] u 4½ . * — 1 Vorwort. M an erzählt ſich ſo viel von den ſchweren Leiden der Chriſten im fernen Aſien in den Landen, die unter morgenländiſchem Deſpo⸗ tismus ſchmachten, und engliſche Miſſionäre berichten uns von Gräuelthaten, wie ſie kaum die amerikaniſchen Rohhäute, dieſe be⸗ rüchtigten Skalpjäger an ihren Kriegsgefangenen verübten. Was europäiſche Nächſtenliebe ſo lange verſäumte, ſcheinen die Nankee's nachholen zu wollen, und man ſpricht allgemein, wie die Schiffs⸗ kanonen derſelben beſtimmt ſeien, dem Zwingherrn von Japan im kommenden Frühjahre Menſchlichkeit und Duldung zu predigen. Die Schilderung dieſes ſeemäniſchen Kreuzzuges dürfte ihrer Zeit einen wahrhaft magnetiſchen Köder für die heißhungrige deutſche Leſewelt abgeben.. Wir aber möchten da mit Altmeiſter Göthe ausrufen: weßhalb in die Ferne ſchweifen, ſeht, das Schlimmere liegt ſo nahe! Wir meinen die unſäglichen Leiden, welche die chriſtliche Bevölkerung der Türkei ſeit Jahrhunderten heimſuchen. Namentlich gilt dies von den Schreckensdramen, welche islamitiſche Willkühr gegen die Giau⸗ ren oder die ungläubigen Hunde in Bosnien wie in der Herzoge⸗ wina ſeit grauer Zeit in die Scene zu ſetzen liebt, und ein Roman, welcher, mit authentiſchen Dokumenten belegt, ein treues Bild jener Zwangherrſchaft zu liefern verſuchte, dürfte daher beachtenswerth 1* 4 und willkommen ſein im Intereſſe der Menſchheit, beachtenswerth und willkommen im Namen der Civiliſation und Duldung, beach⸗ tenswerth und willkommen im Auftrage der hiſtoriſchen Gerechtig⸗ keit! Eine Repriſe der Hand, die einſt ſchrieb an die Mauer in Belzaſar's Palaſte! Eine ſolche Schilderung iſt die Aufgabe des vorliegenden Buches. Der Verfaſſer dieſes Romanes lebte mehre Jahre in der un⸗ mittelbaren Nachbarſchaft jener Lande, und wurde daher während ſeines häufigen Kordondienſtes in der Militärgrenze nur zu oft Augenzeuge von Dingen unter der bosniſchen Sonne, von welchen ſich abendländiſche Touriſten auch keine Sterbensſylbe träumen laſ⸗ ſen. Viele Daten verdankt er der Mittheilung der ſogenannten Re⸗ vertenten— dürfte man deutſch Heimkehrlinge dafür brauchen?— wie man kroatiſche Flüchtlinge, wenn ſie ſpäter freiwillig oder ein— gebracht-dem türkiſchen Gebiethe den Rücken kehren, zu taufen pflegt. Er hat am beſagten Kordon mit dem berüchtigten Vuk Vu— kovich ſo manche Nacht in der ſichern Cſarda— Wachtſtube— oder am Bivouakfeuer zugebracht. Der Mann war dabei geweſen, als ſie dreizehn an der Zahl in dem Städtchen Gottſchee, in dem Her⸗ zogthume Krain gelegen, plünderten und nahmhafte Beute hinweg⸗ ſchleppten. Die hochherzige Amneſtie weiland Seiner Majeſtät, Kaiſer Franz des Erſten gab die Flüchtlinge dem bürgerlichen Leben wieder. Vuk wurde Harambaſſa bei den Sereſſanern und galt als verläßlichſter Mann in der ganzen Truppe. Der Verfaſſer weiß da⸗ her als Augenzeuge, wie durch glaubwürdiges Hörenſagen von dem Treiben in Bosnien zu ſprechen. Viel hat er zudem ſeit jener Zeit über die ſüdſlaviſchen Zuſtände geleſen. Es ſind die Früchte eines mehrjährigen Studiums, was er hiemit der Leſewelt zur Prüfung vorlegt. Er iſt kein Daguerre, und will daher die Treue der nachfol⸗ genden Schilderungen nicht bis in die kleinſten Details verbürgen. Schlagende Aehnlichkeit mit dem Originale werden ſie jedoch durch⸗ — . —,,— ſchnittlich aufzuweiſen haben. Mehr iſt auch nicht nöthig. Wir reiben bloß einige Farben, geſammelt bei dem deſpotiſchen Herrn, wie bei dem ſeufzenden Knechte, aber immer unmittelbar aus dem Lande ſelbſt bezogen, auf die hiſtoriſche Palette. Vielleicht daß ein Michael Angelo der Zukunft, wie wir bereits bei einer andern Ge⸗ legenheit bemerkten, wenn er das jüngſte Gericht der Türkenherr⸗ ſchaft malen geht, jene Farben, dieſe Palette-benützen mag! Erſtes Capitel. Die Roſe von Serajevo. Unſere Geſchichte beginnt in dem Frühjahre 1843 in einer gäh⸗ renden Zeit, kurz bevor die zur Verzweiflung getriebenen chriſtlichen Bewohner Bosniens nochmals zu den Waffen griffen, um langes Leid durch den Tod oder durch den Sieg zu enden. Schauplatz der erſten Scene iſt ein ärmliches Dorf von etwa dreißig bis vierzig Hütten. Dieſe ſtille Ortſchaft liegt oder lag vielmehr auf einer mählig aufſteigenden Anhöhe in der Mitte eines kleinen Thales, durch deſſen Niederung ſich die Straße von Travnik nach Serajevo hinzieht, wenn anders ein ſchmaler, kaum für Bauernkarren fahr⸗ barer Weg dieſen Namen verdient. Wild und romantiſch war die Gegend, aber ſie gewährte keinen maleriſchen Anblick, denn die Ar muth und Dürftigkeit lagerte zu ſichtbar um jene baufälligen Hüt ten oder Hürden, und die Bewohner derſelben mit ihren bleichen abgemagerten Geſichtern, mit den abgenützten, Flügeln ähnlichen Mützen, in der unſchönen engen, aus ſelbſt erzeugtem Wollenſtoff gefertigten Tracht, mit den nothdürftig an den Füßen haftenden Opanken gaben ein ſo vollſtändiges Bild des Jammers, daß ſich das Auge des Beſchauers unwillkührlich von der triſten Staffage abwendete, und das Herz von einem ſeltſamen Gefühle, halb Mit leid halb Eckel, beſchlichen ward. Auch die Naſe des Touriſten hätte ſich zweifelsohne nach einer Priſe Spaniol geſehnt, denn es erin⸗ nerte durchaus nicht an das berühmte türkiſche Roſenöl, was man in der Nähe der Bosniaken durch den Sinn des Geruches wahr⸗ nahm. Sie waren übrigens Bekenner des Chriſtenthumes, wie das 7 rohe aus Holz geſchnitzte Kreuz in einer abgelegenen, von der Straße abgewendeten Art Niſche verrieth. Dort pflegte die kleine Gemeinde ihre Andacht zu verrichten. Die armen Dörfler hatten jedoch den Kelch des Elendes noch nicht bis zur Neige geleert, und harrten gerade an dem Tage, mit dem wir dieſes Capitel eröffnen, eines gefürchteten Beſuches. Man erwartete eine Scene türkiſcher Juſtizpflege. Juſſuw Paſcha, der dem humanen Wedſchi und dem weit ſchlimmern Koſrew im Regime gefolgt war, befand ſich nämlich auf einer kleinen Rundreiſe, angeb⸗ lich um die Klagen der chriſtlichen Bauern oder Rajas gegen ihre muhamedaniſchen Grundherrn, die man Spahis nennt, zu prüfen, in Wahrheit aber um einen Vorwand zu einer Fahrt nach Serajevo zu haben, auf welcher Fahrt er jedoch weniger die Stimmung der bosniſchen Großen zu belauſchen, als verliebten, oder beſſer geſagt, verbuhlten Gedanken nachzuhängen gedachte. Die Bosniaken ſtan den daher mit ſcheuer, doch erwartungsvoller Miene vor ihren Hütten, des Zuges harrend, der ſich langſam und mit aller militä riſchen Vorſicht von der Straße nach der Anhöhe heraufwand. Der Aufruhr war zwar noch nicht ausgebrochen, aber es trie ben ſich bereits im Lande bewaffnete Haufen Patrioten umher, welche die Türken freilich mit dem Beinamen Raubgeſindel zu brandmarken pflegten. Ein Paar Vedetten oder eine kleine Vorhut eröffneten den Zug. Dieſe Avantgarde war aus der ſogenannten Landwehrreiterei der Spahis gebildet. Die Tracht mahnte an unga⸗ riſchen Schnitt, die rothe Mütze natürlich ausgenommen. Das Hauptcorps beſtand jedoch aus wirklichen türkiſchen Huſaren. Der freundliche Leſer wird nun fragen, wie ſich ein türkiſcher Huſar eigentlich ausnehme. Seine Montur beſteht in einem bis an die Ohren und in den Nacken herabgezogenen Feß, d. i. in einer hohen rothen Mütze mit einer blauen Quaſte, wie ſie bei uns die Serben tragen, einem blauen Dolmäny mit rothen Schnüren und einer blauen Plunderhoſen mit rothem Beſetze. Zur Bewaffnung dienen ein Säbel, ein Karabiner und eine Piſtole. Backen⸗ und Schnur⸗ bart dürfen nur die Offiziere tragen. Die Pferde eines Regimentes ſind gleichförmig von einer Farbe wie bei der ruſſiſchen Kavallerie. Ein Sprichwort nennt die Türkei das Paradies der Pferde und das Fegefeuer der Weiber. Der kleine bosniſche Gaul erfreut ſich ober keiner ſonderlichen Wartung und Pflege, namentlich wird er bald auf den Vorderfüßen hin, da es als Meiſterſtück der dorti⸗ 8 gen Reitkunſt gilt, das Pferd im ſchnellſten Laufe auf dem Flecke zu pariren. Es gibt daſelbſt überhaupt nur zwei Gangarten, den Schritt und den Galopp. Trab iſt in Bosnien nicht üblich. Dem— ungeachtet laſſen die bosniſchen Renner an Schnelligkeit und Aus⸗ dauer nichts zu wünſchen übrig, auch wiſſen ſie, wie die Ziegen, die gefährlichſten Felſenpfade zu erklettern. Zur Zeit, als der Schreiber dieſer Zeilen in der Militärgrenze verweilte, wechſelte der Kauf⸗ ſchilling eines ſolchen Gaules zwiſchen zwanzig und fünfzig Gulden Silber. Er ſelbſt beſaß einen von dem nunmehr längſt todten, ſchon damals ergrauten Fähnrich Gayrilovich gekauften Fuchswallachen von ungemeiner Leichtfüßigkeit und Zähheit, und erinnert ſich noch lebhaft, wie er einmal bei einer Vorrückung der kroatiſchen Grenz⸗ regimenter an den Kordon nach einem tagelangen anſtrengenden Marſche den Brigade⸗Adjutanten trotz ſeines Halbblutpferdes bei einer dringenden Meldung weit hinter ſich zurückließ. Jeder Grenz⸗ offizier muß nämlich beritten ſein, erhält aber kein Dienſtpferd, ſon⸗ dern hat den Ankauf ſeines Renners aus eigenem Säckel zu be⸗ ſtreiten. Juſſuw Paſcha ritt an der Spitze der türkiſchen Huſaren. Es war ein ſtattlicher Mann mit ſchwarzem Backen- und Schnurbart. Auch er trug die Huſarenuniform, nur war der Dol mäny mit goldenen Schnüren beſetzt. Seine Füße ſtacken in lakirten Halbſtiefeln. Bloß die Handſchuhe, welche bei den Türken durchaus nicht Mode ſind, fehlten, ſonſt aber ſtellte er, namentlich mit ſeinen von Edelſteinen flimmernden Orden auf der Bruſt vollkommen einen modernen, eleganten abendländiſchen Reiteroffizier vor. Auffallend war es, daß ſich ſein Blick immer nach rückwärts und zwar nach der Richtung der Straße nach Serajevo wendete. Ein Mann des Detachements Panduren, das zur Bewachung der Brücke zurück⸗ blieb, meinte auch trocken: „Schön iſt ſie freilich, die Roſe von Serajevo!“ Dieſe Panduren, ein walachiſches Wort, das Grenzwächter bedeutet, bei uns Gensd'armen genannt, trugen gleichfalls den Feß, hatten in dem Gürtel Piſtolen und einen Handſchar oder türkiſchen Dolch ſtecken und ſchwangen zudem eine Kantſchuka in der Hand. Dollmetſchte der obige Redner die Gefühle Juſſuw's richtig, ſo war es nur zu erklärlich, warum dieſer Muſchir oder Oberbefehlshaber, böſe über den gezwungenen Abſtecher, in der übelſten Laune von der Welt nach dem Dorfe gelangte und die vorkommenden Beſchwerden 4 — 9 meiſt zu Gunſten der Spahis entſchied, bei zufälligen Straffällen in klingender Münze aber in einer Art vorging, die lebhaft an die Fabel von der Theilung des Löwen erinnerte. Das arme Volk der Rajas ſeufzte über die Sklavenbürde, trug ſie aber geduldiger, als manches Saumthier ſeine ſchwere Laſt dahinſchleppt; nur ein jun— ger ſtämmiger Burſche murrte leiſe über das Uebermaß der Noth und ſchmähte weidlich über ſeine Landsleute, deren jeder die Hände müßig in den Schoß lege, bis nicht ſein eigenes Haus in hellen Flammen ſtehe. Sein Blick wurde noch wilder, als ein barfüßiges, zerlumptes Weib dem Paſcha zu Füßen ſtürzte. Es war die verlaſ⸗ ſene Wittwe ſeines kürzlich verſtorbenen Vatersbruders. „Erbarmen! Schonung! Gnade!“ flehte die Unglückliche. „Drei dumme Worte,“ entgegnete Juſſuw,„die in der türki— ſchen Sprachlehre kaum zu finden ſein dürften; ſprich übrigens, ich höre, nur mache es kurz, ich bin kein Freund von Weibergeträtſche.“ Die Aermſte erzählte nunmehr in kurzen rührenden Worten, wie ſie ihr verſtorbener Mann in der äußerſten Noth zurückgelaſſen habe, wie ſie daher den Anbau ihres kleinen Grundſtückes bei ihrer ſchwachen Kraft kaum zu beſorgen, die Koſten fremder Beihilfe aber durchaus nicht zu beſtreiten vermöge. Auch nehme die Pflege ihrer zwei Knaben einen nur zu großen Theil ihrer Zeit in Anſpruch. Der Muſchir lächelte ſataniſch und flüſterte dann einem neben ihm ſtehenden Offizier, der einen goldenen Stern und Halbmond auf der Bruſt trug, alſo den Rang eines Tüzbaſchi oder Oberlieute⸗ nants bekleidete, leiſe einige Worte in das Ohr, worauf ſich dieſer mit hämiſcher Schadenfreude im Blicke nach der Hütte der Witwe entfernte. Das Weib wollte folgen, Juſſuw hieß die Unglückliche ruhig harren, er werde ſich ihrer erbarmen. Nun trat ein ältlicher Mann vor, der die Kopfſteuer nicht vollſtändig zu entrichten ver⸗ mochte. Dieſe Steuer, Haradſch genannt, wird nur von den Chri⸗ ſten mit fünfzehn Piaſtern unmittelbar von dem Paſcha erhoben. Ein Piaſter gilt etwa ſechs Kreuzer oder zwei Silbergroſchen. „Herr,“ ſprach der Alte,„mir fehlt nur mehr ein Piaſter an der vollen Gebühr, aber ich weiß ihn, auch wenn ich mich auf den Kopf ſtellte, durchaus nicht aufzutreiben. Die vorjährige Ernte iſt be— kanntlich halb mißrathen, der Erlös war daher ſehr gering. Auch ſind die Zeiten ſo theuer, das Geld fliegt davon, man weiß nicht, wohin es kömmt.“ „In die Pulvermühle!“ rief ein anderer türkiſcher Offizier. . 10 Der Paſcha verſtand die Anſpielung. Es ging nämlich das Gerücht, die bosniſchen Malkontenten hätten zur Anſchaffung von Munition ſich ſelbſt freiwillig mit einem Piaſter für den Kopf be⸗ ſteuert. Dieſe Vermuthung war auch in der That begründet. „Macht den ungläubigen Hund,“ rief Juſſuw zornig,„um ein Ohr kürzer, ſo wird die Summe voll!“ Der alte Mann ſchrie laut auf vor Angſt, der grauſame Be⸗ fehl ward aber trotz ſeines Wehklagens zur Stelle an ihm vollzo— gen. Mittlerweile kam der Tüzbaſchi mit den Kindern der Witwe herbei. Es waren zwei halbnackte, ſchmutzige, aber trotz ihrer Ver⸗ wahrloſung hübſch ſehende Knaben. Juſſuw prüfte die Rangen mit türkiſcher Kennermiene und befahl ſie dann als Aufwärter nach ſei ner Behauſung in Travnik zu ſchaffen, ſo ſei das Weib ihrer Noth entledigt, und könne getröſtet heimkehren. „So möge Gott dich einſt auf deinem Sterbebette tröſten, wie du mich getröſtet haſt!“ Alſo rief die Witwe und ſank in Ohnmacht. Sah ſie doch ihre Kleinen ſchon im Geiſte zu dem Lügenpropheten des Halb⸗ mondes ſchwören, vielleicht nebſtbei noch einem ſchlimmern morgen ländiſchen Schickſale entgegengehen. Ein paar mitleidige Nachbarn ſchafften die Aermſte hinweg. Dieſe Vorgänge erklären es wohl zur Genüge, weßhalb niemand mehr vortreten wollte, als der Muſchir nach weiteren Beſchwerden forſchte. Nur der früher erwähnte ſtäm mige Burſche eilte entſchloſſen vor, ſank in die Knie und bath mit demüthiger Stimme um Gnade für ſeinen greiſen Vater, der wegen eines unbedeutenden Vergehens gebunden, halb todt vor Schreck und Schwäche nach Travnik geſchleppt worden ſei und in dem dor tigen dumpfen Verließ zweifelsohne in Kürze verſchmachten müſſe. „Das iſt bereits geſchehen, blöder Knabe,“ fiel der Tüz baſchi ein. „Du lügſt, du lügſt,“ rief der Junge,„du treibſt nur grau⸗ ſam Scherz!“ „Giaur,“ donnerte Juſſuw,„zügle deine Zunge, ſonſt laße ich dir die Sohlen blutig gerben!“ 4 „Mein Vater todt? Dann ſtirb auch du, Tyrann!“ Mit dieſen Worten ſtürzte ſich der Bosniake, einen Dolch her vorziehend, auf den Paſcha, ward aber von der Suite desſelben augenblicklich niedergehauen. Juſſuw ſchäumte vor Wuth, und be— fahl dann, den„ungläubigen Schweinen“ das Dorf über dem 11 Kopfe anzuzünden. Die Ordre des Deſpoten wurde pünktlich be⸗ folgt, und bald ſtanden die Hütten ringsumher in Flammen. Die Nemeſis folgte aber der Miſſethat auf dem Fuße, denn plötzlich kam ein Pandur von der Brücke heraufgeſprengt, mit der Meldung, ein verdächtiger bewaffneter Haufe zeige ſich in der Umgegend. Gleich darauf erſcholl der alte montenegriniſche Schlachtruf und die tür⸗ kiſche Nachhut ſtäubte mit der Schreckensloſung„der Vuk, der Vuk!“ in heilloſer Verwirrung auseinander. Der Ruf„der Wolf, der Wolf!“— auf kroatiſch Vuk, auf ungariſch Farkas— war auch in Bosnien zum üblichen Fluchtgeſchrei geworden. Dieſes Fluchtgeſchrei ſtammt noch aus dem Feldzuge, den die Ungarn nach Hormayr anno 1099, nach Feßler 1098 nach Rothrußland unter⸗ nahmen, und zwar von dem Tage einer ihrer grimmigſten Nieder⸗ lagen, bei welchem Kampfe der Anführer der Rusniaken das Wolfs⸗ geheul ſo täuſchend nachahmte, daß die wirklichen Wölfe im nahen Walde einſtimmten, und gleichſam als Orakel das Verderben des Feindes weiszuſagen ſchienen. Wie dieſe Schreckensloſung nach Bosnien verpflanzt wurde, wird der geneigte Leſer einige Blätter ſpäter erfahren. Hier wollten wir denſelben nach dem altrömiſchen Wahlſpruche bloß einfach— medias in res— in die Mitte der damaligen ſüdſlaviſchen Tagesereigniſſe führen. An weiterer Auf⸗ klärung ſoll es wahrlich nicht fehlen. Vor der Hand wollen wir uns nach der Haupiſadt von Bosnien begeben. Serajevo oder Sarajevo, italieniſch Seraglio, türkiſch Bosna Serai genannt, liegt an der Dinariſchen Bergkette, unweit den Quellen der Bosna, Drina und Narenta, und fußt auf einem erhabenen mit waldigen Bergen umkränzten Plateau an der Migli⸗ azza oder Migliaska, einem Nebenfluſſe der Bosna. Serajevo, eine hochbegünſtigte Stadt, in der ſelbſt dem jeweiligen Paſcha von Bosnien, mit Ausnahme der Zeit revolutionärer Wirren, nur ein dreitägiger Aufenthalt geſtattet iſt, gilt den Bosniaken als Königin aller Städte; ſpricht man mit ihnen von Paris, ſo antworten dieſe Söhne der Wälder mit der Frage, ob das neue Babylon an der Seine auch wirklich Serajevo an Schönheit übertreffe? Es läßt ſich auch nicht läugnen, daß die bosniſche Hauptſtadt dem Reiſenden einen wahrhaft impoſanten Anblick bietet, wenn er ſie, aus den engen Gebirgsſchlünden gelangend, plötzlich in einem weiten Becken oder vielmehr in einem von tauſend ſilbernen Bächleins bewäſſerten Garten entdeckt. Ihre Thürme, ihre verſchiedenfarbigen Minarets 12 von glacirten Ziegeln, ihre Kioske, ihre Bazars mit bleiernen Kuppeln gruppiren ſich amphitheatraliſch um ein weites im Jahre 1270 erbautes Fort. Dieſes von zwölf ungeheueren Thürmen ge⸗ deckte Bollwerk, deſſen Vormauern zwölf Klafter dick ſind, ragt ſenk⸗ recht von der Tiefe des Thales empor, beherrſcht von dem Berge, an deſſen Abhang es ſich anlehnt, und gewährte dem bosniſchen Adel, wenn er in offener Feldſchlacht beſiegt worden, ſchon oft einen ſichern, faſt uneinnehmbaren Zufluchtsort. So ſollte es auch im Ver⸗ laufe des Jahres 1843 der Fall werden. Es ging gegen die Abenddämmerung, und das Geräuſch des geſchäftigen Tages ward ſcheidend noch einmal in ſeinen brauſende⸗ ſten Klängen hörbar. Eine zahlreiche Menge Fußgänger— die Be⸗ völkerung von Serajevo wird auf 70,000 Seelen angeſchlagen— drängte ſich durch die engen Straßen der eigentlichen Stadt, deren kleinliches und unregelmäßiges Weichbild durch den Umſtand noch mehr an Reiz verliert, daß die Fenſter der meiſten Häuſer nach tür kiſcher Sitte nach dem Hofe gehen. Die Waffenſchmiede bargen ihre berühmten, zur Schau ausgeſtellten Gewehre und Klingen in ſichern Verſchluß, die Kürſchner thaten ein Gleiches mit den koſtbaren Rauhwaaren, das Raſſeln der Geſchirre von Eiſen und Kupfer in den verſchiedenen Fabriken verkündete das Nahen des Feierabends und auch die geſchickten Goldarbeiter ſäumten nicht, dem Beiſpiele ihrer Nachbarn aus Furcht vor jener Gilde vom langen Finger, eilig zu folgen, da die Dämmerung bekanntlich das Treiben jener lichtſcheuen Zunft bedeutend begünſtigt. Kiſten von Wollen- und Baumwollenmanufakturen wurden haſtig vernagelt und verſchickt, die fleißigen Gerber ließen endlich ihre müden Hände ruhen, und gehorchten, falls ſie Muhamedaner waren, der Mahnung der Muez⸗ zins, welche von den Minarets der vielen, mitunter faſt großartigen Moſcheen zum Gebete riefen. Zählt Serajevo doch zu einer der ge⸗ werbfleißigſten Städte in der Türkei. Außerdem iſt es ja der Mit⸗ telpunkt nicht blos des Handels von ganz Bosnien, ſondern auch des ſehr bedeutenden Tranſitohandels, welcher durch Karavanen zwiſchen Salonichi und Janina ſtattfindet. Die Kolonial⸗ und Ma⸗ nufakturwaaren werden zu dieſem Behufe von Trieſt über Spalato und von Wien über Koſtainizza bezogen. In der Umgegend befinden ſich Eiſengruben und Eiſenhütten, ferner wird daſelbſt Weinbau betrieben. Aus der Kirche der griechiſchen Chriſten ſtrömten heimkehrende — — M—— 13 Andächtige, an dem Serail oder dem von Sultan Mahomed dem Zweiten erbauten Palaſte wurden die Nachtpoſten aufgeführt, in den Badehäuſern ward es ruhiger und ſtiller; dagegen gewannen die Kaffeeſtuben und Khan's— Herbergen— trotz ihres armſeligen Zuſtandes an regem Leben, eine Maſſe von Spaziergängern wogte über die vielen Brücken und Stege, von welchen beſonders die größte der erſteren rühmende Erwähnung verdient, auch fehlte es nicht an reich geſchmückten Reitern auf herrlichen Rennern. Bosna Serai iſt nämlich der Sitz der vornehmſten erblichen Hauptleute und Kneſen, obgleich der jeweilige Paſcha von drei Roßſchweifen, der in dieſem Ejaleth oder Paſchalik der Türkei gebietet, in Travnik zu hauſen pflegt. Das luſtige Getümmel ward jedoch hie und da durch das ſchmerzliche Wehklagen irgend eines Fleiſchers, der mit den Ohren an den eigenen Laden genagelt wurde, oder eines Bäckers, der die Baſtonade erhielt, eben nicht wohlklingend unterbrochen. Die Polizei iſt ja ſehr ſtrenge und wacht, daß den Armen die nothwen⸗ digſten Lebensmittel nicht vertheuert werden, daß das Publikum durch den Unterſchleif der Verkäufer nicht zu Schaden kommt. Das emſige wie müßige Treiben im ſtädtiſchen Weichbilde er— hielt durch die verſchiedenen Koſtumes der Türken, Bosniaken, Armenier, Griechen, Serben, Dalmatiner, Montenegriner, Juden und Zigeuner, die ſich hier wie in allen türkiſchen Städten zu einem wahren Chaos mengten, einen noch bunteren Anſtrich, zumal da faſt alle der genannten Volksſtämme, ſelbſt wenn ſie ſich wie die Osmanlis kleiden, etwas von ihrer urſprünglichen Landestracht beizubehalten pflegen. Trotz dieſes Getümmels und Farbenwechſels ſcheint der Anblick einen Fremden doch nicht ganz zu befriedigen, es fehlt ihm etwas, und wir werden es auch gleich benennen, was das Auge des Touriſten ſo verlangend ſucht. Die ſchönere Hälfte des Menſchen⸗ geſchlechtes! Arme Chriſtenweiber in armſeliger Bekleidung drängen ſich freilich durch das Gewoge der Kaufleute, Krämer, Ausrufer, Spaziergänger und Reiter, aber die elegante Frauenwelt will ſich nicht zeigen, da die höheren Stände in Bosnien faſt durchſchnittlich zum Koran ſchwuren, und ihre Töchter daher nach türkiſcher Sitte eben ſo viele Bäume der Erkenntniß abgeben, deren Früchte oder Reize um ſo mehr verlocken, als ſie verborgen und verboten ſind. Nur ſelten erſcheint ein muhamedaniſches hübſches Kind auf der Straße, aber der über das Geſicht herabgelaſſene Nachmak, ein Schleier aus weißem Mouſſelin, wird unter dem Kinne derart feſt⸗ 14 geknüpft, daß man von dem Antlitz nichts als die weiße Naſe und die blitzenden Augen wahrnehmen kann. Zudem wird die ganze Ge⸗ ſtalt von dem neidiſchen Feredſchi, einem langen weiten Mantel oder Domino alſo umhüllt, daß man glauben möchte, man ſehe eine Maske oder ein Geſpenſt vor ſich hinſchweben. Wollt ihr die Schön⸗ heit wirklich von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen, ſo müßt ihr euch in den Harem, in die Frauengemächer ſtehlen, und dahin gedenken wir euch auch als unſichtbarer Kundſchafter zu geleiten. Folgt uns in das Innere jenes ſtattlichen Hauſes, das faſt an ein abendländiſches Palais erinnert! Belauſchen wir ſeine Herrin in ihrem Allerheiligſten! Dort herrſcht morgenländiſche Pracht. Die Wände ſind mit weißem und rothem Seidenſtoffe ausgeſchlagen, das Gemach gleicht einem Zelte, ſchwere blaue Vorhänge wallen an den Fenſtern. Son⸗ derbar, das ſind keineswegs die türkiſchen Farben! Und doch gibt es hier ſo manches, das unwillkürlich an den kriegeriſchen Geiſt der Anhänger des arabiſchen Propheten mahnt. Da zeigt ſich ja zier⸗ liches Gewaffen, das freilich zu keinem blutigen Gebrauche beſtimmt ſcheint, trägt es doch die hundert geheimnißvollen Dinge, ſo unzer trennlich von einer weiblichen Toilette. Iskender am Rocken einer Lais! Ja, der Kriegsgott war immer der nächſte und liebſte Nach bar der Schönheit! Sind wir in das Lager einer Amazonenkönigin gerathen? Faſt will es uns ſo bedünken! Eine hohe ſchlanke Geſtalt, keine Spur von der bekannten morgenländiſchen Beleibtheit, Majeſtät in jedem Zuge des ſchönen, etwas bleichen Geſichtes, die zwei Roſen ausgenommen, die auf ſeinen Lippen liegen. Roſige Lippen? So iſt es! Und doch pflegt dieſer feingeſchnittene Mund zuweilen Hand⸗ ſchars zu ſprechen, und das nächtige Auge der Herrin blitzt wie ein ſcharfgeſchliffener Dolch. So zeigt ſich kein blumiges Weib, das keinen weiteren Beruf kennt. als ſchön zu ſein und zu lieben. Hier hauſt der Geiſt, der weiland durch die Maina ging, hier weht die Luft, welche durch Cſernagora— Montenegro— zieht! Hier ſchal⸗ tet und waltet eine Schweſter des Löwen, wie ein Morgenländer ſagen würde! Trotzdem hatte die Volksſtimme der Schönen den Namen Gülnare gegeben, und obgleich ſie eigentlich Ivka, zu deutſch Johanna hieß, ſo wurde ſie doch nie anders genannt, als die weiße Roſe von Serajevo. In Wahrheit wies Gülnare mehr von der Natur der Schwertlilie. Zuweilen nur fliegt es wie unſägliche Wehmuth durch das gebieteriſche Antlitz, und um die Mundwinkel liegt und zuckt es dann elegiſch wie die Klage einer Liebe, die ſich erſt hinter den Gräbern ein Stelldichein geben durfte. Läßt ſich dieſes reizende Räthſel durchaus nicht löſen? Was beſagt jenes Gemälde an der Wand? Ein Trauerflor verhüllt es. Es ſcheint ein Heiligenbild zu ſein? Allerdings! Was ſtellt es denn vor? Chriſtus am Oelberge! Was ſoll aber der ſchwarze Flor? Ja, ich verſtehe! Wir traten in ein adeliges bosniſches Haus, deſſen Eigenthümer das Kreuz nie mit dem Halbmond vertauſchen wollten, obgleich faſt alle ihre Waffen⸗ brüder, wie wir im nächſten Kapitel hören werden, aus Angſt um ihren Purpur, ſich abtrünnig zu dieſem Abfalle verſtanden. So war es auch! Die Hauptlinie des alten Geſchlechtes, von welchem Ris⸗ wan, der Vater der weißen Roſe abſtammte, war zwar, obgleich ſie ihren Stammbaum bis zu Nemagna, dem Stifter des weiland ſo großen, die Herzogewina ſeine Wiege nennenden ſerbiſchen Reiches hinaufleitete, zu dem Islam übergetreten, um die Güter des Hauſes zu retten; die Nebenlinie hielt jedoch an dem Erlöſer feſt, hatte zwar viele harte Kämpfe und bittere Anfechtungen zu beſtehen, wand ſich aber, Dank der Hilfe ihrer mächtigen muhamedaniſchen Ver⸗ wandtſchaft, durch alle dieſe Hemmniſſe fieghaft wie die Zwergeiche durch, deren Wurzeln zuletzt Felſen ſprengen. Riswan war früh in die Welt hinausgezogen und hielt ſich in den Dienſten einer aus⸗ wärtigen Großmacht ſo wacker und mannhaft, daß er ſpäter nicht blos als einfacher Konſul, ſondern als eine Art Reſident derſelben nach Bosna Serai zurückkehrte. Dank dieſer ſeiner Stellung, wie einer ſehr kategoriſchen Note jener Großmacht, in deren diplomati⸗ ſchem Kabinet mitunter, wie der Volkswitz behauptete, der Divan des türkiſchen Großherrn zu ſtehen ſchien, blieb das Erbrecht, als die Hauptlinie ausſtarb, zu Gunſten des Vaters Gülnaren's auf⸗ recht erhalten, und dieſer ſpielte nunmehr als bosniſcher Großer, Reſident und Chodſcha Baſchi eine gewichtige, hervorragende Rolle. In jedem Liva, wie man die Unterabtheilung eines Paſchaliks nennt, beſteht nämlich eine Art Munizipalität, Medſchlis benamſet, in welcher der jeweilige Statthalter präſidirt. Die übrigen Mitglieder ſind der Mal Müdiri, der Steuereinnehmer, dann der griechiſche Patriarch, ferner der Chodſcha Baſchi oder Delegirte der chriſtlichen Munizipalität, endlich die Vüdſchuh oder Primaten, welche von den Bewohnern des Liva gewählt werden⸗ Natürlich, daß es bei 16 einer ſo glänzenden Stellung an geheimen Feinden nicht fehlen konnte. NRiswan hatte ſeiner ſchönen Tochter eine weit ſorgfältigere Erziehung angedeihen laſſen, als man ſie in den bosniſchen Gauen ſeit der leidigen Türkenherrſchaft zu treffen gewohnt iſt. Die Roſe von Serajevo war auch nicht daſelbſt, ſondern bei einer verwandten gräflichen Familie, die in der Grafenſtadt Cattaro hauſte, erzogen. Wir ſagten Grafenſtadt, denn in Cattaro hieß und heißt alles Conte, was weiland unter der venetianiſchen Herrſchaft in das goldne Buch der Republik an den Lagunen eingetragen worden. Der Adel war überhaupt in den Ländern Bosnien, Herzogewina, Dalmatien und Montenegro immer ſehr zahlreich und nebſtbei meiſt unter ſich verzweigt und verwandt. Er behielt in den erſtgenannten beiden Ländern auch nach dem Uebertritt zum Islam ſeinen Titel bei, blieb aber ſo ungebildet wie die Raubritter im Mittelalter, ſo daß zum Beiſpiele der Beg oder Graf Ali Perniata zu Trebigne in der Herzogewina, dem mehrere Quadratmeilen Ländereien gehören, weder leſen noch ſchreiben kann, was ihn jedoch nicht verhindert, demungeachtet Mollah oder Advokat zu ſein. Der dalmatiniſche Adel ſteht daher auf einer Bildungsſtufe, die ſich zu jener ſeiner jenſei⸗ tigen muhamedaniſchen Waffengenoſſen etwa verhält wie der Tſchim⸗ boraſſo zu den Sandhügeln der Lüneburger Haide. Auch Gülnaren's Erziehung ließ daher nichts zu wünſchen übrig. Die weiße Roſe wäre ſelbſt in einem weſtländiſchen Salon der Créme nicht vornehm überſehen worden. Doch weiter in unſerm Romane! Belauſchen wir das Zwiegeſpräch, das Gülnare mit einer anmuthigen, kleinen, elaſtiſchen Dame führt, die an die Lorette mit den weißen Kamelien erinnern würde, lauerte es nicht zuweilen wie eine Schlange in ihrem Blicke, wieſen die Züge nicht zeitweiſe jenen, wir möchten ſagen, ſteinernen Ausdruck, der einen gleich hochmüthi⸗ gen als ſtarrſinnigen Geiſt verräth. Es war Leila, die Nachbarin und Buſenfreundin der weißen Roſe, die Tochter des Defterdar oder Generaleinnehmers in Bosnien. Auch die Familie des Defterdar zählte zu den adeligen Geſchlechtern Bosniens. Ihre Glieder wuß⸗ ten ſich ungemein ſchlau in die ſchwierige muhamedaniſche Neuge⸗ ſtaltung der Dinge zu finden, ſo daß man nie recht wußte, ob ſie in Wahrheit zu dem Islam übertraten oder im Stillen noch geheime Chriſten ſeien. — ——,— — — 17 man ſelbſt dem berühmten, anno 1824 an Gift, wie es heißt, verſtor⸗ benen Gelailia Paſcha in der Herzogewina nachſagte, er ſei ein heim⸗ licher Chriſt, ein Franzoſe, und nicht einmal ein Renegat geweſen; es hätten ſich nämlich als man bei ihm die gewöhnliche Todtenwaſchung vorgenommen, keine Spuren der Beſchneidung vorgefunden. Wie dem ſei, auch über den gegenwärtigen Defterdar in Bosnien waren derlei Gerüchte im Umlaufe, und auch ſeine Tochter, obgleich ſie den Yachmak auf der Straße trug, kümmerte ſich ſonſt blutwenig um die türkiſche Sitte, ja ſie entblödete ſich innerhalb ſicherer vier Pfähle nicht im Geringſten, türkiſchen wie chriſtlichen Augen den Anblick ihres anmuthigen Geſichtes zu gönnen. Selbſt ihre Worte trugen, wie wir gleich hören werden, das Gepräge abendländiſcher An⸗ ſchauungsweiſe. „Am Altare“, ſprach ſie,„heißt es: und er ſoll dein Herr ſein 12 Bei dieſen Worten warf Gülnare das lockige Haupt grollend zurück und biß ſich unmuthig in die Lippen. Ein Blick halb Staunen, halb Verachtung fiel auf die freimüthige Rednerin; dann muſterte ſie— als ſei eine Freundin, die ihr ſo etwas bieten konnte, keines weitern Wortes werth— mit geſchäftigen Augen die zierlichen Dolden und Knoſpen ihres Blumentiſches. Es war nämlich, Dank der vielgereiſten Gattin des S... iſchen Konſuls in Bosna Serai, auch unter den bosniſchen Damen Mode geworden, die armen Roſen oder ſonſtigen Kinder Flora's hart an der Knoſpe oder Dolde abzuſchneiden und verſtümmelt in kleine Vaſen zu drücken. Ein derlei Blumentiſch glich einem vielfarbigen, duftenden Schachbrette. Man hätte ihn die Muſterkarte eines Blumiſten nennen können, in Wahrheit aber war er nichts weiter als eine Sünde, ja ein Ver⸗ brechen, Hochverrath, nämlich— am Lenze. Er iſt ja auch ein Sultan, ein Stellvertreter Gottes auf Erden! Leila lächelte etwas ſataniſch und fuhr dann, die Unachtſamkeit ihrer Freundin nicht beachtend, gelaſſen fort: „Ich kann dir doch nicht helfen, in der Bibel ſteht es einmal ſo zu leſen!“ „Bin ich eine gebrechliche Zierpuppe des Abendlandes?“ frug Gülnare. „An den Orient ſollſt du dich ſchon gar nicht halten. Der Ko⸗ ran iſt noch ungalanter gegen unſer Geſchlecht!“ Der Montenegriner. 2 Der Leſer, der ſich hierüber wundert, möge nicht vergeſſen, daß 18 Als Erklärung des räthſelhaften Geſpräches mögen nach— ſtehende Daten dienen. Man ſtand, das fühlte man in beiden Lagern, am Vorabend einer neuen Schilderhebung in Bosnien. Riswan drang daher in väterlicher Angſt um das künftige Schickſal ſeines einzigen Kindes, das ohne Schutz verblieb, falls ihm in der ſturm⸗ bewegten Zeit etwas Menſchliches begegnen ſollte, hartnäckig in ſeine reizende Tochter, endlich ihre Abneigung gegen die Ehe zu überwinden. Was bei dieſer Unterredung geſprochen wurde, wußte niemand zu ſagen, nur flüſterte die Dienerſchaft ſich leiſe in die Ohren, Gülnare habe das Schlafgemach ihres Vaters, wo jene Konverſation ſtattfand, bleich wie der Tod verlaſſen. Man ſchrieb dieſe Bläſſe auf Rechnung ibres bekannten Grolles gegen den vor⸗ geſchlagenen Eidam. Es war ein Verwandter ihres Hauſes, der ſich Lascaris nannte, viele kriegeriſche Abenteuer ſiegreich beſtanden und bei einer gewiſſen rätbſelhaften Gelegenheit Riswan das Leben ge⸗ rettet haben ſollte. Lascaris bekannte ſich zwar zum chriſtlichen Glauben, galt aber als eifriger Anhänger des Halbmondes und ſtand in Folge hoher Waffenthaten, die er als Freiwilliger im Dienſte der ottomaniſchen Pforte vollbrachte, ſelbſt in Stambul in nicht geringem Anſehen. Gülnare wollte auf die letzte Bemerkung Leila's eben ziemlich erbittert antworten, als Manda, die Lieblingszofe der Erſteren, mit der Meldung eintrat, ihre Herrin werde zur Uzina, das iſt, zum Veſperbrode erwartet. „Ich fühle mich unwohl,“ war die kurze Antwort. Manda verſchwand. Nacheiner kurzen Pauſe meinte Leila, deren Blick bei dem Eintreten der Zofe geſpannte Erwartung verrieth: „Du wirſt deinen Vater erzürnen. Lascaris iſt doch ange⸗ kommen?“ „Ja, leider! Heute Morgens.“ „Du haſt ihn alſo ſchon geſprochen?“ „Gott ſei Dank, nein! Ich gab, als ich ſeine Ankunft erfuhr, dieſelbe Antwort wie jetzt. So entging ich dem unliebſamen Mahle zu Dreien.“ „Lascaris,“ meinte Leila, zu dem früheren Thema zurückkeh⸗ rend,„ſoll ein Stück Eiſenkopf ſein.“ „Die Männer ſind alle ſchwach.“ „Die Schwäche, eine reiche Erbin zu beirathen, iſt freilich all⸗ gemein.“ war! lich g Hau weiß rücht ſoge eigen desſ Land 19 „Von dem iſt nicht die Rede. Er liebte ſein Geſchlecht, folglich war er im Recht.“ „Eine Predigt in Reimen? Weshalb biſt du ihm denn eigent⸗ lich gram?“ „Aus Gründen, welche du ſchwerlich würdigen dürfteſt.“ „Er iſt, wie es heißt, ein weitſchichtiger Anverwandter eures Hauſes, und trug als ſolcher viel bei—“ „Den Waffenruhm unſeres Hauſes zu vergrößern!“ fiel die weiße Roſe ein. „Allerdings! Erſchlug er doch als Freiwilliger bei dem be⸗ rüchtigten Kampfe mit den wilden kurdiſchen Gebirgsvölkern, den ſogenannten Teufelanbetern, ihren gefürchteten Häuptling in ſeinem eigenen Aul, und ritt dann mit dem Kopfe oder der Schedelhaut desſelben ruhig im Schritt mitten durch das aufgeregte feindliche Land.“ „Vergiß nicht, wie er ſich ſpäter zum Seekönig aufwarf, grie⸗ chiſche Piratenboote kaperte und endlich——“ „Als er in die Gefahr kam, zwiſchen zwei feindlichen Galeeren zu erſticken, ſich mit allen drei Fahrzeugen in die Luft ſprengte, und zwar etwas geröſtet wurde, aber denn doch wunderbar genug mit dem Leben davon kam. Eine garſtige Luftfahrt, das! Denke, wie du willſt, er iſt nach orientaliſchem Ausdrucke ein wundervoller Sheitan, und dürfte auch in Bosnien bald der Held des Tages werden.“ „Ob Satan, ob nicht, große Helden geben ſich gewöhnlich als ſchwache Leute in den Banden der Ehe.“ In dieſem Augenblicke trat die Zofe abermals in das Gemach, meldend, Lascaris wünſche ſeiner Braut endlich die ſchuldige Auf⸗ wartung zu machen. Gülnare wurde kreidebleich. Uebrigens war da nicht auszuweichen. Plötzliches Erkranken wäre zu auffallend gewe⸗ ſen, Unpäßlichkeit zählte bei einem ſo intimen Verhältniß wie Braut und Bräutigam blutwenig, kurz, Lascaris mußte empfangen werden. Riswan's Tochter nickte daher bejahend, und die Zofe entfernte ſich haſtigen Schrittes. „Wollen wir,“ frug Leila,„ſeine Weisheit auf die Probe ſtellen?“ „Wie ſo?“ „Nimm meinen Ueberwurf und räume den Divan! Laß mich deine Stelle vertreten.“ „Einfalt dieſer Einfall! Hat er mich nicht vor ein paar Jahren in Cattaro geſehen?“ 2* 20 „Das iſt lange vorbei, und die Männer ſind im Durchſchnitte ſehr vergeßlich.“ „Schwarzes Haar und ſchwarze Augen, blonde Locken und waſſerblaues Email?!“ „Sehr anzüglich dies mit dem waſſerblauen Email meines Auges! Du biſt übel aufgelegt, bitterſüße Schönheit. Wir riskiren ja nichts——“ „Als daß wir uns lächerlich machen!“ „Sei es! Verdirb mir meine heitre Laune nicht.“ „Nach deinem Wunſche!“ Die Freundinen wechſelten den Platz. Lascaris kam. Eine hohe kraftvolle Geſtalt, jeder Zoll ein Mann, als ſchreite der rieſige Ahnherr eines alten ſüdſlaviſchen Hauſes aus dem Rahmen und halte Gericht über die zwerghaften Enkel. Sonnenbraun das Antlitz, doch ſchöne, regelmäßige, faſt altrömiſche Züge. Dunkel die Augen und Haare, wie der beinahe zu lange Schnurbart. Sein Falkenblick muſterte die ſchönen Gegnerinnen. Entdeckte er die Falle, die man ſeinem Scharfſinne legte? Fragt das momentane ſardoniſche Lächeln, das um ſeine Lippen zuckt, dieſe Geſchwiſterkinder von Gülnaren's Munde; vielleicht verräth es, ob er die Kriegsliſt durchſchaue. Eine faſt nachläſſige Verbeugung begrüßte zuerſt die vorgeblich fremde Dame, dann ließ er ſich mit anmuthiger Haltung auf ein Kiſſen am Divan nieder, und Leila's Hand ergreifend, ohne ſie jedoch zu küſſen, und mit einem ſo glühenden Blicke, daß die kleine Dame wie geblendet das blaue Auge ſenkte, ſprach er: „Umnoꝰilo Vam se veselje kako na nebu zvézde!“— „Ihre Freude möge ſich mehren wie die Sterne am Himmel!“— „Sehr artig!“ ſtotterte Leila. „Eine alte illyriſche Redensart!“ meinte Gülnare, ſich verſtoh⸗ len in die Lippen beißend. „Meine ſchöne Baſe,“ vertheidigte ſich Lascaris,“ liebt ja das Heimiſche, wie die illyriſchen Landesfarben roth, weiß und blau in dieſem Frauengemache beweiſen. Man fühlt hier ein Stück Vater⸗ land. Wohl mir daher, wenn es in der Welt hieße, der bosniſche Abenteurer ſei in ſeiner Heimath verſchollen!“ Die Verlegenheit Leila's wuchs mit jedem Worte. Gülnaren's Unmuth ließ ſich nicht mehr zügeln, und ſie entgegnete mit unſicherer Stimme: 21 „Der bosniſche Abenteurer hat ein ſchlechtes Gedächtniß, oder es geht ihm wie jenem ſerbiſchen Krieger, der, von einem Zau⸗ bertrank berauſcht, an der Bruſt einer reizenden Vile oder Luftnire ſich in den Armen ſeiner fernen Braut glaubte. So was läßt ſich übrigens bei den meiſten Männern auch ohne Zanbertrank erklären.“ Das alte ſardoniſche Lächeln zuckte um Lascaris Lippen. Er heuchelte aber den Ueberraſchten. „That ich einen Fehlſchuß?“ ſprach er, die weiße Roſe feſt in's Auge faſſend,„ja, ſo iſt es, aber der Irrthum iſt ſehr verzeihlich. Ich habe Sie nur einmal im Leben geſehen, ſchöne Braut, und ein paar lange Jahre ſind ſeit jener flüchtigen Begegnung vorüber⸗ gerauſcht.“ Beide Damen ſchwiegen, eine tiefe Stille trat ein, aber kein Engel flog nach der alten Sage durch das Gemach, denn die Pauſe war peinlich für Alle, vielleicht auch nur für zwei! Zum Glücke für die Letzteren trat Riswan in das Gemach. Seine Miene verfinſterte ſich etwas, als er ſeinen künftigen Eidam zu Leila's Füßen erblickte, voch ergraut als ein vielgereiſter Mann wie er war, begrüßte er die Freundin ſeiner Tochter mit würdevoller Freundlichkeit und ſich dann zu Gülnaren wendend, meinte er: „Deine Unpäßlichkeit iſt nicht ſo arg, wie ich ſehe!“ „Vorübergehender Kopfſchmerz!“ „Vielleicht ein Geſchwiſterkind zu dem Uebelbefinden des Mu— ſchir Juſſuw?“ „Was fehlt dem Paſcha?“ frug Leila. „Er wollte Serajevo dieſer Tage der Ehre ſeines Beſuches würdigen, ward aber in einem Dorfe, das während eines Aktes türkiſcher Juſtiz durch Zufall abbrannte, durch einen bewaffneten Haufen Vuk's von ber Heerſtraße abgeſchnitten, und fand ſich, da die Feuerzeichen die geſammte chriſtliche Bevölkerung der Umgegend zu allarmiren drohten, veranlaßt, unter dem Vorwande plötzlichen Unwohlſeins auf den Bergpfaden nach ſeinem feſten Hauptquartiere Traynik zurückzukehren.“ „Kam es zu Thätlichkeiten?“ rief Gülnare in fieberhafter Aufregung. „Der Paſcha hat die gemeſſenſte Ordre von Konſtantinopel erhalten, ſich vor der Hand aller kriegeriſchen Maßregeln gegen den Geiſt der Unruhe im bosniſchen Lande zu enthalten, und einen wei⸗ tern Ferman des Großherrn in dieſer Angelegenheit abzuwarten. —*— 2 3 4— 1——————— “ 22 Dieſer Umſtand bewog ihn zweifelsohne, die Meuterer nicht mit bewaffneter Hand zu zerſtreuen.“ „Wer iſt dieſer Vuk?“ ſprach Lascaris. „Der Abgott der Bosniaken in den Bergen,“ erzähte Riswan, „ein Montenegriner, wie es heißt, auch ein Verwandter des Vla⸗ dika, der ſogenannte chriſtliche Teufel, wie ihn die Türken nennen, ein Sohn der Wildniß, deſſen Namen bereits zum Fluchtgeſchrei der Osmanliis geworden, obgleichder erſt ſeit ungefähr einem Jahre ſein Unweſen in unſern Wäldern treibt.“ „Trägt er vielleicht gar die heiligen Ornate dabei?“ Lascaris meinte das Koſtume, in dem der Vladika von Mon⸗ tenegro viele kirchlichen Handlungen zu verrichten pflegt. Es beſteht aus einem weißen Rock, mit goldenen Schnüren beſetzt, einer rothen, gleichfalls reich mit Gold geſtickten Weſte, weiten, aber kurzen Bein⸗ kleidern durch eine bunte ſeidene Schärpe feſtgebunden, in welcher der Natagan und die Piſtolen ſtecken. Im Winter kommt noch ein rother kurzer Pelz mit aufgeſchlitzten Aermeln hinzu. „Sein Geſicht,“ ſchaltete Leila ein,„ſoll er ſich freilich zu ſchwärzen pflegen, ſo viel man davon trotz des dichten rothen Voll⸗ bartes wahrzunehmen vermag, übrigens weiß man trotz dieſer Larve im Geſchmack der Buſchklepper keine That nach echtem Räuber⸗ ſchnitte von ihm zu erzählen.“ „Räuberſchnitt,“ rief Gülnare,„Räuberſchnitt? Dann wären Schamyl und Abd-el⸗Kader auch nichts weiter als beuteluſtige Banditenhäuptlinge, obgleich ſie in Wahrheit für die Freiheit eines tapfern Volkes kämpfen!“ „Tapfer,“ fiel Lascaris ein,„tapfer? Seit wann haben die feigen, knechtiſchen bosniſchen Chriſten Anrecht auf den Beinamen: Löwenherz?“ „Seit den Tagen unſeres Ahnherrn Nemagna,“ fiel die weiße Roſe ein,„ja höher hinauf bis in die graue Vorzeit, da es die rö⸗ 3 miſchen Kohorten vor den hieſigen Landen graute. Ihr nennt den Bosniaken feig, knechtiſch, diebiſch, und wie dieſe artige Ausdrücke alle lauten im türkiſchen Wörterbuche, ich aber frage und ſage euch, wenn er es geworden wäre, wer hätte ihn dazu gemacht, als ſeine aſiatiſchen Unterdrücker und ſeine Häuptlinge, dieſe abtrünnigen Sa⸗ trapen?! Geht es dem auserwählten Volk Gottes beſſer in ſeiner faſt zweitauſendjährigen Knechtſchaft, und doch waren es ſeine Vor⸗ väter, die Makkabäer, dieſe ritterlichen Juden, die einſt Syrien er⸗ 23 ſchütterten und ihren Schild mit Römerſchmach beluden?! Der Bosnier hat noch eine Zukunft, und namentlich in dieſem Vuk ſteckt ein Stück trojaniſchen Hektors!“ „Schreiben Sie,“ ſtotterte Lascaris in ſichtbarer Aufregung, „eine— wie heißt doch das uralte Ding— die Griechen rühmen ſich damit— ihre Piraten ſingen ganze Seiten daraus— ja nun habe ich es— ſchreiben Sie eine Iliade über ihn!“ „Iliade? antwortete ſeine Braut,„daß mich der Himmel be⸗ hüte! Ich lag mir wegen dieſes Buches, nicht ſeiner Schönheit willen, nein, bloß ſeiner Tendenz halber, mit meinen Baſen, den Comteſſen in Cattaro oft und tüchtig genug in den Haaren!“ „Es iſt freilich eine uralte Geſchichte,“ meinte Lascaris,„daß ſich der Südſlave und ſein alter Nachbar, der wirkliche Grieche, nicht ſonderlich leiden mögen, obgleich ſich beide zur ſelben morgen⸗ ländiſchen Kirche zählen. Dies beweiſen namentlich die unaufhör⸗ lichen Zwiſte und Kämpfe zwiſchen Montenegro und Albanien. Wir türkiſch geſinnten Zuſchauer lachen freilich dabei luſtig in's Fäuſtchen.“ „Sie irren groß,“ ſprach Gülnare,„wenn Sie meine Abnei⸗ gung gegen das gerühmte Meiſterwerk des Homer aus der Quelle des leider unter unſern Landsleuten nur zu verbreiteten Griechen⸗ haßes ableiten; nein, dieſer Widerwille beruht, wie bereits geſagt, einzig auf dem Feldgeſchreie, mit welchem hier die Krieger Aga⸗ memnon's, dort die Vertheidiger Troja's in die hochrothe Schlacht eilen.“— „Dürfte ich um nähere Bezeichnung dieſes beiderſeitigen Feld⸗ geſchreies bitten?“ „Der Trojer kämpft doch offenbar,“ entgegnete die Roſe von Serajevo,„für die Freiheit ſeiner Vaterſtadt, während der Grieche einzig von Rachſucht und Luſt nach Beute zum Kampfe getrieben wird. Iſt es aber ritterlich eines entlaufenen Weibes willen eine ſchöne blühende Stadt zu verheeren?! Ein Ehrenmann findet es tief unter ſeiner Würde, ſich um eine buhleriſche Schönheit auf Le⸗ ben und Tod zu ſchlagen. Ich achte die Iliade als eine der älteſten auf uns gekommenen Dichtungen, aber an den Seeleuten und Trojafahrern, deren Thaten Homer ſo prahlhänſig beſingt, kann ich auch nicht ein Atom Großes, wohl gar unſterbliches entdecken.“ „Und der Sohn der roſigen Thetis, der ſchnellfüßige Achilles?“ frug Gülnarens Vater. 24 „Achilles,“ fuhr dieſe fort,„iſt und bleibt ein gemeiner Junge. Einer verweigerten Kebsdirne wegen raſtet er als Schlafmütze an ſeinen ſchwarzen Schiffen, läßt ſeine Landsleute rottenweiſe ſchlach⸗ 2 ten, und erſt, als man ſeinen Buſenfreund in ſeiner eigenen Rü⸗ ſtung erſchlägt, bricht er los, erlegt zwar durch den Beiſtand von ein paar Göttern die Zierde und Blume aller trojaniſchen Ritter⸗ ſchaft, benimmt ſich aber dann gegen die heilige Leiche wie ein be⸗ trunkener Laſtträger. Ja, ich ſpreche dieſem Achilles ſelbſt das Na⸗ tionalgefühl ab. Wer ſteht uns dafür, daß er ohne den Pfeilſchuß des Paris den ſchönen Augen Polyrena's zu Liebe nicht zum De⸗ ſerteur an der griechiſchen Fahne und zum Schreck⸗ins⸗Heer ſeiner 6 eigenen Landsleute geworden wäre?!“ „Du übertreibſt!“ meinte Riswan. „Möglich,“ entgegnete die weiße Roſe,„aber wie dem ſei, mein Herz ſteht auf der Seite der Trojer, die da muthig fallen für den heimiſchen Herd, und vor Allen liebe und verehre ich den roſſe⸗ tummelnden Hektor!“ Mit dieſen Worten eilte Gülnare zu ihrer Gusla oder Gusli, einer Art liegender Harfe, bei den Ruſſen in Form eines Hackbret⸗ p tes. Ihr Umfang beträgt über zwei Octaven, aber bloß in diato⸗ 4 3 niſcher Stimmung. Die erhöhten Töne werden durch Anſchlagen der Saiten ganz nahe am Stege erhalten. Um den ſtarken Nachhall der Metallſaiten zu verhüthen, dämpft der Spieler die angeſchla⸗ 6 genen Saiten mit einem Theil der Hand. Die weiße Roſe prälu⸗ dirte, und ſang dann eines jener ſchon damals auftauchenden, ſpä⸗ 6 ter ſo viel Lärm ſchlagenden illyriſchen Kriegslieder, Davorien ge⸗ 1 nannt. Es ſtammte aus der Feder Ilié's und lautet in abgekürzter, V freier deutſcher Uebertragung: Die Trommel ruft zum Fahneneide, Bei'm Rufe der Trompete fährt 4 Von ſelbſt aus ſeiner roſt'gen Scheide, Illyrien, dein altes Schwert. Die Fahne fliegt, Kanonen ſchmettern, Sanct Georg leiht uns ſeine Hand; ¹ Drum vor gleich Gottes Donnerwettern 4 Zum Kampf für Fürſt und Vaterland! Nur einig! Einer ſteht für Alle, Wie Alles für den Einen ſteht; — 5 Nur einig, ob bei'm Waffenſchalle Zum Siege, ob zum Tod es geht! ’ —— —, Nur einig, Kinder jeden Standes, Dann ſtreckt ihr, plötzlich groß und frei, Den Teufel unſres Vaterlandes Zu Boden mit geweihtem Blei! Riswan nickte beifällig zu dem Geſange ſeiner herriſchen Tochter, Lascaris ſchien in eine Aufregung zu gerathen, die er vergeblich zu bekämpfen ſuchte, Vilma aber, die eine ſtumme Be⸗ obachterin abgegeben und die beiden Brautleute mit ſichtlicher Neu— gierde betrachtet hatte, flüſterte leiſe vor ſich hin, während ein freu⸗ diges Lächeln durch ihr Antlitz flog: „Das Räthſel iſt gelöſt! Gülnare iſt ein echtes Kind der ſüd⸗ ſlaviſchen Race Zoll für Zoll, und er, er ſchwärmt offenbar für den Halbmond und die grüne Standarte des Propheten!“ Zweites Capitel. Die Nachſchrift. Es iſt hier nicht der Ort, eine Geſchichte und Geographie Bos⸗ nien's zu ſchreiben. Nachſtehende kurze Daten dürften zur Orien⸗ tirung des Leſers hinreichen. Bosnien ſcheint im Alterthume ein Theil Dalmatien's geweſen zu ſein, auch hält man Serajevo nach den dortigen Reſten einer antiken Waſſerleitung für eine römiſche Niederlaſſung. Nach Stiftung des ſerbiſchen Reiches ſoll ſich einer 8 8 der eingewanderten Slavenſtämme, die es begründeten, unter einem eigenen Zupan oder Häuptlinge am Bosnafluße niedergelaſſen ha⸗ ben. Später mußte Bosnien auf einige Zeit ſich dem Scepter der byzantiniſchen Kaiſer beugen. Serben, Ungarn und Türken wech⸗ ſelten dann in der Oberherrſchaft, bis das arme Land nach der Schlacht bei Mohacs anno 1527 bleibend in die Gewalt der Tur⸗ 1 banträger gelangte. Das Vordringen der Oeſterreicher unter Picco⸗ lomini im Jahre 1689 war von kurzer Dauer, und mit dem Frie⸗ — — densſchluſſe zu Paſſarowitz, etwa zehn Jahre ſpäter, laſtete das muhamedaniſche Joch wieder dauernd auf dem Nacken der unglück⸗ 3 3 lichen Südſlaven. 2 Die Türken verbanden mit Bosnien auch die Herzogewina 4 1 und Kraina oder türkiſch Dalmatien und Kroatien, ſo daß dies Ejulet einen Flächenraum von 840 Quadratmeilen umfaßt. Es 4 ſtößt im Norden an das öſterreichiſche Kroatien, gegen Oſten an 4 4 4 Serbien, gegen Süden an Montenegro und Albanien, endlich im Weſten an die Gebirge Dalmatien's. Das ganze Land wird von 3 4 den dinariſchen Alpen durchzogen, iſt ſehr romantiſch und fruchtbar, reich an edlen wie gemeinen Metallen, an Goldſand— goldhältig 8 3 ſoll vorzugsweiſe der Fluß Verbas ſ ein, der unterhalb Alt⸗Gradiska 1 5 ——— 27 in die Save fällt— Steinſalz und Mineralquellen, leider aber be⸗ finden ſich Ackerbau und Viehzucht auf einer ſehr niedern Stufe der Kultur, und namentlich kann der Bergbau beinahe als gar nicht vorhanden betrachtet werden. Seine ſüdſlaviſchen Einwohner, mit etwa 250000 Osmanen untermiſcht, beſtehen zur Hälfte aus Bosniafen, die andere Hälfte bilden Kroaten, Montenegriner und Morlaken, auch leben hier viele Juden und Zigeuner. Die Landesſprache iſt daher auch die ſüdſla⸗ viſche, von der kroatiſchen und ſerbiſchen nur wenig unterſchieden. obwohl ſeit der Eroberung mehre türkiſche Worte aufgenommen wurden. Selbſt die Mahomedaner im Lande reden ſlaviſch, ja die Wenigſten derſelben verſtehen die türkiſche Sprache. Am häufigſten hört man die Letztere in Travnik ſprechen, da es der Sitz des Mu⸗ ſchir und ſeiner Beamten iſt, da ſeine Beſatzung zudem faſt immer aus Kleinaſiaten, alſo aus wahren Osmanlis aus dem Oriente beſteht. Die Geſammtbevölkerung beträgt höchſtens eine Million See⸗ len. Zum Islam bekennen ſich etwa 3,500,000 größten Theiles in den Städten wohnende Renegaten und wirkliche Orientalen, die griechiſche Kirche zählt 4,500,000 Gläubige, dem katholiſchen Ritus leben 100,000 Jünger. Letztere namhafte Zahl ſtammt wohl daher, daß die bosniſchen Fürſten weiland Hilfe von dem Abend⸗ lande und dem Pabſte erwarteten. Der heilige Georg kann als Landespatron betrachtet werden, da er nicht blos bei ſämmtlichen Chriſten, ſondern auch bei den türkiſchen Slaven im hohen Anſehen ſteht. Der Hauptſitz der Katholiken iſt das an Travnik gränzende Dorf Dolaz mit etwa dreihundert Häuſern. Die Franziskaner⸗ mönche in den bosniſchen Klöſtern zu Sudiska, Fajnicza und Cres⸗ cevo verſehen, über vierhundert an der Zahl, ſämmtliche Pfarreien im Lande, ſchalten und walten darin als Friedensrichter und wur⸗ den ſchon bei mehren Gelegenheiten als Vermittler zwiſchen Türken und Rajas gebraucht. Ihr Einfluß rührt von dem Freibrief her, anno 1460 von Sultan Mahomed dem Zweiten ertheilt. Dieſer Ferman wird noch jetzt von den Osmanlis als Erinnerung an ihre ehemalige Größe mit religiöſer Ehrfurcht betrachtet. Schlimmer pflegt der Türke mit den Popen umzuſpringen.*) 1 *) Der grauſame Act, den kürzlich alle Journale berichteten, daß man nämlich in der Herzogewina einen griechiſchen Geiſtlichen wie ein Roß 28 Bosnien iſt die Vendée des osmaniſchen Reiches. Hier fanden die Reformatoren oder Feinde der alten muſelmänniſchen Zwangs⸗ herrſchaft ſeit fünfzig Jahren ihre grimmigſten Gegner. Dies Land iſt daher ſelbſt gegen die übrigen türkiſchen Provinzen weit zurück, da hier nicht einmal das Tanzimat eingeführt worden, nach welchem der Statthalter wie ſeine Unterbeamten vom Staate aus beſoldet werden. Bisher war der bosniſche Muſchir bloß Finanzpächter die⸗ ſes Ejaleth. Wer mehr both, erhielt das Paſchalik. Man kann den⸗ ken, wie das arme Land bei dieſer Verwaltung von den temporären türkiſchen Blutegeln ausgeſaugt werden mußte. Die Abgaben der Bosnier beſtanden bisher aus der Beſteuerung des Vermögens, der Gewerbe und des Viehſtandes, aus dem Pachtzins für Wein und Branntwein, aus der bereis im orſten Capitel erwähnten Kopf⸗ ſteuer der Chriſten, aus der Leiſtung an Fourage und Naturalien an den Muſchir von Seite der Bauern, welche von den Kavaſſen, das ſind Panduren oder Gerichtsdiener, überaus roh überwacht wurde, endlich aus dem Zehnten, welchen die Grundherrn nicht minder ungeſchlacht und gewaltthätig erhoben. Erſtere Steuer, Pores genannt, ward gemeinſchaftlich von Türken und Chriſten an den Paſcha entrichtet. Die Wein⸗ und Branntweinſteuer bedünkte die Bevölkerung am drückendſten, da ſie ein Pächter erlegte, der allein das Recht des Verkaufes beſaß, allen erzeugten Wein und Branntwein um einen von ihm beſtimmten Preis an ſich brachte, ja ſelbſt von dem Hausbedarfe eine beſtimmte Ab⸗ gabe erhob. Die Militär⸗Verwaltung ließ und läßt noch mehr zu wün⸗ ſchen übrig. Das geſammte türkiſche Heer iſt in ſieben Ordas oder Lager unter dem Oberbefehle des Seraskier's oder des Generaliſſimus eingetheilt. Bosnien gehört zu dem Armeekorps von Rumelien— Rumili Orduſi— mit dem Hauptquartier Monaſtar, und hat deſ⸗ als vereinzeltes Beiſpiel da. Die in der Vorrede erwähnten Reverten⸗ ten erzählten uns von einem Popen, den türkiſche Juſtiz wegen einer einzigen freiſinnigen Predigt wie ein Zugthier aufgezäumt vor einen Waſſerkarren ſpannte, dem man am erſten Tage um die Mittagszeit einen gewöhnlichen Futterbeutel um den Kopf band, und war dieſer Futterbeutel einfach mit gewöhnlichem Häckerling gefüllt, der erſt am nächſten Morgen durch Kaſcha, das iſt Hafergrütze erſetzt wurde. 29 ſen drittes Dragoner⸗Regiment zu ſtellen, das in aktiven Dien⸗ ſten— Nizamié— ſteht und die Waffen ziemlich wohl zu handhaben verſteht. Es beſitzt außerdem eine Landwehr oder Re⸗ ſerve— Redif— die aber noch nicht gehörig geordnet iſt. Da jeder zehnte Mann dazu gehört, ſo ſollte das bosniſche Contingent 8000 bis 10,000 Mann betragen, in Wahrheit dürfte jedoch kaum der dritte Theil ins Feld geſtellt werden können. Türkiſche Offiziere gehen mitunter auf das Land, um Uebungen, jedoch ohne Waffen vorzunehmen. Außerdem befinden ſich in Bosnien zwei Liva oder Brigaden Landwehr⸗Reiterei der Spahis oder Grundherrn. Jede Spahi Brigade beſteht aus zwei Regimentern, deren jedes tauſend Mann ſtark iſt. Beide Brigaden ſollen in Zukunft unter einem Di⸗ viſionär vereinigt werden. Dieſer Diviſionär heißt Ferik. Die Landwehr⸗Reiterei verſammelt ſich jährlich an gewiſſen Orten zur Uebung und trägt dann eine Art Uniform wie die ungariſchen Hu⸗ ſaren, natürlich mit dem unerläßlichen Feß. Wir bitten den geneig⸗ ten Leſer, dieſe kurzen militäriſchen Daten nicht für überflüſſig zu halten. Es war nothwendig, die Streitkräfte anzugeben, über welche der Vezier Juſſuw bei dem Beginne der letzten Schilderhebung der zur Verzweifelung getriebenen chriſtlichen Bevölkerung verfügen konnte. Eben ſo nöthig dürften ein paar Worte über die Haidu⸗ ken ſein. Die Haiduken, wie man in Bosnien die Räuber nennt, haben zwar große Familienähnlichkeit mit den szegény legények oder armen Burſchen in Ungarn, doch trägt ihr Handwerk faſt immer einen vorherrſchenden politiſchen Anſtrich. Sie waren immer die gefährlichſten Feinde der türkiſchen bewaffneten Macht, namentlich galten ſie ſtets als die unverſöhnlichſten Gegner der Spahis. Ihre Thaten ſind noch gegenwärtig das Lieblingsthema für die Volks⸗ geſänge, die hierlands Piesmas heißen. Auch im Jahre 1843 bil⸗ deten die Haiduken den Kern von Vuk des Montenegriners Frei⸗ ſchärlern. Aus gleichem triftigen Grunde erwähnen wir auch der Hirtenſtämme in Bosnien und der Herzogewina. Dieſe Hirtenſtämme werden Vlachi genannt. 1 Bosnien und die Herzogewina ernähren nämlich eine beträcht⸗ liche Anzahl Ochſen, die man mäſtet und nach den adriatiſchen Seehäfen führt, wo ſie für die engliſche Flotte zu Corfu, wie für einen Theil Italien's eingeſchifft werden. Ihre Hirten wanderten — 30 oft nach den ſüdlichen Gebirgen und nach Albanien aus, ja ſie lie⸗ hen ſogar einer Provinz— Stari Vlah— ihren Namen. Ueberall, ſelbſt in dem Peloponnes bleiben dieſe Leute ihren alten Sitten ge⸗ treu und verpflegen ihr Vieh auf dieſelbe Weiſe, wie früher. Sie tragen die heimiſche Tracht aus Hammelsfellen und zeichnen ſich durch den gleichen Schmutz, die gleiche wilde Unerſchrockenheit, wie durch ihre alte Vorliebe für Muſik, Tanz und Geſang aus. Ueberall ſieht man ſie während des tiefen Winters in den Thälern gelagert, wo ſie ihre Herden zum Schutze vor den Stürmen in den kalkigen trichterförmigen Vertiefungen, wie die Halbinſel dieſelben oft dar⸗ biethet, einzupferchen pflegen. Um Georgi bricht der wilde Orpheus mit ſeinem Zelte auf und führt ſeine Herde bei dem Tone der Flöte nach den Gipfeln der Berge, aber nur langſam, indem er eine Hochebene nicht eher verläßt, als bis die Sonne das Waſſer und Gras derſelben ausgetrocknet und verſengt hat. Auf dieſe Art er⸗ reicht er zu Ende des Sommers das Alpenmoos, welches noch friſch iſt, wenn in der Tiefe bereits alles Grün verſchwunden iſt. Bis zu Sanct Dimitri, Ende October, bleibt er auf den Höhen, verläßt bei dem erſten Schnee ſachte die Region des Nadelholzes und ſteigt bis Ende November zur letzten Hochebene herab, aufs Neue in den Schluchten und Engpäſſen campirend, eifrig bemüht, den geringſten Sonnenſtrahl zu erhaſchen. So lebt der Voskos oder Avtiſar, dieſer wildſehende, ſtets bewaffnete griechiſch ſlaviſche Hirt! Die Spahiſchaft hingegen entſtand nach der alten Manier, in der noch alle Sieger unter bezwungenen Völkern hauſten. Das er⸗ oberte Land wird an die Krieger vertheilt, theils um ſie zu beloh⸗ nen, theils um die Beſiegten im Zaum zu halten und das neue Be⸗ ſitzthum zu verwalten. Die bosniſchen Gutsherren kamen dieſer Gü⸗ tertheilung zuvor. Sie nahmen den Islam an, wodurch ſie den Siegern gleichgeſtellt im unangefochtenen Beſitz ihrer Macht wie ihres Ranges blieben. Auf dieſe Weiſe erwarben die türkiſch gewor⸗ denen ſlaviſchen Lehnsherren— der bosniſche Landadel— dieſelbe Stellung, die gleichen Rechte wie die Nachkommen der Eroberer; die Bedrückung der armen Bauern oder Rajas aber blieb natürlich dieſelbe, wie in andern tributpflichtigen Landen der ottomaniſchen Pforte. Dieſer muhamedaniſche Landadel bildet die eigentlichen Blutſauger auf Koſten der chriſtlichen Bosniaken, während der Paſcha zu Trayvnik als Großranndmn beide Theile plündert und peinigt. 4 5 —— — 31 Natürlich, daß die Spahis der türkiſchen Reformen, die ihren Säckel ſchmälern mußten, ſtets abhold verblieben. Serajevo war ſtets der Sitz des adeligen Widerſtandes, wie des geheimen Stre⸗ bens nach Unabhängigkeit. Widaitſch, der Beſitzer der Herrſchaft Zwornik, weßhalb er auch den Titel Beg führte, ſtiftete ſchon vor Paswan Oglu's berüchtigten Tagen eine Art von ariſtokratiſcher Republik oder Oligarchie in Bosnien, und zog ſeinen chriſtlichen Unterthanen, den armen, vielgeplagten Bauern ſo zu ſagen das Fell über die Ohren. Seine Barbarei ward ſprichwörtlich. Endlich ſtand der Landmann Tſchaudſcha auf und vertrieb Widaitſch aus allen ſeinen Schlöſſern. Im Jahre 1820 ward Abdurahim zum Vezier von Bosnien ernannt. Er erſtürmte Serajevo, ließ ſieben Anführer der Spahis in Zwornik enthaupten, und ſetzte die Hin⸗ richtungen ſo lange fort, bis die gedemüthigten Ariſtokraten aufs Neue den Eid des Gehorſams leiſteten. Leider mußte dieſer treue Diener des Großherrn anno 1828 bei dem Beginne des ruſſiſchen Krieges 30,000 Mann an die Drina ſchicken. Dadurch bekam der aufrühreriſche Adel Luft, belagerte Serajevo, überwältigte die Gar⸗ niſon und zwang Abdurahim zum ſchmählichen Abzug, ein Umſtand, der wohl viel beitrug, den Divan zu dem Friedensſchluß von Adria⸗ nopel zu bewegen. Im Jahre 1831 war der Aufſtand des bosniſchen Adels ſo weit organiſirt, daß unter dem Vorwande, Mahmud gefährde durch ſeine Reformen die muhamedaniſche Religion— weshalb er auch Giaur⸗Sultan genannt wurde— die Fahne der Empörung offen aufgeſteckt und der Vezier in Travnik überfallen wurde. Letzterer ward ſogar, da er den Erpreſſungen gewehrt hatte, als Meuterer gegen die Gebote des Koran erklärt, mußte ſeine neue Uniform als fränkiſche Tracht ablegen und ſich wie ein Verunreinigter unter Bußgebeten waſchen und ſäubern. Zum Glücke entkam er während der allgemeinen Unordnung und flüchtete nach Konſtantinopel; aber auch die Malkontenten beſchloſſen auf Stambul loszugehen und einen neuen Sultan als lebendige Garantie der alten Mißbräuche einzuſetzen. Sie fielen auch, mit den Skipetaren in Albanien ver⸗ bündet, in Bulgarien ein. Die Serben verweigerten zwar Wuſein, dem Anführer der Bosniaken, den Durchzug, dagegen ging ein von dem Großvezier Reſchid abgeſchicktes, meiſt aus Arnauten beſtehen⸗ des Herr, zu den Rebellen über. Reſchid, ein gewandter Diplomat, ließ ſich nun in Unterhandlungen ein, wodurch Muſtapha, der Ab⸗ 32 trünnige von Skutari, durch den Rückzug der Bosniaken mit ſeinen Skipetaren von ſeinen früheren Verbündeten getrennt wurde und ſich nach einem dreiwöchentlichen Bombardement ſeiner Veſte Scodra oder Skadar auf Gnade und Ungnade ergeben mußte. Nun zog Reſwid's Heer nach der hiſtoriſch berühmten Ebene von Koſſovo, das Amſelfeld genannt, und ſchlug unter Kara Mah⸗ mud, dem neuernannten Vezier von Bosnien, die daſelbſt gelagerten Rebellen. Wuſein verſchanzte ſich hierauf mit 20,000 Mann auf dem heiligen Berge Vitez, ſechs Meilen von Serajevo, und machte Kara Mahmud, von dem jungen Widaitſch in Zwornik unterſtützt, den Beſitz der bosniſchen Hauptſtadt mit ungemeiner Tapferkeit durch lange Zeit ſtreitig, bis endlich die bosniſchen Rajas, die nur gezwungen gegen den Sultan gefochten hatten, und im Augenblick der Entſcheidung neutral verblieben waren, vollends zu den Os⸗ manlis übergingen und von Ali Bezovich, Aga von Stolaz, geführt, die Waffen gegen den eigenen muhamedaniſchen Adel ergriffen. Wuſein und Widaitſch mußten ſich über die öſterreichiſche Grenze flüchten. Kara Mahmud ſetzte ſich nun bei dem Goritzahügel bei Trav⸗ nik feſt und ſuchte die noch trotzenden Spahis zur Uebergabe ihrer Schlöſſer zu bewegen. Der Zwiſt mit Mehemed Ali von Egypten ſtimmte die Pforte jedoch nachgiebig und friedfertig. Der bosniſche Adel erhielt Amneſtie, ja ſelbſt Wuſein, der bisher mit großer Pracht in Eſſeg lebte, durfte nach der Türkei, nur nicht nach Bos⸗ nien zurückkehren. Die Milde, womit Daud, der neue Paſcha, die Ariſtokraten behandelte, veranlaßte ſie zu abermaliger Bedrückung der armen Bauern. Vergeblich wandten ſich dieſe an den Sultan wie an die Serben. Endlich ward das Joch unerträglich, und ſo begann anno 1834 die Schilderhebung der Rajas unter dem griechiſchen Geiſtlichen Jowitza gegen die Spahis, wobei leider die irregulären Maßen der Bauern dem beſſer organiſirten adeligen Heerbann erlagen. Im nächſten Frühjahre verſuchten die Märtyrer eine neue Er⸗ hebung, bei der endlich das katholiſche Landvolk zum erſten Male mit den Kindern der griechiſchen Kirche gemeinſame Sache machte. Jowitza ward zwar abermals beſiegt und gefangen, wurde jedoch auf ausdrücklichen Befehl des Sultans in Freiheit geſetzt; auch ſandte der Großherr zur Abſtellung der Mißbräuche Wedſchi, den aus Anatolien gebürtigen Belgrader Paſcha an Daud's Stelle nach 4 ——— — 33 Bosnien. Wedſchi ſchaffte die früher von dem Adel bekleideten Ca⸗ pitänſchaften ab, und ernannte 1837 Beamte auf Lebenszeit, die den Namen Aga führten. In Banjaluka ward zuerſt die neue Ordnung der Dinge ein⸗ geführt. Da ſtarb Mahmud, der Sultan des Fortſchrittes, und der bosniſche Adel jauchzte bei der Kunde ſeines Todes; allein auch Abdul⸗Meſchid fand ſich bewogen, dem Zeitgeiſt zu huldigen und entwarf daher in dem bekannten Hattiſcherif von Gülhane den Grundriß zum Neubau der ottomaniſchen Pforte. Die türkiſche Ariſtokratie in Bosnien, ergrimmt über die darin ausgeſprochenen Grundſätze des Rechtes und der Billigkeit, zog im Auguſt 1840 an 20,000 Mann ſtar: gegen Travnik, ſo daß ſich der Paſcha in die Ge⸗ birge flüchten mußte. Dort aber verſammelte er ſeine geübten re⸗ gulären Truppen— etwa 9000 Mann— und ſchlug die Spahis bei Vitez, die nunmehr in wilder Flucht nach Serajevo flohen. Hier ereilte ſie die Nemeſis. Wedſchi hieb dem Anführer des Adels mit eigener Hand den Kopf ab, ließ zehn der erſten Woiwoden oder Obriſten hinrichten, und ſchickte einen Theil ſeines Heeres nach der Kraina, um auch dort die Reſte der türkiſchen Ariſtokratie zu ver⸗ nichten. Dle Adeligen flohen theils nach der Militärgrenze, theils nach Raguſa. Dort ergriffen ſie die Waffen der Diplomatie, des Truges und der Beſtechung. Wedſchi ward als der Mehemed⸗Ali Bosnien's bezeichnet, einer Allianz mit den Serben beſchuldigt, der Theilnahme an dem Aufſtande der Bulgaren verdächtigt, kurz als künftiger Stifter eines neuen chriſtlichen Staates im Nord⸗ weſten der Türkei bei dem Divan in Verruf gebracht, ja der moha⸗ medaniſche Adel Bosnien’s drohte ſogar zu dem alten Chriſtus⸗ glauben rückkehren zu wollen. Die Diplomatie ſiegte. Der Paſcha von Belgrad, der bereits genannte Kosrew, löſte Wedſchi in der Statthalterei zu Travnik ab. Viele der adeligen Malkontenten wurden nun wieder zu Gna den aufgenommen, und wenn auch nicht als erbliche Kapitäne, doch als Agas in ihre frühere Würde und Macht eingeſetzt. Dieſe übten nun unter der Maske fanatiſcher Muſelmänner Rache an dem ſieg⸗ haften chriſtlichen Landvolke. Viele traten, als Offiziere in den Ni⸗ zam, den ſie früher als Sammelpunkt ſoldatiſcher Giauren verflucht hatten, und benützten auch dieſe Stellung, um die ſeit Jahrhundert gefolterten Rajas vollends zur Verzweiflung zu treiben. So waren Der Montenegriner. 3 34 die bosniſchen Zuſtände geſtaltet und zwar zur Zeit, da unſer Ro⸗ man begann, in welchem wir uns erlaubten, einen Nachfolger Kosrew's, den bereits vorgeführten Juſſuw Paſcha in die Geſchichte zu ſchmuggeln, einen Mann, der faſt alle Fehler der Osmanlis, aber auch nicht eine Tugend der alttürkiſchen Partei aufzuweiſen hatte, und daher nicht wenig beitrug, die neue chriſtliche Schilderhe⸗ bung in Bosnien zum Ausbruche zu drängen. Juſſuw war zur Be⸗ wältigung des Aufruhres gerüſtet, hatte aber, wie Riswan den Seinigen erzählte, noch einen weiteren Ferman in dieſer Angelegen⸗ heit abzuwarten. Dieſer Ferman war bereits auf dem Wege von Stambul nach Traynik. Wenige Tage nach jenem denkwürdigen Geſpräche zwiſchen Lascaris und ſeiner Braut fuhr ein türkiſcher Courier durch die bosniſchen Berge ſeinem noch fernen Ziele, der Feſtung Travnik, zu. Er hatte auf der letzten Station einen ſchweren Fall mit ſeinem Pferde gethan, und ſah ſich daher gezwungen, ſeine Reiſe in einem jener leichten, aber unbequemen Holzkarren fortzuſetzen, die man nur über der Save Vorſpann zu taufen wagt. Der Abend war her⸗ eingebrochen, kühl und trübe, die Gegend ringsumher ſah gar un⸗ heimlich, ja räubermäßig, das abgelegene Gefilde glich einer Einöde; demungeachtet hegte der Reiſende nicht die geringſte Be⸗ ſorgniß, da er wohl von einigen Straßenanfällen gehört hatte, in ſeiner Eigenſchaft als Offizier und Kourier jedoch vollkommen ſicher zu ſein glaubte. Ali, ſo hieß der junge Mann, ſollte jedoch ſchlimm enttäuſcht werden. In einer Lichtung hart an einem ſteilen Abhange wurde nämlich der Wagen von einem Haufen Wegelage⸗ rer überfallen, und Herr wie Fuhrmann— ein alter Bosnier, dem man übrigens kein Leid anthat— im nächſten Augenblick ergriffen und etwas unſanft zu Boden geworfen. Die Bande both einen ſehr buntſcheckigen Anblick, ſie ſchien aus allen Nationen im Südoſten Europa's der Geſichtsbildung wie der Tracht nach zuſammengewürfelt worden zu ſein. Am häßlichſten ſah ihr Anführer, ein Deſerteur Namens Marko, aus, der früher bei den ungariſchen Huſaren gedient haben wollte, und jetzt eine Schaar Wagehälſe angeblich im Sinne Vuk's geworben hatte, aber wenig oder vielmehr gar keinen Unterſchied zwiſchen Politik und Räuberhandwerk zu machen pflegte. Der Mann beſaß eine wahre Galgenphyſiognomie. Originell war auch ſeine Tracht und Haltung. 35 Es war ein ſonderbarer Mann, der einen Fleckenſchimmel mit Glas⸗ augen ritt, und ging er, ſo wiegte er ſich wie ein Seemann oder Einer, der im Leben ſelten aus dem Sattel gekommen. Der ſonder⸗ bare Menſch ſtack in einem weiland braun geweſenen Attila, er hatte zwei tüchtige Sackpiſtolen und einen albaneſiſchen Dolch im Gürtel ſtecken, um ſeinen Leib trug er einen ungeheueren franzöſiſchen Korb⸗ ſäbel, wahrſcheinlich noch aus Marmonts Tagen in Dalmatien ſtammend, in den Händen hielt er einen Kugelſtutzen, kurz man glaubte, der Strauchdieb komme eben von der Plünderung eines ur⸗ alten Zeughauſes. Seine Tabakspfeife glich einem kleinen Wand⸗ ofen, und ſeine Branntweinflaſche, die an einer rothen Schnur über die Schulter hing, war unter den Flaſchen etwa das, was das Hei⸗ delberger Faß unter den Fäſſern iſt. Sie befand ſich in einem Ueber⸗ zuge von braunem Leder. So ſah die Flaſche aus. Wie ſah der Mann aus? Marco's Wange war von derſelben Farbe wie jener Ueber⸗ zug, nämlich lederbraun, ſeine Stirn nicht hoch, aber dafür ſehr breit, ſein Haar grau und dünn, der Bart im Gegenſatze ſchwarz und dicht; die Augen waren grün, klein, unheimlich funkelnd, ſeine Backenknochen weit hervorſtehend, und um den Mund lag es wie thieriſche Grauſamkeit. Man dachte unwillkürlich an einen Stier, der etwas Rothes geſehen. Sprach er, ſo glaubte man, er habe irgendwo im Leib eine kleine Baßgeige ſtecken. Daß der überfallene Kourier in ſolchen Händen zuerſt bis auf das Hemd ausgeplündert wurde, verſteht ſich wohl von ſelbſt; daß man auch zu thätlichen Mißhandlungen ſchritt, erklärt der humane Geiſt, der den Häuptling der Bande beſeelte. Damit war jedoch das grauſame Herz Marco's noch nicht geſättigt. Er ließ den Gefangenen ganz gemüthlich an den nächſten Baum binden. „Brecht dem Hunde,“ rief er,„mit den Gewehrkolben Anfangs ſtückweiſe die Glieder, dreſcht mir ſeine Knochen zu Brei, dann will ich ihm aus Barmherzigkeit und Vorſicht den Schedel einſchlagen. Die Todten beißen nicht. Der klügſte Spruch, den ich kenne!“ Der Unmenſch rauchte bei dieſem entſetzlichen Kommando ſehr behaglich aus einem derben kurzen Rohre an ſeiner rieſigen Tabaks⸗ pfeife. Ali ſchien rettungslos verloren und doch weilte ein Schutz⸗ geiſt in ſeiner Nähe. Ein rieſiger Mann mit dichtem rothen Vollbart, eine ſchwarze Halblarye vor dem Antlitze, erſchien nämlich ganz un⸗ erwartet auf dem Schauplatze der Gräuelſzene. Er trug die monte⸗ negriniſche Landestracht, hatte zwei reich mit Silber beſchlagene 5 4 4 .“ 36 Piſtolen und einen mächtigen Handſchar im Gürtel ſtecken, zudem ſchwang er in der rechten Hand einen ſchweren eiſernen Streitkol⸗ ben, offenbar eine Waffe aus uralter Zeit. Ein bedeutſames Ge⸗ murmel erhob ſich unter den Wegelagerern. „Es iſt Vuk!“ rief Marco in ſichtbarer Verwirrung. „Rette mich, Mann,“ flehte der Gebundene,„ich bin türkiſcher Kourier!“ Vuk muſterte die Bande mit grimmig funkelnden Augen. „Bindet den Türken augenblicklich los,“ ſprach er mit Donner⸗ ſtimme,„man ſoll nicht ſagen, daß unter den Bosniern, welche den Schild für das Kreuz erheben, Diebe und Wegelagerer bauſen! Wird es? Laßt mich nicht erſt warm werden!“ Keine Hand rührte ſich, die Räuber blickten ſtumm und trotzig nach ihrem Führer. „Gehorche,“ rief Vuk, den braunen Mann am Kragen faſ⸗ ſend,„oder ich zerſchmettere dir den Schedel!“ Mareo aber, der bisher raſtlos die Gegend durchſpähte und die Ueberzeugung gewann, Vuk ſei keineswegs im Geleite einiger ſeiner handveſten Freiſchärler gekommen, ſprang raſch und behende bei Seite und gedachte ſeinen Kugelſtutzen in Anſchlag zu bringen. Er machte jedoch trotz ſeiner Gewandtheit die Rechnung ohne den Wirth, ein Sprichwort, das auch der Südſlave häufig im Munde führt.. „Ustali u slavu bez vina!“— zu deutſch eigentlich: ſie ſtanden ohne Wein zum Toaſte auf. Alſo höhnte Vuk und ſein ſchwerer Streitkolben fiel, die Ku⸗ gelbüchſe niederſchmetternd, ſo raſch und gewaltig auf Marco's Haupt, daß der Schnapphahn bewußtlos, für todt zu Boden ſtürzte. Die Gefahr war jedoch nicht gänzlich beſeitigt. Die Wegelagerer ſchwankten zwar bei dem Falle ihres Führes, erhoben aber, ſich ſchnell ermannend und ingrimmig fluchend, nach dem Motenegriner zielend, ihre Flinten und Musketen zum Schuſſe. Sie waren an den Unrechten gekommen. Vuk wartete ruhig, bis ſie ſchußfertig waren, blickte kaltblütig auf die ſechszehn bis zwanzig drohenden Läufe und ſprach dann im Kommandoton: „Ungehorſam? Wollen doch ſehen? Habt Acht! Setzt ab! Schultert! Bei Fuß!“ Die verblüfften Wegelagerer gehorchten mechaniſch. Vuk ließ ſie nicht zur Beſinnung kommen, zählte vom rechten Flügel langſam dem lkol⸗ Ge⸗ iſcher niger gende igen. den unde ſie 37 bis zum zehnten Mann und ſtreckte dieſen Wegelagerer mit ſeinem Streitkolben erbarmungslos auf den Raſen hin. „Die Waffen geſtreckt,“ ſchrie er,„den Gefangenen losgebun⸗ den, ſein Eigenthum zurückgeſtellt, oder ich dezimire euch, ſo lange ich einen Finger rühren kann, oder Einer über neun Mann von euch übrig iſt!“⸗ „Du biſt unſer Mann! So hat uns noch Keiner kommandirt!“ Alſo brüllte ein hagerer Albaneſe, der früher ein Stück Adju⸗ tant Marco'’s geweſen, den Kommandoſtab über die Bande nunmehr als ſicheres Erbe betrachtete und den vermeintlichen Todten daher nicht im Mindeſten betrauerte. Er ſtreckte das Gewehr. Sein Bei⸗ ſpiel wirkte maßgebend. Die Waffen klirrten zu Boden. Man band den Gefangenen los und gab ihm ſeinen Säbel, ſeine Uniform wie ſeine ſonſtige Habe zurück. Ali erſchöpfte ſich während des Anklei⸗ dens in den heißeſten Worten des Dankes. Vuk hieß ihn aber raſch den Wagen beſteigen, ergriff die Peitſche des ihn verwundert anſtar⸗ renden Fuhrmannes, ſchwang ſich neben dem Letztern auf den Vor derſitz, faßte die Zügel der Pferde und fuhr mit den Worten, er wolle den Kourier Sicherheithalber bis in die Thalniederung ge— leiten, im ſauſenden Galopp von dannen. Das Thal war in einer Stunde raſenden Fahrens erreicht und ein einſam gelegener Khan, wie die elenden Herbergen in der Türkei heißen, ward am Wege ſichtbar, was die angetriebenen Pferde in der Hoffnung baldiger Erlöſung zu noch gewaltigerem Laufe anzuſpornen ſchien. Ali war jedoch andern Sinnes. Er gedachte, einmal in die ſichere Niederung gelangt, ſeine Reiſe ſo weit als möglich fortzuſetzen. Auch er hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die Nacht war zwar ſehr dunkel geworden, demungeachtet gewahrte der mit dem Wege ver⸗ traute Fuhrmann Ive eine bedeutende Vertiefung in der Nähe der Herberge, und wollte den Montenegriner eben darauf aufmerkſam machen, als dieſer einen Finger zum Zeichen des Schweigens an den Mund legte und dann mit dem Wagen ſo blindlings in das Bodenloſe polterte, daß die Achſe brach und Ali wie der Fuhrmann durch den heftigen Stoß, zum Glück ohne Schaden zu nehmen, auf den nahen Raſen geſchleudert wurden. Nur Vuf blieb, Dank ſeiner gewaltigen Kraft, auf dem Vorderſitze wie angenietet ſitzen und brachte die ſcheuenden Pferde in Bälde zum Stehen. Die Weiterreiſe mußte bei ſo bewandten Umſtänden unterblei⸗ ben. Es hieß in dem erwähnten Khan übernachten. Vuk, der vom 8½ 38 Wagen geſprungen war, flüſterte Joe ein Paar Worte in das Ohr, berührte ſeinen Feß mit der rechten Hand wie zum ſoldatiſchen Gruße und war, die höfliche Bitte des Kouriers, ſeinen Imbiß zu theilen, ſcheinbar überhörend, in wenigen Sekunden im Dunkel der Nacht verſchwunden. Seine leiſen an den alten Fuhrmann gerich⸗ teten früheren Worte lauteten: „Dane und der Einſchläferer ſind in dem Khan. Sie treffen mich in der Scheuer.“ Ali trat ahnungslos in die Herberge. In dieſer elenden Schenke, zur⸗Kobaſica— zur Wurſt— genannt, ging es ſehr luſtig und leb⸗ haft zu. Bosniſche Kinder der griechiſchen wie der katholiſchen Kirche ſaßen theils auf den Holzbänken an den langen Tiſchen, theils mit gekreuzten Beinen auf dem dielenloſen Boden, und zogen ſich man⸗ chen ſtarken Tropfen rothen Dalmatinerweines zu Gemüthe. Erſtere, die Anhänger des morgenländiſchen Ritus nämlich, ſtanden in der Mehrzahl, doch herrſchte allgemeine Eintracht, denn auch bei der bevorſtehenden Schilderhebung gedachte die geſammte Bevölkerung des Landes wie ein einziger Mann gegen die Türken zu ſtehen. Letztere aber ſuchten im Stillen den Bund zwiſchen den Griechen und Katholiken zu löſen und den Samen der Zwietracht zwiſchen beide Religionsparteien zu ſtreuen. Es befanden ſich daher auch in dem Khan zur Kobaſica ein Paar Emiſſäre des Paſcha, welche um jeden Preis eine Schlägerei hervorzurufen beabſichtigten. Dies macht ſich dort zu Lande eben nicht ſehr ſchwer. Es gibt nämlich eine Geſchichte, deren Erzählen die morgenländiſchen Chriſten augenblicklich in raſende Wuth verſetzt, beſonders wenn die Worte aus einem katholiſchen Munde kommen. „Das Schild dieſer Schenke zur Kobaſica,“ begann ein von Juſſuw beſtochener bosniſcher Katholik,„iſt ſchlecht gewählt.“ „Weshalb?“ frug ſein gleichfalls erkaufter Nachbar. „Es wäre ſehr unangenehm, wenn plötzlich eine Leber zu dieſer Wurſt käme.“ „Was du ſagſt?!“ „Kennſt du denn die Geſchichte von der Dzigerica— Leber— nicht?“ „Erzähle!“ lautete die drängende Bitte. „Als der Herr noch mit Petrus,“ erzählte der Spion mit lauter Stimme,„auf Erden wandelte, kam er auch in das Land der Südſlaven, um ihre Nieren und Herzen zu prüfen. Auf 39 dieſer Fahrt hatten ſie einmal eine Tagereiſe durch einen dichten: Wald zurückzulegen. Sie nahmen daher einen Wegweiſer, einen morgenländiſchen Chriſten aus dem nächſten Dorfe mit, kauften da⸗ ſelbſt auch ein Lamm, das Erſterer auf dem halben Wege ſchlachten und im Ganzen braten ſollte. Dane, der Führer, befolgte den Be⸗ fehl, während der Herr und Petrus, von dem Wandergange ermü⸗ det, der Ruhe pflegten und ſcheinbar zu ſchlafen ſchienen. Daniel, ein Leckermaul, verzehrte während ihres Schlafes die Leber des Schafes. Als es nun zum Mahle kam, frug der Herr:„Gde jé dzigerica!“—„Wo iſt die Leber?“—„Ich weiß es nicht!“— „Nur du kannſt ſie verzehrt haben!“„Nein, das Lamm hat gar keine Leber gehabt!“ So betheuerte Dane, verlogen wie alle mor⸗ genländiſchen Chriſten, hoch und theuer und verſchwor dabei ſeine irdiſche und zukünftige Glückſeligkeit. Der Herr ſprach kein Wort weiter und begann den Wandergang auf's Neue. Ein Fluß ſperrte den Pfad. Chriſtus winkte, und die Gewäſſer zertheilten ſich. Er und Petrus ſchritten trockenen Fußes durch das Bett. Als aber Dane in die Mitte kam, lief das Waſſer zuſammen, dem Lügner, der mühſam auf den Zehen baumelte, faſt in den Mund.„Dane, gde jé dzigerica?“ Alſo frug der Heiland.„So mir Gott aus dieſer Klemme helfe,“ entgegnete Dane,„ich weiß es nicht, das Lamm hat gar keine Leber gehabt!“— Da rettete ihn der Herr, brachte ihn jedoch durch neue Wunder in gleiche Gefahr am Galgen wie in Flammen, aber in der Luft wie im Feuer blieb Dane auf die Frage nach der Leber verſtockt bei ſeiner alten Lügenausflucht. Das wurmte den Herrn baß, der Apoſtel aber meinte, er ſolle ſich nur abermals ſchlafend ſtellen, er, Petrus, wiſſe griechiſche Chriſten ſchon zur Beichte zu bringen. Geſagt, gethan! Der Herr enſchläft ſcheinbar. Petrus aber langt eine Rolle geprägten Goldes hervor und legt vier Häufleins an. Dane, den Hut auf das linke Ohr gedrückt, die bren⸗ nende Pfeife im Munde, rückt näher, immer näher.—„Wozu dieſe vier Häufleins Goldes?“— Alſo fragt er.—„Wir werden uns im nächſten Dorfe trennen,“ antwortet Petrus,„ein Häuflein gehört dann für den Herrn, das Zweite für mich und das Dritte als Füh⸗ rerlohn für dich.“—„Und das Vierte?“—„Das vierte Häuflein bekommt derjenige, der die Dzigerica gegeſſen hat.“ —„Das war ich,“ brüllt Dane wie beſeſſen,„bei meiner unſterblichen Seele, das war niemand anderer als ich!“— So ködert man morgenländiſche Chriſten? Tko zlatnim oruzjem 40 4 vojuje dobitee!— Mit goldenen Waffen iſt man des Sieges gewiß Es läßt ſich leicht denken, daß die letzteren Worte die heißblü⸗ tigen griechiſchen Bosniaken ſo aufſtachelnd berührten, als ſei ein Stück brennenden Zündſchwammes in eine volle Pulvertonne ge⸗ fallen. Ein furchtbarer Tumult entſtand, dem eine blutige Schlä⸗ gerei zu folgen drohte. Hähne knackten, Handſchars blitzten. Die Katholiken waren aber zu feſt entſchloſſen, der heiligen gemeinſamen Sache wegen auf gutem Fuße mit ihren griechiſchen Landsleuten zu verbleiben, als daß ſie Partei für den Spion hätten nehmen mögen; nein, der Emiſſär wurde, wie ſein Nachbar von katholiſchen Fäuſten ergriffen, ging von Hand zu Hand und flog ſo in unglaublicher Schnelle zur Thüre hinaus. Dieſe beſchwichtigende Demonſtration ſtellte die Ruhe augenblicklich wieder her. Der Spion aber hatte noch obendrein das Unglück, dem eben vom Wagen ſpringenden Kourier gerade vor die Füße zu fliegen und erntete daher auch von einer türkiſchen flachen Klinge eine ſo tüchtige Tracht Prügel, wie ſie ſelbſt in Bosnien ſeit langen Jahren nicht ſo ſtattlich verabreicht worden. Ali hatte Mühe aus der geräumigen, noch in Folge des frühe— ren Tumultes von den aufgeſtandenen Zechern dicht gefüllten Vor⸗ derſtube in das zweite, kleinere, zur Aufnahme vornehmerer Reiſenden beſtimmte, ſogenannte Ehrengemach zu gelangen. Die brutale Manier, wie er, ſo zu ſagen, mit aufgepflanztem Janitſcharenthum den Durchgang erzwang, unſanft bei Seite ſtoßend, was ihm im Wege ſtand, zog ihm von Seite der grollenden Bosniaken einige freilich ſehr leiſe Flüche, wie mehre halbunterdrückte Ehrentitel zu, die in keinem Koder der Höflichkeit zu leſen ſtehen. Die gedrückten Rajas waren aber an die türkiſche Inſolenz viel zu gewöhnt, um des herriſchen Reiſenden länger zu gedenken, und bald ſchlugen die Wogen trunkener Heiterkeit auf's Neue über ihren Köpfen zuſam⸗ men. Dichte Rauchwolken erfüllten die Stube, es hieß fleißig fort⸗ ſchmauchen und ſeine Pfeife ja nicht zu verſorgen, falls man nicht von einem unwiderſtehlichen Reiz zum Huſten ergriffen werden wollte. Die Pfeife verſorgen? Ja, die Südſlaven haben ein eigenes Ma⸗ noeuvre, die Rauchwerkzeuge zu verwahren, wenn ſie des Schmau⸗ chens ſatt geworden. Man ſteckt, ob zu Fuße oder zu Pferde, das halblange Rohr, an dem ſich die Pfeife befindet, rückwärts in ſeine Halsbinde oder in ſeinen Hemdkragen, ſo daß der Pfeifenkopf oft leges blü i ein ge⸗ chl Die amen en zu gen; uſten licher ation hatte nden von wie eicht ühe zor iden tale hum im nige zu, cten um die am⸗ ſort⸗ iicht 41 eine halbe Elle rechts über das Haupt des Eigenthümers empor⸗ ragt. Schreiber dieſer Zeilen hat ſeine Pfeife oft auf dieſe Weiſe verſorgt, und kann verſichern, daß ſie dann auch im ſtürmiſcheſten Ritte nicht hindert und beläſtigt. Trotz des dichten Dampfes traten zuweilen einige zehn oder zwölf Männer zuſammen, faßten ſich unter den Armen, tanzten im Kreiſe vorwärts, rückwärts, ſtampften mit den Füßen, klatſchten in die Hände, ließen auch zeitweiſe Volkslieder ertönen. Am häufigſten ließ ſich jenes einem Recitativ ähnliche Spott⸗ lied vernehmen, das nichts weiter beſagt als: „Hei, hei, Herr Smilianiczu, deine Federn ſind naß!“ Es wird in unzähligen Wiederholungen fortgeſungen. An einem Tiſche ſtimmte man dagegen den bekannten Rundgeſang an: „Alle Tage, alle Tage Soll die Weinfluth rauſchen, Mehr oder weniger, mehr oder weniger Muß man ſich berauſchen!“ An der Schwelle aber flüſterte ein junger Burſche, nach der hübſchen Magd im Khan ſchielend, leiſe vor ſich hin: Sprich meine Seele, Trau' nicht den Leuten, wer hat's gemacht, ſie betrügen Dich; Daß ich nicht ſchlafe Schlimmes ja reden ſie die ganze Nacht? ſtets über mich. Und wenn ich ſchlafe, träumt mir von Dir, Daß ich vermeine Du ſeiſt bei mir! Treu mir verbleibe, und vergiß mein nicht, Dann will ich Dich lieben, bis das Herz bricht! Letzteres Lied wird auch in der Militärgrenze geſungen. Be⸗ leſene Grenzer, das ſind ſolche, welche der deutſchen Sprache auch nur zum Theile mächtig, pflegen hiebei nur die obern Zeilen, alſo jeden erſten Halbvers ſlaviſch, die untern Zeilen oder die letztere Hälfte jedes Verſes deutſch zu ſingen. Mittlerweile erwieſen ſich die ältern Bosniaken als gar tüchtige Zecher. Einer der gewaltigſten Weinvertilger war ein alter hagerer Morlake oder Moorwalache, wie man die, eigentlich am adriatiſchen Meere heimiſchen, aber auch nach Bosnien und Kroatien ausge⸗ wanderten Romänen zu nennen pflegt; er hatte ſchneeweiße Haare und einen faſt noch farbloſeren Bart, der ihm faſt bis an den Gürtel reichte, und ſorgfältig gepflegt zu werden ſchien. Neben ihm 4² ſaß ſein Enkel, ein Burſche von ſtämmigem Wuchſe und gedrunge⸗ nem Gliederbaue, der in den beſten Mannesjahren ſtand und als Typus eines vollendeten kraftvollen Morlachen gelten konnte. Erſterer trug eine Art Mantel aus Katzenfellen, letzterer eine Wolfs⸗ haut über die Schultern geſchlagen. Ali's bereits erwähnter Fuhr⸗ mann— ſein Ueberwurf beſtand aus Adlerflügeln, wollte er damit die Haſt andeuten, mit der er ſeinem Berufe nachkam?— hatte ſich als Dritter zu dieſem Bunde in Noah geſellt und nach einem flüch⸗ tigen Abendgruße ein Paar leiſe Worte mit ſeinen Tiſchnachbarn gewechſelt. Wir wiſſen, was er ſprach. Es betraf das Stelldichein in der Scheuer. Beide Morlachen verließen auch eilig die Schenke, kehrten aber in wenigen Minuten zu den vollen Krügen zurück, und kein Zug ihres Geſichtes ſchien etwas Anderes zu verrathen, als roſige Heiterkeit, wie ſie der edle Saft der Rebe erzeugt. Dane, ſo hieß der junge Moorwalache, war als verwegener Wolfsjäger in der ganzen Umgegend bekannt und berühmt, galt auch unter den verſchworenen Bosniaken als Bote und Vertraute des ge⸗ heimnißvollen Montenegriners. Auf ſeinen alten Ohm, den wir Abbas nennen wollen, blickte man mit noch mehr Scheu; der Greis wurde, wo er ſich blicken ließ, mit abergläubiſcher Ehrfurcht begrüßt und betrachtet. Er hieß auch der Flüſterer oder der Einſchläferer, ein Titel, den er der geheimen Kunſt verdankte, die wildeſten Stiere und Hengſte durch leiſe Worte oder ziſchende Laute zu zähmen, zu bändigen. Abbas galt ferner als ausgezeichneter Zeidler, dem Bie⸗ nen, Weſpen und andere Inſekten gelehrig wie Hunde gehorſamten. Er lockte aus jedem Bienenkorb, welcher ihm gezeigt wurde, wie weiland der Engländer Wildam, binnen zwei Minuten alle Bienen heraus und zwang ſie, ſich auf den Hut oder die Mütze eines beliebig gewählten Zuſchauers zu ſetzen. Von da verſammelte er ſie auf ſei⸗ nem bloßen Arm, wo ſie eine Art von Muff bildeten. Ferner mußten ſie auf ſeinen Befehl auf einem Tiſche hin und her marſchiren. Abbas vollbrachte dieſe Manoeuvres auch mit Weſpen und Fliegen jeder Art, und wußte die Wildeſten dieſer Thierchen in längſtens fünf Minuten zur vollkommenſten militäriſchen Disziplin zu nöthi⸗ gen. Nach dem Volksglauben konnte der Flüſterer auch Gewitter heraufbeſchwören, Milch in Blut verwandeln, Geiſter und Todte herbeirufen, den Teufel austreiben und in der Vergangenheit ſo gut wie in der Zukunft leſen. Auch behauptete man, daß er das verſchollene italiſche Giftwaſſer, die verrufene Aqua Toffana, zu bereiten wiſſe. 