———g Leihbibliothekr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurüt attet wird. . 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt wer und beträgt: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M. 3* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bucher: 1 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, che die —— 2 ———-—— Unſere Tiſchgenoſſenſchaft. Von Charles Tever. 3(Harry Lorrequer.) Aus dem Engliſchen überſetzt von Gottloab Fink. II. Tom Burke. Erſtes bis drittes Bändchen. 4 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Tom Burke. Ein Roman aus der napoleon’ſchen Beit. Von Charles Tever. Aus dem Engliſchen überſetzt von Gottlob Fink. Erßer bis dritter Theil. 4 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 47 ——yyü————— An Miß Edgewortb. Madame! Dieſen ſchwachen Verſuch, das franzöſiſche Militärleben während der kurzen, aber ruhmvollen Periode des Kaiſerreichs zu ſchildern, bitte ich um Erlaubniß, Ihnen zu weihen. Wäre die Szene dieſes Buches, wie die meiner früheren, hauptſäch⸗ lich in Irland gelegen, ſo hätte ich meine Unter⸗ legenheit zu tief gefühlt, um einen ſolch anmaß⸗ lichen Schritt zu wagen. So wie es ſteht, war ich der Mängel meines Werkes nie deutlicher be⸗ wußt, als jetzt, da ich daſſelbe Ihnen widme; aber ich kann der Verſuchung nicht widerſtehen, auch ſo in Verbindung mit einem Namen zu treten, der in der Literatur meines Landes der erſte iſt. Noch einen andern Beweggrund will ich nicht verhehlen— den glühenden Wunſch, den ich hege, Sie zu verſichern, daß Sie unter den Tauſenden, die Sie durch Ihre Schriften beſſer, weiſer und 1 1 glücklicher gemacht haben, Keinen finden können, 1 der auf das gemeinſame Band des Vaterlandes, 5 das uns umſchlingt, ſtolzer iſt, oder Ihre Güt⸗ und Ihren Genius aufrichtiger bewundert, als Ihr 8 ergebener und gehorſamer Diener Charles J. Lever. Temple⸗Ogue, den 25. Nov. 1843. Antere Citchgenoltenſchakt. Von Harry Porrequer. Tom Burke. „Der Marſch, die Heerſchau und die Nacht Ringsum das Bivoual— Der Zug der Truppen in die Schlacht— Der hitzige Attack— Das Sturmgeſchrei, das Donnergeroll Aus blitzendem Feuerſchlund Ueber Felder von Blut und Leichen voll, Ueber roſſezerſtampften Grund— Das war ſein Ruhm—— Der Geächtete. Vorrede⸗Brief von Mr. Burke. Mein theurer O'Flaherty! Es ſcheint, daß die Reihe des Verſchlungen⸗ werdens jetzt an mich kommen ſoll. Nun, ſei es ſo; Sie ſollen meine Geſchichte haben wie ſie iſt. Nur Eines möchte ich mir ausbedingen— daß Sie Ihre Leſer von der Meinung abbringen, das ihnen vorliegende Leben ſei ein Leben voll Freude oder hohem Gewinn geweſen. Ich möͤchte hier einige moraliſche Betrachtungen anſtellen über ver⸗ fäumte Gelegenheiten und mißverſtandene Meinun⸗ gen; aber da ich im Begriffe bin, Ihnen meine Erzählung zu übergeben, ſo darf die Moral, wenn eine darin liegt, nicht anticipirt werden. Ich glaube ſonſt nichts vorausſchicken zu müſ⸗ ſen, als daß in meiner Erzählung, wenn auch nicht viel Witz, doch einige Warnung liegt; und, wie Bob Lambert dem Henker benierkte, der für ſeine Hinrichtung den Strick einſeifte:„auch das iſt ein Troſt.“ Wenn alſo unſer Freund Lorrequer ſo gütig ſein wird, mein Debut zu erleichtern, ſo gebe ich ihm vollkommene Freiheit, mich zurechtzuſchnei⸗ den, wenn es ihm beliebt, und bin wie immer Ih r Tom Burke. Erſtes Kapitel. Ich ſelbſt. Es war am Schluſſe eines kalten, rauhen Januar⸗ Tages— an der Jahreszahl iſt nichts gelegen— als man die Galway⸗Poſt langſam durch jene lange und düſtere Ebene dahinfahren ſah, welche, ſowie man ſich der„hold Stadt Athlone“ nähert, der Schannon be⸗ Feanzi. Die dampfenden Reiſemäntel und tropfenden Regenſchirme, die auf jeder Seite niederhingen, bedeu⸗ teten einen ſchweren Regentag, während die mit Koth beſpritzte Außenſeite der Kutſche grundloſe Wege ver⸗ muthen ließ, was denn auch die abgematteten Pferde nur zu ſehr beſtätigten. Wenn die Außenſitzenden mit ihren tief herabgedrückten Hüten und gegen den ſchnei⸗ denden Wind gebogenen, Köpfen einen durchaus nicht komfortabeln Anblick darboten, ſo hatten auch die in⸗ wendig, welche kaum durch das trübe Glas blicken konn⸗ ten, wenig Augenweide; ihre flanellenen Schlafmützen und rothen Nachtröcke konnte man nur in ſeltenen Au⸗ genblicken ſehen, wenn ſie einen Blick auf die traurige Gegend warfen, worauf ſie wieder in die Kutſche zu⸗ rückſanken, um über ihren trüben Gedanken zu brüten, oder im glücklichen Falle vielleicht zu ſchlummern. Im Coupe neben dem Condukteur fuhr Einer, deſſen wohlbeleibte Geſtalt und rothe Wangen von dem ſchar⸗ fen Wind, vor dem ſich ſeine Gefährten zuſammenkauer⸗ 14 ten, nichts zu fühlen ſchienen. Eine wachstaffetne Rei⸗ ſemütze, unter dem Kinn feſtgebunden, und ein weiter Mantel von blauem Tuch bezeichneten ihn als einen Soldaten, ſelbſt wenn der zuverſichtliche Ton ſeiner Stimme und eine gewiſſe leichte Haltung ſeines Kopfes den ſcharfſichtigen Beobachter nicht auf dieſelbe Ver⸗ muthung gebracht hätte. Weit entfernt, durch den langen Regentag oder durch die trübſelige Umgebung rechts und links gebeugt oder verſtimmt zu ſein, leuchtete ſein dunkles Auge ſo glänzend unter dem Rand ſeiner Kappe hervor und ſtrahlte ſein röthliches Geſicht ſo fröhlich, als wenn die Natur alle Reize des Wetters und der Landſchaft vor hm ausgegoſſen hätte, um ihn zu grüßen und zu er⸗ reuen. Er vertrieb ſich die Zeit, indem er bald den Con⸗ dukteur über die verſchiedenen Perſonen befragte, deren Güter auf beiden Seiten lagen, über den Namen ei⸗ nes armen Weilers oder eines geringen Dorfes, bald einige Verſe eines alten Soldatenliedes vor ſich hin⸗ ſummte; zur Abwechslung jedoch warf er auch hie und da einem gaffenden Landmädchen, wenn es mit nichts⸗ ſagendem Blicke der vorüberfahrenden Kutſche nachſtarrte, einen artigen Gruß zu. Aber ſeine Hauptbeſchäftigung ſchien darin zu beſtehen, daß er mit dem einen Flügel ſeines weiten Mantels die Geſtalt eines kleinen Kna⸗ bens bedeckte, der an ſeiner Seite ſchlummerte, und deſſen Kopf bei jedem Stoß der Kutſche hart an ſeinen Arm anſtieß. „Und ſo wäre denn das dort Athlone, ſagt Ihr?“ ſprach der Kapitän; denn dieß war er.„Die holde Stadt Athlone, oho! Gut, ſie könnte ja noch elender ſein. Zehn Jahre hab' ich in Afrika zugebracht, an der brennenden Küſte, wie ſie's nennen: da braucht Ihr kein Feuer, um Euer Fleiſch zu kochen; nur zehn Mi⸗ nuten legt Ihr's vor die Sonne, Scherz bei Seite, und der Braten iſt fertig; Alles wahr, beim Jupiter! Sachte, — 17 Belieben in den Pflanzungen herum, und Alles verrieth tiefſten Zerfall und Zerrüttung.. Wenn die Scene um mich her düſter war, ſo paßte ſie nur um ſo beſſer zu meinem eigenen Herzen. Ich kehrte in eine Heimath zurück, wo ich nie die Stimme der Güte oder des Wohlwollens gehört; wo nicht Ein ſanftes Wort, nicht Ein Blick des Willkomms mich je empfangen hatte. Ich kehrte zurück, nicht um den ketzten Segen eines liebenden Vaters zu empfangen, ſondern blos weil ich gerufen worden war, eine noth⸗ wendige Gelegenheits⸗Ceremonie. Und vielleicht lag ein eigener Hohn darin, mich noch einmal in das Haus ein⸗ zuladen, das ich niemals wiederſehen ſollte. Mein Va⸗ ter, ſeit mehreren Jahren Wittwer, hatte alle ſeine Zaͤrtlichkeit meinem älteren Bruder zugewendet, wel⸗ cher ſoviel von ſeinem Gute erben ſollte, als dem all⸗ Femeinen Schiffbruch entgangen war. Er war nach Eton geſchickt worden, unter Begleitung eines eigenen Hofmeiſters, während eine obskure Dubliner Schule für mich gut genug erachtet wurde. Für ihn wurde alles Mögliche aufgeboten, um alle ſeine knabenhafte Gelüſte zu befriedigen, und ihn in den Stand zu ſetzen, mit dden Söhnen von Aeltern von hohem Rang und Ver⸗ mögen zu wetteifern, deren Namen, wenn er ſie in ſeinen Briefen nach Hauſe erwähnte, eine reichliche Ent⸗ ſchädigung für all' die verſchwenderiſchen Auslagen wa⸗ ren, die durch ihre Bekanntſchaft veranlaßt wurden. Meine Briefe waren ſpärlich und kurz; ihr unveränder⸗ tes Thema war der Rückſtand der vierteltährigen Zah⸗ lung oder die mangelhafte Ausſtattung meines kleinen Koffers, die mich mehr als einmal den Neckereien mei⸗ ner Mitſchüler ausſetzte.. Er war ein ſchöner und zarter Knabe, ſchüchtern im Benehmen und zurückgezogen, ich ein Schlingel mit gebräuntem Geſicht, der Jedermann kannte vom Hirt bis zum Oberſyerif. Auf ihn hatten die Diener Befehl, Tom Burke. I. 3 2 18 aufzuraſſen, als auf das Haupi des Hauſes, während ich entweder gänzlicher Vernachläſſigung oder höchſtens den Aufmerkſan keiten deren anheimgegeben war, die in unſerer Heer⸗Liſte nur als Ueberzählige ſigurirten. Dennoch, trotz aller dieſer Veranlaſſungen zu Eifer⸗ ſucht zwiſchen uns, liebten wir einander zärtlich. Georg bemitleidete den„armen Tomy,“ wie er mich nannte, und für dieſes Mitleiden hing mein Herz an ihm. Er wollte meine Sache oft vertheidigen für jene kühneren Vergehen, welche ſeine feinere Natur niemals wagte, und erſt in Folge ſeines langen Umganges mit Knaben höheren Ranges, deren Gewohnheiten und Meinungen er als Standarten, denen er folgen müſſe, betrachtete, entſtand endlich zwiſchen uns ein Gefühl der Entfrem⸗ Pung. und wir lernten nun einander etwas kalt an⸗ ehen.’ Nach dieſen kurzen Andeutungen wird man ſich nicht wundern, wenn ich mit ſchwerem Herzen heimkehrte. Von der Stunde an, wo ich den Abberuſungsbrief er⸗ hielt— geſchrieben von meines Vaters Anwalt in mög⸗ lichſt bundigen und juriſtiſchen Phraſen— hatte ich kaum aaufgehört, Thränen zu vergießen; denn ſo iſt es, in 3S dem Gedanken, als eine Waiſe, freundlos und ſchutzlos zurückgelaſſen zu werden, liegt etwas von dem Verluſte eines wohlwollenden und gütigen Weſens ganz Ver⸗ ſchiedenes, was das junge Herz mit einer wahren Fluth von Wehmuth erdrückt, außerdem waren meinem Vater dann und wann doch einmal ein paar gütige Worte gegen mich entfallen, und dieſe ſchätzte ich als meinen reichſten Beſitz. Ich dachte hin und wieder an dieſelben; manche einſame Nacht, wenn mein Herz ſchwer und niedergedrückt war, wiederholte ich ſie mir ſelbſt, gleich Talismanen gegen Kummer, und wenn ich einſchlief, ſo ſchwebten meine Träume darüber und machten mein Erwachen glücklich. 3 3 Als ich aus einem dunkeln Gehölze von Buchen trat, lag das alte Haus in undeſtimmten Umriſſen vor mir. Ich konnte das hohe Dach, die langen und ge⸗ ſpitzten Giebel vom Schatten heraus erkennen, und mit einem ſeltſamen Gefühl unerklärlicher Furcht betrachtete ich ein einſames Licht, das von dem Fenſter eines oberen Zimmers herunterſchimmerte, wo mein Vater lag; ſonſt ruhte das Gebäude in tiefem Schatten. 4 Ich ſtieg die lange Flucht ſteinerner Treppen hinan, welche zu einer ehemaligen Terraſſe führte, aber die Balluſtraden waren ſeit Jahren zerbrochen, und ſogar der ſchwere Granitſtein war an verſchiedenen Stellen zertrümmert. Die Hallenthüre ſtand weit offen, und die Halle ſelbſt hatte kein anderes Licht, als das Fla⸗ ckern eines Holzſeuers, deſſen unſtäte Flammen das dunkle Getäfel und die Flur beſchienen. Ich hatte gerade die grimmigen, altmodiſchen Por⸗ träts betrachtet, welche die Wände bedeckten, als eine Geſtalt nahe am Feuer meine Augen auf ſich zog. Ich ging näher und ſah vor mir einen von Alter gebeugten Mann, ſeine trüben Augen waren auf die Holzaſche ge⸗ richtet, welche er mit einem Stock zuſammen zu ſchar⸗ ren ſuchte. Seine Kleider verriethen die kläglichſte Ar⸗ muth und gewährten keinen Schutz gegen den kalten und ſcharfen Wind. Als ich näher rückte, brummte er ein altes Lied für ſich hin, und widmete mir keine Aufmerk⸗ ſamkeit. Ich ging herum auf die Seite, wo das Licht auf ſein Geſicht fiel, und erkannte ihn nun als den alten Lanty, wie man ihn nannte. Armer Kerl! Alter und Vernachläßigung hatten ihn auf traurige Art ver⸗ ändert, ſeitdem ich ihn zum letzten Mal geſehen. Er war zwei Generationen hindurch der Jäger der Familie geweſen, aber da er eines Tages auf der Jagd durch irgend etwas meinen Vater aufgebracht hatte, ritt die⸗ ſer auf ihn zu und ſchlug ihn mit ſeiner ſchweren Peit⸗ ſche auf den Kopf. Der Mann ſiel bewußtlos vom Pferde und wurde heimgebracht. Nach wenigen Tagen war er indeß wieder im Stande, herumzugehen, aber ſeine Sinne hatten ihn für immer verlaſſen. Alle Er⸗ innerung an das unglückliche Ereigniß war ſeinem Ge⸗ dächtniß entſchwunden, und ſeine irrenden Gedanken ſchweiften nun über ſeine alten Geſchäfte, ſo daß er ſeine Tage in den Ställen zubrachte, wo er nach den Pferden ſah und Verfügungen über ſie erließ. Später war er hiefür zu ſchwach geworden und kam nie aus ſeiner eigenen Hütte; aber jetzt war er aus irgend ei⸗ nem ſeltſamen Grunde herauf„ins Haus“ gekommen und ſaß am Feuer, als ich ihn fand. Wer in Irland bekannt iſt, wird den ſeltſamen Drang kennen, welchen bei Annäherung des Todes das Volk zu fühlen ſcheint, ſich um das Trauerhaus zu verſammeln. Die Leidenſchaft für tiefe und mächtige Aufregung, der merkwürdigſte Zug in ihrem Wefen, ſcheint ſich in den Einzelnheiten ihres Kummers und Leidens zu behagen. Nicht zufrieden mit dem Trauer⸗ ſpiele vor ihren Augen rufen ſie den Aberglauben zu Hülfe, um die Trübſeligkeit der Scene zu erhöhen, und alle möglichen Geiſter⸗ und Feengeſchichten werden in Tönen wiedergegeben, welche nicht verfehlen, das Herz zu erſchüttern. Bei ſolchen Gelegenheiten ent⸗ hüllen ſich die tiefſten Wirkungen ihrer wilden Geiſter. Ihre Klage iſt dumpf und niedergeſchlagen oder laut und leidenſchaftlich: bald bricht ſie aus in irgend einen Klageruf über die Tugenden des Dahingeſchiedenen; hald ergießt ſie ſich in eine wahnſinnige Anrufung des Vaters der Barmherzigkeit, ob es wohl recht ſei, die⸗ jenigen von der Erde abzurufen, welche ihre Wohl⸗ thäter geweſen, während, was am ſonderbarſten iſt, ein Zug rückſichtsloſer Luſtigkeit durch den Trübſinn bricht; aber dieſer gleicht dem rothen Blitz, der durch den Sturm fährt, der, indem er die Wolke ſpaltet, nur die Verwüſtung und Verheerung ringsumher ent⸗ hüllt, und wenn er verſchwindet, noch eine ſchwärzere Finſterniß hinter ſich läßt. 3 Von meiner Kindheit an war ich mit Scenen dieſer Art vertraut geweſen; und meine Gewohnheit, 21 mich unbemerkt vom Hauſe wegzuſtehlen, um einer Todtenwacht auf dem Lande beizuwohnen, machte mich ſehr beliebt bei dem Landvolk, welches darin einen Zug nicht geringer Güte von Seite des„Herren⸗Sohnes“ erblickte. Der Willkomm und die Aufmerkſamkeit, wo⸗ mit ich überall empfangen wurde, wirkte auf mein junges Herz und ſo lernte ich das ganze Intereſſe die⸗ ſer Scenen eben ſo gut fühlen, als die Umſtehenden. Demnach betrachtete ich mit Bekümmerniß den einſamen Leidtragenden, der jetzt am Heerde ſaß— dieſen armen, alten, geiſtesverworrenen Mann, welcher in den leeren Raum hinausſtarrte oder mit vertrockneten Lippen ei⸗ nige wenige Worte vor ſich hinmurmelte; daß er allein erſchien, um unſern Kummer zu theilen, machte auf mich den Eindruck gänzlicher Verlaſſenheit, ich lehnte mich an den Kamin und brach in Thränen aus.„Du mußt nicht weinen, närriſcher Junge, mußt nicht wei⸗ nen,“ ſagte der alte Mann,„dieß iſt der übelſte von allen Wegen, raffe Dich wieder auf und reite keck darauf los. O, o, ſieh nur, wie der Dieb dort ſtiehlt — dort an der ſteinernen Wand.“ Hier begann er ein dumpfes, klagendes Lied- Und der Fuchs ſaß nieder und lugte umber, Und wenige wagten zu folgen. 4 Mag in Kummer ich ſein, doch zweifl' ich ſehr, Daß ihr euch freuet noch morgen. So hoch ihr reitet, ſo laut ihr ſchreit, So wenig ihr fühlt meine Sorgen, Frei bin ich doch an Berges⸗Seit', Waͤhrend ihr zu Boden ſchon morgen. O Moddideroo, aroo, aroo.“ „Ja, recht ſo— ſie rennen dahin, ihn zu begra⸗ ben in den kalten Kirchhof— Pft— horch— ſo— ſo— da höre ich Bädger—⸗ Ich wendete mich mit zerriſſenem Herzen weg und ſchleppte mich mit Händen und Füßen die breite eichene Stiege hinauf, welche in undurchdringliche Finſterniß gehüllt war. Als ich den Gang erreichte, an welchen die Schlafzimmer ſtießen, hörte ich dumpfe Stimmen im Geſpräch miteinander— ſie kamen aus meines Vaters Zimmer, deſſen Thüre offen ſtand. Ich näherte mich leiſe und lugte hinein. An dem Feuer, welches jetzt das einzige Licht im Gemache war, ſaßen zwei Perſonen an einem kleinen Tiſche; die eine erkannte ich ſogleich als die lange, feierlich ausſehende Geſtalt des Doktor Finnerty; den andern an den ſcharfen Tönen ſeiner Stimme als Mr. Anthony Baſſet, den vertrauten Anwalt meines Vaters. Auf dem Tiſche vor ihnen lag eine Maſſe von Papieren, Pergamenten, Pachtverträgen, Urkunden, und daneben ſtanden Gläſer und eine ſchwarze Flaſche, über deren Inhalt das dabei befindliche Waſſer nebſt Zucker keinen Zweifel geſtattete. Das Kaminſtück war mit einer Reihe von Phiolen und Arzneiflaſchen be⸗ ſetzt, von denen einige halb, andere ganz leer waren. Von dem Beit her in dem Winkel des Zimmers kamen die ſchweren Töne mühevollen Athmens, welche ent⸗ weder tiefen Schlaf oder Unempfindlichkeit bedeuteten. Wenn ich nur wenig Gunſt in meines Vaters Hauſe genoß, ſo hatte ich einen großen Tbheil der mir be⸗ wieſenen Kälte dem ſchlimmen Einfluſſe der nämlichen zwei Perſonen zu verdanken, welche vor mir im Zim⸗ mer ſaßen. Ueber die eigentliche Urſache der Mißgunſt des Doktors war ich nicht ganz im Klaren; ſie kam vielleicht daher, weil ich von den Maſern mich erholt, während er doch meinen gewiſſen Tod prophezeit hatte. Die Mißgunſt des Anwalts hingegen war mir kein Geheimniß. Ungefähr drei Jahre vorher war er auf ſeinem Wege nach Ballinasloe Markt in unſerem Hauſe zum Frühſtück eingekehrt. Als ſein Pony in den Stall geführt wurde, ſtach er mir gewaltig in die Augen. Es war ein höchſt verführeriſches Stück Pferdefleiſch, voll Feuer und in vortrefflichem Zuſtande; denn er war im Begriff, das Thier zu verkaufen. Ich ſchlich ihm nach und kam gerade dazu, als der Knecht im Begriffe war, es abzuſatteln. Der Anwalt war nicht beliebt im Hauſe, und es koſtete mich wenig Mühe, den Mann zu bereden, anſtatt den Sattel abzunehmen, blos die Steiabügel ſo kurz als möglich zu ſchnallen. In der nächſten Minute flog ich auf dem Rücken des Thieres in geſtrecktem Galopp über die Ebene. Allenthalben waren Hecken, und ich ſetzte über doppelte Gräben, über Mauern und hölzerne Geländer mit einer tollen Luſt, die bei jedem Satze höher ſtieg. Nach einem ſolchen Ritte von ungefähr drei Viertelſtunden, da ſo⸗ wohl ſein Blut als mein eigenes im höchſten Grade erhitzt war, beſchloß ich mit ihm einen Verſuch über die Mauer eines alten Pferches zu machen, welcher einige hundert Ellen von der Front des Hauſes ſtand. Zu jeder andern Zeit hätte ich, da ich vom Fenſter aus geſehen werden konnte, es nicht gewagt, an eine ſolche Heldenthat auch nur zu denken, jetzt aber war ich ganz über die Schnur ſolcher kalten Berechnungen hinaus; zudem war ich von einer ausgewählten Schaar von Arbei tern ſammt Weib und Kind begleitet, deren Lobſprüche auf meine Reitkunſt mich ſogar bewogen hätten, über die Schleuße eines Kanals zu ſetzen, wäre ein ſolcher vor mir geweſen. In feinem Galopp ging es über eine Grasdecke bis an den Pferch, und ich ſetzte hinüber, begrüßt mit dem lauteſten Jubel, der je ein leichtes Herz erfreute. Kurz vor dem Sprunge warf ich einen Blick auf das Schloß; das Fenſter des Frübſtückzimmers war offen, mein Vater und Mr. Baſſet ſtanden beide daran; ich ſah ihre Geſichter roth vor Zorn und hörte ihr lautes Geſchrei; mein friſcher Muth war gelähmt— ich ſah nichts mehr, ich ſühlte den Pony an die Mauern rennen, fühlte den keäftigen Tritt ſeiner Füße, den Sprung, den Sturz und dann ein Krachen— ich wurde einige halbdutzend Ellen weit 2 24 im Wirbel über ſeinen Kopf weggeſchleudert, und wühlte mit Geſicht und Händen den Grund auf. Mit zerbrochenem Schädel wurde ich heimgetragen; in glei⸗ chem Zuſtande waren die Knie des Pony. Mein Va⸗ ter ſagte, das Thier ſollte aus Menſchlichkeit erſchoſſen werden; Tony rieth zu derſelben Strafe für mich aus Rückſichten für die Menſchheit. Das Ende vom Liede war jedoch, ich hatte von nun an einen Feind für Le⸗ benszeit, und was noch ſchlimmer, einen Feind, deſſen Macht, mir wehe zu thun, ſo groß war, als ſeine Neigung dazu. In die Geſellſchaft dieſer zwei Ehrenmänner fand ich mich ſo vom Zufall geworfen und gerne hätte ich mich ſogleich wieder zurückgezogen, hätte nicht ein un⸗ beſchreibliches Verlangen, dem Krankenbette meines Vaters nahe zu ſein, mich zurückgehalten; ich ſchlich mich alſo verſtohlen hinein und ſetzte mich in einen weiten Seſſel am Fuße des Bettes, wo ich unbemerkt den ſchweren Athemzügen ſeiner Bruſt zuhorchte und im Stillen über meine eigene troſtloſe Lage weinte. Lange Zeit nahm mich mein eigener Schmerz ſo in Anſpruch, daß ich von der halblauten Unterhaltung in der Nähe des Feuers wenig oder nichts hörte; end⸗ lich aber, als die Nacht immer weiter rückte und mein Kummer in Thränen ſich Luft gemacht hatte, begann ich auf das Geſpräch neben mir Acht zu geben. „Er wird, uns zum Trotze, nach dem Willen ſei⸗ nes Großvaters fünfhundert Pfund bekommen, aber was iſt das?“ ſagte der Anwalt. „Dafür will ich ihn als Lehrling nehmen, denk ich,“ ſagte der Doktor mit einem grinſenden Lächeln, das mich ſchaudern machte. „Darüber iſt bereits Alles feſtgeſetzt,“ verſetzte Mr. Baſſet.„Für fünf Jahre iſt er mir verſchrieben; aber ich halte es für wahrſcheinlich, daß er vor Ablauf dieſer Friſt auf die See geht.— Wie ſchwer der alte 3 Mann ſchläft! Nun, iſt dieß ein natürlicher Schlaf?“ * —äj‚,— wgieder weg.“ „Nein, nein; das iſt immerhin ein ſchlechtes Zei⸗ chen; dieſes Blaſen mit den Lippen rechnet man all⸗ gemein unter die letzten Symptome. Gewiß⸗ wenn er dahin iſt, wird man ihn hie und da vermiſſen. Hier iſt eine acht„Unzen“ Mirtur, die er noch nie verſucht hat— ein Gemiſch aus Enzian und Soda. Verſuchen Sie einmal— „Der Teufel hole ein ſolches Geſöff,“ ſagte der Anwalt und trank ſein Glas Punſch aus.—„Pfui, u käunen Sie den Leuten ſolches Zeug zu trinken geben?“ „Gewiß, es iſt eine Miſchung aus Pomeranzen⸗ Blüthen und Cartamomſamen. Keine Unze, die nicht zwei bis neun Pence's koſtet. Nächſten Donnerſtag wird er acht Wochen im Bette ſein.“ „Ja, jal wenn er bis zu den nächſten Aſſiſen lebte, ſo würde mir dieß vierhundert Pfund ausmachen, nichts zu ſagen von den Koſten für zwei Austreibungen, die ich gegen Müllins und ſeinen Schwiegervater in Händen habe.“ „Es iſt ein Wunder,“ ſagte der Doktor nach einer Pauſe,„daß Tom nicht mit der Poſt gekommen iſt. Auf keinen Fall iſt etwas daran gelegen; denn da der älteſte Sohn weg iſt, ſo iſt Niemand hier, der ſich in unſere Sachen zu miſchen hätte.“ „Es war ein Meiſterſtreich von Ihnen, Doktor, daß Sie dem alten Mann ſagten, das Wetter ſei zu rauh, um George von Eton kommen zu laſſen. So gewiß er gekommen wäre, ſo hätte er ſich mit Tom zuſammengeſteckt, und das Ende vom Lied wäre ge⸗ weſen, ich hätte die Agentenſtelle verloren, und Sie hätten keine von dieſen kleinen artigen Anweiſungen auf die Pächterſchaft— He, Fin?“ „Pft! jetzt wacht er auf—— Nun Sir— nun, Mr. Burke, wie befinden Sie ſich jetzt? Er iſt ſchon „Das Leichenbegängniß ſollte an einem Sonntag ⸗ ſein,“ ſagte Baſſet flüſternd.„An einem andern Tage wird man keine Leute zuſammenbringen. Er ſagt et⸗ was, mein' ich,“ „Fin,“ ſagte mein Vater mit ſchwacher, heiſerer Stimme—„Fin, gib mir etwas zu trinken—— Es iſt nicht warm.“ „Ja, Sir: ich hatte es am Feuer.“ „Nun, dann bin ich es ſelbſt, der kalt wird. Wie iſt der Puls jetzt, Fin?— If der Doktor von Dublin gekommen?“ „Nein, Sir; wir erwarten ihn jede Minute; aber gewiß, Sie dürfen überzeugt ſein, wir beſorgen Alles.“ „O, ich weiß es. Ja gewiß, Fin; aber dort in Dublin iſt immer etwas los, wovon wir nichts hören. Pſt!— was iſt das?“ „Es iſt Tony— Sir— Tony Baſſet; er iſt mit mir aufgeblieben.“ „Kommen Sie her, Tony, es geht ſchnell mit mir. Ich fühl' es, mein Herz iſt matt. Könnten wir den Prozeß gegen Ferney einſtellen?“ „Er iſt der ärgſte Lumvenhund—“ „Ach, was thuts?— Ich gehe jetzt an einen Ort, wo wir alle Gnade brauchen. Wie viel wollte Canaly für das Land geben?“. „Zwei Pfund zehn Schilling für den Acre— und Freney zahlte nicht einmal 30 Schilling daraus.“ „ps iſt doch ſehr ſchlimm, daß George nicht kommt.“ „Ich ſagte Ihnen ja, daß der Schnee zwei Fuß tief liegt.“ „Der Herr ſei mit uns! was eine ſtrenge Jahres⸗ — zeit! Aber warum iſt Tom nicht hier?“ Ich fuhr bei den Worten zuſammen und war im Begriff, hervor 3 zu ſtürzen, als er hinzu fügte:„Ihn vermiſſ' ich jedoch nicht.“ „Natürlich nicht,“ ſagte der Anwalt.„Der hat Ihnen noch wenig Freude gemacht. Haben Sie Schmerz?“ „Ach, großen Schmerz ums Herz herum. Nun, pun ſeien Sie nicht hart gegen ihn, wenn ich da⸗ hin bin.“. „Laſſen Sie ihn nicht ſo viel ſprechen,“ ſagte Baſ⸗ ſet wiſpernd zu dem Doktor. „Sie müſſen ſich beruhigen, Mr. Burke,“ ſagte der Doktor.„Verſuchen Sie zu ſchlafen, die Nacht iſt noch nicht halb herum.“ Der kranke Mann gehorchte, ohne ein Wort zu ſagen und bald darauf verrieth das ſchwere Athmen abermals denſelben lethargiſchen Schlaf.. Die Stimmen der Sprecher ſanken allmälig in ein dumpfes, eintöniges Gemurmel— die weit aus⸗ geholten Athemzüge vom Krankenbett vermiſchten ſich damit: das Feuer lieh nur eine gelegentliche Helle, wenn hie und da ein fallendes Stück Torf ſein dahin ſchwindendes Leben neu anzufachen ſchien, und unzäh⸗ lige glänzende Funken empor ſchoßen; das Zirpen der Grille im Winkel des Kamins tönte meinem kummer⸗ vollen Herzen wie das Ticken der Todtenuhr. Wie ich ſo zuhörte, rannen meine Thränen; und der ſtockende Athem in meiner Kehle machte mir unge⸗ fähr ſo zu Muthe, wie Einem, der am Erſticken iſt. Aber tiefer Kummer führt immer auf die eine oder andere Art zum Schlafen. Die Ermüdung während des langen Tages und der traurigen Nacht, Erſchöpfung, der dumpfe Ton der murmelnden Stimmen, das ſchwache Licht— Alles vereinigte ſich, mich ſchläfrig zu machen und ich verſank in ſchweren Schlummer. Ich ſchreibe jetzt von lang vergangenen Dingen, von lang verfloſſenen Jahren, von meiner Jugend— und ſeither iſt über mein narbenvolles Herz manche herbe und brennende Lehre ergangen; an jener Nacht indeſſen, ſo wie ſie in meinem Gedächtniß eingegraben liegt, kann ich nicht denken, ohne einen Anflug knaben⸗ haſter Rührung. Ich erinnere mich eines jeden Ge⸗ dankens, der im Wachen durch meine Seele ging— 4 ſogar mein Traum ſteht noch vor mir. Er bewegte ſich um meine Mutter. Ich dachte an ſie, wie ſie in dem alten Beſuchzimmer auf dem Sopha lag, bei of⸗ fenem Fenſter und geſchloſſenen Jalouſien, mit denen die lieblichen Lüfte eines Juni⸗Morgens ſpielten, wäh⸗ rend ich neben ihr kniete, um mein kleines Lied zu wiederholen, das erſte, das ich in meinem Leben ge⸗ lernt hatte;— wie dann jeden Augenblick meine Au⸗ gen und Gedanken ſich jenem offenen Fenſterflügel zu⸗ wandten, durch welche ſich Blumenduft und Vogelge⸗ ſang ergoß; und mein kleines Herz ſchmachtete nach Freiheit, während ihr holdes Lächeln und ihre ſanften Worte mich baten, zu bedenken, wo ich ſei. Dann ſteuerte ich fort durch den alten. Garten, wo das Son⸗ nenlicht nur ſparſam durch die dichtbelaubten, mit duf⸗ tenden Blüthen beladenen Aeſte drang: Amſeln hüpften furchtlos von Zweig zu Zweig, ihre hellen Töne mit dem ſanften Säuſeln der Blaͤtter und dem dumpfen Geſumme der Bienen miſchend. Wie glücklich war ich da! Und warum kann ſolches Glück nicht dauernd ſein? Warum können wir uns nicht ſchirmen vor der gemeinen Befleckung weltlicher Sorgen, und unter Freuden leben, ſo rein als dieſe, mit Herzen ſo heilig und Wünſchen ſo einfach, als in der Kindheit? Plötzlich wechſelte mein Traum ſeine Geſtalt, fin⸗ ſteres Gewölke begann ſich von allen Seiten zu ſam⸗ meln und ein dumpfer, klagender Wind kroch ſchwer am Boden dahin. Es war mir, als hörte ich meinen Namen rufen. Ich fuhr auf und erwachte. Ein paar Sekunden lang war die Täuſchung ſo ſtark, daß ich mich nicht erinnern konnte, wo ich war; aber bei dem grauen Lichte des anbrechenden Morgens, das durch die halboffenen Läden ſiel, erkannte ich die beiden Fi⸗ guren nahe am Feuer. Sie genoßen beide eines ge⸗ ſunden Schlafes, wenigſtens bewies ihr tiefes Athmen und ihre nickenden Köpfe die Schwere ihres Schlummers. In meinen Gliedern fühlte ich Kälte und Krämpfe, G aber ich wagte noch inmer nicht, mich zu regen, ob ich gleich fortwährend mich ſehnte, mich dem Betie zu nähern. Da drangen ein ſchwacher Seufzer und einige gemurmelte Worte in mein Ohr, und ich horchte. Es war mein Vater; aber die Töne waren ſo undeutlich, daß ſie mehr den Irrreden eines Traumes glichen. Ich ſchlich leiſe auf der Fußſpitze an das Bett, zog den Vorhang ſachte hinweg und ſtarrte hinein. Er lag auf dem Rücken, Hände und Arme außerhalb der Decke. Sein Bart war ſo lang gewachſen und er ſelbſt ſo eingefallen, daß ich ihn kaum mehr erkennen konnte. Seine Augen ſtanden weit offen, aber auf den Betthimmel gerichtet; ſeine Lippen bewegten ſich ſchnell, und nach ſeinen eng geſchloſſenen Händen vermuthete ich, daß er betete. Ich lehnte mich über ihn und legte meine Hand in ſeine. Einige Zeit lang ſchien er es nicht zu bemerken, endlich aber drückte er ſie ſanft und mit den Fingern auf und ab ſtreichelnd, ſprach er mit dumpfer, ſchwacher Stimme— „Iſt dieß Deine Hand, mein Zunge?“ Mir war, als ginge mein Herz in Stücke; in einem Strom von Thränen bog ich mich über ihn und küßte ihn. „Ich kann nicht recht ſehen, mein Lieber— es iſt etwas zwiſchen mir und dem Licht, und ein Gewicht iſt auf mir— hier— hier— Ddiieſen Worten folgte ein ſchwerer Seufzer und ein Schauder, der ſeinen ganzen Körper ſchüttelte. „Sie ſagten mir, ich würde Dich nicht mehr ſehen,“ ſorach er, indem ein krankhaftes Lächeln um ſeinen Mund ſpielte—„aber ich wußte, Du würdeſt kommen und Dich zu mir her ſetzen. Es iſt troſtlos, in ſolch⸗ einer Stunde keinen von den Seinigen um ſich zu ha⸗ ben. Weine nicht, mein Lieber— mein eigenes Herz iſt nahe am Brechen.“ Hierauf folgte ein gebrochenes Murmeln und dann fuhr er mit lauter Stimme fort: „Ich that es nicht! Tony Baſſet war es. Er ſagte mir, er beſchwatzte mich— ach! das war ein Unglückstag, als ich ihm gehorchte. Wer kann mir ſa⸗ gen, ich ſei nicht Herr meines eigenen Vermögens? Jage ſie fort, alle zuſammen. Ich will den Boden von ſolchen Elenden ſäubern— he, Tony? Sagte irgend wer, Freney's Mutter wäre todt? Sie mögen ſie an den Kreuzſtraßen wecken, wenn ſie wollen. Alte, arme Molly! Es thut mir leid um ſie, gewiß. Sie war meine Amme und die meiner Schweſter, die da⸗ bin iſt; und mag ſein, daß ihr Sterbebett, trotz ihrer Armuth, leichter war, als meines ſein wird— ohne Bekannte und Verwandte, ohne Kind oder Freund. O George!— und ich„ der mit ganzem Herzen an Dir hing! Weſſen Hand iſt dieß? Ach, ich vergeſſe, mein Herzensjunge— Du biſt's ja. Komm' her zu mir, mein Kind. War es nicht um Deinetwillen, daß ich ſo manches Jahr mich abquälte und zuſammen ſcharrte? war es nicht um Deinetwillen, daß ich dieß Alles that und— o Gott, vergib mir!— vielleicht habe ich meine Seele daran geſetzt, Dich als reichen Mann zu hinterlaſſen. Wo iſt Tom? Wo iſt der Burſche jetzt?“ „Hier, Sir,“ ſagte ich, ſeine Hand ſchüttelnd und an meine Lippen drückend. Bei dieſen Worten ſprang er empor, ſetzte ſich in ſein Bett, riß die Augen ſo weit als möglich auf und ſeine blaſſen Lippen gingen aus einander. „Wo 2 rief er, indem er mich mit ſeinen dünnen Fingern befühlte und gegen ſich zog. „Hier, Vater, hier!“ „Iſt dieß Tom?“ ſagte er mit ſchwacher, hohler Stimme und fuhr dann fort—„Wo iſt George. Gib doch Antwort! O ich ſeh' es. Er iſt nicht hier; er wollte nicht her kommen, um ſeinen alten Vater zu ſehen. Tony! Tony Baſſet!“ ſchrie der kranke Mann mit einer Stimme, welche die Schläfer aufweckte und an ſein Bett her brachte—„öffnet dieß Fenſter hier. 31 Laßt mich hinaus ſehen— thut, wie ich euch ſage, off⸗ net es weit. Treibt alles Vieh zuſammen, das ihr finden könnt. Hört Ihr mich, Tony? Treibt es von allen Seiten zuſammen. Finnerty, he, geben Sie Acht auf meine Worte, denn—“ hier ſprach er einen ent⸗ ſetzlichen, ſchrecklichen Eid aus—„wie ich dieſſeits des Grabes ſchmachte, ſo will ich ihm keinen Grashalm hinterlaſſen, den ich ihm nehmen kann.“ Seine Bruſt hob ſich mit krampfbaften Zuckungen, ſein Geſicht wurde bleich wie der Tod, ſeine Augen ſtarr, er griff haſtig nach der Decke, und fiel mit einem ſchrecklichen Schrei auf das Kiſſen zurück, worauf ein ſpärlicher Strom rothen Blutes aus ſeiner Naſe über das Kinn hinunter rann. „Jetzt iſt Alles aus,“ wiſperte der Doktor. „Iſt er todt?“. Der Andere gab keine Antwort; ſondern zog den Vorhang zu und wendete ſich weg; darauf gingen beide ſachte aus dem Zimmer. Zweites Kapitel. Darby— der Pfeifer. Wenn es Traͤume gibt, die durch ihre Lebhaftigkeit und Genauigkeit in allen Einzelheiten ganz der Wirk⸗ lichkeit gleichen, ſo gibt es auch zuweilen wirkliche Vorkommniſſe in unſerem Leben, die in ihrer Unbe⸗ ſtimmtheit und in dem ſchwachen Eindruck, den ſie zu⸗ rücklaſſen, als bloße Träume erſcheinen. Die meiſten unſerer jugendlichen Bekümmerniſſe find von dieſer Art. Der warme Strom unſerer jungen Herzen ſcheint ſich zu ſträuben gegen die kalte Berührung der Betrübniß; auch kann Kummer in dieſer Periode nicht mehr thun, 2 32 Ein betäubendes Gefühl eines großen Unglücks, ein gewiſſer Kummer ohne Hoffnung vermiſchte fich beim Erwachen in meinen Gedanken mit einem kindi⸗ letzten Balken des ganzen Wrackes. Das Band, das mich an ihn gefeſſelt, war jetzt zerriſſen, und ich hatte nun keine Seele in der weiten Welt, auf die ich hof⸗ hinaus. Während der Nacht war ein dichter Schnee gefallen. Ein niedriger, bleifarbiger Himmel breitete ſich über die düſtere Landſchaft, worauf man kein leben beide abgereist. Die tiefe Radſpur im Schnee bezeich⸗ nete den Weg, den ſie genommen hatten. Die Dlener ſaßen um das Küchenfeuer und unterhielten ſich in dumpfem und gebrochenem Gewiſper. Der einzige Ton, der die Stille untecbrach, war das Ticken der Uhr auf der Stiege. Es lag etwas tief Ergreifendes für mich in dem einföͤrmigen Ticken dieſer Uhr, die von dahinſchwindender Zeit erzählte in der Nähe des Mannes, der dahin gegangen war, die von Minuten zu ſprechen ſchien dicht an dem Theuern, deſſen Minu⸗ ten die Ewigkeit waren. Ich ſchlich in das Zimmer, wo der Leichnam lag 34 ſelten beſſere; und er ſelbſt hatie Freude an ihrem Gebell.“ Damit wankte er aus dem Zimmer, und ich hörte ehn dieſelben Worte mehrmals wiederholen, als er die Treppe langſam hinab kroch. habe geſagt, dieſer ſchmerzliche Schlag des Schickſals ſei mir wie ein Traum vorgekommen, und in ſolchem Zuſtande fühlte ich mich drei Tage lang. Die veränderten Umſtände aller Dinge um mich herum waren meinem betäubten Gehirn unerklärlich. Sogar die Freundlichkeit der Diener— woran ich ſo wenig gewöhnt war— machte mir einen peinlichen Eindruck. Sie fühlten, daß die Zeit vorüber war, wo einige Sympathie für mich der Weg zur Ungnade geweſen, und ſie bemitleideten mich. Das Leichenbegängniß fand am dritten Morgen ſtatt. Da Mr. Baſſet meinen Bruder benachrichtigt hatte, daß ſeine Anweſenheit nicht nöthig ſei, ſo war mir auch der Troſt verſagk, mit dem Einzigen zuſam⸗ men zu treffen, der von meinem Namen und Hauſe noch übrig war. Wie erinnere ich mich jeder Einzel⸗ heit jenes Morgens. Die Stille der langen Nacht, unterbrochen durch ſchwere Fußtritte, welche die Treppe herauf kamen— fremde Stimmen, nicht gedämpft, wie die aller Leute in unſerer kleinen Haushaltung, ſondern laut und grob— ſogar Gelächter konnte ich hören— der Lärm mit jedem Augendlick wachſend. Dann der dumpfe Ton der Räder im Schnee und das Geſchrei der Kutſcher, die ihre Pferde vorwärts trie⸗ ben. Dann eine lange Paufe, wo ſich nichts hören ließ, als das fröhliche Pfeifen manches armen Poſtil⸗ lons, der, unbekümmert um die Art ſeines Geſchäftes, ſich die Langeweile mit einem luſtigen Liede vertrieb. Zuletzt kam das dumpfe Gedröhne von Füßen, die Schritt vor Schritt die Treppe hinab ſtiegen, gemur⸗ melte Worte und das Getöne des Sarges, wenn er an die Wand anſtieß. . Das lange, niedrige Geſellſchaftszimmer war mit Leuten angefuͤllt, von denen ich vorher nur wenige geſehen hatte. Sie hatten ſich in kleine Gruppen ge⸗ bildet, fröhlich mit einander ſchwatzend, während ſie in Eile ein Frühſtück nahmen. Tafel und Nebentiſche waren mit einer Verſchwendung gedeckt, wie ich vor⸗ her nie geſehen hatte. Weinflaſchen gingen friſch von Hand zu Hand; und obgleich die Stimmen ſich eini⸗ germaßen dämpften, als ich in ihrer Mitte erſchien, ſah ich mich doch vergebens nach einem Zug von Trauer für den Todten oder auch nur von Achtung für ſein Andenken um. 3— Als ich in dem Wagen neben dem Anwalt mei⸗ nen Platz nahm, legte ſich auf mich eine Art träume⸗ riſcher Fühlloſigkeit, und ich wußte kaum, was vorgingn⸗ Ich erinnere mich nur des ſchrecklichen Gefühles der Furcht, womit ich vor ſeinem einzigen Verſuche, mich zu tröſten, zurück ſchauderte und der abgebrochenen Weiſe, wie er davon abſtand, um ſeine Unterhaltung mit dem Doktor fortzuſetzen. Wie krank fühlte ſich mein Herz, als wir dem Kirchhof näher kamen, und ich das weit offen ſtehende, uns erwartende Thor er⸗ blickte. Die düſteren Geſtalten mit ihren ſchwarzen Trauermänteln bewegten ſich langſam über den Schnee, gleich Geiſtern aus einer nächtlichen Welt, während die Todtenglocke in meine Ohren gellte, ſo daß ich am ganzen Lelbe zuſammen ſchauderte. „Was ſoll aus dem zweiten Knaben werden?“ ſagte der Geiſtliche mit wiſperndem Tone, der aber ſeltſamer Weiſe tief in mein Ohr eindrang. „Darauf kommt wenig an,“ verſetzte Baſſet noch leiſer: neinſtweilen geht er mit mir heim. He, Tom, Du kommſt heute mit mir.“ „Nein,“ ſagte ich kühn,„ich gehe wieder heim.⸗ 2 ——— 4 36 „Heim!“ wiederholte er mit höhniſchem Lachen— eheim! Und wo ſoll denn das ſein, Bürſchchen?“ „Schämen Sie ſich, Baſſet,“ ſagte der Geiſtliche, „ſprechen Sie nicht ſo mit ihm. Mein kleiner Mann, Sie können heute nicht heim gehen, Mr. Baſſet wird Sie für einige Tage mit ſich nehmen, bis der letzte Wille Ihres Vaters und ſeine Wünſche in Betreff Ih⸗ rer bekannt find.“ „Ich gehe heim, Sir,“ ſagte ich, aber in ſanfterem Tone und mit Thränen in den Augen. 3 „Gut, gut, laßt ihn heute heim, es mag ſein ar⸗ mes Herz erleichtern. Hören Sie, Baſſet, ich will ihn ſelbſt zurück bringen.“ 66 Ich drückte ſeine Hand und küßte ſie über und über. 3— „Von Herzen einverſtanden!“ rief Baſſet.„Ich werde morgen hinkommen und ihn holen;“ dann fügte er in leiſerem Tone hinzu:„aber bis dahin wird Sie Ihres ee ſchmerzlich gereuen.“ 4 emühungen des würdigen Geiſtlichen, aus meiner Betäubung mich zu erwecken oder zu unterhal⸗ ten, ſchlugen fehl. Er brachte mich nach ſeinem Hauſe, wo er glaubte, daß unter ſeinen eigenen glücklichen Kindern mein Herz der Sympathie meines Alters nach⸗ geben würde; aber ich verlangte zurück— ich ſehnie mich, ich wußte nicht warum, nach meiner kleinen Kam⸗ mer, um dort mit meinem Schmerz allein zu ſein. Vergebens verſuchte er jeden Troſt, den ihn ſein güti⸗ ges Herz und ſeine Lebenserfahrung gelehrt hatte. Gerade die Fröhlichkeit, die ich vor Augen ſah, erin⸗ nerte mich nur an meinen eigenen Zuſtand, und um ſo inſtändiger bat ich um Rückkehr. Es war ſpät, als wir vor das Haus kamen, dem bereits die geſchloſſenen Fenſterläden ein trauriges und ödes Anſehen gegeben hatten. Wir klopften einige Mal, bevor Jemand kam, und endlich erſchienen zwei — — oder drei Köpfe an einem oberen Fenſter, halb erſchro⸗ cken über die unerwartete Aufforderung zum Einlaß. „Leben Sie wohl, lieber Junge,“ ſagte der Geiſt⸗ liche und küßte mich;„vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen geſagt habe. Sie werden dann Ihren jetzigen Kummer beſſer ertragen und ſich glücklicher fühlen, wenn er vorüber iſt.“ 1 3„Kommen Sie herunter in die Küche, Kleiner!“ ſagte die alte Köchin, nachdem die Hallen⸗Thüre ver⸗ ſchloſſen war;„kommen Sie herunter und ſetzen Sie ſich her zu uns; gewiß, es iſt kein Wunder„Ihr Herz muß traurig ſein.“ „Ja, Mr. Tomy, und Darby der Pfeifer iſt auch hier, und ein Lied auf der Sack⸗Pfeife wird Sie aufmuntern.“ Ich ließ mich gleichgültig von ihnen in die Küche führen, wo um ein ungeheures Feuer von rothem Torf alle Diener des Hauſes ſammt einigen Häußſer aus der Nachbarſchaft verſammelt waren; Darby der Pfei⸗ fer nahm einen erhöhten Sitz in der Geſelllſchaft ein, ſeine Pfeifen lagen auf ſeinen Knieen, während er ſich at beſchäftigte, einen dampfenden Becher Punſch zu brauen. „Euer allergehorſamſter,“ ſagte Darby mit tiefer Verbeugung, als ich eintrat.„Darf ich ſo keck ſein, mir einzubilden, daß meine Gegenwart Euren Gefüh⸗ len nicht zuwider iſt? denn ich möchte nicht ſo unver⸗ ſchämt ſein, ohne Erlaubniß Ew. Edlen mich einzu⸗ drängen.“ 3 Was ich als Antwort murmelte, weiß ich nicht; aber die ganze Geſellſchaft war augenblicklich wieder auf ihren Sitzen, und jedes Auge war mit Bewun⸗ derung auf Darby gerichtet wegen des netten und ge⸗ ſchickten Ausdrucks ſeiner Entſchuldigung. So jung ich ſelbſt und ſo gering eben darum die bisher mir be⸗ wieſene Achtung war, ſo war es gerade dieſes, was in meiner jetzigen hülfloſen Lage alle ihre Sympathien ⸗ 38 erregte und all ihr Intereſſe mir zuwendete: und in keinem andern Lande ſind die Verſchiedenheiten des Rangs ſo geringe Schranken gegen die Theilnahme an den Leiden Anderer. Der iriſche Bauer, bei aller Unterwürfigkeit, ſcheint hierin einen guten Takt zu be⸗ fitzen, und bietet allen ihm möglichen Troſt mit einer Artigkeit und Zartheit dar, die nicht übertroffen wer⸗ den kann. Das durch meine Erſcheinung veranlaßte Schwei⸗ gen dauerte, nachdem ich meinen Sitz am Feuer ge⸗ nommen hatte, noch eine Zeit lang ununterbrochen fort; und die einzigen Töne waren das Klingen eines Löffels am Glaſe, oder der tiefe Seufzer irgend einer mitleidigen Seele, wenn ſie eine dicke Thräne aus dem Winkel ihres Auges mit der Schürze wiſchte. 1 Darby allein bewies ein wenig Ungeduld über die plötzliche Veränderung in einer Geſellſchaft, wo ſeine angenehmen Unterhaltungsgaben noch vor Kur⸗ zem ſo erfolgreich waren, er rutſchte auf ſeinem Stuhle hin und her, ſchraubte ſeine Pfeifen aus ein⸗ ander, blies hinein, ſchraubte ſie wieder an, und nickte dann pfiffig der alten Hausmagd zu, indem er das Glas an ſeine Lippen hob. „Mach Dir keinen Kummer um mich,“ ſagte ich zu der alten Köchin, deren Geſicht, zwiſchen Betrüb⸗ niß und dem Schein eines Torf⸗Feuers zu einer dop⸗ pelt ſo großen Ausdehnung als gewöhnlich aufgeſchwol⸗ len war.„Mach Dir keinen Kummer um mich, Molly, oder ich gehe fort.“ „Und warum fort, mein Lieber? Wahrhaftig, nein! Es fühlt gewiß Niemand ſo innig für Sie wie die, die immer um Sie waren. Nehmen Sie eine Taſſe Thee, junger Herr— das wird Ihnen gut thun.“ „Ja, Mr. Tom,“ ſagte der Kellermeiſter,„ſeit 3 Dienſtag Nachts haben Sie nichts angerührt.“ 1 „Thun Sie mir's zu Gefallen!“ ſagte die hübſch —— 8 4 8 ——— Hausmagd, indem ſie, eine Taſſe in ver Hand, vor mir ſtand. „Ah pahl Was Thee!“ rief Darby in verächt⸗ lichem Tone:„ein Paar dreckige Blätter mit einem Tiopfen Waſſer darüber, darin iſt weder Segen noch Kraft. Hier iſt die fons animi!“ ſagte er, indem er zärtlich ſeine Branntweinflaſche pätſchelte.„Habt Ihr je von den Alten gehört, daß ſie ſich dem Thee er⸗ Abeh Meint Ihr, Polypham und Jupiter tranken hee 71 Die Köchin ſchlug beſchämt die Augen niever. „Thee iſt gut genug für Weiber— nichts für ungut, Jungfer Köchin! aber Ihr könnt ganz Pecking zuſammenbräuen, es gibt voch kein rechtes Getränke. Ex quovis ligno non fit Mercurius— Ihr macht keinen ſeidenen Geldbeutel aus einem Schweins⸗Ohr. Das iſt der Sinn davon. Ligno heißt Schwein.“ Der Himmel weiß, ich war in jenem Moment in keiner luſtigen Stimmung, aber ich brach hierüber in ein Gelächter aus, worein die ganze Geſellſchaft aus Anſtandsgefühl mit einſtimmte. „So recht, Schatz!“ ſagte die alte Köchin mit Angen, die vor Freude funkelten,„gewiß, es macht mein Herz leicht, daß ich Sie wieder lachen ſehe. Vielleicht fängt Darby jetzt ein Lied an, und es gibt nichts, was ſo munter macht.“ „Ja, Mr. M'Keown,“ ſagte die Hausmagd,„ſpie⸗ let das Lied:„Küß mich zweimal“— Meiſter Tom hätt' es gerne.“ „Der Teufel mag daran zweifeln,“ verſetzte Darby ſo boshaft, daß die arme Nitty über und über ſchar⸗ lachroth wurde,„und er braucht ſich nicht zu ſchämen.“ „Aber Ihr ſeht, in meinem Finger iſt ein Loch, Meiſter Tom, und ich kann die Doppeltöne nicht mit dem gehörigen Effekt herausbringen.“ „Wie ging das zu, Darby,“ fragte der Keller⸗ meiſter. „Narr, leicht genug. Tim Daly und ich jagten eines Abends eine Katze, ſie war unter dem Küchen⸗ tiſch, und wir ſtöcherten nach ihr mit einem angebrann⸗ ten Stück Holz und mit einer Sichel; ſie aber ging uns immer durch, und außer einem Zoll von ihrem 3 Schwanz, den wir abſchnitten, hatten wir nichts von dem Thiere; endlich nahm ich eine Röſtgabel und ſtach damit hinunter, als ſie mit Nägeln und Klauen auf mich losfuhr. Seht, da hat ſie ihre Diebs⸗Nä⸗ gel in meinen Daumen geſchlagen und ein Stück rein herausgeriſſen.“ „Ja, ja!“ ſagte die alte Köchin mit ernſtem Nach⸗ druck,„nichts iſt ſo falſch als'ne Katz!“ Eine Moral zu der Geſchichte, die unter der ganzen Geſellſchaft allgemeinen Beifall fand. „Nichtsdeſtoweniger,“ bemerkte Darby mit einer Miene übelverſtellter Nachgiebigkeit,„wenn es Ew. Edlen nicht anſtößig iſt, will ich ſo etwas von einer DO oe oder Loblied anſtimmen.“ „Eine von Euern eigenen, Darby,“ ſagte der Kel⸗ lermeiſter unterbrechend. „Gut, ich habe nichts dagegen,“ verſetzte Darby mit affektirter Beſcheidenheit;„denn Ihr ſeht, Herr, gleich Homer begleite ich mich ſelbſt auf dem Dudel⸗ ſack, ob ich gleich— Gott ſei Dank— nicht blind bin. Das kleine Ding, das ich Euch zum Beſten geben will, iſt nach den Alten gemacht, nach Tibullus oder Euthropeus— im natürlichen Styl.“ Nach dieſer Ankündigung ſchob Mr. MeKeown ſeinen leeren Becher mit bedeutungsvollem Blinzeln dem Kellermeiſter zu, lockte aus den Pfeifen ein Paar Töne als Vorſpiel, gefolgt von einem langen klagen⸗ den Triller, und darauf von einem noch melancholi⸗ ſcheren Tonfall, gleich dem erſterbenden Geſchrei eines engbrüſtigen Eſels— allen dieſen Tönen, welche das weſentliche Vorſpiel zu einem Vortrag auf der Sack⸗ pfeife zu ſein ſchienen, horchte die Geſellſchaft mit gro⸗ —— Nv 41. ger Aufmerkſamkeit zu. Endlich nahm er eine impo⸗ ſante Haltung an, lüpfte beide Ellbogen, hob mit affektirter Geberde ſeinen kleinen Finger auf, dehnte ſeine Backen aus und begann nach der wohlbekannten Una⸗Melodie Folgendes: Muſik. Ueber alle Weisheit und Künſte Mufik gewiß das Scepter führt; Sie hat ihren Zauber, womit ſie Das Herz zu Trauer, zu Freude rührt. Sie hebt uns, Ergötzt uns, Nichts kommt ihr gleich auf der ganzen Welt; Es macht ihr Spiel Bald heiß, bald kühl, Juſt wie's ihren launiſchen Tönen gefällt. Weib, Mann und Kind, ſchon Alles hat Den Zauber ihrer Macht empfunden: Ihr läugnet? Nein! Euer Aug' bekennt Auch euch, auch euch als überwunden. Der Wind, der ſeufzet oder ſauſt, Der treibt die raſchelnden Blätter empor, Die Woge, die ans Ufer ſauſt, Sind alle Mufik für euer Ohr: Ein Orphé⸗us Mit ſeiner Muſ⸗ 2. ik ergoͤtzte die Fiſch' in der See; Es ſingt, was lebt, Es fingt, was webt— Es ſingt zuweilen das Vieh— o weh! Weib, Mann und Kind, ſchon Alles hat Den Zauber ihrer Macht empfunden: Ihr läugnet? Nein! Euer Aug' bekennt Auch euch, auch euch als überwunden. 