Leihbiblioth deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 3. GCaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für Phochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——-——— auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ 1 1—„ u— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fuür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer fun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — wwr uurmnm— Charles O⸗Malley, der D ragoner. Von Charles Lever. Deutſch von Gottlob Fink. Neuntes bis dreizehntes Bändchen. —-— . Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Das Abendeſſen. Ich habe oft üppigere Gerüchte und köſtlichere Weine genoſſen; niemals aber erinnere ich mich eine willkomm⸗ nere Mahlzeit eingenommen zu haben als dieſe. Unſre portugieſiſchen Gäſte verabſchiedeten ſich bald, ſo daß der Major und ich nach langer Zeit wieder ein⸗ mal zu Zweien an einem luſtigen Feuer ſaßen, während eine wohlgetroffene Auswahl von Flaſchen die Bürgſchaft gab, daß wir vorderhand wenigſtens nicht durch Man⸗ gel an Wein zum Aufbruch genöthigt werden ſollten. „Der Keres iſt nicht übel, Charley; ein wenig, ein klein wenig ſcharf; aber der Nachgeſchmack vortrefflich; und nun, mein Junge, wie iſt es Ihnen denn ergangen, ſeit wir uns nicht mehr geſehen haben?“ „Gar nicht ſchlecht, lieber Major. Ich bin bereits avancirt. Das Treffen am Duero hat mir eine Lieute⸗ nanteſtelle eingetragen. „Meinen herzlichſten Glückwunſch. Ich werde Sie immer Kapitän nennen, ſo lange Sie bei mir ſind. Ja gewiß, das will ich. Werde ich ja ſelbſt Excellenz ge⸗ nannt! So wahr ich lebe, wir ſind vornehme Leute unter den Portugieſen, und der Dienſt iſt gar nicht übel.“ „Das glaube ich gern, Herr Major. Sie ſcheinen ſich immer wohl dabei befunden zu haben.“ „Nein, Charley; nein, mein Junge. Man überſieht uns immer in den Tagsbefehlen und Depeſchen. Wäre das heutige glänzende Treffen von Engländern beſtanden worden— doch gleich viel; man wird es uns ſchon danken, und wenn ich im Oberhauſe Baron Monſoon —— ——— 8 vom Tajo genannt werde— klingt das ſchöͤner als Lord Alcantara?“ „Mir würde Letzteres beſſer gefallen.“ „Nun gut, ſo ſollen Sie mir dieſen Titel geben. Gott, welchen Vertrag will ich mit Portugal abſchlie⸗ ßen; damit wir billige Weine bekommen! Der Wein! wiſſen Sie ja, erfreut des Menſchen Herz, wie David ſagt; und das Oel— was thut das Oel? ja das läuft über die Kanne herab. Nun was macht denn Sir Ar⸗ thur? Ein feiner Kopf, aber in Betreff der Lebensmit⸗ tel in trauriger Unkenntniß befangen.— Würde im Commiſſariat nie was Rechtes geworden ſeyn.— Den⸗ ken Sie ſich, er bezahlt für Alles, als ob es eine Cheapſide wäre.“ „Das iſt freilich albern.“ „Ja, nicht wahr? Da machte ichs ganz anders, als ich vor zwei Jahren Generalcommiſſär war. Blitz, wie habe ich die Leute übers Ohr gehauen! Sie woll⸗ ten meine Rechnungen durchſehen; aber was meinen Sie, daß ich da that? Sie mußten mir noch dreitauſend Pfund nachbezahlen, und ſeitdem iſt ihnen alle Luſt zu ſolchen Späſſen vergangen.„Nein, nein,⸗ ſagte die Junta, „Beresford und Monſoon ſind große Männer. und müſ⸗ ſen mit Hochachtung behandelt werden.“ Meinen denn die einfältigen Geſellen, wir laſſen uns die Taſchen durch⸗ ſuchen? Aber die Schurken ſpielten uns zuletzt doch noch einen Streich; ſie ſandten uns in den Norden— ein armes Land—“* „Wo Sie außer einigen alltäglichen Plünderungen von Klöſtern und Frauenſtiften wenig oder Nichts zu thun fanden?“ 3—.. „Ja, ſo wars. Und dann erlitt ich um dieſe Zeit einen großen Schreck, der mein Gemüth auf lange ge⸗ waltig angriff.“ 3 „Wirklich! etwa eine Krankheit?“ „Nein, ich war ganz wohl; aber— Gott! wie durſtig macht mich ſchon der Gedanke daran! meine * — 9 Kehle iſt wie ein heißer Stein— denken Sie ſich nur, ich war nahe daran gehängt zu werden.“ „Gehängt!“ 1 „Ja es iſt auf Ehre wahr. Schrecklich, ſchrecklich. Es wirkte ſtark auf mein Nervenſyſtem. Und nun ha⸗ ben ſie nicht einmal daran gedacht, mir für meine Lei⸗ den eine kleine Penſion auszuſetzen.“ „Und wer war barbariſch genug, an ſo etwas zu denken, Herr Major?“ 3 „Sir Arthur Wellesley ſelbſt, lieber Charley, kein Anderer.“ „Es muß alſo ein Mißverſtändniß oder ein Scherz geweſen ſeyn?“— „Ei, der Scherz war verdammt nahe daran praktiſch zu werden. Ich will Ihnen ſagen, wie es zuging. Nach der Schlacht von Vimiera hatte die Brigade, zu welcher ich gehörte, ihr Hauptquartier in San Pietro, einem großen Kloſter, wohin alle Kirchengefäße von vielen Mei⸗ len in der Runde geflüchtet worden waren. Es wurde alſo eine Sergeantenwache vor das Refectorium geſtellt und eine Menge Vorſichtsmaßregeln getroffen, um Plün⸗ derungen zu verhüten, denn Sir Arthur ſelbſt hatte ſpe⸗ zielle Befehle deßhalb erlaſſen. Das war gut, aber dennoch— wie dies zuging habe ich nie herausbringen können— dennoch fanden ſich, als wir den Platz verließen, auf allen Wägen un⸗ ſerer Brigade einige Kleinigkeiten von geringem Werthe unter den Vorräthen zerſtreut— goldene Kelche, ſilberne Leuchter, Marienbilder, elfenbeinerne Kruzifixe, topaſene Heiligenaugen, Märtirerzehen in Silbernetzen und hun⸗ dert ähnliche Dinge. „Zu allem Unſtern muß einer dieſer verdammten Ochſenwagen juſt an der Straßenbiegung, wo der Ober⸗ befehlshaber mit ſeinem ganzen Stabe ſtand, um die Truppen deſiliren zu ſehen, zuſammenbrechen und heraus rollte neben Brodrationen und Pöckelfleiſch eine ganze Lawine von koſtbaren Reliquien und Kirchenzierrathen. Alles ſtand wie verſteinert da, Niemand verſuchte das 10 Unglück ſchnell wieder gut zu machen, ſondern mit laut⸗ loſem Entſetzen ſtarrten alle vor ſich hin und warteten der Dinge, die da kommen ſollten. „Wer hat das Kommando über dieſe Abtheilung? rief Sir Arthur mit einer Stimme, die mehr als Einen von uns erzittern machte. „Monſoon, Ew. Ercellenz— Major Monſoon von der portugieſiſchen Brigade.“ „Der verdammte alte Schurke!— Ich kenne ihn.“ So wahr ich lebe, das hat er geſagt. ‚Man hänge ihn auf dieſem Platz!“— Dabei deutete er mit dem Finger — ‚wir wollen doch ſehen, ob wir ſolchen Gaunereien kein Ende machen können.“ Und mit dieſen Worten ritt er ganz ruhig weiter, als hätte er Befehl zu einem Mit⸗ tagsmahle gegeben. „Als ich zur Stelle kam, war der Galgen bereits aufgerichtet und Gronow, mit einer Compagnie Füſtliere, ſtand daneben. „Thut mir verdammt leid, Herr Major,“ ſagte er. ‚Eine höchſt unangenehme Sache, aber ich kann nicht helfen. Wir haben Ordre, Sie hängen zu laſſen.“ „Hol mich der Teufel, mit dieſen Worten ſagte er es, klopfte dabei auf ſeine Schnupftabaksdoſe und ſah ſich höchſt gleichgülfig nach allen Seiten um. Hätte ich nicht den Galgen und den Profoß geſehen, ſo hätte ichs ihm gar nicht geglaubt, aber ein Blick auf dieſen und ein anderer auf den zerbrochenen Karren, mit all den Heiligenbildern, zeigten mir ſogleich, wie viel Uhr es ar. „Er will mich blos ein wenig ſchrecken; nicht wahr, Gronow?“ rief ich in flehendem Tone. „Wohl möglich, Herr Major,“ antwortete er; ‚aber ich muß meine Ordre vollziehen.: „Sie werden doch nicht— Ehe ich meinen Satz vollenden konnte, kam Dan Mackinnon herangeſprengt. „Den alten Monſoon hängen? He, Gronoy, was für ein ſchlechter Witz?: — 11 8““3a, nicht wahr, ſehr ſchlecht!’ rief ich halb wei⸗ „„Nun, wenn Sie ein guter Katholik ſind,“ fuhr er fort, ſo können Sie ſich einen Heiligen wählen. Da haben Sie ja eine ganze Muſterkarte. Dieſe rohe An⸗ ſpielung galt den goldenen und ſilbernen Bildern, die auf der Straße umherlagen. „„Dan,“ flüſterte ich ihm zu, ſprechen Sie für mich, — thun Sie mir die Liebe— Sie haben Einfluß auf Sir Arthur.“ „Sie alter Sünder Sie, ſagte er; da hilft Alles nichts.“ „Dan, ich laſſe Ihnen die fünfzehn Pfund nach.’ „Die Sie mir ſchuldig ſind,“ antwortete er lachend. „Wer wird Ihnen Vater ſeyn, wenn ich nicht mehr bin? Wer wird Ihnen Punſch mit heißem Madeira miſchen, wenn ich dahin bin?“ ſagte ich. „Nun es thut mir wirklich leid um Sie, Mon⸗ ſoon— hören Sie, Gronow, warten Sie noch ein paar Minuten, ich will für den alten Schlingel ſprechen, und wenn es mir gelingt, ſo winke ich Euch mit dem Schnupftuche.“ Damit jagte Dan im geſtreckten Galopp da⸗ von. Gronow ſetzte ſich auf eine Bank und ich trippelte in einer nicht ſehr beneidenswerthen Gemüthsſtimmung auf dem Boden umher, denn der verwünſchte Profoß firirte mich unaufhörlich. „Ich kann Ihnen nur noch fünf Minuten geben, Herr Major, ſagte Gronow, ſeine Uhr neben ſich auf das Gras legend. Ich verſuchte ein wenig zu beten und ſprach drei oder vier von den Sprüchen Salomonis, als er wieder rief:— ‚Da ſehen Sie, daß es nicht angeht, Sir Arthur ſchüttelt den Kopf.⸗ „Aber was weht denn dort?⸗ „„Die Fahne des ſechsten Infanterieregiments. Kommen Sie nur, Herr Major, die Halsbinde herab.“ nen 12 ‚Wo iſt Dan jetzt?— was thut er?“ fragte ich, denn ich konnte Nichts mehr ſehen. 3 ‚Er reitet neben Sir Arthur; ſie ſcheinen alle zu lachen.“ „Gott vergebe ihnen! Wie ſchmerzlich werden ſie dieſe Sünde noch bereuen!“ „„Die Zeit iſt um, ſagte Gronow aufſpringend und ſeine Uhr wieder einſteckend. ‚Profoß, thun Sie jetzt was Ih⸗ res Amtes iſt.— Doch was iſt das?— Ich ſehe dort Etwas wehen— ich höre laut rufen— ja bei Gott, ſo iſts! — Diesmal ſind Sie noch gerettet, Herr Major— da iſt das Zeichen.” „Mit dieſen Worten ließ Gronow ſeine Leute eine Linie formiren und marſchirte ganz ruhig weiter, indem er mich allein auf der Straße meinen Betrachtungen über Kriegsgeſetze und meiner verderblichen Vorliebe für Re⸗ liquien überließ. „Ich kann Sie verſichern, Charley, dies hat mir einen harten Stoß verſetzt und ſollte, denke ich, auch auf Sir Arthur ſelbſt große Wirkung gemacht haben; aber bei Gott er hat wundervolle Nerven. Ein paar Tage nachher traf ich ihn beim Mittageſſen in Liſſabon; er ſah mich einige Sekunden ſehr ſcharf an und rief: — He Monſoon, Major Monſoon, nicht wahr?⸗ „„Ja Ew. Exeellenz,“ antwortete ich kurz, denn ich konnte es mir wohl denken, wie peinlich es ihm ſein mußte mit mir zuſammenzutreffen.— „Glaubte ich hätte Sie hängen laſſen— hatte wenig⸗ ſtens die Abſicht— doch ſchadet Nichts— ein Glas Wein auf Ihre Geſundheit!“ „So wahr ich daſitze, das war Alles! Wie leicht doch manche Menſchen ſich ſelbſt verzeihen können! Aber, mein Herzens⸗Charley, wir kommen allmählig auf die Neige. Sind die Flaſchen alle leer? Ja richtig. Laſ⸗ ſen Sie uns einen Ausfall in den Keller machen. Neh⸗ men Sie das Licht und kommen Sie.“ Kaum waren wir einige Schritte vor der Thüre, 1³ als wir im anſtoßenden Zimmer frohliches Gelaͤrme hoͤr⸗ ten und ſtehen blieben, „Sind die Dons ſo muntere Zecher, Herr Major?“ fragte ich, da in dieſem Augenblicke ein ſchallendes Ge⸗ lächter ausbrach. „Bei Gott, ich muß mich ſelbſt darüber wundern. Am Ende haben ſie uns von unſerem Weine abgeführt. Wir merkten jetzt, daß die heitern Töne aus der Küche kamen, die auf einen kleinen Hof hinausſah. In dieſen ſchlichen wir uns, traten geräuſchlos an das Fen⸗ ſter und überſchauten jetzt die Szene drinnen. Um ein loderndes Feuer, uͤber welchem an einer Kette ein maſſiver eiſerner Topf hing, ſaß eine fröhliche Geſellſchaft von etwa ſechs Perſonen. Die eine Gruppe war in tiefen Schatten gehüllt, die andere aber war glänzend beleuchtet von dem luſtigen Feuer und zeigte uns einen wohlhäbigen Dominikaner, dem der Bart bis an den Gürtel herabhing, ein lebhaftes ſchwarzäugiges Mädchen von etwa achtzehn Jahren und zwiſchen Bei⸗ den, höchſt behaglich den einen Arm um das Pfäfflein, den andern um die Dirne geſchlagen, keine geringere Perſon, als meinen ehrlichen Mickey Free. Aus der hin und her ſchwankenden Bewegung ſeines Kopfes ging deutlich hervor, daß er ſeine Aufmerkſam⸗ keiten zwiſchen der Kirche und dem ſchönen Geſchlechte theilte, obſchon ſie, aufrichtig geſtanden, vom Letzteren günſtiger aufgenommen zu werden ſchienen, als von der erſteren— denn ein brauner irdener Krug abſorbirte alle Gedanken des würdigen Mönchs, die er von der Be⸗ trachtung himmliſcher Gegenſtände zu erübrigen ver⸗ mochte. „Marie, mein holdes Schätzchen, ſieh mich nicht auf dieſe Art an, ſo nur aus dem Augenwinkel heraus; — ich weiß wohl, daß Du mich lieb haſt— die Mädels haben mich alle lieb— Du meinſt, ich ſcherze, aber wie könnte ich vor dieſem heiligen Mann da eine Lüge ausſprechen! Nicht wahr, ehrwürdiger Vater?“ 14 Der Mönch grunzte eine Antwort, die, wenigſtens ihrem Getöne nach, ein herzlicher Bannſtrabl ſeyn konnte. „Ei, Ihr habt auch Eure ſchönen Zeiten gehabt, lieber Pater,“ ſagte Mickey, dem Gottesmann vertrau⸗ lich auf den umfangreichen Bauch tätſchelnd,„und macht Euch wenig Sorge um der Welt Lauf; habt überall, wohin Ihr kommt, den beſten Spaß; in Badahos und Ballykilruddery, an allen Orten ſind die Weibſen in Euch vernarrt. Pater Murphy, der Kaplan in Seariff, war gerade auch ein ſolcher Kauz, und eine Stimme hatte er, er hätte die Vögelein von den Bäumen herab⸗ ſchwatzen können. Aber laßt Unſereinem auch noch ein wenig in dem Krug, bevor er all' iſt; dann will ich Euch Eins ſingen.“ Somit ergriff er das Gefäß und leerte es bis auf den Grund; das Schmatzen ſeiner Lippen, womit er dieſe That beſchloß, und der jammervolle Blick des Mönchs in den nun inhaltsleeren Krug hinein, rief von Neuem ein ſchallendes Gelächter hervor. „Und nun, Ew. Hochwürden, bitte ich mir nur einen guten Chor aus; den werdet Ihr mir zu Ehren der Kirche nicht verweigern.“ So ſprechend warf er noch einen außerſt drolligen Blick auf den Mönch und hob ſodann folgendes Lied an nach der Melodie:„Sankt Patrick war immer ein Ehrenmann. So'n Mönch hat's doch wahrlich am beſten von alln uUnd führt das behaglichſte Leben, Er braucht nur ſein Paternoſter zu lalln Und Ablaß den Weibern zu geben. Er plagt ſich mit Denken und Grübeln nicht viel, Die Frömmigkeit einzig belehrt ihn; Gut Eſſen und Trinken allein iſt ſein Ziel, Denn die heilige Kirche ernährt ihn. · 15 Die Kuh auf der Weide, das Maſtſchwein im Stall, Die Viehmagd, die vornehmen Damen, Bekreuzen ſich ängſtlich und zittern ſchon all, Vernehmen ſie nur ſeinen Namen Iſt eine verblühet und häßlich und alt, So iſt er ein finſterer Richter; Doch verlieret ſein Urtheil alle Gewalt, Kommen junge und hübſche Geſichter. Geſpenſter und Geiſter, die fürchtet er nicht, 's iſt wahr, was die Väter erzählen, Sie fliehn voll Entſetzen, ſobald er nur ſpricht, Und laſſen in Ruhe die Seelen. Der Teufel ſelber hat vor ihm Reſpekt Und ſuchet geſchwinde das Weite, Denn Engel machen allnächtlich ſein Bett und legen ſich dann ihm zur Seite. Ein ſchallendes Gelächter von Monſoon hinderte mich, zu hören, wie Mickeys Minneſängerei drinnen aufgenommen wurde, aber als ich wieder hinein ſah, merkte ich, daß der Mönch aufgebrochen war und ſeinem Nebenbuhler das Feld geräumt hatte, ein Umſtand, womit augenſcheinlich ſowohl die Schöne, als ihr Galan zufrieden waren. „Kommen Sie, Charley,— ich habe mir Ihres Gauners wegen auf dem kalten Pflaſter einen Krampf zugezogen; wir müſſen noch ein Bißchen was Warmes haben, ganz dünn und ganz ſchwach, wie es in Tom Jones heißt, und dann zu Bette.“ Trotz der enthaltſamen Vorſätze des Majors brach der Tag herein, bevor wir uns trennten, und Keiner von uns beiden wäre mehr im Stande geweſen, auf dem Seil zu tanzen oder auch nur den berühmten Gang auf der Spalte auszuführen. —— 16 Fünfundfünfzigſtes Kavitel. Die Legion. Meine Dienſte, ſo lang ich bei der Legion ſtand, waren nicht ſehr ausgezeichneter Art und verdienen keine ausführliche Erwähnung. Ihre größte Waffenthat, die Zurückweiſung von Victors Vortrab, war am Morgen des Tages, da ich mich mit ihr vereinigte, ausgeführt worden, und der folgende Monat verging in behaglicher Ruhe auf den errungenen Lorbeeren. In den paar erſten Tagen freilich war der Major von einer Menge Sorgen geplagt. Da mußte eine De⸗ peſche an Beresford geſchrieben werden, eine andere an die oberſte Junta, ferner ein Brief an Wilſon, der da⸗ mals mit einem Beobachtungscorps weiter oſtwärts ſtand. Außerdem gab es einige Verwundete zu verpflegen, an die heldenherzigen Sieger ſelbſt mußte eine Rede gehalten werden, und endlich hatte man auch einige Gefangene eemacht, über deren Beſtimmung man noch nicht ganz im Klaren war. Die Depeſchen machten wenig Mühe; mit ſehr ge⸗ ringen Abänderungen blieb das bereits an Sir Arthur abgeſandte große Original die Grundlage für alle übri⸗ gen. Die Verwundeten wurden nach Alcantara gebracht, unter der Pflege einiger Aerzte, denen Monſoon zum Abſchied die freundſchaftliche Verſicherung ertheilte, daß er ſie, wofern die Kranken alle nicht binnen kurzer Zeit wieder dienſtfähig ſeyen, als untüchtig melden werde. Die Rede, die eine Art von Tagsbefehl vorſtellen ſollte, verſchob er auf einen günſtigen Nachmittag, wo ihm all ſein Portugieſiſch zur Hand ſeyn würde; nur die Gefan⸗ genen verurſachten ihm wirkliches Kopfzerbrechen. Um die gemeinen Soldaten bekümmerte er ſich ſehr wenig, denn ſie waren ja, wie Sir John ſagt, ſterbliche Men⸗ ſchen und Kanonenfutter; aber es befand ſich auch ein Stabsoffizier mit glaͤnzenden Epauletten und Ordens⸗ — ————.,— — 17 ſternen unter ihnen. Schon ſeine Decorationen waren keine geringe Verſuchung. Lange überlegte der Major bei ſich ſelbſt, ob die moderne Kriegsſitte nicht den alten, durch die Zeit geheiligten Gebrauch des Löſegeldes ge⸗ ſtatten möchte. Die Schlacht hatte außer Ruhm, auf⸗ fallend wenig eingetragen— geplündert wurde nicht; die wenigen Kanonen und Munitionswägen waren ſo viel wie Nichts werth, und ſo blieb denn mit Ausnahme der Gefangenen Nichts. Es war ſpät am Abend in dem gemüthlichen Stündchen, wo der Major ſeine Betrach⸗ tungen anzuſtellen pflegte, als er es wagte, ſein Herz in dieſer Angelegenheit gegen mich auszuſchütten. „Ich dachte eben darüber nach, Charley, wie un⸗ endlich hoch die Alten in vielerlei Beziehungen über uns ſtanden, ganz beſonders aber in Beziehung auf Behand⸗ lung ihrer Gefangenen. Sie entriſſen dieſelben nicht ihren Freunden und ihrer Heimath; ſie nahmen immer Löſegeld an von ſolchen, die welches bezahlen konnten; gewiß eine menſchenfreundliche, eine ſehr vortreffliche Sitte. Die Koſtbarkeiten, die man bei ihnen vorfand, nahm man ihnen ab und verſteigerte ſie. Moſes und Eleazar, letzterer ein Prieſter, nahmen, wie uns die Schrift erzählt, alles Gold und alle Juwelen, alle Uhren und alle Ohrringe; Sie brauchen gar nicht zu lachen, dieſe Burſche trugen ſämmtlich Ohrringe. Warum ſollte nun ich ein ſolch' gutes Beiſpiel mir nicht zu Nutze machen? Ich habe zwar allerdings nicht Agag, den König der Amalkiter gefangen genommen, aber doch einen franzöſiſchen Major, und den würde ich herzlich gern für fünfzig Dublonen ſpringen laſſen.“ Nicht ohne vieles Lachen und bedeutenden Aufwand von Beredtſamkeit konnte ich Monſoon überzeugen, daß Sir Arthurs militäriſche Anſichten ſelbſt eine Autorität wie Moſes nicht reſpectiren würden, und da unſere Hauptquartiere nicht weit von einander entfernt ſeyen, Lever, O'Malley. II. 2 18 ſo könnte ein ſolcher Schritt, wie er beabſichtigte, die ſchlimmſten Folgen nach ſich ziehen. Was uns ſelbſt betraf, ſo trübten keine ermüdenden Waffenübungen, keine beſchwerlichen Felddienſte, keine läſtigen Inſpectionen den Strom unſerer heiteren Tage. Allerdings mußten hie und da Fouragierzüge unternom⸗ men und gelegentlich Außenpoſtendienſte verſehen werden; aber zu dieſen beiden Geſchäften wurden die Offiziere mit einem Takt ausgewählt, die von des Majors feiner Charakterkenntniß zeugte; denn während die luſtigen Kameraden, die ein heiteres Lied zu fingen und ein gutes Glas zu leeren verſtanden, zuverläßig im Hauptquar⸗ tiere zurückgehalten wurden, mußten die minder begabten, minder aufgeweckten Köpfe das Land auf Fourage durch⸗ ſtreifen und ſich als Zielſcheibe für die franzöſiſchen Scharfſchützen hinſtellen. Meine eigenen Bemühungen zur pünktlichen Voll⸗ ziehung meiner Inſtructionen fanden nur wenig Auf⸗ munterung und iunterſtützung, und aller Samen, den ich voll Eifer ausſtreute, ſiel auf ein dürres Land. Die Cavallerie beſtand allerdings größtentheils aus tüchtigen und wohlberittenen Leuten, aber ein unordentlicher, ſorg⸗ loſerer, undisciplinirter Haufen von gutmüthigen Ge⸗ ſellen hat gewiß nirgends in der Welt ein Corps ge⸗ bildet. Monſpons Anſichten waren in allen Zweigen des Dienſtes durchgedrungen; vom Adjutanten an bis zum Tambour herrſchte durchgängig dieſelbe ſorgloſe Gleich⸗ gültigkeit und Beuteluſt vor. Obſchon dieſe Burſche im Feuer ſowohl Tapferkeit als Muth entwickelten, ſo ſchwand doch, wenn der Augenblick der Gefahr vorüber war, alle Disciplin dahin, und der einzige Maßſtab, den ſie an den Werth eines Sieges legten, war der Betrag der gewonnenen Beute. Von Zeit zu Zeit kamen uns die Gerüchte von großen Ereigniſſen zu Ohren. Wir hörten, daß Soult ſeine geſchlagene Armee glücklich reorganiſirt habe und ———— —₰½—— 19 nun in Verbindung mit Ney vom Norden zurückkehre; daß die beiden Marſchälle in der Nähe von Talavera ihre Streitkräfte ſammeln, und daß König Joſeph ſelbſt an der Spitze einer großen Armee nach Madrid mar⸗ ſchire. So drohend auch dieſe Geſtaltung der Dinge war, ſo hatten ſie doch den Gleichmuth des Majors nicht zu erſchüttern vermocht, und da unſere Vorpoſten täglich meldeten, die Franzoſen ſeyen auf dem Rückzug begriffen, ſo kümmerte er ſich wenig um die beabſichtigte Concentration des Feindes, wenn nur der Zwiſchenraum zwiſchen ihm und uns immer größer wurde. Seine Blicke in die Zukunft waren ausnehmend prophetiſch. „Sie werden ſehen, Charley, es kommt, wie ich ſage; der alte Cueſta verfolgt ſie und wird gedroſchen. Die Engländer kommen dazu und erhalten vielleicht eben⸗ falls Schläge; aber wir— Gott ſey uns gnädig— ſind nur ein ſchwaches Corps, blos zum Theil organiſirt und nicht zuverläßig; wir wollen auf die Berge gehen, bis Alles vorüber iſt.“ Somit erſtreckte ſich die Vor⸗ ſicht des Majors nicht nur auf Vermeidung der Gefahr, ſondern er hutete ſich ſogar vor jeder Bekanntwerdung mit derſelben. 3 Mittlerweile beſtanden unſere Operationen darin, daß wir in bequemen Märſchen gegen Almarez vor⸗ rüͤckten und überall Halt machten, wo das Commiſſariat von einem wohlbeſtellten Keller oder gutverſehenen Hüh⸗ nerhof vernommen hatte; wir wandelten den Blumenpfad des Lebens und waren, wie der Major ſich auszudrücken pflegte, zufrieden und dankbar, ſelbſt inmitten großer Gefahren. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Der Abſchied. Am Morgen des 10. Juli erhielten wir eine De⸗ peſche des Inhalts, daß Sir Arthur Wellesley ſein Hauptquartier in Placentia aufgeſchlagen habe, um in nähere Verbindung mit Cueſta zu treten, der damals in Caſa del Puerto ſtand, und daß ich unverzüglich im ſpaniſchen Hauptquartier erſcheinen und Sir Arthurs Ankunft erwarten ſolle, um meinen Bericht über den Effectivſtand unſers Corps abzuſtatten. Ich für meine Perſon war der Unthätigkeit meines gegenwärtigen Lebens ſchon längſt herzlich müde, und ſo viel Spaß mir auch die Excentricitäten meines Freun⸗ des, des Majors machten, ſo ſehnte ich mich dennoch von ganzer Seele nach einem andern Wirkungskreiſe. Nicht ſo, Monſoon: die Ausſicht auf thätige Beſchafti⸗ gung und der Gedanke, wieder allein gelaſſen zu werden — ſein portugieſiſcher Stab gewährte ihm nämlich nicht viel Unterhaltung— drückte ihn ſtark zu Boden, und als die Stunde meiner Abreiſe herannahte, erſchien er niedergeſchlagener, als ich ihn je geſehen hatte. „Ich werde ſehr verlaſſen ſein ohne Sie, Charley,“ begann er mit einem Seufzer, als wir am letzten Abend neben einem luſtigen Holzfeuer beiſammen ſaßen. Mit dieſen Dons habe ich nicht viel Verkehr, denn meine Portugieſen ſind nicht von der beſten Sorte, ſie kommen erſt ſpät am Abend, und außerdem fürchte ich, erinnern die Schurken ſich der Keresaffaire. Zwei von meinem gegenwärtigen Stabe waren damals bei mir.“ „Iſt dies die Geſchichte, auf welche Power ſo oft anſpielte, des Königs von Spanien Xeres— 2“ „Still, ſtill, Charley, ſeyen Sie vorſichtig; ich mag davon nicht ſprechen, bis wir wieder unter unſern eige⸗ nen Leuten ſind.“ „Ganz wie Sie wollen, Major; aber ich kann nicht 21 leugnen, daß ich auf dieſe Erzählung im höchſten Grade neugierig bin.“. „Wenn ich nicht irre, lauſcht Jemand an der Thüre: ſtill, hören Sie Nichts?“ „Nein, wir ſind ganz allein; es iſt noch früh am Abend,“ und wer weiß, wann wir wieder einmal ein ruhiges Stündchen beiſammen haben? Thun Sie mir den Gefallen und erzählen Sie.“ „Nun meinetwegen; das Ding iſt, weiß Gott, ſchon bekannt genug geworden, und obſchon bei Weitem nicht ſo viel an der Geſchichte iſt, als Sie zu erwarten ſcheinen, ſo will ich's dennoch erzählen.“ Mit dieſen Worten füllte der Major ſein Glas, rückte näher an's Fener nnd begann: „Als die franzöſiſchen Truppen unter Ladorde in Verbindung mit Loiſons Corps nach Alcobaca marſchir⸗ ten, erhielt ich Befehl, ein ſehr werthvolles Geſchenk von Xeres, das der Herzog von Albuquerque der oberſten Junta machte, nicht weniger als zehn Orhoft vom Be⸗ ſten, der jemals in den königlichen Kellern von Madrid geweſen, zu geleiten. 3 Der Wein lag in dem Kloſter San Vincente, und da die Junta den Liebhabereien der Mönche, ſo wie die Bedürfniſſe der Kirche ein wenig kannte, ſo überlegte ſie klüglich, daß er in Liſſabon wohl eben ſo ſicher ſein würde. Demgemäß wurde ich mit einer genügenden Mannſchaft zum Schutze beordert und brach an einem ſchönen Aprilmorgen mit dem koſtbaren Schatze auf.“ „Ich muß geſtehen, daß ich nicht begreifen konnte, warum das Leben uns ſo viele Verſuchungen in den Weg wirft, außer damit uns das Vergnügen zu Theil werde, ihnen nachzugeben. Ich bin gewiß ein Stoiker, wo Nichts zu haben iſt, aber wittere ich einmal einen wohlgebratenen Schlägel oder ſteigt mir der Duft eines Weingefäßes in die Naſe, ſo richten ſich alle meine Ge⸗ danken den Mitteln zu, Beſitz davon zu ergreifen. Unſere Straße zog ſich durch Hohlwege und Ge⸗ 22 birgsſchluchten, denn die Franzoſen durchſtreiften nach allen Seiten das Land und meine Burſche, blos zwan⸗ zig an der Zahl, zitterten, wenn ſie nur ihren Namen hörten. Wir mußten alſo vor Allem darauf Bedacht haben. mit ihren Fouragierparthien nicht in Berührung zu kommen. So marſchirten wir mehrere Tage und machten ſelten mehr als etliche Stunden zwiſchen Sonnenauf⸗ und Untergang, wobei wir immer eine Wache vorausſchickten, um uns zu ſagen, ob es geheuer war. Der Weg war troſtlos langweilig, denn ich hatte Niemand, mit dem ich mich unterhalten konnte, und ſo verfiel ich denn in tiefes Nachdenken über den alten Wein in den großen braunen Fäſſern: ich dachte an ſei⸗ nen herrlichen Duft, ſeine uͤppige gelbe Farbe, ſein öliges Ausſehen, wenn er ins Glas flöße, den herrlichen Nachgeſchmack, der das innerſte Herz erwärmt, und es war mir wirklich, als könnte ich ihn durch die Fäſſer hindurch riechen. Wie verlangte es mich, eine der Tonnen anzuboh⸗ ren, wenn auch nur um zu ſehen, ob meine Träume⸗ reien darüber etwas Wahres haben! Es kann ja auch rorher Xeres ſein, dachte ich, und dann habe ich Nichts gewußt. Dieſer Gedanke betrübte mich ſehr: ich erwähnte ihn gegen den potugieſiſchen Intendanten, der uns als eine Art Aufſeher begleitete, aber der Schurke grinste blos und ſprach von der Junta und lebenslänglicher Galeere, ſo daß ich Nichts mehr davon verlauten ließ. Nun gut, am dritten Tage unſers Marſches meldete uns der Späher, daß er in Merida, etwa eine Stunde von uns, ein engliſches Cavallerieregiment geſehen habe, das nach den nördlichen Provinzen marſchire und im Dorfe übernachten werde. Nachdem ich daher alle meine Vorbereitungen für die Nacht getroffen, nahm ich ein friſches Pferd und galoppirte hinüber⸗ um meine Lands⸗ leute zu beſuchen und etwas Neues von ihnen zu hören. Es war dunkle Nacht, als ich ankam, aber ich fand un⸗ ſere Burſche bald heraus: es war das lite leichte Dra⸗ 23 gonerregiment, kommandirt von meinem alten Freund Bowes und mit einem ſo luſtigen Ofſizierscorps, als man ſich nur wünſchen kann. Ehe eine halbe Stunde verging, war ich mitten unter ihnen, ließ mir vom Feldzuge erzählen und be⸗ richtete ihnen dagegen von meinem Transport, wobei ich mich über die Eigenſchaften des Weines ſo umſtändlich ausließ, als hätte ich tagtäglich zum Diner davon ge⸗ trunken. Wir hatten eine ſehr muntere Nacht und ehe es vier Uhr ſchlug, lagen der ältere Major und vier Ka⸗ pitäne unter dem Tiſch, die Subalternen aber befanden ſich ſammtlich in einem Zuſtande, der in den Kriegs⸗ artikeln nicht vorgeſehen iſt. Ich hielt es fürs Beſte jetzt aufzubrechen, wuͤnſchte daher den Nüchternen gute Nacht und machte mich wieder auf den Weg zu meinen eigenen Leuten. „Kaum war ich hundert Schritte weit geritten, als Jemand hinter mir hereilte und laut meinen Namen rief: „Heda, Monſoon, Major, ſo halten Sie doch in's Teufels Namen. „Nun, was gibts denn, hat ſich etwa neuer Stoff vorgefunden? fragte ich, denn wir hatten Alles geleert, als ich mich verabſchiedete. „Nein, kein Tropfen, alter Kerl,“ antwortete mein Freund, aber ich dachte eben darüber nach was Sie uns von dem Neres erzählten.“ „Nun, was ſoll's damit?“ „Ei, ich möchte nur wiſſen, wie man ein Pröbchen davon erhalten könnte 2 Da müſſen Sie ſich zum Mitglied der Cortes er⸗ wählen laſſen' erwiederte ich lachend, ‚auf jedem andern Wege iſt es rein unmöglich.; „Das möchte ich nicht ſo gewiß behaupten, meinte er lächelnd. Auf welcher Straße ziehen Sie morgen?“ „Ueber Cavalhos und Reina.“ „Wo werden Sie gegen Abend ſeyn?⸗ 24 Ich fürchte in den Gebirgen,“ ſagte ich mit ſchlauem Blick, und wo Hinterhalte und Ueberump⸗ lungen höchſt gefährlich ausfallen müßten.“ ‚Und Ihre Mannſchaft beſteht—? „‚Aus zwanzig Portugieſen, alle bereit, auf den erſten Schuß Reißaus zu nehmen.“ „Dann thu ich's, Monſoon, ich will mich hängen laſſen, wenn ich's nicht thue.“ „‚Aber Tom,“ warnte ich, machen Sie keine dummen Streiche. Nur blinde Patronen, mein Junge.“ „Ei das kann ich nicht; Ihre Truppen ſind doch bewaffnet?' „Hat Nichts auf ſich: ſie ſchießen in der Verwir⸗ rung einander allenfalls ſelbſt todt, aber wenn ihr mit dem gehörigen Lärm anrückt, ſo warten ſie Euch nicht ab.“ „Ei, das müſſen ja herrliche Burſche ſeyn.“ „Kapitalkerls, antwortete ich, thut Ihnen nur Nichts zu leide, und nun gute Nacht.“ „Als ich weiter ritt, begann ich über O'Flaherty's Plan nachzudenken, und ſo wahr ich lebe, er wollte mir ganz und gar nicht gefallen. Mein Freund war ein leichtfertiger Burſche, der nach dem Teufel Nichts fragte und dem es vollkommen gleichſah, daß er ſeinen Plan wirklich ausführte.— „Als der Morgen kam, brachen wir von Neuem auf, und ich gönnte mir den ganzen Vormittag das Vergnügen, meinen Leuten allerhand grauen⸗ hafte Geſchichten von franzöſiſcher Grauſamkeit zu erzählen, ſo daß nach einigen Stunden im ganzen Corps keiner mehr war, der nicht bei'm geringſten An⸗ griff Ferſengeld gegeben hätte. Gegen Abend erreichten wir Morento, einen kleinen Gebirgspaß, der dem Laufe eines kleinen Flüßchens folgt, und wo an manchen Stellen den Maulthierkarren kaum Platz genug hatten, um ſich zwiſchen die Klippen und dem Waſſer durchzu⸗ winden, Welch ein Plätzchen für Tom O' Flaherty und 25⁵ ſeine Fouragierer, dachte ich, als wir in den kleinen Ge⸗ birgsſchlund einrückten; aber Alles war ſtill wie das Grab, und außer dem Geſtampfe unſerer Thiere ließ kein Laut ſich vernehmen. Eine gewiſſe feierliche Stille herrſchte in den hohen braunen Bergen, die ſich gleich gewaltigen Mauern auf beiden Seiten erhoben, mit einem ſchmalen Streifen ſchwarzgrauen Himmels über uns, und der dunkle träge Strom hatte wirklich etwas Beängſtigendes. Keiner ſprach ein Wort; des Maul⸗ thiertreibers luſtige Geſänge verſtummten, er knallte nicht wie früher munter mit ſeiner langen Peitſche, ſondern trieb ſeine Thier mit halb gemurmelten Schelt⸗ worten an, um noch vor Nacht das Dorf zu erreichen. „Aufrichtig geſtanden, es war auch mir ſelbſt nicht ganz wohl zu Muthe, ich konnte mich von dem Gedan⸗ ken nicht trennen, daß ein Unglück bevorſtehe, und ſo wünſchte ich O'Flaherty in's Pfefferland. Er greift uns zuletzt, dachte ich, an einer Stelle an, wo wir nicht davon laufen können, und wenn ſie nirgends Gelegen⸗ heit haben, zu entfliehen, ſo fechten ſelbſt die Milizen. Inzwiſchen ſchlich der Abend heran, noch zeigte ſich nirgends eine Spur von ihm, und mit innigem Ver⸗ gnügen erblickte ich eine halbe Stunde von uns das blinkende Licht des Dörſchens, wo wir übernachten wollten. Juſt in dieſem Augenblick kam ein Späher, den ich ein paar hundert Schritte vorausgeſchickt hatte, athemlos herangeſprengt. „Die Franzoſen, Herr Major, die Franzoſen kom⸗ men,’ rief er mit geiſterbleichem Geſichte. „Wo? auf welchem Weg? wie ſtark ſind ſie? fragte ich, ganz und gar nicht gewiß, ob er nicht die Wahrheit ſpreche. „Sie kommen in Maſſe!“ rief der Burſche, ‚Dra⸗ goner! hier auf der Straße.⸗ „Dragoner? hier auf der Straße?⸗ wiederholten meine Helden und ſahen einander an, als ſollten ſie alle gehängt werden. 26 Kaum waren die Worte geſprochen, als wir in der Ferne das Getöſe von raſch herantrabender Reiterei vernahmen: Gott, welche Szene folgte jetzt! die Sol⸗ daten rannten gleich geſcheuchten Schafen da und dort⸗ hin, einige zogen Kruzifixe hervor und begannen Gebete herzuſagen, andere feuerten im paniſchen Schreck ihre Flinten ab; die Maulthiertreiber ſchnitten die Stränge entzwei und hofften ſich auf ihren Thieren zu retten; der Intendant ſelbſt machte ſich auf die Beine und kreiſchte uns noch zu, wir ſollen uns bis auf den letzten Mann wehren, er werde an die Junta günſtig über uns berichten. Juſt in dieſem Augenblick wurden die Dragoner ſichtbar; ſie kamen einhergaloppirt und ſchrieen wie Tollhäusler. Ein einziger Blick genügte für meine Leute; ſie ſprangen von ihren Gebeten auf, feuerten ihre Ge⸗ wehre nach dem Neumonde hinauf und liefen davon wie Männer. Ich wurde in dem Getümmel zu Boden geworfen: als ich mich wieder emporarbeitete, ſtand O'Flaherty neben mir und lachte wie toll. „„He, Monſoon, nicht wahr, ich habe mein Wort gehalten, alter Kerl! Wie ſie ihre Beine brauchen! Gefangene werden wir nicht einbringen, ſo viel ſehe ich ſchon. Heran jetzt, meine Jungen, ſpannt die Pferde vor. Wir wollen nur ein einziges Faß nehmen, Mon⸗ ſoon, damit Sie ſich durch Ihre tapfere Vertheidigung der übrigen den Beifall der Junta verdienen; gute Nacht, gute Nacht! Ich werde zwei Monate lang jede Nacht Ihre Geſundheit trinken.“”“ So ſprechend ſchwang ſich Tom wieder in ſeinen Sattel, und in kürzerer Zeit, als ich zum Erzählen brauchte, war Alles vorüber, Ich ſaß jetzt allein im grauen Mondlicht da, ſtellte meine Betrachtungen über das Geſchehene an und rief von Zeit zu Zeit meinen portugieſiſchen Freunden zu, ſie ſollen zurückkommen. Allmählig erſchienen ſie auch wieder zu zweien oder dreien —= u Akͤ—— 27 und endlich, als alle beiſammen waren, brachen wir von Neuem auf:— die ganze Mannſchaft aber, vom Intendanten an bis zum Muſikanten, pries meine Tapfer⸗ keit und erklärte, Don Monſoon ſey ein zweiter Cid. „Und wie benahm ſich die Junta?“ „Ganz vortrefflich, Charley. Sie erhob mich zum Ritter von Battalha, küßte mich auf beide Wangen und ſandte mir als ein kleines Zeichen ihrer Hochachtung zwölf Dutzend Flaſchen des geretteten Weines in mein Quartier. Ich habe ſeitdem oft darüber gelacht; aber ſtill, Charley, was höre ich draußen?“ „O, es iſt blos mein Mickey; er bat mich um Erlaubniß, vor der Abreiſe ſeine Freunde zu bewirthen, und wie es ſcheint, gibt er ihnen jetzt einen Geſang zum Beſten?“ „Aber was für ein verdammtes Lied das iſt! Sind die Worte denn hebräiſch?“ „Iriſch, mein beſter Major, und gewiß das aller⸗ klaſſiſchſte Iriſch!“ „Iriſch! Ich habe doch ſchon manche Sprache ge⸗ hört, aber dieſe überraſcht mich in der That. Rufen Sie ihn herein, Charley, er ſoll uns auch ſingen.“ Nach einigen Minuten erſchien Mr. Free in ſeiner vollſten Glorie. Seine Augenbraunen ſtiegen und fielen, ſein Mund war etwas ſchief gezogen und mit ſeinen Knieen machte er eine Seitenbewegung, deren natür⸗ liche Erklärung einem Phyſiologen ſchwer geworden ſeyn müßte. „Ein allerliebſtes Liedchen das, Mickey,“ ſagte der Major,„wirklich ſehr ſchön; netze Deine Lippen, Mickey“ „Sie ſollen leben, Herr Major, und auch Sie, Mr. Charles, und alle, die zu Ihnen gehören. Möge derjenige die Haut einer Stachelbeere als Nachtmütze koudin⸗ der einem von Ihnen beiden Etwas zu leide ut!“— „Dank Dir, Mickey; aber jetzt Dein Geſang!“ 28 „Es iſt eine der älteſten Melodieen, die je geſungen worden ſind,“ ſagte Mickey mit einem Schluchzer,„und gewiß hat ſie Adam ſchon im Paradies gekannt— aber der Text, die Poeſie iſt nicht ſo alt.“ „Und wie kommt das?“ „Drum ſehen Sie, der Text wurde von einem mei⸗ ner Vorfahren gedichtet; er war dazumalen ein großer Poet und machte ſchöne Lieder; aber Sie würden doch nicht errathen, was der Inhalt war.“ „Liebe ohne Zweifel?“ meinte Monſoon. „O, es kommt vom Anfang bis zum Ende kein Kuß darin vor.“ „Ein Trinklied!“ rieth ich. „Der Whisky iſt mit keinem Worte erwähnt.“ „Nun der einzige andere nationale Zeitvertreib war das Fechten; ſo wird alſo wohl ein plötzlicher Tod darin egeprieſen ſeyn?“ „Wiederum fehlgeſchoſſen, und gewiß, Sie errathens nicht,“ antwortete Mickey;„ich will es Ihnen alſo nur ſagen. Es iſt der Preis und die Ehre von Altirland in den großen Tagen, die jetzt vorüber ſind, als wir ſammt und ſonders Phenaiken und Armenier waren und alle möglichen ſchönen Kunſtwerke aus Gold und Silber verfertigten; Armſpangen, Halsbänder und Theetöpfe, elegant anzuſchauen; und als wir Ruſſiſch und Latein laſen, die Harfe und die Drehorgel ſpielten und vom Beſten aßen und tranken, blos für ſchönen Dank.“ „Geſegnete Zeiten, das iſt einmal wahr,“ bemerkte der Major,„ich wollte, ſie kämen zurück.“ „Dieſer Anſicht ſind noch mehr Leute,“ ſagte Mickey, ſich ſtützend.„Meine Vorfahren waren große Herren in jenen Zeiten, und wahrhaftig, ich wäre nicht in meiner gegenwärtigen Lage, wenn dieſe zurückkämen; aber ſie kommen nicht wieder; der Teufel hole Dich, Mickey; oder: dieſer Spitzbube von Mickey Free, ſagen die Leute von mir, doch meinetwegen; noch einmal Ihre Geſundheit, Herr Major.“ 29 „Mache Dir keinen unnöthigen Kummer, Mickey, ſondern ſing jetzt das Lied; es gefällt dem Herrn Major ſo wohl.“ Sie belieben zu ſcherzen, Mr. Charles,“ ſagte Mickey, indem er die verſchämteſte Schüchternheit affektirte. „Nein, ganz und gar nicht, wir wollen Dich ſingen hören.“ „Ja, allerdings. Sing es ohne Umſtände. Du brauchſt Dich gar nicht zu ſchämen. König David war auch ein großer Freund vom Singen.“ „Aber Sie werden kein Wort davon verſtehen?“ „Das thut Nichts; wir wiſſen doch, was es be⸗ deuten ſoll. Mit unſerer Legion geht es auch ſo; ſie verſtehen nicht viel Engliſch, errathen aber doch gewöhn⸗ lich, was ich meine.“ Dieſer Beweisgrund ſchien alle Serupel Mickeys vollends zu beſeitigen; er nahm eine möglichſt graziöſe Haltung an und begann mit einer nicht eben abgemeſſenen Stimme eine Arie, von der ich weder durch Worte noch ſonſtwie einen Begriff geben kann; was mich am meiſten dabei ergötzte, war ein Gejodel, womit der Major am Schluſſe jedes Verſes den Sänger accompagnirte und das immer tiefer und tiefer wurde. Ich bin ſeitdem ſo glücklich geweſen eine freie, zwang⸗ loſe Ueberſetzung dieſer Poeſie in die Hände zu bekommen; aber in meiner Aengſtlichkeit das Metrum und etwas vom Geiſt des Originals zu erhalten, habe ich mir mehrere Fehler und Anachronismen zu Schulden kommen laſſen. Mr. Free erklärt inzwiſchen meine Darſtellung für eine recht gelungene, und ſo mag ſie denn auch die Welt auf ſein Wort hinnehmen, bis ein würdigerer Ueberſetzer das Wort in unſterbliche Verſe gebracht hat. Mit dieſer Entſchuldigung trage ich alſo Mr. Free's Geſang vor:— 30 Wohl waren wir einſt ein ſtattlich Geſchlecht, Trotz unſrer jez'gen Miſere; So weit ihr ringsum vom Kirchthurm ſchaut, War unſer das Land bis zum Meere. Mein Vater war König von Connaught, Mein Großohm war Fürſt von Tralee, Da kamen die Sachſen und alles Gehöfte raubten uns die. Der Aermſte war damals doch Graf Und trug nur Gold und Juwelen, Unſer Punſchnapf war eitel Rubin, Sankt Patrick kann das erzählen. Das Torfmoor und die Kartoffeln, Sie ließen uns wahrlich nur das, Und haſſen uns doch noch, dieweil Wir haben mehr Witz und mehr Spaß. Sankt Kevin war mein Urgroßonkel, Drum nenne ich mich Mickey Free, Und es fehlt, ob ſo heil'ger Verwandtſchaft, Der Segen des Himmels mir nie. Und gingen ſie nur aus dem Lande, Wir hälfen uns ſchon aus der Noth, Wir ſchlügen Barone, Paſtoren, Die ſämmtliche Sippſchaft bald todt. Je weiter Mickeys Melodie vorſchritt, um ſo ſanfter und ſchmelzender wurde des Majors Grundbaß. Von Zeit zu Zeit erhoben ſich ſeine Töne in augenblicklichem Aufſchwunge zu voller Kraft, aber allmählig wurden ſolche Erhebungen immer ſeltener und hörten endlich ganz auf, bis zuletzt nur noch ein langer, leiſer, ſum⸗ mender Ton, gleich dem erſterbenden Seufzer eines ausgeblaſenen Dudelſacks, übrig blieb. Seine Finger ſchlugen dazu mechaniſch den Takt auf der Tafel und ſein Haupt nickte ſympathetiſch zur Muſik. Endlich aber 31 ſchloſſen ſich ſeine Augenlieder zum Schlafe„ und nach Vollendung des letzten Verſes verkündete ein langge⸗ zogenes Schnarchen, daß Monſoon, wenn auch nicht im Land der Traume, doch wenigſtens in glücklicher Vergeſſenheit aller irdiſchen Sorgen verweile und ſich eben ſo wenig um die Leiden des grünen Erin, oder die veränderten Schickſale der Familie Free bekümmere, als irgend ein Sachſe, der den Unterdrücker geſpielt. Da ſaß er und die leere Flaſche ſo wie das bis auf den Grund ausgetrunkene Glas bezeugten, daß er nur der Noth gehorchend, nicht aus eignem Antrieb die Arbeit eingeſtellt habe. Aber die abgebrochenen, nur halb ausgeſtoßenen Worte, die von ſeinen Lippen kamen, bewieſen, daß ſeine Gedanken die letzte Flaſche des Vor⸗ rathes umſchwebten. „O bei Gott, er iſt ein lieber alter Herr,“ ſagte Mickey nach einer Pauſe von etlichen Minuten, wäh⸗ rend deren er den Major mit all dem kritiſchen Scharf⸗ ſinn betrachtete, den Chantrey oder Canova einer antiken Statue zugewendet haben würde.„Er iſt durch und durch ein feiner alter Gentleman, und unſer Herr würde ſich gewiß ſehr freuen ihn auf dem Schloſſe zu haben.“ „Wohl möglich, Mickey; aber laß uns die Reiſe nicht vergeſſen. Sieh nach den Pferden und halte Dich in einer Stunde zum Aufbruch bereit.“ Während er zu dieſem Behuf ſich entfernte, ſuchte ich den Major auf einen Augenblick zu erwecken, bevor wir uns trennten. „Heda, Major,“ rief ich,„die Zeit iſt um, wir müſſen ſcheiden.“ „Ja, es iſt wohl wahr, Ew. Excellenz, ſie plün⸗ derten ein wenig, und wenn ſie ihre Aufſchläge änder⸗ ten, ſo war die Verſuchung auch gar zu groß. All der rothe Sammt, den ſie in den Kirchen fanden—“ „Adieu, lieber Alter, leben Sie wohl.“ „Warten Sie ein wenig.“ „Kann leider nicht, alſo Adien, Ich will bei Sir 32 Arthur einen guten Bericht von der Legion machen. Soll ich von Ihnen etwas Beſonderes hinzufügen?“ Dies und ein derbes Schütteln erweckte ihn. Er ſprang auf und ſah ſich einige Minuten lang verwirrt um. hi Abe, Charley, ſagten Sie nicht, Sir Arthur ſey ier?“ „Nein, lieber Major, Sie brauchen nicht zu er⸗ ſchrecken; er iſt viele Meilen von uns entfernt. Ich fragte nur, ob ich ihm Etwas von Ihnen melden ſoll.“ „Freilich, Charley; ſagen Sie ihm, wir ſeyen herrliche Leute für den Gebirgskrieg, können aber in offener Schlacht Nichts ausrichten; das Scharmützeln ſey unſere Force, und wenn es ſich darum handle, Nach⸗ zügler abzuſchneiden oder eine Stadt auszuplündern, ſo nehmen wir es mit allen Truppen in der Chriſtenheit auf.“ „Ja, ja, ich weiß das Alles: haben Sie ſonſt Nichts mehr?“ „Nein,“ antwortete er die Augen wieder ſchließend und die Hände übereinander legend, während ſeine Lip⸗ pen fortmurmelten,„weiter Nichts, außer das können Sie ihm ſagen— er kennt mich, der Sir Arthur— ſagen Sie ihm, er ſolle ſich vor Unmäßigkeit hüten— ein feiner Geſelle, wenn er nicht ſo abſcheulich tränke.“ „Sie alter Narr, was für Unſinn ſchwatzen Sie da?“ „Ja, ja, Salomo ſagt, wer rothe Augen hat und Karfunkel, der bekommt ſie nur vom Miſchen; der pure Sneyd hat noch Niemand was geſchadet; ſagen Sie ihm das von mir: es iſt der Rath eines alten Mannes und ich habe ſelbſt diverſe Orhoft davon getrunken.“ Bei dieſen Worten ſank ſein Kopf ſachte auf die Bruſt herab, und ich ſah, daß er feſt ſchlief. „Alſo zum letztenmal Adieu,“ ſagte ich, ihn ſanft auf die Schulter klopfend,„nun aber fort auf die Reiſe.“ Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Cueſta. Der zweite Tag unſerer Reiſe neigte ſich ſeinem Ende zu, als wir die ſpaniſche Armee zu Geſichte bekamen. Sie hatte ihre Stellung auf einer wellenförmigen Ebene neben dem Teitarfluſſe eingenommen, und ohne daß die Gegend einen auffallend maleriſch ſchönen Cha⸗ rakter gehabt hätte, war die Szene, die ſich jetzt unſern Blicken darbot, höchſt intereſſanter Art. Von dem klei⸗ nen Bergpfade herab, auf dem wir ritten, erblickten wir unten eine Streitmacht von dreißigtauſend Mann in Schlachtordnung aufgeſtellt; dichte Reihen Fußvolkes wech⸗ ſelten mit Reiterſchwadronen oder den dunkeln Maſſen der Artillerie, während der glänzende Stahl in der goldnen Abendſonne eines Julitages glitzerte; kein Lüftchen regte ſich, die Fahnen hiengen bewegungslos herab, und kein Ton unterbrach das feierliche Schweigen der Stunde; Alles war ſtill und der Anblick dieſer gewaltigen, unter den Waffen ſtehenden Armee, machte einen ſo wunderſamen Eindruck auf mein Gemüth, daß ich das Pferd anhielt und beinah an der Wirklichkeit der Szene vor mir zweifelte. Die dunkeln Schatten des hohen Gebirges fielen in das Thal hinein, und ſtatt der röthlichen Glut der unter⸗ gehenden Sonne hatten ſich bereits die Sterne am Him⸗ mel eingefunden, als wir die Ebene erreichten; aber noch immer änderte ſich Nichts in der Stellung der ſpaniſchen Armee. „Wer da?“ rief eine rauhe Stimme, als wir aus dem Gebirgspaß hervorritten, und im nächſten Augen⸗ blick ſahen wir uns von einer Vorpoſtenmannſchaft um⸗ ringt. Nachdem ich ſo gut wie möglich erklärt, wer und warum ich hier ſey, begab ich mich in Begleitung des Offiziers nach dem Lager. Auf meinem Wege dahin erfuhr ich den Grund Lever, O'Malley. II, 3 dieſes ſeltſamen verwunderlichen Schauſpieles. Vom frühen Morgen an hatte man Sir Arthur Wellesley erwartet, der alte Cueſta hatte deßhalb ſeine Leute zur Revue aufgeſtellt und war, obſchon gebeugt von Jahren und Altersſchwäche, die ganze Zeit über ruhig zu Pferde geſeſſen. Da ich dem General nicht vorgeſtellt zu werden brauchte, indem mein Bericht für Sir Arthur ſelbſt beſtimmt war, ſo nahm ich mit Vergnügen die gaſt⸗ freundliche Einladung eines ſpaniſchen Reiteroffiziers an, und nachdem ich für meine müden Thiere geſorgt, ſo⸗ fort in aller Eile ein Mahl eingenommen, begab ich mich hinaus um die Truppen, die trotz der ſpäten Stunde noch immer in ihrer Stellung verharrten, näher zu beſchauen. Kaum war ich eine halbe Stunde ſo beſchäftigt, als die Stille der Szene plötzlich durch den lauten Knall einer großen Kanone unterbrochen wurde, worauf eine lange Musketenſalve erfolgte und die verſchiedenen Regi⸗ mentsmuſiken zu ſpielen anfiengen. Wie durch Zauber⸗ kraft entzündet brannten jetzt rothe Feuer unter den dunkeln Reihen, und die Kienfakeln, die von Zeit zu Zeit emporgehalten wurden, warfen von Zeit zu Zeit einen gelben Schein auf die grimmigen, ſchwärzlichen Geſichter der Spanier, deren braune Uniformen und herabhängende Hüte in dieſer Beleuchtung einen wahr⸗ haft maleriſchen Anblick gewährten. Der Kanonendonner wurde immer lauter und kam immer näher; das Schultern der Gewehre, das Klirren der Säbel und das dumpfe Gewirbel der Trommeln ver⸗ mengte ſich zu einem brauſenden Getöſe. Ich ahnte ſo⸗ gleich, daß Sir Arthur gekommen ſey, und als ich die Flanke eines Bataillons umritten, ſah ich wirklich den Stab herannahen. Man kann ſich nichts Intereſſanteres denken, als ſeine Erſcheinung war. An der Spttze ritt der alte Cueſta ſelbſt im Koſtüm eines vergangenen Jahrhunderts. 35 Sein aufgeſchlitztes Wams und ſeine Pluderhoſen erin⸗ nerten an eine ritterliche Periode; ſeine plumpe, faſt unförmliche Figur ſchwankte von einer Seite zur andern und drohte mit jedem Augenblick vom Sattel zu fallen. Links und rechts gingen zwei prachtvoll gekleidete Ge⸗ ſtalten, denen das Geſchäft obzuliegen ſchien, den General in ſeinem Sitze zu erhalten. Unmittelbar nach ihm ritt eine gänzlich verſchiedene Figur auf einem zierlich ge⸗ bauten Vollblutpferde, deſſen eingeſunkene Weichen von einem langen, mühſamen Marſch zeugten: es war Sir Arthur Wellesley ſelbſt. Ein blauer Rock und blaue Beinkleider machten ſein anſpruchsloſes Koſtüm aus, aber der Adlerblick, den er nach allen Seiten hin warf, die lebhafte Bewegung ſeiner Hand, wenn er da und dort hin unter die dichten Bataillone deutete, Alles verkün⸗ dete den echten Krieger. Hinter ihm kam ein glänzen⸗ der Stab, funkelnd von Ketten, Orden und goldnem Pferdeſchmuck, und ich erkannte jetzt mehrere Geſichter, die mir wohl im Gedächtniß geblieben waren, unter andern unſern tapfern Anführer am Duero, Sir Char⸗ les Stewart. Als ſie an dem Platz vorbeikamen, wo ich ſtand, flackerte plötzlich hinter mir die Fackel eines Infanteriſten hoch auf und warf einen ſtarken Blitzesſchein über die Gruppe. Cueſtas Pferd ſcheute und ſchlug einen Augen⸗ blick dermaßen vorn und hinten aus, daß der arme Greis ſich kaum auf ſeinem Sitze behaupten konnte. Ein Lächeln zuckte in dieſem Augenblick über Sir Arthurs Geſicht, aber in der nächſten Sekunde war daſſelbe wieder ernſt und ſtreng. Eine elende, halbverfallene, ſtrohbedachte Hütte bildete das Hauptquartier der ſpaniſchen Armee, und dahin lenkte jetzt der Stab ſeine Schritte. Für den Oberbefehlshaber und die Offiziere ſeines Gefolges war hier ein Abendeſſen bereit gehalten. Obſchon ich nicht zu dieſer privilegirten Geſellſchaft gehörte, ſo verweilte 3* ich doch einige Zeit in der Nähe des Platzes, um viel⸗ leicht einen Freund oder Bekannten zu finden, der mir über unſere Leute und ihre Erlebniſſe während meiner Abweſenheit Einiges mittheilen könnte. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Der Brief. Die Stunden gingen langſam dahin und ich wurde zuletzt des Wartens überdrüſſig. Einige Zeit hatte es mir Spaß gemacht, den ſchlotternden Gang und das unſoldatiſche Ausſehen der Spanier zu beobachten, wie ſte ſorglos umher ſchlenderten, an Kleidung und Hal⸗ tung weit mehr einer Guerilla, als regelmäßigem Mi⸗ litär ähnlich. Sodann hatte mir der ſeltſame Contraſt der elenden Hütte, deren Kamin den Einſturz drohte und deren Wände zertrümmert waren, mit dem Geflitter der berittenen Ehrengarde, die bewegungslos vor ihr ſtand, einige Unterhaltung verſchafft, aber da die Nacht bereits weit vorgerückt war, begab ich mich endlich in mein Quartier, in der Hoffnung, am nächſten Morgen meine Neugierde in Betreff meiner Freunde befriedigt zu ſehen.. Neben dem Zelt, das mir angewieſen war, fand ich Mickey, der mich erwartete und mit einem Brief in der Hand auf mich zuſtürzte. Ein Offizier von Sir Arthurs Stab hatte ihn während meiner Abweſenheit zurückgelaſſen und Mickey beauftragt, ihn unverzüglich abzuliefern. Die Hand war ziemlich unleſerlich und mir gänzlich unbekannt; auch das ganze Aeußere des Billets ließ auf keine allzu ſkrupuloͤfe Zierlichkeit von Seiten des Schreibers ſchließen. Ich putzte ruhig meine Lampe, legte ein friſches Scheit an das Feuer, ſtreckte mich der vollen Länge nach an demſelben aus und begann ſofort mit meinem unbe⸗ — 37 kannten Correſpondenten Bekanntſchaft zu ſchließen. Die Gefühle, die mich bei Leſung dieſes Briefes überwäl⸗ tigten, will ich nicht zu beſchreiben ſuchen. Diejenigen, die meine Geſchichte kennen, mögen dieſelben nach dem Inhalt der genannten Epiſtel ermeſſen. Sie lautete nämlich wie folgt:— Placentia, den 8. Juli 1809. „Lieber O'Malley—“ „Obſchon ich lieber baarfuß nach Liſſabon mar⸗ ſchiren, als drei Zeilen ſchreiben will, ſo beſteht doch Fred Power darauf, daß ich zur Feder greife, weil er ſich gedacht hat, Sie werden um dieſe Zeit in Cueſtas Hauptquartier ſeyn. Sie befinden ſich in einer ganz verdammten Klemme. Fred hat ſich um Ihretwillen mit Trevyllian geſchoſſen, blos weil Sie nicht die Ge⸗ duld hatten, die Sache ſelbſt auszufechten an dem Mor⸗ gen, da Sie den Duero verließen. Das hat man von ſolcher Uebereilung: laſſen Sie ſich's auf Ihr Leben lang zur Warnung dienen. „Der arme Fred hat eine Kugel in die Hüfte be⸗ kommen und kein Doktor kann ſie finden; doch beſindet er ſich auf dem Wege der Beſſerung und geht der Luft⸗ veränderung wegen nach Liſſabon. Seit Powers Ver⸗ wundung ſpricht Trevyllian ſehr übel von Ihnen, und Alle ſagen, Sie müſſen jedenfalls ſelbſt kommen, um Ordnung zu ſchaffen. Fred hat die ganze Sache mir übertragen, und ich glaube, wir thun am Beſten, die ſchweren Dragoner Mann für Mann zu fordern, denn ſie ſind faſt alle auf Trevyllians Seite. Maurice Quill und ich ſaßen die ganze Nacht beiſammen, um das Ding zu überlegen, aber ich weiß nicht, wie es kam, daß wir zu keinem vernünftigen Plane kommen konnten, und wir wollen es heute Abend noch einmal beſprechen. Kommen Sie herüber, damit wir uns zu einer Maßregel ver⸗ einigen. Wir hören, der alte Monſoon habe eine Stadt, eine Brücke und ein großes Kloſter in die Luft geſprengt, Die Leute müſſen ihre Habſeligkeiten ſchlau verwahrt haben, ſonſt hätte er ſich wohl nicht zu dieſer äußerſten Maßregel veranlaßt geſehen. Den Franzoſen werden wir ohne Zweifel bald wieder in die Haare gerathen. Ihr ergebenſter O'Shaughneſſy.“ Mein erſter Gedanke nach Ueberleſung dieſer Zei⸗ len war, Powers Brieſchen zu ſuchen, das er mir am Morgen des Abſchieds geſchrieben hatte. Ich öffnete es und fand zu meinem Entſetzen, daß es ſich blos auf meinen Streit mit Hammersley bezog. Mein Rendezvous mit Trevyllian hatte während ſeiner Abweſenheit ſtatt⸗ gefunden, und als er mich verſicherte, daß Alles in Ordnung, daß eine vollkommene Erklärung gegeben ſey, und daß meiner Abreiſe Nichts im Wege ſtehe, da hatte ich vergeſſen, daß er blos die Hälfte meiner Verlegen⸗ heiten wiſſen konnte; bei der Eile meiner Abreiſe aber war mir keine Zeit übrig geblieben, zu ruhiger Beſin⸗ nung zu gelangen. Die beiden Briefe lagen vor mir, und als ich über den Fleck nachſann, der meiner Ehre ſo ganz ohne mein Wiſſen und Verſchulden angeheftet worden, als ich an die Wunde meines armen Freundes dachte, der ſich um meinetwillen in Gefahr geſtürzt, da wurde es mir troſtlos um's Herz, und bittere, ſchmerzliche Thränen ſtrömten aus meinen Augen. Dieſe trübſelige Nacht ging langſam dahin; die Vernichtung aller meiner Hoffnungen in dem Augenblick, da ſie am ſchönſten und glänzendſten geſchienen, trat mir in hunderterlei Arten vor die Augen, und als ich end⸗ lich überwältigt von Müdigkeit und Erſchöpfung ein⸗ ſchlief, führte mir das Spiel der Träume meine wachen⸗ den Gedanken nur noch entſetzlicher vor. Endlich kam der Morgen, aber ſein glänzender Sonnenſchein und ſeine erquickende Luft brachte mir keinen Troſt: ich ſcheute mich meinen Kameraden unter die Augen zu treten; ich fühlte, daß in der dermaligen Stellung keine halbe oder ——— 39 theilweiſe Erklärung genügen konnte um mich in ihre Achtung wieder einzuſetzen: und doch wo ſollte ich Ge⸗ legenheit zu etwas Anderem finden? In qualvoller Un⸗ entſchloſſenheit ſaß ich, den Kopf auf beide Hände gelehnt, da, als ich Fußtritte nahen hörte: ich blickte auf und ſah meinen guten Freund Sparks, von dem ich ſo lange getrennt geweſen. Jeder andere Rathgeber würde mir in dieſem Augenblick ebenſo willkommen geweſen ſeyn, denn der arme Menſch verſtand nur wenig von der Welt und noch weniger von Offiziersgebrauch. Gleichwohl über⸗ zeugte mich der erſte Blick daß wenigſtens ſein Herz treu ge⸗ blieben war, und mit inniger Freude ſchüttelte ich ihm ſeine ausgeſtreckte Rechte. Mit wenigen Worten meldete er mir, Merivale habe ihn heimlich beauftragt herüber zu kommen, um mich aufzuſuchen; das ganze 14te ſey zwar feſt überzeugt, daß ich durchaus keinen Tadel verdiene, allein es ſeyen ſo beſchimpfende Gerüchte, ſo parteiiſche Entſtellungen in Umlauf geſetzt worden, daß nur meine Rückkehr in's Hauptquartier die Sache in's Reine brin⸗ gen könne und ich daher nichts Eiligeres zu thun habe, als mich mit Trevyllian, von dem alle die Verleum⸗ dungen herrühren, zu ſchlagen. „Dies,“ fügte Sparks hinzu,„bleibt natürlich unter uns, denn da Merivale unſer Oberſt iſt“— „Das verſteht ſich,“ antwortete ich;„er kann einen ſolchen Schritt nicht unterſtützen und noch viel weniger anrathen. Laſſen Sie uns ſogleich aufbrechen.“ „Ja, aber zuvor müſſen Sie Ihren Bericht abſtat⸗ ten. Gordon erwartet Sie um elf, wie er mir geſtern Nacht ſagte.“ „Ich kann nicht helfen: ich mag nicht warten; mein Entſchluß iſt gefaßt. Meine ganze Laufbahn gilt mir Nichts gegen dieſe ſchändliche Verleumdung. Wenn ich mich auch ruinire, ſo will ich wenigſtens Rache haben.“ „Beruhigen Sie ſich, O'Malley; Sie find jetzt in unſern Händen und müſſen ſich leiten laſſen. Sie müſ⸗ ſen warten und Gordon ſprechen; in einer halben Stunde 40⁰ iſt Ihr Bericht abgeſtattet, und ich habe auf der gan⸗ zen Straße Relaispferde, ſo daß wir vor Einbruch der Nacht Plancentia erreichen können.“ Im ganzen Tone des Sprechers lag eine Feſtigkeit, die ich an ihm ſchlechterdings nicht gewohnt geweſen, und überhaupt zeigte er ſo viel Einſicht und Ueberlegung, daß ich kaum meinen Ohren traute. Nachdem ich end⸗ lich in ſeinen Vorſchlag gewilligt, verließ mich Sparks mit dem Verſprechen, unmittelbar nach meiner Unterre⸗ dung mit dem Kriegsſecretär wieder zu kommen und mit mir nach dem Hauptquartier aufzubrechen. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Major O'Shaugneſſy. „Dies iſt das Quartier des Herrn Majors O'Shaugh⸗ neſſy,“ ſagte ein Sergeant, indem er vor der Thüre ei⸗ nes niedrigen Häuschens mitten in einem Olivenwäld⸗ chen anhielt. Ein iriſcher Wolfshund— der wohlbekannte Gefährte des Majors— lag quer vor dem Eingang und ſah mit eifrigen, blutunterlaufenen Augen zu, wie zwei Soldaten in Hausjacken wenige Schritte von da einen jungen Stier zerlegten. Vorſichtig ging ich an der grimmigen Schildwache vorüber, trat in die kleine Hausflur und, da ich hier Niemand fand, in ein Wohnzimmer, deſſen Thüre halb offen ſtand. Ein ſehr merklicher Geruch von Cigarren und Branntwein überzeugte mich, auch ohne die Anweſenheit des Bewohners, daß ich mich in O'Shaughneſſys Zim⸗ mer befand; ich ſetzte mich alſo auf einen altmodiſchen Sopha, um geduldig ſeine Rückkunft abzuwarten, die, wie ich hörte, unmittelbar nach der Abendparade ſtatt⸗ finden ſollte. Sparks war unterwegs mit ſeinem Pferde geſtürzt, ſo daß ich die letzten drei Stunden allein ge⸗ weſen war, und ich hatte nun, wie die meiſten Leute 41 unter ſolchen Umſtänden wohl thun würden, mein Pferd nur um ſo ſtärker angetrieben. Gänzlich erſchöpft fiel ich jetzt ſogleich auf dem Sopha in tiefen Schlaf. Als ich erwachte, war Alles dunkel um mich her, nur die Holzkohlen im Kamin flimmerten ein wenig, und einige Augenblicke konnte ich mich nicht beſinnen, wo ich war. Allmälig jedoch kehrte mein Bewußtſeyn zurück, und nachdem ich über meine Lage ſowie über ihre möglichen Folgen Betrachtungen angeſtellt, war ich eben im Be⸗ griff von Neuem einzuſchlafen, als plötzlich die Thüre ſich öffnete und auf dem Fußboden ein ſchwerer Tritt ertönte. Ich blieb ruhig liegen und ſprach kein Wort, als eine große, in einen Mantel gehüllte Figur auf das Ka⸗ min zutrat, ſich bückte und an den verglimmenden Koh⸗ len ein Licht anzuzünden ſuchte. Es koſtete mich wenig Mühe, ſelbſt in dem Däm⸗ merlichte den Major zu erkennen; ein Fluch über das Licht, ausgeſtoßen mit einer Energie, die bei ſo gering⸗ fügigen Dingen nur einem Irländer eigen iſt, gab mir hierüber bald vollkommene Gewißheit. „Hol der Teufel den Commiſſär und den Regiments⸗ lichterzieher! So, brennſt du endlich!“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, aber als ſeine Blicke jetzt auf mich ſielen, ſprang er ein paar Schritte zurück und rief—„Heilige Mutter Gottes, was iſt das!—“ und zugleich bekreuzte er ſich brünſtiglich. Mein bleiches, eingefallenes Geſicht hatte, als es ihm ſo plötzlich aufſtieß, den würdigen Major an einen über⸗ irdiſchen Beſuch glauben laſſen; ein herzliches Gelächter, das ich nicht unterdrücken konnte, war meine einzige Antwort, und im nächſten Augenblick drückte O'Shaugh⸗ neſſy meine Hand feſt wie eine Stahlſchraube. „So wahr ich lebe, ich hielt Sie für einen Geiſt, und wenn Sie noch eine Minute länger geſchwiegen hät⸗ ten, ſo würde ich Ihnen ein chriſtliches Begräbniß und ſo viele Seelenmeſſen verſprochen haben, als mein Oheim, 42² der Biſchof, zwiſchen heute und Oſtern leſen könnte. Wie geht's, mein Junge?— Ich finde Sie ein Bischen magerer und bläſſer als früher.“ Da ich verſicherte, daß Erſchöpfung und Hunger großentheils an meinem krankhaften Ausſehen Schuld ſeyen, ſo beeilte ſich der Major mir die Trümmer ſeines heutigen Mittagsmahls vorzuſetzen und brachte Flaſchen genug, um eine ganze Offizierstafel damit zu verſehen; und während dieſes Geſchäftes unterhielt er ein lebhaftes Geſpräch mit mir. „Ich bin uͤber Ihre Ankunft ſo froh, als hätte der Herr den älteſten Major zu ſich genommen. Mit Got⸗ tes Hülfe wollen wir morgen Trevyllian und noch etliche Schwere, die Luſt dazu haben, todtſchießen. Man hat Ihnen übel mitgeſpielt, das iſt wahr, und dann O'Shaugh⸗ neſſy wird es Jedem in's Geſicht behaupten. Bedienen Sie ſich, mein Junge: ſo trefflicher alter Portwein, wie nur je über Ihre Lippen gekommen. Mit Power geht es recht gut. Es war Accordpulver, das nicht tödtet; noch einmal hol der Teufel die Commiſſäre! Bei ſolcher Munition thut Sir Arthur wohl daran, ſich hauptſächlich auf die Bajonette zu verlaſſen. Und wie geht es denn Monſoon, dem alten Gauner?“ „Ganz vortrefflich: er lebt mitten unter Wein und Oliven.“ „Das dachte ich mir wohl: um dieſen ſchlauen al⸗ ten Sünder darf es Niemanden bange ſeyn. Aber Sie eſſen ja gar nicht, mein Beſter.“ „Aufrichtig geſtanden, ich möchte in dieſem Augen⸗ blick viel lieber mit Ihnen ſprechen, als etwas Ande⸗ res thun.“ „Das ſollen Sie auch; die Nacht iſt noch lange. Inzwiſchen will ich die Sache ſogleich angreifen: Sie wünſchen ſich mit Trevyllian zu ſchlagen, nicht wahr?“ „Das verſteht ſich, und das Nähere wiſſen Sie ja.“ „Ja, ich weiß Alles. Eſſen Sie getroſt immer zu 43³ und kümmern Sie ſich nicht um mich; ſpäteſtens in zwanzig Minuten bin ich wieder hier.“ 4 Ohne auf eine Antwort zu warten, warf er ſeinen Mantel um und ſchritt aus dem Zimmer, Ich war jetzt wieder allein, aber bereits in einer ganz andern Stimmung: der heitere Ton meines fröhlichen Lands⸗ mannes hatte meine Lebensgeiſter aufgefriſcht und ich fühlte mich neu belebt. Eine Stunde verging, bevor der Major zurückkehrte, und als er endlich kam, zeugte ſeine ganze Erſcheinung von Zorn und Mißvergnügen. Er warf ſich haſtia auf einen Stuhl und ſprach einige Minuten kein Wort. „Die Welt hat ſich ſauber verändert, O'Malley,“ begann er endlich;„früher dankte man einem höflich, wenn man gefordert wurde, aber jetzt— hol der Teufel alle dieſe Feiglinge.“ „Was iſt geſchehen? bitte, ſprechen Sie doch.“ „Er will ſich nicht ſchlagen,“ ſagte der Major, die Worte herausdrückend, als wollten ſie ihn erſticken. „Er will nicht! und warum nicht?“ Der Major ſchwieg: er ſchien verwirrt und verle⸗ gen; er wandte ſich vom Feuer zum Tiſch, vom Tiſch zum Feuer, füllte ſein Glas, trank es heftig aus, ſprang dann von ſeinem Stuhle auf und ging mit langen, ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab. „Mein theuerſter O'Shauahneſſy, erklären Sie ſich doch um's Himmelswillen. Weigert er ſich aus irgend einem beſtimmten Grunde?“ „Ja,“ ſagte der Major, indem er mich mit tiefem Gefühl anſah,„und er thut dies, um Sie zu Grunde zu richten, mein Lieber. Aber ſo wahr ich Dan heiße, es ſoll ihm diesmal nicht gelingen. Er ſaß mit ſeinem Freund Beaufort zuſammen, als ich in ſein Ouartier kam, und empfing mich mit all der zeremoniöſen Höf⸗ lichkeit, die er ſo gut anzunehmen verſteht. Ich ſagte ihm kurz den Zweck meines Beſuchs, da ſtand er auf, verwies mich wegen einer Antwort an ſeinen Freund 44 und ging aus dem Zimmer. Ich dachte, Alles ſey in Ordnung, und ſetzte mich, um das Nähere zu beſprechen, als dieſer Bengel ganz kaltblütig, den Rücken gegen das Feuer gekehrt, vor ſich hin lispelte:„Es kann nicht ſeyn, Herr Major, Ihr Freund kommt zu ſpät.“ „Zu ſpät? zu ſpät?“ fragte ich. „Ja, allerdings, die Sache hätte vor ſechs Wochen abgemacht werden müſſen; jetzt wollen wir nichts mehr mit ihm zu thun haben.“ „Iſt das wirklich Ihre Antwort?“ „Ja, das iſt wirklich meine Antwort und ſogar die Entſcheidung unſers ganzen Offtzierstiſches.⸗ „Was ich darauf ſagte, das mag er wiſſen. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mich erinnern kann; nur ſo viel ſchwebt mir noch dunkel vor, wie wenn ich Etwas geſagt hätte, was die Herren von dieſem Regi⸗ ment ſich wohl nicht werden auf Ihre Regimentsfahne ſticken laſſen, und jetzt bin ich da.“ Mit dieſen Worten ſtürzte er ein volles Weinglas hinab und begann dann von Neuem ſeinen Spaziergang durch's Zimmer. Die Gefühle, die mich während ſeiner Erzählung beſtürmten, will ich nicht zu beſchreiben ſuchen. Mit ſchnellem Ueberblick ſah ich das Ziel, auf welches mein rachſüchtiger Gegner hinarbeitete. Meine Ehre, nicht mein Leben wollte er vernichten; und jetzt trieb es mich mit Rieſengewalt, ihm in tödtlichem Kampfe gegenüber zu ſtehen. „Charley,“ ſagte O'Shaughneſſy endlich, ſeine Hand auf meine Schulter legend,„Sie müſſen jetzt zu Bette gehen— heute Nacht kann nichts mehr geſchehen; aber Eine Verſicherung gebe ich Ihnen; ich werde Sie nicht verlaſſen; und wenn dieſe Gewißheit Ihnen zu einem geſunden Schlafe verhilft, ſo dedrfen Sie keines Wie⸗ genliedes.“ 3 Sechzigſtes Kapitel. Die Vorbereitungen. Geſtärkt erwachte ich am andern Morgen und er⸗ ſchien beim Frühſtück mit leichterem Herzen, als ich ſelbſt gehofft hatte. Eine geheime Ahnung, daß Alles gut gehen werde, hatte mich überkommen und mit wahrer Sehnſucht ſah ich O'Shaughneſſy's Ruckkehr entgegen in der feſten Ueberzeugung, er müſſe meine Hoffnungen beſtä⸗ tigen. Sein Bedienter meldete mir jedoch, der Major ſey ſchon vor Tagesanbruch weggeritten und habe Be⸗ fehl hinterlaſſen, man ſolle ihn beim Frühſtück nicht erwarten. Gleichwohl mußte ich während ſeiner Abweſenheit nicht allein bleiben; jeder Augenblick brachte mir einen neuen Beſuch, und während des Morgens kamen der Oberſt und alle Offiziere des Regiments, die nicht ge⸗ rade Dienſt hatten, zu mir herüber. Ich überzeugte mich bald, daß mein eigenes Corps das entſchiedenſte Verdammungsurtheil über Trevyllian ausſprach, daß aber zugleich eine gewiſſe Feindſeligkeit, die ſchon ſeit etlichen Monaten zwiſchen ſeinem Regiment und dem laten be⸗ ſtanden, der Sache einen ernſthafteren Charakter gegeben und viele Offiziere für die Anſicht meines Gegners ge⸗ wonnen hatte; obſchon kein Einziger mein Ausbleiben einer Scheu vor dem Duell zuſchrieb, ſo meinten doch manche, daß ich durch mein Nichterſcheinen zur rechten Zeit alle Anſprüche auf Genugthuung verwirkt habe. „Jetzt, da Merivale fort iſt,“ ſagte ein Offtzier, als der Oberſt das Zimmer verlaſſen hatte,„kann ich Ihnen wohl erklären, daß er in Ihrem Benehmen ganz und gar nichts Tadelnswerthes findet; und ſelbſt, wenn Sie gewußt hätten, wie die Dinge ſtanden, ſo war Ihr damaliger Dienſt zu dringend, als daß Sie ihm perſönliche Rückſichten hätten voranſtellen dürfen.“ 46 „Weiß Jemand, wo Conyers iſt,“ fragte Baker. „Es heißt, Conyers könnte uns hier von Nutzen ſeyn.“ „Er iſt in Zarza la Mayor bei dem 28ſten; aber was ſollte er wohl thun können?“ „Das vermag ich nicht zu ſagen; ich weiß nur ſo viel, daß O'Shaughneſſy heute früh auf der Parade Etwas gehört hat und deßwegen aufgebrochen iſt, um ihn zu ſuchen.“ „Hatte Conyers ſchon mit Trevyllian zu ſchaffen?“ „Ja, als Gegenſekundant. Inzwiſchen ſoll er mehr von ihm wiſſen, als andere Leute, wie er denn überhaupt von Jedermann Etwas weiß.“ „Es iſt etwas ganz Neues, daß Trevyllian ein Duell ausſchlägt; man ſagt, O'Malley, er habe von Ihrem Schießen gehört.“ „Nein, nein,“ ſagte ein anderer;„er kümmert ſich ſehr wenig um des Gegners Piſtole. Wenn es wahr iſt, ſo ſchießt er immer ein paar Sekunden vor ſeinem Geg⸗ ner; wenigſtens hat er Carysfort auf dieſe Art getödtet.“ „Dort kommt O'Shaughneſſy,“rief einer am Fenſter, und im nächſten Augenblick hörte man den geſtreckten Galopp eines Pferdes auf der Chauſſée. Wir ſtürmten ſammtlich zur Thüre hinaus, um ihn zu empfangen. „Alles in Ordnung, meine Jungen,“ rief er her⸗ ankommend;„diesmal haben wir ihn.“ „Wie? wann? wo? Auf was Art haben Sie's an⸗ gefangen?“ fragte ein Dutzend Stimmen, während der Major ſich durch den Haufen hindurchdrängte. „Für's erſte,“ ſagte O'Shaughneſſy, tief Athem ſchöpfend,„habe ich Schweigen angelobt, und für's zweite wurde es mir ſchwer werden, das Geheimniß zu verrathen, denn ich will mich hängen laſſen, wenn ich mehr weiß, als Ihr ſelbſt. Tom Conyers ſchrieb mir ein paar Zeilen an Trevyllian, und Trevyllian ver⸗ ſpricht, ſich unſerem Freund zu ſtellen. Das iſt ja im Grund Alles, was wir zu wiſſen brauchen.“ “ 47 „Dann haben Sie Trevyllian dieſen Morgen ge⸗ prochen?“ „Nein, Beaufort traf mich im Dorfe; inzwiſchen ſcheint die Sache immer noch nicht zu Ende gehen zu wollen, denn Trevyllian iſt auf Fourage nach Lesca aus⸗ geſandt worden; doch kann er nicht lange ausbleiben; aber um Gotteswillen, laßt mich jetzt Etwas frühſtücken.“ Während O'Shaughneſſy einen Angriff auf die be⸗ reit ſtehenden Fleiſchſpeiſen unternahm, ſchwatzten die andern in kleinen Gruppen, alle aber blickten fröhlich und vergnügt drein, wie Leute, die ihren Freund aus einer drohenden Gefahr gerettet haben. Mir ſelbſt ſchwoll das Herz gegen die lieben, theilnehmenden Freunde um mich her. „Wie hat Conyers uns in dieſer Verwicklung helfen können?“ war meine erſte Frage an O'Shaughneſſy, als wir wieder allein waren. „Ich darf hierüber nicht reden, Charley. Aber ſeyen Sie verſichert, daß die Triebfedern, die in Be⸗ wegung geſetzt wurden, damit Trevyllian ſich ſtellt, durchaus ehrenhaft ſind.“ „Ich bin zufrieden.“ „Es bleibt uns jetzt nichts mehr übrig, als die Sache ſo ſchnell als möglich abzumachen.“ „Das verſteht ſich,“ antwortete ich,„denn wir werden wohl am Beſten thun, das Ding vor Sir Ar⸗ thurs Rückkehr in's Reine zu bringen.