6 5 eee Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur P von 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— Ae — 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für velchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 —, — „ 5„„=„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. J. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird— beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — N ͤòqͤſͤſqſmqmqgqgmghgh 2 Charles O Malley, der irische Drugoner. Von Eharles Lever. Deutſch von Gottlob Fink. Vierzehntes bis achtzehntes Bändchen.(Schluß.) —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. 3 Dreiundneunzigſtes Kapitel. Eine Nacht am Azava. Maſſena wurde jetzt abberufen, an ſeiner ſtatt er⸗ hielt Marmont den Oberbefehl über die franzöſiſche Ar⸗ mee. Dieſer zog ſich nach Salamanca zurück, während wir uns am Aguada einquartirten. Eine Periode der Unthätigkeit folgte jetzt auf die bisherige unausgeſetzte Aufregung und das Gewicht des Feldzugs lag für den Augenblick in Beresfords Armee, die in Eſtremadura dem Marſchall Soult gegenüberſtand. Am 15ten brach Wellington nach dieſer Provinz auf, nachdem er bereits eine ſtarke Truppenabtheilung gegen Badajoz hin in Bewegung geſetzt hatte. „Nun, O'Malley,“ ſagte Crawford, als er von der Abſchiedsaudienz bei Wellington zurückkam,„Ihre Sache iſt in Ordnung; der Obergeneral hat meine Vor⸗ ſchläge unterzeichnet und Sie erhalten Ihre Schwadron.“ Während ich mich in Dankſagungen für ſeine Güte ergoß, ſchritt der General, ohne auf meine Worte zu achten, haſtig im Zimmer auf und ab, ſtand von Zeit zu Zeit vor einer großen Karte von Spanien ſtill, die an der Wand hing, und murmelte abgebrochene, zu⸗ ſammenhangsloſe Sätze vor ſich hin. „Acht Stunden— zu ſchwach an Reiterei— mit dem linken Flügel auf Fuenta Grenaldo eine ſtarke Stellung— O'Malley, nehmen Sie eine Schwadron Dragoner und durchſtreifen Sie das Land bis nach Caſtro hin. Recognosciren Sie das 6te Corps, aber vermeiden Sie jedes Zuſammentreffen mit den feindlichen Pikets und überſchreiten Sie deßhalb den Azava nicht. Nehmen Sie Fourage auf drei Tage mit.“ „Wann ſoll ich aufbrechen, Sir?“ „Sogleich,“ war die Antwort. Da ich wußte, wie ſehr dem kühnen Veteranen rüſtige Munterkeit geſiel, ſo beſchloß ich ihm Freude zu machen und ſtand, ehe eine halbe Stunde verging, mit meiner Schwadron fir und fertig da, um ſeine letzten Befehle zu empfangen. .„Bravo, mein Junge,“ ſagte er, in die Thüre der Hütte tretend,„Sie haben keine Zeit verloren. Ich brauche Ihnen keine weitern Befehle zu geben: meine einzige Abſicht iſt, die muthmaßliche Bewegung des Feindes ſo ſicher als möglich zu erkunden“ Bei dieſen Worten winkte er mit der Hand, wünſchte mir gute Ver⸗ richtung und ging langſam in's Haus zurück. Ich ſah, daß er mit andern Gedanken beſchäftigt war, und obſchon es mir lieb geweſen wäre, genauere Unterweiſungen zu erhalten, ſo kannte ich doch ſeinen Widerwillen gegen vieles Fragen, erwiederte daher ein⸗ fach ſeinen Gruß und ritt davon. Es war ein ſchöner Morgen. Die Sonne ſtand ſeit einer Stunde am Himmel und die Erde, erfriſcht vom Thau der Nacht, prangte in üppigduftender Fülle, der Fluß zu unſerer Seite war klar wie Kriſtall, und unter ſeinen gekräuſelten Wellen ſchimmerte das blanke Kieſel⸗ bett hervor, während auf der Oberfläche die Waſſerlilien bald ſchwammen, bald unterſanken. Hohe Korkeichen warfen ihre Schatten auf uns, und prächtig befiederte Vögel hüpften von Zweig zu Zweig, die Echos mit ihrem Geſange erweckend. Es iſt ſelten, daß des Menſchen Herz mit den Na⸗ turſzenen ringsumher übereinſtimmt. Wie oft müſſen wir uns nicht zwingen, an der üppigen ſchönen Landſchaft, die friſch und freundlich vor uns liegt, einige Freude zu empfinden! Wie oft blickt der blaue lachende Him⸗ mel auf ein verdüſtertes, von Kummer getrübtes Herz herab! Wie manchmal haben wir aber auch den Unter⸗ ſchied empfunden zwiſchen dem finſtern Antlitz des Win⸗ 9 ters und dem fröhlichen Sonnenſchein in unſeren Herzen! Der Einklang der Außenwelt mit unſern Gedanken iſt eine der reichſten, reinſten Quellen des Glückes. Unſere Hoffnungen und Beſtrebungen verlieren ihren ſelbſtſüch⸗ tigen Charakter, wenn wir ſehen, daß das Glück Alles ringsumher wohlwollend anlächelt, und die Freundlich⸗ keir, die uns aus den leuchtenden Sternen und dem blauen Himmel, aus der hohen Bergſpitze und dem niedrigen Blumenſtrauch entgegenblickt, iſt anſprechender in ihrer ſtummen Beredtſamkeit als Alles, was eine menſchliche Zunge zu ſagen vermag.. Dieſes angenehme Gefühl wurde mir heute in vollem Maße zu Theil, als ich den günſtigen Aufſchwung mei⸗ ner Verhältniſſe überſchaute, und ein geheimer Inſtinkt ſagte mir, daß noch glückliche Tage meiner warten. Meine Gedanken ſchweiften jetzt nach der Heimat hin⸗ über, und ich mußte mir geſtehen, daß alle meine Er⸗ folge nur einen höchſt untergeordneten Werth für mich haben würden, wenn ich auf die Freude verzichten ſollte, denjenigen, die mich liebten, von meinen Erlebniſſen zu erzählen. Ich beſchloß jetzt an meinen Oheim zu ſchreiben. Es verlangte mich, ihm alle Einzelheiten meiner Lauf⸗ bahn mitzutheilen, und mein Herz glühte bei dem Ge⸗ danken an die kurzen abgebrochenen Sätze, womit jeder von unſern Bauern die Nachricht über mein Glück auf⸗ nehmen würde, denn ich wußte, daß die geringfügigen Thaten eines Mannes, den ſie kannten, ihre Herzen mit weit größerem Stolze erfüllten, als die glänzendſten Triumphe des Nationalruhmes. Mickey beſtärkte mich in dieſem Gedanken. Nach⸗ dem er einige Zeit ſchweigend neben mir geritten, be⸗ merkte er— „Und wird nicht Vater Ruſßh ſehr ſtolz ſeyn, wenn er Ew. Gnaden als Kapitän ſieht— wenn er ſich denkt, daß der kleine Bube, den er auf ſeinem alten Schimmel vor ſich ſetzte, jetzt ein wirklicher Kapitän von ſechs Fuß zwei Zoll ohne die Stiefel geworden iſt, und auf die Franzoſen hineingaloppirt, als wären es Strauchdiebe. Peggy Mahon, Ihre Amme, wird ſich Wunder was darauf einbilden, und an dem Tag, wo dieſe Nachricht ankommt, wird in der Kaſerne von Portumna kein Sol⸗ dat nüchtern bleiben. So wahr ich lebe, man wird jetzt Alles, was einen rothen Rock trägt, und wäre es nur eine Vogelſcheuche auf dem Felde, mit gewaltigem Re⸗ ſpekt behandeln. Die Gegend, durch welche wir zogen, zeigte uns bei jedem Schritt Spuren des Rückzuges; die üppigen Kornfelder lagen umgeknickt durch die Hufen der Rei⸗ terei oder durch die Räder der Bagagewägen; die Straßen waren durchſchnitten, ſo daß man ſie kaum paſſiren konnte, und da und dort ſah man Zeichen von einem Bivouac. Gleichwohl war hier Alles ganz anders als in Portugal, wo die Franzoſen mit der roheſten Grau⸗ ſamkeit gewüthet hatten. Dort zeugten zerſtörte Schlöſſer, niedergebrannte Dörfer, entweihte Altäre und gemordete Menſchen von der Bosheit eines geſchlagenen Feindes; hier aber hatten ſie kaum die Grenze überſchritten, als ſich ihr Charakter wie mit einem Zauberſchlag umwan⸗ delte. Disciplin und Gehorſam traten an die Stelle der plünderungsſüchtigen Zügelloſigkeit, und dieſelben Krie⸗ ger, die ſich kurz zuvor ſo unmenſchlich gezeigt hatten, begegneten jetzt den Spaniern mit Mäßigung, ja ſogar Zuvorkommenheit. Sie bezahlten Alles, nahmen ruhig ihre Billets, marſchirten geordnet und regelmäßig und gaben bei ihrem weitern Vorrücken ins Herz des Landes die merkwürdigſten Beweiſe einer Diseiplin, welche mit einem einzigen Wort eine geſetzloſe, banditenmäßige Soldateska in eine wohldisciplinirte, wohlgeordnete Ar⸗ mee umzuwandeln vermag. Als wir uns dem Azava näherten, wurden die Spu⸗ ren des Rückzugs immer weniger ſichtbar, und die durch den Marſch nicht verwüſtete Gegend lag meilenweit in ihrer ganzen herrlichen Fülle vor uns. Das hohe Korn 11 wogte in goldnen Aehren; die wilde Genziane und der Lorbeer wuchſen überall; das Vieh ſtand in dem klaren Strome und ſonnte ſich, wahrend da und dort Landleute unthätig auf dem Ufer umher lungerten. So ſeltſam ſich ſolche Beweiſe von Frieden und Ruhe neben dem verwüſtenden Zug einer gewaltigen Armee ausnahmen, ſo habe ich doch das Gleiche mehr als einmal geſehen und öfter in der nächſten Nähe unſers eiligen Marſches ganz unberührtes Land bemerkt; für manchen Einwohner war das Waffengetöſe und dumpfe Gerolle der Artillerie blos wie ein vorübergehendes Donnerwetter, und wenn nach dem wilden Sturme der Himmel ſich erheiterte, ſo konnte er mit vergnügtem dankbarem Lächeln auf ſeine herr⸗ lichen Felder ſchauen, während ſeine Nachbarn durch Verwüſtung von all ihrem Hab und Gut an den Rand der Verzweiflung gebracht waren. Wir bivouakirten am Ufer des Fluſſes,— eine echte Szene für Salvator Roſa. Die Felſen ragten hoch über uns empor und viele kleine Bäche ſtürtzten von Klippe zu Klippe, um in ihrem Zickzacklaufe den glänzenden Strom unten zu ſuchen. Die dunkle Fichte und die gewaltige Eiche vermiſchten ihre Zweige mit den anmuthigen Cedern, die ſich wie Fächer über uns aus⸗ breiteten. Durch ihren dichten Schatten ſah man gleich⸗ wohl da und dort ein Stüͤck von dem geſtirnten Himmel herabblicken und ein ſchwachgelber Streif auf dem ſtillen Waſſer verkündete, daß die Königin der Nacht herauf⸗ gezogen war. Nachdem ich mein frugales Abendeſſen eingenommen, wanderte ich allein am Ufer des Fluſſes hinab. Bald blieb ich ſtehen, um ſeine kühnen Schwin⸗ gungen durch das einſame Thal zu betrachten, bald warf ich wieder einen flüchtigen Blick auf unſre rothen Wacht⸗ feuer und auf die kecken Geſichter um ſie herum. Sorg⸗ los ſchallendes Gelächter und der rauhe Baß eines er⸗ probten Veteranen, der ſeine Abenteuer preisgab, waren die einzigen Töne, die noch einige Zeit zu mir drangen. Der Weg neben dem Fluß ſchien in Felſen gehauen zu 12² ſeyn und war nur für einen einzigen Menſchen berechnet — ein rohes hölzernes Geländer war der einzige Schutz gegen einen Abgrund von wenigſtens dreißig Fuß Tiefe. Da und dort ſiel ein glimmernder Mondſtreif auf das entgegengeſetzte Ufer, das ungleich demjenigen, auf welchem ich mich befand, in üppiges Wieſen⸗, und Wei⸗ denland ſich ausdehnte, gelegentlich unterbrochen von kleinen Baumgruppen. Eine Flußlandſchaft hat immer ungemeine Anziehungskraft für mich beſeſſen. Ich er⸗ freue mich unendlich an den kecken, zackigen Umriſſen eines gewaltigen Berges; mit entzückten Augen betrachte ich die ſchrankenloſe See und weiß nicht, ob ſie mir mehr gefällt in den mächtigen Ergießungen ihres Zor⸗ nes, wenn die Wellen ihre weißen Häupter zum Himmel erheben und ſchäumend am klippigen Strande ſich bre⸗ chen, oder in der ruhigen Schönheit ihrer ſpiegelglatten Oberfläche, wenn Sonne und Himmel ſtrahlend aus ihrer Tiefe herauf ſich widerſpiegeln. Aber noch weit mehr als alles dieſes liebe ich die wonnevolle, ruhige Schönheit eines glänzenden Fluſſes, der ſeinen gewundenen Lauf durch die Ebene nimmt und ſich bald zu einem ſtillen, wogenloſen See ausbreitet, bald zu einem wirbelnden Strom ſich verengt, überſchattet von moosbedeckten Felſen und wehenden Bäumen. Es gibt keine, wenn auch noch ſo niedrige Hütte, vor welcher das Netz des Fiſchers auf dem Raſen ausgeſpannt liegt, ohne daß ich um den Herd derſelben Geſichter zu erblicken glaube, auf denen die begnügſame Zufriedenheit mit kaum belohnter ſchwerer Arbeit wiederſtrahlt, während ich von dem zerfallenen Thurm auf dem Felſen die alten Töne fröhlicher Feſt⸗ gelage zu vernehmen meine, und obſchon die Mauern durch tiefe Spalten zerriſſen und die Wälle eingeſtürzt ſind, obſchon außer dem ſchlanken Mauergras kein an⸗ deres Banner mehr von oben herabweht, ſo kann ich doch dieſe nach und nach zerbröckelnden Wälle mit Bil⸗ dern der Vergangenheit bevölkern, und das luſtige Lachen des Schloßvogtes, der raſſelnde Tritt des bepanzerten 13 Kriegsknechtes ſind für mich ſo handgreifliche Wirklich⸗ keiten, wie die verſchlungene Flechte, die ſich an den Zinnen hinabzieht. Als ich ſo dahin wanderte, gelangte ich an eine kleine ländliche Treppe, die von dem Pfade abwärts nach dem Fluſſe hin führte; dieſe ſtieg ich hinab und fand bei genauerer Unterſuchung, daß hier eine Furt war. Ein hoher platter Fels füllte einen großen Theil des Flußbettes und gerade die Mitte deſſelben aus, während auf beiden Seiten das Waſſer mit verdoppelter Gewalt ſtrömte. Begierig die Gegend zu erforſchen, ſtieg ich die Klippe hinab und traf Anſtalten, über den Fluß zu ſchreiten, als meine Aufmerkſamkeit durch das Flimmern eines Feuers angezogen wurde, das in einiger Entfer⸗ nung auf dem entgegengeſetzten Ufer brannte. Die Flamme ſtieg hoch auf und ſank dann wieder zuſammen, wie wenn ſie eben jetzt geſchürt würde, und da ſie, nach der Stille rings umher zu ſchließen, nicht wohl von einem feindlichen Bivouac herrühren konnte, ſo beſchloß ich, darauf loszugehen und die Sache ſelbſt zu unter⸗ ſuchen. Ich wußte, daß die Hirten oft ihre Sommer⸗ nächte auf dieſe Art zubringen, ohne eine andere Decke über ihrem Haupte als das blaue Himmelsgewölbe. Vielleicht war es auch eine Guerillaabtheilung, denn dieſe Krieger ziehen häufig in kleiner Anzahl dem zu⸗ rückweichenden Feind auf der Ferſe nach. Unter ſolchen Muthmaßungen überſchritt ich den Strom und ging ſchnell auf das Feuer zu. Einen Augenblick verrammelte mir ein hervorſpringender Fels den Weg, und während ich mich auf die Art und Weiſe beſann, über denſelben hinwegzukommen, wurde meine Aufmerkſamkeit durch ſprechende Stimmen gefeſſelt. Ich lauſchte und hörte mit nicht geringem Erſtaunen, daß ſie Franzöſiſch rede⸗ ten. Vorſichtig ſchlich ich nun bis an den Rand des Felſen und ſchaute hinüber. Der Mond ſtrömte in ſeinem vollen Glanz über einen kleinen Abhang neben dem 8 14 Strome, und da ſah ich jetzt deutlich einen franzöſiſchen Offizier. Er trug die Uniform eines reitenden Jägers, hatte aber keine Waffen, und in der That war ſeine Beſchäftigung in dieſem Augenblick nichts weniger als kriegeriſch, denn er ſuchte mit aller Gemächlichkeit einige Flaſchen Champagner zuſammen, die augenſcheinlich zur Abkühlung in den Fluß gelegt waren. „Eh bien, Alphonse,“ rief eine Stimme vom Feuer her,„was zögern Sie?“ „Ich komme, ich komme,“ antwortete der Angere⸗ dete,„aber par Dieu, ich kann nur fünf von unſern Flaſchen finden; eine davon ſcheint vom Strome weg⸗ geſpült zu ſeyn.“ „Thut Nichts,“ erwiederte der Andere,„wir ſind ja nur zu drei, und einer von uns ſteht ohnehin auf der Krankenliſte.“ Die einzige Antwort hierauf war ein ziemlich leiſe geſungener Chor eines franzöͤſiſchen Trinkliedes, nur zuweilen unterbrochen von Verwünſchungen über die fehlende Flaſche. In dieſem Augenblick drang ein klin⸗ gelndes Getöne in mein Ohr und als ich niederblickte, gewahrte ich am Fuße des Felſen den Schatz, welchen der Andere vergebens geſucht hatte. Die Flaſche war, wie er richtig vermuthete, durch einen Strudel wegge⸗ ſchwemmt worden und als Kriegsgefangener in den Be⸗ reich meines Griffes gekommen. Ich geſtehe, daß von dieſem Augenblick an mein Intereſſe an der Sache ſich bedeutend erhöhte, dann eine Champagnerflaſche war in Umſtänden wie die meinigen, kein zu verachtender Fang; mit ängſtlichen Blicken überwachte ich daher jede Ge⸗ bärde des ungeduldigen Franzoſen und ſchwankte zwiſchen Furcht und Hoffnung, je nachdem er dem Gegenſtande ſeines und meines Sehnens ſich näherte oder von ihm entfernte. „Mag ſie zum Teufel ſeyn,“ rief ſein Kamerad ihn von Neuem zu.„Jacques hat alle Geduld ver⸗ oren.“ 15 „So ſey es denn,“ erwiederte der andere, indem er ſich anſchickte, ſeine Schätze zuſammen zu nehmen. In dieſem Augenblicke machte ich einen kleinen Verſuch, meine Lage einigermaßen zu verändern, um die ganze Geſellſchaft genau überſehen zu können. Der Zweig, auf den ich mich ſtützte, gab jedoch mit lautem Gekrache nach; ich verlor das Gleichgewicht, rutſchte über den Felſen hinab und ſtürzte in den Fluß. Das Geräuſche, das Geplatſche und vor allem die plötzliche Erſcheinung eines Mannes dicht neben ihm, überraſchte den Fran⸗ zoſen dermaßen, daß er beinahe ſeinen Korb fallen ließ, und einige Minuten ſtanden wir einander ſchweigend gegenüber. Ein herzliches Gelächter von beiden Seiten machte zuletzt dieſer unangenehmen Lage ein Ende und mit der Gewandtheit ſeiner Nation eröffnete der Fran⸗ zoſe die Unterhandlung. „Sacre Dieu,“ rief er,„was thun Sie hier? Sie ſind Engländer, wie ich ſehe?“ „Ganz richtig,“ antwortete ich;„aber die nämliche Frage, wollte ich an Sie richten; was thun Sie ier 25 „Eh bien.“ verſetzte der An dere munter,„das will ich Ihnen aufrichtig beantworten. Unſer Kapitän wurde in dem Gefecht vom S8ten verwundet und wir hörten, einige Bauern haben ihn weggetragen. Als die Armee zurückging, erhielten wir Erlaubniß, ihn aufzuſuchen, aber zwei Tage lang war alle Mühe vergeblich. Die Bauern flohen bei unſerer Annäherung, und obgleich wir einige von unſern geſtohlenen Sachen, zum Beiſpiel dieſe Flaſchen da, wieder erhielten, ſo kamen wir doch unſerem Kameraden erſt dieſen Abend auf die Spur. Ein gutherziger Hirte hatte ihn in ſeine Hütte aufge⸗ nommen und ſehr freundlich behandelt; aber kaum hörte er den Galopp unſerer Pferde und das Klirren unſerer Waffen, als er ſelbſt gefangen zu werden fürchtete und mit Zurücklaſſung unſeres Freundes ins Gebirge floh. Voilà notre histoire. Hier ſind wir jetzt zu drei im 16 Ganzen, und einer von uns mit einem tiefen Säbel⸗ hieb in der Schulter. Wenn Sie die Uebermacht auf Ihrer Seite haben, ſo werden wir uns wohl gefangen geben müſſen; wo nicht— Was er weiter ſagen wollte, weiß ich nicht, denn in dieſem Augenblick kam ſein Kamerad, der endlich alle Geduld verloren hatte, ſchnell auf uns zu. „Gefangen!“ rief er, indem er die eine Hand ſchwer auf meine Schulter legte, mit der andern die Spitze ſeines Säbels mir auf die Bruſt hielt. Im Nu riß ich eine Piſtole heraus, drückte damit ſachte ſeine Waffe weg und ſprach kaltblütig— „Nicht ſo hitzig, mein Freund, nicht ſo hitzig! das Spiel iſt in meinen Händen, nicht in den Ihrigen; ich brauche blos loszudrücken und Sie ſind von meinen Dragonern umringt. Was dann auch mein Schickſal ſeyn mag, das Ihrige iſt gewiß.“ Ein halb verächtliches Lächeln verrieth die Ungläu⸗ bigkeit meines Gegners, während der andere, um der Verlegenheit ein Ende zu machen, ſchnell einſiel mit den Worten: „Er hat Recht, Auguſt, und Sie haben Unrecht; wir ſind in ſeiner Gewalt, das heißt,“ fügte er lächelnd hinzu,„wenn er es für glorreich hält, arme Teufel, wie wir ſind, gefangen zu nehmen.“ Die Geſichtszüge des Angeredeten verloren plötzlich ihren verächtlichen Ausdruck; mit einer beinahe melo⸗ dramatiſchen Feierlichkeit ſteckte er ſein Schwert in die Scheide, drehte dann ernſthaft ſeinen Schnurrbart, und nach einer Pauſe von etlichen Minuten ſtieß er einen Fluch über ſein Schickſal aus. „C'est toujours ainsi,“ ſprach er mit einer Bit⸗ terkeit, die nur einem Franzoſen möglich iſt, wenn er mit dem Geſchicke hadert.„Soyez bon enkant, und erwartet dann, was da kommt, thut Euere Pflicht und Schuldigkeit, und habt Ihr dennoch am Ende Unglück, 17 ſo denket, das Schickſal habe eigentlich einen noch här⸗ tern Schlag für Euch in Bereitſchaft gehabt.“ Ich konnte nicht umhin, über die Philoſophie des Franzoſen zu lächeln, welcher dies für ein gutes Vor⸗ zeichen hielt und fröhlich ſagte:„Alſo wollen Sie uns nicht gefangen nehmen, nicht wahr?“ „Gefangen?“ ſprach der andere;„nichts da, kom⸗ men Sie und ſoupiren Sie mit uns; unſere Vorraths⸗ kammer iſt gewiß ſo gut beſtellt wie die Ihrige. Jeden⸗ falls ſind eine Omelette, ein kaltes Hühnchen und ein Shes Champagner in unſern Umſtänden nicht zu ver⸗ achten.“ Ich mußte laut auflachen über die Seltſamkeit dieſes Vorſchlages.„Leider,“ ſagte ich dann,„werde ich Ihre Einladung nicht wohl annehmen können; Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß ich hier bin, um Sie zu bewachen, nicht um mit Ihnen zu ſchmauſen.“ „A la bonne heure,“ rief der Jüngere von Ihnen, „thun Sie Beides; kommen Sie, soyez bon camarade; Sie ſind ja immer in der Nähe Ihrer Leute, haben alſo keinen Grund unſere Bitte zu verweigern.“ Je entſchiedener ich ablehnte, um ſo eindringlicher wurden ſie, und endlich begann ich zu fürchten, ſie möchten meine Weigerung als einen Zweifel an der Ehrlichkeit ihrer Einladung auslegen; ich war daher in der peinlichſten Verlegenheit, als einer von ihnen geradezu ſagte: „Mais, pourquoi pas, mon cher?“ Ich ſtammelte Etwas von Pflicht und Diseiplin, nun aber unterbrachen ſie mich beide mit einem lauten Gelächter. „Kommen Sie, kommen Sie! In einer Stunde — einer halben Stunde, wenn Sie wollen, können Sie wieder bei Ihren Leuten ſeyn. Wir haben in der letzten Zeit oft genug mit einander gefochten, und es wird uns auch künftig nicht an Gelegenheit dazu mangeln. Im Lever, O'Malley. IV. 2 18 Felde haben wir einander kennen gelernt; laſſen Sie uns jetzt ſehen, wie wir im Bivouac mit einander fertig werden.“ Um mich nicht in Großmuth übertreffen zu laſſen, rief ich:„Nun, ſo ſey es denn.“ Fünf Minuten nachher ſaß ich mit ihnen am Feuer. Der Kapitän, der älteſte von ihnen, war ein ſchöner Mann von echt ſoldatiſchem Ausſehen und etwa vierzig Jahre alt: er hatte in der kaiſerlichen Garde alle Feld⸗ züge in Italien und Oeſterreich mitgemacht und wußte eine Menge Anekdoten über die franzöſiſche Armee zu 5 erzählen. Von ihm erfuhr ich manchen jener charakte⸗ riſtiſchen Züge, welche die kaiſerlichen Truppen vor allen andern ſo rühmlich auszeichnen, und ſah, wie ihre ſchönſten. kühnſten Waffenthaten auf der perſönlichen Tapferkeit ihres Feldherrn beruhten. Von Napoleons kecker Unternehmung bei Lodi bis zu dem Verhalten des niedrigſten Korporals in der grande armeée bietet das Gemälde Nichts als eine Reihe von glänzenden, ritter⸗ lichen Thaten, während zu gleicher Zeit der kriegeriſche Cvarakter der Nation ſich in inſtinktmäßiger Hochſchätzung des Muthes darthut, welche ſie lehrt, ihren Offizieren bis vor den Schlund der Kanonen zu folgen. „Bei Elchingen,“ ſagte der Kapitän,„da hätten Sie unſere Leute ſehen ſollen. Das Regiment, bei welchem ich als Lieutenant ſtand, erhielt Befehl, eine geſchloſſene Colonne zu bilden, über eine enge Schlucht zu ziehen und eine Batterie wegzunehmen, die durch ein Flankenfeuer große Verheerung unter unſern Truppen anrichtete. Bevor wir den Weg erreichen konnten, mußten wir über eine offene Ebene marſchiren, die ſich etwa hundert Fuß tief ſenkte. Die Colonne drang vor und ſchritt einen Hügel hinab, aber nicht ein einziger Mann erreichte die entgegengeſetzte Anhöhe. Eine wahre Lawine von Kugeln ſauste durch das ganze Thal; aber inmitten von Dampf und Flammen, mitten unter dem Blutbad um ſie her marſchirten unſere Grenadiere feſten Schrittes 19 vorwarts. Endlich ſchickte der Marſchall Ney einen Adjutanten mit dem Befehl, alle ſollen ſich platt nie⸗ derlegen, und ſo ſpielte die Artillerte mehr als eine halbe Stunde lang uber unſern Köpfen weg. Die Oeſterreicher ließen allmäͤhlig nach, und ſtellten ihr Feuer gänzlich ein. Dies war der Augenblick um den Angriff wieder zu beginnen. Vorſichtig erhob ich mich auf meine Kniee und blickte umher. Ein Wort verſammelte meine Leute um mich, aber denken Sie ſich mein Entſetzen als ich ſah, daß von den vierzehn hundert Mann nur noch fünfhundert übrig, und ich, ein bloßer Lieutenant, der älteſte Offizier im Regiment war. Unſer wackerer Oberſt lag todt zu meinen Füßen. Plötzlich kam mir ein Gedanke. Ich erinnerte mich, daß er in Augenblicken großer Gefahr die Gewohnheit gehabt hatte, eine kleine rothe Feder, die er gewöhnlich im Gürtel trug, auf ſeinen Tſchako zu ſtecken. Dieſe ſuchte ich jetzt und fand ſie auch wirklich. Kaum hielt ich ſie in die Höhe, als ein wahnſinniges Freudengeſchrei in der ganzen Linie ausbrach und die Offiziere wie toll ſich an die Spitze der Colonne ſturzten. Es war kein Marſch mehr, ſon⸗ dern mit lautem Nachgeſchrei ſtürmte die ganze Schaar vorwärts, und jeder ſuchte es dem andern vorzuthun. Gleich Tigern, die im Sprunge begriffen ſind, ſtürzten wir über den Feind her, der überwältigt und niederge⸗ metzelt wurde, ſo daß ganze Schaaren von Todten um ihre Kanonen herumlagen. Die Cavallerie der Garde donnerte hinter uns drein; eine ganze Diviſion folgte und 35⁰0 Gefangene, ſowie vierzehn Kanonen fielen in unſere Hände. „Ich ſaß auf einem Kanonenwagen, mein Geſicht ſchwarz von Pulver und meine Uniform von Blut über⸗ ſtrömt; das Ganze kam mir vor wie ein entſetzlicher Traum. Auf einmal ſpürte ich eine Hand auf meiner Schulter und eine rauhe Stimme rief mir ins Ohr: „„Kapitän vom 6“9ſten, Du beſt mein Bruder.““ Es 2* war Ney, der ſo ſprach, und dies,“ fügte der brave Kapitän hinzu, indem ihm Thränen in die Augen traten, „dies iſt der Säbel, den er mir gab.“ Es lag etwas ſo Charakteriſtiſches in der Erzählung des alten Napoleoniſten, daß ich mit athemloſer Auf⸗ merkſamkeit zuhörte; jetzt erſt ſah ich ein, welche ge⸗ waltige Macht der Kaiſer ſich dadurch geſchaffen hatte, daß er dem Unternehmungsgeiſt aller Einzelnen Vor⸗ ſchub leiſtete. Das Feld, das ſich für Ruhm und Aus⸗ zeichnung eröffnete, ſetzte keinem Ehrgeize Schranken. Der Rekrut, der ſich aus den Umarmungen ſeiner Mutter losriß, wiſchte ſich die thränenvollen Augen, um in der Ferne den Marſchallsſtab vor ſich zu ſehen. Der kühne Soldat, der eine Batterie ſtürmte, fuhlte ſein Herz hinter dem Bande der Ehrenlegion ſtolzer und ſicherer ſchlagen, als hinter einem ſtählernen Küraß; ja einem Volk, welchem das Pflichtgefühl allein kalt, trocken und ruhmlos erſchienen wäre, hatte der Kaiſer einen hochſinnigen, ritterlichen Enthuſiasmus eingeflößt und durch das Blendwerk ſeines eigenen Namens, die ſtolze Erinnerung an ſeine Schlachten und den Ruhm jener gewaltigen Turniere, bei welchen ganz Europa den Zuſchauer bildete, hatte er eine Nation zu einer Armee umggeſchaffen. In Folge eines ſtillen, inſtinktmäßigen Vertrags vermieden wir ſolche Punkte, bei denen es ſich um die Ehre unſerer gegenſeitigen Waffen handelte, und einmal, als der Jüngſte von der Geſellſchaft zufällig von Fuentes d'Onoro zu ſprechen anfing, gab der alte Kapitän der Sache eine andere Wendung, indem er ſagte:„Nun, Alphons, ſingen Sie uns Eins:“ „Ja,“ verſetzte dieſer,„den Sturmſchritt.“ Nein, nein,“ erwiederte der Kapitän, wenn ich wählen dürfte, ſo würde ich dem kleinen bretoniſchen Liede den Vorzug geben, das Sie uns an der Donau vortrugen.“ „Recht gern,“ ſagte Alphons.— Ich habe mich bemüht dieſes Lied zu überſetzen, aber ich ſehe recht gut ein, wie unendlich viel von dem Ge⸗ fühl und der Einfachheit des Orginals verloren geht, ohne das eigenthümliche Patos und die wilde, aber rührende Melodie. Die Heimat. Die Hörner verklingen, die Trommel iſt ſtumm, Vorbei iſt der Tag und die Schlacht, Nun lagert euch hier um das Feuer herum, Verplaudert zuſammen die Nacht. O plaudert von Liebe, von Siegen und Scherz, Was ihr hofft, was beglücken euch kann, Doch iſt euch aufgegangen das Herz, Von der Heimat erzählet mir dann. Von der Heimat—o ſehet die Wange wird bleich, Die nie eine Thräne genäßt! Von der Heimat— o ſehet das Herz wird weich, Das ſonſt wie Eiſen ſo feſt! Die Bruſt, die in blutigem Schlachtengewog, Wie ein trotziger Felſen im Meer, Sich in der Wellen Gedonner bog, Sie wogt jetzt, und hebet ſich ſchwer. Und ſolche, die nie einander geſehen, Sie drücken ſich leiſe die Hand, Gedanken der Heimat, die ſie umwehen, Sie ſchlingen um alle ein Band. Vor ſolchen Gefühlen verſtummt der Spott, Verſtummt die weltliche Luſt, Denn Liebe zur Heimath, wie Liebe zu Gott, Sie wohnet in jeglicher Bruſt. 3 Jetzt trat eine Pauſe ein und Jeder hing ſeinen eigenen Gedanken nach. Wie lange dieſe Träumerei wohl gedauert haben würde, weiß ich nicht; denn auf einmal wurden wir durch Pferdegetrappel aufgeſchreckt. Wir lauſchten und konnten jetzt aus den rauhen Stim⸗ men und dem plumpem Gelächter deutlich entnehmen, daß eine Guerillabande im Anzuge war. Schweigend und beſtürzt ſahen wir einander an; eine Entdeckung mußte uns in dieſem Augenblick höchſt unangenehm ſein. Wir hatten nur wenig Zeit uns zu berathen, denn unter lau⸗ tem Freudengeſchrei ſprengten jetzt vier ſpaniſche Reiter mit geſpannten Karabinern heran. Die Franzoſen ſpran⸗ gen auf und zogen entſchloſſen vom Leder. Ich dagegen blieb ruhig im Graſe ſitzen und ſagte, ohne mich zu bewegen, zu Demjenigen, welchen ich für den Anführer der Bande hielt, auf Spaniſch:„Dies ſind meine Ge⸗ fangenen, ich bin britiſcher Dragoneroffizier und meine Leute liegen da drüben.“ Dieſe Erklärung ſchien ihnen ſehr unerwartet zu kommen und ſie beriethen ſich jetzt einige Augenblicke. Inzwiſchen ſprengten noch zwei Reiter heran und in ei⸗ nem von dieſen erkannte ich am Koſtüm den wahren An⸗ führer. „Ich bin Kapitän bei den leichten Dragonern,“ ſagte ich, meine Erklärung wiederholend. „Morte de Dios,“ entgegnete er,„das iſt nicht wahr, Sie ſind ein Spion“ Dieſes Wort lief von Munde zu Munde und ich ſah an ihren finſtern Blicken und drohenden Mienen, daß für mich ein kritiſcher Augenblick gekommen war. „Nieder mit Euern Waffen,“ ſchrie er den Franzo⸗ ſen zu:„gebt Euch gefangen; ich ſage es nicht zum zweiten Mal.“. Die Franzoſen ſahen mich fragend an, als woll⸗ ten ſie ſagen, daß ihre ganze Hoffnung jetzt auf mir allein beruhe. „Thun Sie nach ſeinem Befehle ſagte ich, ſprang dann auf die Beine und that einen lauten ſchrillenden Pfiff. Kaum war das letzte Echo in der Ferne verklun⸗ 23 gen, als es ſchon beantwortet wurde.„Keinen Wider⸗ ſtand, flüſterte ich den Franzoſen zu;„unſere Rettung hangt davon ab.“ Inzwiſchen waren zwei von den Spaniern abgeſtiegen, lösten einen Strick, der von ei⸗ nem Sattelknopfe herabhing, und ſchickten ſich an, die Gefangenen an den Handgelenken zuſammenzubinden, wäh⸗ rend die andern mit ihren Karabinern im Arm uns um⸗ ſtanden und der Anführer mich zu ſeiner beſondern Beute auserſehen zu haben ſchien. „Das Schickſal des Mascarenhas,“ ſagte er,„hätte Dich vor einem ſolchen Spiele warnen ſollen; aber,“ fügte er mit grimmigem Lächeln hinzu, wir wollen doch ſehen, ob ein Engländer nicht eine eben ſo gute Car⸗ bonade abgibt, wie ein Portugieſe.“ Bei dieſer grauſamen Sprache gerann mir das Blut in den Adern; denn ich wußte wohl, auf was er an⸗ ſpielte. Ich war zwar in Liſſabon, als die Sache vor⸗ ging, aber die Kunde von dem traurigen Schickſal des portugieſiſchen Spions Julian Mascarenhas war auch dorthin gedrungen. Er war in Torres Vedras leben⸗ dig verbrannt worden. Des Spaniers Triumph über meinen Schreck war indeß von kurzer Dauer, denn kaum hatte er ausge⸗ ſprochen, als eine Partie meiner Dragoner über den Fluß geſprengt kam. Die Haltung der Guerillas, die mit den Waffen in der Hand ſich ihnen zukehrten, war ſchon genug für meine Burſche, und es bedurfte der Ermahnung deſſen nicht, der an ihrer Spitze ritt und fort⸗ während rief: „Reitet ſie nieder, Ihr Jungen, haut ſie zuſam⸗ men, klopft ihnen ihre breiten Hüte plat t, den hölliſchen Schurken!“ „Hoho,“ ſchrie Mickey, indem er mit der Gewalt einer Katapulte auf den An führer einſprengte. Der Spa⸗ nier ſtürzte ſammt ſeinem Pferde zu Boden und bevor er ſich aufraffen konnte, kniete ihm Mickey bereits auf der Bruſt. „Iſt es nicht genug, daß Ihr das ganze Land aus⸗ plündert? müßt Ihr auch noch die Truppen des Königs be⸗ rauben?“ rief er, indem er ihn mit der einen Hand feſt zu Boden drückte, mit der andern ihm eine geladene Piſtole vors Geſicht hielt.“ Unterdeß hatte ſich die Scene um mich her höchſt ſpaß⸗ haft geſtaltet. Diejenigen von den Gnerillas, die man nicht mit Gewalt von den Sätteln geworfen, waren ru⸗ hig herabgegleitet, hatten ihre Waffen niedergelegt, und knieten jetzt in einem Halbkreiſe um uns her, und un⸗ ter dem rauhen Gelächter meiner Dragoner, ſowie der unbändigen Fröhlichkeit der Franzoſen, ſtiegen die Ge⸗ bete der armen Schächer empor, die ihr letztes Stündlein gekommen glaubten. „Madre de Dios, ja wohl!“ rief Mickey, indem er den Ton eines bußfertig en alten Sünders mit zerflick⸗ tem Mantel nachahmte;„die heilige Jungfrau wird ſich viel um Diebe und Schurken, wie Ihr ſeid, bekümmern. Ich mochte wahnſinnig werden, wenn ich ſehe, wie Ihr Schurken Euch bekreuzet, als ob Ihr wahre Chri⸗ ſten wäret.“ Ich konnte nicht umhin, dem Anführer ſeine Grau⸗ ſamkeit ein wenig zu vergelten und ihn der zarten Be⸗ handlung Mickeys zu überlaſſen, den Andern aber be⸗ fahl ich aufzuſtehen und eine Linie vor mir zu bilden. Indem ich mich ſtellte, als ſei ich ausſchließlich mit Ih⸗ nen beſchäftigt, zog ich die Aufmerkſamkeit Aller von den franzöſiſchen Ofſizieren ab, welche bis jetzt ruhige Zuſchauer geblieben waren. „Keine Umſtände meine Herren,“ flüſterte ich ihnen zu,„raſch zu Pferde und davon. Jetzt iſt es Zeit, le⸗ ben Sie wohl!“ Ein warmer Händedruck von allen Dreien war ihre einzige Antwort, und ich wandte mich jetzt wieder zu den unglückſeligen Guerillas. „He, Mickey laß den armen Teufel los! Nun, Kapitano, ſind Sie noch immer überzeugt, daß ich Sie getäuſcht habe?“ Der Guerilla murmelte einige Worte der Entſchul⸗ dgung zwiſchen den Zähnen und legte die zerknitterte Fe⸗ der an ſeinem Hute wieder zurecht; auf Mickey aber, deſſen rauhe Behandlung er offenbar noch nicht ver⸗ geſſen hatte, heftete er einen Blick wüthenden Grimmes. „Schau mich nicht ſo an, Du ſchwarzer Satan, oder—“ „Halt!“ rief ich,„Nichts mehr von der Art.— Kommen Sie, meine Herren, wir müſſen Freunde wer⸗ den. Wenn ich mich nicht täuſche, ſo haben wir Erfri⸗ ſchungen in unſerm Bivouae; jedenfalls werden Sie bis zum Morgen unſer Wachtfeuer mit uns theilen. Sie nahmen vergnügt unſere Einladung an und be⸗ vor eine halbe Stunde verging hatten Mickeys Leiſtun⸗ gen als Wirth alle unangenehme Eindrücke ſſeines erſten Auftretens vollkommen verwiſcht. Als ich endlich ein⸗ ſchlief, bewies mir der verworrene Durcheinader von ſpaniſchen und iriſchen Melodien, das aus dem Dickicht drang, welch inniges Bündniß die Parteien mit einan⸗ der geſchloſſen hatten. Vierundneunzigſtes Kapitel. Mickeys Mißgriff. Eine Stunde vor Tagesanbruch waren die Guerillas bereils in Bewegung; ſie nahmen einen höͤchſt zeremoniö⸗ ſen Abſchied von uns, ſetzten ſich dann zu Pferde und ritten ihres Wegs. Ich ſah ihren hagern Geſtalten das Thal hinab nach und folgte ihnen mit den Augen, bis ſie in der Ferne verſchwanden. Ja dachte ich, obſchon es Banditen ſind, ſo liegt doch etwas Schönes, Heroi⸗ ſches im Geiſte ihrer unabläſſigen Rache; nie hat ein Bluthund die Spuren ſeines Opfers mit wilderer Gier verfolgt, als dieſe Burſche den zurückweichenden Colon⸗ nen des Feindes nachziehen. Beſtändig die Marſchlinie 26— umkreiſend, ſtürzen ſie plötzlich in Maſſen über den Zug her, und nehmen einen Theil der Bagage oder die Ver⸗ wundeten weg. Der ermattete Soldat, der überwältigt von Hitze und Erſchöpfung hinter den Seinigen zurück⸗ bleibt, iſt ihre ſichere Beute, und ebenſo die Schild⸗ wache auf einem etwas entlegenen Vorpoſten. Zuwei⸗ len werden ganze Pikets von ihnen angegriffen und auf⸗ gehoben; auf den einſamen Päſſen einer Gebirgsſchlucht oder unter dem dichten Schatten eines bewaldeten Tha⸗ les, da konnte ſich auch das ſtärkſte Herz einer Befürch⸗ tung nicht erwehren; hinter dem Felſen, der dräuend herabblickte, oder aus dem laubigen Dickicht hervor, deſſen Zweige ſich kaum bewegten, möchte der ſcharfe Klang aus der Büchſe eines Guerillas ihm zum Tode läuten. So fiel auf dem Rückzug gegen Corunna Oberſt Le⸗ febre. Immer der Vorderſte im Angriff, fuͤhrte die⸗ ſer tapfere junge Mann, der ſich mit kaum ſechsund⸗ zwanzig Jahren bereits zum Oberſten ſeines Regiments aufgeſchwungen und das Kreuz der Ehrenlegion erwor⸗ ben hatte, ſeine kühnen sabreurs gegen die Bajonette unſerer Vierecke, ſchwang ſeinen Hut über dem Kopfe und ſchien wirklich ſeine Todeswunde ſelbſt zu ſuchen; aber un⸗ ſere wackern Burſche fanden ein ſolches Wohlgefallen, an ſeinem tapferen Benehmen, daß ſie ihn mit Freudenge⸗ ſchrei begrüßten, als er herankam. In einem ſolchen Augenblick, als er, hoch in ſei⸗ nen Steigbügeln ſich aufrichtend, gegen die unbewegli⸗ chen Reihen der britiſchen Infanterie heranſtürzte, flog mit ſchrillem Gepfeife eine Kugel aus dem Laube her⸗ vor; ihr folgte der Triumphſchrei eines Guerilla, und in demſelben Augenblick ſank Lefebre, aus deſſen Bruſt ein Blutſtrom hervorquoll, auf die Mähne ſeines Pfer⸗ des zuſammen. Ein gebrochener Schrei entfuhr ſeinen Lippen, eine letzte Anſtrengung ſeine Leute zu begrüßen; ſein edles Schlachtpferd galoppirte weiter zwiſchen un⸗ 27 ſere Vierecke und führte uns die Leiche ſeines Reiters als Gefangenen zu. „Kapitän O'Malley,“ ſagte ein Dragoner zu der aͤußerſten Schildwache am Fuße der kleinen Anhöhe, wo ich ſtand, ritt ſodann zu mir heran und überlieferte mir mit den Worten:„Depeſchen aus dem Hauptquartier, Sir,“ ein großes verſiegeltes Paquet aus dem Bureau des Generaladjutanten. Während er nach einem andern Briefe ſuchte, den er zu überbringen hatte, erbrach ich das Siegel und las wie folgt: „Generaladjutantur den 15. Mai. „Sir— Angeſichts dieſes Befehls ſind Sie gehalten Ihr Kommando dem nächſten Offiziere nach Ihnen zu übergeben, ſich im Hauptquatier zu Fuentos d'Onoro einzufinden und allda in Arreſt zu melden. „Ihr ergebenſter Diener Georges Hopeton, Kriegsſecretär.“ Was zum Henker mag das bedeuten? ſagte ich zu mir ſelbſt, indem ich die Zeilen zum zweiten und drit⸗ ten Male las. Was habe ich in der letzten Zeit gethan oder unterlaſſen um in dieſe Klemme zu gerathen? Ah richtig, das wird es wohl ſein: Wellington hat mich an jenem unglückſeligen Morgen wirklich erkannt und will mich nicht ungeſtraft laſſen. Wie unglücklich. Kaum ſind 24 Stunden verfloſſen, als das Glück mir von allen Seiten her zu lächeln ſchien, und jetzt droht mir ge⸗ rade das Schickſal, das ich am allermeiſten fürchtete. Vor einem Verweis oder einem kriegsgerichtlichen Urtheil bebte ich mit memmenhafter Furcht zurück. Gleichviel, welchen Grund es haben mochte, mein Stolz als Mann und Karlht fühlte ſich dadurch im höchſten Grade ge⸗ ränkt. „Da iſt ſder Brief, Sir,“ ſagte die Ordonnanz, mir ein Paquet überreichend, deſſen Adreſſe von Po⸗ wers Hand war. Begierig riß ich es auf in der Hoff⸗ nung, Aufſchlüſſe über meine unglückſelige Lage zu erhalten. Es war vom ſelben Datum wie das offizielle Schreiben und lautete wie folgt: „Mein lieber Charley. „Geſtern traf ich beim Regimente ein, gerade noch zur rechten Zeit, um an dem herzlichſten Gelächter Theil nehmen zu können, das mich ſeit unſerer Bekanntſchaft erfreut hat. Wenn Berühmtheit Ihnen angenehm iſt, dann ſind Sie bei Gott zu beneiden; denn Charles O'Malley und ſein Bedienter Mickey Free leben jetzt in aller Mund, von Villa Formoſa an bis zum Nachtrab. Damit Sie indeß auch wiſſen, welcher Art der Spaß iſt, den Sie uns Allen bereitet haben, ſo hören Sie:— Ihr unvergleichlicher Mickey, dem Sie, wie es ſcheint, die Liſte der Todten und Verwundeten für den General⸗ adjutanten übergaben, und der zu gleicher Zeit einen Brief an ſeine Freunde in Irland ausgefertigt, hat die Adreſſen verwechſelt und Ihre Liſte als höchſt intereſſante Mittheilungen an ſein fernes Lieb abgeſchickt. Hoffent⸗ lich wird das holde Kind die Verwechslung weniger grim⸗ mig aufnehmen als der alte Colburn, welcher ſchwört, er werde Sie, Gott weiß unter welchen ſchweren An⸗ klagen, vor ein Kriegsgericht ſtellen.é In der That kennt ſeine Wuth ſeit dieſem Ereigniß keine Grenzen mehr, und ein Anfall von Gelbſucht hat ſeinem Geſichte eine Art Mittelfarbe zwiſchen Grün und Gelb gegeben, die ich mit Nichts zu vergleichen weiß, als höchſtens mit den gelben Aufſchlägen des ſchmutzigen 50ten Regiments. „Da Mr. Free's Schreiben für Sie eine ebenſo große Merkwürdigkeit ſein wird, wie es für uns alle war, ſo lege ich eine Abſchrift davon bei, die ich durch Hopeton erhielt. Der ehrenwerthe Mickey erſcheint da⸗ rin in einem überaus glänzenden Licht als Depeſchen⸗ ſchreiber. Die gelegentlichen Unterbrechungen, die im Gange des Briefes vorkommen, finden vielleicht ihre Er⸗ klärung darin, daß Mickey, bei deſſen Heranbildung für 29 die Welt man ohne Zweifel das Schreiben für unnöthig erachtet, die Feder eines Kameraden benützt hat, und der Herr Secretär ſcheint ſichs zu verſchiedenen Malen herausgenommen zu haben, dem Papiere mehr anzuver⸗ trauen als der Verfaſſer beabſichtigte: „Mrs. M'Gra. „„Donner und Wetter, eigentlich ſollte ich die Per⸗ ſon nicht ſo betiteln; ſchreib ſchlechtweg Mrs. Mary, ja das iſt ſchon genug— Mrs. Mary, Sie werden ſich ungeheuer verwundern einen Brief von Ihrem ergeben⸗ ſten Diener zu leſen, der gegenwäͤrtig auf der Spitze der Alpen ſitzt.— Zum Henker, am Ende ſind es gar nicht die Alpen, aber was verſtehen die davon! Vor uns haben wir die ganze franzöſiſche Armee mit Bony ſelbſt und ällen ſeinen Generalen— Gott behüte uns vor Scha⸗ den— bereit jeden Sohn einer engliſchen Mutter umzu⸗ bringen, wenn ſie nämlich können, meine vielgeliebte Molly; aber mit Hülfe der Vorſehung und Lord Welling⸗ ton und Mr. Charles wollen wir ſie klopfen, wie wir ſie ſchon oft geklopft haben. „„Das Maul wäſſert mir, wenn ich ans Plündern denke. Da fällt mir oft Tim Riley ein, der wegen Schafdiebſtahls baumeln mußte; hier wäre er nicht mit Gold aufzuwägen. „„Mr. Charles iſt jetzt Kapitän— der Teufel ſoll mich holen, wenn's nicht wahr iſt— und ich ſelbſt könnte das nämliche ſein, aber Sie wiſſen ja, ich war immer ſo beſcheidener Natur und da habe ich den Herrn an meine Stelle empfohlen. ‚Er iſt noch verdammt jung dieſer Mr. Charles„ ſagte Lord Wellington zu mir, ‚verdammt jung, Mr. Free.— ‚Das iſt er frei⸗ lich, Mylord, erwiederte ich, ‚er iſt jung, wie Sie ganz richtig bemerken, aber er hat viel Teufeleien im Kopfe ſtecken, wie irgend ein Anderer, der ſein Va⸗ ter ſein koͤnnte.- ‚Das iſt ſchon Etwas, Mr. Free,“ ſagte Mylord;„Sie ſagen, er komme von guten Leuten her?— ‚Ja das will ich meinen, Mylord,“ ſagte ich, zeine uralte Familie, die jeden Pfennig, den ſie hatte, dazu anwandte, ihre Nachbarn zu traktiren. Mein Va⸗ ter hat Jahrelang in ihrer Nähe gelebt.“— Sie ſehen, Molly, ich ſagte das blos, um dem Geſpräch mehr Würze zu geben.— ‚Wir wollen ihn zum Kapitän ma⸗ chen, ſagte Mylord: ‚aber Mr. Free, könnten wir Nicchts für Sie thun?— ‚Im Augenblick Nichts My⸗ lord. Wenn meine Freunde einmal vornehme Herren ſind, ſo werden ſie ſchon an mich denken. Es gibt man⸗ che kleine Aemichen in Irland zu verſchenken und es kommt ihnen oft ſehr hart an, einen paſſenden Mann für einen Lordlieutenant zu finden, und iſt das der Fall oder eine Feldhüterſtelle geht auf.“—„Nun dann hal⸗ ten Sie ſich nur an mich,“ ſagte der Lord.— Ja, das will ich thun, antwortete ich, ‚und jetzt wünſche ich Ihnen angenehme Ruhe. Da ſehen Sie's, liebe Molly, wir ſind wie Hand und Handſchuh miteinander. Ein hübſches Geſicht, angenehme Manieren, verbunden mit natürlicher Beſcheidenheit und ein paar gute Beine, das ſind Gaben womit man in der Welt ſein Gluck machen kann. Und auch bei den Ladies— aber faſt hätte ichs vergeſſen, mein Herr war Bräutigam und Ihr gehor⸗ ſamſter Diener auch, mit zwei ganz eleganten Perſonen in Liſſabon. Aber es ging nicht Molly— ſie ſind uns zu hoch, es ſind wahrhaftige Prinzeſſinen. Sagen Sie Kitty Hanigan, ich hoffe, daß es ihr wohlergehe, ſie war immer ein hübſches junges Frauenzimmer in ihrer Art. Shuſey Dogherty an der Kreuzſtraße— wenn ich mich im Namen nicht irre— war ebenfalls ein artiges Dingchen; beſtellen Sie ihr meine freundlichen Grüße, wie wir im Portugieſiſchen zu ſagen pflegen. Hoffentlich werde ich im Stande ſein, Euer rauhes Klima zu er⸗ tragen, wenn ich zurückfomme; aber lang darf ich nicht wegbleiben, denn Lord Wellington kann ohne mich Nichts ausrichten. Wir ſpielen alle Abende miteinander Duette auf der Guitarre, aber da ruſt eben Mr. Charles nach 31 einer Bettdecke und deßwegen genug für heute von Ih⸗ rem wohlgeneigten Freunde Mickey Free.““ N. S. Ich ſchreibe dies nicht ſelbſt, denn die ſpaniſche Sprache bringt mich ganz aus dem Engliſchen hinaus. Sagen Sie dem Vater Ruſh, wenn er das Portugieſiſche ſtudiren wolle, ſo ſey ich bereit, meinen Einfluß für ihn beim Biſchof von Toledo anzuwenden. Es iſt dies ein Land, das ihm gefallen würde— keine regelmäßigen Betfahrten, aber Eſſen und Trinken voll⸗ auf und ſo hübſche Mädchen wie nur je, ihre Sünden gebeichtet haben. „Mein armer Charley, ich kann Sie in dieſem Augenblick vor mir ſehen. Ich ſehe, welchen Kampf zwiſchen Unwillen und Gelächter jede Zeile dieſes Briefes Sie koſtet. Kommen Sie ſo ſchnell als möglich zurück und wir wollen ſehen, ob Crawford die Sache nicht bei⸗ legen kann. Jedenfalls erwarten Sie kein Mitgefühl, und wenn Sie mit allen Lachern Händel anfangen wol⸗ len, ſo können Sie nichts Beſſeres thun, als im nächſten Tagsbefehl eine Ausforderung an ſämmtliche Offiziere erlaſſen. George Scott läßt Ihnen ſagen, wenn Sie nicht bei Kaſſe ſeyen, ſo wolle er Ihnen ein paar hun⸗ dert Pfund für Mickey geben. Ich ſagte ihm, Sie wür⸗ den es wahrſcheinlich annehmen, da Ihr Oheim dieſe Nace auf ſeinem Gute ziehe. Hammersley iſt mit Daſh⸗ wood zurückgegangen, aber ich glaube nicht, daß Sie von ihm Etwas zu fürchten haben. Wenn es Ihnen ernſtlich um Erfolg zu thun iſt, ſo treiben Sie es ſo ſchnell als möglich zur Pairswürde und einem halben Dutzend Decorationen, denn Miß Lucy iſt ungemein auf militäriſche Auszeichnungen erpicht. Was micch betrifft, ſo ſtehen meine Angelegenheiten recht gut; ich habe mich oft genug mit Inez gezankt aber wir ſind doch als gute Freunde geſchieden, und mein ſchlechtes Portugieſiſch hat mir aus allen Verlegenheiten mit dem Papa geholfen, der in Beziehung auf mein Vermögen große Neugierde an den Tag legte. Ich werde in dieſer Sache Ihrer Hülfe noch bedürfen. Wenn Pergamente hinreichen, ſo denke ich ſchon, ihn zufrieden zu ſtellen; jedenfalls muß die Sache durchgeſetzt werden, denn ſeine Tochter will ich durchaus haben. „Die Ordonnanz will fort, alſo genug bis auf Wiederſehn.“ „Stets der Ihrige Freed Power.“ „Godwin,“ ſagte ich, nachdem ich den Brief ge⸗ leſen,„ich bin in eine ſchlimme Sache verwickelt. Ueber⸗ nehmen Sie das Commando, denn ich muß im Augen⸗ blick in's Hauptquartier.“ „Doch hoffentlich nichts Ernſtliches, O'Malley?“ „Nein, es iſt nicht von Bedeutung. Ein höchſt alberner Streich von meinem Schurken von Bedienten.“ „Meinen Sie den Irländer da?“ „Ja.“ „Er ſelbſt ſcheint inzwiſchen die Sache ſehr leicht zu nehmen.“ „Hol ihn der Teufel! Er weiß nicht, in welche Verlegenheit er mich verwickelt hat, und wird ſich auch, wenn er es weiß, nicht viel darum bekümmern“ „Er ſcheint überhaupt nicht gerade von melancho⸗ liſcher Gemüthsart zu ſeyn. Hören Sie nur den Bur⸗ ſchen an. Ich will mich hängen laſſen, wenn er es nicht iſt, der eben jetzt ſingt.“ ⸗ „Ich habe verdammt Luſt, ihm den Spaß zu ver⸗ derben. Inzwiſchen ſagen mir Alle, daß er das Corps bei guter Laune erhalte; und ſehen Sie nur, dort ſtriegeln die Andern die Pferde für ihn, während er ganz behaglich am Ufer ſitzt.“ „Wahrhaftig, O'Malley, der Burſche verſteht ſich auf die Welt; laſſen Sie uns ein wenig lauſchen.“ Mr. Free lag wirklich höchſt behaglich an einem Sctein und hatte neben ſich einen Krug mit irgend einem * 33 trinkbaren Stoffe, zwiſchen den Fingern aber hielt er zierlich ein kurzes Pfeifchen, wie es der Irländer ſo ſehr liebt. Er ſchien einigen Dragonern, die eifrig ſeine Pferde und Waffen putzten, ſeine Befehle zu ertheilen. „So iſt's recht, Jim. Reibe ihm nur die Knie⸗ kehlen brav. Er ſchlägt nicht; es iſt blos Spaß von ihm. Putze nur tüchtig zu, Freundchen, es iſt ein verdammter Karabiner das.“ 4 „Aber Freund Free, wirſt Du jetzt nicht bald einen Geſang losgeben?“ 3 „Ja, das iſt wahr, ich putze Deinen Säbel gewiß nicht, wenn Du nicht ſingſt.“ „Donnerwetter, ich bin ja eben am Dichten. Und wenn ich Tommy Moore wäre, ſo könnte ich nicht hur⸗ tiger ſeyn.“ „Ei, ſo fang doch einmal an, lieber Freund.“ „Mordelement,“ rief Mickey, den Krug bis auf den letzten Tropfen leerend, den er pathetiſch in's Gras goß; ſodann ſchüttete er die Aſche aus ſeiner Pfeife und ſtieß einen ſchweren Seufzer aus, als wollte er ſagen, das Leben habe jetzt keinen Reiz mehr für ihn. Hierauf folgte eine kurze Pauſe und endlich begann Mickey zum Entzücken ſeiner erwartungsvollen Zuhoͤrerſchaft folgenden Geſang nach der allbeliebten Melodie: Paddy O'Carroll. Verwünſcht das vertrakte — Marſchiren im Takte Der Trommeln, wenn's gegen die Franzmänner geht! Hab ſatt die Paraden, Durch Dick und Dünn waten In Laufgräben, wo euch der Feind bald erſpäht. Nach dem Schalle der Flöte, Gewärtigend, man tödte Lever, O'Malley. lV, 3 34 Euch, ſo einem Lieutenant euch anzuvertrauen! Wohl lieb ich die Lieder, Sie ſind mir zuwider, Nur, wenn ich dem Tod muß in's Angeſicht ſchauen. Wir plagen uns immer, Die Löhnung kommt nimmer, Und alle die Börſen ſind ewig faſt leer. Es hab' die Kaſſiere Eine Desaventüre Befallen, wer das glaubt, der komme nur her! Und dennoch uns Sündern Verbietet zu plündern Der Oberſt, wo er nur ein Kloſter erblickt. Die ſchönſten Paläſte Erwarten die Gäſte, Vorbei! heißt's— ja daß es den Franzmann erquickt! Wie Matroſen am Strande, Sehn' ich mich zum Lande, Wo ihr Küſſe doch ſtehlet, wenn man ſie nicht gibt; Wo euch Niemand karbatſcht, Wenn ihr euch nicht waſcht, Wo ein Jeder kann treiben, was ihm nur beliebt. Und will er ſich ſchlagen, So kann er's nur ſagen, 4 Kein Korporal ſpricht ihm ein Wörtchen darein. O wär' ich zu Hauſe Und ſäße bei'm Schmauſe! Wohl ließ ich es, wieder Dragoner zu ſeyn. „Nicht wahr,“ rief Mickey„da habe ich Euch wieder etwas Hübſches aus dem Aermel herausge⸗ ſchuttelt?“ 1 „Der Kapitän fragt nach Dir,“ ſagte einer zu ihm; „er hat ſo eben Depeſchen aus dem Lager erhalten und will ſeine Pferde haben,“ 3⁵ „In dieſem Falle, Gentlemen, muß ich mich ver⸗ abſchieden— was ich um ſo mehr bedaure, als ich Euch heut Abend zu tractiren gedachte. Ihr braucht nicht zu lachen, es iſt mein vollkommener Ernſt. Ich komme ſchon, Sir, ich komme!“ rief er mit lauterer Stimme als Antwort auf einen eingebildeten Ruf, um ſein ſchnelles Weggehen zu entſchuldigen. Als er vor mich trat, nahm er die Miene der ge⸗ ſchäftigſten Munterkeit an. Ich befahl ihm, die Pferde in Bereitſchaft zu halten, und in weniger als einer halben Stunde waren wir auf der Straße. Fünfundneunzigſtes Kapitel. Monſoon in der Klemme. Auf dem Weg nach Fuentes d'Onoro konnte ich mich eines bittern Grimmes über die alberne Geſchichte, in die ich verwickelt war, nicht erwehren. Von einer ganzen Armee verlacht zu werden, war im höchſten Grade unangenehm; noch weit drückender aber ſchien mir der Gedanke, daß mancher von dem Verweis, der mir be⸗ vorſtand, hören werde, ohne ſich die wahre Urſache deſ⸗ ſelben deuten zu können. Mr. Free ſeine ſeits ließ ſich durch derartige Em⸗ pfindungen nicht ſtören; denn als ich mich nach mehr⸗ ſtündigem Schweigen mit halb zornigem Blick gegen ihn wandte und zu ihm ſagte:„Da ſiehſt Du jetzt, was Deine verdammte Kopfloſigkeit angerichtet hat,“ ant⸗ wortete er ganz kühl:— „Ja, Mrs. M'Gra wird ſchön erſchrecken, wenn ſie von all den Todten und Verwundeten in Ihrem Be⸗ richte liest. Ich bin nur begierig, ob die Herren ſo viel Lebensart gehabt haben, meinen eigenen Brief ab⸗ zuſenden, nachdem ſie ihren Mißgriff bemerkten.“ . 3* „Ihren Mißgriff? Nein, Du haſt ja die Dumm⸗ heit begangen, nicht ſie. Im Uebrigen beſitzſt Du viel Talent, alle Schuld von Dir abzuwälzen. Meinſt Du denn, man habe im Hauptquartier nichts Anderes zu thun, als ſich über Deine abgeſchmackten Briefe den Kopf zu zerbrechen.“ „Nun, da ſieht man deutlich, daß Sie meinen Brief nicht geleſen haben, ſonſt könnten Sie nicht ſo ſprechen. Im Uebrigen würde es den Oberſten Fitzroy oder ſonſt einen vom Stab, der eine gute Hand ſchreibt, nicht umgebracht haben, wenn er ein paar Zeilen an Mrs. M'Gra hineingeſetzt hätte, damit ſie über das mörde⸗ riſche Papier nicht allzuſehr erſchrocken wäre. Doch ich denke mit Gotteshülfe nicht, daß noch Jemand in der Armee Mickey Free heißt, damit meine Familie nicht wegen einer falſchen Todespoſt umſonſt Trauerkleider anlegt.“ Ich hatte nicht Geduld genug, darauf einzugehen, und ritt daher ſchweigend weiter. Es war ſchon dunkel, als uns der ferne Glanz der Wachtfeuer endlich die Nähe des Lagers ankündigte. Eine Abtheilung vom 4ten bil⸗ dete den Vorpoſten und der kommandirende Offizier ſagte mir, daß Power in einer kleinen Mühle ganz in der Nähe einquartiert ſey. Ich wandte mich alſo dorthin; da ich aber fand, daß der Weg ſehr abſchüſſig war und an manchen Stellen bedeutende Spalten hatte, ſo ſchickte ich Mickey mit den Pferden zurück und ging allein zu Fuß weiter. Es war eine köſtliche, ruhige Nacht, und als ich mich der kleinen, ländlichen Mühle näherte, konnte ich nicht umhin, Powers Geſchmack in der Wahl ſeines Quartiers zu bewundern. 4 Ein von Weinreben umranktes Häuschen, unmittel⸗ bar an einem Felſen, welchen das dichte Laubwerk bei⸗ nahe verbarg, ſtand an einem klaren Bach, deſſen wir⸗ belnde Strömung die Mühle mit Waſſer verſorgte, wäh⸗ rend ſein ſilberner Schaum im blaſſen Mondlicht wie 4 Edelſteine funkelte. Drinnen war Alles ſtill, aber als ich näher kam, konnte ich die Klänge einer Guitarre vernehmen. Sollte ſich, dachte ich, Meiſter Fred auf Minneſaͤngerei geworfen haben, oder iſt es vielleicht die Probe zu einer Serenade? Doch nein, es iſt nicht Po⸗ wers Stimme. Ich ſchlich leiſe den ſchmalen Pfad hinan und näherte mich dem Fenſter; der Laden ſtand offen, und da der Vorhang im Abendwind hin und herwehte, ſo konnte ich deutlich alle ſehen, die im Zimmer waren. Dicht neben dem Fenſter ſaß ein großer, brauner Spanier, die Hände auf der Bruſt gekreuzt und das Haupt geſenft. Schon ſeine Stellung verrieth tiefen Schlaf, wenn man dies auch nicht aus ſeiner Cigarre geſehen hätte, die unbeweglich zwiſchen den Lippen blieb und aufgehört hatte, ihre blauen Rauchwirbel von ſich zu geben. Nicht weit von ihm ſaß ein junges Mädchen, das, wie ich ſelbſt bei dieſem ungewiſſen Lichte bemerken konnte, all die Zartheit und Anmuth in Geſtalt und Haltung beſaß, welche dieſe Nation charakteriſiren. Auf ihrem blaſſen Geſicht, noch blaſſer durch den Contraſt gegen ihre gagatſchwarzen Haare und dunkle Kieidung, ſtrahlte ein Ausdruck von Begeiſterung, wäh⸗ rend ihre Finger raſch und kühn über die Saiten einer Guitarre hinfuhren. „Iſt Ihnen das Ding wirklich nicht langweilig?“ ſagte ſie, ihren Kopf zu einer Perſon hinabbeugend, die ich erſt jetzt bemerkte. Nachlaßig zu ihren Füßen gelehnt, den Arm auf ihren Stuhl geſtützt, während ſeine Hand gelegentlich ihre zarten Finger berührte, lag mein vielgeliebter Freund, Meiſter Fred Power. Eine offene Hausjacke und das nachläßig umgeknüpfte ſchwarze Halstuch zeugten von der behaglichen Nonchelance, womit er hier den Galanten machte,— „Singen Sie es noch einmal,“ ſagte er, ihre Finger an ſeine Lippen ecſend 7“ ſaßte er⸗ Iis Finger Ihre Antwort konnte ich nicht hören, aber Fred 38 fuhr fort:—„Nein, nein, er erwacht gewiß nicht; das hölliſche Klappern der Mühle iſt ja ſein Wiegen⸗ lied.“ „Aber Ihr Freund wird bald hier ſeyn, oder kommt er nicht?“ „Ah richtig, der arme Chärleye ich häͤtte ihn bei⸗ nahe vergeſſen. Beiläufig geſagt, Sie müſſen ſich nicht in ihn verlieben. Nun, nun, ſehen Sie nur nicht gleich ſo böſe drein; ich meinte nur, er werde ſich ſterblich in Sie verlieben, und da ſollen Sie ihm nicht gar zu freundlich entgegenkommen.“ „Nun, was ſoll ich denn thun,“ fragte ſte mit lie⸗ benswürdiger Unbefangenheit. „Darüber habe ich ſo eben nachgedacht. Erſtens darf er Sie nicht ſingen hören, zweitens darf er Sie nicht lächeln ſehen, und drittens müſſen Sie ihm ſo viel als möglich aus dem Wege bleiben.“ „Man ſollte faſt meinen, Senhor, alle dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregeln gelten nicht ſowohl ihm, als mir. Iſt er denn wirklich ſo gefährlich?“ „Nein, Gott bewahre; er iſt allerdings ein recht hübſcher Junge, aber wirklich noch ein Junge und zwar ein verteufelt kecker. Es käme ihm nicht drauf an, durch dieſes Fenſter zu ſpringen und ſeine Arme um Ihren Hals zu ſchlingen, ſobald er Sie ſieht.“ „Es muß ein wunderlicher Menſch ſeyn, er wird mir gewiß recht gut gefallen.“ „Vielen Dank für Eure freundlichen Andeutungen, ich werde ſie mir ſogleich zu Nutze machen.“ Mit dieſen Worten ſtieg ich leicht auf das Geſimſe, ſprang mit einem Satz über den Muller weg, und bevor Power aufſtehen oder Margeritta ſich von ihrem Staunen erholen konnte, ſchloß ich das holde Kind in meine Arme und küßte ſie auf beide Wangen. „Charley, Charley! Verdammter Burſche, das geht nicht an,“ rief Fred, während die junge Dame, augen⸗ ſcheinlich mehr uͤber ſeinen Aexger beluſtigt, als durch 39 meine Freiheit beleidigt, ſich in ihren Stuhl zurückwarf und ein ſchallendes Gelächter aufſchlug. „He, hollaho, was iſt das?“ rief der Müller, in⸗ dem er vom Schlafe auffuhr und wild um ſich blickte. „Kommen ſie? kommen die Franzoſen?“ Ein neues herzliches Gelächter von Seiten ſeiner Tochter war die einzige Antwort, Power aber erlöste ihn aus ſeiner Angſt mit den Worten— „Nein, nein, Pedrillo, nicht die Franzoſen, ſondern es ſind blos Marodeurs. Hören Sie, Charley.“ fuhr er leiſe gegen mich fort,„Sie müſſen ſich augenblicklich im Hauptquartier ſtellen; wir wollen zuſammen hin⸗ gehen. Sie ſind in einer verdammt böſen Klemme.“ Seyen Sie ohne Sorgen, Fred, dazu iſt noch immer Zeit. Für den Angenblick müſſen Sie mir erlauben, meine Bekanntſchaft mit unſerer ſchönen Freundin hier weiter zu verfolgen.“ „Nur ſachte, Freund,“ entgegnete er mit einem Blick des imponirendſten Ernſtes.„Es iſt dieß kein ſo einfaches Landmädchen, wie Sie vielleicht meinen; ſie iſt in einem Kloſter erzogen worden— gehört dem ge⸗ bildeten Stande an.“ „Nun, nun, Fred, ich will Ihnen ja nicht in den Weg treten.“ „Gute Nacht, Senhor,“ ſagte der alte Müller, der geduldig die ganze Zeit über gewartet hatte, um dem Gaſt noch ſeinen Reſpekt zu bezeugen. „Nun, da haben wir's,“ rief Power ärgerlich,„gute Nacht, Pedrillo!⸗“ „Buenos noches,“ lispelte Margeritta mit einer leichten Verbeugung. Ich ſprang vor, um ihren Gruß zu erwiedern, aber Power ſtellte ſich ſtreng zwiſchen uns, ſchloß die Thüre hinter den Weggehenden und lehnte ſich mit dem Rücken aran.— „Meiſter Charley, ich muß Ihnen eine Vorleſung halten.“ 40 „Ei, Sie abgefeimter Heuchler, verſchonen Sie mich mit ſolchem Unſinn und ſagen Sie mir, wie lange Sie ſchon hier ſind.“ „Vier und zwanzig der kürzeſten Stunden, die ich je auf einem Vorpoſten zugebracht habe. Aber horch, kennen Sie dieſe Stimme, iſt es nicht O'Shaughneſſy?“ „Allerdings, und er ſingt ſein altes Liedchen: „Mein Vater fürchtet nicht Feuer und Schwert, Und lachet der Todesgefahren, Der Hölle hätt' er den Krieg erklärt Und geſtürmt ſie mit ſeinen Schaaren.“ „Ja, ja, Meiſter Power, es wäre mir nicht einge⸗ fallen, Ihnen Ihren Beſuch heimzugeben, wenn ich den Zuſtand des Weges zu Ihnen gekannt hätte. Gäbe es Recht und Gerechtigkeit hier im Lande, ſo müßte man Ihnen für dieſes Muſterſtückchen von einer Straße den Prozeß machen. Meine Kniee ſind ſo abgeſchabt wie ein Commiſſärsgewiſſen, und an meinen Schienbeinen habe ich mir Fleiſch genug abgeſtoßen, um einen Huſa⸗ rencornet daraus zu machen.“ Ein ſchallendes Gelächter von uns beiden verkün⸗ dete ihm unſere Nähe. „Ja, da lachen die Burſche noch! Wäre es nicht höflicher, wenn Ihr ein Licht oder eine Laterne hinaus⸗ ſtrecktet, damit ich mich in dieſem verdammten Waſſer⸗ wege zurechtfinden kann!“ „Wie geht's, Major?“ rief ich, indem ich ihm durch das Fenſter meine Hand entgegenſtreckte. „Charley, Charley O'Malley, mein Junge! Freut mich Sie zu ſehen. Habe heute früh recht herzlich über Sie gelacht. Freund Mickey iſt ein prächtiger Burſche zu einem Kriegsſecretär; doch es iſt jetzt Alles im Rei⸗ nen; Crawford hat dieſen Nachmittag die Sache in Ordnung gebracht.“ „Wirklich! Bitte, erzählen Sie mir's.“ „Das werde ich nicht thun, denn ich weiß ſelbſt das 41 Nähere nicht; aber ich glaube, die Geſchichte des alten Monſoon hat den Leuten alles Andere aus den Köpfen getrieben.“ „Monſoon's Geſchichte! Was iſt das? Erzählen Sie, Dennis?“ „Auch hierüber muß ich die größte Verſchwiegenheit beobachten und aus demſelben Grund. Ich weiß nur ſo viel, daß man ihn heute Abend mit einer Sergean⸗ tenwache in's Hauptquartier brachte, und man ſagt, er ſolle vor ein Kriegsgericht geſtellt werden. Picton iſt wüthend über ihn.“ „Was mag es ſeyn? Gewiß eine Plünderungs⸗ geſchichte.“ „Ja, wegen ſeiner Wohlthätigkeiten, wie Doctor Pangloß ſich ausdrückte, wird man ihn wohl nicht beim Kopfe nehmen,“ meinte Power. „Maurice freut ſich ungemein auf die Sache,“ ſagte Dennis.„Fünf von ihnen ſind in Fuentes und ſetzen Anklagepunkte zuſammen, die Monſoon zugeſchickt werden ſollen; denn Bob Mahon hat, wie es ſcheint, von des Alten Thaten im Gebirge gehört.“ „Ein herrlicher Spaß.“ ſagte Power,„laſſen Sie uns ſchnell zu ihm hinüberreiten.“ hi 53ch bin's zufrieden,“ ſagte ich; niſt es weit von ier?“. „Eine Station,“ antwortete der Major,„ſobald wir Etwas zu eſſen bekommen haben, wenn nämlich Power die Abſicht hegt uns zu bewirthen—* „Nein, ich glaube, Fred hat das Gedächtniß ver⸗ loren; aber kein Wunder, ſüße Blicke und lächelnde Lip⸗ pen liegen ihm mehr am Herzen als Butterbemmen,“ Ein ſtrafender Blick von Power war ſeine einzige Antwort, womit er auf die Thüre zuſchritt. Um ihn zu ärgern, fuhr ich fort— „Ich fürchte nur, er begeht einen dummen Streich.“ „Wer? Monſoon?“ —— 42 „Nein, nein, nicht Monſoon; ein anderer Freund von uns.“ „Nun, um den alten Monſoon brauchen wir nicht bange zu ſeyn: er iſt ein ſchlauer Fuchs.“ „An ihn habe ich auch nicht gedacht. Meine Be⸗ ſorgniſſe gelten einem höchſt ſanftherzigen jungen Gentle⸗ man, einem gewiſſen Fred Power.“ 3„Charley, Charley,“ rief Fred von der Thüre her, wo er ſeinem Bedienten Befehle wegen eines Abend⸗ eſſens ertheilt hatte—„ein Soldat kann nichts Einfäl⸗ tigeres thun als heirathen; alle Unannehmlichkeiten des Eheſtandes ohne irgend eine von ſeinen Freuden.“ „Heirathen, heirathen!“ rief O'Shaughneſſy,„ſo wahr ich lebe, es iſt mir unbegreiflich, wie man ſich des Heirathens ſchuldig machen kann. Ich will allerdings nicht ſagen, daß es nicht Umſtände geben könne— als z. B. halber Sold, Alter, Gebrechlichkeiten, der Verluſt der Gliedmaßen und dergleichen. Aber wie einer bei guter Geſundheit und mit einem artigen Wechſel beim Bankier ſich muthwillig in eine derartige Falle begeben mag—„ 4 Gi, man will einmal ſchön thun,“ fiel ich ein, „man will zarte Finger an die Lippen drücken, will in ſtrahlende Augen ſchauen und ihre Zauberkraft verſpü⸗ ren, ſollte man auch von den ſchönen Eigenthümerinnen derſelben die eine Hälſte der Zeit für Narren gehalten und die andere verlacht werden; ſollten es auch die ausgemachteſten Koketten ſeyn—* „Haben Sie je die Miſſes Dalrymple geſehen, Dennis?“ fragte Fred mit einem Blick, den ich nicht vergeſſen werde.. Was er antwortete, kann ich nicht ſagen; ich meinte vor Scham in die Erde zu ſinken und Power's Sieg war vollſtändig. „Da kommt die Fourage,“ rief Dennis, als Power's Bedienter mit einem ſehr einladenden Präſentirteller ein⸗ 43 trat und Fred eine Armee von Flaſchen vor uns auf⸗ pflanzte. 3 Das Souper war vortrefflich und wir erfreuten uns der ſchönſten Laune, als plötzlich ein Sergeant die Thüre öffnete, mit der Hand die Mütze berührte und nach Major Power fragte. „Ein Brief für Sie, Sir,“ ſagte er. „Von Monſoon, bei Gott; laßt einmal ſehen, was er will. Welche Hand der alte Kerl ſchreibt! Die Buch⸗ ſtaben ſehen alle wie verrückt aus und taumeln an allen Enden und Ecken gegen einander. Habt Ihr je etwas ſo Beſoffenes geſehen wie dieſes T da?“ „Nun, leſen Sie einmal, Fred!“ „Dienstag Abend. .„Lieber Power, ich ſitze in einer verdammten Klemme. Kommen Sie doch und beſuchen Sie mich ſogleich; brin⸗ gen Sie auch etwas Keres mit, dann wollen wir über⸗ legen, was zu thun iſt. Hauptquartier. Stets der Ihrige B. Monſoon. Wir beſchloßen, den Reſt des Abends bei dem Ma⸗ jor zuzubringen. Jeder waffnete ſich mit einigen Fla⸗ ſchen, ſowie mit andern Ueberreſten unſers Abendeſſens, und ſo folgten wir der Ordonnanz nach ſeinem Quartier. Nach einem ſcharfen Ritt von etwa einer halben Stunde erreichten wir eine kleine Hürte, vor welcher zwei Schild⸗ wachen des ssſten ſtanden. O'Shaughneſſy verſchaffte uns Zulaß und wir tra⸗ ten ein. An einem kleinen Tiſch, auf dem ein dünnes Talglicht brannte, ſaß der alte Monſoon, und zwar, da es heiß war, ohne Rock und Perücke. Vor ihm ſtand ein mehrfach zerſprungener, porzellanener Theetopf, in welchem er, wie wir ſpäter ſahen, ſich ein wenig Grog gemiſcht hatte, und um ihn her zerſtreut lag eine Maſſe von Papieren. Er ſelbſt beſchäftigte ſich mit dem Inhalt derſelben und that nur von Zeit zu Zeit einen tiefen Schluck aus dem unförmlichen Trinkgefäße. 44 Da wir geräuſchlos eintraten, ſo bemerkte er uns nicht, ſondern las murmelnd weiter aus den Aktenſtücken, die vor ihm lagen— „So wahr ich lebe, es iſt mir wie ein Traum— hölliſches Zeug, dieſer Branntwein.“ „„Klagepunkt Nr. 8.— Wegen eines für einen Offizier und Gentleman höchſt unanſtaͤndigen Beneh⸗ mens, indem er den Keller des St. Nikolaskloſters zu Banos mit Gewalt erbrach, große Quantitäten Wein wegnahm und zuletzt den Prior zwang einen Bolero zu tanzen, wodurch er einen Auflauf verurſachte und das gute Einvernehmen zwiſchen den Engländern und Por⸗ tugieſen ſtörte, während doch alle Tagsbefehle es zur ſtrengſten Pflicht machen, dieſes ſo viel als möglich zu fördern. „Das gute Einvernehmen ſtören! o wie dumm! Ja die verſtehens! Das war die luſtigſte Nacht, die ich je auf der Halbinſel zugebracht habe. Der Prior iſt ein Kapitalkerl, und was den Bolero betraf, ſo tanzte er ihn aus freien Stücken und eigenem Antrieb. Hoffent⸗ lich ſagen Sie doch Nichts von meinem Bockspfeifen⸗ tanz. „Klagepunkt Nr. 9.— Wegen gröblicher Verletzung ſeiner Pflicht als Offizier, indem er einen Theil ſeiner Brigade ausſandte, um den Alcalden von Banos anzu⸗ greifen und zu plündern, wodurch er den öffentlichen Frieden der Stadt gefährdete und ſich eines Vergehens gegen die Disciplin, ſowie einer direkten Verletzung der Kriegsartikel ſchuldig machte.“ „Nun freilich, ich verfuhr, glaube ich, ein wenig hart gegen den Alcalden, aber doch thaten wir ihm Nichts zu Leid, und er kam mit der Angſt davon.— Was für einen Xeres der Burſche hatte! Es wäre Sünd' und Schad' geweſen, ihn in die Hände der Franzoſen fal⸗ len zu laſſen. „„Klagepunkt Nr. 10.— Wegen Androhung in der Nacht vom 3., die Stadt Banos in Contribution zu 4⁵ ſetzen und wegen gewaltſamer Nöthigung der Behörden, in albernen, lächerlichen Koſtümen eine Prozeſſion vor ihm aufzuführen. „Ja, das war der ſchönſte Spaß, den ich je erlebt habe.— Den alten Alcalde werde ich nie vergeſſen!— Einer von meinen Burſchen hing ihm ein krepirtes Lamm um den Hals und ſagte ihm, das ſey das gol⸗ dene Vließ. Der Obergeneral ſelbſt würde gelacht haben, wenn er es geſehen hätte. Picton iſt viel zu ernſthaft; er hat kein Organ für einen guten Witz. „Klagepunkt Nr. 11.— Wegen Inſubordination und Ungehorſams, indem er ſich weigerte, ſeinen Degen abzugeben und die portugiſiſche Wache alſo zwang Ge⸗ walt zu gebrauchen, wodurch er ſich in eine Lage ver⸗ ſetzte, die für einen britiſchen Offizier durchaus erniedri⸗ gend iſt. „Ei habe ich ihn nicht weggeworfen, bevor ſie ihn faſſen konnten?— Wer iſt das?— Wer lacht da?— Ha, meine Jungen, freut mich Euch zu ſehen— wie geht's Fred?— Nun, Charley, ich habe von Ihrer ſchlimmen Geſchichte gehört; eine höchſt fatale Sache für ſo einen jungen Burſchen, wie Sie ſind; glaube aber doch nicht, daß Sie kaſſirt werden; ich will thun was ich kann— will mit Picton reden— ſind uralte Freunde— waren zuſammen in Eton.“ „Danke ſchönſtens, lieber Major; aber wie ich höre, ſtehen Ihre eigenen Angelegenheiten auch nicht zum Heſen. Wie verhält es ſich mit dieſem Kriegsgericht a 9⸗ „O, eine Kleinigkeit; eine unbedeutende Inſubordi⸗ nation in der Legion. Dieſe Portugieſen ſind ſchändliche Geſellen Ah, Fred, das war ſchön von Ihnen, daß Sie auch Etwas zum Souper mitgebracht haben.“ Während der Major ſprach, hatte ſein Bedienter mit einer Gewandtheit, welche nur die Frucht langer Uebung ſeyn konnte unſere Körbe geleert und den Tiſch gedeckt; Monſoon ſelbſt aber ließ ſich unter Entſchuldi⸗ 46 gungen, daß er ſeine Perücke nicht aufſetze, mit einem ſo vergnügten Geſichte am Tiſche nieder, als läge nicht der Boden voll von Klagepunkten, über welche ein Kriegs⸗ gericht zu entſcheiden habe. Wir ſchwatzten über den Feldzug und ſeine Ereig⸗ niſſe, und Monſoon zeigte wenig Luſt auf ſeine eigenen Angelegenheiten zurückzukommen. In der That ſchien ihm meine unglückliche Lage, wie er es nannte, weit mehr zu Herzen zu gehen, als das eigene Mißgeſchick. Als aber der Abend vorrückte und der Teres ſeine Wir⸗ kung begann, nahmen ſeine Gedanken wieder ihre ge⸗ wöhnliche moraliſche Richtung, und mit einem leichten Uebergang kam er von dem religiöſen Leben in Klöſtern auf das Vergnügen zu ſprechen, ſie auszuplündern. „Was für Weine ſie in ihren alten Kellern haben! Es iſt ein gottvoller Spaß, ſie aus den großen ſilber⸗ nen Gefäßen zu trinken, die ſo alt ſind wie Methuſala. Es ſind viele Schätze im Hauſe des Gerechten, wie David ſagt, und jeder, der ein Nonnenkloſter geplündert hat, weiß das.“ „Ich hätte nur dieſen Prior ſehen mögen, wie er den Bolero tanzte,“ ſagte Power.“ „Ja, war das nicht gut? Er wurde eiferſüchtig auf mich, als ich einen Bockpfeifentanz aufführte. Ein recht guter Junge, der Prior; ein ganz anderer Kerl als der alte Alcalde; der verſtand keinen Spaß, Gott ſegne ihn, er wird mich nicht vergeſſen.“ „Was thaten Sie mit ihm, Major?“ „Nun, ich will's Euch erzählen, aber Ihr müßt's für Euch behalten, denn ich ſehe, es iſt in den Klage⸗ punkten nicht aufgeführt. Iſt kein Feres mehr da? Nun, das wird ſchon hinreichen; ich bin immer zufrie⸗ den— beſſer ein trockener Biſſen mit Genügſamkeit, wie Moſes ſagt— ja, Charley, vergeſſen Sie das nicht, und ein fröhliches Herz iſt wie Midizin. Das hat ſchon Hiob herausgefunden.“ „Schon gut, aber der Alcalde, Major?“ 47 „Ja, richtig, der Alcalde: über ſolchen frommen Be⸗ trachtungen vergeſſe ich immer die irdiſchen Angelegen⸗ heiten. „Dieſer alte Alcalde in Banos war, wie ich bald ſah, von Wellington gänzlich verhätſchelt. Er las alle Tagebefehle und ſetzte ſich alberne Gedanken in ſeinen Kopf, als ob wir, weil wir ſeine Verbündeten wären, kein Recht hätten zu plündern. Denkt Euch nur, er ſchnalzte mit den Fingern über Beresford; er beküm⸗ merte ſich keinen Pfifferling um die Legion und lachte unverholen über Wilſon,— ſo daß ich, als ich dorthin commandirt wurde, alsbald einen andern Weg mit ihm einſchlagen mußte. Ich wartete bis zum Einbruch der Nacht, ließ dann zwei Schwadronen ihre Jacken umkeh⸗ ren und ſchickte einen Adjutanten mit etlichen Drago⸗ nern voraus zum Alcalden. Sie galoppirten in ſeinen Hof, blieſen das Lärmhorn und machten einen hölliſchen Spektakel. Voll Zorn kam der Alcalde herab. „Quartiere,“ ſchrie der Adjutant,„ſchnell und Ra⸗ tionen für achthundert Mann!“ „Wer wagt es einen ſolchen Befehl zu erlaſſen?“ fragte der Alcalde. Der Adjutant flüſterte ihm ein Wort in's Ohr, worauf der alte Kerl blaß wurde, wie der Tod.„Iſt er hier?— Kommt er?— Kommt er?“ rief er zitternd von Kopf bis zu Fuß. Ich ritt in demſelben Augenblick herbei und ſchnitt ein fürchterlich Geſicht. „On est le malheureux?“ rief ich auf Franzö⸗ ſiſch; Ihr wißt ja, ich ſpreche ſo gut Franzöſiſch wie Portugieſiſch. „Ja, freilich, beides gleich gut,“ murmelte Power. „‚Pardon, gracias Excellenza,“ bat der Alcalde auf ſeinen Knieen. „Zum Henker, für wen hielt er Sie denn?“ 8„„Das ſollt Ihr ſogleich hören, denn errathen könnt Ihr's doch nicht. Wahrhaftig, ich werde es nie ver⸗ 48 geſſen. Er meinte, ich ſey Marmont: mein Adjutant ſagte ihm das.“ Hier wurde der Major durch ein lautes Gelächter unterbrochen, und es währte einige Zeit bis er ſeine Erzählung fortſetzen konnte.. „Und haben Sie wirklich den Herzog von Raguſa vorgeſtellt?“ fragte ich. 8 „Ei warum nicht?— Ihr hättet mich ſehen ſollen, wie ich mit einem ungeheuern Schnurrbart und dem ge⸗ zogenen Säbel in der Hand vor den verſammelten Be⸗ hörden im Zimmer auf und abſchritt. Napoleon ſelbſt hätte ſich täuſchen laſſen. Mein erſter Befehl war, ihnen ſammt und ſonders die Köpfe abzuſchlagen. doch wan⸗ delte ich dieſes Urtheil in eine ſchwere Geldbuße um. Ja, Ihr Jungen, wenn's die Herren im Hauptquartier verſtünden, wie man auf der Halbinſel Krieg füͤhren muß, ſo würde man in England nicht über erhöhte Ab⸗ gaben klagen. Wie wollte ich die Nonnenklöſter aus⸗ beuteln! Wie wollte ich die ſtädtiſchen Corporationen ſchinden! Wie wollte ich das Land mit Banknoten über⸗ ſchwemmen! Die Priorinnen ließe ich kopfweiſe und die Nonnen zu Dutzenden verſteigern!“ „Sie gottvergeßner alter Schurke! aber fahren Sie fort von Ihren Großthaten zu erzählen.“ „Wahrhaftig, ich weiß ſelbſt nicht mehr viel: nach dem Eſſen wurde ich ein wenig weichberzig und eine Art moraliſcher Katzenjammer, der mich gewöhnlich gegen elf Uhr überſchleicht, veranlaßte mich, den Alcalden und ſämmtliche Aldermen zu einem Trunke einzuladen. Allem Anſchein nach hatten wir eine luſtige Nacht, und als der Morgen anbrach, war unſer Verſtand nicht in der beſten Ordnung; daher kam denn dieſe hölliſche Pro⸗ zeſſion; denn als der Alcalde mit einer papiernen Krone auf dem Kopf in der Stadt herumritt und ſämmtliche Gemeinderäthe hinter ihm, ſo fühlten ſich, wie es ſcheint, die Einwohner beleidigt und beſchickten eine ſtarke Gue⸗ rillabtheilung, die mich und meinen Stab nach einem 49 ſehr kräftigen Widerſtande gefangen nahm. Der Alcalde wehrte ſich für uns wie ein Held, denn ich hatte ihm die Präfektur der Seine verſprochen; dennoch wurden wir überwältigt, entwaffnet und weggeführt. Das Uebrige mögt Ihr in den kriegsgerichtlichen Protokollen leſen, denn Ihr könnt Euch denken, daß, nachdem ich die ganze Stadt ausgeplündert, die Nacht durch getrunken und am Morgen gefochten hatte, mein Gedächtniß nicht zum Beſten beſtellt war.“ „Haben Sie nicht geſtanden, daß Sie der Marſchall nicht waren?“ „Nein, das habe ich wohl bleiben laſſen; ſie wür⸗ den mich ermordet haben, wenn ſie ihren Mißgriff er⸗ fahren hätten; nun aber brachten ſie mich in Hoffnung einer großen Belohnung in's Hauptquartier, und erſt hier erfuhren ſie, daß ich der Herzog von Raguſa nicht war. Ihr ſeht alſo, Jungen, es iſt eine höchſt ver⸗ wickelte Geſchichte.“ „Ja, bei Gott,“ ſagte Power,„und äußerſt un⸗ angenehm.“ „Er wird gehängt, ſo wahr ich Dennis heiße,“ rief O'Shaughneſſy mit einer Energie, welche den Major von ſeinem Stuhl aufſpringen machte.„Picton läßt ihn baumeln.“ „Das fürchte ich nicht,“ ſagte Monſoon:„man kennt mich viel zu gut. Was wollte auch Beresford ohne mich beginnen?“ 1 „Jedenfalls,“ fügte ich hinzu,„ſcheinen Sie die Sache nicht gerade verzweifelt zu nehmen.“ „Gott bewahre, mein Junge, Sie wiſſen ja, was Jeremias ſagt— ein fröhliches Herz iſt ein beſtändiger Feſttag, und ſo iſt es auch. Ich ſterbe vielleicht ein⸗ mal an Vollblütigkeit, aber daß mich der Kummer ver⸗ zehrt habe, ſoll mir Niemand nachſagen.“ „Wahrhaftig, es iſt eine ſeltſame Sache,“ mur⸗ melte O'Shaugneſſy laut denkend, ein höͤchſt ſonder⸗ Lever, O'Malley. V. 4 50 barer Umſtand. Ein ehrlicher Kerl würde ohne Gnade gehängt werden und dieſer alte Schuft da, der ſchon mehr Heilige und gebenedeite Jungfrauen zuſammen⸗ geſchmolzen hat als das ganze Armeecorps, kommt ſicherlich durch. Ihr werdet ſehen, daß ihm kein Haar gekrümmt wird.“ „Da kommt die Patrouille,“ ſagte Fred,„wir müſſen aufbrechen.“ „Laßt den Teres da, Jungen, und kommt ſpäter wieder. Ich werde ihn ſorgfältig aufbewahren.“ Wir konnten einem lauten Geläͤchter nicht wider⸗ ſtehen und ſagten gute Nacht. „Adieu, Major,“ ſprach ich,„wir treffen uns bald wieder.“ Mit dieſen Worten begleitete ich Power und O'Shaug⸗ neſſy nach ihren Quartieren. „Maurice hat die Sache herrlich eingeleitet,“ be⸗ merfte O'Shaughneſſy;„der alte Schlingel wird vor dem Kriegsgericht koſtbare Aufklrungen geben, wenn er ſich nur an das erinnert, was wir heute Abend ge⸗ hört haben. Doch da ſind wir ja ſchon: alſo gute Nacht und beehren Sie mich morgen beim Frühſtück.“ Sechsundneunzigſtes Kapitel. Die Beichte. „Ich habe mich anders beſonnen, Charley,“ ſagte Power als er am folgenden Morgen in's Zimmer trat: „ich habe mich anders beſonnen und konmme jetzt mit Ihnen zu frühſtücken.“— Ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren, da eine gewiſſer Verdacht in mir aufſtieg; er merkte, was ich meinte, und fügte ſchnell hinzu— „Nein, nein, mein Junge, ich errathe Ihre Ge⸗ danfen wohl und bin nicht im Geringſten eiferſüchtig⸗ 51 allein Sie wiſſen ja ſelbſt, man kann nicht genug auf ſeiner Hut ſeyn.“ „Und auch nicht argwöhniſch genug gegen ſeine Freunde, nicht wahr?“ 3 „Laſſen wir jetzt ſolche Späſſe. Haben Sie ſich ſchon gemeldet?“. „Ja und ſo eben empfing ich ein höchſt freundliches Briefchen vom General. Es ſcheint jedoch, ich ſolle nicht lang unter Euch verweilen, denn ich habe Befehl mich noch heu e zu einer Reiſe bereit zu halten.“ „Zum Henker, wohin denn ſchon wieder?