Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von Eduard Oilmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 1 für nübchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— bener: auf 1 Monat: 4 Mf.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ —lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Nuseherli. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. öD = 7 S — —— — Charles O'⸗Malley, der irische Dragoner. Von Charles Lever. Deutſch von Gottlieb Fink. Erſtes bis viertes Bändchen. —-— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Vorwort. Geneigtes Publikum! Da ich erſt vor Kurzem mit einer letzten Benefizvorſtellung Abſchied von der Bühne genom⸗ men, halte ich es für nicht unzweckmäßig, die Um⸗ ſtände zu erklären, die mich von Neuem wieder vor Ihre Augen führen, damit ich nicht aufdring⸗ lich erſcheine an einem Ort, wo ich mit allzugroßer Nachſicht behandelt worden bin. Ein verſchämter Debütant— unter uns ge⸗ ſagt, der unverſchämteſte Irländer, der jemals renommirend die Sackvilleſtreet hinabgeſchlendert— hat mich erſucht ihn vorzuſtellen. Sein ganzer Ehrgeiz geht dahin ſich bei Ihnen in Gunſt zu ſetzen; allein er behauptet— Gott verzeih ihm die Sünde— er ſey zu ſchüchtern für die Bühnen⸗ beleuchtung. Er hat wie viele andere ohne Zweifel auch bemerkt, auf welch lockerem Grunde und gering⸗ fügigen Anſprüchen die Gunſt beruht, die meine Bekenntniſſe bei der Preſſe und beim Publikum gefunden haben; und nun iſt ihm der Gedanke ge⸗ kommen, mit den ſeinigen gleichfalls herauszurücken. Wäre ſein Entſchluß damit zu Ende geweſen, ſo hätte ich Nichts dagegen einzuwenden; aber leider muthet er mir zu, ſein Herausgeber zu werden und folglich gewiſſermaßen die Verantwortlichkeit für Fehler, die er gemacht hat, zu übernehmen. Ich habe viele Beredtſamkeit und eine Menge Athem verſchwendet, ihn zu verſichern, daß ich ganz und gar nicht ſo feſt in der Gunſt des Publikums ſtehe, um mir Freiheiten mit ihm herausnehmen zu dür⸗ fen— daß der geringe Lappen von Ruf, deſſen ich mich erfreue, nur eine höchſt armſelige Bedeckung meiner eigenen Blöße ſei; daß die Planke, die mit einem Einzigen über dem Waſſer blieb, mit Zweien unvermeidlich untergehen müſſe; daß endlich die Nachſicht, die einem Erſtlingsverſuch ſo häufig ge⸗ währt wird, ſich ebenſo oft in Tadel gegen denje⸗ nigen verwandle, der wiederholte Verſchuldungen auf ſich lade. Indeß iſt es mir mit allen meinen Beweismitteln gänzlich mißlungen— er bleibt ver⸗ ſtockt und unerſchütterlich. Unter dieſen Umſtänden habe ich nachgegeben, zumal da man weiter Nichts voon mir verlangt, als daß ich meinen Namen auf den Titel ſchreiben und dann in Frieden dahin ziehe. Dies, ſagte mein Freund, ſey moderne Herausgeberweiſe. Schließlich wollte ich für den Fall, daß die Schuld, die er jetzt contrahirt, unbezahlt bleiben ſollte, Sie erſuchen, gefälligſt zu bedenken, daß Sie ſich nur über den Ausſteller des Wechſels, nicht aber über den beſcheidenen bloßen Indoſſenten zu beklagen haben. Brüſſel, 1840. März. Harry Lorrequer. 3 Erſtes Kapitel. 4 Daly's Klubhaus. Der Regen ſchlug in Strömen gegen die Fenſter⸗ ſcheiben, und der Wind ſauste in heftigen, aber ver⸗ einzelten Stößen durch die trübſeligen, verödeten Gaſſen, als eine Geſellſchaft von drei Perſonen über ihrem Weine ſaß in jenem ſtattlichen alten Gebäude, wo ſich einſt die iriſchen Mitglieder des College Green in Dublin zu verſammeln gepflegt hatten, und welches den Namen Daly's Klubhaus führte. Das Geraſſel fallender Ziegel und Schornſteinſtücke— das Knarren der Fenſterrahmen und das Geheule des Sturmes außen ſchien auf die Perſonen drinnen wenig Einfluß zu ma⸗ chen, ſondern ſie rückten blos näher zu dem lodernden Feuer, vor welchem ein kleiner Tiſch mit den Ueber⸗ bleibſeln eines Deſſert und einem reichlichen Vorrath an Flaſchen ſtand, deren charakteriſtiſche Langhalſigkeit die ſeltenſten Weine Frankreichs und Deutſchlands ankün⸗ digte, während die tüchtige Flaſche mit Claret— dem Wein par excellence, für jeden iriſchen Gentleman heut zu Tage— ſchnell von Hand zu Hand ging. So konnte auch die Unterhaltung nicht in Stocken gerathen, und manches herzliche Gelächter folgte auf die Geſchich⸗ ten, die jeden Augenblick erzählt wurden, wenn Erinne⸗ rungen aus früheren Tagen auftauchten, oder irgend ein ein Stückchen von einem alten Kameraden auf's Tapet kam.— Einer von der Geſellſchaft indeß war augenſchein⸗ lich von ganz andern Gedanken als Freude und Luſtig⸗ 1⁰ keit in Anſpruch genommen, denn mitten in dem Lärm wandte er ſich plötzlich von den Andern ab und widmete ſich einer Anzahl herum liegender Papierblät⸗ ter, auf die er einige Zeilen geſchrieben hatte, deren kreuz und quer durchſtrichene Sätze aber Zeugſchaft gaben, wie wenig Erfolg ſeinen literariſchen Arbeiten geworden war. Dieſes Individuum war ein kurzer, pausbackiger, weißhaariger Mann von etwa fünfzig, mit einer tiefen vollen Stimme und einem bald ſchallenden, bald halb erſtickten Lachen, das, ſo oft er ihm freien Lauf ließ, nicht blos ſeine eigene umfangreiche Perſon erſchütterte, ſondern gewöhnlich rings umher ein kleines Erdbeben verurſachte. Für den Augenblick will ich mich nicht länger damit aufhalten, ihn umſtändlicher zu ſignaliſtren; aber wenn ich hinzufüge, daß gedachte Perſon ein wohl⸗ bekanntes Mitglied des iriſchen Unterhauſes war, ein Mitglied, deſſen ſcharfer Verſtand und praktiſcher Blick von einer argliſtiſchen, heuchleriſchen Täppigkeit ver⸗ ſchleiert wurden, die ſeiner Partei weit mehr Nutzen brachte, als die heftigſten und ſpitzigſten Angriffe ſeiner regelrechteren Collegen, ſo werden mir vielleicht einige meiner Leſer zuvorkommen, wenn ſie ſagen, dies könne Niemand anders ſeyn, als Sir Harry Boyle. Zu ſeiner Linken ſaß eine Figur, die das vollkommenſte Wider⸗ ſpiel gegen ihn bildete: ein hochgewachſener, hagerer, knochiger Mann von bolzgerader Haltung und ſauer⸗ töpfiſchem Geſichtsausdruck; ſeine Augen waren von einem dunkelgrünen Schatten bedeckt, der weithin über ſein Geſicht fiel, ohne jedoch eine blaue Narbe ver⸗ decken zu können, die quer über ſeine Wange lief, im Mundwinkel endigte, und dieſem Zug beim Sprechen das Anſehen gab, als quäle er ſich vergebens ab, ſich bis zur Augenbraune auszudehnen; ſeine Oberlippe war mit einem gräulichen, ſchlecht gepflegten Schnurrbarte bedeckt, der die Wildheit ſeines Ausſehens um ein Nam⸗ haftes vermehrte, während ein dünner, ſpitziger Kinnbart dem ganzen Geſichte eine ſcheinbare Länge gab, die ſei⸗ nen jämmerlichen Charakter vervollſtändigte. Er trug einen dicht zugeknöpften, einreihigen Rock und im Knopf⸗ loch ein rothes Band, die Dekoration aus einem frem⸗ den Dienſte, die ihrem Inhaber den Grafentitel verlieh, und obſchon Billy Conſidine, wie ſeine Freunde ihn ver⸗ traulich nannten, mit Leib und Seele Irländer war, ſo hatte er doch gegen die Titulatur, die er ſich in der öſterreichiſchen Armee erworben, ganz und gar Nichts einzuwenden. Der Graf war wirklich keine Schönheit, aber nur ſehr wenig Leute fühlten Luſt, ihm dies zu ſagen, denn eine tödtlichere Hand und ein ſichereres Auge hat niemals einen Gegner im Phönir nieder⸗ geſtreckt, und obſchon er keinen Sitz im Hauſe hatte, ſo wurde er doch immer als ein Mann der Regierungs⸗ partei betrachtet, die mehr als einmal den Feuereifer eines Oppoſitionsmannes durch die ſehr bedeutungsvolle Drohung, Billy auf ihn zu hetzen, abgekühlt hatte. Die dritte Figur in der Gruppe war ein großer, kräftig gebauter ſchöner Mann, älter als die beiden Andern, ohne jedoch in Stimme oder Haltung eine Spur von der Macht der Zeit zu verrathen. Er trug den grünen Rock und die gelbe Weſte, welche die Uniform des Klubs bildeten, und die hohe, breite Stirn, das klare, wohlgebildete Auge, ſo wie der noch immer ſchöne Mund bewieſen, daß keine große Schmeichelei nöthig war, um Godfrey O'Malley den ſchönſten Mann in Irland zu nennen. „So wahr ich da ſitze,“ ſagte Sir Harry, die Feder verdrießlich wegwerfend,„ich bring' es nicht zu Stande; ich habe mir's ſo verdammt angewöhnt, tolles Zeug zu ſchwatzen, daß ich nichts Geſcheidtes mehr ſchreiben kann, auch wenn ich ſollte.“ 3 „Nun, nun,“ meinte O'Malley,„verſuchen Sie's noch einmal, mein Lieber; wenn es Ihnen nicht gelingt, ſo haben Billy und ich vollends agar keine Hoffnung.“ „Was haben Sie geſchrieben? Laſſen Sie's doch ſehen,“ ſagte Conſidine, das Papier an ſich ziehend und 12 gegen das Licht haltend.„Wie, was zum Teufel iſt das? Sie laſſen ihn nach dem Mittageſſen todt nieder⸗ ſtürzen, in Folge einer Auszehrung, welche ihm die geſtrige Debatte zugezogen hat.“ „Nein, unmöglich!“ „So leſen Sie's ſelbſt; da ſteht es, und als woll⸗ ten Sie das Ding noch unglaublicher machen, ſprechen Sie von einer teſtamentariſchen Verfügung wegen Bezah⸗ lung eiwaiger kleiner Schulden. So viel bin ich über⸗ zeugt, O'Malley, daß Ihre letzten Augenblicke nicht dazu verwendet worden ſind.“ „Thut Nichts,“ ſagte Sir Harry;„ich will durch eine Nachſchrift Alles wieder ins Geleis bringen. Wer die obige Ankündigung in Zweifel ziehen ſollte, wird höflich erſucht, ſich an Mr. Conſidine Kildare⸗ſtreet Nr. 16 zu wenden, der mit dem größten Vergnügen alle Aufſchlüſſe über O'Malleys Abſcheiden und verſchiedene andere Dinge ertheilen wird.“ „Noch ſchlechter, immer ſchlechter,“ ſagte O'Malley. „Wenn Sie auch einen Andern todtſchießen, ſo wird die Welt doch immer noch nicht glauben, daß ich todt ſey.“ „Wir wecken Sie hernach wieder und halten Ihnen eine höchſt ehrenvolle Leichenfeier.“ „Und weun Jemand die Ankündigung bezweifelt, ſo fordere ich ihn heraus,“" ſagte der Graf. „Oder noch beſſer,“ meinte Sir Harry,„O'Malley klagt dann wegen Verleumdung.“ „Ich ſehe ſchon, auf dieſe Art komme ich nie nach Galway; und da die neue Wahl nächſten Dienſtag ſtatt⸗ findet, ſo drängt die Zeit. Es ſind dermalen gegen mich mehr Citationen im Umlauf, als für ſämmtliche Wahl⸗ gemeinden der Regierung.“ 1 „Um ſo weniger werden ſie bezahlt werden,“ be⸗ merkte Sir Harry. „Wer iſt der Hauptgläubiger?“ fragte der Graf. „Der alte Stapleton, der Anwalt in der Fleetſtreet, hat die meiſten Pfandſcheine.“ 17 worden war, wurden von allen Seiten eingereicht, und ein unbetheiligter Beobachter konnte ſich dabei des Ge⸗ dankens nicht erwehren, daß, wenn vorbeſagter O'Malley ein unabhängiger, unbeſchränkter Monarch geweſen wäre, wie er jetzt blos Parlamentsmitglied für Galway war, das Königreich, deſſen Schickſal in ſeiner Hand gelegen, nicht wenig von einer ganzen Fluth abgeſchätzter Papiere gelitten haben würde: doch dem mochte ſein, wie ihm wollte, ſo viel war klar, daß alle Beſitzungen der Fa⸗ milie nicht hinreichten, um ein Viertheil der Schulden zu bezahlen, und die einzige Frage war die, welche ſich gewöhnlich am dürftigen Mahle bei einer Poſtkutſchen⸗ fahrt erhebt, wer wohl der Glückliche ſeyn werde, dem die Zerlegung des Bratens zufalle, wobei ſo mancher hungrig davontrollen müſſe. Es entſtand jetzt zwiſchen dieſen verſchiedenen hochr begabten Gentlemen eine Art Wettſtreit, wer zuerſt üben das Schlachtopfer herfallen ſolle, und betrachtet ma⸗ die Geſchicklichkeit der Juriſtenkaſte, ſo wird wohl Nie⸗ mand zweifeln, daß alle erdenklichen Mittel, ſeiner hab⸗ haft zu werden, in Vorſchlag kamen. Während in Dublin Haftbefehle gegen ihn ausgeſtellt wurden, ſchickte man in die benachbarten Grafſchaften Sendlinge aus, um, im Fall ſeines Entweichens, auch hier gleich Papiere in Bereitſchaft zu halten. Sogar die Seebeamten wurden in Pflicht genommen, daß ſie ihn auf dem Meere verfolgen wollen, und da der große Naſſauer Luft⸗ ballon damals noch nicht vorhanden war, ſo ſchien ganz und gar keine Möglichkeit des Entrinnens denkbar, und die ungleichſten Wetten wurden eingegangen, daß binnen vier und zwanzig Stunden das weiland Parlaments⸗ mitglied in Sr. Maj. Kerker zu Newgate ſein otium cum dignitate genießen werde. Die Erwartungen waren aufs Höchſte geſtiegen, das Vertrauen wuchs mit jeder Stunde, der Erfolg ſchien vollkommen gewiß, als inmitten dieſer freude⸗ Lever, O'Malley. J. 2 18 ſtrahlenden Hoffnungen das ſchreckliche Gerücht ſich ver⸗ breitete, O'Malley ſey nicht mehr. Einer hatte es erſt vor fünf Minuten in der Abendausgabe von Falkners Anzeige geleſen— ein Anderer hatte es in der Gerichts⸗ halle vernommen— ein Dritter hatte den Oberrichter belauſcht, wie er dem Juſtizminiſter die traurige Kunde mittheilte— und endlich rannte vom College green ein athemloſer Zeuge mit der Botſchaft herbei, Daly's Klubhaus ſei geſchloſſen und die Fenſterläden zugemacht. Die Beſtürzung, welche dieſe Nachricht allenthalben verbreitete, läßt ſich ſchlechterdings nicht beſchreiben; nichts in der Weltgeſchichte kommt ihr gleich, außer vielleicht der Einzug der franzöſiſchen Armee in die von ihren Bewohnern verlaſſene und nunmehr öde Stadt Moskau. Während alſo Schreck und Aerger unter der zahlreichen, hochachtbaren Körperſchaft, welche O'Malley's Gläubiger bildeten, um ſich griff, gingen die Vorberei⸗ tungen zu ſeinem Leichenbegängniß möglichſt raſch von Statten— Relais wurden auf jede Station der Reiſe beordert, und man kündete an, daß aus Rückſicht auf die hohen Verdienſte des Verblichenen eine zahlreiche Geſellſchaft von Freunden ſeine ſterbliche Hülle nach der Portumna Abtei geleiten werde— ein Umſtand, der freilich mehr auf kräftigen Widerſtand für der Fall eines Verſuchs die Leiche aufzuhalten, als auf Ebrer⸗ bietung gegen den abgeſchiedenen Freund ſchließen ließ. So ſtanden die Dinge in Dublin, als ich eines Morgens auf O'Malley Caſtle einen Brief erhielt, deſſen Inhalt die Abſicht des Schreibers erklären und zugleich dazu dienen mag, meine Wenigkeit dem geneig⸗ ten Leſer vorzuführen. Das Schreiben lautete wie folgt: „Theurer Charley! „Dein Oheim Godfrey, deſſen Schulden(Gott ver⸗ zeih es ihm) zahlreicher ſind, als die Haare ſeiner Perücke, ſah ſich geſtern Nacht genöthigt, hier zu ſter⸗ ben. Wir brachten die Sache aufs Beſte für ihn in's 19 Reine, und alle Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Er⸗ eigniſſes ſind niedergeſchlagen durch den umſtändlichen Bericht in den Zeitungen, daß er ſechs Wochen habe das Bett hüten müſſen wegen einer Erkältung, die er ſich vor zehn Tagen zugezogen habe. Erzähle auch Du dieſes, denn es iſt beſſer, wenn wir Alle das Gleiche ſa⸗ gen, bis er wieder zum Leben kommt, was vielleicht erſt am Dienſtag oder Mittwoch geſchehen wird. Mittlerweile werbe in der Grafſchaft für ihn, und ſage daß er in der nächſten Woche bei ſeinen Freunden ſeyn werde, in Woodford und der Baronie Scariff; ſag, er ſey als ein frommer Katholik geſtorben, das wird ihm auf der Wahl⸗ bühne zu Gute kommen. Komm nächſten Samstag zu uns nach Athlone und bringe Deines Oheims Pferd mit, er ſagt, er wolle nach Hauſe reiten; dem Vater Mac Shane aber melde, daß er um vier Uhr ein Mit⸗ tageſſen für uns bereit halten ſolle, denn von Mount⸗ mellick an kann die Leiche nichts mehr zu ſich nehmen. — Doch genug für heute von Deinem ſtets ergebenen Harry Boyle, in Daly's Klubhaus, etwa . acht Uhr Abends. An Charley O'Malley, Esg. O'Malley Caſtle, Galway. Als dieſe nicht gar zu deutliche Urkunde mir zu⸗ kam, war ich der einzige Bewohner von O'Malley Caſtle, einem ſehr ruinenhaften Gebäude, das in einer wilden, trüſeligen Gegend der Grafſchaft Galway, un⸗ weit der Ufer des Shannon, ſtand; nach allen Seiten hin dehnte ſich das Beſitzthum meines Oheims aus, doch ich ſollte ſagen, das frühere Beſitzthum, denn gegenwärtig erhoben ſo viele Leute Anſprüche darauf, daß es ſelbſt dem ſpitzfindigſten Apvokatenkopf ſchwer gefallen wäre, den rechtmäßigen Eigenthümer herauszuſinden. Um die Burg her erhoben ſich hohe, ſchöne Waldbäume, 2* 20 und der hügeliche, zugleich fruchtbare Boden gab der nächſten Umgebung etwas recht Anziehendes; weiter hin⸗ aus aber war Alles unfruchtbar, öͤde und farblos. Lange Züge von braunen heidebewachſenen Bergen, oder nicht minder unfreundliche Thäler mit hohem, wogen⸗ dem Farnkfraut waren Alles, was das Auge entdecken konnte, ausgenommen da, wo der gewaltige Shannon ſich zu einem ruhigen, kryſtallhellen See ausbreitet, und ſtill und bewegungslos zwiſchen den dunkeln Bergen liegt; nur ein paar Inſelchen mit Ruinen von Kirchen und runden Thürmen unterbrechen die trübſelige Waſ⸗ ſerwüſte. Dies war der Ort, wo ich meine Kindheit und erſte Jugend zugebracht hatte, und hier ſtand ich nun mit ſiebzehn Jahren ohne alle Ahnung, daß die Welt noch etwas Schöneres und Glänzenderes enthalten könne, als dieſes düſtere Thal mit ſeinem rauhen Ge⸗ birgsrahmen. Schon als zartes Kind verwaist, war ich der Ob⸗ hut meines würdigen Oheims anvertraut worden. Mein Vater, deſſen Ausſchweifungen den Familienruf redlich aufrecht erhalten, hatte ein ſchönes großes Beſitzthum mit Wahlſtreitigkeiten für die Grafſchaft, worin er ge⸗ boren war, und durch jenes Syſtem ſchrankenloſer Gaſt⸗ freundſchaft, wodurch Irland im Allgemeinen und Gal⸗ way im Beſondern ſich auszeichnet, vergendet. Das Er⸗ gebniß war, wie zu erwarten ſtand, beinahe bettelhafte Armuth: ſterbend hinterließ er alle ſeine Grundſtücke mit ſchweren Schulden belaſtet, und das einzige Ver⸗ mächtniß für ſeinen Bruder war ein Knabe von vier Jahren, für welchen er mit ſeinem letzten Athemzuge bat:—„ſey ihm Alles, was du willſt, Godfrey, nur kein Vater, wenigſtens kein ſolcher Vater, wie ich es geweſen!“ Godfrey O'Malley hatte kurz zuvor ſeine Frau verloren, und als dieſer neue Schatz ihm anvertraut wurde, beſchloß er nicht wieder zu heirathen, ſondern 21 mich als ſein eigen Kind und den Erben ſeiner Güter zu erziehen. Wie gewichtvoll und läſtig dieſe letzte Ver⸗ pflichtung ſeyn mußte, kann ſich der Leſer leicht denken; doch die Abſicht war eine freundliche, und ich muß meinem Oheim die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er mich mit aller Zärtlichkeit eines warmen, offenen Herzens liebte. Von meinen früheſten Jahren an war ſeine ganze Sorge darauf gerichtet, mich zu einem tüchtigen Land⸗ edelmann, ſo wie er dieſe Rolle auffaßte, auszubilden, d. h. ich wurde ein kecker Fuchsjäger, ich war der beſte Schütze zwanzig Meilen in die Runde, ich konnte bei Holy Island über den Shannon ſchwimmen, ich fuhr mit einem Vierſpänner beſſer als der Kutſcher ſelbſt, und in der Kunſt einen Haſen außzutreiben oder einen Lachs zu angeln, that es mir von Killaton bis Bana⸗ gher Niemand gleich. Darin beſtand der weſentlichſte Theil meiner Kenntniſſe; außerdem hatte mir noch der Pfarrer ein Bischen Latein, ein Bischen Franzöſiſch, ein Bischen Geometrie und ſehr viel von dem Leben und den Meinungen des heiligen Jago beigebracht, welcher eine geweihte Quelle in der Nachbarſchaft beſchützte und in ſehr bedeutendem Anſehen ſtand. Wenn ich zu dieſem Gemälde meiner Vollkommen⸗ heiten noch hinzufüge, daß ich beinahe ſechs Fuß zählte, und eine für mein Alter ungewöhnliche Beweglichkeit und Stärke, überdies eine ſehr anſehnliche Portion von Freundlichkeit beſaß, ſo iſt meine Skizze beendigt, und ich ſtehe leibhaftig vor meinem Leſer. Es iſt jetzt Zeir, auf Sir Harry's Brief zurückzu⸗ kommen, welcher mich dermaßen außer Faſſung brachte, daß ich ohne Hülfe des Vaters Roach ſchlechterdings nicht im Stande geweſen wäre, aus den Abſichten des Schreibers klug zu werden. Aber auf den Rath dieſes Ehrenmannes brach ich augenblicklich nach Athlone auf, und allda angekommen, traf ich meinen Oheim, wie er eben von ſeinem Leichenwagen herab zu dem Volke re⸗ 22 22 dete und der Verſammlung vordemonſtrirte, welche neue Anſprüche auf ihre Dankbarkeit ihm dieſe wunderbare Flucht verleihen müſſe. „Es blieb kein anderes Mittel übrig, meine Jun⸗ gen; in Dublin beſtanden die Leute darauf, daß ich ihr Deputirter werden ſolle, und belagerten das Klubhaus. Ich weigerte mich— ſie drohten— ich wuroe hart⸗ näckig— ſie wüthend—„Eher ſterben,“ rief ich,„Gal⸗ way oder Nichts!“(Ein Hurrah aus der Menge: O'Malley hoch!)„Und Ihr ſeht, daß ich mein Wort hielt, Ihr Jungen, ich ſtarb; ich ſtarb am ſelben Abend um Viertel auf neun Uhr. Da leſet es ſelbſt; hier iſt das Blatt; man wachte bei mir, man führte mich weg, und da bin ich nun, bereit, im Ernſt füͤr Euch zu ſter⸗ ben, niemals aber Euch zu verlaſſen.“ Hier wurde das Beifallsgeſchrei betäubend. Das Volk trug meinen Oheim über den Markt hinweg vor das Haus des Mayors, der als ein Anhänger der Ge⸗ genpartei mit einem dreimaligen Gegrunze bekomplimen⸗ tirt wurde, ſodann bis zur Kapelle hinauf, neben wel⸗ cher Vater Mac Shane wohnte. Erſt hier ließ man ihn den Boden wieder berühren; er ſchüttelte Allen, die er erreichen konnte, kräftig die Hände und trat in das Haus, wo ihn der gute Prieſter aufs freundlichſte be⸗ willkommte. Meines Oheims fernere Heimkehr glich einem Triumphzuge; das wahre Geheimniß ſeiner Flucht war ruchbar geworden und hatte ſeine Popularität auf den höchſten Grad geſteigert. O'Malley kümmert ſich den Teufel um das Geſetz— ſchlag mich der Buckel, er lacht den Richtern und Geſchworenen unter die Naſe. Ihn verhaften— das müßt Ihr fein angreifen— fangt mir einmal ein Wieſel im Schlafe u. ſ. w.“ Solcher Art lauteten die Lobſprüche, die ihn überall auf dem Wege begleiteten; ſchallendes Jubelgeſchrei und hochlo⸗ dernde Feuer bewieſen, daß ſein glücklich ausgeführtes Wageſtuck als ein Nationaltriumph betrachtet wurde. 23 Der Weſten Irlands trägt ſein eigenthümliches Ge⸗ präge. Hätte mein Oheim alle Verdienſte des unſterb⸗ lichen Howart beſeſſen— hätte er in ſeiner Perſon all die Eigenſchaften vereinigt, welche der Menſchheit ewi⸗ gen Ruhm bringen, er wäre dennoch vielleicht unbe⸗ merkt und unbekannt ſeines Wegs gegangen; aber für den Mann, welcher einen Richter an der Naſe herum⸗ geführt hatte und dem Sheriff eutgangen war, ſchien kein Beweis von Beifall ſchmeichelhaft genug. Er hatte alſo einen doppelten Erfolg von ſeiner That; die Kunde davon verbreitete ſich nah und fern, und dieſe Geſchichte warb ihm in der Graſſchaft mehr Stimmen, als ſelbſt Billy Davern, der Sachwalter von Athlone. So ſtand es mit unſern Ausſichten, und ſo wenig vielleicht meine Leſer dieſen Geſchmack theilen mögen, ſo geſtehe ich doch ehrlich, daß ich der Zukunft mit den wonnigſten Gefühlen entgegenſah. O'Malley Caſtle ſollte der Mittelpuukt aller Unternehmungen werden und füllte ſich mit den Anhängern meines Oheims, während ich, ein junges Bürſchchen, das man gewöhnlich noch als Kind behandelte, mit dem wichtigen Auftrag betraut wurde, einen entfernten Verwandten zu gewinnen, mit welchem mein Oheim nicht auf dem freundlichſten Fuße ſtand, und von dem man hoffte, daß er ſich für ein jüngeres Mitglied der Familie, mit dem er noch keine unange⸗ nehmen Beziehungen gehabt hatte, zugänglicher erweiſen werde. Drittes Kapitel. Mr. Blake. Nur der äußerſte Drang der Umſtände hatte meinen Oheim beſtimmen können, ſich zu der Demuthigung her⸗ abzulaſſen, die Stimme des Individuums zu erbitten, 24 zu welchem ich jetzt als außerordentlicher Geſandter abrei⸗ ſen ſollte mit der unumſchränkten Vollmacht, eine Ehrenerklärung abzugeben oder nicht abzugeben, wenn nur er und ſeine Anhänger für die Sache der O'Malley's gewonnen würden. Der Abend vor meiner Abreiſe war dem Geſchäfte gewidmet, mir die nöthigen Verhaltungs⸗ maßregeln zu ertheilen und die Klippen auseinander zu ſetzen, die ich am meiſten zu vermeiden hätte. „Sag, daß Dein Oheim mit der Regierungspartei ganz fett ſtehe,“ ſagte Sir Harry,„und daß es bloß eine Kriegsliſt, eine ruse de guerre, wie die Franzoſen es nennen, ſey, wenn er gegen ſie ſtimme.“ „Verſichere dreiſt, daß es mir mit der Wahl auch ohne ihn nicht fehlen könne, aber daß er mir aus Fa⸗ milienrückſichten ſeine Stimme doch geben ſolle, weil Jedermann in der Gegend davon ſpreche.“ „Und dann,“ fügte Conſidine hinzu,„laß auch einen Wink fallen, daß O'Malley ſich im Schießen ungemein gebeſſert habe.“. „Und betrinke Dich nicht zu früh am Abend, denn Philipp Blake hat einen herrlichen Claret,“ meinte ein Anderer. „Auch verliebe Dich nicht in die rothköpfigen Mäd⸗ chen,“ rieth ein Dritter;„er hat ihrer vier, immer eine häßlicher als die andere.“ „Du wirſt auch Whiſt ſpielen müſſen,“ ſagte Boyle; „da kümmere dich nicht darum, wenn du ein paar Pfund verlierſt. Mrs. Blake, Gott ſchenke ihr langes Leben! hat eine ſehr gewandte Manier, mit dem König die Volte zu ſchlagen.“ 3 „Charley wird Alles auf's Beſte ausrichten,“ ver⸗ ſicherte mein Oheim;„laßt ihn zufrieden, und jetzt wol⸗ len wir zu Abend ſpeiſen.“ Erſt am folgenden Morgen, als der Tandem vor der Hausthüre anfuhr, begann ich die Wichtigkeit meiner Sendung zu empfinden, und gewiſſe Ahnungen ergriffen mich, daß ich ſie mit Talent ausführen werde. Mr 25 Blake und ſeine Familie hatten ſich, obgleich ſchon ſeit vielen Jahren mit meinem Oheim zerfallen, doch gegen mich jederzeit freundlich und gutherzig erwieſen, und obſchon ich anſtändigerweiſe kein inniges Freundſchafts⸗ verhältniß mit ihnen hatte anknüpfen können, ſo hatte ich doch allen Grund, eine freundliche Geſinnung gegen mtch vorauszuſetzen. Das Haupt der Familie war ein Galwayſquire vom älteſten und ächteſten Schlag: ein gewaltiger Jäger, ein fahrläſſiger Oeconom und höchſt ſorgloſer Vater; ein Fuchs war in ſeinen Augen ein unendlich werthvollerer Theil der Schöpfung als eine franzöſiſche Gouvernante; die Kunſt mit den Hunden keck auszureiten, galt ihm ungleich höher als alle Gelehr⸗ ſamkeit eines Porſon. Seine Töchter waren ganz nach ſeinem Herzen; die gutartigſten, ſchlecht erzogenſten, übermüthigſten, luſtigſten, lärmendſten, g arſtigſten Mäd⸗ chen in der Gegend, jederzeit bereit, ohne Sattel über eine vier Fuß hohe Planke zu ſetzen und nach der viel⸗ beliebten Melodie:„Der Wind, der durch die Gerſte fährt,“ vier Stunden hinter einander zu tanzen, allen Offizieren zum Trotz, die ihr hartes Schickſal und das Kriegsminiſterium jemals nach Galway verdammte. Die Mama hatte nichts Ausgezeichnetes, als eine ſtarke Vorliebe für das Whiſt und ein unverwüſtliches Glück, was alle Welt weniger der blinden Göttin, als ihren eigenen Fähigkeiten zuſchrieb. Der Erbe des Hauſes endlich war ein junges Bürſchchen, etwa von meinem Alter, deſſen Talente ſich darauf beſchränkten, ſpathbehaftete und kurzathmige Pferde an Infanterieofftziere zu verkaufen, mit ſicherem Erfolg eine Parthie Billard zu ſpielen, auf den Bällen den Ehrenknecht ſeiner Schweſtern zu machen und ſie genugſam mit Täanzern zu verſehen, endlich ſich um einen Platz für ſeine Mutter an einer Balltafel meiſter⸗ haft herumzuzanken. Dieſe rührenden Züge von kindli⸗ cher und brüderlicher Zärtlichkeit, die im eigenen Hauſe gewöhnlich mehr geſchätzt werden als auswärts, hatten 26 Mr. Matther Blake in der ganzen Nachbarſchaft zu einem wohlbekannten Individuum gemacht. Obſchon Mr. Blake's Beſitzungen groß und, was für dieſe Grafſchaft höchſt ſeltſam klingt, unverſchuldet waren, ſo zeugte doch das ganze Ausſehen ſeines Hauſes und die Wirthſchaft ringsumher eher von Allem, als von Wohlſtand. Die Thürhüterloge war eine elende kothige Hütte mit einem halb eingeſunkenen Strohdach, das Thor ſelbſt eine hölzerne Lotterfall, halb aus Brettern, halb aus Latten zuſammengeſchlagen; der Zu⸗ gang war mit wucherndem Unkraut bedeckt, von Wa⸗ genſpuren zerriſſen; die Gruppen junger Bäume, die ſorgſam gepflanzt und eingehegt worden, ſtanden jetzt dem Vieh offen und waren zum Theil aufgewühlt, zum Theil ihrer Rinde beraubt, alle aber im Zuſtand des Abſterbens. Der einſt ſo ſchöne, vierzig Acres große Grasplatz vor dem Hauſe wurde als Reitbahn benutzt und war dermaßen zerſtampft, daß man ſeine urſprüng⸗ liche Beſtimmung nicht mehr zu ahnen vermochte. Das Haus ſelbſt, ein großes ehrwürdiges Gebände, wenig⸗ ſtens hundert Jahre alt, bot alle möglichen Stoffe zur Schau, die außer den Glasfenſtern angebracht waren, um es vor Wind und Wetter zu ſchützen. Die Haus⸗ thüre hing an einer einzigen Angel, und jeden Morgen und jeden Abend waren drei Perſonen erforderlich, ſie zu öffnen und zu verſchließen; den Reſt des Tages hin⸗ durch lag ſie nachdenklich offen; die Stufen, welche zu ihr führten, waren zerbrochen und zerfallen, kurz, das Ganze hatte von Außen etwas Ruinenartiges. Innen ſtand es etwas beſſer; denn obſchon die Möbel alt und nicht durch Reinlichkeit ausgezeichnet waren, ſo ſchim⸗ merte doch ein Anſtrich von Behaglichkeit hervor. Der große Roſt mit dem hohen rothglühenden Torfhaufen, die wohlgepolſterten Stühle, die alte ſchwarze Maha⸗ gonießtafel und der weiche, wenn auch mit Staub uͤberdeckte Fußteppich waren an einem Winterabend, nach harter Jagd⸗ und Reitarbeit gar nicht zu verachten, 27 Hier war es auch, wo Mr. Philivp Blake ſeine Gaſt⸗ freundſchaft ſchon über fünfzig Jahre ausgeübt hatte, und ſein Vater vor ihm; und hierher pflegte er, obſchon ſeine Dienerſchaft ſo linkiſch und ordnungslos war, wie Alles ringsumher, die ganze reiche und vornehme Welt des Landes einzuladen, wobei die in der Nachbarſchaft einquartierten Offtziere nie vernachläſſigt wurden, da die Miſſes Blake eine ſo entſchiedene Vorliebe für die Armee hegten, wie nur irgend eine junge Lady im We⸗ ſten von Irland. Während daher der Galwayſquire mit ſeinen Stulpſtiefeln in der einen Ecke die letzten Neuig⸗ keiten von Ballniasloe auskramte, konnte man in einer andern den Dandy aus der St. James⸗ſtreet mehr Künſte verführeriſcher Schmeichelei entfalten ſehen, als er trotz all ſeiner künſtlichen Nachläſſigkeit in den eleganten Sa⸗ lons von London oder Paris hätte wagen dürfen; und derſelbe Mann, der in der Bondſtreet wegen eines noch ſo unbedeutenden Verſehens in Anzug oder Haltung ſei⸗ nen Bruder verleugnet haben würde, war hier ganz ge⸗ müthlich eingebürgert, nahm mit Hausmannsfoſt vor⸗ lieb, wickelte für die jungen Ladies Seide ab, erluſtigte ſich mit Contretänzen und ließ ſich ſogar zu der Schmach einer langweiligen Whiſtpartie zu zehn Pfennigen herab, wobei ihn nur der einzige elende Troſt aufrecht erhielt, daß die Geſellſchaft nun leider einmal nicht ſtandes⸗ gemäß ſey. Es war an einem klaren kalten Morgen, an dem ein glänzender blauer Himmel und eine ſcharfe ſtärkende Luft nicht minder angenehm auf das Gefühl einwirkten, denn die duftigſten Zephyre und die labendſte Sommer⸗ ſonne, als ich mein Pferd kurz umlenkte und in den Hof von Gurt⸗na⸗Morra einfuhr. Mit Verwunderung be⸗ merkte ich da und dort leichte Spuren von Verbeſſerung; ein oder zwei Thore, die früher mit dem Horizont pa⸗ rallel dagelegen, waren nunmehr wieder in eine ſenk⸗ zechte Richtung gebracht worden; an dem Holzwerk ent⸗ deckte ich etliche fruchtloſe Bemühungen in Malerei, 28 kurz Alles ſchien eine Art Verbeſſerungsverſuch erlitten zu haben. Als ich mich der Thüre näherte, ſah ich mich nicht, wie früher, von einem Haufen friesröckiger, barhäup⸗ tiger und barfüßiger Hausknechte umringt, ſondern mine Gegenwart wurde mittelſt eines ſchrecklichen Glockenee⸗ läutes durch die Hand eines alten Dieners in einer wahrhaft entſetzlichen Livree angefündigt, der aus dem Flur⸗ fenſter heraus mich angaffte, und in welchem ich nur mit der größten Mühe den alten wohlbekannten Kellermeiſter wieder zu erkennen vermochte. Seine Perücke allein hätte einen königlichen Rath geſchmückt, und der hohe Kragen an ſeinem Rock ſowie ſein ſteifes Halseiſen von einer Cravatte verkündete, daß er ſeinem Beruf, Korke aus⸗ zuziehen, auf ewig Lebewohl geſagt. Bevor ich Zeit hatte, über die Veränderungen, die ich erblickte, meine Gloſſen zu machen, war ich in Folge der Thätigkeit meines Freundes an der Glocke bereits von vier andern gleich ihm gekleideten Burſchen umringt, die wahrſchein⸗ lich wegen der Neuheit ihres Coſtüms und der beläſti⸗ genden Einwirkung einer ſo ungewöhnlichen Sache wie ein Anzug eben ſo wenig im Stande waren, ſich ſelbſt oder andern zu helfen, als es das hohe Collegium der Aldermen ſeyn würde, wenn man es mit den Stahl⸗ harniſchen des vierzehnten Jahrhunderts aufputzen wollte. Wie lange ich mich in Muthmaßungen über die Mas⸗ kerade umher ergangen haben würde, kann ich nicht ſagen; aber mein Bedienter, ein Irländer aus meines Oheims Schule, flüſterte mir ins Ohr:„Es iſt heute ein Tag für die rothen Hoſen, Mr. Charles; man hat gewiß vornehme Geſellſchaft eingeladen. Dieſe Bemer⸗ kung machte mir ſogleich klar, daß es eine der feſtlichen Gelegenheiten war, bei denen Mr. Blake all die Tag⸗ diebe in ſeinem Hauſe in Livreen ſteckte, und daß große Vorbereitungen zu einem ungewöhnlich glänzenden Em⸗ pfang getroffen wurden. Im nächſten Augenblick wurde ich in das Fruͤhſtück⸗ — 29 zimmer geführt, wo eine Geſellſchaft von etwa zwölf Perſonen ſich mit ungemeiner Munterkeit all der guten Dinge erfreute, die dem Hauſe einen wohl verdienten Ruf verſchafft hatten. Nachdem das übliche Händeſchütteln und herzliche Begrüßen vorüber waren, wurde ich in aller Form Sir George Daſhwood vorgeſtellt, einem großen, ausgezeichnet ſchönen Mann von etwa fünfzig Jahren, in militäriſchem Oberrock und mit einem Or⸗ densbande. Seine Art, mich zu empfangen, war etwas ſonderbar, denn als er von meiner Verwandtſchaft mit Godfrey O'Malley hörte, lächelte er leicht, und flüſterte Mr. Blake Etwas ins Ohr, worauf dieſer erwiederte— „O nein, nein, nicht im Geringſten, ein bloßer Knabe und überdies—“ was er noch hinzufügte, ging für mich verloren, denn in dieſem Augenblicke ſtellte Nora Blake mich Miß Daſhwood vor. Wenn die holdſeligſten blauen Augen, die jemals unter einer Stirne von ſchneeiger Weiße geſtrahlt, über welche ein dunkelbraunes Haar nicht ſowohl in Locken, als in üppigen Wogen herabwallte, hätten wiſſen können, welche Verwuſtung ſie in meinem armen Herzen anrich⸗ teten, ſo bin ich uͤberzeugt, Miß Daſhwood würde mehr auf ihre Theetaſſe oder ihre Semmel geſehen haben als mir ins Geſicht, wie ſie es wirklich an dieſem verhäng⸗ nißvollen Morgen that. Ihrem Anzug nach zu urtheilen, war ſie eben erſt angekommen, und die Morgenluft hatte auf ihrer Wange eine Blüthe zurückgelaſſen, die nicht wenig zur Wirkung ihres lieblichen Geſichtes beitrug. Obſchon ſie noch ſehr jung war, hatten ihre Formen doch bereits die ganze Rundung der Weiblichkeit, während ihr heiteres und luſtiges Weſen die zwangloſe Natür⸗ lichkeit verkündete, die nur ſehr jungen Mädchen eigen iſt, und die im Verein mit gutem Geſchmack, mit feinem Takt, mit Schönheit und Talent eine unwiderſtehliche Anziehungskraft beſitzt. Neben ihr ſaß ein großer hübſcher Mann von etwa fünf und dreißig oder vielleicht vierzig Jahren und ächt 3⁰0 ſoldatiſchem Anſehen, der, als ich ihm vorgeſtellt wurde, kaum den Kopf wandte und durch ſein höchſt nachläſſi⸗ ges Nicken die unzweideutigſte Kälte an den Tag legte. Es gibt im Menſchenleben Augenblicke, wo das Herz gleichſam allen zufälligen oder gelegentlichen Eindrücken blosgeſtellt iſt und eine wunderbare Empfänglichkeit für Freud oder Leid beurkundet. Ich befand mich jetzt in dieſem Falle, und als ich mich von dem lieblichen Mäd⸗ chen, das mich mit ausgezeichneter Höflichkeit empfangen hatte, zu der kalten Miene und dem abſtoßenden Hoch⸗ muth des dunkelbrauigen Kapitäns wandte, drängte ſich mir das Blut heftig nach der Stirne; während ich nach meinem Platze am Tiſche ging, ſuchte ich begierig ſein Auge, um ihm einen Blick trotziger Herausforde⸗ rung zuzuwerfen, eben ſo ſtolz und verachtungsvoll, wie ſeine eigenen. Kapitän Hammersley inzwiſchen nahm keine weitere Notiz von mir, ſondern fuhr fort, zur Untechaltung der Geſellſchaft einige ausgezeichnete Ge⸗ ſchichten aus ſeiner militäriſchen Laufbahn zu erzählen, die von Allen, nur von mir nicht, mit dem größten Beifall aufgenommen wurden. Was mich aber am mei⸗ ſten erbitterte— und wenn man einmal eine Abneigung gegen eine Perſon gefaßt hat, ſo iſt ja nichts leichter, als Nahrung für dieſen Widerwillen zu ſinden— war 8 ſeine Gewohnheit, alle ſeine Anſpielungen auf das mili⸗ täriſche Leben mit einem ſchlecht verhehlten Hohn gegen ſämmtliche Civiliſten zu vermiſchen, gleich als ob jeder Nichtſoldat für den gewöhnlichen Verkehr in der Welt ganz und gar untauglich und hauptſächlich einer günſti⸗ gen Aufnahme in Damengeſellſchaft unwurdig wäre. Die jungen Ladies der Familie waren eine gut ge⸗ wählte Zuhörerſchaft, denn ihre Bewunderung für die Armee erſtreckte ſich von der Leibgarde bis zum Vetera⸗ nenbataillon, die Sapeurs und Mineurs mit eingeſchloſ⸗ ſen; und da Miß Daſhwood die Tochter eines Soldaten war, ſo ſtimmte ſie in vielen, wenn auch nicht in allen Punkten mit ihm überein. Ich wandte mich gegen mei⸗ 31 nen Nachbar, einen Edelmann aus Clare, und ſuchte ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen, aber er lauſchte athemlos dem Vortrage des Kapitäns. Zu meiner Lin⸗ ken ſaß Matthew Blake, deſſen Augen unbeweglich auf dieſelbe Perſon geheftet waren, und ſog die Wunder⸗ mähren mit dem gleichen überſchwenglichen Inte⸗ reſſe ein, wie ſeine Schweſtern. Gelangweilt und ver⸗ drießlich verzehrte ich ſchweigend mein Frühſtück und beſchloß den nächſten Augenblick, da ich mir von Mr. Blake Gehör verſchaffen könnte, zur Eröffnung meiner Unterhandlungen zu benützen, um ſofort unverzüglich Gurt⸗na⸗Morra wieder zu verlaſſen. Nach dem Frühſtück verſammelten wir uns in einem großen Zimmer, das aus Höflichkeit die Bibliothek ge⸗ nannt wurde; hier nahm Mr. Blake mich bei Seite und flüſterte mir zu:„Charley, ich halte es für meine Pflicht, Dir zu ſagen, daß Sir George Daſhwood hier der Kommandant der Truppen iſt und mich beſucht hat, um—“ den Grund dieſes Beſuches oder ſeine mög⸗ liche Beziehung auf mich konnte ich nicht erfah⸗ ren, denn in dieſem kritiſchen Augenblick wurde die Aufmerkſamkeit meines Berichterſtatters von Kapitän Hammersley in Anſpruch genommen durch die Frage, ob man heute mit den Hunden jagen werde. „Mein Vetter Charley hier iſt in ſolchen Dingen die beſte Antorität,“ antwortete Mr. Blake gegen mich gewendet. „Sie ſollen heute die Pfaffenwieſe durchſtöbern,“ ſagte ich mit einiger Wichtigkeit;„aber wenn Ihre Gäſte eine Jagd mitzumachen wünſchen, ſo will ich Brackely ſagen laſſen, daß er die Hunde herüberbringe, und ich bin überzeugt, daß wir in Ihrem Revier einen Fuchs auftreiben.“ 4 „Nun, ſo veranſtalten Sie's,“ ſagte der Kapitän zu Mr. Blake,„veranſtalten Sie's; Miß Daſhwood wird gewiß mit vielem Verguügen der Jagd zuſehen.“ Wie ſehr mich auch der erſte Theil ſeiner Rede 32 verdroß, ſo machte der Schluß derſelben mein Herz hef⸗ tiger pochen, und ich eilte aus dem Zimmer, um einen Boten abzuſenden, der den Jäger nach Gurt⸗na⸗Morra beſtellen ſollte, und zugleich einen andern nach O'Malley Caſtle, um mir ſo ſchnell als möglich mein beſtes Pferd und mein Reitzeug zu holen. „Mathew, wer iſt dieſer Kapitän?“ fragte ich den jungen Blake, als ich mit ihm in der Halle zuſam⸗ mentraf. „Er iſt Adjutant des Generals Daſhwood; ein recht angenehmer Mann, nicht wahr?“ „Ich weiß nicht, was Du von ihm denkſt,“ verſetzte ich;„aber ich halte ihn für den impertinenteſten, un⸗ verſchämteſten, hochmüthigſten—⸗ Der Reſt meiner freundſchaftlichen Rede wurde durch das in Frage ſtehende Individuum ſelbſt abge⸗ ſchnitten, denn in dieſem Augenblick ſchlenderte der Ka⸗ pitän, die Hände in der Taſche und eine Cigarre im Munde, die Treppe hinab, ohne von uns beiden mehr Notiz zu nehmen, als die zwei Dachshunde, die ihm auf der Ferſe nachfolgten. So ſehr ich mich auch ſehnte, die Unterhandlungen über meinen Zweck zu eröffnen, ſo war dies doch für den Augenblick unmöglich, denn Sir George hatte ſich mit Mr. Blake eingeſchloſſen, und es blieb mir alſo nichts anders übrig, als zu warten, ob mir vielleicht der Abend die gewünſchte Gelegenheit bringe. Als die Damen ihre Toilette zu der Jagd machten, ging ich, da ich keinen ſonderlichen Wunſch verſpürte, die nähere Bekanntſchaft des ungeſelligen Kapitäns zu machen, mit Matthew in den Stall, um nach den Pfer⸗ den zu ſehen und die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. „Da iſt Kapitän Hammersley's Pferd,“ ſagte Mat⸗ thew, indem er auf einen ſtark gebauten engliſchen Ren⸗ 3 ner von echter Race zeigte;„es kam geſtern Nacht an; denn da er ein Jagdvergnügen erwartete, ſo beſchickte er 33 ſeine Roſſe von Dublin. Das andere wird heute eintreffen.“ „Von welchem Regiment iſt er?“ fragte ich mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit, aber in Wahrheit ungemein neugierig zu erfahren, ob der Kapitän ein Cavallerie⸗ oder Infanterieoffizier ſey. „Vom—ſten leichten Dragonerregiment,“ antwor⸗ tete Matthew. „Haſt Du ihn ſchon reiten ſehen?“ fragte ich weiter. „Nein; aber ſein Groom da ſagt mir, daß er in ſeiner Gegend immer den Zug anführe.“ „Und wo wäre das?“ „In Leiceſterſhire,“ antwortete Matthew. „Iſt er in Galway bekannt?“ „Nein, er war nie hier, und ſo eben noch fragte er Moſey Daly, ob die Umzäunungen hier hoch ſeyen?“ „Umzäunungen! demnach ſcheint er von einer Mauer keine Ahnung zu haben?“ „Nein, gewiß nicht; aber wir wollens ihn ſchon lehren.“. „Ja, das wollen wir,“ ſagte ich. mit grimmiger Entſchloſſenheit, die Lection zu ertheilen, gerade wie ein Schulmeiſter, der ſich vorgeſetzt hat, endlich einmal einem großen Lümmel die lateiniſche Grammatik für immer einzuprügeln. „Es wird wohl das Beſte ſeyn, wir ſchicken die Pferde zuerſt nach dem Mühlengrunde,“ meinte Mat⸗ thew:„dies Revier wollen wir zuerſt durchſuchen.“ So ſprechend wandte er ſich nach dem Stall und ließ mich allein die Straße hinabſchlendern, auf welcher ich meinen Jäger erwartete. Kaum war ich eine Vier⸗ telſtunde gegangen, als ich das Klaffen der Hunde hörte, und bald darauf ſah ich den alten Brackely im ſcharfen Trab einherreiten, auf beiden Seiten die Hunde in Leyver, O'Malley. I. 3 34 Ordnung erhaltend und den Nachzüglern ſtrenge Befehle zurufend. „Habt Ihr mein Pferd auf der Straße geſehen, Brackely?“ fragte ich. „Ja, Sir Charles, und wahrhaftig, es that mir ſehr leid, als ich es ſah; Sie ſelbſt kennen den Badger, den beſten Wettrenner in Irland, viel zu gut, als daß Sie ihn in eine ſolche Gegend bringen ſollten. Nichts als abſcheuliche Steinrölle, und kein Fuß ſichern Grund und Boden weit und breit.“ 5 „Ich weiß das wohl, Brackely; aber ich habe meine Gründe dafür.“ „Nun, das kann ich mir ſchon denken. Welches Revier wollen der gnädige Herr zuerſt durchſtreifen?“ „Sie ſprechen von dem Mühlengrunde,“ ſagte ich; „aber Morran⸗a⸗Gowl wäre mir weit lieber.“ „Morran⸗a⸗Gowl! Wollen Sie denn durchaus Ihren Hals brechen?“ „Nein, Brackely, den meinen nicht.“ „Was für einen denn, wenn ich fragen darf?“ „Den Hals eines engliſchen Kapitäns, welchen der Teufel holen magz; er iſt heute hierher gekommen, und nach Allem, was ich ſehe, iſt er der unverſchämteſte Burſche; deßhalb, Brackely—“ „ Ich verſtehe; laſſen Sie nur mich gewähren, und obſchon ich der alten Hirſchparkmauer auf dem Hügel nicht ſonderlich hold bin, ſo wollen wir's doch mit Got⸗ tes Hülfe verſuchen. Ich will ihn bei Woodford hinab⸗ führen, über den Teufelsrachen— er iſt durch die letz⸗ ten Regen jetzt gerade achtzehn Fuß breit geworden, und dann zu den vier kahlen Bergen hin; von da über die Steinwälle nach Dangan hinab; hierauf bringen wir ihn den Hügel hinauf ein wenig in Athem⸗ und auf dem Gipfel geben wir ihm die Parkmauer zum Be⸗ ſten. Dann müſſen ſie friſch herankommen und ihn über Sleichwich heimführen.— Der Badger kennt die ganze Gegend und durchfliegt die Straße, wie wenn's 35 der ebenſte Boden wäre: ein höchſt trauriger Umſtand für das Pferd, welches nachkommt, beſonders wenn es ſich auf ſteiniges Land nicht gut verſteht. Wenn er nun dies Alles durchgemacht hat, ſo machen Sie ihn mit der Bergwand und der Mauer um Mr. Blake's Klee⸗ feld bekannt, denn die Hunde werden den Fuchs auch dahin verfolgen, und obgleich wir ſeit dem Oktober vorigen Jahres, wo Mr. Malonn das Genick brach, dieſen Sprung nicht mehr reiten, ſo meine ich doch, bei einer Gelegenheit wie die heutige und zur Ehre von Galway—“ „Allerdings, Brackely; da habt Ihr eine Guinee, und jetzt reitet ſchnell dem Hauſe zu, die Leute brauchen uns nicht beiſammen zu ſehen, ſie könnten ſonſt Ver⸗ dacht ſchöpfen. Aber, Brackely,“ rief ich ihm nach, „wenn er nun gut reitet, was iſt dann zu machen?“ „Wahrhaftig, dann weiß ich ſelbſt keinen Rath, denn es giebt im ganzen Weſten von Athlone nichts Aergeres. Haben Sie einen großen Groll auf ihn?“ „Ja freilich,“ antwortete ich grimmig. „Könnten Sie ihn nicht zu einem Wettkampfe reizen?“ „Allerdings, das will ich thun,“ ſagte ich,„jetzt aber reitet, was das Zeug hält.“ Brackely's letzte Worte machten mir mein Herz und meine Füße leichter und in einer ganz anderen Ge⸗ müthsſtimmung, als ich vor einer halben Stunde das Lurs⸗ verlaſſen hatte, ſchritt ich jetzt nach demſelben zurück. Viertes Kapitel. Die Jagd. . Obſchon wir nicht die Vortheile eines füdlichen Windes und bewölkten Himmels hatten, ſo wurde es 3* doch wenigſtens gegen Mittag ziemlich trübe, ſo daß wir alle Ausſicht bekamen, gutes Wetter zum Aufſpüren zu erhalten, und als wir uns auf dem allgemeinen Sam⸗ melplatz zuſammenfanden, hörte man Nichts als gegen⸗ ſeitige Beglückwünſchungen über die Veränderung des Wetters. Der junge Blake hatte Miß Daſhwood mit einem ruhigen, wohldreſſirten Pferde verſehen, und da wie gewöhnlich auch alle ſeine Schweſtern, deren jede ihr eigenes Thier hatte, zu Pferde waren, ſo bekam unſere Expedition ein recht lebhaftes munteres Anſehen. Ich ſelbſt kam, da ich Badger vorangeſchickt, auf einem Zel⸗ ter angeritten und ſehnte mich herzlich nach dem Augen⸗ blick, wo ich meinen großen Ueberrock abwerfen und die ganze Pracht meines ſchmucken Jagdanzuges entwickeln konnte. Kapitän Hammersley hatte ſich noch nicht ge⸗ zeigt und es wurden allerlei Muthmaßungen angeſtellt, ob er wohl den Weg verfehlt, oder ob er ſich anders beſonnen, oder vielleicht auch die ganze Geſchichte ver⸗ geſſen habe, wie Miß Daſhwood andeutete. „Wer ums Himmelswillen iſt auf den Einfall ge⸗ rathen, gerade dieſes Revier zu wählen?“ fragte Karo⸗ line Blake, indem ſie mit geübtem Auge die Gegend nach allen Seiten hin überſchaute. „Im Mühlengrunde iſt ganz und gar keine Hoff⸗ nung vorhanden, einen Fuchs aufzutreiben,“ antwortete der Jäger, eine Nothlüge erfindend. „Demnach haben Sie nicht im Sinn, uns viel von dem Spaße ſehen zu laſſen; denn ſobald Sie durch die Umzäunungen gebrochen ſind, gehen Sie natürlich für uns verloren.“ 4 „Ich glaubte, Sie folgten immer den Hunden,“ warf Miß Daſhwood ſchüchtern ein. „Ja, das thun wir allerdings auf gewöhnlichem Grund und Boden, aber hier kann gar nicht die Rede davon ſeyn. Die Gehege ſind für Jedermann zu hoch, und wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo werden auch dieſe Gentlemen nicht zu weit kommen; ſehen Sie dort, wo — 37 der Fluß den Hügel hinabſtürzt— er wird immer brei⸗ ter und durchſchneidet das Revier ſo ziemlich in der Mitte; gut, darüber müſſen ſie ſetzen und dann kom⸗ men dieſe Mauern von großen lockern Steinen und bei⸗ nahe fünf Fuß hoch; dies iſt der gewöhnliche Weg, den der Fuchs nimmt, wenn er ſich nicht anders gegen die Hügel wendet und nach Dangan geht, wo dann Al⸗ les zu Ende iſt; denn die Hirſchparkmauer iſt gewöhn⸗ lich unüberſteiglich für alle Menſchenkinder, ausgenommen vielleicht für den lieben Vetter Charley, der ſchon mehr als einmal ſein Glück dabei verſucht hat.“ „Seht, da kommt er,“ rief Matthew Blake,„und er ſieht prachtvoll aus; vielleicht etwas zu fleiſchig, wenn überhaupt etwas zu tadeln wäre.“ „Kapitän Hammersley““ riefen die vier Miſſes Blake in einem Athem;„wo iſt er?⸗ „Nein, nicht doch; ich ſpreche nur von Badger,“ ſagte Matthew lachend, indem er mit dem Finger nach einem Winkel des Feldes deutete, wo mein Bedienter gemächlich eine zwei Fuß hohe Mauer niederriß, um das Pferd durchzuführen. „Ei, wie hübſch! welch ein Schlachtroß für einen Dragoner,“ bemerkte Miß Daſhwood. Jede andere Art, mein Roß zu preiſen, wäre mir angenehmer geweſen, als dieſe. Das Wort Dragoner war ein Dorn in meiner Bruſt und zerriß und ver⸗ wundete mich bei jeder Bewegung. Blitzſchnell war ich im Sattel, und kaum hatte ich mich geſetzt, als auf einmal alle falſche, knabenhafte Scham von mir wich und ich mich jeden Zoll einen Mann fuͤhlte. Ich blicke oft nach dieſem Moment meines Lebens zurück, und wenn ich ihn mit manchen ähnlichen vergleiche, kann ich nicht umhin anzuerkennen, daß das Bewußtſeyn, welches ſo oft den Erfolg gewinnt, manchmal das Ergebniß eines ſcheinbar nichts ſagenden Zuſammentreffens von Umſtänden iſt. Die Zuverſicht, die ich in meine Reiter⸗ künſte ſetzte, erfüllte mich mit einem weit höhern mora⸗ 38 liſchen Muthe, und ich fühlte, daß Charles O'Malley, wenn er auf einem Vollblut courbettirte, und derſelbe Menſch, wenn er auf einem kleinen Pferdchen herritt, ganz und gar verſchiedene Individuen waren. „Weit und breit keine Spur vom Kapitän,“ ſagte Matthew, der von einer Recognoscirung auf der Straße zurückkam, und es iſt doch Schade, denn der Tag ſcheint ſich noch recht gut anlaſſen zu wollen.“ Während die jungen Ladies Pikets bildeten, um nach dem tapfern Krieger zu ſehen, ergriff ich die Gelegenheit, meine Bekanntſchaft mit Miß Daſhwood weiter auszubilden, und ſelbſt aus den wenigen flüchti⸗ gen Bemerkungen, die ihr entwiſchten, erſah ich, wie vortheilhaft ſie ſich von allen Landſchönen, die ich bis⸗ her kennen gelernt, unterſchied. Eine Miſchung von Höflichkeit und Naivetät— ein Wunſch zu gefallen, verbunden mit einer gewiſſen weiblichen Zartheit, die einem Mann und noch mehr einem Knaben, welcher ſich ſehnt, ein ſolcher zu werden, immer ſchmeichelt, gewan⸗ nen mit jedem Augenblick immer mehr Kraft über mich und trieben mich, Alles aufzubieten, um meiner ſchönen Begleiterin zu zeigen, daß ich kein ſo unkultivirtes, ge⸗ dankenloſes Geſchöpf ſey, wie die meiſten Leute um mich her. „Da iſt er endlich,“ ſagte Helen Blake, indem ſie über das Feld hingalopirte und ihr Schnupftuch ſchwenkte, zum Zeichen für den Kapitän, welchen man jetzt im ſcharfen Trabe herannahen ſah. Er kam jetzt an eine kleine Steinumhegung, nahm ſein Pferd ein wenig zuſammen, und indem er der ſchö⸗ nen Helena einen Kuß zuwarf, ſetzte er mit einem Sprunge hinüber und war in einem Augenblicke mitten unter uns. „Er ſitzt wie ein ganzer Kerl zu Pferde, Mr. Char⸗ les,“ flüſterte mir der alte Weidmann zu;„wahrhaftig, wir müſſen ihm das ſchwerſte Stückchen anweiſen.“ Kapitän Hammersley war, trotz aller der kritiſchen 39 Schärfe, womit ich ihn beobachtete, ein echtes Ideal von einem ritterlichen Gentleman; und obſchon er ein ſehr ſchwerer Mann war, ſo verwiſchte doch ſein kräftiger Vollblut⸗Engländer allen Anſchein von Uebergewicht; ſein Sattel, der ſehr gut ſaß und paßte, ſeine große, mit breiten Zügeln verſehene Trenſe, ſein eigenes Ko⸗ ſtüm, beſtehend in einem ſchwarzen Rock, Lederhoſen und Stulpſtiefeln, paßte Alles zuſammen, und bis hinab zu ſeiner ſchweren Jagdpeitſche fand ich ſchlechterdings Nichts an ihm auszuſetzen. Als er heranritt, begrüßte er die Ladies in ſeiner gewöhnlichen freien ungezwunge⸗ nen Manier und ſprach ſeine Verwunderung, aber kein Bedauern aus, als er hörte, daß er zu ſpät komme; Matthew und mich würdigte er nicht der geringſten Be⸗ achtung und nahm ſeine Stelle neben Miß Daſhwood ein, mit welcher er ſich leiſe unterhielt. „Da gehen ſie,“ ſagte Matthew, als fünf oder ſechs Hunde mit aufgehobenen Köpfen bellend an einer Furche hinliefen, dann ſtehen blieben, von Neuem heulten und wiederum vorwärts ſprangen. In einem einzigen Augen⸗ blick war das ganze Thal unter uns voll Bewegung. Der Jäger rief mit der Hand am Munde die ſeitwärts ſtreifenden Thiere zur Ordnung, und der Hundemeiſter folgte den Leithunden mit der übrigen Meute.„Sie ſind gefunden!— Sie fliehen!“ rief Matthew; wäh⸗ rend er ſprach, ertönte ein lautes Freudengeſchrei der Hunde vom Thale her, und im Nu war die ganze Meute in der eiligſten Bewegung. Da ich in dieſem Augenblick auf nichts Anderes bedacht war, als meine Reiterkünſte zu zeigen, drückte ich Badger die Sporen in die Seiten und trieb ihn einem halb verfallenen Gra⸗ ben zu. Flugs waren wir darüber hinweg, und hinter uns brach das morſche, aus kleinen Steinen und Lehm beſtehende Ufer zuſammen, ein Beweis, wie gefährlich dieſer Sprung geweſen war. Ehe ich noch wieder feſt im Sattel ſaß, war der Kavitaͤn neben mir.„Nun ſo ſey es denn,“ dachte ich, und wie toll rannten wir vor⸗ wärts. Wie es ihm um's Herz geweſen ſeyn mag, kann ich nicht zu beſtimmen wagen; aber meine eigenen Ge⸗ fühle waren eine ſeltſame Miſchung von kindiſcher Be⸗ geiſterung, Racheluſt und ſorgloſem Uebermuth. Um meinen eigenen Hals war es mir ganz und gar nicht bange, und während ich, meinem Nebenbuhler eine halbe Pferdslänge voran, dahinſtürmte, murmelte ich:„Mag er mir heute hübſch nachfolgen, ſo will ich nicht mehr verlangen.