42 „ Ich habe gewiß ſeit jener Zeit gläͤnzendere mu⸗ fikaliſche Vorträge mit angehört, aber wenn man die Zahl der Zuhörer berechnet, war es gewiß nicht mög⸗ lich, eine reichere Beifalls⸗Ernte dayon zu tragen. In der That, die alte Köchin wiederholte den ganzen Abend hindurch einzelne Bruchſtücke des Textes nach jeder Melodie, die ihr in den Kopf kam; und was Nittp betrifft, ſo fing ich mehr als einen zärtlichen Blick auf, der für Mr. M⸗Keown als Belohnung für ſein Minneſängerthum beſtimmt war. Darby, das muß man ſagen, ſchien ſeinen Trl⸗ umph recht wohl zu fühlen, er ſetzte ſich zurück in ſeinen Stutzl und ſchlürfte ſein Getränke gleich einen Mann, der ſeine Lorbeeren gewonnen, und keine wei⸗ teren Anſtrengungen, ſeine hohe Stellung im Leben zu behaupten, mehr nöthig hatte. Je kläglicher der Wind draußen blies und mit ſeinem kalten Hauche die entblätterten Bäume ſchüt⸗ telte, deſto enger zog ſich die Geſellſchaft am luſtigen Torf⸗Feuer zuſammen, mit jenem Gefühle ſelbſtſüch⸗ tigen Vergnügens, das in dem Contraſt häuslichen Wohlbehagens gegen kaltes und trübes Wetter draußen zu ſchwelgen ſcheint. „Nicht wahr, Darby,“ ſagte der Kellermeiſter, „Ihr hattet nicht Unrecht, als Ihr meinen Rath an⸗ nahmt, die Nacht über hier zu bleiben; hört nur wie es draußen bläft.“ „Das iſt Hagel,“ ſagte die alte Köchin, als die dicken Tropfen lärmend den Kamin herunter kamen, und ſowie ſie niederfielen, in der rothen Aſche ziſch⸗ ten.„Es iſt'ne grauſame Nacht, Gott ſei gelobt!⸗ Hier ſegnete ſich die alte Dame— eine Ceremonie, welche die Andern nachmachten. „Trotz alle dem,“ ſagte Darby,„ſollte ich dieſen geſegneten Abend in Crocknavorrigha ſein. Jon Neale hat heute Hochzeit.“ „Jon? wirklich, Jon?“ fragte der Kellermeiſter. „Ich wünſch' ihr Glück zu ihm, wer ſie auch ſein mag/ bemerkte die Köchin. „Ei, er iſt ein Blitzbube,“ ſtimmte die Hausmagd ein, mit einem Anflug von Röthe. 4 „Er war wie ein Teufel auf die Mädels los,“ meinte der Kellermeiſter. 1 „Juſt um des Friedens willen macht er jetzt Hoch⸗ zeit,“ ſagte Darby;„die Weiber ließen ihm nirgends Nuhe— juſt ſo, Nitty, Ihr braucht nicht ſo über⸗ zwerch zu gucken— es iſt Wahrheit, was ich Euch ſage; ſie kamen ihm allfort auf den Hals und plag⸗ ten ihn und dergleichen, ſo daß er es nicht länger aushalten konnte.“ „Strahl, haltet Euern Rachen,“ unterbrach ihn die alte Köchin, die ihren Zorn über die angegriffene Ehre ihres Geſchlechtes nicht länger unterdrücken konnte; „wenn er ſo was ſagt, ſo iſt er der dickſte Lügner— und an Eurem Gerede iſt kein Wort wahr, Darby M'Keown.“ 4 Im letzten Theile dieſer Rede lag eine Schärfe, die vielleicht zu ärgerlichen Auftritten geführt hätte, wäre ich nicht dazwiſchen getreten mit der Frage an Mr. MKeown ſelbſt, ob er jemals verliebt war. „Hagel, das feylte noch, verliebt! Wahrhaftig, mein Rücken und meine Seiten ſind noch blitzblau von der Liebe— mein Unglück alles würde ein Buch füllen. Band ich mich nicht als Lehrling an einen Zimmermann, aus Liebe zu Molly Scraw, einer Nichte von ihm, und um ihr nahe zu ſein, und um ſie an⸗ zugucken; und bei dieſer Gelegenheit ſchabte ich mir die Spitze meines Daumens mit dem Hobel weg. Beim Henker, ich wäre faſt daran umgekommen; ich konnte weder eſſen noch trinken; und ob ich gleich drei Jaßre beim Geſchäft war, ſo konnt ich Euch am Ende keinen Unterſchied ſagen zwiſchen einem Zwick⸗ bohrer und einer Handſäge.“ 44 „Und Ihr wart nie verheirathet, Mr. M'Keown?“ fragte Nitiy. „Nie, mein Schatz, aber oft mächtig nah daran. Es begegnete mir manches tolle Zeug,“ ſagte Darby nachdenkend;„und wahrlich, hätte mich nicht mein Schutzengel oder ſo etwas der Art bewahrt, ſo hätte ich zur Stunde mehr Weiber, als ſelber der Kaiſer von Rußland.“ „Strahl, redet nicht ſo!“ grunzte die alte Köchin, deren Leidenſchaft über den prahleriſchen Ton, womit Mr. M'Keown ſeine Erfolge auskramte, ſich kaum bändigen konnte. „Da war eine Biddy Finn,“ fuhr Darby fort, ohne auf die Unterbrechung der Köchin zu achten; „die könnte heute Mrs. M'Keown ſein, hätte ſich nicht ein merkwürdiges Ding ereignet.“ „Was war das?“ fragte Nitty mit eifriger Neu⸗ gier. „Erzählt uns davon, Mr. M'Keown,“ ſagte der Kellner. „Beim Teufel! der wird Euch ein wahres Wort ſagen,“ knurrte die Köchin, indem ſie mit einem Stock die Aſche zuſammenſcharrte. „Es iſt Jemand hier, der für luſtige Unterhal⸗ tung nicht aufgelegt iſt,“ ſagte Darby mit ernſthafter, wichtiger Miene. „Nur zu, Darby, ich möchte die Geſchichte gerne hören,“ ſprach ich. Nach einem Eingang voll von allerlei Bedenk⸗ lichkeiten, worin Beſcheidenheit, verletzte Würde und bewußtes Verdienſt mit einander ſtritten, begann Mr. M⸗Keown damit, uns zu berichten, daß er einſt eine äußerſt glühende Neigung zu einer gewiſſen Biddy inn von Ballyclough empfunden, einer Lady von eträchtlichen perſönlichen Reizen, der er lange Zeit treu geweſen, und die er endlich auf Zureden Vater Curtain's zu heirathen verſprochen. Darby's Einwil⸗ * ligung war jedoch nicht das Reſultat von der Bered⸗ famkeit Sr. Hochwürden, eben ſo wenig von der Ge⸗ rechtigkeit der Sache— noch auch war ſie ausſchließ⸗ lich Biddy's ſchwarzen Augen und zierlichen Lippen zu verdanken, ſondern vielmehr den ſeelen⸗überredenden Mächten einiger vierzehn Becher ſtarken Punſches, die er an einem kalten Novemberabend bei einer„Sitzung“ in Biddy's Vaterhaus hinunterſchluckte; worauf er ſich auf den Weg heimwärts machte, wo— aber wir müſſen ſeine Geſchichte in ſeinen eigenen Worten geben:— „War es die Ausſicht auf eine glückliche Zukunft vor mir, oder der Trank,“ erzählte Darby,„kurz, es war ſo, ich ſpürte jene Nacht keinen Schritt von dem Heimweg, ob es gleich genau fünf Meilen war. Kam ich an einen Zaun, ſo machte ich gewöhnlich einen Sprung, und drüber war ich; dann rannte ich hundert oder zweihundert Ellen weiter, ſchwang meinen Stock und rief:„wer wagt's, gegen Biddy Finn ein Wort zu ſagen?“ und dann im Flug über eine andere Hecke. Gut, ich erreichte endlich mein Haus, und ſo naß ich auch war, ſcheerte ich mich doch nichts drum. Ich öffnete die Thüre und ſchlug ein Licht— auf dem Herde war noch die letzte Spur von Glühaſche; ich legte einige trockene Stücke darauf und einigen Torf, und kniete nieder, um es anzublaſen.“ „„Wahrlich,““ ſagte ich bei mir ſelbſt,„„wäre ich verheirathet, ſo brauchie ich nicht ſo herzuknieen, wie ein armer Sünder, ſondern wenn ich heimkäme, würde mich ein ſchönes Feuer anglänzen, und ein reinlicher Tiſch davor, und eine niedliche Taſſe Thee würde auf mich warten— und Jemand, den ich nicht nennen ui würde dort ſitzen und lächelnd mir entgegen⸗ e en.““ „„Sei kein Narr, Darby M Keown,“ ſagte eine mürriſche Stimme neben dem Kamin. 3 4 „Ich ſprang darauf zu und ſchrie: Wer da? Aber 46 nachdem ich durch „ fing ich an zu denken, ich hätte nur meine eigene Stimme gehört; ich kniete wieder nieder und fing an, auf das Feue blaſen.“ r los zu „„Und ſie ſelbſt, Biddy/⸗ fagte ich,„„wäre eine Jierde für ein vornehmes Zimmer; nettere Füße und eine— u „„Bei dem Licht, das ſcheint, Ihr macht mich krank, Darby M'Keown,“⸗ ſagte die Stimme wieder. „„Der Himmel ſteh; uns beil“" rief ich,„„was iſt das und wer ſeid Ihr doch? denn halbwegs V glaubte ich die Stimme zu kennen. 2Ich bin Dein Vater,““ ſprach die Stimme, „„Mein Vater!“ ſagte ich.„Heiliger Joſeph, iſt es Wahrheit, daß Ihr mit mir redet?““ 2 Der Teufel hol mich, wenn ein Wort erlogen 1 iſt,“ℳ verſetzte die Stimme.„„Nimm mich hinunter end gib mir einen Platz am Feuer, denn die Nacht ſt kalt.“⸗ „„Und wo ſeid Ihr, Vater, wenn es Euch he⸗ liebt?“ „„Auf dem Küchentiſch bin ich. Siehſt Du mich nicht?«ℳ „„Himmel, erbarme Dich! Wo jetzt?⸗“ „Ah, auf dem zweiten Brett, nächſt der Nudel⸗ Balhe Siehſt Du den grünen Krug?— das bin ch. „„O, ihr Heiligen im Himmel, ſteht uns bei!u" rief ich,„Ihr ſeid ein grüner Krug.“* „Das bin ich,“u ſagte er;„„und gewiß, ich könnte noch etwas Schlimmeres ſein, Tim Healey'³ Mutter iſt nur ein Kalender, und ſie ſtarb zwei Jahre „O Herzens⸗Vater, n ſagte ich,„„ich dachte, Ihr lebtet in aller Herrlichkeit, und nun ſeid Ihr dieſe ganze Zeit nur ein Krug!⁰³ 47 „„ Mach Dir darum keinen Kummer,““ ſprach mein Vater;„„es iſt die Seelen⸗Transmogrifikation, und nach und nach wird ſchon Alles recht werden. Nänin mich hinunter ſag' ich, und ſtell' mich ans Feuer.“ 1 „Ich ſtand alſo auf, nahm ihn herunter, wiſchte ihn mit einem reinlichen Tuch ab, und ſtellte ihn an den Herd vor das Feuer.“ „„Darby,““ ſagte er,„„ich habe Hunger, wahr⸗ haftig. Seit Du aufs Freien gehſt, iſt nichts in mei⸗ nen Mund gekommen— haſt Du nicht irgend was im Haus?“« „Ich ſäumte nicht lange, machte warm Waſſer⸗ nahm die Branntweinflaſche herunter und kinihen Zucker, und machte einen ungeheuern Krug voll, ſoviel nur hineinging.“ „„Seid Ihr zufrieden, Vater?““ ſagte ich. „ Ja,““ ſprach er,„„Du biſt ein pflichtgetreues Kind; hier teink ich auf Deine Geſundheit, dente aber nicht mehr an Biddy Finn.““. „Damit begann mein Vater darzuthun, wie ein Ehemann niemals Raſt noch Ruhe habe— um ſo weniger, wenn ſein Weib eine Plaudertaſche ſei, und ein Verheiratheter könne niemals mit Behagen einen Tropfen Getränk zu ſich nehmen.“ „„Ja,““ ſagte er,„„lieber will ich ein grüner Krug bleiben, wie ich jetzt bin, als wieder lebendig mit Deiner Mutter. Gewiß, Du würdeſt die Nacht nicht hier fitzen und Dich mit mir unterhalten, wenn Du verheirathet wäreſt, der Teufel hol' mich. Schenk' ein Pe ſagte mein Vater„„und ich erzähle Dir mehr.““ „Dies that ich und tüchtig, und wir ſchwatzten zu⸗ ſammen bis der Morgen graute; dann war das Erſte, was ich that: ich nahm die alte Mähre aus dem Stall, ritt zu Vater Curtain und erzählte ihm die ganze Ge⸗ 2 als ich mein Haupt auf mein Kiſſen legte, drang das volle Maß meines Elends auf mein Herz ein und ich weinte mich in den Schlaf. Drittes Kapitel. Die Abreiſe. Das heftige Anprallen des Regens an mein Fen⸗ ſter und das laute Toſen des Sturmes, der an die Läden ſchlug oder die ſtarken Aeſte der alten Bäume brach, erweckte mich. Ich ſtand auf, öffnete die Läden und ſuchte hinauszuſehen; aber die Finſterniß war un⸗ durchdringlich und ich konnte nichts ſehen, als die knor⸗ rigen und grotesken Formen der dunkel aus dem Schat⸗ ten hervorragenden entblätterten Bäume, wie ſie ſich gleich den Armen mächtiger Rieſen hin und her beweg⸗ ten— ſchwere Schneemaſſen, vom Regen geſchmolzen, fielen von Zeit zu Zeit vom ſteilen Dache und ſchlugen mit dumpfem, donnergleichem Getön auf den Boden— ein bleifarbiges Grau am Horizont deutete auf den nahen Anbruch des Tages; aber dieſer Vorbote des Morgens hatte nichts Verſprechendes. Gleich meiner eigenen Lebensbahn öffnete er ſich düſter und traurig: ſo wenigſtens ſah ich es an; und wie ich neben dem Fenſter ſaß und meine Augen anſtrengte, durch den dunkeln Sturm zu dringen, dachte ich, daß es beſſer ſei, dem wilden Orkan draußen zuzuſehen, als über den Kummer in meiner Bruſt zu brüten. Wie lang ich in ſolchem Zuſtande blieb, weiß ich nicht; aber bereits zeigte ſich der ſchwache Streif, der den Aufgang der Sonne verkündigt, an dem dunkelge⸗ Tom Burke. I. 4 4* * färbten Himmel, als die lieblichen Töne einer im un⸗ tern Zimmer ſingenden Stimme meine Aufmerkſamkeit feſſelte. Ich lauſchte und erkannte ſogleich den Pfeifer Darby M'Keown. Er ging ſchnell hin und her, und aus ſeinen Bewegungen konnte ich ſchließen, daß er ſich zur Fortreiſe anſchickte.. Nach den luſtigen Tönen ſeiner Stimme und dem leichten elaſtiſchen Tritt, womit er über den Boden ſchritt, konnte ich in der That nicht annehmen, daß das traurige Wetter einigen Schrecken für ihn habe. Er ſprach ſo laut, daß ich einen großen Theil des Dialogs verſtand, den er mit ſich ſelbſt führte, und namentlich auch einige drollige Verſe des Geſanges, womit er von Zeit zu Zeit ſeine Betrachtungen ausſtattete. „Heirath, in der That!— fangt mich nur— Narretei— mit der Landſchaft vor mir und der Aus⸗ ſicht auf gut Eſſen und Trinken für ein Spiel des Sängers. Ja, ja, die Weiber, ſaubere Geſchöpfe. Ho, hol Meiſter Barney, Wozu das Geplärre? Ich wollte, Ihr wäret beſcheidner; Geht, wo es Euch immer gefällt, Und machet den Hof aller Welt; Aber der Teufel nehm' Euch ſiatt meiner. Sehr wohl, Madam Mr. MKeown iſt Euer aller⸗ gehorſamſter— niemals ſag' ich etwas zweimal, mein Täubchen— und gibt es dort nicht ebenſo gute Fiſche ho, hopp! O mein Herz iſt zerſtückt, Mein Kopf iſt verrückt, Oft wollt' ich, ich hätt' ausgerungen: Deein Lächeln ſo ſüße, Deine Knöchel und Füße Sind mir in's Herz gedrungen. Tollderoll Tollderoll oh! 1 51 ul das heißt ein Regen, das heißt ein Wetter. Ich Haat gar nicht daran denken, ſo ſchlecht es auch iſt, hätte ich nicht einen Berg vor mir; aber gewiß, am End' kommt Alles auf Eins hinaus. Catty Delany iſt eine gute Gewähr für einen luſtigen Abend, und ſo Gott will, ſpiele ich heut Nacht noch ein Baltiorum am Feuer. Sie hatte ein Ferkel, Einen Tiſch und ein Bett, Und ein niedliches Zimmer Für den Pfarrer— wie nett! Mit Eßſchrank, Gardinen und noch etwas für den 1 Herrn Pfarrer, wenn's kalt war, für Se. Hochwürden. Hurrah ſo ſo! Hurrah ſo ſo!“ Am Ende, beim Kuckuck, beißt uns der Prieſter aus. g iſt ſchon acht Uhr, und ich bin noch nicht fort — Teufel, wenn Jemand im Hauſe ſich regt. Wohl, ich kann, glaub' ich, meinen Abſchied nehmen— ver⸗ flucht mag die Pfeife lauten, wenn Tony Baſſet dar⸗ über iſt; und mein Herz iſt betrübt, wenn ich an das Kind da denke. Armer Tom! Du hätteſt gewiß gerne Kurzweil, wenn Duss haben könnteſt.“ Es fehlte nur noch der mitleidige Ton, worin dieſe wenigen Worte geſprochen wurden, um mich zu einem Entſchluß zu beſtimmen, über den ich ſchon einige Zeit nachgedacht hatte. Ich wußte, daß in wenigen Stunden Baſſet kommen würde, um mich zu holen— ich fühlte, daß, einmal in ſeiner Gewalt, ich nichts zu erwarten hatte, als die lang verſprochene Bezahlung ſeiner alten Haſſesſchuld. In wenigen Sekunden überſchaute ich das mir bevorſtehende Elend und entſchloß mich plötzlich, auf alle Gefahr hin, durchzugehen. Darby ſchien mir die beſtmögliche Gelegenheit zu dieſem Zwecke darzu⸗ bieten, ich zog mich alſo in größter Eile an, warf Alles, was ich von meiner Garderobe finden konnte, in meinen Wanderſack, ſteckte meine kleine Börſe mit all meinem weltlichen Reichthum— 12 bis 13 Schilling — in die Taſche und ſchlich leiſe die Treppe hinunter in das Zimmer. Ich erreichte die Thüre in demſelben Augenblick, als Darby ſie öffnete, um fortzugehen. Er bebte vor Schrecken zurück und bekreuzigte ſich zweimal. „Ihr müßt nicht erſchrecken, Darby,“ ſagte ich, beſorgt, er möchte Geräuſch machen, worüber die An⸗ dern in Allarm gerathen könnten.„Ich wünſchte zu wiſſen, welchen Weges Ihr dieſen Morgen geht.“ „Die Heiligen ſtehen uns bei, aber Ihr habt mich erſchreckt, Mr. Tomy, jedoch nur mittelbar; ich kann ſagen, ich bin keineswegs furchtſam. Ich gehe zwei Meilen weit gegen Athlone.“ „Gerade dahin möchte auch ich, Darby— wollt Ihr mich mitnehmen?“— denn in demſelben Augen⸗ blick kam mir die Adreſſe des Kapitäns Bubbleton in den Sinn, und ich beſchloß, ihn aufzuſuchen und in meiner mißlichen Lage ſeinen Rath einzuholen. „Ich verſteh' Alles,“ verſetzte Darby, die Spitze ſeines Fingers an die Naſe drückend.„Ich begreife Eure Verlegenheiten— Ihr fürchtet Euch vor Baſſet, und ich kann Euch nicht tadeln, aber thut es doch nicht, Mr. Tomy, thut es nicht, nein, nein: das iſt doch das härteſte Loos.“ 1 eEee 20 „Was?“ ſagte ich verwundert. „Sich anwerben laſſen? gewiß, ich weiß, was dann aus Euch wird; ſchaut, es wäre beſſer für Euch, den Dudelſack zu lernen.“ Ich beeilte mich, Darby ſeinen Irrthum auszu⸗ reden und theilte ihm in wenigen Worten mit, was ich von Baſſet's Abſichten gegen mich erhorcht hatte. „Einen Anwalt aus Euch machen!“ ſagte Darby, mich raſch unterbrechend—„einen Anwalt!— Es gibt nichts ſo Gemeines als einen Anwalt: Polizeidiener find Gentlemans gegen ſie— ſie fechten ihre Sache aus wie Männer; aber die andern Geſellen ſitzen zu Hauſe und brüten den ganzen Tag über Unheil, erfinnen 53 allerlei Schlechtigkeiten und verführen dann die Leute dazu. Seht nur, ich glaube bei meiner Treu, der Teufel war der erſte Anwalt, und es geſchah gewiß nur, um ſeinen Zwecken zu dienen, daß er einen Bruch zwiſchen Adam und Eva ausbrütete— aber ſtilll da regt ſich etwas. Seid Ihr reiſefertig?“ „Ja, Darby, ich bin entſchloſſen.“ In der That unterſtützte ſeine eigene beredte Lob⸗ rede auf juriſtiſches Treiben meinen Entſchluß und er⸗ füllte mein Herz mit friſchem Widerwillen bei dem Ge⸗ danken an ſolch einen Vormund wie Tony Baſſet. Wir gingen verſtohlen durch die dunkeln Gänge, ſchritten über die alte Halle und machten leiſe die ſchweren Riegel und die große Kette auf, welche die Thüre befeſtigte. Der Regen floß in Strömen über den Boden und der Wind ſchlug ihn mit mächtigen Stößen an die Fenſterſcheiben: es bedurſte unſerer ganzen Kraſt, um die Thüre hinter uns gegen den Sturm zuzuziehen, und es gelang uns dies erſt nach verſchiedenen Verſuchen. Der hohle Ton der eichenen Thüre drang in mein Herz, als ſie ſich hinter uns ſchloß: in einem Augenblick ſtand das Bild der Verbannung, äußerſter Verlaſſenheit vor meiner Seele. Ich wandte mich um und ſtarrte auf das alte Haus hin— um meinen letzten Abſchied für immer zu nehmen. So düſter auch meine Ausſicht war, erſtreckte ſich mein Kummer doch weniger auf die trau⸗ rige Zukunſt, als auf das Elend des Augenblicks. „Nein, Mr. Tom, nein, Ihr müßt umkehren,“ ſagte Darby, der mit zärtlicher Theilnahme die krank⸗ hafte Bläſſe meiner Wangen und das unſtete Wanken meines Ganges betrachtete. „Nein, Darby,“ ſagte ich und ſtrengte mich an, feſt zu ſcheinen.„Ich will mich nicht mehr umſehen;“ und meinen Kopf dem Sturm entgegenſtemmend, ſchritt ich kühn neben meinem Gefährten aus. Wir gingen vorwärts ohne zu ſprechen, und hatten bald den ver⸗ nachläſſigten Baumgang und das zerfallene Thorhäus⸗ 54 chen hinter ung, als wir die Hochſtraße erreichten, die nach Athlone führte. Darby, der nur abwartete, bis der erſte Ausbruch meines Kummers ſich auf natürlichem Wege Luft ge⸗ macht hatte, bemerkte kaum an meinem Schritte und der friſchen Farbe meiner Wangen, daß ſich mein Muth wieder geſammelt hatte, als er den ganzen Vorrath ſeiner angenehmen Unterhaltungskunſt, der für meine Unerfahrenheit in ſolchen Dingen keineswegs unbeträcht⸗ lich war, aufſchloß. Aller hochfahrenden Redekünſtelei — die Mr. M'Keown, wie ich ſpäter bemerkte, nur als eine Art Galaanzug für große Gelegenheiten auffparte — entſagend, ſprach er frei und natürlich; den Weg mit mancher bald ernſten, bald luſtigen Geſchichte ver⸗ kürzend, ſchien er ſich wenig um das rauhe Wetter zu kümmern, und eröffnete eine heitere Ausſicht auf einen glücklichen Abend, als auf eine reichliche Belohnung für die Strapazen der Gegenwart. „Und der Kapitän, Mr. Tom, ſagt Ihr, iſt ein angenehmer Mann?“ fragte Darby, anſpielend auf meinen neulichen Gefährten in der Kutſche, deſſen Vor⸗ züge zu wiederholen ich nie ermüdete. „O, ein herrlicher Mann, er iſt überall geweſen, und ſcheint Jedermann und jedes Ding zu kennen: auch iſt er ſehr reich— ich weiß nicht mehr, wie viele Pferde er in England hat und Elephanten ohne Zahl in Indien.“ „Blitz! das war ein Glück, daß Ihr mit ihm zu⸗ ſammentrafet,“ bemerkte Darbpy. „Za, das war es; ich bin überzeugt, er thut ei⸗ was für mich; und auch für Euch, Darby, wenn er weiß, daß Ihr gegen mich ſo freundlich waret.“ „Ich? Was that ich denn, mein Junge? und was konnte ich armer Pfeifer denn thun? Wäre es nicht Ehre genug für mich, wenn eines Edelmanns Sohn mit mir auf der Straße gehen will? Darby M'Keown iſt heute ein ſtolzer Mann, daß er Euch an ſeiner Seite hat.* * 1 4 55 Eine zerfallene Hütte auf der Straße, deren ge⸗ ſchwärzte Wände und verkohlte Balken auf ihr Schick⸗ ſal denteten, zog hier die Aufmerkſamkeit meines Ge⸗ fährten auf ſich; er hielt ein paar Sekunden, um ſie zu betrachten, kniete dann nieder, murmelte ein kurzes Gebet für die ewige Ruhe irgend eines Abgeſchiedenen, hob einen Stein auf und warf ihn auf einen Haufen ähnlicher Steine, die an der Vorderſeite lagen.. „Was hat ſich hier ereignet, Darby,“ fragte ich, als er ſeinen Weg wieder fortſetzte.„Sie haben ſie in den Unruhen zerſtört,“ war ſeine einzige Antwort, indem er einen Blick zurückwarf, um zu ſehen, ob ihn Jemand bemerkt habe. Ob er gleich keine weitere Anſpielung auf das Schickſal derer machte, welche einſt die Hütte bewohn⸗ ten, ſo ſprach er doch frei von ſeinem eigenen Antheil an dem ereignißvollen Jahre 983 er rechtfertigte, wie mir damals ſchien, jeden Schritt der patriotiſchen Par⸗ tei, und erklärte die Urſachen ihrer Erfolgloſigkeit ſo natürlich und klar, daß ich nicht umhin konnte, allen Einzelnheiten ſeiner Erzählung mit Intereſſe zu folgen und ſeinen Schmerz über die unerwarteten Schickſals⸗ ſchläge gegen dieſelben zu theilen. Als er über ſeinen Gegenſtand warm wurde, ſprach er über Frankreich mit einem Enthuſiasmus, den ich bald anſteckend fand; er erzählte mir von der ruhmvollen Laufbahn der franzö⸗ ſiſchen Heere in Italien und Oeſterreich, und von jenem wundervollen Namen, von dem ich damals zum erſten Mal hörte, als von Einem, der ſeine Nation mit einem Strahlenkranz von Siegen umgab; er ſtellte im Fort⸗ gang ſeiner Rede die Belohnungen, welche den Herois⸗ mus und die Tapferkeit im dortigen Dienſte erwarteten, mit der erkauften Beförderung im unſrigen zuſammen, wobei er geſchickt ſeine eigene Lage in Vergleich mit der meinigen beleuchtete, und welches Loos mich er⸗ wartet hätte, wenn ich unter jenem glücklichen Himmel geboren wäre. Dort, ſagte er, lebt kein älterer Bruder 56 im Ueberfluß, während der jüngere hinausgeſtoßen wird, um ohne Haus und ohne Geld in der weiten Welt herumzuwandern; und alle dieſe Dinge hätten wir ge⸗ winnen können, wären wir nur uns ſelbſt treu geweſen. Ich ſog Alles mit Begierde ein, was er ſagte. Die Anwendbarkeit ſeiner Beweiſe auf mein eigenes Loos gab denſelben ein Intereſſe und eine anſcheinende Wahrheit, die meine junge Seele gierig verſchlang, und als er aufhörte, zu ſprechen, überdachte ich alles, was er mir erzählt hatte mit einer Lebhaftigkeit, welche rinen Lindruc auf mein ganzes zukünftiges Leben zu⸗ rückließ. Es war ein neuer Gedanke für mich, mein eignes Schickſal mit irgend einem Ding in der politiſchen Lage des Landes zu verknüpfen, und während dies meinem jungen Herzen eine Art von Märtyrerthum einflößte, lenkte es meinen Geiſt auf Gedanken über eine Klaſſe von Dingen, die nie zuvor irgend ein Intereſſe für mich beſaßen. Auch lag etwas Schmeichelhaftes in der Idee, daß ich meine dürftigen Umſtände weniger dem Mangel an eigenem Verdienſt, als politiſchen Albernbeiten zuzu⸗ ſchreiben habe. Mein Reiſegefährte hatte die Zeit gut ge⸗ wählt, ſeine Lehren in mein Herz zu träufeln— Ich war jung, glühend, enthuſiaſtiſch— mein ſelbſterlittenes Unrecht harte mich gelehrt, Ungerechtigkeit und Unter⸗ drückung zu haſſen, meine Lage hatte mich das Ernie⸗ drigende der Abhängigkeit fühlen, bitter fühlen laſſen; und wenn ich mit aufmerkſamer Begierde jede Geſchichte und jedes Ereigniß des vergangenen Aufſtandes anhörte, ſo geſchah es, weil mir der Streit als einer zwiſchen der Tyrannei auf der einen Seite und ringender Frei⸗ heit auf der andern vorgeſtellt wurde. Ich hörte den Namen derer, welche es mit der Inſurgentenpartei hielten, als die großen und guten Männer ihres Landes erheben, während ihre alten Familien⸗ und Erbanſprüche gegen manche von der entgegengeſetzten Partei, deren neue Niederlaſſung auf der Inſel und neugeborne Ari⸗ 2 4 ———— 57 ſtokratie mit Hohn und Verachtung betrachtet wurden, einen ſchneidenden Contraſt bildeten. Mit einem Worte, ich lernte glauben, daß die eine Partei durch Grauſam⸗ keit, Unterdrückung und Ungerechtigkeit charakterifirt war, die andere hingegen nur durch Beharrlichkeit, Muth, Patriotismus und Wahrheit ſich hervorthat. Welch ein Gemälde war dies für eine Seele gleich der meinigen, und noch dazu in einem Augenblick, wo ich in meiner eigenen troſtloſen Lage ein Beiſpiel derſelben Leiden darzuſtellen ſchien, von denen ich hörte. Wenn das Bild, das N'Keown von Irland ent⸗ warf, düſter und traurig war, ſo malte er dagegen Frankreich in den glänzendſten und verführeriſchſten Farben. Weniger über die politiſchen Vortheile ſich verbreitend, welche die Revolution für die Volkspartei errungen, richtete er meine ganze Aufmerkſamkeit auf die glänzende Laufbahn des Ruhmes, die ſich die fran⸗ zöſiſche Armee eröffnet hatte, auf den ſiegreichen Erfolg des italieniſchen Feldzuges, auf den Krieg in Deutſch⸗ land, und auf den Glanz von Paris, das er als ein wahres Paradies auf Erden ſchilderte; aber vor allem verbreitete er ſich über den Charakter und die Vor⸗ züge des erſten Conſuls, indem er manche Aneldoten aus ſeinem früheren Leben erzählte, von jener Periode an, wo er als Schulknabe in Brienne war, bis zu der Stunde, wo er den älteſten Monarchen Europas die Friedensbedingungen diktirte, und Krieg erklärte mit der Stimme eines Helden, der als Rächer kam. Jedes Wort, das er ſprach, ſchlürfte ich mit Be⸗ gierde ein— denn eben der Enthuſiasmus ſeiner Aus⸗ drücke war anſteckend— ich fühlte mein Herz hinge⸗ riſſen von Entzücken über manche That ſoldatiſcher Kühnheit, und nährte in mir eine Art abgöttiſcher Verehrung für den Mann, der ſein eignes ruhmdur⸗ ſtendes Temperament all den Tauſenden um ihn einge⸗ flößt und eine ganze Nation in Helden verwandelt zu haben ſchien. 3 58 Darby hatte ſeine Kenntniß über alle dieſe Dinge, die mir etwas wunderbar vorkamen, zu verſchiedenen Zeiten von franzöſiſchen Emiſſären erlangt, welche durch Irland ſtreiften, zum Theil alte Soldaten, die in den Feldzügen von Aegypten und Italien gedient hatten. „Aber gewiß, wenn Ihr mit mir kommt, Mr. Tom, ſo könnte ich Euch dahin bringen, wo Ihr ſie ſelbſt ſehen und von ihren Schlachten und Scharmützeln reden hören könnt, denn ich vermuthe, Ihr ſprecht franzöſiſch.“ „Sehr wenig, Darby. Wie ihut es mir jetzt leid, daß ich es nicht beſſer verſtehe.“ „Thut nichts, ſie werden es Euch bald lehren und noch manches dazu. Es iſt nicht weit von hier ein Capitän, den ich kenne und von dem Ihr das Exerci⸗ tium mit kleinem Gewehre lernen könnt; ich wollte, Ihr ſähet ihn in ſeiner grünenUniform mit weißen Aufſchlä⸗ gen und drei zierlichen Kreuzen darauf, die ihm Ge⸗ neral Bonaparte mit eigenen Händen gab; eines Sonn⸗ tags hatte er ſie an, und ich ſah nie etwas Aehnliches.“ „Und find viele franzöſiſche Offiziere hier herum?“ „Jetzt nicht; nein, ſie ſind faſt alle fort. Nach dem Aufſtand gingen ſie beinahe ſämmtlich nach Frank⸗ Hih farii. Nun, man wird ſie ſchon wieder rufen, ſo ott will.“ „Wird denn wieder ein Aufſtand kommen, Darbye“ Als ich dieſe Frage ſtellte, furchtlos und mit einer Stimme, die laut genug war, daß man ſie in einiger Entfernung hören konnte, kam ein Reiter vorüber, in einen weiten Tuchmantel eingehüllt; er hielt plötzlich an, kehrte ſein Pferd um, und ſtand dem Pfeifer ge⸗ rade gegenüber. Darby begrüßte den Fremden reſpekt⸗ voll und ſchien weiter gehen zu wollen, aber der an⸗ dere drehte ſich in ſeinem Sattel um, warf einen fe⸗ ſten Blick auf ihn und rief: Was, am alten Handwerk M'Keown?— kann Euch nichts kuriren, he? „Richtig, Maior,“ ſagte Darby, mit einem Tone, 59 wie ich ihn den ganzen Morgen noch nicht bemerkt hatte;„ich will irgendwo mit einer kleinen muſika⸗ liſchen Aufführung auftreten.“ „Verſchont mich mit Euerem Kauderwelſch. Wer iſt da bei Euch?“ „Ein Sohn von einem meiner Nachbarn, Ihnen zu dienen,“ ſagte Darby mit einem bittenden Blick auf mich, ihn nicht zu verrathen. „Sein Vater iſt ein Schulmeiſter, ein Philomath, ſo zu ſagen.“ Ich war gerade daran, dieſer Ausſage plump zu wiverſprechen, als der Fremde mir zurief: „Geben Sie Acht, junger Herr, Sie find dieſen Morgen nicht in der Of⸗Geſellſchaft, und ich empfehle Ihnen, ſich ſo bald es geht, von Ihrem Freunde zu trennen. Und Ihr,“ ſagte er, an Darby ſich wendend, „macht, daß ich Euch morgen um 10 Uhr in Athlone ſehe, hört Ihr?“ Der Pfeifer wurde blaß wie der Tod, als er die⸗ ſen Befehl hörte, auf den er nur ſchweigend mit einer Berührung ſeines Huts antwortete, während der Rei⸗ ter ſeinen Mantel um ſich warf, ſeinem Thiere die Sporen gab und bald aus dem Geſicht verſchwand. Darby blieb ein Paar Augenblicke ſtehen, und ſah der Straße nach, auf der der Fremde verſchwunden war; eine ſchwarzblaue Farbe überzog ſein Geſicht und ein zitterndes Beben ſeiner Unterlippe gab ihm das Aus⸗ ſehen eines Fieberkranken. ch bleibe doch bei Euch,“ murmelte er zwiſchen ſeinen zuſammengebiſſenen Zähnen,„und wenn die Stunde kömmt—“ Hier wiederholte er einige Worte auf Iriſch mit einer heftigen Geberde, die mir das Blut ſtocken machte, dann plötzlich ſich ſammelnd, nahm er eine krankhafte, lächelnde Miene an:„Das iſt ein harter Mann, der Major.“ „Ich denke,“ fuhr er fort, nach einer Pauſe von 60 einigen Minuten—„ich denke, es iſt beſſer für Euch, Ihr geht nicht mit mir nach Athlone. Denn wenn Baſſet Euch ausſpüren will, ſo wird dort der erſte Ort ſein, wo er Euch ſucht, zudem wird man Euch jetzt, da Euch der Major geſeben hat, gewiß nicht vergeſſen.“ Nach⸗ dem ich verſprochen hatte, jeden Weg einzuſchlagen, den mein Gefährte mir empfehlen würde; fuhr er fort— „Ja das iſt das Beſte; ich will Euch in Ned Va⸗ lones Haus in Glen laſſen; und wenn ich morgen meine Sache mit dem Major abgemacht habe, will ich nach Eurem Freund, dem Capitän, ſehen und ihm ſa⸗ gen, wo Ihr ſeid.“ In dieſen Vorſchlag willigte ich gerne ein und fragte nur, wie weit es noch zu Ned Valone ſein möchte, denn ich fing bereits an, müd zu werden. „Gut zehn Meilen,“ ſagte Darby,„nicht weniger; aber wir wollen hier oben anhalten und etwas eſſen, ein Paar Stunden raſten, und dann wird Euch der Weg nicht mehr weit dünken.“ Mit dieſen lachenden Ausſichten, ſchritt ich neuen Muthes weiter, und obgleich das heftige Unwetter nicht nachließ, tröſtete ich mich doch mit dem Gedanken an die Raſt und Erfriſchung, die mir bevorſtand, und be⸗ ſchloß, die Gegenwart zu vergeſſen. Darby dagegen ſchien niedergeſchlagener als zuvor und verrieth auf mannigfaltige Weiſe in ſeinen Bewegungen Zweifel und Ungewißheit— indem er zuweilen ſo eine halbe Meile weit tüchtig auszog, dann aber in einen lang⸗ ſamen und verdroſſenen Schritt zurückſank, oft rückwärts ſah, und mehr als einmal keinen Schritt vorwärts that, die ganze Zeit in dumpfer, murmelnder Stimme mit ſich ſelbſt ſprechend. So machten wir etwa zwei Meilen, als ich end⸗ lich durch den niedergießenden Regen in der Ferne den düſtern Giebel einer kleinen Hütte erblickte, und be⸗ gierig fragte, ob dies der Ort unſerer Einkehr ſei. „a,“ ſagte Darby,„das iſt Pey's Hütte, und 61 obgleich nicht ſehr berühmt wegen Kochkunſt und der⸗ gleichen, ſo iſt es doch das einzige Haus auf einer Strecke von ſieben Meilen von hier.“ Als wir näher kamen, wurde der Anblick des Ge⸗ bäudes noch weniger lockend. Es war eine niedrige Lehmhütte mit einem elenden Dach von Raſen; ein elendes Muſter von Schlot zeigte ſich auf dem Dache, und die Front gegen die Straße enthielt eine kleine viereckige Oeffnung, mit einer einzigen Glasſcheibe als Fenſter und einem Weidengeflechte in Geſtalt einer Thüre, welche trotz des rauhen Wetters weit offen ſtand, um den Rauch durchzulaſſen, der freier hierdurch, als durch's Kamin wirbelte. Ein ſchmutziger Pfuhl ſtehenden grünbedeckten Waſſers war vor der Thüre, durchſchnitten von einem kleinen Damm von Lehmerde. Hierauf ſtand eine dünne, ſchmalſeitige Sau, um ſich beregnen zu laſſen, ihren langen, ſpitzigen Rüſſel nach⸗ denklich gegen den wonniglichen Koth zugekehrt. Dieſes wichtige Glied der Familie mit einem unhöflichen Tritt auf die Seite ſchiebend, bückte ſich Darby, um durch die niedrige Thüre zu kriechen und ſprach zugleich das gewöhnliche:„Gott ſegne Alles hier.“ Ich folgte ihm, konnte aber die übliche Antwort auf den Gruß nicht verſtehen, und vor dem dicken Rauch, der die Hütte füllte, nichts von dem, was mich umgab, unterſcheiden. e SeN⸗ Pey,“ ſagte Darby,„wie ſteht's heut mit u Ein dumpfes Grunzen kam vom Fuße einer kleinen Kothwand neben der Feuerſtelle. Ich kehrte mich um und erblickte die Geſtalt eines Weibes von einigen ſiebenzig Jahren, neben der Torfaſche ſitzend; ihre dunklen Augen, vom Rauch triefend und vom Alter getrübt, waren doch noch ſcharf und durchdringend, und ihre dünne Adlernaſe verrieth eine Klaſſe von Ge⸗ ſichtsbildungen, die unter dem gemeinen Volke keines⸗ wegs gewöhnlich ſind. Ihr Anzug beſtand aus dem lauen Friesrock eines Arbeiters, der von Weibern ge⸗ 62 wöhnlich über das wollene Oberkleid getragen wird. Ihre Füße und Beine waren nackt und auf ihrem Kopf ſaß eine alte Strohkappe, deren verſchoſſenes Band und getrübter Glanz andeuteten, daß ſie einſt einer reicheren Eigenthümerin gehört haite. Keine Spur von Hausgeräthe— kein Tiſch, kein Stuhl, nicht einmal ein Bett, wenn man nicht einiges Stroh, das in einem Winkel an der Wand lag, ein ſolches nennen wollte; ein Topf hing über dem naſſen und ſiedenden Torf an einem Stück Heufeil, und ein irdener Krug mit Waſſer ſtand daneben. Die Flur der Hütte, an manchen Stel⸗ len niedriger als der Damm draußen, war durch den Tritt der Sau, die nach Belieben durch das Gebäude ſtreifte, in flüſſigen Koth aufgelöst. Mit einem Worte, ſchrecklichere und jammervollere Armuth ſich zu denken war unmöglich. Darby's erſte Bewegung war, daß er von dem Topf den Deckel aufhob, wo das Geſprudel der ſieden⸗ den Kartoffel ihn überzeugte, daß wir wenigſtens etwas zu eſſen bekommen würden; ſeine nächſte war, daß er einen kleinen Korb zu einem Sitz umkehrte und mir mit der Hand winkte, darauf Platz zu nehmen; ſodann näherte er ſich der Alten, hielt ſeine Hand an den Mund und ſchrie ihr in's Ohr— „Wohin iſt der Mafor dieſen Morgen, Pey?“ Sie ſchüttelte traurig ein paar mal ihren Kopf, gab aber keine Antwort. „Ich denke, dort in der Stadt gehen ſchlimme Dinge vor,“ rief er ſo laut, wie zuvor. Pey murmelte etwas auf Iriſch, aber viel zu un⸗ deutlich, als daß man es hätte verſtehen können. „Iſt das arme Ding toll?“ fragte ich wiſpernd. Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als ſie ihre ſchwarzen und durchbohrenden Augen auf mich warf, mit ſo ſtarrem Blicke, daß ich davor zuſammen⸗ bebte. 1 63 „Wer iſt das?“ fragte die Hexe mit krächzender, barſcher Stimme. 4 „Ein junger Knabe aus der Gegend von Loughrea.“ „Nein!“ ſchrie ſie in leidenſchaftlich aufgeregtem Tone,„keine Lüge, ich würde ſeine Augenbrauen aus tauſenden kennen; er iſt ein Sohn von Mat Burke, von Cronmore.“ „Beim Strahl, ſie iſt'ne Her'— der Teufel mag daran zweifeln,“ murmelte Darby zwiſchen den Zäh⸗ nen.„Ihr habt Recht, Pey,“ fuhr er nach einem Au⸗ genblick fort:„Sein Vater iſt todt und das arme Kind ſteht nun verlaſſen in der Welt.“ „Und ſo iſt der alte Mat todt?“ unterbrach ſie. „Wann ſtarb er?“ „Am Dienſtag Morgens, vor Tag.“ „Ich träumte von ihm jenen Morgen, er kam da⸗ her an die Thüre der Hütte auf ſeinen Knien und ſagte: „Peggy, Peggy M'Cadky, ich bin gekommen, Euch um Verzeihung zu bitten für Alles, was ich Euch gethan habe,“ und ich⸗ ſetzte mich auf in meinem Bette und ſchrie: Wer iſt das? und er ſagte:„Ich bin's— ich Mr. Burke— ich bin gekommen, Euch Euern Pacht urückzugeben.“„Ich will Euch ſagen,“ ſprach ich, „was Ihr mir zurüuckgeben ſollt: Gebt mir den Mann zurück, deſſen Herz Ihr durch ſchlechte Behandlung ge⸗ brochen— gebt mir die zwei ſchönen Knaben zurück, die Ihr auf Lebenszeit verbannt— gebt mir zwanzig Jahre von meinem eigenen Leben zurück, die ich in Kummer und Elend verbracht.“ „Peg, ſtill, ſprecht nichts mehr davon. Das arme Kind hier, noch nüchtern ſeit Tagesanbruch, iſt nicht zu tadeln für das, was ſein Vater that. Ich denke, die Kartoffeln find fertig.“— Mit dieſen Worten lüpfte er den Topf vom Feuer und trug ihn an die Thüre, um das Waſſer abzu⸗ gießen. Dieſe Handlung ſchien die Wuth der Alten aufzuregen, ſie ſtand plötzlich auf ihren Beinen, eilte 64 zur Thüre, ſchnappte ihm den Topf aus der Hand und ſtieß ihn auf die Seite. „ wei Tage ſind's, daß ich keinen Biſſen, keinen Tropfen Suppe angerührt. Gott ſelbſt weiß, wann und wo ich es wieder haben werde; aber wenn ich nie mein Faſten brach, ſo will ich es auch nicht mit dem Sohne deſſen thun, der aus mir eine verlaſſene Wittwe machte, der den Mann, der mich liebte, in's Grab und meine Kinder für immer in Schande ſtürzte.“ Mit dieſen Worten warf ſie den Topf auf die Straße mit ſolcher Gewalt, daß er in fünfzig Stücke brach; dann ſetzte ſie ſich außen vor die Hütte hin, rang ihre Hände und klagte zum Erbarmen im Ueber⸗ maß ihres Kummers. „Laßt uns gehen,“ ſagte Darby wiſpernd.„MNan kann nichts mit ihr reden, wenn ſie einen ihrer An⸗ fälle hat.“ 3 Wir ſchlichen ſchweigend aus der Hütte und er⸗ reichten die Straße. Mein Herz war voll bis zum Berſten— Scham und Beſtürzung überwältigte mich und ich wagte nicht aufzublicken. 3 „Gehabt Euch wohl, Peg, ich hoffe, wenn wir wieder zuſammenkommen, ſind wir beſſere Freunde,“ ſagte Darby beim Weggehen. Sie gab keine Antwort, ſondern ging in die Hütte, woraus ſie im nächſten Augenblick hervorſtürzte mit ei⸗ nem flammenden Torfbrand in einer rohen hölzernen ange. „Kommt ſchnell vorwärts,“ ſagte Darby mit er⸗ ſchrockenem Blick,„ſie will Euch verfluchen.“ Ich kehrte mich um, von Grauſen ergriffen und regungslos. Hätte es mein Leben gekoſtet, ſo konnte ich kein Glied rühren. Das alte Weib war inzwiſchen zuf der Straße niedergekniet und murmelte ſchnell vor in— „Kommt vorwärts, ſag' ich,“ ſagte Darby und ergriff mich am Arme. 65 „Und jetzt,“ rief die Here laut,„ſei Unglück Dein Schatten, wohin Du auch gehſt, hinter Dir Kummer und ſchlechte Hoffnung vor Dir— nie magſt Du Glück oder Freude genießen, und gleich dieſem Torf ſoll Dein Herz immerfort brennen, und—“. Weiter hörte ich nichts, denn Darby riß mich ge⸗ waltſam mit ſich fort, gerade als die ziſchende Torf⸗ aſche, welche die Hexe mir nachwarf, zu meinen Füßen niedergefallen war. Viertes Kapitel. Meine Wanderungen. Ich kann nicht läugnen, die ſchreckliche Verwün⸗ ſchung, die ich gegen mich ausſtoßen gehört, ſchien den Becher meines Elends voll zu machen. Einem Ver⸗ bannten ohne Heimath, ohne Freund, fehlte nur dies noch, um ihn ſo recht niederzudrücken; ich bedeckte mein Geſicht mit beiden Händen und dachte, mein Herz müſſe brechen. 8 „Kommt, kommt, Mr. Tom,“ ſagte Darby,„ſeid ohne Furcht, es wird Euch nicht ſchaden, was ſie auch Alles ſagte. Ich machte mit dem Ende meines Stockes 5 66 Die Erwähnung dieſes Namens erinnerte mich ſogleich an meine eigene Gefahr, wenn es ihm gelänge, mich zu erwiſchen, und ich theilte Darby meine Furcht hierüber mit. 4 „Das iſt wahr,“ ſagte er;„wir müſſen die Hoch⸗ ſtraße verlaſſen, denn Baſſet wird jetzt im Schloſſe ſein und keine Zeit verlieren, Euch zu verfolgen. Wenn Ihr nur irgend einen Biſſen zu eſſen hättet.“ „Was das betrifft, Darby,“ ſagte ich mit einer krankhaften Anſtrengung, zu lächeln,„Peg's Fluch hat mir allen Appetit genommen, ſo wohl mir auch ihre Kartoffeln gethan hätten.“ „Kurzum, es geht ſchlimm mit dem Frühſtück,“ Pate Darby.„Wollt Ihr nicht Eins rauchen, Mr. 0 41 27 „Nein,“ ſagte ich lachend,„ich habe noch nicht gelernt zu rauchen.“ „Ei,“ verſetzte er, durch den Ton meiner Antwort ein wenig verletzt,„Ihr hättet noch Schlimmeres thun können, als rauchen. Tabak iſt etwas Feines für das Herz. Manchmal, wenn ich allein bin, wäre ich, wenn ich keine Pfeife hätte, traurig und niedergeſchlagen, dächte über die ſchweren Zeiten nach und dergleichen; aber wenn ich meine Nudel gefüllt habe und den auf⸗ wirbelnden Rauch betrachte, ſo fang' ich an zu träumen vom Sitzen um ein Feuer in luſtiger Geſellſchaft, plau⸗ dernd, discurrirend und Geſchichten erzählend, dann erfinde ich mir Geſchichten von böſen Teufeln, von Pfeifern, die durch das Land ſtreichen, hier und da den Hof machen, und aus dem Kopfe drollige Lieder ſpielen; dann ſpiele ich ihnen ſelbſt auf; mache viel⸗ leicht einen Text, und zuweilen lege ich die Pfeife weg und fange an für mich zu ſingen; oft nehme ich den Dudelſack und ſpiele mit aller Macht darauf los, bis ich denke, ich ſehe die niedlichſten kleinen Kobolde von der Welt vor mir tanzen, Hand in Hand im Kreis herum und auf und niederhüpfend, winzige Dingerchen .—õ— —— 67 mit dreieckigen Hüten und Perrücken und kleinen rothen Röcken, Alles von Gold glänzend, niedliche kleine Ge⸗ ſchöpfchen mit Unterröckchen, die ſie ſo halten, daß man ihre netten Beine und Füße fieht, und ich rufe ihnen zu: Munter herum!— heiſa luſtig!— und was mir gerade in den Schnabel kommt— und wahrlich, ſiſ traurig genug, wenn ſie gehen und mich allein aſſen.“ „Und wie kommt Euch all das Zeug in Kopf, Darby?—“ℳ „Wahrhaftig, das iſt ſchwer zu ſagen,“ ſagte Darby ſeufzend;„aber ich bilde mir ein, daß der arme Mann, der weder ſchöne Häuſer noch feine Klei⸗ der, noch Pferde, noch Bediente hat, daß, ſag' ich, die Vorſehung in anderer Art es gut mit ihm meint, und ſeine Seele mit allerlei drolligen Gedanken und tollen Geſchichten und Liedern und dergleichen füllt; ſie er⸗ ſchließt ihm manches Geheimniß von Feen und derlei gutem Volke, wofür der Reiche keine Zeit hat; und Ihr müßt gewiß oft bemerkt haben, daß die Vornehmen keine Spur von Scherz unter ſich haben, ſondern im⸗ mer zu uns kommen, damit wir fie lachen machen. Habt Ihr nie das Geſellſchaftszimmer verlaſſen, wenn die Geſellſchaft dort ſaß mit einem Ueberfluß von Wein und Früchten und allem Guten, und feid die Treppe hinunter in die Küche gegangen, wo vielleicht nichts war, als ein geſalzener Häring und ein Krug Punſch, und wenn Ihr dies thatet, wo war die meiſte Kurz⸗ weil, frag' ich? Hoho, wenn ſie mich ein Lied für fie ſpielen heißen, und wenn ich ihre ſorgenvollen blaſſen Geſichter ſehe und ihre trüben Augen, und wie ſteiſ ſie auf ihren Seſſeln daſitzen, ſo kann ich dafür kein Herz faſſen; wenn ich aber für die Buben und Mäd⸗ chen anfange:„der dreckige Jakob“ oder„der kleine, kühne Fuchs“ oder„Küß' meine Lady,“ gewiß, dann ſteckt meine ganze Seele im Dudelſack, und ich drücke die Töne mit aller Macht heraus.“ 3 68 In dieſer Art unterhielt mich Darby, bis wir ei⸗ nen Kreuzweg erreichten, wo er inne hielt, mit dem Finger in die Ferne deutete und ſagte: „Dort hinter dem niedrigen Berge liegt Athlone. Ned Malone's Haus iſt nur noch ſechs kleine Meilen von hier. Ihr bleibt auf dieſem Seitenweg, bis Ihr die Schmiede erreicht, dann wendet Ihr Euch links, über's Feld, bis Ihr zu einer alten Ruine kommt; dieſe laßt Ihr zur Rechten und folgt dem gebahnten Wege, er wird Euch zu Ned's Thüre bringen.“ „Aber ich kenne ihn nicht,“ ſagte ich. „Was thut das?— gewiß, das iſt nicht nöthig — ſagt ihm, Ihr wolltet dort bleiben, bis Darby der Pfeifer Euch abhole; und ſeht nun, das iſt Alles, was Ihr zu thun habt— legt Euren rechten Daumen auf die Fläche Eurer linken Hand, ſo, und dann küßt Ihr den andern Daumen, dann habt Ihr s; aber merkt's Euch, dies thut Ihr nicht eher, als bis Ihr allein mit ihm ſeid— es iſt ein Zeichen unter uns.“ „Ich wünſchte, Ihr kämet mit mir, Darby— ich wollte lieber mit Euch gehen.“ „Es gefällt mir ſelber nicht recht,“ ſagte Darby mit einem Seufzer;„aber ich darf nicht unterlaſſen, nach Athlone zu gehen; der Major hätte mich bald ausgeſpürt— und dann um ſo ſchlimmer für mich.“ „Und was ſoll ich thun, wenn Mr. Baſſet mir nachkommt?“ „Wenn er keine Truppe Reiter hinter ſich hat, könnt Ihr ihn auslachen in Ned Malone's Haus, und jetzt gehabt Euch wohl, mein Lieber und verliert den Muth nicht— Ihr wißt, Ihr ſeid bald ein Mann.“ Glücklicher hätten keine Worte gewählt werden können, um meinen ſinkenden Muth zu erheben; bereits regte ſich in mir das Gefühl angehender Mannheit, und wartete nur auf irgend eine beſtimmte Gelegenheit, in voller Kraft hervorzubrechen. Ich ſchüttelte Darby's Hand mit feſtem Drucke, 69 bemühte mich, ſo froh als möglich zu lächeln und ſchritt auf dem Pfade vor mir mit aller Munterkeit, die in meiner Gewalt ſtand, darauf los.. Der erſte Gedanke, der durch meine Seele ſchoß, als ich mich von meinem Gefährten trennte„ war die gänzliche Verlaſſenheit meiner Lage; der nächſte und unmittelbar darauf folgende das kühne Bewußtſein perſönlicher Freiheit. Ich genoß in jenem Augenblicke die ungeſtörte Freiheit zu wandern, ohne Leitung, ohne Auffſicht, Tony Baſſet verſchwand gänzlich aus meinem Gedächtniß, und ich erinnerte mich nur an den Schul⸗ zwang und an die Tyrannei meines Lehrers. Mein Plan— denn ſchon hatte ich mir einen Plan gebildet — war, bei einem Pächter zu dienen, als Taglöhner zu arbeiten. Ned Malone würde, hoffte ich, mich wahrſcheinlich, jung wie ich war, als ſolchen annehmen, und ich hatte keinen andern Ehrgeiz, als meine Un⸗ abhängigkeit zu ſichern. Wie ich ſo weiter ging, wob ich in meiner Seele ein ganzes Gewebe von eingebildeten Zuſtänden, von Tagen friedlicher Arbeit— Nächten glücklicher und zu⸗ friedener Ruhe— von Freundſchaften mit Leuten mei⸗ nes Alters und Standes geſchloſſen— von langen Sommerabenden, da ich allein herumſtreifen würde, um mich mit mir ſelbſt über mein niedriges aber glück⸗ liches Loos zu unterhalten— von dem rothen Herd im Winter, um welchen herum die froben Geſichter der Häusler glänzten, wenn eine luſtige Geſchichte er⸗ zählt würde; und als ich mich ſelbſt fragte, ob ich ein Leben gleich dieſem gegen alle Glücksgüter meines Bruders vertauſchen wollte, antwortete mein Herz— Nein. Auch die Worte des Pfeifers hatten auf mich gewirkt, und bereits verknüpfte ich den Beſitz von Reichthum mit Tyrannei und Unterdrückung, und das niedrige Loos des Armen ſchien mir allein hochfinnige Freiheit im Denken, Reden und Handeln zu ſichern. Ich plagte mich allein durch den Sturm, indem 70 ich mich von Zeit zu Zeit umkehrte, um zu ſehen, ob ich nicht verfolgt würde; denn je tiefer der Tag ſich neigte, deſto höher ſtieg meine Furcht, erwiſcht zu werden, und in jedem Klagen des Windes und jedem Raſcheln der Zweige glaubte ich Tony Baſſet zu hören, wie er mir Halt zurief und mich aufforderte, mich ihm gefangen zu geben. Dieſe Furcht ließ allmälich nach, da die Einſamkeit des Weges durch keinen einzigen Rei⸗ ſenden unterbrochen wurde— auf den öden, halbge⸗ pflügten Feldern zeigte ſich weit und breit kein lebendes Weſen— der dicke Regen ſchwemmte die moraſtige Erde fort und verſchloß in ſeiner Finſterniß jede Aus⸗ ſicht in die Ferne; nie weilte ein Auge auf einem trau⸗ rigern Gemälde. Endlich erreichte ich die zerfallene Kapelle, wovon Darby geſprochen hatte, und der von ihm angedeuteten Richtung folgend, kam ich bald auf den gebahnten Weg, wo zum erſten Mal ein wenig Schutz zu finden war.. Es war ſchon Nacht, Hunger und Müdigkeit hat⸗ ten faſt den Sieg über mich errungen, als ich in eini⸗ ger Entfernung von mir das Strohdach einer Hütte ſah; als ich näher kam, konnte ich erkennen, daß ſie mehrere Fenſter enthielt und daß die Thüre durch eine kleine Vorhalle geſchützt war— Zeichen von Wohlſtand, die unter den Pächtern der Nachbarſchaft keineswegs gewöhnlich war— Lichter bewegten ſich da und dort durch die Hütte, und die Stimmen der Leute, welche die Kühe heimtrieben, und das Gebelle der Hunde wa⸗ ren meinem Ohr willkommene Töne. Ein halbbeklei⸗ deter Bube von ungefähr ſieben Jahren, bewaffnet mit einer ungeheuren Ruthe, trieb eine Reihe Truthennen vor ſich her, als ich näher kam; aber anſtatt auf meine Frage zu antworten, ob dies Ned Malone's Haus wäre, warf der kleine Kerl ſeine Ruthe weg und lief aus Leibeskräften davon. Bevor ich mich von meinem Staunen über dies ſonderbare Benehmen erholen konnte, 71 öffnete ſich die Thüre, und es erſchien ein breiter, ſtatt⸗ licher Mann in einem langen blauen Rocke. Er trug eine Muskete in der Hand, welche er, als er die vor ihm ſtehende Geſtalt bemerkte, innerhalb der Vorhalle bei Seite ſtellte, indem er nach Jemand drinnen rief: „Komm zurück, Maurice, es iſt nichts. Nun Sir,“ fuhr er fort, indem er ſich zu mir kehrte,„ſucht Ihr etwas hier herum?