engliſchen überſetzt von 4 Gottlob Fink. IV. Tom Burke. Zehntes bis zwölftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Tom Burke. Ein Roman ans der napoleon’ſchen Beit. Von Charles Tever. Aus dem Engliſchen überſetzt von Gottlob Fink. Zehnter bis zwoͤlfter Theil. Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. — 1845. Erſtes Kapitel. Ein Fechtmeiſter. Den Tag nach der Schlacht bei Auſterlitz kam der Fürſt von Lichtenſtein in unſerm Lager an, mit Friedens⸗ vorſchlägen, wie das Gerücht ging. Welcher Art auch die Unterhandlungen ſein mochten, ſie wurden ganz geheim gehalten, da Napoleon bei dieſer Gelegenheit nicht einmal die Marſchälle ins Vertrauen zog. Bald nach Mittag wurde eine zahlreiche Abtheilung der Garde, die am Tage vorher in Reſerve geblieben war, in Schlachtordnung auf⸗ geſtellt und bot eine Reihe von einigen tauſend Mann dar, deren Kleidung, Ausſehen und Rüſtung— friſch, als ſtänden ſie in Parade vor den Tuilerien— nicht verfehlen konnte, den öſterreichiſchen Abgeſandten in Erſtaunen zu ſetzen. Alles, was den Truppen den Anſchein von Leiden oder auch nur Ermüdung geben konnte, wurde ſorgſam beſeitigt. Diejenigen Reiterregimenter, welche in dey Schlacht am wenigſten gelitten hatten, ſtanden unter Waf⸗ fen, und die Diviſionsgenerale erhielten Befehl, ihre be⸗ treffenden Stäbe wie an einem Muſterungstage vollſtändig ausgerüſtet und beritten in Bereitſchaft zu halten. Es war ſpät Nachmittags, als durch die Reihen das Kom⸗ mando erſcholl, ins Gewehr zu treten; und einen Augen⸗ blick darauf fuhr eine mit ſechs Pferden beſpannte Kutſche in vollem Galopp vorbei und ſchlug den Weg nach Au⸗ ſterlitz ein. Die Rückkehr des öſterreichiſchen Abgeſandten gab zu tauſend Vermuthungen Anlaß, und Alle waren begierig, den Erfolg ſeiner Sendung ausfindig zu machen. „Wir müſſen bald Alles erfahren,“ ſagte ein alter Artillerieoberſt in meiner Nähe;„wenn die Würfel auf Krieg fallen, ſo werden wir beordert werden, Davouſts Bewegung gegen Goding zu unterſtützen— die Ruſſen haben bloß Eine Rückzugslinie und dieſe iſt bereits in un⸗ ſerm Beſitz.“ 3 „Ich kann des Kaiſers Unthätigkeit ums Leben nicht begreifen,“ bemerkte ein jüngerer Offizier—„wir bleiben hier, gerade als ob nichts geſchehen wäre. Man ſollte meinen, ein ruſſiſches Heer ſtehe in voller Stärke vor uns und wir hätten nicht eine ſo furchtbare Schlacht gewonnen.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, Auguſt,“ erwiederte der Aeltere lächelnd,„Se. Maj. iſt nicht der Mann, eine gün⸗ ſtige Gelegenheit entſchlüpfen zu laſſen. Wenn wir nicht vorrücken, ſo geſchieht es, weil es klüger iſt zu bleiben, wo wir ſind.“ X „Klüger als einen fliehenden Feind verfolgen?“ „Ja, auch das— nicht Rußland oder Oeſterreich ſtehen gegen uns im Felde, ſondern Europa— die Welt.“ „Das iſt mir ganz recht,“ antwortete der Andere in herzhaftem Tone;„und ich glaube auch nicht, daß das Spiel ungleich iſt— bloß wünſchte ich den General Bo⸗ naparte von Kairo oder Marengo an der Stelle des in Purpur gekleideten Kaiſers der Tuilerien.“ „Ein ſolcher Vorwurf ſollte nicht ausgeſprochen wer⸗ den, während das Feld noch vom Blute von Auſterlitz raucht,“ ſagte ich unwillig;„nie war Bonaparte großer als Napoleon.“— „Haben Sie in Aegypten gedient, mein Herr?“ er⸗ wiederte der junge Mann verächtlich und maß mich vom Wirbel bis zur Zehe. 15 „Hätte ichs doch! Könnte ich meine ganze Zukunft für jene Jahre geben, von denen jeder Tag ewig in der Geſchichte leben wird!“ 4 „Sie haben Necht, junger Mann,“ ſiel der alte Oberſt ein,„das waren ruhmvolle Zeiten und ein würdi⸗ ges Vorſpiel der Größe, die auf ſie folgte.“ „Eine glänzende Verheißung der Zukunft— die nie kommen wird,“ verſetzte der Jüngere, dem der Verdruß die Wangen röthete.. „Parbleu, mein Herr, Sie ſprechen keck,“ ließ ſich hinter uns eine ſtrenge Stimme vernehmen. Wir wendeten uns— es war Napoleon in einem grauen, ganz mit Pelz beſetzten Ueberrocke, der ihm das Ausſehen eines Armeefouriers gab.„Ich wußte nicht, daß meine Maß⸗ regeln ſo ohne alle Scheu erörtert werden, wie ich jetzt höre. Wer ſind Sie, mein Herr?“ „Legrange, Sire, Schwadronschef im zweiten Volti⸗ geurregiment,“ ſagte der junge Mann am ganzen Leibe itternd, während er ſein Haupt entblößte und mit dem ſchako in der Hand vor ihm ſtand. „Seit wann, mein Herr, habe ich Sie in meinen Rath berufen und um Ihre Meinung befragt, oder was in Ihrer Stellung berechtigt Sie, ſich um die meinige zu bekümmern? Duroc, kommen Sie her— Ihren De⸗ gen, mein Herr.“ Der junge Mann ließ ſeinen Tſchako aus der Hand fallen und legte dieſe an ſeinen Degengriff.„Ahl“ rief der Kaiſer plötzlich— was iſt aus Ihrem rechten Arm geworden?“ „Ich verlor ihn bei Abukir, Sire.“ Napoleon murmelte etwas zwiſchen den Zähnen— dann fügte er laut hinzu:„Wohlan, mein Herr, Sie ſind nicht der Erſte, deſſen Hand ſeinen Kopf gerettet hat: kehren Sie zu Ihrer Pflicht zurück und merken Sie ſichs! ſein Sie zufrieden, die Ihrige zu erfüllen und die meinige überlaſſen Sie mir. Und Sie, mein Herr,“ ſagte er mit ————— — 16 demſelben ſtrengen Tone, ſich an mich wendend,„Ihr Ge⸗ ſicht ſollte ich kennen.“ „ Lieutenant Burke vom achten Huſarenregiment.“ „Ah! ich erinnere mich,— der Chouan. Es ſcheint alſo, daß ich jetzt einigermaßen höher in Ihrer Achtung ſtehe, als da Sie ſich in der Geſellſchaft der Herren Georges und Pichegru befanden, nicht wahr?“ „Nein, Sire— Ew. Maj. haben in meiner Be⸗ wunderung und Anhänglichkeit immer den erſten Platz ein⸗ genommen.“— „Sapperment! dann haben Sie einen ſonderbaren Weg eingeſchlagen, ſie zu zeigen, als ich das erſte Mal das Vergnügen hatte, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Sie ſind beim Stabe des Generals St. Hilaire?“ „Des Generals d'Auvergne, Sire.“ „Richtig! d'Auvergne, auf ein Wort:“— er kehrte ſich um und flüſterte etwas dem alten General zu, der während des ganzen Geſpräches ängſtlich, aber ohne daß er es wagte, ein Wort drein zu reden, hinter ihm ſtand. ff „Gut, gut,“ ſagte Napoleon in viel freundlicherem Tone;„ich bin zufrieden; Ihr General, mein Herr, be⸗ richtet günſtig über Ihren Eifer und Ihre Fähigkeit. Ich wünſche nicht, daß Ihr früheres Benehmen Ihrer Beföͤr⸗ derung im Wege ſtehe, und auf ſeine Empfehlung, deren Sie ſich, wie ich hoffe, würdig beweiſen werden, gebe ich Ihnen eine Schwadron in Ihrem Regiment.“ „Und er darf bei meinem Stabe bleiben?“ verſetzte der General halb fragend gegen den Kaiſer. „Wie Sie es wünſchen, d'Auvergne.“ Mit dieſen 4 Worten entfernte er ſich, ehe ich meine Dankbarkeit an⸗ ders als durch eine ehrerbietige Verbeugung ausdrücken 1 konnte. „Ich ſagte Ihnen, Burke, die Zeit dafür werde kom⸗ men,“ fügte d'Auvergne mit einem herzlichen Händedrucke bei, und ſchloß ſich dem Gefolge des Kaiſers ang. Bis jetzt hatte ich ein faſt ganz vereinzeltes Leben geführt: die Pflichten, welche mir meine Anſtellung beim Stabe auferlegte, hatten mich von meinen Mitoffizieren ſo fern gehalten, daß ich ſie blos dem Namen nach kannte; auch waren die andern Adjutanten des Generals viel äl⸗ tere Männer als ich, und mit keinem von ihnen war ich in irgend ein vertraulicheres Verhältniß getreten. Ich über⸗ dachte nun meine Beförderung, nicht ohne dieſe Einſamkeit peinlich zu empfinden. Unſere Genüſſe ſind ſehr eng begrenzt, wenn wir Niemanden haben, der in Augenblicken der Freude oder Trauer mit uns fühlt. Von dem armen Pioche allein wußte ich, daß er über meine Beförderung herzlich froh ſein würde. Er war aber jetzt keines heitern oder traurigen Gedankens fähig. In dieſer Stimmung kehrte ich in mein Quartier bei Brünn zurück. Es war Abend — um die lodernden Wachtfeuer ſaßen Gruppen von Sol⸗ daten bei ihrem Abendeſſen, in heiterem Geplauder über die Ereigniſſe der Schlacht. Manche waren leicht verwun⸗ det, und ihre verbundenen Köpfe und unbrauchbaren Arme gaben ihnen vorzugsweiſe auf die Aufmerkſamkeit der Ueb⸗ rigen Anſpruch. Ein Strohbivouac mit einem großen flackernden Feuer davor bezeichnete die Wohnung irgend eines Offiziers, wo gewöhnlich ein halbes Dutzend verſam⸗ melt waren, und der wuͤrzige Speiſengeruch und das fröh⸗ liche Gelächter andeuteten, daß das Leben im Felde Schmau⸗ ſereien nicht ausſchloß. Als ich bei einem ſolchen Bivouac vorbeiging, hörte ich die Töne einer Stimme, die mir gut bekannt war, die ich aber ſchon manchen Tag nicht mehr vernommen hatte. Wer konnte es ſein? Ich horchte, allein umſonſt— ich fragte mich ſelbſt, wem ſie wohl gehören mochte— end⸗ lich ſtieg ich ab, führte mein Pferd am Zaume und nahm meinen Weg an der Hütte vorbei; das grelle Licht des flammenden Holzes erhellte das Innere und zeigte mir eine Gruppe von etwa einem Dutzend Offizieren, die auf einem Haufen Stroh ſaßen und lagen, mit der Vertilgung eines Abendeſſens beſchäftigt, welchem zwar alle Zierlich⸗ Tom Burke. VvV. 2 18 keiten des Tafelſchmuckes mangelten, das aber ſelbſt bis dahin, wo ich ſtand, einen ſehr lockenden Geruch verbrei⸗ tete; allerlei Trinkgeſchirre, zum Theil von Silber, gin⸗ gen raſch von Hand zu Hand, und das Klirren der Be⸗ cher bewies, daß die Verſammelten, obwohl ſie, wie ich ſah, verſchiedenen Regimentern angehörten, in freundſchaft⸗ lichen Verhältniſſen ſtanden. „Nun, Francois,“ ſagte die nämliche Stimme, deren Toͤne mir ſo vertraut klangen, ohne daß ich zu er⸗ klären wußte, warum—„nun Frangois, Du haſt uns nicht erzählt, wie das zuging. „O ganz natürlich,“ erwiederte ein Anderer;„er brach meine Klinge in ſeinem Rücken, that dann einen Ausfall und rannte mir die ſeine durch den Leib.“ Es war der Fechtmeiſter vom vierten Regiment, mein alter Gegner, der dieß ſagte, und ich trat näher, um das Uebrige zu hören.„Man konnte nichts dagegen haben,“ fuhr er fort,„aber am Ende iſt ein ſolcher Ausfall etwas ganz Unerhörtes.“ „Ich hätte Dir das vorher ſagen können,“ verſetzte Jener,„denn ich erinnere mich, daß ich einſt auf dem Fecht⸗ boden in der polytechniſchen Schule ſah, wie er die Klinge ſeines Gegners in ſeinem Aermel auffing, und, als er ſie hatte, mit einem Ruck abbrach, worauf er erſt mit ſei⸗ ner eigenen zuſtieß. Sein Rock ging dabei zu Schanden, und ich glaube, der arme Burſche konnte damals dieſen Verluſt ſchwer verſchmerzen.“ Dieſe Erzählung, deren Gegenſtand ich ſelbſt war, be⸗ zog ſich auf einen Vorfall, der ſich in einem Zweikampf auf der Schule zutrug und bloß zwei oder drei Andern be⸗ kannt war; ich mühte mich wieder umſonſt mit dem Ge⸗ danken ab, welcher von meinen frühern Gefährten der Sprecher wohl ſein könnte. Meine Neugierde überwog nun alle übrigen Rückſichten, und ſo näherte ich mich dem Feuer, indem ich mir den Anſchein gab, als wollte ich meine Cigarre anzünden, 19 „Halloh, Kamerad, trinken wir eins mit einander,“ rief eine Stimme heraus,„der Melnieker iſt gar nicht ſchlecht— „Wenn man keinen Chambertin haben kann,“ fügte ein Anderer hinzu, und reichte mir einen Becher mit ro⸗ them Wein. „Der Teufel ſoll mich holen, da iſt er ja ſelbſt,“ ſchrie ein Dritter.„Wie, Burke, mein alter Kamerad, kennſt Du Taſcher nicht mehr?“ „Was?“ ſagte ich hoͤchlich erſtaunt und muſterte ein ſchnurrbärtiges Geſicht nach dem andern, ohne daß ich im Stande war, meinen frühern Freund zu entdecken, während ſie laut und lange meine Verlegenheit belachten. „Aus dem Weg da, Burſchen, aus dem Weg. Komm' Burke, hier iſt Dein Platz,“ ſagte er, ſtreckte ſeine Hand aus und zog mich zu ſich auf das Stroh nieder.„Alſo Du kannteſt mich nicht mehr?“ Wirklich hatte ſich auch ſein Ausſehen ſeit unſerer Trennung ſo ſehr geändert, daß meine Vergeßlichkeit leicht zu rechtfertigen war. Ein ſchwarzer, buſchiger Bart, den er nach Art der Küraſſiere um den Mund und weit am Backen hinauftrug, bedeckte faſt ſein Geſicht; auch war er größer und ſtärker geworden. „Biſt Oberſt vom achten Regiment?“ begann er ſcherzend;„Du weißt, ich prophezeite es Dir auf die Zeit, da wir uns wieder treffen würden.“ „Noch nicht,“ bemerkte ein Huſarenoffizier uns gegen⸗ über,„allein wenn ich nicht irre, ſo iſt dieſer Herr auf dem Wege, es zu werden. Sind Sie nicht vor ungefähr einer halben Stunde vom Kaiſer ſelbſt zum Schwadrons⸗ chef ernannt worden?“ „Ja,“ erwiderte ich, und gab mir Mühe meine ſtolze Befriedigung nicht merken zu laſſen. „Verdammt,“ rief Taſcher aus,„wie gut Du es immer triſſſt. Ich wünſche Dir von ganzem Herzen Glück 3 20 dazu. Kamteraden, wir wollen ſeiner Beförderung zu Ehren eins trinken.“ 3 „Einverſtanden, einverſtanden,“ riefen Alle zugleich, „Francois wird uns eine Bowle Punſch machen.“ „Recht gerne,“ erwiderte der kleine Fechtmeiſter;„ich bin überzeugt, der Herr Kapitän iſt mir um unſerer klei⸗ nen Affaire willen nicht böſe. Ich dächte nicht,“ fügte er hinzu und ergriff meine Hand mit ſeinen beiden:„Meiner Treu! Sie haben mir meine Terz verdorben— ich werde nie wieder ſein, was ich war. Nun, meine Herrn, geben Sie den Branntwein her und ſchicken Sie den, der am meiſten Kredit hat, in die Kantine um Zucker.“ Während Francois das Getränk bereitete, erzählte mir Taſcher das elende Leben, welches er in Garniſonsſtäd⸗ ten geführt, bis der Beginn des Feldzuges ihn in den wirk⸗ lichen Dienſt beruſen habe.„Es half nichts, daß ich die Kaiſerin bat, ſich für mich zu verwenden und meine Ver⸗ ſetzung zu einem andern Regiment auszuwirken; meine Eigenſchaft als Neffe Napoleons ſchien ein unüberſteigliches Hinderniß jeder Befoͤrderung. Gerade jetzt hat mein Oberſt mich dazu vorgeſchlagen, und ich wette mit Dir fünfzig Napoleons, ich werde übergangen werden.“ „Und was hat's zu bedeuten, wenn dieß der Fall iſt?“ ſagte ein rieſiger, finſter blickender Major neben ihm— welch großes Unglück iſt es denn, mit zweiund⸗ zwanzig Jahren Küraſſierlieutenant zu ſein? Ich war zehn Jahre ſpäter noch Sergeant!“ „Ci der Teufel,“ rief ein Anderer,„ich errang meine Epauletten bei Cairo, als von einem ganzen Regiment nur drei Offiziere im Bericht als lebend aufgeführt wurden.“ „Gewiß,“ bemerkte Frenzois, indem er vom Citronen⸗ ausdrücken aufblickte—„ ſtehe ich als Fechtmeiſter nach ſechsundzwanzig Dienſt ahren, und Davouſt dort, der mir nie Stand halten konnte, iſt Brigadegeneral.“ Alle lachten laut über den Aerger des Meiſters Fran⸗ cois, der die Sache in vollem Ernſte nahm. 21 „Ah, Ihr habt gut lachen,“ ſagte er halb grollend, „allein wie oft hängt eines Mannes Lebensglück von einem bloßen Zufall ab! Würde Junot dort jetzt Major⸗General ſein, wenn er nicht ohne ſeine Stiefel ſechs Fuß mäße? Wir gingen zuſammen in die Schule und meiner Treu! er war in der Klaſſe immer der letzte.“ „So, Francois, iſt alſo Deine, Geſtalt Deiner Be⸗ förderung im Wege geſtanden?“ „Freilich, wenn ein Mann nur fünf Fuß mißt, und noch dazu mit hohen Abſätzen, kann er blos zum Fecht⸗ meiſter vorrücken. Verdammt, was wäre ich jetzt, wenn ich nur ein bischen größer wäre?“ „Es iſt ſo beſſer,“ brummte ein alter Hauptmann, während er den Rauch aus ſeiner Meerſchaumpfeife bliesz „wären Sie nur einen Zoll größer, ſo könnte man mit ihnen in der nämlichen Brigade nicht leben.“ „Bei alledem,“ erwiederte Meiſter Frangois, habe ich manchen hübſchen Kerl ſeiner ganzen Länge nach auf das Gras hingeſtreckt.“ „Wie viele Duelle, Francois, haſt Du Deiner neuli⸗ chen Erzählung zufolge im zweiundzwanzigſten Regiment gehabt?“ „Achtundſiebzig!“ antwortete der kleine Mann— „zwei Paukereien ungerechnet, die, ich ſchäme mich es zu geſtehen, mit dem Säbel geſchahen; aber es waren Burſche aus dem Elſaß und ſie verſtanden es nicht beſſer.“ „Donner und Wetter!“ rief der Major,„ein kleiner Teufel, wie der, iſt eine wahre Peſt in einem Regiment. Ich erinnere mich, wir hatten einen Burſchen Namens Piccotin— „Ahl Piecotin— der arme Piecotin— wir waren Milchbrüder,“ unterbrach ihn Frangois,„wir waren Beide von Chalons⸗ſur⸗Marne.“ „Ja wohl, ich hätte geſchworen, daß Ihr es wäret,“ erwiederte der Major.„Man hätte Euch für Zwillinge halten koͤnnen.“.. —— 22 „Die Leute ſagten es oft,“ antwortete Francois mit einer Gemüthsruhe, als habe man ihm ein Kompliment machen wollen—„wir hatten Haar und Augen von glei⸗ cher Farbe, das nämliche millitäriſche Ausſehen und ſchlu⸗ gen immer die Terz gerade in derſelben Art außerhalb der Deckung.“ „Was iſt aus Piccotin geworden?“ fragte der Major, „er verließ uns in Lyon.“ „Sie hörten alſo nie, was aus ihm geworden iſt?“ „Nein: wie es hieß, ging er zu den Jägern zu Fuß.“ „Ich kann es Ihnen ſagen,“ fuhr Fran ois fort, „Niemand weiß es beſſer. Ich trennte mich von Piccotin, als wir nach Aegypten beordert wurden. Wir thaten unſer Moͤglichſtes, um in der nämlichen Brigade angeſtellt zu werden, denn wir liebten uns wie Brüder, wir konnten es jedoch nicht durchſetzen, und ſo ſchieden wir mit ſchwerem Herzen; er kehrte nach Frankreich zurück, ich ſegelte nach Alerandrien ab. Dieß geſchah im Frühjahr 1798, oder, wie wir es nannten, im Jahre Sechs der Republik. Drei Jahre ſahen wir uns nicht; aber nach der Rückkehr der achten Halbbrigade aus Aegypten kamen wir nach Bayonne in Garniſon, und der erſte Mann, den ich auf den Wäl⸗ len erblickte, war Piecotin. Man konnte ihn nicht verken⸗ nen: Ihr kanntet die Art, wie er ging, mit langen Schrit⸗ ten, die Beine gewaltig in die Höhe hebend, ſeine Ellbo⸗ gen auswärts kehrend und den Kopf hin und her drehend, nur um zu ſehen, ob es irgend Jemand einfiel zu lächeln oder auch blos ihn ſcharf anzublicken. Ah! meiner Treu, der kleine Piccotin wußte ſolche Leute zu behandeln wie kein Anderer. Ich kann ihn noch immer vor mir ſehen, wie er mit leichten Schritten auf ſeinen Mann zuging, ſich verbeugte, ſeine Mütze abnahm und im ſanfteſten Tone ſagte:„„Mein Herr, ich bin verſichert, Ihr Anſtarren, und Ihre Grimaſſe galt nicht mir— ich muß mich gewiß geirrt haben; Sie ſind bloß ein Narr und haben nie im Sinn gehabt, unverſchämt zu ſein.““ Was für einen Lärm pflegte es dann zu geben und wie kaltblütig blieb Piecotin dabei— mit welcher ängſtlichen Gewiſſenhaftigkeit vermied er es, den Namen des Herrn unrichtig zu buchſta⸗ biren oder den Ton auf die falſche Sylbe zu legen— wie artig erkundigte er ſich um deſſen Adreſſe, als ob er für ſeine Neugierde um Verzeihung bitten wollte; mit welcher Höflichkeit empfahl er ſich dann und ging ein halb Dutzend Schritte hinter ſich, bevor er es wagte, dem Mann den Rücken zu kehren, den er am folgenden Morgen zu tödten ſich vorgenommen hatte!“ „Wahr— vollkommen wahr, Frangois,“ ſagte der Major,„Pieccotin benahm ſich bei der Sache mit der be⸗ wundernswürdigſten Ruhe und dem feinſten Anſtande.“ „Dieß war in unſerer Jugendzeit Ton in Chalons,“ bemerkte Frangois ſtolz;„er und ich wurden zuſammen auferzogen. Nach dieſer befriedigenden Erklärung leerte er einen Becher Wein und blickte mit der Miene eines Er⸗ oberers um ſich. „Piecotin ſah mich zu gleicher Zeit und eine Minute nach her lagen wir einander in den Armen.„Ha, mein Lieber, wie viele?“ begann er, als der erſte Freudenrauſch vorüber war.„Bloß achtzehn,“ ſagte ich traurig, aber zwei davon waren Mammeluken von der Garde.“ „Du haſt immer Glück gehabt, Francois,“ erwiederte er und trocknete gerührt ſeine Augen; mir ſind immer nur Chriſten aufgeſtoßen!“ „Komm, komm,“ tröſtete ich ihn,„ſei nicht niederge⸗ ſchlagen— es kommen jetzt beſſere Zeiten. Es heißt, der kleine Korporal werde uns bald nach England führen.“ „Meinetwegen,“ ſeufzte er betrübt, denn er konnte meine Türken nicht verwinden. Um ihn nun ein wenig aufzuheitern, ſchlug ich ihm ein Souper im rothen Gre⸗ nadier vor, und dahin gingen wir denn. „Es würde Sie vielleicht unterhalten,“ fuhr Meiſter Francois fort,„wenn ich Ihnen einige jener Geſchichten = e 24 erzählte, die wir jene Nacht einander zum Beſten gaben. Wir hatten beide ſeit unſerer Trennung manche Abenteuer erlebt und darunter recht luſtige. Doch davon iſt jetzt nicht die Rede. Wir ſaßen lange beiſammen, ſo lange, bis man das Kaffeehaus ſchloß und wir abziehen mußten. Sie kennen den rothen Grenadier— nicht wahr.“ „O ja ich kenne ihn gut,“ erwiederte der Major; „man muß übers Glacis, etwa eine Meile jenſeits des Schlagbaums.“ „Ganz recht; und der Weg herein bis zum Thor iſt ſehr angenehm. Als Piccotin und ich in die Stadt zurückgingen, wars eine ſtille, laue Nacht. Der ſanfte Silberſchein des Mondes verklärte die Gegend, und die ſtattlichen Pappeln warfen lange Schatten über das weiche Gras. Einige Zeit ſchritten wir ſchweigend fort. Die Stille der Nacht, die balſamiſche Luſt, das matte Licht verſetzten uns in eine weiche, ruhige Stimmung, und jeder überließ ſich ſeinen eigenen Gedanken. „Als wir die Mitte der Ebene erreichten— Sie kennen gewiß den Platz, es ſteht dort eine kleiner Spring⸗ brunnen von Bronze, den vier Zedern umgeben“— der Major nickte, und er fuhr fort:„Da ſtand Piccotin plötz⸗ lich ſtille, nahm meine Hand in die ſeine und ſagte— Francois, kannſt Du errathen, was ich denke.“ „Ich ſah ihn an, blickte um mich und antwortete nach einer Pauſe von wenigen Sekunden: Ja, Piccotin, ich weiß es, das iſt ein herrlicher Platz.“ „Er hat nicht ſeines Gleichen!“ rief er entzückt; ſieh, hier den Boden, glatt wie Sammt, und wie weich es ſich darauf ſteht; ſieh die Bäume, wie ſie in den Hin⸗ tergrund treten und dem Lichte Raum laſſen; und dort der kleine Brunnen, wenn einer durſtig wird— he!— was ſagſt Du dazu?⸗. 4 „Einverſtanden, ſagte ich und faßte ihn mit beiden Händen; nur dieß eine, einzige Mal, Piceotin,“ — — ſehr oft hatten unſere Kameraden uns gegen einander auf⸗ 25 „Bloß einmal, Francois; ein paar Gänge und nicht mehr.“ „Gut, es gilt den erſten Stoß.“ „Recht— den erſten Stoß,“ ſagte er, zog ſeinen Rock ab und legte ihn ſauber zuſammengefaltet auf das Gras. „Sonderbarer Weiſe hatten wir uns in unſerm ganzen Leben, vom früheſten Knabenalter an, noch nie mit einander gemeſſen, und obwohl wir beide Fechtmeiſter waren, noch nie, ſelbſt nicht im Scherz, unſere Klingen gekreuzt. Schon zuhetzen geſucht und auf den Ausgang gewettet; aber wir konnten uns nie zu einem Gange entſchließen— ich kann nicht ſagen, warum. Es war nicht Furcht— ich kann den Grund nicht angeben, aber ſo verhielt es ſich nun einmal.“ „Was für eine Klinge haſt Du, Francois? fragte er und trat mir näher, während ich Jacke, Weſte und Mütze auf dem Boden zurechtlegte.“ „Einen Rouener Stahl,“ gab ich zur Antwort: „Vielen iſt er zu geſchmeidig, aber ich ziehe ihn vor, weil ich daran gewöhnt bin.“ „Hal eine nette Waffe in der That,“ bemerkte er, zog ihn aus der Scheide und machte damit ein paar Aus⸗ fälle gegen einen alten Baumſtamm. Hatteſt Du dieſe Klinge mit in Aegypten? „Ja, ich habe ſeit acht Jahren keine andere getragen.“ „Ha! meiner Treu, dieſe Mammeluken— wie be⸗ neide ich Dich um dieſe Mammeluken!“ murmelte er in den Bart, als er auf ſeinen Platz zurückging. 5 „Critt ein wenig, nur ein klein wenig links— der Schatten von dieſem Baume fällt dahin— kannſt Du mich auch recht ſehen?“ ſagte ich. „Ganz gut— biſt Du fertig? Wohlan— en arde!“ 3 „Ich ſah bald, daß Piccotins Stärke in dem lang überdachten Angriffe lag, bei dem jede Bewegung der an⸗ dern in künſtlicher Berechnung folgte, und ich gewahrte, daß er ſeinen Gegner manche kleine Vortheile gewinnen ließ, um ihm ein falſches Vertrauen einzuflößen, während er ſelbſt nur auf den rechten Augenblick wartete, um ihm ſeinen Theil mit Wucher zurückzuzahlen. In dieſer. Art fechten war er mir mehr als gewachſen. Ich war da⸗ gegen im Traverſiren⸗Meiſter, wobei die Meiſten aufs Ge⸗ rathewohl zuſtoßen; mochte dann der Spaß noch ſo ver⸗ worren ſein, ich blieb ſo kaltblütig wie beim Salutiren. „Eine Zeitlang ließ ich ihn ſein Spiel fort ſpielen; man konnte auch wirklich nichts Schöneres ſehen, als ſeine Ausfälle uber das Heft. Zweimal ſtand die Spitze ſeines Degens nicht weiter als einen Zoll von meiner Bruſt ab, und nur ein Sprung rückwärts konnte mich retten. „Nach lange zweifelhaftem Kampfe zeigte er endlich innere Quart an und ſtieß darauf eine äußere, und es ge⸗ lang ihm, meinen Arm oberhalb des Handgelenkes zu treffen. „Nicht wahr, das ſaß? ſagte er.“ „Unbedeutend,“ erwiederte ich; denn obwohl ich fühlte, wie das Blut über meinen Aermel und zwiſchen den Fingern herabrann, ſo machte mir doch der Gedanke Verdruß, daß ihm der erſte Stoß gelungen war. „Ahl Francois, dieſe Mammeluken ſcheinen nicht die beſten Fechter geweſen zu ſein. Bis jetzt habe ich nur geſcherzt,— paß einmal auf!“ Bei dieſen Worten drang er weit ſtärker auf mich ein, als bisher. Indem er mit Blitzesſchnelle zuſtieß und parirte, zeigte er eine Gewandt⸗ heit im Traverſiren, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Darin jedoch war ich ſein Meiſter und in wenigen Augen⸗ blicken ſaß ihm die Spitze meines Degens ſcharf, aber nicht tief, in der Schulter. „Statt daß er ſeine Waffe ſenkte, als ihn die mei⸗ nige traf, erwiderte er den Stoß. Ich parirte ihn und traf ihn noch einmal, ein wenig tiefer. Diesmal krümmte 27 er ſich und murmelte etwas, das ich nicht verſtand.„Jetzt kommts an Dich,“ ſagte er laut.„Hier haſt Du eins— und noch eins.“ Geſagt, gethan: ich erhielt zwei äußere Quarten in den Rücken. Durch den Erfolg ermuthigt, rückte er mir näher, während ich, durch ſeinen letzten An⸗ griff gereizt, auf ihn eindrang. „Wir waren Beide aufgeregt; er jedoch weit mehr, als ich. Der Kampf war hartnäckig. Dreimal hinter einander ging mir ſeine Klinge zwiſchen Arm und Bruſt durch; endlich nahm er wie verzweifelt alle ſeine Kraft zuſammen, fiel auf ein Knie und ſtieß mich hierher in den Leib. Bevor er ſeinen Degen herausziehen konnte, trieb ich ihm den meinigen in die Bruſt, bis das Heft klirrend an ſeine Nippen prallte. Als er rückwärts ſiel, ſprudelte mir ſein Blut über Geſicht und Bruſt. Ich wiſchte es mir haſtig von den Augen und beugte mich über ihn. Er ſchauderte zuſammen, ächzte leiſe, dann war alles ſtill.“ „Sie haben ihn getoͤdtet?“ riefen drei oder vier von uns zugleich. „Meiner Treu, ja. Der Stoß war tödtlich— er rührte ſich nicht mehr. „Was mich betrifft,“ fuhr Francois fort,„ſo ergab ich mich am Thore dem wachhabenden Officier als Ge⸗ fangener. Zehn Tage darauf wurde ich vor eine Militär⸗ commiſſion geſtellt und freigeſprochen. Meine eigene Ausſage war meine Anklage und meine Vertheidigung.“ „Daß Dich der Teufel— wäre ich beim Kriegsge⸗ richt geweſen, ſo wären Sie jetzt nicht hier, um Ihre Ge⸗ ſchichte zu erzählen,“ ſagte der Major und ſein Geſicht wurde purpurroth vor Aerger. „Unſinn,“ ſpöttelte Taſcher,„was liegt an einem Fechtmeiſter mehr oder weniger?“ 3 „Sie werden wohl die Güte haben, ſich näher zu er⸗ klären, mein Herr,“ ſagte Frangois mit ſeinem gewöhn⸗ lichen höchſt ehrerbietigen Lächeln. „Gerade das bin ich geſonnen zu thun, Frangois.“ 28 „Nichts da, meine Herren,“ unterbrach der Major. Lieutenant Taſcher, es wird Ihnen wahrſcheinlich nicht angenehm ſein, in Arreſt zu kommen, wenn wir vor dem Feinde ſtehen. Meiſter Frangois, vergeſſen Sie, daß ein kriegsgerichtliches Urtheil über Ihnen ſchwebt, wegen eines Vorfalls in Elchingen, wo Sie einen jungen Huſarenofficier beleidigten?“ „Erlauben Sie mir zu bemerken,“ ſagte ich,„daß ſich Meiſter Frangois bei dieſer Gelegenheit wie ein Ehren⸗ mann benommen hat.“ „Verdammt— und überdies den Kürzern gezogen,“ rief er und fuhr mit der Hand nach der Hüfte. Der Ton ſeiner Stimme bei dieſen Worten und die Fratze, die er ſchnitt, ſtellten die gute Laune der Geſellſchaft wieder her und wir verweilten bis Tagesanbruch in fröhlichem Ge⸗ plauder. 3 Als Taſcher mit mir meinem Quartiere uſchlenderte, ward ich zu meiner Befriedigung gewahr, daß er nie von der Verwicklung meines Namens in die Verſchwörung der Chouans gehört hatte; auch hatte er keine Ahnung davon, wie wenig Grund vorhanden war, mich für einen Günſt⸗ ling des Glückes zu halten. Ich empfing jedoch alle ſeine Glückwünſche, ohne daß mich die Luſt ankam, ihn zu enttäuſchen. Die Welt hatte mir bereits die Lehre gegeben, daß, während Freunde ſich im Unglück näher aneinander ſchließen, bloße Bekannte unſere Beliebtheit für unſer größtes Verdienſt halten; und ich ward endlich inne, daß, ſo wenig mir auch in vielen Beziehungen die Geſellſchaft zuſagte, das vereinzelte Leben, welches ich führte, mich bei Andern verdächtig gemacht hatte, und noch dazu in einer Laufbahn, wo Offenheit als die erſte Tugend betrachtet wurde. Nun machte mir die Ausſicht, daß wir uns während unſeres Verweilens im Lager oft treffen würden„ vieles Vergnügen. Mein eigenes Regiment war zum Corps Dayouſt's geſtoßen, und ich war froh, mit Altersgenoſſen 29 zuſammenzukommen, wenn auch nur, um meine einſamen Gewöhnungen abzulegen. Während ich dieſe Plane für die Zukunft entwarf, kam mir kein Sinn daran, welche Ereigniſſe mir bevorſtanden und wie bald ich Zeuge von Auftritten werden und mit Menſchen verkehren ſollte, die von denen, mit welchen ich bisher in Berührung gekom⸗ men war, himmelweit abſtanden. „Du ſpeiſeſt alſo mit⸗ uns, Burke— das verſteht ſich,“ ſagte Taſcher;„dieſe Küraſſiere von unſerm Regi⸗ ment ſind prächtige Burſche und ich bin überzeugt, Du wirſt an ihnen Gefallen finden.“ Mit dieſem Verſprechen ſchieden wir, in der Hoffnung, uns am folgenden Tage zu treffen. Zweites Kapitel. Die Mühle an der hollitſcher Straße. Früh Morgens am vierten kam Befehl für die Garde zu Pferd, ſich mit zwei Karabinierſchwadronen auf der hollitſcher Straße bereit zu halten; ein Theil dieſes Trup⸗ pencorps ſtans unter dem Kommando des Generals d'Au⸗ vergne. Bald nach acht Uhr fanden wir' uns in voller Rüſtung ein und erwarteten unſere weitere Beſtimmung. Aus der Haltung und dem Ausſehen der Soldaten ging deutlich hervor, daß nicht unſere kriegeriſche Thätigkeit in Anſpruch genommen werden ſollte. Handelte es ſich je⸗ doch bloß um eine Muſterung, ſo konnten wir nicht be⸗ greifen, warum nur eine ſo kleine Abtheilung ausgewählt worden war. Es wurden, wie bei ſolchen Gelegenheiten gewoͤhnlich, viele Vermuthungen geäußert und hundert Er⸗ klärungen gegeben; eine nicht beſſer als die andere— da 30 gewahrten wir endlich ein Peloton Dragoner, das in ſchnel⸗ lem Trabe auf uns zuritt. „Die Glieder geſchloſſen und die Säbel gezogen!“ wurde kommandirt— und kaum war es gethan, als der Stab des Kaiſers herankam. Sie waren Alle in der gan⸗ zen Pracht ihrer Galauniformen und glänzten von Kreuzen und Dekorationen. Napoleon allein trug das einfache Kleid der Gardejäger mit dem Zeichen der Ehrenlegion; allein ſein ſtolzer Blick und ſein blitzendes Auge zeichneten ihn vor Allen aus. Er ritt ſein Liebliggspferd Marengo und ſchien ſich an der Lebhaftigkeit des feurigen Thieres zu freuen, das ſeine lange Mähne ſchüttelte und mit dem lan⸗ gen ſeidenhaarigen Schweife die Flanken ſchlug., Als der Zug vorüber war, ſchloſſen wir uns als Nachtrab an und folgten in ſcharfem Trott, indem wir uns mehr als je den Kopf darüber zerbrachen, was es geben würde. Nach zweiſtündigem unausgeſetztem Reiten ſahen wir einige Stabsoffiziere Front machen, dem Kaiſer ſalu⸗ tiren und ſich dann unter das Gefolge miſchen. Im näm⸗ lichen Augenblicke kam General d'Auvergne ganz nahe an mir vorüber und flüſterte mir ins Ohr:„Bernadotte iſt ſo eben angelangt und ſehr kalt empfangen worden.“ Ich wollte ihn um den Zweck der ganzen Bewegung fragen, aber er war fort, ehe ich es thun konnte. In weniger als einer Viertelſtunde verließen wir die Hauptſtraße und ka⸗ men auf eine weite Ebene, wo ich keinen andern Gegen⸗ ſtand erblickte als eine alte verfallene Mühle. Auf dieſe ritt der kaiſerliche Stab zu, während das Peloton in der Front umſchwenkte und ſich der Nachhut unſerer Schwadron anſchloß. Gleich darauf ließ man uns halten und in Schlachtordnung aufſtellen. Ich bemerkte, daß mittlerweile der Kaiſer abgeſtiegen war und ſeinen Stab entlaſſen hatte, mit Ausnahme des Marſchalls Berthier, der in kleiner Entfernung von ihm ſtand. Einige Dragoner beſchäftigten ſich damit, zwei ungeheure Feuer anzuzünden, wobei Na⸗ poleon ein oder zwei Sekunden lang mit großem Intereſſe — 31 zuzuſehen ſchien; dann nahm er ſein Fernglas und über⸗ blickte einige Minuten aufmerkſam die Straße nach Hollitſch. Sogleich folgten Aller Augen dieſer Richtung, aber wir konnten nichts ſehen. Die Straße führte einige Mei⸗ len durch weites offenes Land und verlor ſich endlich in einem dunkeln Fichtenwald, der auf beiden Seiten den Ge⸗ ſichtskreis meilenweit begränzte. Inzwiſchen ſchritt Napoleon, die Hände auf dem Rü⸗ cken, neben den flackernden Feuern auf und nieder, ſtand zuweilen ſtill, um die Straße entlang zu ſchauen und ſetzte dann ſeinen Gang wieder fort. Er war nicht mehr als zwei hundert Schritte von mir entfernt und ich konnte ge⸗ nau bemerken, mit welch ungeduldiger Geberde er ſein Fernglas jedesmal zumachte, wenn er vergebens gegen Hol⸗ litſch geblickt hatte. „Hören Sie einmal, Burke,“ flüſterte mir einer mei⸗ ner Mitoffiziere zu,„ich möchte nicht der ſein, welcher ihn ſo warten läßt. Sehen Sie dort Berthier, wie er auf⸗ paßt; er weiß, daß etwas im Anzug iſt.“ „Was kann dies Alles bedeuten?“ ſagte ich.„Wen mag er hier erwarten?“ „Man behauptet,“ erwiderte leiſe mein Gefährte, „Davouſt koͤnne die Brücke von Göding nicht halten und müſſe ſich vor den Nuſſen zurückziehen; Napoleon aber habe Alexander zu einer Zuſammenkunft hier eingeladen, um zur Verſtärkung Davouſts Zeit zu gewinnen.“ „Ganz recht— allein der Czaar iſt ein zu ſchlauer Feind, als daß dieſe Liſt gelingen könnte und wahrſchein⸗ lich kommt daher die Verzogerung, über die er jetzt zu zürnen ſcheint.“ Dieſe Vermuthung war zwar glaubwürdiger als die meiſten, die ich früher gehört hatte, ſtand jedoch in Wider⸗ ſpruch mit der Nachricht von Kaiſer Aleranders Rückzugz und ich war abermals im Zweifel, wie ich dieſe verſchie⸗ denen Gerüchte zuſammenreimen ſollte, als ich Napoleon, das Fernglas am Auge, Berthier einen Wink geben ſah, näher zu kommen. Ich wendete mich gegen die Straße und entdeckte nun in der Ferne einen dunklen Gegenſtand, der ſich auf uns zu bewegte. Einige Minuten ſpäter fiel die Sonne darauf und ich gewahrte den Schimmer von Waffen, die ſich in einer langen Linie ausdehnten, während mein Gefährte ein Glas zu Hülfe nahm und ausrief: „Ich ſehe ſie deutlich— es ſind Lanciers; die Be⸗ deckung bilden Ungarn und dort vorn iſt eine vierſpännige Kaleſche.“ Der Kaiſer ſtand bewegungslos, die Arme über die Bruſt gekreuzt und den Kopf etwas vorwärts gelehnt, gerade wie ich ihn ſo oft durch Maler und Bildhauer dargeſtellt geſehen habe— er ſah zu Boden, und wie er ſo das brennende Holz mit dem Fuße aufſtörte, konnte man leicht gewahr werden, in welch tiefe Gedanken ſein Geiſt verſunken war. Das Getrappel von Reiterei zog meine Aufmerkſamkeit auf eine andere Seite und ich er⸗ blickte gerade uns gegenüber, in einer Entfernung von etwa fünfhundert Schritten, ein Regiment ungariſche Huſaren und einige Schwadronen Uhlanen aufgeſtellt. Es blieb mir wenig Zeit, ihre prachtvolle Rüſtung, und glänzende Unifor⸗ men zu betrachten, denn bereits hielt die Kaleſche an der Straßenſeite und Fürſt Johann von Lichtenſtein verließ die⸗ ſelbe, zog ſeinen Hut und half einem andern Herrn aus dem Wagen. Langſam und dem Anſcheine nach mit An⸗ ſtrengung ſtieg eine ſchlanke magere Geſtalt, in der weißen Uniform der öſterreichiſchen Garde, aus. Im nämlichen Augenblick zogen ſich die Offiziere vom Stab zurück und ich ſah Napoleon mit offenen Armen vortreten, um den Ankömmling zu umarmen. Der öſterreichiſche Kaiſer, denn Franz war es ſelbſt, ſchien kaum im Stande, ſeine Bewe⸗ gung zu bezwingen; wir waren Zeugen, wie ſein Haupt einige Sekunden auf Napoleons Schulter lehnte— und was für Sekunden müſſen dies geweſen ſein! Wie tief mußte der Stolz des Sprößlings der Cäſaren die Demü⸗ thigung fühlen, auf dieſe Weiſe als Bittender vor einem Mann zu ſtehen, den er für einen bloßen corſiſchen Aben⸗ teurer hielt! Welche Pein mochte ſein hochmüthiger Geiſt ausgeſtanden haben, als er die Worte ſprach:„Mein Bruder!“ Als ſie neben einander der Erhöhung zu gingen, wo die Feuer brannten, konnte man leicht bemerken, daß Na⸗ poleon der Sprecher war, während ſich Franz nur von Zeit zu Zeit verbeugte oder durch Geberden ſeine Zuſtim⸗ mung auszudrücken ſchien. Als der Kaiſer auf dem für die Unterredung beſtimm⸗ ten Platze anlangte, entfernten wir uns etwa hundert Schritte weit, und obgleich die Luft ruhig und kalt war und ringsherum völlige Stille herrſchte, ſo konnten wir doch von keinem ein Wort vernehmen. Nach einer Stunde ungefähr ſchien das Geſpräch in einen heitern und launi⸗ gen Ton überzugehen, und wir hörten die Herrſcher wie⸗ derholt lachen. 3 Die Verhandlung währte über zwei Stunden, worauf ſich die beiden Kaiſer, und zwar wie uns vorkam, mit größerer Herzlichkeit, umarmten und trennten. Der Kaiſer von Oeſterreich kehrte in Begleitung des Fürſten Lichten⸗ ſtein zurück, während Napoleon wie nachdenkend einige Mi⸗ nuten lang neben dem Feuer ſtand, dann ſeinem Stab zu folgen winkte und der Landſtraße zuging. Kaum hatte der öſterreichiſche Kaiſer ſeinen Wagen erreicht, als Savary mit entblößtem Haupte und athemlos am Schlage deſſelben erſchien. Er überbrachte eine Bot⸗ ſchaft von Napoleon. Einen Augenblick darauf fuhr die Kaleſche ab, begleitet von Savary, der mit einem einzigen Adjutanten den Weg nach dem öſterreichiſchen Hauptquar⸗ tiere einſchlug. Als Napoleon im Begriffe war, ſein Pferd zu beſteigen, ſah ich General d'Auvergne ſich ihm nähern. Sie wechſelten einige Worte, dann ritt der General an mich heran und ſagte:„Burke, Sie bleiben hier, und wenn „vom General Savary Befehle ankommen, ſo eilen Sie Tom Burke. VV.. 3 damit in das Hauptquartier Seiner Majeſtät, In zwölf Stun⸗ den werden Sie abgelöst.“ Nach dieſen Worten galoppirte er zum kaiſerlichen Stabe zurück, und gleich darauf defi⸗ lirten die Schwadronen auf die Straße, das Gefolge eilte vorwärts und nichts blieb von dieſer merkwürdigen Gruppe übrig als die verglimmenden Reſte der Feuer, neben wel⸗ chen ſich das Schickſal Europas entſchieden hatte. Die alte hollitſcher Mühle war verlaſſen worden, als die öſterreichiſchen und ruſſiſchen Kolonnen ſich vor Auſter⸗ litz aufſtellten. Der Müller und ſeine Hausgenoſſen flohen bei der erſten Nachricht vom Vorrücken der Truppen und hatten nicht zurückzukommen gewagt. Es war, vom gün⸗ ſtigſten Standpunkt betrachtet, ein einſamer Platz— eine wilde Haide ohne irgend ein Obdach erſtreckte ſich meilen⸗ weit nach allen Seiten— allein jetzt in ſeiner gänzlichen Verödung war es der armſeligſte Fleck, den man ſich den⸗ ken kann. Während ich mich daher mit der Hoffnung be⸗ gnügte, mein Aufenthalt daſelbſt werde nicht lange dauern, beſchloß ich Alles zu thun, was in meinen Kräften ſtand, um mein Quartier etwas behaglicher einzuͤrichten. Meine erſte Sorge war mein Pferd, das ich in der Küche an⸗ band, wo ich froh war, einen reichlichen Vorrath von Brennholz zu finden; zunächſt durchforſchte ich die übrigen Räume, in denen ich Spuren entdeckte, daß ſie bereits von den alliirten Truppen beſetzt geweſen waren— grobe Zerr⸗ bilder des franzöſiſchen Heeres in verwirrter Flucht vor grimmig blickenden Dragonern in öſterreichiſchen und ruſſi⸗ ſchen Uniformen zierten die Wände an mehreren Stellen; ganze Haufen franzöſiſcher Gefangenen waren abgebildet, wie ſie einen einzigen öſterreichiſchen Grenadier um ihr Leben anflehten; und eine Geſtalt, welche, wie man leicht erkennen konnte, Napoleon ſelbſt vorſtellte, ſollte eben an einen Baum gehängt werden, offenbar zur größten Befrie⸗ digung einer Gruppe ruſſiſcher Offiziere, die lachend dabei ſtanden. Es iſt leicht, ſich über einen Spott luſtig zu ma⸗ chen, den die Laune des Glücks auf die Urheber ſeboſ zu⸗ rückprallen ließ— und ſo ergöͤtzte ich mich denn auch eine gute Weile an dieſen grotesken Frescobildern; ein willkom⸗ menerer Anblick erwartete mich jedoch in einem kleinen Ge⸗ mache auf der oberſten Hausflur, wo ich in großen Buch⸗ ſtaben mit Kreide auf der Thüre geſchrieben las,„Quar⸗ tier des Rittmeiſters von Ochſenhauſen“— hier fand ich zu meinem lebhafteſten Entzücken ein nett eingerichtetes Zimmer, mit einem Bett, Sopha und was noch beſſer war, einem Tiſche, auf welchem noch die Ueberbleibſel der Abendmahlzeit des Rittmeiſters ſtanden: ein ſchönes Stück Schinken, die größere Hälfte eines Kapauns, ein Laib Weizenbrod und ein irdener Krug mit meſſingenem Deckel, der ungefähr zwei Flaſchen öſterreichiſchen rothen Weines enthielt. Dieß war für mich eine ſehr freudige Ueberra⸗ ſchung— ein angenehmer Tauſch für die magere Koſt von Brod und Käſe, die ich beim Aufbrechen gerade noch Zeit gehabt hatte mir von einem Sergeanten meiner Schwa⸗ dron zu verſchaffen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich mich nicht lange beſann, des Rittmeiſters Nachfolger zu werden— ich rückte alſo den Stuhl an den Tiſch und den Tiſch näher ans Feuer, denn ſonderbar genug glommen noch einige Holzſtücke im Kamin. Nachdem ich den erſten Ungeſtüm einer Eßluſt geſtillt, welche die kalte Luft auf das Hochſte geſteigert hatte, begann ich mein Quartier in Augenſchein zu nehmen— zuerſt warf ich jedoch noch einige Klötze ins Feuer. Das Zimmer war ein Achteck mit fünf Fenſtern an den entſprechenden Wänden— ein Kamin und zwei Thü⸗ ren nahmen die drei andern ein. Eine derſelben, diejenige, durch welche ich eingetreten war, ging auf die Treppe, die andere führte auf einen Kornboden oder etwas der Art— ſo wenigſtens ſchloß ich aus einem Haufen Säcke, die auf dem Boden umher lagen und eine Ecke ganz ausfüllten. Da ich kein Getreide fand, ſo beſchloß ich mit meinem Pferd das Brod zu theilen, an welches Mahl jedes Sol⸗ datenpferd ganz gut gewöhnt iſt; darauf kehrte ich in mein kleines Gemach zurück und machte mich wieder an mein Nachteſſen, mit der Selbſtzufriedenheit eines Mannes, der ſich bewußt iſt, den Kreis ſeiner Pflichten erfüllt zu ha⸗ ben und ſich nun der Ruhe erfreuen zu können. Da ich wußte, daß das hollitſcher Schloß, wo der Kaiſer Franz ſein Hauptquartier hatte, etwa ſechs Stunden entfernt war, ſo vermuthete ich, General Savary werde von ſeiner Sendung kaum vor dem frühen Morgen zurück kommen; ich war alſo im Fall, meine Vorkehrungen zu treffen, um die Nacht da zuzubringen, wo ich mich befand. Nachdem ich nun nach meinem Pferde geſehen hatte, zu deſſen Lager ich mich einiger⸗Dutzend Kornſäcke vom Schütt⸗ boden bediente, verſorgte ich mich ſelbſt mit einem Vorrath von Holz, verriegelte dann die Thüre, verrammelte die Fenſter, ſo gut es gehen wollte, zündete meine Meerſchaum⸗ pfeife an und legte mich in möglichſt vergnügter Stim⸗ mung vor das Feuer. Ich bildete mir wirklich ein, die Glücksgöttin ſei müde, mich zu quälen und wolle mich von nun an freundlicher behandeln. Die Notiz, welche der Kaiſer von mir nahm, hatte mein Herz von einer Bürde befreit, von der es ſtets beängſtigt worden war, . und ich konnte mich des Gedankens nicht enthalten, daß ſich mir günſtigere Ausſichten eröffnen. Es iſt wahr, Zeit und Mißgeſchick hatten das Feuer der Begeiſterung ge⸗ dämpft, mit der ich in das Leben eingetreten— die heiße Sehnſucht nach Freiheit— das hochfliegende Verlangen nach perſönlicher Auszeichnung war in ruhigere Hoffnung und minder ehrgeizige Beſtrebungen übergegangen. Jung, wie ich war, erfuhr ich in mir ſelbſt jenen Wechſel der Gedanken und Empfindungen, der ſich bei andern Men⸗ ſchen erſt in vorgerückterem Alter einzuſtellen pflegt, und war auf dem Punkte, mich allmählig mit jenem Pflicht⸗ gefühl auszuſoͤhnen, das ſeinen Mann, in welcher Stel⸗ lung er auch zum Handeln berufen werden mag, lehrt, ſeine Aufgabe zu erfüllen, ohne ſich jenem maßloſen Drang nach Auszeichnung hinzugeben, deſſen Befriedigung ſo oft Enttäuſchung mit ſich führt und der, wenn er nicht ge⸗ ſtillt wird, zur Quelle bittern Leides und Mißbehagens wird. Dieſe Empfindungen drängten ſich mir mehr durch die Gewalt der Ereigniſſe auf, als daß mich mein eigenes Nachdenken darauf geleitet hätte. Die Laufbahn, in der ich als Knabe die erſten Schritte that, hatte zu nichts als Ungluck geführt, die Neigung, welche ich für das ein⸗ zige Weſen fuhlte, das ich je liebte, war ebenfalls zu ei⸗ nem unglücklichen Ausgang beſtimmt. Das leidenſchaftliche Verlangen nach Freiheit, in dem meine erſten Beſtrebungen alle ihren Mittelpunkt gefunden, hatte den gewaltigen Stoß erhalten, welchen ihm meine eigenen Ueberzeugungen beibrachten; und ich ſah nun ein, daß ich ein neues Leben beginnen mußte, indem ich trachtete, die Einwirkungen zu vergeſſen, die einen dunkeln Schatten auf meine früheſte Vergangenheit warfen, und mein Geſchick auf ganz andere Grundlagen zu bauen, als ich einſt beabſichtigt. Dies waren die letzten Gedanken, die mir vorſchweb⸗ ten, als mein Kopf auf meinen Arm ſank und ein tiefer Schlaf über mich kam. Plötzlich erweckte mich das Ge⸗ räuſch eines fallenden Scheites. Ich rieb mir die Augen und konnte mich ein paar Sekunden lang nicht beſinnen, wo ich war. Endlich wurde es mir heller im Kopf, ich ſah nach der Uhr und gewahrte, daß es erſt Zwei war. Als die Flamme des wieder angefachten Feuers ihre Helle durch das Gemach warf, bemerkte ich, daß die Thüre in den Kornboden offen ſtand. Dies fiel mir auf— ich glaubte ſie vor dem Einſchlafen zugemacht zu haben. Ja, ich erinnerte mich genau, einen Stuhl daran geſtellt zu haben, da die Klinke unbrauchbar war und kalte Zugluft herein kam; und jetzt war der Stuhl in das Zimmer her⸗ eingeſtoßen und die Thüre ſtand offen. Ein unbeſtimmtes Gefühl, halb Argwohn, halb Neugierde, ließ mich dieſen Umſtand überdenken; als mein Blick ganz zufällig auf den Tiſch fiel, wo ich meinen Säbel und meine Piſtolen ge⸗ laſſen hatte. Wie erſtaunt war ich, als ich ſah,, daß eine der letztern, diejenige, welche am nächſten bei der Thüre lag, fehlte; augenblicklich ſprang ich auf. Nichts iſt ge⸗ eigneter, Schläfrigkeit zu vertreiben, als Furcht; ich war auch ſogleich völlig munter. Als ich das Gemach vor⸗ ſichtig durchſuchte, fand ich Alles im nämlichen Zuſtande wie früher, die Thüre und die mangelnde Piſtole ausge⸗ nommen. Alſo konnte nur der Schüttboden allein dem Eindringling, wer er auch ſein mochte, zum Schlupfwinkel dienen. Was war zu thun? Außer dem Feuer im Ka⸗ min hatte ich kein Licht und wenn mir auch eines zu Ge⸗ bote ſtand, ſo gab ich mich ſelbſt damit lange vorher bloß, ehe ich einen verſteckten Feind zu entdecken hoffen konnte. Der beſte Plan, den ich mir ausdenken konnte, ſchien zu ſein, daß ich die Thüre noch einmal verrammelte, dann ſelbſt eine ſolche Stellung einnahm, die keine Blöße gab und den Morgen geduldig erwartete. Dies that ich denn auch ſogleich, und nachdem ich meine Piſtole unterſucht und in Ordnung gefunden hatte, zog ich meinen Saͤbel und nahm zwiſchen der Thüre und dem Fenſter Platz, je⸗ doch ſo, daß erſtere gegen mich aufging. Es gibt wenige Empfindungen, die peinlicher ſind, als die Uebung des Gehörſinnes, wenn ſie auf's Aeußerſte geſteigert wird. Das unaufhörliche Bemühen, das leiſeſte Geräuſch zu erhorchen, erzeugt bald Ermüdung, mit der Abſpannung des Sinnes wächſt die geiſtige Angſt, dann beginnt ein Kampf zwiſchen dem Organ, das ſich ab⸗ ſtumpft, und dem Gehirne, deſſen Aufregung ſteigt. Die geſpenſtigen Bilder, die das Auge in der Fieberhitze ſieht, ſind nicht halb ſo ſchrecklich, als die ſeltſamen, wirren Töne, die in einem ſolchen Zuſtande auf das Trommelfell ſtürmen. Jeder lebloſe Gegenſtand ſcheint mit ſeiner ei⸗ genen Stimme begabt, und flüſterndes Geräuſch unter⸗ bricht die mitternächtige Grabesſtille. In dieſer faſt bis zum Wahnſinn geſteigerten Angſt ſaß ich lange da, den Blick auf die Thüre geheſtet, die mir oft in Bewegung zu gerathen ſchien. Endlich fiel 39 mir ein, daß, wenn Jemand in der Nähe verborgen wäre, der in das Zimmer herein wollte, dieſer dadurch, daß ich mich ſchlafend ſtellte, wahrſcheinlich dazu bewogen werden könnte. 8 Ich brauchte auf den Erfolg meiner Liſt nicht lange zu warten. Die tiefen Athemzüge meines verſtellten Schlummers hatten kaum einige Minuten gewährt, als ich die Thüre ſich langſam, faſt unmerklich öffnen ſah. Zuerſt bewegte ſie ſich Zoll für Zoll, allmälig ging ſie dann weiter und weiter auf, bis ihr der Stuhl in den Weg kam. Nun blieb es einige Sekunden ruhig, während wel⸗ cher ich nur mit der größten Anſtrengung meine Rolle fortſpielen konnte, denn das Pochen in Bruſt und Schlä⸗ fen wurde beinahe unerträglich, und der Drang, vorwärts zu ſpringen, die Thüre aufzureißen und meinem Feinde gegenüber zu treten, ſo ſtark, daß ich ihm kaum mehr zu widerſtehen vermochte. Die Thüre ward von Neuem ge⸗ räuſchlos bewegt, darauf kam eine Hand zum Vorſchein, die den Stuhl ergriff und langſam zur Seite ſchob. Beim grauen Schimmer des anbrechenden Tages, der hereinfiel, konnte ich ſehen, daß der Aufſchlag des Gewandes mit Gold verbrämt war. Jetzt erreichte meine Beängſtigung den hoͤchſten Grad. Noch eine oder zwei Sekunden und ich mußte in den Kampf verwickelt werden, ohne die Zahl meiner Gegner zu kennen. Ich faßte meinen Säbel feſter, je ſchwerer und kürzer ich athmete. Der Stuhl rutſchte fortwährend geräuſchlos weiter und der Arm des Mannes ward immer mehr ſichtbar. Jetzt oder nie war der rechte Augenblick da; mit einem Sprunge ſtürzte ich darauf los, ergriff ſein Handgelenk mit aller Kraft und drückte es auf den Boden nieder, indem ich mich zugleich gegen die Thüre ſtemmte. Mit Blitzesſchnelle kam die andere Hand mit einer Piſtole bewaffnet zum Vorſchein und ich hatte bloß einen Augenblick Zeit, mich ganz niederzubücken, als eine Kugel vorbeipfiff und durch das Fenſter hinter mir ſchmet⸗ terte— während die ſchwache Thüre krachend einem 40 gewaltigen Stoße wich, ein Mann wüthend hereindrang und mich bei der Kehle packte. Mit einem Sprunge rückwärts kam ich auf die Beine, doch bevor ich meine Piſtole he⸗ ben konnte, ſtürzte er auf mich los und wir rollten beide auf den Boden. Beider Hände faßten die Piſtole, welche der Gegenſtand des Kampfes wurde. Zweimal war ſie auf mein Herz gerichtet, allein meine Fauſt hielt das Schloß, und alle Anſtrengungen meines Gegners konnten ſie nicht losreißen. Endlich machte ich meine rechte Hand von der Säbelquaſte frei, ſchlug ihn mit geballter Fauſt auf den Kopf und ſtieß ihn zurück. Seine Hand gab auf der Stelle nach, ich entrang ihm die Piſtole und ſetzte ihm die Mündung auf die Bruſt. Eine Sekunde noch und er wäre als Leiche vor mir gelegen, als ich zu mei⸗ nem Schrecken und Erſtaunen in meiuem Gegner meinen ehmaligen Freund Henri de Beauvais erkannte. Ich ſchleu⸗ derte die Waffe weg und rief:„Beauvais, vergeben Sie mir— vergeben Sie mir.“ Eine tödtliche Bläſſe bedeckte ſeine Züge, ſeine Augen wurden ſtier und gläſern, er ſtöhnte tief und fiel ohnmächtig zu Boden. Ich netzte ſeine Schläfe mit Waſſer, feuchtete ſeine blaſſen Lippen an und rieb ſeine ſtarren Finger; allein es dauerte lange, bevor er zu ſich kam und als dies endlich geſchah und er aufblickte, ſchloß er ſogleich ſeine Augen wieder, wie wenn mein Anblick ſchlimmer wäre, als der Tod ſelbſt. „Kommen Sie, Henri,“ ſagte ich,„ein Glas Wein, mein Freund! und Sie werden ſich gleich beſſer fühlen. Danken Sie Gott, daß es nicht ſchlimmer endete.“ Er ſchlug ſeine Augen gegen mich auf, aber mit einem Blick ſtolzer, unverſöhnlicher Strenge, während er kein Wort ſprach. „Es iſt unbillig, mich deßwegen zu tadeln, Beauvais,“ bemerkte ich. „Ich ſage noch einmal, vergeben Sie mir.“ Seine Lippen bewegten ſich, ich hörte einige Toͤne,. aber Worte konnte ich nicht verſtehen. 4 41 „Ach was,“ rief ich,„es iſt jetzt geſchehen und vor⸗ bei. Hier iſt meine Hand.“ „Sie ſchlugen mich mit dieſer Hand,“ ſagte er mit tiefer deutlicher Stimme, als ob jedes Wort aus dem Grunde ſeines Herzens käme. „Und wenn ich es auch that, Henri, mein Leben ſtand auf dem Spiele.“ „O daß Sie mir das meinige nicht damit genommen haben!“ rief er mit einer Bitterkeit, die ich nie vergeſſen werde. „Ich bin der Erſte meines Namens, welcher je einen Schlag erhalten, und will's Gott, auch der Letzte!“ „Sie vergeſſen, Beauvais—“ „Nein, mein Herr, ich vergeſſe Nichts. Und ich ver⸗ ſichere Ihnen noch dazu, daß ich dieſe Nacht niemals ver⸗ geſſen werde. Bei jedem Andern als gerade bei Ihnen wurde ich nicht verzweifeln, die Genugthuung zu erhalten, welche allein einen ſolchen Schandfleck abwaſchen kann; aber Sie— Sie kenne ich zu gut— Sie werden mir dieſe nicht geben.“ „Sie haben Recht, Beauvais— ich will nicht,“ ſagte ich ruhig.„Es thut mir leid, daß auch nur ein bloßer Zufall uns in Streit gebracht hat. Es iſt ein Un⸗ glück, ich fühle es tief, und werde es lange Zeit fühlen.“ „Und ich, mein Herr,“ ſchrie er plötzlich aufſpringend mit flammenden Augen und dunkelrothen Wangen—„und ich, Herr— was werden wohl meine Gefühle ſein? Glau⸗ ben Sie, weil ich ein Verbannter, Verwieſener bin— durch Unglück gezwungen, eine Livree zu tragen, welche nicht die meines rechtmäßigen Herrn iſt, glauben Sie, deßwegen habe mein Ehrgefühl ſich vermindert und das Bewußtſein einer erlittenen Beleidigung laſte nicht ſo ſchwer als je auf meiner Seele?“ „Nur der Zorn kann Sie für die Thatſache blind machen, daß, was ohne Abſicht geſchah, nicht beſchimpfend ſein kann.“ „Verſchonen Sie mich mit Ihrer Caſuiſtik,“ erwie⸗ derte er mit einer trotzigen Handbewegung, während er in einen Stuhl ſank und den Kopf auf den Tiſch lehnte. Auf eine ſo unerträgliche Weiſe gereizt, war ich einen Augenblick auf dem Punkte, meine Faſſung zu verlieren, als ich gewahrte, daß über dem Knie ein Sacktuch feſt um ſein Bein gebunden war, wo ein großer Blutfleck die Stelle bezeichnete. Der Gedanke, er ſei verwundet, ver⸗ ſcheuchte jedes Fünkchen von Groll, und meine Hand auf ſeine Schulter legend, ſagte ichn „Beauvais, ich kenne Niemand außer Ihnen, zu dem ich dreimal ſagen würde: Vergeben Sie mir; aber wir waren einſt Freunde, als wir Beide glücklicher waren! Ihm, der nicht mehr iſt, zu Liebe— der arme Charles de Meudon—“. Ein Verräther, Herr— ein gemeiner Verräther an dem Könige ſeiner Ahnen.“ „Das ertrage ich nicht,“ ſagte ich leidenſchaftlich; „Niemand darf es wagen—ℳ „Wagen!“ „Ja, wagen— ſo lautete das Wort. Das Andenken eines Mannes gleich ihm beſchimpfen, heißt ctwas wagen, was keinem Manne von Ehre und Wahrheitsliebe ziemt.“ „Kommen Sie, ich bin bereit,“ entgegnete Beauvais, indem er aufſtand und auf die Thüre wies—„sortons!“ Keiner, der dieſes eine Wort nicht ſchon von Franzoſen hat ausſprechen hören, kann ſich eine Vorſtellung davon machen, welch wilde Feindſchaft und tödtlichen Haß es in ſich begreift. Es iſt die Herausforderung, welche dem Manne, der ſie nicht annimmt, auf ewig den Stempel der Feigheit aufdrückt; von dieſer Stunde an hört alle Gleich⸗ heit zwiſchen denen auf, die ein Zweikampf auf die näm⸗ liche Stuſe geſtellt hätte.„Sortons!