“ Die Hunde hatten gleich anfangs einen Vorſprung gehabt und da ſie im beſten Laufe weiter jagten, ſo blie⸗ ben wir ein wenig zurück. Auf einmal fiel mir ein, daß ich, wenn ich ein kurzes Stück Weg abſchnitte, an die breiteſte Stelle des Fluſſes kommen müßte und ſo die beſte Gelegenheit hätte, ſowohl den Muth meines Freundes als die Leiſtungen ſeines Pferdes auf die Probe zu ſtellen. Wir ſprengten vorwärts und jagten immer ſchneller, bis wir deutlich das Brauſen des Fluſſes hören konnten. Ich blickte halb auf die Seite und bemerkte jetzt, daß der Kapitän in ſeinen Steigbügeln ſtand, als wollte er das Terrain überſchauen; im Uebrigen war ſein Geſicht ruhig und regungslos, nicht eine einzige Muskel verrieth, daß er in dieſem Augenblick etwas Anderes that, als auf einer Parade galoppiren. Ich ſetzte mich feſt in den Sattel, nahm mein Pferd ein wenig zuſammen und trieb es mit einem Halloh, deſſen Bedeutſamkeit jeder Jäger von Galway ſehr gut kennt, dem Ufer zu. Ich ſah das Waſſer zwiſchen den großen Steinen dahinſtürzen, ich hörte ſein Brauſen, ich fühlte einen Stoß wie eine rico⸗ chettirende Kanonenkugel, und hinüber waren wir, aber mit ſo genauer Noth, daß das Ufer unter den Hinter⸗ füßen des Pferdes zuſammengeſunken war, und das edle Thier alle ſeine Kräfte anſtrengen mußte, um wieder feſten Fuß zu faſſen. Kaum war es von Neuem in Be⸗ wegung, als Hammersley an meiner Seite dahinflog, und ruhig, wie bei einem Wettrennen in ſeinem Sattel 41 ſitzend, mir den Vorſprung abgewann. Ich weiß Nichts aus meinem ſpätern Leben, was dem furchtbaren See⸗ lenkampf in dieſem Augenblicke gleichkäme; denn obſchon ich weit, ſehr weit entfernt war, meinem Gegner Uebles zu wünſchen, ſo hätte ich doch gern einen Arm oder ein Bein gebrochen, wenn er nicht im Stande geweſen wäre, mir zu folgen. Nun aber war er mir ſogar an⸗ derthalb Pferdelängen voraus und, was das Aller⸗ ſchlimmſte war, Miß Daſhwood hatte das Ganze mit⸗ anſehen müſſen, auch hatte er ohne Zweifel ſchöner und kecker als ich über den Fluß geſetzt. Ein einziger Troſt blieb mir, und während ich ihn mir zuflüſterte, gewann ich neuen Muth. Sein Pferd iſt ein engliſches— dieſe verſtehen ſich auf ſolche Sprünge— aber wie wird es mit einem Galwayer Steinwalle ausſehen? Die Frage ſollte bald gelöſt werden. Etwa drei Feldet vor uns waren die Hunde fortwährend im Jagen begriffen; eine große ſteinerne Mauer lag dazwiſchen und dahin rich⸗ teten wir beide unſern Lauf. Ha, dachte ich, als ich merkte, daß der Kapitän ſein Pferd etwas mehr anbielt, und mir einen Vorſprung geſtattete, endlich iſt er über⸗ wunden, und nun denn vorwärts! Damit ſprengte ich der höchſten Stelle zu, die ich auffinden konnte, wohl wiſſend, daß Badger hier in ſeinem Element war. Ein Anlauf, ein Sprung und wir galoppirten auf der andern Seite weiter. Nicht ſo der Kapitän: ſein Pferd hatte vor dem Wall zurückgeſcheut, und er machte jetzt eben eine Kreisbewegung auf dem Felde, um den Sprung von Neuem zu verſuchen. Ich hab's gewonnen, dachte ich, indem ich mich von Neuem im Sattel umdrehte. Noch einmal kam das Pferd herangeſprengt, aber von Neuem ſcheute es und bäumte ſich ſo gewaltig, daß es zu überſtürzen drohte. Mein Triumph war vollſtändig und ich wollte eben von Neuem den Hunden folgen, als ich noch einen Blick zurückwarf und ſah, wie Hammersley mit einem präch⸗ tigen Sprung über die Mauer ſetzte und zugleich einen 42 Raum von wenigſtens dreizehn Fuß überſprang. Aber⸗ mals war er an meiner Seite und der Wettſſtreit be⸗ gann von Neuem. Was auch die Reiter empfunden haben mögen, zwiſchen den Pferden war der Kampf furchtbar. Das engliſche Thier war augenſcheinlich ſtär⸗ ker und ſchneller, aber doch überladen und beſaß über⸗ dies nicht die katzenähnliche Rührigkeit der iriſchen, ſo daß die Vortheile und Nachtheile ſich ſo ziemlich auf⸗ wogen. Eine halbe Stunde lang war unſer Rennen jetzt wahrhaft entſetzlich. Wir ritten Seite an Seite, machten unſere Sprünge genau im ſelben Augenblick und waren nie vier Schritte von einander getrennt. Die Hunde waren immer bedeutend voraus und jagten gegen den Shannon hin, als auf einmal der Fuchs die Spur verſchlug und ſich nach der Hügelſeite gegen Dan⸗ gan hinwandte. Nun, da kommt denn der Prüfſtein ge⸗ genſeitiger Kraft, ſagte ich halb laut, indem ich einen Blick auf den ſteilen, rauhen, mit wildem Ginſter und mit hoher Haide bewachſenen Berg warf, um deſſen Gi⸗ pfel ſich in einer Zickzackrichtung eine jetzt verfallene Mauer zog, einſt die Einfriedigung eines Hirſchparkes. Dieſe Mauer, die bald vier, bald ſechs Fuß hoch war, hätte, ſelbſt auf dem günſtigſten Boden, für einen ſehr kühnen Sprung gelten müſſen. Hier aber, auf dem Gipfel eines Berges ohne einen Fuß breit Anſatz, war ein ſolcher Sprung die verzweifeltſte Tollkühnheit. Während wir an den Fuß des Hügels ritten, war der Fuchs, von den Hunden hart bedrängt, durch eine Lücke im Steinwall geſchlüpft und Matthew Blake nebſt dem Jäger und dem Hundemeiſter ritt an der Mauer hinab, um eine Oeffnung für die Pferde zu ſuchen. Be⸗ vor ich meinem Badger die Sporen eindrückte, um den Hügel hinanzuſprengen, warf ich einen Blick auf Ham⸗ mersley. Auf ſeinen Lippen lag ein ganz beſonderer Ausdruck, halb Lächeln, halb Hohn, der mich raſend machte, und hätte ſich ein Abgrund unter meinen Füßen aufgethan, ich hätte jetzt nicht mehr umgekehrt. Der 43³ Weg war ſo ſteil, daß ich eine Schlangenwindung rei⸗ ten mußte, und auch jetzt noch machte der lockere Bo⸗ den den Ritt äußerſt gefährlich. Endlich erreichte ich die Spitze, wo die Mauer mehr als fünf Füß hoch dro⸗ hend mir entgegenſtand, als wollte ſie mich herausfor⸗ dern. Ich warf mein Pferd ganz herum, ſo daß es mit der Bruſt beinahe die Stirne berührte, und angetrieben durch einen derben Peitſchenhieb und ein lautes Halloh, erhob ſich das edle Thier wie zum Bäumen, hieb einen Augenblick mit den Vorderfüßen in der Luft umher, um das Gleichgewicht wieder zu erlangen, dann aber nach einem furchtbaren Kampf überſchlug es und rollte, mich mit ſich reißend, von dem Gipfel des Hügels bis an den Fuß deſſelben hinab. Der letzte Gegenſtand, den ich ſah, als ich zerquetſcht und bewegungslos auf dem Boden lag, war der Kapitän, wie er im Flug über die Mauer ſetzte und auf der andern Seite verſchwand. Nach einigen haſtigen Bemühungen, ſich aufzurichten, kam Badger wieder auf ſeine Beine und blieb neben mir ſtehen; aber der Stoß und die Erſchütterung von meinem Fall waren ſo heftig geweſen, daß alle Gegenſtände um mich her zu zittern und zu ſchwimmen ſchienen, während Tauſende von feurigen Funken gleich einem Sprühregen vor meinen Augen niederſchoſſen. Ich verſuchte aufzu⸗ ſtehen, ſank aber hülflos zurück. Kalter Schweiß be⸗ deckte meine Stirne und ich fiel in Ohnmacht. Von die⸗ ſem Augenblick an weiß ich mich an Nichts mehr zu erinnern, bis ich mich im geſtreckteſten Galopp über ein ebenes Feld reiten fühlte, während die Hunde etwa drei Felder voraus waren. Hammersley befand ſich an der Spitze der Jäger und machte alle ſeine Sprünge kalt⸗ bluͤtig wie immer. Vor Schwäche wankte ich in meinem Sattel hin und her und hatte keinen klaren Gedanken mehr, ſondern nur eine flüchtige Erinnerung an einen Racheplan trieb mich immer weiter vorwärts. Die Jagd hatte jetzt über eine Stunde gedauert, und ſowohl Hunde als Pferde begannen zu fühlen, welchen Schritt 44 ſte angeſchlagen hatten. Ich meinerſeits ritt mechaniſch dahin, ohne die Gefahren vor mir zu kennen, oder im mindeſten zu beachten. Mein Auge weilte nur auf einem einzigen Gegenſtand; mein ganzes Weſen war in ein unbeſtimmtes, unklares Rachegefühl zuſammenge⸗ drängt. In dieſem Augenblick kam der Jäger zu mir heran. „Haben Sie Schaden genommen, Mr. Charles? Sind Sie geſtürzt? Ihre Wange iſt voll Blut und Ihre Kleider ſind zerriſſen. Heilige Mutter Gottes, ſein Stiefel iſt ganz zermalmt! Er hört mich nicht. O hal⸗ ten Sie— halten Sie ums Himmelswillen; da iſt das Kleefeld und der breite Graben vor Ihnen; Sie ſtür⸗ zen ſich ja dem Tod in den offenen Arm.“ „Wo?“ rief ich mit der Stimme eines Beſeſſenen. „Wo iſt das Kleefeld?— wo iſt der Graben? Ha, ich ſehe ihn— jetzt ſeh' ich ihn.“ Mit dieſen Worten ſtieß ich meinem Pferd die Sporen in die Seite und war im Augenblick außer dem Bereich der Vorſtellungen des guten Burſchen. Im näch⸗ ſten Moment befand ich mich an der Seite des Kapi⸗ täns. Er wandte ſich, als ich herankam, um; auf ſei⸗ nem Munde ſchwebte noch immer daſſelbe Lächeln— ich hätte ihn erwürgen können. Ungefähr dreihundert Schritte vor uns lag der Graben; er war ungefähr zwanzig Fuß breit und eine Mauer von Backſteinen bildete die Bruſtwehr. Ueber dieſe hinüber verſuchten die Hunde jetzt zu klettern, einigen gelang es, aber bei weitem die meiſten ſtürzten unter lautem Geheul in den Graben zurück. Ich wandte mich gegen Hammersley um; er ſtand hoch in ſeinen Steigbügeln, und als er den ſtarrenden Wall anſah, über welchen die Hunde maſſenweiſe hinab⸗ purzelten, meinte ich,(doch vielleicht meinte ich es auch blos) ſeine Wange entfärbe ſich ein wenig. Ich ſah mich noch einmal um— er hielt ſein Pferd an; ha, es war alſo wahr, er wollte es nicht wagen. Ich drehte mich in meinem Sattel um, blickte ihm feſt in's Geſicht, und indem ich mit meiner Peitſche nach dem Wall hin deutete, rief ich mit einer vor Leidenſchaft heiſeren Stimme:„Kommen Sie!“ Jetzt ſah ich Nichts mehr. Von dieſem Augenblick an waren alle Gegenſtände für mich verloren. Als ich wieder zur Beſinnung kam, befand ich mich mitten unter getödteten Hunden. Badger ſtand zerſtoßen und zitternd neben mir, den Kopf ge⸗ ſenkt und ſeine Flanken aufgeriſſen von den Sporenrä⸗ dern. Ich blickte um mich, aber alles Bewußtſein der Vergangenheit war entſchwunden. Der heftige Fall hatte mein Gehirn erſchüttert, und es war mir wie einem Traumenden. Endlich ſchoß mir ein kurzer, flüchtiger Lichtblitz durch den Kopf, als der alte Brackely mir zu⸗ flüſterte: Mein Seel', Sie haben dem Kapitän dort das Leid heimgegeben.“ Ich wandte mich mechaniſch um, und meine Augen ſielen auf die Figur eines Mannes, welcher ausgeſtreckt und blutend dalag. Sein blaſſes Geſicht war von einem purpurrothen Blutſtrom über⸗ goſſen, der aus einer Wunde neben ſeiner Augenbraune, hervorkam; ſeine Arme lagen ſchlaff und regungslos auf den Seiten. Ich kannte ihn nicht. Der laute Knall einer Piſtole erweckte mich aus meiner Betäubung; ich blickte zurück. Jetzt ſah ich eine Maſſe, die plötzlich zer⸗ platzte und rechts und links auseinanderflog, Ich hörte ein heftiges Krachen auf dem Boden und wies mit mei⸗ nem Finger darauf hin, denn ſprechen konnte ich nicht. „Es iſt das engliſche Pferd, Ew. Gnaden; heute früh war es eine Schönheit, jetzt aber hat es den Rück⸗ grat und beide Beine gebrochen. Dies war wohl das Beſte— ſo wurden ihm doch weitere Leiden erſpart.“ 46 Fünftes Kapitel. Der Geſellſchaftsſaal. Vier Tage nach dem Abenteuer, das im letzten Ka⸗ pitel ausführlich genug erzählt iſt, erſchien ich wieder im Geſellſchaftszimmer, meine Wangen wohl gebleicht durch ſtarken Blutverluſt, mein Tritt wankend und un⸗ gewiß. Vergebens blickte ich mich nach einer Perſon um, die mir Aufſchluß über die Begebniſſe der vier letz⸗ ten Tage ertheilen könnte: es war Niemand zu treffen. Die Ladies, ſagte man mir, machten einen Spazierritt; Matthew war ausgegangen, um einen neuen Leithund zu kaufen; Mr. Blacke warb Stimmen und Kapitän Ha⸗ mersley lag im Bette. Wo war Miß Daſhwood?— In ihrem Zimmer; und Sir George? Bei Mr. Blacke. „Wie! ſammelt er ebenfalls Stimmen?“ „Allerdings, wohl möglich,“ war des alten Keller⸗ meiſters verſtändige Antwort, über die ich mich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Ich ſetzte mich jetzt in den behaglichſten Lehnſtuhl der aufzutreiben war, ſchlug die Zeitung auf und beſchloß zu erforſchen, was in der politiſchen Welt vorgegangen ſei. Aber ſei es nun, daß die Artikel nicht ſonderlich glänzend abgefaßt waren, ſei es daß das Feuer zu heiß brannte, oder daß meine ei⸗ genen Träume mir vergnüglicher erſchienen als die Phantaſien des Zeitungsſchreibers, ich verſank bald in einen feſten Schlaf. Wie verſchieden iſt doch die Stimmung, die der Menſch für die geſchäftige Welt des Denkens und Han⸗ delns mitbringt, wenn er durch eine plötzliche rohe Auf⸗ forderung ſich zu erheben und munter zu machen aus dem Schlafe geweckt wird, oder wenn ihn die ſüßen Silbertöne einer lieblichen Muſik in's Daſein zurück⸗ rufen, einer Melodie, welche zauberiſch die Sinne uͤber⸗ 47 ſchleicht, Gedanken von Seligkeit und Schönheit um ſich verbreitet und doch den dunklen Einfluß des Schlafes kaum verſcheuchen kann! Dies war mein erſter Gedanke, als mich, während meine Augenlieder geſchloſſen blieben, die ſanften Accorde einer Harfe zu einem Gefühl un⸗ ausſprechlicher Wonne erweckten. Ich drehte mich leiſe in meinem Stuhle um und erblickte Miß Daſhwood. Sie ſaß in der Niſche eines altmodiſchen Fenſters; der blaßgelbe Schein einer winterlichen Abendſonne fiel auf ihr ſchönes Haar und gab ihm ein Kolorit, wie ich es oft auf Rembrandt'ſchen Gemälden geſehen habe. Ihr Kopf lehnte ſich auf die Harfe, und nach den Tönen zu ſchließen, welche ſie auf's Gerathewohl den Saiten ent⸗ lockte, war ihre Seele weit entfernt von Allem, was ſie dermalen umgab. Als ich ſie anblickte, richtete ſie ſich plötzlich aus ihrer gebeugten Stellung empor, ſtrich ihre Locken von der Stirne, präludirte mit einigen Accorden und hauchte dann— Geſang konnte man es kaum nen⸗ nen— die herrliche Arie Moores: Sie iſt fern von dem Lande, wo ihr junger Held ſchläft. Nie zuvor hat⸗ ten meine erſtaunten Sinne einen ſolchen Ausdruck, ſolch tiefes Gefühl vernommen. Ich lauſchte athemlos, wäh⸗ rend mir die Thränen eine um die andere die Wange hinabrollten; meine Bruſt hob ſich und fiel, und als ſie aufhörte, barg ich mein Geſicht in beide Hände und ſchluchzte laut. In einem Augenblick war ſie neben mir, legte ihre Hand auf meine Schulter und ſagte: „Armer, guter Junge, ich habe Sie nicht hier ver⸗ muthet, ſonſt würde ich dieſes melancholiſche Lied nicht geſungen haben.“ Ich fuhr empor, ſah ſie an und— warum weiß ich nicht— aber ſie wurde plötzlich bis an die Stirne huraneraih und fügte in einem weniger ſichern Tone inzu: „Ich hoffe, Mr. O'Malley, daß Sie ſich beſſer be⸗ finden, und daß es keine Unporſichtigkeit von Ihnen war, hieher zu kommen.“ 48 „Für das letztere möchte ich nicht ſtehen,“ erwie⸗ derte ich mit einem krankhaften Lächeln,„aber ich fühle bereits, daß Ihre Muſik mir gute Dienſte gethan hat.“ „Nun, ſo will ich Ihnen noch Eins ſingen.“ „Wenn ich wählen dürfte, ſo würde ich Sie bitten, ſich neben mich zu ſetzen und mit mir zu reden. Meine Krankheit und der Doktor zuſammen, haben meinem armen Gehirn übel mitgeſpielt; aber haben Sie die Güte mit mir zu ſprechen.“ „Nun denn, von was ſollen wir denn reden? ſoll ich Ihnen ein Zaubermährchen erzählen?“ „Deſſen bedarf es nicht: es iſt mir im Augenblick, als wär' ich ſelbſt mitten in einem ſolchen.“ „Gut, aber was ſagen Sie zu einer Legende? ich weiß ihrer eine ganze Menge.“ „Die O'Malleys haben ihre Chroniken, die auch ohne Hülfe von Thor und Wodan wild und barbariſch genug ſind.“ „Sollen wir denn von Alltagsdingen plaudern?— Sollten Sie etwa zu hören wünſchen, wie es mit der Wahl und den Stimmenwerbungen ausſieht?“ „Ja, dies vor allen Dingen.“ „Wohlan denn, mit dem größten Vergnügen. Zwei Baronien mit rein unausſprechlichen Namen haben ſich für uns erklärt, und das Vertrauen wächſt ſehr ſchnell unter unſerer Partei. Das habe ich geſtern durch Zu⸗ fall erfahren, denn Papa erzählt uns niemals von ſol⸗ chen Dingen, ja er läßt uns nicht einmal die Namen der Kandidaten wiſſen.“ „Eben das wäre für mich der Hauptpunkt, denn die Regierung war im Begriff einen Kandidaten hieher zu ſenden, als ich eben von Haus abreiste, und ich bin ſehr neugierig, wer es ſein mag.“ „Dann kann ich Ihnen nicht viel nützen, denn ich kann wirklich nicht ſagen, welche Partei von der Regie⸗ rung begünſtigt wird, und kenne nur die unſrige.“ „Genug für mich, daß Sie ihr Erfolg wünſchen,“ 49 verſetzte ich galant;„aber können Sie mir vielleicht ſagen, ob mein Onele von meinem Unfall gehört hat?“ „Allerdings; aber er iſt nicht ſelbſt hier geweſen, ſondern hat einen Freund, einen Mr. Conſidine, glaube ich, geſchickt. Ein ganz kurioſer Heiliger: er verlangte meinen Vater zu ſprechen und fragte ihn, wie es ſcheint, ob ihr Unfall vielleicht ein Werk ſeiner Intrigue, und ob er bereit ſei, über ſein Benehmen dabei eine Erklä⸗ rung abzugeben. Ich glaube wahrhaftig er iſi toll.“ „Hol ihn der Henker!“ murmelte ich zwiſchen den Zähnen. „Und dann wünſchte er mit Kapitän Hammersley zu ſprechen, aber er iſt zu krank; da indeß der Doktor erklärte, er werde binnen acht Tagen wieder aufſtehen können, ſo erbot ſich Mr. Conſidine gütigſt, bis dahin zu warten.“ „Und nun ſagen Sie mir, wie befindet ſich der Ka⸗ pitän?2, „Er ſoll ſehr zerquetſcht, ſehr verunſtaltet ſein,“ antwortete ſie halb lächelnd,„aber doch, ſagt man, ſei er weniger am Körper als am Gemüthe verletzt.“ „Wie ſo, wenn ich fragen darf?“ ſagte ich mit ſcheinbarer Unſchuld. „Ich weiß es ſelbſt nicht recht; aber es ſcheint, als habe unter Euch Herren Jägern an jenem ungluͤck⸗ ſeligen Morgen ein gewiſſer Wettſtreit obgewaltet, wel⸗ chen Sie Ihrerſeits mit einem beſchädigten Kopfe büßen mußten, er aber mit dem Verluſt ſeines Pferdes und einem gebrochenen Arm.“ „Es thut mir leid— aufrichtig leid, wenn ich ir⸗ gendwie zu dieſer Kataſtrophe beigetragen haben ſollte; das betrübendſte aber für mich iſt, um es ehrlich zu ge⸗ ſtehen, die Thatſache, daß ich Ihnen dadurch Kummer bereitet habe.“ 3 „Mir? Erklären Sie ſich deutlicher.“ „Nun, da Kapitän Hammersley—“ Lever, O'Malley. I. 4 50 „Mr. O'Malley, Sie ſind zu jung, als daß ich glauben könnte, Sie wollten mich beleidigen; aber ich warne Sie vor jeder Wiederholung ſolcher Aeuße⸗ rungen.“ Ich ſah, daß ich meine Grenzen überſchritten hatte, aber auf was für eine Art, das konnte ich, ehrlich ge⸗ ſtanden, nicht errathen; denn obſchon älter an Jahren als meine ſchöne Geſellſchafterin, ſtand ich ihr doch in Beziehung auf Takt und Verſtändigkeit des Benehmens in einer beklagenswerthen Weiſe nach. Die graue Abenddämmerung war längſt hereinge⸗ brochen, als wir noch immer neben den flammenden Holzkohlen mit einander plauderten— ſie ergötzte ſich augenſcheinlich an den originellen Lebensanſichten eines unbewachten und unerfahrenen Knaben; ich aber trank in tiefen Zügen jene Liebe ein, die mein Herz ſpäterhin auf mancher Breſche und auf manchem Schlachtfeld ſtählte. Unſere Unterredung wurde endlich durch den Ein⸗ tritt von Sir George unterbrochen, der mir ſehr herzlich die Hand drückte und ſich ungemein freundlich nach mei⸗ nem Befinven erkundigte. „Man ſagt mir, Sie wollen ein Rechtsgelehrter werden, Mr. O'Malley,“ ſagte er,„und in dieſem Fall möchte ich Ihnen rathen, auf ihr Kopfſtück beſſer Acht zu haben.“ „Ein Rechtsgelehrter, Papa? Gott im Himmel, ich hätte nie gedacht, daß er ſo etwas Stupides werden könnte.“ „Wie, einfältiges Mädchen, was meinſt Du denn, daß ein Mann werden ſoll?“ „Ein Dragouer, natürlich, Papa,“ ſagte das zärt⸗ liche Mädchen, indem ſie den Arm um ſeine mannhafte Figur ſchlang und ihm mit einem Ausdruck von Stolz und Liebe in's Auge blickte. Dieſes Wort beſtegelte mein Schickſal. 51 Sechstes Kapitel. Das Mittagsmahl. Als ich in mein Zimmer kam, um mich zum Mit⸗ tageſſen anzukleiden, wartete mein Bedienter auf mich mit einem Billet von meinem Oheim, auf welches der Bote eine Antwort mitzubringen habe. Ich erbrach das Siegel und las: „Lieber Charley! Verliere keinen Augenblick, den alten Blake für uns zu gewinnen, wenn Du es nicht bereits gethan haſt, denn ſo eben erfahre ich'’, daß die Regierung dem jun⸗ gen Matthew eine Fähndrichsſtelle zugeſichert hat, im Fall er ſeinen Vater hinüberbringen könne. Und das ſind die Leute, mit denen ich, einige wenige Privatfälle dusgenommen⸗ ſeit mehr als dreißig Jahren geſtimmt habe! Dein Unfall hat mich ſehr betrübt. Conſidine ſagt mir, daß ſpäter eine Erklärung nöthig ſein werde. Er iſt ſeit Dienſtag in Athlone, in der Hoffnung, den neuen Kandidaten auf dem Wege abzufangen und in irgend eine kleine Privatſtreitigkeit zu verwickeln. Gelingt ihm das, ſo erſpart er dadurch der Grafſchaft eine Menge Geld und trägt erſtaunlich viel zur Ruhe und zum Glück aller Parteien bei. Aber ſolche Dinge ſtehen, wie Bater Roach ſagt, in der Hand der Vorſehung. Du mußt den alten Blake auch überreden, daß er we⸗ gen des Coolnamucker Pfandſcheins ein paar Zeilen an 8 Simon Mallock ſchreibt. Wir können ihm für den Augenblick keine Sicherheit geben, wenigſtens nicht die⸗ jenige, die er verlangt. Schließlich wünſche ich, daß 4* 52 Du Dich nicht länger aufhältſt, im Fall Deine Ge⸗ ſundheit einen Quartierwechſel erträgt. Dein Dich liebender Oheim Godfrey O'Malley.“ N. S.„So eben erhalte ich einen Brief von Con⸗ ſidine. Er war heute früh draußen und hat einen Kerl ins Knie geſchoſſen. Nachher aber hat es ſich, herausgeſtellt, daß es nicht der Kandidat war, ſondern inr Teuiſ der ein Buch über Connemara ſchreiben will. N. S. No. 2. Vergiß ja den Pfandſchein nicht, denn der alte Mallock iſt ein bösartiger Kerl und hat einen Grimm auf mich, ſeitdem ich einmal in Banag⸗ her ſeinen Sohn mit der Reitpeitſche bearbeitet habe. O, die Welt, die Welt! G. O'M.“ Bis ich dieſe ſehr zierliche Epiſtel zu Ende geleſen hatte, war es mir gar nicht eingefallen, wie vollſtändig ich alle Intereſſen meines Oheims vergeſſen und alle. ſeine Aufträge vernachläßigt habe. Schon waren fünf Tage verfloſſen und ich hatte die ganze Sache nicht ein⸗ mal in Anregung gebracht, während mein Oheim ſie vermuthlich als längſt abgemacht betrachtete, aber mit einem Loch im Kopf und einem halben Dutzend Wun⸗ den im Herzen war mein Gedächtniß nicht das Aller⸗ beſte. Ich ſteckte alſo den Brief zu mir und entſchloſſen, keine Zeit mehr zu verlieren, ging ich ſogleich nach Mr. Blake's Zimmer, den ich bei dem ſehr beſchwerlichen Geſchäfte der Toilette zu finden erwartete und auch wirklich antraf. 3 5 „Nur herein, Charley,“ ſagte er, als ich leiſe an die Thüre klopfte;„es iſt nur Charley, meine Liebe; Du brauchſt Dich nicht zu beunruhigen.“ „O, nicht im Mindeſten,“ antwortete Mrs. Blake, indem ſie ein Paar baumwollene Hoſen ihres Ehegemahls nach Art eines Halskragens über ihre breiten Schultemn warf, die bisher in ihrer ganzen Fülle und in echt Rubensſchem Colorit geglänzt hatten.„Setz Dich, Charley, und ſag uns, was es giebt.“ Da ich bis auf dieſen Augenblick von der Adam⸗ und Evagleichen Einfachheit, welche bei den Privatan⸗ gelegenheiten in Mr. Blake’s Hauſe obwaltete, keine Ahnung gehabt, ſo würde ich mich gerne von einem Ort, der, wie ich ſah, zum gemeinſchaftlichen Ankleide⸗ zimmer diente, zurückgezogen haben, hätte nicht Mr. Blake's Aufforderung zu bleiben einigermaßen wie ein Befehl gelautet. „Es iſt,“ ſtotterte ich,„nur ein Brief von meinem Oheim wegen der Wahl. Er ſchreibt, da ſeine Majo⸗ rität jetzt gewiß ſei, ſo würde es ihn ſehr freuen, wenn die ganze Familie auf der Wahlliſte ſtände. Deßhalb beauftragt er mich, Ihre Geſinnungen zu erforſchen und herauszubringen, was Sie im Schilde führen; und... und da ich ein herzlich ſchlechter Diplomat bin, ſo hielt ih res für's Beſte, mit der Sache geradezu herauszu⸗ rücken.“ „„Ich verſtehe,“ verſetzte Mr. Blake, indem er ſich mit dem Raſirmeſſer bedeutend in's Kinn ſchnitt,„ich verſtehe, nur weiter.“ „Nun, Sir, ich habe nicht mehr vtel hinzuzufügen, mein Oheim weiß, welchen Einfluß Sie in Scariff be⸗ ſitzen und hofft, daß Sie thun, was Sie können.“ „Weiter nichts?“ ſagte Blake mit einem ſehr tro⸗ ckenen und ſpitzigen Ausdruck, der mir ganz nnd gar nicht geſiel. „O ja, Sie moͤchten auch an den alten Mallock ein paar Zeilen ſchreiben.“ „Ich verſtehe, wegen Coolnamuck, nicht wahr?“ „Ja, und das iſt, glaub ich, Alles.“ „Nun gut, Charley, Du kannſt jetzt wieder hinab⸗ gehen, wir wollen die Sache nach Tiſche beſprechen.“ „Ja, lieber Charley, geh, denn ich will jetzt meine Strümpfe anziehen,“ fügte die ſchöne Mrs. Blake mit einem Blicke ſelbſtbewußter Sittſamkeit hinzu. 54 Als ich das Zimmer verlaſſen, konnte ich nicht umhin, ein Gott ſei Dank! herauszuſtoßen über die glück⸗ liche Beendigung eines Geſchäftes, vor welchem mir ſchon lange gegraut hatte, und ich eilte jetzt, meinem Oheim einen Brief zu ſchreiben, worin ich ihn der Mit⸗ wirkung von Seiten Blake's verſicherte und hinzufügte, daß ich Anſtands halber noch einen oder zwei Tage bleiben wolle. 4 Nachdem ich auf dieſe Art mein Herz von einer ſchweren Bürde befreit, ging ich hochvergnügt über meine Gewandtheit in'’s Geſellſchaftszimmer hinab. Hier waren bereits eine Menge Leute verſammelt und ſo oft die Thüre ſich öffnete, wurde ein neuer Nachwuchs von Blake's, Burke's und Bodkins angefündigt. In Abweſenheit des Hausherrn machte Sir George Daſh⸗ wood die Honneurs und ſchüttelte jedem neuen Ankömm⸗ linge mit der ganzen Wärme und Herzlichkeit alter Freundſchaft die Hand. Während er ſich nach verſchie⸗ denen abweſenden Perſonen erkundigte und höͤchſt theil⸗ nehmend nach allerlei Onkeln und Tanten fragte, die nicht mitgekommen ſeyen, ereignete ſich ein kleiner Zwi⸗ ſchenfall, der durch die lächerliche Wendung, die er nahm, dazu beitrug, die lange halbe Stunde vor dem Eſſen zu verkürzen. Ein Individuum aus der Geſell⸗ ſchaft, ein Mr. Blake, hatte ſchon als Knabe wegen gewiſſer Eigenthümlichkeiten ſeines Geſichtes, namentlich eines hobelförmigen Auswuchſes, den Spitznamen Bart⸗ kratzer erhalten. Dieſer blieb ihm denn auch ſpäter, ſo daß er von ſeinen Freunden und Bekannten nie an⸗ ders angeredet wurde. Auch Sir George hatte viel von ihm unter dieſem Namen gehört und bemerkt, daß er immer auf denſelben Rede ſtand; als er nun gefragt wurde, wie er die Auerhahnjagd heute getroffen habe, antwortete er mit einer Verbeugung dankbarer Aner⸗ kennung:„Ganz vortrefflich, doch verdanke ich Alles dem guten Platze, der mir im Gebüſch angewieſen wurde. Wäre nicht Herr Bartkratzer—“ 55 Ich brauche kaum zu bemerken, daß dieſe Rede durch ein allgemeines ſchallendes Gelächter unterbrochen wurde, in welches der treffliche Bartkratzer— ich muß ihm dies zum Ruhme nachſagen— ſelbſt herzlich mit einſtimmte. Kaum waren indeß die luſtigen Töne zu ſcheinbarer Ruhe eingelullt, als die Thüre ſich öffnete und der Wirth und die Wirthin eintraten, Mrs. Blake erſchien in der ganzen Fülle ihrer Reize, in einem kar⸗ moiſinrothen Atlaskleide, deſſen Friſche indeß vorn durch einen Fettfleck, ungefähr von der Größe und Geſtalt des europäiſchen Continents auf Arrowſmiths Atlas einen ſchmerzlichen Eintrag erlitt; ein Kragen von Schwanen⸗ dunen bedeckte ihre Schultern; maſſive Armbänder ſchmuͤckten ihre Handgelenke, während von ihren Ohren zwei iriſche Diamantringe herabhiengen, die an Größe und Werth mit den Glasgehängen eines Kronleuchters wetteiferten. Was an Eleganz abging, erſetzte ſie reich⸗ lich durch die Wärme und Herzlichkeit, mit der ſie ihre Gäſte begrüßte, als ſie ihre umfangreichen Formen auf dem Sopha poſtirt hatte und die Geſellſchaft um ſich her betrachtete, ſah ſie aus wie die perſonifieirte Gaſt⸗ freundſchaft ſelbſt. 3 Nachdem der alte Kellermeiſter Simon zu verſchie⸗ denen Malen bie Thüre geöffnet und wieder geſchloſſen, und wenigſtens fünfmal die Geſellſchaft überzählt hatte, bis er ſich der Richtigkeit ſeiner Zahl vergewiſſert, wurde endlich das Mittagsmahl angekündigt, Jetzt kam ein Augenblick großer Schwierigkeit, die Mr. Blake, vermöge ſeiner taktvollen Umſicht, ſehr gerne auf andere Schultern gewälzt hätte, denn er wußte wohl, daß die Anordnung eines Saales voll von Mandarinen aller Art, blau, grün und gelb, nur ein Kinderſpiel war gegen das Geſchäft, eine Geſellſchaft Galwayer in das Speiſe⸗ zimmer zu führen. Zum Beiſpiel, da war Miles Bodkin, deſſen Groß⸗ vater ein Lord geworden wäre, wenn ihn nicht Crom⸗ well an einem ſchönen Vormittage hätte hängen laſſen. 56 Dann war Mrs. Moſey Blake's erſtem Manne der Titel Kilmacud verſprochen worden, wenn er je wieder einge⸗ führt werden ſollte, während Mrs. French von Knock⸗ tumnor's Mutter eben um einen Titel prozeſſirte; und endlich war Mrs. Joe Burke im vierten Grad mit Lord Clanricarde verwandt, wie dies freilich jeder Burke von heute an bis zum jüngſten Tage iſt und ſein wird. Zum Glück für ſie lebte der Lord noch und Mr. Vlake, der an das ſehr weiſe Sprüchwort vom todten Löwen dachte, löste die ſchwierige Frage mit einemmal, indem er die Lady graziös beim Arme nahm und mit ihr voran⸗ ging; die andern folgten bald; der Pfaffe von Portumna und meine Wenigkeit bildeten den Nachtrab. Als viele Jahre ſpäter der harte Boden eines Bi⸗ vouacs im Gebirge mit ſeinen armſeligen Rationen Brod, ſeinem ausgedörrten Fleiſch und dem brandigen, holzſauren Aqua fortis, das man Kornbranntwein nannte, mein trauriges Loos war, blickte ich auf die Mahlzeit dieſes Tages oft mit ſchmerzlicher Sehnſucht zurück; denn da war eine Steinbutte von der Größe des Waterlooſchildes, ein Lendenbraten, der aus den Seiten eines Rhinozeros geſchnitten zu ſein ſchien und eine nachenähnliche Schüſſel, die eine wahre Auſternbank enthielt. Da war ferner ein Puterhahn, der für ſich allein die Hauptmacht eines franzöſiſchen Diners gebil⸗ det haben würde, während er hier blos Vorpoſtendienſte verſah, ſeine Flanken geſchützt durch ein Piket von Schin⸗ ken und eine detachirte Schwadron von Hühnern, die ſorgſam hinter einem Wall von Gemüſen in den Hin⸗ terhalt gelegt waren; Kartoffeln, nicht umgewandelt à la maitre d'hotel, oder ſo lange zermartert, bis ſte ſchlechten Maccaroni ähnlich ſehen, ſondern aufgethürmt wie Kanonenkugeln in einem Zeughauſe, waren in ver⸗ ſchiedenen Richtungen aufgeſtellt, während maſſive Krüge mit Portwein und Xeres, ſtolz gleich Fahnenträgern, zwiſchen der übrigen Kriegsmacht ſtanden. Es war dies keines jener langweiligen großen Gaſteſſen, wo ein 57 kalter, froſtiger Aufſatz von künſtlichem Unſinn der einen Hälfte des Tiſches den Verkehr mit der andern abſchnei⸗ det; wo geflüſterte Phraſen das Geſpräch ausmachen und all die freundliche Wiedererkennung mit dem Wein⸗ glas, wodurch man Bekanntſchaften erneuert und Freund⸗ ſchaften anknüpft, dadurch erſetzt werden ſoll, daß ein Lakai förmlich und ſteif unſer Glas füllt— wo ſtatt freundlicher Worte blos ein albernes Lächeln im Kurſe iſt, ſtatt munterer Witze und luſtiger Erzählungen höch⸗ ſtens ſpitzige Epigramme preisgegeben werden. Hier ſah es ganz anders aus: die Geſellſchaft aß, trank, plauderte, lachte, that Alles, nur daß ſie nicht ſang, und ergötzte ſich wirklich aus Herzens Grunde, Was mich betraf, ſo war ich kaum etwas mehr als bloßer Zuhörer, und ſo gewaltig war das Klappern der Teller, das Geklingel der Gläſer und das Getöſe der Stimmen, daß nur Bruchſtücke der Unterhaltung zu mir gelangten und dieſe wenigſtens für mich etwas Zuſammenhangs⸗ loſes, ja ſogar Ungereimtes bildete. Redensarten wie folgende waren an der Tagesordnung und flogen unter einander herum: „Kein beſſeres Land in Galway— wo könnte man ſolche Annehmlichkeiten finden— weil er Mr. Jones auf dem Heimwege erſchoſſen hat— die Wahr⸗ heit, die reine volle Wahrheit— ein Kuß— Miß Blake, ja, das nenne ich einmal Fuß und Wade— Daly hatte nie Wolle auf ſeinen Schafen— wie könnte er auch— was bezahlt er für den Berg— vier Schil⸗ ling und zehn Pfennige die Elle— keinen Pfennig weniger— all die Kohlſtengel und Kartoffelſchaalen— macht Suppe mit einem rothen Hering ſtatt des Salzes — auf das Geld ſehe ich nicht bei dem Mädchen mei⸗ nes Herzens— wenn es nicht die Flußgalle und den Spath hätte— dann würde ich ihr den Segen der Kirche ertheilen.“ Solcher Art waren die zerſtreuten Glieder der Un⸗ terhaltung, die ich anhören mußte, bis ein allgemeiner 58 Aufbruch von Seiten der Ladies uns allein beim Weine ließ und wir mit dem gebührenden Nachdruck zu den ernſteren Geſchäften des Abends übergehen konnten. Kaum war die Thüre geſchloſſen, als einer von der Geſellſchaft die Klingelſchnur ergriff und ſagte:„Mit Ihrer Erlaubniß, Blake, wollen wir jetzt den„Thau“ haben.“ „Ein guter Claret, es gibt keinen beſſern,“ ver⸗ ſetzte ein anderer,„aber er ſitzt verdammt kalt im Magen.“ „Ja, Punſch, das iſt das Wahre,“ rief ein Dritter, während ein großer Halbgalonenkrug Whiskey auf die Tafel geſtellt wurde. Die verſchiedenen Weinflaſchen verbannte man jetzt ſchimpflich ans Ende der Tiſches, ohne daß ſich auf irgend einem Geſicht ein Bedauern darüber blicken ließ, mit Ausnahme Sir George Daſh⸗ woods, der mit ſehr rebelliſchem Gewiſſen ſeinen Becher miſchte. 1 So groß auch das Getöſe der Geſellſchaft ſchon vorher geweſen war, ſo überſtieg doch jetzt der Lärm alle Grenzen. Während die eine Partei den bevorſtehen⸗ den Wahlkampf beſprach, entwarf die andere den Plan zu einem Thurmrennen, und zwei Individuen, die nn⸗ glücklicherweiſe durch die ganze Länge des Tiſches getrennt waren, forderten auf eine ſehr merkwürdige Weiſe ihre Effekten zu einem Wettſtreite heraus, wie man es nennt, d. h. ſie tauſchten ihre Habſeligkeiten aus, indem ſie auf einen Artikel einen eingebildeten Werth ſetzten, den⸗ ſelben gegen einen andern verhandelten und den von einem hiezu aufgeſtellten Schiedsrichter beſtimmten Mehr⸗ werth bezahlten und empfingen. So wurde eine goldene Bruſtnadel gegen ein Pferd losgeſchlagen, ein Paar Stiefel, eine Bulle von Kerry, kurz nur alle erdenkli⸗ chen Habſeligkeiten wurden zu Markte getragen. Zuweilen, wenn Sachen von höchſt zweifelhaftem Werth zum Vor⸗ ſchein kamen, brach ein ſchallendes Gelächter aus. Bei dieſem echt nationalen Zeitvertreib machte ein Mr. Miles 59 Bodkin, ein notoriſcher Feuerfreſſer im Weſten, gewöhn⸗ lich guten Profit, und man ſagt, er habe einmal einen unerfahrenen Menſchen gänzlich ausgezogen, d. h. ihm dee Reihe nach ſein Pferd, ſeinen Wagen ſammt Ge⸗ ſchirr abgewonnen, und ſofort auch noch ſeine Uhr, NRinge und Mantelſack an ſich gezogen, dann aber die große Güte gehabt, ihm einen groben Mantel zu leihen, damit er in ſein Gaſthaus zurückkehren konnte. Auch diesmal blühte ſein Weizen, und in gleichem Maße ſprudelte ſein Witz. Der gewaltige Krug war ſchon zum drittenmal gefüllt und die rothen Geſichter, ſowie die mühſamen Reden der Gäſte bewieſen, daß von den kalten Eigenſchaften des Clarets nur ſehr wenig zu fürchten war. Mr. Bodkins Laune nahm gewöhnlich ihre roſigſte Färbung an, wenn er ſich unter dem Einfluß des Whis⸗ keys befand, und da er am Ende der Tafel Mr. Blake gerade gegenüber ſaß, ſo gab er ſich die ganze Würde eines Feſtordners und behauptete fie mit einem ſolchen Nachdruck, daß Niemand Luſt hatte, ihm ſeinen Rang ſtreitig zu machen. In Folge einiger Bemerkungen von Sir George hielt er eine Art Volksrede über die eigen⸗ thümlichen Vortrefflichkeiten ſeines Geburtslandes und ſchloß mit der Erklärung, daß Nichts im Stande ſei⸗ ſich mit Galway zu meſſen. „Ei, ſo geben Sie uns doch ein Lied zum Beſten, Miles, daraus kann der General mehr lernen als aus Ihren ſchönſten Redensarrten.“ „Ja, ja,“ riefen mehrere Stimmen zugleich,„ſingen Sie uns einmal„„den Mann für Galway.“““ Da Sir George mit vieler Wärme in dieſen Wunſch einſtimmte, füllte Mr. Bodkin ſein Glas bis zum Rand, bat ſich einen Chor für ſeinen Geſang aus, räuſperte ſich mit einem tiefen Hem und begann das folgende Lied, nach einer Melodie, welche Moore durch ein herr⸗ liches Gedicht unſterblich gemacht hat. Obſchon der Text im Weſten allbekannt iſt, ſo will ich ihn doch zum Nutz 60. und Frommen von weniger begünſtigten Gegenden hie⸗ her ſetzen. Der Mann für Galway. Das Glas zur Hand! Im ganzen Land Die Advokaten ſpießen; Dein Mädchen frei'n Und dich allein Auf brauner Haid erſchießen; Nach wilder Jagd die ganze Nacht Beim Becherklang verpraſſen; Kein Geld im Sack und doch das Pack Der Gläubiger brummen laſſen— Das iſt der Mann für Galway! Wohl mancher Held Stand ſchon im Feld Seit unſres Patrick Tagen; Doch hört Giles Eyre, Ich ſag' Euch, der Frißt ſie mit Kopf und Kragen. Mit Runſchit Sing iſt's auch ein Ding Und will nicht viel bedeuten, Er leeret kein Glas, er kennt keinen Spaß, Und kann nicht fechten und reiten— O der iſt Nichts für Galway! O glaubet ihr Getroſtlich mir Der tauget für euch nimmer, Wer nicht die Nacht Vertrinkt und lacht Bis an des Morgens Schimmer. Die Gläſer her! Ihm gilt es, der Beim Becherklang kann praſſen; Kein Geld im Sack und doch das Pack Der Gläubiger brummen laſſen— Das iſt der Mann für Galway! 61 Ich fürchte ſehr, dieſe wahrhaft klaſſiſche Ode möchte nicht in allen Geſellſchaften mit ſolchem Jubel aufge⸗ nommen werden wie hier; das Beifallsgeſchrei war bei⸗ nahe betäubend, und ſelbſt Sir George, dem in Folge ſeiner mangelhaften engliſchen Erziehung mehrere An⸗ ſpielungen unverſtändlich geblieben waren, fand unge⸗ meinen Spaß daran und lachte herzlich. Die Unterhaltung kehrte jetzt zu den Wahlen zurück, und obſchon ich von den am Beſten Eingeweihten zu ferne ſaß, um viel zu hören, ſo merkte ich doch deutlich genug, daß alle ſich der froheſten Hoffnung hingaben. Dies war mir ſehr angenehm, da die lange Vernach⸗ läſſigung der Angelegenheit meines Oheims mir doch einige Gewiſſensbiſſe gemacht hatte. „Wir haben Seariff bis auf den letzten Mann,“ ſagte Bodkin. „Und die Bauern von Moſey alle zuſammen,“ fügte ein anderer hinzu;„obgleich keiner von ihnen ſtimm⸗ fähig iſt, ſo will ich doch darauf ſchwören, daß jeder Sohn ſeiner Mutter ſeine Stimme abgeben wird, oder daß ſie am Rathhaus keinen Stein auf dem andern aſſen.“— „Und gnade Gott den Polizeibeamten,“ bemerkte ein Dritter, ſeine Augen emporwerfend. „Moſey's Pächter ſind drollige Burſche und haben gleich ihrem Gutsherren ein beſonderes Kennzeichen; ſie bezahlen niemals Abgaben.“ „Und warum ſollten ſie nicht ſtimmen?“ meinte ein trocken ausſehender kleiner alter Kerl in rother Weſte; „ſo lange ich Todtenagent war—“ „Todtenagent!“ unterbrach ihn Sir George ein wenig erſchrocken. „Ja, allerdings,“ antwortete der Alte, indem er ſeine Brille von der Naſe nahm und Sir George, der ſich einen Zweifel an ſeiner Wahrhaftigkeit zu erlauben ſchien, einen halb zornigen Blick zuwarf. 6²2 „Der General weiß vielleicht nicht, was das iſt,“ meinte Einer. „Sehr richtig,“ erwiederte Sir George,„ich befinde mich wirklich in der allertiefſten Unwiſſenheit darüber.“ „Todtenagent,“ erklärte Mr. Blake,„iſt derjenige, welcher für die ſeit der letzten Wahl geſtorbenen ſtimm⸗ fähigen Leute Stellvertreter ſucht. Aus den Wahlregi⸗ ſtern dieſer Grafſchaft könnten höchſt intereſſante ſtati⸗ ſtiſche Notizen genommen werden, welche beweiſen, daß ſie die geſundeſte Gegend von Europa iſt. In den letzten fünfzig Jahren iſt kein einziger ſtimmfähiger Freiſaße geſtorben.“ „Die Leute von Kiltopher wollen diesmal nicht kommen— ſie ſagen, ihre Stimmen helfen doch nichts, da durch den Spruch der letzten Aſſiſen ſo viele von ihnen wegen Meineids deportirt worden ſeien.“ „Das ſind doch traurige Geſellen,“ bemerkte Jemand. „Nein, nein, ſie ſind ſo anſtändige Burſche wie alle andern, und jeden Augenblick bereit für fünfzig Schillinge Branntwein die Stadt niederzureißen; wenn ſie übrigens nicht für uns ſtimmen, ſo ſtimmen ſie gegen uns.“ Letztere Bemerkung ſchien dieſe intereſſanten Indi⸗ viduen wieder in Credit zu ſetzen, und nun wandte ſich die ganze Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft Bodkin zu, der einen großen Angriffsplan auf die Wahlbuden, den er ſelbſt leiten wollte, aus einander ſetzte. Mittlerweile war alle Klugheit und Rückhaltſamkeit unter den Zechern verſchwunden; der Whiskey behauptete ſeine Kraft und jeder kühne Wahlſtreich, jeder liſtige Kunſtgriff, jeder ſinnreiche Betrug, den der Eine oder Andere zum Beſten gab, wurde bejubelt auf eine Art, welche bewies, daß Selbſtachtung keine unvermeidliche Folge des„Berg⸗ thaues“ war. Die Heiterkeit wurde mit jedem Augenblick lär⸗ mender, und Miles Bodkin, der ſchon zum zweitenmal durch ein telegraphiſches Zeichen vom andern Ende des Tiſches her an der Ausbringung eines Toaſtes verhin⸗ 3 63 dert worden war, ſchwur jetzt, ſich fortan durch Nichts mehr abhalten zu laſſen, erhob ſich daher mit einem dampfenden Kelchglas in der Hand und ließ ſich ver⸗ nehmen wie folgt: „Nein, nein, Phil Blake, Sie brauchen mir nicht ſo zuzuwinken— ich kümmere mich den Teufel um alle Ihre Zeichen.(Hier wurde der Redner mit lautem Jubel begrüßt, worein auch ich, ohne zu wiſſen warum, fräftig einſtimmte.) Ich will einen Toaſt ausbringen, Ihr Jungen,— einen echten und gerechten Toaſt— Nichts von Euerem ſentimentalen Unſinn von Blumen und Frühling, Tag⸗ und Nachtgleiche, ſondern einen verſtändigen, patriotiſchen, mannhaften, unerſchrockenen Toaſt, einen Toaſt, den Ihr auf die univerſellſte, eifrigſte und ſchrecklichſte Weiſe trinken müßt, ſo wie ich es jetzt Euch vormache(lauter Beifall). Wenn Jemand von den Anweſenden dieſen Toaſt nicht bis auf die Neige trinft,(hier ſah der Sprecher und die ganze Geſellſchaft mich an) ſo ſchwöre ich bei der großen Kanone von Athlone, daß er mir die Flaſche, das Glas, den Pfei⸗ fenräumer und alles hinunterſchlucken ſoll zum Beſten ſeiner Verdauung— verſteht Ihr mich.“ Das Beiſallsgeſchrei über dieſen menſchenfreundlichen Entſchluß hinderte mich, das Folgende zu hören; aber das Ganze beſtand aus einer ſehr glühenden Lobrede auf irgend eine unbekannte Perſon und der Ausrufung derſelben zum Deputirten von Galway. Mitten unter dem Geräuſche und Getobe dieſes kritiſchen Augenblickes waren beinahe Aller Augen auf mich gerichtet, und da ich daraus ſchloß, daß meines Oheims Geſundheit getrunken werde, ſo donnerte ich aus Leibeskräften auf den Mahagonitiſch los. Endlich als das Hip Hip Hurrah vorüber und eine vergleichungsweiſe Ruhe wieder hergeſtellt war, erhob ich mich von meinem Sitz, um zu danken— aber ſelt⸗ ſam genug, Sir George Daſhwood that das Gleiche, und ſo ſtanden wir inmitten eines Aufruhrs, der auch den Muth geübterer Redner hätte erſchüttern können. 64 Von allen Seiten ertönte das Geſchrei: Hört, hört, ſprechen Sie weiter, General,— ſetz dich, Charley,— zum Henker mit dem Jungen— ſchlagt ihm die Beine entzwei u. ſ. w. Da ich nicht einſah, warum Sir George ſich in eine Sache miſchte, in der ich eine ſpe⸗ zielle Pflicht für mich ſelbſt erkannte, ſo beſchloß ich, nicht nachzugeben und ſprach auch dieſen Entſchluß in höchſt unzweideutigen Worten aus.„In dieſem Fall,“ ſagte der General,„muß ich denken, daß der junge Gentleman ein Amendement vorzuſchlagen beabſichtigt, und da die Etifette für ihn ſpricht, ſo gebe ich nach.“ Damit ſetzte er ſich wieder unter dem ſchrecklichſten Ge⸗ töſe und Tumult, worin ich von allerhand menſchen⸗ freundlichen Vorſchlägen, wie man mich behandeln müſſe, vernahm: unter Anderem ſprach ein ganz naher Nach⸗ bar von mir die gütige Abſicht aus, mir das Genik zu brechen. Eudlich vermochte es Mr. Blake über die Ge⸗ ſellſchaft, daß ſie ſich entſchloß, mich wenigſtens anzu⸗ hören, denn er ſei überzeugt⸗ daß ich ſie nicht länger als eine Minute aufhalten werde. Nachdem alſo der Aufruhr ſich einigermaßen gelegt hatte, begann ich: „Gentlemen, als Adoptivſohn des würdigen Mannes, deſſen Geſundheit Sie ſo eben getrunken haben“— der Himmel weiß, wie ich weiter geſprochen haben würde, aber meine Beredſamkeit wurde durch ein brüllendes Gelächter unterbrochen, dergleichen ich nie zuvor gehört hatte, vom einen Ende des Tiſches zum andern erſchol⸗ len dieſe Ausbrüche von Luſtigkeit mit ſolcher Gewalt, als hätte die ganze Geſellſchaft den Reſt ihrer Lungen für dieſe Gelegenheit aufgeſpart. Ich wandte mich von Einem zum Andern— ich verſuchte es zu lächeln und wollte mir den Anſchein geben, als ſtimmte ich in den Scherz mit ein, aber es gelang mir nicht— ich run⸗ zelte die Stirne— ich blickte wild umher nach einem Gegenſtand, an dem ich meinen Zorn auslaſſen könnte, und ſiehe da, hierin war ich glücklicher; denn Mr. Mi⸗ les Bodkin, der meine Wünſche durchſchaute, hielt plötzlich 65 in ſeiner Luſtigkeit ein, nahm einen Blick drohender Herausforderung an, der ihm ſchon manchmal gute Dienſte geleiſtet hatte, ſtand dann auf und ſprach:— „Nun gut, Sir, ſie ſind ſtolz auf ſich ſelbſt— Sie haben ſehr ſchlau begonnen und können jetzt ihrem Onkel ein recht artiges Geſchichtchen erzählen; aber wenn Sie ihm die Nachricht vielleicht ſchriftlich zuſchi⸗ cken wollen, ſo wird der General ſehr gerne den Brief für Sie frankiren; denn bei dem Felſen von Caſhel, wir werden ſeine Wahl aufrecht erhalten gegen alle O'Malleys, welche je den Sherif betrogen haben.“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als ich mein Weinglas ergriff und ihm aus Leibeskräften an den Kopf ſchleuderte. So plötzlich war die That und ſo ſicher das Ziel, daß Mr. Bodkin mit ſeiner ganzen Länge den Boden maß, ehe noch ſeine Freunde ihre Bewunderung über den letzten Erguß ſeiner Beredtſam⸗ keit ausſprechen konnten. Jetzt wurde die Seene ent⸗ ſetzlich; denn obſchon der gefürchtete Miles kampfunfähig war, ſo machten doch ſeine Freunde einen furchtbaren Maſſeangriff auf mich und würden mich unfehlbar in ihre Hände bekommen haben, wenn nicht Blake und vier oder fünf andere dazwiſchen getreten wären. Unter ei⸗ nem verzweifelten Kampfe, der einige Minuten dauerte, wurde ich vom Platze weggeriſſen, die Treppe hinaufge⸗ ſchleppt und köpflings in mein Zimmer geſtürzt, wo ſie mich, nachdem ſie die Thüre von Außen doppelt verrie⸗ gelt, meinen eigenen kühlen, nicht allzu angenehmen Be⸗ trachtungen überließen. Siebentes Kapitel. Die Flucht von Gurt⸗ na⸗Morra. Infolge einer jener plötzlichen und unerklärlichen Revolutionen, die gelegentlich auch vieljährigen Wahn⸗ Lever, O'Malley, 1, 5 66 ſinnigen Verſtand und Beſinnung wieder bringen, ge⸗ ſchah es, daß ich, kaum allein auf meinem Zimmer, voll⸗ kommen nüchtern wurde. Die Dünſte des Weins— und ich hatte einen tiefen Trunk gethan— zerſtreuten ſich auf einmal; mein Kopf, der noch ſo eben vor Auf⸗ regung halb wirr geweſen, war jetzt kalt, ruhig und geſammelt; ja, was noch ſeltſamer iſt, ich, der ich erſt vor einer Stunde mit der ganzen argloſen Fröhlichkeit des Knabenalters den Speiſeſaal betreten hatte, war nunmehr durch einen gewaltigen Sprung ein Mann ge⸗ worden, ein Mann mit dem ganzen Gefühl der Verant⸗ wortlichkeit, ein Mann, der eine Beleidigung durch einen Schimpf zurückgewieſen hatte und auch nun entſchloſſen war ſein Leben dafuͤr auf's Spiel zu ſetzen. In einem Augenblick hatte ſich eine neue Aera meines Daſeins für mich erſchloſſen— an die Stelle der gedankenloſen Hei⸗ terkeit rüſtiger Jugend war ein Alles verſchlingender, Alles durchdringender Gedanke getreten, der Gedanke, daß ich, wenn ich meinen Streit mit Bodkin nicht zu Ende führe, entehrt und beſchimpft ſei; bei meiner ge⸗ ringen Kenntniß in ſolchen Dingen entging mir der Um⸗ ſtand, daß ich jetzt der Angreifer war und alle weitern Schritte in der Sache von ſeiner Seite ausgehen mußten. 4 So gänzlich beſchäftigte mich mein eigener Ver⸗ druß, daß ich über die Betrübniß meines armen Oheims bei der Nachricht vom Verluſt der Blake'ſchen Partei und von der Gewißheit, daß der frühere Bruch zwiſchen den Familien durch die Ereigniſſe des heutigen Abends unheilbar geworden, nicht einmal dachte. Flucht war mein erſter Gedanke; aber wie ſollte ich ſie ausführen? Die Thüre, von ſolidem iriſchem Eichenholz, doppelt verſchloſſen und verriegelt, vot allen meinen Anſtren⸗ gungen Trotz— das Fenſter war wenigſtens fünf und zwanzig Fuß vom Boden, und weit und breit kein Baum, auf den ich mich häͤtte ſchwingen können. Ich lärmte, ich ſchrie, ich öffnete das Schiebfenſter, ich bot Alles 67 auf, um von Jemand draußen gehört zu werden, aber vergebens. Müde und erſchöpft ſetzte ich mich auf das Bett und ſann über mein Schickſal nach. Nach Rache, nach ſchneller, vollſtändiger, entſchiedener Rache dürſtete und lechzte ich. Jeder Augenblick, den ich unter der erlittenen Schmach noch weiter verlebte, ſchien mir ein Jahrhundert qualvollen, zum Wahnſinn treibenden To⸗ deskampfes. Plötzlich ſprang ich auf, ein Gedanke war mir in den Kopf geſtiegen. Ich warf das Bett nach dem Fenſter hin, band das Leintuch mit einem feſten Kno⸗ ten an das Fenſterkreuz, drehte ein Seil daraus, zog mich bis auf etwa zwölf Fuß vom Boden an demſelben herab, ließ es dann los und kam glücklich und unverletzt auf dem Grasplatze an. Ein feiner, neblicher Regen fiel herab, und jetzt erſt bemerkte ich, daß ich in der Eile meinen Hut vergeſſen hatte; dieſer Gedanke machte mir jedoch wenig Kummer und ich nahm meinen Weg nach dem Stalle hin, um wo möglich mein Pferd zu ſatteln, und mich davon zu machen, bevor die Familie von meiner Flucht Etwas erführe. Als ich den Hof erreichte, war Alles ruhig und öde; die Dienerſchaft beluſtigte ſich ohne Zweifel im Hauſe und Niemand kam mir in den Weg. Ich trat in den Stall, warf meinem Badger den Sattel über und galoppirte kanm fünf Minuten nach meiner Flucht aus dem Fenſter nach O'Malleyeaſtle zu, mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit, die jeder Verfolgung Troz bot, falls Je⸗ mand daran gedacht hätte. Es war ungefähr fünf Uhr an einem finſtern Win⸗ termorgen, als ich mein Pferd durch die wohlbekannten Engpaſſe von Ställen und Nebengebänden führte, welche den langen Eingang zu meines Oheims Wohnungen bildeten. Da indeß noch Niemand wach war und ich meine Ankunft vor der Familie geheim halten wollte, ſo drückte ich, nachdem ich für die Beduürfniſſe meines wackern Schimmels geſorgt, ſachte die Klinke der Kü⸗ 2 5* 68 chenthuͤre auf— eine andere Verwahrung wurde ſelbſt bei Nacht nicht nöthig erachtet— und ſuchte tappend den Weg die Treppe hinan. Im ganzen Hauſe rührte ſich Nichts, und das Schweigen umher mahnte mich wohl zu überlegen, was ich thun wollte. Es war von der höchſten Wichtigkeit, daß mein Oheim Nichts vom gan⸗ zen Handel erfuhr, weil er ihn ſonſt unvermeidlich zu ſeinem eigenen gemacht, und indem er mich als Knaben behandelte, der Sache diejenige Wendung gegeben haben würde, die ich am meiſten fürchtete. Sir Harry Boyle dagegen wollte gewiß das Ding in's Lächerliche ziehen, eine hübſche Geſchichte, vielleicht gar ein Liedchen daraus machen, und am Ende verlachte er mich über meinen Einfall Genugthuung zu verlangen. Conſidine, das wußte ich, war mein Mann: aber er befand ſich in Ath⸗ lone, wenigſtens hatte mir mein Oheim ſo geſchrieben: doch vielleicht war er auch zurückgekehrt; wo nicht, ſo breche ich ſogleich nach Athlone auf. Mit dieſem Ent⸗ ſchluß ſtahl ich mich geräuſchlos die Treppe hinan und kam vor das Schlafzimmer des Grafen: ich öffnete leiſe die Thüre, trat ein, und obſchon mein Fußtritt mir ſelbſt beinahe unhörbar blieb, ſo entging er doch dem wachſamen Bewohner des Zimmers nicht, der in ſeinem Bette aufſpraug und mit rauher Stimme: Wer da? rief. „Charles, Sir,“ ſagte ich, die Thüre ſorgfältig ver⸗ ſchließend und auf das Bett zuſchreitend;„Charles O'Malley, Sir: ich bin gekommen Sie um Ihren Rath zu bitten, und da die Sache keinen Aufſchub leidet, ſo habe ich Sie ſtören müſſen.“ „Thut nichts, Charley,“ verſetzte der Graf:„ſetz Dich; da in der Nähe des Bettes muß ein Stuhl ſein— haſt Du ihn gefunden? da, ſo! nun was iſt's? Wie ſteht's mit Blake?“ „Sehr ſchlecht, könnte nicht ſchlechter ſtehen; aber deßhalb bin ich nicht gekommen: ich habe mich in einen böſen Handel verwickelt, Sir.“ 69 „Biſt vielleicht mit einer der Töchter davon gelau⸗ fen?“ meinte Conſidine;„beim Henker, ich wußte doch⸗ worauf dieſe freundlichen Fratzengeſichter es abſehen würden.“. „Nein, ſo ſchlimm iſt es doch nicht,“ ſagte ich la⸗ chend;„es iſt blos ein Streit, eine Art Skandal, der zu weiterem führen muß— „Ei, der Tauſend,“ rief der Graf munter werdend, „was ſagſt Dn mir, Charley? Bei Gott, dieſe Jungen ſchlagen uns Alte noch aus dem Felde. Mit wem haſt Du angebunden? Doch nicht mit dem alten Blake ſelbſt?— Wie war es? erzähle mir Alles.“ Ich berichtete ihm ausführlich, ſo weit ſeine häu⸗ figen Unterbrechungen es geſtatteten, den ganzen Vor⸗ gang und ſchloß mit der Frage, welchen Schritt ich zu thun habe, da ich die Sache beendigen wolle, bevor ſie meinem Oheim zu Ohren komme. „Du haſt ganz Recht, vollkommen Recht, mein Junge; aber es iſt in dieſer Angelegenheit ſchon allerlei geſchehen, was ich anders gewünſcht hätte.“ Da ich meinte, er mißbillige meine vorſchnelle Kühnheit, ſo wollte ich eben eine Vertheidigung begin⸗ pen als er in orakelhaft⸗profeſſoriſchem Tone alſo fort⸗ uhr: 3 „Höre mich jetzt wohl an: ein Weinglas mit oder ohne Wein Jemanden an den Kopf werfen, iſt weiter Nichts als ein Zeichen von Mißbilligung irgend einer Bemerkung, die er gemacht hat, enthält aber doch aller⸗ dings einen gewiſſen Schimpf, für welchen er Dich noth⸗ wendig herausfordern muß. Der gegenwärtige Fall je⸗ doch muß aus einem andern Geſichtspunkte betrachtet werden. Mr. Bodkins Aeußerung über Deinen Oheim war ſo beſchimpfend, boshaft und beleidigend, daß er einen derben Schlag dafür verdiente; deßhalb, mein Junge, hätteſt Du unter ſolchen Umſtänden es vorziehen ſollen, ihm eine Flaſche, eine geſchliffene Glasflaſche, gut und niedrig gezielt, an den Kopf zu werfen, das 70 würde beſſere Dienſte gethan haben. Da es inzwiſchen Dein erſter Handel dieſer Art iſt, ſo bin ich mit Dir zufrieden, ſehr wohl zufrieden. Was nun den nächſten Schritt betrifft;“ mit dieſen Worten erhob er ſich von ſeinem Bette, ſchlug ein Licht und kleidete ſich ſo gemäch⸗ lich, als ginge es zu einem Schmauſe, an, redete aber dabei fortwährend: „Vor allem wollen wir mit Godfrey's Einſpänner und dem Rothſchimmel nach Meeliſch fahren; dort ſtel⸗ len wir in dem kleinen Wirthshaus ein— es iſt nur noch eine Viertelſtunde von Bodkins Wohnung. Ich will dann hinüber gehn und die Sache für Dich in Ordnung bringen. Du mußt ruhig zurückbleiben, bis ich wieder komme, und darfſt unter keinen Umſtänden das Haus verlaſſen. Ich habe da einen Kaſten mit alten großen Piſtolen, die werden gut für dich paſſen. Wärſt Du nur einigermaßen ein Schütz, ſo würde ich Dir meine eigenen Piſtolen geben, aber dieſe würden Dir den Schuß nur verderben.“ 4 „Ich treffe auf fünfzehn Schritte den Henkel eines Weinglaſes,“ ſagte ich etwas beleidigt von dem gering⸗ ſchätzigen Ton, womit er von meiner Kunſt ſprach. „Dafür gebe ich Dir keinen rothen Heller: das Weinglas hat keine Piſtole in der Hand. Nimm deß⸗ halb die alte, deutſche Waffe: ſieh her, ſo mußt Du die Piſtole halten: den Finger nicht an dem Bügel, ſondern zwei am Drücker. Die Kolbe ſenke ein wenig: den Ellbogen mußt Du um ein Geringes ſtärker biegen. faſſe Deinen Mann außerhalb Deines Armes in's Auge, merk Dir's wohl außerhalb, und ziel ihm nach der Hüf⸗ te oder etwas höher, das ſchadet nicht.“ Der Graf hatte mittlerweile ſeine Toilette beendigt, nahm jetzt das Mahagonykäſtchen, das ſeine Friedens⸗ ſtifter enthielt, unter den Arm und ging mit mir nach dem Stall hinab. Als wir in den Hof kamen, war das einzige Weſen, das wir dort antrafen, ein blödſinniger Knabe, welchen die Dienerſchaft brauchte um allerlei 71 Gänge zu machen, das Pferd eines Fremden ſpazieren zu führen oder ſonſt kleine Geſchäfte zu verrichten, die ein ordentlicher Domeſtik immer einem untergeordneten Handlanger aufzubürden verſteht. Er ſaß auf einem Stein, der früher den Reitern zum Aufſteigen gedient hatte, und obgleich der Tag erſt anbrach und es ſchnei⸗ dend kalt war, ſo ſang der arme Burſche doch in einem leiſen einförmigen Tone ein iriſches Lied, während er mit etwas Sand in den Händen die Kinnkette eines Pferdes ſcheuerte. Als wir herankamen, ſprang er auf, riß zum Gruß ſeine Kappe herab und heſtete einen ſchar⸗ fen, durchdringenden Blick auf den Grafen, dann auf mich, dann noch einmal auf meinen Gefährten und hauptſächlich auf das metallbeſchlagene Käſtchen, das dieſer unter dem Arme trug. Plötzlich ſchien ihm Etwas durch den Kopf zu fahren, er machte ſich auf die Füße und ſprang mit der Schnelligkeit eines Windſpieles dem Hauſe zu, nicht jedoch, ohne daß Conſidines geübtes Auge ſeinen Plan durchſchaut hätte. Er ſtellte das Piſtolen⸗ käſtchen ſchnell weg, jagte ihm nach und hatte ihn im Augenblick beim Kragen feſtgenommen. „Es geht nicht, Patſey,“ ſagte der Graf,„mir entſpringſt Du nicht.“ „Ach, beſter Herr Graf, liebſter Mr. Conſidine, thun Sie's nicht,“ ſagte der arme Junge auf die Kniee fallend und weinend wie ein Kind.. 3„Halt Dein Maul, Du Lumpenkerl, oder ich ſchneide Dir die Zunge aus,“ donnerte ihm Conſidine zu. Ja, das will ich; aber thun Sie es nicht, thun Sie es nicht um's—“. „Was ſoll ich nicht thun, Du winſelnder Schurke? Was meint er denn, daß ich ihm thun wolle?“ „O, ich weiß recht gut, was Sie im Sinne haben und was Sie immer vorhaben; o jemine, o jemine!“ Dabei rang er ſeine Hände und bog ſich vorwärts und rückwärts, ein echtes Bild iriſchen Schmerzes. „Ich muß dem Geheul ein Ende machen,“ ſagte 72² Conſidine, indem er den Kaſten öffnete und eine Piſtole herauszog, die er mit aller Muße ſpannte nnd dem ar⸗ men Burſchen nach dem Kopfe hielt:„noch eine Sylbe und ich zerſchmettere Dir das Gehirn.“ „Thun Sie es und dank es Ihnen der Teufel; es iſt ja doch Ihr Handwerk.“ Die Kaltblütigkeit dieſer Antwort brachte uns beide ſo aus der Faſſung, daß wir ein lautes Gelächter auf⸗ ſchlugen. „Komm, komm,“ ſagte der Graf endlich,„das geht nicht; wenn er ſo fortheult, ſo ſammelt ſich das ganze Haus um uns.„Komm, Burſche, ſpanne den Roth⸗ ſchimmel an und da haſt Du eine halbe Krone.“ „Ich möchte das beſte Stück in Ihrer Börſe nicht anrühren,“ ſagte der arme Junge;„es iſt ſicherlich Blutgeld.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als Conſidine ihn mit der einen Hand beim Kragen, mit der andern beim Arme ergriff und über den Hof nach dem Stalle trug, wo er, die Thüre aufſtoßend, ihn auf einen Stein⸗ haufen ſchleuderte mit den Worten:„Wenn Du Dich jetzt noch rührſt, ſo zerbreche ich Dir alle Knochen im Leibe,“ eine Drohung, welcher der vorangegangene rauhe Griff ihre volle Wirkſamkeit gab, denn der Burſche rollte ſich jetzt wie zu einem Balle zuſammen und ſchluchzte, als wollte ihm das Herz brechen. In wenigen Minuten war das Pferd angeſpannt und Alles fertig. Conſidine ergriff jetzt die Peitſche, riegelte den Stall hinter Patſey zu und wollte eben einſitzen, als ihm auf einmal ein Gedanke kam.„Char⸗ ley,“ ſagte er,„dieſer Burſche wird gewiß Mittel fn⸗ den, Lärm zu machen; wir müſſen ihn mitnehmen.