“ „Iſt dies Ned Malone's Haus,“ fragte ich. „Ja,“ antwortete er,„und ich bin Ned Malone, zu Euren Dienſten und was weiter?“ Es lag in dem kalten verbietenden Tone, womit er ſprach, ſowie in der harten Strenge ſeines Blickes etwas, das meine ganze Entſchloſſenheit, mir eine Gunſt zu erbitten, lähmte und ich hätte gerne irgendwo rei für die Nacht Schutz geſucht, hätte ich nur ge⸗ wußt, wo. Der Aufſchub, welcher durch dieſe Unentſchloſſenheit meinerſeits veranlaßt wurde, beſtimmte ihn, ſeine Frage zu wiederholen, während er ſeine dunkeln, durch⸗ bohrenden Augen auf mich heftete. „Darby der Pfeifer ſagte mir,“ erwiederte ich, mit großer Anſtrengung guten Muthes zu ſcheinen, „daß Ihr mir für dieſe Vacht Schutz geben würdet. Morgen früh will er ſelbſt kommen und mich abholen.“ „Und wer ſeid Ihr denn?“ fragte er in barſchem Ton,„daß ich Euch in mein Haus nehmen ſoll? In dieſen unruhigen Zeiten darf man ſchon nach dem Na⸗ men ſeines Gaſtes fragen.“ „Mein Name iſt Burke. Mein Vater war Burke von Cremore, aber er iſt jetzt todt.“ „Seid Ihr es, dem Baſſet den ganzen Tag nach⸗ ſetzt— iſvs ſo?“ „Ich kann es nicht ſagen, aber ich fürchte, es wird ſo ſein.“ „Nun, es ſagte ihm Einer, daß Ihr die Straße nach Dublin eingeſchlagen hättet, und ein anderer 72 ſchickte ihn hierher, und die Buben hier ſchickten ihn nach Durragh. Was wollt Ihr nun anfangen, junger Herr? Könnt Ihr Tony Baſſet nicht leiden?“ „Ja,“ ſagte ich,„ich bin entſchloſſen, nicht mehr heimzugehen und um mit ihm zu leben. Er machte, daß mein Vater mich haßte und durch ihn bin ich ein Bettler geworden.“ „Auch noch andere Leute, als Ihr, haben eine Rechnung mit Tony abzumachen. Kommt herein ins Haus und trocknet Eure Kleider— aber halt, ich habe Euch einen kleinen Rath zu geben. Wenn Ihr unter meinem Dache irgend etwas oder irgend Jemand ſeht, den ihr nicht erwartet hättet—“ „Ihr dürft mir trauen,“ unterbrach ich eifrig und achte das Zeichen, welches der Pfeieer mich gelehrt atte. 7.— „Was!“ rief Malone erſtaunt,„ſeid Ihr Einer von uns? iſt ein Sohn von Mat Burke wirklich geſonnen, das viele Unrecht gut zu machen, was ſein Vater und Großvater vor ihm verübt haben? Gebt mir Eure Hand, mein braver Junge; es gibt nichts im Hauſe, was nicht von dieſer Minute an Euer wäre.“ Ich drückte ſeine kräftige Hand in der meinigen, un folgte ihm mit ſtolzem, ſchwellendem Herzen in die tte. Ein heimliches Geflüſter ging unter den verſchie⸗ denen Perſonen herum, die um das Küchenfeuer ſaßen und ſtanden, als ich in ihrer Mitte erſchien, und im nächſten Augenblicke drängte ſich Einer nach dem Andern vor, um meine Hand zu ſchütteln. „Hilf ihm von ſeinen naſſen Kleidern, Maurice,“ ſagte Malone zu einem jungen Mann von etwa zwan⸗ zig Jahren, und in wenigen Minuten hing mein naſſes Gewand an Stühlen vor dem Feuer, und ich wärmte mich in einem Friesrock, der eine Weſte für einen Ele⸗ phanten abgegeben hätte, vor dem luſtigen Torffeuer. Der wohlriechende Dampf eines großen Gerichtes von ——— 73 Fleiſch und Kartoffeln verführte mich, in den weiten Topf über dem Feuer zu lugen— ein herzliches Ge⸗ lächter, in das die ganze Geſellſchaft ausbrach, bewies, daß ſie meinen Heißhunger entdeckt hatten, und wenige Minuten nachher dampfte das Abendeſſen auf dem Tiſche. Leider iſt eine große Anzahl von Jahren ſeit jener Nacht über meinem Haupt dahingegangen, aber ich könnte noch immer nicht entſcheiden, ob es meinem Appetit oder der Kochkunſt der Mrs. Malone zuzuſchreiben war, daß meine Leiſtungen bei jener Gelegenheit unmäßige Be⸗ wunderung hervorriefen. Ich bemerkte während des Eſſens, daß eines von den Mädchen eine Schüſſel von dem ſchmackhaften Ge⸗ richte in ein kleines Zimmer am Ende der Küche trug, die Thüre, nache ſie hineingegangen war, ſorgfältig ſchloß, und als ſi wieder herauskam, mit Malone ei⸗ nige heimliche Worte wechſelte, worauf augenſcheinlich die Aufmerkſamkeit der Andern gerichtet war. Der Rath, den ich bereits erhalten hatte, und mein eignes Schick⸗ lichkeitsgefühl verboten mir, hierauf Acht zu geben, und ich unterhielt mich mit meinen Nachbarn, indem ich frei⸗ müthig alle Umſtände meiner Abreiſe von Hauſe erzählte, meine Furcht vor Baſſet, und meinen feſten Entſchluß, komme, was da wolle, niemals ein Inſaſſe ſeines Hau⸗ ſes und ſeiner Familie zu werden. Weder das große Intereſſe, das ſie an meinem Schickſale nahmen, noch auch ihre warmen Lobſprüche auf das, was ſie an mir Muth und Männlichkeit nannten, konnte meine Neigung zum Schlaf abwehren; meine Augen ſchloſſen ſich, ſo⸗ balv ich im Bette lag, und trotz der lauten Stimmen und des Gelächters zunächſt meinem Zimmer, ſank ich in den tiefſten Schlummer. Fünftes Kapitel. Die Hütte. 3 Vor Tagesanbruch erweckte mich das Geräuſch und Gewühl des Haushalts, und hätte nicht die halboffene Thüre einen Blick auf die Vorgänge in der Küche ver⸗ ſtattet, ſo hätte ich mich ſchwerlich erinnert„ wo ich war. Das heimliche Torffeuer, die glücklichen Geſichter und die muntern Stimmen— Alles erinnerte mich an die vorhergehende Nacht, und ich blieb liegen, über mein Schickſal nachdenkend, und bei mir felbſt manchen Plan für die Zukunft erwägend. Die wachen Träume des Ehrgeizes, denen ſich die Jugend hingibt, haben von den Entwürfen reiferer Jahre den Vortheil voraus, daß die Vergangenheit ſich nie⸗ mals in die Zukunft miſcht. Im ſpätern Alter färbt unſer vergangenes Daſein beſtändig unſer künftiges: die Erwartung, welche Freunde von uns gebildet, die Verſprechungen, welche wir unſerm eigenen Herzen ge⸗ macht, die Hoffnungen, die wir genährt haben, ſchei⸗ nen uns zu irgend etwas zu verpflichten, was, wenn wir es nicht erreichen, einem verfehlten Zwecke gleicht; aber in früheren Jahren kann uns das knospende Be⸗ wußtſein unſerer Fähigkeit, das Ziel zu erreichen, nur mit Eifer erfüllen, ohne unſere Anſtrengungen durch Furcht vor Mißlingen zu lähmen. Wir haben uns gleich⸗ ſam nur unſerm eigenen Herzen gegenüber verpflichtet— die Welt iſt nicht als Bürge für uns eingeſtanden, und im Falle eines Mißlingens zieht dies nicht den Ruin Anderer nach ſich, noch den Verluſt jener Selbſtachtung, welche nur der Widerſchein der öffentlichen Meinung iſt. Dies fühlte ich tief, und je mehr ich darüber nachdachte, deſto feſter wurde mein Entſchluß, irgend eine kühne Laufbahn zu betreten, wo mir der Ehrgeiz jene Freu⸗ — 75 den und Genüſſe verſchaffen würde, welche Andere un⸗ ter Freunden und zu Hauſe finden. Ich erkannte jetzt, wie unpaſſend für mich die ein⸗ förmige Ruhe des Landlebens ſein würde, wie läſtig die Wiederkehr der nämlichen täglichen Beſchäftigungen, die raſtloſe Arbeit und der Verkehr mit ſolchen, deren Gedanken und Hoffnungen nicht über ihre Hecken hin⸗ ausgingen. Soldatenleben ſchien mir Alles zu verwirk⸗ lichen, was ich wünſchte; da aber kam mir die Erzäh⸗ lung des Pfeifers in den Sinn, und ich erinnerte mich, wie er mir jene Burſche als die reinſten Söldlinge und Banditen ſchilderte, unbekümmert um Ruhm und Ehre, nur von den niedrigſten Eigenſchaften getrieben, Skla⸗ ven der Tyrannei. Alle Uebelthaten, die er von dem Militär im vergangenen Jahr erzählte, kamen mir vor die Seele, und hiermit zugleich der tapfere Widerſtand des Volkes in ſeinem Kampfe für Unabhängigkeit. Wie glühte mein Herz vor Begeiſterung, als ich daran dachte, wie kühn ſie ſich gewehrt hatten, und wie ſehnte ich mich, ein Mann zu ſein, um an eine ſolche Sache mich anzuſchließen. Jeder mißliche Umſtand an meinem ei⸗ genen Schickſal erſchien mir als das Reſultat jener zer⸗ malmenden Unterdrückung, worunter mein Vaterland litt, ſogar der Fluch, der gegen mich von einer Perſon aus⸗ geſtoßen wurde, deren Verderben mein eigener Vater verſchuldet hatte! Mein Blut erhitzte ſich und mein Herz ſchlug mächtig in meiner Bruſt, als ich dieſe Gedanken in mir herumwarf; und als ich jenen Morgen vom Bette aufſtand, war ich ein Rebell mit ganzer Seele. Der Tag war wie der vorige ſtürmiſch und rauh. Der Regen goß ohne Unterlaß nieder, und der trübe, finſtere Himmel ließ nichts Beſſeres hoffen. Die Be⸗ wohner der Hütte blieben ſämmtlich zu Hauſe und be⸗ ſchäftigten ſich mit häuslichen Arbeiten. Die Weiber ſaßen an ihren Spinnrädern, von den Mannsleuten beſſerten einige ihre Werkzeuge aus, andere machten Netze zum Fiſchen; aber alle waren beſchäftigt. In⸗ ———ö——— 76 zwiſchen miſchte ſich unter das Geräuſch der Arbeit das lebhafte Geſumme luſtiger Stimmen, da ſie mit man⸗ cher Geſchichte und manchem fröhlichen Lied die langen Stunden des trüben Tages ſich verkürzten. Was mich betraf, ſo ſehnte ich mich ungeduldig nach Darby's Rück⸗ kehr— tauſend halbgebildete Plane flatterten durch meine Seele, und ich brannte vor Begierde, zu hören, ob Baſſet noch immer mir nachſtellte— welchen Weg er einſchlüge, mich wieder in ſeine Gewalt zu bekommen— ob Darby meinen Freund Bubbleton geſeben habe, und ob er einige Neigung zeige, mich als Freund zu be⸗ ſchützen. Dieſe und ähnliche Gedanken gingen durch meine Seele, und wenn manchmal der Sturm an die rohe Thüre ſchlug, ſprang ich neugierig auf, jeden Au⸗ genblick hoffend, ihn eintreten zu ſehen. Aber der Tag neigte ſich, ſchon nahte das düſtere Zwielicht eines Win⸗ terabends, und noch war kein Darby da. Wenn ich mit den Andern über ihn ſprach, drückten ſie kein Er⸗ ſtaunen über ſeine Abweſenheit aus, ſondern bemerkten blos, daß man ſich nie auf ihn verlaſſen könne, daß er ſelten komme, wenn man ihn erwarte, und immer anrücke, wenn Niemand daran denke. „Da iſt er endlich,“ ſagte einer von den jungen Leuten, aufſpringend und die Thüre öffnend. Er wis⸗ perte ein Wort in das Ohr des alten Mannes, wor⸗ auf dieſer antwortete:„Wo?“ Der Jüngling deutete mit ſeinem Finger. „Wie viele ſind ſie?“ war ſeine nächſte Frage, wäh⸗ rend ſein dunkles Auge nach der alten Muskete ſpähte, die an der Wand über dem Feuer hing. „Zu viele, zu viele für uns,“ ſagte Maurice bitter. Die Weiber, die ſich um den Sprecher gedrängt hatten, ſahen einander mit einem Ausdrucke tiefer Be⸗ ſtürzung an, als eine von ihnen plötzlich von der an⸗ dern ſich trennte, in das kleine innere Zimmer neben der Küche ſtürzte und die Thüre haſtig hinter ſich zu⸗ ſchlug. Im nächſten Augenblick hörte man aus dem 77 Zimmer heftige Stimmen, wie in einem Streite. Ma⸗ lane kehrte ſich ſchnell um und rief, die Thüre weit aufſtoßend: „Ruhig, ſag ich. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Maurice, lege dieß Gewehr weg— Scha⸗ mus, nimm Dein Netze wieder zur Hand— ſitzt nie⸗ der, ihr Mädchen.“ 3 Igm gleichen Augenblick zog er aus ſeinem Buſen eine lange Reiterpiſtole, und nachdem er Ladung und Zündkraut unterſucht hatte, ſtecke er ſie wieder unter ſeine Weſte und ſetzte ſich auf einen Stuhl neben dem Feuer, ſein ſtark markirtes Geſicht auf die rothe Gluth geheftet, während ſeine Lippe einige flüchtige Worte murmelte. „Seid ihr fertig dort?“ rief er, ſeine Augen gegen die kleine Thüre kehrend. „In einer Minute,“ antwortete die Weibsperſon von innen. Im gleichen Augenblick hörte man von außen meh⸗ rere Stimmen und den regelmäßigen Tritt verſchiedener Männer. „Halt, Gewehr bei Fuß!“ rief eine tiefe Stimme, und man hörte in der Hütte das Raſſeln der Muske⸗ ten, wie ſie auf den Boden fielen. Inzwiſchen hatte ſich drinnen Jedermann an ſeine vorige Stelle und Be⸗ ſchäftigung gemacht, und es ertönte durch die Küche das Geſumme von Stimmen, als hätte nicht die geringſte Unterbrechung ſtattgefunden. Jetzt ging die Klinke auf, und ein Sergent, welcher ſich bückte, um ſeine lange Feder durchzubringen, trat ein, begleitet von einem Manne in ſchlichter Kleidung. Der letztere war ein kurzer, ſtarkgebauter Mann von ungefähr fünfzig Jahren; ſein graues Haar ſtach ſtark ab gegen das dunkle Roth ſeines aufgetriebenen Geſichtes— ſein Mund, das Hervorſtechendſte in ſei⸗ nem Geſichte, war breit und dicklippig— die untere 78 Lippe ſtand beträchtlich vor und hatte eine ſeltſame, krampfhafte Bewegung, wenn er nicht ſprach. »Ein harter Tag, Mr. Barton,“ ſagte Malone von ſeinem Sitz aufſtehend und mit der einen Hand ſein Haar niederſtreichend.„Wollt Ihr nicht herkommen und Euch am Feuer wärmen?“.. „Doch, das will ich, Ned,“ ſagte er, indem er den dargebotenen Sitz einnahm und ſeine Beine gegen das Feuer ſtreckte. „Wir haben rauhes Wetter: ich weiß nicht wie die Armen Torf gewinnen können. Die Moore ſind durch und durch naß.“ „Das find ſie in der That, Sir, und die Ernte wird ſehr ſpät eingeſammelt werden,“ ſagte einer von den jungen Männern mit wehmüthiger Stimme.„Wollt Ihr nicht niederſitzen?“ fuhr er gegen den Sergenten fort. Ein bejahendes Nicken von Mr. Barton entſchied die Sache, und der Sergent ſetzte ſich. „Was iſt da drinnen, Mary,“ ſagte Barton, in⸗ dem er mit ſeinem Fuße an den weiten Topf trat, der über dem Feuer hing. „Das Mittageſſen für die Buben, Sir,“ ſprach das Mädchen. „Ich denke, es wäre kein ſchlechter Streich, wenn wir mithielten,“ verſetzte er lachend.—„He, Sergent?⸗ „Es iſt genug für uns Alle,“ ſagte Malone,„Ihr ſeid dabei willkommen.“ Der Tiſch war ſchnell gedeckt, die Plätze nächſt dem Feuer für die Fremden beſtimmt, während Malone ei⸗ nen Schrank aufſchloß und eine Flaſche Branntwein hertmanahm, welche er vor ſich hinſtellte mit dem Be⸗ merken: „Nur ohne Furcht, ihr Herren, es iſt Parlaments⸗ chnaps.“ „So iſt's recht, Malone. Ich liebe loyale Män⸗ aie in dieſen ſchlechten Zeiten; dem kommt doch nichts 83, „Meiner Treu, Mary, Ihr ſeid eine gute Köchin. Das iſt ein ſchmackhafter Braten, wie ich ſelten einen verſucht habe. Wo ſteckt Patſey? Ich habe ihn ſchon lange nicht geſehen.“ Des Mädchens Geſicht wurde dunkelroth und dar⸗ auf plötzlich ebenſo blaß, als ſie zurückweichend ihre Schürze vor ihr Geſicht hielt und ſich an den Neben⸗ tiſch lehnte. 2 „Er iſt für lebenslänglich transportirt,“ ſagte Ma⸗ lone mit tiefer Grabesſtimme, während alle ſeine Be⸗ mühungen, ſeine Aufregung zu verheimlichen, frucht⸗ los waren. „O ich erinnere mich,“ verſetzte Barton fahrläßig, „er war in der gleichen Geſchichte mit den Hogans.— Ich bitte mir noch ein Stückchen aus, Ned— Ser⸗ gent, das iſt ein ächt iriſches Eſſen und wahrlich kein ſchlechtes.“ „Was gibt es heute in der Stadt?“ fragte Ma⸗ lone, eine leichte, gleichgültige Miene annehmend. „Nichts von Bedeutung, glaube ich; ſie haben je⸗ nen Schurken, Darby den Pfeifer, wie ſie ihn nennen, aufgegriffen. Der Major hatte ihn dieſen Morgen zwei Stunden lang im Verhör; und ſie ſagen, er wird gegen die Dillons Zeugniß geben.— Noch ein wenig Speck, wenn ich bitten darf— Geld, wißt Ihr, Ned, richtet in dieſen Zeiten alles aus.“ „Ihr müßt das wiſſen, Sir,“ ſagte Maurice mit einer ſolchen Unſchuld in der Miene, daß Barton beſchämt zu Boden ſah. In einem Augenblick jedoch hatte er ſich wieder geſammelt und zwang ſich über die Bemer⸗ kung zu lachen.. „Eure Geſundheit, Sergent— Ned Malone, Eure Beſtdhe— Ihr Ladies, auch Eure, und ihr Buben esgleichen.“ Auf dieſe Probe von unerwarteter Artigkeit folgte ein Regen von„Dank, Sir.“„Wer iſt der Junge hier, 80⁰ Ned,“ fragte er, auf mich deutend, der ich mit feſt auf ihn gehefteten Augen dort ſaß. Fr iſt aus der Gegend dieſſeits von Banagher, Sir,“ antwortete Malone, der Frage ausweichend. „Komm ein Mal, Junge, wie iſt ſein Name.“ „Tom,“ Sir. 1 „Komm her, Tom, ich will dich einen Toaſt leh⸗ ren. Hier iſt ein Glas, mein Junge; halt es feſt, ich will es dir voll machen. Haſt du ſchon jemals von den eroppies gehört?“ „Nein, noch nie.“ „Noch nie was von den croppies gehört? Da biſt du wohl noch nicht lange in Ned Malone's Geſell⸗ ſchaft— he?“ „SHal hal hal Nun, mein Mann, croppies iſt ein anderer Name für Rebellen, und der Toaſt, den ich ausbringen will, bezieht ſich auf ſie. Nun merke und trinke auf einen Zug aus Verſtanden? biſt du fertig?“ „Ja fir und fertig,“ ſagte ich, das bis an den Rand gefüllte Glas feſt an mich haltend. „Nun hier iſt er: Jedem Croppy gehört ein Strick und ein Kerl, Der verſtünde, ſie durchzuwalken; Einen Harvey jedoch und das päpſtliche Fell Knüpf' ein Heppenſtal an den Galgen. Ich verſtand genug von dem Sinn ſeiner Worte um die Anſpielung heraus zu finden, und warf mit aller Gewalt das Glas an die Wand und zertrümmerte es in hundert Stücke. Barton ſprang von ſeinem Stuhl auf, ſein Geſicht ſchwarz vor Zorn, ergriff mich mit beiden Händen am Kragen und ſchrie:„Holla, da draußen, bringt die Handſchellen herein. So gewiß ich Sandy Barton heiße, will ich dich den Toaſt praktiſch lehren und zwar in Kurzem.“ „Gebt acht, was ihr da thut,“ ſagte Malone trotzig, „dieſer junge Gentleman iſt ein Sohn von Matthew 81 Burke von Cremore, ſeine Verwandte find nicht ſolche Leute, wie ſie in eurer Reitſchule figuriren.“ „Biſt, du ein Sohn von Matthew Burke.“ „Ja.“ 3 „Was bringt Dich denn hieher?— Warum biſt du nicht zu Haus?“ „Was habt Ihr für ein Recht, mich ſo zu fragen? Ich habe noch zu erfahren, in wie fern ich einem Diebs⸗ fänger dafür verantwortlich bin, wohin ich gehe.“ „Ihr habt es gehört, Sergent, Ihr habt es gehört, daß er ein Wort brauchte, was mich beim Volke in Ver⸗ achtung bringen, und es zu gewaltthätigen Handlungen gegen mich aufreizen ſoll.“ „Schwatzt kein ſolches Zeug, Mr. Barton,“ ſagte Malone kühl;„hier denkt Niemand daran, Euch zu be⸗ läſtigen. Ich ſagte Euch den Namen und Stand dieſes lungen Gentleman, damit Ihr euch nicht gegen ihn verfehlen ſolltet; denn ſeine Freunde find keine Leute, mit denen man Spaß treibt.“ Dieſe geſchickt angebrachte Drohung blieb nicht ohne Wirkung; Barton ſetzte ſich wieder hin, ſchien einige Minuten nachzudenken, nahm eine Rolle Papier aus der Taſche und begann ſie gemächlich durch zu le⸗ ſen.— Das Stillſchweigen in dieſem Augenblick hatte etwas Schreckliches und Niederdrückendes. „Dies iſt ein Verhaftsbefehl Mr. Malone,“ ſagte Barton, das Papier auf den Tiſch legend,„der mich bevollmächtigt nach der Perſon eines gewiſſen franzö⸗ ſiſchen Offizters zu fahnden, welcher in dieſen Gegen⸗ den verborgen ſein ſoll. Eidliche Ausſagen beſtätigen, daß er wenigſtens eine Nacht unter Euerem Dache zu⸗ brachte. Da er die Amneſtie nicht angenommen hat, welche den andern Offizieren in dem letzten berüchtig⸗ ten Attentat gegen den Frieden dieſes Landes bewilligt wurde, ſo wird das Geſetz gegen ihn verfahren, wie ſtrenge Gerechtigkeit es verlangt; zugleich ſolltet Ihr Tom Burke. I. 6 82 billigerweiſe wiſſen, daß diejenigen, die ihn unter dieſen Umſtänden beherbergen oder beſchützen, in ſeine Schuld mit verwickelt werden. Mr. Malone's wohlbekannte und erprobte Loyalität,“ fuhr Barton mit halb verſtecktem äußerſt boshaftem Grinſen fort,„würde ihn ſicherlich von jedem Verdacht ſolcher Art freiſprechen, aber eid⸗ liche Ausſagen ſind hartnäckige Dinge und es iſt mög⸗ lich, daß aus Unkenntniß der Gefahr, welche ſolch ein Verfahren nach ſich zieht—“ „Ich dachte, die Unruhen wären vorüber, Sir,“ unterbrach ihn Malone, mit dem Rücken ſeiner Hand über die Stirne fahrend,„und daß ein ehrlicher fleißiger Mann, der ſeinem Geſchäfte nachgeht von Niemand etwas zu befürchten habe.“ „Ihr hattet Recht,“ ſagte Barton langſam und bedächtlich, während er die Züge des andern mit for⸗ ſchendem Blicke prüfte;„und gerade um dieſe Thatſache ſicher zu ſtellen bin ich gekommen; jetzt wollen wir mit Euerer Erlaubniß zuerſt das Haus und die Zimmer durchſuchen; und dann will ich ein kleines Verhör über dieſe Sache mit ſolchen Perſonen anſtellen, die mir dazu gut ſcheinen.“ „Ihr ſeid willkommen in meiner Hütte, ſo oft es Euch beliebt,“ ſagte Malone, aufſtehend und augen⸗ ſcheinlich ſeinen leidenſchaftlichen Unwillen über Bar⸗ ton's Kälte zu unterdrücken ſuchend. Im gleichen Au⸗ genblick ſtand Barton auf, gab dem Sergenten einen Wink, ihm zu folgen, und ging auf die kleine Thüre zu, die ich bereits erwähnt habe. Da ſtürzte Malone's Weib auf ihn zu, ergriff ſeinen Arm und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr. „Sie muß jetzt doch ein uraltes Weib ſein,“ ſagte Parn⸗ ſeine ſcharfen Augen auf die Sprecherin eftend. „eber neunzig, Sir, und ſeit zwölf Jahren bett lägerig,“ antwortete das Weib, mit ihrer Schürze eine Thräne abwiſchend. „Und wie kommt es, daß ſie ſich ſo ſehr vor Sol⸗ daten fürchtet, wenn ſie irrſinnig iſt?“ „Ach ſie erſchreckten ſie oft, wenn ſie Nachts her⸗ einkamen und an der Thüre Schüſſe abfeuerten und tranken und Lieder ſangen, daß ſie es nicht aushielt, und dies iſt der Grund. Ich möchte den Herrn bitten, den Sergenten nicht mit hineinzunehmen, und ſie ſo wenig als möglich zu ſtören, denn ſie fängt ſonſt wie⸗ der an von Schlachten und Todſchlagen zu faſeln, und dann kann es zehn Tage werden, bis ſich ihr Geiſt wieder erholt.“ „Wohl, wohl, ich werde ſie nicht ſtören,“ ſagte er ſchnell. „Sergent, tretet einen Augenblick zurück.“ Mit dieſen Worten trat er ins Zimmer, begleitet von der Frau, deren unſicherer Schritt und ruhige Haltung Vorſicht zu empfehlen ſchien. „Sie liegt im Schlafe, Sir,“ ſagte fie, dem Bette ſich nähernd.„Seit manchen Tagen hatte ſie keinen ſo ſanften Schlaf gehabt. Ihr habt uns dieſen Morgen gut Glück gebracht, Mr. Barton.“ „Zieht den Vorhang ein wenig auf die Seite,“ ſagte Barton mit leiſer Stimme, gleich als fürchtete er die Schlafende zu wecken.. „Darüber könnte ſie aufwachen, Mr. Barton, ſie ſpürt den ſchwächſten Lichtſtrahl.“ „Sie athmet ſehr lange für ein ſo altes Weib,“ ſagte er etwas lauter,„und hat auch eine tüchtige breite Schulter. Ich möchte doch aus Neugierde ihr Beſch ein wenig näher betrachten.— Dacht' ich's o 71 „Kommen Sie, Kapitän, es hilft nichts.“ Ein Schrei des Weibes erſtickte den Reſt der An⸗ rede, während im gleichen Augenblick einer von den jüngern Männern die äußere Thüre verſchloß und ver⸗ rammelte. Dem Sergenten wurden ſogleich die Hände auf den Rücken gebunden, Malone zog ſeine Reiterpi⸗ ftole aus ſeinem Buſen, hob ſeine Hand auf und rief: „Kein Wort— nicht ein Wort.— Wenn Ihr ſprecht, ſo thut Ihr es zum letzten Male,“ ſagte er zum Sergenten. Im gleichen Augenblick hörte man das Getüm⸗ mel einer Balgerei im innern Zimmer. Plötzlich brach die Thüre auf und heraus ſtürzte Barton in ſeinen ſtarken Fäuſten die zarte Geſtalt eines jungen Man⸗ nes ſchleppend. Er war ohne Rock, aber ſeine Hoſen waren nach militäriſcher Art mit Gold geſtickt, und ſein ſchwarzer Schnurrbart verrieth den Offizier. Die Anſtrengung des jungen Mannes, ſich loszumachen, war gänzlich fruchtlos— Barton hatte ihn am Kra⸗ gen gepackt und hielt ihn als wäre er ein Kind. Malone bückte ſich nieder ans Feuer, öffnete die Pfanne ſeiner Piſtole und unterſuchte das Zündkraut; dann klappte er ſie wieder zu und richtete ſich auf. „Barton, Barton,“ ſagte er in einem Tone feſter Entſchloſſenheit, den ich jetzt zun erſten Mal von ihm hörte—„Barton, es iſt ein ſchlechtes Stück, einen Mann zu reizen, der den Strick um den Hals hat. Ich weiß ganz wohl, was mir bevorſteht. Aber hört, laßt ihn entwiſchen.— Gebt ihm zwei Stunden Zeit, um ſich davon zu machen. Hier übergebe ich mich 6 felhſt als Gefangener, und folge Euch, wohin r wollt. „Alle Peſt! brecht die Thüre ein!“ ſchrie als Ant⸗ wort auf dies Anerbieten Barton mit angeſtrengter Stimme den Soldaten zu. Zwei von den jungen Mähnnern ſtürzten jetzt vorwärts und ſtemmten ſich dagegen. d Feuert durch,“ ſchrie Barton, vor Zorn ſtam⸗ pfend. „hr wollt es haben, Ihr wollt es alſo,“ ſagte Malone, vor Zorn mit den Zähnen knirſchend; dann hob er die Piſtole auf, ſprang vorwärts, hielt ſie in Entſernung von einer Elle gegen Bartons Geſicht und ſchrie:„da.“ Das Pulver blitzte im Schloſſe, und ſchnell wie ſein Knall drehte Barton den Franzoſen herum um ſich vor der Kugel zu ſchützen, aber doch bekam er noch den Schuß in ſeinen rechten, empor⸗ gehobenen Arm. Der Arm ſant kraftlos nieder, wäh⸗ rend Malone gleich einem Tiger auf ihn ſprang, ihn mit ſeiner ſtarken Fauſt packte und beide wälzten ſich in ſchrecklichem Kampfe auf dem Boden. Der Franzoſe ſtand einen Augenblick wie ange⸗ nagelt da, dann ſtürzte er fort durch die Küche in das kleine Zimmer, wo ich geſchlafen hatte. Einer der jungen Leute folgte ihm. Fenſtergeklirre und das Krachen brechenden Holzwerkes hörte man unter dem ſonſtigen Getümmel. Im nämlichen Augenblicke gab die Thüre nach und die Soldaten drangen mit gefaͤll⸗ tem Bajonett im Sturmſchritt ein. „Zugefeuert! zugefeuert!“ ſchrie Barton, als er kämpfend auf dem Boden lag und eine Salve auf Geradewohl krachte durch die Hütte und erfüllte ſie mit Rauch. In dieſem Augenblicke wurde ein Angſt⸗ ſchrei ausgeſtoßen und eine der Frauen lag hingeſtreckt am Herde, ihr Buſen in Blut gebadet. Die Scene war jetzt eine ſchreckliche; denn obgleich ſchwächer an Anzahl, ſtürzten ſich die jungen Männer auf die Sol⸗ daten und ſuchten, um Wunden unbekümmert, ihnen ihre Waffen zu entreißen. Die Bajonette glänzten durch den blauen Rauch, und Wuth⸗ und Rachege⸗ ſchrei erhob ſich mitten unter dem ſchrecklichen Ge⸗ kreiſche des Schmerzes und Wehes. Ein Bajonetſtich in der Seite, den ich, ich weiß nicht wie, erhielt, brachte mich zum Wanken, und ich ſank halb ohnmäch⸗ tig in das kleine Zimmer, durch welches der Franzoſe entwiſcht war. Das offene Fenſter vor mir, beſann ich mich keine Sekunde, ſondern ſtieg auf den Tiſch, kletterte binauf und that einen ſchweren Fall auf einen Torfhaufen. In einem Augenblicke machte ich mich 86 wieder auf, wankte weiter und erreichte ein Kartoffel⸗ feld, wo ich von Schmerz und Schwäche überwältigt in eine Furche ſank, faſt ohne Bewußtſein von den letzten Ereigniſſen. Schwach und erſchöpft wie ich war, konnte ich noch das Getümmel des Kampfes hören, der in der Hütte tobte. Allmählig jedoch wurde es ſchwächer und ſchwächer und hörte am Ende ganz auf. Dennoch fürchtete ich, mich zu regen, und obgleich die Nacht jetzt hereinbrach, und die Stille ununterbrochen ſortdauerte, ſo blieb ich doch ruhig liegen, in der Hoff⸗ nung, eine wohlbekannte Stimme oder den Schritt irgend eines Angehörigen des Hauſes zu hören; aber alles war ruhig und nichts rührte ſich. Auch die Luft war ſtille. Nicht ein Blatt bewegte ſich in der dünnen froſtigen Atmoſphäre. Die Furcht, die Soldaten im Beſitz der Hütte zu finden, hielt mich in meinem Verſteck zurück und ich regte mich nicht. Einige Stunden waren vergangen, ehe ich Muth genug faßte, mein Haupt zu erheben und mich umzuſehen. 1 Mein erſter Blick war auf die entlegene Hochſtraße gerichtet, wo ich hoffte, einige von der Truppe zu ſe⸗ hen, welche die Hütte angegriffen hatte; aber ſo weit mein Auge reichte, war kein lebendiges Weſen zu er⸗ blicken;— mein nächſter war gegen die Hütte ge⸗ richtet, die zu meinem Schrecken und Erſtaunen in einen dicken ſchwarzen Rauch gehüllt war, welcher träg aus Fenſter und Thüre emporwirbelte und ſogar aus dem Dache drang. Während ich ſo hinſah, konnte ich das Krachen des Gebälkes und das Kniſtern bren⸗ nenden Holzes hören. Dies nahm immer zu. Dann ſchoß eine roth geſpaltene Flamme durch eines der Fenſter und erhaſchte, in die Höhe fahrend, das Dach, wo ſie ſchnell über dem ganzen Giebel ſich verbreitete und zu einer hohen Brunſt aufloderte, die eben ſo ſchnell wieder erloſch und den dunklen Rauch als Sie⸗ ger zurückließ. 87 Inzwiſchen hörte man von innen ein ſaußendes Geräuſch gleich dem eines Schmelzoſens; und endli⸗ brach mit einer Exploſion, gleich einem Mörſer, d Dach entzwei und die glänzende Flamme ſprang her⸗ vor; bald war das Sparrwerk in Feuer gehüllt und das entzündete Stroh flog in die Luft und flatterte in dünnen Flammenſtreifen am ſchwarzen Himmel hin. Die Thürgerüſte und Fenſterrahmen brannten alle, und ſtachen ſtark ab gegen die dunkeln Wände; als das Dach verzehrt war, erſchienen die rothen Spar⸗ ren gleich den Rippen eines Skeletts. Aber ſie bra⸗ chen einer nach dem andern zuſammen, und ſo oſt einer niederſtürzte, ſtiegen Millionen rother Funken in die Luft. Die ſchwarze Wand der Hütte hatte der Hitze nachgegeben, und durch ihren weiten Spalt konnte ich das Innere ſehen; jetzt eine Maſſe unerkennbaren Schuttes, nichts blieb übrig, als die verkohlten und geſchwärzten Wände. Ich gaffte dieſes traurige Bild wie verſteinert an; zuweilen kam es mir vor wie ein ſchrecklicher Traum, dann aber brach die Wahrheit mit ſchrecklicher Gewalt auf mich ein, und das Herz wollte mir die Bruſt zerſprengen. Die letzte flackernde Flamme ſtarb hinweg, das Ziſchen des Feuers war geſtillt und die ſchwarzen Wände traten gegen den bleichen Hin⸗ tergrund in ihrer ſchrecklichen Ungeſtalt hervor, als ich aufftand und in die Hütte ging. Ich ſtand in der kleinen Stube, wo ich die Nacht zuvor geſchlafen hatte, und ſah hinaus in die Küche, um deren glücklichen Herd vor Kurzem noch ſo frohe Stimmen ertönten. Ich ſtellte ſie mir in der Erinnerung vor, wie ſie da ſaßen, wies jedem ſeine Stelle an, dachte an die Güte, wo⸗ mit ſie mich bewillkommten und an die Worte des Troſtes und der Ermuthigung, die ſie geſprochen. Der Herd war jetzt kalt und ſchwarz; zwiſchen den Wän⸗ den blickten die bleichen Sterne hernieder und ein ſchaueriges Mondlicht flimmerte über den düſtern Schutt hin. Mein Herz hatte keinen Raum für Kummer, es 4 88 srwachte darin ein anderes Gefühl— ein wilder Durſt nach Rache— Rache an denen, die eine friedliche Wohnung entweiht, und unter deren Angehörigen Blut und Tod gebracht hatten! Hier ſtand vor meinen Augen eine leibhaftige Verwirklichung deſſen, was M'Keown wir erzählt; hier ſtand das ſchreckliche Ge⸗ mälde, das er mir von Tyrannei und Unthat entwor⸗ fen hatte. In dieſen niedrigen Hüttenbewohnern ſah ich nur einfache Landleute, welche ihre Thüren einem armen freundloſen Verbannten geöffnet hatten— Ei⸗ nem, der gleich mir weder Haus noch Heimath beſaß; ich ſah, wie ſie ihre Gaſtfreundſchaft dem, der ſie ſuchte, frei und offen dargeboten; wie ſie zuletzt lieber alles, was ſie in der Welt beſaßen, daran wagten, als daß ſie ihn verrathen hätten— und nun waren ſie ſo belohnt worden. O wie empörte ſich mein Herz ſegen ſolche Unterdrückung, wie entflammte mein Zorn ber ſolche Schmach; ein Leben zugebracht im Wider⸗ ſtand gegen ſolche Tyrannei, dachte ich, ſei eine nur noch zu kurze Rache, ich kniete nieder neben dem ge⸗ ſchwärzten Herde und ſchwor ihr Feindſchaft bis in den Tod. Sechstes Kapitel. Meine Erziehung. Als ich über die verſchiedenen Ereigniſſe nachdachte, die waͤhrend der letzten wenigen Tage meines Lebens vorgekommen waren, warf ich mir die Frage auf, ob es denn in der Welt immer ſo gehe und ob dieſelben Scenen von Elend und Jammer, deren Zeuge ich ge⸗ weſen, im gewöhnlichen Lauf der Natur liegen. Das b V Werk von Jahren ſchien mir in einigen wenigen kurzen Stunden in die Wirklichkeit getreten zu ſein. Hier, wo ich ſtand, war erſt geſtern eine glückliche Familie bei⸗ ſammen; jetzt hatte Tod und Unglück die Stelle öde gelegt, und außer den kalten Wänden deutete nichts auf eine menſchliche Wohnung. Was war aus ihnen geworden? Wo waren ſie hingegangen? Waren ſie den hlutbefleckten Händen einer grauſamen Soldateska ent⸗ flohen oder ins Gefängniß geſchleppt? Dies waren die Fragen, die ſich beſtändig meiner Seele aufdrängten; und der franzöſtſche Offizier, was war aus ihm ge⸗ worden? Ich fühlte das tiefſte Intereſſe für ſein Schick⸗ ſal. Armer Teufel! er ſah ſo blaß und krank aus und doch lag ſo etwas Kühnes und Männliches in ſeinem flammenden Auge, in ſeinen zuſammengepreßten Lippen. Er war ohne Zweifel einer von denen, auf welche Darby anſpielte. Was war ſein Loos? und wie klein erſchienen mir meine eigenen Sorgen, verglichen mit ſeiner heimath⸗ und freundloſen Lage! Während meine edanken ſo umherfuhren, ſiel ein dunkler Schatten über den Schein des Mondlichts, das die verheerte Hütte beleuchtete. Ich kehrte mich raſch um und ſah die Geſtalt eines an den Thürpfoſten gelehnten Mannes. In den erſten Sekunden war meine Seele von der höchſten Furcht ergriffen; bald aber ſammelte ich mich und rief: Wer dal—— „Ich bin's, Darby MKeown,“ ſagte eine wohl⸗ bekannte Stimme, aber im Tone des tiefſten Kummers; „ich bin gekommen, um noch einmal die alten Wände zu betrachten.“ „So habt Ihr denn Alles gehört, Darby?“ „Ja, ſie brachten die Gefangenen nach Athlone, als ich die Stadt verließ; und ich dachte bei mir ſelbſt, Ihr möchtet Euch irgendwo da verſteckt haben. Iſt der Kapitän fort— iſt er in Sicherheit?“ „Der franzöſiſche Offizier?— ja— er entwiſchte 90⁰ bei Zeit. Ich denke, er muß inzwiſchen ſchon weit ſein; aber der Himmel weiß wo.“ „Ich könnte es vielleicht errathen,“ ſagte Darby ruhig.„Ja, ja, es iſt ſchwer, zu wiſſen, was das Beſte iſt. Manchmal ſcheint es der Wille Gottes zu ſein, daß uns etwas nicht gelingen ſoll; und hätten wir nicht das Recht für uns, ſo möchte es nicht leicht ſein, gegen ſolches Unglück wie dieſes Stand zu halten.“ Beiderſeits herrſchte Stille nach dieſen Worten, ſo daß ich ſie inzwiſchen erwägen konnte. „Kommt, Mr. Tom,“ ſagte Darby plötzlich;„es iſt Zeit, daß wir aufbrechen. Ihr ſeid hier ebenſo wenig ſicher als Andere. Baſſet ſucht Euch allenthalben, und Ihr müßt die Nachbarſchaft wenigſtens für eine Weile verlaſſen. Auch Euer Freund, der Kapitän, iſt fort; geſtern marſchirte ſein Regiment ab; drum beſinnt Euch nun, was zu thun iſt.“ „Das iſt bald im Reinen, Darby,“ ſagte ich, in⸗ dem ich mich bemühte, guten Muthes zu ſcheinen; „welchen Weg Ihr auch einſchlaget, das wird der mei⸗ nige ſein, wenn Ihr mich leitet.“. „Euch leiten— ja, von Herzen gerne, mein Lieb⸗ ling; aber die Hauptſache iſt, einige Kleider für Euch aufzutreiben, die Euch nicht verrathen. Hier iſt ein Hut, den ich in den meinigen drückte und der Euch gerade paſſen wird, und hier habe ich einen Rock, der nach Eurer Geſtalt iſt— das iſt einſtweilen genug, und unterwegs will ich Euch Eure Rolle lehren, wie Ihr Euch zu benehmen habt, und der darf kein Narr ſein, der Euch nach zehn oder vierzehn Tagen ausfindig ma- chen will.“ Mein Anzug war bald verändert; auch wurde nach meiner Wunde geſehen, die ſich als eine unbedeutende herausſtellte; ich nahm mit den Augen von den alten Wänden Abſchied und ſchritt hinter meinem Gefährten auf dem Pfade her. „Wenn wir uns eilen,“ ſagte Darby,„ſo haben xN 91 wir vor Tag den Shannonhaſen hinier uns, und dann, wenn wir auf dem Kanal ſind, werden wir leicht auf eines von den Booten kommen, die nach Dublin gehen.“ „Und wollt Ihr nach Dublin?“ fragte ich begierig. „Ja, ich ſollte, ſo Gott will, am vierundzwanzigſten „ dieſes Monats dort ſein. Da ſoll eine Zuſammenkunft der Freunde Irlands ſtattfinden, und man wird einige Beſchlüſſe faſſen, was zu thun iſt. Im Parlament gehen böſe Dinge vor.“— „In der That, Darby? was denn?“ „O, das könnt Ihr noch nicht wohl verſtehen; aber es iſt gerade, als hätten wir kein Wort mitzuſprechen, 4 wie wir uns ſelbſt regieren könnten, als wären wir nur für die Engländer gemacht, um ihre Sklaven zu ſein und auswaͤrts für ſie zu fechten, für ſie, die uns immerfort haſſen und mißhandeln.“ „Und müſſen wir dies geduldig ertragen?“ rief ich . leidenſchaftlich. 3 3 „Nein,“ ſagte Darby, ſeine Hand auf meine Schul⸗ ter legend—„nein, durchaus nicht, wenn wir zwan⸗ zigtauſend hätten ſo wie Ihr ſeid, mein tapferer Junge. Aber bald werdet Ihr Alles ſelber hören, und jetzt er⸗ laubt mir, mich ein wenig an Eure Erziehung zu ma⸗ chen, denn wir ſind noch nicht außer Feindes Land.“ Darby begann nun ſeinen Unterricht mit mir, woraus ich ſah, daß ich ihm in ſeinen verſchiedenen Spielarten ſo zu ſagen ſekundiren ſollte— nicht gerade ftreng nach den ächten Regeln der Harmonie, ſondern * ich ſollte nur in den Verſen ſeiner Lieder mit ihm ab⸗ wechſeln. Dieſe, welche durchgängig von ſeiner eignen 3 Compoſition waren, mußten alle auswendig gelernt wer⸗ 3 den, und zwar aus ſeinem Munde; denn Mr. M'Keown war zu eiferſüchtig auf ſein Verlagsrecht, als daß er ſie je der Schrift anvertraut hätte, und prägie mir beſonders ein, nie ein Lied in der gleichen Nachbarſchaft zu wiederholen. „Es iſt mir nicht gerade wegen des Diebſtahls,⸗ 92 ſagte Darby,„aber der Pfuſcher verdirbt mir meine Poefie vollſtändig, indem er bald die Worte verändert, bald die Gefühle entſtellt, bald ſogar die Melodie ver⸗ fälſcht. So hörte ich erſt letzten Dienſtag das Lied „Führt euch artig auf“ nach der Melodie von„Seht, wie er mir diente.“ Außer dem mufikaliſchen Fache meiner Erziehung mußte noch ein anderes, kaum weniger ſchwieriges, betrieben werden: nämlich die geſchickte Anpaſſung un⸗ ſerer Lieder nicht nur für den jeweiligen vorherrſchenden Geſchmack der Geſellſchaft, ſondern auch für ihre poli⸗ tiſchen Parteiſtellungen— wobei mir Darby verſchiedene Winke gab, wie die beſondere Richtung der Politik irgend eines Unbekannten auf der Stelle zu entdecken ſei, „Die Jungen,“ ſagte Darby und meinte damit ſeine eigene Partei,„ſind immer ſchlau und vorſichtig, und verlangen gewöhnlich zuerſt ein Lied wie„Neigt ihr euch?“ oder„Die Krähen in der Gerſte“ und der⸗ gleichen. Dann werden ſie ſagen:„Habt Ihr etwas Neues, Meiner M'Keown, aus dem oberen Lande?“— „Etwas Süßes, nicht wahr?“ frage ich.—„Ja, oder etwas Saures, wenn Ihr habt,“ werden ſie ſagen. „Vielleicht gefällt euch„Eſſighügel“ frage ich. Ha, Ihr ſolltet ſehen, wie ihre Geſichter vor Freude ſich röthen und wie ſie zu jedem Tone den Takt ſchlagen— es iſt eine Luſt, für ſie zu ſpielen. Dagegen werden die Yeos (er meinte die Jeomen) mächtig ſchreien—„Pfeifer— holla he, Pfeifer, ſag ich— ſpielt einmal auf„Boyne⸗ waſſer“ oder„Die Croppies ſind drunten.“ „Und natürlich weigert Ihr Euch, Darby?“ „Weigern weigern— und dafür ein Bayonnet in den Leib bekommen? Das hol' der Teufel, mein Engel. Ich ſpiel' es auf, ſo luſtig es nur geht; ich nicke mit dem Kopf zum Spiel und trete mit Ferſen und Zehen den Takt dazu; manchmal, wenn ich ſehe, daß es nöthig iſt, befeſtige ich dies da an das Ende ———ÿõʒ ſo möcht' er lieber aus der Haut fahren als nichts 93 meines Inſtruments, und das thut immer prächtige Wirkung.“. Hier nahm Darby aus dem Futter ſeines Hutes eine orangefarbige Schleife, deren abgeſchoſſene Herr⸗ lichkeit ihre langen und thätigen Dienſte in der Sache der Loyalität bewies... Ich geſtehe, Darby's Einfluß auf mich gewann durch dieſes ehrliche Eingeſtändniß ſeiner politiſchen Fügſamkeit keinen Zuwachs; und die kühne Schilderung der Leiden einer Nation, wodurch er das erſte Mal meinen Enthufiasmus erregt hatte, ſchien in traurigem Widerſpruch mit dieſer unterwürfigen Politik zu ſtehen. Er war ſchnellſichtig genug, um zu gewahren, was in meiner Seele vorging, und bemerkte ſogleich— „Es iſt eine ſchwere Rolle, die wir zu ſpielen ge⸗ nöthigt ſind, Mr. Tom, aber einen Troſt haben wir, wir werden nur noch kurze Zeit dazu genöthigt ſein. Ihr kennt das Lied.“ 3 Hier begann er das beliebte Volkslied:— „Die Franzoſen landen noch einmal an, Sagt der Shan van vaugh, Und ſie werden bringen zehntauſend Mann, Sagt der Shan van vaugh, Und mit Pulver und Blei Macht Irland ſich frei; Glaubt ihr nicht, ſie werden uns hören alsdann? Sagt der Shan van vaugh.“ „Dieſe Melodie müßt Ihr lernen, Mr. Tom; und ſeht nur, der Yeo iſt ſo vernarrt darein als die Jungen, nur vergeßt nicht, ihre eigenen Worte unterzuſchieben; wer Teufel wird ſich darum ſcheeren, wenn's Einem nicht Ernſt iſt 2* Seht nur, ich glaube, es liegt in der Natur des Irländers, ein wenig Poſſen mit Jemand zu treiben; und beim Blitz, wenn Niemand dazu da iſt, thun. Es iſt uns einmal angeboren, Gott helf' uns! Sicherlich iſt es gerade dies, was uns ſo beliebt bei den Damen macht und uns, ſo zu ſagen, einen eigen⸗ thümlichen Genius gibt, den Hof zu machen— Die Art ſeines Blickes Und Seufzens— das iſt es, Was Paddy beliebt macht, wohin er nur kommt; Mit zuckrigen Worten 3 Der Schelm allerorten Die Mädchen in ſeine Falle bekommt. „Und warum nicht?— Sollen ſie ſich nicht fangen laſſen, wenn ſie gewiß find, am Ende dabei zu gewin⸗ nen— zu gewinnen ein warmes Herz und einen feſten Arm, um für ſie zu fechten?“ Dieſe Art Logik gebe ich als eine Probe von Mr. M'Keowns Geſchicklichkeit in der Kunſt, eine Schwie⸗ rigkeit— wenn nicht wegzuerklären, wenigſtens völlig zu umgehen— eine faſt ebenſo iriſche Eigenthüm⸗ lichkeit als die Sache, zu deren Vertheidigung ſie diente. Als wir weiter gingen, beobachtete Darby eine ſtrenge Verſchwiegenheit über das Ereigniß, welches ſeine Anweſenheit in Athlone erfordert hatte, auch ſpielte er nur vorübergehend auf den Major an, mit dem Bemerken: „Er wußte nicht, wie es kam, daß eine Dubliner Magiſtratsperſon dieſe Gegenden heimſuchte, ob er gleich ſicherlich ein großer Freund des ſehr ehrenwerthen iſt.“ „Und wer iſt er?“ fragte ich. 3 „Der ſehr ehrenwerthe? Kennt Ihr ihn wirklich nicht? Ei, ich glaube, es gibt kein Kind in der gan⸗ zen Grafſchaft, das es Euch nicht ſagen könnte. Denis Browne iſt es, er ſelbſt.“ 3 Der Name ſchien auf einmal eine ganze Flut von Erinnerungen mit ſich zu führen, und Darby verbrei⸗ zete ſich Stunden lang über die ſchreckliche Gewalt eines 2 Mannes, in deſſen Hände Leben und Tod gegeben war, ohne den Beiſtand eines Richters oder einer Jury. So öffnete er mir ein anderes Kapitel der geſetzloſen Ty⸗ rannei, auf die er meine Aufmerkſamkeit richtete und die, wie er ſah, bereits einen großen Eindruck auf meine Seele gemacht hatte. 3 Ungefähr, eine Stunde nach Tagesanbruch kamen wir an eine kleine Hütte an der Wand des Kanals, die als Schleußenhaus diente. Es bedurfte nicht der Kälte, noch des düſteren Himmels, noch des ununter⸗ brochenen Regens, um dieſem Orte das troſtloſeſte und elendeſte Ausſehen zu geben, das mir je vorkam. Meilen weit in der Runde war die Landſchaft eine ununter⸗ brochene Fläche, ohne eine Spur von Wald, ohne eine einzige Dornhecke, woran ſich das Auge hätte erholen können. Niedrige, ſumpfige Wieſen, wo geiles Schilf und Riedgras hoch und üppig emporwuchert, mit eini⸗ gen hie und da zerſtreuten Flecken gebauten Feldes, waren rings umgürtet von unermeßlichen Moorflächen, die von allerlei Gräben und Löchern durchſchnitten wa⸗ ren. Die Hütte ſelbſt, obgleich mit Schiefern gedeckt und aus Stein gebaut, war in ſchlechtem Stande, das Dach an mehreren Stellen zerbrochen und das Fenſter mit Brettſtücken und ſogar mit Stroh ausgebeſſert. Als wir näher kamen, bemerkte Darby, daß aus dem Ka⸗ min kein Rauch ſtieg und daß die Thüre außen ver⸗ ſchloſſen war. „Da fieht's übel aus,“ ſagte er, ein Dutzend Schritte weit von der Hütte ſtehen bleibend, und ſah ſtarr darauf hin;„ſie haben auch ihn genommen. „Wen, Darby?“ fragte ich.„Was hat er geihan?“ MKeown ſchenkte meiner Frage leine Aufmerk⸗ ſamkeit, ſondern lüpfte die Klinke, welche ohne Vor⸗ hängſchloß die Thüre zuhielt, und trat hinein. Am Herde brannte noch das Feuer und ein kleiner in deſſen Nähe ſtehender Stuhl deutete die Stelle an, wo ſonſt Jemand zu ſitzen pflegte: das Ausſehen der Hütte bot 96 nichts Außergewöhnliches dar; es lagen dort dieſelben armſeligen Haus⸗ und Küchengeräthe umher, die man in jeder anderen ſah. Darby jedoch unterſuchte Alles mit größter Sorgfalt; er ſah nach allen Seiten herum, betrachtete jedes Ding, bis er endlich, über die Thüre hinaufgreifend, aus dem Dachſtroh ein kleines Stück ſchmutziges und verkrümpeltes Papier zog, welches er mit der größten Sorgfalt und Aufmerkſamkeit öffnete; dann plättete er es mit ſeiner Hand und begann, es für ſich zu überleſen; ſeine Augen flammten und ſeine Wangen wurden röther wie er darauf hinſah. Endlich unterbrach er das Schweigen: „Ich ſelbſt habe nie an Euch gezweifelt, Tim, mein Junge. Seht her, Mr. Tom— aber freilich, Ihr ver⸗ ſteht es am Ende doch nicht. Die Yeos haben ihn letzte Nacht aufgehoben. Man wirft ihm einen Angriff auf das Boot vor. Dies Stück Papier da hat er zurück⸗ gelaſſen, um die„Jungen“ zu tröſten, daß er ſie nicht verrathen werde. Auf ſolche Art muß es gehen, wenn wir nur recht zuſammenhalten wollen. Denn manch⸗ mal, wenn ſie Einen aufhoben, ſtreuten ſie aus, er ſei gegen die Uebrigen ein Angeber geworden, und dann werden die Andern gleichgültig und kümmern ſich um nichts mehr, mögen ſie nun aufgehoben werden oder nicht. Darby legte das Papier wieder ſorgfältig an ſeine Siell und dann, nachdem er einen Augenblick gelauſcht, rief er—— „Ich höre das Boot kommen, laßt uns draußen es erwarten.“ Während er ſich damit beſchäftigte, ſeine Pfeifen in Ordnung zu bringen, konnte ich nicht umhin, meine Betrachtungen anzuſtellen über die ſtrenge Gewiſſen⸗ haftigkeit, welche die armen Leute trotz aller Verſuchung und Verführung gegen einander beobachten. Daß mitten in ſolchem Elend weder Drohungen, noch Beſtechungen auf ſie zu wirken ſchienen, war ein ſtarker Beweis zu — 97 Gunſten ihrer Treue, und für Einen, der ſolche Schlüſſe zu ziehen pflegte, wie ich, ein zwingendes Zeugniß für die Güte der Sache, die ſolche Tugenden hervorlockte, Als das Boot herankam, bemerkte ich, daß das Verdeck ohne einen Paſſagier war; Haufen von Koffern und Gepäcken waren über den ganzen Raum zerſtreut; aber vor dem rauhen Wetter hatte ſich Jedermann un⸗ ter Dach geflüchtet, außer dem Steuermann und dem Kapitän, welche Beide, in dicke Friesröcke gehüllt, un⸗ geheuern, auf ihren Hinterfüßen ſtehenden Bären glichen. „Wie geht's Euch, Darby?“ ſchrie der Schiffer; „ruft doch den faulen Schurken heraus, daß er die Schleuße aufmacht.“ „Ich glaube nicht, daß er daheim iſt, Sir,“ ſagte Darby ſo unſchuldig, als ob er von dem Grunde ſeiner Abweſenheit nicht das Geringſte wüßte. „Nicht daheim!— der Lump! wo kann er denn ſein? Komm, Junge,“ rief er, gegen mich gewendet, mimm den Schlüſſel dort und öffne die Schleuße.