43 Als Teufelaustreiber ſtand der Flüſterer natürlich auch bei den Muhamedanern im hohen Anſehen. Wenn nämlich der Iman oder türkiſche Prieſter bei einer Krankheit nichts auszurichten vermag, ſo erklärt er, daß ein chriſtlicher böſer Geiſt die Urſache ſei, und über einen ſolchen hätte nur ein chriſtlicher Beſchwörer, namentlich ein Franziskaner, ausweiſende Macht. So war zum Beiſpiel der Padre Antonio zu Oraſchi, dreiviertel Stunden von Travnik, ſelbſt unter Griechen und Türken berühmt geworden. Man machte Reiſen aus der Nähe und Ferne zu ihm, auf daß er Krankheiten heile oder Teufel austreibe. Einſt ward er ſogar nach Serajevo berufen, um die Stadt zu exorciſiren; Antonio intonirte die Litanei und ſelbſt Türken ſtimm⸗ ten in die Antworten des Chores ein. Auch der alte Ive war eine wohlbekannte Erſcheinung in den bosniſchen Bergen, verdiente als Fuhrmann ſein tägliches Brod, ſtand aber in der neueſten Zeit in dem Rufe, neben ſeinen Saum⸗ thieren auch politiſche Dinge zu treiben. Dieſes verrufene Kleeblatt ſchien jedoch heute ſeines Gewerbes gänzlich vergeſſen zu haben und, wie bereits geſagt, dem Weine eifriger zuzuſprechen, als ſämmtliche übrige Gäſte der abgelegenen Schenke zur Kobaſica. Ein aufmerk⸗ ſamer Beobachter würde jedoch bemerkt haben, daß ſie oftmals, gegen das Fenſter gewendet, achtſam lauſchten, und die Thüre, ſo oft ſie in den Angeln knarrte, mit den Blicken verſchlangen. „Alſo der Flüſterer,“ fuhr Abbas in dem faſt noch räthſelhaf⸗ teren Geſpräche des Kleeblattes fort,„alſo Abbas ſoll diesmal aus der Tinte helfen? Was braucht Vuk nicht Gewalt? Ein Wink, und der Kourier liegt mit zerſchmettertem Haupte am Boden.“ „Iſt es denn ſchon an der Zeit,“ antwortete Dane,„offen aufzutreten?“ „Wird bald kommen dieſe Zeit!“ meinte Ive. „Auch will er erſt wiſſen,“ ſetzte Dane hinzu,„wie der Fer— man eigentlich lautet.“ In dieſem Augenblicke wurde der Hufſchlag raſch herbeibrau⸗ ſender Pferde hörbar, und der Wirth eilte in Haſt zur Thüre, eines angeſehenen Gaſtes gewärtig. Er hatte ſich in ſeiner Hoffnung nicht getäuſcht. Es war wirklich ein Grundherr, der herangeſprengt kam, aber leider Miene machte, ohne Abſtecher vorbeizureiten. Der Schenkwirth ließ ſich aber nicht ſo leicht aus dem Felde ſchlagen, er vertrat vielmehr dem Reiter mit höflichem Gruße den Weg, rühmte die Güte ſeiner Getränke, und meinte, auch für Geſellſchaft 44 ſei beſtens geſorgt, da ſo eben ein türkiſcher Kourier aus Stambul angekommen. Der Nachſatz wirkte. Der Gutsherr ſprang vom Pferde, warf ſeinem Knechte die Zügel desſelben zu und trat dann raſchen Schrittes in den Khan. Es war Lascaris, der von einem kleinen Ausfluge nach Hauſe kehrte. Die Bosniaken bildeten, den jungen Edelmann erblickend, ver dem künftigen Gatten einer Urenkelin Nemagna's ehrfurchtsvoll eine freie Gaſſe; nur das mehrerwähnie Kleeblatt würdigte den Ein⸗ tretenden kaum eines flüchtigen Blickes. Lascaris ſchien beides nicht zu beachten und verſchwand in ſeinem früheren Geſchwindſchritt hinter der Thüre der zweiten Stube. Der Zufall wollte, daß Ali den jungen Edelherrn von Konſtantinopel her kannte, und ſo ent ſpann ſich in Kürze ein kordiales Zwiegeſpräch in türkiſcher Sprache. Der Kourier erzählte ſein Abenteuer, Lascaris drückte pflichtgemäß ſein Bedauern aus und meinte, unter dem bevorſtehenden ſtrengeren Regime dürfte es in allen Dingen, alſo auch im Punkte der öffent lichen Sicherheit auf der Straße, bald beſſer werden. Ali entgeg nete, es wäre hoch an der Zeit, den böſen Geiſt zu beſchwören, der durch die bosniſchen Ortſchaften gehe; er hoffe auch, daß der hoch⸗ wichtige Ferman, den er an den Muſchir Juſſuw zu überbringen habe, energiſche Maßregeln verordnen, kurz das Unkraut an der Wurzel ausrotten dürfte. „Alſo nach Travnik geht die Fahrt?“ „So ferne der Profet mich ſicher dahin geleitet!“ „Schade, daß mein Weg in entgegengeſetzter Richtung läuft! Eins meiner Pferde ſtünde ſonſt zu Gebote.“ „Schönen Dank!“ „Gott gebe, daß der Ferman goldene Früchte trage!“ „Möge der Schatten des Großherrn nie geringer werden!“ „Selam Aleikum!“—„Friede ſei mit Euch!“— ſprach Lascaris ſein Glas leerend. „Aleikum Selam!“—„mit Euch ſei Friede!“— antwor⸗ tete Ali, ſeinen Kaffee ſchlürfend. Der Grundherr entfernte ſich haſtig, wie er gekommen war. Die Bosniaken in der erſten Stube grüßten wie früher ehrfurchts⸗ voll, das berüchtigte Kleeblatt lächelte ironiſch, Lascaris ſchien bei— des zu überſehen, die Thüre flog hinter ihm in's Schloß, und dröhnender Hufſchlag verkündigte die Wiederaufnahme ſeines Rittes. zar. bei⸗ 45 In der Schenke ward es nach und nach ſtiller. Die Landleute ent⸗ fernten ſich langſam, endlich erhoben ſich auch Abbas und ſeine Ge⸗ noſſen, der Wirth wünſchte dem Kourier eine geruhſame Nacht, und bald herrſchte das Schweigen einer Gruft in dem früher ſo geräuſch⸗ vollen Khan. Auch Ali warf ſich auf das ärmliche Lager, das man in bos⸗ niſchen Herbergen zu treffen pflegt. Er mochte etwa eine halbe Stunde gelegen ſein und befand ſich gerade in dem angenehmen Zuſtande halb Wachen, halb Träumen, als ein leiſes Geräuſch an dem nach dem Garten ſehenden Fenſter hörbar wurde. Der Rei⸗ ſende, in der Meinung, ein jäher Windſtoff rüttle an den loſen Rahmen, hüllte ſich noch tiefer in ſeinen Pelzmantel. Gleich darauf ließ ſich das monotone einſchläfernde Zirpen eines Heimchens ver⸗ nehmen. Ali's Gedanken verwirrten ſich immer mehr und mehr. Plötzlich tiefe Stille! Darauf ertönt ein ſonderbares Flüſtern, und gleichzeitig dringen narkotiſche Dämpfe wie der betäubende Rauch des Bilſenkrautes durch eine ſchmale Oeffnung, welche früher das Glas einer eben leiſe eingedrückten Fenſterſcheibe verſchloſſen. Der Schlaf des Kouriers wird zur halben Ohnmacht. Eine Hand greift durch jene ſchmale Oeffnung und ſchiebt die ſperrenden Riegel bei Seite. Dann ſchwingt ſich ein hoher Mann mit einer Blendlaterne verſehen, in die Stube. Es iſt Vuk! An dem offenen Fenſter ward das Geſicht des Flüſterers ſicht⸗ bar. Vuk bemächtigte ſich der Depeſche des Offiziers und öffnete ſie mit einer, wie es ſchien, in derlei Künſten ſehr wohl bewanderten Hand. Dann überflog er ſchnellen Blickes ihren Inhalt. „Ein ſtrenger Befehl,“ murrte er leiſe,„dem politiſchen Trei ben der bosniſchen Chriſten ſtrenge zu wehren, ja eine etwa ſtatt habende Volksberathung mit bewaffneter Hand auseinander zu ſprengen. Wie ich mir dachte! Hier heißt es vorbauen. Wir ſind noch nicht hinreichend gerüſtet, um den Kampf ſieghaft aufzunehmen. Zeit gewonnen, Alles gewonnen!“ Mit dieſen Worten zog er ein Schreibzeug, wie es Reiſende im Abendlande mit ſich führen, das man alſo bei ihm eigentlich gar nicht hätte vermuthen ſollen, aus ſeiner Ledertaſche, durchflog mehre mitgebrachte Papiere, bis er auf eine, zweifelsohne geſuchte Hand⸗ ſchrift ſtieß, und fügte dann in den Zügen derſelben dem Inhalte der Depeſche noch folgende bedeutſame Worte bei: 46 „Dieſer Ferman ſei dir ein unbeſchriebenes Blatt. Bald wird die Sonne der Macht und Würde wieder ſenkrecht über dem Scheitel der Friedensmänner flammen. Mögen räudige Hunde das Grab ihrer Väter beſudeln!“ Nach Beifügung dieſer Nachſchrift in echt türkiſchem Style verſchloß Vuk die Depeſche ſo künſtlich, daß auch das ſchärfeſte Auge keine Verletzung des Siegels, wie der Schnüre zu gewahren ver⸗ mochte, und kehrte dann geräuſchlos auf demſelben Wege zurück, auf dem er die Stube betreten, das Fenſter wie früher durch jene ſchmale Oeffnung von Außen verſchließend. Die narkotiſchen Dämpfe verſtoben allmälig, und Ali athmete bald leicht und ruhig im ge⸗ wöhnlichen friedlichen Schlummer. Drittes Capitel. Der Paſcha unterhält ſich. Baden gehört zu den Hauptgenüſſen im Leben des Türken. Das eigentliche türkiſche Bad, Hamam genannt, meint ein bewährter Touriſt, iſt jedoch keineswegs ſo angenehm, als man in Frangiſtan, das iſt, im Occidente glaubt, und beſteht dies nicht aus einem Baſ⸗ ſin oder einer Wanne mit lauwarmem Waſſer, darin man nach Luſt herumplätſchern kann, ſondern das Hamam iſt nichts weiter, als ein ruſſiſches Dampfbad nach folgendem Schnitte. Der Badegaſt tritt in die geheizte Vorhalle des Hamam, wo ihn der Bademeiſter, Ha⸗ mamſchi betitelt— einige derſelben ſind kleine hübſche Jungen— entkleidet, ihm dann einen Bademantel, faſt wie eine Schürze ge⸗ ſtaltet, um die Schultern wirft, und Kaffee und Pfeife anbietet. Hier bleiben die Gäſte einige Zeit auf den Divans gelagert, worauf ſie in das zweite Gemach geleitet werden, in welchem bereits eine ſo ſtarke Hitze herrſcht, daß der Schweiß aus allen Poren dringt; auch hier wird dem Gaſte Kaffee und Tabak angeboten, worüber abend⸗ ländiſche Heilkünſtler freilich die Naſe rümpfen oder wohl gar die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlagen dürften, was aber dem⸗ ungeachtet im ganzen Morgenlande comfortable Sitte iſt und blei— ben wird. Von hier wird man etwa nach dem Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde nach dem dritten Saale oder dem eigentlichen Bade geführt, das aus einem hochgewölbten Raume beſteht, an deſſen Fenſtern bunte farbige Gläſer prangen, und in dem jedes Wort in einem ſtarken, oft hundertfachen Echo wiederhallt. Der Dampf, der dieſen Saal erfüllt, qualmt aus einem eiſernen Ofen heraus und zwar in 48 dichten, mit Erſticken drohenden Wolken; ja ſelbſt der Fußboden aus Marmorſtein iſt bis zum Brennen erhitzt. Hier liegt der Gaſt, ſo zu ſagen, auf dem Martyrroſte. Sobald das Fleiſch des Badenden halb gekocht und gebraten ſcheint, beginnt die eigentliche Tortur. Der Hamamſchi ſchreitet zu ſeinen Walkungen. Vor allem heißt es, den Körper gleich einem Sacke hin und her wälzen, wie einen Teig walken und kneten; ja der Rücken des Badegaſtes wird dabei ſo tüchtig getreten, daß der Aermſte unter der peinigenden Laſt in Seufzen und Stöhnen aus⸗ bricht. Nunmehr zieht ſein Tyrann, der Bademeiſter, Handſchuhe von Kamehlleder an, taucht dieſe in Seifenſchaum, und ſchmiert und reibt damit den ganzen Körper ſeines Schlachtopfers auf wahrhaft karaibiſche Weiſe 6 Endlich erfolgt das Abſpülen oder Reinwaſchen mit warmem oder kaltem Waſſer. Hier gelangt das hochnothpeinliche Kriminalverfahren des Hamamſchi zum Schluſſe, und der halbzermalmte Leidensträger wird einem der Badeknaben übergeben, der den erſchöpften Gaſt aus dieſer Folterkammer erlöſt, auf einen Divan hinſtreckt, und den hal⸗ ben Leichnam mit Linnentüchern ſanft abtrocknet und glättet. Nun fängt der Gebadete erſt an, ſich einiger Maßen zu erholen, fühlt ſich zudem ſpäter wahrhaft verjüngt und von einer ſüßen Schlafluſt und einer wonnevollen Ermattung befallen. Auch hier wird Kaffee nebſt Cſibuk verabreicht, und viele Muſelmänner pflegen hier noch mit dem kleinen Hamamſchi Kurzweile zu treiben. Die Frauen baden in einem beſonderen Hamam, natürlich von Badewärterinen gefoltert und gepflegt. In Konſtantinopel haben nicht blos die verſchiedenen Stände, ſondern auch Leute von gleichen Eigenthümlichkeiten, Leidenſchaften und Gelüſten ihre beſonderen Badehäuſer. In ſolchen beſonderen, gleichſam geſchloſſenen Hamams, erzählt unſer Touriſt, pflegen zu⸗ ſammen zu kommen und ſich dort wie in unſern Kaſino's zu unter⸗ halten: Dichter, Aſtronomen, Rechtsgelehrte, Derwiſche, Pferde⸗ liebhaber, Poſſenreißer, Sänger, Freigeiſter, ſchöne junge Herren. Ja ſelbſt Lügner, Trunkenbolde, Unſchuldige, Verliebte, Paedophilen wiſſen in Stambul geiſtesverwandte Geſellſchaft in eigenen Bade⸗ häuſern zu finden. In Serajewo iſt man im Punkte der Hamams zwar noch nicht ſo weit vorgeſchritten, wie in der Kapitale und Reſidenz des Groß⸗ — 49 türken, doch gab es in dieſer Stadt zur Zeit, in der unſer Roman ſpielt, beſtimmte Badhäuſer, in welchen dieſer oder jener Stand gewiß ſein konnte, Seinesgleichen anzutreffen. Wir haben es der⸗ malen mit dem Hamam zu thun, in welchem die Diener der Themis einzuſprechen liebten. Bosnien beſitzt nämlich ein Mevleviet oder Obergericht und fünf Kaza oder Untergerichte. Erſteres gehört zu den Devrie's, zu deutſch„abwechſelnd,“ indem die Inhaber nach einer gewiſſen Anzahl Jahre verſetzt werden. Die Mitglieder dieſer Gerichte ſind ein Molla oder Kadhi, das iſt, Richter, ein Mufti oder Generalanwalt, ein Naib oder Stellvertreter, ein Ajak⸗Naib oder Civillieutenant und ein Baſch-Kiatib oder Schreiber. Belauſchen wir ein würdiges Paar dieſer Diener der Themis in dem Hamam, das ſie gewöhnlich zu beſuchen pflegen. Es iſt der Molla, der geſtrenge Richter und der Mufti, der vielerfahrene Generalanwalt. Beide waren geborne Bosniaken, die jedoch, wie es ſich von ſelbſt verſteht, aus ehemals chriſtlichen, aber ſeit Jahrhun⸗ derten zum Islam übergetretenen Familien ſtammten. Wir treffen ſie bei einer Taſſe Kaffee, den Cſibuk am Munde, auf dem weichen Divan behaglich zuſammengekauert, kurz nachdem ſie der kleine Hamamſchi aus dem Fegefeuer eines türkiſchen Dampfbades erlöſte. „Dobro mu je,“ begann der Mufti,„kako ribi u vodi!“— Mir iſt wohl wie dem Fiſch im Waſſer.— „Mir auch,“ entgegnete der Molla,„und doch weiß ich ein Menſchenkind, dem heute noch wohler ſein wird.“ „Sein Name?“ „Der verwünſchte Lascaris, wenn er— heute iſt der Hoch⸗ zeitstag— in den Armen der weißen Roſe von Serajevo ruhen wird. Gülnare gleicht in der That einer Houri, einem Paradieſesmädchen. Morgen wird man das freilich nicht mehr in jeder Beziehung ſagen können.“ „Die Roſe iſt ſchön,“ ſprach der Mufti,„und Lascaris ſteht an der Pforte des Himmels. Demungeachtet kenne ich zwei Leute, die ſich am heutigen Tage ſo glücklich fühlen, daß ſie weder mit jenem . Abenteurer, noch ſelbſt mit unſerm Profeten tauſchen dürften.“ —⸗„Wer ſind dieſe Leute?“ „Der arme Kürſchner und ſein Töchterlein Patila.“ „Der arme Kürſchner?“ „Ich weiß nicht, wie der Chriſtenhund eigentlich heißt. Er i als mittelloſer Teufel unter dieſem Namen bekannt geworden.“ Der Montenegriner. 4 „Und Patila?“— Patila bedeutet, zum Verſtändniß unſerer Leſer ſei es geſagt, 3 „ich heiße“; patila iſt aber auch das Mittelwort vergangener Zeit b thätiger Form von patiti, leiden. 1 „Die Kleine, ſie zählt etwa ein Dutzend Jahre,“ antwortete der Mufti,„hat ſich dieſen Namen ſelbſt beigelegt. Man frug ſie ſ nämlich eines Tages, wie man ſie rufe, worauf ſie einfach entgeg⸗ 1 nete: Patila patila, das beſagt:„ich heiße Eine, die gelitten hat.“— Die Aermſte hat auch in ihrer erſten Kindheit ein paar Krankheiten durchgemacht, zudem iſt ſie blind auf die Welt gekommen.“ d „Blind geboren und dennoch glücklich?!“ „Ein engliſcher Heilkünſtler, ein wahrer Avicena hat ihr den 3 Staar geſtochen. Der Mann machte eine große Tour und befand ſich auf ſeiner Rückreiſe von Konſtantinopel in Belgrad, wo er län⸗ gere Zeit ſein Hauptquartier aufſchlug, da er Serbien zu bereiſen gedachte. Durch Kaufleute, die von der ſerbiſchen Hauptſtadt Kra⸗ gujewatz zurückkehrten, gelangte die Kunde von ſeiner Geſchicklich⸗ keit auch zu uns nach Serajevo. Der arme Kürſchner hatte leider nicht die Mittel, den Wundermann zu verſchreiben, denn der Eng⸗ länder— man kennt dieſe geizigen Rothröcke— verlangte mehre Beutel für Reiſe und Cur. Da trat eines Abends ein Mann mit einem fürchterlichen rothen Barte in die Stube des Kozuhar oder Kürſchners. Es war der verdammte Montenegriner. Mögen Geier ſeine Leber zerhacken! Kurz, damit ich einmal ende, der ſeltſame Gaſt brachte die geforderten Beutel. Heute wurde der Kleinen glücklich der Staar geſtochen, ſie ſieht auf beiden Augen, und die Freude wie der Jubel des Vaters und Kindes ſollen kaum zu be⸗ ſchreiben ſein.“ „Ein wundervoller Sheitan, dieſer Vuk!“ Ein wundervoller Satan oder Teufel, alſo lautet ein Lieb⸗ lingsausdruck der Orientalen. „Ja, Patila iſt heute ſehr glücklich!“ rief der Mufti. „Einem andern Menſchenkinde,“ meinte der Molla,„ergeht es heute ganz anders.“ „Tkoje?“— Wer iſt es? „Der Paſcha unterhält ſich!“ „Wie kann es ihm dann ſchlimm ergehen?“ „Es iſt nur eine ironiſche Redensart, die in Travnik drüben längſtſprichwörtlich geworden. Wenn es dort heißt, Juſſuw unter⸗ n t 51 halte ſich, dann ſtecken Sklaven und Rajas die Köpfe furchtſam zu⸗ ſammen wie Schafe, wenn es donnert und blitzt. Wer in ſeiner Nähe zu thun hat, wünſchte ſich da die Geräuſchloſigkeit eines Ka⸗ tzentrittes. Wenn der Paſcha nämlich ſchlecht aufgelegt iſt, ſo ſucht er Unterhaltung oder Zerſtreuung. Leider findet er ſie in den Leiden ſeiner Umgebung. Heute Morgens war er ganz teufelswild und unterhielt ſich daher vortrefflich. Ein Sklave, der einen Csibuk fal⸗ len ließ, erhielt die Baſtonade, ein Eunuch, der auf ſeinem Poſten halb einnickte, wurde mit dem rechten Ohr an die Thüre genagelt, die er zu bewachen hatte, ein Raja endlich, der ſeine Klage gegen ſeinen Grundherrn zu gröblich vortrug, wäre ganz gewiß geſpießt worden, falls es in dem letzten Ferman aus Stambul nicht einen kleinen Haken gegeben. So kam er mit abgeſchnittener Naſe da⸗ von. Ja, der Paſcha unterhält ſich heute.“ „Was ſtimmt ihn denn eigentlich ſo gallig?“ „Die Hochzeit der Roſe von Serajevo,“ flüſterte der Molla, „ſteckt Juſſuw in dem Kopfe.“ Der Molla hatte Recht. Juſſuw, auf den ſchwellenden Kiſſen des Serails erzogen, konnte, wie alle ſeine Glaubensgenoſſen, kei— nen Glauben an das Göttliche im Weibe hegen, er mußte nach dem Gebothe des Koran einzig dem Sinnenrauſche leben. Der Paſcha ſollte es, hieß es, in dieſer Trunkenheit noch über das gewöhnliche türkiſche Maß gebracht haben. Die Vergeltung blieb nicht aus. Er lernte in ſpätern Tagen die ſtolze Schönheit kennen, die man Gül⸗ nare nannte, und entfaltete alle Kriegskunſt eines verliebten mu— hamedaniſchen Vauban, um die unerſteigliche, durch keinen glänzen⸗ den Handſtreich zu erſtürmende Feſtung durch eine regelmäßige Be⸗ lagerung zu nehmen. Seine Mühe war fruchtlos, Juſſuw zog mit langer Naſe ab. Ja, man ſprach ſogar von einem ſtattlichen Backen⸗ ſtreiche, welchen er bei einer zu hitzigen, unbeſonnenen Attaque davon getragen haben ſollte. Gülnare pflegte, wenn vertraute Freundinen die Liebe des Paſcha und ihren ſchlechten Erfolg berührten, auf die geringe Bil⸗ dung Juſſuw's anſpielend zu ſagen, ſie hätte doch nicht das Loos des heiligen Troja theilen und ſich zuletzt durch ein türkiſches—— — erobern laſſen können. Obige Gedankenſtriche ſtellen das rieſige hölzerne Roß vor, zu dem die Griechen bekanntlich im letzten Jahre der Belagerung ihre Zuflucht nahmen. Juſſuw ſchwur der ſchönen Spötterin grimmige Rache, aber gerade das Verſagen Paühelte ſeine 4* 52 Leidenſchaft noch gewaltiger auf, und es hätte die Roſe von Sera⸗ jevo nur einen zärtlichen Blick gekoſtet, um den grollenden Paſcha von drei Roßſchweifen und Vezier von Ungarn in partibus infide- lium auf's Neue wieder girrend zu ihren Füßen ſchmachten zu ſehen. Der Abſtand zwiſchen beiden war jedoch zu groß. Bildung, Religion und politiſches Glaubensbekenntniß geſtalteten die Kluft, welche den Paſcha von dem Beete der weißen Blume trennte, täglich noch weiter, noch bedrohlicher an Breite, Tiefe und Unzahl der Klippen. Da gelangte die plötzlich unerwartete Kunde von der Vermäh⸗ lung Gülnaren's mit dem ritterlichen aber abentheuerlichen Lascaris nach Travnik. Dieſe Nachricht wirkte vollends wie ein heftiger Donnerſchlag bei heitern Lüften, denn man wußte im türkiſchen Kriegsrathe nur zu wohl, daß es ſich auch hier, um die innigſte Verbindung zweier Antipoden im Geiſte wie in der Politik handeln müße. Juſſuw ſchäumte vor Ingrimm und Zorn, er wünſchte in Nachahmung des ſechsten Römerkaiſers der ganzen Chriſtenheit nur einen einzigen Naken, um ſie mit einem Streiche vernichten zu können. Seine Untergebenen mußten den Blitzableiter ſeiner ſchwar⸗ zen Galle abgeben, namentlich litten die armen Rajas, ſo weit es die geheime Nachſchrift des Ferman zuließ— ſie war in der Hand⸗ ſchrift ſeines vertrauten Freundes, des ſtreng gläubigen Groß— veziers geſchrieben— unter den Ausbrüchen ſeiner finſtern Laune. Man kann ſich daher leicht denken, wie ſich der Paſcha unterhielt, als er der Sitte gemäß, zur Hochzeit geladen wurde, und ſich nach langem Kampfe entſchloß, dieſer Feier beizuwohnen. „Wäre ich Juſſuw,“ ſprach der Mufti nachdenklich,„ich ließe den Bräutigam ſpießen!“ „Geht nicht,“ engegnete der Molla,„geht durchaus nicht, denn erſtlich iſt Lascaris zu gut bei dem Divan angeſchrieben, auch will man mit Gewißheit behaupten, daß derſelbe, ſobald er durch dieſe Heirath zum künftigen Haupte des alten Geſchlechtes geworden, zu dem Islam überzutreten gedenke. Lascaris könnte dann ſehr leicht der Nachfolger Juſſuw's in Travnik werden.“ Mit dieſer Antwort ſchloß das Zweigeſpräch über den fragli⸗ chen Gegenſtand. Die Hochzeitsfeierlichkeit in der Kirche zu Serajevo ging am Morgen vorüber. Die Braut, weiß gekleidet, faſt allen Schmuckes bar, ſchritt 53 bleich, wie eine Nonne, die gegen die Sehnſucht ihres Herzens auf die Blume des Lebens verzichtet, zum Altare; eine Statue weiſt mehr Leben und Regen als Gülnare, da ſie der bindenden Rede des Prieſters lauſchte, ein Lilienblatt beſitzt mehr Röthe als Gülnaren's Antlitz, da ihr Mund das entſcheidende„Ja“ ausſprechen ſollte; aber ſie nahm ſich gewaltſam zuſammen, bemeiſterte herriſch ein fie— berhaftes Zittern ihrer Glieder, und betonte das verhängnißvolle Wort ſo ſtolz wie eine Königin, die eine eroberte Welt verſchenkt. Gülnare war das Weib des verwegenen Lascaris. Auch dieſer gab ſich mehr als ein ſtarres Steingebilde denn ein zärtlicher Brautwerber. Er trat ſo gleichgültig zu dem Altare, als habe die hochheilige Feierlichkeit auch nicht das Geringſte mit ſeinem eigentlichen Selbſt zu verkehren. Ein ſeltſames Brautpaar! Wir haben erzählt, daß Serajevo auf einem erhabenen Plateau fußt, das von waldigen Bergen umſchloſſen wird. In dieſen Ber⸗ gen lag das alte Schloß, in welchem die Seitenlinie des Geſchlech⸗ tes, aus dem Riswan ſtammte, ſeit jeher hauſte. Es war ein ſehr feſtes, ſorgfältig bewachtes Bollwerk; zudem ſtempelte es die Con⸗ ſulatsfahne, die auf ſeinen Zinnen wehte, zu einem unverletzbaren Aſyl ſelbſt für die Willkühr der Türkenherrſchaft. Dort ſollte das weltliche Hochzeitsfeſt gefeiert werden. Um die dritte Nachmittagsſtunde gab es große Tafel in dem alten Schloſſe. Alle befreundeten Gutsherrn aus der Nachbarſchaft waren geladen. Das Banquet wies ſich faſt königlich, und die Tiſche ſchienen ſich unter der Laſt köſtlicher Gerichte und ſeltener Getränke zu biegen. Es war nämlich auch für die vielen muhamedaniſchen Gäſte, die öffentlich ihren früheren chriſtlichen Leckerbiſſen und Lieb⸗ lingsgetränken nicht zuſprechen durften, möglichſte Sorgfalt getra⸗ gen worden. Da gab es gekochten Reis oder Neulli, Schaffleiſch, Plattkuchen, ſüßes und fettes Milchbrot, Caviar, türkiſchen Pfeffer, Auſtern, geröſtete Mandeln Feigen, Sultaninen, Oliven, dann küh⸗ lende Getränke, als: Szorbeth oder Cherbet, ein aus Honig und Waſſer bereitetes Getränk, Hozapp, ein in Roſenwaſſer ſtehender aromatiſcher Trank, Pechmez, ein dünnerer Aufguß, endlich alten Schiraswein, der aber unter dem angeblichen unverdächtigen Nah⸗ men perſiſcher Thau die Runde machte. Natürlich, daß es auch an Kaffeh nicht fehlte. Man ſpeiſte auf Silber, das Deſert ward auf Gold ſervirt. Gleichzeitig ergriff Riswan einen mit dieſem Perſer⸗ 54 thau bis an den Rand gefüllten Pokal, und leerte ihn mit den Worten: „Es lebe meine Tochter Gülnare und mein Eidam Lascaris 19 Dieſer von allen Gäſten— Juſſuw ausgenommen, der einen leiſen Fluch ausſtieß und kaum an dem Becher nippte— wieder⸗ holte Ruf zog ſich wie ein weitrollender Donner durch den Saal, ein rauſchender Tuſch einer türkiſchen Muſikbande mit Trompeten, Pauken, Pfeifen, Hoboen, Blechſtürzen, Schellen und Triangeln erdröhnte, Pöller wurden abgebrannt, Flinten und Piſtolen, wie bei allen ſüdſlaviſchen Feſten üblich, krachten auf luſtige Weiſe, kurz der Feſtgeber hatte alles aufgeboten, was die Feierlichkeit und den Glanz des Hochzeitstages ſeines einzigen Kindes, einer ſo reichen Erbin nur einiger Maßen erhöhen konnte. Im Freien erklang die Gusla, ein Zigeuner ließ hie und da die Sackpfeife erſchallen, die katholiſchen Bosniaken klirrten dazu mit den Wein gefüllten Bechern, der Grieche hielt ſich mehr an den Slivovicz, während die Landwehrreiter, ihr Glaubensbekenntniß ganz vergeſſend, alles durcheinander tranken, kurz, mancher ſtreng⸗ gläubige Muſelmann wendete ſich als Todfeind von all derlei Ge⸗ tränken entſetzt ab, und fühlte ſich verſucht, den Zorn des Prophe⸗ ten auf die ungläubigen Hunde herabzubeſchwören. Uebrigens war auch für derlei Käuze, wie wir weiter unten ſehen werden, für Zer⸗ ſtreuung geſorgt worden. Auf dem Raſen wirbelte der Kolo oder der Reigentanz. Hier faßten ſich einige zehn bis zwölf griechiſche Dirnen in Hemden von ſelbſt gewobenen Linnen, mit Schürzen faſt im Geſchmacke eines ſchottiſchen Plaid, die dichten ſchwarzen Haare in Flechten getheilt, mit Silber, mitunter auch mit Goldſtücken geſchmückt, unter den Armen, tanzten im Kreiſe bald vorwärts, bald rückwärts, wie wir es ſchon im frühern Capitel beſchrieben, klatſchten in die Hände, ſtampften die Halme mit den Füßen, ließen auch zuweilen Volks⸗ lieder oder Recitative ertönen. In derlei Recitativen ſind die Süd⸗ ſlavinnen überhaupt ſehr ſtark, und wird jedes wichtige Tages⸗ ereigniß bereits am nächſten Abend am Herde derartig beſungen. Dort folgten junge Burſche dem Beiſpiele der Dirnen. Anderswo gab es einen gemiſchten Kolo, von beiden Geſchlechtern getanzt, der ſich immer mehr erweiterte und in ſeinen Kreislauf alle, die er traf, zu Hunderten hineinzog. Zuweilen brach auch ein Paar, das ſich gerne leiden mochte, aus der Runde, und drehte ſich im ſogenannten 55 Gänſetanze, wo der Tänzer und die Tänzerin immer engere Kreiſe um einander ziehen. Wir fügen hier bei, daß es in einigen ſüdſla— viſchen Gegenden einen allgemeinen Hochzeitstag gibt, an welchem alle Liebespaare, die ſich im Laufe des Jahres zuſammengefunden, gleichzeitig copulirt werden. In der Karlſtädter Militärgrenze, die⸗ ſem Nachbarlande Bosnien's iſt der Katharinentag oder fünf und zwanzigſte November häufig zu dieſem allgemeinen Hochzeitsfeſte beſtimmt. Man kömmt zu Fuß, zu Pferd wie zu Wagen aus der ganzen Umgebung in dem Pfarrorte zuſammen. Leider befinden ſich dann— das Jahr iſt lang und das Blut heiß— viele Bräute in einem Zuſtande, in welchem ſie keineswegs mehr als Houri's in Mahomed's Paradieſe taugen würden. Leider ſprechen auch die Hochzeiter des Tages über— die Kopulation findet meiſt am Abend Statt— dem Rebenſaft oder Branntwein mehr zu, als es der bevorſtehenden Feier angemeſſen erſcheinen dürfte. Mladost je ludost! Jugend hat keine Tugend! Und was trieben die orthodoren Osmanlis? Die einſame Halle eines Nebengebäudes war zu einer großartigen Kaffeeſtube umgeſchaffen worden. Da ſaßen die osmaniſchen Gäſte ſtumm und leblos beieinander, als wären ſie bloß Automaten oder Wachsfigu⸗ ren, blieſen den Tabakrauch in großen blauen Wolken gegen die Decke, ſchlürften ihren Kaffee und lauſchten den Schwänken jüdi⸗ ſcher und griechiſcher Poſſenreißer. Dann nahte ein Meddah oder Mährchenerzähler, ſetzte ſich in einem W zinkel nieder, und trug fa⸗ belhafte Geſchichten vor, Abentheuer aus der tauſend und einen Nacht, die Thaten berühmter osmaniſcher Helden, und dies Alles in einer unangenehmen, näſelnden, aber ziemlich accentuirten und marquirten Deklamation, die er bald mit einer Geige, bald mit einer Flöte accompagnirte. Dieſe Unterhaltung feſſelte die Muſel⸗ männer mehr als eine volle Stunde, man hätte ſie ein türkiſches Theater nennen können. Später erſchien ein ältlicher Türke mit ſei⸗ ner Tänzergeſellſchaft von jungen hübſchen Burſchen mit lang ge⸗ wachſenen Haaren, in Frauenkleidern, die aus einem feſt anliegen⸗ den blauen Dolmäny, weißen Hoſen und rothen Schuhen beſtanden. Hierauf begann ein eigenthümlicher Tanz nach dem Takte einer Zi⸗ ther, welche der ältliche Türke ſelbſt ſpielte. Bei dieſem Tanze wur⸗ den die Füße nur wenig, deſto mehr aber der Obertheil des Kör⸗ pers, namentlich die Schultern, dann die Inerpreſſibles durch fort⸗ währende zuckende Bewegungen in Anſpruch genommen, welche die 56 blaßen Halbjungen mit ſchlauberechneten, verführeriſchen Verbeu⸗ gungen und dem Klange von Kaſtagnetten ſehr verlockend zu be⸗ gleiten wußten. Natürlich, daß die Osmanlis bei ihren bereits von dem aromatiſchen Kaffeh bedeutend aufgeregten Sinnen nunmehr in völlige Verzückung geriethen. Namentlich ſchien jener prüde Mu⸗ hamedaner, der den Zorn des Propheten auf die zechenden ungläu⸗ bigen Hunde herabzubeſchwören drohte, ein beſonderes Wohlgefal len an einem der Tänzer zu finden, und winkte ihn mit funkenſprü⸗ henden Augen zu ſich heran, worauf dieſer nach üblicher Sitte rück— wärts ſchreitend herbeikam, ſeinem Gönner mit rückwärts gebeug⸗ tem Haupte mit den Lippen ein Goldſtück aus dem Munde nahm, und dafür dem freigebigen Bewunderer einen flüchtigen Kuß gab Dieſe Ceremonie war eigentlich nichts, als das Zeichen eines gege⸗ benen und angenommenen Rendezvous. Der Vorhang falle! In dem Blumengarten von Riswan's Schloſſe fand eine kleine Nachahmung des berühmten Tulpenfeſtes Statt, das im Harem des Großherrn zu Stambul zur Zeit, da die Tulpen in die Blüthe ge⸗ hen, gefeiert zu werden pflegt. Vaſen von jeglicher Art, mit natür⸗ lichen oder künſtlichen Blumen gefüllt, ſtanden dort zuſammenge⸗ häuft und wurden von einer unendlichen Menge von Laternen, far⸗ bigen Lampen und in Glasröhren aufgeſtellten Wachslichtern er⸗ leuchtet und ſchienen durch zweckmäßig angebrachte und aufgerichtete Spiegel vervielfältigt zu werden. Verſchleierte Frauen, ſonſt als Kaufleute gekleidet, ſaßen in Boutiquen und Kramladen voll Schmuckſachen, Stoffen, Tändeleien und Spielwaaren, welche die Gäſte hier aber nicht kauften, ſondern gleichſam zur Erinnerung an das glänzende Hochzeitsfeſt zum Geſchenke erhielten, daher ſie die⸗ ſelben um ſo lieber unter ſich wieder als wechſelſeitige Gegengaben benützten. Auch hier gab es Alme's oder Tänzer und Muſikanten, die ſich aber dem Orte gemäß ſtreng in den Grenzen des Anſtandes hielten. Die Siegkunſt der verſchleierten Frauen hätte jedoch ein abendländiſches Ohr gewiß nichts weniger als erquickt, denn der Türke hält jene Primadonna für die beſte und ſchönſte Sängerin, welche die ſchneidendſte und quickendſte Stimme beſitzt. Auch pflegen die Liebeslieder der Haremsroſen ſelten, eigentlich faſt nie eine platoniſche Färbung zu tragen. Oben im Saale war die Blume der Unterhaltung hingegen rein vaterländiſchem Boden entſproſſen. Man ſprach nämlich von dem Urſprunge des Hauſes, dem die Neuvermählte entſtammte, und .——— — 57 ein ſüdſlaviſcher Dichter— er fiel leider während der ſpätern Wir⸗ ren— wußte die hierauf bezügliche Sage zu einer artigen Romanze zu benützen. Nach dieſer Sage hatte der Stifter des großen ſerbi⸗ ſchen Reiches Nemagna, bekanntlich ein Gutsbeſitzer in der Herzoge⸗ wina, ſeinen ehemaligen Nachbar und ſpätern mächtigſten heimiſchen Gegner, zwar nach manchem hochrothen Kampfe beſiegt und gefan⸗ gen genommen, doch wurde dieſer Rivale durch Nemagna's eigene reizende Tochter, die in Liebe zu dem gefeſſelten Helden entbrannte, ſeiner Ketten wie ſeiner Haft entledigt. Dieſer Liebe dankte nun der Ahnherr Gülnaren's, hieß es, ſein Leben, ein Daſein, das ſeine Mutter eines gewaltſamen Todes ſterben machte, indem der Groß— vater ſein verliebtes Kind gleich nach der Geburt ſeines Enkels er⸗ dolchte. Dieſe Romanze wußte nun ihr Verfaſſer mit Begleitung der Gusla ſehr ergreifend vorzutragen. Allgemeiner, ſtürmiſcher Beifall begrüßte die ſchöne Dichtung. t,„on denäherte ſich bei dieſer Gelegenheit der Roſe von Se— rajevo ſcheinbar, angeblich, um das hohe Alter ihres Geſchlechtes zu rühmen, eigentlich aber um ihr bei dieſer Gelegenheit etwas Schmeichelhaftes über ihre eigene reizende Jugend zu ſagen. Gül⸗ nare empfing ihn zutraulicher, als es ſonſt der Fall zu ſein pflegte, und wußte ihren Verehrer durch raſch wechſelnde Freundlichkeit und Kälte ſo wirbelnd zu machen, daß der Aermſte große Aehnlichkeit mit dem Sarge Mohamed's in der Kaaba gewann, und nicht blos zwiſchen Himmel und Erde, nein, zwiſchen Himmel und Hölle zu ſchweben glaubte. Er ſagte ſich zwar im Stillen, dies geſchehe, um ſich kokettenmäßig an den Qualen ſeiner nunmehr rein hoffnungs⸗ loſen Leidenſchaft zu weiden, oder um wohl gar die Eiferſucht des allzu gleichgültigen jungen Gatten zu erregen. Demungeachtet wußte ſich der Paſcha in dem blumigen Labyrinthe, in das er gerathen, nicht zurecht zu finden. Auch ſchien das ſchlaue Spiel theilweiſe ge⸗ lingen zu wollen. Lascaris wurde zwar nicht unruhig, aber denn doch aus ſeiner Apathie gerüttelt. Ein paar leiſe Worte von ſeinem Munde ſetzten die flinken Beine eines ſchmucken Zigeunerknaben in Bewegung, der ſich Mirra nannte und bei Lascaris eine Art Knappendienſte verrichtete. Mirra ging und kehrte bald mit jenem ſanft und weich klingenden Inſtru⸗ mente zurück, deſſen ſich die Türken, außer einer dreiſaitigen Geige, welche faſt wie eine Viole d'amour ſieht, als Dollmetſch ihrer Lie⸗ *⁴ V 58 besgefühle bedienen. Es iſt dieſes eine Tambura, Laute oder ſoge⸗ nannte Derwiſchflöte. Dies Inſtrument gilt, nebſt dem Selam oder der Blumenſprache, als der allgemein verſtändliche Dialekt, in wel⸗ chem ſich Verliebte wie in den Mauern der Serails tauſend ſüße Dinge zuzuflüſtern wiſſen. Man kann ſich daher das Staunen der Geſellſchaft denken, als der rauhe Krieger Lascaris nach dieſem zarten Inſtrumente griff, es meiſterhaft erklingen ließ und in den Intervallen nachſtehende Strophen, gleichſam als Schluß der früher vorgetragenen Romanze mit wohltönender Stimme halb ſang, halb deklamirte: Nemagna, jenes Gärtnerkind, Deß Blumen rauh du pflückteſt, In deſſen Herz den Dolch wie blind Du bis zum Hefte drückteſt: Es war dein eignes Töchterlein, Harem de Deß Buſen makelloſe— Zwei Liljen trug, bis mittendrein Du pflanzteſt eine Roſe. Und als in aller Früh im Tod Ihr Nelkenmund verblaßte, Da war es, wo das Morgenroth Erſt Muth, zu ſchimmern, faßte. Und als ſie ſchloß die Augen d'rauf Zum Schlaf, zum immer feſtern, Da ging im Oſt die Sonne auf Und hatte keine Schweſtern! Lascaris reichte, als er geſchloſſen, dem Zigeunerknaben das Inſtrument mit einer ſo träumeriſchen und zerſtreuten Miene, daß er es offenbar gar nicht bemerkt hatte, wie gleich befremdet als er— götzt die Gäſte ſeines Schwiegervaters durch ſein Spiel geweſen. Gülnare hingegen ſchien gänzlich aus aller Faſſung gekommen. Todtenbläſſe und Scharlachröthe wechſelten bei den erſten Klängen der Melodie auf ihrem Antlitze, ihr Auge durchflog mit unſäglicher Theilnahme, mit auffallender Neugierde die Züge ihres Gatten, jene trübe Elegie ſtand noch lesbarer an ihren Mundwinkeln; doch in Kürze wandte ſie ſich, den Kopf verneinend ſchüttelnd, wieder ab, der alte Widerwille ſpiegelte ſich in ihren Mienen, und wie in gern gehegte, aber nur ſelten auftauchende Gedanken verloren, barg ſie, —— 59 die Nähe des ſtaunenden Paſcha ganz vergeſſend, ihr ſchönes Haupt in beide Hände. „Was ſagſt du,“ ſprach gleichfalls überraſcht Leila, die Las⸗ caris eine ſchweſterliche Theilnahme zuzuwenden ſchien,„was ſagſt du zu dieſem neuen Talente deines liebenswürdigen Gatten? Iſt er nicht ein Tauſendkünſtler ſondergleichen, ein wahrer Vogel Phönix?!“ „Es gibt keinen Phönix mehr,“ entgegnete Gülnare ſeltſam lächelnd,„dieſer Wundervogel exiſtirt nur im Reich der Fabel, und flattert er auch wirklich über die Erde, ſo verjüngt er ſich nicht mehr, wenn er alt und welk geworden.“ „Das iſt keine Antwort auf Leila's Frage,“ meinte Juſſuw, „man wollte wiſſen, welchen Eindruck—— „Das Spiel deines Gatten,“ fiel die Tochter des Defterdar lauerd ein,„auf deine Seele machte?“ „Es mahnte mich,“ murmelte die Roſe von Serajevo halb⸗ laut,„an den Schrei der Mandragora, wenn man dieſe Zauber⸗ wurzel aus der Erde ſchaufelt oder aus dem Grabe eines auf dem Hochgerichte geſtorbenen armen Sünders zieht. Wie manche Leute behaupten wollen, ſoll man darüber wahnſinnig werden können, oder wohl gar ſterben müſſen.“ Leila blickte die Buſenfreundin verwundert an. „Mandragora,“ frug ganz verdutzt der Paſcha, der das Wort Zauberwurzel überhört hatte, an deſſen beſchränktem Horizonte derlei fremdartige Dinge ſelten oder nie zu erſcheinen pflegten,„Mandra⸗ gora, was ſoll das bedeuten 9* „Es ſtammt aus einer halbverſchollenen Sprache,“ erklärte Leila boshaft,„und iſt ein zuſammengeſetztes Wort; Mandra heißt Eiche, Gora bedeutet hingegen Schimmelhengſt.“ Dieſe boshafte Erklärung war eigentlich eine heilloſe Umſchrei⸗ bung von Gülnaren's bekanntem Witzworte über die Leidenſchaft, die Juſſuw für ſie hegte; Leila getraute ſich nämlich, einem Paſcha von drei Roßſchweifen, dem reichſten Statthalter in der Türkei, gegenüber, nicht geradezu mit dem Beinamen oder Epithat„Roß aus Holz“ herauszuplatzen, und wählte dafür den ſprachlichen Um⸗ weg: Eiche und Schimmel. Zu ihrem Glücke verſtand Juſſuw in ſeinem unbeholfenen Geiſte den boshaften Scherz auch wirklich nicht ganz, fühlte jedoch, daß er etwas Albernes habe vom Stapel laufen laſſen, und daß man ſich deshalb über ihn luſtig machen wolle. Die Röthe des Zornes überflog ſein Antlitz. Eine zweifelsohne derbe 60 Antwort ſchien auf ſeinen Lippen zu ſchweben; Gülnare, die aus ihren Träumen erwachte, ſchnitt ihm aber die unhöfliche Rede mit den Worten ab: „Nein, jenes Wort bedeutet auf gut kroatiſch nichts weiter als: Sbogom!“— Gottbefohlen— Damit nickte ſie freundlich zum Abſchiede und machte Miene den Saal zu verlaſſen, willens, ſich in die Frauengemächer zurück— zuziehen. Juſſuw, ergrimmt über den unerwarteten Scheidegruß, noch erbittert über Leila's früheren Verſuch ihn zu hänſeln, ſah zwar ein, daß es Zeit ſei, zum Rückzuge zu blaſen, beſchloß aber, denſelben ehrenvoll, das iſt, mit klingendem Spiele, flatternden Fahnen und brennender Lunte anzutreten, zudem wie die alten Par⸗ ther, dieſes den Türken vermuthlich ſtammverwandte Reitervolk, noch im Fliehen zu fechten, und wo möglich auch zu verwunden. Die bekannte Abneigung der weißen Roſe gegen ihren apathiſchen Braut werber Lascaris, der ruhig an der andern Ecke des Saales mit einem der Gäſte plauderte, lieferte dem Paſcha auch ein ganz vor⸗ treffliches, raſch wirkendes Gift für den letzten Pfeil, den er ſcheidend abzuſchießen eilte. „Mandragora?“ ſprach er mit höhniſcher Betonung,„jeden⸗ falls iſt es ein ſchönes, prachtvoll lautendes Wort, und ich würde rathen, den jüngſten Nachkommen des alten Fürſten Nemagna, kurz den künftigen Erſtgebornen Gülnaren's alſo zu taufen.“ Mit dieſer echt türkiſchen Impertinenz verließ Juſſuw den Saal. „Der Mann iſt gallig geworden,“ flüſterte Leila und wendete ſich herzlich lachend zu ihrer Freundin. Herr des Himmels wie geiſterbleich ſah auf einmal Gülnare! „Was haſt du?“ frug die Tochter des Defterdar. „Mein Erſtgeborner,“ murmelte Gülnare, die Frage gar nicht beachtend, faſt unhörbar vor ſich hin,„mein Erſtgeborner?! Dafün gibt es im ſchlimmſten Falle, Gott ſei Dank, noch ein verläßliches Mittel. Was braucht es da einen zürnenden Vater wie Nemagna! Einen Dolch kann auch eine weibliche Hand tüchtig genug ſchwin⸗ gen, um zwei Augen erlöſchen zu machen, auf daß die Sonne keine Schweſtern mehr habe!“ Man kann ſich leicht denken, in welcher galligen Stimmung der Paſcha von hinnen ritt. Die ganze Hochzeitsfeier zog noch ein⸗ mal, wie auf ſpitzigen, ſcharfgeſchliffenen Dolchklingen einherſchrei⸗ ———————— — 8. 5— 61 tend, durch ſeine tödtlich verwundete, hochmüthige Seele, und wenn er an die Dinge dachte, die nunmehr in dem Schloſſe Riswans kommen mußten, ſobald die Lampen und Fackeln alle erloſchen wa⸗ ren, ſo fiel es wie Scheidewaſſer in die Narben und Riſſe ſeines Herzens, und ein grimmiger Schmerz machte ſein Blut ſo ſiedend aufwallen, daß es die Adern zu zerſprengen drohte. Der letztere Gedanke reichte auch vollkommen aus, um einen eiferſüchtigen Orientalen raſend zu machen. Juſſuw gab ſeinem Hengſte die Spo⸗ ren, daß es fleiſchte und das gepeinigte Thier mit zerriſſenen Weichen in klafterlangen Sätzen dahinbrauſte. Die Eskorte vermochte dem Paſcha kaum zu folgen. Zudem war ein trüber Abend auf den heitern für die junge Frühlingszeit faſt zu warmen Nachmittag gefolgt. Düſteres Wetter ſtimmt die Seele, falls ſie ohnehin trauert, noch wilder, noch men⸗ ſchenfeindlicher. Auch hatte ſich ein unfreundlicher Wind erhoben und wehte ſo ſtürmiſch, als wolle er die Flammen im Gemüthe Juſſuw's in einem unlöſchbaren Brand gegen den Himmel aufſchlagen machen. Für gährenden Zorn, zumal in einer Seele, die ihren Leidenſchaften ungehindert den Zügel ſchließen laſſen darf, iſt ferner nichts ſchlim— mer und unerträglicher als der gänzliche Mangel an Gelegenheit, in werkthätige gewaltſame Wuth ausbrechen zu können. Eine Pul⸗ vermine, die keinen Widerſtand findet, alſo auch nichts in die Luft zu ſprengen hat! Juſſuw hätte vor Ingrimm weinen mögen wie ein boshaftes Kind, dem Alles ſeinen Willen läßt. Kein Steigbügel wollte aus den Riemen reißen, kein Gurt gab nach, die Zäumung war tadellos, der Sattel ſaß feſt auf dem Rücken des Hengſtes, als ſei das ſchnaubende Thier mit ihm zur Welt gekommen. Der ſtür⸗ miſche Nitt ging ohne das geringſte Hemmniß vor ſich. So kam man nach Serajevo. Aus einem der letzten unanſehnlichen Häuſer, die man bei uns zu Lande, wenigſtens in einer Hauptſtadt, ohne Weiteres Hütten nennen würde, ſcholl trotz der ſpäten Abendſtunde der Klang der Gusla und manches luſtige Lied. Waſſer auf die Mühle des Paſcha! „Wer wohnt hier?“ frug Juſſuw ſein Pferd verhaltend. „Der arme Kürſchner,“ antwortete der Kolugaſi oder Kapitain der Eskorte. „Was hat der Chriſtenhund vor? Er ſcheint ein Feſt zu feiern?“ „So iſt es, Abglanz des Schatten Gottes,“ antwortete der 62 Kolugaſi dienſtbefliſſen,„das blindgeborne Töchterlein des Kürſch⸗ ners, Patila geheißen, erhielt heute das Licht der Augen wieder. Ein geſchickter Giaur, aus Kragujevatz verſchrieben, hat dem Kinde dazu verholfen.“ „Ha, ich erinnere mich auf dieſe Geſchichte!“ Nach dieſen Worten rief der Paſcha einen der Reiter herbei und flüſterte ihm ein paar Worte in die Ohren. Der Reiter ſprengte wie beſeſſen nach der Hauptſtadt. Er ſchien nach ſeiner Eile einen wichtigen, keinen Aufſchub duldenden Auftrag erhalten zu haben. „Kolugaſi!“ herrſchte Juſſuw. „Hier bin ich, Stolz der Rechtgläubigen!“ „Laß vier bis fünf Reiter abſitzen und begib dich dann in das Haus des armſeligen Wichtes. Bringe den Kürſchner wie ſein Töch⸗ terlein zur Stunde nach Serajevo vor mein Angeſicht. Ich will dieſe Glücklichen ſprechen.“ „Dein Wille iſt Gebot in Stein gehauen!“ „Noch Eines! Sei fein artig. Den Leuten darf durchaus kein Leid geſchehen. Ich bin gut aufgelegt, Sie haben nicht zu zittern.“ Damit ritt der Paſcha in einem mäßigen, kurzen Galopp nach der Hauptſtadt. „Er iſt gut aufgelegt,“ murmelte der Kapitän der Eskorte be⸗ denklich vor ſich hin,„das wird eine ſaubere Unterhaltung abgeben.“ Damit ſchickte er ſich an, den Befehl ſeines Gebieters zu vollziehen. Das Serail oder der Palaſt, den Mahomed der Zweite er⸗ bauen ließ, war das Abſteigequartier des Paſcha von Travnik für die Dauer ſeines jeweiligen Aufenthaltes in der Hauptſtadt von Bosnien. Die Pracht und der Glanz, welche früher in dieſen Räu— men geherrſcht haben ſollten, gehörten, wie die Furcht vor der Un⸗ beſiegbarkeit des Halbmondes, in die halbverſchollene Türkenzeit. Wir betreten ein Gemach, zwar geräumig, aber eben nicht ſehr hoch, deſſen Fenſter nach der Richtung gingen, in welcher das Bergſchloß Riswan's gelegen. Ein Sporn mehr für den ſtillen Ingrimm Juſ⸗ ſuw's. Das erwähnte Gemach, aller Möbel entblößt, wie wir eine ſolche Räumlichkeit bereits bei einer andern Gelegenheit beſchrieben, ward von einer braunen Holzdecke von alterthümlichem Schnitzwerk bedeutend gedrückt, und an ſeinem Umfange durch eine Reihe ziem⸗ lich zierlicher Wandſchränke zur Linken des Einganges noch mehr geſchmälert. Auch hier lagen unter einem Geſtelle, das den dritten 63 Theil der Stube einnahm, ſeidene Decken ausgebreitet, auf welchem ſich ein rother breiter Sammtpolſter elaſtiſch wiegte. Ober dieſem Polſter prangte der Namenszug des Sultans in einer ſchwarzen Rahme, und auf einem Wandgeſtelle lag der Koran in Folio. Die Wände waren mit Waffen aller Art, faſt jedes Stück von beſonderer Schönheit, behangen. Schöne perſiſche Teppiche, türkiſche Shawls, andere Gewebe von hohem Werthe lagen, für den Reichthum des Eigenthümers zeugend, in bunter Unordnung ringsumher. Juſſuw hatte auf dem rothen Sammtpolſter mit gekreuzten Beinen Platz genommen und ſchmauchte ſcheinbar behaglich aus einem koſtbaren Cſibuk, nur aus den Augen blitzte zuweilen ein Dämon, und die Naſenflügel hoben ſich faſt ſichtbar, wie die Schnauze eines Tigers, der Blut wittert und verkoſten will. Der Kolugaſi brachte die unfreiwilligen Gäſte. Der arme Kürſchner, in die gewöhnliche Landestracht gehüllt, zitterte vor Angſt an allen Gliedern, gefaßter zeigte ſich ſein Töch— terlein Patila, wie es gerade den ſchwächlichſen und gebrechlichſten Naturen eigen, eben weil ſie bereits viel gelitten haben und daher mit dem Schmerze, ſo zu ſagen, längſt befreundet oder doch wenig⸗ ſtens vertraut geworden ſind. Die Kleine war bis auf die dreifärbige Schürze in weiße Linnen gehüllt, ein gleiches Gewebe bedeckte in der Form eines Nonnenſchleiers ihr Haupt und hing rückwärts bis faſt an die Hüften hernieder. Bringt man hiezu die ſchwarze Binde, die ihre noch lichtſcheuen Augen verhüllte, wie ihr bleiches Antlitz in Betracht, ſo glich die Aermſte faſt einem Klageengel, der an dem Grabe der altbosniſchen Herrlichkeit trauert, und in Wehmuth um das unglückliche Land nichts weiter ſehen will von der übrigen wei⸗ ten Erde. Dazu kam noch das Halbdunkel, das in dem Gemache herrſchte, da es blos von einer einzigen Ampel erleuchtet wurde. „Giaur,“ begann der Paſcha mit ziemlich mildem Tone,„weißt du, weshalb ich dich rufen ließ?“ Der Alte beugte ſein Knie und ſchüttelte in Demuth vernei⸗ nend ſein Haupt. „Ich möchte die Geſchichte,“ fuhr Juſſuw fort,„wie dein Töchterlein ſehend wurde, aus deinem eigenen Munde erfahren.“ Der arme Kürſchner ſtutzte, eine unheimliche Ahnung zog durch ſein bekümmertes Gemüth, doch ſuchte er ſich ſo raſch wie möglich zu faſſen, und erzählte dann, was unſere Leſer bereits wiſſen, der Wahrheit getreu, nur daß er ſich weislich hütete, den Namen Vuk 64 einfließen zu laſſen, ein Name, der, wie er wohl fühlte, den Ohren des Paſcha nichts weniger als angenehm klingen konnte. „Und was mußteſt du,“ verhörte der Muſchir weiter,„dem britiſchen Wundermann bezahlen?“ Der Alte nannte erbleichend die Zahl der geforderten Beutel. „Eine namhafte Summe! Ich hätte nicht geglaubt, daß ſie ein armer Kürſchner verausgaben könne!“ „Man hat ſie mir vorgeſtreckt,“ lautete die zaghafte Antwort. „Vorgeſtreckt? Geſchenkt, willſt du ſagen! Ich weiß Alles! Sprich die Wahrheit Chriſtenhund, oder ich laſſe dir eine Baſtonade verabreichen, daß du Zeit deines Lebens wie eine Schlange herum kriechen ſollſt, ungläubiger Schurke!“ Alſo gepreßt blieb dem armen Manne nichts übrig, als ſeine Geſchichte zu ergänzen. „Und du wagteſt es,“ rief der Paſcha aufſpringend, mit einer Donnerſtimme,„Gold aus den Händen eines Schuftes anzunehmen, der ſich gegen den Halbmond auflehnte und die Fahne des Profeten zu beſudeln gelobte?!“ „Erbarmen Herr, ich habe nichts verbrochen!“ „Erbarmen mit lebendigem Aaſe? Verbrochen? Genug Ver⸗ brechen, daß ihr Hunde lebt! Doch Geduld, nur Geduld, nur genü⸗ gende Aufklärung über gewiſſe räthſelhafte Worte aus Stambul, dann ſollt ihr Juſſuw Paſcha kennen lernen, dann ſoll ein trockener thränenloſer Blick für alle Zeit zum Märchen werden im Auge eines bosniſchen Chriſten! Genug hievon! Für jetzt empfange den ver⸗ dienten Lohn für deinen ſchamloſen Verkehr mit einem zum Tode reifen Hochverräther!“ Damit klatſchte der Paſcha in die Hände. Patila umklammerte mit einem Angſtrufe ihren betagten Vater. Die Kleine glaubte, gleich jetzt müſſe der Henker erſcheinen und ihr das geliebte graue Haupt ihres Erzeugers zu Füßen legen. Es ſollte jedoch noch weit grauſamer kommen. Sklaven ſtürmten in zahlreicher Menge herbei, und jeder von ihnen trug eine luſtig flammende Pechfackel. Das Gemach war im nächſten Augenblick mehr als tageshell, ja ſo grell beleuchtet, daß die weiland Blindgeborne unwillkürlich, auch ſehr ängſtlich nach der Binde griff, die ihre noch lichtſcheuen Augen ver⸗ hüllte; aber faſt gleichzeitig ſprang der Paſcha an ſie heran, riß ihr dieſe Binde gewaltſam, teufliſch grauſam herunter, und hielt dann ihre beiden Händchen in ſeinen ſtarken Fäuſten wie in eiſernen 65 Klammern gefeſſelt. Der verzweifelnde Vater wurde von mehren Sklaven gehalten. Patila ſtieß einen weithingellenden Schrei unſäglichen Schmer zes aus. Der Leſer wird wohl wiſſen, was nunmehr folgen mußte? Unheilbare, gänzliche Erblindung! Auseiterung beider Augen! „So ſoll jedes Licht für alle Ewigkeit erlöſchen, das die Hand eines Chriſtenhundes zu entzünden wagt!“ Mit dieſem Rufe ſtürzte der Paſcha aus dem Gemache. „Ich bin ſo traurig,“ murmelte der Kürſchner, daß der grünſte Wachholder verdorren müßte, wenn ich mich hinter ihm verſteckte!“ Dieſes im höchſten Jammer übliche Sprichwort der Südſlaven lautet: Zalostan sam da, ako se za zelen borovic skrijem, se zelen posusi. Und die Blinde? Dieſe ſeufzte nur leiſe: „Patila, Patila!“ Armes unglückſeliges Kindlein, ja wohl biſt du Eine, die ge⸗ litten hat! Der Paſcha unterhielt ſich. Der Montenegriner. 5 Viertes Capitel. Eine ſeltſame Brautnacht. Die Nacht war hereingebrochen, finſter und unheimlich wie ein todtbringendes Geheimniß, ſchwarze Regenwolken bedeckten den Himmel, und fern in Oſten heulte zuweilen der Sturm auf, als der raſtloſe, pfeilſchnelle Bote und Vorläufer einer entſetzlichen That. Zuweilen ſielen ſchwere Tropfen zur Erde gleich Thränen, welche man zu lange verhielt, und durch die Bäume und das Buſchwerk im Schloßgarten rauſchte die Luft wie Seufzer eines Herzens, mit deſſen Blödigkeit Verführung ſpielt. Die Gäſte hatten ſich ſeit Lan gem entfernt und tiefe Stille herrſchte in der alten Herrenburg, dieſem letzten Bollwerk des Kreuzes in Bosnien. Treten wir in das prachtvolle Brautgemach! Die Decke war geſchmackvoll gemalt— ein Stück Kunſtleiſtung aus neuerer Zeit— und wies Szenen und Bilder aus der ſüdſlavi ſchen Sagenzeit. Die Tapezierarbeit aus weißem Gaze, die ſchweres Geld gekoſtet haben mußte, reichte an den Wänden bis zur Fenſter brüſtung herab; das Tafelwerk, das rings um das Gemach lief und auch die erwähnten Fenſterbrüſtungen bedeckte, beſtand wie die Ge ſtelle der Armſtühle aus Ebenholz, allen Zierrathes entbehrend und eben durch ſeine Prunkloſigkeit einen behaglich ſchönen Anblick ge während. An dem pompöſen Portale von gleichem Holze wehten zwei rieſige Fahnen mit den illyriſchen Landesfarben. Blauer Sam met, oben von einer goldenen Krone zuſammengehalten, bildete die weiten myſtiſch wogenden Vorhänge des Brautpfühles. Auch das Polſterwerk der Stühle war von demſelben Stoffe und von gleicher Farbe. 67 Das koſtbarſte Stück mochte jedoch die Bedeckung der Dielen ſein. Es war echtrömiſche Moſaik, die vor mehr als zwanzig Jahren in der Nähe von Salona aufgefunden worden. Das Dorf Salona in Dalmatien ſteht nämlich auf den Ueberreſten der ehemaligen mäch⸗ tigen Stadt gleichen Namens, in welcher weiland der Römerkaiſer Diocletian, des Regierens müde, einzig der Muße lebte. Jene Moſaik beſtand eigentlich aus zwei verſchiedenen Stücken, welche in der Vorzeit wahrſcheinlich die Flur zweier römiſcher Bäder gebildet haben mochten. Die eine Moſait ſtellte das Urtheil des Paris vor. Venus, die reizende Liebesgöttin, in ein blau und weiß geſtreiftes Gewand gehüllt, ſchwingt ſieghaft den goldenen Apfel, ein maliciö⸗ ſes Lächeln ſpielt um ihre Lippen, während ihre Nebenbuhlerinen, die ochſenäugige Juno und die behelmte Minerva das finſtere Geſicht gedemüthigter Eitelkeit weiſen. Alle drei Figuren waren von meiſter⸗ hafter Arbeit und von herrlichem Farbenſpiel. Auf der andern Seite ſitzt Paris als Preisrichter mit der phrygiſchen Mütze, hart hinter ihm ſteht der Götterbote Merkur. Beide letztere Geſtalten waren jedoch beſchädigt und offenbar von weit geringerem Kunſtwerth; auch fehlte ein Stück vom Leibe des Merkur, das ſpäter von einer ungeſchickten Hand durch weiße Moſait erſetzt worden. Eine deutſame Flur für ein Brautgemach! Die zweite Moſaik ſchien weniger in eine Behauſung der Liebe zu taugen, ſie wies ja die Szene, wie Priamus den Achilles um die Leiche Hektors bittet. Merkur, kennbar durch ſeinen Stab wie durch ſeine Flügel, hat Priamus das Geleite gegeben. Die Geſtalt des Trojerkönigs, zu den Füßen des Achilles knieend, iſt ſchön entworfen und voll Ausdruck. Die Zeichnung des Merkur wie die Schatten gebung zählen Kunſtkenner zu den Meiſterſtücken der Vorzeit; nur wenige Antiken aus Rom und Pompeji beſitzen höheren Kunſtwerth. Das Haupt des griechiſchen Helden iſt mit Lorbern bekränzt. Leiden haben Kopf und Bruſt bedeutend gelitten; dagegen ſind die Farben noch erträglich wohl erhalten, obgleich auch hier der einſtige Glanz verloren ging. 3 Auf einem Armſtuhle, der gerade auf dieſer Moſaik ſtand, ſaß Gülnare, früher die Königin des Feſtes, jetzt ein Bild troſtloſer, aber majeſtätiſcher Entſagung. Ihr Antlitz wies wie am Altare auch nicht eines Liljenblattes Röthe, auf der Stirne aben lag unbeug ſamer Trotz und aus den Augen leuchtete e ine Wildheit, die alle ſonſtige Aehnlichkeit mit einer ſchmerzhaften Niobe Lügen ſtrafte, 5* 5 1 8 3 68 Leiſe Schritte wurden hörbar, Lascaris war durch eine geheime Seitenthüre in das Brautgemach getreten. Gülnare wies mit der Hand nach einem Stuhle, ohne jedoch aufzublicken, und begann dann mit Anfangs unſicherer bald aber feſt werdenden Stimme: „Ich habe Sie zu mir bitten laſſen, um unſere Rechnung ehe⸗ licher Zärtlichkeit ins Reine zu bringen.“ „Das heißt, dieſelbe auf Null herabzuſetzen,“ ſprach Lascaris ſich in einen Armſtuhl werfend. „Sie haben meine Hand erhalten,“ fuhr die Roſe von Sera⸗ jevo fort,„weil Sie nicht blos bei einer mir unbekannten Gelegen⸗ heit meinem Vater das Leben retteten, ſondern auch um ein gefähr⸗ liches Geheimniß wiſſen, deſſen Veröffentlichung den Hals des greiſen Riswan als Hochverräther an beiden Parteien mit der rothen ſeidenen Schnur in tödliche Berührung bringen würde.“ „So iſt es.“ „War dieſer Zwang eine ritterliche Handlung?“ „In unſerer Zeit reitet man auf den Bazar ſtatt in die Stechbahn.“ „Das will ſagen?“ „Es war keine Handlung, es war einfach ein Handel!“ „Und warum haben Sie dieſen ſchmachvollen Handel nicht ſchon weit früher geſchloſſen?“ „Früher gab es in Bosnien nichts zu gewinnen, nur zu ver⸗ lieren.“ „Erklären Sie ſich deutlicher! Eine innere Stimme, auf die ich wielleicht nicht hören ſollte, raunt mir unabläſſig in die Ohren, daß der tapfere Lascaris keiner gemeinen Geſinnung fähig iſt, nein, daß ein hochwichtiges Geheimniß ſeinem räthſelhaften Benehmen zu Grunde liegt.“ „Sehr ſchmeichelhaft für mich dieſe innere Stimme, um ſo mehr als ſie die reine Wahrheit ſpricht! Es gibt allerdings andere Beweggründe, die mich zu dieſem Schritte trieben, doch ſind ſie längſt zum öffentlichen Geheimniß geworden. Hören Sie mich ge— fälligſt an!“ „Ich höre!“ „Was hätte mich früher bewegen ſollen, nach Ihrer Hand zu geizen? Ihre Schönheit? Ihr Geiſt? Ihr Rang? Ihr Reichthum? Weibliche Schönheit und Geiſt? Entſchuldigen Sie gütigſt, wenn ich hier offen geſtehe, daß ich in dieſen beiden Punkten der Lehre ——:—O⏑—:—ꝛ—:·˖—õé— 69 des Islam huldige, und ein Muſelmann hat, wie Sie wiſſen, keinen Tempel, nur ein Serail für ſeine Liebe.“ Die Neugierde in Gülnaren's Blicken wich dem Ausdrucke eiſiger Verachtung. Lascaris lächelte boshaft, fuhr aber gelaſſen fort: „Ihr Rang? Er ging auch gegenwärtig nicht auf mich über. Ihr Reichthum? Ich verachte das Gold als Zweck, mir frommt es blos als Mittel, als Hebel der Allmacht. Lascaris beſitzt ſo viel, um ſein edelmänniſches Wappen makellos durch die Welt zu tragen, was galten ihm da alle Schätze der Erde, wären ſie auch mit der Hand einer Königstochter zu gewinnen geweſen?!“ „Und jetzt?“ „Jetzt geht ein neuer und doch uralter, bekannter Geiſt durch die ſüdſlaviſchen Lande! Mich haben die Symbole Kreuz und Halb⸗ mond auch nicht eine Minute getäuſcht, obgleich man ſie ſcheinheilig hier wie drüben im Munde zu führen pflegt. Ich glaubte auch nie, daß die bevorſtehende bosniſche Schilderhebung einzig gegen den muhamedaniſchen Adel im Lande gerichtet ſei, und daß man ſich mit dem dauernden Siege der türkiſchen Reformpartei begnügen werde. Nein, der Kampf entbrennt für die Selbſtſtändigkeit und Unab— hängigkeit der ſüdſlaviſchen Völker! Ich habe mein Geſchick an den Halbmond geknüpft. Er wird auf ſo manches hochrothes Schlacht— feld herabſchauen, wo die Standarte eines Seraskiers, die Beſtal⸗ lung als Großvezier, zu gewinnen, zu verdienen ſein dürfte.“ „Was brauchten Sie dann meine Hand?“ „Sehen Sie denn nicht, Sie die Malkontentin vom reinſten Vollblut, daß uns die Rajas geradezu über den Kopf zu wachſen drohen, daß ſie derſelbe Geiſt durchweht, der ſie in der älteſten Ver⸗ gangenheit wie einen Felsblock den römiſchen Schaaren entgegen⸗ ſchleuderte?! Er hat nur geſchlafen, der bosniſche Löwe, nun iſt er erwacht!“ „Was weiter?“ „Der bosniſche Löwe hat auch Schlangenblut in den Adern. Er konſpirirt gern. Man ſagt, dies ſei Gemeingut der ſüdlichen Volksſtämme. Wo aber könnte ich das Getriebe der Emeute beſſer belauſchen, als in dem einzigen chriſtlichen Herrenhauſe, darin der tauſendmal getäuſchte Raja keinen Verrath befürchtet?! Was ſchaarte die chriſtlichen Bosniafen dienſtwilliger zu meinen Füßen als der Name: Gatte der Urenkelin des altſerbiſchen Herrſcherhauſes 21 — O— 70 So harre ich wie die Spinne ruhig in meinem Gewebe, bis die Stunde ſchlägt, geeignet die Feinde des Halbmondes mit einem Zuge zu vernichten.“ „Und das wagen Sie mir ganz unumwunden zu geſtehen?“ „Sie ſehen wenigſtens, daß Gülnare mit keiner Schlange kopulirt wurde.“ Gülnare wollte eben antworten, da erdröhnte lautes, ängſt liches Lärmen in dem Hofe, und gleichzeitig wurde das Braut⸗ gemach, darin bisher einzig das milde Licht einer Ampel herrſchte, von rothem hellen Feuerſchein tageshell erleuchtet. Die Neuver⸗ mählten eilten in neugieriger Haſt zu dem nächſten Fenſter. Lascaris riß es ſtürmiſch auf und bog ſich weit über die Brüſtung hinaus. Es brannte zwar nicht innerhalb der Mauern, aber denn doch in der unmittelbaren Nähe des alten Bergſchloſſes, „Wo wüthet die Flamme?“ frug die weiße Roſe. „Es iſt nur eine leere Schafhürde,“ ſprach Lascaris zurück tretend,„die Dank des heftigen Windes luſtig abbrennt, aber die Waſſerſchläuche des Himmels werden ſich gleich öffnen, was ſehr wünſchenswerth, zumal bei dem ſchlechten Zuſtande unſerer Löſch anſtalten.“ Seine Profezeihung ging auch in wenigen Minuten in Erfül lung. Ein letztes, heftiges Aufheulen des Sturmes, dann ſtand das Feuer faſt lothrecht über der Hürde, und gleich darauf ergoß ſich den Regen in Strömen. Dies, wie die Mitwirkung kraftvoller Men ſchenhände, machte die Flammen allmählig erlöſchen, und bald herrſchte die alte Stille in der Umgebung des Schloſſes. „Ein trauriges Zwiſchenſpiel!“ meinte Gülnare, die bereits wieder in dem Armſtuhl lehnte. „Ihr Autor war zweifelsohne,“ bemerkte Lascaris das Fenſter ſchließend,„die abgeſchmackte bosniſche Sitte, bei jeder Feſtlichkeit Flinten und Piſtolen wie blind abzufeuern, als ob das Schießpulver keine weitere Beſtimmung habe, als nutzlos verpufft zu werden.“ Wir bemerken bei dieſer Gelegenheit, daß der rothe Hahn, wie man im Mittelalter Feuersbrünſte zu benamſen liebte, in Folge dieſes ſüdſlaviſchen Brauches ſchon manches ſchaurige Lied krähte, das ſonſt ungeſungen geblieben ſein dürfte. In der kroatiſchen Mi litärgrenze iſt deshalb das erwähnte Abfeuern von Schießgewehren jeder Art ſeit Langem ſtrengſtens verboten, ein Verbot, das bei Märkten und Verſammlungen auf den Raſtellplätzen oder in der V — 71 Nähe der Kontumazanſtalten dem jeweiligen dienſtthuenden Offizier manchen Schweißtropfen auf die Stirne lockt, da es unſägliche Mühe koſtet, der lärmenden abgeſchmackten Sitte zu ſteuern. Die eigenen Leute gehorchen wohl, aber die Bosniaken, die bei derlei im Freien improviſirten kleinen, aber demungeachtet meiſt ſehr zahlreich beſuchten Meſſen herüberkommen, und unter Aufſicht der Kontumaz⸗ beamten ihre Käufe und Verkäufe mit den diesſeitigen Unterthanen abſchließen, ſind oft ſehr ſchwer zur Achtung des Verbotes zu ver⸗ halten, und wenn ſie ſich auch dazu bequemen, ſo geht das blinde Plänklerfeuer erſt recht los, wenn dieſe trutzigen Nachbarn in be— trunkenem Zuſtande nach Hauſe kehren. Der Kordonsdienſt, der jedes Mal volle acht Tage währt, iſt überhaupt ſehr beſchwerlich, namentlich zur Zeit der griechiſchen Fa ſten, wo die ſtrenggläubigen orientaliſchen Chriſten, die in der Nach⸗ barſchaft der Cſardaken oder Wachthütten an der Grenze hauſen, ſelbſt ihren eigenen Offizieren auch nicht das Mindeſte an⸗Lebens mitteln verkaufen. Es heißt ſich daher, ſo oft man an den Kordon beordert wird, daheim wohl verproviantiren. Schwarzer Kaffee bildet einen Hauptbeſtandtheil der Nahrung der Offiziere am Kor don. Türkiſche Nachbarſchaft! Im Naſtell oder auf dem Haupt— mannspoſten des Oguliner dritten Grenzregimentes, Proſicheni Kamen benannt, hing weiland ein artiges Gedicht unter Glas und Rahmen, das die kleinen Leiden des Kordonsdienſtes beſchrieb und den ritterlichen Banus Baron Jellachich— damals Kapitänlieute nant— zum Verfaſſer hatte. Es ſchloß mit den Worten: Der traurigſte aller traurigen Namen, Es iſt und bleibt Proſicheni Kamen! Auch der Schreiber dieſer Geſchichte vertrieb ſich einmal auf dem Subalternoffizierspoſten Gavranichunka— am rechten Flügel des Oguliner Kordons bei Sadilovacz und Vaganacz gelegen— die heilloſe Langeweile durch Abfaſſung eines ähnlichen Gedichtes. Es war nach dem Muſter eines bekannten alten Liedes—„Die Welt ſcheint zur Freude gemacht, ich lache, du lachſt, er lacht!“— gefertigt und begann mit den Verſen:„Der Tag der Wache er ſcheint, ich weine, du weinſt, er weint“ Doch genug der Abſchweifung! „Und was bietet uns der Halbmond,“ nahm Gülnare den Faden des Geſpräches wieder auf,„falls wir ſeine treuen Bundes 341———y—— 2—— ———¼—y————ͤ— 72„ genoſſen oder richtiger geſagt, ſeine blindgehorſamen, vielgequälten Unterthanen verbleiben. Vielleicht Sklaventhum für Slaventhum?!“ „Nein, die Theilnahme an dem Glanz und die Macht eines neu auflebenden rieſigen Kaiſerthumes.“ „Neu auflebend? Mich bedünkt, es liege in den letzten Zügen! Zwei europäiſche Großmächte betrachten ſich wenigſtens ſchon als lachende Erben.“ „Es frägt ſich noch,“ bemerkte Lascaris,„ob England ſelbſt nach dem Tode Mehemed Ali's nicht Anſtand nehmen möchte, die ſcheinbar ſo glänzende Erbſchaft Egypten abzutreten. Es würde ſich dann am Nil eine rein europäiſche Niederlaſſung bilden, eine ge⸗ fährliche Nachbarſchaft für Oſtindien, die es in ein paar Jahrzehn⸗ ten möglich machen könnte, den Abfall der vereinigten nordamerika⸗ niſchen Staaten in einer aſiatiſchen Ausgabe oder Ueberſetzung erſcheinen zu laſſen. Was die andere Großmacht betrifft, ſo darf man nicht vergeſſen, daß Konſtantinopel der religiöspolitiſche Mittel⸗ punkt des griechiſchen Katholizismus iſt, wie Rom derjenige des lateiniſchen. Es gilt als Zaragrad, ais„die Kaiſerſtadt“ aller ſla⸗ viſchen Nationen. Der Beſitz von Stambul könnte ſohin den Schwerpunkt jener Großmacht verrücken. Die Türkei dürfte daher noch Zeit haben, ihre reichen Hilfsquellen zu entwickeln und zur politiſchen Kraft wie Bildung zu erſtarken.“ „Türkiſche Selbſtüberſchätzung!“ „Ich wollte, unſere Leute beſäßen einen Theil dieſer Selbſt⸗ überſchätzung! Sie iſt, war und bleibt die Mutter glorreicher Dinge!“ „Ich bewundere,“ ſprach Gülnare,„Ihr wahrhaft tiefes, mir rein unerklärliches politiſches Wiſſen, ja ſelbſt Ihre gewählte Sprache ſetzt mich in räthſelhaftes Staunen; doch iſt jetzt nicht Zeit darüber weiter nachzudenken, ich rathe Ihnen hier blos einfach, nicht zu ver— geſſen, daß eine junge Forſtanlage auch bei der ſorgfältigſten Pflege nicht über Nacht zu etwas Bedeutendem wird, nein, daß es faſt eines Jahrhunderts bedarf, ſoll ſie zu einem wirklich großarrigen Walde emporſchießen. So geht es auch mit dem politiſchen Gehölze. Mutter Slava beſitzt einen rieſigen Urwald, der türkiſche Forſt ſoll erſt geſchaffen werden. Der Südſlave hat nicht länger Zeit zu war⸗ ten und bleibt daher ein treuer Verbündeter der Völker, die bereits zur politiſchen Volljährigkeit gelangten.“ „Wir bleiben ſohin geſchworne Feinde?“ „Leider muß ich dieſe Frage bejahend beantworten! Ich danke —————— 73 gleichzeitig für Ihre Aufrichtigkeit und werde die Waffen, welche Sie mir ſo treuherzig überlieferten, ſo ſchonend als möglich zu Ihrem Verderben benützen.“ „Thun Sie Ihr Schlimmſtes, reizende Gegnerin, ich bin auf Alles gefaßt 14* „Was unſer eheliches Verhältniß betrifft————“ „So werde ich natürlich dies Gemach erſt dann betreten, wenn Sie mich rufen laſſen, alſo eigentlich: nie mehr wieder!“ Er ſtieß die letztern Worte ſchneidend, faſt ſchmerzlich heraus. „Schade,“ ſchloß er dann haſtig,„ſehr ſchade, daß ſich da haßt, was ſich innig lieben ſollte!“ Und mit einem artigen Gruße verließ er die weiße Roſe. Gülnare blickte in einer ſeltſamen Aufregung nach der gehei⸗ men Thüre, hinter welcher ihr Gatte verſchwunden. Er ſtand, räth⸗ ſelhaft genug, offenbar geiſtig weit höher, als ſie es von dem wilden Heißſporn vermuthet hatte. Auch ging ihr die Melodie, in welcher Lascaris ſein Lied während des Hochzeitsfeſtes geſungen hatte, und die ihr ſeit den fernen Tagen ihrer Kindheit wie ihres tiefgeheimen Jugendglückes faſt aus dem Gedächtniß gekommen war, nicht aus dem Kopfe. Endlich ſchlug ſie ein Kreuz, wie um böſe Gedanken zu verſcheuchen, und zog dann eine Art Medaillon aus ihrem Buſen⸗ ſchleier, das ſie zuerſt mit Küſſen bedeckte, ſpäter auch mit Thränen benetzte. Es war die Hälfte einer wundervollen, ihrer Zeit gleich⸗ falls in Salona aufgefundenen, leider in zwei Stücke gegangenen antiken Kamee, einer erhaben geſchliffenen Gemme— Gemma exculpta— welche den zauberhaften Traum des Endymion auf den Höhen von Lathmos vorſtellte. Obige Hälfte wies den ſchönen Schläfer. Wo aber befand ſich das zweite Stück mit der keuſchen Göttin der Nacht und ihrem Silbergeſpann? „Ja, wenn ich den Namen wüßte?!“ So frug ſich Gülnare oft ſelbſt. An den Eigenthümer der Kamee dachte ſie wohl oft noch in Wehmuth und wie wir geſehen haben, auch in bittern Zähren, aber ſeinen Namen, den ſie leider nur einmal vernommen, dieſen lieben Namen hatte ſie ſeit Jahren vergeſſen. Die weiße Roſe war eine blumige, eine tief poetiſche Menſchenſeele! Als Kind liebte ſie es, in den dichteſten Wald zu dringen, ſeltſame Geſpräche mit ſeinen Bäumen und Kräutern zu führen, oder wohl auch auf einer abgele⸗ genen Wieſe auf dem Rücken liegend ſtundenlang nach dem tief⸗ ————————. —— 74 blauen Himmel zu ſtarren und nach ſeinen ewigen Sternen. Ihr lebte der Strauch, die Blume war ihre Schweſter, und jede Stern— ſchnuppe, die leuchtend zur Tiefe ſchoß, galt ihr als der freundliche Gruß eines der Engel, mit denen ſie einſt geſpielt hatte, als ſie noch träumend, halb bewußtlos in der Wiege gelegen. An dem Bergbache weit hinter den letzten Bäumen des Gartens an dem alten Berg⸗ ſchloſſe lauſchte ſie oft ganze Abende ſeinem geheimnißvollen Rau⸗ ſchen, und„was die Wellen alle Weile ſagen möchten?“ Hart an dieſem Wildbache ſtarrten ſteile Felſenwände, hinter welchen, wie die klugen Leute meinten, die Wildniß der Gebirge be— ginne; die Kleine aber wußte das beſſer, und ſagte ſich oft im Stil⸗ len, wie dahinter das verlorne Paradies liegen müſſe, mit ſeinen nie welkenden Blumen, mit unſterblichen Nachtigallen und goldſtäm⸗ migen Zirgelbäumen. Vielleicht ſei auch dort und nicht im fernen Arabien, wie ihre alte Amme behaupte, die myſtiſche Stelle, wo der purpurne Vogel mit goldgeſtreiften Flügeln— Phönir heißt er— wenn ſein Gefieder ſchneeweiß geworden vor hohem Alter, aus ſel tenem Gewürze den duftigen Scheiterhaufen aufthürme und in Flammen dahinſterbe, die aber nur ſein Irdiſches abſtreifen, das Göttliche in ihm aber neu bekleiden mit den Farben der Jugend. Einſt kam ein verhängnißvoller Abend. Sie hatte am Morgen das Mährchen von dem Engel vernom men, welcher der heiligen Jungfrau Maria die Verheißung des Herrn überbrachte, und auf der Heimkehr aus Stolz über ſeine Bothſchaft der Sonne zu nahe flog, ſeine Fittige verbrannte und langſam zur Erde herab wirbelte. Sie hatte in Thränen der Erzäh lung gelauſcht, wie er ſich vor der ſündigen Nachbarſchaft der Men ſchenkinder in die Urgebirge flüchtete, durch Jahrhunderte demüthig Buße that, und erſt, als ſeine Flügel durch die Gnade der verzei— henden Gottheit auf's Neue zu wachſen begannen, wieder aufwärts ſchweben durfte in ſeine lichte, freudenvolle Heimath. So ſehr übrigens die Kleine den gefallenen Engel betrauerte und beweinte, ſo war ſie doch bitter böſe, daß er ſich von ſeinem Sturz erhoben, lang bevor ſie auf die Welt gekommen. Sie hätte ihn gerne heimgeſucht in ſeiner Einöde und gepflegt und getröſtet wie eine zärtliche Schweſter. In ſolche Gedanken verloren, ſchritt ſie an jenem verhängnißvollen Abend zu ihrem Lieblingsruheplatz an dem ſchäumenden Wildbach. Herr des Himmels, täuſchte ſie ihr 75 Auge oder war in Wahrheit an jenen ſteilen Felſenwänden ein ſchmaler Pfad abwärts in die Tiefe zu gewahren?! Das Blut wich aus ihren kleinen Wangen, der Athem ſcockte, und brennendes Verlangen wie geiſterhafte Scheu theilten ſich in das ungeſtüm aufpochende Herz. Ihre lauſchende Seele durchzogen die ſeligen Schauer vor dem Weihnachtsabend, da man ſich leiſe, gar leiſe frägt: wird er auch wirklich kommen, der weiße Chriſt mit ſeinen freundlichen Gaben, mit hellen Kerzen und grünen Tannen⸗ reiſern? Muthig trat ſie vor, und ſah, wie in der That ein abſchü— ßiger Weg durch die Felſen führe. Jenſeits ſchimmerte es wie zauberhaftes Licht. Es war aber nur die Abendröthe, die ſich in einem ſtillen Weiler an den entgegengeſetzten Klippen ſpie gelte, und die Trauerweiden verklärte, die ihre grünen Zweige wie ſehnſüchtig ausgebreitete Arme nach den ſilbernen Fluthen ausſtreckten. War dieſe einſame Strecke Erde wirklich das verſchollene Pa radies? Eine Unzahl von weißen und rothen Roſen nickten dem Mägd⸗ lein freundliche Grüße zu, als wollten ſie ſagen, es habe hier Nichts zu beſorgen, da es ſich mitten unter hundert nur etwas jüngern, deß halb auch kleinern Schweſtern befinde. Ein Wäldchen von Tannen rauſchte der Kleinen eben ſo traulich entgegen. Waren es ältere Brüderchen oder Spielgenoſſen aus dem Nachbarhauſe, zu dem man die Ruinen einer uralten Baute verwendet, die majeſtätiſch auf tauchte aus dem ſchweigſamen Gewäſſer? Im Dorngeſtrippe er zählte eine Nachtigall in ihrem ſchmerzhaft ſüßen Liede von der Schönheit und Herrlichkeit des Frühlings, wie von ſeinem früh zeitigen Tode, und über Alles goß der eben über den Bergen auf gehende Mond ſeine geiſterhaften Strahlen gleich einem verirrten Schimmer aus dem lichten Jenſeits. Das Kind ſtand wie bezaubert. Da erklang es von raſchen Schritten und aus dem nächſten Laubengange brach ein hochaufgeſchoſſener Knabe mit ſchönem ſchneeigen Geſichte und dunklen, ſeltſam gelockten Haaren; er trug ein weißes Gewand von altrömiſchem Schnitte, loſe um den Leib geworfen, antike Sandalen an den kleinen Füßen, und einen friſch gewundenen Roſenkranz in den Händen. Seine ſchwarzen, wie Kohlen funkelnden Augen hafteten ver⸗ wundert auf der kleinen Fremden. ——————— 76 Letztere ſank halb beklommen, halb freudig bewegt in die Knie und flüſterte andächtig: „Biſt du der Engel, der weiland mit der ſchönen Mutter Got⸗ tes geſprochen?“ „Engel gibt es nur im Himmel? Ich habe noch einen weiten Weg da hinauf, ich armer, verlaſſener Knabe!“ „Wie nennt man dich dann?“ frug ſich bereits muthiger er- hebend die Tochter Riswan's. „Nenne mich du! Sie ſagen, böſe Menſchen hätten meinen Namen geſtohlen!“ „Vom Herzen gern!“ „Und wenn du mich etwas lieb haben willſt, ſollſt du auch dieſen Kranz von Roſen tragen dürfen, heute und immer.“ Nach dieſen Worten drückte der Knabe das duftige Geſchenk in die Locken ſeiner neuen Freundin. Kinder werden bald vertraut, und ſo erfuhr die Fremde in Bälde, wie der Kleine hier ſeit Jahren in tiefer Einſamkeit lebe, und Niemand um ſich habe, als einen zahmen Bären und einen alten finſtern Mann, der ſchwarze Ge wande trage, und noch viel Schwärzeres zu erzählen wiſſe von der böſen Welt da draußen und ihren häßlichen Bewohnern. Am Sa bath jeder Woche entferne er ſich Abends und kehre erſt am nächſten Morgen wieder, meiſt noch trüber und grämlicher blickend als frü— her. Auch heute habe er ſich auf den Wandergang gemacht, und wahrſcheinlich den Stein vorzuſchieben vergeſſen, der den abſchüſ⸗ ſigen Pfad verdecke und ſo feſt in die Felswände ſchließe, daß bis— her noch kein ungeweihtes Auge den geheimen Durchgang zu ent— decken vermochte. An ſolchen Abenden ſolle ſich das Mägdlein unbe⸗ ſorgt am Wildbache einſtellen; er werde ihr leiſe die ſteinerne Pforte öffnen, da er das Hebelwerk, dem ſie gehorche, zu gebrauchen verſtehe. Darauf ging es an kindiſche Spiele. Mittlerweile war auch der zahme Bär, der gehorſame Callugu oder Eremit, wie ihn ſein junges Herrlein nannte, brummend her⸗ beigehumpelt, und ſtreckte ſich demüthig zu den Füßen der Kinder nieder. Der Knabe befahl ihm aber, ſich raſch zu erheben, hob dann ſeine kleine Braut, wie er die kleine Freundin bereits nannte, auf den zottigen Rücken des gewaltigen Thieres und hurtig ging es nun fort im luſtigen Trott durch die lachenden Fluren. Die Sterne ſtanden ſchon tief am Himmel, als ſich die Kinder ſelig, doch todt— 767 müde trennten. Der Knabe geleitete Gülnare bis an den Wildbach und ſchloß dann ſorgfältig die geheimnißvolle ſteinerne Pforte. Er war auch ſpäter nie zu bewegen, einen Schritt weiter in die verbo⸗ thene Welt zu wagen, wie er alles Land über den Felſen zu nen⸗ nen pflegte. Die weiße Roſe ward daheim tüchtig ausgeſcholten. Fackelträger hatten ſie überall, natürlich vergeblich geſucht, und waren ſo eben mit der traurigen Kunde heimgelangt zu dem verzagenden Vater. Die Kleine gab vor, ſich verirrt zu haben, und beſchloß in Zukunft ſchon am frühen Abend Schlaftrunkenheit zu heucheln, um alsbald in die Kiſſen gebracht zu werden und dann unbemerkt entwiſchen zu können. Am Sabbathtage der nächſten Woche ſtand ſie auch richtig vor dem Einbruche der Nacht an dem Bergbache, wo ſie der Knabe, von dem treuen Callugu begleitet, bereits ſehnſüchtig an den Fels⸗ wänden erwartete. Darauf erfolgten die alten kindiſchen Spiele. So vergingen viele ſelige, ach, wie ſelige Nächte! In der letzten dieſer Nächte war der ſeltſame Knabe bleicher als gewöhnlich. Er trug einen Kranz von weißen Noſen in den Haaren, in den dunklen Locken und ſah aus wie ein Kind, das eben ſterben will oder wie ein Engel, der mit einer Bothſchaft auf die rauhe Erde geſendet worden, aber nach Möglichkeit eilt, zurückzu— kehren in ſeine ſchöne unvergeßliche Heimath. Auch ſprach der blaße trübe Fremdling verworrene Dinge von einem zertrümmerten alten Reiche, von einer verſunkenen Kaiſerkrone, und wie der Fluch, der auf ihr hafte, übergehe auf die ſpäteſten Enkel eines vom Schickſal geächteten Geſchlechtes. „Haſt du,“ unterbrach er ſich plötzlich,„jene Sternſchnuppe am Himmel herabſchießen ſehen?“ „Wohl habe ich ſie bemerkt und freute mich hierüber, denn jede Schnuppe gilt mir als ein Gruß des Himmels!“ „Du irrſt dich groß! Sie ſagen, jene Erſcheinung bedeute einen böſen Geiſt, der zu den Thoren des Himmels ſchlich, um nach dem ewigen Lichte zu ſpähen, den aber die Wächter mit dem Flam⸗ menſchwerte gewahrten und zurückſchleuderten in die alte finſtere Tiefe der Hölle. Das Blitzen des Flammenſchwertes in der Hand des Cherub nennen aber die Menſchen irrig eine Stern⸗ ſchnuppe.“ „Wunderliche Sage!“ 78 Leider fürchte ich, daß auch an unſerm Paradieſe ein böſer Feind auf der Lauer liege.“ „Du erſchreckſt mich!“ „Ich hatte geſtern einen ſeltſamen Traum! Mir war, die Sab⸗ bathnacht ſei herangekommen. Ich ſtand deiner lieben Erſcheinung harrend an dem verſchwiegenen Pfade; da brüllte Callugu, der in den Gebüſchen umherſtöberte, plötzlich ſchmerzhaft auf und begann dann wie verendend zu ſtöhnen und zu winſeln. Plötzlich ergoß ſich aus Norden eine wild aufſchäumende Fluth, und überbrauſte zuerſt die blumigen Fluren, dann auch die ſtattlichen Wälder hart unter mir. Du aber warſt leider nirgens zu ſehen. Entſetzt wollte ich in das ſtille lachende Thal zurückeilen, aber auch dort hauſte die häß liche Zwietracht, die ſtarken Tannen entwurzelten die zitternden Weiden, und die rothen Roſen ſtürzten, mit Dolch und Fackel be⸗ wehrt, verheerend unter ihre weißen Geſchwiſter. Schwimmen hatte ich dort in dem kühlen Weiler ſeit langem gelernt, ſo ſtieß ich denn fopfüber in die ziſchende, kochende See, aber wie ich ſie berührte, ward all ihr Waſſer roth und roch nach friſch vergoßenem Blute, Schaudernd drohte ich zu ſinken, aber da ſah ich dich am fernen Geſtade mir zärtlich winken, und da kämpfte ich denn muthig wei ter, und ſchwamm, und griff aus wie ein gewaltiger Schwan. End⸗ lich, wenn auch mühſam, erreichte ich das bergende Ufer, aber da ich nach dir langte, flogſt du als ein Engel zum Himmel, und ich ſank ohnmächtig und verlaſſen nieder an dem Strand einer endloſen Wildniß.“ „Träume ſind Schäume!“ „Träume bedeuten die Zukunft! Eine innere Stimme ſagt mir, daß unſer ſüßes Glück zur Neige geht, denn ſieh, als ich am Morgen erwachte, war dieſe Gemme hier auf meiner Bruſt, das letzte Angebinde meiner ſterbenden Mutter, faſt in Trümmer gegan gen, in zwei Stücke zerſprungen. Wir wollen theilen! Mir bleibe die Göttin mit dem Silbergeſpann zur Erinnerung an dein liebes mondlichtes Antlitz, du aber bewahre den ſchlummernden Hirten knaben als Mahnung, daß du mein gedenken ſollſt in der Nacht der Trennung! Bewahre dies Andenken treu und zärtlich, es möge dich warnen in böſen Stunden irdiſcher Verſuchung, auf daß du, wenn wir uns einſt wiederſehen, nicht errötheſt vor Scham, und ich nicht kreideweiß werde vor Ingrimm und Kummer!“ Die Kinder ſchieden in jener Nacht in ſchauriger Aufregung. Die düſtre Ahnung des Knaben ward nur zu bald zur trauri gen Wahrheit. Als die Kleine ſich am nächſten Sabbathabend dem Wildbache näherte, hörte ſie unweit zwei Schüſſe fallen. In Todes angſt ſprang ſie vor. Um das Blut des Erlöſers willen, was war geſchehen? Da kniete der ſeltſame Knabe an der geheimen ſteiner nen Pforte, und zu ſeinen Füßen wand ſich in letzter Todesqual der treue Callugu, der gehorſame Bär. Das Kind erzählte unter Thränen, wie das treue Thier in dem Buſchwerke herumgeſchnobert habe, und plötzlich von zwei Ku⸗ geln von unſichtbarer, heimtückiſcher Hand abgeſendet, tödtlich ge⸗ troffen worden ſein müſſe, denn er hätte es Anfangs ſchmerzhaft aufbrüllen hören, dann habe es ſich winſelnd und ſtöhnend hieher geſchleppt, um wenigſtens zu den Füßen des geliebten Herrn zu ſterben, den es im Leben nicht länger betreuen könne. Rührend war es anzuſchauen, wie der arme Bär ſeine klugen Augen noch einmal wehmüthig nach dem Knaben aufſchlug, und deſſen kleine Händchen im letzten Röcheln zu lecken verſuchte. Schmerzlich weinten die Kinder. Da ſtürzte plötzlich ein alter finſterer Mann in ſchwarzen Ge wanden in ſtürmiſcher Haſt herbei. Sein Geſicht ward noch trüber, als er die kleine Gruppe, als er die offene Pforte gewahrte. Zür⸗ nend rief er Gülnaren zu: „Hinweg mit dir, Schlange! Es heißt aus dem Paradieſe ins Elend wandern! Komm— 5 Hier nannte der Alte den muthmaßlichen Namen des Knaben, den die Kleine damals deutlich vernahm, ohne ſich je wieder auf ihn beſinnen zu können. Die ſteinerne Pforte flog ins Schloß. In der nächſten Nacht wurden die Bewohner der Bergveſte durch Allarm ruf und Gewehrfeuer geweckt. Am Morgen hieß es, eine Räuber bande habe in den Gebirgen geplündert, doch wollten viele feſt be haupten, es ſeien nur wenige bosniſche Schnapphähne darunter geweſen, und die Mehrzahl habe aus regulären türkiſchen Truppen beſtanden. Als Gülnare ſpäter nach dem Wildbache eilte, waren die bergenden Steine zertrümmert, der geheime Durchgang lag offen, Tannen und Weiden bedeckten gefällt den Boden, die Blumen welk ten im Staube zertreten, und aus der alten Baute auf dem ſtillen Weiler lohte zuweilen eine geſpenſterhafte Flamme. Den einzigen Wächter der einſamen Klauſe, den treuen Callugu, hatte man ſchon am Abend zuvor getödtet. Was aus den beiden Siedlern geworden, 1 80 wußte Niemand zu ſagen. Sie waren todt oder geflüchtet. Von dem Knaben hieß es in ſpätern Tagen, er ſei der letzte von der männli⸗ chen einzig erbberechtigten Hauptlinie abſtammende Sproße aus dem Hauſe des fabelhaften altſerbiſchen Kaiſers Nemagna ge⸗ weſen. Jahre, viele Jahre vergingen, und das zarte Mädchen war längſt zur mannbaren herriſchen Jungfrau geworden. Die Roſe von Serajevo kannte und verachtete die Welt und die Menſchen, varum ſah ſie ſo ſtolz und gebieteriſch, und nur wenn ſie an das verſchollene Paradies hinter den Bergen gedachte, da zuckte und lag es um ihre Mundwinkel elegiſch wie ein Lied von unglücklicher Liebe. Viel hatte ſie erſtrebt, Großes hoffte ſie noch zu erringen, V aber das Glück ihrer Kindheit fand ſie nirgends mehr, und ſo oft ihr Auge plötzlich feucht geworden, dann wußte ſie auch, der fremde Knabe ſei bei ihr und frage ſie, ob ſie ſich noch erinnere an die Sage von der Sternſchnuppe, und ob ſich kein böſer Geiſt einge ſchlichen habe in ſeinen Himmel, in ihr zärtliches Herz?! Dann aber zog ſie leiſe die halbe Gemme hervor und ſprach nichts weiter, als: Ich liebe dich noch immer! Eine halbe Stunde mochte ſeit dem Scheidegruß des kriegeri ſchen Lascaris verfloſſen ſein, da hallten aufs Neue Schritte durch das Brautgemach, doch ſo leiſe, daß die Träumerin das unbedeu⸗ tende Geräuſch kaum achtete. Plötzlich aber frug eine dumpfe Stimme: „Thränen im Auge der kühnſten Tochter Bosnien's?!“ Erſchrocken fuhr die Angeſprochene empor, und ſah zu ihrem Entſetzen einen fremden klafterhohen Mann an dem Brautpfühl lehnen. Der Rieſe war in einen weißen Mantel gehüllt. Ein rother Vollbart umſchattete ſein geſchwärztes oder von einer Halblarve bedecktes Antlitz. „Wer ſeid Ihr? frug Gülnare mit unſicherer Stimme. „Ich bin der Vuk!“ „Wer hat Euch eingelaſſen?!“ Die Thore und Thüren in den bosniſchen Schlöſſern und Hüt ten ſpringen von ſelbſt aus dem Schloße, wenn ich mich nahe, Sie kennen meinen Schritt.“ „Und was wollt Ihr in dieſer ſpäten Stunde?“ „Euch zuerſt danken, daß Ihr den verrätheriſchen Worten jenes Renegaten Lascaris ſo tapfer Widerpart gehalten habt; auch 81 verſprach ich eine Bothſchaft zu beſorgen, die Euch durch lange Jahre ausgeblieben.“ „Eine Bothſchaft, die mir durch lange Jahre ausgeblieben?“ „So iſt es! Der kleine Deſche läßt Euch grüſſen!“ Der Accent liegt bei dieſem Namen auf der erſten Sylbe. Wäre die Welt in dieſem Augenblicke aus ihren Angeln gewi— chen, Gülnare hätte dies Getöſe, ja ſelbſt den Einſturz des Him— mels überhört. Deſche? So lautete ja der Name, den ſie zwar ein⸗ mal deutlich vernahm, auf den ſie ſich aber nie mehr beſinnen konnte im Leben. „Der kleine Deſche läßt mich grüßen?! Wer ſeid Ihr, Mann, vielleicht gar——“ „Was fällt Euch bei,“ fiel der Rothbart laut auflachend ein, „wie käme ich ungeſchlachtes Halbding von Jäger und Landmann in die geheiligte Blutsverwandtſchaft des unvergeßlichen Serben⸗ kaiſers?!“ „Doch wo iſt er, wo weilt er?“ „Lügen anders Sterne und Zeichen nicht, ſo wird er bald offen und ſieghaft das alte Banner ſeiner erlauchten Vorfahren ent⸗ falten! Doch Dank und Gruß ſind ausgerichtet und meine Wege die weiteſten. Gott mich Euch!“ In dieſem Augenblick erloſch die Ampel, welche das Braut⸗ gemach erleuchtete, deren Lampen aber ſeit längerm dunkler, immer dunkler brannten, wie durch einen Zauberſtreich. Es bedurfte ein paar Minuten Zeit, bis die Herrin in der tiefen Finſterniß ſo viel Beſonnenheit und Muth gewann, um zu dem Pfeilertiſch am Braut⸗ pfühle zu eilen, und eine der Kerzen ſeines Armleuchters zu ent⸗ zünden. Bald ward es wieder Licht in dem ſtillen Gemache. Ver⸗ geblich! Der ſeltſame Bothe, der zweifelsohne auch das Zwiege⸗ ſpräch zwiſchen Gülnare und Lascaris belauſcht haben mußte, war verſchwunden, ſpurlos, faſt geräuſchlos, wie er gekommen war. Eine ſeltſame Brautnacht! Der Montenegriner. 6 *. Fünftes Capitel. Vor und nach der Volksberathung. Am letzten Mai ſollte eine Art bosniſcher Landtag Statt haben. Während des Verlaufes des Blumenmonates ſprachen näm⸗ lich die chriſtlichen Bosniaken immer offener und lauter, wie es hoch an der Zeit ſei, daß der Hatticherif von Gülhane, dieſe tür⸗ kiſche Karte eine Wahrheit werde. Auch wollten ſie keine Sterbens⸗ ſylbe von dem unerträglich gewordenen Joch der Spahis wiſſen. Das ſlaviſche Sprichwort„ne'ma Turéina bes poturseniaka“— es gibt keinen Türken, das heißt, keinen Tyrannen, wo ſich nicht ein türkiſcher Chriſt findet— müſſe ſeine Geltung verlieren. Ihr Credo lautete: „Wir wollen ebenfalls ſchöne Wohnungen, reiche Kleider, hübſche Schnurbärte haben, ein Zierrath, worauf der Serbier ſo ſtolz iſt. Wir werden, wenn wir einem Muſelmanne auf der Reiſe begegnen, nicht mehr vom Pferde ſteigen und ihm den höhern Theil der Straße überlaſſen. Mag er ſelbſt bis an die Knie in Koth ver⸗ ſinken! Ja, wir verbleiben im Sattel, auch wenn der reiche Spahi dem armen Raja nicht zuruft:„Jaschi mora!“—„bleib zu Pferde, armer Teufel!“— Wir gedenken auch unſere Waffen nicht länger zum Zeichen der Achtung unter dem Mantel zu verbergen, wenn wir an einem Muhamedaner vorüberkommen, noch weniger tragen wir fürder Luſt zu entfliehen oder uns auf der Straße niederzuwer⸗ fen, um die Füße der vorüberſchreitenden Aga's zu küſſen!