——⸗——-y———— Leihbibliothek 4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ von. 3 Eduard Oftmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und eſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8, Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunin.e hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 eträgt:. 3 1 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3. 4.³ auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Nr 55 Pf. 2 Mr— Pf. 3. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Während ich die ungeſchlachte, abgeriſſene Figur vor mir betrachtete, kehrte ſie ſich haſtig um, ſchloß die Thüre zu und fragte leiſe flüſternd:„Seid Ihr allein?“ Darauf warf ſie, ohne meine Antwort abzuwarten, die zerlumpte Haube, die ihren Kopf bedeckte, weg, nahm eine lange, ſchwarze Perücke ab und ſtarrte mich feſt an. .„Kennt Ihr mich jetzt?“ ſagte die Hexe mit faſt drohender Heftigkeit. „Was!“ rief ich erſtaunt,„es kann nicht ſein— — Darby, ſeid Ihr es wirklich?“ „Das könnt Ihr wohl ſagen,“ verſetzte er bitter. „Ihr hattet Zeit genug, mich zu vergeſſen, ſeitdem wir uns zum letzten Mal ſahen, und Eure vornehmen Freunde, die Offiziere, würden ſich wohl beſinnen, be⸗ vor ſie ſich um Euretwillen in ſolche Gefahr begeben, wie ich. Da leſet!“— Mit dieſen Worten warf er ein zerriſſenes, verriebenes Stück bedrucktes Papier auf den Tiſch—„da leſet: und Ihr werdet ſehen, daß dem, der mich greift, 500 Pfund Blutgeld verſprochen ſind. Ja, und hier ſtehe ich jetzt in der königlichen Kaſerne, und habe dieſen geſegneten Tag 54 Meilen gemacht, nur um Euch noch einmal zu ſehen und zu ſprechen.— Wohl, wohl.“ Er kehrte ſich um, wiſchte eine Thräne aus ſei⸗ 10 nem rothen Auge und fügte hinzu—„Mr. Tom, ich hätie nie geglaubt, daß Ihr ſo was thätet.“ „Was?/ fragte ich eifrig:„was habe ich gethan,“ daß Ihr mich ſo anlaſſet?“ Aber Darby hörte mich nicht: ſeine Augen ſtarrten ins Leere hinaus und ſeine Lippen bewegten ſich ſchnell, als ſpräche er mit ſich ſelbſt.„Ja,“ ſagte er halb laut,„nur zu wahr, die Edelleute find es, die uns im⸗ mer verrathen haben— nie kam etwas Gutes heraus, wenn ſie die Hände mit im Spiel hatten. Aber Ihr“ — hier kehrte er ſich gerade gegen mich, ergriff meinen Arm und ſprach—„Ihr, den ich mehr liebte, als meine leiblichen Verwandte und Bekannte, Ihr, von dem ich dachte, Ihr würdet aus allen einſt ein Stolz und Ruhm ſein— Ihr, den ich ſelbſt für die Sache gewonnen— „Und wann habe ich ſie verlaſſen?— Wann habe ich ſie verrathen?“. „Wann Ihr ſie verlaſſen habt?“ wiederholte er in höhniſchem Tone.„Nennt mir den Tag und die Stunde, wo Ihr hieher kamt— nennt mir den erſten Augen⸗ blick, wo Ihr Euch hinſetztet unter die rothen Schläch⸗ ter des Königs George, und ich will Euch darauf Ant⸗ wort geben. Iſt hier der Ort, wo Ihr ſein ſolltet? Iſt dieß die Heimath für Den, der ein Herz für Irland hat? Ich ſagte nie, daß Ihr uns verrathen habt; an⸗ dere ſagten es— aber ich beſtand darauf, Ihr habet es nie gethan. Allein was ſoll das heißen? Es iſt kein Wunder, daß Ihr uns verlaſſen habt; wir waren arme und niedrige Leute, uns lag nichts am Herzen, als die gute Sache—— „Halt!“ rief ich, durch ſeinen Hohn raſend gemacht —„was hätte ich thun können? wo war mein Platz?“ „Fraget nicht mich. Wann Euer eigenes Herz es Euch nicht ſagt, wie kann ich es ſagen? Aber es iſt jetzt vorüber— der Tag iſt vorbei, und ich muß mich wieder auf den Weg machen. Mein Herz iſt leichter, ſeitdem ich Euch geſehen, und noch leichter wird es ſein, „ 1 8 * wenn ich Euch dieſe Warnung gebe.— Gott weiß, ob Ihr ſie beherzigen werdet:— Ihr haltet Euch für ſicher, ſeitdem Ihr unter den Soldaten ſeid— Ihr meint, ſie trauen Euch und Barton's Auge wache nicht mehr über Euch— Kein Wort, das Ihr ſaget, ohne daß es aufgezeichnet— kein Mann, den Ihr ſprechet, ohne daß er überwacht wird! Ihr wiſſet es nicht, aber ich weiß es. Es gehen in Irland mehr Leute beim Wein an den Galgen, als mit der Pike in der Hand. Hütet Euch vor Euern Freunden, ſage ich.“ „Ihr thut ihnen Unrecht, Darby, und thut mir Unrecht. Nie habe ich hier von einem Einzigen ein Wort gehört, welches das ſtolzeſte Herz unter uns ver⸗ letzen konnte.“ „Wozu ſollten ſie das?— wozu brauchen ſie das? Sind wir nicht drunten, drunten— werden wir nicht gehetzt wie wilde Thiere? Wo iſt ein Dach, das uns Schutz gewährt? Wo der Weg, wo wir ſicher ſind? Dürfen wir, wenn wir Jemand begegnen, nur„Gott grüß' euch“ ſagen, ohne ſogleich dafür in Unterſuchung gezogen zu werden? Es iſt kein Wunder, daß ſie Mit⸗ leid mit uns haben— auch das härteſte Herz muß zu⸗ weilen ſchmelzen.“ „Was mich betrifft,“ ſagte ich, denn es war nutz⸗ los, weiter mit ihm ſtreiten zu wollen,„ſo ſind meine Wünſche noch ſo warm für die Sache, als am Tage unſerer Trennung; aber mein Auge iſt auf Frankreich gerichtet—— „„Ja, und warum nicht? Ich erinnere mich der Zeit, da Euer Auge flammte und Eure Wange glühte, wenn Ihr davon ſprachet.“ „Ja, Darby,“ ſagte ich nach einer Pauſe,„auch wäre ich jetzt nicht hier, wären nicht die einzigen Mit⸗ tel, die ich beſaß, um mich in franzöſiſchen Dienſten vorwärts zu bringen, unglücklicher Weiſe für mich ver⸗ loren gegangen.“ 12 3 „Und was waren das für Mittel?“ unterbrach er aſtig.. 3 „Einige Briefe, die mir der arme Kapitän de Meu⸗ von gab,“ ſagte ich, indem ich ſo wohlgemuth als möglich zu ſcheinen ſuchte. Darby bückte ſich, als ich ſprach, riß das Futter ſeines Mantels aus einander, nahm ein kleines mit einer Schnur umbundenes Packet heraus und ſagte: „Meint Ihr vielleicht dieſe 2“. Ich öffnete das Päckchen mit zitternder Hand und entdeckte zu meiner unausſprechlichen Freude Charles Brief an den Chef der Militärſchule, nebſt einem Cre⸗ ditbriefe und zwei Wechſeln an ſeinen Banquier. Das Schreiben an ſeine Schweſter war jedoch nicht dabei. 1.Mie kamet ihr dazu, Darby?“ fragte ich be⸗ gierig.. 3 1 „Ich fand ſie auf der Straße, wo Barton denſel⸗ ben Abend ritt, an dem Ihr den Yeomen entwiſchtet — Ihr erinnert Euch, ſie wurden bald vermißt und eine Ordonnanz wurde zurück geſchickt, ſie zu ſuchen. Seitdem habe ich ſie bei mir behalten und erſt geſtern fiel es mir ein, ſie Euch zu bringen, in der Meinung, Ihr könntet vielleicht eiwas darüber wiſſen.“ „Hier iſt ein Flecken,“ ſagte ich, das Papier in mmaeiner Hand betrachtend— nes ſieht wie Blut aus.“ „Wenn es Blut iſt, ſo iſt es meines,“ ſagte Darby verdrießlich und fuhr nach einer Pauſe ſort,„der Sol⸗ dat galoppirte in derſelben Minute daher, wo ich mich nach den Papieren bückte; er rief mir zu, ſie ihm zu geben, aber ich that, als hörte ich nichts und ſah mich nach einem Orte um, wohin ſein Pferd mir nicht fol⸗ — gen konnte; aber er ſah, worauf ich aus war, im glei⸗ chen Augenblick drang ſein Säbel in meine Schulter und das Blut rann heiß meinen Arm hinunter— ich 3 fiel auf meine Kniee, nahm aber zugleich dies Ding, — hiier zog er eine langläufige, verroſtete Piſtole her⸗ vor—„und ſchoß ihm durch den Hals.“ 4 „Blieb er todt?“ fragte ich, entſetzt über die Kälte ſeiner Erzählung. „Weiß leider nicht.— Er ſiel über die Mähne ſeines Pferdes und ich ſah das Thier mit ihm die 85 Straße dahin galoppiren, während ſeine Arme ſchlaff herab hingen; dann hörte ich einen Krach und ſah, daß er am Boden warz; das Pferd ſchleifte ihn im Steig⸗ bügel fort; aber bald nahm mir der Staub die Aus⸗ ſicht; in der That war ich auch zu ſchwach und ſo roch ich in das Gebüſche, bis es dunkel war und ſchleppte mich dann hinunter nach Glencree.“ Die Gleichgültigkeit und Kaltblütigkeit, womit er ſeine Erzählung vortrug, durchdrangen mich mit weit heftigerem Schauer, als die leidenſchaftlichſte Beſchrei⸗ bung und ich ſtarrte ihn mit einem Gefühl von Schre⸗ cken an, das leider meine Züge nur zu deutlich verrie⸗ then. Er ſchien zu merken, was in meiner Seele vor⸗ ging und gereizt durch das, was er als Undankbarkeit für den mir geleiſteten Dienſt betrachtete, wurde ſein Geſicht plötzlich dunkelroth, die geſchwollenen Adern ſtanden dick und knotig auf ſeiner Stirne, ſeine blauen Lippen bebten und mit dumpfer Kehlſtimme ſagte er: „Ihr denkt vielleicht, ich habe ihn ermordet?“ dann, als ich keine Antwort gab, fuhr er in gleichgültigem Tone fort— „Ihr ſeid noch nicht lange bei ihnen in die Schule gegangen. Aber hört mich jetzt— noch nie hat ein Verräther an der Sache ein glückliches Leben oder einen leichten Tod gefunden; noch nie hat Einer uns ver⸗ rathen, ohne daß wir uns an ihm oder den Seinigen gerächt hätten. Ich denke nicht, daß Ihr bis dahin gekommen ſeid; denn wenn ich es dächte, beim ſterbli⸗ chen——“ Während er in einem Tone der wildeſten Drohung das letzte Wort ausſprach, wurde unſere Unterredung durch mehrere Stimmen draußen und durch das Umdrehen eines Schlüſſels unterbrochen; und Darby hatte kaum Zeit, ſich wieder in ſeine Verkladung zu hatten. d 14. hüllen, als Bubbleton eintrat, begleitet von drei ſeiner Mitoffiziere, die alle zuſammen ſprachen und in Tönen, die offenbar verriethen, daß ſie etwas ſtark getrunken „Ich ſage Euch noch einmal und noch einmal, Eck⸗ ſtein gewinnt; aber da ſind wir endlich,“ rief Bubble⸗ ton, pein Kartenſpiel her und laßt uns die Sache ſo⸗ gleich entſcheiden.“ „Sie ſagten, ſie wollen fünfzig wetten, denk' ich,“ ſprach gedehnt der Kapitän Crofts, der unbeſtreitbar der nüchternſte von der Geſellſchaft war——„aber was haben wir hier?“ In dieſem Augenblick ſiel ſein Auge auf Darby, der ſich ruhig hinter der Thüre verſchanzt hatte und hoffte, ungeſehen zu entwiſchen. „He— was iſt das, he dal“ „Was!“ rief Bubbleton,„was ſeht Ihr da; eine Nymphe mit glänzendem und fließendem Haar— eine Here gleich Hekuba, beim Zupiter! Tom Burke, mein Mann, wie kömmt das Fräulein hieher?“ „Es iſt Nitty, die alte Nitty Cole, Euer Edlen. Der junge Gentleman hat mir eine Ballade abgekauft,⸗ der Himmel ſegne ihn,“ ſagte Darby. „Keine Verrätherei, will ich hoffen— keine un⸗ loyale Effuſion, Tom— kein Skandal über Königin Eliſabeth, mein Junge— he?“ „Komm, alte Lady,“ ſagte Cradock,„laßt uns das neueſte Lied auf die Freiheit hören.“ „Ja,“ ſagte Bubbleton,„ſchlag' die Harfe zum Preiſe—— der Teufel hole das Wort!“ 3 „Hängt die alte Hexe!“ fiel Hilliard ein:„hier ſind die Karten. Das Spiel ſteht ſo:— ein Pieck iſt gelegt— Ihr habt nichts gewonnen— Herz iſt Trumpf.“ 5„Nein, Ihr irrt Euch, Eckſtein iſt Trumpf,“ ſagte r hebend;„vor Allem, was gilt die Wette?“ adock. „Ich rufe Halt,“ ſprach Crofts, beide Hände auf⸗ 15 „So viel Ihr wollt,“ ſchrie Bubbleton,„fünfzig — hundert— fünfhundert.“ „Sei es denn fünfhundert; ich nehme Sie beim Wort,“ ſagte Crofts kalt, ein Notizenbuch aus ſeiner Taſche ziehend. „Nein, nein,“ unterbrach Hilliard,„Bubbleton, ſo arg dürfen Sie's nicht treiben; fünf— zehn— zwan⸗ zig, wenn Ihr wollt, aber zu einer ſolchen Wette ſtehe ich nicht ein.“ „Wohl denn, wenn Sie nicht mehr als zwanzig ſetzen dürfen,“ erwiederte Crofts hochmüthig,„hier iſt mein Satz;“ mit dieſen Worten warf er eine Note auf den Tiſch und ſah Bubbleton an, als erwartete er, dieſer werde ein Gleiches thun. Ich ſah die Verlegenheit meines armen Freundes und ſpielte ihm, ohne meinen Platz zu verlaſſen, ſchwei⸗ gend eine Note in die Hand; ein Druck von ſeinen Fin⸗ gern war die Antwort und im nämlichen Augenblick warf er das verkrümpelte Stück Papier hin und rief: „Nun los!“ Crofts rückte ſogleich ſeinen Stuhl an den Tiſch und begann mit äußerſter Kaltblütigkeit ſeine Karten zu ordnen; während die andern, hoch geſpannt auf den Stich, ohne zu ſprechen, auf die Karten ſahen. Ich hielt dieß für eine gute Gelegenheit für Darby, zu ent⸗ wiſchen, hob leiſe meine Hand auf und deutete auf die Thüre. Darby, der nur den günſtigen Augenblick ab⸗ gewartet hatte, ſchlich ſich ſachte hin; kaber während ſeine Hand das Schloß berührte, warf Crofts ſeine Augen auf mich, dann in einem Halbkreis herum und gab zu verſtehen, daß er das Manöver bemerkt habe. Das Blut ſtieg mir ins Geſicht und ob ich gleich die Thüre hinter dem Pfeifer geſchloſſen ſah, konnte ich mich doch nicht von meiner Verlegenheit und von der auf mir laſtenden Furcht erholen, Crofts möchte das Ge⸗ heimniß von Darby's Verkleidung durchſchaut und etwas zu meinem Nachtheil daraus gefolgert haben. —24 22— 16 „Das Spiel iſt jetzt arrangirt,“ ſagte er.„Hier iſt ein Pieck gelegt, der zweite Spieler bekommt Farbe, der dritte bekennt keine— Trumpf auf den Tiſch und überſtochen; der Stich iſt alſo verloren und damit das Spiel.“ „Nein, nein,“ unterbrach Bubbleton,„Sie irren ſich; Eckſftein— nein, Herz; ich meine das— das— was Teufel iſt das? He, Cradock, den Augenblick hatte ich Alles recht— wie ſteht's, alter Kerl?⸗ „Sie haͤben verloren,“ ſagte der Andere, indem er aufmerkſam auf den Tiſch ſah und den Stich zu be⸗ trachten ſchien. „Ja, Bubbleton, darüber iſt gar kein Zweifel— Sie haben verloren— wir vergeſſen alle den letzten Spieler,“ ſagte Hilliard. Ein heſtiges Klopfen an der äußeren Thüre über⸗ fante Alles im Zimmer, während eine rauhe Stimme rie— „Kapitän Bubbleton, die große Runde kommt die Parlamentsſtraße herauf!“ Bubbleton griff nach ſeinem Säbel und ſtürzte aus dem Zimmer, gefolgt von den Andern mit ſchallendem Gelächter. Crofts allein blieb zurück und öffnete lang⸗ ſam die zuſammengefaltete Banknote, die vor ihm lag, während ich gegenüber ſtand, unfähig, meine Augen von ihm abzulenken. Nachdem er die Note mit ſeiner Hand geglättet hatte, begann er laut zu leſen—„Pa- yez au porteur la somme de deux mille livres—— „Ich bitte um Vergebung,“ unterbrach ich,„hier waltet ein Irrthum vor— dieſe Note gehört mir.“ „So etwas dacht' ich mir,“ verſetzte Crofts mit einem ganz eigenen Lächeln—„ich dachte kaum, daß mein Freund Bubbleton ſo weit gegangen wäre.“ „Hier iſt die Summe Sir,“ ſagte ich, indem ich mich zu faſſen und nur in den Beſitz deſſen wieder zu gelangen ſuchte, was mich, wenn es herauskam, kom⸗ 17 promittiren mußte.„Hier iſt, was Kapitän Bubbleton verloren hat— 20 Pfund, wenn ich nicht irre.“ „Jch muß um Vergebung bitten, Sir,“ ſagte Crofts, das franzöſiſche Billet de Banque zuſammen⸗ faltend.„Ich hatte nicht mit Ihnen gewettet und ſo kann ich auch nicht Ihnen erlauben, ſie zu bezahlen. Dieß iſt jetzt mein Eigenthum und bleibt es, bis es Kapitän Bubbleton von mir verlangt.“. Ich war verdutzt über die Art, wie dieſe Worte geſprochen wurden. Es war mir klar, daß er nicht nur an eine Vermummung der Bänkelſängerin dachte, ſon⸗ dern auch ihre Anweſenheit mit meiner franzöſiſchen Note in Verbindung ſetzte. Ich faßte mich zuſammen und ſagte—„Sie zwingen mich, Sir, von etwas zu ſpre⸗ chen, worauf anzuſpielen nur die Umſtände mich be⸗ wegen konnten. Ich war es, der dieſe Note dem Ka⸗ bütin Bubbleton gab. Ich gab ſie aus Verſehen ſtatt dieſer. „Ich vermuthete ſo etwas, Sir,“ war die kalte Antwort Crofts's, indem er die Note in ſein Taſchen⸗ buch ſteckte und es verſchloß;„aber ich kann nicht ge⸗ ſtatten, daß Ihre aufrichtige Erklärung den Entſchluß ändert, zu dem ich bereits gekommen bin— hätte ich auch nicht als Offizier im Solde Seiner Majeſtät die wichtige Pflicht, der Regierung einen ſo untrüglichen Beweis mitzutheilen, welch' tiefes Intereſſe unſere fran⸗ zöſiſchen Nachbarn für unſere Wohlfayrt nehmen, wenn ſie uns mit Dingen verſehen, woran es ihnen nach allen Berichten ſelbſt fehlt.“ „Bilden Sie ſich nicht ein, Sir, daß Ihre Drohung — denn für eine ſolche nehme ich es— den geringſten Schrecken für mich hat: ein Anderer freilich könnte durch einen Schritt, den Sie in dieſer Angelegenheit thun würden, leicht kompromittirt werden; aber wenn ich Ihnen ſage, daß es Einer iſt, der Sie nie beleidigt hat und nie beleidigen konnte, und außerdem, daß hin⸗ Tom Burfe, II. 2 ter Ihrer Entdeckung nichts Verrätheriſches oder Un⸗ loyales ſteckt——⸗ „Sie geben ſich gar zu viele Mühe, Mr. Burke,“ ſagte er mit kaltem Lächeln mich unterbrechend,„aber ich muß Ihnen ſagen, daß es unnöthig iſt. Ihre Er⸗ klärung, wie dieſes Billet de Banque in Ihren Beſitz kam, mag anderswo unterſucht werden und wird, das bin ich überzeugt, alle Beachtung und Aufmerkſamkeit finden. Was mich, einen beſcheidenen Kapitän, betrifft, ſo habe ich den Grundſatz, in jeder Frage, die ich für wichtig halte, mir den Rath Anderer einzuholen, die die Sache beſſer verſtehen.“ „Alſo weigern Sie 8 Sir, mir herauszugeben, was, wie ich Ihnen verſichert habe, mein iſt 2"¹4 „Und was Sie, wie ich gar nicht zweifle, mit Recht ſo nennen,“ fügte er verächtlich hinzu. „Und Sie beharren auf der Weigerung?“ ſagte ich mit einer Stimme, die leider mehr Heftigkeit verrieth, als ich bis jetzt gezeigt hatte. 3 5„Allerdings, Sir,“ ſprach er, auf die Thüre zu⸗ gehend.. „In dieſem Falle,“ ſagte ich, ihm vorſpringend und meinen Rücken an die Thüre drückend,„verlaſſen Sie dieſes Zimmer nicht eher, als bis ich Ihnen in Gegenwart einer dritten Perſon, es iſt mir gleichgül⸗ tig, wer es iſt, etwas mehr von meiner Meinung über Sie geſagt habe, als ich Ihnen jetzt zu ſagen brauche.“ Bei dieſen Worten veränderte ſich plötzlich der höhniſche Ausdruck in Crofts's Zügen; er wurde todtenblaß, ſein Auge irrte unſtät durch das Zimmer und blieb dann auf der Thüre haften, von der ich nicht wich und nicht wankte. Endlich nahm ſein Geſicht wieder den gewohn⸗ ten Ausdruck an und er ſagte kaltblütig und entſchieden: „Ihre ſchwierige Lage hat Sie kühn gemacht, Sir. „Nicht kühner, als Sie mich zu jeder Zeit finden werden, wenn Sie es für paſſend halten, ſich an mich zu halten. Aber vielleicht habe ich Unrecht, auf eine Probe 19 ungeſtüm—„Gehen Sie auf die Seite, im Augenblick!“ Ich gab keine Antwort, ſondern kreuzte meine Arme über der Brußt und ſah ihm, wie zuvor, feſt ins Geſicht; er war mir jetzt bis auf einen Fuß Entfernung nahe getreten, ſein Geſicht dadrpurroi vor Zorn und Jetzt war der Augenblick gekommen, den ich einige Minuten vorher erwartet hatte, und ich ſchlug ihm mit der flachen Hand auf den Backen, aber ſo mächtig, daß er zurücktaumelte. Nun brach er in Wuthgeſchrei aus, in einem Augenblick war ſein Degen aus der Scheide und er drang wild auf mich ein. Ich ſprang auf die Seite, die Waffe fuhr durch die Thüre und brach ent⸗ zwei; doch war noch mehr als die Hälfte der Klinge zurückgeblieben, und damit ſtürzte er gegen mich los. Ich ſah mich ſchnell nach etwas um, das mir als Waffe dienen könnte, aber im gleichen Augenblick durchbohrte der ſcharfe Stahl meine Seite und ich ſiel durch den toß zurück, meinen Gegner mit mir niederreißend. Jetzt entſtand ein ſchrecklicher Kampf; denn während er ch bemühte, die Waffe aus der Wunde zu ziehen, waren meine Hände an ſeiner Kehle, und an ſeinen drang mich: gleich darauf rann ein Guß heißen Blutes meine Seite hinab und ich ſah ober mir den blinkenden Stahl, den er in ſeiner Hand allmählig kürzer faßte, ehe er zu ſtoßen wagte— es entfuhr mir ein wilder Schrei— da krachte in gleichem Augenblick die Thüre, aus ihren Angeln geriſſen, herein— ein ſchwerer Fuß nahte— und dann ſchlug ein ſtarker Arm Crofts zu Boden, wo er betäubt und bewußtlos liegen blieb. In einer Sekunde ſtand ich auf meinen Beinen: meine Sinne waren trübe und ſchwindlich, aber doch konnte ich ſehen, daß es Darby war, der mir als Retter er⸗ ſchienen und der jetzt ein Tuch um meine Wunde band, um das Blut zu hemmen.— „Nun friſch gewagt auf Tod und Leben,“ flüſterte er leiſe, aber deutlich;„wiſcht Euch das Blut vom Ge⸗ ſicht und ſeid ſo ruhig als möglich, wenn Ihr an der Schildwache vorbeigeht.“ 4 „Iſt er—— 1 Ich wagte nicht, das Wort aus⸗ zuſprechen, als ich auf den noch regungsloſen Körper vor mir ſah. Darby hob ihm einen Arm in die Höhe und als er denſelben wieder gehen ließ, fiel er ſchwer auf den Boden; er bückte ſich, hielt ſeine Lippen an den Mund und wollte ſich überzeugen, ob er noch athme, ſprang aber bald auf, ergriff meinen Arm und ſagte in einem Tone, den ich nie vergeſſen werde—„Es iſt vorbei.“ 2 Ich wankte zurück; der ſchreckliche Gedanke Mord — das fürchterliche Gefühl des ſchwerſten, ſchwärzeſten Verbrechens, das einen Menſchen beſudeln kann— betäubte mich, und wie ich den zu meinen Füßen aus⸗ geſtreckten Leichnam betrachtete, hätte ich mir gerne jedes Bein auf der Folter brechen laſſen, nur noch ein Zittern des Lebens an ſeinen ſtarren Gliedern zu ſehen. Inzwiſchen kniete Darby nieder und ſchien etwas neben dem Leichnam zu ſuchen. „Alles recht— kommt jetzt,“ ſagte er,„vor Ta⸗ gesanbruch müſſen wir ſchon weit ſein; und glücklich, wenn wir die Mittel dazu haben.“ Ich wankte dahin wie ein Traumwandler, wenn ſchreckliche Bilder ihn umgeben und fürchterliche Ge⸗ danken ihn umdrängen, während doch noch ein Hoff⸗ nungsſchimmer ihn aufrecht hält und er halb fühlt, daß die Schrecken vergehen und ſeine Seele wieder zur Ruhe gelangen werde. Was iſt's? Was hat ſich ereignet? war die ſtets aufſteigende Frage, während ich hörte, wie Darby auf dem dunklen Gange und den noch dunk⸗ leren Treppen nach dem Weg taſtete. „Nehmt Euch jetzt zuſammen,“ ſagte er flüſternd, „wir ſind am Thore.“ „Wer da?“ rief die Schildwache. „Gut Freund,“ ſagte Darby, mit verſtellter Stimme für mich antwortend, während er ſich hinter mich ſtellte. Die ſchweren Riegel wurden zurückgeſchoben und ſchon fühlte ich die kalte Straßenluft an meiner Wange. „Wohin jetzt?“ ſagte ich mit einem traumhaften Bewußtſein, daß nun ein ſicherer Ort aufgeſucht werden mußte, ohne recht zu wiſſen, warum. „Stützt Euch auf meinen Arm und ſprecht nicht,“ ſagte Darby.„Wenn Ihr bis zum Ende des Quais gehen könnt, ſind wir Beide in Sicherheit.“ Ich ſchritt zu, ohne weiter zu fragen und faſt ohne zu denken, obgleich Darby im Vorübergehen mit verſchiedenen Per⸗ ſonen ſprach, ſo hörte ich doch nicht, was ſie ſagten, und nahm keine Notiz von ihnen. Zweites Kapitel. Die Flucht. „Wird es Euch ſchwach?“ fragte Darby, als ich ihn hart anſtieß und zweimal oder dreimal nach Athem ſchnappte.„Blutet Ihr noch?“ war ſeine nächſte Frage, während er ſanft meine Wunde innerhalb des Ver⸗ bandes befühlte. Ich ſuchte etwas zu antworten, er aber gab nicht Acht darauf⸗ ſondern bückte ſich, lud mich auf ſeine Schulter und ſchritt nun ſchneller aus als zuvor, indem er den beſuchteren Fahrweg verließ und in eine enge, dunkle Gaſſe ging, die von keiner ein⸗ zigen Lampe beleuchtet war. Trotz ſeiner Elle hielt er mehr als einmal inne, als ſuche er einen beſtimmten Platz, den er aber in der Finſterniß nicht entdecken konnte.„O, heilige Mutter!“ murmelte er,„das Blut dringt bis auf meine Haut! Mr. Tom, lieber Her⸗ zenstom, redet doch, redet doch, nur ein Wort!“ Aber obgleich ich jedes Wort deutlich hörte, konnte ich doch keines herausbringen— eine traumhafte Betäubung lag über mir und ich wünſchte nichts als Ruhe. „Dies muß es ſein— ja, hier iſt's,“ ſagte Darby, indem er mich ſanft auf die ſteinerne Schwelle der Thüre niederlegte und mit ſeinen Knöcheln laut an⸗ klopfte. Sein Ruf, obwohl drei bis vier Mal wieder⸗ holt, wurde nicht beachtet, und obſchon er laut genug klopfte, um die Nachbarſchaft in Allarm zu bringen, ſo kam doch Niemand— die einzigen Töne, die wir hören konnten, waren die entfernten Laute eines Trinkliedes, gemiſcht mit wildem Gelächter und noch wilderem Angſt⸗ und Wehgeſchrei. „Hier ſind ſie endlich,“ ſagte Darby, indem er mit einem ſchweren Steine faſt die Thüre einſtieß. 23 „Werda?“ rief eine barſche, aber ſchwache Stimme von innen. 3 „Ich bin's, Molly— Darby M'Keown. Macht ſchnell auf, um's Himmels willen— hier iſt ein junger Gentleman, der ſich zu Tode blutet.“ „Huh! der Herr hier im Haus iſt ſo gut als je und reist ſchnell,“ ſagte die Hexe.„Tragt ihn nur fort, er bekümmert ſich jetzt nicht für einen Königslohn um ihn.“ „Ich breche die Thür' ein,“ ſagte Darby mit einem ſchrecklichen Fluch,„wenn Ihr nicht aufmacht.“ „Ha, ha, ha!“ lachte die Hexe.„Wenn Ihr Darby M'Keown wäret, ſo wüßtet Ihr wohl, wie leicht das iſt— probirt's nur— probirt's nur! Eichenholz und Nägel werden wohl noch gegen Euch halten.“ „Sieh,“ ſagte Darby flüſternd—„ſieh, Molly, hier ſind fünf Goldguineen für Euch, wenn Ihr uns einlaßt— es ſteht das Leben eines Menſchen auf dem Spiel, und ein ſolches, für das ich das meinige zwei Mal geben würde.“ „Und wenn Ihr mir vierzig bötet,“ verſetzte ſie, „ſo dürfte ich's nicht thun. Ihr wißt nicht, was für Kummer dieſe Nacht hier iſt. Dan Fortescue geht, ich komme, ich komme,“ murmelte ſie, als man ihr von innen einige Male zurief, und dann ſchwankte ſie, ohne weiter auf uns zu hören, zurück und ließ uns wieder allein. „Nun, da muß dies helfen,“ ſagte Darby, indem er ein paar Schritte zurücktrat und dann mit ſeiner Schulter aus Leibeskräften gegen die Thüre ſtieß; aber ob er gleich ein ſtarker Mann war und obgleich von dem gewaltigen Stoße jedes Fenſter raſſelte und zitterte, ſo widerſtanden die ſtarken Balken doch und gaben nicht im Geringſten nach.„Es hilft auch nichts, durch das Schloß zu feuern,“ ſagte er in einem Tone der Ver⸗ zweiflung.„Heiliger Joſeph, was iſt zu thun!“ Als er ſo ſprach, hörte man den leichten Tritt eines 24 baarfußigen Kindes die Gaſſe daherkommen, und in gleichem Augenblick näͤherte ſich ein kleines Mädchen der Thüre; es trug eine Schale in der Hand und hielt ſe ſorgfältig, um nichts zu verſchütten: als ſie ſich der hüre näherte, ſchien ſie ungewiß, was ſie machen ſollte, und klopfte endlich, nachdem ſie Muth gefaßt zu haben ſchien, zweimal mit ihren Knöcheln an. „Kennſt Du mich nicht, Nora?“ ſagte Darby, mkennſt Du nicht Darby, den Pfeifer?“ „Ah, Mr. M'Keown, ſeid Ihr es? Ach, ich be⸗ ſorge, wir kommen dieſe Nacht nicht leicht hier ein. Mr. Fortescue liegt im Sterben und Doktor Kenagh Pann ihn nicht verlaſſen. Da bring ich etwas für ihn, aber—— „Liebe Nora,“ ſagte Darby,„ich hab' ein Ge⸗ heimniß für Fortescue und muß ihn ſehen, bevor er ſtirbt. Hier iſt eine Krone, mein Schatz, ſage aber Niemand, daß ich ſie Dir gegeben.“ Hier bückte er ſich und flüſterte ihr ſchnell einige Worte ins Ohr. „Werda?“ unterbrach die Stimme der Hexe von innen. „Ich, Nora,“ ſagte das Kind kühn. „Biſt Du allein— Siehſt Du Jemand um die Thüre herum?“ „Keine Seele; laßt mich ein, es iſt ſo kalt.“ „Schnell denn herein,“ ſagte die Hexe, indem ſie ſorgfältig die Thüre öffnete und nur ſo weit, um das Kind durchzulaſſen— aber im gleichen Augenblick ſtieß Darby ſeinen Fuß vor, ſchlug die Thüre auf, ſchleppte mich hinein und ſchloß die Thüre hinter ſich zu. Das heftige Gekreiſche der Here blieb jetzt ſo unbeachtet, wie Darby's eigene Bemühungen vor einer halben Stunde. „Ruhig, ſag' ich.— keinen Laut! oder bei der Seele des Mannes, der jetzt im Sterben liegt, ich jage Euch eine Kugel durch den Kopf.“ Das Vorzeigen eines Piſtolenlaufes ſchien zu 25 wirken, und ſie begnügte ſich mit einem leiſen, klagenden Wandrmel„ während ſie im Gange hinter uns her⸗ wankte. Die kalte Straßenluft und die Raſt hatte mich ge⸗ ſtärkt und ich war im Stande, Darby zu folgen, der durch manchen Gang und mehr als eine Treppe vor⸗ anging. „Hier iſt's,“ flüſterte das Kind, indem es an der halb offen ſtehenden Thüre eines Zimmers hielt. Wir machten ſtille Halt und lauſchten dem Athmen eines Mannes, das kurz, von Stöhnen und Aechzen unterbrochen, die Nähe des Todes anſagte. „Geh' hin,“ rief eine tiefe, dumpfe Stimme, wo⸗ rin ein gewiſſer Eifer ſich ausdrückte;„bald wirſt Du keinen Huſten mehr haben.“. Der Kranke gab keine Antwort, ſondern ſein be⸗ ſchleunigtes Athmen ſchien anzudeuten, daß er eine un⸗ gewohnte Anſtrengung machte; endlich ſprach er, aber bei ſeiner ſchwachen, heiſeren Stimme konnten wir die Worte nicht verſtehen. Der Andere hingegen ſchien ſeiner Rede zu lauſchen und warf nur hie und da ein⸗ filbige Worte dazwiſchen. Endlich wurde Alles ſilll. „Geh' jetzt hinein,“ flüſterte Darby dem Kinde zu, „ich folge Dir.“ Das Mädchen öffnete leiſe die Thüre und ging hinein, gefolgt von MKeown, der jedoch nur einen Schhritt im Zimmer vorwärts that, als ob er zweifle, welch ein Empfang ihm würde. Bei dem unſtäten Lichte eines flackernden Holzfeuers bemerkte ich, daß im Winkel eines dunkeln Zimmers auf einem elenden Bette ein kranker Mann lag; neben ihm ſaß auf einem niedrigen Stuhl ein Anderer, das Haupt gebeugt, um den leiſen Athem zu belauſchen, den der Sterbende zuweilen holte. Das ſchwere Schnarchen von Andern lenkte meine Blicke nach einem entfernteren Orte des Zimmers, wo ich drei Männer auf der Flur liegen ſah, zum Theil in eine Decke ge kaum Zeit, ſoviel zu ſehen, als der Ma 9 6 36 hatte un neben dem Kranken vorſprang und in leiſem, aber drohen Tone Darby anredete. Ich konnte nur die letzten Worte ver⸗ ſtehen— für die Sache vergoſſen. Seht hieher.“ Mit dieſen Worten zog er mich vor, riß meinen Rock auf und deutete auf die Binde, die jetzt voll von dem Blute war, das bei jeder Bewegung aus meiner Wunde floß. Der Andere-ſah mich ein paar Sekunden lang ſeſt an, nahm meine Hand in ſeine, ließ ſie ſchwer niederfallen, flüſterte M'Keown ein Wort ins Ohr und kehrte ſich um. „Nein, nein!“ rief Darby heftig:„bei der heiligen— „Und wenn er aufwacht, kann er Euch noch er⸗ kennen.“ 8 „Und wenn er mich kennt,“ ſagte Darby trocken, „was thut's? Iſt nicht hier ſo gutes Blut als ſeines Meſſe! ſo dürft Ihr mich nicht behandeln. Setzt Euch, Mr. Tom,“ ſagte er, indem er mich in einen alten Armſtuhl neben dem Feuer drückte,„Da, nehmt einen Schluck Waſſer. Kommt her, Doktor; kommt her und hemmt das Bluten; helft bei dieſem——, Hier he⸗ kreuzte er ſich und ſah mit glühenden Augen empor, als plötzlich der Kranke in ſeinem Bett aufſprang und wild um ſich ſah. „Iſt das nicht Darby?— iſt das nicht MeKeown?“ rief er, mit dem Finger deutend.„Darby,“ fuhr er mit leiſem aber deutlichem Geflüſter fort,„Darby, ſieh hier, mein Junge; Ihr habt oft geſagt, ich würde nichts für die Sache thun. Iſt dies nichts? Mit dieſen Worten zog er die Bettdecke zurück und enthüllte eine gräuliche Wunde, die ſeine Bruſt ſpaltete, ſeine Rippen bloslegte und miiten unter dem dei jedem Athemzuge hervorſprudelnden Blute klaffte.„Iſt es nichts, daß ich Rang, Amt, Reichthum, die Gäter, die 2— 27 ſeit drei Jahrhunderten in meiner Familie waren, alle meine Hoffnungen, alle meine Ausſichten aufgab 87 „Und wenn Ihr dies gethan,“ unterbrach ihn M'Keown haſtig,„ſo habt Ihr gewußt, wofür.“ „Ich wußte, wofür!“ wiederholte der Kranke, wäh⸗ rend ein tödtliches Lächeln um ſein blaues Geſicht ſpielte und auf ſeinen weißen Lippen ſchwebte,„jetzt wenigſtens weiß ich es— um mein Erbgut einem Baſtard zu hinterlaſſen— meinen Namen mit Schimpf und Schande zu brandmarken— um als Verräther zu Grabe zu gehen und, was noch ſchlimmer iſt——„ Hier ſchau⸗ derte er heſtig zuſammen und obgleich ſein Mund ſich etnente, kam doch kein Laut heraus; er ſank erſchöpft zurück. „War er dort, ſagte Darby zu dem Doktor mit bedeutungsvollem Nachdruck—„war er dort heute Nacht?“ „Er war dort,“ verſetzte der Andere.„Er meint, er habe auch noch getroffen; aber, armer Mann! er war ſchon vorher am Boden. Die Jungen trugen ihn weg.—— Mit dieſem Kinde geht es ſchnell,“ fuhr er fort, als ſein Auge auf mich fiel. „So ſeht nach ihm und verliert keine Zeit,“ ſagte Darby heftig;„ſeht nach ihm,“ fügte er milder hinzu, „und der Himmel wird Euch ſegnen. Hier find zwan⸗ zig Guineen in Gold— es iſt Alles, was ich in die⸗ ſen acht Jahren zuſammengeſpart habe— da, ſie find für Euch, nur rettet ſein Leben.“ Der alte Mann kniete neben mir nieder, zerſchnitt mit einer Scheere die Binde, die mit geronnenem Blute meine Seite umgab, und unterſuchte meine Wunde. Darauf folgte ein kaltes, krankhaftes Gefühl, eine Art Ohnmacht, und ich konnie nichts von dem mir ſo nahen Geſpräch hören. Hie und da durchzuckte mich ein ſte⸗ chender Schmerz, aber außer dieſem hatte ich wenig Bewußtſein. Endlich ſah ich, gleich Einem, der aus einem ſchweren Schlummer erwacht, mit umnebelten Sinnen mich um— Alles war ſtill und regungslos im Zimmer. Der Doktor ſaß neben dem Bette des kran⸗ ken Mannes, und Darby, ſeine Augen auf mich ge⸗ heftet, kniete neben meinem Stuhle und hielt ſeine Hand auf den Verband meiner Wunde. Da klopfte es ſanft an die Thüre und das Kind, das ich vorhin geſehen, hatte, kam leiſe ins Zimmer, näherte ſich dem Doktor und ſagte: „Der Wagen iſt da, Sir.“* Der alte Mann nickte ſchweigend, wendete ſich darauf an Darby und flüſterte ihm etwas ins Ohr. M'Keown ſprang ſogleich auf, ſeine Wangen überzo eine tiefe Röthe und ſeine⸗Augen funkelten lebhaft. „Ich hab's, ich hab's!“ rief er;„nie vorher war uns das Glück ſo günſtig.“— Damit zog er den alten Mann auf die Seite, ſprach zu ihm in leiſem, aber ſchnellem Tone und bewies durch die Heftigkeit ſeiner Geberde und durch das Zittern ſeiner Stimme, wie tief er ergriffen war. „Wohl wahr, wohl wahr!“ ſagte der alte Mann nach einer Pauſe.„Der arme Dan hat nur noch eine Reiſe vor ſich.“ „Iſt er im Stande, es zu ertragen, Doktor?“ ſagte Darby, mit dem Finger auf mich deutend;„das iſt Alles, was ich frage. Iſt er ſtark genug?“. „Es wird ſchon gehen,“ verſetzte der Andere mür⸗ riſch.„Es ſteht nicht ſchlecht mit ihm. Gebt ihm dies zu verſuchen, wenn Ihr findet, daß er ſchwach wird und haltet den Kopf tief, und dann iſt nichts für ihn zu fürchten.“ Mit dieſen Worten nahm er aus einem Wandſchrank eine kleine Flaſche und übergab ſie M'Keown, der das koſtbare Elixir mit ſolcher Ehrfurcht empfing, als enthielte es die wahre Quelle menſchlichen Lebens. „Und nun,“ ſagte Darby,„je weniger Zeit ver⸗ loren, deſto beſſer. Es wird bald Tag ſein. Mr. Tom, 1 könnt Ihr aufſtehen?“ Ich ſtrengte mich mit allen Kräften an, aber meine A 29 Glieder waren wie angefeſſelt, und mein Arm, als wäre Blei darin. „Nehmt ihn auf den Rücken,“ ſagte eilig der alte Mann.„Ihr werdet ſonſt bis Sonnenaufgang hier bleiben. Tragt ihn die Stiege hinunter, und wenn Ihr ihn in der freien Luft habt, ſo kehrt ihn gegen den Wind und haltet ſeinen Kopf tief— merkt das.“ Ich machte noch einen Verſuch aufzuſtehen, aber ehe ich dieß thun konnte, hatten mich Darby's ſtarke Arme um den Leib genommen, ich fühlte mich auf ſeine Schulter gehoben und aus dem Zimmer getra⸗ gen; die Andern murmelten ſich ein„Gehabt Euch wohl“ zu und Darby ſtieg ſorgfältig die Treppe hinab, während das Kind ihm mit einer Kerze voranleuchtete. Als die Hausthüre geöffnet war, bemerkte ich, daß ein Wagen und Pferd da ſtand, begleitet von zwei Män⸗ nern, die, ſobald ſie mich ſahen, Darby zu Hülfe ſprangen und mich in den Wagen legen halfen. M'Keown war bald neben mir, legte mein Haupt auf ſeine Schulter und ſuchte mich in lehnender Stellung zu erhalten, indem er mir zugleich die volle Wohlthat der friſchen Luft zukommen ließ, die mich alsbald er⸗ friſchte und erquickte. Der Wagen fuhr nun in der Finſterniß und Stille weiter; anfangs ging es lang⸗ ſam, allmählig aber immer ſchneller, als wir den OQuai entlang fuhren; denn als ſolchen erkannte ich denſelben an dem dumpfen Rauſchen des Waſſers ne⸗ ben uns. Bald erſchienen die glänzenden Lampen der größeren Fahrſtraße, und als wir auf dieſer dahin fuhren, konnte ich wahrnehmen, daß das Pferd immer langſamer ging, und daß wir gerade die Mitte der weiten Stratze hielten, um weniger bemerkt zu wer⸗ den. Allmählig erreichten wir, wie ich an dem Rollen der Räder hörte, die Vorſtadt. Nach wenigen Mi⸗ nuten wurde das Pferd zur Eile angetrieben, und der Wagen rollte mit entſetzlichem Geraſſel vorwärts. Außer etwas Druck und Steifheit in der Seite ſpürte 30 ich nichts von meiner Wunde, während mich die Schnel⸗ ligkeit, womit wir durch die Luft flogen, in eine kei⸗ neswegs unangenehme Schläfrigkeit verſetzte. In die⸗ ſem Zuſtande wußte ich kaum, was um mich vorging. Dann und wann erweckte mich ein gelegenheitlicher Halt, eine zufällige Unterbrechung, und ich hörte hal und halb den Laut von Stimmen, aber wovon ſie ſprachen, wußte ich nicht. Darby fragte mich häufig, aber meine höchſte Anſtrengung, ihm zu antworten, war ein Druck mit der Hand. Zuweilen kam es mir vor, als wäre Alles, was ich fühlte, nur die Phan⸗ taſie eines krankhaften Traumes, den der Morgen ſchon verſcheuchen würde. Dann dachte ich, wir fliehen vor einem Feinde, der Uns hart verfolge und mit je⸗ dem Schritt näher komme; in Alles miſchte ſich ein dunkles Gefühl irgend eines ſchrecklichen Ereigniſſes und drückte mir ſchwer aufs Herz. Allmälig wurden meine Sinne klarer, und ich ſah, daß wir längs der Meeresküſte reiſten. Das ſchwache, graue Licht des anbrechenden Tages ergoß einen kalten Schein über das grüne Waſſer, das in traurigem Takt an das niedrige, flache Ufer ſchlug: ich betrachtete die Wellen, wie ſie ächzend das zerſtreute Schilf peitſchten, wo ſich das wilde Geſchrei des über die dunkle Flut dahin ſchwebenden Strandpfeifers in das Gebrauſe miſchte, und mein Herz wurde ſchwerer. Es liegt in dem dumpfen Getöſe der See bei Nacht etwas, das ſich auf furchtbare Art mit unſern trübſten Gedanken verbindet— die lauteſten Donner des Sturmes, wenn weißſchäumende Wogen hoch aufſteigen und in tauſend Wirbeln an den ſchwarzen Felſen ſich brechen, ſtimmen nicht ſo ſehr zur Melancholie, als die ſeufzende Klage der Mitternachtfluth. Lang begrabenes Weh, lang ver⸗ geſſene Schmerzen ſtehen auf, wenn wir lauſchen, und es iſt uns, als wäre dieß Klaggeſchrei der Leichenge⸗ ſang über geliebte Hoffnungen und lang genährte Wünſche. Aus meinem düſteren Sinnen erweckte mich 31 plötzlich die Stimme Darby's, der die vorn ſitzenden Männer fragte, wie der Wind ginge. „Weſt⸗Süd,“ verſetzte Einer,„gerade ſo ſtark als nöthig iſt— aber wer weiß, vielleicht weht er noch voller, wenn die Sonne aufgeht.“ „Darauf werden wir nicht lange zu warten ha⸗ ben,“ rief der Andere—„fieh da!“ Bei dieſen Worten ſchlug ich meine Augen auf und ſah den blaßrothen Streifen des anbrechenden Tages über dem Gipfel eines langen Gebirgszuges. „Da liegt Howth,“ ſagte Darby, mit Begierde den Beweis für mein wiederkehrendes Bewußtſein er⸗ greifend. „Vorwärts, ſo ſchnell als möglich,“ ſagte Einer der Männer,„wir müſſen die Ebbe erwiſchen, oder es geht ſonſt nicht.“ „Wo liegt ſie?“ fragte Darby flüſternd. „Unter den Klippen in der Bolskaton⸗Bucht,“ ſagte der letztere Sprecher, den ich jetzt an Kleidung und Sprache als einen Schiffsmann erkannte. Meine Neugierde über das Ziel der Fahrt war jetzt aufs Aeußerſte geſpannt, und mit Anſtrengung brachte ich das einzige Wort heraus: „Wohin?“ 4— Darby's Augen glänzten, als ich ſprach, er drückte meine Hand feſt in die ſeine, gab aber keine Antwort. Sein Schweigen als Vorſicht auslegend, drang ich nicht weiter in ihn— und verſank bald wieder in meine vorige Gleichgültigkeit und Verdroſſenheit. „Fahre jetzt rechts,“ rief der Schiffsmann dem Kutſcher zu; plötzlich verließen wir die Hochſtraße, und kamen auf einen ſchmalen Seitenweg, der uns längs der Gebirgswand hart am Rand des Waſſers hinzu⸗ leiten ſchien— aber bevor wir in dieſer Richtung weit fortgefahren waren, hörte man aus der Entfernung ei⸗ nen langgedehnten Pfiff. „Halt, halt!“ rief der Schiffsmann, indem er 32 auf dem Wagen kniete und auf das Signal antwortete. „Ja, Alles recht, da find ſie,“ ſagte er und deutete auf eine enge Bucht zwiſchen den Felſen unter uns, wo wir ein kleines Ruderboot mit ſechs auf ihren Ru⸗ 1 dern liegenden Männern ſahen. „Kann er nicht gehen?“ ſagte der Schiffer halb⸗ laut, als er neben dem Wagen ſtand.„Laßt uns keine Zeit mehr verlieren, wir wollen ihn in die Mitte nehmen.“ „Rein, nein,“ ſagte Darby,„legt ihn auf meinen Rücken; ich will ihn allein tragen.“ „Der Grund iſt ſchlüpfriger als Ihr meint,“ ſagte der Andere,„mein Rath iſt der beſte.“ Damit hob er mich aus dem Wagen, Beide, Darby und er nahmen mich in ihre Mitte und trugen mich auf den Händen; bald ging es ſo ſteil hinab, daß ich ſah, ein einziger Mann hätte mit einem andern auf dem Rücken den Weg unmöglich allein machen können. Inzwiſchen wurde mein Wunſch, zu wiſſen, wohin ſie mich bringen wollten, ſtärker als je— und als ich mich umkehrte, um Darby zu fragen, ſah ich, daß küber ſeine beiden verwitterten Wangen Thränen ran⸗ nen, während ſeine Lippen bebten und zitterten wie im Fieber. 3 „Gebt Acht auf den Weg, Mann, ſag' ich,“ rief der Segler,„oder wir ſtürzen über die Klippe.“ „Links um den Felſen,“ rief eine Stimme von unten—„ſo recht, ſo recht; langſam da; gebt mir Eure Hand.“ Als er ſprach, kamen zwei Männer aus dem Boot und halfen uns das abſchüſſige Ufer, wo das naſſe Seegras jeden Schritt erſchwerte, hinab. „Legt ihn hier ins Hintertheil— ſachte, Jungen, ſachte,“ rief Einer, der ihr Anführer ſchien—„ſo recht, legt dieſe Jacken unter ſeinen Kopf. He, Pfeifer, kommt Ihr nicht mit uns?“ Aber Darby konnte kein Wort ſprechen. Todten⸗ bläſſe lag auf ſeinen Zügen, und die Thränen fielen, Tropfen für Tropfen, auf ſeine Wangen. „Mr. Tom,“ ſagte er endlich, indem mich ſeine Lippen faſt berührten—„mein Kind, mein Herzblut, vergeſſet den armen Darby nicht. Ihr werdet noch ein großer Mann werden— Ihr werdet Alles werden, was ich Euch wünſche: aber wollt Ihr einen armen Mann, wie ich bin, im Bedächtniß behalten?“ „Spring' ans Land, mein guter Kerl,“ rief der Bootführer,„wir haben genug zu thun, um die Spitze zu kommen, ehe die Fluth ſinkt.“ „Noch eine Minute, und Gott ſegne Euch dafür,“ ſagte Darby mit bittender Stimme—„wer weiß, ob wir uns noch einmal ſe ſehen. Es i*ſt vielleicht das letzte Mal, daß ich ihn ſehe.“ Ich konnte nur ſeine Hand an mein Herz preſſen; denn meine Aufregung vermehrte meine Schwäche, und jeder Verſuch zu ſprechen war vergeblich. „Noch eine halbe Minute, nur daß er ſagen kann —„„Gott ſegne Euch, Darby,““ und ich will zufrie⸗ den ſein.“ „Stoßt ab!“ rief der Schiffsmann ftreng; und kaum hatte er geſprochen, ſo platſchten die Ruder in die See, und das Boot rückte fort. Zweimal ſchlugen die ſchweren Ruder ins klare Waſſer und drängten ſprang. Die Wellen gingen ihm tern; aber in wenigen Sekunden hatte er ſich durch⸗ geſchlagen und ſtand am Ufer. letzte Anſtrengung und winkte ihm ein Lebewohl zu; dann ſank ich erſchöpft zurück, während er in ein wil⸗ Geſtalt, als wir ſchon weit in der See waren; er kniete am Ufer, entblösten Hauptes, und ſchien zu be⸗ ten. Thränen ſtürzten aus meinen Augen, ala ich ihn des kleinen Schiffes, während ſie ohne Verzug den betrachtete, der lang verhaltene Schmerz brach endlich hervor und ich ſchluchzte wie ein Kind. 4 „Kommt, kommt, Junge, nicht weichherzig,“ ſagte der Schiffer, ſeine Hand auf meine Schulter legend. „Ein ſo junger Menſch kann noch nicht viel rauhe Er⸗ fahrungen gemacht haben. Auf mit dem Kopf, und ſeht, was für ein herrlicher Morgen; und wie günſtig der Wind über's Waſſer ſtreicht. Das letzte Mal hat⸗ ten wir kein ſolches Wetter, das vürft Ihr glauben.“ Ich ſah plötzlich auf, und in der That hatte ich noch nie einen ſo ſchönen Anblick genoſſen. Die Sonne hatte ſich in aller Pracht erhoben und ergoß eine Fluth goldenen Lichtes über die Bucht, die fernen Spitzen der Wicklow⸗Gebirge mit rofigem Schein überziehend und die waldigen Thäler zu deren Füßen beleuchtend. Hart über uns erhoben ſich die ſchroffen Seiten von Howth in dunklem Schatten; die drohenden Felſen und fiaſteren Höhlen bildeten einen ſcharfen Contraſt gegen die glitzernden Farben der gegenüberliegenden Küſte, wo jede Hütte und jede Klippe im tanzenden Sonnen⸗ lichte flimmerte. Als wir um die Spitze kamen, er⸗ hoben die Männer ein Freudengeſchrei und wurden alsbald mit einem gleichen begrüßt. Ich kehrte mich um und ſah unter den ſchlanken Klippen die dünnen Stangen eines kleinen Schiffes, woran die Segel nachläſſig herabhingen. „Hier liegt ſie,“ ſagte der Bootführer—„das iſt die kecke Sarah, junger Herr; und wenn Ihr Euch auf Barken verſteht, ſo denk' ich, ſie wird Euch ge⸗ follen. Vorwärts, ihr Jungen, vorwärts; wenn der Felſen dort bedeckt iſt, haben wir Fluth.“ Das Boot ſlog dahin unter den kräftigen Stößen ihrer muſkligen Arme, und gleitete in wenigen Mi⸗ nuten in die kleine Bucht, wo die kecke Sarah vor Anker lag. Sie hoben mich auf und brachten mich an Bord woölkt, meine Wange brannte und meine Schläfe poch⸗ Anker lichteten und die Segel entfalteten. In weniger als fünf Minuten waren dieſelben vom Wind gebläht, das Waſſer rauſchte um die Barke und wir ſtanden in der hohen See.„ „Wohin?“ fragte ich leiſe flüſternd den Matroſen, der neben mir das Steuer hielt. „In den Canal, Sir.⸗ „Und dann?“ fragte ich noch einmal,„und dann?“ „Das häaͤngt, glaub' ich von den Kreuzern ab,“ ſagte er in rauherem Tone und, wie es ſchien, nicht geneigt, weitere Fragen zu beantworten.— Ach, ich hatte zu wenig Intereſſe für das Leben, als daß ich mich weiter um das Wohin bekümmert hätte; ich legte mein Haupt auf meinen Arm und ver⸗ ſank für einige Stunden in tiefe Betäubung. Die heiße Sonne, die Seeluft, die ungewohnte Bewegung und, das Schlimmſte von Allem, der reich⸗ liche Genuß von Branniwein und Waſſer, das ich von Zeit zu Zeit nehmen mußte, zogen mir allmählig ein Fieber zu, und vor Abend ergriff mich ein brennender Durſt und pochendes Kopfweh; meine Sinne, die bis⸗ her nur in Starrſucht gelegen, wurden ſchmerzlich em⸗ pfindſam, und mein Geiſt begann ſich zu verwirren. In dieſem Zuſtand blieb ich Tage lang, ganz ohne die Flucht der Zeit zu bemerken; ſchreckhafte Bilder der Vergangenheit jagten einander in meinem erhitzten Ge⸗ hirne und quälten mich mit unaugſprechlichen Schrecken. In einem meiner heftigſten Anfälle geſchah es, daß ich den Verband von meiner Seite riß; meine halb geheilte Wunde brach wieder auf, und ſo war ich in einem Augenblick mit Blut überſchwemmt. Ich kann mich nicht erinnern, was darauf folgte; es trat die äußerſte Schwäche ein, und ich lag dort ohne Bewußt⸗ ſein und Bewegung. Dieſem Umſtande verdankte ich mein Leben; denn als ich wieder zu mir kam, hatte mich das Fieber verlaſſen, meine Sinne waren unbe⸗ — ten nicht mehr, ich ſog die um mein Geſicht ſpielende Seeluft mit Entzücken ein und fühlte mit innigſtem Be⸗ hagen die wiederkehrende Geſundheit. Es war Abend, der ſchwache Wind, der auf Sonnenuntergang folgt, füllte kaum die Seegel, als wir durch die wellenloſe See glitten; ich hatte dem einförmigen Geſang eines Matroſen gelauſcht, der neben mir ſaß und ein Segel ausbeſſerte, als ich plötzlich eine Stimme vom Waſſer her hörte, die uns grüßte; der Barkenführer ſprang auf das Halbdeck und gab ſogleich Antwort— die Worte konnte ich nicht verſtehen, aber an der Bewe⸗ gung rings um mich ſah ich, daß etwas Ungewöhnliches begegnet war, ich ſtreckte, nicht ohne Anſtrengung mei⸗ nen Kopf über das Bollwerk und ſah mich um. Eine lange niedere Barke lag hart an unſerer Seite, ge⸗ füllt mit Männern, deren blaue Mützen und geſtreifte Hemden mir nicht weniger auffielen, als ihre ſchwarzen Gürtel und die Hirſchfänger, womit Alle bewaffnet waren. Nachdem ſie mit unſerer Mannſchaft freund⸗ liche Grüße gewechſelt hatte— denn ſo kamen ſie mir vor, ob ich gleich die Worte nicht erhaſchen konnte— ging ſie ſchnell hinter uns. „Das iſt ihre Flotille, Sir,“ ſagte der Steuer⸗ mann, indem er mein über das Waſſer ſtreifendes Auge beobachtete. Ich richtete mich höher auf und folgte der Richtung ſeines Fingers. Nie werde ich dieſen Augenblick ver⸗ geſſen; vor mir, wie es ſchien, kaum eine Meile weit, lag ein Tauſend Boote vor Anker, unter dem Schatten langer Sandhügel, mit luſtigen, ſchimmernden Flaggen geſchmückt, gefüllt mit Geſtalten, deren glänzende Far⸗ ben und glitzernde Waffen prächtig im dämmernden Abendlicht ſchienen. Die ſchimmernden Wellen ſpiegel⸗ ten die unzähligen Farben zurück, während ſie im Ein⸗ klang mit dem reichen Anſchwellen kriegeriſcher Mufik zu plätſchern ſchienen, die mit jedem friſchen Lufthauch über das Waſſer daher tönte. Das Ufer war bedeckt 37 mit Zelten, einige derſelben von mächtigen Bannern umflattert; und ſo weit das Auge reichte, war die weite Ebene neben der See mit Schaaren gewaffneter Männer betüpfelt. Da ſtanden ungeheure Colonnen von Infanterie— auch Cavallerie und Artillerie— mit blinkenden Waffen und luſtig wehenden Federn, aber Alles ſtill und regungslos, wie feſtgezaubert. Aus den dichten Vierecken ſah ich Reiter ab und zu galop⸗ piren. Plötzlich ſchoß eine blaue Rakete in den ruhigen Himmel und ergoß ſich in tauſend glitzernden Funken über das Lager; drauf erſcholl der dumpfe Donner einer Kanone, und dann ſchwoll hoch und voll die Muſik von tauſend Banden an, in einem Augenblick war die ganze Ebene in Bewegung, und der Grund erzitterte unter dem Tritt marſchirender Truppen. Regiment folgte auf Regiment, Schwadron auf Schwadron; Alles marſchirte gegen den Strand zu, während ſich eine lange, dunkle Linie durch die glitzernde Maſſe wand, ein Artilleriezug, der ſich mit Geſchütz, Pulver⸗ und Munitionswägen ſchweigend über die Oberfläche bewegte. 5 „Alles, was ich mir je von kriegeriſchen Schau⸗ ſpielen vorgemalt hatte, war nichts in Vergleich mit dem prächtigen Anblick vor mir. Die ſtille Abendluſt, erſchüttert vom Klang der Trompeten und Geraſſel der Trommeln, die ſpiegelgleiche See, gefärbt vom Wider⸗ ſchein glänzender Banner und wehender Flaggen— und dann der gleichmäßige Schritt der mächtigen Ar⸗ mee erfüllte alle meine Sinne ſo ſtark, daß ich fürch⸗ tete, es möchte Alles das leere Trugbild eines Trau⸗ mes ſein und verſchwinden, wie es kam. „Welch' ein prächtiger Anblick!“ rief ich endlich ans, halh außer mir vor Enthufiasmus.„Wo find r 4 „Wo wir find!“ wiederholte der Barkenführer lächelnd.„Seht nur hin und Ihr werdet's bald er⸗ rathen. Gleichen dieſe Uniformen denen des Königs Georg? Wann habt Ihr ſchon ſtählerne Bruſtplatten und Helme geſehen? Das iſt Frankreich, mein Junge.“ „Frankreich! Frankreich!“ rief ich, ſchon bei dieſem Gedanken halb außer mir. „ a freilich. Was Ihr dort ſeht, iſt die Armee von England, wie ſie ſie nennen; ſie bewerkſtelligen ihre Einſchiffung. Seht die rothen Raketen; dort ſtei⸗ gen ſie— drei, vier, fünf, ſechs— das iſt das Sig⸗ nal; in weniger als einer halben Stunde werden 30000 Mann fertig zum Einſchiffen ſein. Seht, wie ſte ſchneller und ſchneller drängen; und betrachtet die Kavallerie, wie ſie abſteigt und ihre Pferde den ſteilen Abhang herunter führt, ſeht, wie die Boote an's Ufer ſtoßen—— aber holla! wir kommen zu nahe an die Kanonen⸗Boote. Steuer abwäris, Junge, hinter jene Landſpitze dort.