“ So ſprechend öffnete er die Thüre, nahm den armen Jungen beim Hals und drückte ihn zu meinen Füßen in den Wagen. Wir hatten bereits einige Zeit verloren, und der Rothſchimmel wurde daher zu ſeinem ſtärkſten Schritte 73 angemahnt. Die Straße war ſchlecht, der Wagen raſ⸗ ſelte laut und es ſprach keiner von uns ein Wort. Mir war dies ſehr angenehm: die letzten paar Tage erſchie⸗ nen mir wie Jahre und es war mir kaum möglich, aus der chaotiſchen Maſſe von Ereigniſſen, welche ſie mit ſich geführt— Liebe, Zänkereien und Unglück— wo⸗ rein ich mich ſeit meinem Abſchied von O' Malleyeaſtle verwickelt, einigermaßen klar zu werden. „Endlich ſind wir da, Charley,“ ſagte Conſidine, ſchnell vor einem kleinen iriſchen Bierhauſe anhaltend, das am Zuſammenſtoß von vier rauhen Straßen in einer wilden, öden Gebirgsgegend am Shannon ſtand. „Da ſind wir, mein Junge; ſpring jetzt heraus und laß uns an's Werk gehen.“ „Nun, Patſey,“ fügte der Graf hinzu, indem er die zuſammengekauerte Figur zu unſern Füßen ausein⸗ ander rollte,„tummle Dich jetzt, Patſey.“ Zu meiner großen Verwunderung gehorchte der Junge mit vieler Munterkeit und ſchirrte das Pferd ſehr ſchnell ab. Meine Aufmerkſamkeit wurde inzwiſchen bald von ihm ab und meinen eigenen Angelegenheiten zugewandt. Ich folgte meinem Begleiter in das Haus. „Joe,“ ſagte der Graf zu dem Wirth,„iſt Mr. Bodkin zu Hauſe?“ „Er iſt ſo eben mit Mr. Malowney von Tillna⸗ muck in der Kaleſche hier vorbeigekommen. Sie waren bei Mr. Blake und hielten hier an, um Pferde nach O'Malleycaſtle zu beſtellen; der Knecht iſt eben fortge⸗ gangen, um ein Paar zu beſorgen.“ „Schon gut,“ ſagte Conſidine und flüſterte dann mir zu:„wir haben wohl daran gethan, Charley, daß wir zuvorgekommen ſind, ſonſt hätte der Alte die ganze Sache gemerkt und in ſeine eigenen Hände genommen. Du haſt jetzt weiter Nichts zu thun, als Dich ruhig zu verhalten bis ich zurückkomme, was ſpäteſtens in ei⸗ ner Stunde geſchehen wird. Joe, laß mir den Polaken vorführen— Du hab' ein Auge auf Patſey, damit 74 der Kerl uns keinen dummen Streich macht— der kür⸗ zeſte Weg zu Mr. Bodkin iſt durch Scariff, nicht wahr? Ja, ja, ich weiß ſchon— Adieu, Charley— bei Gott, wir wollen ihn pfeffern.“ Mit dieſen Worten ſchloß der würdige Graf die Thüre hinter ſich und überließ mich meinen eigenen, nicht ſehr angenehmen Betrachtungen. Abgeſehen von meiner Jugend und gänzlichen Weltunkenntniß, die mich eines richtigen Urtheils über mein Benehmen unfähig machte, wußte ich, daß ich viel Wein getrunken hatte und ſehr aufgeregt geweſen war, als der unglückſelige Streit mit Mr. Bodkin ſich entſpann. Ob ich nun durch irgend Etwas ſeine Beleidigung herausgefordert hatte oder nicht, konnte ich mich nicht erinnern und der niederſchlagendſte Gedanke war alſo, was wohl die übrigen Gaͤſte von mir gedacht haben werden, vor Al⸗ lem aber, was Miß Daſhwood ſelbſt denken, und in welchem Lichte man ihr die Sache vorführen werde. Ich hatte mir die größte Mühe gegeben, ihre Achtung zu erringen und ſie auf den Glauben zu leiten, daß meine Grundſätze und Geſinnungen mich jedenfalls über den rohen, ungebildeten Haufen von Junkern um mich her ſtellen, und nun hatte es ſo kommen müſſen. Was konnte ſie wohl anders denken, als daß auch ich derſelbe punſchſaufende, ſkandalſüchtige Unhold ſei, wie die an⸗ dern, von denen ich mich ſo gefliſſentlich getrennt hatte. Wie haßte ich mich ſelbſt wegen meines leidenſchaftli⸗ chen Aufbrauſens, und wie verwünſchte ich meinen Geg⸗ ner als die Urſache alles meines ganzen dermaligen Elends! Wie ganz anders, dachte ich, würde ſich ihr Freund, der Kapitän, benommen haben? Mit ſeiner geſetzten, anſtandsvollen Haltung würde er jeden Fleck ſeiner Ehre gewiß eben ſo getilgt haben wie ich, ohne jedoch den Frieden einer Schmausgeſellſchaft zu ſtören, ohne ſich, wie ich vielleicht gethan, und dieſer Gedanke erfüllte mich mit Schauder, lächerlich zu machen. Solche martervolle Betrachtungen ſtürmten fortwährend auf 8 75 mich ein und mit krampfhaft zuſammengepreßten Hän⸗ den und dicken Schweißtropfen auf der Stirne ſchritt ich im Zimmer auf und ab. Eins iſt gewiß, dachte ich, ich kann ſie nie wiederſehen; dieſer ärgerliche Handel muß in der einen oder andern Faſſung ihr zu Ohren kommen, Alles, was ich in den letzten drei Tagen ge⸗ ſagt, wird ſich als Zeuge gegen mich erheben und mich als Betrüger hinſtellen; ich hatte mit ihr über unſern Begriff von falſcher Chre gelacht und nun fröhnte ich ſelbſt dieſem Götzen. Wenn doch nur Conſidine käme, was mag ihn aufhalten? Ich ging vor die Thüre, ein Burſche führte meinen Rothſchimmel auf und ab. Ich fragte, was aus Pat geworden ſei, aber Niemand konnte mir Auskunft geben— er war kurz nach unſerer An⸗ kunft verſchwunden und nicht wieder geſehen worden. Meine eigenen Angelegenheiten ließen mir indeß nicht viel Zeit hierüber nachzudenken und ich wollte eben wieder in's Haus treten, als ich Conſidine in geſtrecktem Galopp einher kommen ſah. „Heraus mit der Mähre, Charley, ſei munter, mein Junge— Alles iſt in Ordnung.“ Mit dieſen Worten ſprang er vom Pferde, ſchirrte eiligſt den Rothſchimmel an und berichtete mir in abgebrochenen Sätzen von den Anordnungen, die er getroffen habe. „Wir müſſen über die Brücke von Portumna. Bod⸗ kin ſcheint dieſen Ort zu lieben; er hat vor drei Jah⸗ ren Peyton dort erſchoſſen. Um ſo ſchlimmer für ihn, Charley, denn nach aller Wahrſcheinlichkeitsrechnung darf er daſſelbe nicht zum zweiten Mal erwarten— man bekommt nicht zweimal hinter einander quatre honneurs fuͤr gewiß kann man's aber nicht ſagen— eine herr⸗ liche Wieſe— kenne ſie wohl; mit kleinen Hügeln wie Maulwurfshaufen bedeckt— traf ihn beim Frühſtück; ich glaube nicht, daß er unſere Botſchaft erwartete— er nannte es auch eine ſehr große Aufmerkſamkeit und Höflichkeit— und das war es in der That.“ 76 So ſchwatzte er weiter, während wir uns von Neuem in den Wagen ſetzten und abfuhren. „An was denkſt Du, Charley?“ fragte der Graf, als ich einige Minuten geſchwiegen hatte. „Ich dachte eben daran, was ich thun müſſe, im Fall ich ihn tödte.“ „iRecht ſo, mein Junge; ſei hierüber unbeſorgt, ich will Alles in Ordnung bringen. So wahr ich lebe, wenn ich nicht fürchtete, Godfrey möchte ſich in einen neuen Streit verwickeln und dadurch ſeine Wahl gefähr⸗ den, ſo würde ich jetzt zurückfahren und ihn holen; er würde Dich gewiß mit dem größten Vergnügen auf der Menſur ſehen. Und Du ſagſt, Du ſeyeſt kein Schütze?“ „Mit der Piſtole habe ich nie etwas Erkleckliches ausgerichtet,“ antwortete ich, der Zurechtweiſung von dieſem Morgen eingedenk. „Das thut Nichts; Du haſt doch ein gutes Auge; wende es nie von ihm ab, ſobald Du auf der Wieſe biſt: der arme Cullaghan, der neulich geſtorben iſt, hat ſeinen Mann immer auf dieſe Weiſe erſchoſſen; er hatte eine Art, Jemanden ungeblinzelt anzuſehen, die in einer kurzen Diſtanz ſehr verderblich war! Du mußt dies auch lernen, Charley, wenn Dir noch einige Lebens⸗ zeit vergönnt iſt.“ Nachdem wir eine halbe Stunde tüchtig zugefahren, kamen wir an den Fluß, wo Conſidine bereits einen Kahn zum Ueberſetzen beſtellt hatte. Es war jetzt un⸗ gefähr acht Uhr und ein unangenehmer finſterer Mor⸗ gen; die ganze Nacht hindurch hatte es ſtark geregnet, und die trübe Atmosphäre verkündete neue Ergüſſe. Die Berge erſchienen doppelt ſo hoch, als ſie wirklich waren und alle Schatten dehnten ſich zu einem ungeheuern Umfange aus.„Eine recht mörderiſche Beleuchtung,“ bemerkte der Graf. — 77 Achtes Kapitel. Das Duell. Als wir an's Land kamen, bemerkten wir ein paar hundert Schritte von uns eine Gruppe von Perſonen, in welcher wir bald unſere Gegner erkannten. „Charley,“ ſagte der Graf, indem er leicht meinen Arm ergriff, als ich aufſtand, um an's Land zu ſprin⸗ gen,„Charley, Du biſt zwar ſo zu ſagen faſt noch ein Knabe, dennoch iſt es mir um Deinen Muth nicht bange, aber hier iſt noch etwas mehr nöthig als Muth. Dieſer Bodkin iſt ein notoriſcher Raufbold und wird Deine Nerven zu erſchüttern ſuchen. Deßhalb mußt Du Alles was vorkommt, mit der größten Gleichgültigkeit anſehen — laß ihn ja nicht glauben, daß er einen Vortheil über Dich habe und Du wirſt ſehen, daß ſich das Blatt zu Deinen Gunſten wendet.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, Graf,“ antwortete ich, „ich werde Ihnen keine Unehre machen,“ Er preßte meine Hand feſt und ich glaubte Etwas wie ein leiſes Zucken um den Winkel ſeines grimmigen Mundes zu erblicken, gleich als ob ihm plötzlich ein pein⸗ licher Gedanke aufgeſtoßen wäre; aber in der nächſten Minute ſah er wieder ſo ruhig und ſtreng aus wie immer. „ wanzig Minuten zu ſpät, Mr. Conſidine,“ ſagte ein rothbackiges, kurzes Männchen in militäriſchem Rock und mit einer Policemütze, indem er zur Beglaubigung ſeine Uhr hinhielt. „Ich kann nur ſo viel ſagen, Kapitän Malowney, daß wir durchaus keine Zeit verloren haben; wir konn⸗ ten nicht ſo ſchnell ein Boot finden; aber jedenfalls ſind wir jetzt hier, und das iſt nach meiner Anſicht die Haupſache,“ 78 „Allerdings ſehr richtig. Wollen Sie mich Ihrem jungen Freunde vorſtellen? Sehr erfreut, Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen, Sir. Ihr Herr Oheim und ich ſind ſchon mehr als einmal in derlei Sachen zuſammen⸗ getroffen. Ich war im Jahre 92— nein richtig, es war, glaub ich, 93— draußen, als er ſich mit Harry Bourgoyne ſchoß, welchen man, beiläufig geſagt, den Schnellſchuß nannte, aber bei Gott, Ihr Oheim zer⸗ ſchmetterte ihm die Piſtolenhand und ſagte dann in ſei⸗ ner trockenen Art: heute muß er einmal ſeine linke Hand probiren. Ein wenig auf dieſe Seite, Herr Graf, wenn ich bitten darf.“ Während Conſidine und der Kapitän ſich einige Schritte von mir entfernten, harte ich Muße meinen Gegner zu beobachten, der fröhlich ſchwazend und lachend unter einer Gruppe ſeiner Freunde ſtand. Da ſie nichts weniger als leiſe ſprachen, ſo konnte ich viel von ihrer Unterhaltung verſtehen. Sie betraf Bodkins letzten Beſuch an dieſem Orte und den fatalen Ausgang der Sache. „Der arme Teufel,“ ſagte Bodkin,„es war nicht ſeine Schuld; aber einige Herrn von Sſten hatten ihm ſchon vorher einige freundſchaftliche Winke gegeben und ſo mußte er dran. Der Oberſt ſelbſt hatte zu ihm geſagt: Schlagen Sie Sich, oder verlaſſen Sie das Corps. Nun gut, er ſtellte ſich ein: es war ein kalter Februarmorgen und es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet. Der arme Menſch ſchien an der Schwind⸗ ſucht oder etwas Aehnlichem zu leiden, denn er huſtete ſehr und ſpie Blut; das Wetter aber machte ihn noch kränker und er war ſehr ſchwach, als er auf der Wieſe ankam. Sobhald ich ihn erblickte, ſagte ich zu mir ſelbſt: Dem fehlt es zwar nicht an Muth, aber er iſt ſo ner⸗ venſchwach wie ein Mädchen, denn ſein Auge ſchweifte unſtät umher und ſein Mund zuckte beſtändig. Zieh doch deinen Ueberrock aus, Ned, ſagte einer ſeiner Be⸗ gleiter, ‚herunter damit.“ Er ſchien einen Augenblick unſchlüſſig, da bemerkte Michael Blake:„Laßt ihn doch 79 in Ruhe; dieſen Rock hat ihm ſeine Mutter angezogen, damit er ſich nicht erkältet.“ Alle fingen an zu lachen, aber ich be⸗ hielt ihn feſt im Auge. Ich ſah, daß ſeine Wange bleich wurde und ſich ſogar ein wenig grün färbte, in ſeine Augen aber traten die Thränen. Jetzt habe ich ihn, ſagte ich zu mir ſelbſt, und wirklich ſchoß ich ihn durch die Lunge.“ „Und dieſer arme Burſche,“ dachte ich,„war der einzige Sohn einer Wittwe.“ Ich ging vom Platze weg, um nichts mehr zu hören, und eine Anwandlung von Siechluſt ſtieg in mir empor wegen eines ſo muth⸗ willig abgekürzten Menſchenlebens. „Wir ſind bereit,“ rief Malowney, indem er über einen niedrigen Zaun in ein Feld ſprang,„nehmen Sie Ihre Plätze ein, Gentlemen.“ Conſidine nahm mich beim Arm und trat mit mir vor.„Charley,“ ſagte er,„ich habe das Zeichen zu geben, ich werde meinen Handſchuh fallen laſſen, wenn Du feuern ſollſt; aber ſieh ja nicht nach mir hin. Ich will Bodkin feſt im Auge behalten, und auch du mußt ihn ſcharf beobachten; feure dann zugleich mit ihm.“ „Ich meine, der Platz, den wir verlaſſen, wäre noch beſſer,“ bemerkte Jemand. „Allerdings,“ ſagte Bodkin,„aber wir wollten den jungen Gentleman doch nicht ſo weit bemüh'n; hier iſt Alles auch gut.“ Im nächſten Augenblick ſtanden wir auf dem Platze, und ich erinnere mich noch wohl, daß mein erſter Ge⸗ danke war, hier könne keiner von uns beiden entkommen. „Wohlan denn,“ ſprach der Graf,„ich will zwölf Schritte gehen, dann mich umdrehen und meinen Hand⸗ ſchuh fallen laſſen. Auf dieſes Zeichen muß gefenert werden, aber zuſammen, merken Sie ſich das wohl. Wer ſeinen Schuß aufſpart, fällt von meiner Hand.“ Dieſe höchſt ſummariſche Erklärung ſchien allgemein Beifall zu finden, und der Graf ſchritt hinweg. Trotz ſeines freundſchaftlichen Rathes konnte ich nicht umhin, meine Augen von Bodkin abzuwenden und Conſidine zu 8⁰0 beobachten. Endlich ſtand er ſtill— eine, hoͤchſtens zwei Sekunden— da drehte er ſich raſch um und ließ den Handſchuh fallen. Mein Auge heftete ſich auf meinen Gegner, ich erhob meine Piſtole und feuerte. Mein Hut drehte ſich mir halb auf dem Kopfe um und Bodkin ſiel bewegungslos zur Erde. Die Zuſchauer ſtürzten hervor, rachedrohende Blicke wurden mir zuge⸗ ſchleudert, aber auf einmal fühlte ich mich umfaßt, bei⸗ nahe weggetragen, und erſt zehn Minuten nachher, als wir bereits auf dem breiten Shannon dahinſegelten, konnte ich mich gehörig ſammeln und zu einer klaren Erinnerung an das Geſchehene gelangen. Conſidine zeigte auf die zwei Löcher in meinem Hute und bemerkte: „Es iſt ſcharf hergegangen, Charley; nur die Ueberla⸗ dung ſeiner Piſtole hat dich gerettet.“ „Iſt er todt?“ fragte ich.. „Nicht ganz, aber ſo gut als todt; Du haſt ihn gerade über der Hüfte getroffen.“ 3 „Kann er davon kommen?“ fragte ich weiter mit zitternder Stimme und einer Aufregung, die ich verge⸗ bens vor meinem Gefährten geheim zu halten verſuchte. „Wenn es vom Doctor abhängt, dann gewiß nicht,“ ſagte Conſidine;„denn der Narr thut nichts, als daß er nach der Kugel umherſtöbert. Aber jetzt laß uns darauf denken, was wir zunächſt zu thun haben— Du mußt fort von hier und zwar ſo ſchnell als möglich.“ Dies war beinahe unſere ganze Unterhaltung. Als wir gegen das Ufer hinruderten, hing Conſidine ſeinen eigenen Gedanken nach, und auch ich hatte die meinigen, die leider zu vielfach und zu bitter waren, als daß ich ihnen hätte entfliehen können. Als wir uns dem Lande näherten, bot ſich uns ein ſeltſamer Anblick dar. Eine Menge Landleute hatten ſich längs der Küſte in Gruppen von zwei oder drei Perſonen aufgeſtellt und überwachten augenſcheinlich mit geſpannter Aufmerkſamkeit die etwaigen Ereigniſſe auf der andern Seite. Indeß betrug die Entfernung wenigſtens 81 anderthalb Stunden, und deßhalb konnten ſie unmöglich ſehen, was dort vorging. Während ich mich noch darüber wunderte, rief Conſidine plötzlich:„Nein, das iſt zu ſchändlich, bei Gott! wir ſind verloren.“ „Was meinen Sie?“ fragte ich. „Da ſieh hin,“ antwortete er, auf einen ſchwarzen Gegenſtand deutend, der am jenſeitigen Ufer auf einer Stange flatterte. „Nun, was iſt das?“ „Das iſt ſein Rock, den ſie am Ruder aufgehängt haben, um den Leuten zu zeigen, daß er todt iſt. Hier iſt Alles ihm unterthänig, und ſieh nur! Dort!— Sie laſſen uns keinen Zweifel an ihrer Abſicht.“ Die Volksmaſſe am Ufer brach jetzt in ein entſetzliches Ge⸗ heul aus, das bald zu einem wilden Geſchrei anwuchs, bald ſich wieder zu einem leiſen Wehklagen dämpfte und ſo mehrere Male ſich wiederholte— der echte iriſche Mordruf, der Rache über den Mörder herabzuflehen ſcheint. Der ſchreckliche Einfluß dieſes Geſchreis war mir ſchon von Kindheit an wohl bekannt, und meine entſetzliche Lage ließ es mir noch furchtbarer erſcheinen; es war zugleich meine Anklage und mein Todesurtheil. Niemand kannte beſſer als ich den rachſüchtigen Charakter des iriſchen Bauern im Weſten, und ich zweifelte keinen Augenblick an der Gewißheit meines Todes. Das Ver⸗ brechen, das mir wirklich auf dem Herzen laſtete, lähmte meinen Muth und entnervte meinen Arm. Als die Schiffer nach dem Ufer und dann wieder uns ins Geſicht blickten, legten ſie inſtinktmäßig ihre Ruder weg und warteten auf unſern Beſchluß.. „Zieht das Sprietſegel auf, meine Jungen,“ ſagte Conſidine,„und richtet die Spitze den Strom abwärts; aber tummelt Euch, denn ich ſehe, daß ſie dort in der kleinen Bucht ein Boot ſegelfertig machen, das uns in Bälde eingeholt haben wird.“ Die armen Burſche, die, obſchon uns gänzlich Lever, O'Malley. 1. 6 82 fremd, dennoch in dieſer augenſcheinlichen Gefahr mit 6 uns ſympathiſirten, ſetzten die leichte Spiere, die als Maſt diente ein und zogen ihr armſeliges zerlumptes Stück Segeltuch hervor. Conſidine legte thätig Hand dabei an, und nach wenigen Augenblicken fuhren wir in der größten Schnelligkeit weiter. „Wo können wir anhalten, ohne zu laviren?“ fragte der Graf. „Wenn wir guten Wind behalten, ſo können wir Sie eine Viertelſtunde vom Schloß an's Land ſetzen.“ „Haltet das Ruder leewärts,“ rieth Conſidine,„und ſteuert mehr gegen den Wind. Wenn Ihr uns dahin bringt, wo Ihr ſagt, ſo verſpreche ich Euch, daß Ihr nicht hungrig und durſtig nach Hauſe zurückkehren ſollt.“ „Da kommen ſie,“ ſagte der andere Schiffer, indem er mit dem Finger rückwärts nach einer großen Schaluppe deutete, die plötzlich vom Ufer wegſchoß mit ſechs Bur⸗ ſchen, die tüchtig an den Rudern arheiteten, während drei oder vier andere damit beſchäftigt waren, das allem. Anſchein nach verwirrte Takelwerk in Ordnung zu brin⸗ gen Der weiße Schaum, der beſtändig an ihre Seiten anſchlug, zeigte zugleich, daß man fortwährend mit dem Ausſchöpfen zu thun hatte. „Ei ſo wollt ich doch!“ ſagte einer von unſern Leuten,„haben die Leute gar den alten Delphin zu dieſer Kreuzfahrt ausgerüſtet.“ „Was iſt denn dieſer Delphin?“ „Ein altes Boot, das dem Lord(Lord Clanvicarde) gehört und ſeit vier Jahren kein Waſſer mehr geſehen hat, außer wenn es regnete; auch iſt es von vorn bis hinten ganz von der Sonne zerriſſen.“ „Es kann aber doch ſegeln,“ ſagte Confidine, der mit peinlicher Angſt die Schnelligkeit ſeiner Bewegun⸗ gen betrachtete.. i zum Henker, es war früher auch ein Schmug⸗ gelſchiff und wohl an ſolche Sachen gewöhnt. Seht * 1 —,— 83³ wie die Kerls rudern, Gott verzeih ihnen; ſie ſcheinen heute bitterböſe gelaunt.“ „An die Ruder, Jungens, der Wind verläßt uns!“ rief der Graf, während das Segel ſchlaff an den Maſt anſchlug. „Nützt Nichts, Ew. Gnaden,“ antwortete der Altere, „wir arbeiten uns die Seele aus dem Leib, und ſie holen uns doch ein.“ „Jedenfalls thut, wie ich Euch befehle. Was iſt das da, gerade vor uns? „Der Gerſtenfelſen, Sir. Dieſen Winter vor vier Jahren, ſtieß ein mit Frucht beladenes Schiff da an und ging mit Mann und Maus zu Grunde. Zwiſchen dem Felſen und dem Ufer iſt kein Kanal, ſondern jeden Zoll breit Nichts als böſe Klippen. Deßhalb müſſen Sie höher ſteuern. Sir, nur immer höher.“— Aber Conſidine achtete nicht auf dieſen Wink, ſondern ſteuerte gerade nach dem gefährlichen engen Kanale zu:„Mil⸗ lionen Donnerwetter,“ rief jetzt der eine Schiffer,„Sie jagen uns ja in die Klippen hinein.“ „Zum Teufel,“ rief der andere aufſpringend, „meinen Sie, ich wolle zu Ihrer Kurzweil hier ver⸗ ſaufen?“ „Setzt Euch und ſeid ſtill,“ donnerte Conſidine, indem er aus dem Käſtchen zu ſeinen Füßen eine Piſtole riß;„ſetzt Euch, wenn Ihr nicht etwa bleiernen Ballaſt dazu brauchet. Da, Charley, nimm dieſe Piſtole, und wenn der Kerl Hand oder Fuß rührt,— du verſtehſt mich.“ Knurrend ſetzten ſich die beiden Schiffer im Borte nieder, welches jetzt pfeilſchnell durchs Waſſer hinſchoß. Conſidine's Abſicht war deutlich: er ſah, daß wir demnächſt eingeholt werden mußten, und daß unſere einzige Ausſicht auf Rettung darauf beruhte, daß wir den ſchmalen, gefährlichen Kanal zwiſchen dem Gerſten⸗ felſen und Ufer erreichten und ſomit unſern Verfolgern alle Luſt benahmen, uns durch dieſe lange Klippenreihe 6 8 84 weiter nachzuſetzen. Nur die Gefahr hinter uns konnte ein ſo verwegenes Beginnen rechtfertigen; der ganze Kanal war mit großen Stücken weißen Schlammes bedeckt, dem ſicherſten Zeichen, wie ungeheuerlich es unten aus⸗ ſah; da und dort ſchäumte und toste es höchſt bedenk⸗ lich unter den verſteckten Klippen empor. Ein glückli⸗ ches Durchkommen ſchien unmöglich; aber wer hätte nicht auch dieſe geringe Wahrſcheinlichkeit der ſchreckli⸗ chen Gewißheit hinter uns vorgezogen! Um die Schauer⸗ lichkeit der Scene zu vollenden, überzog ſich der Himmel, als Conſidine kaum das Boot in den Kanal hineinge⸗ lenkt hatte, mit ſchwarzen Wolken, der Donner brüllte, die Blitze funkelten, ein Hagel praſſelte herab, und zu dem Allem kam noch ein Windſtoß, der uns mehrere Minuten lang beinah ganz auf die Seite legte. Noch denke ich daran, wie wir durch die ſinſtern ſchäumen⸗ den Wogen dahinrasten; unſer kleines Fahrzeug war mehr als zur Hälfte mit Waſſer gefüllt, die Ruder hin⸗ gen leewärts und wir ſelbſt knieten auf dem Boden, um nicht hinausgeworfen zu werden. Ein Donnergerolle erfolgte ums andere und ſchien dicht über unſern Häup⸗ tern hinzugehen, während der praſſelnde Regen, der uns umziſchte, Alles verhüllte und auch das andere Boot unſern Blicken entſchwand. Unſere armen zwei Schiffer! nie werde ich den Ausdruck ihrer Geſichter vergeſſen. Der eine von ihnen, ein frommer Katholik, hatte ein kleines hölzernes Heiligenbild vor ſich aufgeſtellt und flehte es mit einer qualvollen Angſt, die mich im In⸗ nerſten erſchütterte, um Hülfe an; der andere, offen⸗ bar weniger empfänglich für Tröſtungen, welche die Kirche bot, ſaß mit zuſammengepreßten Händen, einge⸗ kniffenen Lippen, gerunzelten Braunen, und die dunkeln Augen mit dem grimmigen Haß eines Todfeindes auf mich gerichtet, ruhig da. Seine Augen waren von Blut unterlaufen und Alles zeugte von einem furchtbaren Kampf in ſeinem Innern; der wilde Trotz ſeines Aus⸗ ſehens hielt meine Blicke gefeſſelt, und inmitten aller 8⁵ Schrecken der Natur konnte ich ſie nicht von ihm ab⸗ wenden. Während ich ſo ihn anſtarrte, kam ein zweiter noch ſchrecklicherer Windſtoß, der Maſt bog ſich über und mit einem lauten Gekrache, wie von einem Piſto⸗ lenſchuß brach er unten am Querbalken ab, fiel über uns her und ſchleppte das Segel in den ſchäumenden Wogen hinter uns nach. Das Waſſer ſtürzte jetzt über uns ein und das Boot ſchien unterzuſinken. In dieſem ſchrecklichen Augenblick war das Auge des Schiffers auf mich geheftet, ſeine Lippen öffneten ſich und er murmelte zwiſchen den Zähnen:„So geht's wenn man mit einem Mörder fährt!“ O Gott, die Todespein dieſes Moments, das qualvolle Bewußtſein, daß ich gerichtet und verur⸗ theilt, daß das Kainszeichen auf meine Stirne gebrannt ſei, daß meine Mitmenſchen für immer aufgehört haben, mich als ihren Bruder zu betrachten, daß ich ein Aus⸗ würfling und für immer heimathlos ſei, dies Alles überwältigte mich dermaßen, daß ich mein Haupt ſenkte, auf meine Kniee fiel und laut weinte. Mittlerweile flog das Boot durch das Waſſer, und Conſidine, welcher allein unter uns ſeine Geiſtesgegenwart nicht verlor, kappte den Maſt und warf ihn über Bord. Der Sturm begann ſich jetzt zu legen, und als die ſchwarze Wolken⸗ maſſe ſich ein wenig zertheilte, ſahen wir das andere Boot, gleichfalls entmaſtet, weit hinter uns, die ganze Mannſchaft beſchäftigt, Waſſer auszuſchöpfen, durch deſſen Laſt es verſinken zu wollen ſchien. Kaum war der Ne⸗ belvorhang, der uns einander entzogen hatte, gefallen, als ſie für einen Augenblick ihre Arbeiten einſtellten, zu uns herüberſchauten und in ein ſo wildes, trotziges und furchtbares Geheul ausbrachen, daß mir von Neuem aller Muth entging. „Gerettet, mein Junge,“ ſagte Conſidine, indem er mich an der Schulter faßte und aus der gefahrvollen Straße von Neuem in den breiten Shannon hinein⸗ ſteuerte;„gerettet, Charley, obſchon es ſaure Arbeit 8⁶ gekoſtet hat.“ In einer Minute erreichten wir das 8 Land, zogen unſer wackres Schiffchen ans Ufer und bra⸗ chen nach O'Malley Caſtle auf. Neuntes Kapitel. 1 Die Rückkehr. O'Malley Caſtle lag etwa zwei Stunden von unſerem Landungsorte, und dorthin lenkten wir alſo ohne Zeit⸗ verluſt unſere Schritte. Wir waren indeß noch nicht weit vorangekommen, als wir vor uns auf der Straße einen vermiſchten Haufen von Reitern und Fußgängern erblickten, die in der größten Eile heranſtürmten. Es waren einige hundert Landleute mit Stöcken, Senſen und Heugabeln bewaffnet, und obſchon ſie in ihrem* Marſch keine ſonderlich militäriſche Haltung beobachte⸗ ten, bildeten ſie immerhin eine Macht, die furchtbar genug war, um uns zu einem plötzlichen Halt und zu einer Berathſchlagung unſerer nunmehrigen Schritte zu veranlaſſen. „Sie haben uns überflügelt, Charley,“ ſagte Con⸗ ſidine,„doch iſt noch nicht Alles verloren; aber ſieh, jetzt haben ſie uns erblickt und da kommen ſie.“ In dieſem Augenblick kam der Schwarm ſo eilig, daß auf beiden Seiten der Koth hoch aufſpritzte, auf uns zu mit einem Huſſah, das dem indianiſchen Schlacht⸗ a geheul glich. An der Spitze, etwa fünfzig Schritte voraus, lief ein barfüßiger Junge, der ſeine Mütze ſchwenkte, um die Uebrigen aufzumuntern. „Ueberlaß den Burſchen mir,“ ſagte der Graf, in⸗ dem er kaltblütig das Schloß ſeiner Piſtole beſah,„ich will ich ihn wegputzen und dann zeitig genug laden, um auch ſeine Freunde zu empfangen. Aber wie, Char⸗ „ 87 ley, iſt das nicht ein Gentleman, der weit hinten unter der Menge reitet? Ja, wahrhaftig, er ſitzt auf einem hohen Pferd, jetzt ſprengt er voran, und nun— nein unmöglich!— ja, es iſt doch ſo— es iſt Godfrey O'Malley in eigner Perſon und das ſind unſere Leute. Kaum waren die Worte geſprochen, als ein furchtbares Jubelgeſchrei unter der Menge ausbrach, die uns jetzt gleichfalls erkannt hatte; mehrere ſprangen von ihren Pferden und liefen heran, um uns zu bewillkommnen. Unter den Vorderſten befand ſich die Vogelſcheuche von Anführer, in welchem ich ſogleich den armen Patſey erkannte, der ſich am Morgen davongemacht hatte und in aller Eile nach O'Malley Caſtle zurückgeeilt war, um die ganze Bevölkerung zu meiner Rettung aufzubie⸗ ten. Ehe ich ein Wort des Dankes an meine treuen Untergebenen richten konnte, lag ich in meines Oheims Armen. „Geſund, mein Junge, ganz geſund?“ „Ja, vollkommen“ „Nirgends eine Wunde erhalten?“ „Nein, nur mein Hut iſt ſchlecht weggekommen,“ antwortete ich, indem ich ihm die zwei Löcher in meiner Kopfbedeckung zeigte.. Seine Lippe zitterte, als er ſich umwandte und Conſidine Etwas ins Ohr flüſterte, was ich nicht ver⸗ ſtand. Inzwiſchen lautete ſeine Antwort:„Hol mich der Teufel, ſo kaltblütig, wie Sie ihn in dieſer Minute ſehen.“ „Und Bodkin, wie ſteht es mit ihm?“ „Er hat ſein letztes Tagewerk vollbracht,“ ſprach Conſidine,„die Kugel drang hier herein; aber kommen Sie jetzt, Godfrey, Charley iſt in dieſen Dingen noch unerfahren und wir können die Sache beſſer im Hauſe beſprechen.“ Ein halbſtündiger ſcharfer Trab— denn wir waren bald mit Pferden verſehen— brachte uns nach dem Schloſſe zurück zur großen Unzufriedenheit unſerer Begleiter, denen man eine kleine Balgerei ver⸗ I — 88 ſprochen hatte, und die jetzt ſehr übel gelaunt über den Bruch des Vertrags nach Hauſe kehrten. Das Frühſtückzimmer war bei unſerem Eintritt ganz angefüllt von meines Oheims Anhängern, alle emſig mit Anfertigung von Stimmzetteln und andern Vorbereitun⸗ gen für den ereignißvollen Kampftag beſchäftigt. Dieſe wurden indeß jetzt bei Seite geſtellt, denn Alles ſam⸗ melte ſich um mich und beſtürmte mich mit Fragen über die Einzelnheiten meines Duells. Zu meinem Glück nahm Conſidine die ganze Würde eines Geſchichtsſchrei⸗ bers an und erzählte alle Ereigniſſe des Morgens ſo ſehr zu meiner Ehre und zu meinem Ruhm, daß ich, der kurz zuvor noch durch das Bewußtſeyn des geſtifte⸗ ten Unheils zu Boden gedrückt war, unter den warmen Beglückwünſchungen und Lobſprüchen der Umſtehenden mich als einen nicht geringen Helden zu betrachten an⸗ fing und wirklich große Aehnlichkeit mit dem Manne für Galway zu beſitzen glaubte. Zu dieſem Gefühl trug noch ein anderer Umſtand bedeutend bei; während wir nämlich die verſchiedenen möglichen Ergebniſſe eines ſol⸗ chen Rendezvous beſprachen, galoppirte ein Pferd vor die Hausthüre, und eine laute Stimme rief:„Ich kann nicht abſteigen, aber ruft ihn herab.“ Wir eilten hinab und erblickten Kapitän Molawney, Mr. Bodkins Sekun⸗ danten, von Kopf bis zu Fuß mit Koth beſpritzt, auf einem dampfenden, ſchaumbedeckten Pferde.„Ich eile nach Athlone, um einen andern Doktor zu holen,“ ſagte er;„aber ich habe verſprochen, Ihnen zu ſagen, daß die Wunde nicht für tödtlich gehalten wird; er kann noch davon kommen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſtieß er ſeinem Klepper die Sporen in die Seite und jagte im ge⸗ ſtreckteſten Galoppweiter. Bodkins beſter Freund auf Erden hätte über dieſe Nachricht nicht entzückter ſeyn können, als ich, und ich begann jetzt die Beglückwünſchungen der Meinigen ruhiger anzuhören. Auch mein Oheim ſchien ſehr erfreut über die Nachricht und hörte mich mit der beſten Laune an, als ich ihm meine Erlebniſſe in Gurt⸗ = 89 na⸗Morra erzählte.„So iſt doch,“ ſagte er am Ende des Berichtes,„mein Gegner wenigſtens ein Ehrenmann, und das iſt immerhin eine Beruhigung.“ „Sir George Daſhwood,“ ſagte ich,„iſt nach Al⸗ lem, was ich geſehen habe, ein ganz ausgezeichneter Mann, und ich bin überzeugt, Sie haben von ihm blos die offene ehrliche Oppoſition eines Gegenkandidaten, nicht aber gemeine oder unmännliche Kunſtgriffe zu erwarten.“ „Ganz recht, Charley; inzwiſchen mußt Du in Folge Deiner Affaire von heute früh jedenfalls einige Tage zu Hauſe bleiben. Am nächſten Montag, wenn die Wahl ſtattfindet, wird Bodkins Schickſal auf die eine oder andere Art entſchieden ſeyn, und ſtehen die Sachen gut, ſo kannſt Du in die Stadt kommen; für den an⸗ dern Fall habe ich bereits mit Conſidine verabredet, daß er Dich etwa auf ein Jahr nach dem Feſtlande bringt; inzwiſchen können wir dies Alles am Abend weiter beſprechen. Ich muß jetzt fort, um Stimmen zu werben. Boyle erwartet Dich heute zum Mittageſſen: er kommt ausdrücklich deßhalb von Athlone herüber. Und nun lebe wohl.“ 4 Als mein Oheim fort war, warf ich mich in einen Lehnſtuhl und ſtellte Betrachtungen an über all die Veränderungen, die in ein paar Stunden mit mir vor⸗ gegangen waren. Aus einem Knaben, deſſen ernſtlichſte Beſchäftigung bis jetzt darin beſtanden hatte, das Haus mit Wildpret zu verſehen, oder den Hundeſtall zu beauf⸗ ſichtigen, war ich mit einem Sprung ein Mann gewor⸗ den, wurde gelobt wegen meiner Kaltblütigkeit, geprieſen wegen meiner Tapferkeit, und wegen meiner Klugheit mit Beifall überſchüttet von Leuten, die beinahe ein halbes Jahrhundert älter waren, als ich. Mein Oheim hatte im Tone freundſchaftlicher Vertraulichkeit zu mir geſprochen, mit einem Wort, ich wurde in allen Bezie⸗ hungen als ebenbürtig behandelt, und dies Alles war das Werk einiger Stunden geweſen. Aber ſo geht es, 90 die großen Wendepunkte im Leben ſind nur durch eine ſchmale Grenze von einander getrennt; ein geringfügig ſcheinendes Ereigniß, ein zufälliges Zuſammentreffen treibt uns über den Rubikon, und der Uebergang von der Kindheit zum Jüͤngling, von der Jünglingsperiode zur Mannheit, von der Mannheit zum gereifteren Alter, geſchieht nicht ſowohl in dem langſamen, unmerklichen Schritt der Zeit, als vielmehr durch eine entſcheidende That oder Leidenſchaft, die im kritiſchen Augenblick vor⸗ tritt, ein lang verborgenes Gefühl hervorlockt und un⸗ ſerem Daſeyn auf viele Jahre eine neue Färbung gibt. Was mich betraf, ſo hatte ich das Band, welches mich an die ſorgloſe Heiterkeit des Knabenalters geknüpft, mit einem derben Hiebe zerriſſen. In drei kurzen Tagen hatte ich mich zum Verzweifeln verliebt und hatte einen Gegner im Duell, wo nicht getödtet, ſo doch gefährlich verwundet. Aus ſolchen Betrachtungen wurde ich durch das Getöne von Roſſehufen unten geweckt. Ich öffnete das Fenſter und erblickte keine geringere Perſon als Kapitän Hammersley. Er übergab einem Bedienten ſeine Karte und fügte eine mündliche Beſtellung hinzu. Der Gedanke, daß er etwas Feindſeliges gegen mich im Schilde führe, hatte mich nie verlaſſen; ich eilte daher die Treppe hinab und konnte ihn gerade noch aufhalten, als er ſich eben umwenden wollte. „Ach, Mr. O'Malley,“ begann er äußerſt höflich, „man ſagte mir, Sie ſeyen nicht zu Hauſe.“ Ich bat um Entſchuldigung wegen dieſes Mißver⸗ ſtändniſſes und erſuchte ihn abzuſteigen und ins Haus zu treten. „Danke herzlich,“ antwortete er;„aber wahrhaftig, meine Stunden ſind jetzt gezählt; ich habe Befehl er⸗ halten, zu meinem Regiment zu ſtoßen. Wir ſind zum activen Dienſt kommandirt, und Sir George hat die Güte gehabt, mich meiner Pflichten als Stabsofſizier zu entbinden. Ich konnte indeß die Gegend nicht verlaſſen, ohne Ihnen die Hand zu ſchütteln. Ich verdanke Ihnen 91 eine Lection in der Reitkunſt und es thut mir nur leid, daß wir nicht noch einen Tag zuſammen jagen können.“ „So gehen Sie vielleicht nach der Halbinſel ab?“ fragte ich. „Wir hoffen es. Der Oberbefehlshaber ſoll großen Mangel an Cavallerie leiden, und wir ſehnen uns nicht minder nach anſtändiger Arbeit. Ich bedauere ſehr, daß Sie nicht mit uns kommen.“ „Wollte Gott, ich könnte es,“ antwortete ich mit einem Ernſt, der mich ſelbſt erſchreckte. „Warum ſollten Sie es nicht können?“ „Unglücklicherweiſe befinde ich mich in einer ganz eigenthümlichen Lage Mein verehrter Oheim, der mir Alles in der Welt iſt, wäre ganz allein, wenn ich ihn verlaſſen wollte; und obſchon er nie Etwas geſagt hat, ſo weiß ich doch, daß er eine derartige Forderung von meiner Seite ſehr fürchtet, und ſo iſt, da beide Theile gleich bang davor find, die Sache noch nie zur Sprache gekommen.“ 3 „Verdammt unangenehm— aber ich glaube, Sie haben Recht; inzwiſchen kann es ja wohl geſchehn, daß Ihr Oheim ſeine Anſicht ändert, und dann, wenn das Dragonerleben Ihnen gefällt, ſo vergeſſen Sie nicht, daß George Hammersley jederzeit ſehr erfreut ſeyn wird, Sie in ſeiner Nähe zu haben. Nun aber leben Sie wohl, O'Malley, leben Sie wohl!“ Damit wandte er ſein Pferd und war ſchon einige Schritte weggeritten, als er noch einmal umkehrte und in leiſerem Tone ſagte: „Ich muß Ihnen noch verkünden, daß an Blake's Tafel viel von Ihrer Streitſache geſprochen worden iſt, und alle Parteien ſich dahin vereinigen, Sie haben voll⸗ kommen recht gehandelt. Sir George Daſhwood, ganz und gar kein ſchlechter Richter in ſolchen Dingen, bil⸗ ligt Ihr Benehmen durchaus und wünſcht, glaube ich, Ihre nähere Bekanntſchaft zu machen, und nun noch einmal, leben Sie wohl!“ 9² Zehntes Kapitel. Die Wahl. Der wichtige Morgen kam endlich heran, und als ich durch das Fenſter meines Schlafzimmers ſchaute, verkündeten mir die Fuhrwerke aller Arten und Geſtalten, geſchmückt mit Bannern und Plakaten, das unaufhör⸗ liche Getöſe, das Hin⸗ und Hereilen, das Freudenge⸗ ſchrei, ſo oft ein neuer Schwarm Wähler herankam, auf leichten Wägelchen oder auf Pferden, deren ganzer Schmuck aus einem Strohſeil als Zaum und aus einem Saitel von demſelben Material beſtand, dies Alles ver⸗ kündete mir, daß der Wahltag herangekommen war. Ich kleidete mich ſo ſchnell als möglich an, und als ich im Frühſtückszimmer erſchien, war es bereits erfüllt von ſiebzig bis achtzig Perſonen jeden Ranges und Alters, die im bunten Gemenge ſich an der Gaſtfreiheit meines Oheims erfreuten und dabei die bevorſtehende Wahl mit allen ihren Einzelnheiten beſprachen. Auf der Hausflur, in der Bibliothek, ja ſelbſt im großen Geſellſchaftszim⸗ mer waren ähnliche Partien verſammelt, und da immer neue Gäſte heranrückten, ſo hatte die Dienerſchaft alle Hände voll zu thun, um vor der Thüre und auf der großen Teraſſe, welche ſich die ganze Länge des Hauſes hinzog, Tafeln zuzurichten. Nichts Unterhaltenderes, als die bunt zuſammengewürfelte Maſſe der Gäſte, die mit allen möglichen Arten von eßbaren Gegenſtänden, welche Zufall oder Neigung ihnen in die Hände geſpielt, ver⸗ ſehen und auf dieſe Art in enge Berührung gebracht worden waren, ohne etwas Anderes miteinander gemein zu haben, als den Erfolg der Sache, für welche ſie ar⸗ beiteten. Hier befand ſich der alte Galwayer Edelmann, deſſen Stammbaum bis zu Noah hinaufreichte, neben dem armen Hüttenbewohner, deſſen ganzes irdiſches Be⸗ 93 ſitzthum aus einem Kartoffelgarten beſtand, d. h., aus dem möglichſt kleinen Antheil von Land, aus welchem ein echtes Gummielaſticumgewiſſen ein Stimmrecht her⸗ leiten konnte. Hier ſaß der alte, einfache Bauersmann in angelegentlicher Unterhaltung mit einem kleinen, blei⸗ chen, ſcharfäugigen Männchen in ſchwarzem Rock und mit einer Brille über den Augen, einem geiſtreichen Advokaten aus Dublin, hochgelehrt in den Mängeln der Regiſtrirung, und wohlbewandert in den Spitzfindigkeiten des Wahlgeſetzes. Dort war ein Roßkamm aus Ath⸗ lone, den ein täglicher Beruf, argloſen Menſchen hin⸗ kende, lahme und blinde Thiere als echte Racepferde aufzuſchwatzen, vortrefflich zu den Gaunereien eines Wahlkampfes befähigte. Ferner waren Dutzende von Landjunkern zu ſchauen, die bei gewöhnlichen Gelegen⸗ heiten leicht kenntlich ſind, an ihren grünen Röcken, ihren Metallknöpfen, ſchmutzigen Beinkleidern und noch ſchmutzi⸗ geren Stulpſtiefeln, einer Peitſche und einem halb dreſ⸗ ſirten Jagdhund; heute aber waren ſie fein geſchniegelt und aufgeputzt, ein jeder hatte ein friſches Hemd ange⸗ zogen. Eine Maſſe von friesröckigen, braunbackigen, rundköpſigen Bauern füllten die großen Zimmer, wo da und dort ein glattköpfiger, pfiffig dreinblickender Prieſter oder irgend ein niedriger Wahlagent zur Kurzweil der Geſellſchaft ſchlaue Geſchichtchen aus frühern Zeiten preisgab, die, wären ſie den geeigten Behörden bekannt geworden, aller Wahrſcheinlichkeit nach dem talentbe⸗ gabten Erzähler den Befehl zugezogen hätten, den Boden von Sidney zu kultiviren, oder an den Ufern des Schwa⸗ nenfluſſes Fiſche zu fangen. Oben und unten an jedem Tiſche ſaß irgend ein perſönlicher Frennd meines Oheims, ein Freund, den ſeine fertige Zunge und ſeine noch fer⸗ tigere Piſtole ſo wohl ſeinen eigenen Leuten als dem Feinde gegenüber zu einer bedeutſamen Perſon machte. Während die Geſellſchaft aus ſolchem Material beſtand, waren auch die Lebensmittel nicht weniger manigfacher Art. Hier war ein kupfernaſiger Landjunker beſchäftigt, 94 den Inhalt einer Wildpretpaſtete mit einer tüchtigen Doſe von Sneyds älteſtem Claret zu amalgamiren; ſein Nach⸗ bar, weniger ehrgeizig und weniger unterrichtet in ſol⸗ chen Dingen, verſchlang Speckſchnitten, welchen er reich⸗ lich Bier nachgoß; ein mondſcheinwangiger Jünger der Gerechtigkeit, mit allem Raub des oberſten Gerichtshofs in ſeiner Kehle, ſchlürfte beſcheiden ſeinen ſchwarzen Thee neben vierſtämmigen Roßhändlern aus Ballinas⸗ loe, denen es um acht Uhr Morgens noch nicht zu frühe ſchien, um ſich Whiskeypunſch und Roſtbraten zu Ge⸗ müthe zu führen. Mitten durch das Klingen der Fla⸗ ſchen und Gläſer, das Geklirre der Teller, Gabeln und Meſſer hörte man das Sprechen, Schreien und Lachen der Geſellſchaft, und auf allen Seiten wurden die ver⸗ ſchiedenen Arten, eine Stimme zu erhaſchen oder einem Huh nachzuſtellen, mit großem Diſputationstalent ver⸗ andelt. Ich meinerſeits ſchlug manchen angebotenen Platz aus und ging durch die verſchiedenen Zimmer, um Con⸗ ſidine aufzuſuchen, mit dem mich die Ereigniſſe der neueſten Zeit ſo eng verknüpft hatten. „Hier, Charley,“ rief eine wohlvertraute Stimme; „hier haben wir einen Platz für Dich aufbewahrt.“ „Ah, Sir Harry, wie gehts? Iſt noch ein Stück von der Hühnerpaſtete zu haben?“ „Mehr als genug, mein Junge; aber leider kann ich vom Getränke nicht daſſelbe ſagen: ſchon ſeit einer halben Stunde ſchreie ich mich heißer um Claret— geh verſchaffe uns einigen Proviant und Gott wird Dich dafür belohnen. Wie ſchade,“ fügte er leiſer gegen ſeinen Nachbar hinzu,“ wie ſchade, daß eine Quartflaſche nicht wirklich auch ein Quart hält! Aber ich will es dieſer Tage im Parlament vorbringen. Daß er ſein Wort hielt, davon gibt ein Antrag Zeugniß, der in den Protokollen des ehrenwerthen Hauſes zu leſen ſteht.“ Endlich fand ich Conſidine, welcher mir ſagte, es ſeyen gute Nachrichten von Bodkin eingelaufen, und er —,— ³2— 95 ſehe deshalb keinen Grund ein, warum ich vom Wahl⸗ platze wegbleiben ſollte; inzwiſchen ſolle ich mich den⸗ noch hüten, eine hervorragende Rolle zu ſpielen. Mei⸗ nen Oheim ſah ich nur einen Angenblick: auch er er⸗ ſuchte mich, vorſichtig zu ſeyn, alle Händel zu vermeiden und Conſidine nicht zu verlaſſen. Es war zehn Uhr vorüber, als unſere furchtbare Prozeſſion ſich auf den Weg machte und nach der Stadt Galway aufbrach. Die Straße war ſtundenweit von unſern Anhangern be⸗ deckt, Fahnen flatterten, Muſik ertönte, und wir hatten viele Aehnlichkeit mit einer auf dem Marſch begriffenen ſehr zerlumpten Armee. An jeder Nebenſtraße erwartete uns überdies ein Verſtärkungscorps aus dem Gebirge, und ſo wuchſen wir mit jedem Augenblick immer mehr an; da und dort die Linie entlang bewirthete ein ener⸗ giſcher und nicht allzunüchterner Anhänger ſeine Zuhö⸗ rerſchaft mit einer Lobrede auf die O'Malley's ſeit den Tagen Moſis, und mehr als einen Prieſter hörte man mit allen Schrecken ſeiner Kirche drohen, um die Sache zu unterſtützen, für deren Erfolg er ſich verpflichtet hatte. Ich ritt neben dem Grafen, der von einer Gruppe aus⸗ erleſener Genies umgeben, die verſchiedenen glücklichen Erfindungen erzählte, womit er bei diverſen Gelegen⸗ heiten ſtatt eines Wahlkampfes einen perſönlichen Han⸗ del hervorgerufen hatte. Auch Boyle ſteuerte ſein red⸗ liches Theil an Wahlanekdoten bei und namentlich ein Geſchichtchen, das er vortrug, ergötzte mich höchlich. „Erinnern Sie ſich noch des Billy Calvert, der ſich in Kilkenny bewarb?“ fragte Sir Harry. „Wie könnte ich den vergeſſen,“ ſagte Conſidine, „mit ſeiner wohl gepuderten Perücke und ſeinen heſſi⸗ ſchen Stiefeln. In Spitzenmanſchetten und Ringen that es ihm Niemand gleich.“ „Haben Sie vielleicht nie gehört, wie er bei der Wahl durchſiel?“ 3„Er trat, glaube ich, zurück oder ſonſt etwas der rt.“— 3 K 96 „Nein, nein,“ ſagte ein Anderer,„er kam gar nicht zur Wahl: es ſteckt ein Geheimniß dahinter, denn Tom Butler wurde ohne allen Kampf erwählt.“ „Ich will's Ihnen erzählen, Jack, wie die Sache zuging. Ich war auf dem Wege von Cork, wo ich mein eigenes Geſchäft glücklich zu Ende gebracht hatte. Als wir— Lady Mary war nänlich bei mir— in der Nacht vor dem Wahltage Kilkenny erreichten, ſtand es keine zehn Minuten an, ſo hörte Butler ſchon von mir und ſchickte mir ſeine Einladung zu. Ich war eben beim Eſſen, als der Bote erſchien, und verſprach, hinüberzu⸗ kommen, ſobald ich fertig ſey; aber wahrhaftig, mein Tom konnte nicht warten, ſondern kam die Treppe her⸗ aufgeſtürzt und drang in größter Haſt in mein Zimmer. „Harry, rief er, ‚ich bin verloren. Die Zunft der freien Schmiede, die immer über Beſtechung erhaben war, indem ſie für mich ſelbſt und früher für meinen Vater um vier Pfund und zehn Schillinge per Mann geſtimmt, will nun auf einmat unter ſechs Guineen und etliche Flaſchen Whiskey nicht erſcheinen. Calvert hat Geld, das wiſſen ſie. Wir aber beſitzen keinen Heller und wir haben alle unſere Leute, die nicht leſen können, mit Anweiſungen auf Henneſy's Bank ausbe⸗ zahlt, die bekanntlich vor drei Wochen fallirt hat. „Sofort entwarf er mir ein höchſt trauriges Ge⸗ mälde von ſeiner Lage und fragte zuletzt, ob ich unter ſolchen Umſtänden nicht vielleicht einen Ausweg wiſſe. „Könnten Sie etwa einen anſtändigen Volkshaufen zuſammenbekommen, der die Stimmliſten aus dem Wege räumte?' 3 „Ich fürchte nein,' antwortete er verzweifelnd. „Dann ſehe ich nicht ein, was zu machen iſt, außer daß Sie ihn in ein Duell verwickeln— würde er eine Forderung wohl annehmen?“ 8 „Gott weiß; die Leute ſagen, er habe aus lauter Angſt vor dergleichen Dingen ſeine Ankunft bis auf heute verſchoben. Aber nun iſt er doch hier; er iſt 97 dieſen Abend hier eingetroffen und logirt im Walsh in der Patruksſtraße.“ 4 „Dann will ich ſehen, was zu machen iſt.“ „Iſt dieſer Calvert der kleine Mann, der roth wird, wenn die Lady Lieutenant ihn anredet?“ fragte Lady Mary. „Ebenderſelbe.“ „Würde es von Nutzen ſeyn, wenn er morgen nicht zur Wahl käme?“ fragte ſie weiter. „Es würde den Tag für uns entſcheiden: die Hälfte der Stimmenden glaubt uicht, daß er hier iſt, und ſein Hauptagent hat bei der letzten Wahl die Leute auf's Schändlichſte betrogen. Wenn alſo Calvert morgen nicht erſchiene, ſo würde er kaum zehn Stimmen einzu⸗ tragen haben. Aber warum fragen Sie?“ „Wenn Sie wollen, ſo wette ich mit Ihnen ein paar Diamantohrenringe, daß er nicht erſcheint.“ „Es gilt,“ ſagte Butler;„und ich verſpreche noch obendrein ein Halsband, wenn Sie gewinnen; aber ich fürchte, Sie wollen mich blos verhöhnen?“ „Hier haben Sie meine Hand darauf,“ ſagte ſie; „und jetzt laſſen Sie uns von etwas Anderem reden.“ „Da Lady Boyle niemals meinen Beiſtand verlangte und wohl im Stande war Alles auszuführen, was ſie ſich vorgeſetzt hatte, ſo bekümmerte ich mich natürlich ſehr wenig um die ganze Sache. Am Morgen früh⸗ ſtückte ich mit Toms Comite, ohne zu wiſſen, was im Werke war.“ „Calvert hatte Befehl gegeben, um acht Uhr ge⸗ weckt zu werden, und ſo ertoͤnte denn einige Minuten vorher ein leiſer Schlag an ſeiner Thüre.„Herein,“ rief er, in der Meinung, es ſey der Kellner und wickelte ſich in ſeine Tücher, denn er war der verſchämteſte Menſch, den man je geſehen hatte;„nur herein!“ „Die Thüre öffnete ſich und man denke ſein Ent⸗ ſetzen, als eine Dame im Morgenanzug mit aufgelöſten Lever, O'Malley. J. 7 98 Haaren, die verworren über ihre Schultern flatterten, hereintrat. Sie verſchloß und verriegelte ſogleich die Thüre, dann aber ſetzte ſie ſich gemächlich auf einen Stuhl.“ „Billys Zähne klapperten und ſeine Füße zitterten, denn ein ſolches Abenteuer war ihm noch nie aufgeſto⸗ ßen. Endlich faßte er ſich ein Herz und ſprach:„Ich fürchte, Madame, Sie befinden ſich in einem unglück⸗ lichen Irrthum, und meinen vielleicht, dies Zimmer gehöre—“ 3 „Mr. Calvert,“ flel ſie in feierlichem Tone ein, „iſt's nicht ſo?“ „Ja, Madame, dies iſt mein Name.“ „Gott ſey Lob und Dank,“ rief die Lady mit großer Emphaſe,„hier bin ich ſicher.“ „Billy wurde über dieſe Worte im höchſten Grade betroffen, aber in der Hoffnung, die Dame werde mit einer Erklärung hervorrücken, wenn er ſchweige, ſprach er Nichts mehr. Sie jedoch ſchien zu glauben, es ſey Nichts weiter nöthig, und blieb daher ſtill und bewe⸗ gungslos, die Hände im Schooße und die Augen auf Billy geheftet, ſitzen.“ „Sie ſcheinen mich zu vergeſſen, Sir,“ begann ſie endlich mit einem ſchwachen Lächeln. „In der That, Madame; das Dämmerlicht, die Nenheit Ihres Koſtüms und die Seltſamkeit aller Um⸗ ſtände zuſammen, müſſen mich entſchuldigen, wenn i unhöflich genug erſcheine?“ „Ich bin Lady Mary Boyle,“ ſagt ſie. „Ich erinnere mich Ihrer, Madame, aber dürfte ich Sie fragen—?“* „Ja, ja, ich weiß, was Sie fragen wollen, Sie wollen ſagen: warum ſind Sie hier? Wie kommt es, daß Sie die Grenzen des Anſtandes, den Sie in Ihrem gan⸗ zen Leben beobachtet, weit genug überſchreiten konnten, um ſich zu einer ſolchen Zeit allein im Schlafzimmer ————— 99 eines Mannes zu zeigen, deſſen Neigung zur Galan⸗ terie—“ „Ei wahrhaftig— wahrhaftig, Milady, ich bitte, Nichts der Art.“ „Ach, leider erfahren wir arme ſchutzloſe Weiber erſt zu ſpät, wie beſtändig die ſich zurückziehende Sitt⸗ ſamkeit, welche Nein ſagt, ein Opfer Ihrer angenehmen Talente wird, denen Nichts widerſtehen kann—“ hier ſchluchzte ſie; Billy erröthete und die Glocke ſchlug neun. „Darf ich denn bitten, Madame—?“ „Ja, ja, Sie ſollen Alles hören; aber mein armer verwirrter Kopf wird dadurch nicht klarer, wenn Sie mich ſo drängen. Sie wiſſen vielleicht,“ fuhr ſie fort, „daß mein väterlicher Name Rogers war?“ Der Bett⸗ deckenheld verbeugte ſich und ſie erzählte weiter:„Es ſind jetzt achtzehn Jahre, daß eine junge, argloſe, liebe⸗ bedürftige Perſon, auferzogen in aller Sorgfalt albern⸗ zärtlicher Eltern, ihren erſten Schritt im Leben verſuchte und ihr Schickſal der Obhut eines Andern anvertraute. Ich bin dieſe unglückliche Perſon. Der Andere, dieſes Ungeheuer in Menſchengeſtalt, deſſen Lächeln ſchon Ver⸗ ralh war, das nur ſiegte, um zu zerſtören und zu ver⸗ derben, iſt der Mann, den Sie als Sir Harry Boyle kennen.“ Hier ſchluchzte ſie einige Minuten lang, wiſchte ſich die Augen und fuhr dann in ihrer Erzäh⸗ lung fort, indem ſie mit der Periode ihrer Verheira⸗ thung begann und eine Menge Einzelnheiten vorbrachte, in welcher der arme Calvert, trotz aller ſeiner Bemü⸗ hungen, um auf den wahren Kern der Sache zu ge⸗ langen, durchaus keine Beziehung auf den fraglichen Gegenſtand entdecken konnte; aber da ſie Alles mit gro⸗ ßem Nachdruck und vieler Beſtimmtheit erzählte, zugleich bat, ſich gewiſſe Umſtände, auf welche ſie gelegentlich zurückkommen werde, wohl zu merken, ſo blieb ſeine Aufmerkſamkeit fortwährend geſpannt und erſt, als es 8 7 1⁰⁰ zehn Uhr ſchlug, merkte er wirklich, wie ſein Vormittag dahin ging, und zu welchen Vermuthungen ſeine Abwe⸗ ſenheit Anlaß geben könne.“ „Dürfte ich Sie einen Augenblick unterbrechen, theuerſte Madame, hat es ſo eben neun oder zehn ge⸗ ſchlagen?“ „Wie ſoll ich das wiſſen?“ entgegnete ſie in wahn⸗ ſinniger Aufregung;„was ſind Stunden und Minuten für eine Frau, die lange Jahre des Elends zugebracht hat! „Sehr wahr, ſehr wahr,“ antwortete er ſchüchtern und höchlich beſorgt wegen des Verſtandes ſeiner ſchö⸗ nen Geſellſchafterin. 3 Sie erzählte weiter. Ihr Vortrag wurde indeß nichts weniger als klarer, ſondern immer verworrener und verwickelter und da die Lady ſich häufig auf frühere Angaben bezog, ſo bekam der arme Calvert mehr als einmal derbe Verweiſe wegen ſeiner Vergeßlichkeit und Unachtſamkeit; um ſich ſolchen zu unterziehen, wäre es beinahe nöthig geweſen, daß er ſeinem Gedächtniß mit ſtenographiſchen Aufzeichnungen zu Hülfe gekommen wäre. „War es anno 93, daß, wie ich Ihnen erzählte, Sir Harry mich in Tuam verließ?“ „So wahr ich lebe, Madame, ich ſchäme mich, es zu geſtehen, aber ich weiß es nicht.“ „Gütiger Vater im Himmel! und das iſt der Menſch, dem ich ſo liebevoll all meinen Kummer an⸗ vertraut habe— grauſamer Mann!“— jetzt ſchuchzte ſie einige Minuten lang entſetzlich und ſprach Nichts. „Ein lauter Jubelruf: Butler hoch! erſcholl jetzt von der Straße herauf und erinnerte zugleich den ar⸗ men Calvert daran, daß die Stunden dahin eilten, ein Ende der ewigen Erzählung aber nicht abzuſehen war.“ „Ihr Schickſal geht mir gewiß ſehr tief zu Herzen, meine beſte Madame,“ ſagte der kleine Mann, ſich in einer Pyramide von Betidecken aufſetzend,„aber Stun⸗ 1⁰1 4 3 den⸗ Minuten, ſind mir dieſen Morgen äußerſt koſtbar. Ich ſoll zum Deputirten für Kilkenny gewählt werden.“ „Bei dieſen Worten ſtreckte die Lady ihre Figur aus, ſtemmte die Arme in beide Seiten und ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf, das mein Calvert ſogleich als hyſteriſch erkannte. Er war jetzt in einer aller⸗ liebſten Lage; der Glockenzug hing an der entgegenge⸗ ſetzten Wand und ſelbſt wenn dies nicht der Fall gewe⸗ ſen wäre, ſo hätte ihm doch wahrſcheinlich ein Geläute jetzt Nichts genützt. „Mögen der Satan und alle ſeine Engel Sir Harry Boyle ſammt ſeiner ganzen Sippſchaft bis in's fünfte Glied holen,“ ſo lautete ſein aufrichtiges Gebet, als er, gleich einem chineſiſchen Gaukler, unter dem Betthimmel ſaß. „Endlich ſchien die Heftigkeit des Paroxismus nachzu⸗ laſſen, das Schluchzen wurde ſeltener, die Krämpfe weni⸗ ger gewaltſam und die Augen der Lady ſchloſſen ſich; ſie ſchien eingeſchlafen zu ſein.„Jetzt oder nie,“ ſagte Billy für ſich;„wenn ich nur meinen Schlafrock bekom⸗ men könnte!“ So geräuſchlos als möglich arbeitete er ſich nach dem untern Ende des Bettes hin. blickte da⸗ bei unverwandt nach den geſunkenen Augenliedern der ſchlafenden Dame und verſuchte es vor der Hand, ein Bein aus den Decken hervorzuſtrecken.„Jetzt gilt's,“ ſagte er, indem er den Vorhang auf die Seite ſchob und ſich zu einem Sprung vorbereitete— dann warf er noch einen Blick auf ſeine Geſellſchafterin und ſprang wirklich heraus; aber kaum hatte er den Fußboden er⸗ reicht, als ſie erwachte und voll Entſetzen laut aufſchrie. Billy ſtürzte in ſein Bett zurück, rollte ſich wieder in die Decken und gelobte keinen Aufſtandsverſuch mehr zu machen, ſo lange ſie in ſeinem Geſichtskreis wäre. „Was ſoll das heißen? was wollen Sie damit, Sir?“ tobte die Lady roth vor Zorn. „Nichts, auf Ehre, Nichts, Madame, ich wollte nur meinen Schlafrock.“ 1⁰² „Ihren Schlafrock!“ rief ſie mit einem Nachdruck, der Siddons alle Ehre gemacht hätte;„wollen Sie viel⸗ leicht Sir Harry ein ſolches Märchen aufbinden? O pfui, pfui, Sir.“ In dieſer letzten Anſpielung ſchien der Haupttreffer zu liegen, denn der unglückliche Cal⸗ vert ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſank zuſammen, als ob alle Hoffnung ihn verlaſſen hätte. Butler hoch! brüllte die Menge. Calvert ſoll leben! kreiſchte eine einzige Knabenſtimme; ein dreimaliges Grunzen für den Ausreißer! lautete hierauf die Antwort; wo iſt er? wo iſt er? erſcholl es aus mehreren hundert Kehlen. „Madame,“ bat der Unglückliche beinahe wahnſinnig, „Madame, ich muß aufſtehen, ich muß mich ankleiden; bitte, erlauben Sie mir's doch.“ „Ich habe Ihnen Nichts abzuſchlagen, Sir; ach, Verachtung iſt ſtets mein Loos geweſen. Stehen Sie auf, wenn Sie Luſt haben.“ „Aber,“ ſagte der erſtaunte Mann, der über dieſe kaltblütige Antwort faſt den Verſtand verlor;„aber wie iſt das möglich, ſo lange Sie da ſitzen?“ „Thut mir ſehr leid, wenn ich Ihnen eine Unbe⸗ quemlichkeit verurſache, aber jetzt, da das ganze Haus voll von Leuten iſt, ſehen Sie wohl ſelbſt ein, wie un⸗ paſſend es für mich ſein würde, in dieſem Koſtüm fort⸗ zugehen.“ „Gütiger Gott, Madame, warum kamen ſie auch in einem ſolchen Aufzuge?“ „Ein donnerndes Geſchrei von dem Pöbel übertäubte ihre Antwort. Ein Uhr ertönte es von der großen Glocke der Kathedrale herab.“ „Es iſt ein Uhr, ſo wahr ich lebe!“ „Ich hab's gehört,“ ſagte die Lady. 3 „Das Geſchrei wird immer lauter. Was muß ich hören! Butler hat geſiegt! Barmherziger Gott, iſt die Wahl vorüber.“. Die Lady trat an's Fenſter, ſchob den Vorhang bei Seite und ſagte:„Ja, wahrhaftig, es ſcheint ſoz 1⁰³ das Volk hebt Mr. Butler auf den Tragſeſſel“(ein betäubendes Geſchrei erhob ſich auf der Straße);„viel⸗ leicht macht es Ihnen Freude den Spaß mit anzuſehen, o ſo will ich Sie nicht länger aufhalten. Leben Sie alſo wohl, Mr Calvert, und da Ihr Frühſtück höchſt wahrſcheinlich kalt ſein wird, ſo kommen ſie auf No. 4 herab. Sir Harry ſteht gern etwas ſpät auf und wird ſich unendlich freuen, Sie zu ſehen.“ Eilftes Kapitel. Ein Abenteuer, Während wir ſo mit fröhlichem Geplauder den Weg verkürzten, verkündete uns der immer größere An⸗ drang von Menſchen und Fuhrwerken, daß wir dem Ziel unſerer Beſtimmung immer näher kamen. „Conſidine,“ ſagte mein Oheim, zu uns herreitend, „ich habe ſo eben von Davern ein paar Zeilen erhalten. Es ſcheint, Bodkins Leute ſcheuen ſich hereinzukommen: ſie wiſſen, was ihrer wartet, und beſtätigt es ſich wirk⸗ lich, ſo iſt die halbe Baronie für meine Gegner verlo⸗ ren!“ „Dann hat er alſo gar keine Ausſicht mehr.