“ Bis dieſen Augenblick hatte ich den Charakter, den mir mein Anzug und Aeußeres anwies, vergeſſenz aber ein Blick vom Pfeifer hrachie mich auf einmal zur Be⸗ finnung; ich nahm den eiſernen Schlüſſel und machte mich unter Darby's Anleitung daran, zu thun, was man von mir verlangte, während Darby und der Ka⸗ pitän ſich gegenſeitig ihre Verwunderung mittheilten, was wohl aus Tim geworden ſein möchte, und ſich in Vermuthungen ergoßen über die unmittelbare Folge für ihn, die ſeine Abweſenheit nach ſich ziehen würde. „Geht Ihr mit uns, Darby?“ fragte der Kapitän. „Beim Blitz, ich weiß nicht, Sir,“ ſagte er, als ob er ſich noch beſänne;„wenn Herren da wären, denen man mit dem Dudelſack aufwarten könnte—“ „Ja, ja, nur herein, Mann,“ verſetzte der Schif⸗ fer;„geht der Bub mit Euch?— ganz gut— nur herein, Junge!“. Tom Burke. 1. 7 98 WMir waren bald wieder unterwegs; und nachdem Darby ſein Inſtrument zurecht gemacht hatte, begann er mit vielem Ausdruck zu präludiren, um ſeine An⸗ kunft anzumelden. Sogleich öffnete ſich die Kalütenthüre und ein grob ausſehender Kerl mit rothem Geſicht, in Uniform, rief— „Holla ho! Iſt ein Pfeifer da?“ „Ja, Sir,“ ſagte Darby, ohne ſich umzudrehen, während er zugleich auf Iriſch an den Schiffer eine Frage ſtellte, welche dieſer mit einem einzigen Wort erwiederte. „ He da, Pfeifer, kommt herunter,“ rief der Yeo (denn ein ſolcher war er);„kommt herunter und gebt uns etwas zum Beſten.“ „Ich komme, Sir,“ ſagte Darby, indem er auf⸗ ſtand, und ſeine Hand gegen mich ausſtreckend, rief er: „Tom, allah, führ' mich die Stiege hinunter.“ Ich ſah ihm ins Geſicht und bemerkte zu meinem Erſtaunen, daß er das Weiße ſeiner Augen verdrehte, um ſich blind zu ſtellen; auch taſtete er mit der Hand wie ein des Geſichts Beraubter. Da das geringſte Zaudern von meiner Seite ihn ſogleich hätte verrathen können, ſo nahm ich ſeine Hand und führte ihn Schritt vor Schritt hinunter bis zur Kajütenthüre. Ich hatte kaum Zeit, zu bemerken, daß auf Paſſagiere in Uniform waren, als Einer von ihnen rief; „Den jungen Kerl da brauchen wir nicht, ſchickt ihn zurück. Pfeifer, ſetzt Euch hier nieder.“ Der Antrag auf meine Entfernung ging ohne Widerſtand durch; ich ſchloß die Thüre und ſetzte mich unter den Koffern auf dem Verdecke hin. 4 Den übrigen Tag hindurch ſah ich Nichts von Darby; jedoch belehrte mich gelegenheitlich ſchallendes Gelächter und Händegeklatſche unter mir, wie erfolgreich ſeine Bemühungen waren, ſeine Geſellſchaft zu ergötzen, 99 während ich Zeit genug hatte, über meine eigenen Plane achzudenken und einige Entſchlüſſe für die Zukunft zu aſſen. „* Siebentes Kapitel. Kevin⸗Street. Wie dieſer lange, trübſelige Tag weiter verflrich, kann ich nicht ſagen. Das Gejubel, das unten aus der Kajüte drang, that meinem Ohr weh, die luſtigen Weiſen aus Darby's Pfeifen und die hellen Töne ſei⸗ ner weichen Stimme nahmen ſich aus wie Verrätherei von Einem, der ſo kürzlich noch in den herzzerreißend⸗ ſten Ausdrücken von ſeinen Landsleuten und den Un⸗ bilden, die ſie erlitten, geſprochen hatte. Während da⸗ her meine Achtung für meinen Gefährten einen Stoß erlitt, erwachte mein Intereſſe für die Sache, welche ſolche Opfer verlangte, immer lebhafter, und ich ſehnte mich mit Schmerz nach dem Augenblick, wo ich unter den kühnen Vertheidigern meines Landes meine Stelle nehmen und unſere Unterdrücker offen zum Kampf her⸗ ausfordern könnte. Alles, was mir M'⸗Keown von eng⸗ liſcher Tyrannei und Unterdrückung erzählt hatte, knüpfte ſich in meiner Seele an die ſchreckliche Scene, von der ich ſo kürzlich erſt Zeuge war, und als deren Urſache ich nichts anderes erkannte, als einen Akt einfacher Gaſt⸗ freundſchaft. Sodann ſpielten meine Gedanken auf jene tapferen Bundesgenoſſen über, die ihre Ruhmes⸗Lauf⸗ bahn auf dem Continent verlaſſen hatten, um unſer faſt hoffnungsloſes Schickſal hier zu theilen; und ich brannte vor Verlangen, ſie kennen zu lernen und von ihnen etwas von Soldaten⸗Muth zu erfahren. Es war ſchon Nacht, als der flammende Schein von Lampen zwiſchen den ſchlanken Ulmen, womit die 10⁰ Ufer beſetzt waren, die Nähe der Haupiſtadt verrieth. Für den armen, freundloſen Jüngling, der, ohne Haus und Heimath, über den Lauf ſeines Lebens unentſchloſ⸗ ſen iſt, liegt etwas fürchterlich Niederdrückendes in dem Anblick einer großen Stadt: das Getriebe— das Ge⸗ wimmel— die Fluth der ihren Geſchäften oder Ver⸗ gnügungen nachrennenden Bevölkerung, ſind Dinge, die ihn nichts angehen. Die Schauſtellung des Reichthums ſtimmt ihn herab, während der Anblick der Armuth ihn mit Grauſen erfüllt; und während Jedermann von ir⸗ gend einem Zwecke beſeelt iſt, ſcheint er allein wie ein verlaufenes Thier von der Hand des theilnahmloſen Schickſals an die Ufer des Lebens ausgeworfen, ohne daß ſich Jemand nach ihm umſieht oder um ihn beküm⸗ mert. Dieß war mein Gefühl unter dem geſchäftigen Gedränge auf dem Verdeck, wo Jeder ſein Gepäck ſuchte und ſich zum Ausſteigen rüſtete. Jeden erwartete eine Heimat, Jeden ein Herd, ein freundliches Geſicht beim Willkommen; aber mich erwartete nichts der Art. Dies war ein trauriger Gedanke; und während ich darüber brütete, ſank mein Haupt auf meine Kniee, und ich ſah nichts von dem, was um mich vorging. „Tom,“ wisperte eine leiſe Stimme in mein Ohr— „Mr. Tom, geſchwind, mein Lieber; laßt uns hier hin⸗ ausſchlüpfen. Die Soldaten wollen, daß ich mit ihnen in ihre Quartiere gehe; und ich habe es verſprochen— aber ich gedenke nicht, es zu halten.“ Ich ſah empor. Es war Darby, in ſeinen Rock eingeknöpft; ſeine Pfeife war auseinander genommen, um ſie leichter tragen zu können. „Schlüpfe hinter mir hier an der Schleuße hinaus. Es iſt ſo finſter, daß uns Niemand ſehen wird.“ Mein Auge auf ihn gerichtet bahnte ich mir mit dem Elbogen meinen Weg durch das Gedränge auf dem Verdeck und ſprang hinaus, gerade als das Boot be⸗ gann, ſich vorwärts zu bewegen. „Hier ſind wir ſicher,“ ſagte Darby, mir auf die Schulter klopfend;„und jetzt da ich Zeit habe, Euch 1u fragen, habt Ihr Euer Mittageſſen bekommen, mein eind?“ „O ja, der Kapitän brachte mir etwas zu eſſen.“ „Nun, das iſt recht! Gelobt ſei Gott! Ich ließ mir den Speck und das Gemüſe herzlich ſchmecken, ob⸗ gleich die Lumpenhunde— die Peſt über ſie! mich zwan⸗ gen, eine ganze Orangen⸗Lilie zu eſſen, beſorgt, wie fie ſagten, das„Grüne“*) möchte mir nicht gut thun.“ „Ich wundere mich, Darby,“ ſagte ich,„daß Ihr zäch mehr Feſtigkeit habt und jeden Augenblick Euch ändert.“ „Feſtigkeit, meint Ihr? Wahrhaftig, es iſt feſt ge⸗ nug und ſogar hartnäckig, wenn ich mich nicht dazu ver⸗ ſtand—— kurz wir haben jetzt durchaus keinen andern Weg. Wart nur, mein Engel, bis die Reihe an uns ſelbſt kommt, und wahrhaftig, Ihr werdet mich dann nicht mehr anklagen, um ihre Gunſt gebuhlt zu haben; aber jetzt in dieſem Augenblick, begreift ihr, müſſen wir es thun, um hinter ihre Plane zu kommen. Was meint Ihr, daß ich dieſen Abend gewonnen habe? Alle Zeichen hab' ich gelernt, die die Jeos haben, wenn ſie mit einander trinken, und was ſie bei jedem Zeichen ſagen. Sie haben eine Art, ihre zwei kleinen Finger zuſammenzuſchließen— die werde ich nicht ſobald ver⸗ geſſen.“ Einnge Zeit lang ſchritten wir raſch vorwärts, ohne ein Wort zu wechſeln. Endlich kamen wir in eine enge, ſchlecht beleuchtete Straße, welche vom Kanalhafen zu einer der größeren Durchfahrten führte. „„aſt vergeß' ich den Weg hier,“ ſagte Darby, ſtill haltend und ſich umſehend. Endlich, da er ſich nicht zurecht zu ſinden wußte, beugte er ſich über die Halb⸗ *) Grün iſt bekanntlich die iriſche Nationalfarbe, d. h. die Lieblingsfarbe des Volkes. 1 A. d. u. 1 102 8 lhüre eines Ladens und fragte einen Mann drinnen— „Könnt Ihr uns ſagen, wo die Kevin⸗Straße iſt?“ „Nr. 392“ ſagte der Mann, nachdem er ihn einen Augenblick feſt angeſehen hatte. Darby fuhr mit der Hand langſam über die eine Seite ſeines Geſichtes, eine Geberde, welche von dem Andern ſogleich nachgeahmt wurde. „Was wißt Ihr?“ fragte Darby. „Ich weiß U,“ verſetzte der Mann. „Und was weiter?“ „Ich weiß N.“ „Das will ich thun,“ ſagte Darby, herzlich ſeine Hand ſchüttelnd.„Jetzt ſagt mir den Weg: denn ich habe keine Zeit zu verlieren.“ „Wetter, Ihr eilt ja, als wäret Ihr Darby der Pfeifer ſelbſt. Kommt herein und nehmt ein Glas.“ Darby lachte nur, entſchuldigte ſich und fragte noch einmal nach dem Weg. Kaum hatte er ihn erfahren, ſo wünſchte er ſeinem neugebackenen Freunde gute Nacht, und wir gingen weiter. „Sie kennen Euch wohl hier herum, wenigſtens dem Namen nach,“ ſagte ich nach einiger Entfernung. „Das wohl,“ ſagte Darby ſtolz.„Von Werfori nach Belfaſt gibts Wenige, die mich nicht kennen; und wenn ich mich nicht irre, ſo werden ſie noch mehr von mir erfahren, bevor ich ſterbe.“ Dies ſprach er mit mehr Entſchiedenheit, als ich je zuvor von ihm gehört hatte. „Hier iſt nun die Straße; dort iſt die Lampe, die mit den zwei Dochten dort. Beim Blitz, wir haben ſeit heut morgen eine gute Strecke gemacht.“ Mit dieſen Worten traten wir in einen engen Durch⸗ gang, wohin die Straßenlampe ein mattes Licht warf. Derſelbe führte uns in einen kleinen, gepflaſterten Hof, über den wir zu der Thüre eines großen Hauſes ge⸗ langten, welches gänzlich in Finſterniß gehüllt war. Darby klopfte in eigener Manier an und ſchnell wurde 4 103 die Thüre geöffnet von einem Mann, der etwas flü⸗ ſterte, worauf M'Keown eben ſo leiſe antwortete. „Ich freue mich, Euch wieder zu ſehen,“ ſagte der Mann lauter, indem er für ihn Platz machte, um ihn einzulaſſen. Ich wollte folgen, als plötzlich ein ſtarker Aend mich an der Bruſt packte und eine rauhe Stimme ragte:. „Wer ſeid Ihr?“ Darby ſchritt zurück und ſagte ihm etwas ins Ohr; der Andere weigerte ſich hartnäckig, und obgleich Darby, wie es ſchien, ſeine ganze Ueberredungskunſt aufbot⸗ ſo blieb doch der Mann unerbittlich. Endlich, als beide außer Faſſung zu gerathen ſchienen, wendete ſich Darby an mich und ſagte:— „Wartet einen Augenblick, Tom, wo Ihr ſeid, ich komme gleich wieder zu Euch.“ Mit dieſen Worten verſchwand er und zugleich ſchloß ſich die Thüre. Ich blieb außen im Finſtern; doch wurde meine Geduld auf keine harte Probe ge⸗ ſtellt— es waren noch keine fünf Minuten herum, ſo öffnete ſich die Thüre und heraus trat Darby, begleitet von einer andern Perſon. „Mr. Burke,“ ſagte dieſe letztere in einem Tone, der ſogleich einen Gentleman verrieth,„ich bin ſtolz darauf, Sie zu kennen.“ Mit dieſen Worten drückte er warm meine Hand und ſchüttelte ſie herzlich.„Ich ſchätze es mir zur Ehre, hier Ihr Taufpathe zu ſein. Können Sie hinter mir den Weg ſinden? Dieſer Ort wird nie erleuchtet, aber ich hoffe, in Kurzem kennen Sie ihn beſſer.“ Ich murmelte einige Worte der Erkenntlichkeit und folgte meiner ungeſehenen Bekanntſchaft durch den dun⸗ keln Corridor. „ Hier iſt eine Treppe,“ rief er,„und nun merken Sie die Tritte.“ Eine lange Wendeltreppe führte uns an einen . 40b9 Platz, wo ein Licht in einem zinnernen Leuchter brannte. Hier drehte ſich mein Führer um. 3 „Ihr Taufname iſt Thomas, glaub' ich,“ ſagte erz ſo bald aber das Licht auf mich ſiel, ſchrak er plötzlich zurück, mit einer Miene, die zugleich Erſtaunen und Kummer ausdrückte.„Ei, M'Keown, Ihr ſagtet mir ja—“ der Reſt ſeiner Rede ging für mich in einem leiſen Gewiſper verloren. 4„Ich habe ihm andere Kleider gegeben, um ſich zu verſtellen,“ fagte Darby,„ſonſt wäre er gewiß nicht durchgekommen.“ „ Nicht davon ſpreche ich,“ erwiederte der andere ärgerlich.„Ich meine ſein Alter— er iſt ja noch ein Bube. Wie alt ſind Sie, Sir,“ fuhr er fort, indem er ſich an mich wendete, aber mit weit weniger Höf⸗ lichkeit als zuvor. „Alt genug, um für mein Vaterland zu leben oder auch im Nothfall zu ſterben,“ ſagte ich hochmüthig. 1 3„Bravol mein Kleiner,“ rief der Pfeifer, mit En⸗ thufiasmus mir auf die Schultern klopfend. .„Danach habe ich nicht gefragt,“ ſagte der Fremde, gutmüthig lächelnd;„ich wünſchte Ihr Alter zu er⸗ fahren.“— „Im Auguſt war ich Vierzehn,“ ſagte ich. „Ich wollte lieber, Sie könnten ſagen Zwanzig,“ antwortete er gedankenvoll.„Da habt Ihr einen, talen Mißgriff gemacht, Darby. Welches Vertrauen kann man auf ein Kind, wie dieſes ſetzen?— Es iſt fa doch nur ein Kind.. .„Freilich ein Kind, für das ich aber mit meinem Kopf einſtehe,“ ſagte Darby. 3„Euer Kopf hat ſchon ſchwer genug zu tragen,““ verſetzte der andere in einem Tone des Vorwurfs. „Habt Ihr ihm von unſerem Zwecke etwas geſagt? Doch natürlich, Ihr habt alles entdeckt. Wohl, ich werde mich nicht mit dieſer Sache befaſſen. Junger Gentleman,“ fuhr er mit ernſter Stimme und nach⸗ * 105 vrücklichem Tone fort,„alles, was ich von Ihnen weiß, beſteht in den wenigen Einzelheiten, welche mir dieſer Mann in Betreff Ihrer unangenehmen Lage und der Grauſamkeit mitgetheilt hat, der Sie ſich auszuſetzen fürchten, wenn Sie unter die Vormundſchaft von Mr. Baſſet gerathen. Wenn dieſe Gründe Sie veranlaßt haben, aus Gedankenloſigkeit oder Gleichgültigkeit Ihr Leben zu wagen durch Verbindung mit Männern, welche von hohen und jdeln Grundſätzen getragen werden, dann ſage ich Ihnen, treten Sie nicht hier ein. Wenn Sie jedoch, des Zweckes und der Abſichten unſerer Ver⸗ bindung bewußt, uns zu unterſtützen wünſchen, ſo will ich Sie nicht zurückweiſen, ſo jung Sie auch ſind.“ „Das heißt,“ unterbrach Darby,„wenn Ihr Euch ere urhm Herzen als einen Freund Eures Landes „Still,“ ſagte der andere barſch,„laßt ihn ſelbſt entſcheiden— „Ich kenne weder Eure Abſichten noch errathe ich ſie,“ ſagte ich freimüthig,„meine verlaſſene Lage und die armſelige Ausſicht vor mir machen mich Ihrer Ver⸗ muthung nach gleichgültig gegen Alles, worein ich mich einlaſſe, vorausgeſetzt, daß es nicht gegen die Ehre ſtreitet. Gefahr wird mich nicht abſchrecken; das iſt alles, was ich Euch verſpreche.“ „Ich ſehe,“ ſagte der Fremde,„das iſt nur einer voon Euren vielen Schelmenſtreichen, M'Keown. Der funge Herr da ſollte in unſere Geſellſchaft hinein ge⸗ ſtohlen werden. Eines,“ fuhr er gegen mich fort,„bin ich überzeugt, daß Sie nemlich alles, wovon Sie hier Zeuge geweſen ſind, geheim halten werden und jetzt wollen wir die Sache nicht weiter treiben; in einigen Tagen können Sie mehreres hören und über alles reif⸗ lich nachdenken. Da Sie ſich nicht weiter vorgeſehen haben, ſo ſeien Sie inzwiſchen unſer Gaſt.“ Ohne mir Zeit zur Antwort zu laſſen, führte er mich wieder die Treppe hinunter, ſchloß auf der zweiten 106 Flur eine Thüre auf und ging durch verſchiedene Zim⸗ mer, bis er eines erreichte, welches wie ein Studirzim⸗ mer ausgeſtattet war.— „Sie müſſen ſich für heute Nacht hier mit einem Sopha begnügen, aber morgen will ich es Ihnen be⸗ quemer machen.“. Ich warf meine Blicke mit Vergnügen auf das wohlgefüllte Büchergeſtell und war im Begriff, ihm für alc ſeine Güte gegen mich zu danken, als er hinzu :— „Ich muß Sie jetzt verlaſſen, aber morgen werde ich Sie wieder ſehen; gute Nacht alſo. Kommt mit, Mneocn wir haben Euch in dieſem Augenblicke nöthig.“ Gerne hätte ich Darby zurück behalten, um ihn über meinen neuen Aufenthalt und deſſen Bewohner zu befragen, aber er war genöthigt, zu gehorchen und ich hörte, wie ſie die Thüre von außen ſchloßen; bald darauf verhallten ihre Tritte und ich war nun in ſtiller Einſamkeit. Entſchloſſen, meine Lage zu erkennen und wo mög⸗ lich mir deren Geheimniß zu erklären, zog ich den Sopba zum Feuer und ſetzte mich nieder, aber die Mü⸗ digkeit war ſtärker als meine Neugierde, ſie gewann die Oberhand und bald lag ich in geſundem Schlafe. Achtes Kapitel. Numero 39 und deren Beſucher. Als ich am folgenden Morgen meine Augen öffe nete, war es ganz verzeihlich von mir, wenn ich glaubte, noch zu träumen. Das Zimmer, welches ich am vori⸗ en Abend kaum Zeit hatte zu betrachten, erſchien jetzt chön, faſt reich ausgeſtattet. Bücher in hübſchem Ein⸗ band bedeckten die Bretter, Kupferſtiche in vergoldeten Rahmen verzierten die Wände und ein großer Spiegel füllte den Raum über dem Kamin aus. Verſchiedene kleine geſchmackvoll gearbeitete Sachen aus Bronze und Marmor waren da und dort zerſtreut und ein ſilbernes Theegeſchirr nach antikem Muſter ſtand auf einem klei⸗ nen Tiſch neben dem Feuer. Ein paar glänzend aus⸗ geſtattete Piſtolen hingen auf der einen Seite des Spie⸗ gels und cin prachtvoll vergoldeter Säbel auf der andern.. Während ich mir Zeit nahm, dieß alles zu über⸗ ſehen und mich ſelbſt fragte, wie und wann ich damit zum erſtenmal Bekanntſchaft gemacht habe, rief eine Stimme aus einem benachbarten Zimmer, deſſen Thüre offen ſtand. „Sacristi, quel mauvais Temps!“ und dann begann ſie ein kleines franzöſiſches Lied, zu welchem der Sänger nach einer Minute eine tanzende Bewegung zu machen ſchien,„oui c'est ca“ rief er entzückt, indem er eine Pirouette ausführte; zugleich aber warf er mit entſetzlichem Gekrach einen Putztiſch ſammt deſſen gan⸗ zem Inhalt um. Ich ſprang auf und ſtürzte, ohne zu bedenken, was ich that, hinein. „He, bon jour,“ ſagte er luſtig, zwei Finger einer Hand ausſtreckend, die unter einer Maſſe von Ringen faſt verborgen war; und dann fing er plötzlich auf Engliſch an, welches er vollkommen, jedoch mit einem fremden Accent ſprach—„Wie haben Sie geſchlafen, ich fürchte, das Gelärm hat Sie geweckt.“ Ich beeilte mich, wegen meines unbeſonnenen Her⸗ einſtürzens mich zu rechtfertigen; er aber unterbrach mich ſogleich mit der Frage, ob ich eine angenehme Aa zugebracht und ſtarken Appetit zum Frühſtück §. — Nachdem ich beides bejaht, zog ich mich in das 5 Wohnzimmer zurück, wohin er mir folgte, herzlich über ſein Unglück lachte, und eingeſtand, daß er nicht die Geduld habe, es wieder gut zu machen„und was noch ſchlimmer,“ bemerkte er,„ich habe keinen Bedienten; aber etwas Thee und Caffee— wir wollen beim Eſſen„ weiter plaudern.“ Ich zog ſeiner Einladung zuſolge meinen Stuhl näher und fühlte mich, bevor eine halbe Stunde vor⸗ über war, von jenem ſeltſamen Magnetismus, den ge⸗ wiſſe Perſonen beſitzen, angetrieben, meinem neuen Freunde die bedeutendſten Ereigniſſe meiner einfachen Geſchichte bis zu dem Moment zu erzählen, wo wir einander gegenüber ſaßen. Er hörte mir mit größter Aufmerkſamkeit zu, indem er zuweilen eine Frage da⸗ zwiſchen that, oder über etwas, das er nicht ganz ver⸗ ſtanden hatte, eine Erklärung verlangte; und als ich hroß⸗ ſchwieg er einige Minuten, dann aber ſagte er 3 lachend— „Sie wiſſen nicht, wie Sie die Leute hier in Ver⸗ legenheit gebracht haben. Ihr Reiſegefährte hatte zu verſtehen gegeben, Sie wären ein anderer Burke, deſ⸗ ſen Bündniß ſie ſchon lange wünſchten. In der That, ſie waren davon überzeugt; aber,“ ſagte er, raſch auf⸗ ſpringend,„ſo wie es iſt, iſt es viel beſſer. Die Art, mein junger Freund, wie Sie in die Falle gelockt wur⸗ den, kann ich mir ſchon denken. Haben Sie keine Furcht, hier ſind wir völlig ſicher. Ich kenne all' die abgedroſchenen Redensarten von Unterdrückung und„ Sklaverei, die im Schwange ſind, und ich weiß auch, wie furchtſam ſie vor jedem Unternehmen zurück beben, in welchem ihre Sache ehrenhaft und kühn verfochten werden könnte. Auch ich bin ſo ein Opfer des angeb⸗ lichen Patriotismus dieſer Partei. Ich kam vor zwei Jahren hieher, um ein Kommando zu übernehmen. Ein Kommando! aber in welch' einer Armee! Ein zucht⸗ loſes Gefindel ohne Waffen, ohne Offiziere, ſogar ohne 109 Kleider— ihr einziger Begriff von Krieg mitternächt⸗ liches Morden oder rückſichtsloſes Geſchlachte. Das Reſultat konnte nicht zweifelhaft ſein— gänzliche Nie⸗ derlage und Auflöfung. Meine Landsleute, voll Ab⸗ ſcheu gegen die Auftritte, von denen ſie Zeuge waren, und ſolcher confrèrie ſich ſchämend, nahmen die Am⸗ neſtie an und kehrten nach Frankreich zurück. Ich—“ Hier zögerte er und wurde ein wenig roth; wor⸗ auf er wieder fortfuhr:— „Ich gab einer Leichtgläubigkeit nach, die ſich we⸗ der vertheidigen noch entſchuldigen ließ. Ich blieb zu⸗ rück: es wurden mir Verſprechungen gemacht— Eide geſchworen— Berichte wurden vorgezeigt, um zu be⸗ weiſen, wie vollſtändig die Organiſation der Inſurgen⸗ ten ſei, und zu welchem Zweck man ſie verwenden könnte. Ich entwarf den Plan zu einem Feldzug— correſpondirte mit den verſchiedenen Häuptern— er⸗ muthigte die Wankenden— zügelte die Tolldreiſten— ſtärkte die Zandernden und hielt ſie in der That vier⸗ zehn Monate lang zuſammen, nicht blos gegen ihre Widerſacher, ſondern gegen ihre eigene noch gefährli⸗ chere Zwietracht; und das Ende iſt— was meinen Sie?— Ich erfuhr es erſt geſtern, bei meiner Rück⸗ kehr von einem Ausflug in den Weſten, der mir ſchier mein Leben gekoſtet hätte. Ich war in Frauenkleidern in einer Hütte verborgen—4. „In Malone's Haus, in der Grafſchaft Glen?“ „Ja, woher wiſſen Sie das?“ „Ich war auch dort. Ich ſah, wie Sie gefangen wurden und war Zeuge, wie Sie entkamen.“ „Diantre! Man ging mir hart zu Leibe.“ Er ſetzte eine Sekunde aus und ich ergriff die Ge⸗ legenheit, ihm den ſchrecklichen Ausgang des Auftrittes mit der Einäſcherung der Hütte zu erzählen. Er wurde lodtenbleich, als ich das Nähere berichtete; dann eben ſo ſchnell glühend roth und rief aus— „Wir müſſen Acht geben; für dieſe Leute müſſen 110 wir ſorgen. Ich will mit Dalton ſprechen— Sie ken⸗ nen ihn?“ „Nein, ich kenne Niemand hier.“ „Er war es, der Sie letzte Nacht empfing: er iſt ein edler Kerl. Aber halt, es klopft an die Thüre.“ Er näherte ſich der Feuerſtelle, nahm die Piſtolen berunter, welche daneben hingen und ging ſachte auf die Thüre zu. „s iſt Darby, Sir, Darby der Pfeifer, ich komme ein Wort mit Mr. Burke zu ſprechen,“ ſagte eine Stimme von außen.. Sogleich wurde die Thüre geöffnet und Darby trat ein. Nach einer tiefen Verbeugung gegen den fran⸗ zöfiſchen Offizier, in deſſen Gegenwart ihm keineswegs wohl ums Herz zu ſein ſchien, ſtimmte Darby ſeine Stimme ſo tief als möglich und ſagte: „Dürfte ich ſo keck ſein, ein Wort mit Euch zu ſprechen, Mr. Tom?“ In der Art, wie dieſe Bitte vorgetragen wurde, lag etwas, das den Wunſch einer geheimen Unter⸗ redung anzudeuten ſchien— ſo verſtand es wenigſtens der Franzoſe, der ſich ſchnell umkehrte und ſagte: „Ja freilich, ich werde in mein Ankleidezimmer hahen, und hier iſt nichts, was Euch am Sprechen hindert.“ 3 Kaum war die Thüre geſchloſſen, als Darby einen Suuht neben mich ſtellte und mit geſenktem Kopfe flü⸗ erte: „Traut ihm nicht, nicht von hier bis 7 Fenſter; Sie führen es aus ohne ihn— Maßony ſagte mir dieß ſelbſt: aber mein Name wurde nicht gezogen, und ich muß dieſen Abend in Kildare ſein. Es iſt eine Verſammlung der„Jungen“ in Curragh und ich wollte, Ihr kämet mit mir.“ Deer Zuſtand des Zweifels und der Ungewißheit, der meine Seele in den letzten vierundzwanzig Stun⸗ den gepeinigt hatte, war nicht länger auszuhalten; ich 111 ſtellte daher kühn an MKeown das Begehren einer Erläuterung über die Leute, in deren Haus ich war— über ihre Zwecke und Plane— und in wie weit die⸗ ſelben mich berührten. 1 In ganz wenigen Worten belehrte mich Darby, das Haus ſei der Verſammlungsort der vereinigten Irländer, welche noch immer die Hoffnung nährten, die Scenen von 98 aufs Neue wieder hervor zu rufen: überzeugt, das erſte Mißlingen ſei dem Umſtande zuzu⸗ ſchreiben, daß ſie als Armee im offenen Felde erſchie⸗ nen, während ſie ſich nur mit geheimen und mittelba⸗ ren Angriffen hätten begnügen ſollen, ſeien ſie jetzt entſchloſſen, eine andere Taktik zu verſuchen. In der That hatte man beſchloſſen, daß jeder politiſche Gegner ihrer Partei bezeichnet werden ſolle, er ſelbſt ſowohl, als ſeine Familie und ſein Eigenthum; keine Gelegen⸗ heit ſolle verſäumt werden, ihn, die Seinigen oder ſein Gut zu ſchädigen; und im Nothfall, ihm das Leben zu nehmen; von ihren Freunden ſollten dem Parlament verſchiedene Maßregeln vorgeſchlagen werden, zu deren Gunſten unerſchrockene Drohungen gegen die Regierungs⸗ mitglieder gebraucht werden ſollten; und mit Rückſicht auf die große Maßregel des Tages, auf die Union, war beſchloſſen, daß in der Nacht der Abſtimmung eine gewiſſe Anzahl die Gallerie über den Miniſterbänken zu beſetzen habe, bewaffnet mit Handgranaten und an⸗ deren Zerſtörungswerkzeugen, um ſie auf ein gegebenes Zeichen hinunter zu werfen, nach allen Seiten Tod und Verderben verbreitend. „Dann wird man ſehen,“ ſagte Darby mit teufli⸗ ſchem Grinſen,„wie die Feinde Irlands ihren Haß gegen uns büßen. Vielleicht ſtimmen ſie hernach lieber für Trennung von uns.“ War es der Ton oder der Blick oder die Worte, die mich plötzlich aus meiner träumeriſchen Verblendung erweckten, ich weiß es nicht; aber da dieß alles ſo bald nach der Erzählung des Franzoſen von dem Barbaris⸗ 112 mus der Partei kam, ſo wurde mein ganzes Weſen mit Abſcheu erfüllt und die Grauſamkeit ſolches im. Großen betriebenen Mordens verlor dadurch, daß es an die Sache der Freiheit geknüpft war, nichts von ihrer Schwärze... Der ſcharſblickende Darby ſah ſogleich, welchen Eindruck er auf mich gemacht und bemerkte ſchnell— „Wir, Mr. Tom, werden vorher, wie Ihr wißt, uns aus dem Staube machen. Wir werden nach Kil⸗ für Euch verantwortlich: nicht als ob ich mich viel darum kümmerte, aber andere könnten Euch mißtrauen.“ „Holla!“ rief der Franzoſe aus ſeinem Zimmer, nich hoffe, Ihr ſeid mit Eurer Conferenz dort bald zu Ende; Ihr ſcheint ganz zu vergeſſen, daß ich hier kein Feuer habe.“ 3 „Za, Sir; und ich bitte tauſendmal um Verge⸗ bung,“ ſagte Darby unterwürfig:„Mr. Tom möchte Euch nur noch, bevor er geht, Lebewohl fagen.“ „Bevor er geht? wohin? Sind Sie. meiner ſo bald ſatt geworden?“ ſagte er mit einem Ausdruch unwiderſtehlicher Liebenswürdigkeit. „Er muß nach Curragh, in die Verſammlung dort,“ ſagte Darby, ſtatt meiner antwortend. „Was für eine Verſammlung? Ich habe nie da⸗ von gehört.“ „Es iſt eine Muſterung von Truppen, Sir, und zwar bei Mondſchein.“— Eine Muſterung?“ ſagte der Franzoſe mit höh⸗ niſchem Gelächter;„nennt Ihr dieſe mitternächtliche Zuſammenkunft wilden Diebsgefindels eine Muſterung 2 Darby's Geſicht wurde ſchwarz vor Wuth und in der erſten Sekunde dachte ich, er wolle über ſeinen 113 Beleidiger herfallen, bald aber liſpelte er mit ſchmeicheln⸗ dem, ſchlauem Lächeln: „Sie nennen es ſo, Kapitän; gewiß, die armen „Jungen“ kennen nichts Beſſeres.“ „Und wollen Sie hin zu dieſer„Muſterung?“ ſagte der Franzoſe mit ironiſcher Betonung des Wortes. „Ich weiß kaum, wohin ich gehen oder was ich thun ſoll,“ ſagte ich in einem Tone verzweifelnder Traurigkeit;„jede Gewißheit wäre mir lieber als die Zweifel, die mich quälen.“ 3 „Bleiben Sie bei mir,“ ſprach der Franzoſe mich unterbrechend und ſeine Hand auf meine Schulter legend—„wir wollen gute Kameraden ſein: Ihr Freund hier weiß, ich kann Sie manche Dinge lehren, die Ih⸗ nen ſpäter nützlich ſein können, und vielleicht iſt Ihnen — das darf ich mit aller Beſcheidenheit ſagen— Ihr Hiälͤleiben von größerem Nutzen, als der Beſuch jenes agers.“ „Ich möchte nicht gerne Jemand verlaſſen, der ſo eneüi gegen mich war, wie Darby, und wenn er wün— Ehe ich meinen Satz ausſprechen konnte, wurde mit einem Schlüſſel von außen die Thüre geöffnet und Dalton, wie er genannt wurde, ſtand in unſerer Mitte. „Was! Darby!“ ſagte er in etwas aufgeregtem Tone,„noch nicht fort! Ihr wißt, ich verbot Euch, hier herauf zu kommen; ich vermuthete, wo Ihr ſtecken wür⸗ det. Kommt, verlieret keine Zeit mehr 3 für Mr. Burke wollen wir ſtatt Eurer ſorgen.“ Darby ſenkte kummervoll ſein Haupt und verließ das Zimmer, ohne zu ſprechen, begleitet von Dalton deſſen aufgebrachte Stimme ich noch vernahm, als er die Treppe hinabſtieg. Es lag eine gewiſſe Offenheit— ein heiterer Zug ſorgloſer Freiheit in dem jungen Franzoſen, ſo daß ich mich faſt im erſten Augenblicke unſerer Bekanntſchaft Tom Burke. 1. 8 114 bei ihm zu Hauſe fühlte; und als er einige Fragen über meine Perſon und Familie ſtellte, zögerte ich nicht, ihm meine ganze Geſchichte zu erzählen, ſammt der Ur⸗ ſache, die mich zuerſt in Darby's Geſellſchaft gebracht hatte, und mir Gelegenheit gab, ſeine Lehren und Mei⸗ nungen einzuſaugen. Er ſchwieg, als ich endigte, dachte einige Minuten lang nach, ſah mir dann ernſt ins Geſicht und ſagte: 6 Plber Sie kennen doch den Ort, wo Sie jetzt nd 11 „Nein,“ ſagte ich,„außer der Thatſache, daß ich eine berrliche Nachtruhe genoſſen und ein vortreffliches Frühſtück eingenommen habe, weiß ich nichts weiteres.“ Ueber dieſes offenherzige Bekenntniß von meiner Seite brach mein Gefährte in ein herzliches Geläch⸗ ter aus. „Und wenn ich fragen darf, was haben Sie denn ſi Rffigirn für die Zukunft?— haben Sie überhaupt welche?“ 5 „Wenigſtens ein Hundert,“ ſagte ich lächelnd; naber gegen jede derſelben läßt ſich etwas einwenden. So z. B. würde ich gern Soldat, jedoch nicht in eng⸗ liſchen Dienſten. Ich wäre gern unter einer Armee, wo weder Geburt noch Reichthum den Mann macht. Auch möchte ich gerne Theil nehmen an einem großen Kriege für die Freiheit, wo wir mit jedem errungenen Siege die Segnung eines befreiten Volkes ernten würden; und dann möchte ich mich gerne durch irgend eine große Heldenthat zu einer hohen Stelle empor⸗ ſchwingen.“ „ÜUm ſodann,“ ſagte der Franzoſe unterbrechend. gnach Irland zurückzukommen, und dieſem ſchrecklichen Mezißen Baſſet den Kopf abzuhauen. V'est ce pas, om 3 4 Ich konnte nicht umhin, in ſein Gelächter über mich einzuſtimmen, ob es mir gleich in Wahrheit beſſer ge⸗ 3 115 fallen haben würde, wenn mein Enthuſiasmus einen andern Eindruck auf ihn gemacht hätte. „Lauter Träumerei,“ ſagte ich mit einem halben Seußzer, als unſer Lachen nachließ. „Nicht ſo,“ ſagte er ſchnell,„nicht ſo; Alles was Sie ſagten, iſt weit leichter erreichbar, als Sie ver⸗ muthen. Ich war ſelbſt in ſolchem Dienſte— ich ge⸗ wann meinen Offiziersgrad mit der Spitze meines Degens, als ich kaum in Ihrem Alter ſtund; und ehe ich fünfzehn war, erhielt ich dieß.. it dieſen Worten nahm er den Degen herunter, der über dem Kamin hing, zog ihn aus der Scheide und deutete auf die Inſchrift, die in goldenen Buchſta⸗ ben die Klinge ſchmückte— Rivoli— Arcoli und auf der Kehrſeite las ich— à Lieutenant Charles Gus- tave de Meudon, 3me Cuirassiers. „Alſo dieß iſt Ihr Name?“ fragte ich, denſelben halblaut wiederholend. 3 „Ja,“ verſetzte er, indem er ſich aufrichtete und ein Gefühl von Stolz niederzudrücken ſchien, welches ihm das Blut auf die Wangen trieb. „Was gäbe ich drum, wenn ich Sie wäre,“ konnte ich nicht umhin, ſehnſüchtig auszurufen. „Ach nein!“ ſagte der Franzoſe mit bekümmerter Miene, und kehrte ſein Geſicht ab, um ſeine Aufregung zu verbergen.„Seit vielen Tagen hab' ich mit dem Glücke gebrochen.“ Der Ton bitterer Verſtimmung, der in dieſen Worten lag, erlaubte keine Erwiederung, und wir wa⸗ ren beide ſtill. Charles— denn ſo muß ich ihn jetzt meinen Leſern nennen, da er mich nöthigte, ihn ſo an⸗ zureden— Charles ſprach zuerſt wieder. „Vor wenigen Monaten noch hatte ich ähnliche Gedanken, wie Sie; aber ſeither wie viele Täuſchungen, wie viel Mißgeſchick.“, „Bei dieſen Worten ging er raſchen Schritts im Zimmer auf und ab;z dann blieb er plötzlich vor mir 116 ſtehen, legte ſeine Hand auf meine Schulter und ſagie mit ernſtem Nachdruck: „Hören Sie auf meinen Rath— befaſſen Sie ſich nicht mit dieſen Leuten; laſſen Sie ſich nicht auf ihre Unternehmung ein. Unternehmung!“ wiederholte er verächtlich—„ſie haben keine. Die einzigen Männer der That hier find ſolche, mit denen kein Mann von Ehre, kein Soldat ſich abgeben kann— ihr einziges Wagniß iſt Raub und Mord. Nein, durch ſolche Hände, wie dieſe, wird keine Freiheit errungen; und die An⸗ dern— die Männer polttiſcher Weisheit, die da von Reform und Volksrecht ſchwatzen, die es gerne ſehen würden, wenn Leute wie ich für die Sache einſtünden, die ſie ſelbſt nicht zu verfechten wagen, ſind alle gleich falſch. Gebt mir,“ rief er, mit dem Fuß auf den Bo⸗ den ſtampfend,„gebt mir eine Halb⸗Brigade von den Unſrigen, einige Schwadronen von Milhaud's Kavalle⸗ rie, und trois bouches à feu, um uns den Weg zu bahnen; aber was ſpreche ich davon?— mitternächt⸗ liches Sengen, grauſames Morden, feige Angriffe auf wehr⸗ und ſchutzloſe Leute— dieß find unſere Feld⸗ züge hier; und ſoll ich dieſe Klinge in ſolch einem Kampfe beſudeln?“ „Sie werden alſo nach Frankreich zurückkehren?“ ſprach ich, indem ich nur etwas ſagen wollte, um ſei⸗ nen Unmuth zu verſcheuchen. „Nie,“ erwiederte er feſt—„nie. Ich allein von allen meinen Landsleuten behauptete, daß es unedel und unmännlich ſei, das Volk hier in ſolch einer Kri⸗ ſis zu verlaſſen. Ich allein glaubte an die Vorſpiege⸗ lungen, die von weit verbreiteter Organiſation gemacht wurden. Voll hoher Hoffnung und kühner Erwartungen übernahm ich das Commando ihrer Armee— ihrer Armee! welch ein Hohn! Während Andere die Amne⸗ ſtie annahmen, verſchmähte ich ſie, und lebte im Ver⸗ borgenen, mein Leben der Gefahr der Gefangenſchaſt ausſetzend; vierzehn Monate lang wanderte ich von 117 Grafſchaft zu Grafſchaft, und ſuchte den Muth zu be⸗ leben, von dem man mir erzählt hatte, man müſſe nur ſeinen Ungeſtüm zu zähmen ſuchen. Ich habe viel Geld ausgegeben, denn es ſtand viel zu meiner Verfügung — ich habe Stellen und Verſprechungen ausgetheilt— ich habe jeden Poſten angenommen, wo eine Gefahr ſich zeigte, und hoffte dafür, die Stunde wäre nahe, wo wir durch einen Ausbruch, worüber Europa ſtaunen müßte, den Muth unſerer Feindeprüfen würden— und wie meinen Sie, daß Alles geendet hat?— aber mein Geſicht glüht, wenn ich nur daran denke— man be⸗ abſichtigt einen Angriff auf die Regierungs⸗Mitglieder im Parlament— einen feigen Mordanfall; und wo⸗ zu? um eine politiſche Union mit England zu hinter⸗ treiben! Haben ſie vergeſſen, daß unſere Sache ein vollſtändiger Bruch war Unabhängigkeit! Offene Feind⸗ ſchaft gegen England! Aber c'est ſni. Ich habe Jh⸗ nen mein letztes Wort geſagt. Geſtern Abend ſetzte ich den Abgeordneten, die nach meiner Meinung einzige Möglichkeit auseinander, wie ihre Unabhängigkeit mit Erfolg behauptet werden könne. Ich gab ihnen die Briefe franzöſiſcher hochgeſtellter Offiziere, die mit mei⸗ nen eigenen Anſichten übereinſtimmen; und ich habe mich verpflichtet, einen Monat länger zu warten, wenn ſie meine Plane der Annahme werth halten, um alle Einzelnheiten zu überlegen und das Nöthige vorzube⸗ reiten. Löoſßgern ſie ſich, dann verlaſſe ich Irland bin⸗ nen einer Woche für immer. In Amerika iſt die Sache, in die ich meinen Ruhm ſetze, noch immer ſiegreich, und dort wird kein eitles Gaukelſpiel mich verfolgen, um meine Anſtrengungen zu lähmen, oder die hohen Hoff⸗ nungen derer, die mir vertrauen, zu entmuthigen. Aber Sie, mein armer Jange— und wie konnte ich Sie über dieſe ganze traurige Geſchichte vergeſſen— ich werde nicht dulden, daß Sie durch falſche Vorſtellungen und ſchmeichelnde Anerbietungen mißleitet werden. Das ſoll mein einziger Troſt ſein, den ich aus dieſem Lande 118 der Anarchie und des Unglücks mit mir nehme— aber auch das iſt etwas— wenn ich ein unerfahrnes und unverdorbenes Herz aus ſo ſchlimmer Geſellſchaft er⸗ rette. Sie ſollen Soldat werden— ſo lange ich hier bin, mein Gefährte ſein; ich will ſorgen, daß Sie ein angenehmes Leben haben; wir wollen miteinander le⸗ ſen und plaudern; und ich will mich bemühen, meine Schuld an Frankreich abzutragen, indem ich ihm einen zuſende, der beſſer als ich dazu taugt, ſeine Adler zu ſchirmen.“ Als ich dieſe Worte hörte, floßen Thränen über meine Wangen, aber keine Sylbe konnte ich aus⸗ ſprechen. „Mein Plan ſcheint Ihnen nicht zu gefallen; wohl— Bevor er ausreden konnte, ergriff ich mit unge⸗ ſtümen Entzücken ſeine Hand mit meinen beiden und drückte ſie an meine Lippen. „Der Handel iſt alſo gemacht,“ ſagte er heiter; „und jetzt wollen wir nicht noch mehr Zeit verlieren; rücken wir dort den Frühſtücktiſch weg und fangen ſo⸗ gleich an.“. Bald war eine andere Tafel ans Feuer gezogen, worauf mein Gefährte eine Maſſe von Büchern, Land⸗ karten und Kupferwerken anhäufte; er benahm ſich in der ganzen Sache mit allem Wohlbehagen, das etwa ein Schulknabe bei irgend einem Spiel empfindet. „Sie ſehen, Tom, daß dieſer Ort für mich ein Gefängniß iſt, darum bin ich nicht ganz uneigennützig bei meinem Vorſchlage. Sie jedoch können fortgehen, wenn es Ihnen beliebt; aber bis Sie die nöthigen Vorſichts maßregeln kennen, die Sie gegen Verfolgungen dehier ſchüßen, iſt es beſſer, Sie wagen ſich nicht in die Stadt.“ „Ich wünſche nicht im geringſten, dieſen Ort zu verlaſſen,“ ſagte ich raſch, während ich mein Auge mit Entzücken auf den Haufen Bücher vor mir warf und an — 119 das Vergnügen dachte, das ich aus denſelben ſchöp⸗ en könnte. „Das müſſen Sie mir erſt nach Ablauf von drei Wochen ſagen, wenn Sie mir zu ſchmeicheln wünſchen,“ verſetzte Charles, während er ſeinen Stuhl näher zog und mit ſeiner Hand auf einen andern deutete.„ Es bedurfte nicht der bezaubernden Liebenswür⸗ digkeit meines Lehrers, um mein Studium zur arzie⸗ hendſten aller Beſchäftigungen zu machen. Kriegswiſſen⸗ ſchaft, auch in ihren ſtärkſten Formen, hatte ein In⸗ tereſſe für mich, dem kein anderes gleich kommen konnte. In dem weiten Gebiete ihrer Nebenfächer eröffnete ſie eine unerſchöpfliche Fundgrube, um den Fleiß anzuſta⸗ cheln und zur Forſchung aufzumuntern. Die großen Weltkriege waren die großen Epiſoden in der Ge⸗ ſchichte, wo Monarchie und Fürſt nichts galten, wenn ſie nicht Feldherrn waren. Mit welchem Entzücken hing ich an den Blättern eines Carnot, eines Jomini; mit welcher geſpannten Aufmerkſamkeit las ich die Erzäh⸗ lung einer Belagerung, wo trotz entſchiedener Ueber⸗ legenheit in Bezug auf Truppenmacht und des Kriegs⸗ bedarfs einige Wenige allen Angriffen des Feindes ohne andere Hülfe als ihrer vollendeten Geſchicklichkeit Wi⸗ derſtand leiſteten. Mit welchem Enthuſiasmus hörte ich von Karl XII., von Wallenſtein, von Prinz Eugen; und wie oft fragte ich mich heimlich, warum die jetzige Welt ſich keiner ähnlichen Helden rühmen könne? bis endlich der Name Buonaparte den Lippen meines Ge⸗ fährten entſuhr, der mit einem Strom lang zurückge⸗ haltener Verehrung eine beredte und leidenſchaftliche Schilderung von dem großen Feldherrn ſeines Zeit⸗ alters entwarf. Sobald ich dieſen Namen gehört hatte, konnte ich an keinen andern mehr denken, wie folgte ich ihm von der Belagerung Toulons an, da er niederkniete neben der Kanone, die er mit eigener Hand richtete, auf die ruhmvollen Schlachtfelder Italiens, und welchen Ein⸗ druck machte auf mich der glorreiche Heroismus jenes Tages von Lodi, beſchrieben von einem Manne, der des Feldherrn„Suivez moi!“ auf der Brücke ſelbſt gehört hatte! Ich folgte ihm durch die pfadloſen Wüſten des Orients, unter die Schatten der Pyramiden, deren Ruhm in der Geſchichte dieſes großen Mannes wieder aufgelebt zu haben ſchien; dann lauſchte ich den Ge⸗⸗ ſchichten— und wie zahlreich waren ſie— ſeiner per⸗ ſönlichen Kühnheit— die Verehrung und Liebe, womit ſeine Leute an ihm hingen, der magiſche Einfluß ſeiner Gegenwart, die unwiderſtehliche Gewalt ſeines Blickes, die kurzen und abgebrochenen Sätze, womit er ſeine Generäle anredete, wurde wie ein Schatz in meiner Seele verwahrt. Charles beſaß ein Miniatur⸗Gemälde vom erſten Conſul, wovon er verſicherte, daß es ihm treffend ähnlich ſei; Stunden lang konnte ich dort ſitzen und dieſe kalten leidenſchaftloſen Augenbrauen angaffen, wo Größe ihren Thron aufgeſchlagen zu ha⸗ ben ſchien. Mit welcher Begierde blickte ich auf die Breite, eherne Stirne— das tief ruhende, durchdrin⸗ gende Auge— den Mund, wo Liebenswürdigkeit und Strenge gemiſcht ſchien— und jenes feingerundete Kinn, das ſeinem Kopf ſo ſehr das Gepräge antiker Schönheit gab! Sein Bild erfüllte jede Nerve meines Gebirns: ſein Auge erſchien mir, wenn ich wachte, und in meinen Träumen glaubte ich ſeine Stimme zu hö⸗ ren. Nie ſchwelgte ein Liebhaber entzückter in der Er⸗ innerung an ſeine Geliebte, als ich in meinen knaben⸗ haften Gedanken an Buonaparte. Wozu wäre ich nicht bereit geweſen, um ihm zu dienen? Was hätte ich nicht wagen wollen, um ein Wort, einen Blick des Lo⸗ bes von ihm zu gewinnen? Alle andern Namen ver⸗ ſchwanden vor dem ſeinigen; vor ſeinem Ruhm er⸗ bleichte jeder andere Stern; die Siege, an die ich zu⸗ vor mit Bewunderung gedacht hatte, betrachtete ich jetzt als geringe Erfolge, verglichen mit dem überwäl⸗ tigenden Strome ſeiner Eroberungen. Charles ſah mei⸗ 121 nen Enthuſiasmus und ſchürte ihn mit eifriger Freude. Ueber jeden Zug ſeines geliebten Führers, der Bewun⸗ derung oder Liebe erregen konnte, verbreitete er ſich mit aller Zärtlichkeit eines Franzoſen für ſein Idol, bis zuletzt die Welt in meinen Augen nur als der Schauplatz für ſeine Größe erſchien, und die Menſchen nur als bloße Werkzeuge für jenes Herrſchertalent, das über die Geſchicke der Nationen verfügte und die Schick⸗ ſale beherrſchte. So verſtrichen Tage, Wochen und ſogar Monate, denn Charles' Intereſſe für meine Studien hatte ihn beſtimmt, ſeinen früheren Reiſeplan aufzugeben, und er nahm jetzt beinahe keinen Antheil mehr an den Ver⸗ handlungen der Abgeordneten, ſondern widmete ſich faſt ausſchließlich mir. Während des Tages kamen wir nie aus dem Hauſe; aber wenn die Nacht einbrach, gingen wir gewöhnlich aus— nicht in die Stadt, ſon⸗ dern auf irgend eine Landſtraße, oft auch an den Ka⸗ nal— wobei ſich unſere Unterhaltung faſt ausſchließlich um unſern Lieblingsgegenſtand drehte; dieſe Wande⸗ rungen leben noch in meinem Gedächtniß mit all der lebhaften Friſche von geſtern, und während mein Herz trauert über den Einfluß, den ſie auf mein ſpäteres Leben übten, kann ich doch nicht das Vergnügen unter⸗ drücken, womit mich auch jetzt noch deren Erinnerung erfüllt. Wie vorſichtig ſollte der ſein, der mit einem Knaben verkehrt; wie ſehr ſollte er bedenken, welchen Einfluß jedes Wort durch die bloße Macht der Jahre übt! Wie ſehr untergräbt und zerſtört die einſchmei⸗ chelnde Gleichſtellung alle Urtheilskraft; und vor Allem, wie gefährlich iſt es, auf die zarte Pflanze die reifen Früchte der Erfahrung zu pfropfen, ohne zu bedenken, wie ſie dort in wahre Geilheit augarten. Es gibt Wenige, die, wenn ſie in ihre Kindheit zurückblicken, nicht im Stande wären, den Urſprung jener Meinungen aufzuſpüren, welche auf alle ſpäteren Jahre ihren Ein⸗ fluß übten; und wenn dieſe Meinungen ihre Geburt denen verdankten, die wir liebten, iſt es dann zu ver⸗ wundern, wenn wir uns an Fehler gewöhnten, die durch Freundſchaft geheiligt ſchienen? Inzwiſchen wurde ich zu einem Manne, wenn nicht an Jahren, doch wenigſtens an Muth und Ehr⸗ geiz. Die meinem Alter natürlichen Neigungen wichen den Studien reiferer Jahre. Kriegsgeſchichte hatte mir einen ſoldatiſchen Geiſt eingeflößt, und nichts konnte mir Vergnügen gewähren, wenn es ſich nicht um den Lieblingsgegenſtand meiner Seele drehte. Auch Charle's eigener Ehrgeiz ſchien ſich in dem meinigen neu zu beleben, und mit Stolz beteachtete er die Fortſchritte, die ich unter ſeiner Leitung machte. Neuntes Kapitel. Die Geſchichte des Franzoſen. Während ſo mein Leben angenehm verſtrich, ſank die Hoffnung der Inſurgenten⸗Partei täglich und ſtünd⸗ lich tiefer; Zwietracht und Mißtrauen zog ſich durch alle ihre Berathungen, Eiferſucht und Verdacht er⸗ wachten unter ihren Leitern. Manche von denen, die bei der Partei im höchſten Credit ſtanden, wurden An⸗ geber bei der Regierung, deren beharrliche Thätigkeit mit jeder Entdeckung ſtieg, und endlich wurden die, die noch vor einigen Monaten Alles gewagt hätten, lau und gleichgültig. Ihr früherer Enthuſiasmus ſchien von Mißmuth verdrängt, und ſie betrachteten die Hin⸗ richtung ihrer Genoſſen und den Schiffbruch ihrer Partei mit fühlloſem Stumpfſinn. Noch einige Zeit vorher hielten die Abgeordneten ſeltene und unregelmäßige Verſammlungen, die endlich ganz aufhörten. Der kühnere Theil, verdrießlich über die Schwäche und Unentſchloſſenheit der Andern, zog ſich zuerſt zurück; die weniger Entſchiedenen bildeten eine neue Geſellſchaft, die weiter nichts bezweckte, als Petitionen und Adreſſen zu ſammeln gegen den großen Plan der Regierung, eine legislative Union mit Eng⸗ and.. 4 In Folge der Wendung, die die Ereigniſſe genom⸗ men hatten, konnte ſich mein Gefährte, wie leicht zu vermuthen, nicht mehr für die Partei intereſſiren, ob er ſich gleich den Anſtrich geben wollte, als halte er noch nicht Alles für verloren, ſo empfand er doch in ſeinem Herzen bitter das Fehlſchlagen ſeiner Hoffnungen, und eine tiefe Melancholie, die nicht einmal durch jene Blitze ſprudelnder Lebensfriſche, die ein Franzoſe im 124 Unglück ſelten verliert, gemildert wurde, überkam ihn nach und nach. Seine Wange wurde bleicher, und ſeine Geſtalt ſchien dahin zu ſchwinden, während die Abnahme ſeiner Kraft und ſein wankender Schritt⸗ verriethen, daß etwas mehr als Kummer an ihm nagte. Dennoch harrte er aus auf der betretenen Bahn un⸗ ſerer Studien, und trotz aller meiner Bemühungen, ihn zu minder angeſtrengter Arbeit zu bewegen, beur⸗ kundete er mit jedem Tage größeren Eifer, als mein Lehrer. Für einige Zeit hatte ihn ein kurzer, harter Huſten mit Bruſtſchmerzen ergriffen, und obgleich der⸗ ſelbe leichten Arzneimitteln nachgab, ſo kehrte er doch immer und immer wieder. Unſere nächtlichen Spazier⸗ gänge mußten daher ausgeſetzt werden, und die Be⸗ ſchränkung auf's Haus lähmte ſeine Lebenskräfte und ſchwächte ſeine Nerven. So jung ich war, konnte ich ſein entſtelltes Geſicht und ſeine abgemagerte Geſtalt nicht oyne herzdurchbohrende Furcht anſehen, er möchte ernſtlich krank werden. Er bemerkte meine Aengſtlichkeit bald, und ſuchte mich mit der Verſicherung aufzurichten, daß dieſe Anfälle, an die er ſchon ſo lange gewohnt ſei, nie lange dauerten und nichts Gefährliches hätten; aber der hohle Ton, in dem er ſprach, benahm dieſen Worten allen Troſt für mich. Deer Winter, welcher ungewöhnlich lang und ſtreng geweſen, ging endlich vorüber; ihm folgte ein Frühling, milder und angenehmer, als er in unſerem Clima ge⸗ wöhnlich iſt; das Sonnenlicht ſiel quer nieder durch den ſchmalen Hof und ergoß ſich in Einem glänzenden Streifen auf unſere Hausflur. Charles ſprang auf, ſeine dunkeln Augen, hohl und eingeſunken, glühten in ungewöhnlichem Glanz, und ſeine hagere, einge⸗ fallene Wange überzog ſich plötzlich mit einem flam⸗ menden Roth. 1 „Mon cher,“ fagte er mit zitternder, bewegter Stimme,„ich denke, wenn ich von hier ſortginge, ſo könnte ich geneſen.