“— 4 Wie die leichte Barke über das blaue Waſſer glitt, entfernte uns jeder Augenblick welter von der prächtigen Szene, und bald verſchloß uns eine vorſpringende Spitze das Ganze, außer den Schall der Blechmuſik, der noch immer mit dem Winde herandrang, und ich hätte Alles für reine Täuſchung halten können. „Sie üben ſich in dieſem Manöver oft genug, um es gut zu können,“ ſagte der Schiffer,„zuweilen bei Tagesanbruch— manchmal um die Mittagszeit— manchmal, wie wir ſahen, nach Sonnen⸗Untergang, und Niemand weiß, in welchem Augenblick der Angriff, der eine Finte ſcheint, nicht ein wirklicher wird. Aber da ſind wir am Land: unſere Reiſe iſt vollbracht.“ Der Anker platſchte in's Waſſer, während vom ufer aus ein Signal gegeben und von uns beantwor⸗ tet wurde, in einem Augenblick waren wir von Booten umringt. „Ha, Antoine!“ rief ein Unteroffizier in Schiffs⸗ uniform, der auf dem Schanddeck eines langen, acht⸗ ruderigen Bootes ſaß und als Gegengruß an den Hut⸗ — — während aus jedem Boote im Hafen bei jeder Viertel⸗ 39 rührte.„Was gibt's Neues outre mer? Wie geht's in Irland?“ „Das muß Euch mein junger Freund da ſagen,“ verſetzte der Schiffer lachend, indem er ſeine Hand auf meine Schulter legte.„Ich muß ihn Euch vor⸗ ſtellen— Mr. Burke, Lieutenant Brevir.“ Der Lieutenant grüßte mich artig, ſprang fröhlich zu uns an Bord und ſchüttelte uns mit großer Herz⸗ lichkeit die Hände. 3 „Man wünſcht Euch am Land zu ſehen, Antoine, ſobald als möglich; es gehen dieſe Nacht Depeſchen nach Paris, und man wird ſich freuen, die letzten Berichte über den Zuſtand des Kanals mitſchicken zu können.“. „Leichte Winde und keine Kreuzer ſind Alles, was ich ihnen zu ſagen habe,“ ſprach der Schiffer. 1 Jetzt nahm ihn der Lieutenant auf die Seite und ſie unterhielten ſich einige Zeit lang in leiſem Tone, während ich mich damit beſchäftigte, die Schildwachen zu beobachten, die unaufhörlich auf einem niedrigen hölzernen Damme, der ſich in die See erſtreckte und mit einem gegenüber liegenden Vorgebirge einen klei⸗ nen Hafen bildete, auf und abgingen. Sie ſchienen ſehr wachſam zu ſein; beſtändig ging von Mund zu Mund der dumpfe Ruf:„Sentinelle, prenez garde à vous;“ ſtunde der einförmige Singſang„bon quart!“ ertönte. Dieſe Vorſichtsmaßregeln gegen die Annäherung einer fremden Barke erſtreckten ſich, wie ich ſpäter erfuhr, längs der ganzen Küſte von Dieppe bis Oſtende; dennoch waren ſie nicht hinlänglich, um häufige Be⸗ ſuche von engliſchen Spionen zu verhüten, die in jedes Quartier des Lagers drangen und ſogar die Frechheit hatten, das Theater in der Stadt zu beſuchen und ihr Mißfallen über die Vorſtellung laut auszudrücken. „Sie thun beſſer, Sir, mit mir ans Land zu kom⸗ men,“ ſagte der Lieutenant—„Oderſt Dorſenne wird — ſich freuen, einige Fragen an Sie zu ſtellen. Was ha⸗ ben Sie für Papiere?“ „Keine, außer einige Privatbriefe,“ ſagte ich, etwas betroffen über die Frage. „Thut nichts,“ ſagte er freundlich.„Ich höre von Antoine. Sie wünſchen in hieſige Dienſte zu treten. Dieſer Wunſch iſt Ihre beſte Empfehlung an den Oberſt; er wird Sie nicht lange nach Ihren Gründen fragen, dafür ſteh ich Ihnen.„Man führe den Herrn ins Haupt⸗ Quartier!“ ſagte der Lieutenant zu einem Corporal, der mit ſeinen vier Mann am Landungsplatze ſtand und die Ankunft etwaiger Perſonen aus dem Boote ab⸗ wartete; in einem Augenblick nahm mich die Mann⸗ ſchaft in die Mitte und ging mit mir den Damm ent⸗ lang. Unterwegs konnte ich wahrnehmen, wie mehr als einmal ihre Blicke mit einem Ausdruck von Mitleid auf mir ruhten, das ich mir durchaus nicht zu erkären wußte. Damals wußte ich noch nicht, daß der von uns eingeſchlagene Weg derſelbe war, der ſo oft zum Tode führte, und daß erſt am Tage vorher zwei Engländer erſchoſſen wurden, weil ſie ſich ohne Erlaubniß ans Ufer gewagt hatten. Die Conſigne des Korporals ließ uns an einen Poſten nach dem andern vorüberpaſſiren, bis wir die offene Ebene erreichten, über die jetzt die Nacht ſchnell hereinbrach. Eine Laterne in einiger Entfernung be⸗ zeichnete das Quartier des dienſthabenden Offiziers; dorthin wendeten ſich unſere Schritte, und endlich er⸗ reichten wir eine kleine hölzerne Barracke, woraus uns luſtige, fröhliche Töne entgegen drangen. Die uns anhaltende Schildwache rief einen Offizier unter die Thüre, der im Augenblick, wo ſeine Augen auf mich fielen, zurückſchritt, und mit der Hand raſch über die Stirne fahrend halblaut murmelte:„Schon wieder Einer!“ Während er ſich in ein inneres Zimmer zurückzog, hatte ich Zeit, die ſeltſamen Dekorgtionen zu betrachten, welche die Wände des Vorzimmers zierten: rings her⸗ um auf jeder Seite waren trophäen⸗artig Waffen von allen verſchiedenen Gattungen gruppirt, mit einem Sinnſpruch auf den eigenthümlichen Charakter einer jeden, oder auch mit der bloßen Erwähnung einer be⸗ rühmten Schlacht, wo ſich die eine oder die andere be⸗ ſonders hervorgethan hatte. Hier waren die langen, ge⸗ raden Kuiraſſier⸗Säbel über die ſtählerne Bruſt⸗Platte gekreuzt, und darüber hing der ſchwere, halb in Leo⸗ parden⸗Fell gehüllte Helm mit dem faſt verwiſchten Worte Arcole über dem Schilde; da war die kurze Stutzbüchſe des Voltigeurs, worüber die rothe Kappe mit den luſtigen goldenen Quaſten und dem in golde⸗ nen Buchſtaben geſtickten Motto en avant hing; die lange und ſchlanke Waffe des Lanciers, der krumme Säbel des Chasseur-à-cheval; nicht einmal die Art des Pioniers fehlte; kurz überall ſtieß das Auge auf irgend ein Waffenmuſter jener ungeheuren Heeresmacht, die den ſtolzen Namen La grand armée trug. Ich war tief in die Betrachtung dieſer Gegenſtände verſunken, als ſich die Thüre öffnete und ein Offizier in voller Uniform erſchien; er hatte mehr als mittlere Größe, war ſtark und vierſchrötig gebaut, und ſeine ebernen Züge und hohe, kühne Stirne gaben ihm ein ſoldatenmäßiges Anſehen. „Ihr Name, Sir,“ ſagte er raſch, indem er vor mich trat und mir ſtreng ins Geſicht ſah. „Burke, Tyomas Burke.“ „Schreiben Sie, Auguſt,“ ſagte er zu einem jün⸗ gern Offizier, der mit der Feder in der Hand hinter ihm ſtand. „Ihr Rang oder Profeſſion?“ „Gentilhomme,“ ſagte ich, nicht wiſſend, daß das Vort Adel bedeute. „Ah pardieu,“ rief er, indem er grinſend ſeine weißen Zähne zeigte.„Haben Sie Papiere?“ „Nichts als dieſe Briefe,“ ſagte ich, indem ich ihm die Schreiben De Mendons übergab. Kaum hatte er einen Blick über ſie geworfen, als ſich ſeine Farbe erhöhte und ſeine Wange zitterte. „Was,“ rief er,„Sie find derſelbe junge Irländer, von dem hier die Rede iſt? der treue Gefährte und Freund des armen Charles? Er war mein Schulka⸗ merad: wir waren mit einander in Brienne. Was hätte ich beinahe für einen Fehler gemacht! Wie find Sie gekommen und wann?“ Bevor ich eine ſeiner Fragen beantworten konnte, trat der Schiffsoffizier, den ich im Hafen getroffen hatte, ein und erſtattete Bericht.— „Ja, ja; das kenne ich Alles,“ ſagte Dorſenne, eilig denſelben überblickend.„Es iſt Alles richtig, voll⸗ kommen richtig, Brevix. Kapitän Antoine ſoll im Hauptquartier verhört werden. Ich will für dieſen Herrn da ſorgen; und um anzufangen,— kommen Sie und eſſen Sie mit uns zu Abend.“ 4 Er warf vertraulich ſeinen Arm auf meine Schul⸗ ter und führte mich in das anſtoßende Zimmer, wo zwei andere Offtziere an einer Tafel ſaßen, die mit Silbergeſchirr und zahlreichen Weinflaſchen bedeckt war. Mit wenigen Worten war ich eingeführt, und einige Gläſer Champagner ſtimmten mich ſo wohlgemuth, als hätte ich mein Leben unter ihnen zugebracht und nie eine andere Unterbaltung gehört, als über die letzte Bewegung der franzöſiſchen Armee und die künftigen Feldzugsplane. „Und ſo,“ ſagte der Oberſt, nachdem ich einen kurzen Bericht über die Ereigniſſe gegeben, die mich beſtimmt hatten, meine Blicke auf Frankreich zu werfen, „und ſo wollen Sie Soldat werden?— Eh bien, ich wußte ſelbſt nichts Beſſeres. Hier iſt Davernac, der wird Ihnen das Gleiche ſagen, obſchon er im Dienſt ſeinen Arm verloren.“— „Oui pardieu,“ ſagte der Offizier zu meiner 43 Rechten,„ich bin nicht der Mann, ihm von einer Lauf⸗ bahn abzurathen, die ich immer liebte.“ 4 „A& vous mon ami,“ ſprach der jange Offizier, der mich bei meiner Ankunft zuerſt angeredet hatte, in⸗ dem er ſein Glas ausſtreckte und an das meinige ſtieß. „Ich hoffe, Sie werden uns an einem dieſer Tage als Führer durch die dunkeln Straßen Londons dienen. Die Zeit it vielleicht nicht ſo ferne, als Sie denken. Sie brauchen Ihren Kopf nicht ſo zu ſchütteln.“ „Das iſt es nicht, was ich meine,“ ſagte ich eifrig. „Was denn?“ verſetzte der Oberſt.„Sie meinen doch nicht, daß cine ſolche Expedition, wie die unſeige, mißlingen wird?“. 8 „Auch das nicht,“ erwiederte ich.„Ich bin nicht ſo anmaßend, mir hierüber eine Meinung zu bilden.“ „Diantre, was meinen Sie denn?“ „Einfach dieß, daß ich, welches Loos mich auch erwartet, nie gegen das Land fechte, unter deſſen Herr⸗ ſchaft ich geboren wurde. England mag gegen uns nicht gerecht ſein und iſt es leider nicht geweſen: aber ſo eifrig ich auch in den Reihen meiner Landsleute es be⸗ kämpft hätte, in den Reihen einer Invaſions⸗Armee werde ich es nie thun. Nein, nein, wenn Frahkreich keinen andern Krieg hat als mit England— wenn ihm nicht die Sache der Frelheit Europa's am Herzen liegt — ſo habe ich kein Blut in ſeinem Dienſte zu ver⸗ gießen.’,“ „Sacristi,“ ſagte der Oberſt, kaltblütig ſeinen Wein ſchlürfend,„ſolche Meinungen hätten Sie beſſer gethan für ſich zu behalten. Da haben wir einen ge⸗ wiſſen kleinen General in Paris, der ſelten dem Volk erlaubt, über die Urſache des Feldzugs zu klügeln. In⸗ deſſen iſ''s ſchon ſpät und wir wollen jetzt die Sache nicht mehr beſprechen. Anguſt, wollen Sie Burke mit in Ihr Quartier nehmen? und morgen wiill ich den General um ſein Brevet für die polytechniſche Schule erſuchen.“ — , Drittes Kapitel. Die Ecole militaire. Laßt mich jetzt in Einem Sprunge etwa zwölf Monate meines Lebens überhüpfen— nicht daß ſie ohne Wechſelfälle mancherlei Art für mich waren, aber es waren doch nur ſolche, wie ſie den meiſten Knaben vorkommen— und laßt mich gleich als polytechniſchen Schüler auftreten. Welche Veränderung hatte die Zeit, ſo kurz ſie auch war, in allen meinen Meinungen be⸗ wirkt; wie vollftändig hatte ich Alles vergeſſen, was mir mein früherer Lehrer, der arme Darby, einge⸗ prägt; wie hatte man mich an den Gedanken gewöhnt, Der Enthuſiasmus, der jedes Corps der franzöfi⸗ ſchen Armee beſeelte und jede Fiber der Nation er⸗ regte, hatte volle Herrſchaft in der kleinen Welt der Militärſchule. Dort wußte man jede Schlacht aus⸗ wendig; jedem Fleck unſeres Spielplatzes gaben wir — R————ʃ ⏑—— 4⁵ irgend einen großen Namen aus der Geſchichte des Ruhmes; und wir ſelbſt nahmen die Titel der Helden an, die über ihr Land ſolchen Glanz verbreiteten, und ſo war in allen unſern Knabenſpielen die Rede von Lodi— Arcole— Rivoli— Caſtiglione— Pyramiden — Berg Tabor. Während wir uns nicht ſcheuten, uns die Namen Kleber, Kellermann, Maſſena, Deſſair, Murat beizulegen, gab es nur Einen Namen, den Keiner kühn genug war, anzunehmen; und dies war der Name des Mannes, deſſen Siege jede Zunge pries. Wenn dieſer Enthuſiasmus allgemein unter uns war, ſo fühlte ich ihn in ſeiner vollſten Stärke, denn in mir war er von keinem andern Gedanken ge⸗ färbt. Ich hatte weder Heimath noch Familie— meine Tage verſtrichen in ununterbrochener Ruhe, kein Vergnügen, keine Freude hatte ich zu hoffen, wenn der Feſttag kam; all mein Sinnen drängte ſich in den einzigen großen Wunſch, Soldat zu ſein; meinen Na⸗ men unter jenen großen Männern, deren Ruhm Eu⸗ ropa erfüllte, bekannt zu machen, erwähnt zu werden von dem, aus deſſen Munde das geringſte Wort des Lobes die Ehre ſelbſt war. Wann ſollte dieſer Tag für mich kommen? Wann ſollte ich die Laufbahn vor mir offen ſehen?— dies waren meine erſten Gedanken am Morgen, meine letzten bei Nacht. Wenn die Entſchiedenheit meines Vorſatzes, der ſtarke Strom meiner Hoffnungen und Wünſche eine ideale und glückliche Welt in mir erſchuf, ſo lieh es jedoch meinem Aeußern einen Zug des Ernſtes, der ſich wie Melancholie ausnahm, und meinen Gefährten fiel eine gewiſſe Traurigkeit auf, worüber ſie mich oft neckten, die ich aber vergeblich zu überwinden ſuchte. Es iſt wahr, daß mir zu gewiſſen Zeiten meine Ver⸗ laſſenheit und Einſamkeit kalt zu Herzen ging; wenn ich ſah, wie der eine oder andere zuweilen hinweg nach einer glücklichen Heimath eilte, wo eine zärtliche Schweſter ihren Arm um den Nacken eines Bruders ſchlang, oder eine liebende Mutter ihren Sohn an ihre Bruſt drückte und ſein Auge küßte, ſo ſtahl ſich manchmal eine Thräne über meine Wange und ich eilte in mein Zimmer, wo ich die Thüre verſchloß, mich hinſetzte und nachdachte, bis mein trauriges Herz müde war oder bis meine ſtärkere Natur erwachte, bis ich mich aufraffte, an meine Studien ging und alles Andere vergaß. Inzwiſchen machte ich reißende Fortſchritte; die ununterbrochene Richtung meiner Ge⸗ danken gab mir einen entſchiedenen Vortheil über die Aadern, und lange vor der regelmäßigen Periode war der Tag für meine Schlußprüfung angeordnet. Welchen dauernden Eindruck hinterlaſſen nicht ei⸗ nige Abſchnitte des Jugendlebens! Wie wohl erinnere ich mich noch jetzt— und⸗doch, wie viele Jahre find ſchon vorüber— all' der Hoffnungen und Aengſten, die mein Herz bewegten, als der Tag nahe kam; wie ſprang ich jeden Morgen mit Sonnenaufgang empor, um über eines der Bücher herzufallen, welche die Ge⸗ genſtände der Prüfung bildeten; wie lag ich oft ſchon, wenn kaum die graue Dämmerung anbrach, über den Seiten Vauban's und über den Berechnungen Carnot's, und mit welchem ſinkenden Muthe fand ich oft, daß eine Nacht alle Frucht einer langen Tages⸗Arbeit ver⸗ wiſcht zu haben ſchien und daß der Gewinn meines hart angeſtrengten Verſtandes mir entgangen war; dann aber kam doch, wie hergezaubert, der verlorene Gedanke zurück, mein Gehirn wurde klar, und alle undeutlichen, dunklen Begriffe nahmen eine feſte, faß⸗ bare Wirklichkeit an. In ſolchen Stunden ſtieg mein Muth, eine bis an den Wahnſinn grenzende Fröhlich⸗ keit hob mich beinahe in die Höhe, ein frohes Geſühl pochte in jedem Puls, und da gab es Nichts, das ich nicht gewagt, keine Gefahr, der ich nicht getrotzt hätte. Dies waren die Glanzſeiten meiner damaligen Knaben⸗ zeit und dies das Temperament, das ſie meinem Man⸗ nesalter vermachte, 47 Es war am 16. Juni, dem Jahrestage von Ma⸗ rengo, als im Hofe der polytechniſchen Schule die Trommel Allarm ſchlug, und bald darauf eilten die Schüler aus ihren verſchiedenen Quartieren herbei, begierig zu erfahren, ob ihre Bitte, die Invaliden zu beſuchen, eine am Jahrestage eines großen Sieges gewöhnliche Gunſt, geſtattet worden ſei. Als wir in den Hof kamen, fiel uns ein Ordon⸗ nanz⸗Dragoner auf, der neben dem Hauptlehrer ſtand, letzterer las in einem Briefe, den er in den Händen hatte, und nachdem er fertig war, ſagte er dem Sol⸗ daten einige Worte, worauf dieſer ſein Pferd umdrehte und ſchnell davon ritt. Noch einmal raſſelte die Trommel, und es wurde Befehl gegeben, uns in Linie aufz ſtellen; in einem Augenblick war dies geſchehen, und wir ſtanden ge⸗ ſpannt auf die Neuigkeiten, die uns erwarteten. „Messieurs les écoliers,“ begann er, während allgemeines Stillſchweigen herrſchte,„da heute der Jahrestag der glorreichen Schlacht von Marengo iſt, ſo hat der General Buonaparte beſchloſſen, daß über die ganze Schule Muſterung gehalten werden ſoll. Ge⸗ nerallientenant d'Auvergne wird gegen Mittag hieher kommen, um die Inſpektion vorzunehmen, und je nach meinen Berichten über Ihre allgemeine Aufführung, Ihren Eifer, Ihre Fortſchritte werden dem erſten Con⸗ ſul Behufs Ihrer Beförderung Empfehlungen einge⸗ reicht werden. Lauter Jubel folgte dieſer Rede. Die Ankündi⸗ gung überſtieg bei weitem unſere glühendſten Hoff⸗ nungen, und unſer Enthuſiasmus kannte keine Grenze, überall erſchollen laute Vivats zu Ehren des Generals Buonaparte, d'Auvergne's und des Hauptlehrers ſelbſt. Kaum war das Frühſtück vorbei, als unſere Vor⸗ bereitungen begannen. Welch' eine emſige Geſchäftig⸗ eit! Hier bürſteten einige ihre Uniformen, polirten ihre Degengefäße und bekreideten ihre Kreuz⸗Riemen; 48 dort lernten andere das Commando von Feld⸗Manö⸗ vern auswendig, einige marſchirten, um ſich zu üben, gruppenweiſe durch den Corridor; andere, zu ſehr auf⸗ geregt durch die ſo plötzlich geöffnete Ausſicht, ſprangen wie närriſch von einem Platze zum andern, und ſchrieen und ſangen Bruchſtücke aus Soldaten⸗Liedern, aber alle waren beſchäftigt. Was mich betraf, ſo war ich erſe zwei Tage vorher zum Corporal vorgerückt, meine neue Uniform war gerade gekommen und ich zog ſie zum erſten Mal mit keinem unbeträchtlichen Stolze an, in der That konnte ich von den Streifen an meinem Arm, die meinen Rang bezeichneten, kaum meine Au⸗ gen abwenden. Lange vor der beſtimmten Zeit waren wir ſchon alle verſammelt, und als die Glocke zwölf Uhr ſchlug und die Trommel wirbelte, fehlte kein Ein⸗ ziger; wir waren in drei Colonnen aufgeſtellt, ſo daß zwiſchen jeder ſo viel Raum war, um auf's Com⸗ mando eine Linie zu bilden. Der Hauptlehrer ging durch unſere Reihen, unſere Bewaffnung und Beklei⸗ dung ſorgfältig unterſuchend; aber heute war Alles von ungewöhnlichem Impulſe bewegt, und nirgends war die geringſte Unregelmäͤßigkeit zu entdecken. In⸗ zwiſchen verſtrich die Zeit, und jedes Auge war nach der langen Linden⸗Allee gerichtet, durch welche der General kommen mußte; aber Nichts war daſelbſt zu ſehen, und die glänzenden Streifen des Sonnenlichts, die zwiſchen den Bäumen hineinſielen, wurden durch keinen vorübergehenden Schatten unterbrochen. Es begann ein Geflüſter in den Reihen; einige fürchteten, er könnte die ganze Beſtellung vergeſſen haben, andere vermutheten, eine andere Revue ſonſtwo habe ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen, endlich ſchlich ein verdrießliches Gemurmel durch die Maſſe, das nur durch die Anweſenheit des Chefs innerhalb der gehö⸗ rigen Schranken gehalten wurde. Ein Uhr ſchlug's, und noch erſchien kein Reiter; die Allee blieb ſtill und verlaſſen, wie zuvor, die Minuten glichen jetzt Stun⸗ 49 den— Verdrießlichkeit und Müdigkeit allenthalben. Die Reihen wurden gebrochen, Manche verließen ihren Poſten und vergaßen alle Disciplin. Endlich ſah man in der Ferne eine Staubwolke ſich erheben und all⸗ mählig näher kommen; jedes Auge war dahin gerich⸗ tet und in einem Augenblick war wieder Alles auf dem Poſten, Alles war in Aufmerkſamkeit und ängſtlicher Spannung, während jeder Blick gierig die dichte Wolke durchſpähte, ob nicht der langerſehnte Stab ankomme. Endlich kam uns der Gegenſtand zu Geſicht; aber wie groß war unſer Unmuth, als wir ſahen, daß es nur ein Reiſewagen mit vier Poſtpferden war; kein Sol⸗ dat, kein einziger Dragoner war zu ſehen— ein halb⸗ unterdrücktes Murren verrieth unſere Unzufriedenheit, denn wir vermutheten in dem Wagen höchſtens einige Bünige Beſucher, vielleicht die Freunde irgend eines ers. Der Chef ſelbſt theilte unſere Gefühle, er ging die Linienentlang und erklärte, wenn der General nicht binnen zehn Minuten ankäme, ſo wolle er uns entlaſ⸗ ſen And in Freiheit ſetzen. Ein dankbares Freudenge⸗ ſchrei begrüßte dieſe Rede und wir ſtanden dort, ge⸗ duldig auf unſere Befreiung wartend, als plötzlich von der Thorwache her das Klirren der Gewehre und der ſalutirende Schlag der Trommel gehört wurde; im gleichen Augenblicke rollte der Wagen, den wir geſe⸗ hen hatten, in den Hof und nahm ſeinen Stand in der Mitte des Vierecks. Unmittelbar darauf wurde der Schlag geöffnet, der Tritt niedergelaſſen, und ein Offizier in glänzender Uniform half drei Damen her⸗ aus. Ehe wir uns von unſerem Erſtaunen erholt, hatte ſich der Chef den Damen genähert, und bewies durch ſeinen tiefen Reſpekt, daß ſie keine gewöhnlichen Beſucher waren; aber bald wurde unſere Aufmerkſam⸗ keit von der Gruppe, die jetzt zuſammen plauderte und lachte, abgelenkt, denn bereits hörte man eine Tom Burke. I. 4 5. 50 Cavallerie⸗Eskorte die Allee heraufkommen, und wir ſahen die wehenden Federn und glänzenden Uniformen eines Generalſtabs, der in ſchnellem Trott heran ritt. Jetzt rollten die Trommeln längs der Linien, wir ſchulterten das Gewehr— die glänzende Gruppe ritt in den Hof und ſtellte ſich uns gegenüber auf. Alle Augen waren auf den General ſelbſt geheftet, das vollkommene beau ideal eines alten Soldaten. Er ſaß auf ſeinem Pferd ſo feſt und anmuthig, wie der jüngſte Adjutant ſeines Gefolges; ſein langes, weißes, hinten in einen Zopf geflochtenes Haar, war von ſei⸗ ner breiten Stirne zurückgekämmt; ſein klares, blaues Auge, mild und doch entſchloſſen, überblickte unſere Reihen, und als er ſich gegen den Hauptlehrer ver⸗ beugte, war ſeine ganze Haltung würdig des Hofes, an dem er einſt ein glänzendes Mitglied geweſen war. „Ich habe meine jungen Freunde lange auf mich warten laſſen,“ ſagte er mit leiſer, aber deutlicher Stimme,„und die einzige amende, die ich dafür ge⸗ ben kann, iſt eine kurze Inſpektion. Dorſenne, wollen Sie das Commando übernehmen?“ Ich fuhr auf bei dieſem Namen, ſah mich um, und ganz in der Nähe ſtand derſelbe Offizier, der mich am Tage meiner Landung in Frankreich ſo gütig em⸗ pfangen hatte; ob er gleich mich anſah, ſo bemerkte ich doch, daß er ſich meiner nicht mehr erinnerte, und mein Muth ſank wieder bei dem Gedanken, wie ganz freundlos und verlaſſen ich da ſtand. 8 Der General hielt Wort, indem er die Inſpektion ſo kurz als möglich machte; er ritt langſam die Rei⸗ hen entlang, von Zeit zu Zeit anhaltend, um ſeine Zufriedenheit auszudrücken, oder irgend ein Wort der Ermuthigung oder des Rathes fallen zu laſſen, das wir mit Begierde und Freude aufgriffen. Er befahl ſeinem Adjutanten, einige der gewöhnlichen Parade⸗ Manöver mit uns vorzunehmen, die wir ſo vollkom⸗ men verſtanden, wie die beſtgeübten Truppen. Wäh⸗ 51 4 rend dieſer ganzen Zeit hatte die Damengruppe ihren Standpunkt beibehalten und ſchien die Muſterung mit allem Intereſſe zu beobachten. Auch der General be⸗ gab ſich zu der Geſellſchaft und ſchien von Zeit zu Zeit eine beabſichtigte Bewegung zu erklären und ihre Aufmerkſamkeit auf das Schauſpiel zu lenken. „Laſſen Sie ſie in Parade aufmarſchiren,“ ſagte er endlich,„die armen Jungen haben jetzt genug; ich darf ihnen nicht den ganzen Feiertag verderben.“ Einſtimmiger Jubel war die Antwort auf dieſe gütige Rede, wir bildeten uns in Sektionen und mar⸗ ſchirten im Geſchwindſchritt an ihm vorüber. Der chef d'école hatte ſich jetzt dem Stab genähert und erſtattete ſeinen Bericht über die Knaben, als der Ge⸗ neral ihn unterbrach: „Madame hat ihren Wunſch ausgedrückt, dem ge⸗ wöhnlichen Treiben der Schüler in ihrer Spielſtunde zuzuſehen. Wenn die Bitte geſtattet iſt—— „Gewiß, mein General, natürlich,“ ſagte er, trat dann vor, rief einem Tambour und flüſterte etwas. Gleich darauf ſchlug der Zapfenſtreich und plötzlich veränderte ſich die Scene wie durch einen Zauber⸗ ſchlag: jeder ſprang aus Reihe und Glied, Kappen flogen in die Luft und aus jedem Winkel des Hofes erſchollen Vivats.. Der plötzliche Uebergang von Disciplin zu voll⸗ ſtändiger Freiheit erhöhte unſere Aufregung und wir wurden halb wild vor Luſt. Nachdem der erſte tolle Ausbruch der Freude vorüber war, kehrten wir gleich⸗ ſam inſtinktmäßig zu unſern gewöhnlichen Beſchäfti⸗ gungen zurück— hier ſammelte ſich eine Gruppe zu einer Waffenübung, Offiziere, von Sergeanten unter⸗ ſtützt, ordneten ihre Mannſchaft; Andere, mit Spaten und Schaufeln bewaffnet, warfen eine Schanze auf, während Einige Staketen und Palliſaden in den Bo⸗ den trieben; eine andere Gruppe, friedlicher in ihrem Thun, hatte ſich in ihre kleinen Gärten zurückgezogen, 53 zurücktrieben, erſcholl Triumphgeſchrei und Sieges⸗ Jubel. Schon hatte der Kampf nahe an eine Stunde gedauert, und Alles, was wir gewannen, war eine leichte Breſche in einem der Außenwerke, zu klein, um zum Sturm zu dienen— ſo ſtanden die Dinge, als das Gedröhne einer Kavallerie⸗Eskorte jedes Auge nach dem Eingang des Hofes lenkte, wo wir jetzt eine Schwadron der lanciers rouges hinter einem zahlreichen und glänzenden Stab von General⸗Offi⸗ zieren erblickten. Kaum waren ſie unter den Thoren, als ein lautes Geſchrei die Lüfte durchdrang, und jede Stimme rief:„c'est lui, c'est lui,“ und im nächſten Augenblick„Vive Buonaparte, vive le pre- mier consul!“ Alles, was ich je vom armen de Meudon gehört hatte, ſtürmte auf meine Seele ein, und mein Herz ſchwoll ſo hoch, daß es meine Bruſt zu berſten ſchien. Im nächſten Augenblick kehrte ſich mein Auge nach dem kleinen Fort. Der Moment war günſtig, denn noch wehte jede Kappe, und jeder Blick war auf ihn gerichtet. Ich ergriff die Gelegenheit, deutete ſchwei⸗ gend auf die Breſche, ſchlich vorwärts; in einer Se⸗ kunde war ich unter dem grafigten Wall, in einer andern erreichte ich die Breſche, in der dritten ſtand ich oben, wo ich mit Siegesgeſchrei meiner Mannſchaft zurief, mir zu folgen; ſie ſtürzten heran, aber zu ſpät, bereits war die Beſatzung an mir, und gegen die un⸗ geheure Uebermacht focht ich allein und ohne Beiſtand; Schritt für Schritt trieben ſie mich an den Rand des Walles, ſchon ſtand ich auf der Breſche, als ich im Sprunge den Flaggenſtock ergriff und mit mir nahm, indem ich über Hals und Kopf in den Graben ſtürzte; in einem Augenblick ſtand ich wieder auf den Beinen, aber ſo verſtaucht und verquetſcht, daß ich faſt ſogleich wieder umfiel; kalter Scweiß trat auf Geſicht und Stirne, und ich wäre in Ohnmacht geſunken, hätten 54 ſie nicht etwas Waſſer auf mich gegoſſen. Als ich krank und erſchöpft dort lag, ſchlug ich meine Augen auf, und wie groß war mein Erſtaunen, um mich herum nicht die kleinen Schulgefährten zu ſeben, ſon⸗ dern die prächtigen Uniformen von Stabs⸗Offizieren, und zwei elegant gekleidete Damen„ von denen Eine eine Schale Waſſer in der Hand hatte und meine Schläfe damit beſprengte. Ich ſah auf mein zerriſſe⸗ nes Gewand und auf den Aermel meines Rockes, wo die Zeichen meines Ranges faſt halb verwiſcht waren, und Thränen traten in meine Augen bei der Erinne⸗ rung an das Mißlingen meiner letzten Unternehmung. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Menge, und ein blaſſes, aber ſchönes Geſicht, wo die ſtrengen Züge des Herrſchers durch einen Blick von faſt weiblicher Sanftheit gemildert waren, lächelte mich an. „C'etait bien fait, mon enfant,“ ſagte er. „très bien fait, und wenn Du dabei einen Rock verloren haſt, ſo muß ich ſehen, ob ich Dir zum Er⸗ ſatz einen andern geben kann. Monſieur Legrange, wie iſt der Charakter dieſes Knaben in der Schule? iſt er fleißig, eifrig und geſittet?“ „Alles zuſammen, General,“ ſagte der Chef, ſich reſpektvoll verbeugend.. „Von heut' an ſoll er ſein Brevet haben. Wer ſind ſeine Verwandten?⸗ Die Antwort auf dieſe Frage wurde leiſe ge⸗ ert. „Wirklich!“ ſagte der erſte Sprecher;„ein weite⸗ rer Grund, für ihn zu ſorgen.„Monfieur,“ fuhr er fort, gegen mich ſich wendend,„morgen haben Sie Ihre Epauletten; vergeſſen Sie nie, wie Sie dieſelben gewonnen haben, und erinnern Sie ſich immer, daß jeder Dienſtgrad innerhalb des Bereiches eines Man⸗ nes iſt, der ſeine Schuldigkeit thut.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ging er fort, wäbrend ich, überwältigt von tauſend Gefühlen, weder ſprechen noch mich regen konnte. „Sehen Sie, es iſt ihm jetzt viel beſſer,“ ſagte eine ſanfte Stimme neben mir;„Sie ſehen, ſeine Farbe kehrt zurück.“ Ich ſchlug die Augen auf und neben mir ſtanden zwei Damen. Die ältere war ſchlank und zierlich gebaut; ihre Geſtalt, an und für ſich höchſt anmuthig, wurde durch den Glanz ihrer Kleidung aufs Vortheilhafteſte hervorgehoben: in ihrem Benehmen lag etwas Stattliches, das man für Hoch⸗ muth hätte halten können, ohne jenes ſanfte Wohl⸗ wollen, das, wenn ſie ſprach, ihren Mund umſpielte. Die jüngere, die den Jahren nach ihre Tochter hätte ſcheinen können, war ihr in jeder HKinſccht ungleich; ſie war zart gebaut, ihr Geſicht und ihre ſchwarzen Augen, von langen, ſchwarzen Wimpern beſchattet, verriethen die Provencalin, ihre Züge waren regel⸗ mäßig ſchön, und, wenn ſie ruhte, vollkommen grie⸗ chiſch; aber jeden Augenblick ſchuf ein zufälliges Wort, ein vorübergehender Gedanke einen neuen Ausdruck, und der immer wechſelnde Blick ihrer flammenden Au⸗ gen und ihre vollen runden Lippen ſpielten zwiſchen einem Lächeln und jenem ſchelmiſchen Geiſte, der den ſchönen Töchtern des Südens ſo weſentlich angehört. Erſt als mein feſter Blick auf ihre Wange eine tiefe Röthe getrieben, fühlte ich, wie glühend ich ſie ange⸗ ſehen hatte. „Ja, ja,“ ſagte ſie haſtig,„er iſt wieder ganz wohl,“ und zugleich zeigte ſie eine Geberde der Un⸗ geduld, fortzugehen. Aber die ältere hielt ihren Arm feſt in ihrem eigenen, während ſie in halb boshaftem Tone flüſterte:—„Halten Sie doch, Marie, ich möchte gerne ſeinen Namen hören. Ahl“ rief ſie mit erkün⸗ ſteltem Staunen,„wie Sie glühen; es muß hier et⸗ was in der Luft ſein, ſo daß wir beſſer thun, zu ge⸗ hen;“ und mit ſanftem Lächeln und einer artigen Bewegung ihrer Hand ging ſie fort. ch ſah ihnen nach und in meinem Herzen regte ſich ein ſeltſames Gefühl— eine Art wilder Freude, gemiſcht mit dem Schimmer einer unbe nung. Ich betrachtete die wehende Feder ihres Hutes und ihr im Winde flatterndes Gewand, und als ſie mir aus dem Geſichte verſchwand, konnte ich kaum glauben, daß ſie nicht mehr neben mir ſtehen und daß ihre dunklen Augen mir nicht mehr in die Seele ſchauen ſollten. Aber bereits hatten mich meine Ge⸗ fährten umdrängt, und unter hundert warmen Glück⸗ wünſchen kehrte ich ins College zurück. „Ihr Quartier iſt Nr. 13, Monsieur le cadet,“ ſagte ein Sergent, als er mir die Ordre überbrachte. Noch in dieſer Stunde erinnere ich mich, wie ſein mi⸗ litäriſcher Gruß mich durchzuckte. Es war die erſte Anerkennung meines Grades— das erſte Zuerkennt⸗ niß, daß ich kein Schulbube mehr war. Ich hatte merad?“ „Ma foi,“ ſagte ich,„ich weiß nicht mehr als ihr. Ihr wißt alle, welchem Zufall ich meine Beför⸗ derung verdanke. Wohin ich beſtimmt bin oder in —— welches Corps, kann ich nicht ſagen; und was meine Kameraden betrifft——⸗—— „Ah, gib Acht, daß er Dich nicht tyrannifirt,“ ſagte Einer. „Ja, ja,“ rief ein Anderer,—„zeig' ihm, daß Du mit einem kleinen Degen umzugehen weißt.“ „Burke läßt keinen Scherz mit ſich treiben,“ rief ein Dritter. Und dann folgte ein ganzer Chor von Stimmen, indem Jeder eine von den Kadetten an ihrem neuauf⸗ genommenen Kameraden verübte Ungebühr erzählte. Da wurde Einer verwundet, ein Anderer aus dem Fenſter geworfen, ein Dritter, ein zarter Knabe, hatte eine ganze Nacht im Schnee zubringen müſſen und ſtarb drei Wochen darauf an einer Bruſtkrankheit, ein Vierter wurde das Opfer der Unmäßigkeit bei der zu Ehren ſeiner Beförderung gefeierten Orgie. Dieß Ge⸗ mälde, geſtehe ich, dämpfte einigermaßen die Glut meiner erſten Eindrücke; und ich nahm von meinen alten Freunden Abſchied mit um ſo größerer Herzlich⸗ keit, weil ich nicht wußte, wie viel Liebe und Freund⸗ ſchaft ich von meinen neuen zu erwarten hatte. In dieſer Stimmung ſchüttelte ich ihnen zum letzten Mal die Hand und folgte dem Soldaten, der mein Gepäck nach dem entfernten Quartier der école trug. Als ich durch das reichverzierte Thor mit ſeinen hübſchen Schnitzwerken, die noch aus der Zeit Ludwigs XIV. ſtammten, in den weiten Hof trat, fühlte ich mein Herz von ſelbſthewußtem Stolz geſchwellt. Die Fa⸗ cade des Vierecks zeigte, ungleich der einfachen Front der Schüler⸗Quartiere, eine ſchöne Architektur; maſ⸗ five Conſolen trugen die Fenſter, und die verſchiedenen Eingänge waren oben mit großen, in Stein gehauenen Waffen⸗Inſignien geſchmückt; was aber meine Sinne am meiſten bezauberte, das war eine mächtige Fahne im Mittelpunkt, die Fahne Frankreichs, neben welcher eine Schildwache auf und abging. Sie präſentirte ——SñCñOęę— 58 vor mir das Gewehr und das Klirren ihrer Muskete durchzuckte alle meine Glieder elektriſch. „Dieß iſt Nr. 13, mein Herr,“ ſagte der Soldat, als wir vor einer Thüre angelangt waren; ehe ich antworten konnte, öffnete ſich die Thüre, und vor mir ſtand ein junger Offizier in Infanterie⸗Uniform. Er war im Begriff, fort zu gehen, als ſein Auge auf das Gepäcke fiel, das der Soldat gerade neben ihm abge⸗ ſtellt hatte; da hielt er plötzlich inne, rührte an ſeine Mütze und fragte in artigem Tone: „Monſieur Burke? nicht wahr?“ „Ja,“ ſagte ich mit einer Gegenverbeugung. „Eh, mon cameracde!“ ſprach er, ſeine Hand ausſtreckend,„es freut mich, Sie zu ſehen. Haben Sie ſchon gefrühſtückt? Gut, Sie finden Alles für Sie bereit. Ich werde bald wieder zurück ſein. Ich gehe nur zu einer Morgen⸗Uebung, die keine halbe Stunde dauert. So richten Sie ſich gut ein. Alſo auf Wiederſehen.“. Mit dieſen Worten grüßte er mich noch einmal und ging fort.„Nicht ganz ſo, wie ich gefürchtet,“ dachte ich, als ich in das Zimmer trat, deſſen nettes und komfortables Ausſehen gegen meinen letzten Auf⸗ enthalt ſo angenehm abſtach. Ich hatte kaum Zeit, die militäriſchen Zeichnungen und Karten rings an den Wänden zu überblicken, als mein neuer Freund ſchon wieder da war. „Keine Parade heute, Gott ſei Dank,“ ſagte er, warf Mütze und Säbel hin und ſtreckte ſich in voller Länge auf das kleine Feldbett.„Nun, mon cher camerade, laſſen Sie uns ſchnell Bekanntſchaft ma⸗ chen, denn unſere Zeit iſt wahrſcheinlich ſehr kurz. Mein Name iſt Taſcher, ein beſcheidener Unterlieute⸗ nant im 21. Infanterie⸗Regiment. So fremd in die⸗ ſem Lande, als Sie, wie ich denke,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„aber ſehr wohl zufrieden, von demſelben adoptirt zu ſein.“ Nach dieſer Eroffnung theilte er mir mit, er ſei der Neffe von Madame Buonaparte, der einzige Sohn ihrer Schweſter; bei ſeiner Mutter Tod habe er Gua⸗ deloupe verlaſſen, ſei nach Frankreich gegangen und élève der polytechniſchen Schule geworden. Dort ſei er fünf Jahre geblieben, und habe nach einer ſtrengen Prüfung ſein Brevet in einem Infanterie⸗Corps er⸗ halten, ohne daß ſein Oheim Buonaparte ihm eine andere Gunſt ertheilt habe, als einmal für einen Kna⸗ benſtreich, wo alle Andern frei auskamen, einen ſtren⸗ gen Verweis. „Ich bin jetzt für den Dienſt beſtimmt,“ ſagte er, paber wohin und wann, kann ich nicht ſagen. Das jedoch weiß ich, daß ich, Lieutenant Taſcher, wahr⸗ ſcheinlich keine großen Sprünge mache.“ Dieß Alles ſagte er mit einer gewiſſen heitern und offenherzigen Gutmüthigkeit, die mich ſogleich für den jungen Kreolen einnahm; den ganzen Nachmittag erzählten wir uns unſere verſchiedenen Abenteuer, und ehe die Nacht lam, waren wir geſchworene Freunde auf Leben und Tod. Viertes Kapitel. Die Tuilerien im Jahr 1803. Das Leben des Kadetten unterſchied ſich wenig von dem des Schulknaben; dieſelben Studien, dieſelben Be⸗ ſchäftigungen und Pflichten. So lange er nicht in ein gewiſſes Corps beſtimmt war, konnte er das College nur mit ſpezieller Erlaubniß verlaſſen, und während der kurzen Zwiſchenzeit, die ihm für das ſchwierige Leben eines Soldaten tüchtig machen ſollte, herrſchte die 60 ſtrengſte Zucht. Die Abende jedoch ſtanden zu unſerer Verfügung: und welch ein Vergnügen war es, nachdem die Mühen des Tages vorüber, nach der Stadt zu wandern, nach jenem glänzenden Paris— in deſſen Nähe ich ſchon ſo lange gelebt und von dem ich doch noch ſo wenig geſehen hatte. Zuerſt zog der Glanz der Läden, das raſtloſe Strömen der Bevölkerung, die Größe der öffentlichen Gebäude alle meine Aufmerkſamkeit auf ſich; und wenn ich mich hieran ſatt geſehen hatte, ſo konnte ich noch mit Entzücken durch die anmuthigen Gärten der Tui⸗ lerien wandern, die im blaſſen Mondlicht plätſchernden Springbrunnen betrachten und den glücklichen Kindern zuſehen, die da herum ſpielten, ihr Lachen unter das Plätſchern des Waſſers miſchend. Welch eine bezau⸗ bernde Scene bildeten die verſchiedenen Gruppen, wie ſie kamen und gingen und mitten unter jenen dunklen Baumgängen verſchwanden, wo der leiſe Tritt die glücklichen Stimmen nicht ſtörte: und dann mit wel⸗ cher Sehnſucht warf ich meinen Blick nach dem Fenſter des Pallaſtes, wo hie und da ein halbgeſchloſſener Vor⸗ hang das goldene Gefunkel eines glänzenden Kron⸗ leuchters oder die reichen Rahmen eines Spiegels zeigte — wo vielleicht ein offener Gürtel für einen Augen⸗ blick irgend eine ſchöne Form enthüllte, die ſich auf den Balkon lehnte, um die Balſam⸗Luft des milden Abends zu ſchlürfen, während eine ſanfte Mufik aus dem prächtigen Saal herwogte und mich in einen Traum von Wonnen verſetzte, die mein Leben noch nie gekannt hatte. Meine gänzliche Einſamkeit drückte mich mit jedem Tag ſchwerer; denn während jeder meiner Gefährten, Freunde und Verwandte hatte, un⸗ ter denen ſie ihre Abende zubrachten, ſo war ich freund⸗ los und allein. Meine beſchränkten Mittel— ich hatte nichts als meinen Sold— erlaubten mir nicht, das Theater zu beſuchen, oder ſolche Einladungen, womit mich die Kadetten überhäuften, anzunehmen; und ſo 61 ſaß und betrachtete ich Stunden lang die Fenſter des Pallaſtes, Geſchichte jener idealen Welt auswebend, von der mich meine dürftigen Glücksumſtände ausſchloßen. Seit manchen Jahren hatten die Tutlerien nichts dargeboten, was dem Zuſtand, der früher in dieſem glänzenden Pallaſte herrſchte einigermaßen ähnlich ge⸗ weſen wäre; aber in der Zeit, von der ich ſpreche, war Buonaparte bereits zum lebenslänglichen Conſul gewählt worden, und bereits hatte die Einrichtung ſei⸗ nes Haushaltes eine ſehr beträchtliche Veränderung erlitten. In den erſten Jahren des Conſulates war eine bunte Menge von Adjutanten, deren ſchwerer Gang und lautes Sprechen weniger den Hof als das Lager verrieth, die einzige Umgebung ſeiner Perſon. Er lebte in dem mittleren Pavillon, wie in einem Zelte mitten unter ſeiner Armee; aber jetzt bewohnte er die glän⸗ zende Reihe von Zimmern links von dem ſogenannten Pavillon de l'horloge, die ſich gegen den Fluß er⸗ ſtreckt. Der ganze Dienſt des Pallaſtes war umge⸗ ſtaltet, und ohne durch Annahme der Titel Kammer⸗ junker oder Kammerherr jene Vorurtheile zu verletzen, welche dieſelben mit den Zeiten der geſtörten Monar⸗ chie in Verbindung gebracht hätten, führte er allmählig ein Hof⸗Zeremon iell ein, indem er für die Poſten um ſeine Perſon Leute vorzog, deren Weſen am meiſten von den feinen Sitten der Geſellſchaft an ſich hatte, und deren Familie ſchon unter der noblesse des Kö⸗ nigthums in Auszeichnung geſtanden waren. Duroc, der Oberadjüutant des Generals, war Pal⸗ laſt⸗Gouverneur, und man ſagte, der Conſul ſelbſt habe das ganze Zeremoniell des alten Hofes ſtudirt und verordnet, daß jede Etikette des Königthums mit ſtreng⸗ ſter Genauigkeit wieder eingeführt werden ſolle. Die Kammerherrn wurden durch die Pallaſt⸗Präfekten er⸗ ſetzt, und Joſephine hatte ihre Ehrendamen gleich irgend einer Fürſtin aus königlichem Blute. 62 Auch das war eine Nachahmung der alten Ge⸗ bräuche der Bourbonen, daß der Conſul ſeine petits levers und ſeine großen Audienzen hatte; und wenn die neugeſchaffenen Würdenträger wenig von der hö⸗ fiſchen Leichtigkeit und hochgebornen Feinheit des alten Hofes hatten, ſo lag in ihren ſchwer errungenen Aus⸗ zeichnungen— die meiſten von ihnen wurden auf dem Schlachtfelde befördert— etwas, das den Vorurtheilen der Zeit beſſer entſprach und den goldenen Sälen der Tuilerien kaum weniger gut anſtand. Gleich allen neuorganiſirten Geſellſchaften wollte die Maſchinerie Anfangs nicht recht gehen; wenige oder vielleicht noch keiner von ihnen, hatte jemals einen Hof geſehen; und der ſtolze, aber doch reſpektvolle Ge⸗ horſam, der den franzöſiſchen Edelmann in der Ge⸗ * genwart ſeines Souveräns charakteriſirte, war in eine unterwürſige und gemeine Ehrerbietung gegen Buona⸗ parte verwandelt, die dem wahren Typus eben ſo fremd war, als den Gewohnheiten des plumpen Soldaten, der jene an den Tag legte. Aber was hatten am Ende alle dieſe Mängel zu bedeuten? Es fehlte nicht an Schönheit— nie in den glänzendſten Annalen Frank⸗ reichs hatten liebenswürdigere Damen jene prächtigen Säle gefüllt; nicht an Genius— Heroismus— das höchſte Ritterthum der großen Nation konnte ſich kaum meſſen mit den ſtolzen Thaten derer, die ihn umgaben, den Mächtigen, auf den jedes Auge geheftet war; und wenn, wie Talleyrand bemerkte, ſich Solche fanden, die nicht wußten, wie ſie auf der gewichſten Flur eines Pallaſtes gehen ſollten, ſo konnten nur wenige mit mehr Anſtand das Schlachtfeld betreten, und mit feſte⸗ kem Fube jenen Pfad beſchreiten, der zum Ruhme übrte.. Bei allem Stolz des erſten Conſuls auf diejenigen, deren Erhöhung zu Rang und Würde ſein eigenes Werk war, neigte ſich indeſſen ſeine Vorliebe täglich 63 mehr und mehr den hohen und feinen Zirkeln der Vor⸗ ſtadt St. Germain zu. Die Gewandtheit und Feinheit Talleyrand's, das ritterliche und hofmäßige Benehmen des Grafen von Narbonne und die anmuthigen Ma⸗ nieren Segur's bildeten einen zu ſcharfen Contraſt ge⸗ gen die ſoldatiſche Rauheit der neu beförderten Ge⸗ nerale, um nicht einen tiefen Eindruck zu machen auf einen, der in den wichtigſten Angelegenheiten des Le⸗ bens die geringfügigſten Umſtände in Rechnung ziehen konnte. Dieſe ſchon unter den Männern ſo auffallende Un⸗ gleichheit war es noch mehr bei den Damen am Hofe, indem wenige von den neu erhobenen Takt genug hatten, die feinen Sitten des alten Adels mit Glück nachzuahmen, oder Entſchloſſenheit genug, ihre bishe⸗ rigen Gewohnheiten, ohne Erröthen über ihren Man⸗ gel an Erziehung beizubehalten. Wenn ich mir hier eine kleine Abſchweifung er⸗ laubt habe, ſo geſchah es nur, um im Vorübergehen einige von den Zügen jener Zeit mitzutheilen, die eine der merkwürdigſten in der neueren Geſchichte Europa's iſt, und die vielleicht manchem weit ſehenden Auge die ſchleunige Rückkehr zu jenen monarchiſchen Inſtitutionen verrieth, deren Entwurzlung das beſte Blut Frankreichs und die ſchrecklichſte Revolution gekoſtet hatte, welche die Welt je geſehen. Und jetzt, wenn wir zurückblicken auf die große Laufbahn jenes großen Mannes, kann vielleicht kein Theil ſeiner Geſchichte etwas darbieten, das mit dem Glanze des Conſulats zu vergleichen wäre: eine lange Folge von Siegen— die Beute von halb Europa— Ruhm in Hülle und Fülle hatte die Nation berauſcht — ein in jedem Elemente des Wohlſtandes blühendes Land— die geſellſchaftliche Ordnung wieder hergeſtellt — eine hohe Stellung unter den Nationen rings herum — und Alles erreicht, was dem Nationalſtolz ſchmei⸗ 64 cheln konnte— ſo ſtand Frankreich auf dem Gipfel ſeiner Größe. Sogar der Glanz derjenigen Namen, welche am franzöſiſchen Hofe die verſchiedenen Staaten Europa's repräſentirten, ſchien ſein Uebergewicht zu be⸗ ſtätigen. Der ſtattliche und feingebildete Whitworth, bekannt durch die Eleganz ſeiner äußeren Erſcheinung und durch die Vollkommenheit ſeines ariſtokratiſchen Weſens; der ruſſiſche Geſandte Markoff; der Chevalier Aijara, Geſandter von Spanien, der erſte Hofmann Europa's; Baron von Cetto, der Geſandte Sachſens, einer der ausgezeichnetſten, ſowohl durch Manieren als durch Gewandtheit, in dem ganzen diplomatiſchen Zir⸗ kel, waren unter denen, welche die Levers des erſten Conſuls beſuchten, die bereits im Glanz des Coſtume's und in reicher Erfalfuf von Uniformen mit den prächtigſten Tagen der onarchie wetteiferten. Das ganze lang vergeſſene Zeremoniell eines Hofes wurde wieder hergeſtellt: jede Woche wurden die glänzendſten Mahlzeiten mit allem Aufwand von Pomp und Herrlichkeit gegeben; Foten, die ſogar mit dem üppigen Zeitalter Ludwigs XIV. wetteiferten, fanden häufig ſtatt; und Paris wurde das Rendezvons für ganz Europa, das neugierig herbeiſtrömte, um die reichen Trophaͤen erfolgreicher Kriege zu bewundern, und eine Hauptſtadt zu genießen, wo Vergnügen tri⸗ umphirend herrſchte. Das Theater bot einen bisher unerreichten Zu⸗ ſammenfluß von Genie und Talent dar. Talma und Mademoiſelle Mars ſtanden im Zenit ihres Ruhmes und genoßen im reichen Maaße die Gunſt Boungparte's, der eine ungemeine Vorliebe für's Drama hatte. Mit Einem Worte, eine neue Aera hatte begonnen, und jede Klaſſe, jeder Stand ſchien entſchloſſen, ſich für die lange und dunkle Nacht der Schrecken, die er über⸗ ſtanden hatte, mit Genüſſen aller Art zu belohnen. Während nun der Hof des erſten Conſuls an ſol⸗ 65 chen Vergnügungen Theil nahm, beſaß der Zirkel Jo⸗ ſephinens ganz andere Reize; dort führte unter ihren vertrauten Freunden aller Zauber franzöſiſcher Geſell⸗ ſchaft das Szepter; jeder Abend ſah die witzigſten und gebildetſten Perſonen des Tages um ſie verſammelt; die munteren und geiſtreichen Köpfe, die in der Pariſer Geſellſchaft mit ſo viel Einfluß den Ton angaben; die ſchönſten Frauen und die ausgezeichnetſten unter den damaligen literateurs fanden offenen Zutritt zu einer Dame, deren eigene Anmuth einen unauslöſchlichen Eindruck auf manche machte, die noch jetzt ſich jene ge⸗ nußreichen Stunden ins Gedächtniß rufen können. Dieß waren, in Kurzem, die hervorſtechenden Züge des da⸗ maligen Tuilerien⸗Hofes; und ſolcher Art waren die Keime jener neuen Ordnung der Dinge, die ſo bald über das erſtaunte Europa anbrach unter dem ſtolzen Titel des Kaiſerreichs. Fünftes Kapitel. Eine Ueberraſchung. Eines Abends ſaß ich allein in meinem Zimmer, ein offener Band lag vor mir, und ich bildete mir ein, darin zu leſen, während meine Gedanken ganz wo an⸗ ders waren, als plötzlich mein Kamerad Taſcher ein⸗ trat, und, in einen Seſſel ſich werfend, in einem Tone leidenſchaftlicher Ungeduld ausrief—. „Pardieu! Das iſt eine hübſche Sache, ein Neffe des erſten Mannes in Frankreich zu ſein!“ „Was hat's gegeben? fragte ich, als ich bemerkte, daß er inne hielt, ohne ſich weiter zu erklären. Tom Burke. II. 5 66 „Was es gegeben hat!— genug, um Einen toll zu machen. Hör' nur. Sie wiſſen, wie vernarrt ich in Paris bin und wie natürlich ich wünſchen muß, den Tuilerien nahe zu ſein, wo ich entrée zu den Soireen meiner Tante habe. Gut. Da wurde geſtern im 8. Huſarenregiment, ein Corps, das immer hier oder in Verſailles liegt, eine Stelle frei— und da ich am liebſten unter die Cavallerie trete, ſo erſuchte ich Ma⸗ dame Buonaparte, ſich zu meinen Gunſten zu verwen⸗ den. Natürlich verſprach ſie's. Der General ſollte bei ihr frühſtücken, und bei dieſer Gelegenheit wollte ſie ihr Geſuch vorbringen. Ich hatte keinen Zweifel über den Erfolg. In der That ſagte ich es zweien oder dreien meiner Freunde und nahmwirklich ihre Glückwünſche in Empfang. Es ſiel jedoch ſo aus, daß er weder zum Frühſtück noch zum Mittageſſen kamz— man kann aus dieſem Manne nicht klug werden— ſondern, was den⸗ ken Sie, dieſen Abend trat er ein, gerade als wir uns anſchickten, ein Sprüchwort in Scene zu ſetzen. Das war ein Auftritt! Niemand hatte ihn erwartet. Die meiſten von uns waren ſo und ſo verkleidet; und ich, ma foi! lächerlich genug, war als Galeerenſklave ko⸗ ſtümirt. Er ſtand ein paar Sekunden mit gekreuzten Armen unter der Thüre, und ſeine ſtrengen Augen ſtreif⸗ ten über das ganze Zimmer. Da war keine Seele, die ſich nicht meilenweit entfernt gewünſcht hätte: ſogar meine Tante ſchien ganz verwirrt, und wurde roth und blaß und wieder roth.“ „Ha!““ rief er endlich mit ſeiner trockenen, kurzen Stimme.„Vergebung, meine Damen und Herren, ich habe mich verirrt— ich glaubte in dem Pallaſt der Tuilerien zu ſein und finde, dieß iſt Porte St. Martin.“„ „„Fi donc, Bonaparte,““ rief meine Tante, errö⸗ thend, während ſie mit dem ſüßeſten Lächeln ihn wieder in gute Laune zu bringen ſuchte.„„Sehen Sie nur, wie Sie Frau von Narbonne erſchreckt haben— ſie wird nimmer im Stande ſein, die Müllerin zu ſpielenz und Marie hier, ihre Thränen werden all' ihre Schminke verwiſchen.““„ 7 „„Und dieſer liebenswürdige Herr— was wird⸗ aus dem da werden?““ fragte er, ſie unterbrechend, während er ſeine Hand auf meine Schulter legte und ich zitternd wie ein Verbrecher neben ihm ſtand.“ „ Ach, das iſt Taſcher,““ ſagte ſie lachend; und da ſie wünſchte, ſich auf irgend eine Weiſe aus ihrer größeren Verlegenheit zu ziehen, ſo fuhr ſie ſort— „ Ihre Frage kommt gerade recht. Ich habe zu ſeinen Gunſten eine Bitte einzulegen: es iſt eine Stelle frei im achten— nicht wahr, Eduard, ſo iſt's?“„ Ich nickte ein wenig, denn wenn es mein Leben gegolten, ſo hätte ich kein Wort ſprechen können.„„Nun, ich meine, er war lange genug Unterlieutenant und in der In⸗ fanterie.“" „„Können Sie gut reiten, Monſieur?““ ſagte er, zu mir gewendet, mit einem halben Zürnen auf ſeinem blaſſen Geſichte. t. 5„„Ja, General,““ verſetzte ich mit klopfendem erzen. „„Gut, mein Herr, Sie ſollen angeſtellt werden, und in einem Dienſte, der, wenn ich nach Ihrem Anzug urtheilen darf, Ihres gegenwärtigen Geſchmackes wür⸗ dig iſt. Morgen geht eine Abtheilung Gefangener auf die Galeeren nach Breſt— Halten Sie ſich bereit, die Militäreskorte zu begleiten. Gehen Sie und berichten Sie es ſelbſt Ihrem Oberſt.“" Nachdem er geendigt hatte, winkte er mit der Hand, und wenn ich Ihnen ſagen kann, wie ich das Zimmer verließ, die Straße erreichte und hieher kam, ſo will ich mich hängen laſſen.“ „Und läßt ſich nichts mehr ändern? müſſen Sie wirklich gehen?“ fragte ich, den niedergeſchlagenen, kum⸗ mervollen Ausdruck des Jünglings bemitleidend. „Ob ich gehen muß! ma foi! Sie kennen dieſen meinen theuern Onkel noch ſchlecht, wenn Sie fragen. Hat er einmal etwas im Kopfe, ſo hilſt kein Gegen⸗ 68 grund; im Gegentheil, ein ſolcher würde ihn in ſeinem Eniſchluß nur beſtärken. Das Beſte, was ich jetzt thun kann, iſt gehorchen und Nichts ſagen; denn wenn meine Tante Gegenvorſtellungen macht, ſo darf ich Zeitlebens Galeerenſklaven bewachen.“ In dieſem Augenblick klopfte es an die Thüre und herein trat ein Korporal vom Stab mit einem Bündel Depeſchen. „Unterlieutenant Taſcher,“ ſagte er, an ſeine Kappe rührend, und reichte ein breites, offiziellausſehendes Schreiben meinem Gefährten hin, der es aber auf den Tiſch warf und ſich umkehrte, um ſeine Beſtürzung zu verbergen.. 