“ „Meiner Anſicht nach hatte er nie welche,“ bemerkte Sir Harry. „Nun gut, wir werden's bald ſehen,“ ſagte mein Oheim vergnügt und ritt auf ſeinen Poſten zurück. Wir uͤbrigen beſprachen nun vollends die verſchie⸗ denen Möglichkeiten der Wahl, unter welchen aber, wie ich mit großem Vergnügen wahrnahm, die einer Nieder⸗ lage gar nicht bedacht wurde. In den guten Tagen, von welchen ich ſpreche, war ein Wahlkampf etwas Anderes, als das zahme alberne 104 Poſſenſpiel, das jetzt unter dieſem Namen paſſirt, wo ein unpatentirter Advokat, von beiden Seiten überſchrieen, als Aſſeſſor fungirt, ein paar betrunkene Wahlmänner, ein radikaler O,Connel'ſcher Gewürzkrämer, ein dema⸗ gogiſcher Pfaffe, ein purpurmantliger Abgeordneter des Trinitäts⸗Kolleginm und etliche Dutzend Clienten, die: zum Teufel mit Bills! oder: nieder mit Dens! ſchreien, das ganze Balletcorps ausmachen. Nein, nein, in den Zeiten, von denen ich erzähle, erſchienen die Wahlmän⸗ ner zu Tauſenden und die feindlichen Parteien nahmen das Feld ein, der Erfolg aber hing weniger von einge⸗ gangenen Verpflichtungen und ertheilten Verheißungen, ſondern von augenblicklicher Kriegsliſt ab. Jeder Kan⸗ didat rückte wie ein General zur Schlacht, umringt von einem zahlreichen und wohlgewählten Stabe, heran; ein Theil der Freunde hatte das Kommiſſariat vorzu⸗ ſtellen, übernahm das Beköſtigungsgeſchäft und ſorgte dafür, daß alle Wahlmänner eine gehörige, oder vielmehr ungehörige Portion Branntwein erhielten und normal⸗ mäßig betrunken zur Abſtimmung kamen; andere dage⸗ gen bildeten kleine Streifzüge, zerſtreuten ſich über das Land, ſchnitten dem Feind allen Zuzug ab, hielten die Poſtwägen an, zertrümmerten die Kutſchen, kaperten die Stimmliſten weg und fingen die gegneriſchen Agenten. Dann gab es noch geheime Werber, welche die Truppen des Feindes beſtachen und zur Deſertion verlockten; endlich fand ſich auch eine Art Sappeur⸗ und Mineur⸗ corps vor, das falſche Urkunden verfertigte, die Identi⸗ tät der Wahlmänner von der Gegenpartei anfocht, und wenn es in's Gedränge kam, für Leute ſorgte, die ſich vom Feinde beſtechen ließen, dann aber die ganze Sache gerichtlich anzeigten. Zwiſchen all dieſen Batterien von Witz und Erfindſamkeit bildeten die perſönlichen Freunde des Kandidaten eine Art Scharfſchützenkompagnie, ban⸗ den mit den feindlichen Offizieren an und fügten ihrer Taktik großen Schaden zu, daß ſie denjenigen, welcher den Kandidaten vorſchlagen ſollte, erſchoſſen, oder einen —, —,— „— 1⁰⁵ andern, welcher den Antrag zu unterſtützen hatte, ver⸗ wundeten— ein ſehr bedeutender Theil des Honorars eines Hauptagenten war immer bloß ein Lohn für die Duelle, die er während der Wahl ausfechten konnte, wollte, ſollte und mußte. Solcher Art war ein Wahlkampf in alten Zeiten und bedenkt man dabei, daß er gewöhnlich vierzehn Tage bis drei Wochen dauerte, daß immer(denn unſere iriſchen Geſetze erlauben das) eine anſehnliche militäriſche Macht auf den Beinen war, die, wenn man gerade nicht Dringliches zu thun hatte, regelmäßig von beiden Theilen angefallen wurde; ferner, daß man weit mehr Vertrauen auf einen Knüttel als auf eine Piſtole ſetzte, und daß der Mann, der ſeine Stimme einſchrei⸗ ben konnte, ohne daß ihm der Schädel eingeſchlagen wurde, für eine Art Naturphänomen galt— bedenkt man dies Alles, ſo kann man ſich eine ſchwache Vor⸗ ſtellung davon machen, wie weſentlich ſolche Scenen zur Nuhe der Grafſchaft, ſo wie zum Glück und zur Wohl⸗ fahrt aller Betheiligten beitragen mußten. Während wir ſo dahinritten, zog ein lautes Jubel⸗ geſchrei von einer mit der unſrigen parallellaufenden Straße her unſere Aufmerkſamkeit an und wir ſahen, daß die Gegenparthei von dort her zur Stadt eilte. Ich konnte Blake's Töchter zu Pferd unter einer Menge Offiziere in Civil erkennen und in dem vierſpännigen Wa⸗ gen, welcher dem Zuge voranfuhr und welchen ich für Sir George Daſhwood's Eigenthum hielt, erblickte ich Etwas wie einen Damenhut. Mein Herz pochte gewal⸗ tig, während ich die Augen anſtrengte, um zu ſehen, ob vielleicht Miß Daſhwood darin ſitze; aber ich ver⸗ mochte ſie nicht zu entdecken, und es lag eine Beruhi⸗ gung für mich in dem Gedanken, daß wir uns unter Umſtänden, wobei unſere Gefühle und beiderſeitigen In⸗ tereſſen einander feindlich gegenüberſtanden, nicht treffen ſollten. Während ich ſolchen Gedanken nachhing, war ich unvermerkt hinter meinen Begleitern Etwas zurück⸗ geblieben; meine Augen waren feſt auf den Wagen ge⸗ 106 heftet und in der ſchwachen Hoffnung, daß er den Ge⸗* gfnſtand meiner innigſten Wunſche enthalte, vergaß ich alles andere. Endlich gelangte der Zug durch ein großes ſteinernes Thor in die Stadt, und nun verlor ich ihn aus dem Geſichte. Ich war noch immer in meine Träu⸗ mereien verſunken, als ein Unteragent meines Oheims heranritt.„Ach, Mr. Charley,“ ſagte er;„was ſollen wir thun? die Leute haben Mr. Holmes in Woodford vergeſſen und nun können wir keinen Wagen, keine Chaiſe, ja nicht einmal einen Karren mehr auftreiben, um ihn holen zu laſſen.“ „Haben Sie ſchon mit Mr. Conſidine geſprochen?“ fragte ich. „Nein, Sie wiſſen ja ſelbſt, wie wenig der Herr Graf ſich um einen Juriſten bekümmert. Er würde mir ſchlechten Troſt geben, wenn ich's ihm ſagte: ja, wäre es ein Piſtolenkaſten oder eine Kugelform, dann würde er in eigner Perſon den ganzen Weg zurückreiten.“ „So ſagen Sie es Sir Harry Boyle. 1 „Der hält in dieſem Augenblick bereits eine Rede vor dem Rathhauſe.“ Daraus konnte ich deutlich erſehen, wie weit ich hin⸗ ter dem Zuge zurückgeblieben war, und nun lenkte ein Jubelruf von der andern Heerſtraße her von Neuem meine Aufmerkſamkeit dorthin: es war Daſhwoods Wa⸗ gen, der zurückfuhr, nachdem er den General in der Stadt abgeſetzt hatte. Die Vorhänge der Britzka, die vorher offen geweſen, waren jetzt zugezogen, und ich konnte nicht entdecken, ob Jemand drinnen ſitze. „Wer zum Teufel zweifelt daran?“ ſagte der Agent auf die Frage eines Pächters, der neben ihm ritt,„wollt 5 Ihr zu mir halten.“ 4 „Allerdings wollen wir das.“ „Nun denn hieher,“ rief er ſeine Zügel zuſam⸗ mennehmend und ſein Pferd nach der Hecke der Straße hinlenkend,„folgt mir, Jungen.“ An bereitwilligen Helfershelfern fehlte es nicht, 1⁰7 denn kaum hatte er über den Graben geſetzt, als auch ſchon ein Dutzend kräftiger, wohlberittener Bauernburſche an ſeiner Seite war. Sie ritten, wie auf der Jagd, über alle Gräben weg und auf die andere Straße zu. Ohne weiter darüber nachzudenken, lachte ich über den drolligen Anblick, welchen dieſe Linie von Fries⸗ röcken darbot, wenn ſie Seite an Seite über die Stein⸗ wälle wegſetzten. Da hörte ich auf einmal eine Aeuße⸗ rung, die meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. „O, wenn ſie Tim Finucane nur im Geringſten kennen, ſo werden ſie ſich wohl friedlich drein ergeben: der macht ſich den Teufel daraus die Kutſche ſelbſt dem Lord Oberrichter wegzunehmen.“ „Was wollen ſie eigentlich?“ fragte ich einen Bur⸗ ſchen neben mir. „Den Vierſpänner dort abfangen,“ war die Ant⸗ wort. Mehr verlangte ich nicht zu hören, ſondern drückte meinem Pferd die Sporen ein und ſetzte mit einem Sprung über die Hecke. Mein Roß war ſtarkknochig und konnte es, obſchon nur Halbblut, auf eine kurze Strecke wohl mit einem Racepferd aufnehmen; als da⸗ her der Agent und ſeine Leute den Wagen erreicht hat⸗ ten, war ich blos noch ein paar hundert Schritte hinter ihnen. Ich ſchrie aus Leibeskräften, aber entweder hör⸗ ten ſie mich nicht, oder wollten ſie mich nicht hören, denn kaum war der erſte Mann über dem Graben und auf der Straße, als auch ſchon der Poſtillon auf dem Sattelpferde zu Boden geſchlagen und ſein Platz von dem Sieger eingenommen war. Dem Bedienten hinten⸗ auf erging es nicht beſſer, und überhaupt war der An⸗ griff ſo wohl geleitet, daß der Wagen ſich in einem Au⸗ genblick in den Händen dieſer Burſche befand. Vier ſtämmige Kerls ſtiegen auf den Bock und in das Ca⸗ briolet, ſechs andere ſprangen in das Innere des Wa⸗ gens, ohne von den eiſernen Tritten Gebrauch zu machen.⸗ 10⁰8 „Inzwiſchen hatte die Daſhwood'ſche Partei vom Ueberfall gehört und kehrte jetzt mit voller Macht zu⸗ rück; allein die andern hatten bereits die Pferde in vol⸗ len Galopp geſetzt, und nun begann das furchtbarſte Wettrennen, das ich je geſehen habe. Die vier Wagenpferde, die Sir George angehörten, waren echte engliſche Vollblut von großem Werth und ganz und gar nicht an die Behandlung gewöhnt, welche ſie jetzt erdulden mußten: ſie ſtürmten dahin mit einer Schnelligkeit, welche dem Wagen bei jedem Sprung Vernichtung drohten. Die Verfolger, obſchon gut be⸗ ritten, waren bald ein wenig zurück, folgten aber doch in einem ſolchen Tempo, daß an ihrer endlichen Einho⸗ lung des Wagens nicht zu zweifeln war. Ich ſelbſt ritt im geſtreckteſten Galopp nebenher, ſchreiend, fluchend, bittend und mahnend, aber Alles umſonſt. Das wilde Geheul von Verfolgern und Verfolgten übertäubte jeden andern Ton, wenn nicht vielleicht das donnerähnliche Gekrache der Pferdehufen die Oberhand gewann. Die Straße lief, wie die meiſten im Weſten Irlands bis auf unſer Jahrhundert, meilenweit ſchnurgerade über alle möglichen Hinderniſſe hinweg und führte gerade an die⸗ ſer Stelle uͤber den höchſten Punkt eines Berges. Bis zum Gipfel hinauf, war das Rennen furchtbar geweſen, aber vermöge der beſſern Pferde hatten die Leute im Wagen den Vorſprung behalten und ſchlugen, oben an⸗ gekommen, ein lautes Freudengeſchrei auf. Der Wagen verſchwand hinter dem Kamm des Berges und die Ver⸗ folger hielten an, als ob ſie die Jagd aufgeben wollten. „Vorwärts, Jungen! nicht nachgelaſſen!“ rief ich an die Spitze des Truppe ſprengend, deren Gegner ich doch in jeder Beziehung war. 4 Zeit zur Ueberlegung war nicht vorhanden, und ſie folgten mir mit einem herzlichen Jubelgeſchrei, aus wel⸗ chem ich ſah, daß ich unerkannt war. Im nächſten Au⸗ genblick waren wir gleichfalls auf dem Gipfel und er⸗ 1⁰9 blickten den Wagen, der ſchon halbwegs unten war und fortwährend im ſtaͤrkſten Galopp davonfuhr. „Jetzt haben wir ſie,“ ſagte eine Stimme hinter mir:„ſie können nicht über die Lurrabrücke, wenn wir ihnen brav auf den Ferſen bleiben.“ Der Sprecher hatte Recht: die Straße bildete am Fuße des Berges einen vollkommenen rechten Winkel und lief auf eine hohe, einbogige Brücke aus, die über einen tiefen, brauſenden Bergſtrom führte. Wir gewan⸗ nen jetzt immer mehr Boden, denn die Wagenlenker welche wohl wußten, was ihnen bevorſtand, ließen die Pferde etwas langſamer laufen, um die Biegung ſicher zu bekommen. Die Verſolger erhoben ein Siegesgeſchrei, das die andern mit einem trotzigen Wuthgeheul beant⸗ worteten. Der Zwiſchenraum betrug kaum noch zwei⸗ hundert Schrite, als auf einmal das Verdeck der Britzka zurückgeworfen wurde und eine Figur ſich zeigte, die ich ſogleich als den gefürchteten Tim Finucane, einen der verwegenſten und gewiſſenloſeſten Menſchen in der gan⸗ zen Gegend, erkannte. Er ſtand auf dem Sitze und hielt— allmächtiger Gott, wie war das möglich!— er hielt in ſeinen Armen die augenſcheinlich lebloſe Geſtalt der Miß Daſhwood. 4 „Haltet ein!“ ſchrie der Böſewicht mit einer Stimme, die alles andere Getöſe übertäubte,„haltet ein, oder ich ſchleudere ſie, beim Teufel, Hals über Kopf in den Lurraſchlund hinab.“ So wurde der Strom genannt, der wenige Fuß vor uns toste und ſchäumte. Er hatte ſich inzwiſchen feſt auf dem hintern Sitze aufgepflanzt und hielt das ohnmächtige Mädchen mit der Kraft eines Rieſen im einen Arm. „Um Gotteswillen,“ ſchrie ich,„haltet ein! Ich kenne ihn gut, er thut es gewiß, wenn Ihr auf ihn eindringt.“ „ünd wir kennen Euch auch,“ ſagte ein banditen⸗ artiger Kerl mit einem dicken Backenbart, der unter 11⁰ ſeinem Kinn zuſammenlief,„und wir haben miteinander ein Wörtchen zu ſprechen, bevor wir uns trennen.“ Aber ich hörte Nichts mehr. Mit einer raſenden Anſtrengung trieb ich mein Pferd vorwärts. Der Wa⸗ gen bog um eine Ecke der Straße— einen Augenblick kam er mir aus dem Geſichte— im naͤchſten Moment war ich hinter ihm.. „Halt!“ ſchrie ich mit meiner letzten Kraft, aber vergebens. Die Pferde, toll und wüthend, rannten vor⸗ wärts, und ſtatt ſie zurückzuhalten, ſprangen die Kutſcher über das niedrige Brückengeländer, wo ſie einen Augen⸗ blick an den Leitſeilen ſchwebten und dann unter lautem Getöſe in den angeſchwollenen Strom hinabſtürzten. In dieſem Moment war ich neben dem Wagen. Finu⸗ cane hatte ſich jetzt am Kaſten feſtgeklammert und ohne Rückficht auf Tod und Verderben rings umher wollte er ſeinen Mordplan ausführen— er hielt die holde Mädchengeſtalt hoch über ſeinem Kopfe und bog ſich ſchon ein wenig zurück, um ſeinem Wurfe mehr Schwung zu geben; da ſchlang ich die Schnur meiner Jagdpeitſche um die Hand und traf ihn mit der bleiernen Ku⸗ gel vorn genau unter den Hut. Er wankte, ſeine Hände ſanken zuſammen, und leblos ſtürzte er zu Bo⸗ den. In demſelben Augenblick wurde auch ich durch eßn Schlag von hinten niedergeſtreckt und ſah Nichts mehr. Zwölftes Kapitel. Mickey Free. Beinahe drei Wochen vergingen, ehe ich wieder zum Bewußtſein gelangte. Der Schlag der mich zu Boden geworfen— von welcher Hand er gekommen war, iſt nie entdeckt worden— hatte eine Gehirner⸗ 111 ſchütterung verurſacht, und mehrere Tage lang zweifelte man an meinem Aufkommen. Nur langſam ſchritt meine Beſſerung voran, und nun erzählte mir Conſidine, Miß Daſhwood, deren Leben ich gerettet, habe in den wärmſten Ausdrücken ihren Dank ausgeſprochen, und Sir George ſei, ſo lange er in der Gegend verweilt habe, jeden Tag herübergeritten, um ſich nach meinem Befinden zu erkundigen. „Natürlich weißt Du ſchon,“ fuhr der Graf fort in der Meinung, ſolche Nachrichten müßten mich am meiſten intereſſiren,„daß wir ſie aus dem Felde geſchla⸗ gen haben?“ „Nein. Bitte, erzählen Sie mir Alles. Ich habe bis jetzt noch Nichts gehört.“ „Ein einziger Tag machte dem ganzen Handel ein Ende: wir ließen Mann für Mann abſtimmen, bis zwei Uhr Nachmittags, wo dann unſere Burſche alle Geduld verloren und ihre Gegner aus der Stadt hin⸗ ausſchlugen; die Polizei kam hinzu und bekam gleich⸗ falls Prügel; dann rückten Soldaten an, aber auch ihnen waren ſie zu ſtark. Sir George ſah Alles mit an, und da er wußte, wie wenig Ausſicht auf Erfolg ihm blieb, ſo hielt er's für's Beſte nachzugeben: kurz vor fünf Uhr entſagte er allen ſeinen Anſprüchen. Ich muß geſtehen, kein Menſch hätte ſich würdiger benehmen können: er kam über die Wahlbühne her, ſchüttelte Godfrey die Hand, und da die Nachricht vom Kampf um ſeine Tochter eben angelangt war, ſagte er, es thue ihm blos deßhalb leid, ſo wenig Ausſichten gehabt zu haben, weil er dann durch ſeine Reſignation hätte zei⸗ zen können, wie tief er ſich den O'Malleys verpflichtet ühle.“ „Und mein Oheim, wie nahm er dieſes freundliche Entgegenkommen auf?“ 4 „Er benahm ſich, wie nur immer ein Ehrenmann ſich benehmen kann. Er ſchüttelte ihm herzlich die Hand und wahrhaftig ich glaube, es that ihm halb leid, daß 11² er gewonnen hatte. Denk Dir nur, er verliebte ſich bis über die Ohren in die blauäugige Tochter des alten Generals, und bei Gott, Charley, wenn er zwanzig Jahre jünger wäre, ſo wollte ich für Nichts gut ſtehn— doch was iſt Dir, Freundchen? ich wollte Dir gewiß nicht wehe thun; ich bin nur zu lange da geblieben: jetzt will ich den Mikey zu Dir herausſchicken; aber mert Dir's daß Du nicht zu viel mit ihm ſchwatzen o ſt.“ Mit dieſen Worten verließ der würdige Graf mein Zimmer, in der vollen Meinung, er habe mich durch ſeine Andeutung, daß mein Oheim möglicherweiſe wie⸗ der heirathen könne, unangenehm berührt. In den nächſtfolgenden zwei oder drei Wochen war mein Leben zum Verzweifeln öde und eintönig. Die Aerzte hatten ſtrenge Befehle ertheilt, Alles zu vermei⸗ den, was mich aufregen könnte; Jedermann wer kam, ging daher auf den Zehen, flüſterte ein paar Worte und entfernte ſich wieder nach fünf Minuten. Leſen war durchaus verboten und in meinem künſtlichen, dü⸗ ſtern Halblicht ſitzend, ohne eine andere Nahrung als ein wenig Hühnerbrühe, ſchleppte ich eine ſo trübſelige Exiſtenz dahin, wie nur irgend je ein Gentleman im Weſten von Athlone. Wenn mein Oheim oder Conſidine nicht im Zim⸗ mer waren, ſo beſtand meine einzige Geſellſchaft aus meinem eigenen Bedienten Michael, oder wie er beſſer bekannt iſt, Mikey Free. Hätte indeß Mikey ſeinen eigenen Anſichten und Eingebungen folgen dürfen, ſo wäre die Zeit nicht ſo drückend auf mir gelegen; denn unter ſeinen mannigfachen Talenten beſaß er die Gabe einer fließenden, nie verſiegenden Unterhaltung; er wußte Alles, was in der Graſfſchaft vorging, und ließ dabei auch ſeiner Einbildungskraft ungeſtörten Lauf. Mickey war der beſte Ringer in der Baronie, kein ſchlechter Violinſpieler, er konnte die Nationalbolero„Jak Walsh“ guf eine Art tanzen, die ſchon mehr als ein ſanftes — 113 Herzchen unter einem rothen Mieder bezaubert hatte; endlich war ihm jene eigenthümlich iriſche, freie und kecke Manier, ſich um den Teufel Nichts zu bekümmern, eigen; ſie verließ ihn niemals bei ſeinen ſchlaueſten, und ſpißfindigſten Unternehmungen und gab dem überaus liſtigen und verſchlagenen Burſchen den ganzen Anſchein der ehrlichen Offenheit eines gewöhnlichen Bauernjungen. Er hatte ſich als eine Art Jagdgehülfen zu mir geſellt und war, da er ſich mit jedem Tage brauchbarer zeigte, zu den Ehrenämtern in der Küche, ſowie zu dem Vorrechte auf alle abgelegten Kleider zugelaſſen worden, ohne jedoch zum wirklichen Bedienten vorzurücken. Da er indeß alle ſeine Pflichten gut und pünktlich verſah, ſo wurde er gleichwohl zur Schiffsmannſchaft mitgerechnet, ob⸗ ſchon Niemand ſagen konnte, in welchem Zeitpunkt er eigentlich ſich ſeinem Raupendaſeyn entwunden hatte, und der muntere Schmetterling mit Lederhoſen und Stulpſtiefeln, einer geſtreiften Weſte und einem jederzeit ſehr ſchlau ſitzenden Hute geworden war, der in Stall und Hof herumſpazierte und die untergeordneten Hand⸗ langer anherrſchte. Solcher Art war mein Mikey; er hatte ſein Glück gemacht und trug wirklich einen höchſt ziemlichen Stolz mit ſich herum darauf, daß er unent⸗ behrlich geworden in einer Familie, welche vor ſeinem Eintritt niemals ein Bedürfniß nach ihm empfunden hatte. Für mich war er Alles: Mikey meldete mir, welches Pferd krank war, warum der Braune nicht aus dem Stall könne und warum der Rappe heute hinaus müſſe. Er wußte den Einfall eines neuen Flugs Reb⸗ hüͤhner ſchneller, als die Morning Poſt die Ankunft einer adelichen Familie vom Feſtlande, und konnte ihren Aufenthalt zweimal ſo genau angeben als dieſes ſchätz⸗ bare Blatt; inzwiſchen umfaßten ſeine Talente einen weit größern Wirkungskreis als bloße Jagdgeſchichten; und er war der treue Chroniſt von allen Kirchweihen, Betfahrten, Hochzeiten und Kindtaufen in der ganzen Lever, O'Malley I. 8 114 Umgegend; da ich aber an dieſen höchſt nationalen Zeit⸗ vertreiben kein geringes Vergnügen empfand, ſo waren ſeine Mittheilungen für mich von großem Werth. Zur Vollendung dieſer kurzen Skizze muß noch geſagt wer⸗ den, daß Mickey ein frommer Katholik war in demſel⸗ ben Sinne, wie er ſich für Alles enthuſtasmiren konnte; das heißt er glaubte und gehorchte ſo lange, als ſich beides mit ſeinen eigenthümlichen Privatvorſtellungen von Behaglichkeit und Glück vertrug; darüber hinaus trat ſein Skepticismus hervor, der ihn vor Unbequem⸗ lichkeiten rettete, und obſchon es ihm hie da ſchwer wurde, ſeinen Glauben mit allerlei Dingen in Einklang zu bringen, ſo entſprach dies doch immer, wenn er es that, ſeinem Zweck, und das war Alles was er ver⸗ langte. Dies alſo iſt ein getreues Bild von meinem Bedienten Mickey Frer, welcher, wären ihm nicht Still⸗ ſchweigen und Behutſamkeit zur ſtrengſten Pflicht gemacht worden, mir gewiß die Laſt meiner langweiligen Stun⸗ den um ein Gutes erleichtert hätte. „Ach ja, Mr. Charles,“ ſagte er mit einem halb unterdrückten Gähnen nach der langen Prüfungsperiode, der ſich ſeine Zunge hatte unterwerfen müſſen,„ach ja, Sie waren doch mächtig nahe daran.“ „An was denn?“ fragte ich. „Mein Seel, ich weiß es ſelbſt nicht; einige nennen es Fegfeuer, aber man kann doch die Sache nicht ſo gewiß ſagen.“ „Ich haͤtte Dich für einen zu guten Katholiken gehalten, Mickey, als daß du hierüber Zweifel hegen könnteſt.“ 1 „Mag ſeyn, daß ich's bin, mag auch nicht ſeyn,“ war die vorſichtige Thrichh Teanche vicht ſezn „Würde nicht Vater Roach Dir Alles auſ's Be⸗ friedigendſte erklären können, wenn Du zu ihm gingeſt?“ „Ei, ich frage den Kuckuck nach ſeinen Erklä⸗ rungen,“. „Wie ſo?“ 115 „Das will ich Ihnen ſagen. Wenn Sie den alten Miles draußen fragen, was er mit all dem Pulver und Schrot angefangen, ſo wird er Ihnen aniworten, er habe Krähen, Elſtern und anderes ſolches Gevögel todt geſchoſſen, aber ich ſelbſt weiß wohl, daß er es an die Wittwe Caſey zu zwei Schillingen und vier Pence das Pfund verkauft. Ebenſo mag Vater Roach nach den armen Seelen im Fegfeuer ſchießen, die inzwiſchen im Himmel oben das beſte und herrlichſte Leben führen.“ „Und meinſt Du vielleicht, es ſey ſo, Micke y? „Ja, allerdings; mit dieſem Fegfeuer iſt es gar nicht richtig.“ „Worauf ſtützeſt Du dieſe Anſicht?“ „Ich will es Ihnen ſagen, Mr. Charles, aber Sie dürfen's nicht weiter erzählen, denn ich ſpreche ganz und gar nicht von ſolchen Dingen.“ Nachdem ich ihm Schweigſamkeit zugeſichert, begann Mickey:— „Bielleicht haben Sie ſchon gehört, auf welche Art mein Vater— Gott ſchenke ſeiner armen Seele Frieden, wo ſie auch ſeyn mag— um's Leben gekommen iſt? Ich will nicht zu weit ausholen, ſondern es ganz kurz weg ſahen. Er wurde eines Nachts in Ballmaslve ermordet, als er alle Leute, die ihm in den Weg kamen, mit einem Schwarzdornſtock durchprügelte, an welchem unten eine Art Senſe befeſtigt war; eine herrliche Waffe, an der er ſeine größte Freude hatte; aber dieſe mörderiſchen Diebe, die Viehhändler, die niemals einen Spaß verſtanden, fielen über ihn her und brachen ihm das Genick. Nun gut, wir hatten einen recht angeneh⸗ men Leichenſchmaus, wo Alles vollauf vorhanden war, und nun dachte ich, die ganze Sache ſei vorüber; aber obſchon ich dem Vater Roach ſünfzehn Schillinge bezahlte und einen tüchtigen Rauſch anhing, ſo warf er mir doch immer, wo er mich traf, finſtere Blicke zu, und 8 116 wenn ich meinen Hut abnahm, ſo wandte er jedesmal mürriſch und unzufrieden den Kopf weg.“ „Sapperment noch einmal,“ dachte ich,„was ſoll das heißen?“ aber da ich immer ein leichtes Herz beſitze, ſo ertrug ich es und dachte nicht mehr daran. Eines Tages aber, da ich vom Markt in Athlone nach Hauſe gehen wollte, holte mich Vater Roach auf der Straße ein.„Der Teufel ſoll mich holen,“ſagte ich jetzt,„wenn ich nicht thue, als ob ich ihn nicht kenne, wir wollen dann ſchon ſehen, was dabei heraus kommt.“ Alſo gut, der Pfaffe ritt heran und ſah mir ſtracks in's Geſicht. „Mickey,“ ſagte er,„Mickey!“ „Ehrwürdiger Vater,“ antwortete ich. „Iſt das die Art, wie Du Deinen Seelſorger be⸗ grüßeſt,“ fuhr er fort,„mit dem Hut auf dem Koͤpfe?“ „Ei,“ antwortete ich,„Ihr bekümmert Euch doch Nichts darum, ob ich ihn abziehe oder aufbehalte, denn Ihr gebt Euch niemals die Mühe, ein Adieu, oder ein Gott verdamme Dich, oder ſonſt eine Höoflichkeit zu ſagen, wenn wir einander begegnen.“ „Du biſt eine undankbare Kreatur,“ ſagte er,„und wenn Du Alles wüßteſt, ſo würdeſt Du jetzt vor mir am ganzen Leibe zittern.“ „Der Teufel hol' das Zittern,“ antwortete ich,„ wenn man drei Stunden ſo gelaufen iſt.“ „Du biſt ein hartnäckiger, verſtockter Sünder,“ Haherais er,„und es nützt doch Nichts, wenn ich's Dir aage.“ „Was ſagen?“ fragte ich, denn ich wurde jetzt doch auch neugierig, was er eigentlich meinte. „Mickley,“ begann er wieder, indem er ſeine Stimme veränderte und ſich bis zu mir herabbeugte,„Mickey, ich habe geſtern Nacht Deinen Vater geſehen?“ „Alle Heiligen ſeyen uns gnädig,“ ſagte ich,„habt Ihr das wirklich?“ „Allerdings,“ antwortete er. „Mordelement,“ ſagte ich.„hat er Euch nicht geſa gt, 117 was er mit den neuen mancheſternen Hoſen gemacht hat, die er auf dem Markte kaufte?“ „Ei, Du biſt doch ein gefühlloſes Geſchöpf,“ ſagte er,„und ich mag meine Zeit nicht mit Dir verlieren.“ Damit wollte er weiter reiten, aber ich fiel ihm in die Zügel. „Lieber Vater,“ ſagte ich,„Gott verzeih mir, aber die Hoſen laſſen mich nicht ſchlafen; erzählt mir doch von meinem Vater.“ „O, er iſt in einer ſchrecklichen Lage.“ „Wo?“ fragte ich. „Im Fegfeuer,“ antwortete er,„aber er wird nimmer lang da bleiben.“ „Nun,“ ſagte ich,„das iſt doch ein Troſt.“ „So meinſt du freilich,“ antwortete er,„aber andere Leute denken anders von der Sache?“ „Nun, was denken denn dieſe?“ fragte ich. „Daß die Hölle noch ärger iſt.“ „Donnerwetter!“ rief ich,„iſt es das?“ „Ja, allerdings.“ Ich war ſo erſchrocken und geängſtigt, daß ich einige Zeit lang Nichts mehr ſprach, ſondern ſtill neben dem Pferd des Pfaffen einhertrabte. „Beſter Vater,“ begann ich endlich,„wie lange wird es noch anſtehen, bis ſie ihn dorthin ſenden? Ihr wißt es ja.“ „Nicht ſehr lange,“ antwortete er,„denn ſie ſind ſeiner herzlich ſatt. Sie haben keine Ruhe bei Tag und bei Nacht. Ach, Mickey, dein Vater iſt ein ſehr gottloſer Mann.“ „Wohl wahr, Vater Roach,“ ſagte ich bei mir ſelbſt, „wenn er nur den alten Stock mit der Senſe bei ſich hätte, ſo würde ich ihnen Glück zu ſeiner Geſellſchaft wünſchen,“ „Mickey,“ ſagte er,„ich ſehe, Du biſt bekümmert, und ich wundere mich nicht darüber; es iſt allerdings eine große Schande für eine anſtändige Familie.“ 118 „Allerdings, ſagte ich,“„aber mein Vater hat immer niedrige Geſellſchaft geliebt. Könnte man jetzt Nichts für ihn thun, Vater Roach,“ fuhr ich fort, indem ich ihm ſcharf in’s Geſicht blickte. „Ich zweifle ſehr, Mickey, denn er war ein böſer, wirklich ein ſehr böſer Mann“ „Und Ihr glaubt, er werde dorthin kommen?“ fragte ich. „Allerdings, Mickey, ich habe meine Befürchtungen darüber.“ „So wahr ich lebe,“ ſagte ich,„ich glaube, Ihr habt Recht; er liebte immer die Veränderung.“ „Nur daß es hier nicht auf ihn ankommt,“ ſagte der Pfaffe beleidigt. „Nun denn, auf wen ſonſt?“ fragte ich. „Auf Dich ſelbſt, Mickey Free,“ antwortete er, „Gott verzeih Dir Deine Sünden.“ „Auf mich? fragte ich.“ 1* „Ja allerdings,“ ſagte er,„wie viele Meſſen ſind für Deines Vaters Seele geleſen worden? wie viele Ave Maria? wie viele Paternoſter? Beantworte mir das.“ 3 „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich's weiß!— Ich denke ſo etwa zwanzig.“ „Zwanzig, zwanzig! und kommen keine mehr dazu?“ „Ei warum nicht?“ ſagte ich,„warum ſolltet Ihr nicht einem armen Teufel aus der Noth helfen, wenn es Euch weiter nichts koſtet als eine Handvoll Gebete?“ „Mickey,“ ſprach er jetzt in feierlichem Tone,„ich ſehe, Du biſt noch ärger als ein Heide: aber Du kannſt freilich nicht anders ſein, denn Du kommſt ja nie zur Beichte.“ „Ehrwürdiger Vater,“ ſagte ich ſehr zerknirſcht, „mit wie vielen Meſſen könnte ich ihn heraus be⸗ kommen?“ 3 „Jetzt ſprichſt Du doch wie ein verſtändiger Menſch,“ 119 ſagte er;„ich habe noch Hoffnung für Dich, Mickey— laß einmal ſehen“— hier zählte und rechnete er fünf Minuten lang an ſeinen Fingern—„Mickey,“ fuhr er dann fort,„ich habe da einen ganzen Schub, der am Dienstag herauskommt, und wenn Du Dich gehörig anſtrengteſt, ſo könnte Dein Vater vielleicht mit ihnen kommen, d. h. wenn ſie Nichts einzuwenden haben.“ „Wer könnte Etwas dagegen einzuwenden haben?“ ſagte ich;„er war ja immer der Held in allen Geſell⸗ ſchaften, und wenn Singen dort erlaubt iſt—“ „Gott verzeihe Dir, Mickey, aber Du befindeſt Dich in einem entſetzlichen Zuſtande,“ verſetzte der Pfaffe. „Nun,“ ſagte ich,„wie bringen wir ihn denn bis zum Dienstag heraus?“ „Zwei Meſſen am Morgen,“ ſagte Vater Roach halb laut,„ſind zwei, und zwei am Nachmittag ſind vier, und zwei zu Vesper ſind ſechs; ſechs Meſſen täg⸗ lich thut auf neun Tage ungefähr ſechzig Meſſen, ſage ſechzig Meſſen, und dieſe koſten Dich— merk Dir's wohl, Mickey, zähle ſie nicht nach, denn nur weil Du es biſt, mache ich ſie ſo wohlfeil— die koſten Dich drei Pfund.“ „Drei Pfund!“ rief ich;„zum Henker, ebenſo gut könnte ich Euch den Felſen von Caſhel verſprechen.“ „Es thut mir leid um Dich, Mickey,“ ſagte er, die Zügel zuſammen nehmend um davon zu reiten;„es thut mir leid, aber es wird eine Zeit kommen, wo Deine Fahrläſſigkeit gegen Deinen Vater als ein bitterböſes Zeugniß gegen Dich ſelbſt auftreten wird.“ 5 „Wartet doch ein wenig, ehrwürdiger Herr,“ rief ich,„wartet ein wenig. Würden es vierzig Schillinge nicht auch thun.“ „Gott bewahre,“ antwortete er. „Aber vielleicht,“ ſagte ich ſchmeichelnd,„vielleicht wenn Ihr ſagtet, daß ſein Sohn ein armer Teufel iſt, der von ſeiner Hände Arbeit leben muß, und daß die Zeiten ſchlecht ſind.“ 12⁰ „Hilft Alles Nichts,“ erwiederte er. „Mordelement, die ſind verdammt hartherzig,“ dachte ich;„nun gut,“ ſagte ich laut,„ich will Euch das Geld geben, allein ich kann es nicht auf einmal ſchaffen; ginge es nicht, wenn ich wochentlich zwei Schillinge bezahlte?“ „Ich will mein Möglichſtes thun,“ verſprach Vater Roach,„ich will mit ihnen ſprechen, daß ſie ihn in der Zwiſchenzeit glimpflich behandeln.“ „Hoch leben Ew. Ehrwürden,“ rief ich,„und um ſogleich den Anfang zu machen, hier ſind fünf Schillinge. Hätte ich's mir doch beim Teufel nicht gedacht, daß ich mein Geld auf dieſe Art los würde.“ „Vater Roach ſteckte die blanken Silberlinge in die Taſche ſeiner ſchwarzen Lederhoſe, ſagte Etwas auf La⸗ tein, wünſchte mir guten Morgen und ritt davon.“ „Doch um meine Geſchichte kurz abzumachen, ich arbeitete jetzt früh und ſpät, damit ich meine fünf Schil⸗ linge wöchentlich bezahlen konnte, und das that ich auch regelmäßig drei Wochen lang; dann brachte ich vier Schillinge und vier Pence, ſpäter blos einen Schilling und zehn ein halb Pence, dann neun Pence und end⸗ lich hatte ich gar Nichts mehr zu bringen.“ „Mickey Free,“ ſagte der Pfaffe,„Du mußt Dich ein wenig tummeln; Dein Vater iſt im höchſten Grad unzufrieden mit Dir: denn wenn Du Dein Wort ge⸗ halten hätteſt, dann wäre er jetzt ſchon beinahe heraus.“ Meinn Teuſel, verſetzte ich, ‚das iſt ein koſtſpieli⸗ ger Ort., „Allerdings,“ ſagte er,„jedes Land hat ſeine Eigen⸗ thümlichkeiten; aber mein guter Mickey, mit ein wenig Anſtrengung könnteſt Du Deinen Vater vollends be⸗ freien. Ei, mit was klingelſt Du denn ſo in Deiner Taſche?“ 3 1 „Es ſind zehn Schillinge, hochwürdiger Herr, ich muß dafür Steckkartoffeln kaufen.“ „Gib ſie her, mein Sohn. Iſt's nicht beſſer, wenn * 121 Dein Vater Paradieſesfreuden genießt, als wenn Du alle Kartoffeln in ganz Irland aufkaufteſt?“' f oe woher wißt Ihrs, daß er ſo nahe daran iſt?“ ragte ich. „Woher ich das weiß? Ei, ich habe ihn ja ſelbſt geſehen.“ „Ihr habt ihn ſelbſt geſehen? Alle Hagel, wart Ihr denn wieder unten?⸗ „Freilich,“ antwortete er;„ich war geſtern Abend drei Viertelſtunden unten und habe Luke Kennedy's Mut⸗ ter herausgeholt.— Sehr brave Leute, die Kennedys— haben keine Koſten geſcheut.“ „Und da ſaht Ihr meinen Vater?“ „Freilich,“ war ſeine Antwort;„er trug eine flanel⸗ lene Weſte und eine Pfeife ſah ihm zur Taſche hinaus.“ „Ja, ja, das iſt er,“ rief ich!,„hatte er eine Pelz⸗ mütze auf?“ „Um ſeine Mütze habe ich mich nicht bekümmert,“ antwortete der ehrwürdige Herr;„aber natürlich konnte er ſie an dieſem Orte nicht auf dem Kopfe haben.“ „Ja, das ſehe ich allerdings ein,“ ſagte ich;„ſprach er mit Euch?“ „Freilich,“ antwortete Vater Roach;„er klagte ſehr über die Art, wie man ihn da unten behandle, daß man ihn immer auslache und verſpotte wegen ſeines Trinkens, ſeiner Raufereien und überhaupt ſeines Lebens⸗ wandels; es ſey doch ſehr ärgerlich, ſagte er, wegen einer Bagatelle von zehn Schillingen ſo lange dableiben zu müſſen.“ „Nun gut,“ ſagte ich, meine zehn Schillinge heraus⸗ nehmend und mit der einen Hand zählend, man muß ſein Möglichſtes thun. Glaubt Ihr aber auch wirklich, daß ich ihn damit herausbekomme?“ „Ganz gewiß,“ verſicherte er,„denn als Luke's Mut⸗ ter den Platz verließ, ſah Dein Vater die Thüre offen, nahm einen Anſatz und ſo wahr ich lebe, ehe noch wie⸗ der geſchloſſen werden konnte, war er mit dem Kopf und 122 einer Schulter ſchon draußen; Du ſiehſt alſo, daß es nur noch an einer Kleinigkeit fehlt.“ „Gott ſegne Euch, ehrwürdiger Herr,“ ſprach ich, „Ihr habt mir mein Herz um ein Merkliches erleichtert,“ und damit ſteckte ich mein Geld wieder in die Taſche. „Wie, was fällt Dir ein?“ rief er feuerroth vor Zorn. „Freut mich nur, daß ich mein Geld gerettet habe,“ ſagte ich;„denn wäre das wirklich mein Vater geweſen, den Ihr geſehen habt, und hätte er wirklich ſchon den Kopf und die Schulter zur Thüre draußen gehabt, bei allen Teufeln, ſo hätte ihn weder Kerker noch Kerker⸗ meiſter von der Hölle bis nach Connaught feſtgehalten; und nun Vater Roach wünſche ich Euch recht guten Morgen!“ Damit ging ich lachend fort und habe bis auf dieſe Stunde Nichts mehr vom Fegfeuer gehört. Sie werden mir offenbar Recht geben, Mr. Charles?“ Kaum war Mickey mit ſeiner Geſchichte zu Ende, als meine Thüre aufgeriſſen wurde und Sir Harry Boyle, mit gänzlicher Nichtachtung ſeiner gewohnlichen Vorſichtsmaßregeln auf Schweigen und Ruhe, ins Zim⸗ mer ſtürzte. Ein freundliches Grinſen lag in ſeinen offenen ehrlichen Zügen, und ſeine Augen zwinkerten auf eine Art, welche mir deutlich bewies, daß ihm etwas Ergötzliches aufgeſtoßen ſeyn mußte. „Bei Gott, Charley, ich kann es Dir nicht vorent⸗ halten; die Sache iſt zu luſtig. Du erinnerſt Dich doch jenes parfümirten, ſüßduftenden, jungen Herrchens, der Sir George Daſhwood als eine Art Wahlfreund von Dublin her begleitete?“ „Sie meinen wohl Mr. Prettyman?“ „Eben denſelben; er war, wie Sie wiſſen, Unter⸗ ſekretär auf irgend einem Regierungsbureau. Es ſcheint, daß er zu uns armen Wilden blos aus wiſſenſchaftlichem Drang und gelehrtem Forſchungstriebe gekommen war, wie wenn wir Südinſulaner wären; das Gerücht hat näm⸗ lich uns beſcheidene Galwayer mit höchſt eigenthümli⸗ — 123 chen Zügen begabt, und dieſes talentreiche Individuum wollte ſich aus eigner Anſchauung davon überzeugen. Ob er in der Wahlwoche ſeinen Appetit nach Wundern befriedigen konnte, weiß ich nicht; genug, er hatte ganz friedlich ſeine Abreiſe aus dem Weſten auf letzten Sonn⸗ abend feſtgeſetzt, als Phil Macnamara ihn antraf und ihn beſtürmte, in ſeinem Hauſe ein Mittagsmahl mit wenigen Freunden einzunehmen.— Sie kennen Phil; wenn ich Ihnen jetzt noch ſage, daß Sam Burke von Greenmount und Roger Doolan von der Partie wa⸗ ren, ſo können Sie ſich leicht denken, daß unſer engli⸗ ſcher Touriſt in Beziehung auf Thatſachen nicht ſeiner eigenen Einbildungskraft überlaſſen blieb. Sie banden ihm über unſere Gebräuche und Gewohnheiten Anekdo⸗ ten auf, dergleichen gewiß noch kein ſterbliches Ohr vernommen, und Nichts war dem unglückſeligen Cockney zu kalt oder zu warm, denn wenn er nicht gerade ein wenig Claret ſchlürfte, ſo verzeichnete er Alles, was er hörte, getreulich in ſein Gedenkbuch, um es ſpäter zu einem höchſt glänzenden und originellen Werke über Ir⸗ land zu verarbeiten.“ „Schönes Land— herrliches Land— prächtige Leute— hochbegabt— brav und ſehr geſcheidt— aber leider nicht glücklich, Mr. Macnamara, nicht glücklich. Doch wir kennen Euch jenſeits des Canals noch viel zu wenig; unſere Vorſtellungen von Euch ſind Alles, nur nicht wahr.“ „Ich hoffe und verlaſſe mich darauf,“ ſagte der alte Burke,„daß Sie Ihren Landsleuten ein beſſeres Licht über uns aufſtecken werden.“ „Ja, mein theurer Sir, das ſoll die ſtolzeſte Auf⸗ gabe meines Lebens ausmachen— die Thatſachen, die ich heut Abend hier gehört, haben einen ſo tiefen Ein⸗ druck auf mich gemacht, daß ich mich ſehne nach dem Augenblick, wo ich ſie der übrigen Welt verkündigen kann. Ja, wer hätte das gedacht, daß ein Theil dieſes ſchönen Landes in die tiefſte Armuth verſunken iſt, daß 124 das Volk nicht allein blos von Kartoffeln leben, ſondern auch Felle als Kleider tragen muß, wie Mr. Doolan mir ſo eben erzählt hat! Gewiß, ich würde es für ein Verbrechen halten, wenn ich nicht meine Landsleute über den wahren Zuſtand dieſes großen Landes in's Klare ſetzte.“ „Freilich,“ ſagte Phil,„nachdem Sie ſo günſtige Gelegenheit gehabt haben, Ihr Urtheil aus eigener An⸗ ſchauung zu bilden, ſo iſt es Ihre Pflicht, zu ſprechen, denn Sie haben uns auf eine Art geſehen und gehört, i gewiß nur ſehr wenig Englaͤnder ſich rühmen önnen.“ „Allerdings, das iſt die Hauptſache, Mr. Macna⸗ mara; ich habe Sie auf's genaueſte beobachtet, ich habe Sie in Ihren einzelnſten Verhältniſſen kennen gelernt; ich habe geſehen, was die Franzoſen Ihr vie intime nennen würden.“ „Bei Gott, das haben Sie,“ verſetzte der alte Burke grinſend,„und haben den beſten Nutzen daraus gezogen.“ „Ich bin ein Zuſchauer Ihrer Wahlſtreitigkeiten ge⸗ weſen— habe Ihre Gaſtfreundſchaft genoſſen— habe Ihre volksthümlichen, nationalen Spiele mitangeſehen— Ihren Hochzeiten, Ihren Jahrmärkten, Ihren Leichen⸗ feiern mitangewohnt, doch nein, da fällt mir eben bei⸗ eine Leichenfeier zu ſehen habe ich nie Gelegenheit gehabt.“ „Nie eine Leichenfeierlichkeit geſehen!“ rief Einer um den Andern, als hätte ihr Gaſt etwas geſprochen, das an's Unglaubliche grenze. „Nein, niemals,“ verſicherte Mr. Prettymann, be⸗ ſchämt über dieſen Beweis von Unfähigkeit ſeine engliſchen Feeunde über alle iriſchen Angelegenheiten ins Klare zu etzen. „Nun gut,“ ſagte Macnamara,„mit Gottes Hülfe — können wir Ihnen noch eine Leiche zeigen. Der Him⸗ mel bewahre uns, daß wir nicht einem intelligenten Rei⸗ ſenden, der die Güte hat, uns zu beſuchen, mit Allem 12⁵ aufwarten ſollten, was unſer armes Land zu leiſten vermag.“ „Peter,“ fragte er jetzt den Bedienten, der hinter ihm ſtand,„wer iſt todt in der Umgegend?“ „Thut mir leid, Ew. Gnaden, Niemand. Seit der Schlägerei in Portuma iſt es ganz ruhig geblieben.“ „Wer iſt zuletzt geſtorben in der Nachbarſchaft?“ „Die Wittwe Macbride, Ew. Gnaden?“. „Könnte man ſie nicht wieder aufgraben, Peter? mein Freund hier hat noch keine Leichenfeier geſehen.“ „Ich bedaure, das wird nicht wohl angehen, denn die Burſche haben ſie bei lebendigem Leib gebraten, und es wäre kein anſtändiger Leichnam, um ihn einem Frem⸗ den zu zeigen,“ fluſterte Peter. Mr. Pettyman ſchauderte ob dieſen Beweiſen von friedfertiger Geſinnung. „Nun gut, Peter, ſo ſag dem Jemmy Divine, er ſoll die alte Muskete in meiner Schlafkammer nehmen und nach dem Clunnagh Moor hinübergehn. Fehlen kann er nicht;— es ſind über zwölf Familien dort, die nie einen halben Pfennig Pacht bezahlen. Wenn er dann fertig iſt, ſo ſoll er die Nachbarſchaft zu⸗ ſammenrufen und wir wollen eine luſtige Leichenfeier veranſtalten.“ „Sie meinen doch nicht, Mr. Macnamara, Sie meinen doch um's Himmelswillen nicht—“ ſtammelte der Maulaffe mit geiſterblaſſem Geſicht. „Ich meine nur, ſagte Phil lachend, ‚daß Sie den Krug viel zu lang in der Hand halten.“ 5 „Burke gab dem Engländer, ehe er noch weiter fragen konnte, die nöthigen Erklärungen, und nach eini⸗ gen Minuten ungeduldigen Harrens zog ein Flintenſchuß neben dem Hauſe die Aufmerkſamkeit der Gäſte auf ſich; im nächſten Augenblick trat der alte Peter mit hochver⸗ gnügtem, ſchmunzelndem Geſichte ein.“ „Nun, was war das?“ fragte Macnamara. „Es war Jemmy, Ew. Gnaden; da es ein wenig 126 regnet, ſo ſagte er, er wolle lieber einen von den Nach⸗ barn nehmen, und er brauchte nicht weit zu gehen, denn Andy Moore wollte eben nach Hanſe und er hat ihn gut getroffen.“ „Wie? hat er ihn erſchoſſen?“ rief Mr. Prettymann, dem der kalte Schweiß auf der Stirne ſtand,„hat er den Mann ermordet?“ „Was! ermordet?“ ſagte Peter verächtlich,„warum ſollte er ihn nicht todtſchießen, wenn der Herr es ihm befiehlt?“ „Mehr brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, Char⸗ ley. Zehn Minuten nachher ergriff das erſchrockene Stadtherrchen unter irgend einem plauſibeln Vorwand die Flucht und bot zwanzig Guineen für ein Pferd, um nur recht ſchnell nach Athlone zu gelangen. Von da verließ er augenblicklich Galway in der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß man uns auf der andern Seite des Kanals nicht kenne.“ Dreizehntes Kapitel. Die Reiſe. Als die Wahl mit all ihrem Lärm und ihrer wil⸗ den Aufregung beendigt war, trat Alles wieder in ſein gewöhnliches Geleiſe. Eines Morgens aber verkündete mir mein Oheim, es ſey jetzt endlich Zeit, daß ich meine Geburtsgegend verlaſſe und als Studirender des Trini⸗ tätseollegiums zu Dublin in die große Welt hinaustrete. Obgleich ich dieſe ereignißſchwere Veränderung längſt erwartet hatte, ſo ſiel mir doch ein ſolcher Schritt, der mich auf einmal von allen meinen Freunden und Geſellſchaften entfernen und mit neuen Menſchen und neuen Einfluſſen in Berührung bringen ſollte, ſehr ſchwer auf's Herz. 127 Ueber meinen Beruf war längſt entſchieden worden. Die Armee hatte ihren Antheil von der Familie erhal⸗ ten, aber die betreffenden Helden hatten aus den Krie⸗ gen nichts zurückgebracht, als verſtümmelte Glieder und zerrüttete Geſundheit; der Seedienſt hatte bei mehr als einer Gelegenheit gezeigt, daß die O'Malley's nicht da⸗ für geboren waren, und ſo blieb nach iriſchem Dafür⸗ halten nur noch Eine Laufbahn übrig, nämlich die juri⸗ ſtiſche. Ueberdies, bemerkte mein Oheim mit großer Wahrheit und Umſicht:„Charley wird jedenfalls vom Publikum ziemlich unabhängig ſein, denn wenn man ihm auch keinen Prozeß überträgt, ſo hat er jedenfalls für ſein ganzes Leben Familienakten genug— beiläufig ge⸗ ſagt, ein eigenthümlich neuer Grund, Jemand zum Ju⸗ riſten zu machen: auch bemerkfte Sir Harry mit ſeiner gewöhnlichen Klarheit gegen mich: „So wahr ich lebe, lieber Charley, Du darfſt von Glück ſagen; wäre eine Bibel im Hauſe geweſen, ſo hätte er einen Pfarrer aus Dir gemacht.“ Conſidine allein von allen Rathgebern meines Oheims ſtimmte dieſer Berufswahl nicht bei. Mit einer Beredtſamkeit, die wenigſtens mich vollſtändig überzeugte, ſetzte er auseinander, mein Kopf ſei eher geſchaffen, Püffe auszuhalten als verwickelte Streit⸗ punkte zu entwirren und ein Tſchako paſſe tauſend⸗ mal beſſer darauf als eine Perücke; kurz und gut, ein Junge, der ſo herrlich beginne und ſchon ſo treffliche Ideen vom Schießen habe, ſei für die Juriſterei für immer verdorben. Mein Oheim indeß blieb unerſchüt⸗ terlich, und da der alte Sir Harry ihn unterſtützte, ſo wurde gegen uns entſchieden; Confidine aber brummte, als er das Zimmer verließ, Etwas vor ſich hin, was nicht gerade von glänzenden Erwartungen in Betreff meiner Erfolge als Rechtsgelehrter zeugte. Ich ſelbſt neigte mich, obſchon ich der Debatte nur ſchweigend zu⸗ gehört hatte, mit allen meinen Wünſchen auf die Seite des Grafen. Von meiner fruͤheſten Kindheit an war 128 das Soldatenleben Gegenſtand meiner höchſten Sehn⸗ ſucht geweſen, das Raſſeln der Trommeln und das ſchrille Getöne der Pfeifen hatten, wenn ſie ſich, mit einem zerlumpten Rekrutenhaufen hinterdrein, im Dörf⸗ chen hören ließen, immer einen unbeſchreiblichen Zauber auf mich ausgeübt, und wäre mir die Wahl überlaſſen geblieben, ſo wäre ich weit lieber Wachtmeiſter bei den Dragonern, als ein hochgelehrter Anwalt geworden. Dieſer mein vieljähriger Lieblingsgedanke war überdies durch die Ereigniſſe der letzten paar Tage zum glühend⸗ ſten Verlangen geſteigert werden. Der Ton der Ueber⸗ legenheit, den ich bei Hammersley bemerkte, welchen ſein Benehmen beim Abſchied. ſehr hoch in meiner Ach⸗ tung geſtellt hatte— ſeine kaltblütige, auf tauſenderlei Arten unmerklich hervortretende Verachtung gegen die Civiliſten, die hohe Meinung, die er ſelbſt von ſeinem Stande hegte, verwundete meinen Stolz und ſtachelte meinen Ehrgeiz; was aber noch mehr war als dies Alles, Lucy Daſhwood hegte die entſchiedenſte Vorliebe für den Militärſtand, und ſo war denn all mein Sehnen der Armee zugewendet. Ließ man mich nichtein ſie ein⸗ treten, ſo war es mir ganz und gar gleichgültig, was oder ob überhaupt Etwas aus mir wurde. Kriegsruhm war der einzige Gegenſtand des Ehrgeizes, den das Leben für mich hatte, der einzige Erfolg, für welchen zu fech⸗ ten ich der Mühe werth hielt. Aut Cæsar aut nihil dachte ich, und als mein Oheim mir ſeinen Beſchluß anfündigte, daß ich Rechtsgelehrter werden müſſe, ſo murrte ich nicht und machte keine Einwendung dagegen, ſondern hielt mich nur an die Prophezeihung Conſidine's, der deutlich genug ſagte:„Hol mich der Teufel, wenn je ein ſtupiderer Kerl in Akten hineingeſehen hat, und er haͤtte einen ſo prächtigen leichten Dragoner abge⸗ geben!“ 8 8 Die Vorkehrungen waren bald getroffen. Es wurde feſtgeſetzt, daß ich ſogleich nach Dublin abreiſen und da⸗ ſelbſt der ſpeziellen Aufſicht des Doktors Mooney, damals ————⏑OBꝛ—ÿ—ꝛy·:—.— 129 noch eines jungen Profeſſors an der Univerſität, uüͤbergeben werden ſolle, während Sir Harry mir einen Brief an ſeinen alten Freund Doktor Barret mitgab, deſſen Rath und Beiſtand mir von großem Nutzen ſein werde. Nach⸗ dem man mich mit ſolchen Urkunden verſehen, eröffnete man mir, daß die Pforten der Gelehrſamkeit ſich nun⸗ mehr ohne alles Zuthun von meiner Seite ſchon mehr als halb für mich erſchloſſen haben. Eine einzige von all den Anordnungen, die man traf, machte mir einiges Vergnügen; nämlich es wurde beſchloſſen, daß mein guter Mickey mich nach Dublin begleiten und allda bei mir bleiben ſolle. Es war an einem hellen, ſcharfen Januarmorgen im Jahr 18—, als ich meinen Sitz im Innern der alten Galwayer Poſtkutſche einnahm und die Reiſe an⸗ trat. Mein Herz war niedergedrückt, es war mir ganz elend zu Muthe. All die traurigen Empfindungen des Abſchiednehmens, ohne die mindeſte Tröſtung in der Ferne, lagen mir ſchwer auf der Seele. Zum erſten Mal in meinem Leben hatte ich eine Thräne im Auge meines guten Oheims glänzen geſehen und ſeine Stimme zittern gehört, als er Lebewohl ſagte. Trotz der Alters⸗ verſchiedenheit waren wir eigentlich Kameraden zuſammen geweſen, und als ich jetzt noch einmal an all die tauſend Beweiſe von Liebe und Güte dachte, die er mir gegeben, da übermannten mich meine Gefühle und die Thränen liefen mir langſam über die Wangen. Ich wandte mich zurück, um den hohen Kaminen und den alten Bäumen, meinen früheſten Freunden, den Scheidegruß zuzuwerfen; aber eine Biegung des Weges verſperrte mir die Aus⸗ ſicht, und ſo nahm ich meinen Abſchied von Galway. Mein Freund Mickey, der beim Kondukteur ſaß, theilte meine ſchwermüthigen Empfindungen ganz und gar nicht, Die Kartoffeln in der Hauptſtadt konnten kaum ſo naß ſein wie die in Scariff; er hatte gehört, daß der Whiskey nicht theurer ſei, und mit ſehnſuchts⸗ 9 Lever, O'Malley. I 13⁰ vollem Herzen blickte er den andern Herrlichkeiten der großen Stadt entgegen. Mittlerweile verkürzte er, da er entſchloſſen war, keinen Theil ſeiner Laufbahn unbe⸗ nützt zu laſſen, ſich ſelbſt die Beſchwerlichkeiten der Reiſe durch Witze und Anekdoten und hatte ein ſehr dankbares Publikum, das außer einem griesgrämigen alten Kondukteur aus vier Perſonen beſtand und fort⸗ während ein ſchallendes Gelächter unterhielt. Mit ſei⸗ nem gewöhnlichen savoir faire hatte er ſich bei einem ſehr hübſchen Bauernmädchen ſchnell in Gunſt zu ſetzen gewußt und unter dem Vorwand, daß ſie nicht fallen könne, zärtlich ſeinen Arm um ihren Leib geſchlungen; ihr widmete er vorzugsweiſe ſeine Aufmerkſamkeiten und nahm hiezu auch ſein natürliches Talent für Minneſän⸗ gerei zu Hülfe. „Halten Sie ſich nur recht feſt an mir, meine liebe Miß Matilde.“ „Ich heiße Mary Brady, wenn's Ihnen gefällig iſt.“ „Ja wohl, ſind Sie mir gefällig.“ „O Mary Brady, Du Troſt meiner Sorgen, Du biſt mein Spiegel vom Abend zum Morgen, Du biſt's, die trotz Armuth mir beſſer gefällt, Als Shuſey Gallagher mit all ihrem Geld.“ „Sind Sr. Gnaden zu Hauſe?“ Dieſe Frage war an einen gaffenden Bauernjungen gerichtet, der ſich auf ſeinen Spaten lehnte, um die Poſt vorüberfahren zu ſehen. „Sind Sr. Gnaden zu Hauſe? Ich habe Etwas für ihn von Mr. Davern.“ Mickey wußte wohl, daß es wenige Edelleute im Weſten gab, die mit dem Anwalt von Athlone nicht im beſtändigen Verkehr geſtanden hätten. Der arme Bauernburſche ſprang daher ſogleich über den Zaun und lief der Kutſche mit der größten Geſchwindigkeit eine halbe Stunde nach, während Mickey ſich immer ſtellte, als liege ihm ungemein viel daran, daß er ſie einhole, bis endlich der gute Junge verzweiflungsvoll einhielt 131 und aus einem ſchallenden Gelächter, das vom Wagen herab erſcholl, entnehmen konnte, daß man ihn an der Naſe herumgeführt hatte. „Koſten Sie einmal, meine Theuerſte; ſchadet Ih⸗ nen gewiß Nichts, iſt vom Allerbeſten.“ So ſprechend füllte er einen kleinen Hornbecher aus einer ſchwarzen Flaſche, die er bei ſich führte und gab noch obendrein zum Ergötzen ſeiner Zuhörerſchaft fol⸗ gendes Liedchen zum Beſten: Der edle Branntwein. Wenn ich ein König'mal werden ſoll, Wie Romulus oder auch Cäſar, Und habe Küche und Keller ſo voll, Wie weiland Nebucadnezar: Ein mächtig Stück Schinken muß mir dann her, Und Kartoffeln, die beſten im Lande, Und iſt mein Schenk da, ſo fülle mir der Voll Branntwein den Becher zum Rande. Den alten Römern gefiel es nie Sich zu kaſtein und zu härmen, Sie nahmen ein Gläschen Schnaps in der Früh, Um ſich ihren Magen zu wärmen. Ja, ja, er wärmt auch den Kopf und das Herz, Hält wach euch in fleißigen Nächten, Er iſt die Seele der Kunſt allerwärts, Er lehret euch lieben und fechten. Dieſe unzweifelhaft kaſſiſche Produktion und die ſchwarze Flaſche, die im Verein mit ihr wirkte, ſicherten dem Sänger einen ausgezeichneten Rang in der Geſell⸗ ſchaft, die freundſchaftlich Beſcheid that und den Feſt⸗ geber hoch leben ließ.„Ihre Geſundheit, Mr. Free, Alles, was Sie lieben; Mr. Free,“ ertönte es einmal ums andere, und Mr. Free brachte dafür einen Toaſt 9 1 auf tugendhafte Liebe aus. Die Herzlichkeit dieſes Ver⸗ hältniſſes ſtellte eine lange Dauer in Ausſicht und würde ſich ohne Zweifel auch einer ſolchen erfreut haben, wäre ſie nicht durch einen kleinen Zwiſchenfall für einen Au⸗ genblick unterbrochen worden. In dem Dorfe nänlich, wo wir zum Behuf eines Frühſtückes anhielten, erſchie⸗ nen drei ehrwürdige Geſtalten, die Plätze im Innern des Wagens beſtellt hatten. Sie trugen ſchwarze Röcke, dito Beinkleider und Gamaſchen, nebſt Hüten mit kirch⸗ lich breiten Rändern und hatten alle das eigenthümliche Benehmen und Gebahren, woran man ihren Beruf ſo⸗ gleich erkennt, wie ſie denn auch nichts Geringeres wa⸗ ren als drei römiſch⸗katholiſche Prälaten, die zu einer Synode nach Dublin reisten. Während Mickey und ſeine Freunde mit dem raſchen Takt des niedrigen Vol⸗ kes in Irland ſogleich merkten, wer und was dieſe ehr⸗ würdigen Menſchenkinder waren, wollte ein anderer Rei⸗ ſender, der einen Außenſitz eingenommen hatte, ganz und gar nicht in ſolche Gefühle der Ehrfurcht einſtim⸗ men, ſondern lachte auf eine ſehr ſpöttiſche Weiſe, als der letzte Zipfel der ſchwarzen Röcke innerhalb der Kutſche verſchwand. Dieſer unehrerbietige Menſch war ein dicker, kurzer, krummbeiniger Kerl von etwa fünfzig Jahren, mit einer ungeheuern Naſe, die, was auch ihre gewöhnliche Farbe ſein mochte, wenigſtens im fraglichen Morgen purpurn glänzte. Er trug einen blauen Rock mit blanken Knöpfen, worauf einige Buchſtaben geſchrieben waren, und an ſeinem Hals hing ein Band von derſelben Farbe, nebſt einer Medaille daran. Dieſe Medallle trug er mit gewaltiger Oſtentation zur Schau und ſchien überhaupt ein Menſch zu ſein, der eine höchſt befriedigende Anſicht von ſeiner eigenen Bedeutſamkeit hegte. Hätten übrigens nicht auch andere das Näm⸗ liche geglaubt, ſo würde Mr. Billy Crow wohl nicht von No. 13476 abgeordnet worden ſein, um Vollmachts⸗ urkunden nach der weſtlichen Gegend zu überbringen und in der Stadt Forleigh eine Orangiſtenloge zu be⸗ 133 gründen; dies war nämlich der Grund, warum er, ein wohlbekannter Fußbedeckungskünſtler aus Dublin, die gefährliche Reiſe gewagt hatte, von welcher er nunmehr zurückkehrte. Er war außerordentlich vergnügt, denn er hatte den günſtigſten Erfolg gehabt; die Brüder hatten ihm zu Ehren Feſte und Gaſtmähler angeſtellt; er hatte mehrere glänzende Reden gehalten, wohlgeſpickt mit der üblichen Anzahl von Prophezeihungen über den baldigen Sturz des Römerthums, die unvermeidliche Wiederkehr des proteſtantiſchen Uebergewichts und die angenehme Ausſicht, daß ihre Verbrüderung mit erhöhter Anſtren⸗ gung und verbeſſerter Organiſation bald im Stand ſein werde, ihren Meinungen Geltung zu verſchaffen und die grüne Inſel von dem ſchrecklichen Drachen zu reinigen, welchen Sankt Patrik vergeſſen, als er die andern ver⸗ bannt; daß ferner, wenn nur Daniel O' Connel gehenkt und Sir Harcourt Lees zum Primas von Irland gemacht werden könnte, immer noch Hoffnung auf Frieden und Wohlfahrt für das Land vorhanden ſei. Kaum hatte Mr. Crow ſeinen Platz auf dem Wagen eingenommen, als er auch ſah, daß er ſich in feindlichem Lager befand. Zum Glück für alle Parteien haben in Irland politiſche Differenzen auch äußerlich ein ſo ſtar⸗ kes Gepräge, daß derjenige geiſtig ſehr verwahrlost ſein muß, der, wenn er zwiſchen Fremde hineingeworfen wird, nicht mit aller Gewißheit berechnen kann, ob es für ihn gerathener iſt, das bekannte Lied,„die Aehren liegen nieder“ oder„die Schlacht von Roß“ zu fingen. Was Billy Crow betrifft, dem ich ein langes Leben wünſche⸗ ſo hätte man eben ſo leicht Herrn Audobon einen kale⸗ kutiſchen Hahn für eine Giraffe aufgeſchwatzt, als ihm einen Papiſten für einen treuen Anhänger des Königs Wilhelm. Er hätte mehr generiſche Unterſchiede ange⸗ ben können, um Euer Urtheil zu leiten, als Cuvier je⸗ mals von einem vorſündfluthlichen Mammuth aufzu⸗ führen wußte. Kaum hatte er ſich alſo geſetzt, ſo knöpfte er ſeinen Oberrock bis hinauf zu, ſteckte ſeine Hände 13⁴ feſt in beide Seitentaſchen, warf ſeine Lippen auf und blickte darein wie ein Menſch, der ſich nicht in ſeinem Elemente fühlt, aber entſchloſſen iſt, mit Geduld zu warten, bis das Schickſal ihm gleichgeſinnte Kameraden zuführt. Mickey Free, der ſelbſt kein geringer Menſchen⸗ kenner war, durchſchaute ſeinen Mann auf den erſten Blick und zerquälte ſich ſein Hirn mit Planen, ihn aufs Eis zu führen. Der kleine Mantelſack, der Billy's Gar⸗ derobe enthielt, war deutlich mit ſeinem Namen be⸗ zeichnet und da Mickey leſen konnte, ſo war damit be⸗ reits etwas Wichtiges gewonnen. Er nahm deßhalb die erſte Gelegenheit wahr, ſich neben ihn zu ſetzen und er⸗ öffnete die Unterredung mit einer ſehr höflichen Bemer⸗ kung über Billy's Kleidung, was im Weſten immer für eine außerordentliche Aufmerkſamkeit gilt. Nach und nach kamen beide in Fluß und Mickey fing an ſeinem Begleiter ſehr bedeutſame Aufſchlüſſe über ſich ſelbſt und ſeinen Herrn zu geben, indem er nebenbei bemerkte, der Zuſtand des Landes ſei der Art, daß ein Mann von feiner Denkweiſe weder Ruhe noch Frieden darin finden könne.. „Das iſt er, da vor Ihnen,“ ſagte Mickey,„und ein beſſerer Proteſtant hat noch niemals die Meſſe ge⸗ haßt. Sie verſtehen mich doch?“ „Was?“ verſetzte Billy, indem er ſeinen Rockkra⸗ gen wieder aufknöpfte, um ſeinen Nebenſitzer beſſer ſehen zu können.„Ich glaubte Sie wären—“ Hier machte er das gewöhnliche Zeichen des Kreuzes. „Ich? Zum Teufel, ebenſo wenig als Sie ſelbſt, Mr. Crow.“ „Ei wie, Sie kennen mich auch?“ „Freilich, Sie ſind bekannter, als Sie ſelbſt glauben.“ 3 Billy ſah ſehr verdutzt darein; endlich aber ſagte er:— „Und Sie ſagen mir, daß Ihr Herr ein Rechtgläu⸗ biger ſei?“ 13⁵ „Allerdings,“ verſetzte Mickey, mit einem ſchlauen Wink,„und ſein Oheim iſt es auch.“ „Und wo ſind dieſe Leute zu Hauſe?“ „In Galway; aber jetzt ſind ſie da.“ „Wo?“ „Hier.“ Bei dieſen Worten ſtieß er mit ſeinem Abſatz an die Kutſche, als wollte er das Wo näher bezeichnen. „Sie meinen doch nicht in der Kutſche innen oder?⸗ „Freilich; und Sie müſſen wahrhaftig ſehr wenig vom Weſten verſtehen, wenn Sie die drei Mr. Trenches von Tallybaſh nicht kennen; das ſind ſie.“ „Iſt es wirklich Ernſt?“ „Ja allerdings.“ „Ich will nie wieder auf den 12. Juli trinken, wenn ich ſie nicht für Prieſter gehalten hätte.“ „Prieſter!“ rief Mickey mit lautem Lachen,„Prieſter!