“ 125 Die Möglichkeit ſeines Todes war mir bis dieſen Augenblick doch nie in den Sinn gekommen und ich brach bei dieſem jammervollen Gedanken in Thränen aus. Von Stunde an konnte ich mich deſſelben nicht mehr erwehren, und jeder Ton ſeiner leiſen, ſanften Stimme, jeder Blick ſeines dunkeln, milden Auges ſank in mein Herz, als hörte oder ſähe ich ſie zum letzten⸗ male. Was die politiſchen Umſtände betraf, ſo war bei einer Entfernung von unſerem bisherigen Aufent⸗ halte jetzt nichts zu fürchten, und wir beſchloßen, die Stadt zu verlaſſen und unſere Wohnung in der Graf⸗ ſchaft Wicklow aufzuſchlagen. An der Durchfahrt von Glenmature lag eine kleine Hütte, wovon mein Ge⸗ fährte beſtändig ſprach; er hatte bereits zwei Nächte dort zugebracht und den Ort nicht ohne den Entſchluß verlaſſen, zurückzukehren und ſich an der lieblichen Land⸗ ſchaft umher zu erfreuen. Der Monat April neigte ſich ſeinem Ende zu, als wir eines Morgens bald nach Sonnenaufgang Dublin verließen. Ein ſchwerer Nebel, wie ſolche öfters in nördlichen Gegenden einem ungewöhnlich glänzenden Tage vorangehen, verhüllte unſern Augen unterwegs mehrere Meilen weit jeden Gegenſtand. Charles ſprach kaum; die erhöhte Anſtrengung ſchien ihn ermüdet und erſchöpft zu haben, und er legte ſich in den Wagen zu⸗ rück, das Sacktuch vor dem Mund, und ſeine Augen halb geſchloſſen. Wir hatten die kleine Stadt Bray hinter uns und kamen auf jene lange Straße, welche zwiſchen den zwei„Zuckerhüten“ durch das Thal gebt, als plötzlich die Sonne hervorbrach; die ſchweren Nebelwolken er⸗ hoben ſich träge über das Thal und lagerten ſich längs der Bergabhänge, bei ihrem Aufſteigen fruchtbare Fel⸗ der und dunkle Maſſen düſterer Felſen enthüllend. Oben varauf erſchien die Heide in wahrer Purpurgluth, gleich einem prachtvollen Amethyſt, je nachdem der röthliche Sonnenſchein darauf ſpielte oder den glänzenden Granit 8 126 beſtrahlte, der aus dem üppigen Pflanzenwuchs hervor⸗ ragte. Allmählig kam die Schlucht näher; die Berge glichen Einer ungeheuren Kette, zerriſſen durch irgend eine große Erſchütterung, aus ihren ſchroffen Wänden war zu erſehen, daß ſie einſt verbunden geweſen, alte und mächtige Baumſtämme hingen drohend über den Engpaß; ein dumpfes Echo erhob ſich unter den Tritten der Pferde, der Platz hatte eine wilde, düſtere Größe, und während ich ihn aufmerkſam anſah, fühlte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter, ich kehrte mich um— es war Charles, ſeine Augen waren auf die Scene geheftet, ſeine Lippen vor Begierde geöffnet, er ſprach endlich, aber zuerſt war ſeine Stimme heiſer und dumpf, allmählig wurde ſie voller und reicher, und zuletzt ergoß ſie ſich in all ihrer gewohnten Stärke und Rundung. „Sehen Sie dort!“ rief er, mit ſeinem dünnen, abgemagerten Finger auf den Paß deutend.„Welch, eine Schlucht zur Vertheidigung! Die Colonne mit zwei Stücken Geſchütz auf der Straße; die Reiterei ſtellt ſich dort hinten auf, wo Sie den freien Raum ſehen, und rückt zwiſchen den offenen Reihen des Fuß⸗ volks vor; die Plänkler längs jenes Bergrückens zer⸗ ſtreut, wo das Ginſter am dickſten iſt, oder dort drun⸗ ten unter jenen Felsmaſſen. Sacristi!— welch' ein Feuerwerk könnten ſie abbrennen! Sehen Sie, wie hier und dort an der Bergwand der blaue Rauch auf⸗ ſteigt und die Muskete knattert— die Plänkler ſind's — und doch dem Feind unerreichbar; denken Sie dann an den rollenden Donner der Achtzehnpfünder, der dieſe alten Berge erſchüttert, und hinterher das lang anhaltende Krachen des Pelotons, und wie die dunklen Tſchakos über den Rauch emporragen, und dann das laute Vivat! Ich meine, ich hör' es.“ Seine Wange wurde dunkelroth, wie er ſo ſprach, ſeine Adern ſchwollen auf; ſeine Stimme, obgleich laut, verlor nichts an ihrem muſikaliſchen Tonfall, und 7 127 ſein ganzer Blick verrieth Aufregung, grenzend an Wahnfinn. Plötzlich erhob ſich ſeine Bruſt, ein furcht⸗ barer Anfall von Huſten ergriff ihn, und er fiel vor⸗ wärts auf meine Schulter. Ich richtete ihn auf, und wie erſchrack ich, als ich bemerkte, daß ſeine ganze Weſte und Halsbinde in hellrothem Blut gebadet war, das ihm aus dem Munde ſtrömte. In ſeiner heftigen Aufregung war ihm ein Blutgefäß geſprungen, und tzt lag er blaß, kalt und bewußtlos in meinen Ar⸗ en Es dauerte lange, bis wir weiter fahren konnten; denn obgleich glücklicherweiſe das Bluten nicht fort⸗ dauerte, ſo folgte doch Stunden lang eine Ohnmacht auf die andere. Endlich waren wir im Stande, wie⸗ der weiter zu reiſen, aber nur im Schritt. Für den Reſt des Tages ruhte ſein Haupt auf meiner Schulter und ſeine kalte Hand in der meinigen, während wir langſam den langwierigen Weg nach Glenmature zu⸗ rücklegten. Die Nacht brach an, als wir das Ziel unſerer Reiſe erreichten; hier jedoch erwartete uns alle erdenk⸗ liche Güte und Aufmerkſamkeit; und ich hatte bald das Glück, meinen armen Freund in ſeinem Bette mit aller Ruhe und Leichtigkeit eines Kindes ſchlafen zu ſehen. Von jetzt an erſtickte meine Furcht für ihn jeden andern Gedanken. Ich überwachte mit peinlicher Span⸗ nung jede Veränderung in ſeiner Krankheit, mit ſchmerz⸗ lich beklommenem Herzen beobachtete ich jedes Symp⸗ tom. Wie manchmal erfüllte. mich das falſche Roth der Schwindſucht mit froher Hoffnung! Wie oft ſchickte ich auf meinen einſamen Spaziergängen ein Dankgebet empor, wenn die trügeriſche Glut des Fiebers ſeine bleiche Wange färbte und ſeinem eingeſunkenen trüben Auge einen unnatürlichen Glanz verlieh. Die ganze Welt war mir nichts, außer inſofern ſie ihn betraf. Bei jeder Wolke, die droben am Himmel zog, bei jedem Lüftchen, das wehte, dachte ich an ihn; wenn je m 128 ich ſchlief, ſtand ſein Bild vor mir, ſeine Stimme ſchien mich oft in der Stille der Nacht zu rufen, und wenn ich erwachte und ihn ſchlafen ſah, konnte ich Traum und Wirklichkeit nicht unterſcheiden. Seine Kräfte ſchwanden ſchnell dahin, obgleich die milde Sommerluft und der Schutz des tiefen Thales ſeinen Huſten gelindert zu haben ſchien, ſo nahm doch ſeine Schwäche mehr und mehr zu. Auch ſein Cha⸗ rakter ſchien eine eben ſo große und auffallende Ver⸗ änderung erlitten zu haben, wie ſeine Geſundheit. Der hochſtrebende, ritterliche Ehrgeiz, der ſoldatiſche Herois⸗ mus, der glühende Geiſt des Patriotismus, der ihn ſonſt ausgezeichnet hatte, war einer tiefen Melancholie, einer faſt weibiſchen Zärtlichkeit gewichen, ſo daß er gerne die kleinen Kinder der Hütte bei ſich hatte, ihr unſchuldiges Geſchwätz anhörte und ihre kindiſchen Sprünge betrachtete. Auch ſprach er von ſeiner Hei⸗ math, von dem alten Schloſſe in der Provence, wo er geboren war und beſchrieb mir deſſen veraltete Te⸗ raffen und zierliche Baumgänge, wo er einſt als Knabe mit ſeiner Schweſter umhergeſchweift. „Arme Marie!“ ſagte er, während eine tiefe Röthe ſeine blaſſe Wange überzog,„wie hab' ich Dich ver⸗ laſſen!“ Der Gedanke war voll Schmerz für ihn, und er ſprach an dieſem Tage kaum ein Wort mehr. Einige Tage nach dieſer erſten Erwähnung ſeiner Schweſter ſaßen wir zuſammen vor der Hütte unter dem Schatten eines großen Wallnußbaumes, deſſen bereits hervorgebrochenes Laub die Strahlen der Sonne milderte, wenn nicht abhielt. „Sie hörten mich von meiner Schweſter reden,“ ſagte er mit leiſer, gebrochener Stimme.„Sie iſt das einzige Weſen, das mir auf Erden nahe ſteht. Wir wurden als Kinder mit einander auferzogen, lernten dieſelben Spiele, hatten dieſelben Lehrer, verbrachten den langen Tag hindurch keine Stunde ohne einander und drückten Nachts, wenn wir in den Schlaf ſanken, 129 einander die Hände. Was ich je von mädchenhafter Liebenswürdigkeit und weiblicher Vollkommenheit ge⸗ träumt hatte, das war ſie mir, und ich war ihr Ideal von knabenhafter Keckheit, jugendlicher Kühnheit und männlichem Unternehmungsgeiſt. Wir liebten einander — wir fühlten, daß wir keiner andern Neigung be⸗ durften, außer der, welche aus unſerer Wiege entſprang und uns das Leben hindurch anhing. Ihr Herz ſchien für all die Glückſeligkeit geſchaffen, welche die menſch⸗ liche Natur genießen kann; ihr Auge, ihre Lippe, ihre blühende Wange kannte keinen andern Ausdruck, als ein Lächeln; ihr Gang war ein Schweben, ihr Lachen klang Einem in's Herz, wie Freudengeläute durch die Lüfte, und doch! und doch! Ich ſtürzte dieſes Herz in Kummer und dieſe Wange machte ich bleich, hohl und eingeſunken, wie Sie jetzt meine eigene ſehen. Mein verwünſchter Ehrgeiz, der nicht zufrieden blieb mit meiner Laufbahn, warf ſeinen verderblichen Schatten über die ihrige. Die Geſchichte iſt kurz und ich kann ſie Ihnen erzählen.“ „Als ich die Provence verließ, um unter die Süd⸗ armee zu treten, war ich genöthigt, Marie unter der Obhut eines alten entfernten Verwandten zu laſſen, der etwa zwei Meilen von uns an der Loire wohnte. Der Chevalier war ein Wittwer, mit einem einzigen Sohn meines Alters, von dem ich nichts wußte, außer daß er niemals ſeines Vaters Haus verlaſſen hatte, ſtets daheim erzogen worden war und für einen mür⸗ riſchen, zurückgezogenen Bücherwurm galt, der die Welt ſcheute, und das einſame Leben auf einem Pro⸗ vinzialſchloſſe den fröhlichen Zerſtreuungen von Paris vorzog. Miein einziger Kummer, als ich meine arme Schwe⸗ ſter ſolchen Händen anvertraute, war die ſchreckliche Langweiligkeit des Aufenthaltes— aber als ich von ihr Abſchied nahm, ſagte ich doch lachend: Prenes- Tom Burke. I. 9 2 130 garde, Marie! verliebe Dich nicht in Claude de Lauzan.“ „„Armer Claude!““ ſagte ſie, in Gelächter ausbre⸗ chend,„„in welche traurige Verlegenheit käme er da!““ Mit dieſen Worten ſchieden wir.. Ich machte den Feldzug nach Italien mit, wo ich, wie ich Ihnen vielleicht ſchon allzuoft erzählt habe, einige Gelegenheiten hatte, mich auszuzeichnen und auf dem Schlachtfeld von Arcole zum Eskadronschef befördert wurde. So groß auch meine knabenhafte Wonne über mein Glück war, ſo glaube ich doch, mein höchſtes Entzücken entſprang aus dem Gedanken, wie Marie ſich freuen würde, wenn ſie meinen Brief mit den Neuigkeiten erhielte. Ich ſchrieb ihr faſt jede Woche und erhielt von ihr eben ſo oft Antwort. Da⸗ mals ſiel mir nicht— wie ſpäter— der veränderte Ton ihrer Briefe auf. Wie allmählig der hochſtrebende Muth, der ihre früheren Antworten beſeelte, in ſchmerz⸗ liche Beſorgniſſe über die Laufbahn eines Soldaten niedergezähmt wurde, ihre Trauer um die, deren er⸗ oberte Länder von Feuer und Schwert verheert wur⸗ den, ihr Tadel eines Krieges, deſſen Ungerechtigkeit ſie mehr als nur andeutete und endlich ihre eingeſtandene Vorliebe für jene friedlichen Lebenspfade, welche dem Wohl der Mitmenſchen geweiht ſeien und der Vereh⸗ rung deſſen, der alle unſere Hingebung verdiene. Dieſe Veränderung, ſage ich, merkte ich nicht; das Getöſe des Lagers, das Geklirre der Waffen, das Geraſſel berittener Schwadronen ſind ſchwache Beihülfen zum Nachdenken; und ich ſtellte mir Marie nicht anders vor, als wie ich ſie verlaſſen hatte. . Nach einer Abweſenheit von einigen Monaten kehrte ich in die Provence zurück, das croix d'hon- neur auf meiner Bruſt, den bei Lodi gewonnenen Säbel an meiner Seite. Ich bünzt⸗ in das Zimmer, brennend vor Ungeduld, meine Schweſter in meine Arme zu ſchließen und ihr alle meine Heldenthaten und 3 131 Gefahren zu erzählen; ſie empfing mich mit ihrer alten Herzlichkeit, aber wie verändert in ihrer Geſtalt! Ihre fröhliche, mädchenhafte Munterkeit und Unbefangenheit war dahin, ſtatt deſſen ſpielte ein mildes, trauriges Lächeln um ihre Lippe, und ein tiefer, gedankenvoller Blick lag in ihrem dunkeln, braunen Auge; ſie ſchien nicht minder ſchön; nein, im Gegentheil, ihre Liebens⸗ würdigkeit war zehnfach erhöht, aber die unerwartete Veränderung verſetzte meinem Herzen einen ſchweren Schlag. Ich ſah mich um, als ſuchte ich nach irgend einer Erklärung, und da ſtand Claude— blaß, ſtill und regungslos vor mir; ihr Blick ſchien aus ſeinen ruhigen Zügen wieder, ihr Lächeln ſtand auf ſeinen Lippen. In einem Augenblick durchzuckte mich die ganze Wahrheit; ſie liebte ihn. Es gibt Gedanken, die uns zerſpalten, wie Blitze den Felſen, neue Oberflächen öffnend, die ſeit der Schöpfung verborgen lagen, und feſtgekittete Sympathien zerreißend, gleich dem gebor⸗ ſtenen Granit— ſo ſtand es mit mir. Von dieſer Stunde an haßt' ich ihn; gerade die Tugenden, die unter glücklichern Umſtänden uns gleich Brüdern ge⸗ macht hätten, goßen nur Oel in die Flamme. Mein Nebenbuhler hatte er mich meiner Schweſter beraubt, meines einzigen großen Schatzes auf Erden; und Alles, was ich gewagt und gewonnen hatte, ſchien arm, oſtachtbar und werthlos, ſeit ſie es nicht mehr ätzte. In derſelben Nacht noch ſchrieb ich einen Brief an den erſten Conſul. Ich kannte ſeinen eifrigen Wunſch, dem Gefolge Joſephinens ſo viele Glieder der alten Ariſtokratie zuzuertheilen, als ſich dazu ver⸗ ſtehen würden. Er hatte mir mehr als einmal ange⸗ deutet, der Ruf von der Schönheit meiner Schweſter ſei bis in die Tuillerien gedrungen, bei ſolchen Vor⸗ zügen, wie ſie habe, paſſe die Abſperrung in einem Schloſſe der Provence nicht. Ich äußerte ohne weiteres meinen Wunſch, ſie möchte als eine der Hofdamen 132 aufgenommen werden und erklärte meine Bereitwillig⸗ keit, ihr eine anſtändige Summe auszuſetzen, um ſich in ſo hoher Sphäre behaupten zu können. Dieß, müſ⸗ ſen Sie wiſſen, iſt die Art und Weiſe, wie die Mit⸗ glieder einer Familie dem Conſul erklären, daß ſte ihm alle väterlichen Rechte über die anvertraute Perſon übergeben, nebſt der Vollmacht über ihre Verheirathung zu verfügen. Vor Tagesanbruch war mein Brief unterwegs nach Paris; in weniger als einer Woche kam die Ant⸗ wort, worin mein Vorſchlag in den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken angenommen und ich aufgefordert wurde, mit meiner Schweſter in den Tuillerien zu erſcheinen und das Commando eines neugebildeten Eliten⸗Regi⸗ ments zu übernehmen. Bei der darauf folgenden Scene will ich mich nicht aufhalten. Die bloße Erinnerung daran iſt zu viel für meine ſchwindenden Lebenskräfte. Claude warf ſich zu meinen Füßen und bekannte ſeine Liebe; er erklärte ſich zu Allem bereit, was ich ihm diktiren würde: er wolle unter die Armee treten, er wolle als Freiwilliger nach Aegypten. Der arme Teufel! Seine zitternde Stimme, ſeine blutloſen Lippen vertrugen ſich übel mit dem Heroismus ſeiner Worte. Ich durfte nur verſprechen, daß Marie am Ende ihm gehören dürfe, und er hätte keine Gefahr geſcheut; auf mein Geheiß hätte er jede Bahn betreten, ſo ſehr auch ſeine Natur ſich dagegen geſträubt hätte. Ich weiß nicht, ob mein Herz derlei Betheuerungen hätte widerſtehen können, hätte ich noch die Wahl gehabt; aber jetzt war der Würfel gefallen. Ich händigte ihm den Brief des erſten Conſuls ein, er öffnete ihn mit zitternder Hand, als hätte er das Zipperlein, und las ihn durch; nachdem er fertig war, gab er mir ohne ein Wort den Brief zurück und lehnte ſeinen Kopf an das Ka⸗ min. Ich konnte ſeinen Anblick nicht ertragen und verließ das Zimmer.. Als ich zurückkehrte, war er fort. An demſelben Abend reiste ich mit meiner Schweſter nach Paris. Marie ſprach unterwegs kaum ein Wort— eine blöde, ſtumpfſinnige Gleichgültigkeit gegen alle Menſchen und Dinge hatte ſich ihrer bemächtigt, und ſie ſchien gänz⸗ lich unbekümmert, wohin wir gingen. Dieſer Zuſtand wich allmählig einer tiefen Melancholie, die ſie nie verließ. Bei unſerer Ankunft in Paris wagte ich nicht, mich mit ihr in den Tuilerien vorzuſtellen; ihr Uebel⸗ befinden zum Vorwand nehmend, blieb ich einige Wo⸗ chen in Verſailles, um durch Zärtlichkeit und Sorgfalt dieſe traurige Wendung ihrer Krankheit wo möglich zu heben. Ungefähr ſechs Wochen nachher las ich im Journal des Debats eine Anzeige, daß Claude de Lauzan die heilige Weihe empfangen habe und als Pfarrer von La Fleche in der Bretagne angeſtellt wor⸗ den ſei. Dieſe Nachricht durchzuckte mich im erſten Augenblick wie ein Donnerſchlag, aber nach einigem Nachdenken fing ich an zu glauben, dies ſei vielleicht das beſte, was ſich hätte zutragen können; und mit dieſer Anſicht über die Sache ließ ich die Zeitung in Marie's Händen. Ich hatte Recht. Am nächſten Morgen erſchien ſie nicht zum Frühſtück, eben ſo wenig zeigte ſie ſich den ganzen Tag über. Am folgenden Tage desglei⸗ chen; aber am Abend kamen einige mit Bleiſtift ge⸗ ſchriebene Zeilen, worin ſie ſagte, ſie wünſche mich zu ſehen. Ich ging hin— aber ich kann Ihnen nichts davon erzählen. Mein Herz blutet, wenn ich an fie denke, wie ſie aufſaß in ihrem Bette— ihr langes dunkles Haar in ſchweren Maſſen über ihre Schultern fallend, und ihr noch dunkleres Auge in einem Glanze flammend, der einem ſchwebenden Geiſte glich. Sie fiel mir um den Hals und weinte laut; ihre Thränen rannen über meine Wange, und ihr Schluchzen er⸗ ſchütterte mich. Ich weiß nicht, was ich ſagte, aber ich erinnere mich, daß ſie in Alles willigte, was ich für ſie eingeleitet hatte; ſie lächelte ſogar krankhaft, als ich davon ſprach, welch' eine Zierde ſie für die belle cour ſein würde, und ſo ſchieden wir. „Dieß war die letzte gute Nacht, die ich ihr ge⸗ wünſcht habe. Am nächſten Tage wurde ſie bei Hof empfangen, und ich wurde nach der Normandie beor⸗ dert; von dort nach Boulogne, und bald darauf nach Irland geſchickt.“ „Aber Sie haben ihr geſchrieben?— Sie haben von ihr gehört?“ „Ach nein! Ich habe einmal über das andere Mal geſchrieben, aber entweder hat ſie meine Briefe nicht empfangen, oder ſie will ſie nicht beantworten.“ Der kummervolle Ton, worin er ſchloß, geſtattete keinen Verſuch zum Troſte, und wir ſchwiegen; endlich nahm er meine Hand in die ſeinige, und mit ſeinen fieberhaften Fingern ſie drückend, ſagte er: „Es iſt ein grauenhafter Gedanke, dietenigen elend zu machen, für deren Glück wir gern unſer Herzblut vergoſſen hätten.“ 137 deren Weg nur durch Blutvergießen geht; und manche Weiſe, welche die Gefahren wohl erwägen, halten ſie für hoffnungslos. Dein Vaterland iſt Fran kreich! dort iſt die Freiheit errungen; dort lebt ein großer Mann, und rühmlich iſts von ihm, wenn auch nur vorüber⸗ gehend, bemerkt zu werden. Wäre mir ein längeres Leben gegönnt, ſo könnte ich Dir dort dienen— aber ich kann auch jetzt etwas für Dich thun.“ Er ſetzte eine Weile aus; dann zog er den Vor⸗ hang ſachte auf die Seite und ſagte: pelllns vielleicht Mondſchein? es iſt ja ſo ſchön ell! „Ja,“ ſprach ich,„es iſt Vollmond.“ Bei dieſen Worten ſetzte er ſich auf und ſah be⸗ gierig durch das kleine Fenſter. „Ich habe einen freilich wunderlichen Einfall, über den ich oft bei Andern gelächelt habe, aber jetzt will er auch mich nicht verlaſſen— es handelt ſich um die Stelle, wo man mich hinlegen ſoll, wenn ich todt bin. In der Tiefe dieſes Thales iſt eine kleine Ruine, Du mußt Dich derſelben noch wohl erinnern. Wenn ich mich nicht irre, iſt nahe daran eine Quelle. Ich er⸗ innere mich, dort an einem heißen und ſchwülen Juli⸗ Tage ausgeruht zu haben. Es war ein ereignißvoller Tag— wir ſchlugen die Truppen des Königs und mach⸗ ten 70 Gefangene; ich ritt von Arklow hier herunter, um einigen Kriegsvorrath zu holen, den wir in einer von den Bleigruben verborgen hatten. Ich erinnere mich, daß ich neben dieſer Quelle einſchlief und einen ſo köſtlichen Traum hatte von der Heimat, als ich ein Kind war, und von einem Pony, auf dem ich ge⸗ wöhnlich, mit Marie hinter mir, zu reiten pflegte; und ich dachte, wir galoppirten durch den Weingarten, während ſie halb lachend, halb in Furcht, um den Leib mich umklammerte; und als ich erwachte, konnte ich mich nicht erinnern, wo ich war. Ich möchte gerne 138 dieſe alte Stelle wiederſehen, und fühle mich ſtark genug, es jetzt zu verſuchen.“ Ich bot alle meine Ueberredungskunſt auf, um ihn von ſeinem Vorhaben, ſo weit und noch dazu in der Nachtluft, zu gehen, abzubringen; aber je mehr Vernunftgründe ich dagegen vorbrachte, deſto hart⸗ näckiger beſtand er auf ſeinem Vorhaben, und ich ſah mich endlich genöthigt, obgleich mit innerlichem Wider⸗ ſtreben, meine Einwilligung zu geben, und ihm zum Aufſtehen und Ankleiden zu helfen. Seine anfängliche Lebhaftigkeit nahm unter der Anſtrengung bald ab, und noch ehe wir eine Viertel⸗ meile gegangen waren, wurde er matt und müde; dennoch beharrte er dabei, und wankte, ſchwer auf meinen Arm geſtützt, vorwärts. 5 „Wenn ich keine beſſern Fortſchritte mache,“ ſagte er traurig lächelnd,„ſo werde ich nicht ohne Hülfe zurück können.“ S Endlich erreichten wir die Ruine, die, gleich vie⸗ len alten Kirchen in Irland, ein bloßes Giebeldach war, mit Epheu überwachſen, und von einem einzigen Fenſter durchbrochen, deſſen roh geformter Bogen gro⸗ ßes Alter verrieth. Spuren von den Seitenwänden waren zum Theil noch da; aber das Innere des Ge⸗ bäudes war mit Grabſteinen und Todtenhügeln ange⸗ füllt, weil das Volk demſelben eine übergewöhnliche Heiligkeit zuſchrieb; Ampferkeaut und Neſſeln wuchſen üppig darunter empor, das lange Gras lag ſchwer“ und dicht zu Boden. Wir ſetzten uns ein wenig hin und betrachteten den traurigen Ort: einige Kränze verwitterten auf rohen, hölzernen Kreuzen, die Letzten von denen bezeichnend, die dort ihre Ruhe ſuchten, und auf dieſe waren die Augen meines Gefährten mit melancholiſchem Nachdenken geheftet.. Wie lange wir dort ſchweigend ſaßen, weiß ich nicht, aber ein Raſcheln im Epheu hinter mir war das Erſte, das meine Aufmerkſamkeit feſſelte; ich kehrte 139 mich ſchnell um und erblickte in dem Fenſter der Ruine den Kopf eines Mannes, der ſich neugierig gegen uns zubückte; zugleich fiel das Mondlicht auf ihn, und ich ſah, daß ſein Geſicht geſchwärzt war. „Wer da?“ rief ich laut und deutete für meinen Gefährten mit dem Finger auf die Stelle. Keine Antwort. Ich wiederholte meine Frage noch lauter; aber noch immer erfolgte keine Antwort, waͤhrend ich bemerken konnte, daß ſich der Kopf ſachte herumdrehte, um mit einem Andern außerhalb zu ſprechen. Jetzt kamen von der Seite der Ruine her Fußtritte und das dumpfe Gemurmel mehrerer Stimmen, und zu⸗ gleich ſtanden einige Dutzend Männer, mit geſchwärz⸗ ten Geſichtern und weißen Zeichen auf den Hüten, rings um uns gleichſam aus dem Boden auf. „Was thut ihr hier zu dieſer nächtlichen Stunde?“ bat⸗ Eine harte Stimme, die nicht viel Freundlichkeit verhieß. „Wir dürfen in der Gegend umher gehen, wann wir wollen, ſo gut wie ihr, hoffe ich,“ war meine Antwort. „Ich kenne ſeine Stimme wohl,“ ſagte ein An⸗ derer aus dem Haufen:„ ich ſagte ja, daß ſie's wären.“ „Seid Ihr es, die bei Wiſd im Thale wohnen?“ ſagte der Erſte. „Ja,“ verſetzte ich. „Und dürfen wir wiſſen, was ihr vorhabt, daß ber jetzt zu uns kommt?“ wiederholte er in höhniſchem one. „Sei ruhig, Lanty— es iſt der franzöſiſche Offi⸗ zier, der ſich bei Roß ſo tapfer bielt: er kümmert ſich wenig um Geld, das weiß ich. Ich ſah ihn eine Hand voll Gold unter die Jungen werfen, als ſie Halt mach⸗ ten, um zu plündern, und er befahl ihnen, zuerſt ihre Pflicht zu thun, hernach wolle er ihnen genug geben.“ „Vielleicht verſteht er ſich auch jetzt dazu,“ ſagte eine Stimme aus dem Haufen in ironiſchem Tone, worüber die Andern ein lautes Gelächter aufſchlugen. „Still!“ rief der erſte Sprecher in befehlendem Tone;„wir haben wenig Zeit zu Späßen.“ Mit die⸗ ſen Worten warf er ſich ſchwer nieder auf die Bank neben de Meudon, legte ſeine Hand vertraulich auf ſeinen Arm und ſagte mit leiſer, aber klarer Stimme —„die Jungen kommen heute Nacht hieher, um für drei Mann zu looſen, welche den Barton verſorgen ſollen, der geſtern gekommen iſt und in der Barracke vort ſich aufhält. Wir wußten, daß Ihr endlich nicht wohl wart, und wollten Euch nicht ſtören; aber jetzt, da Ihr von ſelbſt unter uns gekommen ſeid, iſt es nur anſtändig und vernünftig, daß Ihr es mit den Andern wagt und mit ihnen looſt.“ „Ach, er iſt zu ſchwach— der Mann iſt am Ster⸗ ben,“ ſagte eine Stimme in der Nähe. „Und wenn er es iſt,“ bemerkte ein Anderer,„ſo müſſen wir uns doch ſicher ſtellen, daß er uns nicht verräth.“ „Der Teufel über ſolche Furcht,“ ſagte der erſte Sprecher;„er iſt treu bis ins Mark hinein; ich kenne Leute, die ihn wohl kennen.“ Inzwiſchen hatte ſich de Meudon aufgerichtet und ſtand an einen langen Grabſtein neben ihm gelehnt; ſeine Reiſekappe ſiel unter ſeiner Anſtrengung, aufzu⸗ ſtehen, nieder, und ſein langes, dünnes Haar floß in Maſſen auf ſeine blaſſen Wangen und ſeine Schultern herab; der Mond ergoß ſein volles Licht auf ihn und welchen Contraſt bildeten ſeine edlen Züge gegen die rohe Bande, die um ihn ſaß und ſtand! „Iſt es ein Mordplan, ein Plan zu einer kalten, feigen Meuchelei, was Ihr mir vorzuſchlagen wag⸗ tet?“ ſagte er, einen Blick ſtolzen Unwillens auf den werfend, der ihr Führer ſchien.„Verſteht Ihr ſo meine Anweſenheit in Eurem Lande und meine ÜUnterſtützung Eurer Sache? Denkt Ihr, darum hätte ich die ruhm⸗ 141 4. 5 volle Armee Frankreichs, das Feld ehrenhaften Krieges verlaſſen, um mich zu Leuten zu geſellen, wie Ihr V ſeid? Ja, wenn es das letzte Wort wäre, das ich 5 auf Erden ſprechen könnte, ſo würde ich Euch. anzei⸗ gen, Ihr Elenden, die Ihr mit Blut und Mord die heilige Sache befleckt, wofür die Beſten und Kühnſten geblutet haben.“ Das Knacken eines Gewehrſchloſſes drang barſch in mein Ohr und machte mein Blut vor Schrecken G erſtarren; auch de Meudon hörtg es und fuhr fort: „Ihr verkürzt mein Leben nur um eine oder zwei Stunden——; ich bin fertig.“ Er hielt inne, gleichſam um den Schuß zu erwar⸗ ten; Todtenſtille erfolgte; es dauerte einige Minuten, als er weiter ſpracht: „Ich kam dieſe Nacht hieher, ohne von Euern Abſichten etwas zu wiſſen, ohne Euch zu erwarten; ich kam hieher, ein Grab zu wählen, wo ich zu ruhen hoffte, bevor noch eine Woche vergeht; wenn Ihr es früher wollt, ſo hab' ich nichts dagegen.“ Dumpfes Gemurmel rann durch den Haufen und mitten aus dem Gewirre der Stimmen hörte man et⸗ was, das wie Erbarmen lautete. „Laßt ihn denn in Gottes Namen heimgehen,“ ſagte Einer aus der Zahl;„das iſt das Beſte.“ „Ja, bringt ihn heim,“ ſagte ein Anderer, an mich ſich wendend.„Dan Kelly iſt ein harter Mann, wenn er aufgebracht iſt.“ . Die Worte wurden allerſeits wiederholt, und ich führte de Meudon fort. Er ſtützte ſich auf meinen Arm; denn jetzt, da die Aufregung vorüber war, be⸗ ſchlich ihn eine ſtumpfe Gleichgültigkeit, und er ging an meiner Seite her, ohne zu ſprechen. Ich geſtehe, nicht ohne Zittern, und nicht ohne manchen Blick rückwärts auf die alte Ruine kehrte ich heim nach unſerer Hütte: es lag etwas in ihren Bli⸗ 3 cken, weshalb ich für meinen Gefährten zitterte, und noch jetzt weiß ich nicht, warum ſie ihn damals ver⸗ ſchonten.. Eilftes Kapitel. Zu ſpät. Der Tag, welcher auf die erwähnten Ereigniſſe folgte, war ein trauriger für mich. Die Ermüdung und Aufregung zuſammen brachten de Meudon in ein Fieber. Sein Kopf war angegriffen und noch vor Abend begann er, irre zu reden. Alle ſeltſamen Er⸗ eigniſſe ſeines bunten Lebens gingen in ſeinen geſtör⸗ ten Sinnen durch einander und Stunden lang ſprach er von Italien und Aegypten, von den Tuilerien, der Vendee und von Irland, ohne Unterlaß. Die ganze Nacht konnte er nicht ſchlafen und am folgenden Tag erſchienen die Symptome noch bedenklicher. Sein Irr⸗ ſinn wurde immer wilder und mir fiel es immer ſchwe⸗ rer, ſeinen Reden zu folgen. Er verlor alle Erinne⸗ rung an mich, und zuweilen ſtürzte ihn mein Anblick in die ſchrecklichſten, heftigſten Paroxismen; während er bei andern Stimmungen meine Hand Stunden lang halten konnte und meine Gegenwart als etwas Trö⸗ ſtendes zu fühlen ſchien. Seine häufige Rückkehr zu der Scene im Kirchhof zeigte den tiefen Eindruck, den ſie auf ſeine Seele gemacht, und welchen unſeligen Einfluß ſie auf ſeine Krankheit hatte. 3 So vergingen zwei Tage und Nächte. Am drit⸗ ten Morgen ſchien er vor Erſchöpfung in eine falſche Ruhe geſunken. Sein wildes, ſtarres Auge war trä⸗ ger geworden; ſeine Bewegungen weniger heftig; die rothen Streifen hatten ſeine Wangen verlaſſen; ſein 1 — “ 143 Mund war aufgeſperrt und ſtarr, und die flachen Muskeln ſeines Geſichtes verriethen gänzliche Abſpan⸗ nung. Er ſprach ſelten, und mit heiſerer und hohler Stimme, aber nichts mehr in dem Tone wilder Auf⸗ regung, wie zuvor. Ich ſaß neben ſeinem Bette, ſtill und ſchweigend, meine eigenen trüben Gedanken mine einzige Unterhaltung. Späterhin erlag ich den ſchlaf⸗ los zugebrachten Tagen und Nächten und der Stille des Kranken⸗Zimmers und ſchlief ein. Plötzlich erwachte ich: ein traumhaftes Bewußt⸗ ſein von Nachläſſigkeit hatte mich durchzuckt, und ich ſetzte mich auf. Ich ſpähte in das Bett und fuhr er⸗ ſtarrt zurück. Ich ſah noch einmal hin und da lag de Meudon oben auf der Decke in voller Uniform— im grünen Rock mit den weißen Aufſchlägen, breiten, goldenen Epauletten, die glänzenden Kreuze auf der Bruſt; auf der einen Seite neben ihm lag ſein Feder⸗ hut, auf der andern ſein Säbel. Er lag ſtill und regungslos. Ich hielt das Licht an ſein Geſicht, und konnte ein leichtes Lächeln bemerken, das um ſeine kalten Lippen ſpielte und ſeinen bleichen und zerſtör⸗ ten Zügen etwas von ihrem früheren Ausdruck lieh. „Oui mon cher;“ ſagte er mit leiſem Flüſtern, indem er meine Hand ergriff und ſie küßte,„c'est bien moi“— und dann fuhr er fort—„es war wieder ſo einer meiner ſeltſamen Einfälle, dieſe Klei⸗ der noch einmal anzuziehen, ehe denn ich ſtürbe; und als ich Dich ſchlafend fand, ſtand ich auf und that ſo. Ich habe mich etwas verändert, ſeitdem ich ſie zum letzten Male trug; es war dieß auf einem Balle bei Cambaceres.“ Meine Freude, ihn im vollen Beſitz ſeiner Ver⸗ nunft noch einmal zu hören, wurde gedämpft durch die große Veränderung ſeines Ausſehens, die in einigen wenigen Stunden eingetreten war. Seine Haut war kalt und klebrig, ſeine Zähne trübe und entfärbt. Auf ſeine Lippen trat, wenn er ſprach, ein ſchleimiger 144 Schaum, während bei jedem Athemzug ſeine Bruft ſich yob und wogte gleich einem ſtürmiſchen See. „Sie find durſtig, Charles?“ ſagte ich, mich über ihn bückend, um ſeine Lippen zu netzen. „Nein,“ verſetzte er ruhig,„nur Eines hätte Lin⸗ derung nöthig; es iſt hier.“ 1 Mit dieſen Worten drückte er ſeine Hand auf ſein Herz, mit einem ſo ſchmerzlichen Ausdruck auf ſeinem Geſicht, wie ich noch nie geſehen. „Ihr Herz—. „Ift gebrochen,“ ſagte er ſeufzend. Einige Minuten lang ſprach er nichts; dann lis⸗ pelte er— „Nimm mein Taſchenbuch unter meinem Kiſſen hervor— ja, das iſt es. Es iſt ein Brief darin, den wirſt Du meiner Schweſter geben— dieß mußt Du mir verſprechen; gut, der andere iſt für Lecharlier, den Chef der polytechniſchen Schule in Paris— dieſer iſt für Dich— Du mußt dort Zögling werden. Hier find etwa fünf bis ſechstauſend Franken— es iſt Al⸗ les, was ich jetzt habe— ſie find Dein. Für Marie iſt bereits geſorgt—— ſag ihr— doch nein; ſie hat mir ſchon lange vergeben— ich fühl' es. Du wirſt eines Tages Deinen Grad gewinnen— eine hohe Stelle; ja, das mußt Du. Vielleicht biſt Du einmal ſo glücklich, mit General Buonaparte zu ſprechen; in dieſem Falle bitt' ich Dich, ihm zu ſagen, daß Charles de Meudon, als er ſtarb— im Exil, mit nur Einem Freund an der Seite, der ihm von der ganzen Welt übrig blieb, dieß Porträt an ſeine Lippen drückte, und bei ſeinem letzten Athemzug es küßte.“. Die Aufregung bei dieſer Scene trieb ihm das Blut nach dem Geſicht und den Schläfen, die aber eben ſo ſchnell wieder erbleichten; ein Schauer rann durch ſeine Glieder; ein ſchnelles Heben ſeiner Bruſt; ein Seufzer— und Alles war ſtill. Er war todt. 145 Das betäubende Gefühl tiefen Kummers iſt eine Gnade von oben. Die ſchwachen Kräfte des Menſchen, wenn ſie durch täglichen Verkehr mit Leiden lange an⸗ geſtrengt werden, müßten in Blödſinn endigen, wenn ſie nicht dadurch abgeſtumpft würden. Durch die vom Elend bewirkte Betaͤubung hindurch ſßürt unſere Erin⸗ nerung dem Gegenſtand ihres Kummers nach, ſowie die Wittwe die Leiche Deſſen, den ſie liebte, mitten unter den Erſchlagenen auf dem Schlachtfelde ſucht. Ich ſaß da in dumpfem Schmerz; ein dunkles Verlangen nach dem Anbruch des Tages war mein einziger Gedanke. Bereits fing der Morgen an zu dämmern, als ich die Schritte von Männern hörte, die längs der Straße auf das Haus zu marſchirten. Am Klang ihrer Gewehre und an ihrem regelmäßigen Schritt konnte ich erkennen, daß es Soldaten waren. Sie hielten an der Thüre der Hütte, und ich vernahm ein lautes Klopfen. 8 „Solla da!“ ſagte eine Stimme, deren Töne mir ins Herz zu dringen ſchienen—„bolla, Peter, auf! öffnet die Thüre!“ „Was gibts?“ rief der alte Mann, indem er auf⸗ ſprang und nach der Thür hintaſtete. Das Geräuſch verſchiedener Stimmen und nahen⸗ der Tritte erſtickte die Antwort; im gleichen Augenblick zffnete ſich die Thüre des kleinen Zimmers, worin ich ſaß und ein Sergent trat herein. „Thut mir leid, wenn ich ſtöre, Sir,“ ſagte er höflich,„aber man muß ſeine Schuldigkeit thun. Ich habe einen Verhaftsbeſehl gegen Kapitän De Meu⸗ don, einen franzöfiſchen Offtzier, der hier verborgen iſt. Darf ich fragen, wo er iſt?“ Ich deutete auf's Bett. Der Sergent irat hinzu, und konnte in dem Zwie⸗ licht gerade das Glitzern der Uniform erkennen, waͤhrend der Leichnam vom Vorhang beſchattet war. Tam Burke. I. 10 — — — 146 „Ich verhaſte Sie im Namen des Königs,“ ſagie er,„Holla, Kelly, da iſt Euer Gefangener!“ Bei dieſen Worten erſchien ein Kopf an der Thür und während die Augen verſtohlen durch die Kammer ſtreiften, erkannte ich, trotz der veränderten Farbe, den Elenden, der die Rotte im Kirchhof angeführt hatte. „Kommt herein, ihr Verd——“ ſagte der Ser⸗ gent ungeduldig;„was fürchtet ihr euch? Iſt das euer Mann? Holla, Sir,“ ſagte er, den Leichnam an den Schultern rüttelnd. „Jor müßt lauter ſchreien,“ ſprach ich, während eine faſt teufliſche Wuth in mir kochte. 5„Was!“ ſagte der Sergent, indem er das Licht 1 ergriff und ins Bett hielt. Plötzlich ſtarrte er entſetzt zurück und ſchrie—„er iſt todt!“ 5 Bei dieſem Worte ſprang Kelly vorwärts, ergriff das Licht und hielt es dem Leichnam ins Geſicht; aber die Flamme brannte ſo ſtät vor dieſen kalten Lippen, 85 ob der Athem des Lebens dieſelben nie erwärmt hätte. „Ich werde immerhin den Lohn erhakten, Sergent, nicht wahr?“ ſagte der Lümmel, während der Darſt nach Gewinn ſeinen Zügen wo möglich einen noch wil⸗ deren Ausdruck gab. Ein verächtlicher Blick war die einzige Antwort, die ihm wurde, während der Sergent in das äußere Zimmer ging und dem Hausherrn etwas ins Ohr flü⸗ ſterte. In demſelben Augenblick hörte man das Ga⸗ loppiren eines Pferdes die Straße daher; es kam näher und näher und hörte vor der Thüre plötzlich auf; da⸗ gegen ſchrie eine tiefe Stimme— 3 „Nun, alles richtig, will ich hoffen, Sergent— iſt er in Sicherheit?“ 6 Es erfolgte eine geflüſterte Antwort und ein dumpfes Gemurmel von zwei bis drei Stimmen, wo⸗ rauf Barton, derſelbe Mann, den ich bei dem Kampfe in Malone's Hütte geſehen hatte, ins Zimmer trat. — „ 447 Er näherte ſich dem Bette, riß den Vorhang zurück und gaffte den todten Mann an, während über ſeine Schꝛil⸗ ter das teufliſche Geſicht des Angebers Kelly ſchielte, auf deſſen rohen Zügen die Furcht ſich malte, ſein Lohn möchte ihm entgangen ſein.⸗ Barton's Auge durchſtreifte die kleine Kammer, bis es auf mich fiel, wie ich ſtill und regungslos an der Wand ſaß. Er ſchrack ein wenig zurück, dann aber ging er auf mich zu und heftete ſeine durchbohrenden Blicke auf mich. „ a!“ rief er,„Sie da?— Gut, das iſt mehr, als ich für dieſen Morgen erwartet hatte. Ich habe eine kleine Rechnung mit Ihnen abzumachen Sergent, hier iſt jedenfalls ein Gefangener für Euch!“ „Ja,“ ſagte Kelly vorſpringend,„er war auf dem Kirchhof mit dem Andern, darauf ſchwör' ich.“ „Ich denke, bei dieſem Geſchäft k⸗nnen wir Euern ſchätzbaren Rath entbehren,“ ſagte Barton mit bos⸗ haftem Lächeln.„Kommen Sie mit, junger Gentleman, wir wollen die Erziehung, die ſo glücklich begonnen hat, zu vollenden ſuchen.“ Meine Augen wendeten ſich unwillkührlich nach dem Tiſche, wo De Meudon's Piſtolen lagen. Die gänzliche Hoffnungslofigkeit eines ſolchen Kampfes ſchreckte mich nicht ab. Ich ſprang darauf zu: aber ſchon war die ſtarke Hand Barton's an meinem Kra⸗ gen, und er warf mich mit rohem Gelächter an die Wand zurück— „Narrheit, Junge, lauter Narrheit!“ rief er aus, „Du biſt des Strickes ganz gewiß, auch ohne das. Da, nehmt ihn weg!“. Bei dieſen Worten ergriffen mich auf beiden Sei⸗ ten zwei Soldaten und feſſelte ſtrich, meine Ar Stimme Barton's erſcholl, der für die Beerdigung des Leichnams und für die Ablieferung aller Effekten und Papiere nach der Kaſerne in Glencree ſeine Befehle ertheilte. Wir mochten ungefähr eine Stunde unterwegs ge⸗ weſen ſein, als uns Barton einholte. Er ritt an der Spitze der Truppe, und indem er dem Sergent ein Papier einhändigte, murmelte er einige Worte, wor⸗ unter ich nichts verſtehen konnte, als—„nach New⸗ gate abzuliefern zu dann drehte er ſich in ſeinem Sat⸗ tel um und heſtete ſeine Augen auf Kelly, der gleich einem Raubthier der Spur ſeines Opfers mit unver⸗ wandten Blicken folgte. „Nun, Dan,“ rief er,„Ihr könnt jetzt wieder heim: ich fürchte, Ihr habt diesmal nichts gewonnen, als Ehre.“. „Heim!“ erwiederte der Elende mit verzweiflungs⸗ voller Stimme;„kann ich heimkehren nach dieſer Mor⸗ genarbeit?“ „Und warum nicht, Mann? Nehmt mein Wort darauf, die Nachbarn ſind gewiß zu arg erſchreckt, als daß ſie Euch jetzt etwas anhaben wollten.“ „O Mr. Barton, ach liebſter Herr, ſchickt mich ums Himmels willen nicht zurück! Nehmt mich mit!“ rief der Elende mit herzzerreißender Stimme.„O jun⸗ ger Gentleman,“ ſagte er, gegen mich ſich wendend und mich am Aermel faſſend,„ſprecht heute ein Wort für mich.“ „Meint Ihr nicht, Dan, er hat genug an ſich zu venken?“ ſagte Barton in einem Tone ſcheinbarer Güte.„Geht zurück, Mann, geht zurück; Ihr habt noch vollauf zu thun in dieſer Grafſchaft. Faßt mich nicht an, Schurke; Eure Berührung könnte einen. Henker deſudeln.“— Der Mann fiel zurück wie betäubt von dem Tone dieſer Worte; ſein Geſicht wurde blau und ſeine Lip⸗ pen weiß wie Schnee. Er wankte ein Paar Schritte in meinen ei ich nur ein ich 150 alle Mühe gab, aufzumerken und an ihrer Unterhaltung Intereſſe zu gewinnen, kehrten doch meine Gedanken beſtändig zu ihm zurück, den ich für immer verloren hatte— zu dem erſten und einzigen Freund, den ich je gekannt. Alle Sorgen um mich ſelbſt, und mein Schickſal ging unter in meinem Schmerz um ihn. Wenn auch nicht gleichgültig gegen mein Geſchick, war ich doch we⸗ nigſtens nicht unbekümmert um daſſelbe und obgleich die Worte meiner Nachbarn mein Ohr erreichten, habe ich ſie doch weder gehört noch gemerkt. Aus dieſer träu⸗ meriſchen Lethargie wurde ich plötzlich erweckt durch ein herzliches Gelächter, worein die Geſellſchaft aus⸗ brach, und durch ein lautes Hände⸗Geklatſch, das ihren Beifall für irgend etwas oder irgend Jemand in ihrer Umgebung andeutete. „Ich ſage, George,“ ſprach einer von den Solda⸗ ten,„er iſt ein närriſcher Geſell, dieſer Pfeifer.“ „ Ja, ein wunderlicher Kauz,“ verſetzte der andere feierlich, eine lange Nauchſäule aus dem Winkel ſeines Mandes wirbelnd. „Könnt Ihr Rule Britania! ſpielen?“ fragte ein anderer von der Mannſchaft. „Nein, Sir,“ ſagte eine Stimme, die ich ſogleich für leine andere als die meines Freundes Darby er⸗ kannte.„Nein, Sir: aber wenn„des Fuchſes Klage“ oder„Marie's Traum⸗ Euerm Geſchmack zuſagte, ſo wäre es ein großes Glück für mich, Euch dieſelben vorzutragen.“ „He, Bell,“ rief eine rauhe Stimme,„will der euch anbetteln?“ „Nein,“ ſagte ein Anderer,„durchaus nicht; im Gegentheil, er will uns etwas geben, aber etwas Jri⸗ ſches; er kennt nicht Rule Britania.“ „Kennt nicht Rule Britanial ei, wo zum Teufel 1 ed der nur geheckt oder geboren worden, Mann — e 4. —,—— „ * „Kerry, Sir, das Königreich Kerry war der Ge⸗ burtsort meines Vaters, meine mütterliche Vorfahrin ſtammte von Clare. Vielleicht habt ihr ſchon das Sprüch⸗ wort gehört— Von Kerry ſein Vater, ſeine Mutter von Clare— Ein Schelm und ein Narr, was will Einer mehr! Nicht daß ich in meiner niedrigen Individualität eine Illuſtration der ſprüchwörtlichen Kataſtrophe wäre.“ Auf dieſe ſchwülſtige Rede brach die Zuhörerſchaft in ein neues ſchallendes Gelächter aus, während deſſen Darby begann ſeine Pfeifen zu probiren, als ob er gar nicht daran dächte, daß irgend eine Eigenheit von ſeiner Seite die luſtige Stimmung hervorgerufen hätte. „Nun, was werdet Ihr auftiſchen, alter Kerl, nach all dem tollen Drücken und Grunzen?“ ſagte Einer, Wechet der Hauptſprecher von der Geſellſchaft zu ſein ſchien. „'s iſt ein unbedeutendes Produkt meiner eigenen Muſe, Sir— eine Art biographiſcher, poetiſcher und kategoriſcher Diſſertation über die Freuden, Erfindſam⸗ keit und täglichen Arbeiten Eures gehorſamen Dieners und ſtets unterwürfigen Sklaven, Darby's des Pfeifers.“ 3 Ob es gleich klax war, daß die Geſellſchaft ſehr wenig von dieſer beredten Ankündigung verſtand, ſo war ſie voch gleich wieder mit ihrem Gelächter bei der Hand und ein allgemeiner Chorus proklamirte ihre Aufmerkſamkeit auf den Geſang. Darby nahm die gewohnte Würde ſeiner Haltungs an, und nachdem er einige Halbdutzend Schnörkel, die ſicherlich den Zweck hatten, die Zuhörerſchaft in Stau⸗ nen und Reſpekt zu ſetzen, als Vorſpiel zum Beſten gegeben, begann er nach der Melodie„Die Nacht be⸗ vor ſich Larry legte“ folgendes Lied:— Darby den Pfeifer nennt mich die Welt, Hoch Irland, das mich geboren! Gutleben mir immer gefällt Nie zu faſten hab' ich geſchworen. Den ganzen Tag treibe ich Scherz, Die Damen ich gerne vergnüge, Erfreue den Jungen ihr Herz— Auf dem Tiſche tanzen die Krüge. O Glück dem Sänger, mein Schatz! Ja, ſeht euch nur überall um ringsum— Kein Haus in der ganzen Umgebung, Das nicht gerne an Darby's Gebrumm Sich ergötzt und an ſeiner Belebung. Wie beſeelt er ein Feſt, wenn ihr wollt, Welche Muſik in all ſeinen Knochen, Wenn er ſpielt:„Den Prieſter geholt!“ Oder auch:„Bedecke die Locken!“ Heil dem Sänger, der euch beſeelt! Verlumptes, zerrißenes Pack Iſt artiges Volk, horcht gern auf; Sie finden Geſchmack an dem Sack, Wenn ich aufſpiel' bei einer Kindtauf. Manche Hochzeit hab' ich gemacht, Wo es nicht recht vor wollte rücken; Und wenn ich bei Todten gewacht, Sah die Leiche mich an mit Entzücken. Heil dem Sänger, der euch beſeelt! „p del was iſt das?“ rief eine rohe Stimme,„was hat die Leiche gethan?“ „Dieß iſt eine rhetoriſche Amplifikation, und will fagen, ſie hätte es gethan, wenn ſie gekonnt hätte,“ ſagte Darby erläuternd. „Ich ſage,“ rief ein Anderer,„das iſt lauter iolles Zeug, alles erlogen; ein Leichnam kann nicht wiſſen, was um ihn vorgeht— hel! alter Kerl?⸗ „Es iſt ein iriſcher Leichnam, den ich beſchrieben habe,“ ſagte Darby ſtolz und mit ſichtbarer Anſtrengung ſeine Verachtung gegen die Geſellſchaft unterdrückend⸗ die ihn um weitere Erklärun drängte.. Eine Bewegung, die ch in dieſem Augenblick machte, die Geſellſchaft, von der ich durch einiges nie⸗ drige Geſtrüpp ein wenig getrennt war, näher zu be⸗ trachten, brachte meine Hand in Berührung mit etwas Scharfem. Ich fuhr zuſammen, ſah nieder und ſah zu meinem Erſtaunen ein Einlegemeſſer, wie die Gärtner mit ſich führen, offen neben mir liegen. In einer Se⸗ kunde errieth ich, wozu es dienen ſollte. Darby hatte es ſo hingeworfen, um mir eine Gelegenheit zu geben, die Stricke, welche meine Arme feſſelten, zu zerſchneiden, und ſo meine Flucht zu erleichtern. Ohne Zweifel war er nur zu dieſem Zweck erſchienen, und hatte alle ſeine Unterhaltungskunſt nur dazu aufgeboten, um die Auf⸗ merkſamkeit der Soldaten zu feſſeln, während ich meine Befreiung bewerkſtelligte. Reue über die verlorne Zeit war mein erſter Gedanke; mein zweiter aber war vor⸗ theilhafter, nämlich keinen Augenblick mehr zu ver⸗ lieren; ich kniete nieder, ſchnitt mit dem Meſſer den Strick einigemal entzwei, hatte nach kleiner Anſtren⸗ gung einen Arm und bald den zweiten frei und ſtand ungehindert auf. Was war aber zunächſt zu thun? denn wenn auch ohne Feſſeln„ſo lagen doch überall rings um mich die Soldaten, und Entweichen ſchien unmöglich; außerdem wußte ich nicht, wohin mich wen⸗ den, wo ein freundliches Geſicht aufſuchen, oder Einen, der mir Schutz gewähren würde. Gerade da hörte ich 8 wie Darby ſeine Stimme lauter erhob, augenſcheinlich, um von mir verſtanden zu werden. 1 „Gewiß, Kapitän Bubbleton, vom 45. Regiment, iſt jetzt in Dublin, in George's⸗ſt. Kaſerne. Ja, in George's⸗ſt. Kaſerne,“ ſagte er, die Worte wiederholend, um ſie mir beſſer einzuprägen.„Er ſelbſt könnte euch ſagen, daß wahr iſt, was ich ſage, und wenn ihr keine confidenzielle Authentifikation auf die Infirmation einer armen Leder drückenden Kreatur, wie ich bin, ſetzt, ſo werdet ihr doch gewiß eurem eigenen vorgeſetzten Ka⸗ pitän reverenzialen Gehorſam ſchenken.“ „Ei, ich mache mir nicht viel Gedanken über dieſes Euer Lied, alter Blaſer oder Pfeifer, oder wie auch ſonſt Euer Name iſt. Habt Ihr nichts über den Dienſt? he?„„Die brittiſchen Grenadiere,““ gebt uns die!“ „Ja, die brittiſchen Grenadiere! Das heißt ein Lied!“ riefen mehrere zugleich. „Ich hörte ſie erſt ein einziges Mal ſpielen,“ ſagte Darby demüthig,„und damals ging es in ſolcher Eile, daß ich das Lied nicht behalten konnte.“ .„In Eile? was meint Ihr damit?“ fragte der Korporal. „Ja, Herr, es war einen Tag nach der Landung der Franzoſen, und die brittiſchen Grenadiere, von denen ihr ſprecht, liefen nach Caſtlebar davon.“ „Was ſagt Ihr da?“ ſchrie einer von den Soldaten mit leidenſchaftlicher Stimme. „Sie liefen davon, Sir,“ erwiederte Darby mit eiskaltem Hohne,„und ſie ſind auch nicht ſehr zu ta⸗ deln, wenn ſie Angſt hatten.“. In einem Augenblick war die Mannſchaft aufge⸗ ſprungen, während ein ganzer Regen von Flüchen auf den unglücklichen Pfeifer fiel, und fünfzig menſchliche Vorſchläge, ihm den Schädel einzuſchlagen, den Hals und jedes Bein am ganzen Leibe zu brechen, allſeitig erörtert wurden: inzwiſchen machte M'Keown ſolche Ge⸗ genvorſtellungen, die, wie ich in einer Minute erkannte, nicht geeignet waren, die Aufgebrachten zu beſänftigen; im Gegentheil, er führte ſeine Vertheidigung ganz an⸗ ders und drückte darin mehr ſein Bedauern aus über ſein Unglück, ein ſo unangenehmes Thema berührt zu haven, als über die Art, in der er es behandelt hatte. „Gewiß, Sir,“ fuhr er gegen den Korporal fort, „es war nicht mein Fehler, wenn ſie Ferſengeld gaben; würde nicht Jeder davonlaufen, um ſein Leben zu retten, wenn er Gelegenheit dazu hätte?“ 8 15⁵ Bei dieſen Worten erhob er ſeine Stimme noch einmal mit ſolchem Nachdruck, daß ich beſchloß, den Rath zu benützen, wenn der günſtige Augenblick kbmmen würde. Ich hatte nicht lange zu warten; der höhniſche Ausdruck Darby's, noch mehr als ſeine Worte, hatte ihre Geduld zu ſtark auf die Probe geſtellt, und einer der Soldaten zog ſein Bayonnet und ſtieß es durch das Leder ſeines Dudelſacks; der Pfeifer brach in ein Wuth⸗ geſchrei aus und ein derber Hieb ſchlug den Gegner zu Boden. In einem Augenblick war die ganze Mann⸗ ſchaft über ihn her— aber gerade ihre Menge verei⸗ telte ihre Rache, wie ich aus Darby's Stimme ſchließen konnte, der, weit entfernt, dem Kampf auszuweichen, rechts und links um ſich ſchlug und ſeine Gegner durch alle möglichen Beſchimpfungen noch aufreizte: „Ah, ſchön von euch, recht ritterlich— zehn gegen einen! Ihr fürchtet den Teufel nicht!