4 „Monſieur Burke,“ ſagte ver Korporal, aus ſeiner ledernen Taſche ein anderes ominöſes Dokument ziehend. „Diantre!“ rief Taſcher, ſich ſchnell umkehrend— „hab' ich am Ende Sie ſo gut wie mich in die Klemme gebracht. Erſt jetzt fällt mir ein, daß der General auch nach meinem Kameraden fragte.“ Ich nahm das Papier mit zitternder Hand und riß es auf. Die erſte Linie war Alles, was ich leſen konnte; es war eine Ernennung zu der erledigten Stelle im 8. Huſarenregiment. Taſchers Hand zitterte, als er ſich auf meine Schul⸗ ter lehnte und bei ſeiner ſteigenden Aufregung konnte ich ein krankhaftes Zucken ſeiner Finger fühlen; aber in ein paar Sekunden war er wieder ſeiner mächtig, ergriff meine Hand mit ſeinen beiden und ſagte, wäh⸗ rend dicke Thränen in ſeinen Augen ſtanden: „Ich bin nur froh, daß Sie's ſind, Burke;“ dar⸗ auf kehrte er ſich um, nicht im Stande, noch ein Wort zu ſagen. Es dauerte eine Weile, bevor ich an mein Glück glauben konnte. Hätte ich freie Wahl gehabt, ſo hätte ich mir nichts Lieberes wünſchen können; und als ich mich endlich von der Wirklichkeit überzeugte, da kam meine Verlegenheit über das Mißgeſchick meines armen 69 Freundes, das ihn um ſo tiefer verwunden mußte, wenn er eg mit meinem Glücke verglich. Taſcher jedoch hatte al’ die den Creolen eigene Wärme des Temperaments. Nachdem der erſte Ausbruch vorüber war, freute er ſich wirklich über meine Beförderung; und wir ſaßen die ganze Nacht zuſammen, von unſern Planen für die Zukunft ſprechend und Entſchlüſſe entwerfend für mög⸗ liche Fälle, die größtentheils niemals eintraten. Mit Tagesanbruch kamen die Pferde meines Ka⸗ meraden vor das Thor und eine berittene Ordonnanz erwartete ihn, um ihn nach dem Gefängniß zu beglei⸗ ten, wo ſich das Geleite verſammeln ſollte. Wir ſchüt⸗ telten uns die Hände nochmals und nochmals. Er war im Begriff, zu verlaſſen, was ihm ſeit vielen Jahren ſeine Heimath geweſen, Paris— die luſtige, glänzende Stadt, deren Freuden er gekoſtet, deren Zauber er ge⸗ noſſen hatte. Ich trennte mich von einem Jüngling, mit dem ich in ſo enger Freundſchaft gelebt hatte, als zwiſchen zwei weſentlich verſchiedenen Naturen beſtehen kann— wir waren beide traurig. „Adieu, Burke,“ ſagte er, zum letzten Mal mit ſeiner Hand winkend.„Ich hoffe, wenn wir wieder zuſammen kommen, kommandiren Sie das achte.“ Ich eilte in unſer Zimmer, welches bereits einſam und verlaſſen ſchien. So bald wirft Traurigkeit ihren verdunkelnden Schatten vor ſich hin. Der Degen, der über dem Kamine kreuzweis mit dem meinigen gehan⸗ gen, war fort; auch der Tſchacko und die Piſtolen fehl⸗ ten; der leere Stuhl ſtand dem meinigen gegenüber, und die Verlaſſenheit, die ich fühlte, wurde ſo peinlich, daß ich hinaus in die freie Luft ging, um dem Anblick von Gegenſtänden zu entkommen, die mich nur erin⸗ nerten, wie ganz allein ich nun nach der Abreiſe mei⸗ nes Freundes in der Welt ſtand. Niemand, außer wer es ſelbſt erfahren hat, kann ſich einen richtigen Begriff davon bilden, wie gewaltig irgend eine Laufbahn das ganze Weſen Deſſen ein⸗ 70 nimmt, der, ohne die Bande der Heimath, der Ver⸗ wmandtſchaft oder Freundſchaft, alle ſeine Kräfte Einer Richtung weiht. Die Neigungen, die unter anderen Einflüſſen hätten empor wachſen— die Hoffnungen, die in der glücklichen Sphäre einer Heimath hätten er⸗ blühen können, werden die Quellen eines kühneren Ehr⸗ geizes. Je mehr er andere Lebensbahnen verläßt, deſto* weiter und größer ſcheint ihm der Pfad, den er ſich ſelbſt gewählt hat, und ſein fernſehendes Auge läßt ihn mit prophetiſchem Blicke in die weite Zukunft ſehen, wo ihn Belohnung für ſeine mühſam errungenen Siege für lange Jahre harter Arbeit erwartet. Die zur Lei⸗ denſchaft gewordene Neigung zieht allmählig Alles in ihren Strudel; und der Erfolg, den er anfangs nur durch eine gewaltige Anſtrengung erreichbar glaubte, ſcheint zuletzt jede Kraft ſeines Lebens und jeden Augen⸗ blick ſeines Daſeins in Anſpruch zu nehmen; wie der Geizhals ſeinen Ruin nahe glaubt, wenn ihm eine Gelegenheit zu einem noch ſo kleinen Gewinn entwiſcht, ſo meint der Ehrgeizige, er müſſe jedes Vorkommniß im Leben der Erreichung ſeines Zieles dienſtpflichtig machen; und dieſes iſt ſein Mammon. So dachte ich von dem Waffenhandwerk; ich war mit ganzer Seele dabei; kein anderer Wunſch, keine andere Hoffnung theilte mein Herz; dieſe Leidenſchaft herrſchte allein darin. Wie oft finden wir im Leben, daß die Mittel zum Zwecke werden! daß die Anſtrengungen, um einen Zweck zu erreichen, ſich in unſerer Neigung ſtündlich mehr feſtſetzen und am Ende wirklich die Stelle unſe⸗ 1 res früheren Idols einnehmen! Als ich ein Knabe war, hatte der Gedanke der Freiheit, die kühne Verfechtung der Rechte meines Landes, mein Herz gerührt und in mir den Wunſch erregt, Soldat zu werden. Im Ver⸗ lauf der Jahre ſank die Leidenſchaft für den Krieg tie⸗ fer und tiefer in meine Natur; es bemächtigte ſich mei⸗ ner der Durſt nach Ruhm und alles andere vergeſſend, ſehnte ich mich nach der Stunde, wo ich auf dem —— 71 Schlachtfelde meinen Weg zu Eyre und Namen gewin⸗ nen würde. Damit beſchäftigte ſich meine Seele, als ich heim ſchlenderte. Hier angelangt, fand ich auf mei⸗ nem Tiſche ein verſiegeltes Packet, adreſſirt an Unter⸗ lieutenant Burke— wie machte dieſer geringe Titel mein Herz klopfen. Vermuthend, es bezöge ſich auf meine Anſtellung, ſetzte ich mich hin und überlas ge⸗ mächlich die Aufſchrift; aber kaum hatte ich den Um⸗ ſchlag aufgeriſſen, ſo fiel eine Karte auf den Boden. Ich hob ſie haſtig auf und las:—„D'après l'ordre de Madame Bonaparte j'ai l'honneur de vous in- viter à une soirée——.“ Wasl rief ich laut— „mich!— mich nach dem Pallaſt einladen! Das muß ein Irrthum ſeinz ich kehrte den Umſchlag noch einmal um, aber hier ſtand Alles deutlich, mein Name, mein Grad und die Nummer meines neuen Corps. Es konnte kein Zweifel obwalten, und voch war es ſo unerklär⸗ lich. Ich, der ich ſo vollſtändig allein war, ein Frem⸗ der, ohne Freund, außer unter den beſcheidenen Reihen der Schulknaben,— wie konnte ich einer ſolchen Aus⸗ zeichnung theilhaftig werden. Ich dachte an Taſcher; aber wir hatten ja Monate zuſammen gelebt, ohne daß ſo etwas nur im Geringſten berührt worden wäre. Je mehr ich nachſann, deſto größer wurde meine Verlegen⸗ heit; und ohne zu wiſſen, wo mir der Kopf ſtand, ver⸗ brachte ich den Tag mit Vorbereitungen auf den Abend; denn nach damaliger Sitte wurde die Einladung zu kleinen Geſellſchaften am Morgen deſſelben Tages er⸗ laſſen. Meine erßte Sorge war, mich nach der Uni⸗ form meines neuen Corps, worin ich jetzt erſcheinen mußte, umzuſehen. Meine letzte noch übrige Banknote, der einzige Ueberreſt meines kleinen Vermögens lag vor mir und ich berechnete für mich die koſtbaren Aus⸗ lagen für eine Huſarenuniform. Nie war mein Sa arf⸗ ſinn auf eine härtere Probe geſtellt; als in der Bemü⸗ hung, die nöthigen Ausgaben in den Bereich meiner kleinen Börſe zu bringen, denn wenn ich meinte, nun 72 ſei nichts mehr vergeſſen, ſo erhoben ſich noch kleine, aber koſtbare item gegen mich und machten einen Strich durch meine ganze Rechnung. Mittags ging ich aus, um meinem neuen Oberſt, deſſen Quartier auf dem Vendomeplatz war, die Auf⸗ wartung zu machen. Der Beſuch war kurz und nicht ſehr erbaulich. Eine Menge Offtziere füllte die Zim⸗ mer, und ich konnte mir kaum einen Weg bis zu dem Orte bahnen, wo Oberſt Marbois ſtand. Er war ein kurzer, unterſetzter, gemein ausſehender Mann von eiwa fünfzig Jahren; Schnurr⸗ und Backenbart ſtießen über den Lippen zuſammen und ſein buſchiger, ſchwarzer Kinnbart gab ihm das Anſehen eines Pionniers, wel⸗ ches nicht gemildert wurde durch ſeinen barſchen Bre⸗ tonenaccent.— 3 „Ah c'est vous,“ ſagte er, als ihm mein Name genannt wurde;„Sie werden künftig zu lernen haben, mein Herr, daß Offiziere von Ihrem Rang bei den Levers Ihres Oberſts nicht empfangen werden. Sie verſtehen mich; ſtellen Sie ſich jedoch dem Escadrons⸗ chef vor, der Ihnen Ihre Ordres geben wird und hö⸗ ren Sie, laſſen Sie dieß das letzte Mal ſein, daß Sie in dieſer Uniform erſcheinen.“ Ein kurzes und nicht ſehr anmuthiges Nicken ſchloß die Audienz und ich empfahl mich in um ſo größerer „Verlegenheit, da ich auf den meiſten Geſichtern ein hal⸗ bes Lächeln bemerken konnte. Kaum war ich jedoch auf der Straße, ſo fühlte ſich mein Herz leichter und mein Schritt wurde elaſtiſch. Ich war Unterlieutenant bei den Huſaren und wenn ich meine Schuldigkeit that, was hatte ich mich dann um ein freundliches oder mür⸗ riſches Geſicht meines Oberſts zu bekümmern? und hatte nicht der General Bonaparte ſelbſt mir geſagt, daß für den braven Mann, der dieſelbe thue, kein Rang zu hoch ſei? Noch jetzt kann ich mich kaum eines Lächelns er⸗ wehren, wenn ich mich erinnere, mit welcher Ehrfurcht ich in den ſplendiden Laden des Herrn Crillac trat, des Modeſchneiders jener Tage, deſſen mit Spiegeln und prächtigen Koſtümen gezierten Zimmer für manchen Pflaſtertreter der Rue de Richelieu und des Boulevards einen Sammelpunkt bildete. Sein Salon, wie er etwas prahleriſch ihn nannte, war ein Rendezvous für die Müßiggänger der faſhionablen Welt, die ihre Morgen mit Erörterung des neueſten Stadtgeklatſches und Aus⸗ heckung neuer Kleiderthorheiten zubrachten. Die Mor⸗ genblaͤtter, Karrikaturen, Modezeitungen, Weſtenmuſter und neue Knopfformen waren über eine Tafel ausge⸗ breitet, um welche herum in allen möglichen gleichgül⸗ tigen und behaglichen Stellungen einige Dutzend der Löwen des Tages ausgeſtreckt waren, beſchäftigt mit jener Art Halb⸗Unterhaltung, Halb⸗Langweilerei, die allenthalben einen beträchtlichen Theil des Daſeins jun⸗ ger Stutzer ausfüllen. Ihre Fräcke von hellem Tuche, mit hohen Krägen beſetzt und mit Knöpfen bedeckt; ihre bis an die Waden reichende bottes à revers, an die ſich feſt anliegende pantalons collans ſchloßen, ihr ſorgfältig von der Stirne zurück gekämmtes, langes, aber doch nicht in einen Zopf geflochtenes Haar ver⸗ rieth ſie als die genaueſten Urbilder der Mode. Die Erſcheinung eines jungen Menſchen in der ein⸗ fachen Uniform des Polytechnikers an einem ſolchen Orte ſchien allgemeines Erſtaunen zu erregen. Solch ein Phänomen war augenſcheinlich noch nie zuvor ge⸗ ſehen worden, und da ſie ſich alle gegen mich umkehrten und mich angafften, ſo war es klar, daß es ihnen nicht einfiel, ein ſo geringer Menſch, wie ich war, könnte darin eine Rohheit ſehen. Monſieur Crillac ſelbſt, der, einen Arm auf das Kamin geſtützt, ſein Glas eau sucré ſchlärfte, geruhte nicht, mir eine andere Auf⸗ merkſamkeit zu widmen, als ein halbes Lächeln, indem er mit einer Stimme der herablaſſendſten Güte mich anliſpelte. „Was beliebt Ihnen hier, Monſieur?“ 74 Augenſcheinlich war die Antwort auf dieſe Frage eine Sache von Intereſſe für die Geſellſchaft, die plötz⸗ lich aufhörte zu ſprechen, nur um zu horchen. „Ich wünſche eine Uniform,“ ſagte ich, alle meine Entſchloſſenheit zuſammenraffend, um nicht verlegen zu ſcheien„Dieß iſt ein Schneiderladen, wenn ich nicht rre. 4„Monſieur iſt ganz am rechten Orte,“ verſetzte der unſtörbare Eigenthümer, deſſen ſelbſtzufriedenes Lächeln noch höhniſcher wurde;„aber vielleicht doch nicht ge⸗ rade an einem ſolchen, den Sie ſuchen. Herren, die Ihre Kleidung tragen, beſuchen uns ſelten.“ „Nein, Crillac,“ unterbrach einer aus der Geſell⸗ ſchaft;„ich hörte nie, daß Sie ſich als einen Ordinär⸗ bhneider für Polytechniker oder Pompiers angekündigt ätten. „Sie find unverſchämt, Herr,“ ſagte ich, mich ſtolz gegen den Sprecher kehrend. Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo ſprang die ganze Geſellſchaft auf; einige ſuchten die Hitze des jungen Angeredeten zu mäßigen; andere drängten ſich um mich und forderten mich zu augenblicklicher Rechen⸗ ſchaft über das, was ich geſagt hatte, auf. „Nein, nein; er ſoll ſeinen Namen nennen— ſei⸗ nen Namen,“ ſagten drei oder vier in Einem Athem. Beauvais wird die Züchtigung in ſeine eigenen Hände nehmen.“ „Laſſen Sie ſich rathen, junger Herr; nehmen Sie Ihre Worte zurück und gehen Sie Ihres Weges,“ ſagte ein Aelterer und fügte leiſe hinzu:„Beauvais ſucht mit dem Degen Seinesgleichen in Paris.“ „Hier iſt meine Adreſſe,“ ſagte ich, eine Feder er⸗ greifend und ein Stück Papier vor mir beſchreibend. „Ha!“ ſagte Beauvais, indem er ſein Auge auf das Papier warf,„er hat, ſcheint's ſeine Beförderung erhalten— um ſo beſſer; ich bebte ſchon vor der Lä⸗ 75 cherlichkeit eines Handels mit einem Cadetten. Alſo iſt es Ihnen Ernſt?“ „Herr,“ ſagte ich, indem ich trotz aller Anſtrengung meinen wachſenden Zorn kaum unterdrücken konnte. „Gut, gut, genug davon. Morgen früh— im Vouſogner Wald— auf Degen— Sie verſtehen mich, denk' ich.“ Ich nickte und war im Begriff, den Ort zu ver⸗ laſſen, als mir einfiel, daß ich weder nach meines Geg⸗ ners Namen noch Rang gefragt hatte.„Und Sie, Herr,“ ſagte ich,„kann ich die Ehre haben, zu erfah⸗ ren, wer Sie ſind?2⸗ „Pardieu, mein junger Freund,“ rief einer von den andern,„wenn Sie's auch erfahren, ſo wird dieß Ihre Nerven ſchwerlich ſtärken; aber wenn Sie es doch wiſſen wollen, er iſt der Marquis von Beauvais und an jener kleinen Lokalität, wo er Sie morgen erwar⸗ tet, ziemlich wohl bekannt.“ „Bis dahin alſo, Herr,“ verſetzte ich, an meine Mütze rührend und ging hinaus auf die Straße— nicht jedoch, ohne daß zuvor die Geſellſchaft in ein ſchallendes Gelächter ausgebrochen wäre über eine Witze⸗ lei, deren Gegenſtand ich war und wovon ich nur den letzten Theil vernehmen konnte. Beauvais war der Sprecher.„In dieſem Falle, Crillac, muß ihm ein anderer Künſtler das Maß nehmen.“ Die Anſpielung konnte nicht mißverſtanden werden und ich muß geſtehen, ſie ſchmeckte mir nicht ſo wie den andern. Ich wäre, fürchte ich, in der Achtung meiner Ge⸗ fährten ſehr tief geſunken, hätte ihnen der wahre Zu⸗ ſtand meines Herzens im dermaligen Augenblicke offen gelegt werden können. Ich war, das geſtehe ich auf⸗ richtig, tief niedergeſchlagen. Noch eine Stunde zuvor ſtand das Leben offen vor mir mit mancher glänzenden und ſüßen Hoffnung; und jetzt, in einem Augenblicke, war mein Glück umwölkt. Man darf mich nicht miß⸗ verſtehen: nach den Regeln der polytechniſchen Schule 76 war das Duell ſtreng verboten; und obhgleich zahlreiche Uebertretungen vorkamen, ſo war das Haupt der Re⸗ gierung ſo entſchloſſen, jenem Brauch ein Ende zu ma⸗ chen, daß die Uebertreter entweder im Rang zurückge⸗ ſetzt oder für eine beträchtliche Zeit nicht befördert wur⸗ den; während das perſönliche Mißfallen des Generals Buonaparte ſelten ausblieb. Nun war es mir klar, daß irgend ein unbekannter Freund, ein geheimer Gön⸗ ner ſich für meine beſcheidene Lage intereſſirt hatte— daß ich meinen jüngſt erhaltenen Rang ſeiner Güte und Verwendung verdankte. Was konnte ich alſo nicht verſcherzen durch jenen unglücklichen Streithandel? War es nicht mehr als wahrſcheinlich, daß ſolch ein Vergehen am Tage meiner Beförderung ſelbſt einen nachtheiligen Einfluß auf meine ganze Lanfbahn werfen könnte? In welches falſche Licht konnte nicht mein ganzes Beneh⸗ men geſtellt werden. Dieß waren in der That trau⸗ rige Betrachtungen. Als ich das College erreichte, ſuchte ich einen mei⸗ ner Freunde auf; aber da ich ihn nicht in ſeinem Zim⸗ mer fand, ſchrieb ich ein paar Zeilen, worin ich ihn bat, gleich nach ſeiner Rückkehr zu mir zu kommen. Sofort ſetzte ich mich hin, um über mein Abenteuer nachzudenken und wo möglich auf Mittel zu ſinnen, das Bekanntwerden oder wenigſtens die Entſtellung deſſelben zu verhüten. Stunde um Stunde verging, meine wan⸗ dernden Gedanken nahmen keine Notiz von der Zeit, und die tiefbrummende Glocke des College ſchlug acht, bevor ich gewahr wurde, daß der Tag faſt vorüber war. Neun war die auf der Einladungskarte beſtimmte Stunde: Was war zu thun? Ich hatte keine Uniform, außer die der Schule. Solch ein Koſtüm an ſolch einem Orte würde man, fürchtete ich, für allzu lächerlich hal⸗ ten; dennoch war es nicht möglich, ganz wegzubleiben. Nie war ich in einer ſolchen Verlegenheit. Alle meine Bemühungen, mir ſelbſt zu helfen, waren fruchtlos; und endlich ſtieg ich, ermüdet von dem Widerſtreit mei⸗ ner Zweifel und Befürchtungen, in den Fiaker, um nach dem Pallaſt zu fahren. Sechstes Kapitel. Der„pPavillon de Flore.“ Als mein beſcheidenes Gefährt bei Annäherung an den Carouſſel⸗Platz anfing, im Schritt zu fahren, be⸗ merkte ich zum erſten Mal, daß der offene Platz rings herum mit Equipagen gefüllt war, die ſich langſam in einer Linie gegen das Thor des Pallaſtes hinbe⸗ wegten. Am großen Bogengang war ein Picket Dra⸗ goner aufgeſtellt und Gendarmen ritien auf und ab, um in dem Gedränge Ordnung zu halten. Vor mir erſtreckte ſich die lange Fagade der Tullerien, jetzt in ihrer ganzen Ausdehnung hell erleuchtet. Die reichen Wandbekleidungen und koſtbaren Meubles konnte ich ſogar von meinem Wagen aus ſehen. Welches drückende Schamgefühl überwältigte mich, als ich an meine niedrige Stellung mitten in dieſem gewaltigen Zuſammenfluß Alles deſſen dachte, was in Frankreich groß und berühmt war!— und wie erſchrack ich vor mir ſelbſt, wenn ich mir den armen Polytech⸗ niker, denn als ſolchen erklärte mich meine Kleidung, in Geſellſchaft der ausgezeichnetſten Diplomaten und Generale Eu oyg's dachte. Der Vorwurf, der mir am Morgen von meinem Oberſt zu Theil geworden war, ſtand noch friſch in meinem Gedächtniß, und ich fürchtete einigermaßen eine Wiederholung deſſelben. O! warum hatte ich nicht erfahren, daß dieß ein großer Empfang war? war der ſiets wiederkehrende Gedanke meiner Seele. Meine Einladungskarte ſagte eine Soiree, da hätte ich es noch wagen können; aber hier war es ein förmliches Lever. Bereits war ich nahe genug, um die Namen zu hören, welche am Fuße der großen Treppe angemeldet wurden, wo Geſandte, Senatoren, Staatsminiſter und Offiziere vom höchſten Rang in ſchneller Folge einander drängten. Vor mei⸗ nem Wagen ſtanden nur noch zwei. Ich war nahe genug, um zu hören, wie der nächſte vor mir dem Huiſſier die Karte übergab, und um den Titel„le Mi⸗ nistre de Guerre“ zu hören, als die im Wagen ſitzende Perſon dem Kutſcher zurief—„Links, nach dem Pavillon de Flore!“ Im gleichen Augenblicke kehrte der Wagen und fuhr ſchnell nach einem ent⸗ fernteren Flügel des Palaſtes. 3 „Weiter! weiter!“ rief ein Dragoner,„oder wol⸗ len Sie in die Soirée de Madame?“ „Ja, ja,“ antwortete ich haſtig. „So folgen Sie dieſem Wagen,“ ſagte er, mit dem Säbel deutend; in einem Augenblick verließen wir die dichte Reihe und folgten dem Geraſſel einiger zurückkehrenden Wagen nach einem dunkeln Winkel des Pallaſtes, wo eine Lampe über einem Thore das ein⸗ zige Licht war, das uns leitete. Nie werde ich das Gefühl der Erleichterung vergeſſen, das mich erquickte, als ich in meinem Wagen zurücklag und hörte, wie das Getöſe des ungeheuern Gedränges jeden Augen⸗ blick ſchwächer wurde.„Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte ich,„es iſt kein Lever.“ Kaum ein halbes Dutzend Equipagen ſtanden um das Thor, als wir hinein fuh⸗ ren, und ein einziger Dragoner war die Ehrenwache. „Wen ſoll ich anmelden, mein Herr?“ fragte ein Huiſſier in ſchwarzer Kleidung mit einer Ehrerbietung, als ob meine Erſcheinung einen Geſandten verrathen hätte. Ich gab meinen Namen und folgte ihm eine weite Treppe hinauf, wo der tiefe Sammt⸗Teppich keinen Fußtritt hören ließ. Ein ungeheurer Bronze⸗ Leuchter mit ſeinen tauſend Wachskerzen verbreitete — 79 nach allen Seiten Tageshelle. Die Thürflügel öffneten ſich vor uns wie durch einen Zauberſchlag und ich be⸗ fand mich in einer Antichambre, wo der Huiſſier mei⸗ nen Namen einem andern dort ſtehenden nannte und ſich zurückzog. Von hier aus traten wir in ein kleines Geſellſchaftszimmer, wo an einem Schachſpiele zwei Perſonen ſaßen, die aber nicht aufſahen und uns nicht bemerkten, als wir weiter gingen. Endlich öffneten ſich zwei große Thürflügel, und nochmals wurde mein Name mit leiſer, aber vernehmlicher Stimme genannt. Der Salon, in den wir jetzt traten, war ein großer und glänzend ausgeſtatteter Raum, deſſen Licht, durch eine Art abat-jour gedämpft, über Alles einen milden, geheimnißvollen Schein verbreitete, und ſogar den in kleinen Gruppen ſitzenden Perſonen einen faſt dramatiſchen Anſtrich gab. Auch die Unterhaltung wurde in halblautem Tone geführt— ein artiges Gemurmel von Stimmen, das, gemiſcht mit den Tönen einer in einem andern, entfernteren Zimmer ſpielenden Muſik und mit dem Plätſchern eines kleinen Springbrunnens in einer Vaſe mit Goldfiſchen in dem Zimmer ſelbſt, einen ſeltſamen, aber höchſt anmuthigen Eindruck machte. Gleich in dem Augenblicke meines Eintrittes, als ich einen ſchnellen Blick um mich warf, bemerkte ich, daß keine ſtudirte Etikette oder höfiſche Grandezza vorherrſchte. Die Haltung der Gäſte war ungezwun⸗ gen, beinahe nachläßig, und aus Allem ging hervor, daß alle Anweſenden oder faſt alle zu den Vertrauten des Ortes gehörten. Als ſich die Thüre hinter mir ſchloß, ſtand ich dort und wußte nicht recht, was anfangen. Leider kannte ich wenig von den Gewohnheiten der großen Welt, und jeder Schritt, den ich that, war für mich eine Sache von Schwierigkeit. „Ich denke, Sie finden Madame Bonaparte in jenem Zimmer,“ ſagte ein ſchöner Mann von mittle⸗ rem Alter, deſſen milde Stimme und freundliches Lä⸗ 80 cheln viel dazu beitrug, mir das Herz zu erleichtern; „aber vielleicht kennen Sie ſie nicht.“ Ich murmelte eine Art Verneinung, worauf er ſogleich erwiederte: „So will ich Sie vorſtellen. Es findet hier keine Ceremonie ſtatt, und ich werde Ihr Kammerherr ſein — aber hier iſt ſie. Madame la consulesse, dieſer junge Herr wünſcht ſeine Aufwartung zu machen.“ „Hal unſer Freund aus der polytechniſchen Schule — Herr Burke, nicht wahr?“ „Ja, Madame,“ ſagte ich, mich tief verbeugend und tief erröthend, als ich in der glänzend geſchmück⸗ ten und ſchönen Perſon vor mir die Dame erkannte, welche an dem Tage meines Sturzes nach der Muſte⸗ Pan mir das Waſſer ſo gülig an die Lippen gehalten atte. „Nun, man ſagte mir, Sie ſeien befördert wor⸗ den, Huſar, denk' ich?“/ „Ja, Madame— aber— aber—— ℳ „Sie haben Ihre alte Geſellſchaft zu lieb, als daß Sie ſich gerne von ihr trennten,“ ſagte ſie lachend. „Kommen Sie her, Stephanie, und ſehen Sie das Wunder von einem Mann, der das einfache Gewand der Militärſchule all' dem Geflitter eines Huſaren vorziehen konnte. Herr von Cuſtine, dies iſt mein junger Freund, von dem ich Ihnen neulich erzählte.“ Der Herr, derſelbe, der mich ſo gütig empfangen hatte, verbeugte ſich höflich. „Aber jetzt muß ich Sie zuſammen verlaſſen; denn ich ſehe, ſie plagen die arme Madame Lefebvre;“ und lächelnd ging ſie in ein kleines Boudoir, woher man ein fröhliches Gelächter vernahm. „Sie kennen Niemand hier?“ ſagte Herr von Cu⸗ ſtine, indem er mich veranlaßte, auf einem Sofa neben ihm Platz zu nehmen;„auch iſt dieſen Abend keine merkwürdige Perſon hier, auf die ich Sie aufmerkſam machen ſollte. Das Lever des erſten Conſuls abſorbirt 81 alle Berühmtheiten— aber allmählig werden ſie ſchon herkommen, um ihre Aufwartung zu machen, und dann werden Sie alle ſehen. Die ſchöne Frau dort mit dem 4 Fächer vor ſich iſt Madame Beauharnois Lavalette, und der hübſche junge Mann in der Stabs⸗Uniform c Herr von Melcy, ein Stiefſohn des Generals app. „Und der große, ſchöne Mann mit dem geſtickten Rocke, der ſo eilig dort vorüberging?“ „Ja, der iſt etwas— es iſt Decrès, der Marine⸗ Miniſter— er iſt zum Lever gegangen; und dort nächſt der Thüre mit ſeinen niedergeſchlagenen Augen und gefalteten Händen, das iſt der Abbé Maynal, einer der geiſtreichſten Männer des Tages; aber ich denke, Sie betrachten viel lieber die Schönheiten des Hofes, als daß Sie lange Geſchichten über Literatur und Po⸗ litik hören; und da ſehen Sie die Perle der Liebens⸗ würdigkeit unter ihnen.“ 1 Bei dieſen Worten ſah ich mich um und hart ne⸗ ben mir ſtand, in eifriger Unterhaltung mit einer al⸗ ten Dame begriffen, ein äußerſt ſchönes, junges Mäd⸗ chen. Ihr langes Haar, durch welches nach damaliger Mode Veilchen geflochten waren, floß in reichen Locken über einen marmorweißen Nacken. Ihr nach griechiſcher Art etwas weit ausgeſchnittenes Kleid ließ ihre wohl⸗ gerundeten Schultern auf's vortheilhafteſte hervortreten, und ob ſie gleich eher unter als mittlerer Größe war, war doch eine Würde und Anmuth über ihre ganze Geſtalt ausgegoſſen und in allen ihren Bewegungen beurkundete ſich eine gewiſſe Eleganz, die höchſt be⸗ zaubernd war. „Und die Rose de Provence— wie befindet ſie ſich dieſen Abend?“ ſagte mein Gefährte, plötzlich auf⸗ ſtehend, und mit einem Lächeln vor ſie tretend. „Ah, Sie hier, Herr von Cuſtine? wir glaubten Sie in Nancy.“ Tom Burke. II. 6 82 Der Ton, womit ſie dieſe wenigen Worte ſprach, fuhr mir durch's Herz, und als ich wieder hinſah, er⸗ kannte ich die junge Dame, die an jenem merkwürdigen Tage zur Seite Madame Bonapartes geſtanden hatte. Vielleicht zuckte ich zuſammen vor Ueberraſchung; denn ſie kehrte ſich um und begrüßte mich mit einem ſanften, höchſt bezaubernden Lächeln. „ Wie ſie in dem Zimmer dort lachen,“ ſagte fie, gegen den andern Herrn ſich wendend. Herr von Cuſtine hat dieſen Abend ſeine theure Freundin ver⸗ laſſen und wehrlos preisgegeben.“ „Ma foi,“ verſetzte er,„ich wurde ſchlecht be⸗ lohnt für meine Anwalt ſchaft. Erſt letzte Woche, als ich ihr aus einem ihrer grammatikaliſchen Fehler her⸗ aushalf, nannte ſie mich für meine Bemühungen einen alten Schulfuchs.“ „Wie undankbar! waren Sie doch ihr Dolmetſch — ihr Fürſprech für den ganzen Winter— ohne den 5 weder ein Eis noch ein Glas Waſſer bekommen ätte. „So iſt's; doch undankbar ſind Sie alle zuſam⸗ men— aber ich denke, es waͤre beſſer, hinzugehen und ihr meine Aufwartung zu machen— bitte, kommen Sie mit.“ Ich folgte der Geſellſchaft in ein kleines, gleich einem Zelte ausgeſtattetes Zimmer, wo mitten unter einem halb Dutzend Perſonen eine ſtattliche, blühende, gut ausſehende Perſon ſaß. Ihr Turban und Kleid von Scharlach⸗Sammt erhöhte noch das Roth ihres Geſichtes. Sie ſprach mit lauter Stimme und in einem Patois, das ich weit eher in einer entlegenen Vorſtadt als in den goldenen Sälen der Tuilerien erwartet hätte. Sie erzählte einige Anekdoten aus dem Sol⸗ datenleben, welches innerhalb des Bereiches ihrer ei⸗ genen Erfahrungen lag, und beluſtigte ihre Zuhörer⸗ ſchaft augenſcheinlich eben ſo ſehr durch die Manier, als durch den Stoff ihrer Erzählung. 4 83 „Oui parbleulé ſagte ſie, tief Athem holend. „Ich war in jenen Tagen nur das Weib eines Ser⸗ genten unter den Gardes françaises, aber es waren luſtige Zeiten, und die Männer, die man ſah, waren wirkliche Männer. Sie waren nicht ſo dick mit Gold beſchnürt und hatten nicht ſo vielen Flitter an ihren Zacken; aber kühn waren ſie, ehern, und man hatte Geſellen. So einen armen, jämmerlichen, kleinen Kerſ, als de Cuſtine hier, hättet ihr dazumal in einer gan⸗ zen Halbbrigade nicht gefunden.“ Als das Gelächter, welches dieſe Rede hervorrief und worein ſie ſelbſt tüchtig mit einſtimmte, nachließ, fuhr ſie fort:„Wo findet ihr jetzt etwas gleich dem 22. Linienregiment. Pioche ſtand darunter, der arme Pioche— ich band ihm die Kinnlade zuſammen in Aegypten, wie ſie von einer Kugel zerſchmettert war. Auch erinnere ich mich, als das Regiment zurückkam: Ihr Mann, der General, hielt drunten im Hof Muſterung über ſie, und der arme Pioche war ganz beleidigt, daß von ihm keine Notiz genommen wurde.„Wir waren gute Freunde,“ ſagte er,„auf dem Berg Tabor; aber er vergißt das jetzt Alles; ſo geht es immer, wenn Einer ein vor⸗ nehmer Herr wird. Der kleine Korporal war einſt beſcheiden, das kann ich ihm bezeugen; aber jetzt kann er ſich meiner nicht erinnern.„Nun gut, ſie wurden beordert, in Front vorüber zu marſchiren, und Pioche war auch darunter mit ſeinen großen, dunkeln, auf den General gehefteten Augen und ſeinem dicken, ſchwar⸗ zen, auf die Bruſt herunterfließenden Bart; aber nein, er nahm ſo wenig Notiz von ihm, als von dem Tam⸗ bour, der Rappei ſchlug. Jetzt hielt er's nicht länger aus— Ungeduld und Aerger verdrehten ihm den Kopf, er ſprang aus den Linien, ergriff einen Vierpfünder, ſchulterte ihn wie eine Flinte und marſchirte vorüber, indem er ausrief:„Du“— er dutzte ihn immer—„Du erinnerſt Dich meiner jetzt, nicht wahr, Kleiner?“„ Niemand freute ſich über dieſes Geſchichten mehr, 84 als Madame Bonaparte ſelbſt, die noch einige Mi⸗ nuten nachher lachte. In dieſer Art kramte die Dame eine Geſchichte nach der andern aus; das Verdienſt der meiſten beſtand jedoch in irgend einer Perſönlich⸗ keit, die zwar der übrigen Geſellſchaft bekannt war, für mich aber nichts Anziehendes hatte. In Allem, was ſie ſagte, zeigte ſich die behagliche Selbſtgefällig⸗ keit einer gutherzigen, aber gemeinen Frau, die eite auf ihren Mann, ſtolz auf ſeine Dienſte, und völlig gleichgültig gegen die Sitten und Gebräuche einer Geſellſchaft war, deren Manieren nachzuahmen ſie ſich keine Mühe gab, und um deren Lachen ſie ſich nicht das mindeſte bekümmerte. Ich ſchlenderte allein aus dem Zimmer, um durch die andern Gemächer zu wandern, wo Kunſtgegenſtände und Merkwürdigkeiten aller Art verſchwenderiſch aus⸗ gebreitet waren. Marmor⸗ Statuen aus Griechenland und Rom, ſeltſame Bildwerke aus Aegypten, reiche Vaſen von Sevres fanden ſich unter den ſeltenſten und koſtbarſten Gemälden. Die köſtlichen Landſchaften aus der Zeit Ludwigs XIV., wo jeder Reiz der Natur und Kunſt auf die Leinwand übekgetragen war— die küh⸗ len Lauben von Verſailles mit ihren terraſſenförmigen Promenaden und ziſchenden Springbrunnen, die Ge⸗ genſtände, welche Vanloo ſo gerne malte und jener wollüſtige Hof ſo gerne betrachtete— die langen Al⸗ leen, in deren ſchattigem Grün fröhliche Gruppen im milden Glanz eines herbſtlichen Sonnenuntergangs herumſtreiften— jene ſtolzen Damen, deren lange Schleppkleider den Sammet⸗Raſen kehrten, und an deren Seiten eniblösten Hauptes die Ritterſchaft Frank⸗ reichs ging, wie lebten fie wieder auf unter dem glän⸗ zenden Pinſel Moucheron's, und wie treu führten ſie uns die großen Tage der Monarchie vor die Augen. Aber ein ſonderbarer Platz für ſie: das Boudoir der Frau, deren Mann jene alte Dynaſtie entwurzelt— das ſtolzeſte aller köͤniglichen Geſchlechter in Europa 8⁵ aus der Liſte der Könige geſtrichen hatte. Hatte die engherzige Ruhmſucht des Uſurpators ſie dahin ge⸗ bracht, der gerne ſeine Augen an der von ihm ernie⸗ drigten Größe weidete, oder zeugten ſie bereits von jener ſtolzen, gerade damals in ſeinem Herzen ſich er⸗ gebenden Hoffnung, daß er der Nachfolger jener großen Könige ſein werde, deren Geſchichte die Annalen Eu⸗ ropas bildete? Als ich weiter wanderte, alle Sinne bezaubert von meiner Umgebung, die mir wie eine Feenwelt erſchien, kam ich plötzlich vor ein Porträt Joſephinens, umgeben von ihren Hofdamen. Es war von Iſabey und hatte all die zarte Schönheit und voll⸗ endete Durchſichtigkeit dieſes entzückenden Malers. Da⸗ neben war ein anderes Porträt von demſelben Maler und ich fuhr zurück vor Verwunderung über die Aehn⸗ lichkeit. Nie hatte ein Künſtler das reiche Farbenſpiel eines ſüdlichen Geſichtes beſſer getroffen: die ſchim⸗ mernde Milde des Auges, der ſprühende Geiſt, der fertige Witz und die glänzende Phantaſie— Alles ſtrahlte in dieſem lieblichen Geſichte. Sehr überflüſſig ſtand auf der Rahme mit goldenen Buchſtaben„La Rose de Provence.“ Ich ſetzte mich unwillkührlich vor das Bild hin, entzückt, ſolche Schönheit ohne Zwang bewundern zu können. Die weiße Hand lehnte an einer Balluſtrade und ſchien von der Leinwand herab ſich auszuſtrecken. Ich hätte niederknieen und ſie küſſen mögen. Dies war derſelbe Blick, den ſie in jener Stunde hatte, wo ich ſie zum erſten Mal ſah— er war mir ſeitdem nie mehr aus dem Sinn gekom⸗ men— das halbe Erröthen, der etwas weggewandte Kopf, der Blick, in dem ſich Ungeduld und Güte miſch⸗ ten— Alles war da; und ich war in ſolche Verzückung gerathen, daß ich jeden Augenblick fürchtete, die Er⸗ ſcheinung möchte verſchwinden und mich in Finſterniß und Einſamkeit zurücklaſſen. Die Stille des Zimmers war ſaſt unterbrochen— ein entferntes Gemurmel von Stimmen, die Töne einer Harfe waren Alles, 86 was ich hörte, und ich blieb, ich weiß ſelbſt nicht wie lange, in beinahe bewußtloſer Extaſe ſitzen. 4 Eine lange chineſiſche Wand trennte den Theil des Zimmers, wo ich war, von dem übrigen, und ließ mich frei und allein dieſe Reize betrachten, die jeden Augenblick mächtiger auf mich einwirkten. So mochte vielleicht eine Stunde verſtrichen ſein, als ich plötzlich einige Stimmen hörte, die immer näher ka⸗ men, aber in einer andern Richtung, als von den Salons her. Sie ſprachen ungewöhnlich laut und eine beſonders hatte einen ſeltſamen Ausdruck von Leiden⸗ ſchaftlichkeit und zugleich beißender Schärfe, den ich nie vergeſſen werde. Die Thür flog auf, bevor ich mich aus meinem Seſſel erheben konnte, und herein traten zwei Perſonen, von denen ich wegen meiner Stellung hinter der Wand keine ſehen konnte. „Ich frage Sie noch einmal, iſt der Vertrag von Amiens ein Vertrag oder iſt er es nicht?“ ſagte eine barſche, gebieteriſche Stimme, die vor Zorn wirklich zitterte, und die ich ſogleich als die des erſten Conſuls erkannte. „Lord Whitworth,“ verſetzte eine gemeſſene und ſanfte Stimme, worin eine gewiſſe hofmäßige Salbung vorherrſchte,„bemerkte, wenn ich nicht irre, die Zu⸗ rückziehung der brittiſchen Truppen von Malta werde erfolgen, ſobald wir mit unſern Streitkräften in der Schweiz und in Piemont einen ähnlichen Schritt „Welches Recht haben ſie, eine ſolche Bedingung zu ſtellen? Zur Zeit des Vertrages beklagten ſie ſich nicht über die Beſetzung der Schweiz. Von einer ſol⸗ chen Bedingung will ich nichts hören. Ich ſage Ihnen, Herr von Talleyrand, lieber ſähe ich die Engländer in der Vorſtadt St. Antoine, als auf der Inſel Malta. Warum ſollten wir mit England als mit einer Con⸗ tinentalmacht unterhandeln? Ueber Indien, wenn es will— und was Aegypten betrifft, ſo ſagte ich dem 87 Lord, daß es früher oder ſpäter zu Frankreich gehören müſſe.“ „Eine Offenherzigkeit, für die er Urſache hat, dank⸗ bar zu ſein,“ bemerkte Herr v. Talleyrand in einem Tone ſarkaſtiſcher Schlauheit. 1 „Que voulez vous,“ verſetzte Bonaparte mit ge⸗ ſteigerter Stimme,„ſie wollen Krieg, und ſie ſollen ihn haben; was liegt an der Urſache— ſolche Frie⸗ densverträge, wie dieſe, ſollte man mit ſchwarzem Flor bedecken.“ Darauf fügte er halbflüſternd hinzu—„Sie müſ⸗ ſen morgen zu ihm gehen. Erklären Sie ihm, wie die Angriffe der engliſchen Preſſe mich gereizt haben— wie tief verletzt ich mich fühlen muß über ſolche unter den Augen einer befreundeten Regierung hervortretende und ruhig geſtattete Frechheit— über Anſtiftung von Complotten gegen mein Leben, über Begünſtigung von Mordanſchlägen. Wiederholen Sie, daß Sebaſtiani's Sendung nach Aegypten rein kommerzielle Zwecke habe. Daß, obgleich zum Krieg gerüſtet, unſer Wunſch, der Wunſch Frankreichs Friede ſei. Daß die Rüſtungen in Holland für die Colonien beſtimmt ſind. Zeigen Sie ſich geneigt zu unterhandeln, aber keine Anträge zu machen. Verwerfen Sie das Wort ultimatum, wenn Her es anwenden ſollte. Dieſer Ausdruck deutet auf eine Unterhandlung zwiſchen einem Höheren und einem Geringeren. Unſer Frankreich iſt nicht mehr jenes, wo ein engliſcher Kommiſſär in Dünkirchen ſaß. Braucht er das Wort nicht, dann ſagen Sie, es ſeien keine Zei⸗ ten mehr, wo man ſich fürchte, wir müſſen endlich wiſſen, wie wir daran find. Sagen Sie ihm, noch ſäßen keine Burbonen hier auf dem Throne. Laſſen Sie ihn fühlen, mit wem er es zu thun hat.“ „Und wenn er ſeinen Paß verlangt,“ bemerkte Talleyrand ernſt,„ſo ſind Sie vielleicht für einen Tag auf den Lande— in Plombiéres— in St. Cloud.“ heſen Worten folgte ein halb unterdrücktes Lachen, und ſie gingen weiter auf die Salons zu, noch immer ſich unterhaltend, aber in flüſterndem Tone. Ein kalter Schweiß trat mir auf Geſicht und Stirne, ſchwere Tropfen fielen über meine Wangen, als ich dieſes ereignißvolle Geſpräch unfreiwillig, be⸗ horchte. Daß das Schickſal von Europa auf der Wage lag, erkannte ich ſehr wohl— und ſo glühend ich mich auch nach Krieg ſehnte, ſo dämpfte das ſchreckliche Ge⸗ mälde, das ſich vor mir erhob, viel von meinem Feuer⸗ eifer— während ein Gefühl meiner perſönlichen Ge⸗ fahr, wenn ich hier entdeckt würde, mich von Kopf bis zu Fuß zittern machte. Mit niedergeſchlagenem Muthe alſo zog ich mich nach den Salons zurück, ohne zu wiſſen, ob meine Abweſenheit nicht bemerkt worden ſei. Wie unerfahren war ich doch in ſolcher Geſellſchaft, wo jeder kam und ging, wie es ihm beliebte; wo die glänzendſte Schönheit, der geiſtreichſte Unterhaltungs⸗ künſtler, wenn er ſich entfernte, keine Lücke machte— und wo man ſich um Menſchen, wie ich war, nicht mehr bekümmerte, als um die Statuen, welche die Wachslichter hielten. 4 Die Salons waren jetzt dicht gefüllt— Staats⸗ miniſter, Geſandte, General⸗Offiziere, in ihren glän⸗ zenden Untformen drängten ſich in den Gemächern, wo ſich das Geſumme der Geſpräche mit dem lauteren Ge⸗ lächter miſchte. Dennoch glaubte ich durch den leichten munteren Ton hindurch, der überall herrſchte, hier und dort unter einigen Miniſtern einen befangenen Blick, einen Anſtrich innerer Bewegung und Unruhe, zu be⸗ merken, was ſich mit der unbefangenen Vertraulichkeit, die vorzuwalten ſchien, ſchlecht zuſammenreimte. Ich ſah mich überall nach dem erſten Conſul ſelbſt um, aber er war nirgends zu ſehen. Herr Talleyrand jedoch war zurückgeblieben— ich erkannte ihn an ſeiner ſanften und gemeſſenen Stimme, als er neben Madam Bonaparte ſaß und ihr in leiſem Tone eine Geſchiche erzählte, worüber ſie ſehr erbaut ſchien. Ich konnte 4 89 nicht umhin, mich über den lebhaften und beſeelten Charakter der Züge zu verwundern, unter welchen die dunklen Geheimniße der Staatsangelegenheiten, die verworrenen Heimlichkeiten der politiſchen Intrigue ver⸗ borgen lag. Wenn man ihn anſah, hätte man ſagen können— hier ſitzt Einer, deſſen Leben leicht dahin fließt, unberührt von den Wechſelfällen dieſer Welt. Nicht ſo der ſchlanke, ſchwärzliche Mann, deſſen dunkler Schnurrbart weit unter ſein Kinn hinabhängt, und der ſich an das Kamin dort lehnt— die ſtarken Adern ſeiner Stirne ſind geſchwollen und knotig, und ſeine tiefe Stimme ſcheint, wenn er ſpricht, vor ſtarker Auf⸗ regung zu zittern. „Bitte, mein Herr, wer iſt der Offizier dort?“ ſagte ich zu einem Herrn neben mir, deſſen Schulter halb abgekehrt war. „Das,“ ſagte er, ſein Glas aufhebend—„das iſt Savay, der Polizeiminiſter. Und, um Vergebung, Sie ſind Herr Burke— nicht wahr?“ Ich fuhr zuſammen, als er meinen Namen nannte, ſah ihn feſt an und erkannte in ihm den Gegner, mit dem ich am nächſten Morgen im Boulogner⸗Wald mei⸗ nen Degen meſſen ſollte. Ich wurde roth vor Verle⸗ genheit, aber er beſaß mehr Unbefangenheit und Selbſt⸗ beherrſchung und ſuhr fort— „Mein Herr, es iſt, für mich wenigſtens, ein wah⸗ res Glück, daß wir uns treffen. Ich war dieſen Abend zweimal bei Ihnen, in der Hoffnung, Sie zu ſehen und freue mich ungemein, Sie hier zu finden. Ich habe mich dieſen Morgen ſehr übel gegen Sie benommen — ich fühle es jetzt— ich fühlte es beinahe ſogleich. Wenn Sie meine Abbitte annehmen wollen, ſo gebe ich ſie herzlich gerne. Mein Charakter hat keinen Streit⸗ handel nöthig, um mich als einen Mann von Muth bekannt zu machen— an dem Ihrigen kann nicht ge⸗ zweifelt werden. Darf ich hoffen, daß Sie ſich mit mir ausſöhnen? Ich ſehe, Sie ſchwanken— vielleicht kenne — 90 ich den Grund— Sie wiſſen nicht, in wie weit Sie eine ſolche Genugthuung annehmen können oder ſollten.“ Ich nickte, und er fuhr fort—„Wohl, ich habe einige Erfabrung in derlei Dingen, und darf Sie verſichern, daß Sie es wohl können. „So ſei es denn,“ ſagte ich, indem ich die mir dargebotene Hand ergriff und warm ſchüttelte—„ich bin zu jung in der Welt, als daß ich hierin mein eigener Rathgeber ſein könnte, und ich glaube, daß Sie mich nicht täuſchen wollen.“ Ein befriedigter Blick und erneuerter Händedruck war die Antwort. 4 „Noch eine Gunſt— Sie dürfen mir ſie nicht gb⸗ ſchlagen. Laſſen Sie uns zuſammen ſoupiren— meine Kaleſche iſt drunten— die Leute hier nehmen allmäh⸗ lig ihren Abſchied— und wenn Sie keinen beſondern Grund haben, zu bleiben——“. „Nein, ich wüßte keinen.“ „Allons denn,“ ſagte er, vergnügt meinen Arm ergreifend— und bald ſtieg ich an der Seite des Mannes, dem ich nach einigen Stunden in tödtlichem Conflikt gegenüber zu ſtehen erwartet hatte, die Ma⸗ mortreppen hinab. Siebentes Kapiteel. Das Souper bei Beauvilliers. „Wohin?“ fragte der Kutſcher, als wir einſtiegen. „Beauvilliers,“ ſagte der Marquis, indem er 3 in ſeinen Sitz zurückwarf und einige Minuten ſtill blieb.. Endlich, als ob er ſich plötzlich erinnerte, daß wir 91 einander fremd wären, ſagte er—„Sie kennen na⸗ türlich Beauvilliers.“ „Nein,“ verſetzte ich zögernd;„ich habe keine Be⸗ kanntſchaft.“ „Parbleu!“ ſagte er lachend,„wenigſtens ſeine Freundſchaft ſollten Sie haben. Es iſt der gefeiertſte * Reſtaurateur unſeres und jedes andern Jahrhunderts; keiner hat die große Kunſt der Küche zu höherer Voll⸗ kommenheit gebracht, und ſeine Keller ſuchen ihres Gleichen in Paris— aber Sie werden ſelbſt urtheilen.“ „Leider hat mein Urtheil wenig Werth. Vergeſſen Sie, daß die Koſt der polytechniſchen Anſtalt eine ſchlechte Schule für Gaſtronomie iſt?“ „Aber eine treffliche Vorbereitung dazu,“ verſetzte er.„Wie entzückend muß für einen durch keine Sophi⸗ ſtik verdorbenen Gaumen der Genuß jener erſten Ein⸗ drücke ſein, welche ein Karpfen à la chambord, ein Faſan truffé, ein Gericht Ortolanen à la provencçale, hervorbringen! Aber da find wir. Unſere Geſellſchaft iſt klein— ein alter Präfekt aus dem Süden, ein Abbé, ein Sekretär der ruſſiſchen Geſandtſchaft und wir ſelbſt.“ Wir ſtiegen eine enge, von einer einzigen Lampe trüb beleuchtete Wendeltreppe hinan. Droben jedoch ſtand ein Aufwärter bereit und führte uns in ein klei⸗ naes, mit aller Pracht an Gold und Spiegel, die man in dem Innern aller cafés ſo verſchwenderiſch ange⸗ bracht findet, ausgeſtattetes Zimmer. Die bereits er⸗ wähnten Gäſte waren da und warteten ſichtlich mit nicht geringer Ungeduld auf unſere Ankunft. „Wie gewöhnlich, Alfred,“ ſagte der alte Herr, dem ich den Präfekten anſah—„wie gewöhnlich— eine Stunde nach der Beſtellung.“ „Vergeben Sie ihm, mein Herr,“ verſetzte der Abbe mit einem einfältigen Lächeln.„Die Zauberkräfte eines Hofes—— Die Grimaſſe, welche der alte Herr bei dieſem etzten Worte machte, entriß der ganzen Geſellſchaft 9² ein ſchallendes Gelächter, das erſt dann nachließ, als mich der Marquis in aller Förmlichkeit jedem ſeiner Freunde vorſtellte. „A table, ä table, ums Himmelswillen!“ ſchrie der Präfekt, mit der Glocke klingelnd und mit raſtloſer Ungeduld ſich im Zimmer herum bewegend. Dies war jedoch nicht nöthig; denn in weniger als fünf Minuten erſchien das Eſſen und wir nahmen Platz. Die Lobſprüche auf jedes Gericht, das kam und ging, überzeugte mich, daß die Mahlzeit tadellos war. Was mich betraf, ſo aß ich darauf los nur mit dem Bewußtſein, daß mir noch nie vorher ſo aufgetiſcht worden war, und voll Verwunderung über den menſch⸗ lichen Scharffinn, der eine ſo unendliche Abwechslung von Speiſen auf den Tiſch⸗brachte. Auch der Wein ging reichlich umher, und Champagner, Bordeaux, Chamhertin folgten einander, je nachdem die verſchie⸗ denen Gerichte einen eigenen Wein verlangten. An der Unterhaltung konnte ich keinen Antheil nehmen: ſie war rein gaſtronomiſch; und Niemand war ſo unwiſſend, wie ich, über die Witterung, die gute Trüffeln ver⸗ ſprach, oder über den Stand der Atmosphäre, welcher mit ſauern Weinen drohte. „Nun, Alfred,“ ſagte der Präfekt, als der Nach⸗ tiſch aufgetragen und die Zeit, das Gourmandgeſpräch abzubrechen, gekommen ſchien.„Nun, was für Neuig⸗ keiten aus den Tuilerien?“ 2 „Nichts, durchaus nichts,“ ſagte er gleichgültig. „Dieſelben Leute; dieſelben Geſpräche; das ewige Trick⸗ track⸗Spiel mit der alten Madam d'Angerton; Denon quält irgend ein neues Opfer mit einer Mumie oder Karte von Aegypten; Madam Lefevbre erzählt Lager⸗ Anekdoten—— „Ah, ſie iſt eine köſtliche Frau,“ unterbrach der Präfekt. „So denkt wenigſtens Ihr Chef, Askoff,“ ſagte 93 Beauvais, an den Ruſſen ſich wendend.„Er ſaß volle anderthalb Stunden neben ihr auf dem Sofa.“ „Wer ſaß neben ihm auf der andern Seite?“ fragte ſchlau der Andere. „Auf der andern Seite? Weiß wirklich nicht— nein, ich erinnere mich, es war Herr von Talleyrand und Madam Bonagparte; und jetzt denke ich erſt daran, daß er behorcht haben muß, was ſie ſagten.“ „Iſt es denn wahr, daß Bonaparte beim Empfang den engliſchen Geſandten beleidigte? Askoff hörte es, als er die Rue S. Honoré verließ.“ „Vollkommen wahr. Die Scene war eine höchſt verletzende; und Lord Whitworth zog ſich zurück, indem er Talleyrand erklärte— wenigſtens erzählt man ſo— daß er, wenn man ſich nicht entſchuldige, ſich für die Zukunft jeden Beſuches in den Tuilerien enthalten werde.“ „Aber was ſoll daraus werden?— ſagen Sie mir das; was wird das Reſultat ſein?“— „Pardieu! ich weiß nicht. Eine Verſöhnung bis morgen; ein Artikel im Moniteur; ein Diner bei Hof; und dann wieder ein Bruch und wieder ein Artikel.“ „Oder ein Krieg,“ ſagte der Ruſſe, ſich ſorgfältig umſehend, ob ihm Niemand zuſtimme. „Was ſagen Sie dazu, mon ami?“ ſagte Beau⸗ vais, an mich ſich wendend.„Sie werden ſich freuen, Ihre Oberſtenepauletten gewinnen zu können.“ „Möglich,“ ſagte der Abbé, ruhig ſein Glas aus⸗ ſchlürfend:„Man kann heutzutage Alles glauben.“ „Sogar die katholiſche Religion, Abbé,“ ſprach Beauvais lachend. „Oder die Reſtauration,“ verſetzte der Abbé mit einem halb boshaften Blick auf den Präfekt, woran ſich der Ruſſe ſehr zu erbauen ſchien. „dOder die Reſtauration!“ wiederholte der Präfekt feierlich—„oder die Reſtauration,“ damit füllte er bii Glas bis an den Rand und leerte es bis auf den rund. 1 4 94 „Sie kommen unter die Huſaren?“ fragte Beau⸗ vais, ſich haſtig gegen mich wendend, gleichſam um meine Aufmerkſamkeit zu feſſeln. „Ja, zum achten,“ ſagte ich;„kennen Sie die Leute?“ „Nein, ich habe wenig Bekanntſchaft unter der Armee.“ „Sein Vater, mein Herr,“ ſagte der Präfekt mit beträchtlichem Nachdruck,„war ein alter garde du corps in jenen Zeiten, wo der Degen nur von Adeligen ge⸗ tragen wurde.“ „Um ſo ſchlimmer für die Armee,“ flüſterte der Abbé leiſe, aber verſtändlich genug für die Andern, um ein ſchallendes Gelächter zu erregen. „Und als,“ fuhr der Peüfekt unſtörbar fort,„Ge⸗ burt ihre Vorrechte hatte.“. „Unter andern auch das, zuerſt geköpft zu werden,“ murmelte der unerbittliche Abbé. „Waren vor der Revolution die Trüffel theuer, Präfekt?“ ſagte Beauvais mit einer halb unverſchäm⸗ ten, einfältigen Miene. „Nein, mein Herr; nichts war theuer, als die Gunſt des Königs.“. „Die man auch erkaufen konnte,“ ſagte der Abbé. „Der Moniteur von dieſem Abend, meine Herren!“ ſprach der Kellner, indem er die Zeitung brachte, deren Veröffentlichung um etwa zwei Stunden über die ge⸗ wöhnliche Zeit verzögert worden war. 3 „Ah, laßt uns ſehen, was drin ſteht,“ ſagte Beau⸗ vais, das Journal öffnend und laut vorleſend: „„General Espinaſſe kommt nach Lille und über⸗ nimmt das Commando des vierten Corps; Generalma⸗ jor Lannes kommt in die Feſtung Montreil an die Stelle——““ Nicht wichtig— hier ſteht's.„„Meint die engliſche Regierung, Frankreich ſei eine ihrer indi⸗ ſchen Beſitzungen, ohne die Mittel, ſich gegen Unrecht aufzulehnen oder die Macht, es zu rächen?— können 95 dieſe Leute glauben, daß Rechte nicht gegenſeitig ſeien, und daß die Pflichttreue der einen kontrahirenden Par⸗ tei die andere zu nichts verpflichtet?““ „Ei, ei, Beauvais, plagen Sie uns nicht mit ſol⸗ chem langweiligen Unfinn.“ „„Wie können ſie ſich anmaßen,““ fuhr der Mar⸗ quis laut leſend fort,„uns zuzumuthen, daß wir an unſere auswärtigen Agenten keine Handelsinſtruktionen erlaſſen, damit nicht die engliſche Empfindlichkeit durch die Ausſicht auf Vortheile für unſern Handel verletzt werde?““ „Für unſern Handel!“ wiederholte der Präfekt mit äußerſt verächtlicher Betonung. „Ach, die guten alten Zeiten, wo es keinen gab!“ ſagte der Abbé und gab ſich dabei ein ſo ehrliches An⸗ ſehen, daß der alte Mann beifällig lächelte. „Hören Sie, Präfekt,“ ſagte Beauvais:„„Seit den Zeiten Colberts bis auf die jetzigen““— was meinen Sie? iſt dies keine ächt royaliſtiſche Anſpielung? —„„Seit den Zeiten Colberts ſind unſere Unterhand⸗ lungen immer in dieſer Art geleitet worden.““ „Ich bitte Sie, leſen Sie nicht mehr von dieſem unerträglichen Unſinn.“ „Und hier,“ fuhr der Maxzuis fort,„folgt eine ſpezielle Anrufung des himmliſchen Segens für die ge⸗ rechte Anſtrengung, die Frankreich machen wird, um die unverſchämte Anmaßung Englands zurückzuweiſen — Abbé, das geht Sie an.“ „Natürlich,“ ſagte er demüthig,„ich bete ſehr gerne für die Partei, welche die Macht hat: wenn der Him⸗ mel ſie darin läßt, ſo muß ich denken, daß ſie ſie ver⸗ dient.“ 2 Ein zweifelhafter Blick, als hätte er ihn nur halb verſtanden, war die einzige Antwort, welche der alte Präfekt auf dieſe Rede gab, worüber die Andern herz⸗ lich lachten. „Aber laßt uns weiter leſen. Für weſſen Styl 4 “ 96 halten Sie dies?—„Frankreich war Herr über jede Nation von der Nordſee bis zum adriatiſchen Meere, und welchen Gebrauch machte es von ſeiner Macht?— Batavia erhielt ſeine Selbſtregierung, die Schweiz ihre Freiheit und Venedig wurde an Oeſterreich abgetreten, während unſere Truppen vor den Thoren Wiens Halt machten und noch einmal über den Rhein zurückgingen. Sind dies Beweiſe von Ehrgeiz? find dies Zeichen jener anmaßenden Länderſucht, die England uns vorzuwerfen wagt? Und wenn ſolche Leidenſchaften vorherrſchen, was war leichter, als ſie zu befriedigen. War nicht Italien unſer? War nicht Batavien, die Schweiz, Por⸗ tugal unſer? Aber nein, Friede war der Wunſch der Nation, Friede um jeden Preis. Die Colonie S. Do⸗ mingo, dieſe ungeheure Inſel, wurde für kein zu gro⸗ ßes Opfer gehalten, den Segen des Friedens zu ſichern.