“ Das Wort gellte in meinen Ohren und tönte mir bis ins Innerſte der Seele, während ein Heer verſchiedener Gefühle mich be⸗ ſtürmte. Scham, Kummer, beleidigter Stolz rangen um 43 die Oberhand; aber über Allen ein höherer und beſſerer Geiſt— der feſte Entſchluß, komme was da wolle, keiner Aufreizung nachzugeben, die von Beauvais ausging, um mich zu verleiten, ihm als Feind gegenüberzutreten. „Was muß ich denken, mein Herr?“ ſagte er mit vor Zorn kaum vernehmbarer Stimme. Was ſoll ich denken von Ihrer Zoͤgerung— warum ſtehen Sie unthätig hier? Beſinnen Sie ſich vielleicht, welche neue Beſchimpfungen Sie zu denen fügen wollen, die Sie ſchon auf mich ge⸗ häuft haben?“. „Nein, mein Herr,“ erwiederte ich feſt;„weit ent⸗ fernt, an Beleidigungen zu denken, thun mir die Worte, welche ich bereits geſprochen, nur zu leid. Ich ſollte mich an Ihre Stellung erinnert und in dem Gedanken daran der Heftigkeit politiſcher Parteiempfindungen, die ans einer edlen, allein, wie ich glaube, irrigen Quelle entſpringen, Einiges zu Gute gehalten haben.“ „Wirklich! unterbrach er mich ſpöttiſch;„iſt es alſo dahin gekommen? Soll ich, ein geborner Franzoſe, von einem fremden Söldling über meine Unterthanentreue be⸗ lehrt werden?“. Auch dieſer Hohn, Beauvais, ſoll Ihnen nicht hel⸗ fen; ich gehe von meinem Entſchluſſe nicht ab.“ „Nun bei Gott,“ ſchrie er mit wilder Energie,„dann bleibt nichts übrig als dieſes.“— Bei dieſen Worten ſprang er von ſeinem Stuhle auf und mit einem Satze auf mich los. Dabei ſtieß er jedoch mit ſeinem Knie an den Tiſch, taumelte mit einem Schmerzgeſtöhne zurück und fiel auf den Boden, wäahrend aus ſeiner wieder geoͤffne⸗ ten Wunde ein Blutſtrom kam und das Zimmer über⸗ ſchwemmte. 3 Einige Augenblicke wehrte er mich mit einer Hand⸗ bewegung ab; als jedoch ſeine Schwäche zunahm, lag er leidend und widerſtandslos da und ließ mich dem Bluten durch diejenigen Mittel Einhalt thun, die ich anzuwenden im Stande war. „es iſt nicht Alles verloren— nicht Alles; noch haben wir die Vendee.“ Er träumte. Drittes Kapitel. Der Waffenſtillſtand. Als ich da ſaß und mit unverwandtem Blick die Züge des Schlafenden bewachte, hörte ich das Getrappel von Pferdehufen unten auf den Steinen, und im nächſten Augenblick den ſchweren Tritt von Jemanden, der die Treppe herauf kam. Plötzlich ſprang die Thüre weit auf und ein Offizier in der prächtigen Uniform der öſterreichi⸗ ſchen Kaiſergarde trat herein. „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ ſagte er, ſich ſehr höflich verbeugend,„ich verzweifelte beinahe, Sie aufzufin⸗ den. Ich komme von Hollitſch mit Depeſchen für Ihren Kaiſer, welche die größte Eile erfordern, wie Sie, denke ich, aus dieſer Note erſehen werden.“ Während meine Augen über die wenigen Zeilen glei⸗ teten, die General Savary an den auf dem Poſten in Hol⸗ litſch ſtehenden Offizier richtete, und welche die ſchnellſte Beförderung der beigelegten Depeſche forderten, nahte ſich⸗ der Offizier dem Bette, wo Beauvais lag. „Herr Gott, es iſt der Graf!“ rief er, erſtaunt zu⸗ rücktretend. 4 „Ja,“ unterbrach ich ihn; nich fand ihn bei meiner Ankunft hier; er iſt ſchwer verwundet und ſollte ſogleich weiter gebracht werden. Wie iſt dieß möglich?“ „Sehr leicht. Ich will meine Ordonnanz ſogleich nach Hollitſch ſenden und hier bleiben, bis ſie zurückkommt.“ „Aber wenn unſere Truppen vorrücken?“ Es dauerte lange, bis ich das aus der klaffenden Oeffnung rieſelnde Blut ſtillen konnte; die Wunde rührte von einem Säbelhieb her, der durch den Obertheil des Stiefels tief in den Schenkel gedrungen war. Zum Glück wurde ſeine Wiederherſtellung dadurch begünſtigt, daß es ihm ſelbſt früher gelungen war, ſich des Stiefels zu ent⸗ ledigen, ſo daß meiner ärztlichen Obſorge nichts im Wege ſtand. Ich hob ihn behutſam auf, legte ihn auf das Bett und netzte ſeine Lippen mit ein wenig Wein. Seine Mat⸗ tigkeit währte noch immer fort; nichts deutete auf die Wiederkehr ſeiner Kräfte, aber ſeine bleichen und eingefal⸗ lenen Züge bedeckte kalter Schweiß, der in ſchweren Tro⸗ pfen auf ſeiner Stirne hing. Nie kam eine Angſt der meinigen gleich. Ich ſah, wie das Leben allmälig von ihm wich; ſein Athem wurde ſchwächer und unregelmäßi⸗ ger; ſein Puls war kaum mehr zu ſpüren; doch wagte ich nicht, meinen Poſten zu verlaſſen, um Hülfe zu ſuchen. Hundert Gedanken wirbelten mir durch den Kopf, darunter auch die Selbſtanklage, daß ich an ſeinem Tode Schuld ſei. Ja, dachte ich, weit beſſer wäre es geweſen, hätte ich mich mit Geſahr meines Lebens ſeiner Piſtole gegenüber geſtellt, als daß ich ihn nun in dieſem Zuſtande erblicken muß. Alle ſeine bittern Reden und beleidigenden Geberden waren im Augenblicke vergeſſen. Sein Ausſehen war demjenigen ſo ähnlich, welches ich einſt an ihm kannte, daß mein Geiſt wieder zu frühern Scenen und Zeiten zu⸗ rückwanderte und die Erinnerung allen Groll verwiſchte. Der arme Burſche— wie traurig war ſein Geſchick; er kämpfte gegen ſein Land— die Triumphe ſeiner Hei⸗ math waren ihm ein Gegenſtand der Klage. Mir, einem Fremden, war wenigſtens dieſe Qual erſpart. Als mir dieſe Gedanken durch den Kepf fuhren, fühlte ich ein ſchwaches Drüͤcken ſeiner Hand. Voll Freude kniete ich nieder und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr: „Nein, nein,“ murmelte er in leiſem, klagendem Tone, „Nein, nein; davor ſind wir ganz ſicher;— der Waffenſtillſtand iſt unterzeichnet. Gerade die Devpeſche, welche Sie in Ihrer Hand haben, enthält, wie ich glaube, den Vertrag.“ Dieß mahnte mich, daß ich ſchon zu lange den mir anvertrauten wichtigen Dienſt verzögert hatte; mit der haſtigen Bitte an den Oeſterreicher, Beausais nicht zu ver⸗ laſſen, eilte ich die Treppen hinunter und ſattelte mein Pferd.. „Noch ein Wort, mein Herr,“ Jagte der Offizier, als ich eben im Aufſteigen begriffen war.„Darf ich um den Namen des Mannes bitten, dem meine Waffenbrüder das Leben eines vielgeliebten Kameraden verdanken? „Mein Name iſt Burke— und der Ihrige, mein Herr? „Berghauſen, Schwadronschef der kaiſerlichen Garde. Sollten Sie jemals nach Wien kommen“— aber ich über⸗ hörte die folgenden Worte, indem ich meinem Pferde die Sporen gab und dem Hauptquartier des Kaiſers zugalop⸗ pirte. d Als ich vorwärts ritt, waren meine Augen ſtets ängſt⸗ lich nach der Gegend, wo unſer Lager ſtand, gerichtet, in⸗ dem ich keine Minute ſicher war, eine Abtheilung die Straße entlang vorrücken zu ſehen, und befürchtete, die Vorpoſten könnten das kleine Detaſchement in Hollitſch aufheben, bevor die Depeſchen dem Kaiſer zukamen. Auf keinem Punkte ſeiner Laufbahn war Napoleon entrüſteter gegen die Anhänger der Bourbons, und fiel Beauvais in ſeine Hände, ſo war ich gewiß, daß nichts ihn gerettet hätte. Der Kaiſer verband ſtets in ſeinen Gedanken, und wohl mit Recht, die Umtriebe der Roya⸗ liſten mit den Planen der engliſchen Regierung. Er wußte, daß das Land, welches ihrem König eine Zufluchtsſtätte bot, auch den Andern Schutz gewährte; und viele der ſchwerſten Anklagen gegen das„verräͤtheriſche Albion“ hat⸗ ten keinen andern Grund als die Furcht, deren er ſich nie —ÿ 47 entledigen konnte, daß der legitime Monarch einſt Frank⸗ reich wiedergegeben werden moͤchte.. Während dieß die Gefühle Napoleons waren, hatte der Tod des Herzogs von Enghien den Haß der Bourbo⸗ niſten faſt bis zum Wahnſinn geſteigert. Meine eigene un⸗ glückliche Erfahrung flößte mir mehr als je Furcht davor ein, mit den Gliedern dieſer Partei in irgend eine Berüh⸗ rung zu kommen; und ich ritt darauf los, als ob mein Leben ſelbſt davon abhinge, daß ich das kaiſerliche Haupt⸗ quartier einige Minuten früher erreichte. Als ich mich dem Lager näherte, fand ich zu meiner größten Freude, daß man an keine Bewegung dachte. Die Leute waren damit beſchäftigt, ihre Waffen und Kleider zu putzen, die gebrochenen Wagen und Laffetten auszubeſſern und die Spuren der Schlacht ſo gut als möglich zu ver⸗ wiſchen. Die Offiziere ſtanden in Gruppen da und dort und plauderten nach Herzensluſt, während von den Solda⸗ ten bloß die eben aus Frankreich angelangten Konſkribirten — einige tauſend an der Zahl— die in Eilmärſchen von den Ufern des Rheins hergekommen waren, unter Waffen ſtanden. 3 Die um das Hauptquartier des Kaiſers verſammelte Schaar von Offizieren drängten ſich an mich heran, als ich vom Pferde ſtieg und alle waren ſehr begierig, zu er⸗ fahren, welche Nachricht ich von Hollitſch bringe; denn ſie wußten nicht, daß ich beinahe auf der Hälfte des Weges an der Straße poſtirt geweſen war. „Nun, Burke,“ ſagte General d'Auvergne und legte ſeinen Arm in den meinigen,„man hat Ihre Ankunft die⸗ ſen Morgen mit großer Spannung erwartet. Ich hoffe, die Depeſchen, welche Sie bringen, werden das, was vor⸗ gefallen iſt, wenigſtens erklären, wenn auch nicht wider⸗ ſprechen.“ „Iſt dieß der Offtzier von Hollitſch?“ fragte der Ad⸗ jutant des Kaiſers, indem er haſtig herankam.„Die De⸗ peſche, mein Herr,“ rief er und eilte damit zur kleinen Hütte, die Napoleon zum Bivouae diente. Auf dem offe⸗ nen Platze, wo ich ſtand, befand ſich außer mir nur noch ein Lancieroffizier, deſſen mit Koth beſpritzte Uniform an⸗ deutete, daß er zu einem aͤhnlichen Dienſte wie ich ge⸗ braucht worden war. „Ich denke, mein Herr,“ begann er mit einer Ver⸗ beugung,„Sie haben dieſen Morgen auch einen ſcharfen Ritt gehabt. Ich bin gerade von Göding gekommen— vier Stunden; die ich in weniger als einer einzigen zurück⸗ legte; und dennoch ſcheint es mir⸗zu ſpät, um dem Ge⸗ ſchehenen abzuhelfen.“ „Was iſt denn vorgefallen 2 „Davouſt iſt zu einem Wafeenſtillſtand verleitet wor⸗ den und hat die Ruſſen über die Brücke gehen laſſen. Der Kaiſer Alerander hat die Unterhandlungen mit Oeſterreich benützt und ſein Heer aus der Patſche gezogen— ſo we⸗ nigſtens hat es den Anſchein— ich ſah Napoleon die De⸗ peſche in Stücke zerreißen und mit dem Fuße darauf tre⸗ ten— aber hier kommt er ja ſelbſt.“ Dieſe Worte waren kaum geſprochen, als der Kaiſer, von ſeinem Stabe gefolgt, raſch herankam. Er trug einen grauen, mit dunklem Pelzwerk verbrämten Ueberrock und hielt die Hände in den Aufſchlägen deſſelben über einander. - Sein Geſicht war todtenbleich und außer einem leichten Runzeln der Augenbrauen war kein Zeichen des Unmuths an ihm bemerkbar. 4 „Wer brachte die Depeſche von Göding 2 „Ich, Sire,“ erwiederte der Offizier. „Wie ſind die Straßen, mein Herr 59 „Sehr durchſchnitten, und an einer Stelle hat das Waſſer einen Theil von einer Brücke weggenommen.“ „Ich wußte es, ich wußte es,“ wiederholte er bitter; „es iſt zu ſpät. Duroe,“ rief er, und die Worte ſchienen mit einem ziſchenden Laut hervorzukommen,„ſagte ich Ih⸗ nen nicht: Grattez le Russe, et vous trouverez le Tartar der Tar (Kratzt dem Ruſſen ſein Bischen Firniß ab, und ar kommt zum Vorſchein.)“ Die e Worte prägten ſich meinem Gevächtniſſe ein; ſogar jetzt noch kann ich mich ſo deutlich an ihre Beto⸗ nung erinnern, als häͤtte ich ſ erſt gehört. „„Sie kumen von General Lhuchen Bringen di ieſen Brief. Haben Sie geſchrieben, Duroc? Gut, geben Sie dieß dem General Savary in Hollitſch— er wird Sie vielleicht nach Göding beordern ſind Sie gut berltten 99 „Ja, Sire.“ „Wohlan; ich ernannte Sie geſtern zum Kapitän; wir wollen ſehen, ob Sie heute Ihre Sporen verdienen können.“ 3 Von dem Augenb licke, da ich die Depeſche empfing, ſloßen nicht mehr als fünf Minuten, bis ich im Sattel . Der Gedanke, von dem Kaiſer ſelbſt zu einem Dienſt gewahtt wo rden an ſein, machte mich ſtolz und ich beſchloß, zu zeihen. In welchem Einklang ſchlägt nicht das Herz mit den lebhaften Schritten eines feurigen Pſerdes; wie wärmt jeder kühne Sprung das Blut und bele bt den Geiſt; und wenn wir in raſchem Jagen über Thal und Hügel wie im Fluge den Wolken zuvorkommen, die über uns ziehen, wie begeiſtert fühlen wir uns dann von dieſem Freihei liene fühl, das ſich in uns verwirklicht— unſere Gedanken, die ſchrankenlos umherſchweifen wie wir ſelbſt, reißen ſich von den Zweifeln und Sorgen des All⸗ tagslebens los und erheben ſich ſrei in die Lüfte. Vorwärts Ainges und bald ſah ich die alte Mühle ihr verfallenes T Dach in der traurigen Oede der Fläche erheben. Ich konn te dem Drange nicht widerſtehen, nach⸗ zuſehen, was aus Beauvais geworden, und nachdem ich mein Pferd in die Küche geführt, eilte ich die Treppen hinauf und durch die Gemächer; Alles war leer, das kleine Tom Burke. IV. 4 Wendung S Zimmer ſtand offen— anch der Speicher— aber Nie⸗ mand war da. Mit erleichtertem Herzen ſtieg ich wieder auf, ſetzte meinen Weg fort und erreichte bald die dunkeln Wäͤlder von Hollitſch. Das Schloß und die Domane von Hol⸗ litſch war Privateigenthum des Kaiſers Franz und früher ein Lieblingsaufenthalt Joſeyhs des Zweiten auf ſeinen Jagdpartieen. Das Schloß ſelbſt war eine große unregel⸗ mäßige Maſſe von Gebäuden, aber bei allem Mangel an architektoniſcher Uebereinſtimmung gewährte es doch einen maleriſchen, und der ältere Theil deſſelben ſogar einen hüb⸗ ſchen Anblick. Während ich vor einer langen Terraſſe ſtand, auf die ſich mehrere Fenſter von einer Galerie, die längs einer Seite des Schloſſes hinlief, öffneten, war ich etwas erſtaunt, keine Wache zu ſehen, auch nicht einmal einen einzigen Poſten aufgeſtellt zu finden. Ich ſtieg ab, führte mein Pferd und näherte mich der Allee, welche zwiſchen einer doppelten Reihe von Statuen zum Thore führte. Ein alter Mann, mit dem herabgekrämpten Hut und der leichten blauen Jacke der böhmiſchen Bauern, war eifrig beſchäftigt, Strohmatten um einige Sträucher zu binden, um ſie vor Froſt zu bewahren. Ein kleiner Knabe — ſein lebhaftes Ebenbild in Kleidung— ſtand neben ihm mit ſeinem Gartenmeſſer und ſtarrte mich mit einer Art dummer Verwunderung an, als ich mich näherte. Mit einiger Mühe konnte ich von dem Alten heraus⸗ bringen, daß der Kaiſer ein kleineres Gebäude, Kaiſerluſt genannt, ungefähr eine halbe Meile entfernt im Walde, bewohnte und den ſtrengſten Befehl gegeben hatte, daß ſich Niemand dem Schloſſe oder auch nur dem dazu gehören⸗ den Grunde nähern ſolle. Es war ſein Lieblingsſitz und vielleicht wünſchte er nicht die Erinnerung an eine ſolche Unglückszeit damit zu verbinden. Der alte Bauer ſetzte, während er ſprach, ſeine Be⸗ ſchäftigung fort, ohne den Kopf davon zu erheben und ſchien ganz in die unumgängliche Nothwendigkeit ſeines Werkes vertieft. Als ich ihn nach der nächſten Straße zum kaiſerlichen Hauptquartier fragte, erſuchte er mich, ihm für einen Augenblick die Matte halten zu helfen, mit welcher er nun eine Marmorſtatue Maria Thereſia's ein⸗ zuwickeln im Begriffe war. Ich konnte ein ſo natürlich angebrachtes Begehren nicht abſchlagen und während ich ihm entſprach, öffnete ſich in geringer Entfernung ein kleines Pförtchen und ein hochgewachſener Mann in grauem Ueberrock und einfachem aufgeſtülptem Hut ohne Feder trat ein; er hielt eine Reit⸗ peitſche in der Hand und ſchien, ſeinen mit Koth beſpritzten Kleidern nach, eben vom Pferde geſtiegen zu ſein. „Nun, Fritz,“ ſagte er,„ich hoffe, die Kälte hat uns keinen Schaden gethan?“ Der alte Gärtner wendete ſich bei dieſen Worten um, griff ehrerbietig an ſeinen Hut und erwiederte, während er fortarbeitete: „Nein, Herr, es war nur ein weißer Reif und Alles iſt gut davon gekommen.“ „Und was habt Ihr hier für einen Gehülfen, wenn ich fragen darf?“ fuhr er fort und zeigte auf mich, den er nun erſt ſah. Da die Frage deutſch geſchah, überließ ich, obgleich ich ſie verſtand, die Antwort dem Gärtner. „Gott weiß,“ ſagte der alte Burſche im Tone der ruhigſten Gleichgültigkeit;„ich denke, er muß ſo eine Art Soldat ſein.“ Der Andere lächelte zu dieſer Bemerkung und ſich zu mir kehrend ſagte er auf Franzöſiſch:„Da Sie ein Frem⸗ der ſind, iſt es Ihnen vermuthlich unbekannt, daß es des öſterreichiſchen Kaiſers Wille iſt, dieſes Schloß ſoll ohne beſondere Erlaubniß nicht betreten werden.“ „Mein Vergehen, mein Herr,“ erwiederte ich,„war rein zufällig. Ich bin der Ueberbringer von Depeſchen für General Savary und da ich anhielt, um dieſen Ehren⸗ mann zu fragen— „Der General iſt nach Goͤding abgereist,“ unterbrach er, ohne meiner Erläuterung fernere Aufmerkſamkeit zu ſchenken. „Nach Goding, und darf ich fragen, wie weit es dahin iſt?“ „Kaum eine Stunde, wenn Sie den rechten Weg finden können; die Straße zieht ſich dorthin, wo Sie die verdorrte Föhre ſehen.“. „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ entgegnete ich und berührte meinen Hut;„ich muß jeßt meinen Freund hier bitten, mich zu entlaſſen— mein Auftrag iſt von Wich⸗ tigkeit.“ „Sie werden indeß vielleicht im Wald auf einige Schwierigkeiten ſtoßen,“ ſagte er;„ich will meinen Be⸗ dienten einen Theil des Weges mit Ihnen ſchicken.“ Bevor ich meinen Dank für eine ſo unerwartete Hoͤf⸗ lichkeit angemeſſen ausdrücken konnte, verſchwand er nach der Richtung, in welcher er einige Minuten früher einge⸗ treten war. 4 „Sagt mir doch, mein guter Freund, den Namen dieſes Herrn— er gehört zum Stabe des Kaiſers, wenn ich nicht irre. Es iſt mir, als hätte ich ſein Geſicht ſchon geſehen.“ „Wenn Sie es hätten,“ bemerkte der Alte lachend, „ſo würden Sie ihn kaum vergeſſen haben— der alte Franzerl iſt ſchon ſeit zwanzig Jahren immer der nämliche.“ „Wen meint Ihr?“ Ehe er Antwort geben konnte, ſtand der Andere an meiner Seite. „ Nun, mein Herr,“ ſagte er,„man wird Sie auf die Landſtraße geleiten. Ich wuͤnſche Ihnen glückliche Reiſe.“ Dieſe Worte wurden in einem Tone geſprochen, der etwas ſtolzer war als ſeine frühere Ausdrucksweiſe; ich begnügte mich, für ſeine Aufmerkſamkeit höflich zu danken, verbeugte mich und kehrte zu meinem Pferde zurück, das der kleine Bauernknabe bis jetzt gehalten hatte. „Hierher, mein Herr,“ ſagte der Bediente, welcher in ſ— eine einfache dunkelbraune Livree gekleidet war und ein ſtar⸗ kes wohlgebautes Pferd ritt. Zugleich galoppirte er ſo ſchnell vorwärts, daß ich ihn mit aller Anſtrengung nicht einholen konnte. In we⸗ niger als zehn Minuten hielt er an, wartete bis ich heran kam, und zeigte auf eine ſanfte Anhöhe vor mir,, über welche die Landſtraße führte. „Dorthin geht der Weg, mein Herr; wenn Sie ſo ſchnell reiten, wie bisher, ſo erreichen Sie Göding in zwanzig Minuten.“ „Noch ein Wort,“ ſagte ich und zog meine Boͤrſe; „ein Wort. Wer iſt Ihr Herr?“ 1 Der Bediente lächelte, berührte leichthin ſeinen Hut, wendete, ohne eine Sylbe zu erwiedern, ſein Pferd und hatte, bevor ich meine Frage wiederholen konnte, ſchon ein gutes Stück Weges zum Schloſſe zurückgelegt. Vor mir hatte ich den Fluß und die kleine Brücke von Goͤding, über welche jetzt die ruſſiſchen Heeresabthei⸗ lungen in raſcher, aber gedrängter Folge zogen. Die Reiterei war ſchon faſt ganz hinüber und mit einigem Feldgeſchütz das Uſer entlang aufgeſtellt, während auf halbe Kanonenſchußweite das Corps Davouſts in Schlacht⸗ ordnung ſtand und dem Auftritte zuſah. Wo die Ebene etwas anſtieg, war ein glänzender Stab verſammelt, dem ſich ein Trupp tartariſcher Reiter anſchloß, deren hellfarbige und ſonderbare Ausrüſtung einen bemerkenswerthen Zug des Gemäldes bildete, und hier erfuhr ich, daß ſich der Kaiſer Alerander mit dem General Savary dort be⸗ fand. Als ich näher kam, fiel meine franzöſiſche Uniform dem letztern ins Auge und er ritt mir in leichtem Galopp entgegen. Er riß die Depeſche ungeſtüm auf und durch⸗ ging raſch ihren kurzen Inhalt; dann ergriff er meinen Arm und rief: 1 „Blicken Sie dorthin, mein Herr; Sie ſehen, daß ſich Ihre Reihen bis Serritz ausdehnen. Kehren Sie zu⸗ 54 rück und ſagen Sie es Sr. Majeſtät; doch nein— meine eigene Sendung hier iſt zu Ende. Sie können nach Auſter⸗ litz zurückgehen.“ Nach dieſen Worten ritt er wieder zu der den Kaiſer umgebenden Gruppe, wo ich ihn einige Minuten ſpäter ſich an Se. Majeſtät wenden und dann einen föoͤrmlichen Abſchied nehmen ſah; darauf wendete er ſein Pferd und ſchlug den Weg nach Brünn ein. Als ich meine Schritte nach dom Lager zurücklenkte, begann ich die Ereigniſſe zu überdenken, die eben vorge⸗ fallen waren, und ſo unvollkommene Kenntniſſe ich von den Unterhandlungen beſaß, war es mir doch klar, daß der Czaar den Kaiſer Napoleon überliſtet hatte. Freilich wußte ich nicht, welchen Mitteln er dieſen Erfolg ver⸗ dankte und erſt viele Jahre nachher wurden mir die weni⸗ gen eigenhändigen Zeilen bekannt, durch welche Alerander den Marſchall Davouſt verleitet hatte, ſeine Operationen einzuſtellen, indem er vorgab, in den öſterreichiſchen Waf⸗ ſenſtillſtand ſei das ruſſiſche Heer mit einbegriffen. Es war eine unwürdige Handlung und unziemlich für einen Mann, deſſen hoher perſöͤnlicher Muth und ritterliches We⸗ ſen etwas Beſſeres verſprach. Viertes Kapitel. Die„Eliten⸗Compagnie.“« Mit welch' triumphirenden Empfindungen auch Kai⸗ ſer Napoleon die glorreiche Beendigung dieſes kurzen Feld⸗ zuges betrachtet haben mag, den jungen Officieren des Heeres gereichte ſie durchaus nicht zur Befriedigung, und die Nachricht vom Waffenſtillſtande wurde im Lager mit Trauer und Mißvergnügen aufgenommen. 55 Das glänzende Treſſen bei Elchingen und der große Sieg bei Auſterlitz wurden als ruhmvolle Vorzeichen künf⸗ tiger Erfolge begrüßt, für welche die hochtönenden Redens⸗ arten eines Bülletins nur eine armſelige Vergütung ſchie⸗ nen. Ein großer Theil des Heeres beſtand aus neuaus⸗ gehobenen Truppen, die noch keine Dienſte geleiſtet hatten und ſich deſto mehr nach Gelegenheit ſehnten, ſich auszu⸗ zeichnen, und für dieſe war die Ausſicht auf eine trium⸗ phirende Rückkehr nach Frankreich ein ſchlechter Tauſch gegen jene Schlachtfelder, auf welchen ſie Ehre und Ruhm einzuerndten träumten, und von denen ſie den Anfang ihres Glückes herzuſchreiben hofften. Wir ahnten nicht, daß Napoleon, während Friedensworte und Betheurungen von Mäßigung auf ſeinen Lippen waren, in demſelben Augen⸗ blicke an die Eröffnung jenes großen Feldzuges dachte, der mit Jena begann und mit dem blutigſten und längſten ſeiner Kriege endete.. Es war jedoch von nichts die Rede als von den Fe⸗ ſten, die uns bei unſerer Rückkehr nach Paris erwarteten. Zugleich wurden allen Verwundeten freigebige Geldunter⸗ ſtützungen angewieſen und nichts geſpart, um zu beweiſen, wie ernſt es dem Kaiſer mit dem Ausdrucke war, der auf ſo emphatiſche Weiſe ſein Bülletin eröffnete—„Soldaten, ich bin mit euch zufrieden.“ Napoleon begriff ſehr gut und ſchien es⸗vorausge⸗ ſehen zu haben, daß das plötzliche Einſtellen der Feind⸗ ſeligkeiten die Hoffnungen des Heeres täuſchen würde: Er beſtrebte ſich nun, dem Strome der Begeiſterung eine an⸗ dere harmloſere Richtung zu geben. Die Hauptmaſſe des Heeres wurde in der Umgebung von Brünn und Olmütz eingelagert; einige auserleſene Regimenter wurden nach Wien zurückberufen, wo, wie es hieß, der Kaiſer bald ſein Hauptquartier aufſchlagen ſollte, während aus mehreren von denen, die durch Eilmärſche und Strapazen am mei⸗ ſten gelitten hatten, ein Bedeckungscorps gebildet wurde, um die ruſſiſchen Gefangenen— ſechszehntauſend an der 56 Zahl— auf ihrem Wege nach Frankreich zu geleiten; und endlich ne eine„Eliten⸗ Comypagnie,“ wie man ſie nannte, auserwählt, um dem Senate die glorreiche Sie⸗ gesbeute zu bringen— fünfundvierz. Fahnen, die auf dem Schlachtfelde von Auſterli krobert worden und nun beſtimmt waren, den Palaſt L Luxembourg zu ſchmücken. Ich hatte mich kaum zum beſcheidenen Nachteſſen meines Bivouacs niedergeſetzt, als eine Ordonnanz mich zu General d'Auvergne beſchied. dM⸗ kleine Zimmer, de⸗ ches er in einer Bauernhütte bewohlnte, war ſo mit Oſſi⸗ zieren angefüllt, daß einige Zeit verſtrich, bevor ich mich ihm nähern konnte, und meine Ungeduld wurde nicht ver⸗ mindert, als ich meinen Namen mehr als einmal laut er⸗ wähnen hörte— ein Umſtand, der einen jungen Mann in der Gegenwart ſeines Vorgeſetzten auf eine ziemlich harte Probe ſtellt. „Hier iſt er ja,“ ſagte der General und winkte mir vorwärts zu kommen. .„Burke, Seine Majeſtät hat mir allergnädigſt er⸗ laubt, Ihren Ramen der Eliten⸗Compagnie beizufügen, ein Beweis ſeiner Zufriedenheit, auf den Sie alle Urſache haben ſtolz zu ſein, und gerade als ich im Begriffe war, Ihnen dieß mitzutheilen, erhielt ich vom Marſchall Murat eine Botſchaft, durch die er mich erſucht, Ihnen zu erlau⸗ ben, in ſeinen eigenen Stab zu treten.“— „,Ja Kapitän,“ ſagte ein Offizier in Oberſtuniſorm — es war das erſte Mal, daß ich mit meinem neuen Titel angeredet wurde, und ich kann nicht beſchreiben, wel⸗ ches Vergnügen mir das Wort machte—„Marſchall Murat hat mit beſonderer Befriedigung Ihr entſchiedenes und feſtes Benehmen am zweiten bemerkt, und mich mit einem Anerbieten hieher geſchickt, das meines Erachtens nur wenige Offiziere nicht für ſehr ſchmeichelhaft halten würden.“ „Das iſt es ohne Frage, Oberſt,“ bemerkte General d'Auvergne,„ja noch mehr, ich betrachte das Glück eines 57 jungen Mannes als gemacht, wenn er in ſeiner Laufbahn ſo frühzeitig die Aufmerkſamkeit einer ſo hohen Perſon auf ſich gezogen hat; ich muß mich hier jedoch leidend ver⸗ halten— Kapitän Burke ſo „In dieſem 7 nei Bedenkzeit bitten m bei Ihrem eigenen alt, mein Junge; ſeien nicht zu raſch; ich will Ihr be heleidigen, daß ich den kleinen G beſitze, und den ſehr großen, d ſelbſt entſcheiden.“ rr, werde ich Sie um keine wenn e mir erlauben zu bleiben.“ ieſer Angelegenheit fühl nicht dadurch hervorhebe, den ich h Marſchall Murat ördern kann— — S 2 22 2 2 S daß ſich in ſeiner Nähe und bei ſeinem Stabe Gelegenheiten zur Auszeich⸗ 71 — 2 22— in ſo kühner und heldenhafter Geſtalt bei General d'Auvergne.“ 4 Ich weiß es— ich fühle es, und bei ihm, wenn er es mir erlauben will— 4 Genug, lieber Junge,“ entgegnete der alte Mann zlichen Händedruck.„Oberſt, Sie müſſen dem die Sachen ſtehen; er hat ein zu gutes Herz und iſt zu edel geſinnt, als daß er einem von uns wegen unſerer Hartnäcki junger Freund is igkeit zürnen ſollte; und jetzt, Ihre Vorbereitungen zum An⸗ Nachmittag ab, und dieß iſt Sie nicht ab⸗ aſſen Sie es mir, dem Marſchall Ihren Dank zu ntrich So kurz auch meine Abweſenheit von meinem Quar⸗ tiere geweſen war, fand ich doch, als ich zurückkam, Taſcher aan meinem Tiſche ſitzend und eifrig damit beſchäftigt, die letzten Ueberbleibſel meines Nachteſſens zu verzehren.„Du ſiehſt, lieber Freund,“ begann er mit vollem Munde— „Du ſiehſt, was es heißen will, eine„Salmi“ zu Nacht zu haben. Eine Viertelſtunde lang ſaß ich bei einem nie⸗ derträchtigen Stück ſchwarzen Brodes und noch ſchwärzeren Kalbfleiſches, als mir ein Lüftchen den Duſt Deiner köſt⸗ lichen Schüſſel zuwehte. Umſonſt nahm ich alle meine Tu⸗ gend zuſammen, um ihm zu widerſtehen; war je eine Speiſe dazu gemacht, einen Subalternenoffizier im Dienſte zu verführen, ſo iſt es dieſe; aber ich frage, willſt Du nicht etwas eſſen?“ „Ich fürchte, nein,“ erwiederte ich halb ärgerlich. „Und warum?“ entgegnete er.„Sieh einmal dieſen prächtigen Fluͤgel— ein wenig kahl iſt er allerdings— und hier iſt das Hintertheil von einer Taube. Meiner Treu! — Du haſt keine Urſache, Dich zu beklagenl. Iſt es wahr, daß Du in die Eliten⸗Compagnie eingereiht worden biſt 2 Ich nickte und aß. „Teufel! Du haſt von Glück zu ſagen. Welch ein herrlicher Tauſch gegen dieſen verdammten Moraſt mit ſeinem ewigen Drilten vom Morgen bis zu Nacht, wobei man vier Stunden lang unter den Waffen friert und her⸗ nach den Reſt des Tages vom Fieber geſchüttelt wird, bis über die Knie halb erfroren im Waſſer marſchieren und raſche Bewegungen verſuchen muß, wenn das Blut ſelbſt zu Eis geworden iſt; während Du Paris— das präch⸗ tige Paris, genießen, im Rocher“ zu Mittag, im„Cadran“ zu Nacht ſpeiſen, in den Salons herumlungern wirſt, zur Zeit, da wir uns in dem Stroh unſeres Bivouacs ver⸗ ſtecken. Der Gedanke macht mich wahnſinnig: und was das Schlimmſte dabei iſt, da ſitzeſt Du ſo gleichgültig, als wenn das Ganze die natürlichſte Sache von der Welt wäre. Auf mein Wort, ich glaube, Du würdeſt Dich nicht herablaſſen, überraſcht zu ſein, wenn Du in der morgenden Zeitung Deine Ernennung zum Marſchall von Frankreich läſeſt.“ 3 „Wenn ich es, ohne zu großes Erſtaunen zu zeigen, 59 ertragen kann, mein Nachtmahl von Jemanden aufgegeſſen zu ſehen, der mich obendrein noch auszankt, dann darf ich mich vielleicht wohl einigen Gleichmuthes rühmen.“ „Hol der Henker Deinen Gleichmuth! Man kann ſehr leicht zufrieden ſein, wenn Einem Alles nach Wunſch geht.“ „Alſo hältſt Du mich wirklich für einen glücklichen Kerl, Taſcher? 3. „Das thue ich,“ erwiederte er raſch,„Du haſt mehr Glück gehabt und es ſchlechter benützt als irgend jemand, von dem ich je gehört habe. Was fuͤr eine Laufbahn ſtand Dir offen, als wir uns zuerſt begegneten! Da war ein hübſches Mädchen in den Tuilerien, ganz bereit, ſich in Dich zu verlieben. Ich weiß es, weil ſie gegen mich ziemlich ſpröde that. Nun, die läßt Du Dir von einem alten Ge⸗ neral mit weißem Haar und Zopf wegſchnappen— ohne Zweifel geſchah es von ihrer Seite aus Empfindlichkeit. Dann gelang es Dir, ich weiß nicht wie, dem beſten Fechter in der Armee, dem kleinen Frangois da drüben, eins zu verſetzen, und ich hoͤrte nie, daß Dir dieſer Um⸗ ſtand nur eine einzige Eroberung verſchafft hat.“ „Du haſt Recht, mein Freund,“ ſagte ich lachend, pich gebe dieß Alles zu, und was noch ärger iſt, ich ge⸗ ſtehe, daß ich bis zu dieſem Augenblicke nicht einmal wußte, walthe Vortheile ich vorſätzlich verſcherzt habe.“ „Und jetzt,“ fuhr er fort, ohne ſich an meine Unter⸗ brechung zu kehren—„jetzt biſt Du im Begriffe, als einer von den Eliten nach Paris zurückzukehren. Wohlan, ich will zwanzig Napoleone wetten, daß Du höchſtens von irgend einem muffigen alten Senator im Luxembourg höͤf⸗ liche Redensarten hören wirſt. O, mein Theurer! wenn meine liebenswürdige Tante, die Kaiſerin, nur meinen gü⸗ tigſten Onkel, den Kaiſer, überreden wollte, mich auch auf dieſe Liſte zu ſetzen, Du koͤnnteſt Dich darauf verlaſſen, daß Du im Faubourg St. Honoré von Lieutenant Taſcher hoͤren würdeſt.“ „Du ſcheinſt aber zu vergeſſen,“ ſagte ich endlich halb argerlich über ſeinen unverſchämten Ton,„daß ich weder Freunde noch Bekannte habe und, obgleich in franzöfiſchen Dienſten, doch kein geborner Franzoſe bin.“ „Und ich— was bin ich? ſiel er ein—„ein Creole, von Gott weiß, welchem weit entfernten Orte jſenſeits des Meeres her— ein Menſch, der größere Neigung zur Ver⸗ ſchwendung und weniger Mittel, ſie zu befriedigen— der ſchlechtere Ausſichten und offene Verbindungen hat, als irgend Jemand;— kurz eine Art lebendiger Widerſpruch; trotz alledem tauſche jetzt mit mit Deinen Platz und Du ſollſt ſehen, ob ich nicht, ehe vierzehn Tage vergehen, mehr Einladungen zu Mittageſſen habe, als irgend ein Offtzier vom nämlichen Grade, innerhalb der Boulevards. Gib Acht, ob nicht das ſchönſte Mädchen von Paris in der Oper an meiner Seite ſitzt. Doch hier kommt Dein Er⸗ nennungsdekret— glaube ich!“ Als er dieß ſagte, über⸗ reichte mir eine Ordonnanz von der Garde ein verſiegeltes Paket, in dem ich einen Brief von General Duroc fand, des Inhaltes:„es ſei der Wunſch Sr. Maj. des Kaiſers und Königs, daß ich, ſein lieber und getreuer Thomas Burke, in Gemäßheit gewiſſer Verhaltungsbefehle, die mir 7 2 ſpäter mitgetheilt werden ſollen, mit der Eliten⸗Compagnie: nach Paris abgehe, um daſelbſt—— Als ich ſo weit lantgeleſen hatte, unterbrach mich Taſcher, riß mir das Papier aus der Hand und fuhr folgenderma⸗ ßen fort:—„um daſelbſt zu träumen, zu ſinnen und ſich zu langweilen, bis der Dienſt ihn wieder zur Armee zu⸗ rückruft. Mein theurer Burke, ich bedauere Dich wirklich — Kriege und Feldzüge mögen recht hübſche Dinge ſein, ja ſie ſind es wohl auch in der That, aber nur als Mit⸗ tel, nicht als Zweck. S. Maj., mein Onkel, den der Him⸗ mel behüten und gegen ſeine Verwandten günſtiger ſtim⸗ men möge— liebt ſie um ihrer ſelbſt willen; allein wir, Du und ich zum Beiſpiel, was für einen Grund können wir möglicher Weiſe haben, unſere Knochen aufs Spiel zu ſetzen und uns das Fleiſch zerſtücken zu laſſen, außer der VCö Hoffnung auf Beförderung— und zu was kann uns eben e Woürdeene nützen, als den Kr unſeres Vergnü⸗ und unſerer Freuden auszudehnen? Denk einmal, ein Leben ein Oberſt von Deinem Alter in Paris „Geh, Taſcher, es kann Dir damit nicht Wenn es für die Mühſale und Gefahren eines F keine höhere B hauae gäbe, als die blos ſinnliche auf welche D anſpiel ſt, ſo würde ich wenigſtens die Epau⸗ letten bald wegwerfen.“ „Dir iſt nicht beizukommen,“ ſagte er halb verdrieß⸗ lich,„der Grund davon iſt jedoch eben ſo ſehr die Verein⸗ ſamung, in welcher Du gelebt haſt, als irgend eine Ueber⸗ Lugung über dieſen Gegenſtand. Du mußt mir erlauben, Dich bei Verwandten von mir in Paris einzuführen; ſie werden entzückt ſein, Dich kennen zu lernen— denn als einer von der Eliten⸗Compagnie kannſt D du zwei, ja drei volle Abende als ganz annehmbarer Lion ſiguriren— und Du wirſt in das angenehmſte Haus von Paris Zu⸗ tritt haben— ſie empfangen jeden Abend— und die heſte Geſellſchaft kommt dorthin. Ich ſtelle Dir blos Eine Be⸗ dingung.“ „Und dieſe iſt?“ „Du mußt Pauline nicht den Hof machen. Daß Du Dich in ſie verlieben wirſt, verſteht ſich von ſelbſt— da⸗ gegen können wir Beide nichts. Aber kein Entgegenkom⸗ men von Deiner Seite— das verſprich mir.“ „In dieſem Falle, Taſcher, wäre es für alle Theile am beſten, wenn ich die Dame nicht kennen lernte. Glaube mir, ich hal eine Luſt, mit oder ohne Willen bezaubert zu werden.“ „Ich ſehe, ſchämtheit dahin ſter Burke, da ſteckt etwas Unver⸗ Du rümpfſt die Naſe über meine Wernangen, die ne Couſine“ betreffend. Ich bin je⸗ doch entſchloſſen, Du ſollſt ſie wenigſtens ſehen; überdieß habr ich für Dich einen in Aufteng an die Gräfſn. Ich habe das Unglück gehabt, bei meiner Tante Joſephine einiger⸗ maßen in Ungnade zu fallen— wegen einiger lumpigen Schulden, aus denen ſie in den. Tuilerien ſo viel Lärmens machen. Vielleicht könnteſt Du Frau Lacostellerie bereden, ſich für mich zu verwenden— ſie hat großen Einfluß auf die Kaiſerin und kann mit ihr machen was ſie will; und wenn ich es geſtehen ſoll, dieß war es, was mich hierher führte— und ich aß Dein Nachtmahl blos, um mir die Zeit zu vertreiben, bis Du wieder zurückkamſt. Du wirſt mirs nicht abſchlagen.“ 3 „Gewiß nicht! aber denke Linen Augenblick nach, Ta⸗ ſcher, und Du wirſt einſehen, daß nie Jemand weniger zu einem Diplomaten geeignet war, als ich. Erſt noch vor einigen Minuten haſt Du über meine einſamen Gewöhnun⸗ gen und einſiedleriſchen Neigungen geſpottet.“ „Ich habe an dieß Alles gedacht, Burke, und bin nicht im Geringſten entmuthigt— im Gegentheil, Du wirſt deſto eher an meine Angelegenheiten denken, da Du ſelbſt keine haſt— und ich kenne Niemanden, als Dich, von dem ich wünſchen möchte, daß er mit Pauline oft und auf vertraulichem Fuße zuſammenkäme.“ 6 „Dieß iſt wenigſtens kein Kompliment,“ ſagte ich lachend. Er zuckte die Achſeln und zog die Augenbrauen in die Höhe, nach recht franzöſiſcher Weiſe, als wollte er ſa⸗ gen, dafür könne er nichts— dann fuhr er fort:—„Und nun, Burke, vergiß nicht, ich zähle auf Dich, hilf mir aus dieſem verdammten Neſte. Ich wollte lieber wieder nach Toulon zurück, wenn es nöͤthig wäre— und da ich Dich vor Deiner Abreiſe nicht mehr ſehen werde, ſo lebe wohl. Ich will Dir den Brief für die Gräfin morgen in aller Frühe ſchicken.“ Wir ſchüttelten uns herzlich die Hände und ſchieden, er, um in ſein Quartier zurückzukehren und ich, um mich an's Feuer zu ſetzen und über das eben Vorgefallene nach⸗ zuſinnen, auch über Taſcher ſelbſt, deſſen Charakter ſich noch nie ſo offen vor mir entfaltet hatte. Wenn Beauvais mit ſeinem heißköpfigen Ungeſtüm und ſeiner wahnſinnigen Anhänglichkeit an die Sache der Legitimiſten ein Typus der Anhänger der Bourbons war, ſo konnte man in Taſcher mit ſeiner leichtblütigen Sorg⸗ loſigkeit und gelaſſenen Selbſtſucht das Muſter einer andern Klaſſe ſeiner Landsleute erblicken; einer Klaſſe, die, in den engen Kreis ihrer egoiſtiſchen Vergnügungen eingepfercht, Paris für den einzigen bewohnbaren Fleck auf dem ganzen Erdboden hielt. Ohne irgend hervorſtechende Charakterzuͤge oder entſchiedene Laſter, führten ſie ein auf Vergnügen und Unterhaltung gerichtetes Leben, wobei ſie Alles, was ſie umgab, ſo weit ſie es im Stande waren, ihren eigenen Planen und Wünſchen unterordneten, ohne zu wiſſen, wie grell ihre Selbſtſucht geworden und wie auffallend für je⸗ den, auch den unaufmerkſamſten Beobachter, die Selbſtbe⸗ friedigung war, nach der ſie bei jeder Gelegenheit trach⸗ teten. Ohne Gewandtheit oder Takt genug zu beſitzen, ihre Schwachheiten zu verbergen, glaubten ſie doch Andere zu täuſchen, weil ſie ſich ſelbſt täuſchten— gerade ſo wie das Kind meint, man ſehe es nicht, wenn es die Augen zumacht. Joſephinens Anhang beſtand großentheils aus ſolchen Leuten und bildete einen auffallenden Gegenſatz zu den jungen Männern der Napoleonſchen Partei, die, durch die glorreichen Erfolge ihres Hauptes verblendet, das Waffen⸗ handwerk für das allein ehrenvolle hielten. St. Cyr und und die polytechniſche Schule waren die Pflanzſchulen von dieſen; die dort eingeflößten Grundſätze gingen in das ſpä⸗ tere Leben über— und wie übertrieben auch ihre Begriffe von Frankreich und ſeiner Beſtimmung waren, ſo würde doch ihr unzweifelhafter Heldenmuth und ihre Hingebung ſelbſt ſchwerere Irrthümer beſchoͤnigt haben. Indem ich ſo über die verſchiedenen Charaktere der Wenigen nachſann, die ich je genauer kennen gelernt hatte, überdachte ich ernſtlich auch meine eigene Lage, uüber welche ich ſchon manchen Tag jede Belrachtung eher vermieden als geſucht hatte. Mir wurde es, wiewohl ⸗ſchon vielen Andern, klar, daß das Band einer gemeinſamen Heimath— die ange⸗ borne Vaterlandsliebe der Landeskinder— die reiche ülfs⸗ quelle iſt, aus der Männer ſchöpfen, wenn ſie ſich der Soldatenlaufbahn widmen— daß die Stellung der Frem⸗ den, er mag es ſich erhehlen wie er will, die eines bloßen Söldlings iſt. Wie ann er ſich für Intereſſen begeiſtern, über die er nur halb unterrich iſt, oder Anhänglichkeit für ein Land fühlen, in dem er weder Herd noch Heimath⸗ hat? ſogar den Ruhm, welchen er erringt, kann er ſich kaum aneignen. Er befindet ſich mit einem Worte in eis ner falſchen Stellung, die kein Ereigniß oder Glücksfall zum Beſſern wenden kann— und er muß ſich mit einem Leben der Vereinzelung und Entfremdung begnügen. Ich fühlte, wie leicht ich, wäre ich ein geborner Frau⸗ zoſe geweſen, manchmal Dinge, die mir jetzt ein Gegen⸗ ſtand des Vorwurfes waren, vor meinem Gewiſſſen entſchul⸗ digt und beſchönigt haben würde. Die Gräuel des An⸗ griffskrieges wären vor dem Ruhme erweiterter Herrſchaſt verſchwunden, die Größe Frankreichs und die Ehre ſeiner Waſſen hätte mich ohne Schwierigkeit das Elend vergeſſen laſſen, welches ſeine Eroberuagsſucht über andere Nationen brachte. Aber ich, der Fremde, der Auslaͤnder, hatte kei⸗ nen Theil an ſeinem Ruhmeserbe; und was will perſönli⸗ cher Ehrgeiz anders, als unter denen, zu welchen wir einſt als zu unſern Oberu aufblickten, einen Chrenplatz erringen? Für mich gab es keine Llebreliif rungen einer unter verehr⸗ ten großen Namen verlebten Kindheit; und am väterlichen Herde kein frühzeitiges Hinweiſen auf glänzende Vorbilder. Und doch gab es Eine, die zwar auf immer für mich ver⸗ loren war, in deren Augen ich aber gerne eine hohe Stel⸗ lung eingenommen hätte— ja, konnte ich mir nur mit der Hoffnung ſchmeicheln, daß ſie mich nicht vergeſſen, daß ſie meinen Namen mit Theilnahme huren oder eine freudige Bewegung empfinden würde, wenn man meiner mit Ehren gedächte— dann verlangte ich nichts weiter. „Ein Brief, Herr Kapitän,“ ſagte mein Bedienter und legte ein Paket auf den Tiſch. In der Vorausſetzung, es ſei das Schreiben, von dem Taſcher geſprochen, ſchenkle ich ihm nur geringe Aufmerkſamkeit, als ich zufällig be⸗ merkte, daß es von General d'Aupergnes Hand war. Ich öffnete es nun ſogleich und las wie folgt: „Mein lieber Burke! 1 „Noch nie hat ſich Jemand nach Paris aufgemacht, ohne von ſeinen Freunden auf dem Lande mit Aufträgen behelligt zu werden, und Sie dürfen den Drangſalen dieſes irdiſchen Jammerthales nicht entgehen— zum Glück kön⸗ nen Sie ſich jedoch der Laſt leicht entledigen; ich wünſche weder unentdeckte Schattirungen von Seidenzeug eingehan⸗ delt, noch unmögliche Käufe abgeſchloſſen zu haben. Ich bitte Sie blos mitkommenden Brief eigenhändig an ſeine Adreſſe in den Tuilerien abzugeben— womit Sie, wenn Sie es paſſend finden, gefälligſt einen Beſuch verbinden koͤnnen. „Wir werden wahrſcheinlich Beide große Eile haben, wenn wir uns morgen treffen, denn auch ich habe Marſch⸗ ordre erhalten, weßhalb ich die Gelegenheit benütze, eine Anweiſung auf Paris beizulegen, als kleinen Vorſchuß auf Ihre Gage,— da ich mich aus meinen eigenen Adju⸗ tanten⸗Zeiten nur zu gut an die Zoͤgerungen erinnere, welche die Kriegskanzlei bei neuernannten Kapitänen in Ausübung zu bringen pflegt.— „Ihr ſtets ergebener „d'Auvergne, Generallieutenant. „Im Bivouac, um eilf Uhr.“ Der Brief, deſſen er erwähnte, war auf den Tiſch ge⸗ fallen, wo ich jetzt die Aufſchrift las—„an die Frau Gräſin d'Auvergne, geborne Gräfin de Meudon, Ehren⸗ dame Ihrer Majeſtät der Kaiſerin.“ Als ich dieſe Zeilen erblickte, fühlte ich, daß mein Geſicht brennend heiß wurde Tom Burke.. 3 5 66 und meine Wangen ſich rötheten— ich hätte kaum in Gegenwart derjenigen, für die der Brief beſtimmt war, aufgeregter ſein können. Des armen Generals frenndliches Briefchen und ſeine Anweiſung auf achttauſend Franken lag da— ich vergaß beide und ſaß unbeweglich, die Buch⸗ ſtaben jenes in mein Geſchick ſo ſehr verwobenen Namens muſternd; ich dachte an die Nacht, da ich ihn zum erſten Male hörte, als ich, ein Knabe noch, über ihre Leiden Thränen vergoß und mich um ſie grämte, deren Schickſal ſo bald auf mein eigenes ſeinen, dunkeln Schatten werfen ſollte. Aber im nächſten Augenblick verſchwand Alles vor dem einen Gedanken— ich ſollte ſie wieder ſehen, ſpre⸗ chen und ihre Stimme hören. Allerdings war ſie das Weib eines Andern— aber als Marie de Meudon ſtand ſie mir eben ſo ferne; unter keinen Umſtänden hätte ſie die Meinige ſein können— und ich wagte auch nie, es zu hoffen. Meine Liebe zu ihr, denn dieſe fühlte ich heiß und leidenſchaftlich— war mehr die Andacht eines Betenden zu einer Heiligen, als eine Neigung, die nach Erwiederung verlangte. Der freundloſe, arme, unbekannte Soldat, um den ſich Niemand kümmerte— wie konnte er ſeine Gedanken zu ei⸗ ner Dame erheben, um deren Hand die Edelſten und Beſten umſonſt warben? und dennoch, trotz alle dem— wie pochte mein Herz bei dem Gedanken, daß wir uns wieder begeg⸗ nen ſollten! Und nicht weniger aufregend war das Bewußt⸗ ſein, daß mich in dem kurzen Zeitraum meiner Abweſen⸗ heii, derjenige ausgezeichnet hatte, für welchen ihre Be⸗ wunderung der meinigen gleichkam. In dieſem unruhigen Schwanken zwiſchen Furcht und Hoffnung empfand mein Herz ungeſtüme Freude— meinen Schlaf umſchwebten Träume von glücklichen Tagen, die kommen ſollten— von ne Zukunft, die unendlich heller war, als die Vergan⸗ genheit.. Als der Tag anbrach, war mein erſter Gedanke nach Reygern zu reiten, und mich nach dem Schickſale meiner verwundeten Freunde zu erkundigen. Auf meinem Wege dahin begegnete ich mehreren Offtzieren, die auf ähnlichem Gange begriffen waren— denn bereits war das Kloſter zum großen Spital geworden, in welches die Leidenden von allen Seiten aus dem Lager herbeigebracht wurden. Die Straße entlang wurde ich ſehr durch die Niederge⸗ ſchlagenheit überraſcht, die ich uberall bemerkte— nach⸗ dem die Schlacht vorüber war, ſchien alle kriegeriſche Be⸗ geiſterung ſich verflüchtigt zu haben. Viele murrten über die verdrießliche Ausſicht, einen Winter auf dem Lande ein⸗ quartirt oder im Felde kantonirt zu ſein; Einige bedauer⸗ ten, daß der Feldzug ſo kurz geweſen, während wieder An⸗ dere ſich beklagten, daß eine Rückkehr nach Frankreich nach ſo kurzem Dienſte ſie blos dem Spotte ihrer Kameraden ausſetzen werde, die Italien und Aegypten geſehen hatten. „Deßwegen könnt Ihr ganz unbekümmert ſein, meine jungen Freunde,“ ſagte ein Oberſt, der die Klagen gedul⸗ dig anhörte.„Wir werden den Dom der Invaliden noch eine Zeitlang nicht ſehen. Außer der Eliten⸗Kompagnie werden, glaube ich, wenige von uns auf den Boulevards figuriren.“ „Da haben wir's wieder,“ rief ein Anderer;„ich habe nie von etwas ſo Unbilligem gehört, aber dieſe Eliten⸗ Kompagnie iſt— ſie ſind Alle, mit zwei einzigen Aus⸗ nahmen, aus der Reiterei gewählt worden. Nach dem Bülletin aber ſollte Auſterlitz der Ehrentag für die fran⸗ zöſiſche Infanterie ſein.“ „Das war es auch,“ rief ein kleiner ſchwarzäugiger Major;„vermuthlich dachte Seine Majeſtät, wir haben Ehre genug auf dem Schlachtfelde gehabt, deßwegen wünſchte er uns jetzt nicht mit Ruhm zu uͤberladen. Doch ich bitte um Vergebung,“ bemerkte er, ſich zu mir kehrend, „Sie, mein Herr, ſind, wenn ich nicht irre, auch zum Eli⸗ ten ernannt.“ Als ich bejahend antwortete, ſah ich Aller Blicke ſich auf mich heften, allein mit nichts weniger als freundlichem Ausdruck. Ich ſah, wie man mich bedächtig muſterte, als 68 ſollte mein Aeußeres darüber Aufſchluß geben, wie ich eine ſolche Gunſt verdient habe. 3„Können Sie uns erklären, mein Herr,“ fragte mich der kleine Major,„welcher Grundſatz bei der Auswahl der Eliten befolgt wurde? Es laufen darüber tauſend wider⸗ ſprechende Gerüchte im Lager herum— Einige ſagen, ſie ſeien durch's Loos gewählt worden— Andere, man habe bloß Diejenigen dazu genommen, die im neulichen Treffen ihre Jacken nicht beſchmutzten und friſch und ſauber aus⸗ ſahen.“ Die Zuhoͤrerſchaft unterbrach des Majors Rede durch ſchallendes Gelächter,— denn ſeine Unverſchämtheit war Aahronen hinreichend, ihm eine Menge Bewunderer zu ſchern. „Ich glaube, mein Herr,“ erwiederte ich aufgebracht, gich kann Ihnen einige Gründe angeben, warum gewiſſe Leute nicht gewählt worden ſind.“ Bei dieſen Worten flu⸗ ſterte ein Offizier dem Major etwas in's Ohr und dieſer rief laut auflachend: 4„Ich bitte tauſendmal um Vergebung, ich kannte Sie nicht.“— „Sie waren es, mein Herr, der Francois, den Fecht⸗ meiſter, niedergeſtochen hat, ja, ja, leugnen Sie es nur nicht,“ ſagte er, als ich eine Frage, die, wie ich glaubte, gar nicht zur Sache gehörte, keiner Antwort würdigte. „Leugnen Sie es nicht— dieſer Stoß über dem Stich⸗ blatt war Etwas, worauf man ſtolz ſein kann und bei Gott, Sie ſollen ihn nicht auf meine Koſten wiederholen.“ Dieſe Rede machte den Uebrigen großes Vergnügen, die mit der Argumentation des Redners ganz einverſtanden ſchienen, während ich ſelbſt ſchwieg, ohne entſcheiden zu können, ob ich mich für beleidigt halten ſollte oder nicht. 6„Wohlan, mein Herr,“ fuhr der Major fort, indem er ſich mit einer Verbeugung an mich wendete,„ich bitte für die Unſchicklichkeit meiner Rede um Verzeihung; beim Himmel, wenn die ganze Eliten⸗Kompagnie aus ſo guten Fechtern beſteht, ſo will ich an ihrer Ernennung nicht mäckeln.“ Die Aufrichtigkeit dieſes Geſtändniſſes überwand meinen Ernſt und ich ſtimmte in die Froͤhlichkeit ſeiner Kameraden mit ein. Wenn ich einen ſo geringfügigen Vorfall wie dieſen erwähnte, ſo geſchah es, weil ich, ſei es auch nur im Vorbeigehen, einen Zug des franzöſiſchen Soldatenlebens hervorzuheben wünſchte. Das ſonderbare Geſtändniß eines Mannes, der ſeine Unverſchämtheit bedauerte, weil er ent⸗ deckte, daß ſein Gegner ein beſſerer Fechter war, hätte unter allen andern Vorausſetzungen oder in jedem andern Lande auf Feigheit ſchließen laſſen. Hier war dieß nicht der Fall; Niemand zog ſeines Kameraden Muth auch nur einen Augenblick in Frage— noch konnte irgend ein Um⸗ ſtand eintreten, der ihn zweifelhaft gemacht hätte, außer ein wirkliches Beiſpiel von Feigheit. Meine Ueberlegenheit war ein Grund, den Kampf zu vermeiden. Die Partie ſtand nicht gleich, weil Duelliren wie ein Spiel betrachtet wurde, in dem jeder Theil gleiche Gunſt des Zufalls ge⸗ nießen ſollte und daher ſchämte man ſich nicht, einem Streite auszuweichen, in welchem das Uebergewicht auf einer Seite war. Es iſt klar, daß ein ſolches Syſtem in einer Geſell⸗ ſchaft, wo man nur in äußerſten Fällen zum Zweikampf ſeine Zuflucht nahm, nicht hätte herrſchend werden können; aber hier kamen Duelle alle Tage vor und bildeten oft nur eine kurze Pauſe, welche den Lauf einer alten Freundſchaft kaum unterbrach. Irgend eine rachſüchtige Geſinnung oder lang⸗ währende Abneigung wider den Gegner, mit dem man ſich einmal geſchlagen, würde für unehrenhaft und eines Offiziers unwürdig erklärt worden ſein, und es verging kein Tag, an dem man nicht Männer in der engſten Ver⸗ traulichkeit Arm in Arm einherſchlendern ſah, die vielleicht erſt am Morgen vorher einander mit den Waffen in der Hand gegenüber geſtanden waren. Ich erkannte nun die Wahrheit deſſen, was Minette einſt geſagt und ich damals nicht ganz verſtanden hatte.„Meiſter Francois wird in Zukunft weniger den Stoͤrenfried machen und Sie, Lieu⸗ tenant, werden ein ruhigeres Leben führen.“ „Halt da!“ rief eine Schildwache, als wir in den engen Hohlweg einlenkten, der zum Kloſter führte. Wir erfuhren nun, daß es einem allgemeinen Tagesbefehl zufolge Niemanden ohne ausdrückliche Bewilligung des ärztlichen Stabes erlaubt war, ſich dem Hoſpitale zu nähern. Ein Verzeichniß der Todesfälle wurde täglich an's Wachthaus angeſchlagen und über das Befinden der Verwundeten ſonſt keine Auskunft ertheilt; auf dieſes richteten wir nun mit Ungeſtüm unſere Blicke, ängſtlich beſorgt, wir möchten den Namen eines für immer verlorenen Freundes da leſen. Ich durchging raſch die Liſte, auf welcher weder St. Hi⸗ laire noch der arme Pioche ſtand, gab dann meinem Pferde die Sporen und eilte auf das Schnellſte in mein Quartier zurück. Bei meiner Ankunft fand ich die Vorbereitungen für die Abreiſe der Eliten ſchon im Gange und hatte ge⸗ rade noch Zeit, die wenigenVerfügungen zu treffen, welche mein Aufbruch erheiſchte, als mir die Weiſung zukam, mich meinen Kameraden anzuſchließen. Fünftes Kapitel. Paris im Jahr 1806. Ein Theil des Luxembourg war für die Aufnahme der Eliten⸗Kompagnie beſtimmt, füͤr die ein auf das Freige⸗ bigſte ausgeſtatteter Haushalt eingerichtet, eine glänzende Tafel unterhalten und Alles, was Reichthum und Geſchmack in einem üpfigen Zeitalter aufbieten konnte, herbeigeſchafft wurde, um ſie während der ganzen Dauer ihres Aufent⸗ haltes mit Pracht und Freude zu umgeben. Darn ſelbſt, 71 der ſpezielle Günſtling des Kaiſers, nahm jeden Tag den Vorſitz an der Tafel ein, zu welcher meiſtens einige Miniſter eingeladen wurden, während der Moniteur alle Morgen die Feſtlichkeiten einregiſtrirte, die geringſten Umſtände hervorhob und in ganz Paris die Glorie Desjenigen wider⸗ hallen ließ, von deſſen Ruhm ſie bloß die Boten waren. Die koſtbarſten Equipagen— werthvolle Reitpferde— Diener in ſchimmernder Livree— Alles, was Aufmerk⸗ ſamkeit und Bewunderung erregen konnte, wurde aufgebo⸗ ten, während Tag für Tag pomphafte Ceremonien ſtatt⸗ fanden und die Abgeordneten feierlich die Glückwünſchungs⸗ beſuche der verſchiedenen Staatsbehörden empfingen. Während dieſe Huldigung dem Abglanz von Napo⸗ leons Ruhm erwieſen wurde, glich ſeine Rundreiſe durch Deutſchland einem einzigen großen Triumphzug. Einen Tag laſen wir von ſeiner Ankunft in München, wohin ihm die Kaiſerin entgegengegangen war— dort wurde er mit der ausſchweifendſten Begeiſterung empfangen. Er hatte dieſen Leuten ihr Heer faſt ohne Verluſt und mit Lorbeeren bedeckt zurückgeſtellt und ihren Kurfürſten auf den Königs⸗ thron erhoben, während er die Freundſchaft der beiden Na⸗ tionen durch die Vermählung Eugen Beauharnais mit der Prinzeſſin von Bayern befeſtigte. Ein anderer Bericht meldete uns, daß ſechszehntauſend ruſſiſche Kriegsgefangene nebſt zweitauſend den Oeſterreichern abgenommenen Kano⸗ nen auf dem Marſche nach Frankreich waren. Alles, was den Enthuſiasmus der Nation entzünden und ihrer Eitel⸗ keit ſchmeicheln konnte, wurde ven der Regierungspreſſe umſtändlich auseinander geſetzt, und ſo die Volksaufregung auf einen höhern Punkt getrieben, als ſie in den tollſten Zeiten der Revolution erreicht hatte. Die Ankunft des Kaiſers wurde ſtündlich mit der ge⸗ ſpannteſten Ungeduld erwartet. Man bereitete Feſte der prächtigſten Art vor, und die öffentlichen Körperſchaften von Paris hielten Zuſammnenkünfte, um ſich über die Maß⸗ regeln für ſeinen triumphirenden Empfang zu beſprechen. 72 Endlich kündigte eine telegraphiſche Depeſche ſeine Ankunft. in Straßburg an. Er ging über den Rhein, genau an der nämlichen Stelle, wo er ihn gerade hundert Tage früher auf ſeinem Marſche gegen die Oeſterreicher paſſirt hatte— hundert Tage ſolchen Ruhmes, wie ſelbſt ſeine Laufbahn bisher nichts Gleiches aufzuweiſen hatte. Ulm und Auſter⸗ litz, das beſiegte Rußland, das geſturzte Oeſterreich, waren die Trophäen dieſes kurzen Zeitraumes. Nie hatte ſich ſein Genie glänzender gezeigt— nie war das Gluck als treue⸗ rer Geſährte ſeines Geſchickes erſchienen. Jede Stunde wurde nun gezählt und jeder Gedanke auf den Tag gerichtet, an dem ſeine Ankunft erwärtet wer⸗ den konnte; am Abend des vierundzwanzigſten kam endlich die Nachricht, daß der Kaiſer ſich Paris nähere. Er hatte ſich einen Theil des Tages in Nancy aufgehalten, um ei⸗ nige Reiterregimenter zu muſtern und konnte nun in weni⸗ ger als vierundzwanzig Stunden eintreffen. Am folgenden Morgen erwachte ganz Paris frühzeitig und ſah dann mit dem Staunen getäuſchter Erwartung die große Flagge vom Pavillon der Tuilerien wehen. Seine Majeſtät war in der Nacht angelangt, hatte ſogleich den Finanzminiſter holen laſſen, und ohne ſich einen Augenblick Ruhe zu gönnen, die Unterſuchung der ſurchtbaren Kriſe begonnen, welche die Bank von Frankreich und das Daſein der Regierung ſelbſt bedrohte. 