iothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 3 von.... Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe wird. t 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — Charles O⸗Malley, der irische Drugoner. Von Charles Lever. Deutſch von Gottlob Fink. Fünftes bis achtes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Vorbereitungen. Um nutzloſe Wiederholungen zu vermeiden, übergehe ich die Geſpräche, die ich am folgenden Morgen beim Frühſtück mit meinem Freund Power hatte, und berichte blos, daß ich den Plan, den er zu meiner Rettung vor⸗ ſchlug, billigte, für den Fall des Mißlingens aber immer noch an einem äußerſten Verſuche Rückhalt hatte, deſſen Wirkſamkeit Power für ganz und gar unzweifelhaft erklärte. „Wenn alle Stränge reißen,“ ſagte er,„wenn jede Brücke unter Ihnen bricht und kein Weg zur Flucht mehr übrig iſt, nun, dann glaube ich ſelbſt, müſſen Sie noch ein Mittel eigener Art verſuchen. Es wäre mir aber ſehr lieb, wenn Sie es vermeiden könnten, und Sie müſſen mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie es nur im höch⸗ ſten Nothfalle anwenden wollen. Verſprechen Sie mir das 2“ „Ja, natürlich,“ antwortete ich, mit peinlicher Ungeduld dieſes letzte, ſchreckliche Mittel zu erfahren;„was iſt es denn?“ Er hielt inne, lächelte zweifelhaft und begann dann von Neuem:„und dann; aber ich glaube wahrhaftig, es wird nicht nöthig ſeyn; der andere Plan wird und muß ausreichen. Ja, ja. O'Malley, die Admiralität iſt der Anſicht, daß Nichts dem Ertrinken mehr Vorſchub leiſte, als die Rettungsboote; die Leute hoffen ſo zuver⸗ ſichtlich darauf, wieder herausgeſiſcht zu werden, daß ihnen gar Nichts daran liegt, ob ſie auch einmal über Bord fallen, und ſo ginge es auch wahrſcheinlich jetzt; wenn ich Ihnen mein lebenrettendes Mittel gäbe, dann würden Sie gewiß keinen Zoll ſchwimmen, Nicht wahr? „Weit entfernt,“ ſagte ich;„ich werde es vielmehr als Ehrenſache betrachten, mir um ſo größere Mühe zu geben, weil ich ſehe, wie ſchwer Sie ſich davon trennen.“ 8 „ Nun denn, ſo hören Sie. Wenn Alles fehlſchlägt, wenn alle Ihre Hülfsquellen erſchöpft ſind, wenn Ihr Gedächtniß und Ihr Scharfſinn Sie gänzlich im Stiche laſſen, dann— aber merken Sie ſich's wohl, Charley, erſt dann ſagen Sie, Sie müſſen Ihren Freund, Kapitän Power vom 14ten, um Rath fragen. Das iſt Alles.“ „Und weiter Nichts?“ ſagte ich ganz verſtimmt über den lahmen, kraftloſen Schluß dieſer hochklingenden Rede. „Iſt das Alles?“ „Ja,“ verſetzte er,„das iſt Alles; aber halt, Char⸗ ley, kommt nicht der Major dort über die Straße? Ja, wahrhaftig, und beim Himmel, er hat ſeinen alten Treſ⸗ ſenrock angezogen. Hätten Sie mir auch kein Wort von Ihrer kritiſchen Lage geſagt, ſo würde ich ſchon hieraus geſchloſſen haben, daß etwas Großes im Werke iſt. Wiſſen Sie, dieſer ſelbe Rock hat ſchon manches mannhafte Herz erzittern gemacht, das ſonſt weder vor Bomben noch vor Granaten zagte.“ „Wie iſt das möglich?“ fragte ich; ich bin doch neugierig.“ „Ei, mein lieber Junge, das iſt ſein Inquiſitions⸗ rock, wie man ihn in Gibraltar nannte. Man wußte, daß er ihn nie trug, außer wenn er einen armen Teufel um ſeine ‚Abſichtene fragen wollte. Zu einem Alltags⸗ geſchäfte würde er ihn eben ſo wenig anziehen, als der Lordoberrichter ſein Barett und ſeinen Hermelinmantel zu einer Hühnerjagd. Sehen Sie, er ſteuert gerade auf Ihre Wohnung zu, und da es nicht in unſern Plan paßt, wenn er Sie jetzt ſieht, ſo werden Sie am Beſten thun, ſchnell die Treppe hinab und in die Georgeſtreet zu laufen, damit Sie in ſeinem Hauſe ſind, bevor er zurückkehren kann.“ Ich folgte Power's Rath, nahm meine Mütze und kam glücklich über den Hof, bevor der Major hereinge⸗ langte. Es war gerade zwölf Uhr, als ich auf meine laute und bereits wohlbekannte Art an die Wohnung des Majors klopfte. Die Thüre wurde ſchnell geöffnet, ö— — — aber ſtatt wie gewöhnlich, vier Tritte auf einmal, nach dem Beſuchszimmer zu eilen, trat ich in das ſchmutzige, kleine Zimmer rechts und erſuchte Matthew, den ver⸗ ehrungswürdigen Diener des Hauſes, Mrs. Dalrymple zu ſagen, daß ich ſie auf einige Minuten allein zu ſpre⸗ chen wünſche, wenn es ihr nicht unbequem ſey. Vielleicht verrieth ſich in meinem Weſen eine ge⸗ wiſſe Aufregung, ein unſtäter Blick oder ein Zittern in meiner Stimme, oder vielleicht war es die ungewoͤhnliche Stunde, oder der noch ungewöhnlichere Umſtand, daß ich nicht in das Wohnzimmer ging, kurz in der Seele des guten Matthew erhoben ſich einige Bedenken über den Zweck meines Beſuchs, und anſtatt meinem Auftrag gemäß Mrs. Dalrymple ſogleich zu melden, daß ich hier ſey, ſchloß er vorſichtig die Thüre, warf einen ſchnellen, aber zufriedenen Blick im Zimmer umher, um ſich zu überzeugen, ob wir auch allein ſeyen, lehnte ſich dan gegen die Wand und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Wir ſchwiegen beide; ich in Erſtaunen verſunken über die etwaige Abſicht des Alten, er aber, ohne Etwas von meiner Ueberraſchung zu begreifen, hieng ſeinen eigenen Gedanken nach und vertiefte ſich ſo ſehr darein, daß er für Nichts, was um ihn her vorging, Augen oder Ohren hatte. Es lag in dem alten, verwitterten Geſtchte ein eigenthümlicher, höchſt komiſcher Ausdruck, der mich im Anfang faſt lachen machte; aber bei län⸗ gerer, genauerer Beobachtung bemerkte ich, daß trotz der langen Runzeln und Furchen, welche niedrige, iriſche Spaßhaftigkeit und Schalkhaftigkeit um ſeine Mundwin⸗ kel gezogen, der eigentliche Charakter ſeines Blicks tiefer Kummer und Mitleid war. Ohne Zweifel ſind meine Leſer ſchon auf viele in⸗ tereſſante Erzählungen geſtoßen, worin der argloſe Wan⸗ derer in einem fernen Lande durch einen bloßen Wink, einen Blick, ein Zeichen, das irgend ein Menſch, der auf der Bahn des Verbrechens noch weniger vorgerückt⸗ und noch nicht ſo tief in den Pfuhl des Laſters verſun⸗ „ ken iſt als ſeine Kameraden, zu ſeiner Rettung wagt, von einem gegen ihn gerichteten Mordplan in Kenntniß geſetzt wird. Zuweilen, je nach dem Geſchmack des Er⸗ zählers, iſt das intereſſante, freundlich geſinnte Indivi⸗ duum ein altes, zuweilen ein junges Weib, zuweilen ein ſchwarzbärtiger Bandit, zuweilen ein Kind und nicht ſel⸗ ten fühlt ſogar ein Hund menſchlich genug, um dieſen Dienſt zu leiſten. Eines aber bleibt ſich bei all dieſen Erzählungen gleich. Sey nun der Helfer zwei⸗ oder vier⸗ füßig, ſtumm oder ſprechend, jung oder alt, der Fremde merft ſich jedesmal den Wink und kommt vermöge ſeines Scharfſinns glücklich davon. Dieſe nie ausbleibende Schlauheit von Seite des Verurtheilten hatte ich früher oft angezweifelt; jetzt aber hatte ich dem alten Manne nicht lange in's Geſicht ſchauen können, ohne meinen Irrthum hierin klar und deutlich einzuſehen. Wenn je im Blicke eines Menſchen eine Warnung liegen kann, ſo lag ſie im ſeinigen; aber es lag noch mehr darin, näm⸗ lich ein betrübtes, kummervolles Mitleid, wie etwa eine alte, graubärtige Ratze empfinden mag, wenn ſie eine junge, unerfahrene die Angeln einer eiſernen Falle öffnen ſieht, um deren Wirkſamkeit an ihrem Genick zu erpro⸗ ben. Ich hatte während meiner Beſuche im Haus manchmal Gelegenheit gehabt, dem alten Matthew kleine Dienſte zu erweiſen, ihm unbedeutende Geſchenke zu machen und deßhalb konnte ich jetzt, als er die obener⸗ wähnte Geberde vor mir annahm, über ſeine Abſichten ganz und gar nicht in Zweifel ſeyn. „Matthew,“ kreiſchte eine ſcharfe Stimme, woran ich ſogleich Mrs. Dalrymple erkannte;„Matthew, wo bleibt doch der alte Narr?“ Aber Matthew hörte nicht oder achtete wenigſtens nicht darauf. „Matthew, Matthew, hörſt Du nicht?“ „Ich komme, Madame!“ ſagte er mit einem Seuf⸗ zer, indem er die Thüre öffnete und noch einen Blick auf mich heftete, aber ſo bedeutungsvoll, daß nur die 11 Umſtaͤnde meiner Geſchichte ſeine Kraft erklären können, oder mein Leſer ſich an ſeine eigene erfindſame Phan⸗ taſte halten muß. „Sey unbeſorgt, guter, alter Freund,“ ſagte ich, in⸗ dem ich herzlich ſeine Hand drückte und eine Guinee hinein ſchlüpfen ließ,„ſey unbeſorgt.“ „Gott gebe es, Sir,“ erwiederte er, ſetzte ſeine Perücke auf, um im Familienzimmer zu erſcheinen. „Matthew! Der alte Spitzbube!? „Mr. O'Malley,“ ſagte der oft gerufene Matthew, indem er die Thüre öffnete und mich ganz unerwartet mitten unter die verſammelten Ladies führte, welche von meiner Ankunft Nichts gehört hatten und daher augen⸗ ſcheinlich nicht wenig überraſcht und erſtaunt waren. Wäre ich wirklich der verliebte Schäfer geweſen, für welchen die Familie Dalrymple mich hielt, ſo glaube ich beinahe, der Anblick, der mir jetzt zu Theil wurde, hätte mich von meiner Leidenſchaft heilen müſſen. Ein kugelrunder Kopf mit Papilloten vom Cork'ſchen Be⸗ obachter umwickelt, worauf neugeborne Knäblein und Mägdelein in großen Buchſtaben zu leſen ſtanden, er⸗ ſetzte jetzt die klaſſiſche Stirne und die italieniſchen Locken der ſchönen Matilda, während die keuſche Fanny, deren Füße das Glück eines Bildhauers hätten machen können, im ſchlumpigſten Aufzuge und in abgetretenen Schlapp⸗ ſchuhen im Zimmer umher tobte, um Etwas zu ſuchen, was ich nicht wußte. Verſtünde es der Balletmeiſter der Akademie, ſeine Erdgeiſter, Dämonen, Engel und Kobolde nur halb ſo ſchnell von der Bühne verſchwinden zu laſſen, als die beiden jungen Ladies bei der Nennung meines Namens ihren Rückzug antraten, ſo bürge ich ihm dafür, ein ſolches Stück würde die halbe Saiſon hindurch ſeine Kaſſe füllen. Bevor ich nach meiner Ver⸗ beugung wieder aufſchauen konnte, waren beide ver⸗ ſchwunden, und ich befand mich jetzt allein mit Mrs. Dalrymple. Dieſe behauptete das Feld, theils um den Rückzug der Hauptarmee zu decken, theils auch, weil in Anbetracht der Bagagewägen, der Munition, des Feld⸗ ſpitales u. ſ. w. ihr Rückzug mehr Umſicht erfor⸗ derte, als die Flucht der leichten Brigade. Mögen indeß meine Leſer ja nicht denken, Mama Dalrymple's Koſtüm ſey ſo vollkommen tadellos geweſen, daß ſie blos aus Gleichgültigkeit hätte zurückbleiben kön⸗ nen. Nein, weit entfernt; ſie kämpfte augenſcheinlich einen ſchweren Kampf, aber ihr Pflichtgefühl trug den Sieg davon, und wie Ney, obſchon ungern genug, da⸗ hinter blieb, um den Rückzug von Moskau zu decken, ſo blieb auch ſie entſchloſſen ſtehen, bis das letzte Geflatter des letzten Unterrocks ſie verſicherte, daß die Flüchtlinge gerettet waren. Dann zauderte ſie einen Augenblick, ohne zu wiſſen, was ſie thun ſolle; aber als ich einen Stuhl neben ſie rückte, ſetzte ſie ſich gefaßt und ſah mit gekreuzten Armen meiner Erklärung über dieſen unzeitigen Beſuch entgegen. Hätte das Kriegsminiſterium in der Fülle ſeiner Machtvollkommenheit und der Vollendung ſeines Ge⸗ ſchmacks den Befehl ertheilt, das 79te und 42te Regiment haben künftig ſtatt des Tartans kurze flanellene Unter⸗ röcke und ſchwarze wollene Strümpfe zu tragen, ſo hätte ich leicht in den Irrthum gerathen können, Mrs. Dal⸗ rymple für einen Hochländer in der neuen Uniform zu halten; denn vom Gürtel herab hing ihr ein Nadelkiſſen, das vermöge ſeiner Größe leicht eine Kugeltaſche hätte vorſtellen können, und ſtatt des Dolches trug ſie eine Art von Papierſcheere. Nach verſchiedenen, fruchtloſen Ver⸗ ſuchen ihrerſeits, mit ihren Kleidern, für die ich wirklich keine entſprechende Bezeichnung weiß, etwas mehr von ihren Beinen zu bedecken, als bei ihrer Kürze möglich war, und nach einigen Grimaſſen freundlichen Lächelns, ſowie mehrfachen Bemühungen zu erröthen über ihr Negligé u. ſ. w., endlich nach unterthänigſten Entſchul⸗ digungen meinerſeits wegen des ungewöhnlich frühen Be⸗ ſuches begann ich meine Unterhandlungen zu eröffnen und mein Banner für den Kampf wehen zu laſſen. 13 „Das alte Racehorſe iſt endlich angekommen,“ hob ich mit einem halben Seufzer an,„und ich glaube, daß man uns nicht viel Zeit zum Abſchied laſſen wird; deß⸗ halb habe ich auf Ihre große Gute hinein geſündigt und dieſen frühen Beſuch gewagt.“ „Das Racehorſe kann jedenfalls morgen noch nicht abſegeln,“ erwiederte Mrs. Dalrymple, die in Folge lang⸗ jähriger Erfahrung eine ſehr competente Richterin in der⸗ gleichen Dingen war;„die Vorräthe—“ „Sind bereits an Bord,“ fiel ich ein,„und wir haben gemeſſenen Befehl, uns binnen vier und zwanzig Stunden einzuſchiffen, ſo daß uns in der That kaum Zeit bleibt, uns umzuſehen.“ „Haben Sie den Major geſprochen?“ fragte Mrs. Dalrymple ſehr angelegentlich. „Heute noch nicht,“ antwortete ich gleichgültig; aber vermuthlich werden wir uns im Laufe des Vormit⸗ tags noch ſprechen; ich habe ihm für ſeine viele Güte meinen herzlichſten Dank abzuſtatten.“ „Ich weiß, er ſucht Sie mir Schmerzen,“ ſagte Mrs. Darymple mit einer ſehr eigenthümlichen Betonung, damit ich nothwendig nach den Gründen ſeines ſchmerz⸗ lichen Suchens fragen ſollte. Ich verbiß indeß helden⸗ mäßig meine Neugierde, und bemerkte bloß, daß ich ihn auf dem Rückweg nach der Kaſerne aufſuchen wolle, dann aber ſah ich haſtig auf meine Uhr, gab eine volle Stunde ſpäter an, als es wirklich war, verſprach noch den Abend — meinen letzten Abend bei ihnen zuzubringen, und eilte in großer Haſt aus dem Bereich von Mrs. Dalrymple's Feuer, das ich jeden Augenblick gegen mich eröffnet zu ſehen fürchten mußte. 14 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Das Abendeſſen. Power und ich ſpeisten allein im Hotel zu Mittag und ſchwatzten dann hernach über meine Dalrymple'ſchen Abenteuer bis gegen neun Uhr. „„Charley,“ ſagte er endlich,„ich ſehe Ihr Auge ſchweift ſehr häufig nach dem Uhrzeiger: noch ein Glas, dann will ich Sie fortlaſſen. Was ſoll es ſeyn? „Was Sie am liebſten wollen,“ antwortete ich, denn drei Flaſchen ſtarken Clarets hatten bereits einen gewal⸗ tigen Eindruck auf mich gemacht. „Nun denn, Champagner zum Abſchied. In kriti⸗ ſchen Augenblicken geht nichts über mouſſirenden Wein. Jedes Bläschen, das funkelnd zur Oberfläche emporſteigt, bringt irgend einen glänzenden Gedanken mit, oder lockt eine leuchtende Idee hervor, die in proſaiſcherem Ge⸗ tränke erſtickt wäre. Dies auf das Wohl des Mädchens, das Sie lieben, wer ſie immer auch ſeyn mag!“ „Auf ihre ſtrahlenden Augen!“ rief ich und ſtürzte einen ſchäumenden Becher, der beinahe die halbe Flaſche enthielt, hinab, während mein Freund Power ſich in eine unbeſtimmte Anzahl von Gentlemen verwandelte, die in einer Art Glasmagazin voll von Flaſchen ſtanden. „Ich hoffe, Sie fühlen ſich ſtark genug für Ihr Ge⸗ ſchäft,“ ſagte mein Freund, indem er mich mit der Kerze genau beleuchtete. „O, ich bin feuerfeſt,“ murmelte ich, während eines meiner Augen ſich unwillkürlich ſchloß. „Sie wollen ſich alſo nicht drankriegen laſſen?⸗ „ Verlaſſen Sie ſich auf mich, alter Knabe,“ antwor⸗ tete ich und gab mir Mühe pfiffig auszuſehen. „Ich hoffe es wenigſtens, und nun vorwärts marſch! Ich will hier auf Sie warten und dann wollen wir zu⸗ ſammen an Bord gehen, denn der alte Bloater, der 15 Bootsmann, ſagt, man werde gleich mit Tagesanbruch die Anker lichten.“ „Bis dahin alſo Adieu!“ ſagte ich, indem ich die Thüre öffnete und ſehr vorſichtig die Treppe hinabſtieg, dabei aber gleichwohl den feſtſtehenden Mann zu ſpielen ſuchte, und ſo gut es meine lahme Zunge zulaſſen wollte, ein Dragonerlied ſummte. Schon im Hauſe war ich meiner Sinne nicht mehr ganz Meiſter geweſen, und die offene Luft, in die ich jetzt heraustrat, trug nur wenig zu meiner Wiederher⸗ ſtellung bei, denn kaum war ich auf der Straße, ſo wirbelten mir die tollſten, verwirrteſten Ideen durch den Kopf. Zeit und Raum find für einen Menſchen in ſol⸗ chem Geiſteszuſtande nichts, und ſo glaubte ich denn, es ſey keine Minute verſchwunden, bis ich in Dalrymple's Geſellſchaftszimmer ſtand. Wenn einige wenige Stunden mich ſo gänzlich me⸗ tamorphiſirt hatten, ſo war dies ebenfalls bei meinen ſchönen Freundinnen der Fall geweſen; ein größerer Abſtich läßt ſich nicht denken, als der, wer ſie heute früh und wer ſie jetzt waren. Matilda ganz in Schwarz, ihre Haare in ſchweren Madonnenflechten auf die ungewöhn⸗ lich blaſſen Wangen herabfallend, ſchien anziehender als je; Fanny dagegen in einem leichten, blauen Gewande, mit blauen Blumen in den Haaren und einem blauen Gürtel um den Leib, ſah aus wie die liebenswürdigſte Kokette, die je einem Mann den Kopf verrückt hat. Auch der alte Major war aufgeputzt und hatte einen alten Uniformsrock angezogen, den er ſchon bei der Belagerung von Gibraltar getragen; Mrs. Dalrymple endlich erſchien in einem höchſt impoſanten Koſtüm, das ihr in meinen nicht allzuſcharfblickenden Augen ſehr große Aehnlichkeit mit einem ältlichen Biſchof in flammenfarbigem Leibrocke gab. Sparks war der einzige Fremde, und auf ſeinem Geſichte ſtand, als ich eintrat, deutlich genug für meine feuas ſtumpfen Sinne eine gewaltige Verlegenheit zu eſen. 16 Sprecht mir von Freundſchaft, meine Lieben, erzählt mir von den feurigen Umarmungen des liebſten Jugend⸗ freundes nach Jahre langer Trennung; von dem herz⸗ lichen, kräftigen Handſchütteln eines alten Schulkamera⸗ den, wenn ihr nach unendlicher Zeit mit ihm zufällig zuſammentrefft und ihr inzwiſchen Zeit und Gelegenheit hattet, groß und berühmt zu werden, ſo daß eine Be⸗ kanntſchaft mit euch leicht allerlei Vortheile bringen kann; von dem feſtem Händedruck, womit ihr euern Sekundanten empfanget, wenn er kommt, um zu melden, daß der Gegner mit der geladenen Mordwaffe nicht feuern will, weil er ſein Unrecht einſieht; jede dieſer Gelegenheiten oder auch alle zuſammen, ſo effektvoll und eindringlich ſte immer ſeyn mögen, ſind ein Kinderſpiel im Vergleich zu dem zweihändigen Druck, den ihr von dem Gentleman empfanget, welcher meint, Ihr werdet eine ſeiner Töchter heirathen. „Mein lieber O'Malley, wie gehts? Glaubte ſchon, Sie würden nimmer kommen,“ ſagte er, mich feſthaltend und mir voll ins Geſicht blickend, um zu berechnen, wie weit er wohl in ſeinen Liebkoſungen gehen dürfe. „Gewiß haben Sie ſich halb zu Tode gehetzt mit Ihren Vorbereitungen,“ verſetzte Mrs. Dalrymple hold⸗ ſelig lächelnd;„bring ihm doch eine Taſſe Thee, Fanny.“ „Aber, liebe Mama, er liebt ſolche Süßigkeiten nicht,“ antwortete Fanny mit einem überzärtlichen Blick auf mich, welcher ſagen ſollte, ſie kenne jedenfalls meinen Geſchmack. „Ich glaubte ſchon, Sie würden abreiſen, ohne uns Lebewohl zu ſagen,“ flüſterte Matilda mit einem Blick freundſchaftlichen Vorwurfs. Beredtſamkeit war in dieſem Augenblick nicht meine ſtärkſte Seite; ich begnügte mich daher, Fanny einen höchſt verſtändlichen Blick zuzuwerfen, Matilda aber zärtlich die Hand zu drücken, und ſo ſetzte ich mich an den Tiſch. Kaum hatte ich Platz genommen, Matilda zur Seite 17 und Fanny gegenüber, jede die andere an zartfinniger Aufmerkſamkeit und Güte überbietend, als ich alle Mah⸗ nungen und Lehren meines guten Power gänzlich vergaß. Es iſt wahr, ich erinnerte mich dunkel an irgend eine Klemme, aus der ich mich herauswickeln müſſe, und wobei eine mehr als gewöhnliche Gewandtheit erforderlich ſey, aber was es war und mit wem, konnte ich mir für mein Leben nicht klar machen. Was der Wein begonnen hatte, vollendeten die ſtrahlenden Augen, und inmitten der Zauberkraft ſeidenweicher Locken und ſüßer Blicke verlor ich alle meine Ueberlegung, bis der Gedanke an eine obſchwebende Schwierigkeit ſich wieder feſtſetzte, und ich mein armes, ſchwaches, ſchwindelndes Gehirn abmat⸗ tete, um zu einem klaren Begriff davon zu gelangen. Endlich und rein zufällig trafen meine Augen auf Sparks und, wie ich das angriff, weiß ich ſelbſt nicht, aber ſo⸗ gleich wälzte ich die ganze Laſt meines Mißvergnügens auf ihn und ſchrieb alle Verlegenheiten, die mich quãl⸗ ten, lediglich ſeiner Schuld zu. Ohne mich auf die philoſophiſchen Gründe einlaſſen zu wollen, erbiete ich mich doch zu dem Beweiſe, daß es gewiſſe Leute, gewiſſe Geſichter, gewiſſe Stimmen, gewiſſe Backenbärte, Beine, Weſten und Uhrketten gibt, die auf einen vom Weine erhitzten und der Fehlbarkeit ſeines Urtheils in dieſem Augenblick ſich nicht ſonderlich bewußten Menſchen den ſeltſamſten Eindruck hervorbringen. Dieſer Eindruck ſtellt ſich nicht blos bei ſolchen ein, die in trunkenem Zuſtande Händel ſuchen, denn ich rufe das ganze 14te zu Zeugen auf, daß ich dieſen Fehler nicht habe, ſondern auch bei den ſonſt friedfertigſten Menſchen, und die Harmloſigkeit des Gegenſtandes der Aufregung gewährt demſelben nicht die mindeſte Sicher⸗ heit, denn ich habe einen alten ſchottiſchen Major gekannt, der einmal eine ſchöne Standuhr die Treppe hinabwarf, weil er glaubte, ſie lache ihn aus. Nur dieſer einzigen Quelle, worin ſie nun ihren eigentlichen Grund haben Lever, O'Malley. II. 2 18 mag, kann ich die ſteigende Erbitterung zuſchreiben, womit ich den unglückſeligen Cornet betrachtete, der unbe⸗ merkt und unbeachtet am Feuer ſaß und jedenfalls ein höchſt unwürdiger Zielpunkt meiner üblen Laune war. „Mr. Sparks,“ ſagte ich, indem ich mich anſtrengte, die ſouveränſte Verachtung in meinen Blick zu legen, „Mr. Sparks betrachtet, fürchte ich, meinen Beſuch als Zudringlichkeit.“ Hätte man dem armen Mr. Svarks befohlen, auf der Stelle den Kamin hinauf zu klettern, er hätte nicht ärger erſchrecken können. Zu antworten war ihm rein unmöglich. Mein Angriff war ſo plötzlich und uner⸗ warter gekommen, daß er blos mit nichts ſagendem Blicke eine Perſon in der Geſellſchaft um die andere an⸗ ſtarren konnte, während ich immer wärmer wurde und vielleicht— doch das will ich nicht beſchwören— ange⸗ ſtachelt durch einen ſanſten Druck von einer weichen Hand neben mir, fortfuhr:„wenn er etwa meint, meine Ver⸗ bindungen mit dieſer Familie ſeyen der Art, daß er ein Recht habe, darüber Erklärungen zu fordern, ſo ſage er's nur.—“ „Beſter O'Malley, mein lieber Junge,“ beſchwich⸗ tigte der Major mit ſchwiegerväterlichem Blicke. „Der Geiſt eines Offiziers und eines Gentlemans ſpricht aus ihm,“ ſagte Mrs. Dalrymple, jetzt alle Vor⸗ ſicht vergeſſend, über der Hoffnung, mein Angriff werde den ſchläfrigen Freund zu einer Gegenerklärung veran⸗ laſſen; aber dem guten Sparks ſiel dies nicht von ferne ein, ſondern er begann vielmehr zu glauben, er habe unbewußt mit fünf Wahnſinnigen Thee getrunken. „Wenn er meint,“ fuhr ich, von meinem Stuhl aufſiehend, fort,„wenn er meint, ſein Schweigen ſolle bei mir als Beſchönigung gelten.—“ „O Gott, o Gott! Das wird ein Duell geben; ach, beſter Papa, ſprechen Sie doch mit Mr. O'Malley.“ „Nun, nun, O'Malley, ſetzen Sie ſich nur; ſehen Sie nicht, daß Sie vollſtändig im Irrthum ſind?“ 19 „Ei, er ſoll es nur ſagen,“ verſehte ich trotzig. „Ach ja, freilich,“ ſagte Fanny,„ſagen Sie doch Etwas, was ihm angenehm iſt, Mr. Sparks.“ „So leid es mir thut, in meinem Hauſe Jemand zu nahe treten zu müſſen,“ bemerkte Mrs. Dalrymple, „ſo muß ich doch bekennen, daß Mr. Sparks durchaus Unrecht hat.“ Der arme Sparks ſah aus, als träumte er. „Wenn er nun Charles— Mr. O'Malley, wollte ich ſagen,“ lispelte Matilda, feuerroth werdend,„die Erklärung gäbe, daß er Nichts mit dem habe ſagen wollen, was er geſagt hat.“— „Aber ich habe ja Nichts geſagt— habe ja den Mund gar nicht aufgethan,“ ſchrie der unglückſelige Cornet endlich, nachdem er Faſſung genug errungen, um ſich vertheidigen zu können. „Oho, Mr. Sparks!“ „Oho, Mr. Sparks! oho Mr. Sparks,“ riefen die drei Ladies im Chor. Der alte Major machte das Finale mit einem„Oho Mr. Sparks, ich muß bekennen.—“ „ Dann bei allen Heiligen im Kalender, dann muß ich wahnſinnig ſein,“ rief der arme Sparks;„aber wenn ich Etwas geſagt habe, was Sie beleidigen konnte, O'Malley, ſo thut es mir herzlich leid.“ „Nun, ich bin zufrieden, Sir, obſchon dieſe Ehren⸗ erklärung Etwas ſpät kommt, ſagte ich mit einem Blick kö⸗ niglicher Herablaſſung und nahm meinen Sitz wieder ein. Man ſollte meinen, dieſes kleine Intermezzo habe vielleicht die Harmonie unſerer Geſellſchaft geſtoͤrt, aber das war ganz und gar nicht der Fall. Ich hatte mich als Held herausgebiſſen und war jetzt in der größten Glühhitze, ſo daß ich in jede beliebige Form geſchmiedet werden konnte. Sparks war dermaßen gedemüthigt, daß es ihm wahrſcheinlich eine Erleichterung war, mit einem Antrag hervorzutreten, und ſo waren wir nur auf entgegen⸗ 2* 20 geſetzten Wegen auf einem Punkte angelangt, zu welchem uns die Familie mit ihrer ganzen Gewandtheit und Ge⸗ ſchicklichkeit bis jetzt nicht hatte bringen können. Die Unterhaltung kam auf's Neue in Fluß und in einigen Minuten war jede Spur von Zwietracht verſchwunden. Ich fuͤhlte mich allmählig immer geneigter, meine Huldigungen der ſchmachtenden Matilda zuzuwenden, und indem ich meine Stimme zu einem Flüſtern dämpfte, eröffnete ich eine Liebeswerbung der allerentſchiedenſten Art, Fanny hatte inzwiſchen neben Sparks Platz genom⸗ men, und aus den leiſen Tönen ihres Geſprächs konnte ich entnehmen, daß ſtie ähnlich beſchäftigt waren. Der Major nahm den„Boten aus dem Süden“ in die Hand und ſchien ſich ganz in Betrachtung deſſelben zu vertiefen, während Mrs. Dalrymple ſelbſt ihr holdes Haupt in einer Stickerei begrub, ſo daß ſie nichts mehr hörte und ſah. Leider weiß ich nur ſehr wenig mehr von dem, was zwiſchen mir und meiner ſchönen Nachbarin abgehandelt wurde, blos ſo viel kann ich ſagen, daß, als um zwölf Uhr,(eine Stunde ſpäter als gewöhnlich) das Abendeſſen angekündigt wurde, ich auf dem Sopha ſaß, meinen Arm um ihren Leib geſchlungen, meine Wange ſo nahe an der ihrigen, daß bereits ihre lieblichen Locken meine Stirne beruͤhrten und ihr Athem mein glühendes Ge⸗ ſicht fächelte. „Endlich das Abendeſſen,“ rief der Major, um uns aus unſerem Wonnerauſch zu erwecken und ohne unbe⸗ obachtet bleiben zu wollen.„Das Eſſen, Sparks, kommen Sie jetzt, O'Malley; es wird eine gute Weile anſtehen, bis wir uns wieder ſo traulich beiſammen treffen.“ fio vielleicht nicht ſo gar lange,“ bemerkte ich pfiffig. „Höchſt wahrſcheinlich nicht,“ echoete Sparks in der⸗ ſelben Tonleiter. 3 „Ich habe Fanny einen Antrag gemacht,“ flüſterte er mir in's Ohr. 21 „Matilda iſt mein,“ entgegnete ich mit dem Blick eines Kaiſers. „Auf ein Wort, Herr Major,“ ſagte Sparks, indem ſeine Augen von Begeiſterung funkelten, und ſeine Wangen purpurn erglühten;„auf ein Wort, ich will Sie nicht lange aufhalten.“ Sie zogen ſich in eine Ecke zurück auf einige Se⸗ kunden, während deren Mrs. Dalrymple ſich ſtellte, als könne ſie nicht begreifen, was das wohl für ein Geheim⸗ niß ſeyn könne und warum Mr. Sparks gar nicht mit ihr ſpreche; Fanny aber gab ſich den Anſchein, als ſuche ſie etwas auf dem Nebentiſchchen, wandte jedoch den Kopf nicht von der andern Seite ab. „Nun, ſo geben Sie mir Ihre Hand,“ ſagte der Major, und ſchüttelte des Cornets Rechte mit einer Wärme, an deren Aufrichtigkeit nicht zu zweifeln war. „Meine liebe Beß,“ begann er dann zu ſeinem Weibe: das Uebrige ging in einem Gefluſter verloren, aber was es auch ſeyn mochte, es fiel jedenfalls zu Gunſten des Seladons aus, denn im nächſten Augenblick begann das Händeſchütteln von Neuem, und Sparks ſah aus wie der Glücklichſte aller Sterblichen. „Nun kommt die Reihe an mich,“ dachte ich, nahm den Major am Arm und führte ihn nach einem Fenſter. Was ich geſagt habe, mag einſt ein Kapitel in Major Dalrymples Memoiren bilden, wenn er je dergleichen ſchreibt; ich meinestheils habe nicht die entfernteſte Idee davon. Nur ſo viel weiß ich, daß er, während ich noch ſprach, Mrs. Dalrymple herbeirief, die in wahnſinnigem Entzücken mich in ihre Arme ſchloß und an ſich drückte, worauf ich ſie küßte, dem Major die Hände ſchüttelte, Matildas zartes Händchen küßte und dann unmäßig zu lachen anfing, als hätte ich etwas ungemein Drolliges gethan; ein Gefühl, das offenbar auch bei Sparks vor⸗ herrſchte, denn er lachte ebenfalls und die andern deß⸗ gleichen; eine vergnügtere, glücklichere Geſellſchaft hat ſich nicht leicht zu einem Abendeſſen niedergeſetzt. 22 „Mach Deine Geſellſchaft nur Dir ſelbſt zufrieden,“ ſagt Mr. Walker in ſeinem Originalwerk über die Kunſt, Gaſtmähler anzuordnen,„dann geht Alles vortrefflich.“ Ohne dieſe Autorität geleſen zu haben, vermuthlich, weil ſie noch nicht gedruckt exiſtirte, verſtand ſich Major Dalrymple auf den genannten Grundſatz ſo vortrefflich, wie nur irgend ein Magiſtrat, und wußte ihn in der Praxis meiſterhaft auszubeuten. Er beſaß freilich auch ein Haupterfor derniß für den guten Erfolg; er ſchien ſelbſt vollkommen glücklich zu ſeyn. Er hatte jene heitere, ſorgenfreie Miene, die bei einem alten Manne für jüngere Leute ſo anſprechend iſt. Auch die Ladies waren unendlich vergnügt und auf dem gewöhnlich etwas herben Geſicht der ſtrengen Mama ſchwebte ein Lächeln, worin ein Freund vom Hauſe leicht unſer Schickſal hätte leſen können. Wir aßen, wir tranken, wir liebäugelten, lächelten, drückten einander die Hände unter dem Tiſch, und gewiß eine vergnügtere Geſellſchaft war ſelten um des Majors Mahagonitafel verſammelt. Ich meinestheils bekannte mich offen zur allerglühendſten Liebe und ſtützte mein Bekenntniß auf den Entſchluß, meine ſchoöͤne Nachbarin zu heirathen und ſie zur Beſitzerin einer ungleich größern Strecke meines Geburtslandes zu machen, als ich bis jetzt ſelbſt zu Pferde durchzogen hatte. Sparks dagegen hatte ſein Feuer vorſichtiger eröffnet, aber ſey es nun, daß meine Kühnheit auch ihm Muth einflößte, oder daß er mit Neid bemerkte, daß ich viel höher geachtet wurde, als er, kurz, er hielt jetzt bald gleichen Schritt mit mir und rückte in Betreff Fanny's mit der Erklärung heraus, die ihre Angehörigen augenſcheinlich befriedigten. Mittlerweile machte auch der Wein ſehr fleißig die Runde, und Dinge, die man vor einer halben Stunde blos ſchüchtern angedeutet hatte, wurden jetzt ohne Scheu offen beſprochen. Sparks und ich tranken einander über den Tiſch zu und erzählten uns mit unſeren Blicken un⸗ ausſprechliche Dinge; die Mädchen hatten ihre ſchoͤnen 23³ Köpfe geſenkt, Mrs. Dalrymple wiſchte ſich die Augen und der Major nannte ſich den glücklichſten Vater in Europa. Es wurde jetzt ſpät oder eigentlich früh. Einige graue Streifen zweifelhaften Tageslichtes drangen ſchwach durch die halbgeſchloſſenen Gardinen herein, und der ſchreckliche Gedanke an den Abſchied fuhr uns jetzt zum erſten Male durch die Seele. In dieſem Augenblick er⸗ tönte nun auch der Schall einer Reitertrompete, der uns aus unſerem Wonnerauſch aufrüttelte und daran erin⸗ nerte, daß unſere Minuten gezählt waren. Todtenſtille verbreitete ſich im Zimmer, das feierliche Gefühl, das ein Abſchied immer einflößt, herrſchte vor und Niemand ſprach ein Wort. Der Major brach das Schweigen zuerſt: „O'Malley, mein Freund; und Sie, Sparks, ich habe Euch nur ein einziges Wort zu ſagen, meine lieben Jungen.“ „Nun, ſo ſagens Sie's hier,“ verſetzte ich, den Major am Arm haltend, als er das Zimmer verlaſſen wollte;„hier und ſogleich; wir ſind Alle dabei ſo innig betheiligt und kein Platz iſt geeigneter dazu.“ „Gut denn,“ ſprach der Major,„wie Sie wollen; jetzt, da ich Sie beide als Schwiegerſöhne betrachteu darf— wenigſtens haben Sie den Antrag gemacht— ſo möchte ich nur der Form wegen—“ „Weiß ſchon, verſtehe vollkommen,“ rief ich, wie ich denn überhaupt eine wahre Wuth hatte, in der ganzen Sache immer das erſte Wort zu ſprechen;„Sie wuͤn⸗ ſchen ohne Zweifel, daß wir, bevor wir uns trennen, unſere Abſichten noch vor einigen, gegenſeitigen Freunden ausſprechen ſollen; nicht wahr, Sparks, he, lieber Major?“ „Ganz richtig, vollkommen richtig, mein wackerer Junge.“ 8 „Nun gut, ich habe das Alles zum Voraus be⸗ dacht, und wenn Sie nur Ihren Bedienten zu unſerem 24 Kapitän hinüberſchicken wollen, ſo haben wir ſogleich! die geeignetſte Perſon bei der Hand.“ „Et, wie klug und beſonnen,“ meinte Mrs. Dal⸗ rymple.“ „Ja, er hat vollkommen recht, ſagte der Major. „ In ſeiner Gegenwart,“ fuhr ich fort;„wollen wir dann unſere gegenwärtige und unwandelbare Abſicht in Betreff Ihrer ſchönen Toͤchter ausſprechen, und da die Zeit kurz iſt—“ Hier wandte ich mich zu Matilda, die ihren Arm in den meinigen legte; Sparks nahm Fannys Hand, der Major aber und ſeine Frau berathſchlagten ſich einige Sekunden. „Nun gut, O'Malley, wir ſind es vollkommen zu⸗ frieden; alſo der Kapitän ſoll herbeigerufen werden. Nach wem muß Matthew fragen? „O, es iſt ein alter Freund von Ihnen,“ ſagte ich ſerenn„Sie werden ſich freuen, wenn Sie ihn ehen.“ „Wirklich!“ riefen alle zuſammen. „Ja gewiß, es gibt eine angenehme Ueberraſchung.“ „Wer mag es ſeyn? wer iſt's doch in aller Welt?“ „O, Sie können's nicht errathen,“ verſetzte ich mit einem ſchlauen Blick;„er kannte Sie in Corfu gut; ein ſehr intimer Freund, wenn er mich nicht belogen hat.“ Ein Anflug von Verlegenheit verbreitete ſich im ganzen Kreiſe, während ich, um dem Geheimniß ein Ende zu machen, hinzuſetzte: „Nun, wer könnte denn auch in einem ſolchen Au⸗ enblick allen Parteien angenehmer ſeyn, als unſer ge⸗ meinſchaftlicher Freund, Kapitän Power?“ Wäͤre eine Bombe in die kalte Birkhuhnpaſtete vor uns niedergefallen und hätte nach allen Seiten Tod und Vernichtung verbreitet, die Wirkung hätte kaum ſchreck⸗ licher ſeyn können, als die meiner letzten Worte. Mrs. Dalrymple ſtürzte mit lautem Gekreiſche zuſammen und lag regungslos wie ein Leichnam da. Fanny warf ſich 25 ſchreiend auf einen Sopha, Matilda bekam auf dem Kaminteppich heſtige hyſteriſche Zufälle, und der Major, nachdem er mir einen Blick zugeworfen, um welchen ein Tollhäusler mit der Zwangsjacke ihn hätte beneiden können, ſtürzte aus dem Zimmer, um ſeine Piſtolen zu holen, mit dem furchtbarſten Eid, Jemand todtzuſchie⸗ ßen, ob nun Sparks, oder mich, oder uns alle beide, kann ich nicht ſagen. Fannys Geſchluchze und Matil⸗ das Gekreiſche, accompagnirt durch das bedeutende Ge⸗ hämmer von Mrs. Dalrymples Abſätzen auf dem Boden, bildete ein wahrhaft hölliſches Concert, ſo daß jetzt an eine ruhige Ueberlegung nicht mehr zu denken war. Mich ſelbſt hatte die plötzliche Kataſtrophe, die ich ſo unſchul⸗ dig veranlaßt, dermaßen überwältigt, daß ich wahr⸗ ſcheinlich in gebührender Geduld des Majors Rückkunft abgewartet haben würde, hätte mich nicht Sparks beim Arm ergriffen und mir zugeſchrieen: Laufen Sie, O'Mal⸗ ley, laufen Sie, ſo ſchnell Sie können, ſonſt ſind wir verloren.“ „Laufen?— Warum?— wohin?“ ſagte ich ganz betäubt durch die Scene vor mir. „Da iſt er,“ rief Sparks, indem er das Fenſter aufriß, auf den ſteinernen Sims ſprang und von da in die Straße hinabhüpfte. Ich folgte mechaniſch und hüpfte hintendrein, als der Major eben das Fenſter er⸗ reicht harte; eine Kugel pfiff an mir vorbei, und hätte bald meinen weitern Bewegungen ein Ende geſetzt: nun aber verdopppelte ich meine Eile, flog die Straße hinab, bog um die Ecke und kam athem⸗ und hutlos im Hotel an. Einen Augenblick ſpäter keuchte auch Sparks heran, bleich wie der Tod und zitternd wie ein Espenlaub. „Gott ſey Dank,“ rief er, ſich in einen Stuhl wer⸗ fend und nach Luft ſchnappend.. „Ja, mit genauer Noth,“ antwortete ich, ohne recht zu wiſſen wie oder was. „Ihr habt einen braven Rennlauf gemacht,“ be⸗ merkte Power kalt, und ohne die mindeſte Neugierde zu —₰ —— 26 verrathen;„aber jetzt laß uns ſogleich an Bord gehen, denn da kömmt die Trompete ſchon wieder. Der Schiſſs⸗ kapitän iſt ein griesgrämiger, alter Kerl, und wir dürfen ihn die Fluth nicht verſäumen laſſen.“ So ſprechend, nahm er Mantel, Rock u. ſ. w. und bereitete ſich zur Abreiſe. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Reiſe. Als ich von dem langen, geſunden Schlaf, der auf mein letztes Abentener folgte, endlich erwachte, hatte ich einige Mühe, mich zu beſinnen, wo ich ſey, und wie ich hieher gekommen. Von meiner ſchmalen Hänge⸗ matte aus überblickte ich die jetzt leere Kajüte, und nur langſam ſchlich ſich ein in Nebel gehülltes, verworrenes Bewußtſeyn meiner dermaligen Lage bei mir ein. Ich öffnete das kleine Fenſter neben mir und ſah hinaus. Die kühnen Spitzen der ſüdlichen Küſte ſchauten in fin⸗ ſtern, dunkeln Maſſen ſchon einige Meilen entfernt zu mir herüber, und ich bemerkte, daß wir raſch durch das Waſſer fuhren, das angenehm, ruhig und ſtill war. Jetzt ſah ich auf meine Uhr; es war acht vorüber, und da es, nach dem Ausſehen des Himmels zu ſchließen, Abend ſeyn mußte, ſo konnte ich berechnen, daß ich un⸗ gefähr zwölf Stunden geſchlafen hatte. In der Eile der Abfahrt war die Kajüte nicht in Ordnung gebracht worden und alle möglichen Arten von Gerümpel und Gepäck lagen in der größtmöglichen Un⸗ ordnung herum. Koffer, Flintenfutterale, Eierkörbe, Regenſchirme, Munitionskiſten, Mäntel, Mützen, Karten und Degenkuppeln waren überall umher zerſtreut, wäh⸗ renv die Ueberbleibſel eines Mittageſſens mit eben nicht allzureinlichem Tafelgeſchirr dem Ganzen noch ein ver⸗ wirrteres Ausſehen gaben. Schwere Fußtritte über mei⸗ 27 nem Kopfe zeigten mir an, daß Jemand im Crerecir⸗ ſchritte oben ſpazieren ging, und die rauhe Stimme des Hochbootsmannes, der ſein: Vorwärts, tummelt Euch! ſchrie, überzeugte mich, daß wir endlich unter Segel waren und dem Kriegsſchauplatze zufuhren. Die Verwirrung, die unſer letzter Abend auf dem Lande in meinem Gehirn hervorgebracht hatte, war ſo durchgreifend, daß alle meine Anſtrengungen, mich auf Etwas zu beſinnen, meine Unklarheit nur noch vermehrten und ich ſchlechterdings keine Möglichkeit ſah, mich aus dieſem verknoteten Knäuel herauszuwickeln. Manchmal kam es mir vor, als hätte ich Matilda Dalrymple wirklich geheirathet; dann glaubte ich, der Vater habe mich gefordert und im Duell verwundet; endlich hatte ich eine verworrene Idee von einem Streit mit Sparks, aber wann, wie und wo, das wußte ich nicht. Ich muß doch ſchrecklich betrunken geweſen ſeyn, das war der ein⸗ zige Schluß, den ich aus all meinen widerſtreitenden Be⸗ trachtungen ziehen konnte, das Einzige, was mir Aehn⸗ lichkeit mit einer Thatſache zu haben ſchien. Wie ich an Bord und in meine Hängmatte gekommen, das dachte ich ſpäter gelegentlich ſchon zu erfahren; vorderhand aber beſchloß ich, über meine Geſchichte der letzten Nacht auf dem Lande Niemand zu befragen, falls die andern Leute geneigt ſeyn ſollten, ſie mit Stillſchweigen zu übergehen. Vor Allem intereſſirte es mich zu erfahren, ob wohl Mickey mein Gepäck gehörig beſorgt habe, und ob er nicht vielleicht gar ſelbſt in der Haſt der Abreiſe ver⸗ geſſen worden ſey. Ueber dieſem letzten Punkt ſollte ich nicht lange im Zweifel bleiben, denn eine wohlbekannte Stimme vom Schiffsraume her verkündete mir bald meinen treuen Diener der nicht ohne wirkliches Gefühl von Heimath und Vaterland Abſchied nehmen konnte. Mr. Free ſaß in dieſem Augenblick zuſammenge⸗ kauert an einem engen niedern Fenſter gegen die rauhen Vorgebirge hinaus, die jetzt bei'm Anzug der Nacht ſich ſchnell mit düſterem Nebel bedeckten. Er war offen⸗ bar ſehr bedrückt und brummte vor ſich hin folgende Ballade, bei welcher am Schluß jedes Verſes ein iriſcher Chor einfallen mußte, woran die in ſolchen Dingen un⸗ terrichteten Leute die Meladie von Meddiredroo erkennen:— Mickey Free's Abſchiedslied. O lebe wohl, Smaragd⸗Erin, Mein Herz vor Schmerze bricht! Von Carrickfergus bis Cap Clear Gibt's Deinesgleichen nicht. Und zieh'n wir jetzt auch weit hinweg, Wo uns Barbaren freſſen, Wir wollen doch nie das heilige Land Voll Schnaps und Kartoffeln vergeſſen. Als Patrick ſich zur Ruhe geſetzt Und alle Fröſche verbannt, Da dacht' er nicht, daß wir dereinſt So ſchmählich ließen das Land; Es ließen, um zu folgen jetzt Des Königs Georg Trommel, Wo man ſtatt Bergthau Eſſig kriegt Und Fröſche ſtatt fetter Hommel! „Heda, Mickey,“ rief ich ihm zu, als er endlich zu meiner Thür hereinſchaute,„ſag mir einmal wo wir ſind?“ „Schon über die alte Landſpitze von Kinſale hi⸗ naus, Sir.“ „Wo iſt Kapitän Power?“ „Auf dem Verdeck oben; er raucht mit dem Schiffs⸗ kapitän eine Cigarre.“ „Und Mr. Sparks.“ „Der liegt ſchmählich krank in ſeiner Kajüte. Hatte geſtern auch zu viel geladen; o, es würde Ihnen das Herz brechen, wenn Sie ihn ſähen.“ „Wer iſt noch weiter an Bord?“ „Der Adiutant iſt hier, Sir, und ein alter Herr, den ſie Major nennen.“ 29 „Doch nicht Major Dalrymple? rief ich erſchrocken; „ſprich, Mickey“. 1 „Nein, Sir, ein anderer Major; er heißt Mulroon oder Muldoon oder ſo Etwas.“ „Monſoon, Du kartoffelſchädeliger Schurke,“ rief eine grimmige, brummende Stimme aus dem Bette ge⸗ genüber,„Monſoon, wer liegt da drüben?“ ehg„Mr. O'Malley vom 14ten“ fagte ich, um mich vorzuſtellen.* „Ach, Ihr gehorſamſter Diener,“ verſetzte die Stimme, „Sie werden wohl zu Ihrem Regiment wollen?“ „Ja, und Sie— Sie haben vermuthlich dieſelbe Beſtimmung?“ „Nein, Gott ſey's getrommelt und gepfiffen, ich bin beim Commiſſariat und gehe blos noch Liſſabon. Haben Sie ſchon geſpeist?“. „Nicht einen Biſſen, und Sie?“ „Auch nicht; ich muß immer drei oder vier Tag ſo er⸗ bärmlich darniederliegen, bis ich an das verdammte Schaukeln und Stoßen gewöhnt bin; doch mit ein Bischen Grog und etwas Schlaf komme ich in der Regel leidlich durch. Kellner, noch ein Glas wie das letzte: ſo, ſehr gut— das wird helfen. Ihre Geſundheit, Mr.— wie ſagten Sie doch?“ „O'Malley.“ „O'Malley, nun Ihr Wohlſeyn— und jetzt gute Nacht!“ Damit endete unſer kurzes Zwiegeſpräch, und nach wenigen Minuten verkündete mir ein ſehr vernehm⸗ liches Schnarchen, daß bei meinem Freund ſein Recept, um die Zeit todtzuſchlagen, wohl anſchlug.“ Ich bemühte mich jetzt aus meinem Neſt hervorzu⸗ kriechen und gelangte wirklich endlich auf den Fußboden. Nach einem Chaſſez gegen einen kleinen Spiegel hin, ge⸗ folgt von einem ſehr heftigen Sturmſchritt nach einem eiſernen Oefelchen, wobei ich jedoch von einem Koffer unterbrochen und zu Boden geworfen wurde, bekam ich endlich meine Kleider an den Leib und wankte nach dem 30 Verdeck hinauf. So wenig ich in dieſem Augenblick zu Bewunderung von Naturſchönheiten geſtimmt war, ſo fühlte ich mich dennoch vom Zauber der Ausſicht, die ſich jetzt eröffnete, hingeriſſen. Es war ein ſchöner Sommerabend, die Sonne war bereits ſeit einer Stunde untergegangen und hatte im Waſſer einen ungeheuern Bogen von reichem, glänzendem Golde zurückgelaſſen, der ſich am ganzen Horizont hinſtreckte und durchbrochen von ſchäumenden Wogen alle Gipfel der hochrollenden See berührte, bis nach der fernen Küſte von Labrador hin. Wir ſegelten bereits im blauen Waſſer, obſchon die hohen Klippen, bei denen wir abgefahren waren, ſich nur wenige Meilen leewärts von uns befanden. Dort lag das hohe Felsgeſtade von Old Kinſale, deſſen über⸗ haͤngender Kamm von einer mehrere hundert Fuß hohen Erhebung in das tiefe Waſſer hinabſchaute, das ſeinen klippigen Fuß umſpülte. Da und dort tauchte plöͤtzlich eine Fiſcherhütte empor, um im Augenblick wieder zu verſchwinden. Der Wind, der ſich bei Sonnenuntergang zu legen anfing, wurde, als der Mond aufſtieg, wieder friſcher, und das gute Schiff rauſchte ſanft vor ſeiner Macht ſich beugend, mit einem gewiſſen freudigen Ge⸗ töne durch das Waſſer. Ich ſtand allein auf dem Ver⸗ deck; Power und der Kapitän, die ich zu finden gehofft hatte, waren verſchwunden, und im Ganzen bedauerte ich es nicht ſehr, ungeſtört meinen eigenen Betrachtungen überlaſſen zu bleiben. Meine Gedanken wandten ſich noch einmal heimat⸗ wärts— zu meinem erſten, meinem früheſten, beſten Freunde, deſſen Herd ich öde und einſam gemacht hatte, und das Herz wurde mir ſchwer, wenn ich hieran dachte. Wie hart warf ich mir das ſelbſtſüchtige Ungeſtüm vor, womit ich immer jede mir in den Sinn ſteigende Phan⸗ taſie, jeden neuen, plötzlichen Wunſch verfolgt hatte, ohne an den Mann zu denken, deſſen einzige Hoffnung ich war, deſſen Wünſche alle nur mir galten! Ach, ach, mein 31 armer Oheim! wie gerne wollte ich allen Ausſichten meines Soldatenlebens, allen ſeinen glänzenden Ver⸗ heißungen und ſchmeichelnden Hoffnungen entſagen, um wieder bei Dir ſeyn, Deinen warmen, mannhaften Hände⸗ druck fühlen, Dein Lächeln ſehen, Deine Stimme hören zu können, um wieder da ſeyn zu können, wo alle unſere beſten Gefühle entſtehen und gepflegt werden, wo man Beſchwichtigung für alle Sorgen findet, alle Freuden doppelt genießt, für jeden Kummer ein theilnehmendes Herz weiß— in der Heimat! Dieſes einzige Wort hat für meine Ohren mehr Muſik als die lieblichſten Ge⸗ ſänge, die je eine Sirene angeſchlagen. Es bringt uns zu Allem, was wir geliebt haben, zurück durch Bande, die man nur in einer ſolchen Stimmung fühlt; und in der Erinnerung aus unſerer früheſten Zeit kommen unſere Kindergefühle gleich beſſern Geiſtern zurück, um uns zu beſuchen, während wir inmitten der traurigen Einöde wandeln, die ſich in Jahren voll Kummer und Trübſal rings um uns her gebildet hat. Unausſprechlich elend muß der ſeyn, der niemals ſolche Wonne empfunden, dreimal glücklich aber derjenige, der ſie empfindet und weiß, daß für ihn immer noch die Heimat ſeiner Kindheit lebt und in ihr viele lieben, treuen Seelen, die ſehnſuchtsvoll ſeiner Rückkehr ent⸗ gegenſehen.. Solcher Art waren meine Gedanken, als ich da ſtand und auf die kühne Küſtenlinie hinſchaute, die jetzt allmählig immer undeutlicher wurde, ſo wie der Abend mehr vorrückte und wir weiter in die See hinauskamen. Ich war dermaßen in meine Betrachtungen verfunken, daß ich die Stimmen nicht hörte, die ſich jetzt plötzlich dicht neben mir erhoben und an meine Ohren ſchlugen. Ich wandte mich um und erblickte jetzt zum erſtenmal am Ende des Hinterverdecks das ſogenannte Rundhaus, eine kleine Kajüte, aus welcher gedachte Töne hervorkamen. Sachte ging ich vorwärts, guckte hinein und ein grelle⸗ 32 rer Gegenſatz zu meinen Träumereien von vorhin läßt ſich nicht denken, als was ich jetzt erblickte. Da ſaß der Schiffskapitän, ein unterſetzter, pausbackiger, jovialer kleiner Seemann und miſchte eine Bowle Punſch an einer Tafel, an welcher ſich mein Freund Power, der Adjutant und ein langer, hagerer Schotte befanden, wel⸗ chen letztern ich ſchon in Cork geſehen hatte, wo er mir als Doktor eines Infanterieregiments bezeichnet wurde. Zwei oder drei ſchwarze Flaſchen, ein Papier mit Ci⸗ garren und ein Talglicht bildeten das ganze Tafelſervice, aber an Munterkeit und Witz ſchien es der Geſellſchaft nicht zu fehlen, wenigſtens nach dem herzlichen Geläch⸗ ter zu ſchließen, das jeden Augenblick losbrach und das kleine Gebäude erſchütterte. Wie gewöhnlich ſchien Power das große Wort zu führen und ſich nebenbei an den Eigenthümlichkeiten ſeiner Geſellſchaft zu beluſtigen. „Füllen Sie Ihr Glas, Adjutant, auf einen glück⸗ lichen Feldzug! Wir wenigſtens ſehen Nichts als Ver⸗ gnügen entgegen; kein liebenswürdiges Weib daheim, keine charmanten Kinderchen, um die wir uns härmen müſſen.“ „Wohl wahr,“ verſetzte der Doktor, der eine Tar⸗ tarin zur Frau hatte. Ihr könnt allerdings mit weni⸗ ger Schmerz die Heimat verlaſſen, aber ein verheirathe⸗ ter Mann iſt doch auch nicht ganz ohne Troſt.“ „Mag ſeyn,“ meinte der Schiffskapitän,„inzwiſchen ſind eine bequeme Kajüte und ein weiter Seeraum recht angenehme Dinge.“ „Sie haben's alſo auch ſchon erfahren,“ verſetzte Power mit ſchlauem Blick.„Nun, Adjutant, Sie ſehen jetzt, daß wir doch nicht ſo übel dran ſind; aber bei Gott, das kann ich mir nicht denken, wie ein Mann in die Dreißiger kommen kann, ohne wenigſtens eine Frau gehabt zu haben, ſeine Beſitzungen in den Kolonien na⸗ türlich nicht gerechnet.“ „Ja,“ ſagte der Adjutant mit einem Seufzer, indem er ſein Glas bis auf den Boden leerte;„es iſt ein ver⸗ dammt ſeltſames Ding um die Frauen; die lieben Frauen!“ 33 Hier füllte er ſein Glas von Neuem und trank es wie⸗ derum aus, wie wenn er für ſich ſelbſt einen Toaſt aus⸗ gebracht hätte. „Ich möchte doch wiſſen.“ verſetzte Power, der ſo⸗ gleich begriff, daß im Gemüthe des Adiutanten etwas Beſonderes vorging,„ich möchte doch wiſſen, wie es kam, daß ein ſo hübſcher, ſo martialiſcher Mann, der ſich immer unter den Schönen viel zu ſchaffen machte, ein Mann mit einem ſo verdammt ſchelmiſchen Auge, ſo ſchlangenglatter Zunge, wie zum Teufel es kam, daß ein Mann wie Sie, ſich nicht verheirathete.“ 3„Ich war mehr als einmal auf dem Sprung,“ ant⸗ woortete der Adjutant, der dieſe Schmeichelei mit freund⸗ lichem Lächeln aufnahm. „Wirklich keine ſchlechte Idee, immer auf dem Sprung ſtehen zu bleiben,“ bemerkte der Doktor, mit einer höchſt eigenthümlichen Verziehung ſeines Geſichtes. „Freilich, ein Mann wie Sie kann auch Anſprüche ma⸗ chen und begnügt ſich nicht ſo leicht,“ fuhr Power fort, der ſein Ziel nicht ſo geſchwind aus den Augen ließ;“ „da ſteckt der Knoten. Sie ſind überall obenan und Sie haben Erfolge, bei denen man ſich nicht wundern kann, wenn Ihnen der Kopf ſchwindlig wird. Deßwegen iſt Ihnen auch keine Frau reich, ſchön und vornehm genug.“ „Nein, bei Gott, da haben Sie Unrecht,“ verſicherte der Adjutant, der an Köter und Hacken zugleich anbiß, „vollſtändig Unrecht; denn ich weiß ſelbſt nicht, wie es kommt, aber ich bin mein ganzes Leben lang verdammt entzündlicher Natur geweſen; nicht als ob ich mir aus Euern aufknospenden ſechzehnjährigen Schönheiten in weißem Mouſſelin, friſch von der Penſion oder Gouver⸗ nante weg, viel gemacht hätte; nein, mein Geſchmack neigte ſich mehr den reelleren Reizen der Frauen von zwei oder drei und dreißig zu, mit einem gewiſſen Embonpoint, gutem Fuß und Knöchel, einer vernünftigen Breite der Schultern.“ Lever, OMalley. II. 3 3 „So ein Bischen holländiſch,“ meinte der Kapitän, eine dichte Rauchwolke ausſtoßend,„ein Bischen rund an Bug und Schiffsraum, nicht wahr, he?“ „Sie wandten ſich alſo den Wittfrauen zu?“ fragte Power. „Allerdings, ich kann's nicht läugnen, Wittwen find immer meine Paſſion geweſen. Ich lobe mir eine Frau, die über die linkiſche Zierlichkeit und Mädchenhaftigkeit der frühern Jahre hinaus iſt, einige Weltkenntniß und Verſtand genug beſitzt, um zu wiſſen, was ſie eigentlich will, und wohin ſie ſich wenden ſoll.“ „Etwa, wie die Paſſatwinde,“ bemerkte die Theer⸗ jacke. 1„Solche Frauen,“ fuhr der Adjutant in ſeiner Er⸗ klärung fort,„ſind auch in Beziehung auf den Vermö⸗ genspunkt den Jungfern weit vorzuziehen. Ich frage jeden Mann, ſey er auch Polizeibeamter oder Kanzler, ob er uͤber die Mitgift einer jungen Lady etwas Be⸗ ſtimmtes ſagen kann. Beim erſten Eintritt in die Fa⸗ milie flüſtert uns ein guter Freund zu:„Nur zu, alter Knabe, vierzigtauſend, keinen Pfennig weniger;“ ein paar Wochen ſpäter, wenn die Belagerung bereits vorange⸗ ſchritten iſt, geht eine alte Tante trotz all ihrer Prahl⸗ ſucht auf zwanzigtauſend herab; dies vermindert ſich bald abermals um die Hälfte, und dann iſt noch überdies das Geld in Kapitalien zu kaum drei Prozenten ausgeliehen. Man geht noch ein wenig weiter und eines Tags erklärt der Papa bei einem Glaſe Wein ganz unaufgefordert, daß ſeine Tochter ſünftauſend Pfund beſitze, wovon zwei⸗ tauſend in mexikaniſchen Staatspapieren und die übrigen dreitauſend in iriſchen Pfandverſchreibungen angelegt ſeyen.“ „Dann darf man von Glück ſagen, wenn dies nicht in Galway iſt; denn wer dort eine Pfandverſchreibung aufkünden will, der wird ohne Gnade und Barmherzig⸗ keit herausgefordert und todtgeſchoſſen.“ „Ja, der Teufel hole Galway,“ ſagte der Adjutant; „ich war dort einmal nahe daran ein Mädchen zu hei⸗ rathen, deren Schwager mir zugeſchworen hatte, daß ſie achthundert Pfund jährlich beſitze; ſpäter zeigte es ſich, daß ſie allerdings ſo viel hatte, aber nur auf ein ein⸗ ziges Jahr, und nun forderte mich der Schwager, weil ich an ſeinem Wort gezweifelt hatte.“ „Es gibt eine alte Formel, um ein iriſches Vermö⸗ gen herauszufinden,“ ſagte Power,„dieſe iſt mehr werth als alle Algebra, die im Trinitätscollegium gelehrt wird. Nimm die Hälfte der angeblichen Summe, dividire dar⸗ ein mit drei, was dann herauskommt, wird die geſuchte Nummer ſeyn.“ „Im Norden iſt es anders,“ verſicherte der Adju⸗ tant;„und da geben ſie ſich nicht beſſer als ſie ſind. Es lebt da eine Art liſtiger, induſtriöſer, halbſchottiſcher Knicker, bitte um Verzeihung, Doktor, es ſind lauter Irländer— leinewebende, presbyterianiſche, mit Garn handelnde, langnaſige, wenigtrinkende Geſellen, die immer ein ſchönes Sümmchen auf die Seite bringen. Im Nor⸗ den war ich einmal auf dem Sprung in eine ſolche Familie zu kommen. Ich habe halb und halb Luſt Ihnen die Geſchichte zu erzählen, obſchon Sie mich viel⸗ leicht auslachen werden.“ Die ganze Geſellſchaft verſicherte, daß Nichts auf der Welt ſie zu einem ſo groben Verſtoße gegen die Ge⸗ ſetze der Höflichkeit veranlaſſen könnte, der Schiffskapi⸗ tän aber miſchte noch eine neue Bowle, füllte alle Gläſer, die Cigarren wurden angezündet und der Adjutant be⸗ gann:—. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Geſchichte des Adjutanten.— Leben in Derry. „Es mögen jetzt acht oder vielleicht auch zehn Jahre ſeyn, daß wir Befehl erhielten von Belfaſt abzumarſchi⸗ 3 ren und unſer Quartier in Londonderry aufzuſchlagen. Wir hatten blos etliche Wochen in Ulſter zugebracht, als die Ordre kam; und da wir in den letzten zwei Jahren im Süden und im Weſten geſtanden, ſo dachten wir, es werde wohl auf der ganzen Inſel ſo ziemlich das Gleiche ſeyn. Wir eröffneten unſern Feldzug in der jungfräu⸗ lichen Stadt gerade wie wir es mit beiſpielloſem Erfolg in Caſhel, Fermoy, Tuam u. ſ. w. gethan hatten, das heißt wir kündeten Garniſonsbälle und Liebhabertheater an, ſetzten einen Pokal als Preis für ein Kirchthurm⸗ rennen aus, kutſchirten vierſpännig mit Mohrenſchimmeln vom Bock herab und veranſtalteten eine Menge Waſſer⸗ partien.“ „Das 18te fand den Ort abſcheulich langweilig,“ ſagten wir. „Kein Wunderz langweilige Geſellen wie dieſe müſſen jeden Ort langweilig finden. Sie hatten keine Gaſtmähler, das heißt ſie gaben ſelbſt keine; ſte hatten keinen Spaß, aber blos, weil es ihnen ſelbſt an Witz fehlte. Wahrlich wir verſtanden den Nummel beſſer; wir wußten ſogleich wie viel Uhr es hier war und be⸗ ſchloßen dieſe reiche, bis jetzt unbearbeitete Goldgrube wohl auszubeuten und das glänzende Metall zu Tage zu fördern, das kurzſichtige Menſchen nicht zu entdecken vermocht hatten. Inzwiſchen kannten wir den Ort doch zu wenig und begingen im Anfang eine Menge Mißgriffe, Waren Sie ſchon in Derry?“ „Noch nie,“ antworteten die Zuhörer. „Gut, ſo muß ich Ihnen vor allen Dingen ſagen, daß dieſer Ort ſeine höchſt eigenthümlichen Züge hat. Fürs erſte beſitzen alle großen Städte im Süden und Weſten, außer der Landnachbarſchaft ringsumher, eine Art Honoratioren, die, obſchon mit geringem Vermögen und höchſt unbedeutender Weltkenntniß ausgeſtattet, im⸗ merhin ein namhafter Zuwachs für das geſellige Leben ſind und Lücken ausfüllen, die ſonſt ſelbſt in den bevöl⸗ 4 37 kertſten Gegenden ſchmerzlich empfunden würden. In Derry nun gibt es dieſe Menſchenklaſſe nicht. Da ſieht man Nichts als Handelsleute, lebhafte, pfiffige, wohl⸗ unterrichtete Geſellen, ſie beſitzen eine tiefe Einſicht in Leinſaamen, große Gelehrſamkeit, was Zuckerdickſaft be⸗ trifft, und ſind unübertrefflich in allen Artifeln, welche in die Kategorie von Kaffee, Saſſafras, Zimmt, Gummi, Werg und Elfenbein gehören. Der Ort iſt reich und das Einmaleins ſteht zu allen Fenſtern heraus. Man bekümmert ſich um Nichts, ſpricht von Nichts, denkt von Nichts, außer was den Handel angeht, und wenn Ihr nicht bei einer Spekulation mit Feigen von Smyrna, mit Memel'ſchem Bauholz, holländiſchen Puppen oder ähnlichen Herrlichkeiten betheiligt ſind, ſo ſeyd Ihr ab⸗ ſolut gar Nichts und könnt ſo wenig auf irgend ein Vergnügen Anſpruch machen, als Jemand, der mit einem Korkbein auf den Ball oder taub in die Oper geht. „Aus allem dem können Sie leicht abnehmen, wel⸗ chen Eindruck unſer Triumphzug in die Stadt hervor⸗ bringen mußte. Statt der gaffenden Menſchenhaufen, die uns ſonſt überall umringten, wenn wir luſtig in unſere Quartiere einrückten, bekamen wir hier nichts als gravitätiſche, proſaiſche und allerdings geſcheidte Geſichter zu ſehen, die unſere Erſcheinung mit grofer Aufmerkſam⸗ keit, aber augenſcheinlich mit geringem Beifall und keiner Spur von Begeiſterung betrachteten. Die Männer eilten raſch dahin in die Börſe und auf die Werften; die Frauen guckten mit beinah ebenſo geringem Intereſſe aus den Fenſtern auf uns herab und gingen dann wieder weg. O, wie ſehnten wir uns nach Galway, dem herrlichen Galway, dieſem Paradies der Infanterie, weſtlich vom Shannon! Als wir in lebhaftem Vorausgenuß der Freuden, die uns erwarteten, unſern Muſikchor ſeinen luſtigſten Marſch aufſpielen ließen, da ahnten wir freilich noch nicht, daß für die Ohren unſerer ſchönen Zuhöre⸗ rinnen in der Schiffqugiſtraße das Gerumpel eines Zuckeroxhoftes, oder der Krink Krank eines gewichtigen Krahnes lieblicher tönte als die Erhabaut Muſik.“ „Bei Gott,“ fiel Power ein,„Sie haben vollkom⸗ men recht. Die liebliche Italienerin, deren Koſtüm nach einem Raphael kopirt iſt, ſteht zu den hübſchen Liver⸗ poolſchen Dämchen ungefähr im gleichen Verhältniß wie Genua zu Glaßnevin. Und doch, was haben denn die lieben Kinderchen, die ihre Füßchen auf weichen Teppichen und ihre Aeuglein auf den Poeſien von Scott oder Byron ausruhen laſſen, mit all dem Kattun und Barchent zu ſchaffen? Aber das darf uns nicht grämen; gerade dieſer plaſtiſche Charakter hat auch wieder ſeine ſchönen Seiten.