“ „Ja allerdings, Prieſter,“ „Mein Seel, Sie würden wohl daran thun, dies für ſich ſelbſt zu behalten, denn das ſind nicht die Leute, die ſich ſo Etwas ſagen laſſen.“ „Ei, ich wollte ſie ja nicht beleidigen,“ ſagte Mr. Crow;„wahrlich ſolch wirklich glaubigen Menſchen möchte ich am wenigſten etwas anhängen. Und wohin reiſen ſie jetzt?“ „Geradezu nach Dublin. In der nächſten Woche iſt eine große Loge, aber Sie wiſſen das beſſer als ich, Mr. Crow.“ Billy wurde jetzt ſchweigſam. Ein dumpfer Trüb⸗ ſinn ſchien über ihn zu kommen, und offenbar ärgerte er ſich über ſich ſelbſt, weil er nicht Takt genug beſeſſen, die drei Mr. Trenches von Tallybaſh zu erkennen, ob⸗ ſchon er ſie blos von hinten ſah. Mickey Free wollte den Andern in ſeinem Gedan⸗ kengange nicht ſtören, ſondern ſummte jetzt die loyale Melodie ‚die Aehren liegen nieder’ leiſe vor ſich hin und goß dadurch Oel in die auf ſo ſchlaue Art ange⸗ 136 fachte Flamme. Endlich kamen wir in das Städtchen Kinnegad. Während die Pferde gewechſelt wurden, ſtieg Mr. Crow ſchnell herab, eilte in das kleine Wirthshaus hinein und verſchwand auf ein paar Augenblicke. Bald kam er wieder mit einem dampfenden Keſſel Whiskey⸗ punſch, den er fortwährend mit einem Löffel umrührte. Er trat an den Kutſchenſchlag und klopfte ſachte mit dem Knöchel an, worauf der ehrwürdige Prälat von Maronia oder Meſopotamia, ich weiß ſelbſt nicht mehr welcher, ihn fragte, was er begehre. „Bitte um Verzeihung, Gentlemen?“ antwortete Billy,„und ich wollte mir nur die Freiheit nehmen, Ih⸗ nen bei dieſer Kälte etwas Warmes anzubieten.“ 3 „Unſern beſten Dank, guter Freund; aber wir trin⸗ ken nie ſo Etwas,“ antwortete eine freundliche Stimme vnn innen. „Ich verſtehe,“ ſprach Billy mit einem ſchlauen Wink;„doch es gibt dann und wann Umſtände, und zur Ehre der Sache kann man wohl auch was thun. Berühren Sie's wenigſtens mit Ihren Lippen.“ „Entſchuldigen Sie uns,“ ſagte ein ſehr roſen wan⸗ giger kleiner Prälat,„aber wir trinken nichts, was ſtär⸗ ker iſt als Waſſer.“ „Ach Larifari,“ dachte Billy, indem er des Spre⸗ chers Naſe betrachtete.„Ich hätte doch geglaubt,“ ſagte er dann laut,„Sie würden mir dies nicht abſchlagen.“ Damit machte er ein eigenthümliches Zeichen in die Luft, das zwar bei den ehrlichen Brüdern von 13,476 als Beweis von Ehrfurcht gelten mochte, hier aber nur dazu diente, die Verwunderung der Biſchöfe zu erhöhen. „Was meint er wohl?“ fragte einer. „Iſt er toll?“ ſagte ein anderer. „Donner und Wetter,“ rief Mr. Crow. dem ob der langſamen Faſſungskraft ſeiner Freunde alle Geduld ausging.„Donner und Wetter, ich bin einer von Euch.“ „Einer von uns 2“ riefen die drei im Chor,„einer von uns?⸗ 137 „Ja allerdings,“ und damit that er einen tiefen Schluck,„allerdings; es lebe, was proteſtirt!“ dieſen Trinkſpruch begleitete er mit einem lauten, ſchallen⸗ den Hoch. „Wollen Sie uns beleidigen?“ rief Vater P.⸗ „Polizei, nehmt den Burſchen feſt.“ „Sollen wir uns ſo beſchimpfen laſſen?“ ſtimmten die andern Prieſter im Chor ein. „Julius I. in Oldbridgetown,“ ſang Billy,„hoch lebe das glorreiche, fromme und unſterbliche Andenken des großen und guten“— „Wache! wo iſt die Wache?“ „Und guten Königs Wilhelm, der uns gerettet hat vom Papſtthum“— „Kutſcher! Conducteur!“ kreiſchte der Pater P.. „Und Kupfergeld—⸗ „Polizei! Polizei!“ ſchrieen die Prieſter zuſammen. „Kupfergeld und Holzſchuhen! Ich frage den Teu⸗ fel darnach, wer mich hört.“ rief Billy, der in der Mei⸗ nung, die Prieſter ſcheuen ſich blos ihre Grundſätze offen zu geſtehen, entſchloſſen war, ganz allein die Vortreff⸗ lichkeit ſeiner großen Sache zu behaupten. „An den Pranger mit dem Papſt, und der Teufel werfe mit Prieſtern nach ihm!“ Bei dieſen Worten belehrte ein derber Stoß von hinten den loyalen Kämpen, daß ein ſehr zerlumptes Auditorium, welches bisher dem Schwung ſeiner Beredt⸗ ſamkeit nicht gut hatte folgen können, endlich genug be⸗ griffen hatte, um in Wuth zu gerathen. Nur dder erſte Schritt iſt ſchwer, und⸗ dies gilt hauptſächlich auch von iriſchen Raufhändeln. Selbſt der lumpigſte Bube kann den Reigen eröffnen; eine Handvoll Koth führt oft zum blutigſten Streite, und ſo erging es auch hier. Kaum hatte der Tritt von hinten unſern Helden vorwärts ge⸗ trieben, als ein gewichtiger Fauſtſchlag von vorn, gerade an's Auge, ihn wieder zuruͤckſchleuderte, und in einem Augenblick wurde der arme Deputirte zum Mittelpunkt 7 —— 138 einer Peripherie von Stößen, Schlägen, Püffen und Her⸗ umzerrungen ſo daß er nicht blos mit Orange, ſondern auch mit Blau aufwarten konnte. Er focht mannhaft, allein die Ueberzahl trug den Sieg davon, und als die Poſt wegfuhr, was ſie am Ende ohne ihn that, war der letzte, für die Paſſagiere, noch ſichtbare Gegenſtand die Geſtalt des Mr. Crow, dem ſein Hut nach eingeſchlagenem Boden über den Kopf hineingetrieben war, ſo daß er, gleich einer Cra⸗ vatte, am Halſe feſtſaß. Auf dieſe Art balgte ſich der Unglückliche mit einem zerlumpten Pöbelhaufen herum, der ihn bald durch Koth und Beulen dermaßen verun⸗ ſtaltet hatte, daß ſelbſt ein Comite der großen Loge Prahn im Stande geweſen wäre, ſeine Identität herzu⸗ ellen. Mickey dagegen und ſeine Freunde wußten ſich vor Vergnügen kaum zu faſſen, und außer den drei ehrwür⸗ digen Herrn innen war Niemand da, der nicht beſtändig über dieſes luſtige Intermezzo gelacht hätte, bis wir endlich in Dublin anlangten und in der Dawſonſtreet vor dem iriſchen Hofe anfuhren. Vierzehntes Kapitel. Dublin. Kaum war ich in Dublin angelangt, als ich nichts Eiligeres zu thun hatte, als dem Doktor Mooney meine Aufwartung zu machen, der mich auf's Herzlichſte empfing. Bei meiner gänzlichen Unkenntniß derartiger Perſonen hatte ich mir eingebildet, ein Profeſſor am Collegium müſſe nothwendig ein ſehr ſtrenger, unbeugſamer Mann ſein, und da die zwei einzigen vornehmen Männer, die ich in meinem Leben geſehen hatte, der Erzbiſchof von Tuam und der Lord Oberrichter waren, ſo dachte ich mir ein Univerſitätslehrer werde höchſt wahrſcheinlich die 139 Mitte zwiſchen beiden halten, und hegte daher ungemeſ⸗ ſene Ehrfurcht vor ihm. Der Doktor las meines Oheims Brief aufmerkſam durch, lud mich zu ſeinem Frühſtück ein und begann ſo⸗ fort mit einer Schilderung des Lebens, das mir bevor⸗ ſtehe, und worauf mich Sir Harry Boyle ſchon einiger⸗ maßen vorbereitet hatte. 1 „Ihr Herr Oheim wünſcht, daß Sie im Collegien⸗ gebäude wohnen ſollen,“ ſagte er,„und vielleicht iſt das auch beſſer. Ich muß mich alſo nach einer Wohnung für Sie umſehen, obſchon es gerade jetzt im Augenblick ſchwer halten wird, eine ſolche zu finden.“ Hier verſank er auf einige Minuten in ein Nachdenken, während deſ⸗ ſen er blos abgebrochene Sätze murmelte wie z. B.: „freilich wenn andere Zimmer zu haben wären— aber dann— übrigens er iſt ja noch jung— Frank wird über kurz oder lang hinausgeworfen werden, dann hat er die ganze Wohnung für ſich allein. O'Malley, ich, muß Sie, glaube ich, für den Augenblick zu einem etwas wilden Geſellen einquartieren; aber da Ihr Herr Oheim ſchreibt, Sie ſeien ein recht geſetzter Junge—“ dabei lächelte er ſehr verdächtig, wie wenn ihm mein Oheim Nichts der Art geſchrieben hätte—„ſo müſſen Sie ſich nur recht zuſammennehmen, bis wir eine beſſere Einrichtung treffen können. Mein Pflegbefohlener, Frank Webber, ſucht in dieſem Augenblick einen Stubenburſchen, wie man es hier nennt; ſeine letzten drei Kameraden blieben nur etliche Wochen bei ihm, und ich denke, Sie werden ſich ſchon mit ihm vertragen können, bis wir ein ruhigeres Pläͤtzchen für Sie finden.“ Während des Frühſtücks demonſtrirte mir der Dok⸗ tor weiter vor, daß mein künftiger Gefährte ein jun⸗ ger Mann von äußerſt guter Familie und bedeuten⸗ dem Vermögen ſei, der aber trotz ausgezeichneter Talente ein wildes, und verſchwenderiſches zügelloſes Leben den Ausſichten auf großen Erfolg bei einer Staatslaufbahn, die ihm, vermöge ſeiner Familienverbindung vollkommen 140 ſicher wären, vorziehe; er habe zuerſt in Orford ſtudirt, ſei aber von da fortgewieſen worden, ſodann habe er ſein Glück in Cambridge verſucht, aber auch hier in Bälde das Feld räumen müſſen. Endlich habe er gänzlich Beſ⸗ ſerung angelobt und bemühe ſich jetzt in der„ſchweigen⸗ den Schweſter“ einen Grad zu erlangen. „Es iſt dies ſein drittes Jahr,“ fuhr der Doktor fort,„und gleichwohl iſt er noch immer Aſpirant, denn er iſt durch jedes Exramen gefallen, obſchon er Talent genug beſaͤße, alle Preiſe auf der Univerſität zu ge⸗ winnen. Aber kommen Sie jetzt; ich will Sie bei ihm einführen.“ Ich folgte ihm die Treppe hinab über den Hof nach einem Winkel des alten viereckigen Gebäudes, wo im unterſten Stock linker Hand der Name Mr. Webber ſtand, und ein groſſes Nro. 2 ſehr deutlich, nicht wie es ſonſt der Brauch iſt, über, ſondern mitten auf die Thüre gemalt war. Als wir den Paatz erreichten, gingen alle Bemerkungen meines Begleiters für mich verloren in dem ſchrecklichen Getöſe und Lärm, der von innen herauskam. Es hatte den Anſchein, als ob eine Menge Leute mit einander föchten, gerade wie Räuber in einem Melodrama, mit weit mehr Larm als juſt erforderlich iſt. Eine Geige und ein Waldhorn vermehrten das Getöſe, in welchem ich jedenfalls kein Förderungsmittel des Studiums zu erkennen vermochte. Dreimal wurde die Glocke mit einer Kraft gezo⸗ gen, ſo daß ich glaubte, ſie müſſe herabſtürzen; endlich aber, als ſie doch das andere Getöſe übertäubte, wurde plötzlich Alles ſtill und ruhig: eine augenblickliche Pauſe erfolgte und die Thüre wurde von einem ſehr ehrbar ausſehenden Diener geöffnet, der ſogleich den Doktor erkannte und uns in Mr. Webbers Wohnung führte. In einem großen, elegant möblirten Zimmer, wo brüſſeler Fußteppiche und weich gepolſterte Sophas einen ſeltſamen Contraſt gegen die armſeligen, unfreundlichen Stübchen des Doktors bildeten, ſaß ein junger Mann 141 an einem kleinen Frühſtückstiſche neben dem Feuer. Er trug einen ſeidenen Schlafrock und ſchwarze Sammt⸗ pantoffel und lehnte die Stirne auf eine beinahe mäd⸗ chenhaft weiße Hand, deren Finger ſämmtlich mit ſehr ſchönen und koſtbaren Ringen bedeckt waren. Sein langes, ſeidenweiches braunes Haar wallte in reichen Locken über Nacken und Arme; ſeine ganze Haltung war von der Art, wie ein Maler ſie zum Copiren wünſchen möchte. Er war dermaßen in das vor ihm liegende Buch vertieft, daß er bei unſerer Ankunft den Kopf nicht erhob, ſondern, ohne die mindeſte Notiz von uns zu nehmen, laut fortlas. „Herr Doktor Mooney, Sir,“ ſagte der Bediente. Tby d' dαπusuevuos oodο æρstev Ayadsuwv. rezitirte der Student in höchſter Erſtaſe und ohne im Geringſten auf die Anmeldung zu achten. „Herr Doktor Mooney, Sir,“ wiederholte der Be⸗ diente lauter, während der Doktor mit verblüfftem und verwundertem Geſichte nach allen Seiten umherſchaute und vergebens nach einer Erklärung des ſo eben ſtatt⸗ gehabten Aufruhrs ſuchte. enrre»6⁶ν%, er od agedeudεxu, ouds e meidetg, las Mr. Webber, indem er eine Taſſe Kaffee auf einen Zug leerte. „Nun, Webber, ſehr fleißig wie ich ſehe,“ begann der Doktor näher tretend.. „ Ah, Herr Doktor, bitte um Verzeihung; ſind Sie ſchon lange hier,“ ſagte jetzt die ſanfteſte, einſchmei⸗ chelndſte Stimme, waͤhrend der Sprecher ſich mit den zarten Fingern über die Stirne ſtrich, gleich als wollte her die Spuren tiefen Studiums und Nachdenkens ver⸗ wiſchen. Während der Doktor mich meinem künftigen Kame⸗ raden vorſtellte, konnte ich aus ſeinen raſtlos um her⸗ ſchweifenden Blicken erſehen, daß das Getöſe, welches wi eben gehört hatte, noch immer ein Räthſel für ihn war. 142 „Darf ich Ihnen eine Taſſe Kaffee anbieten, Mr. O'Malley?“ ſagte der Jüngling beinahe ſchüchtern zu mir.„Der Herr Doktor frühſtückt, ſo viel ich weiß, ſehr zeitig.“ „He, Webber,“ begann jetzt der Doktor, der ſeine Neugierde nicht mehr zu zügeln vermochte,„was war das für ein entſetzlicher Lärm, als ich ankam? Ich meinte ganz Bedlam ſey losgebrochen. Was kann es geweſen ſeyn?“ „Ah, Sie habens alſo auch gehört, Sir?“ ent⸗ gegne Mr. Webber ſehr freundlich lächelnd. „Gehört? allerdings habe ich's gehört. O'Malley und ich konnten über dem Getöſe unſer eigenes Wort nicht verſtehen.“ „Ja, es iſt in der That höchſt unangenehm; aber was kann man machen? Man kann doch unter ſolchen Umſtänden nicht klagen?“ „Wie, was meinen Sie?“ fragte Mooney ängſtlich. „Nichts, Sir, gar Nichts. Es wäre mir lieber, Sie fragten mich nicht; übrigens will ich jedenfalls eine andere Wohnung beziehen.“ „Nun, warum denn? erklären Sie ſich auf der Stelle; ich beſtehe darauf.“ „Kann ich mich auf die Verſchwiegenheit Ihres jungen Freundes verlaſſen?“ ſagte Mr. Webber ſehr ernſt. „Vollkommen,“ erwiederte der Doktor, deſſen Neu⸗ gierde jetzt auf die höchſte Folter geſpannt war. „Und Sie verſprechen mir die Sache nicht zu erwähnen, außer höchſtens unter guten Freunden?“ „Ja, ich verſpreche es.“ „Nun denn,“ ſagte Webber in leiſem, vertraulichem Flüſtern,„es iſt der Dekan.“ „Der Dekan!“ rief Mooney entſetzt„Der Dekan! nein, nein, wie könnte es der Dekan ſein!“ „Leider nur zu wahr,“ erwiederte Webber, indem er ein Zeichen des Trinkens machte,„ja leider, Herr Doktor. 143 Wenn er dann in dieſem Zuſtande iſt, fängt er an, alle ſeine Möbel zu zerſchlagen. Etwas Aehnliches haben Sie gewiß nie gehört. Was mich betrifft, ſo muß ich, da ich jetzt fleißig zu ſtudiren angefangen habe, weg⸗ iehen.“ 4 Nun traf es ſich zufällig, daß der würdige Dekan, obſchon ein äußerſt enthaltſamer Mann, mit einer Naſe⸗ geſtraft war, deren Farbe und Entwickelung ſich als Zeuge gegen ihn erhob, und als Mooney von Webber jetzt eine umſtändliche Erzählung über die ſchrecklichen Ausſchweifungen des hochgeſtellten Beamten vernahm, ſo ſah ich, wie ſich allmälig der Glaube bei ihm einſtellte. „Aber ich verlaſſe mich darauf,“ wiederholte Webber, „daß Sie ſich gegen Niemand, außer gegen Ihre ver⸗ trauteſten Freunde, darüber äußern.“ „Nun, das verſteht ſich,“ verſicherte der Doktor, indem er ihm herzlich die Hand ſchüttelte und ſich zum Weggehen anſchickte.„O'Malley, ich laſſe Sie hier; Webber und Sie können Ihre Einrichtung mit einander beſprechen.“ Webber begleitete den Doktor bis an die Thüre und flüſterte ihm Etwas in's Ohr, worauf dieſer ant⸗ wortete:„Nun gut, ich will ſchreiben; aber wenn Ihr Herr Vater das Geld ſchickt, ſo muß ich darauf beſtehen“ — das Uebrige ging verloren in einem Schwall von Betheu⸗ rungen und Verſicherungen der feurigſten Art, inmitten deren Webber die Thüre ſchloß und in's Zimmer zurückkehrte. So kurz der Zwiſchenraum zwiſchen der äußern Thüre und dem innern Zimmer war, ſo genügte er doch vollkommen, um in Mr. Frank Webbers ganzer Erſcheinung eine höchſt merkwürdige, durchgreifende Ver⸗ änderung hervorzubringen, denn kaum trennten ihn die paar eichenen Bretter von dem Ooktor, als er nicht mehr das blöde, ſchüchterne, ſilberſtimmige Herrchen war, ſondern keck und übermüthig hervorſtürmte, ein Waldhorn ergriff, das unter einem Sophakiſſen verbor⸗ gen war, und einen furchtbaren Tuſch bhlies. 144 „Kommt hervor, Ihr Geiſter der Unterwelt,“ rief er und riß die Decke von einem großen Tiſche weg, unter welchem drei junge Männer zuſammen gekauert waren;„kommt hervor und fürchtet Nichts, Ihr zag⸗ haften Füchſe,“ fuhr er fort, indem er den Speiſeſchrank aufſchloß und zwei andere befreite.„Gentlemen, erlau⸗ ben Sie, daß ich Ihnen Mr. O'Malley vorſtelle. Mein Stubenburſche, Gentlemen, Mr. O'Malley, das iſt Harry Nesbit, der ſich ſchon ſeit den Tagen des alten Perpendicularius im College befindet, ein vortrefflicher Rechenkünſtler. Hier iſt mein ſpecieller Freund Cecil Cavendiſh, der einzige Mann, der ſich auf ſchmackhafte Bereitung der Nieren verſteht. Kapitän Power, Mr. O'⸗Malley; ein ſchmucker Dragoner, wie Sie ſehen, Adjutant Sr. Erzellenz der Lord Lieutenants und General Don Juan in Merrion Square.“ „Dieſe hier,“ fuhr er fort, indem er auf die Be⸗ wohner des Speiſeſchrankes deutete,„ſind Friſchlinge, deren Namen bis jetzt weder der Prorektor, noch das Polizeiamt kennt; aber wenn ihre weitere Erziehung gehörig geleitet wird, ſo darf man noch nicht an ihnen verzweifeln.“ „Ja, das will ich meinen,“ verſetzte Power;„aber kommt, laßt uns unſer Spiel fortſetzen. Mit dieſen Wor⸗ ten nahm er einen kleinen Folioatlas vom Tiſche, und unter demſelben kam ein bereits ausgegebenes Whiſtſpiel zum Vorſchein. Die beiden Gentlemen, die mir nament⸗ lich vorgeſtellt worden waren, machten ſich wieder an's Spiel, die zwei Ungenannten zogen ihre Borhandſchuhe an, und Alles kehrte zu der durch Doktor Mooney's Ankunft ſo plötzlich unterbrochenen Heiterkeit zurück. „Wo iſt Moore?“ fragte Webber, als er ſich von Neuem zu ſeinem Frühſtück ſetzte. „Er bereitet eine Birkhuhnpaſtete,“ antwortete der Bediente, und im ſelben Augenblick trippelte ein joviales Mannchen mit dem erwähnten Gerichte herein. „Mr. O⸗Malley— Mr. Moore, der Gentleman, 145 der nach wiederholten Vorſtellungen an die Speiſever⸗ waltung Erlaubniß erhalten hat, eine genießbare Nah⸗ rung für die Bewohner dieſer Bußanſtalt zu beſorgen, und in dem ehrenvollen Rufe ſteht, die Koſt des Col⸗ legiums um ein Namhaftes aufzubeſſern.“ „Darf ich fragen, ob Sie vielleicht mit Godfrey O'Malley bekannt ſind?“ begann Moore. „Ja, ich bin ſein Neffe,“ erwiederte ich. „Wer von Ihnen hat neulich einen Gentleman flügellahm geſchoſſen, weil er einer Flaſche oder Etwas der Art nicht ausweichen konnte?“ „Wenn Sie die Affaire mit Mr. Bodkin meinen, das war ich.“. „Ah, herrlich: ich dachte es doch gleich, daß Sie einer von unſerer Couleur ſein werden. Hören Sie's, Power, er hat den Bodklin ſo ſchön heimgeſchickt.“ „Ah, wirklich?“ verſetzte Power, ohne vom Spiel aufzuſehen; vein ſehr hübſcher Schuß, wie ich höre— zwei Honneurs— recht gut getroffen— und das Trick — Hammersley hat mir die Sache erzählt.“ „Iſt er vielleicht in der Stadt?“ fragte ich. „Nein, er iſt geſtern nach Portsmouth abgeſegelt; er muß zum 11ten. Das Spiel iſt aus— Sie haben den Robber verloren, Webber.“ „Quitte à double und ein Mittageſſen bei Dun⸗ leary,“ ſagte Webber,„wir müſſen jetzt Mr. O'Malley — zum Henker mit dem Miſter— mit ſeinem Aufent⸗ haltsorte bekannt machen.“ „Es gilt!“ Das Spiel begann von Neuem und die Borer, die ſich inzwiſchen mit der Paſtete gütlich gethan, kehrten zu ihren Handſchuhen zurück. Mr. Moore nahm die Geige zur Hand, Webber griff zu ſeinem Waldhorn, und ich war der einzige unbeſchäftigte Menſch im Zimmer. „Ich muß Ihnen denn doch ſagen,“ begann Ca⸗ Lever, OMalley. I. 10 146 vendiſh zu Webber,„daß, Dank Ihrer philantropiſchen * Bemühungen von geſtern Nacht, die Straße von Graf⸗ tonſtreet bis Stephens Green ungangbar iſt.“ Ein donnerndes Gelächter folgte dieſer Ankündi⸗ gung, und da ich den Spaß ſpäter von einem Kamera⸗ den erfuhr, ſo will ich ihn hier mittheilen. Zu den zahlreichen, eigenthümlichen Liebhabereien, die Mr. Francis Webber auszeichneten, gehörte ein un⸗ überwindlicher Hang zur Straßenbettelei. Er hatte ſchon bedeutende Summen auf ſeinen Erfolg bei dieſem mühſamen Geſchäfte gewettet und gewonnen, denn er wußte ſich ſo vortrefflich zu verkleiden und Stimme und Haltung ſo geſchickt zu verändern, daß er einmal ſogar von demjenigen, der gegen ihn gewettet, eine milde Gabe erhielt. Er ſchrieb Bänkelſängerarien mit der größten Leichtigkeit und ſang ſie mit unendlichem Pathos und Humor; das alte Weib an der Ecke von College green konnte immer einer zahlreichen Zuhörerſchaft gewiß ſeyn, wenn die rauhe Nachtluft allen andern Troubadouren ihr Publikum entführte. Da dieſe Kunſtdarſtellungen in der Regel mit einem Auflauf endeten, ſo war es höchſt ergötzlich anzuſehen, wie der Pöbel für die Sängerin Partei gegen die Pedellen ergriff, die beinahe jedesmal ein Gefecht zu beſtehen hatten, wenn ſie dieſelbe weg⸗ ſchaffen wollten. Nun gefchah es, daß am Abend zu⸗ vor Mr. Webber, ſeine Taſchen wohl mit Kupfermün⸗ zen gefüllt, von einer muſikaliſchen Reunion, die er an der Ecke von York⸗ſtreet veranſtaltet hatte, zurückkehrte, als ihm auf einmal der Gedanke kam, am Ende der Graftonſtreet ſtehen zu bleiben, wo eine hohe Steinum⸗ faſſung als Schutz für die Oeffnung eines der großen Abzugskanäle ſich befindet. Das Licht ſchien hell aus einem Paſtetenbäckerladen und zeigte die großen Steine, zwiſchen welchen das kothige Waſſer raſch hinabfloß und in den Strom ſtürzte, der mehrere Fuß weiter unten toste. In den Straßen einer lebhaften Stadt ſtehen blei⸗ 1 — im Begriff, den Behörden eine Naſe zu drehen und dem 10 147 ben, iſt unter allen Umſtänden eine Einladung für an⸗ dere Gleiches zu thun, die ſelten ausgeſchlagen wird; bleibt man aber vollends unbeweglich auf einem Flecke ſtehn und ſtarrt man unverwandt nach einer Stelle hin, ſo läßt ſich zehn gegen eins wetten, daß man, bevor eine Minute vergeht, eine Maſſe neugierigen Volkes um ſich verſammelt hat. Webber, der im Anfang ohne eine beſondere Abſicht ſtehen geblieben war, hatte kaum bemerkt, daß Andere ſich zu ihm geſellten, als er plötzlich auf den Gedanken gerieth, etwas Ordentliches aus der Sache zu machen. „He, was gibt's denn da?“ fragte ein altes Weib in einem ähnlichen Aufzug wie der ſeinige und zupfte ihn hinten am Rock. „Ei, ſeht ſelbſt hin,“ erwiederte er ſcharf, indem er niederkniete und ſehr eifrig in den Kanal ſah. „Seyd Ihr ſchon lange drinnen?“ fragte er jetzt ein blos in ſeiner Einbildung beſtehendes Individuum unten, und nach einer Pauſe, als hätte er Antwort erhalten, fügte er hinzu:„Zwei Stunden! Heilige Mut⸗ ter Gottes, er iſt ſchon zwei Stunden in der Kloake!“ Mittlerweile hatte ſich ſchon die ganze Straße an⸗ gefüllt, und es entſtand ein furchtbares Drängen und Stoßen um den wichtigen Ort her. „Woher kommt er? Wer iſt er? wie gerieth er hinein?“ ſo ertönte es von allen Seiten, und manche Vermuthungen wurden aufgeſtellt, bis endlich Webber ſich von ſeinen Knieen erhob und den Nächſtſtehenden geheimnißvoll zuflüſterte:„Er iſt heute Nacht durch den großen Abzugskanal aus Newgate entflohen und hat ſich verirrt, er wollte nach dem Liffey, iſt aber fehl⸗ gegangen.“ Was ließe ſich einem iriſchen Volkshaufen Intereſ⸗ ſanteres ſagen? Ein Verbrecher hat hier zu Lande jederzeit Anſpruch auf Sympathie; ſteht er aber vollends 148 Geſetz zu entwiſchen, ſo überſteigt ſeine Popularität alle Grenzen. Webber wußte dies wohl, und während das Gedränge um ihn her immer größer wurde, hielt er mit dem Unglücklichen eine täuſchende Unterredung, um die ihn Savage Landor hätte beneiden dürfen, und theilte dann und wann über ſeine Verhältniſſe Winke mit, die das allgemeine Intereſſe auf den höchſten Grad ſteigern mußten; tauſenderlei Auslegungen und Wendungen ver⸗ breiteten ſich nach allen Seiten,— von dem Verbrechen, das er begangen— von dem Urtheil, das über ihn ge⸗ fällt war, von dem Tag, da es vollſtreckt werden ſollte. „Seht Ihr das Licht dort, mein Lieber?“ ſagte Webber, als ein gutmüthiges Individuum ſchnell beſonnen an einem Strick eine Laterne hinabgelaſſen hatte;„ſeht Ihr das Licht? O, er iſt in Ohnmacht gefallen, der arme Burſche!“ Bei dieſen Worten erſcholl ein Schrei des Entſetzens, und gleich darauf ertönte ein allgemei⸗ ner Aufruf:„Brecht die Straße auf!“ Hacken, Schaufeln, Spaten und Brechſtangen ſchie⸗ nen die gewöhnlichen Spazierſtöcke der Verſammlung zu bilden, ſo urplötzlich waren ſie jetzt auf dem Platze angelangt, und das Ausgrabungsgeſchäft wurde mit ſol⸗ cher Anſtrengung betrieben, daß bald die halbe Straße mit Koth und Pflaſterſteinen überdeckt war. Die Ver⸗ ſammelten lösten einander abwechslungsweiſe ab, und ehe eine halbe Stunde verging, gähnte in einer der be⸗ ſuchteſten Fahrſtraßen Dublins ein Abgrund, der einen Poſtwagen hätte verſchlingen können. Mittlerweile be⸗ gannen, da keine Spur von dem Verbrecher ſich zeigte, ſchreckliche Muthmaßungen in Umlauf zu kommen. In⸗) zwiſchen hatten auch ſchon die Behörden Bericht erhalten und bemühten ſich, den Volkshaufen zu zerſtreuen; aber Webber, der fortwährend die Nachforſchungen leitete, forderte ſie auf, der Polizei Widerſtand zu leiſten und den armen Menſchen zu retten; und nun begann ein ſchreckliches Handgemenge, wobei Steine, die ſtets zur Hand waren, auf die unvorbereiteten Conſtabler flogen, 149 welche nach mannhaftem Kampf der Ueberzahl weichen mußten; man war genöthigt, eine Truppenabtheilung anrücken zu laſſen, um den Aufruhr zu dämpfen, der einen ſehr ernſthaften Charakter angenommen hatte. Mittlerweile hatte Webber ſeine Wohnung erreicht, ſeine Kleider gewechſelt und erzählte beim Abendeſſen einem von Bewunderung überfließenden Freundeskreiſe die Ge⸗ ſchichte ſeiner menſchenfreundlichen Bemühungen. Solcher Art war mein Stubenburſche Frank Web⸗ ber, und da dies die erſte Anekdote war, die ich von ihm gehört, ſo habe ich ſie hier erzählt, um meine Leſer mit den Gründen bekannt zu machen, auf welche meine Anſicht über dieſen berühmten Charakter ſich ba⸗ ſirte, während unſere Bekanntſchaft noch im Keimen war. Fünfzehntes Kapitel. Kapitän Power. Einige Wochen nach meiner Ankunft war ich im⸗ matrikulirter Student der Univerſttät geworden und Be⸗ ſitzer einiger Zimmer innerhalb der Mauern derſelben; in Verbindung mit dem reichen, bedachten Gentleman, welchen ich meinen Leſern im letzten Kapitel vorgeſtellt habe. Wären meine Abſichten beim Eintritt ins Col⸗ legium auch wirklich auf fleißiges Studium und ordent⸗ lichen Lebenswandel gerichtet geweſen, der Kamerad, an den man mich zuerſt anwies, würde in Kurzem alle ſolche Grillen verſcheucht haben. Die Morgenrepetitionen nannte er einen Unſinn, die griechiſchen Lectionen eine Albernheit, die Examinatorien dummes Zeug und die Statuten mit ihrem Anhang von Bußen und Strafen einfältige Poſſen. Es wird ſich wohl Niemand wun⸗ dern, wenn ich mit meinen ländlichen Gewohnheiten und Liebhabereien mich leicht für den luſtigeren Coder mei⸗ 15⁰ nes Freundes gewinnen ließ, und in der That waren noch nicht viele Tage verſtrichen, als mich bereits meine gänzliche Gleichgültigkeit gegen alle Geſetze und Regeln des Collegiums hoch ſtellte in der Achtung Webbers und ſeiner Gefährten. Es gereichte mir zu einer unend⸗ lich angenehmen Ueberraſchung, als ich bemerkte, daß dieſer vermeintlich trübſelige Verbannungsort ein ſehr luſtiger Aufenthalt zu werden verſprach. Unter Webbers Leitung gab es keine Stunde des Tags, die langweilig geworden wäre; um elf ſtanden wir auf und frühſtück⸗ ten; ſodann beluſtigten wir uns mit Fechten, Boxen⸗ Billard oder Ballſpiel; um drei ſtiegen wir zu Pferde und galoppirten bis zur Beſuchszeit im Phönix oder auf den Straßen umher; ſodann machten wir unſere Beſuche und gingen zum Mittageſſen, welches wir in⸗ deſſen nicht an der gemeinſamen Tafel einnahmen, ſon⸗ dern von Morriſſon bezogen— wir ſtanden beide beſtän⸗ dig auf der Krankenliſte und brauchten uns deshalb mit der ſchmalen Hauskoſt den Magen nicht zu verder⸗ ben. Am Abend wurden unſere Geſchäfte dringender; da gab es Bälle, Abendſchmäuſe, Whiſtgeſellſchaften, Skandäle im Theater, Aufläufe in den Straßen, Cham⸗ pagner bei Haye, ausgezeichnete Auſterpartien im Car⸗ lingford; kurz, es wurden alle bekannten Methoden an⸗ gewendet, um die Nacht über munter zu bleiben, am andern Tag aber bleich und reumüthig zu ſeyn. Webber hatte eine ausgebreitete Bekanntſchaft in Dublin und führte mich überall ein; beſonders gut ſtand er mit den Offizieren des—ſten leichten Drago⸗ nerregiments, bei welchen Power Kapitän war, und wir erhielten häufige Einladungen, am Regimentstiſch mit⸗ zuſpeiſen. Hier war es, wo das Militärleben ſich mir in ſeiner möglichſt verlockenden Geſtalt zeigte und meine bereits heftige Leidenſchaft für daſſelbe immer ſtärker wurde. Power vor allen andern erſchien mir als ein Ideal: er war ein munterer, keck dreinblickender junger Mann von acht und zwanzig Jahren, hatte einen Feld⸗ 151 zug in Portugal mitgemacht, war mit Leib und Seele Soldat und voll von jenem Stolz und jener Begeiſte⸗ rung für alles Militäriſche, die über junge Offtziere häufig einen gewiſſen Zauber verbreiten. Als wir das zweitemal am Offtzierstiſch ſpeiſten, kam ich neben ihn zu ſitzen und war ungemein erfreut über die vielen kleinen Aufmerkſamkeiten, die er mir erwies.„Ich war heute in Ihrer Wohnung, Mr. O'Malley, in Geſellſchaft eines Freundes, welcher ſich gewaltig ſehnt, Sie zu ſehen.“ „Wirklich?“ entgegnete ich,„es iſt mir Nichts da⸗ von geſagt worden.“ „Wir ließen keine Karten zurück, weil wir entſchloſ⸗ ſen waren, Sie jedenfalls ein andermal zu beſuchen. Mein Begleiter hat äußerſt dringende Gründe, Sie zu ſprechen. Ich ſehe,“ fuhr er fort,„Sie ſind überraſcht, und obgleich ich Verſchwiegenheit gelobte, ſo muß ich doch ſchwatzen. Sir George Daſhwood war bei mir; er erzählte uns von Ihrem höchſt romantiſchen Aben⸗ teuer im Weſten, und es unterliegt gewiß keinem Zwei⸗ fel, Sie haben der Lady das Leben gerettet.“ „War's auch der Mühe werth?“ fragte der alte Major, deſſen Eheſtandserfahrungen ſeinem Tone etwas ſehr Rauhes gaben. „Ich dächte wohl,“ antwortete ich,„und brauche, um Sie zu überzeugen, blos ihren Namen zu ſagen.“ „Einen Humpen auf ihr Wohl!“ rief Powers ſein Glas füllend,„und jeder Biedermann wird meinem Beiſpiele folgen.“ Als das Hip hip Hurrah, das dieſen Toaſt beglei⸗ tete, verrauſcht war, fand ich, daß ich von der ganzen Geſellſchaft als Retter von Luey Daſhwood mit unge⸗ meiner Aufmerkſamkeit behandelt wurde. „Sir George zerbricht ſich den Kopf darüber, wie er Ihnen ſeine Dankbarkeit beweiſen ſolle,“ fuhr Po⸗ wers fort. „Wie Schade für ſeinen Seelenfrieden, daß Sie 1⁵5² nicht Soldat ſind,“ ſagte ein anderer;„da kann man durch ſchnelle Beförderung leicht Jemanden ſeinen zarten Dank beweiſen.“ „Zum Teufel, es iſt Jammerſchade um ihn,“ ver⸗ ſetzte Power;„da machen Sie einen ſo kecken jungen Burſchen, wie nur je einer einen Säbel getragen hat, zum Advokaten.“. „Zum Advokaten!“ riefen ein Halbdutzend zugleich in einem Ton und mit einem Nachdruck, als hätte der Kapitän„Briefträger geſagt.“„Sind die Leute toll?“ „Hängen Sie dies Geſchäft an den Nagel, Sie werden es doch nicht weit bringen,“ ſagte der Oberſt; „ein junger Mann mit ſo ſchwarzen Augen wie Sie muß ſich an der Spitze einer Schwadron weit beſſer aus⸗ nehmen, als vor einem Haufen von Zeugen. Glauben Sie mir, Sie werden ſich bei einem Reiterangriff unge⸗ mein beſſer hervorthun als bei einem Prozeſſe.“ „Aber wenn ich nicht darf!“ ſagte ich. „Dann machen Sies wie ich, ſo muß es wohl ge⸗ hen,“ ſagte Power. g1 ie Sie?“ fragten zwei oder drei zugleich,„wie ie 2“— „Ja allerdings; wiſſen Sie's noch nicht, daß auch ich zum Juriſten herangebildet werden ſollte? Nun, zu O'Malley's Nutz und Frommen, wie es in dieſen ledernen Urkunden heißt, will ich die Geſchichte erzählen.“ Der Claret lief munter herum, man rückte näher zuſammen und Power begann wie folgt: „Da ich kein Freund von langen Umſchweifen bin, ſo fürchten Sie Nichts, wenn ich auch Etwas weit aus⸗ hole. Ich begann mein Leben als eine jener unglücklich⸗ ſten aller menſchlichen Erfindungen, wodurch Zufallig⸗ keiten, die den Erben des Hauſes treffen können, wieder gut gemacht werden ſollen, als eine Art häuslichen Nothmaſtes, der nur für Sturm und Ungewitter be⸗ ſtimmt iſt, als ein jüngerer Sohn. Mein Bruder Tom, ein dickſchädlicher, puddingköpfiger Affe, der für Nichts 1⁵³ Sinn hatte, als fuͤr ſeine Mahlzeiten, ſetzte ſich eines Morgens in ſein weiſes Haupt, daß er Soldat werden wolle, und obſchon ich urſprünglich dazu beſtimmt ge⸗ weſen, ſo waren doch, nachdem er kaum ſeinen Wunſch ausgeſprochen, alle Rückſichten auf meinen Geſchmack und auf meine Neigung ſchnell vergeſſen; da nun das Familienvermögen nur für Einen ausreichte, ſo wurde ich zu einem ſogenannten gelehrten Handwerke beſtimmt und ſollte mir daſelbſt meine Bahn brechen. ‚Wähle Dick,“ ſagte mein Vater mit einem äußerſt gütigen Lächeln, wähle, mein Junge, willſt Du Advokat, Pfarrer oder Doktor werden.“— „Hätte er geſagt. Willſt Du an's Halseiſen oder an den Pranger, oder willſt Du dich lieber öffentlich auspeitſchen laſſen? ſo hätte ich nicht verblüffter ſein können, als dieſe Frage mich jetzt machte.“ „Als anſtändiger Proteſtant konnte er mich nicht wohl der Kirche gönnen; als Menſchenfreund mochte er Bedenken tragen, mich zum Arzte zu machen; aber da er viel durch Prozeſſe verloren hatte, ſo ſchien er eine gewiſſe boshafte Rache darin zu finden, wenn er mich zum Advokaten beſtimmte. Nur in dem Punkt traf ich mit ihm überein, daß mir alles Talent abgehe Predigten oder Sennesblätter auszuhalten, und daß ich daher mit beiden Artikeln ſchlecht genug wirthſchaften möchte; da ich nun in der ganzen Familie für einen pfiffigen, verſchmitzten Burſchen gehalten wurde und wirklich viel angebornen Sinn zu Schelmenſtückchen aller Art hatte, ſo begann ich zu glauben, er habe Recht und die Natur habe mich zum Juriſten geſchaffen. „Von der Stunde an, da über meinen Beruf ent⸗ ſchieden war, hätte ſich die Familie kein größeres Glück denken können, als mich los zu werden. Zugleich be⸗ mächtigte ſich meiner ein gewiſſer Ehrgeiz, mich hervor⸗ zuthun, und Tag und Nacht ſann ich darüber nach, wie dies anzufangen ſei. So oft ich von einem Kniff, einer ſpitzfindigen Art, den Feind zu täuſchen, las, 154 notirte ich mir's ſorgfältig, denn ich lebte der feſten Ueberzeugung, unter Geſetz ſei weiter Nichts verſtanden als Schurkerei, und Gerechtigkeit ſei blos ein anderer Ausdruck dafür, daß man fünf gerade ſein laſſe. Meine Tage brachte ich damit zu, gerichtliche Reden an die Maͤgde und Wäſcherinnen zu halten, die Köchin peinlich zu inquiriren, den Hausknecht in Anklagezuſtand zu ver⸗ ſetzen und über den Laufbuben das Todesurtheil aus⸗ zuſprechen; letzterer wurde jedesmal ohne Gnade und Barmherzigkeit gehängt. „War das Hammelfleiſch zu weich gekocht oder der Truthahn angebrannt, ſo verfaßte ich eine Klagſchrift gegen die alte Margaretha und gegen das Küchenmäd⸗ chen als Mitſchuldige; die Familie hungerte dann, wäh⸗ rend ich meine Rechtsgründe vortrug, und ich brachte wirklich durch die Langeweile, die ich allen damit bereitete, die Juriſterei dermaßen in Mißkredit, daß mein Vater eine heilige Scheu vor Gerichtsbarkeit, Richtern und Anwälten bekam und ſich in dieſem Jahr nicht mehr bei den Aſſiſen blicken ließ, wofür er als Oberſheriff eine Strafe von fünfhundert Pfund bezahlen mußte. Tags darauf wurde ich in Ungnaden nach Dublin ge⸗ ſchickt, um meine academiſche Laufbahn zu beginnen und die übliche Quantität Ochſen⸗ und Schöpſenfleiſch zu verzehren, wodurch man zum Wollſack befähigt wird. „Jahre gingen dahin und nach fruchtloſen Verſu⸗ chen mich im Collegium emporzuſchwingen— das einzige Verhör, das ich je vorzunehmen hatte, betraf ein Jubiläumsgedicht auf den Geburtstag des Königs— wurde ich endlich an einen iriſchen Gerichtshof beordert und von meinen Freunden als Prokurator Power be⸗ grüßt. Das ganze Geſchäft erſchien mir ſo ſpaßhaft, daß ich fortwährend darüber lachen mußte, und dies war auch das Beſte, was ich thun konnte, denn ich hatte wirklich nichts Anderes zu thun. Der Gerichts⸗ ſaal war ein recht vergnügliches Plauderzimmer voll von angenehmen Burſchen, die in ihrem Leben nie ſechs —-— 1⁵5⁵ Pence verdienten. Die Gerichtsreiſen waren weiter Nichts als Landparthien, bei denen man immer allerlei Spaß, aber ganz und gar keinen Nutzen hatte. Ich meinerſeits verſah meine Dienſte als jüngſtes Mitglied zu allgemeiner Zufriedenbeit; ich wußte die Keller zu behandeln für Herbeiſchaffung des Weines zu ſorgen und war immer aufmerkſam gegen das Haupt der Rundreiſe, den widerwärtigſten alten Schurken, der ſich je einen königlichen Anwalt genannt hatte. Dieſe ausgezeichneten Eigenſchaften und das Talent, womit ich ein Lied zu Ehren unſeres Gerichtshofes zu ſingen wußte, machten mich verdientermaßen zum Liebling Aller. „Nun war der Ruf, in dem ich ſtand, für den Anfang zwar erfreulich genug, aber ich wunderte mich doch, warum mir niemals ein Prozeß zugewieſen wurde. Wenn es auch Klagſachen regnete, ſo ſiel doch, der Teufel weiß woher, niemals eine auf meinen Kopf, und es ſchien, als ob mein einziger Lebenszweck darin be⸗ ſtände, die Gerichtsreiſen als eine Art dienſtbefliſſener Generalcommiſſär mitzumachen, ohne jemals wirklich zum Amite zu kommen. Ich befand mich freilich nicht allein in dieſer Verdammniß, es waren noch verſchiedene hoffnungsvolle Jünglinge, die auf der Univerſität große Rollen geſpielt, in derſelben Lage, nur mit dem einzigen Unterſchied, daß ſie für Eiferſucht hielten, was ich blos als Vergeßlichkeit betrachtete; denn ich glaube, daß kein. Advokat in Dublin uns nur kannte. „Zwei Jahre vergingen; ich ſchritt, meine Mappe voll von Zeitungsblättern, die wie Protokolle ausſehen mußten, durch den Saal und ließ mich regelmäßig durch einen oder zwei Amtsdiener aus einem Gerichtsſaal in den andern rufen. Es wollte nicht verfangen; ſelbſt wenn ich hie und da einen Freund vom Lande ſo weit brachte, daß er in die Halle kam und in einer Ecke zwiſchen zwei Säulen eine äußerſt lebhafte Unterhaltung mit mir führte, ſo hielt ihn doch kein Menſch für einen Clienten, und ich ſah mich ganz und gar überflüſſig. 156 „Wie iſt es doch möglich, ſich auf dieſem Wege aus⸗ zuzeichnen?“ war meine ewige Frage, ſo oft ich Morgens meine Perücke aufſetzte; mein Geſicht iſt ſo bekannt, wie das des Lord Manners; Jedermann ſagt: Wie gehts, Dick? wie pfeifts, Power? aber außer Holmes, der im Vorbeigehen eines Morgens mir zurief: Ei, immer beſchäftigt? hat noch kein Menſch auf die Mög⸗ lichkeit angeſpielt, daß ich Etwas zu thun habe. „Könnte ich nur einmal feſten Fuß faſſen, dachte ich; Gott, wie wollte ich die Leute in Erſtaunen ſetzen! heißt es doch ja im Liede: Selbſt ein Rekrut Mit ein Bischen Muth Kann erſchießen den Bonaparte. So ſagte ich zu mir ſelbſt, ſollen auch dieſe Hallen von meinem Ruhme ertönen, ſobald ſich eine Gelegen⸗ heit darbietet. Aber wahrhaftig, es ſchien als hätte irgend ein verſchmitzter Advokat mich belauſcht und es ſeinen Kameraden erzählt, denn ſie mieden mich alle wie einen Ausſätzigen. Ich hatte mich in der letzten Zeit blos auf die kleineren Gerichtsreiſen beſchränkt, aus dem ſehr einleuchtenden Grund, weil ſie weniger koſtſpielig waren und mir gerade eben ſo viel Vortheil brachten als die andern, denn ich bekam ja doch Nichts zu thun. Nun gut, eines Morgens waren wir in Philippstown, ich lag wachend im Bette und dachte darüber nach, wenn ich endlich einmal dem Advokatenſtand, wo meine Ausſichten doch nicht die erfreulichſten waren, Valet ſagen wolle, als es leiſe an meine Thür klopfte. „Herein,“' rief ich. „Der Kellner öffnete bedächtig und ſtreckte mir eine große Papierrolle, die mit einem großen Bindfaden zu⸗ gebunden war, entgegen. „Was meinſt Du?' rief ich aus dem Bette ſprin⸗ gend; ‚was iſt das, Du Schurke?“ „Ein Prozeß. „Ein Prozeß; ja das ſehe ich, aber fuͤr den Pro⸗ 3 —— —.— 15⁵7 curator Kinshella im untern Stock.“ Dieſer Name war wirklich zuerſt darauf geſchrieben. „Nein, nein, Mr. M'Grath hat mir befohlen, es Ihnen ſorgfältig zu überliefern.“ „Mittlerweile hatte ich den Umſchlag geöffnet und las der vollen Länge nach meinen eigenen Namen als jüngern Anwalt in dem wichtigen Prozeß Monaghan contra M'Shean, der im Gerichtshof zu Ballinasloe verhandelt werden ſollte. ‚Schon gut,“ ſagte ich und warf das Paket nachläßig aufs Bett, als ob mir dies alle Tage vorkäme. „Aber, beſter Herr Procurator, geben Sie uns doch eine Kleinigkeit, nm Ihre Geſundheit zu trinken bei Ihrem erſten Prozeß; der liebe Gott ſchicke ſie Ihnen dann duzendweiſe zu. ‚Mein erſter Prozeß?' erwiederte ich mit einem Lächeln des unausſprechlichſten Mitleids über ſeine Ein⸗ falt; ‚ich bin todtmüde von lauter Prozeßführen: weißt du auch, Peter, daß ich ernſtlich daran dachte, mein Amt aufzugeben, als du hereinkamſt? So wahr ich lebe, es iſt kein Spaß.“ „Peter glaubte mir gewiß, denn er ſah mich mit eigenthümlich bedeutſamem Blicke an, während er ſeine halbe Krone einſteckte und ſich entfernte. „Kaum war die Thüre geſchloſſen, als ich meinem Entzücken freien Lauf ließ Da lag er endlich der lang erſehnte Gegenſtand aller meiner Beſtrebungen, und obſchon ich wußte, daß ein jüngerer Advokat bei einem Proceſſe ungefähr ebenſoviel zu thun hat, wie eine roſtige Picke bei einem Seetreffen, ſo ließ ich doch den Strom meines Glücks durch ſolche Gedanken nicht trüben. Mein Name war jetzt doch zuſammengeſtellt mit zwei gewaltigen Juriſten, und obſchon jeder dafür hundert Pfund in die Taſche bekam, ſo zweiſle ich doch, ob ſie ihre Akten mit ſo großer Freude in Empfang nahmen, wie ich. Nachdem mein Wonnerauſch ſich end⸗ lich ein wenig gelegt hatte, öffnete ich die Rolle und 158 begann ſorgfältig etwa fünfzig Seiten hindurch, die Er⸗ zahlung von einem Bache zu leſen, der früher eine Mühle getrieben hatte, nun aber aus Gründen, die wahrſcheinlich er ſelbſt oder ſeine Freunde am Beſten wußten, dies nicht mehr thun wollte, weßhalb zwei ehren⸗ werthe Nachbarn ſich jetzt mit einander herumbalgten und einen Prozeß führten, drr bereits drei Termine gekoſtet hatte. „Ohne alle Gedanken an die untergeordnete Rolle, die mir dabei zugewieſen war, eröffnete ich die Sache mit einer höchſt blumenreichen Rede, worin ich den unberechenbaren Nutzen darthat, welcher ſeit Noahs Zeiten aus Waſſerverbindungen für das Menſchengeſchlecht erwachſen, bemerkte ſofort Einiges über das Alter der Muhle und namentlich der Müller, und verwandte dann eine halbe Stunde auf allgemeine Betrachtungen, von denen ich mir einen ungeheuern Eindruck verſprach. Juſt in dem kritiſchen Augenblick, als ich näher in die Einzelnheiten des Falles eingehen wollte, kamen drei oder vier meiner arbeitsloſen Collegen auf mein Zimmer geſtürzt und unterbrachen den Gang meiner Rede. „Heda, Power, ſagte einer, komm, laß uns wenig Schlittſchuhlaufen: die Gerichtshalle iſt voll und man wird uns nicht vermiſſen.“ Schlittſchuhlaufen, mein theurer Freund,“ ant⸗ wortete ich in ſehr traurigem Tone, ‚davon kann nicht die Rede ſein; der verdammt verwickelte Fall Kinſhella und Mills läßt mir keinen freien Augenblick.“ ‚Ei, hört doch den Prahlhans, ſagte ein anderer. „‚Damit kannſt Du den Advokaten iu Dublin Etwas vormachen, uns aber nicht.“ „Ich verſtehe Dich nicht,“ antwortete ich;„da ſind die Acten, Heneſy erwartet, daß ich noch dieſen Abend darüber referiren ſoll, und ſo habe ich alle Hände voll zu thun.“ „Hier brachen alle in ein ſchallendes Gelächter aus, — 1⁵9 in welches ich, nach einigen vergeblichen Bemühungen zu widerſtehen, einſtimmen mußte. „Als unſere Luſtigkeit ausgetobt hatte, unterſuchten meine Freunde das rothe Paket und erklärten es für eine wirkliche Beſtallung, verriethen aber ein Staunen, das wirklich auf keine ſonderliche Vertrautheit mit derar⸗ tigen Gegenſtänden der Naturgeſchichte ſchließen ließ. „Nachdem ſie ſich entfernt hatten, unterſuchte ich mit Muße das hochwichtige Dokument, breitete es auf dem Tiſche vor mir aus und betrachtete es, wie etwa ein neugebackener Souverän die Karte ſeines Reichs überſchauen mag. „Endlich, ſagte ich zu mir ſelbſt, endlich, und das iſt der erſte Schritt zum Wollſack. Länger als eine Stunde ſaß ich regungslos da, meine Augen auf das ausgebreitete Papier richtend und in ein Labyrinth von Träumen ver⸗ loren. Der Ehrgeiz, den getäuſchte Erwartungen geknickt und lange Geſchäftsloſigkeit erkältet hatten, brach mit einemmale wieder hervor; alle meine Faſeleien von juri⸗ ſtiſchem Erfolg, meine geliebten Phantaſten von ſeidenen Gewändern und Präſidentenſtühlen ſtürmten wieder auf mich ein, und ich beſchloß mein Ziel zu erringen oder zu ſterben. Ach eine ganz kurze Ueberlegung zeigte mir, daß nur letzteres ausführbar war, daß mir als juͤngerem Anwalt höchſtens fünf Minuten zu einigen Gemeinplätzen vergönnt wurden, und daß ich mit dem Hauptgeſchäft des Tages, ungefähr ebenſo viel zu thun hatte, wie der Lampenputzer mit dem Erfolg einer Tragödie. „Mylord, es iſt dies ein Prozeß von Timothy Hig⸗ gud u. ſ. w.; und dann mußte ich, ohne daß Jemand weiter an mich dachte, abtreten. Wie ganz anders ſollte es ſein, wenn ich der Hauptadvokat wäre! Donner und Wetter, wie wollte ich die Zeugen in die Enge treiben, ihre Ausſagen umſtoßen, mich bei den Geſchwornen ein⸗ ſchmeicheln und die Richter auf meine Seite ſchwatzen! Wenn nur der liebe Gott in ſeiner Barmherzigkeit den alten Mills und Kinſhella vor Dienstag irgendwie au 4 180 die Seite ſchöbe, wer weiß, ob nicht dann mein Glück gemacht wäre! Dieſer Gedanke wollte mir nicht mehr aus dem Sinn, und ich ſann jetzt über alle möglichen Arten nach, wie ſich wohl in zwei Tagen zwei königliche Anwälte wegſchaffen ließen, denn ich war feſt überzeugt, daß meine eigene Erhebung ſogleich erfolgen müßte, ſo⸗ bald nur ſie mir nicht mehr im Wege ſtänden. „Zwei volle Tage trug ich mich mit dieſem Ge⸗ danken und am Abend des zweiten ſaß ich betrübt bei meiner Pinte Portwein in der Clonbrocks Arms, mit eien Freund Timothy Caſey, Kapitän der Nordceorker⸗ ilitz. „Fred!' ſagte Tim, ‚warum trinkſt Du denn gar nicht? wann kommt dieſer verdammte Prozeß vor?' „Morgen, antwortete ich mit einem tiefen Seufzer. „Nun gut, was liegt daran? Ich bin überzeugt, Du wirſt Dich wacker herausbeißen. „Ach,' verſetzte ich, ‚Du mißkennſt den Grund mei⸗ ner Betrübniß. Und nun ſchilderte ich ihm eine volle Stunde lang mein ganzes Herzeleid und war eben damit zu Ende, als ein gewaltiger Lärm auf der Straße einen neuen Gaſt verkündigte. Mehre Minuten lang war eine ſolche Aufregung im Hauſe, ein ſolches Hin⸗ und Her⸗ rennen, kurz ein ſolcher Spektakel, daß wir nicht erfah⸗ ren konnten, wer der Fremde wohl ſein möchte. „Endlich öffnete ſich dicht neben uns eine Thüre, und wir ſahen den Kellner einen ſehr ſtattlichen Gent⸗ leman in langem Ueberrock hineingeleiten mit der Ver⸗ ſicherung, daß, wenn er nur zehn Minuten in's Gaſtzim⸗ mer zu treten beliebe, ſein eigenes Zimmer dann geheizt ſeyn ſolle. Der Fremde trat alſo ein und ſetzte ſich neben das Kamin, ohne zu bemerken, daß Caſey und ich die einzigen anweſenden Perſonen— im Zimmer waren. „Heda, Phil, wer iſt der Herr?' fragte Caſey den Kellner. dieſer und verließ das Zimmer. „Der Procurator Mills, Herr Kapitän, antwortete 161 „Aha, alſo Dein Freund, bemerkte Caſey. ‚Ich ſehe es,' antwortete ich, ‚„und wünſchte von Herzen, er ſäße daheim bei ſeiner ſchönen Frau in Ler⸗ ſon⸗ ſtreet.“ „Iſt ſie wirklich hübſch?' fragte Tim. „Ja, allerliebſt, antwortete ich, ‚und er iſt eiferſüch⸗ tig wie der leibhaftige Satan.“ „Hm,“ flüſterte Tim, ‚paßt jetzt einmal auf, ich will ihm ſchon Beine machen.)’ Er ging jetzt auf einmal in eine lautere Tonart über und fuhr fort.„Ja, ich ſage Dir, Power, das iſt wieder Etwas für Euch Advokaten. Aber wer mag ſie wohl ſein? das iſt die Frage. Damit nahm er einen ſehr zerknitterten Brief aus der Taſche und ſtellte ſich als leſe er;— ‚große Senſation machte geſtern in der Nähe von Merrion⸗ ſquare das plötzliche Verſchwinden der ſchönen Mrs.— zum Henker, wie heiſt doch der Name?— was der Menſch für eine Hand ſchreibt!— Hill oder Miles oder Etwas derart— der Frau eines ausgezeichneten Advo⸗ katen, der gegenwärtig auf einer Geſchäftsreiſe begriffen iſt. Man ſagt, der luſtige Lothario ſey der glückliche.“— Ich war wie vom Donner gerührt und konnte nicht ſpre⸗ chen, der alte Herr aber ſprang ſchnell auf, als hätte er auf Nadeln geſeſſen. Caſey inzwiſchen las weiter. „Hölle und Teufel,' ſchrie der königliche Advokat auf ihn zuſtürzend, was ſagen Sie da?“ „Sie ſcheinen ganz erhitzt, alter Herr,' ſagte Caſey, lidemn er den Brief zuſammenlegte und vom Tiſche auf⸗ ſtand. „Zeigen Sie mir den Brief: zeigen Sie mir dieſen verdammten Brief, Sir, im Augenblick!“ „Ihnen meinen Brief zeigen?' antwortete Caſey; zlaſſen Sie ſich ſo Etwas nicht einfallen. Sie ſcheinen nicht recht bei Troſte zu ſeyn.“ „Kennen Sie mich, Sir? antworten Sie,' rief der Advokat in der höchſten Wuth. Lever, O'Malley. I. 11 I 162 „Im Augenblick noch nicht,' entgegnete Tim ruhig; ‚aber ich hoffe morgen Ihre Bekanntſchaft zu machen, um mir eine Erklärung über Ihren Ton und Ihr Be⸗ nehmen auszubitten. Ein furchtbares Geklingel brachte jetzt den Kellner ſchnell in's Zimmer. ‚Wer iſt dieſer— 2' fragte der Advokat auf Caſey deutend. Das Beiwort hielt er doch für gerathen unge⸗ ſagt zu laſſen. „Herr Kapitän Caſey, Sir, der kommandirende Of⸗ ſizier in unſerer Stadt.) „Ja, der bin ich, ſagte Caſey, ‚zund von Morgens fünf Uhr an vollkommen zu Ihren Dienſten. „Sie weigern ſich alſo, Sir, den Satz den Sie ſo⸗ eben vorlaſen, weiter zu erklären?* „Bravo, alter Herr, Sie haben alſo ein Privat⸗ geſpräch, das ich mit meinem Freund hatte, belauſcht. In dieſem Fall werden wir wohl beſſer daran thun auf unſer eigenes Zimmer zu gehen,’ Damit befahl er dem Kellner eine friſche Flaſche und Gläſer nach No. 14 zu bringen, nahm dann meinen Arm, wünſchte Mr. Mills ſehr höflich gute Nacht und verließ das Zimmer. Bevor wir oben anlangten, war ſchon neuer Lärm im Hauſe. Der Fremde hatte friſche Pferde beſtellt und tobte vor Ungeduld weiter zu kommen. In zehn Mi⸗ nuten rollte die Kutſche vom Hauſe hinweg, und Caſey, der zum Fenſter hinaus ſah, wünſchte ihm glückliche Reiſe. „Einen hätten wir aus dem Wege geräumt,, ſagte er dann, ‚wir haben jetzt nur noch den Kampf mit dem Zweiten abzumachen.“ „Der Wein war bald ausgetrunken, und mit ihm verſchwanden alle Gewiſſensſkrupel, die ſich im Anfang wegen der Grauſamkeit dieſer Kriegsliſt in mir geregt hatten. Kaum war die zweite Flaſche beſtellt, als wir den Wirth Salling mit Stentorsſtimme rufen hörten: „Zwei Pferde nach Goranbridge für den Herrn Procurator Kinshella.“ 16³ „Iſt das der andere Kamerad?' fragte Caſey. „Ja,“ antwortete ich. „Dann müſſen wir uns tummeln,' ſagte er. Kell⸗ ner, eine Chaiſe und zwei Pferde in fünf Minuten; hörſt Du. Mein lieber Power, ich bedarf Deiner nicht, bleib hier und ſtudire Deine Akten. Der Procurator Kins⸗ hella ſoll Dich morgen nicht ſtören.“ „Alles, was er mir von ſeinen Planen mittheilte, war, daß er dem guten Manne nichts Ernſtliches zu Leide thun werde, daß aber derſelbe in den nächſten vierundzwanzig Stunden Nichts von ſich hören laſſen ſolle. Und nun, lieber Power, fuhr er fort, ‚geh hin und gewinne den Prozeß; eine ſo gute Gelegenheit möchte ſich ſobald nicht wieder finden.' „Doch ich muß mich jetzt kurz faſſen. Am nächſten Morgen kam der große Rechtsſtreit Monaghan contra M'Shean wirklich vor, und da der Hauptadvokat fehlte, ſo beantragte der Staatsanwalt eine Vertagung. Ich indeß blieb unerſchütterlich, behauptete, ich ſey vollfom⸗ men vorbereitet, und nahm dabei einen ſolch zuverſicht⸗ lichen Ton an, daß ich den Präſidenten wirklich zum Wanken brachte. So eröffnete ich denn die Sache mit einer äußerſt glänzenden Rede und die Zeugen wurden aufgerufen; leider aber befand ich mich in einer ſo gänz⸗ lichen Unkenntniß der Angelegenheit, daß ich die ⸗Aus⸗ ſagen unſrer eignen Leute über den Haufen warf und gleich einem Trojaner für die Glaubwürdigkeit und Rechtlichkeit der meineidigen Gegner focht. Der Richter rieb ſich die Augen, die Geſchwornen ſahen einander verwundert an, die anweſenden Advokaten lachten laut auf. Gleichwohl fuhr ich holpernd und ſtolpernd mit meinen Beweiſen fort, und gegen halb fünf Uhr ſprach der Gerichtshof unter dem größten Lärm und Gelächter das Urtheil gegen uns aus, als eben der alte Kinshella mit Koth beſpritzt in's Zimmer hereinſtürzte. Er war— zehn Stunden weit weggerufen worden, um das Teſta⸗ 11 164 ment für einen Mr. Daly von Dalyberg zu machen, der in den letzten Zügen ſeyn ſollte und den Advokaten bei ſeiner Ankunft todt zu ſchießen drohte, weil er ſeine Familie unnöthigerweiſe beunruhigt habe. Das Uebrige iſt bald erzählt: die Prozeſſirenden verlangten eine neue Unterſuchung, ich aber kam um meine Entlaſſung ein. Ich entſagte der Rechtsgelehrſamkeit, denn ſie hatte mir verſagt; ich trat als Freiwilliger in das tapfere 14. und geſtehe ehrlich, daß ich noch keine Minute bedauert habe, in dem berühmten Prozeß Monaghan contra M'Shean nicht gluͤcklicher geweſen zu ſein.“ Von Neuem ging der Claret munter herum, man fprach weiter über Powers Erzählung und manche Anek⸗ dote aus dem Kriegsleben wurde erzählt, die meine Sehnſucht nach dieſer Laufbahn immer höher ſteigerte. „Noch eine Flaſche, Major,“ ſagte Power. „Von Herzen gern,“ antwortete der roſenwangige kleine Offizier, indem er hinter ſich griff und klingelte: „jetzt aber müſſen Sie uns Eins ſingen.“ „Ja ja, Power,“ riefen drei oder vier zugleich; „ſingen Sie uns den iriſchen Dragoner, und wäre es auch nur, um Ihren Freund O'Malley hier zu bekehren.“ „Nun, ſo ſey es denn,“ ſagte Dick, und hob fol⸗ gendermaßen an: Der triſche Dragoner. Der ir'ſche Dragoner hat ſtets guten Muth, Ob im Feld er auf Stroh, ob beim Liebchen er ruht, Mit Tartſche und klingenden Sporen. Sein Antlitz iſt heiter, ſein Schritt iſt ſo feſt, Und wenn er ſein Auge rollen läßt, So bebet der Feind, doch ſein Mädchen lacht Und ſchickt ihn vertrauend hinein in die Schlacht Mit Tartſche und klingenden Sporen. Und ſcherzend hebt er das Glas in die Höh', Und ſcherzend ſprengt er auf das Quarré Mit Tartſche und klingenden Sporen. 