1 Um eilf verſammelte ſich der Staatsrath in den Tui⸗ lerien, und um zwölf meldete eine öffentliche Bekanntma⸗ chung, daß Herr Molien zum Miniſter ernannt, und Herr Marbois von ſeiner Stelle entlaſſen war. Dieſe raſchen Veranderungen und der Umſtand, daß der Kaiſer allen oͤf⸗ fentlichen Huldigungen auswich, gaben der Stadt einige Tage lang ein düſteres Ausſehen, das jedoch ſogleich ver⸗ ſchwand, als Napoleon ſich wieder zeigte und jener be⸗ rühmte Bericht des Herrn Champagny veröffentlicht wurde, in welchem⸗ der Ruhm Frankreichs, ſeine Siege und was es an Reichthum, Gebiet und Einfluß erworben, in Aus⸗ 4 3 drücken verkündet wurde, deren ſchmeichleriſche Uebertrei⸗ bung jetzt ſchwer zu verdauen wäre. Von dieſem Augen⸗ blicke an begannen in Paris die Feſtlichkeiten, und zwar mit einem Glanze, den keine Periode des Kaiſerreiches übertraf. Es war das auguſteiſche Zeitalter in Napoleons Leben, in Allem, was die ſchönen Künſte betraf— denn die Literatur blühte unglücklicherweiſe niemals unter ſei⸗ ner Regierung— Gerard und Gros, David, Ingres und Iſabey verherrlichten die deutſchen Feldzüge durch ihren Pinſel; und die Capitulation von Ulm— die Einnahme von Wien, der Uebergang über die Donau und das Schlacht⸗ feld von Auſterlitz leben in den Gemälden dieſer großen Meiſter fort.. Auch die Oper hatte unter der Leitung Cimeroſa's ungewöhnliche Vortrefflichleit erreicht, während Spontini und Boieldieu auf ihren geſonderten Bahnen der Schule den Urſprung gaben, welche man als komiſche Oper be⸗ zeichnet. Der wollüſtige Geſchmack des Tages trug jedoch über Alles den Sieg davon; das Ballet und die ſeltſamen Schöpfungen Nicolos, eines Malteſer Komponiſten, in wel⸗ chem Muſik, Tanz, Romantik und Seenerie vereint wirk⸗ ten, hatten ſich des leidenſchaftlichſten Beifalls zu erfreuen. Tanzen war in der That die große Kunſt jener Zeit. Beſtris und Trenis waren in jedem Salon gefeierte Na⸗ men, und all' die übertriebenen Zierlichkeiten und wollüſti⸗ gen Gruppirungen des Ballets wurden in die geſellſchaft⸗ lichen Unterhaltungen eingeführt, ja ſogar die Kleidermoden dieſer Leidenſchaft untergeordnet— indem die leichten, flatternden Stoffe, welche die Geſtalt hervorheben und das Ebenmaß zur Schau ſtellen, das ſchwerere und koſtbarere Gewand früherer Zeiten verdrängten. Die Reaktion gegen den ſtrengen Puritanismus der rexublikaniſchen Periode war eingetreten und wurde heimlich von Napoleon ſelbſt begünſtigt, der in all' dieſer Ausgelaſſenheit und Vergnü⸗ gungsſucht die Baſis des neuen geſellſchaftlichen Zuſtandes ſah, auf welchen er ſeine Dynaſtie gründen wollte. Nie waren die Feſte in den Tuilerien koſtbarer— nie wurde bei öffentlichen Ceremonien größere Pracht entfaltet. Die Marſchälle des Reiches hen Stellung entſprechenden Berichte der Polizei konnten wurden angewieſen, ihrer ho⸗ Aufwand zu machen; und die auf die aufmerkſamſte Beach⸗ tung zählen, wenn ſie Perſonen betrafen, die in einer Weiſe lebten, welche man nicht für ſtandesgemäß hielt. Cambaceres und Fouché, Talleyrand und Murat, alle machten glänzende Häuſer. Zweimal in der Woche gaben ſie Diners und faſt jeden Abend empfingen ſie Geſellſchaft. Wenn der Kaiſer großmüthig Reichthum austheilte, ſo er⸗ wartete er dagegen auch freigebige Verwendung deſſelben. Er wußte wohl, wie wichtig es war, daß er ſich die Zu⸗ neigung der Pariſer Bürgerſchaft erwarb, und daß dieſer Zweck auf keine Weiſe leichter erreicht werden konnte, als durch reiche Geldverſchwendung an alle Stände. Dieß allein fehlte noch, um jede S pur des alten republikaniſchen Geiſtes zu verwiſchen. Die einfachen Gewohnheiten und die wohlfeile Lebensart der Jakobiner wurden auf einmal für gemein erklärt— und Mancher, der ſich dem Strome der öffentlichen Meinung, wenn es ſich um wichtigere Dinge handelte, muthig entgegengeſtemmt hätte, gab den Einflu⸗ ſterungen und Spöttereien ſeiner eigenen Standesgenoſſen nach und fügte ſich in Gebräuche, die am Ende einen Wechſel in den Anſichten und ſogar in den Grundſätzen hervorbrachten. Unmittelbar nach der Ankunft des Kaiſers reiste die Kaiſerin und ihr Gefolge nach Verſailles ab, von wo ſie, wie es hieß, erſt am Ende des Monats zurückkehren ſoll⸗ ten, für welchen Zeitpunkt ein glänzender Ball in den Tui⸗ lerien angeſagt war. Da ich den Brief des Generals d'Auvergne nicht ſo lange bei mir behalten wollte und ver⸗ möge meiner Stellung nicht laub von Paris entfernen zu hoffen konnte, mich auf Ur⸗ dürfen, ſo ſchickte ich ihn der Gräfin zu, und verzichtete auf die einzige Moglichkeit, ihr noch einmal zu begegnen. Dieſe getäuſchte Erwartung— die Neuheit der Verhältniſſe, in denen ich mich befand— die Reize einer mir noch ganz fremden Welt— Alles ver⸗ einigte ſich, mich zu verwirren und aufzuregen, und ich machte das zerſtreute Leben Derjenigen mit, die mich um⸗ gaben, wenn auch nicht mit all ihrer Heftigkeit, ſo doch mindeſtens mit dem eben ſo entſchiedenen Vorſatze, alles Nachdenken in einem Freudenrauſche zu erſticken. Die einzige Perſon von meinem Range in der Eliten⸗ Compagnie war ein Kapitän der Garde⸗Jäger, welcher, obſchon nur einige Jahre älter als ich, den italieniſchen Feldzug mitgemacht hatte. Von Familie Bourboniſt, war er unter die Revolutione⸗Armeen getreten, als ſeine Ver⸗ wandten aus Frankreich ſlohen, und langſam zu ſeinem gegenwärtigen Range aufgeſtiegen. Eine gewiſſe Schroff⸗ heit Männern gegenüber— ein zurückhaltendes Benehmen, welches er immer beobachtete— hatte ihn bei dieſen ſo wenig beliebt gemacht, als es gewöhnlich die Gunſt der Frauen zu erwerben geeignet iſt, denen das entgegengeſetzte Benehmen ſogleich für ein Kompliment gilt. Er war ein Mann, der viel von der Welt geſehen und in der beſten Geſellſchaft gelebt hatte; begabt mit ſehr gewinnenden Manieren, ſobald es ihm gefällig war, ſie anzuwenden, und von beſonders einnehmendem Aeußern, war er das„beau idéal“ des franzöſiſchen Officiers der höchſten Klaſſe. Der Chevalier Duchesne und ich waren mehrere Tage mit einander gereiſt, ohne mehr als die bei entfernter Be⸗ kanntſchaft gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen auszuwech⸗ ſeln, als irgend ein Vorfall auf dem Wege uns in engere Berührung brachte, woraus endlich ein vertrautes Ver⸗ hältniß hervorging, das uns in unſerm Pariſer Leben jede Stunde mit einander in Geſellſchaft vereinte. Mir, der ich in der Hauptſtadt beinahe fremd war, gereichte dieſe Bekanntſchaft zu großem Vortheil. Er kannte Paris vollkommen. In den pomphaften und ſtatt⸗ lichen Salens des Faubourg— in den Schenken der Straße St. Denis— in der glänzenden Wohnung des K modernen Banquiers, der neuen Ariſtokratie des Landes— oder im ſchlichten Haushalte des Krämers der Straße St. Honoré— war er gleich heimiſch und hatte auch durch irgend einen ſeltſamen Zauber überall Zutritt. Der nämliche Talisman öͤffnete ihm die Couliſſen der Oper und das Heiligthum des Théatre francais. Er ſchien in der That eines jener prioilegirten Weſen zu ſein, denen man im Leben gelegenheitlich an den verſchiedenſten Orten und in der entgegengeſetzten Geſellſchaft begegnet, die aber die Eigenthümlichkeiten der einen oder der andern ſtets innerhalb des Kreiſes zurücklaſſen, dem dieſelben an⸗ ehören. Wäre er reich geweſen, ſo würde ich mir Vieles da⸗ von haben erklären können, denn zu keiner Zeit war Reich⸗ thum in größerem Ueberfluſſe vorhanden und hatte unbe⸗ ſchränktere Gewalt; allein er ſchien es nicht zu ſein. Ob⸗ wohl ihm nie Geld mangelte, ſo deutete doch ſeine Umge⸗ bung und einfache Lebensweiſe auf nichts weiter, als ein zureichendes Einkommen; auch war er, ſo viel ich wahr⸗ nehmen konnte, keinen verſchwenderiſchen Neigungen erge⸗ ben, ſondern im Gegentheile nur zu bereit, jede Schau⸗ ſtellung als gemein zu bezeichnen und mit ſeinem wähle⸗ riſchen Weſen den pomphaften Glanz zu verdammen, der dieſen Zeitraum charakteriſirte. So, ohne mich in größere Umſtändlichkeit einzulaſſen, erſchien mir Duchesne, als wir unſer Quartier im Lurem⸗ bourg aufſchlugen und eine Freundſchaft zwiſchen uns be⸗ gann, die mit jedem Tage zunahm. „Dem Himmel ſei Dank, dieſe Poſſe iſt endlich vor⸗ bei,“ ſagte er, als er ſich in einen Armſtuhl an meinem Kamin ſetzte und ſeinen mit Gold und Stickereien bedeck⸗ ten Hut in eine entfernte Ecke des Zimmers warf. Wir kamen gerade von Notre⸗Dame zurück, wo der Senat mit feierlichem Ceremoniell, unter Abſingung eines von 3 den ehrwürdigſten Kirchengebräuchen begleiteten Hochamtes, die Fahnen in Empfang genommen hatte. 77 „Poſſe?“ fragte ich, mich ſchnell umdrehend. „Ja. Wie können Sie es anders nennen? Was, ich bitte Sie, haben dieſe armen abgelebten Senatoren— dieſe weibiſchen Prieſter, im Beguinen⸗Anzug, mit den Adlern einer braven, aber unglücklichen Armee zu thun? Wie können Sie den Weihrauch und die Orgel mit dem Pulverdampf der Artillerie und dem Krachen der Kartät⸗ ſchen vereinen? Und endlich— kam es dem alten Daru zu, neben einigen armſeligen halb lahmen Prieſtern geduckt dazuſtehen? Ich ſchäme mich herzlich vor mir ſelbſt, ob⸗ ſchon ich nur die kleinſte Rolle in dieſem ganzen Drama geſpielt habe.“ 4 „Wie können Sie ſo von dem Triumph unſeres Hee⸗ res ſprechen?— von dem Ruhme—⸗ „Sie mißverſtehen mich ſehr. Ich ſpreche nur von dieſem erbärmlichen Gaukelſpiel, welches unſere ſchwer er⸗ rungenen Lorbeern in Kränze von künſtlichen Blumen ver⸗ wandelt; dieſe Schauſtellungen ſind tief unter unſerer Würde und ſchickten ſich bloß für die Siege irgend einer Nationalgarde.“ „Alſo,“ ſagte ich lächelnd—„empoͤrt ſich Ihr re⸗ publikaniſcher Sinn gegen all dieſes zweckloſe Ceremo⸗ niell?“ 3 „Sie ſind wirklich der Erſte, der mich unter dieſer Maske herausfand,“ erwiederte er unter herzlichem Lachen. „Aber laſſen Sie es gut ſein— ich wette, Sie ſind dar⸗ über ganz mit mir einverſtanden. Das war eine recht verächtliche Komoͤdie und für meinen Theil möchte ich dieſe Fahnen lieber wieder im Beſitz jener armen Burſche ſehen, die wir bei Auſterlitz jagten, als in den ſchwachen Händen von Faslern und Froͤmmlern flatternd erblicken.“ „Da muß ich geſtehen, daß wir ganz verſchiedener Meinung ſind. Ich liebe es, den kriegeriſchen Geiſt einer Nation durch die Betrachtung ſolch glorreicher Trophäen genährt zu ſehen. Ich bin jung genug, mich zu erinnern, welchen Eindruck die Invaliden auf mich machten— ℳ „Wenn Sie an Sonntagen von der polytechniſchen Schule paarweiſe dahin ſpazieren gingen, mit einem blauen Bande um den Hals, zur Belohnung, daß ſie die Woche über gute Jungen geweſen. O, ich kenne dieß Alles. Das waren köſtliche Zeiten, mit ihren Erinnerungen an Stelzfüße und Plumpuddings. Sie ſind ein glüͤcklicher tenüih⸗ wenn die Täuſchung bei Ihnen ſo lange währen ann.“ „Sie ſind entſchloſſen, ihr ein Ende zu machen,“ ſagte ich lachend;„das leidet keinen Zweifel. „Nein. Ich wäre im Gegentheil nur zu glücklich, wenn Sie mich zum Proſelyten machten, ſtatt daß ich Sie bekehre; aber unglücklicher Weiſe hat mir„Seine Majeſtät der Kaiſer und König“ einige ſcharfe Lektionen ertheilt, ſeit ich die Mathematik aufgab, und ich habe eine oberflächliche Kenntniß ſeiner eigenen Politik erlangt, welche darin beſteht— auf das Weſen Acht zu haben und den Schatten, oder wenn Sie lieber wollen, die „Fahne“ jedem zu überlaſſen, der darnach Verlangen trägt.. „Ich geſtehe indeſſen,“ entgegnete ich,„daß ich Ihrem Enthuſiasmus für Krieg und Ihre Gleichgültigkeit gegen deſſen Trophäen nicht wohl mit einander vereinigen kann. Mir machen die Ideen, die ſich daran knüpfen, mehr Ver⸗ gnügen, als irgend etwas Anderes.“ „Mir iſt, als hätte ich ſelbſt früher etwas Aehnliches empfunden,“ ſagte er ſinnend.„Es gab eine Zeit, wo das Blaſen einer Trompete oder auch nur das Klirren ei⸗ nes Säbels mein Herz pochen machte. Glücklicher Weiſe hat ſich ſeitdem dieſes Organ gegen noch viel aufregendere Töne geſtählt; und ich hörte die heutige Salve, obwohl ſie von dieſem impoſanten Corps, der Artillerie der Na⸗ tionalgarde, abgeſeuert wurde, mit wirklich wundervollem Gleichmuthe an. Apropos, theurer Burke. Sprechen Sie von Heroismus und Selbſtverleugnung ſo viel Sie wollen, aber zeigen Sie mir irgend etwas, das mit der Tapferkeit dieſer Burſche verglichen werden könnte, die wir auf dem „ Quai Voltaire“ ſahen— ein Haufe Gewürzkrämer, Perrückenmacher, Schirm⸗ und Wurſtverkäufer, mitt ſtatt⸗ lichen Bäuchen und Augengläſern, die in wirkliche Kanonen Patronen hinunter ſtießen, ſie auswiſchten, luden und b⸗ feuerten. Es war auf Ehre fürchterlich.“ „Man ſagt, Seine Majeſtät ſei auf die National⸗ garde von Paris wirklich ſehr ſtolz.“ „Er iſt es allerdings— ſehen Sie dieſelben nur an und urtheilen Sie, wie groß der Enthuſiasmus von Män⸗ nern ſein muß, die eine Laufbahn betreten, welche nicht nur ihren Neigungen, ſondern auch ihrem innerſten Weſen ganz zuwider iſt; bedenken Sie, daß Jener dort, der neben einem Vierundzwanzigpfünder herläuft, nie mit etwas Schwererem zu ſchaffen hatte, als mit einem Perrücken⸗ ſtock; und daß der kleine Mann an ſeiner Seite nie an⸗ dere Ladungen beſorgte, als die er in ſeine Bücher ein⸗ trug. Fürwahr, die Dromedarengarde, die wir in Aegyp⸗ ten hatten, fühlte ſich in ihren Sätteln weit behaglicher, als die Schwadron, welche neben dem Wagen des Erzbi⸗ ſchofs ritt.“ „Es iſt bei alledem nicht billig,“ ſagte ich ſcherzend, „ſie ſo ſtrenge zu beurtheilenz um ſo weniger als Sie, wie ich glaube, Bekannte darunter haben.“ „„Hal das ſahen Sie— nicht wahr?“ erwiederte er lächelnd.„Nein, beim Himmel, ich begegnete ihnen nie zuvor; aber die Kameradſchaft unter Soldaten— Sie verſtehen— machte uns bald bekannt: ich ſah einen alten Burſchen mit einem ſehr hübſchen Mädchen ſprechen, er⸗ rieth, daß es ſeine Tochter war— und fing ſogleich eine kleine Freundſchaft mit ihm an— hier iſt ſeine Karte.“ „Seine Karte! Was— werden Sie ihn beſuchen?“ „Noch beſſer— ich werde nächſten Montag dort zu Mittag ſpeiſen. Laßt uns nun ſehen, wie er ſich nennt— Hippolyt Pierrot, Korſetmacher Ihrer Majeſtät der Kai⸗ ſerin, Nr. 22 Nue de Bac, auf dem dritten Boden über dem Entreſol. Der Teufel, das iſt hoch oben. Unglück⸗ licher Weiſe bin ich noch nicht bekannt genug, um einen Freund einführen zu dürfen.“ „O, deßwegen brauchen Sie ſich nicht zu entſchuldi⸗ gen,“ bemerkte ich lachend,„ich habe wirklich kein Ver⸗ langen, den Haushalt des Herrn Hippolyt Pierrot zu ſe⸗ hen. Und nun, was haben Sie dieſen Abend vor?— gehen Sie in die Oper?“ „Ich weiß es nicht beſtimmt,“ ſagte er unſchlüſſig, — Frau von Coulaincourt empfängt heute und erwartet natürlich vor oder nach Tiſche, unſere hübſchen Uniformen in ihrem Salon zu ſehen. Dann iſt die Gräfin Nevers da— ich komme nie dahin, ohne meinem Schneider zu begegnen; der Kerl iſt Polizeiſpion und Zuckerbäcker oben⸗ drein; er ſervirt das Eis und berichtet die Geſpräche auf dem Vendomeplatz und der anſtoßenden Seite der Straße St. Honoré. Ich könnte kein Glas Limonade nehmen, ohne beläſtigt zu werden. Ins Faubourg muß ich in Ci⸗ vilkleidern gehen, ſie würden die„Livree des Uſurpators“ nicht an der Portierloge vorbei laſſen; überdieß plagen ſie einen mit ihrer enthuſtaſtiſchen Freude oder Trauer, je nachdem der letzte Brief aus England meldet, ob der Graf von Artois zu viel Auſtern gegeſſen hat, oder das Londoner Bier zu ſtark für ihn befunden wird.“ 8 „Aus all dieſem ſchließe ich, daß Sie nicht geneigt ſind, auszugehen.“ „Ich glaube, das mag der Fall ſein. Wenn ich die Wahrheit reden ſoll, Burke, ſo gibt es in ganz Paris eine einzige Soirée, für welche ich mir dieſen Abend die Mühe geben moͤchte, mich anzukleiden, und ſonderbar ge⸗ nug, iſt dieß das einzige Haus, deſſen Bewohner ich nicht kenne. Er iſt ein Generalkriegscommiſſär oder„Liefe⸗ rant“ irgend welcher Art— immer abweſend, wie ſie ſagen; hat ein Weib, die einſt außerordentlich hübſch war, und eine Tochter, die es jetzt iſt; macht ein glänzendes Haus und leiſtet als Ehrenmann für das, was er im 84 Felde ſtiehlt, dadurch Erſatz, daß er in der Hauptſtadt gute Diners gibt. Seine Majeſtät machte ihn, auf Ver⸗ wendung der Kaiſerin glaube ich, zum Grafen,— dem Himmel ſei Dank, nicht zum König, und da ſie von Gua⸗ deloupe oder Otaheite kommen, macht ihnen ihr Recht Niemand ſtreitig; auch iſt dieſes nicht der Zeitpunkt, um es ſo genau zu nehmen. Dieß iſt Alles, was ich von ihnen weiß; denn ſatal genug, haben ſie ſich hier nieder⸗ gelaſſen, während ich beim Heere war.“ „Und ihr Name?“ „O, ein ſehr annehmbarer Name, ich verſichere Ih⸗ nen— Lacoſtellerie— Frau Gräfin von Lacoſtellerie.“ „Ha, Sie erinnern mich, ich habe einen Brief an ſie— ein Umſtand, den ich ganz vergeſſen hatte, obwohl ſich ein Auftrag daran knüpfte.“ 3 „Einen Brief!— das iſt ja ein Glück ohne Glei⸗ chen— verlieren Sie keinen Augenblick— Sie haben gerade noch Zeit, ihn mit Ihrer Karte vor dem Mittag⸗ eſſen abzugeben— man wird Ihnen ſogleich eine Einla⸗ dung für dieſen Abend ſchicken.“ „Aber ich habe nicht die mindeſte Luſt.“ „Das macht Nichts, ich wünſche es und Sie müſ⸗ ſen mich mitnehmen.“ „Sie vergeſſen,“ ſagte ich, ſeine eigene Ausdrucks⸗ weiſe nachahmend,„daß meine Bekanntſchaft unglücklicher Weiſe nicht vertraut genug iſt.“ „Was das betrifft,“ entgegnete er,„ſo findet zwi⸗ ſchen der Etikette, die man in der Rue de Bac Nr. 22 im dritten Stockwerk über dem Entreſol, und jener, die man in den ſchimmernden Salons des Hotel Clichy, Rue Faubourg St. Honoré, beobachtet, ein großer Unterſchied ſtatt. Das Ceremoniell iſt da drei Treppen hoch, vom Entreſol gar nicht zu reden, unendlich ſtrenger.“ „Allein ich kenne die Leute nicht.“ „Ich auch nicht.“ „Wie ſoll ich Sie aber vorſtellen?“ Tom Burke. IV. 4 8² „Nichts leichter als das— Kapitän Duchesne von der kaiſerlichen Garde, oder wenn Sie es vorziehen, will ich für Sie die Honneurs machen.“ „Von Herzen gern,“ ſagte ich lachend und machte Anſtalten, den fraglichen Beſuch abzuſtatten. — Sechstes Kapitel. Das Hotel Clichy. Duchesne hatte ſich in ſeinen Berechnungen nicht getäuſcht. Ich war kaum im Luxembourg zuruck, als mir ein Bedienter eine Einladungskarte zur Soiree der Gräfin für den Abend brachte. Es wurde alſo beſchloſſen, daß wir mit einander hingehen wollten— ich als der Einge⸗ ladene, er als mein Freund.. „Ihren ganzen Staat, Burke, denken Sie daran,“ ſagte er, als wir uns trennten, um uns umzukleiden.„Die Uniform der Eliten⸗Kompagnie ziert einen Salon eben ſo ſehr, als eine Camelia oder ein Geranium.“ Als er eine halbe Stunde ſpäter wieder bei mir ein⸗ trat, war ich erſtaunt über die ſchimmernden Orden und Decorationen, mit denen ſeine Uniform bedeckt war, wäh⸗ rend an ſeiner Seite ein prachtvoller Ehrendegen hing, wie ſie der Kaiſer gewöhnlich ſeinen ausgezeichnetſten Officieren verlieh. eie lächeln ob all dieſem Prunk,“ bemerkte er, mei⸗ nen Blick der Bewunderung mißdeutend,„aber vergeſſen Sie nicht, wohin wir gehen.“. „Im Gegentheil,“ unterbrach ich ihn;„ich wußte P jetzt nicht, daß Sie das Kreuz der Ehrenlegion haben.“ „Der Teufel!“ ſagte er mit übermüthigem Achſel⸗ 1 zucken,„ich hatte es meinem Friſeur für einen Ball im Circus geliehen, doch da kommt unſer Wagen.“ Während wir dem Faubourg zufuhren, hatte ich noch Zeit, etwas Näheres von den Leuten zu hoͤren, zu denen wir nun kamen, was ich zur Belehrung meiner Leſer hier mittheilen will, nebſt einigen andern Thatſachen, die ich ſpäter ſelbſt in Erfahrung brachte. Gleich wie dieß in den meiſten Salons der neuen Ariſtokratie der Fall war, empfing Madame de Lacoſtel⸗ lerie Leute von jeder Parteiſchattirung und politiſcher Mei⸗ nung. Da ſie dem„ancien régime“ eben ſo fern ſtand wie den Jakobinern, war ihr Salon eine Art neutrales Gebiet, wo Jedermann hinkommen konnte, ohne ſeiner Würde etwas zu vergeben; denn bereits war, ausgenom⸗ men unter den hartnäckigſten Anhängern der Bourbonen, von denen ſich nur wenige mehr in Frankreich fanden, die Neigung im Zunehmen, ſich eher an die Napoleoniſten als an die revolutionäre Partei anzuſchließen, während ſelbſt die letztere mit all ihren Anſprüchen auf Einfach⸗ heit und Natürlichkeit ſich nicht wenig geſchmeichelt fühlte, mit eben derſelben Ariſtokratie in Berührung zu kommen, auf die ſie ſo laut ſchmähte. Außerdem übte auch der Reichthum ſeine blendende Gewalt. Niemals, auch in den blühendſten Zeiten des Königthums nicht, waren die Gaſtereien glänzender; und wenn die Legitimiſten auch geneigt waren, ſich über die Geſellſchaft luſtig zu machen, mußten ſie doch der Küche Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Die Leckerbiſſen dieſer modernen Diners verdunkelten die koſtbarſten Schauſtel⸗ lungen früherer Zeiten, bei welchen ererbter Rang und alter Adel dazu beitrugen, den Anblick zu verherrlichen. Und endlich erweiterte die Vermiſchung aller Stände und Klaſſen das Gebiet der geſelligen Unterhaltung— indem ſie neue Beſtandtheile und Lebensäußerungen in eine Ge⸗ ſellſchaft brachte, wo ſich Pairs, Schauſpieler, Banquiers, Maler, Soldaten, Speculanten, Journaliſten und Aben⸗ teurer verworren umhertrieben, die ihre Grundſätze und Vorurtheile in eine gemeinſame Maſſe zuſammenſchmolzen und mit dem, was ſie im Gewühle erhaſchen konnten, ei⸗ nen neuen Lebenslauf begannen. Nachdem wir ungefähr eine Stunde der langen Reihe von Equipagen gefolgt waren, lenkten wir endlich in einen großen Hofraum, der beinahe bis zur Tageshelle erleuch⸗ tet war. Hier ſtanden die Kutſchen mehrerer Miniſter, eine Begünſtigung, die ihnen vor den übrigen Gäſten ein⸗ geräumt wurde.— Ich erkannte unter den übrigen die glänzenden Livreen von Decres und den prachtvollen Wagen Talleyrands, deſſen Haushalt immer ein Gepräge trug, wie es ſich für einen„seigneur“ von älteſtem Blut und das vollkom⸗ menſte Vorbild eines hochgebornen Edelmannes ſchickte. Vom Vorplatz zur Treppe ging es langſam. Der doppelte Strom der ſich Hinauf⸗ und Herunter⸗Drängenden hielt uns lange auf; zuletzt erreichten wir ein geräumiges Vor⸗ zimmer, wo eine noch größere Menge wartete, bis die Reihe ſich vorwärts zu bewegen an ſie kam. Während wir da waren, konnten wir uns aus den Namen derer, die gemeldet wurden, ein treues Bild der ganzen Geſellſchaft entwerfen. Unter den Erſten befanden ſich der General Junot⸗Berthollet, der berühmte Chemiker — Lafayette— Monge— Daru— Graf de Mallles, ein legitimiſtiſcher Edelmann— David, der Königsmörder — der preußiſche Geſandte— Herr Pasquier— Talma. Dieſes waren die Namen, welche wir ſchnell nacheinander hörten, als ein Ceremonienmeiſter raſch einen Durchgang vor mir öffnete und von meiner Karte die Worte las: „Kapitän Burke, Eliten⸗Officier— Chevalier Duchesne, von ihm eingeführt.“ 3 Und vorwärts tretend, fand ich mich einer ſehr hüb⸗ ſchen Frau gegenüber, deren prächtige Kleidung und ſchim⸗ mernde Diamanten die Verheerungen verbargen, welche die Zeit an ihrer Schoͤnheit angerichtet haben mochte, Sie unterhielt ſich mit dem Erzkanzler Cambaceres, als ich angemeldet wurde, und ſich geſchwind umdrehend, be⸗ rührte ſie meinen Arm mit ihrem Blumenſtrauße und ſagte mit einem äußerſt anmuthigen Lächeln: „Ich fühle mich recht ſehr geſchmeichelt, daß ich die Ehre habe, Sie auf eine ſo ſpäte Einladung hin zu ſehen; aber Herrn von Taſchers Brief ließ mich auf Ihre Nach⸗ ſicht hoffen— Ihr Freund, wie ich glaube.“ „Ich war ſo frei— 3 „In der That, Frau Gräſin,“ unterbrach Duchesne, „ich muß meinen Freund hier entſchuldigen. Dieſe Zu⸗ dringlichkeit fällt mir allein zur Laſt und hat keine andere Rechtfertigung, als meinen lange gehegten Wunſch, der ausgezeichnetſten Zierde der pariſer Welt meine Huldigung darzubringen.“ Der ſanfte Fluß ſeiner Rede und die tiefe ehrerbietige Verbeugung, mit der er dieſelbe begleitete, benahm ſeinen Worten gänzlich den Ausdruck grober Schmeichelei und ließ ſie völlig angemeſſen erſcheinen. „Dies wäre wirklich ein ſehr hohes Compliment,“ erwiederte Frau von Lacoſtellerie vor Vergnügen errothend, „auch wenn es von einem weniger bedeutenden Manne käme als dem Chevalier Duchesne. Ich hoffe, die Her⸗ zogin von Monſerrat befindet ſich wohl— Ihre Tante, wenn ich nicht irre.“ „Ja, Madame, vollkommen wohl. Sie wird ſehr erfreut ſein, wenn ich ſie von ihrer gütigen Nachfrage un⸗ terrichte.“ Eine andere Anmeldung nöthigte uns, dem Strome vor uns zu folgen, was mir recht lieb war, um einem Austauſch ſchöner Redensarten zu entgehen, an deren Auf⸗ richtigkeit ich wenigſtens auf Einer Seite ſtark zweifelte. „Die Gräfin iſt alſo mit Ihrer Familie bekannt,“ flüſterte ich. „Wer ſagt das?“ entgegnete er lachend. „Fragte ſie denn nicht nach der Herzogin von Mont⸗ ſerrat?— „Und dann? „Und verſprachen Sie nicht, dieſelbe von ihrer freund⸗ lichen Nachfrage zu unterrichten?“ „Gewiß that ich das; aber ſind Sie unerfahren ge⸗ nug, zu glauben, daß es Einem von uns mit dem, was wir ſagten, Ernſt war? Ei, mein lieber Freund, ſie hat meine Tante in ihrem Leben nicht geſehen; auch bin ich nicht gewiß, ob mir nicht, wenn ich der Herzogin von ihrer Nachfrage einen Wink gäbe, dieß ungefähr eine halbe Million Franken koſten würde, welche die alte Dame mir im Teſtamente vermacht hat. Auf mein Wort, ich bin feſt überzeugt, ſie vergäbe es mir nie. Sie haben keine Ahnung davon, was dieſe Leute vom alten Schlage zu thun im Stande ſind. Sehen Sie jenen hübſchen Menſchen dort mit einem Stern an einem blauen Bande?“ „Ich kenne ihn nicht, allein ich ſehe, er iſt ein Mar⸗ ſchall von Frankreich.“ 4 „Wohlan, ich war dabei, als dieſe meine Tante auf⸗ ſtand und das Zimmer verließ, weil er ſich in ihrer Ge⸗ genwart geſetzt hatte.“ „Ol das war unerträglich.“ „So erſchien ihr ſeine Frechheit— kommen Sie, wir wollen weiter; ſie tanzen im nächſten Salon.“ Da⸗ mit nahmen wir unſern Weg durch das Gedränge in der Richtung, woher die Muſik toͤnte. Ich kann meine Empfindungen beim Eintritt in den Tanzſalon nur mit denen eines Menſchen vergleichen, der zum erſten Male ein Ballet in der Oper ſieht. Mein erſtes Gefühl war das der unbedingteſten Scham. Noch nie hatte ich das Theatercoſtüm, für welches die Geſell⸗ ſchaft damals eine förmliche Wuth hatte, in ſolchem Grade zur Schau tragen ſehen. Das kurze und flatternde Ge⸗ wand— aus irgend einem leichten und durchſichtigen Stoffe gemacht, der ſelbſt da, wo er die Geſtalt bedeckte, die 87 Formen und Umriſſe verrieth— ließ Buſen und Schul⸗ tern bloß, und war um den Leib durch ein Band befeſtigt, deſſen Schleife in anſcheinender Unordnung nachläſſig her⸗ abhing. Das Haar ſiel lang und loſe auf den Nacken, und wallte in flatternden Locken bei jeder Bewegung des Körpers, wodurch es zu jenem ſchmachtenden Ausſehen beitrug, das man ſo abſichtlich erzielen zu wollen ſchien; allein auffallender als irgend etwas in der Kleidung war Blick und Ausdruck, in dem eine wollüſtige Hingebung lag, die mit der anmuthigen Leichtigkeit der Bewegungen und dem leidenſchaftlichen Geberdenſpiel in Uebereinſtimmung war.— „Nun, Burke,“ ſagte Duchesne, als er ſeinen Blick über die Verſammlung gleiten ließ,„ſoll ich für Sie eine Tänzerin aufſuchen? ich glaube nämlich die meiſten Leute hier zu kennen. Die hübſche Blondine dort mit diaman⸗ tenen Schuhſchnallen iſt Fräulein von Rancy mit einer Mitgift von einigen Millionen Franken. Wollen Sie nicht etwa Ihr Gluͤck da verſuchen? Vergeſſen Sie nicht, Eliten⸗ Offizier iſt gerade jetzt Trumpf und es iſt keine Zeit zu verlieren, denn man wird bald andere Karten geben.“ „Nein und wenn ſie auch die Anwartſchaft auf den Thron von Frankreich hätte,“ erwiederte ich und wendete mich mit Widerwillen von einer Geſtalt ab, die zwar vollkommen ſchön war, aber durch jede Bewegung den größten Reiz der Weiblichkeit, ihre angeborne Sittſamkeit, beleidigte. „Ach, Sie lieben alſo Blondinen nicht,“ entgegnete er nachläßig— ob mich abſichtlich mißverſtehend oder nicht, blieb mir räthſelhaft.„Auch ich nicht, fügte er hinzu. „Dort iſt etwas, das meinem Geſchmacke bei weitem mehr zuſagt. Iſt das nicht ein liebenswürdiges Mädchen?⸗ Diejenige, auf welche er nun meine Aufmerkſamkeit lenkte, ſtand im Saale etwas abſeits auf den Arm ihres Tänzers gelehnt— eine leichte Wendung ihres Kopfes hinderte uns, ihre Zuͤge zu ſehen; aber ihre Geſtalt war 88 wirklich tadellos. Sie war keine von jenen nichtsſagenden Figuren, die neben und um uns herum flatterten, ſich auf den Zehen wiegten oder mit anmuthig ausgebreiteten Ar⸗ men daher ſchwebten. Kraftvoll von Wuchs ſtand ſie da mit dem feſt auftretenden Fuße und dem ſtraffen Knoͤchel einer Marmorſtatue: ihre ſchön gerundeten Arme hingen in ungezwungener Haltung von ihren vollen breiten Schultern herab, während ſich ihr Kopf leicht zurückgebengt mit Anmuth und Würde zugleich auf dem Nacken wiegte. Ihr Gewand entſprach vollkommen dem Charakter ihrer Geſtalt: es war ganz ſchwarz, mit einer Menge Spitzen von gleicher Farbe bedeckt— ihr Kleid nach andaluſiſcher Art herauf geheftet, um das Bein zu zeigen, welches vom ſchönſten Ebenmaße war. Indeſſen hatte auch ihr Anzug nach meinem Ge⸗ ſchmacke etwas zu Theatraliſches; allein ihr Benehmen und ihre Haltung trug den Stempel einer ſtolzen Feſtigkeit, die keinen Augenblick im Zweifel ließ, daß ihr kein ge⸗ meines Verlangen, Aufmerkſamkeit zu erregen, ſondern das einem Weibe anſtehende Bewußtſein innewohnte, ſie trage eine Kleidung, die ihr gut anſtehe. Plöͤtzlich wendete ſie ihren Kopf, und wir beide riefen in einem Athem:„wie lieblich!“ Ihre Züge hatten den prächtigen Ausdruck, der nur dem ſüdlichen Blute eigen iſt; große, ſchwarze und glänzende Augen mit Wimpern, die ihren Schatten faſt auf die Wangen warfen; volle Lippen, die ſich wie trotzig kräuſelten, während der reiche olivenfarbige Teint ihrer durchſichtigen Haut in Folge der Bewegung kaum einen Anflug von Röthe hatte, und ſo mit der ſtolzen Ruhe ihrer Haltung in vollkommenem Einklang ſtand. „Sie muß eine Spanierin ſein— das iſt gewiß,“ ſagte Duchesne.„Von dieſer Seite der Pyrenäen hat noch Niemand eine ſolche Fußbiege kommen ſehen, und dieſe Augen haben ihr ſchalkhaftes Schmachten von mau⸗ riſchem Blute her. Doch hier kommt Einer, der uns üher ſie erſchöpfende Auskunft geben kann.“ 1 S 89 Dies war der Baron von Treve, ein verwitterter, ausge⸗ trockneter alter Geck, der bis zu den Augen hinauf ge⸗ ſchminkt war und immer die letzte Mode auf übertriebene Weiſe zur Schau trug— der Kragen ſeines Frackes reichte beinahe bis zum Hinterkopfe, während ſeine hohe Cravate vorn den Mund gänzlich bedeckte und eine Art Wall um ſein Geſicht bildete. Als Duchesne ihn anredete, blieb er plötzlich ſtehen, nahm eine graziöſe Stellung an, hob ſein Glas langſam zum Auge und blickte nach der Dame. „Ach, die Senoring— kennen Sie die nicht? Wie? wo ſind Sie auch geſbeſen, mein theurer Chevalier? O, ich vergaß, Sie waren wohl in Oeſterreich oder Rußland oder ſonſt an irgend einem barbariſchen Orte. Sie iſt die Schönheit par excellence. Man ſpricht in Paris von nichts Anderem.“ „Aber ihren Namen? wer iſt ſie?“ ſagte Duchesne ungeduldig. „Fraͤulein von Lacoſtellerie, die Tochter vom Hauſe,“ erwiederte der Baron voll Erſtaunen über unſere Unwiſſen⸗ heit;„und daß Sie das nicht wiſſen— Sie allein von allen lebenden Männern,“ fuhr er in leiſerem Tone fort, „ſie hat ein unerhörtes Vermögen. Rubinen⸗ und Sma⸗ ragdinen; ganze Länder voll Kaffee, Reis und Sandelholz; Gewürzinſeln und Zuckerpflanzungen, daß einem der Mund darnach wäſſert.“ „Fürwahr, Baron, Sie ſcheinen ſelbſt nicht ganz un⸗ empfänglich zu ſein.“ „Ich hatte ſo meine Gedanken darüber,“ entgegnete er mit einem halben Seufzer,„aber ach! es müßten ſo viele Bande zeriſſen werden— man müßte ſo viele zarte Feſſeln brechen— ℳ „Ich verſtehe,“ ſagte Duchesne mit angenommenem Ernſt.„Das wäre unmöglich. Nun, was ſagen Sie denn dazu, wenn Sie einem Freunde helfen ſollten?“ „Sie meinen wohl ſich ſelbſt?“ Bii— 8 1 90 „Natürlich, Baron— keinen Andern.“ „Kommen Sie hieher,“ ſagte der alte Mann, nahm ſeinen Arm und führte ihn an eine andere Stelle des Saales, wohin ihm Duchesne mit einem ſchlauen Blicke auf mich folgte. Während ich ſeine Rückkehr erwartend ſtehen blieb, hefteten ſich meine Gedanken auf Duchesne ſelbſt, über deſſen Charakter ich nie recht ins Klare kam. Die gleich⸗ gültige Kälte, die er gewoͤhnlich gegen Alles und Jeder⸗ mann zeigte, konnte, wie ich jetzt ſah, ungeſtümer Leiden⸗ ſchaftlichkeit weichen; auch dieſe konnte jedoch eine Maske ſein. Ueber meinem Sinnen hatte ich nicht bemerkt, daß der Tanz zu Ende war; die Tänzerinnen begaben ſich ſchon nach ihren Sitzen zurück, als ich neben mir meinen Na⸗ men hörte— Kapitän Burke. Ich drehte mich um; es war die Gräfin ſelbſt, auf den Arm ihrer Tochter gelehnt. „Ich wünſche Sie meiner Tochter vorzuſtellen,“ ſagte ſie mit Lächeln, der Schulfreund und Waffenbruder deines Vetters Taſcher, Pauline.“ Die junge Dame nickte mit kalter Höflichkeit— ich verbeugte mich tief vor ihr und die Gräfin fuhr fort: „Wir hoffen das Vergnügen zu haben, Sie wäͤhrend Ihres Aufenthaltes in Paris oft bei uns zu ſehen, wo wir dann beſſere Gelegenheit haben werden, Ihre nähere Be⸗ kanntſchaft zu machen. Als ich meinen Dank für ihre Güte ausdrückte, rich⸗ tete ich auch einige Worte an das Fräulein; auf meine Bitte um die Ehre eines Tanzes mit ihr, blickte ſie mich mit dem Ausdruck der Ueberraſchung an, wie wenn ſie mich nicht verſtünde, worauf die Graͤfin raſch einfiel: „Ich fürchte, daß meine Tochter ſchon ſeit langem veerſagt iſt; aber ein anderes Mal— ℳ „Ich hoffe—“ bevor ich jedoch mehr ſagen konnte, redete die Gräfin eine andere Perſon in ihrer Nähe an, und das Fräulein wendete ſtolz ihren Kopf weg und wür⸗ digte mich keiner weitern Aufmerkſamkeit— ſo daß ich —,—— 91 mich voll Beſchämung und Verlegenheit über ein ſo un⸗ günſtiges Debut in der großen Welt zurückzog und unter die Menge miſchte. Ich kam jetzt unter eine Gruppe von Offizieren zu ſtehen, von denen einer eine Anekdote erzählte, die gerade in Paris im Umlauf war, und welche ich hier blos erwahne, weil ſie die Sitten jenes Zeitraumes einiger⸗ maßen beleuchtet. Beim Lever des Kaiſers am vorhergehenden Morgen erſchien ein alter Brigadegeneral, um ihm ſeine Ehrfurcht zu bezeigen, bei welcher Gelegenheit Napoleon einige Re⸗ gentropfen auf der Stickerei ſeiner Uniform glitzern ſah. Er gab ſogleich Jemanden aus ſeinem Gefolge Befehl, nach⸗ zuſehen, mit welchem Wagen der General gekommen ſei. Der Bericht lautete, er ſei in einem Fiaker angelangt, einem Miethfuhrwerk, dem nach der Hofetikette der Zu⸗ gang in den Hof der Tuilerien nicht geſtattet war, wodurch ſich der General genöthigt geſehen hatte, etwa hundert Schritte zu Fuße zu gehen, bevor er unter Dach kam. Der alte Ofſizier, der von der zarten Sorgfalt des Kaiſers nichts wußte, war höchlich erſtaunt, als er bei ſeiner Entfernung eine ſchöne Kaleſche und zwei prächtige Pferde zu ſeiner Verfügung geſtellt ſah. „Wem gehört dieſer Wagen?“ fragte er. „Ihnen, Herr General.“ „Und der Kutſcher und die Pferde?“ „Ebenfalls Ihnen! Seine Majeſtät haben allergnä⸗ digſt geruht, dieſelben für Sie in Bereitſchaft halten zu laſſen, und wünſchen, Sie möchten nicht vergeſſen, daß die Summe von ſechstauſend Franken von Ihrem Gehalte ab⸗ gezogen werden ſoll, um die Koſten dieſer Equipage zu be⸗ ſtreiten, die nach dem Urtheile des Kaiſers für Ihren Dienſtrang ſo paſſend iſt.“ „Auf ſolche Weiſe,“ bemerkte der Erzähler,„treibt der Kaiſer Andere zu jener Freigebigkeit an, die et ſelbſt in ſo hohem Grade übt. Die Beute von Italien und Oeſter⸗ reich iſt beſtimmt— nicht einen neuen Adel zu gründen, 92 ſondern die Bürgerſchaft der guten Stadt Paris zu berei⸗ chern. Ei, Eduard, iſt nicht dort drüben Duchesne? Ich glaubte, es ſei unter ſeiner Würde, die Salons eines bloßen Generalkriegskommiſſärs in ſeinen Schutz zu nehmen.“ „Sie kennen den Chevalier nicht,“ erwiderte der An⸗ dere.„Für ſeinen Schuß fliegt kein Wild zu hoch oder zu niedrig. Verlaſſen Sie ſich darauf, er iſt nicht umſonſt hier.“ „Wenn er auf das Fräulein Abſichten hat,“ bemerkte ein Dritter,„ſo ſoll er auf mein Wort an mir keinen Ne⸗ benbuhler finden. Ich wollte bei Gott lieber eine Uhlanen⸗ Charge aushalten als mit ihr ſprechen.“ „Wärſt Du Marſchall von Frankreich, Claude, Du würdeſt anders denken.“ „Wenn ich Marſchall von Frankreich wäre,“ wieder⸗ holte er mit Nachdruck,„ſo würde ich lieber Minette hei⸗ rathen, die Markendenterin von unſerm Regiment. „Wirklich keine ſchlechte Wahl,“ unterbrach ein breit⸗ ſchultriger, ſchläfrig dreinblickender Offizier;„man kann da⸗ gegen bloß Eine Einwendung machen.“ „Und welche, wenn ich fragen darf?“ „Eine ganz einfache; Minette würde Sie nicht wollen.“ Der junge Mann verſuchte in das Gelächter einzu⸗ ſtimmen, welches dieſe Worte hervorbrachten, obwohl man deutlich ſah, daß er ſich bei dem Spotte nicht behaglich ühlte. ſu„Ich bitte tauſendmal um Vergebung, mein theurer Burke,“ ſagte Duchesne in dieſem Augenblick und legte ſeinen Arm in den meinigen,„aber ich war vor einigen Minuten nahe daran, Ihrer Dienſte zu bedürfen.“ „Ach, wie ſo? „Kommen Sie ein wenig abſeits und ich will es Ih⸗ nen erzählen. Ich wünſchte das Fräulein zum Tanze auf⸗ zufordern und näherte mich ihr in dieſer Abſicht. Sie ſtand mit allerlei Leuten, die mir fremd waren, unter der Thüre — der einzige Mann darunter, den ich kannte, war der ruſſiſche Fürſt Dobretski. Ein ſehr kaltes—„Verſagt, mein ————— Herr!“ war die Antwort der Dame auf meine erſte An⸗ frage. Der zweiten und dritten wurde die nämliche Erwie⸗ derung zu Theil— als der Ruſſe, wie wenn er abſichtlich meine Verlegenheit hätte vermehren wollen, mit einem „und die vierte Tour tanzt das Fräulein mit mir,“ ein⸗ fiel.„In dieſem Falle,“ ſagte ich,„kann ich wohl auf die fünfte Anſpruch machen.“ „Mit welchem Rechte, mein Herr?“ fragte ſie ſchnippiſch. „Auf Befehl des Kaiſers,“ entgegnete ich ſtolz. „In der That, mein Herr!— darf ich fragen, wie und wann?“ „Auſterlitz, den 2. Dezember.— Der Tagsbefehl von vier Uhr, von Reygern datirt, ſagt—„die kaiſerliche Garde wird den Ruſſen dicht auf dem Fuße folgen. Un⸗ terzeichnet— Napoleon.“ „In dieſem Falle, mein Herr,“ ſagte ſie,„kann ich mich dem Befehle Seiner Majeſtät nicht widerſetzen. Ich werde mit Ihnen die fünfte Tour tanzen.“ „Und der Ruſſe, was ſagte der? „Meiner Treu! ich küͤmmerte mich nicht um ihn— denn als das Fräulein ſich mit ihrem Tänzer entfernte, ging ich fort, um Sie aufzuſuchen.“ Obwohl mich dieſe Mittheilung des Chevaliers er⸗ götzte, ſo konnte ich mich doch nicht einiger Empfindlich⸗ keiten darüber enthalten, daß ihm ein größerer Erfolg zu Theil geworden, als mir ſelbſt— denn die kalte Aufnahme, die man mir hatte angedeihen laſſen, war noch immer nicht verwunden. „Gehen wir da weg,“ ſagte Duchesne,„wir ſind hier unter eine Schaar alter Soldaten mit ihren einfältigen Ge⸗ ſchichten von Cairo und Acre, Alexandrien und der Etſch gerathen. Beim Himmel, wenn mich irgend etwas zum Legitimiſten machen könnte, ſo wäre es mein Ekel an die⸗ ſem verwünſchten Geſchwätz üher Kleber und Deſaix. Der Kaiſer ſelbſt verachtet die Zeit der Revolution nicht herz⸗ licher als ich. Kommen Sie— man ſpielt dort Bouil⸗ lotte. Wir wollen hingehen und einige Goldſtücke gewin⸗ nen. Ich fühle, mir lächelt das Glück— und ſelbſt ver⸗ lieren wäre beſſer, als dieſen Leuten zuhören. Erſt vor eini⸗ gen Minuten hat mich der alte Berthollet von der Frau voon Muraire weggejagt, die er zu überzeugen ſuchte, ihre Diamanten ſeien bloß Holzkohlen und ein Halsband nur zum Braten eines Ortolans brauchbar. Das kommt daher, wenn man Gelehrten den Zutritt in die Geſellſchaft ge⸗ ſtattet— zur Zeit der Monarchie hatte man zweifelsohne einen beſſern Geſchmack.“ Es machte uns einige Schwierigkeit, an den Bouillotte⸗ tiſch zu gelangen, wo, nach den Einſätzen zu urtheilen, ſehr hohes Spiel im Gange war. Duchesne wurde von den Spielern ſchnell erkannt, die ihm unter ſich Platz machten. Ich ſah bald, daß er Recht hatte, auf ſein Glück zu zählen; jeder Satz gewann und der Goldhaufen vor ihm war fortwährend im Wachſen. „Fürwahr, Burke,“ flüſterte er,„dieß iſt eine ſeltene Begünſtigung der Glücksgöttin, die, da ſie ein Weib iſt, nicht lange in der nämlichen Laune bleiben wird. Fünf⸗ tauſend Franken,“ rief er, die Banknote nachläßig vor ſich hinwerfend und nahm den Faden des Geſprächs mit mir wieder auf.„Wäre ich jetzt im Gefechte, ſo würde ich den Marſchallsſtab gewinnen. Ich fühle es. Man hat ſtets ein eigenthümliches Bewußtſein des Glückes, wenn es beſtändig bleiben will.“ „Chevalier Duchesne— Chevalier Duchesne!“ wie⸗ derholte außerhalb des Zirkels eine Stimme nach der an⸗ dern,„Fräulein von Lacoſtellerie erwartet Sie zum Walzen.“ „Bitte tauſendmal um Vergebung,“ ſagte er und ſtand auf.„Burke, ſpielen Sie für mich, während ich verſuche, ob ich nicht mein Glück bis ans Ziel verfolgen kann.“ Mit dieſen Worten und ohne darauf zu hören, daß ich mich mit meiner Unkenntniß des Spieles entſchuldigte, noͤthigte er mich auf ſeinen Seſſel und drängte ſich durch den Haufen, um ſich den Tänzern anzuſchließen. 95⁵ Erſt als mich die Spieler fragten, ob ich fortzufahren beabſichtige, ward ich die Lage gewahr, in der ich mich befand. Ich kannte vom Spiel nicht viel mehr, als was ich beim Zuſehen gelernt hatte, allein ich wußte, daß die Spieletikette der Geſellſchaft gebot, dem Verlierenden Ge⸗ legenheit zur Revange zu geben. Daher fuhr ich fort, für Duchesne zu ſetzen, wie ich es von ihm geſehen hatte— jedoch keineswegs mit ſolchem Erfolge. Er hatte kaum den Tiſch verlaſſen, als das Gluͤck ſich wendete und ſeine Schätze verſchwanden nun noch raſcher vor meinen Augen, als ſie ſich angehäuft hatten. Nachdem mich das Unglück lange verfolgt, ſetzte ich endlich eine ſehr bedeutende Summe, änderte aber, gerade als der Banquier im Begriffe war, zu beginnen, meinen Entſchluß und zog die Hälfte davon zurück. „Nein, nein, laſſen Sie ſtehen,“ flüſterte eine Stimme in mein Ohr,„je bälder dies vorüber iſt, deſto beſſer.“ Ich kehrte mich um— es war Duchesne ſelbſt, der einige Zeit hinter meinem Stuhle geſeſſen und dem Spiele zugeſehen hatte. So flüchtig auch der Blick geweſen war, den ich auf ſeine Züge werfen konnte, kam es mir doch vor, ſie ſeinen blei⸗ cher, als gewöhnlich. Konnte dieß vom Glückswechſel her⸗ rühren?— Schwerlich. Ich gab genau auf ihn Acht und bemerkte, daß er das Spiel keines Blickes würdigte. Zuletzt ſetzte ich Alles, was übrig blieb, auf einen Wurf und verlor. Als ich meine Börſe heraus nahm, um noch einmal zu ſetzen, liſpelte er mir in's Ohr—„Nein, nein, Burke, ich wartete blos auf dieſen Augenblick. Laſſen Sie uns fortgehen. Ich ſtehe auf, wie ich mich niedergeſetzt, meine Herrn,“ ſagte er heiter, während er in leiſerem Tone hinzufügte—„sauf l'honneur.“ „Sind Sie für eine Nacht luſtig genug geweſen?“ ſagte er und legte ſeinen Arm in den meinigen.„Wollen wir nach Hauſe?“ „Gern,“ erwiederte ich, denn ich war einigermaßen über 96 mein Unglück ärgerlich und zürnte mir ſelbſt, daß ich ge⸗ ſpielt hatte.—— „Nun ſo kommen Sie, dieſe Thüre führt uns auf die Treppe.“ Als wir haſtig das Gedränge durchſchritten, ſah ich, daß ein junger Offizier in Huſarenuniform Duchesne etwas in's Ohr fluſterte, worauf er ſchnell erwiederte:„Gewiß,“ und als er im nämlichen leiſen Tone fortfuhr, antwortete Duchesne mit höflichem Lächeln und ſehr vergnügtem Blicke: „Einverſtanden, mein Herr.“ „Wohlan, Burke,“ ſprach er drauf zu mir,„das ſind nahebei die glänzendſten Salons von Paris— ich glaube nie beſſern Geſchmack angetroffen zu haben— ich muß Ihnen gewiß ſehr dafuͤr danken, daß Sie mich hier eingeführt haben.“ „Sie vergeſſen die Herzogin von Montſerrat, wie es ſcheint,“ ſagte ich lachend. „Beim Himmel, Sie haben Recht,“ entgegnete er; „aber die Initiative ging dennoch von Ihnen aus. Was das Ende davon ſein wird, iſt eine andere Frage,“ fügte er murmelnd hinzu, als wollte er nicht, daß ich die hörte. „Jedenfalls,“ bemerkte ich, in Verlegenheit was ich ſagen und doch fühlend, daß ich etwas ſagen ſollte;„je⸗ denfalls bin ich ſroh, daß Ihr ruſſiſcher Freund Ihre Worte nicht übel nahm.“ „Und warum?“ fragte er mit einem eigenthümlichen Lächeln—„und warum?“ „Erſtens, weil ich vor einem Duell Abſcheu habe.“ „Aber, mein lieber Junge, dieſe Redensart ſchmeckt bei Weitem mehr nach der Schule der Jeſuiten, als nach jener von St. Cyr. Laſſen Sie dieſelben Niemanden hören, der nicht in dem Grade Ihr Freund iſt wie ich.“ „Meinetwegen mag es hören wer will. Die Noth⸗ wendigkeit mag mich dazu bringen, einem Gegner im Zweikampf gegenüber zu ſtehen; aber einen kaltblütigen Zuſchauer dabei abzugeben— dem Verbrechen meines Freun⸗ des oder ſeinem eigenen Tode gls Zeuge beizuwohnen— 8. 97 „Laſſen Sie es gut ſein— im Falle Sie den Dol⸗ man mit einem Chorhemd vertauſchen, will ich dies von Ihnen anhören, wenn ich es überhaupt von Jemanden hö⸗ ren kann; allein zum Glück haben wir jetzt keine Zeit für weitere Sittenpredigten, denn hier kommt der Wagen.“ In heiterem Geplauder über die Abendgeſellſchaft und ihre Theilnehmer fuhren wir nach Hauſe und ſchieden für die Nacht mit einem herzlichen Händedrucke. Siebentes Kapitel. Ein Polizei⸗Bureau. Als ich am folgenden Morgen in das Frühſtückzim⸗ mer kam, fand ich Duchesne ſich in einem Lehnſeſſel vor dem Feuer dehnend, in den eben erſchienenen Moniteur vertieft, wo eine lange Liſte kaiſerlicher Ordonnanzen bei⸗ nahe drei Spalten ausfüllte. „Da habe ich dieſes Verzeichniß fürſtlicher Gnaden⸗ bezekgungen zwanzig Minuten lang auswendig gelernt und finde darin kein Wort von unſern vielgeliebten Vettern, den Kapitänen Burke und Duchesne, und doch ſcheint ein wahres Hagelwetter von Beförderungen über die Leute ge⸗ kommen zu ſein. Einige haben Großherzogthümer er⸗ wiſcht— Andere Fürſtenthümer— wieder Andere das Kreuz der Ehrenlegion— und hier, bei Gott, ſind Einige gar mit Weibern begabt worden. Da ſich Se. Majeſtät jetzt auf's Taufen und Trauen verlegt, ſo vermuthe ich, wir werden ihn bald alle Sacramente der heiligen Kirche ausſpenden ſehen. Intereſſirt es Sie ſehr, zu hoͤren, daß Talleyrand Fürſt von Benevent genannt werden ſoll, und Murat jetzt Großherzog von Berg iſt; daß Sebaſtiani das Fräulein von Coigny heirathen ſoll und Herr Decazes, Sohn des Herrn Decazes, eine Andere zur Frau genom⸗ Tom Burke. IV. 5 7 men hat? O Himmel! das iſt Alles ſehr langweilig und ſelbſt nicht das Feſt des heiligen Napoleon—“ „Was für ein Feſt?“ fragte ich lachend. „Das Feſt des Heiligen Napoleon— beim Teufel! Das iſt kein Spaß, ich verſichere Sie, hier iſt der Erlaß des Cardinallegaten an die Erzbiſchöfe und Biſchöfe von Frankreich, in welchem er verordnet, daß der erſte Sonn⸗ tag im Auguſt jedes Jahrs dazu verwendet werden ſoll, das Feſt dieſes Heiligen zu feiern, zugleich mit einem Be⸗ richt über die Prozeſſionen, die ſtattzufinden haben und verſchiedenen vollkommenen Abläſſen für die Frommen, die ſich bei dieſer Gelegenheit einfinden. Fouché könnte Ih⸗ nen die Namen einiger Leute nennen, die tüchtig Blut ließen, um all' dieſes Quarkes los zu werden, und traun, es iſt ziemlich hart, daß wir, die wir den h. Ludwig nicht vertragen konnten, uns nun den h. Napoleon gefallen laſ⸗ ſen müſſen— indem ja Heilige gleich dem Bordeauxwein deſto beſſer ſchmecken, je abgelegener ſie ſind. Ich könnte jedoch zu Allem ja ſagen, nur nicht zu dieſem Syſtem erzwungener Heirathen; für meinen Geſchmack erinnert dies zu ſehr an den alten Fritz und nicht jeder kann ſo glücklich ſein, wie Ihr Freund General d'Auvergne.“ Ich fühlte, wie mir bei dieſen Worten die Röͤthe brennend heiß in's Geſicht ſtieg; allein Duchesne bemerkte meine Verlegenheit nichtz, ſondern fuhr fort:„Und doch war dieſe von allen unpaſſenden Heirathen, für welche ſeine geheiligte Majeſtät künftig einmal Rechenſchaft zu geben haben wird, ohne Frage die außerordentlichſte.“ „Aber ich habe gehört und glaube es auch, daß dieſe Ehe nicht vom Kaiſer geſtiftet wurde; ſie war eine reine Geſchmacksſache.“ „Bah, bah, Burke,“ erwiderte er lachend,„Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß das hübſcheſte Mädchen am Hofe, mit großer Ausſteuer, einem alten Namen und der vortheilhafteſten Stellung, aus eigenem, freien Willen einen verwitterten, alten Soldaten, der mehr V V Dienſtjahre zählt, als ihr Vater, zum Gatten wählt. Das iſt purer Unſinn. Nein, nein. So belohnt der Kaiſer, wenn die Großherzogthümer fehlen und es an Conſiska⸗ tionen mangelt. Er macht ſeine Reiſen nicht umſonſt: aus Aegypten brachte er außer der Mamelukengarde noch etwas Anderes mit— den hübſchen Kunſtgriff der Pa⸗ ſchas, einen Günſtling mit einer Erſultanin zu verſorgen. Nun, nun— blicken Sie mich nicht ſo böſe an; wir beide werden heute oder morgen Marſchälle von Frankreich ſein und dies kann Einen mit Vielem ausſöhnen.“ „Sie ſind entſchloſſen, bei Ihrer Beförderung nichts einer blinden Anhänglichkeit an Napoleon zu verdanken— das iſt gewiß,“ ſagte ich ärgerlich über den Ton unver⸗ ſchämter Spottſucht, in dem er ſprach. „Da haben Sie Recht— ganz Recht,“ entgegnete er ruhig.„Niemand wäre geneigter, ſich mit einer Täu⸗ ſchung zu ſchmeicheln, wenn er ſie nur ſeinem Vergnügen oder ſeinen Genüſſen dienſtbar machen könnte; allein wenn dies nicht der Fall— wenn der Stoff ſo dünn iſt, daß er überall das Durchſehen geſtattet, ſo werfe ich ihn von mir als ein werthloſes Gewand, das nicht getragen werden kann.“ „Erſcheint Ihnen Napoleons Ruhm wirklich als et⸗ was Aehnliches??) „Für mich iſt er unſtreitig nichts Anderes. Welch' andern Antheil habe ich an ſeinen Triumphen, als das Schlachtroß, welches die Aufzüge mitmacht? Sie über⸗ ſehen, daß ich, der Sprößling einer alten loyalen Familie, der Abkunft und Verwandtſchaft wegen zehnmal beſſer mit den Bourbonen und eben um meiner Sorgloſigkeit willen hundertmal beſſer mit den Jakobinern gefahren ſein würde. „Wie kam es alſo—“ „Ich will Ihnen die Frage erſparen. Ich fand weder am Auswandern, noch an der Guillotine Geſchmack, und zog das ſchleichende Fieber der Langeweile dem geſchwinden Tode auf dem Schaffotte vor. Lange Zeit gab es in 100 Frankreich nur eine Laufbahn. Ich betrat ſie ebenſowohl aus Nothwendigkeit, als aus freier Wahl— ich folgte ihr, mehr aus Gewohnheit, als aus andern Gründen.“ „Aber Sie können doch für die Größe Ihres Vater⸗ landes und ſeinen Waffenruhm nicht unempfindlich ſein.“ „Ich bin es auch nicht; dieſe Dinge haben jedoch mit dem Patriotismus wenig zu ſchaffen. Sie, der Fremde, theilen mit uns alle unſere kriegeriſchen Triumphe. Allein das Charakteriſtiſche einer Nation— die unterſcheidenden Züge, auf welche jeder Eingeborne ſtolz iſt— wo ſind ſie jetzt? Was iſt mir Frankreich mehr, als Ihnen? Die Hälfte meiner Verwandten ſind verbannt— von denen, die zurückgeblieben ſind, betrachten mich viele als einen Renegaten. Ihre Güter ſind eingezogen, ſie ſelbſt ſind verdächtig. Was bindet Sie noch an dieſes Land? Sie ſelbſt ſind hier nicht fremder, als ich.“. „Und dennoch, Duchesne, vergoßen Sie Ihr Blut in reichlichem Maße für dieſelbe Sache, welche Sie verdam⸗ men. Es iſt nicht lange her, daß Sie mit vier Schwa⸗ dronen gegen ein ganzes Korps ruſſiſcher Reiterei den Pratzen erſtürmten.“ „O ja— und ich würde es morgen wieder thun, mein Junge. Wären Sie ein Spieler, ſo brauchte ich Ihnen nicht zu ſagen, daß den echten Spieler nicht der Einſatz, ſondern das Spiel intereſſirt. Aber laſſen Sie es gut ſein und denken Sie nicht, es ſei mir darum zu thun, Sie zu meinen verdrießlichen Anſichten zu bekehren. Was ſagen Sie zur hübſchen Mamſell Pauline? Hat ſie Ihnen gut gefallen? „Sie iſt ohne Zweifel ſehr hübſch; aber die Wahr⸗ heit zu geſtehen, war ihr Benehmen gegen mich zu un⸗ gnädig, als daß ich Sie beſonders preiſen ſollte.“ „Ich liebe das, auf mein Wort,“ ſagte Duchesne, „dieſes trotzige Weſen hat für mich einen unbeſchreiblichen Reiz. Ich weiß nicht, ob nicht gerade das mir am beſten an ihr gefällt. Sie iſt durch Schmeichelei und die Schaar 101 ihrer Bewunderer verdorben worden; denn ihre Schoͤnheit und ihr Vermögen ſind Preiſe im großen Glücksrade. Und daß ſie dieß merkt, iſt ganz natuürlich, in Betracht, daß es ihr jeden Abend in ihrem Leben wiederholt wird, und zwar von Offizieren jeden Ranges, vom Marſchall bis zum— Kapitän bei den reitenden Jägern,“ ſetzte er lachend hinzu. 3 „Der vermuthlich einer der letzten war, welcher ihr dieß ſagte,“ bemerkte ich mit einem Seitenblicke auf ihn. „Was iſt dieß?“ ſagte er plötzlich, ohne meiner Be⸗ merkung einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken, als er den Moniteur wieder zur Hand nahm—„Es geht das Gerücht, daß der ruſſiſche Fürſt Dobretski dieſen Morgen in einem Duell gefährlich verwundet worden ſei; die Na⸗ men ſeines Gegners und der Sekundanten ſind noch unbe⸗ kannt; aber den durch ausdrücklichen Befehl des Kaiſers noch erhöhten Bemühungen der Polizei wird es hoffentlich gelingen, dieſelben in Kurzem zu entdecken.“ „Iſt nicht dieß der Name Ihres ruſſiſchen Freundes von letzter Nacht, Duchesne?“ „Ja, und die nämliche Perſon, welche früher ruſſiſcher Geſandter in Madrid war, und nun, auf Ehrenwort, ſich in Paris aufhält,“ fuhr er fort und las dann weiter: „Die entſchiedene Mißbilligung, mit der Seine Majeſtät die Zweikämpfe betrachtet, wird in dieſem Falle noch ver⸗ ſtärkt in Folge einer neuerlich erlaſſenen, die Kriegsgefan⸗ genen auf Ehrenwort betreffenden Verordnung.“— Der Teufel! Burke, welche gewiſſenhafte Wendung ſcheint nicht Napoleon in Bezug auf dieſe Koſaken genommen zu haben! Und hier folgt eine lange Reihe von Zeugen, die nichts ge⸗ ſehen haben, und verdächtigen Umſtände, die jeden Morgen begegnen, ohne bemerkt zu werden. Ueberhaupt glaube ich nicht, daß das Kaiſerreich uns, was die Polizei betrifft, ſehr vorwärts gebracht hat— dieſelben abgenutzten Späſſe, dieſelben alten plumpen Scherze beluſtigten die Spießbür⸗ gerſchaft ſchon zur Zeit Ludwigs XIV,“ 102 „Ihre Meinung iſt mir nicht klar.“ „Sie geht einfach dahin, daß jede Regierung Frank⸗ reichs, von Pipin angefangen, in Anerkennung, wie wich⸗ tig es iſt, die Aufmerkſamkeit des Publikums von Zeit zu Zeit auf falſche Fährten zu lenken, eine Polizei un⸗ terhalten hat. Wenn nun aus irgend einem Grunde der Kaiſer es für angemeſſen erachtete, dieſen ruſſiſchen Für⸗ ſten im Temple oder der Force einzuſperren, ſo würde die Geſchichte in Paris ein fürchterliches Aufſehen ver⸗ urſachen und bald uͤber ganz Deutſchland und das übrige Europa erſchallen, und alle möglichen Schreckbilder von Deſpotismus, Tyrannei und ſo weiter heraufbeſchwören, lange bevor man ſich der von dieſem Schritt erwarteten Vortheile verſichern koͤnnte. Betrachten Sie nun die Wir⸗ kung einer entgegengeſetzten Politik. Durch dieſen Bericht über ein Duell zum Beiſpiel— ich will nicht damit ſagen, er ſei falſch— wird der ganze Zweck erreicht, und man bekommt noch prächtigen Stoff zu einer Lobrede auf den Kaiſer in den Kauf. Die Regierungen haben vom Tinten⸗ fiſch Weisheit gelernt, und können im Augenblick der Ge⸗ fahr ihren Feinden das Waſſer trüben. Es würde mich nicht wundern, wenn die Angelegenheiten der Bank dieſen Morgen ſchlecht ſtänden.“ „Sie glauben alſo offenbar den ganzen Bericht über dieſen Zweikampf nicht.“ „Mein theurer Freund,“ ſagte er lächelnd,„wer in ganz Paris vom Montmartre bis nach St. Denis, glaubt oder bezweifelt irgend etwas in der Zeit, worin wir leben? Haben wir nicht ſeit Jahren unbedingt dem Lichte unſerer Vernunft geglaubt, ſo daß wir jetzt an ſeinem Glanz un⸗ ſere Augen verdorben haben? Unſer Geiſt verdient in der That geringe Vorwürfe, wenn unſere eigenen Sinne uns irre zu führen ſcheinen— wenn wir jetzt Leute mit geſtick⸗ ten Kleidern in die Tuilerien gehen ſehen, welche in unſe⸗ rer Väter Tagen denſelben nie näher als bis zum Carrou⸗ ſelplatz kamen. O ja! das iſt wohl keine Zeit zum Un⸗ 403 glauben, das iſt gewiß. Aber enden wir,“ ſagte er, das Blatt noch einmal umwendend—„die Polizeicommiſſäre von ganz Paris haben Befehl erhalten, keine Mühe zu ſparen, um dieſes Geheimniß zu enthüllen und die andern Theilnehmer an dieſer unglücklichen Geſchichte zu entdecken.