“ „Uebrigens iſt er auch nicht überall vorhanden, dächte ich,“ ſagte der Doktor zweifelhaft, wie wenn ihn ſeine Erfahrung eines Andern belehrte. „Ei was! erzählen Sie weiter, Adjutant,“ verſetzte ungeduldig der Schiffskapitän, dem ſolche Abſchwerfungen nicht gefielen. „Nun gut, wir marſchirten vorwärts und ſchauten rechts und links nach den hübſchen Geſichtern hinauf, die eine augenblickliche Neugierde wirklich in großer Zahl an die Fenſter gelockt hatte; aber obſchon wir ſo freundliche lächelten, liebäugelten und nickten, wie nur immer ein neu angekommenes Regiment lächeln, liebäugeln und nicken kann, ſo half uns Alles dies ebenſo wenig, als hätten wir unſere Zärtlichkeit an das presbyterianiſche Gebethaus verſchwendet, das mit ſeinem hochgieblichen Dach und ſeinen runden Fenſtern grämlich auf uns herab⸗ ſchaute. „Drollige Leute das,“ ſagte Einer;„ein altväteri⸗ ſches Volk,“ rief ein Anderer;„langweilige Nordlands⸗ geſichter,“ bemerkte ein Dritter; und ſo zogen wir in unſere Kaſerne ein, etwas mißvergnügt bei dem Gedan⸗ ken, das langweilige 18te an einem Ort, wo es Seines⸗ gleichen gefunden, ablöſen zu müſſen. „Obſchon etwas ärgerlich über den ſehr geringen Grad von Begeiſterung, womit man uns empfangen hatte, beſchloſſen wir dennoch auf unſerem urſprünglich gefaßten Plane zu verharren und kündeten deshalb gleich den folgenden Morgen eine Vorſtellung auf unſerem Liebhabertheater an. Der Mayor erfuhr, als er unſerem Oberſten die Auſwartung machte, die Sache zuerſt und nahm die Mittheilung mit einem ähnlichen Blicke auf, wie etwa der Erzbiſchof von Canterbury eine Auffor⸗ derung, in Derby mitzurennen. Den ungläubigen Aus⸗ druck auf dem Geſicht des armen Mannes, als er einen nach dem andern von uns anſah und augenſcheinlich überlegte, ob wir nicht in Folge einer beſondern Veran⸗ ſtaltung der Vorſehung alle zuſammen wahnſinnig ſeyen, werde ich niemals vergeſſen. „Sein Beſuch war ſehr kurz; ob es ihm nun bei uns nicht ganz geheuer vorkam, oder ob unſere Mitthei⸗ lung für ſeine Nerven zu ſtark war, das weiß ich nicht. „Wir ließen uns indeß nicht ſo leicht von unſerem Vorſatze abbringen; unſere längſt überlegten und ausge⸗ ſonnenen Plane, uns und andere Leute luſtig zu machen, wurden in aller Form angekündigt, aber, obſchon wir uns beinah übermenſchliche Mühe gaben, ſo ſpielten wir dennoch nur vor leeren Bänken; unſere Bälle blieben unbe⸗ ſucht; unſere Einladungen zum Picknick wurden höflich abgelehnt; mit einem Worte man erwiederte uns das freundlichſte Entgegenkommen mit froſtiger Höflichkeit, die deutlich genug ſagte: Wir wollen Nichts mit Euch zu thun haben. „Jeder Tag brachte neue Kränkungen, und wenn wir bei Tiſch zuſammenkamen, ſo konnten wir nicht wie bisher über Ausſichten auf Vergnügungen und Luſtbar⸗ keiten plaudern, ſondern einander nur von bejammerns⸗ werthen Täuſchungen erzählen und Wehklagen über das trübſelige Quartier anſtimmen, wozu das Schickſal uns verdammt hatte. „Auf dieſe Art vergingen einige Monate und endlich — denn was vermag nicht die Zeit— begannen wir 40 unſer Herzeleid allmählig zu vergeſſen. Einige von uns erfreuten ſich bis in die tiefe Nacht hinein am Grog; andere wurden ſentimental und ſchrieben Journalartikel, Novellen und Liebesklagen; etliche wenige machten Be⸗ kanntſchaft mit den Stadtleuten und brachten ihre Abende bei einem gemüthlichen Robber zu, während eine andere Abtheilung, unter der ich mich befand, kleine Liebeshändel anknüpfte, um die langweiligen Stunden zu verkürzen und die träge Sonne zu überliſten. „Ich habe bereits Etwas von meinem Geſchmack in Sachen der Schönheit geſagt. Eine gewiſſe Mrs. Boggs war juſt das Weib nach meinem Herzen. Sie war Wittwe, hatte ſchwarze Augen, nicht Euere gagat⸗ ſchwarzen, funkelnden Puppenaugen, die herumrollen und zittern, aber doch Nichts ſagen wollen.— Nein die ihrigen hatten einen ſanften, beſcheidenen, demüthigen, gedankenreichen Blick und waren ſo ſchmelzend, wie nur irgend blaue Augen ſeyn können. „Ferner hatte ſie eine feingeſchnittene Oberlippe und allerliebſte Zähne, bei Gott, wie Perlen, die ſte auch recht gern zeigte; ihre Figur war wohl gerundet, feſt und kurz, mit einem Worte ſolid. Fußbiege und Knöchel waren über allen Tadel erhaben, und endlich betrug ihr Wittwengehalt ſiebenhundert Pfund jährlich, außer einer Kleinigkeit von achttauſend, welche der ſelige, ſchmerzlich beweinte Boggs ihr hinterlaſſen hatte, als er nach vier Monaten der glücklichſten Ehe das Zeitliche geſegnet. „Als mich mein guter Stern zum erſten Mal der ſchönen Wittwe in den Weg warf, traf es ſich, daß eine zufällige Uebereinſtimmung in unſeren Anſichten mich hoch in ihrer Achtung ſtellte. Bald darauf erhielt ich eine Einladung zu einer kleinen Abendgeſellſchaft in ihrem Hauſe, und zwar war ich der einzige Offizier, dem dieſe Ehre zu Theil ward. „Ich will Sie nicht mit den Einzelnheiten des wei⸗ tern Fortſchreitens meiner Bekanntſchaft langweilen, genug, ich verliebte mich zum Verzweifeln. Im Anfang beſuchte 41 ich ſie blos zwei oder drei Mal in der Woche, aber nach zwei Monaten brachte ich jeden Morgen in ihrem Hauſe zu und verließ es ſelten vor dem Mittageſſen. „Die Tonart meiner Holden hatte ich bald ausge⸗ forſcht; ſie war ernſt. Nun hatte ich fruͤher alle mög⸗ lichen Arten von Liebeshändeln bereits durchgemacht; ſchüch⸗ terne junge Ladies, mannhafte junge Ladies, muſikaliſche, künſtleriſche, poetiſche und hiſtoriſche. Dieſe alle kannte ich ſo genau wie meinen Hoſenſack, aber nie zuvor hatte ich es mit einer ernſten und obendrein mit einer Wittwe zu thun gehabt. Die Sache war wirklich mißlich. Cinige Wochen lang wollte die Belagerung nicht vorangehen; alle Kernſchüſſe der heißeſten Liebe, die ich bei andern Gelegenheiten abzufeuern pflegte, halfen hier Nichts. Die Sprache der Liebe, in der ich ohnehin kein großer Held war, wollte nicht verfangen. Komplimente und Schmei⸗ cheleien, dieſe trefflichen Scharmüzler vor dem eigentlichen Gefecht, waren mir unterſagt, und ich glaube wahr⸗ haftig, ein zärtlicher Händedruck hätte mir den Ab⸗ ſchied zugezogen. „Wie langſam das Alles geht,“ dachte ich, als ich nach zweimonatlicher Belagerung mich noch immer in den Laufgräben befand und noch immer keine Breſche in der Feſtung ſichtbar wurde; aber vermuthlich iſt dies die Manier im Norden und man muß ſich gedulden. „Während ich auf dieſe Art mich nicht den ſangui⸗ niſchſten Hoffnungen hingeben durfte, gewann ich wirklich viel dadurch, daß ich in Mr. M'Phun'’s Geſellſchaft auf⸗ 3 genommen wurde. Ich ſtieg allmählig in der Achtung der Wittwe und ihrer Freunde, auf welche mein fleißiger Beſuch der Betſtunden und mein überaus geſetztes Be⸗ nehmen einen ſolchen Eindruck machten, daß ſie ſich ernſt⸗ lich beriethen, ob ich nicht in der nächſten Sitzung zum Mitvorſteher ernannt werden ſolle. „Wäare die Mrs. Boggs nicht eine ſo ungemein liebenswürdige Wittwe geweſen, hätte ſie nicht die oben⸗ beſagten Augen, Lippen, Knöchel und Wittwengehalt be⸗ 42 ſeſſen, ſo geſtehe ich ehrlich, daß weder die Zauber der ſüßlichen Beredtſamkeit dieſes Mr. M'Phun, noch ſelbſt die ſchmeichelhafte Auszeichnung, die mir bevorſtand, mich hätten veranlaſſen können, meine Bewerbung fortzuſetzen. Inzwiſchen wollte ich nicht verzweifeln, nachdem ich ein⸗ mal Land erblickte. Die Wittwe war augenſcheinlich erweicht; noch ein klein Bischen länger und der ſcrupu⸗ löſe Moraliſt, der ſtrengſte Verfechter des Grundſatzes, daß man ſeine Zeit weiſe anwenden müſſe, hätte gegen mein tägliches Werbungsſyſtem nichts einwenden können. Es war keine von Euern ſeufzenden, ſchmachtenden, lieb⸗ äugelnden, händedrückenden, tailleumſchlingenden’, Eide ſchwörenden, ewig anbetenden Affären, mit einem Aus⸗ tauſch von Ringen und Locken; es hatte im Gegentheil verdammt viel Aehnlichkeit mit einer Diſputation im Rotundo, und ich meinerſeits geberdete mich weit eher wie Vater Tom Maguire, als wie ein luſtiger Lothario. „Bei Tiſche übrigens, wenn das Roſtbeef aufgetra⸗ gen wurde und Suppe und Fiſche vorüber waren, ſam⸗ melten ſich mit Hülſe von zwei Gläſern Xeres meine Lebensgeiſter wieder, und ein ſehr fröhlicher Abend trö⸗ ſtete mich für die überſtandenen Mühſeligkeiten und ver⸗ lieh mir Kraft für die Anſtrengungen des folgenden Morgens; ich muß nämlich bemerken, daß ich nur die Zeit vor dem Mittageſſen der Liebe widmete; die Abende behielt ich immer für mich und verſicherte Mrs. Boggs, daß der Dienſt meine ganze Zeit nach Tiſch in Anſpruch nehme, worin ich wirklich recht hatte; denn um ſechs Uhr ſpeisten wir; um ſieben öffnete ich den Claret Nr. 1; um acht hatte ich meine zweite Flaſche entkorkt; um halb neun ging ich zum Peres über und Schlag neun kehrte ich in mein Quartier zurück, nämlich auf dem Rücken meines Bedienten Tim Daly, der mich ſchon ſeit acht Jahren ſicher getragen hatte, ohne einen Fehltritt zu thun, wie die Fuchsjäger ſagen. Wir hatten dies im — ten überhaupt ſo im Brauch; jeder ließ ſich vom Tiſche wegtragen, einige früher, andere ſpäter; ich ge⸗ 4³ hörte immer zu den Frühen und begab mich bei Zeiten nach Hauſe. „Obſchon ich nun deutliche Beweiſe genug hatte, daß ich allnächtlich auf die erwähnte Weiſe vom Tiſche hinweg und nach meinem Bett geſchafft wurde, ſo hätte ich es doch direkt nicht beweiſen können, denn um halb zehn mit dem Glockenſchlag trat Tim herein, um mich abzuholen, und von allem Uebrigen wußte ich nichts mehr, ſondern hatte blos ein gewiſſes, unbeſtimmtes Gefühl des Schmerzes darüber, ſchon ſo früh von der Flaſche ſcheiden zu müſſen. „So begab es ſich— von welchen Kleinigkeiten hängt nicht unſer Schickſal abl— daß, juſt als meine Bewerbung die günſtigſte Geſtalt gewonnen hatte, der alte General Hinks, der den Diſtrikt kommandirte, ſeine Ankunft melden ließ, um das Regiment zu inſpiciren. Er kam richtig und wir hatten einen ſehr ſauern Tag. Sechs tödtliche Stunden lang mußten wir paradiren; wir mußten Märſche und Gegenmärſche machen, in der Linie vorrücken, eine offene Colonne und dann wieder ein Carré formiren; kurz wir glaubten am Ende, der alte General ſey der fliegende Holländer und wahrſchein⸗ lich dazu verurtheilt, uns bis zum Tage des Gerichts zu drillen. Für mich machte er die Sache hauptſächlich noch dadurch luſtig, daß er das Regiment für das ſchlechteſt exerzirte und kommandirte im ganzen Armeecorps erklärte, und den Adjutanten(mich!) für den ſtupideſten Dickkopf — dies waren ſeine eigenen Worte— der ihm je in den Wurf gekommen ſey. „Macht alles Nichts,“ dachte ich„noch ein paar Tage und dann ſchere ich mich Nichts mehr um Euere Manöver, Euer: Vorwärts Marſch! und Euere: linke Schulter vor! ſoll mich dann nimmer im Schlafe ſtören. Ich nehme meinen Abſchied und mit der Wittwe Boggs und ihren ſiebenhundert jährlich lebe ich dann wie der reiche Mann im Evangelium. 1 Die verwünſchte Inſpektion währte bis halb ſechs I Uhr Nachmittags, ſo daß unſere Mahlzeit um eine ganze Stunde hinausgeſchoben wurde und wir uns erſt nach ſieben zu Tiſche ſetzen konnten. Im Anfang waren unſere Geſichter grimmig genug, aber was bewirkt nicht ein gutes Eſſen und ein guter Wein bei den grämlichſten Geſellen? Um acht Uhr begannen wir munter zu werden und ehe es neun ſchlug, kreisten die Becher in einer ſehr heitern und ergötzlichen Weiſe. „Heute darf keiner davon laufen,“ ſagte der Major, „wir haben einen herben Tag gehabt und dafür gebührt uns ein luſtiger Abend.“ „Bei Gott, Armand,“ rief ein anderer„heut gilt es, wer den andern niedertrinkt. Zum Teufel mit den lang⸗ weiligen Spielratzen; werft die Karten über den Haufen.“ „Hoffentlich,“ ſagte Forbes zu mir,„haben Sie heute Abend der ſchönen Wittwe Nichts von Wichtigkeit zu ſagen; es gilt diesmal feſt zuſammen zu halten.“ „Ei,“ ſagte ein Anderer,„ſie iſt jetzt in der Bet⸗ ſtunde, der alte— wie heißt er doch— ſingt ihr Et⸗ was vor.“ „Ein Billet für Sie, Sir,“ ſagte der Kellner, in⸗ dem er mir ein dreieckiges roſafarbiges Briefchen über⸗ reichte; es war von der herzgeliebten Mrs. Boggs ſelbſt und lautete wie folgt: G „Theurer Sir— Mr. M'Phun und einige Freunde trinken heute Abend nach der Betſtunde den Thee bei⸗ mir; vielleicht werden auch Sie die Geſellſchaft mit Ihrem Beſuche beehren. Ihre ergebenſte Eliza Boggs. „Was war zu thun? Sollte ich von der Tafel aufſtehen?— ſollte ich eine luſtige Geſellſchaft gerade im luſtigſten Augenblick verlaſſen? ſollte ich Lafitte und rothen Hermitage gegen eine Soirée von älteren Leuten vertauſchen, bei denen obendrein der ſüßliche M'Phun 4⁵ den Vorſitz führte? Nein, das war zu viel verlangt. Aber dann, was lag nicht Alles auf der Wagſchaale? Was würde die Wittwe ſagen, wenn ichs abſchlüge? was würde ſie denken? Ich wußte wohl, daß die Ein⸗ ladung nichts Geringeres bezweckte als eine vollſtändige Parade vor allen ihren Freunden und Freundinnen, und daß ich durch meinen Ungehorſam vielleicht alle meine Hoffnungen verſcherzen konnte. „Eine Antwort Sir?“ fragte der Kellner. „Ja,“ ſagte ich halbflüſternd, ich werde kommen; „ſag' dem Bedienten, ich werde kommen.“ In dieſem Augenblick wurde mir meine zärtliche Epiſtel weggenommen und hatte, bevor ich meinen Kopf umdrehte, bereits die Runde um den halben Tiſch ge⸗ macht. Ich kümmerte mich inzwiſchen Nichts darum, ſondern füllte mein Glas und erklärte, daß ich bis zum letzten Mann aushalten werde, behielt mir aber im Stil⸗ len vor, bei der nächſten beſten Gelegenheit zu entwiſchen. Ormond und der Zahlmeiſter verließen das Zimmer auf einen Augenblick, um draußen noch einige Befehle zu ertheilen, und Alle ſchienen ſich einen recht luſtigen Abend zu verſprechen. „Iſt Alles in Ordnung?“ fragte der Major, als Ormond eintrat. „Ja wohl,“ antwortete dieſer;„jetzt aber noch ein Glas und ein Lied. Adjutant, alter Knabe, ſingen Sie uns eins.“ „Was ſoll ich ſingen?“ fragte ich, ängſtlich bemüht meinen Rückzug durch ſcheinbare Jovialität zu verdecken. „Singen Sie einmal— Als ich einſt vor vierzehn Jahren Bei den Füſtilieren war. „Nein, nein, der Teufel ſoll's holen! So lang ich im Regiment bin, hat er nichts Anderes geſungen. Michen Sie jetzt einmal mit des Zahlmeiſters Tochter ſeraus.“ 46 „Ach ja, das iſt rührend, das liebe ich,“ lispelte ein junger Fähndrich. „Wenn ich ein Wörtchen mitzuſprechen habe,“ grunzte der Mafor,„ſo ſtimme ich für die weſtindiſchen Quartiere.“ „Ja, ja, die weſtindiſchen Quartiere ſoll er ſingen. Eingeſchenkt und nun ſoll er beginnen.“ „Kaum hatte ich mein Glas geleert und mich zum Singen geräuſpert, als die Uhr auf dem Kamin halb zehn ſchlug, und im ſelben Augenblick fühlte ich eine ſchwere Hand auf meiner Schulter; ich wandte mich um und erblickte meinen Bedienten Tim. Es war dies, wie ich bereits erwähnt habe, die Stunde, um welche mich Tim nach Hauſe zu tragen pflegte, und obſchon wir eine Stunde ſpäter geſpeist hatten, ſo nahm er doch nicht die mindeſte Notiz davon, ſondern ſtellte ſich ſeiner Ge⸗ wohnheit getreu hinter meinem Stuhl auf. Ein flüch⸗ tiger Blick auf meinen Spiritus familiaris bewies mir, daß wir die Rollen ein wenig gewechſelt hatten, denn Tim, der ſonſt der nüchternſte Menſch von der Welt war, hatte ſich diesmal en Schwein beſoffen, während ich eine volle Stunde vor Vollendung der Mahlzeit noch ungewöhnlich nüchtern war. „Was willſt Du, Burſche?“ fragte ich in etwas ſtrengem Tone. „Heimkommen?“ antwortete Tim mit einem Schluch⸗ zer, worüber die ganze Tafel auflachte. „Entferne Dich auf der Stelle,“ rief ich, erzürnt über ſeinen groben Ton,„marſch, ſag ich, oder ich werfe Dich zur Thür hinaus.“ Letzteres war, in Pa⸗ rentheſe geſagt, eine kleine Prahlerei, denn Tim war ſechs Fuß drei Zoll hoch, dabei verhältnißmäßig ſtark und namentlich im Rauſch, furchtlos wie ein Tiger. „Sie mich zur Thüre hinauswerfen? Sie? Sie? Ei, ſo probirs der gnädige Herr einmal, dann wollen wir ſchon ſehen!“ Hier brach ein neues ſchallendes Ge⸗ lächter aus, während Tim abermals ſeine ungeheure Tatze auf meine Schulter legte und fortfuhr: ‚Sitzen 47 Sie doch nicht da wie ein Klotz und betrinken Sie ſich nicht ſo kanaillös, wenn Sie ſchon genug geladen haben; Sie ſehen ja, daß Sie fürchterlich beſoffen ſind.⸗ „Wüthend ſprang ich jetzt auf, dem Kamin zu und wollte nach dem Schüreiſen greifen, aber Tim war flinker als ich: er faßte mich mit beiden Händen um den Leib, warf mich, als wäre ich ein kleines Kind, quer über ſeine Schultern und ſagte dabei immerwährend: ‚morgen werde ich Sie ſchon um halb neun abholen, wenn Sie ſo widerbelliſch ſind. Ich ſtampfte, ſtieß, fluchte, drohte, ja ich legte mich endlich ſogar auf's Bitten, er moͤchte mich doch wieder auf den Boven ſtellen; aber ſey es nun, daß meine Stimme in dem allgemeinen Aufruhr verloren ging, oder daß Tim alle meine Erklärungen blos für die gewöhnlichen Flüche eines Betrunkenen hielt, kurz, er trug mich die Treppe hinab„ indem er ſich mit der einen Hand auf das Geländer ſtützte, mit der an⸗ deren mich wie mit einer Schraubzange hielt. Mein einziger Troſt war, daß meine Wohnung dicht neben dem Speiſehaus lag, die Ercurſion alſo bald ein Ende haben mußte und ich dann wieder frei wurde; aber denken Sie ſich meinen Schrecken, als der betrunkene Schurke, ſtatt wie gewöhnlich links zu gehn, auf einmal rechts umbog und kühn in die Schiffsquaiſtraße hinein ſegelte. Alle Fenſter im Speiſezimmer waren von unſern Kameraden angefüllt, die ſich beinahe ausſchütteten vor Lachen. ‚Bravo Tim— das iſt einmal ein Kerl— halt ihn nur recht feſt— laß ihn nicht herab:— rief ein dutzend Stimmen, während der Lümmel mit der Starrköpfigkeit eines Betrunkenen mich immer grimmiger packte und ſeinen Weg mitten in der Straße fortſetzte. „Es war ein ſchoͤner Juliabend, eine liebliche Som⸗ mernacht, als ich dieſen erbaulichen Ausflug durch die beſuchteſten Straßen der jungfräulichen Stadt machte; mein unaufhörliches Sträuben und Zappeln hatte bald eine zunehmende Menſchenmaſſe herbeigelockt, die uns unter ſchallendem Gelächter nachzog und nicht wußte, 48 was ſie über dieſen ergötzlichen Aufzug denken ſollte. Mitten unter einem Strom von Verwünſchungen gegen meinen Peiniger wurde ich plötzlich durch ein eigenthüm⸗ liches Gräuſch aufmerkſam gemacht. Ich wandte mich um und ſah— Entſetzen über Entſetzen!— die Thüre des Bethauſes ſich öffnen und die fromme Verſammlung in Maſſe herausſtrömen. Iſt es ein Wunder, wenn mir alle Beſinnung ſchwand? Da lag ich, der Auserwählte der Wittwe Boggs— der demnächſtige Gemeindevor⸗ ſtand— der bevorzugte Freund und bewunderte College von M'Phun, auf dem Rücken des betrunkenen Irlän⸗ ders und machte einen Abendſpaziergang. O, der Ge⸗ danke war ſchrecklich, und gewiß die kurzen kraftvollen Beiworte, womit die Menge mich beehrte, trugen Nichts dazu bei, meine Laune zu beſſern oder meine Wuth zu beſänftigen; auch muß ich geſtehen, daß meine Sprache weder ſehr fromm, noch ſehr anſtändig war. Tim indeß kümmerte ſich um Alles das wenig, ſondern ſetzte unver⸗ droſſen ſeinen Marſch durch die ganze Menge fort und blieb nicht eher ſtehen, als bis er mich in der halben Stadt herum getragen hatte; endlich aber ſtellte er mich vor meiner Thüre nieder mit der Bemerkung: ‚wenn Sie alle Abende ſo unruhig ſind, ſo werde ich künftig einen Schubkarren nehmen müſſen. „Am folgenden Tage bat ich mir einen kurzen Ur⸗ laub aus, und noch ehe zwei Wochen vergingen, ward ich auf mein Anſuchen in's—te verſetzt, denn ich zog ſelbſt Halifar dem Gelächter vor, das in Londonderry meiner wartete. Dreißigſtes Kapitel. Fred Powers Abenteuer in Philipstown. Die trägen Stunden des langen Sommertages floſſen verdroſſen dahin, die See, ungetrübt durch Schaum oder Wellenſchlag, glänzte wie ein breiter blauer Spiegel und ſtrahlte da und dort kleine Streifen von ſchneeweißen 49 Wolken zurück, welche ruhig am Himmel ſtanden. Das gute Schiff ſchwankte in ſchwerer, humpelnder Bewegung hin und her; das Tauwerk klapperte, die Bretterver⸗ ſchläge knarrten; die Segel ſchlugen verdrießlich gegen den Maſt an; ſelbſt die Seemöven ſchienen zu ſchlafen; Alles auf der See und am Himmel deutete auf Wind⸗ ſtille. Kein Matroſe lief auf dem Verdeck umher, keine Schildwache rührte ſich, ſelbſt die Steuerreepe waren verlaſſen;— da ſie mit jeder Bewegung des Schiffes hin und herſchwankten, ſo ſahen wir hieraus, daß wir keine Steuerung hatten, ſondern wie ein bloßer Klotz auf dem Waſſer lagen. Ich ſaß allein auf dem Bug und verſank in tiefes Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft. Wie glück⸗ lich iſt es für uns eingerichtet, daß ſelbſt in den beweg⸗ teſten Verhältniſſen da und dort ſolch kleine Ruhepunkte ſich einſtellen, von wo wir wie von einer Anhöhe auf die Straße zurückblicken, die wir bis jetzt gewandelt, und einen ernſten Blick auf die dunkle Strecke vor uns werfen. Wenn wir auf unſere irdiſche Pilgerfahrt zum erſten Mal ausziehen, dann find das wirklich koſtbare Augenblicke, wo bei überſprudelndem Herzen und hoch⸗ fliegendem Geiſt, bei einem ungetrübten Glauben an Alles und Vertrauen auf Alles unſere Jugend aus allen Gegenſtänden, die uns in den Weg kommen, zurück⸗ ſtrahlt, und wir wie Narciſſus nur unſer eigenes Bild im Waſſer anbeten. Weiterhin im Leben nehmen uns die Sorgen, Aengſten und Geſchäfte der Welt mehr und mehr in Anſpruch; und ſolche Augenblicke werden ſeltener und kürzer. Manch glänzender Traum iſt verſcheucht, gar manche zauberiſche Viſion verdrängt worden durch eine dunkle Wirklichkeit; vernichtete Hoffnungen, falſche Freundſchaften haben das Herz allmählig verhärtet, das einſt für jedes ſanfte Gefühl empfänglich geweſen; die Zeit beginnt ihre Macht an uns zu üben; aber wie die wohl im Gedächtniß haftende Melodie, der wir in unſerer Lever, O'Malley. II. 4 Kindheit voll Wonne gelauſcht, dem reifern Alter ein Bild früherer Jahre vorführt, ſo wird auch die Erinne⸗ lucklichen Augenblicke ſich immer in unſere Träume wieder eindrängen und uns in Gedanken wieder jung machen. Blicken wir dann auf unſere weltliche Laufbahn zurück, ſo gewinnen wir die Ueberzeugung, wie wahrhaftig das Kind der Vater des Mannes, wie häufig die Plane unſerer Mannheit die Frucht einer kin⸗ diſchen Vorliebe ſind, und daß wir in der nacheiferungs⸗ vollen Thatenluſt, welche das Herz des Schuljungen aufregt, den Vorläufer jener hohen Kühnheit zu er⸗ kennen haben, deren Beſitzer zum Helden wird. Solche Augenblicke ſind für uns übrigens auch eben ſo heilſam als genußreich. Befreit von allen weltlichen Sorgen halten wir Muſterung über uns ſelbſt und be⸗ urtheilen uns in der Einſamkeit unſerer eigenen Herzen. Die leiſe Stimme des Gewiſſens, die im Getöſe und Geräuſche der Welt ungehört und unbeachtet bleibt, ſpricht jetzt hörbar zu uns; während wir auf der einen Seite durch Reue gedemüthigt werden, hält uns auf der andern irgend ein heilſamer Gedanke wieder aufrecht und unter manchem Bedauern ob der Vergangenheit, manchem tüchtigen Vorſatz für die Zukunft beginnen wir einzuſehen, wie gut es iſt, daß wir hier ſind. Der Abend wurde ſpäter; die rothe Sonne ſank in der See hinab und wurde immer größer und größer; die lange Linie gelb glänzenden Goldes, die ſich üͤber den fernen Horizont hinbreitete, nahm zuerſt eine dunkelrothe Färbung an, wurde dann immer bläſſer und bläſſer und endlich beinahe grau; ein einzelner Stern gläͤnzte ſchwach im Oſten und bald trat die Dunkelheit ein. Mit der Nacht kam auch der Wind, denn beinahe unmerklich ſchwellten unſere Segel an, ein ſchwaches Geräuſche am Bug erfolgte, das Schiff lehnte ſich ſanft über und wir waren wieder in Bewegung. Es ſchlug auf vier Glocken; eine zufällige Aehnlichkeit mit dem Getöne der alten Standuhr in meines Oheims Haus überraſchte mich der⸗ rung an dieſe g 51 maßen, daß ich in der That nicht wußte, wo ich war. Mit Blitzesſchnelligkeit richtete ſich meine ſrühere Woh⸗ nung vor mir auf mit ihren glücklichen Herzen; die alten vertrauten Geſichter tauchten empor; das frohliche Lachen erſcholl an meine Ohren; da ſaß mein alter, theurer Oheim, mit ſtrahlendem Auge und ſanfter Stimme ſei⸗ nen Gäſten einen herzlichen Willkomm entbietend; dort war Boyle; dort Conſidine; dort hingen die grimmigen Bilder, welche die alten Wände ſchmückten, deren ſchwar⸗ zes, eichenes Getaͤfel vom glühenden Torffeuer beglänzt wurde; da war mein eigener Platz, jetzt leer und unbe⸗ ſetzt; mich däuchte, meines Oheims Augen ſeyen darauf gerichtet und ich höre den lieben alten Herrn ſagen: „Der arme Junge! wo er jetzt wohl ſeyn mag?“ Mein Herz ſchwoll; meine Bruſt hob ſich; die Thränen rollten mir langſam über die Wangen, als ich mich fragte: „Werde ich fie wohl wieder ſehen?“ O wie wenig, wie ungemein wenig gelten uns die gewöhnlichen Segnungen des Lebens, bis irgend eine Veränderung ſie uns raubt, und wie theuer ſind fie uns, wenn wir ſie verloren ha⸗ ben! Meines Oheims düſtere Ahnung, daß wir auf Erden nie wieder zuſammentreffen werden, fiel mir jetzt zum erſten Mal ſchwer auf die Seele, und mein Herz war ſo voll, daß es hätte berſten mögen. Was konnte mir den Schmerz dieſes Augenblicks erſetzen, da ich an ihn dachte— meinen erſten, meinen beſten, meinen ein⸗ zigen Freund, den ich verlaſſen hatte, und wie freudig hätte ich den glänzenden Vorſpiegelungen des Chrgeizes entſagt, um wieder neben ſeinem Stuhle ſtehen, ſeine Stimme hören, ſein Lächeln ſehen, ſeine Liebe fühlen zu fönnen! Ein lautes Lachen von der Kajüte her er⸗ weckte mich aus meiner trübſeligen, ſchwermüthigen Träu⸗ merei, und in demſelben Augenblick verkündete mir Mi⸗ ckeys wohlbekannte Stimme, der Kapitän ſuche mich überall, indem das Abendeſſen bereit ſtehe. So wenig ich mich in einem ſolchen Augenblick für frohe Geſellig⸗ . 4* 52 keit geſtimmt fühlte, ſo wußte ich doch, daß ich meinem Freund Power ſchlechterdings nicht entwiſchen konnte und beſchloß daher, mich gutwillig darein zu fügen; nach einigen Augenblicken folgte ich Mickey die Treppe hinab und trat in die Kajüte. Die Scene, die ſich jetzt vor mir eröffnete, war wirklich nicht geeignet, trüben Gedanken die Oberherr⸗ ſchaft zu laſſen. Oben an einer kunſtloſen, altmodiſchen Tafel, worauf mehrere, ſchwarze Flaſchen und verſchie⸗ dene, ziemlich formloſe Trinkgeſchirre von allem mög⸗ lichen Material figurirten, ſaß Fred Power; zu ſeiner Rechten der Schiffskapitän, zur Linken der Doktor; die ehernen, luſtigen, verwitterten Züge des Einen bildeten einen ſpaßhaften Gegenſatz zu dem blaſſen, ascetiſchen, herben Ausdruck des Andern; Sparks mehr als halb betrunken, mit einer glühenden Cigarr im Munde, ſaß weiter unten, während Major Monſoon, um das Eben⸗ maaß der Geſellſchaft zu erhalten, aus der Hängematte gegenüber ſeinen Kopf unter einer ungeheuern rothen Nachtmütze hervorſtreckte und ſeinen Becher hinaushielt, um ihn aus der Punſchbowle wieder füllen zu laſſen. „Willkommen, dreimal willkommen. Mann von Galway,“ rief Power, indem er auf einen Stuhl deu⸗ tete und ein Glas vor mich ſtellte.„Wir zanken uns gerade über ein neues Gebräue herum; da verſuchen Sie einmal das. Vielleicht Etwas mehr Citrone werden Sie meinen und Sie haben recht; Rum und Brandy, Gufava⸗Gelée, Apfelſinen, grüner Thee und ein Bischen eingemachter Ingwer; weiter iſt's auf Ehre Nichts— und das einfachſte Gemiſche, das ich kenne, um blaue Teufel und Grillen von Schulden radikal zu verjagen. Nicht wahr, Doktor, Sie verordnen dieſen Trunk ſich ſelber vor Schlafengehen einzunehmen? er hat nichts Hitziges, nichts Händelſüchtiges; ſetzt blos die edleren, beſſeren Säfte in luſtigere Bewegung, ohne eine der niedrigen Leidenſchaften zu erwecken; Whiskey iſt in dieſer Beziehung der Allerſchlimmſte.“ 53 „Ich könnte eben nicht ſagen, daß ich den Whiskey⸗ punſch verabſcheue,“ verſetzte der Doktor;„in kalten Winternächten iſt er gar nicht ſo übel.“ „Ja, ja, da haben wir's,“ ſagte Power;„dieſen Vorzug habt Ihr Schotten vor uns armen Irländern voraus; Ihr ſeyd kalte, berechnende, ſchlauköpfige Ge⸗ ſellen und fangt erſt nach fünfzehn Gläſern zu zählen an, während wir heißköpfige Teufel, mit einem Blut von 212 Grad Fahrenheit und einen jeden Augenblick zerſpringen wollenden Hochdruckmaſchine voll ſprudelnder Laune rein toll werden, wenn wir zu tief in's Glas ſehen, wiewohl ich die vollkommenſte Ueberzeugung hege, daß ein toller Irländer ſo viel werth iſt, als zwei ver⸗ nünftige Leute aus irgend einem andern Land unter dem Himmel.“. „Wenn Sie mit dieſer Behauptung eine Belei— Be⸗ leidigung gegen die Engländer ſagen wollen,“ ſtotterte Sparks,„ſo muß ich Ihnen erklären, daß ich für meine Perſon wohl einen auf mich nehme und gewiß der Doktor einen andern—“ „Nein, nein,“ fiel der Jünger des Hippokrates ein,„auf mich dürfen Sie nicht zählen; denn ich habe ganz und gar keine Luſt, mich über unſer Getränk zu ſchlagen.“ „Dann bin ich überzeugt, daß Major Monſoon—“ „Sind Sie das überzeugt? wirklich?“ grinste der Major.„Selig ſind, die ſich nicht taͤuſchen— aber zu dieſen gehören Sie nicht— denn in mir haben Sie ſich ganz gewaltig geirrt“ „Nun, Sparke, demnach bleibt Ihnen Nichts übrig, 4 als den ganzen Kampf allein auf ſich zu nehmen und ſingen, beſſer pouſſiren, beſſer fechten und beſſern Punſch machen, als irgend ein John Bull von Berwick an bis Lands End.“ Sparks, der nicht ganz überzeugt war, ob ſein Gegner blos ſcherzen wolle oder nicht, nahm jetzt einen 54 halb betrunkenen Ausdruck verachtungsvollen Schweigens an und ſchlürfte, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, aus ſeinem Glaſe. „Ja,“ hob Power nach einer Pauſe von Neuem an,„der Teufel hol den Whiskey; er hätte mich und den armen Tom O'Reilly vom 5ten, den gutmüthig⸗ ſten Menſchen im ganzen Armeekorps beinahe in die fa⸗ talſten Händel gebracht. Ja, dieſer verdammte Loughrea⸗ Spiritus, den wir vollkommen unſchuldig glaubten und ohne allen Argwohn guten Muths hineintranken, hätte uns ein ſchönes Spiel bereiten können.“ „Erzählen Sie uns die Geſchichte,“ bat ich. „Sie iſt nicht lang,“ antwortete Power, und deß⸗ halb kommt mir's nicht darauf an. Wenn ich übrigens meine Sünden beichten ſoll, ſo beſtehe ich darauf, daß nachher auch Monſoon uns erzählen muß, wie er in Cadix ſeinen Keller verproviantirte; nicht wahr, Major, es gibt noch ſchlechteres Geſöffe, als den Xeres des allerkatholiſchſten Königs von Spanien?“ „Nun, das werden Sie bald ſelbſt beurtheilen, mein Lieber,“ antwortete Monſoon gut aufgeräumt, und was die Erzählung betrifft, ſo ſteht ſie gleichfalls zu Dienſten, aber ſie muß natürlich unter uns bleiben. Der Oberbefehlshaber, dem Gott langes Leben verleihen möge, iſt ein herrlicher Kerl, aber von einem Spaß hat er ſo wenig eine Idee, als der Erzbiſchof von Canter⸗ bury, und die Sache könnte ihm doch zu Ohren ge⸗ langen.“ „Seyen Sie ohne Sorgen,“ rief Power;„wir ſind ſo verſchwiegen, wie der ehrwürdige Apothekers⸗ verein.“ „Aber Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß Sie ſelbſt an⸗ zufangen haben.“ „Sey's drum,“ verſetzte der luſtige Kapitän,„es iſt zwar nicht viel an der Geſchichte, aber ſie enthält eine ſchöne Moral. „Irland iſt gewiß ein ſchönes Land, aber die Gar 5⁵ niſo nsſtädte könnten zuweilen höchſt langweilig erſcheinen, wenn nicht die Leute in der Regel eine gewiſſe, natür⸗ liche Vorliebe für die Armee hätten. Von der Schönen aus Merrionſquare bis zu dem Wirthstöchterlein in Tralen ſcheint der liebenswürdigere Theil der Schöpfung mit einer vollkommenen Einſicht in unſere hohen Talente und Vorzüge begabt zu ſeyn; und in keinem andern Theil der Weltkugel, die Tongainſeln mit eingeſchloſſen, ſteht ein rother Rock in höherer Gunſt als hier. Es wäre übrigens auch der ſchreiendſte Undank, wenn ſich das anders verhielte, denn wir unſerſeits laſſen keinen Stein auf dem andern, wenn es ſich darum handelt, den Angenehmen zu ſpielen; wir reiten, trinken, ſpielen und pouſſiren von Fairhead bis nach Villarney auf eine Art, die uns nothwendig Popularität erwerben muß, und in Bezug auf vergnüglichen Zeitvertreib kann es uns Niemand an Erfindſamkeit gleich thun. Ich wiederhole es, wir verdienen unſere Allbeliebtheit. Wer von uns ſteckt ſich Hals über Kopf in Schulden durch Garniſons⸗ baͤlle und Kirchthurmrennen, durch Picknicks, Schiffer⸗ ſtechen und durch die tauſend und eine Erfindungen, wo⸗ durch wir das armſelige Taſchengeld loswerden, das uns der Alte ſo ſparſam zufließen läßt? Dann und wann, wenn Alles fehlſchlägt, nehmen wir einen neu gebackenen Fäͤhndrich und laſſen ihn eine hübſche, aber arme Dirne in einem Landſtädtchen heirathen, nur um den übrigen zu zeigen, daß wir nicht ſcherzen, ſondern, trotz unſerer luſtigen Art zu lieben, wirklich ernſte Heirathsgedanken haben. Wäre es allenthalben ſo, ſo wäre die grüne Inſel ein Paradies; aber unglücklicherweiſe wird man hie und da an einen hölliſchen Ort verflucht, wo ſich kein hübſches Geſichtchen, kein niedliches Füßchen zeigt; wo man ſelbſt mit dem Pfaffen nicht umgehen kann; wo die langen, krummen, ſchlecht gepflaſterten Straßen an den Markttagen durch Buden mit geſtreiftem Zitz und ſeifenartigem Käſe verrammelt ſind, wo man unter einer baufälligen Baracke mit zerfallenen Mauern und wankenden Schornſteinen ſein Haupt niederlegen ſoll. Kehret Ihr vom Morgenſpaziergang oder einem Nachmittagsritte zurück, ſo ſucht Ihr umſonſt auf dem Kamin nach einem Regenſchauer von Viſitenkarten und roſenrothen Einladungsbillets; vergebens fragt Ihr den Bedienten, ob kein Beſuch da geweſen iſt. Ach, der einzige Gaſt iſt der Umgeldsviſitator geweſen, der Euch zu einem Beſuch in einer Brennerei einladen wollte, zu jener intereſſanten Klaſſe der Bevölkerung, die, da ſie Nichts zu eſſen hat, ſich auf das Studium der Getränke verlegt, im Uebrigen aber ſich um das Leben eines Rothrocks eben ſo wenig kümmert, als Ihr ſelbſt um eine Krähe oder eine Brachſchnepfe. Dies mag über⸗ trieben erſcheinen, aber ich frage nur, ob je einer von Euch, um ſeine Sünden abzubüßen, in der Hauptſtadt des Moorlands von Allen einquartiert geweſen iſt, die ſich Philiptown nennt? O, das iſt ein romantiſcher Ort! Man behauptet, ein großer Theil des Ausdrucks in dem göttlichen Menſchengeſichte hänge von den Gegen⸗ ſtänden ab, die uns beſtändig umgeben. So bekommen die Bergbewohner von der Natur um ſie her ein ge⸗ wiſſes kühnes, waghaftes Gepräge, das gegen den friedſamen, eintönigen Charakter der Thalbewohner ſehr merklich abſticht, und ich muß wenigſtens für den vor⸗ liegenden Fall an dieſe Theorie glauben, denn dort hat ja jeder Mann, jedes Weib und jedes Kind ein braunes, ausgetrocknetes, kruſtiges, torfartiges Geſicht, aus wel⸗ chem deutlich hervorgeht, daß, wenn Adam aus Thon gemacht worden iſt, die Bewohner von Philipstown weit ſchlechter daran waren, indem der Bildner für ſie blos Moorgrund genommen hat. An einem ſchönen Vormittag mußten der arme Tom und ich aus Birr, wo man nur ewig leben und lieben möchte, aufbrechen, um an dieſem holdſeligen Orte unſer Quartier aufzuſchlagen. Wir wußten noch Nichts von Philipstown, und wie einſt mein Freund, 57 der Adjutant hier, in Derry, ſo hielten wir auch mit allem möglichen Prunk unſern Einzug, denn in Er⸗ manglung eines Muſikchors ließen wir Trommeln und Pfeifen ſpielen. So ritten wir mitten zwiſchen den Torfkarren und Weidekörben mit neuen Holzſchuhen, welche die Straße bedeckten, bis zur Kaſerne hin, ohne eine einzige Spur von Bewunderung zu erblicken; doch nein, um nicht ungerecht zu ſeyn, ein zerlumpter Range von zehn Jahren marſchirte mit einer Gerte in der Hand neben mir her, äffte alle meine Bewegungen nach, und als ich Halt rief, beurlaubte er ſich, indem er pfifſig ſeinen Daumen an die Naſe ſteckte und ſeine übrigen vier Finger ausſtreckte, als wollte er uns dadurch einen ſehr ſtarten Wink geben, daß wir lange nicht die ſchmucken Burſche ſeyen, für die wir uns halten. Nun gut, vier tödtliche heiße Sommermonate mit wolfenloſem Himmel brachten wir in dieſem Dorfe zu, wo die ewige Eintönigkeit unſerer Tage durch daſelbe kurze Morgen⸗ erereitium, daſſelbe blaubeinigte Hühnchen zu Mittag, denſelben bränzigten Loughrea⸗Whiskey und dieſelben Abendſpaziergänge am Kanal hin bezeichnet waren, um allda das Dubliner Packetboot zu beſchauen mit ſeiner unveränderten Ladung von Viehhändlern und Prieſtern, die nach dem Weſten pilgerten, als ob dort ein unerſättli⸗ ches Verlangen nach ſolchen Kolonialprodukten vorherrſchte. Ihr könnt Euch denken, wie ergötzlich dies ſeyn mußte; aber was war zu machen? Wir hatten nichts Anderes. Nun wirkt Nichts zerſtrender auf das Gemüth des Menſchen als die Langweile. Die zänkiſchen, grämlichen urſche, die man uberall antrifft, wären gewiß ganz vortreffliche Leute, wenn ſie nur Etwas zu thun hätten. Was uns ſelbſt anbelangte, ſo darf ich wohl ſagen, daß man nicht leicht zwei Menſchen trifft, die geeigneter wären, friedſam neben einander zu leben, und doch hatte dieſe viermonatliche Abſchließung von jeder anderen Ge⸗ ſellſchaft auf uns dermaßen eingewirkt, daſt wir ſauer⸗ toͤpfiſch und griesgrämig wurden und uns unaufhörlich 58 um Kleinigkeiten herumzankten, die uns ganz und gar nicht interreſſtrten und von denen wir auch nichts ver⸗ ſtanden. Wir hatten zwar ſehr wenig zu beſprechen, Journale kamen uns nicht zu Geſicht, Jagden gab es nicht: dagegen wurde das tägliche Exerziren, das Dienſt⸗ reglement, ſo wie die Wahrſcheinlichkeiten eines baldigen Commandos zum aktiven Dienſt alltäglich auf das Ta⸗ pet gebracht und gewöhnlich mit bedeutender Hitze und Bitterkeit abgehandelt. Ein Punkt mußte am meiſten herhalten, wenn es uns gerade an einem andern Knochen mangelte, um den wir uns herumbeißen konnten; im Anfang kamen wir nur ganz gefällig darauf zu ſprechen, allmählig aber wurde er Gegenſtand eines ärgerlichen Streites, und am Ende führte er zu den Folgen, die ich am Eingang angedeutet habe. Es betraf dies nämlich nichts Geringeres als die Vortrefflichkeiten unſerer bei⸗ derſeitigen Bedienten; jeder von uns zog, ſobald ſich der mindeſte Anlaß zeigte, über die Unbildung, Ungeſchick⸗ lichkeit und Tölpelhaftigkeit des Bedienten vom Andern los, während wir doch beide in dieſer Beziehung in glei⸗ cher Verdammniß waren. „Ich begreife in der That nicht, O'Reilly, wie Sie es mit dieſem Bedienten aushalten können; es geht mich zwar Nichts an, aber ein ſolch plumper Bauernlümmel iſt mir doch noch nicht vorgekommen,“ pflegte ich zu fagen. 3„Darauf antwortete er dann gewöhnlich:„Er iſt zwar ſchlecht genug, aber bei Gott, wenn ich an Ihren Hottentotten denke, ſo bin ich noch recht wohl zufrieden.“ „Hieraus entſpann ſich denn ein Streit mit heftigen Replifen und Dupliken, bis wir zuletzt müde von unſern Anſtrengungen und im Grunde nicht wenig beſchämt über unſere alberne Hitze und Aufregung zu Bette gin⸗ gen. Am andern Morgen vermieden wir beide ſorgfältig den Gegenſtand, bis eine zufällige Veranlaſſung ihn wieder an's Licht brachte, worauf dann die Feindſelig⸗ keiten ſogleich erneuert und mit der gewohnten Lebhaftig⸗ keit betrieben wurden bis fie wieder ihr gewöhnliches Ende nahmen. „In dieſer angenehmen Lage der Dinge ſaßen wir an einem warmen Sommerabend vor dem Speiſehaus unter einem Leinwandzelt, tranken zu unſerer Erfriſchung unſere acht Gläſer Whiskeypunſch und zankten uns da⸗ bei über alle Dinge im Himmel und auf Erden. Eine ſpät angekommene Poſtchaiſe, die einen alten ſteifaus⸗ ſehenden Gentleman mit einem Zopf gebracht, hatte uns willkommenen Stoff zu weiterer Debatte geliefert, und wir ſtritten uns jetzt herum, wer er ſey, wohin er reiſe, ob er wirklich hier zu übernachten gedenke, oder ob er blos angehalten habe, weil ſeine Chaiſe zerbrochen ſey; jeder beſtand auf ſeiner Anſicht mit einer Hartnäckigkeit über die wir ſpäter oft gelacht haben, obſchon ſie uns damals beiderſeitig ſehr wenig Vergnügen bereitete. Die Debatte wurde hitzig: O'Reilly behauptete, er kenne das bewußte Individuum ganz genau als einen vereinigten Irländer, der mit Inſtruktionen von der franzöſiſchen Regierung reiſe; ich aber lachte ihm gera⸗ dezu in'’s Geſicht und ſchwur, er ſey der Paſtor von Tyrrellspaß; ich kenne ihn gut, und zwar ſey er der ſchlechteſte Prediger in ganz Irland. Seltſam genug war es, daß der Gegenſtand unſerer Zänkerei ganz kalt⸗ blütig mit einer Schnupftabaksdoſe in der Hand an ei⸗ nem Fenſter des Wirthshauſes ſtand, uns zuſah und wirklich keinen geringen Antheil an unſerer Debatte zu nehmen ſchien. „Nun gut,“ ſagte O'Reilly,„es gibt nur ein ein⸗ ziges Mittel über die Sache in's Klare zu kommen und Sie für Ihre Hartnäckigkeit büßen zu laſſen. Was wollen Sie wetten für Ihren Pfarrer von Tyrrelspaß?“ "„Was bieten denn Sie für Ihren Wolf Tone?“„ entgegnete ich höhniſch. „„Fünf gegen eins,“ rief er übermüthig heraus⸗ fordernd. 4 60 „„Einen Elephantenzahn gegen einen Zahnſtocher,“* rief ich. kie„Noch zehn Pfund, daß ich dem Ziele näher bin als Sie,“ ſagte Tom, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend. „Gilt,“ ſagte ich,„gilt: aber wie entſcheiden wir die Wette?“ „ Das iſt bald geſchehen,“ meinte er, ſprang dann auf und rief:„Pat— he da, Pat— meld einmal meine Empfehlung an.— „Nein, nein, das dulde ich nicht; keine einſeitigen Schritte. He, Jim, ſage ganz einfach, daß“— „Der Kerl iſt gar nicht im Stand eine Botſchaft auszurichten. Komm her, Pat, ich laſſe bitten“— „„Der Hans Tölpel da wird den ganzen Spaß ver⸗ „ derben. Geh du hin, Jim.’ „Die beiden alſo angeredeten Individuen trugen gerade, der eine einen Präſentirteller mit Gläſern, der andere eine Schüſſel mit Ochſenbraten, und da ſie die beiderſeitigen Gefühle ihrer Herrn vollkommen theilten, ſo ſahen ſie einander mit Blicken der unzweideutigſten Abneigung an. „Sapperment noch einmal, Du haſt nicht nöthig mich ſo zu ſtoßen,“ ſagte Pat; ‚ſiehſt Du nicht, daß ich einen Braten trage.“ „Geh zum Teufel Kerl, Du wirſt mir mit Deinen dummen Ellenbogen noch meine Gläſer herunterwerfen. „Ei, was gehſt Du mir nicht aus dem Wege? Bin ich nicht mehr als Du? „Bin ich nicht ein Kapitänsbedienter?⸗ „Meinetwegen tauſendmal. Deßwegen bin ich doch vornehmer; mein Herr iſt ſo viel wie zwei andere Lieu⸗ tenants zuſammen.“ „So ſeltſam dieſe Behauptung klingen mag, ſo war ſte doch inſofern wahr, als ich eine Anſtellung im afri⸗ kaniſchen Corps hatte und zugle ich Lieutenant im 5ten war, 61 „Mordelement, und wenn er tauſend— ſo, da haſt Du's jetzt.⸗ 4 „In dieſem Augenblick ließ ſich ein furchtbares Krachen vernehmen und die große Schüſſel zerſplitterte in tauſend Stücken auf dem Boden, während der an⸗ genehm duftende Braten nachdenklich im Hofe hinrollte. „Kaum hatte man dieſes Geräuſch gehört, als durch einen kräftigen Fußtritt der Präſentirteller mit den Glä⸗ ſern in die Luft geſchnellt wurde, und im nächſten Augen⸗ blick hatte ſich ein blutiger Kampf zwiſchen den beiden Gegnern entſponnen. Erſt jetzt wurden wir auf die Sache aufmerkſam, und ich brauche wohl nicht zu ſagen, mit welch geſpanntem Intereſſe wir zuſahen. „„Schlag zu, Pat.— Da Fim, unter der Parade durch— Bravo, ſo iſt's recht.— Nur tüchtig ausge⸗ holt— bei Gott, das ſaß— er kann das Auge nicht mehr aufthun— jetzt iſt er drunten— o nicht die Spur— nun, wie gefällt Ihnen denn dieſer Stoß?— Der war unehrlich, ganz unehrlich— nein, Gott be⸗ wahre— ja, ſage ich— nein, nein!⸗ „Inzwiſchen hatten wir uns den Kämpfenden ge⸗ nähert, jeder klopte ſeinem Bedienten auf die Schulter, und zugleich feuerten wir ſie mit den verſchwenderiſch⸗ ſten Verſprechungen noch mehr an. Da geſchah es— aber wie es kam, vermag ich nicht zu ſagen— daß ich, als ich meinen rechten Arm ausſtreckte, um einen Schlag zu pariren, der mir zu nahe kam, durch irgend einen unglückſeligen Zufall auf Tom O'Reilly's Naſe gerieth. Ehe ich mein aufrichtiges Bedauern über dieſen uner⸗ wünſchten Zufall ausſprechen konnte, wurde mir der Schlag mit doppelter Kraft zurückgegeben, und im näch⸗ ſten Augenblick waren wir ſchärfer an einander als ſelbſt unſere Bedienten. Nach fünf Minuten tüchtiger Arbeit hielten wir Beide an, um Athem zu ſchöpfen, und konn⸗ ten jetzt nicht umhin in ein ſchallendes Gelächter auszu⸗ brechen. Da ſtand Tom mit einer Naſe ſo dick, wie die von drei gewöhnlichen Menſchenkindern, eine ſeiner 62 Wangen waren hochaufgeſchwollen und ſein ganzer Kopf wackelte, wie der eines Harlekins; mir dagegen war das eine Auge geſchloſſen, das andere glich einer halb geöff⸗ neten Strahlmuſchelſchaale, und ſo ſah ich nicht minder jammerwürdig aus als mein Freund. Inzwiſchen hatten wir nicht lange Zeit zu lachen, denn auf einmal rief eine ſcharfe, volle Stimme dicht neben uns— „In Ihre Quartiere, meine Herren, ich gebe Ihnen Arreſt, bis das Kriegsgericht entſchieden hat, ob ein ſol⸗ ches Benehmen Offizieren oder Gentlemen zukommt.“ „Ich drehte mich um und erblickte den alten Kerl mit dem Haarbeutel. „„Wolf Tone, ſo wahr ich lebe, ſagte ich mit einem Verſuch zu lächeln. 8 „„Der Pfarrer von Tyrrellspaß,“ rief Tom ſchnaubend, „der ſchlechteſte Prediger von Irland, nicht wahr, Freed?“ „Unſer Freund wollte uns weitere Commentare erſparen, denn er öffnete jetzt auf einmal ſeinen Oberrock, und unſern entſetzten Blicken glänzte eine Generalsuniform entgegen. „Ja, Sir, General Johnſton, wenn Sie mir er⸗ lauben wollen, ihn mit Ihnen bekannt zu machen; und nun, Wache, vorwärts!: „In wenigen Minuten waren die Befehle vollzogen, und der arme Tom und ich hatten beide Zimmerarreſt, mit einer Schildwache vor der Thüre und der erfreu⸗ lichen Ausſicht in etwa zehn Tagen kaſſirt und vom Regiment gejagt zu werden, welches Urtheil, wie der Generalbefehl ſagen würde, der Obergeneral in Gnaden zu genehmigen beliebt hätte. „Inzwiſchen als der Morgen kam, erkundigte ſich der General, der wirklich ein recht vernünftiger Mann war, etwas genauer um die Sache und ſah ein, daß theilweiſe der Zufall mitgewirkt hatte; nach einem ſchar⸗ fen Verweis, ſowie einer ernſtlichen Warnung vor Loughrea⸗Wiskey nach dem ſechsten Glaſe hob er den Arreſt auf und verzieh uns die ganze Sache.“ — Einunddreißigſtes Kapitel. Die Reiſe. Uf, was für ein elendes Ding iſt eine Reiſe! Da ſind wir ſchon acht Tage auf der See; das ewige Einer⸗ lei wird mit jeder Stunde unerträglicher. Meer und Himmel ſind wunderſchöne Dingen, wenn man ſie von dunkeln Wäldern und wogenden Wieſen aus betrach⸗ tet; aber ihr maleriſcher Effekt wird durch Mangel an Contraſt gewaltig beeinträchtigt. Und dann das ewige Schweinefleiſch mit Salzkryſtallen, ſo lang wie die Fin⸗ ger Deiner Frau; die Kartoffeln, die mit franzöſiſchem Firniß lakirt ſcheinen, der Thee, gewürzt mit geologiſchen Proben aus den von London mitgebrachten Waſſerbecken, dabei noch Ahornzucker, und die Butter—o ihr Götter! die Butter! doch warum dieſe kleinern Unannehmlichkeiten aufzählen und von den weit größern ſchweigen? Nichts Schrecklicheres als die bodenloſe Selbſtſucht, die das blaue Meer ſo unvermeidlich nach ſich zieht, wie das kalte Fieber auf Fieberſchauer folgt: der gute Kerl, der auf dem Feſtlande den Inhalt ſeines Schnapsſackes oder ſeine letzte Guinee mit Dir theilt, ſpäht jetzt den beſten Winkel aus, um ſeine Hängematte zu befeſtigen: er treibt Dich in eine troſtloſe Krippe, wo die unverkalkte Decke jeden Tropfen Regen auf Deinen Kopf herabſickern läßt; er weist Dich beim Eſſen in die Ecke, nicht blos damit Du mit Deinem Rücken den Zug von der Schiffs⸗ leiter her von ihm abwehrſt, ſondern damit er eſſen, trinken und ſich niederlegen kann, bevor Du noch⸗ ange⸗ fangen haſt die Uebelkeiten zu empfinden. die ein Mit⸗ tagsmahl auf einem Transportſchiffe ſo leicht mit ſich führt; er ſpitzt ſein Bleiſtift mit Deinem beſten Nafir⸗ meſſer, trägt Deine Hemden, da es in Bezug auf Wäſche knapp zugeht, und bietet Alles auf, um jeden Abend eine gute Geſchichte von Dir zur Erbauung der übrigen vernünftigen Gentlemen auftiſchen zu können, die ſelbſt 64 zu behutſam ſind, um ſich übertölpeln zu laſſen, aber an ſeinem Erfolge die ungemeſſenſte Freude bezeigen. Dies vielgeneigter Leſer, iſt keine Beichte, kein Bekenntniß aus meinen eigenen Erfahrungen; ich habe dieſe Schil⸗ derung aus dem Tagebuch meines Kameraden Mr. Sparks entnommen, der, wenn er nicht anderweitig beſchäftigt war, ſeine Zeit gewöhnlich dazu verwandte, ſeine Ge⸗ danken über Menſchen, Gebräuche und Dinge zur See dem Papiere anzuvertrauen, obſchon er, die Wahrheit zu ſagen, ganz und gar kein müßiges Leben führte, denn er war durch einſtimmigen Beſchluß für den Jüngſten erklärt worden und ſomit zu Dienſtleiſtungen verurtheilt, gegen welche der ärmſte Packeſel auf der Schule zu Eton oder Harrow ſich aufgelehnt haben würde. Morgens führte er unter dem pſeudonymen Titel Mrs. Sparks den Vorſitz beim Frühſtuck, nachdem er zuvor Thee, Cafe und Chocolade für die ganze Kajüte zubereitet und etwa zwanzig Eier in verſchiedenen Graden der Härte geſotten hatte; ferner war ihm bei ſtrenger Verantwort⸗ lichkeit das Geſchäft auferlegt eine Schüſſel geröſteter Butterbrote von wahrhaft beängſtigender Größe, gekoch⸗ ten Schinken, Nieren u. ſ. w. ohne Maß und Ziel zu bereiten; ſpäter, wenn Andere auf dem Verdeck umher⸗ ſchlenderten und ſich vergebens bemühten ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf einen Roman oder eine Zeitſchrift zu heften, ſah man den armen Cornet mit einer weißen Schürze, anmuthiglich um ſeinen magern Leib gebunden, Eier zu Pfannkuchen quirlen, oder mit zurückgeſchlagenen Hemd⸗ armeln den Teig zu einem Pudding kneten. Gegen Ende des Tags wurde die Schiffsküche ſein Aufenthaltsort, allwo er, einem glühenden Feuer ausgeſetzt, über die Einzelheiten der Zubereitungen die Oberaufſicht führte und zur Belohnung für all dieſe Dienſte überzeugt ſeyn durfte, bei Tiſch ausgeſcholten zu werden. Sodann kam die Mahlzeit ſelbſt, dieſer furchtbare Gerichtshof, wo Nichts gelobt und Alles getadelt wurde. Endlich folgte die Punſchbereitung, wobei der Geſchmack von ſechs 6⁵ verſchiedenen und verſchieden denkenden Individuen berück⸗ ſichtigt werden mußte, und zum Schluſſe noch das Nacht⸗ eſſen, wobei Sparklein, wie man ihn vertraulich nannte, da er gegen Abend müde und erſchöpft wurde, den un⸗ barmherzigſten Zorn und ungemeſſenſten Tadel über ſich ergehen laſſen mußte. „He da, Sparklein, es wird ſpät; tummeln Sie ſich Junge, ſchlafen Sie nicht ein.“ „Nein, nein Sparklein, was für eine elende Erbſen⸗ ſuppe Sie heute gekocht haben; bei Gott, ich habe mich in meinem Leben noch nie ſo ſchlecht befunden.“ „Ich glaube, es war nicht die Suppe, ſondern er hat Etwas in den Punſch gethan, was mich im Leibe brennt, ſeit ich ihn getrunken habe; o Sie ſind ein ab⸗ ſcheulicher Kerl mit Ihrem Kochen und Brauen.“ „Er wird ſich ſchon beſſern, Major, er wird ſich ſchon beſſern; nehmen Sie ihm nicht allen Muth, der Burſche iſt noch jung; aber ſputen Sie ſich einmal, wo ſind die geröſteten Semmeln— zum Henker, wo ſind die Semmeln?“ „Da, Sparks, ich weiß, Sie lieben ſolche Knochen — man darf dem Ochſen, der da driſcht, das Maul nicht verbinden— die heilige Schrift ſpricht ſelbſt für Sie, alter Knabe; eſſen Sie friſch darauf los. Gebt ihm auch den Krug herüber— wie, Charley, ſchon leer? He, Sparklein, rühren Sie ſich, das Getränk iſt all.“ „Laſſen Sie mich doch wenigſtens eſſen.“ „Eſſen, ei ſeht doch, was für ein Freßſack er iſt! Beim heiligen Georg, ein ſolcher Appetit iſt rein ordon⸗ nanzwidrig; munter, mein Freundchen, es handelt ſich jetzt um's Trinken, nicht um's Eſſen; da iſt der Rum, da der Zucker, da die Citronen. Sie brauchen blos für das heiße Waſſer zu ſorgen. Nun, Kapitän, wie fahren wir?“ „Es geht nicht uͤbel; acht Knoten in der Stunde; munter, munter, Mr. Sparks.“ „CEi, ei, Sparks, was ſoll das ſeyn?“ Lever, O'Malley. II. 5 66 „He he, Sparks, zum Teufel,“ riefen jetzt alle im Chor, in allen Tönen der Scala, und der unglückſelige Burſche ſah ſich genöthigt von ſeinem magern Mahle aufzu⸗ ſpringen und ein neues Quantum Punſch zu brauen. Nach⸗ dem die Bowle und die Gläſer gefüllt waren, wurde auf Power's Veranſtaltung dem guten Cornet ſo lange zu⸗ geſetzt und auf den Zahn gefuͤhlt, bis er eine Beichte über ſeine frühern Jahre ablegte, die ausſchließlich Lie⸗ beshändeln geweiht waren, indem Huldigung gegen die Schönen ein ebenſo integrirender Theil ſeines Charak⸗ ters war, wie in der Conſtitution des Majors das Zechen lag. Gleich den meiſten Menſchen, die ihr Leben mit übermäßigen Anſtrengungen zu gefallen hinbringen— obſchon dieſe Bemerkung etwas ungalant klingen mag— hatte der liebenswürdige Sparks nur wenig Glück ge⸗ macht. Seine Liebe war, wenn auch nicht immer ganz unerwiedert geblieben, ſo doch unvermeidlich die Quelle einer lächerlichen Kataſtrophe geworden, denn es gab keinen auch nur erdenklichen Irrthum, in den er nicht zur einen oder andern Zeit ſchon verfallen wäre, keinen Unfall, der ihn nicht ſchon betroffen hätte. In Folge eines ganz beſondern Unſterns warengimmer untröſtliche Wittwen, treue Ehefrauen, zärtliche Mütter, kaum ver⸗ mählte Damen, Bräute die Gegenſtände ſeiner Neigun⸗ gen geweſen, und das Geringſte, was ihm ein Bekennt⸗ niß ſeiner Leidenſchaft eingebracht, war, daß er tüchtig ausgelacht und gezwungen wurde, die Gegend zu ver⸗ laſſen. Duelle, Ehrenerklärungen, Prozeſſe, Abfindungen mit Geld u. ſ. w. waren bei ihm an der Tagesordnung, und zwar kamen ſie wirklich ſo häufig vor, daß jeder Menſch mit einer kleinern Beule am Hinterhaupt ſchon längſt dieſen Pfad verlaſſen und ſich einem weniger koſt⸗ ſpieligen Vergnügen zugewendet haben würde; aber der arme Sparks mit ſeinem wahren Märtyrersgeiſt rühmte ſich nur um ſo mehr, je ſchwerer er zu dulden hatte, und gleich dem würdigen Manne, der dreißig Jahre hin⸗ 67 durch fortwährend in die Lotterie ſetzte, ohne etwas An⸗ deres als Nieten zu ziehen, meinte er, das Schickſal wolle blos ſeine Geduld auf die Probe ſtellen, um am Ende ſeine Beharrlichkeit mit einer Bagatelle von vier⸗ zigtauſend Pfund zu belohnen. Ob ihm dieſer Preis im Laufe der Jahre noch einmal zuſiel, vermag ich nicht zu ſagen, aber ſoviel iſt gewiß, daß bis zu der Pe⸗ riode ſeiner Geſchichte, von der ich gegenwärtig ſpreche, alle ſeine Anſtrengungen freudlos und unbelohnt ge⸗ blieben waren. Power, der von den Abenteuern aller Leute Etwas wußte, war auch mit einem guten Theil von Spark's Laufbahn wohl bekannt und verlockte ihn häufig zu Bekenntniſſen, die uns den ganzen Abend hindurch angenehm unterhielten, ſowohl durch ihren In⸗ halt, als auch durch die Form, in der ſie vorgetra⸗ gen wurden. Es lag in ſeiner Schilderung der lächer⸗ lichſten Scenen eine gewiſſe ernſtliche, gründliche, ehr⸗ liche Einfalt, die Jedermann überzeugte, daß ſein Be⸗ nehmen bei der Sache die Spaßhaftigkeit noch unendlich hatte vermehren müſſen. Nichts, ſo komiſch oder drollig es auch war, konnte ihm dabei das mindeſte Lächeln abgewinnen, und wenn er mit ſeinen großen, hellblauen Augen, ſeinen gelben Haaren, ſeiner langen Oberlippe und ſeinem zurücktretenden Kinn ein Abenteuer heraus⸗ lispelte, warf er gravitätiſche Blicke um ſich, die etwas ungemein Luſtiges hatten. „Heda Sparks,“ ſagte Power,„ich erinnere Sie an das Verſprechen, das Sie geſtern Nacht gaben, unter der Bedingung, daß wir Ihnen die Bereitung der Auſten⸗ paſtete nach zehn Uhr erlaſſen. Sie wiſſen ſchon, was ich meine.“ Hier zupfte ihn der Kapitän ſchlau am Ohr; der Cornet wurde etwas roth und trank haſtig und ver⸗ legen ſein Glas aus. Er verſprach uns nämlich zu erzählen, wie er den Zipfel an ſeinem linken Ohr ver⸗ loren hatte. Ich habe ſchon allerlei Andeutungen darüber vernommen, möoͤchte aber doch Sparks eigene Darſtellung hören.“ 5* 68 „Ganz gewiß wieder eine Liebesgeſchichte,“ grinste der Doktor. „Im Duell weggeſchoſſen worden?“ fragte ich in inquirirendem Tone;„heraus damit.“ „Nichts der Art,“ verſetzte Power;„Sparks wird uns Alles erklären. Es iſt dies weitaus die ſchönſte und rührendſte Geſchichte, die ich je gehört habe. Als ein⸗ fache Erzählung macht ſie den Landprediger von Wake⸗ field zu Schanden.“ „Nein, das kann doch nicht Ihr Ernſt ſeyn,“ be⸗ merkte der arme Sparks erröthend. „Ja, allerdings, ich bleibe bei meiner Behauptung. Wollte Gott, ich ſelbſt wäre der Held dieſes kleinen Abenteuers geweſen und beſäße die Fähigkeit, es zu er⸗ zählen, wie Sie es erzählen; das wäre mir lieber als Oberſtenepauletten; die Geſchichte hat mich immer unge⸗ mein angeſprochen, und wahrhaftig, mein lieber Freund, Sie verſtehen Ihren Vortheil nicht, Sie könnten damit jeder äͤſthetiſchen Zeitſchrift auf die Beine helfen. Fragen Sie nur Monſoon oder O'Malley, ob ich dies nicht ſchon beim Frühſtück geſagt habe, als Sie die alte Henne da brieten, die beiläufig geſagt, keines von Ihren Meiſter⸗ ſtücken war.“. 3 „Eine zähere Beſtie habe ich nie unter die Zäͤhne gebracht.“ „Aber die Geſchichte, die Geſchichte,“ ſagte ich. „Ja, ſprach Power in commandirendem Tone,„die Geſchichte, Sparks!“ „Nun gut, wenn Sie es wirklich der Mühe werth finden, ſo hören Sie; mir ſelbſt iſt die Sache immer auch merkwürdig erſchienen.“ 1 69 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Mr. Sparks Geſchichte. „Eines ſchönen Morgens frühſtückte ich zu Bar⸗ mouth im Gaſthof zur Ziege, überſchaute das liebliche Thal von Barmouth mit ſeinen ſchlanken Bäumen und ſeinen dunkelſchimmernden, forellenreichen Bächen, und betrachtete ſofort die ruhige See, die, mit weißbeſegel⸗ ten Fiſcherbooten gleichſam geſprenkelt, in der Ferne ſich hindehnte. Die Eier waren friſch, die Forelle erſt kurz vorher gefangen, die Sachen vortrefflich; vor mir lag der Plowdwodlwu'ſche Anzeiger, der unter den faſhionablen Gäſten, die zur See angekommen, auch einen Mr. Sparks, Neffen des Sir Toby Sparks aus Mancheſter, meldete, eine Annonce, die ich, beiläͤufig ge⸗ ſagt, ſelbſt hatte einrücken laſſen. Die Engländer ſind von Haus aus ariſtokratiſche Leute und legen den ge⸗ bührenden Werth auf einen Titel. „Eine ſehr richtige Bemerkung,“ verſetzte Power ernſt, und Sparks fuhr fort: „Inzwiſchen hätte ich mir wenigſtens, wenn ich die Folgen bedenke, die Mühe dieſer Annonce wohl erſparen können, denn ſie brachte mir nicht einen einzigen Be⸗ fuch, nicht eine einzige Einladung zum Mittageſſen, kein Picknick und kein Frühſtück, ja nicht einmal eine Taſſe Thee ein. Barmouth befand ſich damals juſt in Nun kenne ich nichts Schlimmeres als dieſes. Man hat auf der einen Seite nicht die liebliche Ruhe eines kleinen friedſamen Weilers mit ſeinen beſcheidenen Woh⸗ nungen und wohlfeilen Vergnügungen: auf der andern eben ſo wenig ein heiteres belebtes Miniaturbild der faſhionablen Welt, ſondern blos ein Geräuſche, ein Ge⸗ töſe, einen geſchäftigen Wirrwarr und rings umher die gemeinſten Beſchäftigungen, welche die ſchönſte Land⸗ ſchaft und die hübſcheſten Ausſichten verderben. Auf jedem kecken Fels und romantiſchen Vorgebirge haben ſich langweilige Alltagsmenſchen eingeniſtet, in jeder ſandigen Bucht oder flutbeſpülten Bai wimmelt es von freiſchenden Kindern und Wäſcherfrauen, dieſen holden Abkömmlingen der Nymphen aus alter Zeit in rothen Boiröcken. Blaßrothe Sonnenſchirme, Schubkarren, Körbe mit Brot und Butter, Reticule, Wegweiſer durch Barmouth, Müſterchen einheimiſchen Erzes und Gips⸗ ſtücke kommen dir auf jedem Schritt und Tritt entgegen und zerſtören jegliche Illuſion vom Pittoresken. „Nein, da bleibſt du nicht, dachte ich, meine Träume, meine wonnigen Träume von romantiſchen Spaziergän⸗ gen am Seeufer, von abendlichen Wanderungen im mond⸗ ſcheinbeglänzten Thale ſind da alle zu Schaum gewor⸗ den und ſtatt ihrer bleibt mir nichts als eine kurze Pro⸗ menade durch eine Reihe von Badzellen hindurch, mitten unter ſchreienden Mägden und kranken Kindern mit dem durchdringenden gellenden Gekreiſche: ‚Friſche Seegar⸗ neelen!’ ſchauerlich genug, um ſelbſt die Fiſche vom Ufer zu verſcheuchen. Da war kein Friede, keine Ruhe, keine Romantik, keine Poeſie, keine Liebe. Ach, dieſe vor Allem fehlte mir; denn was iſt am Ende das Ein⸗ zige, das unſer Herz erheben kann, wenn es nicht die Flamme gegenſeitiger Zuneigung iſt? Was vergoldet den ſchönen Strom des Lebens, wenn nicht der glän⸗ zende Strahl warmer Liebe es thut? Was— „Mit einem Wort,“ fiel Power ein,„Liebe iſt der Zucker in der Punſchbowle unſers Daſeyns. Perge, Sparks, erzählen Sie weiter.“ „Ich war daher auch ſchnell entſchloſſen; ich for⸗ derte meine Rechnung, packte meine Kleider zuſammen, beſtellte Poſtpferde und war vollkommen reiſefertig, als nur noch ein einziger Punkt in der Rechnung mich auf⸗ 1 71 hielt. Hinter dem Namen meines Bedienten ſtand näm⸗ lich jedesmal das räthſelhafte Wort: Schurke; darüber nun mußte ich eine Erklärung verlangen und war eben im Begriff ſie zu erhalten, als plötzlich eine vierſpännige Chaiſe vor dem Hauſe anfuhr. Die Fenſter wurden geöffnet und ein Kopf kam zum Vorſchein— aber was für ein Kopf! Laſſen Sie mich einen Augenblick inne halten, um auf das Wohlſeyn dieſes wunderlieblichen Mädchens ein Glas zu leeren. Augen, worin der ganze Himmel conzentrirt ſchien, überſchattet von langen, tie⸗ fen, dunkelbraunen Wimpern, eine ſchöne, edle, hohe Stirne, zu deren beiden Seiten eine Fülle kaſtanien⸗ brauner Haare, theils in Locken, theils in ungezwunge⸗ nen Flechten herabfiel und ihre blaſſen, zarten Wangen beſchattete, auf denen ein ſchwaches, kaum ſichtbares Noſenknospenroth lag; die Lippen halb geöffnet wie zum Sprechen, gaben dem kleinen, klugen Geſichte Leben und Ausdruck und vollendeten—“ „Was man ſo ein verteufelt hübſches Mädchen nennt,“ ſiel Power ein. „ Die Wittwe wäre mir doch an der kleinen Zehe lieber,“ murmelte der Adjutant. „O, ſie war ein Engel, ein Engel!“ rief Sparks begeiſtert. „Das war die Wittwe auch, wenn es weiter Nichts ſeyn ſoll,“ verſetzte der Adjutant haſtig. „Und Matilda Dalrymple ebenfalls,“ fügte Power mit einem ſchlauen Blick auf mich hinzu.„O, wir ſind alle zuſammen große Helden in der Liebe, nicht wahr, Freund Charley.“ „Vorwärts mit der Geſchichte,“ brummte der Schiffs⸗ kapitän,„ſie fängt an mich zu intereſſiren.“ „ Iſabella, ſagte ein großer, wohlgekleideter Herr, indem er ihr ausſteigen half, ‚Du mußt Dir ein wenig Ruhe gönnen, ehe wir weiter fahren.“ „Ich bin auch der Meinung, Sir,“ fügte eine ält⸗ liche Dame in geſtreiftem Mantel und ſchwarzer Haube hinzu. hir„Sie verſchwanden im Hauſe und ich ſtand allein. Der glänzende Traum war vorüber; ſte war nicht mehr hier; aber in meinem Herzen lebte ihr Bild und ich konnte ſie vor mir ſtehen ſehen. Es war mir, als hörte ich ihre Stimme, als ſehe ich ihre Bewegungen; meine Beine zitterten, meine Hände zuckten; ich zog die Glocke, ließ mein Gepäck nach No. 5 zurückbringen, und als ich auf den Sopha ſank, murmelte ich: Das iſt wirk⸗ lich Liebe auf den erſten Blick.“ „Es ging doch verdammt ſchnell,“ meinte der Schiffskapitän. „Gerade wie das Lazarethſieber,“ bemerkte der Dok⸗ tor;„im einen Augenblicke ſind Sie wohl, im nächſten überfällt Sie eine ÄArt Fieberſchauer, ſodann kommt ein Jucken und Zucken und auf einmal iſt's, als wäre die ganze Hölle losgelaſſen.“ „Hol der Teufel das Lazarethfieber,“ ſagte Sparks und fuhr dann fort:„Alſo, wie geſagt, ich verliebte mich ſterblich; und hier erlauben Sie mir die Bemerkung, daß Alles, was die Leute ſo oft von einer einzigen Liebe zu faſeln pflegen, der reinſte Unſinn iſt.“ Niemand iſt im Stande ſo tief zu fühlen, wie der⸗ jenige, der tägliche Uebung darin hat. Die Liebe muß wie Alles in der Welt ſo zu ſagen kultivirt werden, das heißt, man darf ſie nicht brachliegen laſſen. Der unerfahrene Neuling in einer Herzensangelegenheit meint alle ihre Leiden und Freuden erſchöpft zu haben; aber nur, wer ſich dieſelben Jahre lang zum täglichen Studium auserkohren; wer ſein Gemüth mit allen Er⸗ ſcheinungsweiſen der Leidenſchaft vertraut gemacht hat, kann dieſelbe gebührend und nach Verdienſt würdigen. Alſo je mehr Ihr liebet, um ſo beſſer liebet Ihr. „Tagelang verließ ich das Haus nicht, um nur einen einzigen Blick von der liebenswürdigen Iſabella zu er⸗ haſchen. Mein weiteſter Ausflug ging in den kleinen 73 Wirthshausgarten, wo ich alle erdenklichen Schlingen legte, um ſie hereinzulocken. Den einen Tag ließ ich einen Band Poeſien, am andern Paul und Virginie mit einer bezeichneten Seite in der Laube liegen, zuweilen hing meine Guitarre mit einem breiten blauen Band gedankenvoll von einem Baume herab; aber ach, Alles war vergebens; ſie wollte nicht zum Vorſchein kommen. Endlich faßte ich mir ein Herz und fragte den Kellner nach ihr. Er konnte mehre Minuten lang nicht be⸗ greifen, was ich meinte; zuletzt aber kam er mir doch auf den Sprung und rief:„O, No. 8, Sie meinen No. 8, Sir?⸗ „Es mag ſeyn,“ ſagte ich,„nun wie ſtehts mit ihr?⸗ „O, Sir, ſie iſt ſchon ſeit drei Tagen abgereist.“ „Abgereist!« rief ich mit einem ſchmerzlichen Stöhnen. „Ja, Sir, ſie fuhr am Dienſtag früh mit demſelben alten Herrn und mit derſelben alten Dame in einer vierſpännigen Chaiſe wieder ab: ſie beſtellten Pferde nach Dollgelly, um dort abgeholt zu werden; aber wo⸗ hin ſie weiter gingen, weiß ich nicht.⸗ „Unfähig zu ſprechen, ſank ich in meinen Stuhl zurück. So hatte ich denn drei tödtliche Tage hindurch vor Walesſchen Kellnern und Kammermädchen den Romeo geſpielt, hatte geſeufzt, Serenaden gebracht, deklamirt, mich in intereſſanten Haltungen geübt, Roſen geflückt, Selbſtgeſpräche gehalten, mit Selbſtmordsgedanken mich herumgeplagt, und, das Alles nur zur Erbauung einer 3 Bande von Wilden die kaum mehr Bildung beſaßen, als ihre Böcke und Ziegen.“ „„Meine Rechnung!⸗ rief ich mit donnern der Stimme, im Augenblick meine Rechnung!: Ich war betrogen, auf eine ſchmähliche rohe Art betrogen wo rden und wollte keine Stunde länger im Hauſe bleiben. So dachte ich wenigſtens und ließ meinen Bedienten kommen, den ich auszankte, weil er meine Kleider nicht ſchon längſt gepackt hatte; er entſchuldigte ſich, ich wurde immer heftiger, warf ihm einen Ehrentitel um den andern an den Kopf, bezahlte ihm endlich ſeinen Lohn und hieß ihn ſeines Weges gehen. Eine Stunde ſpäter ſaß ich im Wagen.“ „Wo hinaus, Sir?' fragte der Poſtillion, indem er ſich in den Sattel ſchwang. „Zum Teufel, wenn Du willſt,“ rief ich und warf mich in die Ecke zurück. ‚„Sehr wohl, Sir,“ entgegnete der Burſche, ſeinem Pferde beide Sporen in die Seite drückend. „Am Abend kam ich in Bedgellert an.“ „Das kleine beſcheidene Wirthshaus in Bedgellert mit ſeinem Strohdach und Lehmboden war mir nach einer elfſtünden, ſcharfen Fahrt an einem glühenden Juli⸗ tag ein höchſt willkommener Anblick. Hinter dem Haus ſelbſt erhob ſich der gewaltige Snowdon, hoch hervor⸗ ragend unter den übrigen Bergen, deren kühne Spitzen 5 rin den Wolken verloren; vor mir lag das enge al.— „Weckt mich auf, wenn er wieder unterwegs iſt,“ ſagte der Schiffskapitän, furchtbar gähnend. „Vorwärts, Sparks,“ rief Power antreibend;„ſo hat mich in meinem ganzen Leben nie Etwas intereſſirt; nicht wahr, O'Malley, es geht Ihnen auch ſo?“ „O, es iſt ergreifend ſchön,“ antwortete ich, und Sparks fuhr fort: „Drei Wochen blieb ich in dieſem lieblichen Orte, meine Seele voll von Bildern der Vergangenheit und Träumen von der Zukunft, eine Fiſcherangel meine einzige Begleiterin; nicht jedoch, als ob ich je Etwas gefangen hätte, denn ich weiß nicht, wie es kam, aber immer verwickelte ſich meine Schnur an einem Weiden⸗ baum oder einer Waſſeerlilie, und endlich gab ich mein Bemühen, aus den Strömen Etwas zu erhaſchen, gänz⸗ lich auf. Eines Tages— ich erinnere mich noch, als wäre es geſtern geweſen— es war am 4ten Auguſt— machte ich einen Ausflug nach Lanberris. Ich hatte früh den Snowdon überſtiegen und kam zur Frühſtücks⸗ zeit an dem kleinen See auf der entgegengeſetzten Seite an. Hier ſetzte ich mich neben den Ruinen des Thurmes von Dolbadern nieder, öffnete meine Jagdtaſche und hielt ein tüchtiges Mahl. Ich bin von jeher ein Tag⸗ träumer geweſen, und es gibt wenige Dinge, die mir angenehmer wären, als an einem heißen Tag in hohem Gras unter dem Schatten tief herabhängender Zweige zu liegen, in der Nähe ein fließendes Waſſer zu haben und dabei das eintönige Geſumme der Bienen, ſo wie in einiger Entfernung das klare helle Geläute einer Schafheerde anzuhören. An einem ſolchen Ort und in ſolcher Zeit ſtreift die Phantaſte fröhlich wie ein ver⸗ gnügtes Kind umher, und nur angenehme Gedanken ſtellen ſich ein. Ermüdet von meinem langen Marſche und überwältigt durch die Hitze, verſank ich in einen tiefen Schlaf. Wie lange ich da lag, kann ich nicht ſagen, aber die Schatten waren ſchon zur Hälfte über den hohen Berg hinabgeſtiegen, als ich erwachte. Ein Geräuſch hatte mich aufgeweckt, und ich meinte in mei⸗ ner Nähe ſprechen zu hören. Ich blickte auf, und einige Sekundenlang glaubte ich immer noch zu träumen. Nur ein paar Schritte vor mir ſtand Iſabella, die ſchöne Er⸗ ſcheinung. die ich in Barmouth geſehen hatte, aber noch ſchöner, tauſendmal ſchöner. Sie war in ländlicher Tracht und trug den runden Hut, der in Wales wenigſtens dem Charakter des weiblichen Geſichtes ſo angemeſſen zu ſeyn ſcheint; ihre langen wallenden Locken ſielen nachlaͤßig über ihre Schultern, und ihre Wangen waren vom Ge⸗ hen geröthet. Bevor ich meine irrenden Gedanken zu ſam⸗ meln vermochte, redete ſte mich an: ihre Stimme war voll und rund, aber ſanft und leiſe bebend, als ſie ſagte:— „Ich bitte um Verzeihung, Sir, daß ich Sie, wenn auch unbewußt, geſtört habe; aber, nachdem es einmal geſchehen iſt, ſo möchte ich Sie erſuchen, mir dieſen Waſſerkrug füllen zu helfen.“ „Dabei zeigte ſie auf ein kleines Bächlein, das aus einem Felſenriß herabrieſelte und weiter unten einen kleinen Brunnen mit klarem Waſſer bildete. Ich ver⸗ beugte mich tief, murmelte Etwas— ich weiß ſelbſt nicht mehr was— nahm den Krug aus ihrer Hand, kletterte bis zur klaren Ouelle oben hinauf und kehrte dann mit gefülltem Gefäße zurück. Als ich wieder auf den ebenen Boden kam, bemerkte ich, daß noch eine an⸗ dere Perſon ſich eingeſtellt hatte, in welcher ich ſogleich den alten Gentleman erkannte, den ich in Barmouth bei ihr geſehen, und der mich äußerſt höflich wegen der gehabten Mühe um Entſchuldigung bat. Zugleich ſagte er, eine Geſellſchaft von ſeinen Freunden erfreue ſich ganz in der Nähe eines kleinen Picknicks, und ich ſey freundlich erſucht, daran Theil zu nehmen. „Ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß ich die Ein⸗ ladung annahm und mit Entzücken die Gelegenheit er⸗ griff, Bekanntſchaft mit Iſabella zu machen, die ihrer⸗ ſeits, ich muß es geſtehen, ganz und gar nicht abgeneigt ſchien, mich bei der Geſellſchaft zu ſehen.. „Nachdem wir etliche Minuten gegangen, kamen wir an einen kleinen felſigen Punkt, der ſich ein wenig in den See hinauserſtreckte und eine ſchöne Ausſicht über das Thal von Lanberris bot. An dieſem lieblichen Plätzchen fanden wir die Geſellſchaft verſammelt: ſie beſtand aus vierzehn oder fünfzehn Perſonen, alle emſig mit der Zu⸗ bereitung eines ſehr vortrefflichen Mittagsmahles beſchäf⸗ tigt, wobei jeder einzelnen Perſon ihre beſondere Arbeit angewieſen war. So ſchlug ein ältlicher Herr unter einem Kaſtanienbaum Sahne, während ein ſehr faſhio⸗ nabel gekleideter junger Mann im See Radieschen wuſch. Eine alte, bebrillte Lady briet über einem Holzfeuer einen Salm, und ihr gegenüber ſaß ein kurzer, dicker, kahlköpfiger Mann in ſchwarzbraunen Hoſen, tief in das Geheimniß der Zubereitung eines pifanten Salats beſchäf⸗ tigt, von dem er ſeine Augen nicht aufſchlug. Auf dieſe Art wurde mir erkärllich, wie der ſchönen Iſabella das Loos 77 zugefallen war, Waſſer zu holen, denn auch ſie mußte nothwendig ihr Scherflein zum allgemeinen Beſten bei⸗ tragen. Der alte Gentleman, der ſie begleitete, ſchien die einzige unbeſchäftigte Perſon zu ſeyn und als Feſtord⸗ ner betrachtet zu werden; wenigſtens nannten ſie alle ihn General und folgten unbedingt jedem ſeiner Winke. Er war ein ernſter, ruhiger, dabei aber ſanfter, gutmü⸗ thiger und ſehr höflicher Mann, der gleich in den erſten Augenblicken meine ganze Zuneigung gewonnen hatte. Bevor er mich ſeinen Freunden vorſtellte, nahm er mich ſanft beim Arme, zog mich auf die Seite und flüſterte mir in's Ohr: „Wundern Sie ſich über Nichts, was Sie heute hören und ſehen werden; denn ich muß Ihnen ſagen, daß dies eine Art von Klub, wie ich's nennen möchte, iſt, wo jede Perſon eine gewiſſe Rolle annimmt und bei Strafe verpflichtet iſt, dieſelbe durchzuführen. Wir haben von Zeit zu Zeit ſolche Zuſammenkünfte, und da Fremde ſonſt nie zugegen ſind, ſo war dieſe Erklärung nöthig, um Ihnen die Sache im rechten Lichte darzuſtellen. Sie verſtehen mich doch?' 8 „O, vollkommen,“ ſagte ich, hoch vergnügt über die Neuheit der Szene und in der ſichern Erwartung, daß mir dies zufällige Zuſammentreffen mit ſo wahrhaft originellen Charakteren viele Freude machen werde. „Mr. Sparks, Mrs. Winterbottom. Erlauben Sie mir Ihnen Mr. Sparks vorzuſtellen.“ „Was für Nachrichten bringen Sie von Batavia, junger Gentleman?' fragte die alte blaßgelbe Lady, die ſo angeredet wurde; ‚wie ſteht der Kaffee?⸗ Der General ging raſch weiter und ſtellte mich der Reihe nach der Geſellſchaft vor. „Mr. Doolittle, Mr. Sparks.: „Ach, wie beſinden Sie ſich, alter Kerl?' ſagte Mr. Doolittle; ‚ſetzen Sie ſich zu mir. Wir haben vierzigtauſend Morgen ſauren Kohls vergeudet, um ein wenig Eſſig zu bekommen. 78 „Pfui, pfui, Mr. Doolittle, ſagte der General und ging weiter zu einem andern. „Mr. Sparks, Kapitän Croſſtree., „‚Ah, Sparks, Sparks(Funken)! Sohn des alten Blaze(Feuerbrand)! Ha ha ha!“ und hier brach der Kapitän in ein unbändiges Gelächter aus. „Le roi est servi,“ ſagte eine dünne magere Figur in Nankingbeinkleidern, vor dem General ſich verbeugend und die Mütze abnehmend; und nun ſetzten wir uns alle in's Gras. „Sag es noch einmal, ſag es noch einmal! ſo ſtoß ich Dir dieſen Dolch in's Herzi' rief dicht neben mir eine hohle Stimme, zitternd vor Aufregung und Wuth. Ich wandte den Kopf und ſah einen alten Herrn mit einer Warze auf der Naſe einer Fleiſchpaſtete gegenüber fitzen, die er mit Blicken glühender Verachtung anſah. Bevor ich den weitern Verlauf dieſer Szene beobachten konnte, fühlte ich eine weiche Hand, welche die meinige drückte. Ich drehte mich um. Es war Jſabella ſelbſt, die mit einem Blick, deſſen Ausdruck ich nie vergeſſen werde, zu mir ſagte: „Achten Sie nicht auf den armen Faddy; er thut Niemand etwas zu leide.“ Inzwiſchen ging die Mahlzeit raſch vorwärts; die Bedienren, die jetzt in erſtaunlich großer Anzahl vor⸗ 3 handen waren, rannten unaufhörlich hin und her, und Enten, Schinken, Taubenpaſteten, kalter Kalbsbraten, Apfeltorten, Käſe, gepöckelte Salmen, Melonen und Reispudding wanderten nach allen Seiten. Was mich betraf, ſo hätte ich mir vielleicht unter andern Umſtän⸗ den aus der Unterhaltung rings umher allerlei entnehmen können, aber jetzt war ich zu ſehr mit Iſabella beſchäf⸗ tigt, um an etwas Anderes zu denken. Meine Liebes⸗ werbung— denn zu einer ſolchen war die Sache bald gediehen,— machte reißende Fortſchritte. Offenbar kam mir unſer neuliches Zuſammentreffen wohl zu Statten, denn in ihrem ganzen Benehmen lag die Wärme und 79 Herzlichkeit alter Freundſchaft. Freilich ſah ich mehr als einmal des Generals Auge mit einem nichts weniger als wohlgefälligen Ausdruck auf uns geheftet, und es war mir, als erröthe Iſabella und ſcheine gleichfalls verwirrt. Doch was kümmere ich mich darum? dachte ich, ‚meine Abſichten ſind ehrlich und der Neffe und Erbe von Sir Toby Sparks— juſt in dem Augenblicke, wo ich dieſe Betrachtung anſtellte, warf mir der alte Mann in den kurzen Hoſen einen gebratenen Apfel in's Auge und rief: „Wann kamſt Du hieher, Du Sohn der blaſſen Geſichter?' „Mr. Murdocks,“ donnerte der General und der kleine Mann ließ ſprachlos den Kopf hängen. „Auf ein Wort, junger Gentlemand, ſagte eine dicke alte Lady, mich in den Oberarm kneipend. „Achten Sie nicht auf ſie, bemerkte Iſabella lä⸗ chelnd; ‚die gute alte Dorking hält ſich fuͤr ein Uhr⸗ glas, iſt das nicht drollig? „Junger Mann, haben Sie irgend eine Regung von menſchlichem Gefühl?“ fragte die alte Lady mit thränenden Augen; ‚wollen Sie es wagen, einem Mit⸗ menſchen in meinen Umſtänden beizuſtehen?“ ‚Was kann ich für Sie thun, Madame?' rief ich, wirklich gerührt von ihrem Jammer. „Gute, theure Seele, ziehen Sie mich auf, denn ich bin eben abgelaufen.“ „Bei dieſem ſeltſamen Verlangen brach Iſabella in ein lautes Gelächter aus, eine Unſchicklichkeit, der, ehr⸗ lich geſtanden, auch ich unwillkürlich mich ſchuldig machte. Nun aber heftete die alte Dame einen finſtern Blick von der ominöſeſten Bedeutung auf Iſabella und ſagte: „Lachen Sie immerhin, mein Fräulein, aber bevor Sie über das Unglück anderer ſpotten, fragen Sie ſich ſelbſt, ob Sie von Schwächen frei ſind? Wann ſahen Sie das Schippenaß? Beantworten Sie mir dies, mein Fräulein.“ 8⁰ Iſabella wurde plötzlich todesblaß, ſelbſt ihre Lippen erbleichten, und mit kaum hörbarer Stimme murmelte ſie: „So bin ich alſo betrogen? Iſt er es nicht?' und damit legte ſie die Hand auf meine Schulter. „‚Der da das Schippenaß!' rief die alte Lady hohn⸗ lachend; ‚der da das Schippenaß!’ „Sind Sies, oder ſind Sies nicht?' fragte Iſa⸗ bella, ihre tiefen ſchmachtenden Augen auf mich heftend; „‚antworten Sie, wenn Sie ein Ehrenmann ſind, ſind Sie das Schippenaß?' ‚Er iſt ja der König von Tuscarora; ſeht nur ſeine Tätowirung,“ rief ein ältlicher Herr und zog mir einen Senfſtrich über Naſe und Wangen. „So bin ich alſo betrogen? rief Iſabella, ſtürzte dann auf mich zu und riß mir eine Handvoll Haar aus dem Backenbart. „Kuckuck, Kuckuck!“ ſchrie einer;„bau wau, wau,“ brüllte ein anderer; ‚hiß,“ ziſchte ein dritter, und in einem Augenblick folgte eine Szene des Kampfes und Aufruhrs; Schüſſeln, Teller, Meſſer, Gabeln und Flaſchen flogen nach rechts und links, jeder ſtürzte mit dem furchtbarſten Geſchrei über ſeinen Nachbar her und die Hölle ſelbſt ſchien losgelaſſen zu ſein. Das Stun⸗ denglas und der Mollah von Oude hatten mich zu Boden geworfen und pufften mich halb zu Tode, als ein kurzer, unterſetzter Mann auf allen Vieren einherkroch und rief: „Platz vor dem bengaliſchen Königstiger!« worauf beide pfeilſchnell entflohen und mich allein dieſen neuen Kampf ausfechten ließen. Glücklicherweiſe dauerte er indeß nicht lang, denn einige chriſtlich denkende Seelen rißen den Raſenden von mir weg, nicht jedoch, bevor er mich grimmig gepackt und mir einen Theil vom linken Ohr abgebiſſen hatte, das alſo, wie Sie ſehen, bis an mein ſeliges Ende verſtümmelt bleiben wird.⸗ „Ein ſeltſamer Klub das!“ meinte der Doktor. „Klub! Sir, Klub! Es war eine Geſellſchaft von Tollhäuslern. Der General war Niemand anders als 81 der berühmte Doktor Andrew Moorville, der das große Irrenhaus in Bangor hatte und ſeinen Patienten von Zeit zu Zeit eine Art Landpartie zu geſtatten pflegte. Eine der merkwürdigſten Erſcheinungen in ihrer Krank⸗ heit war, daß, ſobald einer in ſeinen Wahnſinn zurück⸗ verfiel, die andern es ſogleich merkten und mit fortge⸗ riſſen wurden; daher mein angenehmes Abenteuer. Der bengaliſche Tiger war ein Kaufmann von Liverpool und der unheilbarſte Narr in ganz England; bei dem Stun⸗ denglas und dem Mollah aber ſtand es noch auf der Waage, ob ſie nicht ebenfalls für total incurabel erklärt werden ſollten. „Und Iſabella?“ fragte Power. „Ach, die arme Iſabella war durch eine karten⸗ ſpielende Tante in Bath wahnſinnig gemacht worden und wirklich ein höchſt beklagenswerthes Geſchöpf. Noch die letzten Worte, die ich von ihr hörte, beſtätigten meine Anſicht von der Hoffnungsloſigkeit ihres Zuſtandes.“ „Ja,“ ſagte ſie, als man ſie in den Wagen brachte, zich muß allerdings ſehr einfältig ſeyn, daß ich den Neffen eines Baumwollenſpinners von Mancheſter mit einem zitternder, bewegter Stimme, trank dann auf einen Zug ſein Glas aus und zog ſich zurück, ohne uns gute Nacht ———ↄ3 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der Schiffskapitän. Mit ſolchem und ähnlichem Geplauder brachten wir unſere Tage dahin, denn die Fahrt ſelbſt lieferte uns keine Gelegenheit zu Abenteuern, die ihre trübſelige Ein⸗ Lever, O⸗Malley. I. 6 82 tönigkeit hätten verkürzen können; doch hatten wir mit Ausnahme weniger Stunden beſtändig einen hübſchen Wind, und das lange Ladetakel war fortwährend auf das Land zugerichtet, wohin unſere glühendſten Wünſche ihr voraneilten. Die letzten Nachrichten, die uns aus der Halbinſel zugekommen waren, meldeten, daß unſer Regiment bei⸗ nah täglich im Gefechte ſey, und wir brannten vor Un⸗ geduld, mit unſern Kameraden auf dem Feld der Ehre zuſammen zu treffen. Power, der ſchon Feldzüge mit⸗ gemacht, war in dieſer Beziehung ruhiger als wir, die wir unſere jungfräulichen Schwerter noch nicht einge⸗ weiht hatten; aber auch ihm wurde manchmal die Zeit unerträglich lang, und wenn gegen Sonnenuntergang der Wind nachließ, ſo konnte er zuweilen in einen Ruf des Mißvergnügens ausbrechen, als fürchtete er, wir möchten überhaupt zu ſpät kommen;„denn,“ ſagte er, „wenn ſie auf dieſe Art fortfahren, ſo wird das Regi⸗ ment abgelöst werden, und wir müſſen dann nach Hauſe zurück, bevor wir zu ihm geſtoßen ſind.“ „Fürchtet Nichts, meine Jungen,“ tröſtete der Major,„Ihr werdet noch genug zu thun bekommen. Auf beiden Seiten iſt die Luſt und Liebe zur Arbeit viel zu groß, als daß ſie ſobald weich geben möchten, zu⸗ mal da ſie hier einen herrlichen Boden und Zeit genug haben. „Schon der Gedanke,“ rief Power,„daß wir hier müſſig unſere Stunden vertändeln müſſen, während dieſe wackern Burſche früh und ſpät im Sattel ſitzen! O, es iſt zu arg. Nicht wahr, es wäre Ihnen eine ſchlechte Freude mit blankpolirtem Säbel zurückkommen zu müſſen? Was würde Lucy Daſhwood ſagen?“ Dies war die erſte Anſpielung, die Power auf ſie machte, und ich wurde roth bis zur Stirne. „Beiläufig geſagt,“ fügte er hinzu,„ich habe einen Brief für Hammersley, den man paſſender Ihnen an⸗ vertraut hätte.“* 8³ Bei dieſen Worten überlief mich ein kalter Todes⸗ ſchauer, während er fortfuhr: „Der arme Kerl! er iſt zum Verzweifeln verliebt; denn Sie müſſen wiſſen, wenn ein Mann in ſeinem Alter die Krankheit bekommt, ſo iſt dies zehnmal ärger als bei einem jungen Burſchen, wie Sie ſind. Und dann hat er höchſt wahrſcheinlich die Sache am falſchen Zipfel angefaßt. Warum denn auch mit dem Papa an⸗ fangen? Wenn einer einmal von ſich ſelbſt die Ein⸗ willigung hat, ein Mädchen zu lieben, ſo muß er doch ein ſehr ſchwacher Burſche ſeyn, wenn er ſie nicht be⸗ kommen kann; auf alles Andere, was dann noch fehlt, laſſe ich mich gar nicht ein. Aber ſobald man damit anfängt die Häupter des Hauſes in ſein Intereſſe zu ziehen, dann fahret wohl alle Ausſichten bei dem lieben Geſchöpfchen ſelbſt, wenn es irgend Grütze im Kopf hat. Dies heißt ja offenbar, ſie zur Uebergabe ohne die Kriegsehren auffordern. Und welches Maͤdchen wird ſich wohl das gefallen laſſen?“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Doftor,„es herrſcht bei dem ſchönen Geſchlechte eine ſtarke Oppoſition vor, ſchon aus phyſiologiſchen Gründen.“ „Hol der Teufel Ihre Phyſiologie, alter Galan; was Sie Oppoſition nennen, iſt weiter Nichts als der bekannte Wirderſtand gegen Unterdrückung, der eine gute Hälfte des Zauberreizes unſerer Schönen aus⸗ macht. Es verhält ſich mit ihm— vor Euern Ehren zu melden— wie mit den Pferden: die ſchwerfälligen, hartmäuligen, die mit dem Gebiß in den Zähnen daran zotteln und ſich Nichts darum kümmern, ob man nach rechts oder links zerrt, ſind keinen Pfennig werth: dagegen iſt es eine wahre Pracht um die Handhabung eines muntern, muthwilligen Springers, der bei jeder Bewegung des Handgelenkes ſeine Kapriolen macht und wie toll in die Zügel knirſcht, wenn man ihm ſeinen 6 84 Willen nicht läßt, während eine geübte Hand ihn mit einem Seidenfädelchen zähmen kann; nicht wahr, Ka⸗ pitän, hab ich nicht recht?“ „Ich meinestheils verſtehe mich zwar ſehr ſchlecht auf Pferde, glaube aber doch, daß Sie nicht weit da⸗ neben geſchoſſen haben. Das leichte Fahrzeug, das dem Ruder gehorcht, treibt ſich munter herum in der Rhede; luvt es auch an einigen Stellen an, ſo bleibt es immer noch ein gutes Seeboot, wenn es gleich ein wenig ſchaukelt und ſtößt: aber der ſchwere Lugger, der nie weiß, ob das Steuer oben oder unten iſt, ob es vom oder am Winde iſt, verdient höchſtens verbrannt zu werden: Ihr könnt mit einem Schiff oder einem Weib Nichts anfangen, wenn es keine gute Steuerung hat.“ „Heda, Kapitän, wir Alle haben jetzt unſere Ge⸗ ſchichten erzählt, geben Sie auch einmal eine preis.“ „Mein Garn würde ſich nach Euern dreieckigen Oberbramſegeln von Liebesaffären und dergleichen ſchlecht ausnehmen; aber wenn es Ihnen Vergnügen macht ein wichtiges Ereigniß aus meinem Leben anzuhören, ſo will ich es Ihnen gerne erzählen. „Ich denke oft daran, wie wenig wir wiſſen, was uns in jeder Minute begegnen kann. Heute haben wir ſanften, günſtigen Wind; wir laufen ſieben Knoten in der Stunde, die Leeſegel eingezogen, haben ein glattes Waſſer und einen weiten Seeraum; morgen wird der Wind heftig, die See geht hoch, vom Leebug herab ſieht man eine klippige Küſte und vielleicht bekommen wir zum Ueberfluß ein Leck; doch am Ende ſchlagen wir uns, ſo ſchlimm das Ding auch ausſieht, immer noch glücklich durch, und Tags darauf ſind die Ausſich⸗ ten ſo glänzend wie je. Sie werden vielleicht fragen, was all dieſes Moraliſiren mit Weibern und Seeſchiffen zu thun habe? Weiter gar nichts, ich wollte damit blos andeuten, daß, wenn die Sachen noch ſo ſchlecht aus⸗ ſehen, ſehr häufig ein großes Glück auf uns wartet, und wir daher die Flagge nie ſtreichen ſollen, ſo lange ein Maſt ſteht. Nun zu meiner Geſchichte. „Es ſind etwa vier Jahre, daß ich eines Abends am Hafen von Cove hinſpazierte, meine Hände in den Taſchen, denn ich hatte Nichts zu thun und auch keine Ausſicht auf Arbeit, da mein letztes Schiff in der Nähe der bermudiſchen Inſeln geſcheitert und beinahe meine ganze Mannſchaft zu Grunde gegangen war; wer aber einmal im Unglück ſitzt, den wollen die Aſſekuranten um keinen Preis mehr nehmen. Ich blickte nach den Schiffen hin, die auf guten Wind warteten, um den Kanal hinabzu⸗ fahren. Alles war in Thätigkeit und Rührigkeit: jeder ſuchte ſein Fahrzeug ſo hübſch und gut wie möglich her⸗ zurichten, man theerte, malte, flickte die Segel, machte neue Flaggentücher zurecht, nahm Schiffsvorräthe ein: auf allen Seiten ſchaukelten Boote, flogen Signale, feuerten Kanonen von den Kriegsſchiffen, und Alles war ſo lebhaft als nur möglich, Alles, nur ich nicht. Da war ich wie ein altes, durch und durch leckes Holzſchiff, bewegte keine Spiere mehr und blickte in die Welt hinein, als ſollte ich im nächſten Augenblick zu Grunde gehen; auch hätte ich wahrhaftig nicht viel dagegen einzuwenden gehabt. Ich ſetzte mich auf eine Ankerſchaufel und begann nachzuſinnen, ob es nicht beſſer wäre, vor dem Maſt unterzuſtnken, als auf dieſe Art weiter zu leben. Gerade vor mir befand ſich ein alter Schooner, der ſchon, ſo lange ich mir's denken konnte, am nämlichen Platze vor Anker lag: er war ſchon da, als ich Knabe war, und hatte, ſo weit meine Erinnerung reichte, nie friſcher oder neuer ausgeſehen; ſeine alten, breiten Backen, ſein hohes Hüttendeck, ſein runder Spiegel, ſein glattes Verdeck, ganz nach holländiſcher Art, ich kannte das Alles genau und dachte manchmal, was für ein komiſcher Kauz der geweſen ſeyn müſſe, der es zuerſt ausgerüſtet, und zu welchem Geſchäft man es wohl gebraucht haben könne. Die Matroſen im Hafen nannten es nur die Arche Noah und ſchwuren darauf, es ſey das nämliche Fahr⸗ 86 zeug, das einſt der Patriarch über die Regenzeit mit all den wilden Beſtien vollgepfropft habe. Dem ſey indeß wie ihm wolle, ſeit meinem Unglück begann ich eine Sympathie für den alten Schooner zu empfinden; er war mir wie ein alter Freund; er änderte ſich nie gegen mich, das Wetter mochte ſchön oder ſchlecht ſeyn; er war noch immer derſelbe wie vor dreißig Jahren, trotz dem, daß alle Welt mich vergaß und weit von mir weg⸗ ſteuerte. Jeden Morgen ging ich in den Hafen hinab und betrachtete ihn, nur um zu ſehen, ob Alles in Ord⸗ nung war und Nichts ſich verändert hatte; und wenn es bei Nacht etwas ſcharf blies, ſo machte ich mich auf, um mich zu überzeugen, ob er ausdauerte und kümmerte mich darum ſo viel, als ob ich mit ihm auf der See wäre. Hie und da ließ ich mich durch einige Schiffer an Bord deſſelben rudern und nach einigen Stunden wie⸗ der abholen, nachdem ich hochvergnügt auf dem Verdeck umhergewandelt war, das alte von Würmern zernagte Rad unterſucht, weit in die Ferne hinausgeblickt und mich auch hinunter begeben hatte, gleich als wäre ich der Commandant. Mit jedem Tag gewöhnte ich mir dies mehr an und zuletzt brachte ich meine ganze Zeit damit zu, dieſes Fahrzeug zu beaufſichtigen: es lag in unſern Schickſalen etwas ſo Aehnliches, daß ich immer an daſſelbe denken mußte. Wie ich, hatte dieſes Schiff ſeine Tage lebendiger Thätigkeit gehabt; wir hatten beide dem Sturm und Wetter Trotz geboten; ſeine zerriſſenen Bollwerke und abgenutzten Bruſthölzer bewieſen, daß es gleich mir dem Unglück nicht entgangen war. Wir beide hatten unſere Gefahren überlebt, um vernachläſſigt und vergeſſen zu werden, um am Strome des Lebens ſelbſt zu verfaulen, bis die zerbröckelnde Hand der Zeit uns Stück um Stück zertrümmern würde. Iſt es ein Wun⸗ der, wenn ich das alte Ding liebte? oder wenn ich die Buben wegſcheuchte, die manchmal an Bord kamen, um darauf zu ſpielen und ſich zu erluſtigen? Wenn ein neuangekommenes Schiff, unbekümmert um das alte Boot, 87 ungeſtüm darüber herſtürzte und eine Spiere oder ein Stück vom Tackelwerk der Segel mit fortriß, dann er⸗ hob ich mich auf einmal und rief ihnen zu, ſie ſollen ſich wegſcheeren und uns nicht beſchädigen. Allmälig merk⸗ ten ſie ſich's Alle, und ich ſah, daß ſite mich für wahn⸗ ſinnig hielten, ein weiterer Grund für die Matroſen, manchen loſen Streich gegen den alten Noah auszu⸗ führen. „Nun gut, an jenem Abend ſaß ich, wie geſagt, auf der Ankerſchaufel und wartete, ob nicht vielleicht ein Boot käme, das mich an Bord brächte. Die Sonne war untergegangen, die Flut war im Ablaufen und das alte Fahrzeug hob ſich bei der ſchnellen Strömung mit kur⸗ zen, ungeduldigen Stößen, als wäre es ſehr müde und wünſchte endlich zur Ruhe zu kommen: ſeine loſen Par⸗ tunen knarrten in klagenden Tönen, und als es ſo hin und her wankte, rann das Waſſer aus mancher Breſche in ſeinen abgenutzten Seiten heraus, wie Blut aus einer Wunde träufelt. ‚Ach, ach“ dachte ich,„deine Stunde iſt nicht mehr fern; noch eine ſteife Kühle und Alles, was von dir übrig iſt, liegt dann trocken am Ufer. Das Herz wurde mir ſehr ſchwer dabei, denn in meiner Verlaſſen⸗ heit war die alte Arche— obſchon dies, wie Sie ſo⸗ gleich hören werden, nicht der wahre Name des Schiffes war— der einzige Geſellſchafter, den ich hatte. Ich habe von einem armen Gefangenen gehört, der viele Jahre hindurch eine Spinne, die an ſeinem Fenſter ihr Gewebe wob, beobachtete und vom Morgen bis zum Abend nicht aus den Augen verkor; ich kann das wohl glauben; das Herz will ſich an irgend Etwas anklammern, und findet es keinen lebendigen Gegenſtand, ſo findet es doch einen lebloſen: es kann eben ſo wenig allein ſtehen, als die Segel ohne den Maſt. Unter ſolchen Gedanken ſtrich mir der Abend dahin, der Mond glänzte am Him⸗ mel, aber kein Boot kam, und ich hatte eben beſchloſſen für die Nacht wieder nach Hauſe zu gehen, als ich auf den Stufen der Werfte unter mir zwei Maͤnner ſah, die 88 unverwandt nach der Arche hinblickten. Nun muß ich Ihnen ſagen, daß es mir immer unheimlich zu Muthe ward, wenn irgend Jemand ſie anſchaute, denn ich be⸗ gann zu fürchten, ein Schiffsmäkler oder ſonſt ein Lieb⸗ haber möchte ſie auf Abbruch kaufen wollen, obſchon ſie außer ihren kupfernen Banden beinahe keinen Werth mehr hatte. In dem Augenblick, als ich die zwei Geſtalten plötzlich ſtille ſteben und auf ſie deuten ſah, ſagte ich zu mir ſelbſt:„Ach du liebes, gutes Ding, ſo wollen ſie dir nicht einmal im blauen Waſſer dein Ende gönnen, ſondern müſſen jetzt noch Zimmerleute herſchicken, um dich zu zerarbeiten.“ Dieſer Gedanke betrübte mich mehr und mehr. Hätte ein ſteifer Südweſt es umgelegt, ſo würde ich's natürlicher gefunden haben, denn ſeine Uhr war abgelaufen: aber juſt als dies in meinem Innern vorging, hörte ich von dem Platze her, wo die zwei Männer ſtanden, eine Stimme, an der ich ſogleich den Hafenadmiral erkannte. „Nun, Dawkin's,“ ſagte er zu dem andern, ‚wenn Sie glauben, es werde noch aushalten, ſo habe ich frei⸗ lich Nichts dagegen; ehrlich geſtanden, der ganze An⸗ ſchlag gefällt mir nicht, allein man muß immerhin der Admi⸗ ralität gehorchen.“ „Ja, Mylord,“ erwiederte der andere, ‚eben dieſes Fahrzeug brauchen wir; es ſieht verdammt liederlich aus, wird aber trefflich den Dienſt verſehen; die nöthi⸗ gen Reparaturen können in ein paar Tagen fertig ſeyn; Verſchwiegenheit iſt die Hauptſache.“ „Allerdings, ſagte der Admiral nach einer Pauſe, „Verſchwiegenheit iſt die Hauptſache.“ „Hoho,“ dachte ich,„da iſt Etwas im Wind,“ und legte mich auf den Ankerſtock hinaus, um unbemerkt deſto beſſer zu lauſchen. „Wir müſſen eine Mannſchaft für das Ding zu⸗ ſammenbringen, müſſen ihm ein paar Kanonen geben und es ſo gut als moͤglich ſchiffsmäßig ausrüſten; wenn nur der Kapitän—* 3 1 ſ 89 „Ja,; fiel der Admiral haſtig ein, ‚eben das wird die Hauptſchwierigkeit ſeyn, woher wir einen Burſchen bekommen ſollen, der für uns taugt. Man findet nicht alle Tage einen Mann, der bei einem ſolchen Geſchäfte ſein Leben wagen will, ſelbſt wenn man eine große Be⸗ lohnung verſpricht.“ „Sehr wahr, Mylord, aber ich halte es für ganz und gar nicht nöthig, ihm die Art des Dienſtes, den man von ihm verlangt, genau auseinander zu ſetzen.⸗ „Nun, nun, Dawflins, Sie werden doch den armen Teufel nicht mit verbundenen Augen in eine ſolche Klemme führen wollen?⸗ „Sie werden doch nicht den ganzen Kreuzzugsplan Ihrer Schiffsmannſchaft mittheilen wollen, bevor ſie aus dem Hafen iſt? Dadurch würden Sie ja die Geheim⸗ niſſe der Admiralität Leuten in die Haͤnde geben, welche möglicherweiſe den ganzen Anſchlag verrathen könnten. „Ich wünſche nur, man hätte dieſen Befehl einem andern ertheilt,“ verſetzte der Admiral mit einem Seuf⸗ zer, und einige Augenblicke ſchwiegen beide. „Nun denn, Dawkins, ich glaube, es läßt ſich nicht anders einrichten; ſorgen Sie für die Reparatur und ſehen Sie nach einer Mannſchaft.⸗ „O, was das betrifft,“ verſetzte der Andere, ‚ſo gibt es in der Flotte Schurken geuug, die zu nichts Anderem taugen. Jeder, der in ſechs Monaten dreimal geſtraft worden iſt, ſoll für dieſe Expedition gepreßt wer⸗ den; und diejenigen, die nur einmal geſtäupt worden ſind, machen wir zu Offtzieren.⸗ „Eine luſtige Schiffsgeſellſchaft,“ dachte ich, und es fehlte weiter Nichts, als daß der Teufel ſelbſt das Com⸗ mando übernähme. „Natürlich muß auch der Kapitän von demſelben Schlage ſeyn, ſagte Dawkins. ‚Bei Gott, ich wünſche den Franzoſen Glück zu dieſer Eroberung, bemerkte der Admiral. „Hoho,“ dachte ich, komme ich Euch endlich auf 9⁰ die Spur? Dies iſt alſo eine geheime Expedition; ich ſehe jetzt Alles: ſie wollen den Schooner als Brander ausrüſten und unter die franzöſiſche Flotte in Breſt los⸗ laſſen. Nun, immerhin beſſer als ſo; dies iſt wenigſtens ein ruhmreiches Ende, obſchon an ein Entkommen für die armen Burſche nicht zu denken iſt. „Nun denn,“ ſagte der Admiral, ‚„morgen wollen wir uns alſo nach dem Burſchen umſehen, der das Com⸗ mando übernehmen ſoll; er muß ein geſchickter Seemann und ein kecker Teufel ſeyn, ſonſt wachſen ihm ſeine Ban⸗ diten von Matroſen über den Kopf; er darf viel fordern, wir wollen um den Preis nicht markten.“ „Das dürft Ihr allerdings nicht,“ dachte ich,„wenn Ihr ſein Leben kaufet.“ „Ich hoffe aufrichtig,“ fuhr der Admiral fort, ‚daß wir einen Burſchen finden, der weder Weib noch Kind hat; ich könnte mir's nie verzeihen:— „Fürchten Sie Nichts, Mylord,“ ſagte der andere; zich will ſchon einen herbeiſchaffen, deſſen Verluſt Nie⸗ mand ſchmerzlich empfinden wird. Einen Kerl, der we⸗ der Freund noch Heimath hat, der ſein Leben für Nichts anſchlägt, und den weniger der Gewinn ſelbſt, als die Verwegenheit des Abenteuers anlockt. „Der bin ich,“ rief ich, von dem Ankerſtocke auf und zwiſchen die beiden Sprechenden hinein ſpringend; „ich bin Ihr Mann.“ „Wäre in dieſem Augenblick der Teufel ſelbſt vor ihnen erſchienen, ich glaube nicht, daß ſie hätten ver⸗ blüffter ſeyn können. Der Admiral fuhr ein paar Schritte zurück, während Dawkins, als die erſte Ueberraſchung vorüber war, mich am Kragen faßte und feſthielt. „Wer ſeyd Ihr, Schurke, und was führt Euch hier⸗ her?' donnerte er mich bebend vor Zorn an. „Ich bin der alte Noah,' ſagte ich, denn man hatte mich ſchon ſo lange Zeit nicht anders genannt, daß ich an meinen wahren Namen nicht mehr dachte. H 91 „Noah, ſagte der Admiral,„Noah! Nun Noah, was hattet Ihr um dieſe Zeit der Nacht hier zu ſchaffen.“ „Ich beobachtete die Arche, Mylord, erwiederte ich, mich verbeugend und den Hut abnehmend „Ich habe von dieſem Burſchen gehört, Mylord,“ ſagte Dawkins; ‚er iſt ein armer Wahnſinniger, der immer am Hafen herumſtreift, und, glaube ich, nichts Gefährliches an ſich hat. „Ja, aber er hat ohne Zweifel unſere Unterredung „belauſcht,' meinte der Admiral. ‚He, habt Ihr Alles gehört, was wir ſagten?“' „Ja, jedes Wort, Mylord.“ „Der Admiral und Daplins ſahen einander etliche Minuten ſtarr an, aber ohne zu ſprechen; endlich ſagte Dawkins: ‚Nun gut, Noah, ich habe mir ſagen laſſen, Ihr ſeyd ein Mann, auf den man ſich verlaſſen könne; dürfen wir darauf bauen, daß Ihr das, was Ihr dieſen Abend gehört, Niemand mittheilen wollt, wenigſtens ein ganzes Jahr lang?' „Ja, allerdings,“ ſagte ich. „Aber, Dawkins,“ flüſterte der Admiral halblaut, zwenn der arme Kerl wahnſinnig iſt?' „Mylord, ſagte ich kühn, zich bin nicht wahnſinnig. Unglück habe ich allerdings genug ausgeſtanden, um es werden zu können; aber Gott ſey Dank, mein Hirn iſt zaͤher geweſen als mein armes Herz. Ich war einſt Eigenthümer und Kommandant eines ſchönen Schiffes, mit welchem ich fröhlichen Herzens durch die Meere fuhr. Ich war reich; ich hatte eine Heimath und ein Kind; jetzt bin ich arm, heimathlos, kinderlos, freundlos, ein Verſtoßener. Wenn ich in meiner Verlaſſenheit und mei⸗ nem Elend eine Freude daran fand, dieſe alte Barke zu betrachten, ſo geſchah es, weil mir ihr Schickſal Aehn⸗ keit mit dem meinigen zu haben ſchien. Man hielt mich deßhalb für wahnſinnig, aber es gibt noch Leute genug, die bezeugen können, daß kein Tadel mein Benehmen trfft, und daß man mir Nichts vorwerfen kann, als Unglück. Ich habe zufällig gehört, was Sie in dieſer Nacht geſprochen haben; ich weiß, daß ſie eine geheime Expedition ausrüſten; ich kenne ihre Gefahren, ihre unvermeidlichen Gefahren; gleichwohl biete ich mich Ihnen zum Kommandanten an; ich verlange keine Belohnung, ich ſetze keinen Preis feſt. Ach, wer iſt mir denn übrig geblieben, für den ich noch arbeiten möchte! Geben Sie mir nur Gelegenheit, meine Tage in Ehren am Bord des alten Fahrzeuges zu beſchließen, an welchem mein Herz noch immer hängt; mehr verlange ich nicht. Wenn Sie auch dies nicht für mich thun wollen, ſo laſſen Sie mich unter der Mannſchaft dienen, ſtellen Sie mich vor den Maſt, Mylord, Sie werden das nicht verweigern; es iſt die Bitte eines alten Mannes, über deſſen graues Haar ſchon manches Jahr lang der Wind geblaſen hat. „‚Armer Mann, Sie wiſſen nicht, was Sie verlan⸗ gen; es iſt dies keine Gefahr gewöhnlicher Art.“ ‚Ich weiß Alles, Mylord; ich habe Alles gehört.“ „Was iſt hier zu machen, Dawkins?' fragte der Admiral. 6 „Nun, mein Freund,' ſagte Dawkins, ſeine Hand auf meinen Arm legend, ‚wie iſt Ihr eigentlicher Name? Sind Sie der Offizier, der das Kaperſchiff Dwarf auf Ile de France kommandirte?' „‚Derſelbe.“. „Dann ſind Sie Lord Collingwood bekannt?“ „Er kennt mich wohl und wird zu meinen Gunſten ſprechen.“ „Was er von ſich ſagt, iſt Alles wahr, Mylord.' „Wahr,“' rief ich, wahr! Sie werden doch wohl nicht daran gezweifelt haben?“ „Wir müſſen uns wieder ſprechen, ſagte der Admiral; ‚ſeyen Sie morgen Abend um dieſe Stunde hier, über⸗ legen Sie ſich die ganze Sache noch einmal, und nun gute Nacht!' So ſprechend nahm der Admiral ſeinen Begleiter beim Arm und kehrte langſam nach der Stadt zuruͤck. 93³ „Ich meinerſeits ſann lange über dieſes ſeltſame Zuſammentreffen und ſeine möglichen Folgen nach und brachte den ganzen folgenden Tag in einer unbeſchreibli⸗ chen, fieberiſchen Aufregung zu. Das Abenteuer, das ſo plötzlich in die trübſelige Eintönigkeit meines Alltags⸗ lebens hereinbrach, ließ mir weder Raſt noch Ruhe. Wie ſehnte ich mich nach der kommenden Nacht! denn als der Tag ſich neigte, begann ich manchmal zu fürchten, die ganze Scene meines Zuſammentreffens mit dem Admiral ſey weiter Nichts als der aufgeregte Traum eines gequälten Herzens geweſen, und indem ich den Platz betrachtete, wo die Zuſammenkunft ſtattgefunden haben ſollte, bemühte ich mich, die Stellung der ver⸗ ſchiedenen Perſonen vor meine Augen zurückzurufen, um mein ſchwaches Gedächtniß zu ſtärken. „Endlich brach der Abend herein, aber ganz anders als der geſtrige; der Himmel war mit Maſſen von dun⸗ keln Wolken bedeckt, die haſtig durcheinander jagten; die Luft wurde ſchwer und dick; rings umher lagerte ſich eine unnatürliche Stille und Ruhe; das Waſſer im Hafen ſah trübe und bleiern aus; die Schiffe ſchienen größer, als ſie wirklich waren; da und dort wurde ein rumpeln⸗ des Getöſe, ähnlich einem fernen Donner, aber weit ſchwächer gehört, während gelegentlich die kleinen Boote „Mit Einbruch der Finſterniß fielen wenige Tropfen eines dicken, ſchweren Regens herab, dann aber war Alles wieder ruhig und ſtill wie zuvor. Ich ſaß auf dem Ankerſtock, meine Augen auf die alte Arche geheftet, bis ihre Umriſſe am dunkeln Horizont allmälig immer ſchwächer wurden und ihr ſchwarzer Rumpf kaum mehr von dem Waſſer unterſchieden werden konnte. Ich wußte, daß ich ſie wirklich anſah, denn, nachdem ich den hohen Maſt und das Bugſpriet ſchon lang aus dem Auge verloren, ſcheute ich mich noch immer, meinen Kopf abzuwenden, um nicht auch den Platz zu verlieren, wo ſie lag, 94 „Die Zeit ſtrich langſam hin, und obſchon ich eigent⸗ lich nicht lange dageweſen war, ſo däuchte es mich den⸗ noch, als ſeyen Jahre über mein Haupt dahin gegangen. Ich brütete über alle Mißgeſchicke meines Lebens nach, ich hielt meine an glänzenden Hoffnungen und Verhei⸗ ßungen reichen Anfänge mit der trübſeligen Wirklichkeit zuſammen, und da wurde mir das Herz ſchwer, meine Bruſt hob ſich in ſchmerzlicher Bewegung, ich verſank ſo tief in meine Betrachtungen, daß ich nicht merkte, wie der Sturm nachließ und der Regen in Strömen ſich vom Himmel ergoß. Der in Folge langer Trockenheit ausgedörrte Boden fing jetzt an zu dampfen, während das dumpfe Wehgeſchrei der Seemöve, vermiſcht mit dem Gebrumme fernen Donners, deutlich verkündete, daß die Nacht draußen auf der See ſchrecklich ſeyn müſſe. Durch und durch naß und ſchauernd vor Kälte, blieb ich ſtill ſitzen und lauſchte mitten unter dem Getöſe des Orfans und dem Geknarre des Takelwerks, ob nicht Fußtritte ſich nähern; dann aber verſiel ich wieder in eine halb verzweiflungsvolle Angſt, die Scene des geſtrigen Tages möchte blos ein Erzeugniß meines erhitzten Gehirnes geweſen ſeyn. Mitten in dieſen trüben Gedanken ver⸗ kündete mir ein lautes Krachen am Bord des Schooners, daß irgend eine alte Spiere zerſplittert worden ſeyn müſſe. Ich ſtrengte meine Augen an, um in der Finſterniß zu ſehen, was vorgefallen ſey, aber vergebens; der ſchwarze Dunſt und der dichte Regen verdunfelte Alles vor meinen Blicken. Ich konnte hören, wie das Schiff gewaltſam arbeite, wenn die Wogen an ſeine verwitterten Seiten anſchlugen, und wie das eiſerne Kabel knarrte, wenn das Fahrzeug in die toſende See hinabſtürzte. Der Wind wurde mit jedem Augenblick ſtärker und ich begann zu fürchten, ich möchte das alte Schiff zum letzten Male geſehen haben, als meine Aufmerkſamkeit durch eine laute Stimme angeregt wurde, welche rief: Hollaho, wo ſind Sie?“ 9 „Hier, hier, Sir,' rief ich. Im nächſten Augenblick ſtanden der Admiral und ſein Freund mir zur Seite. „‚Welch eine Nacht!' ſagte der Admiral, indem er den Regen von ſeinem ſchweren Schiffermantel ſchüttelte und ſich unter einigen hohen Granitblöcken nieder kauerte: „Ich glaubte ſchon halb, unſer guter Mann hier möchte nicht kommen; es iſt ein ſchreckliches Wetter für einen Menſchen, der ſo leicht gekleidet iſt. Laſſen Sie ihn einen Schluck aus Ihrer Flaſche nehmen, Dawfins.“ Der Branntwein erquickte mich ein wenig und ich fühlte, daß er meinen dem Sinken nahen Muth aufrecht erhielt. „Es iſt jetzt nicht Zeit und Ort zu langem Gerede,“ fuhr der Admiral fort, ‚wir müſſen die Sache ſo kurz als möglich abmachen. Ich habe inzwiſchen Erkundigun⸗ gen eingezogen und gehört, daß Sie ein zuverläſſiger Mann ſeyen, und daß man Ihnen Nichts als Ungluück vorwerfen könne, was Ihnen freilich in ſehr reichli⸗ chem Maaß zu Theil geworden ſeyn muß. Nun denn, wenn Sie Ihr Anerbieten nicht bereuen und das Ge⸗ ſchäft, das wir im Sinne haben, ohne Grübeleien und Fragen in Beziehung auf Punkte, über welche wir Sie nicht unterrichten dürfen, übernehmen wollen, ſo bin ich bereit Ihre Dienſte anzunehmen. Was Sie geſtern Nacht zufällig gehört, kann Sie in Beſitz unſeres Ge⸗ heimniſſes geſetzt haben oder auch nicht geſetzt haben. Im erſtern Fall können Sie ſogleich Ihren Entſchluß abgeben; im letztern haben Sie ſich blos zu erklären, ob Sie bereit ſind, ſich blindlings auf den Handel ein⸗ zulaſſen. „Ich bin bereit, Mylord, ſagte ich. ‚So wiſſen Sie vielleicht ſchon, welcher Art der Dienſt iſt?“ „Nein, antwortete ich;„Alles was ich gehört habe, Sir, führt mich zur Vermuthung, daß die Sache eine gefährliche iſt, aber mehr weiß ich nicht.“ Ich meine, Mylord, ſagte Dawkins, ‚wir können die Unterhandlung als beſchloſſen betrachten. Cupples 96 iſt bereit die Fahrt zu machen, wir ſind bereit, ſie ihm anzuvertrauen. Das Ding hat Eile; wenn können Sie abſegeln?“ „Noch heute Nacht,“ antwortete ich, ‚wenn Sie wollen. „Wahrhaftig, Dawkins,“ ſagte der Admiral, zich ſehe nicht ein, warum— „Ich bitte Sie, Mylord,' unterbrach ihn der andere, ‚laſſen Sie mich jetzt den Vertrag vollends abſchließen. Der Plan,“ fuhr er gegen mich gewendet fort,„iſt folgen⸗ der.— Sobald das alte Fahrzeug da, oder wenn das nicht mehr möglich ſeyn ſollte, ein anderes Schiff ſegel⸗ fertig gemacht iſt, ſo fahren Sie mit einer ſtarken, wohl⸗ bewaffneten und mit Munition wohl verſehenen Mann⸗ ſchaft aus dieſem Hafen ab. Ihre Beſtimmung iſt Malta, der Zweck Ihrer Reiſe iſt, dem dort ſtationirten Admiral Depeſchen zu überbringen, die man Ihnen übergeben wird; ſie enthalten Mittheilungen von unermeßlicher Wichtigkeit, die aus gewiſſen Gründen nicht durch ein Kriegsſchiff überſandt werden können, ſondern durch ein anderes Fahrzeug, das keine ſonderliche Aufmerkſamkeit zu erregen geeignet iſt, befördert werden müſſen. Im Fall Sie angegriffen werden, ſo haben Sie Befehl, zu widerſtehen; werden Sie weggenommen, ſo dürfen Sie unter keinen Umſtänden die Papiere vernichten, denn das franzöſiſche Schiff muß beinahe nothwendig von unſeren Fregatten wieder gekapert werden, und es iſt von hohem Intereſſe, daß die Depeſchen erhalten bleiben. Dies eine kurze Skizze unſeres Planes, die Einzelnheiten kann man Ihnen ſpäter mittheilen. „Ich bin vollkommen bereit, Mylord; ich mache keine Bedingungen, ich verlange keine Verſprechungen. Gelingt die Sache, ſo iſt es noch Zeit genug davon zu reden. Wann habe ich abzuſegeln?' „Der Admiral drehte ſich plötzlich um und flüſterte Dawkins Etwas zu; dieſer ſchien hiermit nicht einver⸗ * 97 kanden und gewann ihn dagegen zuletzt für ſeine eigene Anſicht. „Nun, Cupples, ſagte Dawkins, ‚die Sache iſt jetzt abgemacht. Morgen wird Spike⸗Island gegenüber ein Boot auf Sie warten, das Sie an Bord der Semiramis bringen ſoll, wo man Ihnen das Nähere bis aufs Ein⸗ zelſte erklären wird. Inzwiſchen haben Sie ſich bei Niemand Raths zu erholen, ſondern gegen Jedermann zu ſchweigen.“ „Ja, Cupples,' fügte der Admiral hinzu, ‚wir ver⸗ laſſen uns darauf, und nun gute Nacht! Damit drückte er mir eine zerknitterte Zehnpfundnote in die Hand und ging.. „Mein Garn ſpinnt ſich weit länger, als ich beab⸗ ſichtigt hatte, ich muß es daher abzukürzen ſuchen. Am folgenden Tag begab ich mich an Vord der Semiramis, wo man mich mit vieler Aufmerkſamkeit behandelte. Die Nachricht, daß ich der Mann ſey, der den Brian — dies war der eigentliche Name des Schiffes— com⸗ mandiren ſollte, hatte einige Neugierde unter den Offi⸗ zieren erregt, und ſie begegneten mir alleſammt mit vieler Höflichkeit. Nach kurzem Warten erhielt ich Be⸗ fehl in die Kajüte hinabzukommen, wo der Admiral, ſein Flaggenkapitän Dawkins und andere Offiziere ſaßen. Sie wiederholten ihre Mittheilungen von der vorigen Nacht ausführlicher, und endlich wurde beſchloſſen, daß ich in drei Wochen abſegeln ſolle. Denn der alte Schoo⸗ ner war zwar allerdings ſchwer beſchädigt, allein ſie hatten ihn auch bereits auf die Werfte bringen laſſen, wo zweihundert Schiffszimmerleute an ſeiner Ausbeſſe⸗ rung arbeiteten. „Ich ſchweige von den Gerüchten, die in Cove über meinen plötzlichen Schickſalswechſel in Umlauf geſetzt wurden. Genug, in weniger als drei Wochen lichtete ich die Anker und an einem ſchönen Herbſtmorgen ſtach ich in die offene See hinaus. Lever, O'Malley. II, 7 „Ich habe Ihnen bereits Einiges von dem Schiffe geſagt; laſſen Sie mich ſein Bild vollenden mit der Verſicherung, daß ich, bevor vier und zwanzig Stunden vergingen, die erbauliche Entdeckung machte, daß es das allerplumpeſte, linkiſte, unbeholfenſte Fahrzeug war, welches je in die See gekommen iſt. War inzwiſchen das Schiff ſchlecht, ſo war die Mannſchaft noch zehn⸗ mal ärger. Was Dawlins geſagt hatte, bewahrheitete ſich redlich; jeder ungeberdige, liederliche Geſell, der allwöchentlich einmal geſtäupt wurde; jeder übelberüch⸗ tigte Landſoldat wurde zu mir an Bord geſchickt, und in der That, wäre eine Spur von Diseiplin oder Zwang ſichtbar geweſen, ſo hätte man mein Schiff für ein ſchwimmendes Zuchthaus voll von überwieſenen Verbre⸗ chern halten können. „So lange wir bei ruhiger See und günſtigem Wind den Kanal hinabfuhren, ging Alles noch erträg⸗ lich, obſchon meine Leute gleich zu Anfang ganz und gar nicht auf den Dienſt paßten, ſondern, wie es ihnen einſtel, ſich auf dem Verdeck herumtummelten und mich ohne den mindeſten Reſpekt behandelten. Nach einigen vergeblichen Bemühungen, ihrem zügelloſen Treiben Einhalt zu thun— vergeblich ſage ich, weil ich ganz und gar Niemand hatte, der mir zur Seite ſtand—⸗ gab ich mir den Anſchein, als nehme ich ganz und gar keine Notiz von ihrer heilloſen Aufführung, ſondern be⸗ ſchloß, in Geduld zu erwarten, bis die trübſelige Reiſe überſtanden wäre und ich das Kommando über ſolche Geſellen auf immer abgeben könnte. Endlich jedoch er⸗ hob ſich ein Sturm, und die Nacht, da wir am Lizard vorbeifuhren, war wirklich eine ſchreckensvolle. Als der Morgen anbrach, ging die See berghoch; ein ſtarker Nordweſt warf das alte Schiff hin und her auf eine Art, die ich bis jetzt für unmöglich gehalten hatte. Ich will mich nicht mit Beſchreibung der entſetzlichen Scenen der Anarchie, Verwirrung, Trunkenheit und Inſubordi⸗ nation aufhalten, die jetzt auf dem Schiffe herrſchten, 99 ſchon die Erinnerung iſt zu ſchmerzlich, als daß ich nicht mir ſelbſt und Ihnen die Erzählung erſparen müßte; aber am vierten Tag, nachdem der Sturm ſich gelegt hatte und wir eben in die Bucht von Biscaya einſuh⸗ ren, rief einer auf dem Maſtbaum oben, er ſehe luv⸗ wärts ein fremdes Schiff, das auf uns Jagd zu machen ſcheine. Kaum wurde dieſe Nachricht auf dem Verdeck bekannt, als die Unordnung auf's Schauderhafteſte über⸗ hand nahm. Einige erklärten, ſie wollen ſich ſogleich ergeben, wenn das Schiff ein franzöſiſches ſey, vorher aber müſſen die Branntweinvorräthe der Plünderung preisgegeben werden, ſo daß jeder trinken könne, ſoviel er wolle. Andere machten den Vorſchlag, im Fall die Ungleichheit nicht gar zu groß ſey, anzugreifen, und, wenn dies gelinge, das erbeutete Schiff in ein Sklaven⸗ ſchiff zu verwandeln und geradezu nach Afrika zu ſegeln. Wieder Andere meinten, man ſolle den alten Brian ſammt Allem an Bord in die Luft ſprengen; kurz alle Arten von Vorſchlaͤgen, wie nur Trunkenheit, Wahnſinn und Ruchloſigkeit ſie erſinnen können, wurden zu Tage geför⸗ dert. Mittlerweile kam das fremde Schiff ſchnell auf uns zugeſteuert, und noch vor Mittag merkten wir, daß es ein franzöſiſcher Kaper mit vier Kanonen und einer langen, ehernen Deckkanone war. Vergebens entfalteten wir alle unſere Segel, nur langſam arbeitete ſich unſer ſchwerfälliges Schiff durch die hochgehende See, die Mannſchaft aber wurde mit jedem Augenblick aufrühre⸗ riſcher, gruppirte ſich trotzig auf dem Verdeck und er⸗ klärte, daß ſie, es möge kommen, was da wolle, weder arbeiten noch fechten werde; man habe ſie auf einem verfaulten Schiff auf die See gebracht, nur um ſie einem gewiſſen Tod in den Rachen zu ſtürzen, und ſie ihrerſeits bekummern ſich Nichts um die Ehre oder Un⸗ ehre einer Flagge, welche ſie verabſcheuen. Halb wü⸗ thend über die ruchloſen Spöttereien und Läſterungen, die ich von allen Seiten hören mußte, wollte ich mit 7 ³ gezogenem Hirſchfänger unter ſie ſtürzen, und, ehe ich als ihr Opfer fiel, an den Rädelsfuhrern ſchwere Rache nehmen, als auf einmal ein ſcharfer Schuß donnernd über unſere Köpfe hinflog. „‚Nieder mit der Fahne! die Flagge geſtrichen!⸗ riefen acht oder zehn Stimmen, als die Kugel durch das Takelwerk pfiff. Da ich dies vorher geſehen hatte und entſchloſſen war, bis auf den letzten Blutstropfen zu fechten, ſo hatte ich den Oberſteuermann, einen kräftigen, herzhaften Burſchen, beauftragt, die Fahne an der Se⸗ gelſtange oben zu befeſtigen, ſo daß es denen auf dem Verdeck nicht möglich war, das Flaggentuch herabzu⸗ laſſen. Bam kam eine andere Kugel geflogen, und be⸗ vor der Rauch ſich verzogen hatte, eine dritte, die beſſer gezielt, als die übrigen, durch den untern Theil unſeres großen Segels hindurchdrang. „Steht feſt, Burſche, und bereitet Euch zum Kampf,“ rief der Oberſteuermann; ‚es iſt ein franzöſiſches Schmug⸗ gelſchiff, das ſchon wieder abziehen wird, wenn es ſieht, daß wir fechten wollen; deßhalb dürfen wir nicht feuern, bis es in die Nähe kommt.“— ‚Und hört Ihr's, Jungen, rief ich in demſelben aufmunternden Tone hinzu, ‚wenn wir es wegnehmen, ſo verſpreche ich Euch die ganze Beute; Ihr duͤrft Alles unter Euch vertheilen.“ „Es iſt keine Kunſt, zu vertheilen, was man nicht hat', ſagte Einer, ‚ſo iſt es leicht zu verſchenken,' rief ein Anderer; ‚ich werde weder eine Lunte anzünden, noch meinen Säbel ziehen', erklärte ein Dritter; ‚man muß ſich ergeben! man muß die Flagge ſtreichen! Herunter mit den Fahnen, brüllten mehrere Stimmen zugleich.“ Miittlerweile war der Franzoſe nahe gekommen und ſchickte ſich an, mit ſeinen langen Kanonen unſer Ver⸗ deck zu beſtreichen; wir konnten ſeine Mannſchaft bereits deutlich ſehen, etwa zwanzig eherne, kräftige Burſche, bis um den Leib entblöst und mit Piſtolen in breiten, 1⁰¹ flachen Koppeln, die ſie über die Schulter haͤngen atten. 