“ Man ſieht, die Lehre, der man in Montenegro lauſcht, hatte, von Vuk's Lippen gepredigt, bereits zahlreiche und muthige An⸗ 8³ hänger in Bosnien gefunden. Dieſe waren es, welche jene große Volksverſammlung oder Volksberathung auszuſchreiben wagten, die an dem obengenannten Tage in der Nähe des ehemaligen Sitzes der bosniſchen Könige, des Städtchens Jaitza am Verbasfluſſe ſtatt⸗ finden ſollte. Im Schlafzimmer Riswan's, der dasſelbe Unpäßlichkeits hal⸗ ber ſeit längerm nicht verlaſſen konnte, herrſchte am Vorabend des bedeutſamen Tages tiefe Stille. Es wurde daſelbſt das Spiel ge— trieben, das ein deutſcher Gelehrter eine halbe Wiſſenſchaft und der Araber noch bezeichnender Szend-renge, das iſt,„hundert Sorgen“ nennt, kurz das edle Schach. Ja wohl, Schach iſt ein edles Spiel, und wenn es keine ganze Wiſſenſchaft genannt werden darf, ſo kommt das daher, weil man ſeine Geheimniſſe nie auslernt. Man muß zum Schachſpieler geboren ſein wie zum Poeten. Durch emſiges Studium von Meiſterwerken, wie durch vieles Spielen mit Gegnern erſten Ranges bekommt man freilich eine gewiſſe Routine, einen raſcherern und ſicherern Ueberblick; hat man nun obendrein Geduld, jeden Zug eine kleine Viertelſtunde zu überlegen, ſo kann man ſogar einen Kampf mit einem wirklich großen Schachſpieler mit einiger Ehre beſtehen. Ich ſah dies in vielen Schachklubbs, wie ſpäter bei dem großen Schachturniere in London. Da ſiegen oft eingeſchulte Zugkauer oder Schachpedanten über einen genialen Schachſpieler, der im angebornen Muß, geiſtvoll zu ſpielen, ihnen bei einem küh⸗ nen Zuge einen Vortheil bot. Dieſer Vortheil wird feſtgehalten, wie Satan eine ſündhafte Seele faßt, dann heißt es Figur um Figur tauſchen, Bauer für Bauer hingeben, bis die Uebermacht keinen Hinterhalt des Genies mehr zu fürchten hat, und das Matt unver⸗ meidlich heranſchreitet. Ja, wenn die Boa den ſchwarzbraunen afrikaniſchen Löwen einmal umſchlungen hat, dann nützt ſie nichts mehr, die ritterliche Gewandtheit des Wüſtenkönigs, aber die Boa bleibt demungeachtet ein häßliches Thier und der Löwe ſtärker als ſie! Dies gilt vorzüglich in der Türkei, wo, wie Vinzenz Grimm, eine Schachautorität— er ſchlug, mit Szén und Löwenthal in Peſt im Bunde, weiland den Pariſer Schachklubb aufs Haupt— aus Aleppo ſchrieb, die allgemeine Verſteinerung ſich auch bis auf das Schachſpiel erſtreckt, und der Pion oder Bauer keineswegs von Hauſe aus zwei Schritte wie bei uns, ſondern immer nur einen Schritt gehen darf, was natürlich das Gambit und alle Meiſterzüge dieſer genialen Spielart rein unmöglich macht. 6* — 84 Lascaris und Gülnare ſpielten nach Löwenmanier, der alte Herr war ſtark Boa. Darum gewann er mehr Parthien und hielt ſich für den Meiſter. Die Kinder hatten freilich eine andere Mei⸗ nung, behielten ſie aber weislich für ſich. Mitſammen ſpielten ſie nicht gern, denn wie wir wiſſen, mochten ſich beide nicht recht leiden. Demungeachtet mußten ſie oft eine Parthie des alten Kneſen— alſo heißen bosniſche Grundherren von fürſtlichem Beſitzthume— falls deſſen rheumatiſche Leiden zu heftig wurden oder ihn der Schlaf befiel, gegen ihre Neigung ausſpielen. Es war in einem ſolchen Falle faſt komiſch anzuſchauen, mit welchem Eifer Gülnare das Brett und die Figuren bewachte, um ja nur nicht gezwungen zu ſein, dem Feinde in das blitzende Auge zu blicken. Bei ihm war das an⸗ ders. Sein Blick ruhte oft ſo forſchend auf der blendend weißen Stirne ſeiner Gegnerin, als wollte er durch das Stirnbein durch ihre Gedanken errathen. Dabei vergaß er natürlich oft auf die Ver⸗ änderung in der Stellung der Steine, und ſein wirklich geniales Spiel würde ihn daher faſt in keiner Parthie vor einer entſchiedenen Niederlage bewahrt haben, hätte nicht auch die Roſe von Serajevo, wie bereits erwähnt, im Geſchmacke des ſchwarzbraunen afrikani⸗ ſchen Löwen geſpielt. So ſaßen ſie auch an jenem Vorabend lautlos am Schachbrett, ſie in das Spiel, er in ihre Gedanken verſunken. Selten wurde ein anderes Wort vernommen als Schach, dem ſpäter Matt, Patt oder Remiſe folgen ſollte. Der alte Herr ſchlummerte in ſeinem Armſtuhle. „Schach dem König!“ „Sie haben mich da in einen gefährlichen Hinterhalt gelockt, Lascaris, aber ich decke mit dem Springer oder Ritter.“ „Genommen! Schach!“ „Und ſpäter: Matt! Ich ſehe das kommen, aber beſagter mit Sturm genommener Ritter führt meine Gedanken zu etwas Wich⸗ tigerem, als zu einem aus blinder Hitze verlorenen Spiele. Ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade.“ „Nach Belieben!“ „Hören Sie mich an: Dieſer mein elfenbeinerner Ritter er⸗ innerte mich an einen lebendigen Ritter.“ „Und der wäre?“ „Sie ſind es ſelbſt, verehrter Gegner!“ „Was ſoll es mit mir?“ „Sie ſind zwar nicht mein Ritter, aber ſie gelten vor der Welt — 85 als mein Gatte und tragen daher die Farben unſeres Hauſes. Es wäre mir daher zur Ehre dieſes Wappens ſehr wünſchenswerth, wenn Sie den früher im Geſpräche mit meinem Vater geäußerten tollen Gedanken aufgeben möchten, bei der bevorſtehenden Volks⸗ berathung den Kämpen oder vielmehr den Redner des muſelmänni⸗ ſchen Halbmondes abgeben zu wollen.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß es meine Lebensaufgabe iſt, die Standarte des Profeten in dem widerſpenſtigen Bosnien aufzupflanzen. Sie ſoll auch in Jaitza triumphirend prangen, und müßte ich auch unſere eigenen Farben in den Staub treten.“ „Es war meine letzte Warnung! Selbſt unſere Nachbarn und Unterthanen murren bereits gegen Sie.“ Lascaris antwortete nicht, er ſtreckte ſich nur etwas und blickte auf ſeine herkuliſchen Glieder. „Halten Sie es wie Sie wollen,“ fuhr die Roſe von Serajevo fort,„unſere Pfade haben ſich einmal durchſchnitten, und ich habe Wege, die ſich kreuzten, oft genug geſehen, um zu wiſſen, daß der Abſtand dann immer größer wird und werden muß. Treten Sie unſere Farben immerhin in den Staub. Ein gewaltiger Kämpe wird ſie bald wieder erheben!“ „Doch nicht etwa der bäuriſche Vuk?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht!“ Gülnare erhob ſich majeſtätiſch, und ſchritt langſam aus dem Gemache. Sie ſchien mit jedem Schritte größer zu werden. Lascaris blickte ihr halb ſpöttiſch, halb wehmüthig lächelnd nach, und flüſterte dann in ſich hinein: „Die weiße Roſe iſt wirklich mehr Schwertlilie!“ Darauf verließ auch er die ſtille Erkerſtube. Riswan murmelte, aus dem Schlafe auffahrend, der wohl ſcheinbar geweſen ſein mochte: „Zwei unbeugſame Starrköpfe!“ Und Gülnare? Dieſe meinte: „Gott ſei Dank, diesmal hat mich jene wunderbare Aehnlich⸗ keit in ſeinen Blicken mit gewiſſen unvergeßlichen Augen, die mich früher ſo oft verwirrte, nicht geblendet! Gott ſei Lob, der kleine Deſche läßt mich grüßen!“ Der ſogenannte bosniſche Landtag oder die Volksberathung zu Jaitza ging zwar tumultuariſch, doch ohne Störung von Seite der Türken vorüber. Paſcha Juſſuw hatte zwar mittlerweile Auf⸗ ——— 86 klärung über die ſeltſame Nachſchrift aus Konſtantinopel erhalten; der Großvezier ſchrieb ihm nämlich geradezu, jenes Poſtſcriptum müſſe ein Blendwerk des chriſtlichen Teufels ſein, und er ſolle daher nur im Namen des Profeten mit ſcharfem Damaszener auf die Rajas einhauen, falls ſie ſich mit bewaffneter Hand regten: aber viel koſtbare Zeit war mittlerweile verloren gegangen, auch lagen die in Bosnien garniſonirenden regulären Truppen des Großherrn im Lande zerſtreut herum, meiſt durch viele Meilen Weges von ein⸗ ander getrennt; endlich konnte man ſich, Dank der Bemühungen Riswan's, Gülnaren's und ihrer Geſinnungsgenoſſen, auf den Sukkurs der Landwehrreiterei der Spahis nicht recht verlaſſen; ja es war Anfangs faſt zu befürchten, letztere würden am Ende wie anno 1831 ganz offen die längere Oberherrſchaft der Türken in Abrede ſtellen. Hatten doch mehre bosniſche Grundherren unum⸗ wunden erklärt, ſie würden bei dieſer Gelegenheit wieder Chriſten werden, wie ihre Voreltern ihres Vortheiles wegen Muhamedaner geworden waren. Waffengewalt ließ ſich daher vor der Hand durch⸗ aus nicht anwenden, zumal auch viele bis an die Zähne bewehrte Gäſte aus andern ſüdſlaviſchen Ländern, als Montenegriner und Serben, Morlaken und Albaneſen, zu dem Meeting heibeiſtrömten, handfeſte Leute, von denen man faſt mit Gewißheit vermuthen konnte, daß ſie im Falle türkiſchen Einſchreitens gemeinſame Sache mit den aufrühreriſchen chriſtlichen Bosniaken machen würden. Es hieß daher die reguläre Kriegsmacht ſammeln, die erbetene Ver⸗ ſtärkung aus den Donaufürſtenthümern, wie aus Epirus, Salonichi und Janina an ſich ziehen, die Spahis durch gleißende Verheißun⸗ gen zu gewinnen und dann im nächſten günſtigen Augenblicke unver⸗ muthet über die Aufſtändiſchen herzufallen und blutige Rache zu üben. Aus allen dieſen triftigen Gründen nahm die Volksberathung zu Jaitza ungeſtört ihren Verlauf, zumal da es ſchon ſeit Jahren üblich war— namentlich in Bulgarien— aus derlei Sobors oder ſlaviſchen Volksverſammlungen Deputationen an den Großherrn abzuſenden. Vuk ließ ſich dabei nicht blicken. Es hieß, er habe ſich nach Cſernagora oder Montenegro begeben, um ſeinen Verwandten, den Vladika, zur bewaffneten Theilnahme an der chriſtlichen Bewe⸗ gung in Bosnien zu bereden. Nach Andern ſuchte er die Bewohner der Herzogewina aufzuwiegeln. Der Beſchluß der mehrerwähnten Volksberathung fiel demun⸗ geachtet weit gemäßigter aus, als die geheimen Leiter der bosniſchen 87 Schilderhebung wie die Exaltados der weniger kirchlichen als na⸗ tionalen Partei gehofft hatten. Die Bosniaken waren noch nicht reif zu einem echt volksthümlichen Gedanken. Beſeitigung des Druckes von Seite der deſpotiſchen Spahis, Achtung vor ihrer Kirche und deren Gebräuche waren dermalen noch Alles, was die gereizten Chri⸗ ſten in Bosnien entſchieden zu fordern wagten; an eine Losreißung von der Türkei, an die Gründung eines ſelbſtſtändigen und unab⸗ hängigen ſüdſlaviſchen Reiches dachte unter Tauſenden kaum Einer dieſer in Knechtſchaft und Elend aufgewachſenen Nachkommen eines einſt mächtigen, von allen ſeinen Nachbarn gefürchteten Volkes. Man begnügte ſich daher, die Einführung der neuen Organi⸗ ſation oder des Tanzimat in Bosnien zu verlangen, wie ſie in dem am 3. November 1839 verkündigten, von uns bereits erwähnten Hatticherif von Gülhane enthalten. Dieſer Hatticherif enthält, wie geſagt, die Grundzüge, nach welchen der Neubau des osmaniſchen Reiches begonnen werden ſollte. Der Komplex der dadurch bedingten Adminiſtrativmaßregeln heißt Tanzimat-i-cheirie, nützliche Ord⸗ nung, oder kurzweg Tanzimat, Ordnung, und umfaßt alle Zweige der Staatsverwaltung, als Regierung, Verwaltung, Juſtiz und Wehrkraft, ſteht aber ſelbſt in unſeren Tagen noch weit entfernt von einer vollſtändigen Ausbildung. Die Hauptgrundzüge des Tanzimat ſind vollkommene Sicherheit des Lebens, der Ehre und des Ver⸗ mögens aller türkiſchen Unterthanen ohne Unterſchied des Glaubens⸗ bekenntniſſes, regelmäßige Vertheilung und Erhebung der Steuern, endlich auch regelmäßige Aushebung der Truppen. Die Bitte um Einführung dieſer geſetzmäßigen neuen Ordnung der Dinge in Bosnien ſollte mit Umgehung des partheiiſchen Pa⸗ ſchaliks zu Travnik durch eine eigene Deputation gleichzeitig mit der Verſicherung unverbrüchlicher Treue und Anhänglichkeit an die ge⸗ heiligte Perſon des Statthalters Gottes auf Erden unmittelbar dem Padiſchah zu Konſtantinopel zu Füßen gelegt werden. Die Schlau⸗ heit des Muſchirs wie die Ränke der muhamedaniſchen Grundherren vereitelten jedoch, wie wir ſpäter ſehen werden, dieſe ruhigen Vor⸗ gänge auf halb geſetzlichem Wege, was die Rajas drei Jahre früher für die türkiſche Regierung gethan, erſchien durch jene trügeriſchen Machinationen als gegen dieſe gerichtet, und die chriſtliche Bevöl⸗ kerung Bosniens war und iſt ſohin noch weit ſchlimmer daran als vor dreißig Jahren, wie die gegenwärtigen blutigen Schreckensſzenen in jenem unglücklichen Lande zur Genüge beweiſen. 88 8 Das Frühere erklärt die Unzahl grollender Mienen nach dem Aufbruche von dem mehrerwähnten Meeting. Ein alſo finſteres Geſicht zog auch der unſern Leſern bereits bekannte ehemalige Kourier Ali, welcher in neueſter Zeit als Kolugaſi eines regulären türkiſchen Reiterregimentes— gegenwärtig Dragoner genannt— in einer benachbarten Station hauſte, als er nach jener Volksbera⸗ thung auf ſeinem flinken Schimmel nach ſeinem gegenwärtigen Standquartiere ſprengte. Trotz ſeiner finſteren Stimmung konnte er jedoch ein verwundertes Lächeln nicht unterdrücken, denn auf einer Wieſe hart an den letzten Hütten eines, großen Theiles von Moor⸗ walachen bewohnten Dorfes, das er eben durchritten, drehte ſich ein Schwarm junger Burſche in einer Art fantaſtiſchen Tanzes, deſſen überſtürzte und ſeltſame Bewegungen, Sprünge, Geſten und Stel⸗ lungen lebhaft an das raſende Gelüſte Sankt Veit's, an den fana⸗ tiſchen lebendigen Kreiſel in Geſtalt eines türkiſchen Derwiſches oder eines ſonſtigen morgenländiſchen Fakir's, ja in derber Lächer⸗ lichkeit zuweilen faſt an die Drehkrankheit der Schafe erinnerten. Dieſer ſeltſame Tanz iſt eigentlich nur unter wirklichen Rumuni's heimiſch, während der Bewegungszeit, die alle Bande der Sitte und Zucht löſte, wagte er ſich jedoch auch unter die Morlaken. Sonder⸗ bar war es ferner, daß die männlichen Bewohner des Dorfes das wunderliche Schauſpiel mit einer Art religiöſen Ehrfurcht zu be⸗ trachten ſchienen, während die Weiber und Dirnen mit einem halb ſchelmiſchen, halb beſorgten Lächeln und mit einer etwas ängſtlichen Koketterie Lebensmittel und Getränke aller Art herbeiſchleppten. Der Tanz mochte bereits mehre Stunden gedauert haben, denn die Tänzer waren in Schweiß wie gebadet und manchem dieſer ſo rüſti⸗ gen und lungenkräftigen Burſchen hing die Zunge aus dem Munde wie einem Jagdhunde, den man über die Gebühr mit Laufen und Anſchlagen beläſtigte. Ali ließ ſprachlos vor Erſtaunen die Zügel auf den Hals ſei⸗ nes Schimmels fallen. „Was meint ein Rechtgläubiger zu dieſer Frohnarbeit der Giauren?““ Alſo frug plötzlich eine ſonore Stimme hinter ihm. Es war Lascaris, der Jaitza— weiland Valdaſus— aus Gründen, welche wir bald hören werden, ebenſo unzufrieden verlaſſen hatte und auf einem herrlichen Rappen turkomaniſcher Abkunft nach ſeinem Schloſſe ſprengte. * 89 „Das iſt ein Tanz von Gul's,“ entgegnete der Türke,„wie bei uns lebendige Vampyre heißen.“ „Es ſind auch: des Teufels Tänzer!“ „Die Tänzer des Sheitan?“ „So lautet der Name. Es handelt ſich hier um ein ganz eigen⸗ thümliches Gelübde der Bauernburſche. Eine Schaar junger Müſ ſiggänger verſchreibt ſich, wie ſie es taufen, dem Teufel auf die Dauer von drei, fünf oder ſieben Jahren— es muß eine ungerade Zahl ſein, ſonſt würde der Gottſeibeiuns den Kontrakt nicht eingehen— und verpflichtet ſich, wenige Stunden des Schlafes ausgenommen, die ganze Dienſtzeit über raſtlos zu tanzen; dafür hat der hölliſche Brotgeber verſchwenderiſch für Speiſe und Trank zu ſorgen, auch ſeine Burſche in den Augen der rüſtigen Dorfſchönheiten unwider⸗ ſtehlich, kurz zu ſogenannten Weibertödtern zu machen. Dieſe Sitte iſt eigentlich nur unter dem faulen und trägen Volke der Rumuni üblich, und ich begreife daher kaum, wie ſie unter die fleißigen und reinlichen Morlaken gerieth. Böſe Dünſte in der politiſchen Atmo⸗ ſphäre erzeugen faſt unglaubliche Narrheiten.“ „Ein verrückter Brauch!“ „Iſt der Kontrakt in Ordnung, ſo verlaſſen die luſtigen Va⸗— gabunden in ihrem feſtlichſten Anzuge ihr heimathliches Dorf und tanzen dann buchſtäblich durch das ganze Land. Ueberall werden ſie mit offenen Armen aufgenommen. Die Männer, froh eine Entſchul digung für ausgelaſſene Heiterkeit zu haben, die Weiber und Dir nen, in begehrlicher Angſt vor der bequemen Unwiderſtehlichkeit ver einen ſich alsbald, um die Tänzer des Satans nach Möglichkeit zu bewirthen, ſo daß es ganz erklärlich wird, warum ſich die männliche Dorfjugend ſo willig zum Sklaven eines ſo luſtigen Frohndienſtes hergibt.“ „Und holt der Sheitan ſchließlich ſeine Tänzer?“ „Man weiß von keinem ſolchen Beiſpiele. Im Gegentheile kehren die Burſche, wenn die Kontraktzeit um iſt, in ihren Geburts ort zurück, und geben ſich all ihr ſpäteres Leben lang als die ruhig⸗ ſten und ernſthafteſten Landleute.“ Der Tanz ging in Folge der allgemeinen Erſchöpfung zu Ende. „Nun kommt die Fütterung!“ bemerkte Lascaris ironiſch. So war es auch. Die Bauern des nahen Dorfes trugen die bosniſchen Leibgerichte herbei, als Kulia oder Kuwelian, eine aus dem Mehl von Mais oder Buchweizen bereitete und mit Milch oder 90 Fett vermiſchte Suppe, ferner Kaſcha oder Habergrütze, dann die Pita oder Tanka, dieſes eiförmige, ſehr kleine, unmittelbar vor dem Eſſen in irdenen Gefäßen oder auf gegoſſenen Platten gebackene Brod, endlich Schaffleiſch, das in freier Luft an hölzernen Spießen gebraten worden. Die Tänzer ließen ſich dazu den Wein und Zwetſchenbranntwein weidlich ſchmecken. Die Weiber kamen mit Waſſermelonen und Kürbiſſen, mit rothen und weißen Rüben her⸗ bei. Letztere ſind meiſt von ungeheuerem Umfange. Die Dirnen be⸗ ſorgten den Nachtiſch, der in Schafkäſe beſtand. Dazu kam friſche Milch. Bei den Rumuni's beſchließt man das Mahl mit dem köſt⸗ lichen Rahm der Büffelkühe. Dieſe Sahne iſt wirklich die Blume aller Milch, und nur wer ſolchen Rahm zu ſeinem Kaffee verkoſtet hat, darf ſagen, daß er wiſſe, was wahrer Café à la créème ſei. Die Sache iſt leicht zu beleuchten. Erſtlich ſchmeckt Büffelmilch weit vorzüglicher als jene der gewöhnlichen Kühe, auch wird ſie auf eine ganz eigenthümliche Weiſe bereitet. Die Büffelmilch wird nämlich in ein kleines dreifüßiges irdenes Gefäß gegoſſen, das„Cäbos“ heißt, und dann über Nacht über ein ſchwaches Feuer geſtellt. Steigt dann die Sahne allmählig an die Oberfläche und ballt ſich daſelbſt zu ſammen, ſo drückt man ſie mit einem Löffel vorſichtig nach einer Seite, ſo daß die leergewordene Fläche Raum für neuen Rahm bietet. Die alſo gewonnene Sahne wird dann von dem Feuer ent⸗ fernt, und am nächſten Morgen zur Stunde, da man ſie braucht, auf gewöhnliche Weiſe geſotten. Als die Fütterung, wie es wenigſtens Lascaris nannte, zu Ende war, machten ſich die Tänzer des Teufels an den zweiten Theil ihrer Rolle, der auf verliebtem Gebiete ſpielt, und falls er glän⸗ zend durchgeführt wird, die Stunden des Schlummers bedeutend zu ſchmälern pflegt. Es ſchien aber unter den männlichen Dorfbewoh⸗ nern einige Nachkommen des berühmten Mohren von Venedig zu geben, denn halblaute Flüche und Drohungen wurden hörbar, kurz es zeigten ſich alsbald alle jene Anzeichen, welche man bei einer Kirmeß als untrügliche Vorboten einertüchtigen Schlägerei betrachtet. „Machen wir, daß wir weiter kommen,“ ſprach Lascaris ſeinen Rappen in Galopp ſetzend,„denn es iſt ſchon oft der Fall geweſen, daß dieſe hölliſche Pantomime einen letzten Akt hatte, deſſen Kata⸗ ſtrophe in blutigen Köpfen und gebrochenen Hälſen beſtand!“ „Ein unheimliches Volk,“ meinte Ali im Weiterreiten,„ich wollte, ich wäre daheim in Stambul!“ —— 1— 91 „Ein verzeihlicher Wunſch!“ „Mir iſt, als wäre ich in die Märchen der tauſend und einen Nacht gerathen. Alle Berechnungen trügen hier zu Lande, es gibt in Bosnien keine vernünftige Schlußfolgerung mehr. Brachte da einen wahrhaft ſtrengen Befehl an Juſſuw in Travnik, denn unter vier Augen ſei es geſagt, die ſtrenggläubige Partei war nicht ſo kindiſch jenen Ferman ohne Duxchſicht über die Gebirge zu befördern, und was hat er trotz ſeiner eſſenheit gewirkt, genützt, gefruchtet, ja wie wurde der Wortlaut desſelben verſtanden und demgemäß ge⸗ handelt? Im entgegengeſetzten Sinne! Ich traute meinen Augen kaum, als ich in Jaitza wahrnehmen mußte, auf welchem vertrau lichen Fuße die Landwehrreiter und Rajas zu ſtehen ſcheinen.“ „Weiß Ali keine Sterbensſylbe von der verdammten Nach ſchrift?“ „Nachſchrift?“ „Wie in früheren Zeiten die Berichte auswärtiger Geſandten an ihren Hof oftmals ein geheimes Zeichen trugen, das da dem Eingeweihten beſagte, er habe gerade das Gegentheil des Inhaltes zu glauben; ſo ſoll ſich am untern Rande des überbrachten Ferman, wie mir wenigſtens mehre befreundete Aga's in Travnik einſtimmig vertrauten, ein Nachwort befunden haben, das die größte Nachſicht gegen die gedrückten chriſtlichen Bosniaken und ihre Klagen an empfahl.“ „Unmöglich! Ich habe den Ferman ſelbſt geleſen.“ „Die Abendländer haben eine ſeltſame Tinte, die erſt in einer gewiſſen Zeit lesbar wird. So etwas läßt ſich nachmachen.“ „Steht nicht! Das Papier ging durch die Hände von ſachver ſtändigen Spürhunden.“ „So müßte die Nachſchrift erſt auf bosniſchem Boden beigefügt worden ſein.“ „Doch wo und wann?“ „Die Antwort iſt die Sache des Kouriers!“ „Während des Ueberfalles der Räuber,“ ſprach Ali ſinnend, „kann dieſer Unterſchleif nicht ſtattgefunden haben, denn ich verwen— dete keinen Blick von meiner Reiſetaſche. Es müßte in dem ver⸗ wünſchten Khan zur Kobaſica während meines mehrſtündigen Schlafes geſchehen ſein. Ich erwachte auch Morgens betäubt, als ſei ich in einer langen Ohnmacht gelegen. Endlich roch es in der Stube ganz abſcheulich nach widerlichen Dämpfen.“ 92 „Dann war die Hand des Flüſterers dabei im Spiele!“ „Wer iſt der Flüſterer?“ „Ein alter Morlake Namens Abbas, ein Hexenmeiſter und Giftmiſcher, kurz ein Erzſchurke. Man nennt ihn ferner den Ein⸗ ſchläferer, auch ſaß der Gauner, wenn ich mich recht entſinne, an jenem Abend in der vorderen Schenkſtube.“ „Könnte ich dem alten Schelm doch an den Hals kommen!“ „Dort jener ſchmale Pfad führt de zu ſeiner abgelegenen unheimlichen Behauſung.“ „Tauſend Dank! Jetzt ſehe ich, daß es doch noch mancher Bosnier warm mit uns Türken meint. Ich hegte nämlich, offen ge⸗ ſtanden, den Verdacht, daß auch Lascaris auf beiden Schultern trage, denn ſeine Rede zu Jaitza, auf welche ſich alle Muſelmänner ſo innig freuten, beſaß doch nicht die geringſte Familienähnlichkeit mit den derben, überzeugenden Püffen, die er, wie alle Welt weiß, ſo überredend auszutheilen verſteht. Mir kam ſie wie ein Brandbrief vor, der vorſichtig in einen Selam gewickelt worden.“ „Man vergeſſe nicht, daß, als ich auf den Höhepunkt meiner Beredſamkeit gelangte und eben mit einem unwiderſtehlichen Janit⸗ ſcharenangriff gegen die Meuterer losbrechen wollte, ein ſolcher Heidenlärm entſtand, daß ſich der Trompetentuſch vor dem Einſturze der Mauern von Jericho davor als ſäuſelndes Geliſpel verſtecken mußte, und ich ſelbſt keines meiner Worte zu verſtehen mochte. Zu⸗ dem drängten ſich montenegriniſche Stänkerer ſo dicht an mich heran, daß man mich ſchwerlich lebendig aus ihrer Mitte herausgeholt hätte, falls ich nicht, Gott ſei Dank, ſelbſt kräftig genug geweſen wäre, den vorderſten Burſchen, einen halben Rieſen, mit der bloßen linken Hand in die Knie zu drücken, und ganz freundlich kirſchblau, ja halbtodt zu würgen. Wer ſteht mir dafür, daß die gereizten bos⸗ niſchen Schurken uns nicht nächſtens das alte Bergſchloß über dem Kopfe anzünden, was mir ſchon der Roſe von Serajevo willen nicht ſehr erwünſcht käme!“ „Ein Körnlein Wahrheit liegt in dieſen Worten! Demunge⸗ achtet will ich dem Flüſterer das Fell über die Ohren ziehen.“ „Glückliche Verrichtung!“ „Lascaris verläßt ſeinen türkiſchen Bruder?“ „Abbas iſt ja nur ein alter Schwächling! Auch möchte ich noch ein paar Nächte ruhig unter dem Dache meines Schwiegervaters ſchlafen.“ Die Reiter trennten ſich. 93 Lascaris ritt im kurzen Galopp dem Bergſchloſſe zu, Ali aber ſetzte ſeinen feindſeligen Ausflug auf dem ſchmalen Feldwege in ſtürmiſcher Haſt fort, als befürchte er, der morlakiſche Schwarz⸗ künſtler könne ſeinem Verfolger bei geringerer Eile auf einem Wun⸗ derteppich entfliehen, oder wohl gar auf dem bekannten perſiſchen Zauberpferde durch die Lüfte nach den höchſten Kuppen des Balkan flüchten. Der einſame Pfad, kaum für einen ſchmalen Bauernwagen oder für zwei Reiter breit genug, lief ungefähr eine ſchwache halbe Stunde ſchnellen Rittes durch Steinſchichten und Sandhügeln nach einem dichten Kaſtanienwald, der ſich hart vor einer ſteilen Felſen⸗ wand— aufgeſchoſſen als eine hohe, nur auf der vordern Seite ein Thor weiſende, natürliche Mauer— um ein altes ſteinernes Gebäude ſchloß, das gleichfalls an den Berg ſtieß, und wohl mit deſſen verborgenen Höhlen und Schluchten in geheimer Verbindung ſtehen mochte. Etwa dreitauſend Schritte vor dieſer einer reſtaurirten Nuine gleichenden Behauſung oder Granitklauſe des Einſchläferers begann der Hohlweg eine bedeutende Biegung, einen gewaltigen Kreisabſchnitt zu bilden, deſſen abſchneidende Linie den Saum oder die Grenze einer ungemein romantiſchen Au abgab, deren ſchwellen⸗ der Raſen, deren ſaftiges Grün, von tauſend Blumen durchwoben, an die ſchmucke Sage von dem Stück Himmel erinnerte, das weiland irgendwo durch Zufall oder Fügung des Himmels zur Erde gefallen. Hier beſaß der Hohlweg auch rechts keine Seitenwand. Ueberraſcht von dem Anblicke dieſes lachenden Paradieſes ver⸗ hielt der türkiſche Reiteroffizier unwillkürlich die Zügel ſeines wild⸗ ſchnaubenden und luſtig dahintanzenden Gaules. Sein Erſtaunen ſollte ſich noch bedeutend ſteigern. Hundert Singvögel ließen auf den nahen Bäumen wie in den ferneren Gebüſchen ihre lieblichen Wei— ſen ertönen, weiter oben im Walde ſchnarrten Nußhäher und Spechte, erhoben die Sperber ihr banges Kreiſchen vor dem edlen Falken, der ſich hoch über ihnen in den Lüften wiegte, in den bosniſchen Einöden noch immer zu Hauſe iſt und daſelbſt ſein ritterliches Ge— werbe für eigene Rechnung zu treiben fortfährt; auf den Aeſten der ſtolzen orientaliſchen Platanen, die zuweilen, wie man in Buyuk⸗ Dere ſieht, eine ungeheuere Größe erreichen, johlten ein paar Wildtauben in verbuhlten Klängen, kurz die Natur ſchien auf dieſem artigen Fleck Erde ein Konzert veranſtaltet zu haben, in das auch die Malibran der Baumwelt einſtimmte, die Slavulj nämlich, wie die Südſlaven die Nachtigall benennen. 94 Konzert? Nein, wir irrten! Es war eine ganze Oper, ein Gallatag der ſchönen Künſte, bei welchem natürlich das Ballet nicht fehlte. Und die Tänzerinen? Eben die früher erwähnten tauſend ſich raſtlos neigenden und bewegenden Blumen, da ſie nicht blos von zahlloſen Faltern koſend und tändelnd umgaukelt wurden, ſondern auch faſt zu leben ſchienen von einem Heere fleißiger und verliebter Bienen, deren zierlich ge⸗ ordnete Körbe eine doppelte Reihe oder Zeile von bedeutender Länge bildeten. Auch gab es eine Maſſe von wilden Thierchen dieſer Art, die in den benachbarten hohlen Bäumen hauſten, wie von ihren Feinden, den gewaltigen Hummeln und gefährlichen Weſpen, die, ſeltſam genug, zwar ordnungslos aber friedlich durcheinander ſchwärmten. Man ſieht, Abbas, der bekannte Bienenzähmer, war auch ein bedeutender, alſo wohlhabender Zeidler, wenn ihn auch das bosniſche Klima nicht ſo unterſtützte wie jenes im Banat, wo be⸗ kanntlich der ſüßeſte Honig in ganz Ungarn zu Hauſe iſt, und die walachiſchen Dörfler jährlich über fünfzigtauſend Stück kleiner Wachskerzen zu verkaufen pflegen. Zuhörer gab es vorderhand keinen als den überraſchten Rei⸗ ter, dafür aber eine reizende Königin des Feſtes. Es war Meliſſa — eigentlich ein griechiſcher Name, der gleichfalls eine Biene be⸗ deutet, ſlaviſch poela— die Enkelin des Flüſterers, ein blutjunges morlakiſches Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren, alſo ge⸗ rade in dem Alter, wo die Töchter ſüdſlaviſcher Race zu heirathen pflegen, ein verfrühter Eintritt in das heiße Gebiet ehelicher Zärt⸗ lichkeit, der es zur Genüge erklären dürfte, weshalb oft zwanzig⸗ jährige Südländerinen zu den verblühten, übertragenen Weibern zählen. Meliſſa war eine zierliche, anmuthige Geſtalt, die über die Erde mehr zu ſchweben als zu gehen ſchien, deren hübſches Antlitz ein Miniaturbild aller Lieblichkeit des Lenzes gab, ja deren feurige, nächtig dunkle Augen faſt zu dem Glauben vermochten, daß es auch ſchwarze Sonnen geben könne. Als eine ſeltſame Laune der Natur unter dieſem Himmelsſtriche wie unter dem morlakiſchen Volks⸗ ſtamme lag blondes, faſt goldenes Haar in die üblichen, bereits er⸗ wähnten zwei Flechten gewunden um den zierlichen Kopf, um die weiße Stirne. Wir fügen hier bei, daß faſt in jedem ſüdſlaviſchen Dorfe eine andere Art herrſcht, dieſe ſtereotypen Flechten zu ordnen, — ar . 4 95 ja daß jede Dirne in dieſer Beziehung einen ganz eigenthümlichen koketten Handgriff zu beſitzen ſcheint. Die Enkelin des verſchrienen Einſchläferers trug zwar dieſelbe Tracht wie ihre Landsmäninen, die wie wir wiſſen aus einem weißen, an dem Halſe wie an den Aermeln geſtickten Hemde, einer rothen Tuchmütze— bei Weibern fällt ſtatt dieſer Mütze ein weißer Schleier vom Haupte auf die Schultern herab— einem weißen Unterrock, einer bunten Schürze, weißen Strümpfen und Opanken mit leder⸗ nen Riemen beſteht; doch waren die Linnen des Hemdes und Unter⸗ rockes ungemein fein, was auch von dem Gewebe des Vortuches galt, endlich ward der wollene, dicke, die Taille verderbende, mit vielen runden Knöpfen beſetzte Gürtel, welcher das Letztere um den Leib befeſtigt, durch eine ſilberne Schnur mit ſchweren Troddeln erſetzt. Auch glänzten goldene Ohrgehänge unter den Flechten her⸗ vor, in welchen hie und da eine rothe Roſe prangte. So ſah die Königin der Singvögel, Blumen, Falter und Bienen aus. Seltſam war ihr Szepter anzuſchauen. Es war zierlich aus Weichſelholz geſchnitten und glich einer langen Stampfe, deren umfangreicher Kolben dicht mit Honig beſtrichen worden. Erhob Meliſſa dies Szepter in die Luft, ſo ſchwärmten tauſende von Bie⸗ nen, Hummeln und Weſpen ſo dicht um dies Symbol des Honig⸗ baues, daß die kleine Herrin in Bälde in einen faſt undurchſichtigen Nebel, in eine lebendige Staubwolke eingehüllt ſchien. Die Thier⸗ chen gehorchten übrigens der ſchönen Gebieterin faſt noch williger als dem wilden und finſtern alten Bienenzähmer, vollführten alle Evolutionen wie eine gedrillte Truppe nach dem jeweiligen Kom⸗ mando, bedeckten Meliſſa's Geſicht weicher als eine wächſerne Larve und bildeten ſchließlich einen überaus ſeltenen, weil ſummenden und beweglichen Muff um den bloßen Arm des bezaubernden, wahrhaft reizenden Mädchens. Man glaubte eine morlakiſche Vila oder Fee, eine jener zauberhaften Jungfrauen zu ſehen, die einem geliebten Mann— Viltnik genannt— in jeder Unternehmung ſchutzreich zur Seite ſtehen, ihm ſchon diesſeits das Glück des Himmels bereitend. Ali hielt wie verſteinert bei dem Anblicke der freundlichen Er⸗ ſcheinung, und friedlichere Gedanken ſchienen durch ſeine Seele zu ziehen; zum Unglück begann aber die ſchmucke Zeidlerin ein Lied zum Preiſe des tiefen Wiſſens ihres Großvaters zu ſingen, und bei dem Klange des verhaßten Namens Abbas kehrte der alte Ingrimm in 96 das Herz des Reiters zurück. Sein Pferd zuſammennehmend frug V er mit einem derben Fluche in türkiſcher Sprache, ob hier der Weg nach der Behauſung des Flüſteres gehe? Meliſſa fuhr überraſcht auf, und antwortete nach einer Pauſe in ſlaviſchen Worten, daß ſie keine Sylbe türkiſch wiſſe, und daher auch ſeine Frage nicht verſtehe. Ali, des Bosniſchen ziemlich kundig, iwirderhälte ſeine Frage unmuthig in dieſer Sprache. Das Mädchen lächelte etwas freundlicher. „Allerdings,“ erwiederte es,„geht hier der Weg nach der ſtillen Klauſe meines Großvaters Abbas, aber er hat ſich eben in die finſtere Zauberhöhle begeben, und da darf ihn n niemand ſtören.“ „Außer der Teufel!“ Alſo hohnlachte der muhamedaniſche Reiter, den es immer ge⸗ waltig wurmte, wenn man in einer türkiſchen Provinz ſeine geliebte Mutterſprache nicht verſtand, oder nicht verſtehen wollte. Meliſſa blickte ihn halb verwundert, halb grollend an, und ſprach hierauf mit etwas ſarkaſtiſchem Tone, der aber Ali durchaus nicht zu munden ſchien: „Wenn es wahr iſt, daß der Großvater, wie die Leute wenig ſtens ſagen, auch mit böſen Geiſtern Umgang treibt, dann habt Ihr freilich einige Hoffnung, bei ihm vorgelaſſen zu werden.“ „Hüte dich kleine Here, daß du dir den Mund nicht verbrennſt!“ „Hexe? Drohen?! Nun das ſchmeckt freilich ſtark nach der be⸗ kannten türkiſchen Höflichkeit! Nehmt Euch in Acht, daß Abbas den böſen Geiſt der Hoffart, der euch beſeelt, nicht etwa auf empfind⸗ liche Weiſe auszutreiben verſucht!“ „So Gott will, werde ich ihm in der nächſten Viertelſtunde das Handwerk für immer gelegt haben!“ „Was wollt Ihr eigentlich von meinem Großrater?, rief plötzlich beſorgt die Kleine. „Ihm einfach den Hals nach dem Rücken drehen und 1 dem Teufel einen Liebesdienſt erweiſen, nach welchem er ſich zweifels⸗ ohne ſeit Jahren brünſtig ſehnen dürfte. Dein Großvater iſt reif zur Hölle!“. Damit ſetzte er ſein Pferd aufs Neue in Galopp. „Das ſollſt du bleiben laſſen, Böſewicht!“ murmelte Meliſſa. Nach dieſen Worten erhob ſie ihr Szepter hoch in die Luft, und eilte dann ſo raſch vorwärts, als ſie ihre flinken jugendlichen Füß⸗ chen nur zu tragen vermochten. Seltſam, ja faſt ſchauerlich war es — 97 anzuſchauen, wie ſich eine ganze Heerſäule von Bienen, Hummeln und Weſpen neben und ober ihr fortzog, faſt ein Seitenſtück zu jener Wolke, die einſt das auserwählte Volk Gottes aus der egyptiſchen Knechtſchaft leitete. Die zierliche Geſtalt der Dirne ſchien von dieſen Stachelthierchen wie eingetrunken worden zu ſein. Wir haben bereits erwähnt, daß der Hohlweg an dieſer Stelle eine bedeutende Krümmung beſchrieb. Die innere gerade Linie be⸗ trug daher kaum den fünften Theil der ganzen Länge jener Biegung, und ſo kam es, daß Meliſſa mit ihrer wildſummenden Leibwache bereits mitten in dem ſich hier wieder verengenden Hohlweg feſten Fuß faßte, als der Schimmel Ali's in gewaltigen Sätzen dem Ausgangspunkte des einſamen Pfades zubrauſte. Roß wie Reiter ſtutzten bei dem bedrohlichen Anblicke. „Nimm dich in Acht, böſer Menſch,“ rief die ſchöne kleine Feindin,„meine Bienen können ſehr böſe werden!“ Ali zauderte nur einen Augenblick. Sollte er ſich von einem Weibe, von einem halben Kinde aus dem Felde ſchlagen laſſen?! Haſtig gab er dem Schimmel beide Schaufelbügel zu koſten, daß das Blut aus den Weichen floß. Der geängſtigte Hengſt machte einen raſenden Sprung vorwärts, aber da brach auch ſchon das wilde kleine Heer Verderben ſummend gegen Roß und Reiter los. Das arme Thier drehte ſich von ſeinem richtigen Inſtinkt getrieben raſch auf den Hinterbeinen herum und flog dann in klafterlangen Sätzen den einſamen Pfad zurück. Ali, der beide Hände vor das Antlitz ſchlug, um das Licht ſeiner Augen zu wahren, dankte es weniger ſeiner allerdings beachtenswerthen Reitkunſt als dem an und für ſich feſten Sitze in einem türkiſchen Sattel, daß er auf dem Rücken des Schimmels verblieb und nicht kopfüber auf einen Sandhügel oder eine Steinſchichte am Hohlwege geſchleudert wurde. Die ſiegreichen Bienen ver⸗ folgten den geſchlagenen, gedemüthigten Feind noch eine weite Strecke, welche dem erſchrockenen Renner wie ſeinem vor In— grimm knirſchenden Herrn eine halbe Ewigkeit lang erſcheinen mochte. Später mußte Letzterer jedoch ſelbſt über ſeine Nieder⸗ lage lachen. Während dieſer übereilten Flucht ſprang ein junger Morlafe von gedrungenem Gliederbaue und ſtämmigem Wuchſe in den Hohlweg hinab, die flügelförmige Mütze tief in das Geſicht gedrückt, und ſich nach Möglichkeit eilend, in den Bereich von Meliſſa's ſchutz⸗ 7 Der Montenegriner. 98 reichen Szepter zu gelangen. Die Kleine ſchwang auch dies Szepter bald ſchirmend über ſeinem Haupte. „Guten Abend theurer Dane!“ rief dann zärtlich das ſeltſame Mädchen. „Ein Glück,“ entgegnete der Bruder Meliſſa's, eine zum Wurfe bereite Fangſchnur wieder an ſeinem Gürtel befeſtigend,„ein Glück, daß deine Bienen ſo tapfer waren, holdes Schweſterlein, der türkiſche Hund läge ſonſt bereits erwürgt am Boden!“ Sechſtes Capitel. Im türkiſchen Hauptquartiere. Wir haben bereits erzählt, daß an Travnik, den Sitz des bos⸗ niſchen Muſchir, ein Dorf von etwa dreihundert Häuſern grenzt, das den Namen Dolaz trägt und von katholiſchen Chriſten bewohnt wird. Unfern von dieſer Ortſchaft befand und befindet ſich eine Reihe oft ſehr ſtattlicher Landhäuſer, in türkiſchem Geſchmacke erbaut. Es war der Sommeraufenthalt vieler zum Islam übergetretenen bos⸗ niſchen Großen, die ſich, wie früher um das Hoflager der einheimi⸗ ſchen Könige, ſpäter mit gleich demüthigem Schranzenthum um den jeweiligen Gebieter im Ejaleth oder Paſchalik drängten. Natürlich, daß ſich in der Nähe ihrer Villen in Kürze auch andere Gebäude erhoben, wie ſie türkiſcher Unternehmungsgeiſt in der Nachbarſchaft reicher Kunden aufzuführen pflegt. Es gab daher hier auch ein Hamam oder Dampfbad, einen Khan und ein Kaffeehaus. Letztere beide Räumlichkeiten waren Anfangs Juni des Jahres 1843 den Tag über ungewöhnlich zahlreich beſucht. Es wimmelte daſelbſt außer den gewöhnlichen Gäſten von Spionen, Emiſſären, Zuträgern, Werbern und Bittſtellern, kurz wie all das lungernde Geſindel heißen mag, das ſich zur Zeit politiſcher Wirren um das Hauptquartier der beiderſeitigen Machthaber in dichten Maſſen verſammelt. Wie ſieht ein türkiſches Kaffeehaus aus? In Stambul iſt das berühmteſte Kaffeehaus nicht ſo geſchmack⸗ voll und comfortable eingerichtet wie in Wien oder Peſt ein derlei Vergnügungsort zweifelhaften dritten Ranges, und in einer Pro⸗ vinzſtadt wie Traynik weiſen alle dieſe Kaffeehäuſer ein ſchmutziges 7* 100 und lumpiges Anſehen. Es ſind wahre Rauchkneipen. Anſtatt der bei uns üblichen eleganten Divans und Sophas mit weichen, ela— ſtiſchen, gefederten Kiſſen und Polſtern findet man dort einzig nackte, zuweilen mit Matten belegte Holzbänke, auf welchen die Gäſte mit übereinander geſchlagenen Füßen nebeneinander kauern. Der Kaf⸗ fidsi oder Kaffeeſieder kocht nicht einmal eine größere Quantität für einen beſtimmten Zeitbedarf, nein, er bereitet für jeden Gaſt ins⸗ beſondere eine Taſſe Kaffee, welcher, da der Koran den Weingenuß verbiethet, im treuen Bunde mit dem unerläßlichen Csibuk den höchſten Genuß eines Türken bildet. Der Moslim trinkt den Kaffee ohne Zucker, dick, ſatzartig, und wenn er reich genug iſt, leert er jede Stunde eine Taſſe, was vielleicht noch ſchädlicher für die Ge⸗ ſundheit ſein dürfte, als der mäßige Genuß von unverfälſchtem Rebenſafte. In den Kaffeehäuſern kommt noch die ſogenannte Nar⸗ gileh oder Waſſerpfeife hinzu, deren ſtarker Tabakrauch ungemein betäubend wirkt. Wer an die verſchiedenen Zerſtreuungen in unſern Kaffeehäuſern, an das Geräuſch des Billardſpieles, an das Klap⸗ per der Dominoſteine, an lebhafte Konverſation wie an das laute Kannegießern bei der Zeitungslektüre gewohnt iſt, muß bei dem Anblick eines türkiſchen Mokkatempels mit ſeiner Reihe ſtumm und leblos, faſt andächtig neben einander ſitzenden, wie geſagt, an Au⸗ tomaten oder Wachsfiguren mahnenden osmaniſchen Stammgäſte beinahe unangenehm überraſcht werden. Jeder gafft regungslos vor ſich hin, bläst den Rauch in dichten blauen Wolken gegen die Decke, ſchlürft geräuſchlos ſeinen Kaffee, kurz man glaubt ſich in V eine jener Gefängnißzellen verſetzt, wo zwar mehre Verbrecher bei⸗ ſammen lagern, darin aber das Reden bei Todesſtrafe verboten iſt. Der Türke hält nun einmal feſt an dem Sprichworte: Sprechen iſt Silber, Schweigen iſt Gold! Der übrigen Zugaben einer türkiſchen Kaffeeſtube als der jü⸗ diſchen und griechiſchen Poſſenreißer wie der Medah's und Alme's oder der Märchenerzähler, Tänzer und Muſikanten haben wir be⸗ b reits früher erwähnt. Hier fügen wir noch bei, daß in der Türkei die ärmeren Leute ihren Kaffee ſelbſt in den armſeligen Mokka⸗ tempel mitbringen, welchen der Kaffidsi dann meiſt unentgeltlich zu kochen pflegt. Uebrigens gibt es hie und da für die dürftige Schichte der Bevölkerung eigene Kaffeehäuſer oder vielmehr Zelte und Buden, welche ungefähr auf der tiefen Rangſtufe unſerer ſo⸗ genannten Schnudelküchen ſtehen dürften. 101 In jenen Junitagen ging es jedoch in dem ſonſt ſo triſten Mokkatempel in der Nähe des Dorfes Dolaz ſo lebhaft und ge— räuſchvoll zu, daß ſelbſt ein Italiener oder Ungar mit dem Statt habenden Lärm zweifelsohne vollkommen zufrieden geſtellt wäre. Leute, dem Schnitte ihres Geſichtes wie ihrer Tracht nach dem wahren Orientalen nicht einmal ſtammverwandt, ſondern bloß durch die Hand der Politik wie des Eigennutzes in türkiſches Coſtume, in muſelmänniſche Geſinnung geſchmuggelt, ſtörten die übliche Stille in dieſen Hallen, zankten und ſtritten, plauſchten und fluchten ſo bunt und ſo laut durcheinander, daß die eigentlichen Stammgäſte eben ſo verächtlich als troſtlos vor ſich hinſtarrten und die geräuſch⸗ volle Nachbarſchaft in den Pfuhl der Hölle verwünſchten. Beſon⸗ dern Lärm verübte ein lederbrauner Mann mit einem kleinen Sacke, der ſeltſam gegen ſein ſonſtiges kriegeriſches Ausſehen abſtach. Uebrigens herrſchte unter dieſen unruhigen Leuten ein ſtetes Kom⸗ men und Gehen, keiner verweilte länger als fünf Minuten in der Kaffeeſtube, kehrte jedoch in eben ſo kurzer Zeitfriſt meiſt mit ſehr befriedigter Miene zurück. Es ſchien, als ob eine wichtige Standesperſon in der Nachbarſchaft ein Stück Lever halte, wie man es im Abendlande zu nennen pflegt, und all dieſe unſtäten Leute zur Audienz und Beſchenkung der Reihe nach vorrufen laſſe. So war es in der That der Fall. Eine der benachbarten Villen bewohnte eine reiche muhame⸗ daniſche Witwe, Namens Zobeide. Die Herrin ſtammte von einem alten bosniſchen Hauſe und hatte in ein eben ſo angeſehenes und mächtiges Nenegatengeſchlecht geheirathet. Ihr ſeliger oder viel— mehr unſeliger Gatte war einer der deſpotiſcheſten Spahis geweſen, chriſtliches Blut klebte ſeit Jahren an ſeinen Händen, und ſein Leibvergnügen hieß er den Anblick eines geſpießten oder gepfählten ungläubigen Hundes. Renegaten wüthen immer am ärgſten gegen ihre früheren Glaubensgenoſſen, die verachteten Giauren. Auch ein Möglichſtes geleiſtet, um die Er⸗ jener grauſame Spahi hatte ſ innerung an ſeine chriſtliche Abkunft durch Gräuel aller Art für alle Ewigkeit zu verwiſchen. Der Zorn des Himmels ereilte jedoch den Wütherich weit eher, als er es vermeinte. Er ſtand noch in den beſten Mannesjahren, als der muhamedaniſche Adel im Auguſt 1840 gegen Travnik zog und den Vezier in die Gebirge trieb. Bei dieſer Gelegenheit aber war es, wo er trotz ſeiner vollen Mannes⸗ kraft von einem betagten chriſtlichen Bosniaken im Einzelkampfe 102 beſiegt und ungeachtet ſeines plötzlichen feigen Flehens ſchonungs⸗ los niedergemacht wurde. Es läßt ſich leicht denken, daß Zobeide in gleichem Geiſte, in verwandter Geſinnung aufgewachſen und erzogen, ihren chriſtlichen Landsleuten noch grimmigere Rache ſchwur, ja es heißt, daß ſie den Bewältiger ihres Gatten, jenen betagten Bosniaken, als er bei einem ſpätern Gefechte in die Hände des muhamedaniſchen Adels fiel, bei lebendigem Leibe habe ſchinden laſſen, nachdem ſie früher an ihm mit eigener Hand die ſchimpflichſte Strafe vollzogen, die eine Frau über ein Glied der ſtärkern Hälfte des Menſchengeſchlech⸗ tes zu verhängen vermag. Die Wittwe war überhaupt ein kraft⸗ volles, faſt rieſiges Mannweib von hochſtämmigen und üppigen Wuchſe, das mit ſeinen kohlſchwarzen, wild und herriſch funkeln⸗ den Augen, mit der zur Zeit einer Aufregung dick anſchwellenden Zornader auf der Stirne, mit der Fieberröthe, die bei ſolchen Ge⸗ legenheiten ihre Wangen überflog, eine grauſenerregende Familien⸗ ähnlichkeit mit jenen raſenden Dirnen wies, welche nach der alt⸗ griechiſchen Mythe den Thyrſusſchwinger auf ſeinen Zügen beglei⸗ teten und die Feinde ſeines heitern und berauſchenden Kultus ohne Umſtände in Stücke riſſen. Natürlich, daß Zobeide in der gegenwärtigen Bewegungszeit feſt auf der Seite des Halbmondes ſtand, und ihren Landsleuten ein gewaltiges Hemmniß auf ihrem Weg zum Siege zu werden drohte. Die tapfere Wittib erfreute ſich ſelbſt im türkiſchen Divan oder Kriegsrathe eines hohen Rufes, ſie zählte zu der kleinen Schaar der Auserwählten, welche den rothen Faden, an welchem ſich die künftigen Begebenheiten abſpinnen ſollten, mit gleicher Ge⸗ wandtheit und Stärke in der Hand zu halten wußten. Es iſt näm⸗ lich ein großer Irrthum zu glauben, daß die Frauen im Oriente durchaus keinen Einfluß auf die Staatsereigniſſe üben, nein, gerade in den morgenländiſchen Frauengemächern ſtand und ſteht oft die Wiege einer gewaltigen, das Schickſal von hundert tauſenden von Menſchenkindern entſcheidenden That. Es geht ſehr häufig ein welthiſtoriſcher Geiſt durch die Myſteres des großherrlichen Se⸗ railes zu Konſtantinopel. Auch Zobeide verſtand ſich meiſterhaft auf politiſches Getriebe. Betreten wir ihre Villa! Wir treffen daſelbſt zudem ein Paar alte Bekannte. Die Witwe folgte bei der ſtarren Anhänglichkeit an die Fahne des Pro⸗ 103 pheten einfach dem blinden Triebe der Herrſchaft wie des Haßes. Bei der zweiten Dame war nebſtbei eine ſtarke Doſis Leidenſchaft und Eiferſucht im Spiele. Und wie hieß dieſer weibliche Othello? Es war Leila, die angebliche Buſenfreundin Gülnaren's. Leila war nicht blos eine wirkliche Muhamedanerin, ſondern auch die geheime und daher verläßliche Spionin der Statthalterei zu Trav⸗ nik. Deßhalb ſah auch der Scheich oder das Oberhaupt der Ulema's oder türkiſchen Prieſter in Bosnien, der um das Geheimniß wußte, bei Seite, wenn ſie ihren Schleier ſeltener benützte, als es einer Be⸗ kennerin des Islam zukommt. Im tiefſten Herzen deſpotiſch geſinnt, wußte Leila ihr religiöſes wie politiſches Glaubensbekenntniß ſo ſorg⸗ fältig und ſchlau zu verhüllen, daß die weiße Roſe von Serajevo auch nicht die leiſeſte Ahnung hegte, wie ſie eine Natter an ihrem Buſen wärme, ja, wie ſie dadurch, ohne es zu wiſſen, einen lebendigen Tele⸗ graphen in Bewegung ſetze, der die genaueſte Kunde ihrer verbor⸗ genſten Pläne in das feindliche Lager hinüberſpiele. Man ſagt, daß anno dreizehn die Briefe des franzöſiſchen Polizeiminiſters Fouche, die er am Fenſtertiſche eines in eine ſchmale Gaſſe gehenden Ge⸗ maches eigenhändig niederſchrieb, mit Hülfe künſtlich angebrachter Spiegel in einer gegenüber liegenden Stube Wort für Wort kopirt wurden. Derlei Spiegel in Geſtalt falſcher Hausfreunde waren zu jener Zeit faſt in allen Palanken oder Edelhöfen Bosnien's ange⸗ bracht, deren Eigenthümer nicht im ſtrengſten loyalen türkiſchen Ge⸗ ruche ſtanden. Leila ſpielte dieſe Rolle in dem Bergſchloſſe des alten Riswan. Zu dieſem politiſchen Verrathe geſellte ſich ſpäter eine plöͤtz⸗ liche heftige, echt morgenländiſche, alſo ſinnliche Leidenſchaft. Die männliche Schönheit des kraftvollen Abenteurers Lascaris, ſein türkiſches Credo in Sachen der Politik wie der Liebe zündeten wie eine brennende Lunte, die man in eine offene Pulvertonne geſchleu⸗ dert, augenblicklich in Leila's leicht erregbaren Herzen. Doch wußte ſich Leila auch hier zu beherrſchen, und die ſchlichte Maske ſchwe⸗ ſterlicher Geſinnung vor das Antlitz zu nehmen, um ihr Ziel auf tauſend Umwegen um ſo ſicherer zu erreichen. Gülnaren's Abnei⸗ gung gegen Lascaris erſtickte die letzte Regung ihres hektiſchen Ge⸗ wiſſens. So ward Leila in liebender Beziehung die treueſte Bun⸗ desgenoſſin des Vali oder Vicekönigs Juſſuw, wie die Statthalter in der Türkei gegenwärtig heißen. Beide arbeiteten darauf hin, ge⸗ wiſſe Brautringe zu zertrümmern. Auch der Paſcha war nach Do⸗ 104 laz gekommen, aber ſo zu ſagen im ſtrengen Incognito, da er an dem kriegeriſchen Treiben der Witwe unmittelbar keinen Antheil nehmen wollte, gleichſam den unparteiiſchen Vermittler zwiſchen Spahis und Rajas heuchelnd. Leila begrüßte ihn freudig. Vor Zo⸗ beide, dieſer Muhamedanerin vom reinſten Waſſer gab ſich das würdige Paar natürlich im Geſchmacke der ſtrengſten Zeloten. Heute war in der Villa der Witwe große Revue. Letztere, wie Leila waren natürlich verſchleiert. Die geworbenen Streitkräfte wurden gemuſtert, und viele ſtattliche Recruten hatten bereits die Heerſchau paſſirt, als ſich der Vorhang, der den Eingang verhüllte, abermals hob, und ein betag⸗ ter, aber immer noch rüſtiger Mann mit militäriſcher Haltung und V ſoldatiſchem Gruße vor den Muſtertiſch trat, an welchem die Her— rin des Hauſes die Stelle des prüfenden Miri⸗Liva oder Brigadiers vertrat. Der alte Haudegen ſtammte aus einer chriſtlichen Familie in türkiſch Kroatien, trat aber frühzeitig zu dem Islam über, kam dann in die Tophana oder Kanonengießerei zu Konſtantinopel und war mit dabei, als Sultan Mahmud vorzugsweiſe mit Hülfe ſeiner Topſchis oder Kanoniere in den Junitagen 1826 der Janitſcharen⸗ herrſchaft für immer ein Ende machte. Später kehrte er in ſeine Heimath zurück, verheirathete ſich und ſetzte es als türkiſcher Miſ⸗ ſionär glücklich durch, daß die Bewohner ſeines Dorfes ſämmtlich zu dem Koran ſchwuren, ein Uebertritt, der Anfangs von den Spa⸗ his, welche ſich dadurch in ihrem Blutegelthume bedeutend geſchmä⸗ lert fanden, mit ſcheelen Augen betrachtet, in den Wirren der Ge genwart jedoch als ein hochverdienſtliches Werk geprieſen wurde. „Selam Aleikum, wackrer Haſſan!“ ſprach der weibliche Brigadier. „Aleikum Selam, Hanum!“ antwortete der Veteran. Hanum oder Khanum, da es von Khan abgeleitet worden, heißt„mein Herr,“ wie der Franzoſe„Monsieur“ oder der Britte „Mylord“ ſagt. Dieſer Titel wird in der Türkei nur Männern von ſehr vornehmer Geburt gegeben oder in dem allerhöchſten Styl orientaliſcher Rede gebraucht, dagegen auf alle Frauenzimmer übertragen, ob verheirathet, ob ledig, auch ohne Unterſchied des Ranges. „Sprecht, wie ſteht es in der Kraina?“ Die nordweſtliche Spitze von Bosnien, das türkiſche Kroatien wird Kraina genannt. Die Hauptſtadt der Kraina iſt Banjaluka, 105 ein bedeutender Handelsort mit etwa 30,000 Einwohnern, ſehr ſtark befeſtigt, wie alle Bollwerke in dieſem Ländchen, bekannt als die unruhigſte Gegend an der geſammten türkiſchen Grenze. Bihas, gleichfalls ein feſter Waffenplatz, liegt unmittelbar an dieſer Grenze. „Die Kraina,“ entgegnete Haſſan,„namentlich meine heimath liche Gegend prangt noch immer voll Blumen.“ „Blumen?“ „So iſt es, aber es rauſcht wie altes Gewaffen dahinter, ein Trommelſchlag, ein Trompetentuſch, und meine Dörfler erheben ſich als türkiſcher Landſturm wie ein einziger Mann. Auch die Weiber werden redlich zu dem kriegeriſchen Werke beitragen, was ihres Berufes iſt.“ „Vortrefflich!“ rief die Kadun oder Frau vom Hauſe. „Leider gebricht es an der Hauptſache! An dem Athem Gottes!“ „An dem Athem Gottes?“ „An dem Donner des ſchweren Geſchützes! Wir haben keine einzige Kanone.“ „Und die Batterien in der Feſtung Bihac? Davon iſt nicht einmal eine zerbrochene Laffete abzubekommen. Man fürchtet ſich in Bihac zu ſehr vor den Ottochanern über der Grenze.“ „Wie wäre dieſem Uebelſtande abzuhelſen?“ „Allah wird ſchon helfen! Was mich alte Fidel anbelangt, ſo hoffe ich den Giauren noch tüchtig zum Tanze aufzuſpielen.“ „Ja, alter Mann,“ warf Leila ein, die ihre Gleichniſſe noch immer aus dem Abendlande zu beziehen liebte,„ihr ſollt wie eine alte Geige erſt Wunder wirken und begeiſternd tönen in euern vor⸗ gerückten Jahren!“ „Darf ich gehen?“ frug der geſchmeichelte Veteran, nach tür⸗ kiſcher Sitte gleichzeitig um die Erlaubniß dazu bittend. „Saadet ileh— mit Wohlergehen—“ antwortete Zobeide, „nehmt dieſe Goldſtücke, mögen ſie zu Kanonen werden!“ Nach dieſen Worten grüßte Haſſan abermals ſoldatiſch und entfernte ſich dann gemeſſenen Schrittes. Sein Nachfolger war ein Mann von lederbrauner Geſichtsfarbe, niedrer Stirn, mit ſchwar⸗ zem dichten Bart, geſchornen Haaren und grünen unheimlich fun— kelnden Augen. Um ſeinen Mund lag es wie thieriſche Grauſam⸗ N 106 keit. Man dachte unwillkührlich an einen Stier, der etwas Rothes geſehen. In der einen Hand hielt er einen kleinen Sack oder Fut⸗ terbeutel, in der andern ſeinen Feß. Es war ein alter Bekannter unſerer Leſer, Marco der Wege⸗ lagerer. Vuk's ſchwerer Streitkolben hatte den Räuberhäuptling zwar zerſchlagenen Hauptes, aber bloß beſinnungslos zu Boden geſtreckt. Beſagter Streitkolben ſchien dem Galgen oder Pfahle nicht vor⸗ greifen zu wollen. Natürlich, daß Mareo nach dieſem Empfange die Sache der Rajas für immer verließ, und als blindes Werkzeug der Spahis wie der Nache zu dem Islam übertrat. Er hieß nunmehr Muſtapha. Auch der Wegelagerer ſalutirte militäriſch, aber mit einer gewiſſen ſcheuen Unbehaglichkeit, welche nur zu deutlich ver⸗ rieth, daß der Mann in ſo vornehmer Geſellſchaft ſich nichts weni⸗ ger als behaglich fühlte. Ein ironiſches Lächeln flog über Juſſuw's Antlitz, Leila hingegen rümpfte eckel die Naſe, denn Muſtapha roch abſcheulich nach Branntwein; nur der ſtahlnervige weibliche Miri⸗ Liva oder Brigadier verzog ſeiner Stellung gedenkend auch nicht eine Miene ſeines erſten Geſichtes. „Wie ſtark iſt deine Bande?“ lautete ſeine Frage. „Ueber dreihundert Köpfe.“ „Verläßliche Leute?“ „Durchwegs! Ich habe meinen Adjutanten niedergeſchoſſen, dieſen Erbſchleicher und Schuft, auch alle jene ſchurkiſchen Bos— niaken zum Teufel gejagt, die weder das Kreuz anſpucken, noch den Halbmond küßen wollten. Ich kann nur Muſelmänner brauchen.“ „Wir können alſo bei jeder Gelegenheit auf deine Leute bauen?“ „Meine Wölfe werden kaltblütig, wenn nicht gerade betrun⸗ ken, ſtehlen, rauben, ſengen, plündern, brennen, morden, ſchinden, natürlich, wenn ich es befehle. Sie tanzen mechaniſch, je nachdem ich Ihnen vorpfeife.“ „Es heißt ſich alſo vorzugsweiſe deines Beiſtandes verſichern. Höre alſo: für jedes Paar abgeſchnittener Chriſtenohren erhältſt du zehn Fonduk's oder Sultaninen. Du wirſt wiſſen, daß dieſer Oh⸗ renpreis die Summe von vierzig Piaſtern beträgt.“ „Dann bitte ich gleich um dieſen meinen Lohn! Ich habe weislich vorgearbeitet.“ Damit erhob Muſtapha ſeinen Sack und leerte ihn ohne Um⸗ 8 3— A ——————“ — 107 ſtände auf den nächſten Teppich aus. Ein hübſcher Inhalt! Es ſie⸗ len nämlich über dreißig Paar abgeſchnittener Chriſtenohren aus dem unheimlichen Sacke. Sie waren mit Hülfe eines rothen Faden paarweiſe zuſammengeheftet, wie man bei uns zu Lande Kram⸗ metsvögel zuſammenbindet. Juſſuw blickte gleichgültig auf die Gabe des Räubers, er war an dieſen Anblick gewöhnt. Leila konnte ſich jedoch eines leiſen Schauers nicht erwehren, obgleich ihr eine in— nere Stimme ſagte, ſie werde wohl bald noch gräßlichere Dinge ſchauen, vielleicht auch ſelbſt verüben. Zobeide hingegen klatſchte entzückt in die Hände und wühlte dann behaglich in der blutigen Beute. Abendländiſche Leſer dürfte dieſer türkiſche Brauch, die feindlichen Todten oder Gefangenen zu zählen, freilich widrig be⸗ fremden, beſagte Sitte iſt aber unter den Muhamedanern ſo lange heimiſch und üblich, daß man uns wohl die Mühe erſpart, hierüber hiſtoriſche Belege anzuführen, da ja die türkiſche Geſchichte zumal zur Zeit des griechiſchen Freiheitskampfes nur zu überreich iſt an derlei entſetzlichen Daten. „Nimm dieſe Rollen Sultaninen,“ ſprach Zobeide,„ſie ent⸗ halten nicht bloß deinen Lohn, ſondern auch einen Monatsſold für deine Bande.“ „Und wie lautet Euer Ferman?“ „Suche mit deinen Leuten— die ſich verkleiden mögen, falls es Noth thut— ſo weit als möglich vorzudringen und das feind— liche Gebiet zu recognosciren. Die Meuterer in und um Serajevo, namentlich der geheimnißvolle Vuk müſſen ſorgfältig und unabläſſig überwacht werden.“ Muſtapha erbleichte vor Wuth bei dem letztern Namen, in ſo fern es nämlich ſeine lederbraune Geſichtsfarbe zuließ. „Euer Befehl ſoll pünktlich vollzogen werden!“ murrte er dann mit vor Zorn zitternder Stimme. „Was fehlt dir?“ „Wenn ich den Ramen Vuk höre, juckt es mich immer in den Händen, als ob ich einen erdroſſeln ſollte!“ „Um ſo mehr können wir auf dich zählen! Uebrigens werde ich mich ſelbſt ſpäter nach Bosna Serai begeben.“ In dieſem Augenblicke erhob ſich ein gewaltiger Lärm im Hofe. Ein Lieblingspferd der Herrin des Hauſes war losgekommen und jagte in gewaltigen Sätzen auf dem ſpitzigen Steinpflaſter umher. Zobeide, eine eben ſo verſtändige als verwegene Reiterin, fürchtete 108 das edle Thier möchte Schaden nehmen und verließ daher mit ha⸗ ſtigen Schritten das Gemach. Dieſe raſche Entfernung benützte der Paſcha zum Abſchluße eines Sonderbundes mit dem berüchtigten Wegelagerer, bei welcher Alliance die Tochter des Defterdar, aus ſpäter erhellenden Gründen in den Garten eilend, ihrem Bruder Othello auch nicht das mindeſte Hemmniß in den Weg legte. „Willſt du dir,“ frug Juſſuw,„außer deinem Sold noch zwei hundert ungariſche Dukaten verdienen?“ „Um dieſen Preis würde ich meinem eigenen Vater, wenn er noch lebte, den Hals abſchneiden.“ „Du ſcheinſt auf Vuk eben nicht gut zu ſprechen?“ „Ich möchte den Hund bei gelindem Feuer röſten ſehen!“ ant⸗ wortete Muſtapha, ſich unwillkührlich den weiland zerſchlagenen Kopf reibend. „Auch ich will eine alte Rechnung mit ihm mit Hülfe von zwei hundert vollwichtigen Kremnitzer Dukaten abſchließen und frage dich daher nochmals, ob du dich mit dieſem Abſchluß als mein Mollah oder Advokat befaſſen willſt oder nicht?“ „Sprecht!“ „Suche den geheimnißvollen Montenegriner in die Ewigkeit zu befördern, und zwar ſo bald als möglich!“ „Es ſei,“ grollte der Räuber entſchloſſen,„der Schuft aus Cserna Gora ſoll wie ein Hund verenden!“ „So qualvoll als möglich!“ „Verlaßt Euch auf mich, Stellvertreter des Schatten Gottes, er wird nicht auf Blumen einſchlummern!“ „Ich danke dir im Vorhinein!“ „Wie aber an den jungen Ueberallundnirgends gelangen?“ „Der Verrath eines ſeiner Genoſſen, der durch Zufall in eine M Wolfsgrube fiel und durch meine Leute gerettet wurde, hat mich zum Theile in ſeine Pläne eingeweiht. Du wirſt ihn zu Moſtar in der Herzegowina treffen. Das Nähere ſeiner Zeit!“ „Ein Schreiben,“ meinte Muſtapha ſtutzend,„an den dortigen Muſchir thäte wohl dieſelben Dienſte?“ „Vergiß nicht, daß es der Paſcha der Herzegowina mit den Rajas zu halten ſcheint, auch iſt er ein Blutsverwandter des ver⸗ dammten Riswan, alſo vermuthlich ein geheimer Protektor des montenegriniſchen Schurken und ſeiner Sippſchaft. Ich möchte mich 109 kaum ſelbſt in das Gebiet dieſes abtrünnigen Hundes wagen. Möge er Koth durch all' ſein Leben eſſen!“ Zum Verſtändniß dieſer Antwort mögen nachſtehende hiſto⸗ riſche Daten dienen. In Folge der neuen Unterjochung des bosni⸗ ſchen Adels nach dem Aufruhre von 1826 und der bei dieſer Gele⸗ genheit bewieſenen Anhänglichkeit Ali Riswan Beyowich, des Aga von Stolaz wurde die Herzegowina von Bosnien, mit dem ſie früher verbunden war, getrennt, und aus ihr ein neues Paſchalik gebildet, zu deſſen Vali der erwähnte Aga ernannt ward; auch erhielt er nach einigen Jahren den Titel Vezier und drei Roßſchweife. Seit dieſer Zeit blieb die Herzegowina ganz in die Hand Ali's gegeben, und wenn er auch den Hatticherif von Gülhane ſpäter in ſeinem Paſchalik ſo wenig einführte, als es in Bosnien geſchehen, ſo that er dies nur zu ſeinen eigenen Gunſten, keineswegs aber zum Vortheile der muhamedaniſchen Gutsherren. Letztere ſetzten zwar in Folge dieſer Halsſtarrigkeit gegen das Tanzimat noch immer einige Hoffnung in den deſpotiſchen Vezier, der Paſcha zu Travnik aber lebte der Befürchtung, Ali ſtrebe insgeheim nach der Vereini⸗ gung beider Ejaleth's unter ſeiner Standarte, eine Befürchtung, darin Juſſuw um ſo mehr beſtätigt wurde, als ihm der Tyrann der Herzegowina die kürzlich erbetene Verſtärkung unter dem Vor⸗ wande abſchlug, er ſelbſt lagere auf einem Vulkan, deſſen Ausbruch nächſtens erfolgen dürfte. Ein Paar Worte der Aufklärung aus Juſſuw's Munde beſei⸗ tigten alle weitern Zweifel des Wegelagerers. Muſtapha entfernte ſich mit vergnügter Miene. Er hatte ſeiner Meinung nach zwei glänzende Geſchäfte abgeſchloſſen und ſollte gleich darauf in einen noch bequemern Sold treten, bequemer, weil hiebei noch weniger Gefahr als bei dem Dienſte unter der Fahne des Propheten, geſchweige bei dem bevorſtehenden Zuſammenſtoß mit dem gewaltigen Vuk zu befürchten war, und die Aufgabe, wie wir bald hören werden, in nichts weiterem beſtand, als eine Art Leibwache mit der unbedeutenden Nebenrolle eines Spiones abzu⸗ geben. Als Muſtapha nämlich luſtig mit den Goldſtücken in ſeiner Taſche rauſchend durch den Garten eilte, um die Villa Zobeiden's wie alle Heimkehrlinge vom Muſtertiſch durch die Hinterpforte zu verlaſſen, trat ihm Leila mit dem Zeigefinger an den Lippen entge⸗ gen, winkte dem Wegelagerer nach einer dichten Laube und begann dort ohne weitere Vorrede, wie folgt:⸗ — 2——— 110 „Kannſt du mir ſagen, wo die Behauſung des Flüſterers zu finden?“ „Sie liegt in der Nähe von Serajevo, und jedes Kind daſelbſt wird Euch den Weg dahin zeigen.“ „Ich habe mit dem Einſchläferer zu ſprechen.“ „Nehmt Euch in Acht! Abbas iſt ſehr gefährlich, zudem ein Erzchriſtenhund.“ „Deßhalb auch käuflich wie alle Hundeſeelen!“ „So ſagt man allerdings.“ „Weißt du mir keine ſichere Gelegenheit nach dem Obdache des Beſchwörers?“ „Habt Ihr nicht ſelbſt Wagen und Pferde?“ „Darf denn die Welt wiſſen, daß ich mit Abbas verkehre?“ „Dann nehmt Jvoe den bosniſchen Saumthiertreiber und Fuhrmann!“ „Iſt er verläßlich?“ „Er trägt zwar auf beiden Achſeln, aber dafür iſt er auch um Gold zu Allem zu haben.“ „Eine ziemlich allgemeine Leidenſchaft! Genug hievon! Nun zu einem Geſchäfte mit dir!“ „Ich bin ganz Ohr!“ „Es trägt zwei Beutel, alſo faſt hundert Gulden.“ Der Leſer wird ſich erinnern, daß ein Beutel in Bosnien ſechs und vierzig Gulden beträgt.. „Der Handel,“ rief Muſtapha,„iſt ſo gut wie geſchloſſen.“ „Es iſt zudem,“ fuhr Leila fort,„bloß der Lohn für einen Monat Dienſt.“ „Läuft alſo fort?“ „Am Erſten jedes neuen Monates erhältſt du dieſelbe Summe.“ b „Doch was habe ich dafür zu leiſten?“ „Eine geheime Sicherheitswache für unſern Bundesgenoſſen Lascaris zu bilden, ihm auch raſch zu Hülfe zu eilen, wenn ihm die aufgebrachten Rajas an den Leib wollen! Bei ſeiner bekannten Tapferkeit und Stärke iſt dein Dienſt nicht ſonderlich gefährlich.“ „Iſt das Alles?“ „Nebſtbei magſt du auch die Roſe von Serajevo überwachen, doch nur als Spion, nicht etwa als Retter in der Noth.“ „Alſo zwei Geſchäfte?“ 111 „Die letztere Wache wird, ſo hoffe ich, in wenigen Wochen zur Neige gehen. Willſt du?“ „Ich bin bereit, es handelt ſich bloß um den erſten Monats⸗ ſold.“ „Im Vorhinein?“ „Iſt Brauch in ſolchem Dienſte!“ „So nimm!“ Nach dieſen Worten übergab Leila dem Näuber die bedunge nen zwei Beutel. Muſtapha entfernte ſich noch ſeelenvergnügter als zuvor, die Tochter des Defterdar aber verſank in tiefes anhaltendes Brüten. Ihr Antlitz ward dabei ſehr bleich, gab ſich faſt geiſterhaft zu ſchauen, und dies um ſo mehr, als zuweilen unheimliche Blicke aus ihren Augen ſprühten und ein dämoniſches Lächeln um ihre Lippen zuckte, durch die ſonſt ſo anmuthigen Züge gleitete. Es war faſt anzuſehen, als ringle ſich eine Schlange in eiliger Haſt durch ein früh vergilbtes Lilienbeet. Nach einer langen Pauſe fuhr ſie wie von einem tiefen Entſetzen geſchüttelt empor, und hielt die kleinen Hände vor das erblaßte Geſicht, aus dem alles Blut nach dem Her⸗ zen zurückgetreten ſchien, von dort aus alle Pulſe wie in beginnen⸗ der Fieberhitze ſtürmiſch durchwallend. „Leila,“ flüſterte ſie,„du biſt tief gefallen! Doch es muß ja ſein!“ Nach dieſem Aufrufe ſtürzte ſie wie von dem böſen Feinde getrie⸗ ben nach dem Landhauſe zurück. Es war die letzte Mahnung ihres fliehenden Schutzengels geweſen.— Ein leiſes Geräuſch erhob ſich, als ſie der Laube den Rücken gewendet hatte, und aus dem benach⸗ barten Dickicht, das bisher als Verſteck gedient haben mochte, tauchte die Geſtalt eines faſt nackten Zigeunerknaben auf, wir ſag⸗ ten, faſt nackt, denn der Aermſte trug keine weitere Bekleidung als ein zerriſſenes grobes und ſchmutziges Hemd. Sein zierlich geord⸗ netes Haar, ſein ſauber gewaſchenes Geſicht wie die Reinlichkeit der Hände und Beine taugte, ſeltſam genug, nicht im Geringſten zu ſeiner fadenſcheinigen Hülle. Der Knabe ſprang einige Schritte vor, wie um ſich der Perſönlichkeit Leila's zu vergewiſſern, eine Re⸗ cognoseirung, mit deren Ergebniß der Kleine in Kürze vollkommen zufrieden geſtellt zu ſein ſchien. „Es iſt Leila,“ flüſterte er nämlich leiſe zwiſchen ſeinen herr⸗ lichen weißen Zähnen hervor,„auch habe ich ihr Geheimniß zum Theile herausbekommen. Schade, daß ich, verdammt ſeien die er⸗ t. 1 112 bärmlichen Wege, etwas zu ſpät kam! Vor jener Linde an der Er⸗ ckerſtube hätte ich auch den Kriegsrath belauſchen können. Ein Schelm übrigens, der mehr gibt, als er hat!“ Während dieſes Selbſtgeſpräches kletterte der Junge mit der Gewandtheit einer Katze über die Mauer, ließ ſich herabgleiten und hüllte ſich dann haſtig in einen alten Schafspelz, vermuthlich ein Erbſtück, da es ihn weit über die Knie bedeckte. Eine Mütze von gleichem Stoffe, die er tief in die Stirne drückte, bildete den Schluß ſeiner neuen Bekleidung. Der Zigeuner entfernte ſich hierauf mit auffallender Eile. Es war ſein Glück! Ein paar Sklaven, welche an der Hinterthür des anſtoßenden Gartens im traulichen Geſpräche ihr Pfeifchen rauchten, hatten den Sohn der Wildniß erblickt, als er ſich eben über die Mauer ſchwang, ſchlugen augenblicklich Lärm, und bald heftete ſich ein kleiner Schwarm Verfolger an die Ferſen des Abkömmlings von dem Volke Pharao's, wie man die Zigeuner hierlandes zuweilen zu nennen pflegt. Anfangs ſchien die Jagd ohne Beute ablaufen zu wollen. Der Flüchtling hatte, Dank ſeinen flinken Beinen, einen zu bedeutenden Vorſprung gewonnen, und war auch bereits in einem benachbarten Walde verſchwunden, ehe ſeine Verfolger den Saum des Gehölzes erreichten. Der Junge ſchien gerettet. Der Weg nach dem Walde lief jedoch in einer bedeutenden Krümmung hin, ſo daß ein paar gewandtere Burſche aus Dolaz, die mit der Gegend wie mit der Taktik der braunen Landſtreicher vertraut einen gerade aus⸗ führenden Pfad eingeſchlagen hatten, raſch hundert gegen eins ge⸗ wettet hätten, daß ſie dem muthmaßlichen Diebe die Rückzugslinie abſchneiden würden und müßten. Deßhalb rückte auch das Haupt⸗ corps auf dem krummen Wege ganz gemächlich gegen den Wald heran. In dieſem entſcheidenden Momente wurde der Hufſchlag eines raſch herbei ſprengenden Roſſes hörbar und gleichzeitig brach ein anderer Zigeunerknabe auf jenem flinken Renner aus dem um⸗ ſtellten Gehölze hervor. Er trug die Farben eines geachteten Hauſes. Es war Mirxa, der Diener des abentheuerlichen Lascaris. Der hübſche Junge ſprengte wie beſeſſen mitten durch das Hauptcorps, das ihm aus Reſpekt vor ſeinem Herrn willig Raum gab, und dieß um ſo lieber, als der braune Reiter offenbar als Ueberbringer einer wichtigen Bothſchaft herbeieilte, da er eine ziemlich voluminöſe Depeſche wie triumphirend über dem Kopfe 113 ſchwenkte. Mirra hatte den Garten Zobeiden's beinahe umritten, als es den Verfolgern ſeines Stammgenoſſen erſt beifiel, die Jagd auf den Dieb fortzuſetzen. Der Wald ward vorſichtig durchſtöbert, und jedes Dickicht wie jede Grube ſorgfältig beaugenſcheinigt. Fruchtloſe Mühe! Der verfolgte Junge ſchien in den Boden ver— ſunken zu ſein. Die abergläubiſchen Jäger waren noch mehr ver⸗ blüfft, als ſie mit ihrem Hinterhalt zuſammen ſtießen, denn die er wähnten gewandten Burſche aus Dolaz hatten den Flüchtling zwar gleichfalls verfehlt, aber weiter oben in einer alten Hürde, in wel cher weiland die Hirten aus der Umgebung ein zeitweiſes Obdach gegen plötzliches Regenwetter gefunden haben mochten, mehre Klei dungsſtücke aufgefunden, welche frappante Aehnlichkeit mit dem Koſtume des entwiſchten Spitzbuben darbothen. Dieſe Beuteſtücke beſtanden ja gleichfalls aus einem zerriſſenen alten Hemde, einem groben Schafspelze und einer Mütze von ſelbem Felle. Niemand aber wußte zu ſagen, wohin der verdächtige Zigeunerknabe ge⸗ kommen? Der Junge war und blieb verſchollen. Kopfſchüttelnd und die Trophäen ſeines verunglückten Jagd⸗ zuges mit abergläubiſcher Scheu betrachtend, kehrte das entmu⸗ thigte Streifcorps nach Hauſe, zeitweiſe nach einem Amulet lan— gend. Hier mußte ja offenbar Zauberei im Spiele ſein! Gelten doch die Zigeuner auch in Bosnien als geborne Hexenmeiſter, Teu⸗ felsbanner und Geiſterbeſchwörer. Die Depeſche, welche Mirxa an Zobeide überbrachte, lautete: „Blumig ſei und verbleibe Euer Pfad! Im Städtchen Livno hat ſich die Geſchichte von der ſchönen Agapia*) wiederholt. Der *) Die Geſchichte von der ſchönen Agapia iſt hiſtoriſch und ereignete ſich im Frühling 1841 in Bulgarien. Von der ſeltenen Schönheit dieſer bulgariſchen Helena oder Lucretia geblendet, ließ ſie der Neffe des Paſcha von Niſcha mitten in einem Kolo entführen, und wollte ſie, eine Heirath zu ermöglichen, zwingen. Muhamedanerin zu werden. Da ſie allen Verführungskünſten widerſtand, ſo wurde ſie furchtbaren Martern unterworfen, die ſie muthig aushielt. Wüthend über ihren Haß gegen den türkiſchen Glauben beſchloßen die Richter, Agapia ihrer Jungfrauſchaft zu berauben. Durch dieſe Drohung erſchreckt, zog es die Bulgarin, wie man ſich erzählt, vor, eine Türlin zu wer⸗ den, und als ihre ganze Familie, der Vater an der Spitze, erſchien, um ſie aus den Händen des grauſamen Paſcha loszukaufen, ſo antwortete Der Montenegriner. 8 114 neue Aga daſelbſt verliebte ſich in ein junges Chriſtenmädchen und ließ es bei Nacht und Nebel entführen. Da aber die Dirne ihr Glück mit Füßen treten zu wollen ſchien, auch allen nothwendig gewordenen Züchtigungen ihrer Unart hartnäckig die Stirne both, ſo drohte ihr der Aga, die ſtörriſche Roſe mit Gewalt zu brechen. Dies wirkte. Die Bosniakin trat zum Islam über. Die Männer von Livno ſchnaubten nach Rache, und hätten den Aga zweifelsohne in Stücke gehauen; zu ſeinem Glücke erſchien jedoch der verdammte Csernagoraze Vuk, und beſchwichtigte die empörten Gemüther. Es ſcheint alſo, als ob dieſer geheime Leiter der bosniſchen Schilderhe⸗ bung die Zeit zur That noch nicht gekommen glaube. Die Rückkehr der Deputation, die ſich nach Stambul begab oder hätte begeben ſollen, dürfte er nach gewiſſen Wahrzeichen jedoch keineswegs abzu⸗ warten gedenken, da er, wie ich aus verläßlicher Quelle erfuhr, nichts Geringeres bezweckt, als die Verbrüderung der Montenegri⸗ ner, Bosniaken, Serben und Bulgaren zu einem einzigen ſelbſt⸗ ſtändigen und unabhängigen Volke. Dieſe Anſicht herrſcht auch be⸗ reits in den benachbarten Paſchaliks vor, weßhalb wir auf keine neuen Verſtärkungstruppen von dort zu rechnen haben dürften. Nach meiner Meinung ſollte man daher die Rajas zu irgend einem bewaffneten Tumulte reizen, und dann mit den bereits geſammelten Streitkräften ungeſäumt über ſie herfallen, bevor ſie ſich nämlich vollſtändig zu rüſten vermochten. Seid alſo auf Eurer Huth und wappnet Euch ſelbſt bis an die Zähne! Ein paar überraſchende Streifzüge, irgend ein Handſtreich gegen die Rädelsführer der Ab⸗ trünnigen bedünkten mich bei der gegenwärtigen Sachlage ſehr zeit⸗ gemäß, zumal die gefährlichſte Revolution, wenn man ihr den Kopf man einfach, ſie ſei keine Chriſtin mehr. Da ihre Verwandten dies Anfangs nicht glauben wollten, ſo rief man Agapia herbei, die natür lich troſtlos in die Arme des Vaters ſtürzte und unter gemeinſamen Thränen und Wehklagen ihr jammervolles Loos beklagte. Die Kawaſ ſen oder türkiſchen Panduren machten jedoch der herzzerreißenden Scene bald ein Ende und jagten die chriſtliche Hundefamilie, wie ſie die Verwandtſchaft Agapia's tauften, mit rohen Schimpfworten von dannen. Die reizende Bulgarin wurde in der Nähe der Stadt in ſichere Haft gebracht, wo bereits mehre andere chriſtliche Nomas— junge Mädchen— demſelben triſten Schickſal entgegenſahen, nach er⸗ folgter Apoſtaſe brutale Muſelmänner zu heirathen. Die Bulgaren erhoben ſich zwar in Maſſen, doch wurden ſie nach blutigem Kampfe durch die türkiſche Uebermacht zur Flucht und Unterwerfung genöthigt. — —:, 9.Ayßn—— 115 abhackt, nur mehr noch Tage zählt und gleich darauf der Geſchichte anheimzufallen pflegt. Möge das Schickſal Lorbeern auf den Pfad der Löwin von Travnik ſtreuen!“ Lascaris. „Melde deinem tapfern Herrn,“ ſprach Zobeide zu Mirxa, nachdem ſie obiges Stück brieflichen Napportes durchleſen,„daß wir Ihm für ſeine bedeutſame Mittheilung hoch verpflichtet ſind und ſeine Rathſchläge buchſtäblich befolgen werden!“ „Meinen ſchweſterlichen Gruß an Gülnare,“ fügte Leila ſchein heilig bei,„ich hoffe ſie bald zu umarmen!“ Mirra nikte bejahend mit dem Haupte, verbeugte ſich tief und verließ leichten Schrittes das Landhaus. Sonderbar! Die Rich tung, in der er ſeinen Renner forttraben ließ, als er Travnik und Dolaz auf Kanonenſchußweite im Rücken hatte, führte keineswegs unmittelbar nach dem alten Bergſchloſſe, in welchem dle feindlichen Eheleute hauſten. 6 116 Siebentes Capitel. Zigeunerdorf und Waldſtraße. Bosnien iſt nach der von dem Franziskaner Franz Jukich von Banjaluka, Pfarrer in Vucar im Jahre 1841 zu Zara herausge⸗ gebenen, gewiſſenhaft abgefaßten Erdbeſchreibung keineswegs arm an edlen wie unedlen Metallen. Man findet daſelbſt Golderz, Sil⸗ ber, Queckſilber, Blei, Kupfer und Eiſen. Auch feblt es nicht an Steinſalz und zahlreichen Mineralquellen. Mehre Flüſſe führen Goldſand. Den gefeiertſten Namen in dieſem wenig bekannten Kleincalifornien über der Save beſitzt der Fluß Verbas, der unter⸗ halb Alt⸗Gradiska in den oben erwähnten Strom fällt. Das Gold findet ſich vorzugsweiſe in dem oberen Bette der Flüſſe, ehe ſich das Gewäſſer nach ſeinem Austritte aus den Gebirgen mit dem Schlamm oder Lehm in den fruchtbarern Thalgründen vermiſchte. Dieſes Waſchgold dankt ſeinen Urſprung zweifelsohne einer Auflö⸗ ſung metallführenden Geſteines, entweder in Folge des allmähligen Zerbröckelns einzelner losgeriſſener Maßen, oder als Ergebniß des Durchbruches einer Erzader durch zufälliges Sturzwaſſer. Da es mit vielem tauben Kieſe vermiſcht iſt, ſo verlohnt ſich die Gold— wäſcherei natürlich nur dort, wo es in größerer Menge vorhanden, kurz wo die halbe Arbeit von ſelbſt gethan worden. Dies geſchieht nach ſtarkem Hochwaſſer meiſt an dem Bug oder der Krümmung eines Fluſſes, indem das Waſſer, das früher die gewaltigſten Laſten mit ſich fortſchleppte, bei dem ſpätern ruhigern Lauf ſeine ſchwerere Fracht daſelbſt abſetzt und einzig mit der leichtern Bürde weiter ſtrömt. Sobald alſo das Hochwaſſer zu ſinken beginnt, eilen die Goldwäſcher herbei, faſſen den Sand mit hölzernen Schaufeln und n n n n ſchwenken ihn dann in kleinen Waſſerbehältern ſo lange, ſein Goldhaltiges abwuſch. Die Größe und das Gewicht des edlen Metalles wechſelt von reinem Staub bis zur Größe eines Tauben⸗ eies. Reiner Staub trifft ſich jedoch am häufigſten. Die Goldwäſcherei befindet ſich in Bosnien faſt gänzlich in den Händen der Zingani oder Zigani, wie hier zu Lande die Zigeuner genannt werden. Der Statthalter, mitunter auch ein Vornehmer aus der bevorzugten Klaſſe der Spahis, ertheilt einer Zigeunerbande die Bewilligung des Goldwaſchens auf einer beſtimmten Strecke eines Fluſſes oder in einem gleichfalls bezeichneten Bache, und zwar gegen 117 bis ſich all einen jährlichen Lohn, der ſelten mehr als drei Dukaten unſern Geldes für jeden Goldwäſcher zu betragen pflegt. Der Richter oder Hauptmann der Bande unterhandelt mit den Pachtgebern und iſt dann demſelben für die geſammte Frucht der Goldwäſcherei ſeiner Sippſchaft verantwortlich. Ebenſo geht auch der Jahresgehalt durch ſeine Hände. Er iſt alſo eine nicht unwichtige Perſon auf dem eigent lichen Lande. Die Zigeuner wandern gewöhnlich aus den ſüdlichern Provinzen der europäiſchen Türkei ein, und betreiben, wenn ſie einzeln herum⸗ ziehen, meiſt das Gewerbe eines Keſſelflickers. Die Goldwäſcherei hat jedoch dies wanderluſtige Volk des Pharao hie und da zur Ver— einigung bewogen, ja ſelbſt zu dem Baue von Lehmhürden oder Holzhütten veranlaßt. Es gehörte der Pinſel eines Salvator Roſa dazu, um die wildromantiſchen Szenen in derlei Zigeunerneſtern, denn Dörfer wagt man ſie faſt nicht zu nennen, treffend zu ſchildern. Kinder beiderlei Geſchlechtes gehen bis in ihr vierzehntes Jahr, ein kleines Stück Zeug ausgenommen, barfüßig bis an das Kinn, zwingen als zu erbetteln verſuchen. Das Lärmen Und die ältere Bevölkerung bedeckt gerade nur ſo viel Blöße, letzter Reſt Schamgefühl gebietet. Schmutz hemmt die Schritte Zanken der Weiber und Männer, das Bellen der von den Muhamedanern als unrein verſchrieenen Hunde währt den ganzen Tag über, kurz die Bevölkerung des Neſtes ſcheint fortwährend auf dem Kriegsfuße zu leben. Die Zigeuner verbleiben auch ſelten das Jahr hindurch in ihrer Niederlaſſung; die Meiſten verſchwinden im Laufe des Som⸗ mers und kehren erſt wieder, wenn ſie die Kälte und der Froſt des Winters zwingt, ein Obdach zu ſuchen. Während der Wanderzeit, *² 118 die übrigens bei Einigen durch das ganze Leben währt, ernähren ſie ſich wie in andern Ländern durch kleine Dienſtleiſtungen, mitunter wohl auch durch Betrug und Diebſtahl. Zudem ſind ſie auch in Bosnien ſo unverſchämte Bettler wie anderswo, und beſitzen dieſelbe witßzige und beſtechende Manier, ein Almoſen anzuſprechen. So bet⸗ telte einmal ein Zigan mit einem Schwarm von völlig nackten Kindern den Schreiber dieſer Zeilen an der Grenze der Kraina an und meinte, um ſeiner Bitte einen gewichtigen Nachdruck zu geben, er ſei ein armer Mann und es koſte ihn ſehr viel, eine ſo große Familie zu kleiden. Der Zigeuner zeigt überhaupt ſelten eine Spur moraliſchen Selbſtgefühles und läßt ſich daher zu jedem noch ſo eklen Dienſte gebrauchen. Dies erklärt die ſouveräne Verachtung des übrigen Landvolkes gegen den Flüchtling aus Egypten. 8 Unbekümmert um die verächtlichen Mienen ihrer Nachbarn bauſte in einem der reizendſten Thäler Bosniens eine zahlreiche Zigeunerbande, deren Gewerbe einzig in der Goldwäſcherei an einem mitunter ziemlich tiefen, doch nicht ſonderlich breiten Bache beſtand, welcher die Niederung jenes Thales durchfluthete und in Tagen von Hochwaſſer ſeinen vielfach gekrümmten Lauf mit betäubendem Ge⸗ 4 räuſche bis zu ſeiner Mündung in den Verbasfluß fortſetzte. Die Hütten oder Hürden des Zigeunerdorfes, das etwa drei Fahrſtun⸗ den von Riswan's Bergſchloſſe entfernt ſein mochte, lagen auf einem geräumigen Plateau auf dem rechten Ufer des Baches, das ſich etwa anderthalb Klafter über dem Spiegel des Waſſers erhob. Dies Plateau war an der Stelle, an welcher ein ſchwankender ſchad⸗ hafter Steg nach dem entgegengeſetzten Ufer führte, von einem Hohl⸗ weg durchſchnitten, der in langſamer Steigerung nach einem Weidr⸗ platz für Büffel und ſonſtiges Hornvieh leitete und deshalb an ſeinem Ausgange durch eine Art Schranke gegen den willkürlichen Beſuch der Herde geſichert wurde, da die Zigeuner das Erträgniß der Goldwäſcherei auf dieſem Pfade auf Schubkarren nach dem Dorfe zu bringen pflegten. Der Büffel mit ſeinen tölpiſchen Bewegungen, ſeinem matten und gelben Auge, mit ſeinen über dem Halſe umgebogenen Hörnern iſt gewöhnlich zweimal ſo ſtark und beleibt als ein gewöhnlicher Stier und wird daher mit Vortheil zu dem Transport von Eiſen, Salz und Steinen verwendet. Er gilt als das Kameel der europäiſchen Türkei, iſt aber bei großer Sommerhitze und unvermuthetem Anblick von Waſſer ein unverläßliches Saumthier, da er in Folge ſeiner 119 übermäßigen Transpiration bei derlei Gelegenheiten unbekümmert um ſeine Fracht oder Laſt ſich bis an das Maul in die erſehnte Pfütze oder Waſſerfluth hineinwirft. Gereizt zeigt ſich der Büffel wahrhaft fürchterlich und wehe dem menſchlichen Gegenſtand ſeines Grolles, wenn er ihn zu erreichen vermag! Der Unglückliche wird von der raſenden Beſtie rein zu Tode getreten. Aus dieſen Gründen hatte man auch die Büffel von dem Hohlwege abgeſchnitten. Das Dorf ſelbſt zählte eine nicht unbedeutende Anzahl Hütten, welche aus beſſerem Materfale erbaut worden, und ſich weit geräu— miger und wohnlicher gaben als die gewöhnlichen Behauſungen der Zigeuner. Namentlich zeichnete ſich ein faſt in der Mitte des Plateau befindliches Gebäude durch größeren Umfang wie durch einige Zier⸗ lichleit der Außenſeite vortheilhaft vor ſeiner Umgebung aus. Es war die Wohnung des Richters oder Hauptmannes, weshalb es auch das Rathhaus oder Hauptquartier genannt und von den übrigen Zigeunern nie anders als mit entblößtem und gebeugtem Haupte betreten wurde. Der gegenwärtige Hauptmann war ein häßlich gelber betagter Zigeuner, der im Gegenſatze zu ſeinem jungen im Dienſte bei Las⸗ caris ſtehenden Verwandten von den Bosniaken Marco, von den Moorwalachen aber Mirra der Aeltere benamſet ward und in dem Rufe ſtand, ebenſo pfiffig, abgetrieben und gewandt als betrügeriſch, käuflich und abergläubiſch zu ſein. Mirra der Aeltere wurde in Folge dieſer ſeiner Eigenſchaften, wie Dank anderweitiger Talente eine ſehr gewichtige Perſönlichkeit, da er nicht blos ſeiner eigenen Bande gebot, ſondern auch als Oberhaupt mehrer benachbarten Goldwäſchereien über bedeutende Schätze zu verfügen hatte. Keine NRoſen ohne Dornen! Seine glänzende Würde beſaß auch eine trübe Schattenſeite, da es in der Gegenwart ſeine Aufgabe geworden, das Wohl und die Sicherheit ſeiner Untergebenen im Getriebe der vielen politiſchen Parteien Bosniens zu wahren und zu fördern. Sein meiſt ſchelmiſch ſchmunzelndes Antlitz gewann daher täglich einen trübern Ausdruck, namentlich zog der Alte bei der Ankunft Mirra Morgen nach deſſen Botenritt von des Jüngern, die am zweiten gtes Geſicht, kurz Travnik erfolgte, ein ſehr nachdenkliches und beſor der Aermſte ſchien auf Nadeln zu ſtehen. „Du erwarteſt alſo deinen Herrn?“ frug er Miene. „Mich wundert, daß er noch nicht eingetroffen iſt!“ mit unſicherer 120 „Was will er von mir?“ „Das weiß ich nicht,“ antwortete der Junge mit einem ver⸗ ſchmitzten Lächeln, das gerade das Gegentheil andeutete. „Du lügſt! Beichte oder ich laſſe dich durchgerben!“ „Beides geht aus zwei Gründen nicht wohl an.“ „Aus zwei Gründen?“ „Erſtlich ſtehe ich nicht länger unter deiner abgeſchmackten Zucht, zweitens kommt mein Herr ſo eben wie von einem Sturm⸗ wind getragen mitten durch deine Büffelherde dahergeflogen.“ „Wohl mir, er iſt allein!“ Alſo murmelte etwas heiterer der Alte und trat dann ſeinem hohen Beſuche mit ſcheinheiliger Miene und demüthiger Haltung entgegen. Lascaris war an dieſem Morgen herrlich anzuſchauen. Er trug als Miri⸗Alai oder Obriſt der Landwehrreiterei einen blauen, reich mit Gold verſchnürten Dolmäny, weiße Pantalons und hatte einen köſtlichen Kalpak in die Locken gedrückt. Kein Maler der Welt hätte ein ſchöneres Abbild des Kriegsgottes zu liefern verſtanden. Lascaris ſprang ab, Mirxa dem Jüngeren die Zügel ſeines Heng⸗ ſtes zuwerfend. „Haſt du dich endlich entſchloſſen,“ frug er den Alten mit her⸗ riſchem Tone,„deine Pflicht zu thun?“ „Iſt es auch wirklich meine Pflicht?“ antwortete zögernd der Zigeunerhauptmann. „Du wirſt doch dem Befehle des Paſcha's von Travnik ge⸗ horchen?“ „In Serajevo iſt man in dieſem Punkte gegenwärtig ſehr ungehorſamer Meinung.“ Ein lebhafter Wortwechſel entſpann ſich. 1G Auch an dem andern Ufer des Baches gab es einen kleinen Wortſtreit, und zwar an der Stelle, wo ſich der oben erwähnte ſchwankende und ſchadhafte Steg befand. Dort hielt ein eben ange⸗ kommener Wagen. Das Fahren i*ſt zwar in den dortigen Gegenden nicht ſehr in Gebrauch, doch pflegen die reicheren Muſelmänner manchmal die lebendigen Roſen ihres Harem in einen eigenthümlich verzierten Wagen oder vielmehr in eine hühnerſteigeähnliche Chaiſe zu ſetzen, welche äußerlich bemalt und vergoldet iſt und gewöhnlich von Ochſen gezogen wird. Neben dem Joche der Ochſen iſt ein höl⸗ zerner Bogen mit rothen Quaſten und Franſen angebracht. Das erwähnte Fuhrwerk war jedoch etwas leichter gebaut, auch ſchnaubten 121 zwei tüchtige bulgariſche Pferde an dem Geſpanne. Ein wohlbe leibter Diener ſtand an dieſem Wagen und wollte ſeiner Herrin Gülnare wie ihrer Zofe Manda begreiflich machen, wie ihn der Uebergang über den zwar nicht breiten aber ziemlich tiefen Bach ſehr gefährlich bedünke. Gülnare gab ihm keine Antwort, ſtieg ruhig aus und eilte haſtig nach dem Stege; Manda aber ſpottete des furcht ſamen Dieners und meinte, er fürchte in ſeiner Dicke, Schwere und— Unbehülflichkeit wohl nur einzig für ſeine eigene Sicherheit. Die Worte waren profetiſch, wie wir gleich ſehen werden. Auch die Roſe von Serajevo nahm ſich in ihrer Amazonentracht wundervoll aus. Sie trug ein weißes Reitkleid, eine enganſchlie ßende blaue, gleichfalls reich mit Gold geſtickte und verbrämte Servianka und einen köſtlichen Gürtel von rothem Seidenſtoffe, in dem eine verſchwenderiſch mit Silber ausgelegte lange Piſtole und ein noch werthvollerer Handſchar oder Natagan ſtaken. Anmuthig nahm ſich dazu das hübſche rothe Mützchen aus, das die Mädchen der Morlaken in Montenegro und in Serbien zu tragen pflegen. Es iſt ein rundes, knappes, flachdeckeliges Käppchen von Tuch, welches ſo hell und grell ſchimmert, daß man es ſchon von Weitem wahrnimmt wie eine rothe Blume in der grünen Wieſe. Der dalma⸗ tiniſche Dichter Tomaſeo hat dieſes rothe Mützchen zum Gegenſtande eines„il baretto rosso“—„das rothe Barett“— betitelten Ge⸗ dichtes gemacht. Es iſt, wie geſagt, das Symbol der Jungfräulich⸗ keit, weshalb es die Bräute vor der Hochzeitsnacht für immer ablegen. Die weiße Roſe hatte freilich Grund, wie wir wiſſen, vor der Hand mit dem Ablegen des Ehrenzeichens einer Blumenknoſpe zu zögern. Gülnare wie Manda gelangten raſch an das rechte Ufer, der beleibte Diener gab aber eine zu gewaltige Laſt für die halbver— morſchten Bretter, der Steg brach ein und der Dickwanſt verſchwannd augenblicklich in den Gewäſſern des Baches. Der Aermſte erhob ſich zum Glück raſch auf ſeine Beine und mühte ſich halb ſchwimmend, halb trippelnd nach dem eben verlaſſenen näher liegenden Ufer zu rückzugelangen, was er auch nach einiger Anſtrengung in der That bewerkſtelligte, ſo daß er zwar mit einem naſſen Bade, aber denn doch mit heiler Haut aus der garſtigen Klemme entwiſchte. Der Lärm hatte die Zänker auf dem Plateau aufmerkſam gemacht. Eine flüchtige Röthe flog über das Antlitz des ſchmucken Lascaris, als er Gülnaren erblickte.— * „Es wird ein hitziges Scharmützel abgeben!“ murmelte der alte Zigeuner bei Seite. In dieſem Augenblicke erſcholl ein furchtbares Gebrüll. Auch die Herde auf dem oberen Weideplatze war durch das Getöſe auf⸗ geſchreckt worden, und ein gewaltiger Büffel näherte ſich, halb neu⸗ gierig, halb unmuthig umherſpähend, der Schranke, welche, den Hohl⸗ weg abſperrte. Zum Unglück ſchimmerte die Schärpe wie das Käppchen Gülnaren's nurzu grell im heitern Sonnenlichte, und das ohnehin ſchon wuthſchäumende Thier wurde bei dem Anblicke der verhaßten rothen Farbe wie des einladend blinkenden Waſſers völlig raſend. Das mißgeſtaltete Ungethüm ſtürzte ſich daher mit all ſeiner entſetzlichen Kraft auf das Holzwerk, und die Schranke, durch Zufall oder Nach— läſſigkeit ſchlecht befeſtigt, ſprang auf und flog dann auf ihren An⸗ geln nach der einen Seite des Hohlweges. Der Büffel ſtutzte ein paar Momente, bald aber ſetzte er ſich mit geſenkten Hörnern und unheimlich funkelnden Augen in ſeinen raſcheſten Lauf. Gülnare ſchien verloren! Rückwärts der ſtegloſe Bach, zu beiden Seiten die Wände des Plateau, am Rande des Gewäſſers anderthalb Klafter hoch auf⸗ ſteigend, vorn blind anſtürmend der unerbittliche häßliche Feind! Schreckliche Lage! Wohl langte die Tochter Riswan's entſchloſſen nach der Feuerwaffe im Wehrgehänge ihres weißen Reitkleides, aber was ſollte eine Piſtolenkugel gegen das gewaltige Büffelthier, das ſelten aus einem Kugelſtutzen auf den erſten Schuß eine tödtliche Ladung erhält?! Und doch war Hilfe nahe! In dieſem gefährlichen und entſcheidenden Augenblicke ſprang ein hochgewachſener Mann von dem höchſten Kamme des Plateau in den Hohlweg, und warf ſich nicht blos zwiſchen das reizende Weib und das abſcheuliche Unthier, nein, er ſchritt dem ſchnaubenden vier⸗ füßigen Satan haſtig entgegen, eine Gluth im zornigen Blicke, welche den Büffel ſtutzen machte, ja ſeinen raſchen Anlauf momentan hemmte. Der Zuſammenſtoß erfolgte demungeachtet mit furchtbarer Heftigkeit; es war aber nicht der Menſch, der umgeſtürzt wurde, nein, es war das ungeſchlachte Thier, das der Retter in der Noth mit der Gewandtheit eines bosniſchen Rinderhirten, aber mit zehn— facher Stärke an den kurzen Hörnern faßte und es— Anfangs weislich ein paar Schritte zurückweichend, dann aber um deſto ge⸗ waltiger vorwärts drückend— mit umgedrehtem Halſe zu Boden 123 ſchleuderte. Der geſtürzte Büffel ward im nächſten Augenblicke von einer Unzahl Hunde, welche die Zigeuner mittlerweile losgelaſſen, buchſtäblich überdeckt und daher in Bälde gänzlich fampfunfähig. Der Retter hob Gülnaren wie ein Kind empor und trug ſie auf ſei nen ſtarken Armen nach dem Plateau⸗ Ein Blick inniger Zärtlichkeit haftete auf ihrem Antlitze. Ward er erwiedert? Mich dünkt es faſt ſo, obgleich die flüchtige beiderſeitige Augenſprache kaum eine Se kunde währte und dann dem angelobten kalten und ſteifen Zwange für immer zu weichen drohte. Es war Lascaris, welcher die verzweifelnde Lage ſeines Weibes gewahrend, ohne eine Minute zu zögern, ſich zwiſchen Gülnare und ih⸗ ren häßlichen Tod geworfen. Mirxa der Jüngere leitete ſpäter die Zofe, welcher die biſſigen Hunde faſt noch mehr Seelenangſt verurſachten als der beſiegte Büffel, ſchirmend nach der mehrerwähnten Anhöhe. Dem Leſer diene zur Nachricht, daß das Kraftſtück, ein Rind bei den Hörnern zu faſſen und durch haſtiges Umdrehen des Halſes zu Boden zu werfen, nicht blos von den bos⸗ niſchen Rinderhirten und den Gulyäis auf den ungariſchen Pußten häufig ausgeführt wird, ſondern auch von handfeſten Bankknechten auf den Schlachtbänken in den Städten faſt eben ſo oft mit gleichem ſieghaften Schluſſe nachgeahmt zu werden pflegt. Bei den kurzen Hörnern und dem gedrungenen Halſe des Büffels braucht es dazu⸗ wohl noch etwas mehr Gewandtheit und Stärke. Gülnare wußte nichts von ſchwachen Nerven. Ihr Antlitz wies daher in der nächſten Viertelſtunde den alten Stolz, die gewohnte Nuhe. „Was führt Sie, Lascaris,“ frug ſie mit faſt eiſigem Tone, „in dies abgelegene Zigeunerdorf?