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht genau, aber ich glaube, es ſind Depeſchen nach Badaſoz zu überbringen. Sagen Sie Mickey, daß er ein Frühſtuck beſorgt, dann werde ich ſogleich wieder da ſeyn.“ Als ich in meinen kleinen Salon zurückkam, ging Power, augenſcheinlich in tiefe Gedanken verſunken, mit großen Schritten auf und ab. „Chariey,“ begann er nach einer Pauſe von etwa zehn Minuten,„ich habe über unſere Abenteuer in Liſſa⸗ bon nachgedacht. Ein verdammt ſeltſames Mädchen, dieſe Senhora. Als Sie zu meinen Gunſten entſagten, glaubte ich, alle Schwierigkeiten ſ yen jetzt gehoben; aber zum Henker, kaum begann ich Ihre Abweſenheit mir zu Nutze zu machen und meine Bewerbung recht ernſtlich zu betreiben, ſo wuchs ihr wieder ein anderer Kopf, ſie behandelte mich mit auffallender Kälte, quälte mich mit hunderterlei eigenſtunigen, kindiſchen Launen und erklärte mir eines Tags rund heraus, Sie ſeyen der einzige Mann, der ihr gefalle.“ „Das kann nicht Ihr Ernſt ſeyn, Fred,“ ſagte ich. „Wollte Gott, es wäre ſo,“ fuhr er fort.„Aber, mein lieber Charley, das Mädchen iſt eine leichtſinnige Dirne, eine ausgemachte Kokette. Ob ſie eine Spur von Herz hat, vermag ich nicht zu ſagen, aber ſoviel iſt gewiß, daß ihr größtes Vergnügen darin beſteht, mit 4 8 den Herzen Anderer ihr Geſpötte zu treiben. Eine alberne Vermuthung, daß Sie in Lucy Daſhwood verliebt ſeyen, ſtachelte ihre Eitelkeit, und um Sie wieder von Neuem in ihre Netze zu locken, bildete ſie ſich ein, in Sie ver⸗ liebt zu ſeyn: ſte nahm alle meine Bewerbungen mit der kälteſten Gleichgültigkeit und der unerträglichſten Launenhaſtigkeit auf, was mir“— dies fügte er mit einer gewiſſen Bitterkeit hinzu—„um ſo empfindlicher war, als ihr Vater ſich geneigt zeigte, meinen Wünſchen ent⸗ gegenzukommen, und um Alles zu ſagen, ich war wirk⸗ lich leidenſchaftlich in ſie verliebt. „Noch zwei Tage vor meiner Abreiſe gab mir Don Emanuel ſein Jawort unter der Bedingung, daß ich Oberſtlieutenant wurde. Voll Entzücken wollte ich ihr dieſe frohe Botſchaft bringen und fand ſie weinend mit einer Haarlocke auf dem Buche, das vor ihr lag. Hol mich der Teufel, wenn es nicht Ihre Locke war! Ich weiß nicht, was ich ſagte, oder was ſie antwortete: aber wir ſchieden mit der Verſicherung, uns nie wieder zu ſehen. Ein ſeltſames Maͤdchen! Am Abend, als ich allein im Garten ſpazieren ging, kam ſie zu mir her, legte ihren Arm in den meinigen und redete mir halb im Scherz halb im Ernſt allen Verdacht aus, ſo daß ich noch hundertmal verliebter wurde als je. Wahrlich, ich habe mir eingebildet Etwas von Weiberherzen zu verſtehen, aber das iſt ein Kapitel, das ich noch zu ſtudiren habe. Kommen Sie jetzt, Charley, ſeyen Sie aufrichtig gegen mich: ſagen Sie mir Alles, was Sie wiſſen.“ „Mein guter Fred, wenn Sie nicht bis über die Ohren verliebt wären, ſo würden Sie eben ſo deutlich, wie ich, ſehen, daß Ihre Angelegenheiten gut ſtehen. Es bleibt ein für allemal wahr, daß derjenige, der ſei⸗ nerzeit der größte Seladon war, der ſich jedem hüb⸗ ſchen Mädchen, welches er traf, zu Füßen warf, ſeufzte, ſerenadirte und ſonnettirte, ſich am unbeholfenſten er⸗ weist, wenn ſein Herz einmal ernſtlich betheiligt iſt. 53³ Burſche von achtunddreißig ſind immer die gröͤßten Nar⸗ ren in Beziehung auf die Weiber.“— „Hör einmal einer dieſe Impertinenz! Wie zum Henker kann ein Kerl, deſſen Schnurrbart nicht ſtärker iſt als die Augenbraunen einer Cirkaſſierin mir eine ſolche Lection halten.“ 1. „Ei, gerade wegen meiner Jugend: in meinen Jahren hüpft man in die Liebe, in den Ihrigen ſtürzt man hinein“ 4 „Nun,“ ſagte Power nachdenklich,„es iſt etwas Wahres daran. Das Galantthun iſt ein böſes Ding; es geht damit gerade wie wenn man mit einem Freunde ficht. In der beſten Laune von der Welt, in der fried⸗ fertigſten Abſicht blos einige freundſchaftliche Püffe zu wechſeln, zieht man die Handſchuhe an, aber im Eifer des Gefechtes wird man allmählig warm, und dann braucht es nur einen einzigen unglücklichen Fehlſchlag, um einen ernſtlichen Kampf zu veranlaſſen. „Glauben Sie mir, Charley, wenige Männer ſind planmäßige Verführer, und unter denjenigen, die ſich ſchlecht dabei benehmen, ſind drei Viertheile mehr be⸗ trogen worden, als ſie betrogen haben. Auf dem Wege der Liebe geht es wie auf einer Reiſe nach Indien: man läßt die erſten kalten nördlichen Breiten der Bekannt⸗ ſchaft hinter ſich und gleitet allmählig in das wärmere, anziehendere Klima der Vertrautheit hinein. Mit jedem Tag, den man weiter ſüdwärts ſteuert, verkürzen ſich die Meilen und Stunden unſers Daſeyns; und ſo ruhig, ſo leicht iſt der Uebergang, daß man die Veränderung der Temperatur kaum gewahrt. Welch ein Glück wäre es, wenn bei unſerer Liebesfahrt, wie auf unſerer Reiſe ein gewiſſer Rubikon plötzlich im Wege ſtände, um uns an die Stunden zu erinnern, die wir zurückgelegt haben! Ja es wäre gut, wenn ſich in der Liebe auch eine Tag⸗ und Nachtgleiche vorfände.“ „Ich weiß nicht, Fred, ob nicht ein ſolcher Raſier⸗ prozeß, wie er auf den Schiffen unter der Linie gebräͤuch⸗ lich iſt, zuweilen von Eltern und Vormündern vorge⸗ nommen wird, und ich glaube faſt, der eiſerne Dreizack des alten Neptun möchte ein angenehmeres Werkzeug ſeyn, als der Piſtolenlauf manches racheſchnaubenden und feuerfreſſenden Kameraden. Aber, Fred, die Haupt⸗ ſache haben Sie mir immer noch nicht geſagt; wie ſtehen Sie jetzt mit der Senhora?“ „Welch eine Frage! Soll ich Ihnen nicht etwa auch ſagen, wo Soult uns eine Schlacht liefern, oder wo Marmont die Grenze überſchreiten wird? Ach mein Freund, ich habe ſie eine Woche, eine ganze Woche lang nicht geſehen, ſieben volle Tage und Nächte mit ihren vierundzwanzig Stunden des Wechſels und der Veränderung.“ „Nun, ſo geben Sie mir doch das letzte Bulletin vom Kriegsſchauplatz; Sie müſſen mir doch wenigſtens ſagen können, wie Sie geſchieden ſind.“ „Seltſam genug. Am Tag vor meiner Abreiſe hatten wir ein großes Diner auf der Villa, und als wir uns zum Kaffee in den Garten begaben, war ich in der roſenfarbigſten Laune. Inez war nie ſo ſchön, nie ſo bezaubernd geweſen, und da ſie an meinem Arme hing, lenkte ich, ſtatt den Andern nach dem kleinen Sommer⸗ hauſe zu folgen, wie unabſichtlich in einen ſchmalen dunkeln Gang ein, der zum See führt.“ „Ich kenne ihn wohl: nur weiter.“ Power erröthete ein wenig und fuhr dann fort— „Warum dieſen Weg?“ fragte Donna Inez; er iſt jedenfalls nicht der kürzeſte.“ „O ich— ich wollte nur meinen alten Freunden, den Schwänen, Lebewohl ſagen; Sie wiſſen ja, daß ich morgen abreiſe“ „Ach ja, richtig; ich hätte es beinahe veraeſſen.“ „Dieſe Bemerkung war nicht eben ermuthigend; aber da ich einmal zur Schlacht geneigt war, ſo wollte ich nicht gleich nach dem erſten Scharmützel zurückw ei⸗ chen, Jetzt oder nie, dachte ich. Was ich ſagte, will —4,— 5⁵ ich Ihnen nicht erzählen, und ich könnte auch nicht, ſelbſt wenn ich wollte. Nur mit einer ſchönen Frau am Arme— nur wenn man über ihren Hut hinein ver⸗ ſtohlene Blicke in ihre ſtrahlenden Augen wirft, weiß man, was wahre Beredtſamkeit iſt: man beobachtet die wechſelnde Farbe ihrer Wangen mit änagſtlicherem Herzen als je ein Seemann zu dem launigen Himmel über ihm empor geblickt hat und ergießt ſeine ganze Seele in Liebe; man hat da keine Zeit zum Zweifeln, man läßt der Geliebten keinen Augenblick um zu ant⸗ worten; auf die Bedenklichkeiten, die in ihr aufſteigen, antwortet man, ehe ſie ſich ihrer ſelbſt bewußt iſt, und wenn Du ihre Hand zittern fühlſt, oder ihre Augen⸗ lieder fallen ſiehſt, da ſpringſt Du, wie bei einem Sturme, wenn das Feuer nachläßt, keck in die Breſche, ſtürzeſt, blind gegen jede Gefahr, wie wahnſinnig vorwärts und pflanzſt deine Fahne auf den Wällen auf.“ „Nun, Sie werden den Ueberwundenen wenigſtens die Kriegsehren bewilligen,“ ſiel ich ein. Ohne auf meine Bemerkung zu achten, fuhr er ort— „Ich lag vor ihr auf den Knieen; ihre Hand ruhte willenlos in der meinigen, ihre Augen waren ſanft und thränenvoll auf mich geheftet—“ „Sie hatten alſo mit Einem Wort gewonnen Spiel.“ „Hören Sie nur weiter.“ „Haben wir lang genug in dieſer Poſitur zugebracht? fragte ſie und brach in ein ſchallendes Gelächter aus Ver„Voll Zorn und Entrüſtung ſprang ich auf die Beine.“ „Nun gerathen Sie nur nicht ſo ſehr in Leiden⸗ ſchaft; aber das Ding war gar zu ermüdend. Wie nennen Sie dieſen Baum da?: „Es iſt ein Tulpenbaum,“ antwortete ich kalt. „Ei, ſo ſetzen Sie Ihrer Galanterie jetzt die Krone auf, klettern Sie hinauf und pflücken Sie mir die Blume dort— nicht dieſe da, ſondern die dort, ganz oben. Wenn Sie in den See fallen und ertrinken, nun ſo hat dieſe närriſche Unterredung mit einem Mal ein Ende.“ ‚Und wenn nicht?“’ fragte ich. „Dann will ich mir zwölf Stunden Bedenkzeit nehmen, und fällt meine Entſcheidung zu Ihren Gunſten aus, ſo gebe ich Ihnen die Blume, ehe Sie morgen abreiſen.“ „Es ſind vielleicht dreißig Jahre, ſeit ich keine Vogel⸗ neſter mehr ausnahm, und hol mich der Teufel, eine enge Uniform nebſt Sporen iſt nicht der beſte Anzug zum Klettern; dennoch ſtieg ich hinauf, erreichte mitten unter einem Hagel von Witzen und Spöttereien wirklich den bezeichneten Zweig und brachte glücklich die Blume her⸗ unter. „Inez hielt ſich den ganzen Abend gefliſſentlich von mir fern, und erſt am andern Morgen beim Frühſtück trafen wir uns wieder. Ich bemerkte, daß ſie die Blume in ihrem Gürtel trug; aber ach, ich kannte ſie zu gut, um ſchon darin ein günſtiges Vorzeichen zu erblicken und überdies war ſie, ſtatt eine Spur von Kummer oder Betrübniß über meine Abreiſe zu verrathen, luſtiger als je. Wie fange ich's an, ſie allein zu ſprechen? ſagte ich zu mir ſelbſt; nur ein einziges Wort— ich ahne ſchon wie es lauten wird; aber mag der Streich fallen, Alles iſt beſſer als dieſe Ungewißheit“ ‚Der General iſt ſo eben mit dem Stabe zum Thore hinausgeritten, Sir, ſagte mein Bedienter in dieſem Augenblick. ‚Sind die Pferde bereit?“ „Sie ſtehen vor der Thür, Sir, und das Gepäcke iſt vorausgeſchickt.“. „Ich warf Inez einen Blick zu— „Wünſchen Sie noch etwas Kaffee?« fragte ſie lächelnd. 3 „Ich verbeugte mich kalt und ſtand auf. Die ganze Geſellſchaft verſammelte ſich auf der Terraſſe, um mich wegreiten zu ſehen.“ —— —yy— „Sie werden uns doch ſchreiben?“ ſagte Don Emanuel. „‚Bitte, vergeſſen Sie den Brief an meinen Bruder nicht?: rief die alte Donna Forjas. „Man beehrte mich noch mit zwanzig ähnlichen Auftraͤgen, aber Inez ſprach kein Wort. ‚Adieu denn“, ſagte ich, ‚leben Sie wohl!⸗ 1 „‚Adios! reiſen Sie mit Gott!“ riefen alle im Chor. „Leben Sie wohl, Senhora,“ ſagte ich; ‚haben Sie mir Nichts zu ſagen, ehe wir ſcheiden?⸗ ‚Ich wüßte Nichts, antwortete ſie gleichgültig; zich wunſche Ihnen ſchön Wetter.“ „Es iſt ein Sturm im Anzug,' verſetzte ich düſter. „Nun, was fragt ein Soldat nach einer naſſen Jacke. „Adieu,“ ſagte ich ſcharf und warf ihr einen Blick zu, der ihr meine ganze Meinung ausſprach. „Leben Sie wohl,“ verſetzte ſie mit einem leichten Knix und ihrem holdſeligſten Lächeln. „Ich trieb meinem Pferd die Sporen in die Sei⸗ ten, aber da ich zu gleicher Zeit die Zügel feſt anzog, ſo bäumte es ſich wie toll. „Welch ein hübſches Thier!“ ſagte Inez, indem ſie ſich dem Hauſe zukehrte; dann aber blieb ſie unbefangen ſtehen und blickte mich an— „Gefiele Ihnen dies Bouquet?“ „Bevor ich antworten konnte, hatte ſie es von ih⸗ rem Gürtel gelöst und warf es mir zu. Die Thüre ſchloß ſich hinter ihr und nun galoppirte ich davon, um den Stab einzuholen. Dies iſt die ganze Geſchichte, jetzt Charley, leſen Sie einmal mein Schickſal daraus und ſagen Sie mir, was das Alles bedeuten ſoll.“ „Ich geſtehe, daß mir in der ganzen Sache nur Eines klar iſt.“ „Und das wäre?“ fragte Power. „Daß Meiſter Fred Power ſo verzweiſelt verliebt ——y—yꝑyÿ————————ᷣ::P— 58 iſt, wie nur irgend ein Gentleman mit vollem Sold, den ich je geſehen habe.“ „Bei Gott, ich fürchte, Sie haben Recht. artet dieſe O donnanz auf Sie, Charley? Wen ſuchen Sie, mein Freund?“ „Herr Kapitän O'Malley, der General Crawford wünſcht Sie unverzüglich im Hauptquartier zu ſehen.“ Kommen Sie, Charley, ich gehe mit bis nach Fuentes.“ Damit galoppirten wir dem Dorfe zu, wo wir uns trennten; Power hatte ſeine Mannſchaft zu viſſitiren, und ich begab mich in's Hauptquartier, um vom Ge⸗ neral meine Befehle in Empfang zu nehmen. Siebenundneunzigſtes Kapitel. Die Cantonnirung. Bald darauf brach die Armee von Caja auf und bezog am Tajo ein Cantonnirungslager. Das Hanpt⸗ quartier war in Portalegre, wo vier friſch aus England angekommene Infanterieregimenter und das 12te leichte Dragonerregiment zu uns ſtießen. Ich werde nicht ſo leicht den erſten Eindruck vergeſſen, welchen unſere der⸗ malige Lebensweiſe auf die neuen Ankömmlinge machte. Mit ſehnſüchtigen Erwartungen hatten ſie in Liſſa⸗ bon gelandet, und all die glorreichen Ausſichten auf ei⸗ nen glänzenden Feldzug, auf Belagerungen, Stürme und Feldſchlachten hatten ihrer aufgeregten Phantaſie vorgegaukelt. Kaum waren ſie jedoch im Lager ange⸗ kommen, als dieſe Selbſttäuſchungen aus einanderſto⸗ ben. Frübſtücksgeſellſchaften, Diners, Privattheater, Taubenſchießen bildeten unſere täglichen Beſchäftigungen. Wellingtons Hunde jagten regelmäßig zweimal in der Woche, die Jäger aber waren oft ſeltſam genug equipirt und gehörten allen Waffengattungen an, vom Artellerie⸗ offtzier, der auf ſeinem ſchweren Schlachtroſſe ſaß, bis zum Infanteriſten, der einen ſpaniſchen Zelter ritt. Etwas Spaßhafteres als unſer Auf;ug war, läßt ſich nicht wohl denken. Bei ſolchen Gelegenheiten wurden alle vierfü⸗ ßigen Thiere im Lager in Requiſition geſetzt, und wen man nicht aus dem Sattel ſtieß, der ſiel oft vor lauter Lachen herunter. Mögen die Rennen in Melton auch kunſtgerechter ſeyn, darauf will ich wetten, daß wir an einem einzigen Tage mehr Spaß, mehr Witz und Ver⸗ gnügen hatten, als in England die beſtgeordnete Jagd⸗ geſellſchaft während einer ganzen Saiſon. Jeder ſuchte ſich ſo viel als möglich ein jofeiartiges Anſehen zu geben, und ich muß geſtehen, daß dieſes Verlangen vor⸗ züglich unter der Infanterie vorherrſchte. Glücklich der Mann, der ſich des Beſitzes von Reithoſen rühmen konnte, dreimal glücklich, wer ein paar Stulpſtiefel ſein eigen nannte. Ich ſelbſt befand mich in dieſer benei⸗ denswürdigen Lage und erinnere mich noch wohl, mit welch ſtolzem Hochgefühl ich in meinem vor allen an⸗ dern ausgezeichneten Koſtüm vorausritt, obſchon ich mich, aufrichtig geſtanden, unter meinen Freunden in Galway damit nicht hätte ſehen laſſen dürfen, zumal da eine runde Cavalleriejacke und eine Reitermütze mit langen Zipfeln ſich ſeltſam genug neben den paſſenderen Unter⸗ kleidungsſtücken ausnahm. Dem ſey wie ihm wolle, die Szene war im höchſten Grade belebt. Hier jagte ein ſchwerer Dragoner in ſeiner Reiterjacke über den Zaun eines Weinbergs hin; dort ritt ein dunfelgrüner Scharf⸗ ſchütze im Schritt über die Ebene. Weiterhin tauchte die unwaidmänniſche Figur eines Stabsoffiziers aus einem Graben hervor, während ein Irländer, dem es einerlei war, ob er ein Genick hatte oder nicht, wie toll über alle Zäune hinſauste und jeden überrritt, der ihm in den Weg kam. Die Regeln und Beſtimmungen des Dienſtes hatten bier keine Geltung. Dem General mit Hoſenband und Stern, dem Oberſten mit ſeinen Neſtel⸗ ſchnüren, wurde hier wenig Ehrerbietung und noch we⸗ 60 niger Schonung von ſeinen Subalternen zu Theil. Ich bin in der That halb geneigt zu glauben, daß mancher alte Groll wegen ſtarrer Diseiplin und ſtrenger Dienſt⸗ pflicht hier ſeine Rache fand. Mehr als einmal hörte ich Aeußerungen, welche beſtimmt genug darauf hin⸗ deuteten.“ „Im Galopp, Harry, beuge nicht aus! da kommt der alte Colquhoun, nimm ihn feſt auf's Korn, wirf ihn in den Sand.“ „Seht einmal zu, Kameraden— merkt auf, wie ich den Stab auseinander jagen will. Bitte um Ver⸗ zeihung, Herr General, ich habe Ihnen doch nicht wehe gethan. Rechtsum, hurrah— jetzt habe ich ihm eine Lection gegeben, wie man im Sattel ſitzen muß.“ Ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß Einer unter uns ſich befand, deſſen Perſon vor allen ſolchen Angrif⸗ fen ſicher blieb. Er ritt ein gutes, kräftiges Halbblut, war immer vorn und folgte den Hunden mit derſelben ſteten Beharrlichkeit, mit der er dem Feinde nachzufolgen pflegte. Seine zuſammengepreßten Lippen öffneten ſich ſelten zu einem Lachen, ſelbſt wenn der drolligſte Un⸗ ſchick ſich vor ſeinen Augen ereignete, und wenn er zu⸗ fällig einmal nicht widerſtehen konnte, ſo war das kurze ha ha im Augenblick vorüber, die kalten, ſtrengen Züge waren plötzlich wieder ebenſo ſtarr und unbeweglich wie zuvor. All die Aufregung und Begeiſterung einer Jagd war inzwiſchen nicht im Stande ſeine Aufmerkſamkeit von den wichtigeren Intereſſen abzulenken, die ſeiner ſtarken Hand anvertraut waren. Ich erinnere mich ei⸗ nes Falles, der an und für ſich zwar unbedeutend war, aber als Beleg für meine Bemerkung erzählt zu werden verdient. Eines Tags ritten wir im ſtärkſten Galopp den Hunden nach, die uns um einige Felder voraus und durch eine kleine Gruppe von Buchen unſern Blicken entrückt waren; die Geſellſchaft beſtand blos aus Wel⸗ lington und fünf andern Perſonen. Der Fuchs konnte uns nicht mehr entkommen, und jeder ſpornte ſein Pferd mit der wilden Begeiſterung, die ein ſolcher Augenblick hervorruft. „Hieher, Mylord— hieher!“ rief Oberſt Conyers, ein alter Meltonheld, der den Zug führte.„Die Hunde ſind im Thale, halten Sie ſich links!“ Als keine Ant⸗ wort erfolgte, wiederholte Conyers nach einer kurzen Pauſe ſeine Mahnung:„Sie ſind auf dem falſchen Wege, Mylord, die Hunde jagen dort.“ „Ich weiß es,“ war die kurze, beinahe herbe Ant⸗ wort, und einige Sekunden lang wurde kein Wort mehr geſprochen. „Wie weit iſt es von hier nach Niza, Gordon?“ fragte Wellington. „Etwa fünf Stunden, Mylord,“ antwortete der er⸗ ſtaunte Adjutant. „Dorthin geht der Weg, nicht wahr?“ „Ja, Mylord.“ „So wollen wir hinüberreiten und die Verwundeten beſuchen.“ Mit dieſen Worten ritt Se. Lordſchaft, begleitet von ſeinem Adjutanten, weiter. und zwar jagte er in demſelben geſtreckten Galopp und augenſcheinlich mit der⸗ ſelben Begierde dem Hoſpitale zu, als ob er ſich noch mitten im Strudel einer Fuchsjagd befände. So verging der Sommer, und nach den ermüden⸗ den Strapatzen und harten Entbehrungen des vergange⸗ nen Feldzuges führten wir jetzt ein Leben voller Wonne. So iſt im Leben des Kriegers Licht und Schatten ver⸗ theilt und eben aus dieſem bunten Wechſel der Umſtände erwächſt jener ſprudelnde Muth, jene gluͤckliche Gemüths⸗ ruhe, welche ihn in den Stand ſetzen aus jedem vor⸗ übergehenden Ereigniſſe in ſeiner Laufbahn den größt⸗ möglichſten Genuß zu ſchopfen. Während wir uns dem ganzen Zauber eines dem Vergnügen geweihten Lebens hingaben, wurde die ſtrenge Disciplin im Heere keinen Augenblick außer Acht gelaſ⸗ ſen. Revuen, Paraden und Inſpectionen waren an der 62 Tagesordnung, und ſelbſt der oberflächlichſte Beobachter mußte einſehen daß unſer Obergeneral auch bei dieſen fortwährenden Vergnügungen einen wohldurchdachten po⸗ litiſchen Plan befolgte. Trotz der vielfachen Erfolge waren ſowohl Soldaten als Ofſiziere durch die beſtändigen Entbehrungen, welche ſie ausgeſtanden hatten, tief herabgeſtimmt und empfan⸗ den ein unabweisliches Bedürfniß nach Ruhe und Er⸗ holung. Die Infanterie, von welcher ein großer Theil den unglücklichen Feldzug von Walcheren mitgemacht hatte, litt noch immer an den Folgen des Wechſelfiebers. Die Cavallerie war in Folge mangelhafter Fourage, ſcharfer Märſche und raſtloſer Anſtrengungen großen⸗ theils dienſtunfähig. Unter ſolchen Umſtänden das Feld zu behaupten, war rein unmöglich; in der doppelten Abſicht, die Truppen wieder zu ihrer gewohnten Mun⸗ terkeit gelangen zu laſſen und den Verwuſtungen Einhalt zu thun, welche Krankheit und die Wechſelfalle des Krie⸗ ges in eeinen Reihen anrichteten, benützte Wellington alſo die dermalige Unthätigkeit des Feindes, um die even beſchriebene Stellung am Tajo einzunehmen. Während wir alle Vergnügungen des Landlebens genoſſen und uns täglich unter luſtigen Kameraden ver⸗ gnügten, blieb inzwiſchen der Obergeneral dem die klein⸗ lichſten Einzelheiten militäriſcher Organiſation eben ſo gelaufig waren, wie die tieſſte ſtrategiſche Berechnung, nicht unthätig. Er ſah voraus, daß eine Ruhe wie die jetzige nur der feierlichen Stille gleichen konnte, welche dem Sturme vorangeht, und brutete ſchon jetzt über jenen kühnen Planen und unvergleichlichen Berechnungen, welch⸗ ihn durch manches Schlachtfeld, durch manche Gefahren führen und mit der glorreichen Befreiung der Halbinſel enden ſollten. Der mißlungene Angriff auf Badajoz hatte weder ſeinen Muth gedämpft noch ſeine Anſichten geändert, und er ſchritt zur Einſchließung von Ciudao Rodrigo mit demſelben beſtimmten Entſchluß, der franzöſiſchen 63 Occupation in Spanien durch Zerſtörung aller ihrer Haltpunkte und Feſten den Lebensnerv abzuſchneiden. Während er mit der einen Hand den Angriffskrieg lei⸗ tete, hielt er mit der andern die Plätze feſt, wo die Armee im Fall eines Unglücks oder einer Niederlage eine ſichere Zufluchtsſtätte finden konnte. Den Linien von Torres Vedras wandte er von Neuem ſeine Aufmerkſamkeit zu. Ingenienuroffiziere wur⸗ den dorthin beordert, die Feſtungswerke in Stand geſetzt, die während der franzöſiſchen Invaſion zerſtörten oder beſchadigten Brücken wieder hergeſtellt, die Batterien am Tajo wirkſamer angelegt und Oefen gebaut, um die Kugeln glühend zu machen. * Die ſtumpfſinnige Thatloſigkeit der portugieſiſchen Regierung ſtand mit ſolchen unverdroſſenen Anſtrengun⸗ gen im grellſten Widerſpruch; trotz beſtändiger Mah⸗ nungen und Vorſtellungen blieben die Brücken über den Leira und Alva unausgebeſſert und die Straßen wurden in einem ſolch elenden Zuſtande gelaſſen, daß im Fall eines Rückzugs die Armee dadurch den ſchlimmſten Ge⸗ fahren ausgeſetzt worden wäre. In der erſten Woche des Septembers wurde ich mit Depeſchen an den commandirenden Ingenieuroffizier an den Linien abgeſandt und hatte während meines vier⸗ zehntägigen Aufenthalts daſelbſt zum erſten Mal Gele⸗ genheit, dieſe außerordentlichen Feſtungswerke kennen zu lernen, die ſich fünfzehn Stunden weit über Berg und Thal erſtreckten und vermöge ihrer natürlichen ſowohl, als künſtlichen Einrichtungen die ſtärkſte, unuberſteiglichſte Schranke bildeten, welche ſich jemals dem Vordringen einer ſiegreichen Armee entgegengeſtellt hat. Achtundneunzigſtes Kapitel. Mickey Free's Abenteuer. Als ich in's Lager zurückkehrte, fand ich allenthal⸗ ben die größte Regſamkeit. Jeder Tag brachte neue Ge⸗ 64 rüchte, Marmont rücke mit ſtarker Heeresmacht heran, ſechszigtauſend Franzoſen ſeyen im vollen Marſch nach Ciudad Rodrigo begriffen, um die Blokade aufzuheben und von Neuem in Portugal einzufallen. Aufgefangene Briefe beſtätigten dieſe Nachrichten und die Guerillas, die ſich mit uns vereinigten, ſprachen von großen Trans⸗ porten, welche ſie auf den Straßen von Salamanca und Tamanes geſehen. Mit Ausnahme der leichten Diviſion unter Craw⸗ ford, die auf dem rechten Ufer des Aguada ſtand, hielt unſere ganze Armee das Land von El Bodon bis Gal⸗ legos beſetzt. Die 4te Diviſion ſtand bei Fuente Gue⸗ naldo, wo man in aller Eile etliche Verſchanzungen auf⸗ geworfen hatte. In dieſe Stellung beſchloß Wellington ſich zurück⸗ zuziehen, da ſie beſſere Anhaltspunkte darbot, als die andere Linie von Almeida gegen den Coa hin. Ueber die Abſichten des Feindes blieben wir nicht lange im Unklaren, denn am Morgen des 24ſten ſahen wir ein ſtarkes Corps von dem Paß oberhalb Ciudad Rodrigo herabſteigen und vorſichtig die Ufer des Aguada recog⸗ nosciren. Weit in der Ferne kam langſam ein unab⸗ ſehbarer Zug von Wägen, Karren und beladenen Maul⸗ thieren heran, begleitet von mehreren Schwadronen Dragoner. Sie nahten ſich gemächlich, aber als der Abend einbrach, zogen ſie in die Thore der Feſtung ein und das Freudengeſchrei der Garniſon, das ſich mit den Klängen der Militärmuſik vermiſchte, tönte bis zu uns auf die Höhen von El Bodon hinüber. So lange es hell war, konnten wir fortwährend friſche Truppen anfkommen ſe⸗ hen, und auch nachdem die Nacht hereingebrochen, zeig⸗ ten uns die Wachtfeuer auf der Ebene entlang die Stel⸗ lung des Verſtärkungsheeres. Mit Tagesanbruch waren wir bereits unter den Waffen und ſahen begierig den Abſichten des Feindes entgegen, die bald nicht mehr zweifelhaft blieben, 65⁵ Fünfundzwanzig Schwadronen Cavallerie, unterſtützt von ei⸗ ner ganzen Diviſion Infanterie, zogen auf der großen Straße von Ciudad Rodrigo nach Guenaldo hinab. Eine andere eben ſo zahlreiche Colonne marſchirte geraden⸗ wegs nach Espeja, und man konnte ſich keinen ſchöneren kriegeriſcheren Anblick denken als dieſen Zug. Aus einer waldigen Gebirgsſchlucht auftauchend, wanden ſie ſich die ſchmale Straße entlang und erſchienen auf der Agua⸗ dabrücke, als eben die Morgenſonne heraufzog; ſie be⸗ ſtrahlte die blanken Helme und glänzenden Rüſtungen der Küraſſiere, die einem fröhlichen Trupp aus irgend einem alten Ritterturniere glichen. Zuerſt kamen die Berg'ſchen Uhlanen, ausgezeichnet durch ihren ſcharlach⸗ nen Dolman und ihr prachtvolles Sattelzeug; dann folgten die Gardeküraſſiere, hierauf die berittenen Jäger, die mit ihren glänzenden Stahlhelmen und lichtblauen Unifor⸗ men, wogenden Federbüſchen und muthigen Schimmeln ein wahres Ideal von leichter Reiterei darſtellten; end⸗ lich drängten ſich die dunkeln Maſſen des Fußvolkes auf die Ebene nach, und zuletzt verkündete ein donnerähn⸗ liches Gerolle ſchweren Fuhrwerkes die Artillerie mit ihren Feuerſchlünden. Dieſe ganze unüberſehbare Linie zog ſich der Anhöhe zu, auf welcher wir jetzt, kaum zehntauſend Bajonette ſtark verſammelt waren. Während das glänzende Panorama ſich vor unſern Augen entwickelte, waren wir indeß nicht müßig geblie⸗ ben. Picton hatte Befehl erhalten mit ſeiner Diviſion heranzuziehen. Altens Cavallerie und eine Brigade Ar⸗ tillerie wurden vor die Front geſandt und alle Vorbe⸗ reitungen, welche der Boden zuließ, wurden getroffen, um dem Vorrücken des Feindes Einhalt zu thun Dieſe Bewegungen von beiden Seiten nahmen mehre Stunden weg und mit jedem Augenblick gewann die Szene ein erhöhtes Intereſſe. Die große Maſſe der Cavallerie ſtellte ſich jetzt in Schlachtordnung auf und neun Bataillone Lever, O'Malley. W. 5 66 Fußvolk, welche ſie unterſtützen ſollten, bildeten Colonnen, Staffelſtellungen, Vierecke und führten vor uns alle Ma⸗ növer einer Revue mit der bewunderungswürdigſten Ge⸗ nauigkeit und Schnelligkeit aus. Unſere Aufmerkſamkeit wurde indeß bald durch ein glänzendes Schauſpiel zu unſerer Linken in Anſpruch genommen. Aus dem Walde neben dem Aguada ſah man Marmont ſelbſt mit ſeinem ſchimmernden Stabe zum Vorſchein kommen. Langſamen Schrittes zogen ſie heran unter dem lauten Jubelgeſchrei der verſammelten Tauſende, die nach Sieg und Ruhm dürſteten. Einen Augenblick konnte ich den Marſchall ſelbſt erkennen, wie er ſeinen Federhut über dem Kopfe ſchwang und den Gruß eines Uhlanenregiments erwie⸗ derte, das ſtolz ſeine Fahnen wehen ließ, als er vorüber⸗ ritt; aber horch, was bedeuten dieſe Klänge, die alle andern übertönen und einem Kriegsgeſchrei gleichen? „Ich kann mich nicht irren,“ ſagte ein wetterge⸗ bräunter Veteran neben mir;„das iſt die Muſik der Kaiſergarden; ſollte Napoleon ſelbſt angelangt ſeyn?— ſeht da kommen ſie.“ Während er ſprach, tauchte die Spitze einer Colonne aus dem Walde auf und entwickelte ſich auf der Ebene. Ueber eine Stunde lang wogte dieſe gewaltige Flut heran, und bevor der Nachmittag herankam, hatte ſich eine Armee von ſechzigtauſend Mann in dem Raume unter uns verſammelt. Ich durfte dieſem glänzenden Schauſpiele nicht lange müßig zuſehen, denn bald erhielt ich Befehl, mit meiner Schwadron zu dem Iiten leichten Drogonerregiment zu ſtoßen, das am Fuße des Hügels aufgeſtellt war. Dieſe Ordre war mir ganz und gar nicht angenehm, denn ich ritt ein ſchlechtes, kleines Pferd, auf dem ich am Morgen von Crapfords Diviſton angelangt war, und in der Vorausſetzung, es werde heiße Arbeit geben, hatte ich Mickey befohlen, mit dem meinigen nachzufolgen. Inzwiſchen durfte ich nicht zögern und führte daher meine Leute den Hügel hinab. Die Stellung, die wir einnahmen, war ungemein vortheilhaft. Von beiden Seiten waren wir durch dichtes Buſchwerk gedeckt, konnten daher nur in der Front an⸗ gegriffen werden und warteten alſo ruhig den Andrang des ungleich überlegenen Feindes ab. Als ich aus dem dichten Walde hervorritt, ſcholl mir ein höchſt wunder⸗ licher Lärm entgegen. Statt des gewöhnlichen leiſen Geredes und Gemurmels, das einem Cavallerieangriffe voranzugehen pflegt, börte ich ein ſchallendes Gelächter, welches die ganze Diviſion durchlief und verſchiedene Ausrufungen durchkreuzten ſich:— Seht nur!— jetzt haben ſie ihn!— Bei Gott, ſie haben ihn!— Bravo, bravo!— Wie der Kerl reitet!— Er iſt getroffen!— Er iſt getroffen!— Nein, nein!— Liegt er?— Er liegt!— In dieſem Augenblick zerriß ein lautes Freudenge⸗ ſchrei die Luft und ich kam noch eben zu rechter Zeit vor der Front an, um den Grund dieſes Lärms wahr⸗ zunehmen. In dem weiten Thale ſah man einen Reiter, der ſo eben über den Aguada geſetzt war, im geſtreckteſten Galopp gegen die brittiſchen Linien zu ſpren⸗ gen. Als er näher kam, bemerkte ich, daß er von einem Handpferd begleitet wurde, aber die Nähe des Feindes ganz und gar nicht zu beachten ſchien, ſondern keck und ſorglos weiter ritt. Hinter ihm ſtürmten drei Uhlanen mit eingelegten Lanzen einher und machten eine furcht⸗ bare Jagd auf ihn. Sobald jedoch der vorderſte der Verfolger ihm nahe kam, drehte ſich der Flüchtling plötzlich auf ſeinem Sattel um, wich in einem weiten Bogen rechts oder links aus, erhob ſich dann mit lautem, keckem Kampfgeſchrei in ſeinen Steigbugeln und gewann mit einer Führung des Pferdes, die den Jockei verrieth, jedesmal wieder einen Vorſprung vor dem Feinde. „Das muß Ihr Bedienter ſeyn, O'Malley, Ihr 4 5* iriſcher Reitknecht,“ rief mir ein Offizier zu und in der That, es war kein anderer als Mickey. „Er ſpaßt blos mit ihnen,“ ſagte Baker;„ſchaut einmal den Schlingel an; jetzt hält er ſtill! das iſt mehr als die Franzoſen erwarten konnten. Seht den Kerl auf dem Schimmel, er hat ſeine Trompete auf den Rücken geworfen und zieht den Säbel.“ Aus den franzöſiſchen Linien brach ein lautes Freu⸗ dengeſchrei aus; der Trompeter kam mit jedem Schritte näher. Mickey hatte jetzt die Tiefebene erreicht und die Pferde wollten nicht zuſammengehen.„Laß den Brau⸗ nen laufen! laß ihn laufen,“ ſchrien die Dragoner und auch ich wiederholte es, ſo laut ich konnte. Aber nein: Mickey hielt feſt ſpornte ſein Pferd tüchtig und ſchaute ſich nur von Zeit zu Zeit nach ſeinem Verfolger um. Die Franzoſen erhoben von Neuem ein Triumphgeſchrei; der Trompeter war neben Mickey, er hatte ſeinen Arm emvorgehoben und ſein Säbel ſchwebte über dem Haupte meines guten Burſchen. Unſere Schwadron ſchrie laut auf und konnte nur mit Mühe zurückgehalten werden. Beinahe eine Minute lang liefen die Pferde neben ein⸗ ander, aber der Franzoſe ſparte ſeinen Hieb⸗ bis er einen kleinen Vorſprung gewonnen hätte. Die Aufregung hatte mich ſprachlos gemacht. Wäre Mickey mit einem Worte zu retten geweſen, ich hätte es nicht ſprechen können. Ein Nebel zog ſich um mich her und die ganze Ebene mit ihren Tauſenden von Kriegern tanzte mir vor den Augen. „Er liegt!— Bei Gott, er liegt!— Nein, nein, nein!— Seht nur, ſeht!— Herrlich gemacht!— Ein wackerer Kerl!— Er hat ihn!— Er hat ihn beim—“ Jetzt erſcholl ein Siegesgeſchrei aus unſeren Schwadro⸗ nen und Mickey galoppirte unter uns, indem er mit der einen Hand den Franzoſen an der Kehle, mit der andern den Zügel feſthielt. „Wie kam es? Wie hat er das gemacht?“ rief ich. „Er hieb dem Franzoſen mit einem Schlag den Arm lahm, ſo daß ſein Säbel zur Erde fiel.“ 69 „Da iſt er, Mr. Charles, und bei Gott, es hat mir Mühe genug gemacht, ihn zu fangen. Ich hoffe Ew. Gnaden wird mir nicht böſe ſeyn, daß ich den Braunen verloren habe. Ich mußte ihn loslaſſen, als dieſer Spitzbube da zu mir herantam; aber hol mich der Teufel, da galoppirt er ja ſelbſt in die Linien her⸗ ein. Während er noch ſprach, kam mein Brauner an de Schwadron herangeſprengt und ſtellte ſich an ſeinen Platz. Ich hatte kaum Zeit unter Glückwünſchen von allen Seiten das edle Thier zu beſteigen, als unſere Schwa⸗ dron Befehl erhielt vorzurücken. Verbunden mit Abthei⸗ lungen vom utten und 16ten widerſtanden wir dem Feinde zwei Stunden lang. Unſere Angriffe waren kurz, ſcharf und erfolgreich. Wo der Feind eine Blöße gab, ſtürzten wir in Maſſe über ihn her, und wenn er mit allzugroßer Uebermacht herankam, zogen wir uns hinter unſer Fußvolk zuruck. Etwas Schöneres läßt ſich nicht denken, als die Art, wie die verſchiedenen Waffengattungen einander ablösten. Wenn die Franzoſen heranrückten, rückten wir ihnen ebenſo keck entgegen; wurde der Boden nicht län⸗ ger haltbar, ſo zogen wir uns zurück und die Bajonette der Infanterie verwehrten dann dem Feinde das weitere Vorſchreiten. Drängte die Cavallerie mit Macht auf die Vierecke heran, ſo brachen unſere Schwadronen von Neuem hervor, und wenn wir ſie zurückgetrieben hatten, ſo Fitt ihnen die Artillerie einen Kartätſchenhagel nach. Ich habe manchen Schlachten von längerer Dauer und größerer Bedeutſamkeit angewohnt— manchen, bei welchen mehr Taktik und Combination entwickelt wurde, aber nie habe ich ein verzweifetteres Handgemenge ge⸗ ſehen, als auf den Höhen von El⸗Bodon. „Erzürnt über unſern Widerſtand rückte Montbrun mit den Gardeküraſſteren heran. Dieſe ritten unſere vorderſten Schwadronen nieder, ergoſſen ſich wie ein ge⸗ waltiger, Alles überwältigender Strom auf uns und ſtürmten unter lautem Geſchrei die Höhen hinan. Unſere wackern Reiter wurden auf die Aktillerie zurückgeworſen, und viele von ihnen neben den Kanonen niedergehauen. Die Kanoniere und die Troßknechte theilten dieſes Schickſal und die Kanonen wurden genommen. Die Franzoſen erhoben ein übermüthiges Triumphgeſchrei. Ihr Jubel war jedoch von kurzer Dauer und ihr Geſchrei ein Todesruf; denn das 5te Infanterieregiment, das bisher im Gras verborgen gelegen hatte, ſprang jetzt, den tapfern Major Ridge an der Spitze, wüthend empor. Mit Nachegeſchrei ſtürzte es auf den Feind los, ſeine Bajonette funkelten mitten unter der Cavallerie der Franzoſen; auch die Dragoner hieben kräftig ein und ſo wurden die Küraſſtere den Hügel wieder hinabgetrie⸗ ben, die erbeuteten Kanonen ihnen wieder abgenommen und zurückgebracht. Dieſe glänzende Waffenthat iſt meines Wiſſens das einzige Beiſpiel, wo das Fußvolk in der Linie gewagt hatte, die Reiterei anzugreifen. Aber der Hügel konnte nicht länger behauptet wer⸗ den; die Franzoſen drangen au beiden Flanken vor, weitaus überlegene Maſſen drängten von der Fronte her und der Rückzug war unvermeidlich. Die Caval⸗ lerie mußte ſich hinter das Fußvolk zurückziehen und Pictons Diviſion, die Vierecke bildete, deckte dieſe Be⸗ wegung. Wüthend ſtürmten die franzöſiſchen Dragoner auf dieſe braven Bataillone ein und die Erde erbebte unter den Hufſchlägen ihrer Roſſe; aber die brittiſche Infan⸗ terie hielt ihr Feuer zurück, bis die Säbel gegen die Bajonette klirrten, und dann erſt gab ſie eine nieder⸗ ſchmetternde Salve, ſo daß das Ge ſchrei der Verwun⸗ deten und das Geächze der Sterbenden aus dem Dampfe um ſie her emporſtieg. 8 Immer und immer kehrten die Franzoſen wieder, aber immer wurde ihnen das gleiche Schickſal zu Theil. Die einzige Bewegung in den brittiſchen Vierecken beſtand — darin, daß ſie die Lücken wieder ſchloſſen, wenn ihre Kameraden todt oder verwundet niedergeſunken waren. Endlich langten die Verſtärkungen vom linken Flü⸗ gel an. Die ganze Armee zog ſich über die Ebene zurück und unſere Reiterei, die bei Guenaldo ſich wieder formirt hatte, unterſtützte dieſe Bewegung durch einen neuen blutigen Angriff, womit die Arbeit des Tages beſchloſſen wurde. Noch in derſelben Nacht zog ſich Wellington zurück und concentrirte ſeine Truppen auf einem ſchmalen Punkte, wo der Coa beide Flanken deckte. Hier erwar⸗ tete er die Ankunft der leichten Diviſion, die denn auch wirklich um drei Uhr Morgens zu uns ſtieß. Am folgenden Tag machte Marmont wiederum einige Demonſtrationen, ließ es jedoch zu keinem Angriffe kommen. Die Stellung war zu furchtbar, um leicht geſtürmt werden zu können, und die Erfahrung des vor⸗ hergehenden Tages hatte ihm bewieſen, daß ſeine Gegner, wenn auch ſchwächer an Zahl, tapfere Krieger waren und geſchickte Führer hatten. Bald darauf 3o8 ſich Marmont in das Tajothal zurück. Auch Dorſenne trat ſeinen Rückzug an und für den Augenblick wenigſtens wurden keine weitere Verſuche gemacht, in Portugal einzudringen. Neunundneunzigſtes Kapitel. San Pedro. „Doch nicht gefährlich verwundet, O'Malley?“ ſagte General Crawford, als ich ihm kurz nach der Schlacht meine Aufwartung machte. Ich erſchrak über dieſe Frage, aber er wiederholte ſie und deutete dabei auf meine linke Schulter, aus welcher ein Blutſtrom durch den Rockärmel herabfloß. „Ich habe bis jetzt Nichts bemerkt, Sir; die Wunde kann ſomit von keiner Bedeutung ſeyn, denn ich bin den ganzen Tag zu Pferde geweſen und habe Nichts verſpürt.“ „Sehen Sie ſogleich darnach; man hat bei dieſem Feldzug all ſein Blut nöthig. Gehen Sie in Ihr Quartier; ich bedarf Ihrer für den Augenblick nicht. Melden Sie ſich ſogleich beim Doetor.“ Alls ich wegging, fing ich erſt an Schmerzen zu empfinden, und bald überzeugte ich mich, daß ich ſchwer verwundet war. Hand und Arm waren geſchwollen und dicht mit Blut unterlaufen; ein fürchterlicher Durſt quälte mich und von Zeit zu Zeit überlief mich ein kalter Fieberſchauer. Ich ſetzte mich einen Augenblick ins Gras und überlegte, welchen Weg ich einſchlagen ſollte, als ich Fußtritte nahen hörte. Ich blickte auf und ſah einige Soldaten in Trauerkleidern gefolgt von einigen andern; aus ihrem geräuſchloſen Auftreten und ihren traurigen Geſichtern ſchloß ich, daß ſie einen verwundeten Kame⸗ raden zum Nachtrabe trugen.. „Wer iſt es, Freunde?“ rief ich. „Der Major, Sir, Gott helfe ihm,“ antwortete ein eiſenfeſter Mann vom ssſten, indem er ſich mit dem Aermel die Augen wiſchte. „Doch nicht Euer Major, Major O'Shaughneſſy?“ rief ich aufſpringend und auf die Bahre zuſtürzend. Aber ach, es war wirklich dieſer wackere Burſche ſelbſt; da lag er bleich und kalt; ſeine blutloſen Wangen und offenen Lippen ein echtes Bild des Todes. Ein dünner, blauer Blutſtreif ſickerte von ſeiner Stirne herab, aber ſeine ſchwerſte Wunde ſchien in der Seite zu ſeyn Sein Rock war offen und unter einer Maſſe dicken, geronne⸗ nen Blutes quoll bei jeder Bewegung der Träger immer wieder friſches Blut hervor. Uebermannt von Schreck und meinem eigenen Blutverluſt, ſank ich ohnmächtig zu Boden. —— 73 Als ich wieder zur Beſinnung kam, hätte es eines helleren Kopfes, als der meinige war, bedurft, um mir begreiflich zu machen wo ich war und was ſich mit mir zugetragen hatte. Schwach, in Fieberhitze und von brennendem Durſte gequält lag ich, unfähig mich zu bewegen da und vermochte nur die allernächſten Gegen⸗ ſtände zu erkennen. Der Ort war kalt, ruhig und ſtill wie das Grab. Eine Lampe, die hoch über meinem Kopfe hing, warf ein ſchwaches Licht rings umher und zeigte mir in einer Niſche der Wand eine prachtvoll gekleidete Frauengeſtalt. Sie ſchien bewegungslos dazu⸗ ſtehen, aber als das blaſſe Licht über ihre Züge flatterte, glaubte ich ſie lächeln zu ſehen. Der Glanz ihres Koſtüms und die funkelnden Edelſteine an ihrem flecken⸗ loſen Kleide leuchteten in der Dunkelheit mit einem faſt übernatürlichen Schimmer, und ſie ſah ſo ſchön aus, ihre bleichen Züge waren ſo ruhig, daß ich, als ich meine Augen öffnete, ſie dann wieder ſchloß und die Augenlider rieb, meinen irrenden Sinnen kaum zu trauen wagte und an die Wirklichkeit der Erſcheinung nicht glauben konnte. Was mochte es bedeuten? Woher dieſes Schweigen— dieſes kalte Gefühl der Ehrfurcht und Scheu? War es ein Traum? War es ein Gau⸗ kelbild meines zerrütteten Verſtandes? Konnte es ein Todtengepränge ſeyn? Meine Augen hefteten ſich an die ſchöne Geſtalt: ich verſuchte zu ſprechen, konnte aber nicht; ich wollte ihr zuwinken, aber meine Hände ver⸗ ſagten mir den Dienſt. Sie beſaß einen ganz eigen⸗ thümlichen Zauber, um mein laut pochendes Herz und mein heißes Hirn zu beruhigen; aber wenn ich in der Dunkelheit umher wieder die ſchöne Stirne und das unbewegte Antlitz betrachtete, da war es mir wie einem Gefangenen, der aus der freudloſen Oede ſeiner Zelle ſehnſuchtsvoll auf die ſchöne Welt und die ſonnenbe⸗ glänzten, lachenden Thäler blickt. Endlich übermannte mich der Schlaf und als ich erwachte, ſchien der Tag hereinzubrechen, denn ein 74 ſchwaches, graues Licht ſtahl ſich durch ein trübes Glas⸗ fenſter und ſiel in mannigfachen Färbungen auf das Steinpflaſter. Ein leiſes, murmelndes Getöne zog meine Aufmerkſamkeit an, ich lauſchte— es war Mickey's Stimme. Mit Mühe erhob ich mich auf einen Arm und verſuchte um mich zu blicken. Kaum hatte ich dieſe Stellung angenommen, als meine Augen von Neuem auf die weißgekleidete Geſtalt von geſtern Nacht ſielen. Zu ihren Füßen kniete Mickey, die Hände gefal⸗ tet, den Kopf auf die Bruſt geſenkt. Soll ich bekennen⸗ daß ich mich unangenehm enttäuſcht fühlte. Es war nichts Anderes als ein Bild der heiligen Jungfrau, ausgeſtattet mit all der verſchwenderiſchen Pracht, welche die katholiſche Frömmigkeit auf ihre Heiligen zu ver⸗ wenden pflegt. Die Geſichtszüge, welche das ſchwache Licht und meine noch ſchwächeren Sinne mit einem Ausdruck ruhiger Engelsſchönheit begabt hatten, waren jetzt kalt, ſtarr und ohne eine Spur von Liebenswürdig⸗ keit; die Augen, in die meine kranke Phantaſie ſo viel Zärtlichkeit und Mitleid gelegt, ſtierten ausdruckslos vor ſich hin, und wenn ich meine, obſchon auf eitel Täuſchung beruhenden Gefühle in der Nacht mit den hitzigen Gedanken beim Erwachen zuſammenhielt, ſo ſehnte ich mich von Neuem nach dieſer Täuſchung, die mich in ein träumeriſches Wohlbehagen verſetzt und die ſtürmiſchen Leidenſchaften meiner Seele in Ruhe gewiegt hatte. Wer weiß, dachte ich, ob er, der dort kniet, nicht auch ſo fühlt, wie ich gefühlt habe? Wer kann ſagen, wie wenig die kalte, nichtsſagende Wirklichkeit vor ihm dem vergeiſtigten Geſchöpfe gleicht, welches die Inbrunſt ſeiner Liebe und die Glut ſeiner Andacht auf dieſen Altar geſtellt haben mag? Wer ermißt die Tiefe der Anbetung für einen Gegenſtand, deſſen Eigenſchaften nicht blos jedes Gefühl des Herzens, ſondern auch jede Faſer des Gehirns berühren? Ich kann mir's erklären, wie dieſe flitterbehangenen Reliqnien, dieſe geſchmackloſen —ÿ— Wachsfiguren, geändert durch den Zauber der Andacht und der Furcht, dem demüthigen Verehrer Ideale von Lieblichkeit und Schönheit werden. Das dämmernde Licht, die Fußtritte, die in dieſen feierlichen Chorgängen wiederhallen; die gewölbten Bogen, in deren neblichte Höhen der heilige Weihrauch aufſteigt, während die tiefe Orgel Töne der Lobpreiſung und des Gebetes erſchallen läßt; dies Alles ſind keine unbedeutenden Zugaben für den Pomp und die Großartigkeit einer Kirche, deren Formen und Ceremoniel, ſeit Jahrhun⸗ derten unverändert und durch tauſend fromme Vereine geheiligt, durch alle Schwachheiten ſowohl, wie durch die beſſern Züge unſerer Natur zum Herzen des gering⸗ ſten Bauern und ſtolzeſten Edelmanns ſprechen. Wie lang ich mich ſolchen Betrachtungen hin ge⸗ geben haben würde, weiß ich nicht, denn eine gemurmelte Bemerkung von Mickey gab jetzt meinen Gedanken eine andere Nichtung. Nachdem er ſeine Andacht vollbracht, hatte er ſich auf die Stufen des Altares niedergeſetzt und ſchien in Betreff ſeiner ſo eben bewieſenen Fröm⸗ migkeit einigen Zweifel zu hegen. „Die Meſſen ſind hier theurer als in Galway. Vater Ruſh wäre mit zwei Schillingen und ſechs Pence wohl zufrieden, während ich hier für dieſen Morgen drei Dublonen bezahlen mußte. Wahrhaftig, es iſt doch ſeltſam. Ein höchſt koſtſpieliges Vergnügen das, Fran⸗ zoſen umzubringen! Da muß ich einen halben Thaler für die Seele eines Küraſſiers bezahlen, den ich geſtern tödtete, und beinahe das Doppelte für einen Artilleriſten, den ich bei den Kanonen niederhieb. Weil der Schurke fluchte wie ein Heide, ſo ſagte Pater Pedro, dies koſte mehr, als wenn er wie ein anſtändiger Menſch geſtorben wäre.“ Bei dieſen Worten wandte er ſich plötzlich gegen die Jungfrau, bekreuzte ſich andächtig und fügte hinzu— „Wahrhaftig, Du ſelbſt mußt es am Beſten wiſſen, ob es recht iſt, daß ich für Schurken bezahlen muß, die ihre Pflicht nicht kennen; und überhaupt, wenn Du weder Engliſch noch Iriſch verſtehſt, ſo habe ich meine Zeit zwei Stunden lang umſonſt vergeudet.“ „He, Mickey, was macht der Major? Major O'Shaughneſſy, meine ich.“ „O, es geht ihm ganz gut, Sir. Nur hat ihn der große Blutverluſt ſehr geſchwächt. Ein verdammter Kerl mit einer Pike, einer von den Schuften, welche man Polen nennt, weil ſie ſo lange Stangen*) mit ſich führen, hat den Major in den Rücken geſtoßen, aber der Doctor Quill— Gott vergelte es ihm, er iſt ein großer Doctor und ein verteufelt luſtiger Kerl— hat ihn im Augenblick kurirt.“ „Und wo iſt er jetzt, Mickey?“ „Ganz in der Nähe in einer kleinen Kapelle, und wir haben Mühe genug, ihn ruhig zu halten. Er hat die Arzneien ausgeſchüttet und ſich an den Punſch ge⸗ macht. Auch ſind es nicht gerade Hymnen und Pſalmen, was er die ganze Nacht hindurch ſingt. Ich mußte unaufhörlich Punſch brauen und Lieder ſingen, bis die Morgenglocke ertönte, ſo daß ich vor lauter Punſch und Beten kein Auge zu thun konnte.“ „Wie heißt das Kloſter?“ „St. Peter; aber wie befinden Sie ſich, mein beſter Herr? es iſt wohl Zeit, darnach zu fragen.“ „Viel beſſer, Mick⸗y, viel beſſer: aber da entweder das Getränke oder die Andacht Deine Nerven ſehr an⸗ gegriffen haben, ſo würde es das Geſcheiteſte ſeyn, wenn Du Dich ein paar Stunden auf's Ohr legteſt.“ „Eben das kann ich nicht, denn ſehen Sie, ich dichte jetzt gerade ein Lied für den Abend. Die Schützen halten ein kleines Feſt mahl und ich ſoll durchaus dadei ſeyn. Ich bin jetzt zwar mit meinem Liede fertig, weiß aber doch nicht, ob es gelungen iſt; würden mir Ew. Gnaden vielleicht Ihre Anſicht daruber ſagen?“ *) Pole— Stange. A. d. Ueb. 77 „Recht gern, Mickey; laß hören.“ „Aber ſchickt ſich das wohl vor der gebenedeiten Jungfrau und den zwei Heiligen dort in Glaskäſten? Doch wenn man aus dem Haus ein Spital macht, und nachdem der Major die ganze Nacht hindurch geſungen at.“— „Ganz richtig, Mickey, nur heraus damit.“ „Nun gut Madame,“ ſagte er zu der Jungfrau ge⸗ wendet,„da ich vermuthe, daß Sie nicht Engliſch ver⸗ ſtehen, ſo glauben Sie vielleicht, es ſey mein Geſchäft, zu ſingen. Alſo mit Ew. Gnaden Erlaubniß, da iſt das Lied. Während Mikey ſein Gedicht, eine wahre Muſter⸗ probe von naupengeheuerlicher Drolligkeit, mit ſeiner vielbewährten Virtuoſität vortrug, trat Doctor Quill in's Zimmer. „Nun, wie geht's dem Major?“ rief ich ihm zu, als er noch unter der Thüre ſtand.„Iſt der arme Kerl doch außer Gefahr?“ 8 „O ja, nur hat er noch einen krankhaften Appetit. Sein Bedienter kochte ihm den ganzen Tag Grütze in einem Gefäß, das dem Grogkeſſel auf einer Fregatte nicht unähnlich iſt. Aber wiſſen Sie auch die große Neuigkeit? Sparks iſt ausgewechſelt. Er kam geſtern Nacht hier an, aber ſobald er mich anſichtig wurde, ging er ſchnell wieder davon. Bei Gott, ich glaube, er würde lieber einen Monat in Veidun, als eine Woche in meiner Geſellſchaft zubringen.“ „Apropos Doctor, Sie haben mir noch nicht geſagt, woher dieſe Antipathie von Sparks ſtammt“ „Nun. ich habe ihn aus dem l0ten vertrieben, be⸗ vor er drei Wochen beim Regiment war“ „Ah richtig, ich erinnere mich, daß Sie die Ge⸗ ſchichte auf unſerem Rückzuge vom Coa angefangen haben, aber wir wurden damals unterbrochen.“ „Ja, ich mußte zum Nachtrab, um einigen Herren die Beine abzunehmen, die nicht mehr tanzgerecht waren, aber da jetzt keine Unterbrechung zu befürchten ſteht, ſo will ich vollenden. Doch vor Allem laſſen Sie mich nach der Wunde ſehen. Welch herrliche Anatomen die franzöſiſchen Artilleriſten ſind! Fühlen Sie, was für ein Ding ich hier unter meiner Zange habe? Nun, nur nicht ſo aufgeſprungen, es iſt ein Stück vom Arm⸗ nerv und auf's Sauberſte blosgelegt. Schnell ein wenig Leinwand her, Mickey— biegen Sie Ihren Arm ein wenig— ſo iſt's recht, aber bewegen Sie Ihre Finger nicht. Jetzt, Charley, zu Freund Sparks. Ich glaube Ihnen geſagt zu haben, was für ein Schlag von Men⸗ ſchen die Herren vom 10ten waren— die ärgſten Wild⸗ fänge zehn Meilen in der Runde und mit Ausnahme von dreien ſämmtlich aus dem Süden Irlands: die Bocca corcana auf ihren Lippen, Witz und Bosheit in ihren Augen, und im Herzen mehr Drolligkeit und Schwankhaftigkeit, als ſämmtliche Oſſizierstiſche im ganzen Armeecorps aufzuweiſen vermochten. Man mußte ein geborner Spaßvogel ſeyn, um hier ein wenig aufzukommen; jeder dichtete ſeine eigenen Lieder und fang ſie auch, und nur ein bedeutendes Avancement konnte ein Mitglied verlocken aus dem Corps zu treten Denken Sie ſich alſo, welche Acquiſition Ihr Freund Sparks für uns war! Gleich in der erſten Woche hielten wir ein Kriegsgericht über ihn; er wurde angeklagt, niemals in ſeinem Leben ein vernünftiges Wort geſprochen zu haben, und von einem guten Witz ſo viel zu verſtehen, wie ein Irokeſe von der Staatskanzlei, ſodann wenn er ſang, ſeine ſchnarrende, gellende Stimme, ſo daß man die ſchwere Noth zu haben meinte, und vollends ſein Aus⸗ ſehen: Augen, wie waſſerſüchtige Auſtern, das Haar nach allen Richtungen hinausſtehend, wie ein Feld wahnſinnig gewordenen Flachſes, und der Mund immer geöffnet etwa wie der Schlitz in einer Geige. Wahrlich, ein herrlicher Kerl für ein Regiment, das ſich immer gerühmt hatte, die hübſcheſten Leute zu beſitzen! „Was können wir mit ihm anfangen?“ ſagte der 79 Major; ‚ſollen wir ihm ſagen, wir ſeyen nach Indien kommandirt, damit er ſich zu Tode ängſtigt?2⸗ „Oder wollen wir ihm ein hektiſches Fieber an den Hals exerziren?“ „Oder ihn zu Tode trinken?⸗ „Oder ihn in ein Duell verwickeln und fliegellahm ſchießen? 1 „„Nein, ſprach ich,„überlaßt ihn mir: wir wollen ihn zum Regiment hinaus lachen.“ „Gut, er ſey in Ihre Hände gegeben, Maurice, riefen alle einſtimmig.“ „Noch in derſelben Woche ſtanden in der Regi⸗ mentsliſte die Worte zu leſen: Pierce Flynn O'Hay⸗ gerty Fähndrich beim 10ten Regiment durch Austauſch mit Sparks.“ „Aber wie ging das zu, Maurice? Sie haben mir's noch nicht erzählt.“ „O die Sache machte ſich ſehr leicht. Ich that ungemein vertraulich mit Sparks, beklagte unſer beider⸗ ſeitiges hartes Schickſal bei einem ſo verdammten Re⸗ giment zu ſtehen, den niederträchtigſten, gemeinſten Bur⸗ ſchen, deren ganze Kunſt auf den plumpſten Späſſen be⸗ ruhe, und welche ihrem Ruf in der Armee ganz und gar keine Ehre machen. Was mich betrifft, ſagte ich, ſo bin ich blos aus Noth eingetreten; Sie dagegen, der leicht in ein vernünftiges Negiment kommen könnte — nein! ich kann wirklich nicht begreifen, wie Sie es hier aushalten.“ „Aber durch welche Nothwendigkeit ſind denn Sie dazu gezwungen worden?e fragte Sparks theilnehmend. „Ach mein Freund,“ antwortete ich, das iſt der Kummer, der geheime Gram, der in meinem Herzen verborgen bleiben muß.⸗ „Ich ſah, daß ſeine Neugierde erregt war und bot Alles auf, um ſie noch weiter zu treiben. Endlich, als ob ich einer plötzlichen Eingebung der Freundſchaft nicht widerſtehen könnte, ließ ich ihn Verſchwiegenhei 80 ſchwören, nahm ihn dann auf die Seite und begann folgendermaßen:— „Ich darf Ihnen trauen, Sparks, das ſagt mir eine innere Stimme, und wenn ich Ihnen ſage, daß meine Ehre, mein Ruf, mein ganzes Weltglück auf der Spitze ſteht, ſo mögen Sie die Bedeutung dieſes Ver⸗ trauens ſelbſt beurtheilen.“ „Seine Glotzaugen rollten fürchterlich und auf ſeinem Geſichte malte ſich die ſchmerzlichſte Begierde, meine Geſchichte zu hören. „Sie wünſchen alſo zu wiſſen, warum ich das 56ſte verlaſſen habe? Ich will es Ihnen ſagen, aber beden⸗ ken Sie wohl, Sie haben Ihr Wort darauf gegeben, Sie haben geſchworen, es nie zu verrathen.’ „Meine Ehre zum Pfande. „Das iſt genug: ich bin zufrieden. Es war ein kleines Vergehen gegen die Kriegsartikel, eine unbedeu⸗ tende Verletzung des Dienſtreglements; eine nichstſagende falſche Auffaſſung des Regimentsgeſetzbuchs. Man ertappte mich eines Abends, als ich vom Regimentstiſche auf⸗ ſtand mit— was meinen Sie wohl?— in meiner Taſche. Aber Sie ſagens doch Niemand? Nein, nein, ich weiß, Sie ſind verſchwiegen— alſo mit acht Gabeln und einem Saucelöffel; freilich lauter ſilberne Gabeln, das iſt wahr. 3 „Da,“' ſagte ich, ſeine Hand feſt ergreifend, ‚jetzt haben Sie mein Geheimniß; meine Ehre, mein guter Name ſtehen in Ihrer Hand; denn ſehen Sie, ich mußte aus dem Regiment austreten: man kann doch nicht in einem Corps bleiben, wo man nur verlacht wird.“ „Ich bedeckte mein Geſtcht mit dem Schnupftuch, als wollte ich meine Beſchämung verbergen, ging dann weiter und überließ Sparks ſeinen Betrachtungen. Ge⸗ rade an demſelben Abend hatten wir zufällig einige Fremde am Tiſche; die Flaſche ging munter um und die Fröh⸗ lichkeit ſtieg wie gewöhnlich bis auf den höchſten Grad, 81 als auf einmal vom untern Ende der Tafel eine Stimme ſich hören ließ, die mit der pomphafteſten Wichtigkeit um Erlaubniß bat, den Präſidenten wegen einer Sache an⸗ zureden, wobei die Ehre des ganzen Regiments bethei⸗ ligt ſey. 3„Ich erhebe mich, Gentlemen, begann Mr. Sparks, zmit den ſchmerzlichſten Gefühlen, wie groß auch immer die Ungebundenheit der Lebensweiſe und die Zwanglo⸗ ſigkeit des Tons bei dieſem Regiment ſeyn mag, ſo hätte ich doch nie geglaubt, daß ein ſo himmelſchreiender Be⸗ weis, wie mir dieſen Morgen zu Ohren gekommen i—— „Um Gotteswillen,“ rief ich, ‚mein liebſter, beſter Sparks, Sie werden doch nichts ſagen?⸗ „„Doctor Qutill,“ verſetzte er in ſehr ernſtem Tone, zes iſt mir unmöglich, die Sache zu verſchweigen.⸗ „Ach, mein theuerſter Sparks, Sie werden mich doch nicht verrathen?⸗ „Dabei heftete ich einen Blick flehender Aengſtlich⸗ keit auf ihn, aber er erwiederte ihn mit einem Blick der unbeugſamſten Strenge. „„Mein Entſchluß bleibt unveränderlich, Sir,“ fuhr er fort; ‚es iſt möglich, daß die Herren in dieſem Re⸗ gimente die Sache gelinder betrachten als ich thun kann; aber wiſſen ſollen ſie Alles.⸗ „Heraus damit, Sparks, ſagen Sie es ohne allen Rückhalt,’ riefen viele Stimmen, denn jeder dachte ſichs, da6 ich dem guten Cornet einen Bären aufgebunden abe.“ „Inmitten der ſtürmiſchſten Aufforderungen von der einen Seite und meiner wiederholten Bitten um Schwei⸗ gen von der andern, begann Sparks wie folgt: „„Wiſſen Sie, Gentlemen, warum Doctor Quill das 56ſte Regiment verlaſſen mußte?⸗ „Nein, nein, nein,“ erſcholl es von allen Seiten; zlaſſen Sie hören. 3 Lever, O'Malley. V. 6 82 „Nein, Sir,“ ſprach er gegen mich gewendet. ‚Ver⸗ ſchwiegenheit iſt unmöglich; ein Offizier, der mit Sil⸗ bergeſchirr vom Regimentstiſch in der Taſche ertappt wird—: „Sie ließen ihn nicht ausreden; ein wieherndes Ge⸗ lächter erſchütterte die Tafel von einem Ende zum an⸗ dern, während Sparks von Entſetzen ergriffen über den Mangel an Anſtandsgefühl, womit man einen Gegen⸗ ſtand der Art ins Lächerliche ziehen könne, nach allen Seiten wild um ſich blickte. „Maurice, Maurice,“ rief der Major, ſich die Au⸗ gen wiſchend, ‚nein, das iſt zu arg, das iſt zu arg.: „Barmherziger Gott, ſchrie Sparks; ‚wie? Sie können darüber noch lachen?“ „„Allerdings lachen wir daruber,, entgegnete der Zahlmeiſter;Gott gebe nur, daß mir kein Blutgefäß ſpringt.’ Damit begann das Gelächter von Neuem und währte mehrere Minuten. „Nein, Maurice,“ rief ein alter Kapitän, ‚Sie haben dem armen Burſchen gar zu arg mitgeſpielt. Merken Sie denn nicht, Sparks, daß er Sie an der Naſe herumführt?⸗ „Kaum waren die Worte geſprochen, als Sparks zum Zimmer hinausſtürzte. Die ganze Wahrheit wurde ihm mit einem Mal klar; er ſah, daß er ſich dem mit⸗ leidsloſen Gelächter eines ganzen Regimentstiſches preis⸗ gegeben hatte, und daß er bei dieſem Corps keine Ruhe mehr hoffen konnte. „Wir bekamen einen glorreichen Kerl ſtatt ſeiner und Sparks ließ ſich zu einem Cavallerieregiment herab— ich bitte um Verzeihung, Charley— bei welchem, wie Sie recht wohl wiſſen, ſcharfer Witz und ſchneller Ver⸗ ſtand wenigſtens keine unumgänglichen Erforderniſſe ſind. Werden Sie nur nicht böſe, Freundchen, es könnte Ihnen ſchaden, und nun Adieu für ein paar Stunden.“ — 8³ Hundertſtes Kapitel. 8 Des Grafen Brief. O'Shaughneſſy's Wunde hatte wie die meinige nur wegen des ſtarken Blutverluſtes gefährlich geſchienen. Säbel und Lanze ſind in der That ſelten ſo tödtlich wie die Muskete oder das Bajonett; und das mörderiſche Feuer aus einem Infanterieviereck iſt weit ſchrecklicher in ſeinen Folgen als der nachdrücklichſte Cavalleriean⸗ griff. Wir waren daher ſchon in wenigen Wochen wie⸗ der munter und dienſtfähig: aber für den Augenblick war der Feldzug beendet, denn ſchon kam die Regenzeit mit ihrem Gefolge von Krankheit und Elend. Die Truppen cantonnirten längs der Linie, die Infanterie beſetzte die Dörfer und die Cavallerie hielt ſich auf, wo gerade Fourage zu finden war. Das l4te wurde zu Avintas einquartirt, aber ich kam nur wenig in Berührung mit ihm. Ich war be⸗ ſtändig beim Stabe beſchäſtigt, und da General Craw⸗ fords Thäatigkeit durch die Unterbrechung des Feldzugs um Nichts gemindert wurde, ſo verging ſelten ein Tag, ohne daß ich acht oder neun Stunden zu Pferde ſaß. Die Vorbereitungen zur Belagerung von Ciudad Rodrigo nahmen unſere ungetheilte Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Die Bezwingung dieſer Feſtung, ſowie die Eroberung von Badajoz betrachtete Wellington als Gegenſtände von der höchſten Wichtigkeit und verfolgte ſeine Plane mit dem regſten Eifer. Meiner Anſtellung beim Stab verdankte ich die Gelegenheit, das ſtaunens⸗ werthe Kriegsgeſchäft, genannt Belagerung, näher kennen zu lernen, und da viele von meinen Freunden zu der Belagerungsarmee gehörten, ſo brachte ich manche Nacht in den Laufgräͤben zu. Im Uebrigen begann das Leben höchſt langweilig und trübſelig zu werden. Tag⸗ täglich ſtrömte endloſer Regen herab; die Nahrungs⸗ . 6 mittel waren ſchlecht, dabei dürftig und unregelmäßig zugemeſſen; die Hoſpitäler waren mit Kranken überladen; an Jagdſpiele durfte man nicht denken; Bücher fanden ſich nirgends vor, und ſo nahm auf allen Seiten eine dumpfe Niedergeſchlagenheit überhand. Denjenigen, welche bei der Belagerung thätig beſchäftigt waren, kam wenigſtens die Aufregung und die intereſſanten Arbeiten einer ſolchen Unternehmung zu gut; aber auch hier rückten die Werke nur langſam vor; die Artillerie war in allen Beziehungen mangelhaft; der Regen unterminirte die Baſtionen, der thonigte Boden ſank unter dem Gewicht des ſchweren Geſchützes, und die Stürme einer einzigen Nacht zerſtörten manchmal die Arbeit ganzer Wochen. So ſtrichen die Monate trübſelig dahin; ſelbſt bei den munterſten und fröhlichſten Geſellen unter uns begann ſich Verſtimmung und Lebensüberdruß kund zu thun. Auch die Ausſichten für die nächſte Zukunft geſtalteten ſich nichts weniger als freundlich. Wir hörten blos von bedeutenden Verſtärkungen der Fran⸗ zoſen in Eſtremadura; man meldete uns, daß der Kaiſer, dem ſeine Siege in Deutſchland die Möglichkeit ver⸗ ſchafft, alle ſeine Kräfte auf den ſpaniſchen Feldzug zu wenden, im nächſten Frühjahr mit ungeheurer Ueber⸗ macht und dem feſten Entſchluß, uns aus der Halbinſel zu verjagen, ſelbſt erſcheinen werde. In einem Gemüthszuſtande, den nur ſolche düſtere Ausſichten erklären können, kehrte ich eines Abends nach meinem Quartier in Mucia zurück, als Mickey mir ent⸗ gegen galoppirte mit einem großen Paket in der Hand, das er ſchon von weitem hoch empor hielt.„Briefe aus Eng⸗ land, Sir,“ rief er;„ſo eben mit den Depeſchen des Gene⸗ rals angelangt.“ Ich öffnete das Couvert, welches mit dem Siegel des Kriegsminiſteriums geſtempelt war, und eine wahre Lawine von Briefen ſiel vor meinen Füßen nieder. Der erſte, den ich ins Auge faßte, war eine offizielle Mittheilung, daß der Prinzregent gnädigſt geruht habe, meine Beförderung zum Kapitän zu beſtä⸗ 8⁵ tigen, und daß ſich dieſelbe von meiner faktiſchen Ernennung dazu datire u. ſ. w. u. ſ. w. Während mein Auge raſch über die Zeilen hinflog, konnte ich mich eines ſchmerzlichen Gefühls nicht erwehren bei dem Ge⸗ danken, daß dieſes Schreiben, obſchon es aus Sir George Daſhwoods Bureau kam, dennoch nicht ein einziges Wort freundlicher Theilnahme und Erinnerung enthielt, ſondern in dem gewöhnlichen kalten Geſchäfts⸗ ſtyle abgefaßt war. In der Ungeduld, auch den Inhalt der übrigen Briefe kennen zu lernen, beſchäftigte ich mich indeß nicht lange mit ſolchen Betrachtungen, ſon⸗ dern ſchob alle zuſammen ſchnell in meine Säbeltaſche und galoppirte ohne weitern Verzug nach meinem Quartier. Dort ſetzte ich mich jetzt einſam und ſtille nieder, um mich mit meinen Lieben in der Ferne zu unter⸗ halten aber trotz aller Neugierde brachte ich doch mehrere Minuten damit zu, die Briefe nach allen Seiten zu betrachten und zu rathen, von wem ſie wohl kommen, was ſie wohl enthalten möchten. Ah, Frank Webber, Deine flüchtige kühne Hand erkenne ich auch ohne Hülfe der Anfangsbuchſtaben Deines Namens; aber hier, was mag dies ſeyn?— Dieſes ſchiefe, mißgeſchaffene Ding, das an den 47ten Satz im Euklid erinnert, worauf die Adreſſe offenbar mit einem in Lampenruß getauchten Katzenſchwanz geſchrieben iſt? Ja, wahrhaftig, es iſt für Mr. Free. Und was haben wir da? Dieſe wunder⸗ lichen, aber doch zierlichen Züge ſind mir nicht unbe⸗ kannt: wie manchmal habe ich ſte als das non plus ultra kalligraphiſcher Kunſt bewundert! Aber hier iſt ein Brief, aus dem ich nicht klug werde; wer in aller Welt mag dieſe bolzgeraden, altmodiſchen Buchſtaben gemalt haben, von denen ſich kein einziger mit ſeinem Nachbar vertragen zu können ſcheint?— Das O in meinem Namen dreht dem M geradezu den Rücken und das Y hinten ſchlägt zungeberdig, wie toll um ſich, und nun vollends das Siegel— Ah, richtig, jetzt erkenne ich wieder dieſen Greifenkopf und das ſtrenge Motte: non abgelegene Papier ſcheint aus der Zeit ſeiner Jugend zu ſtammen, und ich könnte darauf wetten, daß ſeine ſtarrſinnige Feder ſchon vor einem halben Jahrhundert geſchnitten worden iſt. Doch jetzt will ich mich nicht wie folgt: „O'Malley Caſtle den 3. November. „Lieber Charley— da ſitzen wir in dem kleinen Geſellſchaftszimmer mit Deinem letzten Brief, der Times und einer großen Karte vor uns, trinken auf Deine Geſundheit und wünſchen Dir fernere Fortſchritte auf Deiner glorreichen Laufbahn, die Du mit ſo vielem Glück begonnen haſt. So alt ich bin— zwei oder drei und achtzig im Juni, ich weiß es ſelbſt nicht mehr genau— ſo beneide ich Dich dennoch von ganzem Herzen. Das Glück hat Dir zur Seite geſtanden, mein Junge, und wenn ein franzöſiſcher Säbel oder ein Bajonett Dir jetzt den Garaus macht, ſo haſt Du wenigſtens glänzende Tage gehabt. Ich hatte Dich voll⸗ kommen richtig beurtheilt und Godfrey geſteht es jetzt ſelbſt; ein Advokat, ja wohl! Hol der Teufel alle zu⸗ ſammen, wir haben von dieſen Rechtsverdrehern genug ausgeſtanden. Da iſt z. B. der alte Heneſſy— der ehrliche Jack, wie ihn die Leute zu nennen pflegten— dem ſich Dein Oheim ſeit vierzig Jahren anvertraut hat, nach Amerika gegangen und hat zuvor achtzehn⸗ tauſend Pfund auf ſeinen Namen aufgenommen. Der alte Schurke— doch was nützt jetzt alles Gerede hinten⸗ drein— es iſt ein harter Schlag für Godfrey und das Podagra quält ihn ärger als je. Drumgold hat die 87 Sache in der Kanzlei anhängig gemacht, damit alle unſere Güter verſteigert werden ſollen, aber die Pächter haben offen rebellirt und ſchwören, daß ſie jeden todt⸗ ſchlagen werden, der ſich als Liebhaber melden wollte. Während der Aſſiſen kamen ſie wirklich mit ſolcher Macht nach Galway und trieben ſo viel Unfug, daß die Sitzungen vertagt werden und die Geſchwornen mit militäriſcher Bedeckung ſich entfernen mußten. Dies thut nun freilich unſerem Gefühle einigermaßen wohl, und wir ſehen, daß, Gott ſey⸗Dank! immer noch etwas Gutes in der Welt iſt. Kilmurry wurde in der letzten Woche für zwölftauſend Pfund verkauft; Andy Blake kündigte das Kapital, obgleich wir ihm alle möglichen Vortheile boten. Dies hat den armen Godfrey ſchwer gekränkt und obendrein hat eine höchſt übel angebrachte Sparſamkeit— er trinkt nämlich jetzt blos zwei Flaſchen Claret nach Tiſch— ihm das Podagra in den Kopf getrieben. Man hat ihm weiß gemacht, dies werde ſeine Tage verlängern; ich habe es ſelbſt einmal ver⸗ ſucht, und wahrhaftig, es war dies der längſte Tag, den ich in meinem Leben verbracht habe. Von Dir hoffe und erwarte ich, daß Du Dein Glas führſt wie ein Gent⸗ leman, und zwar wie ein iriſcher Gentleman. „Kinſhela hat, wie ich höre, auf Haus und Möbel Beſchlag gelegt, aber ſchon der Verſuch den Kauf zu vollziehen, tödtete Deinen Oheim beinahe. Es wurde in einer Londner Zeitung angezeigt, und ein alter Ge⸗ neral bot darauf. Du wirſt Dich ſeiner wohl noch erinnern, er war einmal hier und benahm ſich im An⸗ fang ſehr freundlich gegen Dich. Er wollte, wie es ſcheint, ſeinen Namen nicht bekannt werden laſſen; aber wir brachten ihn doch heraus und ſandten ihm einen Brief, den er gewiß nicht an den Spiegel ſteckt. Hof⸗ fentlich iſt dieem Sir George Daſhwood jetzt die Luſt vergangen, das Gut eines Galway'’ſchen Edelmanns zu kaufen, ſo lange dieſer noch lebt. Godfrey that ihm zu wiſſen, daß er ſich ihm überall ſtellen werde, wo er nur wünſche, und wenn der Doctor glaubte, er könne noch eine Seereiſe aushalten, ſo würde er ihn in Holyhead aufſuchen. Aber der jämmerliche Geſelle ſchickte eine Art Entſchuldigungsbrief mit etlichen albernen Er⸗ klärungen von Motiven ganz anderer Art; doch wir ſind jetzt mit ihm fertig und hoffentlich auch er mit uns.“ Als ich bis dahin gekommen war, fühlte ich mich außer Stands, weiter zu leſen. Das vielfache Mißge⸗ ſchick, das Schlag auf Schlag den Mann getroffen, welchen ich von allen in der Welt am meiſten liebte; die unverdiente, beinahe muthwillige Beſchimpfung des andern Mannes, auf dem alle meine Hoffnungen au künftiges Glück beruhten, drückte mich gänzlich zu Bo⸗ den. Ich bemühte mich weiter zu leſen: aber ach, das Unglücksverzeichniß wollte kein Ende nehmen; jede Zeile verkündete ein neues Mißgeſchick, Alles deutete auf den gründlichen Ruin unſeres Hauſes; die Belege dafür hatte der Graf zum Ueberfluß beigeſchloſſen. Meine trübſten, düſterſten Ahnungen hatten ſich be⸗ ſtätigt: Krankheit, Armuth, quäleriſche, gefühlloſe Gläu⸗ biger, Verrätherei und Undank trieben ein Gemüth, das die Güte und Liebe ſelbſt geweſen, zur Verzweiflung und Raſerei. Das ſterbende Herz wurde durch rauhe Schickſalsſchläge zermalmt; und er, der jeden ſeiner Nachbarn wie einen Bruder geliebt hatte, er, der allen ſeinen Mitmenſchen mit dem vollkommenſten Vertrauen entgegengekommen war, mußte noch am Rande des Grabes die Ueberzeugung gewinnen, daß nirgends auf Erden Treu und Glauben zu ſinden ſey. Einen unpaſſenderen Rathgeber als Conſidine konnte es bei Schwierigkeiten dieſer Art nicht geben. Seine gänzliche Verachtung aller geſetzlichen Formen mußte meinen armen Oheim in immer größere Unannehmlich⸗ keiten verwickeln, und ſo beſchloß ich denn um Urlaub zu bitten, oder falls er mir verweigert würde, meine Entlaſſung zu nehmen. Freilich erfüllte mich die⸗ ſer Gedanke mit einem Kummer, der an Verzweiflung 89 gränzte. Das Soldatenleben war bei mir zur Leiden⸗ ſchaft geworden: ich liebte es wegen ſeiner kühnen, ritterlichen Begeiſterung, wegen ſeiner Kämpfe und Ge⸗ fahren, ſeiner Mühſeligkeiten und Strapazen: ja nicht blos ſeine Triumphe, ſondern auch ſeine weniger glän⸗ zenden, ſeine herben und bittern Seiten waren mir theuer, die Luſt an Abenteuern und Gefahren, dieſes aufregendſte aller Spiele, war mir zur zweiten Natur geworden: und nun ſollte ich allem dieſem entſagen, ſollte die täglichen und ſtündlichen begeiſternden Anregungen des Feldzugslebens gegen die düſterſten Ausſichten vertau⸗ ſchen— dieſer Gedanke brachte mich beinahe zum Wahn⸗ ſinn. Gleichwohl überwältigte mein Pflichtgefübl gegen den Mann, der in ſeiner Liebe Alles für mich geopfert hatte, jedes andere Bedenken und mein Entſchluß ſtand feſt. Vater Ruſh ſchrieb ſo ziemlich das Gleiche wie der Graf. Sein Brief handelte von Nichts als von Schul⸗ den, Elend, Noth und Krankheit und als ich ihn zu Ende gebracht, war es mir, als ſchwebe eine trübe, verhängnißvolle Wolke über allen meinen Lebensplanen. Webbers Schreiben konnte ich nicht leſen: ſeine über⸗ müthige Jugendluſt wäre mir in dieſem Augenblick wie der kalte, gefühlloſe Hohn eines Feindes erſchienen. Endlich ſetzte ich mich und ſchrieb ein Urlaubsgeſuch und bat den General, es mit einigen empfehlenden Worten in's Hauptquartier zu ſenden. Nachdem dies Alles geſchehen war, warf ich mich auf mein Bett, verſank, überwältigt von Anſtrengung und Kummer in einen tiefen Schlaf und träumte von meinen Lieben in der Heimath, die mir, ſeltſam genug, umgeben von allen Herrlichkeiten, welche meine Kindheit ſo unendlich verſchönt hatten, vor Augen ſchwebten. 9⁰ Hundertunderſtes Kapitel. Die Laufgräben. „Ich habe keine Zeit gehabt, O'Malley, an Ihr Geſuch zu denken,“ ſagte Crawford;„auch werde ich wohl in den nächſten Tagen nicht dazu kommen. Da leſen Sie.“ So ſprechend, ſchob er mir ein mit Bleiſtift geſchriebenes Billet zu, das alſo lautete:— Ciudad Rodrigo den 18. Dezember. „Lieber C.— Fletcher ſagt mir, die Breſchen wer⸗ den bis morgen Abend einen Sturm erlauben, und ich bin ſeiner Anſicht. Kommen Sie alſo ungeſaumt herü⸗ ber, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“ —„Ihr W.“ „Ich habe einige Depeſchen für Ihr Regiment, aber wenn Sie vorziehen, mit mir zu kommen—“ „Theuerſter Herr General, dürfte ich um dieſe Ver⸗ günſtigung bitten?“ „Gut, kommen Sie, aber vergeſſen Sie nicht, daß ich Ihnen keine Arbeit verſprechen kann, obſchon meine Diviſion zum Kampfe kommen wird; laſſen Sie Ihre Pferde bereit halten, ſo wollen wir aufbrechen.“ Am folgenden Nachmittag gelangten wir auf die große Ebene vor Ciudad Nodrigo, wo die vereinigte Armee, zwölftauſend Mann ſtark, jetzt aufgepflanzt ſtand. Den lauten Donner der Belagerungsartillerie hatte ich ſchon ſeit einigen Stunden gehört, aber ſo hoch auch durch dieſes Vorſpiel meine Erwartungen geſteigert waren, ſo hatte ich doch ganz und gar keine Ahnung von dem prachtvollen Schauſpiel, das ſich jetzt vor meinen Blicken aufthat. Die Luft war ruhig und ſtill; ein blauer, klarer Winterhimmel dehnte ſich über unſern Häuptern aus, aber der dichte Dampf der Kanonen rollte in ge⸗ waltigen Maſſen auf der Erde hin und verhüllte den untern Theil der Feſtung gänzlich; über dieſem Nebelmeere 91 jedoch ragten die von hohen Thuͤrmen und Zinnen geſchütz⸗ ten Bruſtwehren, gleich Feenpaläſten zum heitern Himmel empor. Von Zeit zu Zeit flammte ein heller Blitz laut⸗ krachend von den Wällen her, aber der endloſe Donner unſerer Artillerie übertäubte beinahe alle andern Töne, außer wenn aus den Laufgräben ein Triumphgeſchrei erſcholl und das Geraſſel einſtürzender Mauern den Grund deſſelben verkündete. Auf allen Seiten herrſchte die größte Thätigkeit; Truppenabtheilungen drängten ſich in den Parallelen, Munitionswagen zogen nach der Fronte, Generale und Stabsofftziere jagten wild einher, Alles verkündete, daß die Stunde des Angriffs nahe war. Während die ganze Armee in banger Erwartung dem Beſchluſſe des Obergenerals entgegenſah, langte der Tagsbefehl an, der in gedrängter Sprache die noͤthigen Anordnungen verkündete und mit den kraftvollen Wor⸗ ten ſchloß:„Ciudad Rodrigo muß heute Nacht erſtürmt werden.“ Allen Gedanken in Betreff der Truppen, die zu dieſem kühnen Unternehmen verwendet werden ſollten, war bald ein Ende gemacht, denn mit dem feinen Takt, der ihn charakteriſirte, traf Lord Wellington keine Neid erregende Auswahl, ſondern befahl einfach, der Angriff ſolle von denjenigen Diviſionen ausgeführt werden, die ſich zufällig an dieſem Tagein den Laufgräben befanden. Der zten und der leichten Diviſion ſiel ſomit dieſe glorreiche Aufgabe zu; die erſtere ſollte die Hauptbreſche ſtürmen, Crawfords Diviſion aber erhielt das wo möglich noch ſchwerere Geſchäft, die kleinere Breſche wegzunehmen, während Paks portugieſiſche Brigade das Kloſter La Cari⸗ dad durch einen Scheinangriff bedrohen ſollte, welchen man, wenn die Umſtände es erlaubten, in einen wirklichen An⸗ griff zu verwandeln gedachte. Dieſer wohlüberlegte und alle Einzelnheiten in ſich begreifende Beſchluß war gleichwohl ſo ſchnell gefaßt worden, daß alle Stabsoffiziere den ganzen Abend hin⸗ durch genug zu thun hatten, um den verſchiedenen Re⸗ gimentern die Befehle zu überbringen, Als der Tag 92 ſich neigte, ließ die Kanonade von beiden Seiten nach; nur von Zeit zu Zeit ertönte ein vereinzeltes Geſchütz, und in der ruhigen Stille umher wiederhallte ſein Don⸗ ner durch die Thäler der Sierra; aber als der Mond aufging und die Nacht einbrach, verſtummte auch dieſer Ton und ringsum herrſchte die vollkommenſte Ruhe und Stille. Selbſt in den Laufgräben, die doch mit unruhevoll harrenden Soldaten überfüllt waren, vernahm man nicht das leiſeſte Geflüſter, und mitten in dieſem gewaltigen Heer, das die Ebene erfüllte, konnte man deutlich die Tritte einer Patrouille vernehmen, ſowie den heiſeren Ruf der franzöſiſchen Schildwachen auf den Wällen, welche verkündeten, daß in Ciudad Rodrigo Alles gut ſtehe. Die maſſive Feſtung, die in der Dunkelheit noch viel feſter erſchien, war ſtill wie das Grab; nur in der größeren Breſche ſah man einen Augenblick ein ſchwa⸗ ches Licht, das aber plötzlich verſchwand und Alles in der früheren Finſterniß zurückließ. Da ich mit Befehlen zur 3ten Diviſion abgeſandt war, zu welcher das Ssſte gehörte, ſo nahm ich die Gele⸗ genheit wahr, O'Shaughneſſy aufzuſuchen, der ſelbſt eine Abtheilung von M'Kinnons Brigade zum Sturme führen ſollte. Er ſprang mir entgegen, ergriff mit ungewöhn⸗ licher Ernſthaftigkeit meine Hand, und rief:„Sie haben uns gefehlt. Charley, mein Junge, Sie müſſen uns einen Dienſt erweiſen.“ Bevor ich antworten konnte, fuhr er in leiſerem Tone fort:„Ein junger Offizier von uns, Harry Beauelere, iſt in den Laufgräben gefährlich verwundet, aber da in Folge eines Mißverſtändniſſes ſeine Wunde als unbedeutend angezeigt worden iſt, ſo beſteht der arme Kerl, obſchon er kaum mehr ſtehen kann, feſt dar⸗ auf, den Sturm mitzumachen. „Hieher, Major, hieher!“ rief eine Stimme un⸗ weit von uns. 9³ „Folgen Sie mir, O'Malley,“ ſagte O'Shaugh⸗ neſſy in der angezeigten Richtung forteilend. 3 Beim Schein einer Laterne konnten wir zwei Of⸗ fiziere entdecken, die auf dem Boden knieten. Zwiſchen ihnen auf dem Gras lag ein Dritter, auf deſſen vom blaſſen Lichte beglänzten Zügen die Hand des Todes ſich zu verbreiten ſchien. Auf ſeinen Lippen lag ein leichter mit Blut gefärbter Schaum, und das hellrothe Blut, das die gelben Aufſchläge ſeiner Uniform färbte, ver⸗ kündete, daß ſeine Wunde in der Lunge war. „Er iſt ohnmächtig,“ ſprach einer der Offtziere in leiſem Tone. 3 „Glauben Sie wirklich, daß es eine Ohnmacht iſt,“ fragte der andere noch leiſer. „Sie ſehen, wie es ſteht, Charley,“ ſagte O'Shaugh⸗ neſſyz„der arme Junge muß in's Lazareth gebracht werden; wollen Sie nun als ein guter Kamerad die Freundſchaft haben, zum Oberſten Campbell zurückzu⸗ eilen und ihm die Sache zu melden? Im Fall Beau⸗ elere je wieder aufkommt, ſo würde es ihn tödten, wenn über ſein Benehmen ein Zweifel obwalten könnte.“ Während er ſprach, legten vier Soldaten des Re⸗ giments den Verwundeten auf ein Tuch. Ein tiefer Seuſger entfuhr ihm und er murwelte einige gebrochene orte. „Der arme Junge, er ſpricht von ſeiner Mutter; er iſt erſt einen Monat im Dienſt und eigentlich noch ein Knabe. Kommen Sie, O'Malley, Sie dürfen keine Zeit verlieren. O Gott, es iſt zu ſpät; da ſteigt die erſte Nakete auf und die Colonnen müſſen ſich formiren. In zehn Minuten beginnt der Sturm.“ „Was gibt es, Giles?“ fuhr er gegen einen der Offiziere fort, der die Soldaten anhielt, als ſie mit ihrer Laſt eben fortgehen wollten,„was gibt es?“ „Ich habe nur das weiße Band von ſeinem Arme deichnitten damit er beim Erwachen nicht an den Sturm enkt.“ 2 94 „Ganz recht, ſehr klug,“ entgegnete der Major „aber wer ſoll ſeine Leute anführen? er ſtand auf dem verlornen Poſten.“ „Ich will es thun,“ rief ich voll Eifer.„Sie dürfen es mir nicht abſchlagen. O'Shaughneſſy.“ „Abſchlagen, mein Junge!“ rief er freudig, indem er meine Hand ergriff,„nein, gewiß nicht, aber Sie müſſen Ihren Rock wechſeln. Die tapfern Burſchen vom 8sſten werden zwar die Stimme Ihres Landsmannes jedenfalls erkennen, aber Ihre Uniform könnte verdammt leicht ein feindliches Bajonett in Ihre Bruſt führen. Kommen Sie alſo zu mir, wir wollen Sie in einen Schützen umwandeln.“ „Ich kann Ihrem Freunde eine Mütze geben.“ „Und ich,“ ſagte ein anderer,„eine Branntwein⸗ flaſche; auch dieſe iſt bei einem Sturme nicht zu ver⸗ achten.“ „Hoffentlich,“ ſagte O'Shaughneſſy,„iſt Maurice bald aufgefunden: ihm können wir Beauclerc mit Ruhe überlaſſen“ „Nein,“ antwortete Giles,„Quill iſt in dieſem Au⸗ genblick in den Laufgräben und wird nicht der Letzte bei der Breſche ſeyn.