““ „Parbleu! Beauvais, ich halt' es nicht länger aus.“ „Sie müſſen mich auch die Kehrſeite der Medaille ie laſſen; hören wir nun, was England gethan at. „Er ſchreibt gut, wenigſtens für den Geſchmack von Zeitungsleſern,“ ſagte der Abbé nachdenklich;„aber noch führt er die Feder nur wie das Schwert, als An⸗ griffswaffe.“ 4 1 füf ader iſt denn der Verfaſſer?“ fragte ich, halb ernd.. „Wer!— können Sie fragen?— Bonaparte ſelbſt. Welcher andere Mann in Frankreich würde es wagen, ſo gebieteriſch die Ausſichten und Abſichten der Nation auszuſprechen?“* 4 „Oder wer,“ ſagte der Abbé in ſeiner trockenen Weiſe,„könnte mit ſolcher Genauiſeit von dem„„ge⸗ feierten und großherzigen Oberhaupte““ ſprechen, das Frankreichs Geſchicke lenkt?“ „Es wird ſpät,“ bemerkte der Präfekt mit einer 97 Miene, als fände er kein Vergnügen an der Unterhal⸗ tung,„und morgen früh reiſe ich nach Rouen.“ „Kommen Sie, Präfekt, noch einen Becher, ehe wir ſcheiden,“ ſagte Beauvais;„irgend etwas hat Sie dieſen Abend verſtimmt; doch hoffe ich, ein Toaſt macht Sie wieder guten Muthes.“ Der alte Herr hob ſeine Hand auf mit einer war⸗ nenden Geberde, während er plötzlich einen Blick auf mich warf. 3 „Nein, nein, erſchrecken Sie nicht,“ ſagte Beauvais lachend;„ich denke, Sie haben mir keine Uebereilung vorzuwerfen: alſo eingeſchenkt und laßt uns trinken auf eine Perſon in dem alten Tuilerienpalaſt, die uns in dieſem Augenblick die glorreichſten Tage unſeres Landes ins Gedächtniß rufen kann.“ „Pardieu! das muß der erſte Conſul ſein, denk' ich,“ fluſterte der Abbé dem Präfekten zu, der ſein Glas mit ſolcher Heftigkeit auf den Tiſch ſtieß, daß es in hundert Stücke zerſplitterte. „Sehen Sie, was die Ungeduld macht,“ rief Beau⸗ vais lachend;„und nun haben Sie nichts mehr, um Beſcheid zu thun auf meine ſchöne Coufine, die Roſe der Provence. „Die Roſe der Provence!“ riefen Alle, während ich, aufgeregt durch den Wein, den ich in reichem Maße getrunken hatte, und fortgeriſſen vom Enthuſiasmus des Augenblicks, die Worte in einem Tone wiederholte, der jedes Auge auf mich zog. „Ah, ſie kennen alſo meine Coufine,“ ſagte Beau⸗ vais, mit einem ſeltſamen Gemiſch von Neugierde und Erſtaunen mich anſehend.. „Nein,“ ſagte ich,„ich habe ſie geſehen—— ich ſah ſie dieſen Adend im Palaſte.“ „Nun, ſo muß ich Sie ihr vorſtellen,“ verſetzte er mit einem gutmüthigen Lächeln. Ehe ich meine Erkenntlichkeit äußern konnte, war Tom Burke, II. 7 98 5 Geſelſchaſt aufgeſtanden und nahm gegenſeitig Ab⸗ ed. „Ich werde Sie bald wieder ſehen, Burke,“ fagte Beauvais mit einem warmen Händedruck,„und jetzt Adieu.“ So ſchieden wir; und ich ging nach meinem Ouartier zurück, die Seele voll von den ſeltſamen Be⸗ gebenheiten dieſer ereignißvollen Nacht in meinem ru⸗ higen und einförmigen Daſein. Achtes Kapitel. Die zwei Beſuche. Inmitten der vielen Geſchäfte des nächſten Tages — inmitten all der Aufregung einer neuen Stellung kam meine Seele beſtändig auf die Ereigniſſe der letz⸗ ten vierundzwanzig Stunden zurück. Bald beſchäftigte ich mich mit der Soirée im Palaſt— mit dem unge⸗ wohnten Glanz, dem hohen Rang und der Schönheit, die ich geſehen; bald mit jenem merkwürdigen Augen⸗ blick, den ich hinter der chineſiſchen Wand zugebracht; dann wieder mit dem ſeltſamen Zuſammentreffen mit meinem Gegner, und dem noch ſeltſameren Abend⸗ eſſen, das darauf gefolgt war. 3 In der That dachte ich nicht ohne gewiſſe Beſorg⸗ niſſe, die ich weder mir erklären, noch verbannen konnte, an den Charakter und die Unterhaltung meiner neuen Geſellſchafter. Der leichtfertige Ton, worin ſie von ihm zu ſpre⸗ chen wagten, vor deſſen Namen ich eine an Abgötteret grenzende Ehrfurcht hatte— die Freiheit, womit ſie ſich erdreiſteten, über ſeine Maßregeln und Meinungen zu ſchwätzen und dieſelben ſogar lächerlich zu machen, machten mir den Kopf wirre, und ich machte mir halb Vorwürfe darüber, einem Geſpräche, welches jetzt, va ich darüber nachdachte, meine Aufmerkſamkeit zu for⸗ dern ſchien, ſo zahm angehört zu haben. Gänzlich un⸗ bekannt mit politiſchen Intriguen, ohne alle Ahnung davon, daß in Frankreich irgend eine Partei beſtehe oder beſtehen könne, außer der des erſten Conſuls ſelbſt, vermochte ich keine Löſung für das Räthſel zu finden, und dachte zuletzt, ich habe die gehörten Worte ſelbſt übertrieben und meine Unwiſſenheit erlaube mir kein Urtheil, während ich, bei beſſerer Sachkenntniß, nichts Tadelswerthes darin geſehen hätte; und wenn der Geiſt, worin ſie die Handlungen Bonapartes be⸗ ſprachen, von dem, woran ich bis jetzt gewohnt war, abwich, ſo kam dieß vielleicht mehr von meinem eige⸗ nen Mangel an Bekanntſchaft mit den Gewohnheiten der Geſellſchaft, als von einem Mangel an Anhäng⸗ lichkeit ihrerſeits. Der Präfekt mußte natürlich als Regierungsbeamter beſſer wiſſen als ich, was ihm ziemte— auch der Abbé, als Mann von Erziehung und dem heiligen Stande angehörig, konnte eben ſo wenig in den Verdacht kommen, unziemliche Meinun⸗ gen auszuſprechen; der Ruſſe hatte faſt nichts geſpro⸗ den; und was Beauvais betraf, ſo beruhigte mich ſeine ſorgloſe und unbeſonnene Heftigkeit; und ſo überredete ich mich ſelbſt, daß es nur die tägliche Ge⸗ wohnheit der Geſellſchaft ſei, ſo offen von einem Manne zu ſprechen, dem in den engern Schranken unſerer kleinen Welt eine faſt übermenſchliche Ver⸗ ehrung gezollt wurde. „„ Darf ich bekennen, was ich damals kaum mir ſelbſt geſtehen konnte, daß die wenigen Worte, die Beanvais bei unſerem Abſchied ſprach— die zugeſtan⸗ dene Vetterſchaft mit ihr, welche ſie die Roſe der Provence nannten, viel zu dieſer meiner Ueberzeugung beitrug; während ſein Verſprechen, mich vorzuſtellen, ein Pfand war, das nach meinem Dafürhalten ſich nur mit loyalen Gedanken und ehrbaren Grundſätzen vertragen konnte? Dennoch hätte ich Alles für einen Freund gegeben, der mir hätte beiſtehen, für einen ge⸗ treuen Rathgeber, der mir hätte helfen können; aber noch immer ſtand ich allein in der Welt, und, abge⸗ ſehen von dem kurzen, nicht allzu ſchmeichelhaften Em⸗ pfang meines Oberſts, hatte ich von meinem neuen Corps noch Niemand weder geſehen noch geſprochen. Am heutigen Abend trat ich in mein Regiment und ſchlug mein Quartier in der Kaſerne auf, wo be⸗ reits das Gerücht wichtiger politiſcher Ereigniſſe zu den Offizieren gedrungen war; ſie ſtanden in Gruppen und ſprachen über die Anoſiciten auf einen Krieg oder hörten zu, wie einer den Moniteur vorlas. Welches ſeltſame Gefühl durchdrang mich, wenn ich dachte, daß ich in das tiefſte Geheimniß eingeweiht war, von wel⸗ chem der Friede Europa's abhing, daß ich die eigenen Worte von den Lippen des Mannes gehört hatte, in deſſen Hand das Geſchick von Millionen lag! Wie ganz anders erklärte ich mir jene Stellen in dem Re⸗ gierungs⸗Journal, welche Frieden athmeten, und von ſchmerzlichen Opfern ſprachen, zu denen man bereit ſei, um einen Krieg zu vermeiden, nach dem ſeine gauze Seele dürſtete! Und wie hoch ſtellte in meinem jungen Herzen jene Leidenſchaft für den Ruhm ihn, der Alles in die Wagſchale werfen konnte! Die ſtolze Stellung, die er einnahm— er, das mächtige Ober⸗ haupt einer mächtigen Nation— die Schmeichelei, die ihn täglich umgab— der herrliche Glanz eines Hofes, dem keiner in Europa gleich kam: dieß Alles, und mehr noch— ſein künftiges Geſchick— wagte er für das große Spiel, nach dem ſein männlicher Geiſt ver⸗ angte. In ſolchen Gedanken lebte ich wie in meiner ei⸗ genen Welt; Kameradſchaft hatte ich keine. Meine Mitoffiziere hatten, mit wenig Ausnahme, von unten 10¹ auf gedient, und gehörten zu jener Klaſſe, die keine Vergnügungen kannte, als die rohen Beluſtigungen des Kaſernenlebens oder die gemeinen Späſſe des Dienſtes. Die beſſere Klaſſe hielt ſich von dieſer fern und näherte ſich keinem neuen Offizier, deſſen Familie und Verbindungen ihnen fremd waren; und ſo ſtand ich, der ich mein Vaterland gewechſelt hatte, unaner⸗ kannt und ungekannt allein. Anfangs ſchmerzte mich dieſe Vereinzelung; aber allmälig wurde ſie mir we⸗ aier zur Laſt; und als endlich diejenigen, welche zu⸗ erſt meinen Umgang gemieden und geſcheut hatten, ſich geneigt zeigten, mich kennen zu lernen, war mein Stolz, der ſich vorher durch ſolche Anerkennung ge⸗ ſchmeichelt gefühlt hätte, jetzt verwundet, und ich ſtieß ihr Entgegenkommen bald zurück. So vergingen einige Wochen, ohne daß ich von Beauvais etwas höͤrte oder ſah, und endlich begann ich mich etwas verletzt zu fühlen über das plötzliche Aufgeben einer Vertraulichkeit, die er ſelbſt zuerſt ge⸗ wünſcht hatte; als ich eines Abends, da ich nach einer Parade in mein Zimmer zurückgekehrt war, an meine Thüre klopfen hörte. Ich ſtand auf, öffnete, und zu meinem Erſtaunen ſtand vor mir Beauvais; er war viel dünner, als da ich ihn zum letzten Mal geſehen, und ſeine Kleidung und ſein ganzes Aeußere verrieth weit weniger Sorgfalt und Aufmerkſamkeit. „ ſt dieß Ihr Quartier?“ fragte er und ſah ſich ängſtlich um.„Sind Sie allein hier?“ „Ganz allein.“ „Sie erwarten Niemand?“ „Nein,“ ſagte ich, noch mehr erſtaunt über ſeine augenſcheinliche Aengſtlichkeit und Aufregung. „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte er mit einem tiefen Seufzer, warf ſich auf mein kleines Feldbett und bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen. . Ob ich gleich ſah, daß irgend etwas ſchwer auf ihn drückte, fürchtete ich doch halb, den Gang ſeiner Gedanken zu unterbrechen, rückte daher blos meinen Stuhl näher und ſetzte mich neben ihn. „He, Burke, mon cher, haben Sie etwas Wein? Geben Sie mir ein paar Glas; denn außer einigen Biskuits habe ich in dieſen letzten vierundzwanzig Stunden nichts genoſſen.“ Ich tiſchte ihm alsbald Alles auf, was meine kleine Speiſekammer enthielt, und in wenigen Augen⸗ blicken hatte er einen guten Theil zu ſich genommen, worauf er mich anſah und lächelnd ſagte: „Es ſcheint, Sie haben in der Cultur als Wohl⸗ ſchmecker gute Fortſchritte gemacht. Dieſe Paſtete iſt unſeres Freundes im Palais royal würdig. Nun, und wie haben Sie ſeither gelebt?“ „Das möchte ich lieber Sie fragen,“ entgegnete ich.„Sie ſehen nicht ſo gut aus, als das letzte Mal, da ich Sie ſah. Waren Sie krank?“ „Krank? nein, krank nicht. Und doch kann ich's nicht ganz leugnen; denn ich habe auch ziemlich gelit⸗ ten. Nein, mein Freund: ich hatte mit vielem Kreuz und Elend zu kämpfen. Ich habe auch eine lange und mühſame Reiſe gemacht— einige Unfälle erlitten, kurz, es iſt mir nicht ſo gegangen, wie es mir hätte gehen ſollen. Und jetzt von Ihnen— wie ſteht's mit Ihnen?“ „Ach,“ ſagte ich,„wenn Sie viel Verdruß gehabt haben, ſo habe ich dagegen ein langweiliges, einför⸗ miges Leben geführt. Wenig Leiden— wenig Freu⸗ den; und ich vermuthe halb, die ſchönen Gemälde, die ich mir von der Laufbahn eines Soldaten entwarf, haben ſehr wenig mit der Wirklichkeit gemein.. Da Beauvais mit mehr Aufmerkſamkeit zuzuhören ſchien, als ſolch ein Thema eigentlich in Anſpruch neh⸗ men kann, ſo entwarf ich ihm, allmälig ein Gemälde meines Kaſernenlebens, wobei ich mich weitläufig über meine vereinzelte Lage verbreitete, und über den Man⸗ gel jener Kameradſchaft, die den Hauptreiz meines Schulknabenlebens ausgemacht hatte. Dieſer ganzen 108 Schilderung widmete er eine ungetheilte Aufmerkſam⸗ keit— indem er mich bald über irgend etwas um nähern Aufſchluß bat, bald durch Worte oder Geberde mir beiſtimmte. „Und wiſſen Sie, Burke,“ ſagte er, indem er mich in meiner Schilderung Derer unterbrach, deren frühere Kälte mich beſtimmt hatte, ihnen nicht mehr entgegen zu kommen—„und wiſſen Sie,“ ſagte er heftig,„wer dieſe Ariſtokraten ſind? Die Söhne ehr⸗ ſamer Bürgersmänner von Paris. Ihre Väter ſind würdige Männer aus der Rue Vivienne oder dem Palais— vortreffliche Leute, ohne Zweifel; aber weit beſſere Kenner von Spitzen und paäte de perigord, als von Wappenbildern. Weit beſſer die andern, die gemeinen Glücks⸗Soldaten, deren höchſter Stolz ihre Kühnheit, ihr unerſchrockener Heldenſinn iſt.„Gut, gut,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu,„ich muß Sie aus dieſer Geſellſchaft herausbringen— in ein paar Tagen kann ich es einleiten. Sie ſollen mit einem Detachement nach Verſailles verſetzt werden.“ Ich konnte nicht umhin, über dieſe Worte zu ſtaunen, ſo gerne ich ſie auch hörte. 3 3 „Ich ſehe, Sie ſind verblüfft, aber die Sache iſt gar nicht ſo zum Verwundern, wie Sie meinen. Meine Coufine braucht Madam Bonaparte, die gegen⸗ wärtig dort iſt, nur einen Wink zu geben, und das Ding iſt abgemacht.“ Ich wurde feuerroth, als ich an die Vermittlung dachte, durch welche meine Wünſche erfüllt werden ſollten, und kehrte mich um, meine Verlegenheit zu verbergen. „Da fällt mir ein, ich habe Sie ihr auch noch nicht vorgeſtellt. Ich hatte keine Gelegenheit; aber es ſoll alsbald geſchehen.“ S. „Bitte, ſagen Sie mir den Namen Ihrer Cou⸗ fine,“ ſprach ich, um nur etwas zu ſagen und ſo meine ——— 104 Verwirrung zu verbergen.„Ich habe ſie nur la Rose de Provence nennen hören.“ 1 „Ja, das war ein einfältiger Einfall von Ma⸗ dame la Consulesse, weil Marie eine Provengalin iſt. Aber ihr Name iſt de Rochfort, wenigſtens ihrer Mut⸗ ter Name; denn in Folge einer andern Laune wurde ihr von Bonaparte verboten, den ihres Vaters zu füh⸗ ren. Aber dieſes Thema iſt für mich ein zu trauriges. Ein anderes! Wie haben Ihnen meine Freunde vom damaligen Abend gefallen? Der Abbé iſt angenehm, nicht wahr?“ „Ja,“ ſagte ich etwas zaudernd;„aber ich bin ſo wenig gewohnt, ſo frei über General Bonaparte ſprechen zu hören—— „Dieſes alberne polytechniſche Inſtitut!“ unter⸗ brach Beauvais.„Wie manchen netten Kerl hat es verdorben mit ſeinen lächerlichen Begriffen und thö⸗ richten Vorurtheilen!“. .„Ei,“ ſagte ich,„Sie müſſen die Anhänglichkeit, die ich und alle, die Epauletten tragen, für unſeren Hlarreiel Chef hegen, nicht Vorurtheile nennen. achen Sie nicht, oder Sie reizen mich; denn wenn ich, ein Fremder, ſo fühle, wie ſollten erſt Sie, ein geborner Franzoſe, mit einer ſo ſtolzen Laufbahn ſym⸗ pathifiren?“ 3„Sie ſprechen von Sympathie, Burke? Ich frage Sie, haben Sie je gehört von einer gewiſſen alten Familie dieſes Reiches, die, vertrieben und verbannt, unter Fremden eine Heimath ſuchen mußte, die Ab⸗ kömmlinge der edelſten Ritterſchaft unſeres Landes— die ſtolzen Sprößlinge des heiligen Ludwig?— und iſt Ihre Sympathie nie über's Meer geflogen, um Theil zu nehmen an ihren Leiden?“ Seine Stimme zitterte, als er ſprach, und eine dicke Thräne rollte über ſeine Wange, als das letzte Wort auf ſeiner Zunge ſchwebte; denn, als ob ihm plötzlich einfiele, wie weit er ſich durch ſeine augen⸗ 10⁵ blickliche Aufregung vergeſſen habe, fügte er mit ver⸗ änderter Stimme hinzu:—„Aber was haben wir mit dieſen Dingen zu thun? Jeder von uns geht ſeines eigenen Weges. Der Ihrige iſt hübſch genug, wenn er nur ſeinem Anfang entſpricht. Glücklich, wer ſei⸗ den Offiziers⸗Grad ſchon als Schulknabe gewinnen dann——“ 3 4 „Woher wiſſen Sie—— „O ich weiß mehr als das, Burke; und glauben Sie mir, wenn mein thörichtes Benehmen am erſten Tage, da wir zuſammen kamen, zu einem unglücklichen Ausgang geführt hätte, ſo hätte ich mein ganzes Leben lang Leid darüber getragen; aber wir werden Zeit genug haben, über alle dieſe Dinge in den grünen Alleen von Verſailles zu ſprechen, wo ich Sie zu ſe⸗ hen hoffe, bevor eine Woche vorüber iſt. Auch können in Kurzem große Ereigniſſe eintreten. Burke, Sie wiſſen es nicht, aber ich kann es Ihnen ſagen, der Krieg mit England kann jeden Augenblick erklärt werden.“ „Vielleicht,“ ſagte ich, etwas verletzt durch den Ton der Ueberlegenheit, worin er einige Minuten lang geſprochen und voll Begierde, ſelbſt eine Stel⸗ lung anzunehmen, die, was ich vergeſſen, durch die Art, wie ich ſie erreicht, mir kein allzu großes Anſehen verſchaffte;„weiß ich mehr davon, als Sie ver⸗ muthen.“ „O,“ verſetzte er nachläſſig,„auf Kaſernenge⸗ klatſche kann man ſich nicht verlaſſen. Die Säbel⸗ männer werden Ihnen immer ſagen, daß der Befehl zum Aufbruch gegeben iſt.“ „Das meine ich nicht,“ ſagte ich hochmüthig.„Ich habe es aus einer höhern Quelle— aus der höchſten von allen— von General Bonaparte ſelbſt.“ „Wiel was!— von Bonaparte ſelbſt?“ „Hören Sie mich,“ ſagte ich; und fortgeriſſen von einer thörichten Eitelkeit und einem ſeltſamen Wunſche, 106 ihn zum Vertrauten in einer Sache zu machen, die, wie ich fühlte, für meinen eigenen Buſen ein allzu ſchweres Geheimniß war, erzählte ich ihm Alles, was ich hinter dem chineſiſchen Schirm behorcht hatte. „Sie hörten dieß?— Sie ſelbſt?“ rief er mit flammenden Augen, und ergriff haſtig meinen Arm. „Ja, mit meinen eigenen Ohren,“ ſagte ich, halb zitternd über meine Eröffnung, und hätte jetzt gerne Alles gegeben, um die Worte zurücknehmen zu können. „Mein Freund, mein theurer Freund,“ ſagte er ungeſtüm,„Sie dürfen nicht länger zaudern, treten Sie zu uns.“ Bei dieſen Worten fuhr ich zuſammen, und blaß vor Aufregung bei dem bloßen Gedanken an die Wich⸗ tigkeit deſſen, was ich erzählt hatte, ſtammelte ich:— „Bedenken Sie, was Sie mir vorſchlagen, Beauvais. Ich kann Ihre Meinung jetzt nicht ergründen; aber wenn ich dächte, daß etwas Verrätheriſches gegen den erſten Conſul— gegen die große Sache der Freiheit, für die er gekämpft und geſtegt hat, gemeint iſt, ſo würde ich ſogleich hingehen und ihm Wort für Wort Alles ſagen, was ich jetzt geſprochen habe, wenn auch dieß Geſtändniß mich für immer erniedrigen und alle meine Hoffnungen zerſtören würde.“ „Und um brav ausgelacht zu werden, thörichter Knabe,“ ſagte er, ſich in ſeinen Seſſel zurückwerfend und in Gelächter ausbrechend.„Nein, nein, Burke, wenn Sie nur halb ſo lächerliches Zeug machten, ſo würde meine hübſche Couſine Sie nie mehr ohne Lä⸗ cheln anſehen; und à propos— wenn ſoll ich Sie vor⸗ ſtellen? Die glänzende Jacke und dieſe ganze Pracht —,.—— von einem Dolman, wird in ihrem armen Herzen trauriges Unglück anrichten.“ Ich erröthete tief über den albernen Ungeſtüm, 4 in dem ich mich ſelbſt verrathen hatte, und ſtammelte eine gleich alberne Entſchuldigung; aber ſo jung ich war, konnte ich merken, daß meine Worte keinen ge⸗ — 107 wöhnlichen Eindruck auf ihn hervorgebracht, und ich hätte mein beſtes Herzblut gegeben, ſie ungeſprochen zu machen. „Wiſſen Sie, Beauvais,“ ſagte ich ſofort, mich ſo kaltblütig als möglich ſtellend,„es reut mich halb, Ihnen dieß erzählt zu haben. Die Art, wie ich jene Unterredung mit angehört habe, obſchon ich, wie Sie ſehen, ganz und gar unſchuldig dabei war, hätte mir verbieten ſollen, ſie je nachzuerzählen; und jetzt weiß ich nichts beſſeres zu thun, als meinem Oberſt aufzu⸗ warten, ihm Alles aus einander zu ſetzen, und ſeinen Rath einzuholen.“ „Das heißt, deutlicher geſprochen, etwas zu ver⸗ öffentlichen, was gegenwärtig nur einem Freunde an⸗ vertraut iſt. Sie halten vielleicht dieſes Wort zu ſtark für Einen, den Sie erſt zweimal geſehen haben— und zwar das erſte Mal nicht gerade unter ſolchen Umſtänden, die das Wort Freund gerechtfertigt hätten. Aber kommen Sie, wenn Sie mir nicht trauen können, ſo will ich ſehen, ob ich Ihnen trauen kann.“ Mit dieſen Worten zog er eine Rolle Papier aus der Taſche und war im Begriff, ſie über den Tiſch auszubreiten, als wir ein derbes Klopfen an meiner Thüre hörten. „Was iſt das!— wer kann es ſein?“ ſagte er, zuſammenfahrend, und wurde blaß wie der Tod. „Der Ausdruck des Schreckens in ſeinem Geſichte erſchreckte auch mich, und unfähig zu antworten, oder auch nur auf die Thüre zuzugehen, blieb ich ſtehen, als das Klopfen viel lauter wiederholt und zugleich mein Name ausgerufen wurde; ich deutete auf ein Cabinet neben meinem Zimmer, ging, ohne ein Wort zu ſprechen, auf die Thüre zu und ſchloß ſie auf; ein langer Mann, in einen blauen Mantel gehüllt, einen aufgeſtutzten, mit Wachstuch bedeckten Hut tragend, Leſd mir, begleitet von einem Sergenten meiner g. 4 „Dieß iſt der Unterlieutenant, mein Herr,“ ſagte der Sergent, an ſeine Mütze rührend. „Gut,“ verſetzte der andere,„Sie können abtre⸗ ten.“ Dann ſagte er zu mir:„Kann ich die Gunſt haben, mich einige Minuten mit Ihnen zu unterhal⸗ ten, Herr Burke? Ich bin Gisquet, Polizei⸗Chef des Departements.“ Bei dieſen Worten zitterte ich und ſtammelte eine kaum hörbare Antwort. Gisquet folgte mir ins Zim⸗ mer, das bereits von Beauvais verlaſſen worden war, warf einen ſchnellen Blick um ſich, nahm langſam ſei⸗ nen Hut und Mantel ab und rückte einen Stuhl an den Tiſch. „Sind wir allein, Herr?“ fragte er in gemeſſe⸗ nem Tone, während ſein Auge mit eigenthümlichem Ausdruck auf einen Seſſel ſiel, der dem meinigen ge⸗ genüberſtand. „Ich hatte einen Freund bei mir, als Sie anklopf⸗ ten,“ murmelte ich in gebrochenem und unſicherem Tone; „aber vielleicht——“ bevor ich ausreden konnte, öff⸗ nete ſich langſam die Thüre des Kabinets, und heraus trat Beauvais, aber ſo verändert, daß ich ihn kaum wieder erkennen konnte. Denn in der kurzen Zwiſchen⸗ zeit hatte er meine alte Polytechniker⸗Uniform ange⸗ zogen, die ihm vollkommen paßte. „Alles ſicher, Tom?“ ſagte er, indem er ſich her⸗ ausſtahl, mit einem leichten Lächeln auf ſeinem Geſichte. „Par S. Denis! Ich dachte ſchon, der alte Legrange ſelbſt ſei gekommen, um mich zu ſuchen. Ah, mein Herr, wie geht's Ihnen. Sie haben mich nicht wenig erſchreckt. Ich wollte mit meinem Freund hier ein paar Stündchen zubringen, und da wollte das Unglück, daß ich über die Zeit blieb. Um neun Uhr wird die Schule geſchloſſen, ſo daß ich wenigſtens eine Woche Arreſt bekomme.“ 1 „Ein kaltblütiges Geſtändniß dieß, gegenüber ei⸗ nem Polizei⸗Miniſter,“ ſagte Gisquet ſtrenge, während — 1 109 ſeine dunklen Augen den Sprecher von Kopf zu Fuß muſterten.. „Doch nicht, wenn dieſer Miniſter Giequet heißt,“ ſagte er ſchnellfertig und ſich höflich verbeugend. „Sie kennen mich alſo?“ fragte der andere, ihn noch immer mit ſcharfem Blicke muſternd. 3 „Nur von Ihrer Aehnlichkeit mit einem kleinen Knaben in meiner Compagnie,“ ſagte er—„Henri Gisquet; ein netter kleiner Kerl und einer der ge⸗ ſchickteſten in der Schule.“ „Ganz recht, er iſt mein Sohn,“ ſagte der Mini⸗ ſter, während über ſein ſchwärzliches Geſicht ein freund⸗ liches Lächeln ſtrich.„Kommen Sie, ich will Ihnen aus Ihrer Verlegenheit helfen. Nehmen Sie dieß; der wachthabende Offizier wird mit der Erklärung zufrie⸗ den ſein, und Herr Legrange wird nichts davon hören.“ Mit dieſen Worten ergriff er eine Feder, ſchrieb ein paar Zeilen auf ein Stück Papier, faltete es wie eine Note zuſammen und übergab es Beauvais. „Ein ſchöner Ring, mein Herr,“ ſagte er plötzlich undigiet Beauvais' Finger in den ſeinigen;„und ſehr 5 71 „Ja, mein Herr,“ verſetzte Beauvais, ſcharlachroth werdend.„Eine Coufine von mir—— „Ha, hal ſchon eine Liebſchaft! Gut, gut, junger Herr, es bedarf keiner weiteren Geſtändniſſe. Verlieren Sie keine Zeit mehr hier— bon soir.“ „Adieu, Burke,“ ſagte Beauvais, mit einem eigen⸗ thümlichen Drucke meine Hand ſchüttelnd. „Adieu, Herr Gisquet. Dieß Billet wird mir freien Paß durch die Kaſerne verſchaffen. Nicht wahr?“ „Ja, verlaſſen Sie ſich darauf. Sie brauchen nichts von meinen Leuten zu beſorgen, gehen Sie dieſen Abend, wohin Sie wollen.“ „Nochmals meinen Dank,“ ſprach er und ging. „Nun an unſer Geſchäft, Herr Burke,“ ſagte der Miniſter, indem er ſein Paket Papiere öffnete und ſie 1 110 durchzuleſen begann.„Ich werde einige Fragen an Sie ſtellen, worauf Sie gefälligſt mit aller Genauigkeit antworten werden, bedenkend, daß Sie vielleicht jede Ausſage nachher eidlich beſtätigen müſſen. Mit wem ſprachen Sie am Abend des zweiten Mai bei der Soirée von Madam Bonaparte.“ „Ich erinnere mich kaum, ob ich Jemand ſprach, außer Madam ſelbſt; ein fremder Herr, deſſen Namen ich nicht kenne, ſtellte mich vor; noch ein Paar andere, ebenſo unbekannte können im Vorübergehen ein Wort mit mir gewechſelt haben; und beim Weggehen traf ich Herrn von Beauvais.“ „Herrn von Beauvais! wer iſt er? „Ma foi! das kann ich Ihnen nicht ſagen. Ich ſah ihn den Tag zuvor zum erſtenmal: wir erneuerten unſere Bekanntſchaft und ſoupirten miteinander.“ „Im Beauvilliers,“ ſagte er unterbrechend. „Pardieu! mein Herr,“ verſetzte ich, etwas ver⸗ letzt über die Ausſpionirung meiner Schritte,„Sie ſcheinen ſchon Alles ſo gut zu wiſſen, daß es ganz un⸗ nöthig iſt, noch weiter zu fragen.“ „Vielleicht nicht,“ entgegnete er kühl.„Ich wünſche dieſranen der Geſellſchaft zu wiſſen, mit der Sie peiſten.“ 5 Nun gut, es war Einer da, den nannte man den Präfekt, ein großer, dicker, ältlicher Mann.“ „Ja, ja, ich kenne ihn,“ unterbrach Gisquet aber⸗ mals;„und die andern?“ „Es war ein Abbé da, und ein Sekretär der ruſſiſchen Geſandtſchaft.“ „ Sonſt Niemand?“ fragte er in einem Tone der Unzufriedenheit. „Niemand außer Beauvais und ich— wir waren nur fünf im Ganzen.“ „Kam Keiner während des Abends?“ 71 „Nein. „Und verließ keiner die Geſellſchaft?“ 111 „Nein, wir brachen alle zugleich auf.“ „Wer begleitete Sie nach der Kaſerne?“ „Niemand, ich kehrte allein zurück.“ „Und dieſer Herr Beauvais; können Sie nichts von ihm erzählen? Wie alt iſt er? wie groß?“ „Ungefähr in meiner Größe,“ ſagte ich tief er⸗ röthend bei dem Gedanken an das, was vor wenigen Minuten geſchehen war.„Er mag etwas älter ſein, hat aber dem Ausſehen nach nicht üver ein⸗ bis zwei⸗ undzwanzig auf dem Rücken.“ 8 3 „Haben Sie irgend einen dieſer Umſtände Einem Ihrer Mitoffiziere oder Ihrem Oberſt mitgetheilt?“ „Nein, mein Herr.“ „Ganz recht. Wir leben in Zeiten, worin Dis⸗ kretion von ungemeiner Wichtigkeit iſt. Ich habe Ihnen nur ähnliche Vorſicht für die Zukunft zu empfehlen. Es iſt wahrſcheinlich, daß einige von dieſen Herren Sie beſuchen oder Ihnen ſchreiben— daß Sie von ihnen zu einem Souper oder Diner eingeladen werden. In dieſem Falle, mein Herr, nehmen Ste die Einladung an; hüten Sie ſich jedoch, einem Andern von ſolchen Zuſammenkünften etwas zu erzählen. Bedenken Sie mein Herr, ich bin von einem Manne geſandt, der nie einen Treuebruch vergab, der aber auch nie unterläßt, Loyalität und Anhänglichkeit zu belohnen. Wenn Sie nur klug ſind, Herr Burke, ſo iſt Ihr Glück gewiß.“ Mit dieſen Worten warf Gisquet ſeinen Mantel um die Schulter, ſetzte ſeinen Hut auf und ſchied mit einer höflichen Verbeugung, mich meinen Betrachtungen überlaſſend, die nicht die erfreulichſten waren. Wenn durch die Gedanken an die Bekanntſchaften, die ich ſo ſchnell geſchloſſen hatte, meine Beſorgniſſe erregt wurden, ſo fühlte ſich auch mein Stolz verletzt durch das Beobachtungsſyſtem, welchem alle meine Bewegungen unterworfen waren, und noch tiefer durch den beſchimpfenden Vorſchlag, den der Polizeiminiſter mir 113 die Grenzen des Kaſernenhofes zu beſchränken. Dieß waren weiſe Entſchlüſſe, und wenn ſie auch etwas ſpät kamen, doch nicht ohne ihren eigenthümlichen Troſt; beſonders weil ich in meinem Herzen keine Zweifel über meine Anhänglichkeit, keinen Mangel an Loyalität gegen den fühlte, der noch mein Abgott waor9. „Wohl, wohl,“ dachte ich,„irgend etwas kann es geben, vielleicht einen Krieg, und dann werde ich glück⸗ lich ſein, Paris und alle ſeine Intriguen hinter mir zu laſſen, und in einer paſſenderen Sphäre, und unter andern Bannern, als die ein Polizei⸗Miniſter mir bie⸗ ten kann, Auszeichnung zu ſuchen.“ Mit ſolchen Gedanken ſchlief ich ein, träumte über alle Ereigniſſe des vergangenen Tages, und erwachte am nächſten Morgen mit Kopfweh und verwirrtem Ge⸗ hirn, ohne einen anderen klaren Eindruck, als daß eine Gefahr über mir ſchwebe, aber woher, und wie ihr begegnet werden ſollte, konnte ich nicht errathen. Den ganzen Tag fühlte ich eine fieberhafte Furcht, Beauvais möchte erſcheinen. Etwas flüſterte mir zu, daß meine Verlegenheiten von meiner Bekanntſchaft mit ihm kommen mußten, und ich verbrachte abſichtlich meine Zeit unter meinen Mitoffizieren, da ich hoffte, ſo lange ich unter ihnen wäre, würde er mich nicht be⸗ ſuchen; und als der Abend kam, nahm ich gerne eine Einladung zu einem Tiſche in einem Kaſernen⸗Zim⸗ mer an, die ich erſt geſtern ohne Bedenken ausge⸗ ſchlagen hätte. 3 Dieſe Nachgiebigkeit von meiner Seite ſchien von meinen Gefährten wohl aufgenommen zu werden, und in ihrem offenen und herzlichen Empfang fand ich eine Art Selbſtvorwurf darüber, daß ich mich bisher von ihnen ſo fern gehalten hatte. Wir batten gerade Platz genommen, als die Thüre weit aufflog, und ein junger Kapitän des Regiments hereinſtürzte, eine Zeitung über den Kopf ſchwang und ausrief— Tom Burke. I... 8 „Gute Nachrichten, meine Tapfern, herrliche Nach⸗ richten! Hört— der engliſche Geſandte hat ſeine Päſſe verlangt und Paris verlaſſen; an das vierte Corps find ſchon Expreſſen abgeſchickt mit dem Befehl, nach der Küſte aufzubrechen; zwölf Regimenter haben Marſch⸗Ordre erhalten, ſo daß Mylord, ehe er Calais verläht, noch eine Revue über die Armee mit anſehen kann.“ „Iſt's wahr?“ „Ganz gewiß? Da habt Ihr den Moniteur mit der offiziellen Ankündigung.“ In einem Augenblick bogen ſich ein Dutzend Köpfe über das Blatt, jeder begierig, den ſo lang und glü⸗ hend gewünſchten Paragraphen ſelbſt zu leſen. „Nun, Burke, ich hoffe, Sie haben Ihr Engliſch nicht vergeſſen,“ ſagte der Major,„wir werden Sie bald als Dolmetſcher in London brauchen, wenn wir anders, pardieu, durch die Nebel dieſer unglücklichen Inſel unſern Weg finden können.“ „Ich ſenkte den Kopf ohne zu ſprechen— die un⸗ glückſelige Vereinzelung deſſen, der kein Vaterland hat, iſt ein trauriges und krankmachendes Gefühl des Man⸗ gels, wofür kein vorübergehender Enthuſiasmus, kein hoher Thatendrang enitſchädigen kann. Zum Glück für mich waren alle zu tief mit der wichtigen Neuigkeit beſchäftigt, als daß ſie mir oder meinen Gefühlen einige Aufmerkſamkeit gewidmet hätten. Neuntes Kapitel. — Der Marſch nach Verſailles. Wer ſich des aufgeregten Zuſtandes von England bei dem Bruche des Friedens von Amiens— des krie⸗ 115 geriſchen Eifers, der alle Stände beſeelte— des durch die Aufreizungen und Angriffe einer leidenſchaftlichen Preſſe auf die höchſte Spitze getriebenen Nationalhaſſes erinnert, kann ſich doch nur einen unvollkommenen Be⸗ griff von dem tollen Enthuſtasmus bilden, der bei der⸗ ſelden Gelegenheit in Frankreich herrſchte. Die Thatſache, daß keine beſtimmte Urſache zum Streite vorlag, erhöhte noch die Erbitterung auf bei⸗ den Seiten. Der Kampf glich weniger einem Kriege zwiſchen zwei großen Nationen, als dem perſönlichen Hader zwiſchen zwei hochfahrenden, leidenſchaftlichen Individuen, welche, nachdem ſie ſich mit Schimpfworten überhäuft, ſich auf das Schwert, als ihren einzigen Schiedsrichter, berufen. Alles, was altverjährte Eiferſucht und National⸗ Abneigung, die ſich in allerlei und oft ſehr lächerlichen Arten äußerte, eingeben konnte, erhöhte den bereits beſtehenden Haß und gab dem kommenden Streite den giftigſten Charakter. In England fühlten ſich durch die tyranniſche Herrſchaft Bonaparte's alle wahren Freunde der Freibeit tief verwundet; denn was ſollte aus ibrem eigenen Lande werden, wenn er fortführe, ſeine Macht durch Eroberung zu erweitern? In Frankreich warb die Ausſicht auf Ehre und Reichthum, die ſo ſehr begün⸗ ſtigte Laufbahn der Waffen, überall Anhänger des Krieges. Die friedlichen Künſte waren nur gemeine Beſchäftigung, verglichen mit jener königlichen Bahn zu Rang und Reichthum, dem Schlachtfelde, und Eigen⸗ nutz trug dazu bei, den feindſeligen Geiſt auszubilden, demn kein Element des Haſſes zu ſeiner Vollendung Paris, wo vor Kurzem noch nichts gehört wurde, als das Gerolle glänzender Equipagen— das Getöſe jener muntern Welt, deren einzige Beſchäftigung Ver⸗ gnügen iſt— wo ſich in den von Gold ſtrotzenden Salons unter die üppigen Sitten des Conſulates die weniger hofmäßige, aber kaum weniger koſtbare Ent⸗ faltung militäriſchen Glanzes miſchte, glich jetzt einem ungeheuern Lager. Regimenter ſtrömten täglich herein, um am nächſten Morgen ihren Marſch fortzuſetzen; das dumpfe Gerolle von Munitions⸗ und Pulverwagen— das kriegeriſche Gedröhne der Kavallerie weckte den Bürger bei Tagesanbruch; Huſarenpikets und die vom Marſch beſtaubte Infanterie füllten die Straßen bei Anbruch der Nacht; dennoch herrſchte überall die tolle Munterkeit dieſer regſamen Nation vor. Die Cafés waren überfüllt von neugierigen und vergnügten Ge⸗ ſichtern; die unter freiem Himmel aufgeſtellten Tafeln waren von Gruppen beſetzt, deren luſtige Stimmen und fröhliches Gelächter bewies, daß Krieg ein Zeit⸗ vertreib für das Volk und die Vorbereitungen dazu eine Sturmglocke waren, die zu Freude und Luſt läutete. Die Wände waren bedeckt mit flammenſprühenden An⸗ rufungen an den Patriotismus und den Geiſt Frank⸗ reichs. Die Zeitungen füllten ihre Spalten mit feinen und künſtlichen Erklärungen des Bruches mit England, wo jede Klage gegen dieſes Land und dagegen jeder Beweis für die friedfertigen Wünſche derſelben Nation, deren gegenwärtige Begeiſterung für den Krieg ein unglücklicher Commentar für dieſe Behauptung war, ſich breit machte. Man erhob die redlichen Gefinnungen Frankreichs, die Mäßigung des erſten Conſuls, und ſtellte dagegen die Verrätherei des„treuloſen Albions, welches keine Achtung vor beſchwornen Verträgen hege,“ in ſo unzweideutige Klarheit, daß der geringſte Bürger die Sache für ſeine eigene hielt und den kommenden Khuf als ein Gottesgericht über ſeine eigene Ehre anſah. Alle Erinnerungen an die früheren Kriege wurden aufgewärmt; und ſie waren zahlreich genug, um keine Woche vorübergehen zu laſſen, ohne wenigſtens einen bedeutenden Sieg ins Gedächtniß zu rufen. Bald waren es Kellermanns Küraſſiere, deren lorbeerumwundene Helme die Vorübergehenden erin⸗ 117 nerten, daß ſie an dieſem Tage vor acht Jahren durch die dichten Reihen der Oeſterreicher brachen und die Kanoniere neben ihren Kanonen niederſäbelten. Bald waren es die polniſchen Regimenter, die ſtahlbekleideten Lanciers, die vor den Tullerien paradirten zum An⸗ denken an jenen ſtolzen Tag, wo ſie durch Montebello marſchirt waren mit jenem verhängnißvollen Spruche auf ihren Bannern:„Venedig beſteht nicht mehr.“ Hier waren Infanteriecorps, untermiſcht mit Dragonern, die ſich im Vorüberziehen gegenſeitig ermunterten, während die Namen Caſtiglione, Baſſano und Roveredo durch die buntſcheckige Menge erſchollen; ſelbſt die kleinen Jungen, les enfants de troupe, ſchienen erfüllt von der kriegeriſchen Begeiſterung ihrer Väter; und jedes Bataillon, das durchmarſchirte, machte Halt vor dem Beifallgeſchrei der Taufenden, welche mit neidiſcher Be⸗ wunderung die Helden ihres Landes angafften. Das Geklirre des Säbels war die Muſik, die das Ohr des Volkes entzückte; und die„coquette vivandière,“ welche die kiesbeſtreuten Gänge der Tuileriengärſen entlang trippelte, war ebenſo gut ein Gegenſtand der Bewunderung, als die aufgeputzteſte Schönheit aus dem Faubourg S. Germain. Der ganze Ton der Geſell⸗ ſchaft nahm den Charakter des politiſchen Ereigniſſes an. Die Theater führten nur ſolche Stücke auf, die ſich auf den alten Waffenruhm der Nation bezogen, auf ihre Siege und Eroberungen. Die Künſtler malten keine anderen Gegenſtände; und die Literatur des Tages nahm wenig andere Sympathien in Anſpruch, als die in den rauhen Nanieren der Wachtſtube und des Bi⸗ vouaks gefunden wurden. Pigault Lebrun war der ge⸗ feierte Schriftſteller des Tages; und ſeine Werke ſind noch jetzt keine geringe Probe von dem damaligen Ge⸗ ſchmack. Den voreiligen Weiſſagungen der engliſchen Jour⸗ nale, daß der Einfluß Bonaparte's in Frankreich den Bruch des Friedens nicht überleben könne, wurde mit 118 einem einmüthigen Enthuſiasmus geantwortet, welcher jene trügeriſche Hoffnung bald vernichtete. Nie gab es einen größeren Irrthum, als daß irgend eine Ausſicht auf Handelsvortheile und Reichthum den Franzoſen Er⸗ ſatz geben könne für ihre Berauſchung in dem Ruhme, in dem ſie wie in einer Orgie ſchwelgten. Allzu viele Banner wehten von den Dächern der„Invaliden,“ allzu viele Kanonen, die Beute der Feldzüge in Italien und Deutſchland, ſtarrten auf den Wällen, als daß ſie nicht das Andenken an jene Feſttage erneuert hätten, wo ein Bulletin die ganze Stadt in wahnfinnige Freude ftürzte. Auch das Louvre und das Luxemburg waren mit den Schätzen eroberter Staaten gefüllt, und ſolche Dinge ſind keine Garantieen für einen langen Frieden. So war mit kurzen Worten der Zuſtand von Paris, als die von Großbritannien erlaſſene Kriegserklärung die Nation noch einmal unter die Waffen rief. Jedes Regiment hatte Befehl, ſich vollſtändig auf den Kriegs⸗ fuß zu ſtellen, und durch die ganze Länge und Breite Frankreichs waren die Schmelzöfen mit Gießen von Kugeln und Kanonen beſchäftigt. Die Kavalleriecorps ſtanden um S. Omer und Compiegne, wo ein reiches Fruchtland Lebensmittel in Ueberfluß lieferte. Auch für das achte kam Befehl, zu marſchiren; nur eine Schwa⸗ dron ſollte zurückbleiben für den Depeſchendienſt von S. Cloud und Verfailles nach Paris, und zu dieſer gehörte ich. Seit dem Abend des Gisquet'ſchen Beſuches hatte ich von Beauvais nichts mehr geſehen und gehört, und endlich ſtieg in mir die Hoffnung auf, wir würden uns nie mehr treffen, als plötzlich der Gedanke durch meine Seele fuhr: dies iſ''s ja, wovon er ſprach! er verſprach, ich ſollte nach Verſailles kommen! Iſt dies Zufall over ſein Werk? Dies waren ſchwierige Fragen und be⸗ reiteten mir weit mehr Verlegenheit als Vergnügen. Meine Befürchtungen, daß meine Bekanntſchaft mit ihm mich in irgend ein Unglück ſtürzen würde, waren —.,— 119 eine Art von Aberglauben, den ich nicht bekämpfen konnte, und ich beſa loß ſogleich, meinen Oberſt auf⸗ zuſuchen, mit dem ich glücklicher Weiſe jetzt auf dem beſten Fuße ſtand, um mir wo möglich einen andern Beſtimmungsort auszuwirken, da mancher andere Offi⸗ zier gerne einen Poſten annehmen würde, der ja viel angenehmer war, als ein Quartier auf dem Lande. Ich fand den alten Mann mit Vorbereitungen zur Ahreiſe beſchäftigt; er ſchrieb dem Adjutanten die Tagmärſche vor, als ich eintrat. 3 „Nun, Burke,“ ſagte er,„Sie ſind diesmal der Glückliche, Ihre Truppe bleibt zurück.“ „Gerade deßwegen komme ich, mein Herr. Sie werden mein Geſuch für ſeltſam halten; aber wenn es nicht gegen die Vorſchrift iſt, ſo erlauben Sie mir vielleicht, mit einem andern Offizier zu tauſchen.“ „Was! hel— der Junge iſt toll. Ei, Sie ſollen ja nach Verſailles.“ „Ich weiß es, aber ich bliebe lieber beim Re⸗ giment.“ 3 „Das iſt wunderlich, das verſteh ich nicht,“ ſagte er langſam.„Kommen Sie her.“ Damit führte er mich an ein Fenſter, wo wir ungehört ſprechen konnten. „Burke,“ fuhr er fort,„ich bin nicht der Mann, meine jungen Burſche nach Geheimniſſen zu fragen, die ſie lieber für ſich behalten; aber hier iſt ein ganz unge⸗ wöhnlicher Fall. Wiſſen Sie, daß in dem Befehle Ihre Schwadron ſpeziell nach Verſailles beſtimmt wurde? Alle Offiziersnamen waren genannt und der Ihrige beſonders.“ Todtenbläſſe und ein kalter Schauer fuhr über mein Geſicht; ich ſuchte irgend einen Gemeinplatz zu ſagen, konnte aber nichts herausbringen als:„Ich fürchtete es.“ Zum Glück für mich hörte er dieſe Worte nicht, ſondern nahm gütig meine Hand und ſagte: „Ich ſehe Alles, irgend einer jugendlichen Thor⸗ heit zu Liebe möchten Sie gerade jetzt Paris verlaſſen. 120 Vergeſſen Sie das. Stürmiſche Zeiten ſind im Anzug; Sie werden von nun an genug zu thun haben, und laſſen Sie mich Ihnen rathen, benützen Sie Ihre Zeit in Verſailles; denn wenn ich nicht irre, ſo werden Sie für die Zukunft eine Zeit lang mehr von Lagern als von Höfen ſehen.“— Der Reſt dieſes Tages ließ mir nur wenig Zeit zum Nachdenken; aber in den kurzen Augenblicken, die ch frei hatte, ſtieg immer ein Gedanke in meiner Seele., auf. Kann dies das Werk Beauvais' ſein? Hatte er irgend einen Antheil an meiner jetzigen Beſtimmung, und in welcher Abſicht? Ei, ſagte ich endlich zu mir ſelbſt, dies ſind am Ende lauter thörichte und grund⸗ loſe Beſorgniſſe. Wenn ich nur den geraden Weg meiner Pflicht gehe, was brauche ich mich darum zu kümmern, ob die ganze Welt um mich intriguirt und komplottirt? Und war es nicht höchſt wahrſcheinlich, daß wir einander nie mehr ſehen würden? Der Tag brach gerade an, als wir Paris verlie⸗ ßen; die prächtigen Strahlen einer Maimorgenſonne flackerten und ſpielten auf der Oberfläche des Fluſſes, der kalt und grau in der Tiefe floß— die hohen Thürme der Tuilerien warfen ihre langen Schatten über den Carouſſelplatz, wo ein Dragonerregiment lagerte; ſie waren bereits auf den Beinen, und einige ſtanden mit ihren Pferden um die Brunnen, andere ſahen nach den Sätteln und Rüſtungen; hie und da bezeichnete ein halb erloſchenes Feuer den Ort, wo eine Geſellſchaft zuſam⸗ mengeſeſſen hatte, während die umherliegenden Krüge und Flaſchen einen luſtig zugebrachten Abend verriethen. Ein Trompeter ſaß gleich einer Statue auf ſeinem Schimmel, die Trompete ans Knie gelehnt, und über⸗ ſah die ganze Scene, als wolle er bis auf den letzten Augenblick den ſchmetternden Ruf verſchieben, der die noch ſchlafenden Kameraden aufwecken ſollte. Unſer Weg führte den Quai entlang nach dem Platze Lud⸗ wigs XV., wo ein Infanteriebataillon mit vier Ka⸗ 121 nonen aufgeſtellt war. Die Soldaten waren am Früh⸗ ſtück und rüſteten ſich zum Abmarſch. Sie waren nach Boulogne beſtimmt, um einen Theil der grande armée zu bilden. Wir waren bald auf den elyſäiſchen Feldern und ſofort auf dem offenen Lande; einige Meilen weit ſah man nichts als Kornfelder und hie und da einen klei⸗ nen Weingarten; aber weiterhin umgaben uns reiche Obſtgärten in voller Blüthe, die ganze Luft war mit Wohlgerüchen geſchwängert. Nette Hütten lugken aus waldigen Umgebungen, die gegitterten Wände mit Geiß⸗ blatt und wilden Roſen bedeckt; die Oberfläche ſchwamm und wogte in jeder erdenklichen Richtung mit ihren Hügeln und Thälern, Schluchten und Ebenen. Da noch kein Bauer auf war, wirbelte auch kein Rauch aus den Schlöten, und alles war ſtill, außer die muntere Lerche. Es war eine friedliche Scene und ein greller Contraſt gegen die, welche nun hinter uns lag; und was für ehrgeizige Wünſche auch mein Herz füllten, wenn ich auf die ehernen Reihen der bepanzerten Küraſſiere ſah, ſo fühlte ich ein innigeres Glück, wenn meine Augen durch jene grünen Alleen ſtreiſten, durch welche die Sonne ihre ſpärlichen Strahlen warf und deren Laub ſich nur regte, wenn ihre geflügelten Bewohner darin herumflatterten. Wir ritten einige Stunden durch die dunklen Wege des Boulogner Waldes und kamen dann wieder in eine eben ſo milde und grüne Landſchaft wie zuvor. So verſtrich unſer Tag, bis die untergehende Sonne auf dem hohen Dache des großen Pallaſtes ruhte und jedes Fenſter in goldenem Glanze ſtrahlte. Wir waren in Verſailles.. Ich konnte mir's kaum verſagen, Halt zu machen, als ich die weite Terraſſe des Pallaſtes hinan ritt;— nie zuvor hatte ich das Gefühl jener überwältigenden Größe empfunden, welches die Baukunſt einflößen kann; die große Facade in ihrer keuſchen und einfachen Schön⸗ 12² helt erſtreckte ſich in eine Entfernung, wo dunkle Lin⸗ denbäume den Hintergrund ſchloßen, deren hohe Gipfel kaum über die Terraſſe blickten, auf welcher das Schloß ſteht. Auf dieſer Terraſſe luſtwandelte eine Menge von Hofleuten, ihr voller Putz bewies, daß ſie ſo eben die Salons verlaſſen hatten, um die kühle, erfriſchende Luft des Abends zu genießen. Einige kehrten ſich um und ſahen unſerer beſtaubten Schwadron nach, und ich eſtehe, ich fühlte einige Scham über unſer müdes Aus⸗ ſhem Unter dieſem Gefühle hatte ich jedoch nicht lange zu leiden, denn nach wenigen Minuten kam uns ein Quartiermeiſter entgegen und begleitete uns nach un⸗ ſeren Quartieren. Dieſe waren in einem an den Pal⸗ laſt ſtoßenden Gebäude, wo wir für unſere Ankunſt Alles bereit fanden; und da entdeckte ich zu meinem Erſtaunen, daß eine äußerſt üppige Mahlzeit meiner wartete— eine Artigkeit, die ich mir gar nicht erklä⸗ ren konnte, weil ich die Etikette und das Vorrecht nicht kannte, welches den auf die Wache eines königlichen Pallaſtes beorderten Offizier erwartet. Zehntes Kapitel. Der Park von Verſailles. Die bald nach meiner Ankunft in Verſailles mir eingehändigten Inſtruktionen überzeugten mich, daß De⸗ peſchendienſt nicht unſere Beſtimmung, ſondern nur ein Vorwand war, um Andere über unſere Anweſenheit zu täuſchen. Unſer wirkliches Geſchäft war Herſtellung eines Cordons rings um den königlichen Pallaſt, ſo daß Niemand, der nicht mit einer regelmäßigen Erlaub⸗ niß verſehen war, hinein oder heraus konnte, Alle ver⸗ 123 dächtigen Perſonen ſollten wir feſtnehmen und zur Un⸗ terſuchung nach St. Cloud ſchicken. Um allen Verdacht über den wahren Zweck zu ver⸗ meiden, wurde die Mannſchaft beordert, von Ort zu Ort zu reiten, wie mit Depeſchen. Mehrere waren in verſchiedenen Theilen des Parkes ſtationirt, und meine Pflicht war es, beſtändige Aufſicht über dieſe Pickets zu führen und an den Poltzeipräfekt in Paris einen täg⸗ lichen Bericht zu erſtatten.. Ueber den Grund des Verdachtes, oder von wel⸗ cher Seite her Herr Savary Gefahr fürchtete, konnte ich nicht errathen; und ob ich gleich wohl wußte, daß die heimlichen Quellen, aus denen er ſchöpfte, unzwei⸗ ſelhaft waren, ſo begann ich endlich doch zu denken, das Ganze ſei blos irgend ein von der Polizei ſelbſt erſonnener Plan, um ungewöhnliche Wachſamkeit zu entfalten und ihre eigene Wichtigkeit zu erhöhen. Dieſe Ueberzeugung wurde ſtärker, da ich Tag für Tag be⸗ merkie, daß keine auffallende Perſon der Stadt Verſail⸗ les auch nur nahe gekommen war, während die alberne Strenge, womit man jede Kleinigkeit unterſuchte, nach wie vor andauerte. Während ich mein Leben in dieſer einförmigen Art zubrachte, ſchien der kleine Hof der Madame Bo⸗ naparte alle ſeine gewohnten Freuden zu genießen. Die Schauſpieler des Theatre francçais kamen extra von Paris und gaben nächtliche Vorſtellungen im Pallaſte; fortwährend kamen Fourgons mit allen Luxusartikeln für die Tafel aus der Haupiſtadt; neue Gäſte ſtrömten Tag für Tag herbei und die erleuchteten Salons und die rauſchende Muſik beſtätigten jeden Abend, daß, wie groß auch die Aengſtlichkeit außen war, innen im Pal⸗ laſte wenig Niedergeſchlagenheit herrſchte. Nicht ohne ein Gefühl verwundeten Stolzes ſah ich mich bei allen Einladungen übergangen; denn ob⸗ gleich mein Rang an und für ſich mich nicht berechtigte, eine ſolche Aufmerkſamkeit zu erwarten, ſo hätte meine Stellung als wachhabender Offtzier eine derartige Höf⸗ lichkeit vollſtändig begründet, auch wenn ich nicht ſchon in Paris Beweiſe von Entgegenkommen erhalten hätte. Von Zeit zu Zeit, wenn ich durch den Park girg, be⸗ gegnete ich einigen Gruppen vom Hofe und mit einem Gefühl ſchmerzlicher Beſchämung bemerkte ich, daß mich Madame Bonaparte vollſtändig vergeſſen hatte, während ich von einer andern Perſon, deren Gleichgültigkeit mich noch mehr verletzte, nicht einmal im Vorübergehen einen Blick erhielt. Wie hatte ich die Achtung verwirkt, die ſie mir freiwillig gezollt?— Die gute Meinung, die mich von einem beſcheidenen Kadetten zum Offtzier in einem der erſten Corps erhoben hatte? Unter wel⸗ chen übeln Einfluß war ich gerathen? Dieß waren die Fragen, die ſich mir Tag und Nacht aufdrängten; ſie ſpuckten auf meinen Weg, wenn ich ging und beunru⸗ higten meine Träume; Ich bildete mir allmählig ein, daß jeder, der mir begegnete, mich mit einem Blick des Mißtrauens anſähe, daß Jeder in mir einen fände, der ſeinen guten Namen durch irgend eine niedrige Handlung verwirkt habe, bis ich endlich wirklich die Spaziergänge vermied, wo ich Jemand aus dem Pal⸗ laſte hätte begegnen können, und ſogar, gleich einem ſchuldigen Weſen, die Begegnung eines Fremden ſcheute. Alle die holden Ausſichten meines Soldatenlebens, die mir noch vor wenigen Tagen entgegengeglänzt, hatten jetzt einer träumeriſchen Muthloſigkeit Platz gemacht; der Dienſt, zu dem ich verwendet wurde, widerſtritt allen meinen Anſichten von einer ritterlichen Laufbahn, allen meinen Gefühlen; und wenn die Zeit kam, meine Pickets zu vifitiren, ſchauderte ich beinahe vor Scham über eine Pflicht, die eher einem Polizeiſpion als einem Huſarenofftzier zuſtand. Meine Niedergeſchlagenheit nahm täglich zu: meine Vereinzelung, doppelt ſchmerzlich bei dem fröhlichen Leben rings um mich, während man meine Bekanntſchaft zu ſcheuen ſchien, ſetzte mich in meiner eigenen Achtung 125 herunter; und wenn ich durch die langen, dunklen Alleen des Parkes ging, eine ſchwere Laſt auf dem Herzen tra⸗ gend, beneidete ich den geringſten Soldaten meiner Truppe und hätte gerne mein Loos mit dem ſeinigen vertauſcht. Es war ein Troſt für mich, wenn die Nacht kam— bei geſchloſſenen Fenſterläden, bei brennender Lampe dachte ich, hier wenigſtens verſchont zu ſein mit den ſchrägen Blicken aller, denen ich begegnete; hier allein zu ſein mit meinem Kummer, kein Auge, das verächtlich mein trauriges Herz durchbohrte und in mei⸗ ner Düſterheit einen ſchuldbewußten Verbrecher ſah. Hätte ich nur Einen, Einen Freund, den ich um Rath fragen, gegen den ich alle meine Schmerzen ausſchüt⸗ ten und zu dem ich ſprechen könnte:„Sage mir, wie ſoll ich handeln? Soll ich's noch länger aushalten? oder wie ſoll, wie kann ich mich wieder zu Ehren bringen?“ Mit ſolchen traurigen Gedanken als einzige Ge⸗ ſellſchaft ſaß ich eines Abends allein; meine Seele er⸗ ging ſich bald in den frühen Scenen mneiner Kindheit und in jener harten Schule, die mich ſchon damals zum Leiden beſtimmt hatte, bald in einem Traume der Zu⸗ kunft, die ich mir ſo glänzend auszumalen pflegte, als es ſachte an meine Thüre klopfte. „Herein,“ ſagte ich gleichgültig, indem ich einen Sergenten meiner Truppe erwartete. Die Thüre ging langſam auf und herein trat eine in einen weiten Reiter⸗ mantel gehüllte Geſtalt. „Ah, Lieutenant, kennen Sie mich nicht?“ ſagte eine Stimme, deren eigener Ton mir ſogleich bekannt vorkam.„Der Abbé d'Ervan, zu dienen.“ „Wirklich!