“ Kriegsgericht— Gefangene, auf Ehrenwort— Gaſtrecht— Ehre Frankreichs— und der alte Schluß— die gewöhn⸗ liche Lobhudelei auf die Weisheit, unter deren Leitung ſich alle Regierungsgeſchäfte befinden. Wie überdrüſſig werde ich all dieſer Dinge! Daß ein Barbier ſein Geheimmittel zum Färben der Backenbärte und ein Schuhmacher den un⸗ vergleichlichen Glanz ſeiner Wichſe auspoſaunt, iſt in der Ordnung und Niemand wendet dagegen etwas ein. Ich tadle auch meinen alten Freund Pigault⸗Lebrun nicht, wenn er hie und da den Selbſtrecenſenten ſpielt und der Welt die Schönheiten zeigt, welche die andern in ihrer Nach⸗ läßigkeit übergingen. Haben Sie aber je ein Polizei⸗ Bureau geſehen, Burke?“ „Niemals und ich bin ſehr neugierig darauf.“ „So kommen Sie, ich will Ihr Führer ſeinz der Commiſſär dieſes Quartiers hat einen ſehr ausgedehn⸗ ten Gerichtsbezirk, der ſich bis zum Boulogner Wald er⸗ ſtreckt; und wenn an dieſem Gerüchte irgend etwas Wah⸗ res iſt, ſo weiß er es gewiß; es wird auch ohne Zweifel bis morgen Abend das Tagesgeſpräch bleiben, denn heute iſt keine Oper, und Talma ſpielt auch nicht.“ Ich nahm ſeinen Vorſchlag gerne an; wir beſtiegen nach dem Frühſtück unſere Pferde und ſchlugen den Weg nach dem bezeichneten Orte ein. „Wenn,“ ſagte Duchesne,„die Juſtiz dort, wohin wir jetzt gehen, ihres Pomps und ihrer feierlichen Umſtändlichkeit größtentheils entbehrt, ſo glauben Sie ja nicht, daß dieſes auf Koſten ihres Weſens geſchieht. Von allen Poli⸗ zeigerichten in und um Paris iſt dieſe obſeure Höhle in der Rue Dir⸗Sous das wirkſamſte. In einem Stadttheil gelegen, wo Verbrechen ſo epidemiſch ſind wie 104 das Fieber in den pontiniſchen Sümpfen, iſt es mit den Schleichwegen und Gewohnheiten der unterſten Klaſſe in Paris bekannt geworden— einer Klaſſe, die wahrſcheinlich niedriger ſteht, als jede andere in den Hauptſtädten Euro⸗ pas. Den Verbrecher mit väterlicher Sorgfalt überwa⸗ chend, verfolgt es ſeine Spur vom erſten Vergehen bis zur letzten Unthat; vom erſten kleinen Diebſtahl bis zum Morde. Da es weiß, wozu Armuth die Menſchen drängt, und mit Aufmerkſamkeit die Triebe ſtudirt, welche aus Vezweif⸗ lung und Hunger emporwuchern, ſo gewahrt es die Beweg⸗ gründe durch einen Nebel dazwiſchenliegender Umſtände, die weniger ſcharfe Beobachter in Verwirrung brächten, und kann den Schlangenwindungen des Verbrechens nachgehen, wo kein anderes Auge den leitenden Jaden fände. Iſt es nicht befremdend, wenn man bedenkt, mit welchem Scharfſinn Leute das Verbrechen bis ins kleinſte Detail zergliedern und wie geringe Mühe ſie ſich geben, dieſe Kenntniß zu ſeiner Heilung zu verwenden? Sie gleichen darin dem Wundarzt, der, in ſeine Geſchicklichkeit im Operiren ver⸗ liebt, lieber ſeine Kunſtfertigkeit im Amputiren des Glie⸗ des zur Schau trägt, als ſeine Kenntniſſe in Heilung deſ⸗ ſelben zeigt. So iſt das Polizeibureau in den ärmern Stadttheilen beſchaffen. In den vornehmern nimmt es einen höhern Flug, ergötzt die Welt mit ſeinen bald humo⸗ riſtiſchen, bald pathetiſchen Scenen, und bildet dadurch eine Art Abtheilung in der Literatur der Zeit, die für Tau⸗ ſende die einzige Lektüre ausmacht. An dieſen Orten iſt der Commiſſär gewöhnlich ein Lebemann und Witzling; das erbärmliche Geſchäft des Rechtſprechens verachtend, nimmt er ſeinen Platz ein, um mit den Zeugen Späſſe auszutauſchen, den Kläger in Verlegenheit zu ſetzen und den Gefangenen zu verwirren. Bloß gegen die Bericht⸗ erſtatter der Journale iſt er höflich; und dafür erſcheinen ſeine armſeligen Witzeleien in den Morgenzeitungen von dem gewöhnlichen lauten Gelächter begleitet, das niemals exiſtirte außer auf dem Papiere.“ 10⁵ Unter dieſem Geplauder kamen wir in einen aus ſchmutzi⸗ gen und engen Straßen beſtehenden, von einer ärmlich aus⸗ ſehenden, unſauberen Bevölkerung bewohnten Stadttheil— die Weiber, in deren plumper und ſchwerfälliger Haltung wenig lag, was auf ihr Geſchlecht deutete, trugen ſtatt Hauben bunte Tücher um den Kopf gewunden, und hatten meiſtens weder Schuhe noch Strümpfe. Die Männer, eine verwilderte, dumme Race, ſaßen rauchend unter den Thorwegen und erhoben kaum ihre Augen, als wir vor⸗ beikamen; andere aßen ein ſchlechtes Stück ſchwarzes Rog⸗ genbrod, welches, aus dem haſtigen Verſchlingen zu ſchließen, ein ungewöhnlicher Leckerbiſſen zu ſein ſchien. „Sie glaubten wohl kaum an eine ſolche Armuth hier in Paris,“ ſagte er,„doch iſt dieſes noch gar nicht der ſchlechteſte Theil des Quartiers. Obgleich Herr von Cham⸗ pagny in ſeinem letzten Bericht dieſer„Zeichen des Wohl⸗ ſtandes“ keine Erwähnung thut, ſo kommen wir doch nun in die Gegend, welche zu betreten ſogar am hellen Tage nicht für geheuer gehalten wird,— aber die Zahl der Polizeiagenten, die heute auf den Beinen find, wird den Gang ungefährlich machen.“ Die Straße, in welche wir nun gelangten, beſtand aus einer Maſſe hoher Häuſer, die, verfallen und verwahr⸗ lost, den Einſturz drohten; in vielen war kaum ein Fenſter ganz geblieben, während davor eine Reihe elender Buden, aus rohen Brettern gemacht, die Straße zu einem Fuß⸗ weg verengten, kaum breit genug für drei Perſonen neben einander. Hier warteten das Laſter in jeder Geſtalt und die Trunkenheit nicht auf den Schutz der Nacht, ſondern kamen an das Sonnenlicht hervor— das wilde Geſchrei Berauſchter vermiſchte ſich mit dem faſt wahnſinnigen Gelächter des Elends oder dem ſorgloſen Chor gemeiner Zoten. Halbnackte Geſchöpfe lehnten in den Fenſtern, als wir vorbeikamen; Einige gafften uns in dummer Verwun⸗ derung an; Andere grüßten uns ſpottend und ſchnitten Geſichter, oder riefen uns in ihrer Diebesſprache Etwas nach. 106 „Ja,“ ſagte Duchesne, als er ſah, welchen gräßlichen Eindruck dieſe Scene auf mich machte,„da ſind die gäh⸗ renden Samen von Revolutionen, deren faulende Keime in der Zukunft einmal aufſproſſen werden. Hunger und Laſter, Elend und Verzweiflung bewohnen jeden Winkel um Sie herum. Die wüthenden und blutdürſtigen Verbrecher von 1792, die Chouans, die Jakobiner, die entſprungenen Ga⸗ leerenſklaven, die ungefangenen Mörder ſind hier beiſam⸗ men— Verbrechen das große Band, welches ſie vereint. Hierher kommt, wer einen Meuchelmörder oder falſchen Zeugen ſucht, wie auf einen Markt. Dieß ſind die Trüm⸗ mer, welche die zurücktretenden Wogen einer Revolution uns gelaſſen haben. So lange Blutvergießen ein Gewerbe war, mäſteten ſie ſich damit offen wie die Geier; als jedoch die Herrſchaft der Ordnung wieder hergeſtellt war, wurden ſie zu Mord und Gewaltthat getrieben, um nur ihr Leben zu friſten.“ Während er ſo ſprach, näherten wir uns einem engen gewölbten Thorwege, in dem eine ſteinerne Treppe empor⸗ führte.„Hier ſteigen wir ab,“ ſagte er; im nämlichen Augenblicke umgab uns eine Schaar zerlumpter Geſchöpfe jeden Alters, um unſere Pferde zu halten, ohne ſich um die Ordonnanz zu kümmern, die uns in einiger Entfer⸗ nung nachkam. Ich folgte Duchesne die Treppe hinauf, einen duſtern Gang entlang in einen kleinen Hofraum, wo mehrere Gendarmen plaudernd im Kreiſe ſtanden. Durch dieſen traten wir in ein ſchmutziges, armſelig ausſehendes Haus, an deſſen Thore allerlei Leute verſammelt waren, von welchen Einige den Chevalier grüßten, als er eintrat. „Wer ſind dieſe Burſche?“ fragte ich,„ſie ſcheinen Sie zu kennen.“ „O bloß die gewoͤhnlichen Polizeiſpione,“ erwiderte er leichthin;„die Kerls, welche um die Schenken und Spiel⸗ häuſer der niedrigſten Klaſſe herumlungern. Aber hier kommt Einer von der beſſern Art.“ Bei dieſen Worten legte er ſeine Hand auf den Arm eines hochgewachſenen, 107 kräftigen Mannes in einer Blouſe,— er trug um Kinn und Backen einen ungeheuren Bart, der ihm bis auf die Bruſt reichte.„Ha, Bocquin, was gibt's heute bei Euch? Ich habe da einen jungen Freund mitgebracht, dem ich das Innere Eures Saales zeigen möchte.“ „Ihr gehorſamſter Diener, Herr Kapitän,“ ſagte der Mann mit tiefer Stimme, während er ſeine Kappe ab⸗ nahm und ſich höflich vor uns verbeugte,„und der Ihrige ebenfalls, mein Herr,“ fügte er, ſich an mich wendend, bei. „Ei, man ſpricht von nichts Anderem, als dem Duell, Kapitän.“„ „Geht, geht, Bocquin, keinen Spaß mit mir. Zu welchem Zwecke wurde dieſe Geſchichte erfunden?“ „Ei, da irren Sie ſich,“ ſagte Bocquin.„Bei Gott! es wurde ein Mann gefährlich verwundet— durch den Nacken geſchoſſen— und Niemand weiß etwas Beſtimm⸗ teres darüber. Keine Sekundanten gegenwärtig— die Sache ganz heimlich abgemacht— den Verwundeten an ſeiner eigenen Thüre verlaſſen und der Andere auf und davon— der Himmel mag wiſſen, wohin.“ „Und Ihr glaubt dieß Mährchen, Bocquin?“ ſpöttelte Duchesne. „Ja das thue ich!— Ich habe den Ort geſehen, wo der Mann lag und als ich den Radgleiſen nachfolgte, ent⸗ deckte ich, daß ſie aus den elyſäiſchen Feldern kamen. Das Kabriolet war Privateigenthum— kein Miethwagen hat ſo ſchmale Radſchienen.“ 4 „Scharf auf der Fährte geweſen— hum, Burke?“ ſagte der Chevalier, ſich zu mir wendend, mit einem Lächeln der Bewunderung ob ſeinem Scharfſinn.„Nur weitec, Bocquin!“ „Gut, ich verfolgte die Spur bis zur Barriere de l'Etoile, wo ich erfuhr, daß ein Kabriolet gegen den Bou⸗ logner Wald gefahren und nach ungefähr einer halben Stunde wieder umgekehrt ſei. Der Geſchwindigkeit nach zu urtheilen, dachte ich, ſie würden wohl nicht weit gewe⸗ -— 108 ſen ſein und ſo ging ich auf der erſten Straße rechts in den Wald, wo man wenig Leuten begegnet, und beim Teu⸗ fel! ich hatte ganz Recht. Auf einem kleinen freien Platze zwiſchen den Bäumen ſah ich friſche Fußſtapfen und ein wenig weiter war das Gras ganz mit Blut bedeckt—“ „Herr Bocquin! Herr Bocquin! der Kommiſſär ver⸗ langt Sie,“ rief eine Stimme oben an der Treppe, wor⸗ auf er uns mit einer Entſchuldigung wegen ſeiner plötzli⸗ chen Entfernung verließ. Wir folgten ihm, neugierig, den Reſt dieſer ſeltſamen Geſchichte zu hören; nach einigen Bemühungen glückte es uns, Zutritt in ein kleines Zimmer zu erhalten, vollgepfropft von Leuten, die beinahe Alle der unterſten Klaſſe angehörten. Der Kommiſſär machte uns ſchnell neben ſich auf der Bank Platz; denn wie Jeder⸗ mann, der irgend eine hervorragende Stellung bekleidete, war auch er ein Bekannter von Duchesne. Während der Kommiſſär leiſe mit Bocquin ſprach, hatten wir Zeit, den Saal und die Leute darin zu betrach⸗ ten. Die Zeugen ausgenommen, worunter zwei oder drei ehrbare Perſonen, waren es die ſchmutzig ausſehenden, zer⸗ lumpten Geſchöpfe dieſes Stadttheils, die mit der gierigen Luſt an verbrecheriſchen Dingen jeder Erzählung lauſchten, in der es ſich um vergoſſenes Blut handelte. Der Arzt, welcher eben von einem Beſuche bei dem Verwundeten zurückgekommen war, wartete, bis an ihn die Reihe kam, befragt zu werden. Ihm wendete nun der Kommiſſär ſeine Aufmerkſamkeit zu. Aus ſeiner Ausſage ging hervor, daß die Wunde keineswegs von der angegebenen gefährlichen Art war, indem ſie bloß durch den fleiſchigen Theil des Nackens ging, ohne einen edlen Theil zu verletzen. Nach⸗ dem er ihre Beſchaffenheit und wahrſcheinliche Entſtehungs⸗ weiſe ausführlich beſchrieben, erwiderte er auf eine Frage des Kommiſſärs, daß Nichts den Verwundeten überreden könne, über den Vorfall eine Erklärung zu geben oder den Namen ſeines Gegners zu nennen. Duchesne widmete der Ausſage dieſes Zeugen dem Anſcheine nach geringe v Aufmerkſamkeit und fragte mich, bevor er geendigt hatte, ob ich mit meinen Erfahrungen im Polizeiweſen zufrieden und zum Weggehen geneigt ſei. Gerade in dieſem Augen⸗ blicke entſtand eine Bewegung unter den Leuten an der Thüre, wir hörten die Gerichtsangeſtellten rufen:„Platz! macht Platz da!“ und zugleich trat, von einem Adjutanten begleitet, General Duroc ein. Er war eigens von dem Kaiſer abgeſendet worden, um zu erfahren, welche Fort⸗ ſchritte die Unterſuchung gemacht habe. Seine Majeſtät war entſchloſſen, ihr die weiteſte Ausdehnung zu geben. Der General ſchien mit der geringen Ausſicht auf Aufhel⸗ lung unzufrieden und bemerkte, ſich an Duchesne wendend: „Dieß kommt jetzt beſonders ungelegen, da Unterhand⸗ lungen mit Rußland anhängig ſind und die Familie des Fürſten ſich in der Umgebung des Czars befindet.“ „Aber da die Wunde unbedeutend ſcheint, ſo würde die ganze Sache vielleicht in wenigen Tagen vergeſſen ſein,“ lautete Duchesne's Antwort. „Gerade darum,“ erwiederte Duroc mit Ernſt,„müſ⸗ ſen wir ſie zu beſchleunigen ſuchen. Der Zweck iſt, die Geſinnungen Seiner Majeſtät jetzt klar werden zu laſſen. Sollte der Fürſt einmal außer Gefahr erklärt ſein, ſo käme die Theilnahme zu ſpät.“ „O ich verſtehe,“ ſagte Duchesne lächelnd;„Ihre Be⸗ merkung iſt ſehr richtig. Wenn Ihnen jedoch meine Freunde hier nicht auf die Spur helfen können, ſo fürchte ich, daß Sie von anderswoher wenig zu hoffen haben.“ „Ich weiß das und Herr Cauchois kennt das große Vertrauen, welches Seine Majeſtät auf ſeine Geſchicklich⸗ keit und Thätigkeit ſetzt.“ Herr Cauchois, der Kommiſſär, beantwortete das Kompliment, welches ihm wahrſcheinlich von allen am mei⸗ ſten ſchmeicheln mußte, mit einer höchſt ehrerbietigen Ver⸗ beugung. „Eine glänzende Soiree hatten wir letzten Abend, Du⸗ chesne,“ ſagte der General.„Ich hoffe, dieſer fatale Vor⸗ fall wird auf das geſellſchaftliche Leben in dieſem Hauſe nicht ſtörend einwirken. Wiſſen Sie, daß der Fürſt ſich um das Fräulein bewirbt?“ 1 „Ich vermuthete bloß etwas Aehnliches,“ entgegnete der Chevalier mit eigenthümlichem Lächeln.„Es war der erſte Abend, den ich dort zubrachte.“ Während General Duroc mit leiſer Stimme einige Worte an den Kommiſſär richtete, näherte ſich der Mann, den wir unter dem Namen Bocquin kennen gelernt haben, der Bank und reichte Duchesne einen ſchmalen Papierſtrei⸗ fen. Der Chevalier öffnete denſelben, überblickte ihn und gab ihn mir in die Hand. Alles, was ich ſehen konnte, waren zwei plump mit dem Bleiſtift geſchriebene Worte —„Wie viel?“ Der Chevalier ſchrieb auf die Rückſeite—„Fünfzig Napoleons.“ G Der Mann las, zerriß das Papier und ſchlenderte leicht mit dem Kopfe nickend aus dem Zimmer. Kurz nachher ſtanden wir auf, empfahlen uns dem General und dem Kommiſſär und ſchlugen den Weg nach der Straße ein, wo wir unſere Pferde gelaſſen hatten. Als wir durch den Corridor gingen, ſtießen wir auf Bocquin, der uns erwartete. Er öffnete eine Thüre in ein kleines ärmliches Gemach, deſſen Eigenthümer er zu ſein ſchien. Nachdem er uns eingeführt und die Thüre wieder vorſichtig hinter ſich geſchloſſen hatte, nahm er ein Stückchen Tuch aus der Faie⸗ an welchem ſich ein Knopf und etwas Goldſtickerei efand. „Ihr Rock würde ohne dieſes Stück verdorben ſein, Herr Kapitän,“ begann er mit einem leiſen trockenen Lachen. „Allerdings, Bocquin,“ ſagte Duchesne, das erwähnte Kleidungsſtück unterſuchend, welches, wie ich nun bemerkte, auf der Schulter zerriſſen war. Ein ſchmales Stück, ge⸗ rade das, welches er in ſeiner Hand hielt, fehlte, ohne daß 111 ich es wegen der Menge Goldtreſſen und Stickerei, die es bedeckten, wahrgenommen hatte. „Wißt Ihr, Bocquin,“ ſprach Duchesne mit viel ern⸗ ſterem Tone als bisher,„ich habe das gar nicht bemerkt.“ „Beim Wetter! ich glaub's Ihnen,“ entgegnete der Mann lachend;„auch ich nicht, bis Sie ſich auf die Bank ſetzten, und da geſiel mir Ihre Kälte ſo gut, daß ich Sie um Alles in der Welt nicht hätte ſtören mögen.“ „Haben Sie Geld bei ſich, Burke?“ fragte der Che⸗ valier;„einige zwanzig Goldſtücke“— „Nein, nein, Kapitän,“ ſagte Bocquin,„nicht jetzt— ein anderes Mal. Ich muß Sie dieſe Tage einmal wegen einer andern Angelegenheit beſuchen, und bis dahin iſt es Zeit genug.“ „Wie Ihr wollt, Bocquin,“ entgegnete der Chevalier und ſteckte ſeine Börſe wieder ein:„alſo auf Wieder⸗ ſehen.“ „ Auf Wiederſehen, meine Herren,“ erwiederte der An⸗ beis und geleitete uns mit ehrerbietigen Bücklingen zur üre. 5„Sie ſcheinen aus dieſem Allem nicht recht klug wer⸗ den zu können, Burke,“ ſagte Duchesne, als er meinen Arm nahm.„Sie ſehen verdammt verlegen aus, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll.“ „Wenn dem nicht ſo wäre, ſo müßte ich ein vortreff⸗ licher Schauſpieler ſein— nichts anderes.“ „Nun, die Sache iſt, denke ich, in jedem Betracht klar genug; Bocquin fand dieſes Stück von meinem Rock auf dem Boden, die Angelegenheit war alſo in ſeinen Händen.“ „Wie, wollen Sie damit ſagen—“ „Daß ich mich dieſen Morgen um ein Viertel nach ſieben Uhr mit dem Fürſten geſchoſſen habe— und mich deßhalb bis vor zehn Minuten verdammt unbehaglich fühlte. Wenn ich Ihnen die Sache nicht früher anvertraute, ſo geſchah dieß, weil ich Sie, bevor alle Möglichkeit der Ent⸗ 112 deckung vorüber war, nicht der Gefahr eines Verhöres vor dem Pelizeipräfekten ausſetzen wollte. Zum Glück iſt nichts mehr zu beſorgen. Bocquin iſt ein zu gewandter Burſche, als daß er nicht alle andern Spione auf eine falſche Fährte bringen ſollte, ſo daß wir vom Reſultate nichts zu fürch⸗ ten haben.“ 2 Ich konnte kaum meinen Ohren glauben, ſo überra⸗ ſchend war die Kälte und Verſtellung des Chevaliers wäh⸗ rend einer ſo gefahrdrohenden Angelegenheit geweſen; auch ſetzte mich der Bericht, den er mir uͤber den ganzen Vor⸗ fall gab, nicht weniger in Erſtaunen. Ein Wort hatte beim Weggehen von der Soiree ent⸗ ſchieden, daß man ſich am ſolgenden Morgen ſchlagen ſollte, und da der Ruſſe die Gefahr kannte, womit das neuerlich in Betreff der Gefangenen auf Ehrenwort erlaſſene Geſetz ſeinen Gegner bedrohte, ſo ſchlug er vor, keine Sekundan⸗ ten mitzunehmen. Duchesne willigte ein, und es wurde verabredet, daß der Chevalier am folgenden Morgen um ſieben Uhr ſich mit ſeinem Wagen in der Rue de Rivoli einfinden, der Ruſſe ſich ihm anſchließen und mit ihm nach dem Boulogner Wald fahren ſollte. 4 „Um meinem Koſaken Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen,“ ſagte Duchesne,„ſo benahm er ſich während der ganzen Geſchichte ausgezeichnet; als er neben mir im Ka⸗ briolet Platz genommen hatte, ließ er ſich vertraulich und ruhig in ein Geſpräch über die Vorfälle des Tages ein. Wir ſchwatzten vom Feldzug— von der Reiterei— vom ruſſiſchen Dienſt— von dem Zuſtand und der Ausrüſtung der dortigen Truppen, die bloß eine geregeltere Organiſa⸗ tion nöthig haben, um mit zu den Beſten zu gehören. Wir ſprachen vom Kaiſer Alerander, auf den er offenbar ſtolz war, und er freute ſich ſehr, die günſtige Meinung Napoleons von ſeiner Geſchicklichkeit und ſeinen Talenten zu hören; mitten in einer Anekdote über Savary und den Czar kamen wir auf dem Platze an. '„ Jch brauche Ihnen nicht die Einzelnheiten der Sache —,— 113 zu erzählen und erwähne bloß, daß wir ſelbſt unſere Pi⸗ ſtolen luden und den Grund abſchritten. Es ging dabei zu wie gewoͤhnlich— der erſte Schuß machte dem Ding ein Ende. Ich zielte nach ſeiner Schulter, aber die Pi⸗ ſtole trug hoch. Was ſeine Kugel betrifft, ſo wußte ich bis vor Kurzem nicht, daß ſie mir ſo nahe kam. Am ſchwierigſten war's durch die Barriere zu kommen, denn hätte er ſich nicht mit Gewalt bemüht, aufrecht zu ſitzen, ſo würde uns die Schildwache wahrſcheinlich angehalten und unterſucht haben. Das Gerücht, er ſei mit Blut be⸗ deckt und ohnmächtig am Thore ſeines eigenen Hauſes verlaſſen worden, iſt, wie ich nicht zu ſagen brauche, ganz ungegründet. Ich entfernte mich nicht, bis das Thor ge⸗ öffnet war und ich ihn in den Händen eines Dieners ſah. Natürlich verbarg ich mein Geſicht und fuhr dann eiligſt davon.“ Mittlerweile waren wir im Luxembourg angekommen, und Duchesne ſchloß ſich mit der größten Kaltblütigkeit einer Gruppe von Leuten an, die über das Duell ſprachen und den Vorfall durch allerlei ſcharffinnige Vermuthungen zu erklären ſuchten. Als ich meinem Quartier zuſchlenderte, dachte ich über dieſen Vorfall und den Charakter des Chevalier nach; und von welcher Seite ich auch die Sache betrachten mochte, ſo behielt ſtets der aufrichtige Wunſch, er moͤchte mich nicht zum Vertrauten ſeines Geheimniſſes gemacht haben, die Oberhand. Achtes Kapitel. Die Rückkehr der Verwundeten. Einige Tage nach dieſem Ereigniſſe, welches, wie Duchesne ſelbſt vorhergeſagt hatte, nun gänzlich vergeſſen Tom Burke. VV. 8 8 114 war, mußten, dem Tagsbefehl aus den Tuilerien zu Folge, ſämmtliche Truppen, welche in Paris in Garniſon ſtanden, in aller Frühe bewaffnet in den elyſäiſchen Feldern er⸗ ſcheinen, wo der Kaiſer über ſie Muſterung halten wollte. Dieſe Schauſtellung hatte jedoch einen andern Zweck, der nicht allgemein bekannt war. Die Züge der Verwundeten von Auſterlitz ſollten denſelben Tag in Paris ankommen und die Entfaltung dieſer Truppenmaſſe war zugleich be⸗ ſtimmt, ihre Ankunft zu ehren und dem traurigen Marſch der Verſtümmelten und Sterbenden den Anſchein eines Trium⸗ phes zu verleihen. Dies waren die ſchlauen Kunſtgriffe, welche ſtets dazu dienten die Nation zu betrügen und ſie nur die eine Seite ihres Ruhmes ſehen ließen. Wie ich vorausſah, ſetzte dieſes ganze Verfahren den Chevalier in die übelſte Laune. Er haßte nichts mehr als ſolche militäriſche Schauſtellungen, die für den Pöbel aufgeführt werden; er verachtete das Verfahren, welches Soldaten der gemeinen und albernen Krittelei von Schnei⸗ dern und Barbieren preisgab, und mehr als Alles widerte ihn die Kameradſchaft mit der pariſer Nationalgarde an — dieſen Krämerſoldaten mit ihren Regenſchirmen und Brillen, welche bei dieſen Gelegenheiten eine ſo ſtolze Fi⸗ gur machten. 3 „Noch etwas der Art,“ ſagte er ärgerlich,„und ich gebe meine Entlaſſung. Einen Zug auf dem Theater der Porte St. Martin— den Faſtnachtsochſen am Oſter⸗ montag— das laß ich mir Alles gefallen; aber drei, auch vier Stunden lang aufrecht im Sattel zu ſitzen— ſich von jedem Spießburger der Rue de Bac anſtaunen zu laſſen— den Zielpunkt für rothe Sonnenſchirme abzu⸗ geben und mit irgend einem Bandverkäufer der Boulevards verglichen zu werden— beim heiligen Ludwig, ich kann ſchon den Gedanken daran nicht ertragen. Blicken Sie dorthin,“ fuhr er fort und zeigte nach dem Hofe des Pa⸗ laſtes, wo bereits ein Regiment unter Waffen ſtand und von ſeinem Oberſt gemuſtert wurde.„Dort beginnt ſchon die Richteuchprobe. Seine Majeſtät ſagt Mittag— die Diviſionsgenerale ſtellen ihre Lente um eilf Uhr auf— die Oberſten muſtern ihre Corps um zehn— die Ba⸗ taillonskommandanten um neun— und parbleu! die Korporale machen ſich mit Tagesanbruch ans Werk. Und dann, was für ein verdammtes Drillen und Zurechtrichten, als ob Napoleon das unbedeutendſte Schwanken der Linie auf einer Ausdehnung von zwei Meilen entdecken könnte; und die unglücklichen Adjutanten, die hierhin und dorthin fliegen, fluchen, flehen und drohen, und an der Spitze je⸗ der Kompagnie eiligſt wiederholeh— Vergeßt nicht Leute — vergeßt ja nicht— wenn die Trommeln zum Präſen⸗ tiren gerührt werden, ſo ſchreiet— Es lebe der Kaiſer! Verlaſſen Sie ſich darauf, Burke, hätten wir vor einer Schlacht nur die Hälfte dieſer Vorbereitungen, ſo würden wir nicht die gefährlichen Burſche ſein, für welche uns die Ruſſen und Oeſterreicher halten.“ „Ach was,“ ſagte ich,„Sie werden mich nicht über⸗ reden, daß die Soldaten bei ſolchen Gelegenheiten ihren Stolz nicht geſchmeichelt fühlen. Die nämlichen Männer, die ſo tapfer für ihren Kaiſer fechten—“ „Hoͤren Sie auf, ich bitte Sie„“ unterbrach er, in lautes Gelächter ausbrechend.„Ich muß jetzt wirk⸗ lich Halt rufen. Laſſen Sie ſich, mein theurer Freund, durch nichts verleiten, die abgenutzte Redensart zu wieder⸗ holen— Für ihren Kaiſer fechten! ei, ſie fochten eben ſo tapfer für Turenne und Villars und den Marſchall von Sachſen; ſie beſaßen eben ſo viel Muth unter Moreau, Kleber, Deſſaix und Hoche; auch würden ſie eben ſo viel beſitzen, wenn der Kaiſer todt, und weiß der Himmel wer an ſeiner Stelle iſt. Die Franzoſen ſchlagen ſich nicht ſo ſehr um des Gewinnes oder der Beute, ſelbſt nicht ein⸗ mal um des Ruhmes willen, als weil ſie eben am Kriege ſelbſt Gefallen finden, und der i*ſt ihr Mann, der dieſe ihre eigung am meiſten befriedigt. Was anders machte die zuchtloſen Horden der Revolution ſich an Disciplin und 116 Gehorſam gewöhnen, als der kriegeriſche Geiſt ihrer An⸗ führer, deren Tapferkeit ihnen Achtung einflößte; und glauben Sie etwa, Napoleon ſelbſt ſei nicht auf das in⸗ nigſte davon überzeugt und wiſſe, daß ihm immerwähren⸗ der Krieg nothwendig ſei, um dem unerſättlichen Drang ſeiner Anhänger Nahrung zu geben! Mit einem Wort, mein Freund,“ fügte er in einem Tone ſpöttiſcher Feier⸗ lichkeit hinzu,„wir ſind ein großes Volk und die Natur beſtimmte uns zu einem ſolchen, indem ſie uns eine Sprache gab, in der ſich„gloire? auf„victoire“ und„français? auf„succes! reimt; doch jetzt laſſen Sie uns aufbre⸗ chen, denn ich denke, wir kommen nicht mehr zu früh.“ Nichts iſt peinlicher als eine Illuſion, der wir uns lange hingaben, von einem Andern, welcher, weil er an⸗ ders denkt, ſich für weiſer hält, mie Hohn und Spott an⸗ gegriffen zu ſehen. Die meiſten unſerer Neigungen und Abneigungen finden ihren Weg in unſer Herz mehr ei em unbeſtimmten Drange zufolge, als nach vernünftiger Ab⸗ wägung, und laſſen ſich, wenn man ihnen zu Leibe geht, kaum durch Verſtandesanſtrengungen vertheidigen. Eben weil dies ſich ſo verhält, ſetzen wir größeren Werth auf ſie und ſchrecken inſtinktmäßig davor zurück, ſie einer Er⸗ örterung unterworfen zu ſehen. Daher fühlen wir auch ſchmerzlicher die Grauſamkeit deſſen, der aus bloßem Muth⸗ willen mit den Quellen unſeres Glückes ſein Spiel trei⸗ ben und die verborgenen Blüthen ſo mancher unſerer Freu⸗ den knicken kann, denn mißlicher Weiſe verknüpft ſich der Spott, den man einmal angehört hat, auf immer mit ſei⸗ nem Gegenſtande.. Duchesne hatte mir bereits mehr als eine Illuſion zerſtört und mir's zu empfinden gegeben, daß meine träu⸗ meriſchen Anſichten vom Leben bloß auf einer glücklichen Täuſchung beruhten und oft bereute ich es, ihn je gekannt zu haben. Es iſt nicht genug, der Sophiſtereien unſers Gegners bewußt zu ſein— wir müſſen auch die Fähigkeit beſitzen, ſie zu zergliedern und bloßzuſtellen, ſonſt gibt ihm der triumphirende Ton, den er annimmt, den Anſchein eines Siegers, der endlich uns ſelbſt imponirt; dieſe Ueber⸗ zeugung gewann ich jetzt in meinem eigenen Falle. Ddieſe Gedanken machten mich ſchweigſam, als wir unſern Weg nach den Tutlerien nahmen, wo die verſchie⸗ denen Stabsoffiziere und das Eliten⸗Corps verſammelt waren. Hier fanden wir mehrere Marſchälle, auf den Kaiſer wartend, während die Mameluckengarde, in aller Pracht ihres glänzenden Aufzuges einen Halbkreis um den Haupteingang des Palaſtes bildete. Auch viele ſchoͤne Equipagen waren da, worunter eine ſich durch ihre weiß und goldene Livree und vier Vorreiter ganz beſonders aus⸗ zeichnete. Sie gehörte der Frau Murat, Großherzogin von Berg, deren Geſchmack für Glanz und Aufwand ſich auf alle Theile ihres Haushaltes erſtreckte. Endlich geriethen Diejenigen, welche dem Palaſte am nächſten waren, in Bewegung: die Trommeln riefen zu den Waffen, die Garde im Vorhofe präſentirte und der Kaiſer erſchien, von einem glänzenden Stabe gefolgt. Er ſtand einige Sekunden auf der Treppe— die Hände auf dem Rücken gefaltet und ſeinen Kopf wie in Gedanken ein Wenig vorwärts gebogen— dann richtete er ſich auf und ſah mit ſtolzem Selbſtbewußtſein auf die Menge, welche den Hof des Palaſtes füllte, wo nun Alles ſchweigſam und ruhig war. Nie vorher hatte ich dieſen gebietenden Aus⸗ druck ſeiner Züge wahrgenommen; aber als ſeine Augen über die glänzende Verſammlung ſtreiften, konnte ich darin das Bewußtſein der angeborenen Ueberlegenheit leſen, welche ihn ſo auszeichnete. Ney, Murat, Victor, Beſſières— wie klein erſchienen ſie Alle neben dieſem gewaltigen Geiſt, deſſen Ruhm ſie bloß wiederſtrahlten. Ol wie wenig wogen nun in meinen Augen Duchesnes höhniſche Späße und Alles, was ſein Verſtand an bitterem Spott erfinden konnte. Hier ſtand der Eroberer von Ita⸗ lien und Aegypten— der Sieger von Marengo und Auſter⸗ lit, jeder Zoll ein Monarch und Soldat. Ob aus gedan⸗ ——— 118 kenloſer Unaufmerkſamkeit oder aus erkünſtelter Gleichgül⸗ tigkeit, kann ich nicht ſagen, aber in dieſem Augenblick, als Alles in ehrerbietigem Schweigen vor dem Kaiſer ſtand, hatte ſich Duchesne dem Geländer des Schloſſes nächſt dem Carrouſelplatz genähert und ſchwatzte eifrig mit einem hübſchen Mädchen, welche mit einigen andern in einem Miethwagen ſaß. Ein herzliches Gelächter über Etwas, das er ſagte, erſchallte durch den Hof und zog Aller Augen dorthin. Sogleich hatte des Kaiſers Adlerbeick die Entfer⸗ nung durchflogen und haftete auf dem Chevalier, welcher nachläſſig auf der Seite ſeines Sattels ſaß und das, was vorging, nicht beachtete, als plotzlich ein Adjutant ſeinen Arm berührte und ſagte: „Herr Kapitän Duchesne, Seine Majeſtät der Kaiſer wünſcht Sie zu ſprechen.“ Duchesne wendete ſich um— eine ſchwache, ſehr ſchwache Röthe bedeckte ſeine Wangen, er gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte vorn an die Terraſſe, wo der Kaiſer ſtand. In der Entfernung, in welcher ich ſtand, war es unmöglich, Etwas zu hören; aber ich widmete der Scene vor mir die peinlichſte Aufmerkſamkeit. Des Kaiſers Haltung war unverändert, als der Che⸗ valier heranritt; während Duchesne ſelbſt mit ehrfurchts⸗ voller Miene auf die Worte Seiner Majeſtät zu hören ſchien, konnte ich aus ſeiner unbefangenen Haltung erſehen, daß ſeine Selbſtbeherrſchung ihn nicht verlaſſen hatte. Die Unterredung währte nicht lange, als der Kaiſer ſtolz mit der Hand winkte; der Chevalier ſalutirte darauf mit ſeinem Degen, ließ ſein Pferd einige Schritte rückwärts gehen, wendete dann um und galoppirte ſchnell auf das Thor zu, durch welches er ritt. „Dieſen Abend alſo, mein Fräulein,“ ſagte er lächelnd, „hoffe ich die Ehre zu haben— und, mit einer höflichen Verbeugung, ritt er gegen den Schwibbogen, der auf den Kai führt. „Was iſt geſchehen?“ fragte ich haſtig den Offtzier an meiner Seite. Er ſchüttelte bedenklich den Kopf, wie wenn er ſich in dieſem Augenblick auch nur zu flüſtern fürchtete. „Sein Vorrecht als Eliten⸗Offizier iſt zurückgenom⸗ men, mein Herr,“ ſagte ein alter General.„Er muß Paris verlaſſen und in vierundzwanzig Stunden zu ſeinem Regimente abgehen.“ „Armer Burſche,“ murmelte ich halb laut, was mir von dem alten Krieger einen ſtrengen Blick zuzog. „Wie, mein Herr,“ ſagte er mit tiefer Stimme, in der jedes Wort zu einem Kehltone anſchwoll,„wie, mein Herr, iſt der Hof der Tuilerien nicht mehr als eine Schenke oder ein Bivouac? Bei Gott! er hat es ſeiner geſtickten Jacke zu verdanken, daß er nicht zum Gemeinen degradirt worden iſt— verdient hätte er es.“ Aus der rauhen Betonung und gemeinen Redeweiſe des Sprechers ſchloß ich ſogleich, daß er einer von den alten Generalen des republikaniſchen Heeres war, welche die Sprößlinge ariſtokratiſcher Familien nie im Dienſte leiden konnten und ſich ſtets nur zu geneigt zeigten, auch die leichteſten Abweichungen von der militäriſchen Etikette als Uebermuth und vorſätzlichen Trotz zu betrachten. Mitt⸗ lerweile ſtieg der Kaiſer zu Pferd und ritt, von den Offi⸗ zieren ſeines Stabes begleitet, den elyſäiſchen Feldern zu, wohin ihm alle andern von niedrigerem Range in kleiner Entfernung folgten. Vom Tutlleriengarten an bis zur Barriere de l'Etoile waren die Truppen in vier Reihen aufgeſtellt; die Garde⸗ reiterei und die Artillerie bildeten ein Spalier die Straße entlang, auf welcher der Zug kommen mußte. Es war ein heiterer Tag, die Luft klar und froſtig und blau der Him⸗ mel, ganz geeignet für das glänzende Schauſpiel. Kaum hatte der Kaiſer die Tuilerien verlaſſen, als Tauſende von Stimmen den Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ erſchallen ließen,— zugleich donnerten die Kanonen der 120 Invaliden und in dieſes freudige Getöſe fielen mit lautem Klange die Feldmuſiken ein. Er ritt langſam die Linie entlang, hielt oft an, um mit dieſem oder jenem Soldaten zu ſprechen und gab ſeinem Gefolge in Betreff derſelben Befehle. Von den Offtzieren, die an dieſem Tage ſeinen Stab ausmachten, war die Mehrzahl bei Auſterlitz ver⸗ wundet worden und trugen noch die Spuren ihrer Ver⸗ letzungen. Rapp hatte eine fürchterliche Narbe von einem Säbelhieb über die Wangen aufzuweiſen,— Sebaſtiani trug ſeinen rechten Arm in der Schlinge— und Friant, unfähig, zu reiten, folgte dem Kaiſer zu Fuß, ſich mühſam beim Gehen auf einen Stab ſtützend. Der Anblick dieſer braven Männer, deren Anhänglich⸗ keit an Napoleon ſich ſchon auf ſo vielen Schlachtfeldern erprobt hatte, erhöhte das Anziehende der Scene und mußte die Volksbegeiſterung auf den höchſten Gipfel ſteigern; Napoleon ſelbſt feſſelte jedoch fortwährend alle Blicke. Der General, welcher ihre Heere zum Siege führte,— der Herrſcher, welcher Frankreich über alle andern Nationen erhob,— war da wenige Schritte von ihnen. Jedes ſei⸗ ner Worte grub ſich lieh in irgend ein Herz ein, das auf dieſen Augenblick ſtolzer war, als auf Rang oder Reich⸗ thümer. So langſam ritt der Kaiſer die Reihen entlang, daß es faſt drei Uhr war, bevor er das äußerſte Ende der Linie erreicht hatte. Die Neiterei erhielt nun Befehl, ſich in Schwadronen zu formiren und in gedrängter Reihe vor⸗ bei zu rücken. Während dieſe Bewegung ausgeführt wurde, kündigte ein Kanonenſchuß von der Barriere die Annähe⸗ rung des Zuges an. Die Reiterei mußte ſich noch einmal in Linie aufſtellen und im nämlichen Augenblicke erſchien der erſte Wagen des Zuges auf dem Gipfel des Hügels. So geheim war Alles gehalten worden, daß außer den Offizieren der verſchiedenen Stäbe Niemand wußte, was vorgehen ſollte. Während ſich nun jeder Blick mit Er⸗ aunen der Barriere zuwendete, rollte der Wagen allmälig 3 7 9 heran und andere folgten ihm. Dieß waren jedoch bloß die Spitalwagen der Feldlazarethe und jetzt kamen die Verwundeten ſelbſt zum Vorſchein, die eine weiße Flagge, das wohlbekannte Zeichen, kenntlich machte, welche vorn an jedem Gefährte wehte, während auf beiden Seiten eine aus auserleſenen Leuten der verſchiedenen Regimenter be⸗ ſtehende Ehrenwache ritt. Als die Soldaten ihre tapferen Kameraden wiederſahen, erſcholl ein lauter Freudenruf, deſſen Echo von den Tuilerien her ertönte. Von jenem Drange getrieben, der den franzöſiſchen Soldaten ſelbſt unter militäriſcher Zucht nie fremd wird, ſtürzten die Leute an die Wagen heran und im nächſten Augenblick lagen Offi⸗ ziere und Soldaten in den Armen ihrer Kameraden. Welch erſchütterndes Schauſpiel war es, dieſe armen Verſtüm⸗ melten ſich bei dem Anblick ihrer Heimath, ihrer Freunde wieder aufheitern zu ſehen— ſie mit ſchwacher Stimme nach Dieſem oder Jenem fragen zu hören, während das Schickſal manches braven Burſchen bloß mit einem Worte beklagt wurde. Vorwärts rückten ſie— ein trauriger Zug, an den ſich aber viele glorreiche Erinnerungen knüpf⸗ ten. Dort Oudinots Grenadiere, die das ruſſiſche Cen⸗ trum warfen; ihre Verwundeten füllten eilf Wagen. Hier kommen die Voltigeurs von Bernadotte's Brigade. Seht, wie die Burſche ihrem alten Rufe treu bleiben, jauchzen und lachen— immer dieſelben, ob ſie um Mitternacht in der Vorſtadt St. Antoine lärmen oder wie raſend auf den Feind losſtürzen. Dort ſind Nanſouty's Dragoner, welche die ruſſiſche Garde angriffen. Seht auf ihrer Fahne die ſtolzen Worte:„Alle vom Säbel verwundet.“ Und hier die Garde⸗Küraſſiere mit einer Abtheilung ihres Corps als Geleite. Wie prächtig ſehen ſie aus im glänzenden Sonnenlicht, wie ſtolz kommen ſie heran. Als ich hin⸗ blickte, ritt der Kaiſer vorwärts, er und ſein ganzer Stab mit unbedecktem Kopfe.„Den Hut ab, meine Herren!“ rief er laut,—„Ehre den Tapfern im Unglück!“ Gerade jetzt machte das Geleite Halt und ich hoͤrte in der Fronte, 122 in der unmittelbaren Nähe des Kaiſers ein Gelächter; allein wegen des Stabes, der ſich um ihn drängte, konnte ich nicht ſehen, was dort vorging. „Was gibt es?“ fragte ich, begierig auch die unbe⸗ deutendſte Einzelnheit der Scene kennen zu lernen. „Kommen Sie einen oder zwei Schritte näher, Ka⸗ pitän,“ erwiederte der junge Offizier, an den ich mich wen⸗ dete,„Sie können Alles ſehen.“ Ich that ſo und erblickte⸗ — o mit welcher Freude und Ueberraſchung!— meinen armen Freund Pioche auf einer Kanone ſitzend, die Hand zum Salutiren empor haltend, während der Kaiſer mit ihm ſprach. „Du willſt keine Beförderung und keine Penſion ha⸗ ben— was kann ich dann für Dich thun?“ fragte Na⸗ poleon lächelnd.„Haſt Du irgend einen Freund im Dienſte, den ich Dir zu Gefallen befördern könnte?“ „Ja, beim Wetter,“ entgegnete Pioche, ſich mit einer Art Verlegenheit, die ſelbſt dem Kaiſer ein Lächeln ent⸗ lockte, am Kopfe kratzend,„ich habe einen Freund; aber vielleicht würden es die nicht gerne ſehen.— „Verlange nichts von mir, wovon Du denkſt, ich könne und dürfe es Dir nicht gewähren,“ ſprach der Kaiſer ernſt.„Was iſt's alſo?“ Der arme Korporal ſchien völlig in der Klemme, und konnte einige Sekunden lang keine Antwort geben. Endlich ſagte er mit einer Anſtrengung, zu der er ſeinen ganzen Muth nöthig hatte—„Wohlan, Du kannſt mir's blos abſchlagen und dann wird alle Schuld an Dir liegen; ſie iſt ein braves Mädchen und wäre ſie ein Mann geweſen— Wen kann er meinen?“ fragte Napoleon.„Iſt es in des Mannes Kopf nicht richtig?“ „Nein, mein General— da iſt Alles in der Ord⸗ nung— an dieſem Schädel hat ſich ſchon mancher Säbel ſtumpf gehauen. Ich redete von Minette, der Marketenderin von unſerm Regiment. Wenn Du ſo darauf verſeſſen biſt, mir einen Dienſt zu erweiſen, nun ſo befördere ſie und das ganze Regiment wird ſtolz darauf ſein.“ Dieſe Worte verloren ſich in dem Gelächter, das vom Kaiſer anfing, ſodann auf den Stab und endlich auf die ganze Umgebung überging. „Wünſcheſt Du, ich ſoll ſie zu einem meiner Adju⸗ tanten machen? ſagte Napoleon noch immer lachend. „Parbleu! Du haſt manche häßlichere darunter,“ entgegnete Pioche mit einem bezeichnenden Blicke auf die grimmigen Geſichter von Rapp und Daru, deren harte, ſchlachtenerprobte Züge ſich zu keinem Lächeln verzogen, während alle Uebrigen ſich vor Lachen ſchüttelten. „Aber Du haſt ja noch nicht geſagt, was ich thun ſoll,“ erwiederte der Kaiſer. „Sonſt warſt Du nicht ſo langſam im Begreiſen,“ brummte Pioche.„Ich weiß die Zeit, wo Du geſagt hätteſt —„iſts Minette, die an der Etſch verwundet worden iſt? — iſt dies das Mädchen, das bei Marengo im Carré ſtand? beim Wetter!— ich will ihr das Kreuz der Eh⸗ renlegion geben.“ „Und ſie ſoll es haben, Korporal Pioche,“ ſagte Na⸗ poleon und nahm die Dekoration ab, die er auf ſeinem Rocke trug. Laßt die Marketenderin herkommen.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als man den Galopp eines Pferdes hörte, und Minette auf einem klei⸗ nen, aber hübſchen Araber, einem Geſchenke des Regi⸗ ments, hergeritten kam. Nie fand ich ihr Ausſehen ſo artig als jetzt, wo die Bewegung und die Aufregung des Augenblicks ihre von Geſundheit blühenden Wangen hoch röthete. Als ſie im Angeſichte des Kaiſers die Zügel des Pferdes ſtraff anzog, baumte ſich das Thier faſt kerzenge⸗ rade in die Höhe und ſchlug mit den Vorderfüßen in die Luft, wahrend ſie mit der beſten Faſſung in der Welt die Hand an die Mitze legte, und dem Kaiſer mit einer un⸗ gezwungenen und höͤchſt anmuthigen Bewegung ſalutirte. „Du haſt einige dort,“ ſagte Pioche mit grinſendem 424 Lächeln auf den Stab deutend,„die verdammt verlegen wären, wenn ſie ſo feſt im Sattel ſitzen ſollten.“ „Minette,“ ſprach der Kaiſer und blickte mit offen⸗ barem Vergnügen auf ihre hübſchen Züge,„Dein Name iſt mir durch manche Handlungen der Güte und Selbſt⸗ aufopferung wohlbekannt; trage dieß Kreuz der Ehrenlegion; Du wirſt es darum nicht geringer ſchätzen, weil ich allein es bis jetzt getragen habe. Sobald Du jemanden findeſt, der würdig iſt, Dein Gatte zu werden, Minette, ſo will ich ſelbſt für die Ausſteuer ſorgen.“ „O Sire,“ ſagte das zitternde Mädchen, als ſie die Hand des Kaiſers an ihre Lippen preßte—„O Sire, iſt dieß Wirklichkeit?“ „Ja, beim Wetter,“ bemerkte Pioche und wiſchte ſich eine große Thräne aus den Augen—„er kann machen, daß Du ein Mann biſt, und daß ich gerührt werde wie ein Mädchen.“ Als Duroc das Kreuz am Knopfloche der Jacke Minettens befeſtigte, ſaß ſie todtenbleich da, ganz überwältigt von ihren ſtolzen Empfindungen und unfähig, mehr zu ſagen als„O Sire!“ was ſie drei⸗ oder viermal nach kurzen Pauſen wiederholte. Der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung; andere Wagen folgten mit ihrer Ladung von braven Burſchen, allein dieſer eine Vorfall hatte jetzt, wenigſtens ſo weit es mich betraf, alle Theilnahme in Anſpruch genommen und ich widmete dem Uebrigen nur geringe Aufmerkſamkeit mehr.— Volle zwei Stunden lang dauerte das Schauſpiel— Wagen an Wagen rollte vorüber, gefüllt mit den ver⸗ ſtümmelten Ueberbleibſeln eines Heeres: aber ſo unbezähm⸗ bar war der Geiſt des Volkes, ſo leidenſchaftlich ſein Ver⸗ langen nach Ruhm, daß dieſer Zug Allen der ſtolzeſte Triumph ihrer Waffen ſchien. Auch war dieſes Gefühl nicht blos auf die Zuſchauer beſchränkt; die Verwundeten ſelbſt beugten ſich eifrig über die Lehnen der Wagen, um die Menge auf beiden Seiten zu muſtern, ſuchten irgend ein 125 bekanntes Geſicht, und blickten trotz all' ihrer Leiden ſtolz auf den dichtgedrängten Haufen herab. Einige verſuchten Freudenrufe hören zu laſſen und winkten mit ihren kraft⸗ loſen Händen; während Andere, matt und gemüthskrank, ihre verglasten Augen auf das Hotel der Invaliden rich⸗ teten, deſſen ſtolzen Dom man über den Bäumen erblickte, als ob ſie ſagen wollten, dies ſei nun ihre Ruheſtätte— die einzige vor dem Grabe. 4 Wer Zeuge dieſes Tages war, konnte über die Gei⸗ ſtesrichtung des franzöſiſchen Volkes wenig Zweifel hegen; und eben ſo wenig ſeiner Willfährigkeit mißtrauen, irgend etwas— nein, Alles dem Nationalruhme zu opfern. Leiden und Elend— Verwundete, todtenblaß und ſchrecklich anzuſchauen, waren auf allen Seiten; und den⸗ noch hörte man kein troͤſtendes Wort— ſah keinen mit⸗ leidigen Blick. Dieſe Männer ſtanden in den Augen der Menge für die Theilnahme zu hoch: ihre Bahn war ja diejenige, nach der ſie alle ſtrebten; und ihre Trophäen waren ihre eigenen abgezehrten Körper und verſtümmelten Glieder. 4 Und wie nun Alle auflebten, als der Kaiſer näher kam— ſogar die Hülfloſeſten bemühten ſich, ſeinen Blick zu erhaſchen und ſtaunten mit offenem Munde, wenn er ſprach, als ob ſie ſeine Worte als Balſam für ihre ge⸗ brochenen Herzen einſchlürfen könnten, und der ſchwache Ruf„der Kaiſer! der Kaiſer!“ ging wie Gemurmel durch die Reihen. Erſt als der letzte Wagen an ihm vorüber war, be⸗ ſtieg der Kaiſer wieder ſein Pferd. Es war faſt dunkel, die Lampen längs den Kais waren bereits angezündet und die Fenſter des Palaſtes zeigten die ſchimmernde Pracht Pertbebereitunden zu einem großen Diner für die Mar⸗ älle. Als wir uns langſam in ſtrenger Ordnung vorwärts bewegten, befand ich mich zwiſchen einer Gruppe von Stabsofficieren, welche lebhaft die Tagesereigniſſe beſprachen. 126 „Es thut mir leid für Duchesne,“ ſagte einer,„mit all ſeinen Unverſchämtheiten, deren er genug hatte, war er ein braver Burſche; und im Augenblicke der Gefahr immer voran.“ „Bah, bah, der Kaiſer hat ihm vielleicht ſchon wie⸗ der vergeben; es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er einen glücklichen Tag gleich dieſem durch die ungnädige Verab⸗ ſchiedung eines Eliten⸗Officiers verderben wollte.“ „Sie irren ſich, mein Freund; Se. Majeſtät ſieht es nicht ungern, daß ihm dieſer Vorfall Gelegenheit gab, zu beweiſen, wie er eben ſo gut zu ſtrafen, wie zu beloh⸗ nen verſteht. Duchesnes Geſchick iſt unwiderruflich. Sie ſind nicht alt genug, ſich des Morgens von Lonado zu erinnern, wo der nämliche Tagesbefehl dem einen Bruder ein Ehrenzeichen verlieh und den andern zum Erſchießen verurtheilte.“— „Und war dieſes wirklich der Fall?“ „Ja, ſo war's. Viele können Ihnen dies eben ſo gut wie ich ſelbſt erzählen. Sie dienten beide im näm⸗ lichen Regiment— der fünfzehnten Halbbrigade von der leichten Infanterie. Sie vertheidigten ſeit acht Stunden ein Schloß in Salo gegen den Feind, als endlich der ältere, welcher die Vorderſeite befehligte, kapitulirte und die Waffen niederlegte: der jüngere verweigerte die Zu⸗ ſtimmung und ſetzte das Gefecht fort. Eine Stunde ſpä⸗ ter wurden ſie verſtärkt und die Oeſterreicher zurückgeſchla⸗ gen. Den folgenden Tag ſtellte man beide vor Gericht und das Ergebniß war, wie ich Ihnen erzählt habe— die höchſte Gnade, die der jüngere erhalten konnte, war, nicht Zeuge von der Exekution ſeines Bruders ſein zu müſſen.“ Als ich dieſe Geſchichte hörte, wallte das Blut in meinen Adern und ich blickte mit einer Art Furcht auf den Mann, welcher nun einige Schritte vor mir hinritt — den ſtrengen, mitleidloſen Napoleon. Endlich erreichten wir den Hof der Tuilerien, wo der 127 Kaiſer in das Schloß eintretend, ſeinen Stab entließ und wir uns trennten, um für den Abend jeder ſeinem eigenen Gefallen nachzugehen. Einige Augenblicke war ich ungewiß, welchen Weg ich nehmen ſollte. Ich wünſchte ſehr Duchesne, zu ſehen, konnte aber kaum hoffen, ihm zu begegnen, wenn ich nach dem Luxembourg zurückkehrte. Ich durfte in einem Augen⸗ blicke gleich dieſem nicht fern von ihm ſein, und ich be⸗ ſchloß ihn aufzuſuchen. Seit einer Stunde ging ich von einem Kaffeehauſe, das er gewöhnlch beſuchte, in das andere, aber umſonſt. Er war dieſen Tag über in keinem geſehen worden, ſo daß ich mich endlich heimwärts wendete, mit der ſchwachen Hoffnung, ihn bei meiner Ankunft dort zu treffen. Ich weiß nicht wie es kam, aber ich war nie in be⸗ trübterer und ängſtlicherer Stimmung geweſen; und die Ereigniſſe des Tages, weit entfernt, mich zur Theilnahme an der allgemeinen Freude zu bewegen, hatten mich miß⸗ muthig und verzagt gemacht. Mein Gemüth war nicht im Einklang mit den luſtigen und vergnügten Gruppen, welche durch die Straßen zogen, Schlachtlieder ſangen und gewöͤhnlich irgend einen alten Soldaten von der „Garde“ unter ſich hatten; denn für ſie war dies ein Feſt und ſie ſtrömten in die„Kneipen,“ um den Tag von Auſterlitz zu feiern. Neuntes Kapitel. Der Chevalier. 1 Wenn Männer von hohem Muth und ſtolzem Her⸗ zen mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen haben, ſo ſind wir begieriger zu wiſſen, welch neue Richtung ihre Gedanken und Thaten in Zukunft nehmen werden, als zu hören, wie 128 ſie ihr Unglück ertragen haben. Ich kannte Duchesne zu gut, um zu vermuthen, daß irgend eine Wendung des Schickſals ihn gänzlich unvorbereitet finden würde. Aber eine offentliche Zurechtweiſung, zumal aus dem Munde des Kaiſers, war wohl geeignet, ihn auf das empfindlichſte zu verletzen; und ich konnte weder errathen noch mir vor⸗ ſtellen, wie er dieſes ertragen würde. Der Verluſt des Ranges ſelbſt war von Bedeutung; da der Dienſt im Eliten⸗Corps als eine gewiſſe Beförderung betrachtet wurde— nicht zu gedenken— was für ihn noch viel wichtiger war— die Verbannung aus Paris und ſeiner Salons, nämlich in irgend ein entferntes trauriges Lager. In ſolche Betrachtungen verſunken, langte ich in meinem Quartiere an, wo ich mit Erſtaunen hörte, daß der Che⸗ valier ſeit dieſem Morgen nie da geweſen ſei. Ich erfuhr von ſeinem Diener, daß er ihn mit den Pferden fortge⸗ ſchickt habe, gleich nachdem er die Tuilerien verlaſſen und ſeitdem nicht nach Hauſe gekommen ſei. Ich ſpeiſte heute allein und ſaß betrübt auf meinem Zimmer; über die Begebenheiten des Tages nachdenkend, und was wohl aus meinem Freunde geworden ſei, horchte ich auf jeden Ton, der mir ſeine Ankunft andeuten konnte. Es iſt wahr, Manches an Duchesne mißfiel mir: ſein kal⸗ ter, höhniſcher Geiſt, ſein ſpottſüchtiger Charakter wirkte auf mich erkältend und zurückſtoßend; aber ſo wenig Auf⸗ hebens er ſelbſt davon machte, ſo erkannte ich doch an ihm eine männliche Unabhängigkeit und feſtes Selbſtvertrauen, welches ihn in meiner Achtung erhob, ſo daß ich ihn mit einer Art Bewunderung betrachtete. Bei ſeinen haltloſen oder unbeſtändigen politiſchen Meinungen befürchtete ich ſehr, Nachſucht könne ihn zu irgend einem Extreme trei⸗ ben. Ich wußte, daß die Jakobiner und ſelbſt die Bour⸗ bonen, auf jeden Abfall vom Kaiſer lauerten und fühlte keine geringe Angſt wegen der Lockungen, die ſie ihm vor⸗ halten könnten, in einem Augenblick, wo ſeine Aufregung über das kältere Urtheil die Oberhand haben dürfte. 129 6 Spät am Abend kam ein Staatsbote mit einem gro⸗ ßen Schreiben an ihn vom Kriegsminiſter; und ſelbſt dieß verurſachte mir wieder neue Unruhe, da ich mir dieſe De⸗ peſche mit irgend einer ſeiner Dienſtpflichten im Zuſam⸗ menhang dachte, die er in Folge ſeiner Abweſenheit ver⸗ nachläßigte. 3 Mitternacht war längſt vorbei, ich ſaß noch da und bemühte mich vergebens, mich mit einem Buche zu be⸗ ſchäftigen, welches ich jeden Augenblick weglegte, um zu horchen; endlich hörte ich das Rollen eines Fiakers im Hofe— die großen Thore öffneten und ſchloßen ſich wie⸗ der und im nächſten Augenblick trat der Chevalier ein. Er war ſchlicht gekleidet und ſah etwas blaſſer als gewöhnlich aus; aber obgleich ſichtbar aufgeregt, erkünſtelte er doch ſeine gewöhnliche ſorgloſe Unbefangenheit, als er ſich auf einen Stuhl mir gegenüber ſetzte. „Was für ein qualvoller, unruhiger Tag war dieß, mein theurer Freund,“ fing er an; ſeit ich Sie zuletzt geſehen, habe ich bis jetzt keinen Augenblick geruht, und mit vier Einladungen doch nirgends dinirt.“ Hier hielt er inne, als wartete er, ob ich etwas ſagen würde; und ich bemerkte, daß die Verlegenheit, in welcher er war, eher zu⸗ als abnahm. Ich beſtrebte mich daher, etwas zu murmeln, über ſein eiliges Fortgehen und das Verdrießliche eines ſolchen Machtſpruches— als er mir ſchnell in die Rede fiel: 8 „O was dieß betrifft, ſo vermuthe ich, es ſei bereits in Ordnung; es ſollte für mich ein Brief vom Kriegs⸗ miniſterium da ſein.“ „Ja; da iſt einer— ſchon ſeit drei Stunden.“ Er ging ſogleich an den Tiſch, erbrach das Siegel, und durchlas ſtillſchweigend das Paket, dann reichte er es mir, indem er ſagte: „Leſen Sie dieſes, es wird alle Erklärungen er⸗ ſparen.“ Tom Burke. IV. 9 130 Er war von fünf Uhr datirt und enthielt blos die folgenden wenigen Worte: Se. Majeſtät der Kaiſer und Koͤnig nimmt die Entlaſſung des ältern Kapitän Duchesne, zuletzt in der kaiſerlichen Garde, an, und derſelbe ſteht vom heutigen Tage an nicht mehr in franzöſiſchen Dienſten. (gez.) 1 „Berthier, „Marſchall von Frankreich.“ Ein kleines verſtegeltes Billet fiel aus dem Umſchlag; Duchesne hob es auf und erbrach es haſtig. „Ha! Sapperment!“ rief er lebhaft;„das hätte ich nicht gedacht; ſehen Sie her, Burke— es iſt Duroc, der ſchreibt:. „Mein theurer Duchesne— ich wußte, daß ein ſol⸗ cher Vorſchlag zu nichts führen würde, und hatte es Ihnen im Voraus geſagt. Den Augenblick, als ich das Wort „England,“ ausſprach, ſtieß er ein„Nein“ heraus, in ei⸗ nem Tone, daß Sie es im Lurembourg hätten hören koͤn⸗ nen. Sie werden alſo begreifen, daß dieſe Sache nicht ausführbar iſt; und am Ende iſt es vielleicht für Ihren eigenen Vortheil beſſer.— „Stets der Ihrige, 2 4 , „Das ſind mir lauter Geheimniſſe, Duchesne; ich kann ſie durchaus nicht ergründen.“ „Ich will Ihnen mit wenigen Worten dazu helfen. Ich gab meine Entlaſſung als Garde⸗Kapitän, und wie Sie ſehen, hat Se. Majeſtät ſie angenommen, ob gnädig oder ungnädig müſſen wir morgen dem Moniteur zu mel⸗ den überlaſſen. Ebenſo erſuchte ich Duroe in einem förm⸗ lichen Briefe, den Kaiſer um die Erlaubniß zu bitten, in meinen eigenen Privatgeſchäften England zu beſuchen.“ Bei dieſen letzten Worten funkelten ſeine Augen in boshaftem Glanz, und ſeine Wangen färbten ſich dunkelroth.„Die⸗ ſes hat der Kaiſer jedoch nicht geſtattet, ohne Zweifel aus 4 eigenen Privatgründen, und ſo ſtehen wir. Welcher von uns, luuben Sie nun, hat des Andern Nachtruhe mehr geſtört?⸗ „Aber ich begreife die Sache noch nicht. Was kann Sie nach England führen? Sie haben keine Freunde dort, find noch nie in dem Lande geweſen—“ „Wiſſen Sie denn nicht, daß der bloße Name verpoͤnt iſt— daß die Inſel auf der Landkarte in die er ſchaut, bedeckt— das treuloſe Albion der Dämon ſeiner ſchwarzen Stunden iſt, der mit furchtbarer Geberde den Sturz all ſeiner gegenwärtigen Größe droht? Ja, beim St. Denis, Junge, ich an Ihrer Stelle hätte nie eine ſolche Epaulette getragen.“ „Genug, Duchesne; ich will nichts weiter hören. ich bin weder Ihnen noch irgend Jemanden Rechenſchaft über meine Handlungsweiſe ſchuldig; hätte auch nicht ſo lange zugehorcht, wenn ich nicht Ihrer Aufregung zu gute halten würde, was in ruhigeren Augenblicken unverzeihlich wäre.“ „Sie haben Recht, Burke,“ ſagte er ſchnell und ernſt⸗, hafter; ich bin noch nicht oft zu ſo leidenſchaftlicher Hitze verleitet worden und hoffe Sie nicht beleidigt zu haben. Dieſe Aenderung der Umſtände wird unſerer Freundſchaft nicht ſchaden. Ich weiß es, mein lieber Junge; und nun wollen wir mit dieſen langweiligen Sachen abbrechen. Wo glauben Sie wohl! daß ich dieſen Abend zugebracht habe? — Doch wie könnten Sie das je errathen? Alſo im „Odeon,“ mit dem Fräulein Pierrot und einer recht hüb⸗ ſchen Freundin von ihr— einer unſerer Markedenterinnen, welche zufälligerweiſe mit dem Bruder des Fräuleins in der nämlichen Brigade iſt und heute dort ſpeiste. Sie kam dieſen Morgen in Paris an; und bei Gott, die ſchön⸗ ſten Geſichter in unſeren luſtigen Salons würden mit dem ihrigen kaum den Vergleich aushalten. Ich muß Ihnen die ſchöne Minette zeigen.“ „Minette,“ ſtammelte ich; während eine ſchmerzliche 13²2 Empfindung von Furcht, daß irgend ein unbekanntes Miß⸗ geſchick das arme Mädchen treffen möchte, mir faſt die Sprache hemmte;„ich kenne ſie— ſie gehört zum vierten Küraſſierregiment.“ „So, Sie kennen ſie? wer würde wohl vermuthet haben, daß mein geſetzter Freund eine ſolche Bekanntſchaft hätte; und das haben Sie nie merken laſſen. Mein Seel! ich hätte mich zweimal bedacht, meine Entlaſſung einzuge⸗ ben, wenn ich ſie eine halbe Stunde früher geſehen haben würde. Nun was iſt's mit ihr— erzählen Sie mir Al⸗ les, was Sie von ihr wiſſen.“ „Ihre Geſchichte iſt mir gänzlich unbekannt; ich kann Ihnen nichts ſagen, als daß ihr Gemüth rein und unbe⸗ fleckt iſt, in Verhältniſſen, wo außer ihr nur ſehr wenige ohne Schaden durchgekommen ſind; daß ſie bei mehr als einer Gelegenheit einen des Beſten unter uns würdigen Muth gezeigt hat.