“ „Folgt mir jetzt,“ ſagte O'Shaughneſſy leiſe; „unſere Leute ſind im Winkel dieſes Laufgrabens. Wer zum Henker ſpricht da ſo laut 2“ „Es muß Maurice ſeyn,“ meinte Giles. Die Frage wurde bald durch die Erſcheinung des Doctors ſelbſt entſchieden, der ſeinem Hoſpitalſergeanten Aufträge ertheilte. „Ja, Peter, bring die Inſtrumente an einen beque⸗ men Ort nahe bei der Breſche. In den Ruinen iſt manches hübſche Plätzchen, wo wir in aller Bequem⸗ lichkeit amputiren können.“. „Hört den Hallunken,“ ſagte Giles ſchaudernd. „Der Gedanke an ſeine verdammten Sägen und Lan⸗ zetten iſt mir aͤrger, als alle franzöſiſchen Haubitzen.“ 9⁵ „Und dennoch,“ verſetzte O'Shaughneſſy„gibt es keinen gutherzigern Menſchen als dieſen Maurice. Ge⸗ wiß würde er in dieſem Augenblick weit lieber ein Schwert als eine Säge handhaben.“ 3 3 „Ja, gewiß Dennis,“ ſagte Quill, der dieſe Worte gehört hatte;„aber wir ſind beide, jeder auf ſeine Art, nützlich, wie der Henker zu Lord Clare ſagte.“ „Sollten Sie nicht eigentlich beim Nachtrabe ſeyn, Maurice?“ fragte ich. „Ganz richtig, O'Malley,“ flüſterte er,„aber ſehen Sie, ich habe einen kleinen Groll auf die Corker Ver⸗ ſicherungsgeſellſchaft, weil ich ihr eine Podagraprämie bezahlen ſoll, und darum bin ich hier. Ich ſagte ihnen gleich, ihre Knickerei würde ihnen keinen Nutzen bringen.“ „Ach, Kapitän O'Malley,“ ſagte Giles,„ich kann Ihnen leider mein Wort nicht halten. Mein Bedienter iſt mit allen meinen Effekten zum Nachtrabe gegangen.“ „Was iſt da zu machen? erwiederte ich. „Kann ich Ihnen vielleicht mit einem Skalpel dienen?“ fragte der Doktor. „Nein, Maurice, ich will heute Abend mit Ihren Kameraden den Dienſt thun.“ „In der Breſche?— Mit den Stürmern?“ „Mit dem verlornen Poſten,“ ſagte O'Shaughneſſy. „Beauclere iſt ſo ſchwer verwundet, daß wir ihn zurück⸗ ſenden mußten, und Charley hat als ein braver Kame⸗ rad ſeinen Platz eingenommen.“ „Martin meldete mir,“ ſagte Maurice,„Beauclere ſey blos betäubt; aber auf Ehre, die Hoſpitalchirurgen heut zu Tage ſind nicht beſſer, als die Uhrmacher, ſie können die Fehler nicht eher entdecken, als bis ſie das Werk auseinander genommen haben. Doch halt, dort ſteigt ein blaues Licht auf.“ „Vorwärts, vorwärts,“ flüſterte O'Shaughneſſy!„die Rakete verkündet Sturm, wir müſſen beginnen.“ „Aber was ſoll ich wegen eines Rockes machen?“ 96 „Nehmen Sie den meinigen,“ ſagte Maurice und zog eine Uniform von grobem, grauem Fries aus.„Ein hübſches Stück von einer Uniform,“ fuhr er gegen uns gewendet fort;„ſehe ich nicht gerade aus, wie die Ge⸗ mälde Georgs I. in der Schlacht von Dettingen?“ Ein beifälliges Gelächter war unſere einzige Ant⸗ wort, während Maurice fortfuhr, ſein höchſt außeror⸗ dentliches Gewand abzulegen. „Was in aller Welt iſt das?“ fragte ich. „Verachten Sie es nicht, Charley; es kennt den Pulvergeruch ſo gut, wie irgend ein Stück Scharlach im Heere; es iſt,“ fügte er flüſternd hinzu,„die alte Uniform der Roscommon⸗Miliz. Mein Oheim komman⸗ dirte ſte im Jahre 1742 und dies war ſein Rock. Ich will gerade nicht behaupten, daß er damals neu geweſen ſey, denn ſehen Sie, es iſt ein Erbſtück in der Familie Quill, und eben darum würde ich ihn nicht jedem leihen.“ „Tauſend Dank, Maurice,“ ſagte ich und knöpfte den Rock lachend zu. „Er paßt Ihnen wie ein Schilderhaus,“ ſagte Maurice, indem er mich mit einer Laterne muſterte. „Die Schöße ſtehen hinten auf die maleriſchſte Art von einander, und wenn Sie ihn ganz zuknöpfen, ſo wird es Ihren Kopf ſo hinaufdrücken, daß Sie außer dem Monde Nichts ſehen. Schade, daß Sie den dreieckigen Hut mit der ſchmucken Feder nicht haben; ſo wahr ich Maurice heiße, die Franzoſen würden vor Schrecken davon laufen. Drehen Sie ſich einmal um und laſſen Sie ſich bewundern. Wenn Sie ſich ſelbſt im Spiegel ſehen könnten, ſo würden Sie nicht zu den Dragonern zurück⸗ kehren. Nun aber nehmen Sie ſich wohl in Acht und ſetzen Sie ſich nicht der Gefahr aus, denn ich möchte nicht um eine ganze Wochengage die blauen Aufſchläge verdorben haben.“ 3 „Ah, Sie ſind's alſo, lieber Herr Doctor,“ ſagte eine Stimme hinter mir.„Ich drehte mich um: es 97 war Mickey Free, aus deſſen Zügen die tiefſte Bewun⸗ derung für Maurice leuchtete. ‚Ihnen fehlt es nie an einem luſtigen Einfall,“ fügte er gegen dieſen hinzu.“ „Geh' mit den Pferden zum Nachtrab, Mickey; dies iſt kein Platz für Dich und die Thiere. „Gute Nacht, Mickey,“ ſagte Maurice. „Gute Nacht, Herr Doctor,“ murmelte Mickey, „möge ich niemals in Ihre Hände gerathen.“ „Jetzt ſind Sie zum Ball ausſtaffirt, ſagte Mau⸗ rice, die weiße Binde am Arm befeſtigend,„und nun, mein Junge, friſch vorwärts, denn ich glaube ſchon Picton zu hören. Nicht als ob es viel zu bedeuten hätte, denn er iſt immer in einer himmliſchen Laune, wenn er die Leute zum Sterben führen darf. Gewiß würde er ſich wie ein Engel benehmen, wenn er nur wüßte, daß der Boden unter ſeinen Füßen unterminirt wäre.“ „Charley, Charley,“ rief O'Shaughneſſy leiſe, „kommen Sie ſchnell hieher.“ 3 „Nr. 24 John Forbes?— Hier! Edward Gilles⸗ pie?— Hier!“ „Wer führt dieſe Abtheilung an, O'Shaughneſſy?“ „Mr. Beauclerc, Sir,“ antwortete der Major, mich am Arm vorſchiebend. „Halten Sie Ihre Leute zuſammen, Sir; ſparen Sie das Pulver und verlaſſen Sie ſich auf das kalte Eiſen.“ So ſprechend drückte er mir kräftig die Hand und ritt weiter. „Wer war das, Dennis?“ fragte ich. „Kennen Sie ihn nicht, Charley? Es war Picton.“ Lever, O'Malley. W. 7 98 Hundertundzweites Kapitel. Der Sturm anf Ciudad Rodrigv. Die Heiterkeit des vorhergehenden Augenblicks machte jetzt auf einmal dem entſchiedenſten Ernſte Platz. Die tieftönige Glocke der Kathedrale ſchlug ſieben und kaum waren ihre Klänge in der Ferne verhallt, als man den Fußtritt der Regimenter vernahm, die behutſam vor⸗ wärts marſchirten. Ein leiſes, murmelndes Geflüſter lief durch die Reihen der Vorhut, die Halsbinden wurden loſer geſchnallt, Gepäck und Torniſter auf den Boden geworfen, die Mützen feſter auf den Kopf gedrückt und mit zuſammengepreßten Lippen, mit feſtem Auge erwar⸗ tete jeder den Befehl zum Angriff. Endlich kam er: das Wort Marſch tönte leiſe von Glied zu Glied und die dunkle Maſſe bewegte ſich vorwärts. Welch' ein Augenblick war es, als wir am Fuße der Breſche anlangten! Das Bewußtſeyn, daß in demſelben Moment von verſchiedenen Punkten der un⸗ abſehbaren Ebene ähnliche Maſſen heranzogen, daß ein einziges Wort den Donner der Artillerie und die Blitze der Bajonette aus dieſer dichten Wolke hervorrufen und nach allen Seiten Tod und Verderben in jeder erdenk⸗ lichen Geſtalt verbreiten werde; der flüchtig durchzuckende Gedanke an die Heimath; die jahrelange Vergangenheit in den Raum einer einzigen Minute zuſammengedrängt; das letzte Lebewohl an alle, die wir liebten, vermiſcht mit murmelnden Gebeten zum Himmel und dabei das tiefe Gefühl, daß die Erde nicht Verführungsmittel genug beſitze, um uns von dieſer Todesbahn abzulenken, dies Alles erzeugte in uns eine Stimmung, die jeder Be⸗ ſchreibung Hohn ſpricht. Die Herzen waren zu voll, als daß man geſprochen hätte. Geräuſchlos ſchritten wir auf dem Graſe dahin und die dunkle Geſtalt unſers Führers zeigte uns den Weg durch die Finſterniß. Als wir beim Graben an⸗ 99 langten, ſchritt die Abtheilung mit den Leitern voran. Bereits waren Heubündel hineingeworfen und die Vorhut eilte vorwärts. Alles war ſtill wie das Grab.„Ruhig, Leute, ruhig,“ flüſterte M'Kinnon,„drängt Euch nicht.“ Kaum hatte er ausgeſprochen, als eine Muskete, aus welcher befehlswidrig der Schuß nicht herausgezogen war, los⸗ ging. Noch konnte die pfeifende Kugel die Mauern nicht beruhrt haben, als ploͤtzlich eine helle Flamme vom Walle aufloderte und zum Himmel emporſchoß. Einen Augenblick lag die ganze Scene, wie von der Mittags⸗ ſonne beleuchtet, vor uns. Auf der einen Seite die dunkeln Reihen und blitzenden Bajonette des Feindes; auf der andern die rothen Uniformen der brittiſchen Co⸗ lonnen, die wie eine ſolide Steinwand zuſammengepreßt heranruͤckten.. Ein betäubendes Kleingewehrfeuer auf dem äußerſten, rechten Flügel verkündete uns, daß die dritte Diviſton bereits in Thätigkeit war und der laute Ruf unſers Führers, der in den Laufgraben ſprang, mahnte uns zum Angriff. Die vorderſten Sectionen ſprangen, ohne auf die Leitern zu warten, hinab, und andere drängten raſch hinten nach, als ein lauter, rollender Donner unter uns in der Erde ertönte, ein ziſchendes Knattern und Krachen erfolgte, aus dem dunkeln Graben ein zun⸗ gelnder, blauer Blitz, gleich der Flamme eines Vulkanes hervorbrach und eine Mine ſprang. Hunderte von Bom⸗ ben und Granaten, die auf dem Boden umher geſtreut waren, entzündeten ſich mit einem Male; die Luft fun⸗ kelte, das Musketenfeuer von den Wällen praſſelte un⸗ aufhörlich dazwiſchen, und die vorderſte Compagnie der Sturmer lag bis auf den letzten Mann zerſchmettert am Boden. Während dieſe furchtbare Kataſtrophe vor un⸗ ſern Augen vorging, wurden von allen Seiten Angriffe gemacht, und die ganze Feſtung war wie von einem Feuerſtrome umgürtet. Unter lautem Triumphgeſchrei 3 7* 1⁰⁰ begann man zu ſtürmen. Was uns betraf, ſo ſtanden wir am Nande des Grabens, athemlos, zoͤgernd und ſchaudernd. Eine plötzliche Finſterniß folgte auf den blendenden Glaſt, aber mitten aus der Dunkelheit ertönte herzzerreißend das Geächze der Verwundeten und Ster⸗ benden. „Platz da! Platz! Da kommt Mackie's Abtheilung,“ rief ein Offizier in der Front und als er ſprach, ſtuͤrmte die Avantgarde des 8sſten heran; tollkühn ſprangen ſie in den Graben, drangen gegen die Breſche vor und die unterſtützende Diviſton der Stürmer folgte mit einem be⸗ geiſterten Freudengeſchrei. Der Angriff war furchtbar; denn kaum hatten wir die einſtürzenden Trümmer der Mauer erreicht, als die dichten Maſſen gleich einem ge⸗ gewaltigen Strom hinter uns her ſturzten. Jetzt begann eine Scene, dergleichen ich noch nie erlebt hatte. Der ganze Boden war mit Brennmaterialien der mörderiſch⸗ ſten und vernichtendſten Art überdeckt und riß jetzt kra⸗ chend auseinander; ungeheure Maſſen von Mauerwerk flogen leicht wie Federbälle in die Luft; der gellende Klang der eiſernen Haubitzen, das Zerplatzen der Bom⸗ ben und Granaten, das Wuthgeſchrei und das wilde Geheul derer, die in ihren Reihen nur noch Todte und Sterbende ſahen, Alles dies zuſammen gewährte ein Schauſpiel und vereinigte ſich zu einem Getöſe, das bis zum Wahnſinn aufregend war. Dennoch ſtürmten wir, obſchon die verſtümmelten Leichen der vorderſten Linien den Weg beinahe ausfüllten, unverzagt vorwärts. Inzwiſchen hatte ſich die 3te Diviſion mit uns ver⸗ einigt und der Andrang unſerer verſtärkten Reihen wurde furchtbar. Jeden Augenblick ſtürzte ein wohlbekannter Anführer todt oder toͤdtlich verwundet zu Boden, und ſeine Stelle wurde von irgend einem tapfern Burſchen erſetzt, der aus der vorderſten Reihe hervorſprang, aber manchmal kaum den Seinigen ermunternd hatte zurufen können, als er gleichfalls getroffen zuſammenſank. Von mancher mir wohlbekannten und vertrauten Stimme ver⸗ — 101 nahm ich heldenkühne Töne und im nächſten Augenblick das Todesgeächze. Länger als eine Stunde dauerte das gräßliche Morden und fortwährend drängten friſche Truppen nach, aber noch immer war kein Fußbreit Boden gewonnen; die Erde ſpie unaufhörlich ihre vulkaniſchen Feuer aus und über dieſe ſchreckliche Barriere gelangte kein Mann. Hie und da ſprangen die Tapferſten und Kühnſten in die ſaußende Flamme, aber der Feind er⸗ wiederte ſolche Verſuche mit Hohngelächter. „Stürmer voran! verlaßt Euch nur auf das Bajo⸗ nett!“ rief jetzt eine Stimme, deren beinahe freudige Töne ſeltſam gegen das Todesröcheln umher abſtachen, und Gurwood, welcher die Vorhut des 5aſten führte, ſtürzte ſich in den Schlund; ſämmtliche Offiziere ſpran⸗ gen ihm nach, die Soldaten drängten wie wahnſinnig hintendrein; ein gewaltiges Gewehrfeuer krachte ihnen entgegen, ſie beantworteten es mit einem wüthenden Kampfgeſchrei. Ueber die Todten und Sterbenden hin⸗ ſtürmend, ſtürzten ſie ſich wie Bluthunde auf ihren Feind. Mittlerweile erzitterten die Wälle unter den Fußtritten der leichten Diviſion, welche die kleinere Breſche erſtürmt hatte und jetzt den Franzoſen in die Flanke ſiel. Die Garniſon indeß drängte ihre Reihen dicht zuſammen und hielt wacker Stand. Mann gegen Mann wüthete jetzt der Kampf. Keiner bat mit Worten oder Blicken um Gnade; es war der Todeskampf der Rache und Ver⸗ zweiflung. In dieſem Augenblick erſchütterte eine Er plo⸗ ſion, lauter als der lauteſte Donner die Luft, die zer⸗ riſſenen Mauern und Wälle flogen in die Höhe, und Sieger und Beſiegte wurden auf gleiche Weiſe die Opfer. Eines der großen Magazine war durch eine Bombe angezündet worden und der ſchwarze Rauch, unter welchem man noch eine trübgelbe Flamme erblickte, hing ſchwer über den Todten und Sterbenden. Die Artillerie und das mörderiſche Kleingewehrfeuer wurden durch die Zerſtörung rings umher zum Schweigen ge⸗ bracht; beide Parteien ſtanden auf ihre Waffen gelehnt, aber die Pauſe dauerte nur einen Augenblick, denn das Geächze der verwundeten Kameraden drang allen tief zu Herzen. Ein wildes NRachegeſchrei zerriß die Luft, die Engländer ſtürzten auf den Feind los, der noch einen Augenblick Stand hielt, aber im nächſten glänzten die Bajonette auf den Wällen und Ciudad Rodrigo war gewonnen. Hundertunddrittes Kapitel. Der Wall. Während dies Alles um mich her vorging, war ich mir meines eigenen Thuns und Treibens ganz und gar nicht bewußt; denn bis zu dem Augenblick, wo die blinkenden Bajonette der leichten Diviſion auf den Feind eindrangen und über uns langer, lauter Siegesjubel ausbrach, befand ich mich wie in einem Fiebertraume. Ueberwältigt und erſchöpft lehnte ich mich jetzt an eine Ecke des Walles; eine Bajonettwunde, die mir einer unſerer eigenen Soldaten beim Hinaufklimmen beige⸗ bracht hatte, ſchmerzte mich einigermaßen; meine Uni⸗ form war in Stücke zerriſſen, mein Kopf entblößt; von meinem Säbel war nur noch der Griff und vier Zoll Klinge übrig geblieben; in der linken Hand aber hielt ich den Setzer einer Kanone feſt, zu welchem Zweck, das konnte ich ſelbſt nicht errathen. Während ich ſo daſtand, ſtrömten immer neue Diviſionen nach. Die Todten und Verwundeten wurden von dieſen gewiſſen⸗ loſen Maſſen, die nur nach Rache und Beute dürſteten, unbarmherzig niedergetreten. Schwach und erſchöpft, ohnmächtig in Folge meiner Wunde, ſank ich unter den Ruinen zuſammen. Der laute Jubel in der Stadt, vermiſcht mit gellendem Ge⸗ ſchrei und wildem Getobe verkündete, daß die Plünde⸗ rung begonnen hatte, während man von einem fernen * 6 10³ Theile des Walles her, wo die Franzoſen noch immer Widerſtand leiſteten, ein mattes Musketenfeuer vernahm. Endlich wurde auch dieſes zum Schweigen gebracht, aber nun erfolgte das weit entſetzlichere Mordgeſchrei der Plünderung. Da und dort ſtiegen die züngelnden Flam⸗ men der brennenden Häuſer inmitten der naäͤchtlichen Finſterniß empor, und mit dem Gekrache der zuſammen⸗ ſtürzenden Balken und Dächer vermiſchte ſich das herz⸗ zerreißende Geächze der Sterbenden. Offiziere ſtürzten herbei, aber vergebens waren ihre Beſtrebungen die Mannſchaft zurückzuhalten; die wilde Grauſamkeit des Augenblicks kannte keine Grenzen. Mancher tapfere Krieger kam bei ſeinen fruchtloſen Verſuchen, Gehorſam zu erzwingen um's Leben, und man erlaubte ſich die ſchrecklichſten Drohungen gegen Männer, gegen welche man ſonſt uicht zu murren wagte. So verſtrich die lange Nacht, die für mich weit ſchrecklicher war, als alle Gefahren des Sturmes ſelbſt, der ringsum Tod und Vernichtung verbreitet hatte. Ich weiß nicht, ob ich ſchlief, aber wenn es der Fall war, ſo ſpiegelten ſich die Schauderſcenen rings umher in meinen Träumen wieder; und als die graue Dämme⸗ rung anbrach, tönte noch immer das Geſchrei der un⸗ glückſeligen Stadt in meine Ohren. Rings um mich her war Alles ſtill und ſchweigſam; die Verwundeten waren noch in der Nacht fortgeſchafft worden, aber die Todten lagen dicht aufgeſchichtet, wo ſie gefallen waren. Es war ein grauenvoller Anblick um dieſe blutbefleckten, nackten Leichen(denn die Marodeurs hatten ihnen bereits die Kleider abgezogen), welche die ganze Breſche bedeckten. Von dem Walle bis zum Graben lagen die Reihen, wie ſie im Leben geſtanden hatten; eine ſchwache phosphoriſche Flamme, die über den entſtellt en Leichnamen flimmerte, ließ den Tod noch entſetzlicher erſcheinen. Mit der ſtumpfſinnigen Anſtrengung, die einer gänzlichen Um⸗ nebelung der Sinne und Erſchöpfung aller Kräfte eigen 10⁰4 iſt, ſtierte ich um mich her, als Stimmen in meiner Nähe hörbar wurden. „Bringe ihn hieher, Bob. Ueber die Breſche hinab mit dem Schurken; in den Graben.“ „Bei Gott, er ſoll keines ehrlichen Soldaten Tod ſterben,“ rief eine andere tiefere Stimme;„ich will ihm mit meiner Art den Schädel ſpalten.“ „Gnade, Gnade, wenn Ihr ſelbſt hofft—“ „Verräther, wag es nicht, hier zu ſchwatzen!“ Unter ſolchen Worten ſchleppten vier vor Trunkenheit taumelnde Infanteriſten einen bleichen, hagern Menſchen herbei, deſſen Füße wie gelähmt herabhingen; er trug die Uni⸗ form eines franzöſiſchen Jägers, ſeine Sprache aber verrieth den Engländer.“ „Knie nieder und ſtirb wie ein Mann! Früher warſt Du einer.“ „Nein, Bill, nicht ſo; ſteckt die Bajonette auf. So iſt es recht. Jetzt laßt mich kommandiren.“ „O vergebt mir, um Gotteswillen, vergebt mir!“ kreiſchte das Schlachtopfer; aber ſeine letzten Töne en⸗ deten in einem Todesſchrei, denn während er ſprach, blitzten die Bajonette einen Augenblick in der Luft, und im nächſten ſteckten ſie in ſeinem Körper. Zweimal hatte ich zu ſprechen verſucht, aber die vom Schreien heiſere Stimme verſagte mir, und mit ſtierem Auge, mit brennendem Gehirn mußte ich den ſchrecklichen Mord mit anſehen. Endlich jedoch kehrte meine Stimme zurück und in der ſchrecklichen Qual des Augenblicks entrang ſich meiner Bruſt ein lautes:„O Gott!' Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als die Soldaten ihre vom Blute des gemordeten Kameraden noch gerötheten Gewehre anlegten und mit grimmigen Geſichtern nach mir ſchauten. Ein kurzes, inniges Gebet kam über meine Lippen und ich war ſtill. Der Anführer rief:„Zielt gut, und alle zuſammen! Eins, Zwei!— Gewehr zu Fuß, Ge⸗ wehr zu Fuß,“ ſchrie er dann mit donnernder Stimme, „es iſt der Kapitän.“ Mit einem Krach ſtanden die 10⁵ Musketen auf der Erde, die Burſche ſprangen auf mich zu, nahmen mich in ihre Arme und hoben mich mit einem Schwung auf ihre Schultern; das Freudengeſchrei aber, womit ſie dieſe plötzliche Bewegung begleiteten, glich dem Geheul von Beſeſſenen.„Ha ha, ha, jetzt haben wir ihn,“ ſchrien ſie wild, während ſie mich mit blutbefleckten Händen und wuthverzerrten Geſichtern den Wall hinabtrugen. Meine Gefühle des Eckels und Ab⸗ ſcheus ſchienen ihnen indeß nicht entgangen zu ſeyn, denn der Korporal drehte ſich jetzt raſch um und ſagte zu mir:— „Bedauern Sie den nicht, Herr Kapitän; der Schurke war ein Deſerteur. Vorgeſtern Nacht lief er vom Piket weg und brachte dem Feinde Nachricht von allen unſern Planen.“ „Ja,“ rief ein anderer,„und was noch ärger iſt, er hat zwei Stunden lang an einer Schießſcharte neben der Breſche geſtanden und auf ſein eigenes Regiment gefeuert. Dort haben wir ihn erwiſcht. Hieher, Leute!“ Mit dieſen Worten bogen ſie um den Wall und liefen durch eine dunkle, enge Gaſſe in die Stadt hinab. Alle meine Bemühungen, mich von ihnen loszumachen, Waren umſonſt und gegen meine Bitten blieben ſie gänz⸗ ich taub. Auf dieſe Art erreichten wir den Marktplatz, wo etliche hundert Soldaten von verſchiedenen Regimentern bivouakirten. Meine Träger wurden mit lautem Ge⸗ ſchrei bewillkommt; auf einmal aber ſprang eine Abthei⸗ lung des 88ſten vom Boden auf, drang mit gefälltem Bajonett auf uns ein und rief:„Gebt ihn her, im Augenblick, oder wir werden kurzen Prozeß mit Euch machen.“ Dieſer Befehl kam von Leuten, welche geneigt ſchie⸗ nen, ihm Folge zu geben, und ich wurde daher mit einer Raſchheit, die mehr von bereitwilliger Nachgie⸗ bigkeit, als von Rückſicht auf mein perſönliches Wohler⸗ gehen zeugte, auf die Erde geſetzt. Ein ſchallendes Ge⸗ lächter erhob ſich unter der dichten Maſſe, und die pul⸗ vergeſchwärzten Geſichter um mich her ſchienen ſich vor Luſtigkeit kaum faſſen zu können. Regungslos ſaß ich auf der Erde und ſchnitt ohne Zweifel ein jämmerliches Geſicht; denn ob meine Geberden oder meine Worte die Lächerlichkeit der ganzen Erſcheinung erhöhten, vermag ich nicht zu ſagen; aber das Gelächter wurde mit jedem Augenblick ſchallender und die betrunkenen Schurken tanzten wie toll um mich herum. „Wo iſt Euer Major, Major Shaughneſſy?“ fragte ich. „In der Kirche, beim General, Ew. Gnaden,“ antwortete der Sergeant des Regiments, auf welchen der Name ſeines Öfftziers einen ſchnell ernüchternden Einfluß ausgeübt zu haben ſchien. Er half mir jetzt aufſtehen, denn ich war ſchwach wie ein Kind und führte mich durch die dichte Menge, die— ſo groß iſt die Macht des Beiſpiels— alsbald eine Linie bildete und mich, ſo gut es ihr trunkener Zuſtand geſtattete, mili⸗ täriſch begrüßte.„Folgen Sie mir, Sir,“ ſprach der Sergeant;„durch dieſe dunkle kleine Gaſſe kommen wir zur Nebenthüre der Kapelle.“ „Warum ſind die Offiziere dort, Sergeant?“ debin Diviſionsgeneral liegt auf den Tod verwun⸗ det da.“ „Haben Sie ſeinen Namen gehört?“ „Nein, Sir, ich weiß nur ſo viel, daß er zur Abtheilung gehörte, welche die kleinere Breſche ſtürmte.“ Ein kalter Schauer überlief mich; ich wagte es nicht weiter zu fragen, ſondern beſchleunigte meine Schritte, um nach der Kapelle zu gelangen. „Hieher, Sir, dort wo Sie das Licht ſehen, iſt die Kapelle.“ So ſprechend blieb er plötzlich ſtehen und legte die Hand an ſeine Mütze. Ich ſah, daß er ſeinen Zuſtand zu genau kannte, um vor ſeinen Offizieren erſcheinen zu wollen; deßhalb dankte ich ihm ſchnell und ging weiter, 107 „Halt da! die Parole!“ rief eine Schildwache, die mit aufgeſtecktem Bajonette vor der Thüre ſtand. 1 „Ich bin ein Offizier,“ erwiederte ich und bemühte mich hinein zu kommen. „Zurück, zurück,“ rief der Hochländer— denn ein ſolcher war es— mit barſcher Stimme. 3 „Iſt Major O'Shaughneſſy in der Kirche?“ „Weiß nicht,“ war die kurze rauhe Antwort. „Wer iſt der ſo gefährlich verwundete Offizier?“² „Weiß nicht,“ wiederholte er eben ſo unfreundlich wie zuvor und fügte dann in lauterem Tone hinzu: „Zurück, ſag ich Ihnen! ſehen Sie nicht, daß der Stab kommt?“ Ich wandte mich haſtig um und erblickte mehrere Offiziere, die wahrſcheinlich aus Vorſicht am Eingang der Straße abgeſtiegen waren. Sie kamen ſchnell, aber ohne zu ſprechen, heran. Der Vorderſte trug eine blaue Mütze und eine Hausuniform, die übrigen waren in vollem Paradeanzug. Kaum hatte ich Zeit einen flüch⸗ tigen Blick auf den Zug zu werfen, als der erſte mich mit ſtrenger Stimme anrief:— „Wer ſind Sie, Sir?“ Ich fuhr zuſammen, denn es war nicht das erſte Mal, daß ich dieſe Töne gehört hatte. „Kapitän O'Malley vom laten leichten Dragoner⸗ regiment.“ „Was führt Sie hieher, Sir? Ihr Regiment liegt in Caya.“ „Ich war als dienſtthuender Adjutant des Generals Crawford beſchäftigt,“ antwortete ich zögernd. „Iſt das Ihre Stabsuniform?“ fragte er, indem er mit gerunzelter Stirne ſeine Augen ſtreng auf meinen Rock heftete. Bevor ich Zeit hatte zu antworten, oder vielmehr, ehe ich mich faſſen konnte, rief eine rauhe Stimme hinter mir—. „Ich will verdammt ſeyn, wenn das nicht der Burſche iſt, welcher die Stürmenben durch eine zerriſſene Schießſcharte führte. Ja, Mylord, das iſt der NYeoman, von dem ich Ihnen ſagte. Iſt's nicht ſo?2“ fuhr er gegen mich gewendet fort. „Ja, Sir, ich führte eine Abtheilung des 8Sſten in die Breſche.“ „Und Sie haben Ihre Sache verdammt gut ge⸗ macht,“ ſagte Pieton, denn er war es, der mich er⸗ kannt hatte.„Mylord, ich ſah ihn von der Bruſtwehr auf einen franzöſiſchen Kanonier herabſpringen und ſeinen Sabel mitten durchhauen, ſo daß ſein Säbel zerſplitterte. Ja, ja, ich werde es nicht ſobald vergeſſen, wie Sie mit dem Setzer um ſich ſchlugen; bei Gott, einen ſol⸗ chen hatte er in der Hand.“ Während Picton voll Eifer ſo ſprach, änderten Wellingtons ruhige, aber ſtrenge Züge ihren Ausdruck nicht. Die Blicke der Umſtehenden waren mit Theil⸗ nahme und ſogar mit Bewunderung auf mich gerichtet; aber von Beiden war in den ſeinigen Nichts zu leſen. Er kam auf meine Abweſenheit vom Poſten zurück und fragte— „rblelten Sie Urlaub zu einem beſondern Dienſte, Sir?“ „Nein, Mylord, es geſchah zufällig, daß—“ 3„Dann begeben Sie ſich ſogleich in Ihr Quartier und in Arreſt.“ „Aber, Mylord,“— ſagte Picton. Lord Wellington wartete jedoch nicht auf ſeine Er⸗ klärung, ſondern ging feſten Schrittes vorwärts in die Kirche. Der Stab folgte ſchweigend nach, Picton aber warf mir einen freundlichen Blick zu, als wollte er ſagen: ich werde Sie nicht vergeſſen. 3„Der Teufel hol es,“ rief ich, als ich wieder allein war,„Nichts als Unglück. Was bei andern Leuten ihr Glück begründen würde, bringt mir immer den größten Nachtheil.“ Aus Pictons Worten ging hervor, daß ich mich in der Breſche ausgezeichnet hatte, und doch hatte mein 1⁰9 Benehmen dem Oberbefehlshaber augenſcheinlich miß⸗ fallen. Während er mir ſtets als das Ideal eines Feld⸗ herrn vorſchwebte, wollte es mein Mißgeſchick, daß ich mir beſtändig den Unwillen des Mannes zuzog, für deſſen Lob ich gerne mein Leben gegeben hätte. Und dies verwünſchte Koſtüm! Was in aller Welt hatte mich auch bewegen können es anzuziehen? Was nützt es, wenn man ſich mit Ruhm bedeckt? Am Ende wird man doch nur ausgelacht. Doch der Schaden iſt im Ganzen nicht ſo groß, denn meine Soldatenlaufbahn iſt jetzt vorüber. Gleichwohl hätte ich gewünſcht„ daß meine letzte That angenehmere Erinnerungen mit ſich führen moͤchte. Aus dieſem Brüten erweckte mich das Geräuſch eines geſchulterten Gewehres. Picton trat heraus. Ein Schatten von düſterer Niedergeſchlagenheit lag auf ſei⸗ nen Zügen und ſeine Lippe zitterte, während er einige Sätze vor ſich hinmurmelte. „Ah Kapitän— ich habe den Namen ſchon wieder vergeſſen: ja richtig, Kapitän O'Malley, der Arreſt iſt Ihnen erlaſſen. General Crawford hat ſehr günſtig von Ihnen geſprochen und Wellington weiß jetzt, wie die Sache gekommen iſt.“ „Alſo iſt General Crawford der Verwundete, Sir?“ fragte ich mit gepreßtem Herzen. Picton ſchwieg einen Augenblick und bemühte ſich ſeinen Zügen ihren ſtrengen, ruhigen Ausdruck wieder zu geben; dann fügte er haſtig und beinahe hart hinzu: „Ja, Sir, ſchwer verwundet; durch den Arm und in der Lunge. Er erwähnte Ihrer beim Obergeneral und Ihr Urlaubsgeſuch iſt bewilligÄt. Es wird Ihnen die ausgezeichnete Ehre zu Theil Depeſchen nach Eng⸗ land zu bringen; aber jetzt begeben Sie ſich zu Ihrer Brigade.“ „Könnte ich meinen General nicht noch einmal ſehen? Ich fürchte, es iſt das letzte Mal.“ „Nein, Sir,“ erwiederte Picton ſtreng.„Welling⸗ ton glaubt Sie im Arreſt und man muß ihn auf dem Glauben laſſen, daß Sie ſeinem Befehle gehorcht haben.“ In ſeinem Tone lag ein gewiſſer Sarkasmus, der mich keine Antwort ſinden ließ; ich bezeugte ihm alſo blos meine Dankbarkeit für ſeine frundliche Verwendung und entfernte mich mit einer tiefen Verbeugung. „Hören Sie, Sir,“ rief mir Picton nach, der ſich ſchon wieder nach der Kirche gewendet hatte,„ſollte einmal Etwas vorfallen,— d. h. ſollten unglückliche Umſtände Ihnen eine Anſtellung beim Stabe wünſchens⸗ werth machen, ſo vergeſſen Sie nicht, daß General Picton Sie kennt.“ Betrübt und niedergeſchlagen über die Nachrichten von meinem General ſchlenderte ich mit langſamen, un⸗ ſichern Tritten nach dem Walle hin. Ein klarer, kalter Winterhimmel und die ſcharfe ſchneidende Luft machten meine im Uebrigen unbedeutende Wunde immer ſchmerz⸗ hafter und ich bemühte mich die Reſerve zu erreichen:; wo, wie ich wußte, der Stab der Aerzte gegenwärtig ſein Quartier aufgeſchlagen hatte. Ich war noch nicht weit gegangen, als ich von Marodeurs hörte, Mickey ſuche mich auf der ganzen Ebene. Man hatte ihm ge⸗ ſagt, ich ſey todt und der arme Burſche war halb von Sinnen. Mit dem angelegentlichſten Wunſche, ihn von ſei⸗ ner Angſt zu erlöſen, die ihn leicht zu irgend einem tollen Streiche verleiten konnte, eilte ich vorwaͤrts; in⸗ zwiſchen kann ich nicht laͤugnen, daß ich mich unter den mannigfachen Gründen, die ich zu Kummer und Be⸗ trübniß hatte, des beſchämenden Gefühles nicht erwehren konnte, ich könne in meinem dermaligen albernen Koſtüm von allen, die mir begegneten, nur verlacht und ver⸗ ſpottet werden. Lange brauchte ich nach meinem würdigen Bedien⸗ ten nicht zu ſuchen, denn ich ſah ihn bald auf der Ebene einhergaloppiren. Ein lauter Ruf brachte ihn an meine Seite und das Entzücken des armen Burſchen war un⸗ 111 beſchreiblich. Unter tauſend Betheuerungen ſeiner Freude und unter unzähligen Verſicherungen, was er mit den franzöſiſchen Gefangenen begonnen haben würde, wenn mir Erwas zugeſtoßen wäre, nahmen wir unſern Weg zuſammen nach dem Lager. Hundertundviertes Kapitel. Die Depeſche. Am folgenden Morgen ſchickte ich mich an die Stadt zu beſuchen, als ich unter meinem Fenſter ein Zwiegeſpräch vernahm. „Heda, guter Freund,“ rief eine berittene Ordo⸗ nanz Mickey zu, der emſig beſchäftigt war, eine Jacke zu bürſten,„ſind Sie der Bediente des Kapitäns O'Malley?“ „Nicht zu weit fehlgeſchoſſen,“ antwortete dieſer in halb ſcherzhaftem Ton. „Nun denn,“ fuhr der andere fort,„ſo bringen Sie Ihrem Herrn dieſe Briefe da, aber tummeln Sie ſich, lieber Mann, denn es ſind Depeſchen und ich muß einen ſchriftlichen Empfangſchein mitbringen.“— „Wollen Sie nicht abſteigen und eine kleine Er⸗ riſchung zu ſich nehmen? Es iſt kalt dieſen Morgen.“ „Danke verbindlich, guter Freund, aber ich kann mich nicht lange aufhalten; deßhalb ſputen Sie ſich ein wenig.“ „Ach was, es wird nicht ſo preſſiren. Gewiß iſt es wieder eine Einladung zu einem Diner bei Lord Wellington oder einer Theepartie bei Sir Dennis. Mein Herr muß alle Abende, die Gott gibt, mit ihnen zechen. Das hat man davon, wenn man ein angenehmer huͤbſcher Burſche iſt; ich ſelbſt könnte leicht noch liederlich werden, menn man mir nicht gar zu ſolide Grundſätze anerzogen hätte.. „Schon gut, kommen Sie her und nehmen Sie dieſe Briefe, denn ich muß fort; meine Zeit iſt kurz.“ „Dann muß ſie kürzer ſeyn als Ihre Naſe, mein Lieber,“ ſagte Mickey etwas ärgerlich über die geringe Wirkung, die ſeine Zuvorkommenheit bei dem Engän⸗ der hervorgebracht hatte.„Geben Sie her,“ fuhr er dann fort, indem er die verſchiedenen Papiere nach allen Richtungen drehte und ſich ſtellte als läſe er die Aufſchriften. „Ich ſehe ſchon, für mich iſt Nichts darin. Hat keiner der Generale nach mir gefragt?“. 4„Sie ſind ein ſonderbarer Kauz,“ meinte der Dragoner, der ganz und gar nicht aus ihm klar werden konnte. Mittlerweile ſchob Mickey die Papiere nachläßig in ſeine Taſche und ſchritt pfeifend, mit der Miene eines Menſchen, der lediglich Nichts zu thun hat, in das Haus. Im nächſten Augenblick jedoch erſchien er vor meiner Thüre und wiſchte ſich athemlos vor Eile die Stirne mit der Hand. „Depeſchen, Mr. Charles, Depeſchen von Lord Wellington. Die Ordonnanz wartet unten auf Antwort.“ „Sag, er ſoll ſie augenblicklich erhalten,“ erwie⸗ wiederte ich,„jetzt bring mir ein Licht.“ „Bevor ich das Siegel erbrochen hatte, war Mickey ſchon wieder unter dem Hauſe.“ „Mein Herr ſchreibt ein paar Zeilen, daß er thun will, was man von ihm verlangt. Sprechen Sie Nichts davon,“ fügte er leiſer hinzu,„aber man bedarf ſeiner, um eine andere Feſtung einzunehmen.“ Wie die Unterhaltung ſich weiter geſtaltete, kann ich nicht ſagen, denn meine ganze Aufmerkſamkeit be⸗ ſchäftigte ſich jetzt mit einem Schreiben, das den Depeſchen beilag und alſo lautete:— „Werther Sir— Der Oberbefehlshaber iſt gütig genug geweſen, Ihnen den nachgeſuchten Urlaub zu — 11³ bewilligen und ergreift dieſe Gelegenheit, die beigefügten Briefe an Se. Königl. Hoheit den Herzog von York mitzugeben. Seiner Zufriedenheit mit Ihrem Benehmen beim Sturme verdanken Sie dieſe ausgezeichnete Gunſt⸗ bezeugung, welche Sie hoffentlich nach Gebühr zu ſchätzen wiſſen und als einen Sporn zu fernerem Eifer in dem Dienſte betrachten werden, in welchem Sie ſich bereits hervorgethan haben. „Glauben Sie mir, daß ich mich unendlich freue, Ihnen dieſe Mittheilung machen zu dürfen und daß ich ſtets bleiben werde Ihr aufrichtiger Freund . Picton.“ Generalquartier Ciudad Rodrigo, 20. Januar 1812. Ich konnte dieſes Schreiben nicht oft genug leſen und überlegte ſorgfältig jeden einzelnen Ausdruck in demſelben. Nichts hätte mir angenehmer und erfreu⸗ licher ſeyn können, ja ich hätte dieſen Brief nicht für ein Oberſtlieutenantspatent hingegeben. „Holla, Ordonnanz,“ rief ich vom Fenſter aus, nachdem ich meine wenigen Worte der Dankſagung in aller Eile verſiegelt hatte,„nehmen Sie dieſe Antwort an den Herrn General Picton, und hier iſt eine Guinee für Ihre Mühe.“ Damit ließ ich in ſeine bereitwillige Hand eines der unendlich wenigen Goldſtücke gleiten, die ich noch auf der Welt beſaß.„Nun das ſind ein⸗ mal wirklich gute Nachrichten,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „ein Augenblick ungetrübter Freude.“ 4 Als ich das Fenſter ſchloß, konnte ich hören, wie Mickey eine glühende Lobrede auf meine Freigebigkeit hielt, deren Verdienſt er indeß einigermaßen ſchmälerte durch den Zuſatz:„Aber das danke ihm der Teufel, denn er hat ein ungeheures Vermögen und dieſe hübſche Stelle da.“ Kaum war aber die Ordonnanz weggeritten, als Lever O'Malley. V. 8 114 Mickeys Betrachtungen eine andere Wendung nahnten. „Ach, heilige Agathe,“ murmelte er zwiſchen den Zäh⸗ nen,„eine Guinee, eine wirkliche goldene Guinee einem Spitzbuben von Dragoner, der mit ſo einem Briefe da ankommt; und ich— ich trage aus lauter Spar⸗ ſamkeit ein Gemälde aus der heiligen Familie als Weſten⸗ unterfutter, wofür ich noch im Fegfeuer werde büßen müſſen. Wenn ich mich nicht geſchämt hätte, die zwölf Apoſtel an den Beinen zu tragen, ſo könnte ich auch ein hübſches Paar Hoſen von ihnen haben.“ Während Mickey ſich ſolchen Betrachtungen über⸗ ließ, fielen meine Augen auf eine kurze Nachſchrift in Picton's Brief, die ich anfangs überſehen hatte. „Die offiziellen Depeſchen über den Sturm werden natürlich älteren Offizieren anvertraut, aber ich brauche Sie wohl kaum zu erinnern, daß Se. K. Hoheit es als eine geziemende Aufmerkſamkeit von Ihrer Seite be⸗ trachten wird, wenn Sie Ihre Briefe ſo ſchnell als möglich beſorgen. Sie haben daher bei Ihrer Landung in England keinen Augenblick zu verlieren.“ „Mickey,“ rief ich,„wie ſteht's mit den Pferden?“ „Der Braune iſt Etwas vom Fleiſche gefallen, aber dennoch recht munter, und der Rappe macht Sprünge wie ein Füllen.“ „Und Badger?“ fragte ich. „Halten Sie ihn, wenn Sie können, mehr ſage ich nicht; aber es iſt doch eine mörderiſche Arbeit, ſo Tag für Tag Depeſchen hin und her zu bringen.“ 4 „Dießmal brauchen wir nicht zu klagen, Mickey.“ „So, geht es vielleicht nicht weit?“ „Nun, darüber kann ich Dir Nichts verſprechen; ich gehe nach England, Mickey.“ „Nach England!“ „Ja, Mickey, und auch nach Irland.“ „Nach Irland! Hollaho!“ jubelte er, ſchleuderte ſeine Mütze in eine Ecke des Zimmers, die Jacke, die er ſo eben gebürſtet, in die andere, und begann um 115 den Tiſch herum zu tanzen auf eine Art, die viele Aehnlichkeit mit einem indianiſchen Kriegstanz hatte. „O wär' ich zu Hauſe Und ſaße beim Schmauſe, Wohl ließ' ich es, wieder Dragoner zu ſeyn! „O der geſegneten Stunde,“ fuhr er fort,„iſt es nicht etwas Herrliches, wenn man an alle die Illumi⸗ nationen und Gaſtmähler und Reden und an das Hände⸗ ſchütteln, das Huſſarufen und das Hip hip hurrah denkt. In allen Läden wird man Bilder von uns feil haben — Mr. Charles und ſein Bedienter Mr. Free. Am Ende machen ſie noch eine Comödie aus uns; ich in dem grauen Rock mit den rothen Aufſchlägen, den leder⸗ nen Beinkleidern, den Stulpſtiefeln, mit dem dreieckigen Hut und der Larve daran.“ Hier machte er mit ſeinen ausgebreiteten Fingern ein Zeichen, um eine Kokarde anzudeuten, was er mit dieſem Worte bezeichnen wollte. „Schon ſehe ich im Geiſte, wie ich mit den Rathsherrn ſpeiſe, und wie der Lordmayor einen Toaſt auf den Hel⸗ den von El Bodon, Mr. Free ausbringt; und dann dreimal drei hurrah, hurrah, hurrah! Doch es wird mir ganz trocken in der Kehle von lauter Gedanken an den Punſch und Glühwein.“ „Wenn Du ſo fortfahrſt, werden wir das Ziel un⸗ ſerer Reiſe nicht ſobald erreichen. Munter jetzt, pack⸗ meine Sachen ein: um zwölf Uhr reiſen wir ab.“ Mit einem Satz war Mickey die Treppe unten, überſtürzte Alles, was ihm in den Weg kam und eilte in den Stall, wo er mit der vollen Kraft ſeiner Stimme das höchſt poetiſche Lied ſang, von dem er ſo eben eine Stelle vorgetragen hatte. Meine Vorbereitungen waren ſchnell getroffen, ein paar eilige Zeilen an die wackern Burſche, mit denen ich ſo lange gelebt hatte, und an denen ich mit ganzem 1¹16 Herzen hing, nebſt der feſten Zuſtcherung, daß ich bald wieder zu ihnen kommen werde, waren Alles, was mir meine Zeit geſtattete. Nur an Power ſchrieb ich etwas ausführlicher, ſowohl von den empfangenen Depeſchen, als auch von den Briefen, die mich zur Reiſe in die Heimath beſtimmten. Nachdem dieß geſchehen war⸗ brach ich ohne weitern Verzug auf. Hundertundfünftes Kapitel. Der Urlaub. 4 Nach einem ſcharfen Ritt von einer Stunde er⸗ reichten wir den Aguada, ritten durch eine Furt hinüber und beſtiegen dann die Sierra auf einem ſchmalen, ge⸗ wundenen Pfade, welcher über das Gebirge nach Al⸗ meida führt. Hier ſchaute ich mich noch einmal um und warf einen Abſchiedsblick auf den Schauplatz meiner letzten Thätigkeit. Vor wenigen Stunden hatte ich bei⸗ nahe auf demſelben Flecke geſtanden, und wie verändert war jetzt Alles rings umher! Die weite Ebene, die da⸗ mals von einer zahlreichen Armee gewimmelt, war jetzt beinahe verödet, und man ſah Nichts als einige demontirte Kanonen und zerſtörte Batterien, bei welchen die Schild⸗ wachen mehr herumzuſchlendern als zu wachen ſchienen. Eine ſtarke Abtheilung Fußvolk marſchirte nach der Feſtung und eine verworrene Maſſe von Nachzüglern, Markekendern und Bauern folgte ihr, um gegen die Plünderer, ſo wie gegen die rohen Anfälle ihrer eige⸗ nen Guerilla Schutz zu ſuchen. Auch die Feſtung war verändert. Dieſe gewaltigen Mauern, vor deren ſteilen Höhen ſelbſt die Tapferſten muthlos zurückgebebt, waren nunmehr in einen Schutt⸗ und Trümmerhaufen ver⸗ wandelt; der Maulthiertreiber zog ruhig auf dem ab⸗ ſchüſſigen Pfad zu der Breſche hin, deren Spitze zu errei⸗ chen die heldenmüthigſten Söhne Englands ihr Blut 117 vergoſſen hatten, und der Bauernknabe blickte ſchüchtern nach dem tiefen Graben hinab, wo Hunderte unſerer wackerſten Krieger geſtorben waren. Die Luft war ruhig, der Himmel klar und unbeweglich; kein Rauch verdun⸗ kelte die durchſichtige Athmoſphäre, der Kanonendonner hatte aufgehört und die Stimmen, die vor Kurzem noch triumphirend aufgejauchzt, waren jetzt durch den Tod zum Schweigen gebracht. Eine gewaltige Veränderung war vorgegangen, aber Nichts führte ſie mir lebhafter vor die Augen, als wenn ich jetzt auf dieſen Wällen, von deren Zinnen vor wenigen Stunden noch der dunkle Tſchako der franzöſiſchen Grenadiere herabgeſchaut, den heitern Tartan der Hochländer erblickte und die rothe Fahne Englands keck im Winde flattern ſah. Bis zu dieſem Augenblick waren meine Empfin⸗ dungen ungemiſchte Freude geweſen. Der Gedanke an meine Heimath, meine Freunde, mein Vaterland, das Bewußtſeyn, daß ich mit dem Braun der Schlacht auf meinen Wangen dahin zurückkehrte, und die Lobſprüche, die noch immer ſo aufmunternd in meinem Ohr erklan⸗ gen, ja das waren freilich ſtolze Betrachtungen, bei denen mein Herz hoch aufſchlug; aber als ich meinen Blick zum letzten Mal der tapfern Armee zuwandte, die ich verließ, da konnte ich mich eines peinlichen Selbſtvor⸗ wurfes nicht erwehren und mußte mir's geſtehen, wie weit edler es geweſen wäre, dazubleiben und das Schick⸗ ſal des Feldzugs zu theilen, als mich nur von meinen eigenen Wünſchen leiten zu laſſen. So ſchwer laſteten mir dieſe Gedanken auf dem Herzen, daß ich einige Zeit bewegungslos daſaß und nicht wußte, ob ich nicht wieder umkehren ſollte. Ich vergaß, daß ich der Ueberbringer wichtiger Depeſchen war und dachte blos, daß ich es in Folge meines eige⸗ nen Wunſches geworden. Ich konnte mich nur halb von der Chrenhaftigkeit einer ſolchen Rolle überzeugen und mehr als einmal ſchwankte ich in dem Entſchluſſe weiter zu reiten. Juſt in dieſem kritiſchen Augenblick meiner 118 Zweifel holte Mickey, der bis jetzt weit zurückgeblieben war, mich ein. „Müſſen wir auf dieſer Bergſtraße da bleiben Sir?“ fragte er, auf einen ſteilen, rauhen Pfad deutend, der im Zickzack zum Gipfel des Berges führte. Ich nickte bejahend und er fuhr fort: „Erinnern Sie ſich da nicht an Sleibh Moore, über dem Shannon, wo wir Birkhühner zu ſchießen pflegten? Da iſt des Wildmeiſters Wohnung im Thale und das dort könnte Ihr Oheim, der gnädige Herr ſelbſt ſeyn, der Ihnen mit dem Hute zuwinkt.“ Hätte er in dieſem Augenblick um den Streit in meinem Innern gewußt, er hätte nicht ſchneller alle Zweifel löſen können. Raſch wandte ich mich ab, gab meinem Pferde die Sporen und jagte den ſteilen Pfad in einem Tempo hinan, das meinen Begleiter augen⸗ ſcheinlich etwas unangenehm überraſchte.. Wie natürlich iſt es, daß nach dem erſten Ausbruch unerwarteter Freude eine Art von Rückwirkung eintritt, die ſich in Niedergeſchlagenheit und Herabgeſtimmtheit ausdrückt! Kaum hat man ſich dem Augenblick der Wonne hingegeben, ſo beginnen ſchon die bangen Zwei⸗ fel, ob ſie auch dauernden Beſtand haben werde. Je höher die freudige Erregung geſtiegen war, um ſo qual⸗ voller und peinlicher werden die Beſorgniſſe, die auf ſie folgen; die Spannung des Entzückens kann nicht an⸗ dauern, und nach dem Ueberreiz ſtellt ſich das Bedürfniß der Ruhe ein, die bald einen trüben Charakter annimmt. Glücklich, wer ſich dermaßen zu faſſen weiß, daß er auch im Sonnenſchein ſeiner Freuden ihre Schatten nicht aus dem Auge verliert! Ihm wird allerdings die Landſchaft nicht in ihrem ganzen mittäglichen Glanze erſcheinen, aber er braucht auch weder die Donnerwolke noch den Or⸗ kan zu fürchten. Der ruhige Herbſt ſeiner Glückſeligkeit blendet zwar nicht durch ſeinen Strahlenſchein, wird ſich aber auch eben ſo wenig in düſterem Dunkel verhüllen. Nachdem mein erſter Freudentaumel vorüber war⸗ 119 drängte ſich mir der Gedanke an die veränderten Um⸗ ſtände meines Oheims mit Rieſengewalt auf, und hun⸗ dert Plane, wie er aus ſeiner Verlegenheit geriſſen werden könnte, kreuzten ſich in meinem Gehirne, aber ich wußte zum Voraus, daß ſie ſammt und ſonders an ſeinen Vorurtheilen ſcheitern würden. Das alte Haus ſeiner Ahnen zu verkaufen, das Dach zu verlaſſen, unter welchem ſo viele Generationen ſeines Namens Schutz und Behaglichkeit gefunden, dazu hätte er ſich nie und nimmermehr entſchloſſen; das Geſetz konnte ihn gewalt⸗ ſam austreiben und als heimathloſen Verbannten in die Welt hinausſtoßen, aber daß er aus freien Stücken wegginge, daran war nicht zu denken. Von Conſidine wußte ich, daß er ihn bei ſolchen Geſinnungen mehr aufmunterte, als abmahnte; bei ſeinen feudalherrlichen Begriffen von Recht und Unrecht galt es ihm gleichviel einen Sheriff oder eine Schnepfe zu ſchießen, und ſo alt er war, ſo wußte er doch kein ſchöneres Vergnügen, als ſämmtliche Bauern vom Gut zu bewaffnen und den königlichen Truppen auf der weiten Ebene von Scariff eine Schlacht zu liefern. Unter ſolchen widerſtreitenden Betrachtungen ritt ich verdrießlich und ſchweigend weiter zur großen Verwunderung Mickey's, der mich in ſeinem Herzen des ſchwärzeſten Undanks gegen die Begünſtigun⸗ gen des Glücks beſchuldigte. Bei jeder neuen Biegung der Straße bemühte er ſich meine Aufmerkſamkeit auf die Gegenſtände rings umher zu lenken; kein weißge⸗ thürmtes Schloß, kein ſpitzzulaufender Kirchthurm in der Ferne entging ihm; über alles, was er ſah, brummte er unaufhörlich bald lobende, bald tadelnde Bemerkun⸗ gen vor ſich hin und ſtellte zwiſchen dieſem und ſeinem eignen Lande beſtändig Vergleichungen an, bei welchen ſich, das muß ich geſtehen, Irland nur ſehr ſelten über mangel an Patriotismus von ſeiner Seite zu beklagen hatte. 1 In Almeida erfuhr ich, daß die Kriegsſchaluppe Medea in Oporto liege uny demnächſt nach England 120 abſegeln werde. Dieſe Gelegenheit durfte ich nicht verſäumen: ich wußte, daß die offiziellen Depeſchen über Liſſabon abgeſandt werden ſollten, wo die Fregatte Gorgo nur auf ſie wartete; aber im Fall ich ſo glücklich war, Oporto zur rechten Zeit zu erreichen, ſo konnte ich hof⸗ fen, der erſte zu ſeyn, welcher die Nachricht von Ciudad Rodrigo's Fall nach England überbrachte. Nachdem ich alſo mein Gepäck möglichſt verkleinert und einen jugendlichen Führer über den Paß La Reyna angenom⸗ men hatte, warf ich mich mit den Kleidern auf das Bett und wartete ſehnſuchtsvoll auf den Tagesanbruch, um meine Reiſe fortſetzen zu können. Während ich über meine dermaligen Lebensanſich⸗ ten nachdachte, fiel mir plötzlich Frank Webber's Brief ein, den ich ungeleſen in meine Brieftaſche geſteckt hatte, weil Conſidine's Schreiben meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen. Ich fand ihn bald wieder, zog die Lampe hervor, und da ich keine Neigung zum Schlaf verſpürte, ſo begann ich die ungewöhnlich umfangreiche Epiſtel näher zu betrachten. Dieſelbe enthielt vier eng geſchriebene Seiten, nebſt einer Zeichnung in der Art von Schlachtplanen. Meine Neugierde wurde dadurch un ſo mehr angeſtachelt und ich begann zu leſen wie olgt:— „Offizielle Depeſche des Generallieutenants Francis Webber an Lord Caſtlereagh, enthaltend den Sturm und die Einnahme des alten Brunnens im Trinitätscolle⸗ gium zu Dublin, in der Nacht vom 2. December 1811, nebſt einem Verzeichniß der Todten, Verwundeten und Vermißten, ſowie anderen Mittheilungen vom Kriegs⸗ ſchauplatze. „Hauptquartier Nr. 2, Old Square. „Mylord! „In Gemäßheit der in Ew. Lordſchaft Depeſche vom 21. vorigen Monats enthaltenen Inſtructionen habe ich die unter meine Befehle geſtellten Truppen con⸗ centrirt, die Diviſionsgenerale um mich verſammelt und meine Abſichten in folgendem Tagsbefehle kund gethan: „Die nachgenannten Truppen werden ſich heute Abend im Hauptquartier verſammeln, und nachdem ſie ein für die nächſten zwei Tage ausreichendes Mahl, ſo wie Punſch für vier Tage zu ſich genommen, in fol⸗ gender Ordnung marſchfertig halten:— „Harry Nesbitt's Brigade der Unverbeſſerlichen wird ein Blokadecorps von des Prorectors Wohnung bis zur Bibliothek bilden. Die leichte Diviſton unter Mark Waller wird vom Thore bis in die Mitte des Hofes ſcharmützeln, um die Gardekürraſſiere aufzuhalten, die unter Anführung des alten Portier Duncan von dieſer Richtung her erwartet werden. Die bemoosten Häupter der alten Garde werden zwei Angriffscolonnen bilden, und ein verlorner Poſten, beſtehend aus den bei den letzten vier Prüfungen Durchgefallenen, wird ſich unter den Befehlen des Timothy O'Rourke im Schatten der Speiſehalle aufſtellen. „Auf das Signal durch die Glocke des Diakonus werden die Stürmer ſich in Bewegung ſetzen, ein all⸗ gemeines Kriegsgeſchrei ſoll ſofort den Augenblick des Angriffs verkündigen. „Die Parole für die Nacht iſt— Hol mich der Teufel! „Der Obergeneral wünſcht, daß die verſchiedenen Corps ſo ſtark als möglich ſeyen und erwartet, daß Niemand unter irgend einem Vorwand dahinten bleibe. Während des allgemeinen Sturmes wird Cecil Caven⸗ diſh auf des Prorectors Fenſter einen Scheinangriff un⸗ ternehmen, der in einen wirklichen Angriff verwandelt werden ſoll, ſobald die Ladies zu kreiſchen anfangen. „Tagsbefehl. „Der Generalcommiſſär Foley wird folgende Ar⸗ tikel für die Truppen liefern: zwei Schinken; acht Paar gebratene Hühnchen, einen dito Puterhahn, ſechszehn 12² Hummer, achthundert Stück Auſtern, nebſt einer an⸗ gemeſſenen Quantität von kaltem Xeres und heißem Punſch. „Die Armee wird ſich Abends gegen zehn Uhr im Zuſtande der Trunkenheit befinden. „Nachdem ich dieſe Anordnungen getroffen, Mylord, ſuchte ich den Feind in Betreff unſerer Abſichten irre zu führen, indem ich duldete, daß mein Bedienter mit einer Depeſche aufgefangen wurde. Dieſe Depeſche, ein Recept von Doctor Colles, ſollte nämlich den alten Diakanus auf die Meinung bringen, ich ſtehe noch auf der Krankenliſte. Nachdem dieß geſchehen war und wir vier Zentner von Dartford'ſchem Schießpulver auf Borg gekauft hatten— unſere Kriegskaſſe befand ſich nämlich in einem höchſt beklagenswerthen Zuſtande— wartete ich auf den Augenblick zum Angriff. „Ein heftiger Regen, begleitet von einem furchtba⸗ ren Orkan, machte den Marſch der Truppen, die aus der Nachbarſchaft von Merrionsſquare und Fitzwilliam⸗ ſtreet kamen, höchſt beſchwerlich. Die Pikets in College⸗ green waren, vermuthlich durch das unfreundliche Wetter hiezu verleitet⸗ ſchon beim Einrücken betrunken und hat⸗ ten mit dem alten M'Caliſter, dem ſie ſeine rothe Uni⸗ form über dem Kopfe zuſammenbanden, ein Scharmützel angefangen, wodurch der Sturm beſchleunigt wurde, ſo daß wir Abends um halb zehn nach den Laufgräben marſchirten. Der Marſch unſerer Truppen war ein Muſter von Ordnung und militäriſcher Präciſton. Als wir uns der Ecke der Commonshall näherten, erſahen wir aus einem Scharmützel im Nachtrab, daß unſere Abſichten bekannt geworden waren, und von meinem Adjutanten Bob Moore erfuhr ich, daß der Angriff von einer ſtarken feindlichen Colonne unter dem Commando des alten Fitzgerald ausging. „Perpendikel,(Ew. Lordſchaft weiß, daß er in der anzen Armee ſo genannt wird) rückte entſchloſſen heran und machte bald mehrere Gefangene⸗ unter andern Tom 12³ Drummond, den langen Tom, der ausgeglitten und er⸗ bärmlich zu Boden gefallen war. Er blieb jedoch nicht lange im Vortheil; Nesbitts Brigade griff ihn in der Flanke an, befreite die Gefangenen, löſchte die Laterne des Diakonus aus, ſchlug die ſchweren Portiers zurück und nahm Perpendikel ſelbſt gefangen. „Eine Ordonnanz vom linken Flügel benachrichtigte mich, daß der Angriff auf des Prorectors Haus ebenſo erfolgreich geweſen ſey; es war keine Fenſterſcheibe in der Front mehr ganz und ein Lakai, der deſertirte, überbrachte die Nachricht, daß Mrs. Hutchinſon in hyſteriſchen Kräm⸗ pfen liege. „Während ich dieſe Depeſche las, verkündete eine ſtarke Bewegung der Linie nach Rechts, daß in dieſer Richtung Etwas im Werke war. Bob Moore, der auf Drummonds Rücken ſaß, meldete eiligſt, Williams habe zwar ſeine brennende Cigarre an das Zündloch der Kanonen gehalten, allein das Pulver ſey naß ge⸗ weſen und deßhalb trotz aller Bemühungen der Schuß nicht losgegangen. Ich ſprengte an die Front und fand das fragliche Individuum auf dem Boden knieend, emſig bemüht, ſo weit der Punſch es ihm geſtattete, eine Lunte anzuzünden. Bevor ich es verhindern konnte war Feuer entſtanden, ein lautes ziſchendes Getöſe erfolgte und die verſchiedenen Magazine geriethen eines ums andere in Brand. „Ich vermag Ew. Lordſchaft keine Beſchreibung von dieſer furchtbaren Exploſion zu machen. Die glühenden Splitter wurden hoch in die Luft geſchleudert und fielen maſſenweiſe auf allen Seiten nieder. Jvey, der Glöck⸗ ner, wurde von ſeinem Gerüſte neben der Glocke köpf⸗ lings in den Koth geſtürzt; die umliegenden Gebäude er⸗ zitterten, die Fenſter zerſprangen, kurz auf allen Seiten ſah man Nichts als Gräuel und Verwüſtung. Als der Dampf ſich verzog, erhob ich mich wieder von der Erde und bemerkte mit Entzücken, daß von dem Brunnen nicht eine einzige Spur übrig war. Der alte 124 3 eiſerne Schwengel war tief in die Wand des Speiſeſaa⸗ les hineingekeilt und ſein runder Knopf ſtand heraus, wie das Ende einer Queue. „Unſer Verluſt war, wie Sie ſich denken können, bedeutend; ich ließ daher die Verwundeten ins Lazareth bringen und traf Anſtalten zu einem ordentlichen, gere⸗ gelten Rückzuge. Inzwiſchen hatte ſich der Feind jedoch in großer Maſſe verſammelt, zwei Bataillone Portiers unter Anführung des Doctors Dobbin fielen uns in die Flanke, eine Artilleriebrigade überſchüttete uns mit einem Kugelregen und nur durch Harry Nesbitts Bemühungen gelang es unſere Communikation mit den Reſerven zu erhalten. Auch Cecil Cavendiſh kam herbei; denn ob⸗ ſchon beim Hauptangriff geſchlagen, hatte er doch mit ſeinen Tapfern die Küchenfenſter erſtürmt und eine nam⸗ hafte Quantität kalten Fleiſches erobert. „Ich concentrirte ſofort die verſchiedenen Corps und machte eine ſtaffetförmige Bewegung gegen die Kapelle, damit auch die leichte Diviſion zu uns ſtoßen könnte. Dies that ſie denn in wenigen Minuten und brachte mir die Nachricht, ſte habe Perpendikel in Haha zurückgelaſ⸗ ſen, welches, wie Ew. Lordſchaft weiß, ein Graben mit dem allergrünſten und ſumpfigſten Waſſer von der Welt iſt. Wir führten jetzt unſern Rückzug nach Nro. 2 aus und nahmen unſere Verwundeten mit; auch die Beute wurde in Sicherheit gebracht, aber den Gefangenen gaben wir blos Fußtritte und ließen ſie entwiſchen. Auf dieſe Art, Mylord, endete eine der glänzendſten Waffenthaten, welche je die Laufbahn eines noch nicht graduirten Studenten bezeichnet haben. „Ich füge die Liſte der Verwundeten, ſowie auch einen Bericht über die verſchiedenen Artikel bei, welche nach der Meldung des Generalcommiſſärs vermißt werden. „Harry Nesbitt; ſchwer verwundet, kein Rock und kein Hut; ein ſchwarzes Auge; der linke Schuh vermißt. „Cecil Covendiſh; das Geſicht entſetzlich verkratzt, vermuthlich in dem Küchengefechte. 125 „Tom Drummond; ſelbſt für ſeine Freunde nicht mehr erkennbar; ſein Geſicht gleicht einem durch den Rauch einer nächtlichen Illumination verunſtalteten Transparentgemälde.. „Bob Moorev; leicht verwundet. „Ich erlaube mir alle dieſe Offiziere der beſondern Rückſicht Ew. Lordſchaft zu empfehlen; ganz beſonderes Lob verdient das Benehmen Moores; der mit ausgezeichne⸗ ter Schnelligkeit und Sicherheit die Laterne des Diako⸗ nus dem Portier aus der Hand ſchlug. Dieſer Offtzier wird Sr. K. Hoheit folgende, dem Feinde abgenommenen Throphäen überbringen: die Zipfelkappe des Diakonus; den Schlüſſel zu ſeinen Zimmern; Doctor Dobbins Pe⸗ rücke; vier Portierhelme und ein Buch über den Keller. „Ich habe die Ehre zu verbleiben Mylord u. ſ. w. „Francis Webber.“ „Tagsbefehl. „Der Oberbefehlshaber der Truppen erſtattet den verſchiedenen Ofſizieren und Soldaten, die bei dem letz⸗ ten Sturme beſchäftigt waren, ſeinen Dank für ihre ausdauernde Tapferkeit und ihren Muth. Dem Glanz dieſer Heldenthat kann nur die Menſchlichkeit und das Wohlverhalten der Truppen gleichkommen. Es bleibt ihm hier nur noch zuzufügen, daß, je weniger ſie von dieſer That ſprechen und je ſchneller ſie ſich mit den Symptonen eines anſteckenden Fiebers oder ſonſtiger Krankheiten in ihr Bett begeben, es um ſo beſſer für ſie Alle ſeyn wird. „Mittlerweile wird die Armee, um die zukünftigen Plane des Feldzugs zu beſprechen, heute Abend bei Mor⸗ riſon ſoupiren.“ Damit endete dieſe koſtbare Epiſtel, aus der mir wenigſtens eine Thatſache klar wurde, daß nämlich mein würdiger Freund, wenn auch an Jahren, doch nicht an Weisheit zugenommen hatte. 126 Während ich über die ſeltſame Verblendung nach⸗ dachte, die einen hochbegabten jungen Mann veranlaßte, Talente, welche ihn zu hoher Auszeichnung führen konn⸗ ten, auf die unnützeſte und gedankenloſeſte Art zu ver⸗ ſchwenden, fielen einige Zeilen von einem Zeitungsblatte aus dem Briefe. Sie lauteten: „Neueſte Exceſſe im Trinitätscollegium zu Dublin. „ Mit großem Vergnügen haben wir zu berichten, daß die ernſtlichen Ruheſtörungen, die vor einigen Ta⸗ gen in den Mauern unſerer Univerſitat vorſielen, auf keinerlei Weiſe dem Benehmen der Studirenden zuzu⸗ ſchreiben ſind. Wie es ſcheint hat blos ein böswilliger Pöbelhaufe aus der Stadt den ganzen ärgerlichen Skandal verurſacht. Daß die Abſicht dieſes Geſindels auf die gänzliche Zerſtörung unſeres ehrwürdigen Gebäudes ausging, un⸗ terliegt keinem Zweifel. Glücklicherweiſe verrechneten ſie ſich in esprit de corps der Studenten, von denen eine Schaar unter Anführung des Mr. Webber ſich den Ruheſtörern entgegen warf und dieſelben endlich aus un⸗ ſern Mauern verjagte. „So viel wir hören, iſt es die Abſicht des hohen Curatoriums, Mr. Webber ein beſonderes Zeichen ſeiner Zufriedenheit zukommen zu laſſen, zumal da dieſer junge Mann neben ſeinem muſterhaften Benehmen, auch die ausgezeichnetſten Talente entwickelt.“ „Dies, mein theurer Charley, wird Ihnen einen ſchwachen Begriff von einer der herrlichſten Waffentha⸗ ten der ganzen Neuzeit geben. Mein Bülletin iſt, glaube ich nicht napoleoniſirt und frei von bombaſtiſchen Uebertrei⸗ bungen. Alles zuſammen war köſtlich; von dem pracht⸗ vollen Feuerwerk am alten Brunnen an bis zum Per⸗ pendikel, der von Waſſerlinſen trof wie ein wahnſinni⸗ ger Flußgott. Unſere Burſche haben ſich vortefflich ge⸗ halten, und daſſelbe Lob verdient auch der Feind. Lei⸗ der bin trotz alledem und trotz der lobenden Zeitungs⸗ 127 artikel auf nächſten Dienstag vor das hohe Curatorium eitirt. „Mittlerweile beſteht mein Geſchäft darin, die Jour⸗ nale mit Artikeln zu überſchütten, ſo daß ich, im Fall die Herrn nicht glimpflich mit mir verfahren ſollten, wenigſtens beim Publikum auf Theilnahme rechnen darf. So eben habe ich an die Times einen Auſfſatz abge⸗ hen laſſen, worin die Univerſität im Tone väterlicher Zärtlichkeit alſo angeredet wird: 3 „„Wie lange wird man noch dulden, daß die ab⸗ ſcheulichen Exceſſe eines im Uebrigen gelehrten Profeſſors das ganze Collegium verunehren? Soll man dem Doc⸗ tor.... erlauben ſich geſetzwidriger und ſeandalöſer aufzuführen, als je ein junger Student ſich herausgenom⸗ men hat? NRächſtens mehr über dieſen Gegenſtand. „Saunders News⸗Letter.— Doctor Barret erſchien auf dem Polizeiamte und legte vor dem Alder⸗ man Darley einen Eid darauf ab, daß weder er noch Catty bei dem letzten Brunnenerceß betheiligt waren u. ſ. w. u. f. w.⸗ „Artikel wie dieſe finden ſich in jedem Prozinzial⸗ blatte des Reiches. Die Leute ſchütteln den Kopf, wenn ſie von der Univerſität ſprechen und ehrenwerthe Frauen⸗ linnnnen hüten ſich wohl am Collegium nahe vorbeizu⸗ ommen. „Dienstag Abend. „Würden Sie's glauben? die Kerls haben mich wirk⸗ lich relegirt! Adreſſiren Sie inzwiſchen Ihren nächſten Brief nach der alten Weiſe, denn ſie ſind mich noch im⸗ mer nicht los. „Stets der Ihrige „F. W.“ Alſo, dachte ich, werde ich ihn noch in ſeinem al⸗ ten Quartier finden und offenbar ſehr wenig verändert ſeit unſerer Trennung. Nicht ohne einigen Stolz,— und ich glaube daß er wohl verzeihlich iſt— verglich ich meine eigene Laufbahn mit der ſeinigen. Ein drei⸗ jähriges Feldzugsleben hatte mir zu einigem Einblick in die Welt, ſowie zu etwas Selbſtkenntniß verholfen und überdies den unſchätzbaren Vortheil gewährt⸗ ſchon in früher Jugend die enthuſiaſtiſchen Freuden einer militä⸗ riſchen Laufbahn koſten zu können und den Gefahren und Strapazen eines Feldzugs zu trotzen, während ich un⸗ ter andern Auſpicien dieſe Jahre vielleicht in unnützem Müßiggang und gedankenloſem Leichtſinn verbracht hätte. Hundertundſechstes Kapitel. London. Zwölf Stunden nach meiner Ankunft in England betrat ich London. Ich kann die Empfindungen nicht beſchreiben, die ſich in mir drängten, als das Getöſe und der Tumult dieſer gewaltigen Stadt mich aus dem tiefen Schlafe erweckte, worein ich in der Ecke des Wa⸗ gens verfallen war. Die ſcheinbar unendlichen Reihen von Laternen, das Raſſeln von Wägen, der Glanz der Lden, das Durcheinander von tauſend Stimmen, Alles das bildete eine chaotiſche Maſſe, die mich durchaus zu keinem klaren Gedanken kommen ließ. Meinen In⸗ ſtruktionen getreu, verlor ich keinen Augenblick, ſondern traf alsbald Anſtalten meine Depeſchen abzugeben. Ich warf mich in die Staatsuniform meines Regiments und ritt vor das Kriegsminiſterium. Es war neun Uhr und man ſagte mir, Se. K. Hoheit habe ſich nach Carleton⸗ Houſe zum Diner begeben. Aus den wenigen Worten, die ich mit dem Adjutanten wechſelte, erſah ich, daß man von dem Fall Ciudad Rodrigos in England noch Nichts wußte. Mit der äußerſten Spannung ſah man Nachrichten von der Halbinſel entgegen, zumal, da ſchon ſeit mehreren Wochen keine Depeſchen von da eingelau⸗ fen waren. 129 Ich verfügte mich daher nach Carleton Houſe, ohne jedoch zu wiſſen, wie ich mich zu verhalten habe, oder inwiefern die Etikette der Ausführung meiner Botſchaft im Wege ſtehen könnte. Die Nach⸗ richten, die ich zu überbringen hatte, waren jedoch von zu großem Belang, als daß ich mich lange hätte beſinnen dürfen; ich ſtellte mich daher dem dienſtthuen⸗ den Adjutanten vor und ſagte ihm einfach, ich habe Sr. K. Hoheit ſehr wichtige Briefe zu überbringen. „Sie ſind noch nicht zu Tiſche gegangen,“ lispelte der Adjutant,„wenn Sie mir erlauben wollen, die Briefe zu überreichen—“ „Es ſind Depeſchen,“ verſetzte ich nicht ohne Stolz und ganz und gar nicht geneigt, einem Andern die Ehre abzutreten, dieſelben perſönlich in die Hände des Her⸗ zogs abzugeben.. „Dann wollen Sie ſich nur gefälligſt morgen bei der Audienz einſtellen,“ erwiederte er nachläſſig, kehrte an eines der Fenſter zurück und ſetzte ſein Geſpräch mit einem andern Ofſtzier wieder fort. Einige Augenblicke war ich unſchlüßig; ich wollte weder meine Anſprüche als Ueberbringer von Depeſchen aufgeben, noch auch die Beſorgung derſelben bis auf den folgenden Tag aufſchieben. Endlich entſchloß ich mich doch zum Erſteren, zog die Papiere aus meiner Säbeltaſche und wollte ſie eben dem Adiutanten überreichen, als die Flügelthüre ſchnell ſich öffnete und ein großer, ſchöner Mann, mit einer halben Glatze, eintrat. Die Anweſenden ſprangen aus ihren nachläßigen Stellungen empor und verbeugten ſich ehrfurchtsvoll, während er auf eine andere Thüre zuging. Er trug ei⸗ nen einfachen blauen Ueberrock, der bis nach oben zu⸗ geknöpft war, und ſeine einzige Decoration war ein glaͤn⸗ zender Stern auf der Bruſt. Seine ganze Erſcheinung umſchwebte ein gewiſſer Adel und eine Hoheit, woraus Lever, O'Malley. V. 9 130 ich ſchnell abnehmen konnte, daß er von königlichem Blute war. Als ihm der Adjutant, mit dem ich geſprochen hatte, die Thüre zum Hinausgehen öffnete, hörte ich die Worte: ‚Briefe von Wichtigkeit, Ew. K. Hoheit.“ Der Angere⸗ dete drehte ſich raſch um, warf einen haſtigen Blick im Zimmer umher, und ſchritt dann, ohne eine Antwort zu geben, gerade auf mich zu. „Depeſchen für mich, Sir?“ fragte er kurz, indem er das Paquet aus meiner Hand nahm. „Für Se. K. Hoheit den Oberbefehlshaber,“ ant⸗ wortete ich mit ehrfurchtsvoller Verbeugung, noch immer, ohne zu wiſſen, wer vor mir ſtand. Er erbrach das Siegel, ohne Etwas zu erwiedern, und als er die er⸗ ſten Zeilen geleſen rief er: „Ha, Nachrichten von der Halbinſel! Wann ſind Sie angekommen, Sir?“ „Vor einer Stunde“ „Und dieſe Briefe kommen von?“ „General Picton, Königliche Hoheit.“ „Herrlich, glänzend ausgeführt,“ murmelte er vor ſich hin, während ſeine Augen über den Brief hinflogen. „Sind Sie der Kapitän O'Malley, deſſen mit ſo großem Lobe hier gedacht wird?“ Ich verbeugte mich tief. „Es wird äußerſt vortheilhaft von Ihnen geſprochen, und es ſoll mir ein aufrichtiges Vergnügen gewähren, Sie dem Prinzregenten zu empfehlen. Aber warten Sier einen Augenblick.“ So ſprechend, eilte er aus dem Zimmer und ließ mich überraſcht ſtehn; alle Anweſenden ſchauten mich verwundert an, denn ſie hatten bisher nichts Anders geglaubt, als daß ich Depeſchen von Houns⸗ low, Knightsbridge oder ſonſt einer andern Garniſon überbringe. „Kapitän O'Malley,“ ſagte ein mit Orden bedeckter Offizier, deſſen etwas ausländiſcher Accent den Han⸗ noveraner verrieth,„Se. K. Hoheit wünſcht, daß Sie 131 mich begleiten.“ Bei dieſen Worten öffnete ſich die Thürc und ich befand mich alsbald in einem äußerſt glänzend beleuchteten Gemache, deſſen Wände mit Ge⸗ mälden überhangen waren, während die in Fächer ab⸗ getheilte Vertäfelung von der reichſten Vergoldung ſchim⸗ merte. Mehrere Perſonen in Hofkleidern unterhielten ſich leiſe, als wir eintraten, ſchwiegen aber plötzlich, begrüßten meinen Begleiter ehrfurchtsvoll und machten uns Platz. Wieder öffneten ſich die Flügelthüren und wir traten in eine lange Gallerie, deren prachtvolle Möbel und koſtbare Dekorationen im uppigen Schein eines maſſi⸗ ven Kronleuchters von Rubinglas glänzten, als ginge die Sonne über ihnen in ihrer prachtvollſten Größe unter. Auch hier unterhielten ſich mehrere Herren in hübſchen Uniformen; einer von ihnen ging auf meinen Begleiter zu, den er mit einem vertraulichen Nicken als Baron anredete, und flüſterte ihm einige deutſche Worte in's Ohr. Ohne zu verweilen, gingen wir weiter; im nächſten Augenblick wurden die Thüren weit geöffnet und wir traten in's Geſellſchaftszimmer. Das Geſumme von Stimmen und lautes Lachen gab mir meine Faſſung wieder, aber bevor ich noch Zeit hatte zu überlegen, wo und warum ich da war, trat der Herzog von York mit einem äußerſt freundlichen Lächeln auf mich zu und ſagte, indem er ſich auf die Seite wandte: „Königliche Hoheit, Kapitän O'Malley.“ Bei dieſen Worten trat der Prinz vor und ver⸗ bangireſ leiht gegen mich. „Sie haben uns herrliche Nachrichten überbracht, Mr. O'Malley. Im Fall Sie nicht zu müde ſind, erſuche ich Sie, zum Diner bei uns zu bleiben. Ich bin äußerſt begierig, die nähern Umſtände des Sturmes zu erfahren.“ „Ich verbeugte mich zum Dank für dieſe gnädige Einladung und er fuhr falne— 3 ſe Pubig . 9!ʃ* 132 „Sind Sie mit meinem Freund hier bekannt? Doch nein, das kann kaum ſeyn, Sie haben Ihre militäriſche Laufbahn ſchon zu frühe begonnen. Erlauben Sie mir alſo, Ihnen meinen Freund Tierney vorzuſtellen. Der Genannte, ein Mann von mittlern Jahren, deſſen breite, weiße Stirne und tief liegenden Augen ſeinem im Uebrigen nicht ſonderlich ausdrucksvollen Geſichte einen eigenthüm⸗ lichen Charakter gaben, verbeugte ſich etwas ſteif. Bevor er noch ein mühſam hervorgebrachtes Com⸗ pliment beendigte, trat ein Dritter hinzu, deſſen auffal⸗ lend ſchöne Züge mit ihrem lebhaften Ausdruck etwas ſehr Einnehmendes beſaßen. Er redete den Prinzen mit unbefangener Vertraulichkeit an, führte ihn von der Gruppe weg und ſchien ihm eine Anekdote zu erzählen, worüber Se. Königl. Hoheit ein ſchallendes Gelächter aufſchlug. Bevor ich Zeit und Gelegenheit hatte, mich zu erkundigen, wer der Mann war, wurde das Diner ange⸗ kündigt; die weiten Flügelthüren öffneten ſich und ent⸗ hüllten den prachtvollen Speiſeſaal von Carleton⸗Houſe mit ſeiner ganzen großartigen Herrlichkeit. Der plötzliche Uebergang von dem rauhen, an Ent⸗ behrungen reichen Feldzugsleben zu aller Ueppigkeit und wollüſtigen Eleganz eines glänzenden Hofes richtete eine ſolche Verwirrung in meinem Kopfe an, daß ich in die⸗ ſem Augenblick Nichts weniger als ein geſammelter Beobachter war. Der Glanz der Szene, der hohe Rang und noch mehr die Talente der Perſonen, von denen ich umgeben war, brachten ihre vollſtändige Wirkung auf mich hervor, und obſchon ich aus dem Ton der Unter⸗ haltung erſah, wie unendlich tief ich unter ihnen ſtand, ſo benahmen ſie mir doch durch eine zartſinnige höfliche Theilnahme an dem Kampfe, den ich mitgemacht, bald meine Verlegenheit, welche von der Neuheit meiner der⸗ maligen Stellung einigermaßen unzertrennlich war. Von der Halbinſel ſprachen ſie mit einer Ortskenntniß, die ich bei Leuten, welche den Krieg nicht mitgemacht hat⸗ 13³ ten, kaum begreifen konnte, und ſie ſchienen mit allen Einzelheiten des Feldzuges vollkommen gut bekannt. Von allen Seiten her erzählte man ſich Anekdoten und Geſchichten, von denen ich geglaubt hatte, daß ſie nie⸗ mals aus dem Bereich eines Regiments kommen würden. Der Prinz ſelbſt, deſſen angenehmes Erzählungstalent noch nie übertroffen worden iſt, zeich nete ſich vor allen aus, und ich konnte nicht umhin, über ſeine vortrefflichen Nachahmungen in Stimme und Manier zu ſtaunen; ja auch der vollendetſte Schauſpieler hätte den liſtigen, ſpeculirenden Ton des Schotten oder den unverwüſtlichen Leichtſinn des Irländers nicht mit mehr Takt und Feinheit. nachahmen können. Aber auch ihn überſtrahlte der Mann, der, wie ich bereits erwähnt, im vorderen Zimmer mit Sr. Königl. Hoheit geſprochen hatte; er vereinigte die glücklichſte Unterhaltungsgabe mit einer lebendigen und glänzenden Phantaſte. Seine Rede ſtrömte über von ſpitzigen, epigrammatiſchen Witzen; bald beleuchtete er einen wirklich ſchweren Gegenſtand durch ein glückliches Schlagwort, gleichwie der flammende Blitz eine ganze dunkle Landſchaft beleuchtet; bald machte er ein Beweis⸗ mittel ſeines Gegners durch irgend einen ſophiſtiſchen Scherz zu nichte, und das Ganze begleitete er mit einem ſolchen Zauber in Stimme, Blicken, Geberden und Manieren, daß Niemand, wer ihn jemals geſehen hat, Brinsley Sheridan wieder vergeſſen wird. Selbſt beim beſten Willen wäre ich nicht im Stande, alle Einzelheiten dieſes glänzendſten Abends meines Lebens genau aufzuführen. Von allen Seiten her hörte ich Namen, deren Ruf als Staatsmänner oder Gelehrte durch ganz Europa ſich verbreitete; ſie befanden ſich hier nicht in der behaglichen Gleichgültigkeit des gewöhn⸗ lichen Lebens, ſondern boten allen ihren Witz, Geiſt, Erfindungsgabe und Beredtſamkeit auf, wodurch ſie ſich ihre hohe Stellung erworben und geſichert hatten. Der gereifte Verſtand und kraftvolle Geiſt Tierney's wett⸗ eiferte mit den glänzenden und blendenden Einfällen 134 Sheridans. Die zwangloſe Leutſeligkeit und engliſche Herzlichkeit von Fox gab einen ſeltſamen Contraſt gegen die ſchneidenden Spöttereien und beißenden Sarkasmen Erskine's. Während ſie ſich um die Palme ſtritten, legte der Prinz ſelbſt ſo viel Geiſt an den Tag und führte die Unterhaltung mit ſolcher Leichtigkeit des Aus⸗ drucks, daß er ſich ſchon dadurch auf jeder Lebensbahn hätte auszeichnen müſſen. Politik, Krieg, Frauen, Lite⸗ ratur, Wettrennen, die Marine, die Oppoſition, die Architektur und das Drama, Alles wurde mit einer Sachkenntniß beſprochen, welche mir deutlich zeigte, wie viele Gelegenheiten ſich auszubilden Leuten zu Gebote ſtehen, die in Folge ihrer erhabenen Stellung ſich täglich mit den glänzendſten, beſten Köpfen der Nation umge⸗ ben können. Die Zeit verflog, ohne daß ich es merkte. Eine ſo glänzende Schauſtellung von Allem, was feine Manieren Bezauberndes haben können, war mir ſo neu, daß ich in eine Art von Verzückung gerieth. Bis auf die jetzige Stunde ſind meine Eindrücke hiervon, trotz ihrer Verworrenheit in den einzelnen Punkten, noch ſo lebendig, als wäre dies Alles erſt geſtern Nacht vorge⸗ kommen, und obſchon ich ſeitdem zahlreiche Gelegenheiten gehabt habe, mit hochgeſtellten und hochbegabten Män⸗ nern zuſammenzutreffen, ſo bleibt doch die Erinnerung an dieſe Nacht die entzückendſte meines ganzen Lebens. Während ich über die Einzelheiten dieſes Abends hinweggehe, kann ich nicht umhin, eines Umſtandes zu erwähnen, der mich ſelbſt betraf und hauptſächlich deß⸗ wegen großen Werth für mich hatte, weil er durch einen einzigen flüchtigen Zug die liebenswürdige und gütige Denkungsart eines Mannes zeichuet, deſſen Andenken im ganzen Heere geheiligt bleibt. Ein wenig tiefer als ich, auf der entgegengeſetzten Seite der Tafel ſaß ein alter Bekannter von mir, den ich zuerſt in Liſſabon getroffen hatte; er war damals in Sir Stewards Stab und wir kamen beinahe täglich zuſammen. Um unſere Bekanntſchaft zu erneuern, be⸗ 13⁵ mühte ich mich, ihm einen Blick abzugewinnen, aber vergebens; endlich, als ich meinen Zweck erreicht zu haben glaubte, rief ich ihm zu: 4 „He Fred, laſſen Sie uns ein Glas zuſammen⸗ trinken.“ 3 Der Herzog von York, der eben mit Lord Liverpool ſprach, wandte ſich jetzt plötzlich um, nahm die Flaſche in die Hand und erwiederte:— 1 „Mit Vergnügen, O'Malley, auf was wollen wir trinken, mein Lieber?“ Nie werde ich die Freundlichkeit ſeines Blickes ver⸗ geſſen, als er auf meine Antwort wartete. Er hatte gemeint, ich habe ihn angeredet und die Anſtrengung vor der Reiſe, die Neuheit der Scene, meine Jugend u. ſ. w. haben mich in dieſen kameradſchaftlichen Ton verfallen laſſen. „So,“ ſagte er, als ich meine Erklärung heraus⸗ ſtammelte,„alſo habe ich mich getäuſcht; inzwiſchen dürfen Sie mich nicht um ein Glas Wein betrügen, laſſen Sie es uns dennoch trinken.“ Mit dieſer kleinen Anekdote, deren Wahrheit ich verbürge, ſchließe ich für heute. Es leben noch mehrere Augen⸗ und Ohrenzeugen und ich bedaure blos, daß ich nicht im Stande bin, die liebenswürdige Bereitwilligkeit, womit er einem unbeſonnenen Jüngling den freundlichen Schutz feines gütigen Herzens angedeihen ließ, in ihrer ganzen Verdienſtlichkeit zu ſchildern. Es war ſpät, als die Geſellſchaft aufbrach; als ich mich von dem Prinzen verabſchiedete, ſprach er ſich von Neuem ungemein huldreich gegen mich aus und lud mich perſönlich zu einem Frühſtück nach Hounslow ein. 136 Hundertundſiebentes Kapitel. Die Zeitungspoſaune von Briſtol. Am Morgen nach meinem Diner in Carleton⸗Houſe lag mein Tiſch voll von Einladungskarten. Die Nach⸗ richt von der Erſtürmung Ciudad Rodrigos ſtand ſchon in allen Zeitungen und mein eigener beſcheidener Name prangte in drei Fuß langen Lettern an ſämmtl chen Straßenecken. Inzwiſchen hatte ich weniger dieſem Um⸗ ſtande als der huldreichen Notiznahme des Prinzen die Aufmerkſamkeiten zu danken, die mir von allen Seiten erwieſen wurden; denn ich wurde in der That dermaßen mit Höflichkeiten und Lobpreiſungen überſchüttet, daß es mich keine geringe Anſtrengung koſtete, mich nicht für den großen Helden zu halten, den man aus mir machen wollte. Ein endloſer Kranz von Feſtmahlen⸗ Bällen und Soireen füllte meine ganze Woche aus. Ich war in jede Einladung nach Carleton⸗Houſe einge⸗ ſchloſſen und empfing von Sr. Königlichen Hoheit jedes⸗ mal die ſprechendſten Beweiſe von Huld. So viel Be⸗ zauberndes inzwiſchen der Gedanke für mich haben mußte, der Löwe von London zu ſeyn, um deſſen Freund⸗ ſchaft die höchſten und geiſtreichſten Männer der größten Stadt der Welt buhlten, ſo wandte ſich dennoch mein Herz unwillkürlich von dem Glanz und Schimmer der prachtvollen Salons, von den ſanften Blicken und noch ſanfteren Stimmen der Schönheit, von den Lobeserhe⸗ bungen, mit denen hochberühmte Männer mich beehrten, hinweg nach meiner beſcheidenen Heimat in den Gebirgen des Weſtens. So entzückt ich auch über die Schmei⸗ chelei war, welche meinen Namen einer der glänzendſten Waffenthaten meines Landes beigeſellte, ſo war es mir gleichwohl noch nicht heimiſch zu Muthe geworden. England erſchien mir als das hohe gewaltige Haupt meines Hauſes, deſſen Größe und Ruhm nach Nah und Fern auf die Stolzeſten, wie auf die Geringſten, die 137 den Namen Britten führten, einen Heiligenſchein ver⸗ breitete; aber Irland war das Land meiner Geburt, das Land meiner früheſten, meiner theuerſten Verbindungen— die freundliche Mutter, deren Athem als Kind meine Wange gefächelt hatte, und für Irland ſchlug daher, auch, nachdem ich Mann geworden, mein Herz mit der wärmſten, vollſten Sohnesliebe. Brauche ichs alſo noch zu ſagen, wie glühend ich heimwärts verlangte? Denn abgeſehen von allem Andern, konnte ich nicht umhin, mir Vorwürfe zu machen bei dem Gedanken an die muthmaßliche Lage derjenigen, die ich auf Erden am meiſten liebte, bei dem Gedanken, daß ich mich allen Zerſtreuungen des vergnüglichſten Lebens hingebe, wäh⸗ rend ſie vielleicht darbten. Ich ſchrieb mehrere Briefe nach Haus, erhielt aber keine Antwort und in allen Zirkeln der Londner Geſellſchaft traf ich nicht eine ein⸗ zige Perſon, die mir über meine Familie oder meine Freunde Aufſchluß hätte ertheilen können. Die Parla⸗ mentsmitglieder waren nach Hauſe zurückgekehrt, und ſo konnte ich bei einer vergleichungsweiſe kurzen Entfernung von allen meinen Theuern dennoch Nichts über ihr Schickſal erfahren. Die Einladungen des Prinzregenten, die ich natür⸗ lich als Befehle betrachten mußte, hielten mich noch immer in London feſt und ich wußte nicht, wie ich mich den mit jedem Tage ſich häufenden neuen Verbindlich⸗ keiten entziehen ſollte. In meiner Herzensangſt darüber theilte ich meine Wünſche einem Freunde im Stab des Prinzen mit und als ich nun am folgenden Morgen beim Lever erſchien, rief er mich zu ſich und fragte:— len⸗„Auf wie lange haben Sie Urlaub, Kapitän O'Mal⸗ ey?“ „Auf drei Monate, Königliche Hoheit.“ „Wünſchen Sie eine Schwadron, die nicht im Dienſte ſteht? In dieſem Fall hätten wir eben jetzt eine günſtige Gelegenheit.“⸗) „Ich danke verbindlichſt für Ihre Gnade, aber mein 138 Wunſch iſt, zu meinem Regimente zurückzukehren, ſobald mein Urlaub zu Ende geht.“ „Ei wie, man ſagte mir doch, Sie wünſchen einige Zeit in Irland zuzubringen.“ „Nur ſo lange, um meine Freunde zu beſuchen, Koͤnigliche Hoheit. Wenn das geſchehen iſt, will ich ſo⸗ gleich wieder bei meinem Regimente eintreten.“ „Ah, das verändert die Sache. Sie wünſchen uns wahrſcheinlich ſobald als möglich zu verlaſſen? Ich ſehe ſchon, wie es iſt; Sie ſind die ganze Zeit über gegen Ihren Willen hier geweſen. Kein Wort weiter hievon. Ich werde Sie in Carleton⸗Houſe entſchuldigen, und um Ihren Rückzug beſſer zu decken, will ich Ihnen einen Dienſt übertragen. Hören Sie, Gordon, übergeben Sie dem Kapitän O'Malley die Depeſchen an Sir Henry Howard in Cork.