“ „Sehr wahr, aber jetzt, O'Malley, gehen Sie zu Ihren Leuten; dadurch wird dem Gerede am ſchnellſten ein Ende gemacht.“ Der Rath war gut und ich befolgte ihn auf der Stelle. Mit leichtem Herzen und fröhlichem Gemüth ſpeiste ich am Offizierstiſche; denn mochte kommen, was da wollte, ſo viel durfte ich gewiß ſeyn, daß meine Ehre kein Makel treffen konnte. 48 Einundſechzigſtes Kapitel. Alles in Ordnung. Etliche Tage ſpäter, als ich vom Beſuch eines Freundes, der auf einen Vorpoſten kommandirt war, zurückkehrte, holte mich ein Offizier, den ich nur wenig kannte, ein, und ſagte mir, Major O'Shaughneſſy habe mich in meinem Quartier aufgeſucht und mehrere Leute nach mir ausgeſandt. Da ich mir den Grund ſeiner Eile wohl denken konnte, ſo jagte ich nach dem beſtimmten Orte und traf ihn mitten unter einer Gruppe von Offizieren in ſehr eifriger Unterhaltung. „Oh, da iſt er ja,“ rief er, als ich herangaloppirte. „Schnell den blauen Frack jetzt herunter und ziehen Sie Ihren ſchönſten ſchwarzen Rock an. Die Sache iſt auf heute Abend um ſieben Uhr feſtgeſetzt, und wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Ich verſtehe,“ ſagte ich,„und werde Sie nicht warten laſſen.“ Damit ſprang ich vom Sattel und eilte in mein Quartier, wohin mir O'Shaughneſſy ſogleich folgte. Er ſchloß die Thüre hinter ſich zu, drehte den Schluſſel ſorgfältig um, ſetzte ſich mit verſchränkten Armen an den Tiſch und ſchien in tiefe Betrachtungen verſunken. Während ich meine Toilette machte, beant⸗ wortete er mir keine meiner verſchiedenen Fragen über Trevyllians Ankunft oder über den Ort des Rendezvous und dergleichen andere Dinge. Seine Aufmerkſamkeit ſchien eine ganz andere Rich⸗ tung genommen zu haben, und die wenigen Worte, die er undeutlich vor ſich hinmurmelte, ſtanden nicht in der entfernteſten Beziehung mit dem wichtigen Gegenſtand, den wir vor uns hatten. 3 „Ich habe hier ein paar Briefe geſchrieben, Herr Major,“ ſagte ich, meinen Pult öffnend;„im Fall mir Etwas zuſtoßen ſollte, ſo werden Sie wohl die Güte 49 haben, die paar Sachen, die darin erwähnt ſind, zu beſorgen. An den armen Fred konnte ich nicht ſchreiben; aber Sie müſſen ihm ſagen, daß ſein edles Benehmen gegen mich mein letztes Wort geweſen ſey.“— „Was für verdammten Unſinn ſchwatzen Sie da!“ rief O'Shaughneſſy, von ſeinem Sitze aufſpringend und mit gewaltigen Schritten im Zimmer auf und abgehend; „Sie krächzen ja, als ob die Kugel ſchon in Ihrem Bruſtkaſten ſteckte. Laſſen Sie ſich ſolche tolle Gedanken vergehen.“. „Aber, mein beſter Herr Major, was glauben Sie denn? das wenige, deſſen ich erwähnte—⸗ „Zum Henker, Sie werden es wohl überſtehen kön⸗ uen,“ ſagte er in einem ganz und gar nicht abgemeſſe⸗ nen Tone. Jetzt begann ich zornig zu werden und blickte ihn einige Sekunden mit unverhohlenem Erſtaunen an. Daß er meine Aufträge mißverſtehen und für eine Folge von Feigheit halten ſollte, war ein unausſtehlich empö⸗ render Gedanke, und doch, wie konnte ich ſeine äußerſt plumpe Anrede anders auffaſſen?“ Endlich gewann meine kalte Beſonnenheit die Ober⸗ hand, und in höchſt abgemeſſenem, ruhigem Tone ſagte ich zu ihm:. „Herr Major, ich bin Ihnen auf's tiefſte verpflichtet für Ihre Dienſte, die Sie mir in dieſer ſchwierigen Sache geleiſtet haben; da Sie indeß mein hitziges Be⸗ nehmen zu mißbilligen ſcheinen, während ich feſt ent⸗ ſchloſſen bin, Nichts daran zu ändern, ſo erlauben Sie, daß ich Sie der unangenehmen Pflicht überhebe, mein Sekundant zu ſeyn.“ „Wollte Gott, Sie könnten das!“ rief er, mich unterbrechend, während ſeine geballten Hände und flam⸗ menden Blicke bezeugten, wie ernſt es ihm mit dieſem Wunſche war. Er ſchwieg jetzt einen Augenblick, dann Lever, O⸗Malley. III. 4 4 50 aber ſprang er von ſeinem Stuhle auf, ſtürzte auf mich zu und faßte mich in ſeine Arme. „Nein, mein Junge, ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich habe mir Mühe gegeben, mich in eine Gleichgültigkeit gegen das Ereigniß des heutigen Abends hineinzukünſteln— ich habe es verſucht, hart gegen Sie zu ſeyn, damit Sie mich beleidigen möchten, und mein Herz gegen Alles, was geſchehen könnte, zu ſtählen; aber es geht nicht, Charley, es geht nicht“ Bei dieſen Worten rollten dicke Thränen über ſeine rauhen Wangen, und ſeine Stimme ſtockte vor Be⸗ wegung. „Nur ich bin an all dieſer Eile ſchuld. Ich weiß es, ich fühle es; ich habe auf dieſe ſchnelle Abmachung der Sache gedrungen; Ihre Ehre wäre auch ohne das unbefleckt geblieben, wenigſtens ſagen es jetzt alle und ich verſichere Sie— „Beruhigen Sie ſich, mein gütiger Freund, und laſſen Sie ſolche Gedanken nicht aufkommen; Sie haben mir auf dem ganzen Wege mannhaft zur Seite geſtan⸗ den, verlaſſen Sie mich nicht auf der Schwelle—“ „Des Grabes, O'Malley?“ „Nein, daran denke ich nicht, mein beſter Herr Major; aber ſehen Sie, es iſt halb ſieben Uhr vorüber. Unterſuchen Sie einmal die Piſtolen da; kann man wohl gegen dieſe Stechſchlöſſer Etwas einwenden?“ Ein Klopfen an der Thüre lenkte unſere Aufmerk⸗ ſamkeit ab, und wir vernahmen jetzt Bakers Stimme. „Sie haben die höchſte Zeit, O'Malley, der Platz iſt eine gute Stunde von hier.“ Ich ergriff den Schlüſſel und öffnete die Thüre: in demſelben Augenblick ſtand O'Shaughneſſy auf und trat mit einer der Piſtolen in der Hand an's Fenſter. „Sehen Sie einmal hieher, Baker; welch ein herr⸗ liches Inſtrument das iſt,“ ſagte er mit einer Stimme, worüber ich mich wirklich verwundern mußte, denn ſie verrieth keine Spur von ſeiner Aufregung mehr. Seine 51 gewöhnliche, trockene, halb humoriſtiſche Manier hatte ſich wieder eingeſtellt, und auf ſeinen drolligen Zügen lag ihr charakteriſtiſcher Ausdruck ſorglofer Leichtfertigkeit. „Da kommt der Wagen,“ ſagte Baker;„wir können beinah den ganzen Weg fahren, wenn Sie nicht lieber reiten wollen.“ „Nein, nein, das nicht,“ erklärte O'Shaughneſſy; „halten Sie nur Ihre Hand feſt, Charley, und wenn Sie ihn mit dieſer Piſtole nicht niederſchmettern, ſo ſind Sie Ihres Oheims Neffe nicht.“ Mit dieſen Worten ſtiegen wir in die Kaleſche und fuhren nach dem beſtimmten Platze ab. Zweiundſechzigſtes Kapitel. Das Duell. Eine kleine, ſchmale Schlucht zwiſchen zwei mit Ginſter bewachſenen Hügeln führte zu dem offenen Raum, den man für das Rendezvous auserſehen hatte. Wir mußten hier ausſteigen und den Reſt des Weges zu Fuße machen. Noch waren wir nicht weit gekommen, als wir Fußtritte hörten, und im nächſten Augenblick erſchien Beaufort. Auf ſeiner gewöhnlich unbefangen heitern Miene war diesmal ein gewiſſer Zwang zu erkennen, und obſchon ſeine ſanfte Stimme und ſein halbes Lächeln ihn auch jetzt nicht verließen, ſo bewies doch eine eigenthümliche Röthe und ein gelegentliches Zucken ſeiner Augenbraunen, daß es ihm nicht vollkom⸗ men wohl ums Herz war. Er berührte höchſt zeremoniös ſeine Mütze, um uns zu begrüßen, ſah ſich ängſtlich um, ob vielleicht noch andere nachfolgten, und blieb dann ſtille ſtehen. „Ich kann nicht umhin, Herr Major,“ begann er in äußerſt ſüßlichem Tone,„Ihnen zu bemerken, daß ich hier der einzige Freund des Kapitäns Trevyllian bin, . 4 52 und obſchon ich gegen die Anweſenheit des Herrn Kapi⸗ täns Baker nicht das Geringſte einzuwenden habe, ſo hoffe ich doch, Sie werden es gleichfalls paſſend finden, die Zahl der Zeugen auf drei zu beſchränken.“ „So wahr ich lebe, es iſt meinem Freunde und mir vollkommen gleichgültig, ob wir uns vor drei oder vor dreitauſend Perſonen ſchlagen. In Irland machen wir dergleichen gerne vor einem ganzen Volkshaufen aus.“ „Nun, da Sie alſo gegen meinen Vorſchlag Nichts einzuwenden haben, ſo rechne ich auf Ihre Mitwirkung, um jedes Zudringen zu verhindern. Ich meine nämlich, daß Sie Ihren Freunden ebenſo wenig geſtatten werden, dieſen Platz zu betreten, als wir es den unſrigen ge⸗ ſtatten.“ „Hier ſind wir, Baker und ich, keiner mehr und keiner weniger; wir erwarten Niemand und wünſchen Niemand; die Vorſichtsmaßregeln, von denen Sie da ſprechen, werden alſo ohne Zweifel nicht nöthig ſeyn.“ Beaufort ſuchte zu lächeln und biß ſich in die Lippen, während ein kleiner rother Fleck auf der einen Wange von einer weit tiefern Aufregung zeugte, als ſich in Folge der kalten, gleichgültigen Manier des Majors erklären ließ. Wir gingen jetzt, ohne weiter zu ſprechen, unſers Wegs fort und nur Beaufort machte gelegentlich eine flüchtige Bemerkung über die Schönheit des Abends oder die Wildheit der Gegend. Als wir aus dem kleinen Gebirgspaſſe in die offene Wieſe hinaustraten, war Tre⸗ vyllian's hohe, kriegeriſche Geſtalt das Erſte, was ſich unſern Blicken darbot. Er ſtand neben einem kleinen, ſteinernen Kreuze, das über einem heiligen Brunnen errichtet war, und ſchien ſich mit Entzifferung der In⸗ ſchrift zu beſchäftigen. Als er uns kommen hörte, wandte er ſich um und wartete ruhig, bis wir herantraten. Sein Auge flog ſchnell von O'Shaughneſſy auf Baker über, inzwiſchen ſchien er ſich ſogleich zu beruhigen, er ſchritt vorwärts und ſein Geſicht nahm wieder den Aus⸗ druck kalter Unempfindſamkeit an. 53 „Alles in Ordnung,“ flüſterte ihm Beaufort zu, ſo daß ich es hören konnte. Trevyllian lächelte, ant⸗ wortete aber Nichts. Die Sekundanten beſprachen ſich jetzt einige Augenblicke, und ich hatte kaum Zeit an Baker einige Fragen zu richten, als O'Shaughneſſy rief: „Heda, Baker, kommen Sie einen Augenblick her;“ die Drei ſchienen ſich jetzt einige Minuten lang eifrig zu beſprechen, worauf Baker zu Trevyllian ging und Etwas zu ihm ſagte. Nachdem dieſer ſeine Antwort ertheilt, trat Baker zu den andern und einen Augenblick darauf auch zu mir.„Sie müſſen um den erſten Schuß looſen, O'Malley. O'Shaughneſſy hat den Vorſchlag gemacht, und alle ſind damit einverſtanden, daß bei zwei tüchtigen Schützen dies das Vernünftigſte iſt. Sie werden wohl Nichts dagegen einzuwenden haben?“ „Nein, ganz gewiß nicht; ich bin mit Allem zu⸗ frieden, was O'Shaughneſſy feſtſetzt.“ „Nun und die Diſtanz?“ fragte Beaufort laut genug, aß ich es hören konnte. O'Shaughneſſy's Antwort konnte ich nicht verſtehen: aber aus dem Ton beider Parteien ſah ich, daß hierüber eine Differenz vorwaltete. „Kapitän Baker ſoll zwiſchen uns entſcheiden,“ ſagte Beaufort endlich, und ſie entfernten ſich alle drei um mehrere Schritte. Ich konnte die ganze Zeit über bemerken, daß Trevyllians Unbehaglichkeit und Ungeduld den höchſten Grad erreicht hatte;— er ſah bald die Sprecher, bald den kleinen Bergpaß an und ließ ſeine Augen nach allen Richtungen hin ſchweifen. So viel war klar, daß er eine Unterbrechung fürchtete, endlich konnte er ſeine Gefühle nicht mehr bemeiſtern und rief: „Zum Teufel, Beaufort, auf was warten wir denn ſo lange?“ „ Wir ſind jetzt im Reinen,“ antwortete Beaufort, indem er mit einem Thaler in der Hand hervortrat. „Wählen Sie für Ihren Freund, Herr Major.“ So ſprechend warf er das Geldſtück hoch in die Luft und ſah zu, wie es ins weiche Gras niederfiel. 54 „Kopf,“ rief O'Shaughneſſy herbeiſtürzend und ſich niederbückend;„richtig, es iſt der Kopf!“ „Sie haben den erſten Schuß,“ flüſterte Baker; „um Gotteswillen ſeyen Sie kalt.“ Beaufort wurde todesblaß, als er ſich über den Thaler hinbeugte, und ſchien kaum Muth genug zu haben, ſeinem Freunde ins Geſicht zu blicken. Nicht ſo Trevyl⸗ lian. Er zog ohne das mindeſte Zeichen von Aufregung ſeine Handſchuhe aus, knöpfte ſeinen eng anliegenden ſchwarzen Rock bis an die Kehle zu, warf dann einen raſchen Blick um ſich und ſchien voll Ungeduld den Beginn des Kampfes zu erwarten. „Fünfzehn Schritte und auf eins, zwei.“ „Ganz gut, mein Stock ſoll den Ort bezeichnen.—“ „Sie nehmen verdammt lange Schritte,“ rief „Shaughneſſy, der die Entfernung nicht zu billigen ſchien: „dadurch haben ſie einen bedeutenden Vortheil vor uns,“ flüſterte er gegen Baker. „Sind Sie fertig?“ fragte Beaufort. „Ja, vollommen.“ „So nehmen Sie Ihre Stellung ein.“ Als Trevyllian auf ſeinen Platz ging, flüſterte er ſeinem Freund Etwas zu. Den erſten Theil hörte ich nicht, die letzten Worte aber klangen ominös genug; „da ich feſt im Sinn habe, ihn todt zu ſchießen, ſo iſt dies auch ſo gut wie abgemacht.“ Ob ich dies hören und dadurch eingeſchüchtert werden ſollte, wußte ich nicht; jedenfalls brachten dieſe Worte die entgegengeſetzte Wirkung in mir hervor. Ich nahm mir jetzt entſchieden vor, meinen Gegner ſcharf auſs Korn zu nehmen, und keine Anwandlungen von Weich⸗ müthigkeit entnervten meinen Arm. Als wir ſchon auf der Menſur ſtanden, trat wieder ein kleiner Aufſchub ein, da mir der Feuerſtein an meiner Piſtole herabge⸗ fallen war; wir mußten alſo noch volle zehn oder zwöl Sekunden warten und hielten während dieſer Zeit ein⸗ ander ſtarr im Auge. Endlich kam O'Shaughneſſy ——— 5⁵ gab mir meine Waffe in die Hand und füüſterte leiſe: „Bedenken Sie wohsSie haben nur eine einzige Chance.“ „Sind beide fertig?“ rief Beaufort. „Ja!“ „Nun dann: eins— zwei—“ Das letzte Wort verhallte im Knall einer Piſtole, die augenblicklich losging. Eine Sekunde lang verſperrte mir der Blitz und der Nauch alle Ausſicht, aber gleich darauf ſah ich Trevyllian auf den Boden hingeſtreckt und ſeinen Freund neben ihm knieen. Mein erſter Ge⸗ danke war, zu ihm hinüber zu eilen, denn alle meine Feindſeligkeit war auf einmal in einer herzlichen Be⸗ kümmerniß über ſein Schickſal aufgegangen; aber als ich vortreten wollte, rief O'Shaughneſſy:„Bleiben Sie ſtehen, Charley, er iſt blos verwundet,“ und im ſelben Augenblick richtete ſich mein Gegner mit Hülfe ſeines Freundes vom Boden auf und ließ ſeine Augen wild umherſchweifen. Dieſen Blick werde ich nie vergeſſen; es lag darin ein geſpanntes, gieriges Suchen, als wollte er die Umriſſe eines Geſpenſtes auffinden, das vor ihm zurückwiche: plötzlich aber ſchien er, nachdem er ſich auf allen Seiten umgeſehen, ruhig zu werden, auf ſeinem Geſicht leuchtete nicht ein Vergnügen, ſondern ein ſata⸗ niſcher Ausdruck rachſüchtigen Triumphes, der ſich auch in ſeiner Stimme kundgab, als er ausrief:„Jetzt iſt die Reihe an mir!“ Ich empfand die volle Kraft dieſer Worte und ſtand ſchweigend da, um meine Todeswunde zu empfangen. Die Pauſe war lang und zweimal noch unterbrach er ſeinen Sekundanten im Kommandowort, indem er mit leidender Geberde ſeine Hand an die Seite drückte und ſich vor Schmerz zu krümmen ſchien, obſchon dies bloße Verſtellung war. O'Shaughneſſy wollte eben vortreten und ſich ſolche Unterbrechungen verbitten, als Trevyllian mit feſtem Tone rief:„ich bin bereit!“„Eins— zwei—“ und er erhob langſam die Piſtole, ſein finſteres Auge maß 56 mich kalt und feſt, ſeine Lippe zuckte, aber juſt als ich den letzten Augenblick meines Lebens gekommen glaubte, ſchien der ſchwere Tritt eines auf dem felſigen Wege einhergaloppirenden Pferdes ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Seine Figur zitterte, ſeine Hand ſchwankte, die Piſtole kam zu hoch und die Kugel flog über meinem Kopfe weg. „Sie ſind Zeuge, daß ich in die Luft gefeuert habe,“ ſagte Trevyllian, während große Schweißtropfen von ſeiner Stirne fielen und ſeine Geſichtszüge wie in einem qualvollen Kampfe arbeiteten. „Sie habens geſehen, Sir, und Sie, Beaufort, mein Freund— auch Sie— ſprechen Sie doch! Warum wollen Sie nicht ſprechen,“ „Seyen Sie ruhig, Trevyllian; ums Himmelswillen beruhigen Sie ſich. Was iſt Ihnen?“ „Die Sache iſt alſo abgemacht,“ ſagte Baker, und zwar ſehr glücklich. Hoffentlich ſind Sie nicht ſchwer verwundet.“ Während er ſprach, wurden Trevyllians Züge todes⸗ bleich, ſein halb offener Mund zitterte; ſeine Augen wurden ſtarr, ſeine Arme ſanken ſchwer herab, und mit einem leiſen Aechzen ſtürzte er ohnmächtig zu Boden. Als wir uns über ihn beugten, bemerkte ich, daß noch eine andere Perſon zu uns gekommen war. Es war ein unterſetzter Mann von ungefähr vierzig Jahren; er ſah entſchloſſen aus, hatte ſchwarze Augen und eine Adlernaſe. Bevor ich Zeit hatte zu rathen, wer er wohl ſeyn möchte, hörte ich, wie O'Shaughneſſy ihn als Oberſt Conyers begrüßte. „Er ſtirbt!“ ſagte Beaufort, fortwährend über ſeinen Freund hingebeugt, deſſen kalte Hand er noch immer in der ſeinen hielt.„Armer, armer Trevillian.“ „Er hat in die Luft gefeuert,“ ſagte Baker als Antwort auf eine Frage des Oberſten. Was dieſer antwortete, hörte ich nicht, aber Baker verſetzte darauf— „Ja, ich weiß es gewiß, wir haben's alle geſehen.“ 57 „Würden Sie nicht beſſer ihun, ſeine Wunden zu unterſuchen?“ ſagte Conyers in einem ſarkaſtiſchen Tone, für welchen ich ihn hätte ſchlagen können.„Vielleicht blutet er?“ „Ja,“ ſagte O'Shaughneſſy,„laßt uns nach dem armen Burſchen ſehen.“ So ſprechend, knüpfte er mit Beauforts Hülfe ſeinen Rock auf und öffnete auch ſeine Weſte: aber es war nirgends eine Spur von Blut zu ſehen, und wir dachten daher alle an eine innere Ver⸗ blutung. Jetzt drückte mich Conyers auf die Seite, bückte ſich nieder und ſagte:„Sie brauchen ſich um ſein Davonkommen nicht ſehr zu bekümmern: da ſehen Sie.“ Mit dieſen Worten riß er Trevyllians Hemd auf und zeigte unſern erſtaunten Blicken ein vollkommen ſchuß⸗ feſtes Panzerhemd, welches dicht ſeine Bruſt umſchloß. Die Wirkung, die dieſer Anblick hervorbrachte, ver⸗ mag ich nicht zu beſchreiben. Beaufort ſprang wie wahnſinnig auf und ſchrie im Tone eines Verzweifeln⸗ den:„Niemand wird glauben, daß ich Etwas ge⸗ wußt— „Nein, nein. Beaufort, Ihre Ehre iſt über einen ſolchen Makel erhoben,“ ſagte Conyers. O’Shaughneſſy war vollkommen ſprachlos; er blickte von einem zum andern, als ob immer noch ein Geheimniß unerklärt bliebe, und ſchien erſt dann wieder zu einigem Bewußtſeyn zu gelangen, als Baker ſagte: „Ich fühle keinen Puls und auch das Herz ſteht ſtill.“ Conyers legte ſeine Hand auf die Bruſt des Todten, befühlte ſeinen Hals, hob einen Arm empor und mur⸗ melte, als dieſer ſchwer zu Boden ſiel:„Ja, er iſt todt.“ So war es auch. Keine Wunde war zu entdecken: die Kugel wurde in ſeinen Kleidern gefunden. Ein furchtbarer innerer Kampf hatte den Lebensfaden abge⸗ ſchnitten, und der kräftige Mann war erlegen. 58 Dreiundſechzigſtes Kapitel. Nachrichten aus Galway. Von den Ereigniſſen, die auf dieſen ſchrecklichen Augenblick folgten, habe ich nur eine dunkle, höchſt unvollſtändige Erinnerung; denn einige Tage hindurch waren meine Geiſteskräfte abgeſtumpft, ja wie gelähmt, und meine Gedanken klammerten ſich an den Einzel⸗ heiten, an dem Wieſengrund, an den Perſonen, die zu⸗ gegen geweſen, an den Bergpfad und vor Allem an dem halb erſtickten Schrei aus dem brechenden Herzen meines Gegners mit einer Zähigkeit feſt, die an Wahnwitz grenzte. Ein Kriegsgericht wurde niedergeſetzt, um den Vor⸗ fall zu unterſuchen, und obſchon man mir nachher ſagte, daß mein Benehmen ruhig, meine Antworten feſt und geſammelt geweſen, ſo erinnere ich mich doch an nichts mehr, was damit zuſammenhängt. Aus zarter Schonung gegen die Freunde des Ge⸗ ſtorbenen wurde die Unterſuchung ſo kurz und geheim als möglich abgemacht. Beaufort bewies die Thatſachen, die mich von aller Schuld entlaſteten, und noch am ſelben Tage ſprach das Gericht das Urtheil: Der Lieu⸗ tenant O'Malley ſey der gegen ihn vorgebrachten Ver⸗ gehungen nicht ſchuldig, konne alſo ſeiner Haft entlaſſen werden und zu ſeinem Regimente zurückkehren. Unendlich freundlich und rückſichtsvoll bewieſen ſich meine Kameraden; es wurden hundert kleine Pläne und Anſchläge zu meiner Zerſtreuung ausgeführt, und ich blicke auf dieſe melancholiſche, durch das traurigſte Ereigniß meines Lebens bezeichnete Periode nicht ohne innere Freude zurück, denn ich habe in ihr mehr Be⸗ weiſe freundlicher Kameradſchaftlichkeit erhalten, als ſelbſt in meinen glücklichſten Tagen. So tief ich indeß dieſe Güte empfand, ſo war ich immer noch gänzlich unfähig an ihren täglichen Ver⸗ 59 gnügungen und Ergötzlichkeiten Theil zu nehmen; das fröhliche, gedankenloſe Weſen O'Shaughneſſy's, die unbe⸗ kümmerte Luſtigkeit der andern Ofſtziere that meinen Nerven weh und erregte bei mir eine kranke Reizbar⸗ keit; auf einſamen Spazierritten und unbeſuchten Wegen hoffte ich meinen Seelenfrieden, meine ruhige Ueberle⸗ gung und meine feſten Vorſätze für die Zukunft wieder zu finden. Tiefer Kummer hat etwas Prophetiſches. In Zeiten, wo das Herz von Gram gebeugt und der Geiſt durch Lei⸗ den um ſeine Ruhe gebracht iſt, ſcheint der Schleier, welcher die Zukunft bedeckt, ſich wegzuſchieben, und ein Blick, kurz und flüchtig, wie das Leuchten des Blitzes, iſt uns in das düſtere Thal geſtattet, das vor uns liegt. Auch kommt ein Unglück ſelten allein— das wunde Herz darf nicht von einem Kummer geneſen, bevor ein zweiter nachgefolgt iſt, und dieſe Vorausſicht kommen⸗ den Uebels gehört vielleicht zu den peinigendſten Seelen⸗ ſchmerzen— die immer wachende Befürchtung, die ſtets wieder emportauchende Frage: Was wird nun kommen? iſt ein nagender Wurm, der nie ſchläft. Aus einer ſolchen Stimmung konnte ich mich noch mehrere Tage, nachdem ich meinen Dienſt wieder ange⸗ treten hatte, nicht emporarbeiten— ein krankhaftes Vor⸗ gefühl irgend einer drohenden Gefahr war mein letzter Gedanke bei Nacht und mein erſter beim Erwachen. Seit meiner Ankunft auf der Halbinſel hatte ich keine Nachrichten von Hauſe erhalten: tauſend vage Vorſtel⸗ lungen von irgend einem lauernden Unglück ließen mir keine Ruhe. Mein armer Oheim kam mir nie aus dem Sinn. War er geſund— war er vergnügt? War er, wie er immer wünſchte, von den Freunden umgeben, die er liebte— von den alten vertrauten Geſichtern um den gaſtlichen Herd herum, den ſeine Güte und Gemüthlichkeit für mich geheiligt hatte? O könnte ich nur ſein männliches Lächeln ſehen, oder ſeine Stimme hören! könnte ich nur ſeine Hand auf meinem Kopfe 60 verſpüren, wie er ſie darauf zu legen gewohnt war, indeß Worte der Beruhigung von ſeinen Lippen kamen und ſich tief in mein Herz ſenkten. Mit Gedanken dieſer Art ſchlenderte ich eines Mor⸗ gens allein von meinem Quartiere weg. Noch war ich nicht weit gekommen, als mich das Geräuſch eines Maulthierkarrens erweckte, deſſen klingelndes Geläut und Geklapper ſich ſchon von ferne bemerklich machte. Eine Biegung des Weges brachte ihn mir vor die Augen, und an dem auffallenden Koſtüm des Fuhrmanns, ſo wie an der kleinen Orangeflagge, welche das Wägelchen ſchmückte, ſah ich, daß es die Briefpoſt von Liſſabon war. So voll war mein Herz von Gedanken an die Heimath, daß ich haſtig nach dem Lager zurückkehrte. Als ich in's Quartier des Generaladjutanten kam, fand ich daſelbſt eine bedeutende Anzahl von Offizieren ver⸗ ſammelt; die Ankunft der Poſt war für alle ein hoch⸗ wichtiges Ereigniß; jeden Augenblick wurde der Zu⸗ drang größer und einer um den andern fragte, ob das Brieſpaket noch nicht geöffnet ſey. Der Lärm, die Ver⸗ wirrung und Aufregung, nachdem dies geſchehen war, überſtieg allen Glauben; jeder las ſeinen Brief halb⸗ laut, als ob ſeine Privatgeſchäfte und häuslichen Ange⸗ legenheiten für ſeinen Nachbar von bedeutendem Intereſſe ſeyn müßten, und Töne der Verwunderung, des Ver⸗ gnügens, oder auch gelegentlich des Zornes, je nachdem die Nachrichten lauteten, machten ſich allenthalben Luft — diejenigen, die ihre Erwartungen getäuſcht ſahen, fluchten über ihre faulen Correſpondenten, beſeufzten das Schickſal von Wechſeln, die nicht angelangt, von Anweiſungen, die nicht honorirt worden, während da und dort ein öffentlicher Wohlthäter, eine Nummer der Times oder des Chroniele vor ſich ausgebreitet, unſere eigenen Heldenthaten auf der Halbinſel oder die neuen Veränderungen in der Welt der Politik ſeit unſerer Abreiſe von England erzählte. Von allen Seiten erkrachte ein Kreuzfeuer von Neuigkeiten und Londner 61 1 Schwazereien, ſo daß das Lager ein wahres Babel wurde, wovon man ſich kaum eiren Begriff machen kann. In dem Kauderwelſch, das man hier hörte, ver⸗ ſchmolzen ſich alle Accente und Betonungen vom ganzen Reich, und von der ſcharfen Beſtimmtheit des Nordt⸗ weeders bis zu dem breiten Doriſch von Kerry hatte beinahe jeder Theil, jeder Landſtrich von Großbritannien ſeinen Vertreter. Da war ein ſchottiſcher Zahlmeiſter, der in traurigem Tone ſeinem Freund die augenſcheinlich nicht allzu willkommene Nachricht mittheilte, daß Mrs. M'Elwain glücklich von Zwillingen entbunden worden ſey, die ſich ſammt ihrer Mutter ſo wohl als nur immer möglich befinden. Dort überflog ein heftiger Irländer eilig ſeinen Brief und rief dann ſeinem Freund zu: „Zum Teufel, das ſind wieder tröͤſtliche Nachrichten. Die alte Geſchichte von weggelaufenen Pächtern und von Nichts als Noth und Elend.“ Ein wenig abſeits verſchlang ein ſentimentales Londner Stadtkind eine ellenlange Epiſtel und preßte ſie vor allen Leuten an die Lippen, während ein ganzes Heer von andern die Depeſchen, die ſie empfangen, leiſe vor ſich hinſummten und jeden Augenblick ſich ſelbſt mit kurzen Ausrufungen, als z. B. ja natürlich,— das hab' ich wohl gedacht— das Mädchen muß mein wer⸗ den— fünfzig Prozent u. ſ. w. unterbrachen. Endlich begann ich der Scene überdrüſſig zu werden, und da ich fand, daß Nichts für mich da zu ſeyn ſchien, ſo wollte ich eben weiter gehen, als ich eine Gruppe von zwei oder drei Kameraden ſah, die eine Adreſſe zu entziffern ver⸗ ſuchten. „Es iſt ein iriſches Poſtzeichen, darauf wollte ich ſchwören,“ ſagte Einer;„aber wer will den Namen herausbringen, er lautet beinah wie Otaheiti.“ „Ich wollte, mein Schneider ſchriebe ebenſo unle⸗ ſerlich,“ meinte ein Anderer,„dann würde ich eine ſehr lebhafte Correſpondenz mit ihm unterhalten.“ 62 „Da, O'Shaughneſſy, Sie verſtehen ſich auf die wilden Völker, buchſtabiren Sie einmal dieſes Wort.“ „Zeigen Sie her— welcher Unſinn— das iſt ja ſo deutlich wie die Naſe in meinem Geſicht!— Mr. Charles O'Malley in der Fremde.“ Ein ſchallendes Gelächter folgte auf dieſe Ankün⸗ digung, und zu jeder andern Zeit hätte ich vielleicht mitgelacht, aber jetzt wurden meine Gefühle dadurch ſchmerzlich verletzt. „Hier, Charley, das iſt für Sie,“ ſagte der Major und fügte dann flüſternd hinzu:„So wahr ich lebe, Ihr Freund, wer es auch ſeyn mag, hat das vollſtän⸗ digſte Recht, gegen ſeinen Schreiblehrer einen Prozeß anzufangen; eine ſolche Fauſt iſt mir noch nie in mei⸗ nem Leben vorgekommen.“ Ich erkannte die Handſchrift auf den erſten Blick. Sie gehörte dem Vater Ruſh an, meinem alten Lehrer. Eiligſt entfernte ich mich von den andern, kehrte in mein Quartier zurück, verſchloß die Thüre, erbrach das Siegel mit klopfendem Herzen und begann den Brief ſo gut als möglich zu entziffern. Die vor Alter zitternde und ſteife Hand, die langen, eckigen, dabei knotigen und verſchlungenen Buchſtaben erforderten viele Geduld, bis ich aus ihnen klug werden konnte. Das Schreiben ſelbſt lautete wie folgt:— Priorei, Mariä Verkündigung 1809. „Mein lieber Mr. Charles, „Ihres Oheims Füße ſind ſo geſchwollen und er iſt ſo unwohl, daß er nicht ſelbſt ſchreiben kann; deßhalb bin ich genöthigt, die Feder zu ergreifen, um Ihnen zu melden, wie es uns ſeit Ihrer Abreiſe ergangen iſt. Vor allen Dingen hat der Herr den Prozeß in Dublin verloren aus Mangel an einer Jury in Galway, aber die andern find aus guten Gründen nicht in die Stadt gekommen, und das Gut Curranolick iſt in die Hände von Ned M'Manus übergegangen, dem es der Teufel 6³ geſegnen möge. Peggy Maher hat uns am Dienſtag verlaſſen; ſie klagte über Schwäche und will jetzt die Aerzte befragen. Ich bin in Sorgen um die arme Peggy. 1 „Owen M'Neil hat am Samstag die Slattery's aus Portumna hinausgeſchlagen, und man ſagt, Jem habe ein Bein gebrochen. Hoffentlich iſt dies wahr, denn es war dies eine böſe, ſchädliche Wurzel, und wir haben ſtarke Gründe zu glauben, daß er bei Nacht mit einem Netz in unſerem Fluſſe ſiſcht. Sir Harry Boyle hat ſich das Handgelenk verrenkt, als er ſeine Schlaf⸗ kammer aufbrach, die er von innen geſchloſſen hatte. Der Graf und der Herr haben den ganzen Abend über ihn gelacht. Auf dem Lande ſteht es ſehr ſchlecht; die Leute bezahlen zwar ihre Pacht regelmäßig, fragen aber nicht mehr halb ſo viel wie früher nach dem echten Adel und den alten Familien. „Ihren Geburtstag haben wir auf dem Schloſſe mit großem Glanze gefeiert— wir hatten die Militär⸗ muſik aus der Stadt, und alle Pächter waren ein⸗ geladen. Mr. James Daly tanzte mit Ihrer alten Freundin Mary Green und ſang ein ſchönes Lied; er wurde ausgelaſſen luſtig, aber ich ſchob ihm einen Rie⸗ gel vor; er verbrannte mit ſeinen Späßen die halbe blaue Stube, doch Ihr Oheim macht ſich nichts daraus; Gott erhalte ihn uns. O es gibt wenig Dinge, die ihn ärgern könnten. Der Graf bekam im Lauf des Abends Streit mit einem jungen Gentleman, erfuhr aber, daß er blos ein Advokat aus Dublin ſey, und erſchoß ihn deßwegen nicht; aber vom Volk wurde er in die Pferde⸗ ſchwemme getunkt, und Ihr Oheim ſagt, man werde hoffentlich zu Haus eine getreue Copie von ihm haben, denn das Original ſey nicht mehr kenntlich. „Peter ſtarb bald, nachdem Sie fort waren, aber Tim jagt noch immer mit den Hunden; am letzten Mittwoch hatten ſie eine tüchtige Jagd, und Lord, Clan⸗ ricarde ſchickte nach ihm und ſchenkte ihm eine Fünf⸗ pfundnote; aber er ſagt, er wollte lieber Sie wieder hier ſehen, als doppelt ſo viel Geld. Sie jagten nahe an dem großen Rübenfeld und alle gingen hin, um den Platz zu ſehen, wo Sie mit Badger über den Stein⸗ wall ſetzten; ſie nennen ihn ſeitdem nur Hammers⸗ leynaſe. Bodkin war auf dem letzten Jahrmarkt in Ballinasloe; er hinkt jetzt an einem Stock und iſt viel friedferiiger geworden, als er früher war; er hat ſeit jenem Morgen keinen Menſchen mehr geſchlagen. „Nelly Guire am Kreuzweg will Ihnen vier Paar Strümpfe ſchicken, dle ſie Ihnen geſtrickt hat; ich ſelbſt halte ſchon längſt ein Fäßchen von Barney's beſtem Whiskey für Sie in Bereitſchaft und weiß nur nicht, wie ich es abſchicken ſoll; vielleicht würde Sir Arthur ſelbſt gerne einen Schluck davon nehmen, er iſt ja auch ein Irländer und zwar einer, auf den wir ſtolz ſeyn dürfen. Die Burſche von Maynooth ſchwärmen im Lande umher und machen Alles unſicher;— Gottes Wille geſchehe, es iſt dies wieder eine Heimſuchung von ihm. Ihre Milchſchweſter Kitty Doolan hat einen ſchönen Buben: er heißt nach Ihnen und Ihr Oheim iſt ſein Pathe geworden. Ich ſoll Ihnen melden, daß Sie nur auf ihn ziehen ſollen, wenn Sie Geld brau⸗ chen, und daß in Dublin irgendwo vierhundert Pfund für Sie bereit liegen: bei wem habe ich vergeſſen, und da der Herr ſchläft, ſo mag ich ihn nicht fragen. Dieſen Sommer war ein luſtiger Kauz bei uns, der Sie gut kannte, ein Mr. Webber. Der Herr behandelte ihn wie den Lord⸗Lieutenant, veranſtaltete Gaſtmähler und gab ihm den Oliver Cromwell, um nach Meelish zu reiten. Zur Schnepfenjagd wird er wieder erwartet, denn der Herr hat ihn ſehr lieb gewonnen. Jetzt bin ich fertig, denn das Papier iſt zu Ende und das Licht will ausgehen. Ich wünſche Ihnen alles Liebe und Gute, und behalten Sie in gutem Andenken Ihren alten Peter Ruſh.“ 65. N S. Bei Smart und Sykes in der Fleetſtraße liegt das Geld. Vater O'Shaughneſſy von Ennis läßt Sie fragen, ob Sie ſeinen Neffen kennen. Wenn Sie ihn kennen, ſollen Sie ſich das Lied„Larry M'Hale“ vor⸗ ſingen laſſen: Es ſoll dies ein herrliches Lied ſeyn. „Und was macht denn Mickey Free? Es ſind hier im Kirchſpiel drei anſtändige junge Frauenzimmer, de⸗ nen er allen die Ehe verſprochen hat, und vermuthlich treibt er es mit den Portugieſinnen auch nicht beſſer. Durch Einhaltung ſeiner Pflichten hat er ſich nie aus⸗ gezeichnet. Sagen Sie ihm, daß ich ein wachſames Auge auf ihn haben werde. P R.“ Hiermit ſchloß dieſe lange Epiſtel, und obſchon ich mich bei mancher Stelle eines Lächelns nicht erwehren konnte, ſo machte doch das Ganze einen höchſt nieder⸗ ſchlagenden Eindruck auf mich. Was ich lange vorher⸗ geſehen und gefürchtet hatte, ging allmählig in Erfüllung; ein altes, hochgeehrtes Haus wankte ſeinem Verfall ent⸗ gegen: ein Name ſollte vernichtet werden, der einſt dem ganzen Lande die Loſung für Alles geweſen, was Groß⸗ muth und Gaſtfreundſchaft heißt. Der Ausgang des Prozeſſes mußte ein harter Schlag für meinen Oheim ſeyn, der, abgeſehen von den pekuntären Rückſichten, ei⸗ nen ſolchen Kampf immer mit der gleichen Aufregung und Begeiſterung behandelt hatte, wie einen perſönlichen Streit: ihn kränkte weit weniger der Verluſt von ein paar hundert Jaucherten, als der Gedanke, daß dieſer Schurke von Baſſet, der Anwalt von Athlone, über ihn triumphiren, oder daß M⸗Manus in dem Haus als Herr leben ſollte, wo ſein Vater als Kellermeiſter gedient hatte. Das war es, was ſeinen iriſchen Stolz verletzte und ihm weit weher that, als ſeine beſchränkten Glücks⸗ umſtände. ³ Aus dem Briefe ging ferner hervor, daß außer den Vermögensverhältniſſen auch ſeine Geſundheitsumſtände Lever, O'Malley. III. 5 66 ſich bedeutend verſchlimmert hatten; und während er mit dem ſorgloſen Trotz der Verzweiflung noch immer offenes Haus hielt, konnte ich mir deutlich vorſtellen, wie ſein frohliches Auge und ſein hübſches Lächeln nur ſchlecht den nagenden Kummer eines gebrochenen Her⸗ zens verdeckte. Meine Lage war doppelt peinlich; denn jeder Rath, wenn ich einen ſolchen hätte geben wollen, mußte als höchſt unzart erſcheinen, da der Nutzen deſſelben am Ende nur mir allein zugefallen wäre, und obſchon ich als Erbe meines Oheims erzogen worden war, ſo hatte ich doch durchaus keine Rechtsanſprüche auf dieſe Erb⸗ ſchaft und mußte Alles lediglich von ſeiner Güte erwar⸗ ten. Ich konnte daher blos mit ſtillem Schmerze den Untergang unſers Hauſes herannahen ſehen und hatte ganz und gar kein Mittel ſeinem Verderben zu ſteuern. Dies waren traurige Gedanken, und ſie ſtellten ſich ein in einem Augenblick, wo mein Herz bereits von tie⸗ fem Kummer darnieder gebeugt war. Mein einziger Wunſch, meine einzige Bitte an den Himmel war jetzt, daß mein armer Oheim das Elend, das ſpäter oder früher über ihn hereinbrechen mußte, nicht mehr erleben, daß er zur Grabesruhe eingehen möchte, ohne die pein⸗ lichen Gefühle, wo urch ein zu Grunde gerichtetes Ver⸗ mögen und ein geſtürztes Haus wohl auch ein ſtarkes Herz erdrücken können. Möge er nur in dem alten getäfelten Schlafzimmer ſeine Augen ſchließen, unter dem alten Dach, wo ſeine Väter ſeit vielen Jahrhunderten geweilt! Mögen die getreuen Unterthanen, die er von Kindheit an gekannt, ſein Bett umſtehen; möge wäh⸗ rend ſein ſchwach werdendes Auge jeden theuern Ge⸗ genſtand noch halb erkennt, dieſelbe Glocke, die dem Geiſte ſeiner Ahnen ihr Lebewohl zugeläutet, auch ihn, den letzten ſeines Geſchlechtes, mit ihren Trauertönen zum Grabe geleiten! Was mich betraf, ſo ſtand mir die Welt offen, und ein ſchmales Nuheplätzchen kennte zum Grab eines Soldaten genügen, 67 Da die Brieſpoſt am folgenden Tag nach Liſſabon zurückkehrte, ſo ſetzte ich mich augenblicklich nieder und antwortete dem würdigen Vater. Von meinen eigenen Ausſichten entwarf ich ihm ein ſehr heiteres Bild, ver⸗ weilte aber zumeiſt bei dem, was meinem Herzen am theuerſten war, und bat den guten Prieſter, für die Ge⸗ ſundheit meines Oheims Sorge zu tragen, ihn zu er⸗ heitern und ſeinen Muth aufrecht zu erhalten; vielleicht ſey der Tag nicht mehr ferne, wo ich wieder unter ihnen ſeyn und am traulichen Kaminfeuer manches Aben⸗ teuer meines Kriegerlebens erzählen könne. Eine drin⸗ gende Bitte, mir öfter zu ſchreiben, ſchloß meinen eiligen Brief und nachdem ich ihn abgeſandt, ſetzte ich mich kimerdofl nieder, um über meine Schickſale nachzu⸗ denken. Vierundſechzigſtes Kapitel. Ein Abenteuer mit Sir Arthur Die Ereigniſſe der letzten paar Tage lagen ſo ſchwer auf mir, wie eben ſo viele Jahre. Obſchon ich an Trevyllians Tod unſchuldig war, ſo machte mir doch mein Gewiſſen beſtändige Vorwürfe, und ohne Zweifel ergeht es jedem ſo, der bei einem derartigen Todesfalle ſo nahe betheiligt iſt. Es gibt Zeiten, wo der Kummer allen unſern Ge⸗ danken ſeine eigene Färbung mittheilt, welche ſich denn gleich einem Bahrtuch auf Alles legt, was die Erde Glänzendes und Schönes hat. So erging es mir jetzt: ich hatte Hoffnung und Ehrgeiz verloren— eine trübe Ahnung, daß meine Laufbahn zu Unglück und Kummer beſtimmt ſey, nahm ſtündlich bei mir überhand, und all die glänzenden Beſtrebungen nach Kriegerruhm, all meine frühere Begeiſterung für den Pomp eines glor⸗ reichen Feldzugs ließ mein Herz jetzt kalt und unbe⸗ 68 rührt; die Ritterlichkeit des Soldatenlebens erſchien mir wie ein hohles Puppenſpiel. In dieſer trübſeligen Stimmung vermied ich allen Verkehr mit meinen Kameraden, ihre muntere Laune ſtörte mich in meinem dumpfen Brüten, ich erklärte mich krank und blieb beinah beſtaͤndig in meinem Quartier. Die Unthätigkeit unſeres dermaligen Lebens wurde mir gleichfalls im höchſten Grade läſtig. Die aufregen⸗ den Ereigniſſe eines Feldzuges— der Marſch, das Bi⸗ vouac, das Piket, rufen doch wenigſtens gewiſſe phyſiſche Anſtrengungen hervor, die unausbleiblich wohlthuend auf das verſumpfte Gemüth einwirken müſſen. Ich vergaß Alles um mich her und dachte nur noch an meine Heimath; ich dachte an diejenigen, deren Her⸗ zen mir entgegenſchlugen, und konnte nicht begreifen, wie ich mich hatte verleiten laſſen, meine Heimath, die Tage friedſamen Glückes daſelbſt gegen das Leben voll Elend und verfehlten Hoffnungen auszutauſchen, das ich jetzt führte. Eine brütende Melancholie nahm täglich mehr über⸗ hand. Ein Verlangen nach Irland zuruͤckzukehren, eine unbeſtimmte, unklare Ahnung, daß meine Laufbahn zu nichts Großem und Gutem beſtimmt ſey, niſtete ſich immer feſter ein, und ich ſehnte mich in Vergeſſenheit zu verſinken, unbeachtet und ungekannt. Ich erwähne dieſes peinliche Gefühl hier, weil es immer eine ſchmerzliche Erinnerung iſt, gleich einem der dunkeln Schatten, die den glänzenden Himmel unſe⸗ rer glücklichſten Tage verdüſtern. Glücklich ſind ſie in der That, wenn wir auf ſie zurückblicken und uns der Zeiten erinnern, da wir uns für das elendeſte aller Menſchenkinder gehalten haben. Dies ſagen wir niemals von uns im ſpätern Leben, wenn wirkliche Trübſale und wahre Kümmerniſſe uns heimſu⸗ en:— ob es nun daher kommt, daß wir alsdann mehr Philoſophie zu Hülfe rufen, oder daß unſere Sinne 69 weniger ſcharf und lebhaft werden, vermag ich in der That nicht zu beſtimmen. Was mich betrifft, ſo geſtehe ich, daß weitaus der größere Theil meines Kummers in jene blühende Pe⸗ riode meines Daſeyns fiel, wo das Leben am ſchönſten und bezauberndſten iſt. Nicht als ob ſo große Trübſale ſich wirklich eingefunden hätten, aber das verwöhnte, verzogene Kind, deſſen Launen als Geſetz gegolten, em⸗ pfand die drohenden Schwierigkeiten ſeiner erſten Reiſe ſehr ſchwer, während es bei fortgeſetzter Schifffahrt auf dem Ozean des Lebens dem Sturm und Ungewitter Trotz bot und für jeden günſtigen Wind, der ihm zu Theil wurde, ein dankbares Herz hatte. Welch ein Glück, wenn Miſanthropen ſich in unter⸗ geordneten Stellungen befinden! Wäre ich zur Zeit, von der ich ſchreibe, Sir Arthur Wellesley oder der Herzog von Beresford geweſen, ich würde den Truppen Sr. Maj. wie ein wahrer Teufel mitgeſpielt haben. Ueber Mangel an Gelegenheiten, ſich blutige Köpfe zu holen, hätten mir die Burſche nicht klagen ſollen. So viel iſt gewiß. Da ich indeß zum Glück der Menſchheit im Allge⸗ meinen und der Armee im Beſondern blos der Lieute⸗ nant O'Malley im laten war, ſo verhielt ſich die Sache ganz anders. Welch herben Tadel ergoß ich im Stillen über den Oberbefehlshaber wegen ſeines Mangels an Muth und Unternehmungsgeiſt! Ganze Nächte brachte ich damit zu, einen Grund für ſeine Unthätigket und Schläfrigkeit aufzufinden. Warum er nicht ernſtlich über Soult, Ney und Victor herfiel, die frazöſiſchen Heere vernichtete und Madrid plünderte, das erſchien mir als unlösbares Räthſel. Dagegen ließ er uns drillen, exer⸗ ziren, fouragiren, als wären wir in Hounslow. Noch einmal, es muß als großes Glück betrachtet werden, daß ich nicht Sir Arthur war. In dieſem Gemuthszuſtand machte ich eines Abends einen einſamen Spazierritt etliche Stunden vom Lager weg. Ohne es ſelbſt zu merken, war ich in eine kleine 7⁰0 Hügelkette hinein gekommen, und da der Boden uneben wurde, ſtieg ich ab und führte mein Pferd am Zügel weiter. Bald darauf hörte ich die Hufſchläge eines ſchnelltrabenden Roſſes; aber ſo auffallend eine ſolche Geſchwindigkeit auf dem ſteinigen Boden war, ſo ſchlug ich doch die Augen nicht auf, als der Reiter dicht an mich herankam, ſondern ging langſam und mit geſenktem Kopfe weiter. „Halt, Sir,“ rief eine ſcharfe Stimme, die ich nicht zum erſtenmal gehört zu haben glaubte. Ich blickte auf und ſah eine hagere Figur in einen blauen Reiter⸗ mantel gehüllt, deſſen Kragen beinahe das ganze Geſicht verhüllte. Der Mann trug einen einfachen dreieckigen Hut ohne Feder, und ſein Pferd ſchien ſtark angegriffen zu ſeyn. „Halt, Sir! zu welchem Regiment gehören Sie?“ Da ich außer einer blauen Mütze kein militäriſches Abzeichen trug, ſo war der Ton der Frage eben nicht berechnet eine ſehr höfliche Antwort hervorzurufen; in⸗ zwiſchen hielt ich es für noch unverſchämter gar keine Antwort zu ertheilen und zog daher meines Wegs weiter. „Haben Sie nicht gehört, Sir?“ rief dieſelbe Stimme in noch lauterem Tone;„zu welchem Regiment gehö⸗ ren Sie?“ 1 Ich wandte mich jetzt um, entſchloſſen ebenfalls eine Frage an ihn zu richten, aber er hatte inzwiſchen ſeinen . Mantelkragen herabgedrückt, und zu meiner unbeſchreib⸗ lichen Beſtürzung und Beſchämung erkannte ich Sir Ar⸗ thur Wellesley.“ „Zum llten leichten Dragonerregiment, Sir,“ ant⸗ wortete ich erröthend. 3 „Haben Sie den Tagsbefehl nicht geleſen, Sir? Warum haben Sie das Lager verlaſſen?“ 3 Nun hatte ich weuigſtens vierzehn Tage weder ei⸗ nen Tagsbefehl geleſen, noch von einem ſolchen gehört, * 71. und konnte alſo nur wenige verlegene Worte heraus⸗ ſtammeln. 3 „In Ihr Quartier, Sir, und melden Sie ſich als Arreſtant. Ihr Name? „Lieutenant O'Malley, Sir.“ „Gut, Ihre Paſſion zum Umherſchwärmen kann Befriedigung finden. Sie ſollen mit Depeſchen zum Nachtrab geſandt werden, und da die Armee im Begriff iſt vorzurücken, ſo mag die Lection Ihnen zu Gute kom⸗ men.“ So ſprechend gab er ſeinem Pferde die Sporen und war plötzlich meinem Blicke entſchwunden. Fünfundſechzigſtes Kapitel. Talavera. Wirklich wurde ich zum Nachtrab mit Befehlen an den General Crawford aßgeſchickt und kam erſt am Mor⸗ gen des 28ten nach Talavera zurück. Die letzten zwei Tage lang war hartnäckig gefochten worden, ohne daß ſich der Vortheil entſchieden auf die eine oder andere Seite neigte, und die beiden Heere ſtanden ſich noch Stirne an Stirne gegenüber. Als ich auf dem Schlachtfelde anlangte, war das Treffen dieſes Morgens bereits vorüber. Es war zehn Uhr und die Truppen frühſtückten, wenn man die paar Scheffel Waizen, die ſpärlich unter ſie vertheilt wurden, mit einem ſolchen Namen beehren darf. Ueberall indeß herrſchte Leben und Begeiſterung: das fröhliche Geläch⸗ ter, die muntern Scherze und die ſorgloſen Blicke ver⸗ kündeten den freien kühnen Charakter der Soldaten, die ſich gruppenweiſe im Graſe gelagert hatten, und wenn nicht gerade ein verwundeter Kamerad mühſam zum Nachtrab vorübergetragen wurde, ſo zeigte ſich keine Spur von trübſinnigem Ernſt auf ihren kecken Geſich⸗ tern. Der Morgen war wirklich prachtvoll: in wolken⸗ 72 loſem Blau wölbte ſich der Himmel über eine wunder⸗ liebliche Landſchaft. Weit zur Rechten rollte majeſtätiſch der breite Tajo dahin, mit ſeiner Springfiut die Mauern von Talavera berührend, von denen ſich eine üppige Ebene wogend hindehnte, während auf unſerer äußerſten Linken eine kühne Höhe ſich erhob, in der Front durch eine Schlucht gedeckt, auf beiden Seiten von einem tie⸗ fen, rauhen Thale eingefaßt. Die Spanier nahmen den rechten Flügel ein und ſtanden mit unſern Truppen auf einer Anhöhe in Ver⸗ bindung, wo man in aller Eile ſtarke Redouten aufge⸗ worfen hatte. Hier ſtanden die vierte Diviſion und die Garden; zunächſt nach ihnen folgten Camerons Brigade und die Deutſchen; Mackenzie und Hill hatten den äußer⸗ ſten linken Flügel inne, welcher als der Schlüſſel unſe⸗ rer Poſition gelten konnte. Im Thale, unterhalb der⸗ ſelben, waren drei Cavallerieregimenter vertheilt, unter denren ich bald meine tapfern Freunde vom 23ten ent⸗ deckte. Während ich raſch dahin ritt und in jedem Augen⸗ blick ein altes vertrautes Geſicht begrüßte, konnte ich nicht umhin, bei den Spuren der verzweiflungsvollen Schlacht, die hier gewüthet hatte, heimlich zu erbeben. Die ganze Oberfläche des Hügels war eine Maſſe von Todten und Sterbenden, und die Bärenmütze des fran⸗ zöſtſchen Grenadiers lag hart am Tartan des Hochlän⸗ ders. Tiefe Furchen im Boden zeugten von der entſetz⸗ lichen Kanonade, und auf den gräßlich durchbohrten Leichen lagen die furchtbaren Beweiſe eines Bajonett⸗ kampfes geſchrieben. Das Gefecht hatte ohne Unterbrechung von Tages⸗ anbruch bis gegen neun Uhr gewährt, und auf beiden Seiten war das Blutbad ſchrecklich geweſen; ringsum deuteten friſch aufgeworfene Erdhügel auf Soldaten⸗ gräber und die geräuſchvolle Thätigkeit der Pioniere vermiſchte ihr trauriges Getöſe mit dem Geächze der Sterbenden und Verwundeten. 3 73³. Vor uns ſtanden die dunkeln Legionen Frankreichs maſſive Colonnen Fußvolks und zwiſchen hinein dichte Haufen Artillerie. Auch ſie nahmen einen ſanft aufſtei⸗ genden Hügel ein; das Thal zwiſchen den feindlichen Armeen wurde in der Mitte durch einen kleinen Bach durchſchnitten, und hier trafen während der ſchwülen Hitze des Morgens die Truppen von beiden Seiten zu⸗ ſammen, um ihren Durſt zu löſchen, bevor die Trompete ſie von Neuem zum Morden aufrief. In einer kleinen Schlucht nahe am Mittelpunkt unſerer Linie, ſtand Cottons Brigade, zu welcher die Füſiliere gehörten. Unmittelbar vor ihr befand ſich Campells Brigade, und links vor derſelben, auf einem ſanften Abhang, war der Stab jetzt verſammelt. Dort⸗ hin lenkte ich alſo meine Schritte und befand mich bald mitten unter den Diviſtonsgeneralen, die Sir Arthur haſtig zur Berathung über eine Vorwärtsbewegung zu⸗ ſammengerufen hatte. Der Kriegsrath währte kaum eine Viertelſtunde, und als ich vortrat, um meinen Be⸗ richt abzuſtatten, waren alle Anordnungen zur Schlacht bereits beſchloſſen und der Oberbefehlshaber ſaß bei ſeinem Frühſtück im Graſe ſo ruhig und unbe⸗ kümmert, wie ich an dieſem Morgen nur wenige Men⸗ ſchen geſehen hatte. Er wandte ſich raſch um, als ich herankam, und bevor der Adjutant mich anmelden konnte, rief er:— „Nun, Sir, wie ſteht's mit den Verſtärkungen?“ „Sie können vor Morgen nicht in Talavera ein⸗ treffen.“ „Früher bedürfen wir ihrer auch nicht. Die Sache iſt gut.“ So ſprechend machte er ſich wieder an ſein Früh⸗ ſtück ich aber zog mich zurück, von Staunen erfüllt, ob der überraſchenden Kälte des Mannes, den keine fehl⸗ geſchlagene Erwartung auch nur im Mindeſten zu beun⸗ ruhigen vermochte. Kaum war ich wieder bei meinem Regiment und 74 erzählte meinen Kameraden von dem Ritt, den ich überſtanden, als ein Adjutant an der Linie hinab fprengte und ſich in aller Eile mit den verſchiedenen komman⸗ direnden Offizieren beſprach. Welcher Art ſeine Befehle ſeyn mochten, konnten wir nicht errathen, denn es verlautete kein Wort davon und doch lag klar am Tage, daß etwas Wichtiges im Werke war. Auf dem Hügel, wo der Stab verſammelt war, herrſchte eine ungewöhnliche Bewegung, und wir konnten ſehen, wie Sir Arthurs Schimmelhengſt, mit einem Dragonermantel bedeckt, von dem Reitknecht auf und ab geführt wurde. Die Soldaten lagen, überwältigt von der Hitze und der Morgenſtrapaze auf dem Graſe ausgeſtreckt und ſchienen eine Periode der Ruhe und Erholung zu erwarten.. „Sie werden ſehen, daß es vorwärts geht,“ ſagte ein junger Offizier neben mir,„die Schlappe von dieſem Morgen war für die Franzoſen eine empfindliche Lection, und Sir Arthur wird ihnen dieſelbe ohne Zweifel noch etwas ſchärfer einprägen wollen.“— „Halt, was iſt das?“ rief Backer;„horcht einmal!“ Während er ſo ſprach, klang eine äußerſt liebliche Muſik über die Ebene herüber: es war eine franzöſiſche Regimentsmuſik, und gemildert durch die Entfernung ſchienen die Töne in der ruhigen Stille der Morgen⸗ luft eher etwas Himmliſches als Irdiſches zu ſeyn. Während wir lauſchten, ſchwollen ſie immer höher em⸗ por und auch die übrigen Muſikeorps, ſtimmten jetzt eines um das andere mit ein, bis am Ende die ganze Luft von der weichen Melodie der Töne erfüllt war. Wir konnten nun bemerken, wie die feindlichen Reihen ſich ſchnell ordneten, während Trompetenſchall alle an⸗ 1 dern Töne überklang. Auch die heiſere Trommel rief jetzt zu den Waffen, und bald darauf ritt ein glänzen⸗ der Stab langſam zwiſchen zwei dichten Reihen Infan⸗ terie etwas weiter in die Ebene hinaus und ſchien uns zu recognosciren. Hinter ihnen her zog ſich eine Wolfe 7⁵ polniſcher Reiterei, kenntlich an ihren langen Lanzen und flatternden Panieren. 3 Wir hatten keine Zeit zu weitern Beobachtungen, denn auch auf unſerer Seite wirbelten jetzt die Trom⸗ meln und der heiſere Ruf;„Macht Euch fertig, Jungen!“ erſcholl durch die Reihen.. Es war jetzt ein Uhr; eine halbe Stunde ſpäter hatten die Truppen ihre Stellung vom Morgen wieder eingenommen und harrten ſchweigend dem blutigen Schau⸗ ſpiele entgegen. Auf dem flachen Hochlande, nahe beim Mittelpunkt der franzöſiſchen Stellung, konnten wir das prachtvolle Zelt des Königs Joſeph entdecken, und rings umher ſtand ein zahlreicher, glänzend uniformirter Stab. Auch hier ſchien bedeutende Aufregung und Thätigkeit zu herr⸗ ſchen, denn auf dieſem Punkt vereinigten ſich die dunkeln Maſſen des Fußvolkes vom äußerſten linken Flügel her, und wir konnten ſehen, wie die königlichen Garden und die Reſerven eine Angriffskolonne bildeten. Vom Kamme des Hügels bis hinab in das Thal dehnten ſich die dichten Reihen aus, ihre Flanken ge⸗ ſchützt von einer gewaltigen Artillerie und tiefen Maſſen ſchwerer Reiterei. Mit ängſtlicher Begierde harrten wir, auf welchen Theil unſerer Linie der erſte Angriff gerich⸗ tet ſeyn mochte. Mittlerweile ſchickte Sir Arthur Wellesley, der von der Höhe herab ruhig das Schlachtfeld überſchaut hatte, einen Adjutanten in vollem Galopp an Cam⸗ pells Brigade ab, die unmittelbar vor uns ſtand. Er rief uns im Vorbeigehen zu:„Diesmal kommt's an Euch, Vierzehntes, Ihr habt heute den Ball zu eröffnen.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als eine Sig⸗ nalkanone von Seiten der Franzoſen ſchwer durch die ſtille Luft donnerte. Das letzte Echo verhallte leiſe, und der dichte Rauch löste ſich in Nebel auf, als plötzlich der betäubendſte Donner losbrach, den meine Ohren je ge⸗ hört haben. Achtzig Kanonen hatten ihr Feuer gegen 76 uns eröffnet und ergoßen ein wahres Hagelwetter von Kugeln über uns, während wir mitten im Rauch und Dunſt die leichten Truppen im Sturmſchritt auf uns zukommen ſahen, gefolgt von den breiten und maſſiven Heerſäulen in der ganzen grauenhaften Majeſtät des Krieges. „Welch ein prachtvoller Angriff! wie ritterlich ſie heranziehen!“ rief ein alter Offizier neben mir, in ſeiner edlen Bewunderung für den Feind alle Rivalität ver⸗ geſſend. Der Zwiſchenraum war bald überſchritten, die Schützen wichen, als die Colonne herannahte, zurück, und mit lautem Geſchrei ſtürmten jetzt die geſchloſſenen Maſſen auf Campells Abtheilung ein. Schweigend und feſt erwartete das engliſche Fußvolk den Angriff, erwie⸗ derte das Feuer mit einer ſchmetternden Salve und wurde nun vorwärts kommandirt, Kaum waren die Bajonette geſenkt, als die Spitze der feindlichen Colonne auseinanderſtob und die Flucht ergriff, während Macken⸗ zie's Brigade, die Flanke überſtürmend, kühn vorwärts drang und nun ein furchtbares Blutbad erfolgte. Einen Augenblick währte der Kampf Hand gegen Hand, bald aber trugen die undurchbrechlichen Reihen und undurch⸗ dringlichen Bajonette der Engländer den Sieg davon, und die Franzoſen flohen mit Hinterlaſſung von ſechs Kanonen. Gleichwohl waren dies Truppen von verſuchter Tapferkeit und erprobtem Muthe und ſie ſormirten ſich augenblicklich von Neuem: aber juſt, als ſie wieder heranſtürmen wollten, ergoß ſich ein furchtbarer Kartät⸗ ſchenhagel aus unſern Batterien auf ſie herab, und zu gleicher Zeit wurden ſie von einem ſpaniſchen Reiterre⸗ giment, das ihnen in die Flanke fiel, beinahe zuſammen⸗ gehauen.— Während dies auf dem rechten Flügel vorging, wurde der Hügel, auf dem unſer linker ſtand, von einem furchtbaren Angriff bedroht. Zwei gewaltige Co⸗ 77 lonnen franzöſiſchen Fußvolks, nnterſtützt von einigen Regimentern leichter Reiterei, kamen feſten Schrittes herangerückt. Anſons Brigade wurde zum Angriff be⸗ beordert. Sie ſtürmten in der höchſten Eile dahin, waren aber kaum einige hundert Schritte gekommen, als ihnen unerwartet eine tiefe Kluft den Weg verſperrte. Hier hielten die deutſchen Huſaren plötzlich an, aber das 23ſte ſtürmte ungeſtüm vorwärts und ein furchtbares Ge⸗ metzel erfolgte.— Mann und Roß ſank unter dem zer⸗ malmenden Feuer der franzöſiſchen Carré's zuſammen. Gleichwohl verleugnete ſich die brittiſche Tapferkeit auch hier nicht, denn Major Francis Ponſonby formirte ſchnell einen neuen Haufen und griff kühnlich eine fran⸗ zöſiſche Brigade Jäger im Hintertreffen an. Victor, indeß der dieſe Bewewegung von Anfang an geſehen, ſchickte ſogleich ein Lancierregiment gegen ſie ab, und ſo wurden die wackern Burſche beinahe ſämmtlich in Stücken zerhauen; nur wenige konnten ſich durch die franzöſiſchen Reihen durchſchlagen und gelangten zu Baſſecvurs ſpaniſcher Diviſion, die weit rechts ſtand. Inzwiſchen wurde der Hügel von Neuem und noch verzweifelter als zuvor angegriffen, während Victor ſelbſt das vierte Corps gegen unſern rechten Flügel und das Centrum führte. Die Garden erwarteten, ohne zu wanken, den wü⸗ thenden Sturm der anrückenden Colonnen; als aber noch ein kleiner Raum zwiſchen ihnen lag, ſtürzten ſie ihnen mit gefälltem Bajonett entgegen und trieben Alles vor ſich her zurück. Die Franzoſen lehnten ſich auf ihre Reſerveregimenter, ſammelten ſich im Augenblick wieder und drangen von Neuem vor, unterſtützt durch ein mörderiſches Feuer aus ihren Batterien. Die Garden wichen zurück und die deutſche Legion, die plötzlich in Verwirrung gerathen war, begann einen ungeordneten Rückzug. Dies war der kritiſchſte Augenblick des Tages, denn obſchon wir auf dem äußerſten rechten und linken 78 Flügel geſtegt hatten, ſo war doch unſer Centrum gänz⸗ lich durchbrochen. Juſt in dieſem Moment ritt Gordon auf unſere Brigade zu; ſein Geſicht war blaß, ſein Blick unſtät und unruhig. „Dort kommt das 4s8ſte,“ rief er,„und unterſtützt es, 14tes!“ Dies war Alles, was er ſagte, denn ſchon in der nächſten Minute hörten wir den abgemeſſenen Tritt, ei⸗ ner Colonne hinter uns. Sie hielten alle zuſammen wie Ein Mann; ihre dichte gedrängte Maſſe glich einer feſten Mauer. Compagnieweiſe ſich vorſchiebend, ließen ſie die Garden und die Deutſchen hinter ihre Fronte zu⸗ rücktreten, dann aber formirten ſie ſich wieder zu einer Linie und ſtürzten mit dem Bajonette vorwärts. Unſere Artillerie eröffnete hinter ihnen ein furchtbares Feuer und nun wurden wir zum Angriff beordert. In ſtarkem Trab rückten wir vorwärts: die Garden, die ſich inzwiſchen wieder formirt hatten, begrüßten uns mit lautem Jubelruf. Der Dampf der Kanonade ver⸗ hüllte Alles vor uns, bis wir ein wenig vorangekommen waren; aber kaum hatten wir die Linie des tapfern 48ſten eingeholt, als das glänzende Panorama des Schlacht⸗ feldes ſich plötzlich vor unſern Blicken ausdehnte. „Angegriffen! Vorwärts!“ rief die heiſere Stimme unſers Oberſten und im nächſten Augenblick waren wir an dem Feind. Die franzöſtſche Infanterie, bereits durch das zermalmende Kleingewehrfeuer der Unſrigen durch⸗ brochen, wich jetzt, und unfähig, ein Viereck zu for⸗ miren, zog ſie ſich fechtend, aber in Verwirrung und mit ſchrecklichem Verluſte nach ihrer Stellung zurück. Ein Jubelgeſchrei, das ſich von Links nach Rechts auf unſerer ganzen Linie ausbreitete, verkündete unſern Sieg; die Franzoſen antworteten auf dieſe Herausforderung noch einmal mit einer Artillerieſalve, und die Schlacht war jetzt vorüber! 3 3 3 Wäre die ſpaniſche Armee im Stande geweſen, vor⸗ zudringen, ſo hätten wir in dieſem Augenblick einen —— 79 ungleich bedentenderen Erfolg gehabt; aber ſie wagte es nicht, ihre Stellung zu ändern, und ſo beſtand unſer ganzer Ruhm in der Zurücktreibung des Feindes. Die Franzoſen hatten bei weitem mehr gelitten als wir:; ſie zogen ſich in der Nacht hinter den Alberche zurück und uͤberließen uns den Sieg ſammt dem Schlachtfeld. Sechsundſechzigſtes Kapitel. Die Nacht nach Talavera. Die Nacht, welche auf dieſe heiße Schlacht folgte, war eine traurige. Trotz der Finſterniß und eines hef⸗ tigen Regens brachten wir ſie damit zu, unſere ver⸗ wundeten Kameraden unter den Haufen der Erſchlagenen aufzuſuchen, und das Flimmern der Laternen rings he⸗ rum auf der weiten Ebene verkündete, mit welchem Eifer dieſe mühſelige, trauervolle Arbeit vollzogen wurde. Das Aechzen der Verwundeten tönte mit herzzerreißen⸗ dem Ausdruck durch die Stille der Nacht und veranſchau⸗ lichte uns den Ausſpruch unſeres großen Feldherrn: „Außer einer Niederlage gibt es nichts Traurigeres, als einen Sieg.“ Auch um unſere Bivonacfeuer her that ſich dieſe niedergeſchlagene Stimmung kund. Wir hatten aller⸗ dings einen großen Sieg errungen; wir hatten die weit und breit berühmten Legionen Frankreichs, angefuhrt von ihren gefeiertſten Marſchällen und unter den Augen von des Kaiſers eigenem Bruder„ auf einem von ihnen ſelbſt ausgewählten Felde überwunden; aber gleichwohl fühlten wir die ganze Unſicherheit unſerer gewagten Stel⸗ lung, denn auf den Muth und auf die Disciplin unſerer Verbündeten konnten wir ſchlechterdings kein Vertrauen ſetzen, da wir auch in dieſer Schlacht wieder die Er⸗ fahrung gemacht hatten, daß die Anſtrengungen des Feindes beinahe ausſchließlich gegen unſere Linie ge⸗ richtet waren, während er den ſpaniſchen Truppen nur ſehr wenig Beachtung ſchenkte. Endlich brach der Morgen an, und kaum zertheilte ſich der ſchwere Nebel vor dem rothen Sonnenlichte, als aus einem entfernten Theile des Feldes Pfeifenklang und Trommelwirbel erſcholl. Die Töne ſchwollen an oder ſanken, je nachdem der Morgenwind ſtärker oder ſchwächer war, und manche Vermuthung wurde über ihre Bedeutung aufgeſtellt, denn man ſah kaum auf einige hundert Schritte vor ſich. Allmählig jedoch kamen ſie immer näher; endlich verdunſtete auch der Nebel vollends, die Luft klärte ſich auf und man ſah die glän⸗ zende Scharlachuniform eines brittiſchen Regiments im Schnellſchritt anrücken. Als ſie näher kamen, erkannten einige von unſern Leuten den wohlbekannten Marſch des tapferen 43ſten und blitzſchnell verbreitete ſich das Gerücht:„Es iſt Crawfords Brigade.“ So war es auch wirklich; dieſer edle General hatte mit ſeiner Diviſion in ſieben und zwanzig Stunden ſechzig engliſche Meilen zurückgelegt. Ueber einen breu⸗ nenden Sandboden hin, einer glühenden Sonne ausge⸗ ſetzt, ohne Rationen und beinahe ohne Waſſer, waren dieſe tapferen Truppen unverdroſſen vorangeſtürmt, in der freudigen Hoffnung den Ruhm des Schlachtfeldes theilen zu dürfen. Ein donnerndes Jubelgeſchrei bewill⸗ kommnete die Spitze der Colonne, als ſie vorbeimar⸗ ſchirte, und waͤhrte fort, ſo lange der Zug dauerte. Während dieſe glänzenden Regimenter vor uns hinzogen, konnten wir uns des Gedankens nicht erweh⸗ ren, welch ausgezeichnete Dienſte ſie uns noch vor we⸗ nigen Stunden haͤtten leiſten können. Ihre kriegeriſche Haltung, ihre muſterhafte Disciplin, ihr alter Ruhm ſchwebte auf allen Lippen, und ich glaube kaum, daß irgend ein Corps, das die ganze Hitze der furchtbaren Schlacht ausgeſtanden hatte, in dieſem Augenblick mit mehr Lob überſchüttet wurde, als die wackern Burſche, die ſo eben zu uns geſtoßen waren. 4 81 Die traurigen Pflichten der Nacht wurden nunmehr bald vergeſſen über dem fröhlichen Lärm, der ſich von allen Seiten erhob. Jetzt ging es an ein Glückwün⸗ ſchen, ein Händeſchütteln, ein freundliches Nachfragen; und als wir zu den Hügeln hinanblickten, wo vor weni⸗ gen Stunden noch die dunkeln Colonnen des Feindes in Schlachtordnung geſtanden, jetzt aber nicht eine ein⸗ zige Schildwache mehr zu ſehen war, da erſt ergriff uns ſtolzes Siegesgefühl und der erhebende Gedanke: Was werden ſie zu Hauſe ſagen? Ich ſtand unter einer Gruppe meiner Kameraden, als ich vom Oberſten Befehl erhielt nach Talavera zu reiten, um nach unſern Verwundeten zu ſehen, da die Ankunft des Oberbefehlshabers mit jedem Augenblick erwartet wurde. Raſch warf ich mich auf mein Pferd, und ein lebhafter Trab brachte mich bald vor die Thore. Als ich in die Stadt kam, ſah ich mich genöthigt abzuſteigen und meinen Weg zu Fuß fortzuſetzen. Die Straßen waren gänzlich überfüllt von Leuten„ die zwi⸗ ſchen Wagen, Karren und Tragbetten einherliefen. Hier ſah man eine Bude mit allen erdenklichen Verkaufsar⸗ tikeln, dort hatte ſich in einem zerbrochenen Bagagewagen eine Branntweinſchenke gebildet; hier erblickte man eine luſtige Geſellſchaft, die um einen welſchen Hahn oder ein Zicklein würfelte, dort einen Verwundeten, der mit blutloſen Wangen und ſchwankenden Schritten den Weg ins Spital erfragte: das Geächze der Leidenden miſchte ſich mit trunkenem Gejauchze, und der wilde Lärm der Zecher wurde dann und wann von dem ſcharfen Peit⸗ ſchengeknall der Wagenführer übertäubt. Die Verwir⸗ rung, Geſchäftigkeit und Aufregung war unbeſchreiblich; der Stabsoffizier mit ſeiner wallenden Feder und ſeinen ſchimmernden Epauletten ging in dem Getöſe unbemerkt und unbeachtet zu Fuß ſeines Wegs, während der kleine Tambour eine bewundernde Schaar von einfachen Land⸗ Lever, O'Malley. III. 1 6 82 NMuten durch ſeine blumenreiche Darſtellung des großen Sieges in Erſtaunen ſetzte. Meine Wanderung durch dieſe dichte Maſſe ging natürlich nur langſam von ſtatten. Keiner machte dem andern Platz, die Disciplin, die Achtung vor Rang hatte gänzlich aufgehört. Der zufällige Unterſchied war gänz⸗ lich ausgeglichen in den wilden Orgien einer Armee am Tage nach einer Schlacht. Als ich um die Ecke einer ſchmalen Straße bog, wurde meine Aufmerkſamkeit durch ein Gedränge in der Nähe eines kleinen Brunnens angeregt, wo das Volk mit ungewöhnlicher Theilnahme Etwas zu beobachten ſchien. Portugieſiſche Ausrufe der Verwunderung und des Staunens miſchten ſich mit engliſchen Flüchen und iriſchen Stoßſeufzern, während alle andern Töne von Zeit zu Zeit durch ſchmerzliches Leidensgeſchrei übertäubt wurden. Ich bahnte mir einen Weg durch die dichte Gruppe, drang endlich bis an die vorderſte Reihe vor und erblickte hier zu meinem Erſtaunen einen kleinen, dicken Mann, der ohne Rock und Weſte, die Hemdärmel bis an die Schultern aufgeſchlagen, mit vielem Eiſer an einem verwundeten Soldaten operirte. Amputations⸗ meſſer, Aderpreſſen, Bandagen und alle möglichen In⸗ ſtrumente, um Schmerzen zu bereiten und zu lindern, lagen um ihn herum und aus ſeinen Vorbereitungen erſah ich, daß er ſich dieſen Platz zu einem Spital für ſeine Patienten ausgewählt hatte. Während er mit ausnehmender Geſchäftigkeit und Gewandtheit ſein Ge⸗ ſchäft verrichtete, ſchwatzte er unaufhörlich bald zu ſeinen Patienten, bald zu den Umſtehenden, zuweilen führte er auch ein bloßes Selbſtgeſpräch. Dieſe kleinen Muſter von Beredtſamkeit, vorgetragen an einem ſolchen Ort und zu ſolcher Zeit, überdies, was nicht ihren kleinſten Reiz ausmachte, im vollſten Corker Accent, waren Gründe genug für mich, um ſtehen zu bleiben und ihn einige Zeit zu beobachten.— Der Patient, ein großer, kräftiger Burſche, war 83 durch das Platzen einer Bombe an beiden Schenkeln verwundet, doch nicht ſo bedeutend, daß eine Ampuration nöthig geweſen wäre. „Nun, gefällt Euch das?“ ſagte der Doktor, indem er ein tüchtiges Aetzmittel an ein verwundetes Gefäß brachte;„Leute wie Ihr ſind doch mit Nichts zu befrie⸗ digen. Es wird Euch dieſen Morgen noch ganz warm und behaglich darauf werden. Ich ſah dieſe nämliche Bombe herankommen, und ich rief Maurice Blake zu, er ſolle den Kerl nur paſſiren laſſen, denn er habe Eile; „wahrhaftig,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„da wo du herkommſt, ſind noch mehrere, du biſt kein einziges Kind und die ganze Familie hat mir noch nie gefallen.— Was braucht Ihr Geſichter zu ſchneiden, Ihr braunen Diebe?⸗— Dieſe Anrede galt den Portugieſen.—„Nun haltet mir Euer Bein nur fein ruhig und leicht. Wer kommt jetzt?“ fragte er darauf, einen Blick um ſich werfend, als wolle er fuͤr den Fall etwaiger Ermanglung an Verwundeten ſich ſelbſt einen Patienten zuſchneiden. Ich hatte jetzt genug geſehen, zog mich alſo zurück und ſetzte meinen Weg nach dem Spitale fort. Der Anblick, der hier meiner wartete, war über alle Maßen grauenhaft. Ueberall entſetzliche Wunden von Granaten und Kanonenkugeln; alle nur erdenklichen Arten von Leiden, die ein Menſch möglicherweiſe über⸗ ſtehen kann, traten mir hier vor die Augen. Mitten unter den Todten und Sterbenden wurden die ſchmerzlichſten Operationen mit einer eilfertigen Geſchäftigkeit vorge⸗ nommen, welche deutlich zeigte, wie viele Unglückliche noch auf ähnliche Liebesdienſte warteten. Die Treppen waren gedrängt voll von neuangekommenen Verwundeten; ſelbſt auf den Gängen und Vorplätzen lagen die Kranken zerſtreut. Ich eilte in denjenigen Theil des Gebaͤndes, wo meine eigenen Leute waren und erfuhr hier, daß unſer Verluſt fich auf etwa vierzehn Verwundete beſchränkte. 6 Fünf von ihnen waren Offiziere, aber glücklicherweiſe verloren wir keinen unſerer Tapferen, und Talavera ver⸗ ſetzte unſer Regiment in keine Trauer, die unſern Sie⸗ gesjubel hätte dämpfen können. Siebenundſechzigſtes Kapitel. Der Vorpoſten. Die erſten drei Tage nach der Schlacht blieb Alles im alten Stande; der Feind hatte allmählig ſeine ganze Streitmacht zurückgezogen und ſelbſt unſere äußerſten Pikets bekamen keine franzöſiſche Abtheilung zu Geſichte. Gleichwohl war, trotz unſeres großen Sieges, unſere Lage nichts weniger als angenehm. Mit den größten Anſtrengungen konnten die Kommiſſäre kaum den nöthigen Proviant herbeiſchaffen, und über die Unzuverläſſigkeit der aus vollſtem Munde ertheilten Verſprechungen unſerer Verbündeten hatten wir nur allzuviele bittere Erfahrun⸗ gen gemacht. Zwar ließ uns unſer guter Muth niemals im Stich, allein er war mehr eine Folge des unbeding⸗ teſten und unwandelbarſten Vertrauens auf den Genius unſeres großen Feldherrn, als daß irgend einer von uns durch die dichte Wolke von Schwierigkeiten und Gefahren hindurch, die uns von allen Seiten einzuhüllen ſchien, einen Weg zu erblicken vermocht hätte. um unſere Bedrängniſſe zu vermehren, erfuhren wir am Abend des 31ſten, daß Soult vom Norden her mit vierzehntauſend Mann auserleſenen Truppen in ſtarken Tagmärſchen gegen Placentia bheranrückte und ſomit unſern Nachtrab bedrohte, in einem Augenblick, wo weiteres Vorrücken für uns platterdings unmöglich war. „Am Morgen des lten April wurde ich mit einer kleinen Abtheilung in der Richtung des Alberche abge⸗ ſandt, auf deſſen linkem Ufer die Franzoſen, wie es hieß⸗ 8⁵ ihre Streitkräfte von Neuem zuſammenzogen, und von wo aus ich wo möglich ihre künftigen Bewegungen erforſchen ſollte. Inzwiſchen ſollte ſich die Armee nach Oropeſa zurückziehen, um daſelbſt Soults Ankunft abzu⸗ warten und ihm nöthigenfalls eine Schlacht zu liefern, während Cueſta ſich verbindlich machte, mit ſeinen Spa⸗ niern Talavera ſammt ſeinen Vorräthen und Spitälern gegen etwaige Bewegungen Victors zu vertheidigen. Nach einem tüchtigen Frühſtück und einem herzlichen Lebewohl von meinen Kameraden brach ich auf. Mein Weg, der mich am Tajo hinführte, war mehrere Meilen weit bloß ein ſchmaler vom felſigen Ufer des Fluſſes eingefaßter Pfad und beſchattet von reichen Olivenpflan⸗ zungen, die uns einen ſehr annehmbaren Schutz gegen die Mittagsſonne verliehen. Wir ritten ſchweigend dahin, ruhten von Zeit zu Zeit aus, bemühten uns aber gleichwohl vor Einbruch der Nacht das Dorf Torrijos zu erreichen, wo mehrere verwundete Franzoſen im Spital liegen ſollten. Da wir gehört hatten, daß dieſelben höchſt ungenügend bewacht ſeyen, ſo hofften wir einige Gefangene zu machen und von ihnen die gewünſchten Aufſchlüſſe zu erhalten. Mehr als einmal begegneten uns ähnliche Streiſpartien, wie die unſrige, die zur Recognoscirung ausgeſandt waren, und gegen Abend meldete uns eine nach Talavera zurück⸗ kehrende Abtheilung des 23ſten leichten Dragonerregiments, die Franzoſen haben Torrijos verlaſſen, und jetzt ſey das Dorf von einer engliſchen Abtheilung unter meinem alten Freund O'Shanghneſſy beſetzt. Ich brauche wohl nicht zu ſagen, wie ſehr mich dieſe Nachricht erfreute, und ich eilte jetzt eifrig vorwärts, da ich das warme Obdach und den gaſtlichen Tiſch, woran es dem Major gewiß nicht fehlte, der kalten Zug⸗ luft und dem triefenden Gras eines Bivouacs weit vor⸗ zog. Inzwiſchen brach die Nacht ſchnell herein; Finſterniß ohne vorhergegangenes Zwielicht verhüllte uns, und wir verloren den Weg. Ein ödes Flachland, wo nur noch da und dort ein verbutteter, laubloſer Baum ſtand, war Alles, was wir beim blaſſen Lichte eines Neumondes zu erkennen vermochten. Vor uns lag eine dem An⸗ ſcheine nach endloſe Haide, und unſere abgehetzten Thiere ſchienen die trübſelige Unſicherheit der Lage ebenſo ſchmerzlich zu empfinden, wie wir ſelbſt, denn ſie fingen an mit jedem Schritte zu ſtolpern. Unter Verwünſchungen auf meinen Unſtern und lockenden Vorſtellungen von dem flammenden Herd und dem ſchmackhaften, dampfenden Abendeſſen, woran ich Theil zu nehmen gehofft hatte, machte ich endlich Halt und ließ das Nachtlager bereiten. Ich hatte mich hiezu um ſo ſchneller entſchloſſen, weil ich mich plötzlich in einem kleinen Buchenwalde befand, deſſen Schutz ganz und gar nicht zu verachten war, und wo wir jedenfalls das nöthige Holz für unſere Bivouacfeuer fanden. Glücklicherweiſe war die Nacht, wenn auch finſter, doch ſchön. In einer ruhigen, ſtillen Atmoſphäre, wo kein Zweig, kein Laub ſich regte, banden wir unſere müden Pferde an, ſchütteten ihnen ihr Futter vor und lagerten uns um ein loderndes Feuer. Unſer beſcheidenes Mahl war ſchnell bereitet, obſchon ich den Major und ſein glückliches Geſchick immer noch nicht verwinden konnte, ſo begann ich doch mich recht behaglich zu fühlen. Meine Reiter, die ihre Phantaſie vermuthlich nicht mit ſolchen Feinſchmeckersgedanken verhätſchelt hatten, ſaßen vergnügt um das luſtige Feuer herum und ſchwatzten von der letzten großen Schlacht, von der Tapferkeit dieſes oder jenes Kameraden, von dem traurigen Schickſale anderer und den ſtolzen Hoffnungen für die Zukunft. In der Mitte, zunächſt am Feuer, ſaß Mickey, diſputi⸗ rend, erzählend, Vermuthungen und gelegentlich auch eigene Erfindungen aufſtellend— alle ſeine Beweis⸗ gründe zielten jedoch auf den einzigen Satz hinaus: wenn der Himmel in ſeiner Gnade nicht gewollt hätte, daß die meiſten vom 48ſten Irländer geweſen wären, ſo würden wir wohl jetzt nicht hier ſitzen. 