“ Der Tumult hatte inzwiſchen den Sergenten her⸗ beigebracht, der ſich vergeblich bemühte, die Urſache deſſelben auszumitteln, da ſie Einer über den Andern auf dem Boden ſich wälzten, während allenthalben Kap⸗ pen, Wehrgehänge und die Bruchſtücke des Dudelſacks zerſtreut waren. Das Getümmel hatte jetzt ſeinen Gipfel erreicht und Darby's Geſchrei und Schimpfworte ergo⸗ ßen ſich in angeborner Geläufigkeit. Der Augenblick ſchien mir günſtig. Ich war frei— kein Einziger in der Nähe; der Wink in Betreff Bubbletons ſollte mir augenſcheinlich als Rath dienen. Ich kroch verſiohlen einige Schritte weit unter dem Geſtrüppe fort und kam glücklich auf die Straße. Das Kampfgetümmel, worin ich Darby's Stimme aus allen heraus hörte, ſagte mir, daß Alle zu ſtark beſchäftigt waren, um an mich einen Gevanken zu verſchwenden. Ich zog ſo raſch als mög⸗ lich aus und erreichte bald den Kamm eines Hügels, von wo ſich die Ausſicht nach allen Seiten meilenweit erſtreckte; meine Augen waren jedoch nur nach einer Richtung gelehrt, nämlich weſtwärts, wo ſich bis an 5 156 1 den Horizont eine weite Ebene erſtreckte, deren abwech⸗ ſelnve Oberfläche alle reiche Schönheit eines Gartens darbot, Landhäuſer und Schlöſſer, von weiten Parks umgeben, von wogenden Kornfeldern, von Obſtgärten in voller Blüthenpracht. Gegen Morgen lag die See, die Küſtenlinie von vorragenden Vorgebirgen und klei⸗ nen Buchten durchbrochen, mit weißen Hütten betüpfelt, hie und da ein weiß beſegeltes Schiff, das ſich kaum regte in der ruhigen Luft. Aber unter all dieſen vor mir ausgebreiteten Reizen war meine Aufmerkſamkeit auf eine dichte, ſchwere Wolke gerichtet, die ſich in weiter Ferne in der glänzenden Atmosphäre wiegte; dorthin wendeten ſich meine Augen, denn ich wußte, daß unter dieſer Decke trüben Rauches Dublin lag. Das ferne Getön der aufgebrachten Stimmen erreichte noch immer mein Ohr. Ich warf einen Blick zurück, die Straße war einſam, kein Schatten regte ſich dar⸗ auf; vor mir ſchlängelte ſich die Bergſtraße im Zickzack ins Thal hinab. Ich ſprang über die niedrige Mauer, weelche neben der Straße herlief, und eilte, die Augen ſtets auf die dunkle Wolke gerichtet, vorwärts— mein Herz wurde leichter mit jedem Schritte, und als ich endlich den Schutz eines Tannenwaldes erreicht und von Verfolgung nicht die Spur bemerkte, ſtiegen meine Lebensgeiſter zu ſolcher Höhe, daß ich vor Freude laut aufjauchzte. Ueber eine Stunde lang ging mein Weg im Schutze des Waldes fort, und als ich endlich ins Freie kam, warf ich nicht ohne ein Gefühl plötzlicher Furcht einen Zllick auf die Gebirge zurück, die düſter auf mich her⸗ abſchauten und mir noch immer ſo nahe ſtanden. Auch glaubte ich auf der Straße Geſtalten zu bemerken und zu ſehen, wie ſie vor⸗ und rückwärts gingen, gleichſam um etwas zu ſuchen, und es durchſchauerte mich der Gedanke, auch ſie möchten vielleicht gerade jetzt mich ſehen; dieſe Befürchtung beflügelte meine Schritte aufs — 157 Neue und ich eilte einige Meilen vorwärts, ohne auch nur einmal mich umzuſehen. 8 Es war ſpät am Abend, als ich der Stadt nahe kam; hungrig und müde, wie ich war, drückte mich die Furcht, erwiſcht zu werden, im höchſten Grade, und wie ich mich unter die Menge miſchte, die in den Stra⸗ ßen auf und nieder wogte„ um die köſtliche Ruhe eines Sommerabends zu genießen, fürchtete ich, jeder Blick, der auf mich ſiel, ſei ſchon eine Enideckung, und ſchrac vor jedem Auge wie ein Verbrecher zuſammen. Erſt als ich in die Stadt ſelbſt kam und durch die wimmelnden und engen Gaſſen ging, welche die Vor⸗ ſtädte bildeten, wurde es mir etwas leichter, und die George's⸗Straßen⸗Kaſerne aufſuchend, eilte ich vorwärts, ohne auf meine Umgebung zu ſehen oder zu hören. In jener Stunde waren die niederen Klaſſen der Bevölke⸗ rung ſämmtlich auf den Beinen; jetzt, da ihr Tage⸗ werk beendet war, machten ſie entweder mit ihrer Fa⸗ milie einen Abendſpaziergang oder ſtanden in Gruppen um die zahlreichen Balladenſänger, die ihre Zuhörer⸗ ſchaft mit Ausfällen gegen die Union und mit lächer⸗ lichen Angriffen auf das Miniſterium ergötzten. Dieſe blieben jedoch nicht immer unbeläſtigt, denn ich ſah unterwegs mehr als einen ſolchen Bänkelſänger, der von den Soldaten ergriffen und auf die Wache gebracht wurde, um ſich über irgend eine unanſtändige oder zweideutige Anſpielung auf Lord Caſtlereagh oder Mr. Cook zu rechtfertigen. Da ſolche Beweiſe willkürlicher Gewalt nicht vorübergingen, ohne der Volksmenge dumpfes Murren oder auch Hohngelächter zu entlocken, das dann nicht ohne Erwiederung von Seiten der Sol⸗ daten blieb, ſo gab dieſes Gezänke der Stadt einen Anſchein von Tumult, der bei einigen Gelegenheiten nicht bei bloßem Wortkrieg blieb.— 3 In den weitern und beſſern Straßen waren ſolche Scenen weniger häufig— aber hier erſchienen von Zeit zu Zeit Patrouillen von berittenen Dragonern oder Polizeidienern, die unter einander gewiſſe Signale über den Zuſtand der Stadt austauſchten; während Volks⸗ haufen auf den Fußpfaden ſich drängten und in dum⸗ pfem Tone murmelten, der dann und wann in ein wildes Geſchrei ausbrach, ſo oft eine Einmiſchung des Militärs ihren leidenſchaftlichen Geiſt aufregte. An den Schloßthoren war die Volksmenge dichter und augen⸗ ſcheinlich dreiſter, ſo daß die Dragoner ſich alle Mühe geben mußten, ſie vom Druck an die Geländer abzu⸗ halten und den Kutſchen, die von Zeit zu Zeit aus dem Schloßgarten kamen, freien Raum zu machen. Wenige von dieſen kamen unbemerkt hindurch; manches wach⸗ ſame Auge durfte nur den Inſaßen entdecken, wie er ſich zurücklegte, um nicht erkannt zu werden— ſogleich ſchrie man ſeinen Namen, während eine unvermeidliche Salve von Geziſch und Verwünſchungen auf ihn nieder⸗ regnete; und in dieſer Art wurden die Namen des Mr. Bingham, des Oberſten Loſtus, des ſehr ehrenwerthen Denis Browne, Iſaak Corry und verſchiedene andere empfangen, die an jenem Tage gerade bei dem Lord Lieutenant geſpeist hatten und jetzt auf ihrem Weg ins Haus der Gemeinen waren. Nichts frappirte mich bei der ganzen Scene ſo ſehr, als die wirkliche oder ſcheinbare Kenntniß, welche die Menge von allen Umſtänden der perſönlichen oder politiſchen Laufbahn eines jeden Individuums hatte; und ſo wurde der Preis, um den ſie erkauft worden waren— ſei es nun durch Rang oder Stellen oder Pfund Sterling— immer laut ausgerufen, unter ſchal⸗ lendem Gelächter oder unter dem noch rachſüchtigern Geſchrei eines wüthenden Pöbels. „a, Ben! was werdet Ihr für Baltinglaß löſen? Boroughs iſt feil. Nun, Dick, Ihr wollt die Stelle nicht?— nichts als baares Geld?— Verſteckt Euch nicht, Jammy. Seht da den Prinz von Oranien, Jun⸗ een. Ein Groan für den Prinz von Oranien!“ Hier allte ein ſchrecklicher Groan durch die Straßen wider, ——— 160 daten, an einander gerathen konnte, kam es ſogar zu Schlägen.. Zwiſchen dieſen feindſeligen Parteien mußte die Kutſche eines jeden Mitglievs hindurch fahren und hier fand jeder Kandidat in den Ehrenbezeugungen der einen und Verwünſchungen der andern zugleich ſein Gift und Gegengift. „Hal Krummſchnabel, wohin? fahrt zum Henker! Ha, alter Geier, Flood!“ „Drei Cheers für Flood!“ ſchrie eine Stimme aus dem College und von dem lauten Geſchrei der Stu⸗ denten wurde das ihrer Gegner erdrückt, aber nur, um im nächſten Augenblick wieder loszubrechen. 1 „Hier kommt er, hier kommt er,“ ſagle der Pöbel, „macht Platz dort, denn er jagt Euch in die Flucht. Das kann er allein. Gott ſegne Euer Ehren und möge Euch nie der Athem ausgehen und möge es Euch nie an einem guten Thiere fehlen.“ Dieſe artige Anrede war gerichtet an einen leb⸗ haften, ſchönen Mann von etwa Fünfundvierzig, der auf einem Vollblutrothſchimmel daher ſprengte, gänz⸗ lich unbekümmert um die Menge, durch die er mit lä⸗ chelndem Geſichte und freundlichen Blicken ritt, Leder⸗ hoſen und Stülpſtieſel in vollkommenem Jockeyſtyl und Alles bis auf ſeine lange Reitpeitſche verrieth den äch⸗ ten Sportsman.*) „Das iſt George Ponſonby,“ ſagte ein Mann ne⸗ ben mir als Antwort auf meine Frage,„und ich hoffe, Ihr wißt, was er iſt.“ Ein mächtiges Geſchrei von der Menge erſtickte meine Antwort und mitten unter den Flüchen und Ver⸗ wünſchungen der Maſſe bewegte ſich langſam eine dun⸗ kelfarbige Kutſche dahin; der Kutſcher, augenſcheinlich „ Sport begreift die Vergnägungen des Reitens Jagens und Fiſchens in ſich. A. d. R. „„— 161 bei jedem Schritt in Angg, ſeine Pferde möchten gegen Einen aus der Menge ausſchlagen und ſo den Aus⸗ bruch veranlaſſen, der nur auf eine Gelegenheit zu war⸗ ten ſchien. „Ha, Blatternſtück, Bluttack, ſeid Ihr da?“ ſchrien die wilden Rädelsführer, an das Kutſchenfenſter ſich drängend und den Inſaſſen anſtarrend. „Wer iſt das?“ fragte ich wieder. „John Toler, der Staatsanwalt.“ Unter betäubendem Rachegeſchrei bewegte ſich die Kutſche weiter und dann erhoben ſich die wilden Cheers der Collegemänner, um den Mann ihrer Partei zu hewillkommnen. Jetzt erſchallte ein Hurrah von dem fernen Ende der Dame⸗Street, es wälzte ſich näher und ſchwoll zu einem regelmäßigen Donner an; die Dragoner ſchrieen: Zurück! In einer Sekunde war ein Spalter gebildet und herunter kam's, ſechs dampfende Vollblut, die Kutſcher in Weiß und Silber, aus allen Kräften ſpornend und die Geißel ſchwingend. Nie hör⸗ ich ein ſolches Cheer, wie jetzt ausbrach; ein gelber Wagen, die Seiten mit Wappengemalden bedeckt, kam 3 ſchnell daher geflogen; eine Hand winkte vom Fenſter, dankend für den Gruß der Menge und der Name Tom Conolly von Caßletown drang durch die Lüfte. Hin⸗ tendrein ritten zwei Bediente in ihren reichen Livreen und konnten durch die dichte Maſſe, die hinter der Kutſche zuſammenfluthete, kaum ihren Platz behaupten. Kaum war das letzte Echo der Stimmen verhallt, als ein Cheer von der entgegengeſetzten Seite losbrach und das Schwingen mit Kappen und Sacktüchern deu⸗ tete auf die Ankunft irgend eines gefürchteten Vor⸗ kämpfers des proteſtantiſchen Uebergewichts. Die Menge ſchwantt⸗ bin und her und eine Frage verdrängte die andere.— „Wer iſt es? wer kommt da?“ aber Niemand konnte es ſagen, denn der Wagen, deſſen Pferde man Tom Burke. 1. 11 162 in ſcharfem Trott rennen hörte, hatte noch nicht um die Ecke der Grafton⸗Street gewendet; in wenigen Minuten ſchien der Zweifel gelöst, denn kaum kamen die Pferde zu Geſicht, als aus der Menge ein mächti⸗ ges Groan ſich erhob und die Cheers ihrer Gegner er⸗ ſtickte. Aber nichts kann ich vergleichen mit dem Aus⸗ bruch rachſüchtiger Leidenſchaft, die den Pöbel zu er⸗ greifen ſchien, als ein glänzend ausgeſtatteter Wagen raſch vorüber gegen die Colonnade des Parlaments⸗ hauſes fuhr. Ein Stoß von der Menge und in einem Augenblick war ich, wie von einer Woge, fortgeriſſen. Die Dragoner drangen mit gezogenen Säbeln auf den Haufen ein, und nun folgte eine Scene ſchrecklicher Verwirrung; manche wurden von den Soldaten ſchwer verwundet, einige von den Hufen der Roſſe getreten, und von einem armen Teufel, der nahe am Umfallen war, glaubte man, er habe ſich nach einem Steine ge⸗ bückt und hieb ihm ohne Gnade den Schädel entzwei. Eine Zeitlang lag er bewußtlos vort, endlich aber ſtürzten Einige aus dem Volke, Allem trotzend, vor und ſchleppten ihn in ein Spital. Inzwiſchen hatte ich mich oben auf einen Laternenpfoſten gemacht, von wo ich nicht nur alle Bewegungen des Volkes, ſondern auch die Ankunft der verſchiedenen Wagen vor der Thüre des Parlamentshauſes vollſtändig betrachten konnte. Der Wagen, deſſen Annäherung durch alle dieſe unglücklichen Scenen bezeichnet war, hatte jetzt die Colonnade erreicht. Die Tritte wurden herab ge⸗ laſſen und ein junger Mann vom ſchönſten, eleganteſten Aeußern ſtieg langſam heraus. Sein Anzug ffand auf der Höhe der herrſchenden Mode, hatte aber dabei eine gewiſſe Nachläſſigkeit, welche weniger einen Mann ver⸗ rieth, der große Aufmerkſamkeit auf die Toilette ver⸗ wendet, als vielmehr einen Solchen, an dem auch die Kleidung, wie alles Andere, nicht anders ſein kann, als im vollkommenſten Geſchmacke. In ſeiner Hand hielt er ein weißes Handtuch, welches, wenn er es un⸗ —y— —.,— willkürlich ſalüttelte, ſeine köſtlichen Wohlgerüche über die wildblickende, halbnackte Menge um ihn ergoß; er kehrte ſich um und wollte ſeinem Kutſcher einige Wei⸗ ſungen geben; in dieſem Augenblicke traf ihn eine aus der Menge hervorgeſchlenderte alte Katze auf die Bruſt, während ein Freudengeſchrei über dieſen rohen Akt durch die Lüfte drang; er aber drehte langſam ſein Geſicht um gegen den Pöbel und warf, während er mit ſeinem Sacktuche den Koth von ſeinem Rocke abwiſchte, einen Blick ſo voll tiefſter, herzlichſter Verachtung auf ſie, vaß ſie gleichſam darunter niederſanken; das Geſchrei wurde ſchwächer und ſchwächer und erſt, als er ſich um⸗ kehrte, um in das Haus hinein zu gehen, kamen ſie wieder hinlänglich zu ſich, um ihr Hohngeſchrei zu er⸗ neuern. Nach dem Namen brauchte ich nicht zu fragen, en as Geſchrei Blut— Caſtlereagh erſchütterte die Luft. „Platz da, Platz, Jungen!“ ſchrie eine raube Stimme aus der Menge. Ein ſchallendes Gelächter, das von der ganzen Straße auszubrechen ſchien, antwortete dem Zu⸗ ruf und im nämlichen Augenblick ſchritt eine breite aufgedunſene Geſtalt durch eine für ihn gebahnte Gaſſe, ſeinen großen Kugeikopf mit einem ſchimmernden Schar⸗ lachtuch abwiſchend. „Lang lebe Mr. Egan!“ ſchrie Einer. Drei Cheers für Bully Egan, Jungen!“ ſchrie ein Anderer und ſogleich wurde dem Aufruf entſprochen. „Macht Platz, ihr Lumpenhunde, Platz, ſag' ich,“ rief Egan, indem er ſich über dieſe Aeußerung ſeiner Popularität unzufrieden ſtellte—„ſeht ihr nicht, wer da kommt?“ Jedes Auge blickte ſogleich nach Daly's Klubbhaus, wohin er mit dem Finger deutete; aber es dauerte einige Minuten, bevor man vor der dichten Menge etwas ſehen konnte. Pöötzlich jedoch erhob ſich ein Cheer wilder und lauter noch, als ich bisher ge⸗ hört; von der Straße bis hinauf zu den Dächern wurde das Geſchrei wiederholt, während eine tumulta⸗ 164 riſche Freude die hin und her wogende Menge zu be⸗ wegen ſchien. In dieſem Augenblick war die Aufregung faſt bis zur Tollheit geſtiegen; jeder Hals war nach einer Rich⸗ tung hingeſtreckt; jedes Auge dahin gewendet, während die Cheers mit einem Getöſe erſchollen, ſo betäubend wie die ſtürmende See. Endlich wurde die Menge zu⸗ rück gedrängt, und ich ſah drei Herren neben einander daher ſchreiten; die zwei erſteren hielten in ihrer Mitte die zitternde Geſtalt eines alten und gebeugten Man⸗ nes, auf deſſen abgemagertem und verwittertem Ge⸗ fichte ſich der höchſte Grad von Schwäche und Abſpan⸗ nung malte; ſein lockerer Rock hing ſchlotternd um ſei⸗ nen zuſammengeſchrumpften Körper und wankend und ſchleppend bewegte er ſich weiter. Als ſie die Treppen des Parlamen shauſes hinan ſtiegen, wurden die Cheers wilder und enthuſtaſtiſcher, und ich wunderte mich, wie er, der augenſcheinlich der Gegenſtand derſelben war, ſo gleichgültig gegen die ihm geltende Begrüßung ſchei⸗ nen konnte; denn mit gebeugtem Haupte ſchleppte er ſich fort, weder rechts noch links ſich umkehrend. Mit anſcheinenden Schwierigkeiten half man ihm die Treppe hinauf, als er ſich langſam umdrehte und ſeinen Hut abziehend die Menge grüßte. Dieſe Bewegung war eine ganz einfache, aber gerade in ihrer Einfachheit lag ihre Gewalt. Die breite Stirne, um welche einige ſpärliche Haare flatterten; das Auge, das jetzt ſtolz ſtrahlte, war gegen ſie gekehrt, und nie war der Zau⸗ ber eines Blickes wirkſamer. Eine Sekunde lang war Alles ſtill; aber dann erſcholl ein wahrer Donner des Beifalls und der Name Henry Grattan tönte von jeg⸗ licher Zunge. Gerade in dieſem Augenblick hatte Einer aus der Menge, aufgebracht durch einen flachen Säbel⸗ hieb von einem Dragoner, den Soldaten am Fuß ge⸗ packt und aus dem Sattel zu Boden geworfen; ſogleich flogen ſeine Kameraden ihm zu Hülfe und ritten auf die Menge ein, die vor ihnen zurückwichz die College⸗ as Unglück, einem Soldaten ſeine Kappe herunter zu ſtoßen. Sogleich kehrte ſich der Mann gegen mich, packte mich am Kragen und beſtand trotz all' meiner Eniſchuldigung darauf, mich nach der Wache zu bringen. Ich erkannte ſogleich die damit verknäpfte Gefahr und wehrte mich männlich. Die ⸗ Maenge jubelte mir zu, worüber der Soldat nur noch auſgebrachter wurde; und beſchämt, an ein auf ihn los; meine Fauſt traf ihn ins Geſicht und ehe er ſich erholen konnte, war die M über ihn h aampfe zu rüſten. Ob durch meine eigene Wahl, oder dur allgemeine Zuſtimmung, ann ich nicht ſagen; „ weder durch die College⸗ oder Weſimooreland⸗Street ter⸗ ſtützen, wenn nicht die angreifende Macht ſtark genug war, beide zugleich zu verfolgen. Wir hatten nicht lange zu warten. Die Soldaten waren in einer Se⸗ kunde aufgeſtellt und der Befehl war gegeben, im Sturmſchritt vorzurücken. Im gleichen Augenblick trat ich vor und rief: Feuer! Nie fand ein Befehl ſolchen Gehorſam— ein Hundert Pflaſterſteine regnete auf die unglücklichen Soldaten, die in ihren Gliedern nieder⸗ ſanken.„Noch einmal!“ rief ich meinem zweiten Schlacht⸗ haufen zu, der nur auf den Befehl gewartet hatte und niederſtürzte ein zweiter Hagelſturm, auf ihre Kappen und Musketen raſſelnd, und mancher handfeſte Kerl mußte weichen. Die Menge brach in ein wildes Sie⸗ gesgeſchrei aus; aber im gleichen Augenblick ertönte das Raſſeln von Ladſtöcken und das Knacken von Ge⸗ wehrſchlöſſern und aus der Nachhut der Soldaten rückte eine Kompagnie ſtaffelweiſe vor und zog auf wie zu einer Parade. Alles war ſtill, kein Mann regte ſich in der Menge, in der That ſchien unſere Taktik jetzt zu Ende, als plötzlich das Wort: Macht euch fertig! Feuer! kertönte und eine keachende Musketenſalve unter die Menge gegeben wurde. Nie ſah ich eine Scene, wie jetzt eine folgte. Alle Verſuche zum Räckzug wurden vereitelt durch den Druck von hinien; und der Anblick der Verwundeten ſchien ſede Anſtrengung des Haufens zu lähmen. Ein ſchreckliches Geſchrei erhob ſich aus der Maſſe und ſie ſchraken vor der Muskete zurück. Noch einmal hörte man die Ladſtöcke in den Läufen raſ⸗ ſeln. Ich ſah, es war nur ein Augenblick zu verlieren und ſchrie:„Muth, ihr Jungen, auf fie!“ und mit die⸗ ſen Worten ſtürzte ich toll vorwärts, gefolgt von der Menge, die jetzt mächtig hinter mir andrang. Die Sol⸗ daten wichen zurück; ihre Bayonnette waren zum Sturm geſenkt; das Wort: Feuert tief! ertönte die Reihe ent⸗ lang, eine glänzende Flamme blitzte hervor und das Krachen der Salve wurde von einem gräßlichen Weh⸗ ⸗ geſchrei übertönt, In dem Gedränge rückwärts wurde 7 erzählen, muß mir der Leſer e ich auf den Boden geworfen und dachte wäre geſchoſſen; bald aber fühlte ich, daß und ſprang auf, aber im gleichen Augenbl. — Zwölftes Kapitel. Ein Charakter. chen ſein; aber in welcher Art, an welchem Orte oder in welcher Geſellſchaft ſie zugebracht wurde, dieß zu wichtigen Gründen, worunter auch der gehört, daß ich von der Sache nie etwas Genaues erfuhr. 3 Als ich wieder zu eigentlichem Bewußtſein ge⸗ langte, fand ich mich auf meinem Rücken in einem ſehr ſchmalen Betie; ein Tiſch neben m von Phiolen und kleinen Flaſchen mit papiernen Zet⸗ teln am Halſe, von denen einige ſchwanzartig in ab⸗ geſchmackter Länge herunterhingen. ſen geflochtene Seſſel ſtanden längs Dände. Ein Fenſter von ſehr unſauberem und un⸗ einnehmendem Ausſehen war zum abgeſchoſſenen Scharlach⸗Vorhang beſchattet, während die Flur ebenſo ſpärlich mit einem kleinen, zerriſſenen Teppich bedeckt war. Wo bin ich? war die immer wiederkehrende aber ſchwer zu beantwortende Frage, die ich mir ſelbſt ſtellte— war es ein Gefängniß?— war ich an jenem aufrühreriſchen Abend gefangen und in den Kerker geſchleppt worden?— oder war ich auf dem Gebiete Darby M'Keown's? denn Darby's merkwürdige Allgegenwarts⸗Eigenſchaften konnte ich mir kaum aus dem Sinne bringen;— oder endlich (und dieß war nicht der angenehmſte Gedanke) war dieß die Wohnung von Antony Baſſet, Esquire, Rechts⸗ anwalt? Um einige dieſer Zweifel oder auch alle zu löſen, war mein erſter Gedanke, aufzuſtehen und meine Umgebung in Augenſchein zu nehmen; aber unglück⸗ licher Weiſe fand ich einen meiner Arme kin eine Schichte von hölzernen Schindeln eingebunden, ſo daß der Gedanke an Brüche und Verletzungen in mir auf⸗ ſtieg und meinen ganzen Körper durchdrang; was aber noch ſchlimmer war, jeden Verſuch, meinen Kopf vom Kiſſen zu erheben, begleitete immer eine Art Migräne, ſo daß ich mich herzlich gerne wieder niederlegte und in Ruhe blieb.. Niicht in unfreundliche Hände geſallen zu ſein— dieß war ſo ziemlich Alles, worauf meine Schlußfol⸗ gerungen mich brachten, und mit dieſer kröſtlichen Thatſache und dem feſten Entſchluß, im Nothfall, den erſten Beſucher, der mir nahen würde, zu befragen, nahm ich meine ganze Geduld zuſammen und wartete die Sache ruhig ab. Welche Stunde des Tages es war, als ich zum erſten Mal zu dieſem geringen Grad von Bewußtſein gelangte, kann ich nicht ſagen; aber ich erinnere mich ſehr wohl, daß ich, nach meinem da⸗ maligen Dafürhalten, in meiner ängſtlichen Spannung, zwölf tödtliche Stunden zubrachte; endlich drehte ſich ein Schlüſſel in einem äußeren Schloſſe, eine Thüre ging auf, und ich hörte einen ſchweren Fuß eintreten, „— 169 — 3 4. Kurz hinter dieſem kam ein anderer Schritt, deſſen weuiger gewichtigen Tritt ich für einen weiblichen ielt. 1.„Wo in Teufes Namen iſt das Licht?“ ſagte eine roohe Stimme, die mir in der That nicht unbekannt ie„Ich ließ es auf dem Tiſch, als ich fortging. 3 Diſs mfin Schienbein iſt gebrochen— der hölliſche „O Herr! o Herr!“ kriſch die weibliche Stimme. „Aha! hat es Dich auch?“ rief der andere ver⸗ gnügt aus;„glaubteſt Du nicht auch eine kleine blaue 5 Flamme vor Dir zu ſehen, als Du mit dem Schien⸗ beine anſtießeſt?⸗ „Du biſt ein Ungeheuer!“ ſagte die Lady in ei⸗ nem Tone leidenſchaftlichen Unwillens. „De iſt's, da hab' ich's,“ verſetzte der Andere, ohne dem ihm eriheilten, liebkoſenden Beinamen die geringſte Aufmerkſamkeit zu widmen;„und verd—— bin ich, wenn es nicht bis auf den letzten Stumpf abgebrannt iſt. Holla he! Peiter Dodd— Du Lump, wo ſteckſt Du?“ „Nenn ihn Saladin,“ ſagte die Lady mit höh⸗ niſchem Tone,„vielleicht gibt er dann Antwort.“ 3„Sohn der Finſterniß, wo biſt Du hin? Peter— — Dodd— Dodd— Peter! Ahl Du junger Lumpen⸗ kerl, wo haſt Du dieſe ganze Zeit über geſteckt?“. „Geſchlafen hab' ich, Sir; gewiß, Ihr wißt es 4 wohl, Sir, ich habe nur wenig Ruhe,“ antwortete eine zarte Kinderſtimme.„War es nicht fünf Uhr dieſen 3 Morgen, als ich die zwei Nisren röſtete, die Ihr für die vier Offiziere zum Abendeſſen hattet, und mußte ich nicht den Kian⸗Pfeffer drüben beim Nach⸗ bar borgen?“— „Ich bohre Dir mit dem Zwickbohrer ein Loch durch die Zirbeldrüſe und verſtopfe es mit meſfing⸗ . köpfigen Nägeln, wenn Du Dein Maul nicht hältft. Anna Maria, das war ein feiner Gedanke— he?— 1— 170 Lorreich, beim Jupiter! da, ſtell das Licht daher; bring Deiner Herrin einen Stuhl; gib mir meine robe de chambre. Verd—— bin ich, wenn er nicht ausſieht, gerade wie das Königreich Preußen auf der Landkarte, mit ſeinen verſchiedenartigen Anhängſeln. Das Abend⸗ eſſen, Saladin.“ „Die Sorgen ſchmecken—— „Was, Du Stück Ebenholz in Menſchengeſtalt— was willſt Du ſagen?“ „Ich hab— nit— ein Ding in der Speiskam⸗ mer,“ ſagte das Kind mit gebrochener Stimme. „Jſt nicht ein Entenrücken da und zwei Schnitte kalter Speck?“ fragte die Lady im Tone eines in die Quere fragenden Verhörrichters. 3 —„Den Speck hab' ich vergiftet für die Ratten, Mißz; und die Ente—— 4 „Wart, ich erwürge Dich mit meinen eigenen Händen,“ ſchrie der Mann,„wart, ich zerreiße Dich in luſtige Gedanken. Sieh her, Junge,“ ſagte er in einem Tone, wie John Kemble,„es mag ſein, daß es zwiſchen dieſen Wänden für einen Menſchen nichts zu eſſen gibt; mag ſein, daß nicht ſo viel da iſt, um eine kranke Fliege abzuſpeiſen, nein, nicht einmal genug für eine arme Spinne zu ihrem Frühſtück; aber wenn Du noch einmal wagſt, mir zu entgegnen, außer in orientaliſchen Phraſen, ſo werf' ich Dich in einen Sack, rufe meine Stummen und laß Dich in den Bosporus ſchleudern.“ „Wohin, Sir?“. „Halt's Maul, Du Teufelsbube, Meinen Stie⸗ felknecht!⸗ 3 „Meine Pantoffeln!“ kreiſchte die Lady.. 3„Meine Laute und das Sorbet!“ fügte der Herr inzu.. Nach Allem, was ich im Zimmer vorgehen hörte, ſchienen alle dieſe Befehle bereits vollbracht geweſen zu ſein, als ich wieder hörte— „Tanze einen lebhaften Takt, Salabin; meine Seele iſt ſchwer.“. 3 Nun hörte ich ein elendes Geklimper auf einer Guitarre, wozu Saladin, wie ich aus dem Geſtampf der Füße beurtheilen konnte, eine Axt Tanz aufführte. „Laß doch das Kind zu Bette gehen, und mache Dich nicht ſelbſt zum Narren,“ ſagte die Dame mit leidenſchaftlicher Stimme. „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte ich halblaut,„ſo iſt doch wenigſtens ſie nicht toll.“ „Tink, tink, a⸗tink a⸗tink, tink a⸗tink a⸗dido,“ kratzte ihr Gefährte.„Heda, Saladin, hole mir ein wenig Porter mit einem Ei und eiwas Zucker.“ Die Thüre ſchloß ſich, als das Teufelchen fort⸗ ging, und einige Sekunden lang war Alles ſtille. Mein Hauptgedanke war, welches hölliſche Unglück mich in ein Narrenhaus gebracht habe. Endlich ſprach der Mann: „ Ich ſage, Anne Maria, Cradock ſitzt ſchon lange ſo im Glücke.“ 4 „ Er ſpielt beſſer als Du,“ verſetzte die Lady beißend. „Das iſt erlogen,“ erwiederte er aufgebracht; „Whiſt ſpiel' ich beſſer als Alle, die leben und lebten, außer der Begune*) von Soutancantantarabad, die meinen Vater übertraf. Sie ſpielten den Point um 100,000 Rupien, und den Stich um einen Landſtrich; ſüf gegen zwei, das erſte gewonnen, galt weiße Ele⸗ phanten.“ „Wie ſchwätzſt Du doch!“ ſagte Anna Maria, „vergißt Du, daß all dieß Zeug bei mir nicht zieht?“ „Wohl, ich meine der alte Hickory, der den Schnapftabacksladen in Bath hatte, pflegte mir nur Ein Aß im Spiel zu geben, und wir ſpielten für ſechs *) Begune iſt ein Ehrentitel indiſcher Prinzeſſinnen⸗ A. d. Ueb. Pences— und doch hat er mich nicht ausgebeutelt. Tink, tink a tink, tink, tink, tink a tink! Hör', Sa⸗ ladin, ambroſiſcher Junge, bring' mir die Gewürz⸗ Büchſe.“ „O je!“ ſagte die Lady in einem Tone, der nicht gerade beifällig lautete. „Iß ein paar Datteln und geh dann zur Ruhe,“ ſprach die tiefe Stimme. 4 „Ja, hätt' ich nur einige eßbare!“ ſagte Saladin und ging aus dem Zimmer. „Tropf! Du haſt vergeſſen zu ſalem*); tritt langſam ab. Tink, tink, a tink, a tink. Anna Maria, er iſt jetzt teufelmäßig gut für ſchwarze Rollen. Wär's nicht originell, den Othello ein gebrochenes Engliſch reden zu laſſen? Ha, beim Zupiter, ein feiner Ge⸗ danke! beim Jupiter, der gefällt mirl⸗ Sier brach der Herr in enthuſiaſtiſche Selbſtbe⸗ wunderung aus und begann in der von ihm ange⸗ deuteten Traveſtie einige Stellen aus Shakspeare vor⸗ zutragen. „Credock verleugnete die Farbe und Du haſft es niemals geſehen,“ ſagte die Lady trocken, den Mono⸗ log unterbrechend. „Ich ſah es deutlich genug, aber ich hatte es zweimal ebenſo gemacht,“ ſprach er vergnügt;„und wenn die Gräber ihre Todten herausgäben, ſo würde auch ich als Mörder erſcheinen. Ein feiner Gedanke das! Nicht wahr?“ „Er gewann 17 Schilling 6 Pences von Dir,“ erwiederte ſie ärgerlich. „Zwei ſchlechte halbe Kronen; ein Lumpendreck, ein elender Lumpendreck,“ war die Antwort.. „Und der hoffnungsvolle zunge Herr im nächſten —xx;— „) Bibelfeſten Chriſten wird man nicht erſt zu ſagen bran⸗ en, daß salem grüßen heißt.. d. k. Zimmer, welche vortheilhafte Abſichten, darf ich fra⸗ gen, haſt Du mit ihm?⸗— „Burke! Tom Burke! Der Himmel ſegne Dich, er iſt der einzige Sohn und Erbe Burke's von Mount Blazes, in der Graſſchaft Galway. Sein Vater hält drei Koppel Hunde, eine auf Haſen; eine auf Füchſe, eine auf Hirſche— ſo zu ſagen gefleckte Teufel, 3 Fuß 8 Zoll hoch: darunter nimmt er keinen. Sein Vater und meiner waren Schulkameraden in Dundunderamud, im Himalaya; und er, nämlich der alte Burke, retiete meinem Vater das Leben auf einer Tigerjagd; ſollte ich die Dankbarkeit vergeſſen, die mir mein Vater als Erbſchaft hinterließ?“ „Das darfſt Du freilich nicht,“ ſagte die Lady, nes iſt fa das Einzige, was er Dir vermacht hat.“ 3 „Was! iſt der Landſtrich von Shamdoonah und Bunfunterabad nichts? Sind die großen Reihen von rothen Smaragden und blauen Opalen, einſt die Kron⸗ fwelen Saidh Sing Dolaah's, nichts? Iſt der Säbel von Hafiz, mit Verſen aus dem Koran in Buchſtaben von lauter Brilianten nichts?“ „Du machſt mich noch verrückt mit Deiner Toll⸗ heit,“ verſetzte die Lady aufſtehend und ihren Stuhl mit Gewalt zurückſtoßend.„So zu ſchwätzen, wenn Du weißt, daß Du nicht einmal eine Fünf⸗Pfund⸗ Note bekommen haſt.“ „da, ha, ha!“ lachte der Andere;„das iſt gut, wahrhaftig. Wollte ich nur mein iriſches Eigenthum verſetzen, ſo bekäme ich vierzehn hundert und ſicbzig 4 tauſend Pfund dafür;— ſo ſagt mir Machony. Aber die königlichen Vorrechte geb' ich nie auf, nie. Das iſt mein letztes Wort über die Sache— ehe ich meine Zinn⸗Mine hergebe, will ich lieber 12,000 Jahre Hun⸗ er leiden, und meinen Anſprüchen auf den Titel ent⸗ agen, den, glaube ich, die nächſte Sitzung mir geben wird; und wenn Du Lady Machinery biſt— 4 Ein heftiges Zuſchlagen der Thüre verrieth in dieſem Augenblick den Abgang der wüthenden Lady. Ihr Gefährte aber kümmerte ſich nichts darum, ſon⸗ dern murmelte für ſich ſelbſt: „ Die königlichen Vorrechte aufgeben?— Nie! O, ſie iſt fort—— Auch recht, am Ende iſt ſie doch ſo ſchlimm nicht. Ich darf in dieſem Augenblick an meine Kaſſe keine Anweiſung für eine größere Summe ausſtellen, als— laß ſehen— 24, 25, 28 und 10 Pences: mit 29 Schilling muß die große Firma Bub⸗ bleton und Comp. ihre Zahlungen einſtellen.“ Mit dieſen Worten ging er in ſtattlichem Schritte aus dem Zimmer und ſchloß die Thüre hinter ſich zu. Mein erſter Gedanke, als ich dieſer Rede lauſchte, war, Dank dafür, daß ich in die freundlichen Hände meines alten Reiſegefährten gerathen ſei, deſſen Güte noch friſch in meinem Gedächtniß lebte; mein nächſter war, welcher beſonderen Art von Tollheit wohl die ſeltſame Ergießung zuzuſchreiben wäre, die ich ſo eben mit angehört hatte, und worin mein eigener Name eine ſo närriſche Rolle ſpielte, da er mit Familien⸗ umſtänden verbunden wurde, von denen ich wußte, daß ſie ſich nie zugetragen hatten. Von Schlaf war nun keine Rede mehr; ganze Stunden lang konnte ich nichts thun, als mich mit den ſeltſamen Schlagwörtern meines Freundes Bubbleton beſchäftigen, die mir ſchon bei meinem erſten Zuſammentreffen mit ihm ſo aufge⸗ fallen waren. Die wunderbaren Abenteuer ſeines Le⸗ bens, ſein häufiges Entwiſchen aus den mißlichſten Gefahren, ſein ungeheurer Reichthum, ſein üppiges, verſchwenderiſches Leben, womit er mich damals in Erſtaunen geſetzt hatte, waren jetzt erklärt, während zugleich in ſeinen verſtändigen Bemerkungen zu ſich felber etwas lag, das alle meine Schlußfolgerungen über ihn ſtörte und erſchwerte. Ueber alle dieſe widerftreitenden Zweifel und Schwierigkeiten ſchlief ich endlich ein; aber weit beſſer für mich, wenn ich es nicht gethan hätte; denn mit — —- 175 dem Schlafte kamen Traͤume, wie nur ein Kranker ſte haben kann; all die Zerrbilder, die vor meinen irren⸗ den Sinnen auffliegen, vermiſcht mit wunderlichen Bruchſtücken aus Bubbleton's Geſpräch, bildeten die verworrenſte, unbegreiflichſte Phantasmagorie, die ich, guch als ich aufwachte, nicht bannen konnte,— ſo feſt hatte Saladin und ſein pas seul, die Guitarre, der Stiefelknecht und die rothen Smaragden von meinemn Geiſte Beſitz genommen. 3— Aufrichtiger Leſer— aber ich ſage nicht: ſchöne Leſerin— biſt Du nie benebelt geweſen? Biſt Du nie ſo weit über die Grenzlinie getreten, welche das Land der Nüchternheit von ihrem Nachbarlande, dem Lande unverantwortlicher Regungen, trennt, daß Du wirklich Zweifel trugeſt, welches der Rückweg ſei, daß Du dachteſt, ebenſo viel geſunden Verſtand und gutes Urtheil auf der einen Seite der Grenze wie auf der andern zu ſehen, wobei nur eine gute Geſellſchaft ein ſtarkes Gewicht in die Wagſchale legt? Wenn Du dieſen Zuſtand kennſt, wenn Du das gewiſſe Quantum Champagner oder Moſel mouſſeur, das ihn herbei⸗ führt, aber nur nicht weiter führt, zu Dir genommen haſt, dann begreiſſt Du vollkommen meinen peinlichen Zuſtand in ſolchen Momenten, wo ich wachte, und Du kannſt die Schwierigkeit meiner Bemühungen, um die Wirklichkeit von der Einbildung, die Faſeleien meines eigenen Gehirns von denen Bubbleton's zu unterſchei⸗ den, vollkommen würdigen. In dieſe angenehme und gewinnreiche Beſchäftigung war ich verwickelt, als derſelbe ſchwere Fuß, den ich am vorigen Abend gehört hatte, in das anliegende Zimmer trat und meiner Thüre ſich näherte. Das Schloß ging auf und es erſchien der berühmte Kapitän ſelbſt. Hier muß ich aber bemerken, daß, wenn man gelegentlich Perſonen tadelt, die durch Verſtellung in Stimme, Blick oder Kleidung Kinderſeelen zu erſchrecken ſuchen, noch ſtrengere Rüge diejenigen verdienen, die 176 die ſchwachen Sinne eines Kranken durch irgend eine Abgeſchmacktheit in ihrer perſönlichen Erſcheinung zu überwältigen ſuchen, und damit ich nicht tadelſüchtig ſcheine, ſo laßt mich meinen Freund beſchreiben. Der Kapitän, etwa ein Vierziger, war ein vollbackiger, dick⸗ köpfiger, gut ausſehender Kerl, 5 Fuß 10 bis 11 Zoll hoch; Geſichtsausdruck hatte ihm die Natur nur für folche Regungen gegeben, die da entſpringen aus dem Genuß von Schildkrötenſuppe, Eierpunſch, Truthennen mit Trüffeln, Glühwein aus Porto, Doppelbier und Auſtern, ein volles, mildſehendes, dunkelbraunes Au⸗ genpaar mit breiten, buſchigen Augenbrauen, die über der Naſe zuſammenſtießen. Letztere hatte etwas Knor⸗ riges und etwas Römiſches; ſein Mund war dicklippig und hatte jene eigenthümliche Beweglichkeit, die überall unzertrennlich ſcheint, wo Beredſamkeit oder Einbil⸗ dungskraft vorherrſchen; was die Farbe ſeines Geſichta betrifft, ſo hatte es jenen einförmigen Anſtrich, den die Maler„warm“ nennen, in der That eine reiche Claude Lorrain'ſche Sonnen⸗Untergangs⸗Farbe, das Reſultat von ſtarkgewürzten Speiſen, Vollblütigkeit, Punſch und den Wendekreiſen; ſeine Geſtalt glich einem ungeheuren Pudding⸗Tuch, getragen von zwei kurzen, dicken Pfeilern, die ſich im Gefühle der aufliegenden Laſt weislich unten ausbreiteten und dadurch ſeinem unteren Menſchen die Geſtalt eines verbutteten A ga⸗ ben; ſeine äußerſt kurzen Arme brauchte er, um ſich leichter fortzubewegen, gleichſam als Floßfedern; ſein Anzug an dem betreffenden Morgen beſtand aus einem gewaltig ſchmutzigen, aufgeflickten, altmodiſchen, ſei⸗ denen Schlafrock, um den Leib mit einem Gürtel be⸗ feſtigt, an welchem rechts ein türkiſcher Säbel, links eine Meerſchaumpfeife hing; ein abgetragenes, nicht allzureinlich ausſehendes Shawl war nach Art eines Turbans um ſeinen Kopf gebunden; ein paar gelbe Halbſtiefel mit abgeſchoſſenen, goldenen Quaſten zier⸗ ten ſeine Beine, die ohne alle andere Bedeckung ge⸗ ——,————. 177 gelegenheitlich aus den Falten der robe de chambre hervorguckten. Dies war das Aeußere des Mannes, der plötzlich auf der Schwelle ſlehen blieb, die Klinke in der Hand, und ausrief: 3 „Burke, Tom Burke, ſeien Sie ja nicht gewalt⸗ thätig; Sie ſehen, ich bin bewaffnek; ich hau' Sie nieder ohne Barmherzigkeit, wenn Sie nur einen Finger regen; verſprecht mir das—hören Sie mich?“ Daß auch ein Unbewaffneter vor einem ſo armen, ſchwachen Geſchöpf, wie ich war, Furcht hegen konnte, ſchien ſo ungeheuer einfältig, daß ich laut auflachte; dies Benehmen ſchien aber meinem Freund, dem Ka⸗ pitän, nur wenig Vertrauen einzufloͤßen; denn er zog ſich noch näher an die Thüre zurück und ſchien zur Kucht bereit. Der erſte Gebrauch fedoch, den ich vom Sprechen machen konnte, beſtand darin, daß ich ihn verſicherte, ich ſei nicht nur vollkommen ruhig und bei Sinnen, ſondern auch ſehr dankbar für eine Güte, von der ich nicht wiſſe, wie oder wem ich ſie zu ver⸗ danken hätte. „Nicht ſo mit Ihren Augen rollen! nicht ſo verd— — verrätheriſch dreingucken!“ ſagte er;„die Hände unter die Decke! Ich jage Ihnen eine Kugel durch den Schädel, wenn Sie ſich regen.“ Ich betheuerte abermals, daß ich ja gerne ſo ruhig bleiben würde, als er nur verlangen würde und bat ihn, ſich neben mich zu ſetzen und mir zu erzählen, wo ich ſei und wie ich hieher gekommen. Er errichtete aus einem Tiſche und zwei Stühlen ein Bollwerk zwi⸗ ſchen uns, ließ vorſichtig die Thüre halboffen, um ſeinen Rückzug zu ſichern, zog den Säbel und legte ihn vor ſich hin, heftete ſeine Augen auf mich, nahm udch Platz, ſtützte ſeinen Arm auf den Tiſch und agte:. 8e Nun, ſo ſein Sie endlich einmal ruhig, mein Tom Burke. I. 3 12 178 Gott! was waren Sie für ein ſchrecklicher Tollkopf! Niemand wollte ſich Ihrem Bette nähern, außer mir. Der handfeſteſte Kerl aus Swift's Spital floh von der Stelle, während ich ſagte:„Ueberlaßt ihn mir. Das menſchliche Auge iſt das wahre Mittel, den Hochmuth raſenden Wahn ſinns zu demüthigen.“ Mit dieſen Worten heſtete er einen Blick auf mich, wie ungefähr der Hauptmörder in einem Melodrama in dem Augenblick, wo er im Begriff iſt, eine ganze Familie zu opfern. „Sie hölliſcher junger Teufelsbraten, wie hab' ich Ste Pünuntergebracht, wie haben Sie ſich vor mir ge⸗ duckt.“ Im Kontraſt dieſer Prahlerei mit ſeiner wirklichen Furcht lag etwas ſo Närriſches, daß ich abermals in ein Gelächter ausbrach, worüber er aufſprang und ſei⸗ nen Säbel ſchwingend Rache ſchwur, wenn ich mich regte. Erſt nach Ablauf einiger Zeit gelang es mir, ihn zu überreden, daß, wenn ich auch alle mögliche Luſt hätte, ihn in Stücke zu reißen, meine Kraft nicht hinreichen würde, mich bis zur Thüre zu ſchlep⸗ pen, eine Verſicherung, die, ſo begründet ſie leider war, ihm die größte Freude bereitete. * So recht, ganz recht,“ ſagte er,„und in der That, wahnfinnig müßte der ſein, der ſich an Stärke mit mir meſſen wollte. Die rothen Männer von Tus⸗ carora nannten mich immer nur den großen Büffel. Ich trug gewöhnlich einen Rindenkahn mit meinem in⸗ dianiſchen Weib und neun kleinen ſchwarzen Teufeln unter Einem Arm, um den andern für den Tomahawk frei zu haben. Hi, ho, hil Das iſt der Kriegsſchritt.“ Hier bückte er ſich bis auf ſeine Kniee und ſprang dann wieder auf mit einem Geſchrei, worüber ich wirklich erſchrack. Und nun erſchien auf der Scene eine neue handelnde Perſon in der Geſtalt Anna Ma⸗ ria's, deren Namen ich die letzte Nacht ſo oft gehört hatte. „Was gibt's da?“ ſagte die Lady, ein kurzes, quatſcheliges Weib, von des Kapitäns Alter, aber ohn⸗ einen ſeiner perſönlichen Reize.„Das geht nicht, daß er den ganzen Tag ſo kreiſcht.“.— „Nicht er, ich war es, der den Kriegstanz auf⸗ führte. Komm' her, lege Dein Haar weg und ſei eine Indianerin, komm'. Was thut's? Bringe den Saladin her; wir wollen einen Kampf vorſtellen; ein hölliſch feiner Gedanke das!“—. Der aufgebrachte Blick der Lady als Antwort auf ſeinen beſcheidenen Vorſchlag überwältigte mich wieder, und ich ſank, von Lachen erſchöpft, in's Bett zurück. Inzwiſchen mußte ich dieſe Regung ſo gut als möglich unterdrücken, als ich die zornigen Blicke ſah, welche die Lady mir zuwarf. „He da, Burke,“ rief der Kapitän,„ich ſtell Sie hier meiner Schweſter vor, Miß Anna Maria Bubb⸗ eton.“ Ein ſehr trockener Dank von Seite Miß Anna Maria's erwiederte meine Anſtrengung, fie zu grüßen, und auf dem Abſatz ſich herumdrehend, ſagte ſie zu ih⸗ rem Bruder,„das Frühſtück iſt fertig,“ und verließ das Zimmer. Bei dieſen Worten ſprang Bubbleton auf, rieb vergnügt ſeinen Mund, ſchmatzte mit den Lippen und flüſterte ſodann mit leiſer Stimme: „Entſchuldigt mich, Tom; aber wenn ich eine Schwäche habe, ſo habe ich ſie für Yarmouth⸗Paſteten, Sardellen⸗ Schnitten, Milch⸗ Chokolade, OQuittenſaft, heiße Rollen und Rennthierzunge, mit einem kleinen Glas reinen weißen Branntwein zum Anfeuchten.“ So ſprechend drehte er ſich flatternd um und ging ab. Während mein Gaſtfreund ſo beſchäftigt war, wurde ich von dem Regiments⸗Chirurgen beſucht, der mir er⸗ zählte, daß meine Krankheit jetzt ſchon einige Wochen gedauert habe; ſtarke Gehirnentzündung mit verſchie⸗ denen Nebenübeln und ein gebrochener Arm ſeien die glücklichen Reſultate von meinem Abenteuer vor dem Parlamentshaus. „Bubbleton iſt ein alter Freund von Ihnen,“ fuhr der Doktor fort,„ein Kapitalkerl! es gibt keinen beſſern; ein wenig auf's Wunderbare verſeſſen, aber kein falſches Haar an ihm!“ „n der That ſcheint er eine ſtarke Ader für Dichten zu haben,“ ſagte ich halb ſchüchtern. „Getroffen! Seine Welt iſt ein ideales Ding, voll unmöglicher Menſchen und Ereigniſſe, wo er we⸗ negſtens einige Jahrhunderte gelebt hat, den vertrauten Umgang mit Fürſten, Staatsmännern, Dichtern und Kriegern genießend; er hat, nach ſeinem eigenen Da⸗ fürhalten, unbegrenzten Reichthum und unbdeſchränkte Hülfsmittel, und wird von deren Mangel nicht eher überzeugt, bis er um fünf Schilling für das Mittag⸗ eſſen gedrängt wird.“ „Und ſeine Schweſter?“ ſagte ich. „Ein eben ſo ſeltſamer Charakter in entgegenge⸗ ſetzter Richtung. Wie er in der Einbildung, ſo lebt fie in der Wirklichkeit, und nie bläht er ſeinen Wunder⸗ Ballon auf, ohne daß ſie vortritt, um ein Loch hin⸗ einzuſtoßen. Aber hier kommen ſie.“ „Na, Pepper, was macht Ihr Patient? Spart keine Mühe, alter Kerl— keine Koſten; bringt ihn nur wieder auf den Strumpf. Im naächſten Zimmer hab' ich für Sie eine Fünfhundert⸗Pfund⸗Note gelaſſen. Die iſt kein Regimentsfall— kommen Sie, kommen Sie.“. Pepper verbeugte ſich mit der Miene der tieſſten Dankbarkeit und ſah wirklich ſo überwältigt von ſolcher Freigebigkeit aus, daß ich begann zu vermuthen, in ſeiner Erzählung von Bubbleton möchte weniger Wahr⸗ bei liegen, als ich wenige Minuten vorher gedacht att e. „Aller Wahnſinn hat ihn verlaſſen— das iſt gut. Ich ſage, Tom, Sie müſſen glorreiche Gedanken ge⸗ habt haben, he? Als Sie toll waren, dachten Sie da vielleicht, Sie wären eine Anakonda, die auf eine Ziege ſpringt oder der Leuchtthurm von Eddyſtone, als deſſen Grund begann zu weichen.“ „Nein, nie.“ „Sie ſagten, ein wenig ſchwathen Thee?“ fragte Miß Bubbleton, an den Doktor ſich wendend. „Ja, und einige geröſtete Schnitten, wenn er Luſt dazu hat; und morgen oder übermorgen ein halb Glas Wein mit Waſſer.“ 4 „Ja, von jenem Tokayer, den uns der alte Pepi Eſterhazy ſchickte,“ ſagte der Kapitän. „Nein,“ entgegnete die Lady in drohendem Tone. „Und vielleicht in einer Woche freie Luft und ein wenig Ausfahren,“ ſagte der Doktor. „In der Barutſche mit den vier Ponys,“ unier⸗ brach Bubbleton. „Nein!“ wiederholte Miß Anna, aber in ſo ge⸗ bieteriſchem Tone, daß der arme Kapitän zurückbebte und nur vor ſich hinmurmelte: „Wozu kann Reichthum nützen, wenn man nichts beitragen will, um ſeinem Freund eine Freude zu machen?“ „Horch! es trommelt zur Parade,“ rief der Dok⸗ wor„wir müſſen uns eilen, ſonſt kommen wir zu pat.4 Beide ſtürzten zuſammen aus dem Zimmer, wäh⸗ rend Miß Anna aus einem kleinen Beutel, den fie am Arme trug, ihre Arbeit herauszog, einen Stuhl ans Fenſter rückte und ſich niederſetzte, nachdem ſie mir ruhig eingeſchärft hatte, daß mir Unterhaltung ſchädlich ſei und ich dürfe daher keine Sylbe ſprechen. Dreizehntes Kapitel. Ein unerwarteter Beſuch. Alle meine Bemühungen über die Art, wie ich zu meinem jetzigen Aufenthalt gekommen, etwas Gewiſſes zu erfahren, blieben fruchtlos, da Kapitän Bubbleton ſeine Erklärung mit einem ſolchen Nebel unwahrſchein⸗ licher, wo nicht unmöglicher Umſtände umgab, daß ich aus Verzweiflung jeden weiteren Bemühungen entſagte und mich mit der nackten Thatſache begnügen mußte, ich ſei von einigen Soldaten ſeiner Compagnie gefangen und auf die Wache gebracht worden. Sonderbar ge⸗ nug fand ich, daß der würdige Kapitän in ſeiner Selbſt⸗ Myſtifikation mich mit allen Ehren eines feſtenLoya⸗ liſten umgab, der ſeinen zerbrochenen Schädel in Ver⸗ theidigung der Soldaten gegen den Pöbel davongetragen habe; und dieſer überwiegende Eindruck brachte ihn in ſolchen Schwung, daß er nicht nur eine ganze Genera⸗ tion von Burkes anführte, die wegen ihrer Anhänglich⸗ keit an das Haus Hannover berühmt war, ſondern auch einen Blick in die Zukunft that, wo er mich für meine Tapferkeit und meinen Heldenſinn mit Ruhm bedeckt ſah. Jung, wie ich war, zögerte ich lange, in wie weit ich ihm den wahren Vorgang anvertrauen ſollte. Ich fühlte, daß ich ihn dadurch dem Selbſtvorwurf ausſetzen würde, einen Rebellen beherbergt zu haben, oder ihn vielleicht zu dem noch peinlicheren Entſchluſſe zwingen würde, mir ſeinen Schutz zu entziehen. Und doch, wie konnte ich Aufmerkſamkeit und Güte unter ſo falſchen Farben annehmen? Dies war eine kitzliche Sache und hundertmal des Tages wünſchte ich, nie von ihm ge⸗ rettet worden zu ſein, ſondern aus der Hand des Schick⸗ ſals lieber das Schlimmſte entgegengenommen zu haben. 183 Während daher meine Kraft mit jedem Tage zu⸗ nahm, quälten und beugten mich dieſe Gedanken. Der fortwährende Widerſtreit in meiner Seele ließ mich nicht froh werden; kaum brach ein Morgen an, ohne daß ich mich entſchloſſen hätte, meine wirkliche Lage und meine wahren Geſinnungen einzugeſtehen; und doch, wenn der Augenblick kam, flößte mir Bubbletons Leichtſinn, Un⸗ beſtimmtheit und Laune ſolche Beſorgniſſe ein, daß ich ſchwieg. Auch hoffte ich, irgend eine Frage von ſeiner Seite könnte mir eine ſchickliche Gelegenheit zu einer ſolchen Entdeckung geben; aber auch hierin ſah ich mich getäuſcht. Der luſtige Kapitän war viel zu ſehr damit beſchäftigt, aus ſeinem eigenen Kopfe eine Geſtichte über mich zu erfinden, als daß er mich darüber befragen wollte; und ich brachte von dem Regimentschirurg her⸗ aus, daß ich nach einer am Regimentstiſch gegebenen Verſicherung ein einziger Sohn ſei, im Beſitz unermeß⸗ licher Güter, etwas belaſtet freilich(außer andern Schulden mit einem ungeheuren Leibgedinge für meine Mutter)— ich ſei in die Stadt gekommen, um den Staatsanwalt über die Erbſchaft eines lange erledigten Familientitels um Rath zu fragen und ſei in Lord Caſt⸗ lereagh's Wagen nach dem Hauſe gefahren, als ich, aufgebracht über die Rohheit des Pöbels, herausge⸗ ſprungen ſei und einen von den Rädelsführern nieder⸗ geſchlagen habe u. ſ. w. u. ſ. w.... Woher dieſe fabelhafte Geſchichte ihren Urſprung hatte, oder ob ſie überhaupt einen hatte, außer in ſei⸗ nem phantaſtiſchen Gehirn, wußte ich nicht; aber ſei es nun die häufige Wiederholung derſelben oder die Stärke, womit ſich eine Lieblingsmeinung zuweilen in einem ſchwachen Geiſte feſtſetzt, kurz, er hielt ſie ſo ſehr für wmahr, daß er mehr als einen Brief an Lord Caſtlereagh ſchrieb, um ihn zu verſichern, daß ich wieder auf dem beſten Wege der Geneſung ſei, und es würde mich ſehr. freuen, ihn zu empfangen. Allein der Sekretär nahm, entweder weil er den Charakter des Kapitäns kannte, 184 oder aus Gleichgültigkeit gegen mein Schickſal, nie die geringſte Notiz davon.. Blubbleton hatte ſchon zu viele Beiſpiele ähnlicher Vernachläßigung erlebt, als daß ihn dieſes Schweigen betrübt oder verletzt hätte; im Gegentheil, er tröſtete ſich mit einer Entſchuldigung von ſeiner eigenen Erfin⸗ dung und ſagte allenthalben—„Zch denke, Caſtlereagh wird heute zu mir kommen, um Burke zu beſuchen“— bis dies eine ſtehende Redensart bei der Parade und ein Scherz am Regimentstiſch wurde. 