“ Er wandte ſich jetzt mit einer ver⸗ ſtellten Strenge gegen mich und fuhr fort;„Ich erwarte, Kapitän O'Malley, daß Sie die Ihnen anvertrauten Depeſchen ohne Aufſchub beſorgen. Sie verlaſſen London binnen einer Stunde. Ihre Inſtructionen werden in Ihr Hotel geſandt werden. Und nun,“ fügte er wieder mit ſeiner natürlichen Freundlichkeit und Güte hinzu,„und nun, leben Sie wohl, mein Junge, ich wünſche Ihnen glückliche Reiſe. Dieſe Briefe werden Sie für Ihre Koſten ſchadlos halten und die Gelegenheit überhebt Sie den Unannehmlichkeiten des Abſchieds.“ Ich ſtand verwirrt und ſprachlos da, außer Stands auch nur ein einziges Wort der Dankbarkeit für eine ſolch unerwartete Güte hervorzubringen. Der Herzog ſah ſogleich meine Verlegenheit, ſchüttelte mir herzlich die Hand und fügte lachend hinzu— „Gehen Sie jetzt, Sie dürfen nicht vergeſſen, daß Ihre Depeſchen große Eile haben.“ Ich verbeugte mich tief, verſuchte einige Worte zu ſprechen, ſtotterte aber und konnte Nichts hervorbringen. Endlich jedoch kam ich, Gott weiß wie, aus dem Zimmer und gelangte erſt wieder zum Bewußtſeyn, als ich ſo 139 ſchnell als möglich nach dem Long'ſchen Hotel eilte. Noch in derſelben Stunde raſſelte ich, ſo ſchnell nur vier Poſtpferde dem Pflaſter Trotz zu bieten vermochten, nach Briſtol und dachte mit Entzücken an den Empfang, der mir in London zu Theil geworden, mit noch groͤßerer Wonne aber an die unendliche Güte und Humanität des Prinzen. So ſehr ich über die freudige Aufnahme, die ich in London gefunden, hatte ſtaunen müſſen, ſo war ich noch weniger auf den Enthuſiasmus vorbereitet, der mich in jeder Ortſchaft begrüßte, durch welche ich kam. Ueberall, wo wir anhielten, um die Pferde zu wechſeln, ſtürmten die Einwohner ſchaarenweiſe herbei und bewillkommten mich mit jubelndem Entzücken. Daß vier Pferde und eine gelbe Chaiſe eine ſolche Begeiſterung hervorrufen ſollten, konnte ich nicht wohl begreifen; und ſelbſt, wenn die wichtige Nachricht, daß ich Ueberbringer von Depe⸗ ſchen ſey, von London aus durch Poſtillone überall hin verbreitet worden wäre, ſo blieb dennoch der außeror⸗ dentliche Tumult unerklärlich. Erſt in Briſtol erfuhr ich, welchem Umſtand ich meine Popularität verdankte. Mein Freund Mickey hatte in beſcheidener Nachahmung der Wahlkniffe an die Rückſeite der Kutſche einen großen Zettel geklebt, worauf in ungeheuer langen Buchſtaben etwa Folgendes zu leſen ſtand:— „Blutige Nachrichten! Fall von Ciudad Rodrigo— Fünftauſend Gefangene und zweihundert Kanonen ge⸗ nommen! Kapitän O'Malley! welcher die Stürmenden angeführt hat!“ Dieſe wahrhaftige und befriedigende Anzeige unter⸗ ſtützt durch Mickeys mündliche Erklärungen und ſein unverdroſſenes Blaſen auf dem Inſtrument, das er dem franzöſiſchen Trompeter abgenommen, hatte die Bevöl⸗ kerung aller Ortſchaften in Bewegung geſetzt und unſere Reiſe von London nach Briſtol zu einem Triumphzug der lärmendſten und verworrenſten Art gemacht, Alle meine Verſuche, Mickeys oratoriſche und muſikaliſche 140 Vorſtellungen zu hemmen, blieben gänzlich vergebens. Er hatte den Tag über ſo manchesmal auf meine Ge⸗ ſundheit getrunken, bei ſo manchem Toaſt auf den Er⸗ folg der brittiſchen Waffen, auf die engliſche Nation, auf die Ehre Irlands und auf die Ehre von Mickey Free redlich Beſcheid gethan, daß all ſein Reſpect vor mir in ſeiner Begeiſterung für meine Größe aufgegangen war und ſein Geſchrei immer wilder, ſeine Trompeten⸗ ſtöße immer furchtbarer und unzuſammenhängender wur⸗ den. Erſt auf der letzten Station ſchien er die ganze Kraft ſeiner Lunge erſchöpft zu haben, denn ſein Blaſen vom Dach der Kutſche herab tönte nur noch, als ſpielte er den Dudelſack. Glücklicherweiſe iſt für alle menſchlichen Anſtren⸗ gungen ein Ziel geſetzt, und als wir nach Briſtol kamen, konnte ich Mickey überreden, zu Bette zu gehen, ſo daß mir ſelbſt wieder der Genuß einiger Ruhe zu Theil wurde. Um indeß die paar Stunden vor Schlafengehen auszufüllen, begab ich mich in's Kafezimmer. Das engliſche Ausſehen von Allem, was mir da in die Augen fiel, hatte einen eigenthümlichen Reiz für mich, und mit nicht geringer Verwunderung betrachtete ich die Nettig⸗ keit und Zierlichkeit, die ſich allenthalben kund that, von der blanken Uhr an, welche unverdroſſen über dem Ka⸗ mine pickte, bis zu dem ſchmucken Kellner mit dem geräuſchloſen Tritte und dem aufmerkſamen, aber doch ruhigen Blicke. Auch die tiefe Stille ſiel mir auf, die nur unterbrochen wurde, wenn eine rauhe Stimme nach einem neuen Glaſe Grog rief, oder eine andere in etwas beſcheidenerem Tone ſich noch etwas Rahm ausbat. Sämmtliche Gäſte waren dermaßen in ihre ungeheuern Zeitungsblätter vertieft, daß ſie den neuen Ankömmling kaum eines Blickes würdigten; ihre gravitätiſche Feier⸗ lichkeit gab einem Orte, der ſonſt in allen andern Län⸗ dern der Schauplatz von lärmendem Geräuſch und Tu⸗ mult iſt, einen Charakter von beinahe religiöſem Ernſte. Mit vielem Intereſſe betrachtete ich alle die Leſer, als 141 die Thüre ſich öffnete und der Kellner mit einem großen Plakat eintrat. Ihm folgte ein anderer mit einer Leiter und mit ſeiner Hülfe befeſtigte er das große viereckige Papier über dem Kamin an der Wand. Jetzt ſtanden alle auf, um zu ſehen, was es gebe, und auch ich drängte mich unter den Haufen am Feuer. Mit einem ſeltſamen Gemiſche von Beſchämung und Aerger las ich jetzt:— „Fall von Ciudad Nodrigo; nebſt einer genauen und umſtändlichen Erzählung über die Erſtürmung der großen Breſche, Wegnahme der feindlichen Kanonen u. ſ. w. durch Michael Free vom 14ten leichten Dragonerregi⸗ ment.“ Ich überließ die Gäſte ihren Muthmaßungen, wer beſagter Mr. Free wohl ſeye, welche beſondere günſtige Gelegenheiten zu ſeinem Bericht er gehabt haben möchte, ging ſchnell aus dem Zimmer und rief den Kellner. „Was bedeutet die Ankündigung, die Sie ſo eben angeſchlagen haben? Woher kommt ſie?“ „Höchſt wichtige Nachrichten, Sir; nur in den Spalten des Briſtoler Telegraphen zu leſen; der Herr iſt ſoeben angekommen—“ „Wer? Was für ein Herr?“ „Mr. Free, Sir No. 13— großes Schlafzimmer — blauer Damaſt— Abendeſſen für zwei Perſonen— Auſtern— Braten— Grog— Portwein.“ „Was zum Henker ſoll das heißen? Iſt der Burſche ſchon beim Eſſen?“. Etwas erſchrocken über den Ton, welchen ich mir über den berühmten Erzähler erlaubte, gab der Kellner keine Antwort, ſondern verbeugte ſich ſtumm. „Zeigen Sie mir ſein Zimmer,“ fuhr ich fort,„ich will ihn ſehen.“— „Wollen Sie nur gefälligſt mir folgen, Sir; hieher — welchen Namen ſoll ich nennen, Sir?“ „Sie brauchen mich nicht anzumelden— ich bin ein alter Bekannter— zeigen Sie mir nur das Zimmer.“ „Bitte um Verzeihung, Sir, aber Mr. Meelins, 142 der Herausgeber des Telegraphen, iſt eben bei ihm und er hat beſtimmte Befehle ertheilt, keine Unterbrechung zu dulden.“ „Macht Nichts: thun Sie nur, wie ich Ihnen ſage. Iſt es dort? Ja ich höre ſeine Stimme; ſchon gut: Sie können wieder hinabgehen, ich will mich ſelbſt anmelden.“ So ſprechend, ließ ich eine Krone in die Hand des Kellners gleiten, ſchlich mich vorſichtig an die Thüre und öffnete ſie leiſe. Meine Behutſamkeit war inzwiſchen nicht einmal nöthig, denn ein großer Ofenſchirm ſtand quer im Zimmer und verdeckte die Thüre gänzlich. Ich verſchloß ſie hinter mir und nahm meinen Platz in die⸗ ſem Verſteck, ſo daß ich nicht bemerkt werden konnte. In einem großen Lehnſtuhl, einen dampfenden Be⸗ cher Portwein vor ſich, ſaß mein Freund Mickey in mei⸗ ner vollen Staatsuniform, ja ſogar den Helm auf dem Kopf, den er jedoch zum Schaden für den Effekt verkehrt aufgeſetzt hatte; eine kurze Pfeife ſchmückte ſeine Lippen und die mehrerwähnte Trompete lag neben ihm. Ihm gegenüber ſaß ein kleiner, pausbackiger Herr mit rollenden Augen und Stulpnaſe. Zahlreiche Bogen Papier, Federn u. ſ. w. lagen umher zerſtreut, und ſeine Blicke und Geberden verriethen die ängſtlichſte Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Erzählung Mr. Frees, deſſen vielfache, durch das Getränke und die Auſtern verurſachte Unter⸗ brechungen den verlangensvollen Zeitungsmann mit nicht geringer Ungeduld erfüllten. „Bedenken Sie wohl, Herr Kapitän, die Zeit iſt kurz, die Plakate ſind bereits angeſchlagen, das Ganze muß vor Mitternacht unter der Preſſe ſeyn, die Mor⸗ genausgabe iſt die Hauptſache für uns. Sie ſind, glaube ich, bei der erſten Parallele ſtehen geblieben.“. „Das mag der Teufel wiſſen. Ziehen Sie einmal an der Glocke da. Herrliche Auſtern das, und Sie trin⸗ ken nicht einmal Ihr Tröpſchen Grog. Hier, auf Ihre Geſundheit; ſo wahr ich lebe, echter Carlingford; da 143³3 ſehen Sie einmal, ob ich nicht jenen kleinen ſchwarzen Geſellen dort auf das erſte Mal treffe.“ Kaum waren die Worte geſprochen, als eine kleine bronzirte Shakſpearebüſte, von einer Auſternſchaale ge⸗ troffen, zertrümmert auf dem Boden lag. Ein ſchwacher Anſatz zum Lachen über die wunder⸗ lichen Einfälle ſeines Freundes war Alles, was der un⸗ glückliche Redacteur aufzuwenden vermochte, während Mickeys Triumph keine Grenze kannte. „Hab ich's Ihnen nicht geſagt? Aber kommen Sie jetzt, ſind Sie bereit? Geben Sie der Feder zu trinken, wenn Sie ſelbſt Nichts trinken wollen.“ „Ich bin bereit, vollkommen bereit,“ antwortete der Journaliſt. Nun, das iſt genug. Sehen Sie das Ding ging o:— „ Die Nacht war mörderlich finſter; man konnte ſein eigenes Wort nicht ſehen.“ „Was nicht ſehen?“ „Sein eigenes Wort nicht ſehen, hol Sie der Teu⸗ fel; verſtehen Sie kein vernünftiges Sprüchwort? Rei⸗ chen Sie mir das heiße Waſſer. Haben Sie's jetzt zu Papier gebracht?“ „Ja, bitte, fahren Sie fort.“ „Die 5te Diviſion wurde heraufcommandirt, weil dieſe Burſche eine tüchtige Klinge ſchlagen; das 88ſte war bei ihnen; die Jäger— ja, mein Seel, auf die Jäger müſſen wir eins trinken. Ich erzähle kein Wort mehr, bis Sie mit allen Ehren Beſcheid gethan haben. — Hip hip! Nun fangen Sie einmal an!“ „Sip, hip,“ ſeufzte der unglückliche Zeitungsmann, indem er dem Befehle gehorſam von ſeinem Stuhle aufſtand. „Hurrah— hurrah— hurrah! brav gemacht! Sie ſind doch nicht ſo dumm, wie Sie auzſege 2t alter Narr. Das Fläſchchen iſt ſchon leer— läuten Sie ge⸗ falligſt einmal.“. j 63 68 O, Vater Magan War ein ganzer Mann, Doch ſaß ihm der Schelm in dem Nacken. Ein iriſch Gemüth, 1 Beim Punſche nie müd' Und voll von Schnurren und Schnacken. „He zum Teufel, ſehen Sie doch nicht ſo miſerabel und melancholiſch drein. Ich gebe mir ja Ihretwegen alle Mühe, und Sie können das Lied auch drucken, wenn Sie wollen. Es hat eine herrliche Melodie, geht nach „Taddy, du Gänſerich.“ „Wahrhaftig, Mr. Free, ich ſehe nicht ab, wie wir zu Ende kommen ſollen.“ „Ei, bei allen Heiligen im Himmel,“ rief Mickey; „es iſt noch früb am Abend und Getränk in Menge da. Nun, halten Sie ſich bereit.“ Der Redacteur machte abermals eine vorbereitende Bewegung und Geberde. „Alſo wie geſagt,“ begann Mickey wieder,„es war finſter wie in einer Kuh, als die Colonnen heranrückten, und dabei fiel ein dünner kalter Regen herab. Haben Sie das?“ „Ja. Wollen Sie nur fortfahren.“ „Nun gut, gerade an der Ecke des Laufgrabens treffe ich den Doctor Quill.„Man wartet auf Sie, Mr. Freed, rief er; ‚Sie müſſen hinab da. Picton fragt nach Ihnen.“—„Ci, zum Henker, er ſoll warten,“ ant⸗ wortete ich,„ich bin verdammt durſtig.“ Jetzt zog er ſeine Flaſche heraus und miſchte mir ein wenig Grog. „Sie werden doch einen Toaſt trinken,“ ſagte Doctor Maurice.„Davor ſoll mich Gott bewahren, daß ich das verabſaumen ſollte,“ ſagte ich, ‚Mary Brady ſoll leben!““ „Aber, beſter Herr,“ ſiel Mr. Meelins ein,„bitte, bedenken Sie doch, daß dies eigentlich nicht zur Sache gehört; in fünfzehn Minuten iſt es zwölf Uhr.“ „Ich weiß es, alter Knabe, ich weiß es. Ich ſehe ſchon was Sie wollen. Sie moͤchten gerne noch ein Stückchen Braten?“ „Nein, weiß Gott nicht! Um's Himmels willen kein Eſſen und Trinken mehr.“ „Kein Eſſen und Trinken mehr! Warum denn nicht? Sie haben mir einen ſchönen Begriff von einem luſtigen Abend. Wir wollen noch mehr Braten haben, ſage ich; und was noch mehr iſt, eine halbe Galone vom ſtärkſten Punſch, den ſie hier zu Lande brauen können. Ueberdies hoffe ich, daß Sie, trotz aller Ihrer Ernſthaftigkeit, die Geſellſchaft mit einem Lied erfreuen werden.“ „Wahrhaftig, Mr. Free—“ „Ei, ſo halten Sie doch ihr einfältiges Maul. Sa⸗ gen Sie Mickey zu mir, oder Mickey Free, wenn Sie lieber wollen.“ „Mein Gott,“ rief der Zeitungsſchreiber argerlich werdend;„jetzt ſind wir ſchon zwei Stunden an der Ar⸗ beit und noch nicht einnal am Fuß der großen Breſche angelangt.“ 3— „Und hat nicht die Armee vierthalb Monate dazu gebraucht, bis ſie es dazu brachte, mit dem ſchönſten Train, Feuermörſern und den feinſten Truppen, die man je geſehen hat? Und da ſitzen Sie, eine kleine fette Kreatur, mit der Feder in der Hand und brummen, daß Sie nicht mehr ausrichten können als die brittiſche Armee. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie mich nicht reizen, ſonſt werde ich Ihnen Ihr Fräckchen ausklopfen. Ich bin ruhig, bis man mich aufbringt; aber beim Felſen von Caſhel—“ Hier ergriff er ſeine Trompete mit ſolcher Energie, daß der arme Publiziſt vom Stuhle aufſprang. „Um Gotteswillen, Mr. Free—“ „Nun ich will Ihnen ja Nichts zu leide thun, aber ſetzen Sie ſich wieder und quälen Sie mich nicht weiter mit Belagerungen, Schlachten und andern Dingen, von denen Sie doch Nichts verſtehen.“ „Ich kann nicht läugnen,“ verſetzte Mr. Meekins, Lever, O'Malley. IV. 10 ——— 146 „daß es mir niemals eingefallen wäre, mich Ihnen auf⸗ zudrängen, wenn Sie nicht ſelbſt auf mein Bureau ge⸗ ſchickt und den Wunſch geäußert hätten, einen Bericht über die Belagerung mitzutheilen. Da Sie indeß nicht geneigt ſcheinen mir die verſprochene Auskunft zu geben, ſo erlauben Sie mir gefälligſt, Ihnen eine recht gute Nacht zu wünſchen.“ „Ja, das können Sie und Sie dürfen mir auch dazu helfen, daß ſie gut wird; denn ich ſage Ihnen, Sie ſollen keinen Schritt von dieſem Stuhle weg thun, bis der Morgen kommt. Meinen Sie denn, ich wolle ganz allein da ſitzen bleiben.“ „Ich muß bemerken.“ verſetzte Mr. Meekins— „Schon recht, ſchon recht,“ ſagte Mickey,„ich weiß was Sie ſagen wollen. Sie find allerdings nicht der beſte Geſellſchafter, aber in einem Neſt wie dieſes— da trinken Sie einmal.“ „Ein für allemal, Sir,“ ſprach der Zeitungsſchrei⸗ ber,„ich muß Sie erſuchen zu bedenken, daß ich im Vertrauen auf Ihre Sendung zu mir einen Bericht über die Erſtürmung Ciudad Rodrigo's in unſerer Morgen⸗ ausgabe angekündigt habe. Sind Sie etwa auf die Folgen vorbereitet, wenn ich zehntauſend Leſer täuſchen muß?“ „Ich kümmere mich um alle zuſammen keinen Pfif⸗ ferling. Auf's Leſen habe ich nie viel gehalten.“ „Wenn Sie ſich einen Spaß mit mir machen wol⸗ len,“ rief Meeckins, der jetzt roth wurde vor Zorn— „Einen Spaß mit Ihnen! Wahrhaftig mit Ihnen kann man wenig Spaß und Freude haben. Sie ſind das langweiligſte Geſchöpf, mit dem ich jemals einen Abend zugebracht. Ich habe Ihnen ſchon vorhin geſagt, Sie ſollen mich nicht ärgern: wir wollen jetzt noch Eini⸗ ges zuſammentrinken. Läuten Sie einmal: wer weiß ob man dann nicht einige Luſtigkeit in Sie hinein brin⸗ gen kann.“ 3 Da Mickey bei dieſen Worten ſich erhob, um den 147 Kellner zu eitiren, ſo ergriff Mr. Meekins die Gelegen⸗ heit, um ſich davon zu machen. Kaum hatte er jedoch die Thüre erreicht, als Mickey ihn bemerkte und ihm aus Leibeskräften die Trompete nachſchleuderte mit einem ſolchen Geſchrei, daß der arme Zeitungsſchreiber vor Schreck beinahe zuſammenſank. Glücklicherweiſe hatte terlicher Mickey's Drohungen wurden; erſt nachdem der Unglückliche die Straße erreicht hatte, ſiegte bei Mr. Free die Luſtigkeit über den Unwillen: er warf ſich auf einen Stuhl und brach in ein unbändiges Gelächter aus. „Hol mich dieſer und jener, wenn ich nicht dieſem Federfuchſer die Hölle heiß gemacht habe!— das jäm⸗ merliche Männchen konnte nicht einmal ſeine Auſtern eſſen und ſeinen Punſch trinken, wie es ſich gehoͤrt. Doch das ſchadet Nichts; es iſt jetzt nur noch um ſo mehr für beſſere Leute übrig.“ Mit dieſen Worten füllte er ein Glas und trank es aus:„Mr. Free“ fuhr er dann guten Geſellſchafter nennt. Und nun,“ fügte er, ſein las von Neuem füllend, hinzu,„und nun hole der Teufel alle Zeitungsſchreiber, Autoren und Compoſitoren, die uns nicht in Ruhe laſſen wollen, ſondern uns unſere Lebensart, unſere Lieder und unſere kleinen Teufeleien, Dinge, die nur uns allein angehen, abzulauſchen ſuchen, um ſie dann der ganzen Welt zu erzaͤhlen. Ihr ſeyd alle zuſammen eine nichtsnutzige Brut von Schurken, denn ihr bringt euere Zeit damit hin den Leuten alberne Lügen vorzumachen; und jetzt“— er füllte von Neuem —„und jetzt wünſche ich den heißeſten Winkel der Hölle 10* mit Kohlen von Kilkenny und dem ſtinkendſten Schwefel dem Schurken, der—“ Welche beſondere Klaſſe von Miſſethätern Mickey jetzt im Auge hatte, ſollte ich nicht erfahren, denn über⸗ wältigt von Punſch und Entrüſtung brach er jetzt in ein lautes Geſchrei aus und ſtürzte dann ſeiner Laͤnge nach auf den Boden. Ich beauftragte die Kellner, von denen ich auch die nähern Umſtände ſeiner Bekanntſchaft mit Mr. Meekins erfuhr, für ihn Sorge zu tragen, und verbot ihnen ſtreng ihm zu ſagen, daß ich Etwas von der Sache wiſſe: ſodann begab ich mich in mein Bett und freute mich aufrichtig, daß Mickey binnen weniger Stunden wieder in einem Lande ſein werde, wo au ſeine Excentrizitäten und gelegentlichen Ueberſprudelungen von IJugendluſt mit freundlichen, nachſichtigen Augen betrachtet wurden. — Hundertundachtes Kapitel. Irland. „Sie ſollten Ihren Herrn wecken,“ ſagte der Kapi⸗ tän am zweiten Tag unſerer Abreiſe von Briſtol zu Mickey,„er wünſchte ſich die Küſte zu betrachten. Da ich nur halb ſchlummernd in der Kajüte des Paketbootes lag, ſo hörte ich dieſe Worte ſelbſt und eilte, ohne auf eine zweite Einladung zu warten, nach dem Verdeck. Die Sonne war im Untergehn begriffen und das ganze Waſſer glich einer unabſehbaren Gold⸗ fläche, die nur von einem ſanften Wind etwas aufgeregt wurde. Der weiße Schaum kräuſelte ſich vor dem Kiele und das rauſchende Getöſe zeugte von der Schnelligkeit unſerer Fahrt. Das kleine Fahrzeug ſchwankte, ſo oft die Segel anſchwollen und ſeine Spieren knarrten, wenn ſie ſich vor dem Winde beugten. Vor uns, aber für meine Landaugen kaum bemerkbar, befanden ſich die ver⸗ 149 wiſchten Umriſſe einer dunkeln wolkigen Maſſe, welche die Schiffer Land nannten, und nach der ich fortwährend mit ungemeinem Intereſſe hinſtarrte, während ich mir die Namen von wohlbekannten Landſpitzen ſagen ließ, die ich blos für Nebelbänke und Dampf gehalten hatte. Wer in den Jahren der Jugend, wo die Neigungen ſeines Herzens noch zarte Knospen ſind, niemals vom Lande ſeiner Geburt getrennt war, der weiß Nichts vom Drang der Gefühle, die auf uns einſtürmen, wenn wir uns der heimiſchen Küſte nahen. In einem langen Zug bereits begrabener Erinnerungen, tauchen die bekannten Namen wieder vor uns auf; das Gefühl der Anhänglichkeit an Alles, was wir unſer nennen, dieſer Patriotismus unſers Herzens regt ſich mächtig in uns, Hoffnung und Furcht ſtimmen uns abwechſelnd zur Freude oder Be⸗ trübniß. So hart der Kampf mit den täglichen Lebensſorgen ſein mag, wenn man ſich ſeine eigene Bahn brechen, wenn man ſelbſt der Schmid ſeines Glückes ſein muß, ſo bleibt die ſchwerſte Schickſalsprüfung demjenigen auf⸗ erlegt, welcher unſtät und flüchtig herum wandern muß und kein Land hat, das er ſeine Heimat nennen darf. Unter all dem mannigfachen Jammer, der den Menſchen heimſucht, iſt dieſer der ſchmerzlichſte und ſchlimmſte. Der Vertriebene aus dem Lande ſeiner Väter, der innerhalb der Mauern wo ſeine Kindheit gepflegt worden, ſeine Stimme nicht mehr hören laſſen, auf den Bergen, wo er in ſeiner Jugend jauchzend umhergehüpft, nicht mehr frei umher ſchreiten darf, der erſt kann von wahrem Unglück ſagen. Das Gefühl für das Vaterland wächst und kräftigt ſich mit unſern Jahren, die Freuden unſerer Jugend ſind mit ihm auf's Engſte verknüpft, die Hoffnungen des Alters deuten auf die Heimat hin, und wer das Ent⸗ zücken nicht kennt, welches beim Anblick eines altver⸗ trauten, lange nicht mehr geſchauten Ortes, das Herz desjenigen durchbebt, der nach jahrelanger Abweſenheit zurückkehrt, der hat keine Ahnung von einer der reinſten Glückſeligkeitsquellen unſerer Natur. Mit welch inniger Sehnſucht blickte ich jetzt nach den trübe umnebelten Klippen hin, die gleich einer ge⸗ waltigen Feſtung meine Heimatinſel umfaſſen, jenen Klip⸗ pen, deren rauhe Seiten von den Waſſern des Ozeans gepeitſcht werden und deren Gipfel ſich in den Wolken verlieren! Wie leicht und natürlich war nicht für mich der Uebergang von den wilden Bergen und den grünen Thälern zu ihren kühnen Söhnen hinüber, welche unter der glühenden Sonne der Halbinſel ſich abquälten! Und wenn mein Auge ein blinkendes Licht von der fernen Küſte her erſchaute, wie ſehnte ich mich nicht da zu wiſſen, ob nicht vielleicht an dieſem Heerde und an dieſem Tiſche Jemand ſitze, deſſen Gedanken über die See hin⸗ über wandern nach den ſteilen Höhen von El Bodon oder der mit Todten bedeckten Ebene von Talavera! Ob man nicht da vielleicht von einem Liebling des Hauſes plau⸗ dern, deſſen Träume einſt zärtliche Mutterliebe bewacht, deſſen friedlichen Schlummer ihre Gebete beſchützt, und der jetzt unter der Breſche von Badajoz in dem engen Grabe ruhe, jenen Schlaf ſchlafend, von welchem es kein Erwachen gibt. In meiner trübſeligen Stimmung beneidete ich faſt denjenigen, dem dieſes Soldatenſchickſal zu Theil gewor⸗ den; denn ach, welche Ausſichten hatte ich ſelbſt! Meine Hoffnungen irgendwie zum Glück meines armen Oheims beitragen zu können, minderten ſich mit jeder Stunde. Seine Vorurtheile waren tief eingewurzelt und hartnäckig: wenn ich ihm rathen wollte, irgend Etwas aufzugeben, was er als ein Vorrecht ſeines Namens und Hauſes be⸗ trachtete, ſo ſetzte ich mich der Gefahr aus ſeine ganze Achtung zu verſcherzen. Was blieb mir alſo noch übrig? Sollte ich Tag für Tag und Stunde um Stunde dem Einfinken unſeres Hauſes zuſehen? Sollte ich mich im den kleinlichen Krieg mit der Macht des Geſetzes ein⸗ laſſen, wobei jeder Widerſtand gewinnlos und nur von 151 kurzer Dauer ſein konnte? Konnte ich endlich meinen beſten, meinen treueſten, meinen früheſten Freund ver⸗ laſſen und zuſehen, wie er allein und hülflos ſeinen ſchwachen, letzten Kampf gegen unnachſichtige Verfolgung weiter führte? An letzteres war gar nicht zu denken, es blieb mir alſo nur eine und welch eine Auswahl! O mit welcher Sehnſucht dachte ich an den wilden Heroismus des Schlachtfeldes, die ſorgloſe Wuth des Angriffes, den Donner der Kanonen, das Todesgeſchrei und an das düſtere Gemälde am Morgen, wenn Alles vorüber war und nur noch Soldatenruhm allein übrig blieb, um die Fehler und Gebrechen der Todten in ſeinem Heiligenſchein zu verhüllen. Als die Nacht einbrach, zeigte das Blinken der fernen Leuchtthürme, deren Feuer theils hoch aufwirbel⸗ ten, theils Sternen ähnlich von irgend einem mächtigen Vorgebirge her glänzten, die verſchiedenen Umriſſe der Küſte und führten mir den wilden Gebirgszug wieder vor, welcher die grüne Inſel gleich einem Bollwerk gegen die Wogen des Atlantis ſchützt. Allein und ſchweigſam ging ich auf dem Verdecke umher, bald nach dem Ufer hinuͤberſchauend, wo ich irgend eine bekannte Landſpitze zu erblicken glaubte, bald ſeewärts meine Augen an⸗ ſtrengend, um einen funkelnden Stern zu betrachten, der unter dem ſchäumenden Waſſer hervortauchte und eine ſchnelle Lootſenbarke oder einen kecken Fiſcherlugger verkündete, während das ſchrille Gepfeife der flatternden Seemöve das einzige Getöne war, welches man außer dem Geräuſch der Wellen vernahm, die ſich ſprühend an unſerem Fahrzeuge brachen. Was iſt es, das ſo unvermeidlich betrübende Ge⸗ danken hervorruft, wenn wir in der Stille der nächtlich dunkeln Stunden auf dem Verdecke eines kleinen Schiffes daher gehen? Ein Gefühl nahender Gefahr iſt es nicht, denn unſer Fahrzeug zieht ſchnell und feſt dahin, ſpaltet die ſchwarzen Wogen und beugt ſich anmuthsvoll gegen den friſcher werdenden Wind, Und doch hat dieſe Be⸗ 1⁵² wegung, die beim glänzenden Sonnenſchein nur Freude und Fröhlichkeit bringt, bei Nacht etwas zur Wehmuth Stimmendes. Der finſter überhängende Himmel, die unendliche düſtere Waſſerfläche breiten ſich wie ein gigan⸗ tiſches Leichentuch um uns her, und unſere Gedanken wenden ſich entweder den trübſten Erinnerungen der Ver⸗ gangenheit zu, oder blicken ſie der Zukunft entgegen mit einer ſchwachen Hoffnung, daß nicht Alles ſein werde, wie wir fürchten. Meine Stimmung war wirklich der trübſten Art, und nur die Selbſtſucht dieſes Gedankens unterdrückte in mir den Wunſch, wie ſo viele andere auf der Halb inſel einen Soldatentod geſtorben zu ſeyn. Als die Nacht vorrückte, hüllte ich mich in meinen Mantel und legte mich auf dem Verdecke nieder. Mein ganzes Leben zog jetzt vor meinem innern Auge vorüber und ich dachte an mein erſtes Zuſammentreffen mit Lucy Daſhwood, an meine Bewunderung für ſie, die in wonne⸗ ſchauernde Liebe übergegangen, an die Hoffnungen und Befürchtungen, die mein Herz aufgeregt, an den feſten Entſchluß ihre Neigung zu verdienen, der mich zum Soldaten gemacht. Ach, wie wenig fragte ſie vielleicht nach einem Jüngling, für deſſen ganzes Leben ſie ein Leitſtern und Leuchtthurm geweſen war! Und wenn ich nun an die heißen Schlachtfelder, an die langen ſtrapa⸗ zirenden Märſche, an die bei Wachtfeuern verbrachten Nächte dachte, wenn ich mir's vergegenwärtigte, wie in dem wirbelnden Enthuſiasmus eines Soldatenlebens die Sorgen und Bekümmerniſſe alltäglicher Eriſtenz vergeſſen werden, da ſchauderte ich bei dem Vorausblick auf die Laufbahn, die ſich jetzt vor mir eröffnen konnte. Verließ ich denn nicht den glorreichen Pfad, den ich bis jetzt verfolgt, um ein khatenloſes, langweiliges Leben zu führen; mußte es denn nicht kommen, daß mein Name, der in Folge einiger glücklichen Umſtände bereits mit Lob genannt worden, in Vergeſſenheit begraben wurde und daß man mein nur noch als eines Menſchen gedachte, 153 welcher die Verſprechungen ſeiner Jugend nicht durch Thaten als Mann gerechtfertigt? Gegen Tagesanbruch ſchlief ich ermattet endlich ein, wurde aber bald durch das geſchäftige Geräuſche um mich her von Neuem ge⸗ weckt. Der Wind war ſtärker geworden, man hatte Schönfahr⸗ und Fockſegel eingerefft; das kleine Schiff huͤpfte munter auf dem blauen Waſſer dahin; der weiße Schaum ſprützte hoch herein und rann in brauſenden Bächlein nach dem Hinterdeck; das Getrappel der Ma⸗ troſen, die heiſere Stimme des Kapitäns, das ſchrille Geſchrei der Seevögel deutete indeß auf keine Gefahr; ich lehnte mich daher ruhig auf meinen Ellnbogen und fragte, was es gebe. „Nichts, Sir, wir machen uns nur bereit die Anker auszuwerfen.“ „Sind wir der Küſte ſchon ſo nahe?“ fragte ich. „Wir haben nur noch um dieſe Spitze windwärts zu biegen, dann können wir im Hafen von Cork ein⸗ laufen.“ Ich ſprang ſchnell auf: der Landnebel hinderte mich irgend Etwas zu erkennen, aber in dem friſchen, bal⸗ ſamigen Luftzug glaubte ich doch den Küſtenwind zu ver⸗ ſpüren. „Endlich,“ rief ich,„endlich!“ als ich in das kleine Boot trat, das leiſe herangeleitet war und wir in die ruhige Bucht von Cove einfuhren. Wie lebhaft erinnere ich mich noch der weißen Häuschen, der vorſpringenden Klippen und dieſes kühnen Vorgebirges, neben welchem das Thal mit ſeinen dunkelgrünen Waldungen ſich öffnet; und dann Spike Island; welch ein Leben ſchon in aller Frühe dort iſt! Die Boote der Kriegsſchiffe ſind mit Menſchen angefüllt, während das kleine Dorf noch immer in Schlummer verſunken iſt und keine Rauchſäͤule aus den ſtillen Kaminen emporwirbelt. Jedes Platſchen der Ruder in dem ruhigen Waſſer, als ich mich dem Lande näherte, jedes auch noch ſo unbedeutende Wort von den 1⁵⁴ Lippen dieſer kühnen wettergebräunten Fiſchersleute ſprach zu meinem Herzen. Ich fühlte, es war meine Heimat. „Iſt es nicht ſchön, Sir, iſt es nicht herrlich!“ rief eine Stimme hinter mir, über deren Beſttzer ich mich nicht täuſchen konnte, obſchon mir das Individuum auf der ganzen Fahrt nicht mehr unter die Augen ge⸗ treten war. „Ob was nicht ſchön ſey?“ antwortete ich etwas rauh auf dieſe Störung. „Irland, meine ich, und es ſoll hoch leben!“ rief er mit einem Jubelgeſchrei, das bald den freudigſten Anklang in den Herzen ſammtlicher Matroſen fand, welche mit der vollen Kraft ihrer Lunge einſtimmten. „Wie komme ich am geſchwindeſten nach Cork, Ihr Leute? ich habe große Eile,“ fragte ich. „Wir wollen Ew. Gnaden hinauf rudern, wenn Sie wünſchen.“ „Nein, ich danke, vielleicht könnte ich doch auf eine ſchnellere Art vorwärts kommen.“ „Vielleicht finden Sie eine Chaiſe; M'Caſſidy hat ein elegantes Fuhrwerk.“ „Nur Schade, daß ſeine blinde Mähre trächtig iſt und nur noch im Schritte gehen kann,“ verſetzte der Bootsmann.„Nehmen Sie daher lieber Tim Riley's Wagen, dann kommen Sie wohlfeil hin. Nicht als ob ich glaubte, daß Sie auf das Geld ſehen; aber das Fuhrwerk geht um acht mit zwei jungen Ladies ab.“ „Ja, beim Blitz,“ rief ein anderer,„das haben Sie gut getroffen; es ſind äußerſt artige Fräulein.“ „Euer Rath,“ ſagte ich,„würde mir ſchon ge⸗ fallen, aber vielleicht wünſchen die Damen meine Ge⸗ ſellſchaft nicht.“. „Deßhalb brauchen Sie nicht bange zu ſeyn, ſie ſind immer unter Ofſtzieren. Wahrlich, die Miſſes Dalrymple—“ „Die Miſſes Dalrymple? Rudert zu⸗ Ihr Freunde, 1⁵⁵ es muß doch ſchon ſpäter ſeyn, als ich glaubte; wir müſſen die Chaiſe haben, ich kann nicht warten.“ Nach zehn Minuten waren wir am Land. ** * 8** Meine Anordnungen waren bald getroffen, und da meine Ungeduld immer größer wurde, je näher ich dem Ziel meiner Reiſe kam, ſo verlor ich keinen Augenblick. Die gelbe Chaiſe— der einzige Ruhm von Cove— wurde auf mein Verlangen herbeigeſchafft und zum guten Glück befanden ſich auch vier Poſtpferde da, die den Abend zuvor einen Herrn von Cork gebracht hatten. Sie wurden gleichfalls in meine Dienſte gepreßt, und als der erſte Bewohner des Dorfes, der ſich aus dem Bette erhoben hatte, an's Fenſter trat, um mit noch halb ſchlaftrunkenem Auge den Morgen zu begrüßen, raſſelte ich bereits über das Pflaſter dahin in einem Tempo, das den langen Weg bedeutend verkürzt haben würde, wenn es einige Zeit hätte andauern können. 7 So ſchön dieſe ganze Gegend iſt, ſo nahm ich doch keine Notiz davon, ſelbſt Mickeys Unterhaltungstalente, deren Genuß ich mit den beiden Poſtillionen zu theilen hatte, waren nicht im Stande, mich aus dem tiefen Nachbrüten zu erwecken, in welches ich beim Gedanken an die Heimat verſunken war. Mit wahrem Erſtaunen hörte ich den auf dem Bocke ſitzenden Poſtillion fragen, wohin er mich in Cork führen ſolle. „Wecken Sie Ihren Herrn, wir ſind jetzt in Cork.“ „In Cork! Nein, das kann nicht ſeyn.“ „Doch, es iſt Cork.“ „So fahr nach dem George, es iſt nicht weit vom Quartier des Kommandanten.“ „Ja, kaum fünf Minuten, Sir, Sie können dort ſeyn, bevor wir umgeſpannt haben.“ „Pferde nach Fermoy,“ riefen die Poſtillione, als wir im Galopp vor dem Hotel anfuhren. Ich ſprang hinaus und entdeckte mit Hülfe des Kellners ſogleich das Hotel des Sir Henry Howard, an den meine De⸗ peſchen gerichtet waren. Nachdem ich ſie einem Adju⸗ tanten übergeben, der kerzengerad in ſeinem Bette ſaß und die Augen rieb, um wach zu ſcheinen, eilte ich wieder die Treppe hinab, warf mich in die Chaiſe und fuhr weiter. „Schöne Straßen in allweg,“ bemerkte Mickey, „wenn ſte nur nicht ſo ſchmutzig gehalten würden und die Häuſer nicht ſo ſchwarz und das Pfaaſter nicht ſo ſchlecht wäre. Da wohnt Mr. Beamiſh— in dem ſchönen Hauſe da mit den meſſingenen Thürklopfer und der grünen Lampe daneben. Dort iſt das Hoſpital und mein Seel, da iſt der Platz, wo wir einmal die Polizei durchprügelten. Das Haus mit dem Hochländerswap⸗ pen iſt eingeriſſen, aber was iſt das für ein großes Gebäude da mit den ſteinernen Säulen?“ „Das iſt die Bank, Sir,“ antwortete der Poſtillion ſehr ehrerbietig auf Mickeys Anrede. „Was für eine Bank?“ „Das weiß ich nicht, aber die Leute nennen es nur die Bank, obſchon es ein leeres Haus iſt.“ „Cary und Moore's Bank vielleicht?“ fragte ich, da ich mich erinnerte, daß vor einigen Jahren ein Haus dieſes Namens in Cork einen ſehr beträchtlichen Bankerott gemacht hatte. „Ja, Ew. Gnaden haben ganz recht,“ antwortete der Poſtillion, Mickey aber erhob ſich vom Sitze, drohte mit geballter Fauſt dem Hauſe entgegen und rief ſo laut er konnte:„Hol der Teufel Deine mit Spinnweben umhangenen Fenſter und Deine Eiſengitter; wahrhaftig meines Vaters Sohn muß ſchon euern Anblick haſſen.“ „Hoffentlich, Mickey, hat Dein Vater, ſein Vermö⸗ gen nicht ſolchen Händen anvertraut?“— „Ich glaube nicht, daß er das that; er hielt nie viel auf Banken; aber das Haus kam ihm doch theuer genug zu ſtehen.“ 1⁵⁷ Ich konnte mich einiger Nettgierde nicht erwehren und forderte ihn daher auf ſich näher zu erklären. „Aber vielleicht iſt es gar nicht Cary und Moore's Haus und ich habe am Ende über ehrliche Leute meinen Fluch ausgeſprochen.“ Nachdem ich ihn hierüber beruhigt und ihm geſagt hatte, daß in dieſem Fall ſeine Verwünſchungen dem Betreffenden zu Gut kommen werden, erzählte er mir wie folgt: „Als mein Vater— Gott habe ihn ſelig!— beim Regiment in Cork ſtand, mußte er eines Nachts ſchil⸗ dern vor dieſem großen Hauſe, an dem wir ſo eben vor⸗ beigefahren ſind, wenn es nämlich daſſelbe iſt; war es aber nicht daſſelbe, ſo war es ein anderes. Es war eine ſchöne helle Auguſtnacht, der Mond glänzte am Himmel und eine Menge Leute gingen mit allerlei Schwänken und Teufeleien im Kopf auf den Straßen umher; ſie tranken und tanzten und thaten Alles was ihnen nur einfiel. Nun, mein Vater wurde dorthin geſtellt mit ſeiner Muskete, um auf und ab zu marſchiren und nicht einmal zu ſagen: Gott grüß euch, oder wie viel Uhr es ſey, oder ſonſt auf eine Frage zu antworten, ſondern er ſollte nur ein paar Schritte hin und ein paar Schritte her gehen, wie wenn er im Kaſernenhofe wäre. Da er nun ein Mann war, dem ſo Etwas nur halb gefiel, ſo fluchte und wetterte er wie toll, wenn er luſtige Geſellen und hübſche Dirnen lachend an ſich vorübergehen ſah. „Guten Abend, Mickey,“ ſprach einer,„Ihr habt ſchönen Zeitvertreib da mit Euerer langen Feder anf der Mütze.“ „„Ei ſeht nur, wie ſtolz er iſt, ſprach ein anderer, zer trägt den Kopf hoch in den Wolken, ſo daß er Einen kaum ſehen kann.”. „Schultert's Gewehr,“ rief ein betrunkener Geſelle mit einer Schaufel in der Hand; und nun begannen ſie alle zuſammen, meinen Vater auszulachen. w„Laßt den ehrlichen Mann in Ruhe,“ ſprach ein 158 alter Kerl mit einer Perücke; ‚zer bewacht ja die Bank ſammt allem Gelde, das darin iſt.⸗ „„Das thut er nicht,“ meinte ein Anderer, ‚ denn es iſt gar keines mehr darin.⸗ wWas ſagt Ihr?: rief mein Vater. „„Daß die Bank gänzlich ruinirt iſt, das könnt Ihr mir glauben,“ antwortete der Andere. „„Alſo iſt kein Gold darin?“ fragte mein Vater von Neuem. „Nicht eine Guinee.⸗ „„Auch kein Silber?“ „„Nein, keine ſechs Pence.” „Habt Ihr nicht gehört?⸗ fügte ein anderer hinzu, daß geſtern, als die Leute mit ihren Banknoten kamen, die Burſche da drinnen die Guineen in einer Bratpfanne heiß machten und behaupteten, ſie machen das Geld ſo ſchnell als nur möglich. Wenn ſie dann die Stücke glühend roth gebacken hatten, ſo legten ſie dieſelben zum Abkuͤhlen hin, und ſo verging unter Heißmachen Ab⸗ kühlen und Fingerverbrennen beinahe der ganze Tag. Sie hielten die Bank bis drei Uhr offen, dann aber liefen ſie alle davon.“ „Sagt Ihr die Wahrheit?« fragte mein Vater. „„Hol mich der Teufel, wenn ein Wort erlogen iſt; ich ſelbſt hatte ein Nötchen von zwei Schillingen und vier Pence.⸗ „Dann haben ſie alſo Bankerott gemacht und Nichts übrig gelaſſen 2⸗ „Nein, keinen Kupferkreuzer.“ „Und warum ſtehe ich denn hier, wenn Nichts mehr zu bewachen iſt?: „„Ei, das geſchieht blos, damit die Sache auch ein Anſehen hat.“ „„Ich hätte den Henker von dieſem Anſehen.⸗ „„Oder man will ſich blos einen Spaß damit machen.⸗ i„Ci, dafür bedank ich mich,“ ſagte mein Vater. — 15⁵59 „Wahrhaftig, Ihr ſeyd ein ſeltſamer Kauz, daß Ihr den Abend ſo zubringt,“ fuhr der Andere fort, und der ganze Haufe der ſich inzwiſchen verſammelt hatte, rief es ihm nach. Jetzt ſchraubte mein Vater ſein Bajonett ab, nahm ſein Gewehr auf die Schulter und ging ſo friedlich, als man's nur verlangen kann, in ſein Bett. Als man ihn nun ablöſen wollte, da gab es einen Höl⸗ lenlärm und am andern Morgen ging es meinem Vater verdammt ſchlecht. Die Bank war wie gewöhnlich offen und mein Vater wurde zu fünfzig Hieben verurtheilt, kam aber doch mit einer Woche Arreſt davon und mußte dreimal den großen Stein im Kaſernenhof drehen.“ Unter ſolchem Geplauder verſtrich die Zeit, bis wir in Fermoy anlangten. Hier mußten wir eine kleine Pauſe machen, bis wir neue Pferde hatten, und wäh⸗ rend der dießfallſigen Unterhandlung kam Mickey, der ſich allenthalben die Lokalumſtände wohl zu Nutze machte, auf die Entdeckung, die Krämerin des Orts ſey eine Namens⸗, vielleicht eine Blutsverwandte von ihm. „Ich habe mir's doch immer gedacht, Mr. Charles, daß ich von einer guten Familie her ſeyn müſſe, und nun ſehen Sie, da ſteht Mary Free ganz deutlich über der Thüre, und drinnen ſcheint es allerliebſt zu ſeyn; Alles voll von Thee und Zucker, Pfefferbrot, Leim, Kaffee und Kleie, gepöckelte Häringe, Seife und andere nützliche Waaren.“ „Vielleicht hätteſt Du Luſt die Bekanntſchaft auf⸗ zuſuchen, Mickey?“ unterbrach ich ihn;„gewiß würden ſich die Leute ſehr geſchmeichelt fuͤhlen, einen Helden von der Halbinſel als ihren Vetter begrüßen zu können.“ „Das dachte ich eben auch; da wir doch den ganzen Abend hier bleiben müſſen, ſo möchte ich gerne verſuchen, ob wir nicht eine Verwandtſchaft vom zweiten Grad wenigſtens heraustüfteln können.“ Das Glück begünſtigte diesmal Mickey's Wünſche; denn als die Pferde erſchienen, vernahm ich mit Ueber⸗ raſchung, daß das Sattelpferd keinen Sattel ertrage, das 160 Handpferd aber nur an der Seite deſſelben gehen könne. Unter ſolchen Umſtänden mußte der Poſtillion auf der ſogenannten Stange fahren, einem etwa armsdicken Stuͤck Holz, das zwiſchen zwei andern Stücken befeſtigt iſt und von dem armen Burſchen, wenn er müde iſt, fehr gerne als eine Art von Ruheplatz benützt wird. „Was iſt zu thun?“ fragte ich;“ drinnen iſt kein Platz; vor lauter Koffern habe ich ſelbſt kaum einen hinreichenden Sitz finden können.“ „Ei,“ meinte der Poſtillion,„der andere Herr kann in der Morgenkutſche nachkommen, und wenn unter⸗ wegs ein Unglück geſchieht, z. B. der Wagen bricht, ſo wird er ſo baid wie Sie ſelbſt an Ort und Stelle an⸗ kommen.“ Dieß war eine recht erbauliche Ausſicht, und da ich ſah, daß ſie mit Mickey's Planen übereinſtimmte, ſo gab ich ſogleich meine Einwilligung. »Mr. Charles,“ rief Mickey, der eben herangelau⸗ fen kam,„ich habe ein wenig durch das Fenſter geſchaut und wahrhaftig, ſie hat ein echtes Familiengeſicht.“ „Gut, Mickey, ich laſſe Dir vier und zwanzig Stun⸗ den Zeit, um Bekanntſchaft anzuknüpfen. Für einen Mann wie Du iſt es Zeit genug. Folge mir in der Morgenkutſche und bis dahin lebe wohl.“ Ich raſſelte von Neuem weiter und hatte die Stadt bald hinter mir. Der wilde Bergzug an beiden Seiten der Straße war nur eine öde braune Oberfläche ohne alle Spuren von Anbau oder Bewohnung.— Eine augenſcheinlich endloſe Reihenfolge von farrenkrautbe⸗ wachſenen Hügeln lag auf beiden Seiten. Der Himmel über uns war düſter und ſah bleiern und drohend aus. — Das trübſelige, wehklagende Geſchrei des Regen⸗ vogels oder Kibitzes waren die einzigen Töne, welche die Stille unterbrachen;— ſo weit das Auge reichte, erſtreckte ſich eine öde Wüſte;— auch die Luft war kalt, ja froſtig: es war einer der Frühlingstage, welche dem Winter, den ſie hinter ſich gelaſſen haben, noch 161 einen nachdrucksvollen, langen Scheideblick zuzuwerfen ſcheinen. Die Ausſicht war ganz und gar nicht erfreu⸗ lich— am Himmel oben und auf der Erde unten hörte man Nichts, was einigermaßen zur Fröhlichkeit hätte ſtimmen können; die reiche Gluth der ſpaniſchen Land⸗ ſchaft war mir noch im Gedächtniß— das üppige Grün— die Citronen und die Weinreben— die ſchö⸗ nen geſegneten Thäler— die teraſſenartigen Weinberge — der blaue, durchſichtige Himmel und die Luft, die vom muntern Geſange der Vögel aus allen Hainen er⸗ ſcholl. Welch ein Contraſt hier! Wir fuhren ſtunden⸗ weit, ohne ein Dorf oder ein menſchliches Geſicht zu treffen. In entlegener Ferne wirbelte eine dünne Rauch⸗ ſäule empor, aber ſie kam von keinem Herd, ſondern von einem der Feldfeuer, die verſchwenderiſche Landleute hie und da aufmachen. In der That, Alles hatte ein höchſt trübſeliges Anſehen und dennoch, ich weiß nicht, wie es kam, ſprach es mehr zu meinem Herzen, als die üppige Pracht und Herrlichkeit, die ich zu London geſchaut. Die kunſtloſe Tracht, der gedrückte Zuſtand derjenigen, die wir lieben, thut unſerer Neigung keinen Eintrag; im Gegentheil fühlen wir uns näher zu ihnen hingezogen, wenn ſie ihre Häupter unter den Streichen weltlicher Ungerechtigkeit oder Verwahrloſung beugen, und eine Empfindung des Unwillens miſcht ſich beſtär⸗ kend in unſere Anhänglichkeit, wenn wir diejenigen, die zu einer ſtolzen, mächtigen Stellung beſtimmt geweſen, in Folge widriger Schickſale zu Boden gedrückt und vernachläſſigt ſehen. Noch vor wenigen Tagen hatte mein Herz voll Hochgefühl geſchlagen bei dem Gedanken, ein Britt Irländer zu ſeyn. Allmählig zeigten ſich Spuren von Gehölz und als wir die Gebirge von Cahir hinabfuhren, gewann das Land ein cultivirteres, freundlicheres Aus⸗ ſehen— auf beiden Seiten traten Kornfelder oder Wieſenflächen hervor und die Stimmen von Kindern, ſowie das Gebrülle von Ochſen vermiſchten ſich mit dem Gekrächze der Krähen, welche in dichten Wolken dem Pfluge des Laudmanns folgten. Die Veränderungen in der Landſchaft glichen den wechſelnden Erſcheinungen in der Gemüthsart der Bewohner— düſtere Entſchloſſen⸗ heit, lächelnde Sorgloſtgkeit, finſterer Geiſt der Ahnung, ſorgloſe Heiterkeit, wildtrotzige Entſchiedenheit und da⸗ neben kindliche Fügſamkeit und weibliche Sanftheit— Feſtigkeit und Nachgiebigkeit, unnachſichtige Strenge und Zartherzigkeit, alle dieſe Widerſprüche vermengen ſich in einer Natur, für deren Fähigkeiten Niemand die Grenze zu beſtimmen vermag, welcher aber in Folge einer harten Schickſalsfügung die großen Freuden des Lebens im Allgemeinen vorenthalten worden ſind, bis man einzuſehen anfängt, daß Swift's Fluch weniger der Spott eines durch Mißgeſchicke verſtimmten Herzens, als die kalte Prophezeihung des kalten Moraliſten war. Aber wie bin ich auf Betrachtungen dieſer Art ge⸗ rathen? Ich will lieber an meine Heimath denken und wie ich meine Theuern dort finden werde. Haben die harten Schickſalsſchläge die Gluth gedämpft, welche einſt das Herz meines alten Oheims belebt? Hat ſein Lächeln einen krankhaften kummervollen Anſtrich erhalten? Oder werde ich ſein fröhliches Lachen, ſeine heitere Stimme hören wie in frühern Tagen? Wie verlangt es mich meinen Platz am Kamine wieder einzunehmen; in dem⸗ ſelben eichenen Lehnſtuhl, wo ich ſo oft geſeſſen und die kühnen Abenteuer einer Fuchsjagd oder eines langen auf dem Moorgrund verbrachten Tages erzählt hatte! Wie freute ich mich von meinem Kriegerleben zu ſprechen und ihm von den wackern Kameraden zu berichten, an deren Seite ich in der Schlacht geſtritten oder im Bi⸗ —,— vouac geſeſſen hatte! Wie unendlich wird ihm der ſol⸗ datiſche Geiſt und die kecke Unternehmungsluſt meines Freundes Fred Power gefallen! Wie wird er lachen über O'Shaughneſſy's ſpaßhaften Ernſt und iriſche Warm⸗ herzigkeit! Wie wird er ſich ergötzen an Quill's drol⸗ ligen Geſchichten und noch drolligeren Scherzen! Wie oft wird er ſich wieder jung wünſchen, um ſich mit ſolch luſtigen Kameraden vergnügen zu können, die keine andere Sorge, keinen andern Kummer haben, außer daß das Glück des Soldatenlebens ſo flüchtig und unſtät iſt! ——— Hundertundneuntes Kapitel. Die Heimkehr. Ein heftiger Stoß erweckte mich aus dem Schlafe, deſſen ich mich in der Ecke der Chaiſe erfreute; ein Geſchrei folgte, im nächſten Augenblick wurde der Schlag aufgeriſſen und der Poſtillon rief mir zu: „Springen Sie heraus, Sir, ſo ſchnell Sie können.“ Ein Hagel von Stößen gegen die Vorderwand der Kutſche verſchlang den Reſt ſeiner Rede! aber bevor ich die beiden Pferde den Wagen und Alles, was ſie er⸗ reichen konnten, mit ihrer vollen Kraft bearbeiteten. Ich ſuchte mich ſo gut ich konnte loszumachen, ſprang her⸗ Der Poſtillion, der ohne ernſtliche Verletzung davon ge⸗ kommen war, ſtand mir mannhaft bei, jammerte aber unaufhöͤrlich über die Folgen, welche dieſes Unglück für ihn haben werde. „Der Teufel ſoll Dich holen,“ ſchrie er das Hand⸗ 11* 164 pferd an, ein großes, ſtarkknochiges Thier mit römiſcher Naſe, etwas ſatteltief und mit einem Schwanz, der aus⸗ gezackt war, wie eine Handſäge.„Der Teufel ſoll Dich holen, in Deiner Farbe hat nie Etwas Gutes geſteckt.“ Zur näheren Belehrung des Leſers füge ich hinzu, daß das Thier ein Scheck war. „Wie ging es zu, Patſey? wie kam dies Alles, mein Junge?“ „Der Steinhaufe, den man ſeit dem letzten Herbſt auf der Straße gelaſſen hat, iſt an Allem ſchuld; ich hielt den Zügel gewiß feſt, aber dennoch riß er die alte Mähre mit hinüber und brach die Deichſel. O weh, o weh,“ fügte er jammernd und die Hände ringend hinzu, „ſeit dem Tage, da ihr den Richter zu den letzten Aſſi⸗ ſen geführt habt, iſt kein Glück und Segen mehr in euch.“ „Aber, was iſt jetzt zu thun?“ „Das mag der Teufel wiſſen, die Chaiſe iſt gänz⸗ lich ruinirt und der alte Satan da weiß, daß er uns einen Streich geſpielt hat. Sehen Sie nur, wie er die Ohren ſpitzt und auf jedes Wort horcht. Du hölliſcher Schurke Du, gib Acht, am Pfluge wird es Dir beſſer gefallen.“ „Nur ruhig,“ ſagte ich,„mit dem Allem kommen wir nicht weiter. In welcher Gegend ſind wir?“ „Zwei Stunden über Banagher hinaus und das da unten, wo der Rauch aufſteigt, iſt Killimur.“ Obſchon ich nun Killimur nicht ſehen konnte, denn in dem dichten Morgennebel konnte ich kaum einige hundert Schritt vor mich blicken, ſo bekam ich doch aus der Richtung, nach welcher er deutete, und aus dem Laufe des Shannon, in deſſen Nähe wir uns befanden, einen ziemlich klaren Begriff von der Gegend, wo wir waren. 4 „Dann ſind wir alſo nicht weit von Portumna?“ „Juſt ein angenehmer Spaziergang vor dem Früh⸗ 44 ſtück. 165 „Und führt von da nicht ein Nebenweg nach O'Mal⸗ ley Caſtle über den Berg?“.. „Ganz richtig, Sir, Sie können kein Fremdling in unſerer Gegend ſeyn, da Sie das wiſſen.“ „Ich bin früher einmal da gereist. Sag mir ein⸗ mal, ſteht die kleine hölzerne Brücke über den Strom noch? Sie wurde ſonſt jeden Winter vom Waſſer weg⸗ geriſſen.“ 3 „So iſt es auch dießmal. Sie müſſen über die obere Furt, aber das läuft auf Eines hinaus, denn in die⸗ ſem Fall kommen Sie an die Hinterpforte des Schloſſes und der eine Weg iſt gerade ſo lang oder ſo kurz wie der andere.“ „Ich weiß es, komm mir mit meinem Gepäck in's Schloß nach, ich will zu Fuße hinüber.“ So ſprechend warf ich meinen Mantel ab und be⸗ reitete mich zu einem ſcharfen Marſch von etwa vier Stunden über die Berge vor. Als ich an die kleine Anhöhe kam, welche den Shannon beherrſcht und eine meilenweite Ausſicht gewährte, blieb ich ſtehen, um die Gegend zu betrachten, die mir von Kindheit an ſo wohl bekannt war. Der breite, majeſtätiſche Fluß zog in kühnen Bogenwindungen zwiſchen den wilden Bergen von Connaught und den waldigen Hügeln und cultivirten Thälern der fruchtbaren Provinz Münſter dahin; die hohen Kamine ſo mancher Häuſer ragten über die dich⸗ ten Wälder empor, wo ich in meiner Kindheit Tage und Stunden ſeliger Wonne zugebracht hatte. Ich warf einen letzten Blick auf den Schauplatz der ſo eben ſtatt⸗ gefundenen Kataſtrophe und nun begann ich den Berg hinabzuſteigen. Der Poſtillion hatte ſich mit dem glück⸗ lichen Fatalismus ſeines Landes und einem feſten Ver⸗ trauen auf die Zukunft im Innern des Wagens nieder⸗ gelaſſen, von wo ein blauer Rauchwirbel aus ſeiner Pfeiſe emporſtieg; die Pferde grasten friedlich an der traße und dem Anſehen nach hätte man glauben ſollen, ich ſey das einzige Mitglied der Geſellſchaft, das 8 durch den Unfall beläſtigt wurde. Ein dünner, feiner Regen begann herabzurieſeln, der Wind blies mir ſcharf in’s Geſicht und die dunkeln Wolken, die ſich in Maſſen oben ſammelten, deuteten auf Sturm. Ohne den vielen wohlbekannten Orten auch nur einen flüchtigen Blick zu widmen, eilte ich raſch vorwärts. Meine alte Erfahrung im Moorgrund hatte mich den Schritt gelehrt, mittelſt deſſen man nicht blos ſehr ſchnell, ſondern auch vollkom⸗ men trocken über ſolchen Sumpfboden wegkommt, indem man nämlich von Erhöhung zu Erhöhung hüpft. Auf dem einſamen Pfad, den ich jetzt wanderte, konnte ich Niemanden zu begegnen hoffen; denn nur ſel⸗ ten verirrte ſich ein Waidmann hieher und höchſtens be⸗ trat ihn manchmal ein Bote aus dem Schloß nach der Stadt Banagher. Dieſe Einſamkeit war mir inzwiſchen ganz und gar nicht unangenehm, denn mein Herz war zum Berſten voll. Bei jedem Schritt trat mir ein neues Bild von der Heimat vor die Augen: da war Alles Freude und Wonne, ich ſah den alten, gaſtlichen Tiſch, den warmen Heerd, die vergnügten Geſichter umher, ihren freudigen Willkomm, und nnn lief ich, ſo ſchnell ich konnte, aber auf einmal beſielen mich trübe, düſtere Ahnungen, das Siechbett meines Oheims, ſeine abgezehrten Züge, ſein matter Blick, ſeine gebrochene Stimme, all die Ver⸗ änderungen, welche Armuth, Verlaſſenheit und der Fall eines alten Hauſes bei ihm hervorbringen mußten, tra⸗ ten mir lebendig vor die Augen und dann blieb ich mi⸗ nutenlang ſchwach und zitternd, wie eingewurzelt ſtehen. Wie bittere Vorwürfe machte ich mir jetzt, daß ich meine Heimath verlaſſen hatte! Wie manches inbrün⸗ ſtige Gebet ſchickte ich zum Himmel empor, daß mir mein ſelbſtſüchtiger Eigenſinn, mein ehrgeiziges Trach⸗ ten nicht jahrelange nutzloſe Reue bereiten möge! Mitt⸗ lerweile erreichte ich den Gipfel eines kleinen Berges, unter welchem, kaum noch eine halbe Stunde entfernt, die dunkeln Wälder von O'Malley⸗Caſtle ſich ausdehnten. Das Haus ſelbſt war nicht ſichtbar; denn es lag in ei⸗ 1 167 nem Thal am Fluße, aber ſonſt eröffnete ſich vor mir der ganze Tummelplatz meiner Kindheit; dort die kleine Bucht, in der mein Boot lag und in der ich am Mor⸗ gen nach dem Duell mit Bodkin gelandet hatte; weiter⸗ hin dehnten ſich ſtundenweit die kahlen Wieſen hin, wo ich meine Pferde für die kommende Saiſon zu dreſſiren pflegte und in der Ferne verlor ſich die braune abſchüſ⸗ ſige Spitze des alten Scariff in den Wolken. Inzwiſchen hattte der Regen aufgehört, auch der Wind legte ſich, und ringsum herrſchte eine beinah unnatürliche Stille. Die ſchweren Nebelmaſſen aber hingen unglückverkündend in der Luft und die bleierne Farbe von Land und Waſ⸗ ſer machte einen düſtern, niederſchlagenden Eindruck. Meine Ungeduld an Ort und Stelle anzukommen, wuchs mit jedem Augenblick. Ich lief, ſo ſchnell ich konnte, den Berg hinab, erreichte endlich die kleine eichene Um⸗ pfählung des Waldes, öffnete das Pförtchen und trat hinein. Es war derſelbe Pfad, auf welchem ich in der Nacht, bevor ich meine Heimath verlaſſen, nachdenklich umhergeirrt war. Auch erinnere ich mich noch, mich ne⸗ ben dem kleinen Felſenbrunnen niedergeſetzt zu haben, der über den Pfad hinrann und ſich unter den knorrigen Wurzeln und dem abgefallenen Laube umher verlor. Ja, dies war das Plätzchen. Erſchöpft durch die Anſtrengung und meine Aufre⸗ gung ſetzte ich mich auf den Stein, nahm meine Mütze ab und badete meine heißen, pochenden Schlaͤfen in dem Quell. Dadurch erfriſcht wollte ich eben weiter gehen, als meine Aufmerkſamkeit durch ein ſchwaches Getöne in der Ferne angezogen wurde. Ich lauſchte, aber nun war Alles wieder ſtill und das dumpfe Plätſchern des Waſſers, welches durch den Schilf rauſchte, war der einzige Ton, den ich hörte. In der Meinung, blos meine er⸗ hitzte Phantaſte habe mir etwas vorgegaukelt, erhob ich mich, um meinen Weg fortzuſetzen; aber in dieſem Augenblick fuhr ein leichter Wind durch das Laub, die Zweige rauſch⸗ ten und nun vernahm ich ein leiſes klagendes Getöne, —— 168 das mit jedem Augenblicke mehr anſchwoll; wenn der Wind gegen mich kam, glich es dem fernen Rauſchen eines gewaltigen Stromes und erhob ſich zuweilen zu einem lauten langen Schrei bitterer Verzweiflung. Gott, es war die Todtenklage. Ich ſank auf die Kniee, meine Hände preßten ſich krampfhaft zuſammen, Angſt⸗ ſchweiß tropfte mir von der Stirne und mit blutendem, brechendem Herzen betete ich— ich weiß ſelbſt nicht was. Von Neuem drangen die furchtbaren Laute in mein Ohr und ich konnte jetzt die ſchrecklichen Tonfälle des Todtengeſanges unterſcheiden, wenn die Klagenden ſich zu einem Chor vereinigten. Meine Angſt wurde unerträglich. Wahnſinnig ſtürzte ich fort; denn nur ein einziger Klang tönte in meinen Ohren, ein einziges entſetzliches Bild ſchwebte vor mei⸗ nen Augen. Endlich erreichte ich die Gartenmauer, ſprang über den kleinen Fluß, der neben der Blumenabtheilung hinlief, rannte an den verwahrlosten, verwilderten Bee⸗ ten vorüber und kam an die Eingangsallee, ohne von der Menſchenmenge Notiz zu nehmen, die theils zu Fuße, theils zu Pferd, theils auf niedrigen, ländlichen Kärren erſchienen war und gruppenweiſe, ſchweigſam und ſtumm, mit geſenkten Köpfen auf dem Graſe ſaß. Als ich mich dem Hauſe näherte war der ganze Zugang geſperrt durch Wägen und Reiter; am Fuße der großen Treppe ſtand der ſchwarze Trauerwagen, mit ſeinen wehenden Federn. In wahnſinniger Verzweiflung drang ich, unfähig ein Wort zu ſprechen, durch die dichten Haufen auf der Treppe hin. Noch einmal erhob ſich das ſchauerliche Klagegeſchrei und ſeine wilden Töne ſchienen mich zu läh⸗ men; denn ich ſtand jetzt, die Hände an die Schläfe gedrückt, ſtill und bewegungslos da. Schwere Fußtritte, wie von einer Prozeſſion kamen näher und immer näher, und während die Töne außen in jammerndes Wehge⸗ ſchrei übergingen, erſchien von acht Männern getragen eine ſchwarzbedeckte Bahre unter der Thüre, und ein Greis, auf deſſen ſtrengen Zügen ein Kampf um Selbſt⸗ 169 beherrſchung in wiederholten krampfhaſten Zuckungen ſich kund that, während ſein graues Haar im Winde flatterte, ſtreckte die Hand aus, um Stillſchweigen zu gebieten. Sein glanzoſes, vom Alter getrübtes Auge ſchweifte über die verſammelte Menge hin, ſchien aber Nichts zu erkennen, bis es zuletzt auf mich fiel. Jetzt überflog eine leichte, hektiſche Röthe ſeine bleichen Wan⸗ gen, ſeine Lippe zitterte, er verſuchte zu ſprechen, konnte aber nicht. Ich ſprang auf ihn zu, aber auch mich hatte der herbe Schmerz ſtumm gemacht, mein Blick jedoch ſagte, was die Zunge nicht auszuſprechen ver⸗ mochte; er ſchlang ſeine Arme um mich, deutete auf den Sarg hin und murmelte:„Der arme, arme God⸗ rey!“ Hundertundzehntes Kapitel. Die Heimat. Viele viele Jahre ſind ſeit dieſer Zeit verfloſſen und dennoch kann ich noch immer nicht ohne tiefe innige Be⸗ trübniß an ſie zurückdenken. Der Verluſt des Vermö⸗ gens, die Vereitlung ehrgeiziger Plane, das Fehlſchla⸗ gen wichtiger Unternehmungen ſind Uebel, die ſich immer noch ertragen laſſen. Die nie erſterbende Hoffnung, wo⸗ mit die Jugend geſegnet iſt, findet bald eine Ruheſtätte in der Bruſt und der Tiefgebeugte tritt wieder rüſtig un⸗ ter die Reihe derjenigen, welche von Schickſalsſchlägen noch nicht berührt worden ſind; aber für den Tod von Verwandten, für den Verluſt derer, welche der Mittel⸗ punkt unſerer Neigungen geweſen, gibt es keinen Troſt. Das furchtbare Niemals des Grabes ſchließt jede Linde⸗ rung des Schmerzes aus und ſelbſt die Erinnerung, die uns in unſern trübſten Stunden lächelnde Geſichter und glänzende Bilder vorführen kann, bringt jetzt nur den Schatten entflohener Glückſeligkeit zuruͤck, nur einen 170 flüchtigen Blick auf das für immer entſchwundene Eden unſerer Freuden. Die ſchmerzlichſte Oede ſtellt ſich in einem Herzen ein, wenn die Echos eines letzten Lebewohls in demſelben wiederklingen. O mitwelch qualvollen Selbſtvorwürfen denken wir an unſern ganzen frühern Umgang mit dem Dahingeſchie⸗ denen, wie ſehnlichſt wünſchen wir noch einmal mit ihm zuſammen leben zu können, um dann jede Spur von Unfreundlichkeit oder Härte zu verwiſchen! Wie hart tadeln wir uns wegen jeder verabſäumten Gelegenheit, ihm einen Beweis unſerer Liebe zu geben und wie un⸗ aufhörlich umſchweben uns die Erinnerungen an den Seligen! In allen Geweben, welche Liebe und Ver⸗ wandtſchaft um uns ziehen, bleibt, für fremde Augen unſichtbar, eine Lücke, die ſich weder durch die Schmei⸗ cheleien der Liebe noch durch das Koſen der Freundſchaft ausfüllen läßt. Mag auch das hohe Gras des Todten⸗ ackers das niedrige Grab bedecken, der Friedhof des Herzens iſt heilig und geweiht, rein von allen unruhi⸗ gen Gedanken und Alltagsſorgen der geſchäftigen Welt. In dieſe geheiligte Stätte ziehen wir uns, wie in un⸗ ſere Kammer zurück, und wenn unbelohnte Anſtrengun⸗ gen uns Kummer und Verdruß bereiten, wenn Freunde ſich als falſch, geliebte Hoffnungen als eitel und nichtig erweiſen, ſo denken wir an diejenigen, die bis zum letz⸗ ten Athemzuge nie aufgehört uns zu lieben, und in trüb⸗ ſeliger Verlaſſenheit beſchwören wir die Theuern wieder herauf, die uns nicht mehr hören und nie wiederkehren werden. ***** ****⁴* Mein heimathlicher Herd war troſtlos und verödet. Düſter und tiefgebeugt ſaß ich in dem alten Wohnzim⸗ mer mit dem eichenen Getäfel. Die geräuſchloſen Tritte und Trauerkleider der alten Diener— die unnatürliche Schweigſamkeit in dieſen Mauern, die in den Tagen meiner Kindheit von Tönen der Freude und Luſt erklun⸗ 171 gen— der große altmodiſche Stuhl⸗ auf dem er zu ſitzen pflegte und der jetzt gegen die Wand gelehnt war Alles ſprach von der traurigen Vergangenheit. Und den⸗ noch, wenn Fußtritte ſich naherten, wenn die Thüre ſich öffnete, konnte ich mich einer zuckenden Hoffnung nicht erwehren, daß er hereintreten möchte. Mehr als einmal ſtürzte ich ans Fenſter und ſah hinaus; ich hätte dar⸗ auf ſchwören können, ſeine Stimme gehört zu haben. Der alte Hengſt, auf dem er zu reiten pflegte, graste friedlich vor dem Hauſe; der treue Carlo⸗ ſein Lieblings⸗ wachtelhund, lag auf der Teraſſe ausgeſtreckt, erhob von Zeit zu Zeit ſeinen Blick nach dem Fenſter, ſtieß dann, als würde er es müde länger auf den Erſehnten zu war⸗ ten, der doch nicht kam, ein dumpfes, langes Klage⸗ geheul aus und legte ſich von Neuem zu dem Schlafe nie⸗ der. Der üppige Grasplatz, der mit buntfarbigen Blu⸗ men geſchmückt war, erſtreckte ſich bis zum Strome, auf deſſen ruhiger Oberfläche die weißbeſegelte Barke ſich kaum zu bewegen ſchien; vom Ufer herüber klangen die Töne eines wohlbekannten iriſchen Liedes, das ein armer Fi⸗ ſcher ſang, während er ſeine Netze flickte, und das La⸗ chen der Kinder wurde mir vom ſanften Abendwinde zu⸗ getragen. Ja, ſie waren glücklich! Zwei Monate waren ſeit meiner Rückkehr nach Hauſe verſtrichen; wie ich ſte hingebracht habe, weiß ich ſelbſt nicht. Ein lethargiſcher Stumpfſinn hatte mich ergriffen. Ganze Tage lang ſaß ich am Fenſter, blickte gedanklos nach dem ruhigen Strome hinüber und ſah dem weißen Schaume zu, der träge auf ſeiner Oberfläche dahin ſchwamm. Der Graf hatte mich bald verlaſſen, da ihn Geſchäfte nach Dublin riefen, und ſo war ich gänzlich allein. Die Familien aus der Umgegend beſuchten mich häufig und würden ohne Zweifel Alles, was in ih⸗ rem Macht ſtand, aufgeboten haben, um meinen Kum⸗ mer zu lindern, aber mit einer gewiſſen krankhaften Scheu mied ich jeden Umgang, verließ das Haus ſelten vor der 172 1 Nacht und auch dann nur um auf einſamen, verlaſſenen Wegen umherzuſtreifen. Das Leben hatte ſeinen Reiz verloren; mein beglück⸗ ter Ehrgeiz hatte dem ſchwärzeſten Kummer Platz ge⸗ macht und Alles, wofür ich gearbeitet, wornach ich mich geſehnt hatte, war mir blos gewährt worden, damit ich ſeine Werthloſtgkeit recht ſchmerzlich empfinden ſollte Von meinen Vermögensumſtänden wußte ich nichts und kümmerte mich auch nicht viel darum; Armuth und Reichthum waren mir jetzt gleichgültig; meine Zukunfts⸗ träume hatten ſich zerſchlagen und ich erwartete nur Conſidines Rückkehr ab, um Irland auf immer zu ver⸗ laſſen. Ich hatte mir vorgenommen, im Fall irgend ein unerwarteter Schickſalswechſel dem Kriege auf der Halb⸗ inſel ein Ende machen ſollte, in ein oſtindiſches Regiment zu treten. Der tägliche Anblick von Gegenſtänden, die mir immer nur ein und daſſelbe Bild vor Augen führten, und mich an eine ganz und gar nicht erfüllte Schuld der Pietät erinnerten, ließ mir keinen Augenblick Ruhe. In Allem um mich her erblickte ich nur deutliche Be⸗ 4 weiſe, daß alle meine Hoffnungen geknickt ſeyen; wenn ich alſo hier blieb, mußte ich unausbleiblich in herzlo⸗ ſen Menſchenhaß verfallen, und ſo beſchloß ich denn, mir mit meinem Schwert ein Soldatenloos und Soldaten⸗ grab zu erwerben. Endlich kam Conſidine; ich ſaß allein auf meinem gewöhnlichem Poſten am Fenſter, als der Wagen in den Hof rollte. Ich ſprang ſchnell auf die Beine; ein va⸗ ges Gefühl von Hoffnung durchzuckte mich, das Ganze konnte ja nur ein Traum ſein und er—; im nächſten Augenblick wurde ich kalt und krank, ein Schwindel er⸗ griff mich, meine Augen verdüſterten ſich und obſchon ich den Händedruck des Grafen ſpürte, ſo ſah ich ihn ſelbſt doch nicht. Eine ungewiſſe Erinnerung iſt mir noch geblieben, daß er mich wegen meiner Schwäche ſchalt und auffor⸗ derte meine Stellung zu bedenken und die Pflichten des 173 Mannes zu erfüllen, deſſen Nachfolger ich jetzt gewor⸗ den. Ich hörte ihn ſchweigend an und verſprach mit bebender Stimme Gehorſam; dann aber ſtürzte ich auf mein Zimmer, warf mich auf mein Bett und brach in einen Strom von Thränen aus. Bisher hatte mein ein⸗ gezwängter Schmerz mich von Tag zu Tag mehr aufge⸗ rieben; nun aber war der Fels geöffnet und in dieſem Erguſſe meines Trübfinns fand ich Erleichterung. Als ich am folgenden Morgen im Wohnzimmer er⸗ ſchien, ſtaunte der Graf über mein verändertes Ausſe⸗ hen; an die Stelle krankhaften Kummers war eine männ⸗ lich feſte Faſſung getreten und ich hatte bald Kraft ge⸗ nug, ruhig über meine Angelegenheiten zu ſprechen. „Der arme Godfrey,“ ſagte der Graf,„hat mich wenige Tage vor ſeinem Tode zu ſeinem einzigen Teſta⸗ mentsvollſtrecker gemacht. Er wußte, daß ſeine Zeit nahe war, und ſeltſam genug Charley, obſchon er von Deiner Rückkehr nach England vernommen hatte, ſo wollte er uns doch nicht ſchreiben laſſen. Die Zeitun⸗ gen meldeten uns, daß Du beinahe täglich in Carleton Houſe ſeyeſt; Dein Name wurde bei jedem großen Hof⸗ feſte genannt, und während ſein Herz an Deinen glän⸗ zenden Erfolgen ſich erfreute, hegte er eine gewiſſe un⸗ überwindliche Scheu vor Deiner Rückkehr hieher. ‚Der arme Junge,' ſagte er manchmal, ‚welche Veränderung für ihn, die Pracht und Herrlichkeit einer Königstafel gegen unſere dürftige Koſt und zerrütteten Umſtänden auszutauſchen! Was mich betrifft, fügte er hinzu, ‚ſo kann ich jetzt mit Gottes Gnade ruhig von dannen gehn — aber wie ich den Abſchied ertragen würde, wenn er hier wäre, das weiß ich nicht.⸗ „Und nun,“ fuhr der Graf fort, nachdem er mir einen getreuen Bericht über die letzte Krankheit meines theuern Oheims abgeſtattet,„und nun Charley, was für Plane haſt Du jetzt?“ Mit wenigen Worten ſetzte ich ihm meine Abſichten auseinander, ohne jedoch auf den Hauptgrund, nämlich 174 meine Abneigung gegen die jetzt ſo veränderte frühere Heimat großes Gewicht zu legen, und erklärte ihm, daß ich ſo bald als möglich zu meinem Regiment zurückzu⸗ kehren wünſchte. Er hörte mich mit ſichtbarer Ungeduld an und als ich zu Ende war faßte er meinen Arm mit ſeiner eiſer⸗ nen Hand.„Nein, nein, mein Junge, davon kann nicht die Rede ſein! Deine angenommene Gemüthsruhe ver⸗ mag einen Bill Conſidine nicht zu täuſchen. Du darfſt nicht nach der Halbinſel zurückkehren— wenigſtens für jetzt nicht. Der Lebensüberdruß mag mit zwanzig Jah⸗ ren ſtark ſein, aber dauernd iſt er nicht, und überdies, Charley,“— hier bebte er ein wenig—„ſeine Wünſche wirſt Du nicht obenhin behandeln. Lies einmal das.“ Bei dieſen Worten zog er einen ſchlecht und un⸗ deutlich geſchriebenen Brief aus der Taſche und über⸗ reichte ihn mir. Er war von meines armen Oheims Hand und vom Morgen ſeines Todestags datirt, der Inhalt lautete:— „Theurer Bill— Charley darf ſich nie von dem alten Hauſe trennen, komme, was da wolle; ich hinter⸗ laſſe zu viele Bande, um einen Fremden hier dulden zu können; er muß unter meinen alten Freunden leben, muß für ſie ſorgen, ſie beſchützen und unterſtützen. Für den Ruhm hat er genug gethan; mag er nun auch etwas für die Liebe thun! Wir ſind gegen dieſe armen Leute nicht gut genug geweſen; einer unſeres Namens muß dieſe Schuld tilgen und unſern Credit aufrecht zu erhalten ſuchen. Gott ſegne Euch beide! Es iſt viel⸗ leicht das letzte Mal, daß ich dieſes ausſpreche.“ „O'M.“ Ich las dieſe wenigen mir ſo theuren Zeilen zu wiederholten Malen und vergaß Alles um mich her, nur ihn nicht, der ſie geſchrieben, bis endlich Conſidine, der mein Schweigen als Unſchlüſfigkeit deutete, ausrief: „Nun, was gedenkſt Du jetzt zu thun?“ 175 „Ich bleibe,“ antwortete ich kurz. Der Greis ſchloß mich entzückt in ſeine Arme und rach— ſ 936 wußte das, mein Junge, ich wußte das zum Voraus. Man hatte mir geſagt, Du ſeyeſt durch Schmeicheleien verhätſchelt und das Glück habe Dir den Kopf verdreht. Die Leute behaupteten, Heimath und Freunde werden Dir Nichts mehr gelten gegen Ehre und Ruhm; aber ich ſagte nein, denn ich kannte Dich beſſer. Zornig erklärte ich ihnen, ich habe Dich auf meinen Knieen groß geſchaukelt, Dich überwacht von der Kind⸗ heit bis zum Jünglingsalter, vom Jüngling bis zum Mann; derjenige, deſſen Blut in Deinen Adern rolle, habe nur ein einziges Gefühl gehabt, das alle andern überwogen, nämlich die Liebe zu ſeinem Vaterland, und Du werdeſt ihm keine Schande machen. Ueberdies, Charley, iſt viele Meilen in der Runde keine einzige Hütte, wo nicht in den Stürmen des Winters, gegen welche die ſchwachen Mauern nur ſchlechten Schutz gewähren, und inmitten der Drangſale, der Armuth, welche an andern Orten die Quelle des Herzens ver⸗ trocknet, wo nicht, ſage ich, des armen Godfrey's Name in jedem Abendgebet zum Himmel ſtiege, wo nicht auf ſein Haupt Segnungen herabgerufen würden von Men⸗ ſchen, welche ſelbſt den Segen des Himmels nicht aus Erfahrung kennen.“ „Ich werde dieſe Leute nicht verlaſſen.“ „Ich weiß, daß Du dies nicht thun wirſt, mein Junge, ich weiß es; und nun die Mittel.“ Damit begann er einen langen Bericht von den vielfachen Ver⸗ legenheiten meines geliebten Oheims, der wie ich jetzt erfuhr, um mir das Gut ſchuldenffrei zu hinterlaſſen, ſich ſeit mehreren Jahren harte Entbehrungen aufgelegt hatte. Dennoch war ihm dies ſchlecht geglückt und faſt jedes Stückchen Land war verpfändet. Auch auf dem Wohnhaus laſtete noch eine Schuld von dreitauſend 176 Pfund, und um dieſe abzutragen, rieth mir Conſtdine, 4 einen Theil des Guts zu verkaufen. „Der alte Blake hat die Summe vorgeſchoſſen und noch acht Tage, ehe Dein Oheim ſtarb, kündigte er das Kapital. Ich habe Godfrey Nichts davon geſagt, denn was hätte es auch genützt? Es hätte ihm nur ſeine letzten Stunden noch mehr verbittert, und überdies hatten wir ja ſechs Monate Zeit, um daran zu denken. Die Hälfte dieſer Friſt iſt inzwiſchen abgelaufen und wir müſſen nun die Mittel ſchaffen.“ „Und machte Blake wirklich dieſe Forderung, ob⸗ ſchon er die Verlegenheiten meines armen Oheims kannte?“ „Nein, ich glaube kaum, daß er darum wußte, denn Godfrey war zu ſchlau, um ſich irgendwie eine Blöße zu geben. Er ließ für die Armen in Scariff zwölf Schafe ſchlachten zu einer Zeit, wo die Bedienten im Hauſe ſeit Monaten kein Fleiſch über den Mund gebracht hatten, und auch unſere eigene Tafel Nichts weniger als ſplendid war.“ Was für ein Gemälde war dies und welchen ſchmerzlichen Contraſt bildete es gegen den Stand der Dinge aus früheren Zeiten! Unter ſolchen Betrach⸗ tungen und Geſprächen kehrten wir ins Haus zurück und Conſidine, deſſen Thätigkeit nie ruhte, ſetzte ſich mit dem alten Rentmeiſter Maguire nieder, um unſer Vermögen zu überrechnen. Als ich am Abend den Grafen aufſuchte, fand ich ihn umgeben von Karten, Einnahmeliſten, Pfandbriefen und Pachtverträgen. Er hatte dieſe verſchiedenen Ur⸗ kunden genau ſtudirt, um auszumitteln, durch welchen Theil des Guts wir unſere gefallenen Finanzen am Beſten wieder herſtellen könnten; aber nach ſeinem ver⸗ legenen Benehmen und ſeinen unruhigen Blicken zu ſchließen, war die Sache Nichts weniger als leicht. Mit unglaublicher Gedankenloſigkeit hatte man Laſten auf die Güter gehäuft, und wo nicht etwa ein ganz 177 unergiebiges Stück Sumpfland oder ein kahler Berg jedes Anlehen unmoglich machte, war kein einziger Fleck Landes unverſchuldet. „Killantry kannſt Du nicht verkaufen, denn Baſſet hat bereits mehr als ſechstauſend Pfund daran ſtehen; die Pfaffenwieſe freilich iſt ſchönes Land und die Schuld darauf nur unbedeutend; aber Malony iſt einer der älteſten Pächter der Familie und ich moͤchte nicht, daß Du ihn einem Fremden übergäbeſt; der Pachthof der Wittwe M'Bride iſt vielleicht der beſte von allen, aber die arme Mary war Deine Amme, Charley, und es würde ihr das Herz brechen, wenn ſie ſich davon trennen müßte.“ So ſtießen wir überall auf Hinderniſſe, wenn auch nicht pekuniärer Art, ſo doch aus Rückſichten auf ſolche Verbindungen, die ſich immer zwiſchen einem menſchen⸗ freundlichen Gutsherrn und ſeinen getreuen anhänglichen Pächtern bilden. Ich fühlte, wie wichtig dies Alles war und faßte den feſten Vorſatz, den Wünſchen meines Oheims nach⸗ zukommen und ſeine Abſichten auszuführen. Leider konnte ich mirs nicht verhehlen, daß jeder Verkauf mich von Leuten trennen mußte, die ſeit undenklichen Zeiten unſer Haus als ihren Stützpunkt betrachtet hatten und von denen bei dem tiefgewurzelten Feudalismus des Weſtens vorauszuſehen war, daß ſie ſich nicht ſo leicht bewegen laſſen würden, einem neuen Herrn Treue und Anhänglichkeit zu geloben. Die reicheren Pächter hatten ſich durch Fleiß und geregelten Lebenswandel zu ihrer angenehmen Lage emporgeſchwungen: an die ärmeren aber, die durch Unvorſichtigkeit und, wenn man will, auch durch Leichtſinn herabgekommen waren, ſah ich mich durch mehr als hundertjährigen Gebrauch in meinem alten Hauſe gebunden und ſchuldete ihnen meinen Schutz: die Gewährung einer Wohlthat kann zu einer ſtrengern, heiligern Pflicht werden, als die Pflicht der Lever, O'Malley. IV. 1² 178 Dankbarkeit auf Seite derjenigen, denen man ſie erweist. Was könnte ich alſo thun? Meine Einnahmen reichten hin, um die Zinſen abzutragen und auch ſparſam davon zu leben. Die Schuld an Blake war für mich die einzige, aber trotz ihres geringen Betrags eine bedeutende Verlegenheit. „Jetzt hab ichs, Charley,“ ſagte Conſidine endlich, „jetzt weiß ich Rath und Mittel, Blake wird ſich gewiß dazu verſtehen, den Pachthof der Wittwe in Verſatz zu nehmen und Dir nach fünf Jahren einen Rückkauf zu geſtatten. Binnen dieſer Friſt kann durch Sparſamkeit, gute Wirthſchaft und vielleicht—“ fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu—„vielleicht durch ein reiches Weib Alles in Ordnung gebracht werden. Nun, nun, ich weiß wohl, daß Du jetzt nicht daran denkſt; aber ſag einmal, wie gefällt Dir mein Plan?“ „Ich weiß nicht recht, was ich ſagen ſoll. Es ſcheint mir das Beſte zu ſeyn, aber immerhin habe ich meine Bedenken.“ „Ja, das glaube ich wohl, mein Junge; auch würde ich Dich nicht lieben können, wenn Du Dich ſo leichtſinnig von einer ſo treuen Unterthanin trennteſt, Inzwiſchen iſt ſie ja blos eine Geißel, die der Feind uns zurückgeben muß, Charley.“ „Glauben Sie wirklich?“ „Ja, ich bin es feſt überzeugt.“ „Nun, ſo ſey es denn; ich bedinge mir blos Eines aus, nämlich daß die gute Alte ſelbſt in den Wechſel der Herrſchaft einwilligen muß. Es würde hart erſchei⸗ nen, wenn das Kind, das ſie gepflegt und auf ihren Armen geſchaukelt hat, ſie von Allem forttriebe, was ihrem Herzen theuer iſt. Jedenfalls müſſen wir dafür ſorgen, daß Blake ſie nicht von der Beſitzung verdrän⸗ gen kann; dies wäre gar zu grauſam.“ „Nein, nein, das darf nicht ſtattfinden; und nun, Charley, hoffe ich, daß wir mit Klugheit und Behut⸗ ſamkeit bald alle Laſten wegſchaffen und O'Malley⸗Caſtle 179 wieder zu dem machen, was es in frühern Tagen ge⸗ weſen iſt. Ja, Junge, der Sprößling des alten Hauſes muß hier Herr ſeyn und nicht dieſer General— wie heißt er doch?— der mit ſeinen dreißigtauſend Pfund die älteſte Familie im Weſten von Haus und Hof ver⸗ treiben zu können glaubte. Habe ich Dir ſchon den Brief gezeigt, den wir ihm geſchrieben haben?“ „Nein, Sir,“ antwortete ich zitternd vor Aufre⸗ gung;„Sie haben blos in einem Ihrer Schreiben dar⸗ auf angeſpielt.“ „Nun, ſo lies einmal,“ ſagte er, aus einer ſchwar⸗ zen ledernen Brieftaſche ein Papier hervorziehend;„ich habe eine Abſchrift davon genommen, da iſt ſie.“ Der Brief war datirt aus O'Malley⸗Caſtle vom 9. December und lautete wie folgt: „Sir— ſo eben erfahre ich durch meinen Agenten, daß Sie oder Ihr Bevollmächtigter etliche tauſend Pfund dafür geboten haben, um die auf meinem Eigenthum laſtenden Hypotheken aufzukaufen und mit der Zeit Be⸗ ſitzer meiner Güter zu werden. Im Fall dieſes licht⸗ ſcheue, eines Ehrenmannes unwürdige Manöver Ihnen gelungen ſeyn ſollte, ſo erlaube ich mir, Sie davor zu warnen, daß Sie die Thürſchwelle des von Ihnen ange⸗ kauften Hauſes nicht mit Ihrem Schatten verdunkeln. Weder Ihr Gold, noch Ihre Schmeicheleien— und ich höre, Sie ſind reich an beiden— wären im Stande, die Liebe von Jahrhunderten im Herzen meiner Unter⸗ thanen zu erſticken. Nehmen Sie alſo guten Rath an, Sir; ziehen Sie Ihr Gebot zurück und laſſen Sie einen galway'ſchen Edelmann nach ſeiner eigenen Weiſe mit ſeinen Verlegenheiten fertig werden; er hat Sorgen genug, auch ohne daß Sie die Zahl derſelben vermehren. Es gibt nur eine einzige Art, in welcher Ihre Einmi⸗ ſchung annehmbar erſcheinen könnte, und ich werde Ihnen als einem Soldaten dieſelbe hoffentlich nicht näher 12 zu bezeichnen brauchen. Da ich weiß, daß Ihre Dienſt⸗ pflichten von großer Wichtigkeit ſind, und da mein Neffe — der hier vollkommen mit mir übereinſtimmt— ſich im Auslande beſindet, ſo kann ich Ihnen blos erklären, daß meine ſchwache Geſundheit mich nicht hindern wird, eine Reiſe nach England zu unternehmen, im Fall eine ſolche mit Ihren Wünſchen übereinſtimmen ſollte. „Ich verbleibe, Sir, Ihr gehorſamer Diener „Godfrey O'Malley.“ „Dieſen Brief,“ fuhr Conſidine fort,„ſchloß ich in ein Couvert ein, worin von meiner Hand folgende Zei⸗ len ſtanden: „Graf Conſidine entbietet dem Generallieutenant Daſhwood ſeinen Gruß, und weil er fürchtet, daß der gelinde Weg, welchen Mr. Godfrey O'Malley eingeſchlagen hat, ihm als einem vertrauten Freunde dieſes Gentlemans, zur Laſt gelegt werden könnte, ſo erlaubt er ſich, den General Daſhwood zu verſichern, daß das Gegentheil der Fall war, und daß er mit vielem Eifer auf der Anſicht beſtanden hat, der ganze Handel könne nicht beſſer eingeleitet werden, als wenn man eine Reitpeitſche auf den Schultern des Generals ſpielen laſſe. „Graf Conſidine's Adreſſe iſt Kildareſtreet No. 16.“ „Großer Gott!“ rief ich,„iſt das möglich?“ „Ja, ſo darfſt Du wohl ſprechen, mein Junge, denn — würdeſt Du's wohl glauben?— nach allem dem ſchreibt der erbärmliche Menſch einen langen, verwor⸗ renen Entſchuldigungsbrief, ſchwatzt von Beweggründen alter Freundſchaft und endet mit einer höflichen Andeu⸗ tung, daß alle Verbindung zwiſchen uns für immer abgebrochen ſey. Von meinem eigenen Paragraphen nimmt er gar keine Notiz und damit endet die ganze Geſchichte.“ „Und mit ihr auch meine letzte Hoffnung,“ murmelte ich leiſe. Ich war feſt überzeugt, daß Sir George Daſhwoods 181 Abſichten mißdeutet worden waren, und daß nur Krank⸗ heit und Drangſale meinen guten Oheim hatten veran⸗ laſſen können, einen ſolchen Brief zu ſchreiben; aber das Unglück war einmal geſchehen und es blieb mir Nichts übrig, als mich in Geduld darein zu finden und zu vergeſſen zu ſuchen, was unwiederbringlich ver⸗ loren war. „Hat Sir George Daſhwood in ſeinem Briefe meiner nicht erwähnt?“ fragte ich mit einem letzten Hoffnungsſchimmer. „Nein, Dein Name iſt genannt; aber Du ſiehſt ſo blaß aus, mein Junge: alle dieſe Schwulitäten kommen gar zu früh über Dich, auch ſitzeſt Du zu viel zu Hauſe und machſt Dir gar keine Bewegung.“ Mit dieſen Worten begab ſich Conſidine nach den Ställen, um nach einigen jungen Pferden zu ſehen; ich aber ſchlenderte einſam umher, um über das Vernom⸗ mene nachzubrüten und meine Plane für die Zukunft zu entwerfen.