87 Trotz ſeiner glänzenden Unterhaltungstalente ver⸗ ſank indeß einer ſeiner Zuhörer um den andern in Schlaf, und Mr. Free blieb Alleinherrſcher des Wacht⸗ feuers und— worauf er einen noch ungleich höhern Werth ſetzte— eines kleinen, beinahe noch vollen Keſſels mit Grog. Als Alles ruhig war, zog er dieſen letzteren hervor und warf dann einen verſtohlenen Blick ringsumher, um ſich zu überzeugen, ob er wirklich allein von der ganzen Geſellſchaft noch übrig ſey. Da ich nur wenige Schritte von ihm entfernt lag, ſo konnte ich ihn genau beobachten, wie er bald ſeine Hände am Feuer wärmte, bald den kleinen Keſſel an ſeine Lippen führte; über ſeine drolligen Züge ſchien von Zeit zu Zeit eine flüchtige Erinnerung an allerlei loſe Streiche zu gehen, denn er laͤchelte häufig und murmelte beſtändig etwas vor ſich hin. Endlich über⸗ wältigte mich der Schlaf, aber meine letzten wachenden Gedanken wurden noch durch ein eigenthümliches Lied⸗ chen in Anſpruch genommen, das Mickey vor ſich hin brummte, während er die Knöpfe meiner Uniform am Feuer putzte und die Melodie nur dann und wann durch einen tüchtigen Schluck unterbrach. „Gut, gut, jetzt ſeyd ihr ſauber genug, und es nützt Nichts, wenn man euch noch ſo blank macht, denn morgen ſeyd ihr doch wieder trübe. Was hilft es ihm, wenn er in der Schlacht ſeine beſte blaue Jacke anhat? Dieſe Franzoſen fragen wenig darnach, in welchem Kit⸗ tel ſie uns umbringen. Meiner Treu, ein luſtiger Han⸗ del; doch ich mag gar nicht daran denken, und man muß das Beſte hoffen. Deine Geſundheit, Mickey Free; wir zwei, Du und ich, wir zwei halten immer zu⸗ ſammen“ Was kümmert mich Ruhm, was kümmert mich Ehr', Das Alles iſt Trug und iſt Schein, Ich tauſche wahrhaftig nicht mit dem Lord Mayor, Steht immer mein Tiſch nur voll Wein. 1 88 Ich träum' gern behaglich dieſes und das, Und dehn' in der Sonne den Leib, Und bin ich zu alt für Freude und Spaß, So heirath' ich Geld und ein Weib. Und hab ich im Winter nur Eier und Speck, Die Bowle voll dampfenden Punſch, Und am Feuer'nen kleinen behaglichen Fleck, So gehet mir Alles nach Wunſch. Das Arbeiten macht mir nicht graues Haar, Nie war das die Sache der Bradies, „Nen prächtigen Türken gäb' ich fürwahr, Denn ich liebe Tabak und die Ladies. Dieſes verwünſchte Lied ſummte mir noch lange in den Ohren und miſchte ſich in meine Gedanken von Sturm und Schlacht, nachdem der talentvolle Dichter bereits eingenickt war. Endlich wurde auch mir die Wohlthat des Schlafes und zwar eines tiefen, geſun⸗ den Schlafes zu Theil. Als ich erwachte, war mein Feuer bis auf die letzten Kohlen herabgebrannt. In der grauen Dämmerung, welche dem Morgen voranging, konnte ich die dunkeln Schatten meiner Reiter erblicken, die in Gruppen herum lagen. 3 Die Strapazen des vorhergehenden Tages hatten mir dermaßen zugeſetzt, daß ich mich nur mit Mühe zu der Kraſtanſtrengung aufraffen konnte, friſche Scheite ins Feuer zu legen. Ich ihat dies mit halbgeſchloſſenen Augen und in jenem träumeriſchen, matten Zuſtande, welchen man die Dämmerung des Schlafes nennen könnte. Eben wollte ich mich auf mein Lager unter einem Baum zurückwerfen, als ſich auf einmal ein Gegenſtand meinen Blicken darbot, über welchem ich in den Boden einzuwurzeln glaubte. Etwa zwanzig oder dreißig Schritte von mir, wo ſo eben noch die lange Linie des Horizonts die Ausſicht begrenzt hatte, ſtand jetzt eine rieſige Figur von zehn oder zwolf Fuß Hohe, mit zwei Köpfen, die 89 ſich über dem koloſſalen Körper erhoben und unaufhör⸗ lich hin und her ſchwankten, während mehrere Arme in der allerſeltſamſten und wunderlichſten Weiſe ſich auf und niederbewegten. Mein erſter Gedanke war, ein Traum habe dies Zerrbild heraufbeſchworen, aber nach⸗ dem ich mich durch wiederholtes Kneipen und Schütteln von meinem wirklichen Wachen überzeugt hatte, blieb es gleichwohl noch immer. Ich hatte niemals große Neigung gehabt an Geiſter zu glauben; aber wäre dies auch der Fall geweſen, ſo hätte ich doch aus dieſer ſonderbaren Erſcheinung nicht klug werden können, denn ſie könnte unmöglich der Repräſentant irgend einer Sache in der Welt ſeyn.. Eine unbeſtimmte Ahnung, es möchte irgend eine franzöſiſche Spitzbüberei dahinter ſtecken, veranlaßte mich, die Geſtalt auf Franzöſiſch anzureden und ich rief daher, ohne einen Schritt vorwärts zu gehen:„Qui va là Le Meine Stimme weckte einen Soldaten, der ſogleich aufſprang und ſeinen Karabiner ſpannte, während er gleichfalls, wie vom Donner geruͤhrt, das Ungeheuer anſtarrte. „Qui va lä?˙*⁴ ſchrie ich von Neuem, aber wieder⸗ um erfolgte keine Antwort, ſondern das Ungethüm wälzte ſich plötzlich herum und eilte, ohne eine weitere Unter⸗ handlung abzuwarten, nach dem Dickicht zu. Das Geſtampfe von Roſſehufen ließ mich wenigſtens theilweiſe auf die Natur des Schauſpieles ſchließen, als mit einemmal das Gewehr hinter mir knallte und die Kugel des Reiters durch das Gebüſch pfiff. Im Nu waren jetzt alle meine Leute auf den Beinen. „Hieher Jungen!“ rief ich und ſtürzte mit gezogenem Säbel dem Fichtengehölze zu. Einige Augenblicke war Alles dunkel wie die Mit⸗ ternacht, aber bald kamen wir auf einen kleinen offenen Raum, welcher die Ebene unten weithin beherrſchte. „Dort geht es,“ rief einer meiner Reiter und zeigte auf einen ſchmalen Pfad, auf welchem die hohe Geſtalt 90 langſam und majeſtätiſch weiter ſchritt, aber noch immer mit denſelben Bewegungen des Kopfes, der Arme und der Beine. „Feuert nicht, ſondern folget mir nach,“ rief ich, ſo ſchnell als möglich vorwärts eilend. Als wir näher kamen, wurden die wilden Geſtiku⸗ lationen immer bemerklicher, und etliche Worte, die wir halb auffingen, klangen wie Engliſch in unſern Ohren. Wir waren jetzt auf Piſtolenſchußweite, als plötzlich das Pferd— denn von der Wirklichkeit eines ſolchen hatten wir uns wenigſtens überzeugt— ſtolperte und vorwärts fiel, wobei der übrige Theil der Geſtalt auf die Straße geſchleudert wurde. In einer Sekunde waren wir auf dem Platze und vernahmen da ſogleich Töne in einem Aeccent, der mir ganz und gar nicht fremd war. „O heilige Mutter Gottes! da liegen wir jetzt im Koth und auf unſern Naſen. Shaugh, Shaugh, da wir doch einmal gefangen ſind, ſo binden Sie den Bur⸗ ſchen einen Bären auf und ſagen, wir ſeyen Diviſions⸗ Generale“. Ich brauche wohl kaum zu bemerken, mit welch ſchallendem Gelächter ich dieſe höchſt originelle Erklärung aufnahm. 3 „Dieſes Lachen ſollte ich kennen“ rief eine Stimme, an der ich ſogleich meinen Freund O'Shaughneſſy erkannte. „Sind Sie vielleicht Charles O'Malley?“ „Zu dienen, Herr Major, und hocherfreut Sie zu treffen, obſchon ich Ihnen wahrhaftig beinah einen war⸗ men Empfang bereitet hätte. Was zum Henker ſollte dieſer Aufzug bedeuten?“ „Fragen Sie Maurice da, dem der Teufel dafür danken möge, daß er mich dazu überredet hat.“ „Stellen Sie mich Ihrem Freund vor,“ verſetzte der Andere ſich die Schienbeine reibend.„Mr. O'Mealey, nicht wahr? Sehr erfreut, Ihre werthe Bekanntſchaft zu machen. Meine Mutter war eine Ryan von Killdoo⸗ 91 ley und zuerſt mit einem Vetter Ihres Vaters verhei⸗ rathet, ehe ſte Mr. Quill, meinen verehrten Erzeuger, nahm. Ich bin Doktor Quill vom 48ſten, gewöhnlich Maurice Quill genannt. Donner und Wetter, wie beißt mich mein Rücken! die verdammte Beſtie iſt an allem ſchuld, Mr. O'Mealey. Wir brachen geſtern früh auf, um Sie nach Torrijos abzuholen, aber da trafen wir zufällig auf ein ſehr luſtiges Leichenmahl in Barcaven⸗ ter; die Leute luden uns ein und wir verbrachten einen ſehr fröhlichen Tag mit ihnen. Ich war ein Hauptleid⸗ tragender, trug ein ungeheures Wachslicht durch das Dorf und ließ mir die Fleiſchpaſteten und die Weine ſo gut ſchmecken, als mein Kummer erlauben wollte; aber mein werther Sir, nachdem Alles vorüber war, befan⸗ den wir uns ſechs Stunden von unſerem Quartiere hinweg, und da unſer Zuſtand ſich ſchlecht mit einer Turnfahrt vertragen hätte, ſo ſtahlen wir eines der Pferde vom Leichenwagen, nebſt den Sammtdecken, Federn und übrigem Zugehör, und machten uns auf den Heimweg. „Als wir auf Ihr Corps ſtießen, wußten wir nicht genau, ob Sie Engländer, Portugieſen oder Franzoſen wären, und deßhalb rief ich Ihnen auf Iriſch zu: Gott ſegne Euch alle! Höflich genug antworteten Sie mit einem Schuß, der den alten Gaul ins Knie traf, und obſchon wir ihn ſo ſchnell als möglich herumwarfen, konnten wir ihn doch nicht aus ſeinem längſt angewöhn⸗ ten Geſchäftstritte bringen. Das Thier ſchien ſich's in den Kopf geſetzt zu haben, es führe wieder einen Lei⸗ chenzug, denn trotz all unſerem Spornen und andern empfindlichen Anmahnungen, war es ſchlechterdings zu keiner Eile zu bewegen. Eine angenehme Situation für Leute, die auf Windesflügeln davon ſauſen möchten, indeß ein ganzes Peloton ſich bereit hält, ihnen eine tüchtige Salve nachzuſchicken.“ Waährend er ſo unaufhörlich weiter erzählte, kamen wir an unſere Wachtfeuer, wo ich die überraſchende Ent⸗ ⸗ 92 deckung machte, daß meine neue Bekanntſchaft der wür⸗ dige Doctor war, den ich einige Tage vorher am Brun⸗ nen in Talavera mit Operationen beſchäftigt geſehen hatte. „Nun, Mr. O'Mealey,“ ſagte er, nachdem er am Feuer Platz genommen,„wie ſtehts mit Ihren Speiſe⸗ Vorräthen? Haben Sie etwas Schmackhaftes unter die Zaͤhne, oder etwas Begeiſterndes, um die Kehle zu er⸗ wärmen?“ 3 „Ich fürchte ſehr, lieber Doktor, meine Bewirthung länn nur der allerbeſcheidenſten Art ſeyn, aber immer⸗ in— „Was für Getränke, Charley?“ rief der Major; „die heilloſe Arbeit auf dieſem verwünſchten Klepper hat mir ein Fieber zugezogen.“ „Dies war früher einmal eine Taubenpaſtete,“ ſagte Doktor Quill, indem er die eingeſunkenen Wände einer ſolchen unterſuchte, und— halt, da iſt ja eine Ente, und wenn mich meine Naſe nicht täuſcht, ſo muß auch ein recht erträglicher Schinken in der Nähe ſeyn. Peter— Larry— Patſy— oder wie heißt Ihr dienſt⸗ barer Geiſt?“ „Mickey— Mickey Free.“ „Mickey Free alſo: komm ſchnell daher! Braue uns etwas Getränke, mein Sohn— nicht allzuſchwach — keine Citrone— und recht heiß! Du verſtehſt mich, recht heiß. Der Burſche hat ein Talent für Punſch, er kann offenbar nur ein Irländer ſeyn, die Natur hat dieſe Leute reichlich ausgeſtattet— ſchöne Züge und ein wohlausgebildetes Trinkorgan! Seht nur, wie geſchickt her das Feuer anbläst— es iſt eine wahre Luſt zuzu⸗ ſchauen. Es thut mir ſehr leid, O'Mealey, daß Sie nicht bei uns in Torrijos ſind. Wir haben da recht an⸗ genehm gelebt und ein kleines Zehntſyſtem auf Geflügel, Schafe, Schweinsköpfe und Weinſchläuche eingeführt, das ſchon merkwürdig gediehen iſt. Doch, da iſt ja der Punſch— ſtell ihn hieher in die Mitte, Mickey; ſo 93 iſt's recht. Ihre Geſundheit Shaugh und O'Mealey— ich denke, jetzt will ich Euch eins ſingen.“ Was ſitzt ihr ſo ſtumm Um die Bowle herum? Wie Schnecken ſchleichen die Becher. Die Sorge verſink In die Boyle, ich trink Sie hinunter, ein luſtiger Zecher. „Ah das mundet! Ihr Burſche da, Mr. O'Maeley, hat ſehr verſtändige Anſichten über Punſch für eine kleine Geſellſchaft, und ſo wenig ich ſeine Vorurtheile in Be⸗ ziehung auf Tiſche, Stühle und dergleichen Dinge billigen kann, ſo iſt dies doch immer noch beſſer, als alle Tage, die Gott gibt, ſich mit den Franzoſen herum zu balgen.“ „Nicht wahr, Charley, es ſah doch neulich gegen drei Uhr verdammt kitzlich aus, als die Legion vor dieſer franzöſiſchen Colonne zurückwich?“ „Sie haben recht, aber doch hat gewiß jeder ein⸗ geſehen, daß die Verwirrung nur eine augenblickliche war; das tapfere Asſte war blitzſchnell da. „Ja, wahrhaftig, ihre Schnelligkeit kann ich bezeu⸗ gen, ſagte der Doktor, ‚ich wollte mich eben in der größten Eile zum Nachtrab begeben, als ein Adjutant rief: ‚die Cavallerie kommt, aufgepaßt asſtes! „Links ſchwenkt Euch, greift an!' erſcholl es von allen Seiten, und bald erblickte ich mich mitten in einem Carré, wo Sir Arthur ſelbſt, Hill und alle dieſe Herren ſtanden. Feſtgehalten jetzt, ſagte Hill, indem er an den Linien hinritt, während eine furchtbare Colonne von Kütraſſieren auf der Anhöhe zu unſerer Linken ſich for⸗ mirte. „Da kommen ſie! ſprach Sir Arthur, als die Fianfofßn einherrasten, ſo daß die Erde unter ihnen er⸗ zitterte. „Mein erſter Gedanke war; die Kerls ſind toll und 94 werden uns niederreiten, bevor wir ſte von ihren Thieren herabſchießen können; und wirklich richteten ſie in unſe⸗ rer erſten Reihe eine gewaltige Verheerung an, bis plötz⸗ lich Feuer kommandirt wurde und die ganze Spitze der Colonne wie eine Bombe auseinander platzte, ſo daß Mann und Roß auf dem Boden ſich wälzten. „Gut, ſehr gut!“ ſagte Sir Arthur, ſich gegen mich wendend, ſo kalt, als wünſchte er noch einen Löffel voll Sauce. „Süperb,“ antwortete ich, und um mich an Källe nicht überbieten zu laſſen, zog ich meine Doſe hervor, und bot ihm eine Priſe mit den Worten:„Ja, das iſt das Wahre, Sir Arthur; unſere eigenen Landsleute, die verſtehen's.“. Er lächelte grimmig, nahm eine Priſe und rief dann:„Sherbroke ſoll vorrücken! hierauf wandte er ſich wieder zu mir und ſagte: Wo ſind Ihre Leute, Oberſt?⸗ „Oberſt!“ dachte ich, ‚iſt's möglich, daß er mich befördern will?“ aber bevor ich antworten konnte, ſprach er bereits mit einem andern. Mittlerweile kam Hill heran, blickte mich ſcharf an und rief— „Was zum Teufel thun Sie hier, Sir, warum ſind Sie nicht bei der Nachhut?'. „So wahr ich lebe,“ antwortete ich, ‚ich beſinne mich ſchon lang, wie ich dahin kommen ſoll. Aber wenn Sie glauben, daß ich mich aus Stolz hier aufhalte, ſo täuſchen Sie ſich ſehr, denn ich wollte in dieſem Augen⸗ blick lieber bei den ſchuftigſten Gaſſenkehrern in Dublin, als hier unter dieſen hohen Herren ſeyn.“ ‚Sie würden dies für bloßen Spaß gehalten haben, wenn Sie jetzt gehört hätten, wie ſie alle zuſammen lachten, Hill und Cameron lauter als alle andern. „Wer iſt er? fragte Sir Arthur ſchnell. „Doktor Quill, Regimentsarzt vom 33ſten, wohin ich mich verſetzen ließ, um in der Nähe meines Bruders zu ſeyn, der im 32ſten iſt.“ ‚Ein Doktor, ein Chirurg! Dieſer Burſche ein 9³ Chirurg! Hol mich der Teufel, ich hielt ihn für den Oberſten Grosvenor. Gordon, man muß dieſen Dokto⸗ ren ihre ſchönen Federn ein wenig ſtutzen, ſonſt verwech⸗ ſelt man ſie immer mit dem Stabe. Sorgen Sie dafür beim nächſten Tagsbefehl.“ „Und wahrhaftig am andern Morgen ſtellten ſie uns blos und nackt hin, ſo daß die franzöſiſchen Scharf⸗ ſchützen es kaum mehr der Mühe werth finden werden, ihr Pulver an uns zu verſchwenden.“ „Maurice, Maurice,“ ſagte Shaugh mit einem Seufzer,„Sie ſind ein unverbeſſerlicher Burſche.“ „Zum Henker, wie könnte ich mich auch beſſern?“ antwortete der Doktor,„befinde ich mich nicht bereits auf der Höhe meiner Kunſt, ſo daß ich Nichts mehr zu erwarten oder zu hoffen habe? Aber wäre ich nur bei den leichten Jägern geblieben, was würde jetzt aus mir geworden ſeyn?“ „Demnach waren Sie nicht immer Doktor?“ fragte ich. „ Nein, gewiß nicht,“ antwortete er;„als Shaugh mich kennen lernte, war ich der Adonis der Roscom⸗ monmiliz und hatte mehr Erbinnen auf meiner Liſte, als irgend einer im Regiment; aber Shaugh und ich waren immer unglücklich.“ „Die arme Mrs. Rogers,“ ſagte der Major pa⸗ thetiſch, ſein Glas austrinkend und einen tiefen Seufzer ausſtoßend. „Ach ja, das liebe Herzenskind,“ verſetzte der Dok⸗ tor; und wäre nicht ein Krug Punſch dazwiſchen ge⸗ kommen, ſo würde unſer ganzes Schickſal ſich anders geſtaltet haben.“ „Sehr wahr, guter Maurice,“ ſagte O'Shaugneſſy. „Dieſe Geſchichte möchte ich doch hören,“ verſetzte ich, munter einſchenkend. „Er ſoll ſie erzählen,“ ſagte O'Shaugneſſy, ſeine Cigarre anzündend und ſich gedankenvoll an einen Baum lehnend;„er ſoll ſie erzählen.“ „Recht gern,“ verſicherte Maurice,„beauftragen 96 Sie Mr. Free nur, ſich unterdeß fleißig mit der Punſch⸗ bowle zu beſchäftigen, ſo will ich mit meinem Vortrag beginnen.“ Achtundſechzigſtes Kapitel. Des Doktors Erzählung.*) „Es ſind etwa fünfzehn Jahre— wenn ich nicht O'Shaughneſſy's Runzeln ſahe, würde ich glauben kaum fünf— als wir in Loughrea in Quartier lagen. Außer unſerem Regiment waren noch das öoſte und 7s8ſte nebſt einigen Compagnien berittener Artillerie da; die ganze Stadt war dadurch buchſtäblich in eine Kaſerne umge⸗ wandelt und, wie Ihr Euch leicht denken könnt, der amü⸗ ſanteſte Ort von der Welt. Alle jungen Ladies und auch ſolche, die längſt über ihren Frühling hinaus waren, kamen ſchaarenweiſe in die Stadt geſtrömt, weil ſie klüglich bedachten, man könne nicht wiſſen, ob nicht der Teufel irgend einen Dummrian von Fähndrich verführen möchte, ſie zu heirathen. „Solche Gaſtmähler, ſolche Soireen und Bälle waren im Weſten von Athlone nie erhört worden. Eine Luſtbarkeit ſchlug die andere, und wäre es nur auf gule *) Ich kann nicht zugeben, daß der Leſer in Betreff des wür⸗ digen Maurice demſelben Irrthum anheim fällt, wie mein Freund Charles O'Malley. Es wäre eine Bermeſſenheit. leugnen zu wollen, daß der Doktor in der folgenden Erzählung dem Dra⸗ goner einen Bären aufbinden will. Einen brävern, gutherzigern Kerl als Quill hat es nie gezeben, und ſeine Kameraden liebten ihn ebenſo ſehr wegen der vortrefflichen Eigenſchaften ſeines Ge⸗ müths, als ſie ſich an ſeinen geſelligen Talenten erbauten. Das liebſte Vergnügen war ihm, ir ſend eine Geſchichte oder ein Aben⸗ teuer zu erſinden, worin er ſelbſt nebſt einem Freunde die Haupt⸗ rolle ſpielte und Alles ſo klar und deutlich darzulegen wußte, daß man an der Wahrhaftigkeit des Ganzen nicht zweifelte. Von dieſer Art war die Verwandtſchaft, die er im letzten Kapitel mit O'Malley improviſirte, welcher unbedenklich Alles glaubte. Harry Lorrequer. 97 Bewirthung, herrlichen Claret, auf Contretänze und Küſſe Gunen here man hätte ſechs Meilen in der Runde keinen Junggeſellen mehr im rothen Rocke getroffen. „Sie kennen den Weſten, O'Mealey; ich brauche Ihnen alſo nicht zu ſagen, wie die Mädchen in Galway ſind. Hübſche, herzliche, ungenirte, ſchwatz⸗ und lach⸗ luſtige Geſchöpfchen, dabei aber tiefdenkend und ſcharf⸗ ſinnig wie ein Finanzminiſter, zu jedem luſtigen Schwank und Witz bereit, aber immer mit einem ſchlauen Seiten⸗ blick auf einen Heirathsantrag oder ſonſt eine zaͤrtliche Verbindung, in die man mit Hülfe der Hitze des Ball⸗ ſaales, des Whiskeyanguß, weißer Atlasſchuhe und eines Streites mit ſeinem Vormund leicht ger then kann, be⸗ vor man eine Woche in der gleichen Stadt mit ihnen zugebracht hat. „Weniger gefallen mir die Männer: ſie ſind aller⸗ dings fröhlich und heiter, wenn ſie einem den Rock vom Leibe wegkapern und für einen neuen Tilbury einen ſpathbehafteten Klepper oder einen baumwollenen Regen⸗ ſchirm aufheften können; aber wahre Teufel ſind fie, wenn man ihnen im mindeſten quer über den Weg kommtv; denn da heißt es im Augenblick: zehn Schritte und drei Schüſſe für jeden. Im Uebrigen ſind ſie doch angenehme, wohl unterrichtete und recht liebe Leute und wenn man ſie in ihren Nationalſitten nicht beläſtigte oder ſtörte durch Straßenbauten, Landtage, Juryprozeſſe und von Zeit zu Zeit eine Regierungskommiſſion, ſo wären fari großen Dingen fähig, worüber die Welt ſtaunen ollte. „Aber, wie geſagt, wir wurden nach Loughrea kom⸗ mandirt, nachdem wir fünfzehn Monate in Birr, Tulla⸗ more, Kilbeggan und ſolchen Gegenden gelegen hatten. Der Wechſel war alſo im höchſten Grade angenehm, und wir erblickten uns als den Mittelpunkt der ausge⸗ zeichnetſten und entſchiedenſten Höflichkeiten. Die Leute im Weſten waren ganz und gar nicht dumm und cal⸗ Lever, O⸗Malley. III. 7 kulirten ſo: die Linie iſt heute hier, morgen dort; in dieſer Woche liebelt ſie in Tralen, in der nächſten ſicht ſie am Tajo. Außerdem gab es noch ein Neuſchottland, ein St. John und hundert andere Plätze, von denen eine junge Galwayer Lady weiter Nichts wußte, als daß die Herren Kriegsmänner niemals zuruckkamen. Wozu konnte alſo ein Lievesverhältniß mit dieſem Mili⸗ tär führen, außer höchſtens zu ſehr kurzen, vorüberge⸗ henden Vergnügungen? Ganz anders verhielt es ſich mit uns Milizen: wir lagen entweder in Kilkenny oder in Cork. Wir wurden nicht mit auswärtigen Dienſten geplagt und konnten uns nicht mit Schauergemälden von den Kolonien wo die Offiziersfrauen Gefahr laufen, in Apweſenheit der Männer ſammt ihren lieben Kinderchen lebendig gebraten zu werden, vom Heirathen retten. Mit einem Wort, mein lieber O'Mealey, wir waren überall obenan, und auch unſerem Freund O'Shaughneſſy, trotz ſeinem rothen Kopf und ſeinen langen Beinen wurde ein reichliches Maß von Bewunderung zu Theil— nun, werden Sie nur nicht böſe, lieber Dan— die Männer wenigſtens waren ungemein für ihn eingenommen. „Inzwiſchen war Loughrea bei all ſeinen Annehm⸗ lichkeiten ein höchſt koſtſpieliges Pflaſter. Weiße Hand⸗ ſchuhe und Wagenmiethe— Privatequipagen gab es nicht in der Stadt— dazu ein Bischen Whiſt(Gott verzeih mir, wenn ich Ihnen Unrecht thue, aber ich bin noch nicht ganz mit mir im Reinen, ob ſie auch ehrlich waren), alles das koſtete Geld, und in demſelben Maß, wie unſere Popularität ſtieg, ſanken unſere Börſen, ſo daß zuletzt, als wir dort Flut hatten, hier völlige Ebbe eingetreten war. „Nun war das Roscommon ein ſchönes Corps— keine kleinlichen Eiferſüchteleien, kein Hader unter den Offtzieren, keine alberne Mißgunſt zwiſchen des Majors Frau und des Zahlmeiſters Schweſter— überall die Liebenswürdigkeit, Zuvorkommenheit und Freundlichkeit ſelbſt. Um nur einen einzigen ſchönen Zug anzuführen, 99 Keiner weigerte ſich je, den Wechſel eines Kameraden nn⸗ bedingt zu indoſſiren. Jede Erkundigung nach dem Betrag oder auch nur nach dem Zahlungstag wäre eine perſönliche Beleidigung geweſen, und ſo halfen wir denn einander gegenſeitig aus; der Oberſt zog auf mich, ich auf den Major, der älteſte Kapitän auf den Regimentsarzt u. ſ. w. — es war ein eigentliches Kreuzfeuer von Zahlungs⸗ verſprechungen, alle geſtempelt und rechtskräftig. „Nicht als ob dieſes Syſtem ohne ſeine kleinen Uebelſtände geweſen wäre, denn zuweilen ſchlug ein hart⸗ näckiger Schneider oder Schuſter wegen ſeines Geldes einen gewaltigen Spektakel auf, und dann kam es manch⸗ mal zu einem kleinen Streit zwiſchen dem Ausſteller und Empfänger des Wechſels, bis zuletzt ein beiderſeitiger Freund dem Gläubiger bedeutete, die geringſte Indelika⸗ teſſe von ſeiner Seite würde zu Blutvergießen führen; wollte dagegen, was nicht ſelten geſchah, auch dieſes Mittel zur Beſchwichtigung des Brummbären nicht ver⸗ fangen, ſo ſtellten ſich ſämmtliche Kameraden in die⸗Lücke. Trotz alledem waren die Geldverlegenheiten ſehr häufig, denn wir verſtanden uns ganz und gar nicht auf die edle Kunſt des Haushaltens. Unſere Kleider koſteten ſchwere Summen, nicht als ob viel Schnüre und Gold daran geweſen wären, aber allerhand nächtliche Unfälle, ſo wie verſchiedene Schwänke, die wir bei Tiſch aufführ⸗ ten, richteten ſie ſchnell zu Grunde. Auch unſere Wein⸗ rechnung wuchs zu einer ungeheuern Länge an, denn obſchon wir unſern Weinhändler häufig wechſelten und ſelten bezahlten, ſo war doch der Verbrauch ſchrecklich. „Nach dieſen Vorausſchickungen werden Sie ſich nicht wundern, wenn nach einem achtwöchigen Aufent⸗ halt in der Garniſon Shaugh und ich bei einer genauen Prüfung unſeres vereinigten Finanzweſens die Entdeckung machten, daß außer einigen unzuverläffigen Disconto⸗ verſprechungen da und dort in der Stadt und einer Baar⸗ ſchaft von ſieben Schillingen vier Pence unſere Schatz⸗ 7* ⸗ 1⁰⁰ kammer ſich im Zuſtande der troſtloſeſten Erſchöpfung befand. Dies war unangenehm; wir hatten uns beide auf allerlei kleine Plane zu vergnüglichem Zeitvertreib eingelaſſen und beſaßen jeder ein paar Jagdhunde, einen Wagen und eine laufende— man könnte ſagen galop⸗ pirende— Rechnung bei allen Kaufleuten und Hand⸗ werkern in der Stadt. „Laſſen Sie mich hier ein wenig einhalten, O'Mea⸗ ley, und etliche moraliſche Betrachtungen einflechten, die Ihnen zum Nutzen gereichen können. Haben Sie jemals die Beobachtung gemacht— doch nein, dazu ſind Sie noch zu jung und zu unbedachtſam— wie glücklicher⸗ weiſe jedes Klima und jeder Boden das eine oder das andere Gegengift für ſeine ſchadlichen Einflüſſe beſitzt? Die tropiſchen Länder haben ihre ſaftigen, ſchmackhaften Früchte, um uns zu kühlen und zu erfriſchen; die nörd⸗ lichen Breiten haben ihre Beſtien, deren Pelze und warme Felle uns vor Froſt hewahren, und eben ſo iſt es auch in Irland. Nirgends auf der ganzen bewohnbaren Erd⸗ kugel kann man ſo leicht Schulden machen, wie hier, aber auch nirgends, darauf will ich ſchwören, ſchält man ſich ſo bequem aus allen Verlegenheiten, die daraus erwachſen, los. Im Oſten haben Sie ihre Tiger, im Süden ihre Antilopen, in Norwegen ihre weiße Bären, in Amerika ihre Büffel, aber in Irland haben wir ein Thier, das alle genannten an Brauchbarkeit bei weitem übertrifft— es heißt der Landadvokat. „Ich will Sie einmal mit Mr. Matthew Donevan bekannt machen. Mat, wie er von ſeinen zahlreichen Bekannten vertraulich genannt wird, war ein kurzer, dicker, rothbackiger, kleiner Gentleman von vier oder fünfundvierzig Jahren, das kluge Haupt mit einer wohl⸗ gekräuſelten Perücke vom ſchönſten Kaſtanienbraun ge⸗ ſchmückt deren zarte, wogende Locken in kindlich lieblicher Un⸗ ſchuld die kleine, halbrundgewölbte Stirne umſpielten, und dadurch einen ſtarfen Contraſt bildeten, zu dem ſchlauen lauernden Ausdruck ſeines Auges und zu einem 101 gewiſſen nisi prius Lachen, das zwar bei ſeinen Clien⸗ ten höchſt ſelten aber bei deſſen Gegner eine angenehme Empfindung hervorrufen mochte. „Mat war eine Notablität in ſeiner Art: unergründ⸗ lich, verſchlagen und liſtig im ganzen Bereich ſeiner Berufs⸗ geſchäfte, ſpielte er dabei den heitern Geſellſchafter. Er Liebte ein fröhliches Mahl in Browns Hotel, ging zwanzig Meilen weit, um ein Kirchthurmrennen zu ſehen, wettete, wenn er Ausſicht auf Gewinn hatte, ſehr gerne, und zwar mit einer gewiſſen muntern Gleichgültigkeit in Beziehung auf Geld, ſo daß man ihn, im Fall er ge⸗ wann, für das Opfer ſeines guten Glückes hätte balten ſollen. Daer eine recht vergnügliche Junggeſellenwirthſchaft führte und das Militär ſehr liebte, ſo wurden wir bald mit einander bekannt. Auf ihm nun ruhten, aus Gründen, die ich nicht erklären kann, unſere beiderſeitigen Hoff⸗ nungen; denn Shaugh und ich vereinigten uns ſogleich dahin, daß, wenn Mat uns nicht helfen könne, der Fall wirklich ſehr ſchlimm ſeyn müſſe. „So wurde denn ein artiges Briefchen zuſammenge⸗ ſchmiedet, worin wir den würdigen Anwalt zu einem kleinen Mahl um fünf Uhr einluden und nebenbei be⸗ merkten, wir werden vollkommen allein ſeyn und haben ein Geſchäftchen mit ihm abzumachen. Mat ſtellte ſich pünktlich ein, und gleich als hätte er augenblicklich errathen, daß es diesmal keine bloße Luſtpartie gelte, paßte ſein ganzes Ausſehen und Benehmen vortrefflich zu der Sache— er war geſetzt, ſogar etwas gedrückt und lauerte. 4 „Nachdem der Claret vom Whiskey verdrängt wor⸗ den und die Stunde traulicher Herzensergießung gekom⸗ men war, brachten wir durch eine gewandte Anſpielung auf irgend eine bedeutende Wette, welche obſchwebte, un⸗ ſere Finanzen aufs Tapet. Das Ding ging ganz gut; es war eine leichte Adagiobewegung, kein gewaltſamer Uebergang; aber ich will mich hängen laſſen, wenn der ⸗ 10² alte Mat nicht im Augenblick begriff, wo das Ganze hinaus wollte. „Alſo da fehlts, Kapitän,“ ſagte er mit ſeinem eigenthümlichen Grinſen; ‚zwei Schillinge und ſechs Pence für das Pfund und keine Concursmaſſe. „„Errathen, alter Knabe,“ rief Shaugh auf einmal mit der ganzen Wahrheit herausplatzend. Der ſchlaue Advokat trank langſam, als wolle er Zeit zum Nach⸗ denken gewinnen, ſein Glas aus, ſchmatzte vorbereitend mit den Lippen und ließ dann ſeine ſtechenden grünen Augen ſchnell und ſcharf im Zimmer umherlaufen. „Sie haben einen recht hübſchen Klepper, den klei⸗ nen mauſefarbenen, freilich etwas ſatteltief, vielleicht auch Anlagen zum Spath im einen Hinterfuß. Sie haben fünfundzwanzig Guineen dafür gegeben, nicht wahr? „Sechszig Guineen, ſo wahr ich Dan heiße,“ rief Shaugh, ganz und garrnicht erfreut über die Abſchätzung ſeines Pferdes; ‚was aber den Spath oder die Sattel⸗ tiefe betrifft, ſo wette ich die doppelte Summe, daß ſich von beiden nicht die mindeſte Spur vorfindet.“ 3 „ ‚Ich wette nicht, entgegnete Mat trocken; ‚das Geld iſt heut zu Tage rar.“ „Dieſe Andeutung brachte uns beide zum Schwei⸗ gen und unſer Freund fuhr fort: „Dann iſt noch der Braune da, zu plump und zu langbeinig für einen Tilbury; die Jagdhunde haben hier keinen Werth, denn ſie kennen die Gegend nicht; übri⸗ gens die Piſtolen ſind recht hübſch und auch der Tilbury iſt nicht übel.“ „Zum Teufel,“ rief ich, alle Geduld verlierend,„wir haben Sie nicht erſucht, unſere Mobilien zu taxiren, ſondern auf an ere Art Rath zu ſchaffen.“ „Ich ſeh' es wohl,’ ſagte Mat, ſehr gemächlich eine Priſe nehmend;, ich ſeh' es wohl, aber das iſt ſchwer, gerade jetzt ſehr ſchwer. Ich habe bereits jeden Jauchert Landes in den beiden benachbarten Grafſchaften verpfändet, und 1⁰³ es ſind auf dieſe Weiſe keine ſechs Pence mehr zu erobern. Haben Sie Glück beim Wettrennen?“ „Noch nie einen Pfennig gewonnen.“ „„Wie ſtehts mit dem Whiſt?“ „„Da bin ich ebenfalls fein Held; werde von mei⸗ nem Mitſpieler immer in die Hölle verflucht.“ „„Das iſt ſehr ſchlimm, denn ſonſt wollten wir ſchon etwas für Sie ausfindig machen. Jetzt ſehe ich nur einen einzigen Ausweg; Sie muſſen heirathen. Eine Frau mit etwas Geld wird Sie aus Ihren Ver⸗ legenheiten retten, und wir können dies leicht einrichten.“ „„Heda Dan,“ rief ich, denn Shaugh wollte ſchon einnicken; ‚munter, alter Burſche: Donevan weiß ein Mittel, uns wieder flott zu machen, ein Mädchen mit vierzigtauſend Pfund, die beſte Rebhühnerjagd in Ir⸗ land, eine alte Familie, ein herrlicher Keller, Alles er⸗ wartet Sie! Wachen Sie doch auf. „Ich bin ja ganz munter,“ ſagte Shaugh mit ei⸗ nem Blick, der ſchlau ſeyn ſollte, in der That aber blos ſehr benebelt war. „„Von den perſönlichen Reizen der Lady, fuhr Mat fort, ‚kann ich freilich nicht viel ſagen, Kapitän; auch habe ich die Summe gerade nicht ſpecificirt, aber Mrs. Rogers Dooley von Clonakilty könnte für eine Prinzeſſin gelten.— „„ Und das ſoll ſie auch werden, Mat. Die Shaugh⸗ neſſy waren zu Neros Zeiten Könige von Ennis, und ich warte blos auf ein Bischen Geld, um den Titel auffriſchen zu laſſen.— Wie heißt ſie?⸗ „Mrs. Rogers Dooley.⸗ „Hier ein Glas auf ihre Gefundheit und auf daß ſie lang lebe auf Erden. Mög der Teufel allen ihren Fein⸗ den die Zehen abſchneiden, damit man ſie an ihrem Hinken kennt.“ „Nachdem er dieſen wohlwollenden Wunſch ausge⸗ ſprochen, legte ſich Dan auf den Kaminteppich und ſchlief ſanft und ſelig weiter. Doch ich will mich kurz 1⁰4 faſſen. Ehe wir uns trennten, hatten Mat und ich eine halbe Galone Loughrea Whiskey geleert und einen Ver⸗ trag über Hand und Vermögen der Mrs. Rogers Dooley abgeſchloſſen. Ihm ſelbſt wurde ein ſehr hüb⸗ ſcher Procent zugeſichert, der Lady aber die Wahl zwi⸗ ſchen Dan und mir freigeſtellt, obſchon ich entſchloſſen war, alle Anſprüche an meinen begünſtigtern Freund ab⸗ zutreten. „Das Erſte, was ſich am folgenden Morgen mei⸗ nen umwölkten, von Kopfweh getrübten Blicken darbot, war eine ungeheure Einladungskarte von Mr. Jonas Malone, der ſich für den nächſten Abend zu einem Ball das unendliche Glück meiner Gegenwart erbat. Am Rande des Billets ſtanden von Donnevans Hand geſchrie⸗ ben, die Worte. „Stellen Sie ſich pünktlich ein; Sie wiſſen, wer kommen wird. Ich bin inzwiſchen nicht unthätig gewe⸗ ſen., Will der Kapitän fünfundzwanzig für ſeinen Klep⸗ per?“" „So weit wäre Alles gut, dachte ich und ging zu O'Shaughneſſy, der gleichfalls eine Einladung, jedoch ohne Nachſchrift, zu entziffern bemüht war. Wir vereinigten uns bald dahin, daß Mat ſeine Belohnung haben müſſe, ſchickten daher eine höfliche Antwort auf die Einladung und einen noch höflicheren Brief an den Advokaten ab, den wir erſuchten, ſich als geringfügigen Beweis unſerer Dankbarkeit das mauſefarbige Pferd gefallen zu laſſen. Hier ſeufzte O'Shaughneſſy tief und noch die Erin⸗ nerung daran ſchien ihm nahe zu gehen. „Ei, Dan, die Aſicht war wenigſtens gut. Hören Sie weiter, O'Mealey, wie die Sache angegriffen wurde. Wir gingen alſo wirklich auf den Ball und bekamen da etwas Großartiges zu ſehen. Zweihundert und fünfzig Seelen in einer Stube, die kaum für fünfzig Platz hatte! das war ein Lachen, ein Drängen, ein Händedrucken, ein Taillepreſſen, ſo daß man ſich nichts Schöneres wün⸗ ſchen konnte; oben aber ein Gewühl und ein Lärm— —— 10⁵ vier Geigen, ein Waldhorn und ein Dudelſack, welche ſpielten: Raſch zur Hochzeit! während das Geklapper der Präſentierteller, Füßegeſtampfe und luſtiges Geſchrei auf allen Seiten accompagnirten. 5 „Man mag ſagen was man will, blos in Irland haben die Leute Sinn für Schwänke und Vergnügungen; Alt und Jung, luſtige Vögel und griesgrämige Käuze ver⸗ einigen ſich zu einem lebhaften Contretanz, und ſo ſchlecht ſie auch zuſammenpaſſen mögen, ſo humpeln ſie doch, aufgemuntert von den ſchnarrenden Töͤnen einer elenden Muſik, unverdroſſen dahin, bis ihnen von all dem Ge⸗ töſe und der Hitze die Köpfe ſo ſchwindlig werden, als hätten ſie zu tief ins Glas geſehen. „Und dann herrſcht hier überall ein ſo ungenirter, zwangloſer Ton vor; dort hüpft zierlich ein Pärchen aus dem Ballſaal, um friſche Luft zu ſchöpfen auf der Treppe, die zum großen Theil bereits mit verſchiedenen Gruppen in ähnlichen Abſichten beſetzt iſt; hier tölpelt ein poltern⸗ der alter Gentleman mit einer kaum der Penſion ent⸗ wachſenen Tänzerin auf ein Looſpiel hinein, wirft Karten und Marken über den Haufen, und zieht ſich unzählige Flüche zu. Dort ſammelt ſich ein luſtiges Geſellſchäft⸗ chen um die Tiſche mit Erfriſchungen und führen ſich dieſelben mit großem Vergnügen zu Gemüthe; denn ſie beſtehen in nichts Geringerem als ſtarkem Negus und Blitzkuchen; zu gleicher Zeit hört man von allen Seiten her luſtige Geſchichten, Schwänke und Witze erzählen, worüber die drolligen Bedienten und Mägde, die an der Thüre ſtehen, eben ſo vergnügt auflachen wie ihre Her⸗ ren und Herrinnen. „Wir fanden bald Mrs. Rogers auf, die in der Mitte eines ſehr hohen Sophas ſaß, ſo daß ſie mit ihren Fü⸗ ßen kaum den Boden berührte. Sie war klein, fett, trug ihr Haar garbenweiſe zuſammengebunden, hatte einen glänzenden gelben Teint und eine etwas aufgeſtülpte Naſe, was Alles zuſammen kein ſonderlich einnehmendes Ge⸗ ſammtbild abgab. Shaugh und ich waren inzwiſchen zu 106 tief in der Klemme, um die Skrupulöſen zu ſpielen, und ſo tanzten wir abwechſelnd zwei Stunden lang mit ihr,⸗ während der kleinen Pauſen aber ſetzten wir ihr ſehr flei⸗ ßig mit Negus zu. „Endlich wurde das Eſſen angekündigt und ſetzte uns in den Stand, für neue Anſtrengungen friſche Kräfte zu ſammeln. Nach einem kaum glaublichen Verbrauch von Geflügel, Taubenpaſteten und eingemachten Kirſchen erheiterten ſich auch wirklich die angenehmen Züge un⸗ ſerer Donna, und ſie ſprach den Wunſch aus, wieder zu tanzen. Was uns betraf, ſo thaten wir, theils aus Erſchöpfung, theils um unſere Energie zu erhöhen, einigermaßen auch um unſer Bewußtſeyn zu betäu⸗ ben, einen ſehr tiefen Trunk, und als wir in den Saal zurückkamen, ſchienen nicht blos die liebenswürdigen Gäſte daſelbſt, ſondern auch die Möbel, die ehrwürdigen Stühle und der ſteife alte Sopha den Sir Noger de Coverley aufzuführen. Wie wir uns bis fünf Uhr Morgens wei⸗ ter plagten, dafür mögen unſere Krämpfe zeugen; denn wir mußten beide zehn Tage nachher das Bett hüten. Inzwiſchen ſchien Mrs. Rogers endlich anzubeißen: ſie lehnte ſich graziös an einen Fenſterſitz, erklärte den heu⸗ tigen Ball für einen höchſt eleganten und bat mich zu⸗ letzt, nach ihrem Shawl zu ſehen. Waͤhrend ich mit ihrer Haube auf dem Kopf und einer Menge Kleidungs⸗ ſtücke, womit man ein halbes Magazin hätte ausrüſten können, in den Armen, die Treppe hinabſtieg, ſchrie Shaugh auf der Straße ſich heiſer nach dem Wagen ſei⸗ ner Auserkorenen. „Wahrhaftig, Kapitän,“ ſagte die Lady mit einem zärtlichen Schielen;„es iſt blos ein Tragſeſſel.“ „Und da ſteht er,“ rief ich, auf eine ſehr ſtattliche, neu angeſtrichene und lackirte alte Sänfte zeigend, welche die halbe Halle verſperrte. „Sie werden ſich erkälten, mein Engel,“ flüſterte Shaugh, der inzwiſchen Rieſenſchritte in der Vertrau⸗ lichkeit gemacht hatte;„ſteigen Sie ſchnell ein. Maurice, 107 können Sie die Burſche nicht auffinden 2“ fuhr er gegen mich fort, denn die Träger waren hinabgegangen und machten ſich luſtig mit dem Geſinde. „Drinnen waͤre ſie,“ ſagte ich, die Thüre ſchließend; „laſſen Sie uns nun unſerer Galanterie die Krone auf⸗ ſetzen und ſie ſelbſt nach Hauſe tragen.“ Shaugh hielt dies für einen eminenten Einfall, wir ergriffen ſogleich die Stangen und machten uns unter einem ſchallenden Gelächter vom ganzen Haufen der Bedienten und Mägde auf den Weg. „Das große Haus mit den Bogenfenſtern und den Pfeilern, Herr Kapitän,“ ſagte ein Burſche, als wir unſern Marſch antraten. „Ich weiß es,“ antwortete ich,„links um die Ecke hinum.“ „Iſt ſie nicht verdammt ſchwer?“ meinte Shaugh, während er ſich mit einer ſchaukelnden Bewegung, die unſerm ſchönen Paſſagiere innen etliche Begriffe von einer Seereiſe beigebracht haben muß, durch die engen Straßen hindurch ſchlängelte. Die Art, wie wir unſere Schöne weiter ſchafften, war in der That nicht die regel⸗ mäßigſte, denn bald ging es im Zickzack einher, bald ſchlugen wir einen ſcharfen Trab an, und dann hielten wir wieder plötzlich ſtille und ſchleuderten dann die Ma⸗ ſchine an eine Wand, um ein wenig Athem zu ſchöpfen. „Wohin jetzt?“ rief Shaugh, als wir um die Ecke ſchwenkten und auf den großen Marktplatz kamen,„ich werde nachgerade furchtbar müde.“ „Geben Sie nicht nach, Dan; denken Sie an Clo⸗ nakilty und an die Alte ſelbſt;“ mit dieſen Worten gab ich der Sänfte einen Stoß, der unſere ſchöne Freundin in Staunen verſetzt haben muß, denn auf einmal erhob ſich jetzt ein ſehr klägliches Geſchrei. „Rechts, Geſchwindſchritt, marſch!“ rief ich, und in ſcharfem Trab ſetzten wir eine ſteile enge Gaſſe hinab. „Da find wir: Gott ſey Dank, es iſt Licht im Fenſter.“ 1⁰8 „Als ich dies ſagte, waren wir vor einem ſchönen, ſtattlichen Thorweg mit großen Steinpfeilern und Kar⸗ nieſen angelangt. „Jetzt müſſen wir uns im Hauſe umſehen,“ meinte Shaugh,„und die Lady hineinbringen.“ Mit dieſen Worten drangen wir vorwärts, denn die Thüre war offen, und traten keck in eine große Halle, die kalt und finſter war, wie die Nacht ſelbſt „Wiſſen Sie auch gewiß, daß wir auf dem rechten Weg ſind?“ fragte Shaugh. „O freilich,“ antwortete ich,„nur vorwärts.“ „Wir gingen alſo weiter und kamen endlich vor ein kleines Licht, das in einiger Entfernung trübe brannte. „Auf das Licht zu,“ ſagte ich; aber gerade in die⸗ ſem Augenblick mußte Shaugh ausgleiten und ſeiner ganzen Länge nach auf die Platten fallen. Das Geräuſch ſeines Sturzes erweckte hundert Echo's in dem ſtillen Gebäude, ſo daß wir beide über alle Maßen erſchracken; nach einer kurzen Pauſe aber machten wir beide zugleich rechts um und rannten nach der Thüre, obſchon wir faſt bei jedem Schritte purzelten. Endlich kamen wir doch glücklich bis zur Halle hinausgeſtolpert und zuletzt auch auf die Straße, allein wir ſchöpften nicht eher Athem, bis wir uns in der Kaſerne wußten. „Inzwiſchen laſſen Sie uns zu Mrs. Rogers zurück⸗ kehren Die theure alte Lady, die ſeit dem Ball eine ſchreckliche Zeit durchgemacht, hatte ſich eben aus einer Ohnmacht erholt, als wir Ferſengeld gaben. Jetzt fing ſie an aus voller Kehle zu kreiſchen, und nach verzweif⸗ lungsvollen Anſtrengungen gelang es ihr auch, die Thüre ihres Käfigs zu ſprengen. Langſam tappte ſie im Dun⸗ keln umher, um ſich einen Weg zu ſuchen, bis endlich ihr Jammergeſchrei von außen gehört wurde und der alte Sakriſtan der Kapelle— denn in eine ſolche hatten wir die liebe Frau gebracht— erwachte. Vorſichtig ſchlich er mit einem Lichte herein, aber kaum hatte er die große ſchwarze Portchaiſe und die Figur daneben er⸗ 1⁰9 blickt, als er gleichfalls das Haſenpanier ergriff und wie toll zu dem Pfaffen rannte. 1 „Hochwürdiger Herr,“ rief er,„um Gotteswillen kommen Sie; ich habe ihn mit meinen eigenen Augen geſehen. Ach du lieber Gott im Himmel!“ „Was hat Er ſchon wieder, Er alter Narr?“ er⸗ wiederte M'Kenny. „Ach, hochwürdiger Herr, der Vater Con Doran, der in der letzten Woche begraben worden iſt, ſteht jetzt wieder ſammt ſeinem Sarge lebendig in der Kirche und liest wie früher die Mitternachtsmeſſe.“ „Die arme Mrs. Rogers, Gott helfe ihr! es war ein qualvoller Augenblick für ſte, als der Pfaffe mit zwei Adjunkten, nebſt drei Chorknaben und dem Kuſter heran⸗ kamen, um ihren Geiſt zu beſchwören; man ſagt, ſie habe ſich von dieſem Stoß nie ganz erholen können. „Muß ich noch hinzufügen, mein lieber O'Mealey, daß unſere Bekanntſchaft mit Mrs. Rogers auf dieſe Art ein ſchnelles Ende fand? Die gute Frau hatte ſpä⸗ ter einen ſehr harten Stand deßhalb: ihre Ehre wurde von allen ältlichen Ladies in Loughrea angefochten, weil ſte in unſerer Geſellſchaft davon gelaufen ſey, und ihr blaues mit Scharlach geſäumtes Atlaskleid war grundlich ruinirt durch eine Sündfluth von Weihwaſſer, das der fromme Küſter über ſie ausgegoſſen hatte. Vergebens ſprengte ſie zwanzig verſchiedene Gerüchte aus, um die Welt zu myſtificiren, ja ſogar, als ſie zehn Pfund ſtiftete, um für die ewige Ruhe des Vaters Con Doran Meſſen zu leſen, wurde das Gelächter über dieſen unſeligen Handel nur noch ärger. Wir unſerſeits ließen uns in die Linie ver⸗ ſetzen; Dienſte in fremden Ländern befreiten uns bald von der Heuſchre ckenſchaar unſerer Brummer, wir kamen bald wieder auf einen grünen Zweig und mieden von Stund an jede ſchlechte Geſellſchaft.“ Der Tag brach an, ehe wir uns trennien, und in⸗ 110 8 mitten der Wohlgerüche, die aus der Erde aufſtiegen, drangen die Strahlen der aufgehenden Sonne allmälig auf uns herein. Meine beiden Freunde kehrten nach Torrijos zurück, ich aber zog mit meinen Reitern keck an den Ufern des Alberche weiter. Es war auffallend, daß, obſchon nur zwei Tage vorher die ganze franzöſiſche Armee auf ihrem Rückzug dieſen nämlichen Weg gemacht hatte, nicht die mindeſte Spur von Bagage oder ſonſtigem Material zu erblicken war. Vergebens durchſuchten wir jedes Dickicht am Wege, ob nicht ein müder Nachzügler, irgend ein Ver⸗ wundeter zu finden ſey; wir bekamen nirgends Etwas zu Geſichte. Außer den tief eingeſchmttenen, durch die ſchwe⸗ ren Räder der Artillerie zerriſſenen Straßen und der weißlichen Aſche eines Holzfeuers war keine Spur von ihrem Marſch zu entdecken. Unſer Ritt war etwas langweilig; kein Menſch be⸗ gegnete uns; die Häuſer ſtanden leer, die Thüren offen, kein Rauch wirbelte aus den verlaſſenen Kaminen em⸗ por; die Bauern hatten ſich in's Gebirge geflüchtet, und obſchon die Ebenen im reichen Gold einer geſegneten Ernte prangten und die Pfirſiche lockend von den Bäu⸗ men herabhingen, ſo war doch alles öde und verlaſſen. Ich hatte ſchon oft ſchwarze Wände und eingefallene Dachſvarren, die Spuren wilder Rachſucht und ruͤckſichts⸗ loſer Plünderung einer zurückweichenden Armee geſehen; zerſtörte Schlöſſer und zertrümmerte Altäre find ein höchſt trauriger Anblick; aber noch weit tiefer fühlte ich mich niedergedrückt, als mein Auge über die weiten Thäler und praͤchtigen Hügel, alle duftend von üppiger Schönheit und Fruchtbarkeit, dahinſchweifte und nicht ein einziger Mann zu erblicken war, der ſagen konnte: das iſt meine Heimath, dies ſind die Penaten meines Hauſes. Die Voͤgel zwitſcherten luſtig in allen Büſchen, der glänzende Strom brauste munter zwiſchen den Fel⸗ ſen hindurch; das hohe Korn bewegte ſich ſanft im Winde und ſchien in das liebliche Concert einſtimmen zu wol⸗ 111 len, aͤber keine menſchliche Stimme weckte die Echos. Es war, als ob die Erde dankbar zu ihrem Schöpfer emporbetete, während der Menſch, der undankbare, ſchänd⸗ liche Menſch, ſeinen Pfad der Verwüſtung und Zerſtö⸗ rung fortſetzte und fein Weſen übrig ließ, welches ſagen konnte: Herr, ich danke Dir für Alles das. Der Tag neigte ſich zu Ende, als wir nahe am Alberche die Wachfeuer des Feindes zu Geſicht bekamen. So weit das Auge reichen konnte, dehnten ſich ſeine Colonnen aus, aber wir vermochten im trüben Zwielicht Nichts deutlich zu erkennen. Dennoch ſchloß ich aus der Stellung der Artillerie und dem unaufhoͤrlichen Getöͤſe der Bagage und anderer ſchwerer Wagen, daß ein wei⸗ terer Rückzug beabſichtigt werde. Am Ufer des Fluſſes ſtand ein Piket leichter Reiterei und ſchien voll Eifer umher zu ſpähen.. Wir ſchlugen unſer Bivouac in einem dichten Fich⸗ tengehölze, den feindlichen Vorpoſten gerade gegenuͤber, auf und brachten hier die Nacht zu, die glüͤcklicherweiſe warm und hell war; denn wir wagten es nicht, Feuer anzuzünden, um keine Aufmerkſamkeit zu erregen. Manche lange Stunde lag ich geduldig da und über⸗ wachte die Bewegungen des Feindes, bis die dunkeln Schatten der Nacht Alles vor meinen Blicken verhüllten; aber auch dann noch lauſchten meine Ohren auf jeden Ruf der Schildwachen und Patrouillen, meine Gedanken hafteten an Allem, was wohl im Lager vorgehen könnte; und hundert wilde Zukunftsphantaſien gaukelten an mir vorüber, hervorgerufen durch das einfache Knacken eines Musketenſchloſſes oder das rauhe Werda einer Patrouille. Gegen Morgen ſchlief ich ein, und als der Tag anbrach, war mein erſter Blick nach dem Fluſſe hin gerichtet, aber die Franzoſen waren fort, geräuſchlos und ſchnell. Wie ein Mann war die gewaltige Armee aufgebrochen und eine dichte Staubwolke bezeichnete allein die lange Marſchlinie, auf welcher die Legionen ſich zurückzogen. Meine Sendung war ſomit erfüllt; ich nahm jetzt 2 11¹² nur noch in aller Schnelligkeit das beſcheidene Frühmahl ein, das mein Freund Mickey mir beſorgte, und brach dam von Neuem auf, um in's Hauptquartier zurückzu⸗ kehren. Neunundſechzigſtes Kapitel. Das Scharmützel. Mehrere Monate nach der Schlacht von Talavera bot mein Leben Nichts dar, was einer Aufzeichnung würdig wäre. Das Glück ſchien uns verlaſſen zu haben, als unſere Hoffnungen am höchſten geſtiegen waren; denn unmittelbar nach jenem glänzenden Siege begannen wir unſere rückgängige Bewegung gegen Portugal hin. Hart gedrängt von überwältigenden Maſſen, ſahen wir die Feſtungen Ciudad⸗ Rodrigo und Almeida nach einander in die Hände der Franzoſen fallen. Die Spanier wurden in jeder Schlacht, welche ſie wagten, beſiegt, und unſere eigenen Truppen, gelichtet durch Krankheit und Deſer⸗ tion, bildeten nur noch den Schatten jener Armee, die vor wenigen Monaten die zurückweichenden Franzoſen bis über die Grenzen Portugals hinaus verfolgt hatte. So ſehr ich nun geneigt bin— und wer wollte ſich wohl deſſen weigern?— das Genie und die kluge Um⸗ ſicht des großen Mannes anzuerfennen, welcher damals die Geſchicke der Halbinſel in ſeinen Händen hielt, ſo bekenne ich doch, daß ich die beſtändigen rückgängigen Bewegungen unſerer Truppen nicht begreifen und no weniger mich mit ihnen zufrieden geben konnte. Während die Worte Torres Vedras mir nur den letzten Ruhepunkt vor der Einſchiffung bedeuteten, ſchwebte mir ietzt beſtän⸗ dig das traurige Schickſal von Corunna vor Augen, und mit düſterem, verzagtem Gemüthe ging ich meinen täg⸗ lichen Pflichten nach. War in dieſen langweiligen Monaten mein Leben 113 arm an Seenen von aufregendem Intereſſe oder an Aben⸗ teuern, ſo fehlte es mir doch nicht an allerlei nützlicher Thätigkeit. Beſtändig auf Vorpoſten beſchäftigt, lernte ich die eigentlich rauhe Seite des Soldatenlebens kennen und erwarb mir in der allerbeſten Schule jenen ſchwei⸗ genden Gehorſam, welcher allein den Subalternofftzier heranbilden und zuletzt zu ſelbſtſtändigem Commandiren befähigen kann. Dieſe beſcheidene, anſpruchsloſe Laufbahn fand gele⸗ gentlich auch ihre Belohnung. General Crawford ge⸗ dachte meiner mehr als einmal ſehr ehrenvoll in ſeinen Depeſchen, und auch Sir Arthur Wellesley ſelbſt war ich nicht unbekannt. So unbedeutend und vorübergehend ſolche Anerkennungen waren, ſo bildeten ſie doch den Stolz und Ruhm meines Daſeyns, und noch jetzt— ſoll ich es geſtehen?— jetzt da ſchon allerhand graue Haare ſich mit den braunen vermiſchen, jetzt da mein pollternder alter Dragonerſchritt ſich nach und nach zu einem beſcheidenen, an halben Sold erinnernden Geſchlen⸗ ker ermäßigt hat, geht mir das Herz auf bei dieſer Er⸗ innerung. Lächle wer will, über dieſes Bekenntniß. Ich kenne Nichts, was der Erinnerung in alten Tagen würdiger wäre, als die Dinge, die uns in den Tagen der Jugend Freude gemacht haben. Mit dem Andenken an die freund⸗ lichen Worte, die einſt geſprochen worden, ſtellen ſich auch die noch freundlicheren Blicke dem Sprechenden wieder ein, und was noch mehr iſt, als dies Alles, jenes freudige Hochgefühl der aufkeimenden Mannheit kehrt zurück, wo man weder Furcht noch Argwohn kannte. Ach, ſolche Erinnerungen laſſen uns die Bürde des hohen Alters erſt recht ſchmerzlich empfinden, weit herber als ſchwache Augen und ſchlotternde Beine. Ach, daß man dieſen Glauben, dieſe Zuverſicht, dieſe Hoffnung nicht bewahren kann!. Doch zu meiner Geſchichte zurück. Während Eindad⸗ Lever, O'Malley. III, 8 —— 114 Rodrigo ſich noch immer gegen die Belagerer hielt, ob⸗ ſchon ſeine zerſchoſſenen Mauern und zerlöcherten Wälle bereits deutlich genug die Unvermesdlichkeit ſeines Schick⸗ ſals verkündeten, wurden wir zugleich mit dem 16ten leichten Dragonerregiment nach Gallegos beordert, um Crawfords Diviſion zu verſtärken, welche damals ein Beobachtungscorps gegen Maſſena bildete. Die Stellung, die er einnahm, war eine höchſt gebieteriſche— die Krone eines langen, mit Fichten und Korkbäumen bewachſenen Bergrückens gab die beſte Ge⸗ legenheit zu Bewegungen der leichten Infanterie, und die ſanften Abſteigungen gegen die Ebene hin boten, ein geeignetes Feld für die Mandͤver der Reiterei dar. Unten in der unabſehbaren Ebene lagerten die trotzigen Legionen Franfreichs, ihre ſchwere Artillerie gegen die zum Sturz verurtheilte Feſtung aufgepflanzt, während Schaaren ihrer Reiterei in übermüthigem Spott auf ünſere Unthätigkeit, luſtig ihre Roſſe vor uns her tummelten. Jeden Kunſtgriff, den ihm ſeine angeborne Schlau⸗ heit eingeben konnte, jede Schmähung, die nur in einem franzöſiſchen Wörterbuche ſteht, hatte Maſſena ange⸗ wandt, um Sir Arthur Wellesley zur Unterſtützung der belagerten Feſte herbeizulocken, aber vergebens. Ver⸗ gebens ließ er im Eifer der Belagerung nach und ſtellte ſich fahrläßig. Vergebens erklärte er in ſeinen Prokla⸗ mationen, die Engländer ſeyen entweder feige Memmen oder Verräther an ihren Verbündeten. Der Mann, den er mit ſolchen Waffen angriff, war weder für Drohungen, noch für Spöttereien zugänglich. Geduldig wartete er ſeine Zeit ab, beobachtete den Fortgang der Ereigniſſe und bahnte jene Zukunft an, welche die Waffen ſeines Landes mit Erfolg, ihn ſelbſt mit unverwelklichem Ruhme krönen ſollte. Von ganz anderer Gemüthsart war der General, unter deſſen Befehle wir jetzt zu ſtehen kamen. Hitzig, leidenſchaftlich und ungeſtüm, mehr auf kühnen, waghal⸗ ſigen Heroismus, als auf kalte Ueberlegung und wohl⸗ 118 gereifte Plane ſich verlaſſend, empfand Crawford in dem Kriege die ganze Aufregung und Bitterkeit eines per⸗ ſönlichen Streites. Unfähig, den höhniſchen Ton des argliſtigen Franzmannes zu verdauen, lechzte er nach einer Gelegenheit zur Schlacht, und ſein ſtolzer Geiſt empörte ſich gegen die kälteren Anſichten ſeines Vorge⸗ etzten. nß Am Morgen, da wir bei ihm eintrafen, brachten die Pikets die Nachricht, franzöſiſche Patrouillen kommen bei Nacht in die von unſern Vorpoſten beſetzten Dörfer und verüben da die ſchrecklichſten Grauſamkeiten an den unglücklichen Einwohnern. Aufgebracht über dieſen fre⸗ chen Uebermuth, beſchloß unſer General, die Plünderer aufzuheben und bildete zu dieſem Behuf zwei Hinterhalte. Sechs Schwadronen vom l4ten wurden nach Villa del Puerco und drei vom 16ten nach Baguetto abge⸗ ſchickt, während etliche Compagnien vom 95ſten und die Cacadores, unterſtützt von Artillerie, in Reſerve bleiben ſollten, denn die Hauptmacht des Feindes ſtand in ge⸗ ringer Entfernung von uns. Eben brach der Morgen an, als ein Adjutant her⸗ beigeſprengt kam, mit der Nachricht, die Franzoſen ſeyen in der Nähe von Villa del Puerco geſehen worden, ein Corps Infanterie und etwas Reiterei ſey über die Ebene gezogen und in jener Richtung verſchwunden. Während unſer Oberſt uns formirte, in der Abſicht, ſich zwi⸗ ſchen dieſen Trupp und das Hauptcorps zu werfen, hörten wir im Walde hinter uns Hufſchläge, und nach einigen Minuten kamen zwei Oſſiziere zum Vorſchein. Der vorderſte, ein kleiner, aber kräftig gebauter Mann von etwa vierzig Jahren, mit ehernem Geſicht und durch⸗ dringenden, ſchwarzen Augen, rief, als wir uns eben zu einer Linie ſchwenften:— „Halt da, wo zum Teufel wollt Ihr hin? dort iſt Euer Feld!“ dabei deutete er nach dem Dorfe, und ohne auf die Vorſtellungen unſers Oberſten, daß dort ver⸗ 8* 116 ſchiedene Steinwälle und Gehege den Cavallertebewegun⸗ gen hinderlich ſeyen, im mindeſten hören zu wollen, fügte er blos hinzu:— „Vorwärts, ſage ich, marſch!“ Unglücklicherweiſe wurde unſere Schwadron, wie der Oberſt vorhergeſagt hatte, durch die Beſchaffenheit des Bodens getrennt, und obſchon wir im wildeſten Galopp einherſprengten, hatten die Franzoſen doch Zeit, auf einem Hügel ein Carrée zu bilden, um uns zu er⸗ warten. Als wir daher angriffen, ſtanden ſie feſt und ſchoßen ruhig und ſicher, ſo daß mehrere unſerer Reiter ſtürzten. Als wir uns zu einem neuen Angriff ſchwenk⸗ ten, befanden wir uns ihrer Reiterei gegenüber, die eben aus Baguilles hervorkam. Blitzſchnell ſtürzten wir über dieſe her und rächten unſere Abweiſung von Seite der Infanterie dadurch, daß wir ihnen neun und zwanzig Gefangene abnahmen und mehrere andere verwundeten. Die franzöſiſche Infanterie blieb indeß immer noch undurchbrochen; Oberſt Talbot ſprengte keck mit„fünf 3 Schwadronen vom 14ten auf ſie ein, aber trotz aller erdenklichen Tapferkeit mißlang auch dieſer Angriff, und der Oberſt ſelbſt fiel tödtlich verwundet und um ihn her vierzehn ſeiner Reiter. Zweimal jagten wir um das Viereck herum, ob nicht eine ſchwache Seite zu erſpähen ſey, aber vergebens; der tapfere Franzoſe, der ſie com⸗ mandirte, Kapitän Guache, ſtand furchtlos unter ſeinen wackern Burſchen, und wir konnten hören, wie er von Zeit zu Zeit rief— „C'est ca, mes enfans! bien fait, mes braves!“ Endlich zogen ſie ſich in guter Ordnung zurück, während wir ſelbſt mit Hinterlaſſung von drei und dreißig Reitern und unſerm braven Oberſten nach dem Lager zurückkehrten. ****** Die Niederlage, die wir ſo ganz gegen alle Hoff⸗ nungen und Erwartungen erlitten, machten dieſen Tag 117 für uns Alle zu einem äußerſt düſtern. Die braven Burſche, die wir verloren hatten, das Hohngeſchrei der franzöſiſchen Infanterie, die undurchbrochenen Reihen, gegen welche wir zu wiederholten Malen angeſtürmt, kamen uns nicht aus dem Sinn, und der Gedanfe, was man im Hauptquartier von uns denken werde, erfullte uns mit Schmerz und Beſchämung. Unſer Bivouac war trotz aller Bemühungen ſehr traurig, und als der Mond aufſtieg, verkündeten einige ſchwere Regentropfen, die von Zeit zu Zeit aus der un⸗ bewegten Luft herabſtelen, eine ſturmvolle Nacht. All⸗ mälig wurde der Himmel immer dunkler und dunkler, die Wolken hiengen beinah bis zur Erde herab und ein dichter Nebel hüllte Alles ein; die ſchwere Kanonade der Belagerung verſtummte, Nichts verrieth, daß eine unge⸗ heure Armee in unſerer Nähe gelagert war, ihre Bi⸗ vouacfeuer waren beinahe nicht zu bemerken, und der einzige Ton, den wir hörten, kam von der großen Glocke von Ciudad Rodrigo, welche die Stunden ſchlug und mit ihrem traurigen Geklinge der ſchwer bedrohten Ci⸗ tadelle zu Grabe zu läuten ſchien. Die Patrouille, die ich befehligte, hatte den äu⸗ ßerſten Poſten unſerer Stellung zu beſuchen. Es war dies ein kleines Pachthaus auf einer unbedeutenden An⸗ höhe und von den Franzoſen nur durch einen ſchmalen Bach getrennt, der ſich in den Aguda ergießt. Ein Theil vom 14ten ſtand hier als Piket, und unten im Thale, kaum fünfhundert Schritte entfernt, befand ſich der franzöſiſche Vorpoſten, aus Küraſſieren beſtehend. Als wir uns unſerem Piket näherten, war außer dem Werda der Schildwache Alles umher ſtill wie im Grabe, und ſo konnten wir von der entgegengeſetzten Seite her den Chor eines franzöſiſchen Trinkliedes, ja ſogar das mun⸗ tere Geklingel ihrer Gläſer vernehmen. In der kleinen Hütte dagegen, wo unſere Kame⸗ raden ſich befanden, war die Scene ganz anderer Art. Die drei kommandirenden Offtziere ſaßen trübſinnig bei 118 einem elenden Feuer von naſſem Holz, ein einziges Licht brannte düſter in dem wüſten Zimmer, und ein kärg⸗ liches Abendeſſen ſtand unberührt und unbeachtet auf dem Tiſche. „Nun, O'Malley,“ rief Baker, als ich eintrat, „vie ſteht es draußen, und was hat Crawford zunächſt vor?“ „So viel wir gehört haben,“ rief ein anderer,„will er morgen eine Schlacht liefern, aber ohne Zweifel ſind Sir Arthurs Befehle beſtimmt genug. Gordon ſelbſt ſagte mir, es ſey ihm verboten, jenſeits des Coa ein Gefecht zu wagen, ſondern er ſolle ſich beim erſten Vor⸗ rücken des Feindes zurückziehen.“ „Ich fürchte nur,“ verſetzte ich,„daß er jetzt an Alles eher denkt, als an einen Rückzug. Schon iſt die Munitſon ausgetheilt, und ich weiß, daß die berittene Artillerie Befehl hat, ſich mit Tagesanbruch bereit zu halten.“ „Schon gut,“ bemerkte Hampden mit einem halb bitteren Tone.„Es iſt recht ſchön, immer geradeaus zuhauen zu wollen. Aber wenn er wegen Ungehorſams vor ein Kriegsgericht geſtellt wird, ſo wird er uns wohl nicht erzählen, wie es ihm da geht.“ „Die Franzoſen ſollen Finſüigtauſfnd Mann ſtark ſeyn,“ ſagte Baker;„aber ſeht einmal, was iſt das dort? Ein Signal aus der Stadt!“ Wahrend er ſprach, ſchoß eine außerordentlich glänzende Rakete zum Himmel empor, und als ſie zuletzt oben zerplatzte, ſtreute ſie Tauſende von leuchtenden Funken nach allen Seiten aus, ſo daß die hohe Feſtung und die rings umher gelagerte Armee ſo deutlich, wie am hellſten Mittag ſichtbar wurde. Es war ein pracht⸗ voller Anblick, und obſchon im Nu Alles wieder in Dunkelheit verſank, ſo ſtarrten wir doch unverwandt noch einige Zeit in die Ferne hinaus und ſtrengten unſere Augen an nach Dingen, die ihnen ein für allemal ent⸗ rückt blieben. 119 „Das muß ein Signal ſeyn,“ wiederholte Baker. „Bei Gott, wenn Crapford es ſieht, ſo wird er darin einen Grund zum Fechten erblicken; ich hoffe jedoch, er ſchläft jetzt,“ verſetzte Hampden.„Apropo, O'Malley, haben Sie die Arbeiten in den Laufgräben geſehen? Wie herrlich ſie gegen Süden ausgeführt ſind!“ „Ja, ich bemerfte es; aber was mich ſehr über⸗ raſchte, war die Offenheit ihrer Stellung in dieſer Richtung. Bis zum San Benito ſah ich keinen Mann.“ „Ah, alſo werden ſie auf dieſer Seite nicht an⸗ greifen— aber wenn wir—“ „Halt, Hampden,“ fiel ich ihm in's Wort,„da fällt mir eben Etwas ein. Bei Sonnenuntergang ſah ich durch mein Fernrohr, wie die franzöſiſchen Ingenieure mit ihren weißen Stäben die Linie zu einem neuen Lauf⸗ graben abſteckten. Wäre es nicht ein gottvoller Spaß, die Stäbe vorzurücken und die Burſche unter das Feuer des San Benito zu bringen?“ „Bei Gott, O'Malley, dieſer Gedanke muß Ihnen ein Regiment eintragen.“ „Er wird viel wahrſcheinlicher ſein Avancement in die andere Welt befördern,“ bemerkte Baker lächelnd. „Nein, ganz und gar nicht,“ verſetzte ich.„Ich habe mir die Stelle genau gemerkt und habe ſie noch vollkommen im Gedäͤchtniß. Wenn wir der Biegung des Fluſſes folgen, ſo wette ich, daß wir recht auf den Platz kommen: indem wir uns nahe an der Feſtung hin⸗ ziehen, entſchlüpfen wir der Schildwache, und dieſe ganze Gegend iſt für uns offen.“ Dieſer ſo leicht hingeworfene Plan wurde jetzt nach allen Seiten beſprochen. Welche Schwierigkeiten ſich auch herausſtellten, wir beſeitigten ſie ſammt und ſon⸗ ders ſo vollkommen zu unſerer Zufriedenheit, daß am Ende beinah die Leichtigkeit des Unternehmens unſern Eifer dämpfte. Mittlerweile ſchriet die Nacht vorwärts, und der Regen, der ſchon lange gedroht hatte, begann jetzt in Stroͤmen herabzufließen; er ziſchte auf dem aus⸗ 12⁰0 gedörrten Boden und dampfte als Nebel wieder empor, während über unſern Köpfen der ſchwere Donner in langen, lununterbrochenen Schlägen dahinrollte, ſo daß die morſche Thüre jeden Augenblick einzuſtürzen drohte, und das ganze Gebänude erzitterte. „Geben Sie den Branntwein her, Hampden, und danken Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie unter Dach und Fach ſind. Nicht wahr, O'Malley, Sie werden doch Ihren Ausflug nach San Benito auf ſchöneres Wetter verſchieben?“ „In allem Ernſt,“ ſtimmte Hampden ein,„ich möchte mein Ingenieurshandwerk lieber unter günſtigern I wſdiben beginnen; aber wenn O'Malley durchaus wi—, „O'Malley will allerdings,“ fiel ich haſtig ein. „Nun, dann bin ich wahrhaftig nicht der Mann, ſeine Genieſtreiche zu vereiteln, und da Crawford ohne⸗ hin darauf verſeſſen iſt, Morgen eine Schlacht zu liefern, ſo macht es ja im Ganzen keinen Unterſchied. Iſt der Handel geſchloſſen?“ „Ja, hier meine Hand darauf.“ „Ei, ei, Kinder,“ warf Baker ein,„ich kann ſo Etwas nicht zugeben; wir ſind heute früh ſchon tüchtig genug zuſammengehauen worden; Ihr dürft an ein ſo närriſches Unternehmen nicht denken.“ „Zum Henker, alter Knabe, Sie haben freilich gut ſprechen, da Ihnen die nächſte Majorsſtelle ſicher iſt: wir aber ſind, wenn der Frieden morgen geſchloſſen wird, kaum einen Schritt weiter gekommen. Nein, nein, wenn O'Malley bereit iſt— und er ſieht mir ganz darnach aus— aber was wiſſen Sie ſchon wieder?“ „Beim heiligen Georg, es muß gelingen, und es gibt einen herrlichen Schwank; im ſchlimmſten Fall können ſie uns zu Oberſten beim Geniecorps machen.“ „Nun, wie meinen Sie denn, zu Fuß oder zu Roß? „u Roß, und zwar aus dem einfachen Grunde, 121 weil das Land überall offen iſt. Kommt es dann auf ein Wettreiten an, ſo werden uns unſere Vollblutpferde nicht im Stiche laſſen: wir werden ohnehin an etlichen Schildwachen vorbeikommen müſſen.“ „Jetzt fällt mir ein großer Stein vom Herzen,“ ſagte Hampden;„ich fürchtete ſchon, Sie würden eine Fuß⸗ partie daraus machen wollen. Im Sattel bin ich zu Allem bereit, was Sie immer verlangen können, und wäre es die Plünderung eines Poſtwagens, aber zu Fuß habe ich nie viel ausgerichtet.“ „Nun, Mickey,“ ſagte ich, indem ich mit meinem Getreuen ins Zimmer zurückkehrte,„ſind die Pferde in gutem Stand?“ „Wenn wir für Malachi Daly— ſo hieß mein Brauner— eine Knebeltrenſe hätten, ſo wäre mir vor Nichts bange, Sir! aber wenn es ans Ueberſetzen kommt, mit dieſem ſchlechten Gebiß— doch Sie haben ja eine leichte Hand, und wenn es eine Mauer gilt, ſo laſſen Sie ihm nur ſeinen eigenen Kopf.“ „Bei Gott, er hält es für eine Fuchsjagd,“ ſagte Hampden. „Und iſt es denn nicht ganz daſſelbe?“ fragte Mickey mit einem Ernſt, der alle zuſammen lachen machte. „Nun, ich hoffe, es ſoll nicht ſo ſchlimm ablaufen,“ ſagte ich.„Aber jetzt, wer hat eine Laterne— gut, gut, dieſe reicht ſchon aus. Sehen Sie nach Ihren Pi⸗ ſtolen, Hampden, und hier, Mickey, iſt ein Glas Grog für Dich, wir bedürfen Deiner. Jetzt noch einen Trunk auf gut Glück. He, Baker, wollen Sie nicht Beſcheid thun?“ „Laſſen Sie auch noch ein Tröpſchen für mich übrig,“ ſagte Hampden.„Hu, wie es regnet! ohne einen Waſ⸗ ſerdichten ſollte man bei dieſem Wetter nicht hinaus.“ Während ich meine wenigen Vorbereitungen vollends in Ordnung brachte, ſetzte Hampden dem guten Mickey mit vielem Ernſt auseinander, daß wir der belagerten 12² Feſtung zu Hülfe ziehen, da ſie ohne uns ſich nicht länger halten könnte. „Donner und Wetter,“ meinte Mickey,„das iſt ja verdammt ſpaßhaft. Und die blaue Rakete war alſo vermuthlich das Einladungsſchreiben?“ „Ganz richtig,“ verſicherte Hampden,„und Du ſiehſt, wir machen keine Umſtände. Wir wollen heute Abend noch hineinkommen.“ „Nun, ſo wahr ich lebe,“ meinte Mickey,„an Ihrer Stelle würde ich warten, bis die Familie da drüben beſſer in Ordnung wäre.“ 4 „Da Sie,“ verſetzte Baker ernſt,„keinen guten Rath anzunehmen ſcheinen, ſo erkläre ich Ihnen hiermit als Ihr Vorgeſetzter, daß ich die Sache, ſie mag nun gehen wie ſie will, morgen rapportiren werde. Ich mag mich wegen ſolch toller Unternehmungen keiner Verant⸗ wortlichkeit ausſetzen.“ „Eine recht ergötzliche Ausſicht für mich„“ ſagte Mickey;„wenn mich heute Nacht die Franzoſen nicht todtſchießen, ſo traktirt mich morgen der eigene Profoß mit der neungeſchwänzten Katze.“ Dieſe Aeußerung veranlaßte von Neuem ein herz⸗ liches Gelächter. Wir nahmen ſofort Abſchied und brachen auf.. — Siebenzigſtes Kapitel. Die Linien von Ciudad Rodrigo. Die kleinen blinkenden Lichter, die von den Wällen Ciudad Rodrigos herabſchienen, waren unſere einzigen Leitſterne auf dieſer gefährlichen Fahrt. Der Sturm toste wo möglich noch heftiger als zuvor, und Windſtöße ſausten über das Feld hin mit der Gewalt eines Orkans, ſo daß unſere Pferde kaum Stand zu halten vermochten. Unſer Weg lief geraume Zeit am Ufer des kleinen 128 Stromes hinab, dann aber ſetzten wir über und kamen auf die offene Ebene, wo wir uns große Mühe gaben, den franzöſiſchen Vorpoſten auf der äußerſten Linken zu vermeiden. Dies war um ſo leichter, als derſelbe durch ein Bivouacfeuer bezeichnet war, das trotz des heftigen Regenguſſes brannte und in dem Nebel nur um ſo größer ausſah. Ich ritt voran, dann folgten Hampden und Mickey. Wir ſprachen kein Wort mehr, nachdem wir den Fluß überſchritten hatten; unſer Plan war, im Fall wir von einer Patrouille angerufen würden, Franzöſiſch zu ant⸗ worten und dann davon zu jagen. Bei einem ſo kleinen Häuflein konnte an einen Angriff nicht gedacht werden, und auf dieſe Art hofften wir davon zu kommen. Der Sturm war ſo heftig, daß viele unſerer Vor⸗ ſichtsmaßregeln in Bezug auf Schweigſamkeit gänzlich unnöthig erſcheinen mußten, und wir waren bereits ein gutes Stück in der Ebene vorgedrungen, ehe wir auf eine Spur vom Lager ſtießen. Endlich als wir eine kleine Anhöbe hinanritten, bemerkten wir weit weg gegen Norden verſchiedene Feuer, während noch immer links von uns eines größer und heller brannte als die andern. Wir ſahen jetzt an der Lage der Feuer, daß wir, nicht wie wir beabſichtigt hatten, über ihre Flanke hinausgekom⸗ men, ſondern noch immer in der Nähe der Vorpoſten waren, deßwegen ritten wir, immer die Lichter von der Feſtung im Auge behaltend, ſcharf weiter. „Ein ſehr mißlicher Boden,“ flüſterte Hampden, da unſere Pferde bei jedem Schritte einſanken;„wir würden beſſer thun, mehr rechts zu reiten; die Steigung des Hügels wird uns zu ſtatten kommen. „Horch,“ ſagte ich,„haben Sie Nichts gehört? Haltet an; ſtille jetzt; ja, da kommen ſie. Es iſt eine Patrouille, ich höre ihren Tritt.“ Während ich dies ſprach, höͤrten wir trotz des Sturmes die abgemeſſenen Schritte von Infanteriſten, und bald darauf ſahen wir eine Laterne herankommen. Die Colonne zog dicht an 124 uns vorüber; ich konnte ſogar die ſchwarzen Ueberzüge ihrer Schakos erkennen, als das Licht ſie beſtrahlte. „Wir wollen ihnen nachziehen,“ flüſterte ich und im näch⸗ ſten Augenblick zogen wir hinter ihnen her, unſere Pferde feſt im Zügel haltend, um ſogleich Reißaus nehmen zu können. „Qui est là?“ fragte die Schildwache. „La deuxième division,“ rief eine heiſere Stimme. „ Halte là la consigne.“ „Wagram,“ antwortete dieſelbe Stimme und die Patrouille zog ihres Wegs weiter. „En avant, Messieurs,“ ſagte ich laut, ſobald die Infanterie in einiger Entfernung war,„en avant!“ „Qui est là?“ fragte die Schildwache von Neuem, als wir in ſcharfem Trab zu ihr kamen. „Letat-major— Wagram!“ antwortete ich, raſch vorwärts eilend, und im Augenblick hatten wir unſere frühere Stellung hinter der Infanterie wieder eingenom⸗ men. Kaum hatten wir Zeit, uns zu dieſem glücklichen Erfolg zu gratuliren, als ſich vor uns ein gewaltiger Lärm, untermiſcht mit Hufſchlägen und Peitſchenknall, erhob, woraus wir entnehmen konnten, daß die Artillerie auf einer kleinen Straße, die unſern Weg theilte, herab⸗ kam. Als ſie an uns vorbeizog, konnten wir die halb⸗ lauten Flüche der Treiber hören, die eine ſolch unpaſſende Zeit zu einem Angriff verwünſchten und ihren Zorn an den unſchuldigen Thieren ausließen. „Haben Sie gehört?“ flüſterte Hampden;„die Bat⸗ terie ſoll gegen San Benito gerichtet werden, das alſo weit links liegen muß. Einer von den Leuten ſagte, man werde morgen mit Tagesanbruch das Feuer eröffnen.“ „Ganz recht,“ ſagte ich,„ſehen Sie nur dort.“ Von dem Hügel, wo wir jetzt ſtanden, konnte man eine Reihe Laternen erblicken, die ſich bei nahe eine Vier⸗ telſtunde hindehnten. „Dort ſind die Laufgräben; man arbeitet eben 125⁵ daran; ſehen Sie, wie die Lichter ſich hin und her be⸗ wegen! Jetzt gerade darauf zu vorwärts!“ So ſprechend gab ich meinem Pferde die Sporen. Noch waren wir nicht weit gekommen, als wir hinter uns das Getöſe galoppirender Pferde vernahmen. „Rechts ab in den Hohlweg,“ ſagte ich;„ſeyd ill.“ 1 Kaum waren wir von der Straße abgewichen, ſo kamen einige Reiter einhergeſprengt; ſie ließen den Hügel hinauf ihre Pferde ein wenig ausſchnaufen und wir konnten hören, daß ſie ſich unterhielten. 4 Aus den wenigen abgebrochenen Worten, die wir zu erhaſchen vermochten, ſahen wir ſo viel, daß der Angriff auf San Benito blos eine Finte war, um Crawford zur Behauptung ſeiner Stellung zu veranlaſſen, während das Haupteorps ihn mit überwältigenden Maſſen auf der Flanke angreifen und zermalmen ſollte. „Sie horen, was im Werke iſt, O'Malley,“ flüſterte Hampden,„ich halte es fürs Beſte, mit dieſer Nachricht ſchleunigſt zurückzureiten.“ „Wir dürfen nicht vergeſſen, warum wir gekommen ſind,“ antwortete ich, und ſo zogen wir denn hinter den Reitern her, die, ihren Helmen nach zu urtheilen, Of⸗ fiziere der reitenden Artillerie waren. Der Schritt, den unſere Führer anſchlugen, über⸗ zeugte uns, daß ſie ihren Grund und Boden genau kannten. Wir kamen an mehreren Schildwachen vorbei und murmelten jedesmal Etwas, als ob uns ungemein viel daran gelegen wäre, unſere Abtheilung nicht zu verlieren. 4 „Sie haben Halt gemacht,“ ſagte ich,„jetzt dorthin links ab und nun recht ſachte, denn wir müſſen mitten unter ihren Linien ſeyn. Ha, ich wußte doch, daß wir recht waren, ſehen Sie dort.