3 Inzwiſchen lag ſein thätiger Geiſt nicht im Schlafe. Unwillig, daß Niemand nach mir fragte, und erſtaunt, daß kein aide. de-camp, nicht einmal ein Livreebedienter von dem Hauſe des Vizekönigs, in ſein Haus kam, um das tägliche Bülletin über meine Geſundheit abzuholen; vielleicht auch etwas ärgerlich, daß ſeine wichtigen Dienſte in Betreff meiner ohne Anerkennung blieben, ſchickte er ſich an, eine Mine zu ſprengen, die faſt mein Verder⸗ ben geworden wäre. Nach ungefähr zehn Tagen, die ich im Zuſtande ſolch peinlichen Schwankens zugebracht hatte, ohne daß ich zwiſchen zwei entgegengeſetzten Arten, mich zu be⸗ nehmen, waͤhlen konnte, indem ich theils in der be⸗ ſtimmten Kürze von Miß Bubbletons nicht überhöflicher Manier, theils in der ſplendid⸗liberalen und großar⸗ tigen Anſchauungsweiſe ihres Bruders Gründe für beide fand, ging ich eines Abends zu Bette, entſchloſſen, am nächſten Morgen endlich einmal herauszurücken; und da ich bereits wieder ſtark genug war, um ohne Hülfe zu gehen, ſo wollte ich Bubbleton jeden Umſtand meines Lebens offen eingeſtehen und Abſchied von ihm nehmen, um, ich wußte ſelbſt nicht wohin, zu wandern. Nachdem ich endlich zu dieſem Entſchluß gekommen war, ſchlief ich geſunder ein, als viele Nächte vorher, und erwachte nicht eher, als bis der laute Tritt und die noch lautere Stimme des Kapitäns mich aus dem Schlun⸗ mer weckte. 4 185 „He, Tom— gute Nacht, Junge! Wie geſund Sie ſchlafen! Gerade wie die Lachigong⸗Indianer, die nach der Jagdzeit zu Bette gehen and nicht eher wieder erwachen, als bis im nächſten Herbſt die Bären kom⸗ men. Ich hatte den Kunſtgriff ſelbſt einmal los, aber damals trank ich vorher immer ſechs bis ſieben Dutzend Gläſer ſtarkes Burton⸗Ale— und man ſagte, das ſei eigentlich nicht erlaubt. Aber was wollt' ich Ihnen doch ſagen? Ich hatte doch etwas für Sie im Kopfe. O, ich hab's. Ich ſage, Tom, alter Kerl, ich denke, ich habe ſie nun doch zu einem Entſchluß gebracht. Das haben ſie nicht erwartet, nein! ſie wußten ſchlecht, was ihnen blühte. Darauf waVren ſie nicht ganz vorbe⸗ reitet. Beim Jupiter, darauf nicht!“ „Wen meinen Sie?“ fragte ich, in meinem Bett aufſitzend, mit einiger Neugierde, von dieſen Individuen etwas zu hören. „Die Regierung, mein Junge!— das Schloß— der Privatſekretär— der Major— die Schatzkammer — das grüne Gericht— der— wie nennen Sie ihn? — der Geheime Rath.“. „Nun, was iſt ihnen begegnet?“ „Ich will's Ihnen erzählen. Legen Sie ſich nur erſt wieder ruhig nieder. Vor zwölf Ühr wird er nicht hier ſein, ob ich gleich, nebenbei geſagt, auf Ehre verſprach, kein Wort über ſeine Ankunft zu ſagen. Aber jetzt iſ's vorbei.“ 4 „Wer iſt es?“ fragte ich begierig. „O, das kann ich Ihnen jetzt ſagen. Sie werden ihn bald ſehen, und ſehr froh wird er ſein, Sie zu ſehen— ſo ſagt er. Aber hier find ſie— hier iſt die ganze Geſchichte.“ So ſprechend, bedeckte er das Bett mit einer Maſſe von Zeitungen und durchſtrichenen, ſchlecht geſchriebenen Manuſcripten, worunter er ſogleich eifrig zu ſuchen begann. „Hier iſt's. Ich hab's geſunden. Hören Sie:— „„Die Preſſe, Freitag, 10. Auguſt.— Der präch⸗ 186 tige Urangutang, welchen Kapitän Bubbleton im Be⸗ griff iſt, der Lady Lieutenant vorzuſtellen——“ Nein, das iſt's nicht. Ah, hier haben wir's:„„In dem näch⸗ ſtens erſcheinenden Buche Kapitän Bubbletons, das uns, aus beſonderer Vergünſtigung, bereits durchzuleſen ver⸗ ſtattet war, iſt eine ſehr merkwürdige Beſchreibung von der rieſenhaften, auf Candia gefundenen Maus zu finden, welche die Größe eines gewöhnlichen Bullenbeißers er⸗ reicht—— Nein, das iſts auch nicht. Sie haben jedoch davon gehört, Tom, nicht wahr?“ „Nie,“ ſagte ich, ein Lächeln unterdrückend. „Das wundert mich. Noch nie was gehört von meinen merkwürdigen Spekulationen über die Candia⸗ Maus? Das Thier hat eine Stimme gleich einem menſchlichen Weſen— wenn Sie dieſelbe im Wald ſchreien hören, würden Sie ſchwören, es wäre ein Kind. Ich bin auf der Spur, daß die Griechen ihr Wort 3 musicos von dieſer Maus her haben; aber das iſt's nicht, was ich ſuche. Nein, aber hier iſt's:„„Donners⸗ tag morgens. Nro. 1.— Endlich find wir im Stande, zu melden, daß der junge Gentleman, welcher in Ver⸗ theidigung des Militärs gegen den wilden und mörde⸗ riſchen Angriff des Pöbels bei dem letzten Aufruhr in College⸗green eine ſo hervorragende Rolle ſpielte, jetzt außer Gefahr iſt, in das Quartier Kapitän Bubbletons, George's⸗ſtreet⸗Kaſerne, gebracht, wurde er ſogleich trepanirt—— u, He? trepanirt! Nein, Sie wurden nicht trepanirt; aber Pepper ſagte, man hätte Sie tre⸗ paniren können, und er hätte es ebenſo gerne gethan, als nicht gethan; darum ſetzte ich herein: trepanirt.—— „„Die pia mater*) war zum Glücke nicht durchſchnit⸗ ten.““ Dies werden Sie nicht verſtehen, thut aber nichts — hem, hem——„„Congeſtion nach—— uu hem, hem——„In unſerer nächſten Nummer hoffen wirr einen noch günſtigeren Bericht zu geben.““ Hier iſt die ) Die Hirnhaut.. A. d. U. 187 nächſte:—„„Dem aide de camp, der geſchickt wurde, um ſich nach dem Helden von College⸗green zu erkundigen, ward dieſen Morgen die Antwort: Beſſer — im Stande, aufzufitzen.““ Gut, und hier iſt Nro. 3. —„„Se. Excellenz drückte dieſen Morgen im Geheimen Rath ſeine Freude aus, die Mittheilung machen zu können, daß Mr. wei(aus Gründen der Delikateſſe laſſen wir den Namen weg) jetzt bereits etwas Ger⸗ ſtenſchleim mit einem Löffel voll alten Madeira nehmen darf. Der Biſchof von Feres und Sir Boyle Roach ließen geſtern Beide ihre Viſitenkarten in der Kaſerne.““ Darauf wartete ich ein paar Tage; aber— würden Sie es glauben?— keine Notiz wurde davon genom⸗ men— nicht einmal die Oppoſitionsblätter ſagten ein Wort; nur in der„Preſſe“ fragte ein unverſchämter Schuft:„Werden wir nicht bald wieder etwas von Kapitän Bubbleton zu leſen bekommen?“ Und ſo ent⸗ ſchloß ich mich denn, mit Gewalt zu verfahren und hier ſehen Sie das Reſultat—„„Freitag, den 20. Wir haben jetzt die erfreuliche Pflicht, die vollſtändige Wie⸗ derherſtellung des jungen Gentlemans zu melden, deſſen Schickſal mehrere Wochen hindurch das Hauptthema der Unterhaltung für alle Klaſſen und Stände war, von der Tafel des Vizekönigs bis zu dem geringſten Bürger in Irland. Mr. Burke iſt der einzige Sohn und Erbe des verſtorbenen Matthew Burke von Cremore, in der Grafſchaft Galway. Seine Familie hat ſich von jeher ausgezeichnet durch ihre feſte, unwandelbare Loyalität, und der erbthümliche Ruhm ihres Hauſes ſcheint nichts zu verlieren in der Perſon des gefeierten Jünglings, der, wie wir hören, jetzt zum Baron erhoben werden ſoll, unter dem Titel Sir Thomas Bubbleton Burke. Den zweiten Namen hat er angenommen, um die Dienſte Kapitän Bubbletons zu erwähnen, deſſen—— Na⸗ türlich ſuchte ich hier den Satz abzurunden. Wohl, dies that ich. Hier war die Bombe, die das Magazin ſprengte; denn dieſen Morgen früh erhielt ich eine ar⸗ tige Note aus dem Schloſſe; den Schreiber möchte ich Ihnen aber noch nicht gerne nennen— denn ich bin ein Freund von Ueberraſchung; und ich will weiter nichts über den Brief ſagen, als daß wir im Glück ſind, mein Junge, wie Sie bald erfahren werden. Wie viel Uhr iſt jetzt? Ah, ein Viertel auf zwölf; aber warten Sie, ich meine, ich höre ihn im nächſten Zimmer; ſpringen Sie auf und ziehen Sie ſich ſo ſchnell als möglich an, indeſſen ich die Honneurs mache. Mit dieſen Worten huſchte der Kapitän aus dem Zimmer, und obgleich er die Thüre hinter ſich zuſchlug, konnte ich doch ſeine Stimme hören, wie er einen Be⸗ ſuch bewillkommte. 4 Trotz dem Meer von Unfinn und Albernheit, wo⸗ durch ich in der letzten halben Stunde gewartet war, erregte die Mittheilung, die er mir gemacht, meine Neugierde im höchſten Grade und verſetzte mich in einiger Hinſicht in Unruhe. Es lag ganz und gar nicht in meinem Plane, Baſſet auf irgend eine Weiſe auf meine Spur zu verhelfen und obgleich viel von der Furcht, die ich früher vor dieſem ſchrecklichen Menſchen hatte, mit meiner erweiterten Weltkenntniß verſchwun⸗ den war, ſo behielten die alten Gefühle doch noch ihren Einfluß auf mich, und es war mir, als ſollte Tony Baſſet für mich Zeitlebens ein Name des Schreckens bleiben. Es war jedoch ganz klar, daß das Schloß, welches Bubbleton erwähnte, keine Beziehung auf den ehrenwerthen Anwalt haben konnte; mit dieſer tröſten⸗ den Betrachtung, die freilich etwas ſpät kam, vollen⸗ dete ich meinen Anzug, und ſchickte mich an, mein Zimmer zu verlaſſen. „O, da kommt er,“ rief Bubbleton, indem er meine Thüre aufſchleuderte.„Kommen Sie her, Tom, wir wollen ſehen, ob Sie noch zu erkennen find.“ 4 Kaum war ich über die Schwelle getreten, als ich erſchreckt zurückbebte; und ich wäre gewiß umgeſunken, hätte mich nicht die Wand gehalten. Der Fremde, deſſen — 189 Beſuch mir ſo viel Vergnügen bereiten ſollte, war kein anderer, als Major Barton: dort ſtand er, ſeinen Arm auf den Kamin flützend, mit vemſelben kalten, boshaften Lächeln um ſeine Mundwinkel, wie am erſten Tage, wo ich ihn im Thale ſah. Seine ſcharfen Augen ſchoßen einen ſchnellen durchdringenden Blick auf mich, und dann richieten ſie ſich auf die Thürè, ſodann wie⸗ der auf mich, als wenn ein vorübergehender Gedanke ſie hin und her bewegt hätte. Bubbleton war der erſte, der ſprachz denn da er weder bemerkte, was in mir vorging, noch den ſtrengen khaurnt in Bartons Zügen wahrnahm, ſo platzte er eraus— 8 „He, Major! Das iſt Ihr Freunb— nicht wahr? ein Bischen verändert, wie ich vermuthe, ein wenig gebleicht, aber in einer guten Sache, wie Sie wiſſen. Kommen Sie, Tom, Sie werden doch Ihren alten Freund, den Major, noch kennen— wie iſt der Name?“ „Barton,“ verſetzte vieſer trocken. „Ja, Major Barton; er kommt von Sr. Excellenz. Ich wußte, dieſer letzte Paragraph würde es bewirken, he, Major?“ 5 „Ganz recht, Sir,“ ſagte Barton ſchlau,„dieſer Paragraph hat es bewirkt; und ſehr glücklich mögen Sie ſich ſchätzen, wenn er nicht auch etwas gegen Sie bewirkt.“ „Ei wie, was gegen mich, was meinen Sie?“ „Wie lang, darf ich fragen, haben Sie dieſen jungen Gentleman gekannt?“ fuhr Barton in demſel⸗ ben ruhigen Tone fort. „Burke, Tom Burke! Wahrhaftig, ich kannte ihn ſchon, als er ſo hoch war, wie dieſes Kamin⸗Gitter. Sein Vater und meiner waren Schulkameraden. Ich weiß nicht gewiß, ob er mein Taufpathe oder wenig⸗ ſiens einer davon war— ich hatte vier.“ Hier begann der Kapitän an ſeinen Fingern zu zählen.„Mulah, einer— Cham, zwei—— 1 190 ch bitte Sie um Vergebung, wenn ich unter⸗ breche,“ ſagte Barton, mit affektirter Artigkeit;„wir lange hat er dieſes Quartier bewohnt: dieſe Thatſache fällt Ihnen vielleicht leichter ein.“ „Wie lang?“ ſagte Bubbleton nachdenklich.„War⸗ ten Sie— wir ſind jetzt im Auguſt.“ „Am letzten Dienſtag war es drei Wochen,“ ſagte 69 inlalend⸗ um alle weiteren Umſchweife abzu⸗ neiden. „Alſo kamen Sie am Tage der Unruhen hieher?“ fragte Barton.* 8— „An demſelben Abend,“ war meine Antwort. „An demſelben Abend; vor oder nachher, wenn ich fragen darf?“ „Ich werde keine weiteren Fragen beantworten,“ fagte ich entſchloſſen;„wenn Sie einen Befehl gegen mich haben, ſo iſt es an Ihnen, ſich darüber aus⸗ zuweiſen.“ „Befehl gegen Sie,“ ſagte Bubbleton lachend. „Ums Himmelswillen, Junge, Sie werden ihn doch nicht mißverſtehen? Man hat ihn geſchickt, um Ihnen zu Ihrer Geneſung Glück zu wünſchen. Lord Caſtle⸗ reagh erwähnt in ſeiner Note— wo zum Teufel hah' ich ſie nur hingeſteckt?“ „Darauf kommt nichts an,“ ſagte Barton trocken; „Se. Lordſchaft vertraut gewöhnlich die Ausführung ſolcher Geſchäfte mir an. Können Sie mir ſagen, ob dieſer junge Gentleman in Ihrem Regimente be⸗ kannt iſt?“ „Tom Burke bekannt unter uns! Ei, Mann, er heißt nur„Burke von den Unſern⸗— er gehört zu uns— zwar freilich noch nicht in die Liſte eingetra⸗ gen, aber das gilt ganz gleich. Ohne ihn wuͤrden wir nicht auskommen können, ſo wenig als ohne die Re⸗ giments⸗Schüſſel, oder das Befehlbuch oder die Regi⸗ ments⸗Schnupftabacksdoſe.“ „Es thut mir ernſtlich leid, Sir,“ verſetzte Barton 2 —— 191 nachläßig;„Sie und das tapfere 45ſte Regiment eines Mitgliedes zu berauben, auf das Sie mit Recht ſo viel Werth legen. Aber Burke von den Unſern muß ſich dazu verſtehen, jetzt mein Burke zu werden.“ „Gewiß, mein theurer Major, nichts geht über gute Kameradſchaft; wir wollen ihn für heute, für einen Tag Ihnen leihen; merken Sie, länger können wir ihn nicht entbehren— und was mir einfällt, plagt in nichf zu viel mit Wein; er war vor kurzem erſt rank. „Darum ſein Sie unbekümmert,“ ſagte Barton, laut auflachend:„unſere Gewohnheiten bei Leuten von ſeinen Umſtänden halten ſich an die ſtrengſte Mäßig⸗ keit.“ Dann kehrte er ſich gegen mich und ſagte mit veränderter Stimme: „ Den Grund meines Beſuches brauche ich Ihnen, Sir, kaum zu erklären: als wir letzthin ſchieden, ver⸗ muthete ich nicht, daß unſer nächſtes Zuſammentreffen in einer königlichen Kaſerne ſtattfinden würde; aber Ihrem Freund hier haben Sie meine Kenntniß Ihres Aufenthaltes zu danken.“ Bubbleton machte hier einen Verſuch, eine Lobrede auf ſich ſelbſt zu halten; aber Barton fuhr fort: „Hier iſt ein Befehl vom geheimen Rath für Ihre Verhaftung, und hier——“ „Verhaftung!“ wiederholte der Kapitän verwun⸗ dert und erſchreckt. „Hier, Sir, iſt der Befehl gegen Sie, der nach Newgate lautet. Ich hoffe, Sie werden mich nicht nö⸗ thigen, Gewalt zu gebrauchen; drunten erwartet uns ein Wagen, und ich bitte, keine Zeit mehr zu verlieren.“ „Ich bin bereit, Sir,“ ſagte ich mit möglichſter Feſtigkeit. znach Newgate!“ wiederholte Bubbleton, ſank von Entſetzen überwältigt in einen Stuhl und kreuzte die Arme über ſeine Bruſt.„Armer Teufel, armer Teufel! 192 vielleicht beweifen ſie ihm Todſchlag— he? oder war es ein Bank⸗Diebſtahl?“ 4 Nicht einmal das Elend, das mir bevorſtand, konnte mein Lächeln über die Worte des würdigen Ka⸗ pitäns unterdrücken. Dennoch war ich in keiner luſtigen Stimmung, als ich mich zu ihm kehrte und ihm die Hand drückte. „Vielleicht,“ ſagte ich,„ſehen wir uns nie mehr wieder. Ich welß nicht und kümmere mich auch nicht darum, was mich erwartet; aber von ganzem Herzen dank ich Ihnen für Ihre Güte— leben Sie wohl! „Leben Sie wohl,“ ſagte er halb mechaniſch meine Hand mit ſeinen beiden drückend, und dicke Thränen rollten über ſeine Wangen.„Armer Teufel! Alles meine Schuld— ich ſehe es jetzt, Ich eilte hinter Barton die Treppe hinab, konnte mich aber beinahe eines Schluchzens nicht erwehren. Gerade als ich die Thüre erreichte, ging der Kutſchen⸗ Schlag auf und ein Polizeimann ließ den Tritt herun⸗ ter. Schon ſtand mein Fuß darauf, als Bubbleton ne⸗ ben mir war— „Ich will mit ihm, Mafor,— Sie werden mir es doch erlauben?? 3 „Jetzt nicht, Kapitän,“ ſagte Barton mit Nachdruck; „vielleicht bedürfen wir Ihrer an einem dieſer Tage; gehaben Sie ſich wohl..— Mit dieſen Worten ſtieß er mich vorwärts und trat hinter mir in den Wagen. Ich fühlte den Hände⸗ druck des armen Bubbleton zum letzten Mal und merkte, daß er etwas in meine Hand hatte gleiten laſſen. Ich öffnete ſie und fand zwei Guineen in Gold, die der gutherzig Mann mir gegeben hatte, ſie waren vielleicht die einzigen, die er beſaß. * Vierzehntes Kapitel. Der Kerker. 2 Von dem Augenblick an, wo die Wagenthüre ſich ſchloß, ſprach Barton kein Wort mehr mit mir, ſondern lehnte ſich zurück und ſchien einzig darauf bedacht, nicht erkannt zu werden, da die Aufmerkſamkeit des Volkes durch zwei neben dem Wagen herreitende Polizeimänner auf denſelben gerichtet war. Wir fuhren den Quai entlang, ſodann über eine alte, halb verfallene Brücke, und weiter durch verſchiedene ärmliche Straßen, wo⸗ durch mehrere Volkshaufen in derſelben Richtung eilten, wie wir. Endlich kamen wir an einen breiten, offenen Platz, der gedrängt voll von Leuten war, die ihrem Anzug und Aeußeren nach dem Lande angehörten. Sie unterhielten ſich alle in leiſem, murmelndem Tone, und richteten ihre Blicke von Zeit zu Zeit auf ein maſſives Gebänude von dunklem Granit, welches ich nur anzu⸗ ſehen hatte, um zu errathen, daß es Newgate war. Uaſere Pferde gingen in Schritt, ſobald wir unter die Volksmenge kamen, und während wir uns langſam fortbewegten, fielen mir die neugierigen und aufgereg⸗ ten Geſichter auf, die ich zu beiden Seiten ſah. Es konnte keine gewöhnliche Gelegenheit ſein, die dieſer ungeheuren Menge den Ausdruck ſchmerzlicher Angſt gab; den einzigen, den ich ſah. Während ſie gegen das dro⸗ hende Portal des Kerkers hingafften, ertönte der tiefe feierliche Schall einer Glocke und jedes Herz ſchien von Trauer erfaßt zu werden. In einem Augendlick waren die Fenſter aller Häuſer von neugierigen Ge⸗ ſichtern beſeßt, auch die Zimmer waren voll von Leu⸗ ten. Alles war ſtill und jedes Auge nach Einer Rich⸗ Tom Burke. I. 13 194 tung gekehrt. Ich ſolgte mit meinem Blicke den übri⸗ gen und ſah über meinem Haupte das ſchauerliche Gr⸗ rüſte des Galgens, bedeckt mit weißem Tuche, woran ein Strick vom Winde hin und hergetrieben wurde. Die enge Thüre dahinter war geſchloßen, aber es war klar, daß jede Sekunde, die dahinſchlich, irgend einen Auglücklichen Verbrecher ſeinem ſchrecklichen Ende näher rachte. 3 Als wir uns dem Eingang näherten, wurden auf ein von dem Polizeimann vom Bock aus gegebenes Signal die maſſiven Thüren geöffnet und wir fuhren in den düſtern Vorhof hinein. Erſt jetzt, als die ſchwere Thüre hinter mir zuſchlug, ſank mir das Herz. Bis zu dieſem Augenblicke hatte mich ein gemiſchtes Gefühl er⸗ littenen Unrechts und verzweifelten Muthes geſtärkt; aber plötzlich rann ein kalter Schauer durch meine Adern, meine Kniee ſtießen zuſammen, und es beſchlich mich eine Angſt, wie ich bisher noch nie gekannt. Jetzt wurde der Kutſchenſchlag geöffnet, der Tritt herunter elaſſen, und Barton, der zuerſt ausſtieg, richtete einige orte an eine neben ihm ſtehende Perſon, die er Mr. Gregy nannte.. 3 Es war dieß einer jener Momente, wo man jeden flüchtigen Blick, jedes zufällige Wort, jede Bewegung, jede Geberde aufgreift, ſo daß man fie nie mehr ver⸗ gißt; und ich erinnere mich jetzt, wie, als ich aus dem Wagen ſtieg, ein Gefühl von Scham mich durchdrang, es möchten die Nebenſtehenden meine Furcht merken, und mit welcher Beruhigung ich mich überzeugte, daß Vernachläſſigung„ eben dieſe kalte Gleichgültigkeit gegen mich meinen Muth noch tiefer, und ich betrach⸗ tete mich als Einen, deſſen Schickſal für Niemand In⸗ nirgends Mitge⸗ zu, und der Wagen bewegte ſich durch den engen Raum, worin jetzt einige Dutzend Perſonen ſtanden. Im näch⸗ ſten Augenblick hörte man murmeln, fie kommen,“ und vernahm zugleich die feierlichen Töne einer Manns⸗ flimme, die die Sterbe⸗Gebetformeln der römiſchen Kirche ſang, ſowie die gemeſſenen Fußtritte von Per⸗ ſonen, die über den Hofraum kamen. In der rückgän⸗ gigen Bewegung, welche jetzt meine Umgebung machte, wurde ich nahe an einen engen Eingang gebracht, in⸗ nerhalb deſſen eine ſteinerne Wendeltreppe aufſtieg, und nach dieſem Punkt bewegten ſich, wie ich jetzt bemerkte, die Perſonen, vie herantraten. Meine Augen warfen kaum einen Blick auf die, die zuerſt kamen, aber ſie ruhten mit ängſtlichem Intereſſe auf dem entblößtem Haupte des Prieſters, der in allem Schmuck ſeines Am⸗ tes, ein Buch in der Hand, dahinſchritt, und mit trau⸗ riger Eindringlichkeit die Todten⸗Litanei wiederholte, Als er näher kam, konnte ich ſeben, daß ſeine Augen von Thränen getrübt waren, ſeine blaſſen Lippen beb⸗ ten, und ſeine Wangen in krampfhafter Seelenpein zitterten. Nicht ſo Der, welcher ihm folgte. Er war ein junger Mann, kaum vier und zwanzig, gekleidet in ein Dehnt und weite, weiße Hoſen, aber ohne Rock, Weſte und Halsbinde; ſein Haupt war bloß, und ſeine breite Stirne von lichtbraunen Haaren umflattert, in denen der Wind ſpielte. Sein Auge war glänzend und flam⸗ mend, miiten auf ſeiner blaſſen Wange glühte ein kleiner Fleck von hektiſchem Hochroth. Sein Schritt war feſt und elaſtiſch. Er ſuchte die Worte des Prie⸗ ſters nachzuſprechen: aber aus den wilden Blicken, wo⸗ mit er um ſich ſah, war es klar, daß ſeine Seele nicht viel wußte von den Dingen, die von ſeinen Lippen kamen, und daß in ihm ganz andere Gedanken vor⸗ gingen. Plötzlich ſielen ſeine Augen auf den Major, der in meiner Nähe ſtand. Der Mann fuhr zurück, und für eine Sekunde verließ ſogar jener kleine rothe Fleck ſeine Wange, die nun todtenbleich war. Ein geiſter⸗ haftes Lächeln, das ſeine weißen Zähne zeigte, fuhr über ſeine Züge und mit ſchrecklich ernſter Stimme ſprach er: „Ihr könnt nun zufrieden auf Euer Morgenwerk blicken, Sir, und ich hoffe, es macht Euch Freude.“ Darauf fuhr er, indem ſein Geſicht ſich dunkelroth ſärbte, fort:„Aber beim Ewigen— Ihr würdet jetzt nicht ſo dreinſchauen, ſtünden wir zwei allein auf dem Abhang von Slieb⸗miſch, und wäre nichts zwiſchen uns, als unſere vier Arme.“ Der ſchreckliche Ausdruck der Rache, der ſich bei dieſen Worten auf ſeinem wilden Geſichte malte, ſchien ſogar die harte und ſtrenge Natur Barton's zu er⸗ ſchrecken. Alle ſeine Anſtrengungen, ruhig und guten Muthes zu ſcheinen, waren für den Augenblick vergeb⸗ lich und er ſchrack zurück vor dem ſtolzen und flammen⸗ den Auge des Verbrechers, als ob er als Schuldiger ſeinem Ankläger gegenüber ſtände... Zum zweiten Male ertönte die ſchwere Glocke; der Gefangene fuhr auf, und ſein Haupt rings umher drehend, ſchien er begierig durch die Menge hinter ihm zu ſehen, als ſeine Augen auf die Geſtalt eines Man⸗ nes fielen, der offenbar ein Paar Jahre jünger war als er, und deſſen Züge ſogar in ihrer todtenähnlichen Fde eine auffallende Aehnlichkeit mit ſeiner eigenen atte.. „Komm mit, Patſy,“ rief er; darauf wendete er ſich an den Kerkermeiſter, und ſagte mit einnehmendem Lächeln und ſanftem Tone:„Es iſt mein Bruder, Sir, er iſt 80 Meilen weit hieher gekommen, um mich zu ſehen, und ich hoffe, Ihr werdet ihn mit mir zum Gal⸗ gen kommen laſſen. 45 In ſeinem ruhigen Ernſt in ſolch einem Augen⸗ blicke lag etwas, das ſchmerzlicher ergriff, als der hef⸗ tige Ausbruch ſeiner Leidenſchaft; und als ich dieſe beiden Brüder Hand in Hand und Schritt für Schritt mit einander gehen und dann in der Windung der dunklen * — 197 Treppe verſchwinden ſah, durchdrang mich ein krank⸗ hafter Froſt, und kaum erweckte mich das laute Geſchrei, das die verſammelten Tauſende draußen erhoben, aus meiner Erſtarrung. „Kommen Sie, Sir,“ rief ein Mann, der in der Kleidung eines Beamten einige Minuten lang meinen Verhaftsbefehl ſorgfältig durchgeſehen hatte;—„folgen Sie, wenn's beliebt.“ Ich folgte ihm durch den Hofraum auf ein kleines Gebäude zu, welches von den übrigen getrennt ſtand, als er plöͤtzlich ſtehen blieb und, das Papier in ſeiner Hand ſorgfältig prüfend, ſagte:. „Warten Sie einen Augenblick, ich werde gleich wieder kommen.“ Mit dieſen Worten eilte er nach dem Thore zu⸗ rück, wo noch Barton mit zwei oder drei Andern ſtand. Was zwiſchen ihnen vorging, konnte ich nicht hören, aber ich merkte deutlich, daß Barton's Manier kürzer gebunden und gebieteriſcher als je war; und daß, wäh⸗ rend der Kerkermeiſter— denn dieß war er— ſeine Bedenklichkeiten ſo oder ſo ausdrückte, der Major ihn nicht mit Geduld anhören wollte, ſondern ihm den Rücken kehrte, und laut genug rief, um ſogar da, wo ich ſtand, gehört zu werden. 4 „Ich ſage Ihnen, das kümmert mich nichts— regelmäßig oder unregelmäßig— wenn Sie ſich wei⸗ gern, ihn zu verſorgen, ſo ſteht Ihr eigener Kopf da⸗ für. Es iſt weit gekommen Pollock,“ ſagte er, ſich an eine Perſon neben ihm wendend,„wenn in Se. Maje⸗ ſtät Gefängniß mehr Sympathie für einen Rebellen, als Achtung für einen Regierungs⸗Beamten herrſcht.“ „Ich will es thun, Sir, ich will es thun,“ rief der Kerkermeiſter, und hieß mich folgen, während er zwi⸗ ſchen den Zähnen murmelte:—„Damit muß es früher oder ſpäter ein Ende haben.“ Mit dieſen Worten ſchloß er eine ſtark verriegelte Thüre auf und führte mich durch einen engen Gang, 198 an deſſen Ende er eine Thüre in ein kleines, gar nicht ſo übel ausgeſtattetes Zimmer öffnete. „Hier, Sir,“ ſagte er,„werden Sie beſſer ſein, als da, wohin ich Befehl habe, Sie zu ſtecken, und auf alle Fälle hoffe ich, unſere Bekanntſchaft wird wohl nicht lange währen.“ Dies waren die erſten gütigen Worte, die ich ſeit 1 Sprecher danken, aber ſchon war die Thüre geſchloſſen und er fort. Die ſchnell auf einander folgenden Ereigniſſe mei⸗ einiger Zeit hörte. Ich kehrte mich um und wollte dem nes Lebens— das dunkle Schickſal, das mich zu ver⸗ folgen ſchien— hatte meiner Seele einen nachdenk⸗ lichen Charakter gegeben, während ich doch nur noch ein Knabe war. Die Sorgen des Lebens, die im Mannesalter nur dazu dienen, den Charakter zu bilden, Ausdauer, Muth, Gewandtheit zu entwickele, machen in früheren Jahren ganz andere Eindrücke auf ung und hinterlaſſen ganz verſchiedene Lehren. Jedes Bei⸗ ſpiel von Betrug und Zweideutigkeit erſchüttert unſere Begriffe von Redlichkeit und Ehre; jede Strafe, deren Strenge wir in ſpäteren Jahren über ihrer Gerechtig⸗ keit vergeſſen hätten, hat in den Augen der Jugend einen Charakter von Rachſucht und Grauſamkeit. Nur auf Wirkungen, nie auf Urſachen ſehend, ſind unſere Lebensanſichten einſeitig und beſchränkt;z die beſſeren Seiten unſerer Natur werden eben ſo oft durch falſche Sympathie mißleitet, als die ſchlimmern durch ihre verderbliche Richtung. „Von der Stunde, wo ich mein väterliches Haus verließ, bis jetzt hatte ich nichts geſehen, als die Lei⸗ den eines armen, wehrloſen Volkes in den Händen üppiger Tyrannei. Ich hatte die Hütte ein land⸗ manns verbrennen geſehen, weil ſie einem Verbannten ein Schutz geweſen war. Ich hatte die rohen Denun ziationen einer betrunkenen, banditenartigen Soldateska gegen Leute gehört, die kein anderes Ziel hatten, kei⸗ 4 ———— duldig wartend auf⸗ und abſchritt. 199 nen andern Wunſch äußerten, als Freiheit und Gleich⸗ 8 heit; und in meinem Herzen gelobte ich den Feinden meines Landes unauslöſchlichen Haß— ein Gelübde, das nichts von ſeiner Bitterkeit verlor, weil es in Kerkermauern gethan wurde. In Betrachtungen der Art brachtt ich den Abend und den größern Theil der Nacht zu. Meine Seele war zu aufgeregt, als daß ich hätte ſchlafen können, und ich ſehnte mich nach Tagesanbruch mit jener Un⸗ geduld der Kranken, welche die langen Stunden der Finſterniß zählen und denken, der Morgen müſſe ihnen Linderung bringen. Endlich kam er; die ſchweren, knarrenden Töne maſſiver, auf⸗ und zugehender Thüren — die traurigen Echos, die von Gefangenſchaft und Leiden erzählten— ſeufzten durch die Gänge und dann war Alles ſtill. Langes Wachen und viel Denken hatte mich in jenen iträumeriſchen Zuſtand verſetzt, wo eine düſtere Unempfindlichkeit wie eine ſchwere Wolke über uns 8 hängt, und ich ſaß dort und betrachtete den ſchmalen Sonnenſtreifen, der durch das vergitterte Fenſter her⸗ einſiel, und berechnete, wann er wohl den Herd er⸗ reichen würde. Plötzlich hörte ich die Töne von Fuß⸗ tritten im Gang, meine Thüre wurde geöffnet, und der Kerkermeiſter trat herein, begleitet von einem Mann, der mein Frühſtück brachte. „Kommen Sie, Sir,“ ſagte Erſterer,„ich hoffe, Sie haben Appetit nach unſerer Gefängnißkoſt bekom⸗ men. Verlieren Sie keine Zeit, denn es wartet drun⸗ ten ein Wagen, um Sie nach dem Schloſſe zu bringen, und der Major ſelbſt iſt draußen.“ „Ich bin ſogleich bereit,“ ſagte ich aufſpringend und meinen Hut nehmend; trotz aller gutmüthigen, eindringlichen Bitten zu eſſen, ſchlug ich Alles aus, und folgte ihm in den Hofraum, wo Barton unge⸗ Fünfzehntes Kapitel. Das Schloß. Kaum war der Wagen von den düſtern Portalen des Kerkers abgefahren und in eine der langen Straßen gekommen, die an den Fluß fübren, als ich eine auf⸗ fallende Geſtalt bemerkte, die immer neben uns her⸗ lief. Ein ächtes Muſter der Zerriſſenheit von Alt⸗Du⸗ blin, flogen ihre Kleider, wie Bänder hinter ihr her; ſogar durch den Hut flatterte das lange rothe Haar, während die übrigen Kleider ein Flickwerk darſtellten, mit welchem kein ſchottiſcher Mantel wetteifern konnte; die Beine waren bloß, nur um das eine ſchlotterte ein zerriſſener Stülpfiefel, das andere war nackt bis auf den Fuß, der mit einem alten Saffian⸗Pantoffel bekleidet war, welchen der Beſitzer, wenn er lief, mit erſtaunlicher Gewandtbeit von ſich ſtieß und wieder auffing, ſeine Kunſt mit einem wilden Kriegsgeheul⸗ ähnlichen Geſchrei begleitend; er trug in der Linken ein Bündel gedruckter Papiere, und ſchwang eines davon in ſeiner Rechten, immerfort mit ungemeiner Energie etwas ausrufend. Kaum hielt der Wagen an dem Thore eines altmodiſchen Backſtein⸗Gebäudes ſtille, als er daneben flund. „Wie ſteht's, Major? wie ſteht Leib und Leben? Nehmt Ihr dieſen Morgen etwas?— Ihr wißt ſchon, wie. Kauft mir was ab, Sir.“ „Was habt Ihr heute„Toby?“ fragte der Major n größerer Freundlichkeit, als ich je an ihm bemerkt atte. „Ein nettes neues Lied über Buck Whaley oder Reiledit beliebt Euch Beresford's Ballade oder Malbro 1 Green?“ 201 „Ei Mann, das Alles iſt ſchon drei Wochen alt.“ „In der That, Major, mit Euch iſt doch gar nichts anzufangen. Nun, vielleicht gefällt Euch dies da— Hier iſt die blutige und grauſame Miſſethat, begangen von den Jeomännern an der Leiche eines an⸗ ſtändigen und achtbaren jungen Mannes⸗,, mit Namen Darby M'Keown, nebſt dem vollſtändigen und wahren Bericht, wie unmenſchlich er zuſammengeſtochen und ermordet wurde am 8. Juli—— „Ja, gebt her; ich hoffe, ſie ſind mit dieſem Schur⸗ Pr fertig geworden; drei Jahre war ich ihm auf der pur.— Der Burſche kam heran, und während er dem Major das Papier einhändigte, ſuchte er ſich mir zu nähern.„Kauft eines, Mr.“ ſagte er und kehrte ſich bei dieſen Worten vollſtändig um, ſo daß er nur von mir beobachtet werden konnte; ſogleich veränderte ſich, wie durch einen Zauberſchlag, der ganze Ausdruck ſei⸗ ner Züge, und ich ſah vor mir das wohlbekannte Ge⸗ ſicht Darby's ſelbſt. „Habt Ihr eine Antwort für mich, Toby 24 fragte der Majior. „Ja, Sir, da iſt ſie,“ mit dieſen Worten nahm er ſeinen zerlumpten Hut ab und zog einen Brief aus dem Futter.„Sechs Pence ſolltet Ihr mir dieſen Morgen geben,“ fuhr er mit eindringlicher Stimme fort;„der Teufel hol' mich, wenn es nicht einund⸗ zwanzig Meilen von hier ſind, nicht zu ſprechen von der Gefahr, die ich lief, und von den„Jungen,“ die überall um mich her waren.“ „Und was gibt's Neues im Lande, Toby?“ fragte der Major, während er das Siegel des Briefes er⸗ hra ch. „Man ſpricht von einem Auſſtand, Sir, den fie vorhaben, wenn das Obſt daheim iſt, Gott ſei ge⸗ prieſen, ſie ſagen, es werde eine reiche Ernte geben.“ .202 1 Sut wen, Toby, für die Krüge oder die Crop⸗ p g8 41 „Hier iſt der ganze, volle, wahre und genaue Bericht,“ damit kehrte er um die Ecke des Gebäudes, und bald verſchwand ſeine Stimme unter dem Geräuſch der Straße. Der Major ſah ihm nach und lächelte, und ſo kurz auch dieſes Lächeln war, ſo ſah ich doch dar⸗ Ich ſtieg eine Flucht alter vernachläßigter Treppen hinan und trat in ein Vorzimmer, wo der Major dem Portier einen Befehl in's Ohr flüſterte und darauf in das innere Zimmer ging, mich zurücklaſſend. 8 Als Major Barton durch die eine Thüre ging, drehte der Portier den Schlüſſel in der andern herum, ſteckte ihn in ſeine Taſche, rückte ſeinen Stuhl an's Fenſter und nahm die Zeitung wieder zur Hand, worin lich traurige, folgten einander ſchnell und ich merkte nicht, wie die Zeit verſtrich. Plötzlich öffnete ſich die Thüre und ich hörte meinen Namen rufen. Ich holte tief Athem, wie Einer, der fabn, daß ſein Schickſal ein. Das vollkommen ausgeſtattete Zimmer ſchien als Der grünbedeckte Tiſch in brauen und dunklem Geſichte eifrig ſuchte, als ich ein⸗ trat. Hinter und theilweiſe neben ihm ſtand Barton in reſpektvoller, aufmerkſamer Haltung, während, mit der Hand am Feuer, noch ein dritter Herr von etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahren zugegen war. Sein 203 Anzug war ganz nach der Mode; ſeine Stülpſtiefel gingen bis zur Mitte des Beines— ſein blauer Rock war mit weißer Seide gefüttert und zwei Ubhrketten hingen unter ſeiner hellgelben Weſte herunter, dem Gipfelpunkt der damaligen Faſhion. Seine Züge wa⸗ ren offen und ſchön, und ohne einen Anſtrich von Geckenhaftigkeit, der dem Ausdruck einen Charakter der Schwäche verlieh, hätte ich ihn für einen männlichen, ſtattlichen Kerl gehalten. Dies iſt alſo Ihr Robespierrel wirklich, Ma⸗ jor?“ rief die Hauptperſon, in lautes Gelächter aus⸗ brechend, als ich erſchien. Buarton trat ihm näher und murmelte ihm etwas in’s Ohr, worauf der Andere wenig oder gar nicht Acht gab. „Sie find hier, Sir,“ ſagte der Mann mit dem dunklen Geſichte, in ſeiner Hand ein Papier haltend —„Sie find hier in Folge eines Verhaftsbefehls vom Gebeimen Rath, worin Sie beſchuldigt werden, mit jener aufrühreriſchen, ruchloſen Partei in Verkehr zu ſtehen, die den Frieden und die Wohlfahrt dieſes Lan⸗ des zu ſtören ſucht, gefährliche und gottloſe Lehren zu verbreiten, und im Bündniß mit Frankreich zu ſtehen — mit Frankreich—— was iſt das für ein Wort, Barton?—— und—— „In zwei Worten, junger Gentleman,“ ſagte der tunge Mann am Feuer,„Sie ſind beſchuldigt, ſehr ſchlechte Geſellſchaft zu haben, worin Sie ſehr ſchäd⸗ liche Begriffe einſaugen und ſich ſehr bedeutenden Ge⸗ fahren ausſetzen. Nun bin ich nicht geneigt zu glauben, daß in Ihrem Alter und bei Ihren ſchätzbaren Ver⸗ bindungen die Sache oder deren Verfechter ſich Ihrer Seele ſtark bemächtigt haben können. Ich bin über⸗ zeugt, Ihre jetzigen Neigungen wurden Ihnen von ge⸗ wandten argliſtigen Perſonen eingeflößt, die nur ihre eigenen Abſichten hatten, wenn ſie einen jungen Men⸗ ſchen, wie Sie, in ihr Complott verwickelten. Wenn 204 ich mit dieſer Meinung recht habe, und wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben wollen——„ „Ich ſage, Cooke, das können Sie nicht thun. Der Verhaftbefehl beſtimmt—— ℳ „Wohl, wohl, ſo mag er Bürgſchaft ſtellen.“ „Hier gilt keine Bürgſchaft, ſehr Ehrenwerther,“ ſagte Barton, an den ſtattlichen Mann an der Tafel ſich wendend. „Schuftig,“ ſprach der jüngere Mann, zornig ſich wegkehrend,„wir haben in der That um wichtigere Dinge uns zu kümmern, als um dieſen Knaben.“ „Obgleich ein Knabe, Sir,“ ſagte Barton demü⸗ thig,„ſo beſaß er doch das volle Vertrauen jenes be⸗. rüchtigten franzöfiſchen Kapitäns, auf deſſen Habhaft⸗ werdung Sie eine Belohnung von 1000 Pfd. ſetzten.“ „Sie möchten Ihren Fuchs gerne todt hetzen, Barton,“ verſetzte der Unterſekretär ruhig; denn er war der Sprecher. „Ein Bündniß mit Frankreich,“ fuhr der dunkle Mann fort, in dem Papiere leſend, auf das er noch immer ſeine Augen geheftet hatte,„zur Verbreitung — ja, das iſt's— zur Verbreitung demokratiſcher—4 „Kommen Sie, Browne, laſſen Sie den Verhaft⸗ Befehl; wenn er Bürgſchaft finden kann— ich will ſagen 500 Pfd.— für ſein künftiges Erſcheinen, ſo dürfen wir zufrieden ſein.“ Browne, der ſeine Blicke noch immer auf dem Papiere hatte, und auf Nichts als ſeine eigenen Ge⸗ danken zu achten ſchien, blickte jetzt auf, und ſeine dunklen, hervorſtehenden Augen auf mich richtend, ſprach er mit tiefer, leiſer Stimme: „Sie ſehen, Sir, die drohende Gefahr Jhrer jetzigen Lage, und zugleich die gnadenvolle Milde, welche die Regierung Sr. Majeſtät immer charakteriſirt hat. Wenn Sie ſich daher eines transportationsmä⸗ bigen Verbrechens ſchuldig bekennen wollen„und wenn die große Jury auf Anklage erkennen wird—— 64 1 205 „Sle irren ſich, Browne,“ ſagie Cooke, indem er mit dem Sacktuch ſein Lachen zu unterdrücken ſuchte, „wir müſſen ſeine Bürgſchaft nehmen.“ „Bürgſchaft,“ ſagte der Andere, mit einem äußerſt komiſchen Blicke und Tone der Verwunderung. Bis zu dieſem Augenblicke hatte ich geſchwiegen, jetzt aber konnte ich mich nicht länger mehr halten. „Ich bin vollkommen bereit, Sir,“ ſagte ich ent⸗ ſchloſſen,„mich jeder Unterſuchung zu unterziehen. Ich ſchäme mich weder der Meinungen, zu denen ich mich bebennes noch fürchte ich die damit verbundene Ge⸗ ahr.“ „Da hören Sie's, Sir, da hören Sie's,“ ſagte Barton triumphirend zu dem Sekretär, der ſich aus Verlegenheit in die Lippe biß, und/ mich mit einem Ausdruck von Verdruß und zugleich warnend anſah.— „Laſſen Sie ihn nur gewähren und er wird Ihnen ſelbſt beweiſen, daß ihm keine Bürgſchaft geſtattet werden kann.“ „Bürgſchaft,“ wiederholte der ſehr Ehrenwertbe⸗ deſſen Sinne ganz vernagelt ſchienen. „ich kenne ihn nicht.“ Ich fuhr bei dem Namen zuſammen und fühlte, daß meine Wangen glühten; er bemerkte es ſogleich. f ei. kennen alſo dieſen Gentleman?“ fragte er anft. „Ja, ſeiner Menſchlichkeit verdanke ich mein Leben.“ „Ich denke nachweiſen zu können, Sir,,“ ſagte Barton, in die Rede fallend,„daß unter Mitwirkung dieſes Burke ein ſehr tiefer Plan zur Aufhetzung der Truppen im Werke iſt. Ich verhaftete ihn in der Ge⸗ orgesſtreet⸗Kaſerne.“. 6 „„Sie können abtreien, Sir“ ſagle der Sekretar, gegen mich gewendet.„Capitän Bubbleton möge het⸗ einkommen.“ 3 Als ich das Zimmer verließ, trat der dicke Kapi⸗ tän ein; aber er war in ſolcher Unruhe und Aufregung, daß er mich gar nicht bemerkte, als wir an einander vorübergingen. „ Ich war erſt wenige Minuien im äußern Zimmer, als ein lautos Gelächter meine Aufmerkſamkeit erregte, worin ich deutlich die luſtige Tonleiter meines Freun⸗ des Bubbleton erkennen konnte, bald darauf öffnete ich die Thüre und man erſuchte mich einzutreten. „Sie verſtehen alſo wohl, Kapitän Bubbleton,“ ſagte Mr. Cooke,„daß ich, wenn ich die Bürgſchaft in dieſem Falle annehme, eine Verantwortlichkeit auf mich lade, die mich in Verlegenheit bringen kann?“ „ ch zweifle nicht,“ murmelte Barion zwiſchen ſei⸗ nen Zäͤhnen.— „Wir werden zwei Bürgſchaftsſcheine, jeden von 500 Pfd., verlangen. „Nehmt mein ganzes Ich, beim Juptter,“ ftel Buhblenon ein.„Kein Pfennig ſoll daran fehlen, he, om? „Sie können dies nicht thun, Sir,“ ſagte Barton. , Der Sekretär nickte Beifall und ein paar Augen⸗ blicke ſah Bubbleton ganz verdutzt darein. „Sie werden ohne Zweifel wenig Schwierigkeit in Betreff biäer Mit⸗Bürgſchaft haben,“ fuhr Barton mit einem Grinſen fort.„Unſer Burke iſt populär genug unter dem 45ten, um die Sache leicht zu ma⸗ chen.“ „Wahr,“ rief Bubbleton„„ganz wahr! in einer ache der Art wird Jeder gerne mithalten— eine Art militäriſches Gefühl, wie Sie wiſſen.“ „Ich verſtehe vollkommen,“ ſagte Cooke mit einer artigen Verbeugung;„obgleich Civiliſt, glauhe ich doch 207 den esprit du corps, von dem Sie ſprechen würdigen zu können.“ 4 „Nichts kommt dem gleich, nichts, beim Jupiter. Da muß ich Ihnen doch eine Geſchichte, eine kleine Anekdote erzählen. Als wir im Neelgharries waren, war ein Tiger auf Einen von uns teufliſch verſeſſen, Forbes war ſein Name.“* „Des Tigers?“ „Nein, des Kapitäns. Forbes beſaß eine teufeliſche Kunſt, ſich beliebt zu machen— die Weiber waren überall in ihn vernarrt— dieſer Tiger pflegte immer beim Eſſen hereinzukommen und rings herumzugehen, bis er zu Forbes kam, und Forbes gab ihm gewöhnlich ſein Eſſen, gerade wie Sie vielleicht einem Hunde.“ In dieſem Augenblick ſchlug die Schloßuhr, der Sekretär ſtand ſchnell auf. „Mein theurer Kapitän,“ ſagte er, ſeine Hand auf Bubbletons Arm legend;„es thut mir ungemein leid, aber ich muß in den geheimen Rath eilen. Um vier Uhr werde ich jedoch wieder hier ſein, und wenn Sie mir alsdann die andere Bürgſchaft bringen wol⸗ len, ſo können wir dieſe Kleinigkeit ſogleich in Ord⸗ nung bringen.“ 8 Mit dieſen Worten ergriff er ſeinen Hut, ver⸗ beugte ſich artig rings herum und verließ uns. „Kommen Sie mit, Tom,“ rief Bubbleton, mich am Arm nehmend;„ein teufliſch guter Kerl das; ich wußte, ich würde ihn mit dem Tiger kitzeln; das iſt jedoch nichts im Vergleich mit dem, was ich ihm er⸗ zählt hätte, wenn er geblieben wäre.“ „Ich bitte um Vergebung, Sir,“ ſagte Barton, zwiſchen uns und die Thüre tretend,„Mr. Burke bleibt in Gewahrſam, bis wenigſtens die Förmlichkeit einer Bürgſchaſt im Reinen iſt.“. „So bleibt er,“ ſagte Bubbleton;„ich habe es ganz vergeſſen. Leben Sie wohl, Tom, für eine halbe Sunde; länger bleide ich nicht aus, verlaſſen Sie ſich arauf.“ Damit ſchüttelte er mir warm die Hand, huſchte aus dem Zimmer und eilte die Treppe hinunter, ein Lied ſummend, als ob er in der beſten Laune wäre, während ich aus ſeiner Manier wußte, daß die Bürg⸗ ſchaft, die er ſuchte, ſo wenig exiſtirte, als der Tiger von Neelgharries. „Sie können in dieſem Zimmer warten, Sir,“ ſagte Barton, die Thüre eines kleinen Gemachs öffnend, das keinen andern Ausgang hatte, außer durch dieß Geſchäftszimmer. Dort ſaß ich ſchweigend und herz⸗ betrübt, und dachte, ſo gut ich im Stande war, über die Folgen meines Unglücks nach. Ich wußte genug von Bubbleton, um überzeugt zu ſein, daß von dieſer Seite kein Beiſtand zu erwarten war— die einzige OQuelle, aus der er ſchöpfen konnte, war ſeine Erſind⸗ ſamkeit, der einzige Reichthum, den er beſaß, war die Fülle ſeiner Einbildungskraft, der jedoch über alle an⸗ dern Arten von Eigenthum den Vortheil hatte, daß derſelbe, je mehr er davon verſchwendete, deſto reich⸗ licher ihm zufloß. Die Zeit verſtrich; die Glocke ſchlug vier, und noch war kein Bubbleton da. Noch eine Stunde verſtrich— Niemand kam mir nahe, und end⸗ lich ſchloß ich aus der völligen Stille draußen, ſie haben mich vergeſſen.— —xxx Sechszehntes Kapitel. Die Bürgſchaft. Sechs, ſieben, ſogar acht Uhr ſchlug's, und noch war Niemand gekommen. Der einförmige Tritt der 209 Schildwache am Schloßthor, und der gelegenheitliche Anruf an Vorübergehende, waren die einzigen Töne, die ich aus dem entfernten Geſumme der Stadt her⸗ aushörte, welches mit dem Abend allmählig ſchwächer wurde. Endlich hörte ich, wie ſich ein Schlüſſel in einem Schloß bewegte, das Zuſchlagen einer Thüre, und darauf mehrere Stimmen und Fußtritte, worunter ich die des Kapitän Bubbleton ſogleich erkannte. Man kam in das mir zunächſt liegende Zimmer, und hier erkannte ich auch die Stimmen Barton's und Cooke's. Noch Einer war dabei, deſſen Stimme meinem Ohr zwar nicht ganz neu oder fremd war aber doch konnte ich unmöglich herausbringen, wo ich ſie zuvor gehört e. Während ich ſo nachſann, öffnete ſich die Thüre leiſe, Bubbleton trat ohne ein Wort herein, ſchloß ſie hinter ſich zu und näherte ſich mir auf den Fuß⸗ ehen. 3„Alles richtig, mein Junge; ſie beſorgen die nö⸗ thigen Förmlichkeiten; in zehn Minuten ißt Alles fer⸗ tig; nie ging etwas ſo glücklich; einen prächtigen Kerl gefunden; Hicks, der Geldborger, ſagte mir von ihm; er leiſtet Sicherheit ſoviel man nur will; kennt Ihre Familie gut; kannte Ihren Vater, Großvater glaub' ich; freute ſich, Sie bald zu finden; ſagte, er wolle Sie lieber ſehen als fünfzig Pfund.“ „Wer iſt er um's Himmels willen?“ fragte ich ungeduldig; denn es war etwas Neues für mich, auf das Andenken meines Vaters hin eine Gefälligkeit er⸗ warten zu dürfen.— „Ei, wer iſt er! Er iſt ein Schuldſchein mäkelnder, auf Unterpfand leihender, Bürgſchaft leiſtender, teufliſch guter Kerl. Ich denke, er wird in drei Monaten et⸗ was t3un., Nunne, „Aber ſein Name? „Sein Name?— warten Sie nur— ſein Name? Tom Burke. I. 14 210 —— aber wer ſcheert ſich um ſeinen Namen? Er kann ſchreiben, vermuthe ich, und auf einen Stempel, mein Junge. Der Himmel weiß, ich verderbe nur ei⸗ nen Stempel, wenn ich meinen Namen darauf ſchreibe. Was iſt's doch für ein prächtiges Ding um die Jugend — tadel⸗ und makelloſe Jugend— einen Namen zu beſitzen, der den Juden noch neu iſt— einen Ruf, gegen den noch Niemand„proteſtirt“ hat. Tom Burke, mein Junge, ich beneide Sie. Jetzt, wenn ich auf einen Zettel, auf eine Note oder Quittung ſchreibe George Frederik Auguſtus Bubbleton, ſo fängt ſogleich rings herum Alles an zu grinſen, eine verdammte, ungezogene Art von einem halb höflichen Lächeln, als wollten ſie ſagen:„nulla bona, niemals zahlbar;“ aber halt, es hat an die Thüre geklopft— o, ſie wol⸗ len uns haben.“ Mit dieſen Worten öffnete der Kapitän die Thüre und führte mich hinaus. „He, Tom,“ rief er,„kommen Sie her, und dan⸗ ken Sie unſerem gütigen Freund, Mr.—— Mr.——" „Mr. Baſſet,“ ſagte ich zurückfahrend, als meine Augen die blaſſen, ſarkaſtiſchen Züge des würdigen Anwalts erblickten, der an der Tafel ſtand, mit dem Unterſekretär in leiſem Tone ſich unterhaltend. „He, was gibts?“ flüſterte Bubbleton, als er das Blut auf meinen Wangen ab⸗ und zuſtrömen ſah, und bemerkte, wie ich nach einem Stuhle griff, um mich zu ſtützen.„Wo zum Teufel fehlts denn?“ „Sie haben mich meinem größten Feind verra⸗ then,“ ſagte ich leiſe, aber deutlich. „He, was?— Sie ſcheinen Nichts als Feinde in der Welt zu haben. Verwünſcht, ſo geht es mir doch immer— meine verdammte Gutmüthigkeit läßt mich eine Dummheit um die andere machen.“. „In dieſem Falle, wenn ich die Sache recht ver⸗ ſtehe, iſt die Bürgſchaft unnöthig,“ ſagte Mr. Cooke 2 211 zu Baſſet, der nie ſeinen Kopf nach der Seite des Zimmers drehte, wo wir ſtanden. „Nein, Sir, ſie iſt nicht nöthig. Da das Geſetz mir die Vormundſchaft über dieſen jungen Herrn ſichert, bin ich für ſein Erſcheinen verantwortlich.“ „Die Vertragsurkunden ſind ganz richtig,“ ſagte Barton, die Papiere auf den Tiſch legend;„und für ebenſo richtig halte ich Mr. Baſſet's Verſicherung.“ „Keine Bürgſchaft nöthig,“ unterbrach Bubbleton, ſich vergnügt die Hände reibend;„um ſo beſſer. Wünſche Ihnen guten Abend, Tom, mein Herzens⸗ junge; wir werden noch recht zum Abendeſſen kom⸗ men. Kann ich Sie zu einer Auſter einladen, Mr. Cooke?“ „Ich danke Ihnen ſehr; aber ich bin leider ſchon verſagt.“ „Nicht ſo eilig, Kapitän, wenn ich bitten darf,“ ſagte Baſſet, mit einem äußerſt unterwürfigen, aber boshaften Ausdruck in ſeinen Zügen.„Was ich mei⸗ nem Lehrling einprägen möchte, verträgt ſich nicht recht mit Kaſernen⸗Leben und Regiments⸗Tiſch.“ „Lehrling! Lehrling!“ rief Bubbleton, zuſammen⸗ fahrend wie von einer Weſpe geſtochen.„He, Sie ſind doch nicht—— nicht der—— der“ „Ja, Sir; hier iſt der Vertrag, unterzeichnet und beſiegelt, wenn Sie ſich überzeugen wollen. Der junge Gentleman ſelbſt wird ſeines Vaters Verordnung in Betreff ſeiner nicht leugen.“ Ich ſenkte mein Haupt beſtürzt und beſchämt. Thränen traten in meine Augen; ich kehrte mich um, ſie abzuwiſchen, und fürchtete mich, die Andern wieder anzuſehen; ich ſah, daß Bubbleton, mein einziger Freund, glaubte, ich habe ihn betrogen— und wie ſollte ich Alles erklären, ohne zu enthüllen, was ich nicht durfte! Ich hörte eine Bewegung im Zimmer, bald darauf Stimmen und Schritte auf der Treppe; und als ich wieder herumſah, waren alle fort, bis auf ſenheit. einer Schnur feſtband. Ich kehrte meine Augen nach allen Seiten, um zu ſehen, ob Bubbleton nicht zurück⸗ geblieben wäre. Aber nein, er hatte mich gleich den Uebrigen verlaſſen, und ich war allein mit dem Mann, den ich auf der Welt am meiſten fürchtete und haßte. „Nun, Sir,“ ſagte Baſſet, indem er die Papiere in dieeich ſeines großen Rockes ſchob,„ich bin jetzt ertig.“ Baſſet, der mit Muße ſeine Papiere ſammelte und mit „Wohin, Sir?