— — Hundertundeilftes Kapitel. Eine alte Bekanntſchaft. Als ich ſo dahin wanderte, legte ſich meine Auf⸗ regung allmählig. Es war im höchſten Grade betrü⸗ bend, daß mich mein Oheim bei Sir George Daſhwood in ein falſches Licht geſtellt hatte, und ich mußte dies ſchon an und für ſich als ein ſchweres Unglück erkennen; aber bei meiner Neigung zu ſeiner Tochter brachte es mich beinahe zum Wahnſinn. Gleichwohl konnte ich Nichts in der Sache thun; denn durch eine Erklärung, daß ich keinen Theil daran genommen, mußte ich dem Ruf meines Oheims ſchaden. So waren denn meine Hoffnungen gänzlich vernichtet, und in einem Alter, wo ſich für Andere die Welt erſt zu öffnen pflegt, war ich für Alles ſtumpf und abgeſtorben. Wäre mir wenigſtens meine militäriſche Laufbahn geblieben, ſo hätte ich in ihr Zerſtreuung finden können; aber nun ſollte ich meine Tage an einem Orte zubringen, wo mich Alles an ein entſchwundenes Glück und an Freuden erinnerte, deren Wiederkehr nicht zu hoffen war. Gleichwohl ſtand mein Entſchluß feſt, und ohne Conſidine ein Wort zu ſagen, ſetzte ich mich, als ich nach Hauſe kam, an meinen Schreibtiſch, meldete mit wenigen Zeilen meinem Agenten bei der Armee, daß ich den Abſchied nehmen wolle, und beauftragte ihn, mein Patent zu verkaufen. Da ich jedoch fürchtete, meine Entſchloſſenheit möchte gegen die dringenden Zureden meiner Freunde nicht Stand halten, ſo verbot ich ihm, meine Adreſſe zu nennen, oder überhaupt Aufſchlüſſe zu ertheilen, in Folge deren Briefe an mich gelangen könnten. Sofort ſchrieb ich ein kurzes Billet an Mr. Blake, erſuchte ihn um den Namen ſeines Anwalts, dem er die Schuldverſchreibung übergeben, und meldete, daß ich unverzüglich bezahlen werde. So unintereſſant dieſe Einzelheiten auch alle ſeyn mögen, ſo muß ich ſie doch erwähnen, weil ſie dem ganzen Gang meiner Gedanken eine andere Richtung gaben. Eine neue Art von Intereſſen eröffnete ſich jetzt für mich, und während bisher das Getöſe der Schlacht der Eifer des Marſches, die ſorgloſe Behaglichkeit des Bivouacs beinahe alle andern Gefühle verſchlungen hatte, mußte ich mich jetzt in eine beſcheidenere, alltäg⸗ lichere Sphäre fügen; mein perſönlicher Ehrgeiz hatte ſeinen Sporn verloren und ich wandte mich daher mit, Vergnügen den guten Leuten zu, deren Schickſal großen⸗ theils in meine Hand gelegt war. Es mag viele Länder geben, wo das Grün ſaftiger und duftiger, das Klima milder iſt und ein glänzenderer Himmel die Landſchaft beleuchtet als in Irland; aber gleichwohl habe ich auf meinen vielfachen Reiſen keines getroffen, wo man mit innigerer Liebe an dem Boden feſthinge als in Irland. — 183 Ja, kalt und öde muß es in dem Herzen deſſen aus⸗ ſehen, der unter ſeinen Bergen und Thälern, ſeinen ruhigen Seen und ſeinen reichen Waldungen wohnen kann, ohne ſich von einer immer tiefern Liebe für ſie hingeriſſen zu fühlen. So folgten allmählig neue Ein⸗ drücke und neue Pflichten; ehe vier Monate vergingen, hatte die ruhige Einförmigkeit meines Alltagslebens die Wunden meines Herzens geheilt, es ſtellte ſich ein Ge⸗ fühl der Zufriedenheit, ja ſogar der Behaglichkeit ein, und ich hörte auf, mich nach dem Klirren der Waffen oder dem Geſchmetter der Trompete zu ſehnen. Gegen meine früheren Gewohnheiten gab ich die Jagd gänzlich auf; der Mann, der ihre Freuden ſonſt mit mir getheilt hatte, war nicht mehr, und ſchon der Anblick der Jagdgeräthſchaften erweckte trübe, nieder⸗ drückende Gedanken in mir. Auch an meinen Pferden fand ich nur wenig Vergnügen. Blos meinen Leuten zu gefallen ging ich manchmal durch die Ställe und machte eine flüchtige Bemerlung, wie wenn ich einiges Intereſſe dafür hätte, das mir aber gänzlich abging. Nur dadurch, daß ich meinen Ideen vollkommen neue Kanäle grub, konnte ich mich aufrecht erhalten, und ich brachte jetzt meine Tage auf dem Felde zu, wo ich umherging und die Arbeiter beaufſichtigte. Mit meinen Nachbarn kam ich nicht zuſammen; unſer ganzer Verkehr beſchränkte ſich auf einen gegenſeitigen Austauſch unſerer Karten und mehr wünſchte ich nicht. Da Conſidine mich verlaſſen hatte, um einige Freunde im Süden zu beſuchen, ſo war ich ganz allein und zum erſten Mal in meinem Leben fand ich, wie beruhigend eine ſolche Einſamkeit ſeyn kann. Auf jedem heiteren Geſicht, in jedem dankbaren Blick meiner Angehörigen ſah ich, daß ich meines Oheims letztes Geheiß erfüllte, und das Gefühl der Pflicht, verbunden mit dem Be⸗ wußtſein einer nicht unbedeutenden Machtvollkommenheit, die in meine Hände gelegt war, ließ meine Tage ſchnell vorübergehen. 184 Gegen Ende des Herbſtes kam mir ein Brief aus London zu mit der Nachricht, daß mein Patent verkauft ſey und das Kaufgeld— etwas über viertauſend Pfund— zu meiner Verfügung bereit liege. Obſchon Mr. Blake mein früheres Schreiben nur mit einer höflichen Ver⸗ ſicherung erwiedert hatte, daß die Sache durchaus keine Eile habe, ſo ſchickte ich ſogleich Mickey nach Gurt⸗na⸗ Morra und erſuchte dieſen Herrn in ein paar Zeilen, mir einen Tag zu beſtimmen, an welchem ich dieſes Ge⸗ ſchäft, das mir ſehr am Herzen lag, mit ihm ins Reine bringen könne. Mr. Blake antwortete, er werde ſich ſelbſt die Ehre geben, mich am folgenden Tag zu beſuchen. Gerade das war es, was ich wo möglich zu vermeiden wünſchte. Unter allen meinen Nachbarn war er derjenige, mit dem ich in durchaus keinen Verkehr zu treten beſchloſſen hatte. Ich konnte meinen letzten Abend in ſeinem Hauſe nicht vergeſſen und ihm ſein Benehmen gegen meinen Oheim nicht verzeihen: gleichwohl mußte ich mich jetzt darein fügen. Die Zuſammenkunft, dachte ich, kann ja ſchnell abgemacht werden und ſoll jedenfalls die letzte ſeyn. So entſchloſſen, ſah ich geduldig dem folgenden Tag entgegen. Am nächſten Morgen ſaß ich beim Frühſtück, las dazwiſchen hinein die neueſte Zeitung und fütterte meinen Wachtelhund, der auf einem großen Stuhl neben mir lag, als die Thüre ſich öffnete und ein Bedienter Mr. Blake anmeldete. Zugleich ſtürmte dieſer Gentleman herein, ſtreckte mit allen Zeichen der wärmſten Freund⸗ ſchaft mir ſeine beiden Hände entgegen und rief: „Charley O'Malley, mein Junge, freut mich unend⸗ lich, Sie doch einmal zu ſehen.“ Obſchon die Entfernung von der Thüre nach dem Tiſch, wo ich ſaß, nur wenige Schritte betrug, ſo reichte dieſer kleine Raum doch vollkommen hin, um die ganze Herzlichfeit meines ehrenwerthen Verwandten zu ertödten, bevor er mich erreicht hatte. Sein ſchneller Schritt 18⁵ wurde ein langſames Schieben und Schleichen; ſtatt der ausgeſtreckten Arme ſah man allmälig nur noch eine einzige Hand kaum über die Weſtentaſche hervorragen; ſeine Stimme verlor ihre behagliche Zuverſichtlichkeit, wurde heiſer und trocken und brach zuletzt in einen ver⸗ legenen Huſten aus und alle dieſe Veränderungen wur⸗ den lediglich durch meine Art ihn zu empfangen hervor⸗ gebracht, nämlich durch eine kalte, fremde Verbeugung und den Befehl an meinen Bedienten, einen Stuhl zu bringen und ſich zu entfernen. Ohne alle weitere Einleitung eröffnete ich das Ge⸗ ſchäft, äußerte mein Bedauern, daß ich ihn habe ſo lang warten laſſen, ſowie den Wunſch, jetzt um ſo mehr zu eilen. Ob nun mein feſter, entſchloſſener Ton die beab⸗ ſichtigte Wirkung gethan hatte, oder ob er, verblüfft über die Art und Weiſe, wie ich ſeine Zuvorkommenhei⸗ ten aufnahm, unſere Zuſammenkunft ſo bald als möglich zu beendigen wünſchte, weiß ich nicht; aber er zog ſchnell aus ſeiner geräumigen Taſche ein großes Pergament hervor, breitete es über den Tiſch aus, ſetzte gemächlich ſeine Brille auf und begann den Inhalt deſſelben ſum⸗ mend für ſich zu überleſen. „Ja, Sir, da iſt es,“ ſagte er;„Vertrag zwiſchen Godfrey O'Malley von O'Malley⸗Caſtle, Eſq., auf der einen Seite“— vielleicht erſuchen Sie Ihren Advokaten die Urkunde zu unterſuchen—„und Blake von Gurt“— es hat übrigens ganz und gar keine Eile, Herr Kapi⸗ tän,—„auf der andern Seite. Es iſt dies wirklich blos eine Formſache zwiſchen Verwandten,“ fügte er hinzu, als ich die Hinzuziehung eines Notars ablehnte. „Ich bedarf des Geldes durchaus nicht—„alle Ländereien und Pachthöfe als Pfand für die Bezahlung beſagter dreitau⸗ ſend— die Summe iſt eine Kleinigkeit, Herr Kapitän und genirt mich nicht im Mindeſten. Die Buben ſind ſo ziemlich verſorgt und die Mädchen— dieſe Taſchendiebe, wie ich ſie nenne, hahaha! mit denen ſtehts auch nicht ſo übel— 186 „mit Rechten auf das Torfmoor“— ſind ungemein be⸗ gierig Sie einmal zu ſehen. Wahrhaftig, ich konnte Jane Fiaut kaum abhalten mit herüber zu kommen. Ei, er iſt mein Vetter, ſagt ſie, und was wird es ſchaden, wenn ich ihn beſuche? Wilde, aber gutmüthige Mäd⸗ chen, Herr Kapitän! Und Ihr alter Freund Matthew — Sie haben doch Matthew nicht vergeſſen?— hegt ſchon ſeit vierzehn Tagen drei Ketten Rebhühner für Sie, Charley, ſagt er— ſie ſagen alle immer noch Charley, Herr Kapitän— ſoll ſie haben und Niemand anders, und die gute Mary— ſie war noch ein Kind, als Sie hier waren— Mary ſiickt eine Schärpe für Sie, Doch ich vergeſſe mich— ich weiß, Sie haben ſo viel zu thun.“ „Bitte, Mr. Blake, bleiben Sie ſitzen. Ich habe nichts Wichtigeres zu thun, als dieſe Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wenn Sie erlauben, ſo gebe ich Ihnen einen Wechſel, die Papiere ſind gewiß voll⸗ kommen richtig.“ 3 „Wenn ich denken könnte, es möchte Sie im Min⸗ deſten geniren—“ „Nein, ganz oder gar nicht. Soll ich ſchreiben auf Sicht oder in zehn Tagen.“ „Ganz wie Sie wollen, Herr Kapitän. Es thut mir nur leid, daß ich Sie mit ſolchen Dingen behellige, während ich doch weiß, daß Sie ganz andere Gedanken im Kopfe haben. Wie geſagt, es liegt mir durchaus nichts am Gelde, die Zeiten ſind, Gott ſey Dank! gut und ich habe nie leichtſinnig gewirthſchaftet.“ „Ich denke, Sie werden Alles richtig finden.“ „O, gewiß, es iſt ganz in Ordnung; aber ich ent⸗ ferne mich ohne die Hälfte von dem geſagt zu haben, was ich beabſichtigte.“ „Bitte, beeilen Sie ſich nicht ſo ſehr. Ich habe Sie nicht gefragt, ob Sie gefrühſtückt haben, denn dazu kenne ich die Sitten von Galway zu genau. Aber 187 wenn ich Ihnen nach Ihrem Ritt ein Glas Xeres an⸗ bieten dürfte?“ „Sie werden mir wohl nicht zürnen, wenn ich Ja ſage, Herr Kapitän. Es gab eine Zeit, wo ich nach einem Ritt von fünf oder ſechs Stunden des Morgens ſo we⸗ nig fragte als Sie, und das will doch viel heißen, aber den Kleeacker, wo Sie dem Engländer jene Lection er⸗ theilten, kann ich nie anſehen, ohne zu beſchwören, daß ein ſolcher Sprung weder vorher gemacht worden iſt, noch je wieder gemacht werden wird. Iſt das Mickey, Herr Kapitän? Wahrhaftig, Mickey, Du biſt ein hüb⸗ ſcher, ſchmucker, brauner Burſche geworden. Ein ſehr angenehmer Keres, aber wo ſollte man auch gute Weine antreffen, wenn nicht hier? Ah, jetzt erſt fällt mir ein, was ich eigentlich wollte. Peter— mein Sohn Peter, noch ein blutjunges Bürſchchen, erſt ſechzehn Jahre alt, will durchaus Soldat werden: jeden Tag ſuchte er Ihren Namen in den Zeitungen auf, und die ſchreckliche Geſchichte da bei— wie heißt doch die Feſtung? wo Sie auf dem Rücken der Soldaten in die Breſche hin⸗ aufritten?“ „Ciudad Rodrigo vielleicht?“ ſagte ich, kaum fähig, ein Lachen zu unterdrücken. „Ja, Sir, ſeitdem will er von nichts Anderem mehr hören als Soldat zu werden und zwar Dragoner. Aber, Herr Kapitän, iſt es nicht ungemein koſtſpielig bei den Dragonern?⸗ „Nein, nein, nicht ſonderlich— wenigſtens bei dem Regiment, in welchem ich diente, nicht.“ „Ich verſprach ihm, Sie darüber zu fragen; der Junge iſt ganz toll. Ich wünſchte nur, Herr Kapitän, Sie ſprächen ein wenig mit ihm. Auf Sie wird er wohl hören, daran zweifle ich nicht. Und ſehen Sie, obſchon ich gerne Alles thue, was billig iſt, ſo möchte ich doch die Maͤdchen nicht gerne um der Buben willen verkürzen; in dieſer Beziehung ſoll mich mit Gottes Hülfe kein Vorwurf treffen. Mein Wahlſpruch iſt: Wie Du mir, ſo ich Dir. Heirathe den Mann, den ich Dir auswähle, dann kommt es mir auf ein paar tauſend Pfund nicht an. Da der Bodkin— Sie werden ſich wohl noch erinnern,“— fügte er grinſend hinzu,„hielt um Mary an; aber ſeit dem Streit mit Ihnen kann ſie ihn nicht mehr ausſtehen, und Alley wollte nicht einmal mehr zu Tiſche kommen, wenn er zu Hauſe war. Mary hat ſich ſehr verändert. Ich wollte nur, Sie hörten ſie ſingen: muß denn alle Hoffnung ſchwinden? Sie iſt ein ſehr munteres Mädchen; ſie war noch ein Kind, als Sie bei uns waren, und doch weiß ſie noch Alles, als ob es erſt geſtern geſchehen wäre.“ Während Mr. Blake auf dieſe Art fortplauderte, bald über meine eigenen, mannigfachen Vorzüge und aus⸗ gezeichneten Eigenſchaften, bald mit noch größerer Vorliebe über die Zauberkräfte ſeiner ſchönen Töchter und die verſchiedenen Verdienſte ſeiner Söhne ſich verbreitend, konnte ich nicht umhin, die große Veränderung tief zu fühlen, die ſeit unſerem letzten Zuſammentreffen in unſe⸗ rer beiderſeitigen Stellung eingetreten war; der kalte, bäuriſch ſtolze Protektorston, welchen er damals gegen den ungebildeten Landknaben angenommen, hatte ſich jetzt in unterwürfige Kriecherei verwandelt, die noch weit widriger war. Trotz meiner Jugend hatte ich ſchon viel von der Welt geſehen; in meinem Soldatenleben hatte ich mir wenigſtens einige Menſchenkenntniß erworben und es wurde mir weit weniger ſchwer, die Abſichten meines würdigen Vetters zu entziffern, als mich in den räthſel⸗ haften Irrgängen ſeiner Pergamente und Urkunden zu⸗ rechtzufinden. Im Uebrigen, wie ſehr hängt nicht Alles von unſerer eigenen Anſchauungsweiſe in Betreff unſerer Verhältniſſe ab! Meine veränderte Lage machte auf mich ſelbſt nur wenig Eindruck, bis ich ſah, welchen ſie bei Andern hervorbrachte. Daß meine dermalige Stel⸗ lung beſſer erſcheinen ſollte, jetzt da das Leben den großen Reiz des Ehrgeizes verloren hatte, war etwas ſeltſam, 189 und daß die Schmeichelei dem Trauerkleide eine Huldi⸗ gung darbringen ſolle, welche ſie meinem Soldatenrock verweigert haben würde, überraſchte mich einigermaßen; gleichwohl konnten nur fremde Augen in meinen ver⸗ beſſerten Umſtänden etwas Glänzendes ſehen, denn im eigenen Herzen war ich betrübt, muthlos, tief herabge⸗ ſtimmt. 1 Inzwiſchen ſchämte ich mich einigermaßen meiner Kälte gegen einen ſo viel ältern Mann und begann all⸗ mählig freundlicher gegen ihn zu werden. Mr. Blake benützte dieſe Veränderung ſchnell zu einer beredten Er⸗ gießung über meine Fähigkeiten und Ausſichten, woraus ich deutlich erkannte, daß der würdige Gentleman meine Vermögensumſtände auf's Genaueſte berechnet haben mußte, denn ſonſt hätte er nicht mit ſolch vollkommner Kenntniß davon ſprechen können. „Wenn Sie nur erſt dieſe kleinen Laſten vom Halſe haben, ſo wird Ihre jährliche Einnahme viertauſend Pfund betragen. Wenn Sie dieſem Baſſet ſtatt zehn Prozent fünf bezahlen, ſo wirft dies allein achthundert Pfund jährlich ab; weigert er ſich, ſo will ich das Geld vorſchießen. Und dann ſehen Sie einmal Freney's Pachthof an; da ſind zweihundert Jaucherte zu einem Drittel des Werths vermiethet und ſolche Dinge muß man zu Nathe halten; dann ſehen Sie, Herr Kapitän, Sie müſſen ins Parlament. Bei der nächſten Wahl kommen Sie gewiß auf die Liſte und bei der großen Kanone von Athlone wir wollen die Sache ſchon betreiben.“ Hier ſtürzte Mr. Blake einen vollen Becher eres hinab, erkünſtelte dann für einen Augenblick Etwas wie Enthuſtasmus, ergriff meine beiden Hände und ſchüttelte ſie heftig; nachdem er dies gethan, trat er wie ein klu⸗ ger General, der ſein letztes Pulver verſchoſſen hat und nunmehr auf den Rückzug denkt, nach der Thüre zurück, wo ſein Hut und Ueberrock lag. „„Bitte tauſendmal um Entſchuldigung, daß ich Sie ſo lange beläſtigt habe; aber ſo wahr ich lebe, Herr 190 Kapitän, Sie ſind ein ſo allerliebſter Mann und die Stunden ſind ſo angenehm verſtrichen— hol mich der Teufel, ſchon ein Uhr!— noch einmal, verzeihen Sie mir.“ Mein Gerechtigkeitsgefühl, welches mir zeigte, daß die Annehmlichkeit ganz auf Seite Mr. Blake's geweſen war, hinderte mich dieſes Kompliment nach Gebühr zu würdigen, und ich antwortete daher blos mit einer ſtei⸗ fen Verbeugung. Inzwiſchen war es ihm gelungen, ſeinen Ueberrock anzulegen, aber immer noch fehlte dies oder jenes, was das eigentliche Abſchiednehmen verhin⸗ derte. Einmal knöpfte er den Rock unrecht zu und mußte ihn dann von Neuem wieder aufknöpfen; nach⸗ dem er endlich damit zu Stande gekommen war, bemerkte er, daß er ſein Schnupftuch nicht bekommen könne, da er es in der innern Rocktaſche gelaſſen. Endlich zwei⸗ felte er, ob er auch den Wechſel richtig verwahrt habe, und ſtellte deßhalb eine neue Nachſuchung an; kurz, es währte nicht weniger als zehn Minuten, bis er vollkom⸗ men aufgezäumt und reiſefertig war. „Leben Sie wohl, Herr Kapitän, leben Sie wohl,“ ſagte er warm, aber doch behutſam, da er nicht wußte, in welcher Schmelztemperatur das Metall meines Her⸗ zens ſich im Augenblicke befand. Bei einer gelinden Hitze war ich ſichtlich unverſengt geblieben und die weiße Glut ſeiner Schmeichelei ſchien mich nur zu verhärten. Die Zuſammenkunft war jetzt vorüber und da ich genug gethan zu haben glaubte, um meinen Freund zu über⸗ zeugen, daß unſer ganzes künftiges Verhältniß auf eine entfernte Bekanntſchaft beſchränkt bleiben werde, ſo wurde ich ein wenig freundlicher und ſchüttelte ihm die Hand. „Leben Sie wohl, Mr. Blake und haben Sie die Güte, mich den lieben Ihrigen beſtens zu empfehlen. Erlauben Sie mir, Ihr Pferd vorführen zu laſſen: Sie werden doch hoffentlich keinen Regen bekommen?“ Nein, nein, Herr Kapitän, es iſt, glaube ich, eine blos vorübergehende Wolke,“ antwortete er augenſchein⸗ 191 lich aufgethaut durch meine Zuvorkommenheit;„doch ich hätte bald Etwas vergeſſen. Ja, jetzt habe ich's. Viel⸗ leicht bin ich zu kühn, aber ein alter Freund und Ver⸗ wandter darf ſich ſchon einmal eine Freiheit herausneh⸗ men. Es iſt blos ein kleines Anliegen von meiner Frau, als ich eben wegreiten wollte.“ Hier ſchwieg er, um mich zu ſondiren, und als er keine Veränderung auf meinem Geſichte bemerkte, fuhr er fort:„Ich wollte Sie blos erſuchen, ganz ungenirt und freundſchaftlich am Sonntag mit uns zu diniren. Es iſt keine menſch⸗ liche Seele da, blos die Familie— meine Frau und meine Mädchen— eine gebratene Hammelskeule— Matthew— eine friſche Forelle, wenn wir ſie fangen können— einfach und bürgerlich— aber freundſchaft⸗ licher Willkomm und vielleicht auch eine Flaſche Claret, ha, ha, ha!“ Eh noch der Nachhall von Mr. Blakes Lachen ver⸗ ſchollen war, hatte ich ſchon höflich, aber entſchieden die Einladung abgelehnt, und um dergleichen Anmuthungen für immer abzuſchneiden, gab ich ihm zu verſtehen, daß ich wegen meiner angegriffenen Geſundheit und anderer Umſtände entſchloſſen ſey, mich wenigſtens für den Au⸗ genblick lediglich auf die Grenzen meines eigenen Hauſes und meiner Güter zu beſchränken. Mr. Blake grüßte mich nun zum letzten Mal und verließ das Zimmer. Als er ſeinen Klepper beſtieg, hörte ich ohne meinen Willen, daß er einen Verſuch machte, Mickey in eine Unterhaltung zu verwickeln; aber es mißglückte ihm gänzlich und augenſcheinlich hielt er nun den Diener für eben ſo unverbeſſerlich wie den Herrn. „Ein herrlicher, junger Mann, der Herr Kapitän — ausgezeichnet! Ich bin ſtolz darauf, ihn meinen Neffen nennen zu dürfen.“ „Miit dieſen Worten ritt er weg, während Mickey ihm nachſah und zwiſchen den Zähnen murmelte:„Ja, und noch ſtolzer würden Sie ſeyn, wenn er Ihr Schwie⸗ gerſohn wäre.“ 19²2 Mickeys Selbſtgeſpräch zeigte mir das Benehmen meines Verwandten in einem neuen Lichte. Zum erſten⸗ mal in meinem Leben war mir ein ſolcher Gedanke auf⸗ geſtoßen und er erregte wirklich ein Gefühl tiefer Beſchä⸗ mung in mir. Wenn die Liebe eines edlen Mädchens im Stande iſt, uns in der eigenen Achtung zu heben, unſere See⸗ len mit Stolz zu erfüllen und unſere Herzen mit Helden⸗ ſinn zu durchglühen, ſo liegt auf der andern Seite etwas höchſt Demüthigendes in dem Gedanken, Gegenſtand kalter, kuppleriſcher Berechnungen zu ſeyn. Da ſtudirt man unſern Charakter, beobachtet unſere Beſchäftigungen, erforſcht unſern Geſchmack, ſpionirt ſogar unſer Tempe⸗ rament aus, umlegt uns mit Schlingen, umſtrickt uns mit ſchlauen Höflichkeiten, hält mit dem einen Auge das wohlverfiegelte Teſtament unſerer Verwandten, mit dem andern unſere eigenen Launen feſt; tauſend kleine Be⸗ weiſe von Freundlichkeit, welche dem Herzen ſo unendlich wohlthun, wenn ſie aus wahrer Liebe entſpringen, ver⸗ lieren durch die niederträchtige Abſicht ſchmutzigen Eigen⸗ nutzes allen ihren Werth und find höchſt peinlich, ja unerträglich für ein feinfühlendes Gemüth. Gleichwie der Sirocco des Orients Friſche und Geſundheit zu ath⸗ men ſcheint, aber nur Peſtilenz und Tod bringt, ſo müſſen ſolche berechnete und wohlüberlegte Beweiſe von Neigung und Liebe Dein Herz unempflndlich machen und verhärten, welches den Ergießungen wahrer Liebe warm und offen entgegengeſchlagen hätte. An wie manchem, vormals glücklichen Herd hat dieſe verderbliche Sucht Zwietracht und bittere Uneinigkeit heimiſch gemacht! Wie manches liebenswürdige, ſchöne Mädchen, das im Stande geweſen wäre, ſich die zärtlichſte Liebe ihres Auserkornen zu gewinnen; iſt in Folge dieſer Heilloſigkeit eine kalte, herzloſe, eigenſüchtige Kokette geworden, welche den Werth eines Mannes nur nach den zufäͤlligen Eigenſchaften des Vermögens und der Geburt abwägt und die Rathſam⸗ keit einer Heirath mit demſelben praktiſchen Blicke 193 abmißt, wie ein Notar die Zahlungsfähigkeit eines Cli⸗ enten. Alles, was Schönheit, Anmuth in Geberden, Stimme und Benehmen Herzgewinnendes hat, wird jetzt in ein widriges, gemeines Spiel verwandelt. Selbſt die Gaſtfreundlichkeit eines Hauſes muß verdächtig werden, die Freundſchaft iſt nur erheuchelt. Die ſeltenen Him⸗ melsgaben, Zärtlichkeit und Schweſterliebe, die unter glücklichern Umſtanden ſo herrlich gedeihen, werden hier durch Neid, Eiferſucht und Haß verdrängt, ſelbſt die Vorzüge, welche dem Leben ſeinen Schmuck und Glanz verleihen, der gefällige, anmuthsvolle Fries, welcher den Tempel der Häuslichkeit umgürtet, ſind hier blos berech⸗ nete Gelegenheiten zu Schauſtellungen; alle glänzenden Züge von Weiblichkeit, alle Friſche der Jugend und ihr Zauber gleichen jenen ſchimmernden Früchten, die für das Auge verführeriſch und ſo herrlich anzuſchauen, in⸗ wendig aber faul und morſch ſind. Nein, nein, mag ich immerhin ohne den Segen, welcher einen Herd zur lieblichen Heimath macht, mei⸗ nen mühſamen Weg durch das Leben dahinpilgern, ein ſolches Mädchen werde ich, komme was da wolle, nie⸗ mals zur Gefährtin meiner Leiden und Freuden machen. Hundertundzwölftes Kapitel. Eine Ueberraſchung. Seit Mr. Blake ſich entfernt hatte, blieb ich unbe⸗ läſtigt. Meine Erklärung, die unter ſeinen Auſpicien offenbar in der ganzen Gegend hin und her beſprochen worden war, hatte wenigſtens den guten Erfolg, daß man mich meine Zeit hinbringen ließ, wie es mir gefiel, und mich nicht nöthigte, einen Scheinverkehr mit der Nachbarſchaft zu unterhalten, während ich in Wirklich⸗ keit Nichts mit ihr zu ſchaffen haben wollte. Auf dieſe Lever, O'Malley. V. 13 194 Art floßen friedlich und ruhig viele Monate dahin und ein Jahr verging mir wie wenige Wochen. Nichts ſcheint beim Rückblick ſo kurz wie die Einförmigkeit; die Zahl, die Manigfaltigkeit, das Intereſſe der Ereigniſſe, die uns beſchäftigen macht die Stunden ſchnell dahin fliegen und hinterläßt ſtets die Eindrücke einer läͤngern Periode, als wenn die tägliche Routine unſerer Beſchäf⸗ tigungen einen Charakter von ewigem Einerlei annimmt. Es ſcheint eine Art Schadenserſatz zu ſeyn, daß uns die langweiligen Stunden beim Rückblick in ſpäteren Zeiten als ſchnell dahingegangen vorkommen. Nicht als ob mein Leben in der Periode, von welcher ich ſpreche, ohne Intereſſe geweſen wäre; im Gegentheil widmete ich mich mit Ernſt und Fleiß den Pflichten meines neuen Standes und machte mich mit dem Zuſtand meiner Güter, dem Intereſſe meiner Unterthanen, ihren Ausſichten und Hoffnungen auf's Genaueſte bekannt. Indem ich mit einer Punktlichkeit, die man nur bei dem Gutsherrn ſelbſt antreffen wird, Alles unterſuchte, bemühte ich mich zu⸗ gleich, die alten Laſter des Landes auszurotten; die Ge⸗ wohnheiten leichtſinniger Verſchwendung und gedanken⸗ loſer Gleichgültigkeit in Betreff des morgenden Tages⸗ Neben dem ſchrankenloſen Vertrauen auf die Zukunft, welchem ſich jeder Irländer jeden Standes hingibt, ſuchte ich ihnen eine gewiſſe Vorſicht einzuflößen, und ſo ge⸗ lang es mir endlich, ihre Lage in ſo weit zu verbeſſern, daß ein Spaziergang auf meinem Gut mir nicht mehr wie früher einen Haufen gieriger, äangſtlicher Bittſteller zuführte, welche mich um Nachlaſſung des Pachtzinſes, um Unterſtützung für ihre Kranken, und bisweilen ſogar um Nahrung anging, ſondern daß meine Augen ſich jetzt an einer gluͤcklichen, betriebſamen Bevölkerung erfreuen konnten, die mit Zuverſicht auf ihre eigenen Mittel und Kräfte rechnete. Ein neuer Frühling erblühte jetzt und ein Gefühl ruhiger, glückſeliger Zufriedenheit, das Ergebniß meiner erfolgreichen Gutsverwaltung war meine gewöhnliche 195 Stimmung geworden. Eines Morgens ſaß ich bei einem ſpäten Frühſtück in meiner kleinen Bibliothek; das offene Fenſter gewährte eine weite Ausſicht auf das Land, das in der ganzen verheißungsvollen Pracht der Jahreszeit blühte, während die Tropfen eines kaum vorübergegan⸗ genen Regenſchauers noch auf dem Graſe hingen und im glänzenden Sonnenſchein wie Juwelen funkelten. Maſſen von weißen, aufgethürmten Wolken zogen raſch durch die Luft und beſchatteten den breiten Strom, wenn ſie vorüberjagten. Die Vögel ſangen luſtig, die Bäume ſchüttelten harmoniſch ihre Zweige und in allen Dingen auf Erden wie am Himmel zeigte ſich jene Beweglich⸗ keit, welche dem Frühling ſeinen eigenthümlichen Cha⸗ rakter der Leichtigkeit und Fröhlichkeit gewährt. Die Jugend des Jahres iſt wie die Jugend des Lebens, haupt⸗ ſächlich ſchön durch die raſtloſe Thätigkeit, die ihre aus⸗ zeichnende Eigenſchaft iſt. Die zarte Blume, die ſich unter unſern Blicken zu eröffnen ſcheint, das Gras, das man wachſen zu ſehen meint, Alles verkündet ein ver⸗ heißungsreiches Leben. Die wechſelvollen Erſcheinungen am Himmel gleichen dem Lächeln und Weinen des Kin⸗ des, ſie regen auf, ohne langweilig zu werden, nehmen unſere Sympathien in Anſpruch, ermüden aber nicht unſer Mitleid. Halb in Gedanken verſunken, betrachtete ich bald die ſchöne, manigfaltige Landſchaft vor mir, bald ſah ich in's Buch, das auf dem Tiſche lag, hinein und ſo verging der Morgen ſchnell. Aus dieſer Träumerei wurde ich durch Töne erweckt, an deren Wirklichkeit ich kaunt glauben konnte. Ich lauſchte von Neuem und meinte ſie jetzt deutlich zu vernehmen. Es war, als ob Je⸗ mand auf einem Pianoforte raſch die Scala durchmachte und ſich ſelbſt dazu accompagnirte; ſodann kamen wieder zwei oder drei kecke Accorde hinter einander und dann folgte ein fröhliches Lachen, welches alle andern Töne verſchlang. Was mag es ſeyn? dachte ich. Im großen 13*† 196 Beſuchszimmer ſteht allerdings ein Pianoforte; aber wer würde ſich eine ſolche Freiheit herausnehmen? und dann, wer verſtände es auch? Horch! es kann kein unerfahrener Spieler ſeyn. Mein würdiger Haushofmeiſter iſt es ein⸗ mal in keinem Falle. Ich ſprang jetzt vom Tiſche auf und folgte der Richtung des Tones. Ein kleines Zimmer und der Billardſaal lagen zwiſchen meinem Kabinet und dem Geſellſchaftszimmer, und je näher ich dieſem kam, um ſo lauter wurde die Muſik. In der Vorausſetzung, der Spieler werde, wer es auch ſeyn möge, bei meinem Eintritte aufhören, lauſchte ich einige Augenblicke, bevor ich die Thüre öffnete. Nichts konnte ſeltſamer und wun⸗ derlicher ſeyn, als der Effekt dieſer ungewohnten Töne in den ſonſt ſchweigſamen und öden Hallen. Auch der Charakter der Muſik trug nicht wenig hiezu bei; ſchnell vom Ernſthaften zum Luſtigen, von der ſchmelzenden Sanftheit einer melancholiſchen Arie zur kecken, über⸗ müthigen Luſtigkeit eines iriſchen Bauerntanzes über⸗ gehend, ſchien der Künſtler durch alle wogenden Phan⸗ taſten ſeiner Erinnerung wild hindurch zu ſtürmen; bei den wehmüthigſten Stellen brach die Sängerin— denn ich erkannte jetzt deutlich die Stimme als eine weibliche — plötzlich ab und ging auf luſtige, alte Volkslieder über, deren drolliger Text den ſchalkhaften Ausdruck, welcher gewiſſe, iriſche Melodien bezeichnet, unendlich erhöhte.„Aber was zum Teufel iſt das?“ ſagte ich, als ſie mit ſchnellen, wohlgeübten Fingern über die Taſten hinraſſelte und dann mit klarer, lieblicher Stimme nur zuweilen durch Gelächter unterbrochen, Mr. Bod⸗ kins Mann für Galway zu fingen anfing. Nach⸗ dem ſie den letzten Vers vorgetragen, irrten ihre Finger leichtfertig über das Inſtrument hin und ſie brach von Neuem in ein ſchallendes Gelächter aus; dann aber fing ſie dieſelbe Melodie plötzlich wieder an und ſang mit einem Geiſt und Ausdruck, der ſich nicht beſchreiben läßt, folgende Worte: 197 „Zu Hauſe ſeyn Und ſtets allein Die Tage zu verſitzen; Beim Lampenlicht Ein Nachtgeſicht Stets über Bücher ſchwitzen Nie auszugehn, Und nie ſich ſehn Bei luſt'gen Jagden laſſen— O Charley mein, Ich ſeh' es ein Und kann es leichtlich faſſen; Ihr ſeyd kein Mann für Galway!“ „ „Ihr ſeyd kein Mann für Galway!“ wiederholte ſie noch einmal und ſchlug mit lautem Gekrach das Klavier zu. „Und warum nicht, meine Theuerſte— warum kein Mann für Galway?“ rief ich, indem ich raſch die Thüre öffnete und hineinſprang. „Ah, ſind Sie es wirklich? Habe ich Sie doch endlich aus der Erde heraufgezaubert?“ So ſprechend ſchlug ſie ein unbändiges Gelächter auf und ließ mich, der ich ſelbſt der überraſchende Theil hatte ſeyn wollen, erſtaunt, verblüfft und ſprachlos mitten im Zimmer ſtehen. Damit der Leſer einigen Antheil an meiner Noth nehmen mag, will ich das Gemälde, das ich jetzt vor meinen Augen hatte, nun auch vor den ſeinigen auf⸗ rollen. Auf einem Stuhl vor dem Piano ſaß eine junge Lady von höchſtens achtzehn Jahren. Ihr Geſicht wäre, ohne einen Ausdruck übermuͤthiger Schalkhaftigkeit, der es im Augenblick ein wenig verzerrte, vollkommen ſchön geweſen; ihre tiefblauen, von langen Wimpern beſchat⸗ teten Augen hatten Nichts von dem Charakter nachdenk⸗ licher Wehmuth, der ſolchen ſonſt eigen iſt, ſondern funkelten von Leben und Munterkeit; ihre Naſe war 198 etwas klein, aber doch ſehr ſchön proportionirt und gab in Verbindung mit der vollen, aber ſchön geſchnittenen Oberlippe dem ganzen Geſichte etwas Muthwilliges, das im höchſten Grade bezaubernd war; ihre Haare— das glänzende Kaſtanienbraun, das wir an einem Carlo dolci ſehen— ſielen in wilden, ſchweren Locken über ihre Schultern. Ihr Anzug beſtand in einem dunkel⸗ grünen Reitkleid, nicht gerade vom neueſten Schnitt und mit manigfachen Riſſen in den weiten Falten. Ihr Hut, ihre Reitpeitſche und ihre Handſchuhe lagen neben ihr auf dem Boden, ihre ganze Haltung verrieth die voll⸗ kommenſte Ungenirtheit und Behaglichkeit. „So find Sie endlich gefangen, lebendig gefangen!“ rief ſie, indem ſie von Neuem in ein Gelächter ausbrach und ihre Hände in die Seiten ſtemmte. „Bei Gott, das iſt eine Ueberraſchung,“ ſagte ich, indem ich mich ein wenig erholte und galant zu ſeyn verſuchte;„bitte, in weſſen ſchöne Hände bin ich als Gefangener gerathen?“ „So kennen Sie mich alſo nicht, wirklich nicht?“ „So wahr ich lebe, nein.“ „Sehr freundſchaftlich von Ihnen! Ich bin doch Baby Blake.“ „Baby Blake!“ erwiederte ich, denn die Benennung Baby(Püppchen) ſchien mir etwas ſeltſam für ein Frauenzimmer von ſo vollkommen ausgebildeten Formen. „Baby Blake?“ „Freilich, ihr Bäschen Baby.“ „Wirklich,“ rief ich vorwärts eilend;„nun, ſo laſſen Sie mich meine Verwandte umarmen.“ Sie nahm meine Begrüßung mit der exemplariſch⸗ ſten Kälte auf und ſagte:— „Holen Sie ſich jetzt einen Stuhl und laſſen Sie uns ein wenig plaudern.“ „Aber wie in aller Welt kann man Sie Baby nennen?“ ſagte ich, denn ich konnte dieſen augenſchein⸗ lichen Mißgriff nicht verwinden. 199 „Weil ich die Jüngſte bin, habe ich immer das Püppchen bleiben müſſen,“ antwortete ſie, indem ſie mit einer höchſt ländlichen Koketterie ihre Locken ordnete. „Aber jetzt ſagen Sie mir einmal, warum leben Sie hier wie ein Tollhäusler eingeſperrt und kommen nie zu uns nach Gurtnamorra?“ „O, das iſt eine lange Geſchichte, Baby, aber da wir einmal am Fragen ſind, wie ſind Sie hereinge⸗ kommen?“ „Durch das Fenſter, mein lieber Vetter; ich habe, un Sie ſehen, bei dieſer Gelegenheit mein Kleid zer⸗ riſſen.“ So ſprechend zeigte ſie mir einen beinah zwei Fuß langen Riß, durch welchen ſie zugleich ein allerliebſtes Füßchen durchſteckte. „Da meine ungaſtfreundlichen Manieren Sie um ein Kleid gebracht haben, ſo müſſen Sie mir erlauben, Ihnen ein neues zu verehren.“ 4 „Wollen Sie das? Wirklich ein recht guter Burſche; ich habe doch immer geſagt, Sie ſeyen kein Knicker, ſon⸗ dern blos ein ſonderbarer Kauz.“⸗ „Und wie ſind Sie herübergekommen, Baby?“ „Ich bin mit dem kleinen Paddy Byrne herüberga⸗ loppirt. Ich ließ ihn über alle Hecken und Gräben ſpringen, ſo daß man ihn kaum wieder ſauber waſchen kann. Freut mich, daß ich Sie zum Lachen bringe, Charley; die Leute ſagen, Sie ſeyen ſo melancholiſch. Aber, jetzt bin ich verdammt durſtig; haben Sie kein Bier?“ „O freilich, Baby; aber wollen Sie nicht einen kleinen Imbiß zu ſich nehmen?“ „Recht gern. Ei, das iſt ein köſtlicher Spaß,“ rief ſie, indem ſte meinen Arm nahm und mit mir aus dem Saale ging;„es weiß kein Menſch aus dem ganzen Haus, wohin ich gegangen bin und ich habe große Luſt, es auch Niemanden zu ſagen, wenn nur Sie nicht plau⸗ dern wollen.“ 200 „Aber würde das auch ſchicklich ſeyn?“ „Schicklich!“ rief ſie, mich nachäffend,„da hör' einmal einer, Sie ſprechen ja gerade, als ob ich mit Ihnen durchgehen wollte. Ei der Tauſend, welch' hüb⸗ ſches Haus! Und welch' artige Gemälde! Wer iſt der alte Burſche da oben in der Waffenrüſtung?“ „Das iſt Sir Hildebrand O'Malley,“ antwortete ich, nicht ohne Stolz, einen Ahnen aus dem dreizehnten Jahrhundert aufweiſen zu können. „Und die andere Vogelſcheuche mit der Perücke und den Händen in der Taſche?“ „Das iſt mein Großvater, Baby.“ „Gott, wie garſtig er iſt! Von Ihnen, Charley, hat er nicht einen Zug. Man ſollte glauben, er ſey ärgerlich über uns. He, alter Herr da oben, will es Ihnen nicht gefallen, daß ich meinen Vetter Charley am Arme führe? Doch da ſcheint endlich der Imbiß anzu⸗ rücken, ich höre Meſſer und Gabeln klappern.“ Des alten Hausmeiſters Erſtaunen, als ich mit meinem ſchönen Bäschen am Arme in's Speiſezimmer trat, war eben ſo groß, als das meinige vor wenigen Minuten geweſen. Mir kam jetzt auf einmal der Ge⸗ danke, es wäre möglicher Weiſe eine anerkennenswerthe Aufmerkſamkeit gegen meinen liebenswürdigen Gaſt, wenn ich Mrs. Magra, die Haushälterin, einlüde uns mit ihrer Gegenwart zu beehren; ich ſagte daher leiſe, ſo daß der alte Simon es nicht hören konnte— „Vielleicht, Baby, wäre es Ihnen angenehm, wenn Mrs. Magra uns Geſelſſchaft leiſtete.“ „Wer iſt das?“ war die kurze Gegenfrage. „Meine Haushälterin, eine höchſt ehrenwerthe Ma⸗ rone.“ „Iſt ſie luſtig?“ „Luſtig! nein, das eben nicht,“ „Ei, dann mag ſie wegbleiben. Wie kamen Sie auf dieſen Gedanken?“ „Nun, ich dachte— vielleicht würden Sie denken 5. 2⁰1 — das heißt, die Leute könnten ſagen— ich wollte wirk⸗ lich Etwas der Schicklichkeit wegen thun.“ „So, ſo, das war alſo der Grund? dafür danke ich Ihnen ganz und gar nicht, mein Beſter; Baby Blake weiß ſich ſchon ſelbſt zu beſchützen. Und nun legen Sie mir einmal ſo ein Flügelchen vor. Wiſſen Sie auch, Better, Charley, daß Sie ein alter Spottvogel ſind und bei weitem nicht mehr der gute Burſche wie früher.“ „He, he, liebe Baby, urtheilen Sie nicht ſo vor⸗ eilig über mich ab. Laſſen Sie uns ein Glas Wein trin⸗ ken. Schenken Sie Miß Blake ein, Simon.“ „Nun ja, Sie mögen beſſer ſeyn, wenn man Sie näher kennen lernt, den Keres verabſcheue ich; doch gleich⸗ viel, da er einmal da iſt, ſo will ich ihn trinken. Ueber Ihren Schinken kann ich Ihnen keine Komplimente machen, Charley: die Leute hier verſtehen uicht damit umzugehen. Ich will Ihnen ein Recept geben, wenn Sie einmal zu uns herüberkommen. Aber werden Sie auch kommen? Das iſt die Frage?“ „Wie können Sie daran zweifeln? Glauben Sie, ich werde Ihren Beſuch nicht erwiedern?“ „O, zum Henker mit Ihren Zeremonien. Kommen Sie und beſuchen Sie uns wie ein gutherziger Burſche, den wir ſchon als Knaben kannten und mit dem wir uns im Gras um unſer Spielzeug zankten. Iſt das Ihr Schwert da oben? Haben Sie das Krachen gehört, ſo eben? Welch ein Donnerſchlag! Sehen Sie, es zieht dort herauf.“ Während ſie ſprach, lagerte ſich eine nächtliche Fin⸗ ſterniß über die Landſchaft; die Wellen des Fluſſes wur⸗ den ſehr aufgeregt, der Regen ergoß ſich in Strömen herab und ſchlug praſſelnd an die Fenſter. Schlag auf Schlag folgte, der Blitz flammte furchtbar durch die Dunkelheit, der Wind wurde immer ſtärker und peitſchte heulend den Regen an die Fenſter. Einige Minuten lang ergötzten wir uns mit der Betrachtung des Ungewitters und ſeiner Folgen. Die armen Bauern, die von ihrer Arbeit weg⸗ flohen und triefend unter den Bäumen Schutz ſuchten, die Barken, die beladenen Karren, Alles intereſſirte Baby, die mit geübtem Auge den Shannon überblickte und jedes Haus an ſeinem Ufer, ſo wie jede Barke erkannte, die heftig auf ſeinen Wogen daher ſchaufelte. „Nun, das iſt einmal luſtig,“ ſagte ſie endlich, nach⸗ dem der Sturm beinahe eine Stunde gewährt hatte, und ohne den mindeſten Kummer zu verrathen, fragte ſie: „Was ſoll aber jetzt aus mir werden?“ Das war nun freilich eine Frage, die ich mir ſchon zwanzig Minuten vorgelegt hatte, ohne eine Antwort ſinden zu können. „Nun, Charley, was ſoll aus mir werden? habe ich gefragt.“ „Seyen Sie ganz unbeſorgt. Eines iſt gewiß, Sie kön⸗ nen bei dieſem Wetter das Haus nicht verlaſſen. Der Fluß iſt gewiß ſo angeſchwollen, daß man nicht über die Furt kommen kann, und von der Landſtraße iſt gar keine Rede; da hätten Sie ja volle ſechs Stunden. Wiſſen Sie was, Baby? Sie können, wie geſagt, nicht fort, aber ich kann es wohl; ich reite nach Gurtnamorra hin⸗ über und morgen früh hole ich Sie ab; bis dahin iſt gewiß Alles wieder ſchön.“ „Ein feiner Einfall das; Sie wollen mich alſo ganz allein hier laſſen, vermuthlich, daß ich mit Ihrer guten Freundin Mrs. Magra Thee trinken ſoll. Das wäre mir ein luſtiger Abend: nein, daraus wird Nichts.“ „Nun, Baby, werden Sie nur nicht böſe; ich habe dabei blos Ihre eigene Bequemlichkeit im Auge gehabt, Ich werde Ihnen wohl nicht zu ſagen brauchen, wie un⸗ endlich ich es vorziehe, die Honneurs meines geringen Hauſes in eigener Perſon zu machen.“ „O, ich ſehe ſchon, was Sie meinen: wieder ſo Et⸗ was von Schicklichkeit. Nun, nun, ich habe freilich noch viel zu lernen, aber ſehen Sie, es wird wieder hell.“ Nein, im Gegentheil; es iſt nur die graue Maſſe 203 am Himmel, die jedesmal auf beſtändigen Regen deutet.“ Da die Ausſicht wenig Lockendes hatte, ſo ſetzten wir uns am Feuer nieder, plauderten und vergaßen über hundert Erinnerungen und Fragen ſehr bald den Regen und den Wind, den Donner und den Orkan. Dann und wann, wenn ein beſonders lauter Schlag über unſerem Haupte krachte, wandten wir uns einen Augenblick zum Fenſter und machten eine Bemerkung über das furchtbare Wetter, aber im Nu war wieder Alles vergeſſen und wir von Neuem in unſere vertraulichen Plaudereien vertieft. Meine ſchöne Couſine, die im Anfang eine Menge Unterhaltungen vorgeſchlagen hatte, Klavierſpiel, Damen⸗ ziehen, Ballſchlagen u. ſ. w., intereſſirte ſich zuletzt un⸗ gemein für einige meiner Soldatenabenteuer und es war ſechs Uhr, ehe wir von Neuem anf eine Maßregel dachten, Baby zu ihren Eltern zurückzubringen, oder ſie wenig⸗ ſtens gegen die Folgen zu ſchützen, worein ihre einfache, argloſe Natur ſie verwickeln konnte. Mickey wurde mit in die Conferenz gezogen und ſtellte den Antrag, ich ſolle den Phaeton nehmen und Miß Blafe ſeldſt nach Hauſe führen, ein Plan, der nur die einzige Schwierigkeit darbot, daß ich unter den dreißig Pferden, die in meinen Ställen ſtanden, nicht ein ein⸗ ziges Paar hatte, das ſchon angeſpannt geweſen wäre. Dieß beunruhigte jedoch Baby nicht im Geringſten, ſonbern ſie war im Gegentheil entzückt, als ſie es hörte. „Das wollen wir thun, Charley, es muß einen koſtbaren Spaß geben. Könnten wir nicht vier von den muntern Thieren anſpannen?“ „Sechs, mein liebes Bäschen, wenn Sie wollen, aber wer ſoll ſie halten? es ſind lauter junge Race⸗ pferde, die zum Theil noch keinen Sattel, zum Theil nicht einmal einen Zaum verſpürt haben. Doch freilich, ich kenne meinen Stall ſelbſt nicht einmal genau. Sag, Mickey, iſt etwas Brauchbares darin?“ „Ja, Sir, da iſt Miß Wildespin, die Stute, die freilich gerade zugeritten wird, und dann das braune Füllen, Billy, der Luftſpringer genannt; die werden ſich wohl am beſten anlaſſen. Oder wollen Ew. Gnaden vielleicht die beiden kaſtanienbraunen nehmen, die wir in der letzten Woche gekauft haben? Es ſind wahre Teufel, und wenn nur das Geſchirr hält, ſo ſind Sie mit ihnen in vierzig Minuten vor Blake's Haus.“ „Ich ſtimme für die Braunen,“ rief Baby, indem ſte ſich mit der Reitpeitſche auf den Fuß klopfte. „Ich bin für Miß Wildespin,“ antwortete ich überlegend. „Nein, er taugt nicht für Galway,“ ſang Baby. indem ſie mir mit ihrer Peitſche einen eben nicht ſanften Hieb cuf die Schulter verſetzte.„Als Sie früher hier waren, ſind Sie doch auch wie ein vernünftiger Menſch im Lande herumgeritten.“ „Das kann ich noch jetzt, Baby.“ „Nein, nein, Euer Dragonerſttz iſt abſcheulich mit den langen Steigbügeln, die Abſätze heruntergedrückt, den Ellenbogen ſo und den Kopf ſo.“ Dabei lachte ſie laut auf, indeß ich mit verwundertem Blicke die wirklich treffenden Pantomimen betrachtete, womit ſie ihre Dar⸗ ſtellung erläuterte. Während ich meine ſchöne Freundin in einen Dra⸗ gonermantel hüllte und ihr eine goldgeſtreifte Offtziers⸗ mütze aufſetzte, die einzigen warmen Kleidungsſtücke, die ich aufzuwenden hatte, kündete uns ein Geraſſel im Hofe an, daß der Phaeton ſich näherte. Die Art, wie die Equipage heranfuhr, hätte jedes Herz mit Furcht er⸗ füllen müſſen, das weniger gegen die Gefahr geſtählt war, als das meiner ſchönen Couſine. Die zwei Kaſta⸗ nienbraunen(denn Mickey hatte dieſe angeſchirrt, da es ſeinem Groomsbewußtſeyn widerſtritt, einen Renner wäh⸗ rend der Dreſſur zu etwas Anderem zu verwenden) waren 205⁵ von etwa zwanzig Leuten umgeben: einige hielten ſie an den Köpfen, andere tätſchelten ihnen die Weichen, wieder andere hielten die Räder, die Vorſichtigeren aber blieben in einer anſehnlichen Entfernung ſtehen und er⸗ theilten von da aus ihren Rath. Die Art des Fort⸗ ſchreitens war einfach, ein Springen, Ausſchlagen nach vorn und hinten, ein Sichbäumen und Sträuben; wenn man bedenkt, daß ſie zum erſten Mal mit einander vor⸗ geſpannt wurden, ſo mußte man ihre Harmonie wirklich bewundern. Zuweilen ſtand die Spize der Deichſel bolz⸗ gerade empor wie ein Blitzableiter und die wüthenden Thiere ſchienen mit ihren Vorderbeinen nach einem un⸗ ſichtbaren Feinde zu ſchlagen. Manchmal drückten ſie ſich, wie man's in mythologiſchen Bilderbüchern oft ſieht, vorn nieder und bemühten ſich mit ihren Hinterbeinen den Rand des Wagens in tauſend Stücke zu zerſchmet⸗ tern; ihre Augen flammten Feuer, ihre Nüſtern waren weit geöffnet, ihre Weichen hoben ſich, alle Glieder zitterten vor Wuth und Aufregung. „Das nenne ich einmal ein koſtbares Geſpann,“ rief Baby, die ſich ungemein an dem Anblick ergötzte. „Ja,“ antwortete ich,„aber bedenken Sie wohl, daß wir dieſe Menge Bedienten nicht den ganzen Weg bei uns haben.“ 3 „Das Handpferd mit den weißen Hufhaaren iſt prächtig.“ „Sie haben vollkommen recht, Miß,“ ſagte Mickey, der in dieſem Augenblick eintrat und mit ihrer Kritik von ganzem Herzen einverſtanden war. „Kommen Sie, Baby, ſind Sie bereit?“ „Alles in Ordnung, Sir,“ verſetzte ſie ſchalkhaft, mit dem Zeigefinger die Mütze berührend. „Wird das Geſchirr wohl halten, Mickey?“ fragte ich. „Wir wollen für alle Fälle das da mitnehmen,“ antwortete err und deutete auf einen bedeutenden Pack Stricke, ſowie einen Hammer und eine Schachtel mit 2⁰6 Nägeln, die er am Arme trug.„Wir haben das ſtärkſte Geſchirr aufgelegt, aber wenn es wieder zu blitzen und zu Gamenn anfängt, dann reißen ſie ein Schiffstau durch.“ „Nun, Baby, laſſen Sie uns jetzt aufbrechen, nur muß ich Sie bitten, Eines zu bedenken: wenn ich un⸗ terwegs nicht ſo unterhaltend bin, wie ich ſollte, wenn ich meinem ſchönen Bäschen nicht ſo viel hubſche Dinge ſage, wie ſie verdient, ſo dürfen Sie die Schuld nur den verwünſchten Thieren zuſchreiben, die mir wahr⸗ ſcheinlich genug zu thun geben werden.“ „Ja, ja, ſehen Sie auf die Pferde und wählen Sie eine andere Zeit mir die Hand zu drücken. Wenn Sie vielleicht rauchen wollen, Charley, ſo geniren Sie ſich nicht.“ „Danke beſtens für Ihre Aufmerkſamkeit, aber ich werde mir nie einen ſolchen Verſtoß gegen die feine Sitte erlauben.“ Als wir unter das Haus kamen, ſah es noch düſter und traurig genug aus. Der Regen hatte zwar beinahe aufgehört, aber ſchwarze Wolkenmaſſen jagten am Him⸗ mel hin und ein hohler Wind deutete auf einen neuen bevorſtehenden Sturm. Der Wagen wartete und ein paar Schritte hinter ihm ſaßen zwei Reitknechte zu Pferd, denn Mickey hatte, für alle Fälle beſorgt, dieſen befohlen uns zu folgen. Miß Blake's Pferd mit einem möglichſt kleinen Stalljungen obenauf bildete den Nach⸗ trab. „Sehen Sie einmal Paddy Byrne an,“ ſagte Baby, meine Aufmerkſamkeit auf das kleine Individuum rich⸗ tend, auf deſſen Geſicht eine höchſt lebhafte Furcht ſich ausdrückte. Ich hatte inzwiſchen keine Zeit, ihm einen zweiten Blick zu widmen, ſondern ſprang mit einem Satz in den Phaeton und ergriff die Zügel. Mickey ſchwang ſich binten auf und auf einen Blick von mir, ohne daß ich ein Wort zu ſagen brauchte, ſtoben die Stallknechte — und andern dienſtbaren Geiſter rechts und links aus 207 einander. Als die Braunen die Bahn vor ſich offen und frei ſahen, machten ſie einen gewaltigen Satz und riſſen den Vorderwagen mehrere Zoll vom Boden em⸗ por, ſo daß Schrauben, Stangen und Riemen, kurz Alles zuſammen knarrte und krachte. „Jetzt ſind ſie fort,“ rief Mickey. „Ja, ſie ſind fort,“ ſagte Baby,„und nun laſſen Sie nur brav laufen.“ Nichts war leichter zu befolgen als dieſer Rath, und ich ſelbſt hatte ſo wenig Verdienſt dabei, daß ich kein Wort darüber verlor. Blitzſchnell ging es die Allee hinab; der Kies und das Waſſer vom letzten Regen flog und ſpritzte auf beiden Seiten empor. In einer Reihe von wilden Sätzen, in welchen nur zuweilen heftige Schläge gegen den Wagen eine angenehme Abwechslung brachten, kamen wir an's Thor. Bevor ich Zeit hatte, ein Gebet für unſere Erhaltung auszuſprechen, waren wir hindurch und auf der offenen Landſtraße. O Jemine, iſt der Herr toll geworden?“ rief die alte Thorhüterin.„Seit anderthalb Jahren iſt er nicht zum Thor hinausgekommen und jetzt ſeh einmal einer an!“ Der Reſt ihrer Rede verlor ſich in einem hellen Gelächter von Baby, welche entzückt in die Hände klatſchte. „Was für ein ſtattliches Paar! Laſſen Sie mich auch ein wenig fahren,“ ſagte ſie mit einer Bewegung als wollte ſie die Zügel ergreifen. „Gott behüte, liebes Kind,“ antwortete ich,„die Beſtien haben mir bereits die Handgelenke beinahe aus⸗ geriſſen.“ Unſere Straße führte, wie ſo viele in Irland, über eine ſumpfige Niederung; auf beiden Seiten tiefe Gräben, halb mit Waſſer angefüllt, glücklicher Weiſe aber meh⸗ rere Stunden weit kein Hügel und kein Thal. „Dort fährt die Poſt,“ rief Baby, auf einen dun⸗ keln Punkt in weiter Ferne deutend. In ein paar Minuten hatten wir ſie mit unſerem geſtreckten Galopp, denn dieß war das einzige Tempo, das ſich die wilden Thiere gefallen ließen, eingeholt, und als wir an ihr vorüberſausten, ſprang Baby auf, warf unſern überwundenen Nebenbuhlern einen übermüthigen Blick zu und brach in ein triumphirendes Gelächter aus. Mickey hatie die Zeit gut errathen. Wir hatten einige Sekunden weniger als vierzig Minuten gebraucht, um in die Allee von Gurtnamorra zu gelangen. Noch immer im ſelben Galopp wie im Anfang rannten die feurigen Thiere hinauf und blieben endlich in einem tief gepflügten Felde ſtehen, in das Mr. Blake, der weniger auf die Schönheit als auf den Nutzen ſah, zu unſerem Glück den Raſenplan verwandelt hatte. Dieſes erwünſchte Ereigniß war indeß weniger meinem eigenen Verdienſt als den Bedienten zuzuſchreiben, denn dieſe waren mit Blitzesſchnelle voran geſprengt, hatten ſich dann von ihren Pferden geſtürzt und mit ſicherem Takt, bevor ich noch meiner Couſine aus dem Wagen geholfen hatte, die wilden Renner ausgeſpannt, worauf ſie dieſelben keuchend und mit Schaum und Koth bedeckt im innern Hofraum ein wenig herumführten. Inzwiſchen hatte ſich die ganze Familie Blake um uns geſchaart und konnte kaum Worte finden für ihr Erſtaunen über unſere plötzliche, ſeltſame Erſcheinung. Mir ſelbſt wurde jede Erklärung erlaſſen, denn mit ihrer eigenthümlichen Zungenfertigkeit hatte Baby in weniger als drei Minuten die ganze Geſchichte unter vielen luſtigen Ausfällen über mein Erſtaunen, ſowie allerhand witzigen Bemerkungen über mein geſetztes haus⸗ väteriſches Weſen und Lobeserhebungen über meine Küche erzählt. Die ganze Familie ſtimmte von Herzen in die⸗ ſen muntern Ton ein und hieß mich mit aufrichtiger Wärme in Gurtnamorra willkommen. Ich geſtehe, daß es mir zu nicht geringer Befriedi⸗ gung gereichte zu bemerken, daß Baby's Beſuch für ihre Angehörigen eben ſo überraſchend war, wie für mich. 2⁰9 Sie hatten geglaubt, das Mädchen ſei nach Portumna⸗ eaſtle geritten, und waren ihretwegen nicht in Sorge ge⸗ weſen; ihr Beſuch bei mir war alſo blos die Folge eines plötzlichen Einfalls und des gänzlichen Unbewußt⸗ ſeyns jeglicher Schuld, das ein wahrhaft unſchuldiges Mädchen zum kühnſten Geſchöpfe auf Gottes Erde machen kann. Dieſe Bemerkung beruhigte mich, und was auch die Abſichten der ältern Mitglieder der Familie Blake ſeyn mochten, ſo war ich überzeugt, daß Baby wenig⸗ ſtens keinen Antheil an ihren Ränken hatte. Hundertunddre izehntes Kapitel. Neue Anſchauungsweiſen. Als ich mich am nächſten Morgen wieder zu Hauſe befand, konnte ich nicht umhin, über die ſeltſamen Aben⸗ teuer des geſtrigen Tags lange nachzudenken und machte mir gewiſſermaßen Vorwürfe wegen der froſtigen Art, mit der ich alle Zuvorkommenheiten Blakes zurückge⸗ wieſen hatte, und die jetzt gegen die ungekünſtelte Freund⸗ lichkeit und Herzlichkeit, welche ich bei ſeiner ganzen Familie gefunden, einen ſchneidenden Gegenſatz bildete. Nicht ein einziges Mal ſpielten ſie auf mein Fremdthun an, nie ließen ſie die mindeſte Empſindlichkeit vorblicken, ſondern fröhlich und gemüthlich ſchwatzten ſie über die Angelegenheiten der Gegend, über ihre Güter, über Gaſt⸗ mähler, Aſſiſen, Bälle, Einquartierungen; als ich daher mein eigenes ödes, verlaſſenes Haus wieder betrat und mit dem heitern, lebensvollen Gemälde des ihrigen ver⸗ glich, da mußte ich mir's geſtehen, daß die Glücksgüter, die ich beſaß, mir zu keinem erquicklichen Daſeyn ver⸗ helfen konnten, wenn ich im Schooße des Ueberfluſſes noch läͤnger ſo einſam und abgeſchloſſen lebte. Hundertmal ſtand ich vom Frühſtück auf und ſchritt Lever, O'Malley. WV. 14 210 bald ungeduldig nach dem Fenſter zu, bald lief ich wieder in das Geſellſchaftsszimmer. Ueberall umher lagen die Zeichnungen und Kupferſtiche zerſtreut, wie Baby ſie ſorglos auf den Boden geworfen hatte: auch ihr Schnupftuch war da. Ich hob es auf, weiß aber ſelbſt nicht warum: vielleicht daß noch ein Ueberreſt des Sauerteigs der alten Romantik in mir ſteckte; jedenfalls hoffte ich, es werde ein feines Gewebe ſeyn und ein neuer Beweis von der mdchenhaften Koketterie, die uns ſo ungemein anſpricht. Leider war dies nicht der Fall: zerriſſen und mit einem Knoten— einer Stü e für das Gedächtniß— am einen Zipfel konnte es meiner umher⸗ irrenden Phantaſie keinen Haltpunkt geben. Und doch, und doch was iſt ſie für ein ſchönes Mädchen! Wie zart, wie fein iſt ihre griechiſche Naſe und Stirne geformt! Wie durchſchimmernd und ſanft das Roth ihrer Wangen! Mit welchem mannigfaltigen Ausdruck vermag dieſes Auge zu ſtrahlen!— Ja das vermögen ſie, aber eben daran liegt der Fehler— gerade dieſer jugendluſtige Uebermuth, dieſe ſchalkhafte Bosheit wird von der ſplit⸗ terrichterlichen Welt ganz falſch ausgelegt werden. Sie iſt eine Kokette, werden die Leute ſagen, wie unanſtändig, wie ſchlecht erzogen! Die conventionelle ſtarre Kälte der mit Schönpfläſterchen und Schminke belegten Schönheit, auf deren niemals erröthende Wange noch keine Spur von Beſcheidenheit getreten iſt, wird geduldet und ſogar bewundert, während über die kunſtloſen Ausſtrahlungen der Seele auf dem Geſicht einer liebenswürdigen Land⸗ ſchönheit der Stab gebrochen wird, ſo daß keine Apel⸗ lation mehr ſtattſindet. Ein ſolches Mädchen kann ein Mann heirathen, der ſeine Tage im wilden Weſten zuzubringen gedenkt; aber wehe, wehe ihm, wenn er ſich's einfallen läßt, zu den zwiliſirteren, weniger nachſichtigen Coterien unſerer Nach⸗ barn ſich zu begeben. 3 „Ah, das ſind ja die Zeitungen, faſt hatte ich ſie vergeſſen. Laßt einmal ſehen— Bayonne— Marſch 211 der Truppen— ſechstes Corps. Was mag das da drau⸗ ßen ſeyn? He, Mickey, wer trabt da auf dem Vorhof umher?⸗ „Ich bin es, Sir; ich reite das braune Füllen für Miß Mary zu, wie Ew. Gnaden mir geſtern Nacht befohlen haben.“. „Ja, richtig; geht es ruhig?“ „Wie ein Lamm, Sir, nur ſchlägt es noch zuwei⸗ en aus.“ 2 „Soll ich jetzt mit den Büchern hinübergehen, Sir?“ fragte ein wildausſehender Krauskopf, der unter die Thuͤre trat. „Ja, trag ſie hinüber; melde viele Empfehlungen und ich hoffe, daß Miß Mary Blafe ſich nicht erkältet habe.“ „Sie ſprachen von einem neuen Kleid, Sir, und von einem Hut,“ ſagte Mrs. Magra, indem ſie knixend eintrat. „Ja, Mrs. Magra, ich muß Sie da um Rath fra⸗ gen. Sagt einmal dem Barees, er ſoll mich nicht Tag für Tag mit ſeinen Rüben quälen. Und Du, Mickey, ſieh nach dem Geſchirr für ein Viergeſpann, ich will dieſe Schimmel probiren; es ſagen ja alle, ſie werden gut zuſammen gehen. Nun, Freney, doch hoffentlich nicht ſchon wieder neue Klagen? Nichts als Uebertre⸗ tungen und Vergehungen. Ich frage den Teufel darnach, ob das letzte Blatt von meinem Klee abgeweidet iſt oder nicht; aber Ihr müßt mich in Ruhe laſſen und nicht alle Tage ſo quälen. Sagtet Ihr nicht, daß wir acht Paar gute Hunde haben?— Das wird für den Anfang genug ſeyn. Jones ſoll nach Banagher reiten und nach der neuen Kutſche ſehen, die Buckmaſter ſchon vor zwei Monaten aus London geſchickt hat. Und Sie, Mrs. Magra, bitte, laſſen Sie die Fenſter öffnen und das Haus gut lüften. Der Geſellſchaftsſaal ſollte wohl neu tapezirt werden.“ 14* Dieſe wenigen, abgebrochenen Befehle mögen mei⸗ nem Leſer Etwas zeigen, was mir ſelbſt noch nicht klar war, nämlich daß ein neuer Abſchnitt des Lebens für mich begonnen hatte, und daß meine Gefühle, nachdem ſie ſo lange eingeengt und eingezwängt geweſen, nun⸗ mehr wild und ſtürmiſch in ihren neuen Kanal rauſchten und ſich durch kein Hinderniß, keinen Widerſtand mehr aufhalten ließen. Ein grellerer Gegenſatz als zwiſchen meinem jetzigen und meinem bisherigen Leben läßt ſich kaum denken. Das Haus, die ßelder, die Gärten, Alles ſchien an der Veränderung, die an mir vorgegangen war, Theil zu nehmen. Ueberall zeigte ſich ein reges, rühriges Trei⸗ ben und ich verbrachte jetzt meine Tage unter Vorberei⸗ tungen zu Jagden, zu Fiſcherpartien und allerlei Aus⸗ flügen iws Gebirge. Blakes waren ganz und gar nicht zudringlich, ſondern ließen mich kommen und gehen, ohne mich mit Fragen zu beſtürmen. Beinahe jeden Morgen erſchien ich in ihrem Frühſtückszimmer und fühlte mich da ſo heimiſch, als gehöͤrte ich zur Familie; die hundert kleinen Abweichungen in Anſichten und Ge⸗ wohnheiten, woran ich mich anfangs ſtark geſtoßen hatte, erſchienen mit jedem Tage weniger auffallend; der nach⸗ läßige Aufzug meiner ſchönen Couſinen, ihr ungenirtes, polterndes Benehmen, ſelbſt ihre Stimmen, die anfangs ſo rauh in meine Ohren geklungen, machten immer weniger Eindruck auf mich, ſo daß ich zuletzt, als ein ungehobelter engliſcher Fähndrich, der ſo eben in die Nachbarſchaft gekommen war, im Vertrauen zu mir ſagte: es wären verdammt hübſche Mädchen, wenn ſie nicht ſo verwünſcht iriſch wären, den Burſchen kaum verſtand und dieſe Aeußerung blos ſeiner Unwiſſenheit zuſchrieb. Papa und Mama Blake wollten wie kluge Gene⸗ rale, ſo lange ſie ſahen, daß der Feind täglich ſeine Kräfte vor ihren verſchwendete und ſie ungeſtraft den Krieg auf ſeine Koſten führen konnten, keine Hauptſchlacht 213 wagen. Sie trieben es anders als Dalrymples und konnten Alles der Zeit überlaſſen. O ſprecht mir nicht von dunkeln, in ihrer eignen ätheriſchen Eſſenz ſchwimmenden Augen; ſprecht mir nicht von ſchwellenden Lippen, glänzenden Locken, zarten Fingern und wohlgerundeten Knöcheln.— Schweigt mir von ſanften Stimmen, deren verführeriſche Töne wun⸗ derlieblich in unſern Herzen wiederklingen; predigt mir nicht von den tauſend weiblichen Reizen, die jedem Manne ſo theuer ſind, namentlich demjenigen, der außer des Be⸗ reichs ihrer Einflüſſe und ihres Zaubers lebt; ſchwatzt nicht von Wahlverwandtſchaft der Seelen, von Gleichheit des Geſchmacks, der Neigungen und der Anſchauungs⸗ weiſe; das Alles macht noch nicht die größte Gefahr aus, der ein Mann ausgeſetzt iſt. So ſtark dieſe man⸗ nigfachen Verlockungen ſeyn mögen, ſo gibt es doch noch eine, welche größer iſt als ſie alle, und dieſe heißt— Verwandtſchaft. Zeiget mir den Mann, der je dieſe Probe beſtan⸗ den hat; zeiget mir den Mann, wenn er überhaupt dieſen Namen verdient, der täglich und ſtündlich der zermalmenden Artillerie flammender Augen, ſanfter Stimmen, holdſelig lächelnder Lippen und freundlicher Redensarten ausgeſetzt war, ohne ſich und zwar bald geſtehen zu müſſen, daß in das Bollwerk ſeines Herzens eine bedeutende Breſche geſchoſſen iſt. Er wird ſich zwar in manchen Fällen keck und kräftig vertheidigen, er wird ſich zuweilen von Neuem in den Raketen ſeiner Klug⸗ heit verſchanzen, aber ach, durch dieſes Alles wird der Augenblick, da er die Waffen niederlegen muß, nur hin⸗ ausgeſchoben. Dann wird er wie ein weiſer Mann, der die Unvermeidlichkeit ſeines Schickſals erkannt hat, aus der Noth eine Tugend machen und ſich auf Gnade und Ungnade ergeben; oder wenn er ein ſchlauer Feind iſt, wird er einen nächtlichen Ausfall aus der Garniſon ver⸗ ſuchen und davonlaufen, ſo weit ſeine Angen ſehen. Mag ein ſolches Verfahren ſchmählich ſeyn, ſo iſt es doch oft das einzige, was einem Mann übrig bleibt. Kehren wir indeß zur Hauptſache zurück. Die Liebe iſt gleich den Blattern am gefährlichſten, wenn man ſie auf natürlichem Wege bekommt; jene gemachten Ehen, welche der Himmel geſtiftet haben ſoll, indem er das Gut eines unverheiratheten Gentleman in die Nähe einer unverheiratheten Lady geſetzt hat, und wodurch zwei Leute für einander beſtimmt werden, weil ihre wohlrechnenden Verwandten dahin übereingekommen ſind, daß ſie gut für einander paſſen, daß ſie offenbar für einander geſchaffen ſind, das ſind die gelinden Fälle der Krankheit; durch dieſen freundſchaftlichen Impfungspro⸗ zeß wird das Gift der Krankheit entzogen und eine harm⸗ loſere, weniger aufregende Leidenſchaft an ſeine Stelle geſetzt: aber die wahrhaft gefährlichen Erſcheinungen werden durch Berührung hervorgebracht, durch die Nähe, durch die verwünſchte Neigung, die Jedermann hat, in ſeinen Schlendrian der Gewohnheit zu verfallen; darin liegt die wahre, die eigentliche Gefahr. Wie unange⸗ nehm, wenn die Abweſenheit einer Perſon, in die wir doch keineswegs verliebt ſind, unſern Morgenritt, vder eine Kahnfahrt auf dem Fluß verdirbt! Wie ungehalten werden wir, wenn diejenige, der wir ſonſt immer den Arm gegeben, um ſie zi Tiſche zu führen, nicht im Ge⸗ ſellſchaftsſaale erſcheinen will; und vollends beim Thee, wenn eine ſorgloſe, mit unſerem Geſchmack nicht ver⸗ traute Hand ein Stückchen Zucker zu wenig oder ein Tröpfchen Rahm zu viel hinzuthut, während ſie— doch genug: Gewohnheit hat ausgerichtet, was der direkte Einfluß der Schönheit nicht vermochte; ein Sklave dei⸗ ner eigenen ſelbſtſüchtigen Neigungen, ſowie der Behag⸗ lichkeit, die du ſo hoch anſchlägſt, verliebſt du dich bis über die Ohren.. Inzwiſchen, mein geneigter Leſer, darfſt du ja nicht glauben, daß ich ſelbſt mich in dieſem Falle be⸗ fand. Nein, nein, ich war zu ſehr, was die Welt einen 215 alten Soldaten nennt. Um das Bild weiter zu führen wie bei einer Feſtung, die ſchon oft belagert worden iſt, zeigt ſich die Schildwache auf den Wällen immer auf⸗ merkſamer; ihr Ohr entdeckt ſchon den fernen Klang der gefürchteten Artillerie; ſie bemerkt jede Parallele, ſie nimmt von jeder Batterie Notiz, und wenn ſie über⸗ wunden oder gefangen wird, ſo geſchieht dies wenigſtens im ehrlichen offenen Kampfe. Solcher Art waren meine Betrachtungen, als ich eines Abends langſam von Gurtnamorra nach Hauſe ritt. Schon oft hatte ich meinen einſamen, verlaſſenen Herd mit dem fröhlichen Zuſammenleben dieſer Familie verglichen und ſchon manchmal mich gefragt: Soll denn mir niemals ein ſolches Glück zu Theil werden? Wie mancher Mann hat ſich nicht ſchon durch dieſe einzige Empfindung in den Cheſtand verlocken laſſen? Wie mancher, welchem am angenehmen Theetiſch oder am warmen Herd eines alten Landhauſes die Stunden ſchnell hingeſchwunden ſind, findet, wenn er in der kalten, freud⸗ loſen Nacht ſeine ferne Heimath wieder erreicht hat, Alles in derſelben ſinſter, düſter und ungeſellig! Wie oft hat der herbe Blick ſeines alten Haushofmeiſters, wenn er ihm ſchlaftrunken und gähnend das Licht zum Schla⸗ fengehen reicht, Gedanken an das Glück der Ehe in ihm hervorgerufen! Von den Gefahren der Verwandtſchaft habe ich bereis geſprochen: auch die des Contraſtes ſind ſehr groß. Habt ihr niemals, wenn ihr durch ein duf⸗ tendes, wohl eingerichtetes Gewächshaus ſchlendertet, Euere Augen auf eine ſchöne liebliche Blume geheftet, deren Blüthenpracht der ganzen Umgebung Glanz und Wohlgeruch verlieh? Und habt ihr dann nicht gedacht, wie dieſe Blume euere eigene Wohnung ſchmücken und mit herrlichen Düften erfüllen würde? Leider fällt das Experiment nicht immer glücklich aus. Ein großer Theil des Reizes und Zaubers, der dich entzückte, iſt blos den Zufälligkeiten der Zeit und des Ortes zuzuſchreiben. Die liebliche Stimme, deren Töͤne dein Herz angeſpro⸗ 216 chen haben, mag gleich einem Inſtrument in der vollen Harmonie des Orcheſters entzückend ſeyn, kann ſich aber dennoch bei einem Duett höchſt mittelmäßig ausnehmen. Ich ſage dies nicht, um die Männer von der Ehe abzuſchrecken, ſondern um ſie vor falſchen Berechnungen zu warnen, welche ihr Lebensglück zerſtören können. Die Liebeständelei iſt eine köſtliche Sache, bleibt aber im Ganzen nur ein Uebergangszuſtand; das Kaulfroſch⸗ Daſeyn des Liebenden wäre etwas Herrliches, wenn man nicht unter den Händen des Geiſtlichen zum wirklichen Froſche würde. Ich ſah dies Alles ohne Leidenſchaft und mit gutem Vorbedacht. Ich kann mit dem Dichter mei⸗ nes Vaterlandes ſprechen: Das Frauenauge war mein einziges Buch, und wahrhaftig, ich habe eine nicht unbedeutende Biblio⸗ thek durchſtudirt. Dieſe lange Abſchweifung wird vielleicht den Leſer zu demſelben Schluß bringen, zu welchem ſie mich ge⸗ bracht hat, nämlich zu der Ueberzeugung, daß ich in mein Bäschen Baby zwar noch nicht wirklich verliebt war, aber keinen Augenblick ſicher ſeyn konnte, ob ich mich nicht ernſtlich verliebte. Hundertundvierzehntes Kapitel. Ein Wiederſehen. Der angenehmſte Theil beim Rückblick auf unſere Erlebniſſe iſt die Erinnerung an Hoffnungen, die wir früher gehegt. So glücklich undwonnevoll die Vergangen⸗ heit auch geweſen ſeyn mag, ſo wünſchen doch nur wenige ſie von Neuem zu durchleben: aber wer denkt nicht mit ſchmerzlichem Sehnen an das Wahnbild zurück, das für ihn die Zukunft vergoldete, das ihm die kommende Zeit als eine Verwirklichung Alles deſſen vorzauberte, was ihm theuer war! Und wer fände nicht ſchon allein in 217 dieſem Gedanken Befreiung von gegenwärtigen Sorgen, Linderung augenblicklichen Kummers? Das Leben iſt in Abſchnitte eingetheilt, wo wir, wie auf Reiſeſtationen, ruhen und raſten, bald auf den zurückgelegten Weg einen befriedigten Blick werfend, bald mit unruhig forſchendem Auge deu Pfad betrach⸗ tend, der uns noch übrig bleibt. An ſolchen Punkten kommt die Erinnerung mit überwältigender Macht über uns, und wir fühlen, wie wenig unſere eignen Abſichten und Vorſätze unſere Lebensbahn vorgezeichnet oder unſere Handlungen beeinflußt haben. Die Beſtrebungen und Entſchlüſſe der Jugend werden entweder als kindiſche Thorheiten belächelt oder wird ihre Verwirklichung in eine ſehr ferne Zeit verlegt. Die Grundſätze, die wir liebend wie unſere Leitſterne betrachteten, ſchweben uns nur in trübem Dämmerlichte vor. Die Freunde, an denen wir mit ſo inniger Herzlichkeit gehangen, haben ſich verändert und ſind nicht mehr. Selbſt die Schau⸗ plätze, der Sonnenſchein und der Schatten, die wir ge⸗ liebt, ſind anders geworden und wir leben wirklich in einer neuen Welt, wo unſere veränderten innern Zuſtände der ganzen Umgebung ihren Stempel aufdrücken; die einzige Kette, die uns noch an die Vergangenheit bindet, iſt dann dieſe ſelbe Erinnerung, die gleich einer melan⸗ choliſchen Abendglocke die Dämmerung unſerer ſchönſten Träume und unſerer geliebteſten Wunſche anläutet. Damit ſolche Blicke auf unſere entſchwundene Ju⸗ gendzeit nur flüchtig und vorübergehend ſeyen, damit ſie der Landſchaft unſeres Lebens nur einen leichten Anſtrich, nicht aber ihre volle Färbung geben, dazu iſt es nöthig, daß wir in das geſchäͤftige Leben und Treiben der Welt hineingezogen werden, umgeben von Gegenſtänden der Hoffnung, der Liebe und des Ehrgeizes. „Deerjenige hingegen, der abgeſchieden von der Welt ein träumeriſches, leidenſchaftsloſes Daſeyn führt, wird finden, daß ſeine Gedanken mehr in der Vergangenheit als in der Zukunft ihren Ruhepunkt haben. Die Er⸗ 218 innerung nimmt den Platz der Hoffnung ein und er pilgert durch das Leben wie einer, der rückwärts geht; ſeine Augen ſind beſtändig einem geliebten, verlaſſenen Orte zugewandt, welchen die Bilder der glücklichſten Stunden ſeines Lebens umſchweben, und der auch in der Ferne noch die Umriſſe bewahrt, die ihm einſt ſo theuer geweſen. Entfernung in der Zeit wie im Raum glättet alle Unebenheiten der Oberfläche, und wie das rauhe, wilde, von Schluchten und Klippen zerriſſene Gebirge dem ent⸗ fernten Wanderer nur als eine blaue Nebelmaſſe erſcheint, ſo führen auch längſt entſchwundene Stunden die Sor⸗ gen und Kümmerniſſe nicht mehr mit ſich, welche ſie früher über uns gebracht; ſie erſcheinen unſerem gei⸗ ſtigen Auge als Bilder ungetrübter Schönheit, und wenn wir an die Freuden und Thränen unſerer Kindheit nicht mehr denken, ſo geſchieht dies, weil ſie gleich Regen⸗ ſchauern im April, dem Frühling unſers Daſeyns, blos eine mannigfaltige Färbung geben. Was mich betraf, ſo ſah ich mich in einer Zeit, wo die meiſten Menſchen erſt zu hoffen anfangen, bereits um meine Hoffnungen betrogen und kam mir viel älter vor, als ich wirklich war. Die Täuſchungen der Welt geben, wie die Stürme des Ozeans, dem jungen Herzen, das ſeine Reiſe in die Welt antritt, einen falſchen Be⸗ griff von Erfahrung, und es verfällt leicht in den Irr⸗ thum, vorübergehenden Prüfungen eine durchaus unge⸗ hörige Deutung beizulegen. Die Glücksgüter, von denen ich umgeben war, benahmen meinem Rückblick Nichts von ſeiner Bitterkeit: im Gegentheil mußte ich mir's beſtändig vorhalten, daß ich alle Genüſſe meines dermaligen Lebens durch Ver⸗ zichtung auf die Laufbahn erkauft, die mich in meiner eigenen Achtung gehoben, die mir ein hohes edles Ziel des Strebens vor die Augen geſtellt und mich gelehrt hatte, Mann zu ſeyn. Um ſich glücklich nennen zu können, muß man nicht = = 219 blos die Pflichten und Obliegenheiten ſeiner Stellung genau erfüllen, ſondern dieſe Stellung muß auch unſern Anſichten und Wünſchen entſprechen. Meine Lage war nicht von dieſer Art: Alles, was mein Leben noch an Ver⸗ heißungen beſaß, war mit der Erinnerung an ſie ver⸗ knüpft, die doch niemals die Meinige werden konnte, an ſie, um derenwillen ich Ruhm und Preis erworben; deren Liebe zu gewinnen, ich nach Ehre geſtrebt hatte; aber nur um die Erfahrung zu machen, daß meine Hoffnungen blos ein Traum ſeyen und mein Paradies eine Wildniß. Während auf dieſe Art mein Leben in ruhmloſer Ruhe dahinfloß, blieb ich nicht gleichgültig gegen die bedeutungsſchweren Ereigniſſe, welche den Continent Europas erſchütterten. Die Erfolge der Britten auf der Halbinſel, ihr triumphirender Einzug in Frankreich, der Sturz Napoleons, die Wiedereinſetzung der Bour⸗ bonen, alle dieſe Ereigniſſe folgten mit der Schnelligkeit von Alltagsbegebenheiten aufeinander, und in den weni⸗ gen Jahren von meinem Knabenalter bis zur Mannheit hatle ſich der ganze Zuſtand der Welt verändert, Könige waren abgeſetzt, große Armeen zerſtreut, legitime Herrſcher in ihre Beſitzungen wieder eingeführt worden, Verbannte kehrten in ihr Vaterland zurück, wo Rang und Reich⸗ thum ſie erwarteten, und Friede ergoß ſich mit der ganzen Fülle ſeiner Segnungen auf die verwüſtete, blutgetränkte Erde herab. Jahre vergingen mir in ſorgloſem Dahinleben für augenblickliche Ergötzlichkeit und unter düſteren Betrach⸗ tungen über die Vergangenheit. Von meinen alten Freun⸗ den und Kriegskameraden erhielt ich nur ſelten Nach⸗ richten. Power, der im Anfang fleißig geſchrieben hatte, wurde immer weniger mittheilſam. Webber war nach dem Friedensſchluß nach Paris gegangen und hatte nur ein einziges Mal geſchrieben; von den andern Allen erhielt ich nur dann und wann einige flüchtige Zeilen. Dieſe ſcheinbare Vernachläßigung meiner Freunde hatte 22⁰0 ich inzwiſchen nur meiner eigenen Saumſeligkeit zuzu⸗ ſchreiben. Es war an einem ſchönen Maiabend, als ich, ein Sprietſegel aufziehend, in mein Boot ſprang und be⸗ haglich den Fluß hinabfuhr; ein leichter Wind kräuſelte die Oberfläche des ſanft wogenden Waſſers, die Bäume ſchüttelten ſäuſelnd ihre Aeſte in dem friſchen Luftzug und meine kleine Barke rauſchte auf ihrem ſchäumenden Pfade mit jener fröhlichen, hüpfenden Bewegung dahin, die einen ſo angenehmen Eindruck auf das Herz macht. Die Wolken flogen raſch vorüber und färbten mit ihren Schatten die Berge; die Küſte von Münſter erglühte in reichem Sonnenlicht und zeigte jede Schäferhütte, jede Baumhecke in deutlichen Umriſſen, während der tiefe Schatten des hohen Secariff den ſtillen Fluß verdunkelte, wo Holy⸗Island mit ſeinen zerfallenen Kirchen und dem melancholiſchen Thurme im ſtillen Waſſer ſich abſpiegelte. Es war eine echt iriſche Landſchaft. Der ſtets wechſelnde Himmel, die ſchnell vorüberfliegenden Schat⸗ ten, das glänzende Sonnenlicht, die geſegneten Felder, der breite ſchwellende Strom, das dunkle Gebirge, von deſſen brauner Spitze ein dünner blauer Rauchſtreif em⸗ porſtieg— Alles ringsum lächelte, aber melancholiſch wie die Soͤhne des Landes, über deren ſinſtere Stirne von Zeit zu Zeit Scherz und Freude ſchäckernd hingleiten, wie Sonnenſtrahlen über einen dunkeln Strom, und die Tiefen verbergen, die unten verborgen lauern. Ich dachte an die ſeltſame Uebereinſtimmung der Natur mit der Gemüthsart des Menſchen, deſſen leiden⸗ ſchaftsvolles Daſeyn für alle ſeine Geſtaltungen in den lebloſen Gegenſtänden umher einen Abdruck findet, als mich auf einmal ein lauter Ruf vom Lande her aus meinen Betrachtungen aufſtörte und die Worte: Char⸗ ley, Vetter Charley! über das Waſſer zu mir herüber tönten. Eine Zeitlang konnte ich nur die ſchwachen Umriſſe etlicher Figuren an der Küſte erblicken; aber gls ich 221 näher kam, erkannte ich meine ſchöne Couſine Baby, die mit einem jüngern Bruder von acht oder neun Jah⸗ ren ſpazieren ging.. „ Wiſſen Sie auch, Charley,“ rief ſie mir zu, ndaß meine Brüder nach Ihrem Schloſſe gegangen ſind, weil wir Sie heute Abend durchaus bei uns haben müſſen?“ „Wahrhaftig, Baby, ich fürchte, Sie werden mich entſchuldigen müſſen.“ „Nein, das thue ich gewiß nicht: es iſt dies nur wieder eine von Ihren grämlichen Launen, und ich er⸗ kläre Ihnen offen, daß ich mit dieſen durchaus keine Nachſicht mehr haben werde.“. „Nein, Baby, Sie beurtheilen mich falſch; mein Geiſt iſt niedergedruͤckt, wenn Sie wollen, aber nicht mein Gemüth.“ „Dieſe Unterſcheidung iſt mir viel zu fein, ſeyen Sie jetzt artig und vernünftig, kommen Sie mit uns— kommen Sie mit mir.“ So ſprechend legte ſie ihren Arm in den meinigen. Ich glaubte auch— doch vielleicht täuſchte ich mich— daß ſte meinen Arm leiſe drückte; ſo viel iſt gewiß, daß ſie erröthete und ihr Geſicht wegwandte, um es zu verbergen. „Ich maße mir nicht an, Ihren Bitten widerſtehen zu können, Bäschen Baby,“ ſagte ich mit halb er⸗ künſtelter Galanterie, indem ich ihre Finger an meine Lippen führte. „ i, wie können Sie ſo närriſch ſeyn? Denken Sie nur an William dort, er hat es gewiß geſehen.“ Aber William, Gott ſegne ihn, ſuchte Vogelneſter oder jagte er Schmetterlingen nach, oder pflückte er Gänſe⸗ blümchen und dergleichen mehr. O ihr jüngeren Bruͤder, die ihr für alt genug ge⸗ halten werdet, einen Begleiter und gleichſam Aufſeher abzugeben, aber doch jung genug ſeyd, daß man euch weder Augen noch Ohren zutraut, wie viel Unheil habt ihr zu verantworten! Welch eine lange Rechnung von 222 zärtlichen Plaudereien, ſanften Blicken, gepreßten Hän⸗ den ſteht in euerem Schuldbuch! Welch ein Sporn zu Liebeständeleien iſt der muthwillige Range, der dann und wann von ſeinen luſtigen Luftſprüngen abläßt und ſeine lachenden Augen auf uns wirft, um, ohne es zu wiſſen, die Röthe auf unſere Wangen zu treiben! Er iſt der Chroniſt unſeres Liebesglückes und macht unſere Geheimniſſe uns ſelbſt und der Geliebten bekannt. Auch wir haben in dieſem Kapitel allerlei Erfahrungen ge⸗ macht: kuppleriſche Mütter, lauernde Tanten, chole⸗ riſche Oheime, wohlwollende, offenherzige Väter, alle dieſe Menſchenkinder kennen wir genau und kümmern uns um ſolche Männerfallen ebenſowenig, als ein Mel⸗ tonmann, der auf ſeinem ſtarkknochigen Vollblut ſitzt, um ein fünf Fuß hohes Gehege. Gleich ihm ſetzen wir im Fluge daruͤber hinweg und galoppiren immer gerade aus weiter, ohne auf die Seite zu blicken, außer um die Jammermenſchen zu verlachen, die im Sumpfe zap⸗ peln. Das aber geſtehen wir ehrlich, wir fürchten den kleinen Bruder, den boshaften Igel, der in Nanking⸗ hoſen und mit drei Reihen Knöpfe die Rolle Cupidos übernimmt; er erfüllt unſer Herz mit Angſt und Beben, denn er iſt es, der mit einem ſchlauen Blick oder einem vielſagenden Lächeln den ſanften, ſchmelzenden Unſinn zu beſtätigen ſcheint, den wir eben von uns geben; mit einer leichten Geberde ſcheint er die lange Rechnung unſerer Huldigungen nachzuführen und bringt uns jeden Augenblick der Zeit näher, wo die Sache ins Reine gebracht und die Schuld bezahlt werden muß. Während er für ſeine Grammatik und andere Aufgaben keine Spur von einem Gedächtniß hat, behält er aufs Genaueſte jedes Wörtchen, das du Fanny ſagteſt, er weiß zu er⸗ zählen, wie du deinen Kopf unter Lucys Hut ſteckteſt; er kann dich aufs deutliche nachahmen, wie du auf dem Graſe gekniet, ja der Elende hat wie ein Gourmand mit den Lippen zu ſchmatzen gelernt, um dich zu einer weiteren Station auf deinem Liebesweg zu verleiten. 223 O ſchafft Kinderſchulen für Alles, was unter zehn Jahren iſt, ſchafft Fabriken für die Kinder der Reichen! das Alter der lauernden Neugierde iſt vom fünften bis zum neunten Jahr und ſelbſt Fouché könnte bei einem ſolchen kleinen Rangen noch eine Lection nehmen. Inzwiſchen gelang es mir bald die Anweſenheit des lieben Brüderleins zu vergeſſen. Die Nacht brach herein: Baby ſchien müde zu werden, denn ſie hing ſich etwas ſchwerer an meinen Arm und ich— ich weiß ſelbſt nicht warum— verfiel in jenes Lautdenken, das an einem heitern Sonnenabend mit einem ſchönen Mädchen an der Seite der nächſte Schritt zu einer Liebeserklärung iſt. „Nun, nun, Charley— jetzt nicht— laſſen Sie meine Hand los— man kommt uns im Vorhof ſchon entgegen.“ Kaum hatte ich Zeit der Warnung Folge zu leiſten, als Mr. Blake mir entgegenrief: „Ah, das iſt ſchön, Charley! es iſt ein wahres Glück, daß Sie kommen, wir haben einen Freund zum Thee bei uns.“ Nach einem leiſen Gebet, das nicht gerade die Wohlfahrt des beſagten Freundes, welchen ich für irgend einen galwayſchen Junker hielt, zum Inhalt hatte, er⸗ klärte ich laut, welch großes Vergnügen es mir gewähre, ſo zur rechten Zeit gekommen zu ſeyn. „Er wünſcht ausdrücklich Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Um ſo ſchlimmer, dachte ich, ein ſolcher Drang iſt ſelten gegenſeitig. Ohffenbar erzürnt über das geringe Maß von Neu⸗ gierde, das ich entwickelte, fuhr Blake fort: „Er befindet ſich mit einer Truppenabtheilung auf dem Marſch nach Fermoy.“ „Nun, und welches Regiment?“ „Das 2sſte Infanterieregiment.“ „Die Leute kenne ich nicht.“ 5 Unter ſolchen Geſprächen hatten wir die Hausthüre erreicht, die jetzt ſchnell aufgeriſſen wurde, worauf ein ſchlanker Mann in Uniform ſich zeigte. Er ſprang auf mich zu, ergriff meine Hand und riß ſie mir beinahe aus. „Wie? was?“ ſagte ich;„wer mag das ſeyn? Sollten Sie wirklich—“ „Sparks,“ rief er,„Ihr alter Freund Sparks; ich bin zur Infanterie übergetreten und befinde mich jetzt hier. Hörte von Ungefähr, daß Sie in der Nach⸗ barſchaft ſeyen— traf Ihren Verwandten Mr. Blake im Wirthshaus und nahm ſeine Einladung, mit Ihnen hier zuſammen zu treffen, an.