“ Ein paar hundert Schritte von uns war eine be⸗ deutende Anzahl Soldaten auf dem Feld in Thätigkeit. Die Lichter bewegten ſich raſch hin und her, während ⸗ 12⁵ unmittelbar in der Front ein ſtarkes Reit erpiket Halt machte. „Beim Himmel, ſie ſind ſcharf daran,“ flüſterte Hampden,„ſie haben auf Morgen einen Ueberfall vor.“ „Ganz leiſe links ab,“ ſagte ich, vorſichtig den kleinen Hügel hinanreitend und das Auge unverwandt auf das Wachtfeuer gerichtet. Der Sturm, der ſchon merklich nachgelaſſen hatte, war jetzt beinahe ganz vorüber und der Mond blickte wieder unter Maſſen von ſchwarzen, dicken Wolken hervor. „Welch ein Glück für uns!“ dachte ich, während mein Blick über die Ebene hinſchweifte. „Heda, O'Malley, was ſind das für Leute dort, wo das blaue Licht brennt? „Das ſind eben die Leute, die wir ſuchen, die Sap⸗ peurs. Jetzt friſch daran, das iſt unſer Boden; wir müſſen ihnen bald ins Gehege kommen.“ Raſch trabten wir vorwärts und kamen an einer Abtheilung Infanterie vorüber. Das blaue Licht war kaum hundert Schritte von uns; wir konnten ſogar die Anrufe der Offtziere an ihre Leute hören, als auf einmal mein Pferd vorn überſtürzte und mich auf die Erde druͤckte. „Nicht beſchädigt, mein Junge,“ ſagte ich leiſe, als Hampden herabſprang, um mir zu helfen.. Es war der Winkel eines Laufgrabens, in den ich geſtürzt war, und obſchon ſowohl mein Pferd als ich ſelbſt einige Augenblicke betaͤubt waren, ſo erholten wir uns doch augenblicklich wieder. „Das iſt der rechte Ort,“ flüſterte ich;„jetzt, Mickey, nimm die Zügel und komm dicht hinter uns drein.“ Wir folgten dem Zuge des Laufgrabens und ſchli⸗ chen uns verſtohlen vorwärts; das einzige Wachtfeuer in unſerer Nähe war dasjenige, um welches die Ingenieure ſich gelagert hatten, und wir mußten es jetzt zu umge⸗ hen ſuchen. 127 „Nun kommt's an mich,“ ſagte Hampden, indem er plötzlich ſtolperte und köpflings ins Gras fiel. Als ich ihm aufſtehen half, ſpürte ich etwas an meinem Knöchel; ich bückte mich darnach und fand, daß es eine am Boden feſtgepflöckte und nur etliche Zoll darüber hinragende Schnur war. 1 „Jetzt munter; ſehen Sie her; dies iſt ihre Arbeits⸗ linie; halten Sie dieſelbe mit der Hand und laſſen Sie uns bis an's Ende gehen.“ Während Hampden auf der einen Seite der Schnur hinkroch, verfolgte ich ſie auf der andern und fand, daß ſie auf einer kleinen Anhöhe endete, wo vermuthlich eine Batterie errichtet werden ſollte. Hier riß ich den Stock ſammt der Schnur ſorgfältig heraus und wollte eben zu meinem Freund zurückkehren, als ich mit Entſetzen die Stimme Mickey's vernahm, der mit Jemanden auf Franzöſiſch zu ſprechen ſchien. Ich blieb wie feſt gewurzelt ſtehen, und mein Herz pochte beinahe hörbar, waͤhrend ich horchte. „Qui étes vous done, mon ami?“ fragte eine heiſere tiefe Stimme, wenige Schritte von uns. „Bon, cheval, bon Thier, sacre nom de Dieu!“ Ein herzliches Gelächter von Seite des Fragenden hin⸗ derte mich, den Schluß von Mickey's Franzoͤſiſch anzu⸗ hören. Ich kroch jetzt auf Händen und Füßen vorwärts, bis ich die dunkeln Umriſſe der Pferde zu erkennen ver⸗ mochte, dann blieb ich, in der einen Hand meine Piſtole, in den andern meinen Säbel, ſtehen und lauſchte auf den Verlauf des Geſprächs. „Vous êtes d'Alsace, n'est ce pas?“ fragte der Franzoſe in der wohlmeinenden Vorausſetzung, Mickey's Dialekt ſchmecke ein wenig nach Straßburg. „O heilige Mutter Gottes, ich hätte große Luſt, den Kerl todt zu ſchießen,“ war die gemurmelte Antwort. Bevor ich die Wirkung dieſer letzten Aeußerung ſehen konnte, ſtürmte ich mit einem kecken Sprunge vor⸗ — 128 wärts, warf den Franzoſen zu Boden, und kaum hatte ich ihm den Mund mit der Hand zugedrückt, als Hampden an meiner Seite war. Blitzſchnell raffte er die mir ent⸗ fallene Piſtole auf, ſetzte ſie dem Franzoſen auf die Bruſt und befahl ihm zu ſchweigen. Den Gürtel des Gefangenen öffnen und ihm damit die Hände auf den Rücken binden, war das Werk eines Augenblicks. Wäh⸗ rend das ſcharfe Knacken des Piſtolenhahnes ſeine Be⸗ mühungen zum Widerſtande zu dämpfen ſchien, gelang es uns bald, ein Tuch quer über ſeinen Mund zu knüpfen, und ſo ſetzten wir ihn aufs Pferd zu Mickey, an welchen er mit dem Riemen ſeines Säbels feſtge⸗ bunden wurde. „Jetzt gilt's einen tüchtigen Ritt nach Hauſe,“ ſagte Hampden in den Sattel ſpringend. „Vorwärts alſo,“ antwortete ich, indem ich mein Pferd unſeren Linien zuwandte und wie wahnſinnig voranſprengte. Der Mond hatte ſich wieder verfinſtert, aber noch immer waren die dunkeln Umriſſe des Hügels, auf dem unſer Lager ſtand, deutlich am Horizont zu erkennen. Wir ritten ſo ſchnell als möglich dicht neben einander, bald durch tiefen naſſen Moorgrund, bald über kleine Bäche. Unſere Pferde waren im beſten Zuge und wir ſchonten ſie nicht. Dadurch, daß wir einen weiten Um⸗ weg machten, hatten wir bald die franzöſiſchen Pikets überflügelt und waren ſchon beinahe aus aller Gefahr, als wir plötzlich am Abhang eines etwas ſteilen Hügels unter uns ein Wachtfeuer erblickten nnd um daſſelbe herum ein ſtarkes Piket Reiterei. Die Pferde waren geſattelt und die Soldaten ſtanden zum Aufſitzen bereit da. Wir beſprachen flüſternd, was zu thun ſei, aber unſere Berathung wurde ſehr ſchnell unterbrochen. Der franzöſiſche Gefangene, der uns bisher nicht im Minde⸗ ſten beunruhigt, hatte ſeinen Mund von dem Tuche freizumachen gewußt, und als wir ruhig unſere Plane beſprachen, ſuchte er mit einer furchtbaren Anſtrengung 129 ſich ſelbſt und Mickey vom Pferd herabzuſtürzen und ſchrie— „A moi, camarades: sauvez moi! Hampdens Piſtole flog aus dem Sattelgurt, und eben wollte er nach ſicherem Zielen losdrücken, als ich ſeinen Arm aufwärts ſchlug, ſo daß die Kugel hoch über ſeinem Kopf hinflog. Statt des Franzoſen hätte er leicht meinen treuen Mickey tödten können, der mann⸗ haft mit ſeinem Gegner rang und ihn endlich geradezu auf die Mähne ſeines Pferdes niederdrückte, ſo daß er ſich nicht mehr wehren konnte. Mittlerweile waren die Reiter in ihre Sättel geſprungen und blickten nach allen Seiten erſchreckt um ſich. Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren; wir wandten alſo unſere Pferde der Ebene zu und jagten davon. Ein lautes Freudengeſchrei verkündete uns, daß wir geſehen wurden, und im nächſten Augenblick hörten wir auch das Geräuſche der uns verfolgenden Reiterei hinter uns. Alles beruhte lediglich auf Geſchwindigkeit, und wir hätten nicht viel zu fürchten gehabt, wäre Mickey's Pferd nicht doppelt beladen geweſen. Da wir indeß ſchon einen bedeutenden Vorſprung hatten und die graue Dämmerung uns in den Stand ſetzte zu ſehen, ſo hatten wir noch immer gute Hoffnung. „Halte Dein Pferd brav im Zügel,“ rief ich einmal ums andere meinem wackern Burſchen zu, der mit wahn⸗ ſinniger Verzweiflung ſein Thier ſpornte. Schon ſahen wir die niedrige Wieſe an dem Bach, den wir im An⸗ fang überſchritten hatten, aber unglücklicher Weiſe war er jetzt durch die Regengüſſe bedeutend angeſchwollen, und tobte, allerhand Baumzweige mit ſich führend, wie ein reißender Strom dahin.„In den Fluß hinein,“ rief ich meinen Begleitern zu, als ich umblickte und drei franzöſiſche Dragoner ſchon ziemlich nah bei uns ſah. Mickey ſtürzte ſich ſogleich hinein, Hampden gleichfalls, und in dieſem Augenblick pfiff eine Karabinerkugel an Leyver, O'Malley. IlI. 9 13⁰ meinem Ohre vorbei. Raſch wandte ich, um die Ver⸗ folgung von den Andern abzuwenden, mein Pferd um und jagte, als fürchtete ich den Strom, am Ufer hinab. Unter mir kämpften die beiden Reiter mit dem ſchäumenden Strom, bald das Waſſer zertheilend, bald beinahe fortgeriſſen von den Wellen. Mickey ſtieß, als ich ihn ſah, einen gellenden Schrei aus, und ich ſah, wie der arme Burſche ſeinen Kopf bis auf den Sattel hängen ließ. Mehr konnte ich nicht erblicken, denn ich ſelbſt wurde jetzt auf's Hitzigſte verfolgt. Dicht hinter mir ritt ein Dragoner, den Karabiner feſt an die Seite haltend, und bereit, bei der erſten beſten Ge⸗ legenheit zu feuern. Es blieb mir jetzt nur ein einziger Ausweg. Ich riß meine Piſtole heraus, warf mich plötzlich im Sattel herum und ſchoß auf ihn. Der Franzoſe fiel, aber ſeine Kameraden ſandten mir eine ganze Salve nach. Eine Kugel traf mein Pferd, eine andere den Sattel. Das edle Thier brach beinahe zu⸗ ſammen, aber, als wollte es ſich zu einer letzten An⸗ ſtrengung aufraffen, ſprang es mit erneutem Eifer vor⸗ wärts und ſtürzte ſich kühn in das Waſſer. Einen Augenblick— ſo raſch war der Sprung geweſen— verloren mich meine Verfolger aus den Augen, da aber das jenſeitige Ufer etwas ſteil war, ſo machten mich die Anſtrengungen meines Pferdes, um emporzuklimmen, bald wieder bemerklich, und ich wurde von zwei Kugeln getroffen. Eine davon ſtreifte mich nur leicht an der Seite, die andere aber zerſchmetterte meinen linken Arm, ſo daß meine Hand bewegungslos hinabſank. Gleichwohl ſtieß ich ein Siegesgeſchrei aus, als ich mich im Sattel nach ihnen umdrehte und im nächſten Augenblick war ich bereits weit außer dem Be⸗ reich ihres Feuers. Keiner der Feinde wagte zu folgen, und als ich de letzten Blick zu ihnen hinuͤberwarf, ſah ich, daß ſie alle abgeſeſſen waren und ihren todten Kameraden umſtan⸗ 131 den. Vor mir ritten Hampden und Mickey immer noch im geſtreckteſten Galopp und ohne umzuſchauen. Ich eilte ihnen nach, aber mein armes Pferd, welchem die Kugel beinah die Knieflechſe zerriſſen hatte, wurde bald wie lahm, und nicht lange nach Tagesanbruch erreichte ich unſere äußerſten Vorpoſten. Einundſiebenzigſtes Kapitel. Der Doctor. „Und ſeine Wunde? Iſt ſie gefährlich?“ fragte eine kräftige, volle Stimme, als der Doctor nach Been⸗ digung ſeines Beſuchs mein Zimmer verließ. „Nein, Sir, ein zerſchmetterter Knochen iſt das ſchlimmſte; die Kugel ſtreifte die Arterie, hat ſie aber nicht zerriſſen, und da—“ „Schon gut; wie bald wird er wieder geheilt eyn?“ „In wenigen Wochen, wenn kein Fieber dazu kommt.“ „So kann ich ihn wohl beſuchen?— Blos auf einige Minuten, ich will vorſichtig ſeyn.“ In dieſem Augenblick und ohne daß, wie es ſchien, eine Antwort abgewartet worden wäre, öffnete ein Adjutant die Thuͤre, meldete den General Crawford und entfernte ſich wieder. Mein erſter Blick auf den General überzeugte mich, daß er derſelbe Offizier war, der uns am Morgen vor⸗ her Befehl zum Angriff ertheilt hatte. Ich verſuchte, als er näher trat, mich ein wenig zu erheben, aber er winkte mir mit der Hand, ruhig liegen zu bleiben, ſtellte einen Stuhl dicht an mein Bekt und ſetzte ſich. 2 „Ihr Unfall thut mir leid, Sir; doch freue ich mich, daß die Sache nicht ſchlimmer iſt. Moreton ſagt, es ſey Nichts von Bedeutung verletzt. Still, Sie dürfen nicht reden, außer wenn ich Sie frage. Hampden hat 9* mir alles Nöthige erzählt, wenigſtens ſo viel er wußte. Glauben Sie auch, daß eine Bewegung beabſichtigt wird, und woraus ſchließen Sie das?“ 2 Ich ſetzte ihm ſo kurz wie möglich meine Gründe zu dieſer Anſicht aus einander, und er ſchien vollkommen damit befrievigt. Sodann berichtete ich ihn über die verſchiedenen Bewegungen, die während der Nacht im feindlichen Lager ſtattgefunden, über den Marſch der Artillerie und die ſtarken Cavallerieabtheilungen, die am Fluſſe zur Reſerve aufgeſtellt waren. „Sehr gut, Sir; aber ſie werden ſich dennoch nicht rühren. Ihr Gefangener, ein Quartiermeiſter der In⸗ fanterie, ſagt daſſelbe. Ihr Streich war kühn, konnte aber auch im beſten Falle nicht von Nutzen ſeyn, und das Einzige, was ich für Sie thun kann, iſt, daß ich die Sache gar nicht erwähne. Ein Kriegsgericht iſt eine ſchlechte Belohnung für eine Flintenkugel. Inzwiſchen werde ich Sie, ſobald Sie wieder hergeſtellt ſind, bei meinem Stab anſtellen. Still, kein Wort, und jetzt leben Sie wohl.“ 1 So ſprechend, winkte mir der tapfere Veteran noch einmal mit der Hand zu und entfernte ſich, ehe ich meine Dankbarkeit für ſeine Güte ausſprechen konnte. Ich hatte wenig Zeit über mein Abenteuer nachzu⸗ denken, denn meine Kameraden beſuchten mich ſchaaren⸗ weiſe. Alle Mahnungen des Doctors in Beziehung auf Ruhe und Stille blieben unbeachtet, und mein Zimmer glich den ganzen Morgen einem Audienzſaale. Mit großer Freude vernahm ich, daß Mickey's Wunde, ob⸗ ſchon für den Augenblick ſchmerzhaft, doch nicht von Bedeutung war; Hampden aber, den ſowohl Stahl als Blei verſchont hatten, war dennoch am ſchlimmſten weg⸗ gekommen, denn die Abkühlung im Fluſſe zog kihm ein Fleber zu, an dem er ſchon ſruͤher längere Zeit gelitten hatte. „Der hochberühmte Maurice,“ meldete Baker,„war dieſen Morgen ſchon zweimal da, wurde aber nicht zuge⸗ „ laſſen. Ihr ſchottiſcher Arzt fürchtet ſeinen iriſchen Collegen, und ſie führten draußen einen höchſt erbauli⸗ chen Krieg mit einander über Galen und Hippokrates.“ „Apropos, Baker,“ fragte ein Anderer,„haben Sie bemerkt, wie Sparks ausſah, als Quill zu uns trat? Bei Gott, ich habe noch nie einen Menſchen in ſolcher Angſt geſehen; er wurde zuerſt roth, dann blaß, hierauf drehte er ſich um und endlich ſtahl er ſich ganz leiſe davon.“ „Ja, ich erinnere mich und wir müſſen der Sache auf den Grund kommen. Ganz gewiß hat Maurice den armen Burſchen einmal tüchtig anlaufen laſſen.“ „Nun, O'Malley,“ brummte der älteſte Major,„Sie haben Hampden eine gute Lection gegeben; er wird ſich nie mehr in ſolche Geſellſchaft wagen und meint übri⸗ gens, der Bediente ſey ebenſo ſchlimm, wie der Herr. Ihr Burſche ließ ſeinen Gefangenen nicht los, bis er 3 Hauptquartier kam, und da ſchwammen beide im lute.“ „Der arme Mickey, wir müſſen Etwas für ihn thun.“ „O, er iſt ſo vergnügt wie ein König. Maurice hat ihn beſucht, und ſie haben lange mit einander ge⸗ ſchwatzt von Irland und all den nationalen Zeitvertreiben mit Whiskey trinken und Schädeleinſchlagen: der Kopf thut mir weh, wenn ich nur daran denke.“ „Iſt Mr. O'Malley zu Hauſe?“ fragte eine volle Stimme im echteſten Corker Aecent, und die wohlbekann⸗ ten, höchſt drolligen Züge von Doctor Maurice Quill erſchienen an der Thüre. „Nur herein, Maurice,“ ſagte der Major;„aber um's Himmelswillen betragen Sie ſich vernünftig. Der arme Kerl darf keinen Lärm vor ſeinem Bette haben.“ „Lärm, Lärm! So wahr ich lebe, Sie verſtehen auch Etwas von einem Lärm; im Uebrigen gibt es noch ſchlimmere Dinge als ein Lärm. Welches Bein iſt es?⸗ „Glücklicherweiſe iſt es ein Arm, Doctor,“ 134 „Doch hoffentlich nicht Ihre Punſchhand? Nun, dann iſt Alles gut. Ihr Bedienter, dieſer Mickey Free, iſt wirklich ein prächtiger Kerl. Ich fragte ihn nach einem ſeiner Landsleute, einem gewiſſen Tim Delany; er war das leibhaftige Ebenbild von ihm und der beſte Bediente, den ich je hatte. Ich konnte nie erfahren, was aus ihm geworden iſt. Der alte Hobſon vom 95ſten empfahl ihn mir mit den Worten: ‚Der paßt für Sie, Maurice; ein ärgerer Dieb und größerer Spitzbube fin⸗ det ſich im 6oſten nicht vor!⸗ Starke Worte,“ meinte ich. „Aber wahr,“ verſicherte er; ‚der Kerl ſtiehlt Ihnen einen Backenzahn aus dem Munde, ſo lange Sie über ihn lachen!⸗ „Schicken Sie ihn mir zu, damit ich mein Glück mit ihm verſuche; ich habe ohnehin gegenwärtig keinen!⸗ Nun gut ich ließ Tim auf mein Zimmer kom⸗ men, verſchloß die Thüre, ſetzte mich gravitätiſch vor ihn nieder und erklärte ihm mit kurzen Worten, daß ich ſeine kleinen Schwachheiten recht wohl kenne. „Wenn Du Dich anſtändig aufführſt,⸗ ſagte ich zu ihm,„ſo will ich Dich ſo honett behandeln wie den Lord Oberrichter; aber verwiſche ich Dich einmal beim Steh⸗ len, und wäre es auch nur der Werth einer blechernen Schnupftabaksdoſe, ſo laſſe ich Dich vor dem Regiment auspeitſchen, ſo wahr ich Maurice heiße. „Nun hätten Sie hören ſollen, welche hageldichte Salve von Betheuerungen er über mich ergoß. Man habe ihn ſchändlich verleumdet; die Welt habe ſich ver⸗ ſchworen, ihn anzuſchwärzen; er ſey nie ein Dieb oder⸗ ein Spitzbube geweſen: eine einzige Schwäche könne er nicht läugnen, nämlich die für Frauenzimmer; ſonſt aber wolle er ſo mager ſterben, daß er ſich mit ſeinem eige⸗ nen Schienbein raſiren könnte, wenn er jemals auch nur ein Salzkorn angerührt habe, das nicht ſein Eigenthum geweſen. „Dem ſey, wie ihm wolle, ich habe mich noch mit — 135⁵ keinem Menſchen beſſer vertragen können als mit Tim; Alles war an ſeinem Orte, nie fehlte Etwas, und wahr⸗ haftig ein ganzes Jahr lang wunderte ich mich, ob er nicht bald einmal ſeine wahren Federn entwickeln werde, denn bis jetzt war er ein Phönix geweſen. „Endlich— wir lagen damals in Limerick— brachte jeder Morgen neue Klagen über kleine Diebſtähle, die in der Kaſerne verübt wurden. Dem einen fehlte ſein Gürtel, dem andern ſeine Schuhe, ein dritter war mit drei Schillingen und ſechs Pence in der Taſche zu Bette gegangen und ohne einen Heller aufgewacht; kurz Jeder⸗ mann, nur ich nicht, wurde in Contribution geſetzt. End⸗ lich verlautete Etwas von Tims früheren Neigungen, und man ſchöpfte Verdacht. Mein Freund Delany wurde ſcharf beobachtet, und die Art, wie eer ſeine Abende zu⸗ brachte, war wirklich nicht ohne ihre ſehr bedenkliche Eigenthümlichkeiten. 1 „Meine Kameraden ſprachen mit mir darüber; und obſchon durchaus kein klarer Beweis vorlag, rief ich doch Tim auf mein Zimmer und eröffnete ihm mein Herz über die Sache. „Man ſpricht viel von den Blicken ſelbſtbewußter Unſchuld, aber ſo rührend, wie das ſtaunende Entſetzen beleidigten Ehrgefühls, womit Tim meine Rede aufnahm, habe ich nicht leicht Etwas geſehen. „Die Leute ſagen, ich ſey's, Herr Doctor, nicht wahr? Und Sie— Sie glauben ihnen? Sie erlauben ihnen mich auf dieſe Art herabzuſetzen? Ja ja, es wird mit jedem Tag ſchöͤner auf der Welt. Würden Sie mir nicht erlauben, einige Fragen an Sie zu richten, Herr Doctor? Wie viele Hemden hatten Sie, als ich in Ihre Dienſte trat? Zwei, und das eine davon ſah aus wie ein Fiſchernetz. Und wie viele haben Sie jetzt? Acht⸗ zehn, ſage achtzehn nagelneue Batiſthemden, in denen mir kein Teufel ein Loch finden ſoll! Wie viel Paar Strümpfe hatten Sie? Drei Paar und einen einzelnen. In dieſem Augenblick beſitzen Sie zwei Dutzend. Wie 136 viele Schnupftücher? Ein einziges, hole mich der Teu⸗ fel, mehr nicht. Sie konnten Ihre Naſe nur zwei Tage in der Woche putzen, und jetzt können Sie es in jeder Stunde des Tags oder der Nacht. Was endlich die Kleinigkeiten betrifft, als Schnupftabaksdoſen, Handſchuhe, Stiefelknechte, Nachtmützen und— „Halt ein, Tim, es iſt genug— „Nein, Sir, es iſt nicht genug,“ ſprach Tim, ſich zu ſeiner vollen Höhe emporrichtend;„Sie haben meine Gefühle auf eine Art verwundet, die ich nicht vergeſſen kann. Es iſt unmöglich, daß wir künftig die Achtung vor einander hegen, die unſere gegenſeitige Stellung er⸗ fordert; deßhalb leben Sie wohl, Herr Doctor, leben Sie wohl auf ewig. „Bevor ich ein Wort erwiedern konnte, hatte der Burſche das Zimmer verlaſſen und die Thüre hinter ſich zugemacht, und von Stund an haben ihn meine Augen nie wieder geſehen.“ Auf dieſe Art ſchwatzte der würdige Doctor fort, bis einige beſonnenere Freunde ihn aufmerkſam machten, daß ſein Beſuch, wenn auch noch ſo wohl gemeint, doch nicht wohl angelegt ſcheine. Meine geroͤthete Wange und mein angſtvolles Auge zeigten an, daß das Wund⸗ ſieber begonnen hatte; deßhalb verließen ſie mich jetzt alle und ich hatte Gelegenheit, meine einſamen Betrach⸗ tungen über die Wechſelfälle des Schickſals anzuſtellen. Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. Der Coa Etwa eine Woche nach den zuletzt erzählten Ereig⸗ niſſen ergab ſich Ciudad Rodrigo, und Crawford nahm eine neue Stellung unter den Mauern von Almeida an. Das ſpaniſche Contingent hatte uns verlaſſen, war aber durch zwei Bataillone unſerer eignen Armee erſetzt wor⸗ den, welche zugleich den erneuerten Befehl brachten, keine Schlacht zu wagen, ſondern im Fall eines Vorrückens der Franzoſen hinter den Coa zurückzuziehen.. Am Abend des 22. Juli erſchien eine ſtarke Abthei⸗ lung franzöſiſcher Reiterei nebſt einigen ſchweren Kano⸗ nen auf der Ebene, und Crawford zog ſich an den Coa hin, ſo daß wir glaubten, er wolle dieſen Fluß zwi⸗ ſchen ſich und den Feind bringen. Inzwiſchen ver⸗ gingen drei Tage, ohne daß von irgend einer Seite eine Bewegung vorgenommen wurde, und wir ſtanden fort⸗ während mit kaum viertauſend Mann Infanterie und tauſend Dragonern einer Armee von beinah fünfzigtauſend Mann gegenüber. Unter ſolchen Verhältniſſen brach die Nacht des 24. herein. Ich ſaß allein in meinem Quar⸗ tier, denn Mickey, deſſen Wunde ſich ſchwerer erwies, als man Anfangs geglaubt hatte, war nach Almeida geſchickt worden, und ſo dachte ich in der Einſamkeit über die Ereigniſſe des Feldzuges nach, als der Lärm und das Getöſe draußen meine Aufmerkſamkeit anzog. Das Gerolle von Geſchützwägen, das Geklapper von Musketen und das entfernte Getöſe von marſchirenden Truppen, Alles bewies, daß eine neue Bewegung aus⸗ geführt wurde, und ich brannte vor Verlangen das Nä⸗ here zu erfahren. Allein meine Kameraden kamen nicht wie gewöhnlich in mein Quartier, und eine Stunde um die andere verſtrich, während ich voll Ungeduld auf Nach⸗ richten harrte. Lange, tiefſtöhnende Windſtöße fegten die Erde, trie⸗ ben das Laub, das ſie von den Bäͤumen riſſen, wirbelnd mit ſich fort und vermiſchten ihre trübſeligen Töne mit dem Getöoͤſe der zurückweichenden Truppen, denn ich konnte merken, daß das Geräuſch immer ferner wurde, und nur von Zeit zu Zeit konnte ich die Stellung bei⸗ der Armeen einigermaßen errathen, wenn mir der Wind etwas vom Trommelgewirbel oder von dem ſchrillenden Gepfeife eines ſchottiſchen Pibrochs zuführte. Bald dar⸗ auf ergoß ſich ein ſchwerer Regen herab und übertäubte mit ſeinem unaufhörlichen Platſchen alle andere Töne, 138 Das kleine Gebäude, worin ich lag, zitterte von den wiederholten Donnerſchlägen, funkelnde Blitze zuckten über dem reißenden Strom, der angeſchwollen und ſchäu⸗ mend mit großer Heftigkeit unter meinem Fenſter hin⸗ brauste. Beim ungewiſſen, aber hellen Scheine des Blitzes bemühte ich mich die Stellung unſerer Truppen zu erkunden, aber vergebens. Nie habe ich eine ſolche Sturmnacht erlebt. Der Donner krachte unaufhörlich, das Brauſen des Stromes wurde immer lauter und ſchwoll zuletzt zu einem dumpfen, ſchauerlichen Getöſe wie bei einem entfernten Bombardement an. Schwach und angegriffen durch meine Wunde, ſie⸗ berkrank und erſchöpft durch unruhige Tage und ſchlaf⸗ loſe Nächte ging ich mit ſchwankenden, aber ungeduldi⸗ gen Schritten in meinem kleinen Zimmer auf und ab. Das Bewußtſeyn meiner trübſeligen Verlaſſenheit lag mir ſchwer auf der Seele, und während ich von Zeit zu Zeit mein Feuer wieder ſchürte und horchte, ob nicht ein Freundestritt auf der Treppe ſich vernehmen laſſe, wurde mir das Herz immer ſchwerer, und die düſterſten, niederdrückendſten Gedanken drängten ſich mir auf. Ich glaubte jetzt, die Truppen haben ſich hinter den Coa zu⸗ rückgezogen, und vergeſſen im Wirrwarr eines nächtlichen Eilmarſches ſey ich als Beute für den Feind zurückge⸗ laſſen worden. Da das Geräuſch der zurückziehenden Truppen ſich immer mehr in der Ferne verlor, ſo gewann dieſe Be⸗ fürchtung an Wahrſcheinlichkeit, um ſo mehr als auch die Bauern, welche die kleine Hütte bewohnten, wegge⸗ laufen waren und mich gänzlich allein gelaſſen hatten. Nachdem ich mich einmal hievon überzeugt, kannte meine Ungeduld keine Grenze mehr, und ich fühlte jetzt die Noth⸗ wendigkeit irgend eine Kraftanſtrengung zu machen, allein meine Nervenerregung ſchwächte mich dermaßen, daß ich zuletzt erſchöpft auf's Bett ſank, während ein kalter Schweiß auf meiner Stirne ausbrach. Ich habe bereits erwähnt, daß der Coa unmittelbar 139 unter dem Hauſe vorbeifloß; jetzt muß ich noch hinzufü⸗ gen, daß das kleine Gebäude auf der Ecke einer ſteilen, aber ſchmalen Schlucht ſtand, die von der Ebene, nach der Brücke über den Fluß führte. Dies war meines Wiſſens der einzige Weg um über die Brücke zu gelan⸗ gen; als daher die letzten Töne der zurückweichenden Truppen in der Ferne für mich verhallten, begann ich zu fürchten, Crawford habe ſeinen Befehlen zufolge eine rückgängige Bewegung gemacht und die Brücke für die Franzoſen offen gelaſſen, um dieſelben auf ſeine Marſch⸗ linie zu verlocken, während er ſelbſt auf einem entfern⸗ tern Punkte überſetzen wolle. Mit dem Vorſchreiten der Nacht wurde der Sturm immer heftiger; die Wogen des ſchäumenden Stromes ſchlugen an die ſchwachen Wäͤnde der Hütte, während das vom Sturme zerriſſene Dach ſtückweiſe in den Strom hinabfiel und Alles eine ſchnelle, vollſtändige Zerſtörung drohte. Wie ſehnte ich mich nach dem Morgen! Der Zwei⸗ fel und die Ungewißheit machten mich beinahe wahnſin⸗ nig. Von allen Mißgeſchicken, die mich beim Soldaten⸗ leben betreffen konnten, ſchien mir keines ſchrecklicher als Gefangenſchaft. Schon der Gedanke an viele Jahre ruhmloſer Unthätigkeit däuchte mir ſchlimmer als der Tod. Mein Fieber ließ mir dieſe Schrecken noch ſchau⸗ derhafter erſcheinen, und hätten die Franzoſen mich im gegenwärtigen Augenblick zum Gefangenen gemacht, ich hätte gewiß den Verſtand verloren. Endlich brach der Tag an, aber langſam und verdroſſen; die grauen Wol⸗ ken jagten auf dem Sturme dahin, der Regen ſiel noch immer in Strömen herab, und die Oede und Verwüſtung von allen Seiten war kaum beſſer, als die dichte Fin⸗ ſterniß der Nacht. Meine Augen wandten ſich fortwäh⸗ rend der Ebene zu, die ſich in einen See zu verwandeln ſchien: der Donner krachte lauter und immer lauter, aber außer dem Getöſe des Sturmes ſchlugen keine andern 140 Toͤne an mein Ohr; auch konnte ich, trotz aller Anſtren⸗ gung, keine menſchliche Figur entdecken. Der Morgen ſchlich dahin, aber der Sturm legte ſich nicht, und draußen blieb es immer noch ſo ſchauer⸗ lich und trübe wie zuvor. Zuweilen glaubte ich zwiſchen den Aufruhr der Natur hindurch das Krachen ferner Batterien zu vernehmen; aber dann übertäubte das Don⸗ nergeheul wieder Alles und ließ mich von Neuem in meiner qualvollen Ungewißheit. Endlich in einer augenblicklichen Pauſe des Sturmes vernahm ich ein furchtbares Krachen von ſchwerem Ge⸗ ſchütze, gefolgt von dem lang anhaltenden Raſſeln des kleinen Gewehrs. Mein Herz klopfte hoch vor Auf⸗ regung. Der Gedanke an das Schlachtfeld mit all ſei⸗ nen wechſelnden Schickſalen war beſſer, tauſendmal beſſer, als dieſes verzweiflungsvolle Bewußtſeyn gänzlicher Ver⸗ laſſenheit. Ich lauſchte jetzt mit eifriger Geſpanntheit, aber von Neuem ergoß ſich unendlicher Regen herab, und die Mauern des Häuschens ſammt ſeinem Gebälke ſchie⸗ nen einſtürzen zu wollen. So weit mein Auge reichte, konnte es Nichts erblicken, als die trübſelige Einförmig⸗ keit der unabſehbaren Ebene, auf welcher eine Bewegung vorzugehen ſchien, ohne daß ich jedoch Spuren von Men⸗ ſchen gewahr werden konnte. Weit hinab am Horizont hatte ich ſeit einiger Zeit bemerkt, daß die auf der Erde ruhenden Wolken immer ſchwärzer und ſchwärzer wurden, in ungeheuern Maſſen nach allen Seiten hin ſich ausbreiteten, aber nicht wie die übrigen ſich zertheilten. Mit angſtvollen Blicken beob⸗ achtete ich dieſes ſeltſame Schauſpiel, aber auf einmal ſchien dieſe Wolkendecke gewaltſam auseinander geriſſen, während ein ſlüſſiger Feuerball wild herausfuhr und nach allen Seiten ein trüb gelbes Licht verbreitete. Ein furcht⸗ bares Krachen, heftiger als jeder Donner, erſchütterte im ſelben Augenblick die Luft, ſo daß die Erde unter meinen Füßen erbebte. 3 Während ich noch im Zweiſel ſchwebte, was es 141 ſeyn moͤchte, donnerten von Neuem ſchwere Kanonen und mitten aus dem ſchwarzen Rauche wälzte ſich eine dunkle Maſſe hervor, die ich bald als reitende Artillerie erkannte. Sie ſprengte im vollſten Galopp der Brücke zu. Als ſie den kleinen Hügel erreicht hatte, ſchwenkte ſie um und protzte mit Blitzesſchnelligkeit ihre Kanonen ab, in dem Augenblick, wo eine ſtarke Colonne Reiterei oberhalb der Anhöhe ſichtbar wurde. Eine furchtbare Salve erſchütterte von Neuem das Feld, und bevor der Rauch ſich verzogen hatte, war die Artillerie wieder im vollen Rückzug begriffen. Dieſe Bewegung feſſelte meine Aufmerkſamkeit der⸗ maßen, daß ich die lange Linie Infanterie nicht bemerkt hatte, die von der äußerſten linken Seite herkam und jetzt im Sturmſchritt gegen die Brücke anrückte. Ver⸗ einzelte Reiterhaufen ſprengten von verſchiedenen Seiten daher, während dann und wann aus dem kleinen Thale ein Scharfſchütze auf den Hügel emporſtieg, ſich um⸗ wandte und feuerte. Alles dies verkündete einen ſchleu⸗ nigen, ungeordneten Rückzug, und obſchon ich bis jetzt noch Nichts von dem verfolgenden Feinde zu ſehen ver⸗ mochte, ſo kannte ich doch die beiderſeitige Streitmacht zu genau, um über den Erfolg einen Zweifel hegen zu können. Endlich erſchien die Spitze einer franzöſiſchen Colonne im Rebel und ich konnte deutlich die Geſtikulationen der Offiziere unterſcheiden, wie ſie ihre Leute vorwärts trie⸗ ben. Mittlerweile zog ein lautes Hurrah meine Auf⸗ merkſamkeit an, und ich wandte mein Auge nach der Straße, welche zu der Brücke führte. Hier hatte eine kleine Abtheilung vom 9öſten in aller Eile ſich von Neuem ſormirt und aufgeſtellt, um den Rückzug der durchbrochenen Infanterie zu decken, die haſtig nach der Brücke lief. In demſelben Augenblick erſchienen die franzöſiſchen Kü⸗ raſſiere. Da ſie von einer flüchtigen, ungeordneten Maſſe wenig Widerſtand erwarteten, ſo ritten ſie blindlings zu, und obſchon die ſichere, feſte Haltung der Hochländer ihnen einige Bangigkeit haͤtte einflößen ſollen, ſo ſtürz⸗ ten ſte dennoch unbedacht über das Viereck her und hieben auf die Soldaten der erſten Linie ein. Bis jetzt war kein Drücker angerührt worden, nun aber erſcholl auf einmal das Kommandowort Feuer und ein mörderiſcher Kugel⸗ regen zerſprengte die ganze Reitercolonne. Die engliſche Infanterie ſchlug ein lautes Freudengeſchrei auf, und von allen Seiten wurde dem tapfern 95ſten Bravo zuge⸗ rufen. Die ganze weite Ebene vor mir war jetzt blos ein äußerſt belebtes Schlachtfeld. Obſchon in eiligem Rück⸗ zug vor der zermalmenden Uebermacht der Franzoſen, beſetzten unſere Truppen dennoch mit ihren Kanonen und ihrer leichten Infanterie jedes vortheilhafte Plätzchen auf einige Augenblicke und bildeten von Zeit zu Zeit Vier⸗ ecke gegen die nachdringenden Franzoſen, damit die Nach⸗ zügler ſich ſammeln konnten. Zwiſchen dem Geraſſel der kleinen Gewehre, dem dumpfen Donner der Artlllerie, dem erderſchutternden Anrennen der Reiterei erhob ſich von Zeit zu Zeit Freudengeſchrei, und der wilde Pibroch der Hochländer verkündete die wechſelnden Schickſale des Kampfes. Ein furchtbares Getöſe begann jetzt in dem Stock⸗ werke unter mir, und als ich hinabſah, bemerkte ich, daß ein Sergeant nebſt einer Abtheilung Sappeurs von der kleinen Hütte Beſitz genommen hatte und die Wände durchloöcherte, um Schießſcharten für die Musketen zu bekommen. Nach einigen Minuten wurde wirklich eine Compagnie Scharfſchützen in das Haus geworfen, das vermöge ſeiner Lage oben an der Straße die ganze Marſchlinie beherrſchte. Der commandirende Offtzier erklärte mir mit wenigen Worten, wir ſeyen dieſen Morgen von den Franzoſen mit Uebermacht angegriffen und verdammt zuſammengedroſchen worden; jetzt ziehen wir über den Coa zurück, wo wir ſchon vor drei Tagen haͤtten ſeyn ſollen; ich für meine Perſon könne nichts 143³3 Beſſeres thun, als mich ſo ſchnell als möglich auf die Beine machen und über die Bruͤcke gehen. Während er noch ſprach, traf ein franzöſiſcher Vier⸗ undzwanzigpfuͤnder die Ecke des Hauſes und ſtreute den Mörtel nebſt den zerbrochenen Steinen rings um uns her. Dieſe Warnung genügte mir; trotz meiner Schwäche raffte ich in aller Eile meine werthvollſten Sachen zu⸗ ſammen, verließ die Hütte und ging den Fußpfad hinab, der jetzt durch den heftigen Regen ſchlüpfrig geworden war. Sofort paſſirte ich die Brücke und ſetzte mich auf eine kleine Erhöhung, von wo aus ich das ganze Feld deutlich überſehen konnte. Kaum hatte ich mich da niedergelaſſen, als der Paß zur Brücke ſich mit einer wirren Maſſe von Truppen, Munitions⸗ und Bagagewägen anfüllte, die unter furcht⸗ barem Lärm vorandringen wollten. Die Hügel auf bei⸗ den Seiten des Weges füllten ſich gleichfalls mit Trup⸗ pen, die ſich ſchnell formirten, und die Artillerie nahm alle erhöhten Punkte ein. Das Feuer hatte bereits begonnen, und zwiſchen das Geraſſel der Musketen brummten die ſchweren Kanonen; außer dem ſchmalen Wege vor mir und dem hohen Ufer des Stromes konnte ich jetzt Nichts mehr ſehen, aber der Tumult und das Getöſe, das mit jedem Augenblick zunahm, verkündete, daß die Schlacht wüthete. Noch immer dauerte der Ruck⸗ zug, und endlich raſſelte die ſchwere Artillerie über die ſchmale Brücke herüber, gefolgt von Nachzüglern aller Waffengattungen und von Verwundeten, welche Schutz ſuchten. Die Scharfſchützen und die Hochländer beſetzten die Höhen über dem Strom und deckten ſomit die zu⸗ rückweichenden Colonnen; aber ich konnte deutlich ſehen, daß ihr Feuer allmählig nachließ, daß die Kanonen, die ihre Stellung flankirt hatten„zurückgenommen wurden, und daß man jetzt nur noch auf den allerſchleunigſten Rück⸗ zug dachte. Eine furchtbare Musketenſalve, begleitet von einem betäubenden Freudengeſchrei, verkündete das An⸗ rücken der Franzoſen, und bald ſah man die Briigade 144 der Hochländer nach der Brücke herabſteigen, gefolgt von den Scharfſchützen und dem 95ſten. Die Cavallerie, be⸗ ſtehend aus den leichten Dragonern des 11ten und 14ten Re⸗ giments wurde jetzt zu einer Angriffscolonne formirt, die Infanterie ſtellte ſich in einer Linie auf, und mitten durch alles Gelöſe der Schlacht hindurch hörte ich die Worte: Greift an! Ich konnte zwar vor dem Kamm des Hügels meine Kameraden nicht erblicken, aber mein Herz ſchlug hoch auf vor Freude, als ich das Geraſſel des Cavallerieangriffes vernahm. Mittlerweile drang die Infanterie beſtändig vor und nahm eine ſtarke Stellung in der Front der Brücke ein. Auch die ſchweren Kanonen wurden aufgepflanzt, Scharf⸗ ſchützen im niedrigen Gebüſche umher vertheilt und alle Maßregeln getroffen, um den Paß auf's äußerſte zu vertheidigen. Einen Augenblick war meine ganze Auf⸗ merkſamkeit den Bewegungen auf unſerer Seite des Stro⸗ mes zugewandt, als plötzlich die Reitertrompete zum Rückzug blies und in demſelben Moment der Stab uber die Brücke galoppirte. Ein Offizier fiel mir vor allen andern auf: er war mit Orden bedeckt, hatte keinen Hut auf dem Kopf, und ſein mit Blut und Schaum bedecktes Pferd bewegte ſich nur mit der höchſten An⸗ ſtrengung weiter. Mitten auf der Brücke wandte er ſich um, als ſey er unentſchloſſen, ob er ſich noch weiter zurückziehen wolle, und ich erkannte jetzt die verwitter⸗ ten, mannhaften Züge unſers Feldherrn. Was er auch beſchließen mochte, die Sache war bald entſchieden, denn die Cavallerie kam den Abhang hinabgaloppirt, und im nächſten Augenblick war die Brücke von Truppen über⸗ ſchwemmt, während die Franzoſen plötzlich auf der Höhe erſchienen und ein lebhaftes Feuer auf die Fliehenden er⸗ öffneten. Ihr Triumphgeſchrei wurde indeſſen von den Ufern dieſſeits des Fluſſes beantwortet, und eine heftige Kanonade, die zu ihnen hinüber donnerte, erweckte ein hundertfaches Echo im Felſenthale. Die Szene wurde jetzt im höchſten Grade intereſſant, 145 Die Franzoſen ſtellten ihre Kanonen auf der Höhe auf und beantworteten unſer Feuer, während ihre Colonne ſich zertheilte und die Soldaten einzeln an den Fluß herabkamen, von wo aus ſie ein mörderiſches Musketen⸗ feuer eröffneten. Auf der Straße nach der Brücke, die gänzlich von unſerer Artillerie beſtrichen wurde, zeigte ſich indeß nicht eine einzige Reihe, und obſchon eine Bewegung unter den Franzoſen auf einen beabſichtigten Angriff ſchließen ließ, ſo ſchien doch unſere unermüdliche Artillerie ſie von der Hoffnungsloſigkeit eines ſolchen zu überzeugen. Ein ſtarker Trupp franzöſiſcher Cavallerie ſah un⸗ thätig dem Kampfe zu; inzwiſchen zeigte ſich doch eine Bewiße Regſamkeit unter ihnen, gleich als ob ſie etwas Bedeutendes vorhätten, und als ich genauer hinblickte, bemerkte ich, wie ein Offizier keck an den Fluß hinab⸗ ritt, ſein Pferd ſpornte und ſich in die Fluten hinab⸗ ſtürzte. Der angeſchwollene Strom ziſchte wie Hefen und toste dermaßen um ihn her, daß das Pferd ſchnell allen Boden verlor und von den Wellen fortgeriſſen wurde. Vergebens bemühte ſich der Ofſtzier umzuwen⸗ den, Alles, was ſein wackeres Roß zu thun vermochte, war, daß es ſich noch einige Augenblicke über den Wellen erhielt, bald aber wurden Mann und Roß zwiſchen den ſtreitenden Armeen fortgeriſſen. Ich konnte ſehen, wie der Tapfere ſeinen Kameraden ein Lebewohl zuwinkte; aus den franzöſtſchen Linien erhob ſich ein betäubendes Bewunderungsgeſchrei, aber im nächſten Augenblick ſank er von ſeinem Sitze und ſein Leichnam trieb, von Kugeln varchbohit⸗ jammervoll anzuſchauen, auf dem Strome ahin. Dieſer kleine Vorfall, den beide Armeen mit an⸗ ſahen, ſchien die Wuth der Leidenſchaft noch höher zu ſpannen. Die Hochländer erhoben ein hoͤhniſches Triumph⸗ geſchrei, das die Franzoſen mit wilden Racherufen er⸗ wiederten, und in demſelben Augenblick ſah man die Lever, O'Malley. III. 19 7 146 Spitze einer Colonne den kleinen Weg zur Brücke heran⸗ kommen, während ein mit Orden über und über bedeckter Offizier vom Pferde ſprang und ſich voranſtellte. Der kleine Tambour, ein Kind von kaum zehn Jahren, trippelte luſtig voran und ſchlug den Sturmmarſch, als wäre es ein Kinderſpiel und nicht der Aufruhr zu Mord und Blutvergießen; zu gleicher Zeit begannen die ſchwe⸗ ren Geſchütze der Franzoſen Tod und Verderben auszu⸗ ſpeien, um die Angriffscolonne zu decken. Einen Augen⸗ blick war vor lauter Rauch Nichts mehr ſichtbar, bald darauf aber hatten die Kartätſchen den ſchmalen Weg rein gefegt, und die Brücke, auf der ſo eben noch eine lebensvolle, tapfere Colonne geſtanden, war jetzt von einem Haufen Todter und Sterbender bedeckt. Der tapfere Offizier war unter den Erſten gefallen, und das Kind lag gleichfalls todt auf ſeinen Knieen am Brückengelän⸗ der; ſeine ſchönen Haare flatterten noch um die erblaßten Züge und verliehen ihm einen Anſtrich von Leben, ob⸗ ſchon das Herz für immer aufgehört hatte zu ſchlagen. Von Neuem donnerte die Artillerie gegen uns, und als der Rauch ſich verzogen hatte, bemerkten wir, daß die Franzoſen bis auf die Mitte der Brücke vorgedrungen waren und den Leichnam ihres Generals wegtrugen. Zweimal verſuchten ſie vollſtändig herüberzudringen, aber zweimal bedeckten unſere Kanonen die ſchmale Brücke mit einem Walle von Todten, wäaͤhrend der wilde Pibroch des 42ſten ſeine wahnſinnigen Töne in das Triumphgeſchrei miſchte, und die Hochländer ſich kaum abhalten ließen, mit dem Feinde handgemein zu werden. Allmählig ließ das Feuer der Franzoſen nach; ihre ſchweren Kanonen wurden eine um die andere von den Anhöhen zurückge⸗ zogen, und nur noch ein ſchwaches unregelmäßiges Mus⸗ ketenfeuer unterhielt das Gefecht, das noch vor Sonnen⸗ untergang gänzlich aufhoͤrte. So endete die Schlacht am Coa. 147 Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Der nächtliche Marſch. Kaum war die Nacht hereingebrochen, als unſer Rückzug begann. Trotz ihrer Erſchöpfung konnte unſern wackern Burſchen nur wenig Ruhe gegönnt werden; kaum brannten ihre Bivouacfeuer, kaum hatten ſie ſich in Gruppen um dieſelben niedergelaſſen, als das Comman⸗ dowort zum Aufbruch von Regiment zu Regiment, von Bataillon zu Bataillon ging. Keine Trompete, kein Horn rief ſie diesmal in Reih und Glied, denn es mußte Alles ſo geräuſchlos und ſchnell als möglich ab⸗ gemacht werden; während daher die Verwundeten und die ſchwere Artillerie in der Front marſchirten, hielten eine Brigade Vierpfünder und zwei Schwadronen Reiterei die Anhöhen über der Brücke beſetzt und die Infan⸗ terie begann ihren Marſch in drei Colonnen. Meine Wunde, die ich in der Aufregung während der heißen Schlacht beinahe vergeſſen hatte, wurde jetzt äußerſt ſchmerzhaft und mit Freuden nahm ich einen Platz auf einem Wagen an, wo ich mich auf friſches Stroh niederſtreckte und ohne eine andere Decke als den geſtirnten Himmel, bald in einen ſo tiefen Schlaf verſiel, daß ſelbſt das plumpe Schütteln und Rutteln des Wagens auf dem rauhen und durchſchnittenen Wege mich in meiner Ruhe nicht zu ſtören vermochte. Gleich⸗ wohl hörte ich im Schlafe die Töne um mich her, die ſchweren Tritte der Infanterie, das Raſſeln der Reiter⸗ ſchwadronen und das dumpfe Gerolle der Artillerie; manchmal zog auch halberſticktes Schmerzensgeſchrei, ver⸗ miſcht mit dem übermüthigen Jubel eines Trinkliedes, an meiner träumenden Seele vorüber, und neben den holden Gedanken an Heimath und Freunde machten ſich die Erinnerungen glorreichen Krieges geltend. Alle Wechſelfalle des Soldatenlebens„Pracht und Herrlich⸗ 10* ⸗ 148 keit, Elend und Niedrigkeit, Triumph und Niederlage, Siegesjubel und die Stunde des Todes, dies Alles lie⸗ ferte ſeine Farben zu einem ſehr lebhaften Traumbild. Endlich erwachte ich: die ſchneidend kalte Luft, welche auf die Mitternacht folgt, blies mich ſcharf an und mein verwundeter Arm war wie erfroren. Verge⸗ bens ſuchte ich mich mit dem Stroh zu bedecken, und als meine Glieder zitterten, meine Zähne klapperten, da dachte ich wieder an die Heimath, wo in dieſem Au⸗ genblick der ärmſte Bauer auf meines Oheims Gütern ein beſſeres Unterkommen hatte, als ich aber, ſeltſam ge⸗ nug, ein Gefühl freudigen Stolzes durchzuckte mich trotz der armſeligen Lage bei dieſem Gedanken. Meine Betrachtungen wurden unterbrochen durch eine Stimme, an der ich bald O'Shaughneſſy erkannte: er war zu Fuß und ſprach offenbar in nicht geringer Aufregung. „Ich ſage Ihnen nur, Maurice, hier iſt eine ver⸗ dammte Nachläſſigkeit vorgefallen; ich weiß gewiß, daß er in dem Hauſe neben der Brücke war, und ſpäter hat ihn kein Menſch mehr geſehen.“ „Die Franzoſen,“ antwortete dieſer,„haben unſere Scharfſchützen daraus vertrieben, bevor wir über die Brücke gingen. Bei Gott, ich ſetze alle meine Ausſich⸗ ten auf Avancement gegen eine Pinte Xeres, daß er noch dieſen Vormittag irgendwo zum Vorſchein kommt; dieſe Galwayer Burſche haben ein ſo zähes Leben, wie die Katzen.“ „Sehen Sie, Maurice, nicht um ein Oberſten⸗ patent möchte ich, daß ihm ein Unglück widerfahren wäre— der Junge iſt mir an's Herz gewachſen.“ „Mir auch, aber ich verſichere Sie, daß es keine Gefahr hat; haben Sie Sparks nicht gefragt?“ „Sparks fragen! Der Kerl laͤuft davon, ſobald er mich nur ſieht. Nein, nein, mit dem läͤßt ſich kein ver⸗ nünftiges Wort ſprechen.“ 149 „Und warum denn nicht, Doctor?“ rief ich von meinem Wagen herab.. „Hol mich der Teufel, er iſt's. Charley, mein Junge, wie freut es mich, daß ich Sie wieder ſehe. Dachte, Sie waͤren ſchon auf dem Wege nach Verdun.“ „Hab ich's Ihnen nicht geſagt, daß er ſich wohl davon machen werde 2“ rief der Doctor triumphi⸗ rend;„aber, mein beſter O'Mealey, Sie haben ſehr kalt— eine Erſtarrung, wie der alte M'Lauchlan es nennen würde.“ „Ci, Mr. Quill,“ ließ ſich jetzt ein breiter, ſchot⸗ tiſcher Accent hinter ihm vernehmen,„ich ſehe auch gar nicht ein, warum man die Dinge nicht bei ihrem rechten Namen nennen ſoll.“ „Recht guten Morgen,“ rief Quill, den Sprecher vertraulich auf die Schulter klopfend,„wie geht es Ihnen, alter Feuerkopf?⸗ 1 Die Unterhaltung hätte wahrſcheinlich nicht die freundlichſte Wendung genommen, wenn M'Lauchlan dieſe letzte Wendung gehört hätte, aber glücklicherweiſe war er viel zu eifrig damit beſchäftigt, eine kleine Flaſche auszupacken, die er auf dem Wagen hatte. „Sie werden gegen einen Tropfen Warmes Nichts ein⸗ zuwenden haben, Herr Major,“ ſagte er, O'Shaughneſſy ein Glas präſentirend, und wenn Sie mir erlauben wol⸗ len, Mr. O'Mealey, ſo ſchenke ich auch Ihnen ein.“ „Danke verbindlichſt, aber ich fürchte, es paßt nicht zu meinem zerbrochenen Arm.“ „Der Whiskey hat keine Eigenſchaft, welche den gebührenden Anſatz eines Knorpels hindern könnte,“ verſicherte der Doctor;„aber wollen Sie nicht auch ein Gläschen?“ fügte er gegen Quill hinzu. „Nein, ich habe hier einen kleinen hornenen Tröſter, der gerade eine halbe Pinte, gut gemeſſen, enthält, und daraus trinke ich am liebſten.“ „Nun, meinetwegen, wenn Sie nicht wie ein ehr⸗ 1⁵⁰ licher Chriſt trinken wollen, ſo ſtecken Sie immerhin Ihre Naſe in ein Kuhhorn.“ Quill lachte, trank ſchnell ein Glas, dann noch eines auf die Geſundheit meines Oheims und fügte hin⸗ zu:„jetzt Charley, machen Sie ein wenig Platz für mich auf dem Stroh.“ Sofort ſtieg er auf und theilte ſeinen weiten Mantel mit mir, was meine Lage bedeutend verbeſſerte. „Sie koͤnnen alſo Sparks, Doctor?“ fragte ich ſehr neugierig, von meinem alten Bekannten Etwas zu er⸗ fahren. „Allerdings: ich lernte ihn kennen, als er noch Fähn⸗ drich bem 10ten Infanterieregiment war, und aufrichtig eſtanden, er hat ſich ſeitdem noch nicht viel geändert; er blickt mit ſeinen grauen Augen immer noch drein, wie ein kranker Stockfiſch; ſeine gelben Haare wallen noch immer ſo unordentlich herunter; er hat noch immer dieſelbe trübſelige, winſelnde Stimme und daſſelbe ver⸗ dammte Avpothekerslachen.“. „Nein, nein, Doctor, Sparks iſt ein ſeelenguter Menſch und ich dulde nicht, daß man ihn mißhandelt. Im Uebrigen habe ich nie gehört, daß er bei der Infan⸗ terie geweſen wäre; Sie meinen wahrſcheinlich einen andern ſeines Namens.“ „Ganz und gar nicht; es gibt im ganzen Armee⸗ corps nur einen einzigen, der ihm gleicht, und das iſt er ſelbſt. O ich kenne ihn aus dem Ff, er war blos drei Wochen im 10ten, und Ihrem gehorſamſten Diener gehört das ganze Verdienſt, ihn ſo bald von demſelben vertrieben zu haben.“ „Erzählen Sie, wie dies zuging.“ „Ganz einfach ſo:— Das luſtige 10te war vor etwa vier Jahren das angenehmſte Corps in der ganzen Armee, vom Oberſtlieutenant herab bis zum letzten Subalternen die allerſidelſten Kameraden weit und breit. Der Offtzierstiſch glich einem Vergnügungsklub, und wer nicht dazu paßte, der konnte nichts Beſſeres thun, 151 als ſich in ein philiſterhafteres Regiment verſetzen laſ⸗ ſen. Man deutete ihm dies anfangs nur ganz leiſe und entfernt an, wer ſich aber das nicht hinter's Ohr ſchrieb, dem winkte man ohne Weiteres mit dem Holz⸗ ſchlegel.“ Als Doctor OQulll in ſeiner Erzählung ſo weit ge⸗ kommen war, ſprengte eine Ordonnanz im wüthendſten Galopp daher, und im nächſten Augenblick folgte ein Adjutant, der uns im Vorbeireiten zurief— „Dicht zuſammen, vorwärts, meine Jungen, vor⸗ wärts!“ Aus der geſchäftigen Bewegung ringsum konnten wir deutlich erſehen, daß etwas Wichtiges im Werke war, und bald darauf überzeugte mich ein unregelmäßiges Kleingewehrfeuer, daß unſere Reiterei mit dem Feind handgemein geworden. Das Gefecht dauerte indeß kaum fünf Minuten, und unſer Marſch ging nunmehr wieder in ſeiner ganzen bisherigen Regelmaͤßigkeit vor ſich. Ich wollte jetzt den Doctor auffordern, ſeine Ge⸗ ſchichte auszuerzählen, aber er war, ohne daß ich es merkte, verſchwunden und O'Shaughneſſy gleichfalls; erſt nach geraumer Zeit traf ich beide wieder. Gegen Tagesanbruch hielten wir in Bonares an, wo ich, da meine Wunde Ruhe und Pflege erforderte, einquartirt und allem Elend eines Siechbettes überlaſſen wurde. Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Die Reiſe. Mit dieſem unglückſeligen Tage ſollte meine mili⸗ täriſche Laufbahn, wenigſtens für eine gute Zeit, ge⸗ ſchloſſen werden Meine Wunde verſchlimmerte ſich von Stunde zu Stunde; ich ſtand in Gefahr, den Arm zu verlieren und wurde deßhalb auf Anordnung der Regi⸗ mentsärzte nach Liſſabon zurückbeordert. Mickkey, der inzwiſchen vollkommen wiederhergeſtellt war, traf alle nöthigen Vorbereitungen, und am dritten Tag nach der Schlacht am Coa trat ich gepreßten Her⸗ zens meine Reiſe an. Der gute Burſche war indeß ein vortrefflicher Krankenwaͤrter, deſſen zärtliche Sorgen ſich nicht blos auf die leiblichen Bedürfniſſe ſeines Patienten erſtreckten, ſondern er hielt auch ſo gut als möglich meine wankende Entſchloſſenheit und meinen verzagenden Muth aufrecht. Mit dem klein Bischen Portugieſiſch, was er verſtand, machte er alle nur erdenklichen Einkäufe, ſorgte immer für ein gutes Quartierbillet, erhielt Jedermann in guter Laune und verließ ſelten ein Haus ohne einen höchſt zärtlichen Abſchied und wiederholte Verſprechun⸗ gen, ſeinen Beſuch zu erneuern. Unſere Tagreiſen waren in der Regel kurz und erſt am Abend des zweiten Tages kamen wir in den kleinen Weiler Jaffra. Den ganzen Tag hindurch hatte mich meine Wunde entſetzlich geſchmerzt, die Ermüdung von der Reiſe und die Httze hatten eine heftige Entzün⸗ dung herbeigeführt, und ich glaubte zu erliegen, als end⸗ lich das kleine Dorf ſichtbar wurde; aber das Entzücken, womit ich es als eine Ruheſtätte begrüßte, war von kurzer Dauer, denn als wir näher kamen, erblickten wir kein Licht, hörten keinen Ton, und nicht einmal ein Hund bellte, als der ſchwere Maulthierkarren über die holprige Straße raſſelte. Keine Spur von einem lebendigen Ge⸗ ſchöpfe trat zum Vorſchein; da lag das kleine Dorf im blaſſen Mondlicht, ſeine Straßen verlaſſen, ſeine Häuſer unbewohnt; nur unſere Fußtritte hallten auf der öden Gaſſe wieder; da und dort fanden wir einige Ueberbleib⸗ ſel von zertrümmerten Hausgeräthſchaften; die meiſten Thüren ſtanden offen, aber innen waren nur die nackten Wände geblieben; an manchen Orten rauchte noch das Kamin zum Beweis, daß die Bewohner erſt vor Kurzem geflohen. Gleichwohl erſahen wir aus Allem, daß die Franzoſen nicht da geweſen waren, denn wir erblickten nirgends eine Spur von den unverantwortlichen Gewalt⸗ 153 thätigkeiten und übermüthigen Grauſamkeiten, wodurch ihre Fußtritte ſonſt überall bezeichnet wurden. Alles bewies, daß die Einwohner nicht mit Gewalt zur Flucht genöthigt worden waren; vielleicht hatten ſie dieſelbe auf Befehl unſeres Obergenerals ergriffen, wel⸗ cher häufig die Anordnung traf, daß irgend eine Marſch⸗ linie, die der Feind beabſichtigte, auf dieſe Art in eine Einöde umgewandelt wurde. Als wir langſam von Straße zu Straße ſchlenderten, immer noch die Hoffnung nicht ganz aufgebend, es werde doch irgend ein menſchliches Weſen zurückgeblieben ſeyn, und ringsumher nach einem Nacht⸗ quartier ſchauend, kam Mickey plötzlich herbeigerannt und rief: „Ich hab' es, Sir— ich hab's herausgefunden— da unten in der kleinen Straße ſind noch lebendige Men⸗ ſchen— ich habe ſo eben, als ich vorüberging, ein Licht dort geſehen.“ Sogleich kehrte ich ſammt dem Maulthiertreiber um und folgte Mickey über einen kleinen offenen Raum in eine ſchmale Straße, an deren Ende ein Licht ſchwach flimmerte. Wir gingen ſchnell und kamen bald vor eine hohe, ſolide Mauer, wo wir aber zu unſerm namen⸗ loſen Schmerz die Entdeckung machten, daß das Licht blos aus einer Niſche hervordrang. Es war eine kleine Lampe, die vor einem Wachsbild der heiligen Jungfrau ſtand, vermuthlich der letzte Akt der Frömmigkeit eines armen Dorfbewohners, bevor er Haus und Herd auf immer verließ; da brannte ſie jetzt hell und ruhig und ergoß ihre milden Strahlen über die kalten, verlaſſenen Steine. Jeder Ausbruch von Ungeduld und Unmuth, ſo ver⸗ zeihlich er auch in einem ſolchen Augenblick geweſen wäre, wurde inzwiſchen ſchnell zurückgedrängt, als ich meine beiden Begleiter in ſchweigender Verehrung ihre Köpfe entblößen und vor dem kleinen Heiligthum nieder⸗ knien ſah. Es lag in dieſer gemeinſamen Andacht zweier, durch Vaterland, Sprache und Sitten ſo ſehr verſchiede⸗ nen Menſchen etwas Rührendes und Feierliches zugleich: auf dem Boden knieend, die Köpfe bis auf die Bruſt herabgeſenkt, brachten ſie leiſe ihr Gebet dar. Alles Ge⸗ fühl für ihre fehlgeſchlagenen Hoffnungen, alle Erin⸗ nerung an ihre unglückſelige Lage ſchien weit mächtigern Gedanken gewichen zu ſeyn, als ſie ihre Herzen im Ge⸗ bet erſchloßen. Meine Augen waren noch immer auf ſie geheftet, als plötzlich Mickey, deſſen Frömmigkeit von kürzerer Dauer zu ſeyn ſchien, auf ſeine Beine ſprang und mit einer Ungenirtheit, die zu ſeiner ſo eben entwickelten Gottſeligkeit ſchlecht taugte, an eine kleine eichene Thüre in der Mauer zu ſtoßen, zu klopfen und zu ſchlagen be⸗ gann, ſo daß er ein ganzes Kloſter aus dem Bette hätte jagen können.„Macht auf, Ihr guten Leute!“ rief er. Bam, bam, ertönte dann wieder der Klopfer; aber nur das Echo antwortete ihm, die Töne erſtarben zuletzt in den fernen Straßen und Alles blieb ſo öde und ſtill wie uvor 4 Unſer portugieſiſcher Freund, der inzwiſchen ſein Gebet auch zu Ende gebracht hatte, begann jetzt gleich⸗ falls einen kräftigen Angriff auf die kleine Thüre, und mit Hülfe eines Granitblockes von der Größe eines Mannskopfes gelang es endlich ihren vereinigten Be⸗ mühungen, die Thüre von den Angeln zu trennen, ſo daß ſie in ihrer ganzen Maſſenhaftigkeit platt auf den Boden fiel. Der Mond ging eben auf, als wir in einen kleinen Park traten, deſſen hübſch abgezirkelte und reinlich ge⸗ haltene Kieswege von großer Sorgfalt zeugten, die noch in der letzten Zeit darauf verwendet worden ſeyn mußte. Wir folgten einer ſchönen Lindenallee und kamen an einen kleinen Springbrunnen, deſſen Waſſer gleich Dia⸗ manten im Mondſcheine funkelten und dann aus der Ecke eines großen Beckens murmelnd zwiſchen bemoos⸗ ten Steinen und Waſſerlilien dahinrannen, deren Grup⸗ pirung gleichfalls, ſo natürlich ſie auch ſchien, von einer 1⁵⁵ geſchmackvollen Menſchenhand zeugte. Von da gelangten wir ſchnell an ein altes, aber hübſches Schloß, vor wel⸗ chem eine große mit einer Baluſtrade verſehene Terraſſe ſich ausdehnte. Der Rand derſelben war mit Orange⸗ bäumen bepflanzt, die jetzt in voller Blüthe ſtanden und die ruhige Luft mit ihren köſtlichen Düften erfüllten. Da und dort ſchauten zwiſchen dem Laubwerk Marmorſtatuen hervor, und eine prächtige, mit reichen Blüthen behangene Akazie bedeckte mit ihren duftenden Zweigen die Wand des Schloſſes bis hinauf an die hohen Fenſter. An Mickey's Arm gelehnt, ſtieg ich langſam die Terraſſe hinan, aber auch hier wieder machte die Grabes⸗ ſtille ringsumher einen beängſtigenden Eindruck auf uns; außer dem ſanften Plätſchern der Fontaine war Alles vollkommen ruhig, ſelbſt die Pflanzen ſchienen im gelben Mondlicht zu ſchlummern, und keine Spur von einem lebendigen Weſen ließ ſich vernehmen. Die maſſive Thüre ſtand offen, als wir in die ge⸗ räumige, mit Marmor gepflaſterte und mit Wappen aus⸗ geſchmückte Halle traten. Von da führte uns eine breite, hübſche Treppe nach einer langen Gallerie, von welcher eine Reihe von Zimmern gegen die Front des Gebäudes hinausging. Ueberall ſchien das Hausgeräthe vollkommen unberührt, ſelbſt die Stühle ſtanden noch an den Fen⸗ ſtern und um die Tiſche herum; Bücher lagen, als wären ſie plötzlich weggelegt worden, auf den Sophas und Ottomanen umher, und in einem kleinen Zimmer, deſſen blaue Atlastapeten und Sammtdraperie ein Boudoir ver⸗ kündeten, lagen auf einem Stuhl eine prächtige, ſchwarz⸗ ſammtne Mantille und ein ſeidener Handſchuh. Offenbar hatte die Flucht ſo eben erſt ſtattgefunden und nicht lange vorbereitet werden können. Welch ein trübſeliges Bild des Krieges! Da waren alſo wieder harmloſe Leute aus einem Heimweſen, das ihnen durch alle Annehmlichkeiten feinerer Bildung, durch holde Erinnerungen an glückliche Jahre theuer geworden, in die weite Welt hinausge⸗ ſtoßen, um allda obdachlos umherzuirren; ihr Herd, den 7 alle Bande, welche uns an unſere Lieben knüpfen, gehei⸗ ligt hatten, wurde jetzt entweiht durch die mitleidsloſen Hände einer banditenartigen Soldateska. Ich dachte an dieſe unglücklichen Leute; vielleicht hingen in eben dieſer Stunde ihre Gedanken feſt an den alten Wänden; ſie ſehnten ſich zurück nach den geliebten Plätzchen, während ſte ſich jetzt einſam durch Berg und Thal weiter ſtehlen mußten. Bei ſolchen Betrachtungen konnte ich mich wirklich eines Gefühls der Beſchämung über mein rauhes Eindringen nicht erwehren; Mickey dagegen, der ſich immer als einen klugen, praktiſchen Kopf erwieſen, hatte inzwiſchen am Herd ein luſtiges Feuer angemacht, einen bequemen Sopha vor daſſelbe gerückt, die Vorhänge ſorg⸗ fältig zugezogen und war im Begriff, noch andere An⸗ ſtalten zu treffen, um es ſowohl ſich ſelbſt als ſeinem Herrn ſo behaglich zu machen, als hätte er ſeiner Leb⸗ tage hier gewohnt. „Iſt das nicht ein prächtiger Platz, Mr. Charles, und dies kleine Gemach da, erinnert es Sie nicht an das blaue Schlafzimmer in O'Malleycaſtle, wo man die herrliche Ausſicht auf den Shannon und die Berge von Scariff hat?“ Nur allein Mickey's Patriotismus konnte einen ſolchen Vergleich verzeihlich machen, dennoch widerſprach ich ihm nicht und er fuhr fort— „Es war mir doch immer, als müßte uns heut Abend etwas Glückliches begegnen und die Handvoll Gebete, die ich da draußen wegwarf, waren nicht ver⸗ gebens. Joſe macht es den Thieren im Stalle bequem und wir ſelbſt können uns, denke ich, über unſer Quar⸗ tier nicht beſchweren. Aber Sie eſſen ja gar nicht. Wollen Sie denn die köſtliche Haſenpaſtete, die ich heute Morgen geſtohlen habe, nicht einmal verſuchen? Nun, aber doch ein Glas Malaga? Wie? nicht einmal Malaga? O heilige Mutter Gottes, wo ſoll das hinaus?“ Unglücklicherweiſe hatte das Fieber in Folge der 1⁵⁷ langen beſchwerlichen Tagereiſe dermaßen überhand ge⸗ nommen, daß ich außer vielem kalten Waſſer Nichts genießen konnte; auch mein Arm ſchmerzte mich wieder weit mehr als zuvor. Mickey ſah bald, daß Ruhe für mich das Nöthigſte ſeyn würde, und nur mit Mühe konnte ich den guten Burſchen bewegen, einige Biſſen zu ſich zu nehmen; ſodann umlegte er mich ſo bequem als möglich mit weichen Kiſſen, brachte meinen kranken Arm in die vortheilhafteſte Lage, löſchte die Lampe aus und ſetzte ſich, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, am Herde nieder.. Müdigkeit und Erſchöpfung gewannen bei mir jetzt bald die Oberhand über den Schmerz und ich ſchlief ein. Aber es war kein erfriſchender Schlummer, der ſich auf meine ſchweren Augenlider legte: das Wundfieber wurde immer ſtärker, und ſo führten mir meine Träume nur Bilder grauenhaften Todeskampfes vor. Bald war es mir, als liege ich verwundet auf der Erde und die feind⸗ liche Reiterei ſetze über mich hinweg; bald fühlte ich den ſcharfen Stahl in mein Fleiſch dringen und hörte das übermüthige Geſchrei eines ſiegreichen Feindes; bald ſah ich mich, verſtümmelt, zerriſſen und zerdrückt von einer Kartätſchenkugel, auf eine Sänfte hingeſtreckt. Meine Kameraden traten an mein Schmerzenslager und ſchauten mich betrübt an, einer aber, auf deſſen Geſicht ich mich nicht mehr beſinnen konnte, murmelte: Wahr⸗ haftig, ich hätte ihn nicht gekannt! Das ſchreckliche Hoſpital von Talavera mit all ſeinen grauenhaften Bil⸗ dern erhob ſich jetzt vor meinen Augen, und es war mir, als liege ich da und warte, bis die Reihe amputirt zu werden, an mich komme. Dieſer letzte Gedanke war für mich entſetzlicher als alle andern; voll Schreck ſprang ich vom Lager auf und eerrwachte; kalter Schweiß ſtand auf meiner Stirne, mein Mund war trocken und offen, meine Schläfe pochten ſo heftig, daß ich ihre Schläge zählen konnte; einige Sekunden lang konnte ich das martervolle Wahnbild, das mich quälte, nicht los wer⸗ — den, nur allmälig gelangte ich wieder zum Bewußtſeyn und entſann mich, wo ich war. Vor mir, neben dem glänzenden Holzfeuer ſaß Mickey und ſchaute, augen⸗ ſcheinlich in tiefe Gedanken verſunken, ſtarr in die Flam⸗ men hinein; er hatte mein plöͤtzliches Auffahren nicht bemerkt, und als der flackernde Glaſt ſeine Züge beſchien, ſah ich, daß er blaß und zerſtört war, während ſeine Augen ſich nicht vom Feuer abwenden konnten. Seine Lippen bewegten ſich raſch, wie im Gebet, er hatte ſeine Hände gefaltet und feſt an die Bruſt gedrückt; ich konnte ſeine Stimme allmälig verſtehen und hörte ihn folgende Worte vor ſich hin murmeln:— „Ach du barmherziger Gott, ſo weit von ſeiner Heimath und ſeinen Leuten und ſo jung in fremdem Lande zu ſterben— da iſt es ſchon wieder—“ hier ſchien er auf Töne, die von außen kamen, zu lauſchen. „O weh, o weh, ich kenne es wohl!— das Leichen⸗ tuch, das Leichentuch! Dort iſt es, hab's mit meinen eigenen Augen geſehen!“ Thränen rannen über ſeine bleichen Wangen, und ſeine Stimme wurde beinahe unhörbar: nachdem et einige Minuten, in tiefſten Gram verſunken, unruhig hin und her gerückt war, hob er endlich mit ſchwacher Stimme eine jener wehmüthigen iriſchen Melodien an, bei denen ein trübe geſtimmtes Herz vor namenloſem Weh vergehen möchte.— Es war das Lied, zu welchem Moore die ſchönen Zeilen gedichtet hat.„Komm', ruh' an dieſem Buſen.“ Folgende unvollkommene Ueberſetzung mag einen Begriff von dem iriſchen Texte geben: Der Tag iſt geſunken, Und ſchwarz kommt die Nacht, Der Lord ſitzt am Feuer 8 Und zittert und wacht. 159 Was bin ich ſo traurig? O Tochter, komm' her; Was rauſchet ſo ſchaurig, Iſt's der Wind, iſt's das Meer? Nicht der Wind, nicht die Wellen Durchrauſchen die Luft. Die Nachtfee iſt's, welche So kläglich dich ruft. Jetzt lauter, jetzt leiſe, Stets ſinget der Chor Eintönige Weiſe: Ich hol' dich, Roßmore! Da hebt ſich ſein Buſen, Sein Auge verglüht; Der Schatten des Todes Iſt's, der ihn umzieht, Und eh' es noch tagte, Und eh' noch der Chor Zum dritten Mal klagte, War todt ſchon Roßmore. Die klagende Melodie, in welcher dieſe Worte vor⸗ getragen wurden, ſiel mir ſchwer aufs Herz und in meinem herabgedrückten, überreizten Zuſtande konnte ich nicht umhin, ſte auf mich anzuwenden. Aber ſo gehts: der Aberglaube, den unſere Vernunft verwirft, und unſer geſunder Verſtand verſchmäht, hat aus alter Gewohnheit, ſogar aus bloßer Nationalität eine ſolche Gewalt über unſere Hoffnungen und Befürchtungen, daß mehr Feſtig⸗ keit und Muth, als man auf dem Krankenlager zu beſitzen pflegt, dazu gehört, ihn mit Erfolg zu bekäͤmpfen, ſtatt meinen Ueberzeugungen ihre Geltung zu laſſen, lauſchte ich jetzt mit gierigem Ohre, ob die Zauberin nicht rufe. Mittlerweile nahm Mickey eine horchende Stellung an. Er bewegte keinen Finger und ſchien kaum zu athmen; meine Spannung wurde dadurch nur um ſo qualvoller, ich konnte ſie zuletzt nicht mehr aus⸗ 16⁰ 8 halten und war eben im Begriff zu ſprechen, als plötz⸗ lich vom untern Stockwerk her ein langgehaltener Ton anſchwoll und wieder erſtarb; unmittelbar darauf hörten wir zu den fröhlichen Klängen einer Guitarre die unge⸗ ſchlachte Stimme unſers portugieſiſchen Führers, der ſich das Vergnügen machte, ein Liebeslied vorzutragen. Beſchämt über meine Furcht ſchwieg ich ſtill; Mickey aber, in dem nur ein einziges Gefühl, nämlich der ungemiſchteſten Freude über ſeinen Irrthum vor⸗ waltete, rieb ſich vergnügt die Hände, füllte ſein Glas, trank es aus und füllte es von Neuem, während er mit wiederkehrendem Muthe bemerkte:— „Nun, Meiſter Joſe, wenn das Singen heißt, ſo möchte ich doch beim Blitz wiſſen, was Ihr Schreien nennen würdet.“ Ich konnte nicht umhin, über dieſe Kritik zu lachen, und im Augenblick war der gute Burſche, der mich bis dahin ſchlafend geglaubt hatte, an meiner Seite. Ich ſah aus ſeinem ganzen Benehmen, daß er fürchtete, ich möchte ſein melancholiſches Lied und ſeine düſtern Ahnun⸗ gen gehört haben, und ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, mich durch muthigen Zuſpruch aufzuheitern, ſo entging es mir doch nicht, daß es ihm ſelbſt unendliche Mühe koſtete, fröhlich und wohlgemuth zu erſcheinen. Inzwi⸗ ſchen ließ ich ihn nicht ſo leichten Kaufs davon kommen, ſondern examinirte ihn über ſeinen Glauben an Geiſter und Geſpenſter. Wie immer, wenn ihm das Thema nicht gefiel, ſuchte er einer einläßlicheren Erörterung auszuweichen; da er aber merkte, daß ich nicht blos ein unehrerbietiges Geſpötte mit dieſen Dingen treiben wollte, ſo wurde er allmälig offener, behandelte aber die ganze Sache mit dem ſeltſamen Gemiſch von Leichtgläu⸗ bigkeit und Leichtfertigkeit, das ſeine Anſicht von den meiſten Dingen ceharakteriſirte. Bald ſchien er zu glauben, eine unumwundene Verwerfung ſolcher Dinge könnte ſchlimme Folgen nach ſich ziehen, bald ſchämte er ſich über ſeine kindiſche Aengſtlichkeit. 161 „Alſo, Mickey, haſt Du ſelbſt noch nie einen Geiſt geſehen?“ fragte ich,„das geſtehſt Du zu?“ „Nein, Sir, einen eigentlichen Geiſt habe ich nie geſehen, wie ich überhaupt viele Dinge noch nicht ge⸗ ſehen habe; aber Mrs. Moore ſah ihrer zwei. Auch Ihr Herr Großvater ſel. lief alle Jahre einmal in der Lurra Abtei, und ſicherlich kennen Sie die Geſchichte von Tim Clinchy, den man alle Samstag Abend mit einem Licht und einem Humpen Wein und die Pfeife im Mund aus dem Keller kommen ſah, bis Mr. Barry ihn bannte. Es koſtete Ihren Herrn Oheim zehn Pfund für Seelenmeſſen, um ihn zu erlöſen; von einem neuen Schloß und zwei Riegeln an der Kellerthüre will ich Nichts ſagen.“ „Das Alles habe ich gehört, aber da Du ſelbſt nie ſo Etwas geſehen haſt— „Aber mein Vater hat es geſehen und das kommt am Ende auf Eines hinaus. Mein Vater hat den größten Geiſt geſehen, der je in Cork war, und was noch mehr iſt, er hat ſogar eine ganze Nacht mit ihm zugebracht.“ „Eine Nacht mit ihm zugebracht? Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Nicht anders als wie ich ſage. Wenn Sie nicht ſo ſchwach und die Geſchichte nicht ſo angreifend wäre, ſo würde ich ſie Ihnen wohl erzählen.“ „Gib ſie ungenirt los, Mickey; ſchlafen kann ich ja doch nicht, und da wir einmal an dieſem Terte ſind, ſo bin ich ſehr begierig, was für Erfahrungen Deid. ehrlicher Vater machte.“ So aufgemuthigt, begann Mickey, nachdem er das Feuer von Neuem geſchürt und ſeinen vorigen Platz wieder eingenommen hatte, ſeinen Vortrag; da indeß ein Geiſt nicht alle Tage in unſerer Geſchichte vorkommt, ſo muß ich ihm ein eigenes Kapitel widmen. Lever, O'Malley. III. 11 162 Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. Der Geiſt. „Ich glaube Ew. Gnaden ſchon vor langer Zeit erzählt zu haben, auf was Art mein Vater die Armee verließ und einen andern Lebenspfad einſchlug, der ſeinem Geſchmack beſſer zuſagte. Dies war wirklich ſo, und er war glücklich ſein Lebenlang. Viele Jahre hindurch führte er einen Leichenwagen im Dienſte des Mr. Cal⸗ laghan von Cork, und das war ein recht angenehmes Amt; denn ſehen Sie, mein Vater war ein geſcheidter Mann, hatte allerhand in der Welt geſehen und war ein drolliger Kauz, der ein luſtiges Liedchen ſingen fonnte, wenn er ſich unter fröhlichen Geſellen befand; kaum aber hatte er den langen ſchwarzen Rock mit den weißen Trauerbinden daran angezogen und ſich auf den hohen Bock mit den ſechs langſchwänzigen Rappen davor geſetzt, ſo ſah er ſo melancholiſch und jammervoll darein, als müßte er ſeine eigene Mutter zu Grabe geleiten. Der Küſter und der Todtengräber waren Nichts gegen meinen Vater, denn er hatte einen Blick in ſeinem Auge, daß man glauben konnte, er weine die ganze Nacht hin⸗ durch, obſchon er ſich damit nur wenig oder gar nicht abgegeben hat.— „Deßwegen war aber auch von allen Leuten des Mr. Callaghan Niemand ſo beliebt wie mein Vater: die Nachbarn wären alle für ihn durch's Feuer ge⸗ gangen.“ „Ein herzensguter Mann„ſagten die Frauenzim⸗ mer, ‚habt Ihr ſein Geſicht bei Mrs. Delany's Leiche geſehn 2⸗ „Ja freilich, verſetzte eine andere; ‚vor lauter Kummer hat er den Weg verfehlt und an einer Brannt⸗ weinſchenke, ſtatt an der Kilmurry Kirche angehalten.“ „Ich brauche Ihnen wohl nur noch zu ſagen, da mein Vater hauptſächlich bei den Pächtern und Bauern 163 fo ſehr beliebt war. Die vornehmen Leute und die Ade⸗ lichen— nehmen Sie mir es nicht übel, Mr. Charles, aber es iſt doch wahr— grämen ſich nicht ſo ſehr um ihre Väter und Brüder, und fragen wenig darnach, wer ſie auf den Kirchhof hinaus führt, ob es ein anſtändiger, ehrenwerther Mann iſt, wie mein Vater, oder ein grin⸗ ſender junger Laffe mit einem Geſicht wie eine Ratten⸗ falle. So kam es denn, daß mein Vater in der halben Grafſchaft umherziehen mußte; überall, wo es Etwas zu thun gab, wollte man ihn haben, und die Leute meinten, ſie könnten nicht ehrlich beg raben werden, wenn er nicht dabei wäre. Denn ſehen Sie, er ver⸗ ſtand auch den Rummel; er konnte bis auf ein Quart angeben, wie viel Schnaps man zu einem Leichenmahle brauchte; er kannte alle guten Leichenbitter auf mehrere Meilen in die Runde perſönlich, und man hat mir geſagt, es ſey ein ſchöner Anblick geweſen, wenn er auf einer Anhöhe ſtand, den Zug in die Kirche hinein anordnete und dabei commandirte wie ein Kapitän. „Zuerſt der Todte— jetzt die Freunde des Todten — jetzt das Volk!“« „So pflegte er zu ſagen, und das wiederholte er, ſo oft er ein wenig angetrunken war, denn alsdann wurde er lebhaft und vergnügt und meinte, er begrabe halb Munſter. „Wahrhaftig, es war eine ordentliche Freude und Wonne, in den damaligen Zeiten begraben zu werden; denn war es auch blos ein ganz kleines Bäuerlein mit einem einzigen Kartoffelgarten, ſo kam mein Vater mit ſeinem ſchwarzen Mantel und drei Ellen Trauerflor hinten am Hute, ſo daßalle Kinder in der Umgegend zuſam⸗ menſchrien und heulten, und dann ging er vor ihnen her mit einem Spaten auf ſeiner Schulter, ſtieß dieſen in die Erde hinein und hing ſeinen Hut oben drauf, daß er ausſah wie ein Hauptleidtragender. O, es war ein herrlicher Anblick,“ 11* „Aber, Mickey, wenn Du mit ſolcher Vorliebe bei den Erinnerungen an Deinen Vater verweilſt, ſo ver⸗ lieren wir, fürchte ich, den Geiſt gänzlich aus den Augen.“ „Seyen Sie ohne Sorgen, ich komme jetzt ſogleich an ihn. Das Ding ging nämlich ſo zu.— In dem ſtrengen Winter vor etwa zwei oder drei und vierzig Jahren wurde der alte Pfarrer von Tulloughmurray krank und ſtarb. Er hatte ſechzig Jahre als Prieſter in der Gemeinde gelebt und war ungemein beliebt. Dies war aber auch kein Wunder, denn einen luſtigern und geſelligern Mann hat es nie gegeben, er war das Leben der ganzen Umgegend. Eine Hochzeit oder Taufe konnte nicht vergnügt gefeiert werden, wenn er nicht dabei war und oben an der Tafel ſaß, den Arm meinet⸗ wegen um die Braut ſelbſt geſchlungen, oder das Kind⸗ chen in ſeinem Schooß, einen dampfenden Punſchkrug vor ſich und ſo viel Freundlichkeit in ſeinen Augen, daß zwanzig Heuchler ihr Glück machen könnten, wenn ſie ſich darein theilten. Und dann war er ſo gut gegen die Armen; das Pfarrhaus war immer voll von alten Männern und Weibern, die um das große Feuer in der Küche herum ſaßen, ſo daß die Köchin ſelbſt ſich kaum rühren konnte. Vater Dwyer aber hatte ſeine Freude daran, wie ſie ſich das Eſſen ſchmecken ließen und ihre Felle wärmten.„Wohin ſollen die guten Leute gehen, wenn ſtie nicht zu mir könnten?' pflegte er zu ſagen; ‚gebt Molly Kinſhela ein Stückchen Speck. Ein kalter Morgen, Tim; wollen wir nicht einen Schluck Schnaps nehmen?