3„Hört mich an, Burſche,“ rief ich, indem ich eine Pi⸗ ſtole hervorzog und den Hahn ſpannte; ‚unſere Zeit iſt kurz, ich will Euch alſo nur ſagen, daß der erſte Schuß, der in die Mitte des Schiffes trifft, den ganzen Plunder und uns alle zuſammen in die Luft ſprengt. Wir ſind ein Brander und nach dem Hafen von Breſt beſtimmt, um die franzöſiſche Flotte zu vernichten. Wer für ſein Leben fechten will, der folge mir. Die Leute waren wie vom Donner gerührt. Alle Eingebungen der Unordnung, der Ruchloſigkeit und Be⸗ trunkenheit verſtummten jetzt plötzlich vor dem entſetzlichen Bewußtſeyn des unvermeidlichen Todes. So kurz die Zeit zur Ueberlegung war, ſo ſahen ſie doch ein, daß viele Umſtände für die Wahrheit meiner Verſicherung ſprachen. Die Art des Schiffes, die aufrühreriſche, un⸗ ordentliche Mannſchaft, unſere geheimnißvolle Beſtim⸗ mung, Alles beſtätigte meine Erklärung, und ſie ant⸗ worteten mit verzweifeltem Rachegeſchrei: ‚„Wir wollen entern; führen Sie uns an'. In dieſem Augenblick klang die Drehbaſſe des feindlichen Schiffes ſcharf in unſere Ohren, und ein furchtbares Kartätſchenfeuer flog in unſer Takelwerk; inzwiſchen fiel keiner von unſern Leuten, die jetzt voll glühender Kampfbegier nach den Waffen griffen. Auf dem ganzen Verdeck herrſchte nunmehr die rüh⸗ rigſte Geſchäftigkeit, und kaum war die Munition ver⸗ theilt, und die zum Entern beſtimmte Mannſchaft auser⸗ leſen, als der Franzoſe beidrehte und mit ſeinem Bug⸗ ſpriet gegen das unſrige rannte. „Mit ſchauerlichem Geheul ſprangen unſere Leute von dem Tauwerk und dem Hintertheil des Schiffes auf die verblüfften Franzoſen los, die den Sieg bereits in den Händen zu haben glaubten; Tod und Verderben hinter ſich laſſend, ihre einzige Hoffnung vorwärts er⸗ blickend, ſtürzten ſich dieſe Auswürflinge wie wahnſinnig in’s Gefecht. —— 1⁰0² „Der Kampf war blutig und ſchrecklich, dauerte aber nicht lange. Beinahe gleich an der Zahl, aber weit überlegen an perſönlicher Kraft und angeſpornt durch das Bewußtſeyn ihrer gefährlichen Lage, warfen unſere Burſche Alles vor ſich nieder und drangen bis auf's Hinterverdeck. Hier ſammelten ſich die Franzoſen und blieben einige Minuten lang im Vortheil, bis der Ober⸗ ſteuermann eine ihrer eigenen Kanonen gegen ſie richtete, und Anſtalten traf, ſte in Maſſe wegzufegen. Jetzt erſt ſtellten ſie ihr Feuer ein und riefen um Gnade. Nur ihr Kapitän, ein kleiner, unterſetzter Mann mit grauem Backen⸗ und Schnurrbart, wollte Nichts von Ergebung wiſſen; als er ſeine Leute zurückweichen ſah, warf er ihnen einen Blick verachtungsvoller Entrüſtung zu, ſtürzte dann vorwärts und hieb unſern Bootsmann mit einem Schlag zu Boden. Bevor ſein Beiſpiel befolgt werden konnte, lag er, eine blutige Leiche, auf dem Verdeck; unſere Leute aber, durch den Verluſt eines ihrer Lieblinge zum Wahnſinn getrieben, drangen unge⸗ ſtüm vor, verbreiteten nach allen Seiten Tod und hieben die Feinde, die ſich jetzt nicht mehr wehrten, bis auf den letzten Mann nieder. Meine Geſchichte iſt nun bald zu Ende. Wit brachten unſere Schreiben ſicher nach Malta, das wir in fünf Tagen erreichten. In weniger als einer Woche waren meine Leute für verſchiedene Kriegsſchiffe auf der Station herausgezogen. Ich wurde Subalternoffizier auf dem Sheerwater mit vier und vierzig Kanonen, und als der Admiral die Depeſche öffnete, ſprach er nur einige wenige Worte, über die ich mir aber manchen Tag lang den Kopf zerbrach. ‚Sie haben Ihre Befehle allzugut ausgeführt; ſagte er, ‚dieſer Kaper iſt ein ſchlechter Erſatz für die ganze franzöſiſche Flotte?' „Nun,“ fragte Power,„und haben Sie den wahren Sinn dieſer Worte nie erfahren?“ „O ja,“ antwortete der Kapitän;„mehrere Jahre nachher erfuhr ich, daß unſere Depeſchen falſch waren 10³ und die Beſtimmung hatten, wirklich in die Hände der Franzoſen zu fallen, um ſie in Beziehung auf Lord Nel⸗ ſons Flotte irre zu führen, welche damals ſüdlich kreuzte und ihnen auflauerte. Ich ſah hieraus deutlich, welches Schickſal uns zugedacht war; ein franzöſiſches Gefängniß, wo nicht der Tod; im Uebrigen wäre beides für die Mannſchaft des alten Brian vollkommen gut genug ge⸗ weſen.“* Vierunddreißigſtes Kapitel. Das Land. Es war ſpät, als wir einander gute Nacht ſagten, und der Morgen war ſchon weit vorgerückt, als ich er⸗ wachte; der eintönige Tritt Hin⸗ und Hergehender über meinem Kopfe bewies mir, daß die andern ſchon munter waren, und ich öffnete ſachte das kleine Fenſter neben mir, um hinauszuſehen. Die See, auf ihrer Oberfläche leicht gekräuſelt, glänzte wie eine Goldplatte mit erhabener Arbeit; keine Welle, kein Felſenriff war ſichtbar, aber das rauſchende Getöne von den Schiffsplanken bewies, daß wir ſchnell durch das Waſſer fuhren. „Sehen Sie noch immer Nichts?“ rief eine brum⸗ mende Stimme auf dem Verdeck, woran ich bald den Schiffskapitän erkannte. „Nein,“ antwortete Power vom Vordertheil des Schiſes,„es ſcheint mir, Alles Wolke und Nebel zu eyn.“ „Gott bewahre, das iſt keine Nebelbank. Die große dunkle Maſſe dort leewärts iſt Cintra. „Land,“ rief ich aufſpringend und nach dem Ver⸗ deck ſtürzend;„wo Kapitän, wo iſt das Land?“ „ Hören Sie, lieber Charles,“ ſagte Power;„wenn wir nach Liſſabon kommen, werden Sie hoffentlich etwas mehr Sorgfalt auf Ihre Kleidung verwenden, denn ob⸗ ſchon das Klima warm iſt—“ 1 „O, das thut Nichts, O'Malley,“ ſiel der Major ein,„die Portugieſen werden ſich durch Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ſehr geſchmeichelt fühlen, wenn Sie in dieſem Aufzug landen.“ „Wie ſo?“ fragte Pawer. „Nun Sie erinnern ſich doch, was die Neger ſagten, als das 79te Regiment Hochländer in St. Lucie landete. Sie hatten nie zuvor ein ſchottiſches Regiment geſeben und waren deßhalb über das Koſtüm etwas verblüfft, bis endlich der Pfiffigſte unter ihnen das Räthſel erklärte, „ſie ſind,“ ſagte er,„ſo ſehr darauf erpicht, die armen ſchwarzen Leute zu tödten, daß ſie in der Eile ihre Hoſen vergeſſen haben.“ „Nun, was ſagen Sie jetzt,“ rief der Schiffskapitän, indem er mit ſeinem Telescop auf eine dunkle blaue Maſſe in der Entfernung deutete;„ſehen Sie dort!“ „Ja, wahrhaſtig es iſt Cintra.“ „Dann werden wir vermuthlich noch vor morgen im Tajo ſeyn?“ „Ja, noch vor Mitternacht, wenn der Wind an⸗ hält,“ antwortete der Schiffskapitän. Wir frühſtückten auf dem Verdeck unter einem Zelte, während das Schiff ſich kaum zu bewegen ſchien, als es durch das ruhige Waſſer hindurchſchnitt. Die nebeligten Umriſſe der Küſte wurden allmählig beſtimmter, und endlich konnte man die blauen Berge erkennen, Anfangs nur undeutlich; aber als der Tag weiter vorrückte, glänzten ihre bunten Farben hervor und grüne Felder, da und dort mit Schafheerden bedeckt, oder auch mit dunklem Laubwerk überragt, traten dem Auge entgegen. Das ganze Verdeck füllte ſich jetzt mit begierigen Geſtchtern; jeder ſchaute unverwandten Blicks nach dem Ufer hin und manches mannhafte Herz ſchlug hoch, als das Land näher kam, deſſen Erde mehr als Einen von uns bedecken ſollte. —, —22ö——ſſſ 10⁵ „Und das iſt alſo Portugal, Mr, Charles,“ ſagte eine Stimme hinter mir. Ich wandte mich um und ſah meinen Mickey, der mit ſehnſüchtiger Freude nach dem Ufer hinſtarrte.— „Ich habe mir ſagen laſſen, es ſey ein ſchöner Ort, wo der Wein Nichts und der Branntwein noch weniger koſte. Es iſt doch Jammerſchade, daß die Leute keine Vernunft annehmen und mit uns Frieden machen wollen.“ „Ei, mein Lieber, wir ſind die beſten Freunde mit einander; nur die Franzoſen wollen ſich mit uns allen beiden herumſchlagen.“ „Ei, zum Teufel, da thun ſie Unrecht daran. Es gibt ein altes Sprichwort in Connaught, daß es für Einen nicht räthlich ſey, über zwanzig herzufallen. Im Uebrigen ſagt der Sergeant Haggarty, ich werde nicht viel von dem Spaß zu ſehen bekommen.“ „Ich verſtehe nicht nicht, was Du meinſt.“ „Er ſagt, er wolle mich, da ich blos Ihr Bedienter ſey, zum Nachtrab ſchicken, wo blos die Verwundeten, die Wagen und die Weiber ſind.“. „Ich glaube, der Sergeant hat Recht; auch iſt das ein ganz ſicheres Plätzchen, Mickey.“ „Ci, was die Sicherheit betrifft, ſo bin ich darüber noch nicht im Reinen; der Feind könnte uns ja auf einmal umzingeln. Wenn es Ihnen nicht unangenehm wäre, ſo möchte ich lieber Soldat werden.“ „Gut, ich habe Nichts dagegen, Mickey; willſt Du in mein Regiment treten?“ „Das verſteht ſich, Ew. Gnaden. Ich möchte gern in Ihrer Nähe bleiben, weil, wenn Ihnen Etwas zuſtoßen ſollte, wovon der liebe Gott uns in Gnaden bewahren wolle“— hier bekreuzte er ſich fromm—„weil ich dann dem gnädigen Herrn doch erzählen könnte, wie Sie ge⸗ ſtorben find; denn gewiß, Mr. Conſidone— Gott ver⸗ zeih ihm die Sünde— würde mir das Hirn aus dem Kopf ſchlagen, wenn ich klären könnte.“ „Gut, Mickey, ich will mit einigen Freunden dar ü⸗ ber ſprechen und Alles in Ordnung bringen; da iſt ja der Doktor.“ „Ei, Mr. Charles, von dem will ich Nichts hören; das iſt ein dummer Kerl und verſteht auf der Welt Nichts.“ „Was fällt Dir ein, Mickey? er iſt ja unſer Regi⸗ mentsarzt.⸗ „Meinetwegen immerhin,“ ſagte Mickey kopfſchüt⸗ telnd,„dieſe Regimentsärzte ſind das Salz zur Suppe nicht werth; es iſt die reine Wahrheit, was ich ſage; er iſt ja ſelbſt zu mir gekommen, als ich unten krank lag.“ „Wie iſt Dir's?“ fragte er. „Schrecklich trocken in der Kehle,“ antwortete ich. „Aber Deine Knochen, wie ſteht's da?⸗ „Als ob ich Krüppel werden ſollte, ſagte ich. „Damit ging er weg und brachte zwei Pulver.“ ‚Da, nimm dieſe ein,“ ſagte er, ‚ſo wirſt Du bald kurirt ſeyn.⸗ „Was ſind es für Pulver?⸗ fragte ich. „Magenpulver,“ antwortete er. „Mordelemente ſagte ich, ‚iſt das wahr?⸗ „Ich werde doch nicht lügen,“ ſagte er, ‚nimm ſie ſo⸗ gleich ein.“ 3 „Ich nahm ſie ein, aber was meinen Sie, Mr. Charley?— Es iſt die reine Wahrheit, was ich er⸗ zähle, nicht ein einziges wollte in meinem Magen blei⸗ ben. Da ſehen Sie alſo, was der Doktor für ein Menſch iſt.“ Ich konnte nicht umhin, über Mickeys mediziniſche Begriffe zu lächeln und wandte mich jetzt zu dem Major, ger neben mir eifrig beſchäftigt war. Er putzte eine ſehr ſchmutzige und abgeſchoſſene Uniform, deren weiße Säu⸗ me und fadenſcheinige Borten von manchem Dienſt⸗ jahr zeugten. ihm nicht Alles haarklein er⸗ * — 1⁰7 „Wir müſſen unſere Fallen aufſtellen, O'Malley,“ ſagte er und ſchaute mit nicht geringem Stolz auf die ver⸗ blichenen Herrlichkeiten ſeines alten Gewandes;„es wird in Liſſabon Staunen erregen, ſchmeichle ich mir; ich ſage Ihnen nur, Power, daß dies eine ganz ſchlechte Mode iſt mit den engen Weſten und den ſtraffliegenden Beinkleidern— man iſt gar nicht frei, nicht behaglich, nicht ungenirt darin. Im Felde muß Jeder im Stande ſeyn Lebensmittel für vier und zwanzig Stunden zu ſich zu ſtecken und Keiner iſt zu gut dazu. Eine herrliche Regel, ſage ich Ihnen, obſchon ſie manchmal zu unan⸗ genehmen Folgen führt. In Nimeira kam ich dadurch in eine ſaubere Klemme. Der alte Sir Harry, der dort kommandirte, ſchickte nach der Krankenliſte. Ich ſaß berade beim Eſſen, als die Ordre ankam, deßhalb packte ich Alles zuſammen und ritt ſchnell davon. Juſt als ich im Quartier anlangte, ſtolperte mein Pferd und warf mich gerade auf den Kopf. „Iſt er todt?' fragte Sir Harry. „Blos betäubt, Ew. Excellenz, antwortete Jemand. „Dann wird er vermuthlich wieder zu ſich kommen. Sehen Sie einmal nach den Papieren in ſeiner Taſche.“ „Sie drehten mich herum und griffen in meine Sei⸗ tentaſche, aber der Teufel ſoll's holen, da kam ein ge⸗ bratenes Hühnchen zum Vorſchein. Kaum hatten ſie ſich darüber ſatt gelacht, als ein anderer Kerl in meine Rocktaſche hinten griff und drei Würſte hervorzog und ſo ging es weiter, bis der Boden mit Schinken, Tau⸗ benpaſteten, Kalbsnieren und Kartoffeln bedeckt war; das einzige Ding aber, was einem Papier gleichſah, war eine Speiſeliſte vom 4ten Regiment, auf deren Rückſeite ein Spottlied auf Sir Harry mit Bleiſtift geſchrieben ſtand. Eine verdammt böſe Geſchichte für mich; faſt hätten Sie mich fortgejagt, doch kam ich noch mit einem kleinen Verweiſe davon und wurde ſpäter der Proviant⸗ Commiſſion zugetheilt. Was für ein angſtvolles Ding iſt nicht der letzte 108 Tag einer Reiſe! Wie langſam ſchleichen die Stunden dahin, geſchwängert mit Erinnerungen an die Vergangen⸗ heit und Erwartungen für die Zukunft. Jeder Plan, jedes noch ſo fein ausgedachte Mittel die trägen Stunden zu verkürzen, wird jetzt aufgegeben; das Schachbrett und der neue Roman werden auf gleiche Weiſe vergeſſen; ſelbſt die Spaziergänge auf dem Ver⸗ deck mit ihrem ſorgloſen, fröhlichen Geplauder fangen an in's Unſchmackhafte überzugehen. Ein grauer Nebel⸗ berg, ein ſchwacher Umriß von dem fernen Ufer hat alle Gedanken an ſolche Dinge verſcheucht, mit ange⸗ ſtrengtem Auge und pochendem Herzen blicken wir nach dem Lande. Mit jeder Stunde wird die Aufregung größer: die ſchwachen, ſchattigen Formen entfernter Gegenſtände zei⸗ gen ſich allmählig klarer. Wo man vorher nur hohe Nebelſäulen geſehen, entdecken wir jetzt dunkelblaue Striche und düſtere Oliven: das gelbe Korn und die wogenden Wälder, der Dorfthurm und die niedrige Hütte treten aus der Landſchaft hervor und erzählen uns, wie wohl⸗ bekannte Stimmen, von der Heimath Gegenſtände, die wir vorher hundertmal theilnahmslos geſehen; Töne, die uns früher gänzlich gleichgültig gelaſſen, werden jetzt Dinge, die unſer Herz aufregen. Auf einige Stunden blendet der helle Glanz der Nachmittagsſonne unſere Augen und macht die Ausſicht undeutlich; aber wenn der Abend hereinbricht, liegt Alles wieder ſchön, glänzend, prächtig vor uns. Geſchaufelt von den langen hochrollenden Wellen lag ich neben dem Bugſpriet, ſah den Landvögeln zu, die ſich ruhig auf dem Tauwerk niederließen, oder beobachtete das lange, verwickelte Seegras, das hintennach ſchwamm, und meine Gedanken wanderten bald zu den braunen Hügeln und dem glänzenden Strome meiner Jugendheimath zurück, bald ſtreiften ſie in trüben Phantaſien im unerforſch⸗ lichen Reiche der Zukunft umher. 8 Wie ſchaal und unerquicklich erſcheint in ſolchen 1⁰9 Augenblicken nicht aller Ehrgeiz! Wie werthlos, wie armſelig ſind in unſern Augen die weltlichen Auszeich⸗ nungen, nach denen wir ſo oft ſchmerzlich verlangt und gedürſtet, wenn wir kleinmüthigen Herzens und einfachen Geiſtes jede beſcheidene Hütte betrachten und uns im ſchnellen Vorüberflug irgend eine Geſchichte von ihren Bewohnern zuſammenweben. Endlich kam die Nacht, eine klare, ſternenhelle Nacht, die der Landſchaft eine dunkle Färbung verlieh, während die Umriſſe der Gegen⸗ ſtände immer noch ſcharf und beſtimmt waren, wie zu⸗ vor. Ein vereinzelter Stern blinkte unmittelbar über uns. Ich beobachtete ihn, wie er in der See bald ver⸗ ſchwand, bald gleich einer hohen Lichtſäule aus den ſich bewegenden Wellen wieder hervorglänzte. „Kommen Sie, Mr. O'Malley,“ rief des Schiffs⸗ Kapitäns wohlbekannte Stimme, ‚kommen Sie jetzt herab und laſſen Sie uns eine Abſchiedsflaſche trinken. Dort leewärts find die Lichter von Liſſabon, und ehe zwei Stunden vergehen, werfen wir im Tajo Anker aus. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Major Monſoon. Von allen meinen Reiſegefährten habe ich dem Leſer bereits erzählt. Power iſt jetzt ein alter Bekannter; den Meiſter Sparks habe ich Ihnen zur Genüge vorgeführt; von dem Adjutanten wiſſen Sie ſchon allerlei; es bleibt mir alſo nur noch übrig den Major Monſoon vorzu⸗ ſtellen. Die Abſchweifung, die dadurch in meiner Er⸗ zählung nothwendig wird, könnte mir freilich einiges Bedenken machen, allein mein Schickſal führte mich auch ſpäter noch mit dem würdigen Major zuſammen, und ich diente ſogar einige Monate unter ſeinen Befehlen auf der Halbinſel. Wann oder in welcher Eigenſchaft Major Monſoon Kriegsdienſte genommen, hat mir nie —-—ÿ— 1¹0 Jemand erzählen können. Vielverbreiteten Ueberlieferun⸗ gen zufolge hatte er ſchon vor langer Zeit in Oſtindien und in Canada die Waffen getragen. Seine eigenen Erinnerungen erſtreckten ſich beinah auf alle Regimenter zu Pferd und zu Fuß. Es gab kein Klima, an deſſen Sonne er ſich nicht gewärmt, kein Gefecht, das er nicht mitgemacht hätte. Sein Gedächtniß, oder wenn man lieber will, ſeine Erfindungsgabe machte niemals Ban⸗ kerott; von der Belagerung von Seringapatam an bis zur Schlacht von Corunna wußte er über Alles Beſcheid; dabei beſaß er eine erſtaunungswerthe Erinnerungsgabe an die unbedeutendſten Einzelheiten des Dienſtes: von der Bildung eines Regiments bis zur Einführung eines neuen Knopfes, von der Ziehung einer Parallele bis zum Preis eines Feldkeſſels war ihm Nichts unbekannt. Frei⸗ lich hatte er eine Anzahl von Jahren im Departement des Generalcommiſſärs gedient, und es wäre daher eher ein Wunder geweſen, wenn er ſich ſolche Kenntniſſe nicht angeeignet hätte.. „Die Commiſſäre ſind für die Armeen, was die Advokaten, die ihre Prozeſſe auf dem Zimmer ausarbei⸗ ten, für den Gerichtsſtand,“ bemerkte mein Freund Powerz „trockene Geſellen; man darf ihnen nicht zu viel Glauben und Vertrauen ſchenken, aber verdammt nützlich.“ Der Major hatte ſeine Laufbahn als ein Zwei⸗ flaſchenmann begonnen; aber durch anhaltende Uebung ſeiner natürlichen Anlagen und durch Beharrlichkeit in ſeinem Vorſatz, eine höhere Stufe zu erreichen, hatte er es zur Zeit, da ich ihn kennen lernte, bis zur fünf⸗ ten Auflage gebracht. Man darf ſich daher nicht wun⸗ dern, wenn ſein Geſicht Spuren von dieſer Gewohnheit trug. Es war ein dunkler Abendrothpurpur, der immer tropiſcher wurde und nach der Naſenſpitze hin beinah ins Pflaumenfarbige überging; ſein Mund war groß, dicklippig und gutmüthig; ſeine Stimme, voll, weich, metalliſch, trug mit Hülfe eines gewiſſen trockenen, bauch⸗ erſchütternden Lachens viel dazu bei, die Wirkung der 4 111 Geſchichten, mit denen er jederzeit bereit ſtand, zu er⸗ höhen, und da ſie größtentheils von Dingen handelten, die er ſeine kleinen Schwächen zu nennen pflegte, ſo wurden ſie immer gut aufgenommen, denn Niemand iſt populärer, als wer auf eigene Koſten der Eitelkeit ſeiner Zuhörer ſchmeichelt. Hiezu nun war der Major immer bereit, aber niemals lieber, als wenn der Abend ſich ſchon Etwas hinausgezogen hatte und die letzte Flaſche ſeiner Batterie ihm zu verſtehen gab, daß jede Vorſicht in Betreff der Art ſeiner Mittheilung ganz und gar un⸗ nöthig ſey. Er ſchien wirklich vom Anfang des Abends an bis zum Schluſſe eine Menge geiſtiger Veränderungen durchzumachen, die ihn alle auf das Finale vorbereiten mußten, bei welchem er ſein ganzes Herz ausſchüttete, und dieſe Stadien waren ſo regelmäßig geworden, daß ein Freund, der plötzlich hereinkam, gleich nach dem Tone ſeiner Unterhaltung erklären konnte, mit der wie vielten Flaſche der Major ſich im Augenblick beſchäftigte. Zu Anfang war er gaſtronomiſch; er beſprach das Abendeſſen von der Suppe an bis zum Lachs, kritiſirte die Cotelettes, gab ſein Urtheil über die Vorzüge des Hammelsbratens preis und ließ unbeſtimmte Winke fallen, daß er dereinſt die Welt durch einen kleinen Band über die edle Kochkunſt in Erſtaunen ſetzen werde. Bei Flaſche Nro. 2 nahm er Abſchied von der Küche und ließ ſeine Batterie über die Weine ſpielen. Bordeaux, Buraunder, Hochheimer und Hermitage, Alles mußte die Revüe paſſiren; ihr Bonquet wurde beſprochen, ihre Behandlung auseinandergeſetzt, ihre Tugenden geprieſen; vom beſcheidenen Portwein bis zum kaiſerlichen Tokaier war er mit allen auf's Genaueſte bekannt und kein Wein⸗ jahr, an dem eine Sonnenfinſterniß ſtattgefunden, oder ein Komet mit ſeinem Schweife gewedelt hatte, war dem Bereich ſeines Wiſſens entrückt. Bei Nro. 3 begann der Gamaſchendienſt; er ſprach von den Armeeliſten und achtzehn Mansvern, beklagte die verſchiedenen von moderner Neuerungsſucht eingeführ⸗ 112 ten Aenderungen in der Montirung und äußerte die Be⸗ fürchtung, der Verluſt der Zöpfe möchte den militäriſchen Geiſt der Nation untergraben. Mit Nro. 4 kam ſein Anekdotentalent an die Reihe. Er gab allerlei Kriegserlebniſſe zum Beſten, miſchte ſeine eigenen Abenteuer und Erfahrungen hinein, und erzählte Alles mit einer Naivetät, die von perſönlicher Eitelkeit Nichts wußte; nein Eigendünkel verdarb nie⸗ mals den Reiz ſeiner Darſtellungen, und da er überdies einen Feldzug immer blos als eine Art Fouragirung, den Krieg aber als eine Excurſion, um Beute zu machen, betrachtete, ſo lauteten ſeine Anſichten oft ungemein komiſch. Bei ſeiner letzten Flaſche ſchienen ihn die Gefühle zu überſchleichen, die unvermeidlich mit dem Gedanken an ein Letztes, an ein Ende verknüpſt ſind; ein Anflug von Trübſinn über das ſchnelle Hinſchwinden der Ver⸗ gnügungen, eine Art Rückblick auf das trügeriſche Weſen aller unſerer irdiſchen Genüſſe führte ihn allmählig zu moraliſchen, erbaulichen Betrachtungen, ſodann ſtufen⸗ weiſe zu dem Bekenntniß, daß er, obſchon zu einem Commiſſär gar nicht übel, doch nicht ganz mit ſich ſelbſt zufrieden ſey, und endlich, wenn die Flaſche ihrem Ende ſich zu neigte, ſpickte er ſeine Betrachtungen mit Bibel⸗ ſprüchen, die er aufs Wunderlichſte verdrehte und ohne Unterſchied bald in lobendem, bald in tadelndem Sinne gebrauchte. Solchen Schlags war Major Monſoon, und um dieſe kurze Skizze mit ſeinen eigenen Worten zu be⸗ ſchließen,„er hätte ein vortrefflicher Offizier werden können, wenn die Vorſehung nicht einen ſo verdammt verſoffenen alten Schuft aus ihm gemacht hätte.“ „Nun alſo die Geſchichte des Königs von Spanien. Heraus damit, alter Knabe; wir ſind hier alle zuſammen brave und getreue Leute,“ rief Power, als wir langſam mit der Flut in den Tajo einfuhren;„Sie haben Nichts zu fürchten.“ „So wahr ich lebe,“ entgegnete der Major,„der Ton unſerer Unterhaltung will mir nicht ganz gefallen. 113 Die jungen Leute unſerer Tage nehmen ſich in Beziehung auf Moral eine gewiſſe Freiheit heraus, die mir ganz und gar nicht zuſagt. Als ich fünf oder ſechsundzwanzig“— „Waren Sie der große Springinsfeld im ganzen Armeecorps,“ rief Power., „Pfui, pfui, Fred. Wenn ich auch ein Bischen ein Wildfang war,“ hier blinzelten des Majors Augen boshaft—„ſo haben die Ladies mich verdorben; ich war immer der Hahn im Korb, gerade wie unſer Freund Sparks da. Nicht als ob der Verlauf unſerer beider⸗ ſeitigen kleinen Abenteuer viel Aehnlichkeit gehabt hätte; denn ich muß geſtehen, ich war in der Regel ſelbſt Schuld daran, wie dies ſchon manchem guten und vortreff⸗ lichen Manne vor uns geſchehen iſt.“ Hier verſank ſeine Stimme in einen moralifirenden Ton und er fügte hinzu: „David hat ſich, wie Ihr wißt, gegen den alten Urias nicht ſchön benommen. So wahr ich lebe, es war nicht ſchön gehandelt und doch war er ein achtungs⸗ werther Mann.“ 3 „Der Xeres des Königs von Spanien, der Peres! rief ich aus Furcht, dieſe Abſchweifung möchte uns um eine gute Geſchichte bringen. „Ihr ſollt keinen Tropfen davon bekommen,“ erwie⸗ derte der Major. „Aber die Geſchichte, Major, die Geſchichte.“ „Auch die Geſchichte ſollt Ihr nicht hören.“ „Wie,“ ſagte Power,„ſo wollen Sie alſo Ihr Wort brechen?“ „Verworfenen, wie Ihr ſeyd, braucht man ſein Wort nicht zu halten. Da, füllt mein Glas.“ „Halt! Halt!“ rief Power,„keinen Theelöffel voll, bis er ſein Verſprechen erfüllt hat.“ 114 zen preisgeben, und Sparks zu Chren ſoll meine Er⸗ zählung Liebe betreffen.“ „Ich möchte die Geſchichte vom König nicht gerne verlieren; ich meine immer, ſie müſſe ſehr erbaulich ſeyn.“ „Auch ich glaube das, Doktor, aber—„ „Nun, nun, Ihr ſollt dieſe auch noch haben und zwar gleich in der erſten Nacht, da wir in's Bivonak ſommen. Da nun dieſer Zeitpunkt, wie ich fürchte, nicht ſehr ferne iſt, ſo brauchen Sie die Geduld nicht zu ver⸗ lieren; überdies iſt es in aller Welt der Brauch, daß eine Liebesgeſchichte—“* „Allerdings,“ ſagte Power;„eine Liebesgeſchichte verdlent immer den Vorzug, Ehre den Damen! Da haben Sie ein Glas, alter Sünder, und nun heraus damit.“ Der Major leerte ſein Glas, füllte es von Neuem, nippte zweimal und beäugelte es dann, als hätte er große Luſt noch einmal zu nippen; ſofort nahm er eine große Priſe aus einer Doſe, die beinahe ſo lang und ungefähr geſtaltet war wie ein Kinderſarg; dann blickte er am Tiſche herum, ob wir auch alle aufmerkſam ſeyen, und endlich begann er folgendermaßen: „Wenn ich in meiner moraliſtrenden Stimmung bin, die mich um dieſe Stunde der Nacht ſehr häufig ankommt, ſo habe ich mich ſchon oft darüber gewundert, von welchen kleinlichen, geringfügigen und bedeutungs⸗ loſen Umſtänden unſer Lebensſchickſal oft abzuhängen ſcheint: ich meine namentlich in Beziehung auf das ſchöne Geſchlecht. Heute ſeyd Ihr noch oben an; morgen kann ein neuer Schnitt Eures Backenbartes, ein neuer Knoten an der Halsbinde Euer ganzes Lebensgeſchick verderben und Euerem varium et mutabile, wie Horaz das Weib nennt, einen andern Kopf wachſen laſſen. Auf der andern Seite kann uns ein eben ſo unbedeutender Umſtand mehr Nutzen bringen, als wir mit unſerem ganzen Scharfſinn erreicht hätten. Ich kannte einen Kerl, der das größte Vermögen in Bath erheirathete, blos weil 115 er eine eigenthümliche Manier hatte, die Hand zu drücken. Die betreffende Lady hielt dies für etwas ganz Abſon⸗ derliches und blickte ihn verſtändnißinnig an; er verfolgte ſein Wildpret unabläſſig, und nach acht Tagen waren ſie Mann nnd Weib. So eröffnete einmal ein Freund von mir, der in ſeinem linken Auge ein unwill⸗ kürliches Zucken hatte, dadurch mit einer raſchen Wittwe ein Liebesverhältniß, in Folge deſſen er unerwartet ſchnell eine eigene Niederlaſſung hatte. In der That, man iſt nie ſicher. Die Frauen gleichen den Guerilla's, die Euch auffangen, wenn Ihr's am wenigſten erwartet, und wenn Ihr wirklich daran denket, dann iſt gerade Nichts zu fürchten. Deßwegen will ich Euch, als junge Burſche, die erſt in's Leben treten, väterlich, freundlich warnen. In dieſer Beziehung könnt Ihr nie vorſichtig genug ſeyn. Wer ſollte es glauben, daß ich einmal blos durch die nichtsſagende Gewohnheit mit gekreuzten Beinen zu ſitzen beinahe meine Freiheit eingebüßt hätte.“ Hier legte der Major zur Veranſchaulichung ſeinen rechten Fuß über den linken und fuhr dann fort:— „Wir lagen auf Jamaika in Quartier. Ich hatte noch nicht lange zur Fahne geſchworen und war ein noch ſo ungeleckter Gentleman, wie man nur irgendwo einen ſehen kann: die einzige klare Idee in meinem Kopf be⸗ ſtand darin, daß wir im 5oten unausſprechlich hübſche Burſche und alle Pflanzerstöchter zum Verzweifeln in uns verliebt ſeyen. Auch hatte ich in dieſen beiden Stücken nicht ſo ganz unrecht. In Beziehung auf Grog, Manillacigarren und Gunſt bei den farbigen Damen thaten wir es gewiß dem ganzen Armeecorps zuvor. Ein Beweis davon iſt, daß von achtzehn nur zwei die Inſel verließen; denn die Verführungen der Kaffeeplantagen, der Zuckerrohre, des jungen Rums, der braunen Mäd⸗ chen, der Regenzeit und des gelben Fiebers hatten die meiſten von uns veranlaßt, hier anſäßig zu werden. 8* „Es iſt ſehr ſchwer Weſtindien zu verlaſſen, wenn man einmal dort einquartiert war. „Das habe ich auch gehört,“ verſetzte Power. „Wenn man dem Klima nicht unterliegt, ſo wird man bald gänzlich unfähig unter einem andern Himmels⸗ ſtrich zu leben. Eingemachter Ingwer, Yamswurzeln, Grog und Flanelljacken laſſen ſich nicht wohl ausführen, und das zwanglos ungenirte Kinnſtreicheln, die liebko⸗ ſende, taillepreſſende Art mit den Damen umzugehen, würde in weniger begünſtigten Gegenden gänzlich miß⸗ verſtanden werden, ja, wohl zu ſehr mißliebigen Folgen führen. „Es iſt merkwürdig, welch großen Einfluß das Klima auf das Lieben ausübt. In unſerem kalten Lande gehen die Fortſchritte beklagenswerth langſam von Statten. Nebel, Oſtwinde, Hagelſtuͤrme und ſchneidendes März⸗ wetter knicken manches zartliche Verbältniß in ſeiner Knospe; warme, ſonnige Tage dagegen und glänzende Morndſcheinnächte mit wolluſtſchwangern Lüften und bal⸗ ſamiſchen Zephyren eröffnen das Herz wie den Kelch Tner Kamelia und laſſen uns trinken den lieblichen hau—„ „Verdammt poetiſch das,“ unterbrach Power, eine lange, blaue Rauchlinie aus dem Winkel ſeines Mundes blaſend. 1 „Nicht wahr?“ ſagte der Major, anmuthsvoll lächelnd,„ich hab's bei Gott ſelbſt gedacht. Wo war ich doch?“ „Gänzlich aus meinem Breitengrade,“ antwortete der gute Schiffskapitän, dem es oft ſchwer fiel dem Faden einer Erzählung zu folgen. 4 „Ja, jetzt erinnere ich mich. Ich wollte eben be⸗ merken, daß Sangaree, Mangofrüchte und Guvagallerte das Herz zur Liebe ſtimmen, und ſo iſt es auch. Ich war noch keine ſechs Wochen in Jamaika, als ich es an mir ſelbſt verſpürte. Nun, es war ein ſehr gefährliches Symptom, wenn man ein wenig ſtark davon mitgenom⸗ 117 men wurde, und zwar will ich Euch ſagen warum. Unſer Oberſt, der griesgrämigſte Knaſterbart, der mir je in den Wurf gekommen, war in ſeiner Jugend nicht zum Beſten damit gefahren und ſetzte daher wie der Fuchs, der ſei⸗ nen Schwanz verloren hatte und deßwegen ſagte, es ſey gar nicht Mode einen ſolchen zu tragen, ſeinen Kopf darauf, jeden von uns, ſobald nur die geringſten An⸗ ſprüche erhoben wurden, zur Ehe zu zwingen. Bei Gott, man hätte eben ſo gut mit einer brennenden Kerze in ein Pulvermagazin gehen können, als mit einiger Vor⸗ liebe für das ſchöne Geſchlecht in Geſellſchaften auf die⸗ ſer Inſel. Für mich hauptfächlich war dies beſonders hart, denn, wie unſer guter Sparks, vergaffte ich mich in jede Schürze. Ueberdies hatte ich keine kleinlichen, verächtlichen Vorurtheile in Beziehung auf Sitten, Na⸗ tion, Sprache, Farbe oder Wuchs; ſchwarz, braun oder weiß von der Moskowitin bis zur Malabarin, von dem üppigen Embonpoint der Wittwe des Adjutanten— werden Sie nicht böſe, alter Knabe— bis zur feenhaf⸗ ten Geſtalt der reizenden Iſabelle liebte ich ſie alle ohne Unterſchied. Aber wenn ich irgend einem Orte den Vor⸗ zug geben müßte, ſo könnte dies nur Weſtindien ſeyn, und wäre es einzig und allein der Pflanzerstöchter we⸗ gen. Ich ſage es keck und ohne Scheu, dieſe Colonien ſind die glänzendſten Juwelen in der Krone. Laßt uns auf ihre Geſundheit trinken, denn ich bin ausgetrocknet wie ein Kalkofen.“ Nachdem dieſe Ceremonie mit der gebührenden Be⸗ geiſterung vollführt war, rief der Major:„Jetzt noch eine Geſundheit auf Polly Hackett, das holdſeligſte Mäd⸗ chen in Jamaika! Bei Gott, Power, hätten Sie dieſe geſehen, wie ich ſie vor fünf und vierzig Jahren ſah, mit Augen ſchwarz wie Gagat, glimmernd, liebäugelnd, lockend, drohend und flehend, Alles zugleich, und dann einen Mund, aus dem die ſchönſte Perlenreihe heraus⸗ lächelte; gewiß, mein Lieber, Sie hätten ihr in der er⸗ ſten halben Stunde Ihr Herz zu Fuͤßen gelegt und in 118 der zweiten ſich todtgeſchoſſen, wenn fie es ausgeſchla⸗ gen hätte. Sie war wirklich eine vollendete kleine Schön⸗ heit; allerdings etwas dunkel, ſo ein wenig Roſenholz⸗ conleur, aber blank polirt und ein allerliebſtes niedliches Möbelchen für eine geſchmückte Hütte. Ach und Weh, wie zäh uns ſolche Eitelkeiten im Kopfe hängen blei⸗ ben! Meine Erinnerungen haben mich ganz fieberheiß und durſtig gemacht. Iſt nicht noch Etwas kalter Punſch in der Bowle? Danke Ihnen, O'Malley, das wird mir wohl thun, wenn ich auch nur meine Lippen damit netze. Nun, das iſt jetzt Alles vorüber und vergangen. Aber ich war auf's Zärtlichſte verliebt in Polly Hackett und ſie in mich. Wir pflegten unſere kleinen Abend⸗ ſpaziergänge durch die Kaffeepflanzung zu machen; es waren dies höchſt romantiſche, höchſt angenehme Wan⸗ derungen; ſie in weißem Mouſſelin, blauer Schärpe und blauen Schuhen; ich in einer Flanelljacke und weiten Bleinkeidern, mit Strohhut und Cravatte, eine Virgi⸗ niacigarre, ſo lang wie ein Spazierſtock, im Munde und durch einander dampfend und plaudernd. Dann machten wir einen Beſuch in der Raffinerie, ſahen die großen Siedekeſſel an, neckten die Neger und kamen endlich zum Nachteſſen nach Twangberry⸗Moß zurück, wo der alte Papa Hacket um elf Uhr ein ſplendides Mahl auftragen ließ. Ja, das wäre Etwas für Euch Leckermäuler ge⸗ weſen; da gab es immer einen eingemachten Affen, eine gebackene Landkrabbe oder ſonſt Raritäten und Delika⸗ teſſen, wovon man hier zu Lande gar keine Ahnung hat. Und einen Madeira! Die Kehle wird mir trocken, wenn ich nur daran denke. „Spreche mir noch Jemand von Sklaverei in Weſt⸗ indien! Es iſt das einzige Land der Freiheit; Nichts geht über das freie, ungenirte Leben, das man dort führt, denn man kümmert ſich ſelbſt um den Teufel Nichts. Wenn es Euch gerade beſondern Spaß machen würde, eine Hammelskeule als Sattel zu gebrauchen, oder beim Eſſen die Füße in eine Suppenſchüſſel zu ſtel⸗ 119 len, kein Menſch würde Etwas dagegen einzuwenden haben. Von einem Unfinn wie Etikette iſt vollends gar keine Rede. Ihr eßt, trinkt, ſeyd luſtig, oder wenn Ihr's vorzieht, auch tranrig, kurz ganz nach Eurem Belieben; Ihr könnt Euere Uniform tragen oder auch nicht tra⸗ gen, das iſt lediglich Euere Sache; man kann ſich daher leicht denken, wie lieb einem Vorrechte ſolcher Art wer⸗ den müſſen und wie ungern man ſich entſchließt, darauf zu verzichten oder ſich davon zu trennen. „Ich war wirklich der Mann, dies Alles zu wür⸗ digen. Dieſe ganze Lebensweiſe ſchien mir lediglich zu meiner Bequemlichkeit erfunden zu ſeyn, und kein Menſch auf der ganzen Inſel erfreute ſich einer genußreichern Exiſtenz als ich; allein ich hatte keine Ahnung, wie theuer ich meine lieben Annehmlichkeiten bezahlen ſollte. Zu meinen Genüſſen nach Tiſch gehörte die Gewohnheit mit gekreuzten Beinen zu ſitzen, wie ich eben gezeigt habe. Es war dies geradezu eine Nothwendigkeit meiner Eriſtenz geworden. Ich haätte meinen Käſe, mein Glas Portwein, meine eingemachte Mango, meine Oliven, meine Butterbrote mit Anchoven, meine Nußſchaale voll Curacoa entbehren können, aber nicht meine liebe ange⸗ nehme Stellung. Ihr mögt immerhin lächeln; aber ich habe von einem Manne geleſen, der nur in ſeinem Zim⸗ mer und zwar mit einer alten Haarbürſte tanzen konnte. Ebenſo bin ich überzeugt; daß mein Magen nicht verdaut hätte, wenn meine Beine ſenkrecht geweſen wären. Ich will die Sache nicht vertheidigen. Die Stellung war nicht graziös und nicht impoſant, aber ſie behagte mir, ſie war mir angenehm. 1 „Aus dem bereits Erzählten könnt Ihr ſchließen, daß weſtindiſche Gewohnheiten mir in meiner Lieblings⸗ neigung, der ich mich jeden Abend meines Lebens hingab, nur wenig Zwang anthaten. Nun, eines Tags gab der alte Hackett einen großen Schmaus, ein Mittageſſen von zwei und zwanzig Couverts. Sechs Tage lang wurde von nichts Anderem geſprochen: Schildkröten von St. Lucie, Perlhühner, Claret vom Jahre vierzig. Ma⸗ deira à discrétion, furz Alles war vorhanden. Die ganze Veranſtaltung war wirklich unübertrefflich, und es fehlte an Nichts, was das Herz verlangen mochte. Ich befand mich in meinem höchſten Glanze. Ich ſaß neben Polly zum größten Aerger des alten Belſon, unſeres Majors, der mir gerne ins Gehege gekommen wäre; denn ſie war eine einzige Tochter und beſaß eine Menge Melaſſen und Neger. Der Papa gab dem Major den Vorzug, aber Polly hatte ihre Zärtlichkeit mir geſchenkt. Ich muß hier noch erwähnen, daß Polly einen Lieblings⸗ wachtelhund beſaß, den der alte Kerl verabſcheute, denn er trippelte und ſchnüffelte immer an ihm herum und war wirklich eine höchſt ungezogene Beſtie. Aber mit einem echten Jamaikageſchmack hatte meine Schöne ihr größtes Vergnügen daran, das Thier jedesmal ins Speiſezimmer mitzubringen, wo, wenn der Herr Paya es entdeckte, unausbleiblich Lärm und Zank darüber ent⸗ ſtand. Der Herr des Hauſes befahl den Bedienten, den Hund hinauszujagen, andere bemühten ſich ihn zu ver⸗ bergen, und ſo hatte denn ſein Kommen und ſein Gehen unvermeidlich einen wahren Höllenlärm zur Folge, bei welchen Gelegenheiten ich beharrlich meine Galanterie dadurch bethätigte, daß ich die Beſtie in Schutz nahm, obſchon ſie mir in der Seele zuwider war. Doch um zu unſerem Eſſen zurückzukehren— nach zwei Stunden der angeſtrengteſten Arbeit unſerer Kau⸗ organe begann der Eifer einigermaßen nachzulaſſen, und mit Anbruch des Abends lagerte ſich ein Gefühl fried⸗ ſamer Ruhe über die Geſellſchaft. Rauchkerzen verbrei⸗ teten einen lieblichen Duft durch das Zimmer, die wohl⸗ geeisten Flaſchen machten in gemäßigterem Schritte ihren Kreislauf, die Unterhaltung beugte ſich unter den Meridian der erforderlichen Bequemlichkeith nach Tiſch und verlor fech in ein Murmeln. Die ſenen Jalouſten zeigten uns den Orangenbaum in voller Blüthe, wie er im kühlen Seewinde ſich leicht bewegte. 121 „Und das weiße Mouſeelinkleidchen neben Ihnen, wie ſtands mit dem?“ „O, ſie ſah noch zwanzigmal bezaubernder aus als je. Nun, es war juſt die Stunde, wo man die zwei letzten Knöpfe der weißen Weſte aufreißt(ich bitte nicht zu vergeſſen, daß wir in Jamaika waren), die Beine der Länge nach vor ſich hinſtreckt, den Arm nachläſſig über die Lehne ſeines Stuhles wirft, nachdenklich zum Getafel hinaufſchaut und bei ſich ſelbſt Betrachtungen anſtellt, warum es auf dieſer Welt nicht immer nach Tiſch iſt. Dies war wenigſtens der Gegenſtand meines Nachdenkens, als ich meine allerbehaglichſte Stellung annahm und in meinem Innern ein Hoch auf Sneyd und Barton*) ausbrachte. Juſt in dieſem Augenblick hörte ich Polly leiſe flüſtern:„Iſt er nicht ein herzliebſtes Geſchöpf!“—„Zum Henker,“ dachte ich, indem ein Stich von Eiferſucht mir durchs Herz fuhr,„ſie meint gewiß den Major,“ denn der alte Belſon mit ſeinen Beutelperrücken und ſeinen geſchminkten Backen ſaß ihr zur andern Seite. Poll„Was für ein liebes, altes Ding er iſt,“ ſagte Polly. „Immer ſchlimmer,“ dachte ich,„es kann Niemand anders ſeyn.“ „Sein gedankenreiches Geſicht gefällt mir ſo gut.“ „Ja, er iſt es wirklich,“ ſagte ich, meinen Becher wegſtoßend und faſt kochend vor Wuth. „Ich wollte nur, ich könnte ihn anſehen,“ ſeufzte ſie, ihr Köpfchen bückend.. „Der Major flüſterte ihr Etwas ins Ohr, worauf ſie antwortete— „“ Ach nein, ich wage es nicht, Papa würde mich ſogleich ſehen.“ „Fürchten Sie Nichts, mein Fräulein,“ ſagte ich, trotzig,„Ihr Vater billigt vollkommen Ihren Geſchmack.“ *) Zwei berühmte Weinhandlunge n. A. d. Ueb. 12² „Sind Sie deſſen vollkommen gewiß 2“ verſetzte ſie mit einem Blick, den ich nie vergeſſen werde. „Ja, ich weiß es,“ ſagte ich, heftig mit meiner Aufregung kämpfend. „Der Major lehnte ſich über, als wollte er ihr unter dem Tiſch die Hand drücken. Ich ſprang beinahe von meinem Stuhle auf, als Polly in ihren ſüßeſten Tönen ſagte: „Du muſt ruhig ſeyn, mein Herzchen, ſonſt entdeckt man dich, und dann entſteht wieder ein Höllenlärm. Inzwiſchen bin ich überzeugt, Herr Major, daß Sie mich nicht verrathen werden.“ Der Major lächelte ſo, daß die Schminke auf ſeinem Geiicht Riſſe bekam.„Und auch von Mr. Monſoon glaube ich hoffen zu dürfen“— „Sie können ſich auf mich verlaſſen,“ ſagte ich halb ſpöttiſch. „Der Major und ich wechſelten trotzige Blicke, wäh⸗ rend Polly fortfuhr— „Ei, ſo ſey doch nicht ſo unruhig. Du haſt es ja ganz gut da. Nicht wahr, Herr Major?“ Der Major lächelte noch graziöſer als vorher und verſetzte:— „Darf ich mir wohl einen Blick erlauben?“ „Ja, aber nur ganz kurz und flüchtig,“ antwortete ſie kokett,„der arme, liebe Wauski iſt ſo ſchüchtern.“ „Kaum hatten dieſe Worte tröſtenden Balſam in mein Herz gegoſſen, denn ich wußte jetzt, daß all dieſe koſenden Ausdrücke dem Hund und nicht meinem Neben⸗ buhler gegolten— als ein kurzer Schrei von Polly und ein fürchterlicher Fluch von dem Major mich aus meinem ſeligen Traume aufſchreckten. „Ihren Fuß hinab, Sir! Mr. Monſoon, wie konnten Sie ſich ſo Etwas unterſtehen!“ rief Polly. „Was zum Teufel, Sir, ſoll das heißen 2“ ſchrie der Major. „O, ich ſterbe vor Scham,“ ſchluchzte ſie. „Ich werde ihn zu einem Siebe ſchießen,“ brummte der alte Belſon. 1²³ „Mittlerweile war die Geſchichte am ganzen Tiſche bekannt geworden und ein ſchallendes Gelächter erhob ſich, vermiſcht mit Berathungen, wie ich am gebührend⸗ ſten gezüchtigt werden könne. Alle meine Verſuche, das Ding zu erklären, waren vergebens. Man höͤrte mich nicht an und glaubte mir noch viel weniger; endlich aber machte der alte Oberſt dem ärgerlichen Auftritt dadurch ein Ende, daß er mir mit einer Stimme, die mir unvergeßlich bleiben wird, zuherrſchte, ich ſolle in mein Quartier gehen. Das ganze Zimmer erſcholl von einem brüllenden Gelächter, als ich mich von dannen ſchob. Nach ſolchen Erlebniſſen wurde mir Jamaika zu heiß. Man erzählte ſich die Geſchichte überall, denn, wie es ſcheint, hatte ich in blinder Aufregung meinen Fuß auf Polly's Schooß gelegt, aber meine eiferſüchtige Wachſamkeit auf den Major hatte mich dermaßen be⸗ ſchäftigt, daß ich die Thatſache erſt merkte, als Polly Lärm ſchlug. „Ich brauche nicht zu ſagen, wie der folgende Morgen alle möglichen Ehrenerklärungen mit ſich führte. Ich verſtand mich zu Allem, von einer ſchriftlichen Ent⸗ ſchuldigung an bis zu einem Verſprechen, die Lady zu heirathen, und wer weiß, wie die Sache geendigt haben würde, aber mitten im Gang der Unterhandlungen wur⸗ den wir nach Halifax commandirt, wo ich meine türkiſche Gewohnheit zu ſitzen erſt lange nachher ablegte.“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Die Landung. Welch einen Kontraſt gegen die trübe Eintönigkeit unſeres Seelebens bot nicht die Scene dar, die jetzt bei der Landung in Liſſabon uns erwartete! Der ganze Quai war mit Hunderten von Leuten überfüllt, welche neugierig das Schiff betrachteten, von deſſen Maſtbaum die ſtolze Flagge Großbrittanniens herabwogte. Dunkelfarbige, finſtere, ſchnurrbärtige Geſichter mit rothen Mützen, die leichtfertig auf einem Ohre ſaßen, miſchten ſich mit den ſachſiſchen Geſichtern und blondgelockten Söhnen unſeres Vaterlandes. Kriegsböte fuhren unaufhörlich auf dem ruhigen Fluſſe hin und her, und Alles war voll Leben und Geſchäftigkeit. Das Getöſe und der Lärm einer gewaltigen Stadt miſchte ſich mit den fernen Klängen einer kriegeriſchen Muſik und in den offenen Straßen bemerkten wir Truppen in Marſchordnung; ringsum thaten ſich die Zeichen des nahenden Krieges kund. 1 Kaum hatten wir unſere Anker ausgeworfen, als ein achtrudriges Boot mit einem Seekadet am Steuer zu uns her fuhr. 3 „Hollahoh, Schiff, habt Ihr Truppen an Bord?“ „Ja wohl, Sir.“ Noch ehe dieſe Antwort geſprochen war, ſtand der Kadet auf unſerem Verdeck. „Darf ich fragen,“ ſagte er, ſeine Mütze leicht be⸗ rührend,„wer der commandirende Offizier der Abthei⸗ lung iſt?“ „Kapitän Power, vollkommen zu Ihren Dienſten,“ antwortete Fred, den Gruß erwiedernd. „Der Contreadmiral Sir Edward Douglas läßt Sie erſuchen, ſogleich zu ihm an Bord zu kommen und Ihre Depeſchen mitzubringen.“ 4 „Ich bin bereit,“ ſogte Power, die Papiere zu ſich ſteckend:„aber zuerſt ſagen Sie uns, wie es hier ſteht. Hat ſich etwas Wichtiges zugetragen?“ 3 „Ich habe weiter Nichts gehört, außer von einem Treffen, das die Portugieſen hatten; ſie ſind wieder ge⸗ ſchlagen worden, aber unſere Leute waren nicht dabei betheiligt. Inzwiſchen wollen wir uns ſogleich auf den Weg machen; dort ſteht unſer erſter Lieutenant und ſieht mit ſeinem Telescop gerade auf uns; alſo kommen Sie. Guten Abend, Gentlemen!“ Im nächſten Augenblick durchſchnitt das ſchnelle Fahrzeug wieder das klare Waſ⸗ ſer, waͤhrend Power uns fröhlich Lebewohl zunickte. 1 1 125 „Wer will ans Land fahren?“ fragte der Seekapitän, als ein halb Dutzend Böte an unſer Schiff heranſchwam⸗ men und ſich mit ihren Haken am Tauwerk deſſelben hielten. „Wer ſollte auch das nicht wollen?“ rief Monſoon, der jetzt in ſeinem alten blauen Uniformsfrack mit abge⸗ ſchoſſenen Treſſen und einem dreieckigen Hut erſchien, der einer Pagode zum Dach hätte dienen können;„wer ſollte auch das nicht wollen, alter Knabe?“ Müſſen wir nicht Alle entzückt ſeyn über die Ausſicht auf friſche Lebens⸗ mittel, friſche Weine und ein Bett, das etwas länger iſt als vier Fuß ſechs Zoll? He, nicht wahr, O'Malley? Sparks! Wo iſt der Adjutant? Aha, dort! Um den Doktor wollen wir uns nicht bekümmern; er mag hier und da gute Einfälle haben, iſt aber doch, unter uns geſagt, im Ganzen ein verdammt langweiliger Kerl. Laſſen Sie uns in der rua di Toledo ein kleines Nacht⸗ eſſen einnehmen. Ich kenne den Ort genau. Nun, nun, ſetzen Sie ſich doch ruhig hin, Sparks, das Ding iſt blos eine Muſchelſchaale. Dort— das da iſt die plaza di regna, dort zur Linken, weiterhin iſt die große Kathedrale— doch Ihr könnt ſie jetzt nicht ſehen. Noch ein Vier⸗ undſtebziger; es ſcheint ja eine ganze Flotte da zu ſeyn. Ich wuͤnſche Power Glück zu ſeinem Nachmittag mit dem alten Douglas.“ „Kennen Sie ihn denn, Major?“ „Ob ich ihn kenne!— Ich ſollte faſt meinen. Er wollte mich einmal hier auf dem Fluß in Ketten legen laſſen; das war eine ſchmähliche Geſchichte, doch ich will ſte Euch ein andermal erzählen. Da— langſam jetzt; Gott ſey Dank, endlich wieder einmal auf dem Lande. De⸗ Seefahren iſt mir jetzt zuwieder wie das Dreck⸗ reſſen.“ Nur mit Mühe konnten wir uns durch den dichten Volkshaufen leinen Weg bahnen und erreichten endlich die Plaza. Hier waren noch weit mehr Menſchen, nur von anderer Art. Viele huͤbſche, wohlgekleidete Damen 126 ließen ihre dunkeln, funkelnden Augen über die ſchwarzen Mantillen wegſchweifen, welche ſie vor ihrem Geſichte zuhielten, und überſchauten mit geſpannter Neugierde eine der Straßen, die ſich auf den Platz öffnen. Wenige Augenblicke darauf hörte man eine Regi⸗ mentsmuſik und den regelmäßigen Tritt marſchirender Truppen, denn das Sste rückte jetzt auf die Plaza und formirte eine Linie. Die Muſik verſtummte, die Trommeln rollten die Linie hinab, und im nächſten Augenblick war Alles wieder ſtill. Es war wirklich für einen Menſchen, der ſich mit ganzem Herzen dabei betheiligte, etwas Begei⸗ ſterndes, um den Anblick dieſer tapfern Burſche, die mit ihren ehernen Geſichtern und eiſenfeſten Geſtalten re⸗ gungslos wie ein Fels daſtanden. Während ich meine Blicke nicht von ihnen verwandte, marſchirte die Muſik in die Mitte des Platzes und ſpielte den Garryowen. Kaum war der erſte Theil zu Ende, als von dem Trans⸗ portſchiff vom Fluſſe her ein furchtbares Jubelgeſchrei erſcholl. Die armen Burſche dort hatten die willkom⸗ menen, die wohlbekannten Töne gehört, die ihnen von Heimath und Vaterland verkündeten. Ihr lautes Ge⸗ ſchrei zeugte von der überſprudelnden Fülle ihrer Herzen. „Da ziehen ſie nun weiter. Ihre wilden Lands⸗ leute haben, wie es ſcheint, ihren Kuhreigen gehört. Gott, wie ſie die armen Portugieſen erſchreckt haben! Seht nur, wie ſie davonlaufen.“ Dies war wirklich der Fall. In das ganze Ge⸗ jauchze vom Fluſſe her hatten andere auf dem Lande Umherſtreifende eingeſtimmt und ſo hatte ſich ein allge⸗ meines Freudengeſchrei erhoben, welches bewies, daß wenigſtens ein Drittheil der Rothröcke von der geliebten Inſel kam. „Iſt das nicht Ferguſon?“ rief der Major, als ein Offizier mit einem Arm in der Schlinge an uns vorbei ging.„He da, Jon— Ferguſon! O, ich wußte es doch.“ 127 „Ei, mein Freund Monſoon, wie geht's?— Eben erſt angekommen, wie ich merke— freut mich unendlich Sie wieder zu ſehen. Wir haben viel Langeweile aus⸗ zuſtehen gehabt, ſeit Sie fort ſind, beinah wie ein Ve⸗ teranenbataillon. Sind dies Ihre Freunde? Bitte, ſtellen Sie mich Ihnen vor.“ Als dieſe Ceremonie vor⸗ über war, lud der Major ſeinen alten Kriegskameraden ein, mit uns zu ſpeiſen. „Nein,“ antwortete dieſer'„das geht nicht an; heute müſſen Sie meine Gäſte ſeyn. Mein Quartier iſt keine fünf Minuten von hier; auf koſtbare Bewirthung dürfen Sie freilich nicht rechnen.“ „Eine Carbonade mit Oliven, eine gebratene Ente, eine Bowle Biſchof und wenn Sie wollen, ein paar Flaſchen Burgunder,“ ſagte der Major;„ſtrengen Sie ſich unſertwegen nicht an, wir nehmen mit einfacher Soldatenkoſt vorlieb.“ Ich konnte nicht umhin, über die Schlauheit zu lächeln, womit der alte Major ſeine naiven Begriffe von einfacher Koſt preisgegeben hatte. Als ich der Geſellſchaft durch die Straßen folgte, war mein Schritt leicht und mein Herz deßgleichen; denn wie könnte es ein köſtlicheres Ge⸗ fühl geben, als das nach einer Landung! Die Erlöſung von der Troſtloſtgkeit eines Schiffbordes mit ſeinen ein⸗ tönigen Tagen und trübſeligen Nächten; ſeiner oft müh⸗ ſam zu einiger Munterkeit hinaufgeſchraubten Unterhal⸗ tung, ſeiner knappen Einrichtungen, ſeiner ungewiſſen auer, und nun auf einmal die Freiheit der Küſte mit einem milden Landwind; mit einem feſten Boden unter dem Fuße, endlich der Anblick des herrlichſten Theiles der Schöpfung dieſer holdſeligen Weſen, deren ſanfte Augen und niedliche Füßchen, vielleicht das Entzückendſte von Allem ſind, was einen mehrwöchigen Bewohner des blauen Waſſers jetzt erwartet. „Da ſind wir,“ rief Ferguſon, indem er vor einem großen ſchönen Hauſe Halt machte. Wir folgten eine breite Treppe hinauf in ein geräumiges, zwar ſparſam, 128 aber nicht uncomfortable möblirtes Zimmer; Belage⸗ rungsplane, Karten vom gegenwärtigen Kriegsſchauplatze, Piſtolen, Säbel und Schärpen zierten die weißen Wäaͤnde und einige wenige Bücher nebſt einer Armeeliſte zeugten vom Geſchmack des Bewohners. Während Ferguſon verſchwand, um Vorbereitungen zu einem Abendeſſen zu treffen, begann Monſoon uns zu dem guten Glück zu gratuliren, das uns ſo uner⸗ wartet in den Weg gelaufen ſey.„Ein Kapitalkerl, dieſer Jon— hat immer etwas Gutes und verſteht ſich darauf die Flaſche in Umlauf zu bringen, Da kommt er ja ſchon wieder, tummeln Sie ſich jetzt, Sparks, greifen Sie einen Zipſel des Tiſchtuches an. Wie köſtlich und ſaftig dieſer Schinken ausſteht! Stellen Sie den Ma⸗ deira hieher; was wohl in der Schüſſel da ſeyn mag? Saure Nieren? Während Monſoon auf dieſe Art ſchwatzte ſetzten wir uns zur Tafel und begannen unſere Arbeit mit einem Appetit, den nur ein ſo eeben gelandeter See⸗ fahrer kennt. „Noch einen Löffel voll Sauce? danke, danke. Alſo man ſagt, es ſey uns in der letzten Zeit nicht ſonderlich gut gegangen,“ ſagte Ferguſon;„daran tſt kein wahres Wort, wir ſind gar nicht vor den Feind gekommen. Ein einzigmal ging es ſcharf her am Tamega. Der gute Patrick, ein Landsmann von uns, und ich dienten in der portugieſiſchen Brigade, als Laborde uns auf die Stadt zurückwarf und wirklich in die Flucht ſchlug. Der por⸗ tugieſiſche General, dem es blos um ſeine eigene Sicher⸗ heit zu thun war, zog ſich ſogleich nach dem Gebirge; aber Patrick rief ſeinem Bataillon zu, umzukehren und anzugreifen, und das thaten ſie auch wirklich mit wah⸗ rem Heldenmuthe. Sie ſtürzten ſich auf die vorrückenden Maſſen der Franzoſen hinab und warfen dieſelben bis auf's Hauptcorps zurück. Als die andern Regimenter dieſe tapfere That ſahen, machten ſte Rechtsum und gaben Feuer; dann aber ſteckten ſie ihre Bajonette auf und erſtürmten einen kleinen Berg, der die ganze 129 Vorſtadt von Villa Real beherrſchte. Die Franzoſen, die ſich ſchnell wieder geordnet hatten, rüſteten ſich zu einem zweiten Angriff und kamen in zwei dichten Colonnen heran, als Patrick, obſchon er auf die längere Aus dauer ſeiner Leute wenig Vertrauen ſetzte, abermals einen An⸗ griff mit dem Bajonnet befahl. Aber kaum war die Ordre gegeben, als die Franzoſen bereits vor uns ſtanden, ihre Flanken gedeckt durch La Houſſaye's ſchwere Dragoner. Einen Augenblick ſchwankte die Entſcheidung, aber als der arme Patrick tödtlich verwundet auf der Bruſtwehr niederſank, als unſere Krieger ſeinen kühnen Zuruf nicht mehr hörten, ſeine edle Geſtalt nicht mehr in der vor⸗ derſten Reihe erblickten, da wandten ſie ſich gleichfalls und flohen in wilder Eile nach der Stadt. Ich für meine Perſon wurde in der Maſſe eingekeilt und erbielt dieſen langen Säbelhieb da, der von der Schulter bis zum Ellenbogen reicht, von einem jungen Burſchen von etwa ſechszehn Jahren, der wie ein Schulbube an einem Fe⸗ rientage umhergaloppirte. Die Wunde war nur durch den Blutverluſt gefährlich, und ſo erreichte ich ohne große Schwierigkeit Amacante, von wo ich mit drei oder vier andern bis zu meiner Wiederherſtellung hieher beordert wurde.“ „Aber wie ſteht's im Hauptquartier?“ fragte ich. „Darüber ſind alle erdenklichen Gerüchte im Umlauf; einige behaupten, Craddock ziehe ſich zurück; andere ſagen, ein Theil der Armee rücke gegen Caldas vor. „In dieſem Fall werden wir wohl nicht lange hier bleiben?“. „Allerdings nicht, lieber Major. Donna Maria de Tormes wird untröſtlich ſeyn. Beilaͤufig geſagt, ſie wohnt uns gerade gegenüber. Hat Monſoon Ihnen nie von ſeinen Freunden hier erzählt?“ „Still, ſtill, Jon, wie koͤnnen Sie auch ſo närriſch herausſchwatzen?“ 3 „Ci, ei, mein lieber Freund, was ſoll dieſe Be⸗ Lever, O'Malley. II, 9 130 ſcheidenheit? Es weiß ja doch Jeder Armeecorps die Sache.“ Jon, Sie machen mich böfe.“ „In allem Ernſt, „Nun, bei Gott, ſo muß ich ſelbſt erzählen, ob⸗ ſchon Sie, meine Freunde, an Monſoons unvergleichlichem Erzählertalent ungemein viel verlieren. „Nein,“ rief der Major,„lieber will ich Alles thun, als mich einem ſolchen Biographen anvertrauen; alſo hört, wenn es Euch Spaß macht.— „Als ich vor einigen Jahren dienſtthuender General⸗ kommiſſär der portugieſiſchen Truppen war, hatte ich Ge⸗ legenheit mit den Gewohnheiten und Sitten des Volkes enau bekannt zu werden; denn obſchon ich von Natur durchaus nicht zum Argwohn geneigt bin, ſo weiß ich doch immer die kleinen Schwächen meiner Nebenmen⸗ ſchen bald genug heraus zu finden. In dieſer Beziehung nun war mir mein Dienſt ſehr angenehm, denn er gab mir Veranlaſſung genug, die Welt zu prüfen. Das größte Studium des Menſchen iſt der Menſch— Freund Sparks würde freilich ſagen, das Weib— doch das ge⸗ hört eigentlich nicht hieher. „Nun, ich entdeckte bald, daß unſere ſehr vortreff⸗ lichen, alten Verbündeten, die Portugieſen, trotz ihrem ſchönen Klima, trotz ihrem köſtlichen Weine und trotz ihren allerliebſten Weibern und Töchterchen die abge⸗ teſten Spitzbuben ſind, die ich je geſehen habe. „Machen Sie ſich mit den Hauptcharakterzügen der Ein⸗ gebornen vollkommen bekannt,“ ſchrieb mir der alte Sir Harry in einer Depeſche aus dem Hauptquartier, und wahrhaftig, das fiel mir nicht ſchwer; denn ſolche offen⸗ kundige, handgreifliche, unverſtellte Schurken, wie dieſe, finden ſich auf der ganzen Welt nicht mehr. Ich glaubte ſchon bei meiner Landung allerlei zu wiſſen, aber Gott ſteh' mir bei, in Vergleich mit dieſen Kerls war ich ein wahres Wickelkind und ſie führten mich, ſage mi an der Naſe herum, ſo daß ich am Ende glaubte, ich wandle im Schlaf⸗ maun im ganzen feim 13¹ „CEi wie, Monſoon,“ ſagte der General,„man hatte mir geſagt, Sie ſeyen ein geſcheidter Burſche, und doch ſcheinen die Leute hier nur ihren Spaß mit Ihnen zu treiben. So geht es nicht länger, Sie müſſen ſich ein wenig zuſammennehmen, oder ich werde mich genöthigt ſehen, Sie zurückzuſchicken.“ „Herr General,“ antwortete ich,„in England hat mich nie Jemand einen Dummkopf genannt, aber der Henker weiß, hier—“ „Ich verſtehe,“ ſagte er,„Sie kennen die Portu⸗ gieſen noch nicht; mit ihnen gibt es nur eine einzige Art auszukommen; man muß ſchnell wie ein Donner⸗ wetter über ſie herfahren; geben Sie ihnen nie Zeit zu ihrer Spitzbubeyei; denn ſobald ſie einen Augenblick über⸗ legen können, ſo betrügen ſie den Teufel ſelbſt. Alſo, wenn Sie fünftig ein Complott im Werke ſehen, ſo fahren Sie blitzſchnell dazwiſchen und entſcheiden Sie die Sache nach Ihrer Anſicht.“ „Nun gut, dieſer Rath war ſehr geſcheidt und er hat auch waͤhrend der achtzehn Monate meiner Amtsfüh⸗ rung mich nie im Stiche gelaſſen.“ „Ich brauche tauſend Scheffel Weizen.“ „Senhor Excellenza, die Ernte iſt entſetzlich miß⸗ rathen und—“ „Sergeantmajor,“ pflegte ich dann zu ſagen,„dieſe armen Leute haben kein Korn; es iſt eine Weingegend; ſie mögen ihre Ration in Wein abtragen.“ „ Abend kam der Weizen.“ 3 „Ich muß hundert und zwanzig Ochſen für di Reſerve haben?“ zwandig Dhſin fun die „Das Vieh iſt alles im Gebirge.“ „Der Alkalde ſoll es noch vor heute Abend holen, oder ich werre ihn holen.“ „Gott ſteh' uns bei, ich bekam Ochſen genug, um die ganze Halbinſel zu futtern. Wahrend bei den übri⸗ gen Truppen der Schmalhans Kuͤchenmeiſter war und 9* 13² ſte höchſtens halbe Rationen erhielten, wurde unſere Brigade ſo rund und fert, als beſtände ſte aus lauter Gemeinderäthen. „So lange wir in Andaluſien lagen, ging dies leicht genug. Welch, ein Land iſt das! Solche Wein⸗ berge und Gärten, ſolche köſttichen Thaͤler, wogend von Korn und fett von Oliven; es iſt wirklich eine Sünde, darin Krieg zu führen. Hier war Alles zu haben, was man wünſchen konnte. Die Leute waren, wie alle rei⸗ chen Leute, ſo ſchuchtern⸗ ſo ſchnell geängſtigt, daß man mit ein vaar Drohworten Alles von ihnen bekommen konnte. Meine Patrouillen wußten ſich das gut zu Nutze zu machen. „Uebermorgen kommt er,“ pflegten Sie zu ſagen. „Madre de Dios 186 „Ich glaube doch, daß er das Dorf nicht nieder⸗ brennen wird.“ „Questos infernales Ingleses! Welch' gottloſe Leute!“ „Es köͤnnte Nichts ſchaden, wenn Ihr's mit einem Sack voll Moidors oder Dublonen mit ihm verſuchtet; er wird es zwar ausſchlagen, aber eine Probe könntet Ihr doch wohl machen.“ „Ach,“ fuhr der Major mit einem langgezogenen Seufzer fort,„das waren mir ſelige Tage. Weh' mir, daß ſie je ein Ende nehmen mußten! Unter den alten Hidalgos dort war ein gewiſſer Don Emanuel Selvio de Tormes, ein abſcheulicher, alter Geizhals, reich wie Kröſus und mißtrauiſch wie der böſe Feind ſelbſt. Gott, wie habe ich dieſen Kerl mürbe gemacht! Ich quartierte zwei Schwadronen Reiterei und eine Abtheilung berit⸗ tener Artillerie bei ihm ein. Wie ſich's die Burſche ſchmecken ließen! Wie köſtlich ihnen der Wein mundete! und als ſie ein wenig nachzulaſſen anfingen, ſo trug ich Sorge, ſie durch friſche Ankömmlinge aus den Gebirgen — Cacadores nannte man ſie— zu erſetzen. Endlich fonnte es mein Freund Don Emanuel nicht länger aus⸗ 1³³ halten und ſandte mir eine diplomatiſche Botſchaft, um Vergleichsbedingungen vorzuſchlagen, die wirklich recht annehmbar waren. Nach ein paar Tagen wurden die Cacadores entfernt und ich ſchlug ſelbſt meinen Sitz im Schloſſe auf. Ich habe in dieſer gottloſen Welt allerlei Veränderungen und Schickſalswechſel durchgemacht, muß aber geſtehen, daß mir nie eine Zeit angenehmer ver⸗ gangen iſt, als die ſieben Wochen, die ich dort zubrachte. Don Emanuel war, wenn man ihn nur zu behandeln wußte, ein recht angenehmes Kerlchen. Donna Maria aber, ſeine Frau, war wirklich ein gottvolles Weib. Ihr braucht gar nicht zu blinzeln und zu winken da. Sie war ein herrliches Weib, ſage ich, freilich ein wenig dick und ſchon nahezu an fünfzig; aber Augen hatte ſie, ſchwarz wie Schlehen und verlockend wie reife Trauben, und ſie lächelte immer, liebäugelte und ſah honigſüß aus. Ich will verdammt ſeyn, wenn ſie mir nicht als das bezauberndſte Weſen in der Welt erſchien mit den zehntauſend Pfund werthen Juwelen, die ſie an ibren Fingern und in den Ohren trug. Ich kann ſie in dieſem Augenblick vor mir ſehen, wie ſie in der kleinen Garten⸗ laube zu ſitzen pflegte, mit einer Manillacigarre im Munde und einem Glas Grog, freilich nur ganz ſchwach, neben ſich. „Ach, lieber General,“ konnte ſie dann ſagen— ſie nannte mich immer General—„welch' einer glor⸗ reichen Laufbahn dürfen Sie ſich rühmen! Ein Soldat iſt in Wahrheit ein Mann.