“ ſagte ich, erſtaunt nicht weniger über den unerwarteten Beſuch ſelbſt, als über die Art ſei⸗ nes Erſcheinens.„Wiel Abbé, Sie müſſen die Schild⸗ wache paſſirt haben.“ „Ja wohl, mein lieber Junge,“ verſetzte er, indem er langſam ſeinen Mantel auf einen Stuhl legte und 126 ſich auf einen andern mir gegenüber ſetzte.„Das iſt doch nicht zum Verwundern, denk ich 2“ f„Aber man hat Sie doch gewiß nach der Loſung gefragt?“ „Freilich, und ich gab ſie. Das Wort„Vincen- nes“ iſt doch leicht zu behalten. Aber kommen Sie, Sie werden keinen Polizeidiener gegen mich ſpielen. Ich bin auf dem Rückweg nach St. Cloud begriffen, wollte aber erſt noch Ihnen einen kleinen Beſuch ab⸗ ſtatten und über die Neuigkeiten plaudern.“ „Noch einmal um Vergebung, mein theurer Abbe, aber ein junger Soldat kann nicht rünktlich genug ſein. — Haben Sie die Erlaubniß, bei Nacht durch den kö⸗ niglichen Park zu gehen?“ „Ich glaube, Ihnen dieß bereits bewieſen zu haben, mein ſehr geſtrenger Inquiſttor, ſonſt hätte ich das Loſungswort nicht wiſſen können. Geben Sie mir Jh⸗ ren Bericht für morgen. Ah, hier iſt er. Wie viel Uhr iſt jetzt? Ein Viertel auf elf. Dieß wird Sie eini⸗ ger Sorgen entheben.“ Mit dieſen Worten nahm er eine Feder und ſchrieb in großen und freien Zügen: „Der Ahbé d'Ervan von Chateau d'Ancre nach St. Cloud.“ Herr Savary wird keine weiteren Fragen thun, verlaſſen Sie ſich darauf. Und jetzt, wenn Sie alle Furcht und Angſt überſtanden haben, darf ich mir die Freiheit nehmen, Sie zu erinnern, daß das Schloß zehn Meilen weit iſt, daß ich um drei Uhr zu Mittag und ſeither nichts mehr gegeſſen habe. Abbés, wiſſen Sie, find privilegirte Gaſtronomen; und die ganze Familie d'Ervan hat eine ſehr unglückliche Neigung zu guten Sachen. Für jetzt indeſſen begnüge ich mich gerne mit einem Huhn und einer Flaſche Chaply; denn ich ſehne mich, mit Ihnen zu ſprechen.“ Während ich meine beſcheidenen Vorbereitungen traf, ihn zu bewirthen, ſchwatzte er nach ſeiner gewöhn⸗ lichen freien und ſcherzhaften Manier, die, ein Gemiſch von lebhaftem Verſtand und Nachläſſigkeit, über Alles, was er ſagte, verbreitet war und hinreichte, die Auf⸗ merkſamkeit des Zuhörers zu erwecken, ohne gerade ſtark in Anſpruch zu nehmen. 4 —„Kommen Sie, Lieutenant, wegen Ihrer Mahlzeit brauchen Sie ſich nicht zu entſchuldigen; die Paſtete iſt vortrefflich und was den Burgunder betrifft, ſo ſchmeckt man leicht, daß er aus dem Keller des Conſuls kommt. Und doch ſagen Sie mir, Sie finden dieſen Platz lang⸗ weilig? Das wundert mich. Dieſe kleinen Soiree's find ja ganz angenehm; aber vielleicht hat für Ihr Alter die blendende Fröhlichkeit des Ballſaales mehr Reize.“ „In der That, Abbé, die Wahl würde mir ſchwer fallen, ſo wenig kenne ich beide Arten von Vergnügun⸗ gen; und Madame la Consulesse ſcheint mich nicht aus meiner Unwiſſenheit reißen zu wollen. Ich bin noch nie in den Pallaſt eingeladen worden.“ „Sie ſcherzen.“ „In allem Ernſt, ich verſichere Sie. Dieß iſt die dritte Woche meiner hieſigen Einquartierung; und nicht nur bin ich nicht eingeladen worden, ſondern, was noch ſeltſamer iſt, Madame Bonaparte ging an mir vorüber, ohne von mir Notiz zu nehmen; und eine andere Per⸗ ſon von ihrem Gefolge that daſſelbe; ſo ſehen Sie, es kann kein Zufall ſein.“ „Wie ſeltſam!“ ſagte der Abbe, ſein Haupt auf ſeine Hand ſtützend; und dann murmelte er, als wenn er für ſich ſelbſt ſpräche—„Aber ſo iſt es, es gibt keinen ſolchen Tyrannen wie Ihren parvenu. Die Laune plötzlicher Erhebung kennt keine Richtſchnur. Und Sie können nicht einmal auf die Urſache des Ganzen rathen?“ „Nicht mit all' meinem Scharffinn konnte ich mir einen Grund denken.. „So, ſo, und doch bringen wir es vielleicht heraus. Es ſind wunderliche Zeiten, Lieutenant. Die Gemüther der Menſchen find unruhiger als je.— Der Jakobiner beginnt zu fühlen, daß er für nichts gearbeitet hat; daß Alles, was er für den Schutt einer Monarchie hält, weggeſchafft wurde, nur um eine größere Unter⸗ drückung aufzubauen. Der Soldat ſieht, daß ſeine Er⸗ oberungen das Glück eines Einzigen gemacht haben, eines Einzigen von ſeinen alten Waffengefährten und daß dieſer Einzige an frühere Dienſte nicht gar gerne ſich erinnert. Manche fangen an, zu denken und ſie haben vielleicht einigen Grund dazu, daß die alte Königs⸗ familie von Frankreich die Intereſſen der Nation am Ende noch am beſten verſtand; und das iſt gewiß, ſie waren nie undankbar gegen die, die ihnen dienten. Ihre Landsleute gingen nie ohne die ihnen gebührende Gunſt aus.— Sie ſetzen mich in Erſtaunen, wenn Sie ſagen, Sie ſeien nie eingeladen worden.“ 2 „Dennoch iſt es ſo und was noch ſchlimmer iſt, man hat offenbar einen geheimen Grund dazu. Die Leute ſehen mich an, als hätte ich etwas gethan, was meinen Charakter und Namen befleckt.“ „Nein, nein, Sie verſtehen das alles falſch. Die⸗ ſer neugebackene, bunt zuſammengeflickte Hof ſucht nur den Ton nachzuahmen, den ſein Leiter angibt. Wann ſahen Sie Beauvais?“ „Schon ſeit einigen Monaten nicht mehr. Iſt er in Paris?“ 8 „Nein, der arme Kerl war krank. Er iſt gerade jetzt in der Normandie; aber ich erwarte ihn bald zurück. Das iſt ein junger Mann, der Alles werden könnte, was er wollte: ſeine Familie eine von den älteſten im Süden; ſeine Mittel überflüſſig; ein Talent der erſten Klaſſe; aber ſeine Grundſätze ſind von jener unbeug⸗ ſamen Natur, die ſich nicht der bloßen Convenienz fügt. Er liebt und billigt die gegenwärtige Regierung Frank⸗ reichs nicht.“ „Was will er denn? Befriedigt Bonaparte nicht den Ehrgeiz eines Franzoſen? Wünſcht er einen größe⸗ ren Namen, als dieſen an der Spitze ſeiner Nation?“ „Hier vor uns brennt eine glänzende Lampe; aber 129 ſehen Sie dort,“ rief der Abbe, indem er den Laden aufſtieß und auf den ſtrahlenden Mond deutete, der blaß und ſchön am klaren Himmel ſchien—„ſehen Sie dort. Liegt nicht etwas weit Größeres in dem herr⸗ lichen Glanze dieſer Scheibe, die ihre Strahlen ſeit Jahrhunderten auf die Welt wirft? Iſt es nicht er⸗ hebend, in den lang vergangenen Zeiten zu ſchwärmen und an unſere Väter zu denken, die unter demſelben Strahlenglanze lebten und die nämlichen goldenen Waſ⸗ ſer tranken? Die Menſchen ſind allzu geneigt, mit einem von geſtern ſich zu meſſen.— Sie finden es hart, die Statue Deſſen zu bewundern, den ſie ſelbſt auf das Piedeſtal geſtellt haben.— Auch der Feudalismus ſcheint ein Theil von unſerer Natur zu ſein.“ „Dieß ſind Gedanken, die mir unbekannt ſind und die ich auch nicht kennen zu lernen wünſche,“ ſagte ich; „und was mich betrifft, ſo braucht ein Held keine Ah⸗. nenſchaft, um ihn in meinen Augen glorreich zu machen.“ „Ganz wahr,“ verſetzte der Abbé, an ſeinem Glaſe ſchlürfend und mich gütig anlächelnd;„ein junges Herz muß ſo fühlen wie das Ihrige; es gab eine Zeit, wo ſolche Gefühle das Glück Deſſen machten, der ſie hegte; aber gerade jetzt hat ſich die Welt um uns verändert. Der Gendarme hat jetzt die Beſtimmung, welche die ſtahlbekleideten Küraſſiere einſt gehabt und dagegen iſt jetzt der Huſar wenig beſſer als ein Mouchard.“ Das Blut ſtieg mir ins Geſicht und pochte in jeder Ader meiner Stirne, als ich dieſen verächtlichen Titel hörte, womit der Abbé das Corps belegte, zu dem ich gehörte— ein Spott, der mir um ſo empfindlicher war, als ich fühlte, wie gut er ſich auf meine gegenwärtige Lage anwenden ließ. Er ſah, wie tief mich das Wort verletzte, nahm meine Hand und fügte mit verſöhnender, freundlicher Stimme hinzu— „Wer ein Freund ſein will, muß dann und wann Tom Burke. I. 9 130 eiwas wagen, wie der, der vor ſeinem Nachbar über eine Planke geht, auch auf die Gefahr eines Falles hin zuweilen darauf aufſpringt, um zu ſehen, ob ſie feſt iſt. Sie müſſen mich nicht mißverſtehen, Lieutenant, Sie haben einen höheren Beruf als dieſen. Frankreich ſteht am Vorabend einer mächtigen Veränderung. Laſſen Sie uns hoffen, ſie möge eine glückliche ſein. Uebrigens iſt es ſchon ſpät— weit ſpäter in der That, als ich gewohnt bin, auszubleiben; und ſo wünſche ich Ihnen gute Nacht. Ich werde ein Bett im Dorfe finden. Und da ich Sie nun hier ausfindig gemacht habe, ſo müſſen wir uns öfters ſehen.“ In der Unterhaltung des Abbé lag etwas— ich konnte mir nicht genau erklären, was— das mich be⸗ unruhigte, und ſo einſam und verlaſſen ich war, ſo wurde es mir doch ungleich leichter ums Herz, als er Abſchied nahm. Als Zögling einer Schule, wo der Name des Con⸗ ſuls nie ohne Begeiſterung und Bewunderung genannt wurde, fand ich es ſeltſam, daß Einer es wagte, ſich von ihm eine andere Meinung zu bilden, als ich zu hören gewohnt war; und doch konnte ich in Allem, was er ſagte, kaum das Geringſte finden, das ich hätte übel nehmen müſſen. Daß Leute ſeines Gewandes warme Gefühle für die vorbenannte Familie hegten, war natürlich genug. Sie konnten nur wenig Sympathien mit dem Beruf eines Soldaten haben und fühlten ſich jetzt natürlich in einer ganz andern Stellung als frü⸗ her. Die Reſtauration des Katholicismus war, das wußte ich wohl, mehr eine politiſche und ſociale, als eine religiöſe Bewegung; und Bonaparte hatte nie die geringſte Abſicht, der Kirche ihr früheres Uebergewicht wieder zu geben, ſondern ſie lieber als eine Staats⸗ maſchine zu gebrauchen und der neuen Ordnung der Dinge eine Stabilität zu verleihen, was nur auf der Grundlage von Vorurtheilen und Ueberzeugungen, ſo alt als die Nation ſelbſt, geſchehen konnte. In dieſer Art betrachtete die neue Generation den Prieſterſtand und auch ich war gelehrt worden, die ganze Geiſtlichkeit nicht anders anzuſehen. Es war daher kein Wunder, wenn ehrgeizige Männer unter ihnen, zu denen d'Ervan gehören mochte, ſich über den ihnen angewie⸗ ſenen Poſten einigermaßen empört fühlten und nicht mit Wärme die Sache deſſen verfochten, der ſich bloß ſo weit herabließ, ſie zum Werkzeug ſeiner Abſichten zu machen.„Ja, ja,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„ich habe meinen Freund, den Abbe, errathen; und wenn er auch am Ende kein ſehr gefährlicher Charakter iſt, ſo thue ich doch wohl daran, auf meiner Hut zu ſein. Die Umſtände, daß er im Beſitz des Loſungswortes iſt und es wagt, ſeinen Namen in den Polizeibericht zu ſchrei⸗ ben, ſind Beweiſe, daß er die Gunſt des Polizeipräfek⸗ ten genießt. Gut, gut, das weiß ich, daß ich ſolche Betrachtungen herzlich ſatt habe. Ich wollte, der Feld⸗ zug wäre nur einmal eröffnet.— Das Rollen eines Peloton⸗ und der tiefe Donner eines Artilleriefeuers würde mir das leiſe Geflüſter ſolcher erbärmlichen Um⸗ triebe bald aus dem Kopfe treiben.“ Ungefähr eine Woche nach dieſem Beſuche war vorüber und in der erſten Zeit war ich froh, daß der Abbé nicht wieder kam; als jedoch meine Einſamkeit wieder ſchwerer auf mich zu drücken begann, fühlte ich eine Art Bedauern, ihn nicht zu ſehen. Sein lebhafter Ton in der Unterhaltung, obgleich mit jenem esprit moqueur gewürzt, der faſt allen Franzoſen eigen iſt, machte mir viel Vergnügen; und ſo wenig ich mit der Welt bekannt war, ſo von Grund aus ſah ich, kannte er ſie. Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt, kehrte ich eines Abends durch die breite Allee des Parks nach Hauſe zurück, alg ich ſchnell hinter mir Jemand nach⸗ kommen hörte. „He, Lieutenant,“ rief die Stimme deſſelben Mannes, an den ich dachte,„Ihre Leute ſind heute ſchrecklich ſcharf; ſie wollten mich nicht durchlaſſen, bis ich ihnen ſagte, ich gehe zu Ihnen; und hier ſind zwei würdige Burſche, die mir nicht glauben wollen ohne Ihre Beſtätigung.“ Jetzt erft bemerkte ich, daß ihm in der Entfernung von einigen Schritten zwei abgeſtiegene Huſaren folgten. „Ganz recht, Soldaten,“ ſagte ich, nahm den Abbé am Arm und kehrte nach meinem Quartier um. „Wollten Sie denn das Loſungswort nicht annehmen?“ fuhr ich unterwegs fort. „a foi! ich weiß es nicht, denn ich habe keines bekommen.“ „Wie— keines bekommen?“ „Sehn Sie nicht ſo entſetzlich erſchrocken aus, mein lieber Junge; Sie werden meinetwegen nicht in Arreſt und auch ſonſt in keine Verlegenheit kommen; aber die Wahrheit iſt, ich bin einige Tage nicht zu Hauſe ge⸗ weſen und hatte keine Zeit, dem Miniſter um das Loſungswort zu ſchreiben; da ich nun dieſen Abend nach St. Cloud gehen wollte, und dieſer Weg mir wenigſtens eine Stunde erſpart, ſo machte ich natürlich von unſerer Freundſchaft Gebrauch, um auszuruhen und ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Nun, und wie geht es Ihnen jetzt hier? Ich hoffe, das Schloß iſt gaſtfreundſchaftlicher gegen Sie— wie nicht?— Höchſt ſeltſam. Aber ich habe Ihnen zum Zeitvertreib einige Bücher gebracht, und als Belohnung bitte ich Sie dafür um ein Abendeſſen.“ Wir waren inzwiſchen in mein Quartier gekom⸗ men, wo wir, nachdem ich die beſte Mahlzeit, die meine Küche liefern konnte, angeordnet hatte, uns einſtweilen niederſetzten. Ungleich dem neulichen Abend ſchien der Abbe heute niedergeſchlagen, ſprach wenig und alsdann traurig über den unruhigen Zuſtand der Gemüther und über die in Paris umlaufenden Gerüchte von einer bevorſtehenden Veränderung, ohne daß man wiſſe, welcher Art. Und ſo gab er mir durch eine 13³ hingeworfene Redensart, ein zufälliges Wort oder durch einen unvollendeten Satz zu verſtehen, daß die Siunde irgend einer großen, politiſchen Umwälzung nahe ſei. „Aber Lieutenant, Sie haben mir noch nie geſagt, durch welchen Zufall Sie zum erſten Mal unter uns kamen. Laſſen Sie mich Ihre Geſchichte hören. Ich frage nicht aus ungebührlicher Neugierde. Ich wünſche aufrichtig mehr zu wiſſen von einem jungen Manne, für deſſen Schickſal ich mich ſehr intereſſire. Beauvais erzählte mir die kleine Anekdote, die Sie zuerſt be⸗ kannt mit ihm machte, und obgleich das erſte Zuſam⸗ mentreffen nur wenig künftige Freundſchaft verſprach, ſo war der Ausgang doch ganz anders. Niemand ſpricht und denkt von Ihnen höher, als er. Ich ver⸗ ließ ihn dieſen Morgen nicht viele Meilen von hier. Und jetzt denke ich erſt daran, daß er mir einen Brief für Sie gegeben hat— hier iſt er;“ mit dieſen Wor⸗ ten warf er ihn gleichgültig auf das Kamin⸗Geſimſe und fuhr fort—„Ich muß Ihnen vom armen Beau⸗ vais ein Geheimniß ſagen, denn ich weiß, Sie inter⸗ eſſiren ſich für ihn. Sie müſſen alſo wiſſen, daß unſer Freund verzweifelt verliebt iſt in eine ſehr ſchöne Cou⸗ ſine von ihm, eine Dame im Gefolge der Madame Bonaparte. Sie iſt eine wohlbekannte Hoſſchönheit, und hätten Sie mehr von den Tuilerien geſehen, ſo hülten Sie gewiß von der Rose de Provence ge⸗ ört.“ „Ich habe ſie, denk' ich, geſehen,“ murmelte ich mit zitternden Lippen und erröthenden Wangen. „Gut,“ fuhr der Abbé ſort, ohne von meiner Verlegenheit Notiz zu nehmen,„dieſer Liebeshandel, der, glaub' ich, ſchon vor langer Zeit begonnen hat, und mit der Ehe hätte endigen können— denn weder Ungleichheit im Rang, noch Mangel an Reichthum, noch ſonſt eine Schwierigkeit ſtand derſelben enigegen — iſt unterbrochen worden vom General Bonaparte, 134 aus keinem andern Grunde, merken Sie ſich das, als weil die Familie Beauvais bourboniſtiſch war. Sein Vater war Capitän in der Garde du corps und ſein Großvater Groß⸗Falkner oder ſo etwas bei Ludwig XV. Der junge Marquis nun war ziemlich geneigt, mit dem Strom der Ereigniſſe zu ſchwimmen. Nachdem die Ordnung der Dinge einmal umgeſtürzt war, hielt er es für's beſte, der Menge zu folgen und beſuchte die Tuilerien gleich manchen Andern von ſeiner Partei — dort, glaud' ich, haben Sie ihn getroffen. Eines Morgens entſchloß er ſich endlich, ſein Glück zu ver⸗ ſuchen, er machte der Madame Bonaparte ſeine Auf⸗ wartung, und bat ſie um ihre Einwilligung zu ſeiner Ehe mit ſeiner Coufine— denn ich muß Ihnen ſagen, daß ſie eine Waiſe iſt und in allen ſolchen Fällen wird vom Chef der Regierung das väterliche Recht ausge⸗ übt. Madame verwies ihn kalt an den General, der ihn noch kälter empfing und, anſtatt ſeinem Geſuche zu entſprechen, in Schmähungen gegen Beauvais' Ver⸗ wandte ausbrach; er nannte ſie Chouans und Meuchel⸗ mörder, ſagte, ſie hören nie auf, mit ſeinen einge⸗ fleiſchteſten Feinden, den Engländern, gegen ſein Leben zu complottiren, die verbannte Familie unterhalte ein Corps von Spionen in Paris, unter die auch er zu gehören ſcheine; kurz, er häufte mehr Schimpf auf ihn in einer Viertelſtunde, als, wie er ſelbſt ſagte, ſeine ganze Familie ſeit den Tagen Ludwigs des Heiligen bis heute erlittten habe. Beauvais hielt ſich ſeit jener Stunde ferne von den Tuilerien und auch faſt ferne von Paris, bald lebte er bei ſeinen Freunden in der Normandie, bald brachte er einige Wochen im Süden zu; endlich aber hat er ſich entſchloſſen, Frankreich für immer zu verlaſſen. Ich glaube, der Zweck ſeiner Ankunft hier iſt, ſeine Coufine zum letzten Mal zu ſehen. Vielleicht hat ſein Billet an Sie einigen Be⸗ zug darauf.“— Ich nahm den Brief mit zitternder Hand— eine — 135 unerklärliche Furcht hatte mich ergriffen— ich riß ihn auf und las: „Theurer Freund— Der Abbé d'Ervan wird Ihnen dieſe Zeilen einhändigen und ⸗zugleich, wenn Sie es wünſchen, Ihnen den Grund der darin ent⸗ haltenen Bitte erklären, welche einfach dahin geht, Sie möchten mir für Einen Tag den Schutz Ihres Quartieres im Park von Verſailles gewähren. Ich kenne die Schwierigkeit Ihrer Lage, und böte ſich irgend ein anderes Mittel unter dem Himmel dar, ſo würde ich Sie nicht um eine Gunſt bitten, wo⸗ durch Sie mich, indem ich meine Ehre verpfände, ſte nicht zu mißbrauchen, zu ewiger Dankbarkeit ver⸗ pflichten werden. Mein Herz ſagt mir, Sie werden nicht den letzten Wunſch einem Menſchen verweigern, den Sie nach dieſer Zuſammenkunft nie mehr ſehen. Ich werde am Freitag Nachts um elf Uhr am Thore unter Trianon warten, wenn Sie mich durch die Schildwachen bringen können. Ihr immer ergebener Henri de Beauvais.“ „Die Sache iſt rein unmöglich,“ ſagte ich, den Brief auf den Tiſch legend und d'Ervan anſtarrend. „Nicht ſchwieriger, mein theurer Freund, als was Sie dieſen Abend für mich gethan haben, und zwar, wie ich kaum zu ſagen brauche, ohne alle Gefahr. Ich bin jetzt hier, ohne Paß oder Loſungswort, Ihr Gaſt zu einem ſo guten Abendeſſen und ſo vortrefflichen Glas Wein, als man ſich nur wünſchen kann. In ei⸗ ner Stunde, höchſtens in zwei, werde ich auf meinem Weg nach St. Cloud ſein. Was iſt alsdann wohl das Weiſeſte, mein Freund? Sie werden mich nicht in dem Nachtbericht aufſchreiben— erſchrecken Sie nicht, ich wiederhole es— Sie können es nicht; denn ich bin ja ohne Loſungswort hereingekommen, und da der Conſul dieſe Papiere jeden Morgen liest, ſo werden Sie wegen einer gar zu albernen Pünktlichkeit, wofür 136 Ihnen doch Niemand auf Erden danken wird, Ihre Stelle nicht verlieren wollen. Ja, ja, mein würdiger Aeutenant, dieſe vortrefflichen Scrupel, die Sie ſich machen, ſchmecken weit mehr nach dem Schüler in dem ſtrengen, alten Polytechnikum, als nach dem jungen Huſarenoffizier. Helfen Sie mir zu dieſer Ortolane und reichen Sie mir die Flaſche. So— um ſo viel Redens iſt ein Humpen ſolchen Weines wohl verdient.“ Der Abbé gab noch manche flüchtige Bemerkung, noch manche pikante Anekdote zum Beſten, um die düſtere Stimmung zu vertreiben, die ſich jetzt meines Geiſtes bemächtigte, allein ich wurde immer ſtummer und ſtummer. Der Eine falſche Schritt, den ich be⸗ reits gethan, erſchien mir als der Vorläufer weiterer Fehltritte, und ich wußte nicht, was ich anfangen, wie ich mir aus meiner Verlegenheit heraushelfen ſollte. „Lieutenant, das verſichere ich Sie,“ ſagte d'Er⸗ van nach einer Pauſe von einigen Minuten, in denen er nie aufgehört hatte, mich mit feſtem Blicke zu be⸗ trachten,„Sie haben ſo wenig von Ihren Landsleuten, daß man ſich kaum eine größere Unähnlichkeit denken ann.“ 3 „Wie ſo?“ ſagte ich halb lächelnd über ſeine Be⸗ merkung. „Die Irländer, die ich geſehen habe,“ verſetzte er,„und ich habe deren doch manches Dutzend gekannt, waren alle lauter kühne, ſtürmiſche, unerſchrockene Burſche, die ſich um keine Unternehmung kümmerten, womit keine Gefahr verknüpft war— die eine Schwie⸗ rigkeit liebten gerade wie andere Leute die Sicherheit, die einen eigenen Inſtinkt für ſolche Gelegenheiten hatten, wo ihr rückſichtsloſer Muth ihnen einen Vor⸗ theil über alle Andern geben konnte— die das Leben leicht nahmen in der Ueberzeugung, daß jeder Tag eine Gelegenheit darbieten könne, wo ein ſchnellfertiger Witz und ein feſter Muth ihnen vielleicht den Weg zu 1 ibrem Glücke bahne, Solche Leute waren die Irländer, die ich bei der Brigade kannte, und obgleich kein ein⸗ ziger von ihnen jemals das Land geſehen hatte, das ſie die grüne Inſel nannten, ſo waren ſie doch Eng⸗ ländern oder Franzoſen oder Deutſchen oder Leuten aus irgend einem andern Volke ſo üngleich, als— als der alte Hof Ludwigs XIV. dem wachſtubenmä⸗ ßigen Empfangſtil gleich war, der heut zu Tage Mode iſt.“ „Was Sie da ſagen, kann richtig ſein,“ verſetzte ich kühl;„und wenn ich wenig Züge von jenem kecken Geiſte, der meiner Nation eigen iſt, zu haben ſcheine, ſo können die Umſtände meiner Knabenzeit ſolchen Mangel wohl erklären, vielleicht entſchuldigen. Seit meinen früheſten Jahren hatte ich gegen Uebel zu käm⸗ pfen, mit denen Mancher in einem ganzen langen Leben nichts zu ſchaffen hat. Wenn Argwohn und Mißtrauen ſich in mein Herz geſchlichen haben, ſo kommt dies von dem Benehmen derer, die ich für hochherzig und ehren⸗ werth gehalten hatte, die ich aber auf einmal ſchwach, ſchwankend und treulos fand. Endlich, wenn jede Hoffnung, die einſt mein Herz geſchwellt, allmähtig in mir ſchwindet und erbleicht, wie Sterne vor dem nahen Tage, ſo können Sie ſich nicht verwundern, wenn ich, der ich allein hier ſtehe, ohne Heimath, ohne Freund, vor Allem zurückſchrecke, was einen Namen verdächtigen könnte, der ſich noch nicht auf geleiſtete Dienſte berufen kann. Und wenn Sie wüßten, wie heftig ſolche Empfindungen gegen den Geiſt, der hier lebt, kämpfen, ſo hätten Sie mir Ihren Vorwurf ge⸗ mieeeaich gemacht— ich bin ſchon bitter genug ge⸗ raft.“ „Verzeihen Sie, mein lieber Junge, wenn ich etwas ſagte, das Sie für einen Augenblick verletzen konnte,“ verſetzte der Abbé.„Mein Koſtüm hier, ſagt man, gibt mir das Vorrecht eines Weibes, und in der That, ich glaube, es bewirkt auch etwas von der Zu⸗ dringlichkeit des zarten Geſchlechtes. Ich hätte Sie 138 beſſer kennen ſollen und kenne Sie jetzt auch beſſer. RNun aber erlauben Sie mir, eine Bitte zu wieder⸗ holen, die ich bereits vor einer halben Stunde machte — erzählen Sie mir dieſe Ihre Geſchichte. Ich möchte gerne etwas von dem kleinen Knaben hören, der mir als Mann ſo viel Zuneigung abgewonnen hat.“— Dem freundlichen Blick und dem ſchmeichelnden, theilnahmsvollen Tone, der dieſe Worte begleitete, konnte ich nicht widerſtehen; ich rückte ihm alſo näher und begann die Erzählung meines Lebens. Er horchte mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit meinem Bericht über die politiſche Lage Irlands zu, befragte mich umſtändlich über meine eigene Verwickelung in die Intriguen jener Zeit, und als ich den Namen Charles de Meudon er⸗ wähnte, fragte er mich mit todtenbleichem Angeſicht End n hohlem Tone, ob ich bei ihm geweſen, als er ar „Za,“ antwortete ich,„neben ſeinem Bette.“ „Sprach er nie von mir?— erzählte er Ihnen viel von ſeinem Jugendleben in der Provence?⸗ „O ja, er ſprach oft von jenen glücklichen Tagen in dem alten Schloſſe, wo ſeine Schweſter, die er bis zum Wahnſinn liebte, ſeine Geſpielin war. Auch ihre Geſchichte war ſehr traurig. Und iſt es nicht ſeltſam, daß ich nie von ihr gehört habe, ſeitdem ich in Frankreich bin?“ Dieſen Worten folgte eine lange Pauſe, der Abbé ſtützte ſeinen Kopf auf ſeine Hand und ſchien in Ge⸗ danken verloren.. „Sie hatte ein Liebesverhältniß mit ihrem Vetter,“ fuhr ich fort,„und Charles verweigerte unglücklicher Weiſe ſeine Einwilligung. Unglücklicher Weiſe, ſage ich, denn er beweinte ſein Benehmen auf ſeinem Sterbe⸗ bette.“ „That er das?“ rief der Abbé auffahrend, wäh⸗ rend ſein Auge Feuer flammte und ſeine Nüſtern gleich 139 denen eines tobenden Pferdes ſchwollen und ſich dehn⸗ ten.„That er das wirklich?“ „Ja, er bereute es bitterlich und obſchon er es nie eingeſtand, ſo konnte ich doch ſehen, daß er von Andern betrogen und von ſeiner eigenen hochſinnigen Abſicht in Betreff ſeiner Schweſter abwendig gemacht wurde. Ich möchte wiſſen, was aus Claude geworden iſt— er trat in die Kirche.“ „Ja, und liegt jetzt darin,“ verſetzte der Abbé mit hartem Tone. „Der arme Menſch! iſt er auch todt? und noch ſo jung!“ „Ja. Er verwickelte ſich in ein Jakobiner⸗Com⸗ plott.“ „Wie, er war ja Royaliſt!“ „Allerdings. Nun vielleicht war es irgend eine andere Verſchwörung, eine Chouans⸗Intrigue. Kurz, die Regierung hörte davon; er wurde vor der Thüre ſeiner Pfarrwohnung arretirt, die Grenadiere waren in ſeinem Garten aufgeſtellt; er wurde verhört, ver⸗ urtheilt, erſchoſſen. In weniger, als einer Stunde war Alles vorüber. Der Offizier von der Compagnie verzehrte das Mittagsmahl, das für ihn bereitet wurde.“ „Welch' ein Geſchick! und Marie de Meudon— „Bſcht! der Name iſt geächtet. Die de Meudons waren eifrige Royaliſten; darum verbot ihnen Bona⸗ parte ihren Familiennamen. Sie iſt bekannt unter dem Familiennamen ibrer Mutter; nur die armſeligen Hof⸗ ſchranzen, die mit ihrer faden Affektation die an rei⸗ zenden Artigkeiten ſo reiche Zeit Marie Antoinettens zu erneuern ſuchen, nennen ſie la Rose de Provence.“ „La Rose de Provence,“ rief ich, vom Stuhl aufſpringend,„die Schweſter Charles'!“ Ein Schauer von Entzücken durchrieſelte meine Adern, aber gleich darauf wurde mir wieder kalt und ſchwach um's Herz, und ich ſank faſt athemlos in den Seſſel zurück. 140 „Ha!“ rief der Abbé, indem er ſich über mich lehnte und mir die Lampe vor das Geſicht hielt, „was——;“ darauf nahm er ſeinen Platz wieder ein und murmelte leiſe zwiſchen den Zähnen:„das hätte ich mir nicht träumen laſſen.“ Jetzt wurde von Keinem ein Wort geſprochen. Der Abbé ſaß ſtumm da, ohne ſich zu regen, die Au⸗ gen auf die Thüre geheſtet und die Hände gefaltet. Bei mir hingegen folgten alle Regungen von Hoffnung und Furcht, Freude und Kummer raſch auf einander, und erſt als ich noch einmal an Beauvais dachte, brei⸗ tete ſich vor mir ein Abgrund düſterer Verzweiflung aus; denn ich erinnerte mich, daß er ſie liebte und wie der Abbé zu verſtehen gab, daß ſeine Leidenſchaft erwiedert wurde. „Es wird bald Tag,“ ſagte d'Ervan den Laden öffnend und hinausſehend;„ich muß fort. Nun, ich hoffe meinem armen Freund Beauvais melden zu kön⸗ nen, daß Sie ihm ſeine Bitte nicht verſagen. Charles de Meudon's Schweſter mag ebenfalls einen Anſpruch auf Ihre Gefälligkeit haben.“ „Wenn ich dächte, daß ſie—— ℳ „Sie meinen, daß ſie ihn liebte. Sie müſſen ihm hierin auf's Wort glauben. Sie wird Sie ſchwerlich zu ihrem Vertrauten machen; außerdem ſagt er Ihnen, daß es ein letztes Zuſammentreffen iſt. Sie können kaum ſagen: Nein. Das arme Mädchen, er iſt der einzige, der ihr von ihrem ganzen Hauſe übrig bleibt. Sobald er fort iſt, ſind Sie nicht fremder hier, als fie im Lande ihrer Väter.“ „Ich thu's, ich thu's!“ rief ich leidenſchaftlich. „Er ſoll mich an dem beſtimmten Orte treffen, ich werde dort ſein.“ „So recht,“ ſagte der Abbé, meine Hand ergrei⸗ fend und feurig drückend;„aber kommen Sie, vergeſſen Sie nicht, daß Sie mich durch den Cordon von Ihren Leuten bringen müſſen.“ 141 Mit ſcheuem, bebendem Herzen ging ich neben dem Abbé über die freie Terraſſe auf das breite Thor zu, das mit ſeinen Zierrathen von Bronze und Gold be⸗ reits in reichem Sonnenlicht blinkte. ⸗ „Ein ftattlicher Kerl, der Dragoner dort; er iſt dekorirt, wie ich ſehe.“ „Ja, ein alter Huſar von der Garde.“ „Wie heißt er?“ „Pierre Dulong; ein Name, wohlbekannt unter ſeiner Truppe.“ „Halte-la!“ rief der Soldat, als wir näher kamen. „Euer Offizier,“ ſagte ich. „Die Loſung?“ „Arcole.“ 1 „Vorbei, Arcole, guten Morgen.“ „Adien, Lieutenant— adieu, Pierre,“ ſagie der Abbé, beim Forkgehen mit der Hand winkend. „Ich ſtand einige Minuten unentſchloſſen dort; ich weiß nicht, warum. Im Tone der letzten paar Worte ſchien etwas Spöttiſches zu liegen.„Welch' ein när⸗ riſcher Gedanke!“ ſagte ich zu mir ſelbſt.„D'Ervan iſt ein wunderlicher Kauz, und das iſt ſo ſeine Art.“ „Wir treffen uns bald wieder, Abbé,“ rief ich ihm nach, als er um die Ecke der Parkmauer bog. „Ja, ja, verlaſſen Sie ſich drauf, wir treffen uns wieder— und bald.“ Er hielt Wort. Eilftes Kapitel. La Rose de Provenoe. Den ganzen Tag ging mir nichts Anderes im Kopf herum, als daß Marie von Rochefort Charles de Meu⸗ 1⁴2 don's Schweſter war. Dieſe Thatſache, einmal bekannt, ſchien jene geheime Macht zu erklären, die ſte auf mein Hoffen und Sehnen übte. Der Zauber, den ihre Ge⸗ genwart um ſich verbreitete, ſo oft ſie im Park an mir vorüberging; jener ſeltſame Eindruck, womit die we⸗ nigen Worte, die ich aus ihrem Munde gehört hatte, in meinem Gedächtniß feſtgewurzelt blieben: dieß Alles ſchrieb ich der Gewalt zu, die ihr Name über mein Herz gewonnen hatte, wenn ich Nacht für Nacht den Erzählungen ihres Bruders zuhörte. Aber warum hatte ich es nicht früher errathen? warum hatte ich nicht die ſchlagende Aehnlichkeit wahrgenommen, die zu überſehen mir jetzt unmöglich ſchien? das dunkle Auge, das un⸗ ter einer gleich einer antiken Kamee ſcharf gemeißelten Braue ſtrahlte, die gerade Naſe und die leicht aufge⸗ worfene Lippe, wo ein halb muthwilliger Zug mit einem ſüßen Lächeln zu kämpfen ſchien; und dann die Stimme, war ſie nicht ſein eigener reicher ſüdlicher Accent, gemäßigt durch die ſanftere Natur der Jung⸗ frau? Ja, ich hätte ſie kennen ſollen. Mit Betrachtun⸗ gen gleich dieſer war meine ganze Seele beſchäftigt. Ich dachte nicht mehr an Beauvais oder an ſeinen Brief. Es kam mir vor, als hätte ich ſie ſchon lange gekannt, ſchon lange ihren vertrauten Umgang genoſſen; ſie war nicht mehr die Rose de Provence des Hofes, die Bewunderte der Tuilerien, die angebetete Schöne von Verſailles, ſondern Marie de Meudon, die Schweſter eines Mannes, der mich wie einen Bruder liebte. Unweit Trianon führte eine dunkle Allee längs des Ufers eines kleinen Sees hin, wo ein buntes Gemiſche von Felſen und Schlingpflanzen eine halbwilde Scene darbot. Die hohen Buchen und ſchmachtenden Eſchen, die am Ufer hinſtanden, warfen ihre Schatten weit über das ſtille Waſſer; und hieher kam, wie ich ſchon öfters bemerkt hatte, Fräulein de Meudon gerne allein. Der ſchattige, düſtere Ort war wenig geeignet, die luſtigen Gaͤſte des Hofes anzuziehen; ihnen ſagten der glattgeſchorene Raſen vor dem Pallaſte oder die brei⸗ ten Terraſſen mit ihren plätſchernden Springbrunnen beſſer zu. Seitdem ich bemerkt hatte, daß ſie mir aus⸗ wich, ſo oft ich ihr begegnete, hatte, ich bei meinen Runden jenen Pfad ſtets gemieden, obgleich er der nächſte Weg zu einem meiner Poſten war; ich zog viel⸗ mehr einen Umweg vor. Jetzt aber ſuchte ich denſelben begierig auf und fürchtete nur, meine ungewohnte Eile möchte Verdacht erregen. Ich beſchloß ſie zu ſehen und zu ſprechen. Es war ihres Bruders Wunſch, daß ich ſie kennen lernen ſollte; meinen großen Zweck, wes⸗ halb ich nach Frankreich kam, hielt ich für unerreicht, ſo lange mir die fremd blieb, deren Namen in meinem Gedächtniß geheiligt war. Der arme Charles hatte mir oft geſagt, ſie würde mir eine Schweſter ſein.— Wie zitterte mein Herz bei dieſem Gedanken. Als ich näher kam, hielt ich inne und dachte wie ſie mich wohl empfangen, mit welchen Gefühlen ſie meinen Erzäh⸗ lungen über Einen, der die Urſache ihres ganzen Un⸗ glücks war, zuhören würde; aber dann fiel mir ein, daß man ſagte, ſie liebe Beauvais. Wie? war der arme Claude vergeſſen? War der ganze Traum ihrer erſten Liebe verſchwunden? Meine Gedanken drängten ſich wild unter einander und ich konnte zu keinem fe⸗ ſten Entſchluß kommen. Vor mir, kaum ein Dutzend Schritte weit und allein, ſtand ſie und betrachtete den friedlichen See, wo das Licht in goldenen und grünen Streifen ſpielte, wenn es durch das dichte Laubwerk drang. Das Klirren meines Säbels erſchreckte ſie; ohne jedoch ſich umzuſehen ließ ſie ihren Schleier ſinken und ging langſam weiter. „Fräulein de Meudon,“ ſagte ich, meinen Tſchako abnehmend und mich tief vor ihr verbeugend. „Was? wie! Was ſoll dieſer Name, mein Herr? Wiſſen Sie nicht, daß er hier verboten iſt?“ „Ich weiß es, mein Fräulein, aber nur mit die⸗ ſem Namen wage ich Sie anzureden; nur unter dieſem 144 lernte ich Sie kennen— durch Einen, der Sie liebte und der mein armes Herz nicht verſchmähte— durch Einen, der, auf ſo harte Proben ihn auch das Schick⸗ ſal ſtellte, doch über Nichts ſo tiefen Schmerz empfand als über das Unrecht, das er ſeiner Schweſter gethan.“ „Sprechen Sie von meinem Bruder Charles?“ fragte ſie mit leiſer, zitternder Stimme. „Ja, mein Fräulein. Den letzten Auftrag, der von ſeinen Lippen kam, vertraute er mir an, und zwar für Sie. Erſt letzte Nacht erfuhr ich, daß ich jede Stunde des Tages Derjenigen, deren Name in meinem Herzen ver⸗ wahrt lag, ſo nahe war.“ „O erzählen Sie mir von ihm— erzählen Sie von meinem lieben Charles,“ rief ſie, während Thrä⸗ nen über ihre blaſſen Wangen floßen.„Wo ſtarb er? Unter Fremden? War Niemand dabei, der ihn liebte?“ „Doch, doch!“ rief ich leidenſchaftlich, unfähig, mehr zu ſagen.— „Und wo war jener Jüngling, der ihn ſo zärt⸗ lich liebte? Ich hörte von einem ſolchen, der nie von ſeiner Seite gewichen, der ihn pflegte in ſeiner Krank⸗ hei un ihn tröſtete in ſeinem Kummer. War er nicht abei?“ „Ich war's. Meine Hand war es, die die ſeinige hielt. In mein Ohr hauchte er ſeinen letzten Seufzer aus.“— „O waren Sie es, waren Sie dieſer Freund mei⸗ nes Bruders?“ Sie ergriff meine Hand und drückte ſie an ihre Lippen. Schwer und heiß tropften ihre Thrä⸗ nen darauf; mir ſchwanden die Sinne und ich wußte nicht, wo ich war.„O!“ rief ſie leidenſchaftlich,„ich dachte nicht, daß in meiner Einſamkeit ſolch ein Glück wie dieſes meiner harrte. Nie ließ ich mir träumen, noch Einen zu ſehen und zu ſprechen, der meinen theuern Charles kannte und liebte, der mir von den einſamen Stunden ſeiner Verbannung werde erzählen können. Mit welchen Hoffnungen und Aengſten erfüllte 145 ſein ſo ſtolzes Herz das meinige; wer könnte mir in all ihrer Kraft die herrlichen Stunden unſerer glückli⸗ ſchen Jugend wieder geben, wo wir einander Alles in Allem waren; wo unſere Kindheit keine größere Wonne kannte, als daß wir uns liebten. Ach, ach! wie war doch Alles von ſo kurzer Dauer. Nun liegt er begra⸗ ben jenſeits des Meeres in fremder Erde, und ich lebe, um zu trauern über die Vergangenheit und zu ſchau⸗ dern vor der Zukunft. Aber kommen Sie, ſetzen wir uns auf dieſe Bank.— Sie dürfen mich nicht ver⸗ laſſen, bis Sie mir Alles erzählt haben, was Sie von ihm wiſſen. Wo habt ihr euch zuerſt getroffen?“ Wir ſetzten uns auf eine Raſenbank neben dem Gewäſſer, wo ich ſogleich erzählte, wie ich zum erſten Mal mit de Meudon bekannt wurde. Anfangs er⸗ ſchwerte mir die ſtürmiſche Aufregung, in der ich war, das Sprechen. Das Flattern ihres Gewandes, wenn der ſanfte Wind ab und zu wehte; der melodiſche Klang ihrer Stimme und ihlk volles mattes Auge mit dem Ausdruck tiefen Kummers und einer lang begrabenen Neigung, erweckten in meinem Herzen Gefühle, bei denen ich nicht zu verweilen wagte. Allmählig im Fort⸗ gang meiner Erzählung beſchäftigte ſich meine Seele gänzlich mit meinem armen Freunde, und ich wurde warm als ich von ſeinen heroiſchen Wagniſſen und kühnen Plänen ſprach. Sein ganzer hochyerziger Eifer, der ganze Adel ſeiner großen Natur, ſeine Hingebung und ſein Leiden ſtanden wieder vor mir, gemiſcht mit jenen Zügen weiblicher Sanftmuth, die nur Jenen eigen iſt, deren Muth faſt an Fanatismus grenzt. Wie wurden während der Erzählung ihre dunklen Augen dunkler, wie deutlich verriethen ihre geöffneten Lippen und ihr bebender Buſen die Aufregung in ihrem Innern. Wie ſchmolz dieſer ſonſt ſo ſtolze Blick in Kummer, als ich von dem Tage erzählte, wo er ſein Herz vor mir aus⸗ ſchüttete und von der Heimat ſprach und von ihr, der Geliebten ſeiner Kindheit. Tom Burke. U. 10 Jeden Spaziergang in jenem alien terrafſirten Garten; jede grüne Allee, jeden ſchattigen Sitz kannte ich, als hätte ich ſie mit Augen geſehen. Obgleich ich nichts von Claude erwähnte und auch nicht entfernt auf die Umſtände anſpielte, die zu ihrem Unglück führten, ſo ſah ich doch ihre Wange blaſſer und blaſſer werden, und trotz ihrer erhöhten Anſtrengung, ruhig zu ſcheinen, trat auf ihre Züge ein leichtes Beben; ihre Lippe zitterte krampfhaft und mit einem tiefen Seufzer ſank ſie ohnmächtig zurück. Ich ſprang hinunter an den Rand des Sees, füllte meinen Tſchako mit Waſſer, und als ich zurück eilte, ſaß ſie aufrecht— ihre Augen ſtarrten wie in Wahnſinn umher— aus ihrem wilden Blick ſchien Irrſinn zu ſprechen— ſie ſtreckte einen Finger aus und deutete auf das Buſchwerk niedriger Buchen in unſerer Nähe. „Dort, dort; ich ſah ihn,“ ſagte ſie.„Dort war er. Siehe, ſiehe.“ Erſchüttert durch den ſchreckhaften Ausdruck ihrer Züge und beſorgt, meine Erzählung möchte vor ihrer wirren Phantaſie das Bild ihres ver⸗ lorenen Bruders heraufbeſchworen haben, ſuchte ich ſie zu beruhigen.„Nein, nein,“ erwiederte ſie,„ich hab' ihn geſehen, auch ſeine Stimme gehört. Verlaſſen wir dieſen Ort. Führen Sie mich nach Trianon; und—— ℳ Die ängſtlichen Blicke, die ſie bei jedem Worte um ſich warf, geſtatieten kein längeres Sprechen, ich nahm fie am Arm und führte ſie fort.„Es iſt keine Einbildung, wie Sie glauben,“ ſagte ſie mit leiſer gebrochener Stimme, welcher die darein gelegte Bitterkeit eine ſchreckliche Gewalt lieh,„und das Grab könnte keinen andern herausgeben, der mir ſo ſchrecklich wäre, als der, den ich dort ſah.“ Bei dieſen Worten ſank ihr Haupt ſchwer nieder und trotz aller meiner Bemühun⸗ gen, ſie zum Sprechen zu bewegen, blieb ſie ſtumm und wollte mir keine Antwort auf meine Fragen über die Urfache ihres Entſetzens geben. Als wir weiter 147 kamen, hörten wir Stimmen, die ſie ſogleich als ſolche von der Hofgeſellſchaft erkannte; ſie drückte leiſe meine Hand und gab mir zu verſtehen, ich möchte ſie verlaſſen. Ich preßte den blaſſen Finger an meine Lippen und eilte hinweg. Ich konnte an nichts anderes denken, als die Urſache ihres Entſetzens zu entdecken. In einem Augenblick war ich am See zurück; ich durchforſchte jedes Gebüſch und jedes Gedörn; Stunden lang ſtreifte ich durch das dunkle Gehölze, ohne etwas zu ſehen. Ich bückte mich, um den Boden zu durchſpähen, ohne jedoch eine Spur von einem Fußtritt enidecken zu kön⸗ nen. Die dürren Zweige lagen unzerbrochen und das Laub unzerdrückt umher, und ſo wurde ich endlich über⸗ zeugt, daß ein erhitztes Gehirn und ein durch langen Kummer gequälter Geiſt das Bild, von dem ſie ſprach, heraufbeſchworen hatte. Als ich mich dem Piket näherte, welches eines der entfernteſten war, beſchloß ich, die Schildwache zu fragen, ob ſie Jemand geſehen habe. „Ja, Lieutenant,“ ſagte der Soldat;„es iſt noch nicht lange, ſo ging ein Mann in gewöhnlicher Klei⸗ dung vorbei; er gab die Loſung und ich ließ ihn weiter.“ „War er alt oder jung? „Von mittlerem Alter und von Ihrer Höhe.“ „Welchen Weg ſchlug er ein?“ „Er wendete ſich links und dann verlor ich ihn aus dem Geſicht.“ Ich eilte ſogleich hin und ging in der angegebenen Richtung ins Gehölze. Meine Seele war ſchmerzlich erregt durch das, was ich gehört hatte, und ich war entſchloſſen, Alles aufzubieten, um der Sache auf den Grund zu kommenz aber obgleich ich Stunden lang nach jeder Richtung ging, traf ich doch Niemand als einige Reisholzſammler, und dieſe hatten nichts von einem ſolchen geſehen, wie ich ſuchte. Mit müdem und ſchwe⸗ rem Herzen kehrte ich in mein Quartier zurück. Die ganze Glückſeligkeit meires Morgens war durch das erwähnte ſeltſame Ereigniß geſtört; ich verbrachte eine fieberhafte, unruhige Nacht; lange Zeit konnte ich nicht ſchlafen, und wenn ich doch zuweilen einſchlummerte, ſo traten mir wilde und fürchterliche Bilder vor die Seele, ſo daß ich erſchrocken auffuhr. Erſchöpft von dem peinlichen Kampfe zwiſchen Schlaf und Wachen, ſtand ich endlich auf und kleidete mich an. Der Morgen vämmerte und ſchon jubelten die Vögel dem Aufgang der Sonne entgegen. Ich ging hinaus in den Park. — Die friſche, fächelnde Morgenluft kühlte meine bren⸗ nende Stirne; die milden Einflüſſe jener ſüßen Stunde, wo köſtliche Wohlgerüche in dem mit Thau geſchwänger⸗ ten Aether ſchwimmen, beſänftigten und beruhigten mich; und meine Gedanken kehrten zu ihr zurück, die bereits meinem Daſein einen nie zuvor gekannten Zauber ge⸗ geben hatte. Der lang erſehnte Traum meiner Kaabenzeit war endlich verwirklicht. Ich kannte die Schweſter meines Freundes. Ich hatte neben ihr geſeſſen und ſie ſprechen gehört in Tönen, die den ſeinigen ſo ähnlich waren. Ich war nun nicht mehr der freundloſe Fremdling, ohne eine Seele, die ſich um mich bekümmert, die ſich für mein Schickſal intereſſirt hätte. Die Laſt der Einſam⸗ keit, die ſo ſchwer auf mich gedrückt hatte, floh vor dieſem Gedanken, und ich fühlte mich jetzt in meiner Selbſtachtung erhoben durch jene dunklen Augen, die mir dankten, wenn ich von dem armen Charles ſprach. Wie bebte mein Herz vor ihrem Blicke. O, kannte fie die Macht deſſelben? konnte ſie ahnen, welche Saaten hoher Ehrbegierde ihr bloßes Lächeln ſäte? Ich verſah ohne die geringſte Beſchwerde meinen Dienſt und kehrte ſodann mit leichtem Schritte und noch leichterem Her⸗ zen in mein Quartier zurück. Den ganzen Tag ſchlenderte ich in der Nähe von Trianon und dem See herum, allein Marie erſchien weder hier, noch an einer andern Stelle des Parkes. War ſie krank— hatte die Viſion von geſtern ihre Ge⸗ ſundheit angegriffen?— waren meine erſten Gedanken; 149 und ich erkundigte mich genau, ob kein Doktor in der Nähe des Schloſſes geſehen worden ſei; aber nein— es ſchien ſich nichts Ungewöhnliches ereignet zu haben, und am gleichen Abende ſollte ein Bali. ſtattfinden. Ich hätte Welten darum gegeben, zu erfahren, in welchem Theile des Palaſtes ſie wohnte; und fünfzig Mal ging ich unter dem Scheine einer zu erfüllenden Pflicht über die Terraſſe und warf einen verſtohlenen Blick auf die Fenſter— aber vergeblich. So voll war meine Seele von Gedanken an ſie, daß ich alles Andere vergaß. Auch die Pikets hatte ich ſeit Tagesanbruch nicht beſucht, und mein Bericht an den Miniſter blieb ungeſchrieben. Es war ſpät am Abend, als ich meiner Pflicht nachging, und am nächt⸗ lichen Himmel ſtand kaum ein Stern. Schon hatte ich alle Poſten, mit Ausnahme eines einzigen, beſucht, als mich ein leiſer Pfiff, der aus dem Gebüſche in der Nähe zu kommen ſchien, plötzlich aufſchreckte; gleich darauf wurde derſelbe wiederholt und ich rief:. „Wer da?— Vorwärts.“ „Ah, ich dachte mir, daß Sie es wären, Burke,“ ſagte eine Stimme, die ich ſogleich als die Beauvais' erkannte.„Sie haben Ihr Wort gebrochen in Betreff jenes Stadtthores, und ſo mußte ich hieher kommen.“ „Wie? Sie waren ganz gewiß nicht dort als ich vorbeiging.“ „Und doch war ich dort. Sahen Sie nicht den Holzhacker mit ſeiner Bluſe auf dem Arm, wie er vor der Thüre des Wachthauſes ſeine Pfeife anzündete.“ „O ja; aber das waren Sie doch nicht?“ „Erinnern Sie ſich nicht, wie er ſagte: Kaufen Sie einen Karren Holz, Lieutenant. Ich bring's Ihnen in Ihr Quartier.“ „Beauvais,“ ſagte ich mit Ernſt,„dieſe Wagſtücle können fatal für uns Beide werden. Meine Ordres find ſtrenge, und wenn ich dagegen fehle, ſo habe ich weder mächtige Freunde, noch hohe Verwandte, um mich vor verdienter Strafe zu ſchützen.“ „Was ſind das für närriſche Reden, Burke. Wenn ich Sie nicht beſſer kennte, ſo würde ich ſagen, Sie mißgönnten mir die Gaſtfreundſchaft, um die ich ſelbſt Sie angeſprochen habe. Eine Nacht zur Ruhe— deren ich ſehr bedarf— und einen Tag, um Marie zu ſpre⸗ chen, weiter verlange ich nichts von Ihnen. Iſt dies zu viel?“ „Nein, wenn ich nicht durch Ihre Beherbergung ein in mich geſetztes Vertrauen verriethe, ſo wäre es viel zu wenig, um davon zu ſprechen oder gar mir da⸗ für zu danken; aber—— „Verſchonen Sie mich mit dieſen Skrupeln und ſchlagen wir den kürzeſten Weg nach Ihrem Quartier ein; ein Nachteſſen und drei Stühle, um darauf zu ſchlafen, wiegen alle Ihre Gründe auf, ſo beredt Sie auch dieſelben vorbringen mögen.“ Wir gingen zuſammen weiter, faſt gänzlich ſtumm: 1, belaſtet von Beſorgniß, was daraus entſtehen würde, wenn man meinem Benehmen auf die Spur käme; er, augenſcheinlich verſtimmt über meinen Empfang und wenig geneigt, Bedenklichkeiten zu entſchuldigen, die er ſelbſt nicht würde berückſichtigt haben. „So ſind wir endlich hier,“ ſprach er und warf ſich ſcheinbar erſchöpft auf meinen kleinen Sopha. Ich hatte jetzt Zeit, ihn bei Licht zu betrachten, und ſchrack faſt zurück über den Anblick, der ſich mir darbot: ſein Gewand, die gemeinſte Bauerntracht, war zerriſſen und zerlumpt; ſeine Schuhe hielten nur vermittelſt grober Riemen zuſammen, und ſein ſeit Wochen ungeſchorner Bart erhöhte noch die Hagerkeit ſeiner Züge, aus denen Mangel und Elend ſprach.„Sie ſtaunen über mein Koſtüm,“ ſagte er mit traurigem Lächeln;„ja freilich würde Crillac keinem ſo wie ich gekleideten Kunden den Hof machen; aber was ſagen Sie dazu, wenn ich Sie verſichere, daß der äußere Menſch— und Sie werden ihm gewiß nicht üppigen Aufwand vorwerfen— vor dem innern noch ſehr viel voraus hat? Um deutlicher zu ſprechen, Lieutenant, Sie würden Ihren Koch zu aller Eile antreiben, wenn Sie wüßten, daß ich ſeit zwei Tagen nichts genoſſen habe als was mir die Hecken darboten; nicht jedoch aus Armuth; hierin wäre genug, um ſogar bei Beauvilliers zu ſpeiſen.“ So ſprechend, raſſelte er mit einer wohlgefüllten Börſe. „Nun, Beauvais, Sie werfen mir vor, daß ich einen ſchlechten Wirth mache; und freilich wollte ich lieber außerhalb der Pikets Sie traktiren; aber erlauben Sie, daß ich meinen Charakter ein wenig zu retten ſuche.— Verſuchen Sie dieſen Kapaun.“ „Wenn Sie noch nie mit einem Wolf geſpeist haben, ſo können Sie's jetzt,“ ſagte er, indem er ſei⸗ nen Stuhl an den Tiſch rückte und einen großen Becher mit Burgunder füllte. Zehn bis fünfzehn Minuten lang aß er wie Einer, welchen lang erlittener Hunger halb wild gemacht hatte; dann hielt er plötzlich inne, blickte auf und ſagte:„Lieutenant, Ihre Küche da könnte einen üppigeren Menſchen als ich bin, in Verſuchung führen; und wenn dieſes Volk nicht ſo gaſtfreundlich iſt, Sie zu ihren Soirees einzuladen, ſo läßt es Sie wenigſtens zu Haus nicht Hunger leiden.“ „Woher wiſſen Sie, daß ich noch nicht ins Schloß geladen wurde?“ fragte ich erröthend, mit einem Ge⸗ fühl verletzten Stolzes, das ich nicht verhehlen konnte. „Woher ich's weiß!— Ei, ei, ſolche Dinge wer⸗ den gleich bekannt, mein Freund; man ſpricht davon in Salons und in Morgenviſiten und macht ſeine Gloſſen darüber auf Promenaden. Freilich ſehe ich nicht ſo aus, als hätte ich mich in der letzten Zeit viel in der beau monde herumgetrieben; dennoch höre ich, was dort vorgeht. Aber glauben Sie mir, mein Junge, wenn Sie heute bei Hof eben nicht in ſehr hoher Gunſt ſtehen, ſo bahnt Ihnen dies vielleicht ſchon morgen den Weg zum Glücke.“ 1⁵² „Obgleich Sie in Räthſeln ſprechen, Beauvais, ſo ſcheint es doch, Sie ſuchen durch Ihre Worte dieje⸗ nigen zu verleumden, denen ich diene, und ſo lange ich dieſen Verdacht hege, muß ich Ihnen mit aller Ruhe, aber auch mit aller Feſtigkeit ſagen, daß Sie an mir keinen bereitwilligen Zuhörer finden werden. Die höchſte Gunſt, nach der ich ſtrebe, iſt das Lob unſers großen Chefs, des Generals Bonaparte, und hiemit bringe ich ſeine Geſundheit aus.“. „Ich trinke dieſe Nacht keinen Wein mehr,“ ſagte er und ſchob ſein Glas mürriſch von ſich.„Kann ich mich hieher legen?“ „Bewahre, nein, Sie legen ſich in mein Bett und ich bleibe hier auf dem Sofa; denn mit Tagesanbruch habe ich ja doch meine Pikets zu viſitiren.“ „Ums Himmels willen, wozu das?“ ſagte er mit ſpöttiſchem Lächeln.„Was mag wohl dem armen Sa⸗ vary im Kopf herumgehen? Geht Jemand damit um, die Treppe aus dem Louvre oder die Glocke von dem Pavillon der Tuilerien zu ſtehlen— oder fürchtet er, die Gelehrten des Inſtituts zu verlieren?“ „Nur zugeſpöttelt, mein guter Freund, Sie werden es nicht ſo leicht finden, einem alten Polytechniker eine geringe Meinung von dem Manne beizubringen, der Schlachten gewinnt.“ „Nun, dann muß ich meinen Glauben an Phyſiog⸗ nomie aufgeben. Erinnern Sie ſich jenes Abends in den Tuilerien, wo ich um Ihre Vergebung bat und mich Ihnen als Freund antrug? Damals hielt ich Sie für einen ganz andern Kerl als jetzt; aber ſo ein al⸗ berner Huſarenpelz hat ſchon Manchem vor Ihnen den Kopf verdreht.“ „Sie wollen mich in Harniſch jagen, Beauvais, aber es wird Ihnen nicht gelingen. Eine Nachtruhe wird Sie freundlicher gegen die ganze Welt ſtimmen.“ „Glauben Sie? Wahrlich, in dieſem Fall müßte noch vor morgen ein ziemlicher Theil davon ſie verlaſ⸗ ſen haben; denn ich verſichere Sie, mein würdiger Huſar, es gibt Einige, gegen die ich nicht hoffe jemals ſo liebreich zu denken, als Sie erwarten.“ „Nun, was ſagen Sie denn zu dem Bette?“ „Ich werde ſchlafen, wo ich bin,“ ſagte er mit barſchem Tone. „Gute Nacht.