“ „Mein haſſenswerthes Geſchick!“ „Ihr haſſenswerthes Geſchick?“ „Zu dienen! Es ſcheint einmal mein Schickſal zu ſein, überall als Gegner Ihrer Liebenswürdigkeit auftreten zu müſſen.“ „Alſo ſpielen Sie hier die Rolle eines außerordentlichen Bot ſchafters?“ „Ja wohl! Ich ſtehe hier als Geſandte des Halbmondes wie Gülnare zweifelsohne die Anſprüche der Spahis vertritt.“ „Dann haben wir feindlich abermals eine gewichtige Lanze zu brechen!“ „Ich höre bereits die Trompete erdröhnen!“ 124 „Ich ſitze gleichfalls bereits ſeſt im Sattel!“ Nach dieſen Worten wandte ſich Gülnare an Mirra den Ael⸗ tern und frug mit herriſchem Tone: „Was fordert der Botſchafter des Paſcha von Travnik von dir?“ „Ablieferung des geſammten Gewinnes unſerer Goldwäſcherei zu Händen des Muſchir!“ „Und wie lauten meine Wünſche?“ „Uebergabe dieſes Gewinnes an die Spahis gegen Auszah⸗ lung der uns gebührenden Prämie.“ Die Goldwäſchereien, welche Mirra der Aeltere leitete und überwachte, waren ſeinen Zigeunern nämlich urſprünglich von meh⸗ ren bosniſchen Grundherren zur Ausbeutung übergeben worden; in der gegenwärtigen Geldklemme, einer Folge des Verſiegens aller Einnahmen durch die meuteriſche Weigerung der Bosniaken, fand ſich jedoch Vali Juſſuw veranlaßt oder vielmehr gezwungen, den Gewinn ſämmtlicher Goldwäſchereien im Lande als Eigenthum des Staates zu erklären. „So iſt es! Ich kam,“ fuhr Gülnare fort,„den Goldſand im Namen meines Vaters Niswan wie unſerer Nachbarn zu über— nehmen.“ Eine kurze Pauſe erfolgte. Lascaris lachelte ironiſch vor ſich hin, der Zigeunerhauptmann rieb ſich verlegen die Hände. „Haſt du dich entſchieden?“ frug die Arszone mit ärgerlicher Stimme. „Ich brauchte noch ein paar Tage Bedenezeit.“ „Kann nicht bewilligt werden! Jetzt oder nie! Wie lauten meine Beweggründe?“ „Vuk und ſeine Haiduken! Man nimmt im Weigerungsfalle mit Gewalt, was ich leider nicht zu vertheidigen vermag. Auch fällt dann die uns gebührende Prämie hinweg, ſo ſauer wir ſie auch ver⸗ dienten.“ „Lascaris,“ ſprach Gülnare,„wollen Sie gefälligſt Ihre Be⸗ weggründe angeben!“ „Ich meine, der Paſcha von Travnik hat über ein paar tauſend ſehr ſpitzige Bajonette regulärer Truppen zu verfügen.“ „Dieſe Bajonette,“ entgegnete die ſchöne Gegnerin höhniſch, „ſind fern, Vuk aber iſt nahe!“ „Das iſt allerdings wahr,“ meinte Lascaris,„aber höre mich, 125 wohlbeſtallter Zigeunerhauptmann, ruhig an: Vuk und ſeine Leute können dir freilich kraft des Fauſtrechtes den gewonnenen Goldſtaub abnehmen, dann aber ſind ſie als Räuber dem Pfahle verfallen, zu⸗ dem haſt du überhaupt für deine eigene Haut nichts von dieſen Landſtreichern zu fürchten. Ich aber habe da zwei Papiere, welche dich noch mehr intereſſiren dürften. Sie ſind freilich türkiſch beſchrie— ben, doch bin ich gerade in der Laune, dir ihren Inhalt bereitwil⸗ ligſt zu überſetzen, falls du jener Sprache wie des Leſens insbeſon— dere nicht kundig ſein ſollteſt. Das eine Papier iſt ein ſehr ſorgfältig ausgefertigter Steckbrief, wie man es in der Militärgrenze drüben nennt, der eine ganz genaue Beſchreibung deiner anmuthigen alten Perſönlichkeit enthält. Das zweite Dokument beſteht in nichts Wei⸗ terem als in einem gemeſſenen Befehl an alle reguläre Truppen, Landwehrreiter und Kawaſſen in Bosnien, ſich mit den Waffen in der Hand deiner als eines Veruntreuers großherrlicher Einkünfte zu verſichern und im Falle des Flüchtigwerdens auf dich wie auf deine geſammte ſonnenverbrannte Sippſchaft hier ſowohl wie bei den andern Goldwäſchereien als auf räudige Hunde und vogelfreie Lumpe bei Tag und Nacht unaufhörlich Jagd zu machen. Du ſiehſt, es iſt ein für euch ſehr ſchmeichelhafter Ferman.“ Ein ängſtliches Gemurmel lief bei dieſer Drohung durch die Reihen der Zigeuner, die Widerſpenſtigkeit Mirxa des Aeltern gegen die Wünſche des Vali zu Travnik ſchien beſiegt, und Gülnare gab ſelbſt den Zweck ihrer Geſandtſchaft für verloren. Da erſchien ein neuer Verbündeter zu Gunſten des Kreuzes auf dem Schlachtfelde. Es war der Bruder Meliſſa's, der Enkel des alten Abbas, der ſtämmige Dane. Der Morlake zog vor der Roſe von Serajevo achtungsvoll die Mütze und überreichte ihr einen mit einer Rohrfeder ziemlich unleſerlich beſchriebenen Streifen Papier. Das Schreibzeug in der Türkei beſteht nämlich in einem meſſingenen Tintenfaß, das die öffentlichen Schreiber auf den Bazars, meiſt Griechen, im Gür⸗ tel tragen, dem Kalem oder der Nohrfeder in einem Etui, nebſt dem Kalemtrach oder Federmeſſer. Man ſchreibt gewöhnlich auf dem Knie. Gülnare las triumphirend mit lauter Stimme: „Sollte die Drohung mit dem Zorne Vuk's den zähen Zigeu⸗ nerhauptmann zur Uebergabe des Goldſtaubes nicht zu bewegen vermögen, ſo beliebe man ihm einfach zu ſagen, daß auch Abbas der Flüſterer dasſelbe Verlangen hegt, ferner augenblicklichen Gehorſam fordert, widrigen Falles———“* — 126 Abergläubiſche Scheu ergriff bei dem Namen Abbas die Zi⸗ geunerbande. Mirra der Aeltere gab ſich bei den Worten„widrigen Falles“ als ein ſchauerliches Jammerbild der Angſt und Verzweif⸗ lung. Seine Knie ſchlotterten, alle ſeine Glieder zitterten, das Antlitz wurde erdfahl, die Zähne ſchlugen hörbar zuſammen. „Ich bin verloren!“ ſtöhnte er faſſungslos. „Ermanne dich, Alter,“ ſprach Gülnare,„es folgt nichts wei⸗ ter auf dies„widrigen Falles“!“ „Iſis ſei geprieſen!“ keuchte der kleine Mann. Dann gab er haſtig den Befehl, das bisher gewonnene Waſch⸗ gold gegen Empfang der Prämie eiligſt über den von ein paar Zi⸗ geunern mittlerweile hergeſtellten Steg nach dem Wagen Gülnaren's zu ſchaffen, ein Befehl, der augenblicklich befolgt wurde. „Herr,“ ſprach hierauf Mirra der Aeltere, ſich gegen Lascaris wendend,„wenn Sie mich erwürgen, ſchinden, bei lebendigem Leib verbrennen laſſen, ich könnte doch nicht anders handeln! Thun Sie jetzt Ihr Schlimmſtes!“ Der Kneſin blickte mitleidig auf den verzagten Mann. „Ich bin aus dem Felde geſchlagen worden,“ begann Lascaris nach einer Pauſe ruhig und ohne den mindeſten Anklang des Un⸗ muthes in ſeiner Stimme,„aber ich hatte es mit meiner eigenen Frau zu thun, und das beſagt viel bei Einem, der türkiſche Sitte liebt, denn ſelbſt der Seraskier wagt ſich nicht in Gegenwart der Gulis Khanum, wie ſeine Chehälfte heißt, zu ſetzen, bis ſie es er— laubt! Deshalb tröſte dich, alte Memme, ich will dir ja noch oben⸗ drein aus der Klemme helfen und den Steckbrief wie den Ferman zur Stunde in Stücke reißen. Als Ausrede gelte meine eigene Saumſelig⸗ keit. Ich bin, alſo werde ich ſagen, zu ſpät gekommen, und du hatteſt dein Waſchgold nach einem verzweifelten moraliſchen Widerſtande zu Händen der dafür haftenden Spahis abgeliefert. Gott zum Gruße!“ Nach dieſen troſtvollen Worten ergriff Lascaris den Arm ſeines ihn freundlich, ja faſt bewundernd anblickenden Weibes und geleitete die ſieghafte Gegnerin mit ritterlicher Artigkeit bis zu ihrem am jenſeitigen Ufer harrenden Wagen. „Darf ich Ihnen,“ frug er,„noch länger als Schirmwache dienen?“ „Danke höflich,“ entgegnete Gülnare mit der früheren, jetzt aber erheuchelten Kälte,„ich habe nichts zu befürchten!“ Lascaris entfernte ſich mit achtungsvollem Gruße. 12⁷ Der Wagen rollte haſtig über die ſchmale einſame Straße durch die ſchweigſamen Wälder. Manda behauptete ſpäter in einem trau⸗ lichen Geſpräche mit der befreundeten Zofe Leila's, Gülnare habe ſich ein paar Mal, zweifelsohne gegen ihren Willen, umgeſehen, aber der bekannte herrliche Rappe wie ſein Reiter ſei leider nicht ſichtbar geworden, wie ein leichter Seufzer der Herrin verrätheriſch kund— gegeben. Seltſame Räthſelwelt in der weiblichen Bruſt! Etwa anderthalb Stunden mochten vergangen ſein, ſeit der Wagen das armſelige Zigeunerdorf verlaſſen hatte, als ſich der Himmel umwölkte, und ein kalter Wind von den Bergen zu wehen begann. Der Kutſcher hieb fröſtelnd in die Pferde, und im ſchärfſten Rennen ging es über den ſogenannten Hals, der aus dem Gebirgs— walde in den Thalgrund führte, durchwegs zerklüftetes Geſtein, hier ein Felsblock breit und hoch, dort eine Kluft abſchüſſig und tief, zerriſſener Boden mit Eiſenſchlaken bedeckt, ein ewiges, unveränder⸗ liches Denkmal der Stunde, in der hier einſt die Bruſt der Mutter Erde erzitterte, und aus ihrem Munde zwar nicht Blut, aber Lava in Strömen floß, wenn anders die Sage, welche in dieſe Gegend einen längſt ausgebrannten Vulkan verlegte, auf Wahrheit begrün⸗ det iſt. Der düſtere Anblick trug noch mehr zur Verſtimmung der Kneſin bei. Auf der Mitte des Halſes ragte ein hoher Felſen hart an der Waldſtraße empor, hinter ihm zog ſich ein breiter, aber nicht ſehr tiefer Riß nach der Ebene hin. Die Reiſenden hatten noch eine gute Fahrſtunde nach dem Bergſchloſſe zurückzulegen. „Wir werden entweder getauft oder angefallen,“ begann Manda kleinlaut,„der Regen droht in jeder Minute vom Himmel zu fallen, und die Spitzbuben könnten es nirgends bequemer haben als in die⸗ ſer abgelegenen Gegend.“ „Haſenfuß,“ entgegnete Gülnare,„regnen kann es freilich, aber türkiſches Räubergeſindel wagt ſich ſchwerlich ſo weit in die Nähe von Serajevo herab. Von unſern heimiſchen Haiduken haben wir ja nichts zu beſorgen.“ In dieſem Augenblicke erſcholl ein gellender Pfiff und der Kut⸗ ſcher hielt beſtürzt die Pferde an, denn etwa hundert Schritte vor dem Wagen, der eben um eine Ecke gebogen, ſperrte eine friſch ge⸗ fällte Buche die Waldſtraße. „Sie haben es doch gewagt, dieſe Lumpe,“ jammerte die Zofe, „vorwärts, was die Roſſe laufen können!“ Umſonſt! 128 Die Straße war, wie geſagt, geſperrt, auch wäre es viel zu ſpät geweſen. Aus allen ſeichteren Riſſen, aus allen niederern Klüf⸗ ten kam es vorn und hinten, rechts und links um die Felſen herum⸗ geſprengt auf den kleinen unermüdlichen bosniſchen Roſſen. Es mochten an fünfzig Wegelagerer ſein, grimmig blickend, bis an die Zähne bewaffnet, des drohenden Regens wegen in die warme Opaklia — Schafpelz— gehüllt. Ihr Anführer ritt einen Fleckenſchimmel mit Glasaugen, führte zwei tüchtige Sackpiſtolen, hatte einen ungeheuern Korbſäbel am Wehrgehänge und einen Kugelſtutzen über die Schul⸗ ter hängen. Es war Muſtapha. Der Schurke ritt ganz gemächlich heran und rief ſchon aus der Ferne: „Den Goldſtaub oder das Leben!“ Gülnare ſpannte zur Antwort den Hahn ihrer langen Piſtole. Plötzlich erdröhnte der weithinſchallende Hufſchlag eines wie raſend dahinjagenden Roſſes. Die Herrin blickte freudig überraſcht nach rückwärts. Dieſe Unachtſamkeit wußte der erfahrene Muſtapha augenblicklich zu benützen. Er ſprengte wie ein Pfeil an den Wagen und ſchlug ſeiner ſchönen Gegnerin die Feuerwaffe aus der Hand. „Der Ueberfall,“ hohnlachte er,„iſt vollkommen gelungen!“ Der Räuber hatte kaum ausgeſprochen, ſo flog auch ſchon ein Reiter im Dolmäny um die früher erwähnte Biegung des Weges, und der Fleckenſchimmel mit Glasaugen wälzte ſich im nächſten Momente ſammt ſeinem Eigenthümer überritten am Boden. „Du haſt ſchmählich gelogen,“ donnerte der Sieger,„es muß heißen, der Ueberfall wäre gelungen, wenn dieſer Rappe hier den Spath hätte, oder ſein Reiter Lascaris am Knieſchwamme litte!“ Die Gefahr war aber noch lange nicht beſchworen. Die berit⸗ tene Bande ließ die Hähne ihrer Piſtolen knattern. Nun kam es zu einem Seitenſtück der Bravour, die Vuk unlängſt bei der Rettung des türkiſchen Kouriers Ali bewieſen. „Meuterei!“ fluchte Lascaris mitten unter die Strauchdiebe ſprengend,„habt ihr überhört, daß ich Lascaris heiße, alſo Mannes genug bin, euch Pfuſcher ſämmtlich zu Brei zu dreſchen! Streckt die Waffen, oder der Satan zählt, ehe die nächſte halbe Stunde um iſt, um ein paar Dutzend hölliſche Handlanger mehr!“ Die Räuber ſtutzten. 129 Der gefürchtete Name wie die Obriſtenuniform der Landwehr⸗ reiterei verblüfften ſie bedeutend. Das Leben des tollkühnen Lascaris hing demungeachtet an einem Haare, denn Muſtapha hatte ſich mitt lerweile aufgerafft und ſchlug bereits mit dem Kugelſtutzen auf ſei— nen Gegner an, als Mirra der Jüngere, der gleichfalls herbei— geſprengt kam und den aufgeſprungenen, faſt ſcheu gewordenen Fleckenſchimmel auffing, dem erzürnten Wegelagerer die Worte in das Ohr flüſterte: „Siehſt du denn nicht, daß es Lascaris iſt? Willſt du deinen Monatsſold von zwei Beuteln einbüßen?“ Muſtapha ſetzte mechaniſch ab. „Den größten Theil des Waſchgoldes,“ fuhr der Zigeuner⸗ knabe leiſe fort,„müßteſt du doch nach Travnik abliefern, und den unterſchlagenen Reſt noch obendrein mit deinen Leuten theilen. Der Monatsſold verbleibt aber dir allein.“ Der Renegat zögerte noch immer. .„Schließlich,“ meinte Mirxra,„ſind nicht wir, ſondern ihr ſeid in einen garſtigen Hinterhalt gerathen. Glaubſt du, unſere Herrin ſei ohne ſichere Bedeckung gereiſt? Blicke einmal nach jener Höhe rechts! Dort wimmelt es bereits von drohenden Geſtalten. Es ſind Haiduken. Ehe fünf Minuten um, iſt dein Leben keinen Schuß Pul⸗ ver mehr werth!“ Die Angabe des Zigeuners hatte ihre volle Richtigkeit, wie ſich Muſtapha auf den erſten flüchtigen Blick überzeugte. Ein paar Minuten Zögern und die Bande war umgangen, mußte auf dem durchſchnittenen Terrain, darauf ſie ſich als Reiterei nur ſchwerfällig bewegen konnte, ſchmählich, ja ſo zu ſagen ohne Widerſtand die Waffen vor den verhaßten ungläubigen Hunden ſtrecken. „Aufgeſchoben,“ murrte der Räuberhauptmann,„iſt nicht auf gehoben!“ Dann warf er ſich haſtig auf den Schimmel, rief ſeine Leute zuſammen und ſprengte mit ihnen eilig die Bergſtraße hinan. Er war in ſeine eigene Schlinge gefallen, denn die friſchgefällte Buche ſperrte den Weg thalabwärts jetzt ſeinen Reitern ſo gut als früher dem Wagen der Reiſenden. Die Haiduken kamen näher heran, zogen ſich aber, als ſie alle Gefahr beſeitigt ſahen, ehrfurchtsvoll grüßend nach der waldigen Anhöhe zurück. Ein Dutzend derſelben ſprang jedoch auf die Straße, ſchleifte den Buchenſtamm bei Seite und blieb, Plänkler ausſchickend, mit ſcharfgeladenen Gewehren als Der Montenegriner 9 ———˖— 2 y y y.—— 130 Sicherheitspoſten zurück, was ſehr nöthig, falls die verſprengten Buſchklepper anders einen zweiten Angriff hätten verſuchen wollen. „Es war doch ſehr vernünftig von mir,“ ſprach Lascaris, am Wagen Gülnaren's dahingallopirend,„daß ich trotz Ihrem ableh⸗ nenden Beſcheide als geheime Sicherheitswache nachtrabte. Sie hatten zwar bereits früher, wie ich eben ſah, für eine hinreichende Leibwache geſorgt, aber Fußvolk kommt meiſt zu ſpät, wenn der Ueberfall durch Reiterei geſchieht.“ Gülnare dankte mit einem freundlichen, faſt zärtlichen Blicke. Mit einem faſt zärtlichen Blicke? Und warum nicht? Hatte ihr doch Lascaris an einem Tage, ſo zu ſagen, zweimal das Leben gerettet! Grimmiger lautete der Gedankengang Muſtapha's. „Ich habe Pech in Allem,“ grollte er,„ſeit ich mit dieſem ver⸗ dammten Vuk zuſammengerathen! Der wenigſtens ſoll mir nicht entkommen! Ich wollte ihn früher blos bei gelindem Feuer röſten, jetzt aber ſoll er an ſeinem eigenen ſiedenden Athem verbrennen, oder ich will nicht Muſtapha der türkiſche Schnapphahn, ſondern Guſak, der Gänſerich heißen!“ 131 Achtes Capitel. Kuß und Schuß. In dem Städtchen Livno, dem alten Helunum mit etwa fünfzehn⸗ tauſend Einwohnern, herrſchte um dieſe Zeit faſt noch größere Auf⸗ regung, als an dem Tage, da der neu ernannte Aga, wie Lascaris in ſeinem Schreiben an Zobeide erzählte, jene ſchöne Bosniakin ge— waltſam entführen ließ. Man hatte nämlich in Erfahrung gebracht, daß die Aermſte keineswegs zu dem Islam geſchworen, ſondern ſich nur zu dieſem Uebertritt bereit erklärt habe, falls man ihr früher hinreichenden Unterricht in der muhamedaniſchen Religion ertheilen würde, ein Geſchäft, was ſich die türkiſche Geiſtlichkeit nunmehr äußerſt zu Herzen nahm. Ein junger, ziemlich bemittelter chriſtlicher Kaufmann, der die entführte Schönheit liebte, benützte die Galgen⸗ friſt, ſchlug faſt ſein halbes Vermögen in die Schanze und wußte ſo bei dem von Geldmangel gedrückten Paſcha Juſſuw einen Ferman zu erwirken, kraft deſſen die erwähnte Moma— junges Mädchen—, da ſie noch nicht zu dem Glaubensbekenntniß des arabiſchen Pro feten übergetreten ſei, augenblicklich in Freiheit geſetzt werden ſollte. Der Aga aber verläugnete nicht nur dieſen Ferman, indem er ihn Vor⸗ ſichts halber fortwährend bei ſich trug, ſondern er ließ ſogar den jungen Kaufmann fälſchlich eines Verbrechens beſchuldigen und vor ſich ſchleppen. Der Bosniake verwarf die Klage mit Unwillen, ja er legte ſelbſt Hand an den Barbaren. Als er aber auf Letztern los⸗ ſprang, wurde er von den Wachen gehalten und die Balta— ein kleines metallenes Beil— des Aga riß ihm die Seite auf, von der Achſelhöhle durch die Rippen. In dieſem Zuſtande ward der Un⸗ glückliche 4 n ein unterirdiſches Gefängniß in Geſtalt eines Käfigs 9* ———— 132 geworfen.*) Bald jedoch wurde der Kerker von den wüthenden Einwohnern umringt, und der bosniſche Aufſtand wäre, da der Beſchwichtiger Vuk nicht zugegen war, zweifelsohne zu Livno aus⸗ gebrochen. Zum Glücke oder Unglücke rückte in dieſem Momente ein reguläres türkiſches Bataillon, aus Bulgarien kommend, in dem Städtchen ein. Der Bimbaſchi oder Major dieſes Bataillons, ein Mann, der in Wien, Paris und London geweſen, gab ſich, als er das wahre Sachverhältniß erfuhr, faſt noch entrüſteter als die Bos⸗ niaken, und ließ den Verwundeten durch eine verſtellte Flucht aus dem Kerker entſpringen, ja er gelobte ſelbſt die Moma aus ihrer Haft zu befreien, falls man ihm anders den Ferman des Paſcha vorweiſen würde. Dies hatte nun allerdings ſeine Schwierigkeit. Der junge Kaufmann ſuchte daher nach Serajevo zu gelangen, wo er Gülnaren's Hilfe in Anſpruch zu nehmen wagte. Dieſe entſchloß ſich nach langen Kampfe Lascaris zu Rathe zu ziehen, um Beiſtand anzuſprechen. „Ich glaube, wir werden es durchſetzen,“ entgegnete dieſer nach einer längeren Pauſe,„falls ſich anders der Enkel des Flüſte⸗ rers mit der Sache befaſſen will. Er iſt mir zwar nicht grün, aber Ihnen zu Liebe wird er wohl ſeinen gewichtigen Einfluß in die Wag⸗ ſchale werfen.“ „Dane? Welchen Einfluß kann er beſitzen?“ „Er iſt ein ſchmucker Burſche und in Klein⸗Madara ſehr gut angeſchrieben.“ Gülnare erröthete bei dieſem Namen bis über die Ohren. Pflegen doch die türkiſchen Dandy, wenn ſie ihn hören, ihren Bart mit einer ganz eigenthümlichen Koketterie zu ſtreicheln. In der Wa⸗ lachei und zwar in der Gegend von Schumla liegt nämlich ein großes Dorf, Madara oder Schamli geheißen, das zur Heimath eines orientaliſchen Don Juan geſchaffen ſcheint, zudem durch langjährige Sitte als ein geheiligtes Aſyl betrachtet wird. Es ſoll blos von *) Keine Erdichtung! Nur fand dieſe Geſchichte in dem Dorfe Atheto auf der griechiſchen Halbinſel ſtatt. Das Mädchen hieß Aglas und war die Tochter des dortigen chriſtlichen Primaten. Der Verlobte, ein Sohn des Primaten von Talanti am Golfe Volo, ging ſpäter unter die Klephten. Unſer Gewährsmann iſt der berühmte Brite Dr. Urquhart Esquire, den man bei ſeiner bekannten Vorliebe für die Türken doch gewiß keiner Partheilichkeit bezichtigen darf.— ge 133 zweihundert muhamedaniſchen Weibern bewohnt ſein, die ſich in Gemeinſchaftsleben ſeit geraumer Zeit durch alle jungen und ſchönen Frauen und Dirnen aus der Nachbarſchaft ergänzen, die ſich der Rache eines betrogenen Ehemannes oder dem Zorne der Eltern ent ziehen wollen. Eine derlei ſonderbare Kolonie hatte ſich auch in der Nähe von Liono gebildet, die man daher Klein⸗Madara nannte. Die Frauen im Oriente, meint Urquhart, beſitzen überhaupt Vor rechte, von denen man ſich bei uns im Abendlande nichts träumen läßt. Dem Enkel des Flüſterers, einem derben ſchönen Burſchen war es nun gelungen, eine der hochſtämmigſten und kraftvollſten Schön⸗ heiten dieſer Kolonie zu erobern, der auch der Aga des Städtchens, ein Freund der Vielweiberei, ſeit Längerem brünſtig, jedoch vergeb⸗ lich nachgeſtellt hatte. Lascaris hütete ſich natürlich weislich, das Ohr ſeines keuſchen Weibes durch Mittheilung dieſer buhleriſchen Geſchichte zu verletzen. Er meinte einfach, die Sache werde und müſſe ſich machen. Dane ſagte ſeinen Beiſtand quch ohne Wider⸗ rede zu. An einem der nächſten Morgen erſchien in der Wohnung des Aga eine weibliche Geſtalt, welche einem Weſtländer als ein lebendig gewordener, herumwandelnder Rebus erſchienen wäre. Nachmak und Feredſchi, Schleier und Mantel umhüllten ſie faſt undurchdringlich. Der Türke kannte ſie übrigens recht wohl. Es war die Dienerin jener kraftvollen Schönheit Fatimeh, ein Liebesbote aus Klein⸗-Madara. Dieſer ſeltſame Botſchafter überreichte dem Freunde der Viel⸗ weiberei eine Blume, flüſterte„Heute Abend“, und verſchwand dann geräuſchlos wie er gekommen. Der kleine Aga Ibrahim ward roth und bleich, er ſchien das Opfer einer unverhofften freudigen Auf⸗ regung. Beſagte Blume war nämlich eine Muſchirumi, auf welches Wort es in der ganzen türkiſchen Sprache nur den Reim Adſkerumi gibt. Ein Liebhaber oder eine Verliebte weiß alſo auf den erſten Blick, daß die Antwort auf dieſen Selam nichts weiter als hand— greifliche Zärtlichkeit, brautnächtige Liebe ſein könne. Der Aga konnte das Herandämmern des Abends kaum mehr erwarten und ſchwang ſich, als die erſehnte Stunde ſchlug, zitternd vor Sehnſucht und Begierde in den Sattel eines flinken Pferdes, das auch mit der Schnelligfeit des Blitzes nach dem Dorfe Klein Madara hinbrauſte. Fatimeh war in der That ein kraftvolles, faſt rieſiges Weib Lon hochſtämmigem und üppigem Wechſe, der durch das tuchene 134 rehfarbene, auf dem Rücken und um die Mitte des Leibes reich⸗ geſtickte Oberkleid, das ſich dem Körper gleich einem Küraß an⸗ ſchmiegte, wie durch die weiten Hoſen von zartgefärbtem Chali noch mehr hervorgehoben wurde. Dazu noch der hochwogende, üppige Buſen, die ſchneeweißen ſchöngerundeten Arme, die dunklen Augen mit den durch Kunſt noch ſchwärzer gewordenen Augenbrauen, die rothbemalten Nägel, kurz wie ſie da lag in herausfordernder Stel⸗ lung ihrer gigantiſchen Formen, gab ſie ein vollendetes Muſterbild einer Vollblutaſiatin, und das reicht, wie uns bedünkt, hinlänglich aus für Sachverſtändige im Harem. Sie ſchien ihre Reize auch fruchtbringend angelegt zu haben. In dem Gemache, wo ſie den Aga erwartete, fehlte es keineswegs an weichen wogenden Divans, ſchweren und faltenreichen ſeidenen Vorhängen, vielfarbigem Glaſe und kriſtallenen Blumenbehältern. Selbſt das unentbehrliche Manghal, ein oben offener, mit glühenden Kohlen gefüllter kupferner Keſſel, an dem die Pfeife angezündet und der Kaffee gekocht wird, war von eleganterer Form, als man ſie ge⸗ wöhnlich in Bosnien zu treffen pflegt. Auch für den Magen und die Gurgel war beſtens geſorgt. Es fanden ſich alle jene türkiſchen Leibgerichte und Lieblingsgetränke, deren wir bei Gelegenheit der Hochzeitstafel auf Riswan's Bergſchloſſe erwähnt haben. Was Wunder, daß ſich der kleine Ibrahim in Bälde in Mahomed's Pa— radies an die Seite einer unwiderſtehlichen Houri verzaubert glaubte! In einem Nebengemache geduldete ſich indeſſen Dane auf den Rapport über das abgekartete Stelldichein. Nach einer Stunde peinlichen Harrens erſchien endlich Fatimeh mit nachdenklicher, ſor⸗ genvoller Miene. Sie ſchien ihres Sieges nicht ſicher zu ſein. „Bei meinen Augen,“ ſprach ſie mit ärgerlichem Tone,„wir haben es mit einem wundervollen Sheitan zu thun! Ibrahim iſt ein Theriaki, ein Opiumeſſer. Das habe ich nicht gewußt. Bei dieſem Manne greift kein Wein, nicht einmal mein ſtärkſter Schlaftrunk an. Gewalt, mit Hilfe meiner Nachbarinen und Sklavinen, darf ich bei⸗ einem Aga nicht gebrauchen. Dies könnte das fernere Beſtehen unſerer jungen Kolonie gefährden. Mögen räudige Hunde auf dem Grabe ſeiner Väter verenden!“ „Teufel,“ entgegnete Dane,„ſollte die Beſtie auch zwiſchen den Roſen der Liebe ſo ſtreitbar beſtehen als unter Vater Noah's blühenden Reben?!“ „Du wagſt mir doch nicht den Vorſchlag zu machen,“ zürnte — 135 die Türkin mit wetterleuchtenden Augen,„den Ball für dieſen hün⸗ diſchen Schlegel abzugeben?! Mögen Geier deine Leber zerhacken!“ „Ich würde dich,“ rief Dane, ſeinen Verſtoß gewahrend, mit erkünſteltem Ingrimm,„mit meinen eigenen Händen erdroſſeln, aber der Wunſch unſeres Gönners und Wohlthäters Riswan muß in Erfüllung gehen, koſte es, was es wolle!“ Der Morlake, der die Eiferſucht einer Türkin kannte, nannte weislich den Vater ſtatt der Tochter. „Haſt du Gold bei dir?“ frug Fatimeh. „Im Ueberfluſſe!“ „Dann iſt er geliefert! Des Teufels Großmutter wird helfen.“ „Die Großmutter des Teufels?“ „Ja, ſo nennen ein paar entlaufene Renegatenweiber unter uns meine Nachbarin, eine Negerin mit freilich ſchon etwas grauen Haaren, aber mit Formen ausgiebig wie meine, drall genug für dieſen Schatten eines Mannes!“ Mit dieſen Worten verſchwand Fatimeh. Für unſere abend ländiſchen Leſer ſei hier beigefügt, daß Negerinen auch in den Ha⸗ rems der nördlichſten europäiſchen Türkei keine Seltenheit ſind.— Mit den Ränken, wie ſie in den morgenländiſchen Serails oder Frauengemächern üblich, ſeit ſeiner früheſten Jugend vertraut, war der Aga durch das längere Ausbleiben Fatimeh's argwöhniſch ge— worden und beſchloß auf ſeiner Huth zu ſein, beruhigte ſich aber, als die rückkehrende Schönheit ihre Zärtlichkeit verdoppelte, ja auch dem Schirasweine trotz des Verbotes des Profeten ſehr gewaltig zuſprach, ſei es aus angeborner Neigung, ſei es um ihrem Athem zu gleichem Beigeſchmack wie Ibrahim zu verhelfen. Beide begaben ſich dann in das eigentliche Schlafgemach. Der Aga ward mit jeder Minute unverſchämter und zudring⸗ licher. Fatimeh hatte ſich vollſtändiges nächtiges Dunkel ausbe⸗ dungen. Ibrahim ſtutzte aufs Neue, verriegelte und unterſuchte daher das Gemach ſeiner Herzensdame mit lobenswerther Vorſicht. Alſo beruhigt hatte er dann nichts weiter gegen das gänzliche Ver⸗ dunkeln des Zimmers einzuwenden, und lagerte ſich aufgeregt auf die weichen und wogenden Kiſſen. Fatimeh trat nun unter irgend einem Vorwande hinter eine Art Schrank. Da ertönten Liebeslieder und türkiſche Melodien auf einer der Viole d'amour ähnlichen Geige, auf Tambura's, Lauten und ſogenannten Derwiſchflöten. Fatimeh's Dienerinen waren die vor den Fenſtern aufgeſtellten Muſikanten. 136 Gleichzeitig aber öffnete ſich ein Fallboden, eine geheime Verſenkung leiſtete geräuſchlos das Ihrige, und ein koloſſales halbergrautes Negerweib übernahm die Rolle der abwärts ſinkenden Herrin des Hauſes. Auch dieſe handfeſte Schönheit ſchien dem Schiraswein gewaltig zugeſprochen zu haben. Die Nacht iſt finſter und ſchweigſam. Wir wiſſen daher nicht mit Beſtimmtheit anzugeben, wie viel Scharmützel geliefert wurden, ſo viel ſteht jedoch feſt, daß zuletzt der Sieg der Negerin verblieb, und Ibrahim auf das Haupt geſchlagen das Schlachtfeld räumte. Ein tiefer wohlthätiger Schlummer befiel die Augenlider des be⸗ zwungenen Fechters. Die Negerin benützte dieſe Frucht ihres Sieges, um den bewußten Ferman Juſſuw's, den der Aga in einem Leder⸗ überzug auf ſeiner Bruſt trug, mit einem in derſelben gewöhnlichen Form zuſammengefalzten leeren Blatte zu vertauſchen und dann ihre Beute an Fatimeh auszuliefern. Dane eilte damit ſturmhaſtig zu Lascaris, der ſich gleichfalls nach Livno verfügt hatte, und den Ueber⸗ bringer in der Nähe des Quartieres jenes edelmüthigen Bimbaſchi oder Majors des kürzlich eingerückten regulären türkiſchen Batail⸗ lons erwartete. Lascaris hatte ein noch ſchwierigeres Kunſtſtück als Vuk's Nachſchrift glücklich zu Stande gebracht. Bald darauf dämmerte ein herrlicher Morgen.— Man kann ſich den Aerger, ja das Entſetzen Ibrahim's denken, als er erwachend ſeine ſchwarze Bewältigerin erblickte. Thätliche Rache war an dieſem Rieſenweibe, zumal bei dem nahen Sukkurſe ſo vieler Waffenſchweſtern, nicht zu nehmen; es hieß alſo gute Miene zum böſen Spiele machen und unter dem Hohngelächter der Schön⸗ heiten und Nichtſchönheiten von Klein-Madara nach Livno zurück⸗ reiten. Dort erwartete den geprellten Aga eine noch ſchlimmere Enttäuſchung. Das Erſte, was er hörte, war die unliebſame Kunde, daß die chriſtliche Moma in Freiheit geſetzt worden ſei und in der nächſten Stunde nach Montenegro abzureiſen gedenke. Aus dem Sattel ſpringen, zu dem Bimbaſchi eilen und ein Veto gegen dieſe Abreiſe einlegen war das Werk eines Augenblickes. Der türkiſche Stabsoffizier wies ihm gelaſſen den gemeſſenen Ferman Juſſuw's. Man denke ſich das Entſetzen des kleinen Mannes, als er nach der Ledertaſche auf ſeiner Bruſt griff und ein leeres Blatt hervorzog. Er war wie aus den Wolken gefallen. Das mußte ein Blendwerk des Teufels ſein! Lascaris aber näherte ſich dem Verſtörten und frug leiſe und ironiſch: 60 137 „Muſchirumi?!“ Nun war Alles klar. Ibrahim fiel in Ohnmacht, die chriſtliche Moma aber begab ſich von Lascaris geleitet nach Serajevo, von wo ſie ſpäter mit ihrem wackern Brautwerber unter warmen Thrä⸗ nen und Worten des Dankes gegen Gülnare nach dem freien Land der ſchwarzen Berge aufbrach. Das Familienleben auf dem alten Bergſchloſſe geſtaltete ſich nach der Szene im Zigeunerdorf wie auf der Waldſtraße, ferner in Folge des bereitwilligen Beiſtandes gegen Ibrahim allmählig, aber unwiderſtehlich weit freundlicher, behaglicher, täglich vertraulicher. Lascaris wußte die Breſche, welche ſeine bezaubernde Perſönlichkeit, ſein reicher Geiſt, ſein unbeugſamer Muth im Herzen Gülnaren's eröffnet, nur zu raſch zu gefährlichen Stürmen auf die jungfräuliche Veſtung zu benützen. Auch die Proben ſeiner körperlichen Stärke waren nicht unbeachtet geblieben. Es iſt Natur und Brauch bei Roſen, ſich am Liebſten an die ſtarke Eiche anzuſchmiegen! Vor Allem aher waren es ſeine geiſtreichen Worte und Gleichniſſe, welche in dem abendlichen Familienkreiſe— Riswan war noch immer unwohl — ſo ſchmeichelnd, ſo tief, ſo berauſchend in das Ohr der Kneſin drangen, daß ſie oft gegen ihren Willen ſeiner berückenden Rede faſt andächtig lauſchte, und dem alten Vater einmal, freilich ganz ins⸗ geheim, vertraute, Lascaris rede eigentlich Blumen, und dieſen Schatz an Geiſt, Laune, Poeſie und Wiſſen hätte ſie in dieſem ſtreit⸗ baren Abenteurer nicht zu finden vermuthet. Riswan lächelte ſeelenvergnügt. In einſamen nächtigen Stunden prüfender Selbſtbeſchauung ſchalt ſich zwar Gülnare tüchtig aus oder läugnete ihre Schwäche, aber unvermuthet klang eine liebe, gern gehörte Stimme durch ihre verſchämte Seele, und ſie fühlte jenen flammenden Blick, der ſo viele Aehnlichkeit hatte mit gewiſſen unvergeßlichen Augen, gleich einem Blitzſtrahl ſchlagen in das Tiefſte ihres Herzens. Wohl dachte ſie dann haſtig an den kleinen Deſche und konnte es nicht begreifen, wie ſie eben jetzt, wo ſie den herrlichen Jugendgeſpielen wiederſehen ſollte, abgöttiſchen Dienſt treibe vor einem fremden Bilde. Ach, daß ſich das Weib ſo ſelten, ſo wenig auf Seelenkunde verſteht! Eben weil ihr die Botſchaft des Wiederſehens gekommen war, wurde ſie ſchwach, dachte ſie abtrünnig. In der Erinnerung hätte Deſche ewig ſieghaft fortgelebt als himmliſcher Engel. Nun aber ſollte er aufs Neue in Wahrheit und Klarheit vor ihr Auge treten. Wie 138 wenn der ſchöne freundliche Knabe häßlich geworden wäre, wenn er in Folge ſeines ſiedleriſchen Daſeins ein lebendiges Abbild dar⸗ bieten würde von kümmerlicher Armuth an Geiſt?! Auch zitterte Gülnare, der ungeſchlachte Vuk mit ſeinem abſcheulichen rothen Vollbart ſei trotz ſeines Läugnens weiland der einſame Wandler hin⸗ ter den Felſenwänden geweſen. Wie unwiderſtehlich tauchte bei dieſem Gedanken das ritterliche Konterfei ihrer neuen Liebe auf! Neue Liebe? Ja ſo war es! Zog ſie auch bei dieſem ſo garſtigen und doch ſo ſüßen Worte augenblicklich die halbe Kamee mit dem Bilde Endymion's aus dem Buſenſchleier hervor, ach, der ſchöne Schläfer auf Lathmos wie der kleine artige Deſche verſchwammen allmälig in eine, dieſelbe rührende Menſchengeſtalt, und dieſe hieß: Lascaris! Eines Abends ſaß die kleine Familie wie gewöhnlich bei dem Veſperbrode, nicht etwa wie früher im Saale Riswan's, nein, wie in der neueſten Zeit üblich geworden, in einem prachtvollen Gemache Gülnaren's, das gegenwärtig alle jene aus Serajevo herbeigeſchaff⸗ ten Verzierungen und Geräthe enthielt, die wir im erſten Kapitel dieſes Romans beſchrieben. Auch ein bedenkliches Zeichen! Der ge⸗ fährliche Feind hatte bereits feſten Fuß im Hauptquartiere der weißen Roſe. Lascaris war liebenswürdiger denn je, und Gülnare verrieth durch manchen zeitweiſen Bick oft mehr, als hundert zärt— liche Worte kundgegeben hätten. Da wurde die Tochter des Defter⸗ dar gemeldet, die erſt kürzlich nach der bosniſchen Hauptſtadt zurück⸗ gekehrt war. Gülnare zog ein verdrießliches Geſicht, deſſen Ausdruck auch die Mienen des alten Kneſen wiederſpiegelten. Nur Lascaris blieb heiter wie früher, was die Kneſin zwar zu einem ſchmollenden Blicke veranlaßte, ihr hingegen die ſchwere Aufgabe bedeutend er⸗ leichterte, aus Angſt vor dem Spotte ihrer Buſenfreundin die alte Maske eiſiger Kälte gegen ihren ritterlichen Gatten aufs Neue vorzunehmen. Leila muſterte die kleine Tafelrunde mit feinem Takte. Die liſtige Schlange hatte es augenblicklich weg, daß ſie etwas ungelegen komme, und daß nicht Alles mehr ſo ſtehe, wie ſie es vor Kurzem verlaſſen. Leila wußte ſich jedoch zu verſtellen, überging die Verſtimmung Gülnaren's mit meiſterhaft geſpielter Unachtſamkeit, und frug, um das ſeit ihrem Erſcheinen auffallend ſtockende Geſpräch aufs Neue zu beleben, von was doch eben die Rede geweſen. Es handelte ſich um die Dichtungen eines jungen Arabers, der damals 139 zu Stambul verweilte und durch ſeine Verſe ſelbſt am türkiſchen Hoflager Aufſehen erregte. Die Hofſprache zu Konſtantinopel iſt bekanntlich die Arabiſche. Lascaris war auf ſeinen Streifzügen und Irrfahrten auch dieſer Sprache mächtig geworden, und hatte Gül⸗ naren ſo eben eine türkiſche Ueberſetzung eines neuen Ghaſel jenes arabiſchen Dichters vorgeleſen. In deutſcher Uebertragung lautete dies Ghaſel: Nimmer mir das Wort behagt: Wohin! Frägt die Sonne, wenn es tagt: Wohin? Ewig zieht die Sternenkaravane, Doch der Sterne keiner fragt: Wohin? Macht es Sorge ſauſendem Orkane, Wenn er durch die Wüſte jagt: Wohin?! Schwalben eilen ſüdwärts um die Wette, Doch kein Wandrer ruft verzagt: Wohin? Selbſt der Wogenſturz im Felſenbette, Hat zu forſchen nie gewagt: Wohin? Einer hat den Sternen, Wogen, Schwalben Wie dem Sturme längſt geſagt: wohin! Auf der Pilgerreiſe, auf der halben Nur der Sohn des Staubes klagt: Wohin?! 4 Lascaris wiederholte nunmehr den Vortrag dieſer Dichtung „Ein ſchönes Ghaſel!“ meinte Leila. „Nur herrſcht darin,“ ſprach Riswan,„wenigſtens nach mei ner Anſicht, zu viel abendländiſche Anſchauungsweiſe.“ „Das gefällt mir eben,“ entgegnete Gülnare,„zumal ich nie eine ſonderliche Verehrerin der morgenländiſchen Muſe geweſen, dieſes ſelbſtgefälligen, von allen Oelen des Orientes triefenden, ja prahleriſchen Weibes, das mit der berechneten Gluth ſeiner Farben und der gekünſtelten Pracht ſeiner Reize zu blenden weiß. Es ergeht mir in den Ziergärten türkiſcher Dichtkunſt wie in unſern Treib häuſern, darin man bei dem allzuſtarken Blumenduft von Kopf ſchmerz und Schwindel befallen wird. Namentlich iſt mir die orien taliſche Proſa zu ſchwulſtig.“. „Und doch hat ſie Perlen erſten Ranges aufzuweiſen,“ rief Lascaris,„denken Sie an Osmans herrlichen Traum!“ „Ich kann mich auf dieſen erhabenen Traum nicht recht mehr entſinnen,“ warf Leila ein, die ſich recht wohl erinnerte, aber das Geſpräch auf politiſches Gebiet zu ſpielen ſuchte, um die zwei alten Gegner Lascaris und Gülnare aufs Neue in den Harniſch zu jagen. 140 „Osman,“ erzählte Lascaris,„ſchaute in dieſem Traume ſein künftiges Reich gleich einem laubigen Zelte, über das der Halb⸗ mond emporſteigt, und welches auf vier großen Säulen dem Hä— mus, dem Kaukaſus, dem Taurus und dem Atlas ruht. Dieſes grüne Zelt beſtand aus einem einzigen Baume, der aus den Lenden des aſiatiſchen Nomaden hervorging; zu ſeinen Füßen wogten die Donau, der Tigris, der Euphrat und der Nil, mit Schiffen bedeckt wie das Meer. Die Felder waren mit Aehren beladen und die Wäl⸗ der mit rieſigem Gehölze; in den Thälern erhoben ſich Städte mit Pyramiden, Thürmen und vergoldeten Kuppeln gekrönt, und unter den Roſenſtauden und Cypreſſengebüſchen miſchte ſich der Geſang der Nachtigallen und das Geplauder purpurfärbiger Papageien mit den Gebeten der Imans; Schaaren von fremden Singvögeln ließen ſich zwitſchernd unter der duftigen Wölbung dieſes Zeltes nieder, deſſen ineinander geſchlungene Aeſte ſich gleich ſcharfen Damaszener⸗ klingen ausdehnten. Endlich wendete ein heftiger Sturm all dieſe Schwerterſpitzen gegen verſchiedene Städte des Erdbodens, na⸗ mentlich gegen Konſtantinopel, das, wie Osman ſagt, an der Ver⸗ einigung zweier Meere und Welttheile wie ein zwiſchen zwei Sa⸗ phire gefaßter Diamant liegt, um den Hauptring der Kette zu bil⸗ den, welche die Welt umſchlingt. Dieſer Ring fiel in die Hände Os— man's und das türkiſche Reich wurde gegründet.“ „Wie poetiſch!“ ſprach Leila. „Mir gefällt,“ fuhr Lascaris fort,„an dieſem Traume beſon⸗ ders die echt türkiſche nationale Färbung.“ „Und was verſtehen Sie unter Nationalität,“ frug lauernd Gülnare. „Ein Geſchichtſchreiber meinte einmal,“ begann Lascaris nach kurzem Nachdenken,„die Nationalität ſei der Schatten der Völker. Demnach wäre ein Volk, das ſeiner Nationalität verluſtig gewor⸗ den, ein Menſch ohne Schatten. Im Abendlande ſoll hierüber ein artiges Mährchen im Umlaus ſein. Ich aber glaube, daß beſagter Hiſtoriker durch jenes Gleichniß eine Todſünde an der Nationalität beging, denn dieſe zeigt ſich nie ſchöner und glorreicher, als eben in jener Zeit, wo ſonſt der Schatten verſchwindet, in den ſonnenloſen Tagen des Unglückes und des Kummers. Nationalität iſt das Athemholen eines Volkes. Wenn es jene verliert, iſt es ſo gut wie geſtorben, wenigſtens in der Weltgeſchichte. Deßhalb kann man ein tapferes und ritterliches Volk wohl beſiegen, aber nun und nimmer 141 ſeiner Nationalität berauben. Sie iſt mit ſeinem innerſten Leben verwachſen, mit den Bergen und Ebenen, mit den Wäldern und Fluren der Heimath verſchwiſtert, mit allen ſeinen Haben und Wiſ— ſen, Thun und Laſſen innig, unzertrennlich verknüpft, zuſammen⸗ zeſchnieden 4 „Vortrefflich!“ liſpelte die Tochter des Defterdar. „Vortrefflich? Ja, ſo ſage ich auch,“ rief Gülnare,„aber eben mit dieſer ſchönen Erklärung haben Sie gleichzeitig die Klippe be— zeichnet, an der ſich der Träumer Osman die Stirne wundſtoßen muß, zur rauhen Wirklichkeit erwachend. Dieſe Klippe iſt die ſüd— ſlaviſche Nationalität. Möglich, daß wir in dem bevorſtehenden Kampfe den Kürzern ziehen. Was läge daran? So lange noch ein Felsblock auf unſern heiligen Bergen— dem Olymp und Athos der Griechen, dem Agrafa oder Pindus der Albaneſen, dem Rylo und Wyſoka der Bulgaren, dem Rudnik der Serben und dem furchtbaren Montenegro an unſerer Grenze— zu ſchauen, gibt es noch einen Zeugen, welcher den ſpäteſten Enkeln von den tapfern Reken und Seekönigen, von unſern Haiduken und Reitern erzählt. Jede Klippe, jede Strombiegung in der untern Donau wie in der Bosna, Drina und Narenta berichtet den neu ankommenden Wellen von den Tha⸗ ten und Leiden, Sitten und Gebräuchen der griechiſch ſlaviſchen Kriegerſchaft; jede Roſe, jede Blüthe, jeder Halm flüſtert dem Stromgott ſüße Sagen von der Schönheit unſerer Frauen in das Ohr, und die freudig erſtaunten Wogen tragen die erlauſchte Kunde durch alles Land, in alle Ferne bis an den Strand der adriatiſchen See wie des ſchwarzen Meeres. Jeder Nebenhügel am Berge Athos, an unſern weſtlichen Küſten, zu Smederevo in Serbien iſt ein auf— geſchlagenes grünes Blatt ſlaviſcher Geſchichte. Dort lernen die Trauben wiſſen, was ſich an jenen Hügeln Großes oder Entſetzli⸗ ches begeben, und ſo kommt es, daß der Gräco⸗Slave, wenn man ihre Beeren gekeltert, aus den vollen Bechern nicht bloß feurigen Wein, nein, auch die noch feurigere Geſchichte ſeiner Väter zu trin⸗ ken vermeint. Und wenn er ſich dann im Kolo wiegt und uralte Schlachtlieder erklingen läßt, wer raubt ihm da aus dem Gedächt⸗ niß die Erinnerung an Scanderbeg, Marco Kraljewitſch und die andern Kraftgeſtalten unſerer Vorzeit! Sein Mädchen aber, das in einem noch ältern Tanze bald trotzig flieht, bald zärtlich immer nähere Kreiſe zieht, iſt es nicht ein lebendes Abbild des innerſten Lebens des ſ laviſchen Volkes, das zwar grimmig haſſen, aber auch 142 innig lieben kann, wie nicht leicht eine zweite Nation auf Erden. Und erſt die Muſik! Die Klänge der Gusla ſind meiſt geſungene Flammen oder tönender uralter Wein. Wer ſie lange hört, dem wird ſchwindelnd heiß und uralte wetterſchwüle Gedanken ſteigen ihm zu Kopfe. Ja, der Balkan und Csernagora müßten zu Staub zermalmt werden, die Bosna, Drina und Narenta austrocknen, alle heimiſchen Blumen und Reben verdorren, die jüngſten Füßen erlahmen und die letzte Gusla in Splitter zerfallen, ehe Bosnien und ſeine Nachbarſchaft der Nationalität verluſtig gehen, und die Erinnerung an den doppelten, zwei Kronen führenden ſchwarzen Ad⸗ ler auf dem Schilde Nemagna's, an das altſerbiſche Kaiſerwappen verlieren könnte, das aus den Schildern von neun Reichen zuſam⸗ mengeſetzt und nach einer Sage mit den noch aus der Römerzeit herübergekommen bedeutſamen fünf Buchſtaben umſchrieben war, die da heißen: S. J. ad A., ſo gelangt man zu den Sternen! Dies Wahrzeichen bedeutete: sic itur ad astra! Leila biß ſich ärgerlich in die Lippen, Riswan lächelte beifällig. „Sie haben Necht,“ rief Lascaris, ſichtbar ergriffen,„Sie haben mehr Recht, als Sie vielleicht ahnen!“ Damit ſprang er auf und trat nachdenklich an das offene Fen⸗ ſter. Die Nacht war ſtill und heiter, und der Mond warf ſein freundliches Licht in tauſend magiſchen Strahlen auf die lachenden Thale. Lascaris mochte etwa eine Minute an der Fenſterbrüſtung geſtanden haben, da blitzte es krachend im Garten auf, da ſauſte es ſchaurig pfeifend an ſeinem linken Ohr vorüber, und eine gewichtige Bleikugel ſchlug an der Rückwand in das, wie Eingang dieſes Ro⸗ manes erwähnt, mit einem Trauerflor verhüllte Bild„Chriſtus am Oelberg“, den Kopf eines der ſchlafenden Jünger durchbohrend. Leila und Riswan fuhren entſetzt empor. „Herr des Himmels,“ frug Gülnare bleich bis in die Lippen, „was ſoll dies bedeuten?!“ „Einen verunglückten Meuchelmord!“ antwortete kaltblütig Lascaris. Dann ſchwang er ſich haſtig aus dem Fenſter, ließ ſich ſeiner ganzen rieſigen Länge nach am Geſimſe herab, und vollbrachte nun glücklich den jetzt nicht mehr bedeutenden Sprung in den Schloß⸗ garten. Man hörte ihn im wüthigſten Laufe durch die Laubengänge eilen— ein drohender Fluch— ein gellender Jammerſchrei— darauf tiefe Stille wie früher! —— — 143 Gülnare war jetzt nicht mehr zu halten, ſo flehentlich ſie auch Riswan zu verweilen bath. Wie eine Löwin, der man den Gegen⸗ ſtand ihrer mütterlichen Liebe entriſſen, eilte die ſtahlherzige Kneſin durch ein paar Gemächer in den großen Saal und von da über die fliegende Treppe ins Freie. Mirxa und drei oder vier Diener ſtürz⸗ ten von dem Lärm aufgeſchreckt mit Fackeln in den Garten. Leila folgte haſtig, ſelbſt der alte Riswan ſputete ſeine halb gelähmten Glieder nach Möglichkeit. Es gab eine wild romantiſche Scene. Lascaris hatte den muthmaßlichen Meuchelmörder— die ab⸗ geſchoſſene Flinte lag an einem Kaſtanienbaum am Boden— bald überholt, erfaßt und ihm mit ſeiner gewaltigen Fauſt die Kehle ſo derb zugeſchnürt, daß der Gedroſſelte ſelbſt noch, als bereits die letzten Nachzügler der Geſellſchaft angelangt waren, zu erſticken be⸗ fürchtete, obgleich ihn ſein Bewältiger ſchon lange losgelaſſen hatte. Es war ein unterſetzter, von der Sonne gebräunter Burſche in bosniſcher Tracht, dem die Todesangſt in kalten Schweißtropfen auf der Stirne zu leſen ſtand. „Sie ſind doch nicht verwundet?“ frug ſelbſt mühſam nach Athem ringend Gülnare mit zärtlicher Stimme. „Es bedarf eines gewaltigern Gegners,“ antwortete Lascaris freudig überraſcht,„um mir auch nur ein Haar zu krümmen.“ „Bekenne Böſewicht,“ rief die weiße Roſe,„wer dich zu dieſer Miſſethat gedungen?!“ „Als man einem hochherzigen Sultan, deſſen Name mir leider entfallen,“ fiel ihr Gatte ein,„das Verzeichniß vieler Großen des Landes überreichte, welche ſich in eine Verſchwörung gegen ihn ein— gelaſſen, warf er das Papier ungeleſen mit den Worten in das Kohlenfeuer des Manghal, er verlange die Namen ſeiner verirrten Kinder nicht zu erfahren. Und verſtehen Sie, Gülnare, es handelte ſich damals um ein wichtigeres Leben, als mein abenteuerliches, geringes Daſein!“ „Sie wollen den Schurken,“ ſprach Leila ärgerlich,„doch nicht laufen laſſen!“ Gülnare blickte Lascaris bewundernd an. „Und warum nicht?“ entgegnete dieſer,„geh erbärmlicher Pfuſcher, du haſt nicht ausgelernt! Verlege dich auf ein ehrenhaf⸗ teres Gewerbe, du ſcheinſt mir ohnehin kein Talent zum Scharf⸗ ſchützen zu beſitzen.“ 144 Der angebliche Bosniake entfernte ſich mit haſtigen Schritten. Zwei Diener begleiteten ihn auf den Wink ihres Herrn, um in Erfahrung zu bringen, auf welche Weiſe der Meuchler in den Schloßgarten gedrungen, eine Maßregel, welche zu der Entdeckung fühnte, daß ein Theil der Mauer an einer abgelegenen und durch hohes Geſtrippe verdeckten Gartenſtelle halb eingeſtürzt war, ſo daß es eben nicht der Gelenkigkeit eines gelernten Seiltänzers bedurfte, um ohne ſonderliche halsbrecheriſche Sprünge über die Umfriedung zu gelangen. Es verſteht ſich bei einer ſo ſtürmiſch bewegten Zeit wohl von ſelbſt, daß der Schaden bereits am nächſten Morgen be⸗ ſeitigt wurde. Ein ſtarker Poſten Landwehrreiter hielt die Nacht über daſelbſt Wache. „Es iſt mir ſehr unliebſam,“ nahm Gülnare das Wort auf, „daß man nach der bosniſchen Tracht zu ſchließen, die übrigens eben ſo gut eine ſchlau gewählte Maske ſein kann, die mißglückte Schandthat den armen Rajas zuſchreiben dürfte.“ „Kein Muſelmann,“ verſetzte Leila,„hätte ſich zum Meuchel⸗ mord herbeigelaſſen!“ „In den Tagen politiſcher Wirren,“ meinte Riswan,„iſt das Gewiſſen aller Völker ſehr dehnbar und ſchmiegſam.“ Lascaris flüſterte Gülnaren leiſe in das Ohr: „Wenn mich eine gewiſſe innere Stimme nicht gänzlich trügt, ſo war es keineswegs die Politik, welche den meuchleriſchen Schuß mit ſchwerem Gold erkaufte, nein, jene Flinte wurde einfach von der Hand der Eiferſucht geladen.“ „Wem aber,“ antwortete dieſe eben ſo leiſe,„ſollte dieſe Hand gehören?“ „Einem alten Nebenbuhler!“ Gülnare erſchrack, als ſei ſie auf eine Schlange getreten, und alles Blut wich aufs Neue aus ihren Wangen. Sie dachte an Deſche. Lascaris rieth weit richtiger, als er vermuthete, Juſſuw könne den Schuß des Landſtreichers mit Gold oder Silber aufge⸗ wogen haben. Es war auch ſo. Der Paſcha hatte nicht bloß Kunde von der Scene im Zigeunerdorf und auf der Landſtraße, ſondern auch von den gefährlichen traulichen Veſperſtunden unter ſechs, oft ſogar unter vier Augen erhalten, eine Nachricht, welche allen ſeinen verliebten Plänen einen unüberſteiglichen Damm entgegen zu ſetzen drohte. Er beſchloß daher den hemmenden ehelichen Felsblock am Eingang ſeines irdiſchen Paradieſes in die Luft zu ſprengen. Sein —— 145 erkauftes Werkzeug war einer der berüchtigten Kerdſchalis, jener privilegirten, muhamedaniſchen, militäriſchen Landſtreicher, welche Paswan Oglu ſchon im Jahre 1792, als er ſich in ſein Lehen Kerdſche zurückgezogen, in ganzen Banden organiſirt hatte, und zu ſolchen Gräuelthaten antrieb, daß der Sultan ihren Anfüh er für „fermanlia“— excommunicirt— erklärte. Sie galten no un⸗ ſeren Tagen als die Gottesgeißel der Chriſtenheit. Man kann ſie als die Kommuniſten und Sansculottes— Ohnehoſen— des Orientes betrachten.. Die Städtebewohner nannten ſie Golatſchanen oder nackte Kinder. Der Kerdſchali erhielt die Weiſung, in bosni⸗ ſcher Tracht aufzutreten, um, wie Gülnare richtig ahnte, jeglichen Verdacht zu beſeitigen, von welcher Seite der Schuß wirklich abge⸗ feuert worden. Lascaris durchſchaute ſeinen Nebenbuhler, hielt es aber für durchaus nicht an der Zeit, dem Halbmond ein ſolches Brandmal anzuheften und das Haupt des Islam in Bosnien als Wandler auf Pfaden zu bezeichnen, die in ziviliſirten Ländern als verbothen mit rothen Kreuzen verſehen werden, auf daß Jeder⸗ mann wiſſe, es ſei das Hochgericht, zu dem ſie führten. Deſche ein Meuchelmörder! Dieſer entſetzliche Gedanke lähmte den Muth im Herzen Gül— naren's, ihr Mund, der ſonſt Dolchklingen zu ſprechen pflegte, wurde kreideweiß und zuckte gichtiſch, ihre Nerven bebten fieberhaft, und ſie hatte Mühe, ſich aufrecht zu erhalten. Dazu kam der lange Kampf zwiſchen alter und neuer Liebe, wie die frühere Todesangſt um den tollkühnen Gatten. Ihre geiſtige Kraft war aufgerieben und ihre reizende Geſtalt wankte ſichtbar wie eine Tanne, welche dem Sturme zu lange Trotz biethen mußte und endlich zu zerſplittern droht. Lascaris both ihr zum Glück den Arm und geleitete ſie ehr⸗ furchtsvoll bis an ihr Schlafgemach. Dort küßte er zärtlich die kleine weiße Hand, ſie leiſe drückend, ein Druck, der zwar noch weit leiſer, aber denn doch erwiedert wurde. Dann befahl er einen ſeiner bulgariſchen Renner zu ſatteln. Er habe noch einen kleinen Ritt vor, werde aber hoffentlich noch vor der Mitternachtsſtunde zurückkehren. Und warum nicht den Rappen ſatteln laſſen? Wir wiſſen den Grund, dürfen aber nicht vorzeitig aus der Schule ſchwätzen. Riswan ſchlief an dieſem Abend früher und heiterer ein als gewöhnlich. Auch Leila verabſchiedete ſich in der nächſten halben Stunde von ihrer Freundin, und zwar mit dem Verſprechen, mor⸗ gen wieder nachſehen zu wollen. Ihr Wagen, ein Seitenſtück zu Der Montenegriner. 10 * 8** 146 dem unſern Leſern bereits bekannten Geſpanne Gülnaren's rollte raſch von dannen. „Sie liebt ihn bereits,“ murmelte ſie leiſe,„und er beginnt nun auch zu ſchwanken! Der Würfel liegt!“ Auf dem halben Wege nach Serajevo hieß Leila den Kutſcher halten und ihrer harren. Dann ſchlug ſie einen Waldpfad ein, der nach einem mit der eben verlaſſenen Straße einen ſtumpfen Winkel bildenden Feldweg führte. An der Mündung des Waldpfades zeigte ſich das armſelige Fuhrwerk eines bosniſchen Landmannes. Es war Jve, der Leila mit gezogener Mütze erwartete. Die Tochter des Defterdar ſtieg haſtig ein. „Nun vorwärts zur Klauſe des Flüſterers,“ rief ſie,„laß die Pferde rennen, Ive, was ſie laufen können!“ Und vorwärts ging es in ſauſendem Galopp. Kehren wir vorderhand in Riswan's Schloß zurück! Gülnare lag mit verzagendem Herzen auf dem Biän⸗ in dü⸗ ſteres Nachdenken verſunken. „Nein,“ ſprach ſie endlich,“ Deſche kann nicht zum Meuchler herabgeſunken ſein! Es war ſicher kein chriſtliches Werg, mit wel— chem jene heimtückiſche Kugel gepflaſtert worden. Ja, freundlicher Jugendgeſpiele, ich bitte dir in Thränen jenen ſchmählichen Verdacht ab, und will mich durch den Anblick jener Reliquie aus deinen klei⸗ nen Händen ſtärken und ſtählen zur ausdauernden, felſenfeſten Treue!“ Nach dieſem Stoßgebete zog ſie die halbe Kamee aus ihrem Buſenſchleier und bedeckte ſie mit brünſtigen Küſſen. Thörichtes Kind! Schlimm betrogene Gülnare! Der gefährliche ſchöne Feind ſteckt in deinem eigenen verliebten Herzen, und ach, der holde Schlä⸗ fer auf Lathmos und der kleine Deſche verſchwimmen auch heute in eine, dieſelbe rührende Geſtalt, und dieſe heißt: Lascaris! „Armer Deſche,“ ſchluchzte die Kneſin ſchmerzhaft,„es ginge noch an, wenn Er nur deine lieben Augen nicht beſäße!“ Noch ein anderes Menſchenkind im Schloße befaßte ſich nach— denklich mit Lascaris. Es war Mirxa der Jüngere. Daß dieſer Leibdiener des Abenteurers und jener über die Schicklichkeit nackte Zigeunerknabe, welcher das Geſpräch Leila's mit dem Wegelagerer Muſtapha in der Laube belauſchte, eine und dieſelbe Perſon waren, hat der geneigte Leſer wohl ſchon in dem früheren Capitel errathen. Mirra der Jüngere kam damals im doppelten Solde nach Dolaz i i' 147 als Bothe ſeines Herrn Lascaris, wie als Spion des alten Ris⸗ wan. In letzterer Eigenſchaft hatte er einen alten Schafpelz, eine ähnliche Mütze und ein zerlumptes Hemd als Maske mitgenommen, ſeinen flüchtigen Gaul in jener abgelegenen Waldhürde eingeſtellt und ſich dann als Betteljunge verkleidet, eigentlich entkleidet, glück⸗ lich in den Garten Zobeiden's geſchlichen. Seine Rolle als Spion wäre jedoch, wie wir geſehen haben, bald ſehr ſchlimm für ihn ab gelaufen, und er dankte es nur der Raſchheit ſeiner Beine wie ſei— ner Schnelligkeit im Umkleiden, daß er noch zur rechten Zeit in die Steigbügel kam und hoch zu Roß, unerkannt mitten durch ſeine Ver⸗ folger nach dem katholiſchen Dorfe gelangte. Obgleich er nun da mals offenbar hinter dem Rücken ſeines Herrn gehandelt hatte, ſo wurmte es ihn doch gewaltig, daß er heute Abend in die Pläne des⸗ ſelben nicht eingewejht worden. „Möchte doch wiſſen,“ flüſterte er grämlich vor ſich hin,„wo er heute hingerittén ſein mag? Eine Liebſchaft vermuthlich? Lächer lich! Sonſt pflegen die großen Herren in dieſem Punkte kein Ge⸗ heimniß Lor ihrem Diener zu haben. Uebrigens hört man es ja weithin ſchallen, ſagen die Jäger, wenn ſich der Auerhahn in der Pfalzzeit befindet, und Mirra wird ſohin in wenigen Tagen erfah⸗ ren, in welchem Buſche die ſchöne Henne lauert, welcher dies ver⸗ liebte Locken gelten dürfte!“ Mit dieſem Troſte begab er ſich einſtweilen zur Ruhe. 148 Neuntes Capitel. Der Flüſterer und ſein Kindeskind. Bosnien erlebte ſo manche Tage, wo ein ein verborgener Schlupfwinkel ſeine fried ſchenswerther bedünken mochte, als alles geuflinzte wie ungeſchmol⸗ zene Gold und Silber der Erde. Fremdes Wie heimiſches Heervolk wüthete wie der leidige Gottſeibeiuns in den geſegneten Gefilden. Das barbariſche Hauſen der Golatſchanen oder nackten Kinder ſteht noch jetzt im friſchen, unverwiſchbaren Andenken. Dieſe ſoldatiſchen Landſtreicher metzelten Alles vor ſich nieder, was zum männlichen Geſchlechte zählte, brannten die Dörfer ab und ſchleppten Weiber und Dirnen als Selavinen mit ſich fort. Die Turbanträger preß⸗ ten die Blüthe der bosniſchen Jugend als Ruderer für ihre Flo⸗ tille, und die meiſten der Burſche ſtarben auf dem Wege, lange be⸗ vor die türkiſchen Galeeren in den Bosporus eingelaufen waren, wo man ſie erſt in ihre Heimath zu entlaſſen gedachte. Niemand war ſeines Lebens, ſeines Eigenthumes ſicher. Bei ſo triſten Zuſtänden war es kein Wunder, daß man jede Hütte in ein Blockhaus verwandelte. Ein hartes Muß für den Bos⸗ niaken, der ſich nur im Winter an den maſſiven, ſtubenhohen, an deutſche Oefen erinnernden Babura's von gebrannter und glaſirter Erde erwärmt, bei dem Beginne des Frühlings aber ſeine großen mit Stroh und Lindenbaſt bedeckten Hütten von Holz und Thon freudig verläßt und in ſeinem Garten, auf dem Wege oder im freien Felde Zelte von Laubwerk errichtet, um darin ſein Mahl einzuneh⸗ men und die Stunden der Nacht unter dieſer luftigen Bedachung zuzubringen. Bei größeren Gehöften nahm man ſeine Zuflucht zu Leimer Zufluchtsort, en Bewohner wün⸗ X 8 149 1 einer ganz eigenthümlichen Bauart. Die Ställe wurden nämlich ge⸗ rade unter dem Wohngebäude angebracht, und eine geheime Thüre führte mit Hilfe einer Wendeltreppe in das Standquartier der flüchtigen Roſſe hinunter. Wurde das Gehöfte nun von einem Hau⸗ fen Marodeurs von vorn angegriffen, ſo hatten die Bewohner Zeit zu ihren Pferden zu gelangen und ſich mit ihren beſten Schätzen durch ein anderweitiges nach der Rückſeite gehendes Vorgemach im Erdgeſchoſſe nach den benachbarten Wäldern zu flüchten, lange bevor die hölzernen Thorflügel zertrümmert und die Gitterfenſter erbro— chen waren. Auch Abbas der Einſchläferer hatte ſich in ſeiner, wie wir wiſſen an eine ſteile Felſenwand ſtoßenden Behauſung oder Granit⸗ klauſe, einer reſtaurirten Ruine gleichend, an dieſe mittelalterliche Bauart gehalten umz die Stallungen ſeiner wenigen Pferde, ſein Laboratorium, Zauberhöhle genannt, wie vielleicht auch ſeine ver— vorgene aber zweifelsohne reichgefüllte Schatzkammer nach dem Erdgeſchoſſe verlegt, während das obere Stockwerk nach bosniſchem Brauche vofedem Flüſterer, ſeinen beiden Kindeskindern Dane und Meliſſa wie von dem ſpärlichen Geſinde als bequeme und luftige Wohnung benützt wurde. Dies obere Stockwerk beſtand wie üblich aus mehren Gelaſſen, die ſich alle nach einer mittleren größeren Stube öffneten. Dieſer Raum enthält gewöhnlich den Herd, der bei den Armen nichts anderes als ein weiter mitten im Zimmer in die Erde gegrabener Kreis zu ſein pflegt. Hier ſetzen ſich alle, Brüder, Schweſtern und Verwandte, Abends auf Bänke um zu plaudern, um den Großvater oder den Alten der Familie zu umgeben, der als natürlicher Wächter des Herdes gilt. Bei den Reichen und in den Städten liegt dieſe Art Saal gewöhnlich im erſten und einzigen Stock des Hauſes, auch befindet ſich daſelbſt ein weicher von Fenſtern umgebener und in einem die Straße beherrſchenden Vorſprung an⸗ gebrachter Divan. So hielt es auch Abbas. Sein erſtes Stockwerk zählte außer dem Saale noch ein halbes Dutzend Gelaſſe oder Stuben. Zwei derſelben wieſen jenes un⸗ ſcheinbare Anſehen, das man in allen Geſindegemächern zu treffen gewohnt iſt, und diente die größere Stube zum Quartiere für die wenigen Knechte, die kleinere hingegen als Schlafſtätte einer ſtämmigen Magd. Die Schlafſtube Dane des Neffen nahm ſich be⸗ reits wohnlicher aus, namentlich fand ſich manches nette Stück 150 Schnitzwerk von Holz an Thüre, Fenſter und Geſimſe, das der junge Morlake mit eigener kunſtfertiger Hand angefertigt hatte. Düſterer war die Anſicht des Gemaches, in welchem der Flüſterer die Nacht über, ſelten am Tage zu hauſen pflegte. Man würde an die mit Staub bedeckte und mit Büchern geſtaute Studierſtube eines deut⸗ ſchen Gelehrten erinnert worden ſein, wäre die Ausſicht durch das Fenſter nicht nach einem kleinen Friedhofe gegangen, der zu lebhaft an die türkiſchen Begräbnißplätze mahnte. Viele Bewohner der ſüd⸗ öſtlichen Halbinſel Europa's lieben es nämlich, ihren Gottesacker gleich den Türken mit Bäumen zu ſchmücken, und an dem Kopfe wie an dem Fuße jeden Grabes einen Stamm zu pflanzen; nur wählen ſie ſtatt der Cypreſſen junge Zwetſchkenbäume, wie hier zu Lande die Pflaumen tragenden Fruchtſtämme genannt werden. Derlei Bäume ſind eine blühende Illuſtration des armſeligen Troſtes, den die gedrückten Rajas an den Gräbern ſuchen. Es wird ja aus die⸗ ſen Zwetſchken ein ſehr ſtarker Branntwein gewonnen, der Sliwo⸗ witza heißt und gleichmäßig von Chriſten wie Türken durch die Gurgel hinabgeſchwemmt wird, als ſei es bloßes Waſſek. Nur die Kinder werden bei dem letzteren Getränke auferzogen, obgleich es gewöhnlich ſehr kalt iſt und heftige Kolikleiden veranlaßt. Der kleine Friedhof war übrigens der uralte Begräbnißplatz, unter deſſem grünen und kühlen Raſen eine lange Reihe von Vor⸗ fahren des Einſchläferers beerdigt worden. Die Familie, aus welcher Abbas ſtammte, zählte nämlich zu den älteſten Häuſern des Landes und beſaß in der Vorzeit Reichthum und Rang, ja es hieß, daß der Ahnherr des Geſchlechtes ein Würdenträger an dem Hofe eines der einheimiſchen bosniſchen Könige geweſen ſein ſollte. Derlei Fälle von Verarmung kommen dort zu Lande häufig vor. Die Zierde des oberen Stockwerkes war aber die Wohnung des reizenden kleinen Engels Meliſſa. Hierüber ſpäter! Gegenwärtig haben wir es meiſt mit reifen und gewiegten Kindern des Satans, wahren Teufelsanbetern zu thun. Darum zu dem Erdgeſchoſſe! Das unterirdiſche Gemach, das auf der Rückſeite in eine ſchmale Schlucht hinter der Felſenwand und aus dieſer nach einem Gebirgs⸗ pfade leitete, führte durch eine der beiden Thüren an der Vorder⸗ ſeite nach den Stallungen; durch die andere Pforte aber gelangte man in den ſogenannten Warteſaal des Flüſterers, in welchem er ſeine Kunden zu empfangen und zu ſprechen pflegte. Ein kurzer unterirdiſcher Gang verband die erwähnten Stallungen mit dieſer 151 morlakiſchen Antichambre. Dieſelbe war ſchwarz ausgeſchlagen und wies alle jene myſtiſchen Geräthe und Gegenſtände, als Todten⸗ köpfe, ausgeſtopfte Bögel und Schlangen, Räucherpfannen, geheim⸗ nißvolle Apparate, mit welchen die Beſchwörer aller Völker und Zeiten die abergläubiſche Stimmung ihrer Klienten zu ſteigern, zu erhöhen hoffen. Nur drei Stücke verdienen eine nähere Beſchrei⸗ bung, da ſie keineswegs zu dem üblichen Trödelkram in der Behau⸗ ſung eines angeblichen Zauberers gehörten und vorzugsweiſe be⸗ rechnet waren, die Kinder der ſüdſlaviſchen Race in abergläubiſcher Scheu zu erhalten. Eines dieſer Stücke glich einem Eſelshufe, das Zweite war eine Düte mit Farrenkrautſamen. Als Perle aber galt eine borſtige menſchliche Schädelhaut. Der Huf ſtammte, hieß es, von einem durch Abbas erlegten Orco. Der Orco ſcheint dem Phuka oder Geſpenſterpferde der Ir⸗ länder verwandt zu ſein. Er erſcheint in der Geſtalt eines Eſels, entführt die Leute, rennt mit ihnen über Abgründe und plötzlich in einem Sumpf verſchwindend, läßt er den Reiter im Schlamme ſtecken. Die Düte mit Farrenkrautſamen ſollte der Flüſterer nach langem Kampfe einer Viſtize entriſſen haben. Die Viſtize oder Vieſtize, Heren, ſind verheirathete Weiber, die einen ſchlechten Lebenswandel geführt und einen Bund mit dem Teufel geſchloſſen haben. Selbſt bei Lebzeiten verlaſſen ihre Seelen den Leib, und in der Nacht wie Feuerfunken umherfliegend, beſchädigen ſie diejenigen, die ihnen zu⸗ wider ſind. Sie verſammeln ſich zahlreich und halten unter einem großen Wallnußbaume Berathſchlagungen über den Schaden, den ſie ihren Feinden zufügen wollen. Man behauptet, daß dieſe Hexen zuweilen die Geſtalt eines Schmetterlinges annehmen. Viele erzäh⸗ len, die Viſtize ſeien meiſt alte Jungfrauen, die in einem gewiſſen Alter daran verzweifeln, noch Männer zu finden, und aus Aerger ſich der Zauberei ergeben, wobei ſie ein beſonderes Vergnügen daran finden, die Herzen verhaßter Feinde zu zerſchneiden. Ihre allgemeinen Verſammlungen werden an den Vorabenden des Georgs⸗ tages und des Johannisfeſtes— 23. April und Juni— abge— halten. Wer ſich in der letzteren Nacht Farrenkrautſamen zu ver⸗ ſchaffen vermag, kann dadurch Kenntniß von allen Begebenheiten erlangen, ja die Gedanken eines jeden Menſchen erforſchen. Deshalb verbergen die Hexen dieſen Samen, um nicht ſelbſt erkannt und durchſchaut zu werden. Abbas kam natürlich durch den Beſitz dieſes ——————4ʃ 152 zauberhaften Farrenkrautſamens in den Ruf der Allwiſſenheit und wußte dieſen Wahn reichlich auszubeuten. Der borſtige Skalp hing nach der Sage weiland an dem Schädel eines Wehrwolfes. Der Vukodlak, wörtlich Wehrwolf, ſchläft in ſeiner Gruft mit offenen Augen und ſtarrem Blicke, ſeine Nägel und Haare wachſen wie bei lebendigen Menſchen, doch fließt kaltes Blut durch ſeine Adern. In Vollmondsnächten kommt er heraus, um nach Beute zu gehen und das Blut der Lebenden auszuſaugen, indem er ihnen die Rückenader öffnet. Wenn man von einem Todten vermuthet, er ver⸗ laſſe auf dieſe Art ſein Lager, ſo gräbt man ihn feierlich aus: iſt er in Verweſung übergegangen, ſo beſprengt ihn der Pope blos mit Weihwaſſer; ſieht er aber roth und blutend, ſo wendet man den Erorcism an, treibt ihm einen Pfahl durch die Bruſt, damit er ſich nicht mehr rühren kann, und begräbt ihn aufs Neue. Nach de Volksglauben fliehen ſelbſt die hungrigſten Raben einen ſolchen lebendigen Leichnam und wagen ſein Fleiſch nicht einmal mit der Spitze des Schnabel zu berühren. Sonſt durchſchoſſen die Serben den Kopf eines Vukodlak mit einer Kugel und verbrannten ihn hierauf. Der Beſitzer einer ſolchen Schädelhaut iſt der Gebieter aller Wehrwölfe in ſeiner Umgebung. Man kann ſich denken, wie Abbas und ſeine Zauberhöhle, die wir bald betreten werden, gefürchtet ward. An jenem Abend, an welchem jener meuchelmörderiſche Schuß gefallen war, befand ſich der Flüſterer ſeit vielen Stunden einſam in dem großen Warteſaal, welchen eine an der Decke hängende Ampel faſt tageshell erleuchtete, obgleich ihr antikes irdenes Gefäß aus der längſt in Grabesnacht verſunkenen Römerzeit ſtammte. Abbas ergab ſich einer ſeltſamen Beſchäftigung, und erinnerte dabei an die Tödin oder das Weib des Todes, das nach dem Voksglauben den Sand für die Stundenuhr ihres beinernen Gatten auszuklauben pflegt, und weis⸗ lich die größten, am ſchwerſten ins Gewicht fallenden Sandkörner auswählt, auf daß Freund Hein in ſeinem ſchläfrigen Berufe bei keinem Menſchenkinde über die Gebühr zu ſäumen brauche. Der Einſchläferer prüfte nämlich eine Unzahl Mohnköpfe, von welchen er jedoch keineswegs wie die Tödin die größten und gewichtigſten aus⸗ las, nein er hielt ſich dabei, Stück für Stück mit Kenneraugen muſternd, einzig an den Reichthum an trefflichem, weil narkotiſchem Safte. Trotz der Aufmerkſamkeit, mit der er ſich dieſer ſeltſamen 153 Arbeit hingab, bewies doch ein zeitweiſes Aufhorchen und Lauſchen, daß er heute noch wichtigere Geſchäfte zu verrichten gedenke. Auch ſtand das Pförtlein, das aus dem Warteſaal in das Vorgemach führte, angelweit offen. Die Thüre an der Rückwand des Letzteren war jedoch wie immer ſorgfältig von innen verriegelt. Der Alte erwartete offenbar einen ſpäten Gaſt. Dieſer Gaſt ließ aber ziemlich lange auf ſich warten, denn die Nacht begann be⸗ reits hereinzubrechen, als ſich endlich in der Ferne ein Geräuſch erhob, und bald darauf ſchwere Tritte in der Schlucht hinter der Außenpforte erdröhnten. Abbas warf den eben ausgeleſenen Mohn⸗ kopf in einen Mörſer und eilte dann ſchleunigſt in das Vorgemach. Ein eigenthümliches Pochen erfolgte. „Wer da?“ frug der Einſchläferer. „Der Sohn der Vergangenheit!“ antwortete eine bekannte Stimme. Der Alte öffnete und Vuk trat in der montenegriniſchen Lan⸗ destracht, doch ohne Maske in die Vorderſtube. Beide begaben ſich wortlos in den Warteſaal, wobei Abbas dem Haidukenhäuptling die Ehre des Vortrittes gönnte, und dann vorſichtig das Pförtlein in das Schloß drückte. Kaum daß Vuk den Saal betreten hatte, ſo ließ ſich auch ſchon in dem kurzen Gange, der nach den Stallungen führte, ein begehrliches Scharren und demüthiges Winſeln verneh⸗ men. Auch in dieſem Gange ſchien man ſehnſüchtig geharrt zu haben. „Es iſt Zigan,“ meinte der Flüſterer. „Laß es ein, das treue Thier!“ Gleich darauf ſprang ein kleiner überaus zottiger Pintſcher von ſilbergrauer Farbe freudig, faſt wüthig bellend in den Saal, und verſchwendete an Vuk alle jene Liebkoſungen, mit welchen ein wacke— rer Hund ſeine Anhänglichkeit an den Herrn und Brotgeber kundzu⸗ geben pflegt. Der gewaltige Mann hob das kleine Thier ſchmeichelnd empor. Er hatte es noch in ſeiner Heimath von einem engliſchen Touriſten, dem er auf einem gefährlichen Gebirgsgange hilfreiche Hand bot, zum Geſchenke erhalten. Der Hund hieß früher Gipſy, hatte jedoch ſeité angem auf die ſlaviſche Ueberſetzung des Wortes Zigeuner, auf den Namen Zigan hören gelernt. „Ich weiß es, Zigan,“ ſprach Vuk,„daß du mich lieb haſt, aber deine Treue und Anhänglichkeit ſoll auch belohnt werden. Ueber⸗ morgen haben wir einen weiten Weg zurückzulegen. Du gehſt mit mir in die Herzegowina hinüber.“ ————— ————ö— 154 „Nach Moſtar?“ frug Abbas. „Ja, es iſt dort Pferdemarkt und ich will ſelbſt nachſehen, wie ſich unſer Roßtäuſcher nimmt. Die letzte Koppel Hengſte war nur wenig nach meinem Geſchmacke, und es gilt den regulären Reiter⸗ geſchwadern, welche die Muſelmänner nächſtens ins Feld ſchicken dürften, einen tüchtigeren, wuchtvolleren Gegner entgegenzuwerfen als unſere flinken, aber kleinen bosniſchen Pferde.“ „Am hellichten Tage? Im Feindesland?“ „Man fahndet,“ hohnlachte der Häuptling,„begehrlich nach dem Vuk, aber unter Pferdemäklern werden ihn die ſcharfnäſigſten Spürhunde der Türken ſchwerlich ſuchen. Sie halten uns für ein Gebirgsvolk, das einzig in ſeinen Bergen zu raufen verſteht und gedenkt, aber bei dem heiligen Georg, ſie ſollen auch bei dieſem Glauben die Rechnung ohne den Wirth gemacht haben!“ „Nur nicht zu tollkühn! Ich habe die Sterne befragt, ſie er— zählen von Unheil.“ „Kindiſcher Mann! Wirſt du deinen Aberglauben nie ab⸗ legen?“ Abbas ſchüttelte hochmüthig ſein Haupt. „Du erwarteſt, vermuthe ich,“ fuhr Vuk nach einer Pauſe fort, „die Tochter des Defterdar?“ „Jvo der Fuhrmann hat ſo berichtet.“ „Er war auch bei mir. Ein treues bosniſches Herz!“ „Lauteres Gold!“ „Was mag aber die kleine Schlange von dir haben wollen?“ „Einen Liebestrank vermuthlich.“ „Vielleicht etwas Schlimmeres!“ „Möglich! Muhamed's Anhang pflegt unter ſeinen Waffen auch Gift zu führen.“ In dieſem Augenblicke hielt ein Wagen an der Vorderſeite der Behauſung des Flüſterers, es wurde heftig an einer Fenſterſcheibe gepocht, und die Stimme des obengenannten Fuhrmannes bat um Einlaß für ſeine Herrin. Es war die Tochter des Defterdar. „Du wirſt dich zu nehmen wiſſen,“ ſprach Vuk,„handle genau ſo, wie ich es früher mit dir ausgemacht habe, falls ſich ein ſolcher Beſuch einfinden ſollte. Still Zigan! Wir ſind auf geheimen Pfaden, und da darf ein kluger Hund nicht anſchlagen wie auf einer Ratten⸗ jagd.“ Der Pintſcher kuſchte ſich demüthig. 155 „Soll ich öffnen?“ frug der Einſchläferer. „Allerdings! Ich will in dem kurzen Gange euer Zwiegeſpräch belauſchen.“ „Und wenn ich die Schlange in das Beinhaus führe?“ „Dann horche ich an jenem Zugloche.“ Vuk wies nach einer verborgenen Oeffnung an der Wand des Warteſaales, welche den Stallungen gerade gegenüber lag, dann begab er ſich mit dem Hunde in den mehrerwähnten Gang, und Abbas beeite ſich ſeinen ſpäten vornehmen Beſuch zu empfangen. Leila trat ein. „Du haſt mich lange warten laſſen,“ ſprach ſie mit zornigem Tone,„ſeit wann hat der bosniſche Adel in der Behauſung eines Raja am Rocken der Geduld zu ſpinnen?! Die Ahnfrau meines Hauſes, heißt es, lebte in einer Zeit, wo ſie ihre Schuhe auf den kothigen oder ſandigen Steinen im Schiffe der Kirche nie zu be⸗ ſchmutzen brauchte, weil ſie auf dem Rücken manches demüthig auf ſein Antlitz hingeſtreckten bosniſchen Bauern zu ihrem Betſchemel hinzuſchreiten gewohnt war.“ Buchſtäblich wahr! Leila ſpielte dabei drohend mit dem goldenen Griffe eines lan⸗ gen Dolches, der an ihrem Gürtel hing. „Es iſt ſpät, Gospoja— Herrin—,“ meinte Abbas,„ich war auf meinem Stuhle eingenickt.“ „Komiſch,“ begann die Tochter des Defterdar mit milderem Tone,„der Einſchläferer ſchläft ſelbſt ein!“ „Ich bin ſehr alt.“ „Genug hievon! Zur Sache! Man nennt dich einen Gift⸗ miſcher?“ „Giftkrämer, ſollte es heißen, ich verkaufe meine Wundermittel, bedarf ihrer aber nie zum Selbſtgebrauche.“ „Das läuft ſo ziemlich auf Eins hinaus! Doch wir wollen nicht um Worte mäkeln; verſtehſt du das fürchterlichſte und feinſte aller Gifte zu bereiten? Ich meine das ſeltene, auch in Dalmatien übliche italiſche Waſſer, Aqua Toffana geheißen!“ „Darüber darf ich nur im Beinhauſe Aufſchluß geben.“ „Was meinſt du mit dieſem Beinhauſe?“ „So heißt die Zauberhöhle, welche an dieſen Saal ſtößt.“ „Ein Hinterhalt vermuthlich!“ „Ich bin ein ſchwacher Greis und führe keine blanken Waffen.“ —————ö——ÿõ 156 Abbas warf einen furchtſamen Blick auf den Dolch ſeines trotzigen Beſuches. „Oeffne,“ ſprach Leila entſchloſſen,„ich folgte dir heute ſelbſt in die Hölle!“ Beide traten in das Beinhaus. Gleich darauf trat Vuk aus dem Gange und ſchlich behuthſam an das Zugloch. Zigan kroch gleich⸗ falls herbei. „Ich ahne, was der kleine Satanas ſucht!“ ſprach der Mon⸗ tenegriner. Die Zauberhöhle des Flüſterers nahm ſich in Wahrheit ſo ſchauerlich aus, als wäre ſie ein älteres Geſchwiſterkind des berühm⸗ ten Gebäude von Pais de Vaud— das Beinhaus genannt—, darin die Gebeine der fünfundzwanzigtauſend Burgunder, die unter Herzog Karl dem Kühnen die Schweiz unterjochen wollten und bei Murten auf dem Schlachtfelde blieben, zum ewigen Denkmal helve⸗ tiſcher Tapferkeit aufgeſchichtet wurden, im Laufe der Jahre aber durch Diebſtahl von Seite fremdländiſcher Touriſten nur zu bedeu⸗ tend zuſammenſchwanden. Daher auch ihr Name! Auch ſie barg die Gebeine zahlloſer Opfer des Kriegsgottes, die in der Vorzeit in einer der vielen hochrothen Schlachten zwiſchen den Römern und dem Urvolke, das weiland hier hauſte, gefallen ſein mochten. Auch dieſe Knochen wieſen die Spuren der kurzen römiſchen Schwerter, der ſchweren dakiſchen Keulen, der beiderſeitigen ſcharfen Sichelwägen. Wer dies Monument aufgethürmt haben mochte, das wußte ſchon ſeit Langem niemand mehr zu ſagen, aber der Aberglaube erzählte ſich haarſträubende, entſetzliche Dinge, welche ſich in dieſem Bein⸗ hauſe in der Vorzeit zugetragen haben ſollten, obgleich es angeblich durch Jahrhunderte unter der Obhut eigener Prieſter geſtanden. Was Wunder alſo, daß dieſer Schreckensplatz ganz vorzugsweiſe zum Allerheiligſten oder beſſer geſagt, zum Allerſchauerlichſten in der ſpukhaften Behauſung des Flüſterers taugte?! Die Gebeine reichten, durch keine fremde diebiſche Hand an Anzahl geſchmälert, bis an die Decke des unterirdiſchen Gewölbes und bildeten, an allen vier Seiten aufgeſchichtet, nach innen zu ein geräumiges etwas längliches Viereck; doch gab es hier leider keine umfriedenden Mauern und dämmenden Gitter wie in Murten, ſo daß man jede Minute befürchtete, nun werde und müſſe das morſche Gebein mit Wahnſinn erregendem Getöſe durcheinander kollern. Zudem war die Zauberhöhle nur durch ein ſchwaches bläuliches 157 Feuer erleuchtet, das auf einem antiken Altar aus einem Todten⸗ kopf flammte, ſo daß rieſiger Schatten ſeinen Trauermantel über das halbe Beinhaus gebreitet hielt. Die bange Scheu des Laien zu erhöhen, rauſchte es oft ſeltſam an der Decke, als niſtete daſelbſt unheimliches Gevögel; bisweilen ſchallte auch aus der Ferne unſäg⸗ liches Wehklagen, ein Winſeln, Seufzen und Stöhnen, als ob ein bleiches Opfer am Marterpfahle erliegen, oder eine verſtoßene Seele in den Abgrund Abaddona's geſchleudert würde. Selbſt der uner⸗ ſchrockene Dane, der Neffe des Einſchläferers, pflegte ſich zu bekreu⸗ zigen, wenn er die Zauberhöhle betreten mußte. Vermochten ſchließ⸗ lich doch ſelbſt die Dämpfe bei den chemiſchen Verſuchen des Flüſterers wie die friſche Luft, welche aus den vielen Zuglöchern als aus na⸗ türlichen Rauchfängen in das Gewölbe ſtrömte, nicht gänzlich den Moderdunſt der Verweſung zu verſcheuchen, welcher noch immer aus den brüchigen Gebeinen qualmte, obgleich ſie um mehr als tauſend Jahre früher beſtattet ſein mochten, als es auf der Schedelſtätte bei Murten geſchehen. Auch Leila fühlte den letzten Reſt von Muth in ihrer Seele erlahmen, und ſie ſchwankte ein paar Sekunden zwiſchen eiligem Rückzuge und männlichem Ausharren, aber da flüſterte ihr der Dämon der Eiferſucht leiſe ins Ohr: „Sie liebt ihn bereits, und er, er beginnt zu ſchwanken!“ Und herzhaft trat die kleine Gospoja näher an den Altar heran. „Nach Narden oder Roſenöl,“ ſprach ſie dann die Naſe rüm— pfend,„riecht es hier eben nicht!“ „Satan,“ dachte Abbas,„das Weib hat eiſerne Nerven!“ „Wie dem ſei,“ fuhr Leila fort,„zur Sache, zur Frage, ob du Aqua Toffana zu bereiten verſtehſt?!“ „Wiſſen Gospoja auch um die Geſchichte dieſes ſchrecklichen Giftes?“ „Es heißt, daß ſeine Erfinderin Toffana zum Lohn ihres Treibens auf Befehl des Vizekönigs von Neapel im Stillen er⸗ droſſelt wurde.“ 4 „Es war alſo damals gefährlich die Bereitung dieſes Giftes zu kennen?“ „Toffana verkaufte es deshalb auch unter dem Namen„Manna von Sankt Nikolaus von Bar“ in kleinen Flaſchen, denen ſie das Bildniß jenes Heiligen aufklebte. Aus dem Grabe desſelben zu Bar ſoll nämlich ein in vielen Krankheiten wunderthätiges Oel triefen,“ 158 Leila wußte dieſe Daten aus einem alten Manuſeripte, das ſie in der Bücherſammlung Gülnaren's aufgeſtöbert. „Man ſoll noch heute zu Tage,“ begann der Flüſterer,„in Neapel Handel mit dem italiſchen Waſſer treiben, aber insgeheim, da es auch gegenwärtig gefährlich iſt, darum zu wiſſen. Die Vergif⸗ tung damit läßt nämlich oft ſichtbare Spuren zurück, und es hat ſich, wie man mir erzählte, ſogar ereignet, daß bei dem Begräbniß eines ſeiner Opfer ein Bein, das ſich von dem Leichnam abgeſondert hatte, zu dem offenen italiſchen Sarge heraushing und zur Erde herabgefallen wäre, hätte es nicht jemand wieder hineingeſtoßen.“ „Gottes Donner, zu was dieſe Abhandlung?“ „Um zu beweiſen, daß es zweckdienlicher ſein dürfte, ein ande⸗ res Gift zu benützen!“ „Unmöglich! Aqua Toffana iſt das einzige Gift, bei deſ⸗ ſen Bereitung man es ſo weit gebracht hat, das Jahr, ja ſelbſt den Tag zu beſtimmen, wo der Tod erfolgen müſſe. Auch hat es weder Farbe noch Geſchmack. Man trinkt es für reines klares Waſſer.“ „Gospoͤja beſtehen alſo auf Aqua Toffana? Dann ſollen ſie auch früher ſehen, wie es in Wahrheit bereitet wird.“ „Was ſoll dieſe Verzögerung?“ „Weil Sie mir das Hauptgeheimmittel dazu liefern müſſen.“ „Es ſeile Abbas warf nunmehr ein paar ſeltſam geformte dürre Kräuter in das Feuer auf dem Altare, und murmelte dann einige Zauber⸗ ſprüche. Dicke, betäubende Dämpfe ſtiegen zur Decke empor und füllten allmälig das Beinhaus, als ob der Rauch aus dem Pfuhle der Hölle keinen weiteren Abzug habe und einzig in das unterirdiſche Gewölbe münde. Die Dämpfe waren anfangs ſo dicht und legten ſich ſo beklemmend auf die Bruſt, daß die Tochter des Defterdar, böswillige Hinterliſt befürchtend, den Griff ihres Dolches unwill⸗ kürlich feſter umklammerte. Die Dünſte wurden aber nach und nach dünner, erſt weißlicher, halb durchſichtig und geſtalteten ſich endlich zu jenem bläulichen Nebel, mit deſſen Hilfe man auf abendländiſchen Bühnen verſchwimmende Bilder zu erzeugen pflegt. Leila hatte während ihres Aufenthaltes in Konſtantinopel, wohin ſie vor ein paar Jahren mit Gülnaren einen Ausflug unternommen, ähnliche Kunſtſtücke geſehen, und frug Abbas daher mit boshaftem Lächeln, bei welchem Gaukler er in die Lehre gegangen ſei. 4 159 „Nije svaki dan bozié!“—„es iſt nicht alle Tage Sonn⸗ tag!“ meinte der Flüſterer ärgerlich den Kopf ſchüttelnd. In der That und wie als Rechtfertigung ſeiner Worte zeigte ſich bald darauf eine Szene der Qual und Peinigung, wie ſie kaum die Grauſamkeit und Härte eines nordamerikaniſchen Wilden fürch⸗ terlicher erfinden könnte. Der Zauberer ſchien nämlich als handelnde Perſon in das ſich nunmehr raſch geſtaltende Nebelbild zu gleiten, und gleichzeitig begann eine Pantomime ſo entſetzlichen Inhaltes, daß ſie ſelbſt unter boshaften Dämonen und böſen Geiſtern auf ſtürmiſchen Beifall hätte rechnen können. Der Schauplatz der Hand⸗ lung war ein Stück chemiſchen Laboratoriums, ſchwarz verhangen und mit Todtenköpfen und Folterwerkzeugen ſymboliſch ausgelegt. In der Mitte befand ſich eine lange, gleichfalls mit ſchwarzem Tuche verhängte Tafel in Geſtalt einer Drehſcheibe, welche ſich langſam neigte, ſo daß Abbas von allen Seiten freien Zutritt und Spiel⸗ raum gewinnen konnte. Auf der Tafel aber lag ein bis auf die mit einem ſchmalen Leilach bedeckten Hüften gänzlich entblößter bleicher, blutbeſpritzter, ſterbender Menſch, der entweder gekreuzigt oder doch wenigſtens an ſeinen Marterpfühl ſo feſt geſchnürt worden, daß er auch nicht mehr ein Glied zu regen vermochte. Entſetzen und Schmerz, Jammer und Verzweiflung in dem brechenden Blick, drehte ſich der Unglückliche langſam um ſich ſelbſt, blutig gefärbter Schaum ſtand an ſeinen gichtiſch zuckenden kreideweißen Lippen, Thränen quollen aus ſeinen Augen, Blut ſchoß aus Naſe und Ohr, und der kalte Todesſchweiß rieſelte in ſchweren Tropfen von ſeinem fiebernden Haupte. All dies entſetzliche Naß ſickerte in ein kupfernes Becken unter der Drehſcheibe, und der Flüſterer trat zeitweiſe boshaften Blickes an den Sterbenden heran, ihn mit glühenden Nadeln ſte chend, ſengend und brennend, auf daß noch mehr Schaum, Blut und Schweiß abfließe als Hauptgeheimmittel zur Bereitung der tödt⸗ lichen, verrufenen, infernaliſchen Aqua Toffana. Auch Leila fühlte den Angſtſchweiß eiskalt auf ihre Stirne treten, ein halbunterdrückter Schrei entrang ſich den Lippen und das frühere Mannweib hatte Mühe ſich auf den Füßen zu erhalten. Abbas lächelte ſataniſch. Doch auch das Opfer erlag dem Ueber⸗ maße des Schmerzes. Ein letzter Seufzer, ein dumpfes Röcheln, ein krampfhaftes Zittern des ganzen Körpers, dann ſtreckten ſich die gepeinigten Glieder, ſo viel es die Bande erlaubten, ein gurgelnder Laut und Alles war für den Unglücklichen vorüber. Der Einſchläferer 160 faßte ruhig das Becken mit dem hölliſchen Naß und goß es in ein anderes kupfernes Gefäß, mengte verſchiedene Kräuter, Wurzeln und Mineralien bei, beſpritzte ſie mit anderweitigen Giften aus ver⸗ ſchiedenen Phiolen und ergriff dann einen Blaſebalg, um das Feuer des kleinen Herdes anzufachen und bei deſſen Flammen die berüch⸗ tigte Aqua Toffana zu brauen und abzuziehen. Darauf ward der bläuliche Nebel bleicher und bleicher, verdichtete ſich allmälig, dicke, betäubende Dünſte erfüllten aufs Neue das unterirdiſche Gewölbe, hoben ſich allmälig, zerſtoben wie gewöhnlicher Rauch, und die ſchauerliche Pantomime war zu Ende. Leila glich einem weiblichen Laokoon, ſie ſchien ein von Schlan⸗ gen umwundenes Schreckbild des Entſetzens geworden zu ſein. Abbas trat mit triumphirender Miene heran. „Wie ſteht es,“ frug er höhniſch,„mit dem Verlangen nach der verſchrienen Aqua Toffana?“ Eine lange Pauſe! „Wozu dies abſcheuliche Gaukelſpiel?“ rief Leila ſich gewalt⸗ ſam bemeiſternd. „Gospoja wollen ja wiſſen, wie das italiſche Waſſer in Wahr⸗ heit bereitet werde!“ „Und läßt es ſich auf keine andere Weiſe gewinnen?“ „Es gibt keinen andern Weg.“ „Ein Menſchenopfer iſt alſo unerläßlich?“ V „Unerläßlich.“ „Schwöre!“ „Tako mi Boga! Tako mi duse!“—„Bei Gott! Bei mei⸗ ner Seele!“— „Dann ſollſt du dies Opfer haben!“ 1 Mit dieſen Worten warf die Tochter des Defterdar dem Flü⸗ ſterer ein paar Goldſtücke vor die Füße, und eilte haſtig, wenn auch etwas wankenden Schrittes nach dem Warteſaal, von da ins Freie. Gleich darauf hörte man das Rollen eines Wagens. Abbas blickte Leila erſtaunt, faſt bewundernd nach. Ein paar Sekunden ſpäter trat Vuk aus dem kurzen Gange, wohin er ſich bei den letzten Worten der Gospoja geflüchtet. Sein Antlitz war bleich, ſeine Miene nach⸗ denklich, das Auge ſah halb düſter, halb zürnend. „Die kleine Schlange,“ ſprach er,„hat wirklich den Teufel im Leibe!“ „Sie dürfte uns gefährlich werden.“ ach lt⸗ 161 „Zum Glücke wiſſen wir um ihre Pläne. Doch ehe wir ſchei⸗ den, ein paar Worte an dich! So viel ich von der ſchauerlichen Szene an meinem unbequemen Standorte gewahren konnte, biſt du in Wirklichkeit zehnmal ſchlechter als dein Ruf. Deine Wege ſind krummer als ich fürchtete. Sie münden in Sünde und Verbrechen. Darum höre mich: haſt du wirklich jemals jenes Giftwaſſer berei— tet, dann ſind wir geſchiedene Leute für hier und dort! Wagſt du die Aqua Toffana noch einmal zu brauen, dann drehe ich dir mit dieſen meinen Händen den Hals um wie einem räudigen Hunde! So viel zu deiner Richtſchnur!“ Damit verließ er grollend die Behauſung des Flüſterers. Abbas folgte ihm mit ergrimmtem Blicke, aber der Aus— druck ſataniſcher Bosheit wich bald der Miene der Demuth und Ergebung. „Ruhe, Gehorſam, Treue bis in den Tod,“ flüſterte er leiſe vor ſich hin,„es war ja der Vuk, der alſo ſprach, und ein...... .....“— hier verſchluckte der Alte ein paar Worte,—„darf mir Alles ſagen, darf mir das Schlimmſte bieten!“ Während dieſer ſpukhaften Szene fand in der zierlichſten und freundlichſten Stube des oberen Stockwerkes gleichfalls ein inhalts— ſchweres Geſpräch ſtatt, das nicht minder all die ſchlimmen Hebel der Trauer und des Entſetzens in Bewegung ſetzte und leider voll⸗ kommen ausreichte, ein frommes und keuſches Weiberherz ängſtlich, ja fieberhaft ſchlagen zu machen. Dies Geſpräch führte des Flüſterers Kindeskind, ſeine Enkelin mit ihrem Bruder Dane. Meliſſa iſt wie geſagt ein griechiſches Wort und bedeutet eine Biene. Bei Bienen denkt man an Blumen. Wer aber auch die Be⸗ deutung jenes griechiſchen Wortes nicht wußte, dachte bei dem Anblicke der reizenden jungen Morlakin unwillkürlich an den Früh⸗ ling und an deſſen einzige Sorge: die Roſe. Denkt euch ein Ma⸗ rienbild von irgend einem frommen italiſchen Meiſter gemalt, ein andächtiges Antlitz, das euch wie von einem Strahl aus Jenſeits überflogen bedünkt, mit gläubigen, vertrauensvollen Augen, die trotz ihrer Dunkelheit nicht wiſſen, daß Sünde und Betrug hauſen könne auf Gottes ſchöner Erde, eine ſchlanke Geſtalt, die mehr zu ſchweben als zu gehen ſcheint, wie der herumhüpfende Vogel nur zeitweiſe den Boden berührt; dann habt ihr ein treues Abbild dieſes lieblichen Weſens, das viel von einem Engel beſaß, der nur eine kurze Bot⸗ Der Montenegriner. 