“ ,Liebſter, wie habe ich mich getäuſcht; das fürch⸗ tete ich beinahe; ſie iſt eine wahre Melodram⸗Markeden⸗ terin, tugendhaft, ſtolz und kühn. Sie glauben natürlich⸗ dieß Alles; ſeien Sie nicht böſe, Burke; aber ich thue es nicht aus dem Grunde, weil ich es nicht kann— die Göt⸗ ter haben mich ſchon in der Wiege ungläubig gemacht. Ich habe eine eingewurzelte, völlig unverbeſſerliche Starr⸗ köpfigkeit in mir; ſo bilde ich mir ein, Napoleon ſei ein Korſe— ein moderner Marſchall, ein beförderter Sergeant — ein Richter der oberſten Inſtanz, ein öffentlicher Anklä⸗ ger— und eine Markedenterin der großen Armee— aber ich will ſie nicht beleidigen, fürchten Sie nichts, armer Burſche, nicht einmal die Möglichkeit einer Nebenbuhler⸗ ſchaft. Auf Ehre, ich freue mich zu ſehen, daß Ihr Herz für zärtliche Gefühle dieſer Art überhaupt empfänglich iſt; Sie können mich aber nicht tadeln, wenn ich dieſer ewigen Traveſtie von Charakter, die unter uns im Schwange iſt⸗ herzlich ſatt bin. Warum wollen ſich unſere republikani⸗ ſchen und Sansculottenfreunde höfiſch graciöſe Mienen 133 geben, während unſere wahre Ariſtokratie ſich zu der er⸗ künſtelten Plumpheit der Canaille erniedrigt. Iſt es mög⸗ lich, daß Leute, die eine neue Ordnung der Dinge zu grün⸗ den wünſchen, nicht ſehen, daß alle dieſe Pantomimen, Trach⸗ ten, Charaktere nichts andeuten als Veränderung— daß wir überhaupt alle nur Komödie ſpielen. Ich erwarte kaum, daß ſie fuͤnfaktig wird; weil gerade von Komödien die Rede iſt, wann werden wir der Frau von Lacoſtellerie unſere Aufwartung machen? Es wird meine ganze Diplomatie erfordern, bei meinem gegenwärtigen Mißgeſchick dort feſten Fuß zu behalten. Nichts Geringeres als eine freundliche Nachfrage der Herzogin von Montſerrat wird mir die Thüren öffnen. Aber ach und weh, ich glaube ich werde ins Faubourg zurückkehren müſſen. „Aber iſt der Schritt unwiderruflich, Duchesne? Ver⸗ mögen Sie es wirklich über ſich, eine Laufbahn aufzugeben, die ſich ſo vielverſprechend vor Ihnen aufthat?“ „Und ſo mißlich endete,“ fügte er gelaſſen lächelnd bei. Nein, nein, verſtellen Sie ſich nicht ſo; Ihre Dienſte würden Sie hochgeſtellt und Ihnen Ruhm und Ehre ge⸗ wonnen haben.“ „Und, beim Himmel, haben ſie es denn nicht gethan? Bin ich nicht in dieſem Augenblick ein ſehr intereſſantes Individuum— mehr als zu jeder andern Zeit meines Le⸗ bens? Brütet nicht die Hälfte der gepuderten Köpfe im Faubourg über meinen Fall und ſinnt nach, wie ſie mich für ihre„heilige Sache“ gewinnen könnten? Denken nicht die jakobiniſchen Hitzköpfe daran, mich einſtimmig in ihre Verbindung aufzunehmen; und hat Fouché nicht einen ei⸗ genen neuen Polizeiſpion angeſtellt, der blos dazu beſtimmt iſt, mit mir im nämlichen Kaffeehauſe zu ſpeiſen— im nämlichen Salon zu ſpielen,— und in der Oper in der⸗ ſelben Loge zu ſitzen? Iſt dieß nichts? Und endlich wird es ein guter Spaß ſein, die weiſen Herrn auf falſche Spur zu leiten, des Vortheils gar nicht zu gedenken, die Spreu ſeiner Bekannten vom Weizen zu ſondern, was ein kleiner 134 enſchenn des Geſchickes ſtets augenblicklich bewerk⸗ elligt.“ 8,Aus Ihrem Benehmen, Duchesne, könnte man ſchlie⸗ ßen, daß Ihnen irgend ein unvorhergeſehenes Glück zu Theil geworden, dieſer Vorfall ſcheint Ihrem Leben die Krone aufzuſetzen.“ „Bin ich nicht frei, Junge? Habe ich nicht die Skla⸗ verei hinter mich geworfen? iſt das nichts? Sie mögen Freude an Ihrem Kragen haben, weil etwas Gold darauf iſt; aber glauben Sie mir, es drückt den Nacken eben ſo peinlich, als das plumpſte Eiſyn. Kommen Sie, Burke, ich muß ein Glas Champagner trinken, und Sie ſollen mir in einem ſchäumenden Becher Beſcheid thun. Wenn Sie dieſe Gefühle jetzt nicht theilen, wird die Zeit ſpäter kommen— ſeien wir dann meilenweeit entfernt oder mag eine Welt zwiſchen uns liegen; Sie werden ſich meines Toaſtes erinnern—„Es lebe der Freie!“ Ich bin der meiſten Dinge überdrüſſig— der Weiber, des Weines, Krieges, Spieles— das Spiel des Lebens ſelbſt mit all ſeiner lärmenden Aufregung habe ich bis zur Ueberſättigung genoſſen; aber Freiheit hat ihren Reiz— ſogar dem ent⸗ kräfteten Arm und der welken Hand iſt Freiheit theuer— warum ſollte ſie es dem nicht ſein, der noch Streiche zu führen vermag?“ 4 Seine Augen flammten bei dieſen Worten und er leerte Glas auf Glas; ohne daß er zu wiſſen ſchien, was er that. 3 3— „Wenn Sie ſo dachten, Duchesne, warum ſind Sie denn ſo lange Soldat geblieben 2⸗ „Das will ich Ihnen ſagen. Wer ungern einen trau⸗ rigen Weg entlang zieht, hält oft im Gehen an und ſieht ſich um, ob nicht am Himmel oben oder auf der Straße umher irgend ein Hinderniß ſeinen Pfad kreuze und ihn umkehren heiße. Der leiſeſte Ton eines heranziehenden Sturmes— der dunkle Schatten einer Wolke— ein an⸗ geſchwollener Bach iſt genug, und ſogleich gibt er nach; 135 ſo ſcheinen Menſchen im Leben durch Kleinigkeiten geleitet zu werden, welche ſie nie bewegten— durch Zufälle, die auf ihr Gemüth nie Einfluß hatten. Was die Welt ihre Unfälle nennt, war oft der Grundſtein ihres Glückes. Ich habe von dieſem Allem genug, mehr als genug gehabt. Sie müſſen von dem gedungenen Schauſpieler des Melo⸗ drama's nicht verlangen, daß er vor dem blauen Feuer zurückfahre, oder vor brennenden Wäldern und in Flammen aufgehenden Schloͤſſern wirkliche Furcht empfinde; dieſe verſtellte Leidenſchaftlichkeit des Kaiſers—“ „Gehen Sie, mein Freund, dieß iſt in der That zu arg; dießmal war unzweifelhaft keine Verſtellung dabei.“ Duchesne lachte bitter, legte ſeine Hand auf meinen Arm und ſagte: 3 „Mein guter Junge, ich kenne ihn wohlz dieſe Kennt⸗ niß hat mich etwas gekoſtet— aber ich beſitze ſie. Eines Soldaten Begeiſterung!“ ſagte er ironiſch;„bah! Soll ich Ihnen einen kleinen Vorfall aus meiner Kindheit mitthei⸗ len— ich verabſcheue ſonſt das Geſchichtenerzählen, aber dieß müſſen Sie hören. Schenken Sie mir ein, hören Sie zu, ich verſpreche Ihnen, mich kurz zu faſſen.“ Es war dieß das erſte Mal ſeit unſerer nähern Be⸗ kanntſchaft, daß Duchesne deutlich auf ſein früheres Leben hinwies; und ich nahm das Anerbieten gerne an, indem ich vermuthete, daß irgend ein, wenn auch noch ſo geringfü⸗ giger Vorfall dennoch Aufſchluß über die ſonderbaren Wi⸗ derſprüche in ſeinem Charakter geben könne. Er ſaß einige Minuten ſtillſchweigend— mit nieder⸗ geſchlagenen Augen da; und ein ſchwaches trübes Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, als er wenige Worte zu ſich ſelbſt ſprach, die ich nicht eerhaſchen konnte; dann nahm er ſich mit einer leichten Anſtrengung zuſammen und begann wie folgt:— aber ſo kurz ſeine Erzählung iſt, müſſen wir ihr dennoch ein eigenes Kapitel weihen. Zehntes Kapitel. Eine Erinnerung aus der Knabenzeit. Ich glaube Ihnen bereits geſagt zu haben, daß die meiſten Glieder meiner Familie Royaliſten waren. Die Geſchäftsleute darunter kehrten ihre Fahnen nach dem Winde und ſchrieen wie ihre Nachbarn:„Es lebe die Republik;“ Andere fanden für beſſer, auszuwandern und in fremdem Lande die glückliche Stunde der Rückkehr in ihr eigenes zu erwarten— beiläufig ein Umſtand, der ihre Geduld ſchon lange erſchöpft haben muß; und einige Wenige, die vom Wege ab in entfernten Orten lebten, vertrauten ihrer ver⸗ vorgenen Lage und glaubten, ſie würden in dem allgemei⸗ nen Aufruhr unentdeckt davonkommen; auch hatten ſie mit einigen Ausnahmen Recht. Unter dieſen Letztern war ein unverheiratheter Bruder meiner Mutter, welcher, nachdem er viele Jahre auf der Inſel Bourbon ein Kommando be⸗ gleitet, ſich nun für den Reſt ſeiner Tage auf ein kleines, aber hübſches Schloß am Meere, drei Meilen von Mar⸗ ſeille, zuruͤckgezogen hatte. Der alte Vicomte(unter uns nannten wir ihn noch immer ſo, obgleich ſeit Langem der Gebrauch der Titel verpönt war) hatte in ſeinen frühern Jahren unglücklich geliebt, weßwegen er ſich nie verheira⸗ thete, und alle ſeine Neigungen den Kindern ſeiner Brüder und Schweſtern zuwendete, welche jeden Sommer unver⸗ änderlich ein paar Monate bei ihm zubrachten, und deß⸗ halb von verſchiedenen Gegenden Frankreichs herkamen. Es war wirklich ein ſeltſamer Anblick um dieſe verſchie⸗ denen Geſtalten, Züge, Mundarten und Trachten, welche ſich zum Rendezvous einfanden— der Knabe mit den länglichten Geſichtszügen, mit blauen Augen und ſpitzem Kinn— kalt, ſchlau und argwöhniſch— tapfer, aber vor⸗ 7 ſichtig, der aus der Normandie kam; der muthbegabte, ſorgloſe Junge aus der Bretagne; das ſchwarzäugige Mäd⸗ chen aus der Provencez der raſche, warmherzige Gascog⸗ ner und der von allen am meiſten abſtechende kleine Pa⸗ riſer mit ſeiner hauptſtädtiſchen Miene und ſeiner Verach⸗ tung gegen die Vettern vom Lande, den es nichts küm⸗ merte, wenn ſie ihm ſchon bei allen ihren kindiſchen Spie⸗ len überlegen waren. Unſer theurer alter Onkel liebte nichts ſo ſehr, als uns um ſich zu haben; ſogar die Klei⸗ nen won fünf und ſechs Jahren wurden, wenn ſie nicht zu weit entfernt wohnten, zu dieſen Zuſammenkünften ge⸗ bracht, welche die wichtigſten alljährlichen Ereigniſſe unſe⸗ res Lebens ausmachten. Es war im Juni des Jahres 1794— ich werde den Tag ſchwerlich vergeſſen— daß wir alle wie gewöhnlich in Le Luc“ verſammelt waren. Unſere Geſellſchaft hatten drei oder vier neue Beſucher vermehrt, worunter ein Mädchen vonetwa zwölf Jahren, Annette von Noailles, das niedlichſte Geſchöpf war, das ich je geſehen hatte. Hohe Geburt prägt ſich in jedem Lande durch beſondere Züge aus. Ich weiß nicht, ob Sie bemerkt haben, daß bei den Franzoſen Stirne und Vorderkopf mehr als irgend ein anderer Theil des Geſichtes auf den Stand ſchließen laſſen— die ihrigen waren vollkommen, und obgleich ſie noch ein Kind war, ſo trug ſie doch einen Stempel ruhiger Entſchloſſenheit und Güte, der äußerſt bezaubernd war; der Ausdruck ihres Geſichtes war nachdenklich und wäre ohne ihre lebhaften Augen ſogar traurig geweſen. Entſchuldigen Sie— wenn ich zu lange bei dieſen Zügen verweile; ſie iſt nicht mehr. Ihr Vater nahm ſie mit in die Verbannung, und der fin⸗ ſtere Himmel und die trübe Luft bei euch legten ſie bald in das Grab. Annette war das Kind königlich geſinnter Eltern. Vater und Mutter hatten Hofſtellen bekleidet: und ſie war ſeit ihrer früheſten Jugend gewöhnt, das Lob der Bourbonen von zitternden Lippen zu hören. Armes Kind! wie gut erinnere ich mich des kurzen Gebetes für den hei⸗ 138 ligen Märtyrer, wie ſie den ermordeten König nannten, welches ſie an keinem Morgen zu ſagen vergaß, wenn die Meſſe in der Schloßkapelle zu Ende war. Es iſt eine ſon⸗ derbare Thatſache, daß die Toͤchter von einer Familie ſich gewöhnlich dem Schickſal der Bourbonen angeſchloſſen ha⸗ ben, während die Söhne ſich für die Revolution erklärten; dieſe Verſchiedenheiten drangen bis in das innerſte Mark und untergruben die Glückſeligkeit Vieler, deren Anhäng⸗ lichkeit in jedem Mißgeſchick die Prüfung beſtanden hatte, den verwirrenden Strom der Anarchie ausgenommen, der mit der Revolution hereinbrach. Dieſe Parteiſtreite theilten ſich allen kleinen Zänkereien der Schule und Kinderſtube mit; und die Schmähnamen, mit welchen ſich die politiſchen Gegner uberhäuften, wurden im Zanke von jungen Leutchen gebraucht, die den Sinn derſelben nicht erriethen und nicht verſtehen konnten. Braucht man ſich darüber zu wundern, daß dieſe Anſichten im ſpätern Leben den Ausdruck einiger Ueberzeugungen annahmen, wenn ſie auf dieſe Weiſe ſchon in der Kindheit gepflegt und gefoͤrdert wurden! Unſer kleiner Zirkel zu Le Luc war wirklich zum Verwundern frei von ſolchen Anläſſen zum Streit; welchen Lebensweg das Schickſal uns für ſpäter aufbewahrt haben mochte, damals wenigſtens bekannten wir uns zu Einer Meinung. Einige von den Jungen waren allerdings hingeriſſen von den Er⸗ folgen dieſer großen Armee, welche die Revolution über Europa ausgoß; aber ſie ſogar ſchämten ſich halb ihre Be⸗ geiſterung in einer Sache laut werden zu laſſen, mit der ſich in ihren Erinnerungen nur das Gemeinſte und Nie⸗ drigſte vereinte. So war mit wenigen Worten die kleine Geſellſchaft beſchaffen, welche an einem lieblichen Juniabend im Schloſſe um die Abendtafel verſammelt war. Die Fen⸗ ſter öffneten ſich ins Freie und ließen den balſamiſchen Duft von manchem wohlriechenden und blühenden Strauch herein, während bereits im nahen buſchigen Hain die Nachtigall ihr Lied begann. Der Abend war ſo ruhig, daß wir das Geplätſcher der ans Ufer heranſchwellenden Fluth 139 hören konnten und der Schall der Wellen ſchlug mit ſanf⸗ ter und ſchwermüthiger Abgemeſſenheit, zum ſtillen Nach⸗ denken einladend, an unſer Ohr. Als wir einige Minuten ſo da ſaßen, hoͤrten wir plötzlich Fußtritte den ſchmalen Kiesweg zum Schloſſe heraufkommen und bemerkten, als wir zum Fenſter gingen, drei Männer in Uniform, die ihre Pferde langſam nachführten. Die Dämmerung hinderte uns, ihren Rang oder Stand zu erkennen; aber mein Onkel, deſſen Befürchtungen durch ſolche Beſuche leicht erregt wurden, eilte ſchnell nach der Thüre, um ſie zu empfangen. 1 Seine Abweſenheit dauerte nicht lange, aber ich er⸗ innere mich noch recht gut der ſeltſamen bangen Empfin⸗ dungen, welche uns Alle ſprachlos machten, als wir nach der Thüre ſahen, durch welche er kommen ſollte. Endlich trat er von zwei Offizieren begleitet ein; der ältere und augenſcheinlich der höhere, war ein magerer ſchlanker Mann von etwa dreißig Jahren, mit blaſſer, aber ſtrenger Ge⸗ ſichtsbildung, in welcher ein gewiſſer Zug von Hochmuth vorherrſchend war; der andere war ein höflicher, ſoldatiſch keck und offen ausſehender Burſche, welcher uns alle mit einem Lächeln und einer gefälligen Bewegung der Hand grüßte, als er eintrat. „Ihr könnt uns verlaſſen, Kinder,“ ſagte mein Onkel, indem er ſich anſchickte, die Glocke zu ziehen. „Sie waren am Nachteſſen, wenn ich nicht irre,“ be⸗ merkte der ältere von den zwei Offizieren mit einem Grade von Höflichkeit im Tone, den ich kaum erwartete. „Ja, General! aber meine kleinen Freunde“— „Werden, wie ich hoffe, mit uns theilen,“ unterbrach der General,„ich wenigſtens beſtehe darauf, mit Ihrer Erllaubniß, daß ſie bleiben ſollen. Es iſt genug, daß wir dieſe Nacht die Gaſtfreundſchaft Ihres Schloſſes in An⸗ ſpruch nehmen, ohne bie Behaglichkeit ſeiner Bewohner zu ſtöͤren, und ich muß bitten, daß Sie ſich ſo wenig als moͤglich um unſerer Bequemlichkeit willen beunruhigen.“ 140 Obgleich dieſe Worte leichthin und gütig geſprochen wurden, ſo lag in dem Benehmen des Mannes doch eine abweiſende Kälte, die auf uns Alle einen niederſchlagenden Eindruck machte, und nur ſchweigend und mit einer gewiſſen Gezwungenheit kamen wir an den Tiſch zurück. Unſer ar⸗ mer Onkel ſah aber auch wie das leibhafte Bild des Schreckens aus, und wie er ſich auch bemühte, ſeine Gäſte zu bedienen und ruhig zu ſcheinen, ſo war es doch klar, daß ſeine Befürchtungen ſtets die Oberhand behielten. Der Adjutant, dieß nämlich war der jüngere Offizier, ſah aus wie Einer, der hätte angenehm und unterhaltend ſein können, wenn ihn die Gegenwart des Generals nicht zurückgehalten hätte. So aber ſprach er mit leiſer ge⸗ dämpfter Stimme, und ſchien große Ehrfurcht vor ſeinem Obern zu hegen. Ungleich unſeren gewöhnlichen Mahlzeiten wurde dieſe in trauriger Stille verzehrt— ſogar die Jüngſten von uns fühlten die drückende Gegenwart des Fremden. In der Hoffnung vielleicht, ſeine Verlegenheit zu be⸗ meiſtern, erbat ſich mein Onkel nach Tiſche die Erlaubniß des Generals für uns, da zu bleiben, indem er ſagte: „Meine kleinen Leute hier ſind große Novellendichter und unterhalten mich gewöhnlich des Abends mit ihren Ge⸗ ſchichten. Würde Ihre Geduld dazu nicht ausreichen 2 „Im Gegentheil!“ ſagte der General heiter;„ich liebe nichts ſo ſehr und hoffe, ſie werden mich zu ihrer Partie zulaſſen. Ich beſitze dieſe Gabe ſelbſt ein wenig.“ Der Kreis war bald geſchloſſen, der General und ſein Ad⸗ jutant waren Theilnehmer; aber, obgleich Beide ihr Mög⸗ lichſtes thaten, um unſer Vertrauen zu gewinnen, ſo konn⸗ ten wir doch, ich weiß nicht wie oder warum, die Nieder⸗ geſchlagenheit nicht los werden, welche zuerſt, über uns ge⸗ kommen war, ſaßen ungeſchickt und unbehaglich da, brach⸗ ten kein Wort heraus und ſchämten uns, einander nur an⸗ zuſehen. „Kommt,“ ſprach der General,„ich weiß, wo es Euch fehlt; ich habe eine ſehr vergnügte Unterhaltung geſtört und muß dieß auf die einzige Weiſe wieder gut machen, die mir zu Gebote ſteht: ich werde für dieſen Abend der Erzähler ſein.“ Bei dieſen Worten ſchaute er im Kreiſe herum und wie durch einen Zauber hatte er uns alle au⸗ genblicklich gewonnen. Wir rückten unſere Stühle näher und horchten begierig auf ſeine Erzählung. Nur wer viel mit Kindern umgeht, oder ſich die Mühe gibt, auf ihre Gedanken und Gefühle zu merken, weiß, um wie vieles anziehender für ſie die Wirklichkeit iſt, als bloße Dichtung. Auf das Geſchehene geben ſie weit mehr Acht, als auf alle Kunſt des Erzählers, und wenn Ihr nicht ſagen könnt, „das iſt wahr,“ ſo geht ihnen mehr als die Hälfte des Vergnügens, das ihnen euere Geſchichte verurſucht, für im⸗ mer verloren. Ob der General dieſes wußte, oder ob ihm ſein Gedächtniß treuer beiſtand, als ſeine Einbildungskraft, kann ich nicht ſagen, aber ſeine Geſchichte war eine kleine Epiſode der Belagerung von Toulon, wo ein kleiner Tam⸗ bour getödtet wurde, der, nachdem der Angriff abgeſchla⸗ gen war, zur Breſche zurückkehrte, um ein kleines Kokar⸗ denband zu ſuchen, das ihm ſeine Mutter am Morgen an die Mütze geheftet hatte. Einfach, wie dieſe Geſchichte war, erzählte er ſie mit gedämpftem, weichen Pathos, das durch die Herzen drang und aller Augen mit Thränen füllte.„Es war ein unbedeutendes Ding, das iſt gewiß,“ ſagte er,„dieſe Bandſchleife,“ er ſetzte jedoch ſeinen Ruhm darein, ſie aus Feindes Hand zu retten— ſein Herz war bei dem Augenblick, wo er ſie blutbefleckt und zerfetzt zei⸗ gen und ſagen könnte:„ich habe ſie aufgehoben mitten im Kugelregen. In jenem Augenblick war ich das einzige le⸗ bende Weſen dort und ſchaut, ich trug ſie triumphirend davon.“ Während der General dieſes ſagte, knoͤpfte er ſeine Uniform auf und nahm ein kleines, in Form einer Kokarde, zuſammengenähtes Stück zerknittertes Band heraus. „Das iſt's,“ ſagte er, es uns vor die⸗Augen haltend,„wo⸗ für Er ſtarb.“ Wir konnten es durch unſere Thränen ——— 142 kaum ſehen. Annette hielt die Hände vor ihr Geſicht und ſchluchzte heftig.„Nehmen Sie's, mein ſüßes Kind,“ ſprach der General und heftete die Kokarde an ihre Schul⸗ ter,„es iſt ein ruhmvolles Denkzeichen und wohl würdig, von einem ſo reinen und ſchönen Weſen, wie Sie ſind, ge⸗ tragen zu werden.“ Annette ſah auf und ihr Blick fiel auf die drei Far⸗ ben, welche an ihrer Schulter hingen— die verhaßte, ver⸗ achtete Tricolore— das Zeichen derjenigen Partei, deren Grauſamkeit ſie wachend und träumend beſchäftigt hatte. Sie wurde todtenblaß und ſaß mit zuſammengepreßten Lippen und gefalteten Händen da, unvermögend, ein Wort zu ſprechen oder ſich zu rühren. „Was iſt Ihnen, find Sie unwohl, mein Kind?“ fragte der General ſchnell. „Annette, liebe, theure Annette,“ ſagte mein Onkel zitternd vor Angſt;„ſprich, was haſt Du?“ „Das da,“ rief ich heftig, auf die Schleife deutend, auf welche ſie ihre Blicke mit einem Schauder heftete, deſ⸗ ſen Bedeutung ich wohl kannte.„Das da!“ 4 Der Grneral ſah mich mit funkelnden Augen an, in⸗ dem er noch in einem Ton, der ziſchend klang, fragte: „Meinen Sie dieß?“ „Ja,“ rief ich, das Band wegreißend und mit Füßen tretend;„ja! keine Noailles kann das Zeichen der Ehrlo⸗ ſigkeit und des Verbrechens tragen; die blutbefleckte Tri⸗ colore wird hier wenig Gunſt finden.“ „Still, Junge— ſtill, um's Himmelswillen!“ rief mein Onkel, vor Furcht zitternd. Die Mahnung kam zu ſpät. Der General nahm ſein Taſchenbuch heraus, öffnete es langſam und ſagte, ſich an den Vicomte wendend: „Dieſes Burſchen Name iſt?“ „Duchesne; Henri Duchesne!“ „Und ſein Alter?“ „Vierzehn im März,“ erwiderte mein Onkel und ſeine Augen wurden naß, während er halb flüſternd beifügte: „wenn Sie die Conſeription meinen, General— er hat ſchon einen Vertreter geſtellt.“ „Hilft nichts, mein Herr, und wenn er zwanzig ge⸗ ſtellt hätte; eine ſo fehlerhafte Erziehung, wie die ſeinige, muß gebeſſert werden; er ſoll in drei Tagen zu den Re⸗ kruten in Toulon ſtoßen— in drei Tagen, merken Sie. Verlaſſen Sie ſich darauf, Herr,“ bemerkte er, ſich zu mir wendend,„Sie ſollen unter dieſer Tricolore eine Lection bekommen, die Sie nicht ſo bald vergeſſen werden. Du⸗ molle, beſorgen Sie dieß.“ Mit dieſem Befehl an ſeinen Adjutanten ſtand er auf— und ehe mein armer unglück⸗ licher Onkel ſich erholt hatte, um zu antworten, hatte er das Zimmer verlaſſen. „Das wird er nicht thun, gewiß, das wird er nicht,“ ſagte der Vicomte zu dem jungen Ofſizier. „General Bonaparte gibt nicht nach und wenn er es thäte, würde er es niemals zeigen,“ war die kalte Antwort. In acht Tagen trug ich eine Muskete auf den Wällen von Toulon: da begann die Laufbahn, welcher ich ſeitdem ge⸗ folgt bin— mit wie viel Begeiſterung, moͤgen Sie nun ſelbſt beurtheilen.“ Als Duchesne ſeine kleine Erzählung beendet hatte, ſtand er auf, ſchritt ſchnell im Zimmer auf und ab— während ſeine gepreßten Lippen und zuſammen gezogenen Brauen zeigten, daß er in trübe Erinnerungen an die Ver⸗ gangenheit verſunken war. „Er hatte aber doch Recht, Burke,“ ſagte er endlich; „perſoͤnliches Ehrgefühl macht den Soldaten, Ueberzeugung vielleicht den Patrioten. Ich focht ſo wacker für dieſe nämliche Sache, als ob ich ſie nicht verabſcheute; wie viele Andere mögen in dieſer Lage ſein? Sie ſelbſt viel⸗ leicht?“ 4 „Nein, nein; ich nicht.“. „Gut, es kann ſein,“ erwiderte er leichthin.„Gute Nacht,“ mit dieſen Worten ſchlenderte er nachläßig aus dem Zimmer und ich hörte ihn ein Liedchen ſummen, als er ſich die Treppen hinauf in ſein Schlafzimmer begab. Elftes Kapitel. Ein Lebewohl. „Ich komme, Ihnen eine Einladung für den Hofball zu bringen, Kapitän,“ ſagte General Daru, als er am folgenden Morgen die Thüre meines Ankleidezimmers öff⸗ nete.„Ich habe deren eine Menge hier; aber nur die Ih⸗ rige iſt mit dem Namen verſehen. Es ſcheint, Sie ſtehen in den Tuilerien in Gunſt. „Ich gewahrte noch nichts von einem guten Glücke, General,“ erwiderte ich. „Halten Sie ſich deſſen gleichwohl verſichert,“ bemerkte er: dieſe Dinge ſind nicht, wie ſo viele meinen, bloße Zufälligkeiten. Jeder Name wird wohl geprüft und ge⸗ wogen. Die Hofbeamten dienen einem Herrn, der Irr⸗ thümer nicht vergibt. Und nun, da ich gerade daran denke, Sie waren ja intim mit Duchesne— ſehr vertraut, wie ich glaube?“ „Ja, mein Herr, wir waren viel beiſammen.“ „Wohl, nach dem, was vorgefallen iſt, brauche ich Ihnen kaum zu ſagen, daß es beſſer wäre, wenn dieſe Bekanntſchaft nun aufhörte. In ſolchen Dingen gibt es keinen Mittelweg. Die Verhältniſſe werden Sie nicht wie fruher mit einander in Geſellſchaft bringen, und eine Fort⸗ ſetzung Ihrer Vertraulichkeit würde für Se. Majeſtät be⸗ leidigend ſein.“ „Aber ſicherlich, mein Herr, kann die Freundſchaft ſo untergeordneter Leute wie wir ſind, kein Grund zu des Kaiſers Zufriedenheit oder Mißvergnügen ſein, auch wenn er etwas davon wüßte.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort darauf,“ erwiederte der General etwas ernſt.„Der Rath, den ich Ihnen heute ertheilt, kann morgen als Befehl kommen. Der Chevalier Duchesne hat Se. Majeſtät ſehr und bedeutend beleidigt — hüten Sie ſich, daß Sie nicht in Verſuchung fallen, ſeinem Beiſpiel zu folgen!“ Die letzten Worte betonte er ganz beſonders und verließ mit einer kalten Verbeugung das Zimmer. Daß ich nicht in Verſuchung falle, ſeinem Beiſpiel zu folgen!“ wiederholte ich leiſe für mich.„Iſt alſo die⸗ ſes die Gefahr, vor welcher er mich warnen wollte?⸗ „Ddiie Erinnerung an die Mißgeſchicke, welche meine Lebensbahn eröoͤffneten, trat lebhaft vor mich; die unglück⸗ liche Bekanntſchaft mit Beauvais und die lange Reihe verdächtiger Umſtände, welche folgte, und ich ſchauderte bei dem bloßen Gedanken, wieder den Verdacht verbreche⸗ riſcher Mitſchuld auf mich zu laden. Aber welche Skla⸗ verei war dies! Dieſer Gedanke zuckte plötzlich durch mein Gemüth, und ich rief laut: Und das iſt die Freiheit, fuͤr die ich Leib und Leben auf das Spiel geſetzt; dies die Sache, um derentwillen ich meiner Heimath fremd und verbannt wurde!“ „Nur zu wahr, mein theurer Freund,“ ſagte Du⸗ chesne fröhlich, der in's Zimmer ſchlüpfte und einen Stuhl zum Feuer rückte.„Eine weiſe Betrachtung— aber ſehr unweiſe ausgeſprochen; es gibt Leute, die ſich durch nichts belehren laſſen, weder durch den„Temple“ noch den„Ju⸗ ſtizpalaſt.“ „Was— Sie wiſſen etwas von meiner unglücklichen Gefangenſchaft?“ „Ob ich davon weiß! das verſteht ſich. Geſegnet ſei Ihre ſüße Unſchuld! Ich wurde hundertmal erſucht, Ihnen vom Faubourg aus Anerbietungen zu machen. Es ſind dort wenigſtens ein Dutzend alter Damen, die beſtimmt glauben, Sie ſeien ein wirklicher Legitimiſt und tragen die weiße Kokarde zunächſt an Ihrem Herzen. Ich hätte Tom Burke. IV.. 10 — Ihnen hin und wieder die lockendſten Anträge zu machen ge⸗ habt. Und wahrhaftig, ich bin ungewiß, ob man nicht vermuthet, daß wir gerade in dieſem Augenblick Rath halten, wie wir eine metallene Caronade und eine könig⸗ liche Uniform nebſt zwei Pfund Schießpulver und einer Hofperrücke über die Grenze bringen könnten, um die Bour⸗ bonen wieder einzuſetzen!“ Er ſchlug ein helles Gelächter auf, als er endete, und ſo wenig ich auch gerade zur Fröhlichkeit geſtimmt war, konnte ich mich nicht enthalten, einzuſtimmen. „Nun wollen wir uns einen Augenblick ernſtlich be⸗ rathen, Burke; denn ich kann zuweilen auch ernſthaft ſein, wenigſtens wenn es meine Freunde betrifft. Wir müſſen uns hier trennen. Es iſt für Sie beſſer, daß es ſo ſein muß. Ich bin, wie die Welt zu ſagen beliebt,„ein ge⸗ fährlicher Kamerad,“ und in dieſer Bezeichnung liegt mehr Wahrheit, als diejenigen wiſſen, welche ſie anwenden. Nicht darum, weil ich ein lebensluſtiger Mann bin und gelegen⸗ heitlich verſchwenderiſche Gewohnheiten und koſtſpielige Liebhabereien habe, oder hoch ſpiele und viel trinke, oder mit leidenſchaftlicher Entſchloſſenheit irgend eine vorherr⸗ ſchende Neigung des Augenblicks verfolge; ſondern weil ich ein unzufriedener, unſtäter Menſch bin, der den unbeſtimm⸗ ten Ehrgeiz hat, etwas zu ſein und nicht weiß was und durch welche Mittel; ſtets bereit, ſich in ein Unternehmen zu werfen, bei dem der Gewinn groß und die Gefahr noch größer iſt, und doch niemals im Stande, ſeine Wünſche zur Begeiſterung oder ſeinen Glauben zur Ueberzeugung zu erwärmen. Mit einem Worte, ein Franzoſe, geborener Legitimiſt, erzogen zum Demokraten, herangebildet zum Imperialiſten, in die Welt hinausgeſtoßen als Spötter— ſolche Männer, wie ich bin, ſind gefährliche Kameraden; und wenn ſie ſich vermehren(wie es bei unſerem geſell⸗ ſchaftlichen Zuſtande ſehr wahrſcheinlich iſt) noch viel ge⸗ fährlichere Bürger. Kommen Sie, mein guter Freund, ſchauen Sie nicht ſo erſchrocken drein, und ſperren Sie — nicht die Naſenlöcher auf, als ob Sie Schwefel witterten — Satan s'en va!“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und hielt mir ſeine Hand hin.„Laſſen Sie Ihren napo⸗ leon'ſchen Eifer ſich nicht zu bald verflüchtigen und Sie können noch Marſchall von Frankreich werden; es ſind große Preiſe im Glücksrad für die zu haben, die darnach ſtreben. Adieu!“ „Wir werden uns wiederſehen, Duchesne!“ „Ich hoffe es. Die Zeit mag kommen, wo wir können Freunde ſein, ohne die Polizei des Departements zu beunruhigen. Für jetzt werde ich Paris verlaſſen; ei⸗ nige Freunde im Süden waren ſo gütig, mich zu einem Beſuche einzuladen und ich verreiſe dieſen Nachmittag.“ Wir gaben uns noch einmal die Hände und Duchesne ging gegen die Thüre, dann ſagte er, ſich ploͤtzlich umwendend: „Apropos, noch etwas— dieſes Fräulein von Lacoſtel⸗ lerie— ℳ 2„Was iſt mit der?“ fragte ich in etwas neugierigem Tone. „Nun, ich habe ſo eine halbe Ahnung, die ſich faſt zur Gewißheit ſteigert, daß ſie, wenn wir uns wiederſehen, Madame Burke ſein wird.“ „Welcher Unſinn! lieber Freund— dieſe Ungereimt⸗ heit— ℳ „Da ſehe ich nichts dergleichen. Eine Bekanntſchaft, die gleich der Ihrigen begann, kann leicht zu einem ſolchen Ende führen. Wenn die Dame kühn iſt und der Herr ſcheu, ſo ſteht das Spiel gewöhnlich ſo, daß die eine Be⸗ herrſchung nöthig hat und der andere Muth bedarf. Laßt ſie die Karten tauſchen und ſeht, was herauskommt.“ „Sie haben Unrecht, Duchesne— ganz Unrecht.“ „Mag ſein. Ich hatte ſchon ſo oft Recht, daß ich eine falſche Vorherſagung wagen darf, ohne meinen Ruf als Prophet zu verlieren. Adieu.“ Sobald ich allein war, ſetzte ich mich, um über das, was er geſagt hatte, nachzudenken. Die Unwahrſcheinlich⸗ ———— 148 keit, nein, wie es mir ſchien, die gänzliche Unmöglichkeit eines ſolchen Ereigniſſes, auf das er angeſpielt, war jetzt eben ſo klar, als wie ich zuerſt davon gehört hatte; ich fühlte aber doch eine Art innerer Befriedigung, etwas wie geſchmeichelten Stolz bei dem Gedanken, daß einem ſo ſcharfen Beobachter, wie Duchesne war, ein ſolcher Fall nicht einmal befremdend vorkam. Wie ſchwer iſt es, ge⸗ gen die Angriffe der Schmeichelei die Vernunft zu Hülfe zu rufen! wie ſchwer der Gewalt einer Täuſchung zu wi⸗ derſtehen, indem man an ſeinen geſunden Verſtand und ſein ruhiges Urtheil appellirt. Daraus darf man aber nicht ſchließen, daß ich ernſt⸗ lich die Möglichkeit eines ſolchen Glückswechſels überdachte — noch weniger, daß ich ihn wünſchte. Nein: meine Befriedigung hatte einen andern Grand. Sie entſprang aus dem Gedanken, daß ich, der unbedeutende Huſarenka⸗ pitän, je als der Bewerber um die erſte Schönheit und reichſte Erbin des Tages genannt werden ſollte; das war die Quelle meines geſchmeichelten Stolzes. Andere Em⸗ pfindungen hatte ich keine. Ich bewunderte Fräulein von Lacoſtellerie ſehr. Sie war vielleicht das ſchoͤnſte Mäd⸗ chen, welches ich je geſehen; im ganzen Umfange der pa⸗ riſer Geſellſchaft war keine ſo geſucht wie ſie; und es galt ſchon für einen Grad von Auszeichnung, unter die Menge ihrer Anbeter gezählt zu werden. Ueberdies lauerte in mir der Wunſch, daß Marie von Meudon(nur als ſolche konnte ich mir ſie denken) dieſes von mir ſagen hören ſollte. Es ſchien mir eine geringe Rache für ihre eigene Gleichgültigkeit gegen mich, und es verlangte mich, irgend einen Anlaß zu haben, um mein Geſchick mit dem Ge⸗ danken an ſie, die noch mein ganzes Herz beſaß, in Ver⸗ bindung zu bringen. Bloß Männer, die viel mit ſich ſelbſt und ihren ei⸗ genen Gedanken umgehen, kennen die Wonne, auf ſolche Weiſe ihr Loos durch irgend ein phantaſtiſches Band mit dem derjenigen zu verknüpfen, welche fie lieben. Es iſt der Strohhalm, nach dem Verſinkende haſchen; aber für den Augenblick hält es den ſchwindenden Muth aufrecht und ſtählt das Herz, während alles Uebrige zuſammen⸗ bricht. Dies empfand ich tief. Ich wußte wohl, daß ſie mir nichts war und nichts ſein konnte; allein ich wußte auch⸗, daß ihr Bild aus meinem Herzen verbannen, in Dunkelheit leben hieße und die bloße Moglichkeit, von ihr nicht vergeſſen zu ſein, ſchon Glück war. Als ich von ihr hörte, ging zuerſt die Luſt am Sol⸗ datenleben von ihrem eigenen Bruder auf mich über. Sie ſelbſt hatte mir die glorreichen Triumphe dieſer Laufbahn geſchildert, in Worten, deren Klang ich noch immer höre, Alle meine Hoffnungen auf Auszeichnung— mein Ver⸗ langen nach Erfolg— waren mit der halben Voraus⸗ ſagung verknüpft, die ſie ausgeſprochen hatte, und ich brannte vor Begierde, mich hervorzuthun, damit ſie mei⸗ nen Namen leſen— vielleicht ſagen würde:„Und Er liebte mich!“ In ſolchen Träumereien verging Tag auf Tag;— Duchesne war fort und ich hatte keinen vertrauten Freund, der meine Stunden getheilt oder mit dem ich mich hätte frei unterhalten koͤnnen. Während deſſen ging das froͤh⸗ liche Leben der Hauptſtadt ſeinen Weg fort— Feſte und Bälle folgten aufeinander, und jede Nacht befand ich mich ale Gaſt in irgend einer glänzenden Geſellſchaft,— aber wo ich Niemand kannte„ noch von Jemandem gekannt war. Es war eines Morgens nach einem prächtigen Feſte beim Erzkanzler, als mir zum erſten Male in den Sinn kam, daß ich meinen armen Freund Pioche ſeit ſeiner An⸗ kunft in Paris noch nicht geſehen hatte. Ich war von Scham durchdrungen bei dem Gedanken, daß ich es ver⸗ nachläßigt hatte, nach meinem Marſchkameraden zu fra⸗ gen und ließ ſogleich mein Pferd ſatteln, um nach dem Hotel Dieu zu reiten, welches nun großentheils für die verwundeten Soldaten beſtimmt war. ꝛ—Q—OęñLÿj—n—— —— 150 Es war ein für dieſe Jahreszeit ſehr ſchöner Tag, und ich erblickte, als ich in den weiten Hofraum kam, viele Invaliden, die in Gruppen beiſammen, ſich der fri⸗ ſchen Luft und Frühlingsſonne erfreuten. Arme Burſche! ſie waren nur noch Ueberbleibſel von Menſchheit. Meh⸗ rere hatten beide Beine verloren und wenige gab es, die nicht einen leeren Aermel an ihren weiten blauen Röcken hatten. In einer großen Halle, wo drei lange Tiſche zum Eſſen gedeckt waren, ſaßen viele um die geräumigen Kamine und an einem derſelben zog eine zahlreichere Gruppe als gewöhnlich meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Es herrſchte dort tiefe Stille, ſie ſchwatzten und lachten nicht gleich den Uebrigen. Ich näherte mich, neugierig, die Urſache davon kennen zu lernen, und gewahrte, daß ſie alle auf⸗ merkſam Jemandem, der vorlas, zuhorchten. Die Stimme kam mir bekannt vor; ich ſtand ſtille, um ſie deutlicher zu hören. Es war Minette ſelbſt— die Markedenterin— welche hier in der Mitte ſaß; neben ihr, halb in einem niedern altmodiſchen Armſtuhl liegend, war„der dicke Pioche“— ſein ungeheurer Bart reichte ihm bis auf die Mitte der Bruſt und ſein großer Schnurrbart kräuſelte ſich weit über ſeine Oberlippe herunter. Er ſah viel beſ⸗ ſer aus, als wie ich ihn das letzte Mal geſehen, aber ſchon die Stellung, in der er lag, zeugte noch von Schwäche und Mattigkeit. Mich unbemerkt unter die Uebrigen miſchend, welche zu ſehr in die Erzählung vertieft waren, um meiner An⸗ kunſt irgend welche Aufmerkſamkeit zu ſchenken, horchte ich geduldig und bemerkte bald, daß das Mädchen eine Begebenheit aus dem ägyptiſchen Feldzug las, aus einem der zahlloſen Bände, welche damals die einzige Lektüre der Soldaten ausmachten.„Die Redoute,“ fuhr Minette fort,„war in der Fronte durch Stacketen und einen Gra⸗ ben ſtark befeſtigt, während ſich innerhalb der Umwallung zwoͤlf Geſchütze und ein Corps von ſiebenhundert Mame⸗ luken befanden. Plötzlich ſprengte ein Adjutant in vollem 151 Galopp heran und brachte den zweiunddreißigſten Beſehl, die Redoute mit dem Bajonnet anzugreifen und zu erſtür⸗ men. Der Major des Regimentes(der Oberſt war am nämlichen Morgen an der Furth getödtet worden) rief: „Grenadiere, hoͤrt ihr den Befehl— vorwärts!“— aber im nämlichen Augenblick ſchnellte eine ſchreckliche La⸗ dung Traubenſchüſſe durch die Reihen, welche drei tödtete und acht verwundete.„Vorwärts, Leute! vorwärts!“ ſchrie der Major;— es bewegte ſich keiner.“ „Donner und Wetter,“ grollte Pioche,„wo war der Tambour?“ „Ihr werdet es hören,“ ſagte Minette fortfahrend. „Hört ihr mich?“ rief der Major,„oder ſoll ich für immer entehrt ſein! Vorwärts! geſchwind! Marſch!“ „Aber Major,“ ſagte ein Sergeant laut,„das ſind keine gebratenen Aepfel, was dieſe Burſche dort herunter⸗ werfen.“ „Stilll kein Wort! Tambour, trommle zum An⸗ riff“ 3 3„Mit einem Male ſprang einer, der auf dem Boden gelegen hatte, auf die Kniee und fing mit aller Gewalt an die Trommel zu rühren. Armer Kerly! ſein Bein war von einer Kugel zerſchmettert, aber er folgte dem Befehl trotz all ſeiner Schmerzen. „Vorwärts, Leute, vorwärts!“ rief der Major, die Mütze über ſeinem Haupte ſchwingend.„Die Bajonette uſheſßedt Geladen! und vorwärts ſtürmten ſie ihm nach.“ „Holla! Kameraden,“ ſchrie der Tambour,„laßt mich nicht zurück;“ im Augenblick hielten zwei Grenadiere an, bückten ſich nieder, hoben ihn auf ihre Schultern und drängten ſich durch Rauch und Feuer nach. Krachend und zermalmend gingen die Schüſſe durch die vordern Reihen, aber vorwärts ging es über Todte und Sterbende—“ „Immer nach mit dem Trommler?“ fragte Pioche. 152 „Gewiß,“ ſagte Minette.„Er war auch dabei; hoͤrt nur:. „Gerade als ſie die Breſche erreichten, pfiff ein Schuß ober ihren Köpfen vorbei und ein ſchrecklicher Ton er⸗ ſchallte dorther.“ „Er iſt getödtet,“ ſagte einer von den Grenadieren, indem er ſich anſchickte, den Körper abzulegen;„ich hörte ſeinen Schrei.“— „Noch nicht, Kamerad,“ rief der Tambour;„es hat nur das Trommelfell weggenommen; das iſt Alles;“ und ſtärker als je ſchlug er auf die Holzwände los. Und ſo trugen ſie ihn über das Glacis die Außenwerke hinan und ruhten nicht, bis ſie ihn auf dem Walle auf eine Kanone geſetzt hatten!“ „Hurrah! das war recht!“ rief Pioche; während alle Uebrigen„Hurrah!“ nachſchrieen.“ „Wie hieß er, Mademoiſelle?“ fragten mehrere Stim⸗ men.„Sagen Sie uns den Namen des Trommlers?⸗ „Meiner Treu! Ihr Herren, er ſteht nicht da.“ „Sein Name nicht da!“ brummten ſie.„Alle Hagel! das iſt zu arg!“ „Wenn es ein Gardeofizier geweſen wäre, würden ſie uns wohl ſeine ganze Herkunft und Verwandtſchaft ausein⸗ andergeſetzt haben,“ ſagte ein runzeliger, ſauertöpfiger, ein⸗ äugiger alter Kerl. „Oder ein Huſarenlieutnant! Mademoiſelle!“ ſagte Pioche, der die Marketenderin unverwandt anſah, die ihr Buch ganz nahe an das Geſicht hielt, um die tieſe Röthe zu verbergen, welche daſſelbe bedeckte. 4„Holla, he! Wer da?“ Der Küraſſier hatte mich ſo eben erblickt, und ſogleich richteten ſich alle Augen nach dem Orte, wo ich ſtand. „Ah, Lieutenannt! Sie hier; nicht dienſtunfähig, wie ich hoffe?“ „Nein, Pioche; mein Beſuch gilt Ihnen; und ich habe noch das Glück gehabt, die Erzählung zu hören, welche Mademoiſelle geleſen hat.“ Ehe ich dieſe wenigen Worte beendet hatte, erhoben ſich diejenigen von den verwundeten Soldaten, denen es möglich war, von ihren Sitzen und ſtanden ehrerbietig um mich, während ſich Minette hinter den großen Armſtuhl, in dem Pioche lag, zurückzog, um, wie es ſchien, eine Er⸗ kennung zu vermeiden. Fronte gemacht, Mademoiſelle— Fronte gemacht!“ ſagte Pioche.„Sapperment! wenn man das Kreuz der Ehrenlegion vom Kaiſer ſelbſt erhalten hat, braucht man ſich nicht zu ſchämen, geſehen zu werden. Auch fügte er in leiſerem Tone bei, was ich aber gut verſtehen konnte, „biſt Du jetzt nicht in deiner Uniform, Du brauchſt alſo Sie ſenkte noch immer den Kopf, und ihre Verlegen⸗ heit ſchien ſich nur zu vermehren; da ich ihre Verwirrung nicht verlängern wollte, welche, wie ich ſah, meine Gegen⸗ wart hervorgebracht hatte, that ich blos einige Fragen über Pioche's Befinden, und empfahl mich der Ver⸗ Als ich heimwärts ritt, konnte ich mich nicht ent⸗ halten, die Worte Pioche's bei mir ſelbſt zu wiederholen, „Du biſt jetzt nicht in Deiner Uniform, Du brauchſt alſo über nichts zu erröthen!“ dies alſo ſchien die Urſache des veränderten Benehmens dieſes armen Mädchens zu ſein, als ich bei Auſterlitz mit ihr zuſammen traf: weibliche Scheu, daß jemand ſie in Marketenderintracht ſah, der ſie aber konnte ſich dies wirk⸗ lich ſo verhalten, fragte ich mich:— ein wenig Kenntniß, des weiblichen Herzens hätte mir dieſe Frage erſpart und in ſolchen Gedanken kehrte ich nach dem Luxembourg zurück. Zwölftes Kapitel. Ein unveränderter alter Freund. Diejenigen, welche ihre politiſchen Anſichten aus den franzöſiſchen Journalen ſchöpften müſſen über die neue und unerwartete Wendung der Regierungsblätter zu der Zeit, wovon ich nun ſprechen, etwas betroffen geweſen ſein. Die furchtbaren Angriffe gegen das„treuloſe Albion,“ welche den Hauptſtoff der leitenden Artikel im Moniteur aus⸗ machten, hörten nach und nach auf. Die große Maſſe des Volks wurde von der„tyranniſchen Oberherrſchaft einer übermüthigen Ariſtokratie“ getrennt und„dem natür⸗ lichen geſunden Verſtande und richtigen Gefühle John Bul’'s,“ wenn derſelbe nicht durch Aufregen ſeiner Leiden⸗ ſchaften und Vorurtheile irregeleitet werde, gelegenheitlich Lob geſpendet, und endlich deutlicher der Wunſch ausge⸗ ſprochen, daß die zwei Länder, deren Beruf es ſein ſollte, Civiliſation über die Erde zu verbreiten, ihre wahren Vor⸗ theile ſo weit erkennen möchten, um ſtarke Freunde ſtatt gefährliche Feinde zu werden.“ Der Uebergang der Regierungsgewalt in England an die Whigs war der Grund dieſer plötzlichen Aenderung. Als der Kaiſer noch Conſul war, hatte er Charles For kennen und bewundern gelernt; Gefühle gegenſeitiger Hoch⸗ achtung entſtanden zwiſchen ihnen, und es gewann nun den Anſchein, als ob einzig deſſen Erhebung zur Gewalt gefehlt hätte, um beide Länder in freundſchaftliche Beziehungen zu einander zu bringen. Welches Gewicht auch der Kaiſer auf des Miniſters For Lieberalismus und den ſtarken Parteiantrieb legen mochte, der ihn veranlaſſen konnte, in der Politik eine Richtung einzuſchlagen, ndie derjenigen ſeiner Vorgänger im Amte ſtracks entgegengeſetzt war und demzufolge die Nation zu freundlicheren Geſinnungen gegen Frankreich zu ſtimmen, gewiß iſt es, daß er ſich bedeutend verrechnete, wenn er auf eine irgendwie unengliſche Denkweiſe oder auf eine Neigung deſſelben baute, durch unrechtmäßige Zu⸗ geſtändniſſe der ſtolzen Haltung Abbruch zu thun, die England im Beginnen des Continentalkriegs angenommen und während deſſen ganzer Dauer bewahrt hatte. Ein reiner Zufall führte zu neuen Verhandlungen zwiſchen den beiden Ländern. Ein Schurke, der ſich Guillet de la Grevilliere nannte, hatte die Frechheit, dem engli⸗ ſchen Miniſter die Ermordung Napoleons vorzuſchlagen, und ſich ſelbſt für die That anzubieten. Er hatte ein Haus in Paſſy gemiethet, und alle Vorbereitungen zur Ausfüh⸗ rung ſeines ſchändlichen Planes getroffen. Der erſte Schritt, den For that, war, dem Miniſter der auswärtigen Ange⸗ legenheiten, Talleyrand, dieſen Schuft anzuzeigen. Dieſes führte zu einer Antwort, in welcher Talleyrand eine Unter⸗ redung, die er mit dem Kaiſer gehabt, Wort für Wort berichtete, worin Napoleon in Beziehung auf For die gü⸗ tigſten und liebreichſten Ausdrücke gebraucht, und viele ſchmeichelhafte Anſpielungen auf ihre frühere Vertrautheit gemacht hatte. Das Ganze endigte mit dem Ausdruck des aufrichtigſten Wunſches nach Herſtellung eines guten Vernehmens und dauerhaften Friedens zwiſchen zwei Na⸗ tionen, welche von Natur dazu beſtimmt wären, einander zu achten.“ Obwohl der ganze Plan der Ermordung ein von Fouché erfundener Polizeikniff war, um die Ehrenhaf⸗ tigkeit und die Redlichkeit des engliſchen Miniſters auf die Probe zu ſiellen, ſo wurde das Ergebniß doch begierig als Grundlage zu neuen Verhandlungen benützt; und von dieſer Stunde an bewies die gemäßigte Sprache der fran⸗ zöſiſchen Zeitungen, daß eine neue Politik England gegen⸗ über angenommen worden ſei. Die frechen Anſpielungen der Journaliſten, die ſatiriſchen Sticheleien der Partei⸗ 156 ſchriftſteller, die Zerrbilder auf engliſche Sonderbarkeiten wurden auf einmal unterdrückt, und durch den zauberhaften Einfluß, welchen Napoleon übte, ſchien die ganze öffent⸗ liche Meinung in Beziehung auf England und die Eng⸗ länder geändert. Von den leitenden Artikeln im Moni⸗ teur bis zu den Ladenfenſtern des Palais⸗Royal herab herrſchte die Anglomanie, und der Gedanke wurde ausge⸗ ſprochen, daß die zwei Nationen die Welt unter ſich ge⸗ theilt hätten— das Meer den Briten, das Land den Franzoſen unterworfen ſei. Von beiden Seiten wurden Geſandte ernannt: zuerſt Lord Yarmouth, und dann Lord Lauderdale von England; General Clarke und Herr Cham⸗ pagny von Frankreich. Lord Yarmouth, damals in Ver⸗ dun verhaftet, wurde auf Veranlaſſung Talleyrands nach England geſchickt, um die genaue Baſis auszumitteln, auf welche eine Friedensunterhandlung gegründet werden könnte. Kaum war die gegenſeitige Korreſpondenz bekannt, als ſich die neue, England gegenüber angenommene Denk⸗ und Handlungsweiſe in jedem Zirkel und jedem Salon zeigte. Wenn ein Beweis nothwendig wäre, wie die unumſchränkte Gewalt Napoleons das Innerſte der Geſellſchaft durchdrun⸗ gen hatte, ſo lag er hier am ſchlagendſten vor: Viele der Verhafteten wurden nicht nur befreit und nach England zurück geſchickt, ſondern in den verſchiedenen Städten, wo ſie ſich unterwegs aufhielten, gefeiert und bewirthet und jedes Mittel angewendet, um ſie mit der Behandlung, die ſhutn auf Frankreichs Boden geworden, zufrieden zu ſtellen. Ein engliſcher Gaſt wurde für die unwiderſtehlichſte Zierde einer Tiſchgeſellſchaft angeſehen, und die albernſten Verſuche, engliſche Manieren, Sprache und Kleidung nach⸗ zuahmen in Geſellſchaften als die neueſte„Mode“ einge⸗ führt, und als der höchſte Grad guten Tones geprieſen. Es würde mir nicht ſchwer fallen, hier einige ſonder⸗ bare Beiſpiele dieſes neuen Geſchmackes anzuführen; aber ich habe mich bereits zu weit von meiner Bahn entfernt, und bitte meine Leſer um Verzeihung, mich in Bereiche gewagt zu haben, die mich nichts angehen. Doch muß ich hier bemerken, und die Erklärung wird ein für allemal ge⸗ nügen, daß ich mehr darauf bedacht war, in dieſer„wah⸗ ren Geſchichte,“ ein flüchtiges Bild der wechſelvollen Züge einer ereignißreichen Zeit zu geben, als perſönliche Aben⸗ teuer aufzuzeichnen, welche, obwohl nicht ohne Abwechslung, mit den gleichzeitigen Begebenheiten verglichen, immerhin ſehr unbedeutend ſind. Das Konſulat, das Kaiſerthum, die Reſtauration, waren drei große, nach Gruppirung und Kolorit verſchiedene Gemälde; aber jedes Theil eines mäch⸗ tigen Ganzen, Glieder einer großen Kette, das veränder⸗ liche Schauſpiel einer Nation darbietend, die ſich unter die Tyrannei ſchmiegte, oder Faſelei und Schwäche zur Herr⸗ ſchaft über ſich gelangen ließ. Die Engländer waren, wie geſagt, Mode in Paris; beſonders in den Salons, welche unter dem Einfluſſe des Hofes ſtanden und wo der Ton der Tuilerien als Geſetz verehrt wurde. 5 Jedes Mitglied der Regierung oder wer nur im Ge⸗ ringſten damit zuſammen hing, nahm ſogleich die herr⸗ ſchende Mode an; und„à l'Anglais“ zu ſein, ward nun eben ſo ſehr guter Geſchmack, als es je das Gegentheil davon geweſen war. Nur wer mit den Planen Fouchés bekannt war, wußte, wie wichtig dieſe ganze Schauſtellung freundſchaft⸗ licher Geſinnungen, und wie die Regierung ganz dazu bereit war, ihre frühere herausfordernde Stellung wieder einzu⸗ behnnen, ſobald es die Umſtände angemeſſen erſcheinen ießen. 4 Unter denen, welche ſich ſchnell nach dem im Rathe des Kaiſers ausgeſprochenen Loſungsworte richteten, rag⸗ ten vorzüglich die Salons des Hotel Clichy hervor. Es wurden engliſche Gebräuche, was Tafelausrüſtung betraf, und engliſche Bedienung eingeführt; ſogar auf engliſche Kochkunſt dehnte ſich die franzöſiſche Gefälligkeit aus; 158 man nahm Gewohnheiten der niedrigſten Kreiſe und ganz unfeine Manieren an, weil man glaubte, ſie ſeien bei der faſhionablen Welt„jenſeits des Kanals,“ in täglichem Gebrauch. Während dieſer Anglomanie über über Hals und Kopf, wurde ich um meiner engliſchen Herkunft willen— ich ſage engliſch, weil im Ausland der geringfügige Unter⸗ ſchied von Irländer oder Schottländer nicht beachtet wird — in Geſellſchaft beſonders ausgezeichnet; und obgleich meine Erziehung und mein Aufenthalt in Frankreich alle, oder doch den größten Theil meiner Nationaleigenthüm⸗ lichkeiten mochte verwiſcht haben, ſo fanden doch die Schmeich⸗ ler des Tages noch Züge genug zu bewundern, an denen ſie den John Bull erkannten, und auf dieſe Weiſe ver⸗ ſchaffte mir ein Sprachſchnitzer, ein grammatikaliſcher Fehler, oder eine falſche Betonung wirklich eine succés de salon. Obwohl ich über die Albernheit einer Mode lächelte, deren Uebertreibung allein ſchon andeutete, daß ſie nicht dauern werde, ſo beſaß ich doch genug von dem Geiſte meines adoptirten Vaterlandes, um ſie zu benützen, ſo lange ſie währte, und brachte jeden Tag in Geſellſchaft zu. 3 Im Hotel Clichy war ich ein beſtändiger Gaſt, und während meine Bekanntſchaft mit Fräulein de Lacoſtellerie geringe Fortſchritte machte, wurde ich ein beſonderer Lieb⸗ ling der Gräfin. Sie erwies mir ſogar die Ehre, mich in ihren geheimen Rath zu nehmen, und erzählte mir alle die Nichtigkeiten, welche Fouché gewöhnlich als Staats⸗ geheimniſſe ausſtreute, und ſie zwei oder dreimal in der Woche durch Paris cirkuliren ließ. Von ihm erfuhr ſie auch die Namen der verſchiedenen Engländer, die täg⸗ lich von Verdun in Paris ankamen, und wußte es ſo ein⸗ zurichten, daß ſie ſtets eine Reihenfolge dieſer Begünſtigten bei ihren Dinés und Abendgeſellſchaften hatte. 3 Wie ich ſchon geſagt habe, nahm meine Vertrantheit mit Mademoiſelle nur langſam zu, und es zeigte ſich gewiß wenig Ausſicht, daß die Vorherſagung Duchesnes beim Abſchied eintreffen werde. Ihr Benehmen hatte freilich den kalten ſtolzen Ausdruck verloren, aber an deſſen Stelle war ein leichtfertiger, halb impertinenter, ſpoͤttiſcher Ton getreten, den ein Weltmann, wie Duchesne, leicht zu ſei⸗ nem Vortheil benützen konnte, der aber ein weniger keckes und unternehmendes Individuum, gleich mir, ſchrecklich in Verlegenheit brachte. Dobretski war noch immer krank, und obgleich ſie nie ſeinen Namen nannte oder auf ihn anſpielte, ſo konnte ich doch ſehen, daß ſie mich im Ver⸗ dacht hatte, mehr von ſeinem Unwohlſein und der Urſache deſſelben zu wiſſen, als ich je zugegeben hatte. Wenn ein⸗ mal zwei junge Leute verſchiedenen Geſchlechtes ein Ge⸗ heimniß mit einander gemein haben— mag was immer der Gegenſtand deſſelben ſein— wenn ſie ſich einmal deſſen bewußt ſind, daß ſie gegenſeitig etwas wiſſen, was den Andern unbekannt i*ſt, ſo ſindet von dieſem Augenblicke an zwiſchen ihnen ein Verhältniß der gefährlichſten Art ſtatt. Sie moͤgen nicht geneigt ſein, an einander Gefallen zu fin⸗ den; ihr Herz iſt vielleicht nicht mehr frei, oder aus hun⸗ dert andern Gründen kann in dieſem Falle von Liebe nicht die Rede ſein: dennoch werden ſie das verborgene Band, wel⸗ ches ſie verknupft, in Gedanken haben, und dieſes zu ihren gewöhnlichen Beziehungen in ſonderbarem Gegenſatze ſtehende Gefühl, wird ſich bei ihrem Verkehre überall geltend machen, und ihrem Denken und Handeln ein dem eigentlichen We⸗ ſen ihrer Bekanntſchaft fremdes Gepräge aufdrücken. Das war meine Stellung im Hotel Clichy, wo ich faſt ein täglicher Beſucher oder Gaſt war. Am Morgen, um die Tagesneuigkeiten zu hoͤren, die in Ausſicht ſtehen⸗ den Veränderungen in der Verwaltung, die Plane des Kaiſers, oder die neueſten Moden, welche die Kaiſerin ein⸗ geführt, deren Geſchmack in Kleidung und verſchwenderiſchen hieizabinaien den Kaufleuten viel beſſer als Napoleon zu⸗ agten. Einige Tage Unwohlſein hatten mich aufs Luxembourg beſchränkt, und mich unglücklicher Weiſe gehindert, dem 460 Hof ball beizuwohnen, zu dem ich ſchon ſeit einigen Wochen die Einladung hatte; es war, als ob mein Verhängniß jede Möglichkeit beſeitigen wollte, ſie noch einmal zu ſehen, auf deren Anweſenheit in Paris ich bei meiner Ankunft ſo ſehnlich hoffte. Es ging bereits die Sage, daß mehrere Offtziere Befehl erhalten hätten, ſich zu ihren Regimentern zu verfügen; ich fürchtete, bald die Hauptſtadt verlaſſen zu müſſen, ohne mit ihr zuſammengetroffen zu ſein, und ſann auf Mittel, meinen Zweck zu erreichen, als ich ein Billet von Fräulein von Lacoſtellerie bekam, welches mit mehr als ihrer gewoͤhnlichen Herzlichkeit geſchrieben war, und eine Ein⸗ ladung zum Mittageſſen auf den folgenden Tag in ganz kleiner Geſellſchaft enthielt, wo ich aber einen meiner älte⸗ ſten Freunde treffen ſollte. 8 Ich beſann mich hin und her, wer wohl damit ge⸗ meint ſein könnte, doch ohne je gewiß zu ſein, daß ich den Rechten getroffen. Taſcher konnte es nicht ſein, denn nach den letzten Nachrichten aus Deutſchland war er bei ſeinem Regiment. Meine Neugierde war genug gereizt, um mich zur Annahme der Einladung zu bewegen, und pünktlich fand ich mich zur beſtimmten Stunde im Hotel Clichy ein. 4 Als ich in den Salon trat, ſah ich mich allein; es war noch Keiner der Gäſte da und die Frauen vom Hauſe ebenfalls noch nicht erſchienen; ich ſchlenderte alſo in dem glänzenden Geſellſchaftsszimmer herum, wo jeder mögliche Lurus angebracht war— Gemälde, Vaſen, Statuen, An⸗ tiken befanden ſich in Menge da, denn das Gemach hatte den Umfang einer Gallerie. Schlachtſtücke aus den italie⸗ niſchen und ägyptiſchen Feldzügen, Büſten berühmter Ge⸗ nerale und Porträts mehrerer Marſchälle von Gerard und David,— aber mehr als Alles zog mich ein Gemälde an. Es ſtellte Paulinen ſelbſt in ſpaniſcher Bauerntracht dar; nie hatte ein Maler den Charakter ſeines Gegenſtandes beſſer aufgefaßt, als in dieſer prächtigen Skizze— denn es war nichts weiter,— den ſtolzen Ausdruck in ihren 8 161 Zügen, das große, in herausfordernder Kühnheit ſtrahlende Auge, die übermüthig gekräuſelten Lippen, die entſchiedene Stellung, mit einem Fuße voran, und die Arme unge⸗ zwungen herabhängend,— Alles brachte den Eindruck ſtol⸗ zer und feſter Entſchloſſenheit hervor, wie ſie ihr eigen war. Ich beugte mich über eine Stuhllehne, meine Augen feſt auf das Gemälde gerichtet, als ich das leichte Rau⸗ ſchen eines Kleides hörte. Ich wendete mich um— es war das Fräulein ſelbſt. Obgleich die Helle des Zimmers, durch die verſchloſſenen Jalouſten gemildert, kaum mehr als ſchwache Dämmerung war, konnte ich doch bemerken, daß ſie erroͤthete und verlegen ſchien, als ſie ſagte:„Ich hoffe, Sie werden dieſes Gemälde nicht für ein Porträt anſehen 2u „Doch,“ ſagte ich zoͤgernd,„es hat ſehr viele Aehn⸗ lichkeit mit Ihnen, ich glaube— ich finde—“ „Sagen Sie es aufrichtig, mein Herr. Sie denken, dieſer muthwillige Blick ſei nicht bloß Studium. Ich hielt Sie für einen ſchärfern Beobachter— es hat aber nichts zu ſagen. Sie waren unwohl, befinden ſich aber wieder beſſer, wie ich hoffe.“ „Bloß eine vorübergehende Unpäßlichkeit, die fataler Weiſe gerade in die Zeit des Hofballes fiel; Sie waren natürlich dort.“ „Ja, dort hatten wir das Vergnügen, Ihren Freund, den General, zu treffen; aber vielleicht iſt dies unbedacht von mir. Ich glaube, ich habe wirklich verſprochen, nichts von ihm zu ſagen.“ 5 „Der General! Meinen Sie General d'Auvergne?“ „Das will ich Ihnen noch ſagen— ihn meine ich nicht. Aber fragen Sie mich nicht mehr. Ihre Geduld wird nicht lange auf die Probe geſtellt werden; er ſpeist heute bei uns zu Mittag.“ Ich erwiederte nichts, ſann aber hin und her, wer wohl der General ſein möchte. „Bitte, quälen Sie ſich nicht um Etwas, das Ihnen ohne Muthmaßungen in wenigen Augenblicken klar ſein Tom Burke, VV. 1 11 16² wird. Es iſt doch ſonderbar, wie neugierig die Leute ſind, welche ſelbſt Geheimniſſe haben.“ „Aber ich habe keine, mein Fräulein, wenigſtens keine, die der Rede werth wären.“ „Kann ſein,“ entgegnete ſie muthwillig,„doch da kommen unſere Gäſte.“ Verſchiedene Perſonen traten dieſen Augenblick in den Saal; ich war mit Allen oberflächlich bekannt; es waren entweder Regierungsmitglieder oder Generale vom Stab. Gleich darauf erſchien die Gräfin und nun erwarteten wir noch die ſo deutlich als„mein Freund“ bezeichnete Perſon, um die Geſellſchaft zu vervollſtändigen. „Ich hoſſe, Pauline hat unſer Geheimniß bewahrt,“ ſagte die Gräfin zu mir.„Ich wäre ſehr desappointirt, wenn dieſe Ueberraſchung nur im Mindeſten beeinträchtigt würde.“ Wer kann es ſein? dachte ich, oder iſt die ganze Geſchichte ein auf meine Koſten erfundener Spaß. Kaum verfiel ich auf dieſe Muthmaßung, ſo riß ein Bedienter die Flügelthüren weit auf und meldete den General N. N. der Name wurde ſo undeutlich ausgeſprochen, daß ich nichts daraus machen konnte, als höchſtens„Bulletin.