“ Kaum waren dieſe Worte aus⸗ geſprochen, ſo drehte er ſich auf die Seite, ſchützte mit der Hand ſeine Augen vor dem Licht und fiel in tie⸗ fen Schlaf. Es war bereits nach Mitternacht, und da ich von meinem Herumlaufen am Tage müde war, ſo begab ich mich bald zu Bette, aber nicht zur Ruhe. So oſt ich meine Augen ſchloß, ſtand Beauvais' bleiches und abgemagertes Geſicht, aus welchem Leiden und Entbeh⸗ rung ſprachen, vor mir; und dann beſchäftigte ich mich mit dem Gedanken, welcher gefährlichen Unternehmung zu Liebe er ſich ſolcher Noth ausſetze. Es mußte eine kitzliche ſein, ſonſt wäre es nicht ſo weit mit ihm ge⸗ kommen; ſogar ſeine Stimme war verändert; ihr ſonſt klarer, männlicher Ton, war jetzt rauh und mißtönend; ſein freier freundlicher Blick war zu Boden geſchlagen und argwöhniſch. Von Denken erſchöpft ſchlief ich endlich ein, wurde aber plötzlich durch eine ſchreiende Stimme im äußern Zimmer erweckt. Ich fuhr auf: es war Beauvais, der wild um Hülfe rief; das Geſchrei wurde ſchwächer und verlor ſich bald in das lang gezogene Athmen der Ruhe. Der arme Menſch! Auch ſeine Träume brachten ihm nichts als Streit und Gefahr. Zwölftes Kapitel. Eine Warnung. Mit Tagesanbruch ſtand ich auf, in der Abſicht, die Pikets zu beſuchen, ehe Beauvais erwachen würde, denn noch immer kam der ſpöttiſche Ton, den er an⸗ genommen, mir nicht aus dem Sinn. Ich ſchlich mich durch das Zimmer, wo er noch ſchlief: das ſchwache Licht der Dämmerung ſtrömte durch die halbgeſchloſſe⸗ nen Läden und ſiel auf ein Geſicht ſo bleich, ſo ver⸗ wildert, ſo abgezehrt, daß ich davor zurückſchrack. Wie entſtellt war er jetzt in Vergleich mit jener Stunde, wo ich ihn zum erſten Mal geſehen hatte. Die Wange, einſt von Jugendfülle ſtrotzend, war jetzt eingefallen, ſelbſt ſeine Lippen waren bleich, als ob nicht Krankheit allein, ſondern auch lang erlittener Mangel an Nah⸗ rung ihn niedergedrückt hätte. Auch ſein Haar, das ihn einſt in reichen und duftenden, ſeidenen und zarten Locken wie bei einem Mädchen über Nacken und Schul⸗ tern floß, hing ihm jetzt wild und verwirrt über Ge⸗ ſicht und Schläfe. Auch an ſeinen Händen war ſein herabgekommener Zuſtand ſichtbar; denn ſie waren zer⸗ riſſen und blutrünſtig: an ſeiner Haltung im Schlafe konnte man den bewußtloſen Schlummer eines gänz⸗ lich Ermüdeten und Erſchöpften erkennen. Seine Klei⸗ dung war aus dem rohen Stoffe, den die Bauern an ihren Bluſen tragen, und ſelbſt dieſer ſchien alt und abgenutzt. Welche ſeltſame Laufbahn ihn ſo herunter⸗ gebracht habe, konnte ich mir nicht vorſtellen; denn ſo armſelig auch ſein ganzes Aeußere ſchien, verrieth doch ſeine wohlgefüllte Börſe, daß jenes Koſtüm mehr zur Verſtellung als aus Noth getragen wurde. Dieß war mein erſter Gedanke; mein zweiter war peinlicher: — er beſchäftigte ſich mit der, die er liebte, und von der er vielleicht wieder geliebt wurde. O, wenn irgend etwas den bitteren Schmerz der Eiferſucht erhöhen kann, ſo iſt es die ſchreckliche Ueberzeugung, daß die⸗ jenige, für die unſer beſtes Herzblut fließen würde, um ihr Eine ſelige Stunde zu ſichern, das Glück ihres ganzen Lebens auf den reinſten Zufall ſtellt und ihre Liebe einem Manne weiht, deſſen Leben keine Gewähr für die Zukunft bietet— ohne Hoffnung, ohne Pfand, daß nicht die wildeſten, verwegenſten und hochfahrend⸗ ſten Plane der Welt ihm theurer ſeien, als alle Reize und des zarten Weſens. Wie hoch ſteigt einem hältniß gegenüber unſere eigene innige Ver⸗ und wie tief fühlen wir uns, trotzdem, daß einer höheren und reineren Gluth bewußt unter dem Manne, der, wenn auch in Allem übrigen aum, doch in ihrer Liebe reich iſt. Solche neidiſche Gedanken erfüllten mein Herz, als ich ihn betrachtete; langſamen, traurigen Schrittes ging ich weiter, als ich zufällig an einen Stuhl gerieth und ihn umſtieß. Das Geräuſch erweckte ihn; mit einem Sprung war er auf den Beinen, riß eine Piſtole aus ſeinem Buſen und ſchrie: „Ha!— was iſt das! Ah, Burke, ſind Sie's? Wie viel Uhr iſts?⸗ „Noch nicht Vier. Es thut mir leid, Sie geſtört zu haben, Beauvais; aber der Stuhl hier—— ℳ „a, ja, ich ſtellte ihn ſo letzte Nacht. Ich fühlte mich ſo müde, daß ich mich nicht darauf verlaſſen konnte, über einen geringen Lärm aufzuwachen. Wo⸗ hin ſo frühe? Ah, dieſe Pikets, ich vergaß.“ Damit legte er ſich wieder nieder und war, bevor ich das Zimmer verließ, von neuem eingeſchlafen. Einige unbedeutende Dienſtſachen hielten mich bei ein paar Poſten auf, und ich kehrte etwas ſpäter nach Hauſe als gewöhnlich. Kaum hatte ich die breite Allee erreicht, die an den Fuß der großen Terraſſe führt, als ich vor mir eine Geſtalt auf das Schloß zueilen ſah. Das flatternde Gewand bezeichnete ſie als eine Dame, und ſogleich durchzuckte mich der Gedanke, es möchte Fräulein de Meudon ſein. Ja, es war ihr Schritt, ich kannte ihn wohl. Sie hatte den Pallaſt ſo frühe verlaſſen, um mit Beauvais zuſammen zu treffen. Ohne recht zu wiſſen, was ich that, hatte ich meine Schritte beſchleunigt und war ihr ſchon ziemlich nahe, als ſie meine Tritte hörte und ſich um⸗ kehrte. Ich blieb plötzlich ſtehen. Ein unbeſtimmtes Gefühl von etwas Strafbarem, das in dieſer meiner Verfolgung lag, durchzuckte meine Seele, ſo daß ich nicht mehr weiter konnte. Auch ſie blieb ſtehen, ohne ſich zu regen, aber nur ein paar Sekunden lang und dann winkte ſie mir mit der Hand. Ich konnte kaum meinen Augen trauen, auch wagte ich mich nicht früher vom Flecke, als bis ſie die Bewegung noch ein paar mal wiederholt hatte. Als ich näher kam, bemerkte ich, daß ihre Augen roth geweint waren und ihr Geſicht blaß wie der Tod. Einen Augenblick ſah ſie mich ſtarr an; darauf ſagte ſie mit einer Stimme, die ich nie vergeſſen werde: „Und auch Sie, der theuerſte Freund meines Charles, der noch auf dem Sterbebett von Loyalität gegen ihn ſprach, wie ſind Sie von Ihrer Treue ab⸗ wendig gemacht worden?“ Ich ſtand betroffen und verdutzt da, unfähig, ein Wort zu erwiedern, als ſie fortfuhr: „Die Andern haben doch wenigſtens Grund dazu. Sie oder ihre Väter lebten im Sonnenſchein der alten Monarchie. Reichthum, Rang, Macht, Alles hatten ſie im Beſitz; aber Sie, der Sie mit hohen Hoffnun⸗ gen auf Größe unter uns kamen, wo Andere ſie auf dem Schlachtfeld geerntet, Sie, deren Tugend eine Gewähr iſt, daß niedrige und unwürdige Gedanken keinen Theil an Ihren Beweggründen haben, und deſ⸗ 1⁵7 ſen hohe Laufbayn unter den Augen deſſen begann, den jedes Soldatenherz als Abgott verehrt, o warum von ſolch einem Pfade abweichen auf dunkle und krumme Wege, wo heimliche Intriguen, Complotte und Verrätherei beſſere Waffen find, als Ihr eigenes ge⸗ rades Herz und Ihr eigenes blankes Schwert?“ „Hören Sie mich, ich bitte Sie,“ rief ich in Un⸗ geduld ausbrechend—„hören Sie nur ein Wort, und wiſſen Sie, daß Sie mich mit Unrecht anklagen. Ich habe weder Theil an einem Verrath noch Kunde davon. „O, ſagen Sie mir das nicht. Es gibt Solche, die ihrem Treiben hochklingende Titel beilegen und vielleicht ſagen;:„„Wir wollen nur unſere Souveräne dem Lande wieder geben, das ihnen eigen war;““ aber Sie haben ja Freiheit zu denken und zu fühlen. Kein llangjähriges Vorurtheil blendet Ihre Vernunſt oder lähmt Ihren Rechtsfinn.“ „Noch einmal, ich ſchwöre, ob ich gleich kaum ra⸗ then kann, worauf Ihr Verdacht anſpielt, meine Treue iſt jetzt noch ebenſo aufrichtig, meine Loyalität noch ebenſo feſt, als da ich an Ihres theuern Bruders Seite gelobte, Soldat zu werden.“ „Warum haben Sie ſich alsdann in ihre Intri⸗ guen gemiſcht? Warum ſind Sie bereits verdächtigt? Warum hat Madam Bonaparte Befehl erhalten, auf allen Einladungen zu Hofe Ihren Namen wegzu⸗ laſſen 5 i e „Ach, das weiß ich nicht. Ich erfahre jetzt zum erſten Male, daß ich in Verdacht ſtehe.“ ue jett „ Auch ſagt man— denn ſchon werden ſolche Dinge beſprochen— daß Sie jenen ſchrecklichen Mann kennen, deſſen bloße Nähe ſchon Befleckung iſt. O ſcheint es nicht der Wille des Schickſals zu ſein, daß ſein dunkler Weg jeden Pfad meines L ⸗ ſein dn 9 P ebens durch 158 Bei dieſen Worten entfuhren ihr Seuſzer, die ihren Buſen zu zerſprengen drohten. 1 „Man ſagt,“ fuhr ſie mit bewegter, zitternder Stimme fort,—„man ſagt, daß er hier gewefen ſei.“ „Ich weiß nicht, von wem Sie ſprechen,“ ver⸗ ſetzte ich, während ein kalter Schauer durch meine Adern rieſelte. 5 „Meſée de la Touche,“ ſprach ſie nicht ohne An⸗ ſtrengung. „Ich höre jetzt zum erſten Mal von ihm; ſogar der Name iſt mir unbekannt.“ „„ Dann danken Sie Gott,“ murmelte ſie zwiſchen ihren Zähnen.„Ich dachte, Beauvais habe Sie viel⸗ leicht mit einigen Andern bekannt gemacht.“ „Nein, Beauvais machte mich mit Niemand be⸗ kannt, als eines Abends beim Eſſen mit einigen ſeiner Freunde, und zwar ſchon vor mehreren Monaten. Nur Einen von dieſen habe ich ſeither wieder geſehen, einen Abbé d'Ervan: und in der That, wenn ich einer Pflichtverletzung ſchuldig bin, ſo hätte ich nicht ge⸗ glaubt, daß ein ſolcher Vorwurf von Ihnen käme.“ Die in dieſen letzten Worten liegende Bitterkeit wurde mir in einem Augenblick verwundeten Stolzes entriſſen. „Wiel was meinen Sie?“ ſagte ſie heftig.„Noch Niemand hat gewagt, meine Treue in Frage zu ziehen, noch mir den Vorwurf der Falſchheit gegen diejenigen zu machen, die mich lieben und beſchützen.“ „Sie verſtehen mich falſch,“ erwiederte ich traurig und langſam; ich wagte jedoch nicht, auf Beauvais⸗ Neigung anzuſpielen und ſchwieg, als plötzlich ihr Ge⸗ ſicht tief erröthete und eine Thräne in ihr Auge trat. „Ach, ſie liebt ihn,“ ſagte ich bei mir ſelbſt und em⸗ pfand den tödtlichſten Schmerz. „Verlaſſen Sie mich— verlaſſen ſie mich ſchnell,“ rief ſie;„ich ſehe, man beobachtet uns von der Ter⸗ raſſe.“ Damit eilte ſie dem Schloſſe zu und ich bog in einen der ſchmalen Wege ein, die ins Gehölze führten. Zwei Gedankenreihen kämpften in meiner Seele um die Oberhand— wie war ich verdächtig geworden? wie ſollte ich den Fleck, der an meiner Ehre haftete, wieder auswiſchen? Es gab keine Begebenheit meines Lebens ſeit mei⸗ ner Landung in Frankreich, die ich mir nicht ins Ge⸗ dächtniß rief; und doch konnte ich, außer in dem un⸗ glücklichen Zuſammentreffen mit Beauvais, nicht die geringſte Wahrſcheinlichkeit auffinden, daß auch böſer Wille meinem guten Namen etwas hätte anhängen können. Von D'Exvan freilich hörte ich mehr als ein⸗ mal Meinungen, die mir auffielen, weniger jedoch durch irgend etwas Beſtimmtes in ihrem Sinne, als vielmehr weil ſie gänzlich neu und ſeltſam waren; dagegen hatte ich Gründe genug, ihn für einen Freund der gegen⸗ wärtigen Regierung zu halten; wenigſtens war ſoviel iar daß er auf vertrautem Fuße mit Herrn Savary and. Beauvais— dachte ich— muß mir einige dieſer Zweifel löſen; beſonders muß er mir über die Perſonen Aufſchluß geben, bei denen er mich einführte. Auch werde ich mich bemühen, etwas von ihren Planen zu erfahren und mich ſo gegen die Möglichkeit des Ver⸗ dachtes zu ſchützen; denn ohne Zweifel iſt er nicht un⸗ bekannt mit der Bewegung, welcher Art ſie auch ſein mag. f Mit ſolchen Abſichten eilte ich nach meinem uartier. Als ich in mein Zimmer trat, hörte ich ein tiefes, ſchweres Schluchzen; ich ſchrack betroffen zurück. Es war Afaupbaſs„der am Tiſche ſaß, den Kopf in die Hände geſenkt. „Hal“ ſagte er, indem er aufſprang und mit der Hand über das Geſicht fuhr—„ſo bald zurück! Ich hätte Sie noch nicht erwartet.“ 160 „s iſt zehn Uhr vorüber, eine volle Stunde ſpä⸗ ter, als ich gewöhnlich zurückkehre.“ „In der That,“ verſetzte er mit affektirtem Stau⸗ nen.„Nun, haben denn Ihre Pikets einige arme Teufel angehalten und feſtgenommen, die dürres Reis oder Eicheln ſuchten, oder haben Sie die Tiefe jenes ſchrecklichen Complottes ergründet, worüber Ihr Poli⸗ zeipräfekt toll geworden iſt?“ „Nichts von beiden iſt geſchehen,“ ſagte ich, einen gleichgültigen Ton erheuchelnd.„Die Regierung des Conſuls iſt ſtark genug, um die Gemüther hierüber zu beruhigen. Welche Intriguen auch im Werke ſind, ſie werden ſo wenig ſeinem ſcharfen Auge entgehen, als die Thäter, wenn ſie ergriffen werden, dem Feuer einer Grenadiercompagnie.“—. „Ma foi, mein Herr, Sie ſprechen mit Zuverſicht,“ verſetzte er mit völlig verändertem, ſtolzem Tone.„Und doch habe ich von Perſonen gehört, die ebenſo zuver⸗ ſichtlich waren, hernach aber eingeſtanden, getäuſcht worden zu ſein. Aber vielleicht erſcheint es Ihnen we⸗ niger ſeltſam, wenn ein Artillerie⸗Unterlieutenant die Geſchicke Frankreichs lenkt, als wenn der König des Landes den Thron ſeiner Ahnen wieder einnimmt.“ „Bedenken Sie, Beauvais, mit wem Sie ſprechen. Ich warne Sie, und ſein ſie überzeugt, ich laſſe nicht mit mir ſpaſſen. Noch ein Wort und ich verhafte Sie.“ „Hier gewiß nicht,“ verſetzte er mit tiefer, ſtarker Stimme.„Hier nicht. Gehen wir hinaus in den Park — verbaften Sie mich in der großen Allee, oder auf jener Terraſſe, oder noch beſſer im Gehölze: aber gehen Sie in Ihrer Loyalität nicht ſo weit, daß Sie die Gaſtfreundſchaft in Ihrem Hauſe verletzen.“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung; ich wußte nicht, was ich ſagte.— Indeſſen, Sie haben mich auf eine grauſame Probe geſtellt. Bedenken Sie nur einen Augenblick, Beauvais, wie ich hier ſtehe, und laſſen Sie dann Ihr eigenes Herz urtheilen. Ich bin ein — 161 Fremdling— ein freundloſer Ausländer. In ganz Frankreich lebt nicht ein Menſch, der einen Finger heben oder ein Wort ſprechen würde, um mich zu ret⸗ ten, wenn mein Kopf in Gefahr ſtände. Mein Schwert und meine Treue ſind meine einzige Hoffnung; daß belde rein und fleckenlos bleiben, iſt mein einziger Wunſch. Den Grad, den ich habe, verdanke ich ihm——“ℳ „Viel Grund zur Dankbarkeit, wahrhaftig,“ fiel er ein.„Der erſte Zögling des Polytechnikums iſt zu einem Unterlieutenant in der Kavallerie gemacht, mit den Funktionen eines Gendarmerieſergenten, mit dem Befehl, alle Fremdlinge anzuhalten und ihre Taſchen zu durchſuchen. Pfui! Nicht ſo pflegten die rechtmä⸗ ßigen Souveräne Frankreichs diejenigen zu betrachten, die ihre Epauletten trugen— nicht ſo ſahen ſie die Rolle des Soldaten an. Bedenken Sie nur einen Augen⸗ blick, was Sie ſind, und überlegen Sie dann, was Sie ſein könnten. Sie mögen ſich für noch ſo kalt und leidenſchaftslos ausgeben, ich kenne Ihr Herz beſſer. Es lebt nicht Einer, der einen höheren Ehrgeiz in ſei⸗ ner Bruſt trägt als Sie. Ha, ſchon blitzen Ihre Augen. Bedenken Sie alſo, welche Laufbahn ſich vor Ihnen öffnet, wenn Sie Muth haben, dieſelbe zu betreten. Es iſt ein großes Spiel, wobei aus einem Lieutenant ein Regimentsoberſt werden kann.— Gewiß, Burke, ich habe nichts als Ihre Wohlfahrt im Auge, wenn ich Shnen öloe Betrachtungen aufdränge. Was ſchreiben e da?“ „Einen Bericht an den Polizeipräfekt. Ich ſehe jetzt ein, freilich etwas ſpät, welche unwürdige Rolle ich geſpielt habe, daß ich in einem Dienſte blieb, wo ich blchen Aeußerungen Gehör geſchenkt habe. Ich gebe meine Epauletten zurück und verlange, daß man mich unter die Gemeinen einreiht; dort iſt es mir vielleicht geſtattet, eine Soldatenmuskete zu tragen, ohne meine Ehre zu beflecken.“ Tom Burke. H. 11 162 „Sie können etwas Beſſeres thun,“ unterbrach er mich, während ſein Geſicht vor Leidenſchaft purpurroth wurde und ſeine Augen Feuer flammten—„etwas weit Beſſeres: rufen Sie Ihre Dragoner herbei und nehmen Sie mich, wie Sie vorhin gedroht haben, in Verhaft; erftatten Sie dann dem Miniſter einen Bericht, daß Henri de Beauvais, Marquis und Pair von Frank⸗ reich, mit dem Sankt⸗Ludwigskreuz und dem Band feſt⸗ genommen worden ſei.“ Hier nahm er die Dekoration aus dem Buſen und ſchwang ſie über ſeinem Kopfe. „Bemerken Sie noch dazu, daß er in der Abſicht kam, Ihre Loyalität mit Dieſem hier auf die Probe zu ſtel⸗ len.“ So ſprechend, zog er eine Pergamenturkunde hervor und warf ſie auf den Tiſch vor mir. .„ ier, mein Herr, leſen Sie; es iſt des Königs eigene Handſchrift— Ihr Patent als Oberſt eines Garderegiments. Solche Beweiſe Ihrer Ergebenheit können kaum unbelohnt bleiben. Sie bringen es da⸗ durch vielleicht zum Polizeiſpion. Auch kenne ich eine Dame, die Ihre Erhöhung vielleicht ebenſo gerne theilt, als Ihre loyalen Geſinnungen— Fräulein de Meudon könnte vielleicht die Ihrige werden. Verlieren Sie keine Zeit, mein Herr; Ausſichten wie dieſe kommen nicht jeden Tag. Am Ende kann ich kaum unter beſſern Auſpizien zum Richtplatz gehen, als wenn meine Couſine und mein Freund meine Verräther find. Vielleicht thun Sie Ihnen auch die Ehre an und laſſen Sie vor dem Schaffot auf die Wache ziehen. Solch eine Gelegen⸗ heit, Ihre Hingebung zu zeigen, dürfen Sie nicht fahren laſſen. David fand es vortheilhaft, den letzten Todes⸗ kampf ſeiner eigenen Freunde aufzuhaſchen und ſetzte ſich daher mit Eſel und Pinſel neben die Guillotine. Der Wink ſollte nicht verloren ſein.“ Die beſchimpfende Betonung, womit er die letzten Worte ſprach, zerſchnitten mir das Herz; ich ſtand ſprachlos, zitternd wie ein Verbrecher, vor ihm. „Trennen wir uns, Beauvais,“ ſprach ich endlich, — 163 ihm die Hand reichend.„Sagen wir einander Lebewohl und für immer. Ich kann Ihnen alle Ihre Aeußerungen weit beſſer vergeben, als ich mir ſelbſt perzeihen könnte, wenn ich auf Ihre Lockungen gehört hätte. Was bei Ihnen ehrenwerth und recht ſein mag, würde bei mir ſchwarzer Undank und Verrath ſein. Ich werde zu vergeſſen ſuchen, daß wir uns je getroffen haben; alſo noch einmal Adieu!“ 4 „Sie haben Recht,“ verſetzte er nach einer Pauſe von einigen Sekunden und in tief betrübtem Tonc. „Wir hätten uns niemals treffen ſollen.— Adieu.“ „ Noch ein Wort, Beauvais— ich finde, daß ich eines verrätheriſchen Verkehres verdächtig worden bin, daß ich ſogar hier von Spionen überwacht werde; ſagen Sie mir, ich bitte Sie, bevor Sie gehen, von welcher Seite dieſe Gefahr kommt, damit ich mich dagegen wahren kann.“ „In der That, Sie trauen mir mehr Scharffinn zu, als ich mit Recht anſprechen darf. Wie ein ſo loyaler Herr in ſolchen Verdacht gerathen kann, bin ich kaum im Stande, zu errathen.“ „Ihr Hohn wird mich nicht reizen. Was ich ge⸗ ſagt habe, iſt Thatſache; und wenn Sie mir zu der Entdeckung nicht helfen wollen, ſo ſagen Sie mir we⸗ nigſtens, wer die Perſonen ſind, in deren Geſellſchaft Sie mich einſt bei Beauvilliers gabracht haben.“ „Eine ganz vortreffliche Geſellſchaft! Ich hoffe, Keiner davon hat Sie im Ecarté betrogen.“ „„Jch bitte Sie, laſſen Sie die Späſſe und geben Sie mir Antwort.— Wer iſt Ihr Abbé?“ „Ma foi! Er iſt der Abbé d'Ervan. Aus welchem Theile Frankreichg er kommt— über ſeine Familie, Freunde und Hülfsmittel ihn zu befragen, habe ich nie für ſchicklich gehalten, vielleicht weil ich in Betreff meiner Bekanntſchaften nicht ſo bedenklich bin als Sie. Er iſt ein ſehr munterer, amuſanter, witziger Mann— kennt faſt alle Welt— hat Zutritt in jedes Haus der Vor⸗ * 164 ſtadt S. Germain— kann ein Verschen zuſammenſetzen und auch ſingen— macht eine mayonaise oder ein madrigal beſſer als Einen— und in der That, ſollte er dieſer Tage einmal Miniſter von Frankreich werden, ſo würde ich darüber nicht ſo ſehr ſtaunen, als Sie in dieſem Augenblick darüber, daß ich nicht mehr von ihm weiß. Was den Andern betrifft, den ruſſiſchen Sekre⸗ tär oder Spion, wenn Ihnen dieſer Ausdruck beſſer gefällt, ſo hatte er das Unglück, daß ihm einer ſeiner Courriere durch eine Räuberbande ausgeplündert wurde, die, wie die böſe Welt ſagt, zu dieſem Zwecke von Herrn v. Talleyrand ausgeſandt war. Seine geheimen Depeſchen wurden geöffnet und geleſen, und da ſich aus denſelben ergab, daß die ruſſiſche Regierung in gewiſſen Intriguen betheiligt war, ſo hatte der Czaar nur einen Ausweg, nämlſch den Sekretär zurückzu⸗ rufen und ſein ganzes Verfahren zu desavouiren; um ſein Mißfallen noch deutlicher an den Tag zu legen, hat man ihm, wie ich höre, die Naſe aufgeſchlitzt und ihn für den Winter nach Tobolsk geſchickt. Der Prä⸗ fect endlich— was ſoll ich von ihm ſagen, außer daß er Präfect im Süden war und wieder einer werden möchte. Das Höchſte, was er für eine Sache wagt, iſt, daß er auf ihr Gelingen oder wenn Sie wollen, auf den Sturz des Gegners im Burgunder Beſcheid thut, und was ſeinen Enthuſiasmus betrifft, ſo iſt ihm ein gut Theil mehr an einem Witterungs⸗ als an ei⸗ nem Dynaſtienwechſel gelegen, beſonders in der Truͤf⸗ felzeit oder wenn die Trauben reifen. Dies ſind die hochgefährlichen Geſellen, mit denen Sie Umgang ge⸗ habt haben. Es bleibt nur noch übrig, von meinem eigenen geringen Selbſt zu ſprechen, deſſen Geſchichte, wie ich kaum zu ſagen brauche, Ihnen weit mehr zu Dienſten ſteht, als ſie des Hörens werth iſt. Sind Sie zufrieden?“ „Ganz wohl, was mich betrifft; aber keineswegs in Bezug auf Ihr Schickſal. So kurz auch unſere 165 Bekanntſchaft war, ſo habe ich doch genug von Ihnen geſehen, um zu wünſchen, daß Eigenſchaften gleich den Ihrigen in keiner thörichten oder hoffnungsloſen Un⸗ ternehmung vergeudet werden möchten.“ „Wer ſagte Ihnen, daß ſie das eine oder andere ſei?“ unterbrach er mit Ungeſtüm.„Wer wagt zu be⸗ baupten, daß die Herrſchaft eines Uſurpators feſter ſteht, als der Glanz einer Monarch ie, die bis auf Hugo Capet zurückgeht? Nein, nein, über dieſe Frage habe ich keine Luſt mit Ihnen zu ſtreiten und habe gar nicht mehr die Stimmung dazu. Geben Sie mir die Loſung, um durch die Schildwachen zu kommen, und laſſen Sie uns ſcheiden.“ „Aber nicht in Zorn, Beauvais.“ „Nicht in Freundſchaft, mein Herr,“ verſetzte er fiolz, indem er meine dargebotene Hand mit der ſeini⸗ gen zurückrückte.„Adteu,“ ſagte er in ſanfterem Tone, als er aus dem Zimmer ging; darauf kehrte er ſich ſchnell und fügte hinzu:„Vielleicht treffen wir uns ſpäter wieder, aber ſchwerlich unter gleichen Umſtän⸗ den. Hält es das Glück mit Ihnen, ſo muß ich ein Bettler werden; ſollte ich gewinnen, ſo iſt Ihr Loos in der That ein trauriges. Wenn dieſe Zeit kommt, dann möge der, dem es am beſten geht, den andern nicht vergeſſen.—— Leben Sie wohl!“ Mit dieſen orten ging er. Ich beobachtete ihn, wie er durch die ſtillen Alleen dahinſchritt, ſorglos und frei, als hätte er keine Ur⸗ ſache zur Furcht, bis er in dem dunkeln Gehölz ver⸗ ſchwand. Dann ſetzte ich mich nieder, um über unſere Zuſammenkunft nachzudenken. Nie war mein Herz niedergeſchlagener. Meine eigene Schwäche, mit der ich die vertrauliche Annäherung von Menſchen geſtat⸗ tete, deren gefährliche Plane offenbar waren, hatte den ſtrengen Grundſatz der Geradheit, auf den ich mich bei einer ſolchen Probe hätte ſtützen ſollen, gänzlich untergraben. Woran konnte ich mich in der That hal⸗ ten, als an meiner Hingebung für die Sache Bonaparte's? Vorurtheile der Erziehung, dieſe oder jene Richtung von Familien⸗Meinungen, Neigungen von Freunden ſind für den Fremdling nicht vorhanden. Seine Ergeben⸗ heit iſt die Sache ſeiner Wahl— ſie iſt nicht mit ihm geboren; ſeine Loyalität iſt nicht die Frucht von hun⸗ derterlei Sympathien, die in der Kindheit ſein Herz umſchlungen haben und mit ihm in das Mannesalter hinübergewachſen find, ſprechend von Heimath und Kindheit, von heimiſchen Strömen und Bergen, von einem Lande, welches das ſeiner Väter war. Nein, bei ihm iſt es keine Ueberzeugung, nur ein Gefühl. Dieß war der Gegenſtand meiner Träumerei; ich ſtand endlich auf und ging in den Park mit dem aufrichti⸗ gen Gelübde, treu zu bleiben dem, deſſen Namen zu⸗ erſt den Funken des Ehrgeizes in meinem Herzen ent⸗ zündete, und in Wohl und Weh mich ihm zu weihen. Dreizehntes Kapitel. Das Schloß. Am gleichen Tage, wo Beauvais mich verließ, zog auch der Hof von Verſailles ab. Als Grund hie⸗ fur wurde der plötzliche Entſchluß des Conſuls, das Lager von Boulogne zu beſuchen, wobei Madame Bo⸗ naparte ihn begleiten ſollte, ausgegeben; dagegen ging ein dunkles Gerücht, ein entdeckter Plan für ſeine Er⸗ mordung habe ſeine Freunde bewogen, ihm zu dieſem Schritte zu rathen. So viel war gewiß, die Vorbe⸗ reitungen geſchahen in der höchſten Eile, und in weniger als einer Stunde nach Ankunft der Depeſche aus Pa⸗ 167 1 war der Hof auf dem Rückweg nach der Haupi⸗ ad Nicht ohne Gefühl von Traurigkeit betrachtete ich die Equipagen, wie eine nach der andern in der tiefen Säulenreihe dahinrollte und über die weite Terraſſe fuhr, um endlich im Dunkel des Waldes zu verſchwin⸗ den. Ich ſtrengte meine Augen an, um auch nur einen flüchtigen Blick auf eine Perſon zu werfen, die mir jeden Weg und jede Allee zu einem Gegenſtand der Liebe gemacht hatte. Aber ich konnte ſie nicht ent⸗ decken; und es erſtarb in der Ferne das letzte Rollen der eilenden Räder ohne eine freundliche Stimme, die Lebewohl geſagt hätte, ohne ein Lächeln beim Scheiden. Ob ich gleich an der Feſtlichkeit des Hofes keinen Theil genommen hatte, und von den meiſten der Gäſte nicht einmal bemerkt worden war, ſo ließ doch die Ab⸗ weſenheit der luſtigen Welt, des glänzenden cortege, der wiehernden Roſſe in ihrer prächtigen Rüſtung, des Klanges der Militärmuſik, der koſtbar gekleideten Damen, die ſonſt auf den terraſſirten Spaziergängen luſtwandelten, die jetzige Einſamkeit traurig und wahr⸗ haft troſtlos erſcheinen: und nun, da ich in dem Parke ſpazieren ging, deſſen Gänge um Mittag ſo ſtill wa⸗ ren wie um Mitternacht, flößte dieſer verlaſſene Zu⸗ ſtand meinem Herzen ein melancholiſches Gefühl ein, das ich mir nicht erklären konnte. Wie oft war ich unter jenem Balkon geſtanden und hatte aus dem Ge⸗ ſumſe der Unterhaltung die ſanften Töne Einer holden Stimme zu erkennen geſucht! Wie hätte ich das Ge⸗ dränge von Spaziergaͤngern, die jeden Abend auf der Terraſſe erſchienen, durchſpäht, um unter allen andern Eine Geſtalt ausfindig zu machen!— und wenn mein Auge auf ſie gefallen war, wie folgte es ihr bei jedem Schritte! Jetzt beſuchte ich jeden Fleck, wo ich ſie ge⸗ ſehen hatte, bei Sonnen⸗Untergang betrat ich den Spaziergang, wo ſie einſt zu wandeln pflegte, und dachte über jedes Wort nach, das ſie zu mir geſpro⸗ 168 chen. Auch das Schloß, deſſen Thüre ich vorher nie überſchritten, beſuchte ich jetzt zu wiederholten Malen, lungerte in jedem Zimmer umher, wo ich dachte, daß ſie geweſen ſei, ruhte auf jedem Stuhle, und rief mir ihr Bild vor die Seele. So vergingen Wochen und Monate. Der Som⸗ mer glitt hinüber in den milderen Herbſt, und der Herbſt ſelbſt wurde kalt und froſtig; der Himmel färbte ſich grau, ſeufzende Winde fegten das Laub die dunkeln Gänge entlang und klagten traurig unter den hohen Buchen. Das ſtille, ruhige Gewäſſer des kleinen Sees, worin ſich das glänzende Laubwerk und der tiefe blaue Himmel wiedergeſpiegelt hatte, war jetzt durch den darüber ſtreichenden Wind aufgewühlt und ſchlug mit dumpfem traurigem Tone an ſein Fel⸗ ſenufer; aber indem ich dieſe Wechſel beobachtete, that es mir weniger leid, daß die ſchöne Jahreszeit dahin war, als daß jede Spur von ihr, die ich liebte, vor mir entſchwunden war. Nackte und gerippartige Zweige warfen jetzt ihre dürren Schatten dahin, wo ich ſie um Mittag hatte wandeln geſehen, umhüllt von der grünen Nacht des Laubes. Dunkle Nebel⸗ wolken eilten über die Oberfläche der Fluth, worin ihre ſchöne Geſtalt ſich geſpiegelt hatte. Die kalten Winde des nahenden Winters wehten über die fürſt⸗ liche Terraſſe, wo früher ſanfte Zephyre ihr Gewand umſpielt hatten; ich konnte nicht umhin dieſe Verän⸗ derungen mit meinen eigenen Empfindungen zu ver⸗ knüpfen und fühlte, daß meinen geliebteſten Hoffnungen ein düſterer Winter nahte. So verſtrichen Monate, ohne daß ich, außer bei meiner pflichtgemäßen Runde, Jemand ſprach. O'Er⸗ van kam nicht wieder, wie er verſprochen hatte— ein Umſtand, worüber ich mich trotz aller Einſamkeit aufrichtig freute— auch von Beauvais hörte ich nichts; und doch hätte ich in Einer Hinſicht gerne ge⸗ 1 169 wünſcht zu wiſſen, wo er war. Unglücklicherweiſe hatte er in der Aufregung jenes Morgens, wo ich ihn zum letzten Mal ſah, auf dem Tiſche in meinem Quartier die Beſtallung zum Oberſt, wodurch er'meinen Ehrgeiz zu ködern gedachte, liegen laſſen, und ich bemerkte ſie erſt mehrere Stunden nachdem er fort war. Da ich ſie nicht zerſtören wollte und doch mich fürchtete fie in meinem Beſitz zu behalten, wußte ich nicht recht, was ich anfangen ſollte; ich ſchloß ſie endlich in mei⸗ nen Pult ein und ſehnte mich ängſtlich nach einer Ge⸗ legenheit, ſie ihm zurückzugeben. Es bot ſich jedoch keine dar; auch hörte ich nichts von ihm, ſeit der Stunde, da er mich verlaſſen hatte. Die ununterbrochene Einſamkeit, in der ich lebte, machte mich den Studien geneigt; ich nahm daher den Cours wieder durch, der mir in früheren Tagen ſo viel Intereſſe und Vergnügen gewährt hatte; und dadurch wurde nicht nur mein Geiſt von der Betrachtung der ſchmerzlichen Umſtände meiner Einſamkeit abgelenkt, ſondern allmählig kehrte auch mein früherer Eifer für militäriſche Auszeichnung in ſeiner ganzen Kraft zurück; und ſo machte ich zum erſten Mal die Erfahrung, wie viele von den Schmerzen, die unſer Gehirn erzeugt, ihre Heilmittel in derſelben Quelle finden, woraus ſie entſpringen. Wie nöthig die Uebung des Geiſtes wie des Körpers zu einem geſunden Zuſtand des Denkens und Fühlens iſt. Jeder Tag theilte mir auf der Bahn, die ich verfolgte, neue Energie mit; und in dieſen ein⸗ ſamen Stunden erwarb ich mir jene Kenntniſſe, die mir ſpäter die wichtigſten Dienſte leiſten und mich für die Laufbahn eines Soldaten vorbereiten ſollten. Während ſolcher Beſchäftigungen verging die Zeit und bereits begann der düſtere Monat Januar mit ſeinem umwölkten Himmel und ſeinen ſtürmiſchen, regneriſchen Nächten. Ueberall der traurigſte An⸗ blick. Nicht nur waren die Bäume laublos und kahl, 170 ie Wege grundlos und von Waſſeerfurchen durchſchnit⸗ ten, ſondern ſogar das Schloß ſelbſt mahnte an die düſtere Jahreszeit. Die geſchloſſenen Läden und Thü⸗ ren, die zum Schutz gegen das Wetter mit Strohmat⸗ ten gedeckten Statuen verriethen, daß die Zeit vorüber war, wo im warmen Sonnenſchein glückliche Gruppen da und dorthin wanderten, den reichen Duft der Blu⸗ nuen einathmeten und die glänzende Landſchaft betrach⸗ eten. Es war eines Abends gegen neun Uhr. Der Sturm, der gewöhnlich jeden Abend zu gleicher Stunde begann, ſauſte bereits in einzelnen Stößen durch die nackten Zweige der Bäume oder jagte einen plötzlich an die Fenſter ſchlagenden Regenſchauer vorüber; ich rückte näher an das Feuer und wollte mir den Abend mit einem Buche vertreiben, als ich den regelmäßigen Takt eines die Terraſſe entlang herantrabenden Pferdes hörte, das ich der klirrenden Rüſtung nach für ein Kavallerie⸗Pferd halten mußte. Ich ſtand auf, aber bevor ich die Thüre erreichte, hörte ich eine tiefe Stimme rufen:„Der Unterlieutenant Burke— eine Depeſche von Paris.“ Ich nahm das Papier, welches in aller Förmlich⸗ keit geſiegelt und gefaltet war, kehrte in mein Zimmer eüct und öffnete es. Der Inhalt lautete folgender⸗ maßen: „Unterlieutenant.— Nach Empfang dieſes Schrei⸗ bens werden Sie vier Dragoner mit einem Korporal auf der Straße aufſtellen, die von Chaillot nach Ver⸗ ſailles führt, mit dem Auftrag, alle dieſes Weges ge⸗ hende Perſonen, die ſich nicht gehörig ausweiſen können, feſtzunehmen. Ein anderes Picket von zwei Dragonern werden Sie zu gleichem Zwecke auf den Kreuzweg zwiſchen Tron und St. Cloud ſtellen. Der Reſt Ihrer Mannſchaft wird die Nacht hindurch unter Waffen und nöthigenfalls dem Kapitän Lepelletier zur Verfügung —.,— ſtehen. Für pünktliche Vollſtreckung macht Sie gegen⸗ wärtiger Befeyl verantwortlich.. (Unterzeichnet.) Gegeben in den Tuilerien, 14. Januar 1804. Savary, 1 Oberſt der Eliten⸗Gendarmerie.“ So dachte ich, endlich iſt alſo etwas los. Alle dieſe Vorſichtsmaßregeln deuten auf genaue und pünkt⸗ liche Mittheilung; und jetzt ans Werk. Gerade in dieſem Augenblick bemerkte ich zu meinen Füßen ein kleines Billet, das offenbar aus dem Umſchlag des Schreibens gefallen war— ich hob es auf. Es war adreffirt:„Unterlieutenant Burke,“ im Winkel ſtanden die Worte:„in Eile.“ Ich riß es auf und las Fol⸗ gendes: „Alles iſt entdeckt— Pichegru verhaftet— Moreau im Temple. Von hier iſt eine Abtheilung aufgebrochen, um die Anderen im Chateau d'Ancre zu verhaften; vor Mitternacht können ſie nicht dort ſein: Sie können daher noch zu rechter Zeit kommen, um H. de B. zu retten, der unter ihnen iſt. Es darf kein Augenblick verloren werden.“ Dieſes ſeltſame Billet hatte keine Unterſchrift, aber ich wußte ſogleich, woher es kam. Marie allein konnte ſolch einen Schritt wagen, um ihren Geliebten zu retten. Mein Entſchluß war ſogleich gefaßt, ſollte es mich auch den Kopf koſten, ihren Befehl wollte ich ausführen. Ich ſchickte nach dem Sergenten, um ihm die Ordres des Oberſten zu übergeben und befahl zu⸗ gleich meinem Bedienten, mein Pferd vor die Thüre zu bringen, ſo leicht als möglich gerüſtet, und bis auf die Piſtolenhalftern das gewöhnliche Zeug wegzulaſſen. Ich ſelbſt lud inzwiſchen meine Piſtolen und ſchnallte den Säbel um; auch die Beſtallung, welche Beauvais vergeſſen hatte, nahm ich mit, ſowie auch das kurze Billet, das ich, nachdem ich es wieder und wieder ge⸗ leſen hatte, im Futter meiner Kappe verfteckte. Noch eine Schwierigkeit war zu löſen— wo war das Schloß und wie ſollte ich es finden in der Finſterniß einer Winternacht? Gerade da fiel mir ein, daß mein Ser⸗ gent, ein geſcheidter Burſche, vor inſat Wochen in der Nachbarſchaft umherfouragirt hatte. Ich ließ ihn poglrich kommen und fragte ihn, ob er das Schloß enne. „Ja, Lieutenant, ganz gut. Es war einſt ein al⸗ ter Herrenſitz und hat noch jetzt in ſeinem Verfall ein ehrwürdiges Ausſehen. Ich war oft dort, um Korn zu kaufen; aber der mürriſche alte Pächter, ſagt man, haßt die Soldaten, und läßt ſich nicht leicht dahin⸗ bringen⸗ daß er überhaupt mit uns zu thun haben will.“ „Wie weit iſt es von hier?“ „Zwei und eine halbe Stunde, faſt drei— bei dem ſchlechten Weg dürfen Sie in der That ſo viel rechnen.“ „So, jetzt beſchreiben Sie mir ſo kurz als möglich den Weg. 4 „Sie kennen das Kreuz auf der Chauſſée äͤber Apres draußen 24 „Ja, weiter.“ „Sind Sie an dem Kreuze und der kleinen Ka⸗ pelle vorüber, ſo gehen Sie etwa eine halbe Stunde weiter, bis Sie zu einer kleinen Schenke neben der Straße kommen; am Ende derſelben finden Sie einen Queerweg, der Sie ungefähr wieder eine halbe Stunde über die Felder an einen großen Teich führt, wo man das Vieh tränkt, von dort gehen Sie weiter, bis Sie zur Linken die Lichter eines Dorfes ſehen; brennen keine Lichter mehr, ſo kann Ihnen das Hunde⸗ gebell als Wegweiſer dienen; das Dorf betreten Sie alcht, ſondern Sie gehen weiter, bis Sie einen alten mit Epheu bedeckten Thorweg finden; dieſer führt Sie zum Schloſſe. Es iſt ein Bullenbeißer dort, vor dem 73 Sie ſich in Acht nehmen müſſen; aber feuern dürfen Sie auch nicht auf ihn; ſie hätten mir einmal beinahe das Leben genommen, weil ich gegen ihn eine Piſtole halb aus dem Halſter gezogen hatte, und ich hörte ei⸗ nen der Kerle zu einem andern ſagen: Monſeigneur's Dogge ſei wohl einen„Blauen“ werth, was er nun immer damit meinen mochte.“ In einigen Minuten waren meine Ordres in Be⸗ treff des Pickets gegeben. Ich ſaß bereits im Sattel, und obgleich mein Ausritt kein Staunen unter meinen Leuten erregte, da ſie ihn mit den Befehlen, die ich ſoeben gegeben hatte, in Verbindung bringen konnten, ſo hörte ich doch beim Wegreiten, wie der Sergeant zu einem andern murmelte:„Parbleu, ich dachte mir immer, daß es mit jenem alten Schloſſe nicht richtig ſei— das Wetter mochte ſein wie es wollte, ſo ließen ſie Niemand hinein, der innerhalb ſeiner Wände Schutz ſuchen wollte.“ Die Nacht war ſo dunkel, daß ich nicht einmal den Kopf meines Pferdes unterſcheiden konnte; ſchwere Regengüſſe ſtürzten herab und der Wind ſauſte durch den Wald mit einem Getöſe gleich der ſtürmenden See. Ich gab jetzt meinem Pferde die Sporen und das friſche Thier rannte wie toll. Der peitſchende Regen, der widerwärtige Wind ſchien ſeinen Muth zu erhitzen. Mit vorwärts gebogenem Kopfe, die Zügel feſt in den Händen haltend, ritt ich weiter, bis ich in der Ferne den ſchwachen Schimmer eines Lichtes erblickte. Als ich näher kam, ſah ich, daß es eine kleine Kerze war, die über dem Bilde der Jungfrau brannte. Irgend eine fromme Hand hatte ſie dahin gethan, unbekümmert um Regen und Sturm; und da brannte ſie nun ſicher vor den Stürmen der rauhen Nacht und warf ihr gel⸗ bes Licht auf den armſeligen Flitter, welchen ländliche Frömmigkeit dem geliebten Heiligen geweiht hatte. Als ich den kleinen Altar anſah, dachte ich an die ge⸗ fährliche Unternehmung, in die ich mich verwickelte. Faſt hätte ich mir einigen Aberglauben gewünſcht, der für jeden Augenblick des Lebens ſeinen eigenen Troſt zu haben ſcheint. Denn wie müde Wanderer ihre aus⸗ gedörrten Lippen an einer Quelle erfriſchen und die menſchenfreundliche Hand ſegnen, welche die kleine Höhlung in den Felſen grub— ſo haben die Anhänger jenes Glaubens immer einige materielle Beweiſe von dem Wohlwollen ihrer Kirche vor Augen, die ſie bald gegen die Leiden der Welt waffnet, bald dankbar für empfangene Wohlthaten ſtimmt, bald ihre Selbſtſucht durch Opfer, wodurch ſie ſich in ihrer eigenen Meinung erhoben fühlen, beſteuert, bald ſie durch Beiſpiele trö⸗ ſtet, die ſie auf ihre Leiden ſtolz macht. Dieſe unmit⸗ telbare Berufung des menſchlichen Herzens auf die zu jeder Stunde bereitſtehenden Tröſtungen der Religion iſt es, was die große Kraft des Glaubens in katholi⸗ ſchen Ländern ausmacht. Solche Gedanken beſchäſtigten meine Seele noch lange nachdem ich die kleine Kapelle hinter mir hatte. „So,“ ſagte ich,„das muß die Schenke ſein, von welcher der Sergent ſprach,“ als ich eine Stimme hörte, die aus einem kleinen Hauſe neben der Straße kam. Ein Paar Sekunden lang zauderte ich, ob ich nicht abſteigen und nach dem Weg fragen ſollte; hielt es jedoch für beſſer, nichts durch Verzug zu riskiren, ritt vorſichtig weiter und hörte am Tritt des Pferdes, daß wir die Chauſſée verlaſſen hatten und nun auf dem verwünſchten lehmigen Feldweg waren. 3 Ich ſpornte wieder zum Galopp und mein kräfti⸗ ees Pferd platſchte durch den tiefen Koth und ſetzte Kuyn über die vollen Furchen; hier ſtemmte es ſich ei⸗ ner ſteilen rauhen Anhöhe entgegen, wo der zerriſſene Weg von einem angeſchwollenen Gewäſſer durchfurcht wurde, dort plumpte es in eine Vertieſung, wo die Finſterniß noch dicker und undurchdringlicher ſchien. Endlich ſah ich weit unter mir das ſchimmernde Licht — 175 des Dorfes und begann bei mir ſelbſt zu überlegen, auf welchem Punkte ich mich links wenden ſollte, als ich mir gerade gegenüber das Klirren eines Säbels zu entdecken glaubte, der an die Seite: eines Pferdes ſchlug. Ich bückte mich bis auf die Mähne meines Pferdes und konnte das Klirren jetzt deutlich hören und noch deutlicher die tiefen Töne einer Soldaten⸗ Stimme; ſie fragte Jemand, den ich ſeinem Patois nach für einen Bauern hielt. „Seid Ihr wirlich überzeugt, daß wir nicht irre ſind 2 „Ach, ich kenne den Weg viel zu gut dazu— bei Tag und bei Nacht bin ich ihn gegangen, ſchon als Bube, in dem Dorfe da drunten bin ich geboren. Wir kommen jetzt bald an die kleine hölzerne Brücke; dann wenden wir uns links gegen Martin Guichard's—— ℳ „Was ſcheert mich das Alles?“ unterbrach ihn der Andere in rauhem Tone.„Wie weit haben wir noch zum Schloß? etwa noch eine Stunde? „Parbleu!— Nein! keine halbe mehr. Wenn Ihr jenen Hügel dort hinaufkommt, ſeht Ihr ein Licht; ſie brennen immer eines im Thürmchen dort— das iſt das Schloß.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ murmelte ich;„und nun an ihnen vorüber, dann iſt Alles gut.“ Die zwei Figuren vor mir, die ich jetzt in der Finſterniß ein wenig unterſcheiden konnte, ſtiegen Schritt für Schritt einen rauhen, ſchmalen Pfad hinab, wo eine lange Hecke auf beiden Seiten eine Wand bildete. Ihnen hier zuvorzukommen, war alſo rein unmöglich; ich hatte keine andere Wahl, als auf einem Umweg über die Felder in das Dorf zu reiten und wo möglich die Brücke, von der er geſprochen hatte, zu erreichen. Schnell wie der Gedanke lenkte ich mein Pferd von dem grundloſen Wege auf den noch grundloſeren Bo⸗ den der gepflügten Felder. Mein Pferd, ein ſtarker und kräftiger Normann, ſtampfte bei der leiſeſten Handbe⸗ wegung friſch hindurch. Meine Augen nach den weni⸗ gen Lichtern gerichtet, die das kleine Dorf andeuteten, ritt ich furchtlos vorwärts: bald ſetzte mein Thier wie toll über eine niedere Weidenhecke, bald glitt es aus auf dem naſſen, ſchlammigen Boden, wo jeder Schritt uns beide auf die Erde zu bringen drohte. Nun ging es einen faſt ſteilen Hügel hinab; aber der tiefe Grund gab dem Pferde feſten Fuß, und ich verminderte meine Eile nicht. Endlich hörte ich etwas unter mir krachen; es war der kleine Zaun eines Dorfgartens, und vor mir in einiger Entfernung konnte ich dunkel den Umriß einer Hütte entdecken. Jetzt ſtieg ich ab und ſuchte ſorg⸗ fältig den Pfad, der gewöhnlich am Ende der Hütte in den Garten führt: dieſen machte ich bald ausfindig und in der nächſten Minute war ich auf der Straße. Zum Glücke konnte bei dem Sturme, der noch immer gleich heftig fortwüthete, Niemand außen ſein, und außer dem ſchwachen Schimmer eines Lichtes war Alles in Finſterniß verſunken. Ich ging einige Minuten lang neben meinem Pferde und hörte endlich das Rauſchen eines ange⸗ ſchwollenen Baches: ich näherte mich Schritt für Schrit! und entdeckte die kleine Brücke, die ganz einfach aus zwei Planken beſtand, weder rechts noch links mit ei⸗ nem Geländer verſehen. Es machte mir wenig Schwie⸗ rigkeit, mein Pferd hinüber zu führen, und ich war gerade im Begriff, wieder aufzuſteigen, als ich die Stimme des Soldaten von der Dorfſtraße her hörte. Da blitzte mir ein plötzlicher Gedanke durch die Seele. Jeder Augenblick war jetzt koſtbar; ich bückte mich, lüpfte die eine Planke und warf ſie ins Waſſer; bald folgte die andere; und ehe ich wieder in meinem Sattel war, riß ſie der Strom über die Felſen fort. „Hier iſt ein Unglück!“ rief der Bauer in klägli⸗ chem Tone—„die Brücke iſt weggeriſſen.“ „Donner und Wetter! Gibt's keinen andern Weg hinüber?“ ſagte der Dragoner in aufgebrachtem Tone. Ich ſäumte nicht länger, gab meinem Pferde die Sporen, ſetzte das ſteile Ufer hinan und ſah im näch⸗ ſten Augenblicke das Licht des Schloſſes. Denn für ein ſolches hielt ich einen⸗ glänzenden Stern, der in einiger Entfernung blinkte. Jetzt gilt es Eile, ſagte ich und ließ meinen ſtarken Normann ausziehen ſo ſchnell er konnte. Der Wind konnte mich kaum einho⸗ len, während mich der Regen um und um durchpeitſchte. Bald veränderte ſich der Fußweg und ich fand, daß es über ein weiches Torffeld ging. Ha! dieß iſt das alte Thor, dachte ich, als ein hoher Schwibbogen, mit Epheu behangen und durch eine ſtarke Tyüre geſchloſſen, uns im Wege ſtand. Ich ſchlug laut daran mit dem ſchweren Griff meiner Reitpeitſche— ohne Erfolg: die rauhe Stimme des Sturms erſtickte alle ſolche Töne. Ich ſtieg ab und ſuchte mich hörbar zu machen, indem ich mit einem ſchweren Stein anklopfte. Ich rief, ich ſchrie— Alles umſonſt. Meine Angſt ſtieg mit jedem Augenblick. Was war zu thun? Der Dra⸗ goner konnte in jedem Moment anlangen, und dann mußte ich das Verderben der Andern theilen. Auf's Aeußerſte gebracht durch die Noth, die jeden Augen⸗ blick dringender wurde, ſprang ich in den Sattel und ritt der Mauer nach auf die andere Seite des Schloſ⸗ ſes, um irgend eine Oeffnung zu finden. Ich war noch nicht weit geritten, als ich einen Theil der Mauer ſah, der mir, zerbrochen und zerfallen wie er war, die erwünſchte Gelegenheit darbot. Ich beſann mich nicht lange, ſondern ſprengte wild dagegen an. Mein Pferd, nicht gewohnt an ſolche Anſtrengung, ſetzte über die Barrière„ſtürzte über Hals und Kopf zu Boden und warf mich mehrere Schritte weit vor ſich hin. Beim Fallen entfuhr mir ein Schrei des Schmerzes, und kaum war ich wieder auf meinen Knieen, als mir das rauhe Gebelle einer wilden Dogge zu Ohren drang, und bald hörte ich das Thier durch Tom Burke. U. 12² ſtole knacken. 178 das Buſchwerk gegen mich anſtürzen. In einem Nu zog ich meinen Säbel, ſchlug, ohne recht zu wiſſen nach welcher Seite ich mich vertheidigen ſollte, wild um mich, und ſchrie aus aller Macht um Hülfe. Die wü⸗ thende Beſtie ſprang mir gleich einem Tiger an die Kehle und packte mich, obgleich verwundet durch einen auf geradewohl geführten Hieb, mit ihren ſchrecklichen Fängen: zum Glück ſchützte mich der ſtarke Kragen meiner Uniform; aber die Gewalt des Angriffs brachte mich aus dem Gleichgewicht und wir wälzten uns üben einander auf dem Boden. Ich packte das Thier mit beiden Händen an der Kehle und ſuchte es zu erwür⸗ gen, während es vergeblich nach meinem Geſichte ſchnappte. In dieſem kritiſchen Augenblick hörte man ein Geſchrei, mehrere Lichter flatterten vor dem Schloſſe hin und her und bald war ich von einem Haufen be⸗ waffneter Perſonen umringt. Ein Bauer ergriff den Hund am Halsband und riß ihn weg, während mir ein anderer eine Laterne vor das Geſicht hielt und mit erſchreckter Stimme ausrief:„Sie ſind an uns; wir find verloren.“ „Parbleu! Ihr hättet Colbert ſein Werk vollenden laſſen ſollen— es iſt ein„Blauer,“ und die ſollte man alle den Hunden vorwerfen.“ „Nicht ſo,“ ſagte ein anderer mit tiefer, entſchloſ⸗ ſener Stimme,„dieſe Waffe iſt ſicherer.“ Bei dieſen Worten hörte ich den Hahn einer Pi⸗ „Halt ein! halt!“ rief eine Stimme in gebieteri⸗ ſchem Tone.„Ich kenne ihn, ich kenne ihn wohl. Es iſt Burke. Nicht wahr?“ 4 Es war Beauvais, der im gleichen Augenblick ne⸗ ben mir kniete und ſeinen Arm um meinen Nacken ſchlug. Ich flüſterte ihm ein Wort ins Ohr. Er ſprang auf, und nach einem haſtigen Befehle, mir nach dem Schloſſe zu helfen, war er verſchwunden. Ehe it jee doch die Thüre erreichen konnte, war er wieder neben mir. „Und dies thaten Sie, um mich zu retten, theurer Freund?“ ſagte er mit einer von Schluchzen halb er⸗ ſtickten Stimme. In alle dieſe Gefahr haben Sie fich um meinetwillen geſtürzt?“ Ich wagte es nicht, mir das Verdienſt einer Hand⸗ lung anzumaßen, worauf ich keinen Anſpruch hatte, noch weniger von Der zu ſprechen, um derentwillen ich mein Leben auf's Spiel ſetzte, und lehnte mich ſtumm an ihn, während er mich in die Vorhalle führte. „Sitzen Sie hier einen Augenblick, nur einen Au⸗ genblick nieder,“ flüſterte er mir zu,„ich werde bald zurück ſein.“ Ich ſetzte mich auf eine Bank und ſah mich um. Der Platz war allem Anſchein nach in früheren Tagen von Belang geweſen: die Wände, mit dunklem Wall⸗ nußholz betäfelt, waren mit groteskem Schnitzwerk von Jagd⸗Scenen und Waidmanns⸗ Geſchirr verziert; die Decke, in demſelben Geſchmacke, entfaltete Trophäen von Waffen, vermiſcht mit verſchiedenen Jagd⸗Emble⸗ men; in der Mitte dagegen war, umſchloſſen von einer Bandſchleife, das königliche Wappen der Bourbonen: die Vergoldung, die einſt daran geſchimmert, war ver⸗ blichen und verſchoſſen 3, auch die Lilien waren zerbro⸗ entdecken war, gleichſam als hätte derſelbe nicht den Sturz derer erleben wollen, auf die er jetzt nur noch wie ein Hohn klang. Während ich ſo daſatz, füllte ſich allmählig die weite Halle mit Männern, deren ängſt⸗ liche, aufgeregte Geſichter den Schrecken verriethen, den meine Ankunft erregt hatte, während nicht Einer ein Wort zu mir zu ſprechen wagte. Die meiſten wa⸗ ren mit Hirſchfängern bewaffnet, und einige trugen in den Gürteln um ihre Leiber Piſtolen; andere dagegen hatten rohe Piken, deren plumpes Ausſehen die Arbeit eines Dorfſchmieds verrieth. Sie ſtanden in einem Halbkreis um mich; ihre Augen waren mit dem Aus⸗ 180 druck der durchbohrendſten Neugier auf mich geheftet; aber geſprochen wurde keine Silbe. Plötzlich öffnete n am Ende eines Ganges eine Thüre und Beauvais rief: „Hieher, Burke, hieher!“ Vierzehntes Kapitel. Das Schloß d'Ancre. Ehe ich Zeit hatte, mich zu beſinnen, hatte mich Beauvais in ein Zimmer geſchleppt und, ſobald ich eingetreten war, die Thüre hinter mir verſchloſſen. Bei dem Lichte eines rohgearbeiteten Leuchters, der in der Mitte eines Tiſches ſtand, ſah ich eine Geſellſchaft von etwa einem Dutzend Perſonen um denſelben her⸗ umſitzen; den oberſten Platz nahm ein Mann ein, deſ⸗ ſen eigenthümliches Ausſehen all meine Aufmerkſamkeit feſſelte. Bruſt und Schultern waren von ungemeiner Breite; darüber erhob ſich ein maſſiver Kopf, auf deſ⸗ ſen beiden Seiten eine Maſſe rothen Haares herabfiel; ein Bart von gleicher Farbe hing ihm weit auf die Bruſt herunter und theilte im Verein mit ſeinen über⸗ hängenden Augenbrauen den an und für ſich ſchon harten und abſchreckenden Zügen einen äußerſt wilden und trotzigen Ausdruck mit. Er trug zwar eine Blouſe nach Art der Bauern, aber es war leicht zu ſehen, daß er keinem niederen Stande der Geſellſchaft ange⸗ hörte. Um ſeine musklige Bruſt wand ſich ein breiter Gürtel von ſchwarzem Leder, um ein ſtarkes, gerades Schwert zu tragen, deſſen ſchwerer Griff über den Arm ſeines Stuhles emporragte. Ein Paar ſchön gearbeitete Piſtolen lagen vor ihm auf dem Tiſche, und der mit 181 Schnitzwerk verzierte Griff eines Dolches ſah ein wenig aus der Bruſttaſche ſeiner Weſte heraus. Von den übrigen, die um ihn ſaßen, hatte ich kaum Zeit zu be⸗ merken, daß ſie Bauern waren,— aber alle wohl be⸗ waffnet, und die meiſten trugen vorne an ihren Blouſen eine weiße Kokarde. Jedes Auge war auf mich gerichtet, der ich erſtaunt und ſprachlos unten am Tiſche ſtand, während Beauvais von meiner Seite weg zu dem großen Mann eilte und ihm einige Worte ins Ohr flüſterte. Er erhob ſich langſam von ſeinem Stuhle, und in einem Augenblick war jedes Geſicht gegen ihn gekehrt. Darauf redete er ſie, in tiefen Kehltönen ſprechend, einige Minuten lang in einem Patois an, von dem ich durchaus nichts verſtand— jedes Wort, das er ſprach, ſchien nach dem kurzen, ſchweren und tiefen Athmen, den glühenden Geſichtern und ſtarrenden Augen zu ſchließen, ihnen ans Herz zu greifen. Mehr als einmal, wenn— wie mir es wenigſtens vorkam— eine Anſpielung auf mich gemacht wurde, warfen ſie alle zugleich ihre Blicke auf mich: einmal, als er etwas ſagte, geſchah es auch, daß Jeder mit der Hand nach dem Griff ſeines Schwertes fuhr, aber als er fortſprach, ließ jeder ſie verdroſſen wieder fallen. Nachdem die Rede vorüber war, wurde die Thüre aufgeſchloſſen, ſie verließen einer nach dem andern das Zimmer und Jeder grüßte beim Weggehen mit Ehrerbietung den Sprecher. Kaum war der letzte Mann verſchwunden, ſo verſchloß und verriegelte Beau⸗ vais die Thüre, kehrte ſich darauf haſtig um und rief: „Was nun?“ Der ſtarke Mann ſenkte ſein Haupt in ſeine Hände und gab keine Antwort; aber plötzlich ſprang er auf und ſagte: 4 „Nehmen Sie mein Pferd, es iſt friſch und ſat⸗ telfertig, und reiten Sie nach Quille⸗boeuf: die Fuhrt bei Montgorge wird angeſchwollen ſein, aber es wird 182 mit Ihnen hinüberſchwimmen; im Pächterhaus jenſeits des Fluſſes können Sie halten.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ ſagte Beauvais; „aber was ſoll aus Ihnen werden? wollen Sie zurück⸗ bleiben?