11 —ö—————— 162 ſchaft in der irdiſchen Welt auszurichten hat, bald aber zurückfliegen wird und ſoll in ſeine lichte, ewige Heimath. Nur das mitternächtige Auge wollte nicht recht taugen zu die⸗ ſem Madonnenbildniß, denn ſo fromm ſein Blick auch ſchaute, oft V lag darin demungeachtet eine ſo zärtliche Gluth, als ob eine Nonne von ſehnſüchtigen Gedanken nach den Freuden und Blumen außer ihrer Zelle überkommen werde. Die Aehnlichkeit einiger Maßen wie⸗ der herzuſtellen, umfloſſen jedoch blonde, faſt goldene Haare die makelloſe Stirne, Haare wie Seide, ſo lang, daß ſie entfeſſelt bis auf die kleinen Füße herabwogten. Meliſſa war zudem ein unver⸗ dorbenes Kind der Allmutter Natur. Das tiefe vielſeitige Wiſſen ihres Großvaters— den Vater hatte ſie frühzeitig verloren— ward dem Kindeskinde von hohem Nutzen, und ſo blieb Meliſſa's Geiſt nicht brach liegen, wie es meiſt der Fall iſt bei ihren armen, ſtiefväterlich vernachläſſigten Schweſtern der morlakiſchen Race. Die Kleine lernte leſen, ſchreiben und rechnen, wußte auch Dank der Sorge und Lehre ihrer erſt unlängſt verſtorbenen Mutter, der Toch⸗ ter eines Tergovac oder Handelsmannes aus Serajevo, ihre Nadel geſchickt und emſig zu führen gleich einem deutſchen Bürgerskinde. Man wirft ihren Landsmänninen mitunter Mangel an Sinn für Sauberkeit, auch Trägheit oder doch Langſamkeit bei der Arbeit vor. Anders war es mit Meliſſa der Fall. Alles ging ihr ſo raſch von der Hand, in wenigen Minuten glich die ſtaubigſte Stube einem Feſtgemache, darin man hohe Gäſte auf Beſuch erwartet; Ordnung und Reinlichkeit waren der Kleinen zur zweiten Natur, ja ſo unent⸗ behrlich geworden wie der Forelle friſches klares Waſſer. Betrachtet nur einmal ihre eigene Behauſung! p Alles iſt in dem jungfräulichen Gemache ſo ſauber, ſo nett, ſo wohnlich; an dem Fenſterlein, das nach der Wieſe mit den Bienen⸗ körben geht, prangen Blumengeſchirre, und die duftigen Kinder des Sommers ſcheinen ihre Pflegerin freundlich zu begrüßen als ein älteres Schweſterlein, das Mutterpflicht übt an den jüngeren ver⸗ waiſten Kleinen. Die Dielen ſind blank geſcheuert, ſelbſt die Stubengeräthe weiſen einen erfreulicheren Anblick, als man es ſonſt in morlakiſchen Wohnungen zu treffen gewohnt iſt; kurz man ſieht es in der erſten Sekunde, ein wohlhabender Vater oder Groß⸗ vater habe das Gemach ſeines Lieblings nach Gebühr ſchmücken und verzieren laſſen, und die Tochter oder Enkelin wiſſe dieſe Güte und Sorgfalt zu würdigen, durch ihre Nachläſſigkeit werde auch nicht — — der och⸗ adel nde. für beit aſch nem ung ent⸗ t, ſo nen⸗ ein 163 das kleinſte Stück von allen dieſen hübſchen Dingen verwahrloſt oder wohl gar beſchädigt. Und wie ſtand es mit Meliſſa's Herzen? Es war ein Tempel der Jungfräulichkeit, Keuſchheit und Frömmigkeit! Erſt in ſpäterer Zeit, kurz vor dem Tode der Mutter, ſtahl ſich zu dem Bilde der Heiligen auch ein irdiſches Konterfei mit muthigen, doch treuherzigen Augen, mit gebräunten Wangen, mit einem gewaltigen ſchwarzen Schnurbarte. Der Name Arslan ſtand unter dieſem Bilde, das einmal in dies kleine Herz eingedrungen ſich nicht mehr daraus verdrängen laſſen wollte. Vielleicht gab ſich Meliſſa auch nicht die mindeſte Mühe. Arslan war der Sohn eines mächtigen albaneſiſchen Häupt⸗ linges aus dem edlen und berühmten Volksſtamme der chriſtlichen Dſchegen, der Mirditen. Wir haben dem geneigten Leſer bereits erzählt, daß bei dem Aufſtande im Jahre 1831 Muſtapha, der Re⸗ bell von Scodra, mit ſeinen Skipetaren dem bosniſchen Adel zu Hilfe eilte. Einige halten das Wort Skipetaren, dieſen Beinamen der Albaneſen, für eine Bezeichnung dieſes Volkes im Allgemeinen und überſetzen es mit: Bewohner der Felſen. Andere erklären es für einen bloßen Spitznamen, von dem die Albaneſer ſelbſt nichts wiſſen wollen, für eine italieniſche Erfindung und Ableitung von Schioppo, das iſt, Flinte, wornach ein Skipetare wäliſch Schioppe⸗ tario, zu deutſch Büchſenſchütze genannt würde. Wie dem ſei, die Albaneſen fochten zu Gunſten des bosniſchen Adels wie immer wie die Löwen und richteten mit Hilfe ihrer weithintragenden Flinten ſo manches Blutbad unter den Türken an. Arslan's Vater, ein Ver⸗ wandter jenes berühmten Mirditenbeg gleichen Namens, der wei⸗ land jene verwegene Tſcheta— Streifzug— an der Spitze von fünftauſend Braven bis in das Herz von Griechenland unternommen hatte und ſpäter auf der Flucht von der verrätheriſchen türkiſchen Veſper bei Monaſtir erſchlagen wurde, bedeckte ſich bei jenem Hilfs⸗ zuge nach Bosnien gleichfalls mit Ruhm, und ſchloß damals, ſelbſt ein wunderthätiger Mann, geheimen Wiſſens mächtig, eine Art Freundſchaft mit Abbas dem Flüſterer. Auch Arslan kam einmal, jedoch viele Jahre ſpäter mit dem Einſchläferer in Berührung. Es war zur Zeit, als er nach ſeines Vaters plötzlich erfolgtem Tode ſich nach Serajevo begeben mußte, um einige Forderungen bei den dortigen Spahis einzutreiben. Zwanzig Jahre alt, ſchön, tapfer, leidenſchaftlich für Ruhm 41*¾ — 164 und Poeſie begeiſtert, ſelbſt ein gefeierter Dichter, der albaneſiſchen wie der ſlaviſchen und griechiſchen Sprache gleich mächtig, gelang⸗ es ihm nur zu bald, Breſche in das jungfräuliche Herz Meliſſa's zu ſchießen und ſein Konterfei mitten unter den Heiligenbildern, die darin thronten, ſieghaft aufzuhängen. Natürlich daß Arslan nicht ermangelte, die Reize ſeiner Geliebten in glühenden Worten zu be⸗ ſingen, und noch jetzt bewahrte das Kindeskind des Flüſterers in dem geheimſten Fache ſeines Schrankes ein Liebesgedicht, das der junge Albaneſe nach einem morlakiſchen Volksliede zum Preiſe Me⸗ liſſa's gefertigt hatte. Es lautete: Wie biſt du ſchön! Die Lippen roth, So ruht ſie unter Blumen weich Ach, wenn ich ſterben müßte, Und harrt des Auserkornen; Welch ſelig Ende, wenn zu Tod Ein Knabe tritt vor Sehnſucht bleich Der ſüße Mund mich küßte! Zur Maid, zur traumverlornen.— Der Buſen halb verhüllt, halb frei,„Gib deine liebſte Blume mir,“ Scheint Liljen zwei zu tragen; So flüſtert ſie,„zur Stunde!“— Hier müßte, daß ſie ſchläfrig ſei, Da neigt er ſich herab zu ihr, Die Unſchuld ſelber ſagen. Mund liegt am duft'gen Munde. Im Auge brennend und verliebt Sind Roſen doch die Lippen roth— Glüht zärtliches Begehren; Ach, wenn ich ſterben müßte, Daß es auch ſchwarze Sonnen gibt, Wie ſelig, wenn damit zu Tod Dies wollen ſie mich lehren! Mich raſch die Liebſte küßte! Es herrſchte zwiſchen den Verliebten wohl ein kleiner Reli⸗ gionsunterſchied, denn die chriſtlichen Dſchegen oder Mirditen zählen zu dem katholiſchen Ritus, doch iſt derſelbe mit vielen griechiſchen Gebräuchen vermiſcht, auch beugen ſie ſich nicht vor dem Statthalter Gottes in Rom, in der Siebenhügelſtadt an der gelben Tiber. Der Religionsunterſchied galt daher nur als ein kleines Hinderniß. Lei⸗ der aber nahm Arslan aus Gründen, die wir ſpäter hören werden, Partei für den Halbmond, wie dies tauſende ſeiner kühnen Lands⸗ leute während des griechiſchen Freiheitskampfes gethan. Es war die einzige Gewitterwolke, die drohend an dem Horizonte der beiden Liebenden ſtand. Meliſſa beſaß zwar keine Fühlfäden für das Ge⸗ triebe nationeller Wirren, ſie hielt ſich einfach an den Spruch des Heilandes, man ſolle ſeinen Nächſten wie ſich ſelbſt lie⸗ ben; anders aber dachten ihr betagter Großvater wie ihr jugend⸗ licher kraftvoller Bruder Dane, und beide runzelten daher ärgerlich die Stirne, als ſie vernahmen, ein in einen türkiſchen Halbmond ———.—CQ—— 165 eingerahmtes Bildniß prange in dem Herzen der reizendſten Tochter der morlakiſchen Race. Zu noch größerem Leidweſen Meliſſa's mußte ſich Arslan nach Stambul begeben, um einige Zerwürfniſſe ſeines Stammes mit der ottomaniſchen Pforte zu ſchlichten. Manche freundliche Botſchaft, mancher geſchriebener Selam tröſtete zwar die Verlaſſene in den Tagen der Trennung, und doch war es gerade die Fahrt nach Konſtantinopel, welche jenes Geſpräch zwiſchen Bruder und Schweſter bedingte, das all die gewaltigen Hebel der Trauer und des Entſetzens in Bewegung ſetzte und leider vollkommen aus reichte, Meliſſa's Herz ängſtlich und fieberhaft ſchlagen zu machen. „Arslan,“ meinte die Kleine,„wird ewig der wärmſte Freund meiner Angehörigen bleiben!“ „Das verſtehſt du nicht,“ eiferte Dane,„in der Zeit eines Unabhängigkeitskampfes reißt ſich der Sohn von dem Herzen des Vaters los, und es gab ſelbſt ſchon manche Tochter, die kaltblütig zuſah, wenn ihr Mütterlein den Kelch des Leidens leerte.“ „Ein furchtbares Bild!“ „Und doch weiß die Welt um viele ſolche Beiſpiele!“ „Könnte Arslan dies von mir fordern?“ „Wer weiß es zu ſagen? Er iſt ein warmherziger, trefflicher Junge, aber ſein Umgang in Stambul zählt zu des Teufels Sipp⸗ ſchaft, wenigſtens in meinen Augen. Es ſind gerade die Todfeinde der Reform, alſo auch des bosniſchen Volkes, mit denen er am lieb⸗ ſten, am häufigſten verkehrt.“ „Wer hat es dir erzählt?“ „Der herrlichſte Sohn der Cſernagora, der prachtvolle Vuk.“ „Ein böſer Menſch!“ „Weshalb?“ 5 „Wer über den guten Arslan Schlimmes ſpricht, der lügt, und ein Lügner iſt ein ſchlechter Menſch!“ „Du weißt nicht, wen du läſterſt! Ich gäbe meinen linken Arm, — wenn Vuk gelogen hätte, lügen könnte!“ „Schrecklich! Wie ſoll das enden? Sprich, Bruder, rathe, hilf!“ „Am klügſten, du ſchreibſt ihm ſo bald wie möglich! Eine War⸗ nung von deiner Hand vermag den Abtrünnigen vielleicht noch zu bekehren, zu retten. Du weißt, daß ich dich, alſo auch dein Glück liebe, 3 aber hoch über der Luſt am häuslichen Herde ſteht der Glaube und das Vaterland, und ich würde Arslan, ſei es ſelbſt in deinen Armen, erdol⸗ 4 chen, wenn er die Fahne des Profeten in Bosnien zu erheben wagte!“ — 166 Alles Blut wich aus Meliſſa's Wangen, und ſie ſchlug die kleinen Hände entſetzt vor das bleiche Antlitz. „Ach, welche fürchterlichen Worte!“ ſeufzte ſie faſſungslos. „Beherzige ſie wohl, denn ſo wahr ein Gott über uns lebt, jede Sylbe iſt mein innigſtes Glaubensbekenntniß!“ „Mutter Gottes erbarme dich meiner betrübten Seele!“ „Ermanne dich, armes Schweſterlein! Der liebe Herrgott kann noch Alles zum Beſten wenden. Schreibe, ſchreibe bald! Arslan hat ſüdſlaviſches Blut in ſeinen Adern fließen. Vielleicht kehrt er auf deine Worte zum Heervolk des Kreuzes zurück, und es iſt mehr Freude im Himmel um einen reuigen Sünder als um zehn Gerechte. Ich bin der Erſte, der ihm dann freudig aufs Neue den Bruderkuß reicht, und mit eigenen Händen Blumen ſtreut, wenn mein ſüßes Schweſterlein bräutlich geſchmückt zum Altare ſchreitet.“ Darauf küßte er ſie zärtlich an den roſigen Mund. Eine lange innige Umarmung und Dane verließ beruhigter das jungfräuliche Gemach. Aus Meliſſa's nächtigen Augen ſtahl ſich noch manche Thräne der Beſorgniß, dann aber ergriff ſie den Kalem— Rohrfeder— und entwarf eines jener ſchlichten und doch ſo ergrei⸗ fend tiefrührenden Liebesſchreiben, wie ſie nur aus einem zärtlichen, ängſtlichen Weiberherzen zu fließen vermögen. Der Morgen graute bereits mächtig, als ſie ihr ſtilles Lager ſuchte und mit einem Ge⸗ bete auf den Lippen und dem Bilde Arslan's in der zärtlichen Seele einſchlief in der Obhut des Herrn. O daß er ſeine frömmſten und gewaltigſten Engel zur Erde niederſenden möge, dich zu bewachen, zu beſchirmen, auf Roſen zu betten, ſchönes, unſchuldvolles, blumi⸗ ges Kind! Zehntes Capitel. Scherawitza ⸗Grad. Bosnien wie die Herzegowina ſind ein wildromantiſches Stück Erde. Zwei Worte, Planian und Liwada, waldiges Gebirge und von Bächen bewäſſerte Prairie ſchildern und umfaſſen den pitto⸗ resken Charakter des Landes. In ſeinen ungeheuern Wäldern, die an Reichthum der Vegetation mit den amerikaniſchen Savannen wetteifern, kann man ganze Tage reiſen, ohne etwas anders zu ſehen als die wirren Säulengänge alter Eichen. Ueber dem Haupte des Touriſten ragen Guirlanden von Lerchenbäumen und Tannen zu den Wolken empor, welche durch ihre Zweige die ſchwarzen Granit⸗ zacken der Berge durchſchimmern laſſen. Unter dieſen grünen Ge⸗ wölben, wo das geringſte Geräuſch in tauſendfachem Echo wieder⸗ hallt, zieht der Treiber mit ſeinen Saumthieren träumend dahin, zeitweiſe den Schritt ſeiner Karavane durch die monotone Melodie einer Piesma, eines Geſanges zum Preiſe eines Haiduken, beſchleu⸗ nigend; dort ſchlägt ein Fremder ſein Zelt auf einer Anhöhe auf, welche als gemeinſames Eigenthum des Eingebornen wie des Rei⸗ ſenden gilt; frei in den Bergen läßt er ſein kleines bosniſches Pferd weiden, das daran gewöhnt iſt, wie ein treuer Hund auf den leiſe⸗ ſten Pfiff ſeines Herrn zurückzukehren. Hier zeigt ſich plötzlich eine Brücke in einem kühnen Bogen über einen wildrauſchenden Bach gethürmt, aber ſie iſt ſo ſchmal und mit ſo ſpitzigen Steinen gepfla⸗ ſtert, daß nur die Pferde des Landes, ohne einen Fehltritt zu thun, hinüber zu kommen vermögen. Entfernter inmitten einer traurigen Stille zeigen ſich geſchwärzte Karbonari in einer Lichtung, wo ſie unter dichten Rauchwolken Kohlen brennen oder Pottaſche ſieden, 168 zwei Dinge, womit in Bosnien ſeit Jahren ein ziemlich ſtarker und einträglicher Handel getrieben wurde und wird. Im Weſten der Herzegowina findet man auch Pflanzungen von Oelbäumen, Ge⸗ büſche von Tamarisken, Maſtirbäumen, Erlenſtauden, Eſchen, Föhren, wie von der in Griechenland ſo häufigen kleinen Eiche mit Blättern gleich der Stechpalme. Eine der größten Flächen iſt die Ebene von Moſtar, welche gegen ſechs Meilen lang und dritthalb breit iſt. Faſt durch die Mitte dieſer Ebene ſtrömt die Narenta, ein Fluß hinlänglich tief für Dampfboote, ja ſelbſt für größere Fahrzeuge, durch keine Sand⸗ bank in ſeinem raſchen Laufe gehemmt. Oberhalb der Höhen ſtreckt ſich der hohe Rücken des Berges Velleg in einer ununterbrochenen Linie. Auf den niederer gelegenen Gebirgen ſieht man die Ueberreſte des Schloſſes und der Stadt Blagai, jetzt in Trümmer zerfallen, aber einſt merkwürdig in der Geſchichte der Herzegowina. Es war am Morgen eines heiteren Sommertages bei früher Stunde, als dieſe Ebene von Gewieher und Hufſchlag geräuſchvoll widerhallte, als ſei ſie der Standplatz eines Lagers gewaltiger Reitergeſchwader. Eine Herde wilder Roſſe wurde durch ihre faſt noch wildern Treiber zum Aufbruche geſchaart; das Ziel des heutigen kurzen Rittes oder Zuges war Moſtar, wo ſich hunderte von Neugierigen bereits lebhaft auf den Beginn des großen Pferde⸗ marktes freuten. Die Nomaden oder Roßhirten kamen jedoch aus weiter Ferne, aus Bulgarien nämlich und zwar von jener endloſen ſumpfigen Ebene, die ſich im Norden von Varna unter dem Namen Dobrudſcha ausbreitet. Es i*ſt dies eine Steppe mit niedrigen Hü⸗ geln, ohne Bäume, aber bedeckt von einem zuweilen ſo hohen Graſe, daß ſich der Reiſende darin verirren kann. Dieſes Grasmeer der europäiſchen Türkei hat ſeinen Namen von den Dobrudſchi erhalten, einer Art Koſaken, welche, ſtets zu Pferde, ihr Leben auf den Wei⸗ den zubringen. Es ſind Bulgaren, welche ſich mit den Nogai⸗Ta⸗ taren vermiſchten, da letztere bis zum achtzehnten Jahrhunderte dortlandes herrſchten; von allen bulgariſchen Stämmen haben dieſe Miſchlinge die Reinheit ihrer Race am wenigſten treu zu bewahren gewußt. Die Roßhirten dieſes Stammes, deren wir oben erwähnten, ſtanden in Bälde am Ziele ihrer langen Wanderſchaft. Da lag es vor ihnen, das aus längſt vergangenen Zeiten ſtam⸗ mende Moſtar, wie alle türkiſchen Wohnplätze erſteren Ranges unſere 169 abendländiſchen Städte an äußerer Schönheit weit übertreffend. Seine Minarets und Kuppeln, ſeine Cypreſſen, die vielen zwiſchen den Gebäuden liegenden Gärten, die vorſpringenden Dächer, das hölzerne Gitterwerk, die angeſtrichenen Mauern, die Mannigfaltig⸗ keit der Umriſſe gaben ſich im Glanze der Morgenſonne überaus maleriſch, ein Anblick, der faſt befremdend wurde durch die Häuſer der reicheren Osmanen, die da ausſahen, als ob man ſie eben ganz fertig aus Aſien herübergebracht und neben ihre verwunderten Nach⸗ barn aus Frangiſtan hingeſtellt hätte. Glichen ſie doch meiſt Zelten aus Stein gehauen, wie man dies auch bei den Gebäuden und Kiosken in Stambul erſchaut. Pittoresk nahm ſich vorzugsweiſe der Haupttheil der Stadt aus, der auf dem öſtlichen Ufer— Moſtar liegt an beiden Seiten der Narenta— unter einer ſchroffen Berg⸗ ſpitze zu einem Abhange emporſteigt, und die beiden Marktplätze, den Palaſt des Weſſirs mit großen vorſpringenden Dachrinnen, im türkiſchen Style gebaut und die größten Moſcheen enthält. Eine geſunde Luft ſtrich von den Bergen, die namentlich von Wanderern, die aus der Gegend von Vido oder dem Fort Opus, kurz aus den ſumpfigen Landſtrichen kamen, mit ſichtbarem Behagen eingeſchlürft wurde. Zudem ſchien der Zauber des Friedens über der Stadt aus⸗ gegoſſen zu liegen, da Moſtar keine Befeſtigungen beſitzt und nur hie und da wenige Ueberreſte eines unbedeutenden Walles aufzu⸗ weiſen hat. An der rechten Seite des Einganges zum Hofe des Pa⸗ laſtes ſteht zwar ein runder Thurm mit Schießſcharten für Kanonen verſehen, ſcheint aber eher gegen einen Volksaufſtand als zur Ver⸗ theidigung der Stadt beſtimmt. Er war es übrigens nicht allein, der ſich ſtörend in das heitere Gemälde drängte, denn auf ſeiner ganzen Bruſtwehr zeigten ſich unzählige ſcharfe hölzerne Pfähle, auf die man die Köpfe der bei Raubzügen getödteten oder gefangenen Monte⸗ negriner aufzuſtecken pflegt. Fünf dieſer hölzernen Pfähle prangten auch in dieſem ihrem häßlichen und fürchterlichen Schmucke. Emſiges Regen und Treiben herrſchte auf den ſchlechten, meiſt ungepflaſterten Straßen, ein Uebelſtand, der noch dadurch erhöht wurde, daß die Fleiſcher zu Moſtar, wie faſt in allen türkiſchen Städten üblich, die Rinder und Schafe auf offener Gaſſe ſchlachten. Man denke ſich nun das Gewühl der Metzger und ihrer Bankknechte, der Kunden und ihrer Sklaven an ſolchen Stellen. Gleiches Ge⸗ dränge wogte über die zwei Hauptmarktplätze, durch dieſe ſogenann⸗ ten Budenſtraßen, obgleich dieſelben nicht ſo beſucht waren, als es 170 an unfreundlichen Tagen der Fall iſt, wo man des Regenwetters halber den mit einem vorſpringenden Schirmdache verſehenen er⸗ höhten Fußpfad dieſer Bazar's als eine Art Promenade zu benützen liebt. An dem heutigen heiteren Morgen jedoch hatte ſich der Schwall der Spaziergänger nach der berühmten Brücke über die Narenta gezogen, die aus einem einzigen Bogen von fünfundneunzig Fuß drei Zoll Spannung beſteht und ſich bei geringem Waſſerſtand ſieb⸗ zig Fuß über den Spiegel des Fluſſes erhebt. Sie ſoll von Kaiſer Trajan, nach Andern von dem römiſchen Imperator Hadrian erbaut worden ſein. Die Türken nennen Suleiman den Prächtigen als den Erbauer, was aber eine ſchnöde Fabel iſt, wie ſchon der Name der Stadt zu beweiſen ſcheint. Brücke heißt nämlich im Slaviſchen Most, und stare bedeutet alt; daher die Benennung Moſtar oder die alte Brücke. Beſonders lebhaft ging es auf dem Pferdemarkte zu. Da gab es ein Drücken und Drängen, Keifen und Feilſchen, Fluchen und Lärmen, wie es ſonſt, auf türkiſchen Handelsplätzen durchaus nicht Herkommen und Sitte iſt. Es befanden ſich aber auch viele Reiter von der Landwehr wie von den regulären Regimentern auf dem Markte, und die Herren von der Klinge ſind nirgends zu Lande ſonderliche Freunde von geduldigem Mäkeln und ſchmeicheln⸗ dem Flüſtern. Uebrigens bot die Szene wirklich einen ſehr anziehen⸗ Anblick dar. Die wilden Pferde Bulgariens, dieſe ſcheuen und zornig ſchnaubenden Thiere ſchaarten ſich in einer Ecke, mit den Köpfen nach innen, aber aufmerkſam um ſich blickend, die Hinterfüße zur Vertheidigung bereit, kurz wie es eine Heerde Pferde auf jeder un⸗ gariſchen Pußta zu halten pflegt, die Front nach. rückwärts formirend und die Wölfe, falls ſie dennoch anzugreifen wagen ſollten, aus⸗ ſchlagend mit einem tödtlichen Willkommen begrüßend. Es bedurfte aller Erfahrung ihrer faſt noch wilder blickenden Treiber, der ver⸗ wegenen Dobrudſchi, um dieſes oder jenes Pferd nach dem Wunſche des Käufers zur näheren Beſichtigung herbeizutreiben. Die Güte der bulgariſchen Pferde wie der eben nicht übertrieben hohe Kauf⸗ ſchilling verlockte ſo manchen Zuſchauer als handelnde Perſon auf⸗ zutreten und um dieſen oder jenen pfeilſchnellen Renner zu feilſchen. Jegliches Gelüſte verſtummte aber nur zu raſch, denn ein rieſiger Mann mit gewaltigem rothen Vollbart, der Tracht nach ein griechi⸗ ſcher Roßkamm oder Pferdemäkler, ſtach bald ſeine Mitbewerber bei den Bulgaren aus, und brachte weniger durch die Höhe ſeines 171 Angebothes als durch die Maſſe des Ankaufes die Mehrzahl der beſten zugetriebenen Wildfänge in ſeinen rechtmäßigen Beſitz, worüber ſich jedoch ein paar Halbzuſchauer innig zu freuen ſchienen. Es war der Saraf— buchſtäblich Wechsler— des Veziers zu Moſtar, ſeine Gehilfe und ſein Diener, die einzigen drei Juden, die ſich damals in der Hauptſtadt der Herzegowina aufhalten durften. In Serajevo hingegen ſind die Bekenner des moſaiſchen Glaubens ſehr zahlreich. Der Saraf ſah nämlich mit jedem Pferde, das von einem Fremden, alſo nicht für Rechnung des Paſcha angekauft wurde, die Zahl der Anweiſungen auf ſeinen Beutel behufs des Ankaufes und der Aus⸗ zahlung ſich verringern. Feſſelnd und ſpannend war der Anblick, wie die ſcheuen Thiere Stück für Stück ſo zu ſagen mitten aus der Heerde herausgeholt und eingefangen wurden. Kaum daß der Käufer eines der Pferde ſ ein eigen zu nennen wünſcht, ſo ſtürzt ſich ein ſtämmiger Treiber mitten unter die Heerde, faßt den bezeichneten Renner bei den Ohren, bei der Mähne und hängt ſich wie eine Klette an den gefährlichen Wildfang. Das er⸗ ſchrockene Thier ſcheut, bäumt ſich, ſchlägt aus, ſucht zu beißen, kurz es verſchwendet alle ſeine Stärke und Liſt, um ſich ſeines Pei⸗ nigers zu entledigen. Vergeblich! Der Burſche hält feſt, fliegt nach oben, ſtürzt nach unten, aber Mähne und Ohr läßt er nicht los! Kein Bulldogg vermag ſich feſter zu verbeißen. Der Kampf währt ſo lange, bis das wilde Roß von ſeiner eigenen Anſtrengung er⸗ ſchöpft, einen Augenblick ruhig hält und nach Athem ſchnaubt. Dann wird ein gewaltiger Strick mit einer Art Naſenleine um den Hals des Thieres geworfen und drei oder vier Mann ziehen mit aller Kraft ſo lange an dieſer einfachen Halfter, bis es ihnen endlich ge⸗ lingt, den ſchäumenden, von Schweiß triefenden Gaul aus der Heerde herauszuſchleppen. Nunmehr trabt ein ſtarkes rittiges Pferd herbei, einen bügelfeſten Reiter in ſeinem Sattel, und der von An⸗ ſtrengung, Furcht, Ermattung und Qual des Droſſelns halbtodte Renner wird haſtig an ſeinen ausgeruhten kraftvollen Nachbar ge⸗ feſſelt. Der angeborne Inſtinkt läßt ihn nichts Angenehmes von dieſer gefährlichen Nachbarſchaft erwarten, und in Kürze hebt ein neuer heftiger Kampf um die gewohnte Freiheit an, deſſen Aus⸗ gang jedoch meiſt keine Minute zweifelhaft erſcheint. Hier die volle Ruhe und Stärke unter der verſtändigen Leitung des Reiters, dort gänzliche Erſchöpfung und wachſende unheimliche Angſt! In den meiſten Fällen reichen wenige Stunden aus, um die ſchlimmſten 172 Remonten vollkommen zu zähmen. Viele traben noch am ſelben Tage, mitunter ſogar an einen Wagen geſpannt, ruhig nach ihrer neuen Heimath. Man weiß jedoch auch Beiſpiele, daß ſich Wild⸗ fänge von beſonderer Stärke und ungewöhnlicher Hartnäckigkeit oft noch ein paar Mal ſammt dem mächtigen Gaule, an den ſie ge— feſſelt, um die Erde ſchlugen. Das anziehende Schauſpiel lockte natürlich auch auf dem Pfer⸗ demarkte zu Moſtar eine Maſſe von Zuſchauern herbei, eine Neu⸗ gier, welche dem Rothbarte durchaus nicht zu behagen ſchien, wie er denn überhaupt ſeine hohe und breite Mütze tief in das Antlitz gedrückt hatte und jegliche nähere Beſichtigung ſeine über die Ge— bühr gebräunten— weil abſichtlich gefärbten— Züge zu vermei⸗ den ſuchte. Oft bückte er ſich bei ſolchen Gelegenheiten nach einem kleinen überaus zottigen Pintſcher von ſilbergrauer Farbe, der ſich luſtig zwiſchen ſeinen Füßen herumtrieb und ſo einen willkommenen Vorwand darboth, den Gaffern nicht immer geradezu in das Geſicht ſtarren zu müſſen. Unter den Zuſchauern befand ſich ein überaus alter Derwiſch mit ſchneeweißem Barte, dem auch das Auge bereits die früheren Dienſte zu verſagen begann, wenigſtens ließ er ſich von einem mun⸗ tern Knaben von etwa vierzehn Jahren nach dem Pferdemarkt lei⸗ ten. Letzterer hätte der ritterlichen Scene wohl gern bis zum Schluße beigewohnt, der Alte ward jedoch des Schauſpieles bald. überdrüßig, und humpelte zum großen Verdruße des Kleinen nach kurzem Ver⸗ weilen durch die nach der bosniſchen Berggrenze führende Straße der Stadt ins Freie. Am Ende derſelben und zwar hinter einer ärmlichen Hütte verborgen, ſtand ein ſtattlicher Hengſt, von einem zweiten Knaben gehalten, deſſen armſelige Tracht wie die ſchlechte Zäumung und der abgenützte Sattel des Gaules gegen die herr⸗ liche, ſchlanke Geſtalt des prachtvollen Thieres von aſiatiſchem Voll⸗ blut auffallend abſtachen. Der alte tiefgebückte Derwiſch richtete ſich plötzlich hoch auf und drohte mit geballter Fauſt nach dem Pferde⸗ markt zu Moſtar hinüber: „Es iſt wirklich der Vuk,“ murrte er,„ich muß Muſtapha in Kenntniß ſetzen; du aber kleiner Dieb und Gaukler begehe mir keine Dummheit und ſchaffe mir das bewußte Ding im rechten Augenblicke, keine Minute früher oder ſpäter, bei Seite, ſonſt erſetzt er den Verluſt in der nächſten Bude, und es gibt mehr blutige Köpfe, als mir lieb wäre.“ „Es wird ſchwerzhalten!“ „Weßhalb?“ „Der kleine Pintſcher ſcheint mir verdammt wachſam zu ſein.“ „Nimm deinen pfiffigen Bruder da mit! Er mag den Hund beſchäftigen. Auch kann er im entſcheidenden Momente als wandern⸗ der Krämer in den Khan treten und ſeine Waare an den rechten Mann bringen.“ „Trefflich ausgedacht!“ entgegnete der Junge. Der betagte Derwiſch würdigte den Knaben keiner weitern Antwort, ſondern ſchwang ſich mit überraſchender jugendlicher Rü⸗ ſtigkeit in den Sattel des ungeduldig harrenden Pferdes, gab dem Thiere die Schaufelbügel zu koſten und im ſchärfſten Ritte ging es gegen die Berge zu, während die beiden Jungen ſich vorſichtig rings umſchauten, und dann auf einem Umwege nach Moſtar zu⸗ rückeilten. Auch dort ward ein geheimes und leiſes Zwiegeſpräch auf dem immer leerer werdenden Pferdemarkt, und zwar zwiſchen dem Rothbart und einem ſeiner Roßwärter, einem überaus ſtämmigen und kraftvollen Burſchen geführt, der bei dem Einfangen der wil⸗ den Pferde eine bewundernswerthe Stärke an den Tag gelegt und einen Wildfang ſogar ganz allein aus der Heerde herausgeriſſen hatte. Es war Meliſſa's handfeſter Bruder Dane als Troßknecht verkleidet.. „Der Abend wird in Kürze hereinbrechen,“ begann ſein Herr, der angebliche Roßtäuſcher, mit ſorgfältig gedämpfter Stimme,„es iſt alſo die höchſte Zeit zum Aufbruche. Ich glaube zwar an kein Mißgeſchick, obgleich es mir dein Großvater prophezeihte, der Vor⸗ ſicht und Sicherheit wegen mag der Zug jedoch zwar die Brücke über die Narenta in der Richtung nach dem Fort Opus überſchrei⸗ ten, aber bei der untern Furt, um welche nur wenige Eingeborne wiſſen dürften, führe du ſämmtliche Pferde an das alte Ufer zurück, und ſuche ſo ſchnell als möglich die Grenzgebirge zu gewinnen. So laufen wir nicht die geringſte Gefahr, falls man uns irgend einen Hinterhalt gelegt haben ſollte.“ 3 „Reitet Ihr nicht mit uns, Kapitan?“ „Ich folge in ein Paar Stunden, denn ich denke aus demſel⸗ ben Grunde einen bedeutenden Umweg zu machen und erſt in den Bergen zu dem Zuge zu ſtoßen. Vorderhand muß ich mit meinen Zunftgenoſſen aus Bulgarien, ſoll meine Weigerung anders nicht 174 Verdacht erregen, dem üblichen Halfterſchmauſe beiwohnen. Ein langweiliges Gelage! Wollte, es wäre ſchon vorüber!“ „Nehmt Euch in Acht, wir ſind in Feindesland!“ „Ich weiß es und bin auf meiner Huth.“ „Man pflegt oft den Wein mit Mohnſaft und anderm Teu⸗ felszeug zu verſetzen.“ „Sorge dich nicht, dem Vuk reicht man keinen Schlaftrunk!“ Mit jener wohlgemeinten Warnung und dieſer vermeſſenen Antwort trennten ſich Roßkamm und Troßknecht. Letzterer ſetzte ſeine Karavane in Bewegung, und zog dann ganz gemächlich über die lange und hochgewölbte Narentabrücke, in der Richtung der Straße, die nach dem Fort Opus führt, natürlich um ſpäter den Befehl ſeines Herrn in Ausführung zu bringen und an das kürzlich verlaſſene Ufer zurückzukehren. Vuk aber begab ſich nach einem Khan in der untern Stadt, in welchem die Pferdehändler gewöhn⸗ lich einzuſprechen pflegten, und wo er auch die bulgariſchen Noma⸗ den und mehre andere Handelsgenoſſen bei dem Halfterſchmauſe verſammelt fand, tüchtige Stücke Lammbratens zu Leibe nehmend und manchen vollen Becher rothen Dalmatinerweines hinabſchwem⸗ mend. Der verkleidete Roßtäuſcher überzeugte ſich in wenigen Augenblicken, daß der Schenkwirth zu ehrlich, wo nicht zu dumm ſei, Arges im Schilde zu führen; demungeachtet vernachläſſigte er auch nicht die mindeſte Vorſichtsmaßregel, prüfte Glas wie Naß und hütete ſich irgend eine Sorte Wein zu koſten, die ihm nicht von einem gänzlich unverdächtigen Zechgeſellen vorgetrunken worden. 1 Das Gelage ward immer luſtiger und es gewann den Anſchein, daß man ſich ſchwerlich vor der Mitternachtsſtunde trennen werde. Vuk, der bekanntlich noch vor dem Einbruche der völligen Dunkel- heit aufzubrechen gedachte, klopfte daher ſeine Pfeife aus, leerte ſeinen Becher und befahl einem Wärter im Khan, während er ſeine Zeche berichtigte, ſein Pferd zu ſatteln und aufzuzäumen. Die Tiſch⸗ genoſſen meinten jedoch, der Mond müſſe in der nächſten halben Stunde aufgehen, und Bruder Rothbart, wie ſie den angeblichen griechiſchen Roßkamm nannten, thäte am klügſten, ſeine Abreiſe ſo lange zu verſchieben, bis ihm beſagter Silberſchimmer am Him⸗ mel ganz traulich heimleuchte. Vuk ließ ſich durch dieſen letztern ge⸗ wichtigten, bei den dortigen ſteinigen Wegen um ſo ſtichhaltigern Grund in der That bewegen, noch eine kleine halbe Stunde zu ver⸗ — 175 weilen, hütete ſich jedoch weidlich, dem angebothenen Weine über die Gebühr zuzuſprechen. Das Gelage nahm ſeinen Fortgang. Mittlerweile traten zwei griechiſche Knaben, die ſich jedoch nicht zu kennen ſchienen, in kurzen Zwiſchenräumen in die Trink⸗ ſtube der elenden Herberge. Der Erſtere bath die Gäſte um die Er⸗ laubniß, ſie mit ſeinen Gaukelkünſten unterhalten zu dürfen, welche ihm auch bereitwilligſt ertheilt wurde, während der Andere ſeinen Kramladen ruhig auf eine entfernte Bank oder Erhöhung ſtellte, wie um zu warten, bis die Reihe an ſeine Wenigkeit kommen werde. Vuk beachtete weder den einen noch den andern der verſchmitz⸗ ten Spitzbuben. Der kleine Zauberer erſchöpfte ſich in allen den Kunſtſtücken, welche griechiſche Gaukler in den Khans und Kaffeebuden der euro⸗ päiſchen Türkei vorzuführen pflegen, kurz er erwarb ſich den unge⸗ theilten Beifall der Zuſchauerſchaft, namentlich war der Führer der Bulgaren, welcher derlei Gaukeleien wohl ſelten oder gar nie ge⸗ ſehen haben mochte, ein ſehr dankbares und freigebiges Stück Pu⸗ blikum. Der Knabe, dieſer griechiſche Bosco ſchien von den vielen Beweiſen von Bewunderung und Großmuth eben ſo geſchmeichelt als gerührt zu ſein; ein aufmerkſamerer Beobachter als die vom Weindunſt betäubten Zecher hätten jedoch wahrgenommen, daß ſein Auge fortwährend auf einem und demſelben Punkt hafte, und zwar auf einem Gegenſtand, der einer weiland goldenen, abgeſchoſſenen Schnur glich und aus Vuk's offener Ledertaſche kaum Zoll lang heraushing. Kaum bemerkte dies der junge Hauſirer, als er ein Stück Speck und Käſe, ferner eine Ninde Brod aus ſeinem Kram⸗ laden hervorzog und ſcheinbar einen beſcheidenen Nachtimbiß zu ſich nahm, eigentlich aber nur den Pintſcher an ſich zu locken ſuchte, der hinter dem Stuhle ſeines Herrn Platz genommen hatte und ſeine klugen Augen fortwährend im Kreiſe herumrollen ließ. Dies Ma⸗ noeuvre gelang dem Hauſirer in ſo ferne, als Zigan für einen Mo⸗ ment ſeiner Wachſamkeit vergaß, ſich vorſichtig erhob und miß⸗ trauiſch gegen die Bank oder Erhöhung, auf welcher der Kram— laden ſtand, heranſchlich, wie um ſich zu überzeugen, was man denn eigentlich von ihm wolle. Armer Zigan! Es war wie geſagt, nur ein Moment, daß du der Pflicht der Wachſamkeit vergaſſeſt, aber er reichte vollkommen hin, um den gewandten Gaukler in den un⸗ bemerkten Beſitz jenes Gegenſtandes gelangen zu laſſen, deſſen ab⸗ — 2———— 176 geſchoſſene Schnur kaum Zoll lang aus der Ledertaſche deines Herrn heraushing. Der Dieb entfernte ſich bald darauf in ſichtlicher Haſt. Auch Vuk hieß nunmehr ſein Pferd vorführen und ſchickte ſich an, den Khan zu verlaſſen. „Teufel,“ rief er plötzlich,„wo iſt denn mein Tabaksbeutel hingekommen?!“ Der Montenegriner wollte ſich nämlich im Abgehen eine Pfeife ſtopfen, fand aber ſeine Ledertaſche ihres Inhaltes beraubt. „Den hat ſicher jener griechiſche Schlingel geſtohlen!“ meinte der Führer der Dobrudſchi. „Ein Diebſtahl in meinem ehrlichen Hauſe!“ rief entſetzt der Schenkwirth. „Hat nicht viel zu ſagen,“ beruhigte Vuk den letztern,„es war ein alter türkiſcher Tabaksbeutel, ein wahrer Bettel, keine ſechs Piaſter werth! Wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt Tabak herbekom⸗ men könnte?“ Bei dieſer Frage trat der kleine Hauſierer beſcheiden mit ſei⸗ nem Kramladen herbei. „Ja el jahudi mat!“—„O der Jude iſt todt!“— rief ein vielgereiſter Pferdehändler. Dieſer drollige arabiſche Ausdruck wird in der Türkei häufig auf einen ſorgloſen Menſchen angewendet, falls er plötzlich eine un⸗ erwartete Aufmerkſamkeit auf etwas verwendet. Ein ſchallendes Gelächter auf Koſten des bisher ſo theilnahmslos auf jener ent⸗ fernten Bank gekauerten Hauſirers erfolgte, in das auch Vuk vom Herzen einſtimmte. Der Junge kam übrigens dem Montenegriner wie gerufen. Vuk liebte es auf einem Nitte, namentlich in nächtiger Stunde, ein Pfeifchen zu ſchmauchen und griff daher haſtig nach dem fein geſchnittenen türkiſchen Taback des Hauſirers. Hierauf warf er ſich haſtig in den Sattel. Der Griechenknabe verfolgte mit triumphirender Miene ſeinen eiligen Ritt. Es war eine ſchöne und heitere Sommernacht. Der Mond ging eben auf und goß ſein freundliches Licht auf die ſteinige Straße, die von der eben verlaſſenen Stadt Moſtar nach einer der merkwürdigſten Bergſchluchten in der Herzegowina leitet. Dieſe Ge⸗ birgsſchlucht liegt hinter jenem Theile der Ebene an der Narenta, auf welchem weiland eine große Schlacht zwiſchen den Römern und 177 den damaligen Bewohnern Bosnien's Statt gefunden haben ſoll. Alterthumsforſcher verlegen zwar die eigentliche Fundgrube von Ueberreſten aus jener längſt verſchollenen Zeit mehr öſtlich und etwas entfernter von dem Narentafluſſe, aber es gibt auf dem Wege von Moſtar nach der Gebirgsſchlucht ſo viele bedeutende Hügel und Erhöhungen, welche durch Umfang und Lage wie durch grabähn⸗ liche Geſtalt unwillkührlich zu dem Glauben hindrängen, ſie ſeien nichts geringeres, als die endliche Friedensſtätte, darin römiſche wie ſlaviſche Helden von den Drangſalen des langen und erbitter⸗ ten Kampfes ausruhen. Natürlich, daß dies alte Schlachtfeld verwandte Gedanken in Vuk's⸗Seele erwecken mußten. Er hing auch derlei kriegeriſchen Träumen ſo tiefſinnig nach, daß er ſich allmählich in den ſonderbaren Zuſtand wachen Delirirens, halb Schlaf, halb Wirklichkeit, mehr als billig hineingedacht zu ha⸗ ben glaubte und ſich daher ernſtlich Mühe gab, aus dieſem Som⸗ nambulismus loszukommen. Vergebliche Anſtrengung! Seine Gedanken verwirrten ſich immer mehr und mehr, ſeine Augen ſchloſſen ſich ſchlaftrunken, ſein Kopf ſank nach vorwärts, das ermunternde Bellen ſeines Hundes wie der Hufſchlag des zu⸗ letzt im Schritte dahinſtolpernden Roſſes tönte immer undeutlicher in ſeine Ohren, endlich fiel er förmlich auf den Hals ſeines Gaules, nur aus langer Uebung und Gewohnheit den Sattel mit den lan⸗ gen Beinen umklammernd. So gelangte der ſeltſame Reiter bis an das kleine Thal, das den Eingang in den rieſigen Hohlweg in einem Halbkreiſe umgibt und als Weideplatz für die Kühe weniger dort hauſender armer herzegowiniſcher Rajas zu dienen pflegt. Ein ſeltſamer Anblick dieſe Gebirgsſchlucht! Man denke ſich eine Kette niederer Berge etwa ſechs deutſche Meilen lang und der ganzen Länge nach gerade bis zur Tiefe der Thäler, welche ſie durchzieht, wie mit dem Richtſcheit durchſchnitten und man hat einen ſchwachen Abklatſch von dieſer wild romantiſchen Bergſchlucht. Es heißt, daß ſie ihren Urſprung einem gewaltigen Erdbeben verdankt. Dieſe rieſige Felſenſpalte iſt am Grunde nir⸗ gends breiter als höchſtens zwanzig engliſche Ellen, obgleich die Entfernung der obern Felſenkanten mitunter ein Bedeutendes mehr betragen dürfte. Ein ſchmaler Bach, der ſein Daſein von zwei oder drei Quellen in dem früher erwähnten Thale friſtet, rauſcht durch Der Montenegriner. 12 178 die faſt gräberſtille Schlucht, und erſchwert das Weiterkommen un⸗ gemein, da man ihn in Folge ſeiner Windungen wenigſtens zwanzig Mal überſchreiten muß, was bei den naſſen Steinen und dem ſchlüpfrigen Raſen meiſt einige Schwierigkeit darbietet. Wie ſollte Vuk in ſeiner Schlaftrunkenheit hindurchkommen? Dafür ſorgten hellere Augen und mehr als eine regſame Hand! Hart hinter dem kleinen Thale, alſo unmittelbar an dem Eingange in die Gebirgsſchlucht weckte das heftige, wüthige An⸗ ſchlagen des kleinen Zigan den Schlummernden, aber nur für ein paar Sekunden, auch hörte er das Gebell nur ſchwach und leiſe wie im Traume, wie aus weiter Ferne. Gleichzeitig fiel es auf ihn wie eine Fangſchnur oder ein ſchweres Riemzeug. Ein peinliches Zerren und Schnüren an ſeinen Gliedern folgte. Darauf verlor Vuk aufs Neue das Bewußtſein. Einige Klippen der mehrerwähnten Schlucht gewähren einen halb bezaubernden, halb ſchreckhaften Anblick. An manchen Stellen ſteigen ſie von der Tiefe ſenkrecht bis zu einer unglaublichen Höhe empor. Auch gibt es an dem einen Ausgange ein wunderliches Spiel der Natur zu ſchauen. Es iſt dies ein Bogengang, welchen die Hand des Zufalles nach dem Vorbilde gothiſcher Architektur in die Felſen gehauen und mit einem Dachgewölbe und einer Fenſterniſche von demſelben Bauſchnitte verſehen zu haben ſcheint. Was Wunder, daß das Landvolk dieſen Bogengang die Kapelle zu nennen pflegt. Auch darf hier nicht unerwähnt bleiben, daß der Aberglauben dieſe merkwürdige Schlucht auf noch merkwürdigere Weiſe entſtehen läßt. Wie der fränkiſche Roland nicht blos Heldenthaten verrichtete, ſon— dern nach der biscaiſchen Sage die Pyrenäen, Felſenthäler ausgra⸗ bend, an mehren Stellen mit ſeinem guten Schwerte ſpaltete, ſo wird auch in Bosnien dasſelbe von dem fabelhaften ſerbiſchen Krie⸗ ger Marko Kraljewitſch und ſeinem gewaltigen Säbel bei mehren Gebirgseinſchnitten, alſo auch bezüglich dieſer Schlucht erzählt. Es gibt auch in dieſem Lande einige weit von einander abſtehende Fel⸗ ſen, die man Skaͤkala Kraljewitſcha, das ſind, die Sprünge des Kraljewitſch nennt. Hat es mit dieſen Sagen anders ſeine Richtig⸗ keit, ſo ſind wir dem mythiſchen Serben für manche der ſchönſten Gebirgsſzenen zu einigem Danke verpflichtet. Eine der bizarrſten Launen der Natur offenbart ſich jedoch auf dem halben Wege durch die abſonderliche Schlucht. Es iſt dies eine merkwürdige Höhle, welche den Namen Scherawitza⸗Grad führt 179 und etwas höher liegt als die eigentliche Straße. Ein Fußpfad von einem doppelten Wall vertheidigt und mit Ramparts wie mit Schießſcharten für Musketen verſehen leitet zu dem Eingange. Die Höhle gleicht einer geräumigen gothiſchen Halle und dürfte über hundert Gäſte faſſen. Auch gibt es mehre kleine, ohne Licht jedoch kaum auffindbare und ſchwer zugängliche Nebenhöhlen von weit geringerem Umfange, aber nicht unbedeutender Höhe. Seltſam er⸗ ſcheint es, daß man auf der auswärtigen Seite der Schlucht und zwar dem Scherawitza⸗Grad gerade gegenüber auf eine ähnliche Höhle mit gleich ſchwierigem Zugange ſtößt, ſo daß es ſelten be— zweifelt ward, wie beide Felſengewölbe weiland in inniger Verbin⸗ dung ſtanden und nur bei irgend einer gewaltigen Erderſchütterung durch den Einſturz maſſenhafter Schichten von Kalkſtein für immer von einander getrennt wurden. Die früher erwähnte Höhle ſoll in der Vorzeit der Zufluchts— ort und das Bollwerk des berühmten bosniſchen Haiduken Schera⸗ witza, dieſes furchtbaren Nachfolgers und Rächers Mijat's geweſen ſein, nach welchem erſteren Näuber ſie auch noch heutigen Tages be⸗ nannt wird. Hundert Hiſtorien ſind über dieſen beiſpiellos verwege⸗ nen Wegelagerer im Umlaufe, und beſitzt nur jede zehnte Sylbe in den Märchen von ſeiner Tollkühnheit und Stärke ihre Richtigkeit, ſo bedurfte es eines überaus tapfern Herzens und faſt eiſerner Ner⸗ ven, um dieſen Haiduken in ſeinem faſt uneinnehmbaren Schlupf⸗ winkel anzugreifen. Doch zurück zu unſerer Geſchichte! Als Vuk endlich aus ſeiner Betäubung erwachte, war die Sonne längſt aufgegangen, und warf ihre heißen Strahlen bereits verſengend in die Gebirgsſchlucht. Gräßlicher Anblick! Der Schau⸗ platz der Handlung befand ſich gerade vor dem Fußpfade zum Scherawitza⸗Grad. Der Eingang der Höhle ſchien bereits vor ein paar Tagen vermauert worden zu ſein, und wies außer einer ſchmalen ſich nach innen öffnenden Thüre, durch welche ſich ein nur einigermaßen robuſter Mann nur mit Mühe zu zwängen vermochte, keine weitere Oeffnung als zwei Fenſter, die man zudem mit über⸗ aus ſtarken Gittern verſehen hatte. Was ſollte dies bedeuten? Vuk ſelbſt lag an Händen und Füßen gebunden mitten in einem Haufen gefangener, theilweiſe auch gefeſſelter Rajas. Die Zahl derſelben mochte ſich auf anderthalbhundert Köpfe belaufen, darunter 123 — 180 ſich auch einige Weiber befanden. Es waren durchwegs unſchuldige Leute, die man auf dem Heimwege von dem Markte zu Moſtar an⸗ gefallen, nach mitunter tapferer Gegenwehr verwundet, ausgeplün⸗ dert und ihrer Freiheit beraubt hatte. Die Gefangenen wurden von ungefähr zweihundert bis an die Zähne bewaffneten Räubern be⸗ wacht, davon etwa ein Dutzend die letzte Hand an das Einhängen und Verwahren jener ſchmalen Thüre anlegte. Die Buſchklepper ſprachen bosniſch unter ſich, doch ſchienen Einige auch der türkiſchen Sprache mächtig zu ſein. Sie zählten übrigens durchwegs zum Islam, wie ihr häufiges Inſch⸗Allah ſo Gott will— bewies. Ihr Anführer war bis jetzt nicht ſichtbar geworden. Welches Schreckensdrama ſollte hier in die Szene gehen? Vuk machte nicht den mindeſten Verſuch ſeine Bande zu ſpren gen, denn er wußte, daß er in Folge des ſo lang gehemmten Blut— umlaufes nicht den geringſten Gebrauch von ſeinen ſonſt ſo gewal⸗ tigen Händen und Beinen würde machen können. Er harrte ruhig wie ſeine Umgebung, ja faſt neugierig der Dinge, die nun kommen mußten. Es ging auf die Mittagsſtunde, als die Thüre endlich mit hinreichend ſtarken Bändern und Riegeln verſehen war. Die Ge— fangenen wurden nunmehr einzeln in die dumpfe ſchwüle Höhle getrieben. Vuk war der Letzte, welcher ſeiner Bande entledigt und dann wie ein Sack in den Scherawitza⸗Grad geworfen wurde. Es währte auch lange, bis er von einigen Rajas, Anſiedlern an der Grenze der Herzegowina, die ihn erkannt hatten, unterſtützt ſich müh⸗ ſam auf die Füße zu erheben und gleichſam den Oberbefehl über ſeine eingekerkerten Landsleute zu übernehmen vermochte. Der Schauplatz ſeiner obrigkeitlichen Herrlichkeit war zudem ſehr be⸗ ſchränkt, denn die Höhle, durch das Mauerwerk bedeutend einge⸗ zwängt, betrug nicht mehr Flächeninhalt als etwa eilf Fuß Länge und drei Klafter Breite, ſo daß auf jeden Gefangenen nicht über anderthalb Fuß der Erſtern und etwa achtzehn Zoll der Letztern Raum zu rechnen kam. Die Sonne brannte entſetzlich. Die dumpfe Luft wurde immer ſchwüler, was um ſo uner⸗ träglicher, als bei dem heitern Himmel und der laufenden Jahreszeit kaum auf den leiſeſten Windhauch zu hoffen ſein durfte. Dieſer Gedanke brachte die Meiſten gleich Anfangs zur Verzweiflung, und ſie ſuchten in ihrer Raſerei, wiewohl vergeblich, die Thüre zu er⸗ brechen. Es war ein fürchterliches Gegenſtück zu jener ſchauerlichen 181 Szene in der ſogenannten ſchwarzen Höhle bei Kalkutta, in wel⸗ cher die Engländer im Juni des Jahres 1756 ein ſo ſchreck⸗ liches Schickſal erduldeten. Vuk hatte ſich an ein Fenſter gedrängt, er war daher mehr gelaſſen und lief, ſo lang er dieſen Platz be⸗ haupten konnte, nicht die mindeſte Gefahr des Erſtickens. Auch befahl er wie weiland der engliſche Kommandant Hollwel, daß jedermann ſich ſo viel als möglich ruhig xrrhalten und durch unnützes Regen und Abmühen ſeine Kräfte nicht unnöthiger Weiſe erſchöpfen ſollte. Dieſer Befehl erzielte eine zeitweiſe, leider jedoch von den Klagen der Verwundeten und dem Röcheln der Erſtickenden ſchauer⸗ haft unterbrochene Stille. Die Hitze ſteigerte ſich aber mit jeder Minute. Der rieſige Montenegriner rieth nunmehr den Gefangenen, ſie ſollten, um mehr Raum zu gewinnen, ſich nackt oder doch wenigſtens bis auf das Hemd ausziehen. Es geſchah, verhalf aber nur zu einer ſehr unbedeutenden Erleichterung. Man ſuchte dieſelbe durch Wehen mit den Mützen zu mehren, doch ward dieſe Arbeit für die ſich immer mehr erſchöpfenden Kräfte der Eingekerkerten bald zu mühſam. Ein Herzegowiner meinte darum, alle ſollten ſich, um der Luft mehr Zutritt zu geſtatten, auf die Knie niederlaſſen. Man nahm den Rath an, kam aber gleichzeitig überein, um jede Verwirrung zu beſeitigen, auf ein von Vuk gegebenes Kommandowort zugleich niederzuknien und aufzuſtehen. Dies Manöver wurde Anfangs mit günſtigem Erfolge ausgeführt, fruchtete aber nicht auf die Dauer. Man blieb zwar, ſo lange man es in dieſer unbequemen Stellung aushalten konnte, ruhig auf ſeinen Knien liegen, aber jedesmal da die Ge— fangenen in die Höhe ſchnellten, wurden Einige, die ſich nicht raſch genug zu erheben vermochten, todt getreten. Ein entſetzliches, zum Himmel um Rache ſchreiendes Loos! Dies geſchah bereits Nachmit⸗ tags, während die erſten Stunden der Einkerkerung verliefen. Gegen Abend erſchien der Anführer der Räuber. Es war Muſtapha, wie die Leſer wohl ſchon errathen haben werden. Der Renegat und ſein Begleiter, jener Derwiſch mit weißem Barte, den wir auf dem Markte zu Moſtar getroffen haben, traten gelaſſen vor die Höhle des Jammers. Der Erſtere rauchte wie gewöhnlich ganz behaglich aus ſeiner rieſigen Pfeife. Beide begrüßten Vuk mit höh⸗ niſchem Lachen, teufliſche Bosheit, thieriſche Grauſamkeit im Blicke. „Kennſt du mich, Todtſchläger?“ frug der Räuber. Vuk ſchwieg, unſägliche Verachtung in jeder Miene. 182 „Ich wollte dich Anfangs,“ ſuhr Muſtapha fort,„bei gelindem Feuer röſten, nun aber hoffe ich es beſſer getroffen zu haben; du ſollſt mir an deinem eigenen glühend werdenden Athem von innen heraus verbrennen!“ Der Montenegriner ſtarrte gelaſſen vor ſich hin. „Auch wir ſind quitt,“ ſprach der alte Weißbart,„du wirſt mich nicht mehr von der Straße nach Serajevo abſchneiden!“ Vuk ſtutzte, blickte aber dann noch verächtlicher auf ſeinen neuen Feind. Er hatte die Stimme des Paſcha Juſſuw erkannt. „Wie hat dir,“ höhnte der angebliche Derwiſch,„mein türki⸗ ſcher Tabak gemundet?“ „Er war etwas zu ſtark,“ ergänzte Muſtapha,„für den mon⸗ tenegriniſchen Schädel.“ „Man kann auch Tabakblätter mit Opium verſetzen,“ ſchloß Juſſuw,„nur haſt du dieſe Erfahrung etwas zu ſpät gemacht, roth⸗ bärtiger Schurke, morgen rauchſt du ja ſelbſt ſchon in der Hölle. Glück auf die Reiſe!“ Der Montenegriner verharrte in ſeinem alten Schweigen. „Ja, auf Wiederſehen bei der Großmutter des Teufels!“ rief der Renegat. Beide Böſewichte entfernten ſich mit ſataniſchem Gelächter, wie ſie gekommen waren. Um neun Uhr Abends ſchien die Qual der Gefangenen aufs Höchſte geſtiegen. Der Durſt nahm mehr und mehr überhand, und verſetzte die gelaſſenſten Männer, ja die bisher echt ſlaviſch gedul⸗ digen Weiber in einen Zuſtand völliger Raſerei. Sie bemühten ſich nochmals, natürlich wieder vergeblich, die Bänder und Riegel der Thüre zu ſprengen, ja ſie ſchmähten, höhnten und beſchimpften die aufgeſtellten Wachen, um ſie durch Zorn und Entrüſtung dahin zu bringen, endlich herein zu feuern und ſo dem Elende mit einigen Schüſſen ein Ziel zu ſetzen. Thörichte Hoffnung! In kurzer Zeit verfielen die Meiſten, ſo ſich im rückwärtigen Theile der Höhle befanden, in gänzliche Athemloſigkeit, zum Theile auch, was noch ſchlimmer war, in wirklichen Wahnſinn. Das Raſen der Verrückten, die bangen Klagen der Angſt, die laute Stimme der Verzweiflung erfüllten den Schauerort, aber alles übertäubte und überbrauſte zuletzt der jammervolle Ruf nach Waſſer. Die Wache ——— 183 brachte endlich welches herbei. Vuk und zwei noch rüſtigere Rajas faßten es am Fenſter in ihren Ledertaſchen und reichten es den Ge⸗ fangenen; aber das Drängen nach der erſehnten Labe war zu groß, es entſpann ſich raſch ein erbitterter Kampf und das Gewühl wurde ſo gewaltig, daß viele Eingekerkerte, auch jene zwei dienſtwilligen und menſchenfreundlichen Rajas dabei zu Tode gedrückt wurden, wobei leider eine Maſſe des Labetrunkes verſchüttet werden mußte. Nur Vuk's eiſerne Kraft hielt aus, und er mühte ſich als barmherziger Samaritaner von neun bis eilf Uhr Nachts mit dem Faſſen und Zureichen des übelriechenden Waſſers. Rings um ihn war der Boden mit erdrückten oder erſtickten Menſchen überſtreut. Man hatte bisher noch einige Achtung für ihn als das Ober— haupt und den Wohlthäter ſämmtlicher Unglücklichen bewieſen, nun⸗ mehr aber hörte aller Unterſchied der Perſönlichkeit auf. Die ganze noch lebende Sippſchaft drang nicht nur auf ihn zu, ſondern viele ergriffen mittelſt eines verzweifelnden Sprunges die Fenſterſtangen über ſeinem Haupte, arbeiteten ſich, da er zu menſchlich war, ſeine noch immer überwiegende Stärke geltend zu machen, auf ſeine Schultern und drückten ihn durch ihre immer wachſende Laſt ſo ſehr, daß er ſich gar nicht mehr bewegen und gleichwohl nicht länger auf dieſem Platze verbleiben konnte. Er rief daher den Selbſtſüchtigen, die auf ſeinen Schultern, ja ſelbſt auf ſeinem Kopfe fußten, zu, ſich in Obacht zu nehmen und nicht unſanft zu Boden zu ſtürzen, da er ſich von dem Fenſter entfernen und ruhig ſterben wolle. Seine ent⸗ fernteren Haftgenoſſen forderten keine Beweggründe, ihm behülflich zu ſein, einen Platz zu verlaſſen, den ein jeder ſelbſt zu erobern ſuchte. Die nächſten Reihen öffneten ſich ſo weit, daß Vuk, wenn gleich mit großer Mühe, endlich in den Mittelpunkt des Gefängniſſes ge— langen konnte. Der dritte Theil der unfreiwilligen Geſellſchaft war nunmehr todt, und die übrigen Lebenden drängten ſo ſehr nach dem Fenſter, daß der Montenegriner allerdings ein wenig mehr Raum fand, aber die Luft war ſo faul und ſtinkend, daß ihm das Athemholen binnen wenigen Minuten ſchwer und ſchmerzhaft wurde. Er drang daher über die todten Leidensgefährten hinweg und lehnte ſich dem zweiten Fenſter gegenüber an einen der dort zuſam⸗ mengeballten Haufen Leichen, willens hier ſeine Auflöſung zu er⸗ 184 warten; aber nach ungefähr zehn Minuten überſiel ihn ein ſolcher Schmerz auf der Bruſt und ein ſo heftiges Herzklopfen, daß er nochmals genöthigt war, ſich an die freie Luft durchzuzwängen. Es ſtanden bereits ſechs Reihen Lebender zwiſchen ihm und dem Fen⸗ ſter. Angeborne Kraft half ihn durch vier Schichten, ſteigende Ver⸗ zweiflung endlich durch die letzten zwei Reihen. In wenigen Minu⸗ ten ſchwand zwar nunmehr Vuk's entſetzliches Herzleiden, aber er fühlte gleichzeitig einen unausſprechlichen Durſt und ſchrie daher mit gleicher Ungeduld wie die Uebrigen nach Waſſer. Dieſe faulige Labe vermehrte jedoch die Qualen des Durſtes. Er beſchloß deß⸗ halb nicht mehr davon zu trinken, ſondern begann den Schweiß aus ſeinem Hemde zu ſaugen, was ihm für kurze Zeit einige Erleich— terung verſchaffte; wir ſagten für einige Zeit, denn eine blutjunge neben ihm ſtehende nackte Bosniakin ergriff den einen Aermel von Vuk's Hemde, beſchwor ihn um das Blut Chriſti willen um Menſch⸗ lichkeit und beraubte den Gutmüthigen bald auch des zweiten Aer⸗ mels, ſohin der letzten Quelle der Linderung in ſeiner gräßlichen Noth und Erſchöpfung. Es ging auf die Mitternachtsſtunde. Die wenigen noch Lebenden, die am Fenſter ſtehenden Un⸗ glücksgefährten ausgenommen, befanden ſich nunmehr auf dem Gi⸗ pfel der äußerſten Raſerei. Alles ſchrie nach Luft, da das Waſſer, welches die Wache einzig zur Verlängerung ihrer teufliſchen Kurz⸗ weile gereicht hatte, nicht mehr helfen wollte. Man fügte den Un⸗ menſchen draußen alle nur denkbare Beſchimpfung bei, auf daß ſie von Aerger übermannt, endlich zu den Gewehren greifen und hinein feuern ſollten. Alles umſonſt! Man hörte wohl hie und da einen Hahn ſpannen, aber es war gleichfalls nur ſataniſcher Scherz. Bald darauf hörte mit einem Male aller Lärm auf. Viele der Verzweifelnden, die noch ein paar Athemzüge zu verhauchen hatten, legten ſich des letzten Funken Kraft beraubt nieder und gaben über die Todten ausgeſtreckt ruhig ihren Geiſt auf. Andere friſchere und kräftigere Menſchenkinder ſuchten Vuk abermals von ſeinem Platze zu verdrängen. Ein plum⸗ per Anſiedler von der bosniſchen Grenze ſtieg auf eine ſeiner Schul⸗ tern, ein anderer Raja auf die andere z ſie umklammerten dabei die Fenſterſtangen ſo krampfhaft, daß ſie Vuk hätte todtſchlagen müſ⸗ ſen, um ſie von ſich abzuſchütteln. Das wollte er nicht. Er trug — 185 ſie in Geduld. In dieſer peinlichen Lage verblieb der ſimſon⸗ hafte Montenegriner von halb zwölf Uhr Nachts bis zwei Uhr Morgens. Endlich ſank mit ſeinen Kräften auch ſein Muth. Er ſuchte nach ſeinem Dolchmeſſer, fand es auch, erhob es mühſam, willens ſich eine Ader zu öffnen und zu verbluten. Da fiel es ihm aber bei, wie es ſich für einen Abkömmling des montene⸗ griniſchen Stammes wie für das Haupt ſeiner Haftgenoſſen nicht gezieme, feig von der Leidensſtätte zu flüchten, bevor es dem Herrn gefällig, ihn abzuberufen. Deßhalb ſenkte er das Dolchmeſſer und entſchloß ſich das Fenſter zu verlaſſen. Dann both er ſeine Stelle, die er nicht länger behaupten mochte, jener blutjungen Bosniakin an, die in der nächſten Reihe ſtand und wie durch himmliſchen Bei— ſtand muthig und ungefährdet Qualen ertragen hatte, an denen ſtärkere Herzen gebrochen waren. Die Aermſte nahm es wohl mit unendlichem Danke an, aber von dem plumpen Gränzanſiedler au— genblicklich verdrängt, zog ſie ſich mit Vuck zurück, ſtreckte ſich nieder und ſtarb, ohne daß ein Wort der Klage über ihre Lippen rauſchte. Auch der Montenegriner verlor für einen Augenblick die Beſinnung. Man erfuhr überhaupt nie deutlich, was von dieſer Zeit bis zu Tagesanbruch in Scherawitza⸗Grad vorging. Plötzlich ſtieß es kalt, klebrig und feucht an Vuk's rechte Hand. Was war das? Die Hand ward geleckt, gleichzeitig ließ ſich ein freudiges Winſeln vernehmen. Das konnte nur Zigan ſein! Wohl hatte Vuk den treuen kleinen Hund, als er zum erſten Mal an das bis zum Einbruch der Nacht ſtandhaft behauptete Fen⸗ ſter trat, wahrgenommen, wie er ängſtlich und bellend umherlief, und nach der verſperrten Höhle ſchnoberte. Bald aber verlor er ihn aus dem Geſichte und fürchtete anfangs, das arme Thier ſei zwei⸗ felsohne wegen ſeiner Anhänglichkeit von einem der rohen Wege⸗ lagerer erſchlagen worden, zumal die Muhamedaner den Hund als ein unreines Thier verabſcheuen. Später hörte er ihn jedoch zornig heulen, ein Zeichen, daß ihn einer der weniger ſtrenggläubigen Renegaten angebunden haben mochte. So war es auch! Zigan ſchleppte noch jetzt ein langes Stück einer durchgebiſſenen Schnur nach ſich. Wie kam er aber herein? —ÿ— ———y— 186 ————— —— Wer konnte es ſagen?! Und was wollte er in dem dumpfen Verließe? Gleichfalls erſticken? Mit ſeinem Herrn ſterben?! Einfältiger Zigan! So lautete Vuk's Gedankengang. Vielleicht ſollte es auch heißen: Kluger Zigan! 3 187 Eilftes Capitel. Albaneſiſche Sühne. Ein herrlicher Anblick dieſe prachtvolle Waſſermaſſe des See's von Scutari! Ein lichtes Auge, aus dunkeln Brauen blickend, brei⸗ tet ſich ſein ſonnig vergoldeter Spiegel weithin aus, rings von Er⸗ innerungen an die claſſiſchen Tage des Alterthumes umgeben, na⸗ mentlich was ſein weſtliches Ufer anbelangt. Im Norden lagert, beſpült von den Wogen tief einſchneidender Buchten, ein dunkler Kranz der hier zum Theile dicht bewachſenen Höhen von Cserna⸗ gora. Wurden dieſe Wälder ſeit den dritthalb Jahrhunderten, wo Bolizza ſie ſah, auch ſtark gelichtet, ſo ſchmücken doch noch immer viele ſtattliche Bäume den Scheitel der ſchwarzen Berge. Im Oſten zeigt ſich eine weite mit Weinreben und Olivenbäumen beſäte Ebene, welche der Fleiß des albaneſiſchen Landmannes ſchon längſt zu einem Eden umgeſtaltet hätte, falls die Raubluſt der islamiti⸗ ſchen Horden geſättigt und die Feindſchaft der Montenegriner zur alten verſchollenen Sage werden könnte. Trübe ſtimmt die Ausſicht nach Süden. Doort liegt es ja mit ſeinen ſpitzen Thürmen, ſeiner einem ge⸗ waltigen Dulbend gleichenden Citadelle das feſte Skadar, dies alte Scodra des Königs Pyrrhus wie der Römer, italieniſch Scutari genannt, türkiſch Iskenderiah geheißen, weiland die Reſidenz des Beg Alerander, des großen Skanderbeg, die Vormauer Albaniens. Aus der Ferne erſcheint dieſe halbſlaviſche Hauptſtadt der Dſchegen und Mirditen wahrhaft reizend; ihre Bazars und Moſcheen erheben ihre Kuppeln gleich einem Amphitheater bis zu dem felſigen Gipfel, auf dem das Kaſtell des Roſapha emporragt, dieſer alte, auf einer — 188 Höhe von dreihundert und fünfzig Fuß in den Lüften ſchwebende, heilige ſerbiſche Grad. Ein trübes Bild? Ja, ſo iſt es! Kein poetiſches Gemüth, das nicht trauert mit verweinten Augen, wenn man erzählt von den letzten Tagen alba⸗ neſiſcher Herrlichkeit und der ſchmachvollen Waffenſtreckung des alten Löwen Muſtapha. Glich doch jenes tapfere Volk, zum Theile ſelbſt muhamedaniſchen Glaubens, ſeinen Geiſtesverwandten über den Pyrenäen, und all die bittern Gefühle des Schmerzes über den Untergang der Maurenherrſchaft in Spanien, welche unſere Bruſt in der träumeriſchen Knabenzeit beklemmten, lagern als düſtre Fal⸗ ten auf der Stirn des Mannes und verdüſtern ſeinen Blick, wenn er von den Zinnen der Bergveſte Skadar hinunterblickt nach Oſten, nach dem grünen lachenden Thale. Dort wo einſt das ſchlanke Roß des Dſchegen in unglaublichen Sätzen ſeinen braunen Reiter um⸗ hüpfte, welcher ſinnend im weichen Graſe lag, mit ſeiner langen Lanze ſpielte, und wie einſt Achill vor ſeinem Zelt, ſeine Thaten wie die ſeiner Palikaren beſang; dort üben ſich jetzt die Taktiki in fränkiſchen Hoſen, dieſe auf europäiſche Art disciplinirten türki⸗ ſchen Truppen in Gebrauch der plumpen Feuerwaffen, und ihr ſtren⸗ ger Führer raucht, behaglich aus der Ferne zuſchauend, ſtumpf und blöde wie ſie, aus ſeinem Csibuk, gewaltige Dampfwolken in die Lüfte blaſend. Ja, ein poetiſches Gemüth hat ſie nie leiden ge⸗ konnt, dieſe ungeſchlachten Taktiki, die da mit einem Kartätſchen⸗ hagel die Blume der albaneſiſchen Ritterſchaft während des verrä⸗ theriſchen Verſöhnungsfeſtes bei Monaſtir zu Boden ſtreckten. Sie haben die blühenden albaniſchen Gärten im Doublirſchritte zer⸗ ſtampft, die goldenen Gitter der Harems mit frevelnder Hand er⸗ brochen und ihre luftigen blumengeſchmückten Hallen verödet und niedergeſtürzt. Wann, unglückliches Skadar, werden die Roſenzeiten der Al⸗ baneſenherrſchaft für dich wiederkehren? Wann wirſt du wieder einen Selamlik— Audienzſaal— in deinen Mauern ſehen, darin ſchlanke, rabenhaarige Frauen, in deren Blicken ein Meer von Liebe und Zärtlichkeit ſchwimmt, und ritterliche, waffengewandte Dſche⸗ genhäuptlinge, von deren Wangen die Gluth jener Blicke wieder⸗ ſtrahlt, den in Purpur gebornen Statthalter Gottes wie Sterne die Sonne umſtehen?! Kommt nochmals jener ſtolze Augenblick, wo dein mächtiger Löwe Dſchelaldina durch ſieben Schüſſe der Lärm⸗ 189 kanone ſiebenhundert Mal hundert Skipetaren in die Waffen rief und mit dieſen Braven das Heimathland vor einem doppelten Ein⸗ falle der Osmanen und Bosniaken rettete, die weiße Erde von ihren fremden Tyrannen befreiend 21—— Nie!—— Verge⸗ bens rauſcht dein See und erzählt dem an ſeinem Geſtade ruhenden Wanderer von Welle zu Welle fortgepflanzte Traditionen von den Tagen deines Glückes und Endes. Sie werden nie mehr kommen dieſe Tage, ſo wenig als der ewige Schnee auf den acrocerauniſchen Gebirgen ſchmilzt; zerbrochen iſt die ſchmeichelnde Mirditenleier, welche die Liebe der albaneſiſchen Ritterſchaft beſang, und nie mehr erhebt ſich zu ſeinem alten Glanze der königliche Roſapha! Der Anblick der Waſſermaſſe des See's von Scutari iſt wie geſagt, prachtvoll; iſt man aber genöthigt, darüber zu ſetzen, um nach der Stadt zu gelangen, ſo verſchwindet der Zauber ſeiner Ufer und macht der unheimlichen Furcht Platz, welche der aus einem ein— zigen Baumſtamm gezimmerte Caique einflößen muß, ein Schifflein, das die geringſte falſche Bewegung umſtürzen würde, was bei dem gefährlichen Schilfgraſe im See ſelbſt für den beſten Schwimmer eben ſo viel ſagte als verloren ſein. In einem ſolchen Caique ſchiffte an einem heiterem Morgen im Hochſommer 1843 ein junger Mann in türkiſcher Militärtracht über die Fluthen, ein Abgeſandter des Muſchir Juſſuw aus Travnik, der eben den Paſcha von Skadar verlaſſen hatte und gleichfalls in trüber Stimmung, aber aus ganz andern Beweggründen, nach dem königlichen Roſapha zurückblickte. Man ſah es an ſeiner verdüſterten Miene, daß ſeine Sendung ver⸗ unglückt ſei. Es war unſer alter Bekannter Ali. Juſſuw ſandte ihn als Bothen und Kundſchafter nach Moſtar und Skadar wie nach Albanien und Csernagora. Der Paſcha der Herzegowina hatte die erneuerte Bitte um hilfreichen Zuzug trocken abgeſchlagen, er blieb bei ſeiner frühern Ausflucht, wie er ſelbſt auf einem Krater ſtehe, deſſen Ausbruch mit jeder Minute zu erwarten ſein dürfte. Mit dieſem troſtloſen Beſcheid eilte Ali, Montenegro vorderhand umgehend, über Dalmatien nach Scutari. Hier wurde der bosniſche Abgeſandte zwar mit mehr Herzlichkeit und Theilnahme aufgenommen, doch meinte auch det Herr von Skadar, von Bei⸗ ſtand mit bewaffneter Hand könne dermalen keine Rede ſein. Er traue den Montenegrinern nicht. Sie hätten ſich zwar gegenſeitig „Wiera“ bis zu dem nächſten Michaelstag gegeben, das heißt, ſie * 190 hätten ſich bis zu dem genannten Termin freies Geleite und unge⸗ hinderten Verkehr zugeſchworen; aber die kürzlich im Namen Aller abgeſchloſſene Wiera habe nicht zu hindern vermocht, daß noch einige Racheſcenen und Raubzüge zwiſchen Türken und Montenegrinern vorgekommen wären, ja man habe ſogar erſt in neueſter Zeit einen türkiſchen Beg— Grundherrn— überfallen, getödtet und ſeinen Kopf nach Csernagora geſchafft. Der Paſcha von Skadar wollte ſich daher durchaus zu keiner Schwächung ſeiner Streitkräfte zu Gunſten Juſſuw's verſtehen. Auch warf er gleichzeitig ein düſteres Licht auf die Zuſtände in Al⸗ banien. Es lag ein großes Körnlein Wahrheit in ſeiner Schilde⸗ rung. Die muhamedaniſche Bevölkerung befand ſich im vollen Auf⸗ ruhre gegen den Hatticherif von Gülhane, namentlich verweigerte ſie die Aushebung von Recruten. Wir fügen noch bei, daß die Be⸗ wältigung dieſes Aufſtandes der ottomaniſchen Pforte viel Gold und Blut koſtete, und daß es erſt im nächſten Jahre gelang, mit Hilfe des aus den Engpäſſen des Libanon herbeiberufenen, im Ge⸗ birgskriege bewanderten Omer Paſcha die Ruhe herzuſtellen und die Einführung des Tanzimat in Albanien zu erzwingen. Es war daher faſt hundert gegen eins zu wetten, daß ſich auch die Mirditen, dieſe chriſtlichen Krieger des Landes erheben und gemeinſame Sache mit den Rajas in Bosnien machen würden. Ein flüchtiger Blick auf das Staatsleben der Albaneſen thut hier unumgänglich Noth. Die bürgerliche Autorität gründete ſich in dieſem Lande in der damaligen Zeit— bloß auf das Recht des Säbels, jeder Kriegs⸗ häuptling der Albaneſen— buchſtäblich der Weißen— wird Rich⸗ ter in Friedenszeiten und nimmt, ſo jung er auch ſein mag, die Würde und das Anſehen eines Greiſes, den religiöſen Charakter eines antiken Patriarchen an. Alle Glieder ſeines Stammes folgen ihm mit gleicher Ergebenheit nach der Kirche wie in das Feldlager, weßhalb er ſie auch wie ſeine Kinder zu betrachten gehalten iſt. Je⸗ der Phis oder albaniſche Clan hat ein Hauptdorf, einen Mittel⸗ punkt, Phar oder Dſcheta genannt; erſterer Ausdruck iſt griechiſch, der andere ſlavoniſch, Wörter, welche Herd oder Familie bedeuten. Jedes Haus in dieſem ſeltſamen Lande iſt wie ein kleines Bollwerk mit Schießſcharten verſehen, die zuweilen zugleich als Fenſter dienen. Die Wohnungen, meiſt aus Thon gebaut, ſtehen vereinzelt und wo möglich auf einem Hügel, wohin man nur auf einer Treppe gelangt, — 191 an die ſich gewöhnlich eine Leiter, das einzige Mittel, dieſe Geier— neſter zu erreichen, anſchließt. Die Stuben ſind beinahe von allem Geräthe entblößt, und haben zuweilen nicht einmal Thüren. Der Rauch findet ſeinen Ausweg nur durch ein Loch im Fenſter. Die Fenſter werden nie mit Scheiben verſehen, doch verſchließt man ſie im Winter mit Papier. Die Serails der vornehmſten Bei's zeigen ſich allein etwas ſtattlicher; an der Außenſeite mit bunten Farben bemalt, bieten ſie im Innern, Dank der Geſchicklichkeit der griechi ſchen Rajas, eine Verſchwendung von hübſchen Arabesken, Zeich⸗ nungen orientaliſcher Architektur, Seeſtücken, Jagdſzenen und Land⸗ ſchaften. In Folge eines zu ausſchließlichen Familiengeiſtes haben ſich die Albaneſen gleichſam in eine Menge von kleinen Pharen einge⸗ pfercht. Jede dieſer Gruppen ſchließt ihre Kula— ihren befeſtigten Thurm— ein, glaubt im Schutze ihrer Bollwerke den Andern Trotz bieten zu können und weigert ſich dem von einem ihrer Glieder be⸗ leidigten benachbarten Pharen Gerechtigkeit angedeihen zu laſſen. So macht das Uebermaß von Freiheit und Macht im Familienleben die Ausübung einer Art gegenſeitigen Lynchjuſtiz nothwendig; ein einziger Mord zieht deshalb hundert andere als Werke der Blut— rache nach ſich. Dieſe häuslichen Gräuelſzenen nennt man Tſcheta, ein tartariſches, noch jetzt bei den Turkomanen in Anatolien übliches Wort, das einen Angriff auf eine Handelskaravane bedeulet. Was gegenwärtig in Algerien zwiſchen den für Frankreich freundlich oder feindlich geſinnten Stämmen vorfällt, gibt ein treues Bild der Razzias Albaniens, in der Herzegowina wie auf Montanegro. Die im Kriege begriffenen Phare rauben ſich gegenſeitig ihre Heerden, zerſtören ihre Häuſer und entwurzeln ihre Obſtbäume. Man ver⸗ ſchont nur die Kirchen und die Frauen. Ein Weib bleibt heilig mitten im Gewühle der blutigſten und wüthendſten Tſcheta, und kann frei von einem Dorf zum andern gehen. Dagegen nähern ſich zwei Albaneſen von verſchiedenen Clans beinahe immer mit der Frage„Kum phis?“— von welchem Herde 2 —, und ſie ſprechen dieſe Worte mit der Hand am Griffe der Piſtole aus, weil ein jeder denkt, der Stamm des Unbekannten könnte ſei⸗ ner eigenen Familie einen Kopf ſchuldig ſein. Das moraliſche Glaubensbekenntniß dieſes Volkes lautet einfach„Ko ne so asweti, on ne se posweti“— wer ſich nicht rächt, der heiligt ſich nicht— das heißt, er wird verdammt werden, weil er durch ſeine Feigheit 192 Andere zur erneuten Gewaltthätigkeit ermuthigt. Der nächſte Ver⸗ wandte des Opfers iſt verpflichtet dasſelbe zu rächen; tödtet einer von zwei Brüdern den eigenen Vater, ſo muß der andere Bruder die geſchwiſterliche Neigung dem Durſte nach Blutrache opfern und ein zweiter Kain werden. Die Verpflichtung zur Blutrache geht von Glied zu Glied über. Vermag der nächſte Verwandte den blutigen Akt nicht zu vollbringen, ſo erſetzt ihn ſein Sohn in Erfüllung des entſetzlichen Gelübdes, und ſo fort bis zum letzten Sprößling der Race. Auf dem Sterbebette noch zählt der Greis die in ſeinem Clan abgeſchnittenen Köpfe und empfiehlt ſeinen Söhnen im frommen Tone die Rache, die ſie zu vollziehen haben. Iſt der angegriffene Phar ſehr beträchtlich, ſo ſieht man ſehr oft Hunderte von Menſchen ſich bis„auf Meſſerſtiche“ bekämpfen. Wird endlich ein ſchwächerer Clan von ſeinem ſtärkeren Gegner mit gänzlicher Ausrottung be⸗ droht, ſo vereinigen ſich die benachbarten Phare und zwingen den Sieger einen glimpflichen Frieden zu unterzeichnen. Die Tſchetas ſind übrigens wie weiland die Fehden— dort⸗ landes Faidas genannt— des feudalen Ritterthumes nach dem Koder albaneſiſcher Ehre vielen Beſchränkungen unterworfen. So darf man ſich während der Weinleſe, der Saatzeit und anderer länd⸗ lichen Verrichtungen nicht angreifen. Man ſchießt ſich dann nur in den Dörfern nieder. Ruft der Beſiegte„Nu wras!“— tödte nicht! ſo muß ſein Bewältiger ſogleich ſeinem Grimme entſagen. Zieht ein Reiſender während eines ſolchen Scharmützels vorbei, ſo ſtellt man das Feuer augenblicklich ein, ja man gibt ihm ſogar ein ſiche⸗ res Schirmgeleite. Die Albaneſen zerfallen in vier Hauptſtämme, in die Tosken,. die Schapen, die Dſchamen und Dſchegen. Letztere Konföderation zählt zwei geſonderte Zweige, der eine iſt muſelmäniſch— Sunniten —, der andere vom chriſtlich katholiſchen Ritus. Letzterer führt vor⸗ zugsweiſe den Namen: Mirditen. Wir haben es vorderhand nur mit dieſer Race zu thun. Dies königliche Volk von Albanien wohnt an den Ufern des Drin, der ſich längſt den unzugänglichen Berg⸗ ketten, Ora⸗Laka— Geiſterberg— genannt, hinzieht und gleich⸗ falls der Sultan der albaneſiſchen Flüſſe geheißen zu werden ver⸗ dient. Der Name Mirdit ſtammt von dem perſiſchen Mardait, das iſt, brav ab und ſcheint wie weiland die Wörter Germane, Slave, Franke urſprünglich ein Ehrentitel geweſen zu ſein. Dieſe katholi— ſchen Dſchegen ſind wegen ihrer Redlichkeit und Tapferkeit wie wegen 193³ der außerordentlichen Tragweite ihrer ungeheuren Karabiner be⸗ rühmt. In der Zeit, in welcher unſer Noman ſpielt, bildeten ſie drei Phare und vermochten zwölftauſend wohl bewehrte, in der Hand⸗ habung der Waffen geübte Krieger ins Feld zu ſtellen. Dies erklärt zur Genüge, weshalb man in Travnik vor Allem ein Schutz⸗ und Trutzbündniß zwiſchen den Mirditen und den bosniſchen Rajas zu hintertreiben ſuchte. Leider war der Abſchluß dieſer Alliance nur zu wahrſcheinlich. Einer dieſer gewaltigen Phare, deſſen Häuptling der junge Arslan durch den frühzeitigen Tod ſei⸗ nes Vaters geworden, ſchien wohl geneigt, wenigſtens eine ſtrenge Neutralität bezüglich der bosniſchen Schilderhebung beobachten zu wollen; dagegen hatte Veli, das greiſe Oberhaupt des zweiten Stammes nicht blos dieſen, ſondern auch den dritten Phar zu Gunſten des Kreuzes gewonnen. Dieſe Politik war jedoch keines— wegs von einer perſönlichen Abneigung gegen die türkiſche Ober⸗ herrlichkeit diktirt worden, ſondern ihr letzter Grund lag in dem Gebote der Blutrache, welche ſeit mehr als einem Jahre zwiſchen Veli's und Arslan's Stammgenoſſen im Gange war und ſchon zu mancher grimmigen Tſcheta geführt hatte. Letzterer erſchoß noch vor ſeiner Reiſe nach Stambul einen Neffen des greiſen Gegners. Da nun Veli die Hinneigung Arslan's zur Fahne des Profeten kannte, ſo gedachte er um ſo entſchiedener für die bosniſchen Rajas in die Schranken zu treten. Ali, der Arslan noch aus früheren Zeiten kannte und bei einem kühnen Streifzuge deſſen Waffenbruder ge⸗ worden war, wußte genau um den Zuſtand der Dinge im Mirditen⸗ lande, und hatte es, zumal da er ſeinen jungen Freund noch in Konſtantinopel glaubte, Juſſuw im Voraus rund herausgeſagt, wie er daſelbſt auf keinen günſtigen Erfolg ſeiner Sendung hoffe. Der Paſcha von Skadar beſtärkte ihn noch mehr in dieſer ſeiner Mei⸗ nung, und Ali gab deshalb ſeinen Ruderern, als ſich das Schifflein jener bekannten öſtlichen, tief nach Albanien einſchneidenden Bucht näherte, den Befehl, gerade aus gegen die Berge von Montenegro zu ſteuern. Er wollte bei dem Vladika den letzten Verſuch wagen, und damit ſeine diplomatiſche Rundreiſe beenden. Der Menſch enkt, Gott lenkt! 4 Ali ſaß im finſtern Brüten in dem ſchwanken Caique. Waſſerhühner und Wildenten tummelten ſich luſtig in den grünen Wogen des Sees. Ergötzlich war es anzuſehen, wenn die behenden Thierchen, zum Auffliegen und Untertauchen gleich bereit, Der Montenegriner. 13 194 wenn der Caique bis auf Schußweite herankam, mit einem Male wie durch einen Zauberſchlag unſichtbar wurden, und plötzlich an einer andern Stelle wieder auftauchten, vielleicht um dies Manöver im nächſten Augenblicke abermal zu wiederholen. „Ich wollte,“ ſprach plötzlich ein Ruderer,„wir könnten es wie dieſe Waſſervögel halten!“ „Wohl haſt du Recht,“ entgegnete ſein Gefährte,„jenes weiße Wölkchen in Nordoſten will mir gar nicht gefallen!“ 5„Narren,“ rief Ali aus ſeinem tiefen Nachſinnen auffahrend, „bei heiterem Himmel gibt es weder Sturm noch Ungewitter!“ „Das Wölkchen,“ meinte der zweite Ruderer,„hält ſtetig in ſeinen Umriſſen aus, Gott gebe, daß es kein albaneſiſches Segel ſei!“ Die Albaneſen der Küſte pflegen nämlich auch zur See Tſchetas vorzunehmen, und ihre Tartanen— Barken mit lateiniſchen Segeln — bringen, mit erſtaunlicher Geſchwindigkeit die Wellen ſtreifend, dieſe gefürchteten und grauſamen Freibeuter des mittelländiſchen Meeres wie des Sees von Scutari, oft ſo raſch herbei, als ſeien dieſe gewandten Tummler der Meere ſo zu ſagen aus den Fluthen aufgetaucht. Dieſe Tartanen verbergen ihren blutigen Beruf meiſt unter den zarten Namen„Hindin, Taube oder Gazelle“, das Schick⸗ ſal der Gefangenen bleibt leider dasſelbe. Daher die Angſt der beiden Ruderer. und es war wirklich ein albaneſiſches Segel! Es ſtieg immer höher am Horizonte empor, bald zeigten ſich die ſchlanken Segelſtangen und endlich tauchte der Rand des Rumpfes wie eine ſcharf abgeſchnittene ſchwarze Linie über die weißlich ſchäu— mende Fluth empor. Kein Entrinnen war möglich. Die Tartane, Meliſſa geheißen, ſchoß wie ein Pfeil daher. Die Barke war ziemlich ſtark bemannt. Der Befehlshaber der Freibeuter, falls ſie wirklich dieſem Berufe lebten, war ein ſchöner, ſchlanker Mann von einigen zwanzig Jahren. Er trug ein prachtvolles, echt albaneſiſches Ko⸗ ſtume. Seine mit vergoldeten Knöpfen und vielfarbigen ſeidenen Stickereien geſchmückte Jacke reichte vom Halſe bis an den Gürtel, die herrliche Taille des Trägers noch mehr hervorhebend. Die Aermel waren offen und flatterten wie zwei Flügel hinter den Schultern. Das charakteriſtiſcheſte ſeiner Tracht war jedoch der be⸗ rühmte albaneſiſche Phiſtan, der an den Kilt der alten Celten oder an den kurzen Rock der Römer erinnerte. Dieſer Phiſtan, auch die Fuſtanelle benamſet, beſteht aus hun⸗ 195 dert und zwanzig ſchräge geſchnittenen Stücken Leinwand, welche an dem unteren Ende ſehr breit ſind und unzählige Falten bilden. Dieſes Kleidungsſtück, eine Art von Tunika, iſt mit einem geſtickten Feſton von Seide verziert und um die Hüften befeſtigt. Es verleiht dem Ganzen einen leichten, kräftigen Charakter, der den Fremden in Erſtaunen ſetzt. Zur Schande der albaneſiſchen Krieger muß man hier beifügen, daß weiße reinliche Fuſtanellen ſehr ſelten ſind; ein Braver rühmt ſich nur eine zu beſitzen, er trägt ſie auch, bis ſie in Lumpen zerfällt und glaubt dadurch ſeine Verachtung gegen türkiſche Weichlichkeit, gegen morgenländiſchen Luxus an den Tag zu legen. Auch ſeine Fußbekleidung befindet ſich oft in einem ſehr kläglichen Zuſtande. Dies war jedoch bei dem muthmaßlichen Seeräuber keineswegs der Fall, auch trug er weder wie ſeine Landsleute das Haupthaar bis auf einen Büſchel geſchoren, noch hatte er ſich mit dem türkiſchen Feß bedeckt, nein, ſeine dunkeln Locken quollen unter einer Chlamide oder kurzen Kepe von ſchwarzer Wolle in Pelerineform hervor, was ihm einige Aehnlichkeit mit den Rittern zur Zeit der Kreuzzüge verlieh. Seine Bewaffnung bildeten ein Handſchar mit einem mit Perlmutter verzierten Griffe, drei ſehr lange Piſtolen und die große albaneſiſche zwölf Pfund ſchwere Flinte, deren Lauf von drei Ringen gehalten wird und auf dreihundert Schritte trägt. Zu ſeinen Füßen lag das Abzeichen eines Häuptlings, die reiche Toka des Mittel— alters, dieſer bosniakiſche Panzer mit Ringen von Silber oder Vermeil wie mit einer Art von Flügeln an den Schultern. Die Metallplatten, aus welchen dies Prachtſtück beſteht, ſind jedoch meiſt ſo dünn, daß ſie kaum einen Säbelhieb auszuhalten vermögen. Neben der Toka befand ſich der Abas, ein Mantel aus Ziegenfellen. Ali gab ſich für verloren, beſchloß aber lieber in den Fluthen des Sees zu ſterben als ſich einem ſo gefürchteten Gegner auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. Wer aber malt ſein freudiges Erſtaunen, als der ſtattliche Seekönig jubelnd ſeinen Namen rief, und er näher herankommend die freundlichen Züge ſeines Waffen⸗ bruders Arslan erkannte! Beide lagen ſich im nächſten Augenblicke am Borde der Tartane in den Armen, deren Namen Meliſſa nun⸗ mehr auch in den Augen der Leſerinnen gerechtfertigt ſein dürfte. Nur die beiden Ruderer trauten dem Seefrieden nicht recht und ſputeten ſich, als ſie die Erlaubniß erhalten, ſo ſchnell wie möglich aus der gefürchteten Nachbarſchaft zu kommen. Arslan erzählte dem 13* 196 Türken mit kurzen Worten, daß er Stambul auf einer engliſchen Fregatte verlaſſen habe und an der albaneſiſchen Küſte einzig aus dem Grunde gelandet ſei, um auch die ſtreitbaren Anwohner an dieſem Strande für den osmaniſchen Halbmond zu gewinnen. Er habe ſie auch dahin gebracht, vor der Hand alle Feindſeligkeiten zur See einſtellen zu wollen. „Und wie kommſt du auf dieſen See?“ frug Ali. „Das erklärt ſich leicht! Ich legte die kurze Strecke Landweg, etwa ſieben Meilen, zu Pferde zurück und begab mich dann auf dieſe flinke Tartane, die einem meiner Freunde gehört, eben von Stapel lief und mir ſo zur Ehre verhalf, Taufpathe einer der raſcheſten Barken zu werden, die je die Wogen des Sees von Scutari durch⸗ ſchnitten. Nunmehr geht es raſch in die Heimath, leider zu einer trüben Szene!“ Eine Wolke unendlicher Schwermuth lagerte ſich bei den letzten zwei Worten auf Arslan's ſonſt ſo heitere Stirne. Ali bat um nähere Aufklärung, der Albaneſe aber meinte mit den Zähnen knir⸗ ſchend, er werde dieſer Szene der tiefſten Schmach und Erniedrigung ſeines Waffenbruders nur zu bald ſelbſt beiwohnen. Keine weitere Frage wurde beantwortet. Arslan verſank in wortkarges Brüten, und ſein Freund mußte ſich trotz ſeiner lebhaften Theilnahme und Neugierde auf eine geeignetere Stunde vertröſten. Bald hatten ſie den Strand der gewaltigen Bucht erreicht, prachtvolle Renner harr⸗ ten daſelbſt der Reiter, und wie im Fluge ging es fort nach den weiten Ebenen, die vorzugsweiſe unter dem Namen Mirdita bekannt geworden. Ali dankte bald ſeinen guten Sternen, die ihn durch ge⸗ heime Ahnung abgehalten hatten, ſich allein in das Land des krie⸗ gerſche Volkes der Albaneſen zu begeben. Keine andere Provinz in europäiſchen Türkei bietet nämlich dem Reiſenden ſo bedeu⸗ tende Gefahren. Es ſieht dort Alles wie ein Hinterhalt aus und ſetzt den Fremden in Schrecken, der von dem eigentlichen Leben und Treiben dieſer furchtbaren Stämme bisher keine genaue Kunde be⸗ ſaß. Er zittert ſogar, wenn er ſich den Karaul's nähert, wie hier zu Lande die üblichen Polizeithürme heißen. Solche militäriſche Poſten beſtehen theils in einfachen Kolibas, Hütten aus Aſtwerk, theils in Kulas, viereckigen ſteinernen Thürmen mit zwei Stockwerken, die auf Felſenſpitzen gebaut ſind und die Bergpäſſe beherrſchen. Als Schildwache ſitzt hier der Kawaſſe mit gekreuzten Beinen auf ſeiner luftigen Gallerie, ſpielt die Tambura und beſingt die 4¹ 197 Thaten der Klephten, ſeiner ehemaligen Waffenbrüder oder ſeiner erlauchten Ahnen, während aus dem Erdgeſchoſſe der Kula das Klagegebet der Räuber, die er gefangen genommen, zu ihm empor ſteigt und ſich mit ſeinen Geſängen vermiſcht. Auch die freien Bezirke ſind von wachſamen Haiduken beſetzt, die ſtets bereit ſtehen, jeden Osmanli zu ergreifen, der es wagen ſollte, als Herr und Gebieter in dieſe Zufluchtsſtätte einzudringen. Selbſt der Reiſende bedünkt ſie, falls er nicht griechiſch oder irgend eine chriſtliche Sprache des Orientes ſpricht, alſo verdächtig, daß er weder Obdach und Speiſe erhält. Ali dankte deshalb wie geſagt ſeinen guten Sternen, daß ſie ihn durch eine dunkle Warnung von einer Sonderwanderung nach dieſer Heimath der Fremdenfurcht und des Mißtrauens abgehalten. Eiinn paar Tage verliefen, ohne daß der Türke in das drückende Geheimniß Arslan's eingeweiht wurde. An einem ſpätern freundlichen Vormittag gab es vor wie in dem Phar, darin der greiſe Veli wohnte, emſiges Regen und Trei⸗ ben, geſchäftiges Schalten und Walten. Das geſammte Dorf glich einem Bienenkorbe, deſſen geflügelte Inſaſſen eben im Schwärmen begriffen ſind. In dem lieblichen Thale, das die Bollwerke des mächtigen albaneſiſchen Dorfes beherrſchten, wurden Raſenſitze er⸗ richtet, Triumphbögen von Weinreben aufgethürmt, kurz alle Vor⸗ kehrungen zu einer bedeutſamen ländlichen eierighei getroffen. Auf einem kleinen Hügel in der Mitte der Raſenſitze breiteten feſtlich geſchmückte Dirnen einen reichgeſtickten Teppich und vierundzwanzig Matten von Palmblättern aus. Bald darauf ſchlug die entſcheidende Stunde. Die Glocken des Dorfes ertönten, andächtige Gebete wur⸗ den vor der mit Fahnen geſchmückten Kirche gehalten; endlich er⸗ dröhnte der in ſeiner Wirkung wahrhaft furchtbare Brokowolas, jener albaneſiſche Militärmarſch, welchen ſchon die Waffengefährten Scanderbegs ſangen, wenn ſie in die Schlacht zogen, und der viel⸗ leicht bis auf den König Pyrrhus zurückgeht. Bei den Klängen dieſer kriegeriſchen Weiſe begann ein ſtatt⸗ licher breiter und langer Zug in Feſtkleidern aus dem Phar zu wogen. Er wurde durch eine Schaar von vierundzwanzig der älte⸗ ſten und ehrwürdigſten Pliaks oder Greiſe des Stammes eröffnet, an deren Spitze ſich der Papas oder. Pope des Dorfes befand, ein uralter Mann, deſſen eisgrauer Bart den ganzen Bruſttheil des kirchlichen Ornates bedeckte, und ſeinem Eigenthümer das Anſehen eines Patriarchen des Alterthumes verlieh. Der fromme Geiſtliche ————— — 198 ließ ſich mit großer Würde und ſalbungsvoller Miene auf den reich⸗ geſtickten Teppich nieder; die Pliaks lagerten ſich rings um ihn auf den zierlichen Matten, und wußten in ihre Haltung einen Anſtand zu legen, der unwillkürlich an jene betagten Senatoren der unver⸗ geßlichen Römerzeit mahnte, die nach der Erſtürmung Roms durch die Gallier, mit ſtummer Ergebung in das Gebot der eiſernen Noth⸗ wendigkeit, in ihren Stühlen auf dem Forum Platz nahmen, gleichſam andeutend, daß der wilde, übermächtige Feind wohl das lateiniſche Schwert zerbrechen, keineswegs aber das römiſche Recht vernichten könne. Sie bildeten den majeſtätiſchen Kreis, den der Albaneſe den Krweno Kolo, die Runde des Blutes nennt. Der Papas führte wie üblich den Vorſitz und forderte mehr⸗ mals mit lauter Stimme Vergeltung oder Sühne. Nun kam eine Reihe Kinder beiderlei Geſchlechtes, gleichfalls feſtlich geſchmückt, die in der rechten Hand einen kleinen Handſchar, in der linken aber einen Kranz, aus den Blättern des Olivenbaum es geflochten, hoch in der Luft ſchwangen, gleichfalls nach Rache riefen, zeitweiſe jedoch den Wunſch nach albaneſiſcher Sühne vernehmen ließen. Die Kleinen ſchaarten ſich rechts und links zu den Füßen der Blutrichter. Die heiſere Stimme des Papas ertönte aufs Neue, dies Mal aber ein Gebet murmelnd. Dann nahten die Frauen und Dirnen in ihrer reizenden, der männlichen jedoch ganz ähnlichen Tracht, nur daß ſich ihr Kopfputz von jenem der Männer durch eine Maſſe von Goldſtücken unterſchied wie durch die üppigen Haarflechten, welche von allen Seiten unter dem rothen Feß hervorquollen. Auch ſie ſchwangen einen Kranz, nur war er aus Weinreben gewunden, auch waren ſie nicht blos mit dem Natagan bewaffnet. Verweichlichenden Vergnügungen fremd und abhold wiſſen ja die Frauen der Mirditen zur Noth zu fechten und dem Tode Trotz zu bieten; von ihrem ſechzehnten Jahre an ſchreiten ſie mit Piſtolen im Gürtel einher, begleitet von furchtbaren Doggen, den Abkömmlingen der alten treuen Moloſſer von Epheſus. Wenn man ſie ſchlank und ſtolz durch ihre dichten endloſen Wälder wandeln ſieht, ſo erinnert man ſich der keuſchen, hehren Diana, und zweifelt auch nicht eine Minute, daß ſie ſo gut als jene Göttin der ſchweigſamen Nacht im Stande wären, die Verwegenheit eines neuen unvorſichtigen Aktaeon mit grauſamer Härte zu beſtrafen. 11 199 Der Papas ſtieß eine Verwünſchung der Feinde ſeines Phars aus. Die männliche Bevölkerung des Dorfes in der bereits beſchrie⸗ benen albaneſiſchen Tracht und Bewaffnung machte den Beſchluß des Zuges. Wir tragen hier nur nach, daß die Fußbekleidung der Krieger in einer Stiefelette von Tuch beſteht, die mit Spangen und ſeidenen Galonen verziert iſt und als eine Nachahmung des alten Kothurnes erſcheint; ſie geht vom Knie bis auf den Fuß, der bald mit einem Schuh von rothem Maroquin, bald mit einem einfachen Stück ungegerbten Leders bedeckt iſt, das wie eine Sandale mit Schnüren um das Bein gebunden wird. An der Spitze dieſer Alba— neſen ſtand ihr Häuptling, der greiſe Veli in all ſeiner kriegeriſchen Pracht, mit der Toka, dieſem bosniſchen Panzer bedeckt, wie her kömmlich bewaffnet, nur daß die große albaneſiſche Flinte fehlte. Wo mag ſich dieſe Flinte befinden? Geduld! Die Zeit bringt nicht blos Roſen, ſie bringt auch Aufklärung und Löſung! In Veli's Antlitz waren wilder Trotz, unheimliche Schadenfreude, unerſättliche Rachluſt, triumphirender Stolz zu leſen. Bald überflog die Röthe des Zornes, bald die Leichenbläſſe des Grames ſeine Wangen. Aehnlichen Wechſel der fremdartigſten Gefühle wieſen die Mienen der übrigen Männer und Greiſe. Stürmiſche Worte des Grolles wurden hörbar, zeitweiſe von dem Gebete des Prieſters unterbro⸗ chen, von dem Flehen der Weiber und Kinder übertäubt. Die Krie⸗ ger ſammelten ſich in einem Halbkreiſe um die tagenden Pliak's, denen allein das Recht zukommt, Verträge mit Nachbarn und Fein den abzuſchließen. Alſo bildete Veli's Phar als der beleidigte Theil die Runde des Blutes! Von der andern Seite nahten nunmehr die Schaaren der Be⸗ leidiger. Es waren, wie der Leſer wohl ſchon geahnt haben dürfte, die Bewohner des Phar's, darin der jugendliche Arslan als Häuptling ſchaltete und waltete. Voran ſchritten zwölf Mütter, zwar in die geſchmackvolle Landestracht gehüllt, doch fehlte die Maſſe der Gold⸗ ſtücke in dem Kopfputze, auch wogten die Haare nichts weniger als zierlich geflochten, faſt in wirrer Unordnung unter dem Feß hervor. Die trauernden Frauen warfen ſich dem Beleidigten zu Füßen, und ſtimmten in dieſer Stellung, ihre Säuglinge als Bild der Unſchuld in dem Schoße haltend, wehmüthige Klagen der Trauer und Reue an. Hinter dieſen zwölf Müttern flehten die Kinder des feindlichen ——————————— ————— ꝗ—— 200 Dorfes um Nachſicht und Verzeihung, Weiber und Dirnen wieder⸗ holten dieſe Bitte mit ängſtlicher Stimme; ja ſelbſt die Männer, die auch hier den Trauerzug in einem Halbkreiſe beſchloſſen, ſtammelten zeitweiſe milde Worte der Verſöhnung, die ſich jedoch mit ſichtlicher Mühe auf die Lippen drängten und ſeltſam gegen die unmuthigen, finſteren, kampfluſtigen Mienen abſtachen. Auch Ali befand ſich, nach dem Rathe und Wunſche ſeines Waffenbruders als Albaneſe ver⸗ kleidet, unter dieſen Kriegern, ein Bild ſprachloſen Staunens, brennender Neugierde, inniger Theilnahme. Nur der jugendliche Häuptling war nirgends zu ſehen. Alſo nahte Arslan's Phar als der beleidigt habende Theil der Runde des Blutes! Während dieſer Zeit verhandelten die Richter des Kolo die berühmte Krwina, den herkömmlichen ſogenannten Blutpreis. Alle Todesfälle, alle Wunden, die kleinſte Schramme, jedes abgebrannte Haus, das ſchmächtigſte Stück der geraubten Heerden, der dürrſte entwurzelte Obſtbaum, kurz alle Beleidigungen, ſeit Jahr und Tag empfangen, wurden genau nachgerechnet und zu einem Preiſe ange⸗ ſchlagen, der an die Buße für Mordfälle nach dem alten germani⸗ ſchen und fränkiſchen Koder wie an die erſten ruſſiſchen Geſetze, Prawda russkaia genannt, erinnerte. Man hielt ſich ſtreng nach dem Spruche, nach dem jeder Sperling auf dem Dache, jedes Haar auf dem Haupte des Sterblichen gezählt iſt. Endlich war die Krwina beſtimmt! Eine kurze, beiden Parteien jedoch eine halbe Ewigkeit bedün⸗ kende Pauſe erfolgte, dann öffneten ſich die Reihen der Beleidiger wie auf einen Zauberſchlag, eine breite Gaſſe der Schmach und Erniedrigung bildend, und Arslan erſchien waffenlos, die große albaneſiſche Flinte Veli's, des Beleidigten ausgenommen, die an dem Hals des jungen Häuptlings hing, und obgleich ſie nicht mehr als zwölf Pfund wog, doch in dieſem Augenblicke das Gewicht der Sündenlaſt eines Verdammten zu beſitzen ſchien. Arslan's Antlitz wies nicht eine Spur von Blut, ſein Mund bebte krampfhaft wie die Lippen eines Sterbenden, ſeine Augen waren halb geſchloſſen, als wollten ſie die Erniedrigung ihres Eigners nicht ſchauen, und eine heiße Thräne des Ingrimmes und Zornes perlte langſam über die farbloſen Wangen. Der Häuptling ſchleppte ſich, als er die Gaſſe der Schmach durchwankt hatte, mit unſäglicher Anſtrengung auf den Knien zu dem Papas im Kolo. Dieſer ſchwankte ein paar Momente ” — 201 wie uneins mit ſich ſelbſt, dann aber faßte er entſchloſſen die Waffe des Beleidigten, die Flinte Veli's mit beiden Händen und ſchleudere ſie im nächſten Augenblicke weit von hinnen. Hierauf ergriffen die Verwandten des greiſen Häuptlings dieſes Feuergewehr und zer⸗ brachen es mit ſtürmiſcher Haſt in viele Stücke. Arslan nahte ſich nunmehr, noch immer auf den Knien vorwärts ſchwankend, dem Haupte des beleidigten Phars. Veli zitterte ſichtlich an allen Glie⸗ dern, der Wechſel in den Farben ſeines Antlitzes wie in ſeinem Mienenſpiele ward immer lebhafter, auch blickte er fragend bald zum Himmel empor, bald auf ſeinen gedemüthigten Gegner nieder, der flehend ſeine Knie umklammerte. „Meine Seele iſt noch nicht zur Verzeihung bereit!