“ „Bei dieſen Worten ſah ſie etwas geringſchätzig auf den armen Emanuel, der gewöhnlich in einer Ecke ſaß⸗ ſtundenlang die Hand vor's Geſicht hielt und Procente berechnete, bis er einſchlief. „Der Unglückliche litt an einer ſehr eigenthümlichen Krankheit, der ich lange nicht auf den Grund kam— nämlich einer Art Verrenkung des Unterkiefers, wodurch wahrſcheinlich der eine oder andere Lebensnerv ſtark zu⸗ ſammengepreßt wurde, ſo daß er für die Dauer eines 134 ſolchen Anfalles gänzlich lahm war. Er konnte dann zwar noch ſehen und hören, aber weder ſprechen noch ſich bewegen. „Alſo wie geſagt, ich wußte von dem Allem Nichts, bis ein unbedeutender Umſtand mich damit bekannt machte. Eines Abends ſaß ich mit Donna Maria in der erwähnten Laube; vor uns ſtand ein kleiner Tiſch mit Wein und Früchten bedeckt, Oliven, kaſtiliſchen Orangen und fri⸗ ſchen Ananas. Ich erinnere mich der Sache noch gut; mein Auge ſchweifte lüſtern über den kleinen Nachtiſch, der in altmodiſchem, reichem Silbergeſchirr daſtand, ſo⸗ dann ſchweifte es zu der Lady ſelbſt über mit ihren Ringen, Nadeln, Ohrgehängen und Ketten ſo koſtbar, daß ich ſie der Vollmacht, eine Stadt auszuplündern, vorgezogen hätte.„Monſoon, Monſoon, ſagte ich zu mir ſelbſt, und das iſt beſſer als lange Märſche in den Pyrenäen mit einer Korkeiche als Betthimmel und feuchtem Gras als Matraze. Wie angenehm könnte man ſich in der Welt durchbringen mit dieſem kleinen Land⸗ haus als Wohnung und Donna Maria als Gefährtin.“ „Ich koſtete den Portwein; er war delikat. Ich verſtan d zwar ſehr wenig portugieſiſch, aber ich nahm meinen ganzen Wiſſensſchatz zuſammen und fragte, ob viel davon im Keller ſey. Sie lächelte und ſagte:„O ja.“ „Welch' ein herrliches Leben könnte man hier füh⸗ ren!“ dachte ich,„wenn mir nur die Vorſehung den Gefallen thäte, dieſen Don Emanuel auf die Seite zu ſchaffen“ „Mit ſolchen Betrachtungen trank ich die Flaſche aus; die zweite war wo moͤglich noch ſchmackhafter. „Ein herrlicher Aufenthalt hier?“ ſagte ich im Selbſtgeſpräch. „Donna Maria ſchien zu wiſſen, was in meinem Innern vorging, denn auch dazu lächelte ſie. „Ja,“ ſprach ich in gebrochenem Portugieſiſch,„man 13⁵ müßte hier ſehr glücklich ſeyn, Donna Maria!„Sie er⸗ röthete und ich fuhr fort:— „Was könnte einer in dieſem Leben mehr verlangen! All die Reize ſind hier, die das Paradies zum Paradies“— hier ergriff ich ihre Hand—„und Adam zu einem Se⸗ ligen machten.“ 1 „Ach, General,“ ſagte ſie mit einem Seufzer, Sie find ſo ein Schmeichler.“ „Wer könnte ſchmeicheln,“ rief ich begeiſtert,„wenn er kaum Worte genug findet, ſeine Gefühle auszudrücken?“ — dies war buchſtäblich wahr, denn mein Portugieſiſch ließ mich faſt ganz im Stich—„aber glauben Sie mir, wenn ich je glücklich war, ſo bin ich's jetzt.“ „Damit that ich einen neuen, kräftigen Zug aus dem Glaſe. „Wenn ich denken müßte!“ fuhr ich fort,„daß meine Gegenwart hier unwillkommen wäre—“ „Pfui, General,“ ſagte ſie, wie können Sie ſo ſprechen?“ „Wenn ich nur gewiß ſeyn dürfte, daß ich nicht gehaßt wäre,“ ſagte ich zitternd. „O!“ verſetzte ſie. „Berachtet!“ 1 „Verabſcheut.“ Sie drückte meine Hand; ich küßte die ihrige, ſie entriß mir dieſelbe haſtig und zeigte nach einem nahen Lindenbaum, unter welchem die armſelige und verab⸗ ſcheute Figur des Don Emanuel behaglich eine Cigarre ſchmauchte. 7 „Ja,“ dachte ich,„da ſitzt er, der einzige Riegel vor meinem Glück; ohne ihn könnte ich jetzt bald Be⸗ ſitzer dieſes alten, vortrefflichen Schloſſes ſeyn mit un⸗ beſchränkter Vollmacht über den Keller. Don Mauri⸗ cius Monſoon würde ſeinen Platz unter den Granden Portugals mit Würde behaupten.“ „Ich weiß nicht, wie lang meine Träumerei dauerte, 136 und ebenſo wenig, wie der Abend hingieng; aber ich er⸗ innere mich noch gut, daß der Mond aufgegangen war und tauſend Sterne am Himmel ſchimmerten, während ich noch immer bei der ſchönen Donna Maria ſaß und mir Mühe gab mit meinem Portugieſiſch, wie es der Himmel mir juſt zuſandte, ſie von meinen kriegeriſchen Abenteuern und Waffenthaten zu unterrichten. Die vierte Flaſche Portwein war vom Feuer meiner Beredtſamkeit bereits verſchlungen und Marias Herz begann zärtlich zu ſchlagen, als ich plötzlich nahe bei uns ein Raſcheln in den Zweigen hörte. Ich blickte auf, und, gütiger Gott! welch' ein Schauſpiel trat mir jetzt vor die Augen! Da lag der kleine Don Emanuel im Graſe, den Mund weit offen, das Geſicht blaß wie der Tod, die Arme nach beiden Seiten ausgeſtreckt, die Beine ſteif. Ich eilte hinüber und fragte, ob er krank ſey, aber keine Antwort erfolgte. Ich hob einen ſeiner Arme in die Höhe, allein, als ich ihn w ieder fahren ließ, fiel er ſchwer auf den Boden, ebenſo auch ſein Bein. Ich be⸗ rührte ſeine Naſe; ſie war kalt. „Hollah,“ dachte ich,„ſtehen die Actien ſo? das kommt davon, wenn man Waſſer in den eres miſcht. Ich dachte es mir gleich, daß es ſo enden würde.“ „Nun thut mir, ſo wahr ich lebe, der kleine Kerl leid; allein in einem Felozug wird man mit dergleichen Dingen ſo vertraut, daß man kaum halb ſo viel fühlt wie andere Menſchen.“ „Ja,“ dachte ich,„der Menſch iſt wie Gras; aber ich meinestheils muß Heu machen, ſo lange die Sonne ſcheint.“ Und nun zu Donna Maria, denn das gute Ding war inzwiſchen in der Laube eingeſchlafen. „Donna,“ ſagte ich, ſie beim Ellenbogen ſchüttelnd, „Donna, erſchrecken Sie nicht über das, was ich Ihnen ſagen will.“ k „Ach, General,“ antwortete ſie mit einem Seufzer, „ſprechen Sie nichts mehr; ich darf Sie nicht anhören.“ 137 „Sie wiſſen das nicht,“ ſagte ich mit bedeutſamem Blick;„Sie wiſſen das noch nicht.“ „Nun, was meinen Sie denn?“ „Der kleine Kerl iſt hin,“ rief ich, denn der Port⸗ wein wirkte jetzt mächtig in mir und hatte alle meine natürliche Gefühlszartheit verwiſcht.„Ja, Donna,“ fuhr ich fort,„Sie ſind frei.“— Hier warf ich mich auf die Knie—„frei, um mich zum Glücklichſten aller Com⸗ miſſäre und zum vergnügteſten aller Granden Portugals zu machen, die je—“ „Aber Don Emanuel?“ „Ausgelaufen— trocken— leer;“ ſagte ich, ein leeres Glas umkehrend, um ihr den Sinn meiner Worte zu veranſchaulichen. „Er iſt doch nicht todt!“ kreiſchte ſie. „Allerdings,“ verſicherte ich mit einem Schluchzen; „beordert zu einem Dienſt in einer beſſern Welt, wo es weder Inſpektionen noch Rückſtände mehr gibt!“ Eh' ich die Worte vollendet hatte, ſprang ſie von der Bank auf und eilte nach dem Platze, wo der kleine Don lag. Was ſie ſagte oder that, weiß ich nicht, aber im nächſten Augenblick ſaß er bolzgerade im Gras, hielt ſich ſeinen Kinnbacken mit der einen Hand und ſtützte ihn auf die andere, ergoß ſich aber nunmehr in einen ſolchen Strom von Schmäh⸗ und Schimpfwörtern gegen mich, daß ich zuletzt aus Unkenntniß des Portugieſiſchen engliſch antwortete und volle fünf Minutenlang tobte und fluchte wie ein Heide. Mittlerweile hatte die Donna ihre Dienerſchaft herbeigerufen, welche Don Emanuel in’'s Haus trug, wo ich bei meiner Rückkehr meine Effekten vor der Thüre antraf mit einem höflichen Be⸗ deuten, mich bei Zeiten nach einem anderen Quartier umzuſehen. „Nach wenigen Tagen kühlte ſich jedoch der Zorn des kleinen Don und ich erhielt von Donna Maria ein höfliches Schreiben, worin ſie mir meldete, ihr Ehege⸗ mahl ſange endlich an Spaß zu verſtehen und erſuche 138 mich, wieder in ſein Schloß einzuziehen, allwo ich heute zum Mittagstiſch erwartet werde. „Was Sie natürlich annahmen?“ „Das will ich meinen. Vergebt Euern Feinden, mein lieber Junge, das fordert Chriſtenpflicht; und wir lebten nachher wirklich ſehr vergnügt zuſammen: Die Donna war eine äußerſt kluge Frau und eine gute, liebe Seele.“ Es war ſpät, als der Major ſeine Erzählung ſchloß; wir wünſchten jetzt Ferguſon gute Nacht und begaben uns nach unſern Quartieren. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Liſſabon. Das Getrappel von Pferden und das Getöne von Stimmen unter meinem Fenſter weckten mich aus einem tiefen Schlafe. Ich ſprang auf und ſchob die Gardine zur Seite. Welch eine ſeltſame Verwirrung ergriff mich bei dem Anblick, der mir jetzt zu Theil wurde. Vor mir lag ein breiter, ruhiger Strom, deſſen entgegen⸗ geſetztes Ufer, dicht bewaldet und mit Villen und Hütten geſchmückt, ſteil aus dem Waſſer hervortrat: Kriegs⸗ ſchiffe lagen ruhig im Strom und ließen ihre Wimpeln wehen; der laute Hall einer Morgenkanone rollte über die Oberfläche hin und rief hundert Echo's wach, wäh⸗ rend der träge Nauch einige Minuten lang über dem ſpiegelklaren Waſſer liegen blieb, bevor er ſich mit der dünnen Morgenluft vermiſchte. „Wo bin ich?“ war meine erſte Frage an mich ſelbſt, während ich fortfuhr, nach allen Seiten umher zu ſchauen, unfähig meine zerſtreuten Gedanken zu ſammeln. Ein Wort reichte hin, mir Klarheit zu verſchaffen, 139 denn ich hörte jetzt Powers Stimme, der von Außen rief— „Charley, O'Malley, he, kommen Sie ſchnell herab.“ Ich warf mich in meine Kleider und eilte vor die Thüre. „Kören Sie, Charles, ich bin früher in Bewegung gekommen, als ich ſelbſt gedacht hatte. Der alte Dou glas hat die ganze Nacht dageſeſſen und Depeſchen ge⸗ ſchrieben; ich muß unverzüglich ins Hauptquartier reiten An Arbeit fehlt es nicht, ſo viel iſt klar; aber wann, wo und wie, kann ich noch nicht wiſſen. Die Marſch⸗ ordre kann jeden Augenblick eintreffen; die Franzoſen rücken beſtändig voran. Inzwiſchen habe ich ein paar Auſträge für Sie. Erſtens, hier iſt ein Paket für Hammersley; Sie werden ihn jedenfalls in einem oder zwei Tagen beim Regiment treffen; ich habe einige Skrupel gehabt, Sie hierum zu erſuchen— aber der Teufel ſoll's holen!— Sie ſind ein zu vernünftiger Menſch, um—“ Hier hielt er inne, und da er mich feuerroth wer⸗ den ſah, ſchien er einige Augenblicke unſchluſſig, wie er fortfahren ſolle. Endlich begann er von Neuem:— „Nun zu Nro. 2; es iſt dies eine zärtliche Liebes⸗ epiſtel von einem armen Teufel von Seekadet, heute Nacht in einem Krankenverſchlag bei einem Talglicht geſchrieben und Gelübde ewiger Verehrung nebſt einer Haar⸗ lecke enthaltend. Ich verſprach es getreulich ſelbſt ab⸗ zuliefern, denn der Donnerer ſegelt unverzüglich nach Gibraltar, und der arme Menſch darf nicht mehr an's Land. Da inzwiſchen das Billet von Sir Arthur von größerer Wichtigkeit ſeyn dürfte, als die Liebesklagen eines Seekadeten, ſo muß ich letztere Ihren Händen anvertrauen. Nun ſehen Sie nur nicht ſo verdammt ſchläfrig drein; reiben Sie ſich die Augen aus und thun Sie wenigſtens, als verſtänden Sie, was ich ſage. Hier iſt die Adreſſe:— La Senhora Inez da Rabiera, Rua Nuova, dem Barbier gerade gegenüber; Sie werdeng. 140 nicht verſäumen. Und nun, mein lieber Junge, adios, bis auf Wiederſehen.“ „Halten Sie! Ums Himmelswillen nicht ſo ſchnell! Wo iſt die Straße?“ „Rua Nuova; denken Sie nur an Figaro, mein e.“ „Aber was habe ich dort zu thun?“ „Zu thun! welch eine Frage! Sie können Alles thun, wozu Sie Luſt haben. Seyen Sie ein auter Di⸗ plomat; ſprechen Sie von der unnennbaren Liebespein des Seladons, die ich übrigens wirklich bezeugen kann (der Burſche iſt erſt fünfzehn Jahre alt); ſchwören Sie, daß er in ein paar Monaten als erſter Lieutenant auf dem Donnercomb zurückkehren werde, mit Abſichten, denen ſelbſt Mrs. Dalrymple ihren Beifall nicht verſagen könnte.“ „Unfinn,“ ſagte ich, bis an die Augen roth werdend. „Wenn das Alles nicht genügen ſollte, ſo weiß ich nur ein einziges Hülfsmittel.“ „Und das wäre?“ „Daß Sie ihr ſelbſt die Cour machen; ja, ja, Nichts Anderes. Sehen Sie nur nicht ſo verzweifelt ſauer darein. Das Mädchen iſt, wie ich höre, verdammt hübſch, das Haus ſehr angenehm, und ich wünſche auf⸗ richtig, ich könnte den Dienſt mit Ihnen tauſchen; ich wollte es Ihnen gern überlaſſen, Ihre Bücktinge vor Sr. Ercellenz zu machen, während ich meine Compli⸗ mente an die reizende Senhora richten dürfte. Und nun vorwärts, alte Rothkappe.“ So ſprechend machte er gegen ſeinen portugieſiſchen Führer eine bedeutungsvolle Bewegung mit der Peitſche und verſchwand aus meinen Blicken. Mein erſter Gedanke war Kummer über Powers Abreiſe. Geraume Zeit waren wir unzertrennliche Ge⸗ fährten geweſen, und trotz der ſorgloſen wilden Luſtig⸗ keit ſeines Benehmens hatte ich ihn ſtets bereit gefun⸗ 141 den, mir in jeder Verlegenheit beizuſtehen, und zwar mit einer Geſchicklichkeit und Gewandtheit, wie ſie ein berechnender Rathgeber nicht wohl hätte beſitzen können. Jetzt ſtand ich ganz allein; denn obſchon Monſoon und der Adjutant, eben ſo auch Sparks, ſich noch immer in Liſſabon befanden, ſo konnte ich doch ſie niemals zu Ver⸗ trauten machen. Mit ſchwerem Herzen verzehrte ich mein Frühſtück: meine vereinſamte Stellung führte mir wieder Bilder der Heimat zurück. Endlich fielen meine Blicke auf das für Hammersley beſtimmte Paket; ich nahm es auf und wog es in meiner Hand. Ach! dachte ich, wie viel von meinem Geſchick mag in dieſem Umſchlag verborgen liegen! Wie entſcheidend mag ſein Inhalt in meine Zukunft eingreifen! Es fühlte ſich ſchwer an, als ob außer den Briefen noch etwas darin wäre. Natürlich, ſehr natürlich; da war ein Gemälde, Lucy's Porträt! Die kalten Schweißtropfen ſtanden mir auf der Stirne; als meine Finger die Umriſſe eines Miniaturgemäldes in dem Paket verfolgten; ich wurde todesſchwach und ſank halb ohnmächtig auf einen Stuhl. Das alſo iſt das Ende meines erſten Traumes von Glückſeligkeit! Wie bin ich genarrt worden, wie habe ich ſelbſt mich getäuſcht! Denn ach, obgleich Lucy meine Liebesverſiche⸗ rungen niemals erwiedert hatte, ſo hatte ich doch in mei⸗ nem Herzen beſtändig eine Hoffnung genährt, daß ich ihr nicht ganz gleichgültig ſey. Jeder Blick, den ſie mir geſchenkt, jedes Wort, das ſie geſprochen hatte, der Ton ihrer Stimme, ihr Schritt, ihr Mienenſpiel, Alles ſtand jetzt vor mir, Alles beſtätigte meine Täuſchung. Und doch— ich vermochte nicht länger an mich zu halten und brach in Thränen aus. Der Schall einer Reitertrompete erweckte mich. Wie lang ich in dieſem Zuſtand der ſchwachmüthig⸗ ſten Verzagtheit zugebracht, wußte ich nicht; aber Mit⸗ tag war längſt vorüber, als ich wieder zu mir kam. Mein Pferd ſtand bereits geſattelt vor dem Hauſe und 144 ein zweiter Trompetenſtoß verkündete, daß die Inſpektion auf der Plaza beginnen ſollte. Während ich mich vollends ankleidete, erholte ich mich allmählig wieder von meinen niederdrückenden Ge⸗ danken, und bevor ich meine Säbeltaſche angeſchnallt, hatte ſich der Lauf meiner Ideen wieder kühnen, wag⸗ haften Unternehmungen zugewandt. Lucy Daſhwood hatte mich wie einen eigenſinnigen Schulknaben behan⸗ delt; vielleicht kann ich mich eben ſo gut als tapferer Soldat erweiſen, wie derjenige, den ſie mir vorgezo⸗ gen hat. 4 Ein dritter Trompetenſtoß ſchnitt alle meine weitern Betrachtungen ab, ich ſchwang mich in den Sattel und eilte nach der Plaza. Als ich die Straßen hinaneilte, begann mein Pferd, wüthend gemacht durch die Unruhe, die mein eigenes Herz verzehrte, zu courbettiren und un⸗ aufhörlich ſich zu bäumen. Auf der Plaza wurde das Ge⸗ dränge dichter, und ich ſah mich genöthigt, ein wenig anzuhalten. Der Ton der Muſik, die Parade, das Geſtampfe der Infanterie und das Gewieher der Pferde war inzwiſchen für meinen feurigen Hengſt zu viel und er wollte ſich bei⸗ nahe nicht mehr lenken laſſen: er bäumte ſich furchtbar, und zweimal glaubte ich, er werde ſich überſtürzen. Während die erſchrockenen Fußgänger nach Rechts und Links auseinanderſtoben, fiel mein Auge auf eine ſchöne junge Dame, die ſich von ihrer Begleiterin losriß und in wilder Eile nach einem offenen Thorwege hinrannte, um Schutz zu ſuchen. Auf einmal aber änderte ſie ihren Entſchluß, kam ein paar Schritte vorwärts, blieb wie von Angſt überwältigt ſtille ſtehen, faltete die Hände über ihrem Buſen, ſchlug die Augen zum Himmel em⸗ por und ſchien, während eine tödtliche Bläſſe ihre Wan⸗ gen überzog, in ihre Kniee zuſammenzuſinken. Nie babe ich ein ſchöneres Mädchen geſehen: ihr dunkles Haar war loſe uͤber die Schultern herabgefallen, und ſo ſtand ſie als das wahre Ideal einer betenden Madonna da. Mein Blick auf ſie war fluͤchtig, wie das Leuchten des 143 Blitzes, denn in demſelben Augenblick nahm mein Pferd eine andere Richtung und jagte gerade nach dem Platze zu, wo ſie ſtand. Ein furchtbares Geſchrei erhob ſich unter der Menge, die ihre Gefahr erblickte. Neben ihr hielt ein Maulthiertreiber, der ſeinen beſpannten Karren der Sicherheit wegen dicht an den Fußweg geſtellt hatte; dieſen ſuchte ſie zu erreichen, aber nur ihre ausgeſtreck⸗ ten Arme bewegten ſich und gelähmt von Schreck ſank ſie bewegunglos auf das Pflaſter. Für mich blieb jetzt nur ein Ausweg übrig: ich raffte alle meine Kraft zu⸗ ſammen, warf mein Pferd auf ſeine Beine, ſtieß ihm die Sporen in die Seite und riß es gerade nach dem Karren hin. Mit einem Sprung erhob es ſich und flog darüber hinweg, während die Luft vom Beifallsgeſchrei ertönte und tauſend Bravo's mich begrüßten, als ich auf der entgegengeſetzten Seite weiter ſprengte. „Gut gemacht, O'Malley,“ jubelte der kleine Ad⸗ jutant, als ich an ihm vorüberflog und mich endlich mit⸗ ten auf der Plaza aufſtellte. „Ein verdammtes Galwayſtückchen,“ ſagte eine ſehr wohltönende Stimme neben mir, und in demſelben Augenblick redete mich ein hoher martialiſcher Mann in einem Dragonnerrocke, ſeine Mütze berührend, an. „Vom 14ten, wie ich ſehe, Sir? Darf ich mich Ihnen vorſtellen?— Major O'Shaughneſſy.“ Ich verbeugte mich und ſchüttelte die dargebotene Hand des Majors, welcher fortfuhr:— „Der alte Monſoon ſagte mir heute früh von Ihnen. Sie ſind zuſammen herübergekommen, wenn ich nicht irre?“ 2 „Ja, aber ich weiß nicht, wie es kam, ich habe den Major ſeitdem aus dem Geſichte verloren.“ „Nun, Sie werden ihn hier wieder ſehen; er kommt zur Parade. Beiläufig geſagt, er ſucht Sie mit Schmer⸗ zen. Wir diniren heute auf dem Quai de Sodderie und wenn Sie nicht verſagt ſind— ja, das iſt der 1⁴⁴ Herr,“ fuhr er gegen einen Bedienten fort, der, eine Karte in der Hand haltend, Jemand zu ſuchen ſchien. Der Mann näherte ſich und überreichte mir das Billet. „Was kann das bedeuten?“ fragte ich;„Don Ema⸗ nuel de Blacas y Silviero, Rua Nuova.“ „Ei wie, das iſt ja der große portugieſiſche Lieferant; der Intendant für die halbe Armee, der reichſte Mann in Liſſabon. Kennen Sie ihn ſchon lang?“ „Ich höre hier ſeinen Namen zum Erſtenmal.“ „Bei Gott, Sie ſind ein Glückskind. Niemand gibt ſolche Diners wie er; und was für einen Keller er hat! Ich will fünfzig gegen Eins wetten, daß es ſeine Tochter war, die Sie durch Ihren Luftſprung ge⸗ rettet haben. Sie ſoll ein ſehr ſchönes Mädchen ſeyn.“ „Ja.“ antwortete ich,„ſo wird es wobl ſeyn: und doch kommt mir, ſonderbar genug, Name und Adreſſe ſo bekannt vor.“ „Gewiß hat Monſoon von ihm erzählt; er iſt ſehr befreundet mit ihm. Doch da kommt ja der Major ſelbſt.“ Während er noch ſprach, kam der ruhmreiche Com⸗ miſſär, in der einen Hand einen ungeheuern Bündel Papiere und in der andern ſeine Doſe haltend, heran, gefolgt von einem Schwarm von Schreibern, Lieferanten, Wundärzten, Zahlmeiſtern u. ſ. w., die alle vorwärts drängten, um gehört zu werden. „Es iſt rein unmöglich,“ ſagte er zu ihnen,„heute kann ich die Sache nicht vornehmen. Für Proviant und Arz⸗ neien zu ſorgen, ſind ganz gute Dinge, müſſen aber zur paſſenden Zeit geſchehen. Ich habe die ganze Nacht über den Rechnungen geſeſſen, nicht wahr, O'⸗Malley 22 — hier winkte er mir höchſt bedeutungsvoll zu—„und dann habe ich noch die Bandage⸗ und Fouragefonds nachzu⸗ ſehen— Schlags ſechs Uhr diniren wir“— ſetzte er sotto voce hinzu—„ſo daß ich alſo die nächſten vier und zwanzig Stunden keine Minute übrig habe. 145 Behelft Euch dieſen Abend ſo gut Ihr könnt;— ich habe Etwas für Sie im Auge, O'Malley“ „Die Oſſiziere, die zu keinem beſtimmten Corps gehören, mögen ſich auf die Mitte der Plaza verfügen!“ rief eine tiefe Stimme. Dieſem Befehle zu folgen, ritt ich vorwärts und ſtellte mich mit mehreren andern offen⸗ bar gleichfalls neu angekommenen auf dem freien Raume auf. Ein unterſetzter, grauhaariger, alter Oberſt, mit einem dunkeln Adlerblicke, ritt heran, um uns zu inſpi⸗ ziren und las von einem Papiere, wie folgt: „Mr. Hepton vom 6. Infanterieregiment, angeſtellt den 11. Januar, kommt zu ſeinem Regiment nach Ovar.“ „Mr. Gronow, Gardefüſelier, bleibt im Depot.“ „Kapitän Mortimer, 1tes Dragonerregiment, iſt zum Adjutant des kommandirenden Generals der Cavallerie⸗ brigade ernannt.“. „Mr. Sparks: wo iſt Mr. Sparks? Mr. Sparks abweſend von der Parade; notiren Sie's.“ „Mr. O'Malley, lates leichtes Dragonerregiment: Mr. O'Malley, ah, ich erinnere mich; ich habe von Sir George Daſhwood ſeinen Brief erhalten, der Sie betrifft. Sie werden ſich marſchfertig halten. Ihre Freunde wünſchen, daß Ihnen vor Ihrer Anſtellung beim Stabe Gelegenheit gegeben werde, den Krieg ken⸗ nen zu lernen. Ohne Zweifel iſt dies auch Ihr Wunſch?“ „Ja, mein ſehnlichſter.“ 1 „Werde ich heute bei Tiſche das Verguügen Ihrer Geſellſchaft haben?“. „Ich bedaure, bereits eine Einladung von Major Monſoon angenommen zu haben.“ „Von Major Monſoon! Ah, ſo, ſo. Vielleicht ſollte ich Ihnen ſagen— doch es thut Nichts. Ich wünſche Ihnen guten Morgen.“ So ſprechend ritt der kleine Oberſt weiter; ich aber konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß Lever, O⸗Malley. UI 1⁰ 146 meine Annahme von Monſoons Einladung mich nicht ſonderlich hoch in ſeiner Achtung geſtellt habe, obſchon ich mir den Grund nicht zu erklären wußte. Achtunddreißigſtes Kapitel. Das Rua Nuova. Unſer Diner war lang und unintereſſant, und da ich ſah, daß der Major wahrſcheinlich ſeinen Sitz als Präſident der Tafel allen Reizen einer Damengeſell⸗ ſchaft vorziehen würde, ſo nahm ich die erſte Gelegen⸗ heit wahr, um zu entwiſchen. Es war eine herrliche Mondſcheinnacht, als ich auf die Straße trat. Mein Weg, der mich am Ufer des Tajo hinführte, war beinahe ſo hell wie bei Tag und voll von ſpazierengehenden Gruppen. Auf meine An⸗ frage ſagte man mir, daß die Rua Nuova am äußer⸗ ſten Ende der Stadt liege; da ich aber immer am Strome bleiben konnte, ſo bedauerte ich die Entfernung nicht, ſondern ſchritt mit wachſender Wonne über die Schönheiten eines ſo himmliſchen Klimas und ſo herr⸗ lichen Landes vorwärts. Nach einer Wanderung von drei Viertelſtunden wurden die Straßen allmählig leerer. Da und dort kamen noch einzelne Geſellſchaften an mir vorüber; das Geſumme ferner Stimmen folgte auf das fröhliche Gelächter und die luſtigen Töne; endlich aber weckten nur noch meine eigenen Fußtritte die Echo's auf dem verlaſſenen Pfade. Hie und da blieb ich ſtehen und ſchaute über den ruhigen Fluß hin, deſſen Wellen im blaſſen Silber des Mondlichtes erglänzten. Dann lauſchte ich wieder aufmerkſam,, wenn der Nachtwind mir die Töne einer Guitarre und die tiefen Klänge eines männlichen Geſanges zuwehte, während das zärtliche Schlagen der Nachtigall von der mit den Düften des 147 Orangebaumes geſchwängerten Luft über den Strom ge⸗ tragen wurde. Während ich ſo langſam meinen Weg fortſetzte, ſchwand die Zeit dahin und es war beinahe Mitternacht, ehe ich mich von der Träumerei erholt hatte, worein ich in einer ſolchen poetiſchen Umgebung verſunken war. Auf einmal blieb ich ſtehen und beſann mich einige Augenblicke ernſtlich, ob ich wirklich wache. Ich war, in meine Gedanken verloren, unbemerkt in einen Gar⸗ ten am Ufer des Fluſſes getreten. Duftende Sträucher und herrliche Blumen pranaten auf beiden Seiten; die Orange, die Camelie, der Cactus und der üppige Lor⸗ beer Portugals ließen ihre grünen und goldenen Farben um mich her ſchillern, während die Luft von herrlicher Muſik ertönte. Iſt es ein Traum, konnte ſolche Selig⸗ leit wirklich wahr ſeyn? ſo fragte ich mich, als die rei⸗ chen Töne mächtig aufwärts ſchwollen und dann in ſanf⸗ ten Cadenzen zu ſchmelzender Harmonie hinabſtiegen; als ſie bald in aller Kraft und Friſche der Fröhlichkeit dahinſtrömten, bald wieder plötzlich verſtummten und nur der ſanfte, aber hinreißende Strom einer weiblichen Stimme ſich in die Luft erhob, um mit ſeiner melan⸗ choliſchen Schönheit alle Saiten des Herzens anzuſchla⸗ gen. Auf die rührenden Klagetöne folgte das ſtolze Ge⸗ ſchmetter der friegeriſchen Muſtk, das Getöſe der Schlacht, der Klang des Stahles; der Donner des Kampfes rollte in aller ſeiner Majeſtät vorüber, aufregend, toll, bis er zuletzt mit lautem Siegesjubel endete. Jgeetzt war Alles wieder ſtill; kein Athem bewegte, kein Laub regte ſich, und ich verſank von Neuem in meine träumeriſche Zweifelſucht, als abermals die Töne erklangen und ſich zu einem Concerte vereinigten. Aber jetzt hatte ſich der Charakter der Muſik verändert und in ſanften, leiſen verſchwebenden und verklingenden Tö⸗ nen ſtiegen Dankgebete zum Himmel empor. Ich fiel beinahe auf meine Kniee, und Thränen traten mir in 4 10* 148 die Augen, als ich dieſe Töne einſog. Mein Herz war zum Zerſpringen voll, und noch jetzt klopft es ſtärker, wenn ich jenes Lobgeſangs der Abencerragen gedenke. Als ich von meinem Wonnerauſch erwachte, war mein erſter Gedanke, wo ich ſei und wie ich hieher ge⸗ kommen. Bervor ich noch meine Zweifel hierüber lö⸗ ſen konnte, wurde meine Aufmerkſamkeit nach einer andern Seite gelenkt, denn dicht neben mir rauſchte es in den Gebüſchen, die Zweige wurden auseinander ge⸗ bogen und auf einmal fühlte ich mich von zwei Armen umſchlungen, während eine wunderliebliche Stimme im Ausdruck kindiſcher Freude rieſ: trovado! Ein ſchöner Kopf ſank auf meine Schultern und bedeckte ſie mit langen und braunen Locken. Die Arme ſchloſſen ſich im⸗ mer feſter um mich und ich fühlte ſogar ihr Herz an meiner Seite pochen. „Mie fradre,“ ſagte eine weiche, zitternde Stimme, während ihre Finger in meinem Haare ſpielten und meine Schläfe tätſchelten. Welch eine Lage! Ich ſah wohl ein, daß hier ein Irrthum obwalten mußte, aher dennoch konnte ich meine Neigung nicht bezwingen die Umarmung zu erwiedern, und druckte meine Lippen auf die ſchöne Stirne, die ſich an meine Bruſt lehnte. In dieſem Augenblick bog ſte den Kopf zurück, um mir voll ins Geſicht zu ſehen. Ein einziger Blick genügte; ihr Hals und ihre Wangen überzogen ſich mit einem glühenden Roth, ſie riß ſich aus meinen Armen, ſtieß einen ſchwachen Schrei aus und wankte gegen einen Baum. Ich ſah jetzt, daß es das liebliche Mädchen war, das ich am Morgen getrof⸗ fen hatte und ergoß mich ſogleich in Entſchuldigungen über mein Eindringen, bis ſie den Strom meiner Be⸗ redtſam eit mit der plötzlichen Frage unterbrach, ob ich franzöſiſch ſpreche. Kaum hatte ich meinen Vortrag in dieſer Sprache von Neuem begonnen, als eine dritte Perſon auf dem Schauplatz erſchien. Es war dies ein kleiner ältlicher Mann in grüner Uniform, mit verſchie⸗ 7 149 denen Orden auf der Bruſt und einem dreieckigen Hut, von welchem eine hohe Feder herabwallte, in ſeiner Rechten. „Darf ich fragen, wen ich die Ehre habe, zu em⸗ pfangen?“ fragte er in ſehr gutem Engliſch, indem er mit einem Ausdruck ceremonioͤſer, fremder Höflichkeit auf mich zutrat. Ich zeigte ihm die Karte, die mir der Bediente gebracht hatte und erzählte, daß ich dem Ueberſender meine Aufwartung habe machen wollen, nun aber zu⸗ fällig in dieſen Garten verirrt ſey. Noch war ich mit meinen Entſchuldigungen nicht zu Ende, als er mich in ſeine Arme ſchloß und mit Dankſagungen überhäufte; zugleich ſagte er ſeiner Toch⸗ ter einige Worte auf Portugieſiſch, worauf dieſe ſich niederbeugte, ſanft meine Hand ergriff, und ſie mit ih⸗ ren Lippen berührte. Dieſer Beweis rührender Höflichkeit, der, wie ich nachher erfuhr; wenig oder gar Nichts zu beſagen hatte, ergriff mich damals ungemein, theils vor Stolz, theils vor Beſchämung drang mir das Blut in Geſicht und Stirne. Meine Verwirrung war indeß nur von kur⸗ zer Dauer, denn der alte Herr nahm mich jetzt beim Arme und führte mich um einige Schritte weiter; ſo⸗ dann lenkte er um eine dichte Gruppe von Olivenbäu⸗ men und trat in ein kleines Sommerhaus. Hier war eine bedeutende Geſellſchaft verſammelt, die in Beziehung auf maleriſchen Effekt kaum auf einer Bühne hätte beſ⸗ ſer gruppirt ſeyn können. Unter dem ſanften Glanz einer großen, von den herüberhängenden Zweigen halb verborgenen Lampe von mattem Glas, befand ſich eine gedeckte Tafel mit gol⸗ denen und ſilbernen Geſchirren von ungeheurem Werthe. Taſſen und Becher von antikem Muſter glänzten zwiſchen Gefäßen von Sevresporzellan oder venetianiſchem Glaſe. Köſtliche Früchte, die in Körben von Silberblättern noch weit verlockender ausſahen, ſchauten unter einer Menge 1⁵⁰ friſcher Blumen hervor, deren Düfte fortwährend durch einen kleinen in der Mitte ſprudelnden Springbrunnen verbreitet wurden. Im Graſe umher ſaßen auf Kiſſen oder halb liegend auf genueſiſchen Teppichen mehrere ſchöne Damen in höchſt anziehenden Koſtümen; ihre ſchwarzen Locken und noch ſchwärzeren Augen erzählten von dem ſanften Süden, während ihr ausdrucksvolles Geberdenſpiel und ihre belebten Blicke ein Geſchlecht verkündeten, deſſen Temperament eben ſo glühend iſt, wie ſein Klima. Auch mehrere Herren waren da, größ⸗ tentheils in Uniform— braune, martialiſche Geſtalten mit der ganzen zwangloſen Munterkeit ihres Berufs; unter ihnen ein Engländer, wenigſtens hielt ich ihn da⸗ für nach ſeiner Uniform eines ſchweren Dragoners. „Es iſt meiner Tochter Feſt⸗“ ſagte Don Ema⸗ nuel, indem er mich der Verſammlung vorführte,„ihr Geburtstag, der heute ohne Ihren Muth und Ihre Beſennenheit traurig hätte ausfallen können.“ Damit begann er das Abentheuer zu erzählen und die Geſell⸗ ſchaft überhäufte mich jetzt mit Lobeserhebungen, auch wurden eine Menge ſüße Blicke auf mich geheftet, die den Zauber der feenhaften Scene noch erhöhten. Mitt⸗ lerweile hatte die ſchöne Inez an ihrer Seite Platz für mich gemacht und ich war nun auf einmal der Löwe der Geſellſchaft, denn jeder wetteiferte mit ſeinem Nach⸗ bar in Aufmerkſamkeiten gegen mich. Die Senhora ſelbſt richtete ihre Unterhaltung ausſchließlich an mich, ein Umſtand, worübexr ich mich nach der Seltſamkeit unſeres Zuſammentreffens nicht wenig wunderte; auch geſtehe ich, daß ich nicht ohne Bosheit eine halbe An⸗ ſpielung auf daſſelbe machte, da es mich wirklich inter⸗ eſſirte zu erfahren, wem der ſchmeichelhafte Empfang eigentlich gegolten habe. „Ich glaubte, Sie wären Charles,“ ſagte ſie er⸗ röthend. 3 „Darin hatten Sie ganz Recht;“ verſetzte ich, ich bin wirklich Charles.“ 15¹ „Ci, ich meinte meinen Charles.“ In dem Ton, womit ſie dieſe wenigen Worte ſprach, lag eine Weichheit und ein Zauber, die mich beinahe wünſchen ließen, ihr Charles zu ſeyn. Ob nun mein Blick dies ausdrückte oder nicht, vermag ich nicht zu ſagen, aber ſie fügte ſchnell hinzu: „Es iſt mein Bruder, Kapitän bei den Cagadores, und ich erwartete ihn heute Abend. Jemand ſah eine Geſtalt durch das Thor kommen und ſich hinter den Dauen verſtecken, da glaubte ich, er müſſe es gewiß eyn.“ „Welch eine Enttäuſchung,“ bemerkte ich. „Ja, nicht wahr?“ verſetzte ſie übereilt, dann aber als beſänne ſie fich, wie unhöflich und lieblos dieſe Be⸗ merkung ſey, erröthete ſie noch tiefer und ließ ihr Köpf⸗ chen ſinken. Juſt in dieſem Augenblick, als ich aufſchaute, ſah ich, wie der engliſche Offizier mich feſt anſtarrte. Er war ein großer, hübſcher Mann von etwa zwei⸗ oder drei⸗ unddreißig Jahren, mit markirten und ſchönen Zügen, welche indeß einen ſpöttiſchen, unheimlichen Ausodruck hatten, der mir ſchon im erſten Moment aufftel. Er hielt ſein Glas vor das Auge, und ich bemerkte, daß er uns Beide mit ungewöhnlichem Intereſſe beobachtete. Meine Aufmerkſamkeit verweilte inzwiſchen nicht lange hiebei, denn jetzt kam Doen Emanuel binter meinen Stuhl und fragte mich, ob ich nicht mit ſeiner Tochter den Bolero tanzen wolle, der eben arrangirt werde. Zu meiner Beſchämung mußte ich bekennen, daß ich dieſen Tanz noch nicht einmal geſehen hatte. Wäh⸗ rend ich noch hinzufügte, daß ich mir's angelegen ſeyn laſſen werde, dieſen Fehler meiner Erziehung zu ver⸗ beſſern, kam der Engländer herbei und Ind die Senhora ein. Dies ſetzte meinem Verdruß die Krone auf, und halb ärgerlich wollte ich mich eben wegwenden, als ich hörte, wie ſie ſeine Einladung ablehnte und erklärte, daß ſie dieſen Abend gar nicht tanzen werde. 15² In dieſer Ablehnung lag für mich etwas ſo Ver⸗ bindliches, daß ich nicht umhin konnte, ihr einen Blick der dankbarſten Anerkennung zuzuwerfen; aber in dieſem Moment begegnete ich wiederum den ſtarren Blicken des Engländers, deſſen gerunzelte Brauen und eingekniffene Lippen auf eine Art, die ſich nicht mißverſtehen ließ, gegen mich geheftet waren. Inzwiſchen war hier weder Zeit noch Ort, um eine Erklärung zu fordern; ich faßte daher den weiſen Entſchluß eine beſſere Gelegenheit ab⸗ zuwarten, kehrte ihm den Rücken und wandte meine ganze Aufmerkſamkeit von Neuem meiner ſchönen Nach⸗ barin zu. 4 „Sie lieben alſo den Bolero nicht ſonderlich?“ fragte ich, als ſie ſich wieder auf's Gras ſetzte. „O, ich ſchwarme dafür,“ ſagte ſie enthuſiaſtiſch. „Aber Sie ſchlugen ja den Tanz aus?“ Sie zögerte, erröthete, verſuchte Etwas zu mur⸗ meln und ſchwieg. „Ich hatte mich entſchloſſen ihn zu lernen,“ ſagte ich ſcherzend;„aber weunn Sie nicht mit mir tanzen wollen—“ „O, freilich, recht gern.“ „Sie ſchlugen es ja doch meinem Landsmann ab? Iſt er vielleicht kein Meiſter in dieſem Tanze?“ Die Senhora blickte einige Minuten verlegen drein, endlich aber ſagte ſie mit leichtem Erröthen:„Ich habe Ihnen heute Abend ſchon einmal eine unfreundliche Ant⸗ wort gegeben, jetzt begegnet es mir, fürchte ich, zum zweitenmal. Sagen Sie mir, iſt Kapitän Trevyllian Ihr Freund?“ „Wenn Sie den Herrn dort meinen, den habe ich noch nie geſehen.“ „Auch nicht von ihm gehört?“ „Nein auch das nicht, wir ſind einander gänzlich fremd.. „Nun ſo will ich's Ihnen nur bekennen, er iſt mir widerwärtig. Mein Vater zieht ihn allen Andern vor, 1⁵³ ladet ihn täglich ein und behandelt ihn, wie ſeinen ent⸗ ſchiedenſten Günſtling. Mir dagegen iſt er zuwider, ob⸗ gleich ich mir alle Mühe gegeben habe, meine Abneigung zu bekämpfen.“ „Wirklich?“ fragte ich etwas ſcharf;„wodurch hat er ſich denn das Unglück Ihrer Ungnade zugezogen? Iſt er nicht angenehm? mangelt es ihm an Gewandt⸗ heit?“ „O, er iſt im Gegentheil ſehr angenehm; ich möchte faſt ſagen bezaubernd in der Unterhaltung; er iſt ge⸗ reist, hat ein ſchönes Stück von der Welt geſehen, be⸗ ſitzt eine ſehr feine Bildung und hat ſich bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet: er trägt, wie Sie ſehen, einen portugieſiſchen Orden.“ „Und trotz alledem“— „Trotz alledem iſt er mir unausſtehlich. Er iſt notoriſch ein duellſüchtiger Menſch. Auch mein Bruder kennt ihn genau und geht ihm aus dem Wege. Aber laſſen Sie uns nicht weiter ſprechen: ich ſehe ſeine Au⸗ gen ſind ſchon wieder auf uns geheftet, und ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich fürchte ihn.“ Auf einmal brach die Geſellſchaft auf. Von allen Seiten wurden Shawle und Mantillen geſucht, und die Vorbereitungen zum Abſchiednehmen wurden allgemein. Bevor ich indeß Zeit gehabt, für meinen gaſtlichen Em⸗ pfang zu danken, hatten ſich ſämmtliche Gäſte in einem Kreis um die Senhora verſammelt, brachten ihr mit ihrem letzten Glas einen Toaſt aus und ſangen alle zu⸗ ſammen ein kleines portugieſiſches Abſchiedsliedchen, worin jeder Vers mit einem Gutenacht ſchloß; auch noch auf dem Heimweg mußten die Lüfte der Gefeierten einige Töne zutragen. Den letzten Vers, der mich am meiſten anſprach, habe ich zu überſetzen verſucht. Er lautet, wie folgt:— Der Morgenwind weht kalt, Und mit beklommner Bruſt 154 Stehn wir wie feſtgebannt Am Schauplatz aller Luſt. O welche Seligkeit Ein Leben ſo verbracht! Und ſchlägt die Trennung dann Die letzte gute Nacht! Gute Nacht! MNach vielen herzlichen Einladungen von Don Ema⸗ nuel und ſeiner Tochter ſagte auch ich: Gute Nacht und lenkte meine Schritte heimwärts. Neununddreißigſtes Kapitel. . Die Villa. Der erſte Gegenſtand, der ſich am folgenden Mor⸗ gen meinen Blicken darbot, war das Paket des See⸗ fkadets, das Power mir anvertraut hatte. Ich nahm es in die Hand, um die Adreſſe genauer zu leſen, und man denke ſich meine Ueberraſchung, als ich fand, daß es für meine ſchöne Freundin Donna Inez beſtimmt war. Das ſchuͤrzt den Knoten noch feſter, dachte ich; „jetzt bin ich, wie es ſcheint, dem wahren Jakob auf der Spur und der junge Seeheld iſt es alſo, der das Glück gehabt hat, den Dragoner zu verdrängen. Nun, ſo viel muß ich geſtehn, daß es mich ganz und gar nicht ſchmerzt. Alſo vor Allem zur Parade und dann nach der Wlla.“ „He, O'Malley,“ rief Monſoon, als ich auf der Plaza erſchien,„ich habe heute eine Einladung für Sie angenommen; wir ſpeiſen über dem Fluſſe drüben. Seyen Sie ein wenig vor ſechs in meinem Quartier, dann wollen wir zuſammengehen.“ Ich hätte die Einladung gerne abgelehnt; da ich aber keinen triftigen Entſchuldigungsgrund wußte, ſo nahm ich ſie an und verſprach pünktlich zu ſeyn. 15⁵⁵ „Sie waren, wie ich gehört habe, geſtern bei Don Emanuel?“ „Ja, ich habe einen herrlichen Abend gehabt.“ „Das iſt Grund und Boden für Sie, mein Junge; eine Million Moidors, und eine herrliche Campagna in Valeneia; weit beſſer als die Dalrymple'ſche Geſchichte. Nun, nun werden Sie nur nicht roth, ich weiß Alles. Aber halt; da kommen ſie.“ Während er ſprach, ritt der kommandirende General mit einem zahlreichen Stab heran. Als ſie vorbeizogen, erkannte ich ein Geſicht, das ich irgendwo ſchon geſehen haben mußte, und erinnerte mich nun auch ſogleich, daß es dem Dragoner von geſtern Abend angehören mußte. Er ritt dicht an mir vorüber, heftete ſeine Augen feſt auf mich, gab aber durch kein Zeichen zu verſtehen, daß er mich kenne. Die Parade währte etwa zwei Stunden, und mit gewaltiger Ungeduld beſtieg ich ein friſches Roß, um nach der Villa zu galoppiren. Als ich ankam, meldete mir ein Bedienter Don Emanuel ſey in der Stadt, die Sen⸗ hora aber befinde ſich im Garten; zugleich erbot er ſich, mich zu ihr zu geleiten. Ich lehnte dieſe Ehre ab, über⸗ gab ihm mein Pferd und ſchlug meinen Weg nach der bewußten Laube ein. Kaum war ich einige Schritte gegangen, als der Ton einer Guitarre an mein Ohr ſchlug. Ich lauſchte. Es war ihre Stimme. Sie ſang eine venetianiſche Canzonetta in einem leiſen, ſanften melodiſchen Tone, wie Jemand, der in eine Träumerei verſunken iſt und die Muſik nur als die Begleitung zu einem angenehmen Gedanken betrachtet. Verſtohlen ſah ich durch das dichte Laub, und da ſaß ſie auf einer niedrigen Gartenbank, vor ihr ein offenes Buch auf der ländlichen Tafel, neben ihr eine Stickerei, welche ſie eben erſt weggelegt zu haben ſchien. Während ich zu ihr hinſah, ſtellte ſie ihre Guitarre auf den Boden und begann mit einem kleinen Wachtelhunde zu ſpielen, der mit ſichtlicher Ungeduld auf ein Zeichen ihrer Gunſt 156 gewartet hatte. Nach einem Augenblicke langweilte fie auch das, ſodann ſtieß ſie einen tiefen, aber nicht ſchmerz⸗ lichen Seufzer aus, lehnte ſich in ihren Stuhl zurück und ſchien in Gedanken verloren. Ich hatte jetzt Zeit genug ſie zu betrachten, und wahrhaftig, etwas Reizen⸗ deres habe ich noch nie geſehn. Ihre Schönheit trug einen klaſſiſchen Charakter; ihre zarte, aber hohe Stirne trat auf den Schläfen ſtark hervor; die tiefen, fein ge⸗ ſchnittenen Augen ſchienen einen ſanften Glanz über das liebliche Geſicht zu verbreiten, während die kurze, gedan⸗ kenvoll zitternde Oberlippe von einer zarten und ein⸗ drucksfähigen, jedoch von Leidenſchaft noch unberührten Natur ſprach. Ihr Fuß trat unter dem dunkeln Kleide hervor, und gewiß, was Tadelloſeres kann es nicht geben, während ihre Hand, ſchön wie Marmor, blau geädert und mit Grübchen, in den langen Locken ſpielte, die gleichſam im Uebermuth der Schönheit nachläßig über ihre Schultern fielen. Es verging einige Zeit, bevor ich mich vom Zau⸗ ber eines ſolchen Anblicks losreißen konnte, und es erfor⸗ derte keinen geringen Grad von Selbſtüberwindung, dieſen Ort zu verlaſſen. Nachdem ich einen kurzen Um⸗ weg im Garten gemacht, ſah ſie mich auf die Laube zu⸗ kommen, warf mir vergnügt ein Kußhändchen zu und machte mir Platz neben ſich. „Ich bin ungemein erfreut, Sie allein zu treffen, Senhora,“ ſagte ich, indem ich mich an ihre Seite nie⸗ derließ,„denn ich bin der Ueberbringer eines Briefes an Sie. Inwie weit er Sie intereſſiren mag, weiß ich nicht; aber fuͤr die Gefühle des Schreibers kann ich zeugen.“ „Einen Brief an mich? Gewiß Sie ſcherzen.“ „Daß es mein Ernſt iſt, können Sie hieraus erſe⸗ hen,“ ſagte ich, das Paket hervorziehend.“ Sie nahm es aus meinen Händen, kehrte es um und um, unterſuchte das Siegel und ſagte endlich halb zweifelhaft:— „Mein Name iſt's; aber immerhin“— 1⁵⁷ „Sie fürchten es zu öffnen, nicht wahr? Allein Sie werden weniger überraſcht ſeyn, wenn ich Ihnen ſage, daß es von Howard kommt, ſo heißt er, glaube ich?“ „Von Howard, von dem kleinen Howard!“ rief ſie enthuſiaſtiſch, riß das Siegel auf und preßte den Brief an ihre Lippen; ihre Augen funkelten vor Vergnügen und ihre Wangen glühten, als ſie ihn las. Ich beob⸗ achtete ſie ſcharf, während ſie die Zeilen überflog, und ich geſtehe, daß mir das große Intereſſe, welches der Brief eines Seekadets einzuflößen vermochte, ganz und gar nicht gefallen wollte; nicht als ob ich ſelbſt in ſie verliebt geweſen wäre, allein ich weiß nicht, wie es kam, ich hatte mir einmal vorgeſtellt, ihr Herz ſey noch frei, und nun wünſchte ich es auch, ohne um einen Grund hiefür zu fragen. „Der arme, liebe Junge,“ rief ſie, als ſie zu Ende geleſen hatte. Wie dieſe wenigen, einfachen Worte mir in's Herz drangen, als ich mich erinnerte, daß ſie einſt auch gegen mich und zwar in vielleicht nicht ſehr unähnlichen Um⸗ ſtänden gebraucht worden waren! „Aber wo iſt denn das Andenken, von dem er ſpricht?“ fragte ſie. 3 „Ein Andenken? ich weiß wirklich nicht—“ „O, Sie werden doch hoffentlich die Locke nicht verloren haben, die er mir ſchickt!“ Ich war gänzlich verblüfft und da ich mich wirk⸗ lich nicht erinnern konnte, ob ich noch etwas Anderes von Power erhalten hatte oder nicht, ſo antwortete ich auf’'s Gerathewohl:— „Ach ja, ich hab's auf meinem Tiſche liegen laſſen.“ „So verſprechen Sie mir, es morgen mitzubringen.“ „O gewiß,“ ſagte ich etwas pikirt;„wenn ich ſolche Mittel finde, meinen Beſuch angenehm zu machen, ſo werde ich wahrlich nicht ſäumen.“ „Sie haben vollkommen Recht,“ verſetzte ſie, den Ton meiner Antwort nicht bemerkend oder nicht beachtend, 258 „Sie werden in der That ein willkommener Bote ſeyn. Sie müſſen wiſſen, er war einer von meinen Liebhabern.“. „Einer von ihnen? Wirklich! Bitte, wie viele zählen Sie in dieſem Augenblick?“ 5 „Welche Frage! Als ob ich ſie möglicherweiſe zäh⸗ len könnte! Ueberdies ſind ſo viele abweſend, einige auf Urlaub, andere als Deſerteurs, und ſo könnte ich leicht etliche zu meinen Truppen zählen, die am Ende ſogar zur feindlichen Partei gehören. Kennen Sie den kleinen Howard?“ „Ich kann nicht ſagen, daß wir perſönlich bekannt ſind, aber durch Vermittlung eines Freundes bin ich in Stand geſetzt, ſeinen Herzenszuſtand zu kennen. Ich habe mich überdies verpflichtet, ſeine Bitten bei Ihnen zu unterſtützen.“ „Wie ungemein gütig von Ihnen! Aus dieſem Grund haben ſie denn auch ſeine Locke vergeſſen, wo nicht gar verloren!“ „Sie ſollen ſie morgen haben,“ ſagte ich, meine Hand feierlich an's Herz drückend. „Gut, ſo vergeſſen Sie's nicht. Aber ſtill, da kommt Kapitän Trevyllian. Alſo gefällt Ihnen Liſſa⸗ bon wirklich?“ fuhr ſie in einem gänzlich veränderten Tone fort, als der Dragoner von Geſtern herankam. „Mr. O'Malley, Kapitän Trevyllian.“ Wir verbeugten uns ſteif und hochmüthig gegen einander, wie zwei Menſchen ſich grüßen, die dazu ge⸗ zwungen ſind, aber um jeden Preis die Bekanntſchaft zu vermeiden ſuchen. So wenigſtens deutete ich ſeinen Bückling; dieſe und keine andere Deutung wenigſtens wünſchte ich dem meinigen zu geben. Es gehört kein gewöhnlicher Takt dazu, der Unter⸗ haltung den Anſtrich zwangloſer Unbefangenheit zu geben, wenn die einander gegenüberſitzenden Perſonen kaum ihre Gefühle zu bemeiſtern vermögen. Trotz aller Bemühun⸗ gen der ſchönen Senhora, unſere Aufmerkſamkeit auf die Gemeinplätze des Tages anzuziehen, blieben wir beinahe 1⁵9 ſtumm, und nach etlichen nichtsſagenden Bemerkungen verabſchiedeten wir uns beiderſeits. Nun entſtand eine neue Verlegenheit; denn während wir zuſammen nach dem Hauſe gingen, wo unſere Pferde ſtanden, ſchien kei⸗ ner von beiden geneigt ein Wort zu ſprechen. „Sie kehren vermuthlich nach Liſſabon zurück?“ bemerkte er kalt. Ich bejahte es durch eine Verbeugung. Nun ergriff er ſeinen Zügel, erwiederte die Verbeugung und ſchlug die entgegengeſetzte Richtung ein, während ich, froh über meine Erlöſung von einem ſo unwillkommenen Geſell⸗ ſchafter, allein nach der Stadt zurückkehrte. Vierzigſtes Kapitel. Das Diner. Ohne beſonderes Vergnügen kleidete ich mich dießmal zu unſerem Diner an. Major O'Shaughneſſy unſer Gaſt, gehörte zu derjenigen Klaſſe meiner Landsleute, die mir am wenigſten zuſagte; ein gutmüthiger, lärmender, pol⸗ tender, lautfluchender, punſchtrinkender Weſtirländer, voll von Geſchichten über unmögliche Fuchsjagden und un⸗ dankbare Duelle, wobei immer er ſelbſt oder ein Mitglied ſeiner Familie die Hauptrolle geſpielt hatte. Die Ge⸗ ſellſchaft beſtand aus dem Adjutanten, ferner Monſoon, Ferguſon, Trevyllian und acht bis zehn Offizieren, die ich nicht kannte. Wie gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten machte der Wein unablaͤſſig die Runde, und inmitten des Getöſes einer aufgeregten Unterhaltung, der Dünſte des Burgunders und des Cigarrendampfes wurden die meiſten bald Etwas benebelt. Was mich betraf, ſo hatte mein Unſtern gewollt, daß ich Trevyllian gegen⸗ über zu ſitzen kam, mit dem ich mehrmals verſchiedener Meinung war; obſchon es ſich nun ganz und gar nicht um etwas Wichtiges handelte, ſo bewies doch der Ton, den er annahm und deſſen auch ich mich bei meinen Antworten 160 unwillkürlich bediente, daß von einer freundſe chaftlichen An⸗ näherung zwiſchen uns nicht die Rede ſeyn konnte. Der Lärm im ganzen Zimmer verhinderte die Andern dieſen Umſtand zu bemerken, aber in ſeinem ganzen Benehmen konnte ich die wohlüberlegte Abſicht erblicken, einen Streit hervorzurufen, während ich ſelbſt ein höchſt un⸗ chriſtliches Verlangen verſpürte, ihm hierin entgegen⸗ zukommen. „Faulere Trinker als Trevyllian und O'Malley hab ich noch nie geſehen,“ rief der Major;„ſchaut nur, da ſtehen acht Flaſchen zwiſchen ihnen, und wir Andern leiden an einem afrikaniſchen Durſte.“ „Wie können Sie auch erwarten, daß er an Durſt denkt, wenn ſolche parfümirte Briefchen auf ihn herab⸗ regnen?“ ſagte der Adjutant auf ein roſarothes Billet⸗ chen anſpielend, das mir ein Bedienter ſo eben über⸗ bracht hatte. 4 „Vier Stunden auf ſteinigtem Boden in fünfzehn Minuten! Der Teufel ſoll mich holen, wenn es nicht wahr iſt!“ rief O'Shaughneſſy, mit der geballten Fauſt auf den Tiſch ſchlagend:„nennt mir den Mann, der es läugnet.“ „Was ſagen Sie da, mein Lieber? „Erſparen Sie ſich Ihr Lieber; Sie wollen mir widerſprechen. Aber fragen Sie einmal O'Reilly da. Wo iſt er denn? Aha, liegt ſchon unter dem Tiſche! Nun auch gut. Seine Mutter hatte einen Fuchs— Zum Henker, brühet mich nicht mit dem Punſchnapf!— 7 Seine Mutter hatte ein Fuchsrevier in Shinrohan.“ Als O'Shaughneſſy ſo weit in ſeiner Erzählung ge⸗ kommen war, hatte ich Gelegenheit mein Billet zu öffnen, das blos folgende Worte enthielt:—„Kommen Sie auf den Caſinoball und bringen Sie das verſprochene Geſchenk mit.“ Kaum hatte ich's geleſen, als ein ſchallendes Gelächter meine Aufmerkſamkeit anzog: ich blickte auf und ſah Trevyl⸗ lians Augen mit wahrer Tigerwuth auf mich geheftet; die 161 Adern ſeiner Stirne waren geſchwollen und verdreht, der ganze Ausdruck ſeines Geſichtes verkündete die wildeſte Lei⸗ denſchaft. Entſchloſſen eine ſolche augenſcheinliche Beleidi⸗ gung nicht länger zu dulden, ſtand ich vom Tiſche auf, als jener, wie wenn er meine Abficht geahnt hätte, ſeinen Stuhl zurückſtieß und das Zimmer verließ. Um nicht durch augenblickliches Nachgehen Aufmerkſamkeit zu erregen, miſchte ich mich noch ein wenig in die Un⸗ terhaltung, aber meine Schläfe pochten und meine Fin⸗ ger zuckten. Endlich gab O'Shaugneſſy abermals eines ſeiner intereſſanten Hiſtörchen zum Beſten, worüber ſeine betrun⸗ kenen Gäſte ein ſolches Gelächter aufſchlugen, daß es mir möglich wurde, unbemerkt auf die Straße zu ge⸗ langen. Obſchon das Brieſchen, das ich ſo eben em⸗ pfangen, nicht unterzeichnet war, ſo hegte ich doch in Betreff ſeiner Abſenderin ganz und gar keinen Zweifel und eilte daher ſogleich in mein Quartier, um Jon Howards Haarlocke zu ſuchen, auf welche die Senhora anſpielte. Wie groß war aber meine Betrübniß, als ich ſie nirgends finden konnte! Ich durchſuchte alle meine Schubladen, ſtieß alle meine Briefe und Papiere um und um, durchſpähte jegliches Oertchen, wo das Ge⸗ ſuchte möglicher und unmöglicher Weiſe liegen konnte; aber vergebens, und nun verwünſchte ich bald meine Fahrläſſigkeit, wodurch ich ſie verloren, bald ſchwur ich hoch und theuer, ich könne ſie gar nicht empfangen haben. Was war zu thun? es war ſchon ſpät und ich mußte jetzt auf einen Erſatz des verlornen Gutes denken. Wüßte ich nur die Farbe, ſo würde ohne Zweifel jede andere Haarlocke den Dienſt auch verſehen. Da Howard jung und ein Engländer war, ſo hielt ich es für das Wahrſcheinlichſte, daß er helle Haare habe, lichtbraun vermuthlich, ungefähr wie die meinigen. Ja, das war doch ganz natürlich; wie es mir nur vorhin entgehen konnte, wie einfältig war ich doch! Unter ſolchem Selbſt⸗ Lever, O'Malley. II..11 . 162 geſpräch ergriff ich eine Scheere und ſchnitt mir eine große Locke neben der Schläfe weg: in einem ruhigen Augenblick hätte ich mich wohl vorher darüber beſonnen. Ei was, dachte ich, ſie wird den Betrug nicht merken, und außerdem lag— ich weiß ſelbſt nicht warum— etwas Angenehmes in dem Gedanken, daß dieſes So u⸗ venir von mir komme, wenn es auch Erinnerungen an einen ganz andern Liebhaber zurückrufe. Mit ſolchen Berechnungen warf ich meinen Mantel um und eilte nach dem Caſino. Einundvierzigſtes Kapitel. Die Marſchroute. Kaum war ich hundert Schritte von meinem Quar⸗ tiere entfernt, als ſchallender Hufſchlag von Roſſen meine Aufmerkſamkeit anzog. Ich blieb ſtehen, um zu lauſchen, und bald hörte ich immer näher das Geklirre von Dra⸗ gonerrüſtungen. Die Nacht war dunkel, aber vollkom⸗ men ſtill, und nach wenigen Minuten vernahm ich die Töne einer Stimme, die nur meinem Fred Power ange⸗ hören konnte. „Fred Power!“ rief ich, ſo laut ich konnte. „Power!“ „Ah, Charley, ſind Sies? kommen Sie ſchnell mit ins Quartier des Generaladjutanten; ich bringe wichtige Depeſchen und darf mich nicht aufhalten, bis ich ſie abgeliefert habe. Kommen Sie, ich habe herr⸗ liche Nachrichten für Sie.“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferd die Sporen und galoppirte, gefolgt von zehn Dragonern, an mir vorüber. Powers wenige flüchtige Andeutungen hatten meine Neugierde dermaßen angeregt, daß ich ſogleich umkehrte und ihm folgte, in⸗ dem ich mich unterwegs fragte, auf was er möglicher⸗ weiſe anſpielen könne. Er wußte um meine Liebe zu Lucy Daſhwood— kennte er Etwas von ihr meinen? 163 Aber was hatte ich von dieſer Seite her zu erwarten? Durch welche Selbſttäuſchung konnte ich mir die Mög⸗ lichkeit eines Erfolgs in dieſer Richtung vorſpiegeln? Und doch, welche andere Nachricht konnte für mich von großer Wichtigkeit ſeyn? Unter ſolchen Betrachtungen erreichte ich das geräumige Gebäude, worin der General⸗ adjutant ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte, und befand mich bald unter etner Maſſe von Perſonen, welche das Gerücht von irgend einem wichtigen Ereigniß herbeige⸗ lockt hatte, obſchon Niemand ſagen konnte, was geſche⸗ hen war. Nach einigen Minuten öffnete ſich die Thüre und Power trat heraus; er verbeugte ſich haſtig gegen Einige, flüſterte Andern im Vorbeigehen ein paar Worte ins Ohr, nahm dann mich am Arme und führte mich auf die Straße.„Charley,“ ſagte er,„der Vorhang wird aufgezogen, das Stück beginnt demnächſt. Ein neuer Oberbefehlshaber wird uns geſandt, Sir Arthur Wellesley, mein Junge, der tapferſte Mann von Eng⸗ land, wird ſich an unſere Spitze ſtellen, und morgen marſchiren wir. Dies die Neuigkeiten für Sie!“ Ich als ein roher, unbeleſener, ununterrichteter Knabe wußte nur wenig von der Laufbahn eines Mannes, deſſen Name ſchon damals ſolchen Glanz über unſere Armee ver⸗ breitete; aber der begeiſterte Ton, in welchem Power ſprach, die hinreißende Energie ſeiner Stimme regte meine innerſten Empfindungen auf, und ich fühlte mich jeden Zoll ein Soldat. Als ich in wonnevollem Ent⸗ zücken ſeine Hand ergriff, da entfchwanden mir alle Ge⸗ danken an meine Enttäuſchung, und das ſtürmiſche Po⸗ chen meiner Kopfader bewies mir, wie tief die Liebe zum Kriegsruhm, die mich zuerſt von meiner Heimath weg und auf ein Schlachtfeld getrieben hatte, in mir ſchlum⸗ merte. „Dort ſteigt meine Nachricht zum Himmel empor,“ ſagte Fred, auf eine Rakete deutend, die eben in die Hoͤhe ſchoß und bei ihrem Auseinanderſtieben in zehn⸗ 4 11* 164 tauſend Sterne den breiten Strom beleuchtete, wo die Kriegsſchiffe in dunkler Ruhe lagen. Im nächſten Au⸗ genblick flammte die ganze Luft von ähnlichen Feuern, während der tiefe Ton der Trommeln durch die ſchwei⸗ genden Straßen wirbelte und die ſo eben erſt in Schlum⸗ mer verſunkene Stadt, wie durch ein Zauberwort, ſich mit Menſchenmaſſen füllte: Der ſcharfe Klang der Rei⸗ tertrompete vermiſchte ſich jetzt mit den muntern Tönen der leichten Infanterie und der Jägerhörner, und in der Entfernung hörte man das ſchwere Geſtampfe des Marſches. Alles war Aufregung und Geſchäftigkeit, aber in der Freude ringsum ſprach ſich auch das ſehn⸗ ſuchtsvolle Verlangen aus mit dem Feind zuſammen zu treffen; hier ſchlug die heitere, ſorgloſe Weiſe eines iriſchen Liedes an unſer Ohr, wenn ein Schütze von Connaught oder ein Soldat vom 87ten mit ſeinem Tor⸗ niſter auf dem Rucken an uns vorüberging; dort der dumpfe, eintönige Pibroch der Hochländer, zu einem Kriegsgeſchrei anſchwellend, wenn ein Corps Schürze⸗ männer ſich in Reih und Glied ſtellte. Wir wollten eben in unſer Quartier zurückkehren, als wir an einer Straßenecke plötzlich auf eine luſtige Geſellſchaft ſtießen, die vor einem kleinen Wirthshaus um einen Tiſch herum ſaß. Eine große Straßenlaterne, die man zu dieſem Behuf herabgenommen hatte, ſtand mitten im Kreiſe und zeigte uns verſchiedene Soldaten in Stalluniform, unter denen, etwas hoͤher als ſeine Kameraden, ein Burſche ſaß, in welchem ich ſowohl an dem unverhält⸗ nißmäßigen Antheil, den er an der Unterhaltung nahm, als auch an der muſikaliſchen Betonung ſeiner Stimme bald meinen Bedienten Mickey Free erkannte. 3 „Ich will mich hängen laſſen, wenn das nicht Ihr Burſche iſt, Charley,“ ſagte Power, indem er einige Schritte vor der Geſellſchaft plötzlich ſtehen blieb.„Der anmaßende Taugenichts denkt nur an ſich ſelbſt und führt da den Vorſitz unter einem Haufen von Burſchen, 165 die alle Schlachten auf der Halbinſel mitgemacht haben. Geben Sie Acht, ob er nicht zu ſingen anfangt.“ In dieſem Augenblick verkündete ein lauter Schlag auf den Tiſch, daß Powers Vermuthung ſich bewahr⸗ heitete, und nach einigen einleitenden Bemerkungen über ſeine Hochachtung für den Dienſt, in welchem er ſich ſo oft ausgezeichnet, begann Mickey nach der Weiſe des jungen Maimonds ein Liedchen, von dem mir noch fol⸗ gende Verſe erinnerlich ſind:— Die Poſten beziehen jetzt alle die Wacht, Der Zapfenſtreich wirbelt im Lager mit Macht: So ſtoßet denn an, Mann für Mann, Es gilt ein Hurrah der morgenden Schlacht. Der Oberſt ſitzet ſo ſtolz zu Pferd, Und wenn ſeine Hand an den Säbel fährt, Wenn er ruft: Vorwärts! Klopft Jedem das Herz, Da hat er den Franzmann das Tanzen gelehrt. Und ſind ſeine Haufen auch noch ſo dick, Wir reiten drauf los, vertrauend dem Glück, Denn ſpielen wir auf, So ſpringet der Hauf Im Takte von unſerer Tanzmuſik. Dieſe bewunderswürdige Lyrik ſchien den vollkom⸗ menſten Erfolg zu haben; wenigſtens erhob ſich jetzt ein donnernder Beifall mit Stimmen, Händen und Trinkgefäßen, während ein ehrwürdiger, grauköpfiger Sergeant aufſtand und einen Toaſt auf Mr. Frees bal⸗ diges Avancement ausbrachte. Wir ergötzten uns noch einige Minuten an dem Schauſpiel, bis lautes Trommelgewirbel uns erinnerte, daß unſere Augenblicke gezählt ſeyen. „Gute Nacht, Charley,“ ſagte Power, indem er mir warm die Hand ſchuttelte,„gute Nacht! Es wird für einige Monate die letzte Nacht ſeyn, die Sie hinter —— —;—Z—Z—ꝭ— ·. 166 einem Vorhange zubringen; laſſen Sie ſich's noch einmal wohl ſchmecken, Adieu!