“ Dießmal jedoch wurde meine Neugierde nicht lange geprüft, denn gleich nach der Meldung trat eine ſtattliche Figur in eng⸗ liſcher Uniform haſtig herein, näherte ſich der Gräfin und küßte ihr ſehr ehrerbietig die Hand; dann ſich umwendend, dem Fräulein ebenfalls. Während dieſer ganzen Zeit hef⸗ tete ſich mein Blick auf ihn, ohne daß ich im Entfernte⸗ ſten errathen konnte, wer er war. „Muß ich Sie einander vorſtellen, meine Herren? ſagte die Gräfin.„Kapitän Burke.“ „Ei was! mein alter Freund— mein Junge Tom; das ſind Sie mit dieſem Schnurrbart? entzückt, Sie zu ehen!“ ſchrie der dicke Unbekannte, ergriff meine Hände und ſchüttelte ſie mit einer Herzlichkeit, die mir ſeit man⸗ chem Jahre nicht mehr vorgekommen war. 1 b „Ich bin in der That erfreut, erkannt zu werden, mein Herr,“ ſagte ich,„aber mein hoͤchſt unglückliches Gedächtniß—“ „Ach was Gedächtniß! Ich vergaß in meinem Leben nichts. Ich erinnere mich noch, wie der Doktor in der Nacht, da ich geboren wurde, den Schnee von den Stie⸗ feln ſchüttelte; eine verdammt kalte Decembernacht war's; wir wohnten in Benhungeramud auf dem Himalaya.“ „Was!“ rief ich,„iſt dieß Kapitän Bubbleton, mein alter gütiger Freund?“ „General, Tom,— Generallieutenant Bubbleton, mit Ihrer Erlaubniß,“, berichtigte er mich.„Wie der Junge gewachſen iſt; ich weiß noch, wie er kaum ſo hoch war.“ „Nun, mein theurer Kapitän—“ „General, Generallieutenant—“ „Gut alſo, Generallieutenant, welchem glücklichen Zufall verdanken wir das Vergnügen, Sie hier zu ſehen?“ „Krieg, Junge, die alte Geſchichte; wir werden noch Zeit genug haben, darüber zu ſprechen, wir halten die Gräfin auf, wie ich ſehe.“ Mit dieſen Worten bot er ihr ſeinen Arm und führte ſie an die Tafel, wohin wir nach⸗ folgten, ich in einem Zuſtande des Erſtaunens und der Verwunderung, wovon ich mich lange nicht erholen konnte. Ungeachtet die ganze Geſellſchaft, Bubbleton ausge⸗ nommen, Franzoſen waren, übernahm er, wie gewoͤhnlich, die ganze Unterhaltung, und wenn auch ſein Franzöſiſch nicht das reinſte war, ſo erſetzte er doch durch Geläufig⸗ keit, was ihm etwa an grammatikaliſcher Genauigkeit abging. Er war, wie es ſich ergab, drei Jahre in Verdun gefangen geweſen; obwohl wir nicht entdecken konnten, wie, warum und wann er dahin kam; ſeine Ankunft in Paris war ein eben ſo verwickeltes Geheimniß, denn es waren durchaus keine Unterhandlungen wegen ſeines Austauſches eingeleitet worden, ſeiner Beredtſamkeit war es aber gelun⸗ gen, den Präfekten zu überzeugen, daß die Unterlaſſung ein bloßer Zufall waͤre, ein Mißgriff der Beamten im 1 164 Kriegsminiſterium, den er bei ſeiner Ankunft in Paris in Richtigkeit bringen wollte; da war er nun; aber wie er England erreichen ſollte, das konnte möglicher Weiſe nur ſein erfinderiſcher Geiſt errathen. Er war übervoll von Politik, Miniſterialgeheimniſſen, Staatsneuigkeiten, Regierungsabſichten, nicht nur in Be⸗ treff Englands, ſondern auch Oeſterreichs und Rußlands, und theilte uns ganz im Geheimen einen großen Plan mit, der dem Miniſterium Fox die Unſterblichkeit ſichern ſollte — in Folge deſſen ſollte Malta mit Ludwig XVIII. als König den Bourbonen abgetreten und Goza eine Art An⸗ hängſel dazu werden, unter der Regierung eines Statthal⸗ ters, den er„nicht nennen wollte;“ wobei er ſein Glas mit einem bedeutungsvollen Blick leerte— von da kam er auf ſeinen Widerwillen gegen alles Gepränge und ſeine Abneigung gegen Regierungsanſtellungen, indem er ſeine beſcheidenen Wünſche und einfachen Gewohnheiten dadurch erläuterte, daß er uns eine orientaliſch luxuriöſe Lebens⸗ weiſe beſchrieb, in der er früher Jahre lang gelebt haben wollte; jedes Wort, das er ſprach, welchen Eindruck es auch auf die Andern hervorbringen mochte, verſetzte mich unwiderſtehlich in meine Knabenjahre zurück, wo ich ihn in der alten Kaſerne zuerſt geſehen. Die Jahre hatten ſein Talent noch mehr ausgebildet; ſeine Viſionen waren ſicherer und kühner als je, während ſeine verwirrte und aufgeregte Erzählungsweiſe in einen ruhigen Vortrag ohne alles Gepräge von Uebertreibung übergegangen war, dem man, wenn man noch ſein Alter und ſein Ausſehen in Rechnung brachte, Glauben nicht wohl verſagen konnte. Ob die Franzoſen ſeine Eröffnungen wirklich für baare Münze nahmen, oder ſich nur aus Hoͤflichkeir dieſen An⸗ ſchein gaben, kann ich nicht ſagen, aber ſicherlich ſtellte er ihre Hoͤflichkeit durch eine kleine Anekdote, die er erzählte, bevor er den Speiſeſaal verließ, auf eine harte Probe. Während man von der denkwürdigen Belagerung von Valeneiennes im Jahre 1793 ſprach, bei welcher einer der 165 franzöſiſchen Offiziere eine bedeutende Stellung bekleidet hatte, kam Bubbleton plötzlich auf einige ſehr ſonderbare Anekdoten aus eben dem Feldzuge, den er ſelbſt mitgemacht zu haben behauptete. „Wir nahmen eines Abends bei einem Ausfall einen von Ihren Infanterieofftzieren gefangen,“ erzählte der Fran⸗ zoſe.„Ich befehligte die Abtheilung, und werde die kühne Unerſchrockenheit ſeiner Entweichung nie vergeſſen. Er ſprang vom Walle in den Graben, eine Höhe von mehr als dreißig Fuß. Parbleu, wir konnten es nicht über's Herz bringen, auf ihn zu ſchießen, obgleich wir ſahen, daß er nach dem Fall auf Händen und Füßen fortkroch und bald Kräfte genug zum Laufen hatte. Er gab mir eine Brieftaſche mit ſeinem Namen, den ich nicht leicht vergeſ⸗ ſen werde— er hieß Stopford.“ „Ach armer Billy— er war mein jüngerer Lieute⸗ nant,“ ſagte Bubbleton;„ein lebhafter Burſche, er konnte es aber mir nie nachthun. Mir hat er, der Teufel dank' es ihm, auch ein Andenken gelaſſen, wenn auch anderer Art als das Ihrige— einen Magenkrampf, den ich nicht los werden kann.“ 3 Da dieß ein etwas ſoönderbares Vermächtniß von einem Kriegskameraden an den andern war, und ſo konnten wir uns nicht enthalten, den General um eine Erklärung zu erſuchen, ein Begehren, welchem Bubbleton ſtets willfahrte. „Das kam ſo,“ ſagte er, rückte ſeinen Stuhl zurück und nahm die bequeme Stellung eines wahren Geſchichten⸗ erzählers an;„in der Nacht vor dem Sturme— es war, wie ich glaube, der vierundzwanzigſte Juli— arbeiteten die Sappeure mit größtem Eifer an Vollendung der Mi⸗ nen. Drei ungeheure Druckkugeln waren unter den Wäl⸗ len in Bereitſchaft, und es fehlten nur noch einige Klei⸗ nigkeiten, um die Vorbereitungen zu vervollſtändigen. Die Stürmenden beſtanden aus vier engliſchen und drei deut⸗ ſchen Regimentern— mein eigenes, die wälſchen Füſeliere, 166 gehörte zu den erſtern. Wir hielten die Linien beſetzt, die ſich von'Jerault nach Damies erſtreckten.“ Der franzöoſiſche Offizier nickte beiſtimmend, und Bub⸗ bleton fuhr fort.„Die Füſeliere waren auf dem rechten Flügel und in zwei Abtheilungen geſchieden— eine an⸗ greifende und eine unterſtützende Kolonne— die vorgerück⸗ ten Kompagnien auf halbe Kanonenſchußweite von den Wällen, die andern ein wenig entfernter. So ſtanden wir, als ſich ungefähr um zehn ein halb, oder vielleicht eilf Uhr, da wir eben in meinem Quartier etwas Glühwein tranken, ein leiſes Geräuſch längs des Bodens her bewegte. Wir horchten, es wurde ſtärker und ſtärker; nun konnten wir Musketenſchüſſe hören und Geſchrei und Getrappel, wie von laufenden Menſchen. Wir gingen hinaus, und beim Himmel, da ſahen wir das erſte Bataillon im völli⸗ gen Rückzug nach dem Lager. Es war ein Ausfall in Maſſe von der Beſatzung, die unſere Vorpoſtenkette durch⸗ brach und mehrere Gefangene machte. Schnell wurde Generalmarſch geſchlagen— die Leute waren raſch bei⸗ ſammen und wir rückten ihnen entgegen; beiläufig kein an⸗ genehmes Geſchäft, denn wie geſagt, die Nacht war ſtockfinſter, und wir konnten nicht einmal errathen, wo ſie waren. Gerade, als ich mit den Flügelkompagnien im ſchnellſten Anlaufe war, rief mein Sergeant, ein kaltblütiger alter Schotte, mir zu: „Geben Sie Acht, Sir, ſtehen Sie ſtill— ſtehen Sie ſtill!“ „Aber die Warnung kam zu ſpät. Ich konnte blos etwas Dunkles bemerken, welches in abgemeſſenen Sätzen auf mich zuſprang, bald auf den Boden fiel, und dann wieder einige Fuß hoch in die Luft ſchnellte.“ „Werfen Sie ſich nieder, Sir,“ ſchrie er.. „Aber ehe ich mich glatt niederlegen konnte, paff⸗ traf es mich hier— ich fiel athemlos nieder und glaubte, es ſei aus mit mir; indeſſen erholte ich mich wunderbarer 167 Weiſe in einigen Minuten; und den Stoß ausgenommen, war mir nichts geſchehen.“. „War das eine Bombe, Sergeant?“ fragte ich, veine geſprungene Bombe?“ „Nee, Sir,“ ſagte er in ſeiner gedehnten Weiſe;„es war blos Lieutenant Stopford's Kopf, der ihm dort oben weggeriſſen worden iſt.“ 2 1 flsn Kopf!“ riefen wir alle in einem Athem;„ſein Kopf!“ „Ja, armer Burſche, es war ſein Kopf, und ein ver⸗ dammt harter Kopf dazu. Der Schlag hat mir eine Schwäche im Magen zurückgelaſſen, wovon ich mich wohl nie mehr erholen werde. Da der Vorfall aber ſo ſonder⸗ bar iſt, bin ich bis jetzt noch um keine Penſton eingekom⸗ men. Es gibt, beim Himmel, Leute, die ihn bezweifeln moöchten.“ Dieſe letzte Bemerkung ſchien ſo ganz unſeren eigenen Gedanken über den Gegenſtand zu entſprechen, daß wir in der That nichts darauf zu erwiedern hatten; und nach einer Pauſe von wenigen Sekunden erlöste uns die Gräfin, indem ſie uns zum Kaffee in den Salon einlud, wohin wir ihr folgten. Dreizehntes Kapitel. Die„Rue des Capucines.““ Ehe ich mich dieſen Abend von Bubbleton trennte, verſprach er, am folgenden Morgen mit mir zu frühſtücken und ſeiner Zuſage gemäß, trat er gleich nach zehn Uhr ein. Es verlangte mich, ihn allein zu ſprechen, um von dem Lande zu hören, welches ich, ſo jung ich es auch verlaſ⸗ ſe in meinem Andenken ſtets als meine Heimat ver⸗ ehrte. 168 „Eh, beim Jupiter! das heiß ich eine Wohnung— vergoldetes Schnitzwerk, Fresken, ſeidene Vorhänge, per⸗ ſiſche Teppiche. Wie, Tom, haben Sie ſich wirklich nicht geirrt und ſich etwa eingebildet, ein Anderer zu ſein, zum Beiſpiel— Murat— oder Bernadotte?— Das Ding iſt viel leichter, als Sie denken; ſo etwas iſt mir früöher auch begegnet.“ „Deßwegen ſeien Sie ruhig,“ ſagte ich;„eher ſind wir beide zu Hauſe, obgleich, wie Sie bemerken, dieſes Quartier weit über dem Rang eines Huſarenkapitäns iſt.“ „Kapitän! was Teufel, Sie ſind bereits Kapitän?“ „Ja, gewiß; was will das ſagen? Denken Sie nur an Ihre eigene ſchnelle Befoͤrderung, ſeit wir uns trenn⸗ ten; damals waren Sie bloß Kapitän, und jetzt ſind Sie Generallieutenant.“ 3 „Ja, richtig, ganz richtig,“ ſagte er raſch, während er im Zimmer herum beſchäftiget war, die Möbeln zu. 12 ſehen und die Verzierungen aufs Genauſte zu unter „Vortrefflicher Dienſt muß dies ſein,“ murmelte er wi⸗ ſchen den Zähnen;„nicht viel Bezahlung, denie i 19 aber gute Gelegenheit zum Plündern und Beutemach „Darüber kann ich keine Auskunft geben,“ laut auflachend ob ſeinem vermeintlichen Selbſtgeſpräch; „aber ich muß bekennen, ich habe keine Urſache, 1 4 mein Loos zu beklagen.“ „Ja wohl, allerdings nicht,“ fügte er bei;„peſſer a in Old Georges⸗ſtreet. Ach, ach, ich wollte nur, ich wäre wieder dort— das iſt Alles.“ „Setzen Sie ſich jetzt zum Frühſtück; wenn wir dar⸗ über ſprechen, ſo findet ſich vielleicht von ſelbſt ein Mittel für Ihre Auswechslung.“. Wie ganz und gar hatte ich den Charakter meines Freundes vergeſſen, als ich den Gedanken ausſprach; kaum ſaßen wir bei Tiſche, als er ſich, wie in alten Zeiten, in eine ſeiner phantaſtiſchen Plaudereien verlor und geheim⸗ nißvolle Winke über ſeine politiſche Wichtigkeit und die 169 ſcharfe Aufſicht fallen ließ, die der Kaiſer über ihn ielt. 3 „Nein, mein Freund, die Sache iſt unmsglich,“ ſagte er omniös;„Napoleon kennt mich— und meinen Ein⸗ fluß auf die Tories. Mich entwiſchen laſſen, hieße alle ſeine Plane in den Wind zerſtreuen. Ich bin für den „Temple,“ wenn nicht gar für die Gulllotine be⸗ ſtimmt.“ Die Feierlichkeit ſeiner Stimme und Miene in die⸗ ſem Augenblick war für mich zu viel und ich ſchlug ein helles Gelächter auf. 4„Ah, Sie haben gut lachen— wie Anne Marie auch.“ „Iſt Miß Bubbleton auch hier?“ „Ja; wir ſind beide hier,“ ſtieß er mit einem tiefen Seufzer heraus;„Rue Neuve des Capucines, Nr. 46, vier Treppen über dem Entreſol; ah, und in dieſem En⸗ eſol ſind zwei von Fouchés Polizeiſpionen: ich kenne ſie woohl. wenn ſie ſchon behaupten, Perrückenmacher zu ſein— n alte Fouché kommt mir noch immer nicht bei, glau⸗ Jie mir's, Tom.“ wmar vergebens, daß ich mir Mühe gab, zu er⸗ fahren, was für Umſtände ihn glauben machten, er ſei der Regierung verdächtig; noch gelang es mir beſſer, zu hecken, warum er zuerſt verhaftet worden. Der Nebel⸗ unſt eingebildeter Begebenheiten, Orte und Leute, welchen er um ſich herauf beſchworen hatte, hinderten ihn ſtets, ſeinen Weg zu ſehen, oder irgend eine mit ſeiner gegen⸗ wärtigen Lage verbundene Thatſache genau zu kennen. Geheimnißvolle Winke über Spionen— verdächtige An⸗ deutungen über heimliche Feinde— komplotirende Prä⸗ fekten und erbrochene Briefe hatten ſeine Gedanken aus allem vernünftigen Zuſammenhang gebracht, und ich fing wirklich an, für meines armen Freundes Verſtand zu fürchten. Da ich hoffte, durch ein anderes Geſpräch ſeinen 170 Gedanken eine gleichförmigere Richtung zu geben, fragte ich nach Irland. „Allles in Ordnung dort! Sie haben ſie Alle ge⸗ hängt,“ ſagte er. Und als ob er ſich plötzlich erinnerte, fügte er etwas verlegen bei:„Sie ſind gut aus der Patſche ekommen, Tom. Ihr alter Freund Barton hatte einen Verhaftsbefehl für Sie an dem Morgen, als Sie durch⸗ gingen, auch war da eine Belohnung von fünfhundert Pfund für Ihre Einbringung, und noch etwas dazu für einen verteufelten alten Pfeifer, den alten Dudelſackblaſer nannten ſie ihn, glaube ich.“ „Darby! Was iſt mit dem, Bubbleton; ſie haben ihn doch nicht gefangen? „Nein, beim Donner!“ Sie hängten zwei Burſche, von deren jedem ſie glaubten, er ſei's, während er, wie es hieß, dabei zuſah; aber er iſt noch immer frei, und das Gerücht ſagt, Barton gehe nicht aus bei Nacht, aus Furcht, ihm zu begegnen, weil der Burſche noch eine alte Rechnung mit ihm abzuſchließen habe.“ „Alſo ſcheinen nun alle Hoffnungen auf Freiheit er⸗ loſchen,“ ſagte ich traurig. „ Wie Sie es nehmen wollen, Tom. Ich habe in ſolchen Sachen ein ſchlechtes Urtheil; aber ich denke, daß⸗ wer hier leben kann, es auch unter einer brittiſchen Re⸗ gierung aushielte, obgleich er ſich vielleicht hie und da nach einer geheimen Polizei— einem ſchwarzen Cabinet — oder vielleicht nach einem engen Halsband im Temple ſehnen würde.“ 4 „Still, mein Freund.“ 3 „Ahl da haben wir's. Nun, wenn wir in Dame⸗ ſtreet wären, ſo könnten. wir über die Miniſter, die Armee, und den Lord⸗Lieutenant nach Herzensluſt ſchimpfen und wenn Jemmie O'Brien nicht von der Partie wäre, würde ich es mit Barton ſelbſt aufnehmen.“ „Behauptet England noch immer den ſtolzen Ton der 171 Ueberlegenheit gegen Irland? Iſt der Sachſe noch immer der Erbherr und der Celte der Sklave?“ „Da bringen Sie mich wieder in Verlegenheit. Denn ich ſah nie v weder von dieſer Herrſchaft noch von der Sklaverei. Getreue Unterthanen wurden ſtets auf die eine oder andere Weiſe von der Regierung begünſtiget und er⸗ hielten, wie Manche glaubten, zu viel des Guten auf ihren Theil; aber auch den Anderen ging es in den meiſten Fällen noch ordentlich genug— ein gutes Theil beſſer, als den armen Teufeln von Oeſterreichern, mit denen ihr letzt⸗ hin ſo unbarmherzig umgegangen ſeid. Ihr tödtetet ei⸗ nige dreißigtauſend und zwanget den Reſt der Nation zum Bankerottmachen. Aber damals, das iſt gewiß, da foch⸗ tet ihr für die Sache der Freiheit— und was die Ita⸗ liener— betrifft—“ „Ja wohl! Sie vergeſſen nur, daß dies Kriege waren, die wir nicht veranlaßt. Die Verrätherei treuloſer Verbündeten führte zu dieſen traurigen Ergebniſſen.“ „Es mag ſein. Gewiß iſt es aber, daß Völker, gleich Einzelnen, die Geſchmack am Fechten haben, ſtets ſo glück⸗ lich ſind, einen Gegner zu finden— und da Euer Kaiſer hier dem Donnybrook⸗Jahrmarkt den Kunſtgriff abgelernt zu haben ſcheint, ſeinen Rock hinter ſich nachzuſchleppen, ſo müßte es ſonderbar zugehen, wenn ihm nicht Jemand den Gefallen thäte, darauf zu treten.“ Ohne ſagen zu können, warum, fühlte ich mich gereizt und verdrießlich über Bubbletons Bemerkungen, ſie aͤrger⸗ ten mich nur deſto mehr, weil ſie von einem in den ge⸗ wöhnlichſten Dingen ſo beſchränkten Geiſte kamen. Ich hatte ſchon lange die Ueberzeugung gewonnen, daß die Freiheit, für die ich mich als Knabe begeiſtert, nicht exi⸗ ſtire, außer in den Träumen eines glühenden Patriotismus — daß für den Großen und Mächtigen Ehrgeiz, Zweck und Gewalt ein Geburtsrecht ſei— daß die Loſungswör⸗ ter der Freiheit auf die Banner geſchrieben werden, wenn das Gefühl dafür in der Menſchen Herzen ausgeſtorben 172. iſt und jede andere Leidenſchaft den blendenden Lockungen der Ruhmſucht hat weichen müſſen, und daß ruhige Beſin⸗ nung und unparteiiſches Urtheil gegen die berauſchenden Triumphe, welche ein Volk erringt, nicht Stand halten können. Dahin hatte es Napoleon wirklich in Frankreich ge⸗ bracht. Die Begeiſterung konnte ſich dort mit Volksfrei⸗ heit nicht zufrieden geben. Nuhm allein war im Stande, eine ſiegestrunkene Nation zu befriedigen. Den ſtrengen Anhängern der republikaniſchen Aera, den Kriegern von der Sombre und Maas— den Männern von Jemappe — hatte er die feurige, hochherzige Jugend des Conſulates und des Kaiſerreichs— die Helden von Arcole, Rivoli, Cairo und Auſterlitz angereiht. Wie unnütz, mit dieſen bebänderten, glänzenden Schaaren, deren Ehrgeiz, Monar⸗ chien und Koͤnigreiche als Preiſe vorſchwebten, Fragen zu erörtern, die ſich auf geſellſchaftliche Verfaſſung oder auf Volksfreiheit bezogen. Sogar ich, der wenig hochfliegende Hoffnungen hegte— wie hatte der Trieb, der mich einſt angeſpornt und zum Soldatenleben geführt, den alltägli⸗ chen Beſtrebungen meines Standes Platz gemacht. Der Oberſtenrang lag mir viel oͤfter im Sinne, als die Sache der Freiheit. Das Kreuz der Ehrenlegion würde mich ganz und gar mit Vielem ausgeſöhnt haben, was ich bei ruhi⸗ gerer Beurtheilung vielleicht für hart und tiranniſch ge⸗ halten hätte. „Glauben Sie mir, Tom,“ ſagte Bubbleton, der aus meinem Stillſchweigen ſah, daß ich ſeine Bemerkungen be⸗ achtete,„meine Philoſophie iſt die wahre— ſich in gar nichts zu miſchen, wobei man weder ſich ſelbſt noch ſeinen Freunden nützen kann. Die Welt wird ſtets aus zwei Theilen beſtehen, einem herrſchenden und einem beherrſchten. Wir gehören zu der letztern Klaſſe und können nur in eine Patſche kommen, wenn wir unſere Naſen da hinein ſtecken, wo ſie nichts zu thun haben.“. „Wie, und vor einigen Augenblicken waren ſie noch 1 173 voll von Staatsgeheimniſſen, Verſchwörungen und gehei⸗ men Unterhandlungen und weiß der Himmel was Allem.“ „Gewiß, war ich es: und in weſſen Intereſſe, Mann,— für weſſen Nutzen? Zum Beſten Georges Frederik Augu⸗ ſtus Bubbleton's. Das unterliegt keinem Zweifel. Da bin ich ein Gefangener und war es dieſe zwei und ein hal⸗ bes Jahr, mein Daſein in Verdun vergeudend, während meine Güter vor lauter Vernachläſſigung gänzlich zum Teufel gehen. Meine weſtindiſchen Beſitzungen, wer kann mir ſagen, wie ich ſie finden werde? Mein Eigenthum in Calcutta desgleichen. Dann iſt noch das Allodialgut in Norfolk. Daran darf ich nun gar nicht denken.— Nun, ich glaube wirklich, es ſei kein einziger Schritt gethan worden, um mich zu befreien oder auszuwechſeln. Die Whigs, das wiſſen Sie, werden nichts für mich thun. Im Vertrauen geſagt“”— nun ging ſeine Stimme in leiſes Lispeln über —„ich ſage Ihnen, Charles For haßt. mich: doch davon ein andermal. Was ſollte ich thun, in dieſem Gemiſch von Kummer und Unglück? Stille halten und es ertragen? Das iſt wahrlich nicht Bubbletons Politik! Sie werden nie errathen, was ich that.“ „Ich glaube nicht.“ „Alſo, der Präfekt zu Verdun erfuhr zufällig etwas von meinen literariſchen Arbeiten.—(Sie wiſſen, ich tändle manchmal mit den Muſen.) Ich ſah, daß man mich be⸗ wachte und in Folge deſſen gab ich mir alle Mühe, meine Papiere im Kamin, unter dem Fußboden, in meinem Mantelfutter eingenäht zu verſtecken und ſo fort. Das lockte anz ſie ſtellten eine förmliche Durchſuchung an; legten Beſchlag auf meine Manuſcripte, drückten große Siegel auf alle Packete und ſandten ſie nach Paris. Am folgenden Tag ergab ich mich, verſprach, Alles dem Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten zu entdecken, und darauf wurde ich unter Bedeckung hierher geſandt. Was weiter geſchehen wäre, kann ich nicht ſagen, wenn Anna Maria nicht den Lord Lauderdale aufgefunden und ihm irgend eine Geſchichte vorgelogen hätte, ſo daß er ſich für uns verwendete und nun leben wir in der Rue des Capucines; wie lang wir da ſein und wohin ſie uns dann zunächſt ſchicken werden, das moͤchte ich wohl errathen.“ Einiges Nachdenken überzeugte mich, daß die Polizei an Bubbletons Schritte Antheil hatte, und ihn zugleich, da ſie wußte, daß von ihm nichts zu befürchten war, für eine Gelegenheit aufbehielt, wo ſie ihn brauchen konnte, um darauf irgend eine Anklage gegen die brittiſche Regie⸗ rung zu gründen— ein Kunſtgriff, der ſtets gebraucht wurde und bei den Pariſern nie des Erfolges verfehlte, ſobald eine Erklärung in den öffentlichen Blättern noth⸗ wendig war. Es würde nichts genützt haben, wenn ich ſchon Bubble⸗ ton meine Vermuthungen mitgetheilt hätte; er würde im Gegentheil durch irgend einen falſchen Schritt jede Spur verwiſcht haben, die zu ihrer Beſtätigung führen konnte, wenn ich es gethan hätte. Ich beſchloß daher, geduldig zu warten— die Ereigniſſe zu überwachen und wenn der günſtige Zeitpunkt käme, zu ſehen, wie ſeine Befreiung am Beſten bewerkſtelligt werden könnte. Da ich mehr Ver⸗ trauen in Miß Bubbletons Ausſagen ſetzte, als in die ih⸗ res erfinderiſchen Bruders, ſo nahm ich ſeine Einladung, ihr einen Beſuch abzuſtatten, an, und wir machten uns auf den Weg nach der„Rue des Capucines.“ Generallieutenant Bubbleton's Quartier war keines⸗ wegs ſeinem Range in der brittiſchen Armee angemeſſen. Durch einen ſchmutzigen, mit Brennholz angefüllten Hof kamen wir in einen ſchmalen, düſteren Durchgang, von dem eine noch dunklere Treppe in die oberſten Theile des Hauſes führte, wo er eine Thüre öffnete und mich vor ſich her in ein kleines, ſchlecht moͤblirtes Zimmer ſchob, in deſ⸗ ſen Mitte ein eiſerner Ofen ſtand, deſſen Rauch die Decke geſchwärzt hatte und dem Zimmer faſt das Anſehen einer Kajüte gab. Entweder wollte Bubbleton den gänzlichen Mangel an Bequemlichkeit und Reinlichkeit nicht ſehen oder — 175 ſah ihn wirklich nicht; er trat auf wie ein Kaiſer und ſtellte mir einen Stuhl zum ſitzen hin, als ob er mir ei⸗ nen Thron anböte. Als er ſeinen Mantel mit einem ſehr ſchadhaften Schlafrock vertauſcht hatte, warf er ſich mit ſolchem Wohlbehagen auf einen alten Sopha, daß alle Theile des ehrwürdigen Möbels krachten und ſeufzten.„Sie iſt aus⸗ gegangen,“ ſagte er mit dem Daumen auf eine halb offene Thüre deutend,„um für eine halbe Stunde in den Tuile⸗ rien herum zu ſchlendern und wir können ein wenig ſchwa⸗ tzen, ehe ſie kommt. Mit was kann ich Ihnen nun auf⸗ warten?— ein wenig Reres mit Waſſer— ein Glas Maraſchino, he?— oder was ſagen ſie zu einem Schluck echten Nanziger?“ „Gar nichts, mein theurer Freund; Sie vergeſſen, wie viel Uhr es iſt, meine franzöſiſche Erziehung unge⸗ rechnet.“ 8 „O, richtig!“ ſagte er.„Als ich im fünfundvierzig⸗ ſten Regimente war“”— kaum hatte er dieſe Worte ge⸗ ſprochen, ſo hielt er plötzlich inne, ſtockte, ſtammelte, und endlich nahm er ganz verwirrt ein ungeheures Taſchentuch heraus, ſchnäuzte ſich, daß es toͤnte, wie eine Cavallerie⸗ trompete und fuhr fort:„Wir hatten eine Gewohnheit im fünfundvierzigſten— eine verdammt ſchlechte Gewohnheit, ich geſtehe es— ein gemeinſchaftliches Frühſtück, das nach der Plee. begann und immer bis zum Imbiß dauerte— doch ſtill! hier kommt ſie!“ rief er, ſichtbar erfreut, daß eine ſo gelegene Unterbrechung eintrat. Dann ſprang er empor, riß die Thüre auf und ſchrie hinaus:„Du wirſt gewiß nicht errathen, Anna Maria, wer hier iſt?"“ Entweder nahm das Treppenſteigen die ſchwache Lunge der Dame ganz in Anſpruch, oder die Frage intereſſirte e nicht, kurz ſie gab keine Antwort und ſtieg langſam und eintönig Schritt für Schritt herauf, wie Jemand, der ſchon recht ermüdet auf der ſechſten Treppe angekommen iſt. „Nein,“ rief er überlaut,„nein, Du irrſt Dich— 176 es iſt nicht Lauderdale.“ Dann wendete er ſich zu mir, legte den Finger an die Naſe und ſagte mit einer ri⸗ maſſe:„Sie glaubt, Sie ſeyen Yarmouth.— Auch nicht, beim Jupiter! Was ſagſt Du zu Tom Burke— unſer Burke, wie ich ihn vor Zeiten zu nennen pflegte?“ Miß Bubbleton hatte nun die Thüre erreicht und hielt ſich an der Klinke feſt, um Athem zu holen. Ich erkannte ſie jedoch auf den erſten Blick, die Zeit hatte ſie nicht geändert, ſie war noch die gleiche grämliche, ſtörriſch aus⸗ ſehende Perſon, wie vor Jahren. Sie trug einen kleinen Korb am Arme, den ihr Bruder ihr abzunehmen ſich beeilte und auf die Seite ſchaffte. Sie reichte mir jetzt die Hand und grüßte mich freundlicher, als ich es erwartet hatte. Wir hatten kaum einige Worte gewechſelt, da fiel Bubble⸗ ton ein: „Ich habe ihm Alles geſagt, Anna Maria. Er weiß die ganze Geſchichte— man braucht ihn nicht weiter damit zu beläſtigen. Iſt er nicht erſtaunlich gewachſen und ſchon Kapitän— denke nur.“ „ Sie haben alſo von der traurigen Lage gehört, in die uns ſeine Thorheit gebracht hat 83 3 „Still! ſtill! Anna Maria,“ rief Bubbleton,„kein dummes Zeug, alte Dirne. Burke wird Alles in Ordnung bringen— er iſt Adjutant von Murat und ſpeist alle Tage mit ihm— nicht wahr, Tom?“ „Und wenn er es auch iſt?“ unterbrach die Dame, ohne mir Zeit zu laſſen, dieſe Ehre abzulehnen.„Wie kann er je—“ „Ich ſage Dir, es i*ſt Alles zwiſchen uns im Reinen; mach nur keinen unnützen Lärmen. Du wirſt das Ueb nur ärger machen, wie gewöhnlich. Hoͤren Sie, Tom, das Geheimniß beſteht darin, daß ich zu Grunde gerichtet bin, wenn ich nicht nach England zurückkehren kann, Gott weiß, wer meine Dividenden während dieſer Zeit bezieht. Dann die fatale Zinngrube, ſie haben ſie ſo ſchlecht betrieben, 177 daß ich ſeit zwoͤlf Monaten nicht fünfhundert Pfund aus Cornwallis erhalten habe.“ „Das iſt wahr,“ ſagte die Dame, die mit gefalteten Händen und ſtieren Augen da ſaß, mit dem kalten Gleich⸗ muth einer Märtyrerin. „Sie weiß das,“ ſagte Bubbleton mit Kopfnicken, als ob er ihr auch für ein ſolches Zeugniß dankbar ſei. „Und was den Schuften Thistlethwait betrifft, den weſt⸗ indiſchen Agenten, ſo habe ich eine Ahnung, der hat Ban⸗ kerott gemacht— von dem auch keinen Schilling.“ „Keinen Pfennig,“ wiederholte die Lady. „Da hoͤren Sie es,“ rief er, über die Beiſtimmung erfreut.„Und es iſt an dem— Sie werden lächeln, wenn ich es Ihnen ſage, aber es iſt auf Ehre wahr— ich bin jetzt in Geldverlegenheit.“ Dieſer Gedanke kitzelte ihn ſo ſehr und erſchien ihm ſo ſpaßhaft, daß er ſich auf den Sopha zurücklehnte und lachte, bis ihm die Thränen über die Backen rannen. Die Züge Miß Bubbletons hingegen erſtarrten faſt zu Stein, ſie ſprach kein Wort, nur von Zeit zu Zeit ſtahl ſich ein Seufzer über ihre Lippen. „Ich will von dem Verdruſſe nicht reden, aus Eng⸗ land entfernt ſein zu müſſen, aber von dem Verluſt an Einfluß, den ein Mann durch eine ſo lange Abweſenheit erleidet,“ ſagte Bubbleton, der, die Hände tief in den Taſchen ſeines Schlafrockes, mit großen Schritten das Zimmer maß.„Solche Sachen machen Eindruck auf üſnen und mich beunruhigen ſie mehr als Geldangelegen⸗ heiten.“ „Aber General,“ ſagte ich— „General,“ wiederholte die Dame und ſtreckte erſtaunt die beiden Hände empor.„General! ein ſolcher Thor biſt Du nicht geweſen— es iſt nicht möglich, daß Du ein ſo arger Narr warſt—“. „Willſt Du gefälligſt ſtille ſein, alte Jungfrau,““ ſprach Bubbleton mit mehr Barſchheit, als ſein Benehmen Tom Burke. W. 42— . — 178 bisher gezeigt hatte.„Kannſt Du Dich nicht entſchließen, Deine Haushaltungsangelegenheiten zu beſorgen und es George Frederik Auguſtus Bubbleton zu überlaſſen, ſeine eigenen Geſchäfte nach ſeinem Gutdünken abzuthun?“ Er wendete ſich ſchnell nach mir um, zog ſeine Augen⸗ brauen herauf, ſo weit er konnte, berührte mit der Spitze des Zeigefingers bedeutungsvoll ſeine Stirne und murmelte: „Sie verſtehen mich— das arme Geſchoͤpf!“ Er been⸗ dete die Pantomime mit einem tief aus der Bruſt herauf⸗ geholten Seufzer und ſetzte leiſe etwas hinzu von„einem Fall von einem Elephanten herab, als ſie noch ein Kind war.“ „Herr Burke, wollen Sie mich hoͤren,“ ſagte die Dame mit einer Feſtigkeit in Stimme und Benehmen, die keinen Widerſpruch litt,—„hoͤren Sie mich nur fünf Minuten, ſo kurz die Zeit auch iſt, bin ich vielleicht doch im Stande, Ihnen einige einfache Thatſachen in Beziehung auf unſere Lage mitzutheilen; wenn Sie dann geneigt ſind und die Macht haben, uns zu nützen, ſo werden Sie ſelbſt einſehen, wie das am Beſten geſchehen kann.“ Bubbleton machte mir ein Zeichen, ihrer Redſeligkeit zu willfahren, zuckte aber zugleich auf höchſt ausdrucksvolle Weiſe die Achſeln, um anzudeuten, ich würde wahrſcheinlich ſehr unzuſammenhängendes Zeug hoͤren. Darauf ſteckte er ſeine Meerſchaumpfeife an, wickelte ſich in ſeinen zerlumpten Nachtrock und ſtreckte ſich in ſeiner ganzen Länge auf den Sopha mit der Miene eines Menſchen, der entſchloſſen war, jedes Opfer zu bringen, das von ihm gefordert werden konnte, wobei er jedoch Sorge trug, ſeine Lage ſo einzurichten, um mir, unbemerkt von ſeiner Schweſter, Winke geben zu können. „Wir kamen wenige Monate vor Ausbruch des Krie⸗ ges herüber und wurden gleich unſern übrigen Landsleuten und Landsmänninnen feſtgehalten. Das war ſchlimm genug, aber mein weiſer Bruder machte es noch ſchlimmer; denn anſtatt ſeinen Namen mit ſeinem wahren Range und ſeiner Lage anzugeben, nannte er ſich Generallieutenant, that, als ob er ungeheure Reichthümer und großen politiſchen Ein⸗ fluß beſäße. Die Folge davon war, daß man, als Andere ausgewechſelt und heimgeſchickt wurden, ihn überging, weil ſein Name auf keiner engliſchen Liſte zu finden war; wäh⸗ rend ſein vorgebliches Vermögen uns in unnütze und ver⸗ ſchwenderiſche Auslagen verwickelte und ſeine Wichtigthuerei uns die Aufmerkſamkeit der geheimen Polizei zuzog, welche nie aufhörte, uns zu bewachen und auszuſpähen.“ „Vortrefflich, ausgezeichnet, beim Jupiter!“ rief Bub⸗ bleton, indem er eine lange blaue Rauchwolke ausſtieß,— „ſie iſt bewunderungswürdig!“ „Ich habe vergeſſen, Ihnen zu ſagen,“ bemerkte die Dame, ohne ſeine Unterbrechung zu beachten,„daß er ge⸗ nöthiget war, ſein Patent im fünfundvierzigſten Regiment zu verkaufen; ein gewiſſer Herr Montague Crofts, deſſen Sie ſich wohl erinnern mögen, hatte ihm Alles bis auf den letzten Schilling abgewonnen, ſogar den Verkaufspreis ſeiner Stelle. Das war der Grund unſerer Reiſe ins Aus⸗ land; wir waren im nämlichen Augenblick ruinirt, in wel⸗ chem er ſich dieſes Anſehen eingebildeter Größe gab.“ „Auf mein Wort, ſie glaubt das Alles,“ flüſterte Bubbleton und winkte mir zu.„Arme Alte! Ich muß Larrey holen, daß er nach ihr ſieht.“ 5 „Glücklicher oder unglücklicher Weiſe— wer kann es beſtimmen— war noch ein größerer Narr als er ſelbſt im Dorfe, das war der Maire. Dieſer kluge Beamte er⸗ ſchrack über die Stöße Papier und Rollen Manuſcripte, die man in unſern Zimmern ſah, und wurde zugleich miß⸗ trauiſch durch die dunkeln Anſpielungen und geheimnißvollen Fingerzeige, die er von Zeit zu Zeit äußerte. Der Präfekt wurde davon in Kenntniß geſetzt, und das Ergebniß war ein Befehl, uns nach Paris zu bringen. Hier ſind wir nun — wer weiß, welches Loos uns erwartet; ſo lange er in 180 15 ſeinem gräßlichen Unſinn verharrt, und ſich Generalma⸗ jor nennt—“ „Generallieutenant, meine Theure,“ ſagte Bubbleton ſanft;„ich war nie Generalmajor.“ „Iſt dies nicht zu arg,“ ſagte ſie—„gibt es eine Geduld, die dies ertrüge?“ „Nimm Dich in Acht— ſei nicht heftig, Anna Ma⸗ ria,“ verwies er;„Potts ſagte, ich ſollte wieder Gewalt anwenden, wenn ſich bei Dir ein Rückfall des Parorys⸗ mus zeige. In dieſer Weiſe kommt es ſie an,“ flüſterte er —„ſie blinzelt dann mit den Augen und trampelt mit den Füßen. Benetze Deine Schläfe, meine Liebe, dann wird Dir ſogleich beſſer werden.“ Anna Maria ſaß ſtille und ſprach kein Wort; in ei⸗ gentlicher Furcht, durch irgend eine Geberde zu einem Ko⸗ mentar über ihr Benehmen Anlaß zu geben. „Manchmal iſt ſie ſtundenlang träumeriſch,“ mur⸗ melte er mir ins Ohr;„ein andermal raſend— man kann nicht ſagen, wie es enden wird. Darf ich Ihnen eine Pfeife anbieten?— ich vergaß, Sie zu fragen.“ „Und das Schlimmſte von Allem,“ fuhr die Dame fort, die ihren Zorn nicht länger zurückhalten konnte;„er wird für einen Polizeiſpion gehalten. Ich hörte es ſelbſt dieſen Morgen.“ „He! was!“ rief Bubbleton im höchſten Entzücken aufſpringend. „Ein Spion! Beim Jupiter! ich wußte es. Gott! was für Burſche ſind dieſe Franzoſen: noch nicht zwei Tage hier, und ſchon haben ſie entdeckt, daß ich kein ge⸗ wöhnlicher Menſch bin. Eh, Burke. Ich mag Ihnen eine Angſt eingejagt haben, mein Junge. Nicht jeder wäre im Stande, ein ſolches Aufſehen zu erregen, ſage ich Ihnen— ich wußte, daß es mir gelingen würde.“ 3 Miß Bubbleton ſah ihn einen Augenblick mit höhni⸗ ſcher Verachtung an, und verließ dann plötzlich das Zim⸗ mer; doch der General fragte nichts nach ſolchen Beweiſen 181 ihres Tadels; er tanzte im Zimmer herum, ſchnalzte mit den Fingern und lächelte ſelbſtzufrieden— der Gedanke, für einen Polizeiſpion zu gelten, machte ihm das größte und innigſte Vergnügen. „Sie hat Augenblicke, Tom, wo ſie recht vernünftig iſt— man würde es nicht glauben, aber zuweilen iſt ſie ſehr ſcharfſinnig; Sie ſahen, wie ſie dies herausbrachte.“ Wollte Gott, ihrem Bruder würden manchmal dieſe lichten Augenblicke zu Theil, war mein Gedanke in dieſem Augenblick; denn ich ſah beſſer als er, wie nöthig ein hel⸗ lerer Kopf und ſchärfere Einſicht als die ſeinige war, um den Schlingen zu entgehen, die ſeine Thorheit und Eitelkeit um ihn legten.„Sollen wir unſerer Freundin, der Gräfin, einen Morgenbeſuch machen, Tom?“ fragte Bubbleton. „Sie ſagte mir, ſie empfange alle Tage um dieſe Stunde.“ Zum Beſuche bei der Gräfin Lacoſtellerie fühlte ich mich nicht aufgelegt; und ſo trennten wir uns, nachdem ich ihn für den folgenden Tag zum Diner im Luxembourg eingeladen hatte. Als ich heim ſchlenderte, erſtaunte ich, zu finden wie ſchwer es mir fiel, mir Bubbletons alberne Anſpielungen auf die Geiſteskrankheit ſeiner Schweſter aus dem Sinne zu ſchlagen; denn obſchon mir ſeine Vorliebe für alles Erdichtele und ſein Geſchmack an Uebertreibungen bei jeder Gelegenheit hinlänglich bekannt war, ſo konnte ich den Eindruck nicht los werden, die Sonderbarkeit ihres Beneh⸗ mens könnte vielleicht eine andere Art Ueberſpannung ſein, gerade ſo ausſchweifend wie die ſeinige, nur in ihrer Rich⸗ tung verſchieden. Dem Manne beizuſtehen, deſſen ehemaliger Güte ich mich ſtets dankbar erinnerte, war mein feſter Entſchluß; aber zu dieſem Zweck war es nothwendig, ſeine gegenwär⸗ tige Lage genau zu ermitteln, und ich ſagte halblaut zu mir felbſt:„Wenn ich jetzt nur Duchesne hier hätte.“ „Sprich vom Teufel, mein Freund,“ ſagte er ſeinen Arm in den meinigen legend, während ich vor Erſtaunen faſt aufſchrie. „Wo eſſen Sie heute, Burke?“ ſagte er in ſeinem leichten ruhigen Tone. „. Aber woher kommen Sie, Duchesne; ſind Sie ſchon lange hier?“ „Beantworten Sie zuerſt meine Frage. Können Sie mit mir ſpeiſen?“ „Ja— mit Vergnügen.“ „Dann treffen wir uns um ſechs Uhr an der Ecke der Straße des trois tètes, ich werde hernach Ihr Füh⸗ rer ſein. Jetzt iſt dies mein Weg. Bis dahin, Adieu. Vierzehntes Kapitel. Die„Noisson d'or.““ Als ich am beſtimmten Orte ankam, fand ich Duchesne bereits mit einem Wagen auf mich warten, in den wir ſtiegen und raſch weiter fuhren. „Sie ſind ein Mann von Wort, Burke; und was in unſern Zeiten ebenſo ſchätzenswerth iſt, auch ein kluger Mann.“ 3 „Wie ſo das Letztere, wenn ich fragen darf?“ „Sie ſind nicht in Uniform gekommen, was dort, wohin wir gehen, viel beſſer iſt; zudem gibt es mir die Hoffnung, Sie meiner verehrten Tante, der Herzogin von Montſerrat vorſtellen zu können, die Ihr ſchwarzes Kleid als eine der ganzen Bourbonendynaſtie dargebrachte Auf⸗ merkſamkeit anſehen wird. Und nun ſagen Sie mir, ha⸗ ben Sie ſchon in der„Moiſſon d'Or“ geſpeist?“ „Nie, ich hörte nicht einmal etwas von dem Hauſe,”“ — 183 „Gut, dann ſollen Sie es heute; ich kann Ihnen einſtweilen ſagen, daß das Haus, obſchon in einem ent⸗ fernten und wenig beſuchten Theile von Paris ſeinesgleichen ſucht in der Vortrefflichkeit ſeiner Speiſen und dor ausge⸗ ſuchten Feinheit ſeiner Weine— ſein Ruhm iſt nicht von geſtern, ſondern ſchon ſeit Jahren begründet. Auch hat es noch andere Merkwürdigkeiten, die ich Ihnen dann ſpä⸗ ter mittheilen werde.— Aber ſagen Sie, wie befinden ſich Ihre Freunde im Hotel Clichy? Und wie ſteht es mit Ihrer Bewerbung um das Fräulein? „Meine Bewerbung! eine ſolche fand nie ſtatt. Sie wiſſen ſo gut als ich ſelbſt, daß ich nicht halb ſo hohe Anſprüche mache.“ „Deſto beſſer und deſto ſchlimmer. Das erſte meine ich für mich, denn ich mag keinen Freund zum Neben⸗ buhler haben; das letztere fuür Sie, denn Sie ſollten wohl ſchon erfahren haben, daß ein hübſches Mädchen und eine Million Franken eher zu gewinnen ſind, als das Kreuz der Ehrenlegion oder eine Oberſten⸗Epaulette.“ „Iſt es Ihnen Ernſt, Duchesne? Haben Sie wirklich dort Abſichten?“ „Morbleu! Gewiß habe ich welche. Deßwegen bin ich in den Hundstagen nach Paris gekommen— bin hun⸗ dert und zwanzig Stunden gereist— und was noch mehr iſt, habe meine außerſt ariſtokratiſche Tante mitgebracht, die ſich nicht erinnert, jemals die Bäume des Tullerien⸗ gartens im vollſten Grün geſehen zu haben. Ich wußte, welche Verbündete ich bei der Unterhandlung an ihr haben würde und ſo leitete ich es durch einige Freunde im Bu⸗ reau des Miniſters ein, ihr eine arge Furcht wegen einer ihrer Beſitzungen einzujagen, welche durch Zufall der Con⸗ fiskation in der Revolution entgangen, jetzt nur durch die größten Anſtrengungen von ihrer Seite den Klauen der Krone zu entziehen wäre. Sie können wohl denken, daß ſie die jetzige Regierung eben deßwegen nicht ſehr liebt; aber der Streich bürgt uns, daß ſie behutſamer als 184 gewöhnlich ſprechen, ſich zu Beſuchen bequemen witd, die nur eine ſolche Drohung ihr abgewinnen konnte.“ „Sie beabſichtigen jalſo, ſie ſoll Madame de Laco⸗ ſtellerie kennen lernen?“ 4. „Verſteht ſich. Ich habe ihr ſchon verſichert, daß das Hotel Clichy der Glanzpunkt von ganz Paris ſei, daß nur ihr vollendeter Takt und kluges Benehmen dort Erfolg haben werden.“ 3 8 „Aber ich glaubte, das Fräulein ſei Ihnen gleich⸗ gültig und es wäre mir im Traume nicht eingefallen, daß Sie ſie heirathen wollten.“ „Mir auch nicht, bis ungefähr vor einer Woche. Wie dem auch ſei, meine Pläne erfordern Geld und wür⸗ den nicht darunter leiden, wenn ich auch eine Frau hätte. Ich ſehe dieſen Augenblick nichts Beſſeres, und ſo iſt mein Entſchluß gefaßt. Doch da ſind wir.“ Die„Moiſſon d'Or,“ obwohl mir unbekannt, war der berühmteſte Speiſeort in Paris.„Table d'hote“ wurde S nicht gehalten, nach dem Gebrauch des Hauſes mußte Al⸗ les vorher beſtellt werden und die Geſellſchaften ſpeisten alle abgeſondert. Die verſchwenderiſche Bewirthung und die theuren Preiſe ſicherten ſeine Beſucher davor, der ge⸗ wöhnlich in Reſtaurationen ſpeiſenden Klaſſe zu begegnen; und dadurch war das Haus Mode geworden bei den Rei⸗ chen und Vornehmen, deren Equipagen die Straße und den Thorweg füllten. Ich erkannte im flüchtigen Vorbei⸗ gehen einen Marſchall und einen Staatsminiſter, als wir uns durch den Hof drängten und jenſeits deſſelben in einen kleinen Pavillon eintraten. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen,“ ſagte Duchesne, der eilig dem Aufwärter folgte; in einigen Minuten war er zurück.„Kommen Sie jetzt, es iſt Alles in Ordnung, ich wünſchte Ihnen einen Winkel des Hauſes zu zeigen, den nur Auserwählte zu ſehen bekommen und wir finden ihn glücklicher Weiſe unbeſetzt.“ Wir gingen wieder über den Hof, erſtiegen eine breite 185 Treppe aus Cichenholz zu einem Korridor, der uns längs drei Seiten eines Viereckes zu einer kleineren, faſt ſenk⸗ rechten Treppe führte, an deren Ende eine ſtarke mit Ei⸗ ſenſtangen und Vorhängſchlöſſern verwahrte Thüre uns in einen großen luftigen Saal brachte, deſſen drei große Fenſter ſich auf eine Terraſſe öffneten, die das Dach des Gebäudes bildete. Einige Citronen⸗ und Orangenbäume waren geſchmackvoll darauf geordnet und füllten das Ge⸗ mach mit ihren Wohlgerüchen. „Wir wollen hier eſſen, Anton,“ ſagte Duchesne zum Aufwärter;„ich habe unſer Diner ſchon angeordnet. Kommen Sie da heraus, Burke. Wie gefällt Ihnen dieſe Ausſicht?“ Kaum hatte ich einen Fuß auf die Terraſſe geſetzt, als ich vor Erſtaunen und Bewunderung zurückprallte. Vor uns ausgebreitet lag die große Stadt im ſanften Lichte eines Septemberabends. Ganz nahe, faſt zum Er⸗ ſchrecken nahe, war der große Dom der Invaliden mit ſeiner goldenen Kuppel; davor der weite, mit Geſtalten angefüllte Hof; weiterhin die Seine, deren Oberfläche im Sonnenlichte funkelte und glitzerte. Ich folgte ihr bis zum Pontneuf, nun ruhten meine Augen auf Notre⸗Dame, de⸗ ren ſchlanke, ſchwarze Thürme vom klaren Himmel ab⸗ ſtachen, während die dumpftönende Glocke durch die ſtille Luft erklang. Bei den Tuilerien ſah man die den Kaiſer erwartende Ehrengarde; Hunderte gingen in den Gärten hin und her oder umſtanden die Muſikbande, welche vor dem Pavillon ſpielte. Durch die Straßen und über die Brücken ſtrömte die Beyölkerung, welche Reiter und Wa⸗ gen raſch durchſchnitten. Es war Alles das Leben und Geräuſch einer großen Stadt; die Entfernung dämpfte deſſen Töne, es war, wie wenn bei Nachtſtille das ferne Meer an's Ufer ſchlägt. 4 „Sie müſſen wiſſen, Burke, daß dieſes ein Lieblings⸗ aufenthalt der Hoͤflinge unter der letzten Regierung war. Die fröhlichen jungen Gardes du corps, die ſtattlichen 186 Jünglinge von der königlichen Hofhaltung ſpeisten gewöhn⸗ lich hier. Auf dieſer Terraſſe war einſt eine Geſellſchaft beiſammen, welche auf die Einladung keiner geringern Perſon, als desjenigen, den einige Leute Ludwig XVIII. hießen, hergekommen war. Es war eine Laune jener Zeit, die Hoftafel abſcheulich zu finden; man ſagt ſogar, Maria Antoinette ſelbſt habe einmal eine Partie hierher beabſichtiget— was ich aber nicht verbürgen möchte.“ Unſer Mittageſſen wurde aufgetragen. Ich hatte kaum Zeit, die Schönheit und den Reichthum des antiken Silbergeräthes, das unſern Tiſch bedeckte, zu bewundern; als ein leiſes Klopfen an der Thüre meine Aufmerkſamkeit erregte. 3 „Ha! Jacotot ſelbſt!“ ſagte Duchesne und ſtand ſchnell auf, ihn zu empfangen. Er war ein ſchlanker, ſchmächtiger alter Mann, durch Jahre gebeugt, aber dem Ausſehen und Benehmen nach offenbar von feiner Bildung, ſein weißes, ſcharf zurückgeſtrichenes und hinten in einen Zopf geflochtenes Haar und ſein Jabot“ und ſeine Man⸗ ſchetten von Spitzen ließen in ihm ein Ueberbleibſel längſt vergangener Zeiten ſehen. Sein Rock war von etwas hellerer blauer Farbe, als gewoͤhnlich getragen wird. In den Schuhen hatte er breite Schnallen, deren Glanz ver⸗ rieth, daß ſie wirklich von Werth waren. Nach einer ſehr feierlichen Verbeugung trat er langſam näher. „Sie kommen, um mit uns zu ſpeiſen— nicht wahr, Jacotot? ſagte Duchesne, ihn bei der Hand faſſend. „Entſchuldigen Sie, mein theurer Chevalier— der Graf von Chambord und Eduard von Courcelles ſind un⸗ ten— ich habe ihnen Geſellſchaft zu leiſten verſpro⸗ chen—“ „Alſo iſt Courcelles hier?“ „Ja,“ ſagte der alte Mann mit einem ſcheuen war⸗ nenden Blick nach mir. „O, fürchten Sie nichts— Sie erinnern mich auch, daß ich meinen Freund und Kriegskameraden noch nicht 187 vorgeſtellt habe— Kapitän Burke, Herr Jacotot. Seien Sie verſichert, Jacotot, daß ich keinen ungeprüften Freund hier einführe.“ Der Alte lächelte verbindlich und ſagte zu mir:„Er iſt die Vorſicht ſelbſt; und ich bin recht ſehr erfreut, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Ich habe ein paar Worte mit Ihnen zu ſprechen, Chevalier.“ Sie traten ein wenig auf die Seite, Duchesne hörte mit ſichtbarer Ungeduld zu und ſagte endlich: „Wie Sie wollen, mein werther Freund; ich unter⸗ werfe mich ſtets Ihren weiſern Rathſchlägen— für jetzt leben Sie wohl.“ Er ſah dem alten Manne, der langſam die Treppe hinunterging, nach, ſchloß dann die Thüre zu und rief, in⸗ dem er ſie verriegelte: „Parbleu! das war eine Aufgabe, ſein Gewäſch auch nur mit dem Anſchein von Geduld anzuhören; ich hätte ihm bald geſagt, die Bourbonen könnten warten, aber die Suppe nicht.“ „Herr Jacotot iſt alſo ein Royaliſt? „Verſteht ſich, wie alle, welche dieſes Haus beſuchen. Staunen Sie nicht, die Polizei weiß es recht gut und Niemand beluſtigen ſie mehr durch ihre abgeſchmackten Anſchläge und Verſchwörungen als Fouché ſelbſt. Aller⸗ dings kommt hie und da noch ein keckerer und hirnloſerer Narr als die andern ſind, von der Vendée her, um ſich den Kopf an den Mauern des Temple einzuſchlagen, wie dieſer Courcelles, der weiter nichts in Paris zu thun hat, als ſich guillotiniren zu laſſen, wenn es der Mühe werth. wäre. Der Miniſter ſtellt ſich dann thätig und wachſam, nur um ſie zu erſchrecken; er weiß aber ſehr wohl, daß von dieſer Seite her keine Gefahr droht. Glauben Sie mir, Burke, die gegenwärtigen Herrſcher Frankreichs ha⸗ ben ihr ſicherſtes Schutzmittel in dem verächtlichen Cha⸗ rakter ihrer Gegner. Ein thätiger, muthiger Mann kann hier in keiner Weiſe etwas unternehmen— doch entſchul⸗ 188 digen Sie dieſes verrätheriſche Geſpräch.— Was halten Sie von dem Mittageſſen— die Royaliſten wären nie ge⸗ fallen, wenn ſie die Regierung ſo gut wie die„Küche“ verſtanden hätten. Koſten Sie dieſes„Suprème,“ und dann ſagen Sie, ob Sie die Capets nicht zurück wünſchen; welcher Empfindung Sie um ſo eher nachhängen können, da Sie dieſelben nie gekannt haben.“ „Ich kann nicht begreifen, Duchesne, welche Beſchwer⸗ den Sie der jetzigen Regierung Frankreichs zur Laſt zu legen haben. Wären Sie ein alter Höfling der letzten Regierung, ein Schmarotzer von Verſailles oder den Tui⸗ lerien geweſen— ſo wäre die Sache begreiflich; aber Sie, ein Soldat, ein kühner unternehmender Mann—“ „Ich muß Sie unterbrechen. Ich bin dieß nur deß⸗ wegen, weil es jetzt an der Tagesordnung iſt; aber ich verachte die Schauſtellungen militäriſchen Ruhmes, die uns zur Gewohnheit geworden ſind. Ich ziehe die Zeit vor, wo ein Bonmot eben ſo viel bewirkte, als eine Ladung Kartätſchen und wo man es mit„esprits und Talent weiter brachte, als mit einer kräſtigen Rechten und einem ſeſten Sitz zu Pferde. Früher gab es noch Edelleute in Frankreich, mein lieber Burke, ja beim Teufel und ſeiner Dame. Keine Marquiſen von der Trommel, oder Gräfinnen aus dem Bivouac; Frauen, deren hohe Geburt ihre Schönheit erhob— deren Lieblichkeit mit dem Zau⸗ ber vornehmer Abkunft gepaart war, welcher aus ihren glänzenden Augen ſtrahlte und auf ihren ſtolzen Stirnen thronte, vor denen unſere granbärtigen Marſchälle zitternd und beſchämt geſtanden wären, die jetzt ſo unbefangen in den Säͤlen der Tuilerien herumſchlendern! Darf ich Ih⸗ nen von dieſem Salmi anbieten, es iſt à la Louis quinxe und wäre der Regentſchaft ſelber würdig. Nun, wohlan, ein Glas Burgunder.“ „Ihr Freund, Herr Jacotot, ſcheint ein Original zu ſein,“ ſagte ich mit dem Wunſche, dieſem mir unange⸗ nehmen Geſpräch eine andere Wendung zu geben. r 189 „Das iſt er auch. Jacotot iſt durchaus Franzoſe; wenigſtens hat er das Glück gehabt, in ſeinem Geſchick die beiden Extreme von Seelengröße und Abgeſchmackt⸗ heit zu vereinigen, aus denen in hohem Grade das Leben meiner guten Landsleute beſteht. Ich will Ihnen eine kleine Anekdote erzählen, gehen wir aber auf die Terraſſe hinaus, denn ich habe unſern Nachtiſch dorthin tragen laſſen, um nicht immer von den Dienern geſtört zu werden.“ Dieß war ein höchſt willkommenes Anerbieten; wir ſetzten uns alſo in eine kleine Laube von Orangenſträuchen, mit der Ausſicht nach dem Fluſſe und den Palaſtgärten unter uns, und Duchesne begann: „Ich muß ein wenig weit ausholen, fürchten Sie aber deßwegen nichts, meine Geſchichte iſt eine ſehr kurze. Es war einmal in Frankreich ein ziemlich berühmter Mo⸗ narch, Ludwig der Vierzehnte geheißen; ein Mann, der, wenn der Ruf nicht trügt, die köͤniglichſten Eigenſchaften beſaß, von welchen wir in Büchern leſen. Er war tapfer, freigebig, edelſinnig, kühn, ſelbſtſüchtig, grauſam und un⸗ dankbar wie Keiner in ſeinem ganzen Reiche; und wie Leute mit ſolchen Gaben gewöhnlich, hatte er das Glück, Männer eben ſo feſt und hingebend an ſich zu feſſeln, als wenn ſein Herz der Freundſchaft und Zuneigung nicht aärzlich unfähig geweſen wäre. Was die Damen von ihm dachten, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, ich habe es jetzt mit dem ſtärkern⸗ Geſchlecht zu thun. Unter den Hofleuten jener Zeit war ein gewiſſer Vieomte Arnoud de Geney; ein junger Mann, der im achtzehnten Jahre bei der Belagerung von Beſancon den Oberſtenrang durch eine That kaltblütigen Muthes gewann, die erwähnt zu werden verdient. Er näherte ſich bedächtig einer Breſche und zeichnete das Innere der Feſtungswerke ab, während die Kugeln der Feinde um ihn her den Boden aufwühlten. Als die That dem Könige gemeldet wurde, unterbrach er die Mittheilung mit den Worten: „Sagt mir nicht, wer dieß gethan hat, denn ich habe de Gency dafür zum Oberſten gemacht.“ So ſchnell er⸗ rieth Ludwig den Helden dieſer kühnen That. „Von dieſer Stunde an war des jungen Oberſten Glück gemacht. Der König ernannte ihn zum Kammer⸗ herrn und zeichnete ihn durch tägliche Beweiſe ſeines Ver⸗ trauens aus. Seine Eigenſchaften paßten vollkommen für die Welt, in der er lebte— er war ein witziger Geſell⸗ ſchafter, ein guter Muſiker und ein ſehr hübſcher Mann; Gaben, die man in„Saint⸗Germain“ zu ſchätzen wußte. 1 „Dies waren ſeine geſellſchaftlichen Vorzüge; auch kannte er den Charakter des Königs ſo durch und durch, daß die la Valliere ſelbſt die Nothwendigkeit einſah, ihn am Hofe zu behalten und ſie machte ihn auch wirklich bei verſchiedenen ſchwierigen Fällen zum Vertrauten. Aber bei all dieſer Glücksgunſt— die ihm der Neid faſt aller andern Höflinge zuzog— peinigte Arnoud de Genecy eine der drückendſten Verlegenheiten, die einen ſo ſtolzen Mann in einer ſolchen Lage befallen können: er war wirklich arm— und in ſo drängender Noth, daß alle Kräfte, die er aufbieten konnte und ſeine äußerſten Anſtrengungen kaum hinreichten, ihn vor dem Bekanntwerden ſeines Elends zu ſchützen. Der Geſchmack an koſtbarer Kleidung und prun⸗ kenden Equipagen, der jene Periode bezeichnete, hatte ſein Vermögen ſehr heruntergebracht, und das hohe Spiel, welches Ludwig ermunterte und gerne um ſich ſah, machte ſein Verderben vollſtändig. Sein Einkommen reichte kaum hin, ſeine täglichen Bedürfniſſe zu beſtreiten; dabei war er mit ſchwerem Herzen genöthigt, nicht nur alle die ſorg⸗ loſen und frivolen Luſtbarkeiten eines üppigen Hofes mit⸗ zumachen, er ſollte auch noch ſeine Talente und ſeine That⸗ kraft darauf verwenden, neue Anläſſe zur Freude, friſche Quellen des Vergnügens ausfindig zu machen. „Müde endlich des langen Kampfes zwiſchen ſeinem Stolze und ſeinem Elend, beſchloß er, ſich an den König zu wenden, ihm mit wenigen Worten ſeine Verlegenheit zu offenbaßen und um ſeine Hülfe zu bitten. Zu dieſem Schritte waßz er nicht nur um ſeiner ſelbſt willen, ſondern auch ſeines einzigen Kindes, eines Knaben von acht Jah⸗ ren, wegen gezwungen, deſſen Mutter bei ſeiner Geburt geſtorben war. 1 „Es zeigte ſich bald eine günſtige Gelegenheit dazu. Der König gab eine große Jagdpartie in St. Cloud. De Geney ſtellte ſich in Jagdkleidung am frühen Morgen in einem der Vorzimmer ein, durch die der Koͤnig ſeinen Weg nehmen mußte— jedoch nicht allein— an ſeiner Seite ſtand ein lieblicher Knabe, ebenfalls in Jagdkleidung. Er trug ein Wamms von grünem Sammet mit Gold geſtickt, welches ein breiter Gürtel zierte, an dem ſein Jagdmeſſer hing; bis zu der Falkenfeder auf ſeinem Barett war nichts vergeſſen. 3 Er hatte nicht lange gewartet, als ſich die Flügel⸗ thüren öffneten, und Ludwig in Begleitung des Marquis von Verneuil erſchien, unglücklicherweiſe war dieß einer der wenigen Feinde, die de Gency im Leben hatte. „Ah, Sie hier, de Gency. Man ſagte mir, das Spiel habe geſtern bis ſpät in die Nacht gedauert, und wir wur⸗ den Sie heute wohl nicht ſehen.“ „Wahrlich, Sire,“ erwiederte er mit erzwungenem Lächeln,„nur Ew. Majeſtät allein iſt das Glück ſtets günſtig.“ 4 „Pardieu das müſſen Sie nicht ſagen, ich verlor letzte Nacht eine Rolle Gold. Wen haben Sie da 2 „Meinen Sohn, Ew. Majeſtät aufzuwarten, meinen einzigen Sohn, der noch früher als ſein Vater in Ihre ienſte zu treten wünſcht.“ „Wie gleicht er ſeiner Mutter,“ ſagte der König, ihm die Locken zurückſtreichend, und faſt zärtlich die hübſchen Züge des Knaben betrachtend—„ungemein— ſie war eine Cou reelles.“ „Ja, Sire,“ antwortete Arnoud, und eine Thräne rann langſam über ſeine Wangen. 192 „Und Sie verlangen etwas für ihn, nisſt wahr 2“ fragte der Koͤnig in ſeinem gewöhnlichen Tons, während er ſich mit ſeiner Degenquaſte beſchäftigte. „Wenn ich es wagen dürfte—“ „Gewiß dürfen Sie. Es frägt ſich nur, was wir thun können? Was ſagen Sie dazu, Verneuil? Er iſt noch ein Kind.“ „Ja wohl, Sire,“ erwiederte der Marquis mit einer ehrfurchtsvollen Miene, in welcher der ſchärfſte Beobachter keine Spur ſeines ſpöttiſchen Weſens entdecken konnte;„aber eine Stelle iſt frei.“ „So, wirklich?“ ſagte der König ſchnell.„Welche? er ſoll ſie haben.“ „Ew. Majeſtät erſter Koch, Herr Jacotot, braucht einen Bratenwender,“ flüſterte er leiſe dem Koͤnig zu. „Einen Bratenwender!“ wiederholte der Koͤnig; und kaum war das Wort ausgeſprochen, als er, wie wenn der Scherz von ihm ausgegangen wäre, in ein unbändiges Ge⸗ lächter ausbrach, das bei jedem Verſuche, es zu unterdrü⸗ cken, ſtärker zu werden ſchien, bis der Schall des Jagd⸗ horns, welches draußen ertöͤnte, ſeinen Gedanken eine an⸗ dere Richtung gab, worauf er mit de Verneuil hinaus ging, ohne weiter auf de Gency und ſeinen Sohn zu ach⸗ ten, die wie auf den Boden gewurzelt ſtanden— leiden⸗ ſchaftliche Entrüſtung in dem Herzen, welches Verzweiflung und Kummer faſt unempfindlich gemacht hatten. Der König beſtieg noch immer lachend ſein Pferd im Schloßhof. Die Höflinge ſtimmten, wie es ſich für Leute von feiner Bildung ziemt, gebührend ein und ließen jenes leiſe abgemeſſene Gelächter ertönen, das den paſſenden Chor zu der Fröhlichkeit eines Herrſchers bildet, als plötzlich der Knall zweier Schüſſe, die einander ſo ſchnell folgten, daß es nur einer zu ſein ſchien, das glänzende Gefolge erſchreckte und ſogar den Araber des Königs zum Bäumen brachte. „Beim Himmel! meine Herrn,“ ſagte Ludwig zornigz 193 „das iſt ein ſchlechter Spaß. Wer hat ſich unterſtanden, dieß zu thun?