165⁵ Und ſingend ſchwinget er ſich auf ſein Pferd, Und ſingend ſchwingt er ſein ſchwirrendes Schwert, Und folget den Hörnern mit lauten Hurrah, Und jagt die Franzoſen von ferne und nah, Mit Tartſche und klingenden Sporen. Und fröhlich reitet er nach dem Gefecht Zur Biwacht und ſetzt ſich ans Feuer und zecht Mit Tartſche und klingenden Sporen. O ſehet dann unter Kamraden den Held, Wie das Glas in der Hand, auf erobertem Feld, Er jubelt, daß weit durch die Nacht es erklingt, Und dem grünen Erin ein Lebehoch bringt, Mit Tartſche und klingenden Sporen. Es war ſpät, als wir aufbrachen; aber unter all den Erinnerungen an den vergnügten Abend blieb mir⸗ keine ſo tief ins Herz gegraben, als die an den ſorg⸗ loſen, frohlichen Ton in Powers männlicher Stimme; als ich gegen Morgen in tiefen Schlaf verſank, umtön⸗ ten mich beſtändig die Verſe des iriſchen Dragoners und folgten mir noch ins Reich der Träume. Sechzehntes Kapitel. Der Prorector. Ich befand mich bereits einige Wochen in den Mauern der Univerſität, hatte aber noch immer meinen Empfehlungsbrief an Doktor Barret nicht abgegeben. Ich weiß ſelbſt nicht, wie es kam, aber meine Gedanken und Beſchäftigungen hatten mir wenig Muße gelaſſen, über Univerſitätsangelegenheiten nachzudenken, und die von meinem Freund Sir Harry behauptete Nothwendig⸗ keit in dem hochgelehrten und talentbegabten Individuum, an welches ich accreditirt war, einen Gönner zu erhal⸗ ten, hatte ich bis jetzt nicht einzuſehen vermocht. Wie 1 166 lang dieſe Gleichgültigkeit wohl noch angedauert hätte, wenn mir nicht ein Zufall die Bekanntſchaft des Doc⸗ tors verſchafft haben würde, vermag ich natürlich nicht zu ſagen. Wäre es mir nicht darum zu thun, eine wahre Ge⸗ ſchichte meines Lebens zu ſchreiben, zumal da die darin vorkommenden Ereigniſſe und Charaktere manchen noch lebenden Perſonen bekannt ſind, ſo müßte ich in der That vor jedem Verſuch, dieſen höchſt merkwürdigen Mann zu beſchreiben zurückſchrecken, denn Alles an ihm war ſo ſonderbar und excentriſch, daß ſelbſt die ſchwach⸗ ſte, unvollkommenſte Skizze leicht den Anſchein einer Karrikatur gewinnen könnte. Doktor Barret war zur Zeit, von der ich ſpreche, etwa ſechzig Jahre alt, kaum fünf Fuß hoch, und auch dieſes Miniaturgeſtältchen wurde noch durch eine bedeu⸗ tende Krümmung des Rückens verkleinert. Sein Geſicht war mager, ſpitzig und rothbraun, ſeine Naſe ſo adler⸗ ſchnabelartig, daß ſie mit dem hervorſtehenden Kinn bei⸗ nahe zuſammenlief, und ſeine kleinen grauen, aber am Rande rothen Triefaugen, ſchauten unter einer ſtark ab⸗ getragenen Mütze mit einer Miſchung von Furcht und Argwohn hervor. Er trug einen ſchwarzrothen, faden⸗ ſcheinigen, an mehreren Orten geflickten Rock, und ein paar braune lederne Pantoffeln, viel zu groß für ſeinen Fuß, gaben ſeinem Gange etwas Schleppendes und ſei⸗ ner ganzen Erſcheinung etwas unbeſchreiblich Gemeines. Ein ſchon ſeit zwanzig Jahren getragener, von gelehrtem Schulſtaube beſchmutzter und befleckter Oberrock bedeckte die garſtigen Beinkleider und vollendete den Aufzug einer Figur, in welcher ein junger Student mit dem beſten Willen kaum den Prorector der Univerſität zu erkennen vermochte. So viel von ſeinem Aeußern. Was ſeinen innern Gehalt betraf„ſo hat ein größerer oder gründli⸗ cherer Gelehrter niemals die Hallen eines Collegiums geſchmückt; er war ein ausgezeichneter Grieche, wohlbe⸗ wandert in hundert Dialecten, ein tüchtiger Orientaliſt⸗ 167 Kenner aller orientaliſchen Sprachſtämme, fähig mit einem Braminen ſich zu unterhalten oder mit einem perſiſchen Geſandten zu plaudern. Neben einem uner⸗ ſättlichen Wiſſensdurſt beſaß er ein beinahe lächerliches Gedächtniß, denn er konnte ſelbſt die unbedeutendſten Kleinigkeiten behalten; kein Charakter in der Geſchichte, kein chronologiſches Datum war ihm unbekannt, und an ihn wandten ſich die Zeitgenoſſen in zweifelhaften beſtrit⸗ tenen Fällen um Aufſchluß, wie man ein Wörterbuch oder eine Encyclopädie zu Rathe zieht. Bei all dieſen umfaſſenden und gründlichen Kenntniſſen war er in welt⸗ lichen Angelegenheiten ein bloßes Kind. Außer die Mauern des Collegiums hatte er ſich ſeit vierzig Jah⸗ ren kaum zwanzigmal gewagt, und er wußte ſchlechter⸗ dings Nichts von der geräuſchvollen, geſchäftigen Welt, die um ihn her tobte und ſich regte; ſein weiteſter Aus⸗ flug war bis zur Bank von Irland, welcher er gelegent⸗ lich Beſuche machte, um die Ueberſchüſſe ſeines reichli⸗ chen Einkommens anzulegen und auf dieſe Weiſe noch den Reichthum zu vermehren, welcher ihm bereits den wohlverdienten Ruf des wohlhabenſten Mannes auf der Univerſität zugezogen hatte. In Folge ſeines ſeltenen Verkehrs mit der Welt war er in Bezug auf ſeine Gewohnheiten und Gebräuche beinahe ganz derſelbe geblieben, wie er beinahe ein halb Jahrhundert vorher in das Collegium getreten und da er buchſtäblich von unten auf gedient hatte, ſo klebten ihm alle die Eigenheiten in Stimme, Ton und Aus⸗ ſprache, die ihn als Jüngling ausgezeichnet, auch im hohen Alter noch an. Es war dies ſeltſam genug und bildete einen ſehr ſpaßhaften Abſtand gegen den gelehr⸗ ten Ton ſeiner Unterhaltung; inzwiſchen hatte er noch eine andere, bei weitem auffallendere Eigenheit. Als er Profeſſor wurde, mußte er ſich den akademiſchen Ge⸗ ſetzen zufolge ordiniren laſſen, und dies that er, wie er einen rothen oder blauen Hut als Baccolaureus der Rechte oder als Doktor der Medizin angenommen haben 168 würde, und dachte nachher nicht mehr daran; aber in ſeinen Augenblicken zorniger Aufregung vergaß er den ehrwürdigen Charakter, womit er bekleidet war, gänz⸗ lich und brach zum unmäßigen Ergötzen ſeiner Zuhörer plötzlich in ſchreckliche Flüche aus, die er, nachdem ſie einmal geſprochen waren, mit tiefer Beſchämung und Zerknirſchung bereute. Dieſe Flüche waren höchſt eigen⸗ thümlicher Art und mancher loſe Streich wurde nur deßhalb geſpielt, um den gelehrten Prorector auf ſeinem Lieblingsausruf, der ſich weder an Ort noch an Geſell⸗ ſchaft band:„Möge ich ein Engel des Satans werden!“ zu ertappen. Mein Bedienter Mickey, der ſich bald mit allen Originalen um ihn her bekannt gemacht hatte, war die Urſache, warum ich zum erſtenmal vor dem Doktor er⸗ ſcheinen mußte, der mich wegen Unehrerbietigkeit gegen die Häupter der Univerſität vor ſich rufen ließ. Die Geſchichte war kurz dieſe:— Mickey hatte unter Anderem viel von dem unermeßlichen Reichthum und der großen Sparſamkeit des Doktors gehört, von der Gier, womit er bei jeder Gelegenheit Geld zuſam⸗ menſcharre und ſelbſt die unbedeutendſten Kleinigkeiten ſeinen Gewinnſten beifüge. Er beſchloß daher ſich auf Koſten dieſes Charakterzugs einen Spaß zu machen und ging dabei folgendermaßen zu Werke: er bohrte in ein Halbpfennigſtück ein Loch, zog einen Bindfaden hindurch und legte es auf des Doktors Treppe, während er ſelbſt auf der entgegengeſetzten Seite des Hofs, verborgen durch eine kleine Ecke, auf der Lauer lag. Dann war⸗ tete er geduldig, bis die Kapellenglocke läutete, bei deren erſten Schlägen die Thür aufgieng und der Doktor her⸗ vorkam. Kaum war er auf dem erſten Tritt, als er das Geldſtück ſah und ſich ſogleich bückte, um es auf⸗ zuheben; aber in demſelben Augenblick, da er es beinahe berührte, entſchlüpfte es ihm und zog ſich langſam zu⸗ rück. Er verſuchte es von Neuem, aber mit gleich ſchlechtem Erfolg. Endlich glaubte er die Entfernung 169 nicht richtig berechnet zu haben, kniete alſo förmlich nie⸗ der und ſtreckte die Hand aus; aber ſiehe da, es ent⸗ ſchlüpfte ihm wieder. Nun erhob er ſich langſam, ſchlenkerte der Kapelle zu und ſagte zu dem älteſten Pro⸗ feſſor an der Thüre:„Ich will verdammt ſeyn, Wall, wenn ich nicht ein Halbpfennigſtück habe gehen ſehen.“ Bei dem ernſten Charakter des Mannes, den er ſo anredete, kann man wohl denken, wie eine ſolche Sprache aufgenommen wurde; inzwiſchen war Mickey vom Thür⸗ ſteher geſehen und als mein Bedienter angegeben worden. Ich machte mir eben das Vergnügen, beim Früh⸗ ſtück die Anecdote einer großen Geſellſchaft zu erzählen, als eine Citation kam und ich aufgefordert wurde, als⸗ bald vor dem Univerſitätsgerichte zu erſcheinen, das im feierlichen Conelave im Examensſaale ſaß. So ſchnell als möglich legte ich mein academiſches Gewand an und erſchien, geleitet von dem hochachtbaren Beamten Mr. M'Aliſter, vor den hochgelehrten Häuptern. Die Mitglieder des Univerſitätsgerichts, den Pro⸗ rector an ihrer Spitze, ſaßen an einer mit Büchern, Pa⸗ pieren u. ſ. w. bedeckten langen eichenen Tafel, und aus dem Stillſchweigen, das ſie beobachteten, als ich heran⸗ kam, ſchloß ich, daß ein höchſt feierlicher Auftritt im Anzuge ſey. „Mr. O'Malley,“ begann der Dekan, meinen Na⸗ men von dem Papier ableſend, das er in der Hand hielt, „Sie ſind auf Verlangen des Herrn Prorectors hierher citirt, und werden jetzt ſeine Fragen beantworten.“ Ich verbeugte mich; dann erfolgte eine Pauſe von mehreren Minuten, endlich aber heftete der gelehrte Dok⸗ tor, nachdem er ſeine Beinkleider mit beiden Händen in die Höhe gezogen, ſeine alten Triefaugen ſtarr auf mein Geſicht und begann mit einer Stimme, deren Gemein⸗ heit kein Miethkutſcher hätte überbieten können, folgen⸗ dermaßen zu krächzen: „ He, O'Malley, Sie ſind quartus, wenn ich nicht irre, nicht wahr?“ 4 170 „Ich glaube nicht,“ antwortete ich;„ſo viel ich weiß, bin ich der Einzige dieſes Namens, der auf der Liſte ſteht.“ „Es iſt wahr, aber es waren vor Ihnen drei O'Malley's hier. Godfrey O'Malley, der calve Ne- roni mit Nero der Calviniſt überſetzte, ha ha ha!— wurde 1788 relegirt.“ „Mein Oheim, Sir, wie ich glaube.“ „Höchſt wahrſcheinlich, nach Allem, was ich von Ihnen höre— ex uno u. ſ. w. ich ſehe, Ihr Name ſteht täglich auf den Strafliſten. Spät aufſtehen, nie⸗ mals in der Kapelle, ſelten in den Morgenrepititionen. Hier, da ſind Sie ſchon wieder; ſechzehn Schillinge, weil Sie einen rothen Rock getragen,“ „Ich ſah hierin nichts Böſes, Herr Doktor.“ „Ei, merken Sie ſich's wohl, anſtändige Klei⸗ dung heißt es in den Statuten. Ferner halten Sie eine Menge Raubthiere, gefährlich in ihren Gewohnhei⸗ ten und gräulich anzuſchauen.“ „Ein Bullenbeißer, Sir, und zwei Kampfhähne ſind die einzigen Thiere in meiner Haushaltung.“ „Schon gut, ich werde Sie dafür büßen.“ „Ich glaube, Herr Doktor,“ flüſterte der Dekan leiſe, daß Sie deshalb keine Strafe verfügen können.“ „Allerdings kann ich's; Singvögel, heißt es in den Statuten, ſind innerhalb der Mauern verboten.“ „Und dann haben Sie mich am Freitag im Speiſe⸗ ſaal mit einem Stück Spiegelglas geblendet. Ich ſah Sie wohl. Schlag der Teufel— ei, was wollt ich doch ſagen?— Ja, das gehört unter die Rubrik:„Reflexe auf die Häupter des Collegiums werfen;“ und Ihr Bedienter war auch dabei, dieſer Michaelis Liber, Mickey Free— mögen die hölliſchen Flammen— hm, hm, ein unverſchämter Bedienter das, nannte mich einen Schornſteinfeger.“ 3 „Sie, Herr Doctor, unmöglich!“ ſagte ich mit erkünſteltem Abſcheu. 171 „Ja, ja, ſehen Sie mich nur an, denn es iſt wahr: ich ſchaute mich überall um und es war außer mir kein anderer Schornſteinfeger zugegen. Der Satan— ei, Gott verzeih mir das Fluchen! Ich ſtrafe Sie dafür um ein Pfund.“ „Da ich ſah, daß der Doktor eine ſolche Bahn ein⸗ ſchlug, ſo beſchloß ich, trotz der erhabenen Gegenwart der übrigen Herren Richter die Wirkſamkeit von Sir Harry's Empfehlungsſchreiben zu erproben, das ich für den Fall der Noth zu mir geſteckt hatte. „Ich bitte um Verzeihung, Sir, wenn ich eine unpaſſende Zeit wähle; aber dürfte ich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen dieſen Brief zu übergeben?“ „Ha! ich kenne die Hand; es iſt Boyle. Boyle secundus. Ha, ha, ha: mein junger Freund und ſtehen Sie ihm mit Ihrem Rathe bei? Ja allerdings! Das verſteht ſich. Ei, hören Sie einmal, junger Mann, hat Ihnen Boyle Nichts von der in Pergament gebundenen Ausgabe des Erasmus geſagt, die ich 1782 an ihn verkaufte?“ „„Ich glaube in der That nicht, Sir,“ ſagte ich zweifelnd. „Nun, das hätte er doch thun ſollen. Er ſchuldet mir noch zwei Schillinge und vier Pence.“ „Ah, bitte um Verzeihung; jetzt erinnere ich mich erſt, daß er mir aufgetragen hat, Ihnen dieſe Summe zu bezahlen; aber er hatte den Brief bereits verſiegelt, als es ihm einfiel.“ „Beſſer ſpät als nie,“ ſagte der Doktor huldreich lächelnd;„wo iſt das Geld? Ah, eine halbe Krone; ich habe gerade keine zwei Pence bei mir, doch es ſcha⸗ det Nichts. Gehen Sie jetzt, junger Mann; die Sache iſt erledigt: vehementer miror quare huc venisti, Sie taugen zu Allem mehr, als zum academiſchen Leben. Kommen Sie früher nach Hauſe, denken Sie an ihre Lektionen und entlaſſen Sie dieſen Michaelis Liber. Ja! ja! Möge ich ein Engel des Sat...— hm, das 172 heißt—" ſo ſprechend ſchob mich der kleine Dockor hin⸗ weg, ſichtbarlich hoch vergnügt darüber, daß ich ihm Bezahlung ſeiner längſt verloren geglaubten zwei Schil⸗ linge und vier Pence einen ſchweren Stein vom Herzen genommen hatte. Dies war mein erſtes und letztes Zuſammentreffen mit dem hochwürdigen Prore ctor, und es machte auf mich einen Eindruck, welchen alle ſpätern Jahre nicht ſchwächen, viel weniger verwiſchen konnten. Siebenzehntes Kapitel. Das Trinitätscollegium.— Eine Vorleſung, Ich war noch nicht lang Bewohner von Old⸗Tri⸗ nity, als der ſchmeichelhafte Ruf, den ſich mein Stuben⸗ burſche Mr. Francis Webber erworben, auch auf mich überging; wir galten allgemein für die unbändigſten, ungezogenſten, ungeſetzlichſten Menſchen auf der ganzen Univerſität. Waren die Lampen auf den Höfen ausge⸗ löſcht und das ganze Collegium in kimmeriſche Dunkel⸗ heit verſetzt, ſo wurden wir vor den Dekan eitirt; war dem Prorector eine Serenade mit Pauken und Trompeten gebracht worden, ſo betrachtete man dieſe Aufmerkſamkeit als einen Ausfluß unſerer Liebhaberei für die Muſik; jagte ein plötzlicher Feuerlärm die Morgenverſammlung in der Kapelle auseinander, ſo wurden die Studioſt Webber und O'Malley vor Gericht geſchleppt, und ich muß den geſtrengen Herren die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie ſchon die unbedeutendſten, zufälligſten Zeichen für hinreichend hielten, um ein Verdammungsurtheil darauf zu gründen. Leute, denen es wirklich ums Studiren zu thun war, mieden unſern Theil des Gebäudes wie die Peſt. Unſere Thüren ſtanden gleich denen eines gewiſſen klaſſiſchen Bezirkes, wovon ein lateiniſcher Schriftſteller erzählt, Tag und Nacht offen; ſchnurrbärtige Dragoner, 173 auffallend gekleidete Kutſcher, die mit Vieren vom Bock fuhren, Fuchsjäger in ihrer blaßrothen Tracht, die eben nach dem Dubber auszogen oder kothbedeckt von einer Streiferei mit ihren Hunden zurückkehrten, liefen beſtändig aus und ein. Drinnen aber war ein Lärm und Wirr⸗ warr, der mehr auf den Speiſeſaal einer Offiziersgeſell⸗ ſchaft Nachts um elf, als auf Studierſtuben ſchließen ließ, während wir, um krank zu ſcheinen und den Be⸗ trachtungen zu entgehen, welche das Tageslicht gelegent⸗ lich mit ſich führt, die Fenſterläden fortwährend geſchloſſen hielten und dagegen beſtändig Lampen und Lichter bren⸗ nen ließen. So ſah es in den ſchönen Tagen, von denen ich ſpreche, auf Nr. 2 aus. Alle Schrecken der Strafen und Bußen fielen unſchädlich auf das Haupt meines würdigen Stubenburſchen; gleich einem wohlbekannten politiſchen Charakter, welcher ſich vor vielen Jahren den Spaß machte, Parlamentsacten ein Schnippchen zu ſchlagen und die Gewalt des Geſetzes zu verhöhnen, ſo ging Mr. Webber ſeines Wegs, immer an das verbotene Gebiet anſtreifend, aber ſelten ſo entſchieden hinübertre⸗ tend, daß er ſich die große Strafe der Relegation hätte zuziehen können. Er hatte ſich eine ſolche Gewandtheit in ſeinen Vertheidigungsreden und eine ſolch genaue Kenntniß der Univerſitätsgeſetze erworben, daß es ſehr ſchwer hielt, ihn eines Verbrechens zu überführen, und ſelbſt wenn dies geſchah, wußte er immer Milderungs⸗ gründe anzuführen, die ſelten den gewünſchten Erfolg verfehlten. Es lag in ſeinem ganzen Weſen eine gewiſſe Hold⸗ ſeligkeit, Milde und Schüchternheit, welche die würdigen Häupter des Collegiums jedesmal in rathloſe Verlegen⸗ heit verſetzten; daß der blaſſe, zarte Student, deſſen hektiſcher, kurzer Huſten allen Umſtehenden bange machte, der lärmende Waldhornvirtuos oder der gefürchtete An⸗ greifer der Nachtwächter ſeyn ſollte; dieſer Gedanke hatte wirklich etwas zu Abgeſchmacktes, als daß man daran glauben konnte; und wenn Mr. Webber vollends, die 174 Hand auf dem Herzen, mit ſeiner ſüßeſten Stimme ver⸗ ſicherte, daß er jede Stunde, welche er nicht auf die Preisaufgabe verwende, in der erquickenden Geſellſchaft einiger weniger auserleſener Herzensfreunde von hoher, literariſcher Bildung zubringe, die aus Rückſicht auf ſeine ſchwächliche Geſundheitsumſtände— hier pflegte er zu huſten— ſo gütig ſeyen, ein Stündchen bei ihm zuzu⸗ bringen, ſo war die Täuſchung vollendet. Ueberdies war die Geſchichte von des Dekans lärmenden Gewohnheiten allmälig bekannt geworden, und ſo ließ man in der Regel die Anklage geradezu fallen. Gleich den meiſten Müßiggängern hatte Webber nie einen Augenblick übrig. Studien ausgenommen gab es Nichts, was er nicht that. Pferde zu einem Wettrennen im Phönix zuzureiten, Waſſerpartien, oder auch, wenn er ein paar unerfahrne Gelbſchnäbel auftreiben konnte, Scheinduelle zu veranſtalten, das waren ſeine täglichen Beſchäftigungen. Ueberdies ſtand er an der Spitze vieler organifirten Verbindungen, die zu allerlei wohlthätigen Zwecken geſtiftet waren. Die eine hieß Nachtwächter⸗ verblüffungsgeſellſchaft, die andere das Miniſterium der Arbeiten, und der Hauptzweck der letztern war auf die Verſchönerung der Univerſität gerichtet, worauf ſie be⸗ ſtändig hinarbeitete, indem ſie mit Hülfe von etwas ſchwarzer Farbe, einer Leiter und etlicher Pfund Pulver gar manche, bedeutſame Veränderungen vornahm. An einem Examensmorgen konnte man Hunderte unglücklicher Füchslein in den Höfen umherirren und vergebens ſich abmühen ſehen, um die Wohnung ihres Lehrers aufzu⸗ ſuchen, denn die Namen hatten Veränderungen erlitten, die jede Spur der urſprünglichen Bewohner unaufſindbar machten. Aus Doktor Francis Mooney(Mondauge) war ein Doktor Full Moon(Vollmond) geworden— Doktor Hare(Haſe) war mittelſt Aenderung zwweier Buchſtaben in einen Doctor Ape(Affe) umgewandelt— Romney Robinſon in Romulus und Remus u. ſ. w. Während nun bei derartigen Vorkommniſſen Mr. Franks 175⁵ Abſichtlichkeit außer allen Zweifel ſtand, ſo waren ſeine Plane manchmal doch ſo fein und ſchlau angelegt, daß es ſehr ſchwer wurde zu entſcheiden ob der Unfall, der irgend einen unglücklichen Bekannten betroffen, das Er⸗ gebniß eines wirklich angelegten Planes oder eines bloßen Zufalles ſey, und gutmuͤthige Menſchen bedauerten nicht ſelten den armen Frank wegen ſeiner Unkenntniß irgend einer Regel oder Etikette, gegen die er ſchon lange plan⸗ mäßig geſündigt hatte. Unter die letztere Rubrik gehörte ein Streich, den er um dieſe Zeit ſpielte, und an welchen ſich vielleicht einige Leſer dieſer Zeilen erinnern werden. Der Dekan hatte gehört(und wahrhaftig die Vor⸗ bereitungen waren nicht darauf angelegt, die Sache geheim zu halten), daß Webber an einem beſtimmten Tag einer Geſellſchaft von Freunden ein Mittagsmahl geben wolle, und ſandte ihm daher den beſtimmteſten Befehl zu, an der gemeinſchaftlichen Tafel zu erſcheinen, da ſein Name aus der Krankenliſte geſtrichen ſey; zugleich gab er ihm nicht undeutlich zu verſtehen, daß jede Wei⸗ gerung von ſeiner Seite eine ſtrenge Unterſuchung in Betreff der wahren Gründe ſeines früheren Ausbleibens zur Folge haben würde. Was war zu thun? Heute, gerade heute, ſollte das Gaſtmahl ſtattfinden. Allerdings waren die meiſten der Gäſte Mitſtudirende, welche die Schwierigkeit wohl zu würdigen wußten; allein es waren doch auch einige andere dabei, Offiziere vom 14., mit denen er ſchon ſo oft geſpeiſt hatte, und die er nicht ſo leicht wegſchicken konnte. Die Sache war ſchwierig, aber Webber war auch der Mann für Schwierigkeiten und liebte ſie über Alles. Nach kurzer Ueberlegung ſetzte er ſich nieder und ſchrieb an ſeine Freunde in der königlichen Kaſerne wie folgt: „Lieber Power— ich habe einen beſſern Plan für den Dienstag, als der urſprüngliche war. Frühſtückt hier um drei Uhr(wir könnens auch Mittageſſen nennen) in dem Saal mit den großen Bierkannen; ich kann we⸗ nigſtens ſo viel verſprechen, daß die Geſellſchaft herrlich 176 iſt. Nachher fahren wir nach Lucan, nehmen dort unſern Kaffee, Erdbeere u. ſ. w. ein und kehren um zehn zum Nachteſſen auf Nr. 2 zurück. Benachrichtigen Sie Ihre Kameraden von dieſer Umänderung und ſeyen Sie in⸗ zwiſchen beſtens gegrüßt von Ihrem Frank Webber.“ In Folge dieſes Briefes ſah man, als es drei Uhr ſchlug, ſechs martialiſche leichte Dragoner langſam in der Mitte des Speiſeſaales heraufſchlendern, begleitet von Webber, der im vollen akademiſchen Koſtüm behaglich den Cicerone machte und ſeinen Freunden die Vortreff⸗ lichkeiten der höchſt merkwürdigen Gemälde auseinander⸗ ſetzte, womit die Wände geſchmückt waren. Die Thürſteher waren überraſcht über die ſeltſam gewählte Stunde zur Gemäldeſchau, aber wie ſtaunten ſie erſt, als die Kriegsmänner am Ende des Saales, ſtatt wieder umzukehren, mit der größten Gemüthsruhe ihre Degenkoppeln losſchnallten, ihre Degen in eine Ecke ſtellten und ſich ſodann an der Profeſſorentafel zwiſchen der vereinten Weisheit griechiſcher Lectoren und könig⸗ licher Profeſſoren niederließen, als wären dieſe Sterbliche, gleich ihnen. Kaum war das lange lateiniſche Gebet geſprochen, als Webber ſich über den Tiſch bog und ſeinen Freunden ſehr vernehmlich zuflüſterte, daß ſie, wenn ſie uüͤberhaupt zu ſpeiſen gedenken, keine Zeit zu verlieren haben. „Wir pflegen hier wenig Umſtände zu machen, Gent⸗ lemen, zumal da Alles ziemlich nahe beiſammen iſt,“ ſagte er, indem er die Suppe herbeizog und ſich ſelbſi bediente. Der gute Rath blieb nicht unbenützt, denn mit einer Fertigkeit, die man nur im Felde lernt, bemeiſterte ſich jeder eines naheſtehenden Gerichts, und die guten Sachen, die auf den Tiſch kamen, wurden ſehr ſchnell expedirt. Vergebens ſah der älteſte Lector aus wie der Tod; vergebens zog der Profeſſor der Aſtronomie finſter die Augen zuſammen; vergebens war die ganze gelehrte 177 Genoſſenſchaft wie vom Donner gerührt— ja ſelbſt der arme Prorector, obſchon den Freuden der Tafel ſehr ergeben, konnte keinen Biſſen an den Mund bringen, ſondern murmelte zwiſchen den Zähnen—„Möge ich ein Engel des Satans werden, es ſind Dragoner.“ Als der erſte Schreck vorüber war, kamen die Pedellen, er⸗ klärten ſchüchtern, daß außer den Profeſſoren und Stu⸗ denten der Univerſttät Niemand zur Tafel zugelaſſen werde. Webber dagegen demonſtrirte ihnen vor, dies müſſe ein Irrthum ſeyn, und es ſey nirgends ein Geſetz vorhanden, wodurch das 14. leichte Dragonerregiment ausgeſchloſſen werde, was er gegen Jedermänniglich zu beweiſen ſich erbiete. Mittlerweile nahm das Mittag⸗ eſſen ſeinen guten Fortgang; Power und ſeine Kameraden thaten ſich mit großem Wohlbehagen an den Rinder⸗ und Hammelbraten gütlich und bedauerten nur von Zeit zu Zeit die höchſt zweckwidrige Abweſenheit von Wein, gaben auch zu verſtehen, daß ſie, wenn ſie je wieder hier ſpeiſen ſollten, Servietten erwarteten. So großen Aerger nun auch dieſe Gäſte ihren Wirthen an der obern Tafel verurſachten, unten im Saale wurde dagegen unaufhörlich gelacht; aber lange vor Ablauf der Stunde ſchlichen ſich die Lehrer davon und überließen es Mr. Franks Webber, allein die Honneurs zu machen. Als er am folgenden Morgen deßhalb citirt wurde, ſchob Webber die ganze Schuld auf ſeine Freunde und erklärte, er würde ſich, wenn er ihnen ihr Eindringen hätte verwehren wollen, jedenfalls in Duelle verwickelt haben, was doch für einen Mann der Wiſſenſchaft gewiß etwas Entſetzliches wäre. Nur ſein feiner Takt konnte ihn bei dieſer Gelegenheit retten, und er trug zuletzt wirklich den Sieg davon, aber das Profeſſorcollegium erklärte feierlich, das 14. leichte Dragonerregimenf für das frechſte Korps in der ganzen rmee. Inzwiſchen wurde in derſelben Zeit ein Abenteuer ruchbar, welches dazu diente, vielen Perſonen, die bisher Lever, O'Malley. I. 12² 178 aͤußerſt gelind über Meiſter Webber geurtheilt hatten, einen Einblick in ſeinen wahren Charakter zu verſchaffen. Mit einem mehr dpreiswürdigen als erfolgreichen Eifer für unſer Wohl pflegte der würdige Vorgeſetzte mehrere Male in der Woche Morgens ſeine verſchiedenen Zög⸗ linge in ſein Zimmer zu berufen, um für das bevor⸗ ſtehende Examen Repetitionen mit ihnen anzuſtellen. Da nun dieſe Sitzungen ſowohl Winter als Sommer Morgens ſechs Uhr in einem ungeheizten Zimmer ſtattfan⸗ den, und während der Profeſſor ſelbſt behaglich in ſeinen Decken eingewickelt lag, Unſereiner zitternd vor Froſt an den Wänden umherſtehen mußte, ſo war zu einem regelmäßigen Beſuch dieſer Lectionen eine wahrhaft glü⸗ hende Lernbegierde erforderlich. Was Frank betraf, ſo fiel es ihm eben ſo wenig ein bei ſolchen Gelegenheiten zu erſcheinen, als die Kapelle zu beſuchen. Anders ſtand es mit mir. Ich war noch nicht verhärtet genug, um den Vorgeſetzten offen Trotz zu bieten, und oft ging ich vom Whiſttiſche weg oder brach in einem Liede ab, um in des Doktors Zimmer hinüber zu eilen und allda Homer und Heſiod wiederzukäuen. Nachdem ich dies lange in Geduld getragen, wurde es mir zuletzt ſo un⸗ ausſtehlich, daß ich Webber meine Noth klagte. Er hörte mich ruhig an und verſprach Abhülfe. Es traf ſich, daß Doktor Mooney vielleicht einmal in der Woche bei Freunden, die in einiger Entfernung von der Stadt wohnten, einen Abend und auch die ganze Nacht zubrachte. Dann las er natürlich am folgenden Morgen nicht, und ein Anſchlag an der Thüre verkündete es den Schülern; Frank wartete geduldig, bis der Doktor dieſe Bekanntmachung wieder einmal angeſchlagen hatte. Er riß ſogleich das Papier ab und ging damit nach Hauſe. Am andern Morgen ſtand er frühe auf, verbarg ſich an der⸗Treppe und wartete, bis die ehrwürdige Jungfer erſchien, welche als Aufwärterin bei dem Doktor fungirte. Kaum hatte dieſe die Thüre geöffnet und ſich zu ihrer 179 gewöhnlichen Arbeit verfügt, als Frank hineinſchlich, ſich leiſe in das Schlafzimmer ſtahl, ins Bett ſprang und ſich in die Decken huͤllte. Die große Glocke brummte ſechs, und bald darauf hörte man Fußtritte auf der Treppe— es kam einer um den andern herangerückt, und allgemach erfüllte ſich das Zimmer mit erfrornen Jammermenſchen, die noch halb im Schlaf waren und ſich nur mit der größten Mühe zu einiger Aufmerkſam⸗ keit zwingen konnten. 3 „Wer iſt da?“ fragte Frank, des Doktors Stimme nachahmend, und drehte ſich nach einem drei⸗ oder vier⸗ maligen Gähnen im Bette herum. „Colliſſon, O'Malley, Nesbitt u. ſ. w.“ riefen die jungen Leute, um ja das Verdienſt eines ſolchen Fleißes nicht zu verlieren.. „Wo iſt Webber?“ „Nicht da, Sir,“ erſcholl es im ganzen Chor. „Das thut mir leid,“ ſagte der Scheindoktorz „Webber iſt ein Menſch von ausgezeichneten Anlagen und könnte es mit einigem Fleiß wirklich ſehr weit bringen. Nun, Colliſſon— die drei Winkel in einem Dreieck ſind gleich— ſind gleich— wem find ſie gleich?“ hier gähnte er, als wollte ſich ſeine Kinnlade ausrenken. „Die drei Winkel in einem Dreiecke ſind gleich zwei rechten Winkeln,“ antwortete Colliſſon in dem gewöhn⸗ lichen, leiernden Tone eines Schuljungen. Während er zum Beweiſe ſeines Satzes überging, ſchien der Doktor über dieſem eintönigen Geſinge in einen tiefen Schlaf zu verſinken, denn nach wenigen Mi⸗ nuten verkündete ein langgezogenes, lautes Schnarchen hinter den dicht zugezogenen Vorhängen, daß er nicht mehr zuhöre. Plötzlich jedoch erwachte der Schläfer wieder mit einem kurzen Geſchnarche und rief: „Nun, vorwärts, wie lang ſoll ich noch warten? Meint Ihr, ich wache blos deßwegen ſo fruh auf, um 12 18⁰ Eure Stuͤmpereien anzuhören? Kann mir Niemand eine freie Ueberſetzung der Stelle geben?“ Dieſer Sprung von der Mathematik zu den Klaſſt⸗ kern hatte zwar nichts Ueberraſchendes, brachte aber doch die armen Jungen in Verlegenheit, da unmöglich abzu⸗ ſehen war, welche Stelle er meinte. „Verſuchen Sie's, Nesbitt— Sie, O'Malley— Alles mäuschenſtill. Wahrhaftig, es iſt nicht an den Himmel zu malen!“ Ein dumpfes Gemurmel unter der Menge wurde jetzt vom Doktor mit der Erklärung be⸗ antwortet, der Sprecher ſey ein Eſel und habe eine Rübe ſtatt des Kopfes auf dem Halſe ſitzen.„Iſt keiner von Euch im Stande, einen Chor aus Euripides zu über⸗ ſetzen. aAl, al, nœ nai, nc u. ſ. w. was überhaupt ſo viel heißt, als: Tod und Teufel, warum biſt du ge⸗ ſtorben u. ſ. w. Warum lacht Ihr, meine Herrlein? — darf ich vielleicht fragen, ob es einer Rotte kennt: nißloſer, unwiſſender Wilden— ja Wilden, ich wieder⸗ hole den Ausdruck, wohl anſteht, ſich ſo aufzuführen?— Webber iſt der einzige von meinen Schülern, der ge⸗ ſunden Menſchenverſtand beſitzt, der einzige, der im Stande wäre, ſich unter Euch auszuzeichnen. Aber was Euch betrifft, Euch werde ich vor das Collegium citiren G— ich werde Euern Verwandten ſchreiben— werde Euch Eure Stipendien entziehen— werde Euch Hausarreſt geben— der Teufel ſoll mich holen, wenn—“ Ueber dieſen allzuſtarken Ausfall, zu dem er ſich hatte hinreißen laſſen, verlor er die Faſſung; er ſtammelte, ſtotterte, und ſuchte ſich wieder zuſammenzunehmen; aber mittlerweile hatten wir uns dem Bette genähert, gerade in dem Augenblick, als Meiſter Frank, der wohl wußte, was für den Fall der Entdeckung ſeiner wartete, ſich aus dem Bette ſtürzte und zum Zimmer hinausrannte. Blitz⸗ ſchnell waren wir hinter ihm her, aber er erreichte den⸗ noch glücklich ſein Zimmer, verriegelte die Thüre doppelt und überließ es uns, die Rede, die wir ſo geduldig hatten hinnehmen müſſen, näher zu überdenken. Noch 181 am ſelben Morgen verbreitete ſich die Nachricht vom Geſchehenen im ganzen Collegium. Wir wurden alle zuſammen tüchtig ausgelacht, aber doch nicht ſo ſehr, wie der Doktor, denn die Welt urtheilte weislich, wenn unſere Morgenlectionen ſolcher Art ſeyen, ſo könnten wir mit eben ſo viel Nutzen ganz behaglich in unſern Betten bleiben. So floß unſer Leben im alten Trinitätscollegium dahin, und ſeltſam genug, ich fühle mich zu dem Be⸗ kenntniß gedrungen, daß es im Ganzen doch glückliche Tage waren, an die ich nicht ohne eine Miſchung von Freude und Schmerz zurückdenken kann. Der edle Lord, der ſo pathetiſch klagte, daß der Teufel in ihm nicht mehr ſo ſtark ſey wie vor vierzig Jahren, findet ein Echo in meiner Klage, daß ich nicht mehr der kräftige, über⸗ müthige Student bin wie damals, als ſolche Scenen an der Tagesordnung waren. Ach und Weh, die Hände, in denen es einſt gezuckt, einen Nachtwächter durchzuprügeln, ſind nunmehr von Gichtſchmerzen halb gelähmt; die Beine, welche einſt die Bewunderung der Schönen geweſen, haben nur noch für den Hausarzt einiges Intereſſe; ja ſelbſt die Witze, die früher eine ganze Tafel in aufrühreriſche Freude verſetzt, ſind jetzt ſo abgenützt, wie mein alter Schlafrock, und ich, Charles O'Malley, der ich alle Abſtufungen der ſpäteren Jahre durchgemacht, begnüge mich ſtatt langer Contretänze mit einem kurzen Whiſt, ſtatt neunmal neun Toaſte mit einem Glas ſchwachen Negus, accompagnirt von einem Huſtenanfall— ja, ich fuͤhle es, ich befinde mich an der Neige meiner Tage— doch halt, die Sache wird zu melancholiſch, ich will daher lieber mein Ka⸗ pitel ſchließen und mit einer ſo graziöſen Verbeugung, als meine Rheumatismen mir immerhin geſtatten, mei⸗ nem geneigten, gütigen Leſer bis zum naͤchſten Kapitel Lebewohl ſagen. — 18² Achtzehntes Kapitel. Die Einladung.— Die Wette. Einige Tage nach dem obenerwaͤhnten Mahle am Offizierstiſch ſaß ich mit Webber eben beim Frühſtück, als Power haſtig hereintrat. „Ha, da iſt er ja!“ rief er.„Hier, O'Malley, bring' ich Ihnen eine Einladung zum Mittageſſen auf den Freitag. Ich ſoll Ihnen tauſend Entſchuldigungen ſagen, weil er Sie nicht wieder aufgeſucht hat; er be⸗ dauert unendlich, bei Ihrem geſtrigen Beſuche nicht zu Hauſe geweſen zu ſein u. ſ. w. u. ſ. w. Bei Gott, Sie ſtehen in außerordentlicher Gunſt bei ihm, die ſchöne Lucy aber, die wurde roth und zupfte auf die liebens⸗ würdigſte Weiſe an ihrem Handſchuh, als der alte Ge⸗ neral ſein Loblied auf Sie begann.“ „Ach, Unſinn,“ ſagte ich;„die alberne Geſchichte im Weſten.“ „Ja, ſehr wahrſcheinlich; um ſo weniger brauchen Sie ein ernſthaftes Geſicht zu ſchneiden. Im Uebrigen muß ich Ihnen aufrichtig ſagen, daß Ihnen keine Wahl mehr bleibt; nur ein Dragoner kann hier zum Ziele gelangen.“ „Seyen Sie verſichert,“ ſagte ich etwas gereizt, „daß meine Wünſche ſich nicht bis zu der ſchönen Miß Daſhwood verſteigen.“ „Tant mieux et tant pis, mon cher. Beim heiligen Patrick, ich wollte, ich wäre an Ihrer Stelle, und wenn ich den irrenden Ritter nur halb ſo gut ſpielen könnte, wie Sie, ſo würde ich ſelbſt dem Kriegs⸗ miniſter das Feld nicht räumen.“ „Was zum Teufel brachte auch den General in Ihre wilde Gegend?“ fragte Webber. 3 „Die Deputirtenwahl.“ „Wahrhaftig, ein glanzvoller Gedanke. Wenn es Jemanden nach einem Sitz im Parlament gelüſtet, warum 183³ verſucht er es nicht an einem Orte, wo die Stimme des Geſetzes wenigſtens gelegentlich gehört wird?“ „Darauf kann ich wirklich nicht antworten. Ich habe nie gehört, wie Sir George dazu kam, zu erfahren, daß es einen Ort mit Namen Galway auf der Welt gibt.“ „Vielleicht bin ich im Stand, die Sache zu erklä⸗ ren,“ ſagte Power,„die ſelige Lady Daſhwood war aus dem Weſten jenſeits des Shannon gebürtig; ſie hatte große Beſitzungen irgendwo in Mayo, das heißt, etliche hundert Acres Sumpfland mit etlichen Tauſenden aus⸗ gehungerter Bauern, was nach der Definition der Leute in Connaught ein Rittergut ausmacht. Dies brachte ihn zuerſt auf den Gedanken, ſich um die Deputirtenſtelle in der Grafſchaft zu bewerben; denn vermuthlich meinte er, Leute, welche niemals den Pacht bezahlen, würden ihn doch aus Dankbarkeit wenigſtens wählen. Wie bitter er enttäuſcht wurde, kann uns O'Malley am Beſten er⸗ zählen. In der That, ich glaube, der würdige General, der verdammt übel daran war, als er heirathete; hatte ein bedeutendes Vermögen erwartet, und ſich von den drei Prozeſſen, die er übernehmen wußte, ſo wenig träu⸗ men laſſen, als von den vierzehn Leibrenten, die er an die Verwandten ſeiner Frau ausbezahlen mußte, und welche die Hauptſumme ihrer Mitgift verſchlangen. Es war ein unglücklicher Tag für ihn, als er in Bath mit der alten Jungfer zuſammentraf, und wäre ſie am Leben geblieben, ſo hätte er um Verſetzung in die Colonien einkommen müſſen. Aber der liebe Gott nahm ſie zu ſich, und Major Daſhwood war wieder, was er früher geweſen. Der Herzog von York, ſagt man, ſah ihn in Hounslow bei einer Revue; ſeine ſtattliche Geſtalt und Haltung fiel ihm auf— er ſtellte einige Fragen an ihn — erfuhr, daß er aus ſehr guter Familie und von ta⸗ delloſem Betragen war, ernannte ihn zu ſeinem Adju⸗ tanten und machte, mit Einem Wort, ſein Glück.— Etwas Populäreres hätte der edle Herzog gar nicht thun 184 können. Jedermann im Armeekorps freute ſich über die Beförderung des Majors, der ſich nun nach einigen har⸗ ten Stößen gut durchgeſchlagen und von ſeiner unglück⸗ ſeligen Heirath keine andern Nachwehen mehr hat, als eine Correſpondenz, die er mit einer unverheiratheten Schweſter ſeiner Frau unterhalten muß. Sie beſteht darauf, die Bande der Verwandtſchaft aufrecht zu er⸗ halten, und ſchreibt ihm regelmäßig zwanzigmal im Jahr eine höchſt zärtliche und unorthographiſche Epiſtel, welche die neueſten Nachrichten aus Mayo nebſt allen Einzelnheiten über die Familie Macan enthält, deren würdiges Mitglied ſie iſt. Ihre beſtändigen Andeutungen auf die Annehmlichkeiten einiger kleiner Wechſelchen läßt der arme General nie unbeachtet, aber die freudige Aus⸗ ſicht auf einen perſönlichen Beſuch von Miß Judy Ma⸗ can hringt den guten Mann zur Verzweiflung. Außer der Caſſation durch ein Kriegsgericht könnte ihn wirklich kein härterer Schickſalsſchlag treffen, als ein ſolcher Be⸗ ſuch, und ich glaube beinahe, wenn man ihn zwiſchen beiden wählen ließe, er würde Erſteres vorziehen.“ „Er hat ſie alſo nie geſehen?“ fragte Webber. „Nein, niemals,“ antwortete Power,„und er hofft, Irland zu verlaſſen, ohne dies Glück zu genießen, denn ſchon die, wenn auch unwahrſcheinliche Ausſicht auf daſ⸗ ſelbe, hat ihm ſeit ſeinem Hierſeyn manche bange Stunde bereitet.“ „Hoͤren Sie, Power, hat Ihr würdiger General mir nicht auch eine Karte zu ſeinem Balle geſchickt?“ „Durch mich wenigſtens nicht, Meiſter Frank.“ „Nun, das iſt doch verdammt ſchäbig, damit Ihr's nur wißt. Da läßt er O'Malley aus meinem Zimmer wegholen, und von dem andern, ältern und weit be⸗ rühmteren Stubenburſchen nimmt er gar keine Notiz. He, O'Malley, was ſagen Sie dazu?“ fe„Ich wußte nicht, daß Ihr miteinander bekannt ey 8„. „Nun, wer ſagt denn auch davon? Im Uebrigen 185 iſt es jedenfalls ſeine Schuld, wenn wir einander nicht kennen. Ich bin und war in dieſer Beziehung immer der zuvorkommendſte Menſch— ſehe Militärperſonen nicht über die Achſeln an— laſſe mir Alles, Alles gefallen — und nun iſt das mein Lohn— iſt es nicht hart?“ „Aber, Webber, Sir George verdient hier jeden⸗ falls Entſchuldigung. Er hat eine Tochter, eine höchſt anziehende, liebenswürdige Tochter, gerade in dem auf⸗ blühenden argloſen Alter, wo das Herz für Eindruͤcke am empfänglichſten iſt; und nun frage ich, wie konnte er das gute Kind der Gefahr ausſegen, mit dem gefürchteten Jungfernwürger Mr. Frank Webber, wenn auch nur zufällig, zuſammenzutreffen? Wenn er Sie nicht aufge⸗ ſucht hat, ſo liegt hierin ſeine Rechtfertigung.“ „Allerdings, ein ſehr gewichtiger Grund,“ verſetzte Frank;„und dennoch hätte er ſeine kritiſche Stellung meiner Ehre und Discretion anvertraut, ſo hätte er ſich auf mich verlaſſen können; nun aber, da er den andern Weg eingeſchlagen— ℳ „Nun, was dann?“— „Ei, ſo mag er ſelbſt zuſehen, was daraus ent⸗ ſteht; ich werde Sturm laufen auf Louiſa, ſo heißt ſie doch? „Lucy, wenn's gefällig iſt.“ „Nun, meinetwegen, alſo auf Lucy— das hübſche Kind ſoll ſich auf's Jammerwürdigſte in mich vernarren.“ „Aber wie, wenn ich fragen darf, und wann?“ „Auf dem Ball werde ich anfangen, mein Lieber.“ „Sie haben ja doch geſagt, Sie gehen nicht hin.“ „Nein, da irren Sie ſich gewaltig. Ich ſagte blos, ich ſey nicht eingeladen.“ „So können Sie,“ ſagte ich,„auch natürlich nicht gehen, ſchon meinetwegen nicht.“ „Mein vielgeliebter Freund, ich gehe ganz auf meine eigene Rechnung hin. Und zwar will ich nicht blos hin⸗ gehen, ſondern verlange auch, daß man mir ganz beſondere 186 Aufmerkſamkeit widmet. Ich will mich bei Sir George in die höchſte Gunſt ſetzen, will Lucy küſſen—“ „Nun, nun, das iſt doch gar zu ſtark.“ „Was wettet Ihr, daß ich's thue. Ich für meinen Theil bezahle Jedem fünfundzwanzig Guineen, wenn ich verliere. Gilt's?“ „Daß Sie Miß Daſhwood küſſen, ohne für Ihre Bemühungen die Treppe hinabgeworfen zu werden; lautet die Wette ſo?“ fragte Power. „Von Herzen gern; alſo daß ich Miß Daſhwood küſſe, ohne für meine Bemühung die Treppe hinabge⸗ worfen zu werden.“ „Dann ſchlage ich ein.“ „Und Sie auch, O'Malley?“ „Ich danke Ihnen,“ antwortete ich kalt;„ich habe keine Luſt, Sir George Daſhwoods Gaſtfreundſchaft da⸗ mit zu vergelten, daß ich eine Beſchimpfung ſeiner Fa⸗ milie zum Gegenſtand einer Wette mache.“ „Ei, mein Beſter, was fällt Ihnen denn ein? Miß Daſhwood wird ſich gegen meine keuſche Umarmung nicht ſträuben. Nun, Power, wette ich mit Ihnen allein fünfzig.“ 3 „Gut,“ ſagte der Kapitän,„inzwiſchen verſtehen Sie mich recht— ich glaube, meine Wette auch dann gewinnen zu können, wenn ich ſelbſt thätig einwirke; denn küſſen Sie das Mädchen, bei Gott, ſo erfülle ich den zweiten Theil des Vertrags.“ „Ganz gut, ſo verſtehe auch ich die Verabredung,“ ſagte Webber, ſeine Locken vor dem Spiegel ordnend; „nun aber wollen wir nach Howth, der Wagen wird in 4 einer halben Stunde vorfahren.“ „Ich meinerſeits,“ erklärte Power,„muß in die Kaſerne zurück.“ „Und ich,“ ſagte ich,„will die Gelegenheit wahr⸗ nehmen, um bei Sir George Daſhwood meine Karte abzugeben.“ „Nun, meine Wette habe ich jedenfalls gewonnen,“ 1 ſagte Power, als wir beide zuſammen über den Hof gingen. „Das iſt noch gar nicht ſo gewiß—“ „Ei, zum Henker, er wird doch ſeinen Hals dabei nicht riskiren wollen; und thut er es, ſo verliert er die Wette.“ „Aber er iſt ein verdammt ſchlauer Burſche.“ „Immerhin, jedenfalls will ich auf meiner Hut ſeyn.“ So plaudernd, ſchleuderten wir nach dem Royal Hoſpital; ich gab meine Karte ab und kehrte dann in's Collegium zurück. Neunzehntes Kapitel. Der Ball. Ich habe mich oft zu einem blutigen Sturm mit weniger Angſt vorbereitet, als zu Sir George Daſhwoods Ball. Seit dem ereignißſchweren Wahltage hatte ich Miß Daſhwood nicht mehr geſehen, und die Stellung, welche ich in ihrer Gunſt einnehmen möchte, war daher für mich ein Gegenſtand bangen Zweifels und großer Bedeutung für mein Glück. Daß ich ſelbſt ſie liebte, war mir durch die Neckereien meiner Freunde zur ſchmerz⸗ lichen Gewißheit geworden; aber daß bei unſern gegen⸗ ſeitigen Verhältniſſen eine ſolche Neigung ganz und gar hoffnungslos ſein würde, das konnte ich mir ſchlechter⸗ dings nicht verhehlen. So jung ich war, ſo wußte ich doch bereits, welche Erbſchaft von Schulden und Pro⸗ zeſſen meiner dereinſt wartete. Zu meinen Talenten und eigenen Mitteln mich empor zu ſchwingen hegte ich ganz und gar kein Vertrauen, ſelbſt wenn mir der Beruf, zu dem man mich beſtimmte, mehr zugeſagt hätte. Ich fühlte täglich, daß viel größere Anſtrengungen, wenn auch nicht viel größere Geiſtesgaben, als ich beſaß, 188 nothig waren, um einen Erfolg wahrſcheinlich zu machen. Ja ſelbſt, wenn ein ſolcher in Ausſicht geſtanden hätte, ſo mußten jedenfalls viele Jahre darüber hingehen, und wo mochte dann ſte, wo mochte ich ſein— wo die glühende Leidenſchaft, der ich mich jetzt, vielleicht gerade wegen ihrer verzweifelten Hoffnungsloſigkeit, mit Stolz hingab? Konnte nicht bis dahin die jugendlich kecke Luſt zum Kampf mit Schwierigkeiten der kälteren Ueber⸗ legung des Mannesalters gewichen ſein? Und ſelbſt, wenn ich vielleicht alle dieſe Mühſale und Bedrängniſſe banger Tage und angſtvoller Nächte glücklich überlebte, wie ſtand es mit ihr? Ach, ich ſah wohl ein, daß ſie, obſchon blos in meinem Alter, in ihrem Benehmen gegen mich den ganzen Ton patroniſirender Ueberlegen⸗ heit zeigte, den eine ältere Perſon gegen eine jüngere anzunehmen pflegt, der aber jedem theueren und wär⸗ meren Gefühl alle Thüren verſchließt, wenigſtens wenn die Dame die gedachte Rolle ſpielt. Was iſt alſo zu thun? dachte ich. Soll ich ſie vergeſſen? Aber wie iſt das möglich? Wie kann ich allen meinen Planen entſagen und das Gewebe meines Lebens, das ich ſchon ſo manchen Tag vor mir ausgebreitet, und dem dieſer einzige goldne Faden mehr als die Hälfte ſeines Glanzes und Reizes verliehen hatte, mit eigner Hand zerſtören? Aber dann, wenn ich Erwartungen und Hoffnungen hege, die ſich niemals verwirklichen ſollen, ſo ſtehen ja die Sachen noch ſchlimmer. Doch genug, wir treffen uns ja heute Abend nach langer, ereignißvoller Trennung wieder; möge dann mein künftiges Schickſal von den Ereigniſſen dieſer Zuſammenkunft abhängen! Bin ich ihr nicht gleichgültig, kann ich in ihrem Benehmen Etwas entdecken, was auf eine Erwiederung meiner Neigung ſchließen läßt, nun ſo ſoll das ganze Streben meines Daſeins darauf gerichtet ſein, ſie zur Meinigen zu ma⸗ chen; iſt dem aber nicht ſo, wäre dieſe Neigung nur eine einſeitige, und müßte ich die ihrige erſt erzwingen, nun ſo will ich Abſchied nehmen von ihr und mit ihr 189 von dem erſten glaͤnzendſten Glückſeligkeitstraume, wel⸗ chen mir das Leben bisher geboten hat. .*..... Man wird ſich nicht wundern, wenn der glänzende Ballſaal mich mit Erſtaunen erfüllte, da ich bis jetzt nichts Prachtvolleres geſehen hatte, als die Abendgeſell⸗ ſchaften von Landjunkern und ihren ehrenfeſten Haus⸗ frauen, oder den jährlichen Garniſonsball in der Kaſerne. Der Glanz der Wachslichter, die koſtbaren Dekorationen der Salons, das Geflimmer der Uniformen und das Geſchimmer der von Juwelen funkelnden und in Seide prangenden Damen, dabei der luſtige Klang von Mili⸗ tärmuſik, alles dies war eine Art von bezauberter Atmo⸗ ſphäre, welche denjenigen, der ſte zum erſtenmal ein⸗ athmet, beinah unfehlbar berauſchen muß. Nie zuvor hatte ich ſo viel Schönheit geſehen: liebliche Geſichter, ſtrahlend vom verführeriſchſten Lächeln, umgaben mich auf allen Seiten, und als ich ſo von Zimmer zu Zim⸗ mer wandelte, fühlte ich, wie unendlich gefährlicher für die Seelenruhe und den Herzensfrieden eines Mannes die geflüſterten Worte und ſchweigſamen Blicke ſolcher hübſchen Damen ſind, als all die laute Luſtigkeit und lärmende Zwangloſigkeit unſerer Landſchönen, welche das Herz im Sturm zu erobern ſuchen. Bis jetzt hatte ich weder Sir George noch ſeine Tochter zu Geſicht bekommen und ſchaute mich daher mit hochklopfendem, bangem Herzen nach Lucy Daſhwood um, voll Begierde, wie ſie ſich wohl in dieſem Glanz⸗ meer von Schönheit ausnehmen würde. Juſt in dieſem Augenblick trat ein prachtvoll ge⸗ kleideter Huſarenoffizier aus einer Seitenthüre in meiner Nähe hervor, als ob er für Jemand Platz machen wollte, und unmittelbar darauf erſchien ſie, geſtützt auf den Arm einer andern Dame. Ich hatte kaum Zeit zu einem Blick, als ſte mich erkannte. 190 „Ah, Mr. O'Malley— ungemein erfreut— hat Sir George— hat mein Vater Sie ſchon geſehen?“ „Ich komme ſo eben erſt; er befindet ſich doch hoffent⸗ lich recht wohl?“ „O ja, danke Ihnen.“ „Bitte um Entſchuldigung, Miß Daſhwood,“ ſagte der Huſar in einem Ton der ehrerbietigſten Höflichkeit: „aber man wartet auf uns.“ „Ei, Kapitän Fortescue, Sie müſſen mich noch einen Augenblick entſchuldigen. Mr. Lechmere, würden Sie wohl die Güte haben, Sir George ausfindig zu machen?— Mr. O'Malley,— Mr. Lechmere? Hier ſagte ſie zu ihrer Begleiterin Etwas auf Franzöſiſch, aber ſo ſchnell, daß ich nicht verſtehen konnte, was es war, ſondern blos die Antwort hörte: pas mal, was ſich vermuthlich auf meine Perſon bezog, da die Lady fortwährend und ſehr ernſthaft mich mit ihrem Glas beäugelte.„Jetzt, Herr Kapitän,“ fuhr ſie fort, warf dann noch einen Blick der freundlichſten Güte auf mich und verſchwand ſofort unter der Menge. Der Gentleman, deſſen Leitung ſie mich anvertraut hatte, war ein Adjutant und hatte Sir George bald aufgefunden. Kaum hatte der gute alte General meinen Namen gehört, als er ſeine beiden Hände ausſtreckte und die meinigen auf's herzlichſte ſchüttelte. „Endlich, O'Malley, endlich bin ich im Stand Ihnen far den größten Dienſt zu danken, den mir je ein Menſch geleiſtet hat. Er rettete Lucy, Mylord, be⸗ freite ſie unter Umſtänden, wo ſie ohne ſeinen ausge⸗ zeichneten Muth unfehlbar verloren geweſen wäre. „Ah, ſehr ſchön, in der That,“ verſetzte der ange⸗ redete ſteife alte Gentleman, indem er ſtolz ſeinen ge⸗ puderten Kopf vor mir neigte;„freut mich ungemein, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Wer iſt er?“ fügte er beinahe ebenſo laut zu dem General hinzu. „Mr. O'Malley von OMalleyeaſtle.“ 3 191 „Ah, richtig, ich vergaß— warum nicht in Uni⸗ form?“ „Weil er unglücklicherweiſe nicht zu uns gehört, Mylord; er iſt nicht Militär?“ „Sol das hätte ich nicht geglaubt.“ „Sie tanzen doch, O'Malley? Und dann werden Sie lieber da drüben ſein, als alle meine Verſicherungen der aufrichtigſten und gefühlteſten Dankbarkeit anhören. Lechmere, führen Sie meinen Freund O'Malley ein, verſchaffen Sie ihm eine Tänzerin.“ Ich war meinem neuen Bekannten noch nicht weit gefolgt, als Power zu mir herkam.„Heda, Charley,“ rief er,„die Ladies quälen mich faſt zu Tode, daß ich Sie ihnen vorſtellen ſolle, und ſchon eine halbe Stunde ſuche ich nach Ihnen. Ihre glänzende Heldenthat im Land der Wilden hat Sie zu einem ächten Ritter ohne Furcht und Tadel geſtempelt; und wenn Sie dies Aben⸗ teuer nicht zu Ihrem bleibenden Nutzen ausbeuten, ſo verdienen Sie wirklich— Juriſt zu ſein. Kommen Sie her; Lady Muckleman, des Generaladjutanten Gemah⸗ lin und Befehlshaberin, hat vier Töchter, allerliebſte junge Schottinnen, mit denen Sie tanzen müſſen; ſo⸗ dann werde ich Sie in aller Form der Nichte eines gewiſſen Dekans vorſtellen, die ein ſehr hübſches Mäd⸗ chen iſt und zwei ſchöne Güter beſitzt. Da iſt ferner des Stadtkommandanten Frau, und wahrhaftig, ich habe noch eine Menge Engagements für Sie angenommen. „Tauſend Dank für Ihre vielfache Güte, aber ich meine doch, ich ſollte vor allen andern Miß Daſhwood zum Tanzen auffordern, wenn auch nur der Form wegen. Sie verſtehen?“ „Und wenn nun Miß Daſhwood antwortete: Mit Vergnügen, Sir, wenn auch nur der Form wegen, Sie verſtehen?“ ſagte eine Silberſtimme hinter mir. Ich blickte mich um und ſiehe, da ſtand Lucy, die meine Bemerkung gehört und mir ganz in meinem eigenen Tone nachgeſprochen hatte. — 19²2 Jetzt begann ich Entſchuldigungen hervorzuſtammeln. Was ich ſagte und was ich nicht ſagte, deſſen weiß ich mich nimmer zu entſinnen; aber gewiß iſt, daß ſie jetzt ihrerſeits erröthete und daß ihr Arm im meinigen zit⸗ terte, als ich ſie den Saal hineinfuhrte. So wenig mir auch die Quadrille Gelegenheit zur Unterhaltung bot, ſo bemerkte ich dennoch, daß nach der Ueberraſchung des erſten Zuſammentreffens Miß Daſhwood immer rückhal⸗ tender wurde, und ihr Wunſch, dankbar zu erſcheinen, augenſcheinlich mit dem Bewußtſein der Nothwendigkeit ſtritt, einen höhern Grad von Vertraulichkeit zu ver⸗ meiden. Das wenigſtens war der Eindruck und Schluß, den ich aus ihrem ruhigen, abgemeſſenen Tone zog, wel⸗ cher meine Gefühle tiefer verwundete und mein Glück grauſamer zerſtörte, als irgend eine andere Art des Be⸗ nehmens hätte thun können. Nachdem unſere Quadrille vorüber war, wollte ich ſie eben zu einem Sitze führen, als auf einmal Sir George mit feuerrothem Geſichte und in der höchſten Aufregung auf uns zugelaufen kam. „Beſter Papa, es iſt doch nichts vorgefallen? bitte, was iſt's?“ fragte ſie beſorgt. Er lächelte matt und antwortete dann:„Weiter nichts Ernſthaftes, was Dich ſehr beunruhigen müßte; aber gewiß, ungelegener hätte mir nichts kommen können.“ „So ſagen Sie mir's doch, was mag es ſeyn?“ „Da, lies es ſelbſt,“ ſagte er und überreichte ihr ein ſehr ſchmuziges Billet, das mit einer ungeheuern, rothen Oblate verſiegelt war. Miß Daſhwood öffnete das Brieſchen, aber ſtatt, wie dieſer erwartet hatte, ihres Vaters Kummer zu thei⸗ len, brach ſie in ein herzliches Gelächter aus und ſagte: „Nun wahrhaftig, Papa, ich ſehe nicht ein, wie dieſe Sache Sie ſo beunruhigen kann. Die Tante mag, wie ſchon aus ihrem Schreiben hervorgeht, immerhin eine ſonderbare Heilige ſeyn, aber nach ein paar Tagen—“ „Nein, mein Kind, das verſtehſt Du nicht, es gibt 193³ Nichts auf der Welt, was ich ſo ſehr fürchte, wie dieſes verwünſchte Frauenzimmer— und nun gar in einem ſolchen Augenblick zu kommen.“ „Auf wann kündigt ſie denn ihren Beſuch an?“ „Ich dachte mir's doch, du werdeſt das Billet nicht ganz geleſen haben,“ ſagte Sir George haſtig;„ſie will heute Nacht noch kommen, iſt vielleicht ſchon unterwegs. Was iſt da zu thun? Drängt Sie ſich in den Saal herein, ſo weiß ich mir wirklich nicht zu helfen. Leſen Sie einmal dieſes Billet, lieber O'Malley, dann werden Sie ſich über meine üble Laune nicht wundern.“ Ich empfing das Brieſchen aus Miß Daſhwoods Händen und las wie folgt:— „Theuerſter Herr Bruder— wenn dies Ihre Hand erreicht, ſo bin ich nicht mehr vehrne; ich bin Unterwegs nach der ſtadt, um den Dokter Deaſe zu Gebrauchen wegen meiner alten Plaage. Cowley Verſteht meinen Fall gar nicht, er ſagt, es ſey nichts als Religion und einbildung. Vater Magreth, der Viel von Frauenzim⸗ mern verſteht, denkt Anders— aber gott weiß, wer recht hat.— Erwartet mich zum The und mit liebe zu Lucy bleibe ich in haſt die Eurige. Judith Macan.“ „Laßt das Betzeug in meinem Zimmer wol ge⸗ lüftet ſeyn und wenn Ihr ein übriges Bet habt, ſo könnten wir vielleicht den Vater Magreth bewegen auch da zu bleiben.“ Ich konnte mich kaum zuſammenhalten, bis ich dieſen ungekünſtelten Brief zu Ende geleſen hatte; endlich aber brach ich in ein herzliches Gelächter aus, in welches Miß Daſhwood einſtimmte. Nach Powers Mittheilungen von heute früh konnte ich leicht errathen, daß die Schreiberin Niemand anders war, als die unverheirathete Schweſter der ſeligen Lady Daſhwood, eine Verwandte, welche der General ſchon auf zweihundert Meilen Entfernung fürchtete, auf deren Lever, O'Malley. I. 1³ 194 nähere Bekanntſchaft aber er ganz und gar nicht vor⸗ bereitet war. „Höre Lucy,“ ſagte er,„ich weiß hier nur einen einzigen Rath; wenn das abſcheuliche Weib kommt, ſo laß ſie unverzüglich auf ihr Zimmer führen, und während der paar Tage, welche ſie in der Stadt bleibt, dürfen wir weder Beſuche machen noch annehmen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Sir George weg, um die noͤthigen Befehle zu ertheilen, als auf ein⸗ mal die Saalthüre aufgeriſſen wurde und der Bediente mit der lauteſten Stimme Miß Macan anmeldete. Nie werde ich des armen Generals entſetzten Blick vergeſſen, als dieſe Worte ſein Ohr erreichten, denn ſehen konnte er ſeinen ſchönen Gaſt noch nicht. Ich meinerſeits bahnte mir, von Neugier getrieben, einen Weg nach der Thüre hin. Es gehört ein mehr als gewöhnliches Ereigniß dazu, um die verſchiedenen Beſchäftigungen eines vollge⸗ drängten Ballſaales zu unterbrechen, wo mitten unter dem Klange der Muſik und dem Getöne der Unterhal⸗ tung, die ſanſte, leiſe Stimme ſüßer Schmeichelei oder die leichte Liebeswerbung einer erſten Bekanntſchaft ſich vernehmen laſſen. Jede Clique, jede Coterie, jede kleine Gruppe von drei oder vier Perſonen hat ihre eigenen, beſonderen Intereſſen, bildet eine kleine Welt für ſich ſelbſt und kümmert ſich um Nichts, was um ſie her vor⸗ geht; ja ſelbſt wenn irgend eine merkwürdige oder hoch⸗ berühmte Perſon eintritt, ſo iſt doch die Aufmerkſamkeit, welche dieſelbe auf ſich zieht, ſo gering, daß das Getoͤſe der Unterhaltung kaum auf einige Augenblicke unterbro⸗ chen wird und das Werk des Vergnügens ungeſtört weiter ſchreitet. Nicht ſo hier. Kaum hatte der Diener den magiſchen Namen Miß Macan ausgeſprochen, als auf einmal Alles ſtille ſtand. Der Zauber, der über den unglücklichen General ausgeübt wurde, ſchien ſich auch auf ſeine Geſellſchaft zu erſtrecken, denn nur mit Mühe ſchleppte ſich die Unterhaltung vorwärts und Aller Augen waren auf die Thüre geheftet. Einige Schritts 4 195 vor dem Bedienten, der an der Thüre ſtehen blieb, zeigte ſich eine große ältliche Lady in altmodiſchem Brokatrock, der luſtig mit ungeheuern Blumen durchwirkt war. Ihr Haar war gepudert und auf eine Weiſe zuſammengebun⸗ den, die funfzig Jahre früher Mode geweſen. Spitzige Schuhe mit hohen Abſätzen vollendeten ein Koſtüm, das man ſeit einem Jahrhundert vielleicht nicht mehr geſehen hatte. Ihre knochigen Arme waren blos und nur theil⸗ weiſe durch eine Maſſe herabfallender alter Spitzen be⸗ deckt, auch trug ſie ſchwarzſeidene Fauſthandſchuhe; eine grüne Brille vermochte kaum den ſtechenden Glanz der lauernden Aeuglein zu dämpfen, deren Effect durch eine handgreifliche Auflage von Noth noch gewaltig erhöht wurde. Da ſtand ſie nun, dieſe höchſt ſeltſame Erſchei⸗ nung, einen Fächer von der Größe eines modernen Thee⸗ brettes vor ſich hinhaltend, während ſie, ſo oft der Bediente ihren Namen wiederholte, tief knirte und dabei auf die fröhliche Geſellſchaft um ſie her einen höchſt ſpaßhaften Blick mädchenhafter Verſchämtheit über ihre vereinſamte, unbeſchützte Stellung warf. Da außer einigen von Sir George's vertrauteſten Freunden noch Niemand von der ſchönen Judith gehört hatte, ſo neigte ſich der größere Theil der Geſellſchaft zu dem Glauben hin, Miß Macan habe den Charakter der Einladung mißverſtanden und ſey in einem Masken⸗ anzuge erſchienen. Aber dieſe Täuſchung verſchwand bald, als der General, bewafſnet mit dem Muthe der Verzweiflung, ſich einen Weg durch die Menge bahnte, freundlich ihre Hand ergriff und ſie in Dublin willkom⸗ men hieß. Die ſchöne Judy ſchlang jetzt ihre Arme um ſeinen Hals und begrüßte ihn mit einem ſaftigen Kuß, der durch den ganzen Saal erſcholl. „Wo iſt Lucy, Herr Bruder? Laſſen Sie mich das kleine Herzenskind umarmen,“ ſagte die Lady in einem Ton, der Miß Macan beſſer charakteriſirte, als eine drei⸗ 13* 196 bändige Biographie hätte thun können;„gewiß, das iſt ſie; küſſe mich, mein Zuckerpüppchen.“ Miß Daſhwood verrichtete dieſen Dienſt mit einer wirklich bewunderungswürdigen Anſtrengung freundlich zu erſcheinen; dann nahm ſie ihre Tante am Arm und führte ſie auf einen Sopha. Der arme General bedurfte jetzt ſeines ganzen Taktes, um ſeine Empfindungen über dieſen unwillkom⸗ menen Zuwachs der Geſellſchaft zu bemeiſtern, inzwiſchen kehrten die verſchiedenen Gruppen doch allmälig zu ihren Beſchäftigungen zurück, obſchon noch manches Lächeln und mehr als ein ſarkaſtiſcher Blick nach dem Sopha deutlich genug bewies, daß die jungfräuliche Tante der Kritik noch nicht entgangen war. Power, deſſen Neigung zu Späßen ſein Gefühl für die ſeinem commandirenden Offizier ſchuldige Achtung weitaus überwog, hatte ſich bereits einen Weg zu Miß Daſhwood gebahnt und ſie bewogen, ihn Miß Macan förmlich vorzuſtellen. —„ Ich hoffe, Miß Macan, Sie werden mir die Gunſt erzeigen, die nächſte Tour mit mir zu tanzen.“ „Wirklich, Herr Kapitän, Sie ſind ſehr gütig, aber Sie müſſen mich entſchuldigen, in Quadrillen habe ich nie viel geleiſtet. Wäre es dagegen ein Hopſer oder ein Schottiſcher—“ „Ach, beſte Tante, was fällt Ihnen ein?“ „Oder auch der Sir Roger de Coverley,“ fuhr Miß Macan fort. „Ich verſichere Sie, das iſt ebenfalls ganz unmöglich.“ „Dann walzen Sie doch gewiß?“ ſagte Power. „Für was halten Sie mich, junger Menſch? dafür werde ich doch wohl zu gut ſeyn. Wenn nur Vater Magreth gehört hätte, daß Sie eine ſolche Frage an mich thun, trotz Ihrer geſtickten Jacke—“ “ Aber beſte Tante, der Herr Kapitän wollte Sie ja nicht beleidigen; ich bin überzeugt—“ „Ei, wie konnte er ſich das unterſtehen?