“ Damit trennten wir uns: er begab ſich in ſein Quartier und ich zu der wuͤſten Ver⸗ wirrung meines Gepäcks, das in bewunderungswürdiger Unordnung in meinem Zimmer umherlag. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Das Lebewohl. Die Vorbereitungen zum Marſch beſchäftigten mich bis am Morgen, und hätte ich auch wirklich ſchlafen wollen, das Getöſe und der Lärm um mich her hätte es rein unmöglich gemacht. Noch vor Tagesanbruch war der Vortrab bereits in Bewegung und einige Schwadronen ſchwerer Reiterei hatten ihren Marſch be⸗ gonnen. Ich ſchaute in meinem nunmehr ausgeräumten Zim⸗ mer umher, wie man gewöhnlich vor der Abreiſe thut, und beſann mich, ob ich Nichts vergeſſen habe. Offen⸗ bar war Alles eingepackt: Doch halt— was iſt das? wie man doch ſo gedankenlos ſeyn kann! Da lag das für Donna Inez beſtimmte Paket, das ich in der Ver⸗ wirrung der geſtrigen Nacht vergeſſen hatte nach dem Caſino zu bringen. Ich ſchickte ſogleich Mickey mit meinem Gepäck zum Commiſſär und befahl ihm genau nachzufragen, wenn wir abmarſchiren müßten. Er kehrte bald zurück mit der Nachricht, unſer Corps werde nicht vor Mittag auf⸗ brechen; es blieben mir alſo einige Stunden übrig, um mich von der Senhora zu verabſchieden. Ich weiß ſelbſt nicht, wie es kam, aber gewiß iſt⸗ daß ich an dieſem Morgen mehr als gewöhnliche Sorg⸗ falt auf meine Toilette verwendete. Die Senhora war Nichts für mich. Hatte ſie mir doch ganz aufrichtig ge⸗ ſtanden, daß ſie eine Maſſe Bewunderer habe, zu denen 1 167 ich noch nicht einmal gezählt wurde! Demnach war ſie offenbar eine Kokette, die ihr größtes Vergnügen darin fand, mit den Leidenſchaften, die ſie erweckte, ihr Spiel zu treiben. Wäre ſie dies aber auch nicht geweſen— hätte ihr Herz auch morgen gewonnen werden können, welches Recht, welchen Anſpruch beſaß ich darauf? Meine Neigungen waren bereits verſagt; ich hatte ſie freilich einer Dame geweiht, die ſie nicht erwiederte, die vielleicht ſogar einen andern liebte. Ach das war der wunde Fleck meines Lebens; dieſer ſo unheilvolle Argwohn, der im Hintergrund lauerte, lähmte meinen Muth und quälte mein Herz. Wenn es irgend Etwas gibt, was einen Irlaͤnder bei ſeinen kleinen Herzensangelegenheiten hauptſächtlich entmuthigen kann, ſo iſt es das Bewußtſeyn der Neben⸗ buhlerſchaft. Die Hartnäckigkeit der Väter, der höſe Wille der Mütter, die Kälte, die Gleichgültigkeit des geliebten Gegenſtandes ſelbſt mögen immerhin Hinder⸗ niſſe ſeyn— er beſitzt Takt, Geiſt und Ausdauer ſte zu überwinden: aber wenn ein glücklicherer Bewerber ſich einfindet; wenn das Auge, das bei ſeinen Bemühungen geſenkt bleibt, bei der Ankunft eines Andern freudig aufleuchtet; wenn die Züge, die für ihn nur kalte Gleich⸗ gültigkeit gezeigt, einen Andern lächelnd bewillkommnen, dann iſt es aus mit ihm, er ſieht ſein Spiel verloren und wirft die Karten auf den Tiſch. Und doch, wie kommt es, daß einem Menſchen, der ein angebornes Recht zu beſitzen ſchien, ſanguiniſch zu ſeyn, wenn An⸗ dere verzagten, Zuverſicht zu hegen, wenn Andere die Hoffnung aufgaben, daß, ſage ich, einem Menſchen ſol⸗ chen Schlags hier der Muth ausgehen mußte? Der Grund iſt einfach genug; aber aufrichtig geſtanden, ich ſchäme mich ihn zu bekennen. Da ich mit meinem Leſer in all dem proſaiſchen Ernſt, der ſich für die Wahrhaftigkeit dieſer Memoiren geziemt, bis hieher gekommen bin, ſo fürchte ich, ein ſcheinbares Paradoron möchte mich um meinen guten 168 Ruf der Glaubwürdigkeit und in den Geruch bringen, als wolle ich, während ich doch blos von einem Natio⸗ nalzuge in meinem Lande erzähle, irgend einen noch. nie gehörten und abſurden Satz aufſtellen; denn gemeine Vorurtheile gehen oft ſo weit, auch an unſerer Glaub⸗ haftigkeit rütteln zu wollen. Alſo der Grund iſt der— ich bin ja doch ſchon zu weit gegangen, um zurücktreten zu können— der Irländer iſt ſeiner innerſten Natur nach ſchüchtern. Ja, lachen Sie nur, wenn Sie wollen— ich nehme näm⸗ lich an, daß Sie in dieſem Augenblick ein unmäßiges Gelächter aufſchlagen— aber wenn Sie nach dieſem Ausbruch Ihrer Heiterkeit Ihre vollkommene Ruhe wie⸗ der erlangt haben, ſo erlaube ich mir, noch einmal zu wiederholen: der Irländer iſt ſeiner innerſten Natur nach ſchüchtern!. Glauben Sie aber ja nicht, daß ich damit ſagen wolle, als ſey der Irländer in irgend einer neuen oder unerwarteten Lage, bei irgend einem unvorhergeſehenen Zuſammentreffen von Umſtänden verwirrter und verle⸗ gener als andere Menſchenkinder: nein, ganz und gar nicht. Die kalte, zur Gewohnheit gewordene Rückhal⸗ tung des Engländers, die ſtudirte Vorſicht des Nordtwee⸗ ders ſind bei ſolchen Veranlaſſungen weit ſchwächere Mittel gegen Unbeholfenheit. Soll er dagegen ſeine Fähigkeiten, ſeine Mittel zum Erfolg, ſeine Ausſichten auf wahrſcheinliche Bevorzugung mit den Fähigkeiten, Mitteln und Ausſichten der Bewohner anderer Länder meſſen, ſo wette ich, daß der Irländer mit ſo wenig Selbſtzuverſicht auftritt, daß er ſeine wahren Verdienſte unterſchätzt: mit einem Wort, daß er ſich ſchüchtern erweist. Man betrachte nur Daniel O'Connell, man betrachte Spring Rice oder Harry Lorrequer! doch ich habe feierlich verſprochen, mich nicht mit lebenden Be⸗ rühmtheiten zu befaſſen, und ohnehin habe ich mich mit dieſer Abſchweifung bereits vergeſſen. Kehren wir alſo zu Donna Inez zurück. „* 169 Als ich an der Villa anlangte, traf ich die Familie beim Frühſtück verſammelt. Mehrere Offtziere waren zugegen und unter ihnen erblickte ich mit Vergnügen meinen Freund Monſoon. „Ach Charley,“ rief er, als ich mich neben ihn ſetzte,„wie Jammerſchade; daß all unſer Spaß ſo ſchnell ein Ende haben muß! Dieſer verwünſchte Soult kann nie ruhig ſitzen, marſchirt auf Oporto und weiß Gott wohin ſonſt noch los, während wir gerade anfangen, uns behaglich zu füͤhlen. Ich hatte einen ſo herrlichen Vertrag wegen Bettdecken gemacht, und nun beordern ſie mich zu Beresfords Corps in's Gebirge: und Sie,“ fügte er flüſternd hinzu,„auch Sie hatten die aller⸗ ſchönſten Ausſichten hier: ſo wahr ich lebe, ich glaube, Sie hätten die Braut heimgeführt. Der alte Den Ema⸗ nuel, mein Freund, hat Sie ungemein lieb. Und dann Sparks“— „Nun was iſt's mit dem? Ich habe ihn ſeit meh⸗ reren Tagen nicht geſehen.“ „Ach, Sie haben den armen Teufel faſt zu Tode geängſtet. O'Shaugneſſy und einige ſeiner Sivppſchaft haben ihn geſtern vor ein Kriegsgericht geſtellt und ver⸗ urtheilt, mit einem hölzernen Säbel und einer Stall⸗ jacke auf die Wache zu ziehn. Er that dies wirklich; aber der alte Colbourne hat ihn, ſcheint's geſehen, und wenn der Marſchbefehl nicht gekommen wäre, ſo hätte den Herrn ihr Spaß theuer zu ſtehen kommen können. Vermuthlich hätten einige von ihnen längeren Urlaub bekommen, als ihnen lieb geweſen wäre.“ „Warum iſt die Senhora nicht hier, Major? Ich ſehe ſie ja nicht am Tiſch.“ „Ein Schnupfen, böſer Hals, naſſe Füße von ge⸗ ſtern Nacht, oder ſo Etwas wird es ſeyn. Geben Sie mir dieſe kalte Paſtete herab. Iſt Xeres gefällig? Po⸗ wer haben Sie heute noch nicht geſehen?“. „Nein; wir trennten uns geſtern Nacht, ich kam nicht in's Bett.“ 170 „Sehr ſchlechte Vorbereitungen zu einem Marſch nehmen Sie etwas Branntwein in Ihren Kaffee.“ „Sie glauben alſo, die Senhora werde nicht zum Vorſchein kommen?“ „Sehr wahrſcheinlich nicht: aber warten Sie, Sie kennen ja ihr Zimmer; das Stübchen, das gegen den Blumengarten hinausgeht; dort bringt ſie gewöhnlich den Morgen zu. Springen Sie über den kleinen höl⸗ zernen Zaun an der Ecke, und ich wette zehn gegen eins, daß Sie das ſchöne Kind treffen.“ Ich ſah an Don Emanuels beſchäftigter Miene, daß von ſeiner Seite keine Unterbrechung zu befürchten ſtand, und ſo nahm ich denn bald eine Gelegenheit wahr, unbemerkt das Zimmer zu verlaſſen. Mit einem Sprung war ich über dem kleinen eichenen Zaun und befand mich in einem köſtlichen kleinen Garten, wo Ro⸗ ſen, ſo hoch wie man ſie in unſerem kältern Klima nicht ſieht, eine in reicher Blüthe ſtehende Laube bildeten. Der Major hatte Recht; die Senhora war in ihrem Zimmer und in einem Augenblick ſtand ich an ihrer Seite. „Nur meine Furcht, Ihnen nicht Lebewohl ſagen zu können, wird dieſe Zudringlichkeit entſchuldigen, Donna Inez,“ aber da wir Ordre erhalten haben—“ „Auf wann? hoffentlich doch nicht ſo bald?“ „Allerdings, wir müſſen noch heute, wir müſſen ſogleich abmarſchiren, aber Sie ſehen, daß ich ſelbſt in der Eile der Abreiſe das mir anvertraute Gut nicht vergeſſen habe; hier iſt das verſprochene Paket.“ So ſprechend übergab ich ihr das Paket mit der — Locke, beugte mich zu ihr hinab und preßte meine Lip⸗ pen auf ihre zarten Finger. Sie zog ſchnell ihre Hand weg, riß das Couvert auf und nahm die Locke heraus. Einen Augenblick betrachtete ſie dieſelbe feſt, dann ſah ſie mich, hierauf wieder die Locke an, endlich aber brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus und warf ſich in ungebundener Luſtigkeit auf einen Stuhl. 4 3 —— 171 „Wie, Sie wollen mir doch nicht dieſe kaſtanien⸗ braune Locke für das gagatſchwarze Haar meines armen Freundes Howard aufſchwatzen? Welch' unbeſchreib⸗ liche Thorheit, daran nur zu denken! Und dann mit wie wenig Geſchmack Sie ſich zu Ihrem Betruge angeſtellt haben: gerade von den Schläfen weg. Mein einziger Troſt iſt, daß Sie dadurch gänzlich verunſtaltet ſind.“ Hier brach ſie in ein neues Gelächter aus und ich wußte in der That nicht, was ich von ihr denken ſollte, als ſie fortfuhr: „Nun, jetzt ſagen Sie mir nur, ob ich dieſe Locke als ein Pfand Ihres eigenen Unterthanengehorſams oder noch immer als ein Geſchenk von Howard betrach⸗ ten ſoll! Sprechen Sie und zwar aufrichtig.“ „Ich wünſche natürlich,“ antwortete ich,„daß Sie's als ein Geſchenk von mir annehmen.“ „Nach einer ſolchen Betrügerei ſollte ichs freilich nicht thun; aber da Sie ſich ſelbſt ſo hart dabei mit⸗ genommen haben, und da Sie ſo allerliebſt einfältig dreinblicken—“ „So wollen Sie mir noch mehr Gelegenheit dazu geben?“ fügte ich hinzu. „Ganz richtig,“ ſagte ſte;„denn hier und in die⸗ ſem Augenblick nehme ich Sie unter meine getreuen An⸗ hänger und Anbeter auf. Knieen Sie nieder, Herr Ritter, und tragen Sie als Zeichen dieſe Schärpe—“ Bei dieſen Worten fuhr ſie plötzlich erſchrocken zu⸗ ſammen, ſo daß ich augenblicklich aufſprang. Sie war todesblaß und zitterte. „Was bedeutet das?“ fragte ich,„was iſt geſche⸗ hen?“ „Sie deutete mit ihrem Finger nach dem Garten, aber obſchon ihre Lippen ſich bewegten, kam doch kein on heraus. Ich ſprang durch das offene Fenſter und ſtürzte in's Gebüſch, den einzigen Ort, wo maglicher⸗ weiſe ſich eine Perſon verbergen konnte— aber da war Niemand zu ſehen. Nach einigen Minuten vergeblichen —ꝛ——— ——C—C—C—C—.—— — 172 Suchens kehrte ich in's Ztmmer zurück. Die Douna war noch immer da; aber wie verändert! Ihre fröh⸗ liche Lebendigkeit war verſchwunden, ihre bleiche Wange und zitternde Lippen zeugten von Furcht und Leiden, ihre kalte Hand lag ſchwer neben ihr. „Ich glaubte— doch vielleicht täuſchte ich mich auch— ich glaubte Trevyllian am Fenſter zu ſehen.“ „Unmöglich,“ ſagte ich, ich habe alle Gaͤnge durch⸗ ſucht: glauben Sie mir, es war nur ein Spiel Ihrer Einbildungskraft; beruhigen Sie ſich und denken Sie nicht mehr daran.“ „Während ich ſie auf dieſe Art zu beſchwichtigen ſuchte, war es mir ſelbſt nicht wohl zu Muthe: das ganze Benehmen dieſes Mannes hatte mir einen ſteigen⸗ den Widerwillen eingeflößt und ich war bereits halb überzeugt, daß er den Spion gegen mich mache. „Sie glauben alſo wirklich, daß ich mich geirrt habe?“ ſagte die Donna, indem ſie ihre Hand in die meinige legte. „Allerdings glaube ich das; aber ſprechen Sie nicht mehr davon. Sie dürfen nicht vergeſſen, wie wenig Augenblicke mir noch übrig bleiben. Schon habe ich den Hufſchlag von Pferden draußen gehört; ach ja, da kommen ſie; im nächſten Augenblick wird man mi vermiſſen; alſo noch einmal, ſchönſte Inez—“ Nein, Sie müſſen mir verzeihen, daß ich Sie ſo zu nennen wage; es iſt das Erſtemal und wird wohl auch das Letztemal ſeyn, daß ich dieſes Wort ausſpreche,,“ Ihr Kopf neigte ſich ſanft, als ich dieſe Worte ſprach, bis er auf meiner Schulter ruhte und ihre lan⸗ gen Haare meine Bruſt bedeckten. Ich fühlte ihr Herz beinahe an meiner Seite ſchlagen; ich murmelte einige —— Worte, aber ich weiß ſelbſt nicht welche; ſie erſchienen mir wie ein Gebet; endlich preßte ich ihre kalte Stirne an meine Lippen, ſtürzte aus dem Zimmer, ſprang wie⸗ der über den Zaun und war ſchon weit auf der Straße nach Liſſabon, bis ich mich genugſam geſammelt hatte, 173 um zu wiſſen, wohin ich ging. Ich hatte wenig Be⸗ wußtſeyn mehr; mein Herz war zum Zerſpringen voll, und in der Verwirrung meines aufgeregten Gehirnes verwickelten ſich Wahrheit und Täuſchung ſo feſt in ein⸗ ander, daß es mir unmöglich war zu einiger Klarheit zu gelangen. Inzwiſchen blieb mir nur wenig Zeit zu Grübeleien; als ich die Stadt erreichte, ſtand meine Brigade bereits unter den Waffen und Mickey erwartete mich ungeduldig mit den Pferden. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Marſch. Einen ſeltſamen Anblick bot die Straße nach Oli⸗ viera am Morgen des 7. Mai dar. Ein eilfertiger oder unkundiger Beobachter hätte die lange Truppenlinie, die ſich durchs Thal hinſchlängelte, im Anfang für die Ueber⸗ reſte einer geſchlagenen und zerſtreuten Armee halten können, wäre nicht der feurige Ausdruck, der auf allen Gefichtern lag nnd aus aller Augen leuchtete, ein ſiche⸗ rer Beweis geweſen, daß Leute, die ſo dreinſchauen, nicht geſchlagen ſeyn können. Reiter, Fußgänger, Ba⸗ gage, Artillerie, unberittene Dragoner, ſelbſt die bleichen, kaum wiederhergeſtellten Bewohner der Spitäler, alle ſah man dahin eilen; denn der Befehl: Vorwärts! war in Liſſabon gegeben worden, und diejenigen, denen ihre Wun⸗ den nicht mitzuziehen geſtatteten, wurden weniger wegen der Urſache, als wegen der Folgen dieſes Zurückbleibens be⸗ dauert. Mehr als ein Offizier ritt mit dem Arm in der Schlinge oder mit verbundenem Kopf an der Spitze ſeiner Abtheilung, und auch unter der Mannſchaft waren ſolche Beweiſe aufopferungsſüchtiger Hingebung ſehr häufig. Was mich betrifft, ſo haben lange Jahre und mancherlei Erlebniſſe den Eindruck, welchen dieſes Schau⸗ ſpiel auf mich machte, nicht zu verwiſchen, ja kaum 174 abzuſtumpfen vermocht. Der glänzende Anblick einer Revue hatte mich oft aufgeregt und entzückt; aber hier, hier war die glorreiche Wirklichkeit des Krieges ſelbſt. Die braunen Geſichter, die abgetragenen Uniformen, die zerſchoſſenen Fahnen, das Rollen des ſchweren Geſchützes, vermiſcht mit dem wilden Pibroch der Hochländer oder der kaum weniger wilden Luſtigkeit eines iriſchen Geſchwind⸗ marſches, Alles das machte einen unbeſchreiblichen Effekt, während die lange Linie der Cavallerie mit ihren in der Morgenſonne blitzenden Helmen und Waffen die kindiſchen Träume von Fehde und Tournier zurückrief und das Herz hoch klopfen machte von ritterlicher Begeiſterung.“ „Ja,“ ſagte ich halblaut, als der Klang der Muſik und das Geſtampfe der Reiterei mir ſo wunderbar ans Herz ſprach,„ja, das iſt in der That eine Verwirkli⸗ chung deſſen, wonach ich mich ſo lange geſehnt habe.“ „Schließet die Glieder, Trab!“ rief eine tiefe männliche Stimme und ein General, gefolgt von einem Adjutanten, ſprengte vorbei. „Das iſt Cotton,“ ſagte Power;„Sie dürfen ſich freuen, Charley; es wird jetzt bald Arbeit geben.“ „Haben Sie noch Nichts von unſerer Beſtimmung gehört?“ fragte ich. „Bis jetzt weiß man nichts Gewiſſes. Es heißt, Soult marſchire gegen Oporto, und ſo wird uns Sir Arthur wahrſcheinlich zur Vertheidigung dieſer Stadt abſenden wollen. Unſere Kameraden ſind in Ovar bei dem General Murray.“— 3 „Hören Sie, Charley, der alte Monſoon iſt jetzt verdammt übel daran; er hoffte wenigſtens ſechs Mo⸗ nate lang in Liſſabon ſich friedlich niederlaſſen zu kön⸗ nen, und jetzt iſt er in Beresfords Hauptquartier kom⸗ mandirt, wo man, wie ich höre, die Hände nicht in den Schooß legt. „Ah, da kommt ja Sparks; wie gehts, mein Lie⸗ ber? Nicht wahr, das iſt jedenfalls luſtiger als in der Schiffsküche?“. 17⁵ „Ei, dieſe eilfertigen Bewegungen bringen mich außer aller Faſſung. Ich fand Liſſabon ſehr intereſſant, ſo viel ich geſtern Abend davon ſehen konnte.“ „Ja, aber denken Sie nur an die liebenswürdigen andaluſiſchen Mädchen: mit ihrem braunen, durchſichti⸗ gen Teint und ihren feurigen Augen; Sie würden ſich binnen vierundzwanzig Stunden bis über die Ohren verliebt haben, wenn wir uns länger da aufgehalten hätten.“ „Sind ſie wirklich ſo hübſch?“ „Hübſch! man kann nichts Reizenderes ſehen. Sie haben eine Art Einen über ihre Fächer hinweg anzu⸗ ſehen— nur ein einziger Blick, kurz und flüchtig, aber ſo ſchmelzend bei Gott— und dann ihr Gang— wenn es nicht eine Entweihung iſt, dieſe ſchnellende, elaſtiſche Bewegung Gang zu nennen— ihr Gang hat wahre Zauberkraft Sparks, Sparke, mir iſt angſt und bange um Sie. Im Uebrigen müſſen Sie wiſſen, daß dieſer ihr Tritt verdammt ſchwer zu lernen iſt. Ich konnte ihn nie herausbringen, obſchen ich früher im Ballet einer der beſten war. Der alte Alberto wählte mich gewöhnlich unter dem ganzen Haufen zu einem Pas de Zéphyr aus; aber dies da iſt eine Art Hüpfen, Schlei⸗ fen und Springen zugleich: wahrhaftig, man muß acht⸗ zehn Jahre lang Unterröcke getragen, einen andaluſiſchen Tritt mit auf die Welt gebracht und Sohlen von Gummielaſticum an den Füßen haben, um ſich dieſen Gang aneignen zu können. Wie lachten Sie gewöhn⸗ lich im alten Joſephsconvent, wenn ich einen derartigen Verſuch anſtellte!“ „Wie, haben Sie ſich wirklich einmal darin ver⸗ ſucht?“ „Schon manchmal haben die Beine den Kopf ge⸗ rettet, Charley, und ich verſehe mich zu den meinigen, daß ſie mir einen ähnlichen Dienſt leiſten würden.“ „Ganz ſchön, aber doch habe ich noch nie gehört, 176 daß Jemand vor dem Feind einen pas seul ausgeführt habe.“ „Das gerade nicht; allein Ihr ſeyd immer noch nicht auf der rechten Fährte. Wenn Ihr warten wollt, bis wir nach Pontalegue kommen, ſo will ich Euch die Geſchichte erzählen, dieſer Schnelltritt iſt für die Unter⸗ haltung nicht ſonderlich günſtig.“ „Sie laſſen eine Abtheilung hier, Kapitän Power,“ ſagte ein Adjutant, der eiligſt herangeſprengt kam; „auch läßt Ihnen General Cotton melden, Sie ſollen einen Subalternen und zwei Sergeanten nach Berar vorſchicken, um den Paß zu recognosciren. Franches⸗ ca's Reiterei ſoll dort ſeyn.“ So ſprechend gab er ſei⸗ nem Pferd die Sporen und war im Nu wieder ver⸗ ſchwunden. Power ritt ſogleich zu ſeiner Schwadron und kam im Augenblick mit drei wohlberittenen leichten Drago⸗ nern zurück.„Sparks,“ ſagte er,„hier haben Sie eine Gelegenheit, ſich auszuzeichnen. Sie haben die Ordre gehört; verlieren Sie alſo keine Zeit, zumal da Sie ein tüchtiges und noch friſches Pferd haben.“ „Kaum war Sparks zu dieſem, ihm offenbar un⸗ angenehmen Geſchäfte abgeſandt, als ich mich zu Power wandte und nicht ohne Verdruß gegen ihn bemerkte: „Wenn ſie wußten, daß etwas Ehrenvolles dabei zu thun war— ſo hätte ich doch gehofft, daß—“ „Sprechen Sie ſich nur aus, mein Lieber,— daß ich Sie hinſenden würde, nicht wahr?“ „Ja, allerdings.“ 4 „Nun gut, Charley, da werden wir uns wohl bald wieder verſöhnen; ich habe Sparks bloß deßhalb aus⸗ gewählt, um Ihnen den unangenehmſten Dienſt zu er⸗ ſparen, der einen Menſchen treffen kann. Führt er ſein Geſchäft mit der größten Geſchicklichkeit aus, ſo achtet man kaum darauf; der geringſte Mißgriff aber wird ihm noch lange Zeit nachgetragen; überdieß iſt es nicht ſon⸗ derlich angenehm, als Zielſcheibe für die franzöfiſchen 177 Scharfſchützen aufgepflanzt oder als Gefangener wegge⸗ ſchleppt zu werden, was beides hier ſehr leicht geſche⸗ hen kann. Nein, nein Charley, da iſt wenig Ruhm zu holen. Geben Sie ſich zufrieden, lieber Junge, Fred Power iſt nicht der Mann, der ſeinen Freund außer dem Gefechte hält, ſobald er Gelegenheit hat, darin Etwas zu leiſten. Ich bin überzeugt, der arme Sparks iſt mit meiner Anordnung eben ſo wenig zufrieden, wie Sie.“ „Höxen Sie, Power,“ ſagte ein hoher, kühn aus⸗ ſehender Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, mit einem portugieſiſchen Orden auf der Bruſt;„Sie müſſen mit uns diniren, wenn wir Halt machen.“ „Recht gern, wenn ich meinen jungen Freund hier mitbringen darf.“ „Das verſteht ſich; bitte, ſtellen Sie uns vor.“ „Major Hirley— Mr. O Malley vom 14ten.“ „Freut mich ſehr Ihre Bekanntſchaft zu machen, Mr. O'Malley; kannte in Irland einen famoſen Kerl Ihres Namens, einen gewiſſen Godfrey O'Malley, De⸗ putirten für irgend eine Grafſchaft.“ „Mein Oheim,“ ſagte ich, roth vor Freude über das Lob, das meinem älteſten Freunde geſpendet wurde. „Ihr Oheim! Geben Sie mir die Hand, mein Junge. Bei GCott, ſein Neffe hat ein Recht auf meine Freundſchaft; er hat mir im Jahr 98 das Leben ge⸗ rettet; nun, wie gehts denn dem alten Godfrey?“ „Ganz gut, als ich ihn vor einigen Monaten ver⸗ ließ, nur dann und wann ein Bischen Podagra.“ „Das glaub ich wohl; er hat es auch redlich ver⸗ dient. Nun, dieſes Podagra wird ihn an manches gute Glas Wein erinnern. Ei, und was iſt denn aus einem guten Freunde von ihm geworden, einem verdammt ex⸗ centriſchen Burſchen, der in der öſtreichiſchen Armee ein ommando hatte?“. „Ach, Conſidine, der Graf?“ Lever, O'Malley. II. 3 1² 178 „Derſelbe.“ „Er iſt noch ſo excentriſch wie je; als ich abreiste, war er bei meinem Oheim zum Beſuch. Und Boyle— haben Sie auch Sir Harry Boyle gekannt?“ „Das will ich meinen, wie könnte ich ihn und ſeine gottvollen Verkehrtheiten jemals vergeſſen, die mich, ſo lang ich in Irland war, nicht aus dem Lachen kommen ließen? Ich war ſelbſt im Hauſe, als er eine Lobrede auf einen Freund mit der Erklärung ſchloß, derſelbe ſey der Vater der Armee und der Oheim des Lord Donough⸗ more.“ „Ja, er war der einzige Mann, der mit einem ſchlechten Witz Etwas ausrichten konnte, was auf pro⸗ ſaiſcherem Wege unmöglich geweſen wäre.“ ſagte Power; „Sie haben doch von ſeinem Duell mit Harry Toler gehört?“ 1 „Nein, erzählen Sie's.“ 5 „Das war ein Mißverſtändniß an allen Enden und Ecken. Boyle ſetzte ſich's in den Kopf, Harry ſey ein Mann, mit dem er in Cork einen ernſtlichen Streit ge⸗ habt habe. Harry dagegen ſah unſern Boyle für den alten Caples an, dem er ſchon ſeit Monaten nachgejagt war, um ihn ſeine Reitpeitſche fühlen zu laſſen. Sie trafen einander im Kildareſtraßenklub, und eine ſehr kurze Beſprechung reichte hin, um Beide in ihren Anſichten zu beſtärken, denn ſie brannten Beide gleich ſehr von Kampfbegier. Es iſt noch nie ſchwer geweſen in Dub⸗ lin einen Sekundanten zu finden, und man muß den iriſchen Sekundanten im Allgemeinen die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie durchaus guten Ton und feine Bildung haben. Sie ſind frei von aller zudringlichen Neugierde in Betreff der Veranlaſſung zum Streite; in der klüglichen Vorausſetzung, die Duellanten werden ihre eigenen Angelegenheiten am beſten kennen, enthalten ſie ſich aller Nachfragen und beſchränken ſich auf das, was ihnen ihr Beruf auflegt. So wurden denn Sir Harry und Dick zwölf Schritte von einander aufgeſtellt, und um —— —— 179 Boyles eigene Worte zu gebrauchen— denn ich habe die Geſchichte aus ſeinem Munde— Wir machten drei Gänge; ich ſchoß ihm zwei Ku⸗ geln in den Hut und eine in die Halsbinde; ſeine Schüſſe gingen alle drei durch meinen Rockſchooß. »Auf dieſe Art werden wir den ganzen Tag hier zubringen müſſen, ſagte Conſidine, könnte man ſie nicht näher zuſammenbringen?' „Und uns ein Bischen mehr Zeit laſſen, fügte ich hinzu. „Ja, allerdings,“ ſagte Dick. „Nun gut, ſie ſchoben uns um zwei Schritte vor und fingen von Neuem an die Piſtolen zu laden.“ „Wir ſtanden jetzt ſo⸗ nahe beiſammen, daß wir die beſte Gelegenheit hatten, einander auf's Genaueſte zu betrachten; ich ſtarrte ihn an und er mich. Was! ſagte ich. „He!' ſprach er. „Was iſt das?' ſagte ich. „Sie ſind nicht Billy Caplez?“ ſprach er. „Zum Henker, ſagte ich, ‚und Sie ſind, glaube ich, nicht Archy Devine? Wir haben uns alſo, ſcheint es, den ganzen Morgen für Nichts und wieder Nichts herumgeſchoſſen, da es jedoch Keiner von uns eiden geweſen iſt. „Was mich an dieſer Anekdote am meiſten ergötzte, war, daß ich ſie zu ſolcher Zeit und an ſolchem Orte hörte; denn daß die Ercentricitäten des guten Sir Harry auf einem Marſch in Portugal beſprochen werden ſoll⸗ ten, war gewiß merkwürdig genug; allein das Leben iſt ja voll von Sonderbarkeiten dieſer Art. So erinnere ich mich eines Nachteſſens bei dem König Calzoo auf een blauen Bergen in Jamaika. Um ſeine Gäſte, einige engliſche Ofſiziere, zu unterhalten, befahl dieſer Monarch einem Mann aus ſeinem Gefolge etwas zu ſingen. Natürlich freuten wir uns ſehr auf die Gelegenheit, einen indianiſchen Kriegsgeſang zu hören, aecompagnirt 18⁰ auf einem Schädel und einem Schenkelbein. Aber wie groß war unſer Erſtaunen, als der Indianer, ein trotzig dreinblickender Kerl, mit einer gräulichen Skalplocke und zwei dicken rothen Streifen über die Bruſt ſich ein paarmal räuſperte und dann, ohne eine Muskel ſeines ernſten Geſichtes zu verziehen, den„Herrn mit der Hahnenfeder“ vorzutragen anfing; dieſer moderne Hof⸗ ſänger war nämlich Niemand anders, als ein Mann von Dumfries, der vor vierzig Jahren Schottland verlaſſen und ſich mit dem gewöhnlichen Glück dieſer Leute zu ſennen dermaligen Rang im Dienſte aufgeſchwungen atte. „Halt! halt!“ rief eine tiefe mannhafte Stimme in der vorderſten Colonne, und der Befehl lief von Ab⸗ theilung zu Abtheilung bis zum Nachtrab. „Wir ſtiegen ab, banden unſere Pferde an den laubreichen Korkbäumen an und ſtreckten uns der vollen Länge nach ins Gras nieder, während unſere Proviant⸗ männer das Mahl bereiteten. Unſere Geſellſchaft beſtand anfänglich aus Hirley, Power, dem Adjutanten und mir, aber bald kamen noch drei Offiziere vom 6ten In⸗ fanterieregiment hinzu, die im Begriff ſtanden zu ihrem Regiment zu ſtoßen.“ „Abgeſehen von dem Umſtand, daß man keine Da⸗ men dabei hat,“ bemerkte Power,„gibt es doch nirgends köſtlichere Picknicks als im Felde, und zu ihren Haupt⸗ reizen gehört noch, daß ſie ſo unerwartet kommen. Was man da zufaͤllig erwiſcht, macht weit mehr Vergnügen, als all die Schinken, kalten Hühner u. ſ. w., die unſere Bedienten ſtundenlang bereit halten und mit ſo großer Geſchäftigkeit zurüſten. Endlich hat auch die Aufregung, die von einem ſolchen Leben unzertrennlich iſt, ihren ganz eigenthümlichen Zauber.“— „Ja, das iſt es,“ rief Hipley; dieſes Gefühl der Ungewißheit, das Bewußtſeyn, daß man vielleicht nie wieder zuſammenkommt, wie man jetzt beiſammen weilt, hat zwar etwas Schmerzliches, lehrt uns aber auch, je 181 mehr wir uns an den Krieg gewöhnen, mit unſern Ver⸗ gnügungen wohl Haus zu halten und fröhlich zu ſeyn, wenn Gelegenheit da iſt. Ihre Geſundheit, O'Malley, und auch Ihren Oheim Godfrey nicht zu vergeſſen.“ „Noch ein wenig von der Paſtete.“ „Welch ein herrliches Perlhuhn!“ „Sier iſt von des alten Monſoon ſelbſteigenem Port⸗ wein.“ „Geben Sie ihn herum; wahrhaftig, das kann man ſich gefallen laſſen.“ „Heil und Segen dem Manne, der uns dieſe Aus⸗ ſicht da gegönnt hat; ſehen Sie nur, welch ein herrli⸗ ches Thal da unten ſich in prangender Fülle hinſtreckt, und ſchauen Sie dieſe dunkeln Bäume dort, wie gerade ein ſanfter Sonnenſtrahl ihre Gipfel küßt und ihnen ein keuſches Gutenacht wünſcht.“— „Gut gegeben, Power!“ „Zum Henker, Ihr habt mich unterbrochen, und ich war gerade im Zuge idylliſch zu werden. Apropos, was das Küſſen betrifft, ſo höre ich, Sir Arthur will die Nonnenklöſter nicht von den Truppen beſetzen laſſen. „Und bei dem Wort Kloſter,“ ſagte ich,„fällt mir ein, daß Sie uns noch eine Geſchichte ſchuldig ſind.“ „Mein lieber Charley, es iſt noch viel zu früh am Abend um Geſchichten zu erzählen. Ich möchte lieber hier unter dem Schatten melancholiſcher Zweige meinen poetiſchen Gedanken nachhängen.“ „Nun, Adjutant, ſo fingen Sie uns eins.“ „Ich will Ihnen eine portugieſiſche Serenade ſingen, ſobald die nächſte Flaſche kommt. Welch ein herrlicher Portwein? Haben Sie viel davon?“ „Nur drei Dutzend. Wir ſchmiedeten geſtern Nacht einen Befehl vom kommandirenden Offizier an den al⸗ ten Monſoon, daß er dieſe Flaſchen zum Hoſpitalgebrau⸗ che ſenden ſolle. Mit einer Thräne im Auge gab er ſie heraus und ſagte, als der Sergeant abmarſchirte: Sol⸗ chen Wein für Burſche, die Morgen ſchon in einer ganz andern Welt ſind! es iſt eine wahre Sünde.“ „Heda, Power, da muß etwas los ſeyn.“ In dieſem Augenblicke gav die Trompete das Zei⸗ chen zum Auffitzen und die ganze Maſſe erhob ſich wie ein Mann. Geräuſch und Verwirrung folgte auf die kurze Ruhe. Ein Adjutant galoppirte, von zwei Or⸗ donnanzen gefolgt, dem Fluſſe zu, und im nächſten Au⸗ genblick ſprengte Sparks heran; ſein ganzer Aufzug zeugte von dem wildeſten Ritte, ſeine Wangen waren todesblaß und hohl. 3 Power überreichte ihm einen Becher Peres, den er auf einen Zug leerte. Sodann ſchöpfte er tief Athem und ſagte— „Sie kommen— ſie kommen mit Macht.“ „Wer kommt? fragte Power,„nehmen Sie ſich Zeit und ſammeln Sie ſich.“ „Die Franzoſen! Ich ſah ſie um ein gutes Stück näher, als mir lieb war, ſie verwundeten eine von den Ordonnanzen und nahmen die andere gefangen.“ „Vorwärts!“ rief eine rauhe Stimme in der Front, „marſch, Trab!“ Ehe wir von Sparks, deſſen Geiſteskräfte eine furchtbare Erſchütterung erlitten zu haben ſchienen, wei⸗ tere Aufflärung erhalten konnten, ſaßen wir von Neuem im Sattel und trabten raſch vorwärts. Sparks hatte kaum Zeit uns zu erzählen, daß eine ſtarke Abtheilung franzöſiſcher Reiterei den Paß von Berar beſetzt habe, als der General Cotton ihn zu ſich rufen ließ, um ſei⸗ nen Bericht zu beenden. „Wie geängſtigt der Burſche iſt!“ ſagte Hirxley. „Ich nehme ihm das nicht übel,“ antwortete Power⸗ „er ſieht den Feind zum erſtenmal und zwar ſo ganz in der Nähe.“ „Wir haben alſo wenigſtens ein Scharmützel zu er⸗ warten?“ fragte ich. „Nach der Bewegung dort zu ſchließen, kaum,“ 3 183 antwortete Hirley, auf die Spitze der Colonne deutend, die links von der Heerſtraße abging und in den Wald einlenkte, wo eine tiefe Kluft in ein von einem breiten Strom durchſchnittenes Thal führte. „Das ſieht ja aus, als wollte man eine feſte Stel⸗ lung einnehmen,“ bemerkte Power. „Seht, ſeht dort hinunter!“ rief Hirley, indem er nach einer tief liegenden Stelle in der Ebene deutete. „Iſt doxt nicht ein Cavalleriepiket?“ „Ja, bei Gott! He, Fitzroy,“ rief Power einem vorüberkommenden Adjutanten zu,„was iſt los?“ „Soult hat Oporto weggenommen,“ antwortete dieſer,„und Franchescas Cavallerie iſt entflohen.“ „Und wer ſind die Burſche dort im Thale?“ „Unſere eigenen Leute, die heranziehen.“ Nach einem halbſtündigen, ſcharfen Trab erreichten wir den Strom, deſſen Ufer von zwei Cavallerieregimen⸗ tern beſetzt waren, welche der Hauptarmee entgegenzo⸗ gen, und wie groß war meine Freude, als ich erfuhr, daß eines von ihnen unſer eigenes Corps, das 14te leichte Dragonerregiment, war! „Hurrah!“ rief Power, ſeine Mütze ſchwenkend als er hinanritt;„wie geht's Sedgewick? Baker, mein Junge, was macht Ihr? Wie geht's Hampton und dem Oberſten?“ In einem Augenblick waren wir von unſern Ka⸗ meraden umringt, die mir alle herzlich die Hand ſchüt⸗ telten und mich auf's Freundlichſte beim Regiment will⸗ kommen hießen. „Einer der Unſrigen,“ ſagte Power mit ſchlauem Blick, indem er mich vorſtellte, und die Freimaurerkraft dieſer wenigen Worte verſchaffte mir den herzlichſten Empfang. „Halt! Abgeſeſſen!“ ertönte es wieder durch das ganze Heer und in wenigen Minuten lagen wir von Neuem in's Gras ausgeſtreckt unter dem hellen, ſanften MNondlicht, waͤhrend der glänzende Strom ruhig neben 4 184 uns hinfloß und auf ſeiner ſtillen Oberfläche die ver⸗ ſchiedenen Gruppen abſpiegelte, welche um die lodernden Bivouacfeuer herumlagen oder ſaßen. Vierundvierzigſtes Kapitel. Das Bivouacr. Wenn ich den fröhlichen, lebendigen Ton der Un⸗ terhaltung um unſer Bivouackfeuer her mit der trockenen Eintönigkeit und proſaiſchen Langweiligkeit meines erſten militäriſchen Gaſtmahls zu Cork zuſammenhielt, ſo fühlte ich, wie viel ritterlichen Enthuſiasmus der Geiſt und die Abenteuerlichkeit des Soldatenlebens ſelbſt dem einfäl⸗ tigſten, ſtumpfſinnigſten Menſchen einflößen kann. Ich ſah jetzt manche, die unter den gewöhnlichen Umſtänden niemals Intereſſe oder Neugierde erregt haben würden, nun aber durch ihre unmittelbare Verbindung mit den großen Ereigniſſen des Tags zu wahren Helden wurden; und mit einer ſeltſamen wilden Aufregung hörte ich das Nähere von Bewegungen und Märſchen, deren Zweck ich nicht kannte, in denen aber die magiſchen Worte Co⸗ runna, Vimiera hervorglänzten und den Umſtänden das höchſte Intereſſe verliehen, Wie ſtolz fühlte ich mich, der Waffengefährte ſolcher Männer zu ſeyn! Hier ſaßen ſie, die erprobten, tapfern Kämpfer in hundert Schlach⸗ ten, und behandelten mich als ihren Bruder, als Ihres⸗ gleichen. Kein Wunder alſo, wenn ich auf's Freudigſte aufgeregt war; hätte es aber auch eines ſolchen Antrie⸗ bes bedurft, dieſe Nacht unter den Korkbäumen wäre allein ſchon im Stande geweſen, Leidenſchaft für das Soldatenleben und unwiderſtehliches Verlangen nach Krie⸗ gerruhm in meinem Herzen zu erwecken. „Vierzehntes!“ rief eine Stimme hinten vom Walde her, und unmittelbar darauf erſchien der Adjutant mit einer Ordonnanz.. 185 „Oberſt Merivale,“ ſagte er, ſeine Mütze berührend, als er vor der hohen, kriegeriſchen Geſtalt anlangte. Der Oberſt verbeugte ſich. „Sir Stapleton Cotton läßt Sie erſuchen, Morgen früh den Paß zu beſetzen und den Marſch des Heeres zu decken. Er wünſcht, daß um Mittag alle Verſtär⸗ kungen vor Oporto anlangen. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß es vorausſichtlich zu einem Treffen kommen wird.“ Dieſe wenigen Worte wurden eiligſt geſprochen; der Adjutant grüßte uns noch einmal, lenkte dann um und ritt weiter zum Nachtrab. „Gute Nachrichten für Sie, Charley,“ ſagte Power, mich auf die Schulter klopfend;„Lucy Daſhwood oder die Weſtmünſterabtei.“ „So viel iſt gewiß, das Regiment war nie beſſer im Stande,“ ſagte der Oberſt,„und es ſehnt ſich nach Kampf.“ „Wie würde Ihr alter Freund, der Graf, ſich dar⸗ auf gefreut haben 1“ bemerkte Hirley;„er war ein tapfe⸗ rer Streiter.“ „Seht,“ rief Power,„da kommt eine friſche Bowle. Laßt uns auf's Wohl der Damen trinken, wo ſie auch ſeyn mögen; in dieſer Beziehung haben wir doch alle was auf dem Herzen.“ „Ja,“ ſagte der Adjutant und begann: „Dies Glas für die fünfzehnjährige Maid, Dies der, die ſich ſchon nicht mehr zierte, Das dritte euch, die ihr ſo hingebend ſeyd, Der Wittwe von Derry das vierte!“ „Nein, nein, Freed, keine Witzeleien mehr hierüber. Die Erinnerungen an dieſes Abenteuer iſt das Einzige, was mir den Dienſt verleiden kann. Wenn ich denke, was ich hätte ſeyn können und was ich bin; wenn ich einen Brüſſ'ler Fußteppich mit naſſem Gras, ſeidene Vor⸗ hänge mit einem Leinwandzelt, Sneyd'ſchen Claret mit 186 einer Ration Branntwein und Sir Arthur als Ober⸗ befehlshaber mit der Wittwe Boggs vergleiche—* „Halt!“ rief Hirley;„die ſchöne Wittwe in allen Ehren, aber es geht doch nichts über das Feldzugsleben; nicht wahr Freed?“ „Und um dies zu beweiſen,“ ſagte der Oberſt,„wird Power uns ein Lied ſingen.“ Power nahm ſein Bleiſtift aus der Taſche; legte ein Blättchen Papier über ſeinen Tſchako und begann ein Lied aufzuſchreiben.„Ich bin in fünf Minuten fer⸗ tig,“ ſagte er,„füllt inzwiſchen nur mein Glas fleißig.“ „Der treibts noch höher als Dibdenz“ flüſterte der Adjutant.„Ich will mich hängen laſſen, wenn er nicht blitzſchnell ein Lied aus dem Aermel ſchüttelt.“ „Wie ich höre,“ ſagte Hirley,„iſt vom Kriegsmini⸗ ſterium der Beſchluß gefaßt worden, daß die General⸗ befehle künftig in Volksmelodien geſetzt und bei Tiſch abgeſungen werden ſollen. Vermuthlich haben Sie's auch ſchon vernommen, Sparks?“. „Ich muß bekennen, daß mir dies ganz neu iſt.“ „Die Subalternen können möglicherweiſe ſchlecht dabei wegkommen,“ fuhr Hirley mit vielem Ernſt fort; „ſie haben alle Soli vorzutragen.““ „Nun, ich bin fertig,“ rief Power,„und Ihr müßt als Chor einfallen. Sorgt aber namentlich, daß das Hip, hip, hurrah gut geht, denn darauf beruht die ganze Kraft des Liedes. Alſo die Melodie vom Garryowen; munter, jedoch nicht allzu lebhaft.“ Den Mädchen galt es, ob braun oder blau, Es galt unſerm Liebchen, es galt unſrer Frau⸗ Es galt unſers Eilands ſmaragdener Au, Die Wellen rings umtoſen; So nehmt jetzt die Gläſer noch einmal zur Hand, Und rufet Hurrah! und füllt ſie zum Rand: Es gilt der Schlacht, Es gilt der Jagd, Der wilden Jagd auf die Franzoſen! —— 187 Nie möge verwelken der Lorbeerkranz, Deß, welcher führet zum Kriegestanz Die fünfte Brigade in Ruhmesglanz, Die furcht⸗ und tadelloſen! Drum nehmt jetzt die Gläſer noch einmal zur Hand Und ruſet Hurrah! und füllt ſie zum Rand: Es gilt der Schlacht, 4 Es gilt der Jagd, Der wilden Jagd auf die Franzoſen! Und ſind wir mit Ehren einſt heimgekehrt Und ſitzen zuſammen am traulichen Heerd, Wo keiner die Hörner mehr rufen hört Und hört die Schlachten toſen; Dann nehmet die Gläͤſer wieder zur Hand, Es gilt der Erinn'rung! Drum füllt ſie zum Nand: Es gilt der Schlacht, Es gilt der Jagd, Der wilden Jagd auf die Franzoſen! „Bravo, braviſſimo, Freed,“ rief Hirley. Wenn meine Verdienſte in dieſer Welt je einmal wür⸗ dig belohnt werden, ſo erhebe ich Sie zum Oberarmee⸗ ſänger mit einem Orhoft Ihres eigenen vaterländiſchen Whiskey’s für jeden Sieg, den das Heer erficht.“ „Ein verdammt ſchönes Lied,“ ſagte Merivale;„die Melodie iſt das Schönſte, was ich je gehört habe, durch und durch iriſch, nicht wahr?“ „Ja, bei Gott, das will ich meinen,“ rief O'Shaug⸗ neſſy mit einem Eifer in Ton und Geberden, der ein allgemeines herzliches Gelächter erregte.„Es haben's noch wenige Leute für eine venetianiſche Melodie gehal⸗ ten. Gebt den Punſch herüber— den Peres meine ich. Als ich bei der Miliz von Clare war, ließen wir uns immer den Garryowen aufſpielen, wenn es zum Mittag⸗ eſſen ging. Der alte Mar Manus wollte ſich, als er das Regiment erhielt, hierin eine Aenderung erlauben; er meinte, das ſeien gemeine Melodien, und wollte da⸗ 188 gegen das Rule Britannia oder den hundertſten Pſalm einführen; aber wir hielten es nicht aus, und es wäre beinahe zu einer Meuterei im Corps gekommen.“ „Das muß ein kurioſer Kauz geweſen ſeyn; ich habe ſchon allerhand Hiſtörchen von ihm gehört,“ be⸗ merkte einer, „Ja wohl, es war ein gravitätiſcher und höchſt eingebildeter kleiner Kerl: dabei ſtand er auf die ſchmäh⸗ lichſte Art unter dem Pantoffel, und ſeine Frau ließ ihn theuer genug büßen, was er am Regiment verſchuldete. Sie war ein hübſches, dabei prachtliebendes, aber ordi⸗ näres Weib, mit Luſt und Liebe zu allen guten Dingen in der Welt, nur nicht zu ihrem Ehegemahl, den ſie mit gebührender Verachtung behandelte. ‚Du kleiner Knirps,⸗ du,“ pflegte ſie höhniſch zu ihm zu ſagen, zes ſteht dir wohl an zu trinken und zu ſingen und dich zu gebärden wie ein Mann; ja wenn du wäreſt wie O'Shaugneſſy, ſechs Fuß drei Zoll hoch, ohne die Stiefel.’ Das Ding ſieht freilich aus wie eine Prahlerei; aber was thut's, die gute Frau ſoll dennoch hoch leben!“ „Ich weiß, Sie waren damals Etwas verliebt,“ ſagte Power.„Ich hörte es, als ich in Limerick lag.“ „Dann haben Sie vielleicht auch gehört, wie ich dem kleinen Mac heimleuchtete, als er auf Beſuch in jene Grafſchaft kam?“ „Nein, erzählen Sie's jetzt.“ „Ja, O'Shaugneſſy, es iſt an Ihnen. Wir haben ein behagliches Feuer, die Nacht iſt ſchön und Getränk im Ueberfluß vorhanden.“ „Nun, ich will Euch den Willen thun,“ ſagte O'Shaugneſſy, indem er ſeine ungeheuern Beine zu bei⸗ den Seiten des brennenden Holzbundes ausſtreckte und eine Flaſche zwiſchen ſeine Kniee ſtellte, worauf er fol⸗ gendermaßen begann: „Es war ein kalter, regnichter Januarabend im Jahr 96, als ich mich zu Limerick in den Poſtwagen ſetzte, um auf einige Tage in den Weſten des Landes zu — 189 gehen. Als der Kellner im hiberniſchen Hotel mit der Laterne an den Schlag trat, konnte ich gerade noch einen Blick auf die übrigen Paſſagiere werfen. Es war mir keiner von ihnen bekannt, außer der Oberſt Maec Manus, den ich früher einmal in einem Wirthshaus in der Mo⸗ lesworth⸗Street getroffen hatte. Ich verſprach mir nicht viel Angenehmes von ſeiner Geſellſchaft; aber als der Morgen anbrach und wir uns in der Kutſche gegenſeitig begrüßten, lehnte ich mich zu ihm hinüber und ſagte nur der Hoflichkeit wegen:„Sie ſind doch hoffentlich recht wohl, Oberſt Mac Manus? Im Anfang hörte er mich nicht, ſo daß ich das Nämliche noch einmal lauter ſagte. „Ich wollte nur, Sie hätten jetzt ſeinen Blick ſehen können; er ſtreckte ſich bis zur Höhe ſeines baumwolle⸗ nen Regenſchirmes empor, ſtreckte ſein Kinn in die Cra⸗ vatte hinein, blies ſeine vertrockneten und runzligen Lippen auf und erwiederte mit einer Stimme, die ſchrecklich ſeyn ſollte: „Sie ſcheinen den Vortheil über mich zu haben.“ „So wahr ich lebe, da haben Sie recht“ ſagte ich, an mir hinab und zu ihm hinüber ſehend, ſo daß die andern Paſſagiere ein lautes Gelächter aufſchlugen.„Ich meine, das wird Niemand beſtreiten wollen.“ Als das Gelächter vorüber war, begann ich— denn ich war ent⸗ ſchloſſen, ihn nicht ſo leichten Kaufs davonkommen zu laſſen von Neuem:„Habe ich Sie nicht ſchon bei Mrs. Cayle getroffen? Und zwar erinnere ich mich ganz gut, es war an einem Freitag, und Sie ſind da über die Stockfiſche gerathen. Hoffentlich haben Sie ſich wohl dabei befunden.“ „Sir,“ antwortete er, nich muß Ihnen erklären, daß Sie im Irrthume ſind.“ „Vielleicht,“ ſagte ich,„vielleicht ſind Sie alſo der Dberſt Mae Manus gar nicht; vielleicht ſind Sie es nicht, der darüber in Wuth gerieth, daß er ſieben Schil⸗ linge und ſechs Pence im Loo an Mrs. Moriarty ver⸗ or; vielleicht haben Sie auch nicht die Lampe in der 19⁰0 Halle mit dem Schirm zerbrochen, wobei Sie behaup⸗ teten, mit dem Kopf daran gekommen zu ſeyn, während Ihnen nur noch drei Fuß hiezu fehlten; vielleicht ſind Sie nicht vom Rath Brady in die Kiſte des Findel⸗ hauſes geſteckt worden, weil ſie auf der Straße nicht ruhig ſeyn wollten; vielleicht—“ Darüber lachten nun die Andern ſo berzlich, daß ich nicht fortfahren konnte; auf der nächſten Station aber ſetzte ſich mein kühner Oberſt zum Condukteur in's Cabriolet und ließ ſich nicht mehr ſehen, bis wir Lime⸗ rick erreichten. Nie werde ich das Geſicht vergeſſen, mit dem er vor Swinburne's Hotel abſtieg.„Leben Sie wohl, Herr Oberſt,“ ſagte ich, aber er wollte von meiner Höflichkeit keine Notiz nehmen, ſondern drehte ſich mit trotzigem Stirnrunzeln um und ging ſeines Weges. „Wart nur,“ dachte ich, ich bin mit Dir noch nicht zu Ende,“ und wahrlich, ich hielt mein Wort. Kaum war ich zehn Schritte auf der Straße ge⸗ gangen, als mir mein alter Freund Darby O'Grady entgegenkam. „Shaugh, mein Junge“— er nannte mich der Kürze halber immer ſo—„ſpeiſen Sie heute mit mir bei Moſey— ein junges Gänschen mit Stachelbeeren, Schlag ſechs.“ „Wer kommt ſonſt noch?“ fragte ich. „Tom Keane und Wallers, ferner ein paar Advo⸗ katen und ein gewiſſer Mac Manus aus Dublin.“ „Der Oberſt?“ „Derſelbe.“ 4 „Ich komme, Darby,“ ſagte ich,„aber merken Sie ſich's, Sie haben mich noch nie im Leben geſehen.“ „Was?“ rief er. „Sie haben mich noch nie geſehen, dabei bleibts.“ „Ich verſtehe,“— ſagte er mit einem ſchlauen⸗ Wink und damit trennten wir uns. . U b V 191 Ich habe im Leben gewiß nie viel Zeit auf meine Tiſchtoilette verwendet, aber dießmal ließ ichs mir einige Mühe koſten, und als ich in den Spiegel ſchaute, konnte ich mich eines Lächelns der innigſten Selbſtzufriedenheit nicht erwehren. Eine Weſte von braunen Kaninchenfel⸗ len mit Klappen, ein rother wollener Shawl um den Hals, eine alte graue Jacke mit einem braunen Fleck am Arm, gerippte wollene Beinkleider und lederne Ga⸗ maſchen, endlich ein furchtbarer Eichenknüttel in der Hand, dies Alles vereinigte ſich, mir ein höchſt anſtän⸗ diges Ausſehen zu geben. „Gefalle ich Ihnen ſo, Darby?“ fragte ich, als er vor Tiſch noch einmal in mein Zimmer kam. „Wenn Sie im Sinne haben, die Poſtwagen aus⸗ zuplündern,“ ſagte er,„ſo können Sie ſich nicht beſſer equipiren; Ihr eigener Vater würde Sie nicht kennen.“ „Meinen Sie nicht, ich ſollte noch eine Perücke dazu nehmen?“ „Nein, nein, Sie ſind ſchon jetzt über allen Ver⸗ gleich ſchön.“ 3„Nun, Gottes Willes geſchehe,“ ſagte ich;„kommen ie jetzt.“ Schlag ſechs ſah ich den Oberſten in einem höchſt eleganten ſchwarzen Anzug und in ſeidenen Strümpfen aus ſeinem Zimmer kommen. Er ging die Treppe hinab und ich hörte, wie der Kellner ihn anmeldete. „Jetzt iſt's an mir,“ dachte ich und ging langſam hinter ihm her. Als ich an die Thüre kam, hörte ich drinnen unter Andern auch Frauenſtimmen. Darby hatte mir davon Nichts geſagt:„doch gleichviel,“ dachte ich,„es geht in Einem hin,“ und ſo klopfte ich ganz ſachte an. „Herein!“ rief Darby. Ich öffnete langſam die Thüre, ſteckte blos Kopf und Schultern hinein und ſchaute mich bedächtig im Zimmer um. „Bitte um Verzeihung, meine Herrn,“ ſagte ich, 192 „ich ſuchte nur einen Oberſten Mac Manus, und da er nicht hier iſt—“ „Bitte, treten Sie doch ein, Sir,“ ſagte O'Grady) mit höflicher Verbeugung.„Der Herr Oberſt Mac Manuns iſt hier; Sie irren durchaus nicht. Herr Oberſt,“ fügte er zu dieſem gewendet hinzu,„ein Gentleman wünſcht Sie zu ſprechen.“ „O, es hat keine Eile,“ ſagte ich, indem ich be-⸗ dächtig ins Zimmer ſchritt,„ich ſehe, er will ſich eben zu Tiſche ſetzen, und die Sache leidet wohl Verſchub.“ „Treten Sie doch näher, Sir.“ „Ich moͤchte um Alles nicht beſchwerlich fallen— „Ich muß bekennen,“ ſagte Mae Manns feuerroth werdend,„daß ich den Beſuch dieſes Gentlemans nicht verſtehe.“ „Es iſt nur ein kleines Geſchäft, das ich mit ihm abzumachen habe,“ verſetzte ich mit einem grimmigen Blick, der, wie ich ſah, ſeine Wirkung nicht verfehlte. „Da würden Sie mir wohl das Vergnügen machen, mit uns zu ſpeiſen,“ ſagte O'Grady; jeder Freund von Oberſt Mae Manus—“ „Sie ſind wirklich allzugütig,“ antwortete ich; „aber als ganz fremder Menſch—“ „Bitte, laſſen Sie das gut ſeyn. Meiner Freunde Freund, wie das Sprüchwort ſagt— „So wahr ich lebe, ein gutes Sprüchwort,“ ver⸗ ſetzte ich,„nun iſt aber noch eine andere Schwierigkeit da. Ich habe mir eine Cotelette und Kartoffeln auf Nro. 5, beſtellt.“ „Laſſen Sie das kein Hinderniß ſeyn,“ bat O'Gra⸗ dy,„der Kellner kanns auf meine Rechnung ſetzen, aber thun Sie mir jetzt nur den Gefallen.“ „Sie ſind ein Mordkerl,“ ſagte ich;„wie heißen Sie denn?“ 8 „O'Grady, Ihnen zu dienen.“ „Vielleicht ein Verwandter von dem Advokaten?“ fragte ich.„Sie ſind alle von einer Familie die 193³ O'Grady's. Ich bin Mr. O'Shaugneſſy von Ennis. Wollen Sie mich vielleicht den Ladies vorſtellen?“ „Während dieſe Ceremonie vor ſich ging, warf ich einen Blick auf Mac Manus, und es wurde mir ſchwer nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen. Ein ſolches Gemiſch von Ueberraſchung, Verblüfftheit, Unwillen, Wuth und Verzweiflung war mir noch nie auf Einem Geſichte vorgekommen. Sprechen konnte er nicht, und ich ſah, daß er für Niemand und für Nichts, ausgenom⸗ men für mich, Augen, Ohren und überhaupt Sinne hatte. Juſt in dieſem Augenblick wurde das Mahl an⸗ gekündigt, und wir gingen zu Tiſch. Ich war nie in meinem Leben beſſer gelaunt; der Streich gegen Mac Manus war vollkommen gelungen; er glaubte, ich ſey O'Grady gänzlich unbekannt und nur ihm zu Ehren eingeladen worden. Zum Dank dafür ſchonte ich ihn Lanz und gar nicht, ſondern unterhielt ein beſtändiges Feuer von drolligen Geſchichten, ließ die Ladies nicht aus dem Lachen kommen, machte fortwährend Anſpie⸗ lungen auf den Oberſten und hatte, bevor die Suppe abgetragen wurde, außer ihm die ganze Geſellſchaft auf meiner Seite. 1 „O'Grady,“ ſagte ich,„verzeihen Sie meine Kühnheit, aber ich fühle mich bei Ihnen heimiſch, als wären wir alte Bekannte.“ „Als Freund des Oberſten Mac Manus,“ antwor⸗ tete er,„können Sie ſich hier keine Freiheit nehmen, die nicht in hohem Grade willkommen wäre.“ „Das habe ich wirklich erwartet,“ ſagte ich.„Mac und ich,— ich wollte nur, Sie hätten ſein Geſicht ge⸗ ſehen, als ich ihn ſchlechtweg Mac nannte—„Mac und ich waren vor fünf und dreißig Jahren Schul⸗ kameraden; er vergißt mich zwar, aber ich vergeſſe ihn nicht, das wäre mir rein unmöglich. Da fällt mir ge⸗ rade ein, wie der Biſchof Oulahan eines Tages kam, um die Schule zu viſitiren. Mac trat gerade zur Thüre des Lever, O Malley. II. 13 3 194 Refectoriums herein, als der Biſchof hinausgehen wollte. „Deinen Deckel herunter, Du Lümmel, und kniee vor Sr. Hochwürden nieder, damit er Dich ſegnet!“ ſchrie einer der Lehrer den armen Jungen an und verſetzte ihm einen Schlag an den Hut, ſo daß derſelbe in die Ecke flog und etwa zwanzig Birnen, die Mae ſo eben im Garten geſtohlen und in ſeinen Hut geſteckt hatte, im Zimmer umherrollten. O, Sie hätten den Biſchof ſehen ſollen und Mac ſelbſt, ich ſage Ihnen, er war zum Malen. Ja, ja, Sie vergeſſen freilich Alles, aber mir ſteht es noch vor Augen, als wäre es erſt geſtern geſchehen. Dürfte ich um etwas Champagner bititen, Mr. O'Grady? ich bin gewaltig trocken.“ „Recht gern,“ ſagte Darby,„Kellner, Champagner.“ „O, ich ſage Ihnen, mein Freund Mac hatte alle loſen Streiche und Teufeleien im Kopfe, ſo geſetzt und ehrbar er auch jetzt dreinblickt. Deine Geſundheit, Mac: wir bekommen nicht alle Tage in der Woche Champagner.“ Als ich dies ſagte, legte er Meſſer und Gabel weg; ſein Geſicht wurde bis an die Ohren purpurroth, ſeine Augen traten hervor, als wollten ſie aus dem Kopfe brechen, und er drückte beide Hände an ſeine Stirne, als wolle er ſich überzeugen, daß er nicht in einem ſchreck⸗ lichen Traume liege. „Noch ein Stückchen von dem welſchen Hahn,“ ſagte ich,„und dann, O'Grady, werde ich Ihren Hoch⸗ heimer verſuchen. Dies iſt ein Wein, den ich leiden⸗ ſchaftlich liebe, und mein Freund gleichfalls. Freilich kommt er, ehrlich geſtanden, nicht gar zu oft an uns. Da, ſchenten Sie gefälligſt ein und jetzt Darby— ſo heißen Sie ja doch?— werden Sie mir es nicht übel⸗ nehmen, wenn ich einen Toaſt ausbringe. Ich propo⸗ nire alſo die Geſundheit von Mac Manus mit allen Ehren, obſchon es freilich etwas zu früh iſt; aber wir können ja die Sache gelegentlich wiederholen, wenn der Whiskey kommt. Alſo Mac Manus hoch! Und ob⸗ ———B———— 195 ſchon, wie die Leute ſagen, ſeine Frau ihn nicht zum Beſten behandelt, ſondern im Gegentheil ein wenig nie⸗ dechält—“ Hier unterbrach mich ein ſchallendes Gelächter, her⸗ vorgerufen durch den Ausdruck auf dem Geſichte des armen Mac. Er war aufgeſprungen, ſtemmte beide Hände auf den Tiſch und ſtarrte jetzt wie ein Wahnſin⸗ niger in der Runde umher. Mund und Augen waren weit aufgeriſſen und ſeine Haare ſträubten ſich wirklich vor Entſetzen. So blieb er eine volle Minute lang, ſchnappend wie ein Fiſch in einem Netz, das ans Land gezogen wird. Offenbar koſtete es ihn einen harten Kampf, nicht zu glauben, daß er wahnſinnig ſey. End⸗ lich fielen ſeine Augen auf mich; er ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und mit einer vor Wuth zitternden Stimme donnerte er: „Der Schurke, ich habe ihn in meinem Leben nie geſehen.“ Damit ſtürzte er aus dem Zimmer und auf die Straße. Bevor unſer Gelächter ausgetobt, hatte er be⸗ reits Poſtpferde genommen und jagte im geſtreckteſten Galopp gegen Ennis zu. „Später kam er einmal unter die Linientruppen: aber man erzählt ſich, er habe kaum meinen Namen auf der Armeeliſte geſehen, ſo ſey er ſchon wieder um Verſetzung eingekommen; dem ſey, wie ihm wolle, wir haben uns nie wieder getroffen. Ich habe O'Shaugneſſy's Geſchichte hier erzählt, mehr im Andenken an unſer Gelächter darüber, als weil ich ihr einen wirklichen Werth beimeſſe; aber wenn ich mir Stimme, Blick, Ton und Geberdenſpiel des Erzäh⸗ lers vergegenwärtige, ſo kann ich auch jetzt noch kaum umhin, laut aufzulachen. 13* 196 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Der Duero. Nie brach ein Morgen ſchöner an, als der vom 12. Mai 1809. Gewaltige Maſſen nebelhafter Dünſte waren auf die ſternhelle, wolkenloſe Nacht gefolgt, wälz⸗ ten ſich aber eine um die andere dem Meere zu und enthüllten im Vorüberziehen lange Strecken einer reizenden, in reicher, goldener Fluth gebadeten Gegend. Der breite Duero mit ſeinem klaren Strom ſchimmerte wie ein glän⸗ zend gefärbtes Band, in dem er ſich durch die tiefe Ein⸗ faſſung des ſchönſten Grüns ſchlängelte; die dunkelſchat⸗ tigen Berge, welche den Hintergrund bildeten, erſchienen noch größer als ſie waren, während ihre Gipfel ſich mit der gelben Glorie des Morgens überzogen. Die Luft war ruhig und ſtill; ſelbſt der Rauch, der aus der Hütte des Landmanns emporſtieg, ſchien ſich nur ungern durch die wohlduftende Luft hinaufzuarbeiten, und außer dem leiſen Gerieſel des Stromes herrſchte überall Grabesſtille. Die Schwadronen des Vierzehnten, bei welchem ich ſtand, hatten die Straße am Ufer des Fluſſes verlaſſen und ſich, um den Weg abzukürzen, an dem Saum eines dunkeln Fichtenwaldes gezogen. Wir ritten einen ſcharfen Trab, da bereits eine Ordonnanz angelangt war mit dem Befehl, unſere Ankunft möglichſt zu beſchleunigen. In weniger als einer Stunde hatten wir den Ausgang des Waldes erreicht, und als wir auf die Ebene hinaus⸗ ritten, welch ein Anblick trat uns da entgegen! Vor uns, in einem engen Thal, das durch einen ſchmalen Bergrücken vom Fluſſe getrennt war, lagen drei Caval⸗ lerieregimenter vertheilt, ans deren geräuſchloſen Geſticu⸗ lationen und vollkommener Stille wir ſogleich ſchließen konnten, daß ſie zu einem Ueberfalle beſtimmt ſeyen. Weiter ſtromabwärts und auf dem entgegengeſetzten Ufer erhoben ſich die maſſiven Feſtungswerke und hohen Thurm⸗ ſpitzen von Oporto, von deren Gipfeln herab die glän⸗ 197 zende Fahne Frankreichs wehte, während man, ſo weit das Auge reichte, die breiten, dunkeln Truppenmaſſen erblickte, in deren Zwiſchenräumen die blinkenden Rü⸗ ſtungen der Cavallerie, ihre Stahlhauben und Lanzen⸗ ſpitzen in den Sonnenſtrahlen funkelten. Die Bivouac⸗ feuer rauchten noch und bezeichneten den Ort, wo irgend eine Abtheilung der Armee die Nacht zugebracht; denn ſo früh es war, ſo ſah man doch, daß ſie ihre Stel⸗ lung geändert hatte, und eben jetzt zogen die ſchweren Maſſen der Infanterie von Ort zu Ort, während die lange Linie der Straße nach Vallonga durch eine dichte Staubwolke bezeichnet war. Von Zeit zu Zeit verkün⸗ deten uns die franzöſiſchen Trommeln und das leichte Jägerhorn der Infanterie, daß Befehle vertheilt wurden, während die ſchimmernde Uniform eines Stabseffiziers, der aus der Stadt galoppirte, Kunde von der allgemeinen Rüſtung gab. „Abgeſeſſen! Ruhig, ganz ſtill, meine Jungen,“ ſagte der Oberſt, indem er aufs Gras ſprang,„die Mannſchaft ſoll frühſtücken.“ Das kleine Amphitheater, das wir einnahmen, ver⸗ barg uns gänzlich vor den Blicken der Feinde, machte uns aber eben ſo unmöglich, ihre Bewegungen zu beob⸗ achten. Es läßt ſich daher leicht denken, mit welcher Ungeduld wir da warteten, während das Getöſe und Waffengeklirr der Franzoſen, die ſo nahe bei uns Märſche und Gegenmärſche ausführten, vernehmlich zu uns her⸗ übertönte. Indeß war ſtrenger Befehl ertheilt, daß Niemand dem Uſer des Fluſſes ſich nähern ſolle, und ſo harrten wir ſehnlich nach dem Augenblick, der dieſer Unthätigkeit ein Ende machen ſollte. Mehr als Eine rdonnanz war bei uns angekommen und hatte Depeſchen aus dem Hauptquartier überbracht: aber wo unſere Hauptmacht lag, oder wie die Befehle lauteten, das ver⸗ mochte Niemand zu errathen. Was mich betraf, ſo hatte meine Aufregung den höchſten Gipfel erreicht, und meine Nerven waren ſo geſpannt, daß ich kaum ſprechen konnte. Die Offtziere ſtanden in kleinen Gruppen von zwei und drei eifrig flüſternd beiſammen; aber Alles, was ich aus ihrer Unterhaltung entnehmen konnte, war, daß Soult bereits ſeinen Rückzug nach Amarante angetreten habe, und mit dem breiten Dueroſtrom zwiſchen nus, aller Verfolgung Trotz biete. „Nun, Charley,“ ſagte Power, ſeinen Arm auf meine Schulter legend,„die Franzoſen ſind uns diesmal entſchlüpft, ſie befinden ſich bereits auf dem Marſch, und ſelbſt wenn wir im Angeſicht eines ſolchen Feindes einen Uebergang erzwingen wollten, ſo wäre, wie es ſcheint, hier nirgends ein Boot zu finden. Ich habe ſo eben Hammersley geſprochen.“ „Wirklich? wo iſt er?“ fragte ich. „Er iſt nach Villa de Conde zurück. Nach Ihnen fragte er ſehr angelegentlich. Werden Sie nur nicht ſchon wieder roth, Menſch, denn trotz des langen Briefs, den Lucy ihm ſendet, will ich doch zehnmal lieber auf Sie wetten als auf ihn. Der arme Mann iſt ſchwer verwundet, lehnt aber, wie es ſcheint, jede Rückkehr nach England entſchieden ab.“ „Kapitän Power,“ ſagte eine Ordonnanz, an die Mütze greifend,„General Murray wünſcht Sie zu ſprechen.“ Power eilte weg, kehrte aber nach wenigen Augen⸗ blicken zurück. „Charley,“ ſagte er,„jetzt giebt es Etwas. Ich habe ſo eben Befehl erhalten zu unterſuchen, wo der Strom paffirt werden kann. Ich habe dem General Ihren Namen genannt, und ich denke, er wird bald nach Ihnen ſchicken. Leben Sie wohl.“ Ich ſchnallte meinen Säbel um, unterſuchte meinen Gurt und betrachtete die Gruppen um mich her, als plötzlich ein Dragoner herangeſprengt kam und in meiner Naͤhe nach Mr. O'Malley fragte. *„ SHier!“ rief ich. — — 199 „Ordre vom General Murray,“ ſagte der Mann und galoppirte wieder davon. Ich öffnete und ſah, daß die Depeſche an Sir Arthur Wellesley gerichtet war. Auf dem Umſchlag ſtand das Wort: preſſant. Da ich nun aber nicht wußte, welchen Weg ich einzuſchlagen hatte, ſo ſprang ich in den Sattel und galoppirte zum Oberſten Merivale, der mit dem Oberſten eines ſchweren Dragonerregimentes ſprach. „Dürfte ich wohl fragen, auf welchem Weg ich dieſe Depeſche zu beſtellen habe?