“ „Auf dieſe Art ſprach er mit ihnen, aber pure Her⸗ zensgüte ſchützt nicht vor dem Tod; er erfror ſich die Füße bei einer Betfahrt, als er in dem tiefen Schnee ohne ſeinen Mantel heimritt— dieſen hatte er nämlich einem blinden Mann auf der Straße geſchenkt und drei Tage nachher war er todt. 3 „Ich ſehe, Sie werden ungeduldig und ich will Sie ————————EEEEEͤſſ— 165 deßhalb nicht mit einer Schilderung des Jammers auf⸗ halten, der ſich bei dieſer Nachricht im ganzen Kirchſpiele verbreitete; wahrhaftig, etwas Aehnliches iſt nie geſehen worden; zwei Tage lang wollte kein Menſch eine Haue in die Hand nehmen„ und es wurde in dieſer Zeit mehr Whiskey verbraucht, als ſonſt auf dem ganzen Früh⸗ jahrsmarkte. Am dritten Tage fand die Leichenſeier ſtatt, und zwar eine Leichenfeier, dergleichen in dieſer Gegend noch nie geſehen worden iſt. Da war zuerſt mein Vater— er kam expreß von Cork herüber mit den ſechs Pferden, alle mit neuen ſchwarzen Teppichen und Federn, ſo hoch wie kleine Pappeln. Dann kam Vater Dwyer und hinter ihm zwei Coadjutoren in ſchönen Chorröcken, beide barhäuptig; hernach die Schuljungen zwei und zwei.. „Nun, Mickey, das mag Alles recht ſchön geweſen ſeyn, aber ums Himmelswillen verſchone mich mit ſol⸗ chen Schilderungen und mach, daß Du an den Geiſt kommſt.“ „Sie können es jetzt kaum erwarten, bis der Geiſt erſcheint, aber wahrſcheinlich wird er Ihnen weniger gefallen, wenn er einmal da iſt. Doch ich kann mich auch kürzer faſſen, wenn Sie wollen. Vater Dwyer war, müſſen Sie wiſſen, in Aghanliſh geboren, ſtammte aus einer alten Familie und hinterließ ein Teſtament, daß er in der Familiengruft begraben werden wolle. Da nun Aghanliſh mehr als vier Stunden im Gebirge oben war, ſo wurde es ſpät, bis ſie dort ankamen. Der ganze Zug hatte ſich unterwegs zerſtreut und war wieder nach Hauſe gegangen. Die Kirchenvorſteher hatten im blauen Blaſebalg eingekehrt, um zu Mittag zu ſpeiſen. Die kleinen Jungen warfen einander mit Schneeballen und außer einem alten tauben Kerl, den er mitgenommen hatte, um für die Pferde zu ſorgen, war mein Vater ganz allein. Er bekümmerte. ſich jedoch nicht viel darum, denn als der Zug ſich verlaufen hatte, begann er ein luſtiges Lied zu fingen und ſagte dem tauben 1 166 Burſchen, es ſey ein Trauerlied. Endlich kamen ſie nach Aahanliſh. Es war ein einſamer, melancho⸗ liſcher Platz, wo blos zwei oder drei alte Föhren und ein kleines, ſchieferdachiges Haus mit einem einzigen Fenſter ſtanden; in dieſem wohnte ſonſt der Küſter, aber es war jetzt verſchloſſen und ein Vorhängeſchloß vor der Thüre. Meinem Vater wollte das Ding ganz und gar nicht gefallen, aber da er nie in Verlegenheit kam, ſo ſtellte er auch jetzt ſogleich den Sarg in die Sakriſtei, und nachdem er die Pferde ausgeſchirrt hatte, ſchickte er den tauben Kerl mit ihnen in das Dorf hinab und ließ dem Pfarrer ſagen, es ſey eine Leiche da, er ſolle morgen früh heraufkommen und die Meſſe leſen. Hier⸗ auf machte er es ſich ſo bequem, als es gehen wollte, zündete auf dem alten Herde ein Feuer an, denn es war eine Menge Fichtenholz da, hing die ſchwarzen Decken vor die Fenſter, wickelte zwei davon um ſeinen Leib und ſetzte ſich dann nieder, um ein kleines Nachteſſen zu kochen, wozu er das Nöthige ſelber mitgebracht hatte. „Sie können ſich's wohl einbilden, daß es nicht gar luſtig war, die Nacht ganz allein bei einer Leiche in einer alten zertrümmerten Kirche mitten im Gebirge zuzubringen, während von allen Seiten der Wind heulte und das Schneegeſtöber an die Wände ſchlug; als aber das Feuer luſtig brannte und die kleine Platte mit Speckſchnitten und Eiern verführeriſch vor ihm dampfte, da miſchte ſich mein Vater einen Krug vom ſtärkſten Punſch und ſetzte ſich nieder ſo vergnügt wie ein König. So lange er aß, hatte er nicht Zeit an etwas Anderes zu denken, aber als er fertig war und ſich umſchaute, da wurde es ihm ängſtlich und wehmüthig ums Herz. In der Ecke ſtand der große ſchwarze Sarg auf drei Stühlen; die Trauerdecken, die er an die Fenſter gehängt hatte, bewegten ſich wie lebendige Dinge hin und her; draußen aber kreiſchte der Regenvogel, indem er vor⸗ überflog, und in der Niſche der alten Kirche ſaß eine Nachtenle mit ihren Glotzaugen. Ich wollte, es wäre Morgen,“ brummte mein Vater vor ſich hin,„„das iſt doch ein verdammt einſamer Ort und wahrlich das muß ein ſehr ſchlauer Kopf ſeyn, der mich bereden will, noch eine Nacht ſo zuzubringen.⸗ Aber Etwas quaͤlte ihn am allermeiſten; wenn die Nach⸗ barn von Geiſtern und Geſpenſtern ſprachen, ſo lachte er immer darüber, ſpottete und behauptete, es gebe keine ſolche Dinge, und jetzt kam ihm der Gedanke: Vielleicht kommen ſie dieſe Nacht und rächen ſich, weil ſie mich allein da haben. Er machte ſich einen andern noch ſtärkern Trank bereit und ſuchte ſich für den Fall der Noth auf ein paar Gebete zu beſinnen, aber ſein Kopf muß nicht recht klar geweſen ſeyn, denn er erzählte nach⸗ her, er habe immer alte Schelmen⸗ und Trinklieder, wie Heu und Stroh, mit den Gebeten und Pſalmen ver⸗ miſcht. Mittlerweile raste der Sturm immer ärger, die alte Abtei zitterte, als wollte der Sturm ſie einrei⸗ ßen, und meinem Vater ſank trotz des vielen Punſches ſein Muth tiefer als je. „Ich habe ihn zu ſchwach gemacht,“ ſagte er, indem er neuen Spiritus hineingoß, aber wahrhaftig, dieſen Fehler hatte er ſich nicht zu Schulden kommen laſſen, denn ſchon beim erſten Gebräu war ihm beinah ſchwind⸗ lich geworden. „Ja, ja,“ meinte er, ‚das iſt's; ſeyd luſtig und wohlgemuth, Mr. Free, reicht den Krug herum, Ihr ſollt hoch leben! Auch ein Liedchen wäͤre nicht von Stroh; ich bin zwar ein Bischen heiſer, aber wenn die Geſellſchaft entſchuldigen will— „Und ſo begann er auf den Tiſch hineinzuſchla⸗ gen, wie wenn die Stube voller Leute wäre, die ihn aufforderten zu ſingen. Kurz und gut, mein Vater war betrunken wie ein Spielmann; das letzte Glas gab ihm vollends den Reſt, er ſang jetzt luſtige Lieder eins ums andere und erzählte eine Menge Geſchichten, wie wenn er in einer großen Geſellſchaft wäre. „Hierauf machte er Bocksſprünge im Zimmer um⸗ 168 her und warf ſeinen Hut auf den Tiſch, ſo daß ein Kar⸗ tenſpiel herausfiel, das er hineingelegt hatte, denn er war ein großer Liebhaber davon. „Wollt Ihr nicht ein Spielchen machen, Mr. Free?e fragte er, indem er die Karten zuſammenlas und ſich ans Feuer ſetzte.— „Freilich, recht gern,“ antwortete er ſelbſt und begann auszugeben, als wenn ein Kamerad vor ihm ſäße. „Wenn mein Vater in ſeiner Geſchichte bis hierher kam, wurde er immer Etwas verwirrt. Er ſagte, er habe ſich zwei⸗ oder dreimal vergriffen und aus der Rum⸗ flaſche getrunken, ſtatt aus dem Trinkglas, das letzte, deſſen er ſich erinnern konnte, war, daß er den armen Vater Dwyer gefragt habe, ob er nicht näher ans Feuer kommen und ſich an der Thüre niederlegen wolle. „Bei dieſer Frage ſank er zu Boden und ſchlief ein. Wie lange er dalag, konnte er nicht ſagen. Als er aber wieder erwachte und aufſchaute, ſtanden ihm vor Angſt die Haare zu Berg. Denken Sie ſich nur, auf der andern Seite des Feuers ſaß der leibhaftige Vater Dwyer ſelbſt; er war noch in die Trauerdecke eingehüllt und ſuchte ſich die Hände zu wärmen. „Salve hoc nomine patris,“ rief mein Vater ſich bekreuzend, ‚wenn es Ihr Geiſt iſt, ſo ſey mir Gott gnädig!“ „Guten Abend, Mr. Free,“ ſagte der Geiſt, ‚und wenn es erlaubt iſt, zu fragen, was habt Ihr in dem Krug da?“ denn ſehen Sie, mein Vater hielt die Flaſche feſt unter dem Arm und hatte ſie auch im Schlafe nicht losgelaſſen. „Pater noster, qui es in— Whiskey, Sir,“ rief mein Vater, als er ſah, daß der Geiſt mit ſeinem Latein nicht ganz zufrieden ſchien. „Ihr könntet wohl ſo höflich ſeyn zu fragen, ob Unſereiner auch einen Mund hat,“ fuhr der Geiſt fort. 169 „Freilich wohl, aber ich dachte nicht, daß Ihresglei⸗ chen auch Branntwein trinken. „Verſucht's einmal,« antwortete der Geiſt, füllte ſich ein Glas ein und leeerte es wie ein rechtſchaffener Chriſt. „Beomiſh.“ ſagte er dann, mit den Lippen ſchmatzend. „Allerdings, antwortete mein Vater, was Ihnen begegnet iſt, ſcheint Ihren Geſchmack nicht verderbt zu haben.“ „Wenn Ihr ein wenig Punſch bereiten wolltet,“ fuhr der Geiſt fort, ‚ſo meine ich, würde uns das noch beſſer bekommen; es iſt eine ſtrenge Nacht.’ „Alles, was Ew. Ehrwürden belieben, ſagte mein Vater und blies ein tüchtiges Feuer an, um das Waſſer zu ſieden. 2 „Und was gibt es denn Neues?⸗ fragte der Geiſt. „Verdammt wenig, Ew. Ehrwürden. Ihr eigenes Begräbniß war das einzige Geſchäft in dieſer Woche. Die Zeiten ſind ſchlecht, und wenn die Maſern nicht wären, ſo hätten wir gar Nichts zu thun. Koſten Sie einmal dieſes, hochwürdiger Herr.’ „Es iſt angenehm und erfriſchend, ſagte der Geiſt; zaber jetzt, Mr. Free, was würden Sie zu einem kleinen Spielchen ſagen? Etwa Fünfern oder ſchwarzer Bub?⸗ „Um was wollen wir ſpielen?⸗ fragte mein Vater, denn es kam ihm juſt der Gedanke, es möchte dies viel⸗ leicht eine Bosheit des Teufels ſeyn, um ſeine Seele zu fangen. „Um ein Nöſel Beamiſh,“ antwortete der Geiſt. „Gilt, ſagte mein Vater,„heben Sie ab, wer aus⸗ gibt. Schippenaß, es iſt an Ihnen.“ „So lange der Geiſt die Karten austheilte, ver⸗ wandte mein Vater kein Auge von ihm, denn es war ihm ganz und gar nicht wohl zu Muthe; aber als er ihn den Trumpf umſchlagen und hernach einen ſtarken 17⁰ Schluck nehmen ſah, wurde ihm leichter ums Herz und er begann das Spiel. „Wie lange ſie ſpielten iſt nie genau bekannt wor⸗ den; nur ſo viel iſt gewiß, daß ſie mörderlich viel Whiskey tranken; drei Quartflaſchen, die mein Vater mitgenommen hatte, ſtanden alle leer und das Getränk, ſo wie ſein beſtändiges Verlieren— denn er konnte ums Leben kein Spiel gewinnen— machte ihn ſo verwirrt, daß er zuletzt händelſüchtig wurde. „Sie haben ein ganz abſonderliches Glück,“ be⸗ merkte er. „Das iſt wahr, übrigens ſpielt man auch viel da, wo ich herkomme.“ „Ja, es ſcheint ſo, ſagte mein Vater; ‚hier ſpiele ich den Schippenbuben aus; hol mich der Teufel, ſchon wieder verloren.“ „Jetzt wurde die Sache etwas höher getrieben; denn obſchon ſie mit einem Nöſel Beamiſh angefangen hatten, ſetzte mein Vater hintereinander bald den Lei⸗ chenwagen, die ſechs Pferde, die Trauerkleider, die Federn, kurz Alles, was er hatte, ein und verlor es. Seyd Ihr müde, Mr. Free, wollt Ihr aufhören?“ „Aufhören! Ei das wäaͤr' mir eine ſchöne Zeit zum Aufhören, nein, nein.“ „Nun gut, um was wollen wir denn ſpielen?⸗ Der Ton, womit er dies ſagte, machte meinen Vater an allen Gliedern zittern und das Blut gerann ihm in ſeinen Adern.„Mordelement,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„er hat es nur auf meine Seele abgeſehen.“ „Ich beſitze nur noch ſehr wenig, ſagte er dann laut und ſah ihn ſcharf an, während er blitzſchnell die Karten miſchte. „Sehr wenig, aber das thut Nichts; wir geben Euch Zeit genug zum Bezahlen, und wenn Ihr das nicht könnt, ſo werde ich Euch doch nicht beunruhigen, ſo lange Ihr lebet. „O, Du höliiſcher Teufel, jetzt kenne ich Dich,“ 171 rief mein Vater und ſtürzte mit einem Spaten, den er hinter ſeinem Stuhle hatte, auf ihn zu. „Mit einem einzigen Schlag hieb er ihn zu Boden und nun begann ein furchtbarer Kampf, denn auch der Geiſt war ſehr ſtark; aber meines Vaters Blut war dermaßen in Wallung, daß er ſelbſt den Teufel nicht gefürchtet hätte. Sie wälzten ſich mehrere Male über einander hin, während die zerbrochenen Flaſchen ihnen Hände und Geſicht zerſchnitten, und Stühle und Tiſche unter ihnen zuſammenbrachen. Endlich ergriff der Geiſt die Flaſche, die auf dem Heerde ſtand, und ſchlug meinen Vater mit einem einzigen Hieb zu Boden; er ſiel und die Flaſche ſammt dem wenigen Whiskey, der noch darin war, ſtuͤrzten in das Feuer. Dies war das Ende vom Spaß, denn auf einmal verſchwand der Geiſt in einer blauen Flamme, die meinen Vater beinahe anzündete, als er ſo dalag. Sie können ſich denken, wie jämmerlich ihm am andern Morgen zu Muthe war; ſeine Wangen waren zerſchnitten, ſeine Hände voll Blut, um ihn herum lagen die zerbrochenen Flaſchen und Gläſer, und die Karten. Auch der Sarg war von den Stühlen herabgeworfen, und es mag den Geiſt wohl einige Mühe gekoſtet haben, wieder in denſelben hinein zu gelangen. Wie dem auch ey, die Leiche wurde um einen Tag verſchoben, denn mein Vater konnte nicht ſprechen, und auch dem Küſter war es ganz wunderlich ergangen, denn als man ihn am Morgen weckte, waren ſeine Augen gelb und grün, und über das Ohr hatte er einen fürchterlichen Hieb, ohne zu wiſſen, wie er dazu gekommen war. So viel war klar am Tage, daß der Geiſt es gethan hatte; aber mein Vater hielt die Sache geheim und erzählte ſie in jener Gegend keinem Menſchen. I 172 Sech sundſiebenzigſtes Kapitel. Liſſabonu. Es ſteht nicht in meiner Macht, die Ereigniſſe zu erzählen, welche die folgenden drei Wochen meine Ge⸗ ſchichte bezeichneten. Dieſe ganze Zeit über hielt mich mein Wundfieber im Schloſſe zurück, und als ich endlich Liſſabon erreichte, hatte bereits der Winter begonnen. Es war ein kalter, rauher Abend, als ich mein altes Quartier auf dem Quai de Soderie wieder bezog. Ich war äußerſt begierig auf Nachrichten von dem Feldzug und ſchickte daher Mickey ſogleich auf's Quar⸗ tiermeiſteramt, um da Neuigkeiten zu holen und zu er⸗ fahren, wer von meinen Freunden und Kameraden in Liſſabon ſey. In peinlicher Ungeduld wartete ich auf ſeine Rückkehr, endlich aber hörte ich doch Fußtritte gegen mein Zimmer her, und Mickey ſagte:„Das alte Zimmer, Sir, wo er ſchon früher gewohnt hat?“ Plötz⸗ lich öffnete ſich die Thüre und mein Freund Power ſtand vor mir. „Charley, mein Junge— Fred, mein theuerſter Freund,“ war Alles, was wir in den erſten Minuten ſagen konnten. Meinerſeits war die Erinnerung an ſein edles, mannhaftes Benehmen in meiner Sache zu über⸗ wältigen, als daß ich Worte gefunden hätte; auf ihn machten meine eingefallenen Wangen und mein mattes Ausſehen einen ſo unerwarteten und ſchmerzlichen Ein⸗ druck, daß ihm die Sprache gänzlich verſagte.. Inzwiſchen faßten wir uns bald und erſchloßen vor einander die Schatzkammer unſerer Erlebniſſe. Er kannte meine Geſchichte ganz genau, die ſeinige aber war ein unaufhörlicher Wirbel von Vergnügungen und Luſtbarkeiten geweſen. In Liſſabon hatte man den Sommer über herrlich und in Freuden gelebt; Ausflüge nach Cintra oder ſonſt in die Umgegend waren an der Tagesordnung geweſen, und da mein Freund überall, — 173 wohin er kam, bald der Liebling war, ſo hatte es ihm an guter Unterhaltung nicht fehlen können.“ „Ich will's Ihnen nur geſtehen, Charley, jeden andern als Sie würde ich nicht geſchont haben; denn ich habe mich bis über die Ohren in Ihre kleine, ſchwarz⸗ äugige Portugieſin verliebt!“ „Ah, Donna Inez meinen Sie?“ „Allerdings meine ich die, und Sie haben ganz und gar nicht nöthig, ſich ſo kalt und gleichgültig zu ge⸗ berden. Sie iſt das liebenswürdigſte Mädchen in ganz Liſſabon und hat ein Vermögen, mit dem man alle Renten in Connemara bezahlen könnte.“ „Ich gehöre allerdings zu ihren flammenden Ver⸗ ehrern, aber da ich mich nie der mindeſten Bevorzugung zu erfreuen hatte—“ „'Still, ſtill, Charley, und keine Geheimnißkrämerei mir gegenüber. Jedermann weiß, daß die Sache ſo gut wie abgemacht iſt, Ihr alter Freund Sir George Daſh wood hat es mir erſt geſtern erzählt.“ „Wie, iſt er hier in Liſſabon?“ „Allerdings; habe ich Ihnen das nicht gleich im Anfang geſagt? Hol' der Teufel mein ſchlechtes Gedächt⸗ niß. Er iſt als bevollmäͤchtigter Generaladjutant hier und nur ihm habe ich die Verlängerung meines Urlaubs zu danken.“ 8 „Und Miß Dafhwood, iſt ſte auch hier?“ „Ja, ſie kam mit ihrem Vater. Bei Gott, ſie iſt ſehr ſchön; ein ganz anderer Styl als unſere ſchwarz⸗ braune Freundin, aber nach meinem Dafürhalten weit fhhiner Hammersley ſcheint auch meiner Anſicht zu „Iſt Hammersley auch hier?“ „Ja, beim Stabe. Aber zum Henker, was werden Sie auf einmal ſo roth liee nehr anf ihn baben Er ſelbſt wenigſtens ſpricht *mit der größten Achtung von Ihnen; erſt geſter Nacht bei Sir George.“ hnu Bhuen; eißt deſſen ——— 174 Was Power hinzufügen wollte, weiß ich nicht, denn ich ſprang jetzt plötzlich vom Stuhle auf und eilte an’'s Fenſter, um meine Aufregung vor ihm zu ver⸗ bergen. „Alſo,“ ſagte ich, nachdem ich endlich wieder einige Ruhe gewonnen hatte,„alſo hat Sir George meinen Namen in Verbindung mit der Senhora genannt?“ „Ja, das that er, und ganz Liſſabon thut es. Was wollen Sie denn eigentlich? Doch ich ſehe, lieber Junge, Sie ſind noch nicht wieder bei Ihren Kräften und wir haben ſchon zu lange geplaudert. Ich will Ihnen jetzt gute Nacht ſagen, Charley. Morgen frühſtücke ich bei Ihnen und erzähle Ihnen dann noch Allerlei; inzwiſchen verſprechen Sie mir ruhig zu Bette zu gehen, und damit ſchlafen Sie wohl.“ Ich war ſo aufgeregt, daß ich keinen Verſuch machte, Power zurückzuhalten. Ich ſehnte mich darnach, wieder allein zu ſeyn, um wo möglich ruhig meine Lage über⸗ denken und mir einen Plan für die Zukunft entwerfen zu können. Meine Liebe zu Lucy war ſchon lange mehr eine gewiſſe fromme Verehrung als Gegenſtand einer Hoffnung geweſen. Meine früheſte Regung männlichen Ehrgeizes knüpfte ſich an die erſte Stunde, da ich ſie getroffen hatte. Sie war es, die auf das Herz des Knaben einen zauberhaften Eindruck gemacht und einen ritterlichen Sinn in mir geweckt hatte; wenn ſte nun auch auf immer für mich verloren war, ſo mußte ich ſie doch fortwährend als dasjenige Weſen verehren, das allen Unterneh⸗ mungen meines Lebens eine heilige Weihe ertheilt hatte. Mit einem Wort, meine Liebe war, wenn ſie auch ihrem Herzen Nichts galt, dem meinigen Alles. Sie war die Anbetung, womit der Gläubige ſeinen Schutz⸗ heiligen umfängt; ſie war der Glaube, der mich über Unglück und Mißgeſchick emporhob und immer vorwärts trieb; deßhalb hätte ich auch Alles in der Welt eher er⸗ 175 tragen können, ats einen Zweifel an meiner Beſtän⸗ digkeit. 1 Vielleicht, ja gewiß, ich fühlte es nur zu gut, liebte Lucy mich nicht. Es war möglich, daß ſie einen andern mir vorzog; aber wenn ſie an meiner eigenen, innigſten Neigung zweifelte, wenn ſie in meine eigene Treue einen Verdacht ſetzte, ſo vernichtete ſie dadurch Alles, was meinem Daſeyn einigen Zauber gegeben, ſo zer⸗ ſtörte ſie für immer den Enthuſiasmus, der für heroiſche Thaten in mir geglüht hatte. Es mag dies blos eine armſelige Philoſophie ſchei⸗ nen, aber ach, wie viele unſerer glücklichſten, wie manche unſerer glänzendſten Gedanken ſind gleichfalls nur Tän⸗ ſchungen! Die Morgenröthe der Jugend vergoldet die Gipfel der fernen Berge vor uns und manchen trübſe⸗ ligen Tag, wo ſtürmiſche Wolken ſich dicht um uns ſammeln, leben wir von der Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit. Eine flüchtige Ausſicht auf eine glänzende Zukunft, einige kurze Blicke auf ein ſonnenbeſtrahltes Abaſslaſſen ihre freundliche Färbung viele Jahre lang zurück. Es iſt wahr, wer ſolchen Phantaſien gar nicht nachhängt, wird weniger Enttäuſchungen, weniger Miß⸗ geſchicke in der Welt auszuſtehen haben; aber eben ſo wahr iſt, daß er auch keine Ahnung von jenem über⸗ ſtrömenden Glücke des Mannes hat, der ſelbſtſtändig genug iſt, die Verheißungen früherer Jahre mit den Leiſtungen ſpäterer zuſammenzuhalten, und darauf ſein Glück gründen zu wollen. 3 Unter ſolchen Betrachtungen ſchlief ich feſt ein und wurde erſt ſpät durch den geſchäftigen Lärm der großen Stadt aufgeweckt. Power war ſchon zweimal da ge⸗ weſen, hatte mich aber nicht ſtören wollen und daher blos einige Zeilen zurückgelaſſen des Inhalts, daß er Dienſt habe und deßhalb vor Abend nicht zu mir kommen könne. Da ich, um einen Urlaub zu erlangen, vor dem Collegium der Militärärzte zu erſcheinen hatte, ſo 176 kleidete ich mich ſogleich an und beſchloß, ſobald dieſe und einige andere Förmlichkeiten vorüber wären, um die Erlaubniß zu bitten, mich in eines der kleinen Dörfer jenſeits des Tajos zurückzuziehen, bis ich wieder hergeſtellt wäre und von Neuem in mein Regiment ein⸗ treten könnte. Vor einem Zuſammentreffen mit Daſhwoods war mir bange. Mit ſchwerem Herzen bedachte ich, wie eine fluüchtige Unterredung alle meine Wahnbilder von Glück auf's Gründlichſte zerſtören könnte, und ich wollte die traurige Ueberzeugung von der gänzlichen Hoffnungslo⸗ ſigkeit meiner Herzensangelegenheiten um Alles in der Welt vermeiden. 1 Während ich noch ſchwankte, was ich thun ſollte, näherte ſich ein leichter Schritt meiner Thüre; dieſelbe wurde langſam geöffnet und ein Bedienter in dunkler Livree trat ein. „Mr. O'Malley, Sir?“ „Ja,“ antwortete ich, begierig wer meine Ankunft wohl ſchon erfahren haben könne. „Sir George Daſhwood,“ ſagte der Bediente, „bittet Sie um einen Beſuch, ſobald Sie ausgehen können. Er iſt ſelbſt ſo beſchäftigt, daß er nicht aus 3 Hauſe kann; aber er wünſcht ſehnlichſt, Sie zu ehen.“ 3 „Wohnt er in der Nähe?“ 4 „Ja, Sir, kaum fünf Minuten von hier.“ „Gut, wenn Sie mir den Weyg zeigen wollen, ſo folge ich Ihnen.“ Ich warf noch einen flüchtigen Blick auf meinen Anzug und brach dann auf. Mitten auf einem offenen Platze, vor der Thüre eines großen, ſteinernen Gebäudes war eine Gruppe Militärperſonen verſammelt, die mit einander ſchwatzten und lachten. Einige laſen die neueſten Zeitungen aus England, andere lehnten müſſig an der ſteinernen Brü⸗ ſtung und rauchten ſorglos ihre Cigarren. Keiner der 177 Geſichter war mir bekannt; ich wand mich alſo durch die Menge durch und ging die Treppe hinan. Gerade in dieſem Augenblick hörte ich halblaut ſagen:— „Wer? ſagten Sie. „O'Malley, der junge Irländer, der ſich am Duero ſo tapfer gehalten hat.“ Das Blut rauſchte mir in die Wangen, mein Herz hüpfte vor Entzücken, mein Tritt, der ſo eben noch ſchwach und wankend geweſen, wurde feſt und ſicher, ſtolze Begeiſterung zuckte durch meine Adern. Der Sprecher dieſer wenigen, zufällig hingeworfenen Worte hatte keine Ahnung davon, wie er ein ſinkendes Herz aufgerichtet, ein brechendes Gemüth mit neuer Thatkraft erfüllt hatte. Die Stimme des Lobes, zumal von Leu⸗ ten, denen wir gänzlich unbekannt zu ſeyn geglaubt hatten, beſitzt eine Zauberkraft, die man ſelbſt empfinden muß, um ſie verſtehen zu können. So geſchah es, daß in wenigen Sekunden in allen meinen Gedanken und Gefühlen eine Revolution vorgegangen war und ich, der ich kleinmüthig und zaghaft mein Quartier verlaſſen hatte, ſchritt jetzt zuverſichtlich und ſtolz weiter. „Mr. O'Malley, Sir,“ ſagte der Bediente zu dem wachthabenden Offizier, als wir in's Vorzimmer traten. „Ah, Mr. O'Malley,“ redete mich der Adjutant ungemein freundlich an; ich hoffe, Sie befinden ſich jetzt beſſer. Sir George ſehnt ſich ungemein, Sie zu ſehen, aber im Augenblicke iſt er mit dem Stab be⸗ ſchäftigt—“ Das Geklingel einer Glocke ſchnitt ſeinen Satz ab; 5 eilte an das innere Zimmer, kam ſogleich zurück und agte:— „Wollen Sie mir folgen? hierher wenn's beliebt.“ Das Zimmer war mit Generalen und Adjutanten angefüllt, ſo daß ich einige Sekunden lang die Einzelnen nicht unterſcheiden konnte; aber kaum war mein Name Lever, O'Malley. UI. 12 178 angemeldet, als Sir George Daſhwood ſich durchdrängte und mit großer Herzlichkeit auf mich zuging. „O'Malley, mein wackerer Junge, freut mich ſehr, Ihnen wieder die Hand ſchütteln zu können. Ei, Sie ſind ja bedeutend gewachſen, ein ganzer Mann geworden und mit dem Arm geht es doch hoffentlich auch gut?“ Er ließ mir kaum Zeit zu antworten, ſondern ſtellte mich, in dem er meine Hand fortwährend feſt in der ſeinigen hielt, nach allen Seiten vor. „Mein junger, iriſcher Freund, Sir Edward, der Mann vom Duero. Mylord, erlauben Sie mir, Ihnen Lieutenant O'Malley vom laten vorzuſtellen.“ „Ein ſehr kühner Streich, Sir, den Sie bei Ciudad Rodrigo ausführten.“ „Sehr unverſtändig, fürchte ich, Mylord.“ „Nein, nein, da bin ich nicht Ihrer Meinung; ſelbſt wenn keine großen Reſultate erfolgen, ſo wirken kühne Thaten auf den Geiſt einer Armee doch wohl⸗ thätig ein.“. Von allen Seiten her wurde ich mit einem wahren Kreuzfeuer von freundlichen, anerkennenden Bemerkun⸗ gen überſchüttet, und in dieſer Verſammlung eherner, erprobter Veteranen war ich der Löwe des Augenblicks. Wie es ſcheint, hatte Crawford ſehr rühmlich von mir geſprochen, und ſo wurde ich manchen Männern bekannt, deren Namen ganz Europa mit Achtung nannte. In dieſer glückſeligen Aufregung verbrachte ich den Morgen. Ich hörte die ausgezeichnetſten Kriegshelden vertraulich über den Feldzug und ſeine Lenker ſprechen, wurde von ihnen wie ein Kamerad behandelt und über⸗ glücklich durch ihre Güte vergaß ich meinen Kummer, ja ich fing ſogar an, ſelbſt zu glauben, daß ich zu großen Dingen beſtimmt ſey. Endlich jedoch fürchtete ich, mein Beſuch möͤchte ſchon zu lange gewährt haben, und trat daher zu Sir George um mich zu verabſchieden; er nahm mich unter dem Arm und zog mich an ein Fenſter. 179 „Ein Wort, O'Malley, bevor Sie gehen. Ich habe einen kleinen Plan für Sie ausgedacht und erwarte von Ihnen Gehorſam. Man wird Ihnen wegen Ihres Hier⸗ bleibens Schwierigkeiten in den Weg legen und deßhalb habe ich Sie zu meinem Exrtraadjutanten bei meinem Stab ernannt; das befreit Sie von allen Umſtänden und ich werde es in meinen Anforderungen an Sie nicht allzugenau nehmen. Sie müſſen indeß Ihren Dienſt ſchon heute antreten und ich erwarte Sie Schlag ſieben Uhr beim Diner. Ich weiß, daß Sie in Liſſabon zu bleiben wünſchen, mein Junge, und wenn Alles wahr iſt, was man ſagt, ſo gratulire ich von Herzen. Doch davon ein andermal und nun leben Sie wohl.“ Mit dieſen Worten drückte er mir noch einmal die Hand, und ohne zu wiſſen wie oder warum, befand ich mich auf der Straße. 3 Sir Georges letzte Worte warfen einen düſtern Schatten auf alle meine Gedanken. Ich ſah jetzt, daß das Gerücht, auf welches Power angeſpielt hatte, in ganz Liſſabon verbreitet ſeyn mußte. Sir George glaubte es; Lucy ohne Zweifel ebenfalls; aus meinem Herzen aber ſchwanden nun plötzlich wieder alle Gedanken an Krieger⸗ ruhm, die es ſo eben noch erfüllt hatten, und in trübe Be⸗ trachtungen verloren, ſchlenderte ich am Fluſſe hin. Ich war über eine Stunde gegangen, ohne auf meinen Weg zu achten. Mechaniſch ſuchte ich dem Ge⸗ töſe und Tumult der Stadt zu entfliehen und wendete daher dem Lande zu. Meine Gedanken drehten ſich nur um einen einzigen Punkt, für alles Andere hatte ich weder Augen noch Ohren. Wie ſchwierig mußte mir meine Lage in dieſem Augenblick erſcheinen! Da meine Liebe zu Lucy unbelohnt geblieben war, ſo durfte ich ihr gegenüber die Geruͤchte in Beziehung auf Donna Inez nicht widerlegen. Ich hatte kein Recht, bei ihr ſo viel Theilnahme an meinen Angelegenheiten vorauszuſetzen, daß ſie eine ſolche Erklärung angehört hätte. Nur Eines ſchien mir 12* 180 außer allen Zweifel geſtellt. Mit meinen Hoffnungen, in Beziehung auf ſie, war es auf immer zu Ende, und je deutlicher mir dies zum Bewußtſeyn kam, um ſo feſter wurde in mir ein gewiſſer unmuthsvoller Entſchluß gleich beim erſten Zuſammentreffen mit ihr, alle meine Ausſichten vollends gänzlich zu zerſtören. Mittlerweile ging ich weiter, bald ſchnell, wenn im Augenblick die leidenſchaftliche Aufregung vorwaltete, bald langſam, wenn die düſtere Stimmung die Ober⸗ hand behielt; endlich aber wurde mir auf einmal durch eine lange Reihe Maulthierkarren der Weg verſperrt. Unter den Fuhrleuten hatte ſich Streit erhoben, und um nicht in den Tumult hinein gezogen zu werden, trat ich in einen offenen Thorweg an der Seite und be⸗ fand mich bald auf einem hübſch angepflanzten, mit Airzerden Geſträuchen und Zierbäumen geſchmückten latze. In meinem halb träumeriſchen Zuſtand ſtrengte ich mich an, zu einer Klarheit zu gelangen, wie es komme, daß dieſe Gegenſtände mir nicht ganz fremd ſeyen: allein meine Gedanken waren ein wirres Chaos, denn bald miſchten ſich Erinnerungen an die ferne Heimath mit blutigen Schlachtſzenen, bald verweilten ſte bei meinem erſten Zuſammentreffen mit derjenigen, aus deren Mund ein zufälliges, gleichgültig und leicht hingeworfenes Wort die Geſchichte meines Lebens geſchrieben hatte. Aus dieſer Träumerei wurde ich rauh aufgeſchüttelt durch ein heftiges Raſcheln im Gebüſche, und bevor ich mich um⸗ drehen konnte, lagen die ſchweren Vordertatzen eines großen Bullenbeißers auf meinen Schultern, während aus ſeiner offenen Schnauze grimmige Zähne mir ent⸗ gegenblöckten. Jetzt ging mir plötzlich ein Licht auf: es war Juan, der Lieblingshund der Senhora, der mich auf dieſe etwas täppiſche Weiſe bewillkommte und jetzt mit allerlei wilden Sprüngen und Liebkoſungen die Honneurs des Hauſes zu machen ſchien. Es lag etwas ſo Freundliches und Anheimelndes in dieſen freudigen 181 Begrüßungen, daß ich mich ſogleich gefangen gab und ihn nach der Villa begleitete. Früher oder ſpäter hätte ich meine gütigen Freunde doch jedenfalls beſuchen müſſen; warum alſo nicht jetzt, da der Zufall mich ſo unerwartet in ihre Nähe geführt hatte? Ueberdies bot ſich mir, wenn ich meinen Ent⸗ ſchluß, mich bis zu meiner gänzlichen Wiederherſtellung in ein ſtilles abgelegenes Dorf zurückzuziehen, wirklich ausführte, wahrſcheinlich ſo bald keine Gelegenheit mehr dar, dies zu thun. Dieſer Grund ſchien mir gewichtig genug, aber außerdem trieb mich noch ein ſtarkes Ge⸗ fühl der Neugierde, und eehe einige Minuten vergin⸗ gen, befand ich mich vor dem Hauſe. Die Thüre ſtand wie gewöhnlich weit offen und in der geräumigen Haus⸗ flur, die wie ein Wohnzimmer möblirt war, lagen nach altem Brauche Bücher, Muſikalien und Blumen zerſtreut auf den Tiſchen umher. Mein Freund Juan ließ mir indeß nicht viel Zeit zu müßigen Betrachtungen; denn er ſprang wie wüthend an einer Thüre vor mir hinauf und forderte ungeſtüm Einlaß. Da ich wußte, daß dies das Wohnzimmer war, ſo öffnete ich und trat hinein. Aber Niemand war zu ſehen. Auf der Ottomane lag ein offenes Buch und da⸗ neben ein mir wohlbefannter Fächer; die Eigenthümerin aber fehlte. Ich ſetzte mich nieder, um ihre Rückkehr ruhig abzuwar⸗ ten, ohne mich anmelden zu laſſen. Es war mir ganz und gar nicht unangenehm, einige Augenblicke zu ha⸗ ben, um meine Gedanken zu ſammeln und in meine her⸗ umſchweifenden Phantaſien etwas Ordnung zu bringen. Als ich ſo im Zimmer umherſchaute, war es mir, als ſey ich erſt geſtern dageweſen: die Flügelthuͤren nach dem Garten ſtanden offen, wie bei meinem letzten Be⸗ ſuche, und abgeſehen davon, daß die Blumen weniger zahlreich, dunkler und düſterer erſchienen, hatte ſich Nichts verändert. Da lag die Guitarre, bei deren ergreifenden Accorden mein Herz gehuͤpft hatte, dort die Zeichnung, 182 über welche ich mich in freudiger Bewunderung hinge⸗ beugt und unter allerhand Andeutungen über Licht und Schatten den zauberiſchen Fingern nachgeſchaut hatte; jeder Stuhl war mir bekannt und ich begrüßte dieſe Dinge alle als theure Vertraute. Plötzlich ſiel mir eine kleine Porzellanvaſe auf, die ſich von ihren Schweſtern dadurch unterſchied, daß ſie einen Strauß von lauter abgeſtorbenen, verwelkten Blu⸗ men enthielt. Das Blut ſchoß mir in die Wangen, ich fuhr auf— es war das Bouquet, das ich ihr am Abend vor meinem Abſchiede gegeben hatte. Es befand ſich noch in derſelben Vaſe, worein ich es geſtellt: auch der Tiſch ſtand wie damals noch neben dem Fenſter. Welch ein Strom von Gedanken ergoß ſich jetzt über mich, nnd ſoll ich es bekennen? wie ergreifend ſprach nicht dieſer ſtumme Beweis von freundlicher Erinnerung an mein Herz in einem Augenblick, wo ich geglaubt hatte, Nie⸗ mand liebe mich, Niemand frage nach mir! Ich ging haſtig im Zimmer auf und ab, die verſchiedenſten Ent⸗ ſchließungen bekämpften ſich in meinem Innern, aber immer kehrte der eine Gedanke wieder: Wäre ich nicht hieher gekommen! Und doch hatte am Ende das Ganze nichts zu beſagen; es war vielleicht blos eine flüchtige Koketterie, worüber ſie ſelbſt gewiß zuerſt lachte. Wie hatte ſie von dem armen Howard geſprochen! Welcher Unfinn die Sache anders zu nehmen! Nun, ſo ſey es denn, ſagte ich endlich halblaut, ich will alſo auch eine Rolle bei dem Spiele übernehmen! Damit nahm ich die hell⸗ blaue Schärpe, die ſie mir am Abſchiedsmorgen gegeben, von meinem Helme herab und warf ſie uͤber meine Schul⸗ ter, um bei der Komödie mitzuwirken. Inzwiſchen ver⸗ ſtrich die Zeit und meine Holde erſchien nicht. Ich hatte mir bereits tauſend hochtrabende ſpaniſche Phraſen zu⸗ rechtgelegt und einſtudirt, aber noch immer wollte der Vorhang nicht hinaufgehen. Endlich beſchloß ich ihr ein paar Zeilen zu ſchreiben, wie ſehr ich bedauere, ſie nicht getroffen zu haben, und daß ich ihr demnächſt meine 18³ Ehrfurcht zu bezeugen hoffe. Ich ſetzte mich alſo nieder, zog das Papier an mich und begann in einem Miſch⸗ maſch von Franzöſiſch und Portugieſiſch, wie es mir in die Feder kam, mein Billet aufzuſetzen. Senhora Inez— nein ma chére Mademoiselle Inez— zum Henker, das iſt doch zu vertraut; doch ja, es geht— Mr. O'Malley entbietet ſeine Hochach⸗ tung— nein nein, das klingt gar zu albern!— Kurz nach einigen Dutzend mißlungenen Verſuchen dieſer Art begann ich gedankenlos Geſichter auf das Papier hinzu⸗ werfen, und mit bewunderungswürdiger Geſchicklichkeit auf fünfzig verſchiedene Arten— meine angebetete Freun⸗ din— meine theuerſte Inez hinzukritzeln, eine höchſt zweckmäßige und nützliche Beſchäftigung, mit der ich eine weitere halbe Stunde hinbrachte. Wer weiß wie lange ich noch dabei verblieben wäre, wenn nicht eine höchſt unerwartete Begebenheit der Sache ein ſchnelles Ende gemacht haͤtte. Da inzwiſchen dieſes Creigniß, ſo geringfügig es auch an und für ſich er⸗ ſcheinen mag, auf meine ganze künftige Laufbahn den größten und dauerndſten Einfluß ausübte, ſo wird man es wohl erklärlich finden, wenn ich ihm ein neues Ka⸗ pitel widme. Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Eine luſtige Anrede. Während ich mich auf dieſe Art vergebens abmühte, ein geeignetes Beiwort zum Beginn meines Briefes zu ſinden, ſaß ich, den Rücken der Gartenthüre zugekehrt, da und war dermaßen in meine Betrachtungen verſun⸗ ken, daß ich es höchſt wahrſcheinlich nicht gemerkt hätte, wenn Jemand inzwiſchen hereingetreten wäre. Endlich jedoch wurde meine Arbeit durch ein ſchallendes Geläch⸗ ter unterbrochen, deſſen mädchenhafte, uͤbermüthige Lu⸗ ſtigkeit mir nicht ganz unbekannt war. Es war die 181 Senhora ſelbſt und im nächſten Augenblicke hörte ich ihre Stimme. „Ich ſage Ihnen, ich weiß es ganz gewiß, daß ich ſein Geſicht im Spiegel geſehen habe, als ich vorbei⸗ ging. O, wie herrlich, auch Sie werden entzückt über ihn ſeyn; aber merken Sie ſichs, Sie dürfen mir ihn nicht wegfangen, das würde ich Ihnen nie verzeihen. Da ſehen Sie nur, er hat die blaue Schärpe an, die ich ihm gab, als er nach dem Duero marſchirte.“ Während ich merkte, daß ich ſelbſt geſehen werden konnte, vermochte ich dagegen die Sprecherin nicht zu ſehen, und da ich noch mehr von ihr zu hören wünſchte, ſo ſtellte ich mich als ſey ich eifriger als je mit meinem Schreiben beſchäftigt. Was ihre Begleiterin erwiederte, konnte ich nicht hören, ſondern nur einigermaßen aus der Antwort der Senhora errathen. „Fi donc!— ich bin ihm wirklich von Herzen gut, aber ſeyen Sie unbeſorgt, ich werde ſo ſlolz gegen ihn ſeyn, wie eine Königin. Sie ſollen ſehen, wie demüthig er meine Hand küſſen und mit welcher unbarmherzigen Fremdheit ich ihn empfangen werde.“ Aha, dachte ich, es könnte doch ſeyn, daß ich das Plänchen vereitelte; doch lauſchen wir weiter. Ihre Freundin ſprach aber wieder zu leiſe, als daß ich ſie hätte verſtehen können. „Es iſt* z, ärgerlich,“ fuhr Inez fort;„ich kann mich nie gen beſinnen, und der ſeinige war ohnehin ſo abneſchn ckt; aber thut Nichts, ich werde einen portugieſiſchen Granden aus ihm machen. Kom⸗ men Sie, es ver angt mich, ihn meiner Freundin vorzu⸗ ſtellen.“ Hier ſchien ein kleiner Streit zu erfolgen, denn ich hörte wie die Senhora ihre Begleiterin ſchmeichelnd bat, dieſe aber beharrlich ſich weigerte. „Ich weiß wohl, Sie meinen ich werde mich ein⸗ fältig benehmen, oder ſey wohl gar auf einer falſchen 185 Fährte, nicht wahr? aber da ſind Sie gewaltig im Irr⸗ thum; Sie ſollen ſich wundern wie kalt und würdevoll ich mich benehme. Ich werde mich ſtolz in die Bruſt werfen, ſehen Sie ſo, und dann mit einem tiefen Knix zu ihm ſprechen: Monsieur, j'’ai'honneur de vous saluer.“ Ein abermaliges luſtiges Lachen unterbrach dieſe Selbſtporträtirung, während in der Stimme ihrer Freun⸗ din etwas Herausforderndes zu liegen ſchien. „Nein, Sie ſind doch recht unartig; aber Sie müſ⸗ ſen mir verſprechen nachzukommen. Geben Sie mir die Moosroſe, ich bin Ihretwegen ganz heiß geworden. Während ſie ſo ſprach, hörte ich ihren Fuß auf dem Sande und im nächſten Augenblicke auf den Marmorſtu⸗ fen. Jede Erwartung hat etwas Spannendes und mein Herz pochte heftig. Gleichwohl hob ich den Kopf nicht empor, bis ſie eingetreten war, aber dann fuhr ich plötzlich auf, ſprang auf ſie zu, faßte ſte in meine Arme, drückte meine Lippen auf ihre rofigen Wangen und ſagte: „Ma charmante amie.“ Sie riß ſich ſchnell los und ſprang einen Schritt zurück; dann aber brach ſie in ein unmäßiges Gelächter aus; gleichwohl färbten ſich ihre Wangen hochroth und ich bereute beinahe, daß ich in meiner Bosheit ſo weit gegangen war. „Verzeihen Sie, gnäͤdiges Fräulein,“ ſagte ich mit erheuchelter Unſchuld,„wenn ich mich ſo weit vergeſſen habe, eine Gewohnheit meines eigenen Lamdes gegen eine fremde Dame geltend zu machen!, Ein halb böſes Kopfſchütteln war ihre elnzige Ant⸗ wort; dann aber wandte ſie ſich gegan den Garten und rief ihrer Freundin zu: 1 „Kommen Sie, Theuerſte und belehren Sie mi unwiſſendes Mädchen über Ihre Nationalſitten. Aber zuvörderſt muß ich Sie gegenſeitig vorſtellen— wenn ich nur ſeinen Namen wüßte— der Herr Chevalier von—“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre: eine 186 ſchlanke, graziöſe Geſtalt trat herein, drehte ſich ploͤtzlich um und ich erkannte Luey Daſhwood. Stumm vor Ver⸗ blüfftheit ſtanden wir beide einander gegenuber. Meine Gefühle will ich nicht zu beſchreiben ſuchen; im erſten Augenblicke hatte Beſchämung die Oberhand, das Blut rauſchte mir in Geſicht und Schläfen; im nächſten aber war ich blaß und kalt wie der Tod. Was in ihrem In⸗ nern vorging kann ich nicht errathen. Sie verbeugte ſich tief gegen mich, ging dann mit einem halben Lä⸗ cheln mühſamer Wiedererkennung an mir vorüber und trat an ein Fenſter. „Was haben Sie denn, Sie Böſe!“ rief die leb⸗ hafte Portugiefin, die von dieſer ſtummen Komödie Nichts begriff;„ich hoffte, Sie würden gleich im erſten Augen⸗ blicke die ſchönſte Freundſchaft mit einander ſchließen und nun wollen Sie einander nicht einmal anſehen.“ Was war zu thun? meine Lage wurde mit jedem Augenblicke peinlicher; nur die äußerſte Frechheit hätte ſich hier durchhelfen können, mir aber war noch nie ſo kleinmüthig ums Herz geweſen als jetzt. Gleichwohl nahm ich mich zuſammen und ſtcotterte einige nichtsſa⸗ gende Gemeinplätze. Inez antwortete und nun führte ich die Unterhaltung weiter mit der kopfloſen Gleichgül⸗ tigkeit eines Verbrechers, der zum Schaffot geht und, von ſchmerzlicher Angſt gequält, gleichwohl den Unbe⸗ fangenen ſpielen will. Um nur einigermaßen ſichern Boden zu gewinnen, er⸗ griff ich eine Gelegenheit von dem Feldzuge zu ſprechen, und ließ mich endlich, um meine Verlegenheit zu ver⸗ geſſen, auf die Beſchreibung eines Scharmützels mit ei⸗ nem franzöſiſchen Vorpoſten ein. Ohne es ſelbſt zu wol⸗ len hatte ich die Theilnahme der Senhora in ſo hohem Grade angeregt, daß ſie mit funkelnden Augen und ge⸗ öffneten Lippen zuhörte, wie wir ein Carré durchbrochen und mehrere Gefangene weggeführt hatten. Durch ih⸗ ren Eifer wurde ich gleichfalls warm und immer leben⸗ diger, aber juſt als ich an den ſpannendſten Theil 187 meiner Erzählung kam, ging Miß Daſhwood langſam an den Glockenzug, klingelte und beſtellte ihren Wagen mit einer ſo vollkommenen Unbefangenheit und Gleich⸗ gültigkeit, daß ich wie vom Donner gerührt war. Ich ſtammelte, kam aus dem Concept und ſchwieg endlich ganz. Donna Inez ſah uns beide abwechſelnd mit un⸗ verſtellter Verwunderung an, und ich hörte ſie Etwas von eng⸗ liſchen Sonderbarkeiten vor ſich hinmurmeln. Glücklicher⸗ weiſe jedoch wandte ſich ihre Aufmerkſamkeit jetzt aus⸗ ſchließlich der Freundin zu; während ſie ihr den Shawl umlegen half und das Verfprechen einer baldigen Wie⸗ derholung des Beſuches abquälte, kam ich auf einen Au⸗ genblick wieder zur Beſinnung. Nun fuhr auch noch der Wagen vor, und als der Kies nach rechts und links unter den Hufen der Pferde emporflog, verſchaffte mir ſchon allein das Geräuſch und Getöſe einige Beſchäf⸗ tigung. MAdiost ſagte Inez, indem ſie die Freundin zum letzten Male küßte und mir winkte, ſie an ihren Wagen zu geleiten. Ich trat vor, blieb ſtehen, that einen zwei⸗ ten Schritt vorwärts und wurde von Neuem unſchlüſſig; aber Miß Daſhwood machte meinem Kampfe ſchnell ein Ende; denn durch eine ſehr förmliche Verbeugung lehnte ſie meine nur halb angebotene Dienſtleiſtungen ab und verließ das Zimmer. Ich bemerkte, daß ſie beim Vorübergehen am Tiſche das Papier ſah, das ich ſo lange bekritzelt hatte, und in dieſem Augenblicke meinte ich einen Ausdruck unaus⸗ ſprechlicher Verachtung auf ihrem Geſichte zu erblicken. Außerdem aber und vielleicht täuſchte ich mich auch hier⸗ in— war ihr Benehmen vollkommen ruhig, unbefan⸗ gen und gleichgültig. Kaum war der Wagen fortgerollt, als die Senhora ſich auf einen Stuhl warf, mit kindiſcher Freude ihre Hände zuſammenſchlug und in ein Gelächter ausbrach, das nimmer aufhören zu wollen ſchien.„Welch eine Szene!“ rief ſie,„ich möchte ſie um die ganze Welt 188 nicht geben: welch zuthuliche Herzlichkeit! welch ungele⸗ gentlicher Eifer eine Bekanntſchaft zu ſchließen! ich werde das nie vergeſſen, Herr Chevalier; im Uebrigen ſcheinen Ihre Nationalſitten ſich gewaltig in Ertremen zu bewe⸗ gen. Man hätte glauben ſollen, Sie wären Todfeinde, und es iſt nur Schade um die tauſend köſtlichen Plane, die ich für Sie beide entworfen hatte.“ Während ſie ſo plauderte und ihre Luſtigkeit kaum zu zügeln vermochte, ging ich mit ungeduldigen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und ab; zuerſt wollte ich dem Wa⸗ gen nacheilen, ihn anhalten, mit wenigen Worten erklä⸗ ren, wie Alles gekommen ſey, und ſofort auf immer von ihr fliehen; dann aber bannte mich ihr kalter, unem⸗ pfindſamer Blick, und ich dachte am Ende, ein kecker Sprung in den Tajo würde das kürzeſte und einfachſte Mittel ſeyn, allen meinen Trübſalen ein Ziel zu ſetzen. Zerknirſchung, gänzliche Selbſtverachtung hatten meinen Muth gebrochen, und ich hätte weinen können wie ein Kind. Was ich ſagte, oder wie ich mich benahm, weiß ich nicht, mein Bewußtſeyn kehrte erſt zurück, als ich in der größten Eile auf der Straße nach Liſſabon da⸗ hin lief. Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Das Diner. Man kann ſich leicht denken, daß ich wenig Luſt verſpürte der Einladung Sir George Daſhwoods Folge zu leiſten. Inzwiſchen konnte ich die Sache nicht umge⸗ hen; überdies war ja auch der Würfel geworfen und meine Ausſichten auf Lucy unwiederbringlich vernichtet. Wir waren Nichts für einander, konnten Nichts für ein⸗ ander ſeyn, und je früher ich meinem peränderten Glück Trotz bot, deſto beſſer für mich. Im Uebrigen hatte ich kein Recht von Veränderung zu ſprechen, denn ſie hatte ſich nie um mich gekümmert, und ſelbſt vorausgeſetzt, 189 meine feurige Liebeserklärung habe ihr einiges Intereſſe eingeflößt, ſo mußte ihr jetzt meine augenſcheinliche Falſch⸗ heit und Treuloſtgkeit nur um ſo abſcheulicher erſcheinen. Ich gab mir die größte Mühe, mich in Ruhe und Gleichgültigkeit hineinzuphiloſophiren. Ich erſchöpfte alle Gründe für meine Vertheidigung, aber ſo erfinderiſch ich auch hierin war, ſo vermochte doch kein einziger mein Gewiſſen zu beſchwichtigen. Ich malte mir die unwan⸗ delbare Treue meines Herzens, die Aufrichtigkeit meiner Beweggründe vor, aber die blaue Schärpe, die ich zur Erinnerung an eine Andere trug, und mein albernes Benehmen auf der Villa erhoben ſich als unwiderlegliche Ankläger. Von dem Tagesgeſchwätz in Liſſabon bis zu meiner eigenen unglückſeligen Tollheit ſprach Alles, Al⸗ les gegen mich. Ich ſuchte ſelbſt meinen verletzten Stolz zu Hülfe zu rufen und vergegenwärtigte mir den Blick hochmüthi⸗ ger Verachtung, den ſie beim Weggehen auf mich ge⸗ worfen hatte: aber auch dieſer Umſtand wandte ſich ge⸗ gen mich und ein demüthigendes Gefühl meiner Geſun⸗ kenheit legte ſich ſchwer auf mein Herz. Dieſer Eindruck wenigſtens, dachte ich, muß verwiſcht werden— ℳ „Se. Erzellenz erwarten Sie zum Diner, Sir,“ ſagte ein Lakai, den feingepuderten Kopf langſam zur Thüre hereinſteckend. Ich ſah auf meine Uhr, es hatte acht geſchlagen. Voll Schreck ſchnallte ich eilig meinen Säbel um und folgte ſogleich dem Bedienten die Treppe hinab. Man muß ſehr wenig Beobachtungsgabe beſitzen, oder tief in ſeine Träumereien verſunken ſeyn, um nicht, wenn man eine halbe Stunde zu ſpät beim Diner er⸗ ſcheint, auf den Geſichtern der verſammelten, wartenden Gäͤſte einen ſehr deutlichen Ausdruck des Mißvergnügens und der Unzufriedenheit zu gewahren. Es iſt dies wirk⸗ lich eine Verlegenheit, aus der nur wenige ſich mit gu⸗ ter Manier herauszuziehen wiſſen: mit ſchüchternen, ver⸗ wirrten Entſchuldigungen kommt man ebenſo wenig 190 durch, wie mit ſchlecht erheuchelter Ueberraſchung. Ver⸗ ſchämtheit und kaltblütige Impertinenz ſind gleich ſchlecht an ihrenn Platze, denn die Anweſenden achten auf beides nicht, ſondern ihre Gedanken verweilen bei kalten Sup⸗ pen, bei gewärmten Paſteten, und alle vereinigen ſich zu Verwünſchungen des Unglücklichen, der ſich einen ſo groben Fehler hat zu Schulden kommen laſſen. Glücklicherweiſe war ich mit dreifacher Unempfind⸗ ſamkeit gegen ſolche Regungen der Reue umpanzert, und mit der ruhigſten Unbefangenheit trat ich in den Saal, wo etwa zwanzig Perſonen ſich eifrig darüber beſprachen, welch eigenthümliche Liebenswürdigkeit in meinem Cha⸗ rakter wohl im Stande ſeyn werde, meine gegenwärtige Nachläſſigkeit wieder gut zu machen. „Endlich, O'Malley, endlich,“ ſagte Sir George, „Si haben ſehr lange auf ſich warten laſſen, mein ieber." Ich murmelte Etwas von einem weiten Spazier⸗ gang fern von Liſſabon und dergleichen. „Aha, das war es alſo doch; Sie ſehen, daß ich Recht hatte,“ flüſterte eine alte Lady mit goldflimmern⸗ dem Turban ihrer Nachbarin zu, die hierüber ungemein verwundert ſchien. Ein dicker, pausbackiger, kleiner Ge⸗ neral beäugelte mich langſam mit ſeinem Glas und ſprach dann mit gedämpfter Stimme den Wunſch aus, mich in ſeinem Stabe zu beſitzen. Ich wurde feuerroth und ſtarrte um mich wie ein Menſch, deſſen Lage uner⸗ träglich wird, als glücklicherweiſe das Eſſen angekündigt wurde und meiner Verlegenheit ein Ende machte. Während die Geſellſchaft vorüber defilirte, bemerkte ich, daß Miß Daſhwood nicht zugegen war. Dadurch fiel mir ein Stein vom Herzen, und unter hunderterlei Muthmaßungen über den Grund hievon zog ich mit den Adjutanten und dem Stab in das Speiſezimmer. Ein echt iriſches Temperament beſitzt Elaſtizität ge⸗ nug, um von der äußerſten Betrübniß plötzlich zur höch⸗ ſten Luſtigkeit überzuſpringen. Auch ich kann mich von 191 dieſer Eigenſchaft nicht frei ſprechen, und kaum ſah ich mich von meiner Beſorgniß mit Lucy zuſammenzutreffen erlöst, als es mir wieder unendlich leicht um's Herz wurde. Nachdem die Damen ſich entfernt hatten, kam das Geſpräch auf die Ereigniſſe des Feldzugs, und hier wurde ich zu meinem Erſtaunen als eine Art Auctorität be⸗ trachtet. Der Duero hatte mir durch einen günſtigen Umſtand einen Ruf verſchafft, von dem ich nie getraͤumt, und man berief ſich auf meine Anſicht bei Dingen, über die ich, vermöge meines niedrigen Dienſtranges unmög⸗ lich viel wiſſen konnte. Power war in Dienſtſachen ab⸗ weſend, und zum Glück für meine heutige Oberherrſchaft beſtand die Geſellſchaft lediglich aus Angeſtellten beim Commiſſariat und andern friſch aus England angekom⸗ menen Offizieren, die alſo noch weniger wiſſen konnten. als ich ſelbſt. 3 Was vermögen nicht Champagner in Eis und Lob⸗ ſprüche! Schon vereinzelt haben ſie eine ſtarke Wirkung, vereinigt aber ſind ſie unwiderſtehlich. Ich hörte jetzt zum erſten Male daß unſer großer Feldherr unter dem Titel Lord Wellington in den Pairsſtand erhoben wor⸗ den ſey, und ich glaube in der That, daß ich, ſo ſpaß⸗ haft es mir jetzt vorkommt, in dieſem Augenblick ſtolzer darauf war, als er ſelbſt. Das glorreiche Gefühl in ir⸗ gend einer, wenn auch noch ſo entfernten Verbindung mit einem Manne zu ſtehen, den das Schickſal zu ſo hohen Dingen beſtimmt hatte, durchbebte mich mit einem gewiſſen Entzücken, und in der Innigkeit meiner ſtolzen Bewunderung für unſern großen General regte ſich in mir ein geheimes Vergnügen, als ich mir zuflüſterte: „Auch ich bin ein Soldat.“ Wahrlich, es gehört nur wenig Schmeichelei dazu, um einem Menſchen von achtzehn Jahren den Kopf ſchwindlich zu machen, und wenn mich der liebliche Weih⸗ rauch wirklich umnebelte, ſo möge man die Entſchuldi⸗ gung hinnehmen, daß ich nicht daran gewöhnt war; wenn dieſer Trank mich berauſchte, ſo will ich's nur 192 geſtehen, daß ich ihn liebte. Warum auch nicht? Es iſt meines Wiſſens der einzige Saft, der am andern Morgen kein Kopfweh hinterläßt, zur Strafe für die überſprudelnde Luſtigkeit der geſtrigen Nacht. Er kann uns wie alle andern ſtarken Getränke auf Augenblicke zu Narren machen, aber wie orydirtes Stickgas wirkt er nur vorübergehend, und die Begeiſterung verfliegt bald wieder, ohne daß man bleibenden Schaden davon ätte. 1 Die Vortheile dagegen ſind augenſcheinlich; denn der Geber wird durch ſeine Wohlthätigkeit um Nichts ärmer, der Empfänger dagegen um Vieles reicher. Steht auch irgend ein gutmeinender Freund mit ſeinem bittern Tranke bereit, um die ungeſunde Süßigkeit, wie er es zu nennen beliebt, zu neutraliſiren, ſo genießen wir nur mit um ſo größerem Vergnügen das wonnevolle Elixir, deſſen Zauberkräften weder die Armſeligkeit unſerer Ta⸗ ſchen, noch die Oedigkeit unſeres Hirnes widerſtehen kann, und das uns mit etlichen Tropfen zu hochbegabten Männern umwandelt. Vive la bagatelle! ſagt der Franzoſe. Es lebe ein freundliches Anerkennen, ſage ich, komme es woher es wolle: es iſt der einzige Reichthum des Armen, die einzige Belohnung des Unbekannten; der Arm, der uns im Unglück aufrecht erhält— die Hand, die uns beim Erfolge krönt; der Troͤſter in unſerer Be⸗ trübniß— der heitere Gefährte in unſern Stunden des Vergnügens; das Wiegenlied des Kindes— der Stab des hohen Alters; der geheime Schatz, den wir in un⸗ ſere Herzen verſchließen und der immer höher anwächst, je öfter wir ihn überzählen. Man ſage mir nicht, die Münze ſey trügeriſch und das Gold nicht echt; ſein Klang erſcheint dem Ohr ſo muſtkaliſch, als wäre der Staatsſtempel darauf gedrückt, und ich bin nicht derjenige, der den Werth deſſelben herabſetzen ließe. Dieſe kleine Abſchweifung, ſo unpaſſend ſie vielleicht auch erſcheint, mag eine Thatſache veranſchaulichen, die ſich mit andern Worten nicht ſo leicht begreiflich machen 19³ ließe— daß nämlich, wenn Charles O'Malley bei je⸗ nem Diner, in ſeinen eigenen Augen ein ſehr bedeuten⸗ der Mann wurde, die Schuld nicht an ihm allein lag, ſondern an ſeinen Freunden, welche ihm das einredeten. In der That, mein lieber Leſer, war ich der Löwe der Geſellſchaft— der Mann, der den General Laborde ge⸗ rettet, der ſich durch eine feindliche Batterie geſchlagen, der Thaten vollbracht hatte, die in allen Zeitungen ſtan⸗ den und nur ihm allein unbekannt waren. Niemals haſt Du in einer Geſellſchaft mehr Erfolg, als wenn Dir ein guter Ruf vorangeht, und um gut zu ſprechen, be⸗ darf es nur einer höchſt mittelmäßigen Beredtſamkeit, wenn man eine wohlgeneigte Zuhörerſchaft hat. Ich durfte jedenfalls über die meinige nicht klagen; ich zechte daher tüchtig und gab eine ganze Flut von Feldzugs⸗ aneldoten los, ſo daß die alten Rekrutirungsoberſten mit den Ordonnanzoffizieren Blicke der Verwunderung wechſelten, während Sir George ſelbſt, augenſcheinlich hoch erfreut über mein erſtes Auftreten, auf die frühe⸗ ſten Zeiten unſerer Bekanntſchaft zurückkam und erzählte, wie ich in Galway ſeine Tochter gerettet habe. Im Nu hatte ſich der ganze Strom meiner Gedan⸗ ken umgeſchlagen. Mein erſtes Zuſammentreffen mit Lucy, meine Jugendträume von Ruhm, meine verpfändete Treue, die Erinnerung an unſern Abſchied in Dublin, wo ich in einem Augenblick wahnſinniger Aufregung ihr meine Liebe geſtanden, Alles das wurde mir jetzt wie durch einen Zauberſpiegel vor die Seele geführt. Ich dachte an ihren niedergeſchlagenen Blick, an den Wechſel von Roth und Blaß auf ihren Wangen, an ihr Zittern, als ich geſprochen. Ich dachte an ſie, wie im Gewühle der Schlacht ihr Bild durch meine Seele zuckte und mich mit ritterlich begeiſtertem Verlangen erfüllte, durch mann⸗ hafte Thaten ihr Herz zu gewinnen. Ich vergaß Alles rings umher. Mein Kopf wir⸗ belte, der Wein, die Aufregung, meine lange Krankheit, Lever, O'Malley. III. 13 194 Alles wirkte zuſammen, meine Schläfe pochten laut und ſchmerzhaft, ein chaotiſches Gewühl zuſammenhangsloſer, widerſprechender Gedanken zuckte mir durch das Gehirn. Im Zimmer ſchien eine Bewegung und Verwirrung vor ſich zu gehen, aber den Grund davon konnte ich mir nicht denken, und erſt Sir George Daſhwoods Stimme rief mich wieder zum Bewußtſeyn zurück. „Wir wollen noch eine Taſſe Kaffee trinken, O'Mal⸗ ley; Miß Daſhwood erwartet uns im Wohnzimmer. Sie haben Sie noch nicht geſehen?“ f Ich weiß nicht, was ich antwortete, er aber fuhr ort— „Sie hat, ſo viel ich weiß, Briefe für Sie.“ Ich murmelte Etwas und ließ ihn vorübergehen; kaum aber hatte er dies gethan, als ich zur Thüre hin⸗ aus und auf die Straße ſtürtzte. Die kalte Nachtluft brachte mich ſchnell wieder zur Beſinnung und ich blieb einen Augenblick ſtehen, um einen Entſchluß zu faſſen. Jetzt trat ein Bedienter heran, grüßte und reichte mir einen Brief hin. Ein kalter Schauer, eine unbeſtimmte, unerklärliche Furcht überrieſelte mich. Endlich erinnerte ich mich, es werde der Brief ſeyn, auf den Sir George angeſpielt hatte, ich nahm ihn alſo und ging weiter. Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Der Brief. Waͤhrend ich nach meinem Quartier eilte, ſtellte ich hunderterlei Vermuthungen an, von wem der Brief wohl kommen möchte; eine gewiſſe Ahnung ſagte mir, daß er ſich einigermaßen auf die gegenwärtige Kriſis meines Lebens beziehe, und ich brannte vor Verlangen ihn zu leſen. Kaum hatte ich indeß Licht angezündet, ſo ver⸗ ſchwanden meine dießfallſigen Hoffnungen. Ich erkannte 195 ſogleich die Hand meines alten Stubenburſchen Frank Webber, und Niemand konnte mir in dieſem Augenblick weniger intereſſant ſeyn als er. Aergerlich warf ich das Schreiben weg und brütete unruhvoll über mein Schick⸗ ſal nach. Endlich jedoch und beinah ohne es zu wiſſen zog ich die Lampe naͤher und erbrach das Siegel. Da der Leſer meinen liebenswürdigen Freund bereits kennt, ſo fürchte ich nicht eine Indiscretlon zu begehen, wenn ich ihm den Inhalt ſeines Schreibens mittheile. Es lautete wie folgt: Trinity⸗College No. 2, Dublin 5. Oktober 1810. Mein lieber O'Malley! „Nichts als höchſtens Ihr Tod oder Begräbniß mit oder ohne militäriſche Ehren— kann Ihre höchſt tadelns⸗ werthe Nachläſſigkeit gegen Ihre hieſigen Freunde ent⸗ ſchuldigen. Nesbitt hat nie Nachrichten von Ihnen be⸗ kommen und Smith ebenſo wenig. Ottley ſchwört darauf Ihre Handſchrift noch nie geſehen zu haben, außer ein einziges Mal auf der Rückſeite eines proteſtirten Wechſels. Mich haben Sie total vergeſſen, und auch der Dekan ſagt mir, Sie haben ſich noch nicht herabgelaſſen auch nur eine einzige Zeile an ihn zu richten, meine Nach⸗ frage deßhalb hätte mir beinahe das Consilium abeundi eingetragen. „Hundert Muthmaßungen über die Gründe Ihres Schweigens— eine neue Eigenſchaft, die wir nicht an Ihnen kannten— ſind im Gange. Einige verſichern, Sie ſeyen bereits ſo hoch geſtiegen, daß Ihnen der Kopf ſchwindle und Sie ſich über Correſpondenzen mit Civi⸗ liſten erhaben dünken. Ihre Freunde jedoch, die Sie beſſer kennen und Ihren Werth zu ſchätzen wiſſen, denken anders, und da ſie einen Artikel geleſen hab en von einem gewiſſen O'Malley, der eine Gans geſtohlen, die Eigen⸗ thümerin derſelben mißhandelt habe und deßhalb vor ein 13 3 Kriegsgericht geſtellt worden ſey, ſo ſuchen ſie ganz an⸗ dere Erklärungsgründe für Ihr Nichtſchreiben. Jeden⸗ falls erlöſen Sie uns von dieſen Zweifelsqualen und ſchreiben Sie uns, ob Sie ſelbſt die Gans geſtohlen haben oder ein Verwandter von Ihnen. „Herbert kam von London herüber mit einer langen Geſchichte von Ihren Heldenthaten— Sie ſollen Kano⸗ nen und Generale dutzendweiſe weggefangen haben, aber der Teufel glaube ſo Etwas, und wenn es wirklich wahr iſt, ſo wäre die Preſſe des Königs auf eine ſchändliche Art unbenützt gelaſſen worden, denn weder in der Times noch in der Poſt ſtand ein Wörtchen von Ihnen. Ant⸗ worten Sie auch hierüber und ſchreiben Sie, ob Sie avancirt ſind. Was uns betrifft, ſo treiben wir es ärger als je. Der gute Cecil Cavendiſh, unſer hoch⸗ begabter Freund mit der ſchlanken Taille und der ſanf⸗ ten Stimme iſt fortgejagt worden, weil er vier Maurers⸗ geſellen in den mit grünen Waſſerlinſen bedeckten Teich, genannt Haha, geworfen hat. Roper hat die Medaille erhaltenund darob iſt ihm der Kamm dermaßen ge⸗ ſchwollen, daß kein Menſch mehr mit ihm umgehen kann. Belſon— der arme Belſon(glücklicherweiſe iſt er im neunzehnten und nicht im ſechszehnten Jahrhundert ge⸗ boren, ſonſt würde er höchſt wahrſcheinlich einen Schei⸗ terhaufen zieren) hat ſich einige Ausflüge in die hebräiſchen Verba erlaubt, während der Profeſſor ſelbſt noch nicht über die Deklinationen hinaus iſt, und dadurch hat er ſich die Ungnade ſeiner Vorgeſetzten zugezogen. Auch über meinem eigenen gottſeligen Haupte ſchwebt in dieſem Augenblick ein peinlicher Prozeß. Der älteſte Profeſſor hat, wie es ſcheint, ſeit einiger Zeit höchſt merkwürdige Nachforſchungen über den Urzuſtand unſers vortrefflichen Collegiums zur Zeit ſeiner Gründung angeſtellt. Plane und Spezificationen, die ſeine Ausdehnung und Pracht darthun, ſind in ſchwerer Maſſe herbeigeſchafft worden, und eine zertrümmerte Thürſchwelle oder ein alter Bogen gelten für etwas ſo Hochwichtiges, daß die Alumni, ſtatt 197 ſich an den Kegelſchnitten zu üben,„Brechſtangen und ſtatt der principia Schaufeln zur Hand nehmen. Sie wiſſen, mein Theurer, mit welchem Eifer ich auf alle Plane zur Verherrlichung unſerer alma mater einge⸗ gangen bin, und ich brauche Ihnen alſo nicht zu ver⸗ ſichern, wie geſchäftig ich mich auf die neue, meinem Scharfſinn geöffnete Laufbahn geworfen habe. Ich wid⸗ mete der Sache meine ganze Zeit, ich ſchonte weder Koſten noch Geſundheit und habe in meinem antiquari⸗ ſchen Forſchungstrieb die alte Gartenmauer gänzlich un⸗ terhöhlt, ſo daß leicht an einem ſchönen Morgen Jemand die Nachricht bringen kann, die große Glocke am Eingang ſey von ihrer geräuſchvollen Höhe herabgeſtürtzt und liege jetzt behaglich im Kothe. Mittlerweile hat mir der Zu⸗ fall zu einer höchſt merkwürdigen Entdeckung verbolfen. Unſere Zimmer— ich ſage aus alter Kameradſchaft unſer— liegen, wie Sie ſich erinnern, in dem alten Viertel. Nun bin ich ſo glücklich geweſen, im Bereich meiner eigenen Wohnung eine für die Geſchichte der Univerſität ſehr weſentliche Thatſache aufzufinden— und zwar habe ich allein, ohne alle fremde Beihülfe, an meiner Entdeckung gearbeitet. Nur wenige Menſchen können das Vergnügen ermeſſen, das ich empfand, den glänzenden Ruhm, in deſſen Vorausgenuß ich ſchwelgte. Ich ſetzte eine kleine Denkſchrift darüber auf, die ich— in tiefſter Ehrfurcht dem Lehrercollegium widmete unter dem Titel: Nachricht über einen merkwürdigen unterirdiſchen Gang, kürzlich entdeckt in dem alten Gebäude des Trinitätscollegiums zu Dublin. Mit Bemerkungen über ſeinen Umfang, ſein Alter und ſeinen muthmaßlichen Gebrauch. Von Frank Webber, älterem Alumnus. „Mein beſter O'Malley, ich will nicht verweilen bei dem Stolze, der mich in meiner neuen Rolle als Alter⸗ thümler erfüllte. Genug, meine höchſt denkwürdige Ab⸗ handlung wurde gut aufgenommen und beachtet, ja ſogar eine Commiſſion, beſtehend aus dem Prorector, dem älteſten Profeſſor, dem alten Woodhouſe, dem Sub⸗ diafonus und einigen andern, niedergeſetzt, um die Sache weiter zu unterſuchen. „Letzten Dienſtag erſchien ſie im vollen akademiſchen Koſtüm. Auch ich hatte mich ungemein pünktlich auf die gleiche Weiſe gekleidet und führte die gelehrten Herren in aller Förmlichkeit auf mein Schlafzimmer, wo ich einen großen Bettſchirm vor dem Eingang des erwähnten Tunnels aufgeſtellt hatte. Ich nahm eine Poſitur ä la John Kemble an, warf mit der einen Hand den Schirm zu Boden, deutete mit der andern feierlich auf die Wand und rief: Dort, dort ſehen Sie! 3 „Ich brauche Ihnen nur Barrets Ausruf mitzuthei⸗ len, um Sie mit der Natur meiner Entdeckung bekannt zu machen. Er ſchöpfte mühſam und lange Athem, dann aber rief er aus vollem Halſe: „Soll mich der Teufel holen, das iſt ja ein Rat⸗ tenloch. „Ich fürchte ſelbſt, lieber Charley, daß er recht hat, und was noch ſchlimmer iſt, auch ſeine Amtsbrüder ſind der Anſicht, und das liebenswürdige, hochgelahrte Lehrercollegium debattirt eben jetzt ſehr hitzig darüber, ob ich noch länger eine Zierde der Univerſität bleiben ſoll oder nicht. Die Angſt, mit der ſie aus meinen Zimmern flohen, und auf dem Gange einander beinah umrannten, ſchien anzudeuten, daß ſie mich für wahn⸗ ſinnig hielten, und ich glaube in der That, meine Stimme, mein Blick und meine Haltung würden einem blauen, wollenen Hausrock und einer Zelle in Swifts Anſtalt keine Unehre gemacht haben. Jedenfalls haben wenige Menſchen mehr für die Univerſität gethan, als ich. Die Sonne ſtand vor Joſua nicht mit mehr Entſchloſſenheit ſtill, als ich in meiner Studentenlaufbahn geſtanden, 199 und hab ich auch nicht viel zum Ruhm, ſo habe ich doch ein Erkleckliches zu den Fonds der Univerſität bei⸗ getragen; ja wenn die Herren für die verſchiedenen Geldbußen und andern Auflagen, die ich alle redlich be⸗ zahlt habe, nicht mein Porträt zwiſchen dem Erzbiſchof Uſſher und Flood aufhängen, ſo erkläre ich, daß es keine Dankbarkeit mehr in der Welt gibt; der verſchie⸗ denen Reparaturen an Lampen, Kaminen, Eiſengelän⸗ dern u. ſ. w. gar nicht zu gedenken, womit ich ſo manche Handwerker ins Brod geſetzt habe, und vollends der Nacht⸗ wächter, für deren Beſchäftigung ich mit einem wohlbe⸗ kannten und auf dem Polizeibureau oft genug verzeich⸗ neten nationalöfonomiſchen Eifer geſorgt habe. „Im Uebrigen, Charley, fehlen Sie mir ungemein. Ihr Sekund bei einer Bänkelſängerei iſt noch nicht er⸗ ſetzt worden; überdies geht es auf der Brücke nicht mehr ſo glänzend wie früher, denn Studirende der Medizin und angehende Anwälte geben ſich jetzt für Minneſänger aus und beſuchen die ſonſt unſerer Muße geweihten Hei⸗ ligthümer. 3 „In Dublin geht es von Tag zu Tag ſchlechter. Nichts lächerlicher als dieſe kleinen Berühmtheiten—“ Hier wird Meiſter Frank etwas indiscret und ich überſpringe daher einige Sätze. ***** * 4** 4**** „Auch Daſhwoods gehen fort und meine Lage wird dadurch vollends trübſelig, denn ich fing wirklich an, einige zärtliche Regungen zu verſpüren. Sie haben vielleicht gehört, daß ſie mir einen Korb gegeben habe; dies iſt jedoch nicht wahr, obſchon ich ganz und gar nicht zweifle, daß es ſo gekommen wäre, wenn ich um ſie angehalten hätte. „Hammersley hat, wie Sie wiſſen, ſeinen Abſchied von ihr erhalten. Ich bin doch begierig zu erfahren, wie der arme Kerl ſich anließ, als Power ihm ſeine Briefe und ſein Bildniß zurückgab. Wie es Ihnen ergehen wird, ſteht 2⁰ zu erwarten; jedenfalls ſind Sie ungemein wohl ange⸗ ſchrieben.“ Bei dieſer Stelle legte ich den Brief weg, denn es war mir rein unmöglich weiter zu leſen. Da hatte ich alſo die Löſung dieſes ganzen Chaos von Räthſeln, die mich ſo manche Nacht gequält hatten. Das waren die Briefe, die ich ſelbſt in Hammersleys Hände über⸗ geben, dies das Bildniß, das er am Morgen ſeines Beſuchs mit dem Abſatz zu Staub getreten hatte. Jetzt verſtand ich ſeine höhniſche Anſpielung auf Erfolg, ſei⸗ nen ſchneidenden Spott, ſeinen maßloſen Zorn. Eine Lichtflut ergoß ſich über alle dunkeln Stellen meiner Ge⸗ ſchichte— Lucy, o dürfte ich es wagen an ſie zu denken! Wie, wenn ſie wirklich mich beachtet, wenn ſie mir zu Liebe die Hand eines Andern ausgeſchlagen, wenn ſie⸗ im Glauben an meine Treue, meine verpfändete und geſchworne Treue, mir ihr Herz geſchenkt hätte! O die Todesqual des Gedankens, daß alle meine Hoffnungen Schiffbruch gelitten haben ſollten, während ich ſchon das Land vor meinen Augen ſah! Ich ſprang plötzlich auf, aber jetzt rauſchte mir das Blut auf's Heftigſte nach Wangen und Schläfen, die gewaltig pochten. Meine Kehle war ausgetrocknet und zugleich angeſchwollen, ſo daß ich erſticken zu müſſen glaubte. Ich wollte meinen Rockkragen ſchnell öffnen und meine Halsbinde abnehmen, aber mein kranker Arm geſtattete es nicht. Ich verſuchte meinen Bedienten zu rufen, aber ich konnte keinen Laut hervorbringen, und nun erfaßte mich der ſchreckliche Gedanke, ich ſtehe im Begriff den Verſtand zu verlieren. Ich ſchritt auf die Thüre zu, aber die Gegenſtände um mich her verwirrten ſich, meine Beine wankten und ich fiel ſchwer auf den Boden. Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte mich; ich hatte den Arm von Neuem gebrochen. Nach dieſem wußte ich Nichts mehr; die vielerlei Aufregungen des Abends vereinigten ſich zu einem grimmigen Rumor in meinem Hirn, und eh der Tag anbrach delirirte ich. 201 Ich habe jetzt nur noch eine unbeſtimmte, unklare Erinnerung an ängſtliche Geſichter um mein Bett her, an geflüſterte Worte und kummervolle Blicke; aber meine eigenen Gedanken ſchweiften hinüber nach den grünen Hügeln des fernen Weſtens, auf denen ich als Knabe leichten Herzens umhergewandert, oder aber kehrten ſie zu dem Getöſe und Getümmel des Schlachtfeldes zurück, zu den wüthenden Sprüngen meines Pferdes, zu dem ſchallenden Klang der Trompete. Vielleicht wurde dieſer krankhafte Gedankenzug durch die heftigen Schmerzen in meinem geſchwollenen Arme beſtimmt; denn ich habe es mehr als einmal ſelbſt mit angeſehen, daß Soldaten, die von Kartätſchenſchüſſen zerriſſen und zermalmt waren, in ihren Fieberphantaſten eine ſchwungvolle Begeiſterung an den Tag legten, ja ſogar triumphirende Schreie aus⸗ ſtießen; ſelbſt Geſänge habe ich gehört, aber auch nicht ein einzigesmal das dumpfe Murren der Verzweiflung oder den kaum erſtickten Schrei des Kummers. Solcher Art waren die ſeltenen Lichtblicke, die ich hatte, und auch dieſe hörten nach und nach auf. Nur wenige Menſchen finden ein Vergnügen daran, die traurige Geſchichte eines Krankenlagers niederzu⸗ ſchreiben, und noch weniger, eine ſolche zu leſen. Von der meinigen weiß ich nicht viel. Die pochenden Pulſe des fieberhaften Gehirnes, die wilden Phantaſien des Wahnſinns nahmen keine Notiz von der Zeit. Es gibt keine Vergangenheit oder Zukunft— eine ſchreckliche Gegenwart voll von heftigen und verworrenen Eindrücken iſt Alles, was der Geiſt ſieht, und ſelbſt wenn einige Funken von rückkehrender Vernunft in der tollen Ver⸗ worrenheit ſich geltend machen, ſo kommen ſie blos wie Sonnenſtrahlen durch ein Gewölke, getrübt, verdüſtert und ſchief. Das Peinlichſte iſt die raſtloſe Thätigkeit des Gei⸗ ſtes im Fieber, die raſch emporſteigenden Gedanken und Empfindungen, die einander drängen, und eine endloſe Reihe aufregender Bilder ohne Sinn und Zuſammen⸗ 20² hang mit ſich führen, oder was noch ſchlimmer iſt, die qualvolle Anſtrengung, irgend einen unklaren, ſchatten⸗ haften Begriff feſtzuhalten, der uns immer entwiſcht, aber mit Allem rings umher ſich vermiſcht, der ſich um Mitternacht und um Mittag einſtellt. Von dieſer Art war eine Viſton, die ſo beſtändig wie⸗ derkehrte, daß ſie zuletzt eine Art wirklicher, handgreif⸗ licher Exiſtenz gewann und mein Herz entweder von wonnevoller Begeiſterung hoch aufſchlug, oder in den dunkeln Abgrund verzweiflungsvollen Grames verſank. Der Anbruch des Morgens, das Verſchwinden des Ta⸗ geslichtes führte meinen ſchmerzenden Augen kein anderes Bild vor, und unter allen Eindrücken aus jener Periode iſt mir nur von dieſem allein einiges Bewußtſein ge⸗ blieben. 