“ Der arme Sparks war, trotz ſeiner veränderten uniform, immer noch derſelbe. Er war bald nach mir aus dem 14ten ausgetreten, wußte alſo wenig vom Schickſal deſſelben und hatte ſich ſeit der Zeit beinahe beſtändig auf Rekrutirungsſtationen herumgetrieben. Waͤhrend wir jeder das Glück des andern prieſen und er mich beneidete, daß ich nicht mehr im Dienſte, ich ihn, daß er noch im Dienſte war, theilten wir ein⸗ ander unſere verſchiedenen Erlebniſſe mit. Obſchon ſeine eigentliche Beſtimmung Fermoy war, ſo hatte er doch für den Augenblick Befehl in Portumna zu bleiben, und ich freute mich herzlich einen alten Kameraden in der Nähe zu haben, mit dem ich von unſern Feldzügen id unſern luſtigen Nächten auf der Halbinſel plaudern onnte. Sparks wurde bald ein beſtändiger Gaſt auf Gurtna⸗ morra. Seine Gutmüthigkeit, ſeine Ungezwungenheit und Einfachheit befähigten ihn in kurzer Zeit, ſich in alle Gewohnheiten des Hauſes zu fügen, und obſchon er offenbar nicht war, was Baby den Mann für Gal⸗ way nannte, ſo gab er ſich doch Mühe allen zu gefallen, und dies gelang ihm auch in nicht geringem Grade. Baby allein ſchien Gefallen daran zu finden, den armen Subalternen zu quälen. Da ich ihr ſchon lange vor ihrer perſönlichen Bekanntſchaft mit ihm von ſeinen Heldenthaten in Feld und Haus erzählt hatte, ſo brachte — 225 ſie jeden Augenblick eine Anekdote von ſeinen unglück⸗ lichen Liebesabenteuern oder ſeinen übelangebrachten Lei⸗ denſchaften aufs Tapet, was ihn um ſo mehr ſchmerzte, als er ſich augenſcheinlich mit vieler Zäͤrtlichkeit meiner ſchönen Couſine zuneigte. Nachdem ſie dies einige Zeit fortgeſetzt, bemerkte ich, daß Sparks, der im Anfang die Fröhlichkeit und Heiterkeit ſelbſt geweſen, immer betrübter und nieder⸗ geſchlagener wurde. Ich war überzeugt, daß der arme Kerl ſich wirklich verliebt hatte, und es bedurfte keiner großen Ueberredungsgabe von meiner Seite, um ihm das Geſtändniß abzulocken. Noch am nämlichen Abend, als ich auf dieſen Gedanken gekommen war, ritten wir langſam mit einander nach O'Malley Caſtle und hier kam ich auf die guten Eigenſchaften der Familie Blake, ihre Gaſtfreundlichkeit u. ſ. w. zu ſprechen, ging ſodann auf die Vorzüge der Mädchen des Hauſes über, und endlich wurde Baby in aller Form einer ſehr freund⸗ lichen Kritik unterworfen. 8 „Ach ja,“ ſagte Sparks mit einem tiefen Seufzer, „Sie haben vollkommen recht, ſie iſt ein unendlich liebenswürdiges Mädchen; dieſe Lebhaftigkeit ihres Cha⸗ rakters, dieſe Elaſtizität ihres Gemüths, etwas geſänf⸗ tigt durch die Achtung für den Mann, den ſie liebt! Hugen Sie, Charley, lieben Sie das Mädchen ſchon ange?“ „Ob ich ſie liebe! Glauben Sie ja nicht, mein theurer Sparks, daß ein Verhältniß zwiſchen uns ſtatt⸗ finde. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“ „Nein, nein, ſagen Sie das nicht; was kann es Ihnen helfen, mich zu myſtifiziren?“ „Das iſt keineswegs meine Abſicht. So ſehr ich mein Bäschen Baby liebe und bewundere, ſo nimmt ſie doch in meiner Zuneigung keine andere Stelle ein als jedes andere liebenswürdige Mädchen. Sie hat mir manche trübe, langweilige Stunde erheitert und mir Lever, O'Malley, IV. 15 226 meine Verbannung von der Welt weniger unerträglich gemacht, als ich ſie ſonſt gefunden haben würde.“ „Alſo ſind Sie wirklich nicht verliebt?“ „Nein, keine Idee.“ „Und wollen ſie auch nicht heirathen?“ „Ganz gewiß nicht. Baby und ich ſind vortreffliche Freunde, eben weil wir nie in einander verliebt waren. Wir haben einander keine Fallen geſtellt, haben nie mit erkunſtelter Gleichgültigkeit und wirklichem Verdruß Ver⸗ ſteckens geſpielt, haben keine Geheimniſſe, keine verlieb⸗ ten Launen, keine Zänkereien und Spielereien mit ein⸗ ander gehabt. Als Vetter und Baſe ſind wir gauz vor⸗ treffliche Leute gegen einander, necken einander zu unſerem Zeitvertreib, machen Spazierritte und Waſſerfahrten zu⸗ ſammen, thun Alles und denken an Alles nur nicht an Seufzer und Erklärungen; wir freuen uns immer, wenn wir einander treffen und ſind nie zum Tode betrübt, wenn wir wieder ſcheiden. Sie kennen meine Aufrich⸗ tigkeit, welche Sie zu bezweifeln ſcheinen, am Beſten erproben, wenn ich mich Ihnen, und ich thue das wirklich mit dem größten Vergnügen, zum Botſchafter am Hof von Gurtnamorra anbiete.“ „Wollen Sie das wirklich?— Wollen Sie wirklich das für mich thun, Charley?— Wollen Sie meine Wünſche durch Ihren Einfluß bei der Familie unterſtützen?“ Ich konnte kaum umhin, über den Eifer des armen Sparks und ſeine maßloſe Ueberſchätzung meiner Bundes⸗ genoſſenſchaft zu lächeln, in einem Fall, wo er auch ohne Unterſtützung keine abſchlägige Antwort zu be⸗ fürchten hatte. „Ich wiederhole Ihnen, Sparks, ich werde in aller Form Rechtens als Brautwerber für Sie auftreten und Alles vorbringen, was ich nur irgend zu Ihren Gunſten ſagen kann; ich werde nur von Ihren militäriſchen Ver⸗ dienſten auf der Halbinſel ſprechen, über Ihre Liebes⸗ abenteuer in Wales aber und über Ihre ſpaniſche Flucht das ſtrengſte Stillſchweigen beobachten.“ 227 „Hoffentlich ſagen Sie auch nichts von Dalrymples?“ „Nein gewiß nicht; auch erwarte ich von Ihnen die gleiche Discretion. Aber jetzt, wann ſoll es ſeyn? Wollen Sie die Sache etwa noch reiflicher überlegen?“ „Nein, nein, nichts der Art, gleich Morgen; ſelbſt wenn ich durchfalle, iſt mir dies lieber, als dieſe peinliche Ungewißheit.“ „Nun gut,“ ſagte ich,„ſo geſchehe es denn morgen.“ Damit wünſchte ich ihm denn gute Nacht und ein ſtarkes Herz für alle möglichen Fälle. Hundertundfünfzehntes Kapitel. Ein Mißverſtaͤndniß. Ich ließ ſchon in aller Frühe anſpannen und längſt, bevor Sparks— obſchon ein Liebhaber— ſeine Augen geöſſnet hatte, war ich auf dem Weg nach Gurtnamorra. Ich hatte ſchon mehrere Stunden zurückgelegt, ohne über die Art, wie ich die Unterhandlungen eröffnen ſollte, mit mir ins Klare gekommen zu ſeyn. Sollte ich mich zuerſt an Papa Blake wenden oder an die Mama, in deren beſondern Amtskreis ſolche Geheimniſſe gehörten? Oder warum nicht ſogleich an Baby ſelbſt? denn von ihr allein hing ja doch am Ende die ganze Entſcheidung ab. Gleichwohl hielt ich es für das formgemäßere Ver⸗ fahren mich an die Häupter des Hauſes zu halten, und da ich lediglich als außerordentlicher Botſchafter aufzu⸗ treten hatte, ſo entſchloß ich mich alſo zum Letztern. Es war eben acht Uhr, als ich vorfuhr. Mr. Blake ſtand am offenen Fenſter des Frühſtückszimmers und athmete die friſche Morgenluft ein. Mama Blake war eifrig mit Anordnung des Theetiſches beſchäftigt; ein höchſt einfaches Morgenkoſtüm und eine Schlafhaube, deren Troddel beinahe einer Rockſchleppe glich, bekun⸗ 15 dete ihre Genügſamkeit in Betreff der Toilette. Im obern Stockwerk ſchaute mehr als ein Kopf mit Papilloten ver⸗ ſtohlen zwiſchen den Vorhaͤngen durch, und der Haus⸗ meiſter in ledernen Beinkleidern und mit einer Pelzmütze jätete Rüben im Vorhof. Mrs. Blake hatte kaum Zeit, ſich eiligſt zu entfer⸗ nen, als ihr Gemahl bereits auf der Treppe erſchien und mich willkommen hieß. Es gibt keinen Phyſiogno⸗ men, der es einem Familienvater oder einer Mutter von heirathsfähigen Töchtern gleichthäte. Lavater war gegen ſie ein Stümper in der Kunſt, die geheimen Triebfedern der Bewegung, die verborgenen Quellen alles Handelus an das Licht zu ziehen. Hätte Spurzheim das Organ ehrenwerther Abſichten mit einer tüchtigen, anſtändigen Beule ausgeſtattet, ſo wäre Alles ſehr leicht und bequem geworden— gleich bei der erſten Begrüßung des Herrn hätte man auf ſeine Abſichten ſchließen können; aber leider findet ſich kein ſolcher Wegweiſer vor, und die Wiſſenſchaft, wie ſie dermalen beſteht, iſt mit Zweifeln und Schwierigkeiten umhüllt. Das heitere, lachende Temperament der Einen, die finſtere, ernſte Ruhe der Andern, der Behutſame und der Offenherzige, der Witz⸗ kopf und der Sentenzenmann, der Muntere und der Langweilige, der Kluge und der Leichtfertige— mit einem Worte alle Abarten von Charakterfarben, womit das göttliche Menſchengeſicht gemalt iſt. find das Stu⸗ dium der Väter und Mütter. Ihre Ueberzeugungen ſind die nur langſam und mit geduldiger Hand zu pflücken⸗ den Früchte ſcharfer Beobachtung und großer logiſcher Genauigkeit. Sorgfältig merken ſie ſich alle einzelnen Geſichtszüge, ihre Veränderungen, ihr Spiel und ihre Entwicklung— eine im Verborgenen lauernde Trieb⸗ feder ſpüren ſie mit der Feinaſigkeit eines Bluthundes auf und eine wachſende Leidenſchaft werfen ſie mit un⸗ nachſichtiger Haſtigkeit über den Haufen. Ich habe Zeu⸗ genverhören angewohnt, bin den patentirten Bosheiten und privilegirten Unverſchämtheiten eines Advokaten 4 4 229 blosgeſtellt geweſen, der mich mit dem wohl einerercir⸗ ten Takt eines Inquiſitionsunholdes befragte, belächelte, beſpöttelte, ja ſogar durch finſteres Stirnrunzeln ein⸗ zuſchüchtern ſuchte; ich habe vor den kalten, fiſchähnli⸗ chen, aber forſchenden Augen eines Polizeipräfekten ge⸗ ſtanden, welcher meinen Paß mit meiner Perſon verglich und einen Widerſpruch herausfinden zu können meinte: aber nie war mir ſo ängſtlich und unheimlich zu Muth, als wenn der halb behutſame, halb lauernde Blick eines würdigen Vaters oder einer ehrenwerthen Mama auf mich ſtarrte in einer Familie, wo es Töchter zu verhei⸗ rathen gibt und kein Freier ſich einfinden will. „Sie ſind heute früh auf den Beinen Charley,“ ſagte Mr. Blake mit einer erkünſtelten Miſchung von Gleichgül⸗ tigkeit und Wärme;„Sie haben noch nicht gefrühſtückt?“ „Nein, Sir, ich bin gekommen, um an Ihrem Frühſtücke Theil zu nehmen, und wenn ich nicht irre, ſo ſind Sie heute etwas ſpäter als gewöhnlich daran.“ „Höchſtens um fünf Minuten. Die Mädchen wer⸗ den ſogleich herabkommen, ſie ſtehen immer früh auf; gute Gewohnheiten eignet man ſich ebenſo leicht an wie ſchlimme und Gott ſey Dank, meine Mädchen ſind nicht ſchlimm erzogen.“ „Das weiß ich wohl, Sir, und wenn es mir erlaubt iſt, dieſe günſtige Gelegenheit zu benützen, mein heutiger Beſuch betrifft eine Ihrer Töchter, und nur in der Hoff⸗ nung, Sie allein zu ſinden, bin ich zu dieſer ungewohn⸗ ten Stunde herüber gekommen.“ In Mr. Blakes Augen ſtrahlte jetzt triumphirende Zufriedenheit; inzwiſchen war dies nur ein einziger Blick und im nächſten Moment antwortete er mit wohl⸗ gewonnener Gleichgültigkeit:— „So treten Sie gefälligſt in mein Studierzimmer, denn dort werden wir ſicherlich nicht geſtört.“ Obſchon ich nuw wenig Raum und Zeit für ſolche Nebendinge habe, ſo kann ich doch nicht umhin, einige Augenblicke bei dem zu verweilen, was Mr. Blake mit dem Namen Studierzimmer beehrte. Es war dies ein kleines Gemach mit einem einzigen Fenſter, deſſen Scheiben ohne alle Hülfe eines Vorhangs das Tages⸗ licht durch Spinnweben, Staub und die ſchlechtgeſtutzten Aeſte eines Spalierbaums ermäßigten. Das Ameublement beſtand aus drei eichenen Stühlen und einem Tiſch; über allem her lagen die disjecta membra von Mr. Blake's Jagd⸗, Fiſch⸗ und Rennge⸗ räthſchaften— alte Stulpſtiefel, Fahrpeitſchen, verein⸗ zelte Sporen, Rennſättel, eine Büchſe, der Helm der leichten galway'ſchen Reiterei, ein Salmnetz, eine große Specialkarte der Gegend mit Randbemerkungen über Hypotheken, eine Stalllaterne, ein Ruder und verſchie⸗ dene andere Artikel, die von ſeinen täglichen Beſchäf⸗ tigungen zeugten; aber nicht ein einziges Buch, außer einem alten Band, deſſen Blätter ebenſo oft zur Auf⸗ bewahrung von braunen Angelhaken, wie als Quelle literariſcher Erquickungen gedient zu haben ſchienen. „Hier können wir ganz behaglich und ungeſtört mit einander reden,“ ſagte Mr. Blake, indem er mir einen Stuhl hinſtellte und ſich ſelbſt ſetzte, mit der Miene eines Mannes, der entſchloſſen iſt, einem lieben Freunde in der Verlegenheit mit Rath und That bei⸗ zuſtehen. Nach etlichen vorläufigen Bemerkungen, die gleich einem kurzen Galopp vor dem eigentlichen Rennen dazu dienen ſollten, meinen Muth zu befeſtigen, eröffnete ich meine Unterhandlung mit einer ſehr breiten und gedehn⸗ ten, ſowie höchſt trivialen Klage über die Unannehm⸗ lichkeiten des Junggeſellenlebens, die Unbehaglichkeiten einer ſolchen Stellung, den Mangel an häuslicher Glück⸗ ſeligkeit und die Nothwendigkeit, einmal ernſtlich ans Heirathen zu denken, indem dieſe Maßregel ebenſo gewiß auf das frei und ungebundene Junggeſellenleben folgen müſſe, wie ſiebenjährige Deportation auf Wilddieberei. „Man kann,“ ſagte ich,„nicht immer und ewig auf des Nachbars Revieren wildern, früher oder ſpäter muß 231 man ergriffen werden, und deßhalb halte ich es für's Beſte, ſich ein Jagdvatent zu erwerben.“ Nie hat ein witziger Einfall günſtigere Aufnahme gefunden, als dieſe Bemerkung. Mr. Blake lachte bis zu Thränen, wiſchte ſich die Augen mit einem tabakbe⸗ ſchmuzten Schnupftuche und weinte ſo lange, bis er wieder in's Lachen kam Da ich indeß an der Aufrich⸗ tigkeit dieſer Lachluſt meines Freundes zweifelte, ſo tröſtete ich mich mit dem Sprüchwort: wer zuletzt lacht, lacht am beſten, und fuhr alſo fort:— „Es kann Ihnen nicht wohl auffallend erſcheinen⸗ Sir, wenn ein Mann, dem das Vergnügen zu Theil geworden iſt, in vertrautem Verkehr mit Ihrer Familie zu ſtehen, ſchneller als andere zu der oben erwähnten Entdeckung gelangt, nicht blos in Folge des Beiſpiels, von vollkommenem häuslichem Glück, das er hier vor Augen hat, ſondern auch durch die Ueberzeugung, daß all die ſchönen Gaben, welche das eheliche Leben ſchmücken und zieren, als ein koſtbares Erbtheil auf die Töchter derjenigen übergehen werden, die ſelbſt das Ideal der Verwirklichung des Eheglückes ſind.“ Nun nahte der Augenblick, wo der große Sprung zu machen war; da ich ſchon etwas erhitzt war, hielt ich einen Augenblick inne, huſtete und fuhr dann fort: „Miß Mary Blake, Sir, iſt der Gegenſtand meines heutigen Beſuchs; ohne ſie erſcheint ein Daſeyn, das man für ſchön und angenehm halten könnte, öde und freudlos. Ich bin deßhalb— um ſogleich zur Sache zu gelangen,— dieſen Morgen zu Ihnen herüberge⸗ kommen, um förmlich Ihre Hand zu begehren. Ihr Vermögen, das ſage ich zum Voraus, kommt gar nicht in Betracht, iſt eine Sache von keiner Bedeutung— das meinte Mr. Blake auch—; es ſind zu einem an⸗ ſtändigen Leben Mittel genug vorhanden—“ „Bitte, bitte,“ rief Mr. Blake, ſeine Augen trock⸗ nend und mit einem lauten Schluchzer;„bitte, ſprechen Sie nicht von Geld; ich weiß, was Sie ſagen wollen 232 — eine gute Ausſteuer, ein hübſches Leibgedinge, das iſt Alles. Ja, ja, ſo iſt's.“ „Ich glaube hinzufügen zu dürfen, Sir, daß in dieſer Beziehung Alles Ihren Erwartungen entſprechen wird.“ „O gewiß, das verſteht ſich. Meine gute, liebe Baby, wie werde ich's nur ohne ſie aushalten können? Sie wiſſen nicht, O'Malley, was das Mädchen für mich iſt, Sie können es nicht wiſſen; aber Sie werden ſchon ſelbſt mit der Zeit erfahren.“ „Den Teufel werde ich,“ ſagte ich zu mir ſelbſt. „Die Hauptſache,“ fuhr ich fort,„iſt jetzt, daß man die Anſicht der jungen Lady über die Sache kennen lernt.“ „O Charley, was wollen Sie mir da vormachen, Sie ſchlauer Fuchs Sie? Meinen Sie, ich kenne Sie nicht? Ei ich habe auch Augen im Kopf— das heißt, ich habe geſehen— nein, nein, ich habe gehört— Sie wiſſen ja, die Leute können nicht ſchweigen.“ „Ganz richtig, Sir; aber da ich eben bemerken wollte—“ Juſt in dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und Miß Baby ſelbſt ſtreckte ihr verdammt hübſches Köpſchen herein. „Wir warten mit dem Frühſtück, Papa; ah, Charley, wie geht's?“ „Komm herein, Baby,“ ſagte Mr. Blake;„Dn haſt mir dieſen Morgen noch keinen Kuß gegeben.“ Das liebenswürdige Mädchen ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken, während ihre glänzenden Locken in üppiger Pracht ſeine Schultern bedeckten. Ich wandte mich ärgerlich ab, denn dieſer Anblick hat immer etwas Unangenehmes für einen Dritten. Es liegt in ſolchen Liebkoſungen vor dem Publikum ebenſo viel kalte, ſelbſt⸗ ſüchtige Grauſamkeit, wie in der Schauſtellung leckerer Fleiſchſtücke in einem Metzgerladen vor den Augen eines ausgehungerten geldloſen Bettlers, der mit wäſſerndem 233 Munde Phantafieſchnitten davon verzehrt, während er die wirklichen Qualen des Hungers erleidet. „Da iſt Tim,“ ſagte Mr. Blake plötzlich⸗„Tim Cronin.— Tim!“ rief er dann einem, wie mir ſchien, blos in ſeiner Einbildung beſtehenden Individuum zu, ſprang zu dem Studierzimmer hinaus, ſchlug die Thuͤre hinter ſich krachend zu und überließ es Baby und mir uns gegenſeitig zu erbauen. Ich hätte gewünſcht, daß es anders gekommen wäre, aber da es das Schickſal ſo zu wollen ſchien, ſo ergriff ich Baby's Hand und führte ſie an's Fenſter. Nun liegt in der Natur meiner Landsleute ein Zug, deſſen Vor⸗ handenſeyn ich an mir ſelbſt genug empfunden habe, und vor welchem ich, da meine Schriften hauptſächlich eine moraliſche Tendenz haben ſollen, argloſe Lente zu warnen wünſche. Ich meine nämlich eine ſehr entſchie⸗ dene Neigung, der Troͤſter und Vertraute von jungen Ladies zu werden, Gelegenheiten aufzuſuchen, ihren Kummer zu beſchwichtigen, ihre Betrübniß zu zerſtreuen und ihre Bedenklichkeiten zu heben; und zwar, dies Alles nicht etwa aus Wohlgefallen an den tragiſchen Erſchei⸗ nungen eines ſolchen Umgangs, ſondern wegen der Halb⸗ zärtlichkeit, wegen des harmloſen Händedrückens und unſchuldigen Tailleumfaſſens, ohne welche alle Troſt⸗ worte nur wie der Salm ohne den Hummer, d. h. ein ver⸗ ſtümmeltes, mangelhaftes und unvollſtändiges Ding find. Ob dies nun bei mir eine Naturgabe oder eine Angewöhnung von der Armee her war, vermag ich ſelbſt nicht zu ſagen, aber das wage ich zu verſichern, daß vor etwa fünf und zwanzig Jahren nur wenige Männer in dieſer Eigenſchaft es mir zuvor thaten. Bitte, holde Leſerin, wenn ich das Glück habe, Ihnen bekannt zu ſeyn, legen Sie mir mein Bekenntniß nicht übel aus. „Nun, liebe Baby,“ ſagte ich,„ich habe mit Ihrem Papa ſo eben über Sie geſprochen. Ja, meine Theuerſte, bltcken Sie nur nicht ſo ungläubig drein; über Sie, über Ihre eigene holdſelige Perſon. Sie müſſen inzwi⸗ 234 ſchen wiſſen, daß ich es beinahe lieber ſehe, wenn Sie Ihr Haar ſo tragen; dieſe ſeidenen Locken ſehen beſſer aus, wenn ſie in einer gedrängten Maſſe herabfallen.“ „Nun, laſſen Sie das gut ſeyn, Charley.“ „Alſo, Baby, wie ich eben ſagen wollte, bevor Sie mich unterbrachen, ich habe an Ihren lieben Papa eine ſehr wichtige Frage gerichtet und er hat mich wegen der Antwort an Sie verwieſen. Wollen Sie mir jetzt ganz aufrichtig und ehrlich Ihre Meinung in der Sache ſagen?“ Sie wurde todesbleich, dann plötzlich wieder roth, ſprach aber kein Wort. Aus ihrem unruhigen Weſen und der Art, wie ihr Buſen ſich hob und fiel, konnte ich indeß ſehen, daß keine gewöhnliche Aufregung ihr Herz bewegte. Es wäre eine Grauſamkeit geweſen, länger zu ſchweigen und ich fuhr daher fort— „Jemand, der Sie ſehr liebt, meine theuere Baby, hat ſein eigen Herz befragt und ſich überzeugt, daß ohne Sie kein Glück für ihn denkbar iſt. Ihre ſtrah⸗ lenden Augen ſcheinen ihm blauer als der Himmel über ihm; Ihre ſanfte Stimme, Ihr herzgewinnendes Lächeln, und wahrhaftig, welch ein Lächeln iſt das!— haben ihn gelehrt, Sie zu lieben, nein, Sie anzubeten; deßhalb, Theuerſte,— Gott, welch niedliche Finger! Ha, was ſehe ich da, woher kommt dieſer Smaragd? Ich habe den Ring doch noch nie bei Ihnen geſehen; Baby?“ „O, dieſen Ring,“ ſagte ſie tief erröthend,„hat mir der alberne Menſch, der Sparks vor einigen Tagen gegeben; aber er gefällt mir nicht und ich will ihn auch nicht behalten.“ Mit dieſen Worten ſuchte ſie ihn vom Finger zu ziehen, aber vergebens. „Ei, Baby, warum ihn abziehen? Nar damit er das Vergnügen hat, ihn wieder anzuſtecken? Sehen Sie nur nicht ſo böſe aus, wir dürfen wahrhaftig nicht mit einander zanken.“ „Nein, Charley, wenn Sie mir nicht böſe ſind— wenn Sie nicht—“ 235 „Gewiß nicht, meine theuerſte Baby, nichts der Art. Sparks hat ſehr wohl daran gethan, nicht ſein ganzes Glück meinen diplomatiſchen Künſten anzuver⸗ trauen; aber er hätte mir doch wenigſtens ſagen ſollen, daß er die Unterhandlungen ſchon eröffnet hat. Die Frage iſt nun einfach die: lieben Sie ihn? oder viel⸗ mehr, um die Sache noch mehr zu vereinfachen, wollen Sie ſeine Bewerbung annehmen?“ „Ob ich wen liebe?“ „Wen! Nun, natürlich Sparks.“ Ein Blitz zürnenden Erſtaunens flog über ihr Ge⸗ ſicht, das jetzt ſo weiß war wie Marmor; ihre Lippen waren halb geöffnet, ihre großen vollen Augen ſtarrten mich feſt an und ihre Hand, die ich feſt in der meinigen hielt, wurde mir plötzlich entriſſen. „Alſo,“ ſagte ſie endlich nach einer äußerſt peinli⸗ chen Pauſe,„alſo für Mr. Sparks haben Sie ſich ſo eifrig verwendet?“ „Ja, allerdings, liebes Bäschen. Auf ſeine Bitten habe ich mich zu Ihrem Vater begeben, er hat mich erſucht, dieſen Schritt zu thun, er jelbſt—“ Aber bevor ich reden konnte, brach ſie in einen Strom von Thränen aus und ſtürzte aus dem Zimmer. Welch eine Lage! Was zum Henker hatte das zu bedeuten? Wollte ſie ihn, oder wollte ſie ihn nicht? War ihr Stolz oder ihr Zartgefühl dadurch beleidigt, daß ich die Sache bei ihrem Vater hatte vermitteln wollen? Was hatte Sparks gethan oder geſagt, um mich und ſich ſelbſt in eine ſo verdammte Klemme zu bringen? Oder liebte ſie etwa einen Andern? „Nun, Charley“ rief Mr. Blake, indem er herein⸗ trat und in einem wahren Paroxismus von Vergnügt⸗ heit ſeine Hände rieb;„nun, Charley, haben Sie über Ihrem Liebesgeſchäft das Frühſtück ganz vergeſſen?“ „Ei wahrhaftig, Sir, ich fürchte ſehr, meine Sen⸗ dung iſt gänzlich verfehlt. Bäschen Mary ſcheint ganz und gar nicht zufrieden: ihr Benehmen—" „Schwatzen Sie keinen ſolchen Unſinn. So machen es alle Mädchen. Ei, mein Freund, ich hätte geglaubt, Sie wären ein zu alter Soldat, als daß man Ihnen ſo etwas noch ſagen müßte.“ „Nun gut, Sir, unter ſolchen Umſtänden wird es wohl das Beſte ſeyn, wenn ich Sparks ſelbſt herüber⸗ ſchicke. Ihre Einwilligung, das kann ich ihm wohl ſagen, iſt gewiß.“ „Ja, mein Junge, und die Einwilligung meiner Tochter gleichfalls; aber ich ſehe nicht ein, was wir mit Sparks da ſollen. Unter alten Freunden und Be⸗ kannten wie wir, bedarf es, meine ich, keines Fremden.“ „Eines Fremden! Ganz richtig, Sir, er iſt ein Fremder; aber wenn dieſer Fremde im Begriffe ſteht, Ihr Schwiegerſohn zu werden.“ „Was zu werden?“ fragte Mr. Blake, ſeine Brille reibend und ſie bedächtig auf die Naſe ſetzend, um mich genau anzuſehen.„Was zu werden?“ „Ihr Schwiegerſohn. Hoffentlich habe ich mich deutlich genug ausgedrückt, indem ich Sie mit den Wünſchen meines Freundes Sparks bekannt machte.“ „Sparks! Gott verdamm mich, Sir, das heißt— bitte um Verzeihung für meine Wärme— Sie— Sie haben ſeinen Namen in dieſem Augenblick zum erſten Mal genannt. Sie ließen mich vielmehr vermuthen, daß— wahrhaftig, Sie ſagten mir ganz deutlich—“ Hier konnte Mr. Blake vor Wuth und vor vergeb⸗ licher Anſtrengung dieſelbe zu verbergen, nicht mehr wei⸗ ter ſprechen und ſchritt mit einem wahrhaft furchtbarem melodramiſchen Geſtampfe im Zimmer auf und ab. „Wahrhaftig Sir,“ ſagte ich endlich,„ich bedaure ſehr die Urſache eines Irrthums geweſen zu ſein, muß Sie aber verfichern, daß ich vollkommen unſchuldig dar⸗ an bin. Ich kam hieher, um von Ihnen die Hand Ih⸗ rer Tochter zu erbitten. für—„ „Für Sie ſelbſt, Sir! Ja für Sie ſelbſt. Soll mich diefer und— doch nein ich will nicht fluchen, aber 237 antworten Sie mir, haben Sie denn nur ein einziges Wort von Mr. Sparks geſagt? Haben Sie bis auf dieſen Augenblick auch nur mit einer einzigen Silbe auf ihn angeſpielt?“ 3 Ich war wie vom Donner gerührt. Es konnte ſein, ja es war leider wirklich ſo, wie er ſagte. In meiner unglückſeligen Bemühung, die Sache mit der äußerſten Zartheit zu behandeln, war ich ſo geheimnißvoll gewor⸗ den, daß ſie eben ſo leicht vom Chan der Tartarei als von Sparks glauben konnten, er ſei in Baby verliebt. Es blieb mir jetzt nur ein einziger Weg offen. Ich bat aufs demüthigſte um Verzeihung, wiederholte mit allen Ausdrücken, die mir zu Gebote ſtanden, meine Betrübniß über das Geſchehene und wollte eben meine Unterhandlungen zu Gunſten des armen Sparks erneuern, als Mr. Blake in voller Wuth aus dem Zimmer ſtürzte. Wäre es mir nicht um Babys Antheil bei dieſem ſchlimmen Handel geweſen, ſo würde ich laut aufgelacht haben. Unter den gegebenen Umſtänden aber war ich 8 durchaus nicht zur Luſtigkeit geſtimmt und der einzige klare Gedanke in meinem Kopfe war, daß ich ſo ſchnell als möglich nach Hauſe eilen ſollte, um mit Sparks, der unſchuldigen Urſache des ganzen Mißgeſchicks, Streit anzufangen. Wie dieſer Gedanke in mir entſtehen konnte, mögen die Pſychologen entſcheiden. Ich ſah wohl ein, daß, ſowie die Sachen ſtanden, jedes Zuſammentreffen mit andern Mitgliedern der Fa⸗ milie höchſt unangenehm ſein mußte. Um daher meinen Rückzug zu ſichern öffnete ich in kurzer Zeit das Fenſter und wenn auch Mr. Blakes junger Pflanzung durch mein Hinabſpringen einiger Schaden zugefügt wurde, ſo trö⸗ ſtete ich mich mit dem Gedanken, daß ich mir wenigſtens das Verdienſt um ihn erworben, etwas friſche Luft in ſein Heiligthum einzulaſſen. Aus Patriotismus will ich nicht berichten, wie es mir zu Muthe war, als ich durch das Gebüſch dem Stalle zuging. Die Menſchen ſind immer ſo geneigt ihre Fehler und Thorheiten an den allerunſchuldigſten Dingen, wie z. B. an Raum und Zeit, an Wind und Wetter zu rächen, daß ich vollkommen überzeugt war, jedes andere, als nur ein gallwey'ſches Ohr hätte meine Erklärung vollkommen deutlich und verſtändlich finden müſſen, und in keinem andern Lande unter dem Himmel würde man einem Menſchen zumuthen, um eines gram⸗ matikaliſchen Fehlers willen eine junge Lady zu heirathen. Baby mag vollkommen Recht haben, dachte ich; aber ſo viel bleibt gewiß und ausgemacht, wenn ich nicht der Mann für Galwey bin, ſo iſt Galwey nicht das Land für mich. Nein, zum Henker damit! Ich habe ſchon ſeit zwei Jahren genug ausgeſtanden. Ich habe in der Verbannung, entfernt von aller Geſellſchaft gelebt, weil ich meinte, auch der Langweiligkeit der Welt loszuwer⸗ den, wenn ich mich von ihren Vergnügungen getrennt häͤtte. Aber nein, auch in dieſe Abgeſchiedenheit hatten die Unannehmlichkeiten ihren Weg ſo gut gefunden, wie anderswo, und ich beſchloß daher ſchnell meine Heimath zu verlaſſen, ohne zu wiſſen, wohin ich mich wenden ſolle. Wenn das Leben wenig Reize hatte, ſo hat es noch weniger Bande für mich. Sobald dieſer Beſchluß gefaßt war, brannte ich auch vor Verlangen, ihn auszuführen und jagte mit ſolch wilder Ungeduld vorwärts, daß ich mir mehrere Mah⸗ nungen von Seiten Mickeys zuzog. Als ich mich mei⸗ nem Hauſe näherte, tönte mir Trommelſchlag und Pfei⸗ ſenilang. entgegen, und bald darauf füllte eine Maſſe Landvolk die Straße. In der Meinnng, es ſei blos eine Rekrutirungsſchaar, wollte ich ſchon vorwärts eilen, als auf einmal die Töne eines vollſtändigen Muſikcorps, der einen luſtigen Geſchwindmarſch ſpielte, mich von meinem Irrthum uͤberführten, und während ich auf die Seite der Straße lenkte, erſchien der Vortrab eines Infanterie⸗ regiments. Die Soldaten waren erhitzt, ihre Uniformen ſtaubig, die Torniſter feſt aufgeſchnallt und ihr Gang ein tüchtiger Marſchſchritt. Ich grüßte einen Subalternof⸗ 239— fizier und fragte ihn, ob etwas von Bedeutung im Sü⸗ den vorgefallen ſei, weil die Truppen ſo plötzlich zum Marſch kommandirt werden. Der Lieutenant ſtarrte mich einige Augenblicke ſprachlos an und antwortete dann mit einem leichten Lächeln: „Offenbar liegen Ihnen militäriſche Nachrichten nicht ſehr am Herzen, ſonſt könnte Ihnen die Urſache unſeres Marſches nicht unbekannt ſein.“ „Im Gegentheil,“ erwiederte ich,„bin ich trotz meiner Jugend ein alter Soldat und intereſſire mich aufs Lebhafteſte für Alles, was den Dienſt betrifft.“ „Dann iſt es höchſt ſeltſam, Sir, daß Sie die große Nachricht noch nicht vernommen haben. Bonaparte iſt von Elba zurückgekehrt, in Paris angekommen, daſelbſt mit wahnwitziger Begeiſterung empfangen worden, und in dieſem Augenblicke rüſtet man ſich von Venedig bis zur Weichſel. Alle unſere diſponiblen Truppen werden eingeſchifft. Der Herzog von Wellington hat das Kom⸗ mando übernommen und ich darf wohl ſagen, der Feld⸗ zug hat bereits begonnen. Der begeiſterte Ton, womit der junge Offizier ſprach, die großartige Nachricht ſelbſt, die mit der ſtumpf⸗ ſinnigen Indolenz meines eigenen Lebens in ſo grellem Widerſpruche ſtand, trieb mir die Schamröthe ins Ge⸗ ſicht und ich ſtammelte nur einige elende Entſchuldigun⸗ gen für meine Unwiſſenheit. „Und wohin marſchieren Sie jetzt?“ „Nach Fermoy und von da nach Cove, wo wir uns einſchiffen. Das erſte Bataillon unſeres Regiments iſt in der letzten Woche nach Weſtindien abgeſegelt, aber man hat ihm bereits eine Fregatte nachgeſendet, um es zurückzubringen, und hoffentlich treffen wir, eh ein Mo⸗ nat vergeht, in den Niederlanden alle wieder zuſammen. Soch ich muß Ihnen jetzt Adieu ſagen; leben Sie wohl, ir. „Adien, leben Sie wohl,“ antwortete ich und war noch immer ſo überraſcht, daß ich kaum meinen Sinnen trauen konnte. Etwas weiter vorwärts traf ich mit dem Haupt⸗ corps des Regiments zuſammen, wo man mir die Nach⸗ richt beſtätigte und noch ferner ſagte, daß Sparks ſchon am frühen Morgen mit ſeiner Abtheilung wegbeordert worden ſei, und ein Veteranenbataillon in den verſchie⸗ denen Städten des Südens und Weſtens Dienſt thun werde. „Kennen Sie vielleicht einen gewiſſen Mr. O'Malley, Sir?“ fragte der Major, indem er mit einem Brief in der Hand auf mich zutrat. „Sie ſehen ihn vor ſich,“ antwortete ich, mich ver⸗ beugend. „Nun Sir, Sparks gab mir dieſes Billet, das er mit einem Bleiſtift ſchrieb, als wir uns heute früh unter⸗ wegs begegneten. Er ſagte mir, Sie ſeien ein alter Vier⸗ zehnter, aber Ihr Regiment iſt, glaube ich, in Indien, wenigſtens ſagte mir Power, als ich ihn das letzte Mal traf, Sie ſeyen dorthin kommandirt.“ „Freed Power, kennen Sie ihn? Bitte, wo iſt er gegenwärtig?“ „Er befindet ſich im Stab des Generals Vandeleur und dermalen in Belgien. „Wirklich!“ rief ich, da mein Intereſſe ſich mit je⸗ dem Augenblick erhöhte. Und das 88te?“ „Das liegt in Gibraltar oder ſonſt wo am Mittel⸗ meer; ich weiß wenigſtens ſo viel, daß ſie nicht nahe genug ſind, um am Anfang des bevorſtehenden Feldzugs Theil nehmen zu können. Wenn Sie inzwiſchen Nähe⸗ res zu erfahren wünſchen, ſo kommen Sie nach Borri⸗ ſokane hinüber, dort bleiben wir über Nacht. „Ja, das will ich thun.“ „Nun, ſo kommen Sie um ſechs und diniren Sie mit uns.“ „Bleibt dabei,“ ſagte ich,„und damit guten Mor⸗ gen.“ 241 So ſprechend jagte ich von Neuem davon. Der Kopf wirbelte mir von dem Allem, was ich gehört hatte und mein Herz glühte vor Verlangen, mich den wackern Bur⸗ ſchen anzuſchließen, die jetzt dem Feinde entgegenzogen. Hundertundſechzehntes Kapitel. Brüſſel. Ich darf meine ohnehin ſchon zu lange Erzählung nicht durch Berichte über meine Bekanntſchaft mit dem tapfern 2oten noch weiter dehnen. Genug, ich befahl Mickey mir nach Cove nach zufolgen, und marſchirte dann mit dem Regiment nach Cork. Jede Stunde des Tages brachte uns neue hochwichtige Nachrichten und inmitten der Alles bewegenden Kriegsrüſtungen erſcholl durch das erſtaunte Europa die Kunde von dem glänzenden Schauſpiel des Maifeldes; von allen Seiten hörte man, daß die Begei⸗ ſterung Frankreichs für den Kaiſer nie höher geſtiegen ſei, als jetzt, und während die ganze Welt ſich zu dem tödt⸗ lichen Kampfe vorbereitete, übertraf Napoleon ſich ſelbſt durch die rieſenhafte Großartigkeit der Plane, mittelſt deren er dem vereinigten Europa Trotz zu bieten ge⸗ dachte. Während unſere Bewunderung für den gewaltigen Geiſt, welcher die Geſchicke des Feſtlandes beherrſchte, auf den höchſten Gipfel ſtieg, ſteigerte ſich auch unſer glühendes Verlangen nach dem Tage, wo wir in offe⸗ ner Feldſchlacht ihm gegenüberſtehen ſollten. Man erzählte ſich jetzt von all den heißen Käm⸗ pfen des ſpaniſchen Krieges, von Talavera bis Toulouſe, und während unter den alten Kämpfern der Halbinſel der vielbewäͤhrte kriegeriſche Muth fortherrſchte, mußte der Eifer derjenigen Regimenter, welche an dieſen Kämpfen keinen Antheil genommen hatten, zu den freudigſten Hoffnungen berechtigen. Lever, O'Malley. V. 16 242 In Cork war bei unſerer Ankunft eine Geſchäftig⸗ keit, ein Drängen und Treiben, dergleichen ich noch nie erlebt hatte. Ueberall wurden Truppen gemuſtert; Re⸗ gimenter kamen an und wurden eingeſchifft; Rekruten ſtrömten herbei; Waffenübungen, Paraden und Inſpec⸗ tionen wurden beſtändig fortgeſetzt; Waffen, Munition und anderer Kriegsbedarf wurde ausgetheilt, und glühende Begeiſterung beſeelte Alle, vom General bis zum Re⸗ kruten. Ich allein war betrübt und niedergeſchlagen; meine militäriſche Laufbahn hatte ich für immer aufgegeben; mein Regiment befand ſich weit, weit vom Schauplatz des bevorſtehenden Kampfes, und trotz meiner Jugend erſchien ich mir alt und abgelebt. Der jüngſte Fähn⸗ drich mußte, ſo meinte ich, im Feuer ſeiner erſten Be⸗ geiſterung ein beſſerer Soldat ſein als ich, und in die⸗ ſer troſtloſen Stimmung wanderte ich durch die geſchäf⸗ tigen Haufen und betrachtete mit neugierigen Blicken je⸗ den wackern Reiter, der ſtolz an mir vorüberſauste. Was war mir jetzt Wohlhabenheit und Reichthum? Wie theuer war mir mein Vermögen zu ſtehen gekommen? Hatte ich doch um ſeinetwillen die Laufbahn aufgegeben, die ich ſo innig geliebt, den einzigen Lebenspfad, nach welchem mein Herz ſich ſehnte. So ließ ich Tag für Tag verſtreichen und ſah mit klopfendem Herzen eine Abtheilung um die andere abſegeln; wenn denn ihr ju⸗ belndes Lebehoch und ihre Abſchiedslieder noch aus der Ferne vom Wind zu uns herübergetragen wurden, da wandte ich mich betrübt ab, um ein Leben zu beklagen, das ſeine frühere Verheißungen nicht gerechtfertigt, ein Daſein, dem alle ſeine Genüſſe genommen waren. Eines Abends, es war am 3. Juni, wanderte ich langſam und betrübt nach meinem Hotel zurück; die Einladungen der Offtziere zu ihren Mahlen hatte ich längſt abgelehnt, allein während ich die Geſellſchaft ſcheute und mied, konnte ich mich, ſeltſam genug, nicht pon einem Orte trennen, wo mir jede Erinnerung an 243 meine Vergangenheit durch die Scenen der Gegenwart täglich auf's Neue verbittert wurde; aber ſo war es: die Bewegung der Truppen, ihre Muſterungen, ihre Ankunft und Abfahrt, Alles das hatte das innigſte In⸗ tereſſe für mich, nur ſchnitt es mir tief ins Herz, wenn ich dieſe Tapfern ihre hohen Hoffnungen äußern hörte zu deren Verwirklichung ich ſelbſt nichts beitragen ſollte. Betrübter als je betrat ich an dieſem Abend mein Hotel; die muntern Hörner des 7 1ten blieſen bei der Vorüberfahrt einen wohlbekannten Marſch, welchen ich in der Nacht von Talavera gehört hatte. Alle meine Tagen kühner kriegeriſcher Luſt ſtürmten jetzt auf meine Erinnerung ein und mein dermaliges Leben ſchien mir unerträglich. Die letzten Armeeliſten und Zeitungen lagen auf dem Tiſch und ich griff nach den neueſten Beförderungen mit dem Gefuhl von Bitterkeit, mit welchem ein unglücklicher Menſch ſich gerne ſein Elend vor Augen hält. Beinahe der erſte Paragraph lautete wie folgt:— „Oſtende, den 24. Mai. „Die Corvette Vixen, welche dieſen Morgen aus unſerem Hafen gekommen iſt, brachte unter verſchiedenen andern Ofſtzieren geringeren Ranges den Generallieute⸗ nant Sir George Daſhwood, Ertrageneraladjutanten im Stab Seiner Durchlaucht des Herzogs von Wellington; der tapfere General war begleitet von ſeiner liebens⸗ würdigen, hochbegabten Tochter, ſowie von ſeinem Kriegs⸗ ſekretär und Adjutanten, dem Major Hammersley vom 2ten Garderegiment. Sie nahmen in aller Schnelligkeit beim Bürgermeiſter ein Frühſtück ein und reisten dann ſogleich weiter nach Brüſſel.“ Ich überlas dieſe Zeilen zweimal und es wurde mir ſiedend heiß im Kopfe. Alſo harrt Hammersley noch immer aus; er hofft noch immer! Und was denn? was ſoll aus mir werden?— Meine Ausſichten ſind ſchon längſt gänzlich verſchwunden. Ohne Zweifel bin ich be⸗ 16 reits vergeſſen, wie wenn wir uns nie geſehen hätten. Wollte Gott, es wäre ſo! Ich riß das Fenſter auf, ein angenehmer leichter Wind blies herein, kühlte meine heißen Schläfe und brachte mir wieder einige Beruhi⸗ gung. Unter dem Fenſter ſprachen etliche Soldaten mit einander und ich erkannte auch Mickeys Stimme, „Alſo ſegeln Sie mit Tagesanbruch ab, Sergeant?“ „Ja Mr. Free; wir haben Befehl, noch vor dem Eintritt der Flut an Bord zu ſein; der Donnerer lich⸗ tet heute Nacht die Anker und wir ſind nur noch da, um unſere Nachzügler zu ſammeln.“ „Mein' Seel, ich hätte nie gedacht, daß ich einen Soldaten beneiden würde, und dennoch iſt es mir jetzt ſo. Ich möchte für mein Leben gern mit Euch gehen.“ „Nichts leichter als das, Mickey,“ ſagte ein Ande⸗ rer lachend. „Ja Ihr habt gut ſchwatzen, aber das iſt nicht die Art, wie ichs meine. Wenn mein Herr ſeinen Truͤbſinn überwinden könnte und ſpräche ein einziges Wort mit dem Herzog von York, ſo gäbe ihm dieſer gleich ſeinen iaſt wieder, und dann könnte man mit Freuden ab⸗ ſegeln.“ „Ihrem Herrn iſt ſein Federkiſſen lieber als ein mooſiger Stein unter dem Kopfe, und darin hat er im Ganzen nicht Unrecht.“ „Fehlgeſchoſſen, Nachbar; er fragt nach Strapazen und Muhſeligkeiten ſo wenig als irgend einer von Euch; es geht da gerade wie mit den Racepferden; je edler das Vollblut, um ſo beſſer kann es Hunger und Kälte ertragen.“ Bei Mickeys Worten ſchoß mir plötzlich eine Idee in den Kopf. Was konnte meiner Abreiſe länger im Wege ſtehen? So einfach und natürlich dieſer Ge⸗ danke war, ſo hatte er ſich doch bis auf dieſen Augen⸗ blick mir noch nie ſo klar vorgeſtellt. Ich ſelbſt war jetzt ein ſprechender Beweis wie ſehr man ſich an einen ge⸗ wiſſen Ideengang gewöhnen, ſeine Ueberzeugung einem 245. vorgefaßten Plane anpaſſen und durch alle Umſtände oft nur in einem Vorurtheile beſtärkt werden kann. Den Abgang des alten 14ten nach Indien, den Verkauf mei⸗ nes Patents, den Mangel an meinem Dienſtrang, Alles das betrachtete ich als unüberwindliche Hinderniſſe für meinen Wiedereintritt in die Armee. Wenige Worte änderten meine ganze Anſchauungsweiſe, ich ſah jetzt, daß mir wenigſtens als Volontär der Pfad des Ruh⸗ mes offen blieb und kaum war mir dieſer Gedanke ge⸗ kommen, ſo war auch ſchon mein Entſchluß gefaßt. Ich konnte jetzt kaum mehr begreifen, wie es gekommen war, bas ich dieſe einfache Sache nicht ſogleich eingeſehen atte Als ich Mickey hereinrief, konnte ich Gefühl fal⸗ ſcher Scham nicht unterdrücken, wenn ich an meine plötzliche Sinnesänderung dachte, und nur mit einer gewiſſen Zögerung eröffnete ich das Geſpräch. „Alſo gehen Sie doch,“ rief er, nachdem ich ihm meinen Plan mitgetheilt:„Sie ſollen hoch leben! Ich habe doch nie daran gezweifelt; Sie mußten wahrhaftig Ihres Vaters Sohn nicht ſeyn, wenn Sie nicht mit⸗ gingen, wo es Spaß und Vergnügen gibt.“ Des ehrlichen Burſchen Augen funkelten vor Freude, ſein Geſicht erheiterte ſich und bevor er den Fuß der Treppe erreicht hatte, jubelte er laut auf, daß es wieder in den Krieg gehe. Das Paketboot ſegelte am andern Morgen nach Liverpool ab. Wir nahmen ſogleich einen Platz und am dritten Morgen ſtand ich im Audienzſaal des Oberbe⸗ fehlshabers und wartete auf die Ankunft Sr. Kön. Hoheit. Ich war entſchloſſen, in irgend einem Regiment, für welches der Herzog mich beſtimmen wollte, als Volontär zu dienen, bis ich Gelegenheit fände, als Subalterner einzutreten. Das Zimmer war voll von Offizieren jeden Ranges und aller Waffengattungen; der alte, grauhäuptige Di⸗ viſionsgeneral, der ſchlanke, kühnblickende Infanterie⸗ hauptmann;: die ſchmächtige, knabenhafte Figur des neu⸗ ernannten Fähndrichs, alle waren da zu erſchauen; jeder Dialekt, jeder einzelne Nationalzug im ganzen Reiche hatte ſeinen Vertreter; der rückhaltſame Schotte, der fröhliche, lachende, übermüthige Irländer, der dunkel⸗ äugige, finſtere Nordbritte, ſie alle unterhielten ſich eifrig in kleinen Gruppen und blickten, ſo oft die Thüre ſich öffnete, erwartungsvoll um, ob der Herzog nicht komme. Endlich verkündete uns das Raſſeln der Gewehre, welche die Schildwache präſentirte, ſeine An⸗ kunft, und wir hatten kaum Zeit, aufzuſtehen und unſer Geſpräch abzubrechen, als die Thüre ſich öffnete und ein Adjutant mit lauter Stimme rief:„Se. Kön. Hoheit der Oberbefehlshaber!“ Mit einer höflichen Verbeugung nach beiden Seiten ging er durch die dichten Reihen und ließ ſein durch⸗ dringendes Auge da und dorthin ſchweifen, während er mit dem Takt, der ſeiner ganzen Familie eigen iſt, jede Perſon beim Namen kannte und im Vorübergehen an⸗ redete. „Ah, Sir George Cockburn, wie geht's?— das Patent für Ihren Sohn iſt ausgefertigt. Major Con⸗ yers, Ihre Vorſtellung wird in Ueberlegung gezogen werden. Forbes, Sie müſſen den Leuten erklären, daß ich unmöglich jeden in das Regiment verſetzen kann, das ihm am liebſten iſt. Lord L., Ihre Eingabe iſt dem Prinzregenten vorgelegt— Sie werden ein Cavallerie⸗ kommando erhalten.“ „Unter ſolchen Bemerkungen näherte er ſich dem Orte, wo ich ſtand, blieb dann plötzlich ſtehen und ſah mich einen Augenblick etwas ſtreng an.—„Warum nicht in Uniform, Sir?“ „Königliche Hoheit, ich bin nicht Militär.“ 1 „Nicht Militär?— Nicht Militär?— Und warum, wenn ich fragen darf, kommen— doch ich ſpreche, wenn ich nicht irre, mit dem Kapitän O'Malley?⸗ 6 „Dieſen Nang bekleidete ich einſt, aber Familien⸗ 247 verhältniſſe zwangen mich, auszutreten; ich habe gegen⸗ wärtig keine Anſtellung und wollte Ew. Kön. Hoheit nur um Erlaubniß bitten, den Feldzug als Freiwilliger mit⸗ zumachen.“. „Als Freiwilliger?— als Freiwilliger?— Nun, das iſt recht, das gefällt mir; Leute wie Sie können wir immer brauchen; der Mann von Ciudad Rodrigo! Ja, Mylord L., das iſt einer der Stürmer, einer der erſten, der ſich durch die Breſche durchſchlug; darf nicht vernachläßigt werden. Halten Sie ſich in Bereitſchaft, Kapitän— zum Teufel, ich vergaß, Mr. O'Malley, wollte ich ſagen— halten Sie ſich bereit zu einer An⸗ ſtellung beim Stabe. Smithſon, merken Sie ſichs“. So ſprechend, ging er weiter und ich wußte ſelbſt nicht, wie ich wieder auf die Straße kam, aber mein Herz klopfte vor Entzücken und mein Schritt war ſtolz wie der Schritt eines Kaiſers. Mit ſolcher Schnelligkeit folgten jetzt die Ereigniſſe meines Lebens auf einander, daß ich nicht darauf achten konnte, wie die Zeit vorüberging. Vier Tage nach mei⸗ ner Andienz bei dem Herzog befand ich mich in Brüſſel. Noch immer hörte ich nichts von einer Anſtellung, noch immer war ich keinem Regimente zugetheilt und mir noch keine Beſchäftigung beim Stabe angewieſen. Selt⸗ ſam genug traf ich nur wenige von meinen alten Ka⸗ meraden nnd keinen einzigen, mit dem ich auf der Halb⸗ inſel vertraut geſtanden hatte. Viele jener Regimenter, die ſich in den ſpaniſchen Feldzügen am meiſten ausge⸗ zeichnet hatten, waren nach dem Friedensſchluß von 1814 in die Colonien geſchickt worden; nur mein alter Freund Power befand ſich, wie ich erfuhr, in Courtrai, und da ich für den Augenblick ganz nach Belieben über meine Zeit verfügen konnte, ſo beſchloß ich, ihn dort zu beſuchen. Es war an einem ſchönen Abend, am 12. Juni, als ich mich nach Poſtpferden zu dieſer Reiſe erkundigt hatte und ſangſam durch den Park zurückging. Es war 248 ſchon nahe an Mitternacht, aber ein ſanftes Mondlicht, die milde, ruhige Luft und vor Allem der Geſang der Nachtigallen, die ſich in großer Menge hier vorfinden, hatte viele Spaziergänger verlockt, länger zu bleiben; aus manchem ſchattigen Laubgang ertönte der Klang eines Säbels, und leiſe, ſanfte Frauenſtimmen miſchten ſich mit den rauhen Tönen ihrer Begleiter. Ich ſchlen⸗ derte einſam und gedankenvoll dahin. Mein Geiſt war dermaßen mit den welterſchütternden Ereigniſſen beſchäſ⸗ tigt, denen ich entgegenſah, daß ich meine eigene, beſchei⸗ dene Stellung gänzlich vergaß. Als ich in eine Allee einbog, die von dem großen Spaziergang nach dem Pa⸗ laſte des Prinzen von Oranien führt, wurde mir der Weg durch drei Perfonen verſperrt, die langſam vor mir her gingen. Wie geſagt, ich war tief in Gedanken ver⸗ ſunken und befand mich dicht hinter ihnen, bevor ich ſie nur bemerkt hatte. Zwei waren in Uniform und an ihren Federbüſchen, wenn zufällig ein Mondſtreif auf ſie fiel, ſah ich, daß ſie Generale waren; die dritte Perſon war eine Dame. Da ich nicht an ihnen vorübergehen konnte und auch nicht umkehren wollte, ſo mußte ich ſchlechterdings hinter ihnen bleiben, und auf dieſe Art hörte ich, ohne es zu wollen, Etwas von ihrer Unter⸗ haltung. „Sie irren, George, Sie irren. Verlaſſen Sie ſich darauf, es gibt diesmal keinen langen Feldzug. Der Sieg wird ſich bald für die eine oder andere Seite ent⸗ ſcheiden. Wenn Napoleon heute die Preußen und morgen uns ſchlägt, ſo werden die deutſchen Staaten alsbald wieder zu ſeiner Fahne ſchwören und der alte Rheinbund wird in der Fülle ſeiner Macht wieder auferſtehen. Das Maifeld hat Frankreichs ganze Begeiſterung für ſeinen Kaiſer dargethan; Ludwig XVIII. iſt aus ſeiner Haupt⸗ ſtadt geflohen, rlur wenige folgten und keiner rief ihm nach: Gott ſegne ihn! Der kriegeriſche Geiſt der Nation iſt von Neuem aufgeregt worden; der Friede war zu kurz, um zu den Gewohnheiten bürgerilicher Induſtrie 249 zurückzuführen und doch lang genug, um die Mordluſt auf's Neue zu reizen. Nur Napoleon allein fehlte noch, um all die glänzenden Täuſchungen und bezaubernden Herrlichkeiten des Kaiſerreichs wieder herzuſtellen.““ „Ich geſtehe,“ ſagte der Andere,„daß ich Ihre An⸗ ſicht durchaus nicht theile. Nach meinem Dafürhalten iſt Frankreich des Krieges ebenſo überdrüſſig wie der Bourbonen.“ Mehr hörte ich nicht, obſchon der Sprecher fort⸗ fuhr, denn es wurde mir jetzt neblig und ſchwindlich vor den Augen; die Töne der Stimme waren mir ſo wohl bekannt und ließen mich nicht mehr zweifeln, wer vor mir ging. Bewegungslos blieb ich ſtehen und mur⸗ melte halb laut vor mich hin: Sir George Daſhwood. Er war es in der That und die Dame, die er am Arme führte, konnte Niemand anders ſeyn, als Lucy. Ich weiß nicht, wie es kam, ſchon ſeit vielen Monaten hatte ich mein Herz gezügelt und mich glauben gelehrt, die Zeit habe den tiefen Eindruck verwiſcht, den Lucy einſt auf mich gemacht hatte; wenn wir uns einmal wieder treffen ſollten, ſo würde ich nur Trauer über meinen zerſtörten Glückſeligkeitstraum empfinden, jedoch keine Liebe oder Leidenſchaft mehr für diejenige, welche Gegen⸗ ſtand derſelben geweſen. Aber jetzt, kaum war ich ihr nahe; ich hatte ihren Blick noch nicht geſehen, hatte ihre Stimme noch nicht gehört, und dennoch kehrte meine Liebe in ihrer vollen Stärke zurück und während ihr Fußtritt leiſe auf dem Boden ertönte, ſchlug mein Herz beinahe ebenſo vernehmbar. Ach, ich konnte es mir nicht länger verhehlen, daß ſie, nur ſte allein es war, welche den Drang nach Auszeichnung in meine Seele gelegt und der Augenblick ſchwebte mir beſtändig vor, wo ſie ihre Arme um des Vaters Nacken geſchlungen und gerufen hatte: Warum nicht ein Soldat? Als ich mich ſolchen Betrachtungen hingab, eilte ein Offizier in voller Uniform an mir vorüber, nahm, 2⁵⁰ als er zu der Geſellſchaft vor mir trat, ſeinen Hut ab und verbeugte ſich tief. „Mylord— wenn ich nicht irre und Sir George Daſhwood?“ Sie bejahten durch eine Verbeugung. „Sir Thomas Picton wünſcht Sie beide einen Augenblick zu ſprechen. Er ſteht am Baſſin. Wenn Sie mir erlauben wollen,“— fügte er gegen Lucy gewendet fort. „Danke Ihnen, Sir,“ ſagte Sir George;„wenn Sie die Güte haben wollen, uns zu begleiten, ſo wird meine Tochter hier auf uns warten. Setz Dich, Lucy, wir werden bald wieder kommen.“ Im nächſten Augenblick war ſie allein. Die letzten Töne der ſich entfernenden Fußtritte waren auf dem grasbedeckten Gange verklungen, und bei der Stille rings umher konnte ich jedes Rauſchen von Lucys ſeide⸗ nem Gewande vernehmen. Der Mond warf da und dort einige Strahlen durch die Zweige und zeigte mir ihr marmorbleiches Geſicht; ihre Augen waren ein wenig nach oben gerichtet, das auf der Stirne geſcheitelte, braune Haar funkelte von einem Brillantenkranz, deſſen Glanz ihre Schönheit noch erhöhte. Nach ihrem Anzuge zu ſchließen, kam ſie von irgend einer der prachtvollen Vergnügungspartien, die in der lebensvollen Hauptſtadt Tag für Tag auf einander folgten. So ſtand ich alſo nur wenige Schritte von ihr, um deren Nähe ich vor etlichen Stunden gern mein Alles in der Welt hingegeben hätte, und dennoch lag eine Schranke, weit unüberſteiglicher als Raum und Zeit, zwiſchen uns; im Uebrigen ſchien das Schickſal dieſen Zufall herbeigeführt zu haben, damit wir uns ein letztes Lebewohl ſagen könnten. Warum ſollte ich nicht Vortheil daraus ziehen? Warum nicht die vielleicht einzige, denkbare Verlegenheit ergreifen, mich von dem Scheine der Undankbarkeit, der ſo ſchwer auf mir laſtete, zu befreien? Ich fühlte es an der kalten Verzweiflung meines Herzens, daß ich keine Anſprüche mehr an ihre Neigung beſitzen konnte; aber ein Stolz, der kaum we⸗ 2⁵1. niger ſtark war als die Liebe, die ihn hervorgerufen, drängte mich, zu ſprechen. Mit einer gewaltſamen Kraft⸗ anſtrengung bot ich meinen ganzen Muth auf, beſchloß nur einige, wenige Worte zu meiner Rechtfertigung zu ſprechen und ſchickte mich an, vorzutreten. Gerade in dieſem Augenblick huſchte ein Schatten über den Weg; es rauſchte in den Zweigen und eine hohe Geſtalt in einem Dragonermantel ſtand vor mir. Lucy wandte ſich plötzlich um, aber kaum hatte ſie ihre Augen gegen den Ankommenden gerichtet, als er ſeinen Mantel ab⸗ warf, vorſprang und ſich auf ein Knie vor ihr nieder⸗ ließ. Alle meine Gefühle der Beſchämung über die Rolle, die ich ſpielte, wurden jetzt von Zorn und rach⸗ ſüchtiger Wuth übertäubt. War es nicht genug, daß mich das Schickſal in die unmittelbare Nähe derjenigen geführt, die ich für immer verloren hatte? mußte ich auch noch mit eigenen Augen ſehen, wie ſie einen Ne⸗ benbuhler bevorzugte? Ein Wirbelwind leidenſchaftlicher Wuth raubte mir alle Beſinnung; bewußtlos zog ich mein Schwert aus der Scheide, und erſt als das blaſſe Mondlicht auf die ſcharfe Klinge ſiel, durchzuckte mich der Gedanke: Was wollteſt Du beginnen! „Nein, Hammersley,“ ſagte ſie— denn er war es wirklich—„es iſt unfreundlich, es iſt unrecht, ja unmännlich, mich ſo zu drängen.— Ich würde Sie jetzt nicht betrüben, wenn meine jetzige Schonung Sie ſpäter nicht noch tiefer verletzen müßte. Verlangen Sie von mir, daß ich Ihre Schweſter, Ihre Freundin ſeyn ſoll; verlangen Sie, daß ich auf Ihre Triumphe, auf Ihre Erfolge ſtolz ſeyn ſoll. Dieſe Freundſchaft widme ich Ihnen von ganzem Herzen, aber wenn Ihnen Ihr eige⸗ nes und mein Glück theuer iſt, ſo bitte ich Sie, fordern Sie nicht mehr, als das.“ Eine Pauſe von etlichen Sekunden folgte; endlich ſprach die Stimme eines Mannes in unſichern, gebro⸗ chenen Tönen; 25⁵² „Ich weiß es, ich fühle es, mein Herz geſtattete mir, nie zu hoffen— und jetzt— es iſt vorüber.“ Damit ſtand er auf und während er ſeinen weiten Mantel um ſich ſchlug, ſiel ein Mondſtrahl auf ſein Geſicht; es war blaß wie der Tod; zwei dunkle Ringe umſchloſſen ſeine eingeſunkenen Augen und ſeine blut⸗ loſen Lippen erſchienen, von dem ſchwarzen Schnurrbart überſchattet, noch geiſterhafter. „Leben Sie wohl.“ ſagte er langſam, indem er ſeine Arme traurig auf der Bruſt kreuzte,„ich werde Sie nicht mehr quälen.“ „O gehen Sie nicht ſo von mir,“ rief fie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung,„vermehren Sie nicht den Kummer, der bereits auf meinem Herzen laſtet; ich kann, ich kann wahrhaftig nicht anders ſein, und ich haſſe mich ſelbſt, daß ich meine Liebe nicht auch demjenigen zu ſchenken vermag, der meine ganze Hoch⸗ achtung beſitzt. Wenn die Zeit—“ Aber bevor ſie fort⸗ fahren konnte, hörte man Schritte nahen und Sir Ge⸗ orges Stimme ließ ſich vernehmen. Hammersley ver⸗ ſchwand plötzlich; Lucy ging raſch ihrem Vater entgegen, ich aber blieb wie eingewurzelt ſtehen. Welch ein Strom von Gefühlen rauſchte jetzt auf mich ein! Welch längſt erſtorbene Hoffnungen erwachten wieder zum Leben! War es möglich— durfte ich mich dem Gedanken hin⸗ geben, daß Lucy mich liebe? In einem wahnwitzigen Wonnetaumel ſtürzte ich jetzt durch den Park und be⸗ ſchloß, auf jede Gefahr hin bei Sir George Daſhwood am nächſten Morgen meine Aufwartung zu machen. Als ich an mein Hotel kam, erwartete mich Mickey mit einem Brief. Ich trat unter die Laterne am Thor und be⸗ trachtete die Adreſſe, es war General Daſhwoods Hand; ich riß das Siegel auf und las, wie folgt: „Mein werther Sir— Nachdem Umſtände, deren nähere Erörterung Sie mir gegenwärtig erlaſſen wollen, unſer früheres, freundſchaftliches Verhältniß abgeſchnitten⸗ „ 253 haben, ſo werden Sie mich gewiß entſchuldigen, wenn ich die Ehre jeder nähern Bekanntſchaft ablehne und mir die Freiheit nehme, Sie hievon in Kenntniß zu ſetzen;z denn ſo unangenehm dieſer Schritt für mich ſeyn muß, ſo wird doch dadurch uns beiden die Qual eines Zuſammentreffens erſpart. „Erſt in dieſem Augenblick habe ich von Ihrer An⸗ kunft in Brüſſel gehört und ergreife alſo die erſte Ge⸗ legenheit, mich Ihnen mitzutheilen.“ „Mit der Verſicherung meiner vollen Hochachtung für Ihre Perſon und dem ernſtlichen Wunſche, Ihnen in Ihrer militäriſchen Laufbahn beförderlich ſeyn zu können, verbleibe ich ganz der Ihrige George Daſhwood.“ „Noch ein Brief, Sir,“ ſagte Mickey, indem er in meine beinahe erſtarrten Hände ein Schreiben legte, das ſo eben eine Ordonnanz überbracht hatte. Betäubt, halb taumelnd erbrach ich das Siegel. Der Inhalt lau⸗ tete kurz, wie folgt:— „Sir— ich habe die Ehre, Sie zu benachrichtigen, daß Sir Thomas Picton Sie zu ſeinem Extraadjutanten bei ſeinem Stabe ernannt hat. Sie werden ſich deshalb morgen früh auf der Generaladjutantur einfinden, um Ihr Patent und Ihre Inſtruktionen zu empfangen.“ Ich habe die Ehre u. ſ. w. G. Fitzroy.“ Beide Schreiben in meiner fieberheißen Hand zer⸗ knitternd, eilte ich auf mein Zimmer und warf mich im vollen Anzug auf's Bett. Der Schlaf, der uns in den trübſten, wie in den glücklichſten Angenblicken unſers Daſeyns nicht verläßt, ſchaffte mir bald Ruhe und ich erwachte erſt, als die Hörner des 95ſten im Park den Reveil blieſen und die Morgenſonne ihre glänzenden Strahlen durch mein Fenſter warf. Hundertundſiebenzehntes Kapitel. Eine alte Bekanntſchaft. „Mr. O'Malley,“ ſagte eine Stimme, indem meine Thüre ſich öffnete und ein Offtzier im Hauskleide ein⸗ trat;„Mr. O'Malley, Sie haben, glaube ich, Ihre Anſtellung beim Stab des Generals Picton erhalten 2 Ich beugte mich bejahend und er fuhr fort:— „Sir Thomas wünſcht, daß Sie mit dieſen Depeſchen unverzüglich nach Courtrai reiten. Ich weiß nicht, ob Sie gut beritten ſind, aber jedenfalls möchte ich Ihnen rathen, Ihre Thiere nicht zu ſchonen.“ So ſprechend wünſchte er mir guten Morgen und überließ mich meinen Betrachtungen, die der peinlichſten Art waren. Was zum Henker ſollte ich thun? Ich hatte kein Pferd und wußte auch nicht, wo ich eines auffinden ſollte. Und dann, welche Uniform ſollte ich tragen? denn obſchon beim Stab angeſtellt, war ich doch meines Wiſſens keinem Regimente zugetheilt und bisher hatte ich Hausuniform und Mütze getragen, da ich unter meinen vielen militäriſchen Bekannten wenigſtens nicht in Civil erſcheinen wollte. Inzwiſchen war keine Zeit zu verlieren und ſo entſchloß ich mich denn, meine alte Uniform vom laten anzulegen, ſelbſt auf die Gefahr hin, mir gleich beim Beginn meiner Laufbahn einen Verweis zuzuziehen. Mittlerweile ſandte ich Mickey ab, um ein Pferd zu beſorgen, gleichviel, von welcher Qualität und wie theuer, wenn es nur zu meinem gegenwärtigen Zwecke diente. In weniger als zwanzig Minuten erſchien mein würdiger Bedienter unter meinem Fenſter, umgeben von einer Menge Volks, das ſich für ſeinen Aufzug nicht wenig zu intereſſiren ſchien. 1 „Was zum Henker iſt das?“ rief ich, indem ich das Fenſter öffnete und hinausſchaute. 3 „Nichts von Bedeutung, Ew. Gnaden; die Hotten⸗ — u ——— ρ— ——— — ——— 2⁵⁵ totten da bewundern meine Reitkünſte,“ ſagte Mickey, indem er mit einem Stock, der auffallende Aehnlichkeit mit einem Beſenſtiel hatte, ein großes, klapperdürres Maulthier bearbeitete. „Was willſt Du mit dieſer Beſtie,“ rief ich;„ich werde doch nicht auf einem Maulthier nach Courtrai reiten ſollen?“ „Wenn Sie das nicht wollen, ſo werden Sie wohl den Weg unter die Füße nehmen müſſen, denn in der ganzen Stadt iſt für Geld und gute Worte kein Pferd zu bekommen. Doch ich höre, Mr. Marsden werde morgen mit einer großen Auswahl anlangen, ſo daß Sie wohl am beſten thun, heute noch vorliebzunehmen. Wenn übrigens dieſes Thier ſeine Vorderbeine ebenſo gut ge⸗ braucht wie die hintern, ſo werden Sie bald genug ankommen. S Ein wüthendes Hintenausſchlagen beſtätigte in die⸗ ſem Augenblick Mickey's Behauptung und jagte die gaf⸗ fende Menge auseinander. So wenig ich Luſt verſpürte, auf ſolche Art auszu⸗ ziehn, ſo durfte ich mich doch unter keinen Umſtänden länger aufhalten. Ich ſteckte alſo meine Depeſchen in die Taſche, zog die nöthigen Erkundigungen über den Weg ein und ritt von Bellevue weg mitten unter einem ſchlecht unterdrückten Gelächter des Pöbels, der ſich nur durch Furcht vor Mickey und ſeinem Beſenſtiel abhalten ließ, in ein ſchallendes Gelächter auszubrechen. Ddie Nacht brach ein, als ich müde und erſchöpft in dem Dorfe Hal anlangte. Alles war ſtill und ge⸗ räuſchlos auf den öden Straßen; keine Lampe warf einen Schein auf das Pflaſter, nirgends flimmerte ein Licht durch die Läden. Ganz gegen die Gewohnheit einer von Truppen beſetzten Ortſchaft war weder ein Vorpoſten noch eine Schildwache zu ſehen. Nichts verkündete, daß eine ſtarke Truppenabtheilung hier lag und ich konnte mich wirklich eines gewiſſen Schauders nicht erwehren, als die Hufſchläge meines Thieres auf dem öͤden Pflaſter hohl wiederhallten. Durch das Knarren eines Schildes, der ſich traurig im Winde hin und her bewegte, wurde ich vor ein Wirthshaus geleitet, wo ich abſtieg und einige Zeit mit vieler Gewalt, aber ohne Erfolg, an die Thüre klopfte. Endlich, nachdem ich einen Lärm gemacht, der die Todten hätte erwecken können, öffnete ſich langſam ein Fenſter über der Thüre und ein Kopf in einer un⸗ geheuern baumwollenen Nachtmütze— dafür hielt ich es wenigſtens dem Umfange nach— ſtreckte ſich heraus. Nachdem er im allerbarbariſchſten Franzöſiſch, das ich je gehört, einen Fluch vor ſich hingebrummt, fragte er mich, was ich begehre, worauf ich nach echter Landes⸗ ſitte mit der Gegenfrage antwortete, wo die brittiſchen Dragoner liegen. „Sie ſind heute früh nach Nivelles aufgebrochen, um zu einigen Regimentern von Ihren eigenen Lands⸗ leuten zu ſtoßen.“ „Ha, ha,“ dachte ich,„er hält mich für einen Braunſchweiger, auf welchen Irrthum ihn bei dem un⸗ gewiſſen Lichte meine Uniform leicht verleiten konnte. Da es mir jetzt unmöglich war weiter zu kommen, fragte ich ihn nach einem Quartier für die Nacht. „Reiten Sie zum Bürgermeiſter links um die Ecke am Ende der Straße, dort ſind einige engliſche Offiziere, die, glauhe ich, niemals ſchlafen.“ Dies wenigſtens war eine angenehme Ausſicht und verſprach für meine heutige Reiſe ein beſſeres Ende, als ich zu vermuthen angefangen hatte; ich wünſchte jetzt meinem Freunde gute Nacht und ritt, ohne daß er mich aufzuhalten verſuchte, die Straße hinab. Aeußerſt neugierig war ich, welcher Waffe wohl dieſe Offtziere angehören möchten, deren geſellſchaftliche Talente ſo hoch geprieſen wurden. Als ich um die Ecke bog, über⸗ zeugte ich mich bald, daß er mich der Wahrheit gemäß berichtet hatte. Ein heller Lichtglanz verbreitete ſich von einem großen Gebäude mit einer plumpen Säulenhalle über die Straße. Laute Stimmen und ſchallendes 257 Gelächter überzeugten mich bald, daß eine fröhliche Geſell⸗ ſchaft hier hauste. Die halben Jalouſien, welche den untern Theil der Fenſter bedeckten, verhinderten mich, einen Blick hineinzuwerfen; inzwiſchen näherte ich mich behutſam der Fenſterbank, ſtieg hinauf und überſah nun⸗ mehr die ganze Geſellſchaft. Die Szene war wirklich zum Malen. Um einen großen Tiſch ſaßen etwa zwanzig Perſonen, von deren eigenthümlichen Ausſehen der Leſer ſich einen Begriff machen kann, wenn ich ihm ſage, daß alle diejenigen, welche ich für brittiſche Ofſiziere hielt, in den Kleidern der Schöppen oder Rathsherren des Dorfes ſteckten, während einige andere, deren Geſichter derbe Flamänder verriethen, Offiziershüte und Reiterhelme trugen. Der Feſtordner ſaß mit ſeinem Rücken mir zugekehrt und trug außer dem bürgermeiſterlichen Gewand einen Wap⸗ penrock der ihm etwas ungemein Groteskes gab. Ein gewaltiges Feuer brannte auf dem geräumigen Heerd, vor welchem mehrere Stabsuniformen ausgebreitet waren, deren durchnäßtes Ausſehen den Grund dieſes Kleider⸗ wechſels deutlich genug machte. Auf dem Tiſche prangten alle erdenklichen Arten von Trinkgeſchirren, von dem prachtvollen ſilbernen Pokale an bis zu dem beſcheidenen Krug, den wir auf Teniers Gemälden ſehen. So viel ich verſtehen konnte, ſchien die Unterhaltung in franzö⸗ fiſcher Sprache geführt zu werden, oder doch in einer ſolchen Nachahmung derſelben, die man als eine Art von neutralem Grund und Boden betrachten konnte. Der mit dem Wappenrock ſprach lauter als alle andern, und obſchon ſeine entſetzlichen Bemühungen, ſich Franzöſiſch auszudrücken, ſeiner natürlichen Stimme einen ganz andern Klang gaben, ſo lag doch in dieſen Tönen Etwas, das mir ungemein bekannt vorkam. „Monsieur l'Abbey,“ ſpracher, ſeinen Arm vertraulich auf die Schulter eines ſtattlichen Mannes legend, deſſen Prieſtertonſur ſeltſam gegen den ſtarken, ſchwarzen Kork⸗ Lever, O'Malley. V. 3 17 2⁵8 ſchnurrbart abſtach,„Monsieur l'Abbey, nous sommes frères, et moi, savez vous, suis évêque— ſo wahr ich lebe, es iſt wahr, ich hätte Erzbiſchof von Sara⸗ goſſa werden können, wenn es mir möglich geweſen wäre, das 23ſte zu verlaſſen— je suis bong catholique. Ihr hättet mich ſehen ſollen, wie lieb ich die Nonnen⸗ klöſter in Spanien hatte; ich habe allerliebſte souvenirs von dieſen Nonnenklöſtern; eine herrliche Geſellſchaft van kleinen ſilbernen Heiligen und dieſe Weſte, die Sie hier ſehen, monk schilet, war ein ſeidener Unterrock unſerer lieben Fran von Loretto. Brauche ich wohl zu ſagen, daß ich ſchon, ehe dieſe Rede zu Ende war, den unverbeſſerlichen, alten Schuft Monſoon in dem Sprecher erkannte. „Permettez votre Excellence,“ ſagte ein munte⸗ rer Burſche zu ſeiner Linken, indem er mit unterwür⸗ figer Höflichkeit des Majors Becher füllte. „Bong engfong,“ verſetzte Monſoon, indem er ihn vertraulich auf den Kopf tätſchelte.„Bürgermeiſter, Ihr ſeyd ein Hauptkerl, und wenn ich avancire, ſo mache ich Euch zum Präfekten in einem Weindiſtrikt. He da, reicht mir den Stoff herüber und ſchaut nicht ſo ſchläfrig drein. Schläfrigkeit, ſpricht Salomo der Weiſe, kleidet den Menſchen wie Lumpen, und kein Menſch kannte die Welt beſſer als Salomo. Lachet nicht, Ihr ungezogenen Jungen. Kümmern Sie ſich nichts um die naſeweiſen Burſchen, Abbe; es ſind Schulbübchen von Eton und Harrow; verſtehen ſich beſſer auf Hammel⸗ fleiſchbouillon als auf einen anſtändigen Grog.“ „Aber Major, Sie vergeſſen das Lied, das Sie uns verſprochen haben.“ 2 3a ja,“ riefen mehrere Stimmen,„das Lied, das ied! ⸗ „Dazu iſt noch Zeit genug; vor der Hand können wir uns auch ſo unterhalten. So wahr ich lebe, die Leute haben ein tüchtiges Weinlager. Ich dachte, wir würden ſchon vor zehn Uhr damit zu Ende ſein, und 259 jetzt iſt es beinahe Mitternacht. Nur Schade, daß ich bis morgen früh meine Fouragerechnungen fertig haben und dem Generalcommiſſär vorlegen muß.“ Da ich jetzt den Grund der Anweſenheit des Majors wußte, ſo beſchloß ich, nicht länger müßiger Zuſchauer zu bleiben, ſondern ſtieg von meinem Poſten herab und begann einen gewaltigen Angriff gegen die Thüre. Es verging einige Zeit, bevor man mich hörte, endlich aber öffnete ſich die Thüre und ein Engländer fragte mich in einem wunderlichen Miſchmaſch von Franzöſiſch und Engliſch, was zum Teufel dieſer Lärm bedeuten ſolle. Um meinen alten Freund den Major ein wenig zu erſchrecken, antwortete ich, ich ſey Adju⸗ tant des Generals Picton und komme in höchſt unan⸗ genehmen Aufträgen. Mittlerweile war das Getöſe innen gänzlich verſtummt und einigen geflüſterten Sätzen, ſo wie dem gepreßten Athem nach zu urtheilen, wurde gelauſcht. „Darf ich fragen, Sir, ob Major Monſoon hier iſt?“ „Ja,“ ſtotterte der Fähndrich, denn ein ſolcher war es. „Thut mir leid um ihn, aber meine Befehle ſind ſehr beſtimmt.“ Ein tiefer Seufzer von Innen und die gemurmelte Bitte, den Reres herabzureichen, überwältigte meinen Ernſt; inzwiſchen fuhr ich fort— „Wenn Sie erlauben, ſo will ich die Sache ſo kurz als möglich abmachen. Der Major iſt alſo drinnen?“ So ſprechend ſtürmte ich in das Zimmer, wo ſich ein banges Geflüſter erhoben hatte. Während meiner kurzen Unterredung hatte die Szene eine ganz andere Geſtalt angenommen. Die engliſchen Offiziere hatten ihre Rathsherrenröcke abgeworfen und waren eifrigſt beſchäftigt, ihre Uniformen anzuziehen. Monſoon ſelbſt ſtand vor einem ungeheuern Waſſerbecken und wuſch ſich 17* 26⁰ mit dem Zipfel ſeines Waffenrockes die Korkverzierungen aus dem Geſichte.. „So wahr ich lebe, es iſt doch abſcheulich; Picton ſitzt mir beſtändig auf dem Nacken und doch waren wir Schulkameraden. Der Dienſt wird mit jedem Tage ſchlimmer. Sehen Sie mich einmal an, Pfarrer, iſt mein Geſicht ſauber? Nun danke Ihnen. Ein guter Kerl der Pfarrer, nur ſcheint er ſich dem Laſter des Trunks zu ergeben. Ach, Bürgermeiſter, ich fürchte, mit mir iſt Alles aus; kein Spaß, kein Pläſir, keine Plün⸗ derung mehr— und was habe ich denn gethan! Ein jeder ſieht auf ſeinen Nutzen. Der arme Mann iſtt ſelbſt bei ſeinem Nachbar verhaßt. Ja, Pfarrer, ſo ſpricht Salomo und es muß ſchon zu ſeiner Zeit eine Menge armer Leute gegeben haben. Inzwiſchen hatte ich mich ſeiner Stuhllehne genä⸗ hert, gab ihm einen kräftigen Schlag auf die Schulter und rief: „Major, wie gehts, alter Kerl?“ „He? was? wie? wer iſt das? Wahrhaftig, es kann doch nicht— und doch, Charley, Charley O'Mal⸗ ley, Sie Tauſendſaſſa! wo haben Sie geſteckt? wann ſind ſie eingetreten?“ „Vor einer Woche, Major, ich konnte nicht länger widerſtehen; habe alle meine Kräfte aufgeboten, um ein Landedelmann zu werden und ein reſpektables Leben zu führen; aber die alte Verſuchung war zu ſtark. Fred Power und Sie, Major, haben meine Erziehung verdor⸗ ben und jetzt bin ich wieder mitten unter Euch.“ „Alſo Picton und der Arreſt und Alles das war blos Scherz?“ fragte der alte Kerl, indem er ſeine ſpitz⸗ bübiſchen Augen mit einem liſtigen Ausdrucke rollte. „Ja, weiter nichts, Major, beruhigen Sie ſich.“ „Sie Gauner Sie,“ verſetzte er jetzt grinſend.„I est mon fils— il est mon fils, Curey,“ fuhr er fort, indem er mich der Geſellſchaft vorſtellte, während der Bürgermeiſter, in deſſen Augen der Major ein Mann Ziel glücklich erreicht hat, Uhr in der Hand da und ſieht, ob man nicht zehn Mi⸗ 261 von hoher Bedeutung war, mich mit tiefem Reſpekt begrüßte. 4 Ich wandte mich jetzt gegen dieſen Beamten und ſetzte ihm auseinander, daß ich der Ueberbringer wich⸗ tiger Depeſchen ſey, aber nicht weiter könne, indem mein Pferd— ich ſchämte mich zu ſagen mein Maul⸗ thier— lahm geworden.„ „Können Sie mir ein Remontepferd verſchaffen? denn ich muß in aller Eile nach Courtrai.“ „In einer halben Stunde ſollen Sie es haben und einen berittenen Führer dazu. Le fils de son Excel- jence,“ ſprach er dann mit einer feierlichen Verbeugung gegen den Major, der dieſe Höflichkeit mit einem noch tieferen Knixe erwiederte. „Setzen Sie ſich, Charley, da iſt ein reines Glas. Freut mich herzlich, Sie wieder zu ſehen. Man ſagt, Sie haben ein prächtiges Gut und Geld wie Heu. Gott wie oft haben wir uns nach Ihnen geſehnt! denn von uns allen kann keiner über ſechs Pence gebieten. Die Wechſelgeſchäͤfte vollends ſind ganz und gar verdorben. Sie haben wohl keine Zwanzigpfundnote bei ſich,“ fuhr er sotto voce fort.„Thut Nichts, mit zehn bin ich auch zufrieden, die übrigen zehn können Sie mir in Brüſſel geben. Sonderbar, ſeit zwölf Monaten iſt mir kein ſauberes Stück Bankpapier unter die Augen gekom⸗ men.“ So ſprechend ſteckte er ſeine Hand in die Taſche mit einem jener eigenthümlich pfiffigen Blicke, die leider mehr Vergnügen über den Erfolg, als Dankbarkeit für den geleiſteten Dienſt verrathen.„Sie ſind dick gewor⸗ den, beinahe zu dick,“ fuhr er fort, indem er mich von Kopf zu Fuß muſterte,„doch bei unſerem Leben wird dies bald wieder vergehen. Die Sklaverei iſt Pracht und Herrlichkeit dagegen. Heute in aller Haſt nach Ni⸗ velles, morgen nach Gent, zwanzig Stunden auf einer Steinchauſſee in geſtrecktem Galopp, und wenn man das ſteht ein Adjutant mit der 262 nuten zu ſpät gekommen iſt. Der Wellington hat ſeine Augen auch überall; er weiß von jedem Bündel Heu, das der Cavallerie geliefert wird und von jedem Paar Schuh das geflickt werden ſoll. Ich habe ſchon Etwas aufs Dach bekommen?“ „Wie ſo? Wie kam das?“ „Nun, er befahl mir zwei Schwadronen vom 7ten aufs Piket zu ſtellen und eben ſtand ein Souper bereit. Ich hatte alſo keine Luſt mein Quartier zu verlaſſen, nahm daher mein Telescop und ſuchte ein aller⸗ liebſtes Plätzchen aus, einen Hügel, der allerdings ſchwer zu erklimmen war, aber eine prachtvolle Aus⸗ ſicht gewährte.„Dort ſtellen Sie ſich auf, Kapitän,“ ſagte ich und ſandte einen meiner Leute aus, um den Ort zu bezeichnen. Der Kapitän hatte wenig Freude daran, inzwiſchen mußte er gehorchen. Nun denken Sie ſich— das nenn ich einmal Schickſalstücke— eine ganze Meile in der Runde war kein Waſſer aufzutreiben, ja kein Tropfen, Charley, und ſo marſchirten gegen elf Uhr Nachts die zwei Schwadronen nach Grammont hinein, um ihre Lippen zu netzen und was noch ſchlim⸗ mer war, um mich beim kommandirenden Offizier an⸗ zuzeigen. Würden Sies glauben, daß man mir da Ar⸗ reſt gab, blos weil es der Vorſehung in ihrer Weisheit nicht gefallen hatte, einen Fluß bergan laufen zu laſſen 2“ Kaum hatte der Major ſeine Erzählung geendet, als man in der Ferne den Hufſchlag von Pferden und das Geraſſel von Reiterei hörte. Wir ſtürmten alle nach der Thüre und kaum waren wir außer dem Hauſe an⸗ gelangt, als eine Schwadron Dragoner im ſcharfen Trab die Straße heraufkam. „Heda, Ihr guten Leute,“ rief ein Offizier auf Franzöſiſch,„wo wohnt der Bürgermeiſter?“ „Fred Power, ſo wahr ich lebe!“ jubelte der Major. „He, Monſoon, ſind Sie's, geben Sie mir ein Glas Wein, Alter; Sie haben gewiß welchen und ich bin ganz ausgetrocknet.“ 263 „Steigen Sie ab, Fred, ſteigen Sie ab, Sie tref⸗ fen einen alten Freund hier.“ „Wen mag er wohl meinen?“ ſagte Power, indem er ſich aus dem Sattel ſchwang und in's Zimmer trat. „Charley O'Malley! Gott, wie herrlich!“ „Fred, mein theuerſter Freund!“ rief ich. „Erſt dieſen Morgen, Charley, haben wir uns nach Ihnen geſehnt. Die Franzoſen rücken vor, mein Junge, und ſind bereits über der Gränze. Ziethen's Corps iſt angegriffen und zurückgetrieben worden; Blücher zieht ſich nach Ligny zurück und der Feldzug iſt eröffnet. Aber ich muß eilen. Das Regiment iſt dicht hinter mir und wir haben Befehl, ſo ſchnell als möglich in Brüſſel ein⸗ zutreffen.“ 3 „Dann werde ich wohl dieſe Depeſche nicht mehr abzugeben brauchen,“ ſagte ich, mein Paket hervor⸗ ziehend. „Nein, ſitzen Sie jetzt auf, und reiten Sie mit uns zurück.“ Der Bürgermeiſter hatte ſein Wort gehalten und mir einen tüchtigen Klepper verſchafft, auf dem ich nun⸗ mehr nach Brüſſel zurücktrabte. Ich bin ſchon mehr als einmal im Fall geweſen, den Leſer wegen der Weit⸗ ſchweifigkeit meiner Erzählung um Nachſicht bitten zu müſſen, deßhalb will ich ihn jetzt nicht mit den Einzel⸗ heiten unſerer Unterhaltung behelligen. Von mir und meinen Abenteuern weiß er ſchon genug— ja nur zu viel.— Fred's Laufbahn war reich an all dem Licht und Schatten eines Soldatenlebens geweſen, jedoch hatte er nur mit einem einzigen von den bereits bekannten Charakteren meiner Erzählung in Verbindung geſtanden, und deßhalb will ich auch nur von dieſem allein ſprechen. „Und die Senhora, Fred, wie ſtehen Sie mit ihr?“ „Ganz vortrefflich, Charley; ich erwarte jeden Tag mein Avancement und dann wird ſie die meinige.“ 1„Paben Sie in der neueſten Zeit Nachrichten von r 2⸗ 264 „Nachrichten! Nein, mein Lieber, ſie iſt in Brüſſel!“ „In Brüſſel!“ „Ja wohl. Don Emannel ſteht bei dem Herzog in großer Gunſt und iſt jetzt Generalcommiſſär bei der Armee. Die Senhora aber iſt die anerkannte Schönheit der Rue Royale und theilt ihre Oberherrlichkeit höchſtens noch mit Lucy Daſhwood. Und nun, Charley, wie ſteht es mit ihr? Werden Sie nur nicht ſo roth, mein Lie⸗ ber, der Mond ſcheint hell genug, um zu zeigen, wie zart Sie es in dieſem Punkte nehmen.“ „Einfürallemal, Fred, verſchonen Sie mich mit allen Fragen in dieſer Beziehung. Sie ſind in Ihrer Her⸗ zensangelegenheit viel zu glücklich und ich viel zu un⸗ glücklich geweſen, als daß große Sympathie zwiſchen uns ſtattfinden könnte.“ „Sie beſuchen ſie aber doch noch? Oder iſt alle Verbindung abgebrochen?“ „Seit der Maskerade auf der Villa habe ich ſie nicht mehr getroffen— wenigſtens nicht geſprochen—“ „Nun, ich muß geſtehen, Sie ſcheinen für Ihre eigenen Angelegenheiten ſchlechter zu ſorgen, als für die Ihrer Freunde; übrigens iſt auch das ein ächt iriſcher Zug in Ihrem Charakter. Jedenfalls werden Sie auf den Ball kommen, Inez wird entzückt ſeyn, Sie zu ſehen und ich bin über alle Eiferſucht hinaus.“ yön„Was für ein Ball? Ich habe von Nichts ge⸗ ört.“ „Nichts gehört? Ei, mein Lieber, die Herzogin von Richmond gibt ihn und Sie ſind natürlich auch eingela⸗ den. Der Stab wird bei ſolchen Gelegenheiten nie ver⸗ nachläſſigt; gewiß ſinden Sie eine Karte, ſobald Sie in Ihr Hotel zurückkommen.“ „Jedenfalls, Fred—“ „Beſtehe ich darauf, daß Sie erſcheinen. Ich habe wahrhaftig keine Hintergedanken in Betreff einer Verſöh⸗ nung mit Daſhwoods, aber ich ſehe nur zu deutlich, daß Sie es in der Welt nie zu Etwas bringen werden, wenn Sie ſo fortfahren vor allen Verlegenheiten zurück⸗ zuſchrecken. Nur nicht böſe, mein Junge, ich weiß, daß Sie Entſchloſſenheit genug haben eine Batterie zu ſtür⸗ men, ich habe Sie ſelbſt geſehen. Aber was nützt aller Muth im Feld, wenn man nicht auch im Salon Geiſtes⸗ gegenwart beſitzt? Inzwiſchen iſt die Sache abgemacht, denn es wäre eine Verletzung der Etikette gegen Ihren Chef, wenn Sie eine ſolche Einladung ablehnten.“ „Meinen Sie?“ „Ich meine nicht, ich weiß es beſtimmt.“ „Aber die Uniform, Fred?“ „Das läßt ſich leicht machen. Ich beſitze eine un⸗ beſtimmte Uniform, die Sie haben können: aber Sie dürfen nicht vergeſſen, mein Beſter, daß Sie, wenn ich Sie auch in meinen Rock ſtecke, doch nicht in meinen Schuhen zu ſtehen haben. Apropos, ich bin Ihnen noch ein Pferd ſchuldig und befinde mich jetzt gerade im Stand, meine Schuld abzutragen. Ich habe ein Thier von Ihrer Leibeouleur, dunkelkaſtanienbraun, und außer einem weißen Bein nicht ein einziger Fleck am ganzen Leibe. Es trägt ſechzehn Stein über eine fünf Fuß hohe Mauer und ſteht im Feuer wie ein Fels.“ „Aber Fred, können Sie es auch entbehren?“ „Ja wohl, ich habe ſechs in meinem Stall und will mit Ihnen theilen. Ich bin nämlich in den letzten ſechs Monaten von einem Stab zum andern verſetzt worden und vier davon ſind Geſchenke. Iſt Mickey bei Ihnen? Ah, das freut mich! Sie können ohne den Burſchen nicht leben, und es iſt wirklich etwas Herrliches mit der Nationalität auf ſolche Art in Verbindung zu bleiben. So lange Mr. Free in Ihrer Geſellſchaft weilt, können Sie Irland nicht vergeſſen. Wiſſen Sie auch, daß wir mit einander correſpondirt haben? Mickey ſchrieb mir zwei Briefe und was für Briefe! Der letzte war eine Jeremiade über Ihren gänzlichen Untergang und enthielt zum Schluß eine ominöſe Beſchreibung einer gewiſſen Miß Baby Blake.“ „Der verdammte Schurke!“ „Bei Gott, Charley, Sie müſſen es mit dieſer Baby doch etwas ſtark getrieben haben. Inez ſah den Brief und ſo gut ſie Mickey's Hieroglyphen zu entziffern ver⸗ mochte, merkte ſie Etwas von der Sache; aber der Name Baby brachte ſie wieder in Verwirrung und ſie ſchrieb das Ganze Ihrer großen Liebe zu den Kindern zu; inzwiſchen glaube ich nicht, daß Miß Daſhwood derſelben Anſicht war.“ „Hat ſie es denn Miß Daſhwood erzählt?