“ „Sie müſſen am Fluſſe hin, Sir,“ ſagte der Schwere, ein großer, finſterer Mann mit unfreundlichem Blicke, „Sie werden dann bald unſere Truppen ſehen; aber ſputen Sie ſich, ſonſt möchte Sir Arthur nicht zum Beſten mit Ihnen zufrieden ſeyn.“ Ohne auf die nach meiner Anſicht völlig unnöthige Beleidigung eine Antwort zu wagen, gab ich meinem Pferd die Sporen und wandte mich dem Fluſſe zu. Kaum hatte ich das Ufer erreicht, als der laute Knall einer Muskete in mein Ohr tönte; paff, krachte ein zweiter und daun ein dritter Schuß. Nur auf meine Sendung und ihre dringende Eile bedacht, ritt ich indeß in ge⸗ ſtrecktem Galopp weiter. Als ich mich um eine Biegung des Stromes wandte, kam mir die große Maſſe des engl'ſchen Heeres zu Geſicht, aber kaum hatte mein Auge auf ihr geruht, als mein Pferd ſtrauchelte, zweimal mit dem Kopfe beinah die Erde berührte, ſodann wie raſend aufſprang und endlich rücklings zu Boden ſtürzte. Zer⸗ ſtoßen und zerquetcht, wie ich durch meinen Fall war, ſah ich gleichwohl die Nothwendigkeit einer bedeutenden Kraftanſtrengung ein, denn als ich mich von dem armen Thiere losmachte, ſah ich, daß es durch eine Kugel zwi⸗ ſchen Hals und Bug getödtet war, und kaum war ich wieder auf meinen Beinen, als eine Kugel meinen Tſchako traf und meine Schläfe ſtreifte. Schnell warf ich mich zu Boden, kroch dann einige Schritte vorwärts, erreichte endlich eine kleine Anhöhe und glitt von dieſer in eine Vertiefung hinab, wo ich durch das Ufer vom franzö⸗ ſiſchen Feuer geſchützt war. Als ich im Hauptquartier ankam, war ich ſchrecklich müde und erhitzt; aber entſchloſſen nicht eher zu ruhen, als bis ich meine Depeſche abgegeben hätte, eilte ich nach dem Kloſter La Sierra, wo, wie man mir ſagte, der Ober⸗ general war. Der Kloſterhof war mit Generälen und Stabsoffi⸗ zieren angefüllt, und ich wollte eben fragen, wohin ich mich zu wenden habe, als Hirley mich erblickte. „Nun, O'Malley, was führt Sie hieher?“ „Depeſchen vom General Murray.“ „Wirklich? So folgen Sie mir ſchnell.“ Raſch führte er mich durch die wogende Menge, ſodann eine große, finſtere Treppe hinauf und in ein Zimmer, wo etwa zehn Männer in Uniformen an einem Brettertiſch ſaßen und ſchrieben. „Kapitän Gordon,“ ſagte er zu einem von ihnen, „dieſer Offizier hat Depeſchen überbracht, die augenblick⸗ liche Abfertigung erheiſchen“ Bevor er noch ausgeſprochen hatte, öffnete ſich die Thüre und ein kleiner, ſchmächtiger Mann in grauem Oberrock, mit weißer Halsbinde und dreieckigem Hut trat ein. Das Grabesſchweigen, das ſogleich erfolgte, war nicht nöthig, um mir zu verkündigen, daß er ein Mann von hoher Bedeutung ſey. Das gekbietende Ausſehen ſeiner kühnen, ſtrengen Züge, das ſcharfe, durchdringende Auge, die zuſammengepreßten Lippen, der imponirende Ausdruck des ganzen Geſichtes, Alles ſagte mir, daß er ein Mann ſey, der ſowohl ſich ſelbſt als Andere zu be⸗ herrſchen verſtehe. „Senden Sie den General Sherbroke hierher,“ ſagte er zu einem Adjutanten;„laſſen Sie die leichte Brigade vorrücken“, ſodann wandte er ſich plötzlich zu mir und fragte:„Von wem kommen dieſe Depeſchen?“ „Vom General Murray, Sir.“ 201 Der Blick, womit er dieſe Frage an mich gerichtet, genügte mich zu verſichern, daß er der Mann ſey, von dem ich ſo viel gehört hatte und von dem die Welt noch ſo unendlich mehr hören ſollte. Er öffnete die Depeſche ſchnell, überſchaute Ihren Inhalt und zerknitterte das Papier in der Hand. Hiebei machte ein Blutfleck auf dem Umſchlag ſeine Aufmerkſam⸗ keit rege. „Was iſt das? Sind Sie verwundet?“ „Nein, Sir, mein Pferd wurde getödtet—“ „Gut, begeben Sie ſich zu Ihrer Brigade; doch warten Sie, ich habe Aufträge für Sie. Nun Waters, was Neues?“ Dieſe Frage war an einen Stabsoffizier gerichtet, der eben eintrat, gefolgt von einem kurzen, dicken Mönche, deſſen geſchornes Haupt und ſchlotternde Kutte einen ſelt⸗ ſamen Contraſt gegen das prächtige Geflimmer der Uni⸗ formen um ihn her bildete. „Wer iſt das?“ „Der Prior von Amarante, Sir„“ erwiederte Wa⸗ ters,„der ſo eben herübergekommen iſt. Durch ſeine Vermittlung haben wir bereits drei große Barken er⸗ halten.—“ „Laſſen Sie die Artillerie ſogleich im Kloſter Poſi⸗ tion nehmen,“ unterbrach Sir Arthur.„Die Boote ſollen nach der kleinen Bucht an dem Obſtgarten ge⸗ bracht werden. Sie, Sir,“ fuhr er gegen mich fort, „werden dem General Murray dieſe Depeſche— doch Sie ſcheinen ja ganz erſchöpft; alſo, Gordon, benach⸗ richtigen Sie Murray, daß er bei Avintas mit den Deutſchen und dem 14ten den Uebergang verſuchen ſoll. Sherbroke's Diviſion wird die Villa Nuova beſetzen. Wie viel Mann kann das Seminar aufnehmen?“ „Drei bis vierhundert, Sir. Der Pater meint, die ganze Aufmerkſamkeit des Feindes beſchränke ſich auf den Fluß unterhalb der Stadt.“ „Ich ſehe es,“ war Sir Arthurs Antwort, indem er die Hände nachläßig auf den Rücken legte, nach dem Fenſter ging und auf den Fluß hinausſchaute. Todesſtille herrſchte im Rathe: keine Lippe mur⸗ melte; die Ehrfurcht vor dem Manne, in deſſen Nähe wir ſtanden, unterdrückte jeden Gedanken an eine Aeu⸗ ßerung, während der zermalmende Ernſt der bevor⸗ ſtehenden Ereigniſſe alle Gemüther zum Nachdenken ſtimmte und die Herzen beklemmte. Ich ſtand nahe am Fenſter; die Wirkung meines Falles hatte mich auf einige Zeit betäubt, aber allmälig erholte ich mich wieder und betrachtete mit ängſtlicher Sorgfalt die Szene vor mir. So groß und innig mein Intereſſe für Alles war, was draußen vorging, ſo ſtand es doch in keinem Vergleich mit meinen Empfindungen beim Anſchauen des Mannes, von welchem unſer Schickſal jetzt gelenkt wurde. Ich hatte Zeit genug, ſein Geſicht auf das Ge⸗ naueſte zu beobachten und mir alle ſeine Züge zu merken. Nie zuvor hatte ich eine ſo vollendete Leidenſchaftsloſig⸗ keit erblickt; der kalte, entſchloſſene Ausdruck war durch keine Kundgebung von Zorn oder Ungeduld geſtört. Alles war ſtarr, regungslos, und wie auch der Geiſt in ihm arbeiten mochte, kein äußeres Zeichen verrieth es. Und doch, welch ein Augenblick mußte dies für ihn ſeyn! Vor ihm, getrennt durch einen tiefen, reißenden Strom, lagen die ſiegreichen Legionen Frankreichs, geführt von einem Manne, der nur allein ihm nachſtand, deſſen Name ſchon eine Siegesgewißheit zu enthalten ſchien. Ohne alle regelmäßigen Transportmittel, bei hellem Tag, im Angeſicht der geſchloſſenen Reihen und don⸗ nernden Artillerie des Feindes wagte er die That. Wie groß mußte ſeine Zuverſicht auf die Soldaten ſeyn, die er befehligte! wie groß ſein Vertrauen auf den eigenen Genius! waͤhrend ſolche Gedanken mir durch die Seele ſtrömten, öffnete ſich die Thüre; ein Offizier trat eiligſt ein, flüſterte dem Oberſt Waters einige Worte ins Ohr und entfernte ſich dann wieder. „Ein Boot iſt bereits nach dem Ueberfahrtsplatze —æx 2⁰3 gebracht und durch die Mauer des Obſtgartens gänzlich verdeckt,“ ſagte Waters. „So laſſen Sie die Mannſchaft überfahren,“ war die kurze Antwort. Kein anderes Wort wurde geſprochen, während er ſich vom Fenſter wegwendend, ſein Telescop ſchloß und gefolgt von allen Andern, in den Hof hinabſtieg. Dieſer einfache Befehl war genug; ein Ofſtzier mit einer Compagnie der Gelben ſtieg ein und ſo begann die Ueberfahrt über den Duero. So verſunken war ich in meine Anſchauung des Feldherrn, daß ich gerne im Kloſter zurückgeblieben wäre, hätte ich nicht eben jetzt Befehl erhalten zu mei⸗ ner Brigade zurückzukehren, mit der eine Abtheilung Artillerie ſich zu vereinigen im Begriffe ſtand. Als ich Avintas erreichte, war Alles in groͤßter Bewegung. Die Cavallerie ſtand zunächſt am Fluſſe, aber noch immer entdeckte man keine Boote, und ſo groß war die Ungeduld der Mannſchaft, daß man ſie nur mit Mühe abhalten konnte hinüber zu ſchwimmen, als plötzlich Power mit mehreren Fiſchern erſchien. Drei oder vier kleine Fahrzeuge waren, halb verſunken im Koth, zwiſchen den Binſen entdeckt worden„ und mit ſolchen elenden Mitteln begannen wir überzuſetzen. „Wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo gibt es jetzt bald Etwas nach Galway zu ſchreiben,“ ſagte Fred, als er zu mir ins Boot ſprang;„war ich nicht ein guter Prophet, als ich Ihnen verkündete, wir werden noch heute mit den Franzoſen zuſammentreffen?“ „Da ſind ſie ja ſchon,““ rief Hirley, indem ein Knäuel blauen Rauches von unten über den Fluß her⸗ überkam und das laute Gekrache einer großen Kanone die Luft erſchütterte. Hierauf erhob ſich ein betäubendes Geſchrei, gefolgt von einer raſſelnden Salve aus kleinen Gewehren, die allmälig zu einem hitzig unterhaltenen Feuer anwuchs und nur von Zeit zu Zeit vom Knall der Kanonen über⸗ à 2⁰4 täubt wurde. Am Fluſſe hin lagen verſchiedene große Wieſen, wo unſere Brigade aufgeſtellt wurde, als die Boote landeten, und hier, obſchon noch beinah eine Stunde von der Stadt entfernt, hörten wir jetzt das mit jeder Minute anwachſende Geräuſch und Getöſe der Schlacht. Die Kanonade aus dem Sierrakloſter, anfangs nur das Feuer einzelner Stücke, donnerte jetzt in langem ununterbrochenem Gerolle, worein ſich das Gekrache fallender Mauern und einſtürzender Dächer miſchte. Aus dem anhaltenden Feuer überzeugten wir uns, daß die Landung vollbracht ſei, während die ſchwel⸗ lende Flut des Musketenfeuers uns anzeigte, daß mit jedem Augenblick neue Truppen herankamen. In weniger als zwanzig Minuten war unſere Bri⸗ gade formirt, und wir warteten nur noch auf die Lan⸗ dung zweier Vierpfünder, als ein Offtzier eiligſt heran⸗ ſprengte und mit dem Ruf: Die Franzoſen ſind auf dem Rückzug! nach der Straße von Vallonga zeigte, wo wir eine lange Rauch⸗ und Staublinie von der Stadt her ſahen, durch welche die Farben des Feindes durchſchim⸗ merten, während die ununterbrochene Linie von Muni⸗ tions⸗ und Bagagewägen bewies, daß es keine verein⸗ zelte Bewegung war, ſondern daß die ganze Armee ſich zurückzog. „Vierzehntes Regiment, drei Mann hoch, Glieder geſchloſſen, Trab!“ rief die laute, mannhafte Stimme unſeres Führers, und das ſchwere Getrappel unſerer Schwadronen erſchütterte den Boden, als wir die Straße nach Vallonga zu ritten. Bei unſerer Annäherung wurde die Szene immer aufregender und überwältigender; die Maſſen der Feinde, die ſich unaufhörlich aus der Stadt zogen, konnten jetzt deutlicher unterſchieden werden, und zwiſchen all dem Getöſe der Munitionswägen und Geſchütze, erſchollen laut die Stimmen der Stabsoffiziere, die an den zurück⸗ weichenden Bataillonen hinunter jagten. Eine Abthei⸗ lung fliegender Artillerie galoppirte in der größten —O—— 20⁵ Schnelligkeit daher, warf mit Blitzeseile ihre Kanonen in Poſition und bereitete ſich vor, durch ein Seitenfeuer den Rückzug der Ihrigen zu decken. Die Kanoniere ſprangen von ihren Sitzen, die Kanonen wurden bereits geprotzt, als Sir George Murray zu unſerer Linken heranritt und rief:— „Vorwärts! die Reihen geſchloſſen! greift an!“ Kaum war das Wort geſprochen, als ein lautes Freudengeſchrei dem willkommenen Befehl antwortete, und in demſelben Augenblick bewegte ſich die lange Linie funkelnder Helme mit der Schnelligkeit eines Wirbel⸗ windes vorwärts; mit jedem Schritt verdoppelte ſich die Eile, die Glieder wurden immer dichter und dichter, und mit der furchtbaren Gewalt einer mächtigen Maſchine ſtürzten wir über die Feinde her. Ich habe die ganze jauchzende Begeiſterung einer Fuchsjagd empfunden, wenn das Freudengeſchrei des Hundes, beantwortet durch den Jubelruf fröhlicher Jäger, die innerſte Seele aufregte; aber bis jetzt hatte ich nicht gewußt, wie weit hoͤher die Aufregung ſteigt, wenn wir Mann gegen Mann, Säͤbel gegen Säbel, Arm gegen Arm auf dem Schlacht⸗ felde dahin ſtürmen. Voran, vorwärts drangen wir, denn der laute Commandoruf klang uns fortwährend in den Ohren. Eine ununterbrochene unregelmäßige Salve von den franzöſiſchen Kanonen erſchütterte die Spitze unſerer Colonne, hielt uns aber nicht auf in unſerem tollen Vordringen. Von nun an habe ich keine klare Erinnerung mehr: das Getöſe, der Dampf, das Gekrache,— der Ruf um Gnade untermiſcht mit übermüthigem Siegesjauchzen,— der fliehende Feind,— das Geächze der Verwundeten, Alles das hat ſich in meinem Kopfe verwirrt, aber keine Spur von Klarheit oder Zuſammenhang zurück⸗ gelaſſen, und erſt, als die Colonne ſich hinter den vor⸗ rückenden Schwadronen aufs Neue formirte, erwachte ich aus meiner wahnſinnähnlichen Aufregung und be⸗ 206 merkte, daß wir die Poſition genommen und die feind⸗ liche Artillerie abgeſchnitten hatten. „Bravo, Vierzehntes!“ rief ein alter, grauköpfiger Oberſt, als er an unſerer Linie herabritt,„habt Euch tapfer gehalten, meine Jungen!“ das Blut tröpfelte aus einem Saͤbelhieb über ſeiner Schläfe herab, aber er wußte es entweder nicht, oder achtete er nicht darauf. „Dort brechen die Deutſchen hervor,“ rief Power, auf den Reſt unſerer Brigade deutend, der wüthend über die franzöſiſche Infanterie herfiel und ſie in Maſſe zu Boden ritt. Inzwiſchen kamen unſere Kanonen an und ein ver⸗ heerendes Feuer wurde auf die dichtgedrängten Reihen des abziehenden Feindes eröffnet; das Blutbad muß furchtbar geweſen ſeyn, denn lange Lücken in ihren Linien zeigten die Plätze an, wo die Cavallerie durch⸗ gebrochen war oder die mörderiſchen Kanonenſalven ge⸗ fegt hatten. Die Eile der fliehenden Colonnen nahm jetzt mit jedem Augenblick zu; die Straßen wurden nunmehr auch durch zerbrochene Wägen und Verwun⸗ dete verſperrt, und um die Noth der ſich zurückziehenden Colonnen zu vollenden, wurde von der Stadt aus ein verderbliches Feuer auf ſie eröffnet, während die Bri⸗ gade der Garde und das 29te Regiment dem Nachtrab ſcharf zuſetzten. Jetzt wurde die Szeue über alle Beſchreibung auf⸗ regend und wild. Von den Wällen Oportos ſtrömte die engliſche Infanterie zur Verfolgung hervor, während der ganze Fluß mit Böten beſetzt war, die unaufhörlich neue Truppen überſetzten. Von der Sierra herab donnerte die Artillerie, um die Landung zu ſchützen, die an einigen Orten ſtreitig gemacht wurde; die Cavallerie endlich, die in der Flanke angriff, ſtürmte durch die gebrochenen Glieder und ſprengte die Carrés.. Gerade in dieſem Augenblick, als der Sieg ſich auf's Entſchiedenſte für uns auszuſprechen ſchien, er⸗ hielten wir Befehl zum Rückzug. Colonne an Colonne 207 zog unbeläſtigt und unbehelligt an uns vorüber, nicht einmal ein Kanonenſchuß hielt ſie in ihrem Laufe an. Eine unerklärliche Aengſtlichkeit von Seiten unſeres Generals veranlaßte dieſe Bewegung und während vor unſern Augen die tapfere Infanterie den zurückweichen⸗ den Colonnen hart zu Leibe ging, mußten wir ſtill und thatlos ſtehen bleiben. Welch ſchlechten Erſatz bot uns jetzt das Bewußt⸗ ſeyn des bereits errungenen Lobes für die Scham und die Entrüſtung, die uns durchglühten, als wir mit brennenden Wangen und zuſammengepreßten Lippen zu⸗ ſehen mußten, wie die feindlichen Linien an uns vor⸗ überzogen, Was kann er meinen? Sollie da nicht ein Mißverſtändniß obwalten? Werden wir nicht noch ein⸗ mal angreifen? murmelte es rings umher, als ein Stabs⸗ offizier mit dem Befehl heranſprengte, weiter rückwärts und näher dem Fluſſe Poſto zu faſſen. Kaum war das Wort ausgeſprochen, als ein junger Offizier in Generalsuniform wild auf uns zujagte. Er ſchwang ſeinen Federhut hoch empor und rief:„Vier⸗ zehntes, mir nach! Links ſchwenkt Euch, vorwärts— greift an!“ Wie der Blitz waren wir dem Feind im Nacken. Der franzöſiſche Nachtrab befand ſich in dieſem Augen⸗ blick am engſten Theil der Straße, welche ſich durch eine Brücke auf eine große Ebene öffnete, ſo daß wir, eine dichte Fronte bildend und durch die Abſchüſſigkeit des Bodens begünſtigt, ſie im eigentlichen Sinne des Wortes niederritten. Zweimal formirten ſich die Fran⸗ zoſen und zweimal wurden ſie geſprengt. Mittlerweile war das Blutbad auf beiden Seiten ſchrecklich; unſere Leute ſtürmten wie raſend auf die dichteſten Haufen der Feinde ein, die Franzoſen aber wehrten ſich mit dem hartnäckigen Muth von Männern, die für ihr letztes Fleckchen Land fochten. So ungeſtüm war der Angriff unſerer Schwadronen, daß wir nicht eher anhielten, bis wir die Linie gänzlich durchbrochen hatten und auf der 208 Ebene jenſeits anlangten. Hier ſchwenkten wir und wollten eben einen neuen Sturm unternehmen, als plötz⸗ lich einige Schwadronen Küraſſiere von der Straße her⸗ vorbrachen und unterſtützt von einem Feldſtück, gegen uns Front machten. Dies war der Augenblick, wo der Reſt der Brigade uns hätte zu Hülfe kommen ſollen; aber kein Mann zeigte ſich. Inzwiſchen war keine Zeit zu verlieren, denn ſchon begann das verheerende Feuer des Vierpfünders unſere Reihen zu lichten, und mit jeder Minute wuchs unſere Gefahr. „Noch einmal, meine Jungen, vorwärts!“ rief unſer tapferer Führer, Sir Charles Stewart, indem er ſeinen Säbel ſchwingend, ſich in das dichteſte Gewühl ſtürzte. So plötzlich war unſer Angriff, daß wir den Feind erreichten, bevor er vorbereitet war. Und nun folgte ein furchtbarer Kampf; denn da die Cavallerie vor uns zurückwich, ſo ſtießen wir in halber Piſtolenweite auf die geſchloſſenen Reihen der Infanterie, die eine ver⸗ nichtende Salve uüber uns ergoß. Aber was hätte den Alles verheerenden Strom unſerer Tapfern aufzuhalten vermocht, obſchon ſie mit jedem Augenblick in Schaaren zuſammenſtürzten. Harvey, unſer Major, verlor ſeinen Arm oben an der Schulter; kaum ein einziger Offizier blieb unver⸗ wundet. Power erhielt von einem Adjutanten des Ge⸗ nerals Foy einen tiefen Säbelhieb in die Wange, zum Lohn für eine Wunde, die er dem General ſelbſt beige⸗ bracht hatte. Ich ſelbſt bekam, als ich den General Laborde, der ſein Pferd verloren hatte, zu retten ſuchte, einen ſolchen Hieb durch den Helm, daß mir ſogleich alles Bewußtſeyn ſchwand; ich behauptete zwar meinen Sattel, aber mein erſter Schimmer von Vernunft ſtellte ſich erſt wieder ein, als ich am Ufer des Fluſſes lag⸗ wo mein getreuer Mickey meine Schläfe mit Waſſer wuſch und ein wahres Feuer von Wehklagen unterhielt, daß ich ſo jung gemordet worden ſey. 209 „Sind Sie jetzt beſſer, Mr. Charles? Ach, ſprechen Sie doch mit mir; ſagen Sie mir, daß Sie noch nicht todt ſind, mein beſter, liebſter Mr. Charles. Ach, was ſoll ich unſerem Herrn ſagen? Und Sie haben ſich ſo brav gehalten! Er würde das beſte Pferd aus ſeinem Stalle geben, wenn er Sie heute hätte ſehen können. Da nehmen Sie einen Schluck; es iſt freilich blos Waſſer. Die verdammten Franzoſen! es iſt eine ver⸗ wuͤnſcht ſchwere Arbeit, ſie zu ſchlagen; erſt jetzt ziehen ſie ab. So iſt's recht; nun komnten Sie doch wieder zu ſich.“ „Wo bin ich, Mickey?“ „Hier, mein liebſter Herr, hier ruhen Sie aus.“ „Ach, Charley, armer Junge, auch Sie ſind übel zugerichtet,“ rief Power, nindem er ſich ſein Geſicht mit Bandagen und Blut bedeckt, neben mich in's Gras legte.„Es war ein ſchöner Tag, aber er iſt uns theuer zu ſtehen gekommen. Der arme Hirley—“ „Was iſt mit ihm?“ fragte ich ängſtlich. „Der arme Mann hat ſein letztes Schlachtfeld ge⸗ ſehen. Er ſtürzte über mich her, als wir auf die Straße hinauskamen. Ich nahm ihn in meine Arme und trug ihn etwa fünfzig Schritte weit; aber er war ſchon ganz todt. Kein Seufzer, kein Wort entfuhr ihm; eine Kugel hatte ſeine Stirne zerſchmettert.“ Bei dieſen Worten zitterten ſeine Lippen, und zuletzt verlor ſich ſeine timme nur noch in ein Geflüſter.„Sie erinnern ſich, was er geſtern Nacht ſagte? der arme Mann, er war jeden Zoll ein Soldat.“ 8 Dies war ſeine Grabſchrift. Ich wandte meinen Kopf nach der Scene des letzten Kampfes; nur einige demontirte Kanonen und zerbro⸗ chene Wägen bezeichneten den Platz, während weit in der Ferne der Staub der zurückweichenden Colonnen von dem geſchlagenen Feind zeugte, welcher den Grenzen Spaniens zueilte. — Lever, O'Malley. II. 14 210 Sechsundvierzigſtes Kapitel⸗ Der Morgen. Es gibt wohl nichts Traurigeres auf Erden, als den Tag nach einer Schlacht. Die flammende Hoffnung, der hochaufjauchzende Muth ſind entſchwunden, und an ihrer Statt kommt jetzt der ſchwer laſtende Gegendruck, der auf jede Ueberreizung folgt. Mit ganz andern Augen betrachten wir die dichten Glieder und die glänzenden Reihen auf muthigem Pferd, mit Lanze und Schwert und wogenden Federbüſchen;. und die kalte, öde Haide, die als einzige Erinnerung an das Vergangene den blutbefleckten Raſen, zermalmte Leichname, zerbrochene Geſchütze, zertrümmerte Mauern, die wohlgeſtampfte Erde, wo die Colonnen geſtanden; den aufgewühlten Grund, wo die Cavallerie ihren An⸗ griff gemacht, den entſetzten Blicken darbietet. Das ſind die troſtloſen Ueberbleibſel all des Ritterthumes von Geſtern. *** *** 4**** Der Morgen, der auf die Schlacht am Duero folgte, war einer der ſchönſten, deren ich mich zu erin⸗ nern vermag. Die Luft hatte jene Friſche und Elaſti⸗ eität, die gewiſſe Tage auszeichnen, und die kraft eines magiſchen Einfluſſes, ihre Eigenſchaften auch uns mit⸗ theilen. Die Droſſel ſang fröhlich aus jedem Gebüſch und aus jedem Gehölz; der Fluß ſchien munter an ſeine ſchilfigen Ufer anzuplätſchern; die Blätter funkelten im friſchen Thau wie in ihren Feſtgewändern, Alles ſah heiter und glücklich aus. Wir ſtanden in der Nähe des Fluſſes auf einer ſanften Anhöhe, von wo ſich die Ausſicht meilenweit 211 nach jeder Richtung hin erſtreckte. Ueber uns wand ſich der Strom durch breite, fruchtbare Felder mit hohem Gras und wogendem Korn, und im Hintergrund lagen melancholiſch düſtere Wälder; unterhalb ſtrömte der Fluß, der immer breiter wurde, in einer geraderen Richtung oder machte kühnere Biegungen, bis er, an der Stadt vorüberfließend, ſich in eine große, ſpiegel⸗ helle Waſſerfläche ausdehnte und in das Meer ergoß. ie Sonne ſtieg eben empor, als ich dieſe herrliche Scene betrachtete, und ſchon waren die hohen Thurmſpitzen Oportos mit einem glänzenden, roſtgen Scheine gefärbt, während die maſſiven Feſtungswerke und düſtern Mauern ihre langen Schatten auf die Ebene hinabwarfen. Die Bivouacfeuer brannten noch, aber Alles um ſte her ſchlief. Kein Laut war zu hören, außer manchmal der Schritt einer Patrouille oder der kurze, ſchnelle Nuf einer Schildwache. Ich ſaß in Betrachtungen ver⸗ loren, oder vielmehr in jenem Zuſtand träumeriſcher Nachdenklichkeit, worin Gegenwart und Vergangenheit ſich verſchmelzen und die abweſenden Dinge ebenſo klar ber uns ſtehen, wie diejenigen, die wir neben uns er⸗ icken. ſich dem Manne zu, deſſen Name nun bald in England mit dem Gefühle dankbaren Nationalſtolzes genannt in einen Reitermantel gehüllte Geſtalt, in der ich bald meinen Freund Power erkannte. 3 14 „Charley,“ ſagte er halbflüſternd,„ſtehen Sie auf und kommen Sie mit mir. Sie kennen den Generalbe⸗ fehl, welcher verbietet, während der Verfolgung des Feindes den Todten militäriſche Ehren zu. bezeugen; aber wir wollen doch unſern armen Kameraden in die Erde legen, bevor wir wieder aufbrechen. Ich folgte ihm auf einem Fußweg durch einen hohen Buchenhain, der ſich auf eine kleine, graſigte Te⸗ raſſe neben dem Fluſſe öffnete. Ein verkrüppelter Oli⸗ venbaum ſtand in der Mitte, und dort traf ich noch fünf andere Kameraden, alle in ihre weiten Mäntel gehüllt. Kein Wort wurde geſprochen, als wir einander die Hände drückten; jedes Herz war voll und harte Ge⸗ ſichter, die nie vor dem Feinde gebebt, zeigten ſich hier von krampfhaftem Schmerze erſchüttert, oder ſtreng zu⸗ ſammengezogen in dem feſten Entſchluß ruhig zu er⸗ ſcheinen. 5 Ein Reiterhelm und ein blauer Mantel lagen auf dem Graſe. Dicht daneben war die ſchmale Gruft be⸗ reits gegraben, und in der Todtenſtille rings umher wurde das Trauergebet verleſen; die letzten Worte verhallten, wir beugten uns nieder und legten den in den weiten Mantel gehüllten Leichnam in die Erde, ſodann warfen wir wieder Erde zu und ſtanden ſchweigend an der ge⸗ weihten Stelle. In dieſem Augenblick ertönte die Trom⸗ pete unſers Regiments; ihre klaren Klänge drangen ſcharf durch die dünne Luft:— es war des Kriegers Requiem! Schweigend wandten wir uns ab und kehrten nach unſern Quartieren zurück. Ich hatte den armen Hirley erſt vor einigen Tagen kennen gelernt; aber dennoch war mein Schmerz um ihn tief und innig. Nicht als ob ſein offenes, männ⸗ liches Benehmen, ſeine kühne, militäriſche Art und Weiſe ſo tiefen Eindruck auf mich gemacht hätte. Nein, dies waren allerdings Eigenſchaften, die mich anzogen und entzücktenz aber er hatte meine Zuneigung dau⸗ —— — 213 ernder und feſter zu feſſeln gewußt; er hatte zu mir von der Heimath geſprochen! Von allen Banden, die uns an zufällige Bekannt⸗ ſchaften knüpfen, gibt es keines, das dieſem einen gleich⸗ käme. Welche Anſprüche auf unſere Liebe hat nicht der⸗ jenige, der durch ein zufälliges Wort, durch einen ſchnell vorüberfliegenden Gedanken, die Tage der Jugend in uns zurückzurufen vermag! Welches Intereſſe kann er nicht durch irgend eine Anekdote aus unſern Knabenjahren, durch irgend einen wohl im Gedächtniß verwahrten Zug jugendlicher Kühnheit oder kindiſchen Unternehmungs⸗ geiſtes erwecken? Manches Jahr von Sturm und Son⸗ nenſchein iſt über meinem Haupte dahingegangen; ich war nicht ohne Augenblicke des befriedigten Stolzes und belohnten Ehrgeizes, aber nie hat mein Herz ſo voll, ſo dankbar, ſo ſtolz geſchlagen, als bei den einfach rüh⸗ renden Worten eines Menſchen, der die Stätte meiner Jugend kannte und ihre Bewohner liebte. „Nun, Fitzroy, etwas Neues?“ fragte ich, aus meinen Betrachtungen auffahrend, als ein Adjutant ventre à-terre vorbeigaloppirte. „Sagen Sie, Merivale, er ſoll das Regiment ſo⸗ gleich unter Waffen treten laſſen; Sir Arthur Wellesley wird vor einer halben Stunde hier ſeyn. Sie können ſich alsbald auf den Marſch gefaßt halten. Wo cam⸗ piren die Deutſchen?“ 1 „Weiter unten; am Buchenwäldchen dort, dicht am Fluſſe.“ Kaum hatte ich dieſe Antwort gegegeben, als er ſeinem Pferd die Sporen eindrückte und alsbald aus meinen Blicken entſchwand. Mittlerweile bereitete ſich auf der Ebene unter mir ein belebtes, prachtvolles Schauſpiel. Die verſchiedenen Corps ſtellten ſich bei der Muſik eines muntern Marſches in Ordnung, die Trom⸗ peten der Cavallerie erklangen luſtig durch das Thal, und das Raſſeln der Saͤbel, vermiſcht mit dem hohlen Geſtampfe der Pferde, als die Schwadronen heranrück⸗ ten, vervollſtändigte das Concert. Ich hatte keinen Augenblick zu verlieren und eilte daher in mein Quartier zurück, wo Mickey bereits mit meinem Pferd auf mich wartete. „Kapitän Power iſt vorausgeritten, Sir,“ agte er, „und Sie haben Eile; die Regimenter ſtehen bereits unter den Waffen.“ Von der kleinen Erhöhung aus, wo ich ſtand, konnte ich die lange Linie der Cavallerie überblicken, wie ſie ſich im Thale ausdehnte, gefolgt von der fliegenden Ar⸗ tillerie, welche den Nachtrab bildete. „Dies ſieht aus, wie ein Marſch,“ dachte ich, indem ich raſch vorwärts jagte, um zu meiner Compagnie zu gelangen. Kaum war ich hundert Schritte in einem engen Hohlweg fortgeritten, als der abgemeſſene Schritt von Infanterie an meine Ohren ſchlug. Sogleich hielt ich zu einem langſamen Schritte an, juſt da die Spitze einer Colonne um die Straßenecke bog und mir zu Geſicht kam. Die hohen Mützen einer Grenadierkompagnie waren das Erſte, was ich erblickte, als ſie ohne Trommelwirbel und Pfeifenklang einherkamen. Mit Soldatenſtolz be⸗ trachtete ich den männlichen Anſtand und richtigen Schritt der dichten Maſſe, die an mir vorübermarſchirte; zugleich aber ſiel mir ſehr auf, daß in dieſen feſten Blicken eine gewiſſe Niedergeſchlagenheit lag. „Was mag das bedeuten?“ dachte ich. Meine erſte Anſicht war, es ſolle vielleicht eine militäriſche Erecution ſtattfinden; aber ſchon der nächſte Augenblick löste meinen Zweifel, denn, als die letzten Reihen der Grenadiere ſich ſchwenkten, kam hinten eine dichtgedrängte Maſſe zum Vorſchein, deren unbewaffnete Hände und betrübte Mienen deutlich genug Kriegsge⸗ fangene ankündigten. Was fuͤr ein trauriger Anblick war das! Da ſah man den alten, verwitterten Grenadier, shoch aufge⸗ 215 richtet von Geſtalt und feſten Schrittes, mit einem grauen Schnurrbart, welcher kaum den Hohn verbarg, der ſeine Lippen ſchwellte, zuſammengefeſſelt mit dem jungen, kecken Rekruten, der noch ein bloßer Knabe war; ihr Marſch war regelmäßig, ihr Blick feſt; nirgends eine Spur von wankendem Muthe: ſie zogen in einer langen, ununterbrochenen Linie einher und blickten nicht weniger ſtolz darein, als diejenigen, in deren Gefangenſchaft ſie gerathen waren. Als ich mit ſchwerem Herzen ſie be⸗ trachtete, ſiel mir einer auf, der allein hinter den an⸗ dern ging. Er war ein hübſcher Jüngling, mittlerer Größe und höchſtens achtzehn Jahre alt; ſein leichter Helm mit der wehenden Feder bezeichnete ihn als einen berittenen Jäger, und aus ſeiner nachläßigen, halb⸗ trotzigen Haltung konnte ich deutlich erſehen, mit welchem Unwillen er ſich in die Lage fand, worein das Kriegs⸗ geſchick ihn verſetzt hatte. Er bemerkte meine ſcharfe Beobachtung und erwiederte ſie anfangs durch einen Blick offener, unverkennbarer Herausforderung, indem er ſich zu ſeiner ganzen Höhe aufrichtete und ſeine Arme über der Bruſt kreuzte; weil er aber in meinem Blick vermuthlich mehr Theilnahme als Frohlocken las, än⸗ derte ſich plötzlich der Ausdruck ſeines Geſichtes; eine tiefe Röthe überzog ſeine Wangen, ſein Auge ſtrahlte ſanft, beinahe kindlich, er ſalutirte mich mit der Hand an dem Helm und ſagte mit einer ungemein anſprechen⸗ den Stimme:„Ich wünſche Ihnen ein beſſeres Schickſal, Kamerad!“ Ich verbeugte mich, murmelte Etwas zur Erwie⸗ derung und wollte mich eben näher über ihn erkundi⸗ gen, als lauter Trompetenklang im Thale mich erinnerte, daß ich über meiner Theilnahme an den Gefangenen alles Andere vergeſſen hatte und mir vermuthlich einen Tadel wegen meiner Abweſenheit zuzog. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Die Revüe. Als ich zur Gruppe meiner Kameraden kam, die fröhlich lachend und ſchwatzend vor unſern Linien ſtan⸗ den, war ich höchlich überraſcht, ja beinahe empört da⸗ rüber, daß die traurige Pflicht, die wir dieſen Morgen vollzogen hatten, ſo wenig Eindruck auf ſie gemacht zu haben ſchien. Bei unſerem letzten Zuſammentreffen waren alle Blicke niedergeſchlagen, alle Herzen voll geweſen; Trauer um den verlornen Freund, verbunden mit dem ahnungs⸗ vollen Bewußtſein der Ungewißheit unſers eigenen Schick⸗ ſals hatte ſich auf jeder Stirne ausgedrückt und jetzt, kaum nach einer halben Stunde, waren alle munter und vergnügt. Die letzte Schaufel voll Erde auf das Grab ſchien ſowohl den Todten als die Trauer verſcharrt zu haben. So iſt der Krieg; ſo die Gemüthsart, die er bildet. Ereigniſſe, die vermöge ihres Charakters und Einfluſſes im grellſten Contraſte ſtehen, folgen ſo ſchnell aufeinander, daß das Gemüth in einem beſtändigen Wirbel von Aufregung erhalten wird und ſich zuletzt an den raſchen Wechſel der Verhältniſſe gewöhnt; zwi⸗ ſchen Freude und Gram, Hoffnung und Verzweiflung, Enthuſiasmus und Niedergedrücktheit iſt oft keine Spanne Zwiſchenraum: ſie folgen einander ſo natürlich, wie der Morgen auf die Nacht folgt. Es blieb mir nicht viel Zeit für ſolche Betrachtun⸗ gen: kaum hatte ich die Offiziere um mich her begrüßt, als ein lautes, langes Trommelgewirbel längs der Linie des Fußvolkes im Thale, gefolgt von einem ſcharfen Raſſeln der Gewehre, die geſchultert wurden, mir ver⸗ kündete, daß die Truppen unter den Waffen ſtanden und die Muſterung begonnen hatte. „Haben Sie den Generalbefehl von heute früh ge⸗ ſehen, Power?“ fragte ein alter Offizier neben mir, 217 „Nein, aber er ſagt, wir ſeyen darin erwähnt.“ „Mit Harvey geht es gut,“ verkündete ein junger Cornet, zu uns heran galoppirend. „Links aufmarſchirt!“ rief die klare Stimme des Oberſten, der an der Front hinritt.„Vierzehntes! ich freue mich, Euch mittheilen zu können, daß Euer Be⸗ nehmen im Hauptquartier Beifall gefunden hat. Ich habe ſo eben den Tagsbefehl erhalten, worin es heißt: „Der zeitige Uebergang über den Duero und die darauf folgenden Bewegungen ge⸗ gen die feindlichen Flanken, die der Gene⸗ rallieutenant Sherbroke mit den Garden und dem 29ten Regiment ausführte, ſowiedie Tapferkeit der zwei Schwadronen des 14ten leichten Dragoner⸗Regiments, unter dem Commando des Majors Harvey und gelei⸗ tet durch den ehrenwerthen Brigadegene⸗ ral Charles Steward, haben den Sieg er⸗ rungen’— Merkts Euch, meine Jungen! den Sieg errungen—„der ſo viel zur Ehre unſerer Truppen am heutigen Tage beigetragen ha t.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als die ganze Linie in ein ſchallendes Freudengeſchrei ausbrach. „Munter, Vierzehntes! munter meine Kinder!“ ſagte der tapfere alte Oberſt, langſam ſeine Hand er⸗ hebend,„der Stab kommt heran.“ In demſelben Augenblick zeigten ſich die weißen Federbüſche auf der Spitze des Hügels. Sie kamen heran, glitzernd in all dem Glanz von Ketten und Or⸗ den; alle bis auf Einen. Er ritt voran auf einem kleinen, feſten Rappen; er trug einen einfachen, grauen Ueberrock, um den Leib durch eine rothe Schärpe zu⸗ ſammengehalten. Nur ſein dreieckiger Federhut bezeich⸗ nete den General. Er galoppirte raſch bis in den Mit⸗ telpunft der Linie, wandte da furz um und muſterte ſo⸗ 218 fort mit ſeinem Adlerblick die Reihen von einem Ende zum andern. „Oberſt Merivale, Sie haben Ihrem Regiment meine Anſicht kund gethan, wie ſie im Tagsbefehl aus⸗ geſprochen iſt?“ Der Oberſt bejahte durch eine tiefe Verbeugung. „Fitzroy, Sie haben hoffentlich das Memorandum bei ſich?“ Der Adjutant überreichte Sir Arthur ein Papier, das er einige Minuten lang betrachtete. „Kapitän Powel— Power wollt ich ſagen, Kapi⸗ tän Power!“ Power ritt aus der Linie hervor.“ „Ihr ſehr ausgezeichnetes Benehmen von geſtern iſt mir berichtet worden. Es wird mir zum aufrichtig⸗ ſten Vergnügen gereichen, Ihren Namen für die erle⸗ digte Majorsſtelle einzutragen.“ „Oberſt Merivale,“ fuhr er fort,„Sie haben ver⸗ geſſen den Namen des Offtziers einzuſenden, welcher dem General Laborde das Leben rettete.“ „Ich glaube ihn doch erwähnt zu haben, Sir Ar⸗ thur. Mr. O'Malley.“ „Ah, richtig, bitte um Verzeihung: Mr. O'Malley, ein ſehr junger Offizier— ha, ein Irländer; aus dem Süden, nicht wahr?“ „Nein, Sir, aus dem Weſten.“ „So, ſo! Nun gut, Mr. O'Malley, Sie ſind avan⸗ cirt. Sie haben die Lieutenantsſtelle in Ihrem Regi⸗ ment. Nebenbei geſagt, Merivale“— hier nahm ſeine Stimme einen halblachenden Ton an—„erſuche ich Sie, das Geſuch des ehrlichen Burſchen dort zu prüfen, der mir den ganzen Morgen keine Ruhe läßt.“ Als er ſo ſprach, wandte ich meine Augen nach dem von ihm bezeichneten Orte und erblickte zu meiner äu⸗ ßerſten Beſtürzung metnen Bedienten Mickey Free, mit⸗ ten im Stabe, ohne daß dieſe glänzende Umgebung einen größern Effekt auf ſeine Nerven gemacht hätte, als etwa ein iriſches Leichenmahl. Mich dagegen überwältigte die Scham dermaßen, daß ich erſt, nachdem der Stab ver⸗ ſchwunden war, mein volles Bewußtſein wieder erlangte, als nämlich Meiſter Mickey. in kläglichem Tone mich anredete: „Ach, ſprechen Sie doch für mich, Mr. Charles; man könnte wohl Etwas für mich thun, wenn man mich auch nur zum Getränkeaufſeher machte.“ Mickey's Idee von Beförderung und ſein unbefan⸗ genes Herausrücken damit, erregten ein ſchallendes Ge⸗ lächter. „Dort unten habe ich ihn,“ ſagte er, auf ein dich⸗ tes Korkeichenwäldchen in der Nähe zeigend. „Wen denn, Mickey?“ fragte Power. „Der Teufel mag ſeinen Namen wiſſen,“ antwor⸗ tete er;„vielleicht iſt es Bony ſelbſt;“ „Und woher weißt Du, daß er noch dort iſt?“ „Woher ich das weiß? Ich hab' ihn ja geſtern Nacht ſelbſt angebunden.“ Die Neugierde, auf was Mickey wohl anſpielen könne, trieb Power und mich, ihm den Abhang hinab nach der obenerwähnten Baumgruppe zu folgen. Als wir näher kamen, verkündeten uns ſchon die lauten Töne, die aus dem Dikicht hervordrangen, ziemlich genau, was hier vorging. Es war nichts Geringeres als ein fran⸗ zöſiſcher Cavallerieoffizier, den Mickey im Gewühl aus dem Sattel gehoben und wahrſcheinlich, um ein Zeug⸗ niß ſeiner Tapferkeit aufweiſen zu können, zum Gefan⸗ genen gemacht und an eine Korkeiche feſtgebunden hatte. „Sacre bleu,“ rief der arme Franzoſe, als wir näher kamen,„que e sont des sauvages!(welch rohe Barbaren das ſind!) „Bereite Dich zum Tode,“ ſagte Mickey,„denn viel⸗ leicht erlaubt man mir nicht Dich am Leben zu laſſen.“ „Und was willſt Du jetzt mit ihm anfangen, Mickey?“ fragte Power. „Ja, das weiß der Teufel, denn der Menſch ſpricht 220 gar keine vernünftige Sprache.„Heda,“ fuhr er gegen ſeinen Gefangenen fort, indem er ihm einen Rippen⸗ ſtoß gab,„kannſt Du denn gar nichts Geſcheidtes ſagen? aber wahrhaftig, Mr. Charles, er könnte mich wenig⸗ ſtens Franzöſiſch lehren.“ In ſeinem Ton und Blick lag etwas ſo unwider⸗ ſtehlich Drolliges, daß Power und ich ein ſchallendes Gelächter aufſchlugen. Inzwiſchen begannen wir doch, uns über unſere eigene Stellung bei dieſem Handel nicht wenig zu ſchämen und erklärten dem Franzoſen, daß unſer würdiger Landsmann ſich nicht zum Beſten auf Kriegsgebräuche verſtehe; zugleich ſchickten wir uns an, ihn aus ſeiner wirklich bejammernswürdigen Lage zu befreien. „Sie werden ihn doch nicht loslaſſen wollen, Herr Kapitän? Mr. Charles, ſeyen Sie ja auf Ihrer Hut; bei Gott, wenn Sie ſo viel Mühe gehabt hätten, ihn zu fangen, wie ich, ſo würde es Ihnen nicht einfallen ihn loszulaſſen. Hör einmal Du da—“ hier hielt er ſeine geballte Fauſt dem armen Gefangenen dicht unter die Naſe—, wenn Du Dich muckfeſt, bei allen Heili⸗ gen, ſo ſchlage ich Dich lahm und krumm.“ Nur mit Schwierigkeit konnten wir Mickey über⸗ reden, daß ſein Benehmen, wenn man es höhern Orts erführe, ihm nicht nur keine Beförderung, ſondern viel⸗ mehr nähere Bekanntſchaft mit dem Gefängniß eintra⸗ gen würde, ein Umſtand, der ihm wahrſcheinlich eine ach geringe Idee von millitäriſcher Dankbarkeit ein⸗ ößte. „Nun meinetwegen, ſo mögen ſie künftighin in Schwärmen umherlaufen— der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je wieder einen fange.“ So ſprechend, kehrte er langſam zum Regiment zu⸗ rück, Power aber und ich geleiteten den Franzoſen zum Nachtrab und galappirten dann nach der Stadt, um die Neuigkeiten des Tages zu vernehmen. Die Stadt bot an dieſem Tage einen höchſt eigen⸗ 221 thümlichen Anblick dar. Alle Straßen waren mit Bür⸗ gern und Soldaten angefüllt, mit Fahnen und Blumen⸗ kränzen geſchmückt; in den Cafés drängten ſich fröh⸗ liche Gruppen und von allen Seiten erſcholl Muſik und Gelächter. Die Hänuſer ſchienen nicht Raum genug zu haben, um die zahlreichen Gäſte zu faſſen, und man hatte daher Fouragewägen und Fuhrwerke aller Art zu temporären Hotels umgeſchaffen, in denen manche luſtige Geſellſchaft ſaß. Militärmuſik, Kirchenglocken und Trinklieder, Alles vermengte ſich mit dem Lärm und Getöſe; Prozeſſionen zu Ehren der hülfereichen Madonna drängten ſich durch bachanaliſche Orgien hin⸗ durch, und ihre Geſänge wurden halb betäubt durch das Geſchrei der Verwundeten, die man nach den Spitälern brachte. Nur mit Mühe ſtießen wir uns durch das dichte Gewühl auf unſerem Weg nach dem Seminare durch. Wir waren beide neugierig den Ort zu ſehen, wo unſere erſte Abtheilung gelandet hatte, und die Ver⸗ theidigungsmittel zu unterſuchen, die er darbot. Das Gebäude ſelbſt war groß und unregelmäßig, länglich und von einer hohen, ſolid gearbeiteten Mauer umge⸗ ben, die nur einen einzigen Ausgang durch ein ſchweres Eiſenthor hatte. An dieſem Ort ſchien die Schlacht heftig gewüthet zu haben. Ein Flügel des maſſiven Thores war aus ſeinen Angeln geriſſen und lag flach auf dem Boden; die Mauer war an verſchiedenen Stellen durchſchoſſen, und zerriſſene Uniformsſtücke, zerbrochene Bajonette und durchlöcherte Tſchako's zeugten von der Ernſtlichkeit des Kampfes. Das Seminar ſelbſt befand ſich in baufälli⸗ gem Zuſtande; das Dach, von welchem herab Paget ſeine Befehle ertheilt und wo er eine Wunde empfangen hatte, war eingeſunken. Die franzöſiſchen Kanonen hat⸗ ten das Haus von oben bis unten durchlöchert, und es ſchien nur noch des geringſten Stoßes zu bedürfen, um zuſammenzuſtürzen. Als wir den Platz und von da den Pumie Thorweg betrachteten, der mittelſt einiger Tritte 222 zum Fluß hinabführte, und wo unſere erſte Abtheilung geſtanden war, konnten wir nicht umhin, von Neuem die Tapferkeit dieſer kleinen Anzahl wackerer Krieger zu be⸗ wundern, die ſich mitten unter die unermeßliche Ueber⸗ zahl der Feinde geſtürzt, und ohne Verſtärkung abzu⸗ warten, das Feuer auf ihre Linien eröffnet hatten. So kühn die Unternehmung unſtreitig war, ſo ließ ſich anf der andern Seite nicht verkennen, daß ſie mit der größ⸗ ten Umſicht angelegt und entworfen worden;— eine Biegung des Fluſſes verbarg die Annäherung der Trup⸗ pen vollſtändig, die Kanonen der Sierra deckten ihre Landung und beſtrichen den Eingang zum Seminar. Die Franzoſen, die ſomit bloß durch das Thor angrei⸗ fen konnten, mußten einen bedeutenden Umweg machen, bevor ſie daſſelbe erreichten, und dadurch erhielten un⸗ ſere Diviſionen Zeit hinüberzuſetzen, während die Gar⸗ den unter General Sherbroke, die Verwirrung benützend, unterhalb der Stadt den Strom paſſirten und den Feind unerwartet im Rücken faßten. Kurz aber furchtbar war der Kampf in der Stadt geweſen; die Artillerie feuerte auf Flintenſchußweite, Cavallerie und Infanterie waren handgemein in den engen Straßen und zu gleicher Zeit ergoß ſich von den Dächern und den Fenſtern herab ein mörderiſches Flin⸗ tenfeuer. Eben ſo groß war das Blutbad am Amaranten⸗ thor, wo die Franzoſen hinauszogen. Ihre leichte Ar⸗ tillerie hatte hier einige Kanonen aufgeſtellt, um die Colonnen zu decken; aber nachdem Murray's Cavallerie dieſe Geſchütze weggenommen, blieb die Flanke der In⸗ fanterie gänzlich dem mörderiſchen Kleingewehrfeuer aus dem Seminar und dem noch verheerenderen Kartätſchen⸗ hagel ausgeſetzt, der unaufhörlich von der Sierra herab⸗ am. Unſere Brigade that das Uebrige, und in weniger als einer Stunde von der Landung des erſten Mannes 223 an waren die Franzoſen auf vollem Rückzug nach Val⸗ longa begriffen, „Ein herrlicher Tag, Charley,“ ſagte Power nach einer Pauſe,„und eine ſtolze Erinnerung für das künf⸗ tige Leben.“ Schon damals fühlte ich dieſe Wahrheit tief, und auch jetzt kann ich ſie nicht ohne lautes Pochen meines Herzens niederſchreiben. Achtundvierzigſtes Kapitel. Der Streit. Am Abend des 12ten erhielten die deutſche Brigade und drei Schwadronen unſeres Regiments Befehl, die Franzoſen beim Anbruch des folgenden Morgens auf der Straße ven Terracinthe zu verfolgen. Ich war eifrig mit Vorbereitungen zu einem Eil⸗ marſch beſchäftigt, als Mickey hereinkam mit der Meldung, ein Offizier wünſche mich zu ſprechen, und im nächſten Augenblick erſchien Kapitän Hammersley. Eine plötzliche Röthe fäͤrbte ſeine bleichen, krankhaften Wangen, als er mir die Hand entgegenſtreckte und ſagte:— „Ich komme Ihnen meinen Glückwunſch darzubringen, O'Malley; ſo eben höre ich von Ihrem Avancement. Ich freue mich aufrichtig darüber; bitte, erzählen Sie mir die ganze Affaire.“ „Das iſt mir rein unmöglich,“ antwortete ich.„Ich habe blos eine unbeſtimmte, unklare Erinnerung daran, daß ich im Gewühle von geſtern einen Säbelhieb vom Kopf eines verwundeten und unberittenen Offiziers abge⸗ wehrt habe; aber mehr weiz ich nicht. Es war mein erſter Tag im Feuer und ich kann mich nur an die Er⸗ eigniſſe des Morgens deutlich erinnern, aber ſeit zum Angriff commandirt war, weiß ich nicht mehr viel. Und Sie, wo waren denn Sie? Wie kommt's, daß wir uns nicht früher trafen?“ 224 „Ich bin in ein ſchweres Dragonerregiment verſetzt worden und jetzt beim Stab angeſtellt.“ „Sie wiſſen, daß ich Briefe für Sie habe.“ „Power hat mir, meine ich, Etwas dergleichen an⸗ gedeutet; ich ſah ihn nur ganz flüchtig.“ Dieſe Worte wurden mit einer gewiſſen Nachläſſig⸗ keit geſprochen, die ihn augenſcheinlich viel Mühe koſtete. Auch meine Aufregung war nicht minder groß, als ich nach einigem Umherſtöbern in meinem Mantelſack das lang bewahrte Paket hervorzog. Während ich es ihm einhändigte, wurde er todtenblaß und ein leichtes, krampfhaftes Zucken der Oberlippe zeugte von einem un⸗ gewöhnlichen Kampfe. Er brach haſtig das Siegel auf, ſo daß das Saffiankaͤſtchen eines Miniaturgemäldes auf den Boden fiel. Als er aber raſch das Schreiben über⸗ flog, da gab die bleierne Farbe ſeiner Lippen, aus denen ſich alles Blut zurückzuziehen ſchien, ſeinem Geſicht ein wahrhaft leichenhaftes Ausſehen. „Sie kennen vermuthlich den Inhalt dieſes Briefes, Mr. O'Malley?“ ſagte er in völlig verändertem, halb zornigem, halb ironiſchem Tone, der mir das Herz durch⸗ ſchnitt. „Ich befinde mich in gänzlicher Ungewißheit darüber,“ antwortete ich ruhig. „Wirklich Sir,“ verſetzte er mit einer ſarkaſtiſchen Verziehung ſeines Mundes,„dann werden Sie mir viel⸗ leicht auch ſagen wollen, daß ſelbſt Ihr guter Erfolg Ihnen ein Geheimniß iſt?“ „Ich weiß in der That nicht—“ „Sie halten es vermuthlich für eine ergötzliche Kurz⸗ weil mit den Neigungen Anderer Ihr Spiel zu treiben. Ich habe von Ihnen gehört, Sir; Ihr Benehmen in Liſſabon iſt mir wohl bekannt, und wenn auch Kapitän Trevyllian ſichs gefallen läßt—“ 1 „Halten Sie ein, Herr Kapitän!“ ſagte ich mit furchtbarer Anſtrengung ruhig zu bleiben:„Halten Sie ein! Sie haben genug, vollkommen genug geſagt, um 225 mich vom Zweck Ihres heutigen Beſuches zu überzeugen; Sie ſollen ſich nicht täuſchen. Ich hoffe, dieſe Verſiche⸗ ung wird Sie fernerer Ausbrüche Ihres Unmuthes über⸗ heben.“ „Ich danke Ihnen, danke ganz verbindlichſt für die Schnelligkeit Ihres Auffaſſungsvermögens, und ich will mich jetzt verabſchieden. Guten Abend, Mr. O'Malley. Ich wünſche Ihnen viel Glück; empfangen Sie meine vollſten Gratulationen zu allem Ihrem Glück.“ Der höhniſche Nachdruck, den er auf die letzten Worte legte, haftete noch lange, nachdem er ſich ent⸗ fernt hatte, in meiner Seele, und in der That erſchien mir das Ganze ſo gänzlich traumähnlich, daß ich ohne die auf dem Boden liegenden Bruchſtücke des Gemäldes, welches er mit ſeinem Abſatze zermalmt hatte, kaum an mein wirkliches Wachen geglaubt hätte. Mein erſter Gedanke war, Power aufzuſuchen, in beſen Einſicht und Rath ich das vollkommenſte Vertrauen etzte. Ich brauchte nicht lange zu warten. Denn kaum hatte ich meinen Mantel umgeworfen, als er heranritt. Er hatte Hammersley ſo eben geſehen und von unſerem Rendezvous gehört. „Ei, ei, was iſt das, mein beſter Charley? wie haben Sie den armen Hammersley behandelt?“ „Ihn behandelt! Sagen Sie lieber, wie er mich behandelt hat.“ Ich erzählte ihm jetzt kurz, aber wahrheitsgemäß den ganzen Vorfall. Power hörte mich mit großer Nuhe an, aber aus den Fragen, die er dazwiſchen hin⸗ ein an mich richtete, konnte ich erſehen, daß ihm die Sache ganz anders dargeſtellt worden war. „Und iſt das Alles, was vorgefallen iſt?⸗ „Ja, Alles.“ „Aber wie ſteht's denn mit der Liſſaboner Sache?“ „Ich verſtehe Sie wirklich nicht.“ Lever, O'Malley. II. 15 226 „'Er ſagt, es ſey ihm erzählt worden, wie Sir Bort lächerliche Redensarten geführt habe, über glück⸗ liche Nebenbuhlerſchaft mit ihm in Irland, und ich meine, der Name Lucy Daſhwood ſoll dabei genannt worden ſeyn. Irgend ein guter Freund hat die Gefäl⸗ ligkeit gehabt, ihm Alles wieder zu erzählen.“ „Das iſt nie vorgekommen, nie!“ „Sind Sie deſſen gewiß, Charley?“ „Ja, vollkommen gewiß.“ 3 „Nun, ſo iſt der arme Mann betrogen worden. Sie dürfens ihm nicht übel nehmen, Charley; der gute Hammersley iſt von einer Säbelwunde, die er vor eini⸗ gen Monaten auf den Kopf erhielt, immer noch nicht hergeſtellt, und ſein Verſtand leidet wirklich darunter. Ueberlaſſen Sie Alles mir; verſprechen Sie mir, Ihr Quartier nicht zu verlaſſen, bis ich wieder zurückkomme; ich will die Sache beilegen.“ Ich gab das gewünſchte Verſprechen, worauf Power ſich in ſeinen Sattel ſchwang und mich meinen Betrach⸗ tungen überließ. Meine Stimmung in dieſem Augenblick war Nichts weniger als beneidenswerth. Ein Streit iſt an und für ſich ſelten ein angenehmes Ereigniß, aber am allerwe⸗ nigſten, wenn wir den Gegner lieben und hochachten möchten. In dieſem Fall nun befand ich mich mit Ham⸗ mersley. Sein mannhafter, gerader Charakter hatte meine ganze Hochachtung und Zuneigung gewonnen; ich ſpannte daher mein Gedächtniß auf die peinlichſte Folter, um auszumitteln, was ihn wohl auf den Gedanken ge⸗ leitet haben möchte, daß ich ihn beleidigt habe. Seine beilaufige Erwähnung Trevyllians erweckte in mir den Verdacht, daß ſeine unerklärliche Feindſeligkeit von dieſem herrühren konnte, und unter ſolchen Zweifelsqualen ſchritt ich ungeduldig auf und ab, in der Hoffnung, Power werde endlich zurückkehren, und mir einiges Licht in dieſer mißlichen Sache verſchaffen. Power war bexeits länger als eine Stunde entfernt,⸗ 227 und meine Ungeduld hatte die höchſte Spitze erreicht, als plötzlich Hufſchläge den Hügel herauf ertönten. Ich ſah hinaus und erblickte einen Reiter, der ſehr ſchnell her⸗ anſprengte. Ehe ich errathen konnte, wer er wohl ſeyn mochte, hielt er an, und ich erkannte den Kapitän Tre⸗ vyllian. Auf ſeinem Geſichte ſpiegelte ſich eine gewiſſe behagliche Impertinenz und halblächelnde Selbſtzufrie⸗ denheit, die ich nie zuvor bei ihm geſehen hatte. Er berührte ſeine Mütze zum Gruß und ſagte— „Kann ich die Ehre haben, einige Worte mit Ih⸗ nen zu ſprechen?“ Ich verbeugte mich ſchweigend, während er abſtieg, und, den Zügel unter den Arm nehmend, zu mir her⸗ antrat. „Mein Freund, Kapitän Hammersley, hat mich be⸗ auftragt, in dieſer unangenehmen Sache zu Ihnen zu gehen—“ „Bitte um Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche, Herr Kapitän; aber da ich noch zu erfahren habe, auf was Sie oder Ihr Freund andeuten, ſo möchte es für die Sache förderlich ſeyn, wenn Sie unumwunden Ihre Meinung erklärten.“ Er wurde feuerroth, fuhr jedoch ohne die mindeſte Aufregung in ſeinem Tone fort:— „Mein Freund hat mich nicht in das ganze Ge⸗ heimniß der Sache eingeweiht, auch habe ich von ihm keine Erlaubniß, näher darauf einzugehen, da er ver⸗ muthlich, wie in der That auch ich ſelbſt, vorausſetzt, daß Ihr eigenes Gefühl von Ehre jede weitere Verhand⸗ lung oder Erörterung ebenſo unnöthig als unpaſſend finden würde.“ „In der That, wenn ich recht verſtehe, ſo erwartet man von mir, daß ich mich mit Kapitän Hammersley aus irgend einem mir unbekannten Grunde ſchlagen ſoll—“ „Er wünſcht das allerdings,“ warf mein Gegner trocken ein. 15* 228 „Ich werde es aber nie thun, ohne zuvor die Gründe zu kennen.“ „Und das ſoll ich ihm als Ihre Antwort überbrin⸗ gen?“ ſagte er, mich mit einem Ausdruck ſchlechtver⸗ hehlten Triumphes anblickend. In dieſen wenigen Worten ſowohl als im Ton, worin ſie geſprochen wurden, lag Etwas, das mich im Innerſten verletzte. Wollte er durch irgend einen diplo⸗ matiſchen Kunſtgriff meine Ehre und meinen guten Namen blosſtellen? War es möglich, daß meine Weigerung irgend einem andern, als dem wahren Grunde zuge⸗ ſchrieben werden konnte? Ich war zu jung, zu unerfah⸗ ren in der Welt, um ſelbſt die Frage zu entſcheiden; einen Andern um Rath zu fragen aber, dazu blieb keine Zeit übrig. Welch' ein peinlicher Augenblick! Meine Schläfe pochten, mein Herz, klopfte beinahe hörbar und ich ſcheute mich, ein Wort zu ſprechen; auf der einen Seite fürchtete ich durch Einwilligung zu einem Schritt verleitet zu werden, der mein ganzes Leben verbittern könnte, und auf der andern bangte mir, meine Weige⸗ rung möchte als Feigheit ausgelegt werden. Er ſah, er las meine Verlegenheit auf den erſten Blick, und mit dem übermüthigſten Lächeln wiederholte er kalt ſeine Frage. Im Nu war jetzt aller Gedanke an Hammersley entſchwunden. Ich ſah jetzt nur noch ihn vor mir, ihn, der ſeit unſerem erſten Zuſammen⸗ treffen ſich unabläſſig Mühe gegeben hatte, mich gering⸗ ſchätzig behandeln zu wollen. Meine Augen funkelten, meine Hände zuckten vor ſchlecht verhaltener Wuth, indem ich ſagte:— „Mit Kapitän Hammersley bin ich mir keines Streits bewußt und habe nie durch Blicke oder That eine Abſicht kund gegeben ihn zu beleidigen. Im Uebri⸗ gen gelingen ſolche Winkelzüge nicht immer. Es gibt Leute, die ihrer Freunde Ehre mit der ſtrengſten Ge⸗ wiſſenhaftigkeit bewachen, aber ſehr wenig Luſt haben ihre eigene zu wahren.“ „Sie irren ſich,“ verſetzte er, da ich dieſe Worte mit dem moglichſt beleidigenden Blicke begleitete;„Sie irren ſich. Ich habe einen feierlichen Eid geſchworen nie wieder eine Forderung ergehen zu laſſen.“ Der Nachdruck, den er auf die letzten Worte legte, erklärte mir ſeine Abſicht deutlich genug, und ich ſagte daher:— „Aber Sie werden eine ſolche nicht ablehnen— „Ganz gewiß nicht!“ rief er ſchnell, indem er ſich mit funkelndem Auge zu ſeiner ganzen Höhe emporichtete. „Ihr Freund iſt—“ „Kapitän Power; und der Ihrige—“ „Sir Harry Beaufort. Ich erlaube mir nur noch zu bemerken, daß die Sache keinen Verſchub leidet, da die Truppen Marſchordre haben.“ „Von meiner Seite ſoll keiner eintreten.“ „Von der meinigen auch nicht,“ verſetzte er, indem er mit einer tiefen Verbeugung und einem Blick unaus⸗ ſprechlichen Triumphes in ſeinen Sattel ſprang;„auf Wiederſehen alſo, Mr. O'Malley,“ fuhr er, die Zügel zurechtlegend, fort:„Beaufort iſt im Stab und in Oporto einquartiert.“ Mit dieſen Worten galoppirte er behaglich den Hügel hinab, und ich war von Neuem allein. Neunundvierzigſtes Kapitel. Die Marſchordre. Ich war eben beſchäftigt meine Piſtolen— des guten Conſidine Abſchiedsgeſchenk— zu unterſuchen, als ein Sergeant ſchnell heranritt und mir folgende Ordre ein⸗ händigte:— „Lieutenant O'Malley wird ſich Angeſichts dieſes bereit halten eines beſondern Dienſtes wegen zu erſchei⸗ nen. Auf Befehl Sr. Excellenz des Generaliſſimus. Unt, Gordon, Kriegsſekretär.“ „Was mag dies bedeuten?“ dachte ich.„Mein be⸗ abſichtigtes Duell kann doch wohl nicht ſchon ruchbar geworden und die Strafe dafür in Bereitſchaft gehal⸗ ten ſeyn.“ Raſch trat ich vor die Thüre der kleinen Hütte, die mir als Quartier diente. Unter mir in der Ebene wurden mit der größten Thätigkeit die Vorbereitungen betrieben; die Infanterie hatte ſich in Marſchordnung aufgeſtellt; die Bagagewägen und die Artillerie ſchienen gleichfalls gerüſtet, und einige Schwadronen Cavallerie harrten mit Fourage hinter dem Sattel, nur noch auf das Kommandowort um aufzubrechen. Ich ſtrengte meine Augen an ob Kraft nicht komme, aber kein Reiter zeigte ſich in dieſer Richtung. Lange ſchwankte ich, ob ich ihn nicht lieber aufſuchen, als länger in dieſer peinlichen Spannung bleiben ſolle; aber wenn ich ihn verfehlte? und ich hatte mich verpflichtet ſeine Rückkehr abzuwarten. Während ich ſo mit mir ſelbſt zu Rathe ging und die verſchiedenen Für und Wider abwog, ſah ich zwei Offiziere in ſcharfem Trab auf mich herankommen. Den einen erkannte ich als meinen Oberſten, der andere ge⸗ hörte zum Stab. In der Vorausſetzung, ihr Erſcheinen ſtehe mit der Ordre in Verbindung, die ich ſo eben empfangen und inzwiſchen beinah wieder vergeſſen hatte, ging ich ſchnell in mein Quartier zurück und rief Mickey herbei. „Wie ſteht es mit dem Pferde, Mickey?“ fragte ich. „Beſſer als je. Badgar hatte nur einen leichten Streifſchuß am Hals bekommen, der ihn heute nicht mehr beläſtigt; der Rappe aber iſt munter und macht Sprünge wie ein Füllen.“ „Packe ſogleich, füttere die Pferde und halte Dich jeden Augenblick zum Aufbruch bereit.“ „Ein guter Befehl, O'Malley,“ ſagte der Oberſt, welcher die letzten Worte noch hörte.„Ich hoffe, die Thiere ſind im Stand.“ „Ja, Sir; ich glaube wenigſtens,“ „Das iſt gut, denn Sie haben einen ſcharfen Ritt vor ſich. Inzwiſchen erlauben Sie, daß ich meinen Freund vorſtelle: Kapitän Beaumont, Mr. O'Malley. Ich denke, wir ſetzen uns.“ „Hier ſind Ihre Inſtruktionen, Mr. O'Malley,“ ſagte Kapitän Beaumont, eine Landkarte entfaltend.„Sie werden ſich mit einer halben Schwadron Ihres Regi⸗ ments in forcirten Märſchen nach der Grenze begeben und dabei die Städte Calenco und Guarda, ſowie den Paß von Eſtrella berühren. Im Hauptquartier der luſi⸗ taniſchen Legion, welche Sie dort finden, angelangt, ſtellen Sie ſich unter die Befehle des Majors Monſoon, Kommandanten dieſer Truppen. Die portugieſiſche Rei⸗ terei, die er bei ſich hat, wird ſich mit der Ihrigen vereinigen und unter Ihren Befehlen ſtehen. Sie haben Kapitänsrang für dieſe Zeit. Machen Sie ſich ſo gut als möglich mit den Gewohnheiten und Fähigkeiten der einheimiſchen Reiterei bekannt und erſtatten Sie hierüber Sr. Excellenz dem Oberbefehlshaber die nöthigen Be⸗ richte. Ich halte es für meine Pflicht hinzuzufügen, daß Sie dieſe höchſt ehrenvolle Stellung, die Ihrer Geſchick⸗ lichkeit und Ihrem Unternehmungsgeiſt einen ſo großen Spielraum eröffnet, meinem Freund, Oberſt Merivale, zu verdanken haben.“ „Nun beſter Herr Oberſt, empfangen Sie—“ „Kein Wort, mein Junge. Ich wußte, daß die Sache für Sie paßt, und bin überzeugt, daß Sie meine Erwartungen nicht täuſchen werden. Sir Arthur erin⸗ nert ſich Ihres Namens noch recht gut: er fragte blos zweierlei:— „Iſt er gut beritten?“ „Ganz vortrefflich,“ antwortete ich. „Kann man ſich auf ſeine Promptheit verlaſſen?“ „Er wird in einer halben Stunde aufbrechen.“ „Sie ſehen alſo, O'Malley, daß ich bereits für Sie zugeſagt habe; und nun leben Sie wohl! Man 232 will eine vorgerücktere Stellung einnehmen. Adieu alſo und viel Vergnügen, bis wir uns wiederſehen!“ „Es iſt jetzt zwölf Uhr, Mr. O'Malley,“ ſagte Beaumont:„wir verlaſſen uns darauf, daß Sie augen⸗ blicklich aufbrechen. Ihre ſchriftlichen Inſtruktionen und Depeſchen werden binnen einer Viertelſtunde hier ſeyn.