“ „Ich gehe mit ihm,“ ſagte er, auf mich deutend. „Als ſein Gefährte kann ich den Boulogner Wald er⸗ reichen— jedenfalls als ſein Gefangener— bin ich einmal dort, ſo dürft Ihr wegen meiner in Ruhe ſein.“ Beauvais ſah mich an, als erwarte er eine Ant⸗ wort— ich zögerte lange und ſagte endlich:„Um Jh⸗ retwillen, Herr von Beauvais, und zwar blos um JIhretwillen habe ich einen Schritt gewagt, der aller Wahrſcheinlichkeit nach mein Verderben iſt. Eure Plane kenne ich nicht und will ſie nicht kennen— auch werde ich mit Niemand, ſei er, wer er wolle, zum Behuf Eurer Unternehmung in Verbindung treten.“ „Jacques Tiſſerend, der Lohgerber,“ fuhr der ſtarke Mann fort, gleichſam unbekümmert um meine Unter⸗ brechung,„wird Armand von Polignac mittheilen, was geſchehen iſt— und Charles de la Reviere wird am beſten thun, bei Biville den engliſchen Kutter ab⸗ zuwarten— dieſer wird morgen oder übermorgen an vere Rüſge liegen. Fort, verlieren Sie keinen Augen⸗ blick.“ „Und mein theurer Freund hier,“ ſagte Beauvais gegen mich ſich wendend,„der ſein Leben gefährdet hat, um mich zu retten, ihn ſoll ich ſo verlaſſen?“ „Können Sie ihn retten, wenn Sie bleiben?“ fragte der andere, das Zündkraut ſeiner Piſtolen kalt⸗ blütig unterſuchend. fnd Wir können alle entkommen, wenn wir nur ſchnell ind.— Beauvais winkte mir mit dem Auge, ich ging auf ihn zu, er warf ſeine Arme um meinen Hals und mur⸗ melte mit dumpfer, gebrochener Stimme:— 183 „Wenn ich Ihnen ſage, daß Alles, wofür ich lebte, nicht mehr für mich da iſt— die Liebe, die ich ſuchte, wurde mir verſagt, mein theuerſter Wunſch durchkreuzt— ſo werden Sie nicht denken, daß ein ſelbſtfüchtiges Ver⸗ langen zu leben mich jetzt bewegt; nein, aber es bindet mich ein vor meinem Souverän geſchworener, feierlicher Eid, dem geringſten Befehl dieſes Mannes zu gehor⸗ chen, und den darf ich nicht brechen.“ „Hinweg, hinweg, unten am Thore höre ich Stim⸗ men,“ rief der Andere. „Adieu, adieu für immer,“ ſagte Beauvais, meine Wange küſſend, und ſprang durch eine kleine Thüre in dem Getäfel, die ſich hinter ihm wieder ſchloß. „Nun was uns betrifft,“ ſagte der ſtarke Mann und nahm einen Mantel von der Wand⸗„Mit dieſem Stricke müſſen Sie meine Hände binden, aber ſo, daß ich, obgleich ſie feſt gebunden ſcheinen, in einem Augen⸗ blick mich losmachen kann— Sie laſſen mich auf einem ſtarken Pferde neben Ihnen und Ihre Soldaten vor und hinter uns reiten. Wenn wir den Boulogner Wald erreichen, ſo verlaſſen wir die Allée des Chaſſeurs und wenden uns gegen St. Cloud. Donner und Wet⸗ ter, da drunten feuern ſie!“ Ein unregelmäßiges Klein⸗ gewehrfeuer und gleich darauf ein wildes Triumphge⸗ ſchrei übertönte das Getöſe des Sturmes.„Noch ein⸗ mal, hörten Sie's? das find Reiter⸗Karabiner— ich kenne ſie am Knall. Verwünſchte Hunde, daß ſie mir nicht gehorchen wollten Ii. rief er, leidenſchaftlich auf den Boden ſtampfend, während er ſeine Blouſe weg⸗ warf, ſeine Piſtolen in den Gürtel ſteckte und ſich zu einem Kampf auf Leben und Tod rüſtete. Inzwiſchen hörte man Piſtolenſchüſſe vermiſcht mit wildem Geſchrei und lärmendem Hurrah immer näher kommen— end⸗ lich pochte es laut an die Hauptthüre mit dem Ruf: „da find fie, da find ſie!“ Der ſtarke Mann, jetzt völlig gerüſtet, das blanke Schwert in der Hand, ſchloß die Thüre auf. Der 184 Gang außen war voll bewaffneter Bauern, die ſchwei⸗ gend ſeine Befehle erwarteten. Wenige Worte in dem vorigen Patois ſchienen hinreichend, und ſie antworte⸗ ten mit einem Jubelgeſchrei, daß die Wände zitterten. Der Chef flog ſchnell von Ort zu Ort durch die Haufen, die auf ſeinen Befehl in mehrere Partien ſich trennten— einige beſetzten die Thüren, welche auf die Halle mündeten— andere knieten nieder, um über ſich hinweg feuern zu laſſen— hier am Haupteingange ſelbſt waren zwei mit Aexten aufgeſtellt— und ſechs von denen, die am entſchloſſenſten ausſahen, ſollten den Gang mit ihren Musketen vertheidigen. So wa⸗ ren die Streitkräfte vertheilt, als plötzlich das Licht ausgelöſcht wurde und Alles in die dichteſte Finſterniß verſank— nur das tiefe Athmen aus pochender Bruſt verrieth ihre Nähe— als außerhalb des Hauſes das Kampfgetöſe allmählig erſtarb und nur der Sturm noch ſich hören ließ. Was mich betraf, ſo lehnte ich mit geſenktem Haupte, die Arme über die Bruſt gekreuzt, an einem Thürpfoſten und betete um den Tod, das einzige Ende meiner Entehrung, das ich vor mir ſah. Es war eine ſchreckliche Pauſe— der Sturm ſelbſt ſchien etwas nachzulaſſen, und man hörte nur noch den ſchweren Regen, der in Strömen fiel— als mit einem lauten Krach die Hauptthüre aufbrach und auf die Flur hinſtürzte. Die innen Stehenden verriethen durch kein Wort, keine Bewegung ihre Nähe, während das Geflüſter einer Partie von außen bewies, daß der Feind da war.„Schnell die Fackeln her,“ rief eine Stimme gleich der eines Offiziers, und alsbald ſah man die röthliche Flamme angezündeter Tannenzweige durch die dunkle Atmosphäre flackern. Das Licht fiel auf eine ſtarke Zahl abgeſtiegener Dragoner und Gen⸗ darmen, die, den Karabiner in der Hand, nur auf das Wort zum Angriff warteten. Der Offizier, deſſen Ge⸗ ſtalt ich erkennen konnte, als er die Front ſeiner 185 er zu einem feſten Entſchluß gekommen und näherte ſich mit einer Fackel in der Hand dem Eingang— ſcholl von innen, und ohne ein Commando abzuwarten, ſtürzten ſie vorwärts. Die Bauern, die keine Zeit hat⸗ ten, ihre Gewehre wieder zu laden, kehrten ſie um jetzt Hand an Hand— denn ſo enge auch der Thür⸗ weg war, ſo drangen doch jeden Augenblick drei bis vier Dragoner hinein, und allmählig wurde die Halle eine dichte Maſſe von blind darauf losſchlagenden und bahnte ſich den Weg gegen den Eingang mit einem langen geraden Dolche, gleichſam rückſichtslos um Freund oder Feind.„Her zu mir! her zu mir!“ rief ein großer, ſtarker Mann und packte ihn an der Kehle; mitten ins Herz geſtochen taumelte er in ſeinem Todes⸗ kampf zurück— aber im gleichen Augenblicke raſſelte um den ſtarken Mann ein wahrer Regen von Kugeln, von denen jedoch nur eine ihn in die Schulter traf. Dennoch kämpfte er fort und ſprang endlich gleich einem wilden Tiger mit dem Kopfe ſich bückend in den Hof hinaus. Kaum hatte jedoch ſein Fuß das naſſe Gras berührt, ſo glitt er aus und fiel auf ſeinen Rücken. Ein Dutzend Saͤbel waren über ihm geſchwungen und nur durch die äußerſten Anſtrengungen des Offiziers wurde ein Tod durch hundert Wunden von ihm abge⸗ 186 wendet. Die Niederlage des Führers ſchien den Muth ſeiner ganzen Partei zu beugen; die wenigen, welche im Stande waren, zu entweichen, ſtürzten da und dort⸗ hin durch wohlbekannte Gänge und Thüren; die übri⸗ gen aber, die ſchrecklich verſtümmelt, ſterbend oder todt umherlagen, überſchwemmten die gepflaſterte Flur mit ihrem Blute.. Gleich einem in ſchrecklichem Traume liegenden Menſchen ſah ich dieſem wilden Kampfe zu, wuͤnſchte, irgend eine Kugel möchte ſich in mein Herz verirren und ſchämte mich doch, mit einem ſolchen Flecken auf meiner Ehre zu ſterben. Ich kreuzte die Arme über die Bruſt und erwartete mein Schickſal. Zwei Gen⸗ darmen eilten mit Fackeln hin und her und betrachte⸗ ten die Geſichter derer, die noch zu leben ſchienen, als plötzlich einer von ihnen mich erblickte und ausrief: „Was iſt das? Ein Huſaren⸗Offizier!“ Sogleich kam ein Offizier zur Stelle, hielt mir eine Laterne vors Geſicht und ſagte raſch: „Wie kommt dieß, mein Herr?— wie kommen Sie hieher?“ „Hier iſt mein Säbel,“ ſagte ich, und zog ihn aus der Scheide.„Ich ergebe mich als Gefangener. Ueber mein Benehmen muß ich an einem andern Orte und vor andern Richtern Rechenſchaft geben.“ „Parbleu, Jacques,“ ſagte der Offizier zu einem andern, der daneben auf einem Stuhle ſaß und ſich ſeine Wunden verbinden ließ,„dieſer Handel iſt ſchlim⸗ mer als wir dachten; hier ſteckt einer vom„achten“ mit im Spiele.“ 3 „Ich hoffe, mein Herr,“ ſprach er zu dem jungen Mann, deſſen Arm von einer Säbelwunde heftig blu⸗ teie,„ich hoffe, Ihre Wunde wird keine ſchlimmen Folgen haben.“. Er ſah plötzlich auf und antwortete, während ein Lächeln des beizendſten Hohnes ſeine blutloſe Lippe verzog: 187 „Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihr Mitgefühl; aber Sie müſſen mir vergeben, wenn ich früher oder ſpäter Ihre Tröſtungen nicht vergelten kann.“ „Sie haben Recht, Lieutenant,“ ſagte ein Dra⸗ goner, der am Boden lag und aus einem ſchrecklichen . Hieb in der Stirne blutete.„Ich ſelbſt möchte in die⸗ ſer Minute nicht mit ihm tauſchen, trotz all ſeiner Epauletten.“ Mit dem überwältigendſten Gefühle meiner Er⸗ niedrigung, da ich auf ſolche Schmähungen nichts zu erwiedern wagte, ſtand ich ſtumm und verwirrt da. Inzwiſchen hatten ſich die Soldaten beſchäftigt, ihre zerſtreuten Waffen zu ſammeln, die Handgelenke der Gefangenen mit Stricken zu feſſeln und im Hauſe nach weiteren Spuren der Verſchwörung, die vielleicht auf ander Verzweigungen leiten könnten, zu ſuchen. Allmählig waren dieſe Geſchäfte beendigt, der Tag brach an und ich konnte im Hofraum mehrere große bedeckte Karren bemerken, die zum Transport der Ge⸗ fangenen beſtimmt waren. Einer derſelben war gänz⸗ lich für den ſtarken Mann eingeräumt, der, obgleich nur leicht verwundet, nicht im Mindeſten ſich ſelbſt unterſtützte, ſondern wie eine ſchwere, träge Maſſe dort lag und ſich von den Andern aufheben und auf den Karren legen ließ. Solche, die zu ſchwer ver⸗ wundet waren, als daß man ſie hätte transportiren können, wurden in ein Zimmer des Schloſſes gebracht, wo für ſie eine Wache zurückgelaſſen wurde. Nun trat ein Sergent von der Gendarmerie zu mir und begann, ohne ein Wort zu ſprechen, nach Papieren oder Dokumenten, die ich vielleicht heimlich bei mir trüge, zu ſuchen. „Sie ſind im Irrthum,“ ſagte ich ruhig.„Ich habe nichts der Art, was Sie vermuthen.“ „Nennen Sie dieß nichts?“ unterbrach er trium⸗ phirend, indem er die auf Pergament geſchriebene Beſtallung, die ich in den Buſen geſteckt und an Beau⸗ 188 vais abzugeben vergeſſen hatte, hervorzog.„Parbleu, Sie hätten gewiß ein beſſeres Gedächtniß gehabt, wä⸗ ren Ihre Plane gelungen.“ „Geben Sie,“ ſagte ein Offizier, als er ſah, wie 4 der Sergent das Dokument mit ſeinen Augen ver⸗ ſchlang.„Ah!“ rief er, zurücktretend,„er ſollte eine hohe Rolle ſpielen. Er muß ſcharf bewacht werden.“ Die Befehle des Offiziers wurden befolgt, die verſchiedenen Gefangenen auf den Karren untergebracht, auf beiden Seiten ritten Dragoner, mit ihren losge⸗ geſchlungenen Karabinern in den Händen. Endlich kam auch die Reihe an mich: ich mußte in einen Kar⸗ ren ſteigen mit zwei Gendarmen, deren Ordres bei jedem Fluchtverſuch von meiner Seite ziemlich klar durch zwei Piſtolen angedeutet waren, die ſie zu bei⸗ den Seiten bereit hielten. Ein ſchwerer, und ununterbrochener Regen ohne Wind oder Sturm folgte jetzt, da es Tag war, auf die ungeſtüme Nacht. Schwarze Wolken drückten re⸗ gungslos auf die Erde nieder, deren Oberfläche durch den Schatten ſich verdunkelte. Eine ſchwere, trübe Atmoſphäre vermehrte meine düſtere Stimmung; und weder inwendig in meinem Herzen noch außen in der Welt konnte ich auch nur Einen Troſt finden. Anfangs fürchtete ich, meine Gefährten möchten mich anreden: eine einzige Frage hätte mir das Herz zerriſſen; aber zum Glücee beobachteten ſie ein ſtrenges Stillſchweigen, ſo daß ſie den ganzen Tag kein Wort ſprachen, nicht einmal unter ſich ſelbſt. Gegen Mittag hielten wir an einer kleinen Schenke neben der Straße, wo Erfriſchungen eingenommen und die Pferde ge⸗ wechſelt wurden, worauf es wieder vorwärts ging. Der Tag neigte ſich bereits zu Ende, als wir den Boulogner Wald erreichten und die lange Allee be⸗ fuhren, die zu der Barrière de'Etoile führt. Die ſchweren Räder gingen geräuſchlos über den ebenen Torfboden, und außer dem Geraſſel der Soldaten⸗ 189 Rüſtungen war Alles ſtill. Eine Stunde lang war es ſo vorwärts gegangen, als ein lautes Geſchrei von vornen und ein Piſtolenſchuß, worauf alsbald drei bis vier andere folgten, plötzlich Halt, gebot. Ich konnte durch das ungewiſſe Licht berittene Geſtalten erkennen, die wild hin und her flogen und ins Dickicht des Waldes ſtürzten. „Achtung auf die Gefangenen!“ rief ein Offtzier, die Linie entlang galoppirend. Bei dieſem Worte griff jeder Mann nach ſeinem Karabiner und hielt ſich be⸗ reit. Inzwiſchen hatte der ganze Zug Halt gemacht, und ich konnte ſehen, daß vorne an der Front etwas von Bedeutung vorgefallen war, ob ich mir gleich nicht denken konnte, was es ſein mochte. Endlich ritt ein Gendarmerie⸗Sergent an uns vorüber, beſpritzt und erhitzt. „Iſt er entwiſcht?“ rief einer von den Gendar⸗ men neben mir. „Ja!“ ſagte er fluchend, der Spitzbub iſt durch⸗ gegangen, aber der Teufel weiß, wie er die Stricke an ſeinen Händen zerreißen, oder von ſeinem Karren auf die Straße herabſpringen konnte. Ha! da feuern fie ihm nach. Und doch nützt ihr Pulver zu nichts, als daß es dem Kerl zeigt, wo ſie find.“ „Ich möchte dieſen Abend nicht mit unſerem Ka⸗ pitän tauſchen,“ rief einer von der Gendarmerie, hein er ohne den Rothbart nach Paris zurück⸗ ehrt——“ „Ma foi! Das glaub ich. Er wird einen ſchwe⸗ ren Stand haben gegen den ſchwarzen Savary; und einen Bretonen in einem Wald zu fangen——“ Der Befehl„Marſch!“ unterbrach das Geſpräch und es ging nun wieder vorwärts. In Folge eines ſeltſamen Mitgefühls, über das ich keine Rechenſchaft geben kann, war ich froh, daß der Chef entkommen war. Seine tapfere Vertheidi⸗ gung, der unbedingte Gehorſam, den ihm die andern 190 leiſteten, hatte mich nicht wenig für ihn eingenommen; und eben dieſe letzte Probe kühnen. Muthes, wodurch er ſich in Freiheit ſetzte, erhöhte noch mein Intereſſe für ihn. Wie leicht iſt auch der Uebergang zum Mit⸗ gefühl für diejenigen, deren Schickſal einige Aehnlich⸗ keit mit unſerem eigenen hat? Gemeinſames Mißge⸗ ſchick hat immer eine bindende Kraft; und ſo war ich nicht ohne ängſtliche Hoffnung, der ſtarke Mann möchte glücklich entrinnen, obſchon, wenn ich ſeine Intriguen oder Abſichten gekannt hätte, ein ſolches Intereſſe in meinem Herzen ſchwerlich Raum gefunden haben würde. 3 Betrachtungen wie dieſe führten mich auf den Gedanken, wie groß für die menſchliche Seele der Reiz ſein müſſe, Schwierigkeiten zu überwinden oder Gefahren zu trotzen, wenn wir ſogar für diejenigen, von denen wir nichts wiſſen, fühlen und zwar warm fühlen können, ſobald ſie in einem ſolchen Lichte vor uns ſtehen. Heldenmuth und Tapferkeit ſprechen jede Natur an; und ſchlimm muß die Sache ſein, worin ſie ſich geltend machen, bevor wir es wagen können, übel von denen zu denken, welche jene Tugen⸗ den beſitzen. Man zündete gerade die Lampen an, als wir die Barrièren erreichten und Halt machten, damit der Of⸗ fizier Bericht erſtatten konnte, wer wir wären. Nach dieſer bald beendigten Förmlichkeit fuhren wir die Boulevards entlang, begleitet von einer Menge, die jeden Augenblick zunahm und endlich die ganze Straße ansfüllte, ſo daß wir nur langſam und nicht ohne Schwierigkeit vorwärts konnten. Die Neugierde des Volkes, an den Gefangenen etwas zu entdecken, nahm alle Wachſamkeit der Wachen dagegen in Anſpruch, eine traurige, höchſt beängſtigende Stille herrſchte in der ganzen Menge, und ich konnte ſie murmeln hören, daß die Generale Moreau und Pichegru gefangen ſeien. Endlich machten wir Halt, und ich konnte ſehen, daß der vorderſte Karren durch einen niedrigen Schwibbogen fuhr, unter dem ein ſchweres Fallgatter hing. Der düſtere Schatten einer dunklen, ungeheuern Maſſe, die in den ſchwarzen Himmel hineinragte, lauerte über der Mauer, und ſchien mir ziemlich wohl bekannt. „Dieß iſt der„„Tempel,““ ſagte ich zu dem Gendarmen an meiner Rechten. Er nickte und ein ausdrucksvoller Blick ſchien zu ſagen:„Mit dieſem Worte haben Sie Ihr Geſchick an edeutet.“ Ungefähr zwei Jahre vor der Zeit, von der ich jetzt ſpreche, erinnere ich mich eines Abends, da ich, von einem einſamen Spaziergang längs des Boulevard zurückkehrend, einem hohen verwitterten Thurm mit al⸗ tersgrauen Mauern und einigen ſchmalen, mit ſtarken Eiſengittern verwahrten Fenſtern gegenüberſtand. Ein düſterer Graben über den eine ſchmale Fallbrücke ging, umgab die äußere Mauer dieſes graufigen Gebäudes, dem man ohne allen Aberglauben das Gepräge des Verbrechens und des Unglücks anſah. Dieß war der Tempel, das alte Schloß der Ritter, deren Grauſam⸗ keiten in den dunklen Kaſematten und grauenhaften Kerkern dieſes gefürchteten Aufenthaltes verzeichnet wa⸗ ren. Den Thurm entlang auf drei Seiten ging eine Terraſſe. Dort wandelte Stunden lang in Traurigkeit und Kummer der letzte der Könige von Frankreich, Ludwig XVI., ſeine Kinder ihm zur Seite. In dieſem ſchwarzen Thürmchen erlitt der Dauphin den Tod. An der niedrigen Fenſter ⸗Oeffnung dort ſaß Stunde für Stunde Madame Eliſabeth und benetzte den Stein, an den ſie ſich lehnte, mit ihren Thränen. Der Ort ſtand in düſterem, ſchauerlichem Rufe: die Nachbarſchaft ſprach von dem ſchweren Rollen von Wägen, die in der Todtenſtille der Nacht über die Zugbrücke gingen, von ſeltſamen Tönen und Rufen, von heimlichen Hin⸗ richtungen und ſogar von Torturqualen. Für die Voll⸗ f—— 192 ſtrecker dieſer ſchrecklichen Strafen hielt man gewöhnlich ein Corps,„Elite⸗Gendarmen“ genannt, und ihre wil⸗ den Blicke und ihr abſchreckendes Aeußere machte die Vermuthung glaubhaft; andere dagegen behaupteten, die vom Conſul aus Aegypten mitgebrachte Mamelucken⸗ Garde habe keinen anderen Beruf gehabt, als die Er⸗ mordung der dort eingeſperrten Gefangenen. Damals kam es mir nicht in den Sinn, daß ich in wenigen Monaten als Gefangener unter jenem ſchwarzen ſchaurigen Fallgatter durchfahren würde. Damals, da ich mit ſchwerem Herzen und langſamem Schritte heimwärts ging, ahnete ich wenig davon, daß der Tag kommen werde, wo ich in eigener Perſon die Leiden fühlen würde, über die ich damals für Andere weinte. Fünfzehntes Kapitel. 3 Der Tempel. Dieß war in meinem Leben der zweite Morgen, der mir in der engen Zelle eines Gefängniſſes anbrach; als ich erwachte und die kahlen bleichen Wände, das vergitterte Fenſter, die ſtark befeſtigte Thüre betrachtete, dachte ich an die Zeit, wo ich als Knabe innerhalb der Mauern von Newgate ſchlief. Dieſelben traurigen Töne jetzt wie damals; der abgemeſſene Schritt der Schildwachen, der Tritt der Patrouille, das Klirren, beim Thürſchließen, das ſchnarrende Geräuſch der auf⸗ und zugehenden ſchweren Thore und dann jene ſchauer⸗ liche Stille, niederdrückender als alles Andere, wie traten ſie mir jetzt vor die Seele und ſchienen alle Zeit zu verwiſchen und mich in die Stunden meiner Knaben⸗Abenteuer zurückzuverſetzen! Aber was war das 193 Alles im Vergleich mit jetzt? was waren die Gefahren, die ich damals lief, im Vergleich mit dem unvermeid⸗ lichen Verderben, das jetzt vor mir ſtand? Freilich kannte ich weder die Verſchwörer noch ihr. Verbrechen; aber wer konnte mir das glauben? Wie kam ich unter ſie? Durfte ich es ſagen und die verrathen, deren Ehre mir theurer war denn mein Leben? Und doch war es hart, in einer ſolchen Sache dem Tode zu trotzen; ohne das Bewußtſein eines hohen, obwohl erfolgloſen Wagſtückes, das mich hätte tröſten können, ohne eine ſtarke Leidenſchaft, die mein Blut erwärmt und mich gelehrt hätte, die Schändung meines Namens ſtand⸗ haft zu ertragen. Schimpf und Schmach waren all mein Gut in dieſem Lande, wo ich einſt gehofft hatte, Ehre und Ruhm zu gewinnen und mir unter den Er⸗ ſten und Größten einen Namen zu machen. Das dumpfe Wirbeln einer Trommel und darauf das Klirren der Schlüſſel in den Schlöſſern längs des Corridors unterbrach meine traurige Betrachtung. In der nächſten Minute wurde meine Thüre aufge⸗ ſchloſſen und vor mir ſtand ein Beamter in der Uniform des Gefängniſſes. „Ah, mein Herr, ſchon auf und angekleidet?“ ſagte er in luſtigem Tone, den ich nicht erwartet hätte. „Um acht Ühr frühſtücken wir hier; um neun Uhr kön⸗ nen Sie im Garten oder auf der Terraſſe einen Spa⸗ ziergang machen; dieß können wenigſtens alle, die nicht en séecrét find, und Ihnen, mein Herr, kann ich zu dieſem Vergnügen Glück wünſchen.“ „Wie denn, bin ich kein Gefangener?“ „O ja, parbleu! Sie ſind Gefangener, aber nicht unter ſo ſchwerer Anklage, daß Sie allein gehalten werden. Alle in dieſem Viertel genießen einen guten Theil von Freiheit: zuſammenleben, ſpazierengehen, plaudern, Zeitungen leſen und fröhlicher Zeitvertreib: aber Sie können ſelbſt darüber urtheilen. Kommen Sie nur mit.“ Tom Burke. I. 13 194 In einer ſeitſamen Stimmung, worin Furcht und Hoffnung ſich miſchten, folgte ich dem Wärter durch den Corridor und über einen gepflaſterten Hofraum in eine niedrige Halle, wo an den Wänden herum Waſ⸗ ſerbecken und andere Bedürfniſſe einer Gefängniß⸗Toi⸗ lette ſtanden. Durch dieſe ging es hindurch, eine enge Stiege hinauf, und endlich kamen wir in ein großes, helles Zimmer, durch deſſen ganze Länge eine reichlich aber einfach beſetzte Tafel ging. Es war angefüllt mit Perſonen jeden Alters und wie es ſchien jeden Standes, die ſich alle eifrig und lebhaft unterhielten und ſo wenig Zwang merken ließen, als wären ſie zwiſchen den Wänden eines Kaffeehauſes. Ich ſetzte mich zu Tiſche und konnte nicht umhin, an dem ſeltſamen Gemiſche aus den verſchiedenſten Klaſſen und Landestheilen mich zu beluſtigen. Da ſaßen alte Soldaten mit buſchigen Backen⸗ und Schnurrbär⸗ ten neben friſchfarbigen Bauern, deren lange gelbe Locken ſie als Sproſſen aus normanniſchem Blute ver⸗ rieth; abgehärtete wetterfeſte Matroſen von der Küſte der Bretagne unterhielten ſich vertraulich mit ehrwür⸗ digen Herren in Zopf und Puder; Prieſter mit geſcho⸗ renen Wirbeln, junge Burſche, deren kecke, muntere Blicke den ſorgloſen Pariſer verriethen: alle waren untereinander gemiſcht, und dennoch ſah ich nicht Einen, deſſen Aeußeres Kumer über ſeine Lage oder Aengſt⸗ lichkeit über ſein Schickſal verrieth. Die verſchiedenen Umſtände ihrer Gefangenſchaft, die Handlungen, deren ſie angeklagt waren, bildeten eemeinſchaftlich mit dem Stadt⸗Geſpräch, den Theater⸗ Reuigkeiten, den Bevegungen im politiſchen Leben, die Angelpunkte der Unterhaltung. Eine zwangloſere Ge⸗ ſellſchaft kann man ſich kaum denken: Jedermann kannte die Geſchichte ſeines Nachbarn zu wohl, als daß Ver⸗ heimlichung irgend einen Werth gehabt hätte, und Offenheit ſchien an der Tages⸗Ordnung. Während ich mich ſo mit den Sitten des Ortes vertraut zu machen 195 ſuchte, rief mir eine breite, fette und blühende Perſon, die oben an der Tafel ſaß, zu, ich möchte meinen Na⸗ men nennen. „Der Gouverneur wünſcht für ſeine Liſte Ihren Namen und Rang zu wiſſen,“ ſagte mein Nachbar zur Rechten. Ich gab den verlangten Aufſchluß, konnte aber nicht umhin, meine Verwunderung auszudrücken, wie ſie in Gegenwart des Gouverneurs des Gefängniſſes ſo frei zu ſprechen wagten. „Ha!“ ſagte die von mir angeredete Perſon,„er iſt nicht der Gouverneur des Tempels; das iſt blos ein Titel, den wir ihm unter uns ſelbſt gegeben haben. Es iſt ein Amt, das ſtets von dem älteſten Gefangenen verſehen wird. Er iſt jetzt zehn Monate hier und hat vor etwa vierzehn Tagen ſeinen Thron beſtiegen. Der Abbé dort mit der ſeidenen Schärpe um die Weſte wird in wenigen Tagen ſein Nachfolger werden.“ „Der kommt gewiß auch bald in Freiheit. Er ſcheint bei beſtem Muthe zu ſein.“ „Aber wohl weniger wegen ſeiner Freiheits⸗Hoff⸗ nungen. Sein Urtheil lautet auf lebenslängliche Zwangs⸗Arbeit im Bagno zu Toulon.“ Ich trat vor Schrecken zurück und konnte kein Wort ſprechen. „Der Abbe,“ fuhr mein Nachbar fort,„wäre ganz zufrieden mit ſeinem Urtheil. Aber der Gouverneur will Sie anreden.“ „Mein Herr Unterlieutenant,“ ſagte der Gouver⸗ neur in tiefem, feierlichem Tone,„ich habe die Ehre, Sie zu begrüßen und bewillkommne Sie im Namen meiner achtbaren und geſchätzten Freunde, die hier um mich ſitzen. Wir freuen uns, Einen in Ihrem Gewande unter uns zu ſehen. Der Letzte war, wenn ich mich recht erinnere, der Kapitän de Lorme, der ſich rühmte, er könne den Conſal auf ſechzig Schritte mit einer Piftolen⸗Kugel treffen.“ „Pardieu, Gouverneur,“ ſagte ein ſchöner Mann in einem Schnürrock,„ſeither war auch Ducaisne bei uns.“ „Ganz richtig, Commandant,“ verſetzte der Gou⸗ verneur ſich höflich verbeugend;„und ein netter Burſche war er; blieb aber nur eine einzige Nacht hier.“ „Eine einzige Nacht! ich erinnere mich wohl,“ grunzte ein dicklippiger, kleiner Kerl mit rothem Ge⸗ ſichte unten an der Tafel.„Sie werden ihn bald tref⸗ fen, Gouverneur; er iſt in⸗Toulon. Ich bitte, ihm mein Compliment zu machen—— 4 „Eine Buße, eine Buße!“ ſchrie ein Dutzend Stim⸗ men in Einem Athem. „Ich läugne es, bewahre!“ verſetzte der Mann mit dem rothen Geſicht und ſprang von ſeinem Stuhle auf.„Ich berufe mich auf den Gouverneur, ob ich nicht unſchuldig bin. Ich frage ihn, ob in meiner Anſpielung auf Toulon etwas lag, das ihn beleidigen konnte, da er im Begriff iſt, zur Herſtellung ſeiner koſtbaren Geſundheit dahin zu gehen.“ „Ja,“ verſetzte der Gouverneur feierlich,„Sie find um drei Franken gebüßt. Ich habe immer Breſt vorgezogen. Toulon iſt nicht nach meinem Geſchmack.“ „Bezahlt, bezahlt!“ riefen die Andern, während eine zinnerne Schüffel, auf der einige Geldſtücke lagen, den Tiſch hinunter ging. „Um fortzufahren,“ ſagte der Gouverneur, gegen mich ſich wendend,„der Sekretär wird Ihnen nach dem Frühſtück ſeine Aufwartung machen, um die Ein⸗ trittsſteuer und eine beliebige Mittheilung über den Grund Ihres Eintritts in unſere Geſellſchaft in Em⸗ pfang zu nehmen: Beides ſteht vollkommen in Ihrem Belieben. Wer den Vortheil unſeres liebenswürdi⸗ gen Vereines wünſcht, erfährt bald die Bedingungen, wie er deſſelben theilhaftig werden kann. Die Ge⸗ nüſſe unſeres Daſeins hier find ſpottwohlfeil. Der Pere d'Oligny dort wird Ihnen ſagen, daß das Leben ——— 197 kurz iſt: hier ſind ſehr wenige, die dieſen Satz beſtrei⸗ ten; und vielleicht kann Ihnen der Abbé Thomas einen guten Wink geben, wie Sie es am Beſten ge⸗ nießen können.“ „Parbleu, Gouverneur, Sie vergeſſen, daß uns der Pore dieſen Morgen verlaſſen hat.“ „Ganz recht, ganz recht; wie ſchwach mein Ge⸗ dächtniß iſt! Der theure Abbé hat uns dieſen Morgen verlaſſen, nur allzu wahr.“ „Wo iſt er hin?“ fragte ich flüſternd. „Auf den Grenelle ⸗Platz,“ ſagte die Perſon ne⸗ en mir in dumpfem Tone.„Um fünf Uhr wurde er guillotinirt.“ Ein kalter Schauer rann durch meine Glieder, und obgleich der Gouverneur ſeine Rede fortſetzte, ſo hörte ich kein Woxt davon und konnte mich nicht eher von meiner Betäubung wieder erholen, als bis das Bei⸗ fallgeſchrei der Geſellſchaft am Schluß der Rede mich erweckte. Ich folgte i ſie dahingegeben waren, auch Andern mittheilen müßte. Das Verbrechen ſelbſt ſchien weniger abſchreckend, als dieſe empörende und unnatürliche Gleichgültigkeit. Mit ſolchen Gedanken eilte ich von dem Gedränge hinweg und ſuchte einen einſamen, unbeſuchten Weg auf, der die Mauer des Gartens enrlang führte. Ich war noch nicht weit gegangen, als mir die dumpfen aber feierlichen Töne eines Kirchenliedes zu Ohren drangen. Ich eilte vorwärts und entdeckte bald durch die Zweige einer Buchenhecke eine Geſellſchaft von einigen ſech⸗ zehn bis achtzehn Perſonen, die im Graſe knieeten, ihre Hände wie zum Gebet erhoben und einen Pſalm 4 anſtimmten, eine jener einfachen, aber rührenden Me⸗ lodieen, für die das Landvolk des Südens ſo ſehr ein⸗ genommen iſt. Ihre ovalen, von der Sonne gebräun⸗ ten Geſichter; ihr langes, fließendes, geſcheiteltes und frei auf beide Schultern fallendes Haar, ihre dunklen Augen und ihre langen Wimpern verriethen ſie alle als Söhne jenes durch ſeine Loyalität gegen die Bour⸗ bonen bekannten Landes, der Vendée; hätten auch nicht ihre gelben, die Aermel entlang mit Knöpfen bedeck⸗ ten Jacken und ihre weiten Hoſen auf ihre Heimath hingedeutet. Viele von den Geſichtern erinnerte ich mich die vorige Nacht geſehen zu haben; aber einige waren gram⸗verzehrt und abgemagert wie von langer Gefangenſchaft. Ih kann nicht ſagen wie die einfache Frömmig⸗ keit dieſer armen Bauern mich rührte, verglichen ge⸗ gen die ſchreckliche Gleichgültigkeit der Andern. Als ich näher kam, wurde ich erkannt; und ſei es nun, daß ſie vorausſetzten, ich meinte es gut mit ihrer Sache, oder daß blos das Band gemeinſamen Mißgeſchicks ſie an mich zog, ſie grüßten mich mit Ehrfurcht und ſchie⸗ nen froh, mich zu ſehen. Während zwei bis drei von denen, die ich die Nacht zuvor geſehen hatte, auf mich zugingen, um mit mir zu ſprechen, bemerkte ich, daß ein kurzer, ſchwärzlicher Mann mit einer 1 199 Scharte auf der Oberlippe, mich mit beſonderer Auf⸗ merkſamkeit betrachtete und darauf den Uebrigen etwas zuflüſterte. Anfangs ſchien er Allem, was ſie ſagten, wenig Gewicht beizulegen— ein ungläubiges Kopf⸗ ſchütteln oder eine ungeduldige Bewegung mit der Hand war ſeine gewöhnliche Antwort auf ihre Bemer⸗ kungen. Allmählig jedoch gab er nach und ich konnte ſehen, daß ſeine ſtrengen Züge einen milderen Aus⸗ druck annahmen. „So, Freund,“ ſagte er, und bot mir ſeine ge⸗ bräunte, kräftige Hand dar,„Du warſt es, der unſern Führer rettete, daß er nicht wie ein Wolf in einer Falle gefangen wurde. Der gute Gott vergelte Dir einſt dieſen Dienſt; und der gute König wird Dich nicht vergeſſen, wenn für ihn ſelbſt eine beſſere Zeit kommt.“ „Ihr habt mir nichts zu danken,“ ſagte ich lä⸗ chelnd:„der von mir geleiſtete Dienſt war nur von der Freundſchaft eingegeben. Ich kenne Eure Plane nicht und kannte ſie nie. Gegen die Epaulette, die ich trage, war ich niemals untreu.“ Ein Murren der Unzufriedenheit durchlief die Geſellſchaft, und ich konnte wahrnehmen, daß die Worte, die ſie wechſelten, Staunen und Verdruß zugleich aus⸗ drückten. Endlich gebot der kurze Mann mit einer leichten Handbewegung Stille und ſprach: „Es thut mir leid; Ihr Muth wäre einer beſſe⸗ ren Sache würdig; indeſſen war das Geſtändniß we⸗ nigſtens ein ehrenwerthes; und nun erzählen Sie uns, wie kamen Sie hieher?“ „Aus dem ſchon erwähnten Grund: meine Anwe⸗ ſenheit im Schloſſe die letzte Nacht und meine Ent⸗ deckung während des Angriffs waren Beweiſe genug gegen mich. Wie kann ich mich reinigen, ohne Leute anzuklagen, die ich nicht nennen will?“ „Das thut wenig zur Sache. Ohne Zweifel ha⸗ ben Sie mächtige Freunde— reiche vielleicht und hoch⸗ 200 Peſelti ſie werden bewirken daß Ihnen kein Leid ge⸗ ſchieht.“ „Ach! da irrt Ihr. Ich habe im ganzen Umfang dieſes Landes Niemand, der, wenn mich ein Wort vom Schafſot retten könnte, ſich die Mühe geben würde, dieſes Wort zu ſprechen. Ich bin ein Fremd⸗ ling.“ „Ha!“ ſagte ein ſchönhaariger, blühender Jüng⸗ ling und ſprang von dem Graſe auf, wo er geſeſſen hatte,„was würde ich nicht darum geben, wenn Ihr Loos das meinige wäre! Sie würden mein Herz nicht zittern machen, wenn ich die Hütte vergeſſen könnte, in der ich geboren ward.“ „Still, Philipp,“ ſagte der Andere,„in ihrer Rüſtkammer haben ſie noch keine Waffe, die einen Ven⸗ déer zittern macht— aber horch! man trommelt jetzt zur Inſpection. Jeden Mittag müſſen Sie dort an das Pförtchen kommen und Ihren Namen aufſchrei⸗ ben; hören Sie mich bevor wir ſcheiden, es kann uns nichts helfen, aber Sie verderben, wenn man uns zu⸗ ſammen ſprechen ſieht. Trauen Sie Niemand hier. Die, welche Sie dort ſehen, ſind zur Hälfte nichts als moutons.“ „Wie,“ ſagte ich, da ich den Ausdruck nicht ver⸗ d nd. „Ei,“ verſetzte er,„das iſt ſo ein Gefängnißwort. „Ich möchte ſagen, ſie ſind lauter Polizei⸗Spione, die, angeblich wegen Verbrechen eingeſperrt, nur dazu hier ſind, um unvorſichtigen, argloſen Gefangenen Geſtändniſſe zu entlocken. Ihr offenes und freimüthi⸗ ges Weſen ſind nichts als Schlingen, die ſchon Man⸗ chen auf die Guillotine gebracht haben: hüten Sie ſich vor ihnen. Sie dürfen kaum Ihr Glas an Ihre Lip⸗ pen bringen— der gemurmelte Toaſt iſt ſchon Ihr Urtheilsſpruch. Adieu!“ Mit dieſen Worten kehrte er ſich um und ver⸗ ließ den Ort, begleitet von den Andern. —— 201 Der Widerwille, den ich gleich anfangs gegen die Andern fühlte, wurde natürlich nicht geſchwächt durch die Entdeckung, daß ihre Schuld von der ſchwär⸗ zeſten Verrätherei, die die Menſchheit entehren kann, befleckt wurde: und nun, da ich unter ihnen herum ging, bebte ich mit Schauder und Abſcheu vor jeder Berührung dieſer Elenden zurück, deren lächelnde Mienen nichts anders waren, als Fallſtricke für das Schaffot. „Ha, unſer verlorner und verirrter Freund,“ ſagte Einer, als ich wieder unter ihnen erſchien—„kom⸗ men Sie hieher und geſtehen Sie frei von der Leber weg, welche liebenswürdige Schwachheit hat Sie in den Tempel gebracht?“. „In der That,“ ſagte ich, und ſuchte meine Ent⸗ deckung über den wahren Charakter meiner Bekannt⸗ ſchaften zu verhehlen,„ich kann es mir gar nicht den⸗ ken; auch kann ich nicht glauben, daß ſonſt Jemand hierin mehr weiß, als ich.“ „Parbleu, junger Herr!“ ſagte der Abbé, indem er mich frech durch ſeine Brille beguckte,„Sie ſind äußerſt altmodiſch für Ihre Jahre. Wiſſen Sie nicht⸗ daß fleckenloſe Unſchuld mit den Bourbonen verſchwun⸗ den iſt? Seitdem ſtirbt Jedermann mit dem rühmli⸗ chen Geſtändniß ſeiner eigenen Gottloſigkeit, mit ge⸗ wiſſen verdünnenden Umſtänden, die er menſchliche Natur nennt.“ „Und nun“ fuhr der erſte Sprecher fort,„was war denn eigentlich Ihr Unglück?“ „Ich wurde Sie nur täuſchen, wollte ich eine an⸗ dere Antwort geben, als die erſte. Man hegt vielleicht ßen Verdacht gegen mich, mehr kann es nicht ein.“ 3 „Gut, gut, erzählen Sie uns die Verdachtgründe. Der Moniteur kommt dieſen Morgen ſpät, und wir haben ſonſt keinen Zeitvertreib.“ A „Wer ſind Sie?“ rief ein Anderer, ein langer Kerl von frechem Ausſehen mit einem dunklen Schnurr⸗ bart.„Das iſt die erſte Frage. Es iſt noch nicht ſo lange her, daß ich einen mouton in einer Huſaren⸗ Uniform geſehen habe.“. „Ich bin zu ſehr noch Neuling hier,“ antwortete ich,„als daß ich wiſſen könnte, in wie weit Frechheit ſtraflos ausgeht; aber wäre ich außerhalb dieſer Mau⸗ ern und Sie auch, ſo würde ich Ihnen eine Lehre geben, die Ihnen noch fremd iſt, Herr.“ „Parbleul“ ſagte einer von den früheren Spre⸗ chern,„Jacques, da haben Sie's, und doch gehörte kein großer Scharfſinn dazu, um zu ſehen, daß Sie ein Gelbſchnabel waren.“ Der lange Kerl ſchob ſich hinweg, vor ſich ſelbſt hinmurmelnd, während die Uebrigen in ein herzliches Gelächter ausbrachen. „Und nun,“ ſagte der Abbé mit geziertem Lächeln, „verzeihen Sie mir die Freiheit; aber hatten Sie denn nicht irgend einen Anlaß, einige Tage hier zuzubringen? Haben Sie vielleicht der Madame la Consuleuse den Hof gemacht? oder über die großen Diners des Gene⸗ rals Bonaparte gelacht? oder haben Sie die engliſche Grammatik gelernt? oder was iſt es?“ Ich ſchüttelte den Kopf und ſchwieg. „Kommen Sie, ſein Sie offen gegen uns: unbe⸗ fleckte Tugend fährt hier ſehr übel. Da war ein Herr, der hat dieſen Morgen ſeinen Kopf verloren und doch in ſeinem ganzen Leben nichts begangen, als daß er Poſthalter in Tarbes war; aber wer weiß, wie es geſchah er ließ einen Brief ins Felleiſen gerathen, der an einen ältlichen Herrn in England, genannt Graf von Artois, adreſſirt war; denn er wußte nicht, daß die Briefe des Grafen beſtändig dem Bürger Bona⸗ parte am Herzen liegen. Gut, ſie machten ihn dafür um einen Kopf kürzer. Grauſam! werden Sie ſagen; aber das iſt der Lohn der Unſchuld.“ „Zum letzten Mal denn, Ihr Herren, ich muß b 203 mein aufrichtiges Bedauern ausdrücken, weder Mord, noch Hochverrath, noch ſonſt eine Schandthat begangen zu haben, die mich der ausgezeichneten Ehre Ihrer Geſellſchaft würdig machen könnte. Da, dieß der Fall und das Gefühl meiner Fehlerhaftigkeit ſo groß iſt, ſo bin ich überzeugt, Sie werden mir verzeihen, wenn ich mich nicht in eine Geſellſchaft dränge, deren ich un⸗ würdig bin, und der ich jetzt die Ehre habe einen gu⸗ ten Tag zu wünſchen;“ mit dieſen Worten und einer ceremoniellen Verbeugung, die von den Uebrigen eben ſo höflich erwiedert wurde, ging ich weiter und begab mich in den Thurm. So finſter und traurig auch meine Betrachtungen waren, ſo unterhielt ich mich doch lieber mit dieſen, als mit meinen Mitgefangenen, gegen die ich bereits einen unüberwindlichen Abſcheu zu fühlen begann. Empörend, in der That, war die Gleichgültigkeit gegen Ruf, Ehre und ſogar Leben, die ich bereits an ibnen wahrgenommen hatte; aber was war dieß im Vergleich mit der berechneten Verrätherei von Menſchen, welche die Stunde abwarten konnten, wo das Herz, überfließend von Kummer, ſich öffnete, um Troſt und Erleichterung zu finden, und die dann deſſen geheimſte Schlupfwinkel durchſpähten, um Beweiſe für eine Schuld wiſuchen⸗ die den Trauernden auf's Schaffot bringen ollten. Wie eine Regierung ſolche Meuchelmörder nöthig haben, wie ſie ſolche dulden konnte, war mir unbe⸗ greiflich. Und war dieß das Werk des Mannes, waren jene die Günſtlinge des Mannes, deſſen hochherzige Ritterlichkeit der Gegenſtand meiner Verehrung und Anbetung geweſen war? Nein, nein; ich will es nicht glauben. Bonaparte kennt nicht die finſteren und ſchrecklichen Geheimniſſe dieſer düſteren Mauern. Der Held von Arcole, der Eroberer von Italien weiß nichts von der ſchrecklichen Tyrannei dieſer Kerker: wüßte er nur das Geringſte davon, welch ein Loos würde die erwarten, die den Ruhm des„ſchönen Frankreichs,“ das er ſo groß gemacht, durch Verrath und Verbrechen ſchändeten! O daß es mir in der Stunde meiner Anklage, in der letzten meines Lebens, wäre es auch am Fuße der Guillotine, vergönnt wäre, mit Worten zu ſprechen, die ihn erreichen und ihm ſagen könnten, wie ſehr ein Ruhm gleich dem ſeinigen befleckt werden müſſe, wenn ſolche Schandthaten unbeſtraft blieben; daß, während Tauſende und abermals Tauſende mit dem Geſchrei ausgelaſſener Begeiſterung und Freude ihm entgegen kämen, in den kalten Zellen des Tempels brechende Herzen ſeien, deren vom Kummer erpreßte Geſtändniſſe aufgezeichnet würden, in deren Gebeten man Beweiſe von Wünſchen aufſpüre, die man als Hochverrath ſtempeln könne. Er konnte keine Sympathie mit Men⸗ ſchen g eich dieſen haben: keine ſolche waren die Tapfern, die ihm bei Lodi folgten, keine ſolche waren jene, die für ihn bei Marengo ſtarben. Ach! ach! wie könnte die Nachwelt von ihm leſen, wenn durch ſolche Hand⸗ lungen der Glanz ſeiner Größe befleckt würde! Während derlei Gedanken meine Seele füllten und ich in der Aufregung meines erwachten Unwillens in meiner klei⸗ nen Zelle auf und abſchritt, trat der Kerkermeiſter ein und näherte ſich mir, nachdem er die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte. „Sie ſind der Unterlieutenant Burke, nicht wahr? Gut, ich habe einen Brief für Sie, ich habe nur unter der Bedingung verſprochen, ihn abzuliefern, daß Sie ihn, ſobald Sie ihn geleſen, in Stücke reißen: käme ſo etwas von mir heraus, ſo würde mein Kopf noch vor morgen früh über den Grenelle⸗Platz rollen. Auch verſprach ich Sie zu warnen: Sprechen Sie hier mit Wenigen, vertrauen Sie Niemand; und nun hier iſt Ihr Brief.“ Ich öffnete das Billet haſtig und las die wenigen — Zeilen, die es enthielt, und die augenſcheinlich mit ver⸗ ſtellter Hand geſchrieben waren— „Ihr Leben iſt in Gefahr— jeder Verzug kann Ihr Verderben ſein— wenden Sie ſich ſogleich an die Miniſter und erkundigen Sie ſich nach der Urſache Ihrer Gefangenſchaft; verlangen Sie die Erlaubniß, einen Advokaten um Rath zu fragen; ſie kann Ihnen nicht verweigert werden. Schreiben Sie an Herrn Baillot, Rue Chantereine No. 4; auf ihn können Sie ſich unbedingt verlaſſen, und er hat bereits für Ihre Vertheidigung die nöthigen Inſtruktionen. Empfangen Sie Einliegendes und glauben Sie an die treue Er⸗ gebenheit aufrichtiger Freundſchaft.“ In das Billet war ein Bankſchein von dreitauſend Franken eingeſchloſſen und fiel während des Leſens auf den Boden. „Parbleu! Dieß da brauchen Sie nicht zu zerrei⸗ ßen,“ ſagte der Kerkermeiſter, indem er ihn mir ein⸗ händigte; aber nun möchte ich zuſehen, wie Sie das Andere vernichten.“ Ich überlas die wenigen Zeilen aber⸗ und aber⸗ mals; bei jedem Worte fand ich einen neuen Sinn und ich fragte mich, woher es kommen mochte. Von Beauvais? oder darf ich hoffen, von dem theuerſten Weſen auf der ganzen Welt? Wer konnte denn in der traurigſten Stunde meines Daſeins zwiſchen mich und meinen Kummer treten und in der ſchauerlichen Ein⸗ ſamkeit meines Gefängniſſes die Hoffnung mir als Gefährtin geben? „Ich ſage noch einmal, machen Sie ſchnell!“ rief der Kerkermeiſter;„es könnte auffallen, daß ich ſo lange hierbleibe. Zerreißen Sie es auf der Stelle.“ Er verfolgte mit gierigem Auge jedes Stück Pa⸗ pier, wie es aus meiner Hand glitt und ſchien erſt dann zufrieden, als das letzte zu Boden fiel; darauf ſchloß er, ohne ein Wort zu ſprechen, die Thüre wieder auf und ging weg. Der ſchiffbrüchige Matroſe, der an einem von den Wellen umhergeſchleuderten Balken hängt, und mit blutrünſtigem Auge den untergehenden Tag ſieht, wo kein freundliches Segel erſchienen war, endlich aber, da eine Hoffnung nach der andern ihm erſtorben, durch die plätſchernde See einen Gruß dringen hört, der ihm Muth zuruft, ein ſolcher Matroſe mag etwas Aehn liches fühlen, wie ich, da ich, noch einmal allein in meiner Zelle, an die freundliche Stimme dachte, die mich aus meiner kalten Verzweiflung erretten und mir wieder Hoffnung zurufen konnte. WViie veränderte ſich die ganze Welt in meinen Augen: die Zelle ſelbſt ſchien mir nicht mehr dunkel und ſchauerlich; das matte Sonnenlicht, das durch das ſchmale Fenſter fiel, ſchien ſanft und mild; die Stimmen, die ich außen hörte, klangen mir nicht mehr ſo rauh und widerwärtig; ich ſchauderte über die gleichgültige Luſtigkeit; die ſchwarze Verrätherei ver⸗ abſcheute ich. Ich konnte die Einen bemitleiden, die Andern offen verachten. Mit dieſer feſten Entſchloſſen⸗ heit ſprang ich hinaus in den Garten, wo die Andern noch herumſchlenderten, auf die Trommel wartend, die zum Eſſen rufen ſollte. Sechszehntes Kapitel. Die Chouans. Als die Nacht kam und im Gefängniß Alles ſtill war, ſetzte ich mich hin, um meinen Brief an den Miniſter zu ſchreiben. Ich verſtand genug von ſolchen Dingen um einzuſehen, daß Kürze die Hauptſache ſeiz ohne daher durch eine Vertheidigung meiner Motive 207 meiner Anklage vorbauen zu wollen, bat ich einfach, aber mit Ehrerbietung um die Gründe meiner Ver⸗ haftung und um ſchleunigſte Unterſuchung meines Be⸗ nehmens. So lauteten die Inſtruktionen meines un⸗ bekannten Freundes, und je genauer ich⸗ ſie befolgte, deſto deutlicher wurde mir ihr Sinn. Er hatte mir Eile empfohlen, offenbar um weitläufigen Unterſuchun⸗ gen zuvorzukommen, die eine längere Friſt geſtatten würde. Meine Anweſenheit im Schloſſe konnte ihnen noch immer ein Geheimniß ſein, und zwar eines, wel⸗ ches unergründlich bleiben konnte, wenn irgend ein annehmbarer Grund angegeben würde. Und was konnte mir weiter zur Laſt gelegt werden? Allerdings die bei mir aufgefundene Beſtallung zum Oberſt; aber ich konnte in Wahrheit behaupten, daß dieſelbe nie⸗ mals von mir angenommen worden war. Auf ein ſolches Zeugniß hin konnten ſie mich kaum verdammen, wenn es nicht durch einen direkten Beweis unterſtützt würde; und wer konnte ſolchen liefern außer Beau⸗ vais? So locker und ſchwach auch ſolche Vorwände wa⸗ ren, ſo waren ſie in meiner damaligen Gemüthsſtim⸗ mung doch genug, um meinen Muth zu ſtützen und mein Herz zu ſtärken; vor allem jedoch verließ ich mich auf die aufrichtige Loyalität, die ich für die Sache der Regierung und ihres großen Oberhauptes hegte— ein Gefühl, das, ſo ſchwer es auch zu beweiſen war, mir jenes innere Bewußtſein von Sicherheit gab, das nur aus einer ſtarken Ueberzeugung der Rechtſchaffen⸗ heit fließen kann. Mag ſein, dachte ich, daß gewiſſe Umſtände gegen mich zu ſprechen ſcheinen, aber ich weiß und fühle, mein Herz iſt wahr und feſt, und auch im ſchlimmſten Falle wird ein ſolches Bewußtſein mich in Stand ſetzen, Alles zu ertragen, was auch kommen ag. Am nächſten Morgen erregte mein verändertes Weſen und mein zufriedenes Ausſehen die Aufmerkſam⸗ 208 keit der Andern, die durch verſchiedene Kunſtariffe die Urſache zu ergründen oder einige Einzelnheiten aus meinem Schickſal zu erfahren ſuchten; aber vergeblich, denn bereis war ich auf meiner Hut gegen jeden zufälli⸗ gen Ausdruck und pflog keine Unterhaltung mit ihnen, außer über die gewöhnlichſten Gemeinplätze. Weit entfernt jedoch, über meine Zurückhaltunz ſich verletzt zu fühlen, ſchienen ſie vielmehr einen gewiſſen Reſpekt vor einem Menſchen zu hegen, dem ſein geheimes Weſen ein gewiſſes Intereſſe mittheilte; und während ſie durch zu⸗ fällige Anſpielungen auf politiſche Ereigniſſe und Cha⸗ raktere mir auf den Zahn zu fühlen ſuchten, konnte ich ſehen, daß ſie trotz ſo vieler mißlungener Verſuche den Kampf doch noch nicht aufgaben. Im Verlauf der Zeit erloſch dieſe halbe Verfol⸗ gung— jeder Tag brachte neue Gefangene in unſere Mitte oder entfernte einige von denen, die wir hat⸗ ten, um anderswo verwahrt zu werden, und ſo wurde ich über dem Intereſſe für neuere Ereigniſſe vergeſ⸗ ſen. Etwa eine Woche nach meiner Ankunft ſpazierten wir wie gewoͤhnlich in den Gärten, als ſich ein Ge⸗ rücht verbreitete, daß in der vergangenen Nacht ein Gefangener von großer Bedeutung in den Tempel ge⸗ bracht worden ſei; und es tauchten verſchiedene Ver⸗ muthungen auf, ob ſeine Haft eine engere oder weitere ſein würde. Während dieſer Punkt eifrig beſprochen wurde, öffnete ſich eine niedere Thüre in der Mauer des Hauſes und es erſchien der Kerkermeiſter, begleitet von einem ſtattlichen, kräftigen Mann, den ich auf den erſten Blick als das Haupt der Vendéer Partei im Schloſſe erkannte, als denſelben, der im Boulogner Wald entronnen war. Er ging nahe an mir vorüber, die eine Hand in die Bruft verſteckt; er ſah mich ruhig mit ſeinen klaren, blauen Augen an, verrieth aber auch nicht durch das geringſte Zeichen, daß wir uns zuvor getroffen hatten. Ich errieth ſogleich ſeine Meinung und fühlte mich zur Dankbarkeit verpflichtet für ſeine 209 Verſchwiegenheit, die ich für eine nothwendige Maß⸗ regel zu meiner Rettung hielt. 3 „Ich ſage Ihnen,“ ſprach ein runzeliger alter Kerl in zerriſſenem Schlafrock und Pantoffeln, den Moniteur in der Hand—„ich ſage Ihnen, er iſt es ſelbſt; ſehen Sie nur, ſeine Hand iſt verwundet, ob er ſich gleich alle Mühe gibt, den Verband in ſeinem Buſen zu verbergen. „So, ſo, leſen Sie uns den Bericht vor; wo trug es ſich zu?“ riefen zwei oder drei in Einem them. Der Alte ſetzte ſich auf eine Bank, rückte ſeine Brille zurecht, entfaltete das Journal und ſtreckte ſeine Hand aus, um Stille zu gebteten, als plötzlich aus dem entgegengeſetzten Theil des Gartens, wohin der neu angekommene Gefangene ſeine Schritte gelenkt hatte, ein wildes Freudengeſchrei ertönte— gleich dar⸗ auf erfolgte ein zweites noch lauteres, woraus man den Ruf„Vive le Roi!“ deutlich heraus hören konnte. „Hört Ihr ſie?“ ſagte der Alte.„Hatte ich nicht recht? Ich wußte, daß er es ſein mußte.“ „Seltſam genug, daß er nicht in enger Haft gehalten wird,“ ſprach ein Anderer.„Gefangene Ge⸗ nerale durften ſonſt Niemand ſprechen. Aber leſen Sie weiter, laſſen Sie hören.“ „Geſtern Morgen,“ ſagte der kleine Mann, laut leſend,„wurde Picot, der Bediente von George ver⸗ haftet, und ob man gleich Alles verſuchte, ihn zum Geſtändniß zu bewegen, wo ſein Herr wäre——“ „Wiſſen Sie Duchos, was dieſer Ausdruck zu be⸗ deuten hat?“ ſagte ein langer, melancholiſch ausſehen⸗ der Mann mit einem Kahlkopf—„das bedeutet die Tortur; Daumenſchrauben und Steinpreſſen ſind wieder an der Tagesordnung; ſehen Sie hier.“ Mit dieſen Worten band er ein um ſein Handge⸗ Tom Burke. II. 14 210 lenk geſchlungenes ſeidenes Sacktuch los und zeigte eine Hand, die wirklich in lauter Bruchſtücke zerquetſcht ſchien; die Knochen waren an manchen Stellen durch das Fleiſch gedrückt, das in ſchwarzen blutrünſtigen Stücken herum hing. „Ich würde dieſe Hand vor Gericht zeigen,“ mur⸗ melte ein alter Soldat in einem abgeſchoſſenen blauen Rock.„Ich würde ſie aufheben, wenn Sie einen Schwur von mir verlangten.“ „Um Ihren Kopf ſtünde es dann nur deſto ſchlimmer,“ ſagte der Abbé.„Leſen Sie weiter, Herr Duchos.“ „O wo war ich?— Pardieu, Oberſt, ich wollte, Sie deckten es zu: ſonſt träume ich die ganze Nacht von dieſem ſchrecklichen Daumen.— Hier ſtehen wir. —„Obgleich aus Picot nichts herausgebracht werden konnte, ſo wurde doch ermittelt, daß der Bandit—— „Ha, ha,“ ſagte ein kleiner fetter Kerl in einer Bluſe,„ſie nennen ſie alle Banditen— Moreau iſt ein Bandit— auch Pichegru iſt ein Bandit.“ „Daß der Bandit Montag Nachts bei Chaillot und am Dienſtag gegen Abend in S. Genovisve ge⸗ ſehen wurde, wo er auf dem Berge geſchlafen zu ha⸗ ben ſcheint; am Mittwoch verfolgte ihn die Polizei bis zu dem Fiaker⸗Stand am Ende der Rue de Condé, wo er einen Wagen nahm und auf das Odeon zufuhr.“ „Er wollte vermuthlich in's Schauſpiel. Was gaben ſie jene Nacht?“ fragte der fette Mann,„den Tod Barbaroſſa's vielleicht?“ Der Andere las weiter;—„Der Offtzier ergriff den Zügel und rief: Ich verhafte Sie, als George eine Piſtole auf ihn richtete, ihm durch die Stirne ſchoß und über den Leichnam hinweg auf die Straße ſprang. Die Mezger in der Nachbarſchaft, welche die auf ſeine Habhaftwerdung geſetzte Belohnung kannten, verfolgten ihn und fielen mit ihren Beilen über ihn 211 her; darauf folgte ein Handgemenge, worin die eine Hand des Banditen beinahe von ihrem Arme abge⸗ hauen worden wäre, und ſo wurde er kampfunfähig gemacht, überwältigt und in den Tempel gebracht.“ „Und wer iſt denn dieſer Mann?“ fragte ich flü⸗ ſternd den langen Burſchen neben mir. „Der General George Cadoudal, ein tapferer Bretone und treuer Anhänger ſeines Königs,“ verſetzte er;„und jetzt möge der Himmel ſich ſeiner erbarmen.