“ fragte ich mit Furcht und Zittern. „Ja gewiß. Inez ſpricht mit Lucy unaufhörlich von Ihnen. Aber ſehen Sie nur nicht ſo ernſthaft drein, mein Freund, laſſen Sie uns erſt einen neuen Strauß mit dem Feinde haben; erobern Sie eine Batterie; nehmen Sie ein paar franzöſiſche Marſchälle gefangen; erjagen Sie ſich den Bathorden; laſſen Sie ſich in den Tagsbefehlen Dank ſagen und ich ſetze alle meine Luft⸗ ſchloͤſſer daran, daß es noch gut mit Ihnen geht,“ Unter ſolchem Geplauder über die Vergangenheit, über unſere fruͤheren Freunde und luſtigen Kameraden, über unſere Tage des Sturmes und des Sonnenſcheins, ſowie über die Zukunft, der wir entgegengingen, trabten wir weiter und erreichten mit Tagesanbruch eine niedrige Hügelkette, von wo aus wir nach ein Paar Stunden vor uns die Stadt Brüſſel erblickten. Hundertundachtzehntes Kapitel. Der Ball der Herzogin von Richmond. Moͤgen wir nun hauptſächlich die hochberühmten, ausgezeichneten Perſonen, die ſich hier zuſammen⸗ fanden, oder den verhängnißvollen Zeitpunkt, in dem er 267 gegeben wurde, ins Auge faſſen, ſo war der Ball der Herzogin von Richmond in der Nacht vom 15. Juni 1815 nicht blos eine der denkwürdigſten, ſondern auch der allerintereſſanteſten Luſtbarkeiten, deren ſich wohl irgend ein Menſch erinnern wird. Es bleibt immer ein ungemein anziehendes Schau⸗ ſpiel, wenn der wettergebräunte, abgehärtete Kriegsmann ſich in die Geſellſchaft der glänzenden heitern Schönheit miſcht. Das Auge, deſſen ſtolze Flamme über die eiſen⸗ gepanzerten Schwadronen hingeblitzt, ſenkt ſich jetzt ſanft vor dem Blick eines ſchüchternen Mädchens zur Erde; die Stimme, welche das Schlachtengetöſe und den Sturm⸗ wind übertäubend, das blutige Wort Greift an! ge⸗ rufen, hat jetzt nur leiſe, ſchmeichleriſche koſende Töne und dieß allein gibt ſchon ein anmuthsvolles Gemälde; aber wenn wir dieſe Helden von hundert Schlachten, wenn wir die kecken Veteranen, deren tiefgerunzelte Stirnen und graue Locken vom Sturme der Zeiten erzählen, der ſorgloſen Heiterkeit eines Augenblicks, der ihnen zufällig auf ihrer mühe⸗ und gefahrvollen Bahn zu Theil wird, ſich hin⸗ geben ſehen, während der Fußtritt des herannahenden Feindes bereits den Boden erſchüttert, auf dem ſie ſtehen, und jeder eintretende Adjutant die Nachricht bringen kann, daß das Werk des Todes begonnen hat, ſo iſt dieß eine Scene, bei welcher das Herz hochauf klopft, der Puls lauter und voller ſchlägt; ein Augenblick, der an ſtolzer Aufregung nur dem Gewühle der Schlacht ſelbſt nachſteht. In dieſem hinreißenden Wirbelwind der Leidenſchaft und Freude, glänzender Schönheit und ge⸗ adelter Groͤße, ſtrahlender Vereinigung von Allem, was die Frauenwelt Schönes, und die Maͤnnerwelt Ritter⸗ liches und Männliches aufzuweiſen vermochte, trat ich jetzt noch jung an Jahren, aber dennoch durch mancher⸗ lei Kummer gezügelt und gebändigt; trotz dem aber war der Zauber und die Pracht des Schauſpiels von der Art, daß ſogleich eine gänzliche Veränderung mit mir vorging. Mein ganzes früheres Jugendfeuer, mein be⸗ 268 geiſterter Drang, Etwas zu thun, Etwas zu werden, von was die Menſchen ſprechen mußten, ſtellte ſich auf einmal wieder ein, und meine Wangen glühten, meine Schläfe pochten, wenn die beſternten Krieger einer um den andern angemeldet wurden, denn auch mir, dachte ich, ſey jetzt die Bahn ruhmvoller Unternehmung ge⸗ öffnet. „Kommen Sie ſchnell,“ ſagte Power, mich am Arme ergreifend.„Sie ſind der Herzogin noch gar nicht vorgeſtellt; ich kenne dieſe Dame und will Ihnen zu Liebe Etwas thun, oder vielleicht wäre es beſſer, wenn Sir Thomas Picton es thäte. Jedenfalls bleiben Sie dicht hinter mir, denn die ſchwarzäugige Senhora erwartet uns. Sehen Sie dort jenen dunkelfarbigen, geſcheidt ausſehenden Burſchen, der ſich auf das Ende des Sophas lehnt? Das iſt Aliva. Dort, jenes Ideal von einem ſchönen Huſaren kennen Sie. Wie graziös er ſich hält, wie nachläſſig und doch anmuthig er durch die Menge dahinſchreitet! Wie anſtandsvoll er ſich verbeugt! und ſehen Sie den raſchen Blick, den er dort⸗ hin ſchweifen läßt und das ſanfte Lächeln, das ſeine ſchönen Zähne zeigt; glauben Sie mir, dieſer Blick macht irgend einem zarten Herzen heiß.“ „Wer iſt es?“ fragte ich. „Nun, Lord Urbridge, der ſchönſte Mann im gan⸗ zen Armeecorps: und dort kommt Vandeleur, der mit Vivian ſpricht; der Andere links iſt Ponſonby.“ „Aber wer iſt das dort, Fred?“ Einen Augenblick vermochte ich ihm nicht ganz klar zu machen, wen ich meinte. Das Individuum, auf das ich deutete, war etwas über mittlere Größe und trug eine goldgeſtickte blaue Uniform, die bei all ihrem Reichthum dennoch eine gewiſſe Einfachheit hatte; auf ſeiner Bruſt prangte unter mehrern andern Orden ein großer, glänzender Brillantſtern. Dieß war jedoch ſeine geringſte Aus⸗ zeichnung, denn obſchon er von Leuten umringt war, die man als Muſterbilder ihres Standes erklären konnte, ſo lag doch etwas ganz Eigenthümliches in der leichten, aber aufrechten Haltung ſeines Kopfes, in dem uner⸗ ſchrockenen Charakter ſeiner Züge, und in dem kühnen, kräftigen Blitzen ſeines tiefblauen Augds; mit einem Wort, man ſah, daß er kein gewöhnliches Menſchenkind war. Er unterhielt ſich mit einem alten, proſaiſch aus⸗ ſehenden Herrn in Civil und während ich ihm anſah, daß er den langweiligen Geſellen ſehr gerne von ſich abgeſchüttelt hätte, ſo lag doch in ſeinem Benehmen die gütigſte Aufmerkſamkeit und die gewinnendſte Herab⸗ laſſung. „Ein echter Gentleman, Fred, wer es auch ſeyn mag,“ ſagte ich. „Das will ich meinen,“ antwortete Power trocken, „übrigens dank's ihm der Teufel, wie unſere Landsleute ſagen würden: es iſt der Prinz von Oranien. Aber ſehen Sie jetzt, wie ſeine Züge eine noch anmuthigere Geſtalt annehmen.“ Und ſo war es auch; mit dem einnehmendſten Lächeln und einer Stimme, welcher der etwas fremde Accent noch ein neues Intereſſe gab, hörte ich ihn eine Dame zum Walzer auffordern. Eine Aufregung entſtand im ganzen Saale, als die Dame ſich erhob und ſeinen Arm nahm. Wie ſchön! Wie ſchön! flüſterte es von allen Seiten. Ich beugte mich über, um ſie zu ſehen— es war Lucy Daſhwood. Schöner als alles, was mein Auge je geſchaut, ihr liebenswürdiges Antlitz von Freude und Stolz über⸗ ſtrahlt, ſchien ſie in jeder Beziehung würdig, ſich auf einen Königsarm zu ſtützen. Die anmuthsvolle Maje⸗ ſtät ihres Ganges, die Lieblichkeit ihres ſanften Lächelns er füllte Jedermann mit Bewunderung. Was mich betraf, ſo vergaß ich alles andere und ſah und hörte nichts mehr, ſondern ließ meine Blicke auf ihr haften, bis ſie ſich unter der Menge verlor; dann aber folgte ich ihr mit einem Drange, den ich nicht mehr zu bewältigen vermochte. „Hieher, hieher,“ ſagte Power, vich ſehe die Sen 270 hora.“ Bei dieſen Worten traten wir in ein kleines Boudoir, wo eine kleine Geſellſchaft Karten ſpielte. Auf eine Stuhllehne geſtützt, bemühte ſich Inez mit dem ihr eigenthümlichen Gemiſch von halber Koketterie und Bosheit, die Aufmerkſamkeit des vor ihr ſitzenden Spie⸗ lers zu ſtören. Als Power herbeikam, drehte ſie kaum ihr Köpfchen nach ihm und ſchenkte ihm nur ein halb trotziges Lächeln. Mir dagegen ſtreckte ſie mit freund⸗ licher Wärme ihre Hand entgegen und ſchien ungemein vergnügt mich zu treffen. „Bitte, nehmen Sie die Senhora weg; bewegen Sie ſie zum Tanzen, Eiseſſen oder zu Liebeständeleien, wie Sie wollen,“ ſagte ihr Schlachtopfer halb lachend. Ich habe, ſeit ſie hier iſt⸗ zweimal verleugnet und vier⸗ mal vergeben. Sie thun mir den größten Gefallen, wenn Sie Hier drehte er ſich nach mir und ich bemerkte, daß es Sir George Daſhwood war. Dieſes Zuſammen⸗ treffen war ihm ebenſo unangenehm wie mir; eine tiefe Röthe überzog meine Wangen, er murmelte einige un⸗ verſtändliche Entſchuldigungen, Inez aber brach in ein ſchallendes Gelächter über die Peinlichkeit unſerer gegen⸗ ſeitigen Stellung aus. „Ich will jetzt mit Ihnen tanzen, wenn Sie wol⸗ len,“ ſagte ſie,„und das wird für alle Drei eine Strafe ſeyn; nicht wahr, Meiſter Fred?“ So ſprechend nahm ſie mich am Arm und ich führte ſie in den Ballſaal. „So ſtehen Sie alſo wirklich nicht mehr gut mit Daſhwood's? Wie ärgerlich und wie abgeſchmackt zu⸗ gleich! Aber wahrhaftig, mein Herr Chevalier, ich muß Ihnen ſagen, daß Sie die Damen ſehr ſchlecht be⸗ handeln. Ihr Benehmen gegen mich werde ich nie ver⸗ geſſen! O Gott, wenn wir nur einmal Etwas vor⸗ wärts kämen; da iſt Jemand, der mich ganz abſchenlich drängt.“ „Vorwärts, mein Fräulein, vorwärts,“ ſagte eine 271 ſcharfe, entſchiedene Stimme hinter mir. Ich wandte mich halblächelnd nach dem Sprecher um. Es war der Herzog von Wellington, der, eine entfernte Perſon im Auge haltend; ſich ſehr wenig darum kümmerte, wer ihm den Weg verſperrte. Als ich auf die Seite trat, um ihn zwiſchen uns durchzulaſſen, ſah er mich ſcharf an und ſagte dann ſchnell:„Kenne Ihr Geſicht noch recht gut, wie geht's?“ Damit ſchritt er raſch vorüber und überließ es mir, Inez über ihren zerknitterten Aermel zu tröſten, indem ich ſagte, wer ihn zerknittert hatte. Die Freuden des Balles hatten jetzt ihren Gipfel⸗ punkt erreicht. Man walzte und wirbelte in der wilden Erregung des Tanzes dahin. Die begeiſternden Töne der Muſik, das heitere Lachen, das Getöſe, der Tumult, alles brachte jene ſeltſame Miſchung hervor, welche auf die Gemüther dermaßen zurückwirkt, daß man über der Fröhlichkeit des Augenblicks alles Andere vergißt, daß es den Alten zu Muthe wird, als wären ſie wieder jung, die Jugend aber ſich vor Wonne und Luſt kaum zu faſſen weiß. Als die Senhora, müde vom Walzen, ſich auf meinen Arm lehnte, verſuchte ich ein Geſpräch mit ihr zu führen, aber meine Gedanken wanderten mit meinen Augen beſtändig dahin, wo ich Lucy Daſhwood zum letzten Mal geſehen hatte. „Es muß etwas Wichtiges im Werke ſeyn,“ ſagte ſie am Schluß einer Rede, von der ich kein Wort ge⸗ hört hatte.„Sehen Sie nur General Picton an.“ „Ja wirklich, recht niedlich, aber ihr Haar weiß ſte nicht zu tragen,“ verſetzte ich und beantwortete damit eine ihrer früheren Bemerkungen. Ich erwachte noch immer nicht aus meiner Träumerei, bis ſie jetzt laut auflachte, mich am Arme ſchüttelte und ſagte:„Wahr⸗ haftig, Sie ſind unerträglich. Auf keines meiner Worte gaben Sie geachtet, ſondern ſtarren an Einem fort da und dorthin; dabei haben Sie ein einfältiges, nichts⸗ ſagendes Lächeln und antworten nur ins Blaue hinein, ſo daß ich mich zu Tode ärgere. Jetzt aber ſeyen Sie einmal aufmerkſam und ſagen Sie mir, was das be⸗ deuten ſoll?“ Hier deutete ſie mit ihrem Fächer auf einen Dragoneroffizier mit beſpritzter Uniform, der mit drei oder vier Generalen ſprach.„Doch da kommt ja der Herzog⸗“ ſchloß ſie;„es kann alſo Nichts von Be⸗ deutung ſeyn.“ In dieſem Augenblick ging der Herzog von Welling⸗ ton mit der Herzogin von Richmond am Arme vorüber. „Nein, Herzogin, nichts Beunruhigendes; wollen Sie Eis?“ „Nun, da haben Sies alſo gehört,“ ſagte Inez, „wir haben Nichts zu fürchten.“ „Gehen Sie ſogleich zu General Pieton, aber daß es Niemand bemerkt,“ flüſterte ein Ofſizier, indem er dicht an mir vorbeiging. „Inez, ich bin ungemein neugierig, was da vor⸗ gefallen iſt, und wenn Sie erlauben, ſo laſſe ich Sie einen Augenblick bei Lady Gordon.“ „Freut mich ſehr; Sie ſind der allerlangweiligſte- leben Sie wohl.“ „Sans adieu;“ ſagte ich, indem ich mich durch die Maſſe hindurch nach einem offenen Fenſter hinar⸗ beitete, auf deſſen Balkon Sir Thomas Picton ſtand. „Ah, O'Malley, haben Sie ein Bleiſtift? So, das iſt ſchon genug. Reiten Sie nach Etterbeck und bringen Sie Godwin dieſe Ordre. Sie wiſſen ohne Zweifel, daß die Franzoſen heranrücken. Das 79ſte wird auf dem großen Platz aufmarſchiren; das 92ſte und 28ſte längs des Parks und des Boulevards. Napoleon hat heute früh Frasne verlaſſen: die Preußen haben ſich zuruck⸗ gezogen, Ziethen iſt geſchlagen. Wir marſchiren ſogleich.“ „Morgen Sir?“ „Nein, noch in der Nacht. Sputen Sie ſich, aber thun Sie Alles ſo geräuſchlos wie möglich. Der Herzog will noch eine Stunde hier bleiben, um jeden Verdacht — 273 zu vermeiden. Wenn Sie Ihre Befehle uberbracht haben, ſo kommen Sie hieher zurück.“ Ich ſchwang mich auf das erſte beſte Roß, das vor der Thüre ſtand, und galoppirte die ſchwierige Straße nach Etterbeck hinan. In zwei Minuten rief die Trommel zu den Waffen und die Truppen ſtanden in Reih und Glied, als ich wieder wegritt. Ich eilte dann in die Quartiere der hochländiſchen Brigade und des 28ſten Regiments, und bevor eine halbe Stunde ver⸗ ging, war ich wieder im Ballſaal, wo, dem Tumult nach zu urtheilen, die Freude noch ungeſtört herrſchte. Auf der Treppe kam mir eine Menſchenmaſſe entgegen, ſo daß ich auf die Seite treten mußte, um ſie voruͤber zu laſſen. 4 „Ah, kommen Sie hieher,“ ſagte Picton, der mit einer Dame in Hut und Mantel am Arm ſich Bahn zu brechen verſuchte.„Das iſt der rechte Mann. Wollen Sie entſchuldigen, wenn ich Sie jetzt dem Schutz meines Adjutanten anvertraue, der Sie nach dem Wagen be⸗ gleiten wird. Der Herzog hat ſo eben nach mir geſchickt.“ Dies ſagte er in haſtigem, aufgeregtem Tone und zu⸗ gleich winkte er mir der Dame den Arm zu reichen. Nur mit einiger Schwierigkeit erreichte ich den Ort und hatte blos Zeit zu fragen, weſſen Wagen ich be⸗ ſtellen ſolle, als wir unten ankamen. „Sir George Daſhwoods,“ ſagte eine ſanfte leiſe Stimme, deren Töne mein innerſtes Herz ergriffen. Himmel! es war Lucy ſelbſt. Ihr Arm lehnte auf dem meinigen, ihre Locken waren es, die neben mir flatter⸗ ten, ihre Hand war der meinigen ſo nahe und doch ver⸗ mochte ich nicht zu ſprechen. Ich verſuchte ein Wort, aber es blieb mir in der Keble ſtecken, und ſchon ſtan⸗ den wir auf der Treppe vor dem Haus. „Sir George Daſhwoods Wagen,“ rief der Lakai und der Portier wiederholte es. Die Tritte wurden ſchnell hinabgelaſſen, der Lakai hielt den Schlag in der Lever, O⸗Malley. WV. 18 274 Hand, und ſtumm und bebend führte ich die Angebetete meines Herzens vorwärts. Kannte ſie mich? Ich unter⸗ ſtützte ſie beim Einſteigen; ihre Hand berührte die mei⸗ nige: es war das Werk einer Sekunde, aber für mich die Seligkeit eines Jahrhunderts. Sie beugte ſich ein wenig über und als der Bediente die Tritte wieder auf⸗ ſchlug, ſagte ſie mit ihrer ſanften, holdſeligen Stimme: „Danke Ihnen, Sir, gute Nacht.“ Ich fühlte mich an der Schulter berührt von Je⸗ mand, der, wie es ſchien, ſchon ſeit einigen Sekunden dicht hinter mir ſtand; aber ſo gänzlich waren meine Gedanken der Dahinfahrenden gewidmet, daß ich nicht darauf achtete. Der Wagen raſſelte weg und verlor ſich in dem dichten Dunkel einer ſternloſen Nacht. Als ich mich jetzt wieder dem Hauſe zuwandte, beſchien die Lampe den Mann neben mir und zeigte mir das leichen⸗ blaſſe Geſicht von Fred Hammersley. Sein Auge haftete auf mir mit einem Ausdruck wilder, glühender Leiden⸗ ſchaft, doch ließen ſich die tiefen Spuren bitteren Seelen⸗ leides in ſeinem Geſichte nicht verkennen. Seine blut⸗ loſen Lippen öffneten und bewegten ſich zum Sprechen, aber kein Wort kam hervor; ſeine Naſe dehnte ſich und zog ſich ſchnell wieder zuſammen; kurz alles deutete auf eine heftige, verborgene Aufregung, die in ihm wüthete. „Hammersley!“ ſagte ich, ihm die Hand hinbie⸗ tend;„Hammersley, mißkennen Sie mich nicht immer.“ Er ſchüttelte traurig den Kopf und ließ ihn auf die Bruſt fallen; dann ging er langſam, ohne ein Wort zu ſprechen, weg. General Pictons Stimme, als er mit den Genera⸗ len Vandeleur und Vivian die Treppe herabkam, er⸗ weckte mich raſch wieder und ich eilte zu ihm hin. „Jetzt zu Pferde, Sir; die Truppen ziehen zum Namur'ſchen Thore hinaus, dort treffen Sie mich in einer Stunde. Inzwiſchen ſagen Sie dem Oberſten 3 Cameron, er ſolle mit den leichten Compagnien ſeines eigenen und des 92ſten Regiments ſogleich aufbrechen.“ „Hören Sie, Picton, man wird in England ſagen, wit ſeyen überrumpelt worden, glauben Sie nicht?“ ſagte eine ſcharfe ſtarke Stimme in halb lachendem Tone hinter uns. „Nein, Herr Herzog,“ antwortete Sir Thomas ſich leicht verbeugend.„Das wird man nicht ſagen, wenn man hört, zu welcher Zeit wir unter die Waffen ge⸗ treten ſind.“ Mehr vernahm ich nicht, ſondern ſchwang mich jetzt in den Sattel und ritt noch einmal nach Bellevue zurück, um Alles zum Aufbruch anzuordnen. Die dünne, bleiche Sichel eines Neumondes, über welchen Maſſen von dunkeln finſtern Wolken hinjagten, beleuchtete mit ihrem ſchwachen, matten Lichte die ſchlanken Thürme des Stadthauſes, als ich über den großen Platz ritt. Trotz der mitternächtlichen Stunde waren die Straßen ſo vollgedrängt wie am Tage. Rei⸗ terei und Fußvolk trieb ſich aneinander vorüber: der wilde Pibroch der Hochländer, die ſanften Hörner des 7iſten, die rauhen Trompeten der Cavallerie miſchten ihre Töne mit einer Flut von menſchlichen Stimmen, in der man alles hören konnte, von dem triumphiren⸗ den Gejubel der Siegesahnung bis zum herzzerreißenden Wehklagen weiblicher Angſt. Lichter glänzten an allen Fenſtern, beinahe aus allen Häuſern ſtrömte eine Maſſe Soldaten und Bürger heraus. Dort ſah man Sergean⸗ ten ihre Leute zählen mit kalten, feſten Mienen, worauf keine Spur von Bewegung zu ſehen war. Neben ihnen ſchaute ein junger Fähndrich, deſſen bartloſe Wangen und nichtsſagendes Lächeln den Knaben verriethen, mit einer Miſchung von Stolz und Verwunderung auf die wilde Szene. Dann und wann galoppirte ein General mit ſeinem Stabe vorüber und aus der immer drängen⸗ deren Eile, womit man die Truppen muſterte und for⸗ 18 276 mirte, konnte ich erſehen, wie bald wir mit dem Feinde zuſammentreffen ſollten. Es gibt unicht viel ſchönere Denkmäler der mittel⸗ alterlichen Baukunſt, als auf dem großen Platze zu Brüſſel. Die rauhe Facade des Stadthauſes mit ihrer langen Kolonnade und den zierlich geſchwungenen Bogen, wo von jedem Schlußſtein ein grimmiges, groteskes Haupt herabſchaut; die maſſiven Karnieße, die in tauſend ſelt⸗ ſamen wunderlichen Formen geſchnittenen Kragſteine; aber ſchöner als alles, der ſchlanke, ſtattliche Thurm mit erhabenen durchbrochenen Arbeiten wie aus Silber getrieben, der zum Himmel emporragt und mit ſeinen immer zierlicher und feiner werdenden Zinnen die Sterne zu berühren ſcheint,— Alles das vereinigt ſich zu einem Schauſpiel der erhabenſten und ehrwürdigſten Art. Wie voll von Erinnerungen iſt jede dunkle Niſche, jede ſchmale Fenſteröffnung umher! Hier ſtand vielleicht der große Kaiſer Karl V. und dachte über die Herrlichkeiten nach, denen er für immer zu entſagen im Begriffe ſtand. Hier aus dieſem hohen Fenſter blickte vielleicht das melan⸗ choliſche, krankhafte Geſicht der Johanna Lafolla mit unſtäten Augen und traurigem Lächeln auf die glänzende Prozeſſion hinab. Da iſt kein Stein, der nicht unter dem Tritte eines ſtolzen Fürſten oder kühnen Barons ertönt hätte. Aber dennoch ſchauten auch in den blühend⸗ ſten Tagen der alten Ritterzeit dieſe ſtolzen Wohnungen der Großen und Mächtigen niemals auf ſo wackere, tapfere Gäſte wie diejenigen, die ſich jetzt unter ihrem Schatten dahin drängten. Es war in der That ein prachtvoller Anblick beim Scheine der Fackeln und Laternen, den gemeſſenen feſten Tritt der hochländiſchen Regimenter zu beobachten, wenn ſie ins Freie hinauszogen, denn es waren dies ſtolze, kräftige Tritte, die mit den wilden Klängen ihrer heimiſchen Bergmuſik auf's Innigſte zu ſympathiſiren ſchienen. Schweigend und ſtill ſchritten ſie umher; keine Stimme ließ ſich in ihren Reihen ver⸗ nehmen, ſondern man hörte nur hie und da ein kurzes* 277 Kommandowort, oder auch eine beifällige Bemerkung eines ergrauten Generals, wenn er die Linien hinabritt und ſich überzeugte, daß alles ſo pünktlich und ſo ge⸗ ordnet war, wie auf einer Parade. Mittlerweile begann aus der Ecke des Platzes die Muſik eines heranziehenden Regiments zu ſpielen, zu dem begeiſternden Marſche: „Der junge Maimond“ rückte das tapfere 28ſte heran und ſtellte ſich den Hochländern gegenüber auf. Die tiefe Glocke des Stadthauſes ſchlug Eins. Das feierliche Getöne klang weit hinaus und erſtarb in einem mannigfachen Echo, nicht ohne ein gewiſſes trübes Ge⸗ fühl im Herzen zu hinterlaſſen. Es ähnelte dem tiefen Geläute der Todtenglocke, und über manche Wange lief der Schauer einer Ahnung, denn es war nur zu wahr, daß viele den Ton zum letzten Male hören ſollten. „Vorwärts! Marſch!“ erſcholl es von der Front bis zum Nachtrab, und als die Muffkchöre wieder ihre begeiſternden Weiſen anſtimmten, ſetzte ſich das 79ſte in Bewegung; das 2sſte folgte und hinter ihnen kamen das 71ſte und das 92ſte. Woge auf Woge ſtrömte die Flut der Bewaffneten vorwärts und erſtieg die enge ſteile Straße der obern Stadt. Hier formirte ſich auf der Place Noyale die Brigade Packs, und eine Menge Stabsofftziere diktirten Befehle, oder ſchrieben auf den Trommeln Depeſchen. Ein Trupp Dragoner ſtand vor Bellevue neben ihren Pferden und Bediente führten die Thiere der Ofſiziere auf und ab. „Reiten Sie nach Bois de Cambre,“ ſagte Picton, „und beordern Sie die Truppen nach der Straße von Mont⸗Saint⸗Jean. Dort erwarten Sie weitere Ordre.“ Ich beeilte mich dieſem Befehle zu gehorchen, ge⸗ langte aber nur mit Schwierigkeit durch die entgegen⸗ ziehende Menge hindurch nach dem Namur'ſchen Thore. Hier traf ich eine Abtheilung Garden, die noch immer keine Marſchordre erhalten hatte und mit Verwunderung von dem Vorrücken hörte. Nach zehn Minuten kam ich an die Ecke des Waldes, von wo aus ich an meinen Wirth in Bellevue einige Zeilen ſchrieb und ihn erſuchte, mir Mickey mit meinen Pferden und Effekten nachzu⸗ ſchicken. Die Nacht war kalt und finſter: der Wind ſauste mit wehklagendem Geheul durch die dunklen Fich⸗ tenbäume, und als ich ſo allein daſtand, hatte ich Zeit über die verhängnißſchweren Stunden vor mir und über das Feld nachzudenken, das binnen Kurzem den Triumph oder die Niederlage der Waffen meines Landes ſchauen ſollte. Die Straße durch den Wald von Soignies wurde durch das dichte Gebüſch deſſelben noch düſterer. Nur von Zeit zu Zeit trat der blaſſe Mond aus den Wolken hervor und nicht ein einiger Stern ſtand am trüben Himmel. Es war etwas Feierliches, Ahnungsgrauen Erweckendes um das donnernde Gerolle dieſer gewaltigen Kolonne, deren Marſch die Echos des ſtillen Waldes weckte. So haſtig war die Bewegung, daß wir beinahe gar keine Artillerie oder blos die vom leichteſten Kaliber mitnahmen. Aber das Geraſſel der Cavallerie und das ſchwere eintönige Geſtampfe des Fußvolkes ſcholl in weite Ferne, eine Diviſion folgte der andern und Stabsoffi⸗ ziere jagten auf und ab, um die vom beſten Willen beſeelten Truppen noch mehr anzuſpornen. „Hieher aufgerückt 59ſtes! Ha 42ſtes, wir haben Arbeit vor uns,“ rief Picton, indem er vor ſeine Bri⸗ gade ritt. Der Anſtrich von Niedergedrücktheit, der gewöhnlich auf ſeinem ſorgendurchfurchten Geſichte lag, „hatte einem heitern, lachenden Ausſehen Platz gemacht, auch ſeine Stimme war geſänftigt und hatte einen ge⸗ wiſſen freundlichen Klang. Obſchon man mitten im Sommer ſtand, ſo lag doch tiefer Koth auf den Straßen, da es einige Wochen vorher beſtändig geregnet hatte, und dadurch wurden die Strapazen eines nächtlichen, foreir⸗ ten Marſches noch unendlich erhöht. Trotz dieſer Unan⸗ nehmlichkeiten hörte man jedoch nirgends ein Murren oder Klagen. „Ich freue mich ſehr die Burſche einmal zu Geſicht. 279 zu bekommen,“ ſagte ein großer bärenmäßiger Sergeant, der neben mir marſchirte. 3 „Ich glaube kaum, daß ihre Geſichter Euch über⸗ mäßig gefallen werden,“ verſetzte Mickey, der ſich auf den bevorſtehenden Kampf mehr freute, als vielleicht jeder andere unter den vielen Tauſenden. 4 Der Tag brach langſam an, als ein preußiſcher Offizier, mit Koth und Schweiß bedeckt, daherſprengte. Während ich meine Muthmaßungen über ſeine Botſchaft anſtellte, ritt Power heran. „Wir ſind mitten drin, Charley,“ ſagte er.„Die ganze franzöſiſche Armee iſt auf dem Marſch begriffen und Blüchers Adjutant, der ſo eben kam, gibt die Zahl auf 150,000 Mann an. Die Preußen haben ſich zwi⸗ ſchen Saint⸗Amant und Sombref aufgeſtellt, die Naſ⸗ ſauer und die Holländer ſtehen in Quatrebras, beide eines Angriffs gewärtig.“ „War nicht Quatrebras der urſprüngliche Sam⸗ melplatz für unſere Truppen?“ fragte ich. „Ja, ja, und eben dahin marſchiren wir jetzt; aber unſer preußiſcher Freund„ſcheint zu glauben, daß wir viel zu ſpät kommen. Starke franzöſiſche Corps ſind bereits in Frasne, wie man ſagt unter den Befehlen des Marſchalls Ney.“ 3 Das Hauptaugenmerk unſeres Oberbefehlshabers war jetzt darauf gerichtet, in Quatrebras bald genug anzukommen, um ſich mit Blücher vereinigen zu können, bevor eine Schlacht möglich war. Zu dieſem Behuf wurde keine Mühe geſcheut und man machte beinahe übermenſchliche Anſtrengungen. Denn obgleich man zu einer Vorwärtsbewegung gerüſtet war, ſo hatte man doch nichts unternehmen können, bevor Napoleons Abſichten klar an den Tag kamen. Während ihm Nivelles und Charleroi blosgeſtellt waren, lag auf der andern Seite Namur offen, und er konnte entweder über Mons und Hal, oder, wie er ſpäter verſuchte, über Quatrebras und Waterloo nach Brüſſel marſchiren: Kaum waren jedoch ſeine Plane enthüllt und ſeine Operationslinie bekannt geworden, als Wellington mit einer thatkräftigen Ent⸗ ſchloſſenheit, wie ihn dieſer weltgeſchichtliche Fall erfor⸗ derte, ſeine ganze Streitmacht ihm entgegenführte. Der Marſch war unendlich beſchwerlich; mehr als drei und zwanzig Stunden auf aufgeriſſenen, aufgewühl⸗ ten Straßen, bei drückend heißem Wetter, in einer bei⸗ nahe waſſerloſen Gegend. Gleichwohl drängten die Truppen unverdroſſen vorwärts und kamen gegen Mittag ſo weit, daß ſie die heftige Kanonade in der Fronte vernehmen konnten, welche die Stellung der Schlacht anzeigte. Von dieſer Zeit an erſchienen Adjutanten um Adjutanten, und ihre ſcheuen Blicke, ſowie ihre haſtigen Geberden ließen nichts Gutes ahnen für die Sache, der wir anhingen. Das genaue Verhältniß zwiſchen den kämpfenden Heeren konnten wir nicht ermitteln, nur ſo viel hörten wir, daß die Franzoſen in überwältigenden Maſſen heranrückten, daß die holländiſchen Truppen ihre Stellung verlaſſen hatten, daß die Hannoveraner zurück⸗ wichen und der Herzog von Braunſchweig, der wackere Fürſt eines tapfern Volkes, an der Spitze ſeiner ſchwar⸗ zen Huſaren gefallen war. Aus einer Phraſe, die ſich beſtändig wiederholte, ſchien hervorzugehen, daß das Gehölz von Bouſſu der Schlüſſel der Stellung war; es war von beiden Seiten wiederholt gewonnen und wieder verloren worden, und als wir uns dem Schlachtfeld näherten, meldete eine eiligſt überbrachte Depeſche dem General Picton, daß Alles daran liege, dieſen Poſten ſogleich wieder zu erobern. Das g5ſte wurde zum An⸗ griff beordert. Kaum war der Befehl ertheilt, als auch Hunger, Durſt und Erſchöpfung vergeſſen waren. Mit lautem Freudengeſchrei bildete das tapfere Regiment eine Linie und drang gegen das Gehölz vor. Mittlerweile rückte die hochländiſche Brigade weiter rechts hinaus, die königlichen Truppen und das 2sſte zogen links über die Straße, und in weniger als einer halben Stunde 281 nach unſerer Ankunft war unſere ganze Streitmacht in Thätigkeit. Auch die tapferſte Armee fſindet es ſchrecklich, bei einer Schlacht einzutreffen in einem Augenblick, wo ein übermächtiger Feind ſo eben den Sieg davon getragen hat. Und dies war unſere Lage bei Quatrebras. So tapfer und glorreich die Truppen des Prinzen von Ora⸗ nien gefochten, ſo hatten ſie doch unterliegen müſſen. Das Gehölz von Bouſſu, welches den Feinden die Straße nach Brüſſel öffnete, war von ihren Scharſſchützen be⸗ ſetzt und das Thal zur Rechten von ihren Reiterſchwa⸗ dronen überſtrömt, die mit Lanze und Schwert Alles vor ſich hertrieben; ihre dunkeln Kolonnen drängten unerſchütterlich vorwärts und eine todſprühende Artillerie beſtrich die Reihen der Verbündeten von Glied zu Glied. So ſtand es auf dem Schlachtfeld, als die Engländer anlangten, ſchnell Vierecke formirten und ohne alle ander⸗ weitige Unterſtützung den ſchrecklichen Angriffen des Feindes ſich entgegenwarfen. Die Batterien überſchüt⸗ teten ſie mit einem Hagel von Kartätſchen, Milhauds ſchwere Dragoner unterſtützt von Lanciers, ſtürzten auf die Vierecke, aber ſie blieben unerſchüttert und ohne zu wanken ſtehen, obſchon die wüthende Reiterei des Fein⸗ des manchmal von drei Seiten zugleich herangeſprengt kam. Einmal, aber nur ein einziges Mal waren die Franzoſen glücklich. Das 42ſte Regiment, das in einem hohen Kornfelde ſtand, wurde von der Reiterei umringt, bevor es ſich deſſen verſah. Als der Befehl gegeben wurde ein Viereck zu bilden, waren die Uhlanen bereits unter ihnen und die wackeren Hochländer fochten jetzt Rücken gegen Rücken. Immer ſtürmten neue Schwadronen auf ſie ein und ſchon war das halbe Re⸗ giment zerſtreut und der Oberſt getödtet, als das 44ſte zu ſeiner Rettung herbeieilte und nach einer mörderiſchen Salve einen wüthenden Bajonettangriff unternahm. Mitt⸗ lerweile hatte das 95ſte den Wald gewonnen und wieder verloren, der, jetzt im Beſitz der franzöſiſchen Scharf⸗ 282 ſchützen, unſern linken Flügel bedrohte. Eben um dieſe Zeit ſah man ein Cavalleriecorps längs der Straße nach Enghien wie zur Beobachtung ſtehen. Ein Offizier, den man zum Recognosciren ausſchickte, kam mit der Nach⸗ richt, es ſeyen brittiſche Truppen, denn er hatte ihre rothen Uniformen geſehen. „Ich kann es mir nicht denken, Sir,“ ſagte Picton. „Es iſt kaum möglich, daß von Enghien her ſchon ein Regiment angekommen iſt. Reiten Sie hinauf O'Malley, und wenn es unſere Leute ſind, ſo ſollen ſie die Höhe da wegnehmen: es ſind dort zwei Kanonen die das 92ſte gänzlich zerſchmettern.“ Ich gab meinem Pferd die Sporen und jagte über die Straße, ſodann über die offene Ebene zur linken des Waldes gerade auf die Reiter zu. Als ich ihnen auf etwa dreihundert Schritte nahekam, beobachtete ich ſie mit meinem Fernglas und konnte jetzt deutlich die Schar⸗ lachröcke und glänzenden Helme entdecken. Ha, dachte ich, die Gardedragoner, und nun galoppirte ich gerade auf ſie zu und gab ihnen mit einem Wink der Hand zu verſtehen, daß ich der Ueberbringer einer Ordre ſey. Kaum hatte ich dies gethan, als vier Reiter im geſtreckteſten Galopp aus der Linie hervorſprengten und bevor ich ſprechen konnte, mich umringt hatten. Ren- dez- vous prisonnier, ſchrie der Vorderſte, indem er den Säbel über ſeinem Kopfe ſchwang. In demſelben Augenblick wurde ich von beiden Seiten ergriffen und gefangen zum Feinde abgeführt. „Wir errathen Ihren Irrthum, Herr Kapitän,“ ſagte der franzöſiſche Offizier, vor den ich gefuͤhrt wurde. „Wir ſind das Bergh'ſche Regiment und unſere Schar⸗ lachuniformen ſind uns geſtern theuer genug zu ſtehen gekommen.“ Dieſe Anſpielung bezog ſich, wie ich nachher erfuhr, darauf, daß ein Küraſſierregiment, das ſie gleichfalls für Engländer hielt, einen Angriff auf ſie unternommen undmehr als zwanzig von ihnengetödtetoder verwundet hatte. 283 Hundertundneunzehntes Kapitel. Quatrebras.. Wer jemals das Schlachtfeld von Quatrebras beſucht hat, der wird ſich erinnern, daß längs der Heerſtraße und beinahe ganz am Ende des Wal⸗ des von Bouſſu ein großer flämiſcher Pachthof ſteht, deſſen hohes Dach, ſpitze Giebel und zierliche, altmo⸗ diſche Kamine an den Bauſtil erinnern, der uns in Teniers Gemälden ſo häufig entgegentritt. Das Wohn⸗ haus, das mit ſeinen Ställen, Scheunen und Neben⸗ gebäuden einem kleinen Dorfe gleicht, iſt umgeben von einem großen Obſtgarten mit alten Bäumen, zwiſchen denen ſich die Straße hindurch zieht. Das Innere dieſer hübſchen Wohnung iſt wie bei faſt allen Gebäuden dieſer Art nur durch eine Reihenfolge von kleinen, dunkeln, niedrigen, ineinandergehenden Zimmern bemerkenswerth und gewinnt ein noch düſtereres Anſehen durch die dun⸗ keln eichenen Möbel, die ſchweren Schränke und die alt⸗ modiſchen Käſten, die in dem wunderlichen Geſchmack des ſechzehnten und ſiebzehnten Jahrhunders mit Schnitz⸗ werk verziert ſind. Wer es jetzt beſucht; wird da und dort im Gebäude Spuren von Kanonenſchüſſen gewah⸗ ren; mehr als ein tiefer Riß zeugt von der furchtbaren Gewalt der Artillerie und dennoch wird ſich der Wan⸗ derer von der ländlichen Stille und Ruhe, die über die ganze Szene ausgegoſſen iſt, angenehm berührt fühlen; die buntſcheckigen Kühe, die brüllend auf den tiefen Wie⸗ ſen herumziehen, das Plätſchern der ſilbernen Forelle, die in dem klaren, über den Kies hinrieſelnden Bache ſpielt, das Gekrächze der alten Krähen in den hohen Buchen und mehr als dieſes alles, das glückliche Lachen der Kinder bezeichnen den Ort als eine liebliche Stätte ländlicher Ruhe und Glückſeligkeit. Aber als ich am Morgen des 17. Juni meine Augen darauf richtete, da bot die Landſchaft ein durchaus verſchiedenes Intereſſe 284 dar. Der Tag brach eben an, als die franzöſiſchen Hör⸗ ner mitz vollem Tone Reveille blieſen. Vergeſſend wo ich war, ſprang ich aus meinem Bette und an's Fenſter; nun aber rief mir der erſte Blick ſogleich die Ereigniſſe des geſtrigen Tages in's Gedächtniß zurück und ich beſann mich, daß ich Gefangener war. Inzwi⸗ ſchen ließen mir die aufregenden Szenen rings umher wenig Zeit und Luſt über mein Mißgeſchick nachzuden⸗ ken, und mit dem ganzen Intereſſe eines Soldaten beob⸗ achtete ich die Bewegungen der Franzoſen im Baum⸗ garten unten. Eine Schwadron Dragoner, welche die Nacht neben ihren Pferden zugebracht zu haben ſchien, lag oder ſaß in all den maleriſchen Gruppirungen eines Bivouacs umher. Einige hatten ſich bereits erhoben und beſchäftigten ſich mit ihren Pferden oder Waffen, andere lehnten ſich halb verdrießlich auf die Ellnbogen und ſahen aus, als wollten fie es nicht glauben, daß die Nacht ſchon vorüber ſey; wieder andere die in tiefem Schlummer lagen, erwachten trotz allem Geräuſch und Getöſe umher immer noch nicht. Das Zimmer, in das man mich eingeſperrt hatte, gewährte die Ausſicht nach der Straße von Charleroi; ich konnte daher die britti⸗ ſchen Truppen ſehen, und da ſie während der Nacht ſich zurückgezogen hatten, ſo daß blos noch ein Vortrab die Poſition behauptete, ſo konnte ich den Ausgang der geſt⸗ rigen Schlacht ohne fremde Hülfe errathen. In welch angſtvoller Aufregung brachte ich nicht dieſen Morgen zu! Was hätte ich nicht darum gegeben den Ausgang des Kampfes im Augenblick meiner Gefangennehmung zu erfahren! So hartnäckig unſer Widerſtand geweſen, ſo hatten wir offenbar den Kürzeren gezogen, und wenn die Garden nicht zur rechten Zeit zu Hülfe gekommen waren, ſo mußten wir geſchlagen ſeyn. Geängſtigt und gepeinigt durch meine Zweifel ſchritt ich in dem engen Stübchen auf und ab— dann blieb ich wieder ſtehen, um die Msglichkeiten des Erfolges zu berechnen, oder ſchaute ich durch das Fenſter, um viel⸗ —— —— 28⁵ leicht aus den Mienen und Geberden der Krieger drun⸗ ten irgend Etwas zu errathen. Inzwiſchen kannte ich den leichtſinnigen Charakter der franzöſiſchen Soldaten, der ſich weder im Glück noch im Unglück verläugnet, zu gut, um ihre Haltung als einen ſichern Maßſtab zu betrachten. Während ich ſie indeß mit begierigem Auge beobachtete, vernahm ich Hufſchläge von der gepflaſterten Straße her, und nach wenigen Minuten erſchien eine Schaar Reiter am Thore des Gartens, galoppirte den ſchmalen Weg nach dem Pachthofe herauf und machte vor dem Hauſe Halt. Es waren ungefähr zwölf Per⸗ ſonen und, nach ihren Federhüten zu ſchließen, Stabs⸗ offtziere, ihre Uniformen aber waren unter den großen Mänteln verborgen. Als ſie herankamen, ſprang das Piket auf, und die Schildwache vor dem Hauſe präſen⸗ tirte. Hieraus erſah ich, daß ohne Zweifel ein Offizier von Rang unter ihnen war, vielleicht Ney ſelbſt, der Tags zuvor gegen uns kommandirt hatte. Aus dem Tone der Stimmen unten ſchloß ich, daß das Zimmer, in das ſie ſich begeben hatten, dicht unter dem meinigen ſeyn mußte, aber trotz des angeſtrengteſten Horchens, konnte ich nur ein verworrenes Gemurmel vernehmen und nicht ein einziges Wort unterſcheiden. Bald nah⸗ men meine Gedanken eine andere Richtung, denn wäh⸗ rend ich über meine Lage nachbrütete, hörte ich, daß die Schildwache vor meiner Thüre ſchulterte, und im näch⸗ ſten Augenblick trat ein Offtzier in der Uniform der Gardejäger ein. In der Mitte des Zimmers angekom⸗ men, verbeugte er ſich höflich und redete mich an:— „Sie ſprechen Franzöſiſch mein Herr?“ Ich bejahte es und er fuhr fort. „Nun ſo wollen Sie die Güte haben mir zu folgen.“ Obgleich ich vor Begierde brannte zu erfahren, was vorgefallen ſey, ſo konnte ich's doch nicht über mich ge⸗ winnen ihn zu fragen. Ein geheimer Stolz miſchte ſich in meine Befürchtung, daß es nicht ganz gut mit uns ſtehen möchte und ich wollte mich nicht der Demüthigung 286 ausſetzen, aus dem Munde eines Feindes unſere Nieder⸗ lage zu vernehmen. Ich hatte kaum Zeit zu fragen, vor wem ich zu erſcheinen habe, als er mit einem ſon⸗ derbaren bedeutungsvollen Lächeln die Thüre öffnete und mich in's Zimmer führte. Obgleich ich wenigſtens zwölf bis vierzehn Reiter hatte kommen ſehen, ſo waren doch nur drei im Zimmer. Einer von ihnen, der an einem kleinen Tiſch neben dem Fenſter mit Schreiben beſchäf⸗ tigt war, blickte bei meinem Eintritt nicht auf, ſondern arbeitete emſig weiter. Der andere, ein hoher, ſchöner Mann von etwa ſechzig Jahren oder etwas darüber, deſſen hohe, kahle Stirne und herabhaͤngender ſchneewei⸗ ßer Schnurrbart den alten Soldaten des Kaiſerreichs verkündete, ſtand auf ſeinen Säbel gelehnt, während der dritte, ein Mann von mittlerer Statur, aber kräftigem, muskulöſem Körperbau, mit ſeinem Rücken gegen das Feuer ſtand und die Schöße eines grauen Rocks, den er uͤber ſeiner Uniform trug, über die Arme geſchlagen hatte. Er trug hohe Reitſtiefel wie die berittenen Jaͤger und einen kleinen Hut ohne Federn oder ſonſtigen Schmuck. In ſeiner Miene und ſeiner Haltung lag Etwas, das mir gleich bei meinem Eintritt ſo ſehr auffiel, daß ich, als meine Augen einmal auf dem blaſſen, aber ruhigen Geſichte, auf den regelmäßigen, ſchönen wiewohl etwas ſtrengen Zügen geruht hatten, die Gegenwart der andern gänzlich vergaß und nur allein ihn anblickte. „Ihr Rang, mein Herr?“ ſagte er haſtig und in befehlendem Ton. „Ich habe gegenwärtig keinen Rang, außer—“ „Warum tragen Sie denn Epauletten, mein Herr?“ erwiederte er barſch, und aus ſeinem ungeduldigen Blick, ſowie aus ſeiner ſtrengen Geberde ſah ich, daß er mir nicht glaubte. „Ich bin Adjutant des Generals Picton, aber ohne Rang in einem Regimente.“ „Wie ſtark war das brittiſche Heer geſtern?“ —e 287 „Ich habe keine Freiheit über die Stärke oder Be⸗ wegungen unſerer Armee irgend Auskunft zu ertheilen.“ „Diantre! diantre!“ rief er mit der Reitpeitſche an ſeinen Stiefel ſchlagend.„Wiſſen Sis, was Sie da geſagt haben? Haben Sie ihn gebört Cambronne?“ „Ja, Sire, und wenn Ew. Majeſtät mir erlauben will mit ihm zu verhandeln, ſo will ich binnen Kurzem jede Auskunft von ihm erhalten, die er nur geben kann.“ „Gaillard,“ antwortete der Andere lachend, indem er den alten General ſcherzhaft am Ohre zupfte,„ja, das glaube ich Ihnen von Herzen gern!“ Plötzlich flammte die ganze Wahrheit vor mir auf. Ich ſtand dem Kaiſer gegenüber. Da ich indeß bis jetzt nichts davon gewußt hatte, ſo beſchloß ich auch fernerhin keine Notiz davon zu nehmen. „Hatten Sie Depeſchen, mein Herr?“ fragte er mich mit ſtrengem Blick.„Sind Depeſchen bei ihm gefunden worden?“ dieſe letztere Frage war an den Adjutanten gerichtet, der mich eingeführt hatte und noch immer an der Thüre ſtand. „Nein, Sire, es wurde nichts bei ihm gefunden, außer dieſes Kleinod.“ Damit übergab er ihm das Andenken, welches mir St. Croix vor einigen Jahren in Spanien zurückgelaſſen hatte und das, wie der Leſer ſich ohne Zweifel erinnert, in einem Miniaturbild der Kaiſerin Joſephine beſtand. Sobald derKaiſer es erblickte, verſchw and auf ein⸗ mal die Röthe, welche die Aufregung von vorhin auf ſeine Wangen getrieben hatte; ſein Geſicht wurde todte blaß, ſeine Lippen blau. „Verlaſſen Sie mich, Lefevre; verlaſſen Sie mich, Cambronne: ich will mit dieſem Herrn einen Augen⸗ blick allein ſprechen.“ Als ſich die Thüre hinter ihnen ſchloß, ſtützte er ſich auf das Kamin, ſein Kopf ſank auf die Bruſt herab und er blieb einige Minuten ſtumm. „Un mauvais augure,“ murmelte er zwiſchen den 88 288 Zähnen, indem ſein durchdringender Blick ſtarr auf dem Gemälde haftete.„Voila la troisième fois; peutétre la dernière?“ Dann raffte er ſich plötzlich zuſammen, trat nahe auf mich zu, ergriff mit eiſenfeſter Hand meinen Arm und fragte: „Wie kamen Sie zu dieſem Gemälde? die Wahr⸗ heit, mein Herr, merken Sie ſich's, die Wahrheit.“ Ohne eine Empfindlichkeit über die Art und Weiſe ſeiner Frage zu zeigen, erzählte ich ihm ſo kurz als möglich, wie das Medaillon mein geworden war. Lange bevor ich geendet hatte, konnte ich jedoch bemerken, daß er mir keine Aufmerkſamkeit mehr ſchenkte und ſeine Gedanken auf einen ganz andern Gegenſtand ab⸗ ſchweiften. 3 „Warum wollen Sie mir die Aufſchlüſſe nicht geben, die ich wünſche? Ich verlange keinen Eidbruch von Ihnen. Der Feldzug iſt ſo gut wie vorüber. Die Preußen ſind bei Ligny geſchlagen; ihre Armee iſt zer⸗ ſtreut, ihre Artillerie erobert, zehntauſend Mann ge⸗ fangen. Ihre Truppen und die Holländer ſind geſtern geſchlagen worden und befinden ſich in vollem Rückzug gegen Brüſſel. Morgen Abend werde ich mein Bulletin vom Palaſt zu Laeken datiren. Antwerpen wird binnen vier und zwanzig Stunden in meiner Gewalt ſein. Namur ſſt bereits mein. Cambronne, Lefevre,“ rief er;„cet homme la ne sait rien. Wir wollen ein⸗ mal den Andern vornehmen.“ Mit einer leichten Handbewegung gab er mir zu verſtehen, daß ich mich jetzt zurückziehen ſolle, und im nächſten Augenblick befand ich mich wieder auf meinem einſamen Stübchen, wo ich Gelegenheit genug hatte, über meine ſeltſame Unterredung mit dem großen Kai⸗ ſer nachzudenken. Mit welcher Bangigkeit verſtreichen die Stunden demjenigen, der keine Mittel hat, ſich über einen Ge⸗ genſtand von der höchſten Wichtigkeit zu unterrichten und ſeine Muthmaßungen nur auf flüchtige Bemerkungen ð 289— gründen kann! Dinge, die unter gewöhnlichen um⸗ ſtänden gänzlich unbeachtet bleiben, erhalten jetzt eine unendliche Bedeutung. Mit welcher Genauigkeit er⸗ forſcht er die Züge von Leuten, die ei doch nicht be⸗ fragen darf! mit welch geduldigem Ohr lauſcht er auf jedes flüchtige Wort! So floßen auch mir in der Ge⸗ fangenſchaft langſam und in ängſtlicher Spannung die Stunden dahin. Kein Säbel klirrte, kein Schlachtroß wieherte, kein ſchwergeſtiefelter Küraſſier ſtampfte im Hofraum unter meinem Fenſter, ohne hunderterlei Ver⸗ muthungen in mir aufzuregen. Einige Zeit hindurch war es im Hauſe und um daſſelbe ziemlich lebhaft und geräuſchvoll zugegangen. Reiter kamen und entfernten ſich unaufhörlich. Ich vernahm die Hufſchläge auf der gepflaſterten Straße, das Werda der Schildwache am Thor; hörte Schritte näher kommen, und die eifrige Unterredung draußen ſchien darauf hinzudeuten, daß ein Bote mit Depeſchen angelangt war. Endlich ver⸗ ſtummten alle dieſe Töne und ich vernahm Nichts mehr als den ſchweren, abgemeſſenen Tritt des Küraſſiers, der auf dem Steinpflaſter unten auf und abging. Dieſe ängſtliche Spannung, die immer peinlicher wurde, ſeit das Geräuſch und der Tumult unten aufgehört hatte und mir alſo kein Stoff mehr zu Muthmaßungen zu⸗ geführt wurde, währte bis gegen Mittag, wo ein Sol⸗ dat mir Etwas zum Frühſtuͤck brachte und zugleich be⸗ deutete, ich ſolle mich zum ſchleunigen Aufbruch bereit halten. 3 Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, als man das Gerumpel von Fuhrwerken hörte, und ein Zug Ka⸗ nonenwägen, mit Verwundeten beladen, ſich in den kleinen Hof hereinbewegte. Es war ein ſchauerlich herz⸗ zerreißender Anblick um dieſe armen Burſche, die dicht neben einander auf dem Stroh zuſammengepackt waren, während bei jeder Bewegung des Wagens ihre Wunden von Neuem ſich öffneten und ihre bleichen Geſichter in Lever, O'Malley. IV. 19 290 krankhaftem Schmerz ſich verzerrten. Es waren Leute von allen Waffengattungen, vom ſchweren Gardeküraſſier bis zu dem unerſchrockenen Scharfſchützen. Ich erinnere mich eines Artilleriſten der Garde, dem beide Beine von einer Kanonenkugel weggeriſſen waren. Bleich, kalt und leichenähnlich lag er in den Armen der Kamera⸗ den, die ihn vom Karren hoben; ſein Kopf ſank ſchwer auf eine Seite herab, ſeine Arme hingen ſchlaff wie im Tode. In dieſem Augenblick ſprengte eine Schwadron Lanciers, der Vortrab von d'Erlons Diviſion, die Straße herauf und der Ruf: Vive l'Empereur! erſcholl aus ihren Reihen; ſein Echo tönte in den Mauern des Pachthofes wieder und nun richtete ſich der ſterbende Krieger, als hätte ihm ein Zauberſchlag neue Kraft und neues Leben gegeben, plötzlich auf, ſein trübes Auge ſprühte Feuer, eine brennende Röthe faͤrbte ſeine blut⸗ loſen Wangen, er warf einen wilden, haſtigen Blick um ſich, wie einer, der vom Tode ins Leben zurückgerufen wird, und indem er ſeine blutbefleckte Hand über dem Kopfe ſchwang, rief er in herzzerreißendem Tone: Vive 'Empereur! Dieſe Anſtrengung war ſeine letzte; ſie war die letzte Huldigung der Unterthanentreue gegen den Herrſcher, den er anbetete. Das Blut ſtrömte jetzt aus den halbgeſchloſſenen Wunden, ein krampfhaftes Zucken fuhr durch ſeinen ganzen Körper, ſeine Augen rollten furchtbar, während ſeine ausgeſtreckten Hände irgend etwas erfaſſen zu wollen ſchienen und— er war todt. Neue Ladungen von Verwundeten kamen unaufhörlich an und jetzt glaubte ich von Zeit zu Zeit fernen Kanonendonner zu vernehmen; inzwiſchen kam der Wind von Süden und die Töne waren zu unbe⸗ ſtimmt. „Allons, allons, mon cher,“ ſagte ein rauher, aber gutmüthig ausſehender Krieger, indem er in mein Zimmer ſchritt. Es war der Quartiermeiſter von Milhauds Dragonern, dem ich jetzt übergeben wurde ——,— 291 8d der mir meldete, daß wir augenblicklich aufzubrechen aben. Monſieur Bonnard war ein Charakter eigenthüm⸗ licher Art, und wenn ich mich nicht ſd nahe am Schluß meiner Erzählung befände, ſo hätte ich nicht übel Luſt, ihn meinen Leſern vorzuſtellen. Nun aber genüge die Bemerkung, daß er der ächte Typus einer ganzen Klaſſe ſeiner Landsleute war— ein lauter Sprecher, ein noch lauterer Flucher, ein prahleriſcher Eiſenfreſſer, und doch bei alle dem ein gutmüthiger, ja ſogar weichher⸗ ziger Burſche, der feſt bei dem Glauben beharrte, daß die Franzoſen die Krone der Menſchheit ſeyen, und Na⸗ poleon die Krone der Franzoſen. Da er ein großer Schwätzer war, ſo erzählte er mir ſchnell Alles, was ſich in den letzten zwei Tagen zugetragen hatte. Von⸗ ihm erfuhr ich, daß die Preußen bei Ligny wirklich ge⸗ ſchlagen worden ſeyen und ſich zurückgezogen haben, wohin, wiſſe er nicht.„Im Uebrigen,“ fügte er hinzu, „werden ſie von Grouchy mit fünf und dreißig tauſend Mann eifrig verfolgt, während der Kaiſer ſelbſt mit ſiebzig tauſend der brittiſchen und holländiſchen Armee nachzieht.“ „Sie ſehen,“ ſchloß er,„Paffaire est finie; wer kann dem Kaiſer widerſtehen?“ Dieß waren traurige Nachrichten für mich, und obſchon ich dem Berichterſtatter nicht unbedingt glaubte, ſo furchtete ich dennoch, es möchte Vieles daran wahr ſeyn. „Und die Engländer?“ fragte ich,„welche Richtung haben dieſe eingeſchlagen?⸗ „Bah, die ziehen ſich nach Brüſſel zurück und wer⸗ den wahrſcheinlich morgen kapituliren.“ „Kapituliren!“ „Oui, oui, ne vous fächez pas, camarade,“ ent⸗ gegnete er lachend.„Was konntet ihr gegen Napoleon ausrichten? Ihr glaubtet doch hoffentlich nicht, daß ihr 19 29²2 ihn ſchlagen würdet? Aber kommen Sie, wir müſſen aufbrechen; ich habe Befehl, Sie heute Abend nach Planchenoit zu bringen und unſere Pferde ſind ſchon müde genug.“ „Das meinige, dächte ich, ſollte friſch ſeyn.“ „Parbleu, non, es iſt heute früh ſchon zweimal mit Depeſchen nach Frasne zum Marſchall Ney ge⸗ ſprungen. Der Kaiſer iſt wüthend über den Marſchall, daß er ſich geſtern Nacht zurückgezogen hat, während er doch bereits den Wald in ſeinen Händen hatte. Er ſagt, derſelbe hätte bis Tagesanbruch warten und dann über Ihre zurückweichenden Kolonnen herfallen ſollen. Auf dieſe Art kommen ſie ohne großen Verluſt davon. Sacristi, das war ein herrlicher Angriff! Dieſe letzten Worte murmelte er nur vor ſich hin und brummte dann in ſeinen Bart:„Vier und ſechzig Todte und Verwundete.“ „Was war das? wer war es?“ fragte ich. „Unſere Leute,“ entgegnete er offen;„der Kaiſer ließ zwei Zwölfpfünder und acht Schwadronen Lanciers vorrücken. Sie fielen auf einem ſchmalen Punkt der Straße über Ihre leichten Dragoner her. Da hörten wir auf einmal in der Front ein Getöſe; Ihre leichten Dragoner wichen zurück und eine Kolonne Ihrer ſchwe⸗ ren Reiterei donnerte auf uns ein. Parbleu, ſie jag⸗ ten uͤber uns her, als wären wir zerſtreute Infanterie und dort, dort,“ rief er auf den Hof deutend, von wo noch immer das Geächze der Verwundeten herauftönte, „das ſind die Fruͤchte dieſes ſchrecklichen Angriffes.“ Ich vermochte einen Ausdruck triumphirender Freude über dieſe tapfere Waffenthat meiner Landsleute nicht zu unterdrücken.. „Ja, ja,“ ſagte der ehrliche OQuartiermeiſter;„es war wirklich eine ſchöne That, aber die Rechnung wird laſſen Sie uns aufbrechen.“ ——e—— dadurch nur noch größer. Doch kommen Sie jetzt, Nach einigen Minuten ſaß ich auf einem ſchwer⸗ 12 293 fälligen Normänner, deſſen ſchaukelnder alter Sattel durch einen Säbelhieb beinah entzwei geſpalten war. „Ja, ja,“ ſprach Monſteur Bonnard, als er ſah, wie ich auf dieſen Fleck hinſtarrte.„Einer von Ihren Leuten hat dies gethan, und derſelbe Hieb ſpaltete den armen Pierre vom Kopf bis auf den Sitz.“ „Hoffentlich,“ ſagte ich lachend,„iſt der Sattel nicht an dieſem Unglück ſchuld.“ „Nein, nein,“ ſprach der Franzoſe ernſthaft;„er hat blos ſeinen Tribut an das Schickſal entrichtet.“ Als wir weiter auf der Straße dahin ritten, die an manchen Stellen von dem ſchweren Geſchütz aufge⸗ riſſen und beinahe ungangbar war, hörten wir von Zeit zu Zeit fernen Kanonendonner, indem die zurückwei⸗ henön und verfolgenden Heere einander beſchoſſen, während hinter uns, aber immer noch weit weg, eine dunkle Maſſe heraufzog. Es waren die vorrückenden Kolonnen Ney's. „Sind die Truppen dieſen Morgen mehr als ein⸗ mal mit einander in Berührung gekommen?“ „In der Nähe nicht,“ antwortete der Quartier⸗ meiſter;„ſie haben ſich in reſpektvoller Entfernung ge⸗ halten. Sie glichen“, fügte der bilderreiche Franzos hinzu,„zwei furchtbaren Schlangen, die ſich im Schlamme wälzten und ganze Ströme von Feuer und Flammen gegen einander ausſpieen.“ Als wir uns Planchenoit näherten, kamen wir zum Nachtrab der franzöſiſchen Armee und erfuhren dort, daß Ney's Diviſton, die aus dem achten Corps beſtand, ſich mit dem Kaiſer vereinigt hatte; daß die Engländer noch immer ſich zurückzogen, aber bis jetzt Nichts von Bedeutung vorgefallen war. Die Franzoſen feuerten ihre ſchweren Kanonen blos von Zeit zu Zeit ab, um aus dem antwortenden Geſchütz die Stellung des zurück⸗ ziehenden Feindes ermitteln zu können; dabei ergoß ſich der Regen fortwährend in Strömen herab, und kalte, heftige Windſtöße heulten über die weite Ebene und 294 durch den dichten Wald. Als ich ſo an der Seite mei⸗ nes Führers hinritt, konnte ich die Bemerkung nicht unterdrücken, wie wenig die Strapazen des Marſches und die Unbilden des Wetters auf dieſe Leute einzuwir⸗ ken ſchienen. Ein Geiſt aufgeregter Froͤhlichkeit herrſchte im ganzen Corps und es ſtach ſeltſam gegen die ſtrenge Disciplin unſeres Dienſtes ab, wie die franzöſiſchen Soldaten auf dem Marſche plauderten, lachten, ja ſo⸗ gar ſangen. Die Becher kreisten munter von Hand zu Hand, Witze und Toaſte flogen von der Front bis zum Nachtrab; viele trugen ihre ſchwarzen Brodlaibe auf den Bajonetten, und wer dieſe lärmende, ſchreiende Maſſe dahin ziehen ſah, der bedurfte eines wohlgeübten Auges, um in ihr die disciplinirteſte Armee Europa's. zu erkennen. Eben ging die Sonne unter, als wir einen kleinen Hügel erreichten, wo mein Begleiter mit dem Finger auf ein Landhaus zeigte, das allein auf der Ebene ſteht und nach allen Seiten hin eine weite Ausſicht be⸗ herrſcht. „Dort,“ ſagte er,„iſt das Hauptquartier. Der Kaiſer ſchläft heute Nacht da; morgen Nacht wird ihm der König von Holland ein Bett geben.“ Die dunkeln Schatten der einbrechenden Nacht brei⸗ teten ſich ſchnell aus, während ich meine Augen an⸗ ſtrengte, um die brittiſche Stellung zu entdecken. Ein hohles, rollendes Getöſe deutete auf eine Bewegung von Artillerie in unſerer Front. „Was iſt das, Arnotte?“ fragte der Quartier⸗ meiſter einen vorüberreitenden Dragonerofftzier. „Nichts,“ erwiederte dieſer lachend,„Nichts als eine Kriegsliſt vom Kaiſer. Er wünſcht ſich zu verge⸗ wiſſern, ob der Feind in Maſſe da iſt, oder ob wir blos einen ſtarken Nachtrab vor uns haben.“ Während er ſprach, eröffneten fünfzehn ſchwere Kanonen ihr Feuer und die ſtille Luft wiederhallte von dem Donner; kaum war er jedoch verklungen und noch — 295 lag der dichte Dampf über der feuchten Erde, als vier⸗ zig brittiſche Kanonen ihre Antwort herüberbrüllten, ſo daß die ganze Ebene von der Erſchütterung erbebte. „Ha, ſie ſind alſo dort,“ rief der Dragoner und ſeine Augen flammten vor Begeiſterung.„Seht, ſeht, die Artillerie ſtellt ſich bereits auf. Der Kaiſer hat ſeine Abſicht erreicht.“ Und ſo war es auch: eine dunkle Kolonne von zwölfhundert Pferden, welche die Artillerie in die Ebene begleitete, ſchwenkte ſich jetzt langſam und zog rechts ab. Der Regen fiel in Strömen; der Wind hatte ſich gelegt und während die Dunkelheit noch immer zunahm, zog jede Kolonne nach ihrem Beſtimmungsort. Die Bivouacs wurden eingerichtet, die Wachtfeuer angezün⸗ det und ſiebzigtauſend Mann mit zweihundert Kanonen hielten die Hoͤhen von Planchenoit beſetzt. „Ich habe Befehl, Sie nach La Caillou zu brin⸗ gen,“ ſagte der Quartiermeiſter;„und wenn Sie Ihr müdes Thier noch einmal in Trab ſetzen, ſo werden wir bald dort ſeyn.“ Ungefähr hundert Schritte von dem Landhaus ſtand eine Banernhütte. Hier hatten einige Offiziere von Marſchall Soult's Stab ihre Quartiere aufgeſchlagen und dahin wandte ſich nun auch mein Begleiter. „Comment, Bonnard?“˙ ſagte ein Adjutant, als wir heranritten;„noch ein Gefangener; sacre bleu! wir werden bald den ganzen brittiſchen Stab bei uns haben. Ihnen“, fügte er gegen mich hinzu,„wird es hoffentlich beſſer ergehen, als Ihrem Landsmanne, dem General. Er ſteckt in böſen Schuhen und es thut mir leid um ihn; er iſt ein ſehr ſchöner Soldat.“ „Bitte, was iſt geſchehen?“ fragte ich,„auf was ſpielen Sie an?“ „Blos auf einen Ihrer Leute, der ſo eben mit etlichen Briefen und Papieren von Bourmont im Beſttz, ge⸗ fangen wurde, Der Kaiſer iſt ſehr aufgebracht gegen den Verraͤther und will einen Theil der Schu d ſeinen engliſchen Correſpondenten büßen laſſen.“ „Wie grauſam! Wie ungerecht!“ „Ich muß bekennen, es iſt allerdings hart, wegen der Fehler eines Andern erſchoſſen zu werden, mais, que voulez-vous 2 „Und wann ſoll die entſetzliche Exeeution ſtatt⸗ finden?“ „Morgen mit Tagesanbruch,“ ſagte er und wandte ſich gegen die Hütte hin.„Inzwiſchen möchte ich Ihnen rathen, Ihre Entrüſtung für Ihre Rückkehr nach England aufzuſparen, wenn Sie nicht dem General Geſellſchaft leiſten wollen.“ „Kommen Sie,“ ſagte der Quartiermeiſter;„man hat auf dem Speicher ein Quartier für Sie gefunden; beim Abendeſſen werde ich Sie nicht vergeſſen.“ So ſprechend übergab er ſein Pferd einer Ordon⸗ nanz und führte mich auf einem ſchmalen Pfad zu einer Hinterthür des Hauſes. Hätte ich Zeit oder Luſt ge⸗ habt, an Gelegenheit, etwas Intereſſantes zu ſehen, würde es mir jetzt nicht gemangelt haben. Die Gar⸗ den bivouakirten rings um das Quartier des Kaiſers und hier, neben den Wachtfeuern, ſaßen die ehernen, narbenbedeckten Veteranen, die von den Pyramiden bis zum Kreml jeder Gefahr und jedem Tod ins Auße ge⸗ ſchaut hatten. Auf allen Seiten hörte ich die Namen von Männern, welche die Geſchichte bereits für die Un⸗ ſterblichkeit beſtimmt hatte, und als die Lohe eines Holz⸗ feuers im Innern des Hauſes aufflammte, bemerkte ich einen Mann, der, die Hände auf dem Rücken, langſam auf⸗ und abging und das Haupt ein wenig neigte, als ſei er in tiefen Gedanken verſunken; aber als das Ge⸗ ſicht auf ſeine blaſſen, ruhigen Züge fiel, da deutete Nichts auf den ſtürmiſchen Kampf von Hoffnung und Furcht, der in ſeinem Innern wüthete. In meiner raſchen Anſchauung wurde ich geſtört durch einen Offi⸗ zier, der mich gruͤßte und höͤſlich erſuchte, ihm zu fol⸗ 297 gen. Wir ſtiegen eine ſteinerne Treppe hinan, die von Außen nach dem obern Stockwerk einer großen, aber zerfallenen Scheune führte. Hier ſtand eine Schild⸗ wache, die uns paſſiren ließ, und nun befand ich mich in einem kleinen, gemein ausſehenden Zimmer, deſſen rohe, wenige Möbel vom ſchwachen Schein einer Lampe trübe beleuchtet waren. Am andern Ende der Stube ſaß ein Mann in einem großen blauen Reitermantel und beide Hände auf dem zur Erde gehefteten Geſichte, ſo daß es unmöglich war, ihn zu erkennen. Das Ge⸗ räuſch der ſich öffnenden Thüre ſchien ihn nicht zu er⸗ wecken, auch nahm er keine Notiz von meiner An⸗ näherung. Bei meinem Eintritt entfuhr ihm ein ſchwacher Seußzer, aber er ſprach kein Wort.. Ich ſaß einige Zeit ſchweigend da und wollte mich nicht einem Unglücklichen aufdraͤngen, dem ich unbekannt war. Endlich ging ich im düſtern Zimmer auf und ab und verlor mich bald dermaßen in Betrachtungen über meine eigene Lage, daß ich meinen Mitgefangenen gänzlich vergaß. So gingen die Stunden träge dahin, als plötzlich die Thüre aufſprang und ein Offizier in der Uniform eines Gardelancier vor mir ſtand; er ſah mich einen Augenblick an, dann ſtürzte er vorwärts, ergriff meine beiden Hände und rief:— „Charles, mon ami. c'est bien toil“ Die Stimme rief mir in's Gedächtniß zurück, was ſeine durch mehrere Jahre veränderten Geſichtszüge nicht vermocht hätten: es war Jules St. Croir, mein ehe⸗ maliger Gefangener auf der Halbinſel. Es iſt unmög⸗ lich, das Entzuͤcken zu beſchreiben, in das ſein Anblick mich verſetzte; ſeine Gegenwart erinnerte mich an einige meiner vergnügteſten Tage und verſicherte mich, daß ich nicht freundlos ſey. Sein Beſuch währte kurz, denn er war bei Mar⸗ ſchall Lobau's Stabe beſchäftigt. In den wenigen Mi⸗ nuten, die er da blieb, ſagte er jedoch— „Ich habe eine Schuld abzutragen, Charles, und 298 bin in dieſer Abſicht gekommen. In einer Stunde werde ich mit Depeſchen nach unſerem linken Flügel abgeſandt, und bevor ich weggehe, werde ich mit zwei oder drei andern herkommen, um Ihnen gute Nacht zu ſagen. Ich bringe einen zweiten Mantel und eine Mütze mit, ſorge für ein raſches Pferd, und ſo können Sie uns eine Strecke weit begleiten. Ich geleite Sie ſicher durch unſere Pickets, für das Uebrige aber müſſen Sie ſelbſt ſorgen; c'est arrangé, n'est-ce pas?“ Ein feſter Händedruck, den ich mit einem gleichen erwiederte, und er war fort. Alles verkündete mir, daß morgen eine furchtbare Schlacht ſtattfinden mußte, im Fall die engliſchen Trup⸗ pen ihre Stellung behaupteten. Mit einer Aufregung, die an Wahnſinn grenzte, ſah ich daher meiner Freiheit entgegen; ſollte ich doch noch einmal im Kampfgewühle ſtehen, noch einmal das wilde Geſchrei meiner tapferen Landsleute vernehmen, und entwedermit ihnen triumphiren, oder wenigſtens nicht gezwungen ſeyn, dem Jubel der Feinde anzuwohnen. Mit wachſender Ungeduld harrte ich daher der Ankunft meines Freundes entgegen, und mit hochklopfendem Herzen horchte ich auf jedes Geräuſch auf der Treppe, das ſeine Ankunft verkünden möchte. Endlich erſchien er: ich hörte die fröhlichen lachenden Stimmen ſeiner Kameraden, die Thüre öffnete ſich und mit der Vertraulichkeit alter Bekannten, wodurch der Poſten getäuſcht werden ſollte, ſchüttelten ſie alle mir die Hand und begannen ſich munter zu unterhalten. „Labedoyere iſt unten,“ flüſterte St. Croir.„Sie müſſen noch einige Augenblicke warten, bis ich zurück⸗ komme; inzwiſchen bekleiden Sie ſich mit dieſem Mantel und dieſer Mütze und ſprechen Sie beim Hinausgehen kein Wort. Die Schildwache wird meinen, einer von uns ſey zurückgeblieben, denn ich werde noch unter der Thüre ein Scheingeſpräch mit dieſem führen.“ Ein Offlzier, der ungeduldig der Geſellſchaft rief, herabzukommen, brach die Unterredung ab, und mit der 299 wiederholten Zuſtcherung ihrer Hülfe verließen die Fran⸗ zoſen mein Zimmer. Kaum hatte ſich die Thüre hinter ihnen geſchloſſen, als mein Mitgefangener, den ich gänz⸗ lich vergeſſen hatte, aufſprang und auf'mich zutrat. Seine Perſon verſperrte mir das Licht, ſo daß ich ſeine Züge nicht zu erkennen vermochte; aber die erſten Töne ſeiner Stimme ſagten mir, wer er war. „Hören Sie, Sir,“ ſagte er, ſeine Hand auf mei⸗ nen Arm legend;„ich weiß um Ihren Plan; in einer Stunde werden Sie frei ſeyn. Können Sie— wollen Sie einen Dienſt einem Manne leiſten; der ihn nicht geringer anſchlagen wird, weil es der letzte iſt, den ein Menſch ihm erweiſen kann? Die paar Zeilen hier, die ich mit Bleiſtift geſchrieben habe, ſind für meine Tochter.“ Mehr konnte ich nicht ertragen und rief mit einer Stimme, die ebenſo bewegt war wie die ſeinige— „O täuſchen Sie ſich nicht, Sir; wollen Sie, ſelbſt in dieſer Stunde, einen Dienſt annehmen von Jemand, den Sie aus Ihrem Hauſe verbannt haben?“ Der alte Mann fuht zuſammen; ſeine Hand zitterte, ſo daß ſie meinen Arm ſchüttelte, und nach einer Pauſe, ſowie mit einer gewaltigen Anſtrengung, gefaßt zu erſchei⸗ nen, antwortete er:— „Meine Stunden ſind gezählt; man hat Depeſchen vom General Bourmont, die der Herzog mir anver⸗ traute, bei mir gefunden. Mein Urtheil war ſchnell gefällt; es lautet auf Tod.— Morgen mit Sonnen⸗ aufgang—“* „Halt, halt!“ ſagte ich,„Sie ſollen entfliehen. Mein Leben iſt in keiner Gefahr. Ich habe, wie Sie ſehen, Freunde beim Stab und überdieß habe ich Nichts gethan, was meine Stellung gefährlich machen könnte.“ „Nein, Sir,“ erwiederte er ſtreng,„eine ſolche Rolle werde ich nicht ſpielen. Die Thränen, die Sie in dieſem alten Auge geſehen, galten nicht mir. Ich fürchte den Tod nicht. Freilich hätte ich ihn lieber auf einem 30⁰ glorreichen Schlachtfelde gefunden, aber auch ſo bleibt meine Ehre als Soldat unangetaſtet und unbeſleckt.“ „Sie lehnen dieſen Dienſt ab, weil ich ihn anbiete,“ ſagte ich, indem ich auf einen Stuhl niederſank und ſchwermüthig den Kopf hängen ließ. „Nein, nein, mein Junge,“ antwortete er freund⸗ lich.„Die Annäherung des Todes gewährt uns, gleich dem ſcheidenden Tageslichte einen weitern, hellern Blick. Ich fühle, daß ich Ihnen Unrecht gethan, daß ich die Schuld anderer Ihnen zugeſchrieben habe; aber glauben Sie mir, daß mich mein eigenes Herz dafür geſtraft hat, denn, Charley, ich habe Sie geliebt wie einen Sohn.“ „So beweiſen Sie es,“ ſagte ich,„und laſſen Sie mich handeln, wie ein Sohn gegen den Vater handelt. Sie wollen nicht? Sie weiſen mich noch immer zurück? Nun, bei Gott, ſo bleibe ich, um Ihr Schickſal zu thei⸗ len. Ich kenne die Gemüthsart des Mannes, der Sie verurtheilt hat; es koſtet mich ein Wort, ſo iſt auch mein Schickſal befiegelt.“. 3 „Nein, nein, mein Junge, das wäre Wahnſinn. Noch ein paar Jährchen, ſo wäre es nach dem gewöhn⸗ lichen Lauf der Dinge ohnehin mit mir vorüber. Aber Sie, ein junger Mann, mit großem Vermögen, mit Hoffnungen—“ „Nein, ohne Hoffnung,“ unterbrach ich ihn in ver⸗ zweiflungsvollem Tone. „Sprechen Sie nicht ſo,“ erwiederte er ruhig, wäh⸗ rend ein krankhaftes Lächeln auf ſeinem Geſichte ſpielte; „Sie werden dieſen Brief meiner Tochter übergeben; Sie werden ihr ſagen, daß wir als Freunde geſchieden ſind, und wenn dann die Zeit ihren Gram gelindert hat, ſo daß ihr Kummer mehr ein finſterer Traum der Vergangenheit als ein andauerndes Leiden iſt; wenn Sie dann Lucy noch lieben, und wenn—“ „O verſuchen Sie mich nicht auf dieſe Art,“ ſagte ich, indem heiße Thränen aus meinen Augen ſtürzten. „Lenken Sie mich nicht auf dieſe Art von dem Pfade 301 ab, den die Ehre mir vorſchreibt. Horch, da kommen ſte bereits, ich höre das Klirren der Säbel, ſie ſteigen die Treppe herauf— es iſt kein Augenblick zu verlieren. Weigern Sie ſich noch immer?“. „Ja,“ erwiederte er feſt;„ich bin entſchloſſen, mei⸗ nem Schickſal entgegen zu gehen.“ „Dann thue ich's auch,“ ſagte ich und ſetzte mich mit verſchränkten Armen an's Fenſter. „Charley, Charley,“ bat er, ſich über mich beu⸗ gend,„mein Freund, meine letzte Hoffnung, Beſchützer meines Kindes—“ „Ich gehe nicht,“ antwortete ich mit hohlem Ge⸗ flüſter. Schon waren ſie an der Thüre; ich hörte, wie ſie die Schildwache anriefen; ich hörte, wie dieſe das Gewehr präſentirte. Da durchzuckte mich plötzlich ein Gedanke; ich ſprang auf, warf den franzoöſiſchen Dragonermantel dem General um die Schultern, drückte ihm die Mütze meines Freundes St. Croix auf den Kopf, ſetzte mich in die Ecke des Zimmers, ſo daß man mich nicht ſehen konnte, und wartete den Ausgang ab. Die Thüre öffnete ſich, die Geſellſchaft trat lachend und plaudernd ein. „Komm, Eugen,“ ſagte einer, Sir George am Arme nehmend,„Du biſt lange genug da geweſen, um Engliſch zu lernen.“ Wir werden etwas ſpät auf den Vorpoſten kommen. Messieurs les Anglais, gute Nacht, gute Nacht!“ Daſſelbe riefen auch die andern, während ſie mit Sir George Daſhwood hinausgingen. Dieſer nämlich, als er ſah, daß mein Entſchluß unerſchütterlich blieb und daß jede Zögerung von ſeiner Seite beiden Theilen unausbleiblich Gefahr gebracht haben würde, ließ ſich jetzt durch einen Handſtreich zu einem Schritte bewegen, den er bei ruhiger Ueberlegung niemals gethan haben würde. Die Thüre ſchloß ſich, ihre Tritte verklangen in der Ferne. Noch einmal hörte ich die Schildwache unten, dann aber raſchen, ſcharfen Hufſchlag. Alles war ſtill 30² und in inniger Bewegung ſank ich jetzt auf die Kniee und dankte Gott für die Rettung meines Freundes. Am andern Morgen ſchlief ich ſo feſt, daß ich erſt durch wiederholtes Rütteln an der Schulter geweckt wer⸗ den konnte. „Ich meinte doch, es ſeyen zwei Gefangene da,“ brummte ein alter Schnurrbart, indem er einen for⸗ ſchenden Blick im Zimmer umherwarf.„Nun, wir wer⸗ den vor Sonnenuntergang wohl genug von der Waare haben. Stehen Sie auf; Monsieur le duc de Dal- matie wünſcht einige Aufſchlüſſe, die Sie ihm ertheilen können.“ So ſprechend führte er mich aus dem Zimmer, die ſteinerne Treppe hinab und auf den Hofraum. Es war erſt vier Uhr und noch immer floß der Regen in Strömen herab; dennoch war Alles ſchon munter und geſchäftig⸗ „Beſteigen Sie dieſes Pferd,“ ſagte mein barſcher Freund,„und kommen Sie hieher, links, der Marſchall iſt bereits weggeritten.“— Der ſchwere Morgennebel, noch verdickt durch die Wolken, die beinahe zur Erde herabhingen, ließ uns kaum hundert Schritte weit ſehen; aber das trübe Licht der Wachtfeuer zeigte mir die Ausdehnung der franzö⸗ ſiſchen Stellung, die den ganzen Abhang gegen die Straße von Hal einnahm. Wir ritten Trab, aber in dem weichen Lehmboden ſanken unſere Pferde jeden Augenblick bis an die Hufhaare ein. Ich wandte mich um, da ich das Geräuſch von Reitern hinter mir ver⸗ nahm und nun ſah ich, daß zwei Dragoner mit ange⸗ ſchlagenen Karabinern mir folgten und mich feſt im Auge behielten, um jede mögliche Flucht zu verhindern. In einer kleinen Vertiefung hielt ein Trupp Reiter, die leiſe mit einander ſprachen, als wir ankamen. „Dort, das iſt der Marſchall,“ flüſterte mir mein Begleiter zu. 4 „Ja, Herr Herzog,“ ſagte ein Ingenieuroberſt, der mit einer kolorirten Karte in der Hand neben Soults 303 Pferde ſtand,„ija das iſt das Schloß Hougoumont; es iſt, wie Sie ſehen, durch die hier bezeichnete Anhöhe vollkommen bedeckt und die Feinde werden ohne Zweifel eine ſtarke Artillerie dort aufpflanzen.“. „Ah, wer iſt das?“ rief der Marſchall, indem er ſeine Augen plötzlich auf mich heftete und einen unzu⸗ friedenen Blick umherwarf, wie wenn es ihm ſehr unangenehm wäre, im Fall ich von ihrem Geſpräch etwas gehört haben ſollte.„Offenbar fehlt es ihnen an Reiterei, mein Herr?“ ſagte er dann zu mir. „Sie müſſen ſelbſt einſehen, Herr Herzog,“ ant⸗ wortete ich ruhig,„daß ich als Mann von Ehre und als Soldat Ihnen unmöglich Aufſchlüſſe über die Armee ertheilen kann, der ich angehöre.“ „Das ſehe ich nicht ein, mein Herr: Sie ſind Ge⸗ fangener und in unſern Händen— Ihre Behandlung — Ihr Schickſal— Ihr Leben hängt von uns ab. Ohnehin habe ich mir ſagen laſſen, daß Ihre Leute mit franzöſiſchen Offizieren, die in engliſche Gefangenſchaft gerathen, ganz und gar nicht viele Umſtände machen.“ „Wer das ſagt, ſpricht die Unwahrheit und thut ſowohl Ihren als meinen Landsleuten Unrecht. Jeden⸗ alls—“ „Die Garden ſind noch gar nicht in's Treffen gekommen?“ fragte er in einem Ton, der Gewißheit zeigen ſollte. Ich erwiederte kein Wort. „Sie müſſen einſehen, mein Herr, daß alle Wahr⸗ ſcheinlichkeiten gegen Sie ſind. Die Preußen geſchla⸗ gen, die Holländer entmuthigt, die Belgier warten nur auf den erſten Sieg, um ihre Fahnen zu verlaſſen und zu den unſrigen überzugehen, während Ihre Armee kaum aus vierzig tauſend, nein, was ſage ich? blos aus fünf und dreißig tauſend Mann beſteht. Iſt's nicht ſo?“ Dieſe neue Frage war ſo liſtig geſtellt, daß er in der leiſeſten Bewegung meiner Geſichtszüge eine Ant⸗ wort hatte ſinden können. Ein halbes Lächeln jedoch 304 und eine leichte Verbeugung war meine ganze Erwiede⸗ rung, während Soult etwas zwiſchen den Zähnen mur⸗ melte, worüber die andern laut auflachten. „Sie können ein wenig abtreten, mein Herr,“ ſagte er trocken zu mir. Sehr froh, aus dieſer unangenehmen Stellung erlöst zu ſeyn, ritt ich auf den kleinen Hügel rückwärts. Der Regen ſtrömte zwar noch immer herab, doch hatte die aufgehende Sonne den dichten Nebel einigermaßen zertheilt und allmälig wurde ein Stück der weiten Ebene um's andere ſichtbar; als die Nebelmaſſen noch weiter zurückwichen, konnte ich, obſchon immer noch undeutlich, die Umriſſe des unregelmäßigen, großen Gebäudes ent⸗ decken, welches ſie Schloß Hougoumont genannt hatten, von wo der Wind mir die Klänge von Maurerhämmern zutrug. Es waren dies die Sappeurs, welche die Mauern mit Schießlöchern für die Scharfſchützen verſahen, und ich ſah wohl, daß beide Heere dieſe Poſition als be⸗ ſonders wichtig betrachteten. Von einem weitläufigen Baumgarten umgeben, lag das Schloß etliche hun⸗ dert Schritte vor der britiſchen Linie und wurde von zwei Anhöhen beherrſcht: die eine, im Beſitz der Fran⸗ zoſen war bereits mit einem Park von elf Kanonen beſetzt, von der andern wußte ich nur ſo viel, als ein flüchtiger Blick auf die Karte mich gelehrt hatte. Hinter uns ſtand das zweite Corps unter Jerome Bonaparte mit Foy und Kellermanns leichter Artilleriebrigade. Rechts von dieſem kam d'Erlons Corps, das bis zu einem Gehölze hinſtand, welches mein Begleiter Friſchermont nannte; weiter rechts war Lobaus Diviſion poſtirt, um die Verbindung mit Grouchy bei Wavre zu erhalten oder nöthigenfalls das Vordringen der Preußen und ihre Vereinigung mit der engliſch⸗holländiſchen Armee zu verhindern. Die Kaiſergarde mit der Cavallerie bildete die Nachhut. Dies der weſentliche Inhalt der Aufſchlüſſe, welche mir mein Führer ertheilte, der ſich mit Vergnügen über die prachtvolle Schlachtordnung 305 auszulaſſen ſchien, und ſeine eigene genaue Kenntniß der verſchiedenen Diviſionen und ihrer Führer nicht ohne namhaften Stolz auskramte. „Ich ſehe, der Marſchall ſchwenkt ſich rechts; wir müſſen ihm folgen.“ Es war jetzt ungefähr acht Uhr, als ich von der äußerſten Linie einen Trupp Reiter in ſcharfem Trab herabkommen ſah. „Das muß Ney ſeyn,“ ſagte mein Begleiter;„ſehen Sie, wie kühn er ſich den engliſchen Linien nähert.“ Und ſo war es auch. Die Schaar ritt furchtlos den Abhang hinab und machte erſt etwa hundert Schritte vor einem Gebäude halt, das einer verfallenen Kirche lich. 4. P iſt das für ein Gebäude dort?“ „Das— das,“ antwortete er nach einigem Sinnen, „das muß La Haye Sainte ſeyn, und dort, rechts davon, iſt die Straße nach Brüſſel. Da ſehen Sie, Ihre Landsleute ſind in Bewegung. Eine Kolonne zieht ſich rechts und die Reiterei ſchwenkt ſich auf die andere Seite der Straße. Doch ich habe mich geirrt; es kann nicht Ney ſeyn— Sacre Dieu, es iſt der Kaiſer ſelbſt und da kommt er.“ Während er ſprach, galoppirte der Trupp heran und hielt wenige Schritte vor uns ſtill. „Ha,“ rief Napolon, indem ſein ſcharfer Blick auf mich fiel,„da iſt mein ſchweigſamer Freund von Qua⸗ trebras.„Sie ſehen, mein Herr, ich bedarf Ihrer Hülfe jetzt nicht. Das Schachbrett ſteht vor mir.“ Dann fügte er in einem Tone, der mir unverſtändlich ſeyn ſollte, hinzu:„Es hängt Alles von Grouchy ab.“ „Nun, Haxo,“ rief er einem Offtzier zu, der mit dem Hut in der Hand herangaloppirte:„Was meinen Sie? Hat ſich der Feind in dieſer Stellung verſchanzt?“ „Nein, Sire, der Boden iſt offen und in zwei Lever, O'Malley. IV. 20 306 Stunden wird er für die Manöver der Kanonen feſt genug ſeyn.“ „Nun, ſo laßt uns jetzt frühſtücken,“ ſagte Napo⸗ leon, indem er mit behaglichem, ruhigem Lächeln ſein Pferd wandte und in leichtem Galopp gegen die Höhen von La Belle Alliance hinanſprengte. Als er ſich den Linien näherte, brach das Geſchrei Vive l'Empereur! los. Der Jubelruf lief von Regiment zu Regiment, von dem Walde und von Friſchermont bis zu dem äußerſten lin⸗ ken Fügel bei Merkebraine, und zwar erſcholl er ſo plötz⸗ lich und ſo aus einem Guß, daß der Kaiſer ſelbſt, der doch an die Ausbrüche der Begeiſterung ſeiner Armee ſo wohl gewöhnt war, erſtaunt und überraſcht ſchien, als eerr ſein Pferd anhielt und den ſtolzen Blick über die zahlloſen Tauſende ſchweifen ließ Langſam und gra⸗ ziös erhob er ſeinen Hut ohne Federbuſch über den Kopf und während er die ſtolze Stirne neigte, vor welcher Könige gezittert, brach das Freudengeſchrei von Neuem los und zerriß die Lüfte. 3 In dieſem Augenblicke ſchien die Sonne hell aus den dunklen Wolken empor und blitzte auf den glänzen⸗ den Klingen und flimmerden Bajonetten. Ein ſchwarzer trüber Schatten hing düſter über der brittiſchen Stellung, während die Franzoſen im hellen Sonnenlichte ſtanden. Napoleons ſcharfer Blick flog mit Blitzesſchnelle von ei⸗ ner Linie zur andern und ich glaubte in dieſem Blick, der ſich zum Himmel aufrichtete, die flüchtige Hoffnung zu erkennen, es moͤchte dies ein gutes Vorzeichen ſein. Die Muſikchöre der Kaiſergarde ſpielten fröhliche, trium⸗ phirende Weiſen und unter dem wiederholten Ruf l'Em- pereur! PEmpereur! ritt er langſam nach La Belle Alliance. 307 Hundertundzwanzigſtes Kapitel. Waterloo.— Napoleons Abſicht war urſprünglich, die Schlacht durch einen Angriff auf den äußerſten rechten Flügel zu 8 eröffnen; aber Ney, der von einer Recognoscirung zu⸗ rückkam, berichtete, ein kleiner Bach ſey in Folge des langen Regens zu einem ſchäumenden Strom angeſchwol⸗ len und könne von der Infanterie nicht paſſirt werden. Um dieſe Schwierigkeit zu vermeiden, gab er ſein Lieb⸗ lingsmanöver, einen Flankenangriff, auf und beſchloß zu⸗ erſt das Centrum des Feindes zu beſtürmen. Er ließ ſeine Cavallerie und Artillerie auf der Straße nach Brüſ⸗ ſel vorrucken und hoffte auf dieſe Art die Verbindung der Engländer mit ihrem eigenen linken Flügel, ſowie mit den Preußen abzuſchneiden, denen, wie er mit vol⸗ ler Zuverſicht annahm, Grouchy mehr als gewachſen ſein mußte. Die Reſerven wurden deßhalb alle gegen das Centrum hin beordert. Siebentauſend Mann Reiterei und eine maſſive Artillerie ſammelten ſich auf den Höhen von La Belle Alliance und warteten nur auf den Beſehl zum Aufbruch. Es war elf Uhr. Napoleon beſtieg ſein Pferd und ritt langſam die Linie hinab; wiederum ertönte das Geſchrei Vive l'Empereur und aufs Neue ſtimmten die Muſikchöre der verſchiedenen Regimenter ihre herzerre⸗ genden Melodien an, als der ſchimmernde Stah ſich da⸗ hin bewegte.. 3 — Auf brittiſcher Seite war Alles g. Die ver⸗ ſchiedenen Diviſionen ſchienen noch ir in ihrer alten Stellung zu beharren, und der Zangz Bergrücken von Ter- la Haye bis Merkebraine Earrte von Baſonetten. Nichts konnte gleicher ſein, als ie gegenſeitigen Vor⸗ theile des Bodens. Jede Armee behielt eine Anhöhe beſetzt, von welcher herab ihre Artillerie ſpielen konnte. 20* 30⁰8⁸ Zwiſchen beiden Heeren lag ein breites Thal mit wellen⸗ förmigen Erhebungen. Der Boden geſtattete überall freie Bewegung für Reiterei ſowohl als Fußvolk, und außer den halbverfallenen Mauern des Schloßes von Hougou⸗ mont oder dem Pachthofe La Haye Sainte, die beide von den Engländern beſetzt waren, hatte kein Heer ei⸗ nen Vortheil durch Natur oder Kunſt. Es war ein durch⸗ aus gleiches Gefecht, ein großartiges Turnier, nicht blos zwiſchen den zwei größten Nationen, ſondern auch zwiſchen den zwei erbittertſten Todfeinden, angeführt von den zwei größten Feldherrngenies, welche die Welt je geſehen hat und vielleicht je ſehen wird. Was mich betraf, der ich verurtheilt war, müſſiger Zuſchauer dieſes Rieſen⸗ kampfes zu ſein, verurtheilt all die tiefangelegten, wohl⸗ ausgedachten Plane, welche die Macht meiner Landsleute zerſtören ſollten, mit eigenen Augen zu ſehen, ſo befand ich mich in einem Zuſtande der qualvollſten Bangigkeit. Ich ſaß auf der kleinen Anhöhe von Roſſomme; vor mir im Thale, wo noch immer das hohe Korn in üppiger Fülle prangte, ſtand das ruhige, friedliche, alte Schloß Hougoumont mitten unter blühenden Obſtbäumen. Die Vögel ſangen munter ihre Lieder, das ſchrillende Ge⸗ pfeife der mörderiſchen Musketen ließ ſich vernehmen; durch mein Glas entdeckte ich die Uniform der Solda⸗ ten, welche die Stellung gegenüber beſetzt hielten und mein Herz klopfte ſtolz und bange zugleich, als ich die Garden erkannte. In dem Baumgarten ſtanden Scharf⸗ ſchützen, wenigſtens hielt ich ſie für ſolche nach ihren Uniformen und ihrer zerſtreuten Stellung. Während ich noch hinüberſah, rückten die Tirailleurs von Jeromes Di⸗ viſton vor die Front, zogen in einer Art von Trab den Hügel hinab, zertheilten ſich dann in kleine Gruppen und unterhielten unterwegs ein flüchtiges, ungeordnetes Feuer. Die engliſchen Schutzen, die mit dieſer Kampfart weni⸗ ger vertraut waren, zogen ſich bald zurück und die Spitze von Reiles Brigade begann ihren Marſch gegen das Schloß. Die engliſche Artillerie protzt auf und eröffnet 3⁰9 das Feuer. Kellermann ſchickt ſeine zwölf Kanonen im Galopp voran; das Schloß iſt in dichten Pulverdampf gehüllt, und ſowie der Kampf lebhafter wird, ſtrömen immer friſche Truppen heran, während auf beiden Sei⸗ ten die Artillerie donnert. Die ganze Linie beider Heere ſchaut bewegungslos dem furchtbaren Kampfe zu und alle Augen ſind nach dem Platze geheftet, von welchem in dichten Dampfwolken die Blitze der Artillerie flammen, während das einſtürzende Mauerwerk, die brennenden Balken und das wilde Schlachtgeheul das furchtbare In⸗ tereſſe der Scene erhöhen. Ueber eine Stunde dauert der wüthende Angriff; die Artillerie auf der Höhe hat jetzt ihre Richtung gefunden und jeder Schuß erſchüttert die wankenden Mauern von Neuem; einige verwundete Soldaten kehren ſchwach und blutig aus dem Kampfe zurück, aber nur wenige entkommen. Eine krachende Gewehrſalve ertönt jetzt von der Seite des Gartens her, eine zweite und dritte folgt mit der Schnelligkeit des Blitzes. Es tritt eine augenblickliche Stille ein, aber auf einmal bricht ein betäubendes Freudengeſchrei los und ein Adjutant ſprengt herbei mit der Nachricht, der Baumgarten ſei mit dem Bajonett genommen. Die Naſſauer Scharfſchützen, die ihn beſetzt ge⸗ halten, hatten ſich nach verzweifeltem Widerſtand vor dem furchtbaren Anprall des franzöſiſchen Fußvolkes zu⸗ rückziehen müſſen.