“ ſtammelte der Greis mit leiſer Stimme. „Vergebung, Nachſicht, Barmherzigkeit!“ wimmerte Arslan gleichfalls an allen Gliedern zitternd, vor unterdrückter Wuth wie eine Eſpe bebend. „Wie iſt er ſelbſt noch in ſeinem Falle ſchön,“ rief plötzlich Veli,„mein junger Feind!“ „Auch Gott zürnt nicht ewig, ſei mild und gnadenvoll wie der Herr des Himmels!“ „Ja, er ſprach: die Rache iſt mein!“ „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet 1 „Bruder, Sohn, Liebling meines Herzens, das dich auch in den Tagen des Grolles bewunderte, ich— vergebe dir von ganzer Seele!“ Ein Strom von Thränen ſtürzte bei dieſen Worten aus den Augen des betagten Mannes, er hob ſeinen freudig überraſchten Feind zärtlich auf, drückte ihn innig an die Bruſt und warf ſich dann mit ihm in die Arme des verſöhnenden Papas, deſſen Blick ſich freudig gegen den reinen blauen Himmel richtete, von deſſen Lippen ein frommes Gebet des Dankes rauſchte. Ein weithin hallender Jubelruf erſcholl von jedem Munde, die Kinder beider Dörfer reichten ſich ſchmeichelnd die kleinen Händchen, Weiber und Dirnen ſtürzten ſich wonnig aufjauchzend in die Arme, viele der Krieger und Greiſe lagen Herz am Herzen, während die Uebrigen ihre ge⸗ waltig dröhnenden Flinten und Piſtolen abfeuerten, die ſcharfen Handſchars in den Lüften ſchwangen, und Lieder zum Preiſe der Tapferkeit ihrer ehemaligen Gegner anſtimmten. Das aber nennt man: eine albaneſiſche Sühne!— Nach einer ſolchen Sühne wird ein ewiger Frieden von beiden 202 Pharen geſchloſſen, die ſich um ſo inniger befreunden, als ſich, wie ſie ſagen, ihr Blut vermiſcht hat; man erwählt den Beleidigten zum Taufpathen des erſten Kindes, das in dem Dorfe des Beleidigers geboren wird. Arslan, nunmehr wieder heiter blickend, lud ſeine neuen Freunde wie herkömmlich zu einem fröhlichen Mahle. Dieſer glänzende Verſöhnungsſchmaus fand um die fünfte Nachmittagsſtunde im Phare Arslan's vor deſſen Behauſung ſtatt. Der junge Häuptling hatte alles aufgeboten, um dies feierliche Mahl ſo verſchwenderiſch als möglich zu geſtalten. Da gab es dop⸗ pelte Suppe von Reis wie von Maismehl, mit Milch eingerührt. Dann folgte, wie ſonſt nur an Feſttagen gebräuchlich, der Nahni, ein Ragout von gekochtem Fleiſch mit trockenen Erbſen, der türkiſche Pilau und endlich der Kotſche oder große Braten, der diesmal nicht blos aus einer Ziege und einem Schöpſen, ſondern auch in einem Ochſen beſtand, der auf einer rieſigen Platte von Eichenholz den im Kreiſe herumſitzenden Gäſten vorgeſetzt wurde, die ihn mit ihren Dolchen zerſtückten und ohne der Gabel zu bedürfen in unglaublicher Schnelligkeit verzehrten. Wein und Branntwein floß in Strömen. Das großartige Bankett ſchloß, wie es auch bei den Bosniaken Sitte iſt, mit Honig, der früher mit Sahne vermiſcht ward. Trotz dem barbariſchen Anſcheine fehlte es dieſem Feſte durchaus nicht an einem erhabenen patriarchaliſchen Anſtriche. Es herrſchte durchwegs eine freie, ungezwungene Heiterkeit, welche feine Manieren durch— aus nicht ausſchloß. Eine Reihe von Dienern, die, auf jeden Wink lauernd, die Arme über die Bruſt gekreuzt daſtanden, die mit Gold geſtickten Servietten, welche von einem Gaſt zum andern aufgerollt wurden, die großen mit Edelſteinen geſchmückten Becher, die unter lebhaften Toaſten im Kreiſe umhergingen, die Gefäße von Vermeil, warmes Waſſer enthaltend, das die jungen Frauen nach dem Mahle den Gäſten über die Hände und den Kopf goſſen, endlich die mimi⸗ ſchen, ſchon von Vater Homer ſo plaſtiſch beſchriebenen Tänze, die von der geſammten Geſellſchaft aufgeführt wurden, Alles mahnte unwillkürlich an die in ihrer Einfalt ſo großartigen Sitten und Gebräuche des klaſſiſchen Alterthumes, alles trug dazu bei, Ali trotz ſeines trägen türkiſchen Blutes rein zu bezaubern, zumal er ſich in ſeiner albaneſiſchen Tracht für heute an das Weinverbot des Koran nicht gebunden, nein berechtigt glaubte, dem herrlichen Rebenſafte nach Behagen zuzuſprechen. —.——— 203 4 Die Heiterkeit eines gebildeten und aufgeklärten fremdländi⸗ ſchen Gaſtes hätte höchſtens in jenem Momente einem geheimen, faſt ſchmerzlichen Mitleiden Platz gemacht, als Veli und Arslan als Väter beider Clans die Schulterblätter der geſchlachteten Lämmer mit abergläubiſcher Ehrfurcht ſammelten und ſie forſchend gegen das Licht der eben untergehenden Sonne hielten, um darin wie ein rö⸗ miſcher Aruſper die Geſchicke ihrer Stämme zu leſen. Auch dürfte der Fremde ſchwerlich ein verſchmitztes Lächeln unterdrückt haben, als Veli als Barde ſeines Clans— jeder derſelben beſitzt mehre ſolche Barden, als welche gewöhnlich die Greiſe oder Aelteſten der Familien betrachtet werden— nach einer eintönigen, in geregelten Zwiſchenräumen von ſchrillem Aufſchreien unterbrochenen, pſalm⸗ artigen Melodie mehre Geſänge anſtimmte, darin er ſeinen Kindern und Enkeln die Heldenthaten ihrer Vorfahren wie ſeine eigenen er⸗ zählte, Heldenthaten, nur zu oft alſo von Handlungen der Grau⸗ ſamkeit und Treuloſigkeit befleckt, daß ein Sohn der Civiliſation ſich gewiß unwillig die Ohren zugehalten haben würde. Auch Arslan⸗ der Feſtgeber, der Pliak oder Herr ſchlug, während die griechiſchen Weine, welche in Albanien für franzöſiſche gelten, luſtig umherkrei⸗ ſten, mit gekreuzten Beinen auf einem herrlichen Teppich ſitzend, wacker und emſig die Leier der Mirditen. Andere Barden folgten dem Beiſpiele der beiden Häuptlinge. Auch ein paar Hirten und Bienenzüchter aus einem der benachbarten, ſich mitten durch die Wohnplätze der Albaneſen hinziehenden bulgariſchen Dörfer ließen die friedlichen Töne des Lituus erſchallen. Dieſe alterthümliche, von ihrem Bläſer ſelbſt gefertigte Flöte erinnert genau an die Schalmei der Hirten des Theokrit, deren Sitten ſich hierlandes erhalten zu haben ſcheinen.. Zum Schluſſe ertönten abermals die kriegeriſchen Klänge des Brokowalas, dieſes albaneſiſchen Militärmarſches. Es ging ſchon tief in die Nacht hinein, als ſich die von Freude und Rebenſaft halb trunkenen Gäſte endlich zum Aufbruche entſchloſſen. Beide Stämme trennten ſich unter herzlichen Worten des Dankes, Veli und Arslan umarmten ſich noch einmal warm und innig Angeſichts ihrer beider⸗ ſeitigen Krieger. Der Greis gab ſeinem jungen früheren Rivalen großmüthig die ganze Summe des geforderten und erlegten Löſe⸗ geldes zurück. Gewöhnlich wird nur die Hälfte desſelben zurück⸗ erſtattet. Arslan geleitete ſeinen ehrwürdigen Gaſt und Bundes⸗ genoſſen bis an die Grenze des Dorfes. 204 Endlich waren die beiden Freunde allein. „Was ſagſt du zu dem heutigen Schauſpiele?“ frug Arslan träumeriſch in die Leier greifend. „Bei dem Barte des Profeten,“ entgegnete der verkleidete Türke in orientaliſcher Bilderfülle,„ich wußte nicht, war es Schnee oder Sonnenſchein, was bei dieſem Anblick durch meine Seele zit⸗ terte! Weſſen Hund iſt mein Waffenbruder, dachte ich, daß er ſich alſo ſelbſt beſudeln mag?!“ „Es geſchah des Halbmondes willen, daß ich mich alſo tief er⸗ niedrigte.“ „Des Halbmondes wegen? Hat Sheitan deinen Sinn um⸗ nebelt?!“ „Begreifſt du denn nicht, daß Veli und jener dritte Mirditen⸗ clan, falls die Verſöhnung nicht erfolgt wäre, die Waffen zu Gunſten der bosniſchen Rajas ergriffen und euch eine Wallnuß zu knacken gegeben hätten, an der ſich Juſſuw ſicher alle Zähne ausgebiſſen haben würde!“ „Und jetzt?“ „Gegenwärtig werden ſie die ſtrengſte Mitte halten und weder für die Fahne des Profeten noch für das Wahrzeichen des Kreuzes Partei nehmen, ja ſie hätten ſich vielleicht ſelbſt zu einer Tſcheta zum Vortheile des Paſchas von Travnik entſchloſſen, aber da haben unſere zum Islam übergetretenen aufſtändiſchen Landsleute kürzlich alle in ihrem Bereiche liegenden chriſtlichen Dörfer ausgeplündert und niedergebrannt, ein Schickſal, das ſelbſt einer bedeutenden Stadt, Vrana heißt ſie, widerfuhr; die dortigen Kirchen wurden entweiht und zerſtört, die männliche Bevölkerung niedergemetzelt und Weiber und Kinder mitleidlos, unter grauſamen Mißhandlungen als Sklaven fortgeſchleppt. Muhamedaniſche Barbarei!“*) „Die albaneſiſchen Flinten werden alſo verroſten?“ „Nein, ſie bleiben zum Schutze unſeres eigenen Herdes gela⸗ den! Was mich anbelangt, ſo gedenke ich Buluk Baſchi zu werden.“ „Der Name klingt mir bekannt.“ *) Buchſtäbliche Thatſache! Der damalige ruſſiſche Geſandte in Stambul machte es bei der Kunde von dieſen Gräuelſzenen der Pforte zur ſtrengſten Pflicht energiſch dagegen einzuſchreiten, was auch ſpäter, wie wir bereits angedeutet haben, unter Omer Paſcha's Kommando geſchah, — 1 1 44 — 205 „Bei uns zu Lande hat jeder reiche Mann das Recht, ſich zum Buluk⸗Baſchi oder Kapitän zu machen; er wirbt Leute mittelſt eines gemeinſchaftlich abgemachten Handgeldes und führt ſodann dieſe Bande Wagehälſe, die nunmehr ſeine angenomenene Familie heißen, wohin es ihm beliebig iſt. Jedes Jahr finden derlei freiwillige Werbungen meiſt zum Dienſte der osmaniſchen Pforte bei uns in Albanien ſtatt. Der Vater dieſer angenommenen Familie theilt alles, Freude wie Leid, Anſtrengung wie Ruhm mit ſeinen kriegeriſchen Kindern, von denen er ſich nur durch prachtvollere Waffen wie durch den Schmuck von Gold⸗ oder Silberbrokat in ſeiner Tracht unter⸗ ſcheidet. Der Sold dieſer Buren oder Braven beträgt achtundzwan⸗ zig bis ſechsunddreißig Piaſter monatlich, ohne Nahrung, welche letztere ſich dieſe raubluſtigen Wildfänge mit geringer Mühe in dem nächſten beſten Dorfe zu erbeuten wiſſen. Leider wird es daher den armen Rajas in Bosnien ſchlimm ergehen, wenn ich mit meiner Freiſchaar einbreche. Die Burſche fallen über den Beſiegten ewig mit dem Rufe her: Aspra, aspra, ixilon, xilon, kainilon!“ Dieſe hiſtoriſche Loſung lautet zu deutſch: Geld, Geld! oder Hiebe, Hiebe! „Treuer Epheu an der türkiſchen Palme,“ rief Ali freudig aus, „möge Thau und Sonne dich gleichfalls betreuen! Sage mir aber unumwunden, wackerer Arslan, was dich ſo feſt an unſere Roß⸗ ſchweife bindet, da du doch den Koran verläugneſt und es vorziehſt, chriſtlichen Koth zu eſſen?!“ „Siehſt du denn nicht,“ begann der Albaneſe nach einer Pauſe mit nachdenklicher Miene,„daß es uns Mirditen den Serben, Mon⸗ tenegrinern und eigentlichen Griechen gegenüber faſt wie den Druſen im Kampfe gegen die Maroniten auf dem Berge Libanon ergeht. Die Zeit drängt, die Slaven und Griechen werden mächtig im Oriente, und nur die Mirditen leiſten noch heldenmüthigen Wider⸗ ſtand. Man kennt das einſt mit ſo vieler Geringſchätzung ſich frem⸗ den Heeren gegenüberſtellende, brauſende Toskarien nicht mehr, deſſen Begs wie Achill, der einer von ihren Ahnherren geweſen ſein ſoll, mit den helleniſchen Kämpen um den Sieg wetteiferten und den Tod in weite Ferne verbreiteten. Die ſchönen Dſchamiden, welche in ihrem goldenen Waffenſchmuck erblickt von dem Brande von Troja oder von einem andern antiken Siegeszug zurückzukehren ſchienen, dieſe poetiſchen Krieger ſind tief geſunken unter dem Joche der ge⸗ fährlichen Nachbarſchaft. Ihre Frauen mit den zarten Füßen, mit 206 dem anmuthreichen, geſchmeidigen Weſen in Gang und Haltung, mit dem gebieteriſchen Blicke verſchmachten im Elende, glücklich, wenn ſie ſich aus Mangel an Zugthieren nicht ſelbſt an den Pflug ſpannen müſſen.„Unſere Väter,“ ſagen ſie,„haben geſündigt, und wir büßen ihre Fehler!“ Die Männer weniger ſchmiegſam wandern in Maſſe aus; ihr Landsmann Mehemed Ali lockt ſie gleißneriſch nach Egyp⸗ ten, wo ſie vielleicht zu ſeinem eigenen Verderben ſpäter ein neues Mamelukenthum unter den trägen dortigen Fellah's bilden dürften. Ja, die Zeit drängt, Slaven und Griechen werden mächtig im Oriente; noch ein paar Jahre und ſie werden auch die Mirditen zwingen, ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben!“ „Mein Waffenbruder iſt ein Dichier, er quält ſich mit ſelbſtge⸗ ſchaffenen Schreckgebilden!“ „Es iſt leider nackte Wahrheit! Die Albaneſen ſind bedroht ganz aus der Reihe der Völker zu verſchwinden, im Norden gehen ſie in dem Slaventhum auf, während ſie ſich im Süden mit den Hellenen verſchmelzen. Unſer einziger Rückhalt iſt der Stamm Os⸗ man's, feſter Anſchluß an die Streiter des Halbmondes deshalb unſer einziges Heil! Ich kämpfe darum auch für Mahomeds heilige grüne Fahne, bis mir die Klinge am Griffe abſpringt. Dies grüne Banner gilt mir als Sinnbild des Lenzes, der Wiedergeburt meines herrlichen Volkes, und deshalb gibt es kein Opfer, das ich nicht ſchon in ſeinem Dienſte brachte und auch in der nächſten Zukunft mit blutendem Herzen zu bringen gedenke.“ „Ein Opfer in der nächſten Zukunft?“ „Meliſſa!“ jammerte Arslan aus der Tiefe ſeiner wunden Seele.. „Auch dieſer Name iſt kein Fremdling in meinem Ohre!“ „Haſt du in Bosnien nicht einen wunderthätigen Mann kennen gelernt, der ſich Abbas nennt? Meliſſa heißt ſein reizendes Kindes⸗ kind.“ „Ich habe leider beide kennen gelernt!“ „Beide? Leider?“ Ali erzählte gutmüthig lächelnd ſein Abenteuer, wie er es mit dem Flüſterer und der Zeidlerin beſtanden hatte. Arslan beichtete nunmehr um ſo williger. Er vertraute dem Freunde ſeine Liebe wie ſeine gerechten Befürchtungen. „Kann dies,“ frug der Türke,„einen bärtigen Mann zum ſchwanken Rohre machen?“ — 207 „Nein, aber verargen darf man es ihm nicht, wenn ſein Herz im Stillen blutet!“ „Bleib ein Löwe, wackerer Arslan!“ „Es ließe ſich Alles ertragen, wenn nur der verdammte Traum nicht wäre!“ „Ein Traum? Erzähle doch!“ bat Ali, der wie alle Muhame⸗ daner im Punkte derlei Gebilde abergläubiſch dachte. „Er iſt aber ſehr lang dieſer Traum!“ „Beginne immerhin! Meine Seele liegt in meinem Ohre!“ „Ich entſchlief jüngſt eines Abends in Stambul,“ begann Arslan,„und träumte, und da war es mir, als ob es Morgen würde und ich in Wahrheit erwachte. Ich lag auf einem reich geſchmückten Feldbette in einem koſtbaren Zelte. Zu den Füßen dieſes Pfühles ſtand eine altgriechiſche Rüſtung, welche mir äußerſt bekannt vor⸗ kam; ich hätte geſchworen, ſie ſei das von Homer beſungene Mei⸗ ſterſtück des Vulkan, das herrliche Panzerwerk des Peliden mit den unnahbaren Händen. Ich ſtaunte. Da rief eine bekannte Stimme in das Zelt herein: „Erwache ſchnellfüßiger Achilles! Die Fackel Hymens brennt, die Thore Ilion's ſtehen friedlich offen, und des Königs Priamus ſchönſte Tochter erwartet bräutlich geſchmückt den geliebten Freier am Altare!“ Da kam ich zu voller Beſinnung, da wußte ich genau, ich ſei der furchtbare Pelide, deſſen ſchrecklich mordendem Eiſen der roſſe- tummelnde Hektor erlag. Vor meinen ſehnſüchtigen Blicken gaukelte die zauberiſche Geſtalt der anmuthigen Trojanerin, und Männer⸗ rache wie Völkerhaß waren vergeſſen, ich glich dem Alciden am Spinnrocken der ſchönen Fürſtin aus Lydien.—„Zürne nicht Pa⸗ troklus,“ murmelte ich in mich hinein,„ich kann ja doch nicht anders; ich habe dich blutig gerächt und dem feindlichen Oheime Ares zum Trotze ſeine Günſtlinge zu Hunderten als Sühnopfer an deinem Grabe geſchlachtet—— aber nun hat meine buhleriſche Baſe Ana⸗ dyomene mein Herz gewendet und in dem Tempel des Muſengottes erwartet mich bräutlich geſchmückt die ſchwarzäugige Polyxena!“ Da nahte der Mann, deſſen Stimme mich ermuntert hatte, der Greis, welcher viele Menſchengeſchlechter entſtehen und vergehen ſah, der ſilberhäuptige Neſtor; da traten ſie herein die fremden und doch ſo bekannten Geſtalten: der völkerlenkende Agamemnon, der mir die ſchöne Briſeis entriſſen, der gewaltige Ajar, der liſtige Sohn —O — ——.—— —— 208 des Laörtes, ja ſelbſt der häßliche Therſites fehlte nicht. Vor dem Zelte ſchaarten ſich meine Myrmidonen und beſangen in Hexametern das Hochzeitsfeſt ihres Fürſten. Noch einmal öffnete ſich das Zelt, und meine roſige Mutter Thetis ſtürzte ſelig lächelnd in meine Arme. Sie trug ein wunderherrliches Kleid, das alle Völkerfürſten laut bewunderten und ihre Kebsweiber und Sklavinen im Stillen verwünſchten; mir aber kam es vor wie geſchoſſener ſchlechter Bro⸗ kat, in Waſſer getränkt. Ich hütete mich jedoch weislich es zu ſagen. Ihre holden Augen waren in Zähren gebadet, aber es waren Freu⸗ denthränen; ſie glaubte ihren geliebten Sohn gerettet und zu Schanden gemacht das unbeugſame Schickſal, das ſeinen frühen Tod beſchloſſen, dies eiſerne Fatum! Und wir gingen hinaus und zogen zum Tempel. Die Thore Troja's ſtanden offen und waren mit Kränzen geſchmückt; auf den Wällen ſtanden fröhliche Menſchen, klatſchten freudig in die Hände und glaubten den langen Hader beendet. Vom Himmel lächelte Sol als entſchuldige er ſeine ſäumende Schweſter Diana, welche, wie er vermuthe, ſich auf der Jagd verſpätet haben müſſe; Kronion faßte freudetrunken den Arm der ochſenäugigen Here, ja ſelbſt Ares reichte der jungfräulichen Pallas die Hand zur Verſöhnung und hatte ihren furchtbaren Steinwurf vergeſſen. Da nahtt ſich der hochzeitliche Zug. Voran ging der alte Priamus, mehr vom Schickſal als von den Jahren gebeugt, und die alte Hekuba, welche mich ſcheel anſah und mir den mod ihres ſtarken Sohnes nicht vergeſſen konnte. Schmachtend und buhleriſch blickend ſchritt die falſche Helena an dem Arme ihres Entführers durch unſere Reihen, und alle Griechen neigten ſich vor ihrer Schönheit; nur einer ward zornbleich und ent⸗ fernte ſich eilig— er hieß aber auch Menelaus. Der bildſchöne Pa⸗ ris blickte mich höhniſch an und ſeine Lippen zuckten gichtiſch, als ringe er nach einem freundlichen Worte und der Haß erſticke es im Munde. Seine rechte Hand trug einen Bogen und ſpielte mit ihm; er mochte es jetzt ſelbſt noch nicht wiſſen, warum er ihn mitge⸗ nommen hatte. Zwei verſchleierte Weiber folgten. Die Eine, Andromache, ſtarrte mich durch den Schleier bitterböſe an, als wollte ſie mich verklagen bei meinem Großvater, dem donnernden Zeus, daß ich ſie zur troſtloſen Wittib machte. Die Zweite ſah traurig vor ſich hin, und Thränen rollten über ihre gei⸗ ſterblaſſen Wangen; ſie galten dem nahen nur ihr bekannten 209 Leide, es war die kalte Liebſchaft Apollos, die Unglücksprofetin Kaſſandra! Ich aber ſah nichts von dem Allen, mein Herz pochte ſtürmiſch, das Blut rollte heiß durch meine Adern, als wäre es geſchmolzenes Erz; denn ſie ſtand zärtlich grüßend vor mir, das Mädchen meiner Seele, die bräutliche Polyrena, blaß wie eine ſterbende Lilie. Schon ſtand ich am Altare, darauf die Statue Apollo's thronte, ſchon be gann die bindende Feierlichkeit, und ich glaubte ihren Schluß nicht zu erleben, drückte die Sammethand der Trojanerin und weinte faſt vor Ungeduld, daß ich noch nicht wund küſſen dürfe ihre Nelken— lippen: da klirrte es ſeltſam, wie wenn ein Bogen geſpannt wird, ich empfand einen ſtechenden Schmerz in der linken Ferſe, und wie ein Nebel ſchwamm es vöor meinen Augen. Paris hatte mich tödtlich getroffen. Ich wankte, ſchrie laut auf, blickte noch einmal der farb⸗ loſen Tochter Ilion's ins weinende Sonnenauge und ſank bewußt⸗ los und ſterbend an ihre ſtürmiſch wogende weiße Bruſt.“—— Alſo erzählte der Albaneſe. „Nun, was ſagſt du zu dieſem Traume?“ frug er ſeinen Waffenbruder. „Es iſt ein buntes Märchen der tauſend und einen Nacht,“ entgegnete Ali,„nur kann ich den Zuſammenhang dieſes wunder⸗ lichen Gebildes mit peiner Angſt vor dem Zuge gegen die bosniſchen Rajas durchaus nicht herausarbeiten.“ „Höre mich aͤn: Meliſſa's Oheim meinte eines Abends, als die Rede auf die Seelenwanderung kam, an welche einige Völker Hinteraſiens glauben, ſie ſei keine Fabel, dieſe Wanderung, doch wiſſe ſie nichts von dem Unſinne jener fernen Stämme; nein, alles was einmal lebte, kehre blos einfach nach vielen Jahrhunderten wieder in das Daſein zurück, um ſein altes, früheres Schickſal zu erleben, verſteht ſich, geändert durch Zeitalter, Klima, Geburtsort, Erziehung, Bildungsſtufe, Sitten und Gebräuche, und wie alle die tauſend Dinge heißen mögen, welche bedeutenden Einfluß auf die Geſtaltung des menſchlichen Geſchickes nehmen.“ „Nun erkläre ich mir,“ fiel der Türke ein,„deinen träumeri⸗ ſchen Selam! Ich kenne das griechiſche Heldenbuch des Homer. Die Hellenen haben es uns während des langen Befreiungskrieges ſtel⸗ lenweiſe ſo oft vorgeſungen, daß wir Osmanlis es endlich nothge— drungen auswendig lernen mußten. Deshalb ahne ich auch, wovor mein Waffenbruder bangt, weshalb er in das Fell des Haſen ge⸗ Der Montenegriner. 14 210 krochen! Er lebt der unheimlichen profetiſchen Angſt, in Bosnien als türkiſcher Achilles von dem Bruder ſeiner Braut erſchoſſen zu werden!“ „Du biſt der Wahrheit nicht zu unſanft auf die Füße getreten.“ „Eines verſpreche ich dir und gelobe es bei meinem Barte!“ „Das wäre?“ „Ich will den häßlichen Bruder niederbrennen, ſobald dein Leib das Ziel ſeiner Kugel geworden.“ Arslan lächelte gezwungen, ſuchte jedoch dem Geſpräche eine luſtigere Wendung zu geben, und ließ deshalb eine neue Batterie griechiſchen Weines auffahren. Die frühere Heiterkeit wollte aber nicht recht aufkommen, zudem hatte ſich ein kühler Nordweſtwind erhoben, und wehte derſelbe ſo fröſtelnd durch die ängſtlich aufrau⸗ ſchenden Bäume, als ziehe eine neue Warnung unheimlich über die bosniſchen Berge herüber. Die Freunde ſuchten daher bald darauf das ärmliche Lager. Aermlich? Die Albaneſen kennen nämlich kein anderes Bett als die Erde oder den mitunter gedielten Fußboden, darauf ſie eine Matte von Palmblättern oder einen bei der Plünde⸗ rung einer Stadt erbeuteten Teppich ausbreiten; auch pflegen ſie angekleidet zu ſchlafen, nachdem ſie den Abas, dieſen Mantel aus Ziegenfellen oder Schafhäuten zu einem Kopfkiſſen zuſammen⸗ gefaltet haben. —ʒ 4 Zwölftes Capitel. Auf Montenegro. Die Wachteljagd iſt gegen Ende des Sommers wie tief in den Herbſt hinein an der Bocca, in Montenegro, in Dalmatien, an dem Geſtade des Sees von Scutari wie überhaupt an der Nordoſtküſte des adriatiſchen Meeres ein allgemeines Vergnügen, und ſelbſt die Osmanlis haben allmälig an derlei abendländiſchen Sportfreuden Geſchmack und Behagen gefunden. Da in Folge des dortigen Klima viele Erntearbeiten erſt in dieſe ſpäte Zeit fallen, ſo iſt es in jenen Gegenden kein ſeltener Anblick, die Unterthanen, Knechte oder Skla⸗ ven eines türkiſchen Grundherren im Schweiße ihres Angeſichtes im Felde frohnen zu ſehen, während der Beg ſelbſt ſich in der Nähe der vornehmeren und unterhaltenderen Beſchäftigung der erwähnten Jagd auf Geflügel hingibt, und nur zeitweiſe zur Ueberwachung ſeiner Arbeiter herbeieilt. Eine ſolche Moba, wie man in Bosnien eine Verſammlung von Frohnpflichtigen benennt, welche beſchäftigt ſind, für den Grund herrn zu ernten, eine ſolche Moba rüſtete ſich an einem heiteren Morgen im Hochſommer des Jahres, in dem unſer Roman ſpielt, nach den Feldern ihres türkiſchen Gebieters aufzubrechen, und lagen dieſe Ernteplätze am öſtlichen Geſtade des Sees von Scutari in der Nähe der montenegriniſchen Grenze. Auch der Sohn des Beg, ein bildhübſcher Junge griff nach ſeiner Flinte, um das Vergnügen der Wachteljagd mit der Aufſicht über die Feldarbeiter ſeines Vaters zu vereinigen. Dieſer gab ihm in der Beſorgniß ſeines väterlichen Her⸗ zens noch manche gute Lehre mit auf den Weg und warnte ihn, ſich ja nicht zu weit von ſeinen Arbeitern zu entfernen, Der Alte war im 14* 212 Rechte, denn die Ermordung jenes Beg, von welcher der Paſcha von Scutari unſerm Bekannten Ali erzählte, hatte trotz der Wiera böſes Blut unter den Cſernagorazen und den Türken gemacht, letztere zu einem ähnlichen Streifzuge bewogen und ſo Anlaß zu gegenſeitigen ſchlimmen Razzias gegeben. „Die Montenegriner,“ ſprach der Alte,„ſind Brüder des Fuchſes. Weißt du, was ſie neulich in Spuß gethan?“ „Habe wohl davon gehört,“ entgegnete der Sohn,„weiß mich aber nicht recht zu entſinnen.“ „Einige ihrer Leute ſtahlen aus dieſer Veſtung kürzlich bei Nacht und Nebel uns Türken eine große Kanone, ſo zu ſagen vor der Naſe hinweg. Dieſe Kanone war den Montenegrinern ſchon lange ein Dorn im Auge. Sie gaben daher ihren Weibern, denen wir aus dummer Artigkeit zur Zeit einer Wiera nichts anhaben, zumal ſie in unſere Grenzdörfer Lebensmittel zum Verkaufe zu bringen pflegen, den geheimen Auftrag, die Lage der Kanone auf dem Walle, die Stellung unſerer Schildwachen wie die bequemeren Zugänge zu den Mauern, genau auszukundſchaften. Als ſie dies alles erfahren, machten ſich ein paar Wagehälſe auf, erſtiegen bei Nacht die Mauern, ließen die Kanone mit Hilfe mitgebrachter Stricke herab und ſchleppten ſie glücklich in ihre Berge, ehe ſich ein Otto⸗ mane rührte, oder ein Hahn krähte. Sei alſo vorſichtig!“*) Der Junge ſchüttelte etwas ungläubig den Kopf, gelobte jedoch auf ſeiner Huth zu ſein, und folgte dann haſtig der bereits aufgebrochenen Moba. Leider vergaß er über den Freuden der Jagd nur zu bald die wohlgemeinte Warnung ſeines greiſen Vaters. Der junge Gutsherr that mehre glückliche Schüſſe und ſchoß ein paar Wachteln ſo raſch herab, daß es eine Luſt war zuzuſehen, aber das Verderben ſtand bereits auf der Lauer und die Bruſt des Jüng⸗ lings war ſelbſt die Zielſcheibe zweier gefährlicher Waidmänner ge⸗ worden. Es waren dies zwei montenegriniſche Brüder, welche die Liebhaberei des jungen Beg ausgekundſchaftet hatten. Sie ſchlichen aus den wildeſten und verſteckteſten Klüften ihres Berglandes nach dem türkiſchen Gebiete hinab und näherten ſich gegen Abend unge⸗ ſehen den Erntefeldern, da ſie ſich vorſichtig in den Felſengräben und Erdriſſen fortbewegten, welche das Gewäſſer eines kürzlich *) Dieſer Kanonenraub geſchah, aber bereits einige Jahre früher, in Wirklichkeit, 2—--— — tn T— 4* 7 Ser* 213 gefallenen Regens in dem Boden ausgehöhlt hatte. Mit Lebens— mitteln, die ſie in einem Sacke mitgenommen, wie mit einem mög lichſt großen Vorrath an Pulver und Blei verſehen, mit Gewehren, Piſtolen und langen Meſſern bewaffnet, übernachteten ſie ruhig in einem Felſengraben und zwar an einer Stelle, wo, wie ſie wußten, die meiſten Wachteln ſich herumzutummeln pflegten. So kam der Morgen und mit ihm das Opfer. Der junge Türke hatte ſich etwas von ſeinen Leuten entfernt, feuerte ſcharf zielend nach einer Wachtel und ſah ſeine unſchuldige Beute eben mit großer Freude fallen, als er ſelber plötzlich, wohl durch Herz und Kopf getroffen, zuſammenbrach und auf der Stelle lautlos ſeinen Geiſt aufgab. Die Montenegriner gaben ſich aber mit ſeinem Tode keines⸗ wegs zufrieden. Es galt ſeinen Kopf zu erbeuten. Dieß war der offenbar gefährlichſte Theil ihrer verwegenen Tſcheta. Lag doch der Leichnam auf offenem Felde. Zudem waren die Knechte des erſchoſ⸗ ſenen Beg wie alles Landvolk hier zu Lande wohl bewaffnet. Hätte ſie auch nur einer derſelben wahrgenommen, ſo wären die beiden Söhne des ſchwarzen Berges ſo gut wie verloren geweſen. Die Montenegriner warteten daher ruhig die Nachwehen ihres Schuſſes ab, aber auch nicht der Vorſichtigſte der türkiſchen Frohnpflichtigen blickte forſchend von ſeiner Erntearbeit auf. Die Leute dachten erſt⸗ lich im Vertrauen auf ihre große Anzahl durchaus an keinen Ueber⸗ fall, auch waren ſie gewohnt, den jungen Gutsherrn in ſeiner Lieb⸗ haberei Schuß auf Schuß abfeuern zu hören, ſo daß ſie nicht ein— mal auf den Gedanken geriethen, einige dieſer raſch auf einander folgenden Schüſſe könnten wohl auch etwas Wichtigeres als eine gewöhnliche Wachteljagd zu bedeuten haben. Dieſe Sorgloſigkeit benützend krochen die Csernagorazen, leiſe wie Schlangen, auf dem Bauche zu dem Leichnam heran, und ge⸗ langten ſo unbemerkt nicht blos durch die Gräben und Gebüſche, ſondern ſelbſt über den Acker hinweg. Liegend langten ſie nun nach dem noch warmen Körper, ſchnitten ihm auf der Erde kauernd den Kopf vom Rumpfe und machten ſich dann mit ihrer Beute auf die frühere Weiſe, geräuſchlos gleich der Wildkatze aus dem Staube. Mühſam, aber unentdeckt gelangten ſie endlich zu den erſten Höhen ihrer bergigen Heimath. Ein Rückzug ohne Siegesgepränge liegt aber durchaus nicht in der montenegriniſchen Natur und Fechtweiſe. Auch unſere beiden 214 Wagehälſe mochten deßhalb dem Vergnügen nicht entſagen, ſich an dem Entſetzen ihrer Feinde zu weiden. Als ſie daher einen ſteilen Abhang in der Nähe der Grenze erreicht hatten und jeder Verfol⸗ gung ſpotten zu können glaubten, ſteckten ſie das blutige Haupt ihres Opfers auf einen ihrer Alpenſtöcke und ſchwenkten es hoch in den Lüften, indem ſie gleichzeitig ein lautes Jubelgeſchrei erhoben und ihre Piſtolen den Türken ſo zu ſagen über die Köpfe weg ab⸗ feuerten. Die Feldarbeiter wurden endlich aufmerkſam, blickten um⸗ her, entdeckten den Rumpf ihres jugendlichen Gebiethers und ahnten nunmehr augenblicklich den Hergang der Schreckensgeſchichte. Sie rüſteten ſich deßhalb zur ſchleunigen Verfolgung. Es war jedoch viel zu ſpät! Die Montenegriner ſchlüpften mit heiler Haut in ihre waldigen Berge wie der Fuchs in ſeinen unterirdiſchen Bau.*) Auch erhielten ſie daſelbſt namhafte Verſtärkung. Ihre beiden ältern Brüder wußten nämlich um das Wageſtück der beiden Tollköpfe, und eilten daher im Geleite ihrer Schweſter, der handfeſten Zuſa zum Beiſtande herbei. Den Türken blieb ſohin nichts übrig als unter Weh⸗ klagen mit der ſchaurigen Kunde zu dem troſtloſen Vater heimzukehren. Die Montenegriner waren aber nicht ſo ungeſehen geblieben, als ſie ſich ſchmeichelten. Ein Dutzend Kawaſſen aus der am Rande des Marſchlandes am See gelegenen Türkenfeſtung Zsabliak, die in unſern Tagen zu einer ſo traurigen Berühmtheit gelangen ſollte, hatten die Schwarzgebirger, wie Lindau das Wort Csernagorazen zu verdeutſchen wagte, nicht bloß wahrgenommen und beobachtet, ſondern auch erkannt und deßhalb, mit der Oertlichkeit vollkommen vertraut, den Entſchluß gefaßt, die kühnen Burſche von ihrem hei⸗ mathlichen Dorfe abzuſchneiden. Sie gaben daher ihren gegen ein paar entſprungene Diebe unternommenen Streifzug auf, in der ſüßen Hoffnung, die mitgeführten Stricke auf eine in türkiſchen Augen rühmlichere Weiſe verwenden zu können. Ihr Plan war auch ſehr klug entworfen. Sieben Kawaſſen eilten auf dem beſchwerlich⸗ ſten, aber kürzeſten Wege in die Berge, während der Reſt ſcheinbar von vorn zur Verfolgung herbeiſtürmte, dieſelbe aber abſichtlich ſehr langſam und nachläſſig betrieb. Die Schwarzgebirger wiegten ſich daher in Bälde in falſchen Träumen vollkommener Sicherheit. Sie ſollten jedoch ſchlimm ent⸗ **) Gleichfalls Thatſache, nur wurde das Wageſtück von zwei Kriwo⸗ ſchianern, den Nachbarn der Bucht von Riſano vollbracht. 215 täuſcht werden. Die kleine Schar bog eben um die Ecke eines von Felſen eingeengten Fußpfades, und mochte noch ein paar hundert Schritte von der eigentlichen, von Dorf zu Dorf führenden Land⸗ ſtraße entfernt ſein, als ſie plötzlich aus einem Hinterhalt mit einem mörderiſchen Kugelregen begrüßt wurden, der einen der Brüder tödtlich, den zweiten gefährlich verwundet zu Boden ſtreckte. Es waren die ſieben Kawaſſen, die den montenegriniſchen Fuchs in die— ſer Felſenſchlucht beſchlichen hatten. Fliehen gehört nicht zu den Leidenſchaften der Söhne der Csernagora. Die beiden unverwun⸗ deten Brüder rückten daher unerſchrocken vor, das Feuer erwiedernd, und tödteten zwei Türken, während der Verwundete ſich zu einem Felſen ſchleppte und an dieſen gelehnt zwei andere erſchoß, aber dabei ſelbſt durch einen Schuß in die Ewigkeit geſendet wurde. Seine Schweſter nahm ihm das Gewehr ab, lud und feuerte dann gleichzeitig mit ihren noch lebenden Brüdern. Auch ihr Schuß zer⸗ ſchmetterte einem Türken den Schädel. Leider ſtürzte gleich darauf auch ein Montenegriner todt und regungslos nieder. Die beiden unverletzten Kawaſſen drangen nunmehr wüthend auf den einzigen noch übrigen Bekenner des Kreuzes ein, der aber einem von ihnen mit ſeinem Natagan das Haupt ſpaltete, ehe er ſelbſt den tödtli⸗ chen Schuß in die Bruſt erhielt. Die verlaſſene Schweſter, die mittlerweile unabläſſig aber er⸗ folglos gefeuert, ſtand im erſten Augenblicke rathlos und unſchlüſſig vor dem zornrothen Sieger, bald aber gewann ihre Miene einen erſchrockenen und flehenden Ausdruck, und ſie bath den wuthſchäu⸗ menden Muhamedaner demüthig und fußfällig um Erbarmung und Schonung. Der Türke, tief entrüſtet über die Niederlage ſeiner Ge⸗ fährten, war grauſam genug, die Angſt und Hilfloſigkeit der Dirne zu benützen, und verſprach daher zwar ihr Leben, aber einzig um den Preis ihrer jungfräulichen Ehre zu ſchonen. Zuſa zögerte bei dieſen ſchamloſen Worten und ſchien den Antrag des Elenden zu überlegen, kaum aber bemerkte ſie, daß ihr Gegner nicht mehr ſo ſorgfältig wie früher auf ſeiner Huth war, als ſie ihn mit ihrem Dolchmeſſer durchbohrte. Tödtlich verwundet ſuchte der Türke ſeine ſchwindenden Kräfte zu ſammeln, langte gleichfalls nach ſeinem Dolche und wankte auf das muthige Mädchen zu; aber zur Ver⸗ zweiflung getrieben warf ſich Zuſa pfeilſchnell auf ihren unbarm— herzigen Feind, und ſtürzte ihn mit übermenſchlicher Kraft in den am Ausgang der Schlucht ſich öffnenden Abgrund. —Oꝭ——— 216 Die Montenegrinerin glaubte ſich gerettet, aber ihre eigent⸗ liche Lebensgefahr ſollte erſt beginnen. Die fünf Kawaſſen, welche die Verfolgung der Csernagorazen von vorne aufgenommen hatten, waren während des erbitterten Kampfes bis auf Schußweite heran⸗ gedrungen und gelangten in dem Augenblicke in die Schlucht, als der ſiebente Türke von der handfeſten Schwarzgebirgerin in den Abgrund geſchleudert wurde, an den Klippen desſelben zerſchellend. Der Anblick ihrer erſchoſſenen ſechs Gefährten, wie das Kollern und Poltern des ſiebenten Leichnams an den Felſen machte die Un⸗ gläubigen faſt raſend, und ſie ſtürzten ſich, verliebten Gedanken auch nicht im Entfernteſten mehr Raum gebend, mit hochgeſchwungenen Handſchars auf die unglückliche Tochter Montenegro's. Zuſa's Le⸗ ben hing an einem Haare. Dies Haar war einer der Kawaſſen, deſſen boshafte Miene an eine Hyäne mahnte, die er auch an Grau⸗ ſamkeit weit übertraf. War es doch bekannt, daß er ſelbſt die Leichen beerdigter Feinde auszugraben pflegte, um damit teufliſche Kurz⸗ weile zu treiben. Dieſer Unmenſch ſchirmte die Montenegrinerin. Sein Falkenblick hatte am Ausgange der Felſenſchlucht eine kleine Waldlichtung entdeckt, auf welche die Sonne freundlich aber verſengend niederbrannte. Dort gab es daher auch reges, wenn auch winziges Leben, wie wir gleich hören und ſehen werden. Er rief deßhalb ſeinen Gefährten in türkiſcher Sprache einen Vorſchlag zu, der ganz nach dem Geſchmacke ſeiner barbariſchen Landsleute zu lau⸗ ten ſchien, denn die Kawaſſen brachen in ein lautes, weithin ſchallen⸗ des Jubelgeſchrei aus, und ſtürzten ſich dann, die Handſchars verſor⸗ gend, zwar unbewaffnet, aber in der alten teufliſchen Luſt auf die nunmehr ernſtlich bangende Dirne. Man riß ihr die Kleider vom Leibe, feſſelte ihre Füſſe, band ihr die Hände auf den Rücken und umwand ſie noch obendrein ſo feſt mit den mitgebrachten Stricken, daß die Aermſte auch nicht der mindeſten Bewegung mehr fähig war, über keines ihrer gewaltigen Glieder zu gebiethen vermochte. Dann trug man ſie nach der Waldlichtung. Der Unmenſch ſchnitt mittlerweile den gefallenen Montene⸗ grinern die Köpfe ab, und wälzte dann die Leichen ſeiner eigenen Landsleute nach dem Rande des Abgrundes. Sie ſtürzten häßlich polternd in die entſetzliche Tiefe. Dann eilte der Kawaſſe gleichfalls nach der Lichtung. Zuſa wurde auf ſeinen Befehl flach auf den Rü⸗ cken gelegt und mit Schmähungen überhäuft, ja, mancher dieſer — — p..——— — 217 Barbaren ſtieß den größten Schimpf, den man einer Tochter Mon⸗ tenegro's anzuthun vermag, mit den Worten aus, er kenne ihre Sippſchaft, alle ihre Vorfahren ſeien in ihrem Bette geſtorben, die vier hier erſchoſſenen räudigen Hunde ausgenommen, deren erbeu⸗ tete Köpfe dafür noch heute auf den Wällen von Zsabliak prangen würden. Schließlich ſchob man die Unglückliche mit dem Kopfe tief in einen ungeheuern— Ameiſenhaufen. Wohl ſchloß Zuſa augenblicklich Auge und Mund, aber die winzigen zürnenden und gierigen Thierchen bedeckten im nächſten Momente nicht bloß ihr Antlitz, wie ſpäter den ganzen Leib, nein, ſie krochen ihr in die Naſe, in die Ohren, auch wenn ſie des Athem⸗ holens willen zeitweiſe die Lippen bewegte, bis in den Schlund, Gaumen wie Zunge quälend und peinigend. Ein entſetzliches Pri⸗ keln und Brennen lief über ihren ſchmerzhaft zitternden Körper, auch wurde die Qual mit jeder Sekunde unerträglicher; hat man doch Beiſpiele, daß Ameiſen in wenigen Stunden ſelbſt das Ge⸗ rippe eines Pferdes oder Rindes ſo nett und rein zu ſäubern, bloß zu legen vermochten, wie es kaum die ſcharfen Werkzeuge des ge⸗ ſchickteſten Anatomen in ſo kurzer Zeit zu bewirken im Stande wären. Die Kawaſſen weideten ſich geraume Zeit an den krampf ten Zuckungen ihres Schlachtopfers. Dann aber entfernten ſie ſich unter rohem Lachen mit etwas haſtigen Schritten. Ein längerer Aufenthalt in den unheimlichen ſchwarzen Bergen ſchien die Unmenſchen nicht recht geheuer zu be⸗ dünken. Zuſa blieb allein mit ihrer Qual. Hilfe ſchien unmöglich. Lag doch die Waldlichtung, wie unſere Leſer wiſſen, ein paar hun⸗ dert Schritte von der eigentlichen Landſtraße entfernt, war ſie doch mit dicht ſtehenden Bäumen und ſtruppigem Buſchwerke umgeben. Die Fußtritte der Kawaſſen verhallten allmählich, tiefe Stille herrſchte ringsumher, denn das entſetzliche Prikeln und Brennen lief ja geräuſchlos, unhörbar für jedes menſchliche Ohr über den qualvoll zitternden Körper der halbohnmächtigen Tochter des freien Gebirges. Geräuſchlos? Ungehört? Wir irrten! Wir vergaſſen das Gehör— der allmächtigen Gottheit! Hufſchlag erdröhnte. Vier Reiter wurden bald darauf auf der Landſtraße ſichtbar. Es war ein ſeltſamer Zug, der ſich mit nur hierlandes üblicher Vor⸗ haf⸗ 218 ſicht vorwärts bewegte. Zwei der Reiter, welche die Herren zu ſein ſchienen, hielten die Mitte, ſchienen auch ſorglos mit einander zu ſchwatzen und zu plaudern. Der vorderſte Reiter jedoch, ein Alba⸗ neſe nach ſeiner Tracht zu ſchließen, zog im Schritte, langſam und mit äußerſter Vorſicht vorwärts, erhob ſich zuweilen ſpähend im Sattel, lugte wachſam umher und rief an jeder verdächtigen Stelle mit lauter Stimme in ſlaviſcher Sprache: „Wenn hier ein Krieger des Csernagora auf der Lauer liegen ſollte, ſo hüte er ſich weislich, heimtückiſch auf uns zu feuern, denn wir ſind ſeines Wladika, möge Ihn Gott erhalten, ſehnlichſt erwar⸗ tete, geheiligte Gäſte!“ Auch der Hintermann beobachtete dieſelbe Vorſicht und Wach⸗ ſamkeit, ließ auch zuweilen einen ähnlichen Warnungsruf erſchallen. Die Reiter in der Mitte waren Arslan und Ali. Letzterer zog be⸗ kanntlich als Juſſuw's Geſandter zu dem Wladika von Montenegro; Arslan gab ihm aus ähnlichem Grunde das Geleite, und hoffte, wie es in der Wirklichkeit auch ſpäter geſchah, durch ſeine Gegen⸗ wart dem türkiſchen Waffenbruder bedeutend zu nützen. War er doch wie der Beherrſcher von Csernagora ein gefeierter Dichter, und durfte daher eines doppelt freundſchaftlichen Empfanges von Seite jenes hochgebildeten, bekanntlich für Poeſie und Kunſt glühenden Mannes gewärtig ſein. Auch hatten die Waffenbrüder die Vorſicht gebraucht, den Wladika früher von ihrem Beſuche zu verſtändigen, ein Beſuch, dem ihr künftiger Gaſtfreund, wie er ſich in ſeinem Antwortſchreiben ausdrückte, mit großer Sehnſucht entgegen ſah. Der Zug gelangte endlich in gleiche Höhe mit der abgelegenen Waldlichtung. Da zitterte es wie ein ſchwacher Seufzer aus dem Buſchwerke herüber, aber ſo leiſe, daß es weder Ali, noch die alba⸗ neſiſchen Krieger vernahmen. Zum Glücke beſaß der Mirditen⸗ häuptling ein überaus feines, durch lange Uebung im Kriege, wie auf der Jagd noch mehr geſchärftes Gehör. Er verhielt augenblick⸗ lich ſeinen Renner. „Drüben im Buſchwerk,“ flüſterte er mit Beſtimmtheit,„iſt eine Gräuelthat geſchehen!“ „Ich hörte nicht das mindeſte Geräuſch,“ entgegnete Ali. Auch die beiden andern Albaneſen ſprachen ſich im gleichen Sinne aus. „Mein Ohr,“ entgegnete Arslan ruhig,„iſt ein zuverläßlicher Freund!“ ——n- f 219 So war es auch! Das ſchwache Seufzen erſchallte noch ein⸗ mal, aber etwas lauter, ſo daß es auch die albaneſiſchen Krieger deutlich vernahmen. Nur der Türke wollte abermals nichts gehört haben, obgleich Zuſa, die von dem Hufſchlag aus ihrer Betäubung geweckt worden, den letzten Reſt Athem zu dieſer leiſen Bitte ver— ſchwendet hatte. Arslan war nicht länger zu halten. Er ſprang vom Pferde und drang entſchloſſen in das Dickicht. Ali, dem es durch⸗ aus nicht an Muth fehlte, folgte beherzt ſeinem Beiſpiele, wäh⸗ rend die zwei Albaneſen als Rückhalt die Landſtraße beſetzt. hiel⸗ ten. Bald gelangten die Waffenbrüder zu dem. unglücklichen Opfer türkiſcher Barbarei. Zuſa ward mit möglichſter Schnelligkeit aus dem Ameiſenhaufen gezogen. Dann entledigte man ſie ihrer Bande und trug ſie auf die Straße, wo ſie gleich darauf in den kühlen, la⸗ benden und ſtärkenden Fluthen eines ziemlich tiefen Bergbaches ge⸗ waſchen und gereiniget wurde. Der Mirdite hüllte ſie dann in an⸗ geborner Schamhaftigkeit ſorgfältig in ſeinen Abas oder Mantel. Die Montenegrinerin kam langſam, aber denn doch zu ſich. Schrecken leuchtete aus ihren Augen, als ſie ſich in den Armen eines Albaneſen und Türken, dieſer beiden geſchwornen Todfeinde ihres Stames erblickte. Arslan beſchrieb jedoch eilig das heilige Zeichen des Kreuzes, und beſchwichtigte die erneute Beſorgniß der hilfloſen Dirne mit milden, wie Balſam in ihr ſo lang gequältes Ohr traufenden Worten⸗ Die barmherzigen Samaritaner legten die Aermſte, nachdem ſie ſich etwas erholt hatte und ihr Heimatdorf bezeichnen konnte, auf eines der Pferde ihrer Diener und geleiteten ſie dann mit großer Schonung, alſo langſam nach ihrer dürftigen, aber ſichern und ſchirmenden Behauſung. Es war kein unbedeuten⸗ der Umweg, und es ging daher am nächſten Tage bereits gegen die Abenddämmerung zu, als ſich der kleine Zug endlich dem Ziele ſei⸗ nes Rittes näherte. Die Sonne war niedergegangen und der Halbmond— ein günſtiges Vorzeichen— ſtrahlte bereits heiter am Himmel, als ab⸗ wärts von der Anhöhe, welche die Reiſenden ſo eben erreichten, eine weite Thalebene vor ihren Blicken ſich ausbreitete. Rieſenhafte Ge⸗ ſtalten hielten Wache rings um die grauen Felſenſchanzen und zo⸗ gen von allen Seiten in größern und kleinern Schaaren, bald auch einzeln gegen eine weitläufige Veſte hin, die hellbeglänzt vom Mon⸗ denlichte gleichſam als ſteinerne Gebieterin all der zerſtreut ſie um⸗ lagernden Warten erſchien. Aus ihrer Nähe ſchallte es herüber wie — 1 12„ 8 — — N 220 jubelnder Kriegsgeſang, und jede Pauſe unterbrachen Schüſſe, ohne Regel und Ordnung ſich wiederholend und jedesmal vielfältig wie⸗ dergegeben von den benachbarten Felſenhöhen. „Wo ſind wir?“ Alſo rief Ali überraſcht wie jener deutſche Poet, deſſen„Beſuch auf Montenegro“ ſo vielen Beifall in der Leſewelt gefunden. Die Frage des Türken war an ſeinen Freund gerichtet, der eben nach einem Thurm hinwies, der eigen fabelhaft von ſeiner Höhe nieder⸗ blickte. „Vor Cetinje!“ „Und was iſt das für ein Thurm da droben auf der Höhe?“ „Das iſt der Wartthurm über der alten Kloſterveſte.“ „Und der durchbrochene Kranz auf ſeiner Spitze, den die dün⸗ nen Säulen mit den runden Knäufen bilden?“ Arslan ſeufzte. „Welcher Baumeiſter,“ fuhr der Türke fort,„hat dieſen Kranz ſo künſtlich gebildet?“ „Alle jene Montenegriner, welche an dem letzten Kampfe gegen deine Landsleute Theil genommen. Er beſteht, dieſer Kranz, durch⸗ wegs aus Türkenſchädeln, die auf Stangen dort im Kreiſe aufge⸗ ſtellt ſind. Viele ſind vom Winde herabgeworfen und von den Hun⸗ den weggeſchleppt worden, aber doch noch immer müßten mehr als fünfzig Türken kommen, wollte jeder ſeinen Kopf herunterlangen und nach Hauſe tragen.“ Die Freunde ſprangen aus dem Sattel und ſtiegen den ſelt⸗ ſam geſchmückten Hügel hinan. Bald ſtießen ſie an einen Stein, bald an die Wurzeln eines Strauches, bald auch an einen Schädel⸗ knochen, den die Hunde abgenagt und, Regen und Sonne wett⸗ eifernd gebleicht hatten. Schaurig hoben ſich die noch oben prangen⸗ den Häupter mit ihrem vom Schopfe fallenden Haarbüſcheln gegen das Tiefe vom Monde verklärte Blau des Himmels ab, und durch die Luft zitterte es als wie Begleitung zu dem Reigen „Nun tanzten rings im Mondenglanz „Die Geiſter einen Kettentanz.“ und unten knallte Schuß auf Schuß und hallte wieder im Echo der Gebirge, und die Geſänge, welche den Reiſenden früher wie Sie⸗ geshymnen geklungen, ſchienen in ihren trüben Molltönen in Grab⸗ geſänge verwandelt. Der Zug kam näher. Die Rieſenwächter in der Ebene verwandelten ſich, näher gerückt, vor dem Blicke in Bäume, ‿ε 221 durch deren Laub der Abendwind ſäuſelte, und deren Schatten ſchwankte wie die vom Lufthauch bewegten Wipfel. Glockengeläute ertönte wie ein Ruf zum Gebete an einer rieſigen Gruft. Es war ein getreues Seitenſtück zu den Erlebniſſen und Ein⸗ drücken jenes deutſchen Poeten vor Cetinje. Die Freunde erblickten nunmehr in der Mitte des Thales unter einem großen Baume eine Menge Männer oder um einen montene⸗ griniſchen Ausdruck zu gebrauchen, eine Woiska, das iſt, einen Kriegerhaufen. Er beſtand zum Theile aus bewaffneten müßigen Zuſchauern, doch ſah man auch viele zur gaſtlichen Begrüßung be— orderte Reiter in glänzender Tracht, mit bunter Kopfbedeckung ihre kleinen weißen Pferde im Schatten des großen Baumes herumtum⸗ ⸗ meln. Der kleine Zug feuerte nunmehr ſeine Gewehre und Piſtolen ab, ein landesüblicher Gruß, der aus dem Thale lebhaft erwiedert ward. Raſch ging es dann in den Sattel, und hierauf im kurzen Galopp auf dem bereits leidlicher gewordenen Wege auf den„Baum des Willkommens“ zu. Die Schimmelreiter empfingen die Gäſte ihres Wladika mit lautem Jubelruf, ſchüttelten ihnen auch herzlich und freundlich die Hände, und ſchoſſen, je näher man der Reſidenz des Oberhauptes von Cſernagora kam, ihre Piſtolen unter muth⸗ willigen Reiterkünſten um ſo häufiger und freudiger ab. Endlich wurden die Reiſenden der Häuſer anſichtig, welche das Kloſter des Wladika umgeben, und mit dieſem zuſammen die ſogenannte mon⸗ tenegriniſche Hauptſtadt Cetinje bilden. Der Zug hielt nunmehr unmittelbar an dem alten vierkantigen Thurme mit dem garſtigen Schädelkranze. Unter ihm zeigte ſich die Kirche von Cetinje und daneben ein ſteinernes, vorn mit einem offe⸗ nen Portikus verſehenes Gebäude, das früher Zellen für die Mönche enthielt, damals aber von Männern aus der Umgebung des Wladifa Peter des Zweiten bewohnt wurde. Weiter hinaus, faſt ganz in der Thalebene gelegen, ragte ein längliches großes Haus darin das Oberhaupt Montenegro's ſelbſt zu hauſen pflegte. Dies Alles war von ziemlich hohen Mauern umgeben, die außerdem noch die weit⸗ läufigen Höfe dazwiſchen umfingen. Vor dem Kloſter lag ein großer weiter Platz, den ein paar Dutzend Häuſer in einiger Entfernung umſtanden, und von dem ein paar breite Straßen ausliefen, gleich⸗ falls von einer gleichen Anzahl Hütten und Häuſer gebildet. Dieſer theilweiſe mit Gras bewachſene Platz, in deſſen Mitte ſich eine Ci⸗ ſterne befindet, galt ſeit jeher als das Forum von Cetinje, auf dem — 222 ſich zu Zeiten die Bevölkerung des Landes vor den Thoren der Be⸗ hauſung ihres Beherrſchers verſammelt. Er war auch an jenem Abende mit Zuſchauern und Gaffern wie beſäet. An dem einen Ende deſſelben und zwar am Fuße der Kloſtermauern lagen ein paar Kano⸗ nenläufe ohne Geſtell und Laffetten auf Steine und Holzpflöcke geſtützt, von denen es hieß, daß ſie der Wladika in Trieſt gekauft habe. Schon von Weitem hatten die Reiſenden dieſe Kanonen mitten in den Lärm des Kleingewehrfeuers mit Donnerſtimme hineinreden hören. Sie wiederholten ihre gaſtfreundlichen Grüße ſo ſchnell, als die montenegriniſchen Kanoniers nur zu laden vermochten, und ſchleu⸗ derten ihre letzten Blitze gegen die Ankömmlinge, als ſich dieſe unter den Freudenbezeigungen einiger anderer von Peter dem Zweiten ihnen entgegengeſandten Männer aus dem Sattel ſchwangen. Der Wladika empfing ſeine Gäſte mit würdevoller Freund⸗ lichkeit. Der ſchwarze Kaluga oder Prieſter, wie die Türken das Haupt von Cſernagora nennen, war ein ungemein hochgewachſener ſchöner Mann in den beſten Lebensjahren. Er hielt einen breiträndigen italieniſchen Strohhut in der Hand, war im Uebrigen in ein enges ſchwarzſeidenes Gewand gehüllt, hatte ein leichtes Mäntelchen von gleichem Stoffe umgeworfen und ſtützte ſich auf einen langen ſchmu⸗ cken Stab. Er glich weniger einem Biſchofe oder dem Beherrſcher eines verwegenen Bergvolkes als vielmehr einem venetianiſchen Patrizier oder des flachen breiten Strohhutes wegen einem reichen ſpaniſchen Pflanzer auf den weſtindiſchen Inſeln. Auch ſeine Woh⸗ nung wies ſich ſehr einfach und beſcheiden. Er ſelbſt benützte in ſeinem Kloſter nicht mehr als drei Gemächer, die nahe bei einander lagen. Erſtlich das ziemlich große Billardzimmer, welches zugleich als Audienzſaal, Staatsgemach und Salon diente. In dieſer Stube ſtand auf der einen Seite des Billards bei der Eingangsthüre eine lange Bank, auf welcher ſich einige Senatoren und Perianizen— eine Art adeliger Leibwache— niedergelaſſen hatten, auf der andern Seite ein kleines Sopha, auf dem ſpäter der Wladika Platz nahm, einen kleinen Teppich unter ſeinen Füßen. Die Wände waren mit Waffen und mit den Porträts Napoleons und Lord Byrons, ferner mit einem alten großen Oelgemälde von Peter dem Großen, das etwas nachgedunkelt hatte, verziert. Die weiteren Gemächer der Behauſung beſtanden aus einer kleinen Stube, darin der größere Theil der Bibliothek des Wladika ſtand— ein kleiner Schrank be⸗ — 223 fand ſich auch in dem Billardzimmer— in welcher außerdem noch Waffen hingen und wo auch einige ſchöne Früchte zum Trocknen aufgehängt waren; endlich aus einem Schlafgemache mit einer ſtatt⸗ lichen Bettſtelle nach italieniſcher Weiſe und dem Porträt des Kai⸗ ſers von Rußland zu Pferde nach Krüger. Das Billardzimmer ward jedoch an jenem Abend nicht als Sa⸗ lon benützt. Die Geſellſchaft begab ſich nämlich durch eine ſeiner Thüren nach einer freien und erhöhten Veranda, welche über der Eingangs⸗ pforte des Kloſters lag. Auf dieſer Veranda wurden Bänke und Stühle um eine große Tafel zurecht geſetzt, und Alles ließ ſich zu einem ſchlichten Mahle nieder. Raſch wurden die Speiſen aufgetragen, beſtehend in einem ſehr fett zubereiteten Pilau, einem breiten Napf voll Caſtradina ſtark gezwiebelt und gepfeffert, einer Schüſſel voll Kartoffeln, einem Gericht von kleinen Weißfiſchen, jenen vielbelieb⸗ ten Skoranzen— ſlaviſch Ukliewas— die in den benachbarten Flüßchen namentlich zur Herbſtzeit in bedeutender Menge gefangen werden, einer aus ihren Cierſtöcken bereiteten Poutargue, endlich aus einem Hammelbraten, wobei der Wladika wie zu Odyſſeus Zeiten die Fleiſchſtücke bei den Knochenſtücken ergriff und ſie rings umher nach Rang und Würde vertheilte, den Gäſten das Stück reichend, wo das„blühende“ Fleiſch und Fett hart am Rückenknochen „am ſüßeſten“ iſt. Dazu kreiſte feuriger Dalmatiner. Auf dem großen Platze, der unten Angeſichts der Veranda lag, lagerte eine Maſſe bewaffneter Montenegriner. Zwei derſelben leg⸗ ten nunmehr ihre Waffen ab und begannen, während die Uebrigen Raum gebend ſich im Kreiſe zurückzogen, in der Mitte des letzteren Ringübungen, wie man ſie in Frangiſtan nur von den geübteſten Athleten ausführen ſieht. Mit der größten Schnellkraft und Ge⸗ wandtheit wußten ſie einander auszuweichen, während einer den andern zu faſſen ſuchte; war dies gelungen, dann warf der andere ſich plötzlich an die Erde und hob mit einer Hand oder dem vorge⸗ ſtreckten Fuße den Gegner in die Höhe, der dann ſchwebend über ihm hing, bis der Liegende mit einem ſchnellen Sprunge empor ſich dem andern an ſeiner Stelle niederfallenden Gegner in die Hand warf und nunmehr die Szene wechſelnd, kaum von einigen Fingern ge⸗ halten über ihm in der Luft ſchwebte. Bald löſte ſie ein zweites Paar ab, ein drittes und viertes folgte, und jeder Krieger bewährte in mannigfachem Wechſel auf ſeine Weiſe, wie dieſe Uebungen von Kindheit an ihm zur andern Natur geworden. Nach kurzer Pauſe 224 und gegenſeitigem Zutrinken ſtellten ſie ſich zu dem landesüblichen Rundtanz an. Drei bis vier bildeten mit verſchlungenen Armen einen lebendigen Kranz und bewegten ſich in kreisförmiger Bewegung rechts und links; bald griff ein fünfter und ſechſter Burſche ein, und ſo ward der Kolo oder Kreistanz geraume Zeit fortgeſetzt, bis die Arme ſich löſten, und dann zwei Paare einander gegenüber mit vor⸗ geſtreckten Händen wie zum Angriffe erſt gegeneinander losſtürmten, dann an einander vorüberſtreiften, und ſo immer von neuem herüber und hinüber bei taktmäßigem Zujauchzen der übrigen Zuſchauer und unter begleitendem Tone der Gusla. Das Mahl auf der Veranda war beendet. Nun führte ein Stück Herold daher„den erfreuenden Sänger, welchen das Volk hoch ehrte, Demodokos, ſetzte darauf ihn mitten im Kreiſe der Gäſte, an die ragende Säule gelehnt.“ Es war ein langgewachſener rauher Gebirger mit halb geſchorenem Kopfe. In einer Ecke der Umfangmauern der Veranda Platz nehmend, ließ er nicht lange auf ſich warten, ſtrich alsbald ſeine Saite aus Pferde⸗ haar und ſtimmte mit dumpfem wilden Klange ein Lied von der Länge eines ganzen Kapitels von Homer an. Dies Lied pries die Thaten des großen Janku— der Hunyady Jänos Ungarns— es rühmte ſeinen ſtarken Neffen Sekul, des um des Treubruches der ſchönen Dragoman willen heiß ergrimmten Paſchawürgers auf der Ebene von Grahowo. Geprieſen ward der hochherzige Miloſch Obi⸗ litſch, der den Sultan in ſeinem Zelte aufſuchend ihm den ſcharfen Dolch in das nach der Freiheit Serbiens lüſterne Herz ſtieß; Fluch und Verachtung traf Vuk Brankowitſch den treuloſen Verräther. Daran reihte ſich die Schlacht auf dem Amſelfelde, auf der blutge⸗ tränkten Ebene von Koſſowo, wo die Blüthe der ſerbiſchen Ritter⸗ ſchaft erlag und mit dem Untergange des ehrwürdigen Laſar, des letzten großen Serbenfürſten, das alte ſtolze Reich machtlos zuſammenbrach. Nun ward der Schatten des unüberwindlichen Skanderbeg herauf⸗ beſchworen. Schließlich ging es über auf Iwan Cſernojewitſch, dem Montenegro eigenſt angehörigen Heroen. Wie er herrlich gethront auf Zſabliak, wie er verrathen von Neid und Eiferſucht die Berg⸗ veſte vertauſchte mit den ewigen Felſenſchanzen Gottes, ſein Volk begeiſternd zu immer neuen Thatenwundern, zugleich väterlich ſor⸗ gend für deſſen geiſtiges und leibliches Wohl wie für ſeine Unab⸗ hängigkeit und Freiheit: dieſe Züge, in welche auch die prächtige Hochzeit ſeines Sohnes Georg mit der ſchönen Venetianerin ver⸗ woben war, bildeten die Grundlage zu der Verheißung ſeiner einſt maligen Rückkehr an der Spitze zahlloſer Geiſterſchaaren, um die alte Herrlichkeit des Serbenreiches wieder herſtellen zu helfen. Es war ſehr ſpät, als die Geſellſchaft ſich endlich trennte. Der Wladika hatte mit ſeinen Gäſten noch eine kleine geheime Unterredung, in der er ihnen vertraute, daß er die Wirren mit dem Großherrn zu Stambul auf diplomatiſchem Wege zu ſchlichten ge⸗ denke und ſich deshalb nächſtens nach der Kaiſerſtadt Wien an der obern Donau begeben werde, eine Reiſe, die er auch wirklich— aber erſt im nächſten Jahre— antrat. Am nächſten Tage fand eine Volksberathung ſtatt. In einem Halbkreiſe, den die Felſen auf einer Seite der Ebene von Cetinje bilden, und ungefähr eine halbe Meile ſüdlich von der Stadt liegt ein ebenes Grasland, von einigen niedrigen Pappeln beſchattet. Hier werden die jeweiligen Volksverſammlungen gehal⸗ ten, woher der Platz den Namen Mali Sbor— die kleine Ver⸗ ſammlung— erhalten hat. Soll irgend eine Angelegenheit beſpro⸗ chen werden, ſo kommt das Volk theils auf dieſer Ebene, theils auf den umliegenden Felſen zuſammen und erhält von dem Wladika Nachricht über die zu verhandelnde brennende Frage. Die Berathung dauert eine beſtimmte Zeit, nach welcher die Entſcheidung erfolgt, und ſobald die Kloſterglocke Stille gebietet, wird ſelbſt bei der leb— hafteſten Verhandlung die Ruhe augenblicklich hergeſtellt. Auch heute hatte ſich eine zahlloſe Menſchenmenge einge⸗ funden. Die Mali Sbor gewährte einen maleriſchen Anblick. Hier die Krieger, die lebhaft an die Kampfgenoſſen des Pelayo mahnten. Die Aehnlichkeit der Verhältniſſe der Montenegriner mit denjenigen der Gebirgsbewohner von Kaſtilien, welche die Mauren bekämpften, mußte auch hier mehre Züge des ſpaniſchen Karakters hervorrufen. Dieſe Aehnlichkeit offenbart ſich ſelbſt in der Tracht, in der weiten Struka, einem über die Schulter hängenden Mantel mit langen Haaren, in der Opanka, einer elaſtiſchen Sandale, welche beſonders dazu geeignet iſt, um die Berge zu erklimmen und von einem Felſen zum andern zu ſpringen. Eine Blouſe von weißer Wolle, welche den Hals und die Bruſt bloß läßt, und ſich an kurze orientaliſche Bein kleider anſchließt, als Kopfſchmuck das rothe Tuch, das an den Türken erinnert und ſtets eine kräftige, bisweilen ausnehmend ſchöne Geſichtsbildung beſchattet, dazu Flinte, Piſtole und Hand⸗ Der Montenegriner. 15 226 ſchar: dies iſt die Tracht und Bewaffnung des griechiſch ſlaviſchen Ritters, des Cſernogorazen! Dort die Weiber und Dirnen mit der buntfarbigen Struka in eben ſo kleidſamer Tracht! Dieſe beſteht aus einem Rock oder Pelz von weißem Tuche ohne Aermel und iſt vorn offen wie der Männerkittel, aber weit länger— beinahe bis an die Knöchel rei⸗ chend— und mit verſchiedenen Schnüren, buntem Tuche, Troddeln, vorn auch mit goldenem Zierrath geſchmückt. Um den Hals tragen die Frauen viele Ketten, Goldmünzen und Halsbänder; ſie prunken mit Ohrringen, und an die Haarflechten ſind bunte Anhängſel befe— ſtigt. Die rothe Mütze der Mädchen iſt vorn mit ſehr vielen kleinen türkiſchen Münzen, meiſt Paras, bedeckt, die wie Schuppen geordnet ſind. Darüber wogt ein geſtickter Schleier, der auf die Schultern herabfällt. Die rothe Mütze Verheiratbeter weiſt ſtatt der Paras einen Rand von ſchwarzer Seide und an feſtlichen Tagen wie heute eine Binde mit goldenen Verzierungen, gewöhnlich halb bedeckt durch einen bunten Schleier, den eine Nadel mit goldenem Kopfe auf dem Wirbel befeſtigt. Das Hemd iſt vorn und auf den langen weiten und offenen Aermeln mit buntfarbiger Seide in verſchiedenen Muſtern oder mit Goldfäden durchwirkt; es reicht oft bis an die Fußknöchel, zuweilen aber nur bis an den Schoß, und die Schürze erſetzt dann den unteren Theil. Dieſe Schürze iſt bunt gewirkt oder von Tuch, unten mit einem breiten Rande, während der Gürtel drei bis vier Reihen echter oder falſcher Karneole ſchimmern läßt. Kurze buntgewebte Socken werden über die groben weißen Strümpfe ge⸗ zogen; den Beſchluß manchen die Opanken mit der Sohle von unge— gerbter Ochſenhaut mit der enthaarten Seite nach Außen. „Hier um die Tribüne, wo die Senatoren ſaßen und der Wla⸗ dika Platz nahm, die Krieger mit den Federbüſchen, dieſe dreißig Perianiki oder Perianizen, dieſe neugeſchaffene adelige Leibwache, aus den angeſehenſten Familien des Landes gewählt, in ihrem prachtvollen, vermuthlich nach der Form eines uralten, vorchriſt⸗ lichen Kleidungsſtückes geſchaffenen Koſtume, mit köſtlich ausgelegten und geſchmückten Waffen! Dort auf der Tribüne der Senat, aus zwölf Mitgliedern beſtehend, in weißem mit Goldſchnüren beſetzten Rocke, goldbeſetzter Weſte, weiten aber kurzen blauen Beinkleidern, der bunten ſeidenen Schärpe mit Piſtole und Natagan, den weißen Kamaſchen und Sandalen, der ſchwarzen Kappe auf dem Haupte, den kurzen rothen Pelz mit aufgeſchlitzten Aermeln über dem Arme 1 227 hängend! Auf einem erhöhten Sitze endlich der Wladika Peter der Zweite ſelbſt mit ſeiner majeſtätiſchen Geſtalt von beinahe ſechs Fuß und acht Zoll Höhe— engliſches Maß— dabei ſchön und ebenmäßig gebaut, mit dem kleinen Bart und dem langen bis auf den Nacken herabfließenden dunklen Haare, in ſeinem biſchöflichen Ornate, dieſem langen, vorn offenen, über einem andern Gewande von gleicher Länge, wie um den Leib mit einer Schärpe gegürteten Kleide, in den blauen Beinkleidern, weißen Strümpfen und ſchwar⸗ zen Schuhen, in der ſchwarzen Halsbinde und den bocksledernen Handſchuhen von derſelben Farbe, das Haupt bedeckt von einer ſchwarzen runden aufrechtſtehenden Mütze, wie ſie die griechiſchen Prieſter gewöhnlich tragen, und von welchen hinten ein Schleier über die Schultern fällt! Wahrlich der Anblick war maleriſch, hochroman⸗ tiſch, faſt großartig. Dumpf läutete die Kloſterglocke von Cetinje! Der Wladika belehrte das Volk über die zu erörternde und zu beantwortende brennende Frage, die da lautete: ſoll Cſernagora den chriſtlichen Schilderhebern in Bosnien zu Hilfe eilen oder Wiera bis zum nächſten Georgstage mit dem Padiſchah in Stambul ſich beiderſeitig geben?! Lebhafte, hitzige Verhandlungen begannen. Mehr als ein Redner erhob ſich zu Gunſten der bosniſchen Brüder, aber auch gar manche Stimme wollte den Waffenſtillſtand abge⸗ ſchloſſen und den goldenen Frieden bewahrt wiſſen. Namentlich ſprachen ſich die älteren Männer in dieſem Sinne aus. Auch die Mehrzahl der Sowietnik's oder Senatoren ſtand auf der Seite der Wiera. Dagegen eiferte die Jugend für den Krieg, namentlich galt dies von dem jüngſt aufgenommenen Staatsbürger Stanicha, jenem jungen Kaufmann aus Livno, der kürzlich mit ſeinem dem Koran mit Mühe entriſſenen Weibe aus Bosnien nach Cſernagora ausgewandert war. Er ſchilderte die unerhörten Leiden der Rajas, und hob vorzugs weiſe die türkiſche Manier heraus, Chriſtenweiber für die Harem's zu preſſen, da er mit Recht vermuthete, daß dies in einem Lande, wo das ſchönere Geſchlecht als unverletzlich und heilig gilt, Oel in die halberloſchenen Flammen gießen würde. Auch führte er die Leiden ſeiner eigenen Liebe als Beleg für die Wahrheit ſeiner Worte an. t „Laßt Bosnien,“ fuhr er begeiſtert fort,„dieſes letzte chriſtliche Bollwerk an dem Abhange des ſchwarzen Berges in Schutt und Trümmer fallen, dann wird der Zwingherr der Chriſten, der ſeit 15* 228 Jahrhunderten bis an die Knöchel in Blut watet, unſerm Wladika aufs Neue hochmüthig und befehlend ſchreibend: Schwarzer Mönch, ſchicke mir den Haradſch— Kopfſteuer— des Gebirges mit zwölf der ſchönſten Jungfrauen von zwölf bis fünfzehn Jahren; wo nicht, ſo ſchwöre ich bei dem Barte des Profeten dein Land zur Wildniß zu verheeren, und alle jungen und alten Männer in die Knechtſchaft abzuführen!*)—— Alſo wird ſein gebieteriſcher Ferman lauten!“ Der Schluß dieſer Rede wirkte wie eine brennende Lunte in den leicht entzündbaren, offenen Pulvertonnen ähnlichen Herzen der montenegriniſchen Krieger. Drohende Worte wurden hörbar. Schlachtruf erdröhnte, entblößte Klingen funkelten in den Lüften. Die Freunde der Bosniaken träumten gewonnenes Spiel zu haben, und der türkiſche Geſandte ſah troſtlos wie ein geſchlagener Mann nach ſeinem albaneſiſchen Waffenbruder. Dieſer wechſelte einen Blick des Einverſtändniſſes mit dem Wladika, der, wie wir wiſſen, ſchon ſeiner Reiſe nach Wien wegen für die Verlängerung des Waffenſtill⸗ ſtandes Partei nahm. Der Wladika winkte. Da läutete die Kloſterglocke von Cetinje. „Du haſt deine Worte ſchlecht gewählt, Stanicha,“ begann Arslan, die augenblicklich eintretende Stille benützend,„denn es war eben ein bosniſcher Vezier, ein ehemaliger Chriſt, der jenes Schreiben an den Wladika Wafil Petrowitſch richtete. Dieſer aber antwortete, ſtark durch die Eintracht der Seinen: Wie kannſt du, Abtrünniger, der du dich mit den Pflaumen der geknechteten Lande Bosnien und der Herzegowina mäſteſt, den Haradſch von den Kin⸗ dern des freien Gebirges fordern? Der Tribut, den wir dir ſenden werden, wird ein Stück von unſeren Felſen ſein, und ſtatt der zwölf Jungfrauen, ſollſt du zwölf Sauſchwänze erhalten, womit du deinen Turban ſchmücken kannſt, auf daß du daran gedenkſt, daß in Cſerna⸗ gora die Dirnen weder für die Türken, noch für die Abtrünnigen wachſen, nnd daß wir alle lieber lahm und blind werden und ohne Gnade ſterben wollen, als eine einzige derſelben auszuliefern. Wenn du uns angreifen willſt, ſo komm immerhin heran! Ich hoffe, du wirſt deinen Kopf bei uns laſſen, auf daß er in jene Thale hinab⸗ rollt, die bereits ſeit Jahren mit Türkenſchädeln gedielt ſind!“ *) Buchſtäblich zu leſen im zweiten Bande der Grliſta oder Grlitza, einer in Cetinje gedruckten Schrift, einer Art montenegriniſchen Staats⸗ almanaches, Jahrgang 1836. 229 Ein Jubelruf geſchmeichelten Stolzes lief durch die Reihen der Montenegriner. „Und doch wagt der Türke,“ hub Stanicha an, der ſich gegen eine ſolche Wendung der Verhandlung im Vorhinein gerüſtet hatte, „noch heute zu Tage, die Jungfrauen Montenegro's mitten im ſchwarzen Gebirge mit ſchmählichen Liebkoſungen zu bedrohen, ſich an ihren ſchamlos entblößten Reizen mit geilen Blicken zu weiden, ſein Opfer qualvoll zu Tode zu martern! Sprich Zuſa! Erzähle, was dir geſchehen!“ Vier Cſernagorazen trugen eine mit ſchwarzem Tuche behangene Bahre herbei. Allgemeines Staunen und Entſetzen! Auf dieſer Bahre lag nämlich eine ſchlanke, hochgewachſene Tochter des freien Ge⸗ birges, aber ihr Antlitz glich friſch gefallenem Schnee, die Augen loderten unheimlich wie zwei Todtenfackeln und ein leiſes Zittern flog zuweilen über die ganze halbgeknickte Geſtalt. Es war Zuſa, durch Zufall die Nachbarin Stanicha's in ſeiner neuen Heimath. Die Aermſte erhob ſich mühſam und erzählte mit flüſternder Stimme die ſchauervollen Erlebniſſe des geſtrigen Tages, und wie ſie nur durch ſichtlichen Beiſtand Gottes dem ſchmerzhaften Martyrtode ent⸗ gangen ſei. „Ich war eine ſtolze Tanne des ſchwarzen Berges,“ ſtammelte ſie,„aber eine türkiſche Fauſt hat mich beinahe entwurzelt!“ Ein weithin gellender Schrei der Entrüſtung ging durch die Mali Sbor. Die ganze Verſammlung ſchien ſich wie ein einziger Mann zum Kampfe gegen die grauſame türkiſche Nachbarſchaft er⸗ heben zu wollen. Viele mahnten zum augenblicklichen Aufbruche, drohende Worte, gegen den Abgeſandten des Islam gerichtet, wur⸗ den hörbar, und ſelbſt Arslan gab für einen Augenblick die Sendung ſeines Waffenbruders für verunglückt. Da läutete die Kloſterglocke von Cetinje. „Allah's Sonne,“ ſprach Ali, der ſeine Zeit gekommen glaubte, „wirft in allen Landen ihre Strahlen auf Gerechte wie auf Sünder! Eine türkiſche Fauſt— mögen Hunde ihre Knochen haſtig nagen— hat ſich in Koth getaucht, aber das Blatt, darauf die Wiera mit dem Paſcha von Skadar verzeichnet, hat auch, wie ich eben ver⸗ nahm, als Pflaſter zweier montenegriniſcher Läufe gedient. Der erſte Schuß ſiel von dem ſchwarzen Berge. Es war ein Sturm, der aus Zſabliak herüberwehte und die ſtolze Tanne Cſernagora's zu entwurzeln drohte, aber der Schirmpfahl, an dem ſie ſich zu 230 neuem Leben und Grünen aufrankte, wurde aus türkiſchem Holze geſchnitten. Kennſt du mich, Zuſa?!“ Mit dieſen letzteren Worten trat er im Geleite Arslan's hart an die ſchwarzverhangene Bahre heran. Eine feierliche Stille folgte. Man hätte eine Eichel zu Boden fallen hören. Die Leidende richtete ſich mühſam, mit forſchendem Blicke auf, bald aber nahm ihr Antlitz den Ausdruck unſäglicher Dankbarkeit und rührender Freude an; ſie ſuchte ſich zu erheben, glitt langſam von der Bahre herab, umklam⸗ merte die Knie der Waffenbrüder, und ſtammelte mit leiſer aber tief zum Herzen drindenden Stimme: „Möge die Mutter Gottes Euch ſegnen, ihr barmherzigen Ret⸗ ter zur Stunde der höchſten Noth!“ Darauf brach ſie ohnmächtig zuſammen. Man hob ſie ſanft auf die Bahre und trug ſie dann auf den Wink des Wladika nach deſſen Behauſung. Ali erzählte nunmehr in gedrängten Worten, wie er noch zur rechten Zeit gekommen, um die Nachwehen einer Schand⸗ that zu verhüten, die, wie er ſich ſchlauer Weiſe ausdrückte, den Halbmond für immer mit Schmach beſudelt hätte. Daß er dabei vorzugsweiſe ſein Verdienſt hervorhob und die Beihilfe Arslan's ſo viel wie möglich in tiefen Schatten geſtellt ſein ließ, dies verſteht ſich bei einem morgenländiſchen Diplomaten wohl von ſelbſt; auch lag es allzuſehr in den eigenen Plänen des Albaneſen, als daß er nicht ſelbſt der türkiſchen Ruhmredigkeit die Stange gehalten hätte. Beifälliges Gemurmel ward allſeitig vernehmbar, als der Türke ſchloß, und das hohe den Cſernagorazen wie bekannt angeborne Rechtlichkeitsgefühl ließ manche Wange beinahe über den Umſtand erröthen, daß es Landsleute geweſen, welche den Waffenſtillſtand zuerſt gebrochen. Ferner waren mit dem jungen Beg acht Muhame⸗ daner gegen vier Montenegriner geblieben, ſohin bedünkte ſie auch die blutige Rechnung, die in Wahrheit wie zwei gegen eins ſtand, vollkommen ausgeglichen. Die Friedenspartei erhob aufs Neue ſieg⸗ haft ihre Simme, und Stanicha hielt es daher für unerläßlich, ſeine letzte gewaltigſte Mine ſpringen zu laſſen. „Es iſt nicht Bosnien allein,“ begann er,„für das ſich meine chriſtlichen Brüder in jenem unglücklichen Lande erheben. Die Sage geht, daß ein Urenkel des großen Kaiſers Stefan Duſchan oder Ne⸗ magna im Verborgenen durch die Berge und Thale zieht, und jung wie alt, arm wie reich in die Waffen ruft, zum Kampfe begeiſtert. Es gilt alſo die Wiederherſtellung des alten ſerbiſchen Reiches!“ 231 Seine Rede fiel wie eine Bombe in die Grasebene bei Cetinſe, aber es war bereits eine gewaltige Hand ausgeſtreckt, um ihr ge fährliches Zündrohr abzureißen. Dieſe Hand erhob der Wladika Peter der Zweite. Eine Wiederherrſtellung des ſerbiſchen Reiches in den alten Grenzen, wie ſie im vierzehnten Jahrhunderte beſtan⸗ den, auch Montenegro als Beſtandtheil des ſogenannten romani ſchen Kaiſerthumes umfaſſend, konnte unmöglich in ſeinen Plänen liegen, da ſie ja offenbar ſeine Macht als Selbſtherrſcher enden und den unabhängigen ſchwarzen Mönch des freien Gebirges in die Reihe gewöhnlicher Kirchenfürſten verbannen mußte. Er hatte zudem den bosniſchen Aufſtand nur nach dem alten Wahlſpruch„theile und herrſche“—„divide et impera“— anfachen helfen laſſen, aber ſein Miſſionär Vuk war, wie er jetzt mit Beſorgniß gewahrte, viel weiter gegangen, als es ihm vortheilhaft, alſo wünſchenswerth be dünkte. Der Wladika erhob ſich aus dieſen Gründen nach Stanicha's Worten in ſeiner ganzen majeſtätiſchen Größe, und begann mit ge waltiger Stimme, wie folgt: „Am Fuße der zerſtörten Veſte Obod liegt zwiſchen Felſen verborgen eine geheimnißvolle Höhle. Dort ſchläft der heldenmü thige Ivo, der Vater der Csernagorazen am Buſen der Vilas, dieſer chriſtlichen Nymphen und weiblichen Schutzgeiſter des ſerbi ſchen Volkes, welche den großen Todten hüthen und ihn eines Ta⸗ ges auferwecken werden, wann Gott beſchloſſen haben wird, ſeinen geliebten Montenegrinern Cattaro und das blaue Meer zurück⸗ zugeben. Dann wird der unſterbliche Held vom Neuen an der Spitze ſeines Volkes einherſchreiten, dann wird eine dichte Wolke ſchwarzer Krieger von den Bergen auf das ſchlafende feindliche Lager ſtürzen und den Regen des Todes zu einer andern Zarew Laz, zu einer zweiten Niederlage des Sultans entladen! Bis dahin Ruhe und Eintracht im eigenen Lande, Friede mit den Nachbarn, auf daß einſt der Streiter der Allmacht, der ſchwarze Jvo die Reihen unſerer Krieger nicht durch fruchtloſen Kampf gelichtet findet, nein, daß er ſein tapferes Volk zahlreich wie der Sand am Meere und die Sterne am Himmel zur letzten hochrothen Schlacht zu führen ver⸗ mag, die das altſerbiſche Reich herſtellen wird in ſeiner früheren Herrlichkeit! Ich ſtimme für die Wiera!“ Ein donnernder Beifallsſturm folgte dieſer ergreifenden Rede. Von Abſtimmung war fürder keine Rede, denn von allen Sei⸗ ten erdröhnte es ja donnerähnlich: —— ——— „Wiera mit dem Padiſchah zu Stambul, Wiera!“ Dumpf läutete die Kloſterglocke von Cetinje. Der Fürſtbiſchof frug, als Stille und Ruhe eingetreten war, ſein Volk noch einmal, wie die Entſcheidung laute, und ob man ſeinem Antrag beiſtimme oder nicht? Die Antwort erfolgte wie ge⸗ wöhnlich mit den üblichen weithinſchallenden Worten: „Budi po tu ojemu, Vladika!“—„Es ſei, wie Du es wünſcheſt, Wladika!“— „Dann im Namen des csernagoraziſchen Senates und Vol⸗ kes,“ ſprach der ſchwarze Kaluger,„Wiera bis zu dem Sankt Georgstag kommenden Jahres mit dem Großherrn in Konſtan⸗ tinopel!“ 4 Arslan und Ali jauchzten freudig auf, Stanicha verhüllte trauernd ſein Haupt. Wir aber rufen mitleidsvoll und ſchmerzlich: Geopferter Vuk, armer Märtyrer zu Scherawitza⸗Grad! 2 Dreizehntes Capitel. Das Blatt hat ſich gewendet Es iſt hohe Zeit, daß wir uns nach dem eigentlichen Schauplatz unſeres Romanes zurückverfügen und nähere Nachricht über die letzten Stunden oder das weitere Schickſal des verwegenen Vuk einzuholen ſuchen. Wir haben ihn in dem Augenblicke aus den Augen gelaſſen, als er durch die Liebkoſungen des kleinen Zigan aus ſeiner kurzen Betäubung erwachte und ſich aufs Neue zu dem verzweifelten Kampfe gegen den Tod des Erſtickens rüſtete, der in dem furchtbaren Scherawitza⸗Grad ſo viele unſchuldige Opfer hin— wegraffte. Wir haben ferner gleichzeitig bei dieſer Gelegenheit er⸗ wähnt, daß man nie deutlich erfuhr, was von dieſem düſtern Mo⸗ mente bis zum Anbruch des Tages in dieſer herzegowiniſchen ſchwarzen Höhle eigentlich vorfiel. Die wenigen Ueberlebenden wußten nämlich ſpäter nichts weiter zu erzählen, als daß ſie halb— betäubt ihrer allmäligen Auflöſung entgegenharrten. Die wenigen Ueberlebenden? Gab es welche? Allerdings! Die Sache kam ſo: Bald nach Anbruch des Tages weckten nämlich ein paar haſtig rückkehrende Vedetten den ruhig ſchlummernden und von dem un⸗ ſäglichen Leid ſo vieler Schlachtopfer gänzlich unberührten Wegela⸗ gerer und Renegaten Muſtapha mit der unliebſamen Meldung aus ſeinen angenehmen Morgenträumen, es zeige ſich ein verdächtiges Regen und Treiben in den benachbarten Wäldern, man habe Waf⸗ fen blitzen ſehen, kurz, es unterliege faſt nicht mehr dem geringſten Zweifel, daß irgend ein böſer chriſtlicher Geiſt einen Schwarm wohlbewehrter bosniſcher Haiduken zur Befreiung der Gefangenen — 234 herbeigerufen habe. Muſtapha ſchüttelte zwar ungläubig den Kopf, gab aber aus Angſt, der gehaßte Vuk könne ſeinem gerechten Zorne denn doch noch entriſſen werden, ſchleunig den Befehl, in der Höhle nachzufragen, ob ſich der montenegriniſche Rieſe noch am Leben befinde. Sein eiliger Auftrag wurde eben ſo haſtig in Vollzug geſetzt. Die Antwort lautete, man wiſſe es nicht mit Beſtimmtheit an⸗ zugeben, wahrſcheinlich liege er aber bereits unter den Todten; eine Nachfrage und Rundſchau ſei jedoch einzig nur dann möglich, wenn die Thür ſo bald wie möglich geöffnet würde. Muſtapha be⸗ gab ſich, plötzlich von einer unheimlichen Ahnung befallen, perſön⸗ lich zu dem Scherawitza⸗Grad, um, natürlich mit aller Vorſicht, die nöthigen Maßregeln zu dieſer gewünſchten Nachforſchung anzuord⸗ nen. Die Thür mußte von inwendig geöffnet werden. Die noch le⸗ benden Gefangenen waren aber ſämmtlich ſo kraftlos, daß mehr als zwanzig Minuten vergingen, ehe ſie die todten Körper zu beſei⸗ tigen und den Zugang zu ſäubern vermochten. Ein Viertel nach fünf Uhr Morgens kamen endlich die elenden Ueberreſte von andert⸗ halbhundert geſtern noch ſo kraftvollen und lebensfrohen Menſchen⸗ kindern, etwa noch fünfzig Köpfe an der Zahl, in einem kaum zu beſchreibenden jammervollen Zuſtande an das roſige Licht des Ta⸗ ges. Die meiſten der Opfer ſanken wie ohnmächtig zuſammen, als ſie die friſche, freie Gottesluft in vollen durſtigen Zügen tranken. Vut befand ſich nicht unter ihnen. Der Montenegriner war verſchwunden. Der Wegelagerer ließ nunmehr die Leichen Stück für Stück aus der Höhle herausſchleppen und dann ſorgfältig muſtern und zählen. Die Rechnung ſtimmte bis auf den vermißten rieſigen Mann, ſchon von Weitem durch ſeine gigantiſchen Formen kennbar. Auf keinem Schlachtfeld der Welt wurde noch nach ſchwer erfochtenem Siege eine Liſte des erlittenen Verluſtes genauer und ängſtlicher abgefaßt, als in jener Morgenſtunde in der, wie die Sage geht, von Marko Krajlewitſch geſpaltenen Felſenſchlucht. Fruchtloſe Mühe! Vuk war und blieb verſchollen. Muſtapha ſchäumte beinahe vor Wuth, als er ſich mit eigenen Augen von dieſer räthſelhaften Flucht überzeugte; auch hatte der lederbraune Mann hohes Recht, vor Aerger aus ſeiner häßlichen Haut fahren zu wollen; denn koſtbare Zeit war über dieſer Leichen⸗ ſchau verfloſſen, und die Vergeltung ſtand bereits mit hochgeſchwun⸗ gener Waffe am Eingange des Felſenpaſſes. Gewehre blitzten, ein 235 paar Schüſſe fielen, der alte Schlachtruf der Bosniaken ertönte und die Vorpoſten der muhamedaniſchen Räuber wurden trotz ihres äußerſt hartnäckigen Widerſtandes in die Schlucht zurückgeworfen. Wüthrich Muſtapha überlegte noch, ob es nicht gerathener ſei, da denn Vuk einmal entkommen und der Hauptzweck des ſchlau ange⸗ legten Hinterhaltes ſohin vereitelt worden, ſich auf die bereitſtehen⸗ den Pferde zu werfen und den gefährlichen Paß mit verhängten Zügeln zu räumen. Bevor er jedoch den Befehl zu dieſem in der That rathſamen Rückzug zu ertheilen vermochte, lief eine noch weit ſchlimmere, zudem gleichfalls gänzlich unerwartete Meldung einer Gefahr ein, welche alle und jede Hoffnung auf das Gelingen dieſer ſchleunigen Retirade mit einem Male verſchwinden machte. Die bosniſchen Haiduken hatten nämlich den Gebirgspaß umgangen und ſtanden den grauſamen Wegelagerern bereits im Rücken. Beide Ausgänge der Schlucht waren durch eine namhafte Uebermacht ge⸗ ſperrt worden, zu beiden Seiten aber ſtarrten ſteile, unerſteigliche Klippen. Die Lage der Räuber war verzweifelt, keine Rettung ſchien mehr möglich. Ihr kampfergrauter Häuptling erwies ſich jedoch in dieſem höchſt kritiſchen und gefahrvollen Augenblicke als ein gewandter Haudegen. Er beſchloß nach beiden Seiten hin Front zu machen, ſich im äußerſten Nothfall in den Scherawitza⸗Grad zu werfen und dort ſo lange Stand zu halten, bis er von dem nächſten an der bos⸗ niſchen Grenze gelegenen Dorfe, wo ihn Muſchir Juſſuw erwartete, Verſtärkung erhalten würde. Er wußte, daß der Paſcha dort auf die Nachricht von dem Tode ſeines Feindes harre und bei der blu⸗ tigen auf dem Boden der Herzegowina ſpielenden Geſchichte dem Vezier in Moſtar gegenüber viel zu ſehr compromittirt ſei, um nicht alles zum Entſatze ſeines Raubgefährten und Mordgenoſſen aufzu— biethen. Demgemäß traf Renegat Muſtapha die nöthigen Anſtalten, befahl die Pferde ihrem Schickſale zu überlaſſen, und bildete dann rechts und links vor der fürchterlichen Höhle einen doppelten Harſt zum Empfange des Feindes. Er ſelbſt verblieb commandirend im Centrum. Dank der Höhe und faſt ſenkrechten Lage der Klippen, welche die Schlucht umſtarrten, hatten die Räuber einen vernich⸗ tenden Flankenangriff, ſo zu ſagen, nur aus den Lüften zu be⸗ fürchten. Die Haiduken brachen wuthſchnaubend vor. ——— ꝗ⁴cſc— 236 Die eine dieſer gefürchteten Schaaren befehligte der ſtämmige Dane, die andere Abtheilung leitete ein zweiter Vertrauter des ver⸗ ſchollenen Montenegriners. Es waren faſt durchwegs ſogenannte Voskos, dieſe grimmigen griechiſch-ſlaviſchen Rinderhirten. Bei einem ſolchen Gegner hatten die Räuber noch weniger auf Gnade zu rechnen und rüſteten ſich daher zur hartnäckigſten Gegenwehr. Was aber führte jene wilden Gebirgswanderer und zwar im ent⸗ ſcheidenden Momente zur Rettung wie zur Rache herbei? Nur Ge⸗ duld! Wir werden ſchon hören. Alles zu ſeiner Zeit! Der Anprall geſchah mit ungemeiner Heftigkeit. Muſtapha, der ſeine Leute nach europäiſcher Kriegsweiſe geſchult und daher zum Theile mit Ba⸗ vonneten verſehen hatte, ließ die Haiduken bis auf wenige Schritte herannahen. ² Dann commandirte er mit gewaltiger Stimme: „Erſtes Glied fällt das Bayonnet! Drittes Glied die Ge⸗ wehre zum Wechſel in Bereitſchaft! Zweites Glied: Fertig! An! Feuer!“ Ein Hagel von Kugeln lichtete auf beiden Seiten die Reihen des blind anſtürmenden kampfluſtigen Feindes. Wohl drangen demungeachtet wenige Wagehälſe bis hart an den lebendigen eiſer⸗ nen Wall heran, aber die langen ſcharfen und ſpitzigen Bajonette des erſten Gliedes hemmten jeden weitern Schritt vorwärts. Was nicht im Kugelregen gefallen war, verblutete an Bayonnetſtichen und Kolbenſchlägen. Ein dämoniſches Lächeln ſpielte um die höh⸗ niſch verzogenen Lippen des kriegskundigen lederbraunen Mannes. Sieben Mal erneuerten die Haiduken ihren ungeſtümen Angriff, wie toll in die Felſenſchlucht prallend, ſieben Mal wurden ſie trotz ihrer zähen Tapferkeit durch das mörderiſche Kleingewehrfeuer ihrer kaltblütigen Gegner zurückgeworfen. Einige Voskos, von Jugend auf an das Erklimmen der ſteilſten Bergrücken gewöhnt, ſuchten nun die nächſten Felſenwände am Scherawitza⸗Grad zu erklettern, aber nicht einmal eine Gemſe wäre an dieſen faſt ſenkrecht abge⸗ ſchnittenen Klüften emporgekommen. Die Wegelagerer ſchienen vorderhand das Feld behaupten zu wollen. Im Buche des Schickſales war jedoch bereits in der nächſten halben Stunde die Kunde von ihrer gänzlichen Niederlage in rothen Lettern zu leſen. Die bosniſchen Haiduken brachen eben zum achten Male im Geſchwindſchritt vor, Muſtapha wollte gleichzeitig ſeine 4 8 237 Stimme zu ſeinem frühern Kommando erheben, da krachte es in das Centrum, da fielen fünf bis ſechs tödtlich genaue Schüſſe aus dem Schlunde des Scherawitza⸗Grad und gleich darauf ſtürmte der grimmige Vuk mit hochgeſchwungenem Streitkolben im Geleite von wenigen aber rieſigen Getreuen unter die entſetzten Buſchklepper. Beide Harſte wurden im nächſten Augenblicke durchbrochen. Ein grauenhaftes Handgemenge begann. Muſtapha hatte ſich an eine Klippe zurückgezogen, ein Piſtolenſchuß ſtreckte ſeinen gefährlichſten Gegner zu Boden, und eben wollte er ſich durch einen tüchtigen Sä⸗ belhieb eines zweiten Haiduken entledigen, da fiel eine mächtige Fangſchnur über ſeinen Nacken und Dane's kraftvolle Fauſt riß den Bluthund, der vergeblich nach Athem ſchnappte, als eine hilf⸗ loſe, halb lebloſe Fleiſchmaſſe zur Erde. Der Kampf währte nur mehr wenige Minuten, dann war alles vorüber. Alles? Ja wohl, von den grauſamen Wegelagerern, obgleich viele derſelben zitternd die Waffen weggeworfen hatten und demüthig um Schonung baten, war den halberſtickten Muſtapha ausgenommen, auch nicht Einer mehr am Leben. Die mit Recht ergrimmten Hai⸗ duken hatten vollwichtige Rache genommen. Die Felſenſchlucht ſtarrte wie die dumpfe Höhle von Blut und Leichen. Und Vuk? Wie war er entkommen? Seine Rettung, ſo wundervoll ſie die Leſer bedünken mag, konnte nicht einfacher und natürlicher bewerkſtelligt werden, obgleich ſie allerdings mit einigen bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft war. Man höre den Vorgang! Wir haben den Montenegriner ver⸗ laſſen, als ihn die ſchmeichelnden Liebkoſungen ſeines zottigen klei— nen Freundes Zigan, der, wie wir wiſſen, ein langes Stück einer abgebiſſenen Schnur an ſeinem Halſe nach ſich ſchleppte, aus ſeiner momentanen Erſtarrung erweckten. Wie kam der Hund hieher? Durch die verſchloſſene Thür konnte der kluge Vierfüßler unmöglich in die Höhle gedrungen ſein. Es mußte alſo noch einen andern Zu⸗ gang geben. Vuk erinnerte ſich an eine alte Angabe, wie einmal ein Gänſerich, der von einem die Schlucht paſſirenden Wagen ent⸗ ſprungen, in dieſe Höhle gerieth, nicht mehr zu finden war und ver⸗ ſchollen blieb, bis man ſpäter erfuhr, er ſei nach einiger Zeit auf der andern Seite des Gebirgspaſſes von Federn entblößt, faſt ganz nackt unvermuthet zum Vorſchein gekommen. Dieſe Sage von dem kühnen Pfadfinder warf freilich wenig —yy 238 Troſt in Vuk's bekümmerte Seele, denn auf einem Wege, auf dem ſelbſt ein Gänſerich ſeine weißen Federn läßt, iſt nur wenig Heil für einen Menſchen zu hoffen, zumal von der rieſigen Statur des Montenegriners. Demungeachtet mußte der Verſuch gewagt wer⸗ den. Vuk hütete ſich jedoch weislich, ſeine Leidensgefährten von ſei⸗ nem Vorhaben in Kenntniß zu ſetzen, und ſchritt daher ſchleunig aber ſo geräuſchlos als möglich, zu dem verzweifelten Werke der Rettung. Er rief den zottigen Zigan leiſe und behuthſam an, wie es ein Waidmann mit ſeinem Spürhund zu halten pflegt, und folgte dann, die abgebiſſene Schnur erfaſſend, vertrauungsvoll ſeinem vierfüßigen Wegweiſer. Das kluge Thier ſchien ſeine Abſicht zu errathen. Es eilte freudig wedelnd, doch ohne einen Laut von ſich zu geben, noch tiefer in den Hintergrund der Höhle. Vuk traf daſelbſt eine Oeffnung in den Felſenwänden des Scherawitza⸗Grad leider kaum groß genug, um ſeinen Kopf durchzulaſſen. Zigan kroch in dieſe Oeffnung. Der Montenegriner zögerte. Seine breiten Schul⸗ tern erfüllten ihn mit gerechten Beſorgniſſen. Wie, wenn er ſtecken bliebe, hilflos in dem Geklüfte erſticken müßte? Was hatte er aber in der Höhle zu gewarten? Dasſelbe entſetzliche Loos! Friſch ge⸗ wagt iſt halb gewonnen! Und ſeht, es ging, zwar ſchwer und lang⸗ ſam, aber denn doch! Bald fand Vuk ſo viel Raum, um ſich freilich tief gebückt, aufrichten zu können. Was ihn noͤch mehr erquickte, war ein friſcher, faſt eiſiger Luftzug, der von oben herabzuſtreichen ſchien und ſeine langgequälte, erſchöpfte Lunge ein himmliſches Labſal bedünkte. Nun kam ein ſchweres Stück Arbeit. Der Pfad ging keineswegs in die Tiefe, wie der Montenegri⸗ ner vermuthet hatte, nein, Vuk mußte faſt eine Viertelſtunde in die Höhe kriechen— ſteigen konnte man dieß unmöglich nennen— ehe er in eine Art Felſenhalle gelangte, in der er ſich vollkommen auf⸗ recht zu bewegen vermochte, deren etwas dumpfe, eckle Luft jedoch zur haſtigen Fortſetzung der beſchwerlichen Wanderung dringend ermahnte. Die Halle war ſchief und ihr Boden mit Wurzeln be⸗ deckt. Zur Rechten befand ſich eine kleine Höhle, welche aber nicht tief in die Felſen ging, und deßhalb von Vuk um ſo eiliger verlaſ⸗ ſen wurde, als Zigan ſich ängſtlich bellend zur Linken wandte. Der unterirdiſche Weg wurde nunmehr lebensgefährlich. Von einem abſchüſſigen Abhange ging es ungefähr zwei 239 Schritte breit in eine entſetzliche Tiefe, um ſo grauenhafter, als der Montenegriner bei dem mitternächtigen Dunkel, das ihn umgab, weder die Gefahren noch das Ziel ſeines tollkühnen Wanderganges zu erſpähen vermochte. Vuk verlor jedoch keinen Augenblick, weder ſeine angeborne Entſchloſſenheit noch ſeine kaltblütige Beſonnen⸗ heit. Das ängſtliche Gebell des treuen Hundes war ihm mit Recht als Warnung erſchienen, daß hier ein einziger Fehltritt und die raſche, unvermeidliche, eiſige Umarmung des Todes gleichbedeutend ſeien. Der Montenegriner hätte in dieſer verzweifelten Lage eine Tonne Goldes, falls er ſie beſeſſen, für ein paar Spannen Strick mit tauſend Freuden losgeſchlagen. Weßhalb? Einfältige Frage eines Städters! Bis auf das Hemd entkleidet, blieb Buk nichts übrig, als die Linnen desſelben zu zerreißen und mit Hülfe der einzelnen Stücke die abgebiſſene Schnur am Halſe des kleinen Zi— gan ſo weit zu verlängern, daß er das freie Ende noch mit den eigenen gewaltigen Zähnen zu erfaſſen und feſtzuhalten vermochte, ohne dieſe gebrechliche Leine zu ſtraff anzuziehen, obgleich er ſich ſeiner ganzen rieſigen Länge nach auf den Rücken geworfen hatte, und nun mit den Füßen voran, um den Schwerpunkt ſo weit als möglich nach rückwärts zu bringen, ſeine ſtarken Hände als Hebel und Schutzpfeiler benützend, die entſetzliche Rutſchbahn zu beſchlei⸗ fen begann. Eine Thalfahrt, welche eiſerne Nerven und die Ge⸗ wandtheit eines Bergmannes erheiſchte! Der feuchte, ſchlüpfrige Pfad wand ſich wie geſagt, kaum zwei Schritte breit in nur zu gähen, meiſt auch rein lebensgefährlichen Krümmungen in die nachtverhüllte Tiefe. Seine Länge mochte an dreißig Klafter betragen. Etwa auf der Mitte dieſes wahrhaft haarſträubenden Weges riß plötzlich die gebrechliche Leine bei einer unvermutheten Wendung des Pfades in drei Stücke. Vuk gab ſich für verloren. Wohl kehrte der kluge Hund, als er keinen Widerſtand mehr fand, augenblicklich zurück, ja er kroch bis an die Bruſt ſeines geliebten Herrn heran, deſſen Angſtſchweiß liebkoſend von der kal— ten Stirn leckend, aber das Mittelſtück der zerriſſenen Leine war verloren gegangen, ſchien unwiederbringlich in die Tiefe gefallen zu ſein. Eine qualvolle Minute verging. Endlich faßte ſich der ta— pfere Montenegriner und ermahnte das zottige Thier durch einen leiſen Pfiff zu eifrigem Suchen. Zigan kroch hinweg— abermals ein paar grauenhafte Sekunden— jede von der Dauer einer Ewig⸗ keit— da ſchnobert es aufs Neue heran— Gott hat den Verzwei⸗ 240 felnden nicht verlaſſen— der Hund fand und bringt das Mittel⸗ ſtück herbei— die Leine wird mit unſäglicher Mühe und Vorſicht feſtgeknüpft— abermals beginnt die martyrhafte Grubenfahrt! Und ſie ward von dem glänzendſten Erfolge begleitet! Vuk gelangte endlich an eine ſchmale Felſenſpalte, die links von dem entſetzlichen Abgrund in die ſchirmenden Wände von Kalk⸗ ſpath führte. Wie tief dieſer Abgrund noch ſein mochte, verrieth das etwa erſt nach Minutendauer erfolgende Aufſchlagen eines Steines, der ſich unter der gewaltigen Laſt des Montenegriners losgeriſſen hatte und donnernd in das ſcheinbar Unermeßliche ſauſte. Die Felſenſpalte war zwar ſehr ſchmal, ſo daß ſich Vuk nur nach der Seite durchzuzwängen vermochte, aber ſie lief dann eben fort, auch drang ein Schimmer roſiges Licht und friſche Gottesluft in die unterirdiſchen Räume, die noch ſchwerlich je der Fuß eines Menſchen betreten haben mochte, es wäre denn, daß der Haiduk Scherawitza weiland von dieſem geheimen Ausgang aus ſeinem uneinnehmbaren Grad gewußt hätte. Der Montenegriner betrat nun eine zweite, wahrhaft gigan⸗ tiſche, ſchwach von oben erleuchtete Felſenhalle. Der Anblick dieſes von der Hand der Natur gebildeten Saales ſetzte Vuk, als er ihn ſpäter, wie wir hören werden, bei Fackelſchein betrat und daher genauer beſichtigen konnte, in gerechtes Erſtaunen. Man glaubte hier, beſonders auf der linken Seite, einen künſtlichen Vorhang zu erblicken, der eine unermeßliche Höhe hatte, mit De⸗ manten beſäet ſchien und die ſchönſten Falten warf. Verſteinerte Waſſerfälle, einige weiß wie Email, andere gelb, drohten in gebro⸗ chenen Wellen auf den Zuſchauer herabzuſtürzen. Man erbebte im erſten Augenblicke vor dem wildromantiſchen Schauſtücke. Verſchie⸗ dene Säulen, einige wie Obelisken geſtaltet, das Gewölbe mit Feſtons und Kränzen behangen, dieſe durchſichtig wie Glas, jene weiß wie Alabaſter oder Kryſtall— und doch war es meiſt nur Kalkſpatb, freilich von der ſchönſten Art— mit einem Worte die ſcheinbar auserleſenſte, ſeltenſte Sammlung von Edelgeſtein, alles dies wirkte zuſammen, um an die Erzählungen von den Paläſten der Vila's oder Schutzgeiſter der Cſernagorazen zu erinnern. Ein Todtenkopf war das einzige, was den herrlichen Anblick ſtörte.. Wie kam er hieher? Es läßt ſich wohl nichts Anderes anneh⸗ men, als daß ihn die Wäſſer hieher geführt haben müſſen, welche 241 die ſteilſten Klippen wie die geheimſten Klüfte alljährlich im Winter zu überſtrömen pflegen. Auch zeigte ſich hinter drei kleinen Pfeilern von der gewöhnlichen Form der Stalaktiten ein rieſiger Waſſerbe⸗ hälter. Seine Fluth ſchmeckte zwar etwas ſalzig, demungeachtet aber ſtärkte ſie die erſchöpften Kräfte des Montenegriners, als er ſeine wie abgebrochenen Glieder gleich bei dem erſten Beſuche der Halle Dank der erwähnten ſchwachen, zu dieſem Behufe aber ausreichenden Beleuchtung von oben mit großer Vorſicht in den kühlen Wogen badete. Der weitere Wandergang konnte nunmehr mit neuer Aus⸗ vauer angetreten werden. Vuk ſäumte auch nur wenige Augenblicke. Wohl ging es noch an ſo manchem tiefen, zackig ſtarrenden Abgrund hinweg, wo der mindeſte Fehltritt das Leben gekoſtet haben würde, aber der Pfad lief faſt immer aufwärts, und bot daher weit weniger Gefahr als eine ſchlüpfrige Rutſchbahn, die ſich thalwärts durch die Klüfte windet. Wohl hemmte zuweilen ein vorſpringender Felsblock das Kriechen auf den Knien, und man mußte an ſeiner ſcharf abgeſchnittenen Kante auf einer abhängigen Fläche, mit den Füßen zeitweiſe in der Luft ſchwebend, mehr hinüber gleiten als ſchreiten, aber die ſchlimmſte Stelle, jene haarſträubende Strecke war ja doch glücklich zurückgelegt, und endlich zeigte ſich den Blicken des Montenegriners eine halbrunde Oeffnung gleich jener im Sche⸗ rawitza⸗Grad, durch welche das roſige Licht des Tages dem tollküh⸗ nen Wanderer freundlich entgegenlächelte, das Ziel ſeiner Leiden, Mühſale und Prüfungen verkündend. Schreckliche Täuſchung! Dieſe Oeffnung, welche in jene ſchon früher erwähnte und dem Scherawitza⸗Grad gegenüberliegende Höhle führte war leider ſo ſchmal, daß der rieſige Haidukenhäuptling nicht einmal ſeinen Kopf durchzuzwängen vermochte. Qualvolle Entdeckung! Wie wenn er hart an dem Ausgange ſeines felſigen Kerkers hilflos verſchmachten müßte? Wenn er mühſam dem Tode des Erſtickens entronnen eine Beute des gierigen Hungers oder ſeines noch ſchrecklicheren Gefähr⸗ ten, des unbarmherzigen Durſtes werden ſollte? Doch den Muth nicht verloren! Erſtlich konnte er Seele und Leib durch einen fried⸗ lichen Schlummer kräftigen und ſtählen, und dann blieb ihm im ſchlimmſten Falle noch immer der Rückweg auf dem eben verlaſſenen Pfade übrig. Er bot freilich ſeine Gefahren, dieſer Weg, aber ſie wogen weit geringer denn zuvor. Der Wanderer wider Willen war ſtärker geworden, auch war jene hochnothpeinliche Stelle hart an Der Montenegriner.