3 Es war mir nämlich, als ſtände ich in einer alten, ehrwürdigen Kathedrale, wo das trübgelbe Licht einen feierlichen Schein auf die mit erhabener Arbeit prangen⸗ den Kapitäler oder auf die grotesken in das eichene Ge⸗ täfel eingeſchnittenen Bilder warf, und den abgeſchoſſenen Vergoldungen an den ſtattlichen Denkmälern, ſo wie den alten abgenutzten Fahnen, die oben hingen, wieder einige Färbung gab. Weiche Orgeltöne erfüllten die Luft und ſchienen das Gemüth zur gebührenden Chrfurcht für den heiligen Ort zu ſtimmen, wo jeder Fußtritt, durch zahl⸗ reiche Echos vervielfacht, eine halbe Entweihung ſchien. Ich ſtand vor einem Altar und mir zur Seite ein lie⸗ benswürdiges junges Mädchen mit glänzend braunen Locken, die in lieblicher Fülle über einen ſchneeweißen Nacken flatterten; ihre kalte, bleiche Hand ruhte in der meinigen; wir knieten zuſammen nieder, aber nicht um zu beten; und dennoch erfüllte eine tiefe Verehrung mein Herz, als ſie mir leiſe einige wenige Worte nachſprach. Ich wußte, daß ſite mein war. O die Wonne des Au⸗ genblicks, als ich aufſprang und auf ſie zuſtürzen wollte, um ſie an mein Herz zu drücken; aber da legte ſich plötzlich ein Arm zwiſchen uns und in meine Ohren 203 klang es leiſe aber feierlich: Rühre. Dich nicht, denn Du biſt falſch und verrätheriſch; Dein Schwur iſt Meineid, Dein Herz eine Lüge. Langſam und ſchweigend entſchwand dann die holde Geſtalt meiner Lucy— denn ſie war es— meinen Augen. Ein Blick, ein letzter, kummervoller Blick, in welchem ein ſanſter Vorwurf lag, ſiel noch auf mich, dann aber fank ich mit gebro⸗ chenem Herzen auf das kalte Pflaſter zurück. Dieſer Traum ſtellte ſich jeden Morgen und jeden Abend ein; die ſtillen Stunden der ſchlafloſen Nacht führten kein anderes Bild vor meine Augen, und wenn ſein trübſeliger Einfluß die düſterſte Verzweiflung über mein wundes Herz ausgegoſſen hatte, dann überſchlich mich wieder eine geheime Hoffnung, der Augenblick jenes glänzenden Glückes könnte wiederkehren, ich könnte noch einmal am Altare neben meiner Braut knieen und fie die Meinige nennen. ** *** *½**** Von allem Uebrigen weiß ich beinahe Nichts mehr. Die theilnehmenden Geſichter, die ich um mein Bett her bemerkte, machten mir nur wenig Freude, denn in dem liebevollen Leuchten ihrer Augen las ich die düſtere Ah⸗ nung meines Schickſales. Die haſtigen, aber vorſichtigen Schritte, die geflüſterten Sätze, die abgewandten Blicke derer, die um mich trauerten, ſanken mir weit tiefer ins Herz, als meine Freunde damals glaubten. Diejeni⸗ gen, die einen Kranken oder Sterbenden verpflegen, be⸗ denken nicht, wie genau er jedes vorübergehende Wort, jeden flüchtigen Blick ſich merkt, und wie die bleiche, ſchweigſame Figur, die beinahe leblos vor ihnen liegt, nach ihrem Lächeln oder ihren Thränen die Stunden berechnet, die ihr noch vergönnt ſeyn mögen. Stunden, Tage, Wochen rollten dahin, und noch immer ſchwebte mein Leben in Gefahr, und während ich in dem wilden Enthuſtasmus meiner herumirrenden Phan⸗ taſie weit von meinem Schmerzenslager wegwaaderte, 2⁰04 ſchlug eine wohlbekannte Stimme neben mir an mein Ohr, führte mich wie durch Zauberkraft zu all den Wirklichkeiten des Lebens zurück und theilte meinem bei⸗ nahe bewußtloſen Zuſtande alle Hoffnungen und Befürch⸗ tungen meiner Umgebung mit. Endlich jedoch ſchwanden dieſe Phantaſien eine um die andere und auf den Fieberwahnſinn folgte das trübe, hülfsloſe Bewußtſein der Krankheit, das noch unendlich niederdrückender iſt, denn mit der deutlichen Empfindung kehrte auch der kummervolle Blick auf eine unglückliche Zukunft zurück. Achtzigſtes Kapitel. Die Villa. Das ſanfte Zwielicht eines Herbſtabends, ruhig, heiter und mild, brach eben herein, als ich die Augen zum erſten Mal wieder mit Bewußtſein öffnete und um mich her ſchaute. Ich lag in einem großen hübſch möblirten Zimmer, in welchem überall ſinniger Geſchmack und ein Reichthum, der nicht zu ſparen braucht, ſich kund thaten. Die ſeidenen Draperien meines Bettes, die eingelegten Tiſche, die glänzenden Verzierungen am Kamin wurden für mich nach einander Gegenſtände rathloſer Verwunderung; ich öffnete und ſchloß meine Augen immer wieder von Neuem und bemühte mich auf alle mögliche Weiſe eine Gewißheit zu erlangen, ob nicht das Alles wiederum blos eine Ausgeburt meines fieber⸗ kranken Gehirnes ſey. Ich ſtreckte meine Hände aus, um die Gegenſtände zu berühren, und ſelbſt als ich die friſch gepflückten Blumen feſthielt, konnte ich mich kaum überzeugen, daß ſie etwas Wirkliches ſeyen. Ein durch⸗ dringender Schmerz bei dieſer Bewegung brachte mich indeß auf andere Gedanken, und ich blickte jetzt auf mei⸗ nen verwundeten Arm, der geſchwollen und ſteif neben mir auf einem Kiſſen lag. Allmählig kehrte meine Er⸗ 2⁰ innerung zuruͤck, einige Abſchnitte aus meinem früheren Leben traten vor meinen noch unklaren Geiſt, aber nicht in ordentlichem Zuſammenhang, ſondern blos als zer⸗ ſtreute, vereinzelte Scenen. Während ſolche Gedanken ſchnell vorüberflogen, fragte ich mich unwillkürlich: Wo bin ich? Das unklare Gefühl, welches jede Krankheit zurückläßt, flüſterte mir von freundlichen Blicken und ſanften Stimmen zu, und ich hatte ein traumähnliches Bewußtſein, daß ich verpflegt werde, aber warum oder von wem, das wußte ich nicht. Von einer halb offenen Thüre, die in einen Garten führte, herüber fächelte eine milde, balſamiſche Luft meinen erhitzten Schläfen Erquickung zu, und wenn der leichte Vorhang hin und her wehte, füllten die Düfte von Roſen und Orangen mein Zimmer. Im Gefühl der Schwäche, die auf eine lange Krank⸗ heit folgt, liegt ein ungemein wonniger, feiner Genuß. Der Geiſt, der gleichſam aus der Knechtſchaft ſeines plumpen Gefängniſſes emporſteigt, ſchwingt ſich trium⸗ phirend über die gemeineren Gedanken und kleinlicheren Beſtrebungen des Alltagslebens hinaus. Reinere Ge⸗ fühle, edlere Hoffnungen ſtellen ſich ein, und Lichtblicke aus unſerer Kindheit, vermiſcht mit unſeren Ausſichten in die Zukunft, bilden eine ideale Exiſtenz, in welcher die niedrigen Leidenſchaften und Sorgen des gewöhnlichen Lebens keine Geltung finden oder vergeſſen werden. Dann lernen wir mit uns ſelbſt Zwieſprach halten: dann fragen wir: Wie hat unſere Mannheit die Verſprechungen unſerer Jugend erfüllt? oder: ſind wir bei reiferer Ueber⸗ legung den ſchönen Träumen unſerer Kindheit treu ge⸗ blieben? Vereinſamt ſitzt dann unſer Herz unbefangen zu Gericht und lehrt uns, wie unſere Mißgeſchicke blos ein anderer Name für unſere Fehler geweſen, wie das, was wir als Wechſel unſeres Schickſals betrachtet, nur die Früchte unſerer eigenen Mängel ſind. Ach, wie kurz ſind ſolche Augenblicke! Gleich dem plötzlichen Sonnenſchein am Winterhimmel werfen ſie eine heitere 206 Färbung über die düſtere Landſchaft; auf einen Augen⸗ genblick find Thal und Bergesſpitze in röthlicher Glut gebadet; der laubloſe Baum und das dunkle Moos ſcheinen einen Anflug des Frühlings zu verſpüren; aber im Nu iſt dies Alles wieder verflogen, tiefe Wolken, trübe Schatten werfen ſich dazwiſchen, der kalte Nord⸗ wind heult wieder und von Neuem umgibt uns trüb⸗ ſelige Oede. Ich ſuchte mir die letzten Ereigniſſe meines Lebens zu vergegenwärtigen, aber vergebens; Wirklichkeit und Wahnbilder waren unentwirrbar unter einander ver⸗ mengt; neben Scenen aus meinen Feldzügen tauchten Hoffnungen, Befürchtungen und Zweifel hervor, die nur in meinen Träumen eine Exiſtenz hatten. Meine Neugierde, wo ich ſey, hatte ſich jetzt aufs Höchſte ge⸗ ſteigert, und ich richtete mich mit meinem geſunden Arme auf, um mich umzuſehen. Im Zimmer war Alles ſtill und ſchweigſam, aber nirgends ſah ich einen Ge⸗ genſtand, der mir irgend einen Fingerzeig hätte ertheilen fönnen. Endlich wehte der Wind den Vorhang ein wenig zuruck, welcher die Gartenthüre halb verdeckte, und nun erblickte ich einen Mann, der an einem Tiſche ſaß. Er hatte den Rücken mir zugekehrt, aber ſein breitkrempiger Hut und ſein brauner Mantel verriethen ſeine Nation. Leichte blaue Rauchwolken, die vor ihm emporſtiegen, ſo wie eine Maſſe langhalſiger, ſtrohum⸗ wundener Flaſchen bezeugten gleichfalls, daß er ſich mit echt peninſulaniſchem Geſchmack amüſirt hatte und ver⸗ muthlich ſo eben von einer langen Sieſta erwacht war. Es war ein vollkommenes Gemälde von der trägen Ueppigkeit des Südens; die prachtvollen, duftigen Blumen, in der Nachtluft ſich halb verſchließend, ſchienen ein buonas noches zu hauchen, während ſie ſich zur Ruhe begeben; die zarten Schatten der hohen Büſche und die Fiaur ſelbſt, die der vollen Länge nach auf weichen Kiſſen dalag und nur von Zeit zu Zeit den Kopf ein wenig erhob, als wollte ſie den wirvelnden 2⁰7 Rauch, der aus der Cigarre aufſtieg und in der Ferne hinſtarb, ein wenig beobachten, Alles das machte wirk⸗ lich einen höchſt behaglichen Eindruck. Ja, dachte ich, nachdem ich einige Zeit hingeſehen, der iſt der wahre Typus ſeiner Nation: umgeben von allen Herrlichkeiten des Klima's, geſegnet mit dem Beſten und Schönſten, was die Erde bieten kann, be⸗ trachtet er dieſe Gaben blos als alltägliche Befriedigung ſeiner Sinne. Angeregt durch dieſen Gedanken, malte ich mir die ganze Geſchichte des Unbekannten aus und machte ihn zu einem Granden von Portugal, der, aus⸗ gezeichnet durch Rang, Ehrenſtellen und Reichthümer, gleichwohl durch die uppigen Gewohnheiten ſeines Lan⸗ des verweichlicht, als träger Sinnesmenſch in ruhmlos behaglicher Unthätigkeit dahin lebte. Hier wurden meine weiteren Betrachtungen unterbrochen, denn das Indivi⸗ duum, dem ich meine ſtillen Complimente zugewendet hatte, erhob ſich jetzt langſam, warf fahrläfſig ſeinen weiten Mantel um die linke Schulter, ſtieß ſodann die Thüre auf und trat in mein Zimmer. Hier ſchritt der Portugieſe auf einen großen Spiegel zu und betrachtete ſich mehrere Minuten lang, wie aus ſeiner Haltung her⸗ vorging, mit nicht geringer Selbſtgefalligkeit. Obſchon er ſeinen Rücken mir fortwährend zugekehrt hatte und das ungewiſſe Zwielicht im Zimmer mich nicht viel ſehen ließ, ſo konnte ich doch bemerken, daß er ſich ungemein bewunderte. Zur vollſtändigen Gewißheit wurde mir das, als ich ſah, wie er langſam und mit der ſtol⸗ zeſten Haltung ſeinen breitrandigen ſpaniſchen Hut ab⸗ nahm, ſich ehrerbietig gegen ſich ſelbſt verneigte und agte:— 3 „Come va, vostra Senhoria?“ Sein Gebärdenſpiel und ganzes Benehmen erſchien mir ſo ſpaßhaft, daß ich nur mit der größten Mühe das Lachen zurückhalten konnte. Er drehte ſich ſchnell um und trat auf mein Bett zu. Der tiefe Schatten, des Sombrero verdunkelten den obern Theil ſeines Ge⸗ 2⁰8 ſichtes, dagegen ſah ich deutlich einen grimmigen, bis zu den Augen hinaufgedrehten Schnurrbart, ſowie einen ſteifen, ſpitzen Knebelbart. Da ich fürchtete, er möchte meinen Verſuch zu lachen gehort haben, ſo wollte ich eben eine ſehr höfliche portugieſiſche Anrede an ihn halten, als er die Unterhaltung in derſelben Sprache eröffnete und mich nach meinem Befinden fragte. Ich antwortete und wollte ihn erſuchen, mir über meinen Aufenthaltsort und die Perſönlichkeit meines Gaſtfreundes das Nöthige mitzutheilen, als mein gra⸗ oitätiſcher Freund plötzlich ſeinen Hut in die Luft ſchleu⸗ derte, ſich wie ein Kreiſel auf einem Bein herumdrehte und mit einer Stimme, die ich ſogleich wieder erkennen mußte, rief:— „Beim Felſen von Caſhel, er iſt kurirt! er iſt kurirt!— Das Fieber iſt vorbei! Ach liebſter, beſter, theuerſter Mr. Charles, Sie ſind alſo doch nicht wahn⸗ ſinnig?“ 4 „Wahnſinnig! nein, Gott ſey Dank, nicht; aber bei Dir möchte ich beinahe ſo Etwas vermuthen.“ „Zum Teufel mit der Mode! Sprechen Sie jetzt ein paar Worte mit mir, liebſter, zuckeriger Mr. Charles.“— 8 „Wo bin ich? Wem gehört dieſes Haus? Was willſt Du mit dieſer Vermummung, dieſem Bart?—“⸗ „Bst, das will ich Ihnen Alles erzählen, wenn Sie nur Geduld haben. Aber ſind Sie auch wirklich geheilt? Sagen Sie mir das zuerſt. Denken Sie nur, während Sie ſo im Bette lagen, wollten die verdammten Burſche Ihnen den Arm abſchneiden, aber mit Ihren eigenen Piſtolen habe ich ſie davon gejagt, den einen dort zum Fenſter hinaus, den andern die Treppe hinab; den kleinen Schurken mit der Säge aber habe ich dergeſtalt zuſam⸗ dengerſoſchen daß er den Himmel für eine Baßgeige anſah.“ Während Mickey ſo ſchwatzte, konnte ich die Augen nicht von ihm abwenden und hatte die groͤßte Mühe, * 2⁰9 mich zu uͤberreden, daß die ganze Scene nicht irgend ein Gaukelſpiel ſey. Endlich aber erkannte ich die alt ver⸗ trauten Züge wieder genau, und nachdem alle meine Zweifel verſchwunden waren, lachte ich lang und herz⸗ lich über die alberne Maskerade. Mickey, der immer noch nicht an die Aufrichtigkeit weiner guten Laune glauben konnte, warf jetzt ſeinen Mantel ab, nahm ſeine Bärte weg und ſagte: „Jetzt, mein liebſter, theuerſter Herr, lachen Sie nur nicht mehr ſo fürchterlich; ich will gewiß kein Por⸗ tugieſe mehr ſeyn, wenn Sie nur wieder vernünftig werden wollen.“ „Aber, Mickey, wo bin ich denn? Beantworte mir nur dieſe einzige Frage.“ „Zu Hauſe, liebſter Herr, wo ſollten Sie denn ſonſt ſeyn?“ 4 „Zu Hauſe!“ rief ich auffahrend, und ließ meine Augen über die Pracht und Herrlichkeit ringsum ſchweifen, die der anſpruchsloſen Einfachheit von meines Oheims Wohnung ganz und gar nicht glich;„zu Hauſe!“ „Freilich, es kommt auf Eines hinaus. Das Haus gehört zwar dem alten Don Emanuel; aber wenn Sie das liebe Fräulein heirathen, ſo ſind ja doch Sie der Eigenthümer.“ Ich fuhr zuſammen, preßte meine Hand gegen die klopfende Stirn und fragte mich, ob ich wirklich wache, oder ob nicht irgend eine wirre Phantaſie mich außer dem Bereich aller Vernunft geführt habe.„Weiter, weiter,“ ſagte ich endlich mit hohler Stimme, in dem ängſtlichen Verlangen, einen Schlüſſel zu dieſem Räthſel zu erhalten. „Wenn Sie meinen, wie Sie hiehergekommen, ſo ging das ganz natürlich zu. Als Sie das Fieber beka⸗ men und die Doctoren ſchlugen, ſo wollte kein Teufel mehr zu Ihnen hinein, außer ich und der Major.“ „Der Major?— Major Monſoon?“ Lever, O'Malley. UI. 14 21⁰ „Nein, Major Power. Er erzählte Ihren Freun⸗ den hier, wie ſchlecht es Ihnen gehe, und daß Sie wahrſcheinlich ſterben würden. Da ſchickten ſie noch am nämlichen Abend eine ſchöne Portechaiſe, die einem Lei⸗ chenwagen ſo ähnlich ſah, wie ein Ei den andern, und brachten Sie hierher. Es fehlte blos an einigen Leuten, die das Klaggeſchrei erhoben hätten, dann wäre es eine ſo ſchöne Leiche geweſen, wie ich nur eine geſehen habe; ich ſelbſt legte Trauer an, aber die verfluchten Burſche lachten mich nur aus.“ „Nun gut, man legte Sie in ein prachtvolles Bett, und die junge Lady ſelbſt ſetzte ſich zu Ihnen und befächelte Sie mit einem großen Fächer; dazwiſchen hinein wiſchte ſie ſich die Augen, denn ſie weinte wie ein Waſſerfall. ‚„Don Miguel,“ ſagte ſie zu mir, ‚denn ich hatte aus Verſehen Ihren Mantel angezogen, als ich das Quartier verließ; questo hidalgo é vestro amigo?⸗ „Mein allergenaueſter Freund““ antwortete ich,„Gott erhalte mir ihn noch viele Jahre:“ „So nehmen Sie Ihre Wohnung hier und verlaſſen Sie ihn nicht; wir wollen Alles thun, was in unſern Kräften ſteht, um Ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen.“ „Es kommt mir nicht darauf an,“ ſagte ich,„das Leben im Hauſe—“ „ Dann iſt dies alſo die Villa Nuova?“ fragte ich mik einem ſchwachen Seufzer. „Ganz richtig,“ antwortete Mickey,„und es iſt ein herrlicher Ort für Eſſen und Trinken— Wein ganze Eimer voll, ſo viel man nur will— Tanzen und Sin⸗ gen jeden Abend mit ſo wunderſchönen Mädchen, als ich nur je geſehen habe. So wahr ich lebe, es iſt hier ſo angenehm wie in Galway, und gute Sitten haben die Leute. Was meinen Sie? die nehmen ſich keine Frei⸗ heiten und Vertraulichkeiten gegen Fremde heraus, und vorn und hinten heißt es immer Don Miguel. Don Miguel 211 wünſchen Sie ein Gläschen Peres vor Tiſch oder ein Pfeifchen oder eine Cigarre hernach? ſo ungefähr redet man mit mir.“ „Und Sir George Daſhwood, iſt er auch hier ge⸗ weſen? hat er ſich nach mir erkundigt?“ „Ja, jeden Tag galoppirt entweder er ſelbſt oder einer vom Stabe daher um nach Ihnen zu fragen, und dann unterhalten ſie ſich mit der Senhora ſelbſt. O, Sie brauchen dieſe Herren gar nicht zu fürchten, denn ſie iſt treu wie Gold, und wahrhaftig, der Major kann Nichts dafür denn er macht ihr fürchterlich den Hof.“ „Hat Miß Daſhwood die Senhora beſucht?“ fragte ich mit ſtammeluder, unſicherer Stimme, die jedem geübteren Beobachter hätte auffallen müſſen. „Nein, kein einziges Mal, und das nenne ich ein unnatürliches Benehmen, da Sie ihr doch das Leben gerettet haben, und wenn ſie—“ „Schweig, ſage ich.“ „Nun, nun, ich wollte auch nicht mehr ſagen, ohnehin iſt es jetzt Zeit, daß ich meinen Bart wieder anſetze. Ich gehe ins Caſino mit Catrina und wahr⸗ haftig, ich würde mit echten Ladies dahin gehen, wenn Major Power nicht wäre, der ihnen geſagt hat, daß ich kein Offizier ſey; doch iſt jetzt Alles wieder in Ord⸗ nung. Ich habe ihnen eine außerordentliche Geſchichte von der Familie Free erzählt, von der Zeit des Cuilla na Toole her, der, glaube ich, ein Vetter von Moſes war; und ſie benehmen ſich ſehr anſtändig gegen Jeden⸗ der ſeine Ahnen hat.“ „Don Miguel, Don Miguel,“ rief eine Stimme aus dem Garten. „Ich komme, mein Turteltäubchen,“ antwortete Mickey, mit ſtaunenswerther Gewandtheit ſeine Bärte anheftend. „Ach, liebſter Herr, wenn Sie uns ſo ungefähr um zwoͤlf Uhr ſehen könnten, wie wir einen Bolero mit ein⸗ ander tanzen. Denn ich ſage Ihnen, meine Miß Catrina 14* 212 — die Zofe der Senhora— iſt zierlich wie ein Püpp⸗ chen. Hier ſteht die Limonade neben Ihnen, auch die Lampe will ich da laſſen, und nun mögen Sie ein⸗ ſchlafen, wenn es Ihnen gefällt, denn Miß Inez wird heute Abend wohl nicht Guitarre ſpielen, da der Doctor meinte, es könnte Ihnen ſchaden.“ Mit dieſen Worten, und ehe ich Geiſtesgegenwart genug aufbieten konnte; um ihn noch mehr zu fragen, hüllte ſich Don Miguel in die breiten Falten ſeines ſpaniſchen Mantels und ſchritt mit dem Anſtand eines Hidalgo zum Zimmer hinaus. Ich ſchlief dieſe Nacht nur wenig. Die volle Fluth der Erinnerung rauſchte auf mich ein, und nach Allem, was mein Bedienter mir erzählt hatte, mußte ich ein⸗ ſehen, daß der Schiffbruch meiner Hoffnungen jetzt voll⸗ endet ſey. Ich wage es nicht, an die tauſenderlei Plane zu denken, die mein beunruhigter Geiſt ausheckte und wieder verwarf. Anfangs dachte ich daran, Lucy auf⸗ zuſuchen, mich aufrichtig gegen ſie zu erklären, und ihr aus einander zu ſetzen, daß mein Verhältniß zu Donna Inez weiter Nichts, als eine unſchuldige, vorübergehende Liebelei ſei, und daß mein Herz und meine Seele einzig und allein ihr angehöre. Aber ach, wenn ich nicht Muth genug gehabt hatte, in einem vollgedrängten Geſellſchaftsſaale ihr unter die Augen zu treten, was konnte ich dann unter Umſtänden wie die jetzigen thun? Ueberdies würde ſie wohl alle meine Herzensergießungen kurz abgeſchnitten haben mit der kalten Erklärung, daß ſte weder ein Recht noch Luſt habe, ſolche anzuhören. Die Erinnerung an ihren Blick, als ſte an mir vorüber⸗ ging und in ihren Wagen ſtieg, zuckte mir von Neuem durch das Hirn und entſchied dieſen Punkt. Nein, nein, ich will nie wieder mit ihr zuſammentreffen; ſo ent⸗ ſchieden auch der Schein gegen mich ſeyn mochte, ſo hätte ſie mich doch nicht ſo kalt und verachtungsvoll behandeln ſollen. Es lag klar am Tage, daß ſie ſich nie um mich bekümmert hatte; beleidigter Stolz war 213 ihr einziges Gefühl geweſen. Mit ſolchen Betrachtun⸗ gen befeſtigte ich mich immer mehr in der Ueberzeugung, daß meine Hoffnungen auf ſie für immer vernichtet ſeyen. Nun aber kam das Dilemma Nro. 2: die Senhora. Meine erſten Empfindungen gegen ſie waren nicht eben Dank⸗ barkeit, obſchon ihre gütige, zärtliche Pflege mir ſo vielfache Linderung verſchafft hatte. Ohne ſie wären mir alle meine jetzigen Verlegenheiten erſpart; ohne ſie wäre ich jetzt Adjutant des Sir George, wohnte in ſeinem eigenen Hauſe, könnte ſtündlich mit Lucy beiſammen ſeyn, täg⸗ lich an ihrer Seite ſpeiſen, mit ihr ausreiten und hätte die herrlichſten Gelegenheiten, mich um ihre Liebe zu be⸗ werben. Ohne ſie und ihre dunkeln Augen— und auf⸗ richtig geſtanden, welche Augen! wie leuchtend und doch wie holdſelig ſchmelzend! und ihre Lippen, wie fein ge⸗ zeichnet, wie ſchwellend— wie verſchieden von der kal⸗ ten, gefühlloſen Feſtigkeit Lucys— doch nein, ich habe auch Lucy lächeln geſehen, und wie himmliſch war dieſes Lächeln— welchen Glanz verbreitete es über ihre ſchönen Wangen! welches Feuer ſtrahlte aus ihren blauen Augen! Ja, es iſt doch mehr Poeſie in einem blauen Auge, aber immerhin iſt Inez auch ein höchſt liebenswürdiges Mädchen und hat das ſchönſte Füßchen, das ich je geſe⸗ hen habe; zwar kokettirt ſie mit dieſem Füßchen, aber dies mißfällt mir nicht an einem Mädchen. Welches Aufſehen würde ſie in England machen, wie viel Köp würde ſte da verrücken! Und dann dachte ich an meine Heimath, an Galway; ich empfing die Glückwünſche meiner Freunde, ſah die Bewunderung der Männer, den ſtillen Neid der Frauen. Mich däuchte, ich ſehe meinen Oheim, wie er ſie in ſeine Arme ſchließe und rufe: Ja Charley, das iſt ein Preis, für den es ſich lohnte in's Feld zu ziehen! Die vereinzelten Töne einer Guitare vom Garten her unterbrachen mich in meinen Betrachtungen. Es ſchien, als ob ein Finger gedankenlos über die Saiten ſtriche. Ich ſchaute auf und ſah zu meiner Ueberraſchung, daß ———— es Inez war. Bevor ich Zeit hatte, mich zu ſammeln, klopfte es leiſe an mein Fenſter, es öffnete ſich ſachte und eine unſichtbare Hand warf einen Blumenſtrauß auf mein Bett. Ehe ich ſprechen konnte, ſchloß ſich das Fenſter wieder und ich war allein. Einundachtzigſtes Kapitel. Der Beſuch. Mickey's Leiſtungen bei der Maskerade waren ohne Zweifel der ausgezeichnetſten Art geweſen und erforderten eine ungewöhnliche Zeit zum Ausruhen, denn er machte am ganzen folgenden Morgen ſeine Aufwartung nicht bei mir; gegen Mittag jedoch öffnete ſich die Thüre vom Garten her und ich hörte Etwas wie das Raſſeln eines Säbels, Als ich aufſchaute, ſtand Freed Power neben mir. Ich werde meinem Leſer ſeine Erzählung über den Verlauf meiner Krankheit erſparen, da ſie, obſchon aus⸗ führlicher, im Weſentlichen nicht viel mehr enthielt, als Mickey Free mir bereits mitgetheilt hatte. Zum Schluſſe benachrichtigte er mich, daß unſere Armee bisher nur rückgängige Bewegungen gemacht, die nördlichen Pro⸗ vinzen gänzlich verlaſſen habe und jetzt die verſchanzten Linien von Torres Vedras beſetzt halte; daß ferner Maſ⸗ ſena mit bedeutender Heeresmacht heranrückte, tagtäglich Verſtärkungen an ſich ziehe und höchſt wahrſcheinlich einen Sturm auf unſere Stellung unternehmen werde. „Die bedenklichen Leute,“ fügte Power hinzu,„ſpre⸗ chen von einer ſchleunigen Einſchiffung; die Sanguiniker und Hitzköpfe faſeln von einem großen Sieg und dem Ruckzuge Maſſenas; aber ich war vergangene Woche mit Depeſchen im Hauptquartier und ſah Lord Welling⸗ ton ſelbſt.“ 4 215 „Nun, was haben Sie dort erfahren? Ließ er Etwas von ſeinen Abſichten verlauten?“ „Nein, das könnte ich nicht ſagen. Er fragte mich Einiges über die neugelandeten Truppen, ſprach ein we⸗ nig über das Commiſſariat, ſchimpfte über die friſch angekauften Decken, meinte, grünes Futter tauge nicht für die Alrtilleriepferde, ließ mir eine engliſche Zeitung geben, die über die neueſten Unruhen berichtete, und ſprach die Hoffnung aus, mich beim Diner zu ſehen.“ Ich konnte nicht umhin, über Powers Aufzählung zu lachen.„Alſo,“ ſagte ich dann,„hält er unſere ge⸗ genwärtige Lage keineswegs für verzweifelt?“ „Wer kann ſagen, was er denkt? Er iſt bereit zu fechten, wenn damit Etwas ausgerichtet werden kann, und ſich zurückzuziehen, im Fall dies klüger erſcheinen ſollte. Aber eine Stunde mehr oder weniger zu ſchlafen, oder ein Glas Xeres mehr zu trinken, fällt ihm nicht ein, es mag da kommen was da will.“ „Jedenfalls, Charley,“ fuhr Power fort,„find wir um einen glorreichen Tag gekommen. Buſaco ſoll ein Glanzpunkt in dieſem Feldzuge ſeyn und unſere Leute haben den hitzigſten Strauß mitgemacht. Wenn wir jetzt die Halbinſel verlaſſen, ſo werde ich mich ewig darüber grämen. Sie, mein armer Burſche, konnten ſich freilich nicht rühren; aber von mir war es doch verdammt dumm, die Anſtellung beim Stabe anzunehmen, und ſo zieht eine Narrheit immer eine andere nach ſich.“ In ſeinem Tone lag eine Bitterkeit, welche mich nicht zweifeln ließ, daß irgend ein geheimer Gedanke im Hintergrund ſeiner Seele laure. Meine Augen begeg⸗ neten den ſeinigen, er biß ſich auf die Lippen, wurde feuerroth, ſtand vom Stuhle auf und trat an's Fenſter. Ich erinnerte mich jetzt an Mickeys gelegentliche Anſpielung und wagte es nicht, das Geſpräch weiter zu führen. Die ſorglos aufſprudelnde Luſtigkeit, die meinen Freund ſonſt charakteriſtrt hatte, war verſchwunden. Sein Ton hatte etwas Ernſtes und Düſteres, und ſelbſt, wenn 216 er ſcherzte, war ſein Lächeln nicht wie früher die Unbe⸗ fangenheit und Heiterkeit ſelbſt, ſondern wurde ſchnell durch einen Ausdruck verdrängt, den ich ſonſt nicht be⸗ merkt hatte. Nach einigen Minuten wurde unſer Still⸗ ſchweigen für beide unerträglich, und doch wollte, da jeder überzeugt war, in der Seele des Andern zu leſen, keiner zu reden anfangen. Endlich aber drehte Power ſich raſch um und fragte mich, wann ich wohl wieder aufſtehen zu können glaube? Jetzt wurde mir auf ein⸗ mal wieder leichter um's Herz und wir ſchwatzten noch einige Zeit lang über Tagesangelegenheiten und das Leben in Liſſabon. „An Vergnügungen fehlt es nicht, Charley; Gaſt⸗ mäler und Bälle ohne Ende. Werden Sie nur bald wieder geſund, damit Sie es auch benützen können.“ „Ja, das will ich thun,“ antwortete ich;„inzwi⸗ ſchen ſeyen Sie verſichert, daß der erſte Gebrauch, den ich von meiner Geſundheit mache, darin beſtehen wird, daß ich zum Regiment zurückkehre. Ich ſchäme mich herzlich vor mir ſelbſt, daß ich bereits ſo viel verloren habe, obſchon es nicht ganz meine Schuld iſt.“ „Wie, Sie wollten wirklich ſo ſchnell zum Regi⸗ mente zurück?“ fragte Power mit einem ängſtlich for⸗ ſchenden Blicke, den ich mir nicht erklären konnte. „Allerdings will ich das, was könnte mich auch hier feſſeln?“ Welche Antwort er darauf ertheilt haben würde, weiß ich nicht, denn in dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und Mickey meldete Sir George Daſhwood an. „Nur ſtille, mein Lieber, nicht ſo laut,“ ſagte die milde Stimme des Generals, indem er, etwas ärgerlich über den indiskreten Poſaunenton meines Bedienten, ge⸗ räuſchlos durch das Zimmer ſchritt.„Ah, Power, Sie hier! Und unſer armer Freund, was macht er?“ „Er iſt wenigſtens im Stande, ſelbſt zu antworten. Sir George,“ antwortete ich, ſeine ausgeſtreckte Han ergreifend. „Mein armer Junge, Sie mußten lange daran glauben. Doch Ihr Arm iſt gerettet und das iſt die verlorene Zeit wohl werth. Ich bringe Ihnen gute Nachrichten; es hat ein ſehr ſcharfes Cavalleriegefecht ſtattgefunden und unſere Leute ſind Sieger geblieben.“ „Da hören Sie es, Power, wir beide kommen doch um Alles.“ „Nein, ſo dürfen Sie nicht ſprechen, mein Junge,“ ſagte Sir George mit einem freundlichen, aber boshaften Lächeln;„es giebt Siege, die hier ſo gut errungen wer⸗ den können, wie dort, und in Ihrem dermaligen Zu⸗ ſtande ſcheinen Sie für derartige Eroberungen geeigneter, als für andere.“ Powers Stirne runzelte ſich; er verſuchte zu lächeln, aber es mißlang ihm; dann ſtand er auf und trat haſtig an'’s Fenſter. 1 Auch ich war ſo verwirrt, daß meine wahren Em⸗ pfindungen ſehr leicht mißdeutet werden konnten, und Sir George ſuchte jetzt ſchnell dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Sie ſehen Ihren Wirth nicht viel, O'Malley,“ fuhr er fort,„er iſt faſt nie zu Hauſe, aber ſeine An⸗ ordnungen für Sie laſſen gewiß nichts zu wünſchen übrig. Sie ſehen, er hat Sie uns weggeſchnappt. Ihr Zim⸗ mer war ſchon in Bereitſchaft geſetzt, aber als ich For⸗ bes hinüberſandte, Sie zu uns zu bringen, ſaß ihr Be⸗ dienter Mickey ſchon auf einem Maulthier und ſagte, Sie ſeyen bereits unterwegs nach der Villa. Wir hatten beide unſere Anrechte auf Sie, und ſo viel ich höre, ſo ziemlich aus demſelben Grunde. Apropos, Sie haben Lucy noch nie geſehen, ſeit Sie hier ſind. Ich habe dies erſt geſtern erfahren, als ich ſie fragte, ob ſie keine Veränderung an Ihnen bemerkt habe.“ Ich tölpelte irgend eine alberne Antwort heraus, wurde feuerroth, wollte mich verbeſſern und gerieth dann vollends in Verwirrung. Sir George, der dieß Alles ohne Zweifel meiner Schwäche zuſchrieb, ſtand bald dar⸗ nach auf und nahm Power mit, indem er im Weggehen bemerkte:„Ich ſehe wohl, wir find ihm jetzt zu viel; wir müſſen ihn noch einige Zeit in Ruhe laſſen.“ Ich dankte ihm im Grunde meines Herzens für dieſe richtige Beurtheilung meines Zuſtandes, und ſank dann auf mein Kiſſen zurück, um Alles, was ich gehört und geſehen hatte, zu überlegen. „Nun, Mr. Charles,“ ſagte Mickey, indem er lächelnd eintrat.„Sie haben' s vermuthlich ſchon gehört? Das 14te hat den Franzoſen bei Merca tüchtig heimge⸗ leuchtet und zweiundſiebzig Gefangene gemacht. Aber wahrhaftig, das bringt uns doch wenig Nutzen.“ „Und warum nicht, Mickey?“ „Ei, zum Henker, jetzt kommt ja Boney ſelbſt und bringt alle Ruſſen mit ſich, um uns gänzlich vom Erd⸗ boden zu vertilgen.“ „Nein, das weißt Du nicht, mein Lieber; Napo⸗ leon ſteht mit Rußland in keiner Verbindung und hat überdies jetzt alle Hände voll zu thun.“ „Gott gebe, daß dies wahr ſey! Aber ich habe es ſelbſt in den Zeitungen geleſen oder vielmehr, was auf das Gleiche hinausläuft, der Sergeant Haggarty hat es geleſen, daß er mit den Kuhjacken kommen wird.“ „Mit wem? Mit was?“ „Mit den Kuhjacken.“ „Zum Teufel! was meinſt Du damit? Was ſind das für Leute?“ „Ach Du meine Güte, haben Sie denn nie von den Kuhjacken gehört mit den rothen Bärten, den rothen Hoſen und den langen Spießen, womit ſie vom Pferde herab alle möglichen Tenpoleien ausüben und die Leute ſpießen wie die Lerchen?“ „Die Koſaken wirſt Du meinen, die Koſaken?“ „Ja, ja, die Kuhjacken, Sie kommen von der Inſel Clare und der Gegend; auch in Meath gibt es ihrer viele; es ſind Landsleute von uns und haben ſich immer wie die Teufel herumgeſchlagen.“ 219 „Ich mußte laut auflachen über Mickeys Statiſtik, welche den Hetmann Platoff in einen Galwayer ver⸗ wandelte. 4 „Lachen Sie nur nicht ſo mörderlich, es iſt jetzt ſchon genug; ſeyen Sie ſtill, dann will ich Ihnen noch etwas Neues ſagen. Wir ſind heute allein Herren im Hauſe. Der alte Gentleman iſt in Behlem und die Senhora in Liſſabon, um Vorbereitungen zu einem glänzenden Balle zu treffen, der gegeben werden ſoll, ſobald Sie wieder ganz geſund ſind.“ „Hoffentlich bin ich in wenigen Tagen wieder bei der Armee, Mickey; denn ſobald ich mich wieder rühren kann, bleibe ich keine Stunde länger in Liſſabon.“ „Um Gotteswillen ſprechen Sie nicht ſo! Wann in ihrem Leben haben Sie es ſo gut gehabt? Dies iſt ja ein wahres Paradies. Wenn Sie erſt ſehen wie man alle Tage ißt und trinkt, dann würden Sie ſich nicht mehr ſo was einfallen laſſen“ „Ich glaube es wohl, Mickey, daß es Dir ſchwer fallen wird, Dich von all dieſen Dingen zu trennen.”“ „Ja freilich, und erſt meine Miß Catrina! Ich gebe ihr jetzt Unterricht im Iriſchen.“ „Im Iriſchen! Was ſoll ſie mit dem Iriſchen?“ „Das liebe Kind will es nun einmal nicht anders. Und da ſie mich immer plagt, ich ſoll ſie engliſch lehren, ſo habe ich's ihr neulich verſprochen. Weil ich mich in⸗ zwiſchen auf fremde Sprachen nicht ſonderlich verſtehe, ſo dachte ich, Iriſch werde es eben ſo gut thun. Wir nehmen alſo jetzt einen Kurs in triſcher Literatur, wie Mr. Lynch in Athlone ſagt, und ſo wahr ich lebe, ſien iſt eine recht fähige Schülerin, obſchon hie und da Etwas verkehrt heraus kommt.“ Zweiundachtzigſtes Kapitel. Das Geſtändniß. Wie ſeltſam iſt doch meine Lage, dachte ich einige Tage ſpäter; wie bezaubernd in einigen Beziehungen, wie romantiſch und gleichwohl wie verdammt verwickelt! Um meine Gedanken recht zu begreifen, mein lieber Leſer, ſo denken Sie ſich jetzt ein großes prachtvoll möb⸗ lirtes Geſellſchaftszimmer, deſſen eine Seite ſich in eine herrliche Orangerie öffnet, während auf der andern ein kleines köſtliches Boudoir zu ſehen iſt, wo Bücher, Bronce⸗ ſtatuen, Gemälde, Kupferſtiche, in all der künſtlichen Unordnung eines Frauenheiligthums, von dem purpur⸗ rothen Scheine eines farbigen Fenſters aus dem drei⸗ zehnten Jahrhundert übergoſſen ſind. Neben einem kleinen Holzfeuer, deſſen ſanftes Licht mit den Sonnenſtrahlen 3 auf dem Fußteppich ſpielt, ſteht ein antikes ſilbernes Frühſtückſervice von Benvenutos eigener Hand gemeiſelt. Daneben ſitzt ein Mädchen, jung und ſchön; ihre dunkeln, unter langen Wimpern hervorſtrahlenden Augen ſind mit einem Ausdruck beſorgter Theilnahme auf einen bleichen, krankhaften Jüngling gerichtet, der auf einem Sopha gerade gegenüber ruht und gleichgültig die Blätter eines neuen Journals umſchlägt, oder ſtarr nach der gothiſchen Decke hinaufſchaut, während ſeine Gedanken viele Mei⸗ len davon umherſchweifen. Die Lady iſt Senhora Inez; der nachläſſige Invalide Ihr unwürdiger Freund Charles O'Malley.. Gewiß eine höchſt ſeltſame Situation! „Dann werden Sie alſo auf unſerem Balle heut Nacht nicht viel Vergnügen finden,“ ſagte ſie nach einer längeren Pauſe. Ich wandte mich nach ihr um; ihre Worte hatten vornehmlich an mein Ohr geklungen, aber verloren in meine Träumereien konnte ich nur den Gedanken wieder⸗ maente tönen. Ich bin überzeugt, Ihr Freund, der Major 221 holen, der ſich in mir feſtgeſetzt hatte, und ſagte:„Wie ſeltſam in einer ſolchen Lage zu ſeyn.“ »Sie ſind in der That höchſt langweilig, Senhor, das verſichere ich Sie. Da habe ich Ihnen das aller⸗ eleganteſte Gemälde von dem Caſtnoball, von dem ro⸗ mantiſchen Koſtüm unſerer Liſſaboner Schönen aufgerollt und kann von Ihnen Nichts als ein paar gemurmelte Laute herausbringen, die obendrein gar nicht wie Compli⸗ Power wäre aufmerkſamer gegen mich, das heißt,“ fügte ſie boshaft hinzu,„wenn Miß Daſhwood nicht zugegen wäre.“ „Wie? was? Sie wollen doch nicht ſagen, daß hier ein Verhältniß ſtattfinde— daß Power ihr im Ernſte den Hof mache?“ „Madre divina! wie das Sie intereſſirt und wie roth Sie werden. Wenn Sie Miß Daſhwood früher geſehen, oder damals bei mir beſſere Bekanntſchaft mit ihr geſchloſſen hätten, ſo würde ich ſagen, Sie ſeien ſelbſt in ſie verliebt.“ Faſt hätte ich über dieſe Aeußerung gelacht, aber ich fühlte, daß mein Geſicht immer röther wurde; dennoch ſuchte ich einen möglichſt gleichgültigen Ton zu erkünſteln und ſagte:„Endlich alſo iſt der muntere Fred Power auch in die Falle gegangen?“ „Nun, iſt das ein ſo großes Wunder?“ fragte ſie ſchlau. „Er ſcheint es wenigſtens zu meinen. Und die Lady, wie nimmt ſie ſeine Huldigungen auf?“ „O mit all dem Vergnügen und der Befriedigung, wie die Mädchen Huldigungen von Männern aufnehmen, die ihnen gleichgültig ſind und gleichgültig bleiben werden.“ „Wirklich?“ fragte ich langſam,„wirklich, Senhora?“ Dabei ſah ich ihr in die Augen, als wollte ich darin leſen, ob die Lektion etwa für mich ſelbſt beſtimmt ſey. „Starren Sie mich nicht ſo an, das iſt ja eine allbekannte Sache.“ 3 222 „Sie glauben alſo nicht, daß Lucy— wollte ſagen Miß Daſhwood— doch warum lachen Sie ſo?“ „Wie kann ich anders? dieſes Lucy, wie Sie ſchlecht weg ſagen, lautet ſo hübſch, daß ich nur wünſchte, ſie hätte es ſelbſt gehört. Sie iſt das ſtolzeſte Mädchen, das ich je geſehen habe.“ „Aber um zur Sache zurückzukommen, Sie glauben, daß er ihr gleichgültig ſei?“ „Ja, ebenſo gleichgültig wie Sie ſelbſt, und Sie mögen mir dieſe Zuſammenſtellung verzeihen, da ich ge⸗ ſehen habe, daß er bei Ihnen war Aber laſſen Sie uns jetzt von unſerer Féte reden; ſie iſt auf den Samſtag feſtgeſetzt, und bis dahin müſſen Sie wieder ganz her⸗ geſtellt ſeyn, ich verlange das. Miß Daſhwood hat ver⸗ ſprochen zu kommen und man muß ihr dies hoch an⸗ rechnen, denn ſie war nie mehr hier ſeit dem Tage, wo Sie ihr einen ſo großen Schreck eingejagt haben. Ich kann nicht umhin, über meinen Wahn zu lachen— ich meinte, dieſe zwei Leutchen müßten ſich verzweifelt in einander verlieben, und nun kommen Sie kaum einmal zuſammen.“ „Aber ich glaubte,“ verſetzte ich ärgerlich,„Sie ſelbſt wuͤrden Ihre Anſprüche auf mich nicht ſo leicht aufgeben.“ „Das wollte ich auch nicht,“ erklärte ſie mit einem unbefangenen Lächeln,„nur damit ich recht viele Be⸗ wunderer habe. Ich gehe mit meinen Freunden ſchonend und haushälteriſch um, es würde mir wirklich leid thun Sie zu verlieren— denn Sie ſind mir lieb.“ „Ja,“ verſetzte ich, halb bitter,„wie man Mäd⸗ chen lieb ſeyn kann, denen man gleichgültig iſt. Iſt's nicht ſo?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber regnet es draußen? Das iſt recht ärgerlich, und ich habe mein Pferd beſtellt. Nun, Senhor Carlos, ich überlaſſe Sie Ihrem köſtlichen Zeitungsblatte und all den prachtvollen Beſchreibungen von Schlachten, Belagerungen und 223 Scharmützeln, wornach Sie ſo unaufhötlich lechzen. Nein küſſen Sie meine Hand nicht zweimal, das iſt nicht der Brauch.“ „Nun, ſo laſſen Sie mich von Neuem beginnen—“ „Ich werde nie wieder mit Ihnen ſrühſtücken; aber ſagen Sie, ob ich in Liſſabon ein Koſtüm beſtellen ſoll, oder wollen Sie die Sache ſelbſt in Ordnung bringen?“ „Ja, beſtellen Sie eines, wenn Sie ſo gütig ſeyn wollen.“ „Ich will ſo gutig ſeyn und noch einmal adios.“ So ſprechend verließ ſie mich mit einer leichten Hand⸗ bewegung und einem freundlichen Lächeln. Was für ein liebenswürdiges Mädchen! dachte ich, indem ich aufſtand und an's Fenſter ging, die Worte Othellos vor mich hinmurmelnt: „Lieb ich dich nicht, ſo kehrt das Chaos wieder.“ Dies war in der That der vollkommenſte Ausdruck mei⸗ ner Gefühle; die einzige Löſung all der Schwierigkeiten, die mich umgaben, beſtand darin, daß ich mich ver⸗ zweifelt und unwiderbringlich in die ſchöne Senhora ver⸗ liebte, was, wenn man Alles zuſammen genau überlegte, ganz und gar keinen hinreichenden Grund zum Verzwei⸗ feln ausmachte. Nachdem ich lange genug über die Hoff⸗ nungsloſigkeit der einen Neigung nachgedacht, begann ich ruhig die günſtigen Punkte der andern zu überlegen. Die Senhora war wirtlich ſchön und in jeder Hinſicht anziehend; ihr Benehmen war im höchſten Grade be⸗ zaubernd, und ihre Gemüthsart, ſo weit ich ſie bis jetzt kannte, die Liebenswürdigkeit ſelbſt. Ich hegte bereits mehr als gewöhnliches Intereſſe für ſie, und wie unge⸗ mein leicht mußte nicht da der Uebergang zu einem ſtärkeren Gefühle werden! Ueberdies verlieh es mir einen gewiſſen Glanz, der nicht ohne ſeinen eigenen Zauber war, wenn ich für ihren begünſtigten Liebhaber galt. Sie war die anerkannte Schönheit von Liſſabon, und nicht ohne bos⸗ hafte Schadenfreude dachte ich daran, was wohl Lucy ſagen möchte, wenn der Menſch, den ſie mit ſp belei⸗ 224 digender Geringſchätzung behandelt hatte, Ehegemahl der ſchönen Millionärin Senhora Inez würde. So weit war ich in meinen Betrachtungen gekom⸗ men, als die Thüre ſich verſtohlen öffnete und Catrina eintrat, den Finger auf dem Munde haltend und in allen ihren Bewegungen Vorſicht ausdrückend. Sie trug auf dem Arm eine Maſſe Kleider, die mit einem großen Tuche bedeckt waren, zog dann dieſes Tuch weg und zeigte mir einen koſtbaren blauen Domino mit Silberſtickereien. Er war ſehr weit und faltenreich, ſo daß jede Perſon, die ihn trug, ſich vollkommen darin verſtecken konnte. Dieſen Anzug hielt ſie mir einen Augenblick ohne zu ſprechen hin; endlich aber, als ſie ſah, daß meine Neu⸗ gierde im höchſten Grade gereizt war, ſagte ſte: „Dies iſt der Domino der Senhora. Ich wäre das unglücklichſte Mädchen, wenn ſie wüßte, daß ich ihn gezeigt habe, aber ich habe verſprochen, das heißt ich ſagte—“ „Ja, ja, ich verſtehe,“ antwortete ich, um ihr in Betreff der Quelle ihrer Zuvorkommenheit aus der Ver⸗ legenheit zu helfen,„nur weiter herausgerückt mit der Sprache.“ „Nun es ſind noch andere da, welche dieſem glei⸗ chen, nur mit dem kleinen Unterſchied, daß ſich, wäh⸗ rend jene auf den Aermeln hochroth ſind, dieſen mit Roſa habe ſticken laſſen. Die Senhora weiß ſelbſt Nichts davon, und überhaupt weiß es Niemand außer Ihnen; ich bin überzeugt, daß Sie das Geheimniß treu be⸗ wahren.“ 3 „Fürchten Sie Nichts, Catrina, Sie haben mir einen großen Dienſt geleiſtet. Laſſen Sie michs noch einmal anſehn: ja, ja, ſo iſt es ganz leicht zu erkennen. nn Sie meinen alſo, daß die Senhora Nichts davon wiſſe?“ .„Das glaube ich allerdings; ſie hat verſchiedene andere Koſtüme, aber ich weiß, daß ſie mit dieſem da 225 eine Ueberraſchung beabſichtigt; deßhalh ſeyen Sie auf Ihrer Hut.“ So ſprechend hüllte ſie das koſtbare Kleid ſorgfältig wieder ein und entfernte ſich; ich aber grübelte darüber nach, welches Geheimniß wohl hinter dieſem Plane ver⸗ ſteckt und wie fern ich ſelbſt bei dem genannten Complot betheiligt ſeyn möchte. Die wenigen Tage, die jetzt folgten, war ich faſt beſtändig allein. Die Senhora blieb nur wenig zu Hauſe und auch Power beſuchte mich ſelten. Ein ſeltſames Ge⸗ fühl halber Erkaltung hatte ſich zwiſchen uns gedrängt, die frühere, rückhaltsloſe Offenheit war verſchwunden, und wir ſprachen jetzt lieber von Alltagsdingen, als von unſern eigenen Planen und Ausſichten. In ſeinem Be⸗ nehmen lag eine ganz eigenthümliche Befangenheit: er kam vom Hundertſten auf's Tauſendſte, war immer zer⸗ ſtreut und kaum noch ein Schatten von dem fröhlichen, gedankenloſen Dragoner, der er früher geweſen. Was mochte dieſe Aenderung bedeuten? Hatte er zufällig aus⸗ gemittelt, daß mein Benehmen gegen Lucy einen Tadel verdiene? War ihm vielleicht mein Zuſammentreffen mit ihr unrichtig geſchildert worden? Dies war höchſt unwahrſcheinlich und jedenfalls lag kein Grund darin mich zu verdammen. Oder war er vielleicht ſelbſt in Lucy verliebt, hatte er ihr Herz und Seele geweiht und betrachtete mich jetzt als einen glücklichen, bevorzugten Nebenbuhler? O wie war es möglich geweſen, daß ich dies ſo lange nicht bemerkt hatte! Gewiß darin lag die Löſung der ganzen Schwierigkeit. Geahnt hatte ich es zwar ſchon mehrere Male, jetzt aber vereinigten ſich alle Umſtände zu einem vollſtändigen Beweiſe. Ich erinnerte mich an ſeine Unruhe bei meiner Rückkehr nach Liſſabon, an ſeine tauſend Fragen über die Gründe zu meinem Urlaub und endlich an ſein unverhohlenes Vergnügen, Lever, O'Malley. III. 15* 226 als ich ihm neulich meinen Entſchluß mitgetheilt, ſo bald als möglich zum Regiment zurückzukehren. Auch ſein angelegentlicher Eifer, mit der Senhora als der einzigen Freundin Lucys in ein innigeres Verhältniß zu treten, ſeine beſtändigen Beſuche auf der Villa und ſeine langen Spaziergänge im Garten, wobei man ihm deut⸗ lich anſah, daß er etwas Wichtiges auf dem Herzen hatte, Alles das ſchien mir jetzt verdächtig. Ja, es konnte keinem Zweifel unterliegen, er liebte Luey! Ach! die Verwicklungen meines Geſchicks ſchienen kein Ende mehr nehmen zu wollen. Alle, die meinem Herzen theuer waren, ſchien ich nacheinander verlieren zu ſollen, um ungeliebt und unbeachtet in der Welt dazuſtehen. Meine Gedanken wandten ſich der Senhora zu, aber in Be⸗ ziehung auf ſie konnte ich mich in keine Hoffnung hin⸗ einlügen. So jung ich war, ſo konnte ich doch das unbefangene Lächeln der Koketterie, das übermüthige Lachen geſchmeichelter Eitelkeit recht gut von einem tieferen, heiligeren Gefühle unterſcheiden. Im Uebrigen wünſchte ich es ſelbſt nicht anders. Nur eine Einzige hatte mich fühlen gelehrt, wie veredelnd, wie erhebend eine tief wurzelnde Leidenſchaft für ein ſchönes junges Mädchen wirken kann; aus ihren Augen allein hatte ich die Begeiſterung geſchöpft, die mich nach Ruhm und Auszeichnung lechzen machte. Ich konnte den Unter⸗ thanengehorſam meines Herzens nicht auf eine andere übertragen, nachdem er dieſes Herz ſo ſtolz und hoch ſchlagen gelehrt hatte. Wenn Lucy auch für mich ver⸗ loren war— und daß ſie dieſes war, fühlte ich nur zu ſchmerzlich— ſo blieb ſie mir immer noch mehr, als irgend ein anderes Weib je ſeyn konnte. Meine ganze Vergangenheit klammerte ſich an ſie feſt, alle Zukunfts⸗ bilder, die vorübergaukelten, ſtanden mit ihr in Ver⸗ bindung. Und Power: warum hatte er kein Vertrauen in mich geſetzt? War dies auch recht von meinem alten bewährten Freunde? Ach, ich vergaß, daß ich in ſeinen 227 Augen der begünſtigte Nebenbuhler war, nicht der ver⸗ ſtoßene, verſchmähte Liebhaber. 1 Es iſt jetzt Alles vorbei, dachte ich, indem ich aufſtand und in den Garten ging, der Traum, der mein Leben zu einem Feenmährchen gemacht, iſt entſchwunden; die kalte Wirklichkeit der Welt ſteht jetzt vor mir, mein Pfad iſt nunmehr ein öder, einſamer, verlaſſener. Ich beſchloß Power aufzuſuchen und ihn über meine Anſprüche in’s Klare zu ſetzen; ſolche exiſtirten ja gar nicht mehr. Ich füͤr meine Perſon ſtand ſeinem Glücke nicht im Wege, und es war alſo blos ein Akt ehrlicher Freundſchaft, ihm dies zu ſagen; dann aber wollte ich Liſſabon ſogleich verlaſſen: die Cavallerie war zwar größtentheils zum Nachtrabe beordert worden, aber auf den Vorpoſten, dachte ich, gibt es immer Etwas zu thun. Der Gedanke an den aktiven Dienſt, die Aufregung eines Feldzugslebens ſtimmten mich wieder heiterer, und mit leichterem, freierem Herzen ſchritt ich in der dunkeln Allee weiter. Es ſollte ſich bald Gelegenheit finden mei⸗ nen Entſchluß auszuführen. Als ich um die Ecke eines Buſches bog, ſtand Power vor mir. Er lehnte an einem Baum, hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt, den Kopf geſenkt, und aus ſeinem ganzen Weſen ſprach das tiefſte Nachdenken. Er ſchrack zuſammen, als ich herankam, und ſchien beinahe die Farbe zu wechſeln. „Nun, Charley,“ ſagte er,„Sie ſehen heute früh beſſer aus; wie ſteht's mit dem Arme?“ „Der Arm iſt wieder zum Dienſte tüchtig, und ſei⸗ nen Beſitzer verlangt es darnach von ganzem Herzen. Ich ſage Ihnen nur Fred, daß ich dieſes Lebens im höchſten Grade überdrüſſig bin.“ „Im Lager iſt es nicht viel beſſer. Die Franzoſen haben eine Poſition eingenommen, wagen aber keine Bewegung, und außer einigen kleinen Vorpoſtengefechten gibt es in der That Nichts zu thun.“ 15* „Thut Nichts; bei dem Hierbleiben kommt noch viel weniger heraus, und überdies habe ich meinen Zweck erreicht—“ Ich wollte hinzufügen, ich bin wieder hergeſtellt, aber er fiel mir jetzt plötzlich in's Wort und ſagte, in⸗ dem er mich ſtarr anſah: „Wirklich? wirklich? ſteht es ſo?“ „Ja,“ antwortete ich, halb aufgebracht über den Ton ſeiner Frage;„ich kann zum Regiment zurückkehren, ſo bald es mir beliebt. Inzwiſchen, Fred, habe ich vorhin an Sie gedacht. Wundern Sie ſich nicht, aber ſo eben noch beſchäftigten ſich meine Gedanken mit Ihnen.“ So ſprechend nahm ich ihn beim Arm und ging die Allee hinab. „Wir ſind,“ begann ich jetzt,„zu alte und hoffent⸗ lich zu gute Freunde, lieber Fred, um Geheimniſſe vor einander zu haben, und dennoch haben wir dies ein⸗ fältige Spiel ſchon ſeit Wochen geſpielt. Jetzt, da ich im Beſitz Ihres Geheimniſſes bin, iſt es nicht mehr als billig, daß Sie auch das meinige erfahren, und Sie hätten es gewiß auch von ſelbſt entdeckt, wenn Ihre Ge⸗ danken noch frei wären wie ſonſt. Sie ſind verliebt, Fred; es hilft hier kein Ausweichen, ich weiß es zu genau, aber hören Sie mich zu Ende. Sie glauben, ich ſey gleichfalls verliebt und ſtehe näher am Ziele als Sie ſelbſt; aber erfahren Sie jetzt, daß ich keine, ganz und gar keine Ausſichten habe. Unterbrechen Sie mich nicht, denn dieſes Bekenntniß zerreißt mir beinahe das Herz; Niemand kann ahnen, was ich leide, wenn ich an das Scheitern meines Glückes denke; aber ich wiederhole es, meine Hoffnungen ſind auf immer vernichtet. Nur, lieber Fred, kann ich nicht auch meinen Freund noch verlieren; wenn ich Ihnen bisher ein Hinderniß war, ſo bin es jetzt nicht mehr. Fragen Sie mich nicht, ge⸗ nug, daß ich im bitterſten Ernſte ſpreche. Bevor drei Tage vergehen, werde ich dieſe Stadt verlaſſen und mit ihr alle Hoffnungen, die je auf meinen Weg geſtrahlt, 229 alles Glück, das mir zugelächelt— doch nein, nicht Alles, denn in dem Gedanken, daß ich Ihnen mein Freund treu geblieben bin, liegt noch etwas Beruhigendes. Ich weiß nicht, was ich weiter ſagte, und was er antwortete. Ich fühlte den warmen Druck ſeiner Hand, ich ſah ſein entzücktes Lächeln; die Worte des gefühlte⸗ ſten Dankes, die ſeine Lippen ſprachen, hatten fur mich etwas Unklares und ich erinnerte mich jetzt an Nichts mehr. Der Muth, der mich einen Augenblick aufrecht er⸗ halten, ſchwand allmälig, als ich über mein Bekenntniß nachdachte, und ich konnte kaum umhin, Power eines Mißbrauchs der Freundſchaft anzuklagen, weil er mir ein Geſtändniß abgenöthigt habe, das ich ihm doch ganz freiwillig abgelegt hatte. Immer ſchwebte mir vor, was Lucy ſelbſt wohl von meinem Benehmen denken werde, doch tröſtete mich eine innere Stimme, daß ſie es nicht anders als zu meinem Vortheil werde auslegen können. Ja, dachte ich, ſie wird endlich denjenigen kennen ler⸗ nen, der ſie mit wahrer, echter Treue geliebt und ver⸗ ehrt; ſind auch alle ſeine Hoffnungen zertrümmert, ſo kann doch der Ruhm ſeiner Treue nicht geſchmälert wer⸗ den. Der Marſch, das Bivouac, das Schlachtfeld war⸗ ten jetzt meiner wieder, und nur allein ein Feldzug ver⸗ mag die ſchmerzhafte Lücke wieder auszufüllen, welche getäuſchte, verfehlte Hoffnungen gemacht haben. Wie ſehnte ich mich nach dem lauten Schall der Trompete, nach dem Klange des Stahles, dem Geſtampfe des Schlachtroſſes, der wirbelwindartigen Leidenſchaft eines Angriffs und dem toſenden Donner der Artillerie! Erſt einige Stunden ſpäter, als ich allein auf mei⸗ nem Zimmer ſaß, traten mir alle Begebniſſe des heu⸗ tigen Tages klar vor die Seele, und ich konnte nicht umhin leiſe zu murmeln: Es iſt doch ein hartes Loos ſich finſterer Verzweiflung hingeben zu müſſen, um das Herz eines Freundes zu erfreuen. 1 — —— 23⁰ Dreiundachtzigſtes Kapitel. Mein Schlachtpferd. 1 Obſchon ich mich durch mein Bekenntniß gegen Po⸗ wer von einer ſchweren Laſt befreit fühlte, ſo vermied ich doch einige Tagelang jedes Zuſammentreffen mit ihm, denn ich konnte mich nicht von der Furcht losmachen; er werde auf den Gegenſtand unſerer Unterhaltung zu⸗ rückkommen, und ich fühlte, daß mich der Muth, der mir jene erſte Kraſtanſtrengung möͤglich gemacht hatte, bei einem zweiten Falle dieſer Art im Stich laſſen würde. Ich war feſt entſchloſſen zu meinem Regiment zu⸗ rückzukehren, ſandte daher Sir George meine Entlaſſung aus dem Stabe ein, in welchem ich noch keine Dienſte hatte thun können, und betrieb ſofort mit großem Eifer meine Vorbereitungen zu einer ſchleunigen Abreiſe. Sir George beantwortete mir meinen etwas förm⸗ lichen Brief äußerſt freundlich und liebevoll. Er bedau⸗ ere, ſchrieb er, die unglückliche Urſache, die uns ſo lange getrennt habe, und ſo lieb es ihm ſein müßte, mich in ſeiner Nähe zu haben, ſo könne er doch meinen Entſchluß nur vollkommen billigen. „Activer Dienſt allein, mein theurer junger Freund, kann Ihnen die Stellung verſchaffen, welche Sie verdie⸗ nen, und ich freue mich über Ihren Entſchluß um ſo mehr, als ich bereits gefürchtet hatte, gewiſſe Gerüchte, die Ihnen ganz andere als Feldzugsplane beilegten, möch⸗ ten ſich beſtätigen. Ich bin in dieſer Beziehung jetzt beruhigt, und bitte um Verzeihung, wenn meine Gluck⸗ wünſche unpaſſend waren.“ 1 Nach einigen Andeutungen über mein künftiges Ver⸗ halten und dem Verſprechen mir einige Briefe an ſeine rnre im Hauptquartier zu geben, ſchloß er wie vlgt:-. „Da dieſes Klima meiner Tochter nicht zuzuſagen ſcheint, ſo habe ich um Verſetzung gebeten und hoffe 5 231 täglich die erwünſchte Antwort. Bevor ich aber abreiſe, erſuche ich Sie, das Pferd anzunehmen, das mein Groom dem Ihrigen übergeben wird. Seine Figur und Be⸗ wegungen geſielen mir dermaßen, daß ich es vor meiner Abreiſe aus England kaufte, ohne einen eigentlichen Grund dafür zu wiſſen. Laſſen Sie es unter Ihrer Leitung die Kriegsſchule durchmachen, in die ich ſelbſt es höchſt wahrſcheinlich nicht einführen werde. Es hat tüchtige Knochen und ſoll auch große Schrnelligkeit be⸗ ſitzen.“ 2 Hier unterbrach mich Mickeys Stimme von unten im Weiterleſen, und als ich hinaus ſchaute, ſah ich, wie er mit Sir Georges Bedienten neben einem großen, ſchönen Pferde ſtand, das ſie beide mit der kritiſchen Genauigkeit von Kennern muſterten. „Ein herrliches Thier, eine wahre Schönheit,“ rief Mickey entzückt. „Ja, und was für Knochen,“ bemerkte der engliſche Groom. „Welche Vorderbeine, und die Schenkel ſo biegſam wie eine Gerte,“ fügte Mickey hinzu. „Ja, dies da iſt das Beſte an ihm,“ meinte der andere, die ſtarken Hinterfüße mit der Hand tätſchelnd. „Damit kommt es über Stock und Stein und über den ſumpfigſten Boden weg.“ „Ja, über eine Mauer hinüber,“ meinte Mickey der an Galway dachte. Meine eigene Ungeduld, das Geſchenk kennen zu lernen, hatte mich jetzt zu den Sprechenden hinabgeführt; nach einigen Minuten war das Thier geſattelt und ich ritt ſo fröhlich und munter im Hofe umher, wie ich ſeit Monaten nicht mehr geweſen war. Einige kleine Zäune lagen vor mir, aber über alle hinweg trug es mich mit der Leichtigkeit eines geübten Jagdpferdes. Mein Muth ſtieg mit der Aufregung und ich ſah mich eifrig nach Gelegenheit zu einem kühneren, gewaltigeren Sprunge um. „Setzen Sie dort über die Eingangspforte,“ rief 232 1 der engliſche Groom der mit dem Scharfblick eines Jo⸗ keys meinen Wunſch errieth:„Fürchten Sie Nichts, er kommt gut hinüber.“ Trotz meiner ſeltſamen Kleidung, denn ich hatte eine offene Jacke an und war ohne Hut, ſtürmte ich vor⸗ wärts. Das Thor, von welchem der Groom ſprach, war von ſtarkem Eichenholz und beinahe fünf Fuß hoch. Die größte Schwierigkeit beim Ueberſetzen beſtand aus einem gewundenen Anlaufe und dem Umſtand, daß unmittelbar jenſeits eine gepflaſterte Straße war. Einige Augenblicke überfiel mich eine Art von Furcht. Meine lange Krankheit hatte mich geſchwächt, und in meinen Beinen verſpürte ich bei Weitem nicht die ge⸗ wöhnliche Kraft; kaum aber hatte ich das Thier in ei⸗ nen Galopp verſetzt, als jene geheime Sympathie, die zwiſchen Reiter und Pferd vorzuwalten ſcheint, auch mich ergriff und ich ſtieß ihm die Sporen in die Flanken. An eine ſolche Behandlung nicht gewöhnt, ſprang das edle Thier wie wahnſinnig empor. Mit zwei furcht⸗ baren Sätzen erhob es ſich wild in die Luft, ſchüttelte zornig ſeine lange Mähne und ſtreckte ſich aus zum Ga⸗ lopp. Mein eigenes Blut kochte jetzt ſo ungeſtüm wie das ſeinige und mit übermüthigem Triumfgeſchrei ließ ich das Pferd am Thor emporſteigen. Inſt in dieſem Augenblick erſchienen zwei Perſonen, die das Gebüſch bisher meinen Blicken entzogen hatte, vor demſelben und blieben wie feſtgebannt ſtehen; die wilde Haltung des Pferdes, der nicht minder wilde Schrei ſeines Reiters hatte ihnen alle Kraft geraubt, und überwältigt von der plötzlichen Gefahr, waren ſie wie in den Boden gewur⸗ zelt. Was ich ſagte, rief, bat oder fluchte, weiß der Himmel, nicht ich. Aber ſie rührten ſich nicht! Noch ein Augenblick und ſie mußten zermalmt unter den Hufen meines Pferdes liegen. Schon hatte es ſich zum Sprung erhoben, aber jetzt riß ich es raſch herum und kehrte es gegen die Mauer, dieſe war wenigſtens einen Fuß höher und ſolid von Stein gearbeitet, auch fühlte ich wohl, 23 daß ich mein Leben wagte, um das ihrige zu retten. Ich gab ihm einen tüchtigen Stich mit den Sporen und wie eine Rakete ſchoß es in die Luft auf, ſetzte über die Mauer weg und ſtand zitternd und erſchreckt auf der Straße außen. „Unverletzt beim Himmel und wundervoll ausge⸗ führt!“ rief eine Stimme, an der ich ſogleich Sir Ge⸗ orge Daſhwood erkannte.„Lucy, meine beſte Lucy, ſchau doch auf, es iſt keine Gefahr vorhanden. O Gott, ſie iſt in Ohnmacht gefallen: O'Malley holen Sie etwas Waſſer, ſchnell. Armer Menſch— Ihre eignen Nerven ſcheinen erſchüttert— Warum haben Sie Ihr Pferd gehen laſſen? Kommen Sie um Gotteswillen hieher, halten Sie das Mädchen einen Augenblick.“ Es erſchien mir wie ein Traum. Ich lehnte an den Pfeiler des Thores— das kalte, todtenblaſſe Geſicht von Lucy Daſhwood lag bewegungslos auf meinem Arme; ihre Hand ſiel ſchwer über meine Schulter und berüͤhrte meine Wange. Der Hufſchlag meines Pferdes, das weiter galoppirte, war der einzige Ton, der die Stille unterbrach, während ich daſtand und unverwandt auf die bleiche Stirne und noch blaſſere Wange blickte, über welche eine vereinzelte Thräne langſam ſich hinſtahl. Ich weiß nicht, wie die Minuten vergingen— mein Ge⸗ dächtniß nahm keine Notiz von der Zeit; endlich aber zuckte ein leiſes Zittern durch ihren Körper, ein zartes, kaum merkbares Roth färbte ihr ſchönes Geſicht, ihre Lippen öffneten ſich ein wenig, ſie ſtieß einen tiefen Seuf⸗ zer aus und blickte um ſich— allmählig wandten ſich ihre Augen auch auf mich und begegneten den meinigen. O, die unausſprechliche Wonne dieſes Augenblicks! Es war nicht mehr der Blick kalter Verachtung, den ſie mir das letztemal zugeworfen hatte: die innigſte Dankbarkeit ſprach aus ihren Augen. Sie ſchien in der Tiefe mei⸗ nes Herzens zu leſen und meine Treue zu erkennen. Al⸗ les vergeſſend, nur meine unveränderte, unveränderbare Liebe nicht, kniete ich neben ihr nieder, und mit glühen⸗ 234 den Worten, mit der ganzen Beredtſamkeit der heftigſten Leidenſchaft bekannte ich ihr meinen Schmerz und meine Liebe. Ich ſprach von meiner unerſchütterlichen Treue und widerlegte die Beweiſe, die ſich gegen dieſelbe erho⸗ ben hatten. Wenn meine Augenblicke gemeſſen waren, ſo ließ ich ſie nicht unnütz verſtreichen. Ich zeigte ihr, wie alle Thaten meines Kriegerlebens nur von ihr aus⸗ gegangen ſeyen, wie ihre wenigen, zufälligen Worte den Character meines Schickſals beſtimmt haben, und wie ich, wenn ich mir einige Ehre erworben, dieſelbe nur ihr allein verdanke. Fortgeriſſen von meinen feurigen Hoffnungen vergaß ich Power gänzlich— ein Tritt auf dem Kiesweg näherte ſich ſchnell, und ich hatte nur noch Zeit, meine frühere Stellung neben Lucy wieder einzu⸗ nehmen, als ihr Vater kam. „Nun, Charley, iſt ſie beſſer? Ach ja, ich ſehe es ſchon und hier kommt die ganze Haushaltung hinten drein.“ So ſprechend deutete er auf einen Schwarm von Dienerſchaft, die mit allen möglichen Erfriſchungs⸗ mitteln, welche portugieſtſche Erfindſamkeit je ausgeſon⸗ nen hat, herbeieilte. Im nächſten Augenblick erſchien auch die Senhora blaß vor Angſt, und, wie es ſchien, beinahe ebenſo huͤlfs⸗ bedürftig wie ihre Freundin. Unter unzähligen Fragen, Erklärungen und Miß⸗ verſtändniſſen uͤber die Art wie das Unglück geſchehen, ſchlugen wir unſern Weg nach der Villa ein. Lucy ging zwiſchen Sir George und Donna Inez, ich aber folgte an Powers Arm gelehnt. „Sie haben das Pferd eingefangen, O'Malley,“ ſagte der General ſich halb umkehrend;„es ſchien ebenſo erſchrocken zu ſeyn, wie wir alle.“ „Es iſt Zeit, Sir George, daß ich Ihnen meinen verbindlichſten Dank abſtatte; nie in meinem Leben war ich ſo beritten—“ „Bei Gott, ein wundervolles Thier,“ ſiel Power ein;„Aber beſter Charley, machen Sie künftig keine 23⁵ ſolche Sprünge mehr, wenn Sie mich lieb haben. Kein Mädchenherz kann den Angriffen ſolcher Reiterkünſte auf die Länge widerſtehen.“. Ich war im Begriff eine halb zornige Antwort zu geben, als er fortfuhr:„Nun ſehen Sie nur nicht ſo grämlich drein, ich habe Neuigkeiten für Sie: Quill iſt ſo eben angekommen, ich traf ihn in Liſſabon, er hat auf einige Tage Urlaub erhalten und will auf den Abend unſern Ball hier beſuchen.“ „Heute Abend?“ fragte ich erſtaunt,„warum iſt er denn ſchon ſo früh?“ „Ci, ſind Sie etwa mit Ihren Vorbereitungen nicht fertig? Daſhwoods ſind hergekommen, um den ganzen Tag hier zu verbringen. Aber kommen Sie, ich will Sie jetzt in die Stadt fahren, mein Tilbury ſteht be⸗ reit und wir müſſen uns nach Kleidern umſehen.“ Mit dieſen Worten führte er mich in das Haus, und nach⸗ dem ich ſchnell meine Toilette gemacht, fuhren wir nach Liſſabon. Vierundachtzigſtes Kapitel. Maurice. Es ſchien zwiſchen Power und mir eine ausgemachte Sache zu ſein, daß wir auf das Geſpräch im Garten nicht mehr zurückkommen wollten; obſchon wir daher an dieſem Tag ganz allein mit einander dinirten, ſo wagte doch keiner von beiden auch nur die entfernteſte Anſpie⸗ lung auf den Punkt, der für uns der allerwichtigſte war. Alle Bemühungen, fröhlich und unbefangen zu er⸗ ſcheinen, waren demzufolge vergebens; vergebens müh⸗ ten wir uns ab, ein Intereſſe für Dinge und Perſonen zu heucheln, die uns doch gänzlich gleichgültig waren. Endlich wurden wir dieſer künſtlichen Rollen überdrüßig und verſanken in ein dumpfes Stillſchweigen; jeder brü⸗ 236 tete über ſeine eigenen Plane und Entwürfe nach und ge⸗ bärdete ſich, als ob er ganz allein da wäre. Der Becher ging hin und zurück, ohne daß ein Wort geſprochen wurde; nur mit halbem Nicken wurde ange⸗ deutet, daß die Flaſche daſtand, und außer einer gele⸗ gentlichen Verwünſchung auf eine ſchlechte Cigarre wurde Nichts gehört. Dieſer Art ungefähr war unſere angenehme Beſchäf⸗ tigung, als gegen neun Uhr die Thüre ſich öffnete und der große Maurice in eigner Perſon vor uns ſtand. „Luſtige Geſellen, ſo wahr ich lebe und höchſt jo⸗ vial bei ihrem Getränke. Hol der Henker Euer Rauchen; das mag im Bivouac wohl gut ſein, aber jetzt laßt uns etwas Warmes genießen.“ Quills Unterbrechung war uns beiden höchſt will⸗ kommen. „Nun, was wollen Sie denn; Maurice? Portwein oder Teres und Sardellen dazu?“ „Oder was würden Sie zu einer Bowle Biſchof ſagen?“ ſetzte ich hinzu. „Es lebe die Kirche, Charley, laſſen Sie uns Bi⸗ ſchof haben; damit aber auch dem Geſchmack unſeres Fred ſein Recht widerfahre wollen wir Sardellen eſſen, ſo lange das Getränke gebraut wird.“ „Gut, Maurice, aber jetzt Ihre Nenigkeiten. Wie ſteht es in Torres Vedras? Iſt einige Bewegung zu verſpüren?“ „Nichts von Bedeutung; Maſſena ritt vor einigen Tagen auf Recognoscirung aus, aber eine unſerer Bat⸗ terien ſprühte einen Kartätſchenhagel unter ſeinen Stab, wodurch die Prozeſſton in die höchſte Unordnung verſetzt wurde. Dann hatten wir in der Front ein paar unbe⸗ deutende Scharmützel, etliche Kriegsgerichte, viel Mur⸗ ren und große Unzufriedenheit.“ „Was wollen denn die Leute? Iſt es ſo ſchwer, die Franzoſen ein paar Tagemärſche von Liſſabon in Schach zu halten?“ „Ach, mein lieber Charley, wir kümmern uns ei⸗ nen Pfifferling um die Franzoſen, oder um Liſſabon, oder um die Portugieſen, oder die Junta, oder wie die Dinge alle heißen mögen, ſondern ein jeder denkt nur an ſeine eigene Angelegenheit. Der eine wünſcht nach Hauſe oder zu einer Rekrutirungskommiſſton verſetzt zu werden; der andere will vorwärts uach Torres Vedras, wohin ſelbſt die große Armee nicht gelangen kann; einige ſind ver⸗ liebt und noch weit mehr ſtecken in Schulden. Da iſt weder Ruhm noch Gewinn zu holen: doch hier kommt der Biſchof, dampfend und duftend wie Nectar.“ „Und unſere Leute— haben Sie Niemand geſehen?“ „Ich ſpeiste mit ihnen am Dienstag, wenn ich mich recht entſinne. Apropos, Sparks wurde an dem⸗ ſelben Morgen gefangen.“ „Sparks gefangen? Der arme Kerl; es thut mir wirklich leid um ihn. Wie ging es zu, Maurice?“ „Höchſt einfach. Sparks hatte eine Fouragierpa⸗ trouille nach Vieda und ritt früh Morgens dahin ab. Sie ſchienen guten Erſolg gehabt zu haben und waren ſchon wieder auf dem Rückzug, als der arme Sparks mit ſeiner feinen Empfänglichkeit für das ſchöne Ge⸗ ſchlecht einen Laden im Dorfe ſachte ſich öffnen und einen äu⸗ ‚ßerſt zarten Finger ihm winken ſah. Er blieb ein wenig hinter ſeinen Leuten zurück, ließ ſie um eine Ecke bie⸗ gen, ritt dann langſam aufs Haus zu und huſtete einige Male, um die ſchoͤne Unbekannte herauszulocken;— als Antwort wehte ein weißes Taſchentuch zum Fenſter hin⸗ aus, das ſchnell wieder geſchloſſen wurde, der tapfere Fähndrich aber ſchwang ſich raſch vom Pferde und huſchte ins Haus.“ Der weitere Verlauf des Abenteuers iſt bald er⸗ zählt, denn einige Minuten nachher ſah man zwei Män⸗ ner auf einem einzigen Pferde nach den franzöſiſchen Linien hingaloppiren. Der Vordere war ein Offizier vom 4ten Küraſſierregiment, der andere Gentleman, deſſen Geücht dem Schwanze zugekehrt war, unſer Freund Sparks. Die 238 liebenswürdige Unbekannte war nichts anderes geweſen als ein alter Schnurrbart von Loiſons Corps, der ei⸗ nige Tage vorher in einem Scharmützel verwundet wor⸗ den war und nun auf Gelegenheit lauerte zu den Seini⸗ gen zurückzukehren. Einer von unſern Gefangenen kannte den Kerl gut; er hatte von der Pike auf gedient und ſoll ein wahrer Herkules ſein, ſo daß der arme Sparks in keinem Fall ſich gegen ihn wehren konnte.“ „Es thut mir aufrichtig leid, aber Sparks zärtliche Natur iſt immer ſein Verderben geweſen.“ „Sein Verderben! Ei daſſelbe iſt auch Ihr und Powers und mein, kurz unſer aller Verderben. Haben nicht ſchöne Mädchen uns alle zuſammen vom Altvater Adam an bis herab auf Maurice Quill zu Narren ge⸗ macht? Weder Alter noch Rang wird davon verſchont, weder auf halben Sold noch auf das Veteranenbataillon wird einige Rückſicht genommen. Reichen Sie den Be⸗ cher herüber, O'Shaughneſſy.“ „Apropos, was macht der Major?“ „Er iſt wohl, befindet ſich aber eben jetzt ein we⸗ nig in der Klemme. Sir Arthur— Lord Wellington wollte ich ſagen— hat ihm vor ein paar Tagen ver⸗ dammt den Leviten geleſen, weil ſeine Leute auf Plün⸗ derung ertappt wurden.“ in ſehr ſchlecht disciplinirtes Corps, Major!“ ſagte der General; ‚auf der Strafliſte ſtehen immer mehr als von jedem andern Regiment.⸗ „Shaugh murmelte Etwas, aber ſeine Stimme ver⸗ lor ſich in einem lautem Kickeriki, das ein frecher Hahn in dieſem Augenblicke anſtimmte. „Wenn die Offtziere ihre Pflicht thun, Major O'Shaughneſſy, ſo kommen ſolche Vergehen nicht vor.“ „Kickeriki!l’ war die Antwort. Einige vom Stab konnten das Lachen kaum verhalten, aber der General fuhr fort: „Wenn daher ſolche Streiche nicht aufhören, ſo 239 werde ich das Corps in ein weſtindiſches Regiment ver⸗ ſetzen. „Kickeriki!“ „Und wenn im Quartier oder bei einem Mann et⸗ was Geſtohlenes entdeckt wird—⸗ „Kickeriki, kreiſchte es lauter als zuvor. „Ein verdammter Hahn! wo iſt er?⸗ „Alle ſchauten ſich ringsum, aber vergebens, als auf einmal eine furchtbare Wiederholung des Geſchreis aus O'Shaugneſſys Rocktaſche erſcholl und es ſich her⸗ ausſtellte, daß der tapfere Major es ſelbſt nicht beſſer trieb als ſeine Leute. Jetzt konnte keiner mehr an ſich halten; Alles brach in ein ſchallendes Gelächter aus, ſelbſt Lord Wellington vermochte nicht zu widerſtehen und wandte ſich hinweg, indem er vor ſich hinmurmelte: „Verdammte Räuber, Einer wie der Andere!“ während ein neuer Kriegsgeſang aus des Majors Taſche das Fi⸗ nale bildete.“ „Das muß man Ihnen laſſen, Maurice, Sie ha⸗ ben immer ein paar ſo vertrakte Anekdötchen im Vor⸗ rath und verſtehen es vortrefflich, aus der Mücke einen Elephant zu machen.“ „So wahr ich Maurice heiße, diesmal habe ich nicht übertrieben;— aber die Boyle iſt leer.“ „Seien Sie ohne Sorgen, hier kommt ſchon ihre Nachfolgerin. Wie lange können Sie bei uns bleiben?¹ „Höchſtens ein paar Tage. Ich habe ſo eben die Merkwürdigkeiten der Stadt in Augenſchein genommen und bin dieſen Morgen in ganz Liſſabon geweſen. Ich habe die Inquiſttion und die Zellen geſehen, auch das Verhörzimmer, eine Art von Juryſaal, mit dem großen Gemälde von Adam und Eva. Donnerwetter, was das für ein ſchönes Geſchöpfchen iſt! Haare bis auf die Huͤften herab und ein Paar Augen im Kopf! Ei du Engelskind, ſagte ich bei mir ſelbſt, jetzt verzeihe ich ihm Alles, was er gethan hat. Ich hätte jeden Holz⸗ 24⁰ apfel im Garten aufgeſpeist, wenn Du mich darum ge⸗ beten hätteſt.“ „Ich muß ſie doch auch ſehen, Maurice; iſt ſie ſehr portugieſiſch dargeſtellt? „Nein, keine Spur; ſie könnte eben ſo gut aus Ltmerick ſein. Sie hat glänzende braune Haare, blaue Augen und eine Haut ſo weiß wie Schnee.“ „Nur ſachte, lieber Doctor, in Liſſabon gibt es auch hübſche Mädchen.“ „Ja, das will ich meinen,“ bekräftigte Power. „Es geht doch Nichts über Irland, das ſage ich Euch; dort ſind Mädchen nach meinem Herzen, und wo iſt der Mann, der ihnen zu widerſtehen vermöchte, von St. Patrick an, der ausging, um in den Bergen von Wicklow zu leben.“ „Sie meinen den Sankt Kevin, Doctor.“ „Das gilt mir gleich viel; ſie waren Zwillinge. Ich habe in der letzten Woche ein Lied auf ſte gedichtet— auf die Frauenzimmer nämlich.“ „Heraus damit, Maurice; geben Sie's los, alter Knabe. Wie iſt das Versmaas?“ „Ein ganz kurzes Versmaas; vier kleine Verſe.“ „Und die Melodie?“ „Spitzet die Ohren, ſo will ichs Euch ſingen.“ Die Mädchen im Weſten. 1 Rühmt die Schönen all Hier in Portugal, Landein und landaus, landein und landaus. Ihr findet doch nicht So ein ſüßes Geſicht, Wie die Mädchen zu Haus, wie die Mädchen zu Haus. Kein kohlſchwarzes Haar, Kein trotziges Augenpaar, Doch ſo wahr ich hier bin, doch ſo wahr ich hier bin, Ein Geſichten ſo rund, Ein kirſchrother Mund, Und ein Grübchen im Kinn und ein Grübchen im Kinn. III. Kein feuriger Blick 6 Verheißet Euch Glück, Doch wärt ihr von Erz, doch wärt ihr von Erz, Ihr ſchüchternes Aug Entzücket euch auch Und dringt euch ins Herz und dringt euch ins Herz. IV. Mantillen verſchmähn Sie, doch wenn ſie drehn Sich im Tanze, o ſieh! ſich im Tanze— o ſieh! Welch ein Fuß und ein Bein— Doch halt ein o halt ein! Dies Glas iſt für ſie! dies Glas iſt für ſie! „Nun, das iſt ja wirklich ein allerliebſtes Liedchen, von Moore, ohne Zweifel?“ „Gott bewahre; von meiner eigenen Muſe aus⸗ geſonnen.“ „Und die Muſik?“ fragte ich. 1 „Gleichfalls von mir. Zu viel Gewürze in dieſer Bowle; daß die Leute doch immer meinen, das Berauſchende im Getränke habe etwas Angenehmes für den Gaumen! Sie denken nicht daran, daß unſer Geſchmack einfacher wird, je weiter wir an Jahren und Trinkerverſtand vor⸗ rücken.“ Lever, O'Malley. III. 16. 242 „Ja, wir kehren zu unſern erſten Liebhabereien zu⸗ zurück, nicht wahr?“ „Nein, nicht ganz, wir gehen ſogar noch weiter; denn wenn Sie die Fortſchritte in der Trinkweiſe eines ver⸗ nünftigen Mannes beobachten, ſo werden Sie darin ein getreues Sinnbild des Lebens finden. Was iſt ſein ein⸗ weihendes Glas Chablis, das er zu ſeinen Auſtern hinab⸗ ſchluckt, anders als die knospende Erwartung der Kindheit, die verlockende Abnung künftiger Vergnügungen? So⸗ dann folgt der Peres zur Suppe, dieſe wärmende Glut, die Kraft und Stärke in ihrer ganzen Bewußtheit mit⸗ theilt, ſobald ſich ihm ein Blick in's Leben eröffnet; hierauf die Jugend— die kochende, wilde, ungeſtümme Jugend— ſchäumend und funkelnd gleich dem Cham⸗ pagner, deſſen ſtürmiſche Oberfläche in Myraden leuch⸗ tender Sterne aufbrauſt. „Oeil de perdeaux.“ „Nein, nein, das Auge der Frauen, ſtrahlend, fun⸗ kelnd, Leben gebend—“ „Hol mich der Teufel, der Kerl wird poetiſch.“ „Ach Fred, wenn das nur andauern könnte! Aber mit den reifern Jahren muß man zum Burgunder über⸗ gehen. Ihr erſtes Glas Hermitage iſt das algebraiſche Zeichen für fünf und dreißig— das gottvolle Brauſen iſt vorüber; man hat immer noch einen guten Schritt, aber die große Begeiſterung iſt dahin. Sie können wohl noch vorwärts blicken. aber zum Henker, Sie haben auch auf einen langen Weg rückwärts zu ſchauen“ „Sehen Sie, Charley, unſer Freund hat während ſeiner philoſophiſchen Forſchung ſich allen Biſchof vol⸗ lends zu Gemüthe geführt; die Bowle iſt ganz leer.“ „Ja, man vergißt ſich leicht über abſtrakten Spe⸗ kulationen. Aber laſſen Sie uns noch ein wenig trinken, ich bin mit meiner Abhandlung noch nicht zu Ende.“ „Kein Glas mehr, Maurice; es iſt bereits neun Uhr vorüber, wir haben alle verſprochen auf der Mas⸗ 243 kerade zu erſcheinen, und bis wir uns angezogen haben und hinaus kommen, wird es ſpät genug werden.“ Ich maskire mich nicht.“ „Nun gut, dann muß man Sie au naturel nehmen, wie Ihre Landsleute die Kartoffeln.“ „Ja, Doctor, Fred hat Recht; wir müſſen jetzt aufbrechen.“ „Nun, da kann ich freilich nicht helfen; ich habe meine Oppoſition gegen den Antrag angezeigt, aber ich muß mich unterwerfen, und da ich nun wieder auf meinen Beinen ſtehe, ſagt mir doch, was für eine trübſelige alte Lampe da oben iſt.“ „Das iſt ja der Mond, mein Beſter, der, Voll⸗ mond.“ 4„Gut, ich habe Nichts gegen ihn, auch ich bin voll, und nun laßt uns aufbrechen.