“ Alle ſchwiegen erſchreckt, da ſtürzte ein Page, bleich vor Entſetzen, mit blutbefleckter Kleidung hinzu. „Ew. Majeſtät— ach, Sire!“ ſagte er knieend— doch die Thränen erſtickten ſeine Stimme, er konnte kein Wort weiter hervorbringen. „Was ſoll das heißen?— will Niemand ſprechen?“ rief der König, und eine Falte, die nichts Gutes verkün⸗ dete, zeigte ſich auf ſeiner Stirne. „Ew. Majeſtät haben einen tapfern, redlichen und getreuen Diener verloren,“ ſagte Herr von Coulanges, „Arnoud de Gency iſt nicht mehr.“ „Wie, ich ſah ihn noch dieſen Augenblick, er bat mich um eine Gunſt für ſeinen Sohn.“ „Ja wohl, Sire,“ erwiederte Coulanges traurig; hielt aber ſchnell inne: denn bereits zeigte ſich der wohlbekannte, unheilverkündende Ausdruck in des Königs Zügen. „Die Jagd iſt entlaſſen, meine Herrn,“ ſagte er mit tiefer, gepreßter Stimme; und Sie, Herr von Verneuil, folgen mir.“ „Die Verſammlung ging ſogleich auseinander; und der Marquis von Verneuil folgte dem Koͤnig mit einer Miene, auf der Furcht und Schrecken nicht zu verkennen war. „Herr von Verneuil ſchien wirklich ein ganz veränder⸗ ter Mann zu ſein, als er am Abend unter ſeinen Freun⸗ den auftrat. Was ihm auch der König geſagt haben mochte, es hatte ſichtbar gewirkt; alle ſeine Scherzluſt war vergangen; ſogar der albernſte Spaßmacher würde ſich nicht geſcheut haben, mit einem Witzling anzubinden, der nun ganz niedergeſchlagen und gebeugt war. Am nächſten Morgen war jedoch heller Sonnenſchein, der König in guter Laune, das Wild im Ueberfluß vor⸗ handen; der Koͤnig ſchoß mit eigener Hand acht Vaſanen herunter. Der Marquis von Verneuil traf nichts: obgleich Tom Burke. IV. 19 194 er der beſte Schütze ſeiner Zeit war, ſo zitterte doch ſeine Hand und ſein Blick trübte ſich; der König gewann ihm fünfzig Louisd'or ab, ehe ſie Saint⸗Germain erreichten. Nie folgte ein fröhlicherer Abend auf einen glückliche⸗ ren Tag. Der König ſpeiste in den Gemächern der la Valliere zu Nacht; ſein Muſikkorps ſpielte die herrlichſten Weiſen während der Mahlzeit, und das Andenken Arnoud's de Gency ſtörte nicht einen frohen Traum dieſer Nacht. „Wenn ich Ihnen eine bloße Anekdote erzählte, würde ich jetzt abbrechen,“ ſagte der Chevalier,„ich muß aber noch etwas hinzufügen, obwohl der romantiſche Theil mei⸗ ner Geſchichte zu Ende iſt. Der Haß des Marquis von Verneuil war zäher Natur: ungerührt durch des armen de Gency Schickſal vollführte er nun, was er im Spaſſe angedroht hatte, er ſandte das verwaiste Kind in die kö⸗ nigliche Küche als Bratenwender. Nothwendig mußte er ihm einen andern Namen geben. Der Titel einer alten geehrten Familie würde die ſchändliche That bald verra⸗ then haben; und der Knabe wurde nach dem Oberkoche ſelber Jacotot genannt. Der Konig erkundigte ſich nie wieder nach der Sache. Arnoud's Name erinnerte an ein zu mißfälliges Thema, um je über die Lippen eines Höf⸗ lings zu kommen, und der ganze Vorfall gerieth bald in Vergeſſenheit. „Dieſer Jacotot war der Großvater meines alten Freundes, den Sie vor Kurzem geſehen haben. Das Schick⸗ ſal, welches mit der Menſchen Beſtimmung ſeinen Scherz zu treiben ſcheint, machte ſie beim Küchenfeuer eben ſo glücklich, als es ihre Vorfahren je beim Batteriefeuer ge⸗ weſen ſein mochten; und Herr Jacotot unſer Wirth, hat nicht ſeines Gleichen in Paris. Viele Jahre hindurch pflegten die jüngern Glieder der königlichen Familie hier zu Abend zu ſpeiſen. Dieſes Gemach war ihr Lieblings⸗ Qfaufenthalt; eines Abends, als man länger als gewoͤhnlich beiſammen geblieben war, kam die Hauptperſon des Feſtes vor Entzücken über ein wundervolles Gericht faſt außer ſich, ließ Jacotot rufen und ſagte ihm, welche Gunſt er ſich auch erbitten möge, er ſelbſt wolle ſie für ihn vom König zu erlangen ſuchen. „Das war der lang gewünſchte Augenblick im Leben des armen Mannes. Er zog Urkunden, welche ſeinen alten Namen und Stand erwieſen, aus dem Buſen und über⸗ reichte ſie, ohne ein Wort zu ſagen, dem Prinzen. „Wie! Sie ſind ein de Gency?“ „Ach, mit Beſchämung bekenne ich es, ich bin's.“ „Kommt Ihr Herrn,“ ſagte der froͤhliche junge Prinz, „hein volles Glas unſerm würdigen Freund, den ich mit Gottes Hülfe bald in ſeinen gebührenden Stand und Rang eingeſetzt zu ſehen hoffe. Ja, de Gency, mein Wort dar⸗ auf, den erſten Abend, an dem ich wieder hier ſpeiſe, bringe ich dieſes Dokument von Seiner Majeſtät eigener Hand unterzeichnet zurück. Machen Sie Platz, meine Herrn, und laſſen Sie ihn zu uns ſitzen.“ 4 „Doch der arme Jacotot war durch die Gefühle der Freude und des Dankes zu heftig aufgeregt, er ſtürzte un⸗ ter einem Strom von Thraͤnen aus dem Zimmer. „Der Abend, von dem der Prinz geſprochen, kam nie. Gleich darauf begannen die Trübſale der königlichen Fa⸗ milie— die ſchrecklichen Vorfälle in Verſailles— die Flucht nach Varennes— der 10. Auguſt— eine gräß⸗ liche Reihe, die ich nicht weiter zu verfolgen im Stande bin. Dort unten, wo die Menge herumſchlendert oder in behaglichen Gruppen beiſammen ſitzt, ſtarb Ludwig XVI. Der Prinz, von dem ich ſprach, iſt in der Verbannung. Man nennt ihn Ludwig XVIII.; aber er iſt ein König ohne Königreich.— „Noch lebt Jacotot in ſeiner Hoffnung fort; er hat ſich durch alle Schrecken der Revolution durchgearbeitet; er hat die Guillotine beinahe vor ſeiner Thüre aufgerichtet geſehen, und war Zeuge wie einer nach dem andern von ſeinen frühern Freunden wie zur Schlachtbank hingeführt wurde. Zweimal ſchleppte man ihn ſelbſt hin, und zweimal wurde ſein Leben von irgend einem Bewunderer ſeiner „Küche,“ gerettet. Und vielleicht ſind alle dieſe Prüfungen nichts im Vergleich zu dem Herzeleid, mit welchem er die von den Nachkommen des heiligen Ludwig beſetzten Plätze nun von der Revolutions⸗Canaille“ eingenommen ſieht. Marat und Nobespierre beſuchten ſein Haus; Bar⸗ ras ließ ſelten eine Woche vergehen, ohne hier zu ſpeiſen. Das war, glaube ich, ein viel ſchwererer Kummer für ihn, als irgend eines ſeiner perſönlichen Leiden, und ich habe ihn oft mit wahrem Abſcheu die Auftritte erzählen hören, welche unter den Incroyables,“ wie ſie ſich ſelber nann⸗ ten, hier ſtattfanden, deren Orgien ſo unvortheilhaft und grell abſtachen gegen die verfeinerten Ausſchweifungen ſei⸗ ner koͤniglichen Beſucher. Während der ganzen Anarchie jener fürchterlichen Periode— durch die kaum minder blu⸗ tige Zeit des Direktoriums— während der langen und ſchaudervollen Unterdrückung des Conſulates— und jetzt noch, bei der viel qualenderen Tyrannei des Kaiſerreiches, hofft er, hofft noch, der Tag werde kommen, an welchem er, aus der Hand des Königs felbſt, den lange entbehrten Rang erhalten, und als ein de Gency auftreten werde. Armer Mann, es liegt etwas Großes und Edles in die⸗ ſem langen Kampfe mit dem Glücke— in dieſem langen Ringen, in dem er ſich nie als geſchlagen bekennen wollte. „So ſind die Anhänger der Bourbons. Ihre beſten Züge, ihre höchſten Wagniſſe, ihre lange ertragenen Lei⸗ den dienen nur allein zur Verfolgung irgend eines unbe⸗ deutenden Gegenſtandes perſönlichen Ehrgeizes. Sie haben den Kelch des Elendes gekoſtet, ja, bis auf die Hefen ge⸗ leert— haben Morde und Blutvergießen geſehen, die kein Krieg übertrifft; und Alles, was die Erfahrung ſie lehrte, i*ſt, daß ſie die vergangenen Tage königlicher Tyrannei und Frivolität wieder zuruͤckwünſchen, um einen glänzenden Schwarm von Wüſtlingen um einen ſinnlichen Koͤnig flat⸗ tern zu ſehen, und die verhungerten Geſichter der Menge zu betrachten, ohne daran zu denken, daß der Tiger nur auf das Zuſpringen wartet. Aber einen wahrhaft freien Gedanken, einen einzigen hochſtrebenden, edlen Aufſchwung nach Freiheit, hegten ſie auch nicht im Traum. Sie ſehen, mein Freund, ich ſuche Sie nicht für die Bourbonen zu gewinnen; noch möchte ich Sie zum Jacobiner machen, ſelbſt wenn ich es könnte. Wie kommt das— kann es wirklich ſchon ſo ſpät ſein? Kommen Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren— im Faubourg iſt es nicht guter Ton, ſpät zu erſcheinen.“ Fünfzehntes Kapitel. Die beiden Soireen. Duchesnes Erzählung hatte mißlicher Weiſe Bubble⸗ ton ganz aus meinen Gedanken verdrängt; erſt als wir in die Straße kamen, in welcher die Herzogin von Mont⸗ ſerrat wohnte, erinnerte ich mich meines Freundes, und nahm mir vor, den Chevalier um Nath zu fragen. Ich erklärte ihm mit wenigen Worten ſo viel als noö⸗ thig war von ſeinem Charakter und ſeiner Lage, und drückte meine Befürchtungen aus, daß eine ſo unbeſtändige, unſi⸗ chere Gemüthsart ihn in große Verlegenheiten bringen könne, als mich Duchesne mit den Worten unterbrach: „Seien Sie ohne Sorge; wenn Ihr Freund ſo iſt, wie Sie ihn beſchreiben, iſt er gerade der Mann, um die Polizei an der Naſe zu führen. Die erſchaut jegliche Tiefe, wenn nur das Waſſer ganz klar iſt. Trübt es, dann iſt es einerlei, wie ſeicht es auch ſei. Dieſer Bubbleton konnte gerade jetzt vom größten Nutzen ſein. Sie müſſen mich ihm vorſtellen, Burke.“ „Recht gern; nur verſprechen Sie mir, meinen ar⸗ men Freund in keine Schlingen irgend eines Komplotes zu verwickeln. Der Himmel weiß, daß ſeine eigenen Fähig⸗ keiten für ſeine Myſtifikation völlig hinreichen.“ „Komplot! Schlingen! wo denken Sie hin? Doch, da ſind wir, und ich habe keinen Augenblick mehr, um Sie auf meine gute Tante vorzubereiten.“ Bei dieſen Worten drehte er den Handgriff einer großen Thüre, die in einen düſteren Thorweg führte, der ſpärlich von einer einzigen altmodiſchen Laterne erleuchtet wurde. Ein dicker unbehülflicher Portier guckte aus ſei⸗ ner Höhle nach uns, meldete uns durch eine Glocke, die er zog, an, ſchob ſein Fenſter zu und ließ uns unſern Weg weiter ſuchen. Eine geräumige Treppe, deren Seitenwände mit Fa⸗ milienbildniſſen, grimmigen, bepanzerten Helden— oder zierlichen Damen mit Blumenſträußen in den beringten Händen behangen waren, führte zu einer Art Galerie mit mehreren Thüren; hier ſtand ein ganz ſchwarz gekleideter Diener, um die Beſuche anzumelden. Als der Diener den Corridor entlang vor uns her ging, konnte ich mich nicht enthalten, Vergleichungen anzu⸗ ſtelten zwiſchen dieſem düſtern Gebäude, in dem jeder Fuß⸗ tritt dumpf wiederhallte, und der glanzenden Pracht des Hotels Clichy. Hier war Alles dunkel, kalt und traurig; — dort war Alles hell und klar, lieblich und elegant. Beide betrachtete ich als Sinnbilder der von ihnen darge⸗ ſtellten Dynaſtien. Dieſe Gedanken beſchäftigten mich, als die eine Hälfte der Flügelthüre aufgemacht wurde— beide waren das alleinige Vorrecht königlichen Ge⸗ blütes— und wir wurden gemeldet. Das große düſtere Zimmer war leer, wir durchſchritten ein zweites ähnliches. unſere Namen wurden wiederholt, wie zuvor, endlich hör⸗ ten wir Stimmen, welche uns die Nähe des Salons ver⸗ kündeten, wo die Beſucher verſammelt waren. Von einigen weit von einander entfernten Lampen ſchwach erleuchtet, ſchien das Zimmer, in das wir traten, größer, als es wirklich war. Um einen ungeheuren alter⸗ e 199 thümlichen Kamin ſaßen am andern Ende mehrere Damen, die ich auf den erſten Blick als zu der ausgezeichneten Klaſſe der„Verwittweten“ gehörend, erkannte. Sie ſaßen in tiefgepolſterten Lehnſeſſeln, groͤßtentheils mit Stickerei beſchäftigt, welche ſie beim Sprechen niederlegten und dann wieder aufnahmen, mehr aus Gewohnheit, als um fort⸗ zuarbeiten. Mit all der einſchmeichelnden Anniuth eines wohler⸗ zogenen Franzoſen näherte ſich Duchesne dem zunächſt am Kamine ſtehenden Sitze und küßte ſeiner Tante ehrfurchts⸗ voll die ihm dargereichte Hand.. „Erlauben Sie, liebe Tante, Ihnen meinen ſehr ver⸗ trauten Freund, Kapitän Burke, vorzuſtellen,“ ſagte er, indem er mich vorwärts führte. Bei dem Wort Kapitän, gewahrte ich, daß jede Hand den Stickrahmen ſinken ließ, während die ganze Gruppe mich mit unverſtelltem Erſtaunen anſah. Die Herzogin geruhte mich ſehr höflich zu empfangen und mir einen Sitz neben ſich anzuweiſen, während der Chevalier ſich bei den Uebrigen alle mögliche Mühe gab, das ſteife und zurück⸗ haltende Benehmen der Geſellſchaft zu beleben, was ihm aber bei all ſeinem Takte und ſeiner Gewandtheit unmög⸗ lich war. Die Unterhaltung, wenn ſie ſo genannt werden konnte, wurde nur ſehr einſylbig geführt; irgend eine ver⸗ einzelte Frage nach einer abweſenden„Marquiſe,“ oder eine murmelnde Antwort in Betreff einer verſtorbenen Grä⸗ fin war der ewige Refrain— keine Anſpielung auf die Tagesereigniſſe, kein Wort, das verrathen hätte, in welchem Zeitpunkt die Sprecher lebten oder welcher Nation ſie an⸗ gehörten. Es gereichte mir zu unausſprechlicher Erleich⸗ terung, als allmählig noch einige andere Beſuche eintraten, einige von ihnen Maͤnner, die ihrem Benehmen nach Günſt⸗ linge in dem Kreiſe zu ſein ſchienen; gleich darauf brachte ein Diener Erfriſchungen, was einige Bewegung in die Gruppe brachte, bei welcher Gelegenheit ich aufſtand und 200 mich Duchesne näherte, der ſich über einen Tiſch lehnte und verdroſſen in einem Buche blätterte. „Bedenken Sie die Widerſprüche der menſchlichen Natur, Burke,“ ſagte er leiſe.„Dieſes ſind die Em⸗ pfänge, für welche die neue Nobleſſe ihren halben Reich⸗ thum gäbe— dieſe ſchwermüthigen Beſuche abgelebter Be⸗ kanntſchaften— dieſe ſaftloſen Zweige der Menſchheit er⸗ regen den Neid ſolcher Häuſer wie des Hotel Clichy; und in dieſen traurigen, mottenzerfreſſenen Salons ange⸗ nommen zu werden, iſt eine größere Ehre, als eine Einla⸗ dung in die Tuilerien. So lange dieß ſo fortgeht, verlaſ⸗ ſen Sie ſich darauf, iſt Fäulniß im Kern der Geſellſchaft. Kommen Sie, wir wollen uns empfehlen; ich ſehe, Sie ſind dieſer Dinge müde; und nun zur Entſchädigung eine Stunde zu Frau von Lacoſtellerie. Als wir herantraten, um uns bei der Herzogin zu be⸗ urlauben, ſtand ſie auf und ſtreifte dabei mit ihrem Aer⸗ mel eine kleine Marmorbüſte Ludwigs XVI., die zur Erde gefallen wäre, hätte ich ſie nicht glücklich aufgefangen. Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte ſie gnädig. „Sie haben etwas verhütet, was mir ein ſehr betrübender Unfall geweſen wäre.“ 4 „Noch mehr, liebe Tante,“ ſagte Duchesne lächelnd; „er hat ſeine Bereitwilligkeit zur Reſtauration der Bour⸗ bons gezeigt.“ 4 Dieſe im Scherz geſprochenen Worte wurden im gan⸗ zen Kreiſe wiederholt; und gewiß empfand ich nie eine drückendere Verlegenheit, als in dem Augenblick, da ich mich gegen die Geſellſchaft verbeugte, deren freudig glän⸗ zende Blicke und vergnügte Geſichter ſich nun gegen mich wendeten. „Mein armer, beſchämter Freund,“ ſagte Duchesne, als wir die Treppe herunter gingen,„gewöhnen Sie ſich ſo geſchwind als moͤglich das Erröthen ab; es hat ſchon mehr Glück zerſtoͤrt als Pharo oder Boutlllotte.“ Dies iſt ſicherlich ſehr gut eingerichtet,“ ſagte 201 Duchesne ſich umſehend als wir die Treppen im Hotel Clichy langſam hinanſtiegen. Die glänzende, mit dem Tage wett⸗ eifernde Helle, die Diener in prachtvollen Lioreen— Pracht und Reichthum überall— Alles war ſo ganz verſchieden von dem trüben Herrenhauſe im Faubourg— und durch die weit geöffneten Thüren erklang eine herrliche Muſik. Duchesne ſtand plötzlich ſtill, legte mir die Hand auf den Arm und ſagte,„dieß kann einem Manne, der ſo viel wie ich, geſehen hat, genügen; und der Preis iſt des Spieles werth— alſo gewagt!“ Die erſte Perſon, die ich ſah, als wir eintraten, war Bubbleton, umgeben von einem Kreiſe Fremder, die ſeine Unterhaltung höchlich zu beluſtigen ſchien. „Dort iſt Ihr Freund,“ ſprach Duchesne,„der wahre Typus eines John Bull. Stellen Sie mich ſogleich vor.“ Ich hatte kaum Zeit, ſeinen Namen zu nennen, als er die Hand ausſtreckte und Bubbleton mit vieler Herz⸗ lichkeit grüßte, doch der„General“ ließ ſich durch dieſe Förmlichkeit in ſeinem Redefluß nicht ſtören, ſondern fuhr fort, in genaueſter umſtändlicher Weiſe die Bedingungen des neuen zwiſchen Frankreich und England heimlich ge⸗ ſchloſſenen Friedens auseinanderzuſetzen. Die Ungläubigkeit der Zuhörer verringerte ſich beträchtlich, als ſie ſahen, mit welcher Aufmerkſamkeit Duchesne zuhörte und den Spre⸗ cher nur zuweilen durch gelegentliche Zuſtimmung oder flüchtige Fragen in Betreff der politiſchen Beziehungen 2 einiger der Großmächte unterbrach. „Was Preußen betrifft,“ ſagte Bubbleton wichtig, „Preußen hat— „Was iſt's mit Preußen, General?“ „Wir haben unſere Vermuthungen über dieſen Gegen⸗ ſtand,“ erwiederte er, ſich gedankenvoll im Kreiſe umſehend, der ihm nun, durch Duchesnes Benehmen voͤllig getäuſcht, die groͤßte Aufmerkſamkeit ſchenkte. Sie werden ihm Genua nicht nehmen,“ ſagte der Chevalier mit unbegreiflicher Ernſthaftigkeit. 202 „Das iſt bereits geſchehen,“ erwiederte Bubbleton. „Ich meines Theiles, ſagte Lauderdale, wir ſeien nichts ohne den Bosphorus— den„Schlüſſel unſeres Hauſes,“ wie Euer Kaiſer ihn nannte.“ „Er ſprach von Rußland, wenn ich nicht irre,“ ſagte Duchesne mit einer beſcheidenen Miene der Zurechtweiſung. „Entſchuldigen Sie, Sie irren ſich. Ich kenne Ruß⸗ land gut. Ich bin mit dem Prinzen Drudeszitſch durch die Steppen von Metſchezaromizee gereist. Wir legten drei⸗ hnndert Werſte auf ſeinen eigenen Gütern, von Leibeigenen auf Schlitten gezogen, zurück. Sie werden wiſſen, daß ſie immer am Bart angeſchirrt werden, den ſie zu dieſem Be⸗ huf lang und geflochten tragen.“ „Das iſt gegen die Krim zu,“ bemerkte der Chevalier. „Ganz recht.— Ich erinnere mich eines merkwür⸗ digen Vorfalles, der uns eines Tages, als wir uns„Chi⸗ tepsk“ näherten, begegnete— Sie kennen Chitepsk, ſie ſperren dort die Staatsgefangenen ein— eine elende ſchau⸗ derhafte Strecke, wo der Schuee nie ſchmilzt und die Kälte ſo fürchterlich iſt, daß man oft Heerden Wölfe mit den Füßen feſt in den Schnee gefroren und ſchrecklich heu⸗ len ſieht— ein ſonderbarer Anblick wahrhaftig. Die Nacht brach an, es ſiel ein dünner ſchneidender Schnee⸗ regen, als Dru,— ich nenne ihn immer kurzweg ſo— zu mir ſagte:—„Bub“— er machte es auch ſo mit mir—„Bub,“ ſagte er,„haben Sie den Vordermann dort rechts ſchon bemerkt?“. „Ich ſehe ihn,“ antwortete ich. „Nun, ich habe ſeit der letzten Station auf den Bur⸗ ſchen Acht gegeben, und ich will verdammt ſein, wenn er je eine Spur zurückgelaſſen hat; und er zieht doch tüchtig, wie Sie ſehen. Er ſpringt luſtig genug davon. Ich will ihm eins aufzwicken;“ dabei holte er mit ſeiner Knuten⸗ peitſche aus und traf ihn mit einem ſcharfen Hieb. Gott, wie der aufſprang— fünf Fuß vom Boden,— und ge⸗ hängt will ich werden, wenn er nicht ſeinen Bart ausriß —-———— —j—— 203 — da hing er an der Deichſel— ein ſehr widriger An⸗ blick, ich muß geſtehen, obgleich Dru ſich nichts daraus zu machen ſchien, dennoch waren wir genöthigt, abzuſteigen und auszuſpannen. Sie werden es nicht glauben, was wir ſahen als wir abſtiegen, auch nicht errathen, wer der Vor⸗ mann war— es war die Prinzeſſin Odoznovskoi. Armes Geſchöpf! als ich ſie das letzte Mal ſah, tanzte ſie mit dem Prinzen Alexander im Ambrapalaſt. Sie und ihr Mann wurden nach Chitepsk verbannt, und da er unwohl war, ſo hatte ſie einen falſchen Bart umgebunden und an ſeiner Statt eine kleine Station übernommen.“ Ich fand es nicht gerathen, länger zuzuhören, ſondern überließ es Duchesne, ſich, ſo gut ar konnte, mit dem Ge⸗ neral zu unterhalten, und ging in den Salon, der ſich raſch mit Gäſten füllte. Die Gräfin empfing mich mit außerordentlicher Güte und auch das Fräulein nahm einen Ton von Herzlichkeit an, den ich noch nie bemerkt hatte; während wir Grüße wechſelten, ſagte ſie leiſe: „Ich wünſche Sie zu ſprechen, in einer halben Stunde in der Bildergalerie.“ 3 Ohne meine Antwort abzuwarten, ging ſie weiter und ſprach mit andern Perſonen. Neugierig zu wiſſen, was Fräu⸗ lein de Lacoſtellerie mit ihrer Beſtellung nach der Bilder⸗ galerie beabſichtige, vermied ich meine Bekannten und näherte mich nachläßig dem Orte unſerer Zuſammenkunft. Die Galerie war nur halb erleuchtet, wie es an gewöhn⸗ lichen Beſuchabenden der Fall war, und ich fand ſie ganz leer. Ich ſchlenderte langſam an den halb ſichtbaren Ge⸗ mälden vorüber, als ich hinter mir Schritte hörte. Ich kehrte mich um und ſah das Fräulein ſelbſt. Sie war allein und obwohl ſie mich offenbar erblickt hatte, ging ſie ſtillſchweigend weiter nach einem kleinen Bondoir, das am andern Ende der Galerie war. Ich folgte ihr und wir traten zuſammen ein. Es war etwas in dieſer geheimen Zuſammenkunft, ———— S 204 was, während es meine Neugierde erregte, mich zugleich überzeugte, daß ich, wenn ich mich irgend einer Hoffnung hingegeben hätte, mir ihre Zuneigung zu erwerben, ganz und gar kein Recht dazu hatte, denn in dieſem Vertrauen lag der ſtärkſte Beweis ihrer Gleichgültigkeit. Eine ſolche Hoffnung hatte ich indeſſen nie genährt. Mein Stolz mochte ſich durch eine ſolche Vorausſetzung geſchmeichelt fühlen— aber mein Herz konnte nie Theil daran haben. „Hier ſind wir allein,“ ſagte ſie eilig,„wir koͤnnten aber vermißt werden, deßhalb will ich kurz ſein. Es mag Ihnen ſonderbar ſcheinen, daß ich Sie bat, mich hier zu treffen, aber ich konnte nicht anders. Sie allein von Allen, die uns beſuchen, haben mir nie geſchmeichelt oder mir Aufmerkſamkeiten erwieſen. Deßhalb traue ich Ihnen. Ich habe keinen andern Grund als dieſen und weil ich freund⸗ los bin.“ Bei den letzten Worten bebte ihre Stimme und es lag eine Trauer darin, die mir zum Herzen drang;. auch athmete ſie noch einige Sekunden lang ſchnell und unregelmäßig.„Wollen Sie mir freundſchaftlich das be⸗ antworten, um was ich Sie fragen werde, oder wenn dies zu viel wäre, mindeſtens mein Geheimniß bewahren? Gut, ich bin vollkommen befriedigt. Nun ſagen Sie mir, wer iſt dieſer Chevalier Duchesne? Was iſt er?“ Ich ſagte mit wenigen Worten, was ich von ihm wußte, verbreitete mich über jeden Umſtand, der zu ſeinen Gunſten reden mochte— ſeine ausgezeichnete militäriſche Laufbahn— ſeine unbezweifelten Talente— und deutete endlich auf ſeine Familie, da ich glaubte, die Frage moͤchte ſich großentheils darauf beziehen.. „Auch das iſt es nicht,“ ſagte ſie heftig,„was ich wiſſen möchte. Mich kümmert weder ſeine Tapferkeit, noch ſein Herkommen. Sagen Sie mir, woher ſeine Macht ſtammt, wie es kommt, daß er überall empfangen wird, mit Jedem vertraut iſt und auf Alle Einfluß hat? Warum fürchtet ihn Fouché warum gewährt ihm Talley⸗ rand Zutritt?— „Ich weiß, daß dieß der Fall iſt— können Sie mir keinen auch noch ſo ſchwachen Auſſchluß geben, um ins Klare zu kommen? Dem Grafen Lacoſtellerie wurde die ſpani⸗ ſche Lieferung verweigert,— Duchesne verwendet ſich, und er erhält ſie. Eine Schwierigkeit erhebt ſich wegen einer Karte zu einem Privatconzert in St. Cloud; Duchesne ſendet ſie. Das iſt noch nicht Alles. Sie wiſſen,“ ihre Stimme nahm einen gezwungenen Ton an, als ob es ihr ſchwer fiele, ruhig zu ſprechen,„um ſein Duell mit dem Fürſten Dobretzki; aber vielleicht iſt Ihnen unbekannt, wie er einen kaiſerlichen Befehl ausgewirkt hat, der dieſen nach St. Petersburg zurückruft.“ „Davon höoͤrte ich nie. Iſt das möglich?“ Haben Sie denn niemals ſeine willkürliche Gewalt erfahren, ſagte ſie halb geringſchätzig lächelnd,„daß Ihnen dieß Alles ſo fremd erſcheint; oder wirkt er ſo geheim, daß ſelbſt ſeine Verkrauteſten in Unwiſſenheit bleiben? ſo muß es wohl ſein.“ Sie hielt einige Augenblicke inne und fuhr dann fort: So kurz unſere Bekanntſchaft mit ihm iſt, beſitzt er doch bereits einen ſehr großen Einfluß auf meine Mutter. Ihr ſogar darf ich meinen Argwohn nicht mit⸗ theilen— während ich mit Ihnen— einem Fremden, fügte ſie ergriffen hinzu„von meinen Beſorgniſſen ſprechen muß.“ „Sind dieſe nicht unbegründet?“ ſagte ich, bemüht ihre Aufregung zu beruhigen.„In Allem, was Sie er⸗ wähnten, ſehe ich nur die Hingebung eines Mannes, der zu dienen, nicht zu beleidigen, der geliebt, nicht gefürchtet zu ſein wüunſcht.“ Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, als ich ein Geräuſch hörte, und ehe ich mich umdrehen konnte, ſtand Duchesne neben uns. „Entſchuldigen Sie, mein Fräulein,“ ſagte er im Tone gut erkünſtelter Schüchternheit,„ich würde es nicht wagen, eine ſo anziehende Unterhaltung zu unterbrechen, hatte mich die Frau Gräfin nicht nach Ihnen geſchickt.“ „Sie hätten kaum gelegener kommen können, mein 206 Herr, die Unterredung betraf gerade Sie,“ ſagte ſie ſtolz, ihm gleichſam Trotz bietend. „Wie köͤnnte ich mich einer ſo großen Ehre würdig gemacht haben, mein Fräulein?“ erwiederte er mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung;„oder ſchulde ich der Güte meines Freundes eine ſolche Theilnahme?“ Er ſprach das Wort„Freund“ mit offenbaren Hohne, während ein Seitenblick, den er unter ſeinen tiefen Augen⸗ wimpern hervorſchoß, ſeine Empfindungen noch deutlicher zu erkennen gab. „Es haben vielleicht Wenige ihren Freunden mehr zu verdanken, als der Chevalier Duchesne; ſagte ſie ſpöttiſch, als ſie meinen Arm nahm, um in den Salon zurückzukehren. „Wahr, ſehr wahr,“ erwiederte er mit tiefer, unter⸗ würfiger Verbeugung,„und ich hoſſe, ich bin nicht der Mann, der ſeine Schulden an Freunde oder Feinde vergißt.“ Ich wendete mich raſch um, als er dieſes ſagte; unſere Augen begegneten ſich, wir wechſelten einen herausfordernden Blick mit einander. Sein Ausſehen änderte ſich indeſſen plötz⸗ lich und mit ſorglos gleichgültigem Lächeln ſchlenderte er nach uns in den Salon, wo nun eine Menge Leute beiſammen waren, unter denen eine ungewöhnliche Aufregung herrſchte. mnerale von des Kaiſers Stabe waren da, und es die Unterhandlungen mit England ſeien plötzlich abgebrochen worden und die Geſandten haben ihre Päſſe verlangt. „Das iſt noch nicht Alles, Madame,“ ſagte ein alter Offizier zu der Gräfin;„die Nachrichten von Mainz ſind drohend. Starke Maſſen preußiſcher Truppen ſollen von Oſten her auf dem Marſche ſein. Der Telegraph war ſeit Mittag in Thätigkeit; vom Kriegsminiſterium wurden mehrere Couriere abgeſandt.“ 3 „Was wird noch kommen?“ ſeufzte die Gräfin, als ſie ſich Paris ohne den fröhlichen Hof und die Menge glänzender Offiziere dachte, welche damals faſt die einzige Geſellſchaft ausmachten. 1, 207 „Was zunächſt kommen wird, Madame?“ ſagte Duchesne—„Parbleu, das iſt leicht zu ſagen: eine Con⸗ ſeription, ein Marſch, ein Bivouac und eine Schlacht werden den erſten Akt ausmachen; dann Sieg, ein Bulletin und ein kaiſerliches Edikt, welches beweist, daß Preußen durch ſeine Sprache ſo wohl als durch ſeine geographiſche Lage von der Vorſehung beſtimmt war, Frankreich anzugehören — daß die Preußen keinen größern Wunſch haben, als geſchlagen und gebrandſchatzt zu werden. Die Ehre, ein Theil der großen Nation zu werden, iſt ja Entſchädigung genug für jedes Mißgeſchick.“ „So iſt es auch, mein Herr,“ fiel ein rauher, abge⸗ härt eter Veteran ein, deſſen plumpen und verwetterten Zü⸗ gen man deutlich anſah, daß er von der Pike auf gedient hatte.„Wer anders ſpricht, iſt kein Franzoſe.“ „Auf Ihre Geſundheit, Oberſt,“ ſagte Duchesne, ſein Champagnerglas anſetzend;„ein ſolcher Patriotismus iſt wirklich erhebend in unſeren ausgearteten Tagen. Ich wünſche Ihnen allen Erfolg in dem Feldzuge: was aber ihre Tapferkeit in dem armſeligen Bier⸗ und Proteſtan⸗ tenlande belohnen ſoll, kann ich unmsglich begreifen.“ „Morgen, kommen Sie morgen Nachmittag,“ flüſterte das Fräulein, als ſie dicht an mir vorbei ging. Ich nickte bejahend, als Duchesne ſich umwandte! in ſeinen Augen las ich, daß er dieſe leiſen Worte gehört⸗ hatte. Indeſſen fuhr er fort: „Was uns betrifft, die wir unrühmlich zurück bleiben, ſo bleibe uns nichts übrig, als Ihre Heldenthaten im Mo⸗ niteur zu leſen, und es wäre zu wünſchen, der würdige Herausgeber druckte ſeine Schlachten anſtändiger! Das ganze Blatt gleicht gewoͤhnlich eher einer geſchlagenen, als einer ſiegreichen Armee; verwundete Selbſtlauter und ver⸗ ſtümmelte Conſonanten bei jedem Schritt und die großen Buchſtaben gar ſind grobe, ungehobelte Burſche, die aus⸗ ſehen, als ob ſie von der Pike auf gedient hätten.“ „Donner und Wetter, Herr! wollen Sie mich beleidi⸗ 208 gen?“ ſagte der alte Oberſt mit leiſe ſeinſollender Stimme, die aber im ganzen Kreiſe deutlich gehört werden konnte. „Beleidigen, mein lieber Oberſt: tauſend Meilen da⸗ Heeres, das ſehr wirkſam ſein mag, aber kaum gut aus⸗ ſieht.“ Der Hohn, mit dem dieß geſagt wurde, iſt nicht zu beſchreiben, eben ſo wenig als der Aerger des aufgebrachten Oberſten, der die Stichelei wohl fühlte, ſie aber nicht zu beantworten verſtand. Glücklicher Weiſe wechſelte Ma⸗ dame de Lacoſtellerie geſchickt den Gegenſtand des Ge⸗ ſpräches und verhütete weitere Unannehmlichkeiten. Da⸗ ich ſehr wünſchte, nach Hauſe zu kommen, um etwas Be⸗ ſtimmteres über die Lage der Dinge zu erfahren, ſo ergriff ich die erſte Gelegenheit, den Saal zu verlaſſen. Als ich durch das Vorzimmer kam, ſtand Duchesne, ein Glas in der Hand, an einem Seitentiſche. Ich mußte nahe an ihm vorbei und nahm mir vor, ihn mit der unſerem jetzigen Verhältniſſe angemeſſenen kalten Höflichkeit zu grußen, als er in ſeinem gewöhnlichen ſcherzhaften Tone ſagte: „So früh fort? Wollen Sie nicht erſt ein Glas Wein nehmen?“ Nein, ich danke,“ ſagte ich kalt, mich zur Thüre wendend. „Auch nicht das Conzert erwarten; in einer halben Stunde kommt Graſſini.“ Ich ſchüttelte verneinend den Kopf und hörte im Hinausgehen, wie er ein bekanntes Volkslied ſummte, deſſen Worte er bedeutſam betonte; das 1 Ende davon hieß:. 1 „Heute mein, 8 Morgen Dein, Doch wird je dieß Morgen ſein?“ Daß Duchesne eine Herausforderung beabſichtige, ſchien mir nun ganz ausgemacht, und ich beſann mich auf die wenigen Bekannten, unter denen ich einen Sekun⸗ von entfernt. Ich ſprach nur von dem Typus unſeres 209 danten auswählen konnte, ohne jedoch zu einem befriedi⸗ genden Entſchluſſe zu kommen. Es fiel mir nicht ein, daß es Grundſatz des Chavalier war, nie Herausforderun⸗ gen abzuſchicken, ſondern in allen Fällen den Gegner zum Angreifer zu machen; und doch hatte er mir dieß ſelbſt ſo. oft geſagt. Doch jetzt dachte ich nicht daran und ging, mit dem Gedanken an unſeren Rencontre beſchäftigt, heim. Hätte ich gewußt, was in ſeinem Gemüthe vorging, ich würde mir viele ernſte und trübe Gedanken erſpart haben. Sechszehntes Kapitel. Eine plötzliche Abreiſe.- Ich hatte mir auf meinem Weg nach Hauſe ſo feſt in den Kopf geredet, Duchesne beabſichtige ſich mit mir zu ſchlagen, daß ich die ganze Nacht davon träumte und beim Erwachen am Morgen nichts anders glaubte, als die Sache ſei zwiſchen uns ins Reine gebracht. Ob⸗ wohl die Sitte des Dienſtes, in dem ich war, meine frühere Abneigung gegen das Duelliren ſehr abgeſtumpft hatte, ſo blieb mir doch noch genug Abſcheu gegen den Gebrauch, um nichts weniger als befriedigende Vor⸗ gefühle in mir zu erwecken; zudem wußte ich auch, daß Duchesne keinen Grund zum Kampfe mit mir hatte u nur aus Mißverſtändniß ein Duell fordern koͤnne, welches nach unſerem Militär⸗Ehrengeſetz zuvoͤrderſt angenommet werden mußte, worauf erſt nach der Urſache deſſelben ge⸗ fragt werden durfte. Ich bedauerte auch recht tief, in ſeinen Augen in ſo unwürdiger Rolle zu erſcheinen— als ob ich ſeine mir anvertrauten Intereſſen verrathen hätte. Mir mißfiel, wie ſchon geſagt, Manches an dem Chevalier Tom Burke. IW. 44 — ſeine unerſättliche Rachſucht, wo er einmal beleidigt worden war— ſein vorherrſchend intriguanter Geiſt— und über alles ſcheute ich ſeine Gewohnheit, dasjenige ver⸗ höhnend herabzuſetzen, was Alle um ihn liebten oder ver⸗ ehrten— er ſtreifte jede Täuſchung ab, die dem Leben Werth verleiht, und erniedrigte alles Große, Edle und Ehrwürdige auf den Standpunkt ſelbſtſüchtiger Befriedigung. Sein böſer Einfluß hatte mir in dieſer Beziehung ſchon geſchadet— er hatte mich meiner ſchönſten Jugendträume beraubt und mir die betrübende Betrachtung aufgedrungen, die mich nun ſtets verfolgte und mir jegliche vorüberge⸗ hende Lebensfreude verbitterte— ich meine den ſchmerz⸗ lichen Gedanken, ein Ausländer zu ſein— auf dieſer ruhmvollen Laufbahn, welche Andere verfolgten, nur die Rolle eines Söldlings zu ſpielen. Daß mich allein Pa⸗ triotismus nicht begeiſtern konnte, wenn Alles um mich her ihn triumphirend zur Schau trug— daß ich weder Hei⸗ mat noch Vaterland hatte! O, wenn doch diejenigen, welche daheim unter einer ſchlechten Regierung leiden oder zu leiden glauben— die von Sehnſucht nach Freiheit, von dem heiligen Wunſche durchdrungen, das Glück ihrer Mit⸗ menſchen zu fördern, den Despotismus, der jene unter⸗ drücken, oder die Grauſamkeit, welche dieſen Hohn ſprechen will, bekämpfen— wenn ſie nur vorausſehen könnten, daß ſie, indem ſie ein anderm Herrſcher Treue ſchwören; die Burde nur ändern, ſich aber der Laſt nicht entledigen— daß der Dienſt in einem fremden Lande kein Erſatz iſt für den Verluſt jedes Gefühles, das einen Menſchen an Ver⸗ wandte und Freunde knüpft— ſein Mannesalter mit ſeiner Jugend, ſeine Greiſentage mit beiden verbindet— das ihn in der Sprache ſeiner Väter zur Sympathie mmt mit dem Lande, in dem ſelehien= wenn ſie dieß nur erkannten und empfänden— wenn ſie zur Einſicht gelangten, daß ſie, indem ſie darauf verzichten, Alles ver⸗ lieren, was ihnen auf dem Ocean des Lebens einen Halt gibt— daß von nun an und für immer ſelbſtſüchtige Beſtrebungen bei ihnen an die Stelle der hochherzigen Ge⸗ danken treten müſſen, welche den Ehrgeiz anderer Men⸗ ſchen veredeln— dann werden ſie ſich beſinnen, bevor ſie Heimat und Vaterland verließen, um für eine fremde Sache zu fechten. 1 Wenn ſolche Betrachtungen in meine Seele Zutritt fanden, wie viele andere mußten ſie dann quälen! Ob⸗ wohl ich weder Familie noch Verwandte beſaß— und von meiner früheſten Kindheit an nie die Süßigkeiten herz⸗ licher Zuneigung gekoſtet, nie die Segnungen der Liebe eines Vaters an mir erfahren hatte— ſo verging doch kaum ein Tag, ohne daß ich an das ferne Land meiner Geburt, an ſeine Hügel und Thäler— an ſeine grünen Höhen und ſeinen wechſelnden Himmel dachte; und im Traume verſetzte mich irgend eine lang vergeſſene Melodie an den Herd des Hüttenbewohners, wo die armen, aber glücklichen Landleute um das Torffeuer ſaßen und ſich die Zeit mit Geſängen oder Geſchichten vertrieben— die bald von der alten Größe ihres Landes handelten— bald Hoff⸗ nungen künftigen Gedeihens athmeten. „Kapitän Burke's Wohnung;“ ſagte eine Stimme draußen. Zugleich verkündete Sporengeklirre und das Ge⸗ raſſel eines Säbels in dem Frager einen Soldaten. Meine Thüre ward geöffnet und ein Offizier in voller Staats⸗ uniform trat herein. Ich bat ihn, ſich zu ſetzen, da ich die Urſache ſeines Beſuches vermuthete, die er mir, wie es den Anſchein hatte, mit aller diplomatiſchen Förmlich⸗ keit mittheilen wollte— denn, nach den erſten Begrüßun⸗ gen, durchſuchte er eine Menge Papiere in ſeiner Säbel⸗ taſche. „Ahl hier iſt es,“ ſagte er endlich.„Entſchuldigen Sie dieſe Verzögerung. Sie vermuthen aber gewiß den Grund meines Hierſeins?“ „Ich muß geſtehen, ich bin darüber nicht in Zwei⸗ fel,“ ſprach ich lächelnd. „Deſſen war ich gewiß. Dieſe Dinge bleiben nie lange geheim— ich meines Theiles halte es auch gar züaſt,ſür nothwendig. Ich denke, Sie werden ganz bereit ein. „Sie werden mich ſo finden.“ „So ſagte auch der Miniſter,“ erwiederte er, wäh⸗ rend er wieder in ſeiner Säbeltaſche herumſuchte— und mich im größten Erſtaunen über ſeine letzten Worte ließ. Daß der Miniſter, welcher es auch ſein mochte, von mei⸗ nem Duell wiſſen und es genehmigen ſollte, war ein Räthſel, das ich nicht löſen konnte. „Hier iſt das Verzeichniß, das ich geſucht habe,“ da⸗ bei zog er einen ſchmalen auf beiden Seiten beſchriebenen Papierſtreifen heraus.„Darf ich Sie bitten, dieſe Ein⸗ zelnheiten abzuſchreiben,— ſie ſind kurz, aber wichtig.“ „Sie können ſich auf mein Gedächtniß verlaſſen,“ bemerkte ich über dieſe Umſtändlichkeit erſtaunt. „Wie es Ihnen gefällig iſt; alſo merken Sie wohl, was ich leſe:—„Kapitän Burke vom achten Huſaren⸗ Regiment, wird mit Cxtrapoſt nach Mainz reiſen und die folgenden Garniſonen unterwegs unterſuchen,“— hier fol⸗ gen die Namen, die Sie dann abſchreiben koönnen— „wobei ſeine Aufmerkſamkeit hauptſächlich auf die mit A. und B. bezeichneten Punkte gerichtet ſein muß, und—“ „Entſchuldigen Sie meine Unterbrechung, aber ich weiß in der That nicht, von was die Rede iſt. Sind Sie nicht im Auftrage des Chevalier Duchesne hier?“ „Des Chevalier Duchesne? Duchesne?— Nein. Dieß iſt eine Depeſche vom Kriegsminiſter. Sie müſſen in zwei Stunden abreiſen. Ich glaubte, Sie wären vor⸗ bereitet.“ „Hm! hier waltet ein Mißverſtändniß,“ ſagte ich und überdachte, inwiefern ich mich durch unüberlegte Aeußer⸗ ungen bloßgeſtellt haben mochte. „Durchaus meine Schuld, Kapitän Burke,“ ſagte er offenherzig.„Ich hätte zuerſt deutlicher ſein ſollen. Aber ich ſchloß aus irgend einem Umſtande— ich weiß wirklich ——— nicht mehr, aus was— die Bewegungen an der Grenze ſeien Ihnen bekannt und Sie ſeien in der That auf dieſen Befehl vorbereitet. Der Himmel weiß, wie weit uns un⸗ ſere Täuſchung geführt hätte; denn als Sie von Duchesne ſprachen— dem Er⸗Kapitän der kaiſerlichen Garde— nicht wahr—“ „Ja;— was iſt's mit ihm?“ „Nun, es fügte ſich, daß er dieſen Morgen mit dem Miniſter in deſſen Kabinette war und ihn kaum fünf Mi⸗ nuten verlaſſen hatte, bevor die Ordre für Sie ausgefertigt wurde. Wir haben indeſſen keine Zeit zu verlieren. Dieß iſt Ihre Depeſche für den Kommandanten der Truppen in Mainz, dem Sie mündlichen Bericht über die Ausrüſtung der kleinen Truppenabtheilungen machen werden, die Sie unterwegs in Augenſchein nahmen. Ich will Ihnen meine Liſte geben, die, zwar eilig entworfen, doch Ihrem Ge⸗ dächtniß zu Hülfe kommen kann. Vor Allem reiſen Sie ſchnell, damit Sie am Mittwoch Mainz erreichen. Eine halbe Stunde gewonnen in dieſen Zeiten, rückt um ein Jahr die Beförderung näher; und nun glückliche Reiſe.“ Ich ſtand eine gute Weile ſo verwirrt und erſtaunt, daß ich das Ganze für ein Spiel meiner Phantaſie ge⸗ halten haben würde, hätte ſich die Thatſache nicht durch den ungeheuren Umſchlag mit dem großen Amtsſiegel be⸗ ſtätiget. Die Schellen der Poſtpferde ertönten im Hofe unten und mahnten mich, daß eine Staatskaleſche mich er⸗ warte; ich traf daher auf das Eiligſte meine Anſtalten zur Abreiſe. 1 Ein Gedanke beſchäftigte ausſchließlich mein Gemüth. Duchesnes Einfluß leitete jetzt mein Geſchick. Die letzten von ihm im Salon ausgeſprochenen Worte klangen noch in meinen Ohren, dieß war ihre Erklärung. Dieſe plötz⸗ liche Abreiſe war ſein Werk, um mich von Paris zu ent⸗ fernen, wo ihm vermuthlich meine allzu genaue Bekannt⸗ ſchaft mit ihm läſtig fallen mochte und er in meiner Ab⸗ weſenheit ſeine Abſichten mit beſſerem Erfolge betreiben 214 konnte. So glücklich ich mich auch fühlte, eines Duells mit ihm überhoben zu ſein, war doch meine Eigenliebe tief verletzt durch den Gedanken, wie ſehr ich in der Ge⸗ walt dieſes Mannes ſei und wie willkührlich er über mein Geſchick entſcheide. Befriedigte mein Stolz eines Theiles der Umſtand, des Chevaliers Rachſucht gereizt zu haben, ſo fühlte ich doch ſchmerzlich mein Unvermögen, durch meine Bemühungen den Willen eines Gegners zu beſie⸗ gen, der mit ſo geheimen und ſo kräftigen Mitteln wirkte. Dieſelbe Philoſophie, die mir im Leben ſo oft zur Seite geſtanden, kam mir auch jetzt zu Hülfe— meine Pflicht getreu zu erfüllen und das Ergebniß der Zeit zu überlaſſen, mit dieſem geduldigen Entſchluſſe bot ich mei⸗ nem Gegner im Geiſte Trotz und verließ Paris. Die glühende Erregung, welche mein Herz beim Herannahen meines erſten Feldzuges erfüllt hatte, war nun in militäriſches Pflichtgefühl umgewandelt, welches, wenn auch weniger begeiſternd, doch ein beſtändigerer und halt⸗ barerer Beweggrund war. Ich ſah ein, Auszeichnungen könne ich nur im Felde gewinnen, nicht am Hofe— mein Platz war, wo Schwadronen einhieben und Carre's knie⸗ ten, nicht unter den Ränken der Hauptſtadt, ihrer Hinter⸗ liſt und ihren heimlichen Anſchlägen. Dort konnte ich ei⸗ nen ehrenvollen Namen erringen— hier war ich nur das Spielwerk verſchlagener Köpfe und weniger gewiſſenhafter Herzen, als das meinige. Früh am dritten Morgen, nachdem ich Paris verlaſ⸗ ſen, erreichte ich Mainz. Die Garniſonen, welche ich auf dem Wege beſuchte, hielten mich nie über eine halbe Stunde auf. Meine wenigen Fragen in Betreff der Truppen waren bald und leicht beantwortet; an den meiſten Orten waren die kommandirenden Offiziere in Kenntniß geſetzt, daß ihnen Bericht abverlangt werde und hielten denſelben ſchon bereit. Die verfügbare Streitmacht betrug zu der Zeit nicht uͤber achtzigtauſend, friſch Ausgehobene, Conſcri⸗ 215 birte des letzten Jahres, welche, wenn auch gut eingeübt und ausgerüſtet, noch nie die Beſchwerden eines Feldzuges erduldet, oder einen Feind geſehen hatten. Jenſeits der Gränze waren die erfahrnen Legionen des öſterreichiſchen Feldzuges, welche auf ihrem Rückmarſche nach Frankreich plötzlich Halt machen mußten und nur auf des Kaiſers wüſehl warteten, wohin ſie ihre ſiegreichen Adler tragen ollten. Wie jedesmal beim Ausbruch von Napoleons Krie⸗ gen, herrſchte die größte Ungewißheit in Beziehung auf die Richtung des Heeres und darüber, wo und gegen wel⸗ chen Feind der erſte Schlag geführt werden follte. Die bei Auſterlitz geſchlagene und zerſprengte ruſſiſche Armee ſollte, dem Geruͤchte nach, jetzt wieder reorganiſirt und verſtärkt im Felde ſein. Oeſterreich, raunte man ſich zu, ſchwanke in ſeiner Treue. Preußens militäriſche Vor⸗ bereitungen waren jedoch kein Geheimniß mehr; und Viele waren der Anſicht, Frankreich ſei beſtimmt, allein gegen ganz Europa zu kämpfen, wie in den Tagen der Repu⸗ blik. In Preußen war die kriegeriſche Begeiſterung des Volkes auf die höchſte Stufe getrieben. Der Hof, die Ariſtokratie, aber kräftiger noch als beide, die Preſſe, er⸗ hoben den Volksmuth durch Erinnerungen an Friedrich des Großen ruhmvolle Thaten und mahnten ſie nicht zu ver⸗ geſſen, daß die Schlacht bei Roßbach gegen ein franzöſi⸗ ſches Heer gewonnen worden war. Die Studenten— eine kräftige, geordnete Klaſſe— ſtanden in dieſer patrio⸗ tiſchen Aufregung voran. Ihre erregte Einbildungskraft erhitzte ſich an den herzerhebenden Geſängen Körner's und Uhland's, und von jenen ritterlichen Inſtinkten glühend, welche des Deutſchen Erbtheil ſind, zogen ſte im Lande herum und ermahnten ihre Mitbürger aufzubrechen und das„Va⸗ terland“ gegen den Angriff der Tyrannen zu vertheidigen. So deutlich war dieſes Gefühl ausgeſprochen, daß ſogar noch, ehe die Unterhandlungen abgebrochen waren, die junge 216 Ariſtokratie von Berlin ihre Säbel auf der Thürſchwelle des franzöſiſchen Geſandten wetzte. 4 3 Zu dieſer überſchwellenden patriotiſchen Begeiſterung trug auch die ſchöne Königin von Preußen mächtig bei. Die krummen Schlangenwindungen diplomatiſcher Ränke ſagten ihrer freiſinnigen und hochherzigen Natur nicht zu. Auf die angeborne Kraft deutſchen Charakters dertrauend, bot ſie kühn und offen dem Feinde ihres Landes Trotz und war es zufrieden, Alles auf den Ausgang einer Schlacht zu ſetzen. Das kältere und weniger zuverſichtliche Gemüth des Königs, ward mehr durch den Strom der öffentlichen Meinung, als durch eigene Ueberzeugung veranlaßt, dieſe gewagte Politik anzunehmen. Als er ſich aber einmal ent⸗ ſchieden hatte, zeigte er die ſeltenſte Kraft und den unbeug⸗ ſamſten Muth. 7 Dieß war die Stimmung des Volkes, der kriegeriſche Geiſt, den es athmete, als im Herbſt des Jahres 1806 das Kriegsgeſchrei von den Ufern der Oſtſee bis zu den Gränzen von Böhmen erſchallte.. Nie war die verwendbare Macht des preußiſchen Hee⸗ res vollzahliger. Seine Kavallerie gehörte, in Anzahl und Ausrüſtung, unbeſtreitbar zu den erſten, oder war vielleicht wirklich die erſte in Europa; die Artillerie behauptete ih⸗ ren Ruf, der ſie ſeit den Zeiten Friedrichs des Großen für die mächtigſte Stütze des Heeres erklärte. Der Kaiſer kannte dieſe Dinge wohl und wußte ſie zu würdigen; und ſein gegenwärtiger Feind machte einen ganz andern Ein⸗ druck auf ihn, als derjenige war, welcher beim öſterreichi⸗ ſchen Feldzuge ſein Gemuth erfüllte; er ſagte zu Soult: „In dieſem Kriege werden wir Hauen brauchen.“ Damit wollte er ſagen, daß gegen ſolche Gegner Feldbefeſtigungen. und Verſchanzungen ebenſo nothwendig ſein würden, als dicht gedrängte Schwadronen und Wälle von Fußvolk, Siebenzehntes Kapitel. Der Gipfel des Landgrafenberges. Nach einem kurzen Aufenthalt in Mainz empfing ich mit wahrem Vergnügen den Befehl, zu den Vorpoſten nach Wetzlar abzugehen, wo General d'Auvergne mit ſeiner Di⸗ viſion ſtand. Bereits überſchritten die Bataillone den Rhein und richteten ihren Marſch auf die verſchiedenen Sammel⸗ plätze längs der preußiſchen Gränze; einige zogen oſtwärts, wo Sachſen an das preußiſche Gebiet ſtoßt; andere nach Norden und nahmen ihre Stellungen in kurzen Tagmär⸗ ſchen von einander. Wieder herrſchte die nämliche drän⸗ gende Eile, welche die Eroͤffnung des öſterreichiſchen Feld⸗ zuges im Jahre zuvor bezeichnete. Manche Abtheilungen mußten ſieben bis acht Stunden im Tage marſchiren, und oft wurden ganze Kompagnien in ſechs⸗ und achtſpännigen Wagen weiter befördert, um mit der Maſſe ihrer Regimen⸗ ter zugleich anzukommen. Alle Straßen nach Oſten wa⸗ ren mit Theilen der Armee bedeckt. Bald war es ein Corps junger Conſcribirter, die glühend vor Begeiſterung und kampfluſtig mit lautem Jubel die Caleſche, in der ich ſaß, begrüßten, welche durch eine kleine mit einem Adler bezeichnete Flagge den Stabsofftzier andeutete. Bald war es der heiſere Anruf eines Vorpoſten, irgend eines alten Soldaten von Bernadotte's Armee, welche die ganze Strecke von Düſſeldorf bis Nürnberg beſetzt hielt. Dragonerpiquets mit Schaaren von Remontepferden eilten vorüber; und lange Reihen Wagen verſperrten die Straße. Endlich traf ich bei General d'Auvergne ein, der mit allem Eifer des jüngſten Soldaten ſich zum Marſche vor⸗ bereitete, der abgehartete Veteran verſchmähte den Ge⸗ brauch eines Wagens, ritt täglich an der Spitze ſeiner Kolonne und durchging die kleinſten Dienſteinzelnheiten mit den unter ſeinem Befehle ſtehenden Oberſten. 218 Von meinem Beſuche in Paris oder von der Gräfin ſprach er durchaus nicht, was mich ungemein befremdete; welche Gründe er dazu haben konnte, wußte ich nicht; ſeine Zurückhaltung that mir wehe; indeſſen war ich doch der Verlegenheit überhoben, welche mir die Nennung ihres Namens verurſacht hätte, und war froh, als unſer Geſpräch ſich auf die Kriegsangelegenheiten wendete, im Uebrigen war er ſo herzlich gegen mich, wie früher, ſprach ſeine Freude darüber aus, daß mir der beginnende Krieg Aus⸗ ſicht auf Beförderung eröffne und prophezeite einen Erfolg, den ich kaum zu hoffen wagte. „Die Stunde iſt nicht mehr fern,“ ſagte er eines Morgens gegen Ende September zu mir, als wir zuſam⸗ men ausritten;„die große Bewegung hat ſchon begonnen.“ Augereau mit ſeinem gewaltigen Armeekorps von zwanzig⸗ tauſend Mann, rückte von Frankfurt und Mainz vor; auf ſeiner Flanke bewegte ſich Bernadotte von Nürnberg und Bamberg herz Davouſt kam in Eilmärſchen von der Do⸗ nau; während Soult und Ney mit einer ſtarken Macht zur Beobachtung der öſterreichiſchen Grenze im Süden blieben. Weiter gegen Norden waren die friſch Ausgeho⸗ benen und die ganze, durch viertauſend Mann verſtärkte kaiſerliche Garde; dieſe mit Murats Cavallerie bildeten eine weite Linie, welche die preußiſche Grenze im Weſten und Süden umfaßte und mit Rieſenſchritten gegen das Innere des Köͤnigreichs vordrang. Doch tauſchten unter allem Getöſe marſchirender Schwadronen und dem Getüm⸗ mel vorrückender Heermaſſen die Diplomaten ihre Ver⸗ ſicherungen friedlichen Ausganges der Streitigkeiten, mit der höflichſten Darlegung gegenſeitiger Achtung aus. Am erſten September hatte der Kaiſer Paris verlaſ⸗ ſen, verbarg aber ſogar jetzt noch ſeine Abſichten, indem er ſich ſtellte, als hoffte er auf Frieden und ließ ſich von der Kaiſerin und ihrem Gefolge nach Mainz begleiten, wo plötzlich aller Glanz des Hofes, mitten unter dem Ge⸗ pränge und den Vorbereitungen des Krieges, entfaltet 219 wurde. Am ſechſten reiſte er mit Tagesanbruch ab; auf der Straße nach Wetzlar warteten unterlegte Pferde, und von da ging es mit aller Eile nach Bamberg, wo er ſeine große Proclamation an das Heer erließ. Mit ſeiner gewöhnlichen Beredtſamkeit ſtellte er dem Heere die beleidigenden Forderungen Preußens vor und ermahnte die Soldaten wie bei Auſterlitz, dieſe Drohung mit einem furchtbaren Siegesſchlag zu beantworten, der den Feldzug enden würde. „Soldaten,“ ſagte er,„ihr waret im Begriff, nach Frankreich zurückzukehren, um die wohlverdiente Ruhe nach allen euren Siegen zu genießen; aber es ſteht ein Feind im Felde. Der Weg nach Paris iſt euch nicht länger offen— weder ihr noch ich können ihn anders be⸗ treten, als unter einem Triumphbogen.“ Am Tage nach dem Erlaſſe dieſer Proklamation fand bei den Vorpoſten ein Reitergefecht ſtatt,, in welchem die Preußen ſo ziemlich den Sieg davon trugen. Zwei Tage ſpäter überbrachte ein Courier in's kaiſerliche Hauptquartier den Bericht von einer andern wichtigen Affaire zwiſchen den Grenadieren von Lannes und einem Theile von Su⸗ chets Corps, gegen die Vorhut des Prinzen Hohenlohe, welche Prinz Louis, der kühnſte General der preußiſchen Armee, befehligte. Ein Reiterkampf, der beinahe eine Stunde währte, beſchloß dieſes kurze, aber blutige Treffen, mit dem Tode des muthigen Prinzen, welcher ſh weigerte, ſich zu ergeben und von einem Quartiermeiſter des zehnten Huſarenregiments erſtochen wurde. 1 General d'Auvergne's Brigade war an dieſem merk⸗ würdigen Gefecht nicht betheiligt, denn am 9ten Oktober waren wir nach Rudolſtadt marſchirt, einige Meilen links vom Schauplatz dieſes Zuſammentreffens; aber nachdem wir in dieſer Gegend eine Demonſtration gemacht, wurden wir ſchnell zurückgerufen und erhielten Befehl, eilig über die Saale zu ſetzen und oſtwärts vorzurücken. Nun wur⸗ den Napoleons Bewegungen deutlich. Der nämliche An⸗ ſchlag, der in Ulm gelungen, ſollte auch hier wieder aus⸗ geführt werden: die Flanke des Feindes ſollte umgangen, die Verbindung mit nachrückenden Verſtärkungen abgeſchnit⸗ ten und eine Schlacht erzwungen werden, in der Nieder⸗ lage zur Vernichtung würde. So vollſtändig war der Er⸗ folg der Bewegungen des Kaiſers, daß am 12ten die fran⸗ zöſiſche Armee mit dem Nachtrab an der Elbe poſtirt war, während die Preußen eine Linie zwiſchen ihnen und dem Rheine beſetzt hatten. Dieſes meiſterhafte Manover zwang den Feind ſogleich, zurückzuweichen und ſeine Truppen um Weimar und Jena zuſammenzuziehen, wo, wie Napoleon ſogleich erklärte, der Schauplatz einer großen Schlacht ſein müßte. 1 Mit allen dieſen Einzelheiten mußte ich meine Leſer behelligen, ehe ich in meiner Erzählung weiter gehen konnte. Am Morgen des 13ten erſchien Murat zum erſten Male in unſerem Hauptquartier unterhalb Jena, und nach einer kurzen Berathung mit dem Stabe wurden unſere Schwadronen formirt und erhielten Befehl, eilig gegen Jena vorzurücken. Alles zeigte nun, die entſcheidende Stunde koͤnne nicht mehr ferne ſein; Couriere kamen und gingen, Boten und Ordonnanzen begegneten uns bei jedem Schritt; wie es ſtets der Fall iſt, gingen die widerſprechendſten Angaben über die Stellung und Anzahl des Feindes ein. Als wir uns Laußnitz näherten, hörten wir, daß die ganze preu⸗ ßiſche Armee das Plateau von Jena beſetzt habe, mit Aus⸗ nahme einer Abtheilung von zwanzigtauſend Mann, die bei Auerſtädt aufgeſtellt waren. Von unſerem hochgele⸗ genen Standpunkt konnten wir die Colonnen von Mar⸗ ſchall Bernadotte's Diviſion nach Oſten ziehen ſehen. Es wurde Halt befohlen und die Truppen bereiteten ihre Bi⸗ vouacs, als bei einbrechender Nacht ein Stabsoffizier des Kaiſers Befehl überbrachte, ſogleich nach Jeng vorzu⸗ dringen, Die Straße war durch Cavallerie⸗ und Wagenzüge ſehr aufgebrochen, und in der dunkeln Nacht wurde unſer⸗ Marſch dadurch oft erſchwert. Ich hatte mich an eine der vorderſten Schwadronen angeſchloſſen, als mir General d'Auvergne den Befehl ertheilte, mit einer Ordonnanz vor⸗ auszureiten, um in Jena für die Leute Quartier zu be⸗ ſorgen. Ich nahm einen deutſchen Soldaten zum Führer, ſprengte vorwärts und verlor die Truppen bald aus dem Gehoöͤr. Wir waren noch nicht weit, als ich am Auftreten der Pferde bemerkte, daß wir auf Erdwegen und nicht auf gepflaſterter Straße ſeien. Meine Ordonnanz behauptete aber, wir haben nicht vom Hauptwege abgelenkt und ſo ritten wir, ſo ſchnell als die Pferde vermochten, weiter. Doch der Lehm wurde immer tiefer und die, Straße enger und ſo viel uns die Dunkelheit errathen ließ, befanden wir uns eher auf einem Nebenwege, als auf der eigent⸗ lichen„Chauſſee.“ Umzukehren war nicht rathſam; die Dunkelheit ließ uns nicht hoffen, die Stelle zu finden, wo wir von der Hauptſtraße abgekommen, und ich beſchloß auf gut Glück weiter zu reiten. Nach etwa einer Stunde ſcharfen Trabes rief die um einige Schritte vorausreitende Ordonnanz„ein Licht“ und gleich darauf:„dort unten ſind viele Lichter.“ Ich hielt ſogleich an, denn es fiel mir plotzlich ein, wir könnten zu den preußiſchen Linien gekommen ſein. Mein Pferd gab ich der Ordonnanz mit dem Befehl, mir in kleiner Ent⸗ fernung geräuſchlos zu folgen und ging etwa eine Meile weiter, die Lichter ſtets im Auge behaltend; lſie bewegten ſich hin und her, woraus ſich ſchließen ließ, daß es keine Wachtfeuer waren. Endlich erreichte ich eine kleine Er⸗ höhung und ſah deutlich, daß es eine Reihe von Geſchützen und Artilleriewagen war, welche durch eine enge Schlucht zu fahren verſuchten; bald hörte ich franzöſiſche Stimmen, die alle meine Beſorgniſſe entfernten; ich beſtieg mein Pferd wieder und ritt ſchnell hinzu. Es waren vier Zuͤge von Lannes Artillerie, welche 222 gleich mir von der Hauptſtraße ab und auf einen Neben⸗ weg gekommen waren und hier, in eine enge Schlucht feſt⸗ geklemmt, weder vor noch rückwärts konnten. Der kom⸗ mandirende Offizier, ein junger Oberſt, war durch dieſen Unfall ganz außer Faſſung gebracht; er ſagte mir, daß die ganze Artillerie der Diviſion ihm nachfolge und un⸗ fehlbar in die nämliche Klemme kommen würde. Der arme Burſche, welcher gewiß furchtlos dem Feinde gegen⸗ über geſtanden hätte, war nun ſo außer ſich, daß er wie raſend von einem Orte zum andern rannte und durch ſeine Befehle und Gegenbefehle die Verwirrung nur noch er⸗ höhte. Einige der vorderen Stücke wurden ausgeſpannt und Verſuche gemacht, die Kanonen aus ihrer Lage zu heben; die Achſen waren aber auf beiden Seiten in den Felſen gezwängt, und ſchienen allen Bemühungen, ſie los zu bringen, zu trotzen. Die Verwirrung hatte den höchſten Gipfel erreicht, die Pferde waren abgeſpannt, die Mannſchaft ſtand in Gruppen herum oder rief einander wild zuz dann verbrei⸗ tete ſich wieder eine plötzliche Stille über die ganze Linie, und eine laute, ſtrenge Stimme rief: 4 „Wer kommandirt dieſe Diviſion?