— 16 242 dem unermeßlichen Abgrunde bei der nunmehr berganführenden Rückfehr weit müheloſer zurückzulegen. Endlich ſtand hundert gegen eins zu wetten, daß er den Scherawitza⸗Grad verlaſſen, unbelagert, unbewacht finden würde. Die Wegelagerer konnten ja ſchon ihrer eigenen Sicherheit wegen den Gebirgspaß nicht zum ſtetigen Tum⸗ melplatze ihres lichtſcheuen Gewerbes erwählen; ſie mußten ſobald wie möglich ihre ſicheren Schlupfwinkel drüben in den bosniſchen Bergen zu gewinnen ſuchen. So lautete Vuk's troſtreicher Gedankengang. Die Stunde ſeiner Rettung ſtand aber weit näher, als er zu glauben wagte. Zigan, der durch die ſchmale Oeffnung gekrochen war, luſtig umherſchnoberte, zeitweiſe jedoch zu ſeinem Herrn zurück⸗ kehrte, wie fragend, warum er denn keine Miene mache, ihm vollends ins Freie zu folgen, Zigan, das kluge zottige Thier ſchlug plötzlich wachſam an, ſprang vor und horchte; ſein Bellen ging bald in jenes freudig wüthige Winſeln über, mit welchem treue Hunde die Nähe lieber, gern geſehener Bekannten zu verkündigen pflegen. Auch ſchlug gleich darauf eine befreundete Stimme an das Ohr des laut auf⸗ jauchzenden Montenegriners. Es war Dane, welcher den Hund erkennend mit einem Ausruf der Freude wie der Verwunderung in die Schweſterhöhle des berüch⸗ tigten Scherawitza⸗Grad ſtürzte. Wenige Worte genügten, um den treuen Schildträger, welchen eine namhafte Streitmacht wohlbe⸗ waffneter Voskos oder Gebirgshirten begleitete, in Kenntniß der verworrenen Sachlage zu ſetzen. Die Voskos machten ſich nunmehr haſtig an das nöthige Werk, um ihren geliebten Häuptling aus ſei⸗ nem halbnächtigen Verließ zu befreien. Keule und Hammer arbei⸗ teten unter einem fröhlichen ſlaviſchen Rundgeſang luſtig darauf los, und in wenigen Minuten war die Oeffnung nunmehr geräumig genug, um dem gewaltigen Montenegriner einen bequemen Durch⸗ gang zu geſtatten. Die Erklärung dieſes unerwarteten Zuſammentreffens iſt leicht zu geben. Dane, dem es, wie wir geſehen haben, ſchon früher ſchwante, der Ausflug nach dem Moſtarer Pferdemarkte könne ſchlimm ab⸗ laufen, ſetzte zwar nach der Weiſung des Kapitan über den Narenta⸗ fluß, beſchloß aber an dem Landungsplatze der Furth anzuhalten und die Ankunft Vuk's abzuwarten. Dieſer wollte aber nicht erſchei⸗ nen. Dane's Beſorgniß wuchs mit jeder Minute, und er war bereits 49 243 gegen die erſte Morgenſtunde entſchloſſen, die Karawane Pferde der Obhuth weniger Roßknechte zu überlaſſen, mit der Mehrzahl der⸗ ſelben aber dem vermißten, zweifelsohne verunglückten Häuptling zu Hilfe zu eilen. Zum Glücke ſtieß er gegen Tagesanbruch mit einem Streifkorps von Voskos zuſammen, wie ſie der umſichtige und kriegskundige Montenegriner bereits Ende des Hochſommers zur Uebung für die bevorſtehenden ernſteren Tage auszuſenden beliebte. Leider zwang ein numeriſch überlegener türkiſcher Heerhaufen, den der Weſſir der Herzegowina eine Art Uebungsmarſch um die Haupt⸗ ſtadt ſeines Paſchaliks antreten laſſen, die Freiſchärler der bosni⸗ ſchen Gebirge faſt den ganzen Tag in einem ihrer waldigen Schlupf⸗ winkel zu verweilen. So kam es, daß ſie erſt am nächſten Morgen ihren Streifzug fortſetzin konnten. Vuk entwarf augenblicklich den ſpäter auch vollkommen gelin⸗ genden Plan, die unmenſchlichen Freibeuter zu überrumpeln und in ihrer eigenen Falle zu fangen. Da er nicht mit Unrecht vermuthete, Muſtapha werde ſich in der äußerſten Noth in die Schauerhöhle werfen; ſo beſchloß er dem Bluthund auch in dem Beſitze dieſes natürlichen Bollwerkes zuvorzukommen, ſtärkte ſich deshalb an den Vorräthen in den Waidtaſchen und Holzflaſchen ſeiner Genoſſen und brach dann mit einigen der geübteſten und verwegenſten Bergſchützen nach dem unterirdiſchen Pfade auf, der natürlich bei Fackelſchein nicht den zehnten Theil der Gefahr bot, der ſich Vuk einzeln, ver⸗ laſſen, waffenlos und erſchöpft ohne Leitſtern und Lichtſchimmer ſo eichenherzig ausgeſetzt hatte. Der glänzende Erfolg iſt unſern Leſern bekannt. Das Blatt hatte ſich vollkommen gewendet, und Muſtapha der Renegat ſah ſich gerade jenem Manne auf Gnade und Ungnade ge⸗ liefert, welchen er noch vor wenigen Glockenſtunden die grauſamſte aller Todesarten erdulden laſſen wollte. Das Schickſal des blut— dürſtigen Unmenſchen ſchien ſich noch fürchterlicher zu geſtalten. Wohl hätte ſich Vuk in ſeiner rauhen aber hochherzigen Natur mit einem niederen Strafmaße begnügt. Ein Strick um den Hals und der nächſte Baum als Galgen bedünkte ihn hinreichende Vergeltung; anders aber dachten die Rinderhirten, deren Blutrache bis in das letzte Glied geht; ihnen galt ſelbſt die Todesweiſe, die ſie dem Wegelagerer zudachten, faſt zu mild, zu gering für das Verbrechen des häßlichen Sünders. Er ſollte an einen Spieß gebunden und lebendig gebraten werden. 16* 244 Vuk kannte ſeine Landsleute zu genau, um auch nur einen Verſuch zu machen, dem Renegaten zu einem ſanfteren Ende zu ver⸗ helfen. Auch wäre hier Milde am unrechten Orte geweſen. Riefen doch die dichtgeſchaarten Leichen, die Muſtapha, wie wir wiſſen, aus der Höhle hatte ſchaffen laſſen, obgleich das Siegel des Todes auf ihren Lippen lag, laut und ungeſtüm zum Himmel um Nache; hatte doch der Unmenſch all die Folterqualen zu übertreffen gewußt, mit welchen die barbariſcheſten Völker die eiſernen Nerven ihrer Kriegs⸗ gefangenen zu erſchüttern ſuchen. Vuk trat daher bei Seite und gab Dane, der gleichfalls keine Augenweide an derlei bluttriefenden Szenen zu finden ſchien, die nöthigen Befehle zur Beerdigung der Todten wie zu der Muſterung und dem Transport der erbeuteten Pferde. Muſtapha ſah inzwiſchen ſein entſetzliches Schickſal mit jeder Sekunde näher heranſchreiten. Er gewahrte mit ſtieren Blicken und bebenden Lippen, wie die Berghirten eine junge Tanne fällten, der Rinde entkleideten und dem Stamme mit Beil und Meſſer die Geſtalt eines gewichtigen Spießes verliehen. Der zitternde Böſewicht hörte das Feuer luſtig kniſtern, an dem er geröſtet werden ſollte, und wie das Ausholen der Todesſtunde ſchlug das Niederprallen des ſchweren Schlägels, mit dem man die Unterlagen des Spießes in den Boden trieb, an ſein ängſtlich lauſchendes Ohr. Er glaubte nie in ſeinem Leben ſo rüſtige Hände, ſo flinke Arbeiter geſehen zu haben. Der Marterpfahl ſtieg wie auf einen Zauberruf aus der Erde.* Vier handfeſte Voskos traten nunmehr zu dem lederbraunen Manne. Ein fürchterlicher Angſtruf des Gefangenen gellte durch die Lüfte. Er weinte, er bat, er flehte, er winſelte um Erbarmen. Um⸗ ſonſt! Er war in die Hände von Männern gefallen, denen Blutrache als Pflicht und Tugend galt, welche die milden Worte Mitleid und Vergebung nicht einmal vom Hörenſagen kannten. Muſtapha ward in wenigen Minuten ſplitternackt entkleidet, auf den Rücken gelegt und trotz ſeines verzweifelten Widerſtandes mit Händen und Füßen an den verderblichen Spieß gebunden. Gleichzeitig wälzte ein Berghirt ein Faß mit Schweinfett herbei. Es ſtammte aus dem Nachlaſſe eines in dem Scherawitza⸗ Grad erſtickten Bosniaken, der gleich den übrigen Haftgenoſſen auf der Heimkehr von dem Markte zu Moſtar von den Räubern über⸗ fallen und ausgeplündert worden war Muſtapha wußte recht wohl, wozu man des Schweinfettes bedürfe. Sein Körper wurde auch gleich darauf über und über damit eingerieben. Die Stunde der Vergeltung drohte zu ſchlagen. Der Freibeuter wurde an dem Spieße aufgehoben und letzteren auf ſeine mächtigen Unterlagen gebracht. Luſtig kniſterte das Feuer! Für weichherzige Leſerinen, welche derlei Szenen gegenſcitiger Barbarei in das Mittelalter oder in die Fabelwelt verweiſen dürf ten, diene zur Nachricht, daß Schreiber dieſer Zeilen ſelbſt um ein derlei Auto da fé weiß, das Anfangs der dreißiger Jahre in dem Dorfe L. in der kroatiſchen Militärgrenze ſtattfinden ſollte und nur durch das flehentliche Bitten der Dörflerinen verhindert wurde. Die Rolle Muſtapha's vertrat damals ein Zollwächter— damals war die jetzige Finanzwache in Kroatien noch nicht eingeführt worden welcher im Dienſte des königlich ungariſchen Dreißigſtamtes einen bedeutenden Transport eingeſchmuggelten ſizilianiſchen Salzes auf— heben wollte, den Beiſtand des Kompagniekommando in Anſpruch zu nehmen vergaß und deshalb bei dieſem Verſuche ohne die Ver⸗ mittelung der weinenden Grenzerinen bald eines ſchauerlichen Todes geſtorben wäre. Luſtig kniſterte das Feuer! Selbſt ein Nabob hätte keinen Deut mehr für das Leben des Renegaten geboten. Die Vergeltung war fürchterlich. Muſtapha's Haare und Bart waren bereits verſengt, der Rauch drohte den Wegelagerer zu erſticken, und der brennende Schmerz am Rücken, im Antlitz wie an den Seitentheilen machte den Unglücklichen laut aufbrüllen vor Leid und Verzweiflung. Luſtig kniſterte das Feuer! In dieſem entſcheidenden Augenblicke kam ein Bosniake auf einem kleinen Gaule wie raſend daher geflogen. Es war ein Bote, der dem Streifkorps der Voskos mit einer hochwichtigen Nachricht aus Bosnien nachgeſendet worden war. Beſagter Kourier traf glück⸗ licherweiſe auf die harrenden Roßknechte des Montenegriners und ſo erfuhr er beiläufig, welche Route er einzuſchlagen, welchen Weg er zu nehmen habe, was auch ſchließlich zu einem um ſo erfreuliche ren Ergebniß führte, als beſagte Nachricht eigentlich vorzugsweiſe für Vuk zur Wiſſenſchaft und zur Vermittelung beſtimmt war. Und in was beſtand dieſe dringende Botſchaft? 7 246 Sie lautete traurig genug. Abbas der Flüſterer war auf einem ſeiner botaniſchen Wander⸗ gänge verunglückt. Als er nämlich von einem Ausfluge in die Ge⸗ birge heimzukehren gedachte, traf er in der Ebene auf eine Abtheilung türkiſcher Reiter. Sie gehörten zu der regulären Kavallerie der ottomaniſchen Pforte, führten aber damals noch nicht wie in unſern Tagen den für eine morgenländiſche Streitmacht ſehr befremdend klingenden Namen: Dragoner. Als Elite des muſelmänniſchen Heervolkes in Bosnien wurden ſie nur bei beſonders wichtigen Ge⸗ legenheiten zum Dienſte verwendet, meiſt lungerten ſie müßig in und um Travnik herum, weshalb ſie ſich auch eigenmächtig den Namen oder Titel„Leibwache des Paſcha“ beigelegt hatten. Der Volkswitz taufte ſie jedoch: Maſtſchweine Juſſuw's. Ihr Anführer, ein alter Bekannter von uns, Namens Ali— er hatte damals gerade ſeine Reiſefahrt als Geſandter angetreten und wurde von den Dragonern bis an die Grenze der Herzegowina geleitet— ritt ganz höflich an den Einſchläferer heran, und frug ihn, ob er nicht eine kleine Reiſe nach Travnik unternehmen wolle. Auf die beſcheidene Aeußerung des Flüſterers, jener Ort ſei nicht recht nach ſeinem Geſchmacke, meinte der türkiſche Offizier, dies müſſe er um ſo mehr bedauern, als ſich der Paſcha Juſſuw ſchon lange nach der Bekanntſchaft des alten Morlaken ſehne, da er von ihm nähere Auskunft zu erhalten hoffe, wie man Ferman's ver⸗ fälſche. Abbas fand dieſe Sehnſucht ſehr überflüſſig und ſchien des⸗ halb durchaus kein Gelüſte zu tragen, ſie durch ſeinen Beſuch zu ſtillen; ein Wortſtreit entſpann ſich, und die ſonderbare Konverſa⸗ tion endigte auf ungemein dramatiſche Weiſe, indem die Reiter von der Leibwache des Paſcha den Flüſterer auf einen Wink ihres Füh⸗ rers ergriffen, ſehr vorſichtig banden und mit einem noch größeren Aufwand von Aufmerkſamkeit nach der mehrerwähnten Stadt ge⸗ leiteten. 4 Vuk erkannte augenblicklich die gefährliche Lage des Alten. Gewalt war hier durchaus nicht zu gebrauchen. Der Grad Travnik, den man ſeit einiger Zeit auf europäiſche Weiſe zu befeſti⸗ gen geſucht hat, liegt zwanzig Meilen— franzöſiſche Lieus— von Serajevo entfernt und zwar auf einer von gewaltigen Schlünden umgebenen Stelle, durch deren Tiefen die grünen Wogen der Bosna fluthen. Obgleich das Innere zum Theile in Trümmer liegt und ſelbſt das Serail des Weſſirs mehr das Ausſehen einer großen 247 Meierei zeigt, ſo iſt doch die von der Laskva beſpülte, von einer ungeheueren muſelmänniſchen Nekropolis— Todtenſtadt— um— ſchloſſene, mitten zwiſchen zwei Schluchten gelagerte viereckige Cita delle ein gar gewaltiges Felſenneſt, das nicht ſo leicht durch einen Handſtreich zu nehmen iſt, an dem ſich der aufrühreriſche bosniſche Adel ſchon oft die Köpfe blutig rannte. Auch lag in der damaligen Zeit eine überaus ſtarke Beſatzung in dieſem feſten Bollwerk. Ge⸗ walt war daher wie geſagt durchaus nicht anzuwenden, hier konnte einzig der Weg der Vermittelung eingeſchlagen werden. Vuk's Plan war auch diesmal raſch gefaßt. Er beruhigte den in Zorn und Angſt zerfallenen Dane undtrat dann ſchnellen Schrittes zu dem bratenden lederbraunen Manne. „Bindet den Schuft augenblicklich los!“ Alſo lautete ſeine gemeſſene Ordre. Die Voskos machten jedoch keine Miene dieſem Befehle zu ge horchen, nein, ein unwilliges Murmeln lief durch ihre Reihen. „Ich brauchte Euch,“ fuhr der Kapitan fort,„die Gründe meiner Handlungsweiſe eben nicht anzugeben, ihr habt mir blind⸗ lings zu gehorchen! Ich berückſichtige jedoch Eure aufgeregte Stim⸗ mung und theile Euch deshalb zur nöthigen Sänftigung Eures empörten Gemüthes die traurige Nuchricht mit, daß Abbas in die Hände der türkiſchen Feßträger gefallen iſt, in Travnik in ſicherer Haft ſitzi, und falls er nicht heute oder morgen ausgewechſelt wird, an dem Gerichtspfahl in die Ewigkeit klettern dürfte.“ Der Name Abbas wirkte auch hier blaue Wunder, Muſtapha ward losgebunden und mit friſchem Waſſer gelabt. Er erholte ſich jedoch nur langſam. „Dein Leben,“ begann Vuk,„iſt vielleicht noch zu retten.“ Ein tiefer Seufzer war die Antwort. „Weißt du, wo gegenwärtig der alte Derwiſch zu treffen wäre, jener eisgraue Schelm, der mir geſtern in deinem Geleite vor den Gitterfenſtern des Scherawitza⸗Grad einen ſo höflichen Beſuch ab⸗ ſtattete? Es iſt überflüſſig dir zu ſagen, daß ich den Mann genau kenne.“ „Er verweilt in dem nächſten bosniſchen Grenzdorfe.“ „Hüte dich! Eine Lüge oder Ausflucht koſtet dir in wenigen Stunden den Hals.“ „Er iſt in jenem Grenzdorfe, ſo wahr mir Allah in dieſer ent⸗ ſetzlichen Stunde aus den Flammen half!“ — 248 Der Kapitan trat mit Dane ein paar Schritte zur Seite und vertraute ihm dort unter vier Augen, wen er eigentlich in Kürze in der Maske des alten Derwiſches treffen und ſprechen werde. Dann befahl er dem freudig nickenden Neffen des Flüſteres drei der beſten Beutepferde auszuwählen und mit zwei handfeſten Berghirten auf Tod und Leben nach dem nächſten bosniſchen Grenzdorfe zu jagen. Sein Auftrag, falls er den Paſcha Juſſuw auffinde, laute dahin, letzterem zu melden, daß Vuk aus dem Scherawitza⸗Grad entkommen ſei, und nicht blos den Wegelagerer Muſtapha ſeinen erſchlagenen Gefährten nachſenden werde, ſondern auch dem Weſſir zu Moſtar kundzugeben gedenke, wer deſſen Recht über Leben und Tod inner⸗ halb der Grenzen der Herzegowina ſich angemaßt habe. Abbas würde ferner zum Islam übertreten und dann als berechtigter Zeuge den Ulemas zu Travnik beichten, wer von den hochgeſtellten muhameda⸗ niſchen Frauen Bosniens zur ehrloſen und entmenſchten Giftmiſcherin herabzuſinken drohe. Hier ſei nur ein Ausgleich denkbar. Er heiße: Austauſch der beiderſeitigen Gefangenen. „Muſtapha für Abbas,“ ſchloß Vuk ſeine Rede,„alſo lautet die Loſung, auch gebe ich dem ſchlauen Paſcha nicht mehr als zwei Mal vier und zwanzig Stunden Friſt, die Auswechſelung des Ein⸗ ſchläferers gegen den Wegelagerer ins Werk zu ſetzen. Und nun raſch zu Roß, und reite, als ſei der leibhafte Gottſeibeiuns hart an deinem Nacken. Es gilt deinen alten Ohm vom Pfahle retten!“ Dane ließ ſich dieſen Befehl nicht erſt nochmals wiederholen. Er frug einzig um Ort und Stelle, wo er dem Montenegriner die weitere Meldung überbringen könne, wählte ſeine Leute und Pferde, und ſprengte dann wie beſeſſen durch die verhängnißvolle Gebirgs⸗ ſchlucht. Die Leichen waren mittlerweile beſtattet worden, und die Voskos traten mit kriegeriſcher Vorſicht, nach allen Seiten Plänkler ausſchickend, ihren wohlgeordneten Rückzug an. Muſtapha ward in ein paar Opaklia's— Schafpelze— gewickelt, auf ein Pferd ge⸗ bunden und als Geißel in die ſicheren Schlupfwinkel der Berge geführt. Satan ſollte ſeines Leibdieners dermalen noch nicht ver⸗ luſtig gehen. Vuk blieb ein paar Augenblicke allein zurück. „Ach,“ ſeufzte er,„wie viel edles Blut wird noch fließen, ehe der goldene Friede ſeine Blumen aufs Neue aus ſchütten darf über dies unglückliche Land! Was werde ich noch ſchauen müſſen an Gräuelſzenen und Verbrechen, ehe die große Aufgabe gelöſt iſt und —— 249 das arme, geknechtete ſüdſlaviſche Volk wieder eintritt in die Reihen der berechtigten Menſchheit! Und mein eigenes Glück? Liegt es nicht in endloſer Ferne, wie die Sterne ſchön aber fern, wie die Sonne, wenn ſie aufgeht, prächtig, aber unerfaßbar! Wie dem aber ſei, ich bin und bleibe ein gehorſames, demüthiges Kind des Herrn. Sein, nicht mein Wille geſchehe! Eines ſteht mir ja im ſchlimmſten Falle noch immer offen, ich meine ſein ewiges, lichtes paradieſiſches Reich!“ Nach dieſen Worten warf ſich der Montenegriner auf ſein wie⸗ dergewonnenes Roß. Dies Mal fühlte es, daß ſein Reiter wache und zürne. Vierzehntes Capitel. Sonnenſchein und Regenſchauer. Man irrt ſich ſehr, wenn man den Bosniaken Mangel an häus- lichen Tugenden zuſchreibt. Dies gilt auch von den Renegaten, ja man trifft bei denſelben noch viele Anklänge und Reminiscenzen des verlaſſenen Chriſten⸗ thumes. So hat jede Familie den von ihren chriſtlichen Voreltern erwählten Heiligen als Schutzpatron beibehalten. Man feiert den Tag des heiligen Peters, des heiligen Elias, des heiligen Georg; ein muſelmänniſcher Vater, deſſen Kind krank iſt, läßt in einem be⸗ nachbarten Kloſter Meſſen für dasſelbe leſen; ein junger Beg führt insgeheim die Popen auf das Grab ſeines Vaters und heißt ſie hier Gebete verrichten. Die Bosniaken haben auch nicht wie die andern Muhamedaner die Vielweiberei angenommen, und in einigen Bezir⸗ ken treiben ſie ſogar die Anhänglichkeit an die frühere Landesſitte ſo weit, daß ſie ihre Frauen wie die Chriſtinnen unverſchleiert oder wenigſtens mit theilweiſe entblößtem Geſichte ins Freie gehen laſſen. Man muß ſogar anerkennen, daß die bosniſchen Muſelmänner wie faſt alle dortigen Großen mehr Achtung vor ihren Frauen haben und mehr Rückſicht auf ſie nehmen als die chriſtlichen Serbier. Wo man aber das Weib achtet, da fehlt es auch nicht an traulichen Stunden am häuslichen Herde. So war es namentlich in Riswan's Bergſchloß der Fall. Leider herrſchte in dieſem Bergſchloſſe in neuerer Zeit trotz des beginnenden Herbſtes wahres Aprilwetter. Regen folgte auf Sonnenſchein, und umgekehrt. Lascaris war nach jenem denkwür⸗ — 8— 251 digen Abend im Gemache Gülnarens wie nach ſeinem geheimniß vollen nächtigen Ritte geraume Zeit abweſend; Geſchäfte, vermuth lich im Dienſte des türkiſchen Halbmondes riefen ihn, meinte Vater Riswan, nach Travnik, ja ſelbſt nach der Kraina. Der Unmuth der weißen Roſe von Serajevo erwachte aufs Neue, und ſie betrieb auch ihrerſeits die Rüſtungen zum Aufſtande der gedrückten Rajas mit doppeltem Eifer. Namentlich ließ ſie alle ihre goldenen Hebel ſpielen, um Vuk's ſtreitbare Schaaren mit trefflichen Feuerwaffen und hin— reichender Munition zu verſehen. So ward ſie zum Abgott der chriſtlichen Bosniaken. Als Pentheſilea, als Heerführerin unter ſüdſlaviſchem Banner konnte ſie natürlich mit Lascaris nichts weniger als eines Sinnes ſein, und die momentane Annäherung der ſeltſamen Ehegatten ſchien einer noch bittern Entfremdung weichen zu wollen. Was jedoch der Tag feindlich zu ſcheiden drohte, einte und verſöhnte mancher trau⸗ iche Abend. Lascaris beſaß das, was der Deutſche Gemüth nennt, im ſchönſten Sinne dieſes oft mißbrauchten Wortes, und Gemüth⸗ lichkeit iſt ein Zauber, dem eine Männerſeele nur ſelten, ein Wei⸗ berherz, namentlich im häuslichen Zuſammenleben, nie zu wider ſtehen vermag. Umgekehrt mangelt dem Kreiſe, wo ſie dem Hausherrn fehlt oder abhanden gekommen, der Freude roſigſter Segen; ſie welkt dahin und ſtirbt, dieſe Freude wie eine Blume, der es zu lange an Thau gebricht. Wo aber Gemüthlichkeit heimiſch ſchaltet und waltet, da ſpricht er auch ſicher ein, jener gute Geſelie, welchen der herrliche Dichter aus Cſaͤtad ſo ſchön beſang, jener heimliche, unbekannte namenloſe Wohlthäter der leidenden Menſchheit. Es iſt der Glaube zweifelsohne ſein Vater, die Liebe gewiß ſeine Mutter, die Hoff— nung ſeine nächſte Blutsverwandte, und Glück oder Zufriedenheit ſein roſiges, troſtreiches einziges Kind! Und eben die unſichtbare Nähe dieſes guten Geſellen war es zweifelsohne, welche ſich an ſol⸗ chen traulichen Abenden gar wunderthätig offenbarte und Gülnare das Treiben der Welt über den ſtillen, träumeriſch ſchönen Frieden der Häuslichkeit vergeſſen machte. Vater Riswan lächelte da ſtets ſeelenvergnügt vor ſich hin. Und Lascaris? Der gab ſich oft ganz eigenthümlich! Oft lag es auf ſeinen Lippen wie ein himmliſches Verſöhnungswort, das ja Alles aus⸗ gleichen würde und müßte, aber da überſchlich ihn die troſtloſe Er— innerung an die Gegenwart und ihren unſeligen Völkerzwiſt, und 252 das zauberhafte Wort der Verheißung erſtarb in ſeinem Munde wie in einem Sarge von verbleichenden Roſen. So kam die Zeit der Weinleſe heran. Der Ritter von der Rebe, der ſtarke Noahide Wein iſt auch in Bosnien heimiſch, namentlich ward Serajevo durch den Weinbau in ſeinen Umgebungen bekannt. Leider läßt das rauhe Klima die Trau⸗ ben nicht immer zur vollen Reife gelangen, was naturgemäß den Rebenſaft, den man aus ihnen gewinnt, bedeutend an Süße und Blume ſchädigt. Doch bietet auch hierlandes das Feſt des Vaters Noah einen gar heiteren Anblick. Man ſieht da oft an hundert Dörf⸗ ler beiderlei Geſchlechtes, alt wie jung, gewaltige Körbe voll Wein— trauben nach einem kleinen unanſehnlichen Preßhauſe ſchleppen. Die Leſe bietet die maleriſcheſten Gruppen von jetzt auftauchenden, gleich darauf hinter den hohen Rebengewinden verſchwindenden Geſtalten. Das Dorf ſcheint ſeine geſammten Streitkräfte zu dieſem heiteren Treffen ausgeſendet zu haben, bei dem, Bacchus ſei gelobt, kein Blut aber deſto mehr flüſſiges Gold verſpritzt wird. Am lebhafteſten iſt das Treiben in der Nähe des Preßhauſes. Da ertönt die Gusla, da wird zeitweiſe der Kolo getanzt, da trägt man Piesmas oder Volks⸗ geſänge zum Preiſe berühmter Haiduken vor, da frägt man, wißtihr: „Was das Vergnügen koſtet?“*) Alles horcht und lauſcht. „Ich will es euch erzählen,“ ſpricht der Mann an der Gusla, „aber hört mir achtſam zu! Der Paſcha von Zwornik ſchreibt an Nikolas, den Kneſen der Stadt Zmiale; er befiehlt ihm, für ſeinen Durchzug dreißig Lämmer nebſt dreißig verſchleierten und bekränz⸗ ten Jungfrauen bereit zu halten, welche noch nicht wüßten, was ein Mann iſt, und überdies ſeine eigene Gattin Helene, die er, der Paſcha, nach ſeiner Gemächlichkeit genießen wolle. Nachdem Nikolas dieſen Brief geleſen hat, zerfließt er in Thränen und theilt ſeiner Gattin ſein Unglück mit. Helene aber erſinnt eine Liſt, ſie räth dem Kneſen an den Harambaſchi Tomitſch Mijat zu ſchreiben und ihn einzuladen mit ſeinen Haiduken herbeizukommen, um Pathe zu ſein und zwei ſo eben geborne Zwillingsſöhne über die Taufe zu halten. Der Kneſe ſchreibt. Mijat ſteigt mit dreißig Gefährten vom Ge⸗ birge herab und begibt ſich nach Zmiale, wo ihn Nikolas auf das Beſte bewirthet. Da er aber die Zwillinge nicht erſcheinen ſieht, ſo **) Dieſe Frage iſt der Titel nachſtehender origineller Piesma. 253 ſagt Mijat zu Helena:„Meine goldene Gevatterin, wo ſind denn die Neugebornen? Verbirgſt du mir ſie, oder ſind meine Augen ver⸗ hext?“— Helene bricht in ein lautes Gelächter aus.—„Beruhige dich Bruder in Gott,“ meint ſie,„die alten Frauen bekommen keine Kinder mehr, aber ſie haben oft große Wehen.“ Und ſie übergibt ihm den Brief des Paſcha. Nachdem er dieſen Brief geleſen hat, ſpricht Mijat zu ſeiner angenommenen Schweſter:„Arme Schwe⸗ ſter! Rufe geſchwind einen Barbier, daß er uns den Bart abnimmt, und bringe uns dreißig Kränze und eben ſo viele Brautgewande, um meine Haiduken damit zu ſchmücken.“ „Helena gehorchte ſchleunig, und brachte dem Beſchützer Alles, was er verlangte. Nachdem das Meſſer des Barbiers ſein Geſchäft verrichtet hatte, ſahen die Haiduken, mit Blumen geſchmückt, wie friſche kräftige Jungfrauen aus. Jedem von ihnen gab man ein fet⸗ tes Lamm, und ſie legten ſich zur Ruhe unter den Tſchartaken nieder. Mijat ſelbſt nahm die Kleider Helena's und legte ſich in ihre Schleier gehüllt mit ſchmachtender Miene auf den Divan des ehelichen Ge⸗ maches. Die Nacht brach herein, als der Beg von Zwornik mit dreißig furchtbaren Delis— Krieger mit glänzenden Feuergewehren bewaffnet— vor der Behauſung des Kneſen ankam. Er vertheilte ſeine Leute unter die dreißig Tſchartaken, wo er die Jungfrauen liegen ſah; er ſelbſt begab ſich geradezu in die Stube Helena's und wurde von dem verkleideten Mijat auf das Artigſte empfangen. Bald umfaßte der Paſcha ganz verliebt die angebliche Helena, die er auf den ſeidenen Polſtern ſitzen ließ, indem er ſprach:„Schöne Freundin, nimm mir meinen Gürtel ab!“— Mijat löſt ihm ſanft den Gürtel und hängt deſſen Mordwaffen an der Wand auf. Dann umarmt der Paſcha ſeine Schöne und beißt ſie in die Schultern; ſie entſchlüpft ſeinen Armen und erwiedert ſeine Liebkoſungen mit an⸗ dern Neckereien. Er will ihre Bruſt ſuchen, ſie weigert ſich erröthend. —„Nein Herr, rauchenzuerſt,“ ſagt ſie zum Paſcha,„der Reſt der Nacht gehört der Liebe.“ „Glücklich über ſeine Eroberung will der Ungläubige endlich zum Genuſſe ſchreiten; aber indem ſeine Hand nach den zarten Brüſten taſtet, findet ſie den harten Panzer des Haiduken. Faſt ſtarr vor Schrecken will er entfliehen, es iſt vergebens, denn Tomitſch Mijat hält ihn mit feſten Armen und donnert:„Chrloſer Paſcha, der du es für ein Leichtes hielteſt, dir die Frau eines Andern zuzu⸗ eignen, du ſollſt hier dein Paſchalif verlieren!“ Und mit einem ———————— 254 Säbelhieb ſchlägt er ihm den Kopf ab. Beinahe um dieſelbe Zeit wiederholt das Echo dreißig Piſtolenſchüſſe, und am andern Tage bei Sonnenaufgang verſammeln ſich dreißig Haiduken in der Tracht der Frauen von Zmiale, jeder mit einem Türkenkopf in der Hand, um Helena's Kula.— Die Gattin des Kneſen überhäufte ſie mit Geſchenken, gab ihrem Gevatter Mijat einen goldenen Apfel, und alle kehrten nach den Schneegebirgen von Ruſten zurück, wo ſie ihr freies Leben fortſetzten und den Bedrängten Beiſtand leiſteten.“ Alſo erzählte der Mann an der Gusla während der Winzer⸗ freuden. Eine ſolche heitere Leſe ward auch in Riswan's Weingebirgen gefeiert. Hunderte von Dörflern und Dörflerinen waren im Dienſte des Thyrſusſtabes beſchäftigt und aus jeder Kehle tönte ein weithin— ſchallender Bewillkommungsgruß, als Gülnare am Arme ihres Gatten die fröhlichen Gruppen durchwanderte. Freudige Blicke folgten jedem ihrer Schritte. Lascaris gegenüber gab man ſich weit ernſter, mitunter mürriſch. Man wußte zu genau, daß er es wärmer mit dem Türken als mit den Kindern der ſüdſlaviſchen Race meine. Verbiſſener Unmuth, galliger Zorn lag auf ſo manchem bosniſchen Antlitze. Lascaris, gleichgiltig wie immer, ſchien es nicht zu bemer⸗ ken, um die zarten Lippen der Kneſin aber lag es bei dieſer Wahr⸗ nehmung wie unendliche Bitterkeit oder ängſtliche Traurigkeit. An einem Rebenhügel ward die Herrin beſonders feſtlich em— pfangen. Eine Schaar artiger Kinder in friſchgewaſchenen Linnen eilte ihr mit Körbchen voll der ſchönſten und ſchmackhafteſten Trauben entgegen. Auch bildeten die Kleinen mit Hilfe von zierlichen Reben⸗ guirlanden eine liebliche Laube um die rührende Geſtalt der Gebie⸗ terin. Gülnare hatte einen der Rebenkränze in das Haar gedrückt. Sie ſah aus wie Ariadne auf Naros, nus ſchöner, weit majeſtäti⸗ ſcher. Ein paar Silbermünzen, die ſie den Mädchen zuwarf, ſteigerten die kindliche Anhänglichkeit zum ſtürmiſchen Enthuſiasmus. Die Kleinen küßten ihr Hände und Füße. Sie konnte ſich ihrer un⸗ geſtümen Liebkoſungen kaum erwehren. Das Paar ſchritt weiter. „Es iſt doch etwas Schönes um die Liebe eines Volfes!“ ſprach Lascaris gerührt. „Weshalb verſchmähen Sie denn dieſe Liebe?“ 255 „Ich verſchmähe ſie nicht, ich ſuche ſie im Gegentheile zu er ringen.“ „Ja, aber in Herzen, die für den Halbmond ſchlagen?“ „Der Mond iſt der älteſte Vertraute der Liebe.“ „Gut parirt! Eine meiſterhafte Finte! Wären ſie ein geborner Osmane, hätte ich vielleicht weit weniger dagegen einzuwenden. So aber fließt ſlaviſches Blut in Ihren Adern. Ach, Lascaris, weshalb wurden Sie abtrünnig?!“ „Iſt meine ſlaviſche Abkunft ſo gewiß.“ „Sind Sie nicht mit unſerm Hauſe verwandt?“ „Liebe,“ entgegnete Lascaris ausweichend,„iſt eine Weltbür gerin. Ihre Heimath, ihr Fürſtenſitz, ihr Guliſtan iſt das menſchliche Herz. Echte Liebe pflegt den Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit nie zu fragen, wo ſeine Wiege geſtanden ſei?“ „Das mag in friedlichen Tagen ſeine Geltung haben. Wenn der Krieg aber ſein blutiges Schwert durch die Thale ſchickt, dann kennt ein wackeres Herz nur eine Loſung, und dieſe heißt: Vater⸗ land und Glaube. Dann weiſt der fromme Pope dem Schützen das Ziel mit dem Kruzifixe, und die zarte Dirne wird zur Eiſenjungfrau, die im Umarmen tödtet und wie jene Neugriechin Boblina keine Blumen mehr, nein einfach blos Meſſerſtiche feilbietet für die Feinde ihrer Heimath.“ „Es wäre ein entſetzlicher Anblick!“ ſiel Lascaris gedanken⸗ voll ein. „Die Neugriechin Boblina?“ „Nein, Sie Gülnare, blutbeſpritzt, der Rache eines erbitterten Feindes preisgegeben!“ „Ich? Träumen Sie?!“ „Bitte um Entſchuldigung, aber bei ihren glühenden Worten überſprang ich unwillkürlich im Geiſte ein paar Blätter der nächſten Geſchichte des Landes Bosnien, und da war es mir, als ſehe ich Sie einer zahlloſen Menge Türken bewaffnet gegenüberſtehen und plötz⸗ lich am Portale dieſes Schloſſes bleich und rettungslos zuſammen⸗ brechen. Die Osmanlis wiſſen nichts von Gnade.“ „Würden Sie ſich denn über meinen Tod grämen?“ frug die Kneſin leicht hingeworfen.— „Gülnare!“ Alſo rief Lascaris und weiter ſprach er nichts, aber in der Betonung dieſes Namens lag mehr Antwort, als tauſend Schwüre 256 beſiegelt haben würden. Die Kneſin drückte dankbar ſeine Hand, und damals war es, wo der Fittig des Engels der Eintracht noch ein Mal hörbar um das Ohr des ſeltſamen Ehepaares rauſchte; aber die Schlange ſchlich leider auch ſchon leiſe herbei, welche das Thor des blumigen irdiſchen Paradieſes, das ſich vielleicht erſchloſſen haben möchte, aufs Neue feſt und unaufſperrbar in das alte Schloß zurückfallen machte. Es war eine ſchöne, bunte, zierliche Schlange! Der Störenfried hieß nämlich Leila. Leila befand ſich in roſiger Laune. Sie hatte einen ſchweren Gang weit leichter zurückgelegt, als ſie Anfangs zu glauben wagte, obgleich er über Moorgrund und Sumpfboden in das unheimliche Reich der Sünde und Blutſchuld führte. Die Tochter des Defterdar begab ſich nämlich am Morgen der Weinleſe auf Riswan's Beſitzung zu einem Mäkler, der, wie wir bald hören werden, auf der Leiter der Moral noch um ein paar Sproſſen tiefer ſtand als der harther⸗ zigſte Sklavenhändler oder Seelenverkäufer an irgend einem Mee⸗ resſtrande. Um deſto merkwürdiger war auch die Unterredung Leila's mit dieſem abgefeimten Schurken. Beſagtes Geſpräch fand in der Nachbarſchaft eines Gebäudes ſtatt, das auf der Mitte eines geräu⸗ migen Plateau ſtand und das Rathhaus oder Hauptquartier ge⸗ nannt wurde. Der Eigenthümer des Gebäudes war Mirrxa der Aeltere. Was aber mochte Leila zu dem häßlichen, betagten, übelberüch⸗ tigten Zigeunerhauptmann führen? Seine auffallende Furcht vor Abbas! Der geneigte Leſer wird ſich wohl noch erinnern, welches Entſetzen, welche namenloſe Seelenangſt die förmlich einfallenden Geſichtszüge Mirra des Aeltern verriethen, als weiland Gülnare den Zigeunerhauptmann im Namen des Flüſterers zum blinden Gehorſam aufforderte, widrigen Falles der Letztere—— ja, was derſelbe widrigen Falles thun würde, das wußte man freilich nicht anzugeben, ſo viel aber war der Tochter des Defterdar aus der da⸗ maligen Erzählung ihrer vertrauensvollen Freundin klar geworden, wie der Einſchläferer um ein bedrohliches Geheimniß wiſſen müſſe, deſſen Enthüllung den alten Mirra zweifelsohne in die Hände des Henkers liefern konnte. Leila beſchloß daher auf den Strauch zu ſchlagen. Der Beſuch der heimlichen Muhamedanerin überraſchte Mirra den Aeltern ſehr angenehm. Er rieb ſich ſeelenvergnügt die Hände, da ihm ſeine angeborne Schlauheit augenblicklich die Vermuthung 257 in das Ohr raunte, man bedürfe ſeiner Dienſte und gedenke ſie auch ſtandesgemäß zu belohnen. Seine Ahnung ſchien ihn auch nicht zu trügen. Leila ließ nämlich gleich bei ihrer Ankunft, mit einem kleinen Beutel ſpielend, wie zufällig ein Goldſtück fallen, und meinte, als es der Zigeuner haſtig aufhob, er möge dieſe Kleinigkeit nur als Ver⸗ gütung für die Mühe des Bückens behalten, zumal ſie hoffe, er werde dann, falls ihr in dem nachfolgenden geheimen Zwiegeſpräche ein verfängliches Wort entſchlüpfen ſollte, dasſelbe wohl eben ſo ſorgfältig und eilig aufklauben und aufbewahren. Der Hauptmann der goldwaſchenden Kinder des Pharao in Bosnien ſchmunzelte noch behaglicher und wollte nunmehr ſeinen vornehmen Gaſt in ſein Prunkgemach führen, wie er es nannte, obgleich man es ſelbſt in einem nur etwas bedeutenderen deutſchen oder ungariſchen Bauern⸗ gehöfte mit einer Rumpelkammer verglichen haben würde. Die Tochter des Defterdar meinte jedoch, die Wände hätten mitunter Ohren, und jene kleine, ſpärlich mit Bäumen bewachſene Au an dem goldhältigen Gewäſſer ließe am wenigſten die Nähe eines ungebete⸗ nen Lauſchers befürchten. Der Zigeuner gehorchte, und beide begaben ſich in die be⸗ ſagte Au. „Abbas läßt dich grüßen!“ begann Leila ohne weitere Ein⸗ leitung. Ein Blitz aus blauem Himmel hätte nicht vernichtender wirken können. Die Wangen des kleinen Mannes wurden aſchfarben, die Augen ſchienen aus ihren Höhlen treten zu wollen, ſein ganzer Kör⸗ per bebte konvulſiviſch. Seine Beſtürzung war um ſo größer, als er dieſen gefürchteten Namen ſchon aus dem Munde eines armen Bos⸗ niaken nur mit Zittern vernommen hätte, denſelben aber auf den Lippen einer ſo hochgeſtellten Dame mit Recht, alſo auch mit billigem Entſetzen als den Vorläufer einer höchſt bedenklichen und gefährlichen Kunde betrachten zu müſſen glaubte. Leila ließ ihm nicht Zeit ſich zu faſſen, ſie gedachte das Eiſen zu ſchmieden, ſo lang es warm verblieb. „Haſt du mich verſtanden,“ ſprach ſie,„der Flüſterer läßt dich grüßen?“ „Was verlangt er von mir?“ ſtotterte Mirra kaum hörbar. „Ein Geheimmittel!“ „Ein Geheimmittel?“ frug der Zigeuner faſt zuſammen⸗ brechend. Der Montenegriner. 17 258 „Allerdings! Ein Arcanum, das lebendig iſt und ſich auf ſeinen eigenen Beinen in das Laboratorium zu verfügen vermag, ſo daß man die Mühe erſpart, es erſt in den ſteilen Gebirgen und ihren dichten Wäldern langweilig aufzuſuchen.“ „Ich verſtehe Gospoja nicht recht,“ äußerte der kleine Mann, deſſen Haare bereits kerzengerade in die Höhe ſtanden,„habe auch Zeit meines Lebens von einem ſolchen Wundermittel keine Ster⸗ bensſylbe vernommen.“ „Du wirſt mich gbeich verſtehen.“ „Ich lauſche gehorſamſt.“ „Auf der Drehſcheibe im Beinhauſe iſt ein Platz leer ge⸗ worden?“ Mirra ſank in die Knie und hielt ſich zitternd beide Ohren zu. Seine Quüälerin hatte auf den wahren Strauch geſchlagen. „Gnade! Barmherzigkeit!“ ſtöhnte er aus der Tiefe ſeines ge⸗ peinigten Herzens. „Man will das Arcanum ja theuer genug bezahlen,“ fuhr Leila lakoniſch fort. Eine kleine Pauſe beiderſeitigen Schweigens folgte. „Ich habe den entſetzlichen Handel,“ rief der Zigeuner ent⸗ ſchloſſen aufſpringend,„längſt aufgegeben und für alle Zeit ver⸗ ſchworen. An meinen Händen klebt ohnehin mehr Blut als Goldſand.“ „Dann wirſt du ſo gefällig ſein mich nach Travnik zu begleiten!“ „Weshalb?“ „Um dem dortigen Groß⸗Kadi, dem Haupte der bosniakiſchen Ulendas bezüglich dieſes Arcanum wie deiner früheren Handelsge⸗ ſchäfte damit Rede und Antwort zu ſtehen. Man ſagt, du habeſt auch ein paar lebendige Geheimmittel muhamedaniſchen Glaubens ver⸗ kauft.“ „Dann flüchte ich über die Grenze!“ „Dürfte zu ſpät ſein!“ „Noch heute!“ „Unmöglich! Siehſt du dies Pfeifchen an meinem Gürtel? Ein Zeichen damit und du biſt geliefert!“ „Ich will es darauf ankommen laſſen.“ Mirra glaubte nämlich nicht recht an die Wirkſamkeit des Pfeifchens. Er hielt das Zeichen für einen bloßen Schreckſchuß. Leila pfiff leiſe. Gleich darauf zeigten ſich an beiden Ufern des Baches einige ——— 259 ſehr verdächtige berittene Geſtalten. Sie trugen einen blauen Dol⸗ mäny mit rothen Schnüren, weite Plunderhoſen mit einem Beſatze von gleicher Farbe, einen Feß und waren mit Säbel, Karabiner und Piſtolen bewaffnet, alſo vollkommen geeignet, die Drohung der Tochter des Defterdar zu verwirklichen. „Jammer und kein Ende,“ kreiſchte der Zigeuner,„das iſt die berittene Landwehr der Spahis.“ „Willſt du dich fügen?“ frug Leila. „Ich gehorche!“* Seine Beſiegerin winkte mit dem Pfeifchen, die verdächtigen Geſtalten verſchwanden. „Was verlangſt du als Blutpreis?“ nahm Leila den Faden des Geſpräches wieder auf. Der kleine Mann überlegte geraume Weile. „Nichts weiter,“ ſprach er endlich mit gefaßter Stimme,„als das Verſprechen und Gelöbniß, nie wieder zu dieſem ſchauerlichen Handel gezwungen zu werden. Alles Gold der Erde wiegt nicht ſo laſtend als die Erinnerung an ſeine Opfer.“ „Es ſei! Abbas wird ſich deinen Wänſchen fügen.“ „Wollte, der Hund,“ murmelte Mirra zwiſchen den Zähnen, „ſteckte bereits am Pfahle, dem er ohnehin nicht entläuft!“ „Und wann gedenkſt du das Arcanum abzuliefern?“ „Heute über acht Tage!“ „Einverſtanden! Nimm dieſen Bettel als Abſchlagszahlung!“ Mit dieſen Worten warf ihm Leila ihren Beutel vor die Füße. Das Gold und Silber darin raſſelte ſo verlockend und verführeriſch, daß der Zigeunerhauptmann mechaniſch darnach langte und die ge⸗ wichtige Zugabe haſtig in ſeine Taſche gleiten ließ. „Noth bricht Eiſen!“ meinte er dann achſelzuckend. „Warum ſollte ſie dann nicht auch Gold und Silber einſtecken! Gewohnheit iſt zudem ein eiſernes Ding.“ „Was befehlen Gospoja noch weiter?“ „Nicht das Mindeſte, als Pünktlichkeit bei der Ablieferung. Schwöre nicht! Ich weiß ein weit verläßlicheres Mittel mir deine Genauigkeit zu verbürgen. Jene berittenen Geſtalten bleiben hier volle acht Tage auf der Lauer liegen, und verſchwinden erſt dann, wenn das Geheimmittel die Schwelle des Beinhauſes auf ſeinen eigenen Beinen überſchritten. Ich mag die Katze nicht im Sacke kaufen. Es muß Leben in dieſem Arcanum ſein.“ 177 260 Mirra geleitete Leila ſchweigend zu ihrem Wagen. Gewiſſer ängſtlicher Leſer halber glauben wir hier einſchalten zu müſſen, daß Abbas der Einſchläferer durch die energiſche Ver⸗ mittelung des Paſcha Juſſuw wie durch die Dazwiſchenkunft der bei ſeiner allenfallſigen Generalbeichte nicht minder betheiligten, auch nach dem Aqua Toffana lüſternen Tochter des Defterdar gegen den Wegelagerer Muſtapha ausgewechſelt worden war. Natürlich daß die Auslöſung insgeheim betrieben und ins Werk geſetzt wurde. Beide Parteien gingen damals noch in Maske herum. Die türkiſche Willkür blieb noch in den Mantel des Meuchlers gehüllt, hier am Altare eine Hoſtie im Munde des Prieſters vergiftend, dort einen alten Verbrüderungsſchwur ins Meineidige überſetzend, heute irgend einen ehrlichen Namen in einen Beutel voll Piaſter einwickelnd, morgen in der Stille der heiligen Nacht ſcharfe Dolche für irgend eine unheilige Schandthat am nächſten Tage ſchleifend. Bald aber ſollte die Stunde ſchlagen, in welcher türkiſche Willkür und chriſt⸗ liche Verzweiflung den Mantel des Bravo abwerfen und grimmig aber offen kämpfen gehen, kurz ſich in ihrer impoſanten wilden Schönheit aufrichten mußte, wie Gülnare von der ſtreitbaren Neu⸗ griechin Boblina ſagte, eine rückgekehrte Eiſenjungfrau des Mittel⸗ alters, in der bräutlichen Umarmung mitleidslos tödtend. Der Kutſcher Leila's ſchlug den Weg nach dem Bergſchloſſe Riswan's ein. In der Nähe desſelben ſprengte ein Reiter auf der Straße von Serajevo herbei, ehrfurchtsvoll grüßend. Es war Mirra der Jün⸗ gere, den ſein Herr mit einem Auftrage zu einem Spahi in der bosniſchen Hauptſtadt abgeſendet hatte. Der Junge zog ein ziemlich verdroſſenes Geſicht. Er war erſtlich am Morgen wegen einer Saum⸗ ſeligkeit von Lascaris ausgeſcholten worden, ferner hatte er in Serajevo keinen Heller Rittgeld erhalten, endlich wurmte es ihn weidlich, daß er nicht um alle Geheimniſſe ſeines räthſelhaften Ge⸗ bieters wußte, ja in dieſer Beziehung in neueſter Zeit auffallend vernachläſſigt wurde. Leila verſtand ſich auf Phyſiognomik. Sie wäre im Abendlande eine würdige Schülerin Lavaters geworden. Die falſche Muhamedanerin errieth daher bei dem erſten Anblick, daß in der Seele des Zigeunerjungen ein kleiner Zwieſpalt herrſche, beſaß auch hinreichende Seelenkunde, um eine ſolche Stim⸗ mung als die tauglichſte Gelegenheit zu betrachten und zu benützen, ——— —— 261 jemand faſt wider Willen geſchwätzig zu machen. Sie rief Mirxa deshalb an den Wagen und befrug den kleinen Leibdiener um die gewöhnlichen Dinge, nach welchen man die Lakaien ſeiner Freunde und Bekannten auszuhorchen und auszuforſchen beliebt. Mirxa war aber weit durchtriebener, als ſein Alter verrathen mochte. Er hatte zudem, wie wir wiſſen, das Geſpräch Leila's und Muſtapha's in der Laube im Garten Zobniden's belauſcht, und wußte daher, daß ſich die Tochter des Defterdar um das Wohler⸗ gehen und die Sicherheit ſeines Herrn weit mehr kümmere, als ſie vielleicht ihrer angeblichen Freundin im Leben und wirklichen Geg⸗ nerin in der Politik, der Kneſin Gülnare anzuvertrauen für rathſam und erſprießlich befunden haben würde. Darnach beſchloß er auch ſeine Antworten einzurichten. Das Geſpräch nahm auch bald die Wendung, die er vorausgeſehen hatte. Es richtete ſich auf die häu⸗ figen, mitunter ſehr geheimnißvollen Ausflüge des kühnen Lascaris. Was Mirra hierüber berichtete, werden wir etwas ſpäter, jedenfalls aber noch in dieſem Capitel erfahren. Vorderhand theilen wir unſern neugierigen ſchönen Leſerinnen blos einfach mit, daß Leila einmal roth wie Scharlach wurde, aber vor geheimem Aerger, nicht etwa vor plötzlicher Scham, daß ferner Mirxa bei der Ankunft im Schloß⸗ hofe eine weit vergnügtere und zufriedenere Miene wies als vor ſeinem Zuſammentreffen mit der kleinen insgeheim feurigen Beken⸗ nerin des Islam, ein ſicheres Anzeichen, daß Letztere ſeinem älteren Namensbruder nicht alle ihre Goldſtücke als Zugabe zu dem Blut— preiſe vor die Füße geworfen haben mochte, ja daß ſie bezüglich des Botenlohnes weit freigebiger dachte als jener filzige Spahi in Serajevo. Beide Geſpräche veranlaßten Leila's roſige Laune. Und jener vorübergehende geheime Aerger? Er ſollte, wie wir weiter unten ſehen werden, als vergifteter Dolch für ein anderes weibliches Herz verwendet werden. Keine Roſe ohne Dornen! Nach Sonnenſchein Regenſchauer! Wir verließen Lascaris und ſein hochherziges Weib in dem Augenblicke, wo der Fittig des frommen Engels der Eintracht noch einmal hörbar um das Ohr des ſeltſamen Ehepaares rauſchte, aber die liſtige Schlange bereits herbeiſchlich, welche das Thor am Para⸗ dieſe, das ſich eben erſchließen wollte, aufs Neue feſt und unauf⸗ ſperrbar in das alte Schloß zurückfallen machte. 262 Die ſchöne, bunte Schlange hieß bekanntlich Leila. Ein flüchtiges, doch merkbares Lächeln des Unmuthes zeigte ſich um Gülnaren's Lippen, auch Freund Lascaris wies ein Mie⸗ nenſpiel im Antlitze, das unwillkürlich an einen Neuling im Zechen mahnte, der zum erſten Male bittern Wermuth ſtatt ſüßen Weines koſtet. Die Tochter des Defterdar gewahrte beides, das Lächeln wie das Mienenſpiel; ſie wußte ſich aber als gewandtes Weltkind trefflich zu nehmen, und bald entſpann ſich ein lebhaftes Geſpräch, zuerſt natürlich über die Weinleſe, ſpäter über die laufenden Tages⸗ neuigkeiten. Die geringe Aufmerkſamkeit, welche das Ehepaar ſo mancher„brennenden Frage“ zollte, ging für Leila's Scharfblick gleichfalls nicht verloren; ſie benützte ihren Tageskourier auch ſchlauer Weiſe blos als Vorläufer und Wegweiſer nach einem Gebiete, das ſie im Voraus zum eigentlichen Schauplatze ihres kurzen Streifzuges auserſehen hatte. „Sie waren längere Zeit abweſend?“ frug ſie gegen Lascaris gewendet. „Zu dienen!“ „Im Auftrage des Halbmondes?“ „Allerdings!“ „Sie ſollen auch in Travnik, ja ſelbſt in der Kraina geweſen ſein?“ „So iſt es!“ „Sonderbar, weder Paſcha Juſſuw, noch Zobeide wollen Sie geſehen haben!“ Gülnare horchte befremdet auf, Lascaris ſuchte dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. Der Zufall führte jedoch in ſeiner boshaften Laune der muhamedaniſchen Schlange einen gar mächti⸗ gen Verbündeten zu. Riswan's Weinleſe, bei der es immer offene Tafel nicht blos für die eigentlichen Inſaſſen in der Umgegend des alten Herrenſchloſſes, ſondern auch für die weitere Nachbarſchaft gab, hatte viele Gäſte bosniakiſcher wie ſtammverwandter Abkunft aus Nähe und Ferne herbeigelockt. Unter dieſen Gäſten befand ſich auch der ſtämmige Morlake Dane und ſein wunderliebliches Schwe⸗ ſterlein Meliſſa. Der Unſtern, der heute über Lascaris faſt ſichtbar ſchwebte, führte dieſes Paar gerade im obigen Augenblicke vorüber. Meliſſa's Anblick war tiefrührend. Ein Stück blumigen Lenzes ſchien durch die herbſtliche Gegend zu gleiten. Die weiße Roſe von Sera⸗ jevo begann ein kurzes Zwiegeſpräch mit dem ſchönen Kinde, und 3 263 auch Lascaris richtete ein paar freundliche Worte an die wunder⸗ holde Geſtalt. Meliſſa fuhr bei dem Klange ſeiner Stimme unwill⸗ kürlich zuſammen, und heftete einen langen, forſchenden Blick auf ſeine edlen Züge. Beide Damen ſtutzten. Leila biß ſich in die Lippen. „Wer iſt die Kleine?“ frug ſie ſpäter, als das Paar vorüber⸗ geſchritten.. „Meliſſa,“ entgegnete Gülnare,„die Enkelin Abbas des Flü⸗ ſterers.“ „Eine hübſche Dirne!“ „Auch weit gebildeter,“ fuhr die Kneſin fort,„als die Morla⸗ kinen gewöhnlich zu ſein pflegen.“ „In der That?“ „Meliſſa ſtammt aus altem Hauſe, die Liſte ihrer Vorfahren reicht bis in die Tage des ſerbiſchen Reiches hinauf.“ „Alſo hoffähig, falls es noch ein bosniſches Königthum geben würde!“ „Spotte nicht, Leila, du weißt, ich bin gut ſlaviſch geſinnt. Halte dich lieber n Lascaris.“ „Angeſichts hübſcher Kinder hat der männliche bosniſche Adel keine politiſche Geſinnung.“ „Vielleicht bin ich eine Ausnahme von der Regel!“ meinte Lascaris. „Früher hätte ich dies augenblicklich zugegeben. Jetzt iſt das anders geworden.“ „Wie ſo?“ frug Gülnare. „Meliſſa iſt zu reizend,“ antwortete die boshafte Tochter des Defterdar,„auch will die böſe Welt jene glänzende Ausnahme von der Regel in der neueſten Zeit zwar weder in Travnik, geſchweige in der Kraina, wohl aber ſehr häufig, vorzugsweiſe bei nächtiger Zeit, in der Nachbarſchaft von der Behauſung des Einſchläferers geſehen haben. Schläfrig muß man dort freilich bald werden.“ Eine flüchtige Röthe überflog das Antlitz des armen Lascaris. „Unmöglich!“ meinte er etwas verlegen. Die Kneſin heftete nun ihrerſeits einen langen, durchdringen⸗ den Blick auf ihren Gatten, dieſer aber blickte ihr ſo treuherzig in das Auge, daß der momentane häßliche Verdacht aus Gülnarens Herzen faſt noch raſcher flüchtete, als er gekommen war. Die weiße Roſe lehnte ſich noch feſter an Lascaris, gleichſam zum Pfande, wie felſenfeſt ſie in dieſer Beziehung auf ihn vertraue. 264 „Ich habe gute Kundſchafter!“ meinte Leila gereizt. „Bezweifle es nicht,“ äußerte ſich Gülnare ironiſch,„übrigens iſt es von einer neutralen, vielleicht eher noch gut muſelmänniſch geſinnten Dame nicht ſchön, wenn ſie einem treuen Verbündeten des Halbmondes, falls er irgend ein Hauptquartier ſeiner politiſchen Gegner belauert, verliebte Gedanken unterſchiebt. Spione in der Maske des Adonis wären freilich doppelt gefährlich!“ Leila biß ſich abermals in die Lippen. Ihr wohlgezielter Schuß war fehlgegangen. Es konnte auch gar nicht anders kommen. Gülnare hatte in dem traulichen Zuſam⸗ menleben mit Lascaris in dem Herzen ihres Gatten wie in einem offenen Buche leſen gelernt, und darin ſo viel Adel des Gemüthes wie Keuſchheit der Geſinnung gefunden, daß es ihr nur doppelt ſchmerzlich fiel, alle dieſe reichen Schätze einer wahrhaft reinen Seele, eines erhabenen Geiſtes, einer vielſeitigen Bildung wie eines tiefen Wiſſens dem Dienſte der verhaßten Fahne des Profeten zugewendet zu ſehen. Die Kneſin wußte, ſie habe nur eine gefährliche Neben⸗ buhlerin zu bekämpfen und dieſe hieß: der Traum Osmans. Leila hingegen, welche ſelbſt vor ihrem neueſten entſetzlichen Sündenfalle auf einer weit tiefern moraliſchen Stufe als ihre Freundin geſtanden, konnte freilich von ihrem Ketzerglauben nicht geheilt werden, und ſo warf ſie in ihrer geheimen eiferſüchtigen Galle fortwährend hämiſche Worte in den Rundgeſang der Freude und Heiterkeit, den die frohſinnigen Theilnehmer der Weinleſe nach vollbrachtem Tagewerke ſo lebhaft anſtimmten. Das Feſt ging da⸗ her für die Königin desſelben etwas trübſelig zu Ende. Regenſchauer nach Sonnenſchein! Es ſollte noch düſterer kommen. Die Nacht war weit vorge⸗ rückt, es mochte auf die erſte Stunde des neuen Tages gehen. Die Kneſin lag auf dem weichen Divan ihres Schlafgemaches, halb wachend, halb träumend, die Augen geſchloſſen, ſie zeitweiſe in lich⸗ tern Momenten wie mechaniſch öffnend. Auf dem Tiſche am Divan prangte der Kranz von Weinlaub, den ſie am Abend vorher in ihre Locken gedrückt. Plötzlich war es ihr, als lange eine gewaltige Hand nach dem abgeſtorbenen Kranze. Gülnare fuhr empor. Eine rieſige Geſtalt zeigte ſich, um noch ſchneller zu verſchwinden. War es an⸗ ders nicht gänzliche Täuſchung ihres noch träumeriſchen, alſo unge⸗— wiſſen Blickes, ſo trug der ſpäte Beſuch die Landestracht der Mon⸗ tenegriner. 265 Die Kneſin ſchrack ſichtbar zuſammen. Eine gewaltige Anſtrengung, und ſie war vollkommen bei Sinnen. Siehe da, der Kranz aus Weinlaub war in der That ver⸗ ſchwunden! Ein Streifen beſchriebenes Papier lag an ſeiner Stelle. Gülnare faßte haſtig nach dem Streifen Papier. Es war ein warnendes Schreiben des Inhaltes: „Vertrauensvolle Seelen pflegen oft eine Schlange an ihrem Buſen groß zu ziehen. Hüthe dich, Gülnare, deine Natter heißt Leila! Es iſt Natur der Blumen, ſich um die nachbarliche ſtarke Eiche als um einen Schirmpfahl zu ranken. Hüthe dich, blumiges Weib, nicht alle Eichen ſind von wahrhaft grünem Holze! Unſere Feinde führen bereits vergiftete Waffen. Denke an Vuk's entſetz⸗ liches Loos im Scherawitza⸗Grad! Es war ein hochgeſtelltes Men⸗ ſchenkind, das dich liebt und doch ſo tief fallen konnte, ſeinen Geg⸗ ner, den Montenegriner, meuchlings an den Marterpfahl zu ſchla⸗ gen. Hüthe dich, Abgott meines Herzens, Roſe meiner Jugend, Perle meiner Zukunft! Fern liegt aufs Neue der ſchöne Tag des Wiederſehens! Wir ſtehen allein im Kampfe gegen die Uebermacht. Unſere Freunde, unſere Stammgenoſſen haben uns verlaſſen und verkauft! Deſche.“ Der Erbe des Nemagna wußte alſo bereits um die Vorfälle in Albanien wie auf Montenegro. Gülnare ließ das Schreiben mit einem Schreckensrufe fallen. Konnte Lascaris, in deſſen Herzen ſie ſo richtig geleſen zu haben wähnte, ſich jener brandmarkenden Schandthat ſchuldig ge⸗ macht haben?! Ach, auf dem Pfade bürgerlicher Wirren trügt jeder Kompaß! Dort lügt oft der ewige Stern am Pol! Er heißt Ach⸗ tung vor der Menſchheit! Unſelige Verblendung! Entſetzliche Zeit! Arme Gülnare! 266 Fünßzehntes Capitel. In Travnik. In den ſtürmiſcheſten Tagen Bosniens war Serajevo eine auto⸗ nome Freiſtadt geblieben, die ihren Senat beſaß, ihre Behörden wählte, und ſelbſt den kaiſerlichen Statthalter wegſchicken konnte, wenn er dem Volke mißfiel. Die Landesverfaſſung geſtattete, wie wir bereits erzählt haben, dem jeweiligen Vezier von Bosnien nur einen dreitägigen Aufenthalt in dieſer Stadt. Obgleich er ſich Ve⸗ zier von Ungarn, Begler⸗Beg, das iſt, Fürſt der Fürſten, wie den oberſten Aufſeher aller ſerbiſchen Lande nannte, ſo war doch dieſer Stellvertreter Mahomed's in partibus infidelium genöthigt, ſich in dem Grad oder Bollwerk Travnik einzuſchließen. Seit der gro⸗ ßen Niederlage, welche der bosniſche Adel im Jahre 1840 an dem Berge und dem Dorfe Vitez— es liegt an der Serajevo und Travnik verbindenden Straße— erlitten, war zwar die Macht der Spahis nie wieder zu ihrer früheren Blüthe gelangt, doch konnte ſich die Reſidenz des Paſcha in dem kurzen Verlauf von drei Jah⸗ ren unmöglich zu dem Range einer ſieghaften Rivalin Serajevo's, dieſer alten bosniſchen Hauptſtadt emporſchwingen. Ihre Citadelle mahnte noch immer an ein Geierneſt. Die ungeheuere muſelmänniſche Nekropolis oder Todtenſtadt, welche dies Felſenneſt umgibt, verleiht Travnik einen gräberhaften Anblick, der durch die engen, ſchmalen, meiſt ſchmutzigen Gaſſen, die ſich nach der Citadelle hinziehen, wie durch die vielen im Innern des Weichbildes in Trümmern liegenden Gebäude wahrlich nicht geſchmälert wird. Dazu kam noch, daß ſich zur Zeit unſeres Roma⸗ nes an den Schlünden, durch welche die Bosna und Laskna ihre — 267 grünen Wogen wälzen, eine Horde Zigeuner angeſiedelt hatte, deren Wohnungen nicht im Geringſten einem europäiſchen Stadttheile glichen. Es waren größten Theiles Höhlen, die man in den wei⸗ chen Sandſtein gegraben und mit einen Strohdach ober der vorge⸗ neigten Thür verſehen. Dieſer Nothplatz wurde bloß von dieſen Zigeunern und ihren Hunden bewohnt. Letztere waren in der Mehr⸗ zahl, und ein Fremder hätte ſehr unweiſe gethan, ſich in die Nähe dieſer biſſigen Beſtien zu wagen. In der Nähe von Travnik liegt ferner das uralte Dorf Slanitza, das im Alterthume zu Dalmatien gehörte und in der Römerzeit ergiebige Goldminen beſaß, deren weite Aushöhlungen der Volksglaube mit ſpuckhaften Geſtalten be⸗ lebt, was daher die Rajas veranlaßt, bei allenfallſigem Vorüber⸗ gehen das Zeichen des Kreuzes zu beſchreiben. Obgleich Travnik daher eigentlich keinen Anſpruch auf den Beinamen einer europäiſchen Hauptſtadt machen könnte, ſo beſitzt es doch viele ſtattliche Gebäude oder vielmehr Räumlichkeiten, da die Fenſter derſelben nach türkiſcher Sitte meiſt nur nach den innern Höfen gehen. Die Beſitzer dieſer Gebäude ſind oder waren zum Theile die ehemaligen Großwürdenträger am bosniſchen Hofe, als der Großwoiwode, der ſelbſt unter der Türkenherrſchaft das Ober⸗ commando über die nationale Armee führte und die Vollſtreckung der Urtheile der bosniakiſchen Tribunale leitete, der bereits ge⸗ nannte Groß⸗Kadi, das Haupt der dortigen Ulemas und der Ka⸗ di's in den verſchiedenen Bezirken, an den jeder Raja von den Sprüchen der untergeordneten Richter appelliren kann, ferner die Herren der feſten Schlöſſer im Lande, die ſogenannten Kapetani, deren Anzahl Pertuiſier, der Geſandte Napoleon's auf acht und vierzig feſtſtellte, endlich jene Art von bosniſchen Rittern, welche Spahilik's oder Lehen gegen die Verpflichtung erhalten hatten, die Waffen zu ergreifen, ſo oft das Reich bedroht war. Alle dieſe ade⸗ ligen Schranzen wohnten zwar meiſt in Serajevo oder in ihren fe⸗ ſten Schlöſſern, kamen aber zeitweiſe nach Travnik, um den Glanz des türkiſchen Statthalters zu mehren. Auch das alte Geſchlecht, dem Riswan entſproßen, beſaß da⸗ ſelbſt ein eigenes Haus. Der Bazar oder Beſeſtan bietet gleichfalls einen nicht uner⸗ freulichen Anblick. Man ſieht hier freilich keine Demanten aus Gol⸗ konda, keine Rubinen aus Bedaſchan, weder theure Perlen aus Bahrein, noch Klingen aus Damaskus, Mouſeline aus Indien, 268 Shawls aus Angora, Kachemire aus Perſien und andere zu einem ungeheuern Preiſe feilgebotenen Schmuckſachen, als geſchnittene Steine und Talismane; doch findet man in dieſem überdachten Be⸗ ſeſtan die gewöhnlichen Handelsartikel in großer Anzahl und Aus⸗ wahl, auch herrſcht unter den Verkäufern, Käufern und Gaffern, die ſich um die größeren wie kleineren Buden herumdrängen, eine bedeutende Lebhaftigkeit. In mancher dieſer Buden wird zudem nicht bloß verkauft, ſondern ſie dient zugleich dem Handwerker als Werkſtätte. Die Verkäufer einer und derſelben Waarengattung ſte⸗ hen alle nebeneinander, was als Zeichen des zünftigen Zuſammen⸗ haltens dient, denn nicht nur bei uns gibt es Innungen, ſondern auch in der Türkei, und haben auch die türkiſchen Gilden wie die Unſrigen ihre eigenen Schutzpatrone, zum Beiſpiele die Schneider den Enoch, die Fiſcher den Jonas, die Zimmerleute den Joſeph, die Handelsleute den Mohamed, die Reiſenden den Jeſus, die Feld⸗ bauern den Adam. Es gibt ein großes Buch zum Blättern, vom Harze bis nach Stambul nichts als Vettern! Im Spätherbſte des Jahres 1843 waren noch viele ander⸗ weitige ſehenswerthe Dinge zu ſchauen. Da ſah man einen Haufen junger Burſche im Rocke der Land⸗ wehrreiter oder in der Uniform des Nizam von der Muſikbande von Juſſuw's„berittener Leibwache“, geleitet unter dem Rauſchen eines ohrenzerreißenden Marſches, alſo mit fliegenden Fahnen, klingendem Spiele und brennenden Pfeifen durch die Straßen zie⸗ hen. Zeitweiſe hielt der Zug und man ſchritt mit Hilfe eines verlo⸗ ckenden Kolo wie einer ſtets neugefüllten Branntweinflaſche zu einer mitunter ergiebigen Werbung. Der Nizam ward dabei meiſt ſchlecht bedacht. Es ſtand nämlich unter den muhamedaniſchen Bosniaken noch in zu friſchem Andenken, was der böſe Nivelleur⸗Sultan, wie man den verſtorbenen Großherrn Mahmud nannte, gegen die hier⸗ landes ſehr beliebten und geehrten Janitſcharen verübte. Die regu⸗ lären türkiſchen Regimenter tragen zudem die Kuppeln der Säbel und Patrontaſchen nach europäiſcher Manier über der Bruſt ge⸗ kreuzt; im bosniakiſchen Dialekte aber bedeutet kreuzen— ker- stiti— auch taufen.„Wie,“ ſagten die Bosniaken,„uns taufen laſſen? Wozu in dieſem Falle der Sultan? Der Kaiſer zu Wien und der ruſſiſche Czar werden beſſere Pathen für unſere Taufe ſein, als ein Sohn von Othman!“— Die berittene Landwehr machte hingegen ſchon beſſere Geſchäfte. Und konnte es anders ſein? Der 269 Tanz, die Muſik, der Branntwein, die kleidſame Tracht, die gelieb⸗ ten kleinen Pferde mit den zottigen Mähnen, kurz all der Stolz und der Schmuck im Leben eines Haiduken zeigte ſich da ſo zu ſa— gen mit den Händen greifbar. Ja, die flinken Pferde gaben einen verlockenden Köder! Es iſt auch was Vortreffliches um das bosniſche Pferd. Im freien Zuſtande durchſtreift es nach eigner Willkühr die Berge, bis man es zum Gebrauch tauglich findet und daher— mitunter mit Lebensgefahr— einfängt, um es für den Dienſt zuzureiten, gleich⸗ ſam zu— cioiliſiren. Wie eine Katze in dem Hauſe, wo ſie als Kätzlein das Licht der Welt erblickt hat, jeden Schlupfwinkel vom Boden bis zum Kellerloche kennt, ſo weiß das bosniſche Pferd aus Inſtinkt und Erfahrung Weg und Steg durch Felſen und Klüfte zu finden. Es könnte den Eiertanz inmitten der furchtbarſten Riße und Abgründe mit verbundenen Augen tanzen, und der Reiter, der im Sattel auf ſeinem Rücken ſitzt, kann bei Tag und Nacht nichts Beſ⸗ ſeres thun, als das Pferd ſelber ſeinen Weg wählen laſſen. Das ſucht dann nicht wie der Bergeſel oder das Maulthier auf dem ſtei⸗ len Fußpfad der Gebirge vorſichtig den Fleck Erde aus, wohin es mit Sicherheit ſeinen Fuß ſetzen könne. Das ſchnaubt und ſpielt wie die Gemſe im Rennen und fehlt dennoch nie! Auch war die türkiſche Partei ſehr freigebig in Betreff des Handgeldes. Die Actien derſelben ſtanden um dieſe Zeit überhaupt ſehr günſtig, denn Ali hatte bereits die Nachricht von der Neutralität der Albaneſen und der Wiera mit Montenegro nach Travnik gebracht. Auch war Arslan als Buluk⸗Baſchi an der Spitze einer ſtarken Schaar Buren oder Braven zum Sukkurſe im Anmarſche. Juſſuw Paſcha hatte ſich ferner nach Belgrad begeben, weniger um den dor⸗ tigen Muſchir um Beiſtand anzuſprechen, als ſich der friedlichen Geſinnung des von der Pforte bereits anerkannten neuen ſerbiſchen Fürſten Alexander und der beiden Häupter der zu deſſen Gunſten bewirkten Revolution, Vucſich und Petronevich zu vergewiſſern. Dieſe friedliche Geſinnung ſicherte die Türken vor einem Angriff im Rücken wie in der linken Flanke, und geſtattete die Verwendung aller Streitkräfte des Halbmondes zur Unterdrückung der aufſtändi⸗ gen Rajas. Vuk predigte den Letzteren daher einſtweilen ſtrenge Ruhe. Außer dem obigen kriegeriſchen Schauſpiele herrſchte übrigens ungewöhnliche Stille in Traynik. 270 Nur wenn der Muezzin vom Minaret wie eine lebendige Glocke mit furchtbarem Gebrülle die Gläubigen zur Verherrlichung Allah's ermahnte— was fünfmal im Tage geſchieht— ſich nach allen vier Weltgegenden wendete und den Ezan, das Gebet ſprach, ſo eilte jeder gottesfürchtige Muſelmann, wenn es ihm nur irgend möglich war, vor Allem ſeine Waſchung vorzunehmen, und verrich⸗ tete dann, wo er ſich immer befinden mochte, ohne Rückhalt ſein Ge⸗ bet. Auf der Straße legte er den Csibuk nieder, im Kaffeehauſe ſchob er die Taſſe bei Seite, war er in einem noch ſo viel verſpre⸗ chendem Handel begriffen, er unterbrach ihn und erhob unter den drolligſten Körperbewegungen und Verneigungen ſeine Stimme zu dem Herrn des Himmels, zu ſeinem einzigen Gotte. Solche, die ſich in der Nähe des Dſchami oder Gebethauſes befanden, hielten in deſſen Vorhalle die Waſchung, legten dann ihre Pantoffel ab und traten in ihren ledernen Socken in die Moſchee, wo ſie nach einer tiefen Verbeugung gegen den in einem Schrank aufbewahrten Ko⸗ ran ihre Blicke gegen die auf Mekka deutende Mihabra richteten. Hier und dort fand auch ein Leichenbegängniß Statt. Der Todte ward, ſtatt des Sarges in ein großes leinenes Tuch gehüllt und zur Vertreibung der böſen Geiſter mit Weihrauch beräuchert, im Geleite ſeiner Verwandten nach dem mit Bäumen und Blumen be⸗ pflanzten bereits genannten türkiſchen Friedhof zu Grabe getragen, deſſen weite Höhlung erſt mit Brettern, dann mit Raſen bedeckt wurde. Auf das Kopfbrett oder den Grabſtein der Männer ward ein Turban, bei Frauen ein weiblicher Kopfſchmuck gemahlt oder ausgehauen und mit Hinzuſetzung des Namens die Unterſchrift bei⸗ gefügt:„Dame Allah hu teala Raemeti!“ das heißt:„Gott ſei ihm in Ewigkeit gnädig!“ Und was war die Urſache deſer gewöhnlichen Stille? Der Ramazan oder die Faſtenzeit war noch nicht zu Ende und der Beiram, dies Laubhüttenfeſt der Türken ſollte erſt ſpäter be⸗ ginnen. Der Ramazan ward auch in Travnik wie in der ganzen Türkei mit großer Andacht gefeiert. Die frommen Muſelmänner blieben den ganzen Tag ohne Speiſe, Trank und Tabak, vermieden ihren Harem wie alle andern Genüſſe und brachten den größten Theil der ſonnenlichten Stunden mit Bethen zu. Die Entbehrungen der Faſttage ſollten aber durch die heitern Freuden der darauf fol⸗ genden Abende und Nächte reichlich erſetzt werden. Kaum daß die Sonne untergegangen war und die Sterne am Himmel aufſtiegen, 271 wurden die Thürme der Moſcheen mit unzähligen Lampen beleuch⸗ tet, und ſobald die Kanonen der Citadelle das übliche Zeichen ge⸗ geben, jagte Jedermann, alt wie jung, reich wie arm mit gieriger Haſt nach den ſo lang entbehrten Vergnügungen und Genüſſen, und kannte, als wollte er das Verſäumte doppelt einholen, in der zum Tanz umgezauberten Nacht weder Maß noch Ziel in ſeinen Ergö⸗ tzungen. Auf den beleuchteten Straßen herrſchte die größte Lebhaf⸗ tigkeit, in den Höfen der Behauſung des Paſcha wurde das Volk trotz ſeiner Abweſenheit mit Muſik und Feuerwerk unterhalten, die Kaffeehäuſer und Khans wimmelten von Gäſten, die Sänger, Tänzer und Märchenerzähler hatten die Kehlen, Füße und Zungen. vollauf zu thun, und ſelbſt die lebendigen Blumen des Harem ſchwebten in zahlreichen Schaaren über die Straßen, meiſt ſo ſchnell, als wenn ihre weibliche Ehre von Gefahr bedroht werde, oder es um ihr Gewiſſen in Sachen der Treue eben nicht am beſten be⸗ ſtellt ſei. Dieß hinderte ſie aber nicht im Geringſten, mit den türki⸗ ſchen Offizieren, namentlich von der Landwehr zu kokettiren, deren Herzen mit ihren großen Augen wie mit Pfeilen zu beſchießen und ſelbſt manches Mal ihren höchſt unbequemen und ſtörenden Feredſchi derart auseinander fliegen zu laſſen, daß dem Beſchauer Gelegenheit genug gegeben wurde, den reizenden und üppigen Wuchs, welcher bei den türkiſchen Frauen durch die feſt anliegenden Jacken und Ho⸗ ſen noch mehr hervor gehoben wird, ferner die ſchön gerundeten, ſchneeweißen Arme und den hochwogenden Buſen zu bewundern. Die allgemeine Aufmerkſamkeit, die ſich jedoch nicht bloß durch befremdende Blicke, ſondern auch durch unwilliges Gemurmel und leiſe Flüche kundgab, heftete ſich jedoch an die Schritte und Tritte einer chriſtlichen Dame hohen Ranges, die unverſchleiert, mit ver⸗ ächtlicher Miene an dem Arme eines ſtattlichen Mannes durch die Straßen Travnik's dahinzog. Und wer war dieſe Dame? Eine hohe ſchlanke Geſtalt, Majeſtät in jedem Zuge des ſchönen, etwas bleichen Geſichtes, die zwei Roſen ausgenommen, dir auf ihren Lippen lagen. Roſige Lippen? Allerdings! Und doch ſprach dieſer feingeſchnittene Mund meiſt Handſchars und das nächtige Auge der Herrin blitzte wie ein ſcharf geſchliffener Dolch. Zuweilen aber flog es wie unſägliche Wehmuth durch das gebieteriſche Antlitz und um die Mundwinkel lag und zuckte es dann elegiſch wie ein Lied von unglücklicher Liebe, die ſich ihr Stelldichein erſt hinter den Gräbern geben durfte! 272 Gülnare? Sie war es in der That, die heute dem geſammten Islam Bosnien's den Fehdehandſchuh vorgeworfen. Die Sache kam ſo. Man hatte kürzlich in Travnik drei verdächtige Rajas aufgegriffen, die nächſtens als angebliche Aufwiegler und Spione gepfählt wer⸗ den ſollten. Unter dieſen Gefangenen befand ſich auch Dane, der Enkel des Flüſterers. Er konnte in den Augen der Muhamedaner allerdings als ſchuldig gelten, da er in Aufträgen Gülnaren's nach Traynik gekommen, welche das Aufpflanzen des Kreuzes bezweckten. Natürlich, daß ſich Dane eher die Zunge abgebiſſen, als ſeine Her⸗ rin verrathen hätte, noch natürlicher, daß die Roſe von Serajevo auf die erſte Kunde von ſeiner Verhaftung nach Travnif eilte, ſich ſelbſt angab, und dem Richter— es war der leider unbeſtechliche Groß⸗Kadi, der in Abweſenheit Juſſuw's allein in dieſer Angele⸗ genheit entſcheiden konnte— dabei Dinge ins Antlitz ſchleuderte, welche einem unbedeutendern Menſchenkinde ſelbſt bei uns zu Lande in Ermangelung der Gulllotine zu einer ſehr nahen Berührung mit dem vaterländiſchen Surrogat aus Hanf verholfen haben dürften. Trotz der bekannten ſchnellen türkiſchen Juſtiz berückſichtigte man jedoch den hohen Nang der Kneſin, die gefeierte Stellung ihres Vaters als Reſident einer auswärtigen Großmacht wie die muha⸗ medaniſche Geſinnung ihres Gatten, und ertheilte ihr daher bloß einfach den klugen Rath, ſich ſo raſch wie möglich aus Traynik ent⸗ fernen zu wollen. Gülnare beſchloß im Gegentheile der Hinrichtung beizuwohnen und ihren verhaßten politiſchen Widerſachern allüber⸗ all eiſernen Trotz zu bieten. Daher ihr Erſcheinen auf den feſtlich beleuchteten Straßen! Und Lascaris?— Lascaris benahm ſich in ſeiner zweideutigen Lage ſo entſchie⸗ den als es die Umſtände erlaubten. Er vertrat zwar die Sache ſeiner Gattin wie ein gereizter Löwe, übernahm aber als Comman⸗ dant des erſten berittenen Landwehrregimentes, das ſich bereits unbedingt für Juſſuw ausgeſprochen hatte, in Gemeinſchaft mit Ali, der in Folge ſeiner ſo erfolgreichen Geſandtſchaft mit Ueber⸗ ſpringung einer Charge zum Kaimakan, das iſt Oberſtlieutenant, befördert worden war, die Bewachung der eingefangenen bosniſchen Aufwiegler, was ihm zwar in den Augen der islamitiſchen Damen⸗ welt ein ſehr beſtechendes türkiſches Kolorit verlieh, Gülnaren aber faſt noch mehr ſtutzen und bangen machte, als jenes geheimnißvolle 273 Schreiben, das ihr Deſche auf ſo räthſelhafte Weiſe zukommen laſſen. Die allgemeine Aufmerkſamkeit blieb wie geſagt an die Schritte der Kneſin gefeſſelt. Die neugierigen Blicke der Spaziergänger nahmen aber nach und nach einen ſehr unheimlichen Ausdruck an, das drohende Ge⸗ murmel wurde immer lauter und die früher leiſe geflüſterten Flüche rauſchten bereits ziemlich hörbar durch die Lüfte. Weibliche Eifer⸗ ſucht, die in den morgenländiſchen Harems ſo zu ſagen erfunden worden ſein dürfte, ſchien gleichfalls redlich das Ihrige beigetragen zu haben, um Oel in die Flammen des allgemeinen Unmuthes und Grolles gegen die reizende Gülnare zu gießen. „Ich fürchte, es wird heute noch ein Donnerwetter abſetzen!“ Alſo ſprach jener mittlerweile zu dem Obergetichte in Travnik verſetzte türkiſche Rechtsgelehrte, den wir in einem ſrüheren Capitel im Geſpräche über die Phraſe„der Paſcha unterhält ſich“ im Dampfbade zu Serajevo belauſcht haben, zu dem Kaimakan Ali, der neben ihm ſtand, und über die beiſpielloſe Verwegenheit Gül⸗ naren's gleichfalls ſehr bedenklich den Kopf ſchüttelte. „Schwarze Wolken,“ entgegnete dieſer,„ſtehen freilich am Himmel!“ „Auch beginnt der Sturm bereits zu heulen. Arme weiße Roſe!“ „Zum Glücke ſchlingt ſie ſich um einen feſten Schirmpfahl.“ „Lascaris?“ „Ja wohl, der Mann führt eine prächtige Klinge und ſchießt einem ein Goldſtück zwiſchen den Fingern heraus.“ „Er iſt ein wundervoller Roſtem, wie die Perſer ſagen, aber Turèi ima kao trava!“ „In der That gibt es hier Türken wie Gras, auch dürfte der Lärm gleich losgehen!“ Gülnare'n ſtand in der That eine herbe Prüfung bevor. Sie mußte, um zu ihrer Behauſung zu gelangen, einen kleinen etwas abgelegenen Platz überſchreiten. Dort aber hatte ſich ein zahlreicher Haufe Pöbel beiderlei Geſchlechtes und jeglichen Standes, denn man gewahrte darunter auch goldgeſchmückte Kaftans und zierliche Feredſchis, geſammelt und harrte mit unheimlicher Miene auf die ſtolze, feindlich geſinnte Fürſtin; auch erhob ſich augenblicklich ein Unheil verkündendes Gemurmel, als ſie endlich ſpät Abends am Arme ihres Gatten langſam, mit majeſtätiſcher Haltung beſkaim 8 Der Montenegriner. 274 Es war offenbar auf eine politiſche Demonſtration abgeſehen. Gülnare blickte kaltblütig auf die drohende Menge, in ihrem Auge lag tiefe Verachtung, ja ſie warf im Vorwärtsſchreiten ein paar zündende Worte im Geſchmacke des berühmten Wuſein hin, wenn dieſer„Drache Bosniens“ die Vertilgung des Nizam pre⸗ digte, und die Feinde der Reform zum höchſten Grimme aufſtacheln wollte. Muth imponirt jedem Gegner in jeder Zone. Auch der buntſcheckige Janhagel auf dem abgelegenen Platze zu Travnik gab verblüfft Raum, als die Kneſin ſo entſchloſſen in ſeine Mitte trat. Viel trug auch die Achtung vor der Uniform des beliebten Lascaris wie die Furcht vor ſeiner bekannten ausgiebigen Fauſt bei, und das ſtattliche Ehepaar erreichte endlich ungefährdet die ſchirmendegeigene Behauſung, vor der noch obendrein eine ſtarke und waͤlbewaffnete Abtheilung bosniſcher Landwehr aufge⸗ ritten war. Efoffehlte jedoch leider nicht an hämiſchen Bemerkungen, ja es wurden Fogar von Seite des ſich nur langſam zerſtreuenden Pöbels ein pqr gemeine Schimpfworte laut, als ſich das Thor je⸗ ner Behauſuns geſchloſſen hatte, und eine bedenkliche Rückkehr des ſimſonhaften Lascaris nicht mehr zu befürchten war. Grund genug, daß ſich Gülnare in der tiefſten Seele aufgeregt fühlte und in der unmuthigſten Stimmung von der Welt in den Hof jenes ihrem Vater Riswan gehörigen Gebäudes gelangte, darin ſie ſeit geſtern ihr Hauptquartier aufgeſchlagen hatte, willens es auch bis zur Stunde der Hinrichtung zu behaupten. Wer ſchildert ihre zornige Ueberraſchung! Ueberraſchung? Weßhalb? Im Hofe ſtand ihr Wagen gepackt und mit flüchtigen Roſſen beſpannt zur Abfahrt bereit. „Was ſoll der Wagen?“ frug ſie grollend, als ſie Lascaris nach ihrem Gemache geleitete. „Es war meine Pflicht,“ entgegnete Lascaris zärtlich,„theure Kneſin, dieſe Vorſichtsmaßregel zu ergreifen.“ „Wozu?“ „Gülnare muß Travnik in der nächſten halben Stunde im Rücken liegen haben.“ „Träumen Sie?“ „Die Aufregung der Bevölkerung iſt fürchterlich und wächſt mit jeder Minute. Es hat ſich nämlich das Gerücht verbreitet, die Rajas beabſichtigten die Gefangenen zu befreien. Vuk ſoll an ihrer 275 Spitze ſtehen. Man fürchtet einen Gewaltſtreich zur Rettung Dane's. An den andern zwei Bosniaken ſcheint übrigens weder den Türken noch den Chriſten bedeutend viel zu liegen. Es ſind wahr⸗ hafte Gauner und Diebe, welche Rad und Pfahl ſchon zehnmal verdient hätten.“ „Ein Gewaltſtreich meines Volkes? Dann bleibe ich um ſo mehr an Ort und Stelle!“ „Sie irren ſich, Gülnare! Das Gerücht iſt falſch, iſt rein aus der Luft gegriffen. Dane's Freunde, ſelbſt ſein Oheim haben alle Hoffnung auf ſeine Rettung aufgegeben. Wir wiſſen dieß durch verläßliche Spione ganz genau. Der Pöbel läßt ſich aber in ſturm⸗ bewegten Zeiten durch den Schall eines Katzentrittes, obgleich er eigentlich unhörbar iſt, zu der blutigſten Schandthat treiben. Den⸗ ken Sie um des Himmels willen an ſo manche Gräuelſcene in den Blättern der bosniſchen Geſchichte! Dane iſt unretthar verloren!!“ „So will ich ſeiner Hinrichtung beiwohnen.“ „Was könnte dieß frommen?“ „Der treue Diener ſoll im Tode wenigſtens ein befreundetes Antlitz erblicken.“ „Unmöglich!“ „Wer könnte mich hindern?“ „Sie würden jedensfalls zu ſpät kommen. Dane wird des Pöbels wie jenes Gerüchtesswegen noch heute um die Mitternachts⸗ ſtunde im Hofe ſeines Haftortes hingerichtet, doch Dank Ihrer wie meiner Vorbitte nicht gepfählt, ſondern einfach enthauptet werden. Mit ſeinen beiden Genoſſen allein rechnet die Juſtiz erſt mor⸗ gen ab.“ „Entſetzlich!“ In dieſem Augenblicke wurde in der einen Ecke des Gemaches ein gellender Angſtſchrei hörbar. Ein ſchwerer Fall folgte. Eine weibliche Geſtalt war dort in Ohnmacht dahingeſunken. Gülnare und Lascaris ſprangen überraſcht und erſtaunt zur Hilfeleiſtung hinzu. Es war Meliſſa, das bleiche Schweſterlein des ſtämmigen Dane. Meliſſa war in der Angſt ihres Herzens um den geliebten Bruder nach Travnik geeilt, um ſich der Kneſin nochmals zu Füßen zu werfen und ſie bei Allem, was der Menſchheit heilig, zu beſchwö⸗ ren, den geliebten Bruder vor dem marterhaften Tude, der ſeiner 18* 276 harrte, zu bewahren. Spät Abends angelangt, eine wohlbekannte und allgeliebte Erſcheinung, wurde ſie von der Dienerſchaft nicht bloß eingelaſſen, ſondern auch nach dem Gemache Gülnarens mit der Weiſung gebracht, daſelbſt die Rückkehr der Herrin in Geduld abwarten zu wollen. Gülnaren's ſtürmiſche Eile bei dem Anblick des reiſefertigen Wagens hatte die bezügliche Meldung verhindert, Lascaris war um die Ohnmächtige beſchäftigt. Die Kneſin eilte zu dem nächſten Divan und wollte eben ein Metallbecken, das ſich auf dem daneben ſtehenden Tiſche befand, als Ruf für die Dienerſchaft erklingen laſſen, als eine wohlbe⸗ kannte Stimme ſehr leiſe, aber deutlich an ihr Ohr ſchlug. Es war die Stimme Vuk's und ſchien dieſelbe ſo zu ſagen aus dem weichen Kiſſen des erwähnten Divans zu kommen. Ihre Worte lauteten: „Reiſen Sie augenblicklich ab! Ich wache über Dane und Meliſſa.“ Gülnare ſchwankte. „Blinder Gehorſam oder Alles iſt verloren!“ Alſo mahnte die frühere Stimme leiſe verhallend, die Kneſin zögerte nicht länger und man denke ſich daher die Ueberraſchung unſeres Freundes Lascaris, als ſich ſeine ſonſt ſo hartnäckige Gat⸗ tin, nachdem ſie Meliſſa den Händen einer bewährten Dienerin übergeben hatte, plötzlich zur augenblicklichen Abreiſe bereit erklärte. Lascaris betrachtete Gülnaren natürlte) mit argwöhniſchen Blicken, aber auch nicht eine Miene in ihrem früher ſo ſtürmiſch ſehenden Antlitze verrieth einen geheimen Plan, einen verrätheriſchen Ge⸗ danken an unbeſonnene Rückkehr. Meliſſa hatte ſich mittlerweile etwas erholt, äußerte aber auch nicht eine Sterbensſylbe der Bitte oder Beſorgniß, nein, ſie ſtarrte— den Wunſch der Kneſin, die Kleine ſolle ſich gleichfalls zur Abreiſe anſchicken, kaum beachtend, fortwährend verneinend den Kopf ſchüttelnd— ſtier und theil⸗ nahmslos vor ſich hin, zweifelsohne über eine entſetzliche That ſchweſterlicher Verzweiflung brütend. Das Erſtaunen des argwöhniſchen Lascaris wuchs mit jeder Minute. Gülnare ſchien plötzlich den Entſchluß des Mädchens zu billi⸗ gen und begab ſich mit wahrhaft auffallender Eile nach ihrem Reiſe⸗ wagen. Ein Zug berittener Landwehr diente der Kneſin als Es⸗ corte. Lascaris blickte dem Wagen lange nach und kehrte dann etwas beruhigter nach dem Gemache zurück. Meliſſa lag bleich wie — —— 2 Marmor auf dem weichen Divan, und ihr Auge, das in Thränen ſchwamm, heftete einen langen, ſeltſamen, forſchenden Blick auf das Antlitz des eintretenden Abenteurers. Es wäre ſchwer zu ſchildern, was Alles in dieſem Blicke zu leſen ſtand. Neugierige Frage, bange Scheu, ſtilles Vertrauen, demüthiger Vorwurf! Lascaris betrach⸗ tete die troſtloſe Kleine mit wehmüthiger Miene, ſprach aber kein Wort der Beruhigung, ſondern begab ſich, unwillkührlich mit den Achſeln zuckend, langſamen Schrittes nach der offen ſtehenden be⸗ nachbarten Stube. Er wollte daſelbſt den Befehl für die Landwehr betreffs der morgigen Hinrichtung ausfertigen, und gedachte ſich dann zur Beſichtigung ſeiner Poſten im Innern, wie in der Umge⸗ bung des ſtädtiſchen Haftortes zu Travnik zu begeben. Während er alſo beſchäftigt war, entfernte ſich die oben genannte Dienerin auf ein paar Augenblicke, um eine volle Taſſe labenden Trankes für die leidende Enkelin des Flüſterers zu beſorgen. Meliſſa ſtarrte vernich⸗ tet, noch trüber wie früher vor ſich hin. Plötzlich klang es von der Stubendecke herab, ſehr leiſe, aber deutlich: „Hörſt du mich, Meliſſa?“. „Ich höre!“ ſtammelte dieſe freudig aufſchreckend. „Kennſt du meine Stimme?“ „Du biſt der gewaltige Kapitan der Haiduken!“ „Willſt du mir gehorſamen?“ „Bis in den Tod!“ „In der Nähe von Travnik liegt der Ort Slanitza. Kennſt du ſeine alten Goldgruben?“ „Ich kenne ſie!“ „Wenn morgen in der Frühe die letzte Stunde der armen Sünder ſchlägt, mußt du daſelbſt zu treffen ſein.“ „Was weiter? „Du wirſt in den Gruben eine verſchloſſene Thür finden. An dieſe poche leiſe, ſobald die grauſame Hinrichtung vorüber iſt und die Streifſchaaren und Vorpoſten vor der Stadt eingezogen worden ſind. Sprich nichts als die Worte: es iſt Zeit!“ „Und weiter?“— „Das Weitere wird man dir an Ort und Stelle ſagen. Biſt du bereit?“ „Ich bin es!“ „Noch Eines! Wenn heute der Muezzin von dem Minaret — 278 die Mitternachtsſtunde verkündet, dann verzage nicht, denn die lie⸗ ben Engel des Himmels wachen. Deßhalb ſprich ein andächtiges Vater unſer. Gott ſei mit dir und mir!“ Die Stimme verhallte. So leiſe das Geſpräch aber auch ge⸗ führt worden, ſo ſchien doch Lascaris durch die wiſpernden Töne aufmerkſam zu werden, denn er ſprang plötzlich haſtig auf und eilte mit ſtürmiſchem Schritte an die bekannttich offen ſtehende Thüre. „Wer ſpricht hier?“ frug er mißtrauiſch. „Ich bethe,“ antwortete Meliſſa mechaniſch. Gleichzeitig trat die Dienerin mit einer Taſſe labenden Tran kes in das Gemach. Der Ritter begab ſich zu ſeinen Papieren zu⸗ rück. Als er bald darauf Stube und Haus verließ, war eine auffal⸗ lende Veränderung in Meliſſa's Antlitz vorgegangen. Die Todes⸗ angſt ſchien geheimer Freude weichen zu wollen, auch lag in dem Blicke, mit welchem ſie den Schritten des fortſtürmenden Lascaris folgte, weder Neugierde noch Vorwurf, eher ironiſche Bosheit. Der Mann ſchien ihr wieder gänzlich fremd geworden zu ſein. Einige Zeit ſpäter, etwa gegen halb eilf Uhr Nachts bewegte ſich ein kleiner Zug Saumthiere oder Packpferde, die ein geübtes Kennerauge nach ſorgfältiger Prüfung ausgeſucht zu haben ſchien, von dem Ufer des mehr genannten Fluſſes langſam gegen die Stadt Travnik empor. Die Thiere waren mit gefüllten Säcken beladen und hielten zeitweiſe an, denn die Laſt, feiner Sand, war von be deutendem Gewichte. Voran ſchritt ein breitſchulteriger Führer oder Eigenthümer der Karavane, hinten nach keuchten vier bis fünf Trei⸗ ber oder Packknechte, mitunter wohl auch eine Hand anlegend, um die Sandſäcke an einer beſchwerlichen Stelle auf dem Rücken der Pferde ſtützen zu helfen. Eine vorübergehende Streifſchaar hielt den Führer an, entfernte ſich aber raſchen Ganges, da die Antwort be friedigend ausſiel und dahin lautete, die Sandſäcke ſeien nach dem ſtädtiſchen Haftorte beſtimmt, und zwar zur allenfalſigen Verram⸗ melung und Verſchanzung bei Gefahr eines verwegenen Handſtreiches der Rajas. Auffallend war übrigens die Länge und Breite wie Neuheit der Säcke, was übrigens das Dunkel der Nacht den Bli⸗ cken der Streifſchaar verborgen. Einmal hielt der Zug ein paar hundert Schritte vor einer verrufenen und abgelegenen Kneipe, die in dem böſen Leumund ſtand, den Schlupfwinkel glaubensſchwacher Muhamedaner abzuge⸗ 279 ben, ffalls dieſelbe das Gelüſte hegten, die Gebote des Koran zu übertreten und den edlen Rebenſaft zu koſten. Auch bekam man da⸗ ſelbſt vorzüglichen Zwetſchkenbranntwein. Die Raſt währte dort länger als gewöhnlich. Endlich kam ein ſechſter Treiber oder Pack⸗ knecht aus der Schenke herbeigelaufen und meldete dem Führer des Zuges, der bewußte Mann werde ſogleich in der öden Gaſſe erſchei⸗ nen. Er ſei furchtbar angetrunken und ſuche daher ſeine Kaſerne noch früher zu erreichen, ehe er vollends fertig geworden. Eine kurze Pauſe folgte. Gleich darauf taumelte ein ſtämmiger Kriegsmann aus der Thüre der Kneipe. Der Betrunkene trug jene den ſtrenggläu⸗ bigen Türken ſo verhaßte Tracht nach fränkiſchem Schnitte, kurz die vielverſchriene gekreuzte Uniform des Nizam, einen blauen Waf⸗ fenrock und Pantalons von gleicher Farbe, endlich den rothen Feß, unter welchem ſich jedoch der orientaliſchen Sitte zuwider ein reicher Haarwuchs Luft zu machen ſtrebte. Ein ſilberner Stern oder Halb⸗ mond auf der Bruſt bekundete die Charge eines Tſchauſch oder Feldwebels. Der Trunkenbold vermochte ſich kaum auf ſeinen ſchwan⸗ kenden Füßen zu erhalten. Es war jener verrätheriſche Bosniake, der Vuk zu Moſtar ins Verderben geſtürzt, dann Dane den Händen des Henkers überliefert und ſich endlich vor dem Zorne ſeiner chriſtlichen Landsleute in die gekreuzte Uniform des Nizam geflüchtet hatte. Als er an dem Zuge Packpferde, faſt ohne ihn zu ſehen, vorüberwankte, faßten ihn die Packknechte von rückwärts, während ihr Führer dem Betrunkenen von vorn mit ungemeiner Geſchicklichkeit einen Knebel in den Mund zwängte. Alles geſchah mit überraſchender Schnelligkeit, mit einer der ſchweigſamen und dunklen Nacht würdigen Stille und Geräuſch⸗ loſigkeit. Dann wurde der Ueberwundene mit den Füßen voran in einen Sack geſchoben, und der letztere, nachdem man den Feß gleich⸗ falls vorſichtig hineingedrückt hatte, über dem Haupte des Verrä⸗ thers zuſammengebunden und gleich den übrigen Sandſäcken auf dem Rücken eines der Pferde befeſtigt. Die Entführung war ein kleines Meiſterſtück. Der Zug ſetzte ſich nunmehr in weit raſchere Bewegung und gelangte in der nächſten Viertelſtunde an die ſtreng bewachten Thore des Kerkers, in welchem Dane, abgeſondert von ſeinen beiden To⸗ desgefährten, in einer wohlvergitterten, ſpärlich von dem Schimmer einer armſeligen Kerze beleuchteten Stube die letzten bangen Stun⸗ den eines Verurtheilten verſeufzte. Lascaris kam eben mit der Runde 280 heran, als der Kerkermeiſter oder Beſchließer der Karavane den Einmarſch geſtattete. „Was ſoll dieſer Zug?