“ Fünfundachtzigſtes Kapitel. Der Maskenball. Wollte man ſich einen portugieſiſchen Maskenball nach unſern derartigen Vergnügungen vorſtellen, ſo würde man nur einen höchſt unvollkommenen und irrigen Blick davon erhalten. Bei uns iſt der erſte Anblick Alles; die Nonnen, die Schäferinnen, die Türken, die Matroſen, die orientaliſchen Prinzen, die Nachtwächter, die Meilenſteine, die Teufel und Quäker nehmen ſich in ihrer Art alle recht hübſch aus, wenn ſie an uns vor⸗ beidefiliren; aber ſobald ſie ſich in's Gewühl miſchen, ſo entdecken wir augenblicklich, daß außer dem Turban und der Kaputze, dem Hirtenſtab und der breiten Krempe an keine weitere Ausführung des Spiels gedacht wird. Die Nonne vergißt ihr Geluͤbde und Einkleidung und liebelt mit dem Teufel; der Nachtwächter, ein ſpröder wähle⸗ 16* riſcher Elegant, beäugelt die Fiſchweiber mit ſeinem Operngucker, während der Quäker einen pas seul aus⸗ führt, auf welchen Alberti bei einer Quadrille von lär⸗ menden Türken und betrunkenen Hindus ſtolz ſeyn könnte. Kurz, der ganze Witz beſteht in albernen Zuſammenſtellungen, ſonſt aber haben die Acteurs keine Anſprüche auf weitere Beachtung; denn wäre auch die eine oder andere Perſon geiſtreich genug, die Rolle durchzuführen, ſo würde es ihr an Mitſpielern in Drama fehlen. Was wäare Bar⸗ dolf ohne Piſtol? was Sir Lucius O'Trigger ohne Acres? Die Ungleichhe:ten und Widerſprüche des Lebens ſind es, die uns am meiſten Spaß bereiten, und ſo wenig eine einzige Schwalbe einen Sommer macht, ebenſo wenig kann eine gut durchgeführte Rolle in eine Maskerade Leben bringen. Ohne ſolche Sympathien, ſolche Berührungspunkte gehen alle charakteriſtiſchen Ei⸗ genſchaften und alle Eindrücke, die der Spieler gibt und empfängt verloren; die Charaktere ſind dann bloße Pa⸗ rallellinien, die einander zwar ſehr nahe kommen, aber niemals ſich ſchneiden oder kreuzen. Anders verhält es ſich im Auslande. Der Domino, welcher blos zur Verhüllung dient, iſt beinah die einzige Kleidung, die man annimmt, und die eigentliche, wahre Vermummung beruht nothwendigerweiſe auf den Talenten der darſtellenden Perſonen. Da handelt es ſich nicht um einen Bart oder einen beflitterten Mantel, um einen pol⸗ niſchen Rock, oder um eine Pappendeckelnaſe. Nein, ſondern die Stimme und Manier, der Gang und das Gebärdenſpiel, die ganze Ausdrucksweiſe, Alles muß ver⸗ ändert werden, und es gehört kein geringer Takt dazu, dies mit Erfolg durchzuführen. Man moöge mir die kleine Abſchweifung verzeihen, da ſie einigermaßen erklären ſoll, wie mir beim Eintritt in den hellbeleuchteten Salon der Villa und unter das Gewühl der glänzenden Figuren in der ganzen mannig⸗ fachen Koſtümirung eines Carnevals zu Muthe war. Das froͤhliche Gelächter, die rauſchende Muſik, das Hin⸗ 24⁵. und Hereilen der Bedienten mit Erfriſchungen, das Ge⸗ dränge um Wahrſagerinnen, deren Verkündigungen jeden Augenblick die ſchallendſte Luſtigkeit hervorriefen, das eifrige Suchen irgend eines getäuſchten Dominos, der ſich abmühte, ſeine verlorene Maske wieder zu finden; dies Alles vereinigte ſich zu einem luſtigen, bunten Ge⸗ ſammtbild. Eine Zeitlang ſah ich verwundert dem Treiben zu, durch welches ein gewiſſes, geheimes Ein⸗ verſtändniß ſich hindurchzuziehen ſchien, als auf einmal eine Maske, die ſchon lange neben mir geſtanden war, auf Franzöſtſch mir zuflüſterte— „Wenn Sie Ihre Zeit auf dieſe Art hinbringen, ſo dürfen Sie ſich nicht wundern, Ihren Platz beſetzt zu finden.“ Ich wandte mich haſtig um, aber ſie war verſchwun⸗ den; ich ſage ſie, denn es war unverkennbar eine Frauen⸗ ſtimme. Ihr roſarother Domino konnte mir kein Wegweiſer ſeyn, da jeden Augenblick hundert von der gleichen Farbe an mir vorüberſchwebten: doch über den Sinn ihrer An⸗ ſpielung hegte ich keinen Zweifel. Ich drehte mich um nach Power, aber auch er war weg, und zum erſten Mal in meinem Leben empfand ich die Bitterkeit der Eiferſucht. Zwar hatte ich freilich zu ſeinen Gunſten auf alle meine Anſprüche verzichtet; mein letztes Zuſam⸗ mentreffen mit Lucy hatte blos meinen Charakter gegen eine falſche Anmuthung rechtfertigen ſollen, aber dennoch ſchien es mir, Fred hätte wohl meine Abreiſe abwarten und mir den Kummer erſparen können, ſeine Erfolge mit anſehen zu müſſen. „Sie zögern noch immer,“ flüſterte es neben mir. Ich drehte mich raſch um, konnte aber Niemand entdecken und verſank von Neuem in meine Nachdenk⸗ lichkeit, als dieſelbe Stimme mir zuwiſperte: „Der weiſe Domino mit der blauen Kappe, adieu.“ Ohne über die Seltenheit dieſer Mittheilung lange Betrachtungen anzuſtellen, eilte ich durch das dichte Ge⸗ wühl und forſchte überall nach dem Domino. „Iſt das nicht O'Malley?“ fragte ein Engländer ſeinen Freund. „Freilich,“ erwiederte der Andere,„gerade der Mann, den wir brauchen. Holen Sie ſich eine Tänzerin, O'Mal⸗ ley, wir ſuchen ſchon ſeit zehn Minuten nach Ihnen.“ Der Sprecher war ein Offtzier den ich bei Sir George getroffen hatte. „Wie erkannten Sie mich?“ fragte ich haſtig. „Das wird Niemanden ſchwer fallen, ſo lange Sie Ihre Maske in den Händen tragen,“ antwortete er. Erſt jetzt merkte ich, daß ich in der Zerſtreutheit Nleih von Anfang an meine Maske gänzlich vergeſſen atte. „Nun, was ſagen Sie zu dem blauen Domino dort? Ich ſah ihren Fuß, und ein Mädchen mit Fuer ſolchen Biege muß zum Walzer wie geſchaffen ſeyn.“ Ich ſchaute mich um und eine verworrene Erinne⸗ rung drängte ſich mir in den Kopf; in dieſem Augen⸗ blick bemerkte ich den geſtickten Aermel des Dominos, und bei der ſilbernen Noſenknospe fiel mir auf einmal Catrinas Mittheilung wieder ein. Aha, dachte ich, die Senbora ſelbſt. Sie lehnte ſich auf den Arm einer hohen, ſtattlichen Figur in Schwarz; wer dieſe war, wußte ich nicht, und bemühte mich auch nicht es auszufor⸗ ſchen, ſondern trat ohne Weiteres auf Donna Inez zu und forderte ſie zum Walzer auf. Ohne mir zu antworten, wandte ſie ſich zu ihrem Begleiter, welcher ihr zuzureden ſchien, meine Aufforde⸗ rung anzunehmen. Sie zanderte jedoch einen Augenblick und lehnte ſie dann mit einer tiefen Verbeugung ab. Gut, dachte ich, die wenigſtens hat dich nicht erkannt. „Und dennoch, Senhora,“ ſagte ich halb ſcherzend, „habe ich Sie ſchon einmal einen Bolerv tanzen geſehen“ 4 „Sie irren ſich offenbar in mir,“ antwortete ſie, 247 aber mit einer ſo wohl verſtellten Stimme, daß ich es beinahe ſelbſt glaubte. „Ja, noch mehr,“ fuhr ich jedoch beharrlich fort, „unter Ihren eigenen ſchönen Auſpicien habe ich mich ſelbſt zum erſtenmale darin verſucht.⸗ „Glauben Sie mir, daß Sie ſich fortwährend im Irrthum befinden; Sie kennen mich nicht.“ „Und doch beſitze ich einen Talisman, um Ihr Ge⸗ dächtniß aufzufriſchen, im Fall Sie mir launigen Trotz bieten wollten.“, In dieſem Augenblick drückte mir eine vorüberge⸗ hende Maske innig die Hand. Ich drehte mich um, und Power flüſterte mir in's Ohr— „Meinen herzlichſten Dank, Charley, Sie haben mein Glück begründet.“ Als er vorübereilte, bemerkte ich, daß er eine Dame am Arme führte, die einen weißen Domino mit dunkel⸗ blauer Kappe trug. Plötzlich waren alle meine Gedanken an Inez verſchwunden, und nur um meine Aufregung zu verbergen, miſchte ich mich raſch in's Gedraͤnge. Todt für Alles um mich her, zog ich in gleichgültiger Gedankenloſigkeit weiter, ohne auf das flimmernde Ge⸗ dränge zu achten, oder die mindeſte Beziehung zu der fröhlichen Geſellſchaft in mir zu fühlen. Die Nacht ging⸗ hin, meine Schwermuth und Betrübniß wurde immer tiefer, und doch war ich ſo verzaubert, daß ich den Platz nicht verlaſſen konnte. Ein geheimes Gefühl, daß ich Luey zum letzten Mal ſehen werde, hatte ſich vollſtändig mei⸗ ner bemächtigt, und ich ſehnte mich, einige Worte mit ihr zu ſprechen, ehe wir für immer ſchieden. Ich ſtand an einem Fenſter, das auf den Hof hinausſah, als auf einmal das Geräuſch von Hufſchlägen an mein Ohr tönte und beim hellen Mondſchein eine Gruppe Reiter am Säulengange ſichtbar wurde, die ich an ihren langen Mänteln und blanken Helmen ſogleich ale Dragoner erkannte. In demſelben Augenblick flog die Saalthüre auf und ein Offizier in beſchmutzter 248 Felduniförm trat ein. Er bahnte ſich raſch einen Weg durch's Gewühle und folgte einem Diener uach dem Speiſezimmer. Dorthin drängte ſich jetzt die dichte Maſſe, um den Grund dieſer ſeltſamen Erſcheinung zu erfahren. Auch mich führte brennende Neugierde nach der Thüre; doch blieb ich unterwegs bei einer Gruppe ſtehen, die ſich um einen Adjutanten von Wellingtons Stab bildete, der über die neueſten Nachrichten einige Auskunft zu geben ſchien. Ich hatte keine Zeit lange zu fragen, als eine Thüre neben mir ſich öffnete, und Sir George Daſhwood in Begleitung mehrerer Gene⸗ rale heraustrat. Jedermann hatte inzwiſchen die Maske herabgeriſſen und drängte ſich neugierig heran. „Alſo werden Sie ſogleich eine Ordonnanz nach Liſſabon abſchicken, Daſhwood,“ ſagte ein alter Gene⸗ ral neben mir. „Im Augenblick, Mylord; einen Adjutanten will ich abſenden. Die Truvpen ſollen noch vor Mittag marſchfertig ſeyn. Ah, da iſt der Mann, den ich brauche, O'Malley, kommen Sie her. Sitzen Sie ſchnell zu Pferde und jagen Sie in die Stadt. Eilen Sie zu Brotherton und M'Gregor und verkündigen Sie ſo ſchnell als möglich die Neuigkeit. „Was ſoll ich verkuͤnden, Sir George?* „Daß die Franzoſen ſich zurückziehen. Maſſena auf dem Rückzuge, mein Junge.“ Bei dieſer glorreichen Botſchaft erhob ſich plötzlich ein donnernder Jubelruf. Ein zweites und drittes Ju⸗ belgeſchrei folgte, das Orcheſter ſpielte ein nationales Kriegslied und donnernd ſtimmten alle Anweſenden ein. Eine ſolche Scene der Aufregung und Begeiſterung habe ich nie geſehen. Einige weinten vor Freude, andere ſtürzten ihren Freunden in die Arme. „Sie ſind Alle ſammt und ſonders toll,“ ſagte Mau⸗ rice Quill, indem er ſich durch die Maſſe hindurch ellen⸗ bogte;„und da iſt eine alte Veſtalin, die mich gar nimmer loslaſſen will. Sie hat mich bereits dreimal 249 umarmt und wir haben eine Flaſche Malaga mit ein⸗ ander ausgetrunken.“ „Kommen Sie O'Malley, ſind Sie bereit zum Rilte?“ Mein Pferd ſtand geſattelt an der Fontaine; ich ſchwang mich ſogleich hinauf und jagte, ohne einet zweiten Befehl abzuwarten, nach Liſſabon. Kaum waren zehn Minuten verfloſſen— das entzückte Jubelgeſchrei der Stadt klang mir noch in den Ohren, als ich ſchon wieder vor der Villa war. Ich wollte eben die Treppe hinauf gehen, als Sir George's Wagen auffuhr und der General ſelbſt mit ſeiner Tochter herabkam. „Wie O'Malley, ich dachte, Sie wären fort?“ „Ich bin eben zurückgekehrt, Sir George. Oberſt Brotherton wartet ſauf Sie und der Stab gleichfalls. Ich habe Befehl erhalten, mich nach Benejos zu ver⸗ fügen, wo das 14te ſtationirt iſt und bin nur zurückge⸗ kommen, um Adieu zu ſagen.“ „Adieu, mein theurer Junge, Gott ſegne Sie,“ ſagte der biederherzige alte Mann, indem er meine Hand zwiſchen den ſeinigen drückte;„Lucy, hier iſt Dein alter Freund und will Abſchied nehmen; komm, ſage ihm Lebewohl.“ Miß Daſhwood war zurückgeblieben, um ihren Shawl umzuwerfen. Ich flog hinzu, ihr beizuſtehen. „Leben Sie wohl, Miß Dafhwood, und für immer,“ ſagte ich mit gebrochener Stimme, indem ich ihre Hand ergriff.„Dies iſt nicht Ihr Domino,“ fügte ich haſtig hinzu, als ein blauer ſeidener unter ihrem Mantel her⸗ vorſah,„und auch die Aermel, haben Sie dieſe getragen?“ Sie erröthete leicht und nickte. „Ich tauſchte mit der Senhora, die den ganzen bend meinen Domino trug.“ „Und Power war alſo nicht Ihr Tänzer?“ „Ich kann es kaum glauben, denn ich tanzte gar nicht.“ 3 „Nun, liebe Luey, biſt Du fertig? Komm ſchnell.“ „Leben Sie wohl, Mr. O'Malley, und au revoir, n'est ce pas.“ Ich zog ihr den Handſchuh ab, preßte meine Lippen auf ihre Finger und hob ſie in den Wagen.„Leben ie wohl und au revoir,“ ſagte ich. Der Wagen llte dahin und ein weißer Handſchuh war Alles, was mnir von Lucy übrig blieb. Ich brauchte einige Augenblicke, bis ich wieder zum vollen Bewußtſein kam. Ein einziger Gedanke durch⸗ zuckte mich jetzt und verſchlang alle andern: Lucy war nicht auf immer für mich verloren, Power war nicht mein Nebenbuhler. Mehr brauchte es nicht, um meinen Arm zu kräftigen und mein Herz zu ſtählen. Ein lan⸗ ger, lauter Trompetenſtoß tönte jetzt durch die Stille der Nacht und mahnte mich an meine Abreiſe. Ich eilte auf mein Zimmer, um die nöthigen Vorkehrungen zu teßfu⸗ aber Mickey hatte ſchon Alles in Bereitſchaft geſetzt. Jetzt blieb mir nur noch ein Geſchäft übrig, näm⸗ lich mich von der Senhora zu verabſchieden. In dieſer Abſicht ging ich eine ſchmale Wendeltreppe hinab, die von meinem Zimmer auf die Terraſſe in den kleinen Blumengarten führte, der neben ihren Gemächern lag. Während ich über den Kiesweg ging, konnte ich nicht umhin, an meinen letzten Beſuch allda zu denken. Es war ein Abend geweſen, bevor ich nach dem Duero aufbrach. Ich erinnerte mich an die wenigen flüchtigen Augenblicke unſeres Abſchieds und der Gedanke durchzuckte mich: Wie, wenn ich ihr dennoch nicht gleich⸗ gültig wäre, wenn ſie halb aus Koketterie, halb im Ernſte bei unſern täglichen Unterhaltungen ſich auch mit ihrem Herzchen betheiligt hätte. Ich konnte mich nicht ganz von dem Vorwurfe freiſpre⸗ chen, daß ich ihr Anlaß gegeben habe, mich für einen Anbeter zu halten, ja mit der fahrläſſigen Hingebung meiner Landsleute war ich auf tauſend kleine Plane zu vergnüglichem Zeitvertreib verfallen, die zwar keinen 2⁵1 andern Zweck hatten, als die angenehme Unterhaltung für einen Augenblick, aber dennoch möglicherweiſe ihr ganzes Leben trüben konnten. Nenne mich deßhalb Niemand ohne weiteres einen an⸗ ſpruchsvollen, eitlen Gecken. In meinem innerſten Herzen hatte ſich kein ſelbſtſüchtiges Gefühl in dieſe Betrachtung ge⸗ miſcht. Es war nicht Dünkel von meinen eigenen Verdienſten, es war kein übermüthiges Fußen auf die Wahrſcheinlich⸗ keit eines Erfolgs, wenn ich ſo dachte. Glücklicherweiſe iſt mit achtzehn Jahren das Herz von einem ſolchen üblen Anſatz von Eitelkeit noch nicht befleckt. Die erſten Regungen der Jugend ſind reine, heilige Dinge, die unſere wilderen Leidenſchaften mildern und die rauhe Gaͤhrung des Knabengeiſtes beſchwichtigen; wenn wir daher zu gefallen ſtreben und Neigung zu gewinnen hof⸗ ſen, ſo bilden wir uns unvermerkt zu edleren, höheren Gedanken heran, und aus unſerer Hingebung an den geliebten Gegenſtand ſchöpfen wir einen Theil jenes Zaubers, der das tägliche Leben idealifirt und unſern Pfad in demſelben zu einem glorreichen, glänzenden macht. Wer wollte nicht alle Triumphe ſeiner ſpäteren Tage, die ſtolzeſten Augenblicke erfolgreichen Ehrgeizes, die glänzendſten Trophaͤen kühnen Wagniſſes für das kurze, lebensvolle Gefühl hingeben, das ihn durchzuckte, als ihm ſein Herz zum erſten Mal ſagte: er werde ge⸗ liebt! Es iſt dies das ſich erſchließende Lebensbewußt⸗ ſeyn, das erſte Hochgefühl eigener Kraft, das den Knaben zum Manne macht, zum Mann in ſeiner ganzen Keckheit, in ſeinem ganzen Stolz, und daher kommt es, daß wir in der Blüthe unſerer Tage ſo gerne jenen eingebildeten Neigungen nachhängen, die uns in unſerer eigenen Ach⸗ tung heben.— Mit ſolchen Gedanken trat ich in das kleine Boudoir, wohin ich mich ſchon früher einmal in einem ähnlichen Geſchäfte begeben hatte. Als ich die Thüre hinter mir ſchloß, geſtattete mir das graue Licht des anbrechenden Tages kaum die näch⸗ — ſten Gegenſtände zu ſehen, und ich tappte weiter bis an das nächſte Zimmer, wo ich die Senhora zu finden hoffte. Indem ich mit vorſichtigen Schritten und klopfen⸗ dem Herzen voranging, glaubte ich einen Ton neben mir zu hören. Ich blieb ſtehen und lauſchte, aber kaum wollte ich mich weiter bewegen, als ein halb unterdrücktes Schluchzen an mein Ohr ſchlug. Langſam und ſchwei⸗ gend lenkte ich meine Schritte nach der Gegend, woher die Töne kamen, und erreichte einen Sopha, wo ich, da meine Augen ſich allmählig an das Halbdunkel gewöhnt hatten, eine Figur entdeckte, in der ich bald Donna Inez erkannte. Sie hatte einen Caſchimirſhawl loſe um ſich geworfen, und ihr Geſicht in den Händen begraben. Ihr ſchönes Haar war über Nacken und Arm herabgefallen und ihre ganze Haltung verkündete den heftigſten See⸗ lenſchmerz. Ein kurzes, krampfhaftes Schaudern, das manchmal ihren ganzen Körper erſchütterte, und von Zeit zu Zeit ein nur in der todtähnlichen Stille vernehmbares Schluchzen zeugte allein davon, daß ſie noch lebte. Schweigend kniete ich neben ihr nieder, zog ſanft ihre Hand hinweg und legte ſie in die meinige. Ein furchtbares Gefühl der Selbſtverdammung fuhr mir durch die Seele, als ich den leiſen Druck ihrer zarten Finger verſpürte, die ohne Widerſtreben in meiner Hand ruhten. Meine Thränen ſielen heiß und ſchnell auf dieſe bleiche Hand, während ich mich traurig über ſie hinbeugte und nicht im Stande war ein Wort hervorzubringen. Ein Strom von widerſtreitenden Gedanken ſchoß mir durch das Hirn, und ich wußte nicht, was ich thun ſollte. Ich zweifelte jetzt keinen Augenblick, daß ſie mich liebe und daß meine bevorſtehende Abreiſe die Urſache ihrer Trauer ſey. „Theuerſte Inez,“ ſtammelte ich endlich, indem ich ihre Hände an meine Lippen preßte;„theuerſte Inez—“ ein leiſes Schluchzen und ein ſchwacher Druck ihrer Hand war die einzige Antwort—„ich bin gekommen Lebewohl zu ſagen,“ ſuhr ich fort, indem ſich allmäͤhlig mein ⸗ 25³ Muth ein wenig einſtellte;„höͤchſt wahrſcheinlich ein Lebewohl auf lange Zeit. Sie wiſſen, daß wir Ordre erhalten haben: o, weinen Sie nicht, Geliebteſte und glauben Sie mir, daß ich immer gewünſcht habe, vor dem Abſchied ruhig und offen mit Ihnen ſprechen zu können; aber ach, ich kann nicht; ich weiß kaum, was ich ſage.“ „Sie wollen mich nicht vergeſſen?“ ſagte ſie mit leiſer Stimme, die mir tief in die Seele drang;„Sie wollen mich nicht vergeſſen? Bei dieſen Worten ſank ihre Hand ſchwer auf meine Schultern und ihre reichen, üppigen Locken ſielen auf meine Wangen. Was für ein verdammtes Ding iſt doch die Nähe einer flaumzarten Wange und einer ſchwarzen Augenwimper, zumal wenn ſie einer Perſon angehören, der man nicht ganz gleich⸗ gültig zu ſeyn glaubt! Was ich in dieſem Augen⸗ blick that, halte ich nicht für nöthig mitzutheilen, ſelbſt wenn auch nicht ein Sprüchwort ſolche Bekenntniſſe unterſagt hätte, und ich kann mich nicht einmal erin⸗ nern, was ich ſprach, aber ſo viel entfinne ich mich, daß ich allmählig immer wärmer wurde und mich auf eine halbe Liebeserklärung einließ, mit der ich ganz ehrlich nur meine Unwürdigkeit ihre Gunſt zu gewinnen und meinen Entſchluß Liſſabon ſammt ſeiner Nachbarſchaft auf immer zu verlaſſen, darthun wollte. Tadle mich Niemand zu raſch, wer nicht in einer ähnlichen, ſchwierigen Lage geweſen iſt. Man läßt ſich im Liebesgeſchäfte eben ſo leicht vom hitzigen Ungeſtüm hinreißen, wie auf der Fuchsjagd. Du fragſt wenig darnach, ob ein ſechs Fuß hoher Zaun den Anfang eines Nachbarreviers und die Grenze deiner eigenen Markung anzeigt. Den Kopf in die Höhe, die Hand niedrig hal⸗ tend, ſtürmſt du ſauſend darüber hinweg. Die Hinder⸗ niſſe, die ſich dir in den Weg ſtellen, bilden die Hälfte des Reizes, weil ſie die einzige Gefahr auf deiner Lauf⸗ bahn ſind. Ebenſo verhält es ſich mit der Liebe; der auf keckes Spiel erpichte Geiſt drängt uns immer vor⸗ waͤrts und die Möglichkeit des Mißlingens iſt ein Grund, die Sache eifrig zu betreiben, wenn auch ſonſt kein Anlaß dazu vorhanden wäre. „Und Sie lieben mich?“ ſagte die Senhora mit einem ſanften Geflüſter, das unverantwortlicherweiſe für mich nichts weniger als tröſtlich klang. 1 „Ob ich Sie liebe, Inez? Bei dieſem Kuß— ich bin doch in einer hölliſchen Klemme,“ murmelte ich dann leiſe vor mich hin. „Und Sie wollen nie wieder eiferſüchtig ſeyn?“ „Nie, bei Allem, was liebenswürdig iſt— bei Ihren eigenen ſüßen Lippen. Sie ſollen nie wieder Anlaß haben, mir dieſen Vorwurf zu machen.“ „Und Sie verſprechen mir, den thoͤrichten Knaben nie mehr zu erwähnen? Sie ſahen ja ſelbſt, daß es bloße Schaͤkerei war,“ „Ich will nie mehr an ihn denken,“ verſprach ich und zerbrach mir den Kopf, wen Sie wohl meinen könne; „aber, meine Theuerſte, da ertönt die Trompete.“ „Auch dieſen Pedro Mascarenhas habe ich nie geliebt.“ „Gewiß nicht, Inez?“ „Ich ſchwöre es; alſo Nichts mehr von ihm. Mit Gonzales Cortenza habe ich gleichfalls ſchon längſt ge⸗ brochen. Sie ſehen alſo, theuerſter Alfred—“ „Alfred!“ ſagte ich, vor Entſetzen beinah aufſprin⸗ gend, während ſie fortfuhr— „O, die Kokette, die herzloſe Dirne,“ ſtöhnte ich halb laut;„und O'Malley Inez, der gute Charley, was iſt's mit ihm?“ „Ich kann dem armen Menſchen nicht helfen, er iſt ja noch ein bloßer Laffe, die Lection wird ihm gut thun.“ „Aber vielleicht liebt er Sie, Inez?“ „Gewiß that er das, und ich wunſche es. Es iſt mir unerträglich nicht geliebt zu werden. Aber ſagen Sie Alfred, darf ich Ihnen auch trauen, wollen Sie mir auch treu bleiben?“ 255⁵ „Süßeſte Inez, bei dieſem letzten Kuß ſchwöre ich, daß Sie mich immer ſo finden werden, wie ich hier vor Ihnen kniee.“ „Ein Fußtritt auf dem Sand draußen ſchreckte mich auf; ich ſprang nach der Thüre und bevor Inez ihren Kopf vom Sopha erhoben, war ich im Garten. Eine in einen Reitermantel gehüllte Figur eilte an mir vor⸗ über, aber ohne mich zu bemerken; im nächſten Augen⸗ blick war ich außer der Umzäunung und eilte nach dem Stall, wo Mickey Befehl hatte auf mich zu warten. Ein ſchwacher, blaßrother Streif wie er den kom⸗ menden Tag ankündigt, drang unter den dunkeln Wolken der Nacht hervor, und der kalte Morgenwind ſauste in den Bättern. Als ich an einer niedrigen Buchenhecke am Eingang in den Garten vorbeikam, hörte ich das Getöne von Stimmen in der Nähe; ich blieb ſtehen, um zu lauſchen und entdeckte nun bald in der einen der ſprechenden Per⸗ ſonen meinen Freund Mickey Free, über die andere konnte ich lange nicht in's Klare kommen. „Ob ich Dich liebe? Nein, beim Himmel, ich ver⸗ ehre Dich, ich bete Dich an, mein Engel. Weine doch nicht, trockne Deine Augen, mein Zuckerpüppchen. Mord⸗ element, es iſt eine grauſame Sache, ſich vom allerbeſten Leben, von dieſem Trinken und Küſſen loszureißen. Hol der Teufel dieſes Kriegführen, ich bin nie ein Freund davon geweſen.“ Catrinas Antwort— denn ſie war es— konnte ich nicht verſtehen; aber Mickey fuhr fort— „Ja, ja, ſo iſt's, müde Knochen, naſſes Gras und halbe Rationen. O, daß ich je den Tag erleben mußte, wo ich zur Fahne ſchwor! Höre mich jetzt an, mein Engel. Hier liege ich auf den Knieen vor Dir, wie ich es höchſtens vor drei oder vielleicht vier jungen Frauen⸗ zimmern gethan habe, und hol mich der Henker, wenn ich Dich nicht auf der Stelle heirathe, ſo bald ich Dich wieder ſehe. Nun aber kreiſche und ſchreie nur nicht ſo 25⁵6 entſetzlich; was werden die Nachbarn von uns denken? und mein eigenes Herz geht dabei zu Grunde vor Gram.“ Die arme Catrina gab wieder eine Antwort, die ich nicht hören konnte, und da ich nicht länger den Horcher an der Wand ſpielen wollte, ſo ſetzte ich meinen Weg nach dem Stalle fort. Das ferne Geräuſche von der Stadt her verkündete eine allgemeine Bewegung und mehr als eine Ordonanz jagte auf der Straße dahin. Als ich in den großen Hof hinaustrat, kam Mickey athem⸗ los einhergerennt und überholte mich. „Sind die Pferde in Ordnung, Mickey?“ fragte ich,„denn wir müſſen augenblicklich aufbrechen.“ „Ja, ſie haben eben ein halbes Simri Hafer ge⸗ freſſen, was Ihnen wohl in den nächſten ſechs Monaten nicht wieder aufſtoßen wird.“ „Und das Gepäck?“ „Iſt auf dem Karren beim Stab und bei der leich⸗ ten Brigade; ich war ſo eben dort, um nachzuſehen, ob Alles in Ordnung iſt.“ 1 „Ich weiß es, führe jetzt nur die Pferde heraus. Hoffentlich hat Catrina Deine Troſtgründe gut aufge⸗ nommen. Sie ſcheint ſehr betrübt zu ſeyn.“. „O, es iſt eine Mordgeſchichte. Es iſt ganz einer⸗ lei, wohin man geht, von Clonmel bis Chayney, über⸗ all hat man ſie auf dem Hals. Mein Seel, die Mädels ſind wie die Ferkel.“ 1 „Wie die Ferkel, Mickey? Du machſt ihnen da ein ſeltſames Compliment.“ „Ja, gerade wie die Ferkel, kein Haar anders. Haben Sie nicht gehört, was mir in Moronha paſſirt iſt?« „Erſt ſieh nach dem Gurte und dann erzähle.“ „Eines Morgens, juſt bei Tagesanbruch, kam ich des Wegs einher, und ſiehe da, es ſpringt ein Ferkel vor mir herum, ohne eine Menſchenſeele weit und breit; da nun die Straße einſam und ich etwas betrübt war, ſo dachte ich; Heda, Du ſollſt mir eine gute Geſell⸗ ſchaft abgeben, wenn man Dich nur feſthalten könnte. 2⁵7 Aber ſehen Sie, ein Ferkel iſt ein Thier, mit dem man nicht viel Complimente machen muß; ich verſchwendete alſo keine Zeit und keine ſchönen Redensarten, ſondern löste meinen Gürtel ab und band ihn zierlich und fein um den Nacken des Thierchens feſt; aber wie mich denn immer der Teufel reiten muß, kaum war ich eine halbe Stunde weit gegangen, als Jemand hinter mir drein galoppirt kam. Ich drehte mich um, und ſo wahr Gott im Himmel lebt, es war Sir Dinny ſelbſt.“ „Sir Dennis Pack?“ „Ja, hol ihn der Kukuck mit ſeiner Habichtsnaſe.“ „Was machſt Du hier, mein ſauberer Geſelle?“ rief er mir zu; was ſchleppſt Du hinter Dir her?“ „Ein Schweinchen, Sir,“ antwortete ich;„iſt es nicht ein herrliches Thierchen?— Nur ein wenig zu⸗ dringlich.“ „Zudringlich— was willſt Du damit ſagen?“ „Ja freilich,“ ſagte ich;„es läuft ſchon den ganzen Morgen hinter mir drein, wo ich gehe und ſtehe. Es find immer eigenſinnige Thiere.“ „Ich rathe Dir dennoch, Dich von Deiner Geſell⸗ ſchaft zu trennen, mein Freund, Du möchteſt ſonſt auch hinkommen, wo Dir's nicht gefällt.“ „Ich befolgte wirklich ſeinen Rath und Sie ſehen alſo, Mr. Charles, es iſt ganz wie ich ſage, dieſe Thierchen ſind gerade wie die Frauenzimmer; die unbe⸗ deutendſte Kleinigkeit zieht ſie hinter uns her, man braucht blos zu rufen, komm Kleine, komm.“ „und nun lebe wohl, Villa Nuova,“ ſagte ich, indem ich langſam die Allee hinabritt, aber jeden Augen⸗ blick mich wieder im Sattel umdrehte und nach dem wohl⸗ bekannten, traulichen Plätzchen zurückſchaute. „Ein ſchwerer Seufzer von Mickey antwortete auf meine Rede. „Ein langes, letztes Lebewohl,“ ſagte ich, mit der Lever, O'Malley. III. 17 258 Hand nach den Gitterfenſtern winkend, die jetzt von den Bäumen halb verdeckt waren, und nun überkam mich eine Betrübniß, wie ſie vom Abſchiednehmen unzertrenn⸗ lich ſcheint. Die Stunde des Scheidens iſt eine Art Mahnung, daß alle unſere Genüſſe und Vergnügungen nur einen kurzen, flüchtigen Beſtand haben ſollen, und wie jede Szene des Lebens vorübergeht, um nie wieder zu kehren, ſo fühlen wir, daß Jugend und Hoffnung mit ihnen dahin ſchwinden, und daß, mag die ſchoͤne Welt auch noch ſo glänzend, noch ſo reich an Ver⸗ gnügungen ſeyn, unſere Genußfähigkeit täglich, ja ſtünd⸗ lich ſich mindert; kurz daß wir, während Alles um uns her in Schönheit und Freude ſtrahlt, leider nicht mehr find, was wir waren. Solcher Art war mein Gedankengang, als ich auf die Straße hinauskam, wo ich plötzlich von Mickey un⸗ terbrochen wurde, der ſo ziemlich ähnliche Betrachtungen anſtellte, obſchon ſie zu verſchiedenen Schlüſſen führten. Er huſtete ein paar Mal, um meine Aufmerkſamkeit an⸗ zuziehen, dann aber murmelte er, als ob er halb laut dächte— „Ich weiß doch nicht, Mr. Charles, ob wir die jungen Ladies ganz recht behandelt haben. Es ſteigen mir allerhand Bedenken darüber auf.“ Sechsundachtzigſtes Kapitel. Ddie Linien. Als wir Lescas erreichten, trafen wir einen Offtzier von Wellingtons Stab, der ſo eben angekommen war und den Tagesbefehl aus dem Hauptquartier mittheilte. Mit der üblichen Kürze wurde darin erklärt, daß die franzöſiſchen Armeen unter Maſſena ihre Stellung ver⸗ laſſen und einen vollſtändigen Rückzug angetreten haben; 259 das zweite und dritte Corps, das in Villa Franca ſtatio⸗ nirt geweſen, ſey, während der Nacht vom 15. gegen Manal hin aufgebrochen. Die Diviſionsgenerale erhielten Befehl, augenblicklich nach Pero Negro zu kommen, um eine Vorwärtsbewegung zu beſprechen; dem Admiral Berkely war geſchrieben worden, er ſolle für Schiffe ſorgen, um das Corps des Generals Hill oder irgend ein anderes, das man dazu auserſehen werde, auf das linke Ufer des Tajo überzuſetzen. Ueberall herrſchte die freudigſte Aufregung, zumal da man ein ſolches Ereig⸗ niß ganz und gar nicht hatte erwarten können. Nur wenige Tage zuvor war in Torres Vedras die Nachricht eingetroffen, Maſſena ſtehe im Begriff, gewaltige Ver⸗ ſtärkungen an ſich zu ziehn, und der Vortrab derſelben war bereits in Santarem angelangt. Man hatte deß⸗ halb mit Gewißheit einem Angriff entgegen geſehen, und jetzt hatte ſich kaum der ſchwere Morgennebel verzogen, als die unermeßliche, ſo eben noch von den dichten Reihen und dunkeln Maſſen einer großen Armee beſetzte Ebene ein Bild öder Verlaſſenheit darbot. Nur die dampfenden Feuer der Vorpoſten bezeich⸗ neten noch den Ort, wo die Truppen aufgeſtellt geweſen, aber auch nicht ein einziger Mann von dem gewaltigen Heer war zu ſehen. General Fane, der mit einer Bri⸗ gade portugieſiſcher Reiterei und einiger Artillerie abge⸗ ſandt worden, folgte dem Nachtrab der Feinde auf dem Fuße, und von ihm erfuhren wir, daß die Franzoſen immer weiter vorwarts zogen und Santarem ſtark beſetzt hatten, um ſich den Rücken zu decken. Crawford wurde mit der leichten Diviſion vorausgeſandt und die ganze Armee folgte in derſelben Richtung, Hills Corps aus⸗ genommen, das die Beſtimmung erhielt bei Veloda über den Fluß zu ſetzen, um den Feind in der Flanke zu be⸗ unruhigen und unſere künſtigen Operationen zu unter⸗ ſtützen. 17* So ungefähr war der Stand der Dinge, als ich gegen Mittag Villa Franca erreichte und Befehl erhielt bei meinem Regiment einzutreffen, das jetzt einen Theil von Sir Stapleton Cotton's Brigade bildete. Die enthuſiaſtiſche Freude, womit man nach mehr⸗ monatlicher Trennung ſein altes Corps wieder begrüßt; das Wonnegefühl, mit welchem das Auge auf den alt vertrauten Geſichtern der lieben Brüder und Kameraden ruht; das begierige Umſchauen nach dieſem und jenem; den Jubel, welcher das Herz erfaßt, wenn der wohl⸗ bekannte Marſch wieder an's Ohr ſchlägt, das Alles muß man ſelbſt empfunden haben, um es würdigen zu können. Die rauhe Stimme, die wir inmitten des Schlachtendonners gehört, ſcheint uns ſanft zu klingen, wie eines Vaters Willkomm: von der zerfetzten Fahne, die über uns flattert, bis zum ſtolzen Hengſt des ver⸗ witterten Tompetere hat Alles ein Plätzchen in unſerem Herzen. Wenn es je ein Corps gab, das ſolche Empfindun⸗ gen einzuflößen und auf's Hoͤchſte zu ſteigern vermochte, ſo war es das vierzehnte leichte Dragonerregiment. Die warme Zuneigung, die herzliche, brüderliche Freund⸗ ſchaft, die unter uns Ofſtzieren vorherrſchte, machte unſern Regimentstiſch zu einem glücklichen Familien⸗ kreiſe. Unſer alter, in Feldzügen ergrauter Oberſt er⸗ ſchien uns wie ein Vater, während die ältern Offſtziere mit ihrer hart erworbenen Erfahrung das heiße Unge⸗ ſtüm der Jugend mäßigten und ſich dadurch über uns Alle ein Geiſt der Ruhe und Zufriedenheit ausgoß, der uns glücklich machte, ſo oft wir zuſammen warenz denn wir fühlten, daß wir, ob nun um's Wachtfeuer gelagert, ob mitten unter den feindlichen Schwadronen, von Leu⸗ ten umgeben waren, die Herz und Seele daran ſitzten uns Heizuſtehen Wackeres Vierzehntes! Immer voran, bei allen Planen jugendlich röhlicher Geſelligkeit, ſtets das vol⸗ 261 derſte im Treffen, wenn es galt dem Feinde entgegen zu treten— wie glücklich macht mich die Erinnerung an deine leuchtenden Blicke und kühne Herzen, an deine mannhafte Unternehmungsluſt, deine kecke Offenheit und deine fröhlichen Stimmen, ob ich ſie nun in der Schlacht oder im Bivouac hörte! Ach und abermals ach, daß ich ſolchen Erinnerungen allein nachhängen muß! Wie wenige— wie überaus wenige ſind noch übrig geblieben von denjenigen, mit denen ich die Tage meiner Jugend verlebt! deren kühne Luſtigkeit ich inmitten der klirren⸗ den Säbel des Feindes gehört— deren gebrochener Stimme ich am Grabe eines Kameraden gelauſcht habe! Ueber einigen wehen die dunkeln Fichten der Pyrenäen, andere liegen im glühenden Sande Indiens begraben, mancher hat in den weiten Ebenen Salamancas ſeine letzte Ruheſtätte gefunden. „Da kommt O'Malley!“ jubelte eine wohlbekannte Stimme, als ich den kleinen Abhang hinabritt, an deſſen Fuß eine Gruppe von Offizieren neben ihren Pferden ſtand. „Willkommen, Mann von Galway!“ rief Hampden, nich bin entzückt, Sie wieder unter uns zu ſehen. Wie verdammt gut der Burſche ausſieht!“ —*„Liſſaboner Ochſenfleiſch ſcheint beſſeres Futter zu ſeyn, als unſer Regimentszwieback,“ meinte ein anderer. „Ci ei, Charley,“ rief mein Freund, der ſchottiſche Doetor,„Sie ſcheinen im Unglück recht gut zu gedeihen. Wie kommen Sie zu dieſem herrlichen Braunen da?“ „Es iſt ein Geſchenk, Doctor, von einem ſehr guten Freunde.“ „Hoffentlich haben Sie ihn zur Tafel eingeladen, O'Malley, denn bei Gott, unſere Ställe bedürfen ſeiner menſchenfreundlichen Berückſichtigung. Dort reitet er! ſeht einmal welch ein ſchneller Trab für eine ſo ſchwere MNaſſe.“ Dieſe letzte Bemerkung galt einem wohlbekannten 262 Stabsoffiziere, den ſein Gewicht, ungefähr achtund⸗ zwanzig Stein, niemals an keckem Reiten hinderte. „Bei Gott O'Malley, Sie werden bald eben ſo leicht werden, wie dort unſer Freund. Aha, das bedeu⸗ tet Sturm, dort kommt der Oberſt.“ „Nun, O'Malley, ſind Sie zurückgekommen? Freut mich, Sie zu ſehen; mein Junge!— Hoffentlich werden wir Sie nicht ſo bald wieder verlieren!— Wir müſſen ſolche Wildfänge haben, denn es gibt Scharmützel im Vollauf!— Crawford ſragt immer nach Wildfängen für die Pikets.“ Ih ſchüttelte meinem biedern Oberſten die Hand und dankte ihm ſo gut als möglich für ſein zweideuti⸗ ges Compliment. „Hört, Kameraden,“ fuhr der Oberſt fort,„theilt jetzt Euere Leute in Rotten und ſtellt Euch an der Straße auf! Wellington kommt hieher, um Euch in Augenſchein zu nehmen. OMalley, ich habe von General Crawford Befehl, Ihnen eine Anſtellung in ſeinem Stabe wieder anzutragen, wenn Sie nicht anders vorziehen im Regi⸗ ment zu bleiben.“. „Ich kann dem Herrn General nie dankbar ge⸗ nug ſeyn, aber wahrhaftig ich denke— das heißt, ich meine—“ „Sie wollen lieber bei Ihren Kameraden bleiben; nur heraus damit, Junge! Sie ſind mir dadurch nur um ſo werther. Inzwiſchen dürfen wir's den General nicht wiſſen laſſen und es iſt daher am Beſten, ich ſtelle mich, als hätte ich ſeinen Auftrag ganz vergeſſen. Aber jetzt ſchnell an Ihren Platz; ich höre den Stab kommen.“ Während er noch ſprach, kam ein Trupp Reiter in ſcharfem Trab den Hügel herauf; ihre wallenden Feder⸗ büſche und glänzenden Orden verkündeten, daß es Divi⸗ ſionsgenerale waren. Mitten unter ihnen erkannte ich einen Mann, den man nie vergeſſen kann, wenn man ihn einmal geſehen hat; ſein ſchlichter blauer Rock und graue Beinkleider ohne Stege bildeten einen ſeltſamen ⸗ 263 Contraſt gegen die ſchimmernde Pracht ſeiner Umgebung. Als er an die Spitze der vorderſten Schwadron ritt, blieb der Stab zurück und er ſtand allein vor uns. Ci⸗ nige Sekundenlang herrſchte Todesſtille, aber im nächſten Augenblick brach— den Beweggrund ſage, wer kann— das ganze Regiment wie Ein Mann in ein donnerndes Jubelgeſchrei aus. Während alle Wangen glühten, alle Augen funkelten vor Begeiſterung, ſchien er allein ruhig und unbewegt und gebot mit einer leichten Handbewe⸗ gung Stillſchweigen. „Vierzehntes,“ ſprach er jetzt,„Ihr werdet da ſeyn, wo Ihr ſtets zu ſeyn wünſchet, im Vortrab der Armee. Ich habe Euch über das Verhalten im Felde Nichts zu ſagen, denn ich kenne Euch; aber wenn bei der Ver⸗ folgung des Feindes Mißhandlungen gegen die Einge⸗ bornen oder Uebertretungen der Generalbefehle im Be⸗ treff des Plünderns vorkommen, bei Gott, dann werde ich Euch ſo hart ſtrafen, als wäret Ihr das ſchlechteſte Corps in der Armee, und Ihr kennet mich.“ „Ei zum Teufel, hört einmal da, nicht einmal plün⸗ dern ſoll man,“ murmelte Mickey Free, ſo daß ich mich kaum eines lauten Lachens erwehren konnte. In dieſem Augenblick erſcholl der Befehl: Vorwärts! und wir zo⸗ gen in dichten Colonnen an dem Manne vorüber, deſſen durchdringendes Auge ſelbſt unſere Gedanken zu leſen ſchien, während er die Linie von einem Ende zum an⸗ dern muſterte. „Hoͤren Sie, Charley,“ flüſterte mein Kapitän,„das verdammte Hurrahſchreien hat uns dieſe Lection zugezo⸗ gen; er kann es nicht ausſtehen.“ „Und ich fühle mich, bei Gott, unendlich aufgelegt, es zu wiederholen,“ ſagte ich. „Nein, nein, mein Lieber, wir wollen ihm neunfache Ehre erweiſen, aber erſt nach vollbrachter Arbeit. Se⸗ hen Sie einmal den alten Merivale dort. Ich wollte ſchwören, daß ihm Wellington etwas verdammt freund⸗ liches ſagt. Wie ſelig der alte Kerl ausſieht!“ 264 und ſo war es auch; die ehernen, verwitterten Züge des Veteranen hatten einen ſanften Ausdruck beinahe kindiſcher Freude angenommen, jals er barhäuptig daſaß und ſich bis zu ſeinem Sattel herab verbeugte, während Wellington mit ihm ſprach. Mein Herz pochte heftig, mein Athem ging ſchnell und ich murmelte vor mich hin: Was wollte ich nicht geben, wenn ich jetzt an ſeiner Stelle ſeyn könnte! Siebenundachtzigſtes Kapitel. Der Rückzug der Franzoſen. Es iſt nicht meine Abſicht, die Kriegsereigniſſe die⸗ ſer Periode umſtändlich zu erzählen, auch wäre ich dieſer Aufgabe nicht gewachſen. Als Subalterner erfuhr ich Nichts von den täglichen Bewegungen unſerer Truppen oder auch des Feindes, und nach einer engliſchen Zeitung ſehnte man ſich auf der Halbinſel mit größerer Begierde als im ungeduldigſten Gedränge eines engliſchen Kafés. Dies läßt ſich auch leicht erklären. Der Commandant eines Regiments, und noch weit mehr der Kapitän einer Schwadron und nun vollends ein Lieutenant erfährt Nichts, was über die unmittelbare Sphäre ſeines Dien⸗ ſtes hinausgeht. Sein Wiſſen beſchränkt ſich auf den Erfolg oder die Niederlage ſeines eigenen kleinen Corps, aber in wiefern er ſelbſt auf das Schickſal des Tages einwirken kann, oder was anderwärts vorgeht, das bleibt ihm gänzlich unbekannt, und ein Veteran aus dem 14ten ſetzte ſeine Anſichten hierüber nicht übel auseinander, wenn er von Buſaco ſagte,„es ſey weiter Nichts gewe⸗ ſen, als ein großes Getöſe und ein großer Rauch, don⸗ nernde Artillerie und raſſelndes Kleingewehrfeuer, eine hölliſche Verwirrung und allem Anſchein nach unaufhör⸗ liche Mißverſtändniſſe, Befehle und Gegenbefehle, die mit einem zermalmenden Angriff geendet, worauf er, ohne Jemand Etwas zu Leid gethan oder ſelbſt ein Leid er⸗ 265 fahren zu haben, mit vieler Freude vernommen, daß ein Sieg erfochten worden ſey.“ Deßhalb genügt es für alle Zwecke meiner Erzählung, wenn ich erwähne, daß Maſſena ſeinen Rückzug über Santarem und Thomar fortſetzte, gefolgt von der verbündeten Armee, die, ſo gern ſie auch das Geſchäft mit großem Eifer betrieben hätte, gleichwohl immer mit den Linien in Verbindung bleiben und ſehr behutſam ſeyn mußte, weil Ney und Soult mit ſtarker Heeresmacht ihnen in einem unbewachten Augen⸗ blicke in die Flanke zu fallen drohten. Maſſenas Stellung bei Santarem war ſchon von Natur ſehr ſtark und durch Verſchanzungen noch weit vortheilhafter gemacht worden, ſo daß ſie jedem Angriff von Seiten Wellingtons, bevor er die lang erſehnte Ver⸗ ſtärkung aus England erhalten hatte, Trotz bot. Dieſe Truppen waren im Anfang des Januars abgeſegelt, aber infolge widriger Winde erſt in der zweiten Hälfte des März in Liſſabon angekommen, und ſo genau war der franzöſiſche Marſchall hievon unterrichtet, ſo ſein wußte er die wahrſcheinlichen Folgen hievon zu berech⸗ nen, daß er erſt am 4. März ſein Lager aufhob und mit einer nunmehr aus vierzigtauſend waffenfähigen Mann und zweitauſend Kranken beſtehenden Armee, ſeinen Nück⸗ zug antrat. Alle Bagagewägen und Kanonen, die nicht beſpannt werden konnten, zerſtörte er. Durch eine Schein⸗ bewegung gegen den Zezere hin hielt er die Verbündeten in Schach und brachte ſeine Verwundeten in Sicherheit, während Ney plötzlich mit großer Heeresmacht bei Lei⸗ ria erſchien und ſich die Miene gab, als beabſichtige er einen Angriff auf die Linien. Durch dieſe Kriegsliſt ge⸗ wann er zwei Tagmärſche und gelangte nach Torres Novas und Thomar; die Brücken, die dahin führten, zerſtörte er hinter ſich. 3 Der Morgen des 12. März brach heran, als die Engländer den zurückweichenden Feind zum erſten Mal zu Geſicht bekamen. Wir wurden jetzt vorwärts beor⸗ dert und in kleine Rotten vertheilt, um zu ſcharmützeln. 266 Die franzöſiſchen Chaſſeurs, die ſonſt immer recht gern dieſe Ausforderung annehmen, zeigten jetzt weniger Luſt dazu als gewöhnlich und zogen ſich entweder vor uns zurück, oder umſchwärmten ſie uns in Maſſen, um un⸗ ſerem Vorrücken Einhalt zu thun. So verging der Mor⸗ gen, und am Mittag bemerkten wir, daß der Feind ſich in Schlachtordnung aufgeſtellt und die Höhen oberhalb Redinha beſetzt hatte. Dieſes kleine, vereinzelte Dorf liegt in einer Vertiefung, welche von einem ſchmalen Wege durchſchnitten iſt, der ſich in einem gefährlichen Engpaß verliert und bei einer Brücke endet. Auf beiden Seiten bot der dichte Wald Schutz für die leichten Trup⸗ pen, während die beherrſchende Anhöhe mit einer Bat⸗ terie ſchweren Geſchützes beſetzt war. Vor dem Dorfe waren eine Brigade Artillerie und eine Diviſion Infanterie ſo künſtlich aufgeſtellt, daß ſie wie eine bedeutende Heeresmacht ausſahen, und Welling⸗ ton ſelbſt einige Zeit darauf verwandte die Stellung des Feindes zu beſichtigen. Alsbald wurde Erskines Bri⸗ gade herbeibeordert und das 52ſte und g4ſte, ſo wie eine Compagnie des 4ſten wurden gegen die bewaldeten An⸗ höhen auf dem rechten Flügel der Franzoſen geführt. Picton griff zu gleicher Zeit den Linken an, und in we⸗ niger als einer Stunde hatten beide Abtheilungen ihren Zweck erreicht. Neys Stellung lag offen da, ſeine Plänk⸗ ler jedoch machten uns den Boden noch ſtreitig und La Ferriere, ein Huſarenoberſt, entriß uns durch eine kühne Schwenkung vierzehn Gefangenen von der Front unſerer Linie weg. Getäuſcht durch die zuverſichtliche Haltung des Feindes, bereitete Wellington jetzt einen General⸗ angriff vor. Die Inf ſchüſſe, aus dem Centrum, ihre Bewegung. Die ganze Ebene glitzerte jetzt von Bajonetten und der Marſch hatte etwas Majeſtätiſches, während die leichte Artillerie und die Reiterei vom linken Flügel oder Cen⸗ trum hervorbrachen und auf den Feind losſtürmten. Eine 2 aanterie wurde daher in eine Linie formirt und begann auf das Signal dreier Kanonen⸗ 1 267 betäubende Kanonenſalve von Seiten der Franzoſen er⸗ öffnete den Kampf zugleich mit einem heftigen Kleinge⸗ wehrfeuer. Einen Augenblick wurde Alles durch den Dampf verdunkelt; als aber dieſer ſich verzogen hatte, war kein Feind mehr zu ſehen. Die Engländer ſtürzten wahnſinnig, wie tolle Blut⸗ hunde vor, aber als ſie die Höhe hinab kamen, ſtand Redinha in Flammen und die Franzoſen waren im vol⸗ len Rückzug begriffen. Eine Haubitze ſchien unſere ein⸗ zige Trophäe werden zu wollen; aber auch dieſer durften wir uns nicht rühmen, denn mitten aus den praſſelnden Flammen und dem dichten Rauch des brennenden Dor⸗ fes ſtuͤrzte Rin Trupp Dragoner über unſere Infanterie her und entriß ihr die Beute wieder. Der Kampf war kurz, kam ſie aber doch theuer zu ſtehen: zwanzig von ihren Leuten blieben auf dem Platz, die andern aber blieben munter, und ihr commandirender Offtzier, der mit ei⸗ nem Soldaten vom 4eſten Hand gegen Hand focht, ſtimmte einen Jubelruf an, als ſie wieder abzogen. Sein mit Orden bedeckter Rock bewies daß er ein ausgezeichneter Krieger ſein mußte, und wirklich war der Tapfere, der auf dieſe Art ſein Leben ausſetzte, um den Muth ſeiner Soldaten beim Anfang eines Rückzugs aufrecht zu er⸗ halten, Niemand anders als Ney ſelbſt, le plus brave des braves. Die Englaͤnder drangen indeß hitzig vor⸗ wärts und die leichten Truppen kamen beinah zugleich mit den Franzoſen uber den Fluß. Ney zog ſich nach Condeira zurück, wo ſeine Hauptmacht ſtand, und dann hörte für den Augenblick alle Verfolgung auf. Bei Caſa Noval und Foz d'Aronce waren die Ver⸗ bündeten glücklich, aber die Franzoſen ſetzten beharrlich ihren Rückzug fort, brannten Städte und Dörfer nieder und verwüſteten das ganze Land auf ihrer Marſchroute mit barbariſch raffinirter Grauſamkeit. Ein Schriftſtel⸗ ler, deſſen Schilderungen neben den wundervollſten Ge⸗ mälden den Stempel ſtrenger Wahrheit tragen, ſagt hier⸗ über:—„Alle Greuel, die den Krieg zu etwas Scheuß⸗ 268 lichem machen, begleiteten dieſen ſchrecklichen Marſch. Plünderung, Brand, Tod in allen Geſtalten— durch Wunden, durch Ermüdung, durch Waſſer, durch Feuer, durch Hunger— RNache, unbegrenzte Rache zeigten ſich auf allen Seiten. Das Land wurde zu einer Wüſte.“ Die Verbündeten, die noch größere Entbehrungen ausſtehen mußten als der Feind, waren dermaßen er⸗ ſchöpft, daß ſie am 16. anhalten mußten, außer Stands weiter zu ziehen; und nun ſtrömte der hoch angeſchwol⸗ lene Fluß Ceiera zwiſchen den feindlichen Armeen. Die Ruhe, auch nur eines einzigen Tages, war eine höchſt annehmbare Unterbrechung dieſer beſchwerlichen Hetzjagd, und meine Kameraden ſchienen wie ich zu füh⸗ len, daß eine ſolche Gelegenheit durchaus nicht verſäumt werden dürfe. Aber während ich auf die Geduld mei⸗ nes Leſers hineinſündige, möge es mir erlaubt ſeyn, auch ein Kapitel einſchleichen zu laſſen, das ihn viel⸗ leicht noch mehr anziehen wird, und ihm das Bild ei⸗ ner herrlichen Nacht auf der Halbinſel vor Augen zu führen. Achtundachtzigſtes Kapitel. Der Patrickstag auf der Halbinſel. Noch war die Reveille nicht geſchlagen, und ich lag in meinen Mantel eingehüllt unter einem wilden Birnbaum, als mich Jemand ſanft an der Schulter rüttelte. „Herr Lieutenant O'Malley, ein Brief, Sir, ein kleines Billet, Ew. Gnaden,“ ſagte eine Stimme, die mir ſogleich verkündete, daß ihr Beſitzer, ein Lands⸗ mann von mir ſeyn müſſe. Ich öffnete und las beim ungewiſſen Dämmerlichte nur mit Mühe wie folgt:— 269 „Lieber Charley. „Da Lord Wellington als guter Irländer den Patrickstag nicht durch Marſchiren verderben will, ſo haben wir ein kleines Diner in unſerm Quartier ver⸗ anſtaltet, um die heilige Zeit, wie mein Oheim es nennen würde, zu feiern. Maurice, Phil O'Grady und einige andere luſtige Brüder werden kommen; ich hoffe daher, daß auch Sie nicht ausbleiben. Ich habe die ganze Nacht Punſch gebraut und Caſey, der ſich auf Paſtetenbäckerei verſteht, hat eine Ganspaſtete bereitet, ſo groß wie ein Mantelſack. Schlag ſieben nach der Parade. Das zweite Bataillon der Füſiliere liegt in Melante und wir fſind dicht daneben. Bringen ſie einige von Ihren Leuten mit, die das Getränke werth ſind. Power iſt, ſo viel ich weiß, abweſend und beim Stabe, aber vielleicht käme der ſchottiſche Doctor. Bringen Sie auch ihren Senf dazu mit, im Fall Sie Ewas auftreiben können. „D. O'Shaughneſſy.“ „Patrickstag und bei einem Regen, als ob es aus Eimern ſchüttete.“ Da ich ſah, daß der Ueberbringer auf Antwort wartete, ſo kritzelte ich mit einem Bleiſtift die Worte: „Ich werde erſcheinen,“ auf die Rückſeite des Briefs und drehte mich wieder um, in der Hoffnung, weiter zu ſchlafen. Inzwiſchen wurde mein Schlummer bald von Neuem unterbrochen, denn die Hörner der leichten In⸗ fanterie und die ſchmetternden Trompeten der Cavallerie erſchollen, und ich fand zu meiner Ueberraſchung, daß dieſer Raſttag dennoch zu keinem Tage des Müſſigangs beſtimmt war. Dragoner trugen da und dorthin Be⸗ fehle, und Stabsofftziere galoppirten rechts und links. Ein Generalbefehl zeigte eine Truppeninſpection an, und kaum eine Stunde nach Tagesanbruch ſtand die ganze Armee unter den Waffen. Ein feiner Rieſelregen dauerte mehrere Stunden an, wurde aber allmählig von der Sonne verdrängt; und als das ſaftige Grün in ihren Strahlen glitzerte und alle Wohlgerüche eines ſüdlichen Klimas um ſich verbreitete, da glaubte ich nie einen lieblichern Morgen geſehen zu haben. Der Stab ſtand auf einem kleinen Hügel neben dem Fluſſe und unter ihm zogen die Truppen zuerſt im Ordonnanz⸗, dann im Sturmſchritt mit klingendem Spiel und flatternden Fahnen vorüber. In der gleichen Brigade mit uns kam auch das Ssſte; als es ſich dem Obergeneral näherte, hielt es plötzlich an und nach einer Pauſe von etlichen Minuten ſpielte die Muſik den Patrickstag. Gierig ſogen die andern iriſchen Regimenter dieſe lieblichen Töne ein und unter einem langen Hurrah von der ganzen Linie ſchritten die wackern Burſche vorüber. Die Grenadiercompagnie ſtand an der Seite der Straße und bald entdeckte ich meinen Freund O'Shaugh⸗ neſſy, der an ſeinem Tſchako ein ungeheures Kleeblatt trug.„Linksum kehrt Euch, Geſchwindſchritt, marſch. vergeſſen Sie das Diner nicht,“ ſagte der kühne Major und ein lautes Gelächter von meinen Kameraden ſcholl ihm nach. Ich erklärte ihnen die Sache, lud drei oder vier dazu ein und wartete geduldig das Ende der Pa⸗ rade ab. Die Sonne ging eben unter, als ich zu Pferde ſtieg und mit Hampden, Baker, dem Doctor und einem andern nach O'Shaugneſſy's Quartier aufbrach. Un⸗ terwegs trafen wir beſtändig mit andern Offtzieren zu⸗ ſammen, welche dieſelbe Abſicht hatten, und ehe wir nach Melante kamen, war unſere Geſellſchaft auf unge⸗ fähr dreißig Perſonen angewachſen. Eine luſtigere Prozeſſion hat man gewiß nicht leicht geſehen, denn wenige der Eingeladenen kamen ohne ihre Beiträge, und während ein Stabsoffizier einen Schinken emporſchwang, ſah man einen kecken Huſaren mit einem gerupften, ſchon für den Spieß zugerichteten Puterhahne; die meiſten trugen Flaſchen, da der Verbrauch von Flüſſig⸗ keiten vorausſichtlich am ſtärkſten war, und ein fetter 271 alter Major humpelte mit einem großen Korb Kartoffeln am Arme auf einem keuchenden Klepper dahin. Gute Kameradſchaft war das Looſungswort und gewiß bilde⸗ ten wir die jovialſte Schwadron, die je im Felde ſtand. Als wir um die Ecke einer Anhöhe bogen, ſcholl uns ein lautes Jubelgeſchrei entgegen, und unter einem alten Zelte erblickten wir etwa fünfzig Offiziere, ſämmt⸗ lich mit den angenehmen Verrichtungen der Kuche beſchäftigt. Maurice in ſeiner weißen Schürze und mit einem Kochlöffel in der Hand ſtach vor allen andern hervor und rannte hin und her, ermahnend, rathend, belehrend, und gelegentlich auch fluchend. Als er uns bemerkte, pauſirte er eine Sekunde lang und erhob dann ein Freudengeſchrei wie ein wilder Indianer, dann aber kehrte er zu ſeinem wichtigen Amte bei einem ungeheuren Keſſel zurück, der, nach ſeinem häufigen Probiren zu ſchließen, Punſch enthalten mußte. „Charley, mein Sohn, für Sie habe ich ſchon einen Platz, vergeſſen Sie's nicht. Aber wo iſt mein gelehrter Herr Amtsbrnder?— Haben Sie ihn nicht mitgebracht? Ah, Doctor, wie gehts?“ „Nicht zum Beſten, Mr. Quill: im Ganzen ge⸗ nommen, haben wir doch eine ſehr herbe Zeit gehabt.“ „Meinen Freund Hampden kennen Sie ſchon, Maurice, erlauben Sie mir, Ihnen jetzt Mr. Baker vorzuſtellen— Mr. Manrice Quill. Wo iſt der Major?“ „Hier, mein Engel, und hoch erfreut, Sie zu ſehen. Haben Sie einige Ihrer Leute mitgebracht. O'Malley? Viele Ehre, Sie kennen zu lernen, Gentleman! Charley, wir müſſen mehrere Tiſche haben. Aber Sie ſetzen ſich zu Maurice und können Ihre Freunde mitnehmen. Dort kemmt das Roaſtbeaf, das Herz wird mir warm bei dem trauten Anblicke. Während man ſich von allen Seiten begrüßte und die Hände ſchüttelte, ellbogte ich mich bis ans Zelt, wo aurice am Ende einer Tafel für acht Perſonen bereits Platz genommen hatte; am andern Ende ſaß ein koloſ⸗ ſaler, purpurnaſiger alter Major, den er uns als Bob Mahon vorſtellte. O'Shaughneſſy präſidirte an einem andern Tiſche, aber nahe genug, um an der ganzen Fröhlichkeit des unſern Theil nehmen zu können. Man muß einige Monate von hartem Zieback und noch härterem Rindfleiſch gelebt haben, um ermeſſen zu können, wie weidlich wir uns dieſe Mahlzeit munden ließen. Wenn der Leſer nicht im Stande iſt, ſich Van Amburghſche Löwen in rothen Röcken und mit Epau⸗ letten zu denken, ſo muß er ſich dareinfügen, des Effectes dieſer Scene verluſtig zu gehen. An einem Puterhahne aßen ſich nicht mebr als zwei Leute ſatt, und nur ſehr wenige waren enthaltſam genug, mit einem Huhn vor⸗ lieb zu nehmen. Auch bei der Ordnung der Schüſſeln fragte man nichts nach dem gewöhnlichen Brauche; jeder war zufrieden, wenn er uͤberhaupt Etwas erlangen konnte, und keiner kümmerte ſich darum, ob auf die Pudding Fiſche, oder auf die Torte Würſte folgten. Xeres, Champagner, Londner Porter und Malaga, Alles trank man zuſammen, und heißer Punſch in Thee⸗ ſchaalen oder zinneren Gefäſſen wurde aufs freigebigſte nach allen Seiten hin vertheilt. Selbſt Achilles, ſagt man, wurde müde, nachdem er einen Preisochſen ver⸗ ſpeist hatte, und ſo erlahmten endlich auch wir und vereinigten uns zu einer allgemeinen Aktion. „Nun, Kameraden,“ rief der Major,„ich will Euere und meine Zeit nicht mit langen Reden vergeu⸗ den, aber darauf muß ich beſtehen, daß Ihr ein paar Toaſte mit allen Ehren trinket, und da ich Kürze liebe, ſo will ich ſie in einen vereinigen. Es trifft ſich, daß unſere alte Inſel zwei der prächtigſten Männer hervor⸗ gebracht hat, die jemals Hoſen getragen haben. Ich meine keine von Euern einfältigen Genies wie Dichter, Maler oder ſonſt Leute von ſolcher Sorte, ſondern biderbe, tüchtige, herzhafte Kerls, die nach dem Teufel Nichts fragen, mit einem Wort, echte Irländer. 273 Gegen alles niedrige Gewürm und Gezüchte hatten ſie eine ſolche Antipathie, daß ſie ihr ganzes Leben lang Jagd darauf machten und es zu vertilgen ſtrebten; ob ſie Kröten zu Hauſe oder Johnny Crapaud in der Fremde trafen, galt ihnen ganz gleich.(Nauſchender Beifall.) Ja, meine Jungen, ſie machten ihnen den Garaus, aber ich ſehe, Ihr werdet ungeduldig, deß⸗ halb will ich Euch nicht länger aufhalten; füllt jetzt Euere Gläſer bis zum Rande, und mit dem beſten Hurrah, deſſen Euere Lungen fäbig ſind, trinkt mit mir auf die zwei größten Irländer, die je gelebt haben, auf Sankt Patrick und Lord Wellington!“ Die Engläuder lachten lange und laut, während wir mit einer Energie, die ſelbſt den Major befriedigte, in den Toaſt einſtimmten. „Wer ſingt uns eins? Wer gibt uns den Sankt Patrick los? Heda Bob, heraus damit.“ „Ich bin zu dieſem Geſchäft noch um vier Gläſer zurück.“ grunzte der Major. „Nun denn Charley, ſo müſſen Sie daran glau⸗ ben, oder warum nicht Dennis ſelbſt? Heda, Dennis, wir können unſern Abend nicht beſſer zubringen, als mit einem Liede. Geben Sie uns unſern alten Freund M'Hale.“ „Larry M'Hale!“ erſcholl es von allen Seiten, während O'Shaughneſſy ſich wiederum erhob. „Wahrhaftig, meine Jungen,“ begann er, nich bin jederzeit bereit Eueren Wünſchen nachzukommen, aber was für eine Aehnlichkeit zwiſchen Larry M'Hale und dem Toaſt von vorhin ſtattfinden ſoll, kann ich ums Leben nicht begreifen, obſchon Larry MiHale einen ganz tüchtigen leichten Reiter abgegeben hätte, wenn er unters Militär gegangen wäre,“ „Das Lied, das Lied!“ riefen mehrere Stimmen. „Nun, wenn Ihrs durchaus haben wollt, da iſt es.“ Lever, O'Malley. III. 18 274 „Larry M'Hale. O Larry M'Hale iſt ein Glückskind fürwahr, Hat den Keller voll Wein und die Kiſten voll Mehl, Hat Haus und hat Hof und achthundert im Jahr, Und ein Herz ſie zu brauchen hat Larry M'Hale. Bei Wahlen und Feſten hat Jeder ihn gern, Und was er auch treib', es ſieht keiner ihm ſcheel, Er zecht mit den Pfaffen, er jagt mit den Herrn, Ein Ausbund von Tugend iſt Larry M'Hale. Was kümmert ihn Waibel und was Polizei? Sein Haus iſt noch feſter als jeder Befehl; Ein mächtiger Vierpfünder ſchafft Ruhe herbei, Um die Todten ſcheert wenig ſich Larry M'Hale. Auch hat er'ne Büchſ' und Piſtolen im Haus; Sein Lieblingsgewaffen doch iſt meiner Seel' Ein Flegel, mit dem jagt er zum Saale hinaus, So viel ihrer drin ſind, mein Lacry M'Hale. Seine Väter waren Könige vor David und Saul, Seine Muttter entſproß dem Geſchlecht Grana Naile, Der Stammbaum der Blale und der French iſt nur faul, Glückspilze nennt ſie Larry M'Hale. Gaſtfreundlich hält er ſtets offenen Tiſch, Voller Gäſte und Freunde ſind immer die Säl', Und kommt mal ein Pfandbrief, ſo nimmt er den Wiſch Und wirft ihn ins Feuer, mein Larry M'Hale. Fürwahr es lebt keiner ſo mehr, Von Fairhead herab, herab zu Kinſale! Drum ſagt er auch fromm: Mein Haus wird nie leer, Der Herrgott iſt ſelber mit Larry M'Hale! So nehmt nun die Gläſer, hoch leben laßt ihn, Was kümmern uns Zehnten und was uns Repeal?*) Noch einmal ſo glücklich wär, unſer Erin, Gäb's Viele darin wie Larry M Hale! — *) Repeal iriſch ausgeſprochen Repähl. A. d. U. 275 „Ein höoͤchſt eigenthümlicher Kamerad, Ihr Mr. M'Hale,“ liſpelte ein etwas einfältiger Fähndrich am Ende unſeres Tiſches. „In dem Lande; dem er angehört, jedenfalls nicht,“ antwortete Maurice,„aber vermuthlich waren Sie nie in Irland.“ „O doch,“ verſetzte der Andere,„aber nur auf ſehr kurze Zeit.“ „Nun, wie lange denn, wenn ich fragen darf?“ rief Maurice. „Eine halbe Stunde mittelſt einer Landung,“ ant⸗ wortete der Cornet an ſeiner Cravatte zupfend;„aber ich bekam es in dieſer Zeit ſchon ſatt.“ „Theilen Sie uns doch Etwas von Ihren Erfah⸗ rungen mit,“ rief Bob Mahon,„die müſſen ſehr intereſ⸗ ſant ſein.“ „Allerdings,“ antwortete der Cornet,„und da ſie dazu dienen können, Ihr liebenswürdiges Vaterland zu charakterifiren, ſo will ich ſie Ihnen erzählen.“ Ein allgemeines Trommeln auf den Tiſch gab die Ungeduld der Geſellſchaft zu erkennen und nachdem das Stillſchweigen wieder hergeſtellt war, begann der Cor⸗ net:— „Als der Bermuda Transport von Portsmouth nach Liſſabon abſegelte, beſtimmte auch mich das Schick⸗ ſal eines der vierhundert intereſſanten Individuen zu ſein, die, bevor ſie Kanonenfutter wurden, ihre Conſti⸗ tution an gepöckeltes Schweinefleiſch gewöhnen ſollten. Am zweiten Tag nach der Abfahrt bekamen wir widri⸗ gen Wind; ein Orkan blies aus allen Winkeln des Erd⸗ kreiſes, nur nicht von dem einen, von wo wir es ge⸗ wünſcht hätten, und das gute Schiff, das direct nach der Bucht von Biscaya ſegeln ſollte, wurde nach der Küſte von Labrador hingetrieben. Sechs Tage lang lern⸗ ten wir alle Seemanöver kennen, die gewöhnlich einen Schiffbruch präludiren, und als wir endlich, erſchöpft 188 276 durch Seekrankheit und Angſt, gleichgültig gegen den Ausgang geworden waren, legte ſich der Sturm, die Wellen gingen niedriger und wir lagen ganz behaglich im Hafen von Cork, wo uns das Gefühl überſchlich, als ſeien die entſetzlichen Szenen der vergangenen Woche blos ein Traum geweſen. „„He, Mr. Medlicot,“ ſagte der Kapitän zu mir, ‚wir werden einige Tage hier bleiben, um das Schiff auszubeſſern; wollen Sie ſich nicht das Land ein wenig anſehen?“. „Ich ſprang hoch auf vor Entzücken; Viſſionen von Schlüſſelblumen, Lerchen, Gänſeblümchen und Hammels⸗ rippchen zogen an meiner aufgeregten Einbildungskraft vorüber, und nach zehn Minuten befand ich mich in dem kleinen angenehmen Gaſthaus zu Covoe, der Spike Is⸗ land gerade gegenüber liegt und ſich des ſchönen Na⸗ mens„Ziege und Strumpfband“ erfreut. „Ein Frühſtück, Kellner, ſagte ich, ‚ein Beef⸗ ſteak, aber von friſchem Fleiſch, merken Sie ſichs: friſche Eier, Brod, Milch und Butter, Alles friſch.: Kein ſteinhartes Fleiſch mehr, dachte ich, keine geſalzene But⸗ ter, ſondern ein echtes Landfrühſtück. „Eine Treppe hoch, Sir“ ſagte der Kellner und ſchwang dabei eine ſchmutzige Serviette in der bezeichne⸗ ten Richtung. Ich ging hinauf und bald wurde das kleine appetitliche Frühſtuͤck gebracht. Nie hat das Auge eines Minderjährigen ſich wohlgefälliger an den glänzen⸗ den Feldern geweidet, die demnächſt ſein Eigenthum wer⸗ den ſollten, als das meinige über die Hammelsrippchen, die Butterſemmeln, die Theekanne, die Forellen und die ſauren Nieren hinſchweifte, die ſo verlockend vor mir aus⸗ gebreitet waren. Ja, dachte ich, mit den Lippen ſchma⸗ tzend, das iſt der Lohn der Tugend; Pockelfleiſch iſt ein Prü⸗ fungszuſtand, der uns vortrefflich zu künftigen Genüſſen geeignet macht. Ich legte die Serviette auf meine Kniee, ergriff Meſſer und Gabel und begann mit höchſt kriti⸗ ſchem Scharfblick mein Frühſtück zu zerſchneiden. Kaum 277 jedoch hatte ich es berührt, als der Teller mit lautem Krachen zerborſt und die Sauce jämmerlich über das Tiſchtuch lief. Bevor ich Zeit hatte, die Sache zu er⸗ klären, wurde die Thüre aufgeriſſen; der Kellner ſtürzte mit ſtrahlendem Geſichte herein und rieb ſich entzückt die Hände.. „Es iſt Alles vorbei, Sir, Gott ſei Dank, Alles vorbei.“ „Was iſt vorbei, was iſt geſchehen?“ fragte ich un⸗ geduldig. „„Mr. Mahon hat Genugthuung und der andere Gentleman anch.“ „„Was zum Henker meinen Sie denn?2⸗ „„Es iſt abgemacht, Sir, ſage ich,“ wiederholte der Kellner; zer hat in die Decke gefeuert.“ „In die Decke gefeuert? War etwa im Zimmer unten ein Duell?“ „„Ja, Sir,“ antwortete der Burſche mit freundlichem Lächeln. „„Genug,“ rief ich meinen Hut ergreifend, ſtürzte aus dem Haus, eilte ans Ufer hin und ließ mich ans Schiff rudern Genau eine halbe Stunde war ſeit mei⸗ ner Landung verfloſſen, aber ſelbſt in dieſen kurzen drei⸗ ßig Minuten hatte ich die vollſtändige Ueberzeugung ge⸗ wonnen, daß es zwar nicht viel amüſantere, aber doch einige ſicherere Orte geben mag als die grüne Inſel.“ Ein allgemeines Gelächter folgte auf dieſe Erzäh⸗ lung, deren Effekt durch die Ernſthaftigkeit des Fähnd⸗ richs noch erhöht wurde. „Ueberhaupt,“ ſagte Maurice Quill,„zu einer Zeit, da die Leute alle Hoffnung der Lebensverſicherungen da⸗ durch zerſtören, daß ſie ſo alt werden wie Methuſala, giebt es nichts Beſſeres, als ein Irländer zu ſein. In welchem andern Theil der bewohnbaren Erdkugel könnt Ihr ſo viel Abenteuer eines einzigen Jahres zuſam⸗ menpreſſen! Wo könnt Ihr Euch ſo oft verlieben, be⸗ trinken, in Schulden ſtürzen, und wo ſo luſtig aus al⸗ 278 len dieſen drei Klemmen wieder herauskommen? Wo hat man ſo wiele Ausſichten zu heirathen, wo werden Zah⸗ lungsverſprechungen mit ſolcher anſtandsvoller Langmuth anfgenommen? Wo fänden ſich endlich, wenn ihr Euer Herz nebſt Hab und Gutverloren habt, ſo viele Menſchen, die bereit ſind Euch in Euerer Trübſal zu tröſten? Ja,“ ſchloß Mau⸗ rice, ſein Glas bis zum Rande füllend und es mit ſchwel⸗ genden Blicken beäugelnd,„ja Deine Geſundheit mein Schätzchen, das einzige Mädchen, das ich je liebte, in dieſer Gegend des Landes nämlich. Weiht ihr ein vol⸗ les Glas, Jungen, ſo will ich Euch eins ſingen.“ „Der Name! Der Name, der Name,“ riefen meh⸗ rere Stimmen. „Mary Draper,“ antwortete Maurice, ſein Glas noch einmal fullend, während der Name ſchallend am ganzen Tiſche wiederholt wurde. „Das Lied, das Lied!“ „Ich werde es doch hoffentlich nicht vergeſſen ha⸗ ben,“ ſagte Maurice.„Nein, da iſts.“ Nachdem er die Höhe ſeiner Stimme probirt, begann ſofort der wüdrige Doctor folgendes Lied nach der höchſt populären Melodie von Naney Dawſon vorzutragen: Mary Draper. O ſchwatzt mir nicht von Londoner Damen Mit ſchönen ausländiſchen Namen! Bei meiner Seele, nur in Dramen Und in Romanen leben ſie. Ich will Euch jetzt ein Madchen ſchildern, Das tauſendmal ich euern Bildern Vorziehe, ob ſie gleich von wildern Manieren iſt— ich mein' Marie. Ihr Aug iſt blau, roth ihre Wange, Und braun ihr Haar, das volle, lange; Ein kleiner Fuß zeigt ſich beim Gange, Ein ſchlankes Bein, ein rundes Knie; ⸗ —— 279 Und ihre Stimm'— ich will es ſchwoͤren— Den Kältſten würde ſie bethören; Nie werd ich Iriſch wieder hören, Wie ich es hörte von Marie. Mit ſicherer Hand führt ſie die Zügel, Sie fiſchet auf der Bäche Spiegel, Und wünſcht ihr's, ſetzt ſie ſich zum Flügel Und ſingt'ne iriſche Melodie. Mit ihrer Flinte im Reviere Schießt ſie auf ſechszig Schritt die Thiere, O glaubt mir, aller Offiziere Liebling und Abgott iſt Marie. Und auf dem letzten Frühlingsballe Erklärten in der Rathhaushalle Zur Königin des Balles Alle Mit lautem Jubelrufe ſie. Der Pfaff verſäumet ſeine Meſſen, Der Richter hat's Gericht vergeſſen, Und Beide buhlten unterdeſſen Um einen Blick nur von Marie. Jung oder alt, wer ſie geſehen, Der muß um ihre Gunſt ſie flehen; Und ebenſo wär's Euch geſchehen, Saht ihr die ſchlanke Schoͤne hier. Vorüber ſind die ſchönen Stunden! Kein ſolches Mädchen wird gefunden, Im Weſten ſelbſt ſind ſie verſchwunden, Drum leert die Gläſer auf Marie! „Meinen beſten Dank für Mary Draper und Cony;“ ſagte Maurice.„Quill trinkt jetzt Dennis eins zu,“ fügte er in ernſtem Tone bei und winkte gegen O'Shaugh⸗ neſſy.„Ja Shaugh, wenige Menſchen verſtehen ſich beſſer als wir auf dergleichen Dinge, und nur wenige 280 ſind vertrauter mit den drei Hauptgefahren der Irlän⸗ der, Liebe, Wein und Schuldarreſt.“ „Das Letzere hat meines Vaters Sohn nie viel be⸗ unruhigt,“ antwortete O'Shaugneſſy;„unſere Familie war ſeit Jahrhunderten ſchußfeſt gegen alle Arreſtbefehle, und der hätte ein kecker Mann ſein müſſen, der ſich mit dem Orginal oder der beglaubigten Abſchrift eines ſolchen in dem Bezirk von Killinahoula hätte wagen wollen.“ „Ihr Vater ſpürte wahrſcheinlich ſo Etwas von Larry M'Hales Geiſt in ſich,“ verſetzte ich. „Allerdings,“ antwortete Dennis;„aber doch ha⸗ ben ſie ihn zuletzt erwiſcht; es war ein niederträchtiger Schurkenſtreich und würdig deſſen, der ihn ausführte. Ja,“ fügte er mit einem Seufzer hinzu,„es iſt dies wieder ein neues Beiſpiel, wie unſere beſten National⸗ züge von unſern Feinden ſo oft zu unſerem Verderben benutzt werden, und wollten wir nach den Urſachen des Unglücks in unſerem armen Lande fragen, ſo würde man dieſelben mehr in unſern Tugenden als in unſeren Laſtern, mehr in den glänzenden, als in den düſtern Seiten unſeres Charakters ſinden.“ „Metaphyſik, bei Gott,“ rief Quill,„aber den⸗ noch Alles wahr. Bei der Roscommon⸗Militz hatte ich einen Tiſchgenoſſen, der nie in ſeinem Leben Wagen⸗ miethe bezahlte. Kopf oder Harfe, Paddy,“ rief er gewöhnlich; ‚zwanzig Pence oder Nichts.„Harfe zur Ehre Altirlands,“ antwortete ich beharrlich und jedesmal fiel die Münze ſo zu Boden, daß der Kopf oben zu liegen kam. So wahr ich lebe, im Miniſterium ſcheinen ſie den Kniff zu kennen.“ „Das muß derſelbe Schurke geweſen ſeyn, der meinen Vater fing,“ rief O'Shaugneſſy. „Erzählen Sie die Geſchichte, Dan,“ ſagte ich. „Ja““ fügte Maurice bei,„zu meinem und der Andern Nutz und Frommen, theilen Sie uns die Kriegs⸗ liſt mit.“ 281 „Die Sache verhielt ſich ſo,“ begann O'Shaughneſſy. „Mein Vater, der aus guten Gruͤnden in die Regiſter der Kings⸗Bench eingetragen war, verbrachte einen gro⸗ ßen Theil ſeines Lebens in demjenigen Theile Irlands, der nach geographiſcher Beſtimmung weſtlich vom Geſetze liegt, war aber einſt durch gewiſſe Familiengründe ge⸗ nöthigt, nach Dublin zu kommen. Dies that er natür⸗ lich mit der gehörigen Vorſicht; zwei getreue Diener bildeten einen Vortrab und durchſtreiften das Land wenig⸗ ſtens fünf Meilen voraus; nach ihnen kam ein Corps Plänkler, die in Berückſichtigung, daß ſie nie einen Zins bezahlten, nöthigenfalls die ganze königliche Kanzlei ge⸗ ſtürmt haben würden. Mein Vater ſelbſt in einer alten, gleich einer Feſtung verproviantirten Kutſche bildete den Nachtrab, und wie geſagt, es hätte eine mehr als gewöhn⸗ liche Keckheit dazu gehört, ihn angreifen zu wollen. Beim Einrücken in Feindesland hielt ſich die Kolonne dichter zuſammen, die Patrouille und das Piket zogen ſich auf das Hauptcorps zurück, und auf dieſe Art erreichten ſie die höchſt intereſſante Stadt genannt Kilbeggan. Welch Glück iſt es für uns in Irland, daß wir ſo viel von der Welt ſehen können, ohne Reiſen ins Ausland zu machen, und daß Jedermann für ſechs oder acht Pence Dublin am Morgen verlaſſen und zur Eſſenszeit in Timbuktu ſeyn kann! Starrt mich nicht ſo an; es iſt die reine Wahrheit, was ich ſage, denn in Beziehung auf Schmutz, Rauch, Elend, ungenirtes Betragen und ſchwarze Geſichter kann es Kilbeggan mit ganz Afrika aufnehmen. Es ſind angenehme, heitere Leute, mit einer Haut, die ebenſo rauh und ſchmierig iſt, wie ihre Kar⸗ toffeln. Doch zurück zur Sache: die Sonne erhob ſich juſt an einem köſtlichen Junimorgen, als mein Vater, den ſeine loyale Antipathie auch zum Frühaufſtehen veranlaßte, ſich auf den Weg begab. Eine ſtarke Eskorte ſtand wie gewöhnlich unter den Waffen, um ihn ſicher in der Kutſche zu ſehen, denn ſein Ein⸗ und Ausſteigen bildete 282 tagtäglich den kritiſchſten Augenblick in meines Vaters Leben. „Es iſt alles in Ordnung, Ew. Gnaden, ſagte ſein Bedienter mit einer großen Büchſe bewaffnet, indem er die Schlafzimmerthür öffnete. „Noch Zeit genug, Tim,“ antwortete mein Vater, „ſchließ die Thür, denn ich bin mit meinem Frühſtück noch nicht zu Ende.“ „Der eigentliche Grund war, daß meines Vaters Aufmerkſamkeit in dieſem Augenblick durch eine Scene abgelenkt wurde, die auf einem Feld unter ſeinem Fenſter ſtattfand.“ „Einige Minuten zuvor hatte nämlich ein Mieth⸗ wagen auf der Straße angehalten, und herausſprangen drei Gentlemen, die mit einander vorwärts ins Feld gingen, um einen Augenſchein einzunehmen oder ein Duell abzumachen; mein Vater konnte es nicht errathen. Inzwiſchen klärte ſich die Sache bald auf. Einer von den Dreien ſchritt langſam und behaglich nach einem entfernten Plätzchen, ein anderer ſtellte ſich ihm gegen⸗ über, während der Dritte, ein kleiner, unterſetzter Gentle⸗ man mit rothem Halstuch und einer Weſte von Kanin⸗ chenfellen ein Mahagonikäſtchen öffnete, worin die kriti⸗ ſchen Augen meines Vaters bald Inſtrumente für Blut⸗ vergießen und Mord entdeckten. „Ein Duell, bei Gott,“ ſagte mein Vater, ſich die Hände reibend,„welch einen himmliſchen Morgen die Schurken haben! kein Lüftchen regt ſich und der Boden iſt ſo eben wie ein Billard.“ „Mittlerweile entwickelte der kleine Mann, der, wie es ſchien, beiden Parteien ſecundirte, eine Thätigkeit, die man von ſeiner Korpulenz nicht hätte erwarten ſollen, beſichtigte die Piſtolen, unterſuchte die Steine und ſtampfte die Ladung feſt, ſo daß er in einen tüchtigen Schweiß gerieth, ehe er die Schritte abmeſſen konnte. „„Kurze Diſtanz und auf Leben und Tod,““ rief einer der Kämpfer. 34 283 „Uebers Schnupftuch, wenn Sie woͤllen,“ ſchrie der andere. „Ehrenmänner durch und durch, ſagte mein Vater für ſich. „„Zwoölf Schritte, rief der kleine Mann, nicht mehr und nicht weniger.“ Vergeſſen Sie nicht, daß mir allein Alles obliegt. ‚Eine ſehr richtige Bemerkung.“ dachte mein Vater, ‚und der Mann wird eine kitzliche Aufgabe haben, wenn nicht beide todtgeſchoſſen werden. „Inzwiſchen hatten die Duellanten ihre Plätze ein⸗ genommen und der kleine Mann zog ſich, nachdem er die Piſtolen abgeliefert, langſam zurück, um zu komman⸗ diren. Mein Vater indeß, der ein ſehr ſcharfes Auge hatte, entdeckte einen Umſtand, welcher dem einen auf Koſten des andern einen ungeheuern Vortheil gab. Einer war nämlich ſo geſtellt, daß er die Sonne im Rücken hatte und ſein Schatten ſich gerade bis zum Fuße des andern hindehnte „Ungleiches Spiel, rief mein Vater, das Fenſter aufreißend, dem Manne mit den Kaninchenfellen zu. „Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterbreche, aber ich fühle mich gedrungen zu bemerken, daß der Schatten dieſes Gentlemans wahrſcheinlich aus ihm ſelbſt einen Schatten machen wird. „Ja, das iſt wahr,“ verſetzte der Kleine, ‚und danke tauſendmal für Ihre gütige Aufmerkſamkeit: aber ehrlich geſtanden, ich bin mit ſolchen Dingen ganz und gar luht vertraut und dennoch leidet die Sache keinen Auf⸗ ub. „Nicht eine Stunde,“ ſagte der eine. „Nicht fünf Minuten,“ ſchrie der andere. ‚Stellen Sie die Herren nördlich und ſüdlich,“ rief mein Vater von oben herab. „Etwa ſo?⸗ 3 „Ja, ganz recht. Aber jetzt iſt der Gentleman im braunen Rock wieder durch die Eſche verdeckt.