„A vous maintenant,“ rief General Foy, indem er den Säbel zog und vor die Spitze ſeiner glänzenden Diviſion ritt, die im Thale ſtand und be⸗ gierig auf den Befehl zum Angriff wartete.„En avant, mes braves!“ rief er, mit ſeinem Schwert nach dem Schloſſe deutend und kühn voranſprengend. Kaum war er hundert Schritte weit gekommen, als eine ricochetti⸗ rende Kanonenkugel ſein Pferd zu Boden ſtreckte; er machte ſich aber ſchnell von dem lebloſen Thiere los, ſprang auf ſeine Füße und eilte von Neuem vorwärts. Die Kolonne entſchwand bald aus meinen Augen und 3 10 ſchon trauerte ich über das ſcheinbar unvermeidliche Schick⸗ ſal, das meinen wackeren Landsleuten drohte. Bei der geſpannten Theilnahme, womit ich dieſen Theil des Schlachtfeldes beobachtete, hatte ich bis jetzt nicht bemerkt, daß der Kaiſer und ſein Stab jetzt kaum dreißig Schritte vor mir ſtanden. Napoleon ſaß auf einem grauen, beinahe weißen Araber, und ließ die Zügel ſchlaff herab⸗ hängen, während er ſein Telescop mit beiden Händen vor ſein Auge hielt; er trug ſeinen gewöhnlichen grünen Nock mit weißen Aufſchlägen, die Uniform der beritte⸗ nen Jäger, ohne alle Dekorationen, außer dem Kreuz der Ehrenlegion. Seine hohen Stiefel waren von dem langen Ritte in dem tiefen Lehmboden bis weit hinauf beſpritzt; ſein kräftiges Schlachtroß ſah angeſtrengt und erhitzt aus, er ſelbſt aber, und ich beobachtete ſeine Züge genau, war vollfommen ruhig und unbewegt. Wie ängſt⸗ lich forſchte ich nicht auf dieſem Geſichte, mit welch ban⸗ gem Herzklopfen lauerte ich auf jede Geberde, in der Meinung, irgend eine flüchtige Spur von Zweifel, von Beſorgniß oder Schwanken zu entdecken! Aber von all dem war nichts zu gewahren. Niemand hätte ihm an⸗ geſehen, daß er ſeinen Blick auf ein blutiges Schlachtfeld geheftet hatte, daß ſein ganzes Schickſal von dem Spiele vor ihm abhing, daß er jetzt um ſeinen letzten, ſeinen einzigen Einſatz ſpielte, daß es ſich um die Herrſchaft der Welt handelte. Er glich weit mehr einem Manne, der im vollkommenſten Frieden mit ſich ſelbſt lebt, deſſen Gemüthsruhe durch keine Vorwürfe, durch keine Reue geſtört wird, deſſen Schifflein ſanft über die ruhige, von keinem Sturm der Leidenſchaft erregte See des Lebens dahingleitet. Neben ihm ſaß ein Mann, deſſen flammen⸗ des Auge und wechſelnde Geſichtszüge gerade das Wider⸗ ſpiel von ihm bildeten. Mit ängſtlicher Geſpanntheit betrachtete er den mörderiſchen Kampf um das Schloß her; jeder ſeiner Blicke, jede ſeiner Geberden verkündete das wechſelnde Schickſal des Augenblickes. Seine breite gewölbte Bruſt glänzte von Orden, aber ſeine finſtere d 1 * 311 Stirne und ſein düſteres Geſicht, das vor Aufregung bei⸗ nahe ſchwarz war, werde ich nie vergeſſen. Es war Soult, der in ſeiner Eigenſchaft als Majorgeneral den Kaiſer heute begleitete.* „Sie haben ihn wieder verloren, Sire,“ ſagte der Marſchall leidenſchaftlich,„und jetzt formiren ſie ſich von Neuem unter dem Kreuzfeuer der Artillerie; die Spitze der Colonne verwirrt ſich in jedem Augenblick; warum ſtürmt man nicht?“ „Domont, Sie kennen die Engländer; was für Truppen ſind dort im Garten? Sie gebrauchen ihr Bajonett vortrefflich.“ Der angeredete Offizier richtete ſein Glas einen Au⸗ genblick nach dem bezeichneten Orte, wandte ſich dann gegen den Kaiſer und antwortete, indem er den Hut be⸗ rührte:„Es ſind die Garden, Sire.“ Während dieſer Zeit ſprach Napoleon kein Wort; ſein Auge war unabläſſig auf die Schlacht geheftet und auf die Unterhaltung um ihn her ſchien er wenig oder gar nicht zu achten. Auf einmal ſprengte ein Adjutant athemlos und erhitzt heran. „Die Angriffskolonnen haben ſich formirt, Sire; Al⸗ les iſt bereit und der Marſchall wartet nur noch auf die Ordre.“ Napoleon drehte ſich in ſeinem Sattel um, richtete ſein Glas gegen Neys Diyiſion und ſah einige Augenblicke unverwandt nach dieſer hin. Langſam bewegte ſich ſein Auge von der Front bis zum Nachtrab; endlich aber richtete er ſein Telescop feſt nach dem äußerſten linken Flügel. Hier, gegen St. Lambert hin, ſchien eine leichte Wolke den Horizont zu begrenzen und ſchnell waren alle Ferngläſer des Stabes dorthin gerichtet. „Es iſt nichts als eine Wolke, eine Ausdünſtung aus dem Sumpfboden dort,“ flüſterte Einer. „Mir,“ ſagte ein Anderer,„ſcheinen es Bäume zu ſein, ein Theil des Waldes von Wavre.“ „Es ſind Menſchen, ſprach der Kaiſer, der zum erſtenmal den Mund öffnete;„iſt es Grouchye iſt es Blücher?“ Soult neigt ſich der erſtern Anſicht zu und gibt ſeine Gründe dafür an. Der Kaiſer aber, ohne auf ihn zu hören, wendet ſich zu Domont und befiehlt ihm, mit ſei⸗ ner Diviſion leichter Reiterei und Subervics Brigade ſchleunigſt dorthin aufzubrechen. Wenn es Grouchy ſei, ſolle er eine Vereinigung mit ihm bewerkſtelligen; ſei es der Vortrab Blüchers, ſo ſolle er ihn angreifen. Kaum iſt der Befehl ertheilt, als eine Kolonne Reiterei ſich aus der ungeheuern Maſſe losmacht und gleich einer Rieſen⸗ ſchlange zwiſchen den Vierecken des gewaltigen Heeres durchwindet. Immer ſchneller und ſchneller rückt ſie her⸗ an und bald ſehen wir ſie am äußerſten rechten Flügel hervorkommen und wie bei einer Parade eine halbe Stunde vor dem Wald ſich aufſtellen. Dieſe ſehr ſchön und ge⸗ nau ausgeführte Bewegung hatte unſere ganze Aufmerk⸗ ſamkeit nicht blos von dem Angriff auf Hougoumont, ſondern auch von einem Ereigniß, das dicht neben uns ſtattgefunden, abgelenkt. Es war dies nämlich die Er⸗ ſcheinung eines preußiſchen Huſaren, der zwiſchen Wavre und Planchenoit gefangen worden war und einen Brief von Bülow an Wellington hatte, worin erſterer ſeine Ankunft bei St. Lambert meldete und um Ordre bat. Damit war denn ſogleich die Erſcheinung rechts erklärt, aber der Gefangene fügte noch hinzu, die drei preußi⸗ ſchen Corps ſtehen bei Wavre und haben ihre Vorpoſten bis zwei Stunden über dieſe Stadt hinaus geſandt, ohne auf irgend eine Abtheilung von Grouchys Corps zu ſto⸗ ßen. Einen Augenblick wird kein Wort geſprochen Ein Schweigen, gleich einem paniſchen Schrecken, durchläuft den ganzen Stab; der Kaiſer ſelbſt bricht es zuerſt: „Dieſen Morgen ſtanden die Chancen neunzig ge⸗ gen eine zu unſern Gunſten,“ ſagte er zu Soult;„durch Bülows Ankunft haben wir bereits dreißig verloren; doch haben wir immer noch Hoffnung genug, wenn nur 313 Grouchy den entſetzlichen Fehler wieder gut macht, den er begangen hat.“ Er ſchwieg einen Augenblick, dann aber hielt er ſeine offenen Hände empor, warf einen Blick zorniger Leidenſchaft im Stabe umher und ſagte mit einer Stimme, deren ſarkaſtiſchen Ton ich nie vergeſſen werde:— „II s'amuse à Gembloux! Gleichwohl!“ fuhr er ſchneller und energiſcher als bisher fort,„gleichwohl kann Bülow noch gänzlich abgeſchnitten werden. Ein Offizier trete heran! Nehmen Sie dieſen Brief, mein Herr— damit übergab er ihm das Schreiben Bülows — und überbringen Sie dieſes dem Marſchall Grouchy. Sagen Sie ihm, daß er in dieſem Augenblick vor Wavre ſtehen ſollte; ſagen Sie ihm, daß wenn er ſeine Be⸗ fehle vollführt hätte— doch nein, ſagen Sie ihm, er ſoll ſogleich aufbrechen und mit ſeiner Cavallerie in zwei Pahſteds drei Stunden hier an Ort und Stelle ſein. ie haben nur zwei Meilen; ſorgen Sie, daß Sie in einer Stunde bei ihm ſind.“ Während der Offtzier im geſtreckten Galopp davon⸗ jagt, beſtätigt ein Adjutant des General Domont dieſe Nachricht. Es ſind wirklich die Preußen, die er vor ſich hat. Bis jetzt ſind ſie nur aus dem Walde hervor ge⸗ rückt und haben noch keinen Angriff begonnen. „Wie ſtark iſt Bülow, Marſchall?“ „Dreißigtauſend, Sire.“ „Lobau ſoll zehntauſend Mann nebſt den Küraſſie⸗ ren der jungen Garde nehmen und die Preußen in Schach halten.“ „Maintenaut pour les autres!“ Dies ſagte er mit einem Lächeln, indem er von Neuem das Schlacht⸗ feld überſchaute. Der Adjutant des Marſchalls Ney, der barhäuptig und auf Befehle wartend in der Nähe ſtand, ſiel ihm jetzt in die Augen. Der Kaiſer wandte ſich an ihn und ſagte mit klarer feſter Stimme: „Sagen Sie dem Marſchall, er ſolle das Feuer ſei⸗ ner Batterien eröffnen, La Haye Sainte mit dem Ba⸗ 314 jonette nehmen, eine Infanteriediviſion zur Bedeckung dort laſſen uud dann gegen La Papelotte und La Haye marſchieren. Auch dieſe Plätze müſſen mit dem Bajo⸗ nette genommen werden. Der Adjutant war fort. Napoleons Auge folgte ihm, wie er über die offene Ebene dahinſprengte und ſich in den dichten Reihen der dunklen Kolonnen verlor. Kaum fünf Minuten waren vergangen, als achtzig Ka⸗ nonen auf einmal losdonnerten, ſo daß die Erde erzitterte und ächzte. Jetzt erſt begann die Schlacht fürchterlich zu werden. Von Hougoumont weg, wo das Schlachten und Blutvergießen unaufhörlich fortwährte, wandten ſich aller Augen rechtsweg. Ich wußte nicht, welche Trup⸗ pen La Haye Sainte beſetzt hielten, oder ob es über⸗ haupt Engländer waren, die auf den Höͤhen oberhalb ſtanden; aber in meinem Herzen betete ich inbrünſtig, daß ſie es ſein möchten. O, was hätte ich nicht in dieſem Augenblick der qnalvollſten Angſt und Spannung dafür gegeben, zu wiſſen, daß Picton ſelbſt und das 5te Regiment dort war; daß hinter dieſem Hügel die Grauen, die Königlichen und die Enniskilleners bewegungslos, aber voll brennender Thatenluſt ſtanden; daß der Hauch der Schlacht durch die Tartane der Hochländer wehte und die glühenden Geſichter meiner eigenen Landsleute berührte. Hätte ich dieſes gewußt, ſo hätte ich den Angriff mit weniger Angſt und Zagen betrachten können. „Dort kommt Marcognets Abtheilung,“ ſagte mein Begleiter aufſpringend;„ſie zieht ſich nach der rechten Seite der Straße. Ich möͤchte doch wiſſen, welche Trup⸗ pen ihnen gegenüberſtehen werden.“ Mit dieſen Worten beſtieg er ſein Pferd, erſuchte mich ihn zu begleiten und ritt auf die Höhe von La Belle Alliance. Die Schlacht wüthete jetzt von Schloß Hougoumont bis St. Lambert, wo die preußiſchen Scharf⸗ ſchützen, als ſie aus dem Walde hervorkamen, mit Lo⸗ bans Diviſion zu ſcharmützeln begannen. Der Angriff auf das Centrum verſchlang jedoch meine ganze Aufmerk⸗ — — 315 ſamkeit und ich beobachtete die dunklen Kolonnen, wie ſte in das Thal hinabzogen, während der Donner der Ar⸗ tillerie ſie unaufhörlich umtobte. Zur Rechten von Neys Angriff rückte d'Erlon mit 3 Diviſtonen und der Artil⸗ lerie der Garde vor. Gegen dieſen Theil des Feldes lenkte mein Begleiter hin. General Vaſſeur wünſchte zu wiſſen ob die Truppen auf der Straße von Brüſſel Eng⸗ länder oder Hanoveraner ſeien, und ich ſollte die Frage beantworten. Wir ritten von Viereck zu Viereck, bis wir uns endlich auf der Flanke von d'Erlons Diviſion befanden. La Vaſſeur, der an der Spitze ſeiner Küraſſiere nur auf den Befehl zum Angriff wartete, winkte uns ungeduldig mit ſeinem Degen. Wir waren jetzt rechts auf der Hauptſtraße und ungefähr vierhundert Schritte vom Gipfel des Hügels entfernt, auf welchem, nur durch eine unbedeutende Hecke geſchützt, Picton mit Kempts Bri⸗ gade den Angriff erwartete. Juſt in dieſem Augenblick fand ein Ereigniß ſtatt, das an und für ſich eine der glänzendſten Waffenthaten des Tages war und meinem Schickſal eine unerwartet günſtige Wendung gab. Die Spitze von d'Erlons Ko⸗ lonne ſtürmte mit gefälltem Bajonett den leichten Ab⸗ hang hinan. Schon weicht das belgiſche Fußvolk. Die wackern Braunſchweiger, überwältigt durch die ſchwere franzöſiſche Reiterei, beginnen zu wanken, werden durch⸗ brochen, ziehen ſich in Unordnung zurück und hinter ih⸗ nen her donnert ein Wirbelwind von verfolgenden Schwa⸗ dronen. En avant! en avant! toujours la victoire est à nous! erſcholl es wild durch die ungeduldigen Rei⸗ hen, und die Artillerie wird beordert auf die brittiſchen Vierecke zu ſchießen, welche ſtarr und unbeweglich den Anprall der Küraſſiere ausgehalten hatten. Gleich ei⸗ nem Donnerkeil ſtürmt die fliegende Artillerie vor die Front, aber kaum hat ſie den Fuß der Anhöhe erreicht, als die Kanonen tief in den Lehmboden einſinken und die Räder nicht mehr umgehen. Vergebens peitſchen und ſpornen die Treiber ihre ſich abplagenden Thiere; voll Ungeduld ſtechen die vorderſten Soldaten mit ihren Ba⸗ jonetten nach den Pferden. Die Zögerung bringt Ver⸗ derben; denn Wellington, der mit ſeinem Adlerblick auf einer Hohe neben der Hauptſtraße die vorrückende Ko⸗ lonne beobachtet, ſieht den Vorfall. Der Befehl ertönt und mit wüthendem Rennen ſtürmt die ſchwere Caval⸗ leriebrigade hinab. Pictons Diviſion entwickelte ſich in eine Linie, der Bergrücken erglänzt von den Bajonetten und mit brüllendem Kampfgeſchrei dringt das 5te vor. Eine Salve wird gewechſelt, dann aber greift man zum Ba⸗ jonett und die franzöſiſche Diviſton zieht ſich, verfolgt von ihrem tapfern Feinde, in dichter Kolonne zurück. Kaum find die vordern Diviſtonen zurückgewichen und die hintern ihnen eiligſt nachgezogen, theilweiſe auch in Unord⸗ nung gebracht, als die Cavallerietrompeten zum Angriff blaſen. Die glänzenden Helme der Enniskillener blitzen in den Sonnenſtrahlen und die ſchottiſchen Grauen ſtür⸗ men gleich einer Woge mit weißer Schaumkrone auf den Feind herab. Marecognets Diviſton iſt umzingelt; die Dragoner reiten ſie von allen Seiten nieder, die Ka⸗ nonen werden erobert, die Treiber niedergehauen und zweitauſend Gefangene abgeführt. Ein paniſcher Schre⸗ cken ſcheint die Franzoſen ergriffen zu haben; denn Rei⸗ terei, Fußvolk, Artillerie, Alles ſtürmt wild untereinan⸗ der. Vergebens bieten die Franzoſen Alles auf, ſich wie⸗ der zu ſammeln; der unermüdete Feind dringt wie wahn⸗ ſinnig nach; die Haustruppen unter Lord Urbridge kom⸗ men donnernd die Straße herab und reiten mit ihrer giganti⸗ ſchen Macht die bepanzerten Küraſſiere Frankreichs nieder. Vom Strome der Fliehenden ergriffen, wurde ich in einem dichten Haufen mit fortgeriſſen. Die engliſche Reiterei, die gleich einem Blitz, welche die Donnerwolke ſpaltet, überall eindrang, ſtürmte wüthend hinter uns her. Das Gebrüll der Schlacht wurde lauter und man focht Hand gegen Hand. Milhauds ſchwere Dragoner und das 4te ſchwere Lancieregiment kamen im Galopp heran, Pieton —— ——,— 317 ſtürmt vorwärts, ſeinen Federhut über dem Kopfe ſchwin⸗ gend; ſein ſtolzes Auge flammt von Siegesfreude. Dieſer Augenblick iſt ſein letzter. Von einer Musketenkugel in die Stirn getroffen, ſinkt er todt vom Sattel und das wilde Geheul der iriſchen Regimenter, die eine Art von Todtenklage um ihn anſtimmen, iſt der letzte Ton, den er hört. Inzwiſchen ſind die Garden mitten unter uns gekommen. Auf allen Seiten werden Gefangene, theil⸗ weiſe von hohem Rang, gemacht; ich aber benütze dieſe Gelegenheit, ſtürze mich unter die Reihen meiner Lands⸗ leute und werde von den zurückweichenden Schwadronen zum Nachtrabe mit fortgeriſſen. Als wir den Gipfel des Hügels über der Landſtraße erreichten, brach im Thale hinter uns ein lauter Jubel aus und aus dem dichten Dampfe ſchoß eine ſpitze Flamme zum Himmel empor. Es war der Pachthof La Haye Sainte, welchen die Franzoſen durch glühende Kugeln in Brand geſteckt hatten. Schon ſeit einiger Zeit war dem Corps, das ihn beſetzt hielt, die Munition aus⸗ gegangen und es konnte die beſtändigen Salven des Feindes nur mit einem ſchwachen, unregelmäßigen Mus⸗ ketenfeuer beantworten. Als der Dampf ſich verzog, ſahen wir, daß die Franzoſen die Stellung weggenommen hatten, und da in dieſem mörderiſchen Handgemenge kein Pardon gegeben wurde, ſo kehrte nicht ein einziger in unſere Reihen zurück, um die Nachricht von der Nie⸗ derlage zu überbringen. „Dies iſt der Offizier, von dem ich ſprach,“ ſagte ein Adjutant, an den Platz reitend, wo ich barhäuptig und ohne Degen ſtand.„Er iſt ſo eben aus den fran⸗ zöſiſchen Linien entflohen, und wird im Stande ſeyn, Ew. Lordſchaft Aufſchlüſſe zu ertheilen. Die ſchönen Züge und die prachtvolle Kleidung des Lords Urbridge waren mir wohl bekannt; aber das er⸗ fuhr ich erſt ſpäter, daß der martialiſche, keck ausſehende Offizier, neben ihm der General Graham war. Letz⸗ terer redete mich zuerſt an:— 318 1„Wiſſen Sie vielleicht, Sir, ob Grouchy ange⸗ kommen iſt?“ „Nein, er iſt noch nicht gekommen; im Gegentheil wurde noch kurz vor meiner Flucht ein Adjutant nach Gemblou geſchickt, um ihn zur Eile zu mahnen. Die Truppen dort zogen ſich am Walde herunter und ſcheinen ſich jetzt mit unſerem rechten Flügel vereinigen zu wollen, es ſind die Preußen. Sie kamen vor Mittag von St. Lambert hier an und ſind ein Theil des Bülow'ſchen Corps. Graf Lobau wurde mit zehntauſend Mann vor einer Stunde abgeſandt, um ſie in Schach zu halten.“ „Das iſt eine ſehr bedeutungsvolle Nachricht,“ ſagte Lord Urbridge;„Fitzroy muß ſie ſogleich erfahren.“ So ſprechend, gab er ſeinem Pferd die Sporen und verſchwand bald im Gedränge auf dem Gipfel des Hügels. „Sie müſſen mit dem Herzog ſelbſt ſprechen, Sir,“ ſagte Graham.„Ihre Nachricht iſt zu wichtig, als daß er ſie nicht ſogleich erfahren müßte. Kapitän Calvert, geben Sie dieſem Offtzier ein Pferd, denn das ſeinige iſt zu müde.“ „Und eine Mütze, wenn ich bitten darf,“ fügte ich hinzu;„einen Saͤbel habe ich bereits gefunden.“ Auf einem kleinen Umweg erreichten wir die Straße, auf welcher eine Maſſe demontirter Artilleriekarren, Bagage und Munitionswägen aufgehäuft lag, um eine Barrikade gegen den Angriff der franzöſtſchen Dragoner zu bilden, die mehr als einmal bis zu dem Gipfel un⸗ ſerer Stellung vorgedrungen waren. Nahe dabei, auf einer kleinen Anhöhe, von wo man das ganze Feld von Hougoumont an bis zum äußerſten, linken Flügel über⸗ ſchauen konnte, ſtand der Herzog von Wellington mit ſeinem Stabe. Sein Auge war auf das Thal unter ihm gerichtet, wo Ney unermüdlich vorrückte, obſchon ſechzig große Kanonen Tod und Verderben unter ſeinen Reihen verbreiteten. Die 2te belgiſche Diviſion hatte ſich, ge⸗ ſchlagen und in Unordnung gebracht, auf das 27ſte Re⸗ 1 319 giment zurückgezogen, welches ſelbſt ſich kaum in Vier⸗ ecke hatte formiren können, als Milhauds Küraſſiere mit ihren furchtbar langen, geraden Säbeln einzuhauen be⸗ gannen. Eine Linie unpaſſirbarer Bajonette, lebendige, ſpaniſche Reiter, gebildet aus dem beſten Blute Groß⸗ britaniens, ſtand feſt und bewegungslos vor dem An⸗ prall; die franzöſtſchen Kartätſchen wütheten unbarm⸗ herzig unter den Reihen, aber die Lücken wurden wie mit einem Zauberſchlag wieder ausgefüllt, und vergebens ſprengten die kühnen Reiter Galliens um die ſtarrenden Linien herum. Endlich erſcholl das Kommandowort Feuer in die Vierecke, und da die Kugeln auf Piſtolen⸗ ſchußweite abgefeuert waren, ſo bot der Küraß keinen Schutz gegen die mörderiſche Salve; Mann und Roß ſtürzten über einander. Jetzt kamen noch unſere Reiter, die ſich kühn auf den Feind warfen, aber von der Ue⸗ bermacht zurückgetrieben wurden, worauf unſere uner⸗ ſchütterliche Infanterie immer wieder neue Angriffe zu beſtehen hatte. „Die Kolonne dort wankt; warum kommen die Schwadronen nicht zu Hülfe?“ fragte der Herzog, auf ein belgiſches Regiment leichter Dragoner deutend, das in derſelben Brigade mit dem 7ten Huſarenregiment ſtand. „Der Oberſt weigert ſich, ſeine leichte Reiterei Küraſſieren entgegenzuſtellen,“ antwortete ein Adjutant, der ſo eben von der bezeichneten Diviſion zurückgekom⸗ men war. „So ſagen ſie ihm, er ſolle ſeine Leute wegführen,“ verſetzte der Herzog in ruhigem, leidenſchaftsloſem Tone. In weniger als zehn Minuten ſah man das Regi⸗ ment ſich von der Maſſe trennen und die Straße nach Brüſſel einſchlagen, um den paniſchen Schreck dieſer Stadt noch zu vermehren durch Verbreitung des Ge⸗ rüchtes, die Engländer ſeyen geſchlagen und Napoleon in vollem Marſch nach der Hauptſtadt begriffen. „Wie ſtark iſt Ney? können Sie es etwa berech⸗ nen?“ fragte Wellington, indem er ſich zu mir wandte, 320 „Etwa zwoͤlftauſend Mann, Mylord.“ „Sind die Garden dabei?“ „Nein, Mylord, die Garden ſtehen in Reſerve oberhalb La Belle Alliance.“ „Auf welchem Theil des Schlachtfeldes iſt Napoleon?“ „Beinahe gerade uns gegenüber.“ „Ich ſagte es Ihnen ja, Gentlemen, daß Hougou⸗ mont nicht der Hauptgegenſtand des Angriffes ſey. Die Schlacht muß hier entſchieden werden.“ Dabei deutete er auf die Ebene unter uns, wo Ney noch immer ſeine todesmuthigen Kolonnen heranführte und die franzö⸗ ſiſche Reiterei unſere Vierecke berannte. Während er ſprach, kam ein Adjutant vom Thal heraufgeritten. 1 „Das gaſte bittet um Unterſtütz8ung, Mylord; es kann ſonſt ſeine Stellung keine halbe Stunde mehr be⸗ haupten.“ Iſt es gewichen, Sir?“ „Nein.“ b „Gut, ſo ſoll es ſtehen bleiben, wo es ſteht. Ich höre links eine Kanonade, dort in der Nähe von Fri⸗ ſchermont.“ 3 In dieſem Augenblick jagte unſere leichte Cavallerie am Fuße des Hügels vorüber, hitzig verfolgt von den ſchweren Küraſſieren. Drei von unſern Kanonen waren genommen und das Freudengeſchrei des franzöſtſchen Fußvolkes, als es zum Angriff heranrückte, verkündete ſeine Siegeshoffnungen. „So thun Sie es,“ ſagte der Herzog als Antwort auf eine geflüſterte Frage des Lords Urbridge und bald darauf hörte man das ſchwere Geſtampfe vorrückender Schwadronen hinter uns. Es waren die Garden und die Blauen, die zugleich mit dem erſten Regiment Gardedragoner und den Ennis⸗ killenern eine dichte Kolonne bildeten. 3 „Ich kenne den Boden, Mylord,“ ſagte ich zu Lord Urbridge. 321 „So kommen Sie mit, kommen Sie mit,“ rief er, indem er ſeine Huſarenjacke zurückwarf, um ſeinen rechten Arm frei zu machen.—„Vorwärts, Ihr Leute, vor⸗ wärts; aber ruhig und haltet Eure Pferde feſt im Zügel.“ „Greift an!“ rief er jetzt, und als das Wort von Schwadron zu Schwadron lief, neigte ſich jeder Reiter in ſeinem Sattel und dieſe gewaltige Maſſe ſtürmte, wie von Einem Geiſte beſeelt, gleich einem Donnerkeil auf die Kolonnen unten hinab. Müde und erſchöpft, zugleich ſchwächer an Zahl, leiſteten die Franzoſen nur kurzen Widerſtand. Wie das hohe Korn unter dem ſtürmenden Orkan Woge auf Woge ſich beugt, ſo wichen die ſtahl⸗ geharniſchten Schwadronen Frankreichs vor dem ner⸗ vigen Arme der brittiſchen Cavallerie. Vorwärts jagten dieſe Colonnen, Tod und Untergang vor ſich her ver⸗ breitend, und ruhten nicht eher, als bis die Kanonen wieder erobert, die Küraſſiere in Unordnung zurückge⸗ trieben waren und ſich unter den Schutz ihrer Artillerie gezogen hatten. In der ganzen Schlacht herrſchte, wie ein geiſtrei⸗ cher und beredter Schriftſteller ſagt, eine entſetzliche Ein⸗ tönigkeit: unabläſſige Reiterangriffe auf unſere Infan⸗ terievierecke, deren einziges Manöver darin beſtand, ſich in Linien zu bilden, um den Angriffen des Fußvolkes Stand zu halten, oder bei Annäherung der Cavallerie wieder ihre vorige Stellung einzunehmen; und dieſe zwei Bewegungen mußten unter dem zermalmenden Artillerie⸗ feuer vorgenommen werden; Angeſichts jener ungebeugten, heldenſinnigen Infanteriſten, deren Lorbeeren auf den blutgedüngten Feldern von Auſterlitz, Marengo und Wagram gereift waren, oder aber mußte man dem wir⸗ belwindartigen Anprall der wüthenden Cavallerie die eiſenfeſte Stirne entgegenhalten. Solcher Art waren die harten Dienſte, die man von den engliſchen Truppen verlangte, und ſie zeigten ſich der Aufgabe gewachſen. Einige Male wäre ihnen beinahe die Geduld ausgegangen, Lever, O'Malley IV. 21 322 und durch die Reihen verbreitete ſich der Ruf:„Sollen wir denn niemals vorwärts marſchiren? Laßt uns einmal drauf los!“ Aber noch war das Wort nicht geſprochen, welches den eingezwängten Strom entfeſſeln und unbarmherzige NRache über die jetzt nochtriumphirenden Feinde bringen ſollte. Es war ſechs Uhr; die Schlacht hatte mit wechſeln⸗ dem Glück drei Stunden gewährt. Obſchon Meiſter von La Haye Sainte, konnten die Franzoſen doch nicht weiter in unſere Stellung vordringen. Sie hatten den Garten von Hougoumont weggenommen, aber das Schloß war noch immer im Beſitz der brittiſchen Garden, obſchon ſein brennendes Dach und das Einſtürzen ſeiner Wände die Behauptung deſſelben mehr zu einem Prüfſtein ver⸗ zweiflungsvoller Tapferkeit machten, als daß dieſe Stel⸗ lung jetzt noch von bedeutendem Nutzen geweſen wäre. Der Rauch, der über dem Felde hing, rollte in lang⸗ ſamen, ſchweren Maſſen auf die franzöſiſchen Linien zu⸗ rück, ſo daß wir allmälig die ganze Armee überſchauen konnten. Wir ſahen bald, daß eine Aenderung in ihrer Stellung ſtattgefunden hatte. Die Truppen, die auf dem linken Flügel weit über Hougoumont hinausgeſtanden, waren jetzt nach dem Centrum hingedrängt. Der An⸗ griff auf das Schloß wurde weniger lebhaft unterſtützt, während der rechte Flügel, der ſich an Planchenoit lehnte, eine ſchräge Richtung gegen die Preußen genommen hatte; kurz, Alles verkündete eine Aenderung der Schlachtord⸗ nung. Jetzt nahte der Augenblick, wo Napoleon endlich einſah, daß nur noch ein unerhörtes Blutvergießen die ehernen Reihen der brittiſchen Infanterie zerſtören konnte; daß, obgleich Hougoumont zum Theil, La Haye Sainte gänzlich erobert, und rechts auf der Straße die Pacht⸗ höfe Papelotte und La Haye von ſeinen Truppen bei⸗ nahe umringt waren, was jede andere Armee als Vor⸗ boten einer Niederlage betrachtet haben würde, daß er, ſage ich, trotz alldem den Sieg noch nicht in ſeinen Hän⸗ den hatte. Die kühnen Kriegsliſten, die ihm ſein ganzes Leben hindurch den Erfolg verſchafft, zeigten ſich hier —— 323 machtlos. Das entſcheidende Manöver, einen wichtigen Punkt der feindlichen Stellung zu nehmen, den Feind auf die Flanke zu werfen, oder ſein Centrum zu durch⸗ brechen, war hier nicht auszuführen. Op er auch ſeine Lawinen von Kartätſchen ausſchüttete, ob er ſeine zer⸗ malmenden Reiterſchaaren herabſauſen, oder ſeine tapfere Infanterie heranſtürmen ließ, welche den Tod in jeder Geſtalt um ſich verbreitete; immer fanden ſich wieder Leute, welche die Lücken der Gefallenen ausfüllten und ohne Wanken ihr beſtes Herzblut vergoſſen. Wohl mochte der tapfere Feldherr dieſes tapfern Heeres, wenn er die kühnen, grimmigen Angriffe ſeiner unermüdlichen Schaa⸗ ren betrachtete, und dennoch ſehen mußte, wie diejeni⸗ gen, die das ſtolze Banner Großbritaniens trugen, unverdroſſen den Kampf aufrecht erhielten, wohl mochte er da ausrufen:„Die Nacht oder Grouchy:“ Es war jetzt ſieben Uhr, als eine dunkle Maſſe auf den Höhen über dem franzöſiſchen Centrum ſich formirte und in drei gigantiſche Kolonnen theilte, wovon die rechte die Straße von Brüſſel beſetzte. Es waren dies die Reſerven, die aus der alten und jungen Garde beſtanden und ſich auf etwa zwölftauſend Mann beliefen— die Kerntruppen des franzöſiſchen Heeres und vom Kaiſer zu einem großen entſcheidenden Schlage aufbewahrt. Dieſe Veteranen von hundert Schlachten hatten vom Beginn des Kampfes an als müſſige Zuſchauer da ge⸗ ſtanden; jetzt aber war auch ihre Stunde gekommen, und mit dem Geſchrei Vive l'Empereur! welches triumphi⸗ rend den Schlachtendonner übertönte, begannen ſie ihren Marſch. Mittlerweile galoppirten Adjutanten von Linie zu Linie, um Grouchys Ankunft zu verkünden und da⸗ durch den lſinkenden Muth der Mannſchaft neu zu be⸗ leben; denn ſelbſt diejenigen, die noch niemals zuvor, ſelbſt in ſeinen ſchlimmſten Stunden nicht, an den Un⸗ tergang des Sternes, der ſie zum Ruhme geführt, hatten glauben können, begannen jetzt am Siege zu zweifeln. 21 „Sie kommen; der Angriff wird gegen das Centrum gerichtet ſeyn, Mylord,“ ſagte Lord Fitzroy Somerſet, während er ſein Glas auf die anrückende Kolonne rich⸗ tete. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als das Telescop ſeiner Hand entfiel und ſein Arm von einer franzöſiſchen Kugel zerſchmettert, ſchlaff niederhing. „Ich ſehe es,“ war die kaltblütige Antwort des Herzogs, der den Garden Befehl ertheilte, ſich in eine Linie zu formiren und hinter dem Hügel niederzulegen, welchen die franzöſiſche Artillerie jetzt beſtrich. In der Front ſtellten ſich das 52ͤte, das 71ſte und das 95ſte Regiment auf. Die Artillerie ſtand auf erhabenen Punk⸗ ten, theilweiſe auch auf der Straße, und erwartete nur das Kommandowort, um das Kartätſchenfeuer zu eröffnen. Es war ein verhängnißſchwerer, ſchrecklicher Augen⸗ blick. Die preußiſchen Kanonen donnerten auf unſerer Linken, aber die Franzoſen wehrten ſich ſo verzweifelt, daß dieſelben nur geringe Fortſchritte zu machen vermochten. Die dunkeln Kolonnen der Garde hatten jetzt heranzu⸗ klimmen begonnen und die Artillerie ſtellte ihr Feuer ein, als die Bajonette der Grenadiere ſich auf dem Abhang zeigten. Rechts und links auf unſerer Linie erhob ſich jetzt jenes furchtbare Geſchrei, welches diejenigen, die es einmal gehört haben, nie mehr vergeſſen können. Es war der ungenuldige, lange, zurückgehaltene Ausbruch unauslöſchlicher Rachewuth. Mit dem Inſtinkt, welchen die Tapferkeit lehrt, ſahen ſte ein, daß der entſcheidende Augenblick gekommen war, und wildes Geſchrei ertönte von den blutgetränkten Mauern von Hougoumont an bis in das ferne Thal von La Papelotte.„Sie kommen! ſie kommen!“ riefen die Engländer, und in dieſes Ge⸗ ſchrei miſchte ſich das Gebrülle: Vive l'Empereur! Unter einem zermalmenden Kartätſchenhagel, welchem ein Cavallerieangriff auf die kaiſerliche Garde folgte, feuerte Neys Kolonne eine Musketenſalve ab und ſtürmte dann mit dem Bajonett vorwärts. Die brittiſche Artillerie feuerte jetzt auf halbe Kanonenſchußweite, aber trotz der 325 Zerſtörung, welche ſie anrichtete, drangen die Garden unaufhaltſam weiter, Ney ſelbſt zu Fuß an ihrer Spitze. Zweimal kehrten die vorderen Diviſionen dieſer tapferen Kolonne um, als das mörderiſche Feuer ſie haufenweiſe niederſtreckte, aber ſie waren entſchloſſen zu ſiegen. Bereits hatten ſie den Kamm des Hügels erreicht und die erſte engliſche Linie wich vor ihnen zurück. Jetzt beginnt die Artillerie von der Straße her ihr Flanken⸗ feuer; die Spitze der Kolonne fliegt auseinander wie eine Granate; der Herzog ergreift dieſen Augenblick und geht zu Fuß den Hügel hinan. „Auf, Ihr Garden, und hinab auf ſie!“ rief er. Die Stunde des Triumphes und der Rache hatte geſchlagen. In einem Augenblick waren die Garden auf den Beinen; eine Salve erkrachte, die Bajonette wurden aufgeſteckt, ſie rückten dem Feinde auf den Leib und nun erfolgte der grauſenhafteſte Kampf, welchen die Kriegs⸗ geſchichte in ihren Annalen aufbewahrt hat. Mit lang zurückgehaltener Wuth ſtürzten die Garden auf die vor⸗ deren Reihen ein; das 71ſte, das 95ſte und 2öſte ſielen dem Feind in die Flanke. Auf allen Seiten fielen Generale: Michel, Jamier und Malbet ſind getödtet; Friant liegt verwundet zur Erde; Neys Uniform iſt von Kugeln durchlöchert, aber gleichwohl treibt er ſeine Krie⸗ ger vorwärts. Doch die vorderen Linien wanken, ſie ziehen ſich zurück, die hintern Linien gerathen in Unordnung, Verwirrung, paniſcher Schreck ſtellt ſich ein; die Eng⸗ länder dringen ungeſtüm nach, ihre Reiterei galoppirt herbei und endlich weichen die Franzoſen in wilder Un⸗ ordnung, überwaͤltigt und geſchlagen, auf die alte Garde zurück. Dies war der entſcheidende Augenblick des Tages. Der Herzog ſchloß ſein Fernglas und ſagte:„Das Feld iſt gewonnen. Die ganze Linie ſoll vorrücken.“ Heran ſtürmten die Krieger vier Mann hoch, und c einem Waldſtrom ergoſſen ſie ſich von der Höhe erab „Die Garden ſollen einhauen!“ rief der Herzogz aber alle Adjutanten ſeines Stabes waren verwundet und nun mußte ich Lord Urbridge den Befehl überbringen. Urbridge hatte bereits darauf gewartet und warf ſich mit vier Regimentern ſchwerer Reiterei auf das Centrum der Franzoſen, in deren Flanken und Rucken die preußi⸗ ſche Artillerie donnerte. Das brittiſche Bajonett blinkte in der Front und nun verbreitete ſich ein paniſcher Schreck in allen Reihen: Sauve qui peut! erſcholl es von allen Seiten. Vergebens warf ſich Ney, der Tapferſte der Tapfern, vergebens warfen ſich Soult, Bertrand, Gourgaud, Labedoyere den aufgelösten, desorganiürten Maſſen entgegen und forderten ſie auf ſtille zu ſtehen. Nur ein einziges Bataillon der alten Garde mit Cam⸗ bronne an der Spitze gehorchte dem Befehl; ein Viereck bildend ſtellt es ſich zwiſchen die Verfolger und ihre Beute und weihte ſich zum Opfer für die befleckte Ehre ihrer Waffen. Die Aufforderung ſich zu ergeben, beant⸗ worteten dieſe Helden mit trotzigem Hohngeſchrei, und als unſere Reiterei, erhitzt und angeſpornt durch den Sieg, ihre ſtarrenden Linien umſchwärmte, ließ nicht ein einziger von ihnen eine Spur von Verzagtheit und Entmuthigung blicken. Der Kaiſer ſelbſt ſuchte das Un⸗ glück abzuwenden. Mit Blitzesſchnelle ritt er da und dorthin, befehlend, anordnend, ja ſogar bittend; aber ſchon brach die Nacht ein, die Verwirrung wurde mit jedem Augenblick größer und der Verſuch blieb frucht⸗ los. Ein Garderegiment und zwei Batterien ſtanden hinter Planchenoit in Reſerve. Er formirte ſie ſchnell zum Angriff, aber unaufhaltſam ſtürmten die fliehenden Maſſen ihnen entgegen und nun wurden auch ſie vom Strome des geſchlagenen Heeres mitgeriſſen. Kaum ſah der Kaiſer dieſe ſeine letzte Hoffnung dahinſchwinden, als er vom Pferde ſprang und mit dem Säbel in der Fauſt in ein Viereck trat, welches das erſte Jägerbataillon der alten Garde mit einem Reſt des Regiments gebildet hatte. Jerome ſolgte ihm mit dem Nufe— 7 327 „Du haſt Recht, Bruder; hier ſollte Alles ſterben, was den Namen Bonqparte trägt.“ In demſelben Augenblick reißt die preußiſche leichte Artillerie die Glieder des Vierecks auseingander und die Reiterei haut auf die zerſtreuten Trümmer deſſelben ein. Einige Offiziere ſeines Stabs, die ihn nie verließen, ſetzen den Kaiſer auf ein Pferd und fliehen mit ihm durch die Tod ſprühende Artillerie und die Gewehrſalven. Eine Schwadron der Garde, der auch ich mich angeſchloſſen hatte, kam in dieſem Augenblick herbei und Blüchers Huſaren ritten wie wahnſinnig unter wüthenden Flüchen und ſchauerlichem Rachegeſchrei auf dem Platze umher, wo, nach den vielen Stabsofftzieren zu ſchließen, Napo⸗ leon ſo eben geweſen ſeyn mußte. Cambronnes Bataillon ſtand noch immer unerſchüttert und ſchien allen Angriffen Trotz zu bieten. Den zweiten Aufruf ſich zu ergeben beantworteten ſie mit der gleichen ſtolzen Entrüſtung wie den erſten, und Vivians Brigade erhielt jetzt Befehl einzuhauen. Eine Wolke engliſcher Reiter ergoß ſich von allen Seiten über das dem Tode geweihte Viereck; aber feſt wie in den Stunden des Sieges zagten die Helden von Marengo nicht und zwei⸗ mal warfen ſie die tapferſten Schaaren der brittiſchen Armee in Unordnung zurück. Es folgte eine Pauſe von etlichen Minuten und beim Anblick unſerer zerriſſenen, blutüberſtrömten Schwadronen, erhob ſich in unſeren eigenen Reihen ein Ruf der Bewunderung für das tapfere Benehmen dieſer ruhmbedeckten Infanterie. Plötzlich hör⸗ ten wir das Stampfen von Cavallerie hinter uns. Ich wandte mich um und ſah zwei Schwadronen des 2ten Garderegiments. Der Offizier, der ſie führte, war bar⸗ häuptig; ſeine langen ſchwarzen Haare flatterten wild über ſeine Schultern und das bleiche Geſicht, welchem ſelbſt die Begeiſterung des Kampfes keinen Anflug von Röthe hatte geben können. Er ritt gerade auf mich zu und ſeine dunkeln Augen hafteten mit einem ſo wilden, ſo durchbohrenden Blicke auf mir, daß ich nicht wegſehen 328 konnte; ſonſt aber lag in ſeinen Zügen etwas, das an Geiſtesverwirrung erinnerte. Es war Hammersley. „Ha,“ rief er endlich,„ich habe Sie den ganzen Tag geſucht, aber vergebens. Noch iſt es nicht zu ſpät. Geben Sie mir Ihre Hand, Junge. Sie forderten mich einſt auf Ihnen zu folgen und ich weigerte mich nicht; hoffentlich werden auch Sie jetzt mir folgen! Wollen Sie oder nicht?“ Eine furchtbare Ahnung ſeiner Abſicht ergriff mich, als ich ſeine feuchtkalte Hand in der meinigen drückte, und einen Augenblick ſchwieg ich. „Das habe ich nicht erwartet,“ ſagte er bitter und ein Blitz zermalmender Verachtung flammte aus ſeinen Augen.„Ich hatte geglaubt, derjenige, der mir vorge⸗ zogen wurde, könnte wenigſtens keine Memme ſeyn.“ Kaum waren dieſe Worte über ſeine Lippen gekom⸗ men, als ich in meinem Sattel aufſprang und mechaniſch den Säbel ſchwang, um ihm auf der Stelle den Schä⸗ del zu ſpalten. „So folgen Sie mir,“ ſchrie er, mit ſeinem Degen auf die flimmernden Bajonette vor uns deutend. „Vorwärts!“ rief ich mit einer vor Wuth heiſern Stimme, während ich meinem Pferd die Sporen in die Flanken ſtieß, einen vollen Sprung vor ihm herjagte und auf den Feind losſtürzte. Ein lautes Geſchrei, eine betäubende Salve, das Röcheln der Verwundeten und Sterbenden war Alles, was ich hörte, als mein Pferd ſich wüthend empor bäumte, zweimal in die Luft ſchlug und dann todt zuſammenſtürzte. Ich wurde bewegungs⸗ und beſinnungslos unter ſeinem Gewichte begraben. *** ** 288* Der Tag kam heran; das kalte, graue Morgenlicht brach ſich Bahn durch das neblichte Dunkel, als ich wieder zum Bewußtſeyn gelangte. Es gibt Augenblicke im Leben, wo das Gedächtniß die ganze Vergangenheit ſo ſchnell wieder heraufbeſchwört, daß man kaum Zeit zum Zweifeln hat und die Wirklichkeit mit Händen zu greifen glaubt. In dieſem Fall befand ich mich jetzt. Ein haſtiger Blick auf das weite öde Geſilde vor mir und alle Begebenheiten des Schlachttages ſtanden vor meiner Seele. Die demontirten Kanonen, die zerbrochenen Wagen, die Haufen von Todten oder Sterbenden, die umherſtreifenden Schaaren zu Fuß und zu Pferd und die dunkeln Tragbahren, worauf man die Verwundeten legte, Alles deutete auf die ſchrecklichen Vorgänge des geſtrigen Tages. Dicht um mich her war der Boden mit den Leichen unſerer Reiter bedeckt, untermiſcht mit Soldaten der alten Garde; die breite Stirne und kernfeſte Bruſt des Angelſachſen lag erbleichend neben dem wettergebräunten, bärtigen Krieger Galliens, während der aufgeriſſene Boden von der verzweiflungsvollen Wuth des Kampſes zeugte, welcher den Tag beſchloß. Als mein Auge über das grauenvolle Schauſpiel hinſchweifte, ergriff mich eine peinliche Angſt, wer wohl den Sieg davon getragen habe. Ein gewiſſer verworrener Eindruck von Flucht und Verzweiflung haftete noch in meiner Seele, aber meine eigene Lage zu Anfang des Tages erſchwerte mir noch das Nachdenken und ich konnte mich aus einem Zuſtand qualvoller, banger Ungewißheit nicht herauswinden. Ich war zwar nicht verwundet, aber dennoch dermaßen gequetſcht, daß ich nicht ohne Mühe auf meine Beine treten konnte. Bald bemerkte ich, daß der Ort, wo ich mich befand, noch nicht von jenen Geiern des Schlachtfeldes heimgeſucht war, welche Todte und Sterbende ohne Unterſchied ausplündern. Wahr⸗ ſcheinlich war hieran die Entfernung von dem Haupt⸗ ſchauplatze der Schlacht ſchuld, und ſetzt konnte ich, als die erſten Sonnenſtrahlen über die Erde fielen, den Helm der Enniskillener und die hohen Bärenmützen der ſchot⸗ tiſchen Grauen erkennen, die in dichter Verwirrung zwi⸗ ſchen den ſtählernen Küraſſen und langen Schwertern der franzöſiſchen Dragoner lagen und den Ort bezeichneten, 33³3⁰ wo der Kampf am heißeſten getobt hatte. Ich wandte meine Augen da und dorthin, konnte aber nirgends mehr Leben entdecken. In allen Stellungen des Todeskampfes lagen ſie umher, einige unter ihren Pferden begraben, andere in Blut gebadet, wieder andere mit geballten Händen und herausgetriebenen Augen; aber Alles war ſtill: kein Wort, kein Seufzer, kein Aechzen ließ ſich vernehmen. Ich wandte mich ab, um den Ort zu ver⸗ laſſen, und ungewiß, wohin ich meine Schritte lenken ſollte, ſchaute ich mich noch einmal um, als mein Blick auf die marmorblaſſen Züge eines Mannes fielen, der auch in dieſem Augenblick der Ungewißheit, nicht zu ver⸗ kennen war. Seinen weit aufgeriſſenen Rock hielt er mit beiden Händen; ſeine Bruſt war von Kugeln zer⸗ ſchmettert und von Blut überſtrömt. Zerfetzt und zer⸗ riſſen wie er war, zeigte ſich dennoch auf ſeinem Geſichte keine Spur von Leiden; kalt, bleich, bewegungslos lag er mit dem ruhigen Ausſehen eines Schlafenden da; ſeine Augenlider waren geſchloſſen und ſeine halb geöffneten Lippen ſchienen noch zu beben. Ich kniete neben ihm nieder und ergriff ſeine Hand; ich beugte mich über ihn und flüſterte ſeinen Namen; ich legte meine Hand auf ſein Herz, das Blut hatte noch Wärme, aber er war todt.— Armer Hammersley! er war ein edler, wackerer Mann, und als ich ſeine blutige Leiche betrachtete, da fielen meine Thränen ſchnell und heiß über ſeine Wangen bei dem Gedanken, daß ich ſelbſt an der Vernichtung dieſes vielverſprechenden Lebens und an dieſem ſeinem Tode großentheils Schuld geweſen. 3 Hunderteinundzwanzigſtes Kapitel. Brüſſel. Noch einmal muß ich meinen Leſer um Nachſicht bitten, wegen der Weitſchweiſigkeit einer Erzählung, die mir unter den Händen über Gebühr angewachſen iſt. Es ſoll dies jedoch mein letztes Vergehen und meine letzte Entſchuldigung ſeyn, denn meine Geſchichte iſt dem⸗ nächſt zu Ende.. Nach einem unſtäten planloſen Umherſtreifen erreichte ich endlich die Straße nach Charleroi, welche jetzt mit Wagen und Karren bedeckt war, die Verwundete nach Brüſſel führten. Hier vernahm ich zum erſtenmal, daß wir die Schlacht gewonnen hatten, daß die franzöſiſche Armee vernichtet, der Kaiſer für immer geſtürzt war. Auf dem Pachthof Mont⸗Saint⸗Jean traf ich eine An⸗ zahl Offtziere, die ihrer Wunden wegen nicht hatten weiter ziehen können. Einer von ihnen, den ich etwas kannte, ſagte mir, General Daſhwood habe den größeren Theil der Nacht auf dem Felde zugebracht, um mich zu ſuchen und mein Bedienter Mickey befinde ſich ob meiner Abweſenheit in einem Zuſtand von Betrübniß, der an Wahnſinn grenze. Während er noch ſprach, machte ein ſchallendes Gelächter und die Töne einer wohlbekannten Stimme meine Aufmerkſamkeit rege. „In der That, habis nicht übel getroffen; ein Käſt⸗ chen, freilich nicht von Gold, aber doch von Silber und mit Gold eingelegt. Ein Dutzend Meſſer mit Blutſtein⸗ heften und ein Kaffeetopf mit dem kaiſerlichen Wappen — von dreihundert Napoleons in einer grünen ſeidenen Börſe gar nicht zu ſprechen. Himmel, wie gemahnt mich das wieder an die Halbinſel! Dieſe Preußen ſind rohe Barbaren,— haben gar keinen Begriff von eivili⸗ ſirter Kriegführung. Soll mich dieſer und jener, meine Burſche von der Legion hätten die Kutſche von oben bis unten ausgeplündert in der halben Zeit, welche ſie brauchten um den Kutſcher niederzuhauen.“ „Der Major,“ rief ich,„ſo wahr ich lebe. Wie gehts, Major?“ „He, Charley, wann ſind Sie wieder auferſtanden? Freut mich unendlich Sie zu ſehen. Man ſagte mir, Sie ſeyen übel verwundet, oder todt, oder ſo etwas; ich haͤtte dann meine kleine Schuld ebenſo gewiß Ihren Erben bezahlt.“ „Eben ſo gewiß, daran zweifle ich nicht, Maſor. Aber um's Himmelswillen wie ſind Sie zu der Beute gekommen, von der Sie ſo eben ſprachen?“ „Ei, die habe ich aus des Kaiſers Kutſche geholt, mein Junge. Während der Herzog den ganzen Tag über Neys Kolonne beobachtete und ſich nach den Preußen beinahe die Augen ausſah, ſaß ich an einem Fenſter des alten Pachthauſes dort und verwandte keinen Blick von dem Garten von Planchenoit. Ich ſah dort am Morgen den kaiſerlichen Wagen,— Mittags war er auch noch da, und erſt nach ſieben Uhr Abends ſpannte man die Pferde an. Die Straßen waren ſchlecht und das Gedränge groß. Ich ſah alſo, daß die Bewegung nicht allzuraſch werden konnte und mit vier Enniskillenern griff ich ihn entſchloſſen an. Die Preußen hatten jedoch einen Vorſprung, und wenn ſie mich nicht wegen meines ſchönen Sitzes zu Pferde und meines Generalsausſehens wenigſtens für Lord Urbridge gehalten hätten, ſo hätte ich mich wahrſcheinlich mit dem Antheil eines jüngern Sohnes begnügen müſſen Nun aber kam ich zuerſt hin⸗ ein, füllte meine Taſchen mit einigen kleinen Souvenirs an den Kaiſer, griff nur nach dem, was am ſchnellſten zu erlangen war und kam noch ſchnell genug heraus, um nicht erſchoſſen zu werden; denn zwei Blücher'ſche Huſaren, die mich für den Kaiſer anſahen, feuerten durch das Fenſter auf mich.“ „Nun, da ſind Sie noch gut davon gekommen.“ „Ja, nicht wahr? Glücklicherweiſe ſahen meine En⸗ niskillener die ganze Geſchichte und können ſie bezeugen, denn ich gedenke einen Jahresgehalt für dieſe That zu verlangen. Aber hören Sie, Charley, ſagen Sie nichts von dem Kaffeetopf oder Meſſern. Sie wiſſen, der Her⸗ zog hat über ſolche Dinge ganz kurioſe Anſichten. Aber iſt das nicht Ihr Burſche dort, der ſo unſinnig heran⸗ rennt und um ſich ſchlägt?“ 333 „Sternſakerment! haltet mich nicht auf, dort iſt er ja, hol mich der Teufel!“ Dieſe Ausrufungen kamen von Mickey Free, der mit zerriſſenen Kleidern, die unordentlich an ihm herum⸗ flatterten und mit blutunterlaufenen Augen Alles um ſich her zu Boden warf oder mit dem Ellbogen hinweg⸗ ſtieß, um ſich durch die Menge einen Weg zu mir zu bahnen. „Bringt den Kerl auf die Wache! Arretiren Sie ihn, Sergeant! Schlagen Sie ihn zu Boden! Wer iſt der Hallunke?“ Mit ſolchen Freundſchaftsbezeugungen wurde er von allen Seiten begrüßt, allein er achtete auf nichts und ſetzte ſeinen Weg auf die begonnene Art fort. „SHeilige Maria und Joſeph! Iſt er alſo doch ge⸗ rettet?“ Mehr konnte der arme Kerl nicht ſprechen, ſondern brach jetzt in einen Strom von Thräͤnen aus. Ein ſchallendes Gelächter um ihn her anderte indeß bald den Lauf ſeiner Gefühle; auf einmal wiſchte er ſich die heißen Tropfen von den Augenlidern und blickte nun wild im Kreiſe umher. „Lacht Ihr über mich, Ihr Schurken!“ ſchrie er; „weil ich die Hand liebe, die mich ernährte und den Herrn, der mich beſchützte; aber laßt einmal ſehen, wer von uns das ſtärkſte Herz hat, Ihr mit euerem ſpitz⸗ bübiſchen Grinſen oder ich mit meinen Thränen im Geſichte!“ Mit dieſen Worten ſprang er wie ein Raſender auf ſie ein, rechts und links nach Allem ſchlagend, was er erreichen konnte. Nieder ſtürzten ſie unter ſeinen Schlägen, die mit der vereinigten Kraft natürlicher Stärke und wilder Leidenſchaft geführt wurden, bis er endlich der Mehrzahl unterliegen mußte und auf den Boden geworfen wurde. Es koſtete mich einige Mühe ihn zu retten, denn ſeine Gegner glaubten ganz und gar nicht unbedingt an ſeine friedliebenden Abſichten für die 334 Zukunft und in der That hegte Mickey ſelbſt einen an⸗ geborenen Widerwillen dagegen, ſich durch ein Verſpre⸗ chen zu binden. Mit einiger Beredtſamkeit gelang es mir endlich die Parteien zu verſöhnen, und da mir ein Offizier zwei Regimentspferde verſchafft hatte, ſo brach ich nach Brüſſel auf, begleitet von Mickey, welcher die Umſtehenden von ihrer Lachluſt gründlich kurirt atte. 3 Als ich nach Bellevue hinanritt, ſah ich Sir George Daſhwood am Fenſter. Er ſprach mit dem Geſandten, Lord Clancarty, aber ſobald er mich er⸗ blickte, eilte er herab, mich zu empfangen. „Charley,“ rief er,„alſo doch gerettet, mein Junge! Nun erſt bin ich wahrhaft glücklich Der glorreiche Tag wäre ein Trauertag für mich geworden, wenn Ihnen etwas zugeſtoßen wäre. Kommen Sie ſogleich mit mir herauf; es iſt mehr als ein Freund da, der Ihnen zu danken wünſcht.“ Mit dieſen Worten trieb er mich fort, und bevor ich recht zur Beſinnung kommen konnte, führte er mich zu einer Geſellſchaft im Saale. „Ah, freut mich ungemein, Sie kennen zu lernen,“ ſagte Lord Clancarty;„vielleicht thun wir am Beſten ſogleich hier hereinzugehen. Mein Freund Daſhwood hat mir auseinander geſetzt, daß der Schritt nicht län⸗ ger verſchoben werden kann, und ich meinestheils ſehe auch keine Hinderniſſe.“ „Was um's Himmelswillen kann er meinen?“ dachte ich, als er ſchwieg und eine Antwort von mir erwartete. Ich lächelte einfältig und ſtotterte einige platte Gemeinplätze heraus. „Liebe und Krieg, Sir,“ begann der Geſandte von Neuem,„ſind herrliche Bundesgenoſſen, und wahrhaftig Ihnen iſt es gelungen, ſie auf's innigſte zu vereinen. Schon eine alte Neigung, vermuthe ich?“ „Ja, Mylord, eine ſehr alte Neigung,“ ſtotterte ich, 33⁵ viche wiſend⸗ wer von uns beiden wahnſinnig gewor⸗ den ſey. „Wirklich eine allerliebſte Dame, ich habe ſie ge⸗ ſehen,“ ſprach der Lord, indem er die Thüre eines klei⸗ nen Zimmers öffnete und mir winkte ihn zu folgen. Der Tiſch war mit Papieren und Schreibmaterialien überdeckt, aber bevor ich Zeit hatte, um eine Erklärung des ſeltſamen Geheimniſſes zu bitten, fügte er hinzu: „Ah ich vergaß, es müſſen Zeugen dabei ſeyn; warten Sie einen Augenblick.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, wäh⸗ rend ich verblüfft und wie vom Schlage gerührt. ſchwan⸗ kend zwiſchen Furcht und Hoffnung daſtand. Ich fürch⸗ tete jeden Augenblick, meine freudigen Erwartungen möchten ſich als bittere Täuſchungen erweiſen und konnte mir durchaus nicht erklären, wie das Glück mich auf einmal begünſtigt haben ſollte. Während ich von ſolch bangen Zweifeln gequält wurde, öffnete ſich die Thüre und die Senhora trat ein. Sie ſah ein wenig blaß aus, aber darum nicht weniger ſchön als immer und auf ihren Zügen lag ein gewiſſer Ernſt der ihre Liebenswürdigkeit noch erhöhte. „Ich hörte von Ihrer Ankunft, Chevalier, und lief die Treppe hinab, um Sie zu begrüßen. Vielleicht ſehen wir uns lange Zeit nicht wieder.“ „Wie ſo, Senhora? Sie werden uns doch nicht verlaſſen wollen?“ „Dann haben Sie alſo Fred noch nicht geſprochen? uif ich vergaß, daß Sie noch nichts von unſern Planen wiſſen.“ „Da ſind wir endlich,“ ſagte der Geſandte, indem er mit Sir George, Power und zwei andern Offizieren eintrat.„Ah ma belle, welch ein Glück Sie hier zu finden! Ich verſichere Sie, es iſt in gegenwärtigen Zeiten keine Kleinigkeit Leute zuſammen zu bringen. „Charley, mein theuerſter Freund,“ rief Power, 336 „ich hoffte kaum Ihnen vor meiner Abreiſe noch die Hand drücken zu können.“ „Sagen Sie mir doch, was das Alles bedeuten ſoll, Fred, ich befinde mich in einem Labyrinth von Zweifeln und verſtehe kein Wort von dem, was um mich her vorgeht.“ „Wahrhaftig, mein Freund, ich habe wenig Zeit zu Erklärungen. Ein Mann, der geſtern bei Waterloo war, morgen ſich verheirathet und in einer Woche nach Indien abgeht, hat alle Hände voll zu thun.“ „Oberſt Power,“ ſagte Lord Clancarty, zu mir ge⸗ wendet,„Sie werden die Güte haben, Ihren Namen hieher zu ſetzen“ „Wenn Sie erlauben wollen,“ verſetzte Fred,„ſo werde ich mich ſelbſt vertreten.“ 3 „Iſt das alſo nicht der Oberſt? Ei zum Henker, ich habe ihm ſchon eine Viertelſtunde lang Glück gewünſcht.“ Ein lautes Gelächter der ganzen Geſellſchaft, wor⸗ an, wie man ſich leicht vorſtellen wird, ich allein keinen Theil nahm, folgte auf dieſe Erklärung. „Sie ſind alſo nicht Oberſt Power, Sie wollen ſich alſo nicht verheirathen?“ Ich ſtammelte etwas, dann aber beugte ich mich beſchämt und verwirrt, um das Papier zu nnterzeichnen. Kaum hatte ich das gethan, als die Geſellſchaft von Neuem in ein ſchallendes Gelächter ausbrach. „So wahr ich lebe, Nichts als Mißgriffe und Ver⸗ wirrung,“ ſagte der Geſandte, indem er das Papier um⸗ herreichte. Wie groß war meine Beſchämung, als ich entdeckte, daß ich ſtatt meines eigenen Namens Lucy Daſhwood geſchrieben hatte. Jetzt konnte ich es nicht mehr aus⸗ halten; das Lachen und die Witzeleien meiner Freunde ſchnitten mir wie der grauſamſte Spott in das reizbare, wunde Herz. Ich ergriff meine Mütze und ſtürzte aus dem Zimmer. Ich wollte mich von allen entfernen, die mich kannten; ich ſehnte mich meine unruhigen Gedanken . 337 in Einſamkeit und Ruhe begraben zu können und ſo öffnete ich denn die erſte Thüre, die ich ſah, warf mich⸗ da das Zimmer leer war, auf einen Sopha und bedeckte mein Geſicht mit beiden Händen. O wie oft war das Gaukelbild Glück dicht an mir vorübergeſchwebt und ich hatte es nicht mit den Händen erfaſſen können! Wie oft hatte ich das Ziel meines Sehnens vor mir geſehen und im nächſten Augenblick grinste mir die öde Wirk⸗ lichkeit meines Unſterns entgegen. „O Lucy! Lucy!“ rief ich laut,„wäreſt Du nicht geweſen und hätteſt Du nicht ein paar flüchtige Worte geſprochen, ſo hätte ich nie dieſen Pfad des Ehrgeizes betreten, an deſſen Ziel doch mein ganzes Glück geſchei⸗ tert iſt. Ohne Dich hätte ich nie ſo zärtlich geliebt; hätte nie mein Herz mit einem einzigen Bilde erfüllt, das jeden andern Gedanken ausſchloß und nur allein Glück gewähren kann. Ja, Luey, ohne Dich wäre ich ruhig den Strom des Lebens hinab gegangen, ohne an⸗ dern Kummer und andere Sorgen, außer den flüchtigen, gewöhnlichen Leiden des Erdenlebens. Ja, vielleicht wäre ich geliebt und zärtlich gehegt worden von einer Frau, die es für keine Erniedrigung gehalten hätte, ihr Geſchick mit dem meinigen zu verbinden. Ohne Dich wäre ich nie—“ „Soldat geworden?“ flüſterte eine ſanfte Stimme und eine leichte Hand berührte meine Schulter.„Ich war gekommen,“ fuhr ſie fort, um Ihnen für ein Ge⸗ ſchenk zu danken, das keine Dankbarkeit vergelten kann, für das Leben meines Vaters; aber wahrhaftig ſolche Worte erwartete ich nicht von Ihnen zu hören, und nach⸗ dem ich ſie gehört habe, kann ich ihre Gerechtigkeit nicht zugeben. Nein, Mr. O'Malley, ſo innig ich Ihnen für den Dienſt danke, den Sie mir ſelbſt einſt erwieſen haben, ſo herzlich ich mich durch alle Bande der Er⸗ kenntlichkeit für den noch größern Dienſt gegen meinen Vater Ihnen verpflichtet fühle, ſo behaupte ich doch, daß Lever, O'Malley. IV. 22 338 ich durch den Antrieb, den ich Ihnen für Ihr Leben gegeben haben ſoll, meine Schuld beſſer bezahlt habe, als mit all der Freundſchaft und Hochachtung, die ich Ihnen widme. Wenn Sie wirklich durch meine Veran⸗ laſſung Soldat geworden ſind, wenn meine wenigen zu⸗ fälligen Worte in Ihrer Bruſt dieß Feuer des Ehrgeizes entzündet haben, das Sie als ein Leitſtern zu Ehre und Ruhm geführt, dann bin ich in der That ſtolz.“ „Ach, ach, Luey— Miß Daſhwood wollte ich ſagen— verzeihen Sie, wenn ich ſelbſt nicht weiß, was ich ſpreche. Hat meine Laufbahn erfüllt, was ſie ver⸗ ſprach? Für Sie, nur für Sie allein, um Ihre Nei⸗ gung, Ihr Herz zu gewinnen, bin ich Soldat geworden; Strapazen, Gefahren, ja den Tod ſelbſt habe ich nicht geſcheut, denn mich hielt der Gedanke aufrecht, daß ich Ihnen nicht gleichgültig ſey, daß Sie Mitleid mit mir haben; und nun, und nun— ¹ „Und nun,“ ſagte ſie, während ihr Auge mit einer wahren Fluth von Zärtlichkeit über mir ſtrahlte,„darf es für Nichts geachtet werden, daß mein Herz glühte über Triumphe, die ich leſen, aber nicht mitfeiern durfte? Will es Nichts heißen, daß Sie meinen Stunden ein⸗ ſamen Nachdenkens jene glühende Begeiſterung für die glorreiche Laufbahn mitgetheilt haben, die meinem Ge⸗ ſchlechte verſchloſſen iſt? Ich bin Ihnen in meinen Ge⸗ danken über die brennenden Ebenen der Halbinſel, durch die langen Stunden trübſeliger Nachtmärſche, ja ſelbſt bis auf das Schlachtfeld gefolgt. Ich habe an Sie pedacht⸗ habe von Ihnen geträumt, habe für Sie ge⸗ etet. „Ach Lucy, aber mich nicht geliebt.“ Dieſe Worte ſprach ich mit einem Ton, als ob mein Herz zerſpringen müßte. Ihre Hand, die auf der meinigen lag, zitterte heftig; ich drückte meine Lippen darauf, aber ſie bewegte ſich nicht; ich wagte aufzu⸗ blicken; ihr Geſicht war abgewandt, aber der wallende Buſen verrieth ihre Aufregung. „— 339 „Nein, nein, Lucy,“ rief ich leidenſchaftlich,„ich will mich nicht täuſchen, ich will nicht mehr fordern, als Sie geben können. Leben Sie wohl!“ Noch einmal und zum letzten Male drückte ich ihre Hand an meine Lippen und meine heißenThränen floſſen darauf. Ich wandte mich um zu gehen und nur noch einmal wollte ich ſie anſehen. Unſere Augen begegneten ſich, ich kann nicht ſagen, wie es kam, aber im Nu war die Richtung meiner Gedanken eine ganz andere geworden. Ihr Auge ſtrahlte mich ſanft und zäértlich an, ihre Hand drückte die meinige und ihre Lippen flü⸗ ſterten meinen Namen. In dieſem Augenblick flog die Thüre auf und Sir George Daſhwood trat ein. Lucy warf einen flüchtigen Blick auf ihren Vater und ſank dann ohnmächtig in meine Arme. „Gott ſegne Dich, mein Sohn,“ ſprach der alte General, indem er ſich ſchnell eine Thräne aus dem Auge wiſchte;„jetzt bin ich in Wahrheit ein glücklicher ater.“ 4 Hundertzweiundzwanzigſtes Kapitel. Schluß. Die Sonne war ſeit einer halben Stunde unter⸗ gegangen; ſchon miſchten ſich dunkle Schatten mit dem dämmernden Zwielichte, als wir an einem lieblichen Juliabend das Städtchen Portumna erreichten;— ich ſage wir, denn Lucy war bei mir. In den letzten Stunden hatte ich wenig geſprochen; Gedanken an die vielerlei Gemüthsſtimmungen, in welchen ich dieſen Weg ſchon zurückgelegt, beſchäftigten mein Gemüth, und wenn hie und da ein wohlbekanntes Geſicht an uns vorüber kam, ſo hatte ich kaum Zeit mich ſeiner zu entſinnen. 22 Endlich raffte ich mich aus meinen Träumereien auf, zeigte Lucy einige Punkte in der Landſchaft und machte ſie auf Stellen aufmerkſam, mit deren Namen ſie ſchon ſeit einiger Zeit vertraut war, als auf einmal ein lauter Jubel die Luft durchbebte und eine Maſſe Landvolk, wohl etliche Hunderte an Zahl, meinen Wagen um⸗ ſchwärmten. Einige ſchwangn Kienfackeln, andere tru⸗ gen kunſtloſe Fahnen, aber alle bezeugten die glühendſte Freude, als ſie uns willkommen hießen. Die Pferde wurden plötzlich ausgeſpannt und ihre Stelle jetzt von Leuten jedes Alters und Geſchlechts eingenommen, welche uns raſch durch die belebten Straßen des von Freuden⸗ feuern beleuchteten Ortes zogen. Hügel von Torf, Fichtenholz und Theertonnen lie⸗ ßen ihre röthliche Flammen emporwirbeln, während Hunderte von wilden, aber hochvergnügten Geſichtern dieſelben umſchwirrten, bald fröhlich im Chore tanzend, bald wie toll durch das Feuer ſpringend und die Brände auseinanderſchleudernd. Auch Pfeifer ſaßen auf Wägel⸗ chen oder Torfkarren, und ſogar von den Dächern herab erklangen luſtige Töne; die Wimpel der kleinen Fiſcher⸗ nachen flatterten im Winde und ſchienen in die allge⸗ meine Freude einzuſtimmen. Ueber der Thüre des Dorf⸗ wirthshauſes aber prangte ein glänzend beleuchtetes Transparent, auf welchem man das Haupt der O'Mal⸗ ley's erblickte, wie es eine höchſt dürftig gekleidete Lady an den Fingerſpitzen hielt; ob inzwiſchen dieſes Dämchen den Genius des Weſtens oder meine Frau vorſtellen ſollte, wagte ich nicht zu erfragen. Wenn der Willkomm etwas rauh war, ſo war er doch jedenfalls herzlich. Freundliche Wünſche und Seg⸗ nungen ſtrömten uns von allen Seiten zu und unſer eigenes Glück bekam eine glänzendere Farbe durch die ſtrahlenden Blicke, die uns umleuchteten. Die Scene war wild und der Schein der rothen Torffeuer, die wahnfinnigen Geberden, das tolle Jubelgeſchrei, die zackigen Flammen, die da und dort mitten im Dunkel —— —— 341 emporloderten, alles das machte einen gewiſſen ſeltſamen, beinahe unheimlichen Eindruck; aber dennoch zeigte Luch ganz und gar keine Furcht. Es iſt wahr, ſie drückte meine Hand etwas feſter, aber ihre ſchönen Wangen glühten vor Vergnügen, ihre Augen ſtrahlten, und als das rothe Licht auf ihre lieblichen Züge ſiel, wie man⸗ ches herzliche, tiefgefühlte Segenswort, wie manches feurige Lob erſcholl nicht da aus der Menge! „Ei, ei, Gott ſegne Sie! Welch ſchöne blaue Augen ſie hat! Schau ſie einmal an, Mary, ſind ſie nicht wie die Augen in einem Pfauenſchwanze? Möge nie der Kummer Falten in dieſe ſchönen Wangen brin⸗ gen! Mögen alle Heiligen ſie beſchirmen! Ihr Mund iſt wie eine Moosroſe. Seyen Sie gut gegen ſie, Ew. Gnaden; denn ſie iſt ein Edelſtein; hol mich der Teufel, Mr. Charles hat ſich was Schönes ausgeſucht!“ Wir fuhren langſam weiter; während die Haufen immer dichter wurden, bis wir auf dem Marktplatze an⸗ langten. Hier kam die Prozeſſion zum Stehen und an gewiſſen Bewegungen um mich her konnte ich merken, daß man ſich Mühe gab, ein Stillſchweigen zu Stande zu bringen. „Bst da! Halt doch Dein Maul! Sey ſtill, Paddy. Donnerwetter, Molly Blake, halt mich jetzt nicht auf; wir wollen hören, was Sr. Ehrwürden ſpricht, ſtellt ihn auf das Faß! Habt Ihr keinen Stuhl für den Pfarrer? Schnell, holt einen Tiſch von Mat Haley — hier, ehrwürdiger Vater— hier, Herr Paſtor. Nehmt Euch doch in Acht, Ihr werdet den heiligen Mann mit Euern Fackeln anzünden.“ Ich bemerkte jetzt, daß mein würdiger alter Freund, Vater Ruſh, mitten unter dem Haufen ſich befand und zwiſchen den Händen eine geſchriebene Rede hielt, ſo lange wie der Schwanz eines Papierdrachens. „Nur ſachte, ſachte, Ihr Kannibalen! Wer reißt mich da am Rock? Helfet mir hinauf— nur recht feſt— ſo, ſo!“ 342 „Da, ehrwürdiger Herr, nehmt noch zu guter Letzt etwas Warmes, um Cuere Lippen zu netzen,“ ſagte eine freundliche Stimme, während ihre Inhaberin einen dam⸗ pfenden Punſchbecher über den Kopf der Menge empor⸗ hielt. „Dank Euch, Judy,“ ſprach der Prieſter, nachdem er den Becher geleert,„haltet das Licht höher, ich kann ſonſt meine Rede nicht leſen. So iſt's recht. Jetzt ſeyd ein wenig ruhig und fein ſtill! Peter, ſtellen Sie ſich hinter mich und ſouffliren Sie mir. Dieſe Aufforderung galt einer Figur, die hinter dem Pfarrer auf dem Faſſe ſtand und, ſoweit ich ſie bei dem unvollkommenen Lichte zu erkennen vermochte, Niemand anders ſeyn konnte, als der Coadjutor Peter Nolan. Nachdem die Ruhe vollſtändig hergeſtellt war, begann Vater Ruſh— Als Mars, dem Kriegesgott, einmal Nach Schlachten kam der Wunſch, Da ſchnallte er ſein Schwert ſich um Und— „Und was Peter?“ „Und trank ein Gläschen Punſch.“⸗ .„Und trank ein Gläschen Punſch,“ predigte Pater Ruſh mit vielem Pathos. Kaum jedoch hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als ein ſchallendes Gelächter ihn an ſeinen Irrthum mahnte, und nun goß er die volle Dihaals ſeinen Zornes über den unglückſeligen Pfarrge⸗ hülfen. „Was meinen Sie denn, Vater Peter? Ich muß mich ja an Ihnen ſchämen; Sie ſprechen da von Ihnen ſelbſt und nicht von Mars.“ Das donnernde Gelächter der Menge hinderte mich Alles zu hören; aber Peters Geſtikulationen— denn ſein Geſicht konnte ich nicht deutlich ſehen— ſchienen tiefe Betruͤbniß über ſeinen Mißgriff auszudrücken. Nach 313 einer kurzen Pauſe wurde indeß die Ordnung wieder hergeſtellt und Vater Ruſh begann von Neuem:— „Doch was verleidete ihm bald Den Krieg? die Liebe wars; Vor Venus kniete er und ſprach— „Und ſprach, und ſprach— was zum Teufel ſprach 4 er doch?“ „O werdet Mrs, Mars!“ ſchrie Peter laut genug, daß Alle es hören konnten. „Vermaledeiter Burſche, Peter Nolan, Sie ruiniren mir dieſen ganzen Abend. Da bin ich mit meiner Rede in der Taſche zwei Stunden weit hergekommen per imbres et ignes— hier ſegnete ſich das Volk andäch⸗ tig—„ija, ja, ſo iſt's, und nun hat er mir alles ver⸗ dorben.“ Nur durch die dringendſten Vorſtellungen des gan⸗ zen Volkshaufens ließ ſich Vater Ruſh nach einem wie⸗ derholten ſtrengen Verweis an ſeinen unglücklichen Ein⸗ bläſer bewegen, den Text wieder aufzunehmen: „Die Liebe war es die alſo Den Sieger überwand Er ließ nun Helm und Schild und nahm,— „Nahm— nahm— „Ein Strickzeug in die Hand!“ brüllte Vater Nolan. Jetzt ging dem guten Prieſter die Geduld aus. Er führte gegen ſeinen armen Gefährten einen Schlag, ver⸗ fehlte aber das Ziel, verlor das Gleichgewicht und ſtürzte 9 dan ſeiner Höhe herab auf die Köpfe der andächtigen Nenge. Kaum hatte ich mich von meinem unauslöſchlichen Gelaͤchter über dieſen Auftritt erholt, als der breite Rand von Vater Nolans Hut am Kutſchenſchlag erſchien. Be⸗ vor ich Zeit hatte ihn anzureden, entblößte er ehrerbietig — ——————— 2 344 ein Haupt und enthüllte mir das nie vergeſſene Geſicht meines Freundes Frank Webber. „Wie? Webber? Unmöglich?“ rief ich. „Es iſt doch nicht—“ ſagte Lucy etwas zögernd, als ſie den Namen hörte. „Ihre ehrwürdige Tante Miß Judy Macan ebenſo gut wie der Vater Nolan. Inzwiſchen hat es mich ehr⸗ lich geſtanden, mehr Mühe gekoſtet, den letztern Charakter einzuſtudiren als den erſtern, und die Belohnung war keineswegs ſo verführeriſch.“ Hier erröthete die arme Lucy tief bei der Erinnerung an die Scene, auf die er anſpielte, und um dem Ge⸗ ſpräch eine andere Wendung zu geben, fragte ich ſchnell, durch welche Liſt es ihm gelungen ſey die Functionen des würdigen Peter anzutreten. Dadurch, daß ich zwölf Becher des ſtärkſten Pun⸗ ſches zum Beſten gab, der je in der Nähe des O'Mal⸗ ley'ſchen Schloſſes gebraut worden iſt. Der gute Vater hörte erſt zehn Minuten, bevor er ſeine Rede beginnen ſollte, mit Trinken auf und ich hatte kaum noch Zeit mich umzukleiden und das Faß zu beſteigen.“ Die Prozeſſion ſetzte ſich von Neuem in Bewegung und kam zuletzt bis an's Ende des Städtchens. Hier waren abermals Vorbereitungen zu unſerem Willkomm getroffen, aber ohne auf flammende Theertonnen und brennende Scheite zu achten, ſtürmte die Menge unter wildem, ohrenzerreißenden Jubelgeſchrei weiter. Endlich erreichten wir unſer Haus, aber vermöge eines Schicklich⸗ keitsgefühles, woran es ſelbſt dem ärmſten und geringſten Einwohner dieſes Landes nicht mangelt, waren die feſt⸗ lichen Vorbereitungen nicht bis hieher ausgedehnt worden. Mit einem Takt, auf welchen ſich Leute von beſſerer Geburt und Erziehung Etwas zu gute thun dürften, brach dieſer unbändige Volkshaufen auf einmal mit ſei⸗ nen wilden Freudenbezeugungen ab, und als wir uns der Teraſſe näherten war Alles friedlich, ruhig und ſtill. Ich hob Lucy aus dem Wagen, ſchlang meinen 345 Arm um ihren Leib und führte ſie die Stufen hinan, als auf einmal der Mond glänzend hervorbrach und die ganze Scene beleuchtete. Sie war wilrklich herzergrei⸗ fender Natur. Unter den verſammelten Hunderten, die barhaͤuptig im Mondlichte daſtanden, murde jetzt kein Wort geſprochen, kein Geflüſter ließ ſich vernehmen. Ich wandte mich von dem Hofe, wo die hohen Buchen ihren gigantiſchen Schatten warfen, nach dem Strome hin, der ſilbern, da und dort zwiſchen den ſchlanken Bäumen an ſeinen Ufern hervorſchaute; und Alles war mir ver⸗ traut, Alles war mir von meiner Kindheit her theuer — jetzt doppelt theuer. Ich erhob meine Augen gegen die Thüre und wie groß war mein Staunen über das, was ich jetzt erblickte! In einem großen Lehnſtuhl ſaß ein Greis, deſſen Silberlocken im Abendwinde um ſeinen Nacken flatterten; ſeine Hände ruhten auf den Knieen und ſeine ein wenig aufwärtsgerichteten Augen irrten unruhig umher, als ſuchten ſie Jemand, den zu erkennen ihnen ſchwer fiele. So ſehr die Zeit ihn auch verändert hatte, ſo waren die ſtrengen Züge nicht zu verkennen; aber als ich zu ihm hinaufſah, rief er mit einer Stimme, deren Feſtigkeit allen Stürmen der Zeit Trotz zu bieten ien.— „Charley O'Malley! komm her mein Junge! Bring ſie zu mir, daß ich Euch beide ſegne. Ich habe unrecht an Dir gehandelt; aber verzeih einem alten Mann, der nie in ſeinem Leben einen Andern um das gebeten hat. Komm her, Lucy— ich darf Dich wohl ſo nennen. Kommt her, meine Kinder, ich habe es verſucht, ſo lange zu leben, bis ich den Tag ſähe, wo das Haupt eines alten Hauſes mit Ehre, Ruhm und Glücksgütern gekrönt zurückkehren würde, um mitten unter ſeinen Leuten, in der alten Heimath ſeiner Väter zu wohnen.“ Hier beugte ſich der Greis über uns und ſeine wei⸗ ßen Haare ſielen auf die Locken meiner Lucy, die neben lhniniei und ſeine kalte, zitternde Hand in der ihrigen rückte. 346. „Ja Lucy,“ ſagie ich, als ich ſie in's Haus führte, „das iſt meine Heimath.“ Hier endet meine Geſchichte. Der langmuthsvolle Leſer, der mich bis hieher begleitet hat, verdient es nicht um mich, daß ich länger, als nothwendig iſt, auf ſeine Nachſicht hineinſündige; wenn er ſich indeß noch einiger⸗ maßen für diejenigen intereſſirt, die in meiner Erzählung wichtige Rollen übernommen. haben, ſo will ich ein Paar Worte über ſie beifügen, bevor ſie für immer vom Schau⸗ platz abtreten. Power ging unmittelbar nach ſeiner Vermählung nach Indien, zeichnete ſich zu wiederholten Malen im Birmanenkriege aus und ſchwang ſich zu einem hohen Kommando empor, welchem er noch jetzt mit Ehren und zum Vortheil des Vaterlandes vorſteht. O'Shaughneſſy iſt auf halben Sold geſetzt und wan⸗ dert auf dem Feſtlande umher. Er verbringt ſeinen Sommer am Rhein, ſeinen Winter in Florenz oder Genf. Er kennt alle Leute, iſt allen bekannt und intereſſirt ſich noch immer dermaßen für die Armeeangelegenheiten, daß er über alle Beförderungen und Verordnungen auf dem Laufenden bleibt, was ihn für Jedermann, dem eine Armeeliſte unzugänglich iſt, zu einem unſchätzbaren Ge⸗ ſellſchafter macht. Er iſt noch immer derſelbe gute Kerl wie früher und beſitzt unter manchen vortrefflichen Ei⸗ genſchaften in neueſter Zeit noch den Vorzug, daß er ſeine Schnurren und Schnacken auch in franzöſiſcher Zunge preisgeben kann. Monſoon, der Major, ſtand, als ich ihn das letzte Mal ſah, am Hafendamm von Calais und bemühte ſich mit einem wohlfeilen Teleskop die Klippen von Dover herauszufinden, von deren näherer Beobachtung, ihn ver⸗ muthlich gewiſſe, kleine Familienumſtände abhielten. Er erkannte mich ſogleich und ſtreckte mir ſeine Hand ent⸗ gegen, während ſein Auge in gewohnter ſchelmiſcher Weiſe zwinkerte. „Charley, mein Sohn, wie geht's? Freut mich 347 unendlich Sie zu ſehen. Wie Schade, daß ich Sie geſtern nicht traf! Hatten ein kleines Diner bei Crillon. Har⸗ ding, Vivian und einige Andere; ſehnten uns, auf Ehre, Alle nach Ihnen.“ „Eine außerordentliche Höflichkeit,“ dachte ich,„und um ſo ſchätzenswerther, als ich gar nicht die Ehre habe, dieſe Herren zu kennen.“ „Sie logiren bei Maurice,“ fuhr er fort:„ein recht gutes Haus, aber geben Ihnen ſchlechten Wein, wenn Sie nicht bekannt ſind. Ich bin bekannt,“ ſetzte er hinzu;„bei mir ſuchen ſie nie die Spitzbuben zu machen. Werde um ſechs bei Ihnen vorſprechen.“ „Das trifft ſich recht unglücklich, lieber Major; ich kann das Vergnügen nicht haben, denn wir reiſen in einer halben Stunde ab.“ „Thut Nichts, Charley, thut Nichts, alſo ein ander Mal. Apropos, weil ich gerade daran denke: erinnern Sie ſich nicht vielleicht an eine Zehnpfundnote, die Sie mir noch ſchuldig ſind?“ „So viel ich mich beſinnen kann, Major, war die Sache umgekehrt: Sie ſind der Schuldner.“ „So wahr ich lebe, Sie haben Recht; wie drollig Doch gleichviel; geben Sie nur die zehn Pfund, ich ſtelle Ihnen dann einen Wechſel für das Ganze aus.“ Der Major ließ ſeine Zunge im Munde herum ſpielen, warf mir einen verſchmitzten Seitenblick zu, ſteckte die Note ein und ſchlenderte dann den Hafen hinab, indem er Etwas von König David und Auſtern vor ſich hinmurmelte; in welchem Zuſammenhang dieſe ſtanden, konnte ich freilich nicht ermitteln. Baby Blake oder Mrs. Sparks, wie man ſie jetzt nennen muß, iſt eine huͤbſche, ſtattliche, etwas korpulente Dame, die ſich gern ein wenig putzt und ſo vergnügt, als nur immer möglich, durch das Leben dahinwandelt. Ihr einziger Kummer beſteht darin, daß es ihr trotz aller Bemühungen nicht gelingen will, Mr. Sparks zu einem Mann für Galway umzuſchaffen. 348 Zu guter letzt noch Mickey Free! Micke bleibt mei⸗ nem Hauſe getreu, wie er zu Anfang ſeiner und meiner Laufbahn geweſen. Er iſt noch immer derſelbe luſtige, ſchwankhafte Irländer: er macht Lieder, macht die Cour und gelegentlich auch Punſch; er verbringt ſeine Tage und Nächte noch ſo ziemlich auf dieſelbe Weiſe, wie vor etlichen und dreißig Jahren. Von Zeit zu Zeit erbittet er ſich auf etwa acht Tage Urlaub; aber wozu er dieſen benutzt, habe ich ſchlechterdings nicht erfahren können. Nur ſoviel iſt mir geſagt worden, daß ein äußerſt intereſ⸗ ſanter Geſellſchafter und ungemein liebenswürdiger Gent⸗ leman zuweilen Burton Bindons Auſterbude in Dublin beſuche. Auch habe ich, von einem ausgezeichneten Frem⸗ den gehört, deſſen ſchwarzer Schnurrbart und gebrochenes Engliſch in den letzten zwei Wintern die Bewunderung Cheltenhams geweſen. Nach dem hohen Unterhaltungs⸗ ton in der erſteren Geſellſchaft und dem Gefallen an Continentalcharakteren in der letzteren zu ſchließen, fürchte ich beinahe das Individuum errathen zu können, dem ſeine geſelligen Talente ſo hohe Achtung und Bewunde⸗ rung erworben haben. Doch wenn ich auf dieſe Art fortfahren wollte, ſo müßte ich auf alle Perſonen meiner Erzählung zurückkommen, und ohne Zweifel iſt der ge⸗ neigte Leſer derſelben ſammt und ſonders ſatt geworden; derohalben ſage ich ihm jetzt zum letzten Mal und mit meinen beſten Wünſchen— Lebewohl! 3 Ende. — In unſerm Verlag iſt ferner erſchienen: Die Prima Donna. Ein Theater⸗Roman. von Friedrich Ludwig Bührlen. Zwei Bände. 8. Elegant geheftet. Preis: 3 Thlr. oder 5 fl. Auch ein Theater⸗Roman— aber keiner von ge⸗ wöhnlicher Sorte! Der Verfaſſer iſt— neben Tieck— einer der feinſten Menſchenkenner in ſeinen Romanen, ein lauſchender Beobachter des innern Schaffens und Wirkens, wie es die wahre Künſtlerbruſt bewegt, in deſ⸗ ſen äußerer Darſtellung Göthe und Tieck allein bis jetzt in der deutſchen Roman⸗Literatur Ausgezeichnetes hervorgebracht haben. Dieſen Meiſtern ſtrebt Bührlen mit Beſcheidenheit zwar, aber mit unwiderſprechlichem Talente nach, und wir dürfen verſichern, daß kein gleich⸗ artiges Werk der verfloſſenen zwanzig Jahre mit größe⸗ rem Rechte den Kunſtromanen eines Göthe und Tieck angereiht werden kann, als dieſe Prima Donna, welche wohl das ſchönſte Kunſtgebilde iſt, was bis jetzt aus des Dichters Feder floß und das nicht allein allen Freunden dramatiſcher Kunſt und den ausübenden Künſt⸗ lern ſelbſt als eine werthe Gabe empfohlen werden kann, ſondern als ein elaſſiſches Gemälde aus dem Stillleben einer Sängerin ſich die Liebe aller Freunde des Schönen gewinnen muß! Stuttgart im April 1846. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerm Verlage iſt ferner erſchienen: Der Erzähler aus der Heimath und Fremde. Herausgegeben von C. Spindler. Jahrgang 1846. Erſter Band. Jährlich erſcheinen 4 Bände in gleichen Zwiſchenräumen. Jeder Band wird 20 Bogen in S ſtark ſein und 1 Thlr. oder 1 fl. 36 kr. koſten. Es iſt die Beſtimmung des„Erzählers“, novelli⸗ ſtiſche Gaben aus der Heimath und Fremde darzubieten, aus der Heimath, in Originalien von C. Spindler, von Chezy und Andern, aus der Fremde, in gediege⸗ nen Bearbeitungen der glänzenſten Erſcheinungen der in das gegebene Bereich einſchlagenden Literatur. In letz⸗ terer Hinſicht wird die Auswahl ſo getroffen werden, daß ſich der„Erzähler“ weſentlich von dem„belletriſti⸗ ſchen Auslande“ unterſcheidet. Während es nämlich die Aufgabe des belletriſtiſchen Auslandes iſt, das Vorzüg⸗ lichſte der fremden Romane in einer großartigen Sammlung zu liefern und eine vollſtändige auswärtige Romanbibliothek zu gründen, hat man bei der Redaktion der hier angekündigten literariſchen Erſcheinung die klei⸗ nen pikanten Erzählungen und Novellen im Auge, wie ſie bei den gebildetſten Völkern unſerer Zeit zu Tage gefördert werden, wobei indeſſen ſtets darauf geſehen werden wird, daß Alles ſtreng ausgeſchieden bleibe, was das Zartgefühl nur entfernt zu verletzen vermöchte, ſo daß der Erzähler mit Ruhe ohne eigene Prüfung ſeiner einzelnen Blätter in jede Hand gegeben werden kann. Beſtellungen nimmt jede Buchhandlung an. Stuttgart im April 1846. Franckh'ſche Verlagshandlung „— Ferner iſt in unſerem Verlag erſchienen: Gedichte von J. G. Deeg ˖ Oktav, elegant geheftet. Preis 2 Thlr. oder 3 fl. 24 kr. Wem das Herz höher ſchlägt, wenn es die Worte; Liebe, Freiheit, Vaterland! nennen hört, wem die Poeſte nicht Unterhaltung nur, ſondern das keuſche Licht iſt, das aus dem Sumpf des Materialismus und aus der Verſunkenheit unſerer Zeit ins edlere Gebiet des Geiſtes leuchtet, der wird unſern Dichter und ſeine Ga⸗ ben mit Freuden willkommen heißen, er wird ihn, nachdem er ſeine Gedichte kennen gelernt, den Edelſten und Beſten unſeres Volkes an die Seite ſtellen, weil, was Form und Inhalt dieſer anlangt, ſie den Vergleich mit den Ausgezeichnetſten der deutſchen Poeſie beſtehen, ja theil⸗ weiſe es wohl noch übertreffen können. Stuttgart, im Aprll 1846. Frankh'ſche Verlagshandlung. Ferner iſt in unſerem Verlag erſchienen: Thaddäus Kosciusko. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Ran. 3 Thle. 8. eleg. geh. Preis 6 Thlr. od. 10 fl. Der Verfaſſer dieſes hiſtoriſchen Romans hat ſich in kurzer Zeit durch ſeine„G edichte“ den Sitten⸗ roman: die Pietiſten und andere Novellen einen der erſten Plätze in der Leſewelt errungen. Doch haben wir noch nicht den ganzen Reichthum ſeiner Phantaſie und Erzählungskunſt in den bisherigen Leiſtungen kennen gelernt. Die Leiden, die Kämpfe und die politiſchen Zuſtände eines ſo tapfern wie unglücklichen Volkes, das in ſeinem Nationalhelden Koscius ko am treueſten in dieſem Roman abgeſchildert wird, bietet dem reichen Dichtertalente des Verfaſſers Gelegenheit, ſich in ſeiner ganzen plaſtiſchen Kraft zu entwickeln; rechnet man dazu noch die Zeitfragen, welche zum Theil auch in dieſem Roman beſprochen werden, ſo iſt die Erſcheinung deſſelben als eine der wichtigſten und empfehlungswürdigſten der neuern Belletriſtik zu nennen. Stuttgart im April 1846. Franckh'ſche Verlagshandlung. ———*—y v—— ſſfſſnſſſſſſſnnſſſſſſſſſſe 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18