“ Bei dieſen Worten bekreuzte er ſich mit Andacht und ging langſam hinweg. George Cadoudal, wiederholte ich bei mir ſelbſt, derſelbe, deſſen Steckbrief an jeder Ecke der Haupt⸗ ſtadt zu leſen, auf deſſen Habhaftwerdung ungeheure Belohnungen ausgeſetzt waren; und mit innerlichem Schauder dachte ich an meine zufällige Berührung mit dem Mann, auf deſſen Beherbergung der Tod ſtand — mit dem ſchrecklichen Oberhaupt der Chouans, dem kecken Bretonen, von dem ſich Paris tauſend Geſchich⸗ ten erzählte. Und dieß war der Gefährte Heinrichs v. Beauvais. Den Kopf voll ſolcher Gedanken ſchlen⸗ derte ich unbewußt weiter, bis ich den Ort erreichte, wo ich einige Tage vorher die Vendéer im Gebet ge⸗ ſehen hatte. Der laute Ton einer tiefen Stimme hemmte meine Schritte. Ich hielt inne und horchte. Es war George ſelbſt, welcher ſprach; er ſtand in ſei⸗ ner vollen Höhe aufgerichtet mitten in einem weiten Kreis von Menſchen, die ringsumher im Graſe ſaßen. Ob er gleich ein Patois ſprach, das ich nicht kannte, ſo konnte ich doch dann und wann vielleicht eben ſo gut aus ſeiner Geberde und aus dem Zlicke derer, die er anredete, als aus den Worten ſelbſt eine Spur vom Sinn errathen. Es war eine Ermahnung an ſie, das ihnen zu Theil gewordene Loos ſtandhaft zu ertragen, dem Tod, wenn er kommen ſollte, ohne urcht entgegen zu gehen; wenn ſie ihren Muth ſtär⸗ een wollten, ſo ſollten fie nur auf ihn ſehen, er werde ihnen ſtets ein Beiſpiel geben, wie ſie ſich zu beneh⸗ men hätten. Seine letzten Worte ſprach er in einem deutlichern Dialekte, und ſie lauteten ungefähr ſo: „Werft keinen Blick auf die Vergangenheit. Wir ſind, wo wir ſind— wir ſind, wo Gott in ſeiner Weisheit und zu ſeinen eigenen Zwecken uns hingeſtellt hat. Iſt unſere Sache eine gerechte, ſo iſt unſer Mär⸗ tyrerthum ein geſegnetes; wo nicht, ſo iſt unſer Tod unſere Strafe; und vergeſſet nie, daß ihr ihn an der⸗ ſelben Stelle finden werdet, wo unſer glorreicher Mo⸗ narch den ſeinigen fand.“ Am Schluß ertönte der Ruf:„Vive le Roi, halb erſtickt durch das Schluchzen der gerührten Zuhö⸗ rer, die nun aufſtanden und ſich um ihn drängten. Da ſtand er nun in ihrer Mitte, während ſie gleich Kindern zu ihm kamen, um ſeine Hand zu küſſen, ein Wort aus ſeinem Munde zu hören, oder nur ihn anzuſehen. Ihre gebräunten Geſichter, worauf Ungemach und Leiden manche tiefe Linie und Furche zurückgelaſſen hatten, ſtrahlten lächelnd, wenn er ſie an⸗ ſah; und mancher ſtolze Blick wurde von denen, an die er ein einziges Wort gerichtet hatte, auf die Uebri⸗ gen geworfen. Vor allen andern zog ein ſchlanker, blaſſer, ſchöner Jüngling die Aufmerkſamkeit auf ſich. Seine faſt mädchenhafte Wange beſchattete der erſte Flaum der Jugend. George ſchlang ſeinen Arm um deſſen Nacken, redete ihn mit ſeinem Namen an und ſprach mit einer vor Rührung faſt zitternden Stimme: „Und Du, Bouvet de Lozier, deſſen Jugend keine Freude und kein Genuß verſagt war— der Du Alles, was Reichthum und Liebe gewähren kann, im Ueber⸗ fluß hatteſt, wie erträgſt Du dieſes harte Geſchick, mein theurer Junge?“ Der Jüngling ſah ihn mit ſeinen in Thränen ge⸗ 4 badeten Augen an; der hektiſche Fleck auf ſeinem Ge⸗ ſichte wich einer Todtenbläſſe, und ſeine Lippen zuckten lautlos. —;⏑OQ·—ꝛ—;—:n—— 213 „Er iſt krank geweſen, der Graf,“ ſagte ein Bauer mit tiefer Stimme. „Armer Menſch,“ ſagte Georg.„Er war nicht beſtimmt für ſolche Prüfung; die Sorgen, die er im Schooße ſeiner Mutter zu begraben pflegte, fanden dort anderen Troſt, als ſo rohen, wie wir ihm ertheilen kön⸗ nen. Blick auf, mein Bouvet, und bedenke, Du biſt ein Mann.“ Der Jüngling zitterte von Kopf bis zu Fuß und ſah ſich furchtſam um, während er den ſtarken Arm umklammerte, gleich als ſollte er ihm Schutz ge⸗ währen. „Muth, mein Junge— Muth ſagte George. „Wir find zuſammen hier— was kann Dich quälen?“ Darauf ſprach er zu den Andern mit geſenkter Stimme: „Sie haben ſeine Vernunft geſtört— ſein Auge verräth einen irren Geiſt. Nimm ihn mit Dir, Slaudes er liebt Dich, und verlaſſe ihn keinen Augen⸗ ick.“ Der Jüngling drückte George's Finger an ſeine blaſſen Lippen und ging mit geſenktem Haupte und mattem Blicke langſam hinweg. Mit vollem Herzen verließ ich den Ort. Ihr Oberhaupt hatte ſchon in der Nacht des Angriffes auf das Schloß einen mächtigen Eindruck auf mich ge⸗ macht. Aber um wie viel mehr bewunderte ich ihn jetzt, da er, eingeſchloſſen in die Mauern eines Ge⸗ fängniſſes, keinen andern Ausweg vor ſich ſah, als den Weg, der zur Guillotine führte. Und doch war ihre Zuverſicht auf Alles, was er ſagte, ſo groß, ihr Ver⸗ trauen auf ihn ſo unbedingt, ihre Liebe für ihn ſo warm, als hätte jede Anſtrengung, zu der er ſie er⸗ muntert, der beſte, günſtigſte Erfolg gekrönt und als wäre das Glück ſeiner Unternehmung ſo günſtig ge⸗ weſen, als es ſich ungünſtig erwieſen hatte. So waren die Chouans im Tempel. Das Leben 214 hatte ihren harten Naturen zu mancherlei Wechſel gebo⸗ ten, als daß ſie jetzt ſich gehärmt hätten unter den Schrecken eines Gefängniſſes— dem Tod hatten ſie in manchen Geſtalten getrotzt, und ſie fürchteten ihn nicht, ſelbſt nicht aus der Hand des Henkers. Ihre Anhänglichkeit an die verbannte Familie von Frank⸗ reich war weniger ein politiſches als ein religiöſes, ein am Altar eingeimpftes und heim an den Herd der Hütte mitgenommenes Gefühl. Hingebung für den König war ein Beſtandtheil ihres Glaubens. Der Souverän war nur ein Heiliger mehr in ihrem Ka⸗ lender. Die glorreichen Siege der revolutionären Armeen, die großen Eroberungen des Conſulates fand in ihrem Herzen keine Sympathie; ſie hatten weder Freude an den Schlachten noch Theil an den Trium⸗ phen. Dieß Alles betrachteten ſie als den vorüber⸗ gehenden Flitter des Augenblicks und murmelten unter einander, daß der gute Gott keine Nation ſegnen könne, die falſch gegen ihren König ſei. Wer konnte ſie, wenn ſie jeden Morgen zuſammen⸗ kamen, ſehen, ohne ein tiefes Intereſſe für dieſe ta⸗ pfern, aber einfachen Bauern zu fühlen? Bei Tages⸗ anbruch knieeten ſie zu gemeinſchaftlichem Gebete nie⸗ der, wobei ihr Oberhaupt den Prieſter machte; in tie⸗ fen Tönen ſtimmten ſie den Geſang ihrer heimiſchen Thäler an, und mit Thränen in den Augen ſangen ſie die Lieder, die ſie an ihre Heimath erinnerten. War der Gottesdienſt vorüber, ſo hielt ihnen George eine kurze Rede, er ſprach einige Worte des Rathes und der Ermunterung für den kommenden Tag, erinnerte ſie, daß, ehe ein anderer Morgen ſcheine, mancher vor Gericht zur Unterſuchung gezogen und ſofort zum Tod geführt werden könne; ermahnte ſie endlich zur Treue gegen einander und zur Anhänglichkeit an ihre glor⸗ reiche Sache. Darauf kamen die Spiele ihres Lan⸗ des, die ſie mit allem Enthuſiasmus der Freiheit und des Glückes aufführten. Alsdann unterhielten ſie ſich 215 ſtundenlang mit Geſchichten aus der geliebten Bre⸗ tagne, von ihrer erprobten Treue und Tapferkeit. Bei alle dem führten ſie ein gemeinſchaftliches Leben unter ſich, getrennt von den andern Gefangenen, die es nie⸗ mals wagten, ſich in ihre Mitte zu drängen; und nie getraute ſich der verwegenſte Polizei⸗Spion, eine Schranke zu überſchreiten, die ihm das Leben hätte koſten können. So rannen dieſe zwei ſo verſchiedenen Ströme neben einander innerhalb der Mauern des Tempels, und beide Parteien betrachteten einander mit Mißfallen und Mißtrauen. 3 Während ich ſo ein wachſendes Intereſſe für dieſe kühnen, aber einfachen Kinder des Waldes fühlte, wurde meine Aengſtlichkeit für mein eigenes Schickſal ſtündlich größer. Auf meinen Brief an den Miniſter kam keine Antwort, nicht die mindeſte Notiz ſchien davon genommen zu ſein, täglich hörte ich von dem Einen oder Andern, daß er vor dem Spezial⸗Tribu⸗ nal oder vor dem Polizei⸗Präfekt verhört worden ſei, aber ich ſchien ſo ganz vergeſſen, als ob mich das Grab einſchlöße. Meine Scheu vor Allem, was einer Bekanntſchaft oder Vertraulichkeit mit den andern Ge⸗ fangenen gleichſah, hinderte mich, viel von dem zu erfahren, was jeden Tag vorfiel, und worüber ſie aus dieſer oder jener Quelle gut unterrichtet ſchienen. Aus zufälligen Aeußerungen, einzelnen Worten, die ſie dann und wann fallen ließen, errieth ich, daß die Polizei irgend eine neue Entdeckung gemacht, oder daß ein ge⸗ fangener Verſchwörer irgend ein neues Geſtändniß ab⸗ gelegt habe; aber worin das Verbrechen beſtand und wer hauptſächlich darein verwickelt war, darüber konnte ich durchaus nichts erfahren. Es war wohl bekannt, daß ſowohl Moreau als Pichegru in einem Theile des Thurmes eingeſperrt waren, der auf die Terraſſe ging; aber ſie durften we⸗ der unter ſich Umgang pflegen, noch im Freien erſchei⸗ 216 nen, wie die übrigen Gefangenen. Auch ging das Gerücht, daß jeden Tag Eine von ihnen oder Beide lange und ſcharfe Verhöre zu beſtehen haben, die je⸗ doch, wie man ſagte, bisher Keinem von Beiden etwas Anderes entlockt, als gänzliche Ableugnung jeder Mit⸗ ſchuld und völlige Unkenntniß der Complotte und Ma⸗ chinationen Anderer. So viel konnten wir aus dem Moniteur erfah⸗ ren, den wir jeden Tag erhielten und der, während er einen Ton offener Verdammung gegen die Chouans annahm, in den vorſichtigſten und zurückhaltendſten Ausdrücken von den zwei Generalen ſprach, gleichſam um die öffentliche Meinung zu prüfen, in wie weit ihre Verwicklung in den Hochverrath Glauben finde, und wie man die Beweiſe ihrer Theilnahme aufneh⸗ men würde. Endlich ſchien das Zündrohr gelegt zu ſein; die ganze Exploſion war vorbereitet und es fehlte nichts als der Funke, um das Pulver anzuzünden. Da er⸗ ſchien in den Spalten des Regierungsblattes ein Brief von Moreau an den Conſul, worin er, nachdem er die Dienſte, die er als Commandant der Rhein⸗Armee der Republik geleiſtet, das Vertrauen, das er ſtets von Seite des Convents genoſſen, die Gelegenheiten, die ſich ihm dargeboten, ehrgeizige Abſichten zu befrie⸗ digen, wenn er jemals ſolche gehegt bätte, in den an⸗ gemeſſenſten Ausdrücken angeführt, in kurzen, aber rüh⸗ renden Worten an ſein Benehmen vom 18. Brumaire erinnerte, wo er den kühnen von Bonaparte ſelbſt ge⸗ wagten Schritt unterſtützt habe; die Vergeſſenheit da⸗ gegen, womit ſeine Hingebung belohnt worden ſei, mehr den geheimen Ränken ſeiner Feinde zuſchrieb, als einer weſentlichen Entfremdung von Seite des Con⸗ ſuls. Durch den ganzen Brief herrſchte ein höchſt auf⸗ fallender und merkwürdiger Ton der Ehrerbietung ge⸗ gen die Machtvollkommenheit Bonqparte's; nicht der ger ingſte Anſpruch auf eine Gleichheit, die man zwi⸗ 217 ſchen zwei großen Generalen wohl vorausſetzen könnte, obſchon der eine auf die Höhe der Macht geſtiegen, der andere in die Tiefe des Unglücks geſunken war. Im Gegentheil, der Brief war weiter nichts als eine Be⸗ rufung auf alte Erennerungen und frübere Dienſte, gegenüber von einem Andern, der die Macht beſaß, ihn zu retten, wenn er den Willen dazu hatte; er ath⸗ mete durchgängig die Gefühle eines Angeklagten, der ſich eine Gunſt, keine geringere Gunſt als Leben und Ehre aus den Händen deſſen erbittet, der ſich bereits 8 die Quelle dieſer beiden Güter geltend gemacht at. Während dieß die Lage Moreau's war, eine Lage, die mit ſeinem Sturze endete, belehrte uns der Zufall über den ganz verſchiedenen Boden, auf welchen ſich ſein Unglücksgefährte, der General Pichegru, ſtellte. Etwa drei Tage nach der Veröffentlichung des Moreau'ſchen Brtefes ſpazierten wir wie gewöhnlich im Garten des Tempels, als ein Huiſſier herkam, auf zwei der Geſangenen deutete und ſie aufforderte, ihm zu folgen. Dieß war der gewöhnliche Weg, wie täg⸗ lich Einer oder Mehrere zum Verhör vor Gericht ge⸗ rufen wurden, und wir nahmen keine Notiz von einer Sache, die jeden Tag vorkam, ſondern gingen wie zuvor auf und ab und unterhielten uns über die Neu⸗ igkeiten des Morgens. Es vergingen mehrere Stunden, ohne daß die Andern zurückkehrten, und wir begannen endlich über ihr Schickſal ängſtlich zu werden, als Einer von ihnen wi der erſchien; ſeine hochrothe Farbe und aufgeregten Züge verriethen, daß etwas mehr als ge⸗ wöhnliches vorgekommen war.. „Wir wurden mit Pichegru verhört,“ ſagte der Gefangene, ein alter Quartiermeiſter in der Armee des Oberrheins, indem er ſich auf eine Bank ſetzte und mit einem Sacktuch die Stirne wiſchte. „Wirklich?“ verſetzte der lange Oberſt mit dem Kahlkopf:„vermuthlich vor Herrn Real?“ der Bruſt unter ſeiner Uniform, ſeine blaſſen, hageren — 218 „Ja, von Real. Mein armer, alter General— er hatte, wie ich ihn früher immer ſah, die Hand auf Züge ſo ruhig wie immer, bis er endlich aufſtand; ſeine Augen flammten Feuer und ſeine Lippe zitterte, bevor er in den Strom ſeiner Angriffs⸗Rede ausbrach.“ „Angriff, ſagen Sie?“ unterbrach ihn der Abbé— „ein kühnes Verfahren, bei Gott! von einem Mann, der alle ſeine Kräfte zur Vertheidigung nöthig hat.“ „Es war immer ſeine Taktik, der angreifende Theil zu ſein,“ verſetzte ein Kerl mit ehernem, ſolda⸗ tenmäßigem Geſichte in geflickter Uniform,—„ſo machte er es auch in Holland.“ „Damals,“ verſetzte der Quartiermeiſter traurig, „wählte er einen Feind, mit dem ſich beſſer umgehen ließ, als mit ſeinem jetzigen.“ „Wen meinen Sie?“ rief ein halb Dutzend Stim⸗ men zuſammen. 2 „Den Conſul!“ „Den Conſul! Bonaparte! Den greift er an?“ wiederholte Einer nach dem Andern in Ausdrücken des Staünens und Entſetzens.„Armer Kerl, er iſt ver⸗ r t.“ „So dachte ich beinahe ſelbſt, als ich ihn hörte,“ verſetzte der Quartiermeiſter;„denn nachdem er lange mit Geduld ein ermudendes Verhör beſtanden hatte, rief er plötzlich, wie wenn ihm der Faden endlich ge⸗ brochen wäre:„Genug.“ Der Präfekt fuhr zuſammen, und Thuriot, der neben ihm ſaß, ſchlug erſchrocken die Augen auf, während Pichegru vortrat.„„So, ſprach er, die ganze Unterhandlung wegen Cayenne iſt dem⸗ nach ein falſches Spiel. Euer Verſprechen, mich dort zum Gouverneur zu machen, wenn ich meine Einwilli⸗ gung dazu gäbe, Frankreich für immer zu verlaſſen, war mithin ein Kniff, um mir ein Geſtändniß zu ent⸗ winden oder mein Schweigen zu erkaufen. Sei's drum. Nun komme, was da will, ich verlaſſe Frank⸗ 219 reich nicht; und noch mehr, ich werde Alles öffentlich vor den Richtern erklären. Das Volk, ja ganz Europa ſoll erfahren, wer mein Ankläger iſt, und was er iſt. Ja, Euer Conſul unterhandelte mit den Bourbonen in Italien: die Unterhandlungen waren begonnen, fort⸗ geſetzt, weitergeführt und wurden nur durch ſeine aus⸗ ſchweifenden Forderungen abgebrochen. Ja, ich kann es beweiſen: ſeine Rückkehr aus Aegypten mitten durch die ganze engliſche Flotte,— dieſer glückliche Zufall, wie Ihr es zu nennen gewohnt ſeid,— war ein ge⸗ heimer Vertrag mit Pitt, die Reſtauration der ver⸗ bannien Familie bezweckend, ſobald er Paris erreichen würde. Dieſe Thatſachen, und als Thatſachen werdet Ihr ſie gelten laſſen, zu beweiſen, ſteht in meiner Ge⸗ walt; und beweiſen werde ich ſie im Angeſicht von ganz Frankreich.““ „Armer Pichegru,“ ſagte der Abbé verächtlich. „Wie doch auch ein großer General das übellaunige Kind ſpielen kann! dachte er wirklich einen ſolchen Traum jemals verwirklichen zu können?“ „Was meinen Sie damit?“ riefen zwei oder drei zuſammen. „Der Korſe vergißt nie eine Rache,“ war die kaltblütige Antwort, und damit ging er weg. S Wahr„“ ſagte der Oberſt gedankenvoll,„ganz wahr.“ Für mich waren dieſe Worte Näthſel. Gegen Pichegru hatte ich kein anderes Gefühl als Verachtung und Mitleid, weil er mitten im Unglück einen ſo un⸗ würdigen Angriff auf Den wagen konnte, der noch immer der Abgott aller meiner Gedanken war; und darum ſtand der Eroberer von Holland jetzt ſo niedrig in meiner Achtung, als der Gemeinſte aus dem ver⸗ worfenen Gefindel, das jeden Tag zu den Galeeren verurtheilt wurde. Siebenzehntes Kapitel. Die Schreckensherrſchaft unter dem Conſulat. Am folgenden Morgen kam die Nachricht von der Verhaftung, dem Verhör und Tode des Herzogs von Enghien. Dieſes ſchreckliche Trauerſpiel, das auf der Geſchichte jener Periode noch jetzt laſtet und für immer laſten wird, vernahmen wir in unſeren Gefängniſſen nebſt allen furchtbaren Umſtänden, die weithin Trauer und Kummer verbreiteten. Die von den Journalen gegebenen Berichte befriedigten unſere Neugierde nur wenig. Die Jugend, die Tugend, die Tapferkeit des Prinzen hatten ihn zum Abgott ſeiner Partei gemacht, und während ſein Tod um ſeiner ſelbſt willen bejam⸗ mert wurde, laſen ſeine Anhänger darin den Entſchluß der Regierung, vor Nichts zurückzubeben, um dieſe Partei zu vernichten. Die Chouans verſanken in dü⸗ ſteres Schweigen und fie gingen nicht mehr, wie ſonſt, unbekümmert um ihre Einſperrung umher. Ihr Ober⸗ haupt blieb für ſich, er ſprach mit Niemand und ſchien von den Vorübergehenden keine Notiz zu nehmen: er ſah mehr betäubt als tief ergriffen aus, und wenn er ſeine Augen aufſchlug, ſo war ihr Ausdruck kalt und irre. Sogar die andern Gefangenen, die ſelten einem Gefühle Raum gaben, ſchienen anfangs über die traurige Zeitung niedergeſchlagen; und ohne Zwei⸗ fel ſahen jetzt Viele, die zuvor ihre Rettungshoffnungen auf ihren Rang und Einfluß gebaut hatten, wie wenig man ſich auf ſolchen Beiſtand verlaſſen könne, wenn der Schlag auf einen Condé ſelbſt gefallen war. Ich, der ich weder die politiſchen Bewegungen der Zeit, noch die Quellen der von der Partei des Conſuls vorausgeſetzten Gefahr verſtand, konnte nur trauern über das unglückliche Schickſal eines tapfern Prinzen, 221 dem ſein kühnes Wagen das Leben gekoſtet hatte, und ließ es mir nicht einmal im Traume einfallen, auch nur für einen Augenblick die Ehre oder Rechtſchaffen⸗ heit Bonaparte's in einer Sache in Frage zu ſtellen, worin ich ihn leicht für ganz unwiſſend hätte halten können. In letzterer Weiſe wurde wirklich die Sache vom Moniteur dargeſtellt; und welche Zweifel auch die in meiner Umgebung gefallenen Winke erregt haben mochten, ſo wurden ſie doch ſchnell wieder beſchwichtigt durch die Berichte von dem Unwillen des Conſuls über die Eile und Form⸗Widrigkeit des Verhörs, und von ſewen tiefen Verdruß über die darauf folgende Kata⸗ rophe. „Savary wird darüber in Ungnade fallen,“ ſagte ich zu dem Abbé, der ſich über meine Schulter lehnte, während ich die Zeitung las.„Bonaparte kann ihm nie vergeben.“ „Sie irren ſich, mein werther Herr,“ verſetzte er mit einem ſeltſamen Ausdruck, den ich nicht ergründen konnte:„Niemand vergibt leichter, als der Conſul; er trägt niemals etwas nach.“ „Aber hier handelt es ſich um ein ſchreckliches Er⸗ eigniß, vielleicht um ein Verbrechen.“. „Nur um einen Fehler,“ verſetzte er.„Nebenbei geſagt, Oberſt, dieſer Befehl, die Barrisèren zu ſchließen⸗ Pirr ſit das gute Pariſer Volk äußerſt unangenehm ein. „Ich habe auch darüber nachgedacht,“ ſagte ein reich aufgeputzter, geziert ausſehender junger Mann, deſſen parfümirte Locken und ſtudirtes Koſtüm einen ſeltſamen Contraſt gegen die Kleidung ſeiner Mitge⸗ fangenen bildeten.„Wenn ſie die Barrièére de l'Etoile ſchließen, was werden ſie dann mit Longchamps an⸗ fangen?“ 3 „Parbleu, das iſt mir entgangen,“ verſetzte der Oberſt und ſchlug ſich mit dem Finger an die Stirne, „Ich wette eine Krone, ſie haben ſelbſt nicht daran gedacht.“ „Die Eliſéiſchen Felder ſind gewiß lang genug für ſolche Dummheit,“ ſagte der Quartiermeiſter in rau⸗ hem, wildem Tone. „Nicht zur Hälfte lang genug,“ verſetzte der junge Herr mit unſtörbarer Ruhe:„und doch verſprach man ſich dieſes Jahr von Longchamps etwas ganz außer⸗ ordentliches. Ich hatte eine lichtblaue Kaleſche beſtellt mit vergoldeten Reifen an den Rädern und Bildwerk von Bronze an der Axe— gleich einem antiken Wa⸗ gen. „ NXarbleu,“ ſagte der Quartiermeiſter grinſend, „viel wahrſcheinlicher fahren Sie das nächſte Mal in einem einfacheren Geſchirr aus.“ „Ich hätte die Gräfin von Beauflers nach dem Boulogner Wäldchen gefahren—— ℳ „Sie müſſen ſich dafür mit dem Grafen de la Marque begnügen,“ brummte der Andere. dLetzteres war nämlich der Gefängniß⸗Name des Scharfrichters. Ich entfernte mich, nicht wenig empört über die Frivolität, die in dem ſchrecklichen Ereigniß nur die vorübergehende Unterbrechung einer eitlen, albernen Promenade ſah, als über die wilde Rohheit, die ſich an Quälereien ergötzen konnte, zu denen gemeinſames Unglück ſie zu berechtigen ſchien. So war indeſſen der vorherrſchende Ton des Denkens und Sprechens alldort. Der Tod von Freun⸗ den— der Untergang der geliebteſten Weſen— die Gefahr, die jeden Tag ihnen ſelbſt näher kam— wa⸗ ren lauter Zufälligkeiten, woran ihre Erlebniſſe, ihre Lebensverachtung und Ungebundenheit ſie gewöhnt hat⸗ ten; während ſie ſich über frühere Lebensweiſen, über die Vergnügungen und Zerſtreuungen der Hauptſtadt mit eifrigſtem Intereſſe unterhielten. So iſt es: wäh⸗ rend in einigen Naturen das Unglück die beſten und edelſten Triebe erweckt, die in glücklicheren Umſtänden — 1 223 nie ans Tageslicht getreten wären, ſo entkräftet und verdirbt es in andern jene ſchwächeren Gemüther, die beſtimmt ſcheinen, ruhig in ſicheren Gewäſſern zu ſegeln, nicht aber den ſtürmiſchen Fluthen des Lebens zu trotzen.* Mit ſolchen Geſellſchaftern war mir weder Sym⸗ pathie noch Freundſchaft möglich; und mein Leben ver⸗ ſtrich Tag für Tag und Nacht für Nacht in ununter⸗ brochener trauriger Eintönigkeit— bis meine immer nach innen gekehrten Gedanken gleichſam eine Bahn für ſich ſelbſt ausgetreten hatten, woran der Außenwelt und ihrer Menſchheit kein Antheil zukam. Nicht nur blieb mein Schreiben an den Miniſter ohne Antwort, ſondern ich wurde nicht einmal vor irgend einem Tri⸗ bunal verhört, und zuweilen geſchah es, daß mir das fürchterliche Schickſal jener Gefangenen, die unter der Schreckens⸗Regierung ihr ganzes Leben im Gefängniß zu⸗ brachten, wo ihre Verbrechen und ſogar ihr Daſein vergeſſen blieben, durch die Seele fuhr und mich mit un⸗ ausſprechlichem Schrecken erfüllte. Wenn in der finſtern Atmosphäre des Tempels eine traurige Eintönigkeit vorherrſchte, ſo folgten die Ereigniſſe ſchnell auf einander in jener Welt, von der uns ſeine düſteren Mauern abſchloſſen: jede Stunde warf ein neues Licht auf die dunkle Verſchwörung; die Wachſamkeit des Herrn Real ſchlief weder bei Tag noch bei Nacht; und Alles, was Beſtechung, Schrecken oder Tortur bewirken konnte, wurde in Bewegung ge⸗ ſetzt, um vollſtändige und genaue Aufſchlüſſe über jeden in das Complot Verwickelten zu erhalten. Es war ein herrlicher, friſcher April⸗Morgen, der ſechſte des Monats— der Tag iſt in mein Gedächtniß eingegraben— als ich in dean Garten ging und mit Staunen die Gefangenen in einem Kreis um einen Beaum ſtehen ſah, woran ein Zettel angeſchlagen war. Aller Augen waren neugierig auf das Papier gerichtet oder traurig zu Boden geſchlagen. Auf meine Frage, 224 was begegnet ſei, war ein bedeutungsvoller Blick auf den Baum die einzige Antwort, die ich erhielt, während ich auf allen Geſichtern bemerkte, daß ihnen eine ſchreck⸗ liche Nachricht zugekommen war. Ich arbeitete mich mit Mühe durch das Gedränge und kam endlich nahe genug, um den Zettel leſen zu können, worauf mit großen Buchſtaben geſchrieben war: „Karl Pichegru, Ex⸗General der Repu⸗ blik, hat ſich in ſeinem Gefängniß erdroſſelt. Den 6. April. Im Tempel.“ „Und ſtarb Pichegru, der große Eroberer von Holland, durch ſeine eigene Hand?“ fragte ich, indeß elne Augen noch immer auf dem Unglücks⸗Zettel ruhten. „Können Sie nicht leſen, junger Mann?“ verſetzte eine tiefe, feierliche Stimme neben mir, die ich ſogleich als die des Generals George ſelbſt erkannte.„Können Sie zweifeln an der ſtrengen Wahrheit einer von der Polizei gegebenen Mittheilung?⸗ Die Umſtehenden blickten mit einem Ausdruck des Schreckens und Entſetzens auf, gleich als hätten ſie gefürchtet, das bloße Anhören ſeiner Worte könnte ihnen als Zuſtimmung ausgelegt werden. „Glaubt mir, er iſt todt,“ fuhr er fort:„Diejeni⸗ gen, welche ſein Schickſal hier angekündigt, haben Ürſache ſich darauf zu verlaſſen. Es bleibt nur noch übrig zu ſehen, wie er ſtarb: dieſe Gefängniß⸗Krank⸗ heiten haben ein ſeltſames Intereſſe für uns, die wir in dem angeſteckten Klima leben; und wenn ich mich nicht irre, ſo ſehe ich den Moniteur dort eine volle Stunde vor ſeiner gewöhnlichen Zeit. Sehen Sie, meine Herren, welches Glück Sie genießen unter einer väterlichen Regierung, die in Augenblicken öffentlicher Beängſtigung Mitgefühl ſür Ihr Elend zeigt und ſich beeilt, es zu lindern.“ DDer ſarkaſtiſche Ton, in dem er ſprach— der ab⸗ gemeſſene Nachdruck, den er in jedes Wort legte, drang den Zuhörern zu Herzen, ſie ſtanden wie ſtumm und regten ſich nicht vom Flecke⸗ Hier iſt nun der Moniteur,“ ſagte der Quartier⸗ meiſter, indem er die Zeitung entfaltete und laut vor⸗ zuleſen begann. „Auf ſeine oft wiederholten Verſicherungen, daß er keinen Verſuch gegen ſein Leben machen würde—— Ein rauh ſchallendes Gelächter von George unter⸗ brach hier den Leſer. „Ich bitte Sie um Vergebung, mein Herr,“ ſagte er, an die Kappe rührend;„fahren Sie fort; ich ver⸗ ſpreche, Sie nicht wieder zu unterbrechen.“ „Daß er keinen Verſuch gegen ſein Leben machen würde, erhielt Pichegru die Vergünſtigung, daß die Schildwachen bei Nacht außerhalb ſeiner Zelle poſtirt wurden. Nachdem er ſich mit einem Reisbündel aus einem Beſen verſehen hatte, das er unter ſeinem Bette verbarg, nahm er geſtern um eilf Uhr wie ge⸗ wöhnlich ſein Abendeſſen ein, hatte guten Appetit und begab ſich um zwölf Uhr zur Ruhe. Als er ſo allein war, ſteckte er das Reisholz in die Schlingen der ſchwarzen ſeidenen Halsbinde, die er gewöhnlich trug, um ſich deſſelben gleich eines Schraubenhebels zu be⸗ dienen, und nachdem er die Binde um ſeinen Hals mit ſolcher Gewalt zuſammengeſchnürt hatte, daß da⸗ durch die Rückkehr des Blutes aus dem Kopfe gehin⸗ dert wurde, kam ein Schlagfluß dazu und machte ſei⸗ nem Leben ein Ende.“ „Beim heiligen Ludwig!“ rief George,„die Er⸗ klärung iſt bewunderungswürdig und zeigt vortrefflich, wie ein Mann noch lang genug leben kann, um ſich zu überzeugen, daß er ſich getödtet hat. Es fehlt wei⸗ ter nichts, als daß der General das Protokoll ſelbſt aufnehmen hilft, da ohne Zweifel ſeine eigenen Anſich⸗ ten über ſeinen Fall nicht weniger erbaulich und be⸗ Tom Burke. I. 15 226 lehrend ſein würden. Seht dort, die Ceremonie hat bereits begonnen.“ Mit dieſen Worten deutete er auf eine Anzahl von Perſonen, die, unter dem Vortritt Savarys in ſeiner Gendarmerie⸗d'Elite⸗Uniform, über die Terraſſe gingen und ihre Richtung nach der Zelle nahmen, wo der Leichnam lag. Die Gefangenen zerſielen jetzt in kleine Gruppen, die leiſe unter einander flüſterten und über das ge⸗ ringſte Geräuſch zu erſchrecken ſchienen; jeder verglich das, was er die letzte Nacht gehört zu haben meinte, mit der Ausſage des Andern. Einige verſicherten, ſie hätten ganz deutlich nach Mitternacht die Ketten der Zugbrücke niederraſſeln hören; Andere betheuerten, ſchnelle Tritte längs des Corridors und ſeltſame Stim⸗ men vernommen zu haben; und Einer, deſſen Zelle unter der des Generals Pichegru war, ſagte, daß er vor Tages⸗Anbruch durch einen heftigen Krach über ſeiner Decke erweckt worden ſei; nach dieſem Krach habe es gelautet, als ob Einer einen rauhen Huſten habe, und allmählig ſei es ſtille geworden. Dieß wa⸗ ren vage, unbeſtimmte Merkmale; aber was für ſchreck⸗ liche Gedanken erzeugten ſie nicht in der Seele jedes Zuhörers! Während ich wie vom Donner gerührt und ſprach⸗ los daſtand, fühlte ich einen Schlag auf meiner Schul⸗ ter. Ich kehrte mich um, es war der Abbé, der mit einem ganz eigenen, höhniſchen Lächeln hinter mir ſtand. „Armer Savary,“ ſagte er flüſternd;„wie wird er ſich aus dieſem neuen Verſehen berauswinden, zu⸗ mal da es dem früheren ſo ähnlich iſt?“ Er wartete keine Antwort ab, ſondern entfernte 4„Wer wird nun zunächſt dargn kommen, meine Herrn?“ rief George mit tiefer Stimme, da er die ſo zufäͤllig verſammelie Geſellſchaft im Begriff ſah, auf⸗ —— 227 zubrechen.„Moreau vielleicht. Eines bitte ich Sie Alle, mir zu bezeugen: Selbſtmord iſt ein Verbrechen, das ich nie begehen werde. Keine Erzählung von einer Halsbinde und einem Reißbündel— „Eſſen Sie niemals Erdſchwämme, General?⸗ fragte der Abbé trocken; und geſchah es nun wegen des eigenthümlichen Ausdrucks des Sprechens oder wegen der verlegenen Miene des Angeredeten, kurz die ganze Geſellſchaft brach in ein ſchallendes Gelächter aus. In vieſer Gemüths⸗Ergießung ſchienen Alle Erleichterung zu finden. Sie lachten lange und laut, und nun ſahen die Geſichter, worauf eine Minute vorher jeder Aus⸗ druck tiefer Niedergeſchlagenheit zu erkennen war, luſtig und fröhlich aus. Jeder hatte eine Geſchichte ein Stich⸗ wort zu ſagen oder einen ſcharfen Witz gegen ſeinen Nachbar loszulaſſen; und ihren Reden nach hätte man behaupten können, es gäbe keinen zu Poſſen und Schnurren geeigneteren Stoff als Selbſtmord und plötz⸗ licher Tod. 3 Und ſo war es immer, kein noch ſo ſchreckliches Ereigniß, kein noch ſo empörender Umſtand konnte auf diejenigen, deren Leben keine Sicherheit darbot oder durch keinen Grundſatz geregelt war, einen mehr als vorübergehenden Eindruck machen. Leichtfinn und Un⸗ glaube— ein Unglaube, der ſich nicht blos auf Sachen der Religion erſtreckte, fondern wirklich jedes Verhält⸗ niß des Lebens durchdrang und ſie zu Skeptikern an Freundſchaft, Liebe, Wahrheit, Ehre machte— waren die thr Leben beherrſchenden Einflüſſe, und wer es hätte verſuchen wollen, einen andern Codex des Handelns und Denkens unter ihnen einzuführen, dem wäre nur Spott und Hohn zu Theil geworden. Solche Gefühle mach⸗ ten fie freilich wenig geeignet für die freundlichen Verhältniſſe des Lebens, deſto gleichgültiger aber gegen den Tod; und der ſo hoch gerühmte und bewunkerte Muth auf dem Schaffot hatte großentheils keine an⸗ dere Quelle als den gedankenloſen Leichtſinn, welchen das Gefängniß eingeflößt hatte, die Gleichgültigkeit gegen Alles, wo Alles in Frage und Zweifel ſtand. Ich kämpfte mit Macht gegen die Anſteckung einer ſo verzehrenden Krankheit. Ich erinnerte mich an meine Kindheit und deren frühen Vorſatz— an den, der zuerſt meine Seele zum Ehrgeiz anſtachelte— und fragte mich, was er von mir denken würde, wenn ich einer ſolchen Verſuchung nachgäbe? Ich malte mir eine Laufbahn aus, wo ſolche Hingebung, wie ich fühlte, unterſtützt durch ein feſtes Herz, ihren Weg zur Ehre finden muß: und wenn ich mich zu ſolchen Gedanken erhob, ſo verſchwanden davor jene niererdrückenden Träume, jene düſteren Stunden des Zweifels und der Verzweiflung. Aber allmählig fing meine Geſundheit an zu wanken, meine Sinne wurden immer ſtumpfer und unempfindlicher— die düſteren Wände meiner Zelle hatten ihren Schatten auf meinen Geiſt gewor⸗ fen, und ich verſank in einen Zuſtand träumeriſcher Gleichgültigkeit, worin ich kaum den Wechſel von Tag und Nacht bemerkte; endlich fühlte ich ſogar, daß ich ein Urtheil, das mich zu lebenslänglicher Einſperrung innerhalb der Mauern des Tempels verdammen winde, ohne Aufregung anhören könnte. „Kommen Sie, Unterlieutenant, jetzt iſt die Reihe an Ihnen!“ ſagte eines Morgens der Schließer, in meine Zelle tretend, wo ich allein am Frühſtück ſaß; „ich habe ſo eben Befehl erhalten, Sie vorzuführen.“ „Wie? wohin?“ fragte ich, kaum im Stande, den Sinn ſeiner Worte zu errathen;„vor den Prä⸗ fekten etwa?⸗ „Nein, nein, etwas ganz Anderes: Sie ſollen mit den gefangenen Chouans im Palais de Juſtice erſcheinen.“ 3 „Im Palais?“ ſagte ich, indem mich ſeit Wochen zum erſten Mal ein Gefühl von Furcht beſchlich.„Will man uns verhören ohne uns eine Liſte der gegen uns vorliegenden Anklagepunkte zu geben?“ 229 „Sie werden dieſelben noch frühe genug vor dem Gerichtshof hören.“ „Ohne einen Anwalt zu unſerer Vertheidigung?“ „Der Präſident wird ſchon einen zu dieſem Zwecke ernennen.“ 3 „Und kann die Jury—— 4 „Jury! es gibt keine Jury; unterſuchung durch die Jury hat der Conſul für zwei Jahre eingeſtellt. Kommen Sie, kommen Sie, nur nicht verzagt— Ihre Freunde draußen ſingen ſo luſtig, als wäre es ein Feſt. In der That, General George iſt, glaube ich, aus Eiſen gemacht. Dieſe letzten zehn Tage war er in engem Gewahrſam— ſeine Rationen wurden faſt bis aufs Aushungern herunter geſetzt, und doch ſteht er noch da mit einem Geſicht ſo ruhig, und mit einem Blicke ſo feſt, als lebte er noch im Freien auf den Hügeln der Vendée. Munter alſo— laſſen Sie das Beiſpiel Ihres Führers—— „Führer! mein Führer iſt er nicht.“ „Das mag ſein oder nicht ſein, wie es will,“ verſetzte er in grobem Tone, gleichſam verletzt durch das, was er mir als Mangel an Vertrauen auf ſeine Ehre auslegte;„machen Sie nur ſchnell und Ziehen Sie ſich an, denn die Wagen, um Sie nach dem Pa⸗ lais zu bringen, werden ſchon hier ſein— und im Hofe verſammeln ſich ſchon die Elite⸗Gendarmen.“ Während ich mich ankleidete, ſah ich vom Fenſter meiner Zelle aus, daß in dem Viereck des Gefängniſ⸗ ſes eine Schwadron Gendarmen in voller Uniform auf⸗ geſtellt war; auf der einen Seite ſtanden mehrere Wägen und auf jedem Bocke ſaßen zwei Gendarmen. Die Gefangenen waren in ihre Ziwmer eingeſchloſſen; aber an jedem Fenſter erſchien ein Geſicht, das mit ängſtlicher Miene und ſpähenden Blicken jede, auch die geringſte Bewegung beobachtete, die unten vorging. Gerade als die Glocke neun Uhr ſchlug, wurde die Thüre meiner Zelle geöffnet und herein trat ein — „„Schreiber des Gerichtshofes, nahm aus einer ſchwar⸗ zen Taſche an ſeiner Seite eine Rolle Papier und be⸗ gann ohne Verzug in leierndem Tone eine förmliche Aufforderung des großen Tribunals vorzuleſen, betref⸗ fend die„Vorführung der Perſon des Thomas Burke, Unterlieutenant im achten Huſaren⸗Regiment, jetzt im Gefängniß des Tempels und angeklagt des Verbrechens des Hochverraths.“— Das letzte Wort machte mich ſchaudern und all meine ſeit den letzten Wochen mir angewöhnte, ſtoiſche Gleichgültigkeit hielt nicht Stand gegen ſolch eine Anklage. Der Kerkermeiſter hörte das Dokument me⸗ chaniſch an, las als Erwiederung ein anderes laut vor und übergab mich darauf dem Offtzier, der mich er⸗ ſuchte, ihm zu folgen. 3 In dem Hofe unten war die größte Anzahl der Gefangenen bereits verſammelt. George ſtach unter allen Andern hervor, nicht nur durch ſeine ſuattliche Geſtalt, ſondern auch durch eine ſchöne Uniform, über die er ſeine St. Ludwigs⸗Dekoration trug, deren rothes Band in glänzenden Bogen ſeine Bruſt umſchlang. Ein ſchwaches Geräuſch unter einer Thüre des Thur⸗ mes ſchien plötzlich ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln und ich ſah, daß er ſich ſchnell umkehrte und ſich durch die Menge einen Weg zu der Stelle bahnte. Begierig, zu erfahren, was es ſei, folgte ich ihm ſogleich. Mit einiger Schwierigkeit vorwärts drängend, erreichte ich die Thüre, auf deren Schwelle ein junger Mann in einem Anfall von Ohnmacht lag. Sein Geſicht, blaß wie der Tod, hatte keine andere Farbe, als zwei dunkle Ringe um die Augen, die offen, aber verdreht und trübe waren. Schleunigſt wurde ihm von einigen Umſtehenden die Halsbinde abgenommen, worauf ſich um ſeinen Hals ein purpurrother Rand und unter dem Kinn eine blutunterlaufene angeſchwollene Stelle zeigte, die ſchrecklich anzuſehen war. Seine Kleidung ſowohl als das Gepräge ſeiner Züge verrieth eine Perſon von — * 1 231 Stand, aber noch nie hatte ich einen ſo traurigen, wehmüthigen Anblick gehabt. Ihm zur Seite kniete George, er hatte ſeinen ſtarken Arm um des Jünglings Rücken geſchlungen, während er ihm mit ſeiner großen derben Hand Waſſer auf die Stirne ſprißte. Die ſtrengen Züge des harten Breionen, worin ich vorher nie etwas Anderes gefunden hatte als kühne, ſtürmiſche Leidenſchaft, waren jetzt zu weiblichſanfter Milde um⸗ gewandelt— ſein blaues Auge glänzte ſo weich, wie das einer Mutter, die ſich über ihr Kind hinbückt. „Bouvet, mein theurer lieber Junge, bedenke, Du biſt ein Bretone— ſammle Dich, mein Kind— ſei eingedenk unſerer Sache.“ 4 Der Name des Jünglings erinnerte ſogleich an jenen, den ich einige Monate zuvor unter den gefan⸗- genen Chouans geſehen hatte, und der, ſo traurig und krank er auch damals ausſah, jetzt dem Grabe weit näher gerückt war.. „Bouvet,“ rief George in einem Tone herzzerrei⸗ genden Kummers,„dieß wird uns für immer Schande machen.“ Der Jüngling drehte ſeine kalten Augen herum, bis ſie auf dem Geſichte des Andern haften blieben; während ſeine noch offen ſtehenden Lippen und ſeine blaſſe, platte Wange ihm das Anſehen einer plötzlich ins Leben zurückgerufenen Leiche gaben. „So, mein braver Herzensjunge,“ ſagte George, ihn auf die Stirne küſſend, ſo, jetzt biſt Du wieder Du ſelbſt.“ Er bückte ſich über den Jüngling, bis ſehhe Lippen faſt deſſen Ohr erreichten, und flüſterte ihm zu: „Denkſt Du nicht mehr an die letzten Worte, Bou⸗ vet, die Monſeigneur zu Dir ſagte?„„Erhalte Dich für Deine Freunde und gegen unſere gemeinſamen Feinde.““ 3 Der Knabe fuhr zuſammen bei dieſen Worten und . 232 blickte wild um ſich, während ſich ſeine Hände krampf⸗ haft weit aufthaten. „Donner und Wetter!“ rief George mit raſender Leidenſchaft,„was haben ſie mit ihm gemacht— ſein Verſtand iſt fort. Bouvet, Bouvet de Lozier, kennſt Du dieß? Mit dieſen Worten zog er ein mit großen Brillanten eingefaßtes Miniaturbild aus dem Buſen und hielt es dem Jüngling vor die Augen. Dieſem entfuhr ein wilder Schrei und er ſank zurück unter ſtarken Zuckungen. Der ſchreckliche Schrei glich dem letzten Klagruf ſterbender Vernunft— ſo traurig, ſo durchbohrend war der Tonfall. 1 „Da ſeht,“ ſagte George mit einem wilden Zlick auf die Menge,„ſie haben ihm den Verſtand genom⸗ men; er iſt verrückt.“ „Der General George Cadoudal“ rief eine laute Stimme aus der Mitte des Hofes. „Hier,“ war die feſte Antwort. „Dorthin, mein Herr, in jenen Wagen.“ „Herr Sol de Giſolles!“ „Hier,“ verſetzte ein hochgewachſener ariſtokratiſch ausſehender Mann in tiefer Trauer. Unterlieutenant Burke war der nächſte Name, der gerufen wurde. Ich folgte den Andern und ſaß bald in einer engen Kaleſche, mit einem Gendarmen neben mir, während zwei andere mit gezogenen Säbeln zu beiden Seiten des Wagens ritten. Ficot, der Bediente von George, der treue Bretone, und Lebourgeois, ein alter ſchöner Mann in dem einfachen Gewand eines Prieſters mit langem weißen Haare und ſanften mil⸗ den Zügen, kamen unmittelbar nach mir. Darauf wurden noch viele andere Namen gerufen, und es ver⸗ ging faſt eine Stunde, bis die Ceremonie vorüber war und Befehl zum Aufbruch gegeben wurde. Endlich öffneten ſich die ſchweren Thore und der Zug ging durch. Ich ſah mit Erſtaunen, daß das ganze Boulevard mit Truppen beſetzt war, hinter wel⸗ b —— 233 chen Tauſende von Zuſchauern ſich drängten; alleßen⸗ ſter und ſogar die Giebel der Häufer waren mit Neu⸗ gierigen beſetzt. Als wir die Quais erreichten, wurde das Ge⸗ dränge noch größer, und die Truppen hatten alle Mühe, einen freien Weg für die Wagen zu bahnen, während an allen Straßen, die ſich in die Quais mündeten, berittene Dragoner aufgeſtellt waren, um jedes Fuhrwerk zurückzuhalten. Ich hatte noch nie eine ſo ungeheure Volksmaſſe geſehen, und doch herrſchte durch die ganze gedrängte Menge eine tiefe, feierliche Stille— auf dem ganzen Wege ließ ſich kein Schrei, kein Ruf hören. Nur einmal, an der Ecke vom Pont Neuf wurde aus der Menge:„Es lebe Moreau!“ ge⸗ rufen; aber es war nur eine vereinzelte Stimme, und im nächſten Augenblick ſah ich einen Gendarmen ſich durch die Maſſe drängen, eine kläglich ausſehende Figur am Kragen packen und neben ſeinem Pferde her auf's Wachhaus ſchleppen. Als es über die Brücke ging, ſah ich, daß neben Deſaix's Denkmal eine Kompagnie Artillerie und zwei Kanonen aufgeſtellt waren, ſo daß ſie den Pont Neuf beherrſchten: alle dieſe Vorbereitungen bewieſen deut⸗ lich, daß die Regierung die Nothwendigkeit fühlte, die energiſchen Sicherheitsmaßregeln zu treffen. In dem ernſten Blicke der Kanoniere, wenn ſie mit ihren bren⸗ nenden Lunten neben ihren Geſchützen ſtanden, lag etwas, das ihre ſchnellfertige Entſchloſſenheit für den „Augenblick der Gefahr verrieth. Die engen Straßen von der Isle St. Louis wa⸗ ren dichter als ein anderer Theil des Weges voll Menſchen gedrängt und hemmten unſere Fahrt beträͤcht⸗ lich, ſo daß ſich häufig die Gedarmen genöthigt ſahen, Platz zu machen, ehe die Wagen weiter konnten. Als wir durch jene elenden finſtern Straßen kamen, wo Laſter und Verbrechen und Jammer jeder Art zuſam⸗ men wohnten, erregte es in mir ein ganz eigenes Ge⸗ fühl, wenn ich bei jedem Schritte einen Ausdruck des Mitleids von Denen hörte, die ſelbſt alles Mitleid zu verdienen ſchienen. „Ah, voila,“ rief eine alte zerlumpte Figur, an deren Baumwollmütze ein verſchoſſenes und verſchmutz⸗ tes dreifarbiges Band befeſtigt war— das iſt Mo⸗ reau. Ich wollte ſein ſtolzes Geſicht jeden Tag ken⸗ nen. Armer General, ich hoffe, es geht Ihnen beute nicht ſchlimm.“ „Seht da!“ kreiſchte eine alte Hexe, als der Wa⸗ gen, worin Bouvet ſaß, vorbei fuhr.„Seht da den ſchönen Jüngling. Er iſt am Sterben. Heilige Jung⸗ frau, er kommt nicht mehr lebendig bis zum Thore des Palais.“ „Und hier!“ rief eine andere—„hier iſt ein Hu⸗ ſarenoffizier, blaß genug, wie es ſcheint; o ja! ich will ein paar Mal für ihn beten; das kann ihm ge⸗ wiß nicht ſchaden.“ Jetzt miſchte ſich das Raſſeln einer Trommel vor uns in das Geräuſch der Cavalkade und ich konnte das Klirren einer ins Gewehr tretenden Wache vernehmen. In der nächſten Minute ſtanden wir vor einem koloſ⸗ ſalen Thorweg, deſſen reiches Bildwerk in der präch⸗ tigſten Vergoldung ſtrahlte; es war in dem glänzen⸗ den Geſchmacke Ludwigs XIV. und ſtand dem Eingang eines ehemaligen königlichen Palaſtes ganz wohl an. Ach, dachte ich, wie ungleich Jenen, die einſt dieſen weiten Hof betraten, iſt der traurige Zug, der jetzt heranrückt.. Jeder Wagen hielt am Fuße einer weiten Flucht, von ſteinernen Treppen, die Gefangenen ſtiegen ab und wurden, auf beiden Seiten von Gendarmen be⸗ gleitet, in vas Gebäude gefuhrt. Von der Halle aus ging es nach einer langen Gallerie. Auf beiden Seiten war eine Reihe von maſſiven Säulen, zwiſchen denen hin⸗ durch man verſchiedene große aber trüb beleuchtete, augen⸗ ſcheinlich vernachläßigte und unbenutzte Zimmer ſah; hie 1 und da einige Bnke, ein alter Schrank und ein Geſchäfts⸗ tiſch machten das ganze Geräthe aus. Hier machten wir einige Minuten Halt, bis ſich am äußerſten Ende eine Thüre öffnete, und ein Zeichen gegeben wurde, näher zu kommen. Nun hörten wir ein umpfes Ge⸗ räuſch gleich der fernen Brandung der See in einer ruhigen Nacht. Es wurde immer lauter, je näher wir kamen, bis wir ein Gemiſch von mehreren hun⸗ dert Stimmen wahrnehmen konnten, die ſich in leiſem, tiefem Tone unterhielten. Hier, da ich an die zahlloſe Menge dachte, vor der ich als Verbrecher ſtehen ſollte, durchſchauerte mich ein ſchreckliches Gefühl, und es koſtete mich alle mög⸗ liche Anſtrengung, mich auf den Füßen zu halten. Noch entzog ein Vorhang von dunklem Tuche den Gerichtshof unſern Blicken, aber wir konnten die Stimme des Präſidenten hören, wie er Stillſchweigen gebot, und den eintönigen Vortrag des Schreibers, der die Geſchäftsordnung vorlas. Nachdem dieß be⸗ endigt war, rief eine tiefe Stimme:„Man führe die Gefangenen vor!“ Dieſe Worte wurden von einem Huifſier am Eingang noch lauter wiederholt; auf ein gegebenes Signal dewegte ſich die Reihe vorwärts, der Vorhang wurde zurückgezogen, und wir traten in den Saal. Die Menge von Geſichtern, die den weiten Raum von unten bis zu den Gallerien hinauf füllten, warf ihre Blicke auf die für uns beſtimmte Bank auf der einen Seite des erhöhten Platzes neben dem Sitze ver Richter. Eine ähnliche Bank, aber unbeſetzt, ſtand auf der entgegengeſetzten Seite, während gerade ge⸗ genüber von den Richiern die Advokaten in engge⸗ ſſenen Reihen ſaßen; ein ſchmaler Pult etwas vorne war der für den General⸗Prokuraior s beſtimmte Platz. 1 Zie ungeheure Menge von Zuſchauern— ver Pomp und das Ceremoniell eines Gerichtshofes— 236 das feierliche Ausſehen der Richter mit ihren dunkeln Mänteln und viereckigen ſchwarzen Mützen, welche an die Inquiſitionsbeamten erinnerten, wie wir ſie auf alten Gemälden ſehen— die Stille, die in einer ſo zahlreichen Verſammlung herrſchte— Alles erfüllte mich mit banger Scheu, und ich wagte kaum die Augen aufzuſchlagen, aus Furcht, unter den auf mich gerichteten Blicken einige zu entdecken, die mich ver⸗ dammen könnten. „Erklären Sie die Sitzung für eröffnet,“ ſagte der Präſident. Mit lauter Stimme machte der Huiſſer bekannt, daß das Tribunal ſeine Sitzung begonnen habe. Dar⸗ auf verlas der General⸗Procuralor die Namen der Angeklagten. Er begann mit General Moreau, Ar⸗ mand de Polignac, Charles de Rivière, Sol de Gi⸗ ſolles, George Cadoudal; darauf kamen einige zwanzig andere, weniger bedeutende Namen, worunter ich mit finkendem Herzen meinen eigenen Namen nennen hörte. Nun ſchienen einige herkömmliche Förmlichkeiten das Gericht für eine beträchtliche Zeit zu beſchäftigen; wo⸗ rauf der Huiſſier noch einmal Stillſchweigen gebot. „General Moreau,“ ſagte der Präſident mit tiefer Stimme, die durch den ganzen Saalgehört wurde.„Stehen Sie auf, mein Herr,“ fügte er nach einer Pauſe von einigen Minuten hinzu. Ich blickte die Bank hinab und ſah am äußerſten Ende derſelben die hohe, wohl⸗ gebaute Geſtalt eines Mannes in der Uniform eines Generals der Republik; ſein Rücken war gegen mich gekehrt, aber ſeine Haltung verrieth deutlich genug den Soldaten. „Ihr Name und Zuname,“ ſagte der Präſident. Bevor eine Antwort gegeben werden konnte, hörte man im Saale einen dumpfen Ton wie von einem ſchweren Falle. Sogleich ſtanden mehrere Perſonen in meiner Nähe auf. Ich bückte mich vorwärts und ſah Bouvet de Lozier hewußtlos am Boden ausgeſtreckt; 237 neben ihm kniete ſein treuer Freund George, ſuchte ſeine Weſte zu öffnen und ihm Luft zu machen.„Schnell etwas Waſſer her!“ rief der harte Bretone mit einer Stimme, die wenig Ehrfurcht vor dem Orte zeigte, wo er ſtand.„Euer albernes Ceremoniell hat den armen Jungen um ſeine Sinne gebracht.“ „Achtung vor dem Gerichte, mein Herr, oder ich laſſe Sie feſtnehmen,“ ſagte der Präfident in aufge⸗ brachtem Tone. Ein verächtlicher Blick und ein noch verächtlicheres Achſelzucken war die Antwort. „Entfernt den Gefangenen,“ ſagte der Präfident, auf den ohnmächtigen Jüngling deutend,„und gebietet Stillſchweigen im Saale.“ Die Gerichtsdiener brachten den todtenähnlichen Jüngling die Treppe hinab in ein nahe gelegenes Zimmer. Dieſer kleine Zufall, ſo unbedeutend und vorüber⸗ gehend er auch war, ſchien das Publikum tief zu er⸗ greifen, und es dauerte einige Zeit, bevor wieder gänzliche Ruhe hergeſtellt werden konnte. „So geht es im Tempel her,“ ſagte George laut, indem er ſeinem Freunde nachſchaute. „Still, mein Herr!“ rief einer von den Richtern, Herr Thuriot, ein barſcher, ſtreng ausſehender Mann, deſſen Haß gegen die Gefangenen viel Stoff zur Un⸗ terhaltung im Gefängniß gegeben hatte. „Ach ſind Sie es, Tue-Roi,“ rief George, mit ſeinem Namen ſpielend, denn Thuriot war Einer der „Königsmörder“ geweſen.„Sie da— ich dächte, mar hätte Sie ſchon lange hier ausfindig machen ollen.“ 3 Ein lautes, nicht zu unterdrückendes Gelächter er⸗ ſcholl durch den dicht gefüllten Saal, und die Ordnung konnte nicht eher wieder hergeſtellt werden, als bis fünf oder ſechs Perſonen von den Gendarmen mit Ge⸗ walt entfernt waren. „Verleſen Sie die Anklage⸗Akie,“ ſagie der Prä⸗ ſident mit tiefer, feierlicher Stimme. as dn Namen der Einen und untheilbaren Re⸗ publik— „Herr Präfident,“ unterbrach der General⸗Pro⸗ kurator,„ich möchte bemerken, daß, da in die erße Anklage⸗Akte mehrere von den Gefangenen nicht mit eingeſchloſſen ſind, dieſe während des Vorleſens der Akte nicht hier bleiben ſollltten.“ Jetzt fand zwiſchen den Richtern eine Unterrevung von einigen Minuten ſtatt, während der im Saale ununterbrochene Stille herrſchte. Ich wendete gerne meinen Blick von den gaffenden Geſichtern der Zu⸗ ſchauer hinweg auf die Bank, wo meine Mitgefange⸗ nen ſaßen; und ſo verſchieden ſie auch in Bezug auf Alter, Rang und Beſchäftigung waren, ſo ſchien doch nur Ein Gefühl ſie zu beherrſchen,— ein kecker, ent⸗ ſchloſſener Geiſt, jeder Gefahr zu trotzen, ohne ſcheu zurückzutreten.— „Welche von den Gefangenen ſind in die erſte Alte nicht eingeſchloſſen?“ fragte Thuriot. 2 4 „Charles Auguſte Rebarde, genannt der Schwarze, Guilaume Lebarte, und Thomas Burke, Unterlieutenant im achten Huſaren⸗Regiment.“ „Man führe ſie ab,“ ſagte der Präſident. Ein ſchwaches Geräuſch entſtand unten im Saale, als die Gendarmen vortraten, um uns einen Weg zu bahnen; und für einen Augenblick konnte ich bemerken, daß die Aufmerkſamkeit der Verſammlung auf uns ge⸗ richtet war. Wir ſtiegen hinter einander von dem erhöhten Platze und gingen mit einem Gendarmen auf jeder Seite hinaus, als plötzlich Cadoudal mit tiefer, weicher Stimme rief: 1 „Adieu, meine Freunde, adieu!“ Wenn wir nicht beſſer behandelt werden, als unſer Fürſt, ſo werden wir euch niemals wiederſehen.“ „Still, mein Herr!“ rief der Präſident in ſiren⸗ 239 gem Tone; darauf wendete er ſich gegen die Abvo⸗ katen und fuhr fort—„Wenn dieſer Mann einen An⸗ walt am Gerichtshof hat, ſo wäre es gut, wenn er ſeinem Clienten beveutete, daß ſo fortgeſetzte Unziem⸗ lichkeiten gegen das Tribunal ſeiner Sacht nur ſcha⸗ den können.“ „Ich habe keinen und verlange auch keinen,“ ver⸗ ſetzte George in trotzigem Tone.„Dieß Blendwerk iſt nur der erſte Schritt zur Guillotine, und den kann ich ohne Beiſtand gehen.“ Ein wiederholter Ruf:„Stille!“ und ein dum⸗ pfes Murmeln durch die verſammelte Menge war Alles, was ich hörte; denn die Thüre des Saales wurde ſo⸗ gleich hinter uns geſchloſſen. Während wir einen nie⸗ drigen, gewölbten Corridor enklang gingen, wurde das Geräuſch immer ſchwächer und ſchwächer; und zuletzt hörten wir nichts, als unſere eigenen Schritte. Das Zimmer, wohin wir geführt wurden, war klein und weiß angeſtrichen; rings herum ging eine Bank von rohem Holz, in der Mitte ſtand ein Ge⸗ ſchäftstiſch, worauf ein gemeiner, irdener Waſſerkrug und einige kleine zinnerne Becher ſtanden. Das Fen⸗ ſter war einige Fuß über dem Boden und ſtark mit Eiſenſtäben vergittert.. „Der Wart⸗Saal iſt traurig genug,“ ſagte Einer meiner Gefährten,„und doch thut es vielleicht Man⸗ chem von uns leid, ihn zu verlaſſen.“ „Mir gewiß nicht,“ verſetzte der Andere ent⸗ ſchloſſen.„In dem Korbe unter der Guillotine wird mein Kopf ſanfter ruhen, als ſonſt wo in dieſen letz⸗ ten drei Monaten.“ ſſſſſſſſſnſnſſſſſſnſſinſſſſſ 10 11 12 13 14 15 16 17 18