⸗ 284 „Ja, das iſt wahr,“ ſeufzte das Kaninchenfell, ſich den Schweiß von der Stirne wiſchend. „Sie ſollen ſich etwas mehr links ſtellen,“ rieth mein Vater. „Ei, da komm ich auf eine Anhöhe,“ erklärte der Gentleman im blauen Rock. Das ſoll der Teufel holen, ſo auf eine Vogelſtange geſetzt zu ſeyn.“ „Welch ein einfältiger Kerl doch unter der haarenen Weſte ſtecken muß,“ ſagte mein Vater; ‚er iſt am Ende noch froh, wenn er nur nicht ſelbſt erſchoſſen wird.“ „Ei, ſo wollt ich doch!— Ich bin der Sache nach⸗ gerade müde,“ rief das Kaninchenfell zornig; ‚ich habe Sie auf dem ganzen Platze herumgetrieben und jetzt ſind wir dem Ziele noch um kein Haar näher.“ ‚So kommandiren Sie einmal, ſagie der eine. „Ja, kommandiren Sie!“ „‚Offenbarer Mord,“ rief mein Vater. „Einerlei,“ verſetzte der Kleine, ‚wir können nicht warten bis zum jüngſten Tag.“ „Nein, das kann ich nicht zugeben,“ erklärte mein Vater.„Erlauben Sie mir;— damit ſtellte er ſich auf den Sims und ſprang in's Feld hinab. „Bevor ich von Ihrem gütigen Anerbieten Gebrauch machen kann,“ ſagte der Mann mit den Kaninchenfellen, ‚muß ich Sie um Ihren Namen und Stand bitten.“ „Das iſt vollkommen in der Ordnung,“ antwortete mein Vater.„Ich bin der Oberſt Miles O'Shaugh⸗ neſſy, hier iſt meine Karte.“ „Wohlgefäͤllig zeigte der Kleine die Adreßkarte ſei⸗ nen beiden Gefährten und ſie begrüßten jetzt meinen „Vater mit einem äußerſt höflichen und freundlichen Lächeln. „Oberſt O'Shaughneſſy,“ ſagte der eine. „Miles O'Shaughneſſy,“ bemerkte der Zweite. „Von Killinahoula⸗Caſtle,“ verſetzte der Dritte. „Zu dienen,“ antwortete mein Vater, indem er ſich verbeugte und ſeine Doſe präſentirte, Nun aber zur 285⁵ Sache, wenn's geſällig iſt, denn meine Zeit iſt gleichfalls beſchränkt.“ „Sehr wahr,“ meinte der Kleine,„und nun alſo zur Sache. Oberſt Miles O'Shaughneſſy, ich verhafte Sie hiermit im Namen des Königs. Hier iſt der Befehl; er iſt ausgeſtellt auf Betrieb des Barnaby Kelly von Loughrea wegen der Summe von 1482 Pfund 19 Schil⸗ lingen 7 ½ Pence, die—“ „Mein Vater überhob ihn der Mühe, ſeinen Satz zu vollenden, indem er ihm die geballte Fauſt in's Ge⸗ ſicht ſchleuderte. Der Schlag war gut gezielt und das kleine Männchen machte einen Purzelbaum wie ein Zuckerorhoft. Aber ach, es half Nichts, denn die An⸗ dern, zwei ſtarke und gewandte Burſche, fielen jetzt über ihn her und nach einem verzweifelten Kampfe gelang es, ihn zu Boden zu werfen. Seine Hände binden und ihn in die Chaiſe heben, war das Werk weniger Augen⸗ blicke und als mein Vater am Wirthshaus vorüberfuhr, war das letzte, was er ſah, ein blutiger Kampf zwiſchen ſeinen eigenen Leuten und den Myrmidonen des Geſetzes, die in großer Anzahl das Haus belagert hatten, während er ſelbſt feſtgenommen wurde. Auf dieſe Art wurde mein Vater überliſtet, und zum Lohn für eine tugend⸗ hafte Schwäche ſeines Charakters in ſchmähliche Gefan⸗ genſchaft abgeführt. Hatte ich alſo nicht Recht, wenn ich ſagte, die Lage unſeres Landes ſey ſo betrübt, daß unſere ſchönſten Charakterzüge zu unſerem Verderben benutzt werden?“ „Dieſer Beweis möchte nicht ſtichhaltig ſeyn, Major,“ ſagte der ſchottiſche Doctor, welchem die Logik meines Freundes ganz und gar nicht zuſagen wollte;„wenn Ihr Vater keine Verſchreibung gegeben hatte—“ „Ich fürchte nur, Herr Collega,“ bemerkte Qutlll, daß Ihr in Schottland noch ſehr weit zurück ſeyd. Nicht, als ob nicht einige Ihrer Häuptlinge ehrenwerthe Män⸗ ner wären, die ſogar in Galway fortkommen könnten.“ „Danke ſchönſtens für das Kompliment,“ ſagte der 286 Doctor trocken,„aber es ſind doch im Ganzen ungebär⸗ dige Geſellen, die nicht viel Federleſens mit den Leuten machen.“ „Ich wollte eben ſo gern den Pabſt in Rom zu einem Kartenſpiele auffordern, als mir mit einem von Ihnen einen Scherz erlauben,“ erklärte Maurice. „Da mögen Sie nicht ſo unrecht haben, Meiſter Quill,“ meinte der Doktor. „Nun,“ rief Hampden,„wenn ich auch meine Meinung ſagen darf, ſo erkläre ich feierlich, daß mir noch nirgends ein beſſeres Quartier vorgekommen iſt als in Schottland. Edinburgh geht über Alles, was ich je kennen gelernt habe.“ „Nur nicht über Dublin,“ erklärte Maurice, dem ſogleich ein allgemeiner Chorus beiſtimmte. „Sie bilden eine ſtarke Majorität gegen mich,“ ſagte mein Freund;„aber dennoch kann ich mein Wort nicht zurücknehmen. Dort findet man eine Gaſtfreund⸗ ſchaft, die nie ermüdet, luſtige Burſche, die täglich an⸗ genehmer werden, und hübſche Mädchen, bei denen man ſich nach Kanonendonner ſehnt, weil man höchſtens eine einzige und nicht ein Halbdutzend von ihnen heirathen kann. Edinburgh, ich ſag noch einmal, geht über die ganze Welt.“ „Nur haben dieſe ſchönen Mädchen garz zu große Füße.,“ flüſterte Maurice. „Verläumdung, niederträchtige Verläumdung!“ „Und dann trinken ſie.“ „—“. „Ja, ſte trinken ſehr ſtarken Thee.“ „Wir wollen ein Glas Keres zuſammentrinken, „Hampden,“ ſagte der Doctor, um dem Vertheidiger von Altſchottland ſeinen Dank zu beweiſen. „Und wollen wir nicht O'Malley mittrinken laſ⸗ ſn bemerkte Hampden,„er ſchaut uns ſo beweg⸗ ich an.“* „Jetzt zur Sache zurüͤck,“ ſagte Maurice.„Führen * 287 Sie die Dinge einzeln auf, worin Sie in Dublin die Palme ſtreitig machen wollen. Von Schoͤnheit wollen wir nicht ſprechen. Ich kann eine ſolch profane Wendung des Ge⸗ ſprächs nicht ausſtehen, bei welcher die allbekannte Thatſache in Zweifel geſtellt wird, daß die Lippen, Augen, Naſen und Augenbraunen der irländiſchen Mädchen über Alles gehen, was die liebe Sonne beſcheint. Von luſtigen Geſell⸗ ſchaften vollends könnte ich füglich ſchweigen; deren gibt es im Ueberfluß. Ich nenne nur die Garniſon, ein recht anſtändiges Häufchen, und dann die rriſchen Advokaten, die weit mehr echte Originalität, mehr Witz, mehr epigramatiſche Schärfe, mehr Komik und mehr Geiſtesgegenwart beſitzen, als ſich im ganzen übrigen Reiche, die Colonien mit eingeſchloſſen vorfindet.“ „Nur verſtehen ſie ſich, wenn ſie alle ihrem hochbe⸗ gabten Lobredner gleichen, ſchlecht auf die Kunſt, die Flaſche in der Runde herumgehen zu laſſen,“ bemerkte der Schotte. „Um ſo ausgezeichneter ſind ſie im Füllen und Lee⸗ ren der Gläſer, während der Wein im funkelnden Glanze ihres Witzes leuchtend hinabläuft, wie ein prachtvoller Strom, der in den Sonnenſtrahlen glitzert. Gott, wie bin ich über dieſen ſchönen, hochtrabenden Satz außer Athem gekom⸗ men! Schenken Sie mir ein, Charley; mit einem Schotten kann man nie fertig werden. Sprecht mit ihm, trinkt mit ihm, fecht mit ihm, er wird immer das letzte Wort haben: es gibt nur ein einziges Mittel, den Vertrag abzuſchließen.—“ „Und das wäre?“ „Wenn man ihn tüchtig foppt. Gott ſey ihm gnädig, dagegen hat er keine Waffen. Sagt ihm, Holy⸗ rood ſey ſchöner als Verſailles und der Troſſach groß⸗ artiger als der Montblanc; Georgi Buchanan ſey ein Homer und das Canragate ein Herculanum, dann habt Ihr ihn an ſeiner Achillesferſe. Ein Irländer dagegen läßt ſich auf dieſe Art nicht daran kriegen; er weiß, 288 duf Ihr ihn blos necken wollt, wenn Ihr ſein Land obet.“ „Sie haben recht, Hampden,“ ſagte der ſchottiſche Doctor auf irgend eine Bemerkung ſeines Nachbars. „Wir ſind in den Hochlanden noch eine Art Urmen⸗ ſchen, und halten feſt an unſern Nationalgebräuchen in Kleidung und andern Dingen; auch iſt es wahr, daß wir etwas langſam begreifen. Ueberdies ſind wir, wenn wir einmal einen Verſuch mit Nachahmung machen, nicht immer glücklich darin, und dies kommt uns theuer genug zu ſtehen. Haben Sie vielleicht von MNab gehört und was ihm mit dem Stallmeiſter des Königs begegnete?“ „Ich kann mich nicht entſinnen,“ antwortete Hampden.“ „Die Geſchichte iſt lang und etwa ſo:— Als Montroſe von London zurückkam, brachte er einige Eng⸗ länder mit fich, um ihnen die Hochlande und unſere Hirſch⸗ jagd zu zeigen. Unter ſeinen Gäſten war ein gewiſſer Sir George Sowerby, Adjutant oder Stallmeiſter des Ptinzen. Er war ein ſehr feiner Gentleman, der ſeine Flinte niemals ſelbſt lud und es beinah für zu beſchwer⸗ lich hielt, den Drücker zu berühren. Er ging alle Mor⸗ gen mit Locken wie ein Frauenzimmer und gekleidet wie ein Tanzmeiſter auf die Jagd. Nun traf es ſich, daß zur ſelben Zeit der Lord M⸗Nab auf dem Schloſſe war, ein Vetter von Montroſe und ein rauher, alter Degenknopf von echt hochländiſcher Zucht— ein Kerl, der glaubte, der Kopf eines Clan ſey vollkommen eben ſo gut, wie der eines Königs oder Prinzen. Er ſaß am Tag nach ſeiner Ankunft Sir George gegenüber und konnte ſeine Ueberraſchung nicht verbergen über die neu⸗ modiſchen Arten ſich zu füttern, die der Engländer an den Tag legte. Dieſer aß ſeinen Salm mit der Gabel in der einen und einem Stückchen Brod in der andern Hand; den Whisky wollte er nicht anrühren und die Cotelettes nahm er mit den Fingern. Was aber das ⸗ 2* 2 289 Seltſamſte von Allem war, er trug über Tiſch fortwäh⸗ rend ſchöne weiße Glagéhandſchuhe; wenn das Tiſch⸗ tuch weggenommen wurde, zog er ſie mit vornehmer Miene aus und warf ſie in die Mitte deſſelben, dann aber nahm er nachläſſig ein paar andere, die ihm ſein Bedienter auf einem ſilbernen Teller präſentirte, und bediente ſich ihrer beim Deſſert. M'Nab, obſchon ein Burſche von altem Schnitt, liebte es immer, etwas Neues nach Hauſe zu bringen, merkte ſich daher das Be⸗ nehmen des Engländers mit großer Sorgfalt und erſchien am andern Tag mit ungeheuern, hochländiſchen Fauſt⸗ handſchuhen, die er zum Erſtaunen Aller und zum Er⸗ götzen der Meiſten über ſämmtliche drei Gänge anbehielt, als dann der Engländer ſeine Handſchuhe wechſelte, nahm M'Nab gleichfalls ein Paar von Ziegenhaaren, vier⸗ mal größer als das erſte, hervor zog es mit wunder⸗ barer Gravität an und warf die andern mitten auf das Tiſchtuch. „Sie ſehen, Herr Kapitän,“ bemerkte er,„daß wir nie zu alt ſind, um zu lernen.“ Nun war alle Förmlichkeit zu Ende und am gan⸗ zen Tiſch brach ein maßloſes Gelächter aus. M'Nab und der Engländer allein nahmen keinen Theil daran, ſondern glotzten einander an, wie zwei Tiger, und ohne Montroſes Vermittlung wäre es zu einem Duell ge⸗ kommen.“ „Dieſer M'Nab iſt ein Mann nach meinem Herzen,“ rief Maurice;„in der Lektion, die er dem Engländer gab, lag etwas echt Iriſches.“ „Ich wollte, Sie hätten ihm das geſagt,“ verſetzte der Doktor trocken;„ich ſelbſt würde dazu keine Luſt verſpüren, denn er hätte Ihnen gewiß für Ihre Zu⸗ ſammenſtellung mit Ihren Landsleuten auf eine ganz eigenthümliche Art gedankt.“ „Hören Sie, Doctor,“ ſagte Dennis,„können Sie uns nicht ein paar Verschen zum Beſten geben? Haben Lever, O“Malley. III. 19 290 Sie Nichts in Ihrem Gedächtniß, was nach braunem Farn und blauen Seen ſchmeckt?“ „Leider weiß ich kein Lied, ausgenommen den Johnny Cope, der für Engländer nicht allzulieblich klin⸗ gen möchte.“ „Ich habe nie einen ſchottiſchen Geſang vernommen, der auch nur ſechs Pence werth war,“ ſagte Maurice, der es darauf abſah den Doctor zu reizen.„Sie ent⸗ halten alle zuſammen Nichts als eine wimmernde Sen⸗ timentalität über flachshaarene Dirnen oder alberne Lob⸗ preiſungen des Gerſtenbieres.“ „Hört, hört!“ rief der Doctor roth vor Zorn. „Nun, ſo nennen Sie mir ein einziges,“ fuhr Maurice fort,„das dem Cruiskeenfelde oder dem Punſch⸗ krug das Waſſer reichen dürfte. Was kann man aber auch von Leuten erwarten, deren Einbildungskraft ſo⸗ nackt iſt, wie ihre Kniee?“ „Maurice, Maurice,“ rief O'Shaughneſſy in vor⸗ wurfsvollem Tone, da er ſah, daß dieſer die Geduld des andern auf eine allzu harte Probe ſtellte. 5 „Da fällt mir eben ein,“ ſagte der Schotte,„was einmal einem Ihrer Landsleute begegnete, der ſich ähn⸗ liche Spöttereien erlaubte wie Sie. Er ſprach nämlich mit Laurie Cameron.“ „Und was ſagte der gefürchtete Laurie zur Ant⸗ wort?“ „Er ſagte nicht viel, aber er that Etwas.“ „Was denn?“ „Er warf ihn über die Ayrbrücke hinab in's Waſſer, daß er ertrank.“ „Und wurde Laurie deßhalb nicht geſtraft?“ „O freilich, ſie verhängten eine Unterſuchung über ihn und fanden ihn ſchuldig. Als ſie ihn aber fragten, was er zu ſeiner Vertheidigung anzuführen habe, ſo antwortete er hlos:„Als der Kerl über Schottland ſich luſtig machte, glaubte ich nicht, daß er nicht * 291 ſchwimmen könne; und ſo war das Ende vom Lied, daß man Laurie Nichts zu Leide that.“. „In der That, nicht übel,“ bemerkte ich. „Ich muß geſtehn, ich ziehe Ihren Freund mit den Fauſthandſchuhen vor, obſchon beide gewiß recht ange⸗ nehme Burſche waren. Aber kommen Sie, Doctor, können Sie uns Nichts ſingen— „Komm her, mein Schatz, ſetz Dich zu mir, Der Wind vertreibe die Sorgen.“ „Sie brauchen ſich nicht in engliſcher Poeſie zu verſuchen, Freund Quill, denn jedenfalls haben Sie einen verdammten Accent am Leibe.“ „Freilich, mileſiſch, phöniziſch, corkiſch, weiter Nichts, mein Junge, und zu guter Letzt noch ein un⸗ widerſtehlich liebliches Recitatid. Sprechen-Sie mir Nichts von Ihrem verdammten Etruskiſch, Ihrem voll⸗ ſäftigen Hochdeutſch, Ihrem einſchmeichelnden Franzöſiſch. Um das Herz eines Mädchens zu gewinnen, verlange ich Nichts als einen wohlklingenden Dialekt und meinen Antheil Mutterwitz. Glauben Sie mir, mehr bedarf es nicht. Jede Bewegung der Stimme ſchließt einen zarten Druck ihrer Hand oder ihrer ſchlanken Taille in ſich; jeder Tonfall wirkt auf ihr liebes Herzchen, wie ein Seewind auf brennendes Küſtenland, oder ein ſanf⸗ ter Sirocco auf einen Roſenbaum. Und iſt es nicht ein wonnevoller Gedanke, ein Eigenthum zu beſitzen, wo⸗ bei Könige oder Fürſten weder Etwas geben noch nehmen können, das weder von der Unions⸗ noch der Habeas⸗ corpus⸗Akte abhängig iſt. Nein, ſie mögen uns aus⸗ hungern, verſpotten, beſteuern, deportiren, ſie mögen unſere Thaler, unſere Moorgründe in Beſchlag nehmen, aber der Teufel ſoll ſie holen, unſern Mutterwitz können ſie uns nicht ſtehlen; er iſt unſer einziges, von unſerer Identität unzertrennliches Vorrecht. Während der Eng⸗ länder von ſeiner Freiheit, der Schotte von ſeiner Hafer⸗ 19 grütze faſelt, iſt Mutterwitz unſer Erbgut, und wahr⸗ haftig ein ſchöneres wünſche ich meinen Söhnen nicht zu hinterlaſſen, und hätte ich eine ſo große Familie wie der alte Priamus, von dem wir in der Schule laſen. Sie hätten dabei die Annehmlichkeit, daß die Erbſchafts⸗ koſten wenig betragen würden. Charley, mein Sohn, ich ſehe, daß Sie mir aufmerkſam zuhören, und Nichts gewährt mir größere Befriedigung, als einen ſtrebſamen Jüngling zu belehren. Prägen Sie alſo meine Worte Ihrem Gedächtniß tief ein, Sie aber, Freund Shaugh, was würden Sie zu einem dreifach donnernden Hoch auf den iriſchen Mutterwitz ſagen?“ „Stille, höre ich nicht trompeten?“ „Nein, die Hoͤrner werden geblaſen; ſollte es ſchon Tagesanbruch ſeyn?“ „Wie kurz doch die Nächte um dieſe Jahreszeit ſind,“ ſeufzte Quill. „Was für einen hölliſchen Lärm ſie machen,“ meinte ein anderer;„es iſt doch nicht möglich, daß die Trup⸗ pen ſo früh marſchiren.“ „Mich ſollte es nicht im Geringſten wundern,“ verſetzte Maurice,„man kann nicht wiſſen, wozu der Obergeneral fähig iſt: der Grund iſt deutlich genug.“ „Nun, worin liegt er, Maurice?“ „Darin, daß er keinen Mutterwitz hat.“ Die Reveille ertönte in jeder Brigade und die Trommeln wirbelten zum Aufbruch, während Mickey in vollem Galopp heranſprengte und meldete, die Schiffs⸗ brücke ſei fertig und das 12te bereits auf dem Marſch begriffen. Es war daher kein Augenblick zu verlieren; wir tranken noch einen Abſchiedsbecher auf fröhliches Wiederſehen, riefen einander Lebewohl zu und jagten davon. Dem armen Hampden ſchwindelte der Kopf von dem vielen Wein und dem Lachen; er wußte nicht, was um ihn her vorging und mühte ſich auf dem Heimweg vergebens ab, Mary Draper der Melodie von Rule Britannia anzupaſſen. 293 Neunundachtzigſtes Kapitel. Fuentes d'Onoro. Seit dieſer Zeit ſetzten die Franzoſen ihren Rück⸗ zug unabläßig fort, von den verbündeten Armeen auf dem Fuße gefolgt, und am 5. April überſchritt Maſſena die ſpaniſche Grenze wieder, nachdem er dreißigtauſend Mann ſeiner beſten Truppen und zwar vierzehntauſend Todte und ſechzehntauſend Gefangene verloren hatte. In⸗ zwiſchen rückten bald Verſtärkungen an; zwei Diviſionen vom gten Corps waren bereits eingetroffen und Drouet ſchickte ſich an, ihm mit elftauſend Mann Cavallerie und Infanterie zu Hülfe zu ziehen. So verſtärkt rückte Maſſena wieder gegen die portugieſiſche Grenze, Welling⸗ ton aber, der mit ſeiner Blokade von Ciudat Rodrigo nicht zu viel wagen wollte, zog ſich nach der großen Hochebene zwiſchen dem Turones und dem Dos Caſas zurück, ſo daß er mit ſeinem linken Flügel am Fort Conception, mit dem rechten bei Fuentes d'⸗Onoro ſtand, wo ſeine Stellung ſich mehr als eine Stunde weit aus⸗ dehnte. Obſchon weit ſchwächer an Zahl, ſo beſchloß er doch, im Vertrauen auf die Tapferkeit ſeiner Trup⸗ pen und das moraliſche Uebergewicht, welches ihnen die längere Verfolgung gegeben hatte, hier endlich eine Schlacht zu liefern. Da ich mit Depeſchen an Packs Brigade, die vor Almeida lag, abgeſandt war, ſo erreichte ich Fuentes d'Onoro erſt am Abend des 3. Der Kanonendonner, den ich ſchon in der Ferne hörte, verkündete mir, daß ein Angriff ſtattgefunden habe, inzwiſchen war ich doch keineswegs auf die Szene bereit, die meiner bei der Ankunft wartete. Das Dorf Fuentes d'Onoro, eines der ſchönſten in Spa⸗ nien, liegt in einem lieblichen Thale, wo alle Herrlich⸗ keiten der reichen Vegetation der Halbinſel mit ver⸗ ſchwenderiſcher Fülle ausgetheilt waren. Citronen⸗ und Erdbeerbäume, die hier wild wachſen, ſtanden vor jedem 294 Häuschen; der Oliven⸗ und Lorbeerbaum warfen ihre Schatten über den kleinen Bach, welcher das Dorf durchſchnitt. Die Häuſer waren nicht regelmäßig gebaut, ſondern ſtanden wie die Laune des jeweiligen Bauherrn gewünſcht hatte, mitten in kleinen Gärten. Die Uneben⸗ heit des Bodens verlieh ſelbſt der niedrigſten Hütte ein romantiſches Anſehen, und oben auf einer ſteilen Anhöhe ſchauten ein altes Kloſter und eine verfallene Kapelle ni freundficher Theilnahme auf den friedſamen Weiler herab. Bis jetzt war dieſer herrliche Ort allen Verwüſtun⸗ gen des Kriegs entgangen. Unſere leichte Diviſion hatte ihn Monatelang beſetzt gehalten und jede Familie lebte bei unſern Offtzieren in dankbarem Andenken, denn gar mancher Verwundete hatte in der liebevollen Pflege dieſer armen Landleute den Troſt gefunden, der einem Kranken⸗ lager fern von der Heimat ſo äußerſt ſelten zu Theil wird. Mit beklommenem Herzen ſpornte ich mein Pferd an, als die Nacht hereinbrach. Die Artillerie hatte ſich den ganzen Tag über deutlich vernehmen laſſen, und während ich vor Begierde brannte den Ausgang zu er⸗ fahren, lag mir auch das Schickſal des kleinen Dorfes, welches mir durch die Erzählung von manchen Liebes⸗ dienſten, deren ſich Kameraden dort zu erfreuen gehabt, theuer geworden war, nicht minder am Herzen. Der Mond ſchien hell, als ich die Vorpoſten paſſirte, und mein Pferd am Zügel führend ſtieg ich den ſteilen Weg ins Dorf hinab. Die Laternen bewegten ſich raſch hin und her; der abgemeſſene Tritt der Infanterie— das ominöſe Getöne, welches ſo betäubend auf's Herz fällt — verkündete mir, daß ſie die Todten begruben. Die Luft war ruhig und lautlos, kein einziger Ton ließ ſich vernehmen, außer dem Tritt der Soldaten und den rauhen Stößen der Schaufeln. Von ſchmerzlicher Wehmuth er⸗ griffen lehnte ich mich an einen Baum; eine in ſeinen Zweigen verborgene Nachtigall ſang ihre klagenden Me⸗ lodien, die traurig wie Todtenlieder tönten, in die Nacht⸗ 295 luft hinaus. Weit hinweg in der Ebene brannten die Wachtfeuer der Franzoſen, und ich konnte von Zeit zu Zeit ſehen, wie ſie in kleinen Gruppen mühſam ihre Verwundeten ſuchten. In dieſem Augenblick ſchlug es auf der Kloſteruhr elf; ein munteres Goockenſpiel er⸗ tönte und wurde von den Echos weiter getragen, bis es ſich in der Ferne verlor. Ach, wo waren die Menſchen, deren Herzen ſich ſonſt an dieſen heitern Klängen erfreut, die darin in ihrer Kindheit ein Ergötzen, in ihrem Alter eine Anregung zu frommer Stimmung gefunden hatten! die zerfallenen Mauern, die eingeſtürzten Dächer, die Verwüſtung rings umher, Alles verkündete nur zu deut⸗ lich, daß ſie auf immer Abſchied davon genommen. Die rauchende Aſche, der zerriſſene Fahrweg deutete auf wüthenden Kampf, und als ich weiter ging, konnte ich ſehen, daß jeder Garten, wo die Kirſchen und Aepfel⸗ blüthen noch immer die Luft durchdufteten, jetzt ſeine Gräber hatte. „Halt,“ rief mir eine rauhe Stimme entgegen. „Sie dürfen hier nicht paſſtren— es iſt das Quartier des Obergenerals.“ Ich ſchaute auf und bemerkte eine kleine, aber hübſche Hütte, die weniger gelitten zu haben ſchien, als die andern ringsumher. Lichter glänzten überall von den Fenſtern her, und ich konnte ſogar von Zeit zu Zeit bemerken, wie eine in einen Mantel gehüllte Geſtalt im Zimmer auf und abging, während eine an⸗ dere an einem Tiſche ſaß und mit Schreiben beſchäftigt war. Ich lenkte in eine Nebengaſſe ein, die auf den kleinen Hauptplatz des Dorfes führte, und hier tönte mir das Gemurmel und Geräuſche einer bivouakirenden Gruppe entgegen. Ich fragte nach den Ereigniſſen des Tags und nun ſagte man mir, die Franzoſen haben in Maſſe einen furchtbaren Angriff auf das Dorf gemacht und ſeyen beim erſten Anlauf glücklich geweſen; ſpäter aber ſeyen das 7 1ſte und 79ſte von den Höhen herabmar⸗ ſchirt, haben den Feind wieder hinaus getrieben und 296 bis über den Dos Caſas gejagt. Fünfhundert Mann ſeyen in dieſem blutigen Kampfe gefallen, der in allen Gaſſen des kleinen Dorfes gewüthet habe.— Die tapfern Hochländer beſetzten jetzt das Schlachtfeld, und da ich hörte, daß die Cavalleriebrigade noch eine gute Strecke Wegs entfernt war, ſo nahm ich die Einladung dieſer biedern Burſche gerne an und bivouakirte mit ihnen die Nacht durch. Als der Tag anbrach, ſtanden unſere Truppen unter Waffen, aber der Feind zeigte keine Luſt den An⸗ griff zu erneuern. Gleichwohl konnten wir an den langen Staubwolken, die von Süden her aufſtiegen, erſehen, daß beſtändig neue Verſtärkungen anlangten, und ein Ausreißer ſagte uns, daß Maſſena ſebſt eingetroffen ſey, deßgleichen auch Beſſieres mit zwoͤlfhundert Reitern und einer Batterie der kaiſerlichen Garde. 3 Aus den Bewegungen, die man beim Feind wahr⸗ nehmen konnte, ging bald hervor, daß die Schlacht zwar hinausgeſchoben, aber nicht aufgegeben war, und der Marſch einer ſtarken Abtheilung nach der linken Seite ihrer Stellung veranlaßte unſern Obergeneral, die 7te Diviſion unter Houston abzuſchicken, um die Höhe von Naval d'Aver auf unſerm äußerſten rechten Flügel zu beſetzen, der ſich auf unſere Reiterbrigade ſtützte. Die brittiſche Stellung war ſomit zu der unge⸗ heuern Länge von beinahe vier Stunden ausgedehnt und nahm eine Hügelkette ein, von welcher Fuentes d'Onoro ſo ziemlich das mittlere Glied bildete. Aus der immer zuſammengedrängteren Stellung der Franzoſen ging hervor, daß ſie eine noch ſchrecklichere Schlacht vorbereiteten; aber gleichwohl ſahen unſere Leute mit der größten Ungeduld dem Morgen entgegen. Was mich betraf, ſo fühlte ich eine gewiſſe Freu⸗ digkeit, die ich ſonſt nie empfunden hatte. Die Ereig⸗ niſſe des geſtrigen Tages traten mir von allen Seiten entgegen und bei jeder neuen Erzählung von einer tapferen 297 kübnen That erglühte mein Herz in dem Wunſche, auch meinen Antheil an Ehre und Ruhm zu gewinnen. Crawford empfing mich auf's Freundlichſte und ſagte, er wolle mich für den Augenblick beim Stabe be⸗ ſchäftigen, ohne mich am Schlachttage meinem Regiment zu entziehen. So war ich vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend beſchäftigt, Ordres hin und her zu bringen. Das Regimentspferd, das ich ritt— denn mein eigenes wollte ich für den morgenden Tag aufſparen — konnte mich kaum mehr tragen, als ich mich Abends der Höhe von Naval d'Aver näherte. Als ich in unſer Quartier kam, waren die Feuer bereits angezündet, und ich hatte die Freude, um eines derſelben eine kleine Gruppe vom 14ten bei einem höchſt einladenden Mahle anzutreffen. Der Klang der Teller und das Knallen der Champagnerpröpfe waren wirklich ſehr angenehme Töne. Namentlich das Letztere erſchien mir wie ein freundliches Wahnbild, an deſſen Weſenhaftigkeit ich kaum glauben konnte. „Kommen Sie, Charley,“ rief Baker,„ſetzen Sie ſich, Sie ſind zur glücklichen Stunde angelangt. Tom Marsden regalirt uns heute. Sie kennen Tom?“ Und hier ſtellte er mich in gebührender Form dem beſten der Commiſſäre und dem gaſtfreundlichſten aller Roßhändler vor. „Meinen Freund zur Rechten kann ich Ihnen nicht vorſtellen,“ fuhr Baker fort,„denn mein Spaniſch ver⸗ ſteigt ſich nicht ſo weit: aber er iſt ein Kapitalkerl, weicht nie vom Glaſe und ſcheint ſich an unſerem Unſinn ungemein zu ergötzen.“ Der Spanier, welcher zu errathen ſchien, daß von ihm die Rede ſey, grüßte mich gravitätiſch mit einer tiefen Verbeugung und bot mir ſein Glas zum Anſtoßen. Ich erwiederte den Gruß mit der gebührenden Feier⸗ lichkeit und Hampden flüſterte mir zu: „Ein ſehr ſchöner Mann, Julian der Guerril⸗ lachef“ 298 Ich hatte von meinen beiden neuen Bekannten ſchon viel gehört. Tom Marsden war ein Name, der in jeder Cavalleriebrigade gleich gefeiert war wegen ſeiner Con⸗ rakte und ſeines Clarets. Er kannte jeden Offizier von Wellington herab bis zum jüngſten Fähndrich, und auf dem Marſch gab es kein größeres Glück, als von ihm zur Tafel geladen zu werden. Im dichteſten Schlacht⸗ gewühl muſterte Toms kritiſches Auge die kämpfenden Schwadronen mit einer Genauigkeit, die ihn ſchnell be⸗ rechnen ließ, wie vieler neuen Pferde das Regiment bedurfte, und wobei er einen ſehr praktiſchen Blick und eine merkwürdige Kaltblütigkeit beurkundete. Von dem Guerilla brauche ich nicht zu ſprechen. Die kühnen Thaten, die er ausgeführt und die Dienſte, die er ſeinem Vaterland geleiſtet, haben ſeinen Namen weltgeſchichtlich gemacht. Trotz alldem bekam jedoch Ermudung die Oberhand über meine Neugierde und ich verſank auf dem Gras in einen tiefen Schlummer, wäh⸗ rend meine luſtigen Kameraden bis gegen Morgen zechten. Das Letzte, was ich noch wahrnehmen konnte, war, wie Julian ſeinen weiten Mantel über mich ausbreitete und ſeine tiefe Stimme mir eine Art Gute Nacht! zu⸗ flüſterte. Neunzigſtes Kapitel. Die Schlacht von Fuentes d'Onoro. Ich ſchlief ſo feſt, daß mich ſelbſt der Tumult des folgenden Morgens nicht erweckte, und der Guerilla, deſſen Reiter ſchon in der Schlucht neben den Höhen von Echora ſtanden, wollte nicht zugeben, daß man mich vor dem letzten Augenblick ſtörte. Mickey ſtand mit den Pferden neben mir, und erſt, als die Schwa⸗ dronen ſich bereits formirten, ſprang ich auf und blickte um mich 3 3 Der Tag brach eben an; ein dichter Nebel lag über 299 der ausgedörrten Erde und verhüllte albe Gegenſtände auf hundert Schritte. Aus dieſem Dampfe brach die Cavallerie hervor und zog an dem Fuß des Hügels, gefolgt von der Artillerie und den Garden. Dann verſchwanden ſie ſchnell wieder aus unſern Blicken; aber aus der Maſſe der jetzt verſammelten Truppen konnten wir erſehen, daß unſere Stellung für den muthmaßlichen Angriffspunkt gehalten wurde. Während die Truppen fortfuhren, ihre Stellung einzunehmen, brach die Sonne hervor, ein leichter Wind fing an zu blaſen, die ſchweren Wolken zertheil⸗ ten ſich, und wir ſahen das prachtvolle Panorama des Schlachtfeldes. Etwa eine halbe Stunde vor uns ſtand die franzöſifche Reiterei in drei gewaltigen Colonnen; die Küraſſiere der Garde, wohl kenntlich an ihren ſtäh⸗ lernen Küraſſen, und auf ihren Flanken die polniſchen Lanciers nebſt einer ſtarken Abtheilung Huſaren. Ein gewaltiger Artillerietrain unterſtützte den linken Flügel und eine Maſſe Infanterie bedeckte den ganzen Raum zwiſchen dem rechten Flügel und der Anhöhe von Poco Nelho. Weiter zur Rechten formirte ſich die zum An⸗ griff auf Fuentes d'Onoro beſtimmte Colonne, und wir konnten ſehen, daß der Feind ſich ſeine neueſten Er⸗ fahrungen zu Nutze gemacht hatte, und mit überwälti⸗ gender Truppenmacht anſtürmen wollte. Ueber zwei Stunden manövrirten die Franzoſen auf dieſe Art; friſche Bataillone zogen in der Fronte auf und allmälig war ihre ganze Cavallerie auf dem äußer⸗ ſten linken Flügel vor unſerer Stellung verſammelt. Unſere Leute erhielten Befehl, da wo ſie ſtanden zu frühſtücken und kurz nach ſieben Uhr kam ein Stabs⸗ offizier an die Linie herangeſprengt. Unmittelbar dar⸗ auf folgte der General Crawford, und kaum erblickten die Truppen ſeinen wohlbekannten Braunen, als die ganze Diviſion ihn mit ſchallendem Jubelruf be⸗ grüßte. „Danke Euch, Kinder; danke herzlich. Niemand fühlt tiefer, was ein ſolcher Willkomm zu bedeuten hat als ich. Garden! der Herzog von Wellington ver⸗ läßt ſich auf Euch, daß Ihr Eure Stellung behauptet, die für den ganzen Schlachtplan entſcheidend iſt. Die leichte Diviſion wird Euch unterſtützen. Mehr brauche ich Euch nicht zu ſagen. Wenn ſolche Truppen das Feld nicht behaupten können, wer ſoll es denn thun? Vierzehntes Regiment, dort iſt Euer Platz, die Artil⸗ lerie und das 16te ſind bei Euch. Sie ſind uns an Zahl überlegen, Kinder, aber deſto mehr Ehre für uns. Ich ſehe, ſie ſetzen ſich in Bewegung. Stellt Euch jetzt in Ordnung, und Sie, Merivale, marſchiren an die Front. Sie Ramſey halten ſich bereit, Ihr Feuer auf die angreifenden Schwadronen zu eröffnen.“ Als er noch ſprach, vernahmen wir das leiſe mur⸗ melnde Geräuſche von Cavallerie, die in der Ferne ſich fortbewegte; es wurde immer lauter und lauter und endlich konnten wir das donnernde Getöſe ſcharftraben⸗ der Schwadronen vernehmen, während wir ſelbſt nur im Schritt vorrückten. Zu gleicher Zeit protzte die Artillerie hinter uns ab und die ſpaniſchen Plänkler ſprengten keck heran. Es war ein erregender Augenblick. Der Boden zwiſchen beiden Armeen ſenkte ſich ſo tief, daß er die Spitze der anrückenden franzöſiſchen Colonne verbarg, und als auch die ſpaniſche leichte Reiterei hinter dem Hügel verſchwand, ſahen wir mit klopfendem Herzen und gierigen Blicken ihrem letzten Manne nach. „Halt, halt!“ ertönte es von Schwadron zu Schwadron, und in demſelben Augenblick verkündete — uns der durchdringende Ton von Piſtolenſchüſſen, ſo wie das Geraſſel des Stahles vom Thale her, daß die Schlacht begonnen hatte. Wir konnten das Kriegs⸗ geſchrei der Guerillas von dem Jauchzen der Franzoſen unterſcheiden, während das immer ſtärker werdende Gepraſſel der Feuerwaffen auf hitzigen Kampf deutete. Id voran⸗ Unſere Burſche zeigten bereits einige Ungedu 301 zuſtürmen, als auf dem Rande des Hügels ein ſpaniſcher Reiiter erſchien, ſodann ein zweiter und dritter, endli aber ſah man, daß die ganze Schaar in wilder Unord⸗ nung auseinanderſtob und heftig vom Feinde verfolgt wurde. Die vorderſten Schwadronen der Franzoſen zogen ſich jetzt anf ihren Hinterhalt zurück; die Angriffscolonne verdichtete ſich und ein donnerndes Getöſe in ihrer Mitte verkündete die Ankunft der leichten Artillerie vor der Front. In dieſem Augenblick war es mir zum erſtenmal bange ums Herz; ſo weit das Auge reichen konnte, erſtreckte ſich die dichte Maſſe der Saͤbel und zog ſich langſam von den fernen Hügeln herab über die Ebene. Ich überſchaute unſere Linie, die kaum tauſend Mann ſtark war, und konnte mich des Gedankens nicht erweh⸗ ren, unſer letztes Stündlein ſey gekommen: wie ein Blitz durchzuckte mich dieſe Ahnung, aber im nächſten Augenblick brannten meine Wangen vor Scham, als ich die funkelnden Augen und kecken Blicke meiner Kame⸗ raden ſah, die mit zuſammengepreßten Lippen, die Hand feſt am Säbelgriff, bewegungslos das Commandowort erſehnten. Die Franzoſen hatten am Rande des Hügels ange⸗ halten, um ſich zu formiren, als Merivale zu uns heranſprengte. „Vierzehntes, ſeyd Ihr bereit? Seyd Ihr bereit, m eine Jungen?“ Ln„Bereit, Sir, bereit,“ erſcholl es auf der ganzen inie. „So jagt ſie zurück und greift an! Greift an!“ er mit der größten Erhebung ſeiner Stimme. Himmel! welch ein Zuſammenſtoß war das! Unſere ferde, die im beſten Stande waren, fühlten kaum die Sporen, als ſie wie raſend voran ſtürmten. Es ſah aus wie ein Wettrennen und die Entfernung betrug höchſtens vierhundert Schritte. Unſerm Anprall zu rief widerſtehen war unmöglich und beinahe ohne daß ein Schuß⸗ ja beinahe ohne daß ein Säbelhieb gewechſelt wurde, ritten wir die vorderſten Reihen geradezu nieder, warfen ſie auf ihre Nachhut und rollten Roſſe und Mann die Anhöhe hinab. Die Franzoſen zogen ſich auf ihre Artillerie zurück; aber bevor ſie ihr Feuer auf uns eröffnen konnten, hatten wir geſchwenkt und galoppirten mit etwa ſiebzig Gefangenen nach unſerer Stellung zu⸗ rück. Wir ſelbſt hatten nur zwei Mann verloren. Das Ganze war ſo plötzlich, ſo kühn und ſo glücklich ausge⸗ führt, daß wir beim Zurückreiten in ein fröhliches Ge⸗ lächter ausbrachen über die ſeltſamen Reiterkünſte der Franzoſen, als ſie köpflings den Hügel hinabſtürzten; auch erinnere ich mich noch ſehr gut, daß von dieſem Augenblick an jeder andere Gedanke als an Sieg gänz⸗ lich aus meiner Seele ſchwand, und viele von meinen Kameraden, denen es im Anfang ebenſo zu Muth geweſen war, wie mir, bekannten mir nachher, daß ſich erſt jetzt die zuverſichtliche Hoffnung bei ihnen eingeſtellt habe, den Feind zu ſchlagen. Während wir langſam in unſere Stellung zurück⸗ kehrten, brachen die Franzoſen mit großer Macht aus dem Dorfe Almeida hervor, um Poco Velho anzugreifen. Sie kamen in ſcharfem Trab, vorn und auf den Flan⸗ ken Artillerie, überall Reiterei. Der Angriff auf das Dorf wurde jetzt mit großen Kanonen eröffnet, und mitten durch den Donner der Artillerie, ſowie das Raſſeln des kleinen Gewehrs tönte das Geſchrei der Stürmen⸗ den und der wilde Schlachtruf der Guerillareiterei, die ſich in der Front des Dorfes formirt hatte. Die Franzoſen rückten feſten Schrittes vor, trieben die Pikets zurück und überſchwemmten das Dorf mit einem Kartätſchenhagel. Ziſchend brachen die Flammen aus den angezündeten Dächern, und der ſchwarze Rauch, der in dichten Wolken aufſtieg, hing gleich einem Bahrtuch über dem Orte. Der Kampf wurde nun furchtbar. Unſere 7te Di⸗ 3⁰3 viſion vertheidigte das Dorf mit dem Bajonette, aber die Franzoſen, die ſich ſortwährend maſſenweiſe hinein⸗ drängten, trieben ſie zuletzt mit Verluſt zurück und nah⸗ men nach einſtündigem hartem Kampf Beſitz von dem Platze. s Gehölz auf dem linken Flügel füllte ſich jetzt mit leichter Infanterie, deren maſſenhafte Bewegung anzeigte, daß ſie unſere Flanke zu umgehen hoffte. So wurde der Raum zwiſchen dem Dorfe und dem Hügel von Naval d'Aver die Centralpoſition, und hier ſtellten ſich die Guerillas unter Julian Sanches auf und ſchienen zuverſichtlich die Franzoſen zu erwarten. Bald jedoch kamen die Küraſſiere herangeſprengt und nun zogen ſich die Guerillas beinahe ohne einen Säbelhieb hinter den Turones zurück. Dieſe Bewegung von Seiten Julians mußte mehr ſeinem Zorn als kleinmüthiger Furcht zuge⸗ ſchrieben werden, denn er war empört darüber, daß einige Minuten vorher ein Soldat unſerer Garde ſeinen Lieblingslieutenant, den er für einen franzöſiſchen Offizier hielt, erſchoſſen hatte. Montbrun verfolgte die Guerillas mit einigen Schwadronen; nun aber wandten ſich dieſe entſchloſſen um und ſetzten ihren Rückzug erſt fort, als ſie von der Maſſe überwältigt wurden. Die Franzoſen indeß ſchickten jetzt ihre ganze Rei⸗ terei vorwärts, trieben die engliſche zurück, und ſo gelang es ihnen, den rechten Flügel der 7ten Diviſion zu werfen. Die Schlacht war inzwiſchen allgemein geworden. Die Stabsoffiziere, die vom linken Flügel herankamen, berichteten uns, daß Fuentes d'Onoro mit ſtarker Macht angegriffen ſey und Maſſena perſönlich den Sturm leite. Der Kampf hatte jetzt eine Aus⸗ dehnung von beinahe vier Stunden gewonnen, aber dennoch hing das Schickſal des Tags augenſcheinlich von der Behauptung unſerer Stellung ab. Bisher waren wir aus dem Dorf und Gehölze vertrieben worden, und die dunkeln Maſſen Infanterie, die ſich zu unſerer 304 Rechten verſammelten, bedrohten auch den Hügel von Naval d'Aver mit dem gleichen Schickſal. 5 Crawford kam jetzt zu uns herangeſprengt; ſeine Augen ſprühten Feuer, ſeine Uniform und ſein Pferd waren mit Staub und Schaum bedeckt. „Ruhig, Sechszehntes, ruhig! Mattet Eure Pferde nicht ab! Sind Ihre Leute vorgerückt, Malcolm?“ ſagte er hierauf zu einem Offizier an ſeiner Seite.„Ja, dort gehen ſie;“ dabei deutete er mit dem Finger auf das Gehölze, wo eben eine kurze Salve der britiſchen Scharfſchützen das Vordringen dieſer Brigade verkündete. „Die Cavallerie ſoll ſich zum Angriff bereit halten! Und nun, Ramſey, wollen wir ihnen das Leid heimgeben.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als die Schwa⸗ dronen ſich formirten, und einen Augenblick darauf ſah man die franzöſiſche leichte Infanterie aus dem Gehölze zurückweichen und in ungeordneten Maſſen über die Ebene fliehen. Unſere Schwadronen ſtürzten ſich unter ſie und hieben ſie beinah in Stücke, während die leichte etilerie einen mörderiſchen Kartätſchenhagel über ſie ergoß. „Rechts ab, Vierzehntes, rechts!“ rief General Stewart,„auf ihre Huſaren!“ Mit raſcher Schwenkung ſprengten wir auf dieſe ein, allein ſie kamen uns ebenſo keck und muthig ent⸗ gegen. Der Zuſammenſtoß war fürchterlich, die vorder⸗ ſten Schwadronen von beiden Seiten ſtürzten beinahe bis auf den letzten Mann zu Boden; alle Ordnung ging verloren und der Angriff wurde jetzt zum Hand⸗ gemenge. Der Kampf war mörderiſch. Keiner von beiden Theilen wollte nachgeben, und während das Glück hin und herſchwankte, ſuchte Sir Charles Stewart den franzöfiſchen General Lamotte zum Einzelkampfe auf und brachte ihn als Gefangenen zurück. Mittlerweile rückten Montbruns Reiter ſammt den Küraſſieren heran⸗ und nun rief in unſern Reihen die Trompete zum 308 Rückzug. Wir ſahen uns genöthigt, uns auf unſere Infan⸗ terie zurückzuwerfen; die Franzoſen verfolgten uns hitzig, und ſo raſch war ihre Bewegung, daß ſie Ramſey's Brigade, bevor ſie aufbrechen konnte, umzingelten und die Kanonen wegnahmen. „Wo iſt Ramſey?“ ſchrie Crawford, während er an die Spitze unſerer Diviſion ſprengte.„Abgeſchnitten, abgeſchnitten! Gefangen bei Gott! Ha dort geht er,“ fügte er hinzu, indem er auf eine dichte Rauch⸗, und Staubwolke zeigte, die ſich dunkel über die Ebene be⸗ wegte.„Formirt Euch noch einmal!“ Während er noch ſprach, ſchien in der dunkeln Maſſe vor uns eine gewaltige Bewegung vorzugehen. Das Klirren der Säbel, das Praſſeln des Kleingewehrfeuers, das Mord⸗ und Triumphgeſchrei, Alles zeigte an, daß in der ominöſen Wolke, die ſich immer dunkler herab⸗ ſenkte, ein tödtlicher Kampf ſich entſponnen habe. Ein engliſcher Jubelruf übertäubte jetzt alle anderen Töne, ein zweiter folgte; die Maſſe riß aus einander und gleich dem zackigen Blitz aus einer Donnerwolke ſchoß Ramſey an der Spitze ſeiner Batterie hervor. Die Pferde jagten wie wüthend dahin und die Kanonen hinter ihnen ſprangen in die Höhe als wären ſie ganz gewichtlos. Die Kanoniere ſchwangen ſich auf ihre Plätze und flogen, beſtändig im Handgemenge mit der franzöſiſchen Reiterei, über die Ebene dahin. „Brav gemacht, wackerer Ramſey,“ ſagte eine Stimme hinter mir. Ich wandte mich um; es war Wellington ſelbſt. Mein Auge haftete an ſeinen ſtren⸗ gen Zügen und ich vergaß Alles um mich her, als er mich plötzlich zur Beſinnung zurückrief: „Folgen Sie Ihrer Brigade, Sir; eingehauen!“ Im Nu war ich bei meinen Leuten, die ſich zwiſchen Ramſey und ſeine Verfolger geworfen hatten, dieſelben mit Verluſt zurücktrieben und ihnen mehrere Gefangene abnahmen. Die Franzoſen kamen indeß mit größerer Lever, O'Malley. Ill 2⁰ 306 Macht zurück; überwältigende Maſſen Reiterei ſtürmten auf uns an, und wir warxen genöthigt, hinter unſere leichte Infanterie zurück zu weichen, die ſich raſch in Carrés formirte, um den Anprall der Reiterei auszu⸗ halten. Die 7te Diviſion, die am weiteſten vorgerückt war, hatte indeß keine Zeit mehr zu dieſer Bewegung, und verdankte ihre Rettung nur den britiſchen Jägern, die ein ſo wohlgezieltes und heftiges Flankenfeuer auf die anſtürmenden Franzoſen eröffneten, daß ſie geſchlagen und zerſtreut zurückprallten. Mittlerweile hatten ſich die Franzoſen des Dorfes Poco Velho bemächtigt. Ihre furchtbare Maſſen hatten unſere rechte Seite beinahe überflügelt. Die Schlacht war verloren, wenn wir unſere urſprüngliche Stellung nicht wieder einnehmen und uns bei Fuentes d'Onoro concentriren konnten. Dies war indeß eine harte Arbeit und wir hatten keine Zeit zu verlieren. Die 7te Diviſion erhielt Befehl, über den Turones zu gehen, während Crawford die leichte Dioiſion in Vierecke formirte, ihren Rückzug deckte und, unterſtützt von der Reiterei, die ganze Gewalt des feindlichen Angriffes aushielt. Dies war ein Augenblick, wo die britiſche Infan⸗ terie ihre kaltblütige, beharrliche Tapferkeit entwickeln konnte. Die auf der ungeheuren Ebene zerſtreuten Vierecke erſchienen wie ein Nichts unter der verworrenen, fliehenden Menge, die aus der Commiſſariatsbagage, aus den Invaliden, aus Landleuten, endlich aus durch⸗ brochenen Pifets und Vedetten beſtanden. Eine Wolke von Cavallerie lagerte düſter um ſie her; die polniſchen Lanciers ſchüttelten ungeduldig über den Aufenthalt ihre langen Speere, und zu wiederholten Malen brach ein wildes Huſſah von ihren Reihen aus, während ſie den Befehl zum Angriff erwarteten. Aber die Britten ſtan⸗ den feſt und unerſchütterlich; der Feind, mit Montbrun ſelbſt an der Spitze, umritt zwar beſtändig ihre Vier⸗ ecke, wagte aber nicht einzuhauen. Mittlerweile zog ſich die 7te Diviſion wie auf einer Parade zurück, über⸗ —,.— .— 307 ſchritt den Fluß und ſtellte ſich bei Frenada auf, indent ſie ſich dicht an die iſte Diviſion anlehnte. Auch die übrigen Abtheilungen zogen ſich jetzt zurück und nahmen eine Stellung in rechten Winkeln gegen ihre frühere an, während die Cavallerie in der Front ſich formirte und den Feind im Schach hielt. Dies war ein glänzendes und, einem ſo überlegenen Feind gegenüber, beiſpiel⸗ loſes Manöver. Beim Anblick dieſer neuen Fronte ſtanden die Fran⸗ zoſen ſtill und eröffneten ein Feuer aus ihren ſchweren Geſchützen, die jedoch von den britiſchen Batterien bald zum Schweigen gebracht wurden. Die Cavallerie be⸗ wegte ſich jetzt ſeitwärts und die Infanterie nahm all⸗ mälig ihre frühere Stellung wieder ein. Während dies vor ſich ging, wurde der Angriff auf Fueutes d'⸗Onoro mit unveränderter Heftigkeit fortgeſetzt. Die drei bri⸗ tiſchen Regimenter unten im Orte wurden durchbrochen von der franzöſiſchen leichten Infanterie, die mit über⸗ wältigender Macht auf ſie eindrang: das 79te Regiment war gänzlich zerſprengt, zehn Compagnien gefangen und Comeron, ihr Oberſt, tödtlich verwundet. So gerieth der untere Theil des Ortes in Feindeshand, während im obern Theil der unaufhörliche Musketendonner fort⸗ während von dem hartnäckigen Widerſtand der Englän⸗ der zeugte. Jetzt wurden unſere Reſerven vom rechten Flügel her zu Hülfe gerufen, um dem immer wachſenden Andrange von friſchen Truppen zu widerſtehen, welche Drouet un⸗ aufhörlich herbeifuͤhrte. Verſtärkt durch das ganze 6te Corps drangen die Franzoſen auf einmal im Sturm⸗ ſchritte vor. Sie ſprengten durch die zerſtörten Straßen der untern Stadt, gingen wacker fechtend über den Fluß und griffen die Höhen an. Schon hatten ihre erſten Reihen den Gipfel erreicht, wo die Kapelle ſtand. Ein franzöſiſcher Oberſt winkte mit dem Hut auf der Degen⸗ ſpitze ſeinen Leuten zu. 20* 308 Bald zeigten ſich die bärtigen Geſichter der Grena⸗ diere und halb kletternd, halb rennend, ſtieg die düſtere Colonne die Anhöhe heran. Eine Büchſenkugel ſandte den franzöſiſchen Anführer taumelnd den Abgrund hinab, und ein Geſchrei, toll und wild, wie das Kriegsge⸗ ſchrei der Indianer, zerriß die Luft, als das 71te und 79te Regiment Hochländer auf den Feind eindrang. Unſer Geſchäft war kurz. In halben Schwadronen vorrückend, waren wir den Blicken des Feindes durch die dichten Weinberge entzogen, welche die untere Stadt umgürteten und warteten voll Ungeduld auf den Augen⸗ blick, wo unſere tapfere Infanterie den Feind zum Ruck⸗ zug zwingen würde. Wir erhielten Befehl abzuſitzen und ſtanden den Zügel über den Arm gehängt, in unruh⸗ voller Erwartung da. Der Angriff auf die franzöſiſche Colonne fand in unſerer nächſten Nahe ſtatt, ſo daß wir die aufmunternden Zurufe der Offiziere und das laute Hurrah der Mannſchaft deutlich vernahmen; aber der Raum zwiſchen uns wurde durchſchnitten von Mauern und Gebüſchen, welche die Bewegungen der Reiterei gänzlich verhinderten. Furchtlos bewegte ſich die Colonne mit gefälltem Bajonnett die Anhöhe hinan. Keine Plänkler zogen ih⸗ nen voraus, aber der hohe Schacko des Gardegrenadiers zeigte ſich in der erſten Linie. Lange bevor das Ende der Colonnen an uns vorübergezogen war, befanden ſich die vorderſten Reihen bereits im Kampfe. Ein be⸗ täubender Musketendonner erkrachte, ſo laut wie eine Artillerieſalve. Eine ſchwarze Rauchmaſſe wälzte ſich ſchwer von den Höhen hinab und entzog unſern Blicken Alles, außer wenn der lebhafte Blitz des Pelotonfeuers den Schleier zerriß und uns die Truppen zeigte, die beinahe handgemein waren. „ Es iſt offenbar Pictons Diviſion,“ rief Merivale; „ich höre die Sackpfeifen der Hochländer.“ „Ja, ſo iſts, Sir,“ antwortete Hampden;„das 71te iſt in derſelben Brigade und ich kenne die Hörner wohl.“ 3⁰9 „Vierzehntes!“ rief eine Stimme hinter uns, und in demſelben Augenblicke ſprengte ein Stabsoffizier her⸗ an, deſſen Pferd von einem friſchen Säbelhieb blutete. „Sie müſſen ſich augenblicklich zurückziehn, Merivale; die Franzoſen haben die Höhen gewonnen. Eilen Sie durch den Hohlweg, führen Sie Ihre Schwadronen ſo ſchnell als möglich heran und unterſtützen Sie die In⸗ fanterie.“ Im Nu waren wir in unſern Sätteln, aber kaum ertönte das Commandowort, als ein lautes Freudenge⸗ ſchrei die Luft erzittern machte. Das Musketenfeuer hoͤrte plötzlich auf, die dunkle Maſſe aber, die noch immer auf der Höhe kämpfte, ſchwankte, zerriß und wandte ſich. „Was mag das ſein?“ fragte Merivale,„was kann das bedeuten?“ 3 „Ich kann es Ihnen ſagen, Sir,“ verſetzte ich ſtolz, während mein Herz laut klopſte vor Hochgefühl. „Nun was iſts? ſprechen Sie.“ „Da hört man's wieder. Das war ein iriſches Ge⸗ ſchrei! Das sste hat angegriffen.“ „So wahr ich lebe, da kommen ſie,“ rief Hamp⸗ den;„jetzt gnade Gott den Franzoſen!“ Noch waren dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als man unſere tapferen Rothröcke durch den Weinberg ſtür⸗ men ſah.„Stahl, meine Jungen,“ nur Stahl rief eine Stimme auf dem Berggipfel uͤber uns. Ich ſah empor; es war der tapfere Picton ſelbſt, der ſprach. Das sste leitete jetzt die Verfolgung und ſprang in dem ganzen tollen Ungeſtüm der Schlacht von Felſen zu Felſen; wie eine mächtige Welle vor dem Sturme dahinrollt, ſo wälzten ſich die Franzoſen die Höhe hinab. „Bravo, bravo, tapferes Achtundachtzigſtes!“ rief Picton mit dem Hut ſchwenkend. „So? ſind wir jetzt keine Connaught'ſchen Spitzbuben mehr?“ rief ein breiter irriſcher Dialekt, deſſen Beſitzer athemlos und blutend voranſtürmte. Ein herzliches Gelächter miſchte ſich ins Getoſe der ſchlacht. „Nun, meine Jungen, jetzt iſts an uns!“ rief der alte Merivale, ſeinen Säbel ziehend;„vorwärts, einge⸗ hauen!“ Ohne auf einen zweiten Befehl zu warten, brachen wir aus unſerem Verſtecke hervor und ſprengten auf die zerrriſſene Colonne ein. Es war kein regelmäßiger Angriff, ſondern ein wilder, wüthender Anprall. Bei⸗ nahe widerſtandlos fiel der Feind unter unſern Saͤbeln oder den noch tödtlicheren Bajonetten der Infanterie die immer im dichteſten Gewühle blieb. Die Jagd wurde ungefahr eine Viertelſtunde weit fortgeſetzt. Endlich kehrten wir um und hatten auch wirklich die höchſte Zeit. Die franzöſiſche Artillerie eröffnete eben ein heftiges Feuer und ſchleuderte, ohne Rückſicht auf ihre eigene zurückweichende Colonne einen Kartätſchen⸗ hagel zwiſchen uns. Als wir uns zurückzogen vereinig⸗ ten ſich mit uns die zerſtreuten Linien der Schützen, de⸗ ren Geſichter, Waffen und Uniformen von Pulverdampf geſchwärzt waren. Viele von ihnen hatten, obſchon ſelbſt verwundet, Gefangene bei ſich, und ein rieſi⸗ ger Grenadier trieb einen nicht minder ſtarken Franzo⸗ ſen vor ſich her, auf deſſen unwilliges Umblicken er je⸗ desmal mit einem derbem iriſchen Fluche antwortete, deſſen Bedeutung er durch eine Berührung mit dem Bajonett handgreiflich zu machen wußte. „Wer iſt das?“ fragte Mickey,„wer iſts, Kame⸗ rad?“ „Das weiß der Teufel,“ antwortete der Grenadier; naber es iſt der Schurke, der den Lieutenant Mahony niederſchoß, und ſeitdem habe ich ihn nicht aus dem Auge gelaſſen; wenn der Lieutenant nicht todt iſt, ſo wird es ihn jedenfalls freuen, daß ich den Kerl gefan⸗ gen habe.“ **** Der untere Theil des Dorfes war jetzt von den — 311 Franzoſen geräumt, die ſich außer dem Bereich unſerer Artillerie zurückgezogen; der obere war ſortwährend im Beſitz unſerer Truppen geblieben. Beinahe zuſammen⸗ ſinkend vor Erſchöpfung, umringt von Todten und Ver⸗ wundeten gaben die feindlichen Heere den Kampf auf und die Schlacht war jetzt vorüber. Beide Theile ſchrieben ſich den Sieg zu; die Fran⸗ zoſen, weil ſie nach Wegnahme des Dorfes Poco Vehlo die brittiſche Linie durchbrochen und gezwungen hatten, ſich zurückzuziehen und eine neue Stellung einzunehmen; die Engländer, weil ſie den Angriff auf Fuentes d'Onoro glücklich abgewehrt hatten und die Blokade von Almeida — den eigentlichen Gegenſtand der Schlacht,— fortſetzen konnten. Der Verluſt war auf beiden Theilen ſehr be⸗ deutend; die Verbündeten verloren 1500 Gemeine und Offiziere, worunter 300 Gefangene; weit größer aber war die Zahl der Todten auf Seiten der Franzoſen. Nach der Schlacht löste eine Brigade der leichten Diviſion die Truppen im Dorfe ab und die Armeen bi⸗ vouakirten abermals einander gegenüber. Einundneunzigſtes Kapitel. Cin Rencontre. „Lieutenant O'Malley vom 14ten leichten Drago⸗ nerregiment iſt zum Exrtraadjutanten des Generals Craw⸗ ford ernannt, bis auf weitere Verfügung Sr. königl. Hoheit, des Prinzregenten.“ So lautete der erſte Pa⸗ ragraph eines aus Fuentes d'Onoro am Tag nach der Schlacht datirten Tagbefehls, der mir zu Geſichte kam, als ich nach dreizehnſtündigen Anſtrengungen aus einem geſunden, tiefen Schlummer erwachte. Eine Anſtellung im Stabe, war nun im Augenblick nicht gerade das höchſte Ziel meiner Wünſche, aber ich wußte daß Crawford mich mehr bei Pikets und Vorpo⸗ 312 ſſten, als zu ſchriftlichen Arbeiten oder zur Ueberbrin⸗ gung von Oepeſchen verwenden; auch war ich überzeugt, daß er mich, wenn etwas von Wichtigkeit in Ausſicht ſtehe, jedesmal zu meinem Regiment entlaſſen würde. Nachdem ich alſo ſchnell ein Frühſtück eingenommen, ſtieg ich zu Pferde und galoppirte nach Villa Formoſa, wo ſich das Quartier des Generals befand, um ihm für meine Beförderung zu danken und die nöthigen Schritte zur Uebernahme meiner neuen Funktionen zu thun. Obgleich die Sonne ſchon zwei volle Stunden auf⸗ gegangen war, ſo traten mir doch allenthalben deutliche Spuren von großer Ermattung entgegen. Die Caval⸗ lerie lag, Roß und Mann, auf dem Raſen ausgeſtreckt, in tiefem Schlafe; die Schildwachen, müde und erſchöpft, ſehnten ſich ſchmerzlich nach Ablöſung. Die Unordnung und Verwirrung ringsumher verkündete, daß die Discip⸗ lin aus Mitgefühl für die kühnen Anſtrengungen des vorhergehenden Tages in ihrer Strenge etwas nachgelaſ⸗ ſen hatte. Den einzigen Contraſt gegen dieſe allgemeine Erſchöpfung und Erſchlaffung bildete ein Corps Sap⸗ peurs, die auf den Anhöhen über dem Dorfe eifrig be⸗ ſchäftigt waren. So früh es war, ſo ſchienen ſie doch ſchon mehrere Stunden gearbeitet zu haben— wenig⸗ ſtens konnte man das aus ihren Arbeiten erſehen; denn bereits war ein Wall von beträchtlicher Höhe aufgewor⸗ fen, Palliſaden eingepflanzt und ſchon ein gutes Stück von einer Bruſtwehr vollendet. Der Offizier des Trupps ritt, in einen weiten Mantel eingehüllt, auf einem ra⸗ ſchen Klepper auf und ab und ſchien mir, ſo weit ich aus der Entfernung beurtheilen konnte, etwas hitzigen Temperaments zu ſein. Wenigſtens konnte ich nicht um⸗ hin zu bemerken, wie bei ſeiner Annäherung die ver⸗ ſchiedenen Subalternen jedesmal verdoppelten Eifer an den Tag legten, und auch die Gemeinen weit größere Thä⸗ tigkeit entwickelten, als wenn er ſie nicht im Geſicht hatte. Ich blieb einige Minuten ſtehen, um ihn zu 313 beobachten, und als ich einen Ingenieurkapitaͤn von mei⸗ ner Bekanntſchaft in der Nähe erblickte, konnte ich mirs nicht verſagen, ihm zuzurufen: „Heda, Hachard, Ihr Freund auf dem Braunen dort muß geſtern einen bequemern Tag gehabt haben, als Unſereiner, ſonſt wäre er gewiß heute früh nicht ſo munter.“ Hachard hing verlegen den Kopf und antwortete Nichts. Ich aber blickte jetzt genauer um mich, und wer beſchreibt mein Entſetzen, als ich mich überzeugte, daß der Mann, über den ich mir ein ſo leichtfertiges Urtheil erlaubt hatte, Niemand anders war, als Wel⸗ lington ſelbſt. Ich hatte an einem einzigen Blicke genug und ſauste jetzt über Hals und Kopf, über Stein und Stock wie wahnſinnig den Hohlweg hinab. Wäre eine franzöſiſche Schwadron mir auf den Ferſen geweſen, ich hätte gewiß mehr Muth gezeigt, obſchon ich jetzt keine Verfolgung zu befuͤrchten hatte. Es war mir, als ſchieße ſein glühendes Auge Pfeile auf mich und ſein ſtrenger Blick ſtarrte mir aus Allem, was ich ſah, ent⸗ gegen. Die Waghalſigkeit meines Rittes tröſtete mich eini⸗ germaßen, denn ich hoffte zu Gott, ich werde doch einen Arm oder ein Bein brechen und auf dieſe Weiſe der Ahndung für mein naſeweiſes Benehmen entgehen. Erſt in Villa Formoſa zog ich den Zügel an und hielt ſchnell bei einem kleinen Hauſe, das ich, weil zwei Schild⸗ wachen davor ſtanden, als das Quartier des Generals erkannte. Als ich herankam, ſprang plötzlich das nie⸗ drige Fenſter auf, und eine halb angezogene, aber mehr als halb ſchlaftrunkene Figur ſtreckte den Kopf her⸗ aus:— „Nun, was gibt's? ſchlimme Nachrichten?⸗ rief der Mann, den ich ſogleich als General Crawford er⸗ kannte.. „Nein, nein, Sir,“ ſtammelte ich in ſichtlicher 314 Verwirrung,„ich bin blos gekommen, um Ihnen für Ihre Güte zu danken.“ „Nach Ihrem Ritte zu ſchließen, haben Sie damit verdammte Eile gehabt. Kommen Sie herein und früh⸗ ſtücken Sie jetzt mit uns; ich werde ſogleich angekleidet ſeyn, und Sie treffen dann noch einige Adjutanten.“ Nachdem ich mein Pferd einer Ordonanz abgegeben, trat ich in ein kleines Zimmer, deſſen beſcheidenes Ameublement in vollkommenem Einklang mit dem ein⸗ fachen, allen Prunk verabſcheuenden Charakter des Ge⸗ nerals ſtand. Ich erblickte hier die Vorbereitungen zu einem guten, kernhaften Frühſtücke, und eine engliſche Zeitung vom neuſten Datum breitete ihre umfangreichen Seiten mir zum Willkomm aus. Indeß hatte ich noch nicht lange geleſen, als die Thüre aufging und der General eintrat, obſchon ſeine Toilette noch nicht vol⸗ lendet war. „Bei Gott, O'Malley, Sie haben mich ſehr er⸗ ſchreckt; ich dachte, wir müſſen ſchon wieder dran.“ Ich hielt dies für die paſſendſte Gelegenheit. mei⸗ nem Herzen Luft zu machen, und erzählte ihm daher ohne viele Umſtände von meinem unglücklichen Zuſam⸗ mentreffen mit dem Obergeneral. Als ich an's Ende kam, warf ſich Crawford auf ſeinen Stuhl und lachte dermaßen, daß ihm die Thränen über die braunen Wan⸗ gen rieſelten. „Nein, nicht möglich,“ rief er,„das können Sie nicht geſagt haben? Bei Gott, ich hätte lieber vor einem Pelotonfeuer ſtehen, als in Ihren Schuhen ſtecken mö⸗ gen. Sie warteten doch auf keine Antwort?“ „Nein, Sir, gewiß nicht.“ „Glauben Sie, daß er Sie erkannt hat?“ „Ich hoffe nicht; das Ganze war Sache eines Au⸗ genblicks.“ „Die Sache iſt dennoch höchſt fatal in mehr als einer Hinſicht,“ ſagte Crawford, dann fügte er nach einer Pauſe hinzu:„Haben Sie den Tagsbefehl geſehen?“ 315 und mit dieſen Worten ſchob er mir ein beſchriebenes Papier hin. Sein Inhalt lautete, wie folgt:— Generaladjutantur Villa Formoſa, 6. Mai 1811. „Memorandum.— Die kommandirenden Offiziere werden aufgefordert, dem Kriegsſekretär ſo ſchnell als möglich, die Namen derjenigen Offiziere einzuſenden, welche ſie an die Stelle der Gefallenen befördert zu ſehen wünſchen.“ „Nun ſehen Sie die Liſte. Harvey Howard, Garde⸗ grenadier, vorgeſchlagen als erſter Lieutenant für— nein, das iſt es nicht; Henry Beauchamp— George Villiers.— Ah richtig, da kommt's, Kapitän Lyttleton im laten leichten Dragonerregiment, vorgeſchlagen als Major im 3ten Garde⸗Dragoner⸗Regiment für Godvin, der in der Schlacht gefallen iſt; Lieutenant O'Malley, als Kapitän für Lyttleton, der avancirt iſt. Sie ſehen, mein Junge, ich habe Sie nicht vergeſſen; Sie ſollten die erledigte Schwadron in Ihrem eigenen Regimente erhalten. Nun aber zweifle ich beinah, ob es klug iſt, dem Obergeneral Ihren Namen unter die Augen zu bringen. Er könnte Sie erkannt haben, und dann— doch nein, ich will es nicht glauben— aber jedenfalls meine ich, je unbemerkter Sie bleiben, um ſo beſſer iſt es für Sie.“ Ich dankte ihm auf's Innigſte für ſeine Güte, mußte mich aber vollkommen zu ſeiner Anſicht bekennen. „Glaubeu Sie mir, Sir,, ſagte ich,„ich wollte weit lieber noch eine Reihe von Jahren auf Avancement warten, als mich der Gefahr eines Verweiſes ausſetzen, um ſo mehr, als dies nicht mein erſtes Verſehen gegen ſeine Lordſchaft iſt. Ich erzählte ihm nun mein früheres Zuſammentreffen mit Sir Arthur, worüber Crawford von Neuem laut auflachte, ſo daß er ſich die Seiten halten mußte. „Nun, nun,“ ſagte er endlich,„wir wollen das 316 Beſte hoffen; wollen annehmen, er habe Ihr Geſicht nicht geſehen und die Liſte ſo, wie ſie iſt, hinüberſenden. Doch da kommen unſere Leute.“ Hier öffnete ſich die Thüre und drei von ſeinen Stabsofſizieren traten ein; nachdem wir einander förm⸗ lich vorgeſtellt waren, beſchwatzten wir die Neuigkeiten des Tags, bis das Frühſtück kam. „Mein Freund Hammersley hat mir viel von Ihnen erzählt,“ ſagte Fitzroy zu mir;„Sie waren, glaube ich, ſehr genau mit einander bekannt.“ „Ja, ja; bitte, wo iſt er jetzt? Wir haben uns lange nicht geſehen.“ „Der arme Mann iſt Invalid; der Säaͤbelhieb auf ſeinem Kopf wurde immer ſchlimmer und er iſt auf Krankenurlaub nach England zurückgekehrt. Der alte Daſhwood hat ihn als Privatſecretär oder ſo Etwas mit⸗ genommen.“ „Ah,“ ſagte ein anderer,„Daſhwood hat Töchter, nicht wahr? Kein dummer Einfall das, denn Hammers⸗ ley wird nächſtens Baronet mit einer Rente von acht oder neuntauſend Pfund.“ „Sir George Daſhwood,“ ſagte ich,„hat nur eine einzige Tochter und ich bin überzeugt, daß in ſeiner Güte gegen Hammersley keine ſolche Abſichten verborgen iegen.“ „Nun ich weiß nicht,“ verſetzte der Dritte, ein bleicher, krankhafter Jüngling mit hübſchen, aber beinah weiblichen Zügen,„ich war bis vor wenigen Wochen in Daſhwoods Stab, und da wollte mir doch ſcheinen, als ob zwiſchen Hammersley und Miß Lucy etwas vor⸗ ginge. Sie iſt ein verdammt ſchönes Mädchen, obſchon ſie ihr Näschen ein wenig hoch trägt.“ Ich fühlte, daß es in meinen Wangen und Schlä⸗ fen kochte, wie in einem Ofen; meine Hand zitterte, als ich den Kaffee an die Lippen führte, und ich hätte meine erwartete Beförderung zweimal dafür gegeben, 317 wenn ich einen vernünftigen Grund gehabt hätte, mit dem Sprecher Streit anzufangen. „Ei,“ ſagte Crawford,„das iſt ja das allerbeſte in meinem Commando. Wie ein Biſchof mit Zuver⸗ ſicht darauf rechnen kann, ſeine Töchter gegen ein De⸗ kanat oder eine Pfarrei loszuſchlagen, ſo verheirathet ein verſtändiger alter General die ſeinigen immer unter ſeinen Stab.“ Auf dieſen Witz folgte das obligate Gelächter von Subalternen, in das ich einſtimmen mußte, ſo wenig ich Luſt dazu hatte. „Sie haben volkommen Recht, Sir,“ verſetzte der bleiche Jüngling,„und überdies kann Sir George ſeiner Tochter Nichts mitgeben.“ „Wie kam es, Horace, daß Sie mit heiler Haut davonkamen?“ fragte Fitzroy mit affektirter Ernſthaftig⸗ keit in Stimme und Manier:„ich wundere mich, daß die Leute ein ſolches Kleinod hinausließen.“ „Nun, ihre Schuld war es juſt nicht, das muß ich geſtehen. Der alte Daſhwood ſpielte den Höflichen gegen mich und la belle Lucie ſelbſt ließ ſich auffallend genug herab, gegen mich weniger grauſam zu ſeyn, als gegen den übrigen Stab. Ihr Vater brachte uns viel zuſammen, und ich glaube in der That— ich fürchte— ich habe mich nicht ganz gut benommen.“ „Ja, das dürfen Sie überzeugt ſeyn, Sir,“ ſagte ich;„wie auch Ihr früheres Benehmen geweſen ſeyn mag, jetzt haben Sie Ihr Herz ausgeſchüttet, und es iſt ganz und gar nichts Gutes zum Vorſchein gekommen.“ Waäre eine Bombe mitten zwiſchen uns niedergefallen, die Geſichter um mich her, hätten nicht verdutzter ſeyn können, als ſie bei dieſer, meiner kalten, entſchiede⸗ nen Erklärung waren. Fitzroy ſchob ſeinen Stuhl ein wenig vom Tiſche weg und ſtarrte mich mit großen Augen an: Crawford wurde dunkelpurpurroth im gan⸗ zen Geſicht bis zur Stirne und ſah, ohne zu ſprechen, bald den Einen, bald den Andern an; während der 318 ehrenwerthe Horace Delawar, das angeredete Subject, keine Muskel ſeines bleichen, krankhaften Geſichtes ver⸗ zog, ſondern die Augen langſam von ſeiner Butter⸗ ſemmel erhebend, ſanft lispelte— „Glauben Sie das wirklich? Wie ungemein gütig von Ihnen!“ „Herr General,“ ſagte ich, ſobald ich wieder im Stande war, ein Wort hervor zu bringen,„es thut mir unendlich leid, daß ich mich ſo weit vergeſſen konnte, den Frieden an Ihrer Tafel zu ſtören; aber wenn ich Ihnen ſage, daß Sir George Daſhwood einer meiner wärmſten Freunde auf der Welt iſt, daß ich ihn auf's Genaueſte kenne, und daher dtie Behauptungen dieſes „Gentleman für Thorheit oder noch etwas Aegeres erklä⸗ ren muß.—“ „Bei Gott, O'Malley, Sie haben eine höchſt ſelt⸗ ſame Art, eine Erklärung abzugeben. Delawar, ſetzen Sie ſich wieder. Meine Herren, ich habe Ihnen über dieſen Vorfall nur ein einziges Wort zu ſagen: ich will keine Zänkereien oder Streitigkeiten hier haben; von hier bis auf die Wachtſtube ſind es nur fünf Minuten, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß dieſe Mißhelligkeit hiemit ein Ende hat, oder ſo wahr ich Crawford heiße, Sie kommen beide ſogleich in Arreſt, und wer Gehor⸗ ſam verweigert, wird nach England zurückgeſchickt.“ Eh ich wußte, was ich thun ſollte, ſtand Mr. De⸗ lawar auf und verbeugte ſich förmlich gegen den General; ich ahmte ſchweigend ſein Beiſpiel nach und wir ſetzten uns wieder zu Tiſche. Nach einigen Augenblicken begann auch die Unterhaltung wieder, bewegte ſich aber jetzt mit ſolch auffallender Steifheit und Gezwungenheit, daß alle froh waren, als der General aufſtand. „Hören Sie, O'Malley, haben Sie die Kranken⸗ liſte nach der Generaladjutantur beſorgt?“ „Ja, Sir, ich ſchickte ſie dieſen Morgen ab, bevor ich wegritt.“ 319 4 „Das freut mich, denn Unregelmäßigkeiten in dieſem Punkte haben ſcharfe Verweiſe im Hauptquartier hervor⸗ gerufen.“ Ich freute mich ebenfalls darüber, denn nur zufällig hatte es ſich getroffen, daß ich daran gedacht hatte, Mickey mit den Papieren fortzuſchicken. Hätten ſie nicht unverſtegelt auf meinem Tiſche gelegen, ſo würde ich ſie höchſt wahrſcheinlich vergeſſen haben. Die Poſt ging noch dieſen Morgen nach Liſſabon ab, und um ſie be⸗ nützen zu können, hatte ich die halbe Nacht hindurch geſchrieben. In dieſem Augenblick ahnte ich noch nicht, welche Maſſe von Unruhen und Verdrießlichkeiten für mich aus dieſem Umſtand erwachſen ſollte. Zweiundneunzigſtes Kapitel. Almeiade. Am Morgen des ten erſahen wir aus einer Be⸗ wegung im franzöſiſchen Lager daß die Verwundeten transportirt wurden, und bald darauf begann das Haupt⸗ corps ſeinen Rückzug. Langſam, und wie es ſchien, mit Widerſtreben gingen ſie ihres Wegs, uns Beſſieres, wel⸗ cher die kaiſerlichen Garden kommandirte, wandte ſeine Augen mehr als einmal der Stelle zu, gegen welche die ganze Tapferkeit ſeiner Truppen Nichts hatte aus⸗ richten können. Obſchon unſere ganze Reiterei vorn in unſerer Linie ſtand, ſo wurde gleichwohl kein Verſuch gemacht. die Franzoſen zu beläſtigen, und Maſſena ließ nachdem er ſich hinter den Aguada zurückgezogen, eine ſtarke Ab⸗ theilung zur Bewachung der Furt zurück, während der übrige Theil der Armee gegen Ciudad Rodrigo marſchirte. Inz wiſchen war es uns gelungen, unſere Stellung bei Fuentes d'Onoro ſo ſtark zu befeſtigen, das wir einem neuen Angriff die Spitze bieten konnten, und Welling⸗ 320 ton lenkte jetzt ſeine ganze Aufmerkſamkeit der Feſtung Almeida zu, die in Folge des Rückzuges Maſſenas ihrem Schickſal überlaſſen worden war. Am Morgen des 10. begleitete ich General Craw⸗ ford bei einer Recognoscirung der Feſtung, welche, den neueſten Nachrichten zufolge, ſich unmöglich länger hal⸗ ten konnte. Das Feuer der feindlichen Artillerie wurde inzwiſchen fortwährend ſcharf unterhalten, und bei Ein⸗ bruch der Nacht ſahen ſich einige Schwadronen des 14ten, die in der Nähe lagen, außer Stands, ihre Wachtfe uer anzuzünden, weil ſie ſich vollſtändig im Bereich der Feſtungskanonen befanden. Mit zunehmender Dunkel⸗ heit wurde auch die Kanonade heftiger, und die leuch⸗ tenden Blitze und der dumpfe Donner der Artillerie von den Wäaͤllen herab ſchienen nicht mehr aufhören zu wollen. Hundert Vermuthungen wurden hierüber auf⸗ geſtellt; einige behaupteten, das, war wir hörten, ſeyen blos Signalſchüſſe für Maſſena, andere meinten, Bren⸗ nier wolle die Feſtung zerſtören, bevor er ſie den Ver⸗ bündeten räume Kurz nach Mitternacht war ich, erſchöpft von den Strapazen des Tags, unter einem Baume eingeſchlafen, als plötzlich eine Exploſton, die alle andern an Heftig⸗ keit übertraf, mich aufweckte. Ich blickte auf und ſah, wie der ganze Himmel durch einen hellen Schein er⸗ leuchtet war, während das krachende Getöſe fallender Steine und zertrümmerter Mauern mich überzeugte, daß eine Mine geſprengt worden ſey. Gleich darauf war Alles wieder ruhig, ſtill und bewegungslos; ein dichter ſchwar⸗ zer Rauch erhöhte noch die Finſterniß der Nacht und verhüllte alle Sterne; auch begann es ſtark zu regnen. Dieſe Stille, die zehnmal beängſtigender war als das vorhergegangene Getöſe, laſtete ſchwer auf meinem Gemüthe, und die Ahnung einer unbekannten Gefahr überſchlich mich: gleichwohl war die Erſchöpfung grö⸗ ßer als meine Furcht und ich verſank von Neuem in Schlummer. — 25 · 321 Kaum hatte ich eine halbe Stunde geſchlafen, als Trompetengeſchmetter mich wieder erweckte, und inmit⸗ ten der Verwirrung und Aufregung ringsumher ſah ich ein, daß etwas Wichtiges vorgegangen ſeyn mußte. Man fragte ſich eifrig auf allen Seiten, aber Niemand ver⸗ mochte Auskunft zu geben. Nach der Stadt hin war Alles todtenſtill, aber aus dem Thale neben dem Aguade erſcholl ein unregelmäßiges Musketenfeuer.„Was mag es ſeyn, was kann es bedeuten?“ fragten wir ein⸗ ander. Ein Ausfall der Garniſon,“ meinte einer; „ein nächtlicher Ueberfall von Seiten Maſſena's,“ rief ein anderer; aber während wir noch ſo disputirten, hörten wir einen Reiter heranſprengen. „Wo iſt die Reiterei?“ rief eine Stimme, an der ich ſogleich einen meiner Mitadjutanten erkannte,„wo iſt das Vierzehnte?“ Ein Jubelgeſchrei von unſerer Seite antwortete auf dieſe Frage und im nächſten Augenblick ritt er athemlos und aufgeregt in unſere Mitte. „Was gibt es? Sind wir angegriffen?“ „Wollte Gott, wir wärens; aber kommt, Kinder, folgt mir.“ „Was mag es ſeyn?“ fragte ich von Neuem und meine Ungeduld kannte keine Grenzen. „Brennier iſt entwiſcht. Er hat Packs Diviſton durchbrochen und bereits Valde Mula erreicht.“ „Die Franzoſen ſind entwiſcht,“ ging es von Mund zu Mund; mit derben Sporenſtößen ſetzten wir unſere Pferde in Galopp und ſausten nach der Richtung des Musketenfeuers dahin. Bald ſtießen wir auf das 36te Infanterieregiment, das die Torniſter weggeworfen hatte und in möglichſter Eile dem Feind nachſetzte. Ein zor⸗ niges Fluchen von allen Seiten her bewies, wie ſchmerz⸗ lich dies Mißgeſchick empfunden wurde und wie ſehnlich ſich alle beſtrebten, es wieder gut zu machen. Trotz der nächtlichen Finſterniß jagten wir im Ga⸗ Lever, O'Malley. III. 21 lopp an ihnen vorüber, als plötzlich der Offizier, der die erſte Schwadron commandirte, Halt gebot. „Nehmt Euch in Acht,“ rief er,„ich höre die In⸗ fanterie vor uns; wir ſtürzen auf unſere eigenen Leute.“ Kaum waren die Worte geſprochen, als ein heller Blitz aufflammte und eine mörderiſche Gewehrſalve über die Schwadron ſich ergoß. „Die Franzoſen! bei Gott, die Franzoſen!“ rief Hampden;„vorwärts, haut ein!“ Im Nu waren wir mitten unter ihnen; wir durch⸗ brachen ihre Reihen, ſo daß ſie wild auseinander ſtoben, und da in dieſem Augenblick friſche Schwadronen an⸗ langten, ſo wurde die Abtheilung bis auf den letzten Mann niedergehauen. Hierauf ſetzten die Franzoſen ſchweigend ihren Marſch fort, und ſelbſt wenn wir in Maſſe auf ihre Vierecke eindrangen, ſo hielten ſie weder an, noch feuerten fie einen Schuß ab. Bei Barba del Puerco wurde indeß der Boden für die Reiterei zu uneben; daher nahm das 36te unſern Platz ein und verfolgte den Feind heftig. Mehrere Franzoſen wurden getödtet und über dreihundert gefangen. Da aber unſere Leute zu hitzig nachſetzten, ſo ſtießen ſie auf eine Abtheilung von Maſſenas Heer, welche Brenniers Rückzug decken ſollte, und die Folge war, daß ſie mehr als dreißig Mann an Todten oder Verwundeten verloren. Auf dieſe Art waren die großen Anſtrengungen der drei vorhergehenden Tage fruchtlos und unnütz geworden. Um dieſe Belagerung zu behaupten, hatte Wellington mit einer weit kleineren Armee und einer keineswegs ſtarken Stellung die Schlacht gewagt, und nun wurden durch die Ungeſchicklichkeit der Einen oder Nachlaͤßigkelt der Andern alle ſeine Berechnungen durchkreuzt, der franzöſiſche General aber in den Stand geſetzt beinahe unbeläſtigt und unbeſchädigt mitten durch das Belage⸗ rungsheer zu marſchiren. Wellington war, wie man ſich leicht denken kann, im höchſten Grade erbittert; der Preis, um welchen er 5 ,— 5 — ———— 323 18. geſtritten, war ihm im Augenblick des Sieges wieder aus den Händen geriſſen worden, und obſchon das wackere Benehmen der Truppen bei der Verfolgung unter andern Umſtänden mit bedeutenden Lobſprüchen belohnt worden wäre, ſo ſpielte er diesmal nur halb ſarkaſtiſch auf die unergiebigen Wirkungen undisciplinirter Bravour an. „Trotz dem, was man in Zeitungen liest,“ ſagte der diesfallſige Tagesbefehl,„haben wir niemals geſehn, daß kleine Abtheilungen, wenn ſie nicht unterſtützt wur⸗ den, mit Erfolg große bekämpfen, und noch hat kein Offizier ſich aus eigenem Augenſchein überzeugt, daß ganze Armeen von einer Handvoll leichter Infanterie und Dragoner in die Enge getrieben werden können.“ Au Tiſſſſiiſſiſiſſſirnſſnſſſſſſſſſſſſiſſinninſnnmem 8 9 10 11 12 13 14 15 16