“ „General Latour,“ war die Antwort. „ Wo iſt er?“ ſagte der erſte Sprecher ſo nahe bei mir, daß ich mich erſchreckt umſah— es war die kurze, unterſetzte Geſtalt eines Mannes in einem Ueberrock mit einer ſtarken Peitſche in der Hand. „Mit der Hauptabtheilung bei der Nachhut.“ „Abgeſeſſen, Kanoniere! Fackeln voran!“ ſagte der Andere. Kaum waren dieſe gebracht, als ich den Kaiſer er⸗ kannte; ſogleich gewann das Ganze ein anderes Ausſehen; die Werkzeuge wurden herbeigeſchafft, Arbeiter⸗Abtheilun⸗ gen gebildet und in der Schlucht ertönten die Schläge kräftiger Arme, während Napoleon mit brennender Fackel in der Hand den Arbeitern zur Seite ſtand. 223 Er gab den Unteroffizieren und Soldaten Befehle, ohne die ihn umſtehenden zitternden Offiziere eines Wortes zu würdigen, zu denen ſich allmählig die mit dem Reſt des Trains Nachkommenden geſellten. Noch erblicke ich ſein blaſſes, unbewegliches Geſicht, das beim Flackern des Lichtes ſtarr den Arbeitern zuſah. Keine Silbe entſchlüpfte ihm, blos einmal murmelte er für ſich—„Und das iſt die Batterie, die morgen zuerſt hätte feuern ſollen.“ 3 Oberſt Savary ſtand an ſeiner Seite, wagte ihn aber nicht anzureden. Er wußte zu gut, daß ſein grimmigſter Zorn ſich durch Schweigen verkündete. Allmählig erweiterte ſich die Durchfahrt im Granitbette, die Achſen konnten wieder hindurch und die Pferde wurden angeſpannt. Der Kaiſer verließ den Ort nicht, bis der größte Theil des Artilleriezuges durch die Schlucht war; beſtieg dann ſein Pferd und ritt trotz der Dunkelheit in aller Eile gegen Jena vor. Ich folgte dem Hufſchlage ſeines Pferdes und in weniger als einer Stunde erreichten wir eine kleine Gruppe Häuſer, wo ein Cavallerie⸗Piket ſtand und mehrere große Feuer loderten, neben welchen an kleinen Tiſchen etwa ein Dutzend Offiziere vom Stabe ſaßen, emſig mit Depeſchenſchreiben beſchäftigt. Der Kaiſer hielt nur einige Augenblicke und ſprengte dann wieder weiter; ich bemerkte bald, daß wir eine ſteile Höhe erſtiegen, die mit Buſch⸗ werk und Reisholz bedeckt war. Wir waren noch nicht weit, als der einzige ihn begleitende Adjutant ſein Pferd umkehrte und ſchnell wieder den Berg hinunter ritt. Napoleon war nun allein, etwa fünfzig Schritte vor⸗ aus. Mein Gehör ſagte mir den Ort, wo er war, und ich konnte in der Dunkelheit die ſchwachen Umriſſe ſehen. Er ritt ſchnell, wo es der Boden erlaubte, war aber oft genöthiget, anzuhalten, um zwiſchen den Steinen und dem Zwergholz durchzukommen. Nie werde ich die ſeltſame Aufregung vergeſſen, die mich ergriff, als ich ihm den ſtei⸗ len Anhang hinauf nachfolgte. Da war er der größte 224 Monarch der Welt, allein, in der Dunkelheit ſeinen Weg ſuchend, ſeine Gedanken auf das große Ereigniß vor ihm gerichtet,— das fürchterliche Zuſammentreffen, wo Tau⸗ ſende fallen mußten. Der Gedanke, dem Manne, an deſ⸗ ſen kleinſtem Worte das Schickſal von Nationen zu hängen ſchien, ſo nahe zu ſein, erregte eine Art Scheu, und ich konnte den dunkeln Gegenſtand vor mir nicht ohne aber⸗ gläubiſche Verehrung, welche tiefer war als ſelbſt Furcht, für dieſen Mächtigſten unter den Menſchen anblicken. Ich achtete nicht auf die Zeit, und weiß nicht, wie lange es dauerte, bis wir den Gipfel des Hügels erreich⸗ ten, den ein kalter ſchneidender Wind beſtrich. Jetzt ſchien ſich eine weite Fläche auszudehnen, über die der Kaiſer ritt, als ſei ſie ihm gut bekannt. Während ich mich über die Sicherheit wunderte, womit er ſeinen Weg wählte, ge⸗ wahrte ich weit unten am Horizont ſchwachen Lichtſchim⸗ mer, nach dem er offenbar ſeine Schritte lenkte. Im Wei⸗ terreiten waren mehrere Wachtfeuer zu bemerken, die ſich weit gegen Nordweſt hin erſtreckten und deren gelber Schein ſich am Himmel ſpiegelte. Plötzlich hielt der Kaiſer, ſaß ab, war aber eben ſo ſchnell wieder im Sattel; und nahm nnun ſeine Richtung bedeutend mehr gegen Süden. Begie⸗ rig, zu erfahren, was ihn wohl zu der Aenderung könnte beſtimmt haben, ritt ich hin und ſtieg dann auf der Stelle ab. Es war die Aſche eines ausgebrannten Wachtfeuers, aus dem jedoch der Huf des Pferdes noch Funken ſchlug. Das alſo veranlaßte ihn, ſeinen Weg zu ändern; jetzt ritt er wieder ſehr ſchnell. Eine ſteile Anhöhe von einigen hundert Schritten lag vor uns; als wir oben ankamen, ſahen wir tauſend glänzende Wachtfeuer vor uns— ſo nahe ſchienen ſie, daß es ausſah wie ein feuriger Krater, von denen der Berggipfel erglühte, während drüben hinaus ein fahler Glanz den ſchwarzen Himmel röthete und ſich nach und nach in ſchwachgelben Wolken in die Dunkelheit verlor. Ein andere, noch viel längere Feuerlinie erſtreckte ſich weit nach Norden, aber mit großen Zwiſchenräumen, 3 225 etwa zwei Stunden lang, ſo viel ich ſchätzen konnte. Meh⸗ rere kleinere Feuer brannten in der Ebene und bezeichneten die Lage der äußeren Poſten; es war nicht ſchwer, die ver⸗ ſchiedenen Linien jeder Armee blos durch dieſe Anzeigen zu erkennen. Der Kaiſer ritt eine kurze Strecke vor mir her, als plötzlich der heiſere Anruf der Schildwache„Qui vive?“ ertͤnte. Vielleicht zu ſehr in ſeine Gedanken vertieft, mochte der Kaiſer den Ruf nicht gehört haben— er ant⸗ wortete nicht und ritt raſch weiter.„Qui vive?“ rief die Stimme noch einmal und ehe ich herankommen konnte, fiel ein Musketenſchuß, dem raſch ein anderer und noch einer, und dem das NRollen des Feuers längs der ganzen Ebene folgte, doch glücklicherweiſe nicht in der Richtung des Kaiſers— der ſich bereits vom Pferde geworfen hatte und platt auf dem Boden lag. Kein Augenblick war zu verlieren. Ich gab meinem ermüdeten Pferde die Sporen, ritt vor und rief, ſo laut ich konnte:„Der Kaiſer, der Kaiſer!“ Doch der Lärm übertönte meine Worte, es wurde wieder gefeuert; eine Kugel traf mich in die Schulter, eine andere tödtete mein Pferd— aber augenblicklich ſprang ich in die Höhe, rannte vor und wiederholte meinen Ruf— bevor ich mehr thun als auf die Stelle deuten konnte, kam Napoleon, ſein Pferd am Zügel führend, langſam mit ge⸗ meſſenen Schritten heran, ſein von den vielen hergebrachten Fackeln beleuchtetes Geſicht war kalt und ruhig.„Ihr waret gut auf eurer Hut, Kinder,“ ſagte er lächelnd; „ſchaut nur, daß ihr morgen eben ſo raſch zum Feuern bnſ ſeid!“ Wilder Jubel ertönte zur Antwort, er fuhr ort: 4 3 „Dieß ſind neu Ausgehobene, Lieutenant— die Garde würde mehr Geduld gehabt haben— wo iſt der Offtzier, der mir folgte?“ „Hier, Sire;“ ſagte ich und gab mir Mühe, meine Verwundung zu verbergen. 4 Tom Burke. IV.. 15 ſ— — S 226 „Steigen Sie auf und begleiten Sie mich zum Haupt⸗ quartier.“ 3 Mein Pferd iſt erſchoſſen, Sire.“ „Ja, parbleu;“ ſagte ein junger Soldat, der noch nicht gelernt hatte, Ehrfurcht vor ſeinen Obern zu haben —“ und er ſelbſt hat eine Kugel im Halſe.“ „Sind Sie verwundet?“ fragte der Kaiſer raſch. „Nur eine unbedeutende Fleiſchwunde im Arm, Sire!“ „Lieutenant,“ ſagte er zu dem Offtziere des Poſtens —„laſſen Sie den Wundarzt der Abtheilung nachſehen— und dann kommen Sie, ſo bald Sie können, ins Haupt⸗ quartier.“ Mit dieſen Worten ſtieg der Kaiſer wieder auf und war uns in wenig Augenblicken aus dem Geſichte. „Donner und Wetter!“ ſagte der alte Lieutenant, der ſeit den erſten Schlachten der Republik gedient hatte, ohne befördert zu werden—„Sie werden für die Ritze in Ih⸗ rer Epaulette Oberſt werden, wenn wir morgen die Preu⸗ ßen ſchlagen— und hier bin ich mit acht Wunden durch Blei und Stahl, und der kleine Korporal“ hat mich noch nie in ſein Bivouak eingeladen— aber kommen Sie, ich wollte nicht unfreundlich ſein— es iſt nicht Ihre Schuld, nur mein eigenes Mißgeſchick— doch da kommt der Wund⸗ arzt.“ Der Lieutenant hatte Recht— meine Epaulette war am ſchlimmſten davon gekommen— und in einer halben Stunde war ich auf dem Wege zum Hauptquartier. 4 Achtzehntes Kapitel. Der rothe Mann. Auf meinem Weg nach dem kaiſerlichen Quartier traf ich einige Schwadronen unſerer Dragoner an, die mich be⸗ nachrichtigten, ſo eben habe General d'Auvergne Befehl erhalten, zum Bivounak des Kaiſers zu kommen, wohin noch mehrere kommandirende Offtziere gleichfalls beordert waren. Ich hatte alſo wenig Ausſicht, den Kaiſer zu ſehen, und beſchloß, mich in der Nähe aufzuhalten, im Falle er— was nicht ſehr wahrſcheinlich war— an mich denken ſollte; dem zufolge geſellte ich mich zu mehreren jungen Unteroffizieren unſerer Brigade, neben einem großen Feuer, bei welchem eine Art von Cantine eingerichtet wor⸗ den war, in der allen Ankömmlingen Kaffee und Korn⸗ branntwein gereicht wurde. Napoleons glückliches Entkommen auf den Vorpoſten war bereits allgemein bekannt und der Gegenſtand der Unterhaltung, und ich ärgerte mich ein wenig, daß nie⸗ mand meiner erwähnte, obgleich die Sache auf die ver⸗ ſchiedenſten Weiſen erzählt wurde. Die einen ſagten, der Kaiſer ſei hinüber geritten und habe ſich mit dem vorrü⸗ ckenden Piket geſchlagen; Andere, es ſeien die Preußen ge⸗ weſen, welche gefeuert, als er durch ihre Linien geritten ſei, um zu rekognoſciren; blos darin ſtimmten alle über⸗ ein, daß nur Napoleon etwas ſo außerordentliches habe thun oder auch nur daran denken können, es zu thun. Ich hielt es nicht für angemeſſen, von dem Vorfall zu ſprechen, bis Seine Majeſtät ſelbſt es thäte. Ich hörte geduldig den verſchiedenen Erzählungen um mich her zu, und konnte mich überzeugen, wie ungeheuer ſtets Alles übertrieben wurde, was den Kaiſer betraf, und es weder Zeit noch Ent⸗ fernung bedurfte, um jeden Vorfall ſeines Lebens mit den grellſten Farben der Romantik auszuſchmücken. Des Kai⸗ ſers Thaten waren ein ergiebiger und paſſender Gegenſtand zur Beſprechung am Wachfeuer und der Reichthum an Anekdoten dieſer Art unerſchöpflich. Unter denen, deren Erinnerungen weiter zurückgingen, war ein alter Sergeantmajor der Infanterie— ein trocke⸗ ner, vernarbter, durchwetterter kleiner Burſche— der durch Strapatzen und Entbehrungen zu einem Klumpen von Seh⸗ 228 nen und Fibern zuſammengetrocknet war. Dieſer kleine Mann war eine jener ſonderbaren Miſchungen, deren es eine Menge in der Armee gab— der pfiffigſte Menſchen⸗ verſtand in allen gewoͤhnlichen Sachen, mit einem nnver⸗ brüchlichen Glauben an alle Geſchichten, in denen Napo⸗ leons Name vorkam. Es war in der That, als ob dieſer einen Beſtandtheil einer Erzählung von den Regeln befreite, nach dem ſich in gewöhnlichen Fällen der Glaube richtet. Die Unverwundbarkeit des Kaiſers war bei ihm ein fruchtbares Thema; er wußte eine Menge Anekdoten aus den egyptiſchen und italieniſchen Feldzügen, wo es unbe⸗ ſtreitbar bewieſen war, daß weder Schuß noch Stich Ge⸗ walt über ihn hatte. Von allen abergläubiſchen Meinun⸗ gen, die über den Kaiſer herrſchten, ſtand keine ſo feſt in ſeinem Gemüthe und wurde ſo ganz unbedingt geglaubt, als die Geſchichte vom„rothen Mann,“ der, wie behaup⸗ tet wurde, den Kaiſer jede Nacht vor einer großen Schlacht beſuchte, und mit ihm die Manöver für den folgenden Tag verabredete. Das„Rothmännchen,“ wie er genannt wurde, war ein Glaubensartikel im franzöſiſchen Heere, an dem es wenigen Soldaten einfiel zu zweifeln. Bei Einigen war es purer Aberglauben— bei Andern die Gewalt des Bei⸗ ſpiels— bei Manchen blos Indolenz, was ſie an dieſes berühmte Weſen glauben machte; der ärgſte Spötter über ernſtere Gegenſtände würde es nicht gewagt haben, den beinahe allgemeinen Glauben an dieſe übernatürliche Ein⸗ wirkung anzugreifen. Des Kaiſers bekannte Gewohnheit, am Abend vor einer Schlacht allein auszugehen, um Pi⸗ kets und Vorpoſten zu unterſuchen, war ein dieſem Aber⸗ glauben zu günſtiger Umſtand, um nicht zu deſſen Unter⸗ ſtützung angeführt zu werden. Auch war er, wie man wußte, ſtundenlang allein, wo nicht einmal die Marſchälle Zutritt hatten; und bei ſolchen Gelegenheiten wurde dann immer geſagt, das„Rothmännchen“ ſei bei ihm. Auch ſollten Schildwachen erklärt haben, ſie hätten heftigen Wort⸗ 229 wechſel zwiſchen dem Kaiſer und ſeinem Gaſte gehört— ferner, daß ſie einander gedroht; und einſt hieß es, das „Rothmännchen“ habe erklärt, wenn ſein Rath nicht be⸗ folgt werde, ſo werde Napoleon die Schlacht verlieren, ſeine Artillerie in Feindeshand fallen, und die„Garde“ ſich ergeben ſehen. „Mille tonnerres! Was ſagt Ihr da?“ fuhr der kleine Mann den alten grimmigen Soldaten an, der dies erzählte.„Ihr wißt nichts vom rothen Mann— kein Wort— wie ſolltet Ihr auch? Aber ich diente im zwei⸗ undzwanzigſten Linienregiment— dem Corps des alten Mongoten— die„Vorſtadtteufel“ hießen ſie. Der kannte ihn gut. Es war der rothe Mann, der machte, daß er wegen Verrath in Cairo erſchoſſen wurde. Ich war bei der zur Execution kommandirten Kompagnie; als er auf's Gras niederkniete, hob er ſeine Hand auf, ſo, und rief: „Voltigeurs von der Linie, hört mich! Ihr habt mich alle ſeit Jahren gekannt: Ihr habt geſehen, ob ich dem Feinde gleich einem Manne gegenüberſtand, Ihr koͤnnt ſagen, ob ich den heftigſten Angriff gefürchtet, den je ein Carré ausgehalten. Ihr wißt, daß ich unſerm General treu war. Wohlan, es iſt der rothe Mann, der mich dahin gebracht hat. Und nun— Gewehr in Arm! all mitein⸗ ander— geht doch, Kinder, verſucht's noch einmal— Gewehr in Arm— ah, das iſt beſſer,— präſentirt's Gewehr!— Feuer!“”“ „Morbleu! das Wort war noch nicht ausgeſprochen, als er ſchon todt war, und dort durch den Rauch— ſo gut als ich Euch da ſehe— ſah ich die Geſtalt eines kleinen, in Scharlach gekleideten Burſchen— vom Feder⸗ buſch bis zu den Stiefeln Alles gleich!— er ſtand auf dem Leichnam und machte mit den Händen drohende Ge⸗ berden, und das“— ſagte er mit feierlicher Stimme— „das war„Rothmännchen.“ 3 Dieſe Anekdote war entſcheidend. Gegen die Ver⸗ ſicherungen eines Mannes, der mit eigenen Augen den 230 beruͤhmten Rothmann geſehen, ließ ſich nichts einwenden und von dieſem Augenblicke an hatte er in Betreff der Biogra⸗ phie deſſelben das Monopol. Nach des Sergeant⸗Majors Erzählung— wer wollte ihm zu widerſprechen wagen— war der rothe Mann nicht der vertraute Freund und Rathgeber des Kaiſers; im Gegentheil, ſein boͤſer Geiſt, ſtets bemüht, ſeine Entwürfe zu vereiteln und ſeinen Abſichten Hinderniſſe entgegen zu ſtellen. Für Jeden ſchien abwechſelnd die Stunde des Triumphes zu kommen. Bald war es der rothe Mann— bald Napoleon, der die Oberhand hatte. Das Glück war dem Kaiſer lange günſtig geweſen, Sieg hatte alle ſeine Schlachten gekroͤnt. Dies hatte wahrſcheinlich den Rothen geärgert und er ſich ſeit Jahren weder hoͤren noch ſehen laſſen. Die letzte Sage von ihm erzählte ein Mann, der an des Generals Quartier am Berg Tabor Wache geſtanden. Es war Mitternacht— Alles war ſtill und ruhig im Lager. Die Soldaten ſchliefen, wie man vor einer Schlacht ſchlafen kann,— als der alte Grenadier, welcher vor General Bonaparte's Zelt auf und nieder ging, ſchnelle Schritte ſich nähern hörte.„Qui vive!“ rief er; keine Antwort.—„Qui vive!“ ſchrie die Wache noch einmal, trat zurück und ſchlug an, denn in demſelben Moment ſtrich etwas hart an ihm vorbei und in das Zelt. Er beſann ſich, was er thun ſollte. Die Wache in's „Gewehr rufen? Sie würden ihn nur ausgelacht haben — das hätte nichts geſchadet. Wenn aber wirklich Jemand zum General hineingedrungen wäre? Bei dieſem Gedan⸗ ken ſchlich er ganz nahe an's Zelt und höͤrte wirklich zwei Perſonen ſprechen. „Ah! biſt Du hier?“ ſagte Bonaparte,„ich erwar⸗ tete kaum, Dich ſo weit entfernt von Frankreich zu treffen.“ „Ach!“ erwiederte der Andere mit einem tiefen Seuf⸗ zer,„welches Land iſt mir noch offen— oder wohin ſoll ich fliehen? Ich flüchtete nach Brüſſel— da ſah ich eines —— ZPZP„· 231 Morgens die hohen Tſchako's Deiner Grenadiere die jähe Straße heraufkommen. Ich floh nach Holland— Du warſt am Tage darauf auch da. Nun, er geht nordwärts, dachte ich, ich will die entgegengeſetzte Richtung nehmen, und machte mich nach der Schweiz auf. Sacre bleu! das Rollen Eurer verdammten Trommeln ertöͤnte durch alle Thäler. Ich erreichte die Ufer des Po— Eure Truppen kamen am nämlichen Abend an. Ich eilte nach Rom— da bereiteten ſie Dein Nachtquartier. Fort alſo, noch weiter; ich durchkreuze Berge, Flüſſe und Seen, erreiche endlich die Wuſte und danke meinem Geſchick, daß tauſend Meilen zwiſchen uns liegen— und Du biſt auch da. Aus Barmherzigkeit zeige mir einen Fleck auf der Welt, einen kleinen Winkel, den Du nicht erobern willſt, und laſſe mich dort in Frieden leben. Du kannſt verſichert ſein, mir nie wieder zu begegnen.“ 4 Bonaparte ſchwieg einige Minuten und es war, als ob er des Rothmännchens Anſinnen überlegte. „Dort,“ ſagte er endlich,„ſiehſt Du die einſame Inſel dort im Meere?— dorthin kannſt Du gehen.“ „Wie heißt ſie?“ fragte Rothmännchen. „St. Helena,“ erwiederte der General;„ſie iſt nicht ſehe groß— aber ich verſpreche Dir, Dich dort nicht zu ſtoͤren.“ „Du willſt alſo nie dorthin kommen? iſt das aus⸗ gemacht?“. „Nie, ich verſpreche es. Und wenn ich komme, ſo ſollſt Du der Herr und ich der Sklave ſein.“ „Genug! ich gehe. Adieu!“ ſagte der kleine Mann, und im nämlichen Augenblick fühlte die Schildwache etwas am Arme vorbeiſtreifen; dann war Alles wieder ſtille im Zelt. „Ihr ſeht alſo,“ ſagte der Sergeant⸗Major,„von dieſer Stunde an war es beſtimmt, daß der Kaiſer die ganze Welt erobern und nur dieſen kleinen Fleck dem rothen Manne laſſen ſollte. Parbleu! das konnte er wohl thun.“ 232 „Wie groß mag die Inſel wohl ſein?“ fragte ein alter Grenadier, der mit der größten Aufmerkſamkeit zuge⸗ hört hatte.. „ Nicht der Rede werth;— ungefähr von der Größe eines in Carré aufgeſtellten Bataillons.“ „Pardieu! ein ſehr kleines Königreich!“ „Ha! das wäre nichts für den Kaiſer,“ bemerkte der Sergeant⸗Major lachend; die Andern ſtimmten ſogleich ein und es wurde noch mancher Scherz getrieben über die Albernheit eines ſolchen Gedankens. Ich ſaß am Wachtfeuer und horchte dieſen alten Feld⸗ zugserzählungen zu, bis Einer nach dem Andern ein⸗ ſchlief. Der gebräunte Veteran und der junge Conſcribirte, der alte Soldat von der Sambre⸗Armee und der bartloſe Knabe lagen nebeneinander— für Viele war es das letzte Mal, daß ſie auf Erden ſchliefen. Mit zunehmender Nacht herrſchte tiefe Stille im Lager und durch die dünne kalte Luft konnte ich von Ferne her die Tritte der Patrouillen und den Ruf der Ablöſungsworte beim Viſitiren der Vor⸗ poſten hören. Die preußiſchen Schildwachen ſtanden dicht bei unſeren Vorpoſten und wenn der Wind daher wehte, konnte ich oft die Töne ihrer Stimmen bei dem Aus⸗ tauſch der Signale vernehmen. Die ganze Nacht kamen und gingen Offiziere vom Zelte des Kaiſers ab und zu. Er ſchien ſich keine Ruhe zu gönnen. Endlich gegen Mor⸗ gen fiel ich vom Wachen müde und des Wartens über⸗ drüſſig, mit dem Kopf auf meine Knie gelehnt, in einen halben Schlaf. Ein unbeſtimmtes verdrießliches Gefühl, daß der Kaiſer mich vergeſſen, war mein letzter Gedanke, als ich einſchlief, und dieſe trübe Stimmung beherrſchte auch meine Träume. Ich erinnerte mich ſo lebhaft, als ob es erſt neulich geweſen wäre, der Verwünſchung der alten Hexe am Morgen als ich meine Heimath jauf immer ver⸗ ließ— ihrer Betformel, daß Unglück mich auf jedem Schritte durch's Leben verfolgen müſſe und in der Unklar⸗ 233 heit meines halb verſchwimmenden Denkens glaubte ich mich zum Unglück vorherbeſtimmt. Faſt alle Menſchen haben es ſchon erfahren, daß es im Leben Momente gibt, in denen die leichteſten Eindrücke ungewöhnlich tief im Gemüthe haften bleiben— es iſt, als wenn der Thon, aus dem wir geformt ſind, weicher wäre und die Spuren vorübergehender Ereigniſſe leichter aufnähme. Eine ſchwankende Vorſtellung, ein Zweifel, ein Traum reicht in ſolchen Augenblicken hin, um die ganze Kraft einer Ueberzeugung zu gewinnen— und es iſt wunderbar, mit welchem Scharfſinn wir jeden Umſtand unſerem Endzweck anpaſſen und wie ſehr wir uns bemü⸗ hen, uns in unſerer Selbſttäuſchung zu beſtärken. Es würde der Mühe werth ſein, nachzuforſchen, welchen Ein⸗ fluß dieſe Wahngebilde auf unſer Schickſal haben— in wie ferne die Stimmung des Geiſtes die kommenden Er⸗ eigniſſe umbildete— und in welchem Maße unſere Hoff⸗ nungen und Befürchtungen blos die Vorboten unſeres Ge⸗ ſchickes waren. Meine Traumgedanken waren ſehr düſter und beim Erwachen konnte ich ihrer nicht los werden. Ein ſchwerer dichter Nebel verhüllte alle Gegenſtände rund um⸗ her— nur die Wachtfeuer waren durch denſelben ſichtbar und ihr gelbes Licht ſchien unnatürlich groß. Die Lage die⸗ ſer Signale zeigte die Unebenheit des Bodens— ich ge⸗ wahrte nun, daß wir den Kamm eines langen ſteilen Hü⸗ gels beſetzt hielten, an deſſen Abhang und Fuße ebenfalls Feuer brannten— gegenüber erhob ſich ein anderer Berg — deſſen Gipfel weithin durch die Wachtfeuer bezeichnet wurde. Dieß ſchien mir, der Ausdehnung und Lage nach, die preußiſche Linie zu ſein. Vor dem Zelte des Kaiſers ſtanden viele Pferde, ihrer Aufzäumung nach, Offtzieren vom Stabe angehörend— und obwohl es noch nicht fünf Uhr war, ſo hatte es doch den Anſchein, als treffe man ſchon Vorbereitungen. Die Truppen waren noch ruhig, die dichten Colonnen bedeckten den Boden gleich einem Gewand und bewegten . 234 ſich nicht. Ich war ungewiß, wohin ich mich wenden ſollte, als ich Stimmen hoͤrte und der Kaiſer mit mehre⸗ ren Offtzieren aus dem Zelte trat. Bei dem lodernden Feuer, das vor dem Bivouac brannte, erkannte ich Gene⸗ ral Gazan und Nauſouty, den Befehlshaber der Garde⸗ küraſſiere. „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte der Kaiſer Duroe, der neben ihm ſtand. „Bald fünf Uhr, Sire.“ „Es iſt jetzt dunkler, als vor einer Stunde. Maiſon, wo iſt Bernadotte jetzt?— glauben Sie, in Domberg?“ „Noch nicht, Sire— er muß ſich zuſammennehmen, wenn er in drei Stunden hinkommen ſoll.“ „Ney würde jetzt ſchon dort ſein;“ war die raſche Antwort.„Aufgeſeſſen, meine Herren, und zur Fronte. Gazan, laſſen Sie ihre Diviſion unter die Waffen treten.“ Der General ließ es ſich nicht zweimal ſagen, ſon⸗ dern wendete ſein Pferd und ritt, von ſeinen Adjutanten begleitet, eilends den Berg hinab. „Dort iſt die erſte Tageshelle,“ ſagte der Kaiſer auf einen grauen Lichtſchimmer über dem Walde deutend. „Der Morgen bricht an, wie bei Auſterlitz.“ „Möge er ſo glorreich enden,“ ſprach der alte Nau⸗ ſouty mit ſeiner tiefen Stimme. „Das wird er,“ ſagte Napoleon,„was meinſt Du, „Murrkopf“?“ fuhr er fort, mit erkünſtelter Barſchheit den Grenadier anredend, der auf der Wache ſtand und mit der nachläßigen Unbefangenheit eines franzöſiſchen Sol⸗ daten auf ſein Gewehr geſtützt zuhoͤrte:„Was ſagſt Du? Du moͤchteſt wohl gerne Korporal werden?“ „Parbleu!“ brummte der rauhe Soldat—„der Grad will nicht viel ſagen— wäre ich nur Diviſionsgeneral, ſo könnte etwas aus mir werden. „Was denn?“ fragte Napoleon ſcharf.„Was?“ „König von Preußen, wahrhaftig, Du wirſt den Kitel morgen vor dieſer Stunde vergeben.“ Der Kaiſer lachte laut über den Einfall. Dieſe Schmeichelei hatte einen Reiz für ihn, mit dem keines Höflings wohlgeſetztes Kompliment wetteifern konnte; ich hörte noch ſein vergnügtes Lachen, als er langſam davon ritt und in der Dunkelheit verſchwand. Neunzehntes Kapitel. Jena und Auerſtädt. „Er hat mich vergeſſen!“ ſagte ich halblaut, den Ge⸗ ſtalten des Kaiſers und ſeines Stabes nachſehend, bis ſie im Dunkel verſchwanden.„Er hat mich vergeſſen! nun aber muß ich meine Brigade auffinden. Es iſt eine große Schlacht vor uns, vielleicht zeigt ſich ein Mittel, ſeine Er⸗ innerung aufzufriſchen.“ Mit dieſen Gedanken ging ich den Piketfeuern nach, verſichert, dort einige unſerer Cavallerie⸗ poſten anzutreffen. Als ich weiter ging, wirbelten fern zur Linken die Trommeln, allmählig näherten ſich die Toͤne, wie die In⸗ fanteriebataillone ſich zu formiren und ihre zerſtreuten Leute zu ſammeln begannen. Dichter Nebel ſchien die Dämme⸗ rung zu verdecken; der ſchwere Dampf fiel als dünner Dunſt⸗ regen und hüllte Alles in Dunkelheit. Niemand konnte mir Nachricht über den Standort der Cavallerie geben, auch hatte keiner der von mir Be⸗ fragten Reiter in der Nähe vorüber ziehen ſehen. „Die Voltigeurs dort im Thale koͤnnen Ihnen viel⸗ leicht Auskunft geben,“ ſagte ein Offtzier und deutete auf einige Feuer tief in der Schlucht unter uns; dahin lenkte ich nun meine Schritte. Das dumpfe Trommelwirbeln, ſchwellte nach und nach 236 zu einem ununterbrochenen Getöſe an, durch welches man Waffengeklirr und den zitternden Trott marſchirender Ko⸗ lonnen hören konnte. Aufregende Echos waren dieſe den bevorſtehenden Kampf verkündenden Töne, o! wie ſtärkten ſie mein Herz und machten es vom Soldatenmuthe po⸗ chen! Wie ich den Hügel hinabſtieg, wurde der Lärm im⸗ mer ſchwächer, bis ich mich in einer engen Schlucht befand, ſtill und ſchweigend wie das Grab. Der Uebergang war ſo ploͤtzlich und unerwartet, daß ich mich einen Augenblick verlaſſen und unbehaglich fühlte, und ich fürchtete zu weit vorgedrungen zu ſein. Konnte ich über unſere Linie hinaus ſein? Der Offizier ſprach doch von den Voltigeurs in der Fronte. Die Feuer hatte ich ſelber geſehen, es war alſo nicht zu bezweifeln. Ich verdoppelte meine Schritte und erreichte in weniger als einer halben Stunde eine of⸗ fene Gegend. Wenige hundert Schritte vor mir brannten die Wachtfeuer; auch hörte ich in verſchiedenen Richtungen viele im Chor ſingenden Stimmen. Das Ganze machte einen ſonderbaren Eindruck, die Töne kamen von verſchie⸗ denen Gegenden zugleich her und da Alle das nämliche Lied ſangen, erſchallte der Schlußchor laut durch das Thal. Mit den Füßen den Takt angebend, ſchritten ſie nach der Melodie und ſtellten ſich in Reihen, als ob die Regiments⸗ muſik ſpielte. Ich hatte oft gehört, daß dieß der Volti⸗ geure Brauch ſei, es aber noch nie zuvor geſehen. Das Lied war in jener Vorſtadt von Paris wohlbekannt, aus welcher die wildeſten und verwegenſten Soldaten kamen, und die ſie alle in dieſen ungekünſtelten Verſen feierten. Vorwärts, Picardie, Champagne, Vorwärts auf der Siegesbahn! Anjou, Maine und dann Bretagne! Ein Hurrah dem Faubourg St. Antoine! 1. Was gibt es luſtigeres als Jäger zu ſein! 1 Voran iſt er immer im Feld, Der Erſte beim Becher im Zelt. Vorwärts u. ſ. w. 2. Der Artilleriſt glaubt ſicher zu ſein, Dort hinter Schanzen und Thurm, Der Jäger aber formirt ſich in Reih'n Und nimmt ihm die Schanze im Sturm. Vorwärts u. ſ. w. 3. Des Huſaren Rock iſt mit Golde geſtickt, Er reitet auf muthigem Roß; Doch kaum hat der Jäger nur losgedrückt So tödet ſein ſichres Geſchoß. Vorwärts u. ſ. w. 4. Was pocheſt Du doch, o Küraſſier Auf Küraß und Degen ſo ſehr?. Der grüne Jäger gibt immer dafür Bajonet und Büchſe Dir her. Vorwärts u. ſ. w. 5. Und was willſt Du denn, o Trainſoldat, Gebunden ſtets an dein Geſpann? Dem Jäger ſperrt kein Fluß ſeinen Pfad— Hinein und das Ufer hinan! Vorwärts u. f. w. 6 Nicht Trommelſchlag, nicht Trompetenſchall, Nur Hörnerklang geht ihm voran, Wo das Treffen am heiß'ſten in Dampf und Knall— Ein Hurrah dem Faubourg St. Antoine! Vorwärts, Picarde, Champagne, Vorwärts auf der Siegesbahn, Anjou, Maine und dann Bretagne!— Der Erſte, der ſtürmt in die feindlichen Reih'n, Ein Hurrah dem Faubourg St. Antoine! 238 Wie der Geſang zu Ende war, ſetzten ſie die Melodie ohne Worte fort, und ahmten mit ihren Stimmen den Trommelmarſch nach. Bei der erſten Abtheilung, zu der ich gelangte, fragte ich den Offizier, in welcher Gegend ich die Cüraſſier⸗Brigade finden könnte. „Das kann ich Ihnen nicht ſagen, Kamerad, es er⸗ ſchien keine Cavallarie in unſerer Nähe, es wird auch wahrſcheinlich nicht geſchehen, der Boden iſt hier ſo auf⸗ gebrochen und durchſchnitten, daß ſie nicht agiren könnten. Aber unſer Fechtmeiſter iſt der Mann, der es Ihnen ſagen kann. Holla, Francois, kommen Sie einen Augenblick her.“ Ehe ich fragen konnte, ob dieſes mein alter Gegner bei Elchingen ſei, erſchien das Individuum, nahm einen Feuer⸗ brand vom Boden, leuchtete mir ins Geſicht und rief: „Ei was? Mein Freund Burke? beim Himmel, er iſt's.“ Nach den herzlichſten Begrüßungen fragte ich ihn, ob er mir Nachricht von d'Auvergnes Diviſion geben, oder mir den Weg zu ihr anzeigen koͤnne. „Die iſt jetzt mehrere Meilen weit entfernt,“ ſagte er kalt.„Als ich geſtern Abend unter dem Plateau von Jena war, erhielt dieſe Brigade Befehl, nach Auerſtädt vorzu⸗ rücken, um Davouſt's Infanterie zu unterſtützen. Sie waren ſehr ermüdet und hatten eben ihre Pferde angebunden, als die Ordre kam.“ „Wo liegt Auerſtädt?“. „Etwa vier Stunden auf der anderen Seite jenes hohen Berges.“ „Was ſoll ich thun? ich habe kein Pferd.“ „Und wenn Sie das beſte Pferd in der Welt hätten, ſo würde es Ihnen zu nichts nützen, als den Tag mit Herumreiten zwiſchen zwei Schlachtfeldern zu verbringen und von keinem etwas zu ſehen, denn wir werden heute heiße Arbeit bekommen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Nein, nein, bleiben Sie bei uns, ſeien Sie für heute Vol⸗ tigeur, und wir werden Ihnen etwas zeigen, was Sie vom Bärenfell Ihres Sattels nicht ſehen.“ 2 „Ich werde we Patſche kommen.“ „Das denken Sie nicht— der Mann, der ſeinen Weg mit den Voltigeurs des 22ſten macht, kommt nicht in Ver⸗ dacht, ſich verſtecken zu wollen. Da kommt der Major— melden Sie ſich gleich ſelbſt.“ Ohne meine Antwort zu erwarten, redete Francois den Offizier an, und ſetzte ihm mit wenigen Worten meine Lage auseinander. „Nichts konnte gelegener kommen,“ ſagte der Major. „Einer der Unſeren iſt mit Depeſchen zum Nachtrab ge⸗ ſchickt worden und wird in mehreren Stunden noch nicht zurück ſein. Ein leichter Cavalleriſt muß ja auch das Plän⸗ keln koͤnnen, wir wollen Ihre Geſchicklichkeit darin erpro⸗ ben. Kommen Sie.“ „Auf Wiederſehen,“ rief Francois, als ich mit dem Major forteilte, während die Voltigeurs wieder den vollen Chor anſtimmten und die Jubeltöne das Thal füllten. Ich folgte dem Major einen ſteilen holperigen Pfad hinab, an deſſen Fuße vom Gebüſche verborgen, zwei Com⸗ pagnien des Regimentes den äußerſten Vorpoſten bildeten und beſtimmt waren, die erſten Schüſſe mit dem Feind zu wechſeln. Vor uns lag ein Hohlweg, an beiden Seiten theil⸗ weiſe mit Bäumen überwachſen, welcher in allmähliger Neigung zum Fuße eines Hügels führte, auf dem preußiſche Infanterie ſtand, deren Linien durch lange Reihen Wacht⸗ feuer angezeigt wurden. Ein Pachthof mit ſeinen Neben⸗ gebäuden ſtand etwa auf der Mitte des Hügels, war vom Feinde beſetzt und durch zwei den Hohlweg beſtreichende Geſchütze vertheidigt. Den Poſten zu überfallen und zu be⸗ haupten, bis die Hauptkolonnen heraufkämen, war der Zweck des Voltigeur⸗Angriffes; und deßhalb ſammelten ſich kleine Abtheilungen heimlich und verſtohlen unter dem Schutze der Gebüſche, um hervorzuſtürmen, ſobald Befehl gegeben würde. gen meiner Abweſenheit in eine ſchöne Die Ausführung all dieſer Bewegungen überraſchte mich ſehr. Offiziere und Soldaten waren anſcheinend in völliger Verwirrung durcheinander gemiſcht— und nahten ſich nicht in regelmäßiger Ordnung oder nahmen eine be⸗ ſtimmte Stellung an gleich disciplinirten Truppen, ſondern ſie kamen zu zweien oder dreien kriechend und gebückt, und verbargen ſich plötzlich bei jeder günſtigen Stelle, die ſich ihnen darbot. Ihre geräuſchloſen vorſichtigen Bewegungen mahnten mich an Alles, was ich ſchon von der Kriegfüh⸗ rung der Indianer geleſen hatte, und in ihren eifrigen Ge⸗ ſichtern und durchbohrenden Blicken glaubte ich den erſten Stempel der Rothhäute wahrnehmen zu können. Die Be⸗ fehle wurden durch Zeichen gegeben und ſo ſchnell von einer Abtheilung zur andern weiter befördert, daß die ver⸗ ſchiedenen Haufen ſich wie auf einen Schlag zu bewegen ſchienen, obgleich der leitende Offizier eine ganze Meile von uns entfernt war. 3„Wiſſen Sie mit Feuergewehr umzugehen, Kamerad?“ ſagte der Major, indem er mir eine kurze Voltigeur⸗ Muskete in die Hand gab.„Hängen Sie dieſelbe auf den Rücken— Sie werden Sie dort oben wohl brauchen kön⸗ nen. Ich muß Sie jetzt verlaſſen: halten Sie ſich zu dieſer Abtheilung. Doch was iſt das?— dieſen Tſchako müſſen Sie nicht tragen— Sie würden mit dieſem ſchwarzen Pelzthurme anf dem Kopfe bald weggeblitzt werden. Cor⸗ poral, habt ihr keine vorräthige Fouragirmütze in eurem Torniſter? Ah! das ſchickt ſich beſſer fr einen Tirailleur und ſteht Ihnen verdammt gut an.“ Der letzte Umſtand kam mir nicht ſehr glaublich vor, ich war indeſſen doch dankbar für die Ausſtattung mit Muskete und Kappe, welche mich denen, die mich umgaben, gleich machte. Kaum hatte der Major uns verlaſſen, als der Cor⸗ poral dicht zu meiner Seite herankroch und mit dem Ge⸗ miſch von Achtung und Vertraulichkeit, welches der fran⸗ zöſiſche Unteroffizier ſo leicht annimmt, zu mir ſagte:„Sie 241 wünſchen vermuthlich ein Geplänkel zu ſehen, Kapitän, Sie werden vollkommen befriedigt werden.“ „Wie ſtark iſt euer Bataillon, Corporal?“ „Zwölfhundert Mann, und die ſind jetzt alle da im Thale, obgleich ich wetten will, Sie ſehen keinen Aſt ſich biegen, noch ein Blatt ſich bewegen, das ihren Verſteck verrathen könnte. Sehen Sie jenes niedere Geſtrüppe dort — unter ſeinem Schutze iſt eine Compagnie der Unſern. Das iſt das Zeichen zum Vordringen.“ Eine Bewegung mit dem Säbel war der Befehl, den er gab, verſtohlen voran krochen die Soldaten, bis ſie auf ein anders Zeichen wieder anhielten. Von dem kleinen Geſträuch, in dem wir jetzt lagen, bis zum Pachthofe war der Grund ganz offen, keine Staude noch Buſch wuchs da; eine leichte Neigung der Straße führte zum Thore, welches nicht mehr als drei⸗ hundert Schritte von uns war. Wir waren ein wenig rechts vom Wege poſtirt, aber das Feld ſtellte unſerm Angriff kein Hinderniß, keine Schwierigkeiten entgegen und dorthin richteten ſich unſere Blicke— der kurze Weg ſollte zum Siege oder zum Grabe führen. Von meinem Hinterhalte aus konnte ich die beiden den Weg beſtreichenden Feldſtücke ſehen, neben denen die Artilleriſten in geduldiger Aufmerkſamkeit ſtanden. Mit ſonderbarer Beklommenheit beobachtete ich einen dieſer Leute, der ſich von Zeit zu Zeit bückte, um die Lunte ne⸗ ben der Kanone anzublaſen, und dann aufmerkſam das Thal durchſpähte, in welchem Alles ruhig und geräuſchlos war. So viel ich beurtheilen konnte, war unſere kleine Ab⸗ theilung die vorderſte; obgleich eine kleine Gruppe Bäume zur Linken der Straße ein dem Feinde noch näherer Ver⸗ ſteck war, konnte ich doch nicht beſtimmen, ob es beſetzt ſei. Kein Wort wurde geſprochen, alle ſahen unverwandt nach dem Feind, nur der Corporal nicht, der das Signal erwartete, und mit blankem Säbel an der Seite nieder⸗ kniete. Die Todtenſtille dieſes Augenblickes, ſo ungleich Tom Burke. IV. 16 242 jeder Vorbereitung zu Kavallerie⸗Kämpfen, die peinliche Er⸗ wartung, welche Minuten zu Jahren ausdehnte, die unbe⸗ deutende Zahl der Abtheilung, ſo unähnlich den dicht ge⸗ drängten Schwadronen, an die ich gewöhnt war, doch mehr als alles der Mangel eines Pferdes, dieſer anregendſten Ermunterung zu Kriegsmuth und Kühnheit, entkräftete mich; und wenn mein Herz befragt worden wäre, ich fürchte, es würde den Geſang der Voltigeurs nicht be⸗ ſtätiget haben, die ihrer Waffe ſo überlegene Eigenſchaf⸗ ten üͤber das ganze Heer zutheilten. Tauſend und abertauſend Mal wünſchte ich an der Spitze einer Reiterſchaar den engen Pfad hinauf den An⸗ griff auf dieſe Kanonen zu thun; ja ſollten die Kartätſchen 1 auch den Boden fegen, das ſtürmiſche Vorwärtsſprengen eines Reiters läßt zur Furcht keine Zeit. Aber dieſes kalt⸗ blütige, verſtohlene Heranſchleichen, dieſes ermüdende Lauern konnte ich nicht ertragen. „Seht, ſeht“ flüſterte der Corporal und zeigte mit dem Finger nach der Baumgruppe zur Linken des Weges, „wie vortrefflich gemacht; dort geht noch Einer.“ Während er ſprach, gewahrte ich einen dunkeln Schat⸗ ten ſich dicht dem Boden nach bewegen und dann im Ge⸗ büſch verbergen, in welchem nun etwa zwanzig Mann verſteckt ſein konnten; zugleich hörten wir dumpfes Rollen wie fernen Donner, dann lauter, aber minder tief tönend das Krachen des Musketenfeuers. Anfangs folgten die Salven in längern Zwiſchenräumen, dann ſchneller und ſchneller, bis das Feuer allmählig weniger regelmäßig wurde; nach einer kurzen Pauſe ſchwoll es wieder mächtig an und ließ dann abermals nach. „Horch!“ ſagte der Corporal,„hören Sie nicht jauch⸗ zen? Jetzt wieder; die Plänkler weichen zurück, das Feuer iſt ihnen zu heftig.“ 3 „Welches, der Preußen? „Natürlich der Preußen. Horch! das war eine Salve, das iſt kein Tirailleurfeuer, die Kolonnen rücken anz nieder, Leute, nieder,“ flüſterte er, als drei oder vier, durch die Schüſſe aufgeregt, ihre Köpfe emporſtreckten, um zu horchen. In demſelben Augenblick richtete ein Geräuſch in der Fronte unſere Blicke dorthin und wir ſahen eine Ab⸗ theilung reitender Artillerie mit einem leichten Achtpfünder den Weg herabkommen, den ſie im Begriffe waren, auf einer kleinen Erhöhung des Bodens etwa achtzig Schritte von dem Geſtrüppe aufzupflanzen. „Wie ich den Kerl auf dem Grauſchimmel herab⸗ ſchießen könnte,“ flüſterte ein Soldat neben mir ſeinem Kameraden zu. „Und nachher das ganze Feuer auf uns bringen;“ erwiederte der Andere, „Weßhalb müſſen wir wohl warten?“ ſagte der Cor⸗ poral ungeduldig.„Sie machen den Platz ſo ſtark wie eine Feſtung, ſchau, kommt dort nicht noch Verſtärkung.“ Während er ſprach, verkündeten ſchwere Tritte die Ankunft friſcher Truppen, und das Geräuſch und die Geſchäftigkeit im Pachthofe zeigten deutlich, daß mit aller erforderlichen Eile Vorbereitungen zu ſeiner Vertheidigung gemacht wurden. 3 Es war ſieben Uhr vorbei, mit Tagesanbruch wurde der Nebel noch dichter und ſo undurchdringlich, daß wir eder das preußiſche Piket noch die Kanonen am Wege lehen konnten; während deſſen dauerte das Schießen in der Ferne fort, ſchien jedoch ſchwächer als zuvor. „Hah!l jetzt kommt's,“ ſagte der Corporal, als wir gellendes Pfeifen zu unſerer Linken hörten.„Seht zu euern Gewehren, Männer!— ſtandhaft.“ Eine Pauſe entſtand, alle horchten mit verhaltenem Athem, da ſagte er wieder: „Jetzt gilts, vorwärts! Burſche, vorwärts!“ mit dieſen Worten ſprang er hervor, aber noch immer gebückt, als ob ihn der dichte Nebel noch nicht genug verberge. Mit vorſichtigen Schritten folgten die Leute ihrem Führer, die Karabiner mit aufgeſtecktem Bajonnet in den Händen. Einige Minuten lang ſtiegen wir den Hügel empor 244 und näherten uns nach und nach dem Wege, längs deſſen uns ein niederes Bord einigen Schutz gegen das Feuer gewährte. Hier hielt der Corporal einige Sekunden an, als ein anderes, kaum hörbares Pfeifen durch die Luft tönte. Mit einer vorwärts deutenden Bewegung der Hand gab er Be⸗ fehl zum Vordringen und nahm die Richtung längs der Straßenſeite. Wir folgten in einer Reihe, ich war gerade hinter dem Corporal, deſſen geringſte Bewegung ich mit einer unerklärbaren Aufmerkſamkeit bewachte. Nun ſtand er ſtill, drehte ſich um, kniete nieder und richtete ſein Feuergewehr über den kleinen Erdwall, eine Bewegung, welche Alle ſo⸗ gleich ſchnell und ſtillſchweigend nachahmten. Gerade vor uns und dem Anſcheine nach kaum zwölf Schritte entfernt, konnte durch den Nebel der gelbe Schim⸗ mer der brennenden Lunte erkannt werden; dorthin richtete ſich jedes Auge und zielte jede Muskete. Wir knieten mit klopfendem Herzen, als plötzlich mehrere Schüſſe aus dem Thale und von der andern Seite des Weges erdröhnten, die der Feind eben ſo ſchnell beantwortete, und nun folgte ein ungeregeltes, doch lebhaftes Kleingewehrfeuer.„Jetzt,“ rief der Corporal laut,„jetzt und Alle zugleich,“ da wur⸗ den mit einem langen, betäubenden Knall alle unſere Ge⸗ wehre losgebrannt, und wildes Geſchrei der Verwundeten miſchte ſich in das Krachen, als wir den Erdwall über⸗ ſtiegen und auf die Geſchütze losſtürzten.„Nieder, Leute, nieder!“ rief unſer Anführer, als wir in den Weg ſprangen; das Wort war kaum ausgeſprochen, als eine helle Flamme aufleuchtete und ein lauter Knall erfolgte, wir hörten wie die Traubenſchüſſe in das Thal hinab pfiffen und ſich im Gehoͤlz durch Aeſte und Laub den Weg bahnten. „Vorwärts, Burſche, jetzt iſt's an euch!“ ſchrie der Corporal, als er auf und zu der Kanone hinſprang; mit einem kräftigen Anlauf erreichten wir die Höhe, als eben — —4— die Kanoniere luden. Sie wichen zurück und ſchnell rückte Infanterie vor. Der Nebel verbarg zum Glück unſere geringe Anzahl, ſonſt hätten uns die Preußen ſogleich zermalmt. Es trat eine augenblickliche Pauſe ein, dann wurde von beiden Seiten gefeuert, eine unregelmäßige Salve losgebrannt und die Musketen zum Stürmen geſenkt. Was jetzt aus unſerem kleinen Haufen hätte werden müſſen, konnte nicht bezweifelt werden, als ploͤtzlich durch den blauen Pulver⸗ dampf Bajonete ſchimmerten und das laute Vivat unſerer Kameraden durch die Luft erſcholl. So ſchnell war ihr An⸗ lauf und ſo gedrängt kamen ſie heran, als ob ſie aus der Erde heraufgeſtiegen wären. Mit dem Rufe„Vorwärts“ drangen wir vor; der Feind zog ſich hinter den Schutz⸗ wall des Weges zurück, wo er ein lebhaftes Feuer gegen die Kanone unterhielt, die wir uns nun alle Mühe gaben gegen die Mauern des Pachthofes zu richten. 3 Der Nebel verzog ſich jetzt, und nun waren wir dem ſcharfen Feuer ausgeſetzt, das nicht nur längs des Weges, ſondern aus allen Fenſtern und jeder Mauerritze des Pacht⸗ hauſes auf uns unterhalten wurde; es fielen viele unſerer Leute— einige ſchwer verwundet, denn auch für die Wei⸗ teſten betrug die Entfernung kaum halbe Schußweite. „Das Bajonnet, Leute, das Bajonnet; laßt die Ka⸗ none und ſäubert den Weg von jenen Burſchen,“ ſagte der Major, ſprang über die Umzäunung und führte ſelbſt an. Wir zählten jetzt vier ganze Compagnien, ſo daß unſer Angriff den Feind ſogleich wegtrieb, welcher ſich unter be⸗ ſtändigem Feuern in den Hof des Pachthauſes zurückzog. „Bringt die Kanone herauf Jungens, wir wollen bald eine Breſche haben! befahl der Major, aber unglücklicher Weiſe hatte die Partie, welche die Kanone beſchützen ſollte, aus Aerger zurückbleiben zu müſſen, als ihre Kameraden vordrangen, das Geſchütz von der Laffette geworfen und den Berg hinunter gerollt. Ein„sacré“ über ihre Dummheit brummend, befahl der Offizier die Mauern zu erſteigen. Wenn Ehre, Rang und Reichthum anſtatt Tod und Verderben auf der anderen Seite der Mauer geweſen wäre, ſie hätten nicht raſcher gehorchen können; Einer auf des Andern Schulter, erſtiegen die tapferen Burſche die Mauer, aber nur um todt oder ſchwer verwundet in ihrer Kameraden Arme zurück zu fallen; dennoch ließen ſie nicht nach. Ein tollkühnes Ver⸗ achten der Gefahr verdrängte jeden anderen Gedanken, und ihr Geſchrei ward wilder und heftiger je tödtlicher das Feuer ſie traf, während das Jubeln von Innen ihre Wuth zum Wahnſinn ſteigerte. „werft Euch nieder ſage ich;“ eine Todtenſtille erfolgte, die Soldaten zogen ſich hinter das Gehäge zurück und legten ſich mit dem Geſicht platt auf den Boden; ein dumpfes ziſchendes Geräuſch ward gehört, und mit Don⸗ nerknall ward das ſtarke Thor zerſplittert, und in flam⸗ menden Stücken über das Feld zerſtreut. Das Krachen der den Balken hinein drängten ſich die wüthenden Soldaten; nun begann eine Metzelei, die nur ein ſolches Handgemenge hervorzubringen im Stande war. Aus allen Thüren und Fenſtern unterhielten die Preußen ein tödtliches Feuer, aber die ſchwellende Fluth des Sieges war mit uns, wir drangen mit gefälltem Bajonnet auf ſie ein, und da keiner ſchonte, auch keiner Schonung verlangte, mähte der Tod raſch. Dem wilden Schlachtrufe, dem Krachen, dem Ge⸗ klirre, dem Tumult des Gefechtes folgte ein immer ſchwä⸗ ſchrei der Verwundeten, das Stöhnen der Sterbenden und Alles war vorbei. Wir hatten geſiegt; aber welch ein Sieg!— Der Garten, der Hof, die Treppen waren mit unſern Todten bedeckt, in jedem Gemach lagen Leichen unſerer braven Soldaten, ihre rauhen Geſichter noch trotziger im Tode als im Leben. 1 Einige Minuten ſtarrten wir ſprachlos den blutigen „Zurück, Männer— tretet zurück,“ rief der Major, 3 Petarde beantwortete wilder Jubel, und über die brennen- cher werdendes Schießen, und dann das dumpfe Klagege⸗ . 247 Schauplatz an, es war als ob der traurige Anblick uns entnervt hätte, als von der Bergſeite her dumpfer Trom⸗ melwirbel alle Horcher aufſchreckte. „Die Preußen! die Preußen!“ ſchrieen drei bis vier Stimmen zuſammen.. „Nein, nein,“ rief Frangois,„ich war zu lange Tam⸗ bour, um dieſen Schlag nicht zu kennen. Das ſind die Unſern.“ 8 Die Trommeln rollten voller und lauter, und bald zeigte ſich die Spitze einer Colonne auf der Höhe der Straße. Die Sonne beſchien ihre bunten Uniformen und glänzenden Waffen, der hohe, prächtig gekleidete„Tambour⸗ Major“ ſchritt ſtolz voraus. „Richt euch, Leute und zur Fronte,“ ſagte der Major der Voltigeure, der wohl wußte, daß ſein Platz vorne war und mit Stolz fühlte, er habe ihn rühmlich ge⸗ wonnen. Als die Kolonne den Weg herauf kam, liefen die auf allen Seiten im Felde zerſtreuten Voltigeure vor; nichts hinderte mehr ihren Lauf, kein Feind ward ſichtbar und wir erſtiegen die Höhe, ohne daß ein Schuß fiel. Als ich einen Augenblick ſtille ſtand, um Athem zu ſchöpfen, konnte ich nicht unterlaſſen, mich umzuwenden und das Thal zu betrachten, welches mit Bewaffneten an⸗ gefüllt, einen prächtigen Anblick gewährte. In langen An⸗ griffskolonnen zamen ſie heran und die Artillerie füllte die Zwiſchenräume aus. Glänzendes Sonnenlicht ſchien dar⸗ über und ich konnte deutlich die verſchiedenen Brigaden unterſcheiden, deren Farben mir bekannt waren. Meine Augen irrten über das Feld, um Cavallerie zu ſuchen, die Waffe, welche ich vor allen andern liebte, denn mehr als alle übrigen rief ſie den ritterlichen Geiſt vergangener Zeiten wieder in's Leben und erfüllte den Reiter mit dem Heldenmuth der alten Kämpen. Doch keine war zu ſehen. Die Beſchaffenheit des Bodens würde ihre Bewegungen wirklich gehindert haben, und ich ſah, daß hier, wie bei Auſterlitz, der Tag der Infanterie gehörte. Wir kletterten die Anhöhe hinauf und erreichten end⸗ lich den Berggrat, wo ſich uns ein Anblick darbot, der alles Großartige, was ich bis jetzt im Kriege geſehen, bei Weitem übertraf. Auf einem weiten Tafellande, deſſen Oberfläche leichte, wellenförmige Erhöhungen zeigte, war das ganze preußiſche Heer in Schlachtordnung aufgeſtellt — eine prachtvolle Streitmacht von beinahe dreißigtauſend Mann Infanterie, die Flanken durch zehntauſend Klingen der ſchönſten Kavallerie in Europa gedeckt. In Folge eines unbeſchreiblichen taktiſchen Fehlers hatten ſie dem Erſteigen des Berges durch die Franzoſen kein anderes Hinderniß entgegengeſtellt, als die plänkelnden Truppen, die bei unſerer Ankunft zurückwichen; auch jetzt noch ſchie⸗ nen ſie des Feindes Aufſtellung geduldig zu erwarten, ehe der Kampf beginnen ſollte. Als unſere Kolonnen auf dem Gipfel des Hügels waren, deployirten ſie ſogleich, um das Vorrücken der Nachfolgenden zu decken; doch dieſe Vorſicht ſchien nicht nothwendig, denn am äußerſten linken Flügel, ausgenommen, wo wir früher das Feuer hörten, bewegte ſich im preußiſchen Heer kein Mann, und man ſchien dort auch nicht zum Angriff geneigt. Es war jetzt neun Uhr; der klare und wolkenloſe Himmel eines ſchönen Herbſttages geſtattete dem Auge meilenweit herumzuſchauen. Die preußiſche Armee, nur vierzigtauſend Mann ſtark, war in einem Halbkreis auf⸗ geſtellt, deſſen Woͤlbung unſerer Fronte zugewendet war, während unſere Truppen, neunzigtauſend an der Zahl, ihre beiden Flanken überflügelten und ſich weit über ſie ausdehnten. Die Schlacht begann mit dem Vorrücken franzöſiſcher Kolonnen und dem Rückzuge des Feindes; beide Bewe⸗ gungen wurden ohne einen Schuß abzufeuern, ausgeführt und das Ganze ſchienen die Manöver eines Muſterungs⸗ tages zu ſein. 249 Als endlich die Preußen die Stellung eingenommen hatten, welche ſie behaupten wollten, ſah man ihre Ge⸗ ſchütze vorrücken, Kavallerieſchwadronen lösten ſich von den Infanteriemaſſen ab und auf der ganzen Linie ward ein furchtbares Feuer eroͤffnet. Unſere Truppen gingen en tirailleurs vorwärts, das heißt, ganze Regimenter zum Plänkeln zerſtreut, welche, wenn ſie gedrängt wurden, ſich zurückzogen und die Kolonnen zum Vorſchein kommen ließen. 3 Die Diviſion, bei der ich war, erhielt Ordre, ſchräg über die Fläche auf einige Hütten los zu marſchiren, welche, wie ich bald hörte, das Dorf Vierzehnheiligen und der Mittelpunkt der preußiſchen Stellung waren. Mörderiſches Artilleriefeuer beſchoß die Kolonne auf dem Marſche und unſer Verluſt war bedeutend, noch ehe wir die Hälfte des Weges zvrückgelegt hatten. Mehr als ein⸗ mal ertoͤnte der Ruf„Kavallerie!“ und ſo ſchnell wie die Warnung ſelbſt bildeten wir ein Carré, um die unge⸗ ſtümen Reiter zu empfangen, die raſend heran ſprengten. Ney ſtand ſelber im Viereck und ermunterte die Leute durch ſeine Gegenwart und durch Zurufe bei jeder Salve, die ſie auf den Feind abfeuerten. „Dort, Leute, dort iſt der Mittelpunkt ihrer Stel⸗ lung,“ ſagte er, auf das Dorf deutend, welches von Soldaten wimmelte, während mehrere Kanonen auf einer Anhöhe daſſelbe vertheidigten und ein Trupp Kavallerie ſich in der Nähe herumtummelte, um auf die einzuſprengen, die kühn genug wären, es anzugreifen. Wilder Jubel be⸗ antwortete ſeine Worte, der General und die Soldaten hatten beide einander verſtanden. Die Diviſion wurde in zwei Angriffskolonnen ge⸗ theilt und„Vorwärts“ kommandirt.„Schritt gehalten, Leute,“ ſagte General Dorſenne, der diejenige befehligte, zu der ich gehörte, und gehorſam marſchirten wir, wie auf der Parade. Hier muß ich einen Umſtand erwähnen, der, wenn auch unbedeutend, doch einen Zug der beſon⸗ 250 dern Art von Muth darſtellt, welcher den franzöſiſchen Offizier im Kriege auszeichnete. So wie die Linie vor⸗ rückte, eröffnete die preußiſche Batterie, welche die Schuß⸗ weite inzwiſchen genau berechnet hatte, ein lebhaftes Feuer auf uns, namentlich auf den linken Flügel; als die Leute ſo in Menge fielen und die Kartätſchen durch die Reihen flogen, begannen die Linien zu ſchwanken und an vielen Stellen zeigten ſich Lücken in der Fronte. Dorſenne ſah es ſogleich und ſtellte ſich ſelbſt vor die Fronte, dem Feinde den Rücken zugewendet, rief er wie auf der Pa⸗ rade,„Angeſchloſſen— Angeſchloſſen. Hierher— links, rechts— links, rechts,“ ſo ging er Schritt für Schritt rückwärts und bezeichnete mit dem Degen den Takt, wäh⸗ rend die Kugeln um ihn her flogen und die Traubenſchüſſe den Boden aufriſſen. Solcher Muth ſchien ihn ſchußfeſt zu machen, denn während rings um ihn eine Menge fie⸗ len, wurde er nicht einmal verwundet. Das Dorf wurde mit dem Bajonete angegriffen und auf gleiche Weiſe empfingen uns die Feinde. So lange ihre Artillerie das Feuer fortſetzen konnte, war unſer Ver⸗ luſt fürchterlich, wie wir aber unter dem Schutze der Wälle und an den preußiſchen Reihen waren, endete das Schießen und der Kampf wurde zum Handgemenge. Zwei⸗ mal brachen wir uns Bahn die Anhöhe herauf und zwei⸗ mal wurden wir zurückgeſchlagen; der Feind erhielt be⸗ deutende Verſtärkung, als lauter Trommelwirbel und Ju⸗ belruf hinter uns unſern Muth auf's Neue belebte— es war Lannes' Diviſion, die im Sturmſchritt nahte. Sie öffnete ſich, um es unſern weichenden Maſſen möglich zu machen, ſich hinter ihr wieder zu ordnen und ſtürmte dann vorwärts. Ein krachendes Musketenfeuer ertoͤnte, durch den Rauch funkelten die Bajonete und wild zuckte die rothe Flamme. 4 „Vorwärts! Vorwärts!“ ſchrie Alles, als wir uns in raſender Aufregung in den Kampf ſtürzten. Gleich einem reißenden Bergſtrom ſtürmte die Kolonne, Alles vor ſich — —n 251 überwältigend, heran, kein Hinderniß konnte ſie aufhalten, höchſtens ihren Lauf momentan verzögern; dann ſtürzte ſie tollkühn weiter. Das Dorf war gewonnen; die Preußen zogen ſich zurück und begannen mit ihren Kanonen heftig auf uns zu feuern; Kavallerie ſprengte vorbei und ſäbelte Alles nieder, was nicht innerhalb der Mauern Schutz fand. Indeſſen war der Poſten unſer, der Schlüſſel ihrer Stellung war in unſern Händen und Ney ſandte drei Bo⸗ ten nach einander ab, um dem Kaiſer den Erfolg zu melden und ihn in den Stand zu ſetzen, vorzudringen und das preußiſche Centrum anzugreifen. Plötzlich hörte man wildes Geſchrei aus der kleinen Dorfſtraße, die Häuſer ſtanden in Flammen, die Preußen hatten Granaten hin⸗ eingeworfen und die hölzernen Dächer angezündet. Einen Augenblick herrſchte paniſcher Schrecken und in Verwir⸗ rung ward der Ruckzug begonnen; doch bald war die Ordnung wieder hergeſtellt— die Sappeure erkletterten die Dächer der brennenden Häuſer und hieben mit ihren Aerten das Holzwerk zuſammen, worauf die lodernde Maſſe in das Innere der Gebäude hinunterſtürzte. Wäh⸗ rend deſſen hatten ſich die Preußen wieder geſammelt und rückten zum wiederholten Angriff vor— der Augenblick war ihnen günſtig. In unſern ungeordneten Reihen herrſchte noch der durch die unvorhergeſehene Gefahr herbeigeführte Schrecken. Nun begann das ſchrecklichſte Blutvergießen, das je geſehen worden iſt— in den ſchmalen Straßen, in den Gärten, ſelbſt in den Häuſern fochten ſie Mann gegen Mann— keiner wollte weichen, Niemand wußte, auf welcher Seite die unterſtützenden Kolonnen waren— es war das gräuliche Gemetzel tödtlichen Haſſes auf bei⸗ den Seiten. Mittlerweile brach das Feuer von Neuem aus und unter dem Krachen brennender Balken und im dichteſten Rauche der angezündeten Strohdächer dauerte das Gefecht fort.„Vandamme! Vandamme!“ riefen freudig mehrere Stimmen: 252 „Dort kommen die Grenadiere.“ Und deutlich ſah man ihre hohen Tſchako's durch den blauen Dampf. 4„Hurrah, das Faubourg!“ ſchrie ein wilder Voltigeur, ſchwang ſeine Kappe und ſprang vorwärts.„Jetzt laßt uns den Sieg nicht verlieren, Burſche!“ Die Mahnung war nicht umſonſt. Aus Fenſtern und Thüren ſprangen die Leute auf die Straße und ſtürzten gegen die preußiſche Colonne, die im Sturmſchritt heran⸗ zog. Plöͤtzlich öffnete ſie ſich, mit Blitzesſchnelle ritt eine Kuraſſierſchwadron daher, auf uns ein, und hieb Alles uieder, bis die Spitze von Vandamme'’s Colonne ſie mit einer vollen Ladung empfing. Sie ſprengten zurück, über⸗ ritten unſere Verwundeten und tödteten, was ihnen in den Weg kam mit ihren breiten Schwertern. Ein Säbelhieb in den Kopf hatte mich betäubt, ich lehnte an die Mauer eines Hauſes, um mich zu erholen, da ritt ein Kavalleriſt vorbei und mit einem furchtbaren Streich hieb er mir meine Schulter klaffend auf. Ich taumelte zurück und fiel, mit Blut bedeckt, auf eine Thürſchwelle nieder. Ich ſah un⸗ ſere Colonne jubelnd vorüberziehen, und hörte den wilden Ruf:„vorwärts! vorwärts!“ aus tauſend Kehlen, dann ſchwindelte mir Alles, ich wurde ohnmächtig, und was wei⸗ ter vorging, war wie ein unklarer Traum. 6 ſſſinſſinſſinſinſſinſniſſinſſſnſſinnſſſnſnſnſſiiſſinſſriſſiſſſiſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18