(lautes 197 Schluchzen) ſah er etwas Leichtfertiges an mir, daß er—(wiederholtes Schluchzen) o Gott, o Gott! bin ich darum von meinem kleinen, friedlichen Ruheſitz im We⸗ ſten hiehergekommen—(abermals Geſchluchze) General, George, Herr Bruder! Ach meine liebe Lucy, man hat mich ſchändlich behandelt— o Gott, o Gott! wenn ich nur einen Schluck Whiskeynegus hätte!“ Welches Mitgefühl auch Miß Macans Leiden bei der Geſellſchaft, die ſich jetzt um ſie drängte, erregt haben mochten, dieſe letzte Ausrufung vernichtete die ganze Wirkung, und mehrere Umſtehende brachen jetzt ungeſcheut in ein ſchallendes Gelächter aus. Endlich jedoch ließ ſie ſich tröſten und Sir George wußte ſie dadurch vollſtändig zu beruhigen, daß er ſie an einen Whiſttiſch ſetzte. Von dieſem Augenblick an ver⸗ lor ich ſie zwei Stunden lang aus dem Geſichte. Ich hatte inzwiſchen wenig Gelegenheit meine Bekanntſchaft mit Miß Daſhwood beſſer zu cultiviren, und da ich wirk⸗ lich mehreremale zu bemerken glaubte, ſte ſuche einem wei⸗ tern Zuſammentreffen auszuweichen, ſo war ich ſorg⸗ fältig bemüht, ihr dieſe Unannehmlichkeit zu erſparen. Ein einziges Mal ſprach ich ſte noch, aber da lag in ihrem Benehmen etwas ſo auffallend Gezwungenes, daß ich bald einſah, wie ſehr ſie ſich genirt fühlte, und wie das Gefühl der Dankbarkeit gegen einen Mann, von welchem ſie ein weiteres Entgegenkommen fürchten mochte, ihr etwas Unbeholfenes gab. Es iſt nur zu wahr, dachte ich, ſie meidet mich; meine Gegenwart iſt ihr blos unangenehm und läſtig; deßhalb will ich mich verabſchieden, um— was es mich auch koſten mag— nie wiederzukehren. Mit dieſem Entſchluß ſuchte ich Sir George auf, um ihm gute Nacht zu wünſchen und fand ihn endlich in einer Ecke und im tiefen Geſpräch min dem alten Lord, dem er mich anfangs vorgeſtellt atte. „Es iſt auf Ehre wahr, Sir George,“ ſagte er; . 198 „ich habe es ſelbſt geſehen, und ſie machte es ſo geſchickt, wie der ausgelernte Gauner in Paris.“ „Wie? Sie wollen doch nicht ſagen, ſie habe be⸗ trogen?“ „Ich kann es leider nicht anders nennen— ſie ſchlug jedesmal eine Aß herum. Lady Herbert ſagte zu mir: Es iſt doch wunderbar, ſchon wieder quatre hon- neurs. Ich ſah alſo genau zu und da merkte ich's— ſchon ein alter Kunſtgriff, aber ſte machte es vortrefflich. Wie heißt ſie doch?“. „So ein Name aus dem Weſten, ich vergeſſe ihn immer,“ antwortete der arme General, halb todt vor Scham. „Ein durchtriebenes, altes Weib,“ ſagte der Lord, eine Priſe nehmend,„ſie gibt auch ſehr oft nicht an.“ In dieſem kritiſchen Augenblick wurde das Abend⸗ eſſen angekündigt, und bevor ich an die Ausführung meines Fluchtplanes denken konnte, wurde ich von der Menge nach der Treppe hin fortgedrängt. Die Geſell⸗ ſchaft unmittelbar vor mir beſtand aus Power und Miß Macan, die jetzt ausgeſöhnt ſchienen und ihre gegenſeitigen freuwwſchaſttichen, eſanungen ſehr offen an den Tag egten. „Ich ſage Ihnen, Charley, flüſterte Power, als ich in ſeine Nähe kam,„es iſt ein Kapitalſpaß; etwas Aehn⸗ liches iſt mir nie vorgekommen. Aber der arme General wird es kaum überleben, und ich darf mich für den heu⸗ tigen Witz auf zehn Tage Arreſt gefaßt machen.“ „Keine Nachricht von Webber?“ fragte ich. „O doch, ich glaube Etwas von ihm berichten zu können; man hat mir erzählt, ein Fremder habe ſich ein⸗ zudrängen geſucht, ſei aber abgewieſen worden, und ſo wird Meiſter Frank ſeine Wette wohl verloren haben. Beim Eſſen ſetzen Sie ſich doch in unſere Nähe: wir müſſen ſchon der Nichte wegen für die liebe Tante ſorgen.“ Da ich die Gewichtigkeit dieſes Grundes nicht ein⸗ zuſehen vermochte, ſo trennte ich mich bald von ihnen ᷣ 199 und ſuchte mir ein Eckchen an einem Seitentiſche. Bei jedem derartigen Feſteſſen wiederholt ſich immer das gleiche Schauſpiel; beſchmutzte weiße Kleider, verwelkte Blumen, erhitzte Geſichter, zerriſſene Handſchuhe, weiße Gallerten, kalte gebratene Hühnchen, Gelée's, Rahm⸗ torten, einfältige, junge Gentlemen, die den Angenehmen ſpielen wollen, und wachſame Mamas, die überrechnen, welcher Vortheil für ihre Töchter aus der Nähe und dem Händedrücken der ſchnurbärtigen, unverheiratheten Seladone zu ihren Seiten erwachſen könne. Ferner trifft man bei ſolchen Gelegenheiten immer dieſelbe Geſell⸗ ſchaft von älteren Perſonen, die gleich den Stammgäſten in einem Gaſthofe ſich oben an die Tafel ſetzen, um ent⸗ fernt von den profanen Blicken und ſüßen Redensarten der jüngern Generation zu eſſen, zu trinken und ver⸗ gnügt zu ſeyn. Endlich findet ſich unausbleiblich ein Schwarm von Ausgeſtoßenen zuſammen, jüngere Söhne von jüngern Brüdern, Hofmeiſter, Gouvernanten, arme Couſinen und Pfarrer; Alle bilden um die Seitentiſche herum eine Phalanx und beweiſen die Einfachheit ihrer Gewohnheiten und Meinungen dadurch, daß ſie aus der⸗ ſelben Schüſſel eſſen und beinahe alle aus dem gleichen Glaſe trinken. Sie halten es für eine übergroße Ehre, wenn ihnen ein Bekannter vom großen Tiſche her ein Glas zutrinkt, obſchon ſie das Nachtrinken in der Regel nur durch eine Pantomime andeuten können. Zu dieſem erbarmenswerthen dritten Stande gehörte auch ich und ertrug mein Schickſal mit Gleichgültigkeit; denn ach! mein Geiſt war niedergedrückt und mein Herz war ge⸗ preßt. Lucy's Benehmen gegen mich ſtand mir jeden Augenblick vor der Seele, in ſeinem ganzen grellen Ge⸗ genſatz zu ihrer vergnügten, freundlichen Art gegen alle Andere, und ich ſehnte mich nach einer Gelegenheit nach Hauſe zu kommen. 3 Nie hatte ich ſie ſo ſchön geſehen: ihre Augen leuch⸗ teten vor Vergnügen und ihr Lächeln war die Bezaube⸗ rung ſelbſt. Was hätte ich nicht, da ich mich jetzt für ewig von ihr verabſchieden wollte, dafür gegeben, mich nur einen Augenblick gegen Sie zu erklären, ihr nur in kurzen Worten meine Liebe, meine ewige, unwandelbare Liebe geſtehen zu dürfen, für welche ich ja keine Erwie⸗ derung, ſondern blos ein ſtilles Andenken verlangte und erwartete! Aus dieſen Träumereien wurde ich durch ein Ge⸗ ſpräch dicht neben mir aufgeweckt. Ohne Mühe entdeckte ich die Sprecher, die, den Rücken mir zugekehrt, am gro⸗ ßen Tiſche ſaßen und einer Taubenpaſtete, ſo wie einer zwiſchen ihnen ſtehenden Flaſche Champagner weidlich zuſprachen. „Laſſen Sie das! laſſen Sie das, ſage ich! Sie verſtehen Nichts von Galway, ſonſt würden Sie nicht glauben, es gefalle mir, wenn Sie mir auf den Fuß treten.“ „So wahr ich lebe, Sie ſind ein Engel, ein wahrer Engel; ich habe nie eine Dame geſehen, die meiner Phantaſie ſo vollkommen entſpräche.“ „Nur immer anſtändig,“ ſagt Vater Magreth.“ „Wer iſt das?“ „Der Prieſter.“ „O zum Henker mit ihm!“ „Zum Henker mit Vater Magreth, ſagen Sie, jun⸗ ger Mann?“ „Nun, nun Judy, ſeyen Sie nur nicht höſe; ich meinte blos, daß ein Dragoner von ſolchen Dingen mehr verſtehen werde, als ein Prieſter.“ „Ei, das moͤchte ich nicht ſo beſtimmt behaupten; inzwiſchen bedenken Sie wohl, daß Sie keine Wittwe Malone neben ſich ſitzen haben.“ „Von dieſer Dame habe ich nie gehört,“ ſagte Power.“ „Und doch haben ſie auf das arme Weib in North⸗ Cork ein Lied, ja denken Sie nur, ein Lied gemacht), als die Soldaten in unſerer Gegend einquartiert waren.“ „Ach, wenn Sie es nur ſingen wollten!“ 201 „Nun, was geben Sie mir, wenn ich ſinge?“ „Alles, Alles, mein Herz, mein Leben— ℳ „Ei, dafür gebe ich keinen Pfifferling; aber ſchen⸗ ken Sie mir den alten grünen Ring, den Sie da am Finger haben.“ „Da iſt er,“ ſagte Power, ihn grazios an Miß Macan's Finger ſteckend;„aber jetzt halten Sie Ihr Verſprechen.“ „Doch vielleicht wird es mein Herr Bruder nicht gern hören.“ „O, er wird entzückt ſeyn,“ verſicherte Power, Muſik geht ihm über Alles.“ „Wirklich?“ „Ja, auf Ehre.“ „Nun, ſo ſorgen Sie nur, daß ein guter Chor ein⸗ fällt, denn das Lied hat einen ſolchen.“ „Miß Macan wird ein Lied vortragen,“ rief Power mit ſeinem Meſſer auf den Tiſch klopfend.„Miß Macan will ſingen“— erſcholl es von allen Seiten, und ehe der unglückliche General Einſprache thun konnte, hatte ſie bereits begonnen. Wie ich die Melodie veranſchau⸗ lichen ſoll, weiß ich wirklich nicht, aber beinahe nach jeder Zeile folgte auf das letzte Wort eine Art von Echo, das einen unwiderſtehlich ſpaßhaften Eindruck machte. Die Wittwe Malone. Vernahmt von der Wittwe Malone Ihr ſchon? So hoͤrt, daß im Städtchen Athlone Sie wohn' Und daß ſie die Männer im ganzen Land Hat alle zu ihren Füßen gebannt, So ſchoͤn iſt die Wittwe Malone, one, Oh So ſchön iſt die Wittwe Malone! Ihr Haus wird von Freiern nie leer, Und wer Um ſie wirbt, manch Tauſend hat der Und mehr, Der Miniſter, der Richter und Rath, Der Kaufmann und der Advokat, Sie frei'n um die Wittwe Malone, Ohone, Sie frei'n um die Wittwe Malone! Doch ſo ſcheu war die Wittwe und fein, Allein Durfu' keiner, wer mocht' es auch ſein, 4 Zu ihr ein. Sie ſeufzten und girrten wohl ſpät und früh, Kein einziger Blick nur beglückte ſie, So ſcheu war die Wittwe Malone, Ohone. So ſcheu war die Wittwe Malone! Da kam O'Brien von Clare Hieher; um Schmachten und Harren ſchiert ſich der Nicht ſehr. Er faſſet ſie keck um den ſchlanken Leib, Er küßt auf den Mund das ſchöne Weib— Mein biſt du, o Molly Malone, Ohone, Mein biſt du, o Molly Malone! Und die Wittwe, ſo ſchüchtern und fein, Kann's ſein? Ihr meint, daß ſie ſchreie und wein“? O nein! Du haſt mich geküſſet mit keckem Sinn, Drum bin ich Dein eigen, ſo nimm mich denn hin, Und freie Mary Malone, Ohone, Und freie Mary Malone! 20³ Mein Lied iſt zu Ende diesmal Allzumal Vernehmet aber hier in dem Saal Die Moral: Wenn um ſchöne Wittwen Ihr buhlet und freit, So küßt ſie und laſſet das Seufzen bei Seit,. Sie ſind alle wie Mary Malone, Ohone, Sie ſind alle wie Mary Malone! Nie hat ein Lied größere Luſtigkeit erregt, als das von Miß Macan vorgetragene, und ihre Wünſche, daß ein ſtarker Chor einfallen möchte, wurden buchſtäblich erfüllt; Wittwe Malo, oho erſcholl es von einem Ende der Tafel bis zum andern, unter allgemeinem, unaus⸗ löſchlichem Gelächter. Selbſt der arme Sir George, welchen ſein Verwandtſchaftsbewußtſeyn, das die liebe Dame durch zahlreiche Anſpielungen auf ihren Herrn Bruder, den General, fortwährend aufzufriſchen wußte, beinahe zu Boden drückte, ſah ſich zuletzt wider Willen in den Strudel der allgemeinen Luſtigkeit mit fort⸗ geriſſen. „Von der Wittwe muß ich eine Abſchrift haben, Miß Macan,“ ſagt Power. „Ei warum nicht? Beſuchen Sie mich nur morgen; kommen Sie um zwei Uhr— da iſt Vater Magreth nicht zu Hauſe,“ antwortete ſie mit einem koketten Blick. „Und wo darf ich Ihnen meine Aufwartung machen?“ „In No. 22 in der Annaſtreet, eine ſehr reſpectable Wohnung. Ich will Ihnen die Adreſſe in Ihre Brief⸗ taſche ſchreiben.“. Power aber gab ihr eine Karte und ein Zleiſtift, worauf Miß Macan einige Zeilen ſchrieb. Dieſe über⸗ reichte ſie ihm dann mit den Worten: „Hier, aber leſen Sie's nicht vor den Leuten; ſie würden mich für entſetzlich undelikat halten, daß ich einem Herrn ein Rendezvous gebe.“ 2⁰4 Power ſteckte die Karte ein und im nächſten Augen⸗ blick wurde Miß Macan's Wagen angekündigt. Sir George Daſhwood, der ſich von dem glücklichen Einfall ſeines ſchönen Gaſtes, ſo bald wieder abzureiſen, Nichts hatte träumen laſſen, wurde nun auf einmal un⸗ gemein aufmerkſam und erinnerte ſie an die Nothwen⸗ digkeit, ſich gegen die Nachtluft recht einzuhüllen, ſprach die Hoffnung aus, daß ſie ſich nicht erkälten werde, wünſchte ihr auf's herzlichſte Gutenacht, und verhieß ihr am andern Morgen auf's allerfrüheſte ſeinen Beſuch. Obſchon Power ſeinen ganzen Ehrgeiz darein ge⸗ ſetzt hatte, die Aufmerkſamkeit der Lady allein für ſich in Anſpruch zu nehmen, ſo begleitete doch Sir George ſelbſt ſie bis an den Wagen; aber als er in den Saal zurückkam, hatte ſich bereits eine zahlreiche Gruppe um den tapfern Kapitän verſammelt, der nun einige höchſt rakteriſtiſche Züge von ſeiner neuen Eroberung— denn anders konnte er die Sache nicht anſehen— preisgab. „Bezweifle es, wer will,“ ſagte er,„ſie hat mich morgen zu einem Beſuch eingeladen— ſie hat ihre Adreſſe auf meine Karte geſchrieben— ſie hat mir die Stunde geſagt, da ſie allein zu Hauſe ſeyn werde— da ſehen Sie her.“ Mit dieſen Worten zog er die Karte hervor und überreichte ſie Lechmere. Kaum hatte dieſer die Schrift angeſehen, ſo ſagte er:„das iſt es nicht, Power.“ „Allerdings iſt es das,“ erklärte der Kapitän;„die Anneſtreet iſt zwar nur ein Branntweingäßchen, aber ſie wohnt nun einmal da.“ „Zum Henker,“ verſetzte der Andere,„davon ſteht ja kein Wort hier.“ „Leſen Sie's laut;“ ſagte Power,„verkünden Sie öffentlich meinen Sieg.“ So gedrängt las Lechmere: „Lieber P.— Haben Sie die Güte, die ſünfzig Guineen welche Sie heute verloren, recht bald auf mei⸗ 205 nen Namen zu bezahlen. Ich habe mir aus eigner Machtvollkommenheit das Vergnügen geſchenkt, Ihren Ball zu beſuchen, habe die Lady geküßt, dem Papa Angſtſchweiß auf die Stirne getrieben und ſogar dem hochverſtändigen Fred Power eine Naſe gedreht. „Der Ihrige „Frank Webber.“ „Die Wittwe Malo oho ſteht ſchönſtens zu Ihren Dienſten.“ Wäre ein Donnerkeil zu ſeinen Füßen niedergefah⸗ ren, der Kapitän hätte nicht verblüffter ſeyn können, als dieſe Entdeckung ihn machte. Er ſtampfte mit den Fü⸗ ßen, fluchte, raste, lachte und verlor beinahe den Ver⸗ ſtand. Der Spaß wurde bald im ganzen Saale bekannt und von Sir George an bis auf die arme Lucy, die jetzt freilich über ihre eigne Rolle dabei feuerroth war, verbreitete ſich die allgemeinſte Luſtigkeit. „Wer iſt er? das iſt die Frage,“ ſagte Sir George, der trotz des lächerlichen Lichtes, in welches er ſelbſt ge⸗ ſtellt worden, über die Entdeckung des Betrugs nicht wenig froh war. „Ein Freund von O'Malley,“ antwortete Power, hocherfreut, einen Andern in ſeine Niederlage verwickeln zu konnen. „Wirklich?“ bemerkte der General, indem er mich mit einem höchſt zweideutigen Blicke anſah. „Ja, es iſt wahr, Sir,“ ſagte ich, um die Anklage zu beantworten, die in ſeinem Tone lag;„aber eben ſo wahr iſt es, daß ich um ſeinen Plan Nichts gewußt und eben ſo wenig ihn hier wieder erkannt habe.“ „Das glaube ich recht gern, mein Lieber,“ antwor⸗ tete der General,„am Ende war es doch ein vortreff⸗ licher Spaß— freilich etwas zu weit getrieben— nicht wahr, liebe Lucy?“ Aber Lucy hörte ihn entweder nicht, oder ſtellte ſich wenigſtens ſo, und nach wiederholten Verſicherungen, daß er nicht im Mindeſten ärgerlich ſey, wandte ſich der General zu einigen andern Freunden; ich aber, glühend vor Entrüſtung über Webber, nahm einen kühlen Ab⸗ ſchied von Miß Daſhwood und entfernte mich. Zwanzigſtes Kapitel. Die letzte Nacht in Trinity. Auf welche Art ich dem vortrefflichen Meiſter Web⸗ ber nach ſeiner Incarnation als Miß Macan entgegen⸗ getreten ſein würde, kann ich jetzt freilich nicht ſagen. Zum Glück für alle Parteien verließ er am andern Mor⸗ gen die Stadt und kehrte erſt nach einigen Wochen zu⸗ rück. Mittlerweile wurde ich ein täglicher Gaſt in des Generals Haus, ſpeiste regelmäßig drei oder viermal in der Woche bei ihm, ritt beſtändig mit Lucy aus und be⸗ gleitete ſie jeden Abend entweder in's Theater oder in Geſellſchaft. Wahrſcheinlich wegen meiner zarten Jugend ſchien Sir George auf eine Vertraulichkeit, die mit jeder Stunde wuchs, wenig zu achten und übergab ſeine Toch⸗ ter bei unſern Morgenausflügen häuſig meinem Schutze. Gleichwohl war mein Glück nichts weniger als vollkom⸗ men. Ich liebte und begann bereits zu hoffen, daß ich nicht mit Gleichgültigkeit angeſehen werde; denn obſchon in Lucy's Benehmen gegen mich niemals eine entſchiedene Bevorzugung meiner Perſon lag, ſo bewieſen mir doch manche unbedeutende und zufällige Umſtände, daß meine Huldigungen weder unbemerkt blieben, noch gering ge⸗ ſchätzt wurden. Unter den vielen fröhlichen und mun⸗ tern Geſellſchaftern bei unſern Ritten, ſchien trotz aller Bemühungen nicht ein Einziger Foriſchritt in ihrer Gunſt zu machen, und in meiner Selbſttäuſchung hielt ich mich bereits für den Begünſtigten, als mir auf ein⸗ mal ein zufälliger Umſtand die Augen öffnete und mit verderbenſchwangerem Hauch die ganze Ernte meiner Hoffnungen zerſtoͤrte. — 207 Eines Morgens wollten wir eben zu einer größeren Tour die Pferde beſteigen, als Sir George's Gegenwart zu Hauſe durch die Ankunft eines Offtziers erfordert wurde, der Depeſchen vom Kriegsminiſterium brachte. Nach einer halben Stunde wurde Oberſt Cameron, der bewußte Offizier, eingeführt und nahm Antheil an un⸗ ſern Geſprächen. Er war erſt vor einigen Tagen von Spanien nach England zurückgekommen und wußte um⸗ ſtändlichen Bericht über die wichtigen Ereigniſſe daſelbſt abzuſtatten. Am Schluſſe einer Erzählung, deren Ge⸗ genſtand ich nicht mehr weiß, wandte er ſich plötzlich zu Miß Daſhwood, die neben mir ſtand, und ſagte leiſe zu ihr: „Und nun, Miß Daſhwood, fällt mir eben ein Auf⸗ trag ein, den ich einem alten Kriegskameraden auszurich⸗ ten verſprochen habe. Dürft ich vielleicht einen Augen⸗ blick allein mit Ihnen ſprechen?“ Dabei ſchien es mir, als knittere Etwas wie ein Brief unter ſeinem Handſchuhe. „An mich?“ fragte Lucy mit einem Blick der Ueber⸗ raſchung, der mich in peinliche Verlegenheit ſetzte, weil ich nicht wußte, ob ich ihn für Koketterie oder Unſchuld anſehen ſollte—„an mich?“ „Ja, an Sie,“ verſetzte der Oberſt ſich verbeugend, „oder mein Freund Hammersley müßte mich ſehr ge⸗ täuſcht haben“— „Kapitän Hammersley!“ ſagte ſie tieferröthend. Mehr hörte ich nicht. Sie ging mit dem Oberſten in eine Fenſtervertiefung und Alles, was ich ſehen konnte, war, daß er ihr einen Brief überreichte, den ſie haſtig aufriß und überflog. Im Anfang wurde ſie leichenblaß — dann roth— endlich füͤllten ſich ihre Augen mit Thränen, und ich hörte ſie ſagen:„Das ſieht ihm gleich!— wie wahrhaft edelmüthig das iſt!“ Mehr verlangte ich nicht zu hören— in meinem Kopf wir⸗ belte es, meine Sinne umdunkelten ſich— ich wandte mich um und verließ das Zimmer; im nächſten Augen⸗ 208 blick war ich auf meinem Pferde und galoppirte, die ſchwärzeſte Verzweiflung im Buſen, in unſäglichem Jam⸗ mer und mit dem glühenden Wunſche zu ſterben, davon. Ich war mehrere Meilen von Dublin entfernt, ehe ich mich recht erinnerte, was vorgefallen war, und auch jetzt hatte ich noch immer keinen klaren Ueberblick: die Thatſache, daß Lucy Daſhwood, die ich bereits für die Meinige gehalten, einen Andern liebe, war Alles, was ich wirklich wußte. Dies war der einzige Gedanke, deſſen meine Seele fähig war, und in ihr drängte ſich mein ganzes Elend, mein ganzer Jammer zuſammen. Die langen Stunden dieſer furchtbaren Nacht ge⸗ hören weitaus zum Schmerzlichſten, was ich je erlebt habe. Mein Herzeleid kleidete ſich in tauſenderlei Ge⸗ ſtalten: bald erinnerte ich mich daran, wie Sir George ſelbſt ſich um meine Freundſchaft beworben und mich zu Beſuchen ermuthigt; wie Lucy ſelbſt auf tauſenderlei Arten bewieſen hatte, daß ſie mich bevorzuge. Vor meine Augen drängten ſich jetzt die verſchiedenen, unzweideuti⸗ gen Beweiſe, die ich ihr dafuͤr gegeben, daß meine Ge⸗ fühle wenigſtens nicht alltäglicher Natur waren; und doch, wie gewiſſenlos hatten dieſe Leute nun mit meinen Herzensempfindungen geſpielt, mit meinem Glück ihren Spaß getrieben! Daß ſie Hammersley liebte, dafür hatte ich jetzt einen handgreiflichen Beweis, daß aber dieſe gegenſeitige Liebe noch immer fortdauerte, während ich ihr nicht nur meine Liebe bekannte, ſondern auch bei⸗ nahe ein Geſtändniß der Erwiederung von ihr empfan⸗ gen zu haben glaubte, o, das war zu ſchändlich; im innerſten Herzen verfluchte im meine Thorheit und ge⸗ lobte mir, die Treuloſe nie wieder zu ſehen. Erſt ſpät kehrte ich am andern Tage nach der Stadt zurück, das Herz trüb und ſchwer, unbekümmert was nun aus mir wurde, und nachdenkend, ob ich nicht ſogleich meine akademiſche Laufbahn abbrechen und zu meinem Oheim zurückkehren ſollte. Als ich nach Hauſe kam, war Alles ſtill und öde; Webber war noch nicht zurück⸗ 2⁰9 gekommen; mein Bedienter war ausgegangen und ich fühlte mich in der Oede dieſer Zimmer, die ſo oft der Schauplatz der luſtigſten Fröhlichkeit geweſen, namenlos elend. Einige Stunden lang ſaß ich halb nachſinnend da; alle trübſeligen Gedanken, welche eine zernichtete Lebenshoffnung heraufzubeſchwören pflegt, ſtiegen einer um den andern in mir auf. Endlich weckte mich ein lautes Klopfen an die Thüre. Ich ſtand auf und öffnete; es war Niemand da, ich ſchaute rings umher, ſo weit die einbrechende Abenddämmerung es geſtattete, ſah aber Nichts. Zuletzt lauſchte ich und hörte in einiger Ent⸗ fernung die mannhafte Stimme meines Freundes Power, der ein luſtiges Dragonerlied ſang. „Power,“ rief ich,„Power!“ „He, O'Malley ſind Sie's?“ fragte er.„Es ſcheint beinahe, als häͤtte es einen innern Kampf gekoſtet, ob Sie die Thüre öffnen wollen oder nicht. Jedenfalls, mein Lieber, ſind ſie kein Prophet, ſonſt hätten ſie mich nicht ſo lange warten laſſen.“. „Haben Sie wirklich warten müſſen?“ „Blos zwanzig Minuten; denn da ich den Schlüſſel in der Thüre ſah, ſo hatte ich mir vorgenommen hinein zu gelangen, im Fall durch Lärm Etwas auszuricht en wäre.“ „Wie ſonderbar! Ich habe doch Nichts gehört.“ „Sie müſſen mit einem famöſen Schlaf geſegnet ſeyn; aber aufrichtig geſagt, mein Lieber, es ſcheint mir faſt, als träumen Sie noch immer.“ „Ich war in den letzten Tagen nicht ganz wohl. „Wirklich? Daſhwood's vermutheten Etwas de Art, weil ſie ſich ſo ſchnell entfernten. Sie ſchickten mich geſtern nach Ihnen, aber Gott weiß, wo Sie ſteck⸗ ten; ich konnte nicht zu Ihnen gelangen, und ſo mußten alſo Ihre wichtigen Neuigkeiten vier und zwanzig Stun⸗ den nutzlos liegen bleiben.“. „Ich kann mir nicht denken, auf was Sie anſpielen.“ Lever, O'Malley. I. 14 21⁰ „Wenn Sie kein vernünftigeres Geſicht machen als eben jetzt, ſo werden Sie auch nicht weiſer werden, wenn ichs Ihnen ſage. Munter, lieber Freund, gut Glück wartet Ihrer.“ „Wie ſo, Power? Sagen Sie’s ſchnell heraus, obſchon ich mich nicht verpflichten kann, die frohe Bot⸗ ſchaft mit dem gebührenden Dank aufzunehmen. Was iſt’s?“ „Sie kennen Cameron?“ „Wenigſtens vom Sehen,“ ſagte ich erröthend. „Nun gut, der alte Camy, wie wir ihn zu nennen pflegten, hat unter andern Neuigkeiten auch Ihr Patent mitgebracht.“ „Mein Patent! Was meinen Sie damit?“ „Um Gotteswillen, wie ſtupid Sie heute Abend ſind! Ich meine damit, daß Sie jetzt einer von den Unſern ſind— Dragoner beim 14. leichten Regiment, den beſten Ka⸗ meraden bei Liebe, Wein und Whiskey, die je eine Säbeltaſche getragen haben. Bei Gott, ich freue mich über ihre Erlöſung von dem ſchwarzen Harniſch der Kings⸗Bench, wie wenn Sie aus einem Kerker entſprun⸗ gen wären So wiſſen Sie denn, Freund Charley, daß wir nächſten Mittwoch nach Fermoy aufbrechen, dort eine Schaar tapferer Burſche— lauter Kanonenfutter— in Empfang nehmen, um ſofort mit Hülfe eines ver⸗ witterten Transportſchiffes und der ſtürmiſchen Winde, die jetzt wehen, noch vor Ende dieſes Monats unſere hübſchen Geſichter in Portugal bräunen zu laſſen. Aber laſſen Sie uns jetzt an ein Abendeſſen denken; einige von unſern Leuten kommen um elf Uhr hieher, und, ich habe ihnen etwas Tüchtiges verſprochen; da dies die letzte Nacht iſt, welche Sie innerhalb dieſer klaſſiſchen Mauern zubringen, ſo wollen wir zum Abſchied noch einmal den Rappen laufen laſſen.“ 3 Während ich Mickey zu Morriſon ſchickte, um ein Abendeſſen zu beſtellen, erzählte mir Power, daß Sir George Daſhwood ſich für mich verwendet und mir die 211 Cornetsſtelle im 14. ausgewirkt habe; aus Furcht, es könnten ſich Schwierigkeiten erheben, habe er mir bis jetzt Nichts davon geſagt, aber für den Fall des Gelin⸗ gens ſchon zum Voraus die Erlaubniß meines Oheims eingeholt. Es war Alles nach Wunſch gegangen und der Gegenſtand langen, kummervollen Sehnens lag jetzt in meinen Händen; aber ach! der Umſtand, der ihm all ſeinen Zauber verliehen hatte, war ein entſchwun⸗ dener Traum, und ich hörte die Nachricht, die mich vor zwei Tagen zum Glücklichſten aller Menſchen gemacht hätte, mit beinahe ſtumpffinniger Gleichgültigkeit an. Ja, mein erſter Gedanke war, die Cornetsſtelle geradezu auszuſchlagen, nur um ſie nicht dem General verdanken zu müſſen; aber dann bedachte ich, wie tief ein ſolches Benehmen meinen armen Oheim verletzen mußte, dem ich keinen genügenden Grund hiefür angeben könnte. Ich hörte alſo Power ſchweigend zu Ende und dankte ihm aufrichtig für ſeine freundſchaftliche Theilnahme, welche bereits weſentlich dazu beitrug, die Wunden zu heilen, die ich mir durch einſames Grübeln ſelbſt geſchlagen. Mit acht⸗ zehn Jahren iſt glücklicherweiſe Troſt noch möglich, wäh⸗ rend er mit acht und zwanzig weit ſchwerer und mit acht und dreißig oft unmöglich wird. Während Power ſich mit vieler Beredtſamkeit über die Wonnen des Soldatenlebens ausließ— ein Thema, das ſchon lange mancher kindiſche Traum für mich ge⸗ heiligt hatte— loderte allmälig meine Begeiſterung wieder auf, und ein gewiſſes Pochen des Herzens überzeugte mich, daß trotz meiner augenblicklichen trübſeligen Nie⸗ dergeſchlagenheit noch immer jener ungeſtüm elaſtiſche. Geiſt in mir lebe, welcher ein Vorrecht des Jünglings iſt und auf den Ruf zu kühnen Unternehmungen horcht, wie das Schlachtroß auf den Schall der Trompete. Daß eine des echten Mannes würdige, große, glorreiche, be⸗ geiſternde Laufbahn ſich für mich eröffnete, und zwar ſo ſchnell nach der neulichen Vernichtung aller meiner Hoff⸗ 14 212 nungen, war an und für ſich etwas ſo Erfrenliches, daß ich nun bald all mein Leiden vergaß und mit lautloſer Theilnahme auf die Erzählungen meines Freundes horchte. Ein geheimes Gefühl von Erbitterung lauerte übrigens immer noch im Hintergrund. Es verlangte mich nach mannhaft kühnen Unternehmungen, nach Gelegenheiten, mich als Mann zu bewähren, ſo daß mir nicht immer meine Jugend vorgeworfen und ich nicht mehr als Knabe behandelt werden konnte. Allmälig ſtellten ſich die andern Offiziere vom 14. ein und wir ſetzten uns, zwölf an der Zahl, zu Tiſche. Es ſollte dies alſo meine letzte Nacht im alten Trinitätsgebäude ſeyn und wir beſchloſſen, dem Lebewohl ſeine gebührliche Feierlichkeit angedeihen zu laſſen. Mans⸗ ſield, einer der wildeſten jungen Burſche im Regiment, hatte hoch und theuer geſchworen, der Abſchied ſolle durch irgend einen entſchiedenen, offenen Ausdruck unſerer Geſinnung ewig denkwürdig gemacht werden, und daher bereits Anſtalt getroffen, die große Glocke in die Luft zu ſprengen, die uns mehr als einmal bei unſeren Zech⸗ gelagen geſtört hatte; aber er wurde überſtimmt von ſeinen beſonnenern Kameraden, und endlich nahmen wir unſere Plätze an der Tafel ein, in deren Mitte bereits mein ganzer akademiſcher Ornat, Mütze, Rock, Bänder u. ſ. w. als Hekatombe ſtand. Ein Scheiterhaufen von Klaſſikern wurde im Kamin errichtet und eine Strafliſte wehte gleich einem Banner über den verurtheilten Helden Roms und Griechenlands. Es iſt ſelten, daß ein zum Voraus verabredeter Ver⸗ ſuch, recht luſtig ſeyn zu wollen, vollkommen Erfolg hat. Aber an jenem Abend wurde uns dieſes Glück zu Theil. Lieder, drollige Geſchichten, Reden, Toaſte, glänzende Phantaſten über den bevorſtehenden Feldzug, die wilde Aufregung, die bei einer ſolchen Geſellſchaft unvermeid⸗ lich iſt, übten, da die Weinflaſche fleißig kreiſte, ihr Recht an uns aus, und gegen vier Uhr Morgens erhoben wir Zein ſolch ſchreckliches Getöſe, daß die Pedellen, die einer 213 nach dem andern abgeſandt wurden, um Einlaß zu ver⸗ langen, nach und nach zu einer furchtbaren Macht an⸗ wuchſen. Endlich brachte Mickey die Nachricht, der Schatzmeiſter, der gefürchtetſte aller Beamten des Col⸗ legiums, ſey draußen und verlange unter Androhung ſeines ſchwerſten Zorns für den Fall des Ungehorſams alsbaldige Oeffnung der Thüre. Das ganze Haus bildete ſogleich ein Comité, das zuletzt den einſtimmigen Beſchluß faßte, dem Begehren Folge zu leiſten. Zu Ehren des erwarteten Gaſtes wurde alsbald eine friſche Bowle Punſch gebraut, ſowie ein neues gutes Stück Fleiſch auf den Roſt gelegt, und nachdem wir uns mit ſo großem Anſtand als vier Fla⸗ ſchen Wein per Mann nur immer geſtatteten, um den Tiſch geſetzt hatten, wurde Curtis, der jüngſte Kapitän und zugleich der betrunkenſte von uns allen, abgeſandt, um den Staatsboten an der Thüre zu empfangen und in unſere erhabene Nähe zu führen. Mickey hatte Befehl erhalten, unmittelbar nach dem Eintritt des Schatzmeiſters, Doktor Stone, die Thüre zuzuſchlagen und keinen von ſeinen Begleitern hereinzu⸗ laſſen. Sofort ſollte der Doktor eingeführt und mit aller möglichen Höflichkeit und Aufmerkſamkeit von uns empfangen werden. Ein neues Donnerwetter von außen ließ uns kanm Zeit zu weitern Berathungen, und endlich ſetzte ſich Curtis, um ſeinen Auftrag zu erfüllen, nach der Thüre zu in Bewegung. „Iſt Jemand draußen?“ fragte Mickey im unſchul⸗ digſten, unbefangenſten Tone, nachdem ungefähr Drei⸗ viertelſtunden an die Thüre geklopft und dieſe beinah eingeſchlagen worden war;„iſt Jemand draußen?“ „Oeffnet im Augenblick— der Herr Schatzmeiſter verlangt es— im Augenblick.“ „Aber es iſt ja Nacht und wir liegen alle im Bette,“ entgegnete Mickey. „Mr. Webber— Mr. O'Malley!“ rief der Schatz⸗ 214 meiſter, kochend vor Wuth;„im Namen des Univerſi⸗ tätsgerichts, laſſen Sie mich ein!“ „Laß doch die Herren herein,“ lallte Curtis, und in demſelben Augenblick wurden die ſchweren Riegel zu⸗ rückgezogen und die Thüre geöffnet, aber ſo ſpärlich, daß nur mit Mühe die dicke Figur des Schatzmeiſters durch⸗ zukommen vermochte. Sich ſelbſt den Weg bahnend und unbekümmert um die Andern, ſtürmte er heftig durch das Vorzimmer, und ehe noch Curtis ſein Amt als Zeremonienmeiſter verſehen konnte, ſtand er mitten unter uns. Wie ihm bei unſerem Anblicke zu Muthe ſeyn mochte, das weiß der Himmel. Die vielen Figuren in Uniformen bewieſen ihm ſogleich, wie wenig ſeine Gerichtsbarkeit auf die große Maſſe ſich erſtreckte, und er wandte ſich daher ſchnell an mich: „Mr. Webber—“ „O'Malley, wenn ich bitten darf, Herr Schatzmei⸗ ſter,“ antwortete ich mit einer ungemein höflichen Ver⸗ beugung. „Gleichviel Sir; Arcades ambo—“ „Je, beide ſind Archidiaconi,“ überſetzte Melville das Latein mit einem Blick zermalmender Verachtung auf den Sprecher. Der Doktor fuhr gegen mich gewendet fort: „Darf ich fragen, Sir, ob Sie ſich etwa im Beſitz eines Privilegiums glauben, dieſe Univerſität in eine gemeine Kneipe zu verwandeln?“ „Ich wollte bei Gott, er thäte es,“ ſagte Curtis. „Ihr alter Speiſeſaal gäbe eine herrliche Wirthsſtube.“ „In der That, Herr Schatzmeiſter,“ verſetzte ich ſehr beſcheiden,„ich hatte angefangen mir bereits mit der Hoffnung zu ſchmeicheln, daß unſer unſchuldiges, kleines Feſtgelage Ihnen den Gedanken eingegeben habe, daran Theil zu nehmen.“ „Ich mache demüthigſt den Antrag, das alte Kameel im ſchwarzen Rocke dort zum Praͤſes zu ernennen. Alle, 215 die meiner Meinung ſind, ſagen ja!“— Ein wahres Geheul von Ja ertönte.„Alle, die dagegen ſind, ſagen Nein. Die Ja haben geſiegt.“ Ehe der unglückliche Doktor zu einem Gedanken kommen konnte, wurde er bereits an den Beinen in die Höhe gehoben und auf einen Stuhl mehr geſchleudert als geſetzt, ſodann aber auf den Tiſch ſelbſt promovirt. „Mr. O'Malley, Ihre Relegation binnen vierund⸗ zwanzig Stunden“— Ein Hip hip Hurrah übertäubte den Reſt ſeiner Rede, während Power dem Doktor ſeine Kappe vom Kopfe nahm und dagegen zur unendlichen Beluſtigung der Geſellſchaft eine Militärmütze auf ſein gelehrtes Haupt ſetzte. „Keine Strafe, die das Geſetz erlaubt, gibt es, die ich nicht—“ „Bedient doch den Doktor,“ ſagte Melville, indem er dem halb Bewußtloſen ein Glas Punſch in die Hand drückte. „Jetzt das Vive la Compagneia,“ rief Telford, indem er ſich an's Piano ſetzte und die erſten Akkorde der wohlbekannten Melodie anſchlug, zu welcher wir folgenden freien Reim improviſiren: Den vier Fakultäten ſei dies Glas geweiht, Vive la Compagneia! Und dies dem Schazmeiſter der Dreifaltigkeit, Vive la Compagneia! 3 „Vive la, vive la, vive la la!“ ſiel der Chor mit einem Gebrülle ein, das die alten Mauern erzittern machte, worauf Power folgendermaßen fortfuhr: Trotz Mantel und Hut iſt ein volles Glas, Vive la Compagneia! Dem Herrn ſo lieb wie der Quell des Parnaß, Vive la Compagneia! O ſeht, wie ſein Auge ſo feurig ſchon blinkt, Vive la Compagneia! 216 Seit ſo köſtlicher Stoff entgegen ihm winkt, Vive la Gompagneia! Worte vermögen nicht die entfernteſte Idee von den Gefühlen des Schazmeiſters zu geben, als dieſe dämo⸗ niſchen Orgien um ihn her aufgeführt wurden. Von Lechmere und einem Andern auf ſeinem Stuhle feſtge⸗ halten, ſtierte er wie ein Wahnſinniger den brüllenden Haufen um ihn her an, und die Verwunderung darüber, daß man ſich gegen einen Mann von ſolcher Stellung ſolche Freiheiten erlauben könne, ſchien ſogar ſeinen Zorn und ſeine Wuth noch zu überſteigen; hie und da ſchien ihm auch der Gedanke durch die Seele zu zucken, wir ſeien Alle zum Tollhaus reif, eine Anſicht, die unſer Benehmen leider nur zu ſehr rechtfertigte. „So haben Sie alſo heute die Morgenvorleſung, alter Knabe, und ſind im Vorbeigehen ein wenig da hereingekommen. Sie müſſen doch ein herrliches Leben führen,“ ſagte Caſey, der jetzt der betrunkenſte von allen war⸗ „Mr. O'Malley, wenn Sie meinen, daß die Be⸗ gebenheiten dieſes Abends damit abgethan ſeien—“ „O weit entfernt, Herr Doktor,“ verſetzte Power, „ich werde einen Bericht darüber an die Journale ſchicken. In allen Winkeln und Ecken des Koͤnigreichs ſoll man davon ſprechen.“ „Der Schazmeiſter vom Trinity ſoll ſprüchwöͤrtlich werden für einen luſtigen Geſellen, der einen Witz ver⸗ ſteht,“ lallte Fegan. „Meinet Ihr etwa, ein ſolches Benehmen ſei akade⸗ Rcle ſagte der Doktor mit einem vernichtenden Hohn⸗ ächeln. „Vielleicht nicht ſo ganz,“ lispelte Melville, ſeinen Gürtel feſter ſchnallend,„aber verdammt luſtig iſt es, he, nicht wahr, Herr Doktor?“ 3 „Hat das Aehnlichkeit?“ fragte Moreton, eine Cari⸗ catur vorziehend, die er ſo eben entworſen hatte. „O, herrlich,— ſehr gut— vortrefflich! M'Cleary 217 ſoll es heute Mittag vor ſein Fenſter hängen,“ ſagte Power. In dieſem Augenblick fingen einige von den brenn⸗ baren Gegenſtänden, die zwiſchen meinen nunmehr zu einem Opferbrand beſtimmten Studentenkleider lagen, Feuer, und von allen Seiten platzten Raketen, Schwär⸗ mer und Mordſchläge los. Der Schazmeiſter, der gegen verſchiedene freundliche Winke und Andeutungen über Feueranlegung, über die Wahrſcheinlichkeit, daß man ihn in die Luft ſprengen werde u. ſ. w., nicht taub ge⸗ blieben war, riß ſich jetzt mit verzweifelter Kraftan⸗ ſtrengung von ſeinen Gegnern los, ſprang mit einem Satz über den Tiſch hinab auf den Boden, hatte, be⸗ vor wir ſeiner habhaft werden konnten, die Thüre er⸗ reicht, riß ſie auf und verſchwand. Mit einem hölliſchen Gebrüll ſetzten wir alle ihm nach, aber Wein und Punſch, Lieder und Reden hatten das Ihrige gethan, und mehr als ein Verfolger maß mit ſeiner ganzen Länge den ge⸗ pflaſterten Boden, während der geaͤngſtigte Schazmeiſter mit der Schnelligkeit der Todesfurcht davon lief und ſeine Zimmer wenigſtens zwanzig Schritte vor Power und Melville erreichte, die von ihrer Verfolgung erſt abließen, als die eichenen Bohlen der Thüre ſie von ihrem Opfer trennten. Ein lärmendes Freudengeſchrei unter ſeinen Fenſtern ſollte unſern Abſchiedsgruß vor⸗ ſtellen, und damit kehrten wir auf meine Zimmer zurück. Mittlerweile hatte ſich ein ganzes Regiment Univerſttätspoliziſten, Pedellen u. ſ. w. um die Thüre verſammelt und ſchien geneigt, zu Ehren ihres miß⸗ handelten Gebieters eine Schlacht zu liefern; aber Power erklärte ihnen in einer bündigen, mit lateiniſchen Brocken geſpickten Rede, daß es mit ihrer Sache ſchlecht ſtehe, und daß wir ihnen mehr als gewachſen ſeien; endlich machte er ihnen den Vorſchlag unſere Punſchbowle zu leeren, wozu wir wirklich nicht mehr fähig waren; dies wurde ſogleich angenommen, der alte Duncan, mit ſeinem Helm in der einen, einen Becher in der andern Hand, 218 wünſchte mir fröhliche Tage, alles mögliche Glück, als ich unter dem maſſiven Bogengang hinausſchritt und dem alten Trinitätsgebäude für immer Valet ſagte. Sollte einer der geneigten Leſer ſich vielleicht dafür intereſſiren, welche Maßregeln der Schazmeiſter hinfort nahm, ſo kann ich ihm blos ſagen, daß die Blitze des Univerſitätsgerichtes nicht gegen mich geſchleudert wurden und ſie mir jedenfalls auch ſchlechterdings Nichts mehr hätten anhaben können. Die Drohung, den ganzen Auftritt in den Blättern zu veröffentlichen, und die Furcht in einer Sechspfennigcaricatur an M'Clareys Fenſter ſiguriren zu müſſen, war zu viel für den würdigen Doktor; er that alſo das Geſcheideſte, was unter dieſen Umſtänden zu thun war, das heißt, er gab ſich zufrieden. Auch ich habe manches Jahr geſchwiegen und erzähle die Ge⸗ ſchichte blos als ein Pröbchen von dem wilden tollen Getreibe meiner Jugendzeit. Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Phönixpark. Was für eine herrliche Sache iſt es, wenn unſere erſten Gedanken beim Erwachen nicht blos einen düſtern, drückenden Traum verſcheuchen, ſondern auch das Be⸗ wußtſein einer neuen glänzenden Laufbahn mit ſich führen, welche ſich voll von Hoffnungen, reich an Verheißungen für die Zukunft vor uns erſchließt! Das Leben hat nichts Beſſeres als dies. Der kühne Sprung, durch welchen der menſchliche Geiſt über die tiefe Kluft zwiſchen Elend und Glickſeligkeit hinwegſetzt, iſt Begeiſterung, und welch eine Welt von glänzenden Viſionen thut ſich dann nicht vor uns auf, welche Plane entwerfen, welche Vorſätze faſſen wir! wie fruchtbar iſt in ſolchen Augen⸗ blicken nicht die langweiligſte Einbildungskraft! wie er⸗ 219 findſam die zahmſte Phantaſie! In kurzen flüchtigen Sekunden ſtellen ſich die Ereigniſſe eines ganzen Lebens vor unſeren Blicken dar. Träume von Gluͤck und Viſio⸗ nen von Wonne, deren Glorienſchein alle unſere ſpäteren Jabre nicht zu verwiſchen vermögen, kommen myriaden⸗ weiſe angeſtürmt, und aus der ſchmalen Oeffnung, durch welche dieſe neue Hoffnung in unſer Herz dringt, er⸗ gießt ſich eine Lichtflut, die unſern Pfad bis zum Rande des Grabes erleuchtet. Wie mancher Erfolg in ſpätern Tagen iſt blos ein Schritt auf dieſer von der Phantaſie des Knaben errichteten Leiter des Ehrgeizes, vielleicht der erſte, vielleicht auch der einzige Schritt! Mit wel⸗ chem Wonnegefühl begrüßen wir nicht irgend ein erreich⸗ tes Ziel unſerer Wünſche, weniger wegen des Vortheils, der uns daraus erwächst, als weil wir darin die Er⸗ füllung irgend einer jugendlichen Prophezeihung erblicken, die unſerem Herzen Alles vorſpiegelte, was wir im Leben zu haben wünſchten, und uns mit Bildern von Glück umgaunckelte! Wo iſt der Menſch, der nicht ſolche Augenblicke gehabt hätte, der dieſelben mit allen ihren trügeriſchen und lügneriſchen Einflüſſen gegen das größte wirkliche Glück vertauſchen möchte, das ihm je zu Theil geworden iſt! Es Bleibt leider nur zu wahr, daß wir einzig und allein in den ſchreckenloſen Schwung ſolcher unweſen⸗ haften Phantaſie wahrhaft ſelig ſind. Selbſt unſere liebſten Lebensfreuden ſtehen mit einigen Quellen des Kummers in ſo genauer Verbindung, daß der Trank des Vergnügens nie ganz unvermiſcht iſt, ſondern immer einen bitteren Bodenſatz behält. Zu einer ſolchen Welt glänzender Zukunftsbilder erwachte ich am Morgen nach den Ereigniſſen, die ich in meinem letzten Kapitel geſchildert habe. Das Erſte, worauf mein Auge ſiel, war ein Dienſtſchreiben folgen⸗ den Inhalts: „Der Oberbefehlshaber wünſcht, daß Mr. O'Malley 2²⁰ nngebchi⸗ dieſes im Hauptquartier ſeines Regiments er⸗ ſcheine.“ So kurz und einfach dieſe Zeilen waren, ſo klangen ſie doch wie Himmelsmuſik in meinen Ohren. Meines Regiments! So war ich alſo doch endlich Soldat; ſo war der erſte Wunſch meiner früheſten Kindheit wirklich erfüllt; und mein Oheim, was wird er ſagen? was wird er denken? 3 „Ein Brief von der Poſt, Sir,“ ſagte Mickey in dieſem Augenblick. Ich ergriff ihn haſtig; er kam von der Heimath, war aber von Conſidines Hand. Wie bebte mein Herz, als ich ihn umdrehte, um nach dem Siegel zu ſehen! Gott ſei Lob und Dank! ſagte ich, als ich bemerkte, daß es ein rothes war. Ich riß es auf und las: „Mein lieber Charley!— da Godfrey am Podagra darnieder liegt, ſo hat er mich erſucht, Dir zu ſchreiben. Deine Anſtellung beim 14. Regiment hat ihn, trotz aller ſeiner Vorurtheile gegen das Militär, ungemein erfreut. Unter uns geſagt, ich glaube auch, daß Deine akade⸗ miſche Laufbahn, wovon ihm Einiges zu Ohren gekom⸗ men iſt, ihm die Ueberzeugung beigebracht hat, Deine Force liege nicht in der Gelehrſamkeit. Du weißt, daß ich dies immer geſagt habe, aber man wollte mich nicht gelten laſſen. Deine neuen Ausſichten ſind der Art, daß Deine beſten Freunde Dir keine ſchönere wünſchen könnten; Du beginnſt zeitig; Dein Regiment gehört zu den aller⸗ beſten; Ihr ſeid zum aktiven Dienſt kommandirt; was kannſt Du mehr wünſchen?“ „Dein Oheim hofft, daß Du, wenn Du auf ein paar Tage Urlaub erhalten kannſt, zu uns kommen wirſt, und ich hoffe es auch, denn er iſt ungewöhnlich nieder⸗ geſchlagen und ſpricht davon, daß er Dich nie wieder ſehen werde und dergleiche Zeug.“ 3 „Ich habe deßhalb, ſo wie überhaupt Deinetwegen an Merivale, Deinen Oberſten, geſchrieben. Wir waren vor vierzig Jahren Cornets zuſammen, und Du wirſt 221 einen recht wackern, aber in Dienſtſachen ſehr genauen Mann in ihm finden. Kannſt Du den Urlaub nicht er⸗ halten, ſo ſchreibe jedenfalls einen langen Brief nach Hauſe. Und nun behüte Dich Gott und laſſe Dir Alles 1 wohl gelingen. Dein aufrichtiger Freund W. Conſidine. N. S. Ich hatte im Sinn, Dir einen langen Brief voll guter Lehren für Deine neue Laufbahn zu ſchreiben, und er war in der That ſchon halb fertig. Aber im Ganzen kann ich Dir nur wenig ſagen, was Dir Dein eigener geſunder Verſtand nicht auch ſagen müßte, und die Erfahrung iſt eine beſſere Lehrmeiſterin, als alle Vorſchriften. Ich kenne nur eine einzige Regel im Le⸗ ben, die kaum eine Ausnahme zuläßt, und ich finde ſie, nachdem ich ihr ſechzig Jahre gehuldigt, immer anwend⸗ barer:— fange nie Händel an, wenn Du es vermeiden kannſt, aber tritt Jedem, ſei es auch Dein Schneider oder Friſeur, unbedenkich entgegen, wenn er Dich fordert. W. C.“ Kaum war ich mit dieſer hochſt charakteriſtiſchen Epiſtel zu Ende, als zwei neue Briefe auf meinen Tiſch gelegt wurden. Der eine war von Sir George Daſch⸗ rond, der mich zum Mittageſſen einlud, wobei ich einige Kriegskameraden treffen würde. Wie ſchlug mein Herz bei dieſem Ausdruck! der andere mit„höchſt wichtig“ auf der Adreſſe, kam von meinem bisherigen Vorgeſetzten, Doctor Mooney, der mir in kurzen Worten anzeigte, im Fall ich den Schatzmeiſter gebührend um Ent⸗ ſchuldigung bitte, ſo werde er ſich vielleicht beſtimmen laſſen, von allen weitern Schritten abzuſtehen, wo nicht — nun folgten unzählige Drohungen mit Geldſtrafen, Karcer, Relegation u. ſ. w., was mir Alles jetzt höchſt ſpaßhaft vorkam. Ich nahm die Einladung an, lehnte die Entſchuldigung ab, ließ mein Pferd vorführen und galoppirte nach der Kaſerne, um meinen Freund Power über die Einzelnheiten meiner neuen Laufbahn zu Rathe zu ziehen. 222. Als die Stunde des Gaſtmahls herankam, wandten ſich meine Gedanken wieder zu Miß Daſhwood, und tau⸗ ſend Beſorgniſſe durchkreuzten mein Gemüth, ob ich wohl Kraft genug haben werde, mit ihr zuſammenzutreffen, ohne durch mein Benehmen den veränderten Zuſtand meiner Gefühle zu verrathen, eine Moͤglichkeit, die ich jetzt ebenſo ſehr fürchtete, als ich mich vor einigen Tagen nach einer Gelegenheit geſehnt hatte, ihr meine, wenn auch noch ſo hoffnungsloſe Liebe zu geſtehen. Alle meine mannhaften Entſchlüſſe und wohl angelegten Plane, unerſchüttert und gleichgültig vor ihr zu erſcheinen, all die Vorſätze, womit ich mich beim Ankleiden und auf dem Wege gewaffnet hatte, waren inzwiſchen unnöthig, denn die Geſellſchaft beſtand ausſchließlich aus Herren, und ſelbſt, als der Café aufgetragen wurde, machte Niemand eine Bewegung, um nach dem Familienzimmer zu gehen. Nun, auch gut, murmelte ich, als ich in meinen Wagen ſtieg. Zwiſchen uns iſt jetzt alles zu Ende, und ich darf wohl meine Tage nicht mit Seuf⸗ zern um eine junge Lady vergeuden, die nur für einen Anderen lebt. Sehr vernünftige, ſehr paſſende Entſchlie⸗ ßungen das. Aber ach, als ich zu Bette gegangen war, mußie ich die eine Hälfte der Nacht an die ſchöne Lucy denken, und die andere Hälſte träumte ich von ihr. Als der Morgen graute, war mein erſter Gedanke: Soll ich ſie noch einmal ſehen? ſoll ich auf ſolche Art für immer von ihr Abſchied nehmen oder ſoll ich nicht vielmehr die Laſt meines Geheimniſſes vom Herzen wäl⸗ zen, ihr meine Liebe bekennen und dann Lebewohl ſagen? Letzteres ſtimmte heute mehr als geſtern mit meinen Wünſchen überein, und da Power mir geſagt hatte, daß wir bevor acht Tage vergehen, in Fermoy ſeyn müſſen, ſo wußte ich, daß ich keine Zeit mehr zu verlieren hatte. Mein Entſchluß war gefaßt. Ich beſtellte mein Pferd und ritt, ſo früh es auch war, nach dem Royal Hospital. Als ich vor dem Hauſe ankam, pochte mir 223 das Herz ſo gewaltig, daß ich beinahe umgekehrt hätte. Dennoch faßte ich Muth und läutete. Sir George war ausgegangen. Miß Daſhwood war erſt vor fünf Minuten auf einige Tage nach Carton abgereiſt. Es iſt des Schickſals Wille, ſagte ich, indem ich mich umwandte und langſam neben meinem Pferde nach Dub⸗ lin zurückging. In den wenigen Tagen vor meiner Abreiſe hatte ich vom Morgen bis zum Abend genug zu thun, um die verſchiedenen Einzelnheiten meiner Uniform, Aus⸗ rüſtung u, ſ. w. einzukaufen, wobei mir Power redlich an die Hand ging. Meiner Pferde wegen wurde ein Bote nach Galway geſandt, und ich ſelbſt fand, obſchon ich unzählige Beſuche zu machen und eine Maſſe Geſchäfte zu beſorgen hatte, dennoch wenigſtens dreimal des Tages Muße, nach dem Royal Hospital hinauszureiten, immer um Gir George über eine Kleinigkeit zu befragen und dabei jedesmal zu hören, daß Miß Daſhwood noch nicht zu⸗ rückgekehrt ſey. So vergingen fünf von meinen ſechs letzten Tagen in Dublin, als der Morgen des ſechſten anbrach, bekannte ich mir's mit bekümmertem Gemüthe, daß die Abſchiedsſtunde nunmehr herannahe, ohne daß ich bis jetzt eine Gelegenheit gehabt hatte. Lucy zu ſehen, und ihr Lebewohl zu ſagen. Während Mickey in einem Winkel des Zimmers packte und ich im andern einen langen Brief an meinen Oheim zu Ende brachte, öffnete ſich die Thüre und Webber trat ein. „He, OMalley, wie es ſcheint, komme ich noch ge⸗ rade recht, um Ihnen Adjeu zu ſagen. Zu meinem größten Erſtaunen finde ich diefen Morgen, daß Sie der ſtillen Schweſter den Rücken gekehrt haben. Ich fürchtete ſchon, ſie nicht mehr zu ſehen zu bekommen, bevor Sie in den Krieg ziehen. Auch wäre es beinahe ſo gegangen, Frank; auch ich glaubte bereits, wir werden einander nicht mehr ſe⸗ 224 hen. Ihre letzte glänzende Heldenthat bei Sir George hat mich übrigens beinahe in eine ernſtliche Verlegen⸗ heit gebracht.“ „Ach was? blos eine Kleinigkeit. Aber Power muß doch verdammt einfältig dreingeſchaut haben? Ich hätte viel darum gegeben, ſein Geſicht ſehen zu können. Er bezahlte die Wette gleich am anderen Tag, der ehrliche Kerl. Beiläufig geſagt, O'Malley, ich hätte mich beinahe in das Mädchen verliebt. Sie iſt ver⸗ dammt hübſch; o ihr Fuß— haben Sie ihren Fuß bemerkt?— o der iſt himmliſch.“ zlti,d ſie iſt wirklich nicht übel,“ verſetzte ich gleich⸗ gültig. „Ich denke, ſie ein wenig zu kultiviren,“ fuhr Webber fort, indem er vor dem Spiegel ſeine Halsbinde zurecht zupfte, und ſein Haar ordnete.„Sie iſt durch das Geflimmer von all ihren Huſaren⸗ und Adjutanten⸗ Bekanntſchaften ein Bischen verwöhnt; aber vielleicht wäre ihr doch noch zu helfen.“ „Wenn Sie das Wohlwollen hätten, ſich ihrer an⸗ zunehmen, dann gewiß. „Eben das meine ich. Aber es thut mir doch ver⸗ dammt leid, daß Sie fortgehen; den Stone haben Sie glorreich auf den Eſel geſetzt. Doch es iſt vielleicht ſo auch gut, denn am Ende wären Sie doch weggejagt worden; aber das Soldatenleben iſt eben auch nicht immer das luſtigſte. Wie ſich der alte General den Beſuch ſeiner Schwägerin zu Herzen nahm! Doch er muß ver⸗ zeihen und vergeſſen, denn ich habe im Sinn, mit ihm und Luſy eine dicke Freundſchaft zu ſchließen. Wohin wollen Sie jetzt?“ „Ich will ein neues Pferd vor den Truppen pro⸗ biren,“ ſagte ich.„Es ſteht feſt genug beim Lärm einer Fuchsjagd, aber ich weiß nicht, wie es ſich zum Lärm einer Kanonenſalve verhalten wird.“ 1 „Nun, ſo kommen Sie, ich reite mit,“ ſagte Weh⸗ ber. Damit beſtiegen wir unſere Pferde und brachen 225 nach dem Parke auf, wo zwei Regimenter Cavallerie und einige Corps Artillerie gemuſtert werden ſollten. Die Revue war ſchon vorüber, als wir auf dem Exercierplatze ankamen, und wir ritten nun langſam dem Ende des Parkes zu, um auf der Chauſſée nach Dublin zurückzukehren. Auf einmal bemerkten wir einige hundert Schritte vor uns einen Offizier und eine Dame, beide zu Pferd und hinter ihnen einen Dragoner als Or⸗ donnanz. „Da iſt er ja,“ ſagte Webber;„ich will doch ſehen, ob er mich nicht zum Mittageſſen einlädt, wenn ich mich ihm jetzt in den Weg werfe.“ Wen meinen Sie?“ fragte ich. „Nun, wen anders, als Sir, George Daſhwood? — ca voilà! Miß Lucy. Das Engelskind reitet ja ganz vortrefflich, ſitzt wie ein Püppchen auf ihrem Pferde. O Malley! um mein Herz iſt es geſchehen, ſo wahr ich lebe, ſie hat es mir angethan.“ „Sehr möglich,“ ſagte ich,„auch habe ich noch einen anderen Freund, der dieſe Neigung theilt.“ ft„Einen gewiſſen Charles O'Malley in Sr. Maje⸗ ſtä— „Unſinn, mein Lieber, nein, nein; ich meine einen ganz andern Mann, der auch nach Allem, was ich ſehe, zu den beſten Hoffnungen berechtigt iſt.“ „O, was das betrifft, ſo ſchmeicheln wir uns, hierin keine bedeutenden Hinderniſſe zu finden.“ 3„Wie ſo?“ „Die Sache iſt ganz einfach. Es gehört zu dieſem Geſchäft, wie zu allen ähnlichen, hauptſächlich ein ſehr entſchiedener Wille; ſein Handeln und Dulden trägt nach Lindley Murray immer den Sieg davon. Sagen Sie ihr drei Wochen lang alle Tage, daß Sie ein Engel ſei; im Anfang wird ſie ein wenig darüber lachen, aber am Ende glaubt ſie's. Sagen Sie, daß Sie nicht die geringſte Ausſicht auf ihre Gegenliebe haben, aber den⸗ Lever, O'Malley. I. 15 226 noch fortfahren werden, ſie zu lieben; daß Sie aus Verzweiflung ſterben müſſen u. ſ. w., daß aber dieſer Gedanke ungemein viel Süßes für Sie habe. Sagen Sie ihr endlich, Sie wiſſen wohl, daß ſie kein Ver⸗ mögen beſitze, im Uebrigen können auch Sie ſelbſt keine ſechs Pfennige Ihr Eigenthum nennen, und wer denn eigentlich heirathen ſollte, wenn Leute von ſo vollkommen ähnlichen Verhältniſſen es nicht thäten?“ „Nur gemach, mein Freund; wie Zeit und Ort zu ſolch intereſſanten Unterhaltungen finden?“ „Zeit und Ort! Gott im Himmel, welch' eine Frage? Iſt nicht jede von den vier und zwanzig Stun⸗ den die beſte? iſt nicht jeder Ort der geeignetſte? Eine plötzliche Pauſe der Orgel in der St. Patrickskirche über⸗ raſchte mich zwar allerdings einmal bei einer Liebes⸗ erklärung, aber der Chor kam mir zu Hülfe und über⸗ zönte die Antwort der Schönen. Mein lieber O'Malley, was könnte Sie, wenn Sie wirklich Luſt dazu hätten, in dieſem Augenblick verhindern, bei der ſchönen Lucy dort den Angenehmen zu ſpielen?“ „Und im Fall wir nicht übereinkämen, wäre der Vater als Schiedsrichter da,“ bemerkte ich. „Nein, ganz und gar nicht, den wollen wir ſchon auf die Seite bekommen.“ „Unmöglich, lieber Freund.“ „Nun, ſo kommen Sie, nur um Ihre Hartgläu⸗ bigkeit zu überführen. Wünſchen Sie wirklich dem lieben Kinde ohne Zeugen Lebewohl zu ſagen, ſo will ich den Argus ſogleich wegſchaffen.“ „Sie wollen doch nicht—“ „Allerdings, guter Freund, allerdings will ich.“ So ſprechend, zog er ein karmoſinrothes Sackluch aus der Taſche und band es ſich wie eine Offiziersſchärpe um. Dann ſagte er mir, ich ſolle einige Minuten lang behutſam verfahren, ritt ſofort weg und verſchwand au⸗ genblicklich hinter einem Weißdorngebüſche. Ich war kaum hundert Schritte weit geritten, als 227 ich hörte, wie Sir George die Ordonnanz zu ſich rief. Ich blickte auf, und ſah weit voran Webber kourbettiren, und alle möglichen Reiterkünſte verſuchen. Die Cntfer⸗ nung zwiſchen dem General und mir war jetzt ſo klein, daß ich ſolgendes Geſpräch zwiſchen ihm und der Or⸗ donnanz hören konnte. „Er iſt alſo nicht in Uniform?“ „Nein, Sir, er trägt einen runden Hut.“ „Einen runden Hut!“ „Seine Schärpe— „Degen und Schärpe! Das iſt zu arg, ich muß jetzt wiſſen, wer es iſt. Reite ihm nach.“ „Wie befinden Sie ſich, Herr General?“ rief Web⸗ ber, waͤhrend er gegen die Bäume zuritt. „Halten Sie, Sir,“ ſchrie Sir George. „Guten Tag, Sir George,“ entgegnete Webber, ſich zurückziehend.. „Warte hier ein wenig, Lucy,“ ſagte der General, indem er ſeinem Pferd die Sporen gab und davon ga⸗ loppirte, höchſt erbittert über eine ſolch offene und freche Uebertretung ſeiner gemeſſenſten Befehle. Webber jagte nach einem tiefen Grunde hinab, wo die Straße zwiſchen zwei mit Ginſter bewachſenen Hü⸗ geln hinlief und ſofort in den dichteſten und verwickeltſten Theil des Parks führte. Sir George rannte kühn hinter ihm her, und in weniger als einer halben Stunde hatte ich beide aus dem Auge verloren. Ich ſelbſt konnte mich von meinem Staunen über Franks Schlauheit nicht ſo bald erholen, und wußte nicht, was ich nunmehr be⸗ ginnen ſollte. „Jetzt oder nie,“ ſagte ich endlich, indem ich keck voranritt, und im nächſten Augenblick befand ich mich an Miß Daſhwoods Seite. Ihre Verwunderung über mein plötzliches Erſcheinen ſteigerte meine eigene Verwirrung dermaßen, daß lich 1⁵* 2 einige Sekunden kein Wort hervorbringen konnte. End⸗ lich nahm ich meinen Muth zuſammen und begann: „Miß Daſhwood, ich habe mich in den letzten vier Tagen ſchmerzlich nach dem Augenblick geſehnt, welchen mir jetzt der Zufall geſchenkt hat. Ich wünſchte, bevor ich diejenigen, denen ich bereits ſo viel ſchulde, auf immer verlaſſe, ihnen wenigſtens meinen Dank bezeugen zu können.“ „Wann werden ſie denn abreiſen?“ „Morgen; Kapitän Power, unter deſſen Befehlen ich ſtehe, hat Ordre erhalten, ſich augenblicklich nach Portugal einzuſchiffen.“ Ich meinte,— vielleicht meinte ich's auch blos— ihre Wangen bleicher werden zu ſehen, als ich dies ſagte; aber ſie blieb ſtill, und auch ich ſagte Nichts mehr, da ich nicht wußte, was ich bereits geſprochen hatte. „Mein Vater,“ begann ſie endlich nach einer langen Pauſe,„denkt gewiß nicht daran, daß Sie uns ſobald verlaſſen ſollen; denn erſt geſtern Abend ſprach er von Briefen, die er Ihnen an einige Freunde mitgeben wolle, überdieß weiß ich—“ hier lächelte ſie etwas gezwungen „daß er noch einige gute Lehren in Betreff ihrer neuen Laufbahn für Sie in petto hat, denn er glaubt, daß ſolche für einen jungen Ofſtzier vom höchſten Werth ſeyn müſſen.“ „Ich bin in der That Sir George zum innigſten Danke verpflichtet, und wahrlich, niemals war vielleicht Jemand des Rathes bedürftiger, als ich.“ Die letzten Worte ſagte ich, halb in Nachdenken verloren, und wollte nicht, daß ſie dieſelben hören ſollte. „Ei, ſo halten Sie ſich doch an meinen Vater,“ ſagte ſie eifrig;„er iſt ſehr gut auf Sie zu ſprechen, und wird gewiß Alles thun, was in ſeiner Macht ſteht—“ „Ich fürchte leider, das wird er nicht thun, Miß Daſhwood.“ 229 „Wie, was meinen Sie? iſt Etwas vorgefallen?“ „Nein, nein; ich habe mir Ihr Mitgefühl unter einem falſchen Vorwand erſchlichen; aber wollte ich Ihnen die ganze Wahrheit ſagen, Sie würden mir's nicht ver⸗ zeihen, vielleicht mich nicht einmal anhören.