“ frug Lascaris barſch. „Er bringt die Schanzſäcke,“ entgegnete der Schließer. „Hätte auch früher kommen ſollen! Schafft die Säcke laut Befehl an Ort und Stelle!“ Dieſer Befehl wurde augenblicklich vollzogen, auch ſchleppte man ein paar Säcke nach der Stube des ſtämmigen Morlaken. Lascaris begleitete die Träger der letzteren und prüfte gleichzeitig die Feſtigkeit der eiſernen Gitterſtäbe an dem Fenſter. Dane wür⸗ digte den Gatten der weißen Roſe keines Blickes; er ſaß ſtumm und brütend vor den Ueberreſten jenes ſchwelgeriſchen, übel gegen Ort und Stunde abſtechenden Mahles, das türkiſcher Hohn dem armen Sünder vor der letzten Stunde ſeines Lebens aufgetiſcht hatte. Leider herrſcht auch bei uns im Abendlande dieſe, gelinde geſagt, befremdende Sitte. Plötzlich ließ ſich das leiſe Ziſchen einer Schlange vernehmen und einer der Treiber wies bedeutſam nach dem zu oberſt liegenden Sacke. Dane lächelte wie im ſtillen Einverſtändniſſe, Las⸗ caris hingegen drehte ſich argwöhniſch um; es war aber nichts weiter zu hören, noch zu ſehen. Kommandant und Packknechte verließen die Kerkerſtube. Nach einer halben Stunde erſchien der ehrwürdige Pope, der Dane den Tag über den frommen Troſt der Kirche geſpendet hatte, und ihm nun das letzte Liebesgeleite auf dem harten Gange zum Tode zu bieten kam. Auch der Diener des Herrn, ein noch rüſtiger Mann mit dichtem dunklen Vollbart wurde ohne Anſtand zuͤ dem armen Gefangenen geführt, doch ſchloß Lascaris Vorſichts halber eigenhändig die Thüre hinter ihm ab, den Schlüſſel hierauf dem Kerkermeiſter überreichend. Eine qualvolle zweite halbe Stunde verlief ohne weiteres Ereigniß. Endlich verkündete der Ruf des Muezzin von dem Minaret die verhängnißvolle mitternächtige Stunde. Gleichzeitig erſchien Ali mit der von dem unerbittlichen Groß⸗Kadi ausgefertigten Weiſung zum ſchleunigen Vollzug der Todesſtrafe. Lascaris empfing ſie mit ſol⸗ datiſchem Ernſte, durchlas die wenigen Zeilen und ertheilte dann mit leiſer Stimme die nöthigen Befehle. Der Trommelwirbel raſ⸗ ſelte, die Wachmannſchaft trat ins Gewehr, die üblichen Poſten wurden ausgeſtellt und eine dichte Kette von gefällten Bayvnetten 281 umgab das im Hofe befindliche Blutgerüſt, an deſſen Stufen bereits der Henker und ſeine Freiknechte mit grimmigen Blicken auf das ihren Händen verfallene Opfer lauerten. Wenige Fackeln brannten, den Schatten ringsum noch dunkler und unheimlicher geſtaltend. Es war eine unfreundliche, bitterkalte Nacht, die wenig zu den vorher⸗ gehenden wie nachfolgenden heiteren, für den Spätherbſt allzu⸗ warmen Tagen ſtimmte. Die Natur ſelbſt ſchien um den Tod eines unſchuldigen Menſchenkindes zu trauern. Lascaris wie Ali rieben ſich fröſtelnd die Hände. Der Kerkermeiſter und ein paar Wachen eilten in die Kerker⸗ ſtube. Der Pope ſtand mit zagenden Blicken vor dem Verurtheilten, der, wie ſich der Streiter des Herrn äußerte, nichts von dem Troſte der Religion wiſſen wolle und mehr Luſt zum Schnarchen als zum Beten zu hegen ſcheine. Dane trug das gewöhnliche morlakiſche Koſtume, beſtehend aus einem Hemde mit weiten und langen Aermeln, einem blautuchenen Beinkleid, das an den Knieriemen— Patſcha⸗ nizza— endete, wollenen Strümpfen, Opanken, einem Gürtel— Pascanizza, das iſt, Waffenträger genannt—, einer rothen Weſte oder Jazerma, einem wollenen Ueberrock, Kapora geheißen, endlich aus dem weiten rothen Tuchmantel, der berühmten Kabanizza von einem etwa fußbreiten Gewebe, deſſen ſchmale Streifen grob an einander genäht worden. Auch hatte er ſein Haupt in die ſpitze Kapotte dieſes Mantels gehüllt und dieſelbe tief in das Geſicht hinabgezogen. Der Mann ſchien in ſeinem beſten Sonntagsſtaate zu Grabe gehen zu wollen. Der Schließer rüttelte den Gefangenen unſanft am Arme. Dieſer ſtöhnte, ſtreckte ſich und frug dann mit lallender Stimme: „Djavole, koliko ima satih?«—„Teufel, wie viel Uhr iſt es?“— „Gerade an der Zeit für einen armen Sünder,“ meinte der Kerkermeiſter,„um in die Ewigkeit zu wandern.“ Dane ſchien den Sinn dieſer Worte nicht recht zu faſſen, denn er entgegnete lakoniſch: „To se bude zgodilo kad bude u petak nedélja!“—„Das wird geſchehen, wenn am Freitag Sonntag ſein wird!“— niemals— „Der Kerl iſt ſtockbeſoffen,“ zürnte der Schließer,„man kann— doch nie genug Wache ſtehen!“ „Kakva nesrèca!“—„Welcher Unfall!“— entgegnete ſpottend der Morlake. „Wie ſteht es mit deiner Seele?“ frug der Pope. „Veselo kaho u svetom raju!“—„So fröhlich wie im Himmelreiche!“ lautete die Antwort. „Laſſen wir ihn,“ fiel der Kerkermeiſter ein,„mit dem Trun⸗ kenbolde iſt nichts mehr anzufangen.“ Er gab das Zeichen zum Aufbruche. Ein Soldat und der Prie⸗ ſter ergriffen den Verurtheilten unter den Armen. Dane taumelte von ihnen mehr geſchleppt als geführt in den Hof hinunter. Der Henker und ſeine Helfershelfer faßten ihr Opfer, der Beſchließer trat ein Kreuz ſchlagend zurück, nur der Pope, das Krucifix in der Hand, verblieb bei dem armen Sünder. „Noëas se je Smerznulo, zima mi je odveéa!“—„Die Nacht hat es gefroren, die Kälte iſt mir zu empfindlich!“— Alſo ſtammelte der Betrunkene, als ihm der Henker die Kaba⸗ nizza vom Leibe riß und ſeinen Hals entblößte. Die Kälte ſchien jedoch belebend auf ſeine Nerven zu wirken. Der Mann kam etwas zu ſich und blickte gleichzeitig ganz verdutzt umher. In dieſem Au⸗ genblicke band ihm der Henker die Hände rückwärts zuſammen. Die rauhe Behandlung, der Schmerz des Schnürens, endlich der Anblick des Blutgerüſtes ernüchterten den armen Sünder. Er begann alles zu begreifen. „Was will man von mir,“ rief er erſchrocken,„bin ich nicht bei meinem lieben Bruder, dem Türken? Kann, darf mich dieſer zum Tode verdammen?! Hilfe! Schmählicher Verrath!“ Der Pope trat dicht an den Verurtheilten heran, ihm leiſe in das Ohr flüſternd: „Bete dein letztes Vaterunſer! Nicht der Türke, nein, dein eigenes Vok verdammt dich, Verräther, zum Tode!“ „Otèe nas!“— Vater unſer!— Pomagaj!— Zu Hilfe! — Zum Tode? Das darf nur der Kapitan!“ „Ich bin hier! Stirb Verräther!“ Die Worte ſchienen leiſe vom Himmel herabzuſchallen. Es war offenbar Vuk's Stimme.. „Ich bin verloren!“ ſtöhnte der arme Sünder. „Was gibt es?“ frug Lascaris voreilend. „Was geht hier vor?“ rief Ali gleichfalls herbeiſchreitend. 283 Der Diener des Herrn hatte aber bereits das letzte Zeichen ge geben, der Verurtheilte war während des letzten Zwiegeſpräches an den Pflock gebunden worden, das Schwert des Henkers blitzte, der Kopf rollte zur Erde und Alles hatte ſein Ende. „Der Verſtockte,“ meinte der Pope,„iſt leider betrunken hin⸗ über gewandert.“ Dieſe einfache Antwort beſchwichtigte den Argwohn Ali's wie ſeines Gefährten Lascaris. Beide verließen haſtigen Schrittes den Hof. Der Hauptakt des blutigen Drama war vorüber und bezüglich der beiden andern Gefangenen als wirklicher Gauner kein Gewalt⸗ ſtreich von Seite der Rajas zu fürchten. Man ſchaffte daher auch die unnöthig gewordenen Sandſäcke hinweg. „Das war vor einer halben Stunde noch,“ ſprach Ali im Nachhauſeſchreiten ſchaudernd,„der ſtämmigſte und entſchloſſenſte Burſche im geſammten bosniſchen Lande, der Stolz und die Blüthe ſeiner offenkundigen wie geheimen Haiduken!“ „Man wird ihn auch blutig rächen,“ entgegnete ahnungsvoll Lascaris,„armer Dane!“ Beide trennten ſich kopfſchüttelnd. Ein paar Stunden nach dem Anbruche des Tages erdröhnte der Trommelwirbel abermals und zwar als Todesruf für die andern beiden Bosniaken. Ihre Hinrichtung ging ohne die mindeſte Stö⸗ rung vorüber. Der Pfahl that ſeine Schuldigkeit. Begeben wir uns nach den alten Minen bei Slanitza! Die weiten und tiefen Höhlungen in der Nähe dieſes Dorfes ſtammen wirklich noch aus der alten Römerzeit. In einer derſelben befindet ſich ein alterthümliches, zerfallenes Gebäude. Gelehrte hal⸗ ten es für Ueberreſte eines unterirdiſchen Bollwerkes, wie ſie im Verlaufe der vielen Stürme, die über das unglückliche Land dahin⸗ brauſten, ſo viele in Bosnien aufgethürmt und niedergeriſſen wur⸗ den. Einer alten, gänzlich unverbürgten Sage nach, die aber bald gänzlich verſchollen ſein dürfte, da ſie ſchon vor einem halben Men⸗ ſchenleben einzig im Munde einiger eisgrauen Bosniaken lebte, ſoll jedoch dies Gemäuer in der römiſchen Vorzeit einen Tempel der Ceres umſchloſſen haben. Wir als Dichter laſſen die Gelehrten ha⸗ dern, übergehen ihre grübeltiefen Forſchungen und halten uns ein⸗ fach an die verſchollene ſagenhafte, uns um ſo glaublicher erſchei⸗ nende mündliche Ueberlieferung, da ja Ceres bekanntlich die Schwie⸗ germutter des Gottes der Unterwelt geweſen. —.——— 284 Meliſſa verbrachte eine qualvolle Nacht der Qual und der Hoffnung. Die Zeit, die Schnecke des Trübſeligen, der Pfeil des Freu⸗ digen, gelangt ob kriechend, ob fliegend an Beiden vorüber. Auch die Enkelin des Flüſteres erlebte ihren Verlauf und begab ſich noch vor der angegebenen Stunde mit lautaufpochendem Herzen nach den ſteinernen Ueberreſten der verſunkenen römiſchen Fabelwelt. Als wir die junge reizende Morlakin im Geiſte begleiteten und mit ihr den eingefallenen Tempel betraten, fühlten wir die Worte durch die Seele ziehen: Wie an einer Mutter Grabe Weint mein Herz in Ewigkeit, Zieh' ich bang am Wanderſtabe Durch den Schutt der Götterzeit! Arme Ceres! Auch deine Herrlichkeit iſt zur Neige gegangen. Niemand glaubt mehr an deine goldenen Haare, noch an die trübe Sage von deiner ſchönen Tochter, welche der abſcheuliche Gott der Unterwelt entführte und zur Herrin ſeines weiten, aber nächtlich finſtern Reiches erhob. Dein Altar ſank in Trümmer, und bildeten häßliche Schulweiſe die rebelliſchen Rotten, welche den Olymp er⸗ ſtürmten und ſtärker als die felſenthürmenden Giganten deinen hundertjährigen Kultus über den Haufen warfen. Tröſte dich bleiche Mutter der Proſerpina! Es iſt vielen Göttern noch weit ſchlimmer ergangen als dir, aber auch ihre Bezwinger werden nicht ewig ausdauern, der Krieg der Nüchternheit gegen die Welt des Wun⸗ derbaren wird nicht immer mit der blutrothen Mütze über die Erde laufen, und einſt kehren ſie wieder die Tage der Märchen und dei⸗ ner Herrlichkeit! Möglich daß Meliſſa, wie wir wiſſen weit gebildeter als die übrigen Kinder der morlakiſchen Race, in den Ruinen des angeb⸗ lichen Cerestempels ähnliche Gedanken hegte, doch wichen ſie bald der Muſterung des Schauplatzes, auf dem ihr Fuß in banger Scheu umherirrte. Es war ein düſterer Anblick, und rechts und links die eiſerne Handſchrift der Zeit zu leſen. Die Kuppel oder Wölbung lag in Stücke gebrochen auf dem Schutte eingeſtürzter Säulen und Pfeiler, hier und da erinnerte ein zerſchmettertes Steingebilde an die Vergänglichkeit irdiſcher Schönheit, und nur der grüne Epheu, der liebend die Ruinen der Vergangenheit ſelbſt in dieſem unter⸗ irdiſchen, nur hier und da von der Gottesſonne beſchienenen Raume 285 umſchlang, er allein mahnte an Bleibendes, an Treue bis an das Grab und Jahre darüber hinaus. Der Epheu im Menſchen iſt die Erinnerung! Man weilte wirklich auf uraltem Trümmerwerk, nur an einer Stelle führte ein ziemlich wohl erhaltener Gang einige Stufen ab⸗ wärts an jene von der Stimme des Montenegriners bezeichnete, jedoch verſchloſſene Thüre. Peinvolle Stunden verliefen. Meliſſa glaubte die Dauer eines Jahrhunderts im Cerestempel verbracht zu haben, denn die Streifſchaaren und Vorpoſten vor den Ring⸗ mauern Trayniks wurden durch ein Verſehen weit ſpäter, als die Morlakin gehofft hatte, eingezogen. Es ging nahe an die zwölfte Tagesſtunde. Tiefe Stille herrſchte ringsum, kein Laut ward hör⸗ bar, Slanitza und ſeine Umgebung lag wie ausgeſtorben, nur die Sonne, wärmer ſtrahlend, als nach dem kalten Morgen zu erwarten, ſchien ihre goldenen Fäden blendender zu ſpinnen, kurz man hätte der Sage Glauben ſchenken können, daß der Mittag wie die Mit⸗ ternacht die geſetzliche Stunde zu einem Stelldichein mit Geiſtern und Geſpenſtern abgebe. Endlich verſchwanden die letzten Vorpoſten. Meliſſa pochte an die Pforte und zwar mit den eingelernten Worten: „Es iſt Zeit!“ Da erdröhnte ein Geräuſch, das aus dem erwähnten Gange zu hallen ſchien, und Meliſſa's Blick faſt zauberhaft an die ver⸗ ſchloſſene Thüre bannte. Das Blut in ihren Adern gerann zu Eis — die Glieder verſagten ihr den Dienſt— ihre Seele lag im Ohr und Auge— das Geräuſch wird ſtärker— es ſind offenbar die Tritte eines Mannes— eine bekannt klingende Stimme murmelt brüderliche Worte— es iſt kein zuafn f. es lautet„Gott zum Gruße Schweſterlein!“— das Pförtleif ſpringt knarrend auf — Dane wie er leibt und lebt— blühend und ſtämmig wie immer — nur in die gekreuzte Uniform des Nizam gehüllt— ſteht vor der aus Freude zu Marmor erſtarrten Enkelin des Flüſterers. Vuk hatte Wort gehalten. 286 Sechszehntes Capitel. Liebesdienſt und Schergengang. Die Morgenländer wiſſen nichts von Klubbs und Kaſino's, und ihr geſelliges Leben außer den Mauern des Harem beſchränkt ſich auf den Beſuch gewiſſer Bäder und Kaffeehäuſer. Auch in den Letz⸗ tern trifft man zuweilen eine beſtimmte Geſellſchaft, kurz, was man im Abendlande tägliche Gäſte zu nennen pflegt. Es ſind meiſt Mu⸗ ſelmänner von gleicher Rangſtufe und verwandtem Geſchmacke. So beſaß auch Travnik eine Mehana oder ein orientaliſches Kaffeehaus, das nur vornehme Kunden zu beſuchen pflegten, und wo man daher bei dem hohen Range aller Gäſte von Seite des Kafidſchi weder die Worte„Kaweh smarla“ oder Mokkatrank für hochſtehende Os⸗ manlis, noch„Kaweh dschetur“, das iſt, Kaffee für Leute niede⸗ rer Klaſſe, ertönen hörte, nein, wo derſelbe ſelbſt auf beiden flachen Händen in der Höhe der Bruſt das Präſentirbrett hielt, worauf die von einer reichen Decke ganz verhüllten kleinen Kaffeekannen ſtan⸗ den. Auf einen Wink ſeiner Augen nahmen dann raſch herbeiſtürzende Diener dieſe Decke herab, hingen ſie dem Kafidſchi über Kopf und Schultern, drehten ſich gleichzeitig um und eilten nun, vorher ihre Schritte abmeſſend, auf die harrenden Kunden zu. Die kleinen Taſſen, Flindſchan genannt, befanden ſich in ſilbernen Untertaſſen, Zarf's, von gleicher Form wie die Obertaſſe, nur etwas weiter am Boden. Dieſe beſtand aus durchbrochenem Silberzeug, kurz es herrſchte ein Lurus wie bei reichen Moslimen, wo man jedoch auch Obertaſſen von Filigran, zuweilen von feinſtem Porcellan, ja ſelbſt von Gold mit Edelſteinen findet. Dies Kaffeehaus hatte daher auch 287 den bezeichnenden Beinamen Srebrom Mehana im Munde der Bosniaken erhalten. Srebrom bedeutet: mit Silber. Es beſaß zudem außer der geräumigen Vorderſtube auch ein trauliches Nebengemach, darin im Laufe des Tages die Opium⸗ raucher und Theriaki zu hauſen liebten. Letztere verſchluckten daſelbſt meiſt vier Pillen, größer als Oliven, tranken ein Glas darauf und lauſchten im Stillen der gewohnten Entzückung entgegen. Nach Ver⸗ lauf einer Stunde etwa fühlte ſich dieſe blaſſe verzerrte Geſellſchaft meiſt rachitiſcher Schwelger auf den rechten Ton geſtimmt, und nun begann eine ſtumme Szene voll wunderbarer Pantomimen und Geſtikulationen, um ſich allmälig in einen wilden Lärm zu verwan⸗ deln. Sämmtliche Schauſpieler glaubten ſich Sultane in ihrer Haut, und gingen ſpäter von ihrem Glücke berauſcht im vollen Wahnſinn nach Hauſe, um mit Reue, aber ohne nachfolgende Buße der Ent⸗ haltſamkeit zu erwachen. Wächſt doch in den binnenländiſch bewach⸗ ſenen Gegenden von Bosnien und der Herzegowina, namentlich an den Ufern der Narenta, wie ſchon Plinius berichtet, jene berühmte Iris, die man bei der Bereitung des Theriaks allen anderswo grü⸗ nenden Pflanzen vorzieht. Abends fanden ſich in dieſem Nebengemache die vornehmen Uebertreter des islamitiſchen Weinverbotes ein, und auch der Kai⸗ makan Ali, der bekanntlich zu dieſer Schaar Sünder zählte, liebte es, die dunklen Feierſtunden in der ſilbernen Mehana bei einem vol⸗ len Becher edlen Rebenſaftes zuzubringen. So hielt er es auch an dem Abend nach der Hinrichtung jener angeblichen bosniſchen Kund⸗ ſchafter. Er wurde jedoch in ſeiner Einſamkeit bald durch den raſcher als gewöhnlich einherſchreitenden mehrerwähnten türkiſchen Rechts⸗ gelehrten geſtört, der ihm mit lauter Stimme die Temana, jenen erhebenden orientaliſchen Gruß bot, bei dem man die Hand auf das Herz legt, und ſich zurückbeugt, während man ſie nach der Stirne führt, als wollte man ſagen: Freund, mein Herz iſt dir geweiht, und mein Geiſt erhebt dich zum Himmel! Der Rechtsgelehrte ſchien jedoch trotz dieſer würdevollen Begrüßung äußerſt aufgeregt. „La illaha, illallah, Mahomed resul Allah!“—„Es gibt nur einen Gott, und Mahomed iſt ſein Profet!“— Alſo antwortete der Kaimakan. „Bei meinem Barte,“ fuhr ſein Freund fort,„was habe ich vor ein paar Stunden geſehen!“ „Doch keine Gul's?“— Geſpenſter— 288 „Nicht viel beſſer, nämlich den Schurken Dane, obgleich er geſtern geköpft worden, wie er leibt und lebt!“ „Ein Traum oder ein Rauſch!“ „Ich bin wach und nüchtern!“ „So deute man dieſen Selam!“ Der Rechtsgelehrte leerte einen Becher Wein und erzählte dann wie folgt: „Als ich heute Nachmittag durch den hügeligen Wald in Süd⸗ weſten ritt, ſah ich einen ſtarken Haufen bewaffneter Rajas mir ſin⸗ gend und jauchzend entgegenkommen. Ich zog mich vorſichtig in ein Dorngeſtrüppe an der Straße zurück, denn dieſem biſſigen Volke iſt gegenwärtig nicht mehr recht zu trauen. Was ſah ich? In der Mitte des Zuges ſtolzirte Dane in der Uniform des Nizam, ſein hübſches Schweſterlein Meliſſa zur Seite. Wie ich aus einigen Worten ihres ziemlich laut geführten Zwiegeſpräches entnahm, waren die Rajas wohlberitten den Geſchwiſtern bis in die Nähe von Slanitza ent⸗ gegengeſchickt worden.“ „Doch wie ſollte Dane entronnen ſein?“ „Offenbar hatte Lascaris die Hand dabei im Spiele. Er ſcheint ſich vor den Dornen der Roſe von Serajevo gefürchtet zu haben.“ „Vielleicht ward er ſelbſt getäuſcht? Jedenfalls ſoll er uns Rede und Antwort ſtehen!“ „Uns? Ich mag nichts zu ſchaffen haben mit dieſem unge⸗ ſchlachten Giauren. Ein zweiter Roſtem Todtſchläger!“ „Dann will ich ihm den Feß lüften, um beſſer in ſeinen Ge⸗ danken leſen zu können!“ „Dies kann ſogleich geſchehen, denn Lascaris iſt vor mir in die Mehana getreten.“ „Alſo in den Sattel!“ Beide eilten in die Vorderſtube des Kaffeehauſes. Lascaris war eben im Begriffe ſich in einen Schachkampf einzulaſſen, als Ali ſchnellen Schrittes an ihn herantrat, und den Abenteurer höflich bat, ihm eine kurze Unterredung unter vier Augen zu gewähren, da er über wichtige Dienſtangelegenheiten zu ſprechen habe. Lascaris nickte ohne Zeichen der Neugierde bejahend mit dem Kopfe und der Kaimakan kehrte in ſeiner Begleitung in das vor ein paar Minuten verlaſſene Nebengemach zurück. Der Rechtsgelehrte hütete ſich weis⸗ lich den Dritten bei dieſem Stelldichein abzugeben. Der Gatte Gülnarens warf ſich in den Divan, den früher der Mann der tür⸗ 289 kiſchen Juſtiz eingenommen hatte, und harrte mit großer Seelenruhe der Meldung, die man ihm abſtatten wollte. „Lascaris,“ begann Ali ohne Umſchweife,„hat ſchmählich an uns gehandelt!“ „Fiebert Freund Ali?“ frug verwundert ſein Gegner. „Im Gegentheile, ich halte die Zügel meiner Zunge feſt bei⸗ ſammen.“ „Und was ſpricht denn eigentlich dieſe Zunge?“ „Daß man Dane entwiſchen ließ, daß ein Erſatzmann ſtatt ihm geköpft wurde, und wenn ich an eine gewiſſe im Walde geſehene Uniform des Nizam denke, ſo glaube ich, daß jener unfreiwillige, zweifelsohne ſtockbetrunkene Stellvertreter niemand anderer war als einer unſerer verläßlichſten Kundſchafter und Angeber. Wenigſtens iſt dieſer Burſche ſeit geſtern Abend verſchollen.“ Lascaris vernahm die überraſchende Nachricht mit ungläubigem Lächeln. „Sie ſind nicht recht bei Sinnen,“ ſprach er dann kopfſchüt⸗ telnd, und thäten beſſer ſich ſtatt mit mir, mit dem Lékar oder Arzte des Nizam zu beſprechen.“ „Groß geirrt, meine Zunge iſt eine Wage!“ „Ali behauptet alſo,“ brauſte Lascaris auf, dem das Blut zu Kopfe zu ſteigen begann,„daß es meine Wenigkeit war, welche jenes unglaubliche Märchen auftiſchte, das ich ſo eben mit großer Sal⸗ bung erzählen hören mußte.“ „Seit der Volksberathung zu Jaitza ſchwankt mein Vertrauen zu Lascaris wie ein Rohr.“ „Iſt das Ernſt?“ „Voller Ernſt!“ „Dann bedauere ich Ali, der in Paris einen Theil ſeiner mi⸗ litäriſchen Bildung gewann und daher um abendländiſche Sitte unter hadernden Männern wiſſen muß, von ganzem Herzen! Der Aeskulap des Nizam wird nicht genug Pflaſter aufzutreiben wiſſen, um die garſtigen Riſſe zu verkleben, die ich in den Kaftan, welchen Mutter Natur dem türkiſchen Kaimakan gnädig verliehen, zu hauen, zu ſtechen oder zu ſchießen gedenke. Säbel, Handſchar oder Piſtolen? Die Wahl ſteht frei.“ „Letztere ſind meine Lieblingswaffen, ſo abgeſchmackt jene abendländiſche Sitte auch bleibt.“ „Gut, alſo morgen auf Piſtolen!“ Der Montenegriner, 19 290 „Morgen müſſen wir beide bei dem großen Jagdzuge erſchei⸗ g. nen. Es heißt den Gang auf übermorgen verſchieben.“ „Stunde und Ort? Ich überlaſſe dies Ihrem Ermeſſen.“ „Uebermorgen in der Frühe um die zehnte Stunde in der Ka⸗ ſerne, in meiner eigenen Stube daſelbſt, mehr Saal als Gemach, alſo lang genug. Ohne Zeugen! Niemand ſoll um den Zwieſpalt im Lager der Anhänger des Profeten wiſſen.“ „Nach meinem Geſchmacke!“ Nach dieſen Worten trennten ſich Beide mit großer Artigkeit. Der Kaimakan begab ſich gemeſſenen Schrittes nach Hauſe. Lasca⸗ ris nahm ſeinen Platz am Schachbrette ein. Weder ſeine ruhige Miene noch ſein meiſterhaftes Spiel ließen eine ſo ernſte Unter⸗ redung vermuthen. Nur der Rechtskundige wußte um ihren Inhalt. Bezüglich des Jagdzuges fügen wir bei, daß Paſcha Juſſuw n Belgrad von Seite der ſerbiſchen Regierung die unzweideutigſten Beweiſe friedfertiger Geſinnung erhalten hatte, ja es gaben ſogar zwei Großwürdenträger am ſerbiſchen Hoflager dem Muſchir von Bosnien eine Art Ehrengeleite nach ſeinem feſten Grad Travnik. Dieſen hohen Gäſten zu Ehren ſollte nun morgen ein zweifaches Waidmannsfeſt gefeiert werden. Juſſuw, der nunmehr im Rücken wie in der Flanke gedeckt, behaglich ſeine Arme in die Seite ſtemmte und, um den türkiſchen Ausdruck für Vollkommenheit zu gebrauchen, vier und zwanzig Karat Selbſtzufriedenheit zu beſitzen ſchien, dachte bei dieſem Jagdzuge zuerſt ſeine in Kleinaſien erworbene Meiſter⸗ ſchaft in der Handhabung des Oſcherid oder Wurfſpießes zu bewei⸗ ſen, und blos mit dieſer Waffe ſtatt der Feuergewehre, wie es in jenem Lande des zweiten Welttheiles der Waidmannsbrauch iſt, einige der in Bosnien ſo häufig umherſtreichenden Hirſche und Rehe zu erlegen. Das zweite Prachtſtück des Feſtes ſollte eine Falkenjagd ſein. Der Edelfalk iſt nämlich, wie wir ſchon weit früher erwähnten, noch immer in Bosnien heimiſch, nur daß er gegenwärtig ſein rit⸗ terliches Gewerbe für eigene Rechnung betreibt. Lascaris, der Viel⸗ gereiſte, hatte einem Sklaven des Paſcha, einem jagdkundigen Burſchen die nöthige Anweiſung, natürlich ſchon vor geraumer Zeit, ertheilt, und dieſer einen jener edlen Stoßvögel in dem ſchaukelnden Ringe nach beſtem Wiſſen auf dieſe Art mittelalterliche Jagd abge⸗ richtet, ſo daß der Paſcha auch mit dieſem Waidmannsſtück Ehre einzulegen und ſeine hochgeſtellten Gäſte aus dem Nachbarlande ſ k— 1 291 freudig zu überraſchen hoffte. Wir wiſſen, auf welchen eigennützigen Gründen ſeine Gaſtlichkeit beruhte. Er that auch weiſe, denn die kriegeriſche, waffenkundige Bevölkerung jenes Nachbarlandes iſt ein gefährlicher, furchtbarer Feind, und nicht umſonſt meint ein ſüdſla⸗ viſches Sprichwort: „Serbiji idu kao mravi!“—„Die Serben kommen wie die Ameiſen.“— Der Morgen des nächſten Tages dämmerte in Oſten. In der Umgebung von Travnik herrſchte reges Leben. Der ohrenbetäu⸗ bende Lärm, den die angebliche türkiſche Muſikbande erregte, machte die Hunde in dem benachbarten Zigeunerlager wie raſend anſchla⸗ gen, Lieder ertönten, Noſſe wieherten, luſtige Jagdklänge hallohten durch die Wälder. Man wollte noch vor dem erſten Kanonenſchuſſe des nunmehr von türkiſcher Seite ſehnlich herbeigewünſchten bosni⸗ ſchen Aufſtandes den Kelch der Waidmannsfreude in vollen Zügen leeren. Es war ein ſtattlicher Zug, der ſich an jenem Morgen wohlberitten nach einer in der Nachbarſchaft von Travnik gelegenen Waldebene hinwälzte, welche nur wenig von Hügeln, Klüften, Bodenriſſen und Geſtrippen durchſchnitten war, und daher vorzugs⸗ weiſe zu einer glänzenden Jagd zu Pferde taugte. Auch Leila, die geſtern Abend angelangt war, und am nächſten Morgen ihre Fahrt nach Serajevo fortſetzen wollte— ſie hatte eine Kundſchaftsreiſe nach der Kraina unternommen— fand ſich ein und nahm ſich in der Tracht einer albaneſiſchen Amazone oder Diana trotz ihrer kleinen Geſtalt ſehr hübſch aus. Dagegen ſchien ſich der türkiſche Rechts⸗ freund und Bekannte Ali's, der die Tochter des Defterdar beglei⸗ tete, nicht recht behaglich zu fühlen. Jagen galt ihm Zeit ſeines Lebens als ein überflüſſiger, ja höchſt gefährlicher Zeitvertreib; kam er dennoch, ſo geſchah es einzig, um ſich bei Leila, auf die er ſeit längerer Zeit ſchon um des Reichthumes ihres Vaters willen ein verliebtes Auge warf, nach Möglichkeit einzuſchmeicheln. Auch die kleine Muhamedanerin hegte verwandte Nebengedanken, denn Las⸗ caris war der Köder, der ſie lockte, er mochte der Kapitalhirſch ſein, den ſie gern gefangen hätte. Es gab ferner eine Maſſe Treiber bei dem Jagdzuge, denn man hatte unten im Moore die Spur eines Wolfes friſch aufgefunden; dieſer ſollte durch ein paar kundige Leute ſicher ausgemacht, und dann durch Pulver und Blei in die Ewigkeit befördert werden. Deshalb hatte man gegen türkiſche Sitte . 19 292 ein Rudel zottiger und gewaltiger Wolfshunde mitgenommen, die ungeduldig und kampfluſtig an der feſſelnden Leine zerrten. Die Jagd begann. Bald waren mehre Rehe, auch ein paar Hirſche erlegt. Der Paſcha that ſich zwar rühmlich hervor, doch mußte er die Ehre des Tages mit Lascaris theilen, deſſen Dſcherid wie mit unfehlbarer Hand geſchleudert immer feſt und tödtlich in den Nacken oder in die Flanke ſeines auserleſenen Opfers ſauſte. Der Mann der türkiſchen Themis wurde hingegen viel verſpottet und gehänſelt, da er bei ſei⸗ ner Unbeholfenheit und Aengſtlichkeit faſt nie zum Wurfe kam, und geſchah dies endlich, ſeinen Wurfſpieß immer ins Blaue verſendete. Endlich ſchien ihn das Glück begünſtigen zu wollen. Hart in ſeiner Nähe brach nämlich ein Kapitalhirſch, ein Sechzehnender in faſt klafterlangen Sätzen aus dem Dickicht. Der kleine Mann ſchleuderte den Dſcherid haſtig, alſo vergeblich nach dem nahen ſtattlichen Geg⸗ ner, ſtieß aber dabei ſeinem Hengſte die ſcharfen Schaufelbügel ſo unſanft in die Weichen, daß das gepeinigte Thier nach einem raſen⸗ den Sprunge wüthig ausſchlug und ſeinen unglücklichen Reiter über den Kopf dem zornigen Hirſche gerade vor die Füße warf. Man gab den Rechtsgelehrten für verloren, denn das gereizte Thier machte Miene, den verunglückten Pfuſcher mit ſeinem mächtigen Geweihe zu faſſen; aber da ſprengten auch ſchon zwei Reiter wie beſeſſen zu ſeiner Rettung herbei und veranlaßten den Hirſch durch ihr Erſchei⸗ nen, ſein Heil und Glück aufs Neue in blitzſchneller Flucht zu ſuchen. Juſſuw ſendete ſeinen Wurfſpieß mit geübter Hand nach dem flie⸗ henden Thiere, doch die Entfernung war zu groß, und die ſpitzige Waffe fuhr unſchädlich in den hier weniger ſteinichten Raſen. Noch ein Satz, und der Hirſch mußte abermals im Dickicht verſchwinden. Da erhob ſich Lascaris im Sattel, ein kraftvoller Wurf und der Dſcherid ſaß im Herzen— das edle Thier bot dem Abenteurer zum Glücke eben die linke Flanke dar— des Sechzehnenders, noch ein gewaltiger Sprung und der Kapitalhirſch brach verendend zuſammen. Allgemeiner Beifall! Juſſuw ſchäumte im Stillen vor Wuth und Aerger. Nun ſollte das zweite Prachtſtück der Waidmannsluſt in die Szene gehen. Der jagdkundige Sklave des Paſcha erſchien mit ſtol⸗ zer Miene, und mahnte in ſeiner maleriſchen Tracht mit dem gold⸗ geſtickten Bandelier allerdings an die ſtattlichen Falkner des Mittel⸗ alters. Seine Falkeniertaſche enthielt ein paar lebendige Tauben zur 293 Beize für den Stoßvogel; der Falkenierhandſchuh beſtand aus tüch⸗ tigem Hirſchleder, auf daß der Edelfalke, der auf der Fauſt des Sklaven ſaß, nicht durchgreife mit ſeinen gewaltigen Fängen. Auf einen Wink des Paſcha wurde eine der Tauben losgelaſſen. Sie flog an einem nachgiebig abrollenden Faden hoch in die blauen Lüfte. Jetzt kam die Reihe an den Falken, ſeine Schule zu zeigen. Die Kappe ſiel von ſeinem Haupte, er ſelbſt ward ein paar Mal ge⸗ ſchwenkt, wie um ihm ſeine Beute zu weiſen; im nächſten Augenblicke gewahrte er auch die Taube, breitete die Flügel aus, ſtieß ab und ſtieg zu einer unglaublichen Höhe empor. Bald ſchwebte er im Schaukelkreiſe über der zitternden Botin der Liebesgöttin. Endlich hielt er in ſenkrechter Linie. Jetzt und jetzt glaubte man, nun werde und müſſe er, vormordend mit dem Blicke, auf ſein Opfer herab⸗ ſchießen; aber nein, war es nun Mangel an Abrichtung von Seite des Sklaven, war es die friſche Bergluft, die aus Südweſten her⸗ überwehte, auf einmal wendete er ſich, und ſtürmte haſtig, weder Ruf noch Locken beachtend, wie ein Pfeil nach dem ſchwarzen Hoch⸗ gebirge Montenegro's. Der Edelfalke hatte ſeine Freiheit wieder⸗ gewonnen. Allgemeine ärgerliche Ueberraſchung! „Das iſt bosniſches Blut!“ flüſterte Lascaris leiſe vor ſich hin. Und Juſſuw? Der Paſcha langte wüthend nach einem ODſcherid und ſchleuderte ihn mit aller Kraft ſeiner Fauſt, auch weit ſicherer als auf der Fährte des Hirſches, nach dem armen Sklaven, dieſem verunglückten Falkenier. Der Aermſte ſtürzte zu Tode verwundet mit einem Schmer⸗ zensſchreie zu Boden. Niemand im Jagdzuge verzog eine Miene hierüber. Was galt einem Türken oder einem Spahi das Leben eines Sklaven?! Alles langte wenige Minuten ſpäter ſorglos nach kalter Küche, und luſtig kreiſten die Schalen mit Scherbet, der in Moſtar wie in andern bosniſchen Orten durch einen Aufguß von Waſſer auf Honigwaben bereitet wird, vielleicht dieſelbe Gattung Hydromel, das bei dem illyriſchen alten Stamme der Taulantier, die in der Vorzeit dieſes Land bewohnten, gebräuchlich geweſen. Daß es noch viele Witze auf Koſten des Themisjüngers abſetzte, verſteht ſich wohl von ſelbſt. Der Mann litt geduldig, ja in Freu⸗ den, ſah er doch Leila lächeln, und lächelnde Frauen haben ein wil⸗ liges Ohr für ſchmeichelnde Rede.— Später ſchritt man zum dritten, zum ernſteſten Theile der Jagd. Verläßliche Meldung war —— 294 eingelaufen, die Wölfe ſteckten richtig noch im Geſtrippe des tiefer unten liegenden Moores; es müßten ihrer nicht, wie man Anfangs glaubte, nur einer, nein zwei oder drei ſein. „Unerhört,“ flüſterte es in den Reihen,„ſich in dieſer Jahres⸗ zeit ſchon ſo weit herabzuwagen!“ Der türkiſche Rechtskundige wurde bleich und zog ſich von dem Schauplatze ſeiner Waidmannsthaten in ein ländliches Stillleben zurück; er konnte dies mit um ſo mehr Seelenruhe bewerkſtelligen, als auch Leila und noch ein paar Frauen wie Zobeide und ihre Geſinnungsgenoſſinen, welche der Jagd beiwohnten, auf dringen⸗ des Anrathen ihrer männlichen Begleiter auf den höher gelegenen ſicheren Standplätzen zurückblieben. Mit deſto froherem Muthe eil⸗ ten Lascaris, Ali und die zwei ſerbiſchen Gäſte dem Jagdzuge voran. Da lag es öde und fahl das feuchte Röhricht. Unſchöne Wei⸗ den, ſtachlichte Dornhecken, halb aufgeſchoſſene Fichten bildeten den Verhau. Zahlloſe Schlingpflanzen machten das Geſtrippe faſt un— durchdringlich. Es wurde alſo umſtellt. Die Hunde an der Leine wurden unruhig, ihre Augen funkelten unheimlich, denn der Wind trieb ihnen die Witterung ihres Erbfeindes gerade in die ſchnobernde Naſe. Nun waren alle Vorkehrungen getroffen. Die Jäger hatten die Wurfſpieße mit Kugelſtutzen vertauſcht; zwiſchen je vieren gab es ein kleines Feuer oder ſtanden Treiber mit Pechfackeln, um das Wolfsgezücht von dem Durchbruche abzuſchrecken. Endlich ward die Meute Hunde in Dianens Namen losgelaſſen. Sie ſprangen unge⸗ ſtüm in den Verhau, und bald verkündete ihr wüthendes Heulen, daß die Hetze begonnen habe. Hei, wie abſcheulich raſſelte und praſ⸗ ſelte es in dem Dickicht! Den jüngeren Schützen ſtieg das Blut zum Kopfe. Mordluſt ſprühte aus ihren Augen und in jedem Blicke ſtand zu leſen, wie gern man es ſehen würde, wenn die Beſtien gerade hier ausbrechen möchten. Die älteren Jäger machten ſich bedächtiger ſchußfertig; ſie wußten, die Sache werde ſich nicht ſo raſch machen; ſie kannten den kurzen Gallop des Wolfes, der, wie Mazeppa meinte, zu ermüden weiß des Jägers Zorn und des Hundes Haß. Das Gebell der Hunde erſcholl jedoch immer näher, zuweilen vernahm man ein klägliches Winſeln. Es war eine haarſträubende Szene. „Teufel,“ meinte einer der ſerbiſchen Gäſte,„die Luder wer⸗ den doch nicht ſtandhalten und zerreißend ſich zerreißen laſſen?! ⁸ 295 Armer Hund! Wie er heult! Der muß es tüchtig ab bekommen haben!”“ „Sie werden ſogleich die Ehre haben zu erſcheinen,“ antwor⸗ tete ſein Nachbar, der zweite Serbe,„es kracht ſchon im Gehölze, keine ſechzig Schritte mehr von uns. Jetzt heißt es die Kugelbüchſe in Anſchlag bringen.“ Derſelben Meinung waren weiter unten Lascaris und Ali, und richtig die unfreiwilligen Gäſte debutirten in der nächſten Mi⸗ nute. Senkrecht auf den Stand der Serben ſtürmte ein Wolf mit blutigem Rachen aus dem Röhricht. Der Eine ſchoß übereilt und fehlte, der Andere zielte achtſamer, und die Kugel ſtreifte das ſchnaubende Thier, das nun wüthend gegen ihn aufſprang. Nun, zwei Serben werden mit einem Wolfe auch noch fertig! Der Erſtere rannte der Beſtie im ſelben Momente den ſcharfen Handſchar in den Leib, als ihr ſein Landsmann und Nachbar mit dem Kolben den Schädel einſchlug. „Du haſt ſlaviſches Blut getrunken,“ meinte dieſer, kaltblütig auf den derben Biß und Riß in ſeinem Oberarme hinweiſend,„es iſt billig, daß du die Zeche mit deinem Leben bezahlteſt, und möge es allen Feinden Serbiens ſo ergehen!“ Eine gräßlichere Szene ereignete ſich auf dem nächſten Stand, den wie wir wiſſen Lascaris und der Kaimakan Ali inne hatten. Dicht vor Lascaris brach ein Wolf hervor, prallte zurück und ſetzte dann mit einem gewaltigen Sprunge quer an ihm vorbei. Der Abenteurer legte ruhig an, zielte ſcharf, und die Felſen dort drüben am Berge lagen nicht ruhiger als ſeine Büchſe, da ſein Finger den Drücker berührte; darauf fiel ſein Schuß, und die Beſtie ſtürzte, ohne einen Laut von ſich zu geben, todt zu Boden, die Kugel war ihr gerade im Genicke in de of geſchlagen. Ali bewunderte eben den Meiſterſchuß, da kam auch an ihn die Reihe ſeine Geſchicklichkeit als Waidmann zu bewähren. Ein ungeheueres Wolfsthier, heulend, ſchnaubend, mit feurigen Augen, mit weit geöffnetem Rachen ſprang gerade auf ihn zu; der Kampf mit den Hunden, das Feuer, die vielen Schüſſe hatten es raſend gemacht. Ali drückte ab, leider hitzig wie der eine Serbe, fehlte, und nun faßte ihn das Unthier an der Bruſt und riß ihn zu Boden. Sein Tod ſchien ver⸗ brieft. Noch bannte er den Wolf für den Moment, wie Stifter ſo ſchön ſagt, mit der Wuth ſeiner in Angſt und Wildheit funkelnden Augen, aber ſchon fletſchte das Raubthier 296 die Zähne, und gleich darauf wollten ſie ſich tödtlich eingraben in ſeine Kehle. Da erſchien der Retter in der Noth. Lascaris, der keine Zeit mehr zum Laden fand und unvorſich⸗ tiger Weiſe, ſich auf ſein ſcharfes Auge und ſeine ſichere Hand ver⸗ laſſend, keine andere Waffe mitgenommen hatte, ſprang wie der Blitz herbei, als der Angſtruf des Kaimakan an ſein Ohr ſchlug. Auf den Schädel durfte er den Wolf nicht ſchlagen, da er den ge⸗ ſtürzten Waidmann mitzutreffen fürchtete; ſo ſchmetterte er ihm den Kolben ſo furchtbar über den Rücken, daß der Schaft allein in ſei⸗ nen Händen verblieb. Der Wolf ſtieß ein entſetzliches Geheul aus, ließ ſeinen erſten Gegner los und wendete ſich dann gegen ſeinen neuen Feind. Ein wüthender Kampf begann. Das Unthier, obgleich durch den Kolbenſchlag halb gelähmt, war noch immer rieſenſtark, und ein ſchwächeres Menſchenkind dürfte bald aus tödtlichen Wun⸗ den geblutet haben. Selbſt Lascaris hatte Anfangs einen böſen Stand, bis es ihm gelang, den Wolf am Genicke zu ergreifen und zu Boden zu drücken. Nun ging es ſchon beſſer, nun kniete er auf dem Ungethüme und würgte es, daß der Beſtie die Augen weit aus den Höhlungen traten; ſpäter kamen die Hunde herbei und Meiſter Iſegrimm verhauchte unter ihren Zähnen und Tatzen den Reſt Leben, den ihm die derben Fäuſte des Abenteurers übrig gelaſſen Die Jäger ſammelten ſich. Die beiden Serben wurden gebührend belobt, aber der auser⸗ leſene Held des Tages war unſer ritterlicher Freund. Bewunderte man den Meiſterſchuß als Waidmann auch noch ſo ſehr, der Menſch behauptete den Rang vor dem Jäger, und man fand kein Ende den kühnen Muth und die rückſichtsloſe pferung zu preiſen, mit der Lascaris für den Kaimakan in die Schanze geſchlagen hatte. Hätte man erſt um ihre geger tige Stimmung und Stellung gewußt! Nur Einer knirſchte im Stillen vor Ingrimm, es war Paſcha Juſſuw. Ali hatte ſich von dem erſten Schrecken erholt, ſprach aber kein Wort; nur ein heftiger, krampfhafter Händedruck und ein langer tiefinniger Blick beſagten, was er für den edel⸗ müthigen Retter in der Noth empfand, und wie er ſich ſeines politiſchen Verdachtes ſchämte. Von dem Duelle war natürlich für⸗ der keine Rede. Ein ſolcher Liebesdienſt wiegt alle politiſchen Be⸗ denken auf. Und Leila? 297 Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß ſie alle Künſte der Koket⸗ terie bei dem Abendſchmauſe aufboth, um wenn nicht ihr Bild, doch wenigſtens ihre Silhouette in das Herz des verwegenen Lascaris zu ſchmuggeln. Es gelang ihr zwar nicht, den ſchönen Mann zu einer außerordentlichen Aufmerkſamkeit zu bezaubern, doch nahm er ſich gegen die Buſenfreundin ſeiner Frau weit zuvorkommender als es ſonſt in der Anweſenheit Gülnaren's ſein Brauch zu ſein pflegte. Leila glaubte alſo nur die Feſſeln der Ehe löſen oder ſprengen zu müſſen, um ihren endlichen Sieg unter Trommelſchlag verkündigen zu können. Dieß befeſtigte ſie noch mehr in ihren ſchwarzen Ent⸗ ſchlüſſen. Nach dem Liebesdienſt kam der Schergengang! Um die Abenddämmerung des nächſten Tages rollte ein Wa⸗ gen über die Straße, die von dem Bergſchloße Riswan's nach Se⸗ rajevo führte. Die Witterung war ziemlich rauh, feuchter und kalter Nebel geſtaltete die einbrechende Dämmerung zur halben Nacht, und die Eigenthümerin des Wagens hüllte ſich ſchauernd in ihren prachtvoll mit Pelzwerk ausgeſchlagenen Mantel. Wie düſter und unfreundlich der Anblick der geſammten herbſtlichen Umgegend aber auch ſein mochte, noch trüber, ja faſt grauenhaft wogte und geſtal⸗ tete es ſich in dem Innern der fröſtelnden Reiſenden. Ihr Herz war zu einem Schlachtfeld geworden, darin ihr Schutzgeiſt mit dem Erb⸗ feinde der Menſchheit im letzten entſcheidenden Kampfe zuſammen⸗ geſtoſſen, in einem um ſo gefährlichern Kampfe, als der abgefallene Engel eine mächtige Verbündete an ſeiner Seite wußte. Man nennt ſie wilde eiferſüchtige Leidenſchaft. Es war die Tochter des Defterdar. Noch wenige Minuten und ihr Schergengang ſollte beginnen, ein Schergengang, nach welchem es keinen Rücktritt mehr gab in das Land der reinen ſchuldloſen Geiſter. Schwer und entſetzlich la⸗ ſtete die Stunde der häßlichen Verſuchung, Schutzgeiſt und Dämon maßen ihre letzten Waffen. Da tönte von einem fernen Kirchlein leiſer Glockenklang herüber, jener Andacht erweckende Glockenſchall, welcher ſelbſt in dem rauhen Mittelalter den Gottesfrieden— trenga Dei— verkündete und die erbitterteſte Schlacht plötzlich ſtehen machte. Auch in dem Herzen der Renegatin erwachte die Er⸗ innerung an ihre fromme Jugend. Der Sturm in ihrer Seele ſchien ſich beſchwichtigen zu wollen. Ein reuiger Blick zum Himmel, und Leila's Schutzgeiſt ſchickte ſich freudig an, zur Gottheit empor zu —yy 298 fliegen und den ſchönen ſchweren Sieg eines verliebten und eifer⸗ ſüchtigen Menſchenkindes über ſich ſelbſt zu verkündigen. Plötzlich hielt der Wagen. In einer Entfernung von ein paar hundert Schritten zeigten ſich verdächtige Geſtalten, und der Kutſcher meinte daher leiſe, es dürfte nicht gerathen und geheuer ſein, weiter zu fahren. Ein Blick genügte der Tochter des Defterdar, um des wahren Charakters jener unheimlich aus dem Nebel auftauchenden Geſtalten gewiß zu werden. Es waren ihre eigenen Diener und Helfershelfer, eine Schaar wohlberittener bosniſcher Landwehr, ein Schwarm verwe⸗ gener Söhne der Wildniß, welche Leila mit der Ueberwachung Mirra des Aeltern betraut hatte. Wie kamen ſie hieher? Hierüber werden die nächſten Blätter dieſes Buches hinreichenden Aufſchluß geben. „Vorwärts!“ Das Wort klang ſchrill wie zerſpringendes Glas und doch ſo bang wie das Verhallen eines Sterbeglöckchens. Es war auch ſo eben Jemand geſtorben oder er hatte eigentlich bloß das irdiſche Jammerthal für immer ſieglos verlaſſen. Es war der Schutzgeiſt Leila's. Jenes Wort rauſchte ja von ihren krampfhaft zuckenden Lippen, der Wagen raſſelte weiter, und ehe ſich die Räder auch nur einmal umgedreht, da ſtand auch ſchon, Leila, verlornes Kind, dein guter Engel mit verweintem Angeſichte vor dem Throne des Ewi⸗ gen, und wies dem Herrn einen verſengten, welken Kranz von Lilien.—„Er iſt verdorrt!“— Sonſt ſprach er nichts. Und wie im Morgenlande die Sitte herrſcht, daß man an eines theuern Lieblings Sterbepfühl die Gewande in tauſend Stücke reißt im al⸗ lererſten Schmerze: ſo Leila, riß auch bei dir das ſchneeige Altar⸗ tuch der Gewiſſensreinheit in dieſem Augenblicke mitten durch, und jede Hälfte ſchlang ſich darauf als Leilach um eine bleiche Todte— Menſchlichkeit hieß die Eine, und die Andere wahres Glück! Die Sünde hatte geſiegt! Der Würfel war gefallen! Die Landwehrreiter zogen lautlos voran und ſchwenkten ſpäter etwa auf dem halben Wege zwiſchen Riswan's Schloſſe und der bosniſchen Hauptſtadt geräuſchlos auf. Die Tochter des Defterdar befahl ihrem Kutſcher zu halten, und ſprang ſtürmiſch aus dem Wagen. „Hat er ſein Wort gehalten,“ frug Leila mit leiſer Stimme, „iſt er zu Zweien gekommen?“ —— 299 Die Antwort lautete bejahend. „Und wo hält eure Reſerve, um im Falle eines Hinterhaltes Luft zu machen?“ „Außerhalb Serajevo,“ entgegnete ein Reiter,„auf de rnach Travnif führenden Straße.“ „Vermuthlich im türkiſchen Wirthshauſe,“ murmelte die Mu⸗ hamedanerin,„Muſtapha Paſcha Han genannt.“ Mit dieſen Worten ſchlug ſie den unſern Leſern bereits bekann⸗ ten Waldpfad ein, der mit der Straße einen ſtumpfen Winkel bil— dete und zu einem abgelegenen Feldweg führte. Als Leila in den ſchmalen, aber hochſtämmigen dichten Wald gelangte, trat ihr Mirxa mit kriechender Unterwürfigkeit entgegen, einen bleichen, ungefähr zwölfjährigen Knaben am Arm mehr zerrend als führend. Der arme Junge ſchien vor Angſt mehr todt als lebendig zu ſein, und zitterte wie eine Eſpe an allen ſeinen Gliedern. Er war armer Leute Kind, israelitiſcher Abkunft; ſein Name lautete Benoni. Der Zigeunerhauptmann hatte den Knaben ſeinen Eltern zu Serajevo durch die zweite oder dritte Hand ſo zu ſagen abſchmuggeln laſſen, freilich unter dem verlockenden Vorgeben, er wiſſe Benoni in einem vornehmen Hauſe als Laufburſche vortheilhaft unterzubringen. Sein elaſtiſches Gewiſſen, anfangs etwas aufgeſchreckt, zog ſich, ſobald die Schandthat wenigſtens von ſeiner Seite aus gelungen, zu ſeinem gewöhnlichen Winterſchlaf zuſammen, und er hegte ge⸗ genwärtig nur mehr einen Kummer, lebte nur einer Beſorgniß, ob nämlich die reiche Tochter des Defterdar auch ihrerſeits Wort hal⸗ ten und eine namhafte Anzahl Goldfüchſe zum gänzlichen Abſchluſſe des abſcheulichen Handels großmüthig losſchlagen werde. Dage⸗ gen nagte eine ſchauerliche Furcht am Herzen des verlaſſenen Benoni. Mirxa war zwar ſo klug und vorſichtig geweſen, den Knaben, als man ihn nach ſeiner Behauſung brachte, ſo mild und zuvor⸗ kommend als möglich zu behandeln; aber er ſuchte die Anweſenheit Benoni's ſeinen Dorfgenoſſen mit großer Sorgfalt zu verbergen, und ermahnte den Jungen daher gleich in der Stunde ſeiner An⸗ kunft, ſich ja nicht im Freien ſehen zu laſſen. Seine Beweggründe zu dieſem Abſchließen lauteten dahin, daß es in den gegenwärtigen Wirren zwiſchen Chriſten und Moslimen für ein Judenkind gleich gefährlich ſei, dieſer oder jener Partei in die Hände zu fallen. Ei⸗ gentlich war es nur übertriebene Klugheit, die Mirxa zu dieſer Er⸗ 300 mahnung bewogen. Eine weitere Nachfrage über das ſpätere Schick⸗ ſal des Knaben konnte dem Zigeunerhauptmann nach dem Aus⸗ bruch des politiſchen Sturmes nicht mehr gefährden; in ſolchen Zeiten ſtehen ja einem Schlaukopf tauſend Nothlügen zu Gebothe, hier endet alle menſchliche Juſtiz. Dieſe übertriebene Klugheit ge⸗ rade aber machte Benoni ſtutzen und weckte eine leiſe Stimme in ſeinem Herzen, die ihn unaufhörlich vor nahem Unheil warnte und häßliche Dinge für die ungewiſſe Zukunft weisſagte. Es lag daher wie Blei in den Gliedern des Knaben, als ihn Mirxa am heutigen Nachmittage zu einem Gange ins Freie aufforderte, freilich unter dem troſtreichen Beifügen, ſeine künftige Herrin erwarte ſie an einer verabredeten Stelle. Der Weg dahin bedünkte Benoni ewig lang, und wahrlich der Anblick des Stelldichein, die abgelegene Gegend, der hochſtämmige Wald, die zunehmende Dunkelheit, jene zeitweiſe aus dem Nebel auftauchenden Reiter waren nicht geeignet, die Herzensangſt des blöden kleinen Juden zu verſcheuchen, zu be⸗ ſchwichtigen. Man denke ſich daher ſeine geheime Seelenfreude, als er endlich wirklich eine vornehm gekleidete Frauengeſtalt langſam heranſchreiten ſah, und in dieſer ſeiner zukünftigen Gebieterin nach wenigen Blicken und Worken die in ſeiner Vaterſtadt Serajevo allgemein beliebte Tochter des Defterdar erkannte. Die kleine Schlange war ja weich und ſchön anzuſchauen. „Hier bringe ich den bewußten Knaben,“ ſprach Mirxa,„er iſt ein wackeres demüthiges Kind, Benoni lautet ſein Name.“ Leila durchſah die Liſt, durch welche der Zigeuner das ge⸗ meinſame Opfer geködert hatte, und müßte kein Weib geweſen ſein, um nicht ihre Rolle in dieſem entſetzlichen Trauerſpiele augenblick⸗ lich zu begreifen und meiſterhaft durchzuführen. Sie begrüßte den Kleinen daher mit herablaſſender Freundlichkeit und meinte huld⸗ voll, der Knabe ſolle bei eigener Thätigkeit und Sittſamkeit eine zweite Mutter in ihr finden. Benoni glaubte ſich bei dieſen troſt⸗ vollen Worten in den Himmel verſetzt, und es war rührend zu ſchauen und zu hören, wie er die Hände der Seelenverkäuferin mit Küßen und Thränen bedeckte, gleichzeitig alles gelobend und ver⸗ heißend, was ein unſchuldiges Kinderherz bei einer ſolchen Gele⸗ genheit, zumal bei einem ſo jähen Umſprung von banger Todesangſt zur beſeligenden Freude hervorzubringen vermag. „Ein Jude, ein Kind?“ flüſterte Leila dem Zigeuner verſtoh⸗ len in das Ohr. 301 „Heißes, jugendliches, morgenländiſches Blut,“ meinte dieſer eben ſo leiſe,„taugt am Beſten zu dem bewußten Arcanum.“ „Um ſo beſſer,“ ſprach die Tochter des Defterdar,„hier dein Lohn!“ Der Zigeuner fühlte eine volle Börſe in ſeine Hand gleiten. Der geliebte Klang erſtickte den letzten Seufzer ſeines fluchbelade⸗ nen Gewiſſens, und er ſah Benoni ſo ruhig an Leila's Seite von hinnen ſchreiten, wie kaum ein Laſtträger einem Waarenballen nachblickt, den er richtig abgeliefert hat, und den man nun unter Verſchluß ſchafft. Darauf ſchlug er haſtig den Heimweg ein, nicht ohne zeitweiſe umher zu ſpähen, ob die verdächtigen Reiter noch auf ſeiner Ferſe ſeien. Dieſe aber gaben zu ſeiner größten Freude der Tochter des Defterdar ein weiteres Schirmgeleite. Der Juden⸗ knabe tanzte ſo zu ſagen vor Entzücken hinter ſeiner neuen Herrin einher. Armes, thörichtes Kind! Leila eilte nach dem Feldwege. An der Mündung des Wald⸗ pfades harrte ein wohlbekannter Fuhrmann mit ſeinem Wagen. Es war der verſchlagene Ive. Das armſelige Fuhrwerk machte Benoni aufs Neue ſtutzen, doch dachte er nichts beſonderes Arges. Wer malt jedoch ſeine geheime haarſträubende Angſt, als man endlich ſtatt vor dem Hauſe des Defterdar, vor der verrufenen Klauſe des Einſchläferers ſtill hielt. Tauſend verdächtige Sagen waren über den alten Mann im Umlauf, entſetzliche Dinge ſollten ſich in ſeiner geſpenſterhaften Behauſung zugetragen haben, ja, unter den Juden zu Serajevo ging ſelbſt ein leiſes Gerücht über ſo manches dort vorgefallenes Seitenſtück zu dem bethlehemitiſchen Kindermorde. Leila ſprach dem Kleinen jedoch Muth zu, meinte, ſie wolle den Alten bloß wegen eines Herzleidens zu Rathe ziehen, dann aber werde es in raſcher Fahrt nach ihrem ſchönen Landſitze gehen. Benoni blieb trotz dieſen Troſtworten im tiefſten Innern be— klommen. Der Flüſterer empfing den vornehmen Beſuch wie früher im Warteſaal. Die ſchwarze Stube, die Todtenköpfe, die ausgeſtopften Vögel und Schlangen, die unheimliche Beleuchtung waren nichts weniger als geſchaffen, die ſpuckhaften Beſorgniſſe eines abergläu⸗ biſchen Gemüthes zu beſeitigen, und der arme Judenknabe fühlte ſein Herz ſinken, den kalten Angſtſchweiß wie ehedem in ſchweren Tropfen auf ſeine Stirn treten und ſämmtliche Glieder wie im hef⸗ tigſten Fieberfroſte erzittern. — 302 Es ſollte noch weit ſchlimmer kommen. Abbas begrüßte Leila mit kriechender Unterwürfigkeit, warf einen forſchenden boshaften Blick auf den Kleinen und ſchritt dann mit einem Winke nach dem Beinhauſe, der Benoni und ſeine Herrin zu folgen aufforderte. Der Knabe bezeugte nicht die mindeſte Luſt dieſer bedenklichen Aufforderung Folge zu leiſten. Leila machte je⸗ doch nicht viel Federleſens, ergriff Benoni mit überraſchender Kraft am Arme und zerrte ihn, wie früher der Zigeunerhauptmann nach der Schauervollſten aller Grüfte. Ein dämoniſches Lächeln ſpielte um die Mundwinkel des Einſchläferers. Der kleine Jude ſchrie laut auf vor Seelenangſt, und ſank dann kreideweiß in die Knie, die kleinen Händchen bald ſcheu vor das Antlitz ſchlagend, um ſich den ſchauerlichen Anblick der unzähligen Todtengerippe zu erſparen, bald ſie bittend und flehend gegen ſeine hartherzige, nunmehr äußerſt zornig blickende Gebieterin ausſtreckend. „Iſt dies,“ begann Abbas,„das lebendige Arcanum, das mir verheißen worden?“ „Ich glaube,“ antwortete Leila verdroſſen,„das begreift ſich wohl von ſelbſt.“ „Ging das Opfer freiwillig mit?“ „Alter Narr, wer geht freiwillig zum Marterpfahle?!“ Benoni kreiſchte nochmals laut auf, eine kalte Hand griff nach ſeinem Herzen, er ſank ohnmächtig zu Boden. „Dann haben Gospoja,“ ſprach der Alte ſeltſam lächelnd, „noch eine neue Verpflichtung einzugehen.“ „Und dieſe wäre?“ frug ſtutzend die Tochter des Def⸗ terdar. „Sie müſſen die Sündenlaſt des Opfers auf ſich nehmen.“ *„Biſt du verrückt?“ 1„Ich mag und darf nicht zugleich die Seele mit dem Leibe verderben.“ „Wozu dieſe Narrenpoſſen?“ „So verlangt es der durch Jahre geheiligte Brauch bei Berei⸗ tung der Aqua Toffana.“ „Unſinn über Unſinn!“ „Die Uebernahme der Sündenlaſt des Opfers von Seite des Käufers muß ſogar in Gegenwart eines Prieſters vor ſich gehen. Da Gospoja ſchwerlich dafür geſorgt haben dürften, ſo habe ich ſelbſt einen verläßlichen altgläubigen Diener des Herrn beſtellt. d, 303 Der Unterſchied des Credo thut nichts zur Sache, es handelt ſich bloß um einen beeideten Vertreter der griechiſchen Kirche.“ „Ich mag nichts von dieſer Albernheit wiſſen.“ „Dann vermag ich das koſtbare Waſſer auch nicht zu bereiten.“ „Ich zahle dir den doppelten, den dreifachen Preis!“ „Unmöglich!“ „So ſei es denn, aber ſpute dich! Wie ſchwer konnte auch die Sündenlaſt eines blutjungen Kin— des wiegen, zumal für die Seele einer unbußfertigen Muhame⸗ danerin?! Abbas ſchritt zum Werke. Er warf wie bei Leila's erſtem Beſuche ein paar dürre, ſelt— ſam geformte Kräuter in das Feuer auf dem antiken Altare und murmelte dann ein paar kauderwälſche Zauberſprüche, die aber diesmal faſt wie ein ſüdſlaviſcher Zuruf klangen. Die Gospoja war aber zu aufgeregt, um darauf ſonderlich zu achten. Dicke be⸗ täubende Dämpfe ſtiegen gegen die Decke empor und füllten all⸗ mählig das Beinhaus, wurden nach und nach dünner, weißer, halb durchſichtig und geſtalteten ſich endlich zu einem ſchwachen künſtli— chen Nebel. Aus dieſem Nebel tauchte ſpäter die Geſtalt eines Po⸗ pen auf. Es war ein noch rüſtiger Mann mit dunklem Vollbart, und die Leſer kennen ihn bereits, denn wir haben ihn dem falſchen Dane das letzte Liebesgeleite geben ſehen. Die Geſtalt ſprach jedoch kein Wort. „Verlangen Gospoja,“ frug Abbas,„noch immer nach Aqua Toffana?“ „So iſt es!“ antwortete Leila. „Hat ſich jener Knabe, das lebendige Geheimmittel, freiwillig oder gezwungen hieher begeben?“ „Es konnte nicht ohne Zwang ablaufen.“ „Gospoja aber ſchleppten das Kind freiwillig herbei?“ „Freiwillig!“ „Wollen Sie auch die Sünden des Opfers vor dem Throne des Ewigen vertreten?“ „Ich übernehme dieſe Sündenlaſt.“ „Schwören Sie!“ „Ich ſchwöre!“ „Du haſt den Schwur vernommen, Vertreter der Kirche?!“ Die Geſtalt nickte bejahend mit dem Kopfe und verſchwand 304 dann im Nebel. Dieſer ward bleicher und bleicher, verdichtete ſich dann allmählich, dicke betäubende Dämpfe erfüllten aufs Neue das unterirdiſche Gewölbe, hoben ſich langſam, zerſtoben wie gewöhn⸗ licher Rauch und die ſchauerliche Scene eines die Gottheit läſtern⸗ den Eidſchwures war vorüber. Benoni lag noch immer ohnmächtig am Boden. „Sie haben ſtarke Nerven, Gospoja,“ ſprach ſeltſam blickend der Flüſterer. „Was kümmern dich meine Nerven? Wann erhalte ich die gefüllte Giftphiole?“ „Heute über acht Tage! Es iſt die alte übliche Zeitfriſt.“ „Ich werde pünktlich erſcheinen!“ Nach dieſen Worten ſtürmte Leila trotz ihrer gerühmten ſtar⸗ ken Nerven mit ſcheuer Haſt aus dem Beinhauſe in den Warte⸗ ſaal und von da ins Freie. Hätte ſie ſich in dieſem Warteſaal etwas ſorgfältiger umgeblickt, ſo würde ſie in einem Winkel die Tracht eines Popen und einen falſchen dunklen Vollbart liegen ſehen haben. Der Mann aber, der beides zu ſeiner Verkleidung benützt hatte, war niemand anderer geweſen als Leila's gemietheter Fuhrmann, der ſchlaue Ive. Die Maskerade war natürlich ſchon früher zwi⸗ ſchen ihm und Abbas verabredet worden. Der Leſer weiß nunmehr auch, wer Dane in dem Kerker zu Travik zuerſt in die gekreuzte Uniform des betrunkenen bosniſchen Verräthers und ſpäter in den nunmehr leer gewordenen Sack des Letztern ſchlüpfen half; er gab auch Dane das Geleite nach dem verfallenen Gemäuer, darin ſich der ſtämmige Enkel des Flüſterers bis zu dem ſpät erfolgenden Ab⸗ marſch der türkiſchen Streifſchaaren und Vorpoſten verborgen hielt. Und ſein Oheim? Abbas blickte der Tochter des Defterdar mit dem Ausdruck der tiefſten Verachtung, des größten Haſſes nach. „Ein weiblicher Teufel!“ Alſo murmelte er, ſich zu Benoni niederbückend. d 305 Siebzehntes Capitel. Die Bluttage an der Bosna. Die Hinrichtung der drei Rajas zu Travnik als angebliche poli⸗ tiſche Aufwiegler und Spione gab, wie Lascaris richtig geahnt hatte, das Zeichen zum wirklichen Ausbruche des bosniſchen Auf⸗ ſtandes. Vergebens bat und beſchwor Vuk der Montenegriner ſeine Glaubensgenoſſen, einen günſtigern Augenblick abzuwarten, frucht⸗ los bewies er, wie die Bosniaken von den Serben, Csernagorazen, Albaneſen und Herzegowinern im Stich gelaſſen, im Kampfe gegen die türkiſche Uebermacht erliegen würden und müßten. Er predigte tauben Ohren, ja er gerieth beinahe in den Verdacht, für den Halb⸗ mond gewonnen worden zu ſein. Ein ſouveräner Kriegsrath, darin es natürlich auch an ein paar Verräthern nicht fehlte, ward gebil⸗ det und mit unumſchränkter Machtvollkommenheit bekleidet. Dies raubte den Schilderhebern im Vorhinein Einheit im Plane, Zu⸗ ſammenklang in der Ausführung. Juſſuw Paſcha wußte dieſe Uneinigkeit wie ſeine eigene Ueber⸗ macht trefflich auszubeuten. Der bosniſche Muſchir ließ dem chriſt⸗ lichen Kriegsrathe auch nicht viel Zeit zum Ueberlegen, ſondern brach, die Offenſive ergreifend, im Sturmſchritt gegen die Aufſtän⸗ diſchen vor. Letztere wurden gleich bei dem erſten Anprall von ihrem linken Flügel getrennt und mit dem Gros des Heeres gegen den Berg Vitez gedrängt, wo ſie ſich wie weiland der bosniſche Adel ver⸗ ſchanzten, um die Straße nach Serajevo wie dieſe Hauptſtadt zu decken; während der abgeſchnittene linke Flügel in die weſtlichen Gebirge eilte und unter Vuk's Leitung die dortigen Engpäſſe zu vertheidigen ſuchte. So fielen faſt zwei Dritttheile des Landes in die grauſamen Hände der Anhänger des arabiſchen Propheten. Der Montenegriner. 20 ——————O—— ——. 4 — — 306 Darauf erfolgten die ſogenannten Bluttage an der Bosna. Juſſuw Paſcha erwarb ſich dabei den Beinamen„Chriſten⸗ bluttrinker.*) Entſetzliche Gräuelthaten gingen an dieſen Tagen in die Scene, und die frommen Engel der Menſchlichkeit und Barm⸗ herzigkeit verhüllten weinend ihr kummerbleiches Angeſicht. Die ge⸗ fallenen Geiſter hielten damals großen Feſttag. Noch jetzt erbebt der Geſchichtsſchreiber in der tiefſten Seele, ſoll er dem Zuge der türkiſchen Horden als getreuer Berichterſtatter folgen. Mordluſt und Grauſamkeit hohnlächelten an der Spitze dieſer beſchnittenen Barbaren, hinter ihren Fußſtapfen und Noßhufen blieb nichts als Verderben und Verzweiflung. Grimmig wüthete die türkiſche Got⸗ tesgeißel. Ueberblicken wir einige dieſer Schauerſcenen! Dort hart an fruchtbaren Weideplätzen liegt ein armſeliges Dorf. Jede ſeiner dürftigen Familien unterhält auf jener Weide eine Kuh und einige Ziegen, mit deren Milch ſie ihr Leben kümmer⸗ lich friſtet. Da ruft Juſſuw eine Schaar friſchgeworbener Golat⸗ ſchanen oder nackter Kinder herbei, und läßt Feuer an die zwei⸗ hundert erbärmlichen Hürden legen, welche dieſe Dorfſchaft bilden. Wer ſoll löſchen helfen? Die Männer und Jünglinge ſind alle längſt erſchlagen. Weiber, Greiſe und Kinder werden von den Flammen überraſcht, ergreifen die Flucht, und ſuchen einige Trüm⸗ mer ihrer elenden Habe zu retten. Umſonſt! Sie werden mit Ge⸗ walt in die Flammen zurückgetrieben und bald verſchlingt ſie das Meer aus Gluth, Rauch und Aſche. Auf den einſtürzenden Giebeln aber ſitzt der rothe Hahn, wie man im Mittelalter Feuersbrünſte nannte, kräht ſein häßliches Lied, ſchlägt luſtig mit den Flügeln um ſich, und ſchleudert wie ein Verſchwender all ſein rothes Gold, die hellen Flammen in die Luft.**) Ein reinigendes Fegefeuer für die Giauren nennt es ironiſch der Chriſtenbluttrinker. Hier dieſer kleinere Flecken iſt gänzlich ausgeſtorben. Nicht ein Glied ſeiner Bevölkerung entrinnt dem qualvollen Tode, alles, ob jung oder alt, ob Mann oder Weib, wird grauſam hingeſchlach⸗ *) Chriſtenbluttrinker, italieniſch bevitore del sangue cristiano hieß nach dem Osservatore Triestino der grauſame Paſcha Dervis in der Herzegowina. **½) So wurde die Sava⸗Mahala oder Vorſtadt an der Save bei Belgrad abgebrannt. 307 tet, keiner der Leichname bleibt ungeſchändet, die Köpſe prangen auf Piken und Handſchars; endlich verſchlingt eine friſch aufgeworfene Grube wie auf einem Schindanger die blutigen, zerfetzten Ueber⸗ reſte, ſchon fällt die erſte Scholle darauf, von einem mitleidigen Renegaten geworfen: da ertönt neues Jubelgeſchrei in den türki⸗ ſchen Reihen, man hat ein bildſchönes Kind in irgend einem Ver⸗ ſtecke aufgefunden, rohe Hände reißen es hervor, tragen es durch die Lüfte, ſpielen Ball damit; vergebens ringt das kleine hilfloſe Weſen ſeine zarten Händchen unter rührendem Flehen, fruchtlos netzen ſeine Zähren die ungeſchlachten Fäuſte ſeiner Peiniger, von Gnade und Mitleid nirgends eine Sterbensſylbe hörbar— armes Kind— ſchon fliegt es in die blutdampfende Grube— ſchon ruht es auf den noch zuckenden Gliedmaßen ſeiner Angehörigen— ein letzter Angſt⸗ ruf— ſchauerliche Stille folgt— der kleine blonde Engel ward lebendig begraben! „Ein Chriſtenhund weniger,“ ruft hohnlachend ein Imam. Dort hat ſich ein tapferer Haiduke mit ſeinen zwei Söhnen und ihrer Mutter in eine Höhle geflüchtet. Drei Tage bleiben die Unglücklichen daſelbſt ohne Nahrungsmittel belagert. So oft ſie hin⸗ ausbrechen wollen, ſind hundert Karabiner auf ſie angeſchlagen; ſie haben nichts zu trinken als ein wenig Waſſer, das in den kleinen Gruben der ausgehöhlten Felſen ſtehen geblieben, und der Durſt greift die Unglücklichen alſo quälend an, daß ihre Zungen anſchwel⸗ len und ſchwarz werden. Nach drei Tagen betet die erſchöpfte Mutter der Haiduken im Sterben, Gott möge ſich ihrer Kinder erbarmen und ſie rächen an ihren Feinden, und damit haucht ſie ihren letzten Stufzer aus. Der Gatte ſchaut den Leichnam mit trockenen Augen, aber die beiden Söhne vergießen Thränen, ſo oft der Vater bei Seite blickt. Der vierte Tag beginnt und die brennende Sonne ſaugt den letzten Tropfen Waſſer aus den Felſen. Da wird der Aelteſte von den Söhnen wahnſinnig, er legt die Hand an den NYatagan und heftet zwei Augen, glühend wie die eines ausgehungerten Wolfes, auf die Leiche der Mutter. Bei dieſem Anblicke ſticht ſich der jüngere Bruder von Schreck erfaßt mit ſeinem Dolche in den Arm, wendet ſich gegen den Wahnſinnigen und meint, der Unglückliche ſolle ſeinen Durſt in dieſes Armes Blut ſtillen, aber keine Schandthat begehen. Da aber erhebt ſich der Vater,*) und heißt die Söhne mit ihm aus *) Dieſer tapfere Haiduke hieß Chriſtenitſch und ſtammte aus der reichen bosniſchen Familie Mladen. 20* — 308 der Höhle brechen, denn beſſer ſei es durch die Kugeln als durch den Hunger zu ſterben. Und ſie ſtürzen wie Löwen hervor; jeder er⸗ hält zehn Kugeln in die Bruſt, aber auch jeder tödtet zehn Türken, ehe er ſtirbt. Noch jetzt preiſt ein Volksgeſang ihr hochrothes Ende! „Der Paſcha unterhält ſich!“ Alſo heißt es im türkiſchen Lager. Hier in der Nähe des muſelmänniſchen Lagers befindet ſich ein Bazar ganz eigener Art, ſeltſam anzuſchauen! Renegat Muſtapha führt dort Buch und Rechnung, er hat den franzöſiſchen Korbſäbel mit dem Kalem, mit dieſer türkiſchen Rohrfeder vertauſcht. Seine neugeworbene Freiſchaar allein ſchleppte ſechshundert abgehauene Menſchenköpfe“) aus der Umgegend herbei. Ein osmaniſcher Feld⸗ ſcheerer iſt eifrig beſchäftigt, die Ohren von dieſen Häuptern ſauber abzuſchneiden; dann werden ſie mit einem rothen Faden ſorgfältig paarweiſe zuſammengeheftet und der Mäkler Zobeiden's greift eben ſo thätig in einen mit klingender Münze gefüllten Sack, um ver⸗ tragsmäßig jedes Paar Chriſtenohren mit vierzig Piaſtern zu be⸗ zahlen. Ein Bazar ganz eigener Art, wahrlich gar ſeltſam anzu⸗ ſchauen! „Eine geſegnete Meſſe!“ jubelt Muſtapha, der Abtrünnige. Auch im Lager ſelbſt unterhält man ſich vortrefflich. Ein bos⸗ niakiſcher Spahi, der berüchtigte Kapitän von Gradaſchatz**), ein mit rieſiger Kraft ausgeſtatteter Unmenſch, der des Freitags willen — man ſchrieb gerade dieſen türkiſchen Sonntag— ſein Gebet eben mit noch inbrünſtigerer Andacht als gewöhnlich verrichtet hat, läßt ſeine zitternden Gefangenen vorführen, ſpeit Mann für Mann ins Antlitz und ergötzt ſich damit, jeden der Unglücklichen Dank der eigenen trefflichen Damascenerklinge mit einem einzigen Hiebe ent⸗ zweizuhauen.. Der Mann meint, ſo müſſe man den Freitag heiligen. Seine Untergebenen bleiben nicht zurück in dieſen anmuthigen Ergötzlichkeiten und Leibesübungen. Es gilt eine ſehr eigenthüm⸗ liche, unerhörte Wette! Auf dem Raſen liegen nämlich gefangene und gebundene Fiſcher von den Ufern der Bosna in einem Halb⸗ kreiſe, mit den Köpfen 39 innen gewendet. Neben jedem Kopfe *) Beſagte Schandthat wurde bereits 1839 in der albaneſiſchen Ortſchaft Hoti begangen. **) Dieſe Leibesübung fand ſchon vor 1807 ſtatt, in welchem Jahre der Unmenſch von Gradaſchatz endlich von den Rajas erſchlagen ward. aft del 309 ſteht ein Muſelmann und lauſcht auf das Kommando eines Onbaſchi oder Korporals, der an der Außenſeite des lebendigen Halbkreiſes Platz genommen. Sein Kommando wird in drei Tempo's ausge⸗ führt. Erſt fährt man eilig in einen der plumpen mit Nägel beſchla⸗ genen Stiefel, welchen geſtern noch dieſer oder jener Ribar— Fiſcher— bei der Ausübung ſeines Gewerbes getragen; zweitens erhebt man den alſo bekleideten rechten Fuß; drittens ſucht man ſchließlich mit einem einzigen gewaltigen Tritte den vor ſich liegen⸗ den Kopf des ſtöhnenden Gefangenen zu zerſchmettern. Das eben iſt die ſchauerliche Wette! Es frägt ſich, wer mehr Schädel ſolchen ungläubiger Hunde auf das einzige dritte Tempo zu zermalmen vermag?!*) Treue Diener ihres Herrn! Selbſt der Grad Travnik geht nicht leer aus bei der allgemei nen Freude und Luſtbarkeit. Auf dem Walle der Citadelle**) ragen dreihundert Pfähle empor. Man hat eben ſo viele Bosniaͤken daran geſpießt. Dieſe Unglücklichen haften bereits drei Tage auf dieſen Pfählen, leben noch immer und können nicht ſterben; noch zuckt ihr Herz, obgleich viele Rudel hungriger Hunde gierig an ihren Beinen nagen, und die wehklagenden Mütter anfallen und zurückſcheuchen, welche den letzten Athemzug ihrer gemarterten Söhne zu belauſchen kamen. Am vierten Tage erſt ſchlägt endlich die Stunde der Auf⸗ löſung, und der Fittig des bleichen Todesengels rauſcht hörbar um ihren Häuptern. Schwächer wird nach und nach das Gewimmer, ſchließlich neigt auch das letzte Opfer ſein blaſſes Haupt und flüſtert: „Herr vergib ihnen, ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“ Es war der fromme Seelenhirt der katholiſchen Bevölkerung eines benachbarten Dorfes. Darauf ging er ein zu Gottes ewiger Herrlichkeit. Arme, thörichte katholiſche Mütter! Was wollt ihr in der Höhle des Tigers? Ja, wäret ihr noch ſo ſchön und jung wie die Blumen auf der Haide, möglich, daß ihr noch Glück und Rang finden möchtet in irgend einem Harem! So aber ſchirmt euch kein Zauber der Sinne gegen die türkiſche Mordluſt. Flieht! Hört ihr nicht ſchwere Tritte erſchallen, gleichmäßig wie bewaffnete Krieger⸗ *) Die That iſt hiſtoriſch. Alſo wurde 1834 ein Serbe auf dem Markt⸗ platze zu Belgrad getödtet. rn) Ort der Handlung war abermals Belgr fehl des Weſſir Soliman im Dezember 181 1. ad; ſie begab ſich auf den Be⸗ 310 banden einherſchreiten? Flieht! Es iſt zu ſpät! Die muſelmänniſche Beſatzung hauſt unter hochbuſigen Dirnen wie der Marder unter den zitternden Tauben, wie wird er es erſt halten in der Einöde verfallener Schönheit! Fühlt, da ihr mich nicht hören wolltet! Man reißt euch zu Boden, man entblößt euern Schoß; es iſt nicht die Liebe, es iſt der Haß, der eure welken Reize ſchamlos betaſtet, und ihr werdet wie Rehe, wie Hirſchkühe, nur bei lebendigem Leibe und im Namen Allah's und ſeines Profeten einfach— ausgeweidet! Eine neue freie Tafel für die gierigen Hunde!“*)— Türkiſcher Waidmannsbrauch ſeit uralten Zeiten! Tröſtet euch! Euern betagten Schweſtern, den abgelebten Töch⸗ tern der griechiſchen Kirche ergeht es noch ſchlimmer. Seht ihr dort das flammende Dorf?! Sein Feuerſchein beleuchtet eine entſetzliche Szene. Eine Schaar Weiber iſt mühſam der Lohe entronnen, aber da ereilt ſie die Eiſenfauſt der Spahis, und erſtickt hier eine ſilber⸗ härige Greiſin unter einem Steinhaufen, treibt dort einer Matrone den Wurfſpieß in den Leib und verbrennt ſie an der Gluth der eigenen eingeſtürzten Hürde. Noch lebt ein Reſt verblühten Lieb⸗ reizes. Darauf beginnt ein furchtbares Wettrennen zu Pferde. Wozu die mit Aſche gefüllten Haberſäcke bei dem ſtürmiſchen Ritte? Was ſchnallt man ſie an den Hals der ſchäumenden Roſſe? Entſetzlicher Anblick! Man ſteckt die übriggebliebenen Frauen mit dem Kopfe in dieſe Säcke.**) Und weiter? Darauf beſteigt jeder Reiter ſeinen Hengſt und fort geht es in raſender Eile nach dem beſtimmten Ziele. Die Weiber erſticken, aber der Sieger auf der blutigen Rennbahn erhält das Anrecht auf die abzuſchneidenden Ohren. Auch Juſſuw zahlt vierzig Piaſter für das Paar. Das heißt noch heute zu Tage in Bosnien: Das Wettrennen des Satans! Doch auch die Blumen der Jugend und Schönheit ſind kein Schild und Talisman gegen das hereinbrechende eiſerne, unbeug⸗ ſame Geſchick. Blickt einmal nach jener andern Ortſchaft hinüber! Hei, da geht es luſtig zu! Da tönt die ſlaviſche Gusla und die tür⸗ kiſche Derwiſchflöte! Da gibt es Klang und Tanz! Hauſen hier Adamiten? Selbſt die unzüchtige Bajadere geht nicht ohne Buſen⸗ *) Hiſtoriſch, eben daſelbſt geſchehen. **) Die Reiter waren die Delis oder die Leibwache des obengenannten Weſſir Soliman. 311 ſchleier zum Reigen. Hat ein zauberhafter Sturm die nackten Tän zerinnen der Mitternacht, die geiſterhaften Willis an das Ufer der Bosna verſchlagen? Nein, es ſind lebende, reizende, heißblütige Dirnen, die ſich da drehen im wirbelnden Kolo, barfüßig von der Zehe bis zum Scheitel! Die Osmanlis weiden ihr lüſternes Auge an der ſplitternackten Schönheit, ſchlagen den Takt mit den Säbeln und Handſchars, und die Töchter ſüdſlaviſcher Race müſſen fort raſen in erzwungener Tanzluſt,*) und ſpäter, ja ſpäter werden ſie zu Tode— geliebt! Eva ohne Feigenblatt in Bosnien! Doch nicht blos der Panther, der Türke, nein, auch die Hyäne, die Bula, ſein Weib büßt ihr Gelüſte an den wehrloſen chriſtlichen Dirnen. Dort im Harem jene geſinnungsverwandte Glau⸗ bensgenoſſin Zobeidens, himmelhoch aufgeſchoſſen, aber dürr, alt und häßlich, liebäugelt mit einer Zange, einer garſtigen Zange und mit einem Mädchen, einem ſehr hübſchen Mädchen, das wegen ſeinen zwei Reihen ſchneeweißer Zähne den Beinamen Snèg-zub, Schnee⸗ zahn erhalten. Was will ſie mit der garſtigen Zange, was hat ſie mit dem Schneezahn vor? Nun das begreift ſich wohl leicht! Die Alte hat brandiges, angefreſſenes Gebiß, zählt mehr Schwarzſtifte als Zähne, und ſo verſucht ſie die allzugroße Verſchiedenheit auszu⸗ gleichen. Freiheit und Gleichheit wollten ja die aufſtändiſchen Bos⸗ niaken, deshalb iſt ſie ſo frei, dem hübſchen Kinde das ſchneeweiße Gebiß Stück für Stück auszubrechen,**) und bei ſeinen Wehklagen ein buhleriſches Lied zu ſummen. Auch ihre Sklavinnen ſind nicht müßig, ſie haben eine dralle Dirne in der Arbeit, wegen ihrer Kör⸗ perfülle auch gusta dévojka genannt. Was treibt man mit ihr? Die weiblichen Unholde ſchneiden der Aermſten Riemen Fleiſches vom ſchmerzhaft zuckenden Leibe, und gießen dann der Unglücklichen ge⸗ ſchmolzenes Blei oder Wachs in die Wunden, treiben wohl auch mitunter glimmende Holzſplitter in den Buſen des vor unſäglicher Qual ohnmächtig, bald auch ſterbend zuſammenbrechenden Opfers. Wie man ſich im Harem die Zeit verkürzt! Nichts bleibt ungefährdet, nichts iſt heilig! Auch nicht die *) Solche nackte Rundtänze waren ſchon zu Paswan Oglu's Zeiten an der Tagesordnung, namentlich liebte ſie der Renegat Widaitſch zu Zwornik. ten) Dies grauſame Loos erduldete, um ein hiſtoriſches Beiſpiel zu geben, der Kneſe Elias im Dorfe Bobovo. 312 Tempel des Herrn, die geweihten Gotteshäuſer? Doch! Seht, dort in jener alten griechiſchen Kirche wird ein großes Feſt gefeiert. Das Schiff des Gotteshauſes iſt von allen ſeinen Ampeln beleuchtet, hundert Wachskerzen flammen auf dem Altare. Ein alter Muſel⸗ mann mit eisgrauem Barte hat den Ornat des Popen angelegt, ein paar türkiſche Knaben ergreifen den Weihwedel, ſchwingen die Gluthpfanne mit dem Weihrauche. Was aber ſollen bei einer kirch⸗ lichen Feierlichkeit jene zwei Dutzend rieſigen Keſſel voll ſiedenden Waſſers, die in doppelter Reihe vom Portale bis zum Altare rei⸗ chen? Schon folgt die haſtige Antwort! Man trägt auf den Kirchen⸗ polſtern lallende Säuglinge, man ſchleppt auf den Armen ängſtlich weinende kleine Mädchen herbei. Was will man mit den Kindern? Man ſchleudert ſie einfach in die Keſſel voll ſiedenden Waſſers! Ein Jammerruf, ein weithin gellender Schrei entſetzlichen Schmerzes, dann iſt das kirchliche Feſt zu Ende. Auch der Türke liebt Spott⸗ geſänge, Schmählieder, ſatiriſche Dichtung. Es war die Verhöhnung des erſten Sakramentes der Chriſtenheit, es war eine türkiſche Pa⸗ rodie— der Taufe!*). Die Bosna ward zum ſiedenden Jordan! Endlich breitet die heilige Nacht ihren bergenden Schleier über all dies Elend. Tiefe Stille herrſcht im türkiſchen Lager, nur der Paſcha wacht mit ſeinem Baſch-Kiatib, mit ſeinem Geheimſchreiber. Das weiße Zelt iſt ſpärlich und ſchauerlich beleuchtet. Es iſt nicht die Wunderlampe Aladdin's, die hier ſchimmert, aber das Gefäß der Licht verbreitendeu Ampel weiſt ſich gleichfalls uralt, angenagt vom Zahn der Zeit, halb verroſtet. Sechs greiſe bosniſche Haidu⸗ kenhäuptlinge bilden, gefeſſelt der Länge nach hingeſtreckt, einen zeit⸗ weiſe laut aufſtöhnende Runde. Man ſtach den betagten Männern die Augen aus, füllte die Höhlungen mit friſchem Oel und ſetzte dann achtſam einen brennenden Docht hinein. In dem Kreiſe aber ſitzt der Geheimſchreiber, und horcht den Worten des Paſcha Juſſuw, und ſchreibt auf ſeinen Knien getreulich nieder, was ſein wachſames Ohr erlauſchte von dem letzten Siegeszuge in Bosnien. Eine wür⸗ dige Beleuchtung zu einem Bulletin für den Divan in Stambul! Habt ihr genug an dieſer Reihe blutiger Bilder?! Natürlich, daß auch die zur Verzweiflung getriebenen Rajas *) Alſo hielten es die muſelmänniſchen Horden im ſogenannten heiligen Kriege der Türken gegen die ſerbiſchen Giauren. 5 2n 313 vollwichtige Vergeltung übten, wo ſie es vermochten, und keinem Gefangenen mehr Quartier gaben, es auch nicht fürder für ſich ver⸗ langten. Es war ein Krieg bis auf Meſſerſtiche! Entſetzliche Gräuel⸗ thaten gingen im Verlaufe der Bluttage an der Bosna in die Szene, und die frommen Engel der Menſchlichkeit und Barmherzigkeit ver— hüllten weinend ihr kummerbleiches Antlitz. Die gefallenen Geiſter hielten damals großen Feſttag. Der ganze Himmel aber ging in Trauer. Wo aber trieb ſich Lascaris herum? Er war mit einer fliegenden Schaar zur Verfolgung des nach den weſtlichen Gebirgen flüchtenden linken Flügels der Aufſtändi ſchen aufgebrochen. Und wie gab ſich Gülnare? Als Engel des Troſtes und der Barmherzigkeit! Weiter unten ein Näheres hierüber! Wir haben es vorderhand mit ein paar andern Perſonen unſeres Romanes zu thun. Während der bosniſchen Veſper, im Verlaufe dieſer ſüdſlaviſchen Bartholomäustage zitter ten zu Travnik wie in Serajevo zwei als geiſtige Antipoden ge ſchaffene, durch eine weite Kluft der Jahre, des Ranges und der Bildung geſchiedene Menſchenkinder in gleicher unheimlicher Angſt, faſt wie die Eſpe, wenn der Abendwind durch ihre Zweige rauſcht. In ſeinem Frauengemache zu Serajevo zitterte ein hohes Weib in den reifern Jahren, nicht für ſich ſelbſt, nein für die Standarte des Profeten, und betete zu Allah, er möge eine neue Gottesgeißel für ihre Feinde, die Rajas erſchaffen. In der Küche eines jüdiſchen Berber— Barbier— zu Travnik zitterte ein blutjunger Knabe, nicht für ſich ſelbſt, ſondern für die armſelige Hütte ſeiner Eltern in der Nähe von Serajevo, für das alte, morſche Leben ſeiner Erzeu⸗ ger, obgleich die Letzteren den Kleinen ſo zu ſagen verkauft hatten. Das Gebet des Weibes war Nache, die Quelle der Thränen im Auge des Kindes war ein einfacher erſchütternder Schmerz. Der unglückliche Knabe wollte mitten durch die kriegeriſchen Haufen, wollte zu ſeinen Eltern in der bosniſchen Hauptſtadt; er war furcht⸗ los geworden in der heiligen Trauer, die durch ſeine Seele zog, und man mußte ihn wie ſeine Leidensgenoſſin im fernen Serajevo mit Gewalt von dem gefährlichen Wandergange zurückhalten. Ein paar Tage vergingen in ſchwerer unbegreiflicher Angſt. Endlich erſah das Kind ſeine günſtige Gelegenheit zu heimlichem Entwiſchen. Es lief nach Serajevo, ſah ſeine Eltern wie ihre armſelige Hütte unverſehrt, —— ————ͤ — ——- 4 H 314 und kehrte ſpäter glücklich, wenn auch mit rothen Augen, aus denen noch immer Freudenthränen rollten, in die Stube und Küche ſeines Lehrherrn, des Barbierers zurück. Die Hülle rohen Aufwachſens war durchbrochen, und die gottgeſchaffene Seele ſtrahlte aus dem ſonnen⸗ verbrannten Antlitze des Knaben. War doch das alte abgemühte Leben ſeiner Eltern unverſehrt geblieben! Den hellen, rührend na⸗ türlichen Jubel des Kindes zu ſchildern iſt unmöglich. Auch das hohe reiche Weib ließ endlich ſein ſchnellſtes Pferd ſatteln— zu einem Spazierritt in der Nachbarſchaft angeblich— und hatte, kaum den Augen der beſorgten Dienerſchaft entſchwunden, die beiſpielloſe Verwegenheit, mitten durch das aufgeregte, in Waffen ſtehende Land nach Travnik, nach ihrer Villa zu Dolaz zu reiten. Wer war das hohe Weib? Das hohe reiche Weib war die ſtahlherzige muhamedaniſche Wittwe Zobeide, die ſich, wie wir bereits im ſechſten Capitel die⸗ ſes Romanes erfahren haben, nach Bosna Serai begab, um die dortigen Spahis zu beobachten, und daſelbſt durch den raſchen Gang der ſich faſt überſtürzenden Ereigniſſe von ihrem eigenen Heerlager abgeſchnitten wurde. Und wie hieß jener Knabe? Der arme kleine Jude Benoni! Wie kam er nach Travnik in die Lehre des jüdiſchen Barbieres? Durch die dringende Vermitte⸗ lung der ſchönen und mildherzigen Meliſſa. Abbas, deſſen eigentliche Pläne wir noch im Verlaufe dieſes Capitels auskundſchaften wer⸗ den, wollte den Kleinen, obgleich er ſein Leben ſchonte, in ſicherer Haft zurückhalten, die Bitten ſeiner Enkelin bewogen ihn jedoch, Benoni gegen einen Eid unverbrüchlichen Schweigens frei zu geben, ja ihn ſogar im Hauſe jenes Barbiers, mit dem er in geheimer Geſchäftsverbindung ſtand, ein ſchirmendes Obdach zu verſchaffen. Weib wie Knabe ſchritten einer harten Prüfung entgegen. Benoni verließ ſchon bei der Morgendämmerung ſein Lager, und eilte auf abgelegenen, alſo auch weniger betretenen Fußpfaden nach dem Vaterhauſe. Das Glück ſchien ihn geleiten zu wollen. Freundlich blaute der Himmel, luſtig zwitſcherten die wenigen zurück⸗ gebliebenen heimiſchen Vögel, traulich rauſchte der Bach, der ſich längſt des ſchmalen einſamen Weges in mehrfachen Krümmungen fortwand. Schon hatte der Kleine ein großes Stück ſeines Wander⸗ ganges zurückgelegt, da öffnete ſich vor ſeinen Blicken ein dichtver⸗ wachſenes Wäldchen, das den Fußpfad eine geraume Strecke wie mit 315 ſchirmenden Armen umfangen hielt. Das Wäldchen lachte dem jüdi ſchen Knaben ſo grün, ſo reizend entgegen, als ſei es ein Stück Kanaan, und gleich dahinter werde das ärmliche Erbe ſeiner Eltern wie das blumige Land der Verheißung auftauchen. Armer Benoni! Unter Blumen lagern die Schlangen am lieb ſten und häufigſten. Kaum, daß er das Dickicht betrat, ertönte ein verdächtiges Rauſchen in dem Buſchwerke; auch war es dem erbangenden Kinde, als ſchlüpfte eine männliche Geſtalt in ein unweit gelegenes fahles Geſtrippe. Benoni ſtutzte. Eine unheimliche Angſt bemeiſterte ſich aufs Neue ſeiner vielgeprüften Seele. Tiefe Stille folgte. Der Knabe glaubte ſich getäuſcht zu haben, und ſchritt muthiger, aben auch haſtiger weiter. „Ewige Mutter Iſis!“ Alſo ließ ſich plötzlich eine zitternde männliche Stimme verneh⸗ men, die wie vom Himmel zu kommen ſchien. Der Knabe hielt unwillkürlich an. „Hinweg bleiches Geſpenſt! Erbarmen Benoni!“ Der Aermſte glaubte die Stimme zu erkennen und beſchleunigte daher wie ein zitterndes Reh ſeine Schritte. Dieſe furchtſame Eile drohte das ſcheue Kind in das Verderben zu ſtürzen. Geſpenſter fürchten ſich nicht, was hätten ſie alſo die Flucht zu ergreifen?! „Er flieht? Alſo lebt er! Verrätherei!“ Gleich nach dieſen Worten ſtürzte ein kleiner gelber Mann aus dem Dickicht, und eine kurze Verfolgung begann, die zweifelsohne mit dem Entkommen des Kleinen geendet haben dürfte, ſchien doch Angſt und Jugendfriſche den Füßen Benoni's die Schnelligkeit des Blitzes zu verleihen; da ſtrauchelte er aber zufällig über einen quer im Wege liegenden Aſt, gleichzeitig fiel es ſchwer auf ſeinen Nacken, ſchlang ſich wie eine Schlange um ſeinen Hals, ein Ruck, der Aermſte lag athemlos am Boden. Sein Verfolger hatte einen langen mit einer Schlinge verſehenen Strick, mit deſſen Hilfe er früher ein ge⸗ waltiges Bündel Habſeligkeiten fortſchleppte, mit großem Geſchick als Fangſchnur benützt. Der kleine gelbe Mann war Mirxa der Aeltere. Der Zigeunerhäuptling überlieferte zwar, wie wir geleſen haben, ſeiner Zeit Gülnaren ein bedeutendes Ergebniß mehrer Gold⸗ wäſchereien, fürchtete aber nicht mit Unrecht einen neuen Beſuch der Rajas, welche nach dem mittlerweile gewonnenen Goldſand lüſtern 316 ſein dürften, und machte ſich daher mit der neuern köſtlichen Aus⸗ beute weislich aus dem Staube, willens die Rückkehr des Friedens, kurz ruhigere und blauere Tage abzuwarten. Benoni's Unſtern führte Mirxa in das abgelegene Wäldchen. Der Zigeuner vermu⸗ thete, der Kleine ſei dem Flüſterer entſprungen und befinde ſich eben auf dem Wege, dem Kriegsrathe in Serajevo eine Anzeige zu er⸗ ſtatten, welche Mirra's Hals bedeutend gefährdet haben möchte. Er beſchloß daher dem Knaben zuvorzukommen, und ſeinen Ankläger kurzweg zu erwürgen. Zeit und Ort ſchienen günſtig. So entſpann ſich nachſtehendes Zwiegeſpräch, das trotz ſeiner kurzen Dauer Ent⸗ ſetzen in das Herz jedes mitleidigen Zuſchauers gebannt haben dürfte. „Erbarme dich, guter Mirxra!“ ſtöhnte der halb erdroſſelte Kleine. „Daß ich ein Narr wäre,“ murrte der Unmenſch.„du ſollſt mir nicht aus der Schule ſchwatzen.“ „Ich habe unverbrüchliches Stillſchweigen beſchworen.“ „Ein Knabenſchwur wiegt nicht einen Gran Sicherheit!“ „Erbarmen! Hilfe!“ „Verſtumme auf ewig kleine Schlange!“ Damit wollte Mirxa den Strick vollends zuziehen, aber da raſſelte und praſſelte es ringsum in den Büſchen, da brachen von allen Seiten grimmig blickende Geſtalten hervor, und der Zigeuner ward im nächſten Augenblicke von einer kräftigen Fauſt am Genicke ergriffen und wie ein Stück Holz zu Boden geſchleudert. „Haben wir dich, egyptiſcher Hund!“ donnerte ſein Beſieger. Ein Freudenſchrei folgte dieſem Ausrufe. Man hatte das ſchwere Bündel Goldſand aufgefunden. Eine Schaar Rajas hatte ſich in der That nach dem Zigeunerdorfe begeben, war auch ſporn⸗ ſtreichs zur Verfolgung des ſchlauen Flüchtlings aufgebrochen, als ſie die Behauſung Mirra des Aeltern leer ſtehend gefunden und von den übrigen Zigeunern durch Drohungen wie durch Verſprechungen Kunde von dem muthmaßlichen Wege erhalten, welchen der gelbe Häuptling eingeſchlagen haben mochte. Natürlich, daß die Rajas keines ihrer Verſprechen hielten, wohl aber zur Ausführung der Drohungen ſchritten. Das Zigeunerdorf loderte in Flammen auf. „Alſo, betrügen wollteſt du uns?“ ſprach derſelbe ſieghafte Bosniafke. „Wozu viel Worte,“ meinte ein Anderer,„raſch zur That!“ 1 te 317 „Du haſt Recht,“ rief ein Dritter,„Eile thut Noth, es ſpukt in der Nähe von Reitern!“ Mirxa und Benoni, der ſich mittlerweile aufgerafft hatte, ſahen mit unbeſtimmter Angſt, wie ein gewandter Bosniake an einem jun⸗ gen, ſchlanken Baume emporkletterte. Ein zweiter und dritter Raja folgte. Der Wipfel des Baumes wurde dann bis zu dem Raſen herabgezogen, und dort mittelſt Pferdeſträngen und Halftern ſorg— fältig befeſtigt. Gleichzeitig ergriff der erſte Bosniake den Strick, den Mirxa nach dem Judenknaben geworfen, und ſchlang ihn um den höchſten Aſt des erwähnten Baumes, der gleichſam einen grünen lebendigen Galgen abgeben mußte. Bald darauf faßten zwei Rajas den Zigeuner, und hingen ihn trotz ſeines Sträubens, Bittens und Winſelns an denſelben Strick. Ein flüchtiger Augenblick, dann wur⸗ den die Pferdeſtränge und Halftern durchſchnitten, und der Baum ſchnellte mit ſeiner Laſt empor, den Wipfel wie früher nach auf⸗ wärts gerichtet. Die Leiche des Zigeuners hing zwiſchen Himmel und Erde. „Vor allem heißt es jetzt,“ meinte ein Bosniake,„den Gold⸗ ſand in Sicherheit bringen.“ Dieſe ängſtliche Weiſung wurde augenblicklich in Vollzug ge— ſetzt. Ein Schwarm Rajas trat mit der allerdings köſtlichen Beute einen ſehr beſchleunigten Nückzug an. Die Reiter, die in der Ebene ſpuken ſollten, hatten die Mörder Mirxa's etwas zaghaft geſtimmt. „Und was machen wir,“ frug ein Zweiter,„mit dem kleinen Juden?“ „Es iſt ein putziges Ding, aber hundsjung. Laßt ihn laufen! Was wollt ihr mit der unreifen Frucht?“ „Unreife Frucht? Gleichviel,“ meinte ein Freund türkiſcher Gelüſte,„Birne bleibt Birne! Ich möchte ſie anbeißen.“ Benoni riß ſich von dem Bosniaken, der ihn nach dieſen Wor⸗ ten umfaßte, mit Aufgebot all ſeiner ſchwachen Kraft los und ver ſuchte unter gellendem Hilfsrufe zu entfliehen. Flucht wie Ruf wür— den jedoch dem Aermſten wenig genützt haben, denn er war Männern in die Hände gefallen, die mit dem Rehe um die Wette liefen, die ein Kind nicht viel beſſer als ein Stück Lamm betrachteten, deſſen ängſtliches Blöcken auch nicht die geringſte Beachtung verdient. Zum Glücke tönte in dieſem Augenblicke Hörnerklang durch das Wäldchen, Hufſchläge wurden hörbar, und einem Haufen berittener, bis an die Zähne bewaffneter Haiduken weit voran kam eine herriſch 7 318 blickende Amazone auf einem wildſchnaubenden Roſſe wie der Blitz dahergeflogen. Es war Gülnare. Der Enkel des Flüſterers, der kraftvolle Dane folgte an der Spitze der bosniſchen Reiter der muthigen Herrin. Ein Blick genügte der Kneſin, um ſie von der Sachlage zu unterrichten. Hohn und Zorn, Verachtung und Schwer⸗ muth funkelten aus ihren Augen. „Würdige Abkömmlinge der Mutter Slava,“ begann Gülnare, „die ihr ſeid! Einen alten Zigeuner aufknüpfen und einen wehrloſen Knaben unverſchämt quälen, das ſind eure Heldenthaten! Ich ſchäme mich des bosniſchen Blutes!“ „Retten Sie mich, erlauchte Frau!“ wimmerte Benoni. „Sei ohne Sorge armes Kind! Wo biſt du heim?“ „In Serajevo!“ „Dane nimm den Kleinen vor dir aufs Pferd, und geleite ihn nach ſeinem Vaterhauſe! Ein paar Haiduken ſollen dir als Bedeckung folgen. Du bürgſt mir mit deinem Kopfe, daß das Kind ungefährdet in die Hände ſeiner Eltern gelangt.“ Gülnaren's Befehl ward augenblicklich ins Werk geſetzt. Benoni war gerettet und ſchied unter heißen Thränen des Dankes von dem weiblichen Engel und Helfer in der Noth. „Was euch anbelangt,“ fuhr die Amazone fort,„ihr feigen grauſamen Lumpe, ſo hätte ich große Luſt, euch hier auf dem Schau⸗ platze der verübten Schandthat niederhauen zu laſſen, aber ich mag dem Henker nicht ins Handwerk pfuſchen. Geht und hütet euch, mir nochmals mit räuberiſchen, blutigen, unheiligen Händen in den Weg zu kommen! Euer Maß iſt voll!“ Die räuberiſchen