“ verſetzte ich dreiſt, als er das Zimmer verlaſſen wollte, denn ohne zu wiſſen, ob oder wie mir irgend etwas gelingen könne, regte ſich in meiner Seele eine unbeſtimmte, trotzige Entſchloſ⸗ „In mein Haus, Sir, oder wenn Sie es vor⸗ ziehen, nach Newgate. Verkennen Sie, junger Gent⸗ leman, keinen Augenblick Ihre Stellung— Sie ver⸗ danken diesmal Ihre Befreiung keinem Ihrer eigenen Verdienſte. Ihre Verbindung mit den ruchloſen Re⸗ bellen iſt bekannt: mein Anſehen bei der Regierung iſt Ihr einziger Schutz. Laſſen Sie mich noch hinzufügen, Sir, daß ich keinen beſondern Wunſch nach Ihrer Ge⸗ ſellſchaft für meine Familie habe: weder die Sitten noch Meinungen, die Sie ſich erworben haben, paſſen zu denen, die Sie dort ſinden werden.“ „Warum haben Sie mich denn nicht meinem Schickſal überlaſſen?“ ſagte ich leidenſchaftlich.„Jeden⸗ falls wäre es nicht weniger annehmbar geweſen, als ein Mitglied Ihres Hauſes zu werden.“ „Dieſe Frage wäre ſehr leicht zu beantworten,“ ſagte er, mich unterbrechend. „Warum thun Sie's nicht?“ 3 „Kommen Sie, kommen Sie, Sir, wir werden nicht auf einem ſolchen Fuß mit einander ſtehen und hier iſt nicht der Platz, unſeren Streit abzumachen. Folgen Sie mir.“ Mit dieſen Worten ging er die Treppe hinunter, 213 und log dann, mich am Arm nehmend, in die Straße. Ohne einen Laut von beiden Seiten gingen wir durch die Parlamentsſtraße, üder die Eſſexbrücke, die Quai entlang, dann in die Stafford⸗Straße einlenkend, ka⸗ men wir vor ein Haus, wo Baſſet einen Schlüſſel aus ſeiner Taſche nahm, die Thüre öffnete, und mich hin⸗ einſtieß, indem er während des Zuſchließens und Ver⸗ riegelns halb laut murmelte:„endlich ſicher.“ Aus der engen Halle kamen wir in ein kleines Zimmer, das ich nach ſeiner ärmlichen Möblirung, dem Schreib⸗ pulte und einigen Stühlen für eine Amtsſtube hielt. Hier zündete mein Gefährte an der glühenden Aſche ein Licht an, und nachdem er die Thüre ſorgfältig ge⸗ ſchloſſen hatte, hieß er mich ſitzen. „Ich habe Ihnen bereits geſagt, Sir, daß es mich nicht im Geringſten nach Ihrer Geſellſchaft in meinem Hauſe gelüſtet. Umſtände, die ich vielleicht ſpäter erkläre oder auch nicht erkläre, haben mich be⸗ wogen, Sie von der Schande zu retten, die Sie even⸗ tuell über Ihre Familie hätten bringen müſſen.“ „Halt/ Sir, ich habe Niemand als einen Bru⸗ „Wohl, Sir, und die Geſinnungen Ihres Bru⸗ ders ſind, hoff' ich, nicht mit Geringſchätzung zu be⸗ handeln— er iſt ein junger Gentleman von hoher Stellung und ausgezeichneten Ausſichten.“ „Sie find, wie ich merke, ſein Agent, Mr. Baſſet“ ſagte ich mit bedeutungsvollem Lächeln. „ Das bin ich, Sir,“ verſetzte er mit tiefer Röthe, die ihm bis an die Stirne ſtieg. „Dann erſparen Sie ſich alle weitere Mühe mit mir,“ fagte ich ruhig.„Meines Bruders Gleichgültig⸗ keit gegen mich oder mein Schickſal hat mich lange ſchon des Schmerzes enthoben, den ich über die Fol⸗ gen, die meine Handlungen für ſein Wohl oder Wehe haben mögen, empfinden könnte. Ihn muß ſein eige⸗ nes Benehmen ſtempeln, wie mich das meinige. Ich möchte lieber für mich ſelbſt urtheilen, und möchte nicht einmal, daß Mr. Baſſet für mich entſchiede, ob ich gleich gerne geſtehen will, daß ſein Scharfſinn den doppelten Vortheil der Erfahrung auf beiden Seiten der Frage hat. Bei dieſen Worten wurde ſein Geſicht faſt ſchwarz⸗ blau, und ſeine weißen Lippen zuckten vor Leidenſchaft. Er hatte keine Ahnung, daß ich mit ſeiner Geſchichte bekannt war, und wußte, wie er durch bezahlte Mit⸗ theilungen an die Regierung ſeinen Schulkameraden und Wohlthäter aufs Schaffot gebracht hatte. „Hören Sie,“ fuhr ich mit neuem Muthe fort, als ich den Eindruck meiner Worte ſah.„Es liegt nicht in Ihrem Intereſſe, mich zu beleidigen, wie ſehr es auch Ihr Wunſch ſein mag. Wäre kein für beide gleich vortheilhafter Vergleich möglich? Wir geben keine angenehmen Geſellſchafter für einander ab. Nach dem Willen meines Großvaters gehört mir einiges Vermögen.“ „Es find, glaub' ich, 500 Pfund,“ ſagte Baſſet mit ſchlauem Nachdruck, als ob er die Wendung, lheihe die Unterhaltung jetzt genommen, nicht ver⸗ werfe. „Gut denn, was wollen Sie noch mit jenem Ver⸗ trage? Sie ſetzen, wie mir ſcheint, keinen gar hohen Werth auf meine Dienſte.“ 4 „Ich ſehe, Sie vergeſſen,“ ſagte er,„daß ich für Ihr künftiges Erſcheinen vor Gericht verantwortlich bin.“ „Wenn ich mich nicht irre, Mr. Baſſet, ſo wurde keine Bürgſchaftsſumme feſtgeſetzt.“ 1 „Sehr wahr, Sir, ſehr wahr; aber ich verpflichtete mich perſönlich gegen den Anwalt, ich bin mit meiner Ehre verantwortlich.“ 1 „Gut, gut; geben Sie mir 200 Pfund, verbren⸗ nen Sie dieſen verwünſchten Vertrag—— „Zweihundert Pfund! Bilden Sie ſich denn ein, daß Sie im Beſitz dieſes Vermächtniſſes ſind? Aller 215 Wahrſcheinlichkeit nach wird es nie in Ihre Hände kandmen— es iſt erſt zahlbar, wenn Sie volljährig nd.“ „So geben Sie mir 100 Pfund, geben Sie mir 50— nur laſſen Sie mich frei und nicht geradezu ſo, daß ich auf den Straßen betteln muß.“ Baſſet lehnte ſeinen Kopf an den Kamin und ſchien in Nachdenken verſunken, während ich in der höchſten Aufregung im Zimmer auf und ab ſchritt und von Zeit zu Zeit kurze, abgebrochene Sätze fallen ließ, worin ich meinen Wunſch ausdrückte, Alles bis auf die letzte Guinee, was ich in meinem Leben durch ir⸗ gend einen Zufall erben würde, fahren zu laſſen, wenn nur meinen Handlungen, meiner perſönlichen Freiheit kein Zwang angethan würde. „Ich ſehe,“ rief ich leidenſchaftlich aus,„ich ſehe, was Sie quält— Sie fürchten, ich möchte meine Fa⸗ milie kompromittiren! Sie find beſorgt für den guten Ruf meines Bruders; aber weg mit aller Furcht in dieſer Hinſicht— ich werde Irland verlaſſen— bin ſchon lange dazu entſchloſſen.“ „Wirklich?“ ſagte Baſſet nachläſſig, den Kopf um⸗ drehend und mir voll ins Geſicht ſehend.„Wollen Sie vielleicht nach Amerika?“ „Nach Amerika? nein— nach Frankreich; dieß ſoll mein Adoptiv⸗Vaterland werden, dieß iſt das Land, wohin mein Herz ſich ſehnt.“ Seine Augen funkelten und ein Schimmer von Freude fuhr über ſeine kalten Züge, als ob von dem Enthuſiasmus, der auf den meinigen leuchtete, etwas auf ihn übergegangen wäre. „Kommen Sie,“ rief er,„ich will darüber nach⸗ denken— geben Sie mir Bedenkzeit bis morgen; und wenn Sie ſich verpflichten, Irland binnen einer Woche zu verlaſſen——“ „Verpflichten will ich mich zu nichts der Art,“ verſetzte ich fiolz.„Um frei zu ſein, frei im Denken 216 und Handeln, dafür wollte ich Ihnen alle meine Aus⸗ ſichten abtreten. Es muß nur ein Vertrag zwiſchen uns ſein, und hier muß er anfangen und endigen. Denken Sie eine Nacht darüber nach, wenn Sie wol⸗ len; und morgen früh——„ „Gut alſo, morgen früh,“ ſagte er in lebhafterem Tone,„und jetzt zum Abendeſſen.“ „Lieber zu Bett,“ ſagte ich,„wenn ich ſprechen darf, wie ich denke; denn Ruhe iſt es, was mir jetzt am meiſten noth thut.“ Siebenzehntes Kapitel. Mr. Baſſets Wohnung.. Außer den zwei düſteren, ſtaubigen Stuben, welche als Geſchäfts⸗ und Speiſezimmer dienten, waren die einzigen nicht vermietheten Theile des Hauſes die Dachſtuben. Die breite Erzplatte, welche die Hallen⸗ thüre verzierte und worauf in glänzenden Buchſtaben Anton Baſſet, Anwalt ſtand, gab in der That einen ſehr unzulänglichen Begriff von der gemiſchten Bevölkerung im Innern des Hauſes, deren Achtbarkeit um ſo tiefer ſank, je höher man ſtieg; den Höhepunkt derſelben bildete jedoch der Hausherr ſelbſt, auf deſſen ehrwürdiges Haupt das Licht durch eine mit Spinn⸗ geweben bedeckte Scheibe im Dache ſiel. Die Treppen waren dunkel und enge, die Wände mit ſchwarzem, alten Getäfel bedeckt, welches bei jedem Fußtritt klap⸗ perte, während die Fenſter mit ſtarken Eiſengittern verſehen waren, als ob im Hauſe etwas wäre, das ſolche Schutzmittel möglicherweiſe erfordern könnte,. Ich folgte Baſſet dieſe Treppen hinauf, die gar 217 kein Ende nehmen wollten, bis zuletzt die immer nied⸗ riger werdende Decke verkündete, daß wir nahe am Schieferdache waren. Eine halbe Vertheidigungsrede für das Lokal haltend, führte er mich in eine lange, niedrige Dachſtube, wo ein Schlafſeſſel von den nied⸗ rigſten Anſprüchen und ein einziger Binſenſtuhl mit einem Becken darauf, die einzigen Meubles waren. Etwas, das wie der Vorhang eines wandernden Thea⸗ ters ausſah, verbarg die andere Seite; aber dieß konnte ich bei dem düſteren Scheine eines dünnen Lichtes nur undeutlich erkennen; und bei meiner Mü⸗ digkeit hatte ich wenig Neigung, weitere Nachforſchun⸗ gen anzuſtellen. Mit dem Wunſche einer guten Nacht, und dem Verſprechen, daß ich am nächſten Morgen bei Zeiten gerufen werden ſollte, nahm Baſſet Ab⸗ ſchied, während ich, überwältigt von einem langen, angſt⸗ und ſorgenvollen Tage, mich aufs Bett warf und weit geſunder ſchlief, als ich unter dem Dache Baſſet's für möglich gehalten hätte. Die Sonne ſtrömte in einer reichen Flut gelben Lichtes durch ein kleines Schrägfenſter und machte luſtige Sprünge auf der Flur, als ich erwachte.„Die Vögel ſangen, und das Straßengeſumme, gedämpft durch die Entfernung, drang nicht unlieblich ans Ohr. Ich beſann mich bald, wo ich war. Die Unterhaltung von geſtern Abend lam mir ſogleich ins Gedächtniß zurück, und ſtärkere Hoffnung als je zuvor erfüllte mein Herz. Es war klar, Baſſet konnte auf meine Dienſte nur geringen Werth legen; und wenn ich ihn bewegen konnte, mit mir zu theilen, ſo, dachte ich, würde er nicht lange ſich beſinnen. Ich beſchloß, meine Freiheit um jeden möglichen Preis zu erkaufen. Mein nächſter Plan war, durch einige mit Frankreich in Verkehr ſtehende Perſonen die Mittel zu finden, dieſes Land zu erreichen, wo ich in Militärdienſte zu treten mich ſehnte. Im Beſitz der Papiere meines armen Freundes, Charles de Meudon, wäre mir dieß leicht gelungen; aber leider hatte an ſeinem Todestage Ma⸗ jor Barton ſie weggenommen, und ich hatte ſie ſeither nie wiedergeſehen. Während ich dieſe Gedanken hin und her erwog, hörte ich die muntere Stimme eines Mädchens, das, wie es ſchien, in demſelben Zimmer, wo ich war, ſang. Ich fuhr auf, ſah um mich und bemerkte jetzt, daß, was mir die Nacht vorher wie ein Vorhang vorge⸗ kommen, nichts mehr und nichts weniger war, als ein großes Flickwerk, das quer durch die ganze Dachſtube hing, hinter welchem die fraglichen Töne hervorkamen. Sowohl aus der Melodie als der Stimme ging her⸗ vor, daß ſie keine Magd ſein konnte; und einigerma⸗ ßen neugierig, von meiner ſchönen Nachbarin mehr zu entdecken, ſtand ich leiſe auf, ſchlüpfte in meine Klei⸗ der und näherte mich ſachte der Grenze meines Ge⸗ ietes. Dann und wann wurde der Geſang der Dame durch ungeduldige Ziſchtöne und Verwünſchungen auf eine zerriſſene Schnur mitten in dem Liede„Ha, wollt Ihr mich heirathen, theurer Alley Croker,“ unterbro⸗ chen. Ich guckte über den Vorhang, und erblickte die Geſtalt eines jungen, ſtarken, hübſchen Mädchens, das eifrig an ſeiner Schnürbruſt arbeitete, eine Beſchäfti⸗ gung, die ſowohl das Rauſchen der Bänder, als auch die von Zeit zu Zeit fallenden ärgerlichen Worte er⸗ klärten. In der Bewunderung meiner ſchönen Nach⸗ barin vergaß ich ganz, wie gefährlich meine Neugierde war; denn ihre geſchmeidige Geſtalt, um nichts weni⸗ ger reizend durch die Kürze ihres Rockes, zeigte ſich mm vortheilhafteſten Lichte, wenn ſie ſich in ihren Be⸗ mühungen, das widerſpenſtige Leibchen zu ſchnüren, bald rechts bald links bog. Eine Maſſe reicher brau⸗ ner Haare, worauf die Sonne ſpielte, fiel ihr über Nacken und Schultern und verdeckte zum Theil ihre runden, wohlgeformten Arme, die ſich geſchäftig bogen und wandten. 219 „Ei, da möchte Einem doch das Herz brechen!“ rief ſie, als ein hartnäckiger Knoten alle weiteren Fort⸗ ſchritte ihrer Arbeit hemmte. In dieſem Augenblick geſchah es, daß die Schnur, auf die ich mich aus Un⸗ achtſamkeit etwas zu ſchwer lehnte, nachgab, und der Vorhang ſiel platſchend auf die Flur herunter. Sie ſprang erſchrocken zurück, und während eine leichte, vorübergehende Röthe ihre Wangen überflog, ſtarrte ſie mich halb erzürnt an und rief dann—„Nun, ich hoffe, Sie haben Gefallen an mir?“ „Ja, das hab' ich,“ verſetzte ich ſchnell gefaßt— „und wem ſollten auch Sie nicht gefallen?“ Ob es die Naivetät meines Geſtändniſſes oder meine Jugend oder beides war, kann ich nicht wohl ſagen; aber ſie lachte herzlich über meine Worte und warf ſich in einen Stuhl, um ſich auszukichern. „Demnach ſcheint es, wir waren Nachbarn,“ ſagte ich. „Und wenn wir es waren,“ verſetzte ſie ſchelmiſch, „ſo war dieß jedenfalls nicht die übliche Art, die Be⸗ kanntſchaft zu eröffnen.“ „Sie vergeſſen, wie es ſcheint, daß ich mein Ge⸗ biet nicht verlaſſen habe.“ „Ei, ich wollte, Sie thäten es, wenn Sie gut ge⸗ nug dazu wären, mir von einem verwünſchten Knopfe zu helfen: da iſt einer, worüber meine Geduld und meine Nägel brechen.“ 3 Ich wartete keine weitere Einladung ab, ſondern ſchritt flugs über die Grenze— während ſie, vom Stuhle aufſtehend, mir ihren Rücken zukehrte und mit ihren Fingern auf das chaotiſchſte Gewirre von Knoten, Welecten und Verwicklungen zeigte, das ich je geſehen atte. 3 „Sie ſind Burke, denk' ich,“ rief ſie aus, als ich meine Arbeit begann. 3 „Ja, ich bin Burke.“ „Nun, Onkel Tony erzählt feine Geſchichten von 220 Ihnen. Nun gut, ich hoffe, Ihre Wildheit iſt inzwiſchen vergangen.“ ſePetel Tony? So find Sie Mr. Baſſeis Nichte — ja 1 „Sie hielten mich doch nicht für ſein Weib, hoff' ich,“ ſagte ſie, wiederum in Gelächter ausbrechend. „In der That, ich dachte nie ſo gut von ihm, um ſo etwas zu vermuthen.“ „Nun, nun, von Ihnen hätte ich wahrlich nicht erwartet, daß Sie ſo mild und ruhig ausſähen; aber zu kneipen brauchen Sie mich darum doch nicht. Iſt nicht Ihr Name Tom? „Ja, ich hoffe, Sie nennen mich immer ſo.“ „Vielleicht thu' ich's. Ift's noch nicht fertig? Das iſt die Milchklingel. Der Onkel wird ſich ſchön geber⸗ den, wenn ich nicht bald drunten bin— ſchneiden Sie — ſchneiden Sie's geſchwind entzwei.“ „Haben Sie nur noch eine oder zwei Minuten Ge⸗ duld— es geht ſchon, wenn Sie nuhig halten. Ich will's mit den Zähnen probiren.“ „Ja, aber die Lippen brauchen Sie nicht dazu,“ ſagte ſie ſpitzig.. „Das iſt das einzige Mittel, Ihre Finger wegzu⸗ bringen. Beim Himmel, in meinem ganzen Leben war ich noch in keiner ſolchen Verlegenheit.“ „Nichts geht über Praxis, mein Junge, nichts!“ rief eine luſtige Stimme von der Thüre hinter mir, halb vor Lachen erſtickend, während ein gemurmelter Fluch in tieferem Tone darauf folgte. Ich ſah mich um, und da ſtand Bubbleton mit lachendem Geſicht und bemühte ſich, Mr. Baſſet zurückzuhalten; deſſen ärgerlicher Blick und flammendes Auge nicht zu ver⸗ kennen war. „Mr. Burke— Burke, ſag' ich—— Nelly, was ſoll das heißen? Wie kam dieſer junge Gentleman „Was dieß betrifft,“ ſagte ich, ihn unterbrechend, * —— —— 221 und mein Blut war etwas erhitzt über ſein Benehmen, „dieſer Plunder da plumpte herunter, als ich meinen Arm darauf lehnte. Ich hatte keine Idee—— „Nein, nein, gewiß nicht!“ brach Bubbleton ent⸗ zückt aus.„Das Ding war köſtlich; ſo ein Stück Theatereffekt. Sie ſtand da, ihr Haar kämmend und dergleichen. Tom war hier, raſend über. Abweſenheit und ewige Trennung. Sie ſind ein ärgerlicher Vater oder Onkel— alles Eins: und ich bin Graf Neitztache⸗ nitz, der alte Freund und Waffenbruder von Toms Vater. Nun laßt Miß Nelly— aber wo iſt ſie? wo iſt ſie hin? He, und Baſſet, Baſſet—— wo iſt er hin? Kommen Sie, Tom, gehen Sie nicht auch davon. He, mein Junge, das war ein teufliſch guter Streich. Sie hätten eine weiße Atlaßweſte anhaben ſollen und ein paar Hoſen mit kirſchfarbigen Bändern beſetzt, einen kleinen Hut mit Franſen und einer weißen Reiherfeder. Sie war vollkommen— ihre Beine und Füße konnten mit Sicherheit auf drei Beifallſalven aus Logen und Parterre rechnen.“ „Welcher Unſinn!“ ſagte ich verdrießlich;„wir ha⸗ ben keine Komödie geſpielt.“ „Habt Ihr nicht? nun, das thut mir verdammt leid; aber es ſah auf's Haar aus, wie eine Entklei⸗ dungsprobe.“ „Kommen Sie, kommen Sie, keine Narretei, ich bitte. Ich bin hier in einem ſehr traurigen Zuſtand, und ſolcher Unſinn macht die Sache nicht beſſer. Hören Sie mich, wenn Sie können, fünf Minuten geduldig an, und geben Sie mir dann Ihren Rath.“ Mit dieſen Worten nahm ich ihn am Arm, führte ihn aus dem Zimmer, wo ich ſah, daß jedes Ding irgend einen Theatereſſekt machte, und erklärte ihm, ſo kurz ich konnte, in welcher Lage ich war; meine poli⸗ tiſchen Neigungen überging ich natürlich ganz mit Stillſchweigen und geſtand nur meinen Wunſch ein, meines Contraktes mit Baſſet entbunden zu werden, 222 bnd für die Zukunft frei über mich ſelbſt verfügen zu nnen. „Ich ſehe,“ rief Bubbleton, als ich endigte;„der alte Fuchs hat dieſe 500 Pfund von Ihnen.“ „Nein, das habe ich nicht geſagt, ich meine nur ——“ „Wohl, wohl, das iſt Alles gleich. Wenn er fie noch nicht hat, ſo wird er ſie noch bekommen.“ „Nein, auch das iſt noch nicht ausgemacht.“ „Thut nichts, er möchte, wenn er könnte; es kommt Alles auf Eines hinaus: und Sie wünſchen nur, um Phden⸗Press aus ſeinen Händen zu kommen. Nicht wahr? „Wirklich, Sie haben vollkommen Recht.“ „Dem Himmel ſei Dank, Junge, nichts iſt leichter. Wäre ich an Ihrer Stelle, ſo würde ich die Sache in weniger als einer Woche im Reinen haben. Ich würde Anfälle— ſtarke Anfälle bekommen, und während des Paroxysmus alle Papiere in ſeinem Geſchäftszimmer verbrennen. Ich würde im Hinterhof einen ganzen Stoß von Verträgen, Akten, Urkunden und Pfandſchei⸗ nen errichten.“ 4 „ Sch glaube nicht, daß Ihr Plan ſo leicht gelingen könnte, als Sie ſich ſchmeicheln,“ ſagte eine trockene, heiſere Stimme hinter uns:„zum Glücke gibt es für widerſpenſtige Lehrlinge ſcharfe Geſetze, wie Mr. Burke erfahren kann.“ Wir kehrten uns um, und da ſtand Baſſet mit einem Grinſen teufliſcher Bosheit in ſeinen keineswegs angenehmen Zügen.„Zugleich,“ fuhr er fort,„ſind Ihre Rathſchläge von unendlichem Werthe und werden auf der King s⸗Bench gehörig gewürdigt werden.“ „He— King's⸗Bench! Um Gotteswillen ſprechen Sie nur nicht davon. Es waren nichts als Späſſe, ich ließ ſie nur ſo als gute Winke fallen. Ich hätte fünfzig beſſere Rathſchläge. Da iſt die junge Lady— gewiß, er iſt ſelbſt auf den Einfall gekommen und ſo — 223 darf ich ihn nicht für den meinigen ausgeben; aber Miß Nelly, denke ich, Tom—— „Mr. Baſſet weiß wohl,“ unterbrach ich,„daß ich nur wünſche, frei und ungebunden zu ſein; daß ich Alles, was ich nur von meiner Familie haben kann, gerne hergebe, um dieſen Zweck zu erreichen, wenn ich nur nicht gleich mit Betteln anfangen muß.— daß ich beabſichtige, Irland auf der Stelle zu verlaſſen. Wenn er alſo einen Vergleich mit mir eingehen will, ſo mag es auf der Stelle geſchehen. Ich habe keinen Wunſch, keine Macht, ihn, im Falle er ſich weigert, durch eine Drohung zu ſchrecken; aber ich hoffe, er werde dieſen Gefallen einem Menſchen thun, an deſſen gegenwärtiger Armuth und troſtloſer Lage er nicht ganz unſchuldig iſt.“ „Da, da, das iſt teufliſch gut geſagt; das ganze Ding ſteht klar vor mir. So kommen Sie, Baſſet, Sie und ich, wir beide wollen Alles in Ordnung brin⸗ gen. Haben Sie ein Privatzimmer, wo wir fünf Mi⸗ nuten mit einander ſchwatzen können? Tom, warten Sie hier auf mich.“ 8 Bevor Einer von uns einwilligen oder widerſpre⸗ chen konnte, hatte er Baſſet's Arm ergriffen und führte ihn die Stiege hinunter, während ich, von widerſtreiten⸗ den Entſchlüſſen hin und her getrieben, mich niederſetzte, um über mein Schickſal nachzudenken. Des Wartens endlich müde und halb vermuthend, mein flüchtiger Freund habe mich vergeſſen, ſtieg ich hinab ins Zimmer, um etwas von der obſchwebenden Unterhandlung zu hören. Oben an einem langen, ſchmalen Tiſche ſaß meine ſchöne Bekanntſchaft, Miß Nelly, ihr Haar auf beiden Seiten ihres niedlichen Ge⸗ ſichtes, das jetzt einen faſt quäkeriſchſittſamen Ausdruck hatte, ſehr beſcheiden geflochten. Sie war emſig be⸗ ſchäftigt, unter drei blaſſe, rothäugige, abgemagerte Burſche, deren abgetragene, fadenſcheinige Kleider ſie als des Anwalts Schreiber bezeichneten, Thee auszu⸗ theilen: ein kleiner Teufel, eine Art Embryo von einem 8 —— 22⁴ 1 Praktikanten, kniete vor dem Feuer, um Brod zu röſten; aber er verfolgte mit ſeinen ſcharfen, durchbohrenden Augen jede Bewegung im Zimmer, und ſchien mit bos⸗ haftem Vergnügen die ſchiefen Geſichter zu beobachten, wenn zuweilen eine übermäßige Verdünnung des Thee's oder der blauen Milch einen ſchwermüthigen Eindruck auf die Gäſte machte. Dieß waren nicht die geeigneten Umſtände, meine Bekanntſchaft mit meiner ſchönen Nach⸗ barin zu erneuern; wenn ich auch Luſt dazu gehabt hätte, ich ſchlug daher ihre Einladung zum Frühſtück aus und lehnte mich verdrießlich an das Kamin, wäh⸗ rend das Verlangen, mein Schickſal zu kennen, jeden Augenblick peinlicher wurde. Inzwiſchen wurde nicht ein Wort geſprochen— es herrſchte allgemeines, düſte⸗ res Schweigen, nur durch das Geräuſche des Eſſens unterbrochen; als plötzlich die Thüre aufflog und die fröhliche Stimme Bubbletons erſcholl, der unaufhörlich darauf los plauderte; in einem Augenblick trat er ein, gefolgt von Baſſet, über deſſen hartes Geſicht der Schat⸗ ten einer beſſeren Natur zu gehen ſchien. „In dieſem Falle,“ rief der Kapitän,„bin ich Ihr Mann, nicht daß ich ein großer Held beim Frühſtück oder Mittageſſen wäre; Abendeſſen iſt eher meine Stärke — ein duftender Braten um drei Uhr des Morgens, ein Häring in Butter und Branntwein geröſtet, zwei⸗ hundert kleine Auſtern, dann noch etwas Warmes, ein Glas Selzer mit Holländerwaſſer für die Geſundheit, und dann ſo viel Glas Branntwein und Waſſer als beliebt.“ Während Bubbleton in dieſer Art fortſchwatzte, hatte er ein halb Dutzend Eier ausgeſchlagen, und in⸗ dem er das Gericht mit Pfeffer und Eſſig würzte, war er emfig beſchäftigt, die Mäßigung ſeines Morgenappe⸗ tites zu rühmen. 3„Verſuchen Sie einmal, wie das ſchmeckt, Tom,“ 3 rief er, nicht errathend, welchen Eindruck es unter 225 ſolchen Umſtänden machen mußte, während er flüſternd hinzu fügte:„Ihre Sache iſt gänzlich im Reinen.“ Ddie8eſe wenigen Worte erleichterten mein Herz; und ich wagte mich endlich an das Frühſtück, das bisher unberührt vor mir geſtanden hatte. „Ich denke, Mr. Burke,“ ſagte Baſſet, ſobald er ſich von dem Erſtaunen über Bubbletons Art, zu früh⸗ ſtücken, erholt hatte—„ich denke und hoffe, es iſt Alles zu Ihrer Befriedigung abgemacht;“ darauf wandte er ſich an die Schreiber, die, ohne nur aufzublicken, dar⸗ auf los aßen, und ſagte:„Mr. Muggridge, Ihr wer⸗ det ſpät ins Geſchäftszimmer kommen; Jones, bringt dieſes Päckchen zu Henet; Kitt, tragt meinen Bündel ins Gericht.“ Miß Nelly wartete nicht auf die für ſie beſtimmte Rolle, ſondern ſtand mit ſittſamem Geſichte von der Tafel auf und verließ das Zimmer, indem ſie jedoch, an meinem Stuhl vorübergehend, einen ſchlauen Blick auf mich warf, der mir noch manchen Tag nachher im Gedächtniß blieb. „Sie werden mich entſchuldigen, meine Herren, wenn mir dieſen Morgen meine Zeit zu kurz iſt— es Pmmt heute in den Comon Pleas ein ganz eigener Fall vor.“. 3 „Sprechen Sie mir nicht von ſolchen Dingen,“ ſagte Bubbleton, der ſich gerade an ein Stück Rinds⸗ braten gemacht hatte,„Geſchäfte haben ihre Zeit, ge⸗ rade wie Vergnügen auch— ja, und Appetit auch.— — Das gäbe ein vortreffliches Abendeſſen ab, mit einigem warmen Porto und einem Robber.“ „Baſſet ſchenkte dieſen Worten wenig Aufmerkſam⸗ keit, ſondern wendete ſich an mich und ſagte: „Sie ſprachen von Ihrer Abſicht, Irland zu ver⸗ laſſen; dürfte ich fragen, wohin Sie entſchloſſen ſind —— von wo aus—— Es iſt mwöglich, daß Ihr Bruder——“ Tom Burke. I. 15 226 „Meines Bruders Bekümmerniſſe um meinetwillen, Mr. Baſſet, find wohl nicht von großer Bedeutung und werden keine beſondere Beachtung von meiner Seite verdienen. Ich hoffe, dieſer Morgen hat allen Verkehr zwiſchen uns abgeſchloſſen und wenn Sie meinen Freund, den Kapitän Bubbleton, befriedigt haben—— „Vollkommen, vollkommen—— noch eine Taſſe Thee, wenn's beliebt—— ja, nichts konnte befriedi⸗ gender ſein als Mr. Baſſets Benehmen— Sie brau⸗ chen nur den Empfangſchein für das Vermächtniß zu unterſchreiben, und er händigt Ihnen hundert Pfund ein; iſt's nicht ſo?⸗ „Ja, ganz richtig, einen Schein für einhundert in drei Monaten.“ „Das iſt's, was ich meine; aber Sie haben ja noch nicht gefrühſtückt— ei, Tom, Sie haben ja nichts gegeſſen— ich habe dieſe halbe Stunde immer fortge⸗ nagt, nur um Ihnen ein Bischen Muth zu machen; wohl, wohl, um drei Uhr werde ich in Stephensgreen noch einmal frühſtücken.“ Mr. Baſſet nahm jetzt aus ſeinem Taſchenbuch einige Papiere, die er, nachdem er ſie noch einmal ſchnell überflogen hatte, mir einhändigte. „Dies iſt eine Art Erklärung, Mr. Burke, ein Vermächtniß empfangen zu haben, auf das Sie erſt nach erreichter Volljährigkeit Anſprüche machen können. Hier find Ihre Verträge mit mir, und dies iſt meine Quittung für einhundert Pfund.“ 1 „Ich bin zufrieden,“ ſagte ich begierig, indem ich die Feder ergriff. Der Gedanke, frei zu werden, füllte allein meine Seele und ich bekümmerte mich wenig um die Bedingungen. Baſſet ſtreckte ſeine Hand aus; ich war nicht ge⸗ launt, etwas zu verſchmähen, was auch nur Herzlich⸗ keit heuchelte; ich ſchüttelte ſie warm. Bubbleton folgte meinem Beiſpiel und ſtieß, nachdem er verſprochen hatte, ſeine angenehmen Bekannten öfters zu beſuchen, — — 227 ſeinen Arm durch meinen und ſchoß mit mir hinaus, indem er laut genug, um noch gehört werden zu kön⸗ nen, bemerkte—„Ich habe ihm ein Kapitaltreffen ge⸗ liefert— hab' ihm erzählt, Sie wären ein unirter Irländer und lauter ſolches Zeug— er war teufliſch froh, Sie los zu werden, ſchon wegen Miß Nelly,“ und ſo ſchwatzte er ohne Unterlaß fort, bis wir uns in der George's⸗ſtreet⸗Kaſerne befanden, ohne daß ich in meiner gedankenſchweren Verſunkenheit gemerkt hätte, wie wir dahin kamen. Achtzehntes Kapitel. Des Kapitäns Quartier. Es that mir durchaus nicht leid, daß Miß Bubb⸗ leton auf das lärmende Geſchrei des Kapitäns, der von einem Zimmer ins andere rannte und das Quartier von dem ſüßen Namen Anna Maria wiederhallen machte, keine Antwort gab. Auch„Saladin,“„Grimes,“„Peter“ wurde vergeblich geſchrieen; und mit einer grauſamen Drohung gegen verſchiedene Kammerdiener, Aufwärter und Lackeien, die glücklicher Weiſe noch ungeboren wa⸗ ren, warf ſich Bubbleton in einen Seſſel und begann ſeine Vermuthungen anzuſtellen, was wohl aus den Einwohnern geworden ſein möchte. „Sie ſtattet eine Morgenvifite ab— macht einen Beſuch bei der Herzogin— ſo iſt's, oder beſchaut ſie vielleicht das Perlengeſchmeide, das ich geſtern bei Gallon's gekauft habe— artige Kleinigkeiten, aber theuer für 800 Pfund— doch was liegt am Gelde? — He, Tom?“ Während er mich anſah und auf eine Antwort wartete, rückte ich meinen Seſſel näher an den ſeinigen und bat ihn mit möglichſt wichtiger Miene einen Augen⸗ blick um Aufmerkſamkeit. Bisher hatte ich, theils wegen meiner eigenen Unentſchiedenheit, theils wegen ſeines flüchtigen, gedankenloſen Weſens, nie Gelegenheit ge⸗ habt, ihm meine wirkliche Lage oder meine politiſche Gefinnung, noch weniger meine Abſichten für die Zu⸗ kunft zu erkennen zu geben. Der Augenblick war end⸗ lich gekommen, und ich beſchloß, ihn zu benützen; ich gab ihm alſo ſo gedrängt als möglich eine Erzählung meines Lebens von der Todesſtunde meines Vaters bis zu dem Tage, wo ich in Dublin ihm ſelbſt in die Hände fiel, indem ich nur ſolche Abſchnitte wegließ, welche durch Namennennung irgend Jemand hätten kompro⸗ mittiren können. Niemand konnte aufmerkſamer ſein, als er war— er ſtützte ſeinen Kopf auf ſeine Hand und hörte mit eifriger Neugierde alle meine Nöthen und Aengſten an, gelegenheitlich Beifall nickend und zuweilen durch ſeine geſpannte Miene ſeinen Wunſch ausdrückend, noch mehr zu hören; als ich zuletzt mit dem Eingeſtändniß meines lang genährten Wunſches, in franzöſiſche Dienſte zu treten, herausrückte, ſaß er ſtill dort und ſchien über das Ganze ernſtlich nachzudenken. „Ich ſage Ihnen, Tom,“ ſprach er endlich, mir voll ins Geſicht ſtarrend und ſeine Hand auf mein Kinn drückend,„das iſt ein guter Stoff— ein excel⸗ lenter Stoff! verlaſſen Sie ſich drauf!“ „Ein guter Stoff? Was meinen Sie?“ fragte ich erſtaunt. „Ich meine,“ verſetzte er,„es iſt Bein daran, Sehne daran, Subſtanz daran— auch kommen einige bewundernswürdige Situationen darin vor. Wie würde ſich Fulham machen als Tony Baſſet— braune, kurze Hoſen, weiße Strümpfe, hohe Schuhe mit Schnallen — ſein aufgelegtes Coſtume; und dann das kleine Ding, Miß Booth, als Nelly; gebt ihr ein paar Lieder; Bal⸗ 229 laden machen ſich am beſten; Williams würde den Bar⸗ ton ſpielen— ein teufliſch feiner Schurke in groben Rollen, Williams. Ich denke, ich ſehe ihn, wie er ſich mit ſeinen Soldaten zum Angriff heranſtiehlt. Dann würde der zweite Akt angehen— das Innere einer Hütte— Bauern rings um einen Tiſch— ſie laſſen es ſich ſchmecken auf der Bühne— nichts geht drüber, wenn man einen fetten Kerl ſieht, wie er harte Eier prüft und über einer Flaſche gefärbten Waſſers unaus⸗ ſprechliche Späſſe macht— Sie ſelbſt ſpielen von Rechts⸗ wegen Ihre eigene Rolle— ein prächtiges Ding— teufliſch fein, Ihre Gefühle, wie die Hütte in Feuer ſtand und wie die Kerls mit ihren Bayonetten herum⸗ ſtachelten, um Sie zu entdecken.“ „Und wer ſoll den Kapitän Bubbleton machen?“ fragte ich, indem ich es auf einmal wagte, ſeine Al⸗ bernheit zu höhnen.— „He?— O, da iſt nichts für mich, kein markirter Zug, nichts Starkes, nichts Charakteriſtiſches. Das war Zeitlebens mein größter, mein höchſter Stolz— daß Niemand aus irgend Etwas in meiner Manier, im Anzug, im Styl meines Geſpräches würde entdecken können, daß ich nicht John Nokes oder Peter Styles wäre. Sie können mit mir zu Mittag eſſen, Tom, Sie können ſich mit mir unterhalten, können mit mir teinken, wir wollen den Abend zuſammen ſitzen, ver⸗ traut werden, vielleicht borgen Sie 50 Pfund von mir, und doch will ich noch einmal ſo viel wetten, Sie er⸗ rathen nie, daß ich eines Tages auf einem Flußpferd durch den Ganges ritt, um dem Generalgouverneur meine Aufwartung zu machen. Sie dürfen mir glau⸗ ben, Tom, das war die ſtolzeſte That, deren ſich ein Mann rühmen kann. Sehen Sie dieſe Narbe? Jetzt ſieht ſie aus wie nichts— das war ein Biß von einer wilden Boa; das Unthier kam in mein Zimmer vor dem Frühſtück, es hatte meinen Chokadar gefreſſen, einen Kerl, in den ich ſehr vernarrt war—— „Ah ich erinnere mich, Sie haben mir davon ſchon erzählt. Und nun, um auf meine traurige Geſchichte zurückzukommen, ſo verſichere ich Ihnen, wie dramatiſch ſie Ihnen auch ſcheinen mag, ich möchte lieber noch einen Akt hinzufügen, bevor ſie zur Welt kommt. Ich gedenke dieſes Land morgen zu verlaſſen.“ 4 „Nein, nein, Sie müſſen jetzt noch nicht daran denken— ei, mein lieber Junge, Sie haben hundert Pfund— denken Sie nur daran; mit zwanzig kom⸗ men Sie nach Paris, auch mit weniger, wenn Sie wollen. Ich bin einmal von Glugdamuck nach Bun⸗ deramud mit einer halben Rupie gereiſt— meine Ele⸗ phanten ſetzte ich auf drei Biskuit den Tag, und er⸗ klärte ihnen auf Hindoſtaniſch, eine höchſt ausdruckvolle Sprache, daß es mit unſern Vorräthen ſchmal aus⸗ fähe, bei unſerer Ankunft aber ſollten alle Rückſtände nachgeliefert werden. Sie ſchwangen zum Zeichen des Beifalls ihre Rüſſel in die Höhe, und wir gingen wei⸗ ter. Gut, als wir nach Helgie kamen, war kein Waſſer da—— „Sehr wahr,“ unterbrach ich, halb in Verzweiflung über den Anekdotenſtrom in den ich gerathen war; „aber Sie vergeſſen, ich habe weder Elephanten noch Kameele, noch Chokodars— ich bin ein bloßer Aben⸗ teurer, ohne Freund auf der Welt, außer Ihnen.“ „Warum wollen Sie nicht in unſer Regiment treten?“ rief der immer⸗fertige Kapitän.„In wenigen Wochen werden wir in einen andern Welttheil ver⸗ ſetzt— Sie brauchen nur als Freiwilliger einzutreten; Geld um Ihren Kittel zu kaufen, haben Sie genug. Wenn Sie einmal hübſch eingereiht find, ſo brauchen Sie nur an Ihren Bruder zu ſchreiben; überdieß findet ſich im⸗ mer etwas: das iſt meine Philoſophie. Ich wünſche mir ſelten etwas, ohne daß ich auf die eine oder andere Art Gelegenheit fände, es zu bekommen.“ 3 „Nein,“ ſagte ich entſchloſſen,„ich werde nie in 3 4 8 die Dienſte eines Landes treten, das auf mein Geburts⸗ land ſo himmelſchreiendes Unrecht gehäuft hat.“ „Lauter dummes Zeug und Unfinn,“ ſchrie Bub⸗ bleton.„Wer zum Teufel kämmert ſich um Politik, Lieber wollt ich für meinen Gewürzhändler Feigen, oder für meinen Tabackskrämer Schnupftaback verkaufen, als mir den Kopf ſchwer machen, und das Königreich für Billy Pitt regieren.— Er wird dafür bezahlt; das iſt ſein Geſchäft, nicht meines. Nein, nein, mein Junge, treten Sie zu uns— Sie ſollen unſer Burke ſein — wir werden einen glorreichen Feldzug gegen die Yankees beſtehen, ich will Sie die Seneka⸗Sprache leh⸗ ren und wir wollen durch die indianiſchen Niederlaſſun⸗ gen ſtreifen. Inzwiſchen eſſen Sie heute am Regiments⸗ tiſch zu Mittag; morgen haben wir ein Pickenick bei Dargle; am nächſten Tage—— was zum Teufel ſoll am nächſten Tage ſein?—— o, ha, am nächſten Tage eſſen wir alle mit Ihnen zu Mittag. Nichts Stei⸗ fes oder Förmliches— eine ſtille, ruhige Mahlzeit für ſechzehn,— ich will ſchon Alles beſorgen.“ Gegen ſolch ein Argument war kein Widerſtand möglich, und ſo willigte ich ohne weiters ein, tröſtete mich aber mit dem ſtillen Gelübde, komme was da wolle, Irland am Tage nach meiner Diner⸗Partie zu verlaſſen. Unter welcher Maske, mit welcher Geſchichte über meinen Rang, Reichthum, Familieneinfluß Bubbleion es für geeignet hielt, mich ſeinen Waffenbrüdern vor⸗ zuſtellen, kann ich nicht ſagen; aber nichts konnte gü⸗ tiger, nich's herzlicher ſein, als die Art, wie ſie mich empfingen; und obgleich ich einige Schwierigkeit hatte, auf Fragen zu antworten, welche fehlerhaften Vorſtel⸗ lungen über meine Lage und Anſichten entſprang, ſo folgte ich doch ſo gut ich im Stande war dem von meinem erfinderiſchen Freund geſponnenen Faden, deſ⸗ ſen Vorſtellungen, ſo vermuthete ich, von ſeinen alten Gefährten mit der gehörigen Beſchränkung würden aufgenommen werden. Es gibt vielleicht keine Art von Geſellſchaft, die für einen jungen ins Leben tretenden Mann ſo bezau⸗ bernd iſt, als die eines Regimentstiſches. Die leichte gebildete Zutraulichkeit, die nie in ungebührliches Sich⸗ gemein⸗machen ausartet— der gutartige, neckende Scherz, der nie an Rohheit oder Härte grenzt— die glückliche Miſchung der Weisheit der Alten mit der Schnellkraft der Jungen— ſind lauter ſehr anziehende Züge des geſelligen Verkehrs, ſelbſt abgeſehen von dem ſtärkeren Intereſſe, das die Geſellſchaft von Männern begleitet, die ſich den Waffen gewidmet haben. Dieſes fühlte ich, und ich genoß es mit um ſo mehr Vergnü⸗ gen, weil ich keine Spur von jener heftigen Partei⸗ wuth vorfand, welche, wie man mich glauden gemacht hatte, das hervorſtechen ſte Merkmal des royaliſtiſchen Soldaten ſei. Wenn zufällig eine Anſpielung auf die damaligen Unruhen gemacht wurde, ſo geſchah es ſtets mehr in einem Tone der Achtung für ſehlerhafte und mißleitete politiſche Anſichten, als in hartem Tadel der Illoyalität und des Aufruhrs; und wenn ich die lei⸗ denſchaftloſen Meinungen und die milden Rathſchläge dieſer Männer hörte, die ich ſtets für wahre Tyrannen und Unterdrücker gehalten hatte, konnte ich kaum mei⸗ nen eigenen Sinnen trauen, ſo ganz entgegengeſetzt waren meine Erfahrungen. Nur Einer von der Geſell⸗ ſchaft gab eine ganz andere Gefinnung kund. Er war. ein blaſſer, hagerer, ziemlich ſchöner Mann von etwa 25 Jahren, der neulich von einem Dragoner⸗Regiment zu ihnen gekommen war, und durch verſchiedene kleine Winke ſtets zu verſtehen gab, wie ſehr er die Kavalerie vorziehe, und wie ſehr er ſich wieder unter dieſelbe zurückſehne. Kapitän Montague Crofts war in der That die einzige Ausnahme, die ich unter den faſt brüderlichen Gefinnungen, die im 45ſten Regimente herrſchten, be⸗ en ſeiner Mitoffiziere zu fügen, hielt er ſich ſorgfältig eerne von ihnen. Sein Aufenthalt unter dem Regiment als eine Probezeit betrachtend, ſchien er entſchloſſen, keine Freundſchaften zu ſchließen, ſondern geduldig die Zeit abzuwarten, wo er das Corps verlaſſen und ſich n⸗ einer Geſellſchaft unter ſeiner Würde emanzipiren önnte. 4 Kopf, das gleichgültige Stillſchweigen, womit er die Worte Bubbletons anhörte, der mich ihm vorſtellte, bildeten einen ſtarken Contraſt gegen die warme Herz⸗ lichkeit der andern; und obgleich damals wenig heneigt, irgend Jemandes Benehmen zu kritiſiren, fühlte ich vom erſten Augenblicke an zu Kapitän Crofts einen Wider⸗ willen, der mit jeder in ſeiner Geſellſchaft zugebrachten Minute ſtieg. Die erſte Gelegenheit, die mir dieſen Unmuth einflößte, bot ſich dar, als Bubbleton— deſſen geſchichtliche Genauigkeit oder blinde Anhänglichkeit an das Thatſächliche Niemand im Corps zu bezweifeln ſich einfallen ließ— einige ſeiner unglaublichen Abenteuer erzählte, Crofts aber, weit entfernt die harmloſe Lu⸗ ſtigkeit, welche ſolche Erzählungen erzeugten, zu theilen, fich ein beſtändiges Vergnügen daraus machte, dem würdigen Kapitän Kreuz⸗ und Querfragen zu ſtellen, Widerſprüche nachzuweiſen und ihm hundert Poſſen zu ſpielen, was Alles in einer Gerichtsſtube für ſcharf und witzig gelten mag, in einer Geſellſchaft aber geradezu Rohheit iſt. Bubbleton freilich ſah in all dieſen Ein⸗ wendungen nichts als das natürliche Intereſſe eines guten Zuhörers; aber nicht ſo die Andern, und es war mir ganz klar, daß, während der Eine der größte Lieb⸗ ling im Regimente war, der Andere keinen einzigen Freund darin hatte. Gegen mich bewies Crofts die vollkommenſte Gleichgültigkeit— indem er ſich nicht einmal in eine Unterhaltung miſchte, woran ich Theil nahm. Er kehrte ſelten ſeinen Kopf nach der Seite merkte. Anſtatt ſich in die Gewohnheiten und Meinun⸗ Der kalte, abſtoßende, ſteife Blick, der unbewegliche des Tiſches, wo ich ſaß, und gab mir durch ſeine hochnafigen Mienen deutlich zu verſtehen, daß unſere Bekanntſchaft, obgleich begonnen, doch keinen Schritt weiter gehen ſollte. Ich kann nicht ſagen, wie wohl es mir that, zu erfahren, daß Einer, den ich ſo viel Urſache hatte zu haſſen, ein heftiger Ariſtokrat war, ein Ultra⸗Tory, ein nicht lange wählender Angeber der iriſchen liberalen Partei, und ein Hauptverfechter ſtrenger und ſcharfer Maaßregeln gegen das Volk. Er unterließ keine Gele⸗ genheit, ſeine Geſinnungen auszuſprechen, und dazu da⸗ maliger Zeit keine geringe Gefahr dabei war, ſich ge⸗ gen dieſelben zu erklären, ſo genoß Crofts ſeines Vor⸗ rechtes nach Herzensluſt. So geringfügig auch dieſe Reminiscenzen an den Regimentstiſch ſind, ſo knüpft ſich doch daran die Er⸗ innerung an Tage, die ich nicht vergeſſen kann, denn in Folge meiner gewöhnlichen Unterſchiedenheit einer⸗ ſeits, und der dringenden Vorſtellungen Bubhleton's anderſeits, ſchlenderte ich jetzt in Dublin herum, das ſorgloſe, leichtſinnige Leben Derer führend, die um mich waren, jede Geſellſchaft beſuchend, wohin meine mili⸗ täriſchen Freunde Zutritt hatten, und alle Luſtbarkeiten der Hauptſtadt mitmachend. So gering auch meine Hülfsquellen waren, genügten ſie doch, in den Augen Aller, die nicht wußten, wie weit ſie reichten, als uner⸗ meßlich zu erſcheinen. Crofts war der einzige reiche Mann im Regiment; und meine Bereitwilligkeit, an allen Vergnügungen Theil zu nehmen, ganz unbeküm⸗ mert um die Koſten, beſtätigte ſie alle in dem Glauben, Bubbleton habe diesmal doch nicht übertrieben, und Burke ſei„eine Art abendländiſcher Cröſus,“ füc das Regiment unſchätzbar. Eine Woche verſtrich nach der andern, und noch immer war ich ein Bürger von Grorge's⸗ſtreet; das dumme Kaſernen⸗Leben erfüllte alle meine Gedanken, außer wenn der ſchwindſüchtige Zuſtand meiner Börſe ſie für einen Augenblick auf die Zukunft lenkte; aber dieſe 235 Augenblicke des Nachdenkens kamen nur ſelten, und endlich gar nicht mehr. Es war Herbſt— die Stadt faſt entblößt von Einwohnern, wenigſtens von ſolchen, die ſie verlaſſen konnten. Die verdorrten und ſonnver⸗ brannten Straßen und Quartiere, in denen ſich vor Kurzem noch Equipagen und Cavalkaden gedrängt hat⸗ ten, waren ſtill und öde. Die geſchloſſenen Läden und mit „Gras überwach enen Treppen jedes Hauſes verriethen die Abweſenheit der Eigenthümer. Dieſelbe traumhafte Lethargie, die über der verlaſſenen Stadt ruhte, ſchien Alles zu durchdringen; und außer einer gewiſſen unter⸗ würfigen Thätigkeit der Schloßbeamten— einer Art Grundgewell⸗Bewegung, die etwas Wichtiges bedeu⸗ tete— regte ſich nichts. Die große Maßregel der Union, welche in der Nacht des Aufruhrs durchgeſetzt worden war, hatte jedoch die Hoffnung der iriſchen liberalen Partei vernichtet, und Manche, die einſt eine Hauptrolle in der Politik geſpielt hatten, entſagten dem öffentlichen Leben für immer. Um dieſe Dinge bekümmerten ſich meine Geſell⸗ ſchafter nur wenig. Es waren nur zwei oder drei Ir⸗ länder unter dem Regiment und dieſe hatten während ihrer Dienſtzeit ſchon lange all' ihre Nationalität ver⸗ loren, ſo daß ich nichts von dem hörte, womit ſich die öffentliche Aufmerkſamkeit beſchäftigte, und mitten im drohenden Sturm, in einer todähnlichen Ruhe lebte. Seit dem Tage meines Abſchiedes hatte ich weder Barton noch Baſſet geſehen, und konnte, was noch ſonderbarer war, nirgends Darby finden, der Dublin verlaſſen zu haben ſchien. Die Niederlage der Partei, zu der er gebhörte, ſchien jetzt vollendet, und die Aus⸗ ſicht auf iriſche Unabhängigkeit für immer verloren. Eines Abends ſaß ich an einem Fenſter in Bubb⸗ letons Quartier und dachte über dieſe Dinge nach, nicht ohne Selbftivorwurf über das Leben, das ich führte, und das den Grundſätzen, die ich mir feſtgeſtellt hatte, ſo ganz entgegen war. Ich dachte an den armen De ———— Meudon und an a mein Glück, und i ſteigen über meine der er mich mit ſei Ich erinnerte mich jener glück durch die Gefilde wandelten, ü züge in Italien ſprechend oder über ſichten, die uns noch bevorſtänden; un an die ſinnloſen Orgien meines je erinnerte mich, wie ſeine volle Sti ein großer Name ſeinen Lippen Ehrfurcht rührte er an ſeinen Hut Buonaparte ausſprach dem Gedanken an einen E Aſche eines gebrochcnen einmal zu lebhaftem Gl⸗ wie ſehnte ich mich, ſo z Zum erſten Mal ſeit einigen allein. Bubbleton war auf der W verſprochen hatte, zum Abendeſſen ſo verträumte ich die Zeit zu Hauſe die Vergangenheit: der Auge zu ſehen. Es wur Scheibe eines Herbſtmondes ſchien du balben Froſtes, bote eines heiß allmählig erſtorben, Tönen einer Balladen Ohne es inne zu der Sängerin, welche Colleginnen, die Mit ihre Lieblingsmaßregel, geſetzt hatte. Sowohl in in der That ſehr wenig, gewinnen konnte; dennoch iches Publikum um ſich verſa im mit ihr durch die Straße ging u lle ſeine hochſtrebenden Träume ch fühlte das Blut in meine Wan ſchmähliche Untreue gegen die Sache, den Athem geweiht hatte. lichen Abende, wo wir ruhmvollen Feld⸗ die großen Aus⸗ d dann dachte ich tzigen Lebens. Ich mme ſtotterte, wenn entfiel; mit welcher „wenn er das Wort 1— wie bebte mein Herz bei nthuſtasmus, der die ſterbende Herzens entzünden und noch anz entflammen konnte! und „ wie er fühlte. Wochen fand ich mich ache; und ob ich gleich zu ihm zu kommen, mit Gedanken über Zukunft wagte ich kaum ins Die reiche, goldene ich den Nebel jenes der in dieſer Jahreszeit der ſichere Vor⸗ ges iſt. Das Straßengetös war und außer den fernen, ſängerin hörte ich nichts werden, horchte ich auf die Reime , wie die meiſten ihrer damaligen wodurch die Regierung die Union mit England, durch⸗ der Melodie als im Text lag Ohr ergötzen oder atte ſie ein ziem⸗ mmelt, das lang⸗ nd durch manchen — 237 Erguß des Enthuſiasmus bewies, wie vollkommen es die ſpitzigen Anſpielungen verſtand und welchen Genuß dum die⸗ wenn auch geiſtloſe, Satyre des Liedes ge⸗ währte. 1 Als ſie ſich der Kaſerne näherten, machte der Zug Halt, wahrſcheinlich damit auch für das königliche Mi⸗ litär eine ſo werthvolle Lektion nicht verloren gehe; um die Sängerin wurde ein Kreis gebildet und Stillſchwei⸗ gen geboten, als mit jener zitternden, für die Zukunft ſo charakteriſtiſchen Artikulation und mit jener ſeltſamen Stimme, die zwiſchem hohem Diskant und tiefem Baß zu ſchwanken zhein; die Lady begann: „Drängt euch nicht ſo an mich. Ihr reißt mir das Kleid vom Rücken! Der Teufel kann meinen Geſang hören, wenn ihr nicht ruhig ſeid—— Seht da droben Se. Edlen, mit einem Zehnpfennigſtück in der Fauſt für mich. Der Herr bewahre Euer ſchönes Geſicht— was Ihr für liebe blaue Augen habt—— Alle Wet⸗ ter auf euch, ihr Lumpenkerls— ſeht, wie ihr meine ſchöne Haube zugerichtet habt!“ „Hoho! fang' Dein Lied an und plärre nicht da den jungen Gentleman an,“ ſagte eine Stimme aus der Menge und fügte dann in leiſerem, aber ſehr hör⸗ barem Tone hinzu—„Die Geſellen da haben keinen Heller über ihren Sold, 3 Shilling, 9 Pfennig per Tag, und damit baſta!“ Ein rohes Gelächter folgte dieſer frechen Rede; und die Balladenſängerin, deren Zögern nur eine Liſt war, um genug Zuhörer herbeizulocken, begann alsdann nach einer wohlbekannten Melodie: Kommt her und hört meinen Rath— Gewiß, er hat ſich gewaſchen— Wer ein Gut zu verkaufen hat, Der braucht kein Geld in den Taſchen. Dein Bruder wird Biſchof; Dir, Wenn Du trittſt auf unſere Seite, Geben auf der Stelle wir Ein Amt in der Näh' oder Weite. Hier ſiel der Pöbel als Chor ein und fuhr mit ſo herz⸗ lichem Enthuſtasmus fort, daß ich das Folgende kaum verſtehen konnte. Dein Vater, heißt's, iſt ein Vieh, Deine Mutter vurch nichts bekannt; Doch wird zum Rektor ſie, Und er zum Richter ernannt. Hofdame wird Deine Baſ', Und Wilhelm, wenn nicht am Tag er Beſoffen erſcheint auf der Straß, Wird ein roſiger Oberpfarrherr. Toll de rol, toll de rol la! Nie gab's eine ſchönere Brut: Von Arbeit iſt wenig die Rede, Im College⸗green wohlgemuth Wird Ball geſpielt um die Wette. Alt Foſter macht auch noch mit, Er gäb' einen guten Markeur ab. John Toler—— „Da kommt die Polizei!“ rief eine rauhe Stimme aus dem Haufen; und das Wort wurde wieverholt von Mund zu Mund in allen Tönen der Furcht und des Schreckens, während in einem Augenblick Alles die Flucht ergriff; einige flürzten in dunkle Gaſſen und ſchmale Alleen, andere rannten gerade aus gegen die Dame⸗ſtreet; aber Alle bewieſen eine bedeutende Furcht bei Annäherung dieſer verhaßten Diener der Ordnung. Nur die Bänkelſängerin wich nicht vom Flecke. Ob zu alt oder zu ſchwach oder zu ſehr erſchrocken, um da⸗ vonlaufen zu können, wußte ich nicht; kurz, ſie blieb — 1 —2. ihren einzigen Handelsartikel. 239 ſtehen; der letzte Ton ihres Geſangs erſtarb auf ihren derpfd, als man die Schritte ſchnell heraneilender Män⸗ ner hörte. 3„— Ein ſeltſames augenblickliches Gefühl, halb Mit⸗ leid, halb Laune, bewog mich, ſie zu reiten, und ich rief der Schildwache zu—„Laßt das Weib herein!“ Sie hörte die Worte und ſprang behender, als ich erwarten konnte, in den Kaſernenhof, während die Po⸗ lizei eifrig, aber vergeblich nach ihren Opfern ſuchte. Ich blieb regungslos am Fenſter ſitzen und betrach⸗ tete die jetzt ſtille Straße, als ich an meiner Thüre ein leiſes Klopfen hörte. Ich öffnete ſie und vor mir ſtand die alte Balladenſängerin, ihr zerriſſenes Gewand mit der einen Hand über ihr Geſicht ziehend, während ſie in der andern einen Bündel gedruckter Lieder hielt, —— enſſfſſſſſſiſ 10 11 12 13 14 15 16 17 18