“ „Sie überraſchen mich in der That, aber wenn es Etwas iſt, wobei mein Vater—“ „Weniger er als ſeine Tochter,“ ſagte ich, meine Augen voll auf ſie heftend;„ja, Lucy, ich fühle, ich muß es bekennen, koſte es, was es wolle; ich liebe Sie. Bleiben Sie, hören Sie mich aus; ich kenne die Hoff⸗ nungsloſigkeit, die gänzliche Verzweiflung, die einem ſolchen Gefühl bevorſteht. Mein eigen Herz ſagt mir, daß ich nicht wieder geliebt werde, nicht wieder geliebt werden kann; aber dennoch werde ich dieſe Liebe, obſchon ſie verworfen wird und mir keinen Segen bringen kann, treu und unverändert hewahren. Ich fordere Nichts, ich hoffe Nichts; ich flehe nur um Glauben an die Auf⸗ richtigkeit meiner Geſinnung und um Mitleid für meine herzliche Verehrung derjenigen, welche ich allein lieben kann. Ich ſehe daß Sie mich wenigſtens beklagen. Nein, kein Wort mehr; ich habe noch eine Bitte an Sie; es iſt meine letzte, meine einzige. Wenn Zeit und Raum uns— vielleicht für immer trennen, o, dann denken Sie nicht, daß die Ausdrücke, die ich jetzt ge⸗ brauche, blos von einer plötzlichen Aufwallung jugend⸗ lichen Gefühls eingegeben worden ſeyen; ſchreiben Sie die Glut der Neigung, die ich jetzt ausſpreche, nicht einzig und allein dem Jugendfeuer zu; denn ich ſchwöre Ihnen bei dem Theuerſten, was ich hoffe, daß meine Liebe im Innerſten meines Herzens entſprungen iſt, und daß ſie die Quelle aller meiner Handlungen, aller meiner Be⸗ ſtrebungen ſeyn wird; ja, wenn ich aufhöre, Sie zu lieben, ſo werde ich aufhören, zu fühlen. „Und nun leben Sie wohl, leben Sie wohl für immer!“ Damit preßte ich ihre Hand an meine Lippen, heftete noch einen langen, letzten Blick auf ſie, wandte 230 dann raſch mein Pferd, und ehe eine Minute verging, war ich aus ihrem Geſichtskreis entſchwunden. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die Landſtraße. Power wurde durch einen Befehl des Generaladju⸗ tanten noch Etwas in der Stadt zurückgehalten, und ich hatte daher, als ich am andern Morgen nach Cork auf⸗ brach, keinen andern Begleiter als meinen Bedienten Mickey. Auf den erſten Stationen beſchäftigten mich meine eigenen Gedanken ſtark genug, um mich gegen alles Andere gleichgültig und unempfindlich zu machen, Meine nunmehr beginnende Laufbahn— die Ausſichten, welche das Soldatenleben mir bot— meine Hoffnungen auf Auszeichnung— meine Liebe zu Lucy mit ihrem ganzen Gefolge von Zweifeln und Befürchtungen, Alles ging jetzt an meinem geiſtigen Auge vorüber, und bis ſpät am Nachmittag achtete ich auf nichts, was um mich her vorgieng. Endlich ſah ich mich nach dem Hinterſitz der Kutſche um, wo, wie gewöhnlich, Mickey's Stimme ſich hören ließ, erblickte ihn umgeben von einer eifrigen Zu⸗ hörerſchaft, beſtehend aus friſchen Rekruten, die unter Aufſicht eines Sergeanten nach Cork reisten, um allda in ihr Regiment eingereiht zu werden. Der Sergeant, deſſen wachſame Augenblicke nur der Zeit galten, wo die Pferde gewechſelt wurden und er abſteigen konnte, um ſich etwas Warmes zu miſchen, ſchenkte ſeinen Leuten ſehr wenig Aufmerkſamkeit; ſondern ließ ihnen vollkom⸗ mene Freiheit auf Mickey's Beredtſamkeit zu lauſchen „und, wenn ſie es für gut fanden, von ſeinem Vortrage zu profitiren. Meiſter Michael's Verdienſte um ſeine neuen Bekannten waren inzwiſchen, wie ich zu bemerken anſing, nicht ganz derſelben Art, wie ſie ſich Dibdin im letzten Krieg um unſere Flotte erworben haben ſoll. Weit 231 entfernt davon! Sein Thema war nicht geringſchätzige Verachtung aller Gefahr— nicht patriotiſche Begeiſte⸗ rung für Heimath und Vaterland zu ſtreiten— nicht ſtolzes Selbſtbewußtſeyn brittiſcher Tapferkeit gemiſcht mit dem gebührendem Haſſe gegen unſere Feinde; Mickey's Beredtſamkeit führte eher die Sache der Gegner. Auf höchſt eindringliche Weiſe ſetzte er die Mühſeligkeiten des Soldatenlebens aus einander, ſeine Gefahren, Wechſel⸗ fälle, Mißlichkeiten, ſeine möglichen Strafen, ſeine, auch beim größten Verdienſt, nur geringen Belohnungen, und er wußte in der That ſo gründlich auf die Zuhörer zu wirken, daß ich die armen Burſche gar manchen Blick mit einander auswechſeln ſah, der ganz und gar nicht von freudiger Entſchloſſenheit zeigte, fur König Georg zu fechten. Nach einem langen, höͤchſt eindringlichen Vortrag über die Vorzüge jedes andern Berufs, ſelbſt Diebſtahl und Gaunerei mit einbegriffen, ſchloß er mit folgendem Verſe:— Ihr ſeid ſo ſtolz als wie ein Bock, Mit eurem rothen Scharlachrock Und eurem Federhute! „Aber,“ fuhr er fort,„bei dem Pſeifer, der vor Moſes pfiff, es gibt da mehr Schläge als Pfefferbrod. Ja, wenn Ihr erſt Alles wüßtet! wenn ich Euch erzählte, wie elend es meinem Vater ergangen iſt.“ „War er auch Soldat?“ fragte einer. „Ja, leider, und er wäre einmal beinahe durchge⸗ peitſcht worden, weil er that, was man ihm befohlen hatte.“ 3„Alle Hagel, das war hart.“ „Freilich war es hart; aber da mein Vater ſah, daß die Leute ſelbſt nicht wußten, was ſie wollten, nun da dachte er, er für ſich wiſſe es wohl, und gab Ferſen⸗ geld. Kein Teufel hätte ihn mehr zum Regiment bringen können. Aber vielleicht macht es Euch Vergnügen die Geſhicht⸗ anzuhören, denn es liegt eine recht gule Lehre arin.“ 232 Da die ganze Geſellſchaft ihn erſuchte die Erzäh⸗ lung preiszugeben, ſo begann Mickey, nachdem er einen ſchlauen Blick auf den Sergeanten geworfen und ſich über⸗ zeugt, daß er immer noch ſchlief, wie folgt: „Nun, es ſind ſchon gar manche Jahre, daß mein Vater ſich in die Regiſter des Northeork eintragen ließ, blos aus Gefälligkeit gegen Mr. Barry, ſeinen Guts⸗ herrn; denn, ſagte dieſer, Phil, ſagte er, du ſollſt durch⸗ aus nicht Soldat werden, ſondern mein Bedienter, Du ſollſt mir meine Kleider ausputzen, kleine Gänge machen, und der König— Gott erhalte ihn noch lange— wird Dich für Deine Mühe bezahlen; Du verſtehſt mich? Mein Vater wars zufrieden und Mr. Barry hielt redlich Wort. Nie mußte mein Vater auf die Wache oder zum Exerziren, oder zum Zapfenſtreich, kurz, er hatte auf Gottes lieber Welt Nichts zu thun und keine Plackereien, als den Kapitän, ſeinen Herrn, zu bedienen. „So ging es drei Jahre ganz vortrefflich, bis das Regiment nach Bantry beordert wurde, weil ein Bericht eingelaufen war, daß die ‚„Buben’ ſich dort wieder regen; aber gleich am zweiten Abend mußte Kapitän Barry bei Nacht ſechs Stunden lang im Regen patrouilliren, und da erkältete ſich der gute Mann und ſtarb. Manche be⸗ haupteten, dies ſey vom Trinken gekommen, aber mein Vater ſagte immer, es ſey nicht wahr; denn, ſagte er, nachdem er acht Gläſer ganz gemüthlich getrunken hatte, miſchte mein Vater ihm das neunte, und dann winkte der Kapitän mit der Hand, als wollte er ſagen, er wolle jetzt keins mehr. Meinen Sie das wirklich? fragte mein Vater und der Kapitän winkte.„Es thut mir ſehr leid,“ ſagte dann mein Vater wieder,„Sie auf dieſe Art zu ſehen, denn Sie müſſen ſehr übel auf ſeyn, da Sie ſchon ſo früh am Abend aufhören wollen.“ Und er hatte wirklich recht; am andern Morgen war der Kapitän wirklich todt. 5 „Es war dies ein melancholiſcher Tag für meinen Vater, als ſein Herr ſtarb; die ſchönſte Stelle von der 23³ Welt, wenig zu thun; Vergnügen in Menge, und der Kapitän war ein herzensguter Mann wenn er ſich be⸗ trunken hatte. Als nun der Kapitän begraben und Alles vorüber war, ſo hoffte mein Vater, man werde ihn jetzt weglaſſen, denn er ſagte:„Ich bin in der Welt zu Nichts nütze, außer für den Mann, der da geſtorben iſt; den kannte ich inwendig und auswendig. Soldat jedoch war ich nie!: Aber ſo wahr ich lebe, ſie hatten andere Gedanken in ihren Köpfen, denn ſie befahlen ihm jetzt in Reihe und Glied zu treten, und er mußte ſich drillen laſſen, wie die jüngſten Rekruten. „Donnerwetter, iſt das nicht zu arg?“ ſagte mein Vater, ‚ich bin ein alter Knabe, den man auf Penſion ſetzen ſollte mit zwei Schillingen und ſechs Pfennigen pr Tag; ſtatt deſſen aber zwingt man mich im Caſer⸗ nenhof herumzuhüpfen, nach dem Gänſemarſch zu mar⸗ ſchiren und allerhand andern Unſinn zu machen, was ſich für mein Alter nicht ſchickt und mit meinen Gewohnhei⸗ ten nicht verträgt. Doch da half Alles nicht, man wollte ihm keine beſondere Suppe kochen. So ging es lange Zeit fort, und gemiß, wenn ſie gegen meinen Vater hart waren, ſo rächte er ſich, denn er brachte ſie durch ſeine Einfältigkeit faſt zur Verzweiflung. Einen zweiten Sol⸗ daten, wie er war, findet man ſicherlich auf der ganzen weiten Welt nicht; auch das Allerleichteſte, mochte es ſeyn, was es wollte, konnte er nicht begreifen, und aus dem Cachot machte er ſich gar Nichts, im Gegentheil gefiel ihm das noch am beſten vom Ganzen. Jeder Sergeant im Regiment hatte ſeine Kunſt an ihm ver⸗ ſucht, aber vergebens, und dabei ſtellte ſich der alte Spitzbube noch ſo lernbegierig an, daß es den Andern zuletzt ſelbſt entleidete, ihn zu ſtrafen. „So ging es es eine Zeitlang, als eines Tags die Nachricht eintraf, ein Haufen Rebellen, wie dieſe Leute es nannten, komme vom Cap Mulnavick her, um die Stadt zu ſtürmen und Alles niederzubrennen. Das ganze Regiment mußte unter Gewehr treten, und man traf 234 große Vorbereitungen zu einer Schlacht. Patrouillen mußten die Straßen ſauber halten, und an jeder Bie⸗ gung des Wegs, auf jedem Hügelchen wurden Schild⸗ wachen aufgeſtellt, um Zeichen zu geben, wenn die Bauern herannahten. Meinen Vater poſtirten ſie an der Brücke von Drumsnag, im wildeſten, ödeſten Theile der ganzen Gegend, wo rings herum Nichts als Berge mit Ginſter waren und über einen derſelben die Straße hinlief. „Nun, das iſt luſtig,“ ſagte mein Vater, als ſie ihn dort allein ließen, ohne eine menſchliche Creatur, mit der er ſprechen kannte, und keine Branntweinſchenke auf zehn Meilen in der Runde, zein kalter Spaß,' ſagte er, ‚für einen Wintertag, und wahrlich, ich habe beinahe im Sinn, Euch den Rüucken zu drehen.“ „Er ſtellte ſein Gewehr an die Brücke, zündete ſeine Pfeife an, ſetzte ſich unter einen alten Baum und ſing an über ſeine Lage nachzudenken. „O/' ſagte er, ‚verdammt ſchlechtes Geſchäft, dieſes Soldatenhandwerk, und der Teufel hole den Hammer, der den Schilling prägte, für den ich mich anwerben ließ;« denn es war ihm gar nicht wie dem Pfaffen am Oſtertag. „In demſelben Augenblick kam ihm ein Geräuſch näher; er horchte, aber noch ehe er auf die Beine kom⸗ men konnte, ritt der General, der alte Coſoon, heran, und hinter ihm eine Ordonanz. „Wer da?' ruft mein Vater. „‚Die Runde,“ antwortete der General, indem er ſich auf allen Seiten nach der Schildwache umſah, denn mein Vater ſaß ganz behaglich unter dem Baume. „Was für eine Runde? fragte mein Vater. „Die große Runde, ſagte der General noch er⸗ ſtaunter als zuvor. ‚So paſſirt, große Runde und Gott ſegne Dich,“ ſagte mein Vater, ſeine Pfeife wieder in den Mund ſteckend, denn er meinte, es ſey jetzt Alles vorüber. 235 „Verdammter Schlingel, wo biſt Du?“ rief der General, der weit und breit Nichts von einer Schild⸗ wache ſehen konnte. „Hier, hier, antwortete mein Vater, zund es iſt ein verteufelt kalter Platz; hätte ich nicht meine Pfeife, ſo wäre ich verloren.“ „Bei dieſen Worten fing der General an zu lachen, ſo daß er beinahe vom Pferde ſiel, und auch der Dra⸗ goner hinter ihm lachte, obſchon dies eigentlich nicht erlaubt war, eben ſo laut wie er. „‚Du biſt eine drollige Schildwache,“ ſagte der Ge⸗ neral, ſobald er wieder ſprechen konnte. „Ei der Teufel, ſie haben mir wenig Witz im Kopf gelaſſen,“ antwortete mein Vater, ‚mit all' dieſem Dril⸗ len und Paradiren und Patrouilliren bei Nacht auf den Straßen herum.“ „Und iſt das die Art, wie Du Deinen Offizier begrüßeſt? fragte der General. „Allerdings,“ ſagte mein Vater, ‚man hat mich nicht mehr Höflichkeit gelehrt.“* „‚Zu welchem Regiment gehörſt Du?e fragte der General. „Zum Northeork, Gott und der heiligen Jungfrau ſei es geklagt, antwortete mein Vater mit einem Seufzer. „Es darf ſtolz auf Dich ſein,“ ſagte der General. „Thut mir leid, verſetzte mein Vater betrübt: ‚es könnte wohl ſeyn, daß ſie mich nicht länger behalten wollten.“ „Nun, mein guter Burſche, ſagte der General, zich habe zwar ganz und gar keine Zeit hier zu ver⸗ ſchwenden, aber eine gute Lehre will ich Dir doch geben, bevor ich gehe. Wenn ein Ofſtzier bei Dir vorbeikommt, ſo biſt Du verpflichtet das Gewehr gegen ihn zu prä⸗ ſentiren.“ „Ei, Sie ſcherzen wohl, Herr General, meinte mein Vater. 236 „Nein, ich ſpreche im vollen Ernſt,' ſagte der Ge⸗ neral,„und Du würdeſt dies zu Deinem Schaden erfah⸗ ren, wenn ich Dich vor ein Kriegsgericht ſtellte. „Nun, man kann's nicht wiſſen, was die Leute da wollen, ſagte mein Vater, ‚aber wenn das Alles iſt, ſo will ich's aus Leibeskräften thun, ſobald Sie wieder vorbei kommen. „Der General lachte von Neuem und ſagte: Ich komme auf den Abend zurück und dann denke dran, daß Du Deinen Reſpect gegen Deinen Oſſtzier nicht ver⸗ nachläſſigeſt.“ 4 „Seyen Sie unbeſorgt,' verſetzte mein Vater, ‚und vielen Dank, daß Sie mir's geſagt haben.“ „Der General ritt weg, die Ordonnanz hinterdrein, nach zehn Minuten waren ſie meinem Vater aus dem Geſicht. „Die Nacht brach jetzt ſchnell herein und die eine Hälfte des Berges war ſchon ganz dunkel. Mein Vater dachte ſchon, man habe ihn vergeſſen; er ſchaute ſich nach allen Seiten um, aber nirgends kam ein Sergeant mit der Wache, um ihn abzulöſen. Da ſtand er nun, frierend, hungrig und durſtig, und ſollte bei Todesſtrafe nicht weggehen. ‚Eine Viertelſtunde will ich Euch noch zu⸗ geben, ſagte mein Vater, ‚bis das Licht hinter den Felſen dort verſchwindet, aber dann, ſagte er, ‚bei der heiligen Mutter Gottes, dann laufe ich davon, es mag koſten, was es wolle.“ „Glücklicherweiſe wurde ſein Muth nicht auf dieſe Probe geſtellt, denn bald darauf ſah er auf der andern Seite von der Brücke etwas Dunkles herabkommen. Er ſchaute genau hin und merkte, daß es der General war, der langſam den ſteilen Berg herabritt, und hinter ihm die Ordonnanz. Mein Vater nahm ſogleich die Muskete von der Brücke, brachte ſein Bandelier in Ord⸗ nung, ſchüttete die Aſche aus ſeiner Pfeife und ſteckte ſie in die Taſche, überhaupt er machte ſich ſo ſchmuck als immer möglich, denn er hatte beſchloſſen, wenn der alte Coſoon käme, ſo wolle er ihn bitten, daß er ihn nach Hauſe gehen laſſe, wenigſtens für die Nacht. In⸗ zwiſchen bog der General um eine ſcharfe Felſenecke herum, die gerade über der Brücke ſteht, und von wo aus man eine Ausſicht auf mehrere Meilen in der Runde hat. ‚Er ſieht mich,“ ſagte mein Vater, aber ich will ſo flink ſeyn als er ſelbſt.’ Geſagt, gethan; er ſtellte ſich jetzt an das Brückengeländer, nahm das Gewehr von der Schulter und hielt es gerade gegen den General. Dieſer hielt ſchnell ſein Pferd an und ſchrie: Schild⸗ wache, Schildwache!“ „Was?' antwortete mein Vater, fortwährend auf ihn ielend. 1 ‚Nieder mit Deiner Muskete, Du Schurke; ſiehſt Du nicht, daß es die große Runde iſt?“ „Allerdings ſeh ich das,' ſagte mein Vater, ohne im Geringſten zu wanken. „Der Spitzbube will mich erſchrecken,“ rief der General. ‚Sie haben nichts zu fürchten,“ antwortete mein Vater, wenn das Ding nicht von ſelbſt losgeht.“ „Was ſoll das bedeuten, Du Schuft,' rief der Ge⸗ neral vor Angſt kaum fähig, ein Wort zu ſprechen, denn der kleinſten Wendung, die er mit dem Pferde machte, folgte mein Vater mit dem Gewehre. ‚Was ſoll das bedeuten?“* „Ci, ich präſentire ja gegen Sie, antwortete mein Vater; Donnerwetter, verlangen Sie auch, daß ich feuern ſoll?“* „Hier zog der General eine Piſtole aus ſeinem Gurt und zielte genau nach meinem Vater; fünf Mi⸗ nuten lang ſtanden ſie einander gegenüber und ſahen einander feſt und grimmig an, während die Ordonnanz hinter dem Felſen ſich faſt zu Tode lachte; denn ſeht Ihr, der General dachte, wenn er ſich umdrehe, ſo werde mein Vater abſichtlich ſchießen, und wenn er aber näher komme, ſo könnte ihm das Gewehr zufällig losgehen, und ſo wußte er nicht, was er eigentlich thun ſollte. 238 „Wollt Ihr etwa den Abend hier zubringen, große Runde? rief mein Vater endlich, zich werde nachgerade müde von dem langen Halten.“ „Gewehr in Arm! ſchrie der General wie auf der Parade. „Ich kann ja nicht, bis Ihr vorüber ſeyd, ſagte mein Vater ärgerlich; ‚ſchon fangen meine Hände an zu zittern. „Großer Gott, ich werde erſchoſſen, klagte der General. „Zum Henker, eben das fürchte ich auch,' ſagte mein Vater, und kaum waren dieſe Worte über ſeine Leppen, paff ging das Gewehr los und der General ſtürzte be⸗ wußtlos zur Erde. Jetzt eilte die Ordonnanz herbei, hob ihn auf und unterſuchte ſeine Wunde; aber da war keine Wunde zu ſehen, ſondern blos der Pfropf, denn mein Vater— Gott habe ihn ſelig— konnte Nichts recht machen; er hatte beim Laden die Patrone auf der verkehrten Seite abgebiſſen und ſo war keine Kugel in der Flinte geweſen. Nun gut, von jenem Tage an bekamen ſie ihn nicht mehr zu Geſichte, denn als der General ſtürzte, ſprang er ſchnell über die Brücke hinab und lief davon. Zwei Monate lang lebte er in einer Lehmgrube von Nichts als Brombeeren, Schlehen und andern ſolchen Lumpereien, aber zur Armee kehrte er nicht mehr zurück, ſondern trat nachher in den Civilſtand und war viele Jahre lang Todtenkutſcher.“ Wie weit Mickey's Erzählung zur Unterſtützung ſeiner Theorie beigetragen haben mag, kann ich nicht entſchei⸗ den; denn ſeine Zuhörer mußten ſchon in einiger Ent⸗ fernung von Cork vom Wagen ſteigen und ſich einer groͤßeren Anzahl von Rekruten anſchließen, die mit einem ſtarken Geleite von Infanterie ebendahin abmarſchirten. Wir ſelbſt erreichten die„ſchöne Stadt“ zur rechten Zeit und nahmen unſer Quartier im Old George Hotel. 239 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Cork. Die erſte Probe eines neuen Stücks, wobei die Acteurs in ſchmuzigen Stiefeln, die Actricen in Mänteln, Hüten und mit Papilloten in den Haaren erſcheinen, verhält ſich zu dem glänzenden, wachskerzenbeleuchteten, feinkoſtumirten Ballet ungefähr ebenſo, wie der rohe, junge Gentleman von geſtern zu dem mit Epauletten, Schärpe und Säbeltaſche prangenden Dragoner, deſſen Umwandlung durch einige Stunden im Hauptquartier und ein paar Zuſammenkünfte mit dem Adjutanten herbeige⸗ führt worden iſt. So wenigſtens erſchien es mir; vollkommen über⸗ einſtimmend mit Sr. Maj. Geſchenk in Betreff der Uniform und wohlzufrieden mit dem Regimentsſchneider, ſtolzirte ich einige Tage nach meiner Ankunft in Cork die Georgsſtraße hinab. Die Transportſchiffe waren noch nicht angelangt, auch zweifelte man ſehr, ob ſie vor einer Woche eintreffen werden, und nun war ich, als der ſchmucke Cornet, der Mittelpunkt von tauſend Auf⸗ merkſamkeiten und Höflichkeiten. Der Offizier, unter deſſen Befehlen ich für den Augenblick ſtand, war ein genauer Freund von Sir George Daſhwood und begegnete mir ſchon deßhalb mit großer Zuvorkommenheit. Major Dalrymple war vom Anfang ſeiner militäriſchen Laufbahn an im Stabe ge⸗ weſen, hatte auch einige Zeit im Commiſſariat gedient, viele auswärtigen Nationen geſehen, niemals aber im Laufe ſeines vielbewegten Lebens eigentlichen Dienſt ge⸗ than, Seine Anſichten vom Soldatenberuf waren daher 240 von der Art, wie man ſie ſich ebenſo leicht als Mitglied einer Partiſanencommiſſion in Sr. Maj. 5ten Regiment aneignen kann. Er war jetzt eine Art von Zahlmeiſter und auf tauſenderlei Arten beſchäftigt; er hatte Rekruten zu inſpiziren, Rechnungen zu prüfen, Krankenliſten durch⸗ zuſehen und Contracte für die Beköſtigung der Soldaten abzuſchließen. Ob die Natur ſeiner mannichfachen Be⸗ ſchäftigungen den Kreis ſeiner Talente und ſeines Ehr⸗ geizes erweitert, oder ob ſeine Talente dieſe Mannigfal⸗ tigkeit der Berufspflichten herbeigeführt hatten, kann ich nicht beſtimmen; aber der Major war wirklich ein Mann, der für Alles Rath wußte. Kaum trat ein junger Fähndrich in Cork bei ſeinem Regimente ein, ſo lag Major Dalrymple's Karte bereits in ſeinem Quartier; am folgenden Tag erſchien der Major ſelbſt, am dritten langte eine Einladung zum Mittageſſen an, am vierten wurde er erſucht den Abend im Hauſe zuzubringen; und von dieſem Augenblick an war er der Hausfreund in Ge⸗ meinſchaft mit vielen andern, gleichfalls vor ganz kurzer Zeitflügge gewordener und ebenſo unerfahrener Offizieren. Als ſonderbare Eigenthümlichkeit der Geſellſchaft im Hauſe muß ich anführen, daß, obſchon der Maſor ſo bekannt war, wie die Flagge auf Spike⸗Island, dennoch kein Offizier, der den Fähndrichsrang hinter ſich hatte, dort angetroffen werden konnte. Nicht als ob es ihm an einer ausgebreiteten Bekanntſchaft gefehlt hätte; das ewige:„Wie befinden Sie ſich, Major? wie geht's, Dalrymple?“ wenn er auf der Straße ging, zeugte für das Gegentheil; aber ſeltſam genug, er zog nun einmal die neugebackenen Offiziere den wettergebräunten, ſturm⸗ erprobten Kriegern vor, welche die Welt geſehen hatten und wußten, was drin Brauch war. Hiezu hatte er ſeinen doppelten Grund; erſtens gab es keinen Artikel der Ausrüſtung, von der Halsbinde an bis zur Degen⸗ foppel, welchen er nicht dem jungen Offizier verſchaffen konnte und wirklich verſchaffte; vom Ringkragen des Infanteriſten bis zum Tſchako des Grenadiers gehörte 2⁴1 Alles in ſeinen Bereich; nicht als ob er wirklich ein Magazin von ſolchen Artikeln gehalten hätte, ſondern er hatte ſein Intereſſe vollſtändig mit einer Menge von Kaufleuten in Cork verflochten, daß man ſelten in einen Laden trat, über deſſen Thüre nicht ein Schild mit Dalrymple und Comp. geprangt hätte. Seine Ställe waren ein eigentliches Spital von ausgedienten Pferden, die inzwiſchen zum Bewundern gemäſtet, gepflegt und geſtriegelt wurden. Er konnte Dir— nur Dir al⸗ lein— etwa drei Dutzend Flaſchen Peres für die See⸗ reiſe ablaſſen; er wußte einen ſo herrlichen Bedienten; er hatte erſt geſtern beim Spazierengehen ein ſo präch⸗ tiges Feldgeräthe angetroffen: kurz, man mochte wünſchen was man wollte, ſeine Hülfsquellen waren unerſchöpflich, ſeine freundliche Bereitwilligkeit grenzenlos. Das Geld kam gar nicht in Betracht—„laſſen Sie's ſtecken, Sie können bezahlen, wenn es Ihnen be⸗ quem iſt; die Sache hat ja nichts auf ſich;“ mit andern Worten, ein Wechſel auf etwa vier Wochen, der dann von einem Freund des Majors einkaſſirt wurde, reichte immer hin. Aber außer dieſen unberechenbaren Vortheilen verdankte man ſeiner Bekanntſchaft noch Annehmlichkeiten ganz anderer Art. Der Major beſaß zwei Töchter; Matilda und Fanny waren in der Armee ſo wohl be⸗ bekannt wie Lord Fitzroy Somerſet oder Picton, von der Inſel Wight bis nach Halifax, vom Cap Coaſt bis Chatham, von Belfaſt bis zu den bermudiſchen Inſeln. Wo war der Subalternoffizier, der nicht zu den Füßen der Einen oder Andern, wo nicht beider gekniet und nicht ewige Liebe bis zum Quartierwechſel geſchworen hätte! Um es unverblümt zu ſagen, des Majors Dienſtfertigkeit ging ſo weit, daß er, nicht zufrieden den jungen Offizier mit allen Erforderniſſen der Equipirung zu verſorgen, ihm ſogar eine Tröſterin für trübe Zeiten, eine erhei⸗ ternde Gefährtin in einſamen Stunden in der Perſon einer ſeiner liebenswürdigen Töchter beizugeben geneigt Lever, O⸗Malley. I. 16 24⁴² war. Unglücklicherweiſe jedoch wird die Nothwendigkeit eine Frau zu beſitzen nicht durch Regimentsbefehl einge⸗ ſchärft, wie etwa der Schnitt des Rockes oder die Länge des Säbels, und ſomit ſollten die diplomatiſchen Be⸗ mühungen des Majors für die häusliche Glückſeligkeit ſeiner jungen Freunde nicht von demſelben glücklicheu Erfolg gekrönt werden, wie ſeine Vorſorge für Exerzier⸗ hoſen und Feldgeräth, und die Miſſes Dalrymple blieben durch alle Klimate und Feldzüge hindurch Miſſes. Und doch, wie ging das zu? es iſt ſchwer zu ſagen. Was wollen denn die Männer eigentlich? Matilde war ein dunkellockiges, ſchwarzäugiges, romantiſch dreinblickendes Mädchen von hohem Wuchs und zarter Taille, mit mehr Poeſte im Kopfe, als nöthig war, um ein alltägliches Gehirn ſchwindeln zu machen; immer unglücklich; immer des Troſtes bedürftig; niemals mit dem verwandten Geiſt zuſammenkommend, der ſie verſtand; beſtimmt, allein durch die Welt zu wandeln und ihre ſchönen Ge⸗ danken in den Tieſen ihres eigenen Herzens verglühen zu laſſen. So etwas iſt verdammt ſchwer zu überſtehen, wenn auf beiden Seiten ſich eine Art platoniſcher Freund⸗ ſchaft entſponnen hat. Mehr als ein armer Junge war nahe daran zu unterliegen, beſonders wenn es ihr ein⸗ ſiel Cowley zu citiren und ſie dann mit Thränen in den Augen ſagte: „Es giebt Herzen, die leben und lieben allein u. ſ. w.“ „Ich bin uͤberzeugt, daß dieſer Erguß unbelohnter Zärtlichkeit niemals ermangelte, ein offenes Geſtändniß der Liebe herbeizuführen, welche aber, ſey es nun in Folge einer Verſetzung zu einem weit entfernten Regi⸗ ment, oder weil die Erlaubniß von Hauſe nicht eintreffen wollte, oder aus einem andern ähnlichen Grunde nie⸗ mals weiter gedieh, als zu einer höchſt rührenden Scene und zum freundlichen Austauſch von Liebeszeichen; in der That kam dieſer Ausgang ſo oft vor, daß Power wenig⸗ ſtens ſchwört, die ſchöne Mathilde habe ſich feſt ent⸗ „—— 243 fchloſſen, keine Locke mehr zu verſchenken, um nicht wäh⸗ rend der Rekrutirungszeit allzufrüh kohlföpfig zu werden. Fanny dagegen hatte ſich einen anderen Zweig des Armeedienſtes auserkoren. Ihre Haare waren ſchön, ihre Augen lachend, ſchmachtend, verderblich blau, mit langen Wimpern und einem Blick, welcher gewohnt war, einen tiefern Eindruck zu hinterlaſſen, als man ſelbſt wußte. Ihre Geſtalt war klein, aber vollendet; ihre Füße hätte Canova kopiren mögen, und ihre Hand war eine Studie für Titian; dabei war ihre Stimme ſanft und muſikaliſch, und doch voll von jener herzlichen Lu⸗ ſtigkeit, die unwiderſtehlich hinreißt. Während ihrer Schweſter stil il penseroso war, konnte man den ihri⸗ gen l'allegro nennen; jedes mögliche Ding auf der Welt, jeder Ort, jede Perſon lieferte ihr Stoff zur Hei⸗ terkeit, und die Liebhaber ihrer Schweſter mußten ſämmt⸗ lich ihre Beiträge dazu geben. Sie jagte mit Smith Barry's Hunden; ſie machte Waſſerpartieen mit dem Cove Klub; ſie ließ ſich auf Wettrennen ein; ſie ſchoß mit Piſtolen nach einem Ziel und knoöchelte mit allen Reiteroffizieren; denn es muß als phyſiologiſche Merk⸗ würdigkeit angeführt werden, daß Matildes Bewunderer beinahe ſämmtlich der Infanterie angehörten, während Fannys Anbeter regelmäßig Dragoner waren. Ob erſtere die romantiſchere Waffe iſt und die letzteren ſich mehr an das Handgreifliche und Reale halten, oder ob die Erſcheinung einen anderen Grund hatte; das auszumit⸗ teln überlaſſe ich den Gelehrten. Jedenfalls war dieſe Einrichtung, die auf demſelben Grundſatz beruhte, der in Mancheſter und Sheffield ſo viele Wunder gethan hat, nämlich der Vertheilung der Arbeit, eine höchſt weiſe und gerechte, denn da jede ihren eigenen, abgeſchiedenen Wirkungskreis hatte, ſo konnte keine der andern in's Ge⸗ hege kommen; war inzwiſchen, wie im gegenwärtigen Falle, Ueberſchuß an Reiterei vorhanden, ſo trat Fanny ihrer Schweſter bereitwillig einen oder zwei Dragoner ab, ein 16 Anlehe, das bei günſtiger Gelegenheit zu Gegendienſten immer gewiſſenhaft zurückbezahlt wurde. Die Mama— denn es iſt endlich Zeit, auch vom Haupte der Familie zu ſprechen— war eine ungeheure dicke, gemein ausſehende, dunkelfarbige Perſon von etwa fünfzig Jahren, mit einer Stimme wie ein Hoch⸗ bootsmann, der an der Halsbräune leidet. Gott weiß, wie der würdige Major dazu kam, ſein Geſchick mit dem ibrigen zu verflechten, denn ſie gehörte offenbar einer ſehr niedrigen Rangſtufe der Geſellſchaft an, mußte von jeher ausgemacht haßlich geweſen ſeyn, und hatte ihm, ſo viel ich gehört habe, keinen Heller Vermögen in's Haus gebracht. Schafkopfen, die Nationalbeluſtigung ihres Alters und Geſchlechtes in Cork, Klatſchereien, die Veränderungen in der Armeeliſte, die mißlingenden Spe⸗ kulationen ihres unglückſeligen Mannes, das bejammerns⸗ werthe Schickſal ihrer Töchter hielten ſie in beſtändiger Thäͤtigkeit, und ſie verbrachte ihre Tage in immerwäh⸗ rendem Mißvergnügen und unausgeſetzter, auf Alles ſich erſtreckender, übler Laune, die mit den zauberiſchen Ei⸗ genſchaften der jungen Ladies im grellen Gegenſatze ſtand. Die wiederholten Wortbrüchigkeiten, worunter dieſe zu leiden gehabt, hatten alle Zartheit aus ihren Heiraths⸗ anſichten verwiſcht, und wenn der neueingefuhrte Cornet oder Fähndrich nach der erforderlichen Zahl von Tagen nicht diejenigen Fortſchritte machte, die ſich für ihn ge⸗ büͤhrten, ſo konnte er einer ſehr handgreiflichen Anmah⸗ nung von Seiten der Mrs. Dalrymple gewärtig ſeyn. Im Anfang wurde nur oberflächlich angedeutet, Mathilde ſey heute nicht bei Laune, Fanny, das arme Kind, habe Kopfweh; dann aber rückte ſie dem Delinquenten geradezu auf den Leib und übergoß ihn mit einem Schwall von mütterlichen Zartlichkeiten, die, gleich dem Blick der Klapperſchlange, nur bezaubern, um in's Verderben zu ſtürzen. Der Unglückliche wurde nun zum Eſſen ge⸗ quält, wenn alle andern ſich wie gewöhnlich verabſchie⸗ den durften, er wurde— Gott ſey ihm gnädig!— wie 245 ein Familienmitglied behandelt. Nach Tiſch pflegte ihn der Major noch eine Stunde bei ſeinem Weine aufzu⸗ halten und ihm das Elend einer übelgewählten Che aus⸗ einander zu ſetzen, wobei er zum Gegenſatz ſeine eigene Glückſeligkeit pries, da er ſich eine Frau, wie die oben erwähnte Tonga Inſulanerin auserſehen. Er deutete darauf an, daß man die Mädchen nicht blos zu künfti⸗ gen Gefährtinnen ihrer Männer erziehen, ſondern ihnen auch Ideen beibringen müſſe, die ihrer Stellung im Leben angemeſſen ſeyen; nur ein alter Offizier(wie er) ſey im Stande, Mädchen(wie die ſeinigen) zu erziehen; und da er ſelbſt zwei ſolche Kleinode beſitze, ſo ſey ſein ganzer Lebenszweck darauf gerichtet, dieſelben zu behüten und zu bewahren, eine ſchwierige Aufgabe, da beſtändig Anträge der ſchmeichelbafteſten Art an ihn gelangen. Sofort kam eine neue Flaſche, bei welcher der Major ſeinen jungen Freund in einer ſehr zarten Angelegenheit zu Rathe ziehen wollte, nämlich über einen Heiraths⸗ antrag, der Miß Mathilde, oder Fanny, je nachdem man ihn in die eine oder andere verliebt glaubte, ge⸗ macht worden war. Dies war in der Regel der Haupt⸗ ſtreich; war der Unglückliche auch jetzt noch nicht mürbe gemacht, ſo wurde er den Händen der Mrs. Dalrymple mit einer ſchweren Anklage gegen ihn übergeben und ent⸗ ging ſelten einem harten Urtheil. Iſt es unter ſolchen Umſtänden nicht ſeltſam, daß zwei wirklich hübſche Mäd⸗ chen, die angenehme und liebenswürdige Eigenſchaften genug beſaßen, um Männerherzen zu gewinnen, Jahre⸗ lang— denn leider thaten ſie dies in jedem Klima, unter jeder Sonne— ihre Holdſeligkeit auf dieſer jammer⸗ würdigen Laufbahn ränkeſüchtiger Männerjägerei ver⸗ geuden mußten, ohne Etwas damit zu erreichen? Aber ſo war es nun einmal: die erſte Frage, die man an ein neugelandetes Regiment ſtellte, das von ihrem Aufent⸗ haltsorte kam, lautete immer: ‚Nun, wie geht es den Mädchen?—„O, herrlich, Matildchen iſt ein famöſes Kinde.— Ach, ja wohl, das gute Ding; hat Janny ein neues Kleid erjagt? Iſt es noch das alte graue, mit den Huſarentreſſen? Verdammt, das war ſchon ſchmutzig, als ich ſie auf Corfu ſab. Und Mutter Dalrymple, immer noch ſo fett und gemein? Dawſon von unſerem Regiment war der letzte, und es ſollte ihm eben das Urtheil geſprochen werden, als wir wegbeordert wurden, natürlich entwiſchte er u. ſ. w. So klangen die ſtereo⸗ typen Fragen und Antworten, die ſich auf ſie bezogen, und obſchon einige, ſey es nun aus Gutherzigkeit oder Ueberdruß, an der Art und Weiſe, wie man ſie zu be⸗ handeln ſich angewöhnt hatte, keinen Geſchmack fanden, ſo muß ich doch mit Bedauern ſagen, daß ſie im All⸗ gemeinen als gute Beute für alle Arten von Liebestän⸗ deleien ohne ſolide Abſichten für die Zukunft ausgegeben wurden. Ich würde nicht ſo rückſichtslos auf die Geduld meiner Leſer hineingeſündigt haben, wenn dieſe Schilde⸗ rung meiner Freunde oder vielmehr Freundinnen nicht auf geſchichtlichem Grund und Boden beruhte. Wie mancher wird, wenn er einen Blick auf dieſe Blätter wirft, ausrufen: ‚Die arme Mathilde, ich kannte ſie in Gibraltar! Die kleine Fanny, ſie war unſer aller Leben und Seele in Quebec.“ „Mr. O'Malley,“ ſagte der Adjutant, als ich am Nachmittag nach meiner Ankunft in Cork dem kleinen, fetten, rothbackigen Herrlein in kurzer Jacke und groben Hoſen die Aufwartung machte;„Sie gehören, wie ich ſehe, zum 14ten. Sie werden die Güte haben, Morgen früh auf der Parade zu erſcheinen, die Reitübungen ſind um— das Morgenexereiren iſt um— das Abendexer⸗ ciren um— Mr. Minchin, Sie gehören, glaube ich, auch zum 14ten. Doch nein, ich bitte um Verzeihung, Carabinier, aber thut Nichts.— Mr. O'Malley, Mr. Minchin; Kapitän Dounie, Mr. O'Malley: Sie werden heute mit uns ſpeiſen und von morgen an am Regiments⸗ tiſch Ihre Koſt haben.“ „Die Ihrigen liegen, glaube ich, in Sontarem,“ — 247 ſagte ein alter, verwitterter Ofſizier mit einem Arme zu mir. „Ich ſchäme mich, meine gänzliche Unkunde geſtehen zu muſſen— meine Anſtellung kam mir ganz uner⸗ wartet.“ „Nie früher in Cork geweſen, Mr. O'Malley?“ „Niemals,“ antwortete ich. „Ein herrlicher Ort,“ lispelte ein flachsköpfiger, düͤnnbeiniger Fähndrich;„prächtige Mädchen, nicht wahr?“ „Ja, Brunton,“ ſagte Minchin,„Sie können frei⸗ lich renommiren, aber wir arme Teufel.“ „Kennen Sie Dals?“ fragte der lispelnde Held jetzt mich. „Ich habe nicht die Ehre,“ antwortete ich, kaum wiſſend, ob er auf Gemälde oder eine Familie anſpielte. „Führen Sie ihn ohne Weiteres ein,“ ſagte der Adjutant,„wir wollen auf den Abend alle hingehen. Was wird das alte Indianerweib denken?“ „Ich gehe nicht mit,“ ſagte Minchin;„ſie hat dem Herzog von York geſchrieben, daß ich gegen ihre Ma⸗ tilde beim Eſſen den Galanten geſpielt habe, ohne ehr⸗ liche Abſichten blicken zu laſſen.“ „Wir ſpeiſen heute im George, Mr. O'Malley; Schlag ſieben, bis dahin.“— Mit dieſen Worten machte ſich der kleine Mann wieder an ſeine Rechnungen, und ich empfahl mich mit den Uebrigen, um bis zur Eſſens⸗ zeit in der Stadt herumzuſtreifen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Das Diner beim Adjutanten. Der Schmaus, den der Adiutant gab, war ſo hand⸗ werksmäßig, wie man ſich nur irgend Etwas denken kann. Eine Conferenz von Geiſtlichen oder eine gelehrte Geſellſchaft hätte ſich nicht ausſchließlicher mit ihren 248 eigenen Angelegenheiten beſchäftigen können, als wir thaten; Gamaſchendienſt in ſeiner ganzen Manigfaltigkeit kam auf das Tapet— die letzte Ordonnanzmütze— der neue Knopf— die Avancements— der Generalbefehl— der Oberſt und ſeine Frau— der Speiſefond, kurz Alles wurde gehörig durchgeſprochen, und ſonderbar genug, während die Unterhaltung ſich in dieſem weiten Kreis bewegte, ſtreifte nicht eine einzige, zufällige Anſpielung, nicht ein einziger Wink zu den Kameraden hinüber, welche ſich auf der Halbinſel mit Ruhm bedeckten; nicht eine einzige Erinnerung galt dem Feldherrn, welcher ſich ſchon damals des Ruhmes erfreuen durfte, keinem andern in Europa nachzuſtehen. Dies überraſchte mich nicht wenig; aber ich habe ſeitdem ſelbſt die Erfahrung ge⸗ macht, wie wenig Intereſſe der wirkliche Armeedienſt für die Ohren gewiſſer Beamten hat, die, ſtets im Quar⸗ tier liegend, ihr unrühmliches Leben mit den geringfü⸗ gigen Einzelnheiten des Exercirens und der Paraden, mit Tiſchgeſchwätzen und Kaſernenklatſchereien zu bringen:; und von ſolchem Schlag waren hier alle Gäſte. Wir hatten einen General⸗Commiſſär, einen inſpicirenden Brigademajor, einen Regimentsarzt, den Adjutanten ſelbſt und den Major Dalrymple; die Jungen aber beſtanden aus einem ungeleckten Bären von Fähndrich, einem ebeu flügge gewordenen Cornet, Namens Sparks, und aus mir. Die Commiſſion erzählte einige, höchſt witzloſe Ge⸗ ſchichten aus ſeinem Departement, der Doktor las eine Abhandlung über das Fieber, der Adjutant wurde be⸗ ſoffen wie ein Bauernbube, und Major Dalrymple war ſo glücklich, die drei jüngſten Mitglieder der Geſellſchaft zum Thee zu nöthigen, nachdem er uns vorher das Ver⸗ ſprechen abgenommen, Nichts ohne ſeinen Rath zu kau⸗ fen; er wiſſe wohl(ja freilich wußte ers), wie junge Leute unſers Schlags in der Regel betrogen werden, und er ſey entſchloſſen, unſer Vater zu ſeyn(er gab ſich wenigſtens redlich Mühe, es zu werden). Als wir gegen zehn Uhr vom Tiſch aufſtanden, 249 fühlte ich, wie ſchnell noch einige ähnliche Geſellſchaften mich entzaubern und mir alle meine militäriſche Illu⸗ ſionen benehmen würden, denn trotz meiner Jugend ſah ich doch, daß der Commiſſär ein gemeiner, ungebildeter Kerl, der Doktor ein Prahlhans, der Adjutant ein Dumm⸗ kopf war, und der Major ſelbſt kam mir vor wie ein alter Schurke. „Sie kommen mit uns, Sparks,“ ſagte Major Dalrymple, als er den einen Arm mir, den andern dem Fähndrich bot;„wir wollen noch ein Täßchen Thee mit den Ladies trinken— es find keine fünf Minuten von hier.“ „Aeußerſt verbunden, Sir,“ erwiederte Sparks mit überglücklichem, ſchmunzelndem Geſichte.„O'Malley, Sie kennen Sparks und Burton auch?“ Dies ſollte eine dreifache Vorſtellung bedeuten, bei der wir uns ver⸗ beugten, albern lächelten und uns von Neuem verbeug⸗ ten.„Wir fühlen uns ungemein glücklich, das Ver⸗ gnügen zu haben u. ſ. w.“ „Wie froh bin ich, von dieſen Burſchen loszukom⸗ men,“ ſagte der Major, ſie ſind ſo unausſtehlich proſaiſch: Dieſer Commiſſär mit ſeinem Ochſenfleiſch und der alte Pritchard mit ſeinen ſchwarzen Pillen und ſeiner Diät— nichts Unerträglicheres. Ein junger Offizier braucht all den Unſinn gar nicht; höchſtens eine kleine Hausapotheke; ich kann Ihnen morgen eine für fünf Pfunde anſchaffen; nein fünf Pfunde zehn Schillinge — doch das iſt ja einerlei; damit können Sie durch die ganze Halbinſel. Erinnern Sie mich morgen daran.“ Dies verſprachen wir alle und der Major fuhr fort: „Ich ſage Ihnen nur, Sparks, an dieſem Schimmel haben ſie ein wahres Kleinod bekommien; er iſt ein herr⸗ liches Kriegspferd. O'Malley, Sie werden auch Etwas der Art nöthig haben; nun, vielleicht finden wir's ſchon für ſie.“ „Danke verbindlichſt, Herr Major, aber meine 2⁵⁰ ſind bereits unterwegs. Ich habe nur drei Stück, glaube aber, ſie ſollen nicht übel ſein.“ Der Major wandte ſich jetzt an Burton und ſagte leiſe Etwas zu ihm, worauf dieſer antwortete:„Nun, wenn Sie meinen, ſo will ich's nehmen, aber es iſt doch verdammt theuer.“ „Theuer, mein junger Freund; im Gegentheil, wohlfeil, ſpottwohlfeil. Denken Sie nur, O'Malley, ein ganzes eiſernes Bett, Feldſtuhl, Waſchtiſch, alles vollſtändig für ſechzig Pfund. Wenn es nicht eine Wittwe wäre, die es aus Noth verkaufen muß, ſo be⸗ kämen Sie's nicht für hundert. Nun ſind wir am Ziel; treten Sie ein, ohne Umſtände— merken Sie ſich die zwei Tritte— da! Mrs. Dalrymple, Mr. O⸗Malley, Mr. Sparks, Mr. Burton, meine Töchter. Iſt der Thee ſchon vorüber, Mädchen?“ „Ei, es iſt nächſtens elf Uhr, Papa,“ ſagte Jenny, in dem ſie aufſtand um zu klingeln und dabei den möglich kleinſten Theil eines ſehr fein gedrechſelten Fußknöchels ſehen ließ. „Miß Matilde Daltymple legte ihr Buch weg, ſchien aber dermaßen in Gedanken vertieft, daß ſie uns keines Blickes würdigte. Mrs. Dalrymple indeß machte mit vieler Höflichkeit die Honneurs, und nachdem ſie mit einigen geſchickten, wohlangebrachten Fragen das Nöthige über unſern Stand und Rang ausgemittelt, ſchien ſie unſer ſpätes Eindringen vollkommen gerecht⸗ fertigt zu finden. Während mein College Mr. Sparks ſein Examen zu beſtehen hatte, ward mir Muße zu Theil, die Ladies zu betrachten, die ich zu meiner Ueberraſchung wirklich ſehr hübſch fand. Da nun der Fähndrich mit Fanny eine Unterredung eingeleitet, ſo rückte ich meinen Stuhl zu der andern hin, und nachdem ich fahrläſſig einige Blätter in dem Buche worin ſie geleſen, umgewendet, begann ich mit ihr ein Geſpräch daruͤber. Da meine Bekanntſchaft mit jungen Ladies ſich bisher auf ſolche ——— —— 251 beſchränkt hatte, die keine„Seele“ beſaßen, ſo wurde es mir im Anfang etwas ſchwer, mit dem erhabenen Ton meiner ſchönen Geſellſchafterin gleichen Schritt zu hal⸗ ten, aber nachdem ich ihr eine Zeitlang die Leitung des Geſpräches überließ, lernte ich das Terrain beſſer kennen. Wir kamen ziemlich gut mit einander vorwärts und mit jedem Augenblick bereicherte ich meinen Schatz an techniſchen Ausdrücken, denn mehr war im ganzen nicht nöthig, um das Geſpräch im Gange zu erhalten. Wie oft habe ich den nämlichen Operationsplan gelingen ſehen, bei Erörterung einer juriſtiſchen oder mediziniſchen Frage mit gelehrten Profeſſoren der betreffenden Facul⸗ täten, oder was noch ſchwerer iſt, wenn man die Vor⸗ trefflichkeiten eines Predigers oder eines Glaubensſatzes mit einer ernſthaften jungen Lady beſprach, deren über⸗ ſchwenglich feine Redensarten anfangs etwas unverſtändlich klangen und in Verlegenheit ſetzten! Ich wußte der Sache den Anſchein zu geben, daß Miß Matilde ſowohl glauben konnte, mich zu ihrer Anſicht bekehrt, als auch in mir einen jungen Mann gefunden zu haben, der im Stande ſei, mit ihr zu ſym⸗ patiſiren, und ſo waren wir ſchon lange vor dem kleinen Abendeſſen, womit der Major ſeine Freunde zu bewirthen pflegte, im allerbeſten Einverſtändniſſe, ein Umſtand, der, was einem aufmerkſamen Beobachter nicht leicht ent⸗ gangen wäre, weit größere Zufriedenheit rings umher verbreitete, als ich ſelbſt zu vermuthen berechtigt war, Auch Mr. Burton kam mit der Schweſter vorwärts. Sparks hatte ſich als Liebhaber für militäriſche Vor⸗ räthe einſchreiben laſſen, die zu einem Feldzug gegen die ganze Welt hingereicht hätten, und ſo erfüllten wir denn augenſcheinlich ſämmtlich unſere verſchiedenen Berufs⸗ pflichten, wodurch wir auch unſern Wirthen die unge⸗ trübteſte Freude bereiteten. Hierauf kamen die Paſtetchen, die Butterbemmen und der Negus, welchen Fanny zuerſt für Papa und ſo⸗ dann nach einigen kleinen Zierereien auch für mich miſchte; Matilde, die romantiſche, bediente mich; Sparks griff von ſelbſt zu. Sodann lachten wir und erzählten Geſchichten, Sparks wurde aufgfordert zu ſingen, und als er Umſtände machte, quälten wir ihn nur um ſo mehr. Der Major war in ſeiner roſenfar⸗ bigſten Laune, erzählte uns Anekdoten aus ſeinem früheren Leben in Indien, wie er einmal den Contract übernommen, die Armee mit Milch zu verſorgen, und zu dieſem Be⸗ huf eine Menge Vieh angekauft; und wie ſich nachher herausgeſtellt, daß es lauter Ochſen geweſen. Mathilde flüſterte mir einige Worte von Pope in's Ohr. Fanny ſorderte Burton zu einer Wettfahrt zu Waſſer heraus. Sparks horchte auf Alles, was um ihn her vorging, und Mrs Dalrymple miſchte ſich einen ſehr ſchwachen Punſch, welchen ihr Doctor Lucas als Abendtrank ver⸗ ordnet hatte. Noctes coenæque deorum! Man ſage was man will, es waren doch allerliebſte ſehr vergnügte Abendgeſellſchäftchen. Die Mädchen waren anerkannter⸗ maßen ſehr hübſch. Wir ſtanden in der höchſten Gunſt, und als wir uns endlich mit herzlichem Händedruck ver⸗ abſchiedeten, gaben wir ohne alle Hintergedanken das Verſprechen ab, ſie am nächſten Morgen wieder zu be⸗ ſuchen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Klemme. Wenn wir einen Augenblick über all die Leiden, Aengſten und ſiebriſchen Aufregungen einer großen Lei⸗ denſchaft nachdenken, ſo erſcheint es in hohem Grade ſonderbar, daß Liebe ſo oft blos durch Müſſiggängerei hervorgelockt werden ſoll, und doch iſt es wirklich der Müſſiggang, der uns am geneigteſten macht ein zärt⸗ liches Verhältniß anzuknüpfen. Wo iſt der Mann zwi⸗ ſchen achtzehn und achtunddreißig, oder meinetwegen auch vierzig, der ohne dringende Geſchäfte, und ohne an 25³3 ſtarken Getränken oder an einem rauge et noir Ge⸗ ſchmack zu finden, die langen Stunden ſeines Tags todt⸗ ſchlagen kann, ohne ſich wenigſtens in ſeiner Phantaſie zu verlieben? Die tauſend kleinen Beſchäftigungen, die daraus erwachſen, werden eine Nothwendigkeit der Exi⸗ ſtenz; ſelbſt die kleinen Unannehmlichkeiten, die damit verbunden ſind, gleichen der heilſamen Oppoſition, welche die Verfaſſung eines freien Staates läutert und kräftigt. Denn was gibt es nur halb ſo Holdſeliges, als die auf uns ſelbſt rückſtrahlende Schmeichelei, die aus unſerer Hingebung für ein Weſen hervorgeht, das hinwiederum uns für das non plus ultra aller Vollkommenheit hält? Aber das eben iſt der Haken: die verwünſchte Beule der Selbſtüberſchätzung iſt an allem ſchuld und hat mehr unkluge Heirathen zu verantworten, als all die Hinter⸗ kopfshervorragungen, die jemals der armen Harriet Mar⸗ tineau im Gehirn geſpuckt haben. Folgt jetzt die Nutzanwendung meiner Moral. Ich verliebte mich ſehr bald bis über die Ohren in„Dals.“ Die Morgenexercitien, die Reitübungen und die Parade wurden mir alle herzlich zuwider, da ſie mich von irgend einer den Abend zuvor verabredeten Partie abhielten; denn da ich jede Nacht dort ſoupirte, ſo wurde immer für den folgenden Tag Etwas beſchloſſen. Bald machten wir eine Kahnfahrt nach Cove, bald hielten wir ein Picknick in Fraty, bald ruderten wir nach Glanmire, oder machten einen Spazierritt, wozu ich die Pferde ſtellte. Alle dieſe Veranſtaltungen ſtanden unter meiner ſpeziellen Leitung und bald wurde ich das Organ für die ganze Familie Dalrymple; die einfache Redensart: Mr. O'Malley hat es ſo beſtellt, oder: Mr. O' Malley wünſcht es, galt ſo viel als Ludwigs XIV. berühmtes moi le roi.. Obſchon wir auf dieſe Art höchſt vergnügt mit ein⸗ ander lebten, ſo konnte ich doch bemerken, daß Mrs. Dalrymple mit unſern Beluſtigungsplanen nicht voll⸗ kommen ſympatiſirte. Wie es einem erfahrnen Ingenieur 2⁵54 zu Muthe ſein mag, wenn er den Lauf irgend eines Wurfgeſchoſſes, den Gang einer congrev'ſchen Rakete beobachtet und ſogleich berechnen kann, daß ſie über die belagerte Feſtung hinwegfliegen wird, ohne die Wälle zu berühren, oder den Einwohnern Schaden zuzufügen, ſo ſah auch ſie mit nicht geringer Ungeduld all dieſe Vorbereitungen zum Sturme mit an und wunderte ſich, warum man die Breſche immer noch nicht für praktikabel halten wolle. Hiezu kam noch eine andere Verlegenheit— welche von den Mädchen war es? Er brachte allerdings jeden Morgen drei Stunden bei Fanny zu, aber dann wich er wieder den ganzen Abend nicht von Matildes Seite. Er hatte der einen ſein Miniaturbild geſchenkt, der andern Schweſter hatte er ein Medaillon mit einer Locke verehrt. Der Major meint geſehen zu haben, wie er im Garten ſeinen Arm um Matildes Leib ſchlang; die Magd ſchwört darauf, er habe in der Speiſekammer Fanny geküßt. Matilde lächelt, wenn wir ſeinen Na⸗ men mit dem ihrer Schweſter zugleich nennen; Fanny lacht laut auf und ſagt: die arme Matilde, er hat nie im Traum an ſie gedacht. Die Sache wird unange⸗ nehm; der Major muß ihn um ſeine Abſichten befragen: jedenfalls iſt es die eine oder die andere; aber dann haben wir doch ein Recht zu wiſſen welche. Dies der ſummariſche Inhalt von Mrs. Dalrymples Betrach⸗ tungen, welche ſie mit ihrem gewöhnlichen Takt und Scharfblick über dieſen hochwichtigen Punkt anſtellte. So ſtanden die Dinge, als endlich Power in Cork anlangte, um das Kommando über unſere Abtheilung zu übernehmen und die letzten Vorbereitungen zu unſerer Abfahrt zu treffen. Ich hatte wie gewöhnlich den Abend beim Major zugebracht, und als ich in mein Quartier zurückkam, fand ich den lieben Freund am Feuer ſitzend, ſeine Cigarre rauchend und ſich an einem Gläschen Grog erlabend. „Endlich,“ ſagte er, als ich eintrat,„endlich! zum Henker, wo ſtecken Sie ſo lang?— Schon zwei Uhr A 25⁵ vorüber,— iſt denn irgendwo ein Ball oder eine Aſſem⸗ blee?“ „Nein, das nicht,“ ſagte ich halb erröthend bei ſeinem Inquirantentone,„aber ich habe den Abend bei einem Freund zugebracht.“ „Den Abend! ſagen Sie lieber die Nacht. Was zum Henker gibt es denn in Cork, das der Muhe lohnte bis gegen drei Uhr aufzubleiben?“ „Nun, wenn Sie es durchaus wiſſen wollen. Ich habe bei Major Dalrymple zu Nacht geſpeist— ein höchſt angenehmer Mann— und hat zwei allerliebſte Töchter.“ „Aha, ſieht es ſo aus?“ ſagte Power, indem er das eine Auge liſtig zudrückte und mich anſah wie ein Roßhändler aus Yorkſhire.„Nun weiter?“ „Nun, was meinen Sie damit?“ „Weiter, erzählen Sie weiter—“ „Ich bin zu Ende und habe Nichts mehr zu ſagen.“ „So, ſo, alſo die ſind hier?“ ſagte er nach⸗ denklich. „Wer?“ fragte ich. „Nun, wer anders als Matilde und Fanny.“ „Wie? Kennen Sie die Mädchen?“ „Ich ſollte es meinen.“ „Wo haben Sie dieſelben getroffen?“ „Wo hätte ich ſie nicht getroffen? Als ich bei den Scharfſchützen war, lagen ſie auf Zante in Quar⸗ tier. Matilde trieb es damals etwas ſtark mit Villiers von unſerem Regiment, der noch kaum die Knabenſchuhe vertreten hatte; Fanny hatte Harry Nesbit durch einen Wettritt über eine Hecke in ihrem Netz gefangen. Dann reisten ſie nach Gibraltar im Jahr— nun, wann war es doch?“ 8 „Nein, nein, Sie ſind ganz auf dem Holzweg, lieber Freund,“ ſagte ich;„die Mädchen ſind noch ſehr jung, Sie können ſie höchſtens dem Namen nach kennen.“ „Nun, es wird ſich zeigen. Inzwiſchen ſagen Sie 236 mir jetzt vor Allem, in welche von beiden Sie verſchoſſen ſind, wie wir im Weſten zu ſagen pflegen, dann kann ich Sie vielleicht überführen.“ „O was das betrifft,“ ſagte ich lachend,„ſo bin ich auf keiner Seite ſehr weit gegangen.“ „Matilde hat es bei Ihnen wahrſcheinlich mit Cowley verſucht, nicht wahr? Ach, Sie werden ja roth: es gibt Herzen, die leben und lieben allein! armer Junge, Sie haben alſo angebiſſen. Um Gotteswillen, wie iſt das in zehn Tagen möglich geweſen! Sie hätte höchſtens in einem Monat ſo weit kommen dürfen. Und wie jugendlich ſchwärmeriſch, um nicht zu ſagen thöricht, ſich mit Poeſie fangen zu laſſen! Mein lieber Meiſter Charley, wenn die Kirchthumrennerin es ihrem Galwayer Herzen angethan hätte, das hätte ich eher natürlich ge⸗ funden: das Mädchen in dem grauen Reithabit, das den Muddidero ſingt, hätte die Auserkorne werden müſſen. Doch halt, beim heiligen Georg, es ſcheint mir faſt, es iſt auch hier nicht richtig. Wenn man genau unter⸗ ſucht, ſo findet ſich in Ihrem Herzen auch für die ſchwarze Dame ein zartes Plätzchen.“ Alles Läugnen oder Geheimhalten half einem ſo ſcharfſichtigen Freunde gegenuber, Nichts. Ich füllte mir alſo ein Glas Grog und leerte mein ganzes Herz vor ihm aus: ich erzählte ihm, wie ich es die ganze letzte Zeit uͤber hier getrieben, und nachdem ich meine Beichte vollendet hatte, ſaß ich ſchweigend da und er⸗ wartete Powers Urtheil, gleich als ſtände ich vor einem Geſchwornengericht, das über mein Leben zu entſcheiden ätte. 3„Haben Sie je geſchrieben?“ 3 „Nein, höchſtens ein paar Zeilen auf Theaterbillets oder etwas der Art.“ 4 „Haben Sie Abſchriften von Ihren Briefen?„ „Gott bewahre! Aber was meinen Sie damit?“ „Iſt Mrs. Dalrymple bei Ihren zäͤrtlichen — — 257 Zuſammenkünften mit den jungen Ladies jemals zugegen geweſen?“ „Ich glaube nicht, daß es Brauch iſt, ein Mäd⸗ en vor der Mamma zu küſſen.“ 1„Davon ſpreche ich nicht; ich meine blos Galan⸗ erie.“ „Nun, galant hat ſie mich vermuthlich wohl ge⸗ ehen.“ „Höchſt fatal das! doch ein einziger Punkt ſpricht zu Ihren Gunſten; denn da Ihre Huldigungen ſich nicht entſchieden auf die eine oder andere Seite wandten, das Geſetz aber, wenigſtens vor der Hand, Vielweiberei nicht geſtattet—“ „Ei was. Sie wiſſen doch, daß ich an's Heirathen nicht dachte.“ „Aber die Mädchen dachten daran.“ „O Gott bewahre!“ „Ich ſage Ihnen, ſie dachten daran. Was wollen Sie wetten, daß der Major Sie, ſobald er von der Ankunft des Transportſchiffes hört, um Ihre Abſichten fragt, wie er es zu nennen pflegt?⸗ „Bei Gott, da erinnern Sie mich an Etwas; er fragte mich heute Abend, ob er mich nicht Morgen auf ein paar Minuten allein ſprechen könnte. Ich dachte aber, es handle ſich um einen verwünſchten Kaſten mit Feldbedarf oder ſonſt Etwas von ſeinen hölliſchen Ver⸗ kaufsartikeln, die er mir alle Tage aufſchwatzen will, obgleich ich ihm ſchon ſo viel Bagage abgekauft habe, daß, wenn jeder Offizier ſo viel hätte, wenigſtens zwei Ar⸗ meen nöthig wären, um die Effekten zu tragen. „Armer Junge,“ rief jetzt Power aufſpringend, „wie konnten Sie ſo in die Falle gerathen?“ Hierauf begann er in näſelndem Feiertone:— „In den Stand der heiligen Ehe wollen ſich be⸗ geben Charles O'⸗Malley von Sr. Maj. 14. Regiment und— Dalrymple, Jungfrau aus dieſer Stadt.“ Lever, O'Malley. J. 17 25⁵58 „Ich will mich hängen laſſen, wenn ich das thue,“ ſagte ich, da mir jetzt klar vor Augen ſtand, wie es mit dem Ruf meiner ſchönen Freundinnen beſchaffen war.„Aber, Power, thun Sie mir jetzt die Freund⸗ ſchaft und helfen Sie mir durch, jedoch auf eine Art, welche die Maͤdchen nicht beleidigen kann.“ „Nun, wir wollen ſehen,“ verſetzte er;„wir wollen Morgen früh ſehen; indeſſen ſeien Sie verſichert, daß die Sache nicht ſo leicht iſt, als Sie auf den erſten Anblick glauben möchten. Dieſe rechtſchaffenen Leute ſtnd ſchon ſo oft hinters Licht geführt worden, daß man bereits keine Liſt mehr entdecken kann, die nicht ſchon gegen ſie gebraucht worden wäre. Hier kommen Sie nicht durch mit gewöhnlichen Ausflüchten, als z. B. Ihre Familie geſtatte es nicht— Sie haben ganz und gar keine Ausſichten— Sie ſeien nach Indien commandirt — Sie ſeien bereits verlobt— Sie haben Nichts als Ihre Gage— Sie ſeien zu jung oder zu alt— Alle dieſe Gründe, die bei jeder andern Familie durchgreifen würden, helfen hier Nichts. Ebenſo wenig könnte es Ihnen hier nützen, wenn Ihnen der Doktor einen Schein ausſtellte, daß Sie periodiſchem Wahnſinn unterworfen ſeien; daß Sie Anfälle von Raſerei haben, in welchen Sie den Leuten die Kehle abſchneiden wollen u. ſ. w. Nein, mein Lieber, über ſolche Kleinigkeiten ſind ihre erhabenen Seelen hinaus. Sie fragen nichts nach Ein⸗ willigung von Verwandten, nach Vermögen. Alter, Ge⸗ ſundheitsumſtänden, Ausſichten, Klima oder Gemüths⸗ art. Sie halten nun einmal ſteif und feſt die Ehe für eine Lotterie und ſind in Betreff der Nummer, die ihnen zufällt, nicht abergläubiſch; wenn ſie nur überhaupt ein Loos bekommen, ſo ſind ſie zufrieden.“ „Nun, wenn das Alles wahr iſt, ſo ſcheint mir kein Ausweg mehr möglich, außer daß irgend ein guter Freund mir den Gefallen thut, mich todt zu ſchießen.“ „Auch dieſes Mittel iſt bereits zu abgenützt.“ „Wie habe ich das zu verſtehen?“ * 25⁵9 „In Malta veranſtalteten wir ein Scheinduell. Der gute Vickers war der Held der Geſchichte und Alles auf's Beſte angeordnet. Einen der Briefe ſpielten wir, na⸗ türlich rein zufällig, Mrs. Dalrymple in die Hände, und ſie war vollkommen vorbereitet, als ſie am andern Mor⸗ gen hörte, ihr zukünftiger Schwiegerſohn ſey erſchoſſen worden. Die junge Lady mußte ſich, ob ihr nun die Sache zu Herzen ging oder nicht, natürlich ganz unbe⸗ kümmert ſtellen, damit die unglückliche Verlobungsge⸗ ſchichte nicht ruchbar werde und ihr nicht anderwärts den Markt verderben möchte. Die Sache ging vortrefflich. Erſt einige Monate ſpäter laſen ſie in einer verwünſch⸗ ten Armeeliſte, daß der verſtorbene Georg Vickers in das 18te Dragonerregiment verſetzt worden ſey; dadurch wurde der Spaß natürlich entdeckt und kann alſo nicht zum zweitenmale aufgeführt werden.“ „Aber könnte ich nicht bereits eine Frau und einen Haufen allerliebſter Kinderchen haben?“ „Nein, nein, Sie würden darauf nur eine größere Geldforderung gründen, wenn ſie die Sache gerichtlich anhängig machen, überdies ſpricht Ihr Alter und Aus⸗ ſehen gegen eine ſolche Annahme. Wir muͤſſen viel fei⸗ ner zu Werke gehen.“ „Nun, was können wir denn anfangen?“ ſagte ich ungeduldig;„es ſcheint allerdings, als ſeyen dieſe guten Leute hartſchlägig gegen alle Liſten und Ausflüchte, die nur je ein pfiffiger Kopf ausgeheckt hat.“. „Ich meine, ich bin auf dem Sprung; doch bedarf es noch einer reiflichern Ueberlegung. Vorderhand laſſen Sie uns zu Bette gehen. Beim Frühſtück will ich Ihnen das Ergebniß meiner Nachtgedanken mittheilen, und täuſcht mich nicht Alles, ſo können wir diesmal noch ungeſchlagen durchkommen. Nun denn, gute Nacht lieber Alter; teäumen Sie ſüß von der Dame Ihres Herzens,“ —— 5 ſſſiſſſinſiſ 11 MN nnnnmmnmnnnſſnſſnniſſſſſſſſſf 12 13 14 15 16 17 18 19