“ Ich murmelte Etwas, das ich jetzt ſelbſt nicht mehr weiß, verbeugte mich ehrerbietig, ſchüttelte meinem würdigen Oberſten voll innigen Dankgefühls die Hand und ſah ihn den Hügel hinabreiten und unter der Maſſe der Soldaten verſchwinden, ehe ich wieder zum klaren Bewußtſeyn gelangen und meine Lage überdenken konnte. Nun aber brach auf einmal die ganze Schwierigkeit meiner Stellung mit erdrückender Wucht über mich ein. Nahm ich den gegenwärtigen Auftrag an— und dazu hatte ich mich bereits verbindlich gemacht— ſo konnte ich meine ältere Verpflichtung gegen Trevyllian nicht löſen. Was war zu thun? Es blieb keine Zeit zur Ueberlegung. Die wenigen Minuten, die ich mit Vor⸗ bereitungen hätte zubringen ſollen, ſtrichen ſchnell dahin. Wollte Gott, Power käme! Ach, er erſchien nicht. Meine Beängſtigung wurde mit jedem Augenblick pein⸗ licher. Ich ſah Nichts als Verderben vor mir, und zwar gerade in einem Augenblick, wo das Schickſal mir die herrlichſte Zukunft verhieß, wo meiner Thätigkeit ein Feld eröffnet wurde, dergleichen ich ſchon ſo oft und ſo feurig erſehnt hatte. Es blieb mir Nichts übrig als zu Oberſt Merivale zu eilen, und meine Beförderung ab⸗ zulehnen; dadurch aber richtete ich mich nothwendig in ſeiner Achtung für immer zu Grunde, denn ich konnte es nicht wagen ihm meine Gründe anzugeben und ſahr mich alſo in Folge eines ſolchen Schrittes höchſt wahr⸗ ſcheinlich genöthigt meinen Abſchied zu nehmen. „Sey es denn!“ rief ich verzweiflungsvoll;„der Würfel iſt geworfen.“ Ich ließ mein Pferd vorführen, ſchrieb noch einige Worte an Power, um, für den Fall, daß er inzwiſchen 233 käme, meine Abweſenheit zu entſchuldigen, und ſchwang mich dann in den Sattel. Als ich auf die Ebene kam, trieb ich mein Pferd mit der ganzen Ungeduld, die in meinem Innern glühte, vorwärts. Ohne Etwas zu hören oder zu ſehen, ſprengte ich an den Linien hinab gegen Oporto hin, als plötzlich der Klang von Reiterwaffen hinter mir mich veranlaßte den Kopf zu drehen, und ich eine Dragonerordonnanz in vollem Galopp erblickte. Ich hielt an, bis der Soldat in meine Nähe kam. „Herr Lieutenant O'Malley,“ ſagte er ſalutirend, „hier ſind Depeſchen für Sie.“ Ich nahm ſie raſch in Empfang und wollte eben meinen Ritt fortſetzen, als die Haltung des Dragoners meine Aufmerkſamkeit feſſelte. Er hatte ſein Pferd an den Rand der ſchmalen Straße gelenkt, hielt es da ſtill und unbeweglich feſt und ſaß regungslos wie eine Bild⸗ ſäule da. Ich blickte mich um und ſah den ganzen Stab in ſcharfem Trab herankommen. Ehe ich zu meinen Ge⸗ danken gelangen konnte, waren ſie neben mir. „Ah, O'Malley,“ rief Merivale,„Sie haben jetzt Ihre Ordres: warten Sie nicht länger, Se. Exeellenz wird ſogleich hier ſeyn.“ „Tummeln Sie ſich, wenn ich rathen darf,“ be⸗ merkte ein Anderer,„oder es könnte Ihnen übel er⸗ gehen, wie ſchon einigen von uns dieſen Morgen.“ „Es iſt Alles in Ordnung, Charley, Sie können ruhig abreiſen,“ flüſterte eine Stimme und Power galop⸗ pirte an mir vorbei. Dieſe wenigen Worte waren Alles, was ich ver⸗ langte; mein Herz hüpfte wie ein Reh, meine Wange glühte vor Entzücken, ich drückte meinem wackern Schim⸗ mel die Sporen ein und ſauste über die Ebene dahin. Als ich in meinem Quartier ankam, wartete meine Mannſchaft bereits und war auf drei Tage mit Vor⸗ räthen verſehen; auch Mickey war marſchfertig und ſo wurde ich durch Nichts mehr aufgehalten. 234 „Kapitän Power iſt hier geweſen und hat ein Brief⸗ chen hinterlaſſen.“ Ich nahm es und ſteckte es haſtig in die Säbel⸗ taſche; aus den wenigen Worten, die ich geſprochen hatte, wußte ich, daß meine gegenwärtigen Schritte mich in keine übeln Folgen verwickeln konnten. So ließ ich denn eine Colonne formiren, ritt vor die Front und trat meinen Marſch nach Alcantara an. Fünfzigſtes Kapitel. Das Wachtfeuer. Es gibt wenige Dinge, die auf einen jungen Krie⸗ ger ſo begeiſternd wirken, wie die Anvertrauung eines abgeſonderten Kommando's; der Piket⸗ und Außenpoſten⸗ dienſt haben für ihn einen Zauber wie kein anderer Theil ſeiner Laufbahn. Das Feld für perſönliche Kühnheit und individuellen Heroismus ſcheint eröffnet, der glückliche Erfolg, den er etwa erringt, wird ihm zu gut geſchrie⸗ ben, und was könnte an Aufregung und Begeiſterung dem erſten Augenblick gleichkommen, da wir auf die eine oder andere Art Herren unſers Schickſals werden! Solcher Art waren meine glücklichen Gedanken, als ich mit innigem Hochgefühl meinen Marſch antrat. Schon der Umſtand, daß der Oberbefehlshaber Notiz von mir genommen, hatte mich mit ſtolzer Freude erfüllt, hatte mich in meiner eigenen Achtung hochgeſtellt und mir ein glühendes Verlangen nach weiterer Auszeichnung einge⸗ pflanzt. Ich dachte auch an meine Lieben in weiter Ferne, die von meinen Erfolgen hören ſollten. Ich malte mir's aus, wie verſchieden ſie die Nach⸗ richten aufnehmen würden. Ich ſah meinen guten Oheim, wie er mit thränenden Augen und zitternder Lippe die Depeſche las, dann ſeine Brille abwiſchte und weiter las, bis zuletzt mit einem tiefen Aufathmen ſeige 235⁵ mannhafte Stimme, bebend vor innerer Aufregung, aus⸗ rief:„Mein guter Junge, mein lieber Charley!“ Sodann dachte ich mir Conſidine, wie er hoch aufgerichtet und mit ſtrengen Zügen lautlos lauſchte, ohne durch eine Sylbe oder eine Geberde tiefe Theilnahme an meinem Schickſal zu verrathen, endlich aber, gleichſam von Un⸗ geduld überwältigt, ausrief:—„Das wußte ich wohl — ich habe es ja immer geſagt— und doch wolltet Ihr einen Advokaten aus ihm machen!“ Und denn der alte Sir Harry: ſein warmes Herz erglühte vor Vergnügen, ſein gutmüthiges Geſicht ſtrahlte vor Glückſeligkeit. Wie manchen Verſtoß mußte er nicht beim Wiedererzählen machen, wie manches herzliche Lachen durch ſeine eigen⸗ thümlichen Darſtellungen hervorrufen!“ Auch die alten Bedienten ließ ich Revue paſſiren, wie ſie ſich im Zimmer länger als gewoͤhnlich aufhielten, um die Geſchichte zu hören. Der gute, alte Matthew, der Kellermeiſter, konnte mit ſeinem Korkzieher nicht zurecht kommen, nur um etwas Zeit zu gewinnen, blickte dann halb bittend meinem Oheim in's Geſicht und fragte,—„vielleicht Nachrichten von Mr. Charles aus dem Kriege, Sir?“ Während ſolchergeſtalt mein Geiſt zu den Scenen und Geſichtern meiner Heimath zurückkehrte, bangte ich davor, die Frage an mich zu richten, was wohl ſie, der mein ganzes Dichten und Trachten zugewandt war, dabei empfinden würde. Ich ſah nur zu klar ein, wie gering meine Ausſichten in dieſer Beziehung waren, und dennoch konnte ich es nicht über mich bringen, meine Hoffnungen ganz außzugeben. Hammersleys ſeltſames Benehmen bewies mir, daß er wenigſtens nicht mein Nebenbuhler war, während er offenbar mich für den ſei⸗ nigen hielt. Ueber dem ganzen Verhältniß lag ein Dunkel, das ich nicht zu ergründen vermochte und aus vollem Herzen ſehnte ich mich nach meinem nächſten Zuſammen⸗ treffen mit Power, um die Ergebniſſe ſeiner Beſprechung 236 mit dem Kapitän, ſo wie die Art, wie die Sache ab: gemacht wurde, zu erfahren. Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt, eilte ich raſch weiter. Auch meine Leute waren voll Eifer und hatten gute Pferde, ſo daß wir noch vor Abend einen Weg von zwoͤlf Stunden zurücklegten. Die Gegend, durch welche wir zogen, war, obſchon ihrem Eharakter nach wild und romantiſch, zugleich merkwürdig reich und fruchtbar. Die Kultur erſtreckte ſich bis auf die Gipfel der rauhen Berge, und Weizen oder Maisfelder ſchauten zwiſchen den Maſſen von Granitfelſen und dicht⸗ verwachſenem Buſchwerke hervor; der Weinſtock und der Oelbaum wuchſen allenthalben wild, während die Orange und der Erdbeerbaum, welche die Luft mit Wohlgerüchen erfüllten, mitten zwiſchen wilden Birnbäumen und ma⸗ nigfaltigen Stechpalmen ſtanden. Wir folgten keinem regelmäßigen Weg, ſondern trabten über Hügel und Thal, durch Wald und Wieſen; bald in einer langen Linie durch ein hohes, wogendes Kornfeld, bald in dichter Maſſe über offene Ebenen, während unſer portu⸗ gieſiſcher Führer auf einem rabenſchwarzen Maulthier ein wenig voranritt und luſtig ſeine galliziſchen Melo⸗ dien trillerte. Mit Sonnenuntergang kamen wir an einen kleinen Strom, der in einem felſigen Bette dahinrauſchend einen großen Wald von hohen Korkbäumen begrenzte. Hier machten wir Halt, banden unſere Pferde an und trafen Anſtalten zu einem Bivouak. Es war eine wunderliebliche Nacht; die Wachtfeuer verbreiteten köſtliche Düfte durch die wohlriechenden Sträuche, die verbrannt wurden; das kryſtallhelle Waſſer ſpiegelte auf ſeiner ſtillen Oberfläche den ſternenvollen Himmel zurück, der ſich unbeſchattet und wolkenlos über uns ausdehnte. Ich hüllte mich in meinen Reitermantel und legte mich unter einen Baum, aber nicht, um zu ſchlafen. Die ganze Umgebung hatte etwas ſo Aufre⸗ gendes und dabei ſo Beruhigendes, daß ich an keinen 237 Schlummer denken konnte, ſondern in träumeriſche Nach⸗ denklichkeit verſank. Meine Stellung hatte einen ge⸗ wiſſen, abenteuerlichen Charakter, der mich ungemein erfreute. Meine Leute lagen in kleinen Gruppen um die Feuer umher, die einen ſchlummernd, andere ſtille rau⸗ chend oder leiſe von Abenteuern in der Schlacht oder im Bivouak ſchwatzend; die Pferde ſtanden da und dort zerſtreut; die ſchweren Rüſtungsſtücke und die aufge⸗ häuften Karabiner flimmerten im rothen Glaſt der Wachtfeuer, welche von Zeit zu Zeit eine flüchtige Glut auf die ſtrengen, gebräunten Geſichter meiner kecken Reiter warfen. An den Bäumen umher hiengen Säbel und Helme, Piſtolenhalfter und Bandeliere, wie die Rüſtungen in einem antiken Waffenſaale, und das dunkle Laub bedeckte uns mit ſeinen Schatten. Weiterhin, auf einem kleinen Felſenriff, ſtand die hochaufgerichtete Figur der Schildwache, die, den kurzen Karabiner im Arme, mit gemeſſenen Schritten auf⸗ und abging, oder einen Augenblick ſtille daſtand und zu dem ruhigen, ſchönen Himmel emporblickte, während ſeine Gedanken ohne Zweifel in weiter Ferne jenſeits der See bei einer be⸗ ſcheidenen, von Ahornbäumen beſchatteten Hütte weilten, worin das fröhliche Lachen ſeiner Kinder das kühne Herz des Kriegers erregte! Es war eine Scene à la Salvator Roſa und erinnerte mich an die Räubergeſchichte, die ich als Knabe geleſen hatte. Beim ungewiſſen Schein des Holzfeuers ſuchte ich die Gruppe vor mir abzu⸗ zeichnen. Die Nacht brach herein Meine Soldaten ſtreckten ſich einer nach dem andern zum Schlafen hin und Alles wurde ſtill. Mit der Zeit überkam auch mich eine An⸗ wandlung von Schlummer; ich legte meine Piſtolen dicht neben mich, warf einige friſche Scheite in's Feuer und machte mir's ſo bequem als möglich. Während des halbträumeriſchen Zuſtandes zwiſchen Wachen und Schlaf zog ein Raſcheln in den Zweigen hinter mir meine Aufmerkſamkeit an. Die Luft war zu 238 ruhig, als daß ich es dem Winde zuſchreiben konnte und ich lauſchte daher einige Minuten; aber der allzulang verhaltene Schlaf forderte ſeine Rechte, mein Kopf ſank auf ſein grünes Kiſſen zurück und bald ſchlummerte ich tief. Wie lang ich ſo gelegen haben mochte, weiß ich nicht, aber ich erwachte plötzlich. Es dauchte mick, als habe Jemand mich heftig an der Schulter geſchüttelt, aber Alles war ruhig; meine Leute ſchliefen feſt, wie ich ſie zuletzt geſehen hatte, die Feuer waren herab⸗ gebrannt und ein grauer Streif am Himmel, ſo wie ein ſcharfer Luftzug verkündeten die Annaͤherung des Tages. Noch einmal legte ich einige dürre Zweige in mein Feuer und wollte mich eben wieder zur Ruhe niederſtrecken, als ich eine Hand an meiner Schulter verſpürte. Ich drehte mich raſch um und ſah bei'm ſchwachen Licht des Feuers einen Mann bewegungslos neben mir ſtehen; ſein Haupt war unbedeckt und ſeine Haare fielen in langen Locken über ſeine Schultern; die eine Hand hatte er an ſeine Bruſt gedrückt, mit der andern winkte er mir, ich moͤchte ſchweigen. Im erſten Augenblicke meinte ich, wir ſeyen von einer franzöſiſchen Streifwache über⸗ fallen, aber als ich näher zuſah, erkannte ich zu meinem Erſtaunen den jungen franzöſiſchen Offizier, den ich Tags zuvor als Gefangenen am Duero geſehen hatte. „Wie kommen Sie hierher,“ fragte ich leiſe auf franzöſiſch. 4 „Entſprungen. Einer meiner Leute warf ſich zwi⸗ ſchen mich und die Schildwache; ich ſchwamm über den Duero, erhielt eine Flintenkugel in den Arm, verlor meinen Schafo— und bin jetzt hier.“ „.,Sie ſehen doch ein, daß Sie jetzt wieder gefangen ſind „Wenn Sie es verlangen, ſo bin ich's natürlich,“ ſagte er mit einer Stimme voll des tiefſten Gefühls, die mir in's innerſte Herz drang.„Ich hielt Sie für eine Abtheilung von Lorges⸗Dragonern, die auf Fourage 239 das Land durchſtreifen; ſo folgte ich Ihnen den ganzen Tag und bin eben erſt angefommen.“ Der arme Burſche hatte ſeit geſtern früh Nichts gegeſſen und getrunken, war verwundet geworden und hatte ſich in einem zwölfſtündigen Marſch die Füße auf⸗ gelaufen, um jetzt von Neuem in die Hände ſeiner Feinde zu fallen. Er mochte kaum neunzehn Jahre zählen; ſein Geſicht war ungemein einnehmend, und obſchon blutend und zerriſſen, in zerfetzter Uniform und ohne Kopfbe⸗ deckung, ſah man ihm doch auf der Stelle an, daß er von edlem Blute war. Geräuſchlos und vorſichtig machte ich ihm Platz am Feuer, während ich die ſpär⸗ lichen Ueberreſte meines Abendeſſens vor ihm ausbreitete und meine einzige Flaſche Teres mit ihm theilte. Von dem Augenblick an, da er geſprochen hatte, gab ich jeden Gedanken auf, ihn zum Gefangenen zu machen; da ich aber nicht wußte, in wie fern ich durch Geſtattung oder wirkliche Beförderung ſeiner Flucht meine Dienſtpflicht verletzte, ſo beſchloß ich, ſeine Anwe⸗ ſenheit geheim zu halten und ihn wo möglich noch vor Tagesanbruch weiter zu ſchaffen. Kaum hatte ich ihm dieſen meinen Entſchluß mit⸗ getheilt, als ſogleich alle Erinnerung an ſein bisheriges Mißgeſchick, aller Gedanke an ſeine gegenwärtige troſt⸗ loſige Lage von ihm zu weichen ſchien, und während ich ſeine Wunde unterſuchte und ſeinen zerſchmetterten Arm verband, ſchwatzte er ſo unbekümmert über Vergangenheit und Zufunft, als ſäße er am Feuer ſeines eigenen Bi⸗ vonaks, umgeben von ſeinen eigenen Kameraden. „Sie haben uns neulich überraſcht,“ ſagte er; „unſer Marſchall erwartete den Angriff von der Mün⸗ dung des Fluſſes her: wir hatten Nachricht erhalten, daß Ihre Schiffe dort einfahren würden. Jedenfalls war unſer Rückzug wohlgeordnet und muß ohne bedeu⸗ tenden Verluſt ausgeführt worden ſeyn.“ Ich lächelte über die Selbſtgefälligkeit dieſer Anſicht, widerſprach ihm aber nicht, 240 „Ihr Verluſt muß in der That groß geweſen ſeyn. Ihre Leute ſtanden unter dem Feuer einer ganzen Batterie.“ „Das wiſſen Sie nicht recht,“ ſagte ich,„unſere erſte Abtheilung ſtand ruhig in Oporto, bevor Sie eine Sylbe davon erfuhren.“ „Ah! sacre Dieu, Verrath,“ rief er mit der ge⸗ ballten Fauſt auf die Stirne ſchlagend. „Nein, blos Kühnheit, weiter Nichts. Aber kom⸗ men Sie und erzählen Sie mir von Ihrem eigenen Schickſal. Wie wurden Sie gefangen?“ „Ganz einfach auf folgende Weiſe:— Ich wurde zum Nachtrab geſandt mit Ordre an die Artillerie, daß ſie ihre Stränge abſchneiden und die Kanonen ſtehen laſſen ſollen. Als ich zurückkehrte, wurde mein Pferd auf dem ſchwierigen Weg müde, und ſo ſehr ich es an⸗ ſpornte, ſo ereilte mich doch einer Ihrer ſchweren Drago⸗ ner und ritt mich geradezu mit meinem Thiere nieder. Ei⸗ nige Zeit lag ich betäubt vom Falle da, bis ein Infan⸗ teriſt vorüberkam, mich beim Kragen nahm und zum Nachtrab brachte. Doch was ſchadet's? Sie wollen mich nicht ausliefern und ſo erlebe ich vielleicht den Tag, wo ich Ihre Güte vergelten kann.“ „Sie ſind noch nicht lange im Dienſt?“ „Es war meine erſte Schlacht: geſtern waren meine Epauletten blank und ſchön, heute ſehen ſie ſchon ein wenig abgenützt aus. Ihr rückt vermuthlich vor⸗ wärts?“ Ich lächelte, ohne dieſe Frage zu beantworten. „Ah, ich ſehe, Sie wollen nicht plaudern; aber Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, daß Ihre Verſchwiegenheit bei mir unnöthig iſt. Denn wenn ich morgen wieder zu meinem Regiment gelangte, ſo würde ich Alles ver⸗ geſſen haben, was ſie mir ſagten— nur Ihre große Güte nicht.“ Dieſe letzten Worte ſprach er mit einer leichten Verneigung ſeines Kopfes und Röthe überflog ſeine Wangen. 241 „Sie ſind Dragoner ohne Zweifel?“ fragte ich, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Ich war vor zwei Tagen Jäger zu Pferd und Un⸗ terlieutenant im Regiment meines Vaters, des Gene⸗ rals St. Croix.“ „Der Name iſt mir wohl bekannt,“ antwortete ich, und ich freue mich ungemein, in einer Lage zu ſeyn, wo ich dem Sohne eines ſo ausgezeichneten Offtziers einen Dienſt leiſten kann.“ „Der Sohn eines ſo ausgezeichneten Offtziers iſt Ihnen auf's Tiefſte verbunden, wünſchte aber, er hätte niemals unter ſo vortrefflichen Auſpicien Ruhm geſucht. Sie ſehen mich mit Erſtauuen an, mon cher, aber ich will's Ihnen nur geſtehen, daß mein militäriſcher Eifer ſich in den letzten drei Tagen gewaltig abgekühlt hat. Hunger, Durſt, Gefangenſchaft und dies da— er hob ſeinen verwundeten Arm in wenig ein die Höhe— ſind ſcharfe Lectionen in einem ſo kurzen Feldzug, zumal für einen Menſchen, deſſen bisheriges Leben weit mehr Luſtbar⸗ keiten als Strapatzen aufzuweiſen hatte. Soll ich er⸗ zählen, wie ich Soldat geworden bin?“ „O freilich; aber geben Sie mir zuvor Ihr Glas: ich lege jetzt noch ein friſches Scheit in's Feuer und dann bin ich ganz Ohr.“ „Halt, bevor ich anfange, ſehen Sie hier nach.“ Das Blut floß ſchnell aus ſeiner Wunde, und nur mit Mühe gelang mir's, es zu ſtillen. Er trank haſtig ſeinen Wein aus, hielt ſein Glas hin, und begann ſofort:— 3 „Si haben den Kaiſer nie geſehen?“ „Nie.“ „Sacre bleu, das iſt ein Mann! ich will lieber unter dem Feuer Ihrer Grenadiere ſtehen, als ſeinen Blicken begegnen. Wenn er im Zorn iſt, ſagt er zwar nicht viel, aber was er ſagt, kommt mit einem gewiſſen ziſchen⸗ den, rauſchenden Tone hervor, während das Feuer in Lever, O'Malley. II. 16 242 ſeinen Augen ſich zu entzünden ſcheint. Ich kann ihn jetzt vor mir ſehen, und obſchon meine gegenwärtigen Lage, aufrichtig geſtanden, nicht ſehr angenehm iſt, ſo möchte ich ſie doch wahrlich nicht gegen den Augenblick vertauſchen, da ich zum letztenmale vor ihm ſtand. Nooch vor zwei Monaten trug ich das fröhliche Hell⸗ blau und Silber eines kaiſerlichen Pagen und führte unter Bällen, Bonbons, Liebeleien, Plaudereien und Cham⸗ pagner ein ſehr luſtiges, ſorgloſes und müßiges Leben. Da fiel ich— den Grund will ich Ihnen ein ander⸗ mal erzählen, wenn wir wieder zuſammenkommen— auf einmal in Ungnade, wurde aus den Tutllerien ent⸗ fernt und auf einige Wochen nach Saint⸗Cloud ver⸗ wieſen. Sibirien kann für einen Ruſſen keine härtere Strafe ſeyn, als dieſe Verbannung für mich war. Da gab es keinen Hof, kein Lever, keine Parade, keinen Ball, keine Oper. Nur eine kleine auserleſene Diener⸗ ſchaft des Kaiſers hielt da ruhig Haus. Die düſtern Mauern tönten von keiner Muſik wieder; die dunkeln Alleen des trübſeligen Gartens waren die perſonificirte Einſamkeit und Oede. Nichts unterbrach die unaus⸗ ſtehliche Eintönigkeit des Tages, außer wenn gelegentlich bei Sonnenuntergang die Ablöſung hörbar wurde, wenn die Wache das Gewehr präͤſentirte und ein ſchwe⸗ rer Wagen in den düſtern Hofraum rollte. In einem kleinen Zimmer des zweiten Stocks brannte bis gegen vier, manchmal auch fünf Uhr Morgens eine Lampe glänzend wie ein Stern. Daſſelbe Geräuſch der Wachen und daſſelbe dumpfe Gerolle des Wagens pflegte die Stille des frühen Morgens zu unterbrechen, und der Kaiſer— denn er war es— fuhr nach Paris zurück.. Wir ſahen ihn nie, ich ſage wir, denn es waren noch ein halb Dutzend in gleicher Verdammniß wie ich und mußten ihre Thorheiten in freudenloſer Lange⸗ weile büßen.. An einem ruhigen Aprilabend, als wir beiſammen 243 ſaßen, und über die verſchiedenen loſen Streiche ſchwatz⸗ ten, denen wir unſere Verbannung zu verdanken hatten, machte einer den Vorſchlag, zum Zeitvertreib in den kleinen Blumengarten zu gehen, der von dem übrigen getrennt und nur allein für den Kaiſer beſtimmt war. Die Stunde, wo er gewöhnlich kam, war bereits vor⸗ über und im Fall er auch wirklich erſchien, ſo hatten wir immer noch Zeit genug, um uns zu entfernen. Wir hatten freilich den Garten ſchon oft geſehen, aber in der Thatſache, daß wir durch nnſern jetzigen Be⸗ ſuch ein Geſetz übertraten, lag ein ſolcher Reiz für uns, daß wir ohne Weiteres ſogleich aufbrachen. Laͤnger als eine Stunde ſchlenderten wir in den einſamen, ver⸗ laſſenen Gängen umher, wo des Kaiſers Fuß bereits einen eigenen Weg getreten hatte, und ſchon wollten wir in der Langeweile wieder umkehren, als einer gerade der Heiligkeit des Ortes zum Trotze, den Vorſchlag machte, Hockeſel zu ſpielen. Die Idee gefiel uns und wurde alsbald angenommen. Der Plan war der: Jeder ſollte ſich in einen Nebenweg oder in eine Allee ſtellen und warten, bis der andere an dem die Reihe war, kam und über ihn wegſprang, ſo daß nicht blos Gewandtheit, ſondern auch Lokalkenntniß dazu erforderlich war; denn wer einen überging, mußte eine Strafe bezahlen. Unſer Spiel begann und ich zweifle in der That, ob je dieſe grünen Alleen und ſchattigen Haine ein ſolch herzliches Ge⸗ lächter gehört haben, wie damals. Hier purzelte ein Paar in’s Gras, dort ſah man einen unglückſeligen Wicht ſein Taſchengeld herzählen, um die Strafe zu erlegen. Stunde um Stunde verſtrich unbemerkt, der Mond ging auf und endlich kam die Reihe an mich, die Runde durch den Garten zu machen. Da ich dafür galt, alle Verſchlingungen deſſelben beſſer zu kennen, als die an⸗ dern, ſo wurde ihnen eine längere Zeit geſtattet, um ſich zu verſtecken; endlich erſcholl das Commandowort und ich brach auf. 16* 244 „Um meine Aufgabe recht gut durchzuführen, rannte ich ſo ſchnell ich konnte, aber denken Sie ſich meine Ueber⸗ raſchung, als ich nirgends einen von meinen Kameraden entdeckte. Ich eilte den einen Weg hinab, den andern hinauf, ſchwenkte mich ſodann in einen dritten, aber da war Alles ſtill und ſchweigſam; kein Ton, kein Athem⸗ zug ließ ſich vernehmen. Nur ein einziger Theil des Gartens war noch undurchſucht; es war ein kleiner offe⸗ ner Raum vor einem Teiche, welcher die Goldfiſche ent⸗ hielt, die der Kaiſer ſo ſehr liebte; dorthin lenkte ich meine Schritte und war noch nicht weit gekommen, als ich endlich im blaſſen Mondlicht einen meiner Kamera⸗ den entdeckte, der mit geſenktem Haupt und gebogener Schulter ruhig meine Ankuntt erwartete. Ich wollte ihn meine lange Tänuſchung büßen laſſen und ſchlich mich daher leiſe auf den Zehen ganz nahe zu ihm her, nahm dann einen furchtbaren Anlauf und ſprang ihm dann auf den Rücken. In dem Augenblick, als ich über ihn wegſetzten wollte, hob er den Kopf empor, taumelte durch den Sprung aus dem Gleichgewicht gebracht, ein wenig vorwärts und ſtürzte dann, nach einem fruchtloſen Verſuch, ſich auf den Beinen zu halten, der Länge nach auf die Naſe. Unter lautem Gelächter fiel ich über ihn her und wollte ihm eben helfen, als er plötzlich auf die Beine ſprang und— Entſetzen über Entſetzen— es war Napoleon ſelbſt. Seine gewöhnlich blaſſen Züge waren purpurroth vor Wuth, aber kein Wort, keine Sylbe kam über feine Lippen.— „Wer biſt Du?“ ſagte er endlich. „St. Croix, Sire,“ antwortete ich, wie vom Donner gerührt und auf die Kniee ſtürzend. „St. Croix, und immer St. Croix,“ tief er mit wuthentbrannter Stimme,„tritt hier heran!“ Ich ſtand auf, aber bevor ich noch einen Schritt thun konnte, ſprang er auf mich zu, riß mir meine Epauletten herab, zerſtampfte ſie mit den Füßen und 245 knirſchte dann,— denn Sprechen kann ich es nicht nennen— das einzige Wörtlein„Gehl“ Ich wartete keinen zweiten Befehl ab, ſondern rannte mit einem Anſatz über den Zaun hinweg und war, als der Tag anbrach, viele Stunden von Saint⸗ Cloud entfernt.“ ——-— Einundfünfzigſtes Kapitel. Der Marſch. Zweimal ertönte die Reveil, die Pferde knirſchten ungeduldig in ihre Zügel, und meine Leute warteten auf den Befehl zum Aufſitzen, eh' ich mich aus dem tiefen Schlaf, in den ich verfallen war aufrütteln konnte. Der junge Franzoſe und ſeine Geſchichte hatten mir in meinen Träumen vorgeſchwebt, und als ich erwachte, war die Figur des neben dem Kohlenfeuer ſchlummern⸗ den das Erſte, was mir in die Augen fiel. Da lag er, allem Anſchein nach ſo vollſtändig ohne Bewußtſeyn ſei⸗ nes Schickſals, als lebte er noch in den prachtvollen Hallen und vergoldeten Sälen der Tuilerien; auf ſeinen bleichen, ſchönen Zügen lag ein friedſames Lächeln, gleich als hätte er einen angenehmen Traum von frü⸗ heren Tagen; ſeine langen Haare ſielen in üppigen Lo⸗ cken über ſeinen Nacken und ſein lichtbrauner, an den Spitzen leicht gekräuſelter Schnurrbart gab dem milden jugendlichen Geſichte einen gewiſſen trotzigen Stolz, wel⸗ cher ihm ſehr ſchön anſtand. Aus ſeinem offenen Frack ſah ein blaues, ſchmales Band hervor, das er am Halſe trug. Ich konnte der Neugierde nicht widerſtehen zu ſehn, was es bedeuten ſollte, zog es daher ſachte hervor und bemerkte, daß ein kleines Miniaturbild daran be⸗ feſtigt war. Es war ſchön gemalt und mit Brillanten von einigem Werth eingefaßt; ich ſah auf den erſten lick— denn ich hatte ſchon mehrere Abbildungen von 246 ihr geſehen— daß es ein Porträt der Kaiſerin Joſephine war. Der arme Junge! Ohne Zweifel war er ein Lieb⸗ ling bei Hof geweſen und ſein ganzes Aeußere ſchien darauf hinzudeuten. Ich ſteckte das fkoſtbare Medaillon an ſeinen Ort zurück und wandte mich weg, um zu überlegen, was ich für ihn thun könnte. Da ich die Rachſucht der Portugieſen gegen ihre Unterdrücker kannte, ſo ſcheute ich mich, Pietro, unſern Führer, in mein Vertrauen zu ziehen. Dagegen rief ich meinen Mickey zu Hülfe, der mit der ganzen Schlauheit ſeines Landes ſogleich ein Mittel ausfindig machte. Wir beſchloſſen nämlich Pietro zu ſagen, der Gefangrne ſey ein engliſcher Offizier und aus der franzöſiſchen Armee, wo er gezwun⸗ gen einige Zeit lang gedient habe, entflohen. Dieſer Plan gelang vollkommen, und als St. Croir auf einem meiner Pferde neben mir herritt, war Nie⸗ mand gefälliger und aufmerkſamer als der finſtere Por⸗ tugieſe, deſſen Franzoſenhaß allen Glauben überſtieg. Indem ich ihm auf dieſe Art durch Portugal ſicheres Geleit verſchaffte, wußte ich, daß er von der Grenze aus leicht zu einem Theil von Marſchall Victors Trup⸗ pen gelangen konnte, deren Vortrab am linken Ufer des Tajo lag. Für mich war ſeine Geſellſchaft die größte Wohl⸗ that; der fröhliche, überſprudelnde Geiſt, den keine Laune des Schickſals, keine Widerwärtigkeit zu beugen ver⸗ mochte, erheiterte mir manche Stunde der Reiſe, und obſchon er von Zeit zu Zeit in Gasconnaden verfiel, ſo lag doch in Allem, was er ſagte, ein ſolch gutmüthiger Spott, daß man ihm unmöglich böſe werden konnte. Auch ſein unerſchütterlicher Glaube an die Unüberwind⸗ lichkeit des Kaiſers beluſtigte mich. Von dem unbe⸗ grenzten Vertrauen, das die Nation im Allgemeinen und die Armee insbeſondere auf Napoleon ſetzte, hatte i bis dahin keinen Begriff gehabt. Nicht ſeine tiefe Ein⸗ ſicht und ſeine unerſchöpfliche Erfindſamkeit als General war es, worauf ſie bauten; nein, ſie betrachteten ihn 247 wirklich als einen Mann, der über allen gemeinen Schick⸗ ſalswechſeln ſtehe, und verehrten ihn als ein übermenſch⸗ liches Weſen. zzll viendra et puis«— rief der junge Franzoſe einmal ums andere. Die Anſicht, daß wir der über⸗ wältigenden Macht des Kaiſers erfolgreichen Widerſtand leiſten können, würde er verlacht, vielleicht ſogar verach⸗ tet haben, und ſo ließ ich ihn denn ungeſtört prohezeien daß bald die Zeit des Unglücks für uns kommen werde, wo wir, nach Liſſabon zurückgetrieben und zur Räumung der Halbinſel gezwungen, nur mit Hülfe einer Kapitu⸗ lation unſre Rückkehr nach England bewerkſtelligen können. Alles dies war lächerlich genug, zumal aus dem Munde eines neunzehnfährigen, verwundeten, im Elend und in der Gefangenſchaft ſich befindenden Jünglings; aber nähere Bekannntſchaft mit ſeiner Nation hat mir bewie⸗ ſen, daß St. Croir keine Ausnahme, ſondern die Regel war. Die Ueberzeugung von endlichem und entſcheiden⸗ dem Erfolg ihrer Armeen, wie furchtbar auch augen⸗ blickliche Unfälle ſich geſtalten mögen, finden ſich bei allen Franzoſen ſammt und ſonders; ein Sieg heißt bei ihnen eine Croberung; eine Niederlage— wenn ſie durch ir⸗ gend einen Zufall getrieben worden, eine ſolche anzuer⸗ kennen— eine Fatalität. Ich war zu jung und namentlich ein zu junger Soldat, um dieſe alberne Selbſtüberſchätzung mit der gebührenden Ruhe zu ertragen, deßwegeun ſuchte ich auch wo möglich das Geſpräch von dem ſtreitigen Punke der Nationulüberlegenheit auf andere Gegenſtände überzu⸗ lenken. St. Croix hatte trotz ſeiner Jugend als Page am glänzenden Tuilerienhof viel von der Welt geſehen; die Szenen, die an ſeinen Augen vorübergingen, waren berechnet einen ſtarken Eindruck zu machen, und er ver⸗ kürzte mir den Marſch durch manche Anekdote aus ſei⸗ nem früheren Leben. „Apropos, Sie haben verſprochen mir von Ihrer Verbannung zu erzählen; wie ging dies zu, St. Croix?“ — „Ah par Dieu, das war eine unglückliche Geſchichte für mich; damit begann all mein Leiden; ohne dieſe Affaire würde ich nie nach Saint Cloud geſchickt worden ſeyn, nie mit dem Kaiſer Hockeſel geſpielt, nie den ſpa⸗ niſchen Boden als Soldat betreten haben. Es iſt wahr,“ fügte er lachend hinzu,„ich würde auch nicht das Glück gehabt haben, Ihre Bekanntſchafi zu machen. Aber immerhin hätte ich mich weit mehr gefreut Sie zum erſtenmal auf dem Place des Victoires zu treffen als in dem Eſtrellagebirge“ 1 „Wer weiß?“ tröſtete ich;„vielleicht hat doch bei alldem Jor guter Genius vorgewaltet.“ „Vielleicht,“ ſagte er, mich unterbrechend;„eben das hat auch die Kaiſerin geſagt— ſie war meine Pa⸗ thin— ‚Jules wird vielleicht noch Marſchall von Frank⸗ reich werden.“ Aber jedenfalls muß man geſtehen, daß der Anfang ſchlecht ausgefallen iſt. Doch Sie wünſchen die Geſchichte meiner Ungnade bei Hof zu hören. Ich will Sie Ihnen erzaͤhlen; aber ſollten wir nicht lieber warten bis wir wieder Halt machen?“ „Auch gut,“ ſagte ich;„und ſo laſſen Sie uns denn xaſch vorwärts reiten.“ Zweiundfünfzigſtes Kapitel. 4 Der Page. Unter dem tiefen Schatten einiger hohen Bäume, die uns vor der Mittagsſonne ſchützten, legten wir uns zur Ruhennieder und nahmen ein höchſt patriarchaliſches Mittaäſeceein; Etwas trockener Zwieback, einige Trau⸗ ben und ein wenig ſchwachen Wein, welcher mehr nach dem Schlauch, als nach Rebenſaft ſchmeckte, war Alles, was wir aufzuwenden vermochten; inzwiſchen begnügten wir uns gerne damit. „Nun, weſſen Geſundheit wollen Sie denn trinken?“ fragte St. Croir mit einem halb boshaften Lächeln, als ich das Glas ſchweigend an meine Lippen hob. Ich wurde feuerroth und ſah verwirrt aus. „Auf ihre ſchönen Augen, wer ſie auch ſeyn mag!“ ſagte er und leerte fröhlich ſein Glas;„nun aber will ich Ihnen, wenn Sie gerne zuhören, meine Geſchichte erzählen. Sie verdient es zwar eigentlich kaum, kann abee doch jedenfalls dazu dienen, Sie in Schlaf zu ullen. „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich Page war. Ach, ſtellen Sie ſich unter einem ſolchen Würdeträger, wenn er zum Haushalt des Kaiſers Napoleon gehörte, ja keinen Cherubino vor. Dieſer verliebte Schmetter⸗ ling ſonnte ſich in dem huldreichen Lächeln und den ſtrahlenden Blicken der Gräfin Almaviva; wir bekamen Nichts als die kalten, unempfindſamen Blicke von Tal⸗ leyrand zu ſehen, das ſcharfe, durchdringende Auge Sa⸗ vary's oder das zweideutige, halb drohende, halb ſpöt⸗ tiſche Lächeln des Monſieur Fouche. Wenn wir Dienſt hatten, ſo mußten wir unſere Tage im Vorzimmer neben dem Audienzſaal des Kaiſers zubringen, an die geſchloſ⸗ ſene Thüre angelehnt, aufmerkfam auf das leiſe Klin⸗ geln der kleinen Glocke horchend, die uns das Zeichen gab, irgend einen hochmüthigen Diplomaten hinaus oder einen gefürchteten General hineinzulaſſen. Auf dieſe Weiſe brachten wir die langweiligen Stunden zu. Die hochberühmten Gäse, von denen wir umgeben waren, hatten nichts Neues, folglich keine Anziehungskraft mehr für uns, und bereits hiſtoriſche Namen waren für uns alltägliche Worte. „Wir haben oft das ſtolze, kalte Benehmen des Kaiſers gegen diejenigen ſeiner Generale beobachtet, die früher ſeine Waffengefährten geweſen waren. Alle Ver⸗ traulichkeit oder Freiheit, die im Feldzug und auf dem Schlachtfelde ſtattgefunden haben mag, war durch die Luft der Tuilerien erſtickt worden. Ich habe oft gehört, daß die ceremoniöſen Gebräuche und die ſtarre Etikeite des alten Bourbonenhofes weit erträglicher geweſen ſeyen, als die unfreundliche Rückhaltſamkeit und die unbeugſame Steifheit des kaiſerlichen. „Die Antichambre iſt nur der Abglanz des Audienz⸗ ſaales, und wie es ſich auch mit den Grillen, Launen, Kleinlichkeiten des großen Mannes verhalten mag, ſie werden jedenfalls von ſeinen Untergebenen ſchleunig an⸗ genommen, und das finſtere Temperament eines einzigen wirft einen trüben Schatten auf alle Diener ſeiner Um⸗ gebung. „Was uns betraf, ſo hatten wir uns bald allerlei vom Kaiſer angeeignet, und ich müßte mich ſehr irren, wenn ich nicht die Impertinenz, der man ſich im Wartzim⸗ mer ausſetzte, mehr gefürchtet und verabſcheut wurde, als die barſche Sprache und der inquiſitoriſche Blick Na⸗ poleons ſelbſt. „Welch ein boshaftes Vergnügen gewährte es mir nicht, wenn ich Herrn von Talleyrands Schritt vor dem Kabinet des Kaiſers aufhalten konnte! Mit welcher leicht⸗ fertigen Inſolenz lispelte ich nicht:„Verzeihen Sie mein Herr, aber Se. Majeſtät kann Sie nicht empfangen’, oder: ‚Herr Herzog, Se. Majeſtät hat keine Ordre ge⸗ geben, Sie einzulaſſen!: Wie ergötzte ich mich nicht an der Verblüfftheit dieſer Herren, wenn ſie ſich wieder unter die große Maſſe zurückziehen mußten, der ſchlaue Diplomat ſeinen Aerger durch ein erkünſteltes Lächeln ver⸗ deckend, während der ſtrenge Marſchall bis an die Au⸗ gen roth wurde vor Erbitterung. Dies war das Haupt⸗ vergnügen, das unſere Stellung uns gewährte, und mit knabenhafter Bosheit trieben wir es ſo hoch uls möglich, ſo daß wir zuletzt der Schreck und Abſcheu Aller wur⸗ den, welche die Levers beſuchten. Der Geſandte, der in den Rathsſitzungen von Königen furchtlos ſeine Stimme abgab, wurde, wenn er in unſere Nähe kam, ſanft und gewinnend; der kühne General, der ohne Zagen eine Artilleriebrigade angriff, wurde ſchüchtern wie ein Mad⸗ chen, wenn er an uns nur eine einfache Frage zu rich⸗ ten hatte. „Unter der liebenswürdigen, damit charakteriſirten Klaſſe, that ich mich am meiſten hervor, indem ich je⸗ doch vorſichtiger Weiſe einen höflichen Ton beibehielt, der mich jedenfalls vor offenen Klagen ſicher ſtellte. Aber meine Gleichgültigkeit und Unparteilichkeit ließ ſich durch kein noch ſo dringendes Geſchäft irremachen oder aus dem Gleiſe bringen, und meine Verbeugung gegen Soult und Maſſena war ebenſo kalt und abgemeſſen, wie meine einſylbigen Antworten. „In gewöhnlichen Fällen klingelte der Kaiſer beim Schluß jeder Audienz mit ſeiner kleinen Glocke, als Zei⸗ chen, daß jetzt der Nächſte nach der Ordnung des Er⸗ ſcheinens im Vorzimmer vorgelaſſen werden ſolle; bei wichtigen Veranlaſſungen dagegen wurde uns am Mor⸗ gen eine Namensliſte der Perſonen gegeben, die der Reihe nach vorgelaſſen werden ſollten und dieſe Anord⸗ nung konnte durch keine zufälligen Umſtände mehr um⸗ geſtoßen werden. „Es ſind jetzt ungefähr vier Monate, daß mir an einem ſchönen Morgen eine ſolche Liſte übergeben wurde. Se. Majeſtät beſchäftigte ſich eben mit einer genauen Prüfung der Seemacht des Reiches, und als ich gleich⸗ gültig die Namen überſah, las ich beinahe nichts Ande⸗ res als Viceadmiral ſo und ſo, Commandant ſo und ſo, man bekam alſo ſtatt der gewöhnlichen Pracht ſchimmern⸗ der Uniformen und Orden bedeckter Marſchälle weiter Mihne als das einfache Blau und Gold der Seeofftziere zu ſehen. „Die Marine ſtand bei dem Kaiſer nicht in hoher Gunſt, und ſo war denn auch meinerſeits der Empfang dieſer ſeltenen Gäſte Nichts weniger als zuvorkommend. Die frühen Morgenſtunden hatten wie gewöhnlich der Polizeiminiſter und der Herzog von Baſſano in Anſpruch genommen, die, nach ihrem langen Aufenthalt beim Kaiſer zu ſchließen, wichtige Mittheilungen zu machen 25² gehabt hatten. Mittlerweile füllte ſich das Vorzimmer ſchnell und war gegen Mittag vollgedrängt. Juſt in dieſem Augenblicke oͤffnete ſich die Flügelthüre langſam von Neuem, und eine Figur trat ein, dergleichen ich in unſeren glänzenden Salons noch nie erblickt hatte. Es war ein Mann von fünf oder ſechsundfünfzig Jahren, kurz, unterſetzt und kräftig gebaut, mit einem ehernen, verwitterten Geſicht und einer breiten offenen Stirne, auf welcher eine tiefe Narbe von einem Säbelhieb zu ſehen war; ein ſcheckiger grauer Schnurrbart krümmte ſich über dem Mund und verſteckte ihn halb, während Augenbraunen von derſelben Farbe ſeine dunkeln durch⸗ dringenden Augen überſchatteten. Er trug einen groben blauen Tuchrock, wie die Fiſcher in der Bretagne, um den Leib zuſammengehalten durch einen gewaltigen, ſchwarz⸗ ledernen Gurt, von welchem ein kurzer, breiter Säbel herabhing; ſeine weiten Beinkleider von demſelben Stoff, wie der Rock, waren bis über die Knöchel zurückgeſchla⸗ gen, um ein paar kräftige Beine zu zeigen, die in gro⸗ beu blauen Strümpfen und in dickſohligen Schuhen ſteck⸗ ten. In der einen Hand trug er einen breitkrempigen Wachs⸗ tuchhut, die andere hatte er nachläſſig in der Taſche ſtecken, als er eintrat. Er erſchien mit vollkommener Unbefangenheit im Zimmer, grüßte höchſt vertraulich ei⸗ nige Offtziere und ſetzte ſich nahe an der Thüre, offen⸗ ba 4 ſeine eigenen Betrachtungen verloren, auf einen tuhl. „„Wer mögt wohl ihr ſeyn, würdiger Freund?⸗ fragte ich mich, als ich die ſeltſame Erſcheinung betrach⸗ tete, und bei der Durchleſung der Liſte fand ich, daß mehrere Piloten von Calais, Havre und Boulogne nach Paris beordert waren, um über die Tiefe und Fahrbar⸗ keit des Waſſers an der Küſte hin Auskunft zu ertheilen. „Ha,“ dachte ich,„jetzt habe ich's— der ehrliche Mann hat ſich in dem Orte geirrt und iſt, ſtatt drau⸗ ßen zu bleiben, kühn in's Vorzimmer gedrungen! Uebri⸗ gens lag in dem grimmigen Blick des alten Burſchen, 25⁵53 wie er ſo allein daſaß, etwas dermaßen Seltſames und Originelles, daß ich ihn ruhig in ſeiner Täuſchung ge⸗ währen ließ, ſtatt ihn in's äußere Zimmer zu verweiſen Auch merkte ich, daß ſeine Erſcheinung allda unter den Andern eine Art Senſation erregt hatte, die mich ſehr beluſtigte. „Als es ſpäter wurde, ſtellten ſich die Offiziere in Gruppen von drei oder vier zuſammen und plauderten leiſe, alle, nur der alte Pilot nicht. Dieſer zog aus ſeiner umfangreichen Bruſttaſche eine ungeheure Tabaks⸗ doſe hervor, ſteckte ein tüchtiges Stück des bittern Krau⸗ tes in ſeinen Mund und begann ſo gemächlich zu kauen, als ſpazierte er auf dem Verdecke umher. Die kühne Unbefangenheit eines ſolchen Benehmens ergötzte mich höchlich, und ich beſchloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen.. „Seine kräftigen, breiten, bretagniſchen Züge, ſeine tiefe Stimme, ſeine trockene, plumpe Manier, Alles paßte vortrefflich zu ſeinem Aeußeren und machte mir unend⸗ lich viel Spaß. „Par Dieu, mein Junge,“ ſagte er, nachdem wir einige Zeit geplaudert,„wollten Sie nicht dem Kaiſer ſagen, daß ich warte? Es iſt jetzt Mittag vorüber und ich muß Etwas eſſen.“ „Gedulden Sie ſich noch ein wenig,“ ſagte ich; „Se. Maj. wird Sie zur Tafel ziehen.“ „Meinetwegen,“ ſagte er ernſthaft,„wenn es nicht zu ſpät iſt, nehme ich's an.“ „Nur mit Mühe konnte ich hier ein lautes Lachen unterdrücken und fuhr fort— „Wie es ſcheint, kennen Sie den Kaiſer bereits? „O gewiß, ich erinnere mich ſeiner, als er nicht höher war als Sie.“ „Da wird er ſich wohl unendlich freuen, Sie hier zu finden— Hoffentlich haben Sie auch einige von Ihrer Familie mitgebracht? Der Kaiſer würde ſich da⸗ durch ſehr geſchmeichelt fühlen.“ 40 2⁵4 „Nein, ich habe ſie zu Hauſe gelaſſen; es behagt uns nicht ſonderlich hier: überdies haben wir andere Dinge zu thun, als unter Euch vornehmem Volke da Zeit und Geld zu verzetteln.“ „Es muß auch kein ſchlechtes Leben ſeyn,“ agte ich,„Stockſiſche und Häringe zu fangen und von Zeit zu Zeit ein geſcheitertes Schiff auszuleeren.“ „Bei dieſen Worten ſtarrte er mich an, wie ein auf dem Sprunge begriffener Tiger, ſagte aber kein Wort. „Und wie viele junge Seewölfe haben Sie daheim in Ihrer Höhle?“ „Sechs, und alle ſind im Stand Sie mit einer Hand und ausgeſtrecktem Arme zu tragen.“ „Daran zweifle ich nicht und habe wahrhaftig keine Luſt ihre Geſchicklichkeit auf die Probe zu ſtellen. Aber wie finden Sie die Hauptſtadt?“ „Schlecht, und ich will Ihnen ſagen warum“— Als er dies ſagte, öffnete ſich die Thüre des Au⸗ dienzſaales und der Kaiſer erſchien. Seine Augen fun⸗ kelten Feuer, als er haſtig im Zimmer umherſah. „Wer hat den Dienſt hier?“ „Ich, Ew. Majeſtät,“ ſagte ich, mich tief verbeu⸗ gend und von meinem Sitze aufſpringend. „Und wo iſt der Admiral Truguet? warum iſt er nicht vorgelaſſen worden?“ „Er iſt nicht anweſend, Ew. Majeſtät,“ ſagte ich, zitternd vor Furcht. „Halt da, junger Menſch, nur ſachte,“ rief mein Fiſchersmann,„da iſt er.“ „Ah, mein lieber Truguet,“ rief der Kaiſer, ſeine beiden Hände auf die Schultern des alten Kerls legend. „Wie lange haben Sie warten müſſen?“ „Dritthalb Stunden,“ ſagte er und zog zum Be⸗ weiſe eine Uhr von der Größe einer Untertaſſe hervor. „Was! dritthalb Stunden und ich erfahre Nichts davon!“ 4 — 25⁵ „Thut Nichts: ich bin immer erfreut Ew. Maje⸗ ſtät dienen zu können. Aber wenn dieſer feine Geſell da mir nicht geſagt hätte, daß Sie mich zum Eſſen ein⸗ laden wollen,— „Ha! ſagte er das? Wirklich?“ rief Napoleon und warf mir einen Blick zu, wie eine wilde Beſtie.„Ja Truguet, ich wollte das: Sie ſollen mit mir diniren. Sie aber, junger Menſch,“ fügte er flüſternd hinzu, indem er dicht zu mir herantrat,„wie konnten Sie ſich unterſtehen ſo zu ſprechen? Rufen Sie die Wache herein. Kapitän, führen Sie dieſen Burſchen in Arreſt; erſt in Ungnade und nicht länger Page im Palaſt. Aus mei⸗ nen Augen! Fort Burſche!“ Das Zimmer drehte ſich mit mir um und um, meine Beine zitterten, meine Sinne ſchwanden und ich ſah Nichts mehr.. Drei Wochen bei Waſſer und Brod in St. Pelagie brachten mich indeß wieder zur Beſinnung, und endlich wirkte mir meine gütige, meine mehr als gütige Freun⸗ din, die Kaiſerin, Gnade aus und ſandte mich nach Saint Clond, bis der Kaiſer Alles vergeſſen haben würde. Wie ich es einzurichten wußte, um ſeine Er⸗ innerung an mich wieder außzufriſchen, wiſſen Sie ſchon, und Sie werden geſtehen müſſen, daß ich in meinen Zu⸗ ſammenkünften mit Napoleon nicht allzuglücklich war.“ Ich ſehe wohl ein, wie unendlich viel St. Croir's Geſchichte durch meine Darſtellung verliert. Die naiven Ausdrucke, die Grazie der Erzählung, die ihren Haupt⸗ reiz bildeten, vermag ich leider weder zu überſetzen noch wiederzugeben, ebenſo wenig, als ich das ſeltſame Ge⸗ miſch von tiefem Gefühl und ſorgloſer Leichtfertigkeit, von Verſchmitztheit und Einfachheit veranſchaulichen kann, wodurch mich mein Freund mehr als einmal überraſchte. Er erzählte mir auf unſerem weitern Marſch noch manche Anekdote aus ſeinem Hofleben, und endlich am Abend des dritten Tages benachrichtigte uns ein Bauer, daß eine Abtheilung franzöſiſcher Reiterei das Kloſter 256 San Chriſtoval, ungefähr drei Stunden von uns, be⸗ ſetzt halte. Die Gelegenheit zu ſeiner eignen Armee zurückkehren zu können, erfreute ihn weit weniger als ich erwartet hatte; er hörte ohne ein Zeichen des Ver⸗ gnügens, daß die Stunde ſeiner Befreiung geſchlagen, und als der Augenblick des Abſchieds kam, war rr tief gerührt. „Eh bien, Charles,“ ſagte er traurig lächelnd, während ihm die Thränen in die Augen traten,„Sie ſind mir ein gütiger Freund geweſen. Wird wohl die Zeit nie kommen, da ich Ihnen vergelten kann? „Ja, ja, wir treffen uns gewiß wieder. Inzwiſchen können Sie das, was ich gethan habe, ſchon jetzt mehr als vergelten.“ „Sagen Sie. o ſagen Sie wie?“ „Mancher brave Kerl von uns befindet ſich in fran⸗ zöſiſcher Gefangenſchaft, und ohne Zweifel wird dies noch manchem widerfahren. Wenn Ihr Schickſal Sie je mit ſolchen Leuten in Berührung bringt“— „Sie ſollen meine Brüder ſeyn,“ rief er, auf mich zuſpringend und ſeinen Arm um meinen Nacken ſchlin⸗ gend; Adieu, adieu!“ damit ſtürzte er weg, nud bevor ich wieder ſprechen konnte, ſaß er ſchon auf dem Pferd des Bauern und winkte mir zum letztenmal mit der and. 5 Ich ſah ihm nach, wie er den grünen Abhang des Berges hinabgaloppirte und der Hufſchlag ſeines Pferdes in der ſtillen Ebene wiederklang. Endlich kehrte ich an meinen Platz zurück und bemerkte erſt jetzt, daß er mir beim Abſchied das Miniaturbild der Kaiſerin umgehängt hatte. Der arme Junge! wie betrübte mich der Ge⸗ danke, ihn einer Sache beraubt zu haben, die er ſo über⸗ aus werth hielt! Wie gerne wäre ich ihm nachgeeilt, um ſein Geſchenk zurück zu geben! Es war das einzige Werthvolle, was er beſaß, und da er wußte, daß ich es freiwillig nicht angenommen haben würde, ſo hatte er es mir auf dieſe Art aufgedrungen. 2⁵7 In den langen Stunden der Sommernacht dachte ich viel an ihn; erſt gegen Morgen ſchlief ich ein und beim Erwachen war mein erſter Gedanke, welch einſa⸗ mer Tag mir bevorſtehe. Die Meilen glitten nicht län⸗ ger unbemerkt dahin, Mittag und Nacht ſchienen nicht mehr ſo raſch auf einander zu folgen. Ach, daß man alt werden muß! Selbſt die Kümmerniſſe unſerer frü⸗ hern Jahre haben etwas Liebliches und Rührendes an ſich. Weniger aus tiefem Weh, als aus geringfügigen Mißgeſchicken entſpringend, verſetzt ſich der Gram, den ſie verurſachen, immer mit angenehmen Gedanken, die an eine holde Vergangenheit gemahnen und inmitten der Thränen, welche heraufbeſchworen werden, einen glänzenden Regenbogen zukünftiger Hoffnung bilden. Der gute St. Croir war mir ſehr lieb geworden, und es wurde mir öde und einſam um's Herz, als er mich verlaſſen hatte. Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Alvas. Kein Ereigniß von Bedeutung ſtieß uns auf dem weitern Marſche nach den Grenzen Spaniens auf, und endlich erreichten wir die kleine Stadt Alvas. Es war nach Sonnenuntergang, als wir dort anlangten, und anſtatt der gewöhnlichen Ruhe und Stille eines kleinen Dorfes fanden wir die Straßen vollgedrängt von Fuß⸗ gängern und Reitern; Maulthiere, Ochſen, Karren und Wägen verſperrten den Durchgang und von allen Seiten hörte man das Fluchen der Treiber und das Gekreiſche von Weibern und Kindern. Mit dem bischen Spaniſch, das ich verſtand, fragte ich einige der Nächſtſtehenden über die Veranlaſſung dieſes Wirrwars und erhielt zur Antwort, es habe zwi⸗ Lever, O'Malley. II. 17 258 ſchen dem Vortrab der Franzoſen unter Victor und der lufitaniſchen Legion ein furchtbares Treffen ſtattgefunden; die portugieſiſchen Truppen ſeien gänzlich geſchlagen und aufgelöst, auch haben ſie alle ihre Artillerie und Ba⸗ gage eingebüßt; die Franzoſen dagegen rücken ſchnell vor und werden ſtündlich in Alvas erwartet; deßwegen nun packen die Einwohner, von Furcht ergriffen. all ihr Hab und Gut zuſammen und wollen die Flucht ergreifen. Dies war nun auf einmal ein höchſt ſchwieriger Punkt für mich. Meine Inſtructionen hatten einen ſol⸗ chen Fall gar nicht vorgeſehen, und es war mir rein unmöglich zu beſtimmen, wie ich mich zu verhalten habe. Meine Leute ſowohl als ihre Pferde waren durch einen vierzehnſtündigen Marſch im höchſten Grade ermüdet und der Ruhe dringend bedürftig. Rings um mich her wurden die Vorbereitungen zur Flucht mit all der Eile betrieben, wozu nur Angſt drängen kann, und auf meine Frage um Unterkommen und Nahrung antwortete man mir mit Androhungen des furchtbarſten Schickſals, das meiner warte, im Fall ich bliebe, und mit übertriebenen Erzählungen von franzöſiſcher Grauſamkeit. Mitten in all dieſem Wirrwarr begann ein furchtba⸗ rer Regen, der mich vollends beſtimmte, meine Leute je⸗ denfalls unter Dach und Fach zu bringen und für Fou⸗ rage zu ſorgen. 1 Als wir uns langſam durch die verſperrten Stra⸗ ßen weiter drängten und rechts wie links nach einem Wirthshauſe umſchauten, erhob ſich vor uns ein furcht⸗ bares Geſchrei, und das angſtvolle Gedränge der Ein⸗ wohner ließ uns vermuthen, daß die Franzoſen in der Nähe ſeyen. Einige Minuten lang war das Getöſe und der Wirrwar entſetzlich;— das Geſtampfe von Pferde⸗ hufen, das Geſchmetter von Trompeten, daß Gekreiſche der Menge, Alles vereinigte ſich zu einem grauenhaften Conzert. Ich ließ meine Lente eine geſchloſſene Colonne bil⸗ den und war entſchloſſen, mich wo möglich durch die an⸗ 259 rückenden Feinde durchzuſchlagen, da an einen Rückzug durch die verſperrten Straßen ſchlechterdings nicht zu denken war. Der Regen ſtrömte in ſolchen Maſſen her⸗ ab, daß man kaum ein paar Schritte weit vor ſich ſe⸗ hen konnte; aber aus dem Geraſſel der Waffen und den rauhen Tönen einer kommandirenden Stimme konnte ich ſchließen, daß unſere Gegner ſich zu einem Angriff auf⸗ ſtellten. In der Hoffnung, ſie durch Ueberrumplung zu ver⸗ wirren, gab ich jetzt Befehl zum Angriff; wir ſtießen unſern abgehetzten Thieren die Sporen in die Seiten und ſtürmten voran. Der Volkshaufe ſtob rechts und links auseinander, als wir heranrückten, und durch den dich⸗ ten Nebel konnten wir eben bemerken, daß ein Trupp Reiter vor uns ſtand. Im Nu waren wir unter ihnen. Sie ſtürzten zu beiden Seiten nieder, Mann und Roß rollten übereinan⸗ der her, ohne daß ein Schuß oder ein Hieb gegen uns gerichtet wurde. Niemals habe ich eine ſolche gänzliche Veſtürzung geſehen: Einige warfen ſich vom Pferde und flohen nach den Häuſern, Andere drehten um und ſuch⸗ ten zu fliehen, aber der Andrang hinter ihnen lähmte alle ihre Bewegungen, und zuletzt wurden wir ſelbſt zwiſchen ſie eingekeilt. In dieſem kritiſchen Augenblick fiel ein plötzlicher Lichtſtrahl aus einem Fenſter auf die ungeordnete Maſſe, und mit Staunen— um nicht zu ſagen Entzücken— merkte ich, daß es portugieſiſche Truppen waren. Bevor ich Zeit hatte mein Corps zum Stehen zu bringen, wurde ich in meiner Wahrnehmung beſtärkt durch eine wohl⸗ bekannte Stimme, die mitten unter der Maſſe rief:— „Greift an, ihr Teufel! ſo greift doch an! Ihr glorreichen Hidalgos, haut ſie nieder: Los infidelos, sacrificados los! Zerſtreut ſie wie Spreu!“ Ein ſchallendes Gelächter war meine einzige Ant⸗ wort auf dieſe nachdrucksvolle Aufforderung uns zu ver⸗ 17 nichten, und im nächſten Augenblicke ſtrahlte mir das amüſante Geſicht des alten Monſoon beim Schein einer Kienfackel entgegen, die er in der Hand hielt. „Sind ſie gefangen? haben ſie ſich ergeben?“ fragte er näher herantretend.„Das iſt gut für ſie; wir hät⸗ ten ſie ſonſt kurz und klein zerhauen. Nun aber ſollen ſie gut behandelt und, wenn ſie lieber wollen, auch ausgelöst werden.“ „Gracios excellenze!“ rief ich mit verſtellter Stimme. „Geben Sie ihren Degen ab, ſagte der Major in leiſerem Tone.“ Sie haben ſich tapfer bewieſen, allein Sie fochten gegen Unüberwindliche. Gott ſegne ſie, das ſind die haſenherzigſten Unüberwindlichen, die ich je ge⸗ ſehen habe.“ Ich brach beinahe in ein lautes Gelächter aus. „Es war ſehr zweifelhaft, wer zuerſt davon laufen wollte,“ murmelte der Major, als er ſich umwandte um einem Adjutanten einige Befehle zu ertheilen.„Fragen Si⸗ die Leute, wer ſie ſind,“ fügte er auf Spaniſch hinzu. Inzwiſchen war ich nahe zu ihm herangeritten, hielt meinen Mund dicht an ſein Ohr und rief:— „Monſoon, alter Kerl, was macht des Königs von Spanien Xeres?“ „Ha! wie! was! ſo wahr ich lebe, es iſt ſo— Charley, mein Junge, alſo Sie ſind's? Nun, bei Gott, das iſt ſchön, und wir waren ſchon nahe daran Ihnen den Tod zu geben.— Mein guter Junge, wie kommen Sie hieher.“— Mit wenigen Worten ſetzte ich ihm den Zweck mei⸗ nes Hierſeyns auseinander, und es gereichte ihm zur un⸗ endlichen Beruhigung, als er vernahm, daß er nicht den Generalſtab, oder wohl gar den Oberbefehlshaber ſelbſt angegriffen habe. „So wahr ich lebe, Sie haben mich ſehr erſchreckt, 261 obſchon ich, ſſo lang ich Sie für Franzoſen hielt, wohl mit Ihnen zufrieden war.“ „Das glaube ich, Herr Major, aber die Unüber⸗ windlichen waren jedenfalls ebenſo gnädig als ſtark.“ „Sie waren müde, Charley, weiter Nichts; was meinen Sie, mein Lieber, wir haben ſeit dem frühen Morgen gefochten; um ſechs Uhr Victor geſchlagen, ihn hinter den Tajo zurückgetrieben, dann ein kaltes Mahl eingenommen, und Nachmittags lagen wir ihm ſchon wieder in den Haren. So wahr Gott lebt, wir haben uns unſterblich gemacht; aber Sie müſſen von dem Han⸗ del nicht mehr ſprechen; er iſt ein ſchlechter Beweis für die Disciplin Ihrer Burſche.“ „Dies war eine etwas orginelle Wendung, aber ich widerſprach nicht, und unter fröhlichem Geplauder er⸗ reichten wir das kleine Wirthshaus, wo, nachdem ein⸗ mal das Vertrauen wiederhergeſtellt war, bereits auch Spuren von Annehmlichkeiten ſich blicken ließen. „So ſind Sie alſo gekommen, um uns zu verſtär⸗ ken?“ ſagte Monſoon,„das iſt wirklich ſehr vernünftig; denn obſchon wir heute uns ſelbſt durch unſere Tapfer⸗ keit in Staunen verſetzt haben, ſo zweifle ich doch an unſerer Ausdauer.“ „Ja, Herr Major, dieſer Auftrag hat mir große Freude gemacht; ich hatte mir immer gewünſcht, unter Ihren Befehlen einige Kriegserfahrung zu ſammeln. Darf ich Ihnen meine Depeſchen überreichen?“ „Jetzt nicht, Charley— jetzt nicht, mein Innge. Wir müſſen vor Allem für ein Abendeſſen ſorgen. Uebri⸗ gens erinnern Sie mich eben recht daran, daß ich gleich⸗ falls eine Depeſche abſenden muß. So wahr ich lebe, es iſt ein großes Glück, daß Sie hier ſind; Sie ſollen den Kriegsſecretär machen und für mich ſchreiben; hier, da— wie geſcheidt von mir, daß ich daran dachte! und es war doch bloſer Zufall; man hat ſo viel—“ Solche abgebrochene Sätze murmelnd öffnete der Major eine große Brieftaſche mit Schreibmaterialien, legte ſie vor 262 mich hin und ſagte, voll Vergnügen ſeine Hände reibend: „Da ſchreiben Sie, Freunchden.“ „Aber mein beſter Major, Sie vergeſſen, daß ich nicht in der Schlacht war. Sie müſſen alſo erzählen; ich kann Ihnen blos nachſchreiben.“ „Gut denn, ſo fangen Sie an:— „Hauptquartier, Alvas, 26. Juni. „„Ew. Erzellenz! „„Nachdem ich von Don Alfonſo Aaviero da Minto, Offizier in meinem perſönlichen Stabe,— „Glücklicher Weiſe in dieſem Augenblick nüchtern,— „„In Erfahrung gebracht, daß der Vortrab des achten franzöſiſchen Armeecorps.— 5„Warten Sie ein wenig. War es auch wirklich das achte? So wahr ich lebe, ich weiß es nicht genau. Verwiſchen Sie das Wort ein wenig und fahren Sie fort.— gegen Alcantara in Bewegung geſetzt habe, ſo befahl ich ſogleich einen Flankenmarſch mit der leichten Infanterie, um die Brücke über den Tajo zu decken. Nach dem Frühſtück— „Ich fürchte Herr Major, das iſt zu ungenau.“ „Gut, um elf Uhr griffen die franzöſiſchen Plänk⸗ ler an und drangen in unſre Pikets ein, die in der Front unſerer Poſition ſtanden, ließen darauf ſchnell Ca⸗ vallerie folgen, machten einige Gefangene und tödteten den alten Alfonſo; er lief wie ein braver Mann, ſagt man, aber ſie faßten ihn von hinten—⸗ „Das brauchen Sie nicht hinzuſetzen, wenn Sie nicht wollen.“ 1 „„Ich befahl ſodann einen Angriff der Cavallerie⸗ brigade unter Don Aſturius Y' Hayos, der ſie wacker zu⸗ ſammenhieb. Unſre Artillerie, die auf den Höhen ſtand, ſchmetterte ihre Kolonnen zuſammen, ſo daß es eine wahre Luſt war.. „Daß das— Corps, unter Marſchall Viekor, ſich 263 „„Dem Marſchall Victor war das unangenehm, und er ging in den Wald, wohin auch wir alle zum Mit⸗ tageſſen uns begaben: es mochte etwa zwei Uhr ſeyn. „Nach Tiſch machte das portugieſiſche leichte Corps, unter Silva de Onorha, ohne meine Befehle, einen An⸗ griff auf den linken Flügel des Feindes, wurde jedoch, und zwar mit Recht, verdammt ſcharf aufgenommen. Wir kamen ihnen aber mit den Kanonen und der Rei⸗ terei zu Hülfe, trieben die Franzoſen zurück und mach⸗ ten mehrere Gefangene, von denen wir keinen einzigen niederhieben— „Unterſtreichen Sie das. Sir Arthur liebt es, wenn man die Kriegsgebräuche ehrt.— Gott, wie trocken werde ich!“ „„Die Franzoſen nahmen bald ihr ſchweres Ge⸗ ſchütz zurück und traten ſchleunig den Rückzug an. Wir verfolgten ſie einige Zeit lang: aber ſie vermieden das Gefecht, und als es dunkel wurde, zog ich meine Trup⸗ pen zurück und kam hieher zum Nachteſſen. Daß unſer Verluſt bedeutend war, kann Ew. Excellenz aus dem Anſchluß erſehen. „„Ich ſende dieſe Depeſche durch Don Emanuel Forgales, deſſen Dienſte—⸗ „Dafür ſtehe ich wenigſtens, daß er der beſte Ham⸗ melfleiſch⸗ und Zwiebel⸗Eſſer im ganzen Regiment iſt— „„Höchſt ausgezeichneter Natur geweſen ſind, daher ich ihn Ew. Ercellenz zu Gnade empfehle. „Ich habe die Ehre u. ſ. w.“ „Sind Sie fertig, Charley? Nun das freut mich, denn hier kommt das Abendeſſen.“ Die Thüre öffnete ſich, und es erſchien ein verlocken⸗ der Präſentirteller mit dampfenden Fleiſchſpeiſen und etlichen Flaſchen. Ein Offtzier vom Stab des Majors begleitete ihn und bewies durch ſeine Aufmerkſamkeiten auf die Ettikette der Tafel, ſowie durch ſeine paſſende Anordnung des Mahles, daß ſeine Funktionen im Haus⸗ halt ſeines Vorgeſetzten nicht blos militäriſcher Natur waren. Bald kamen noch zwei andere Offiziere in reicher Uniform, deren Namen ich nicht mehr weiß, obſchon der Major mich in aller Form ihnen vorgeſtellt hatte und zwar, ſo gut ich ſein Spaniſch auszulegen vermochte, als ſeinen hochedlen Verbündeten und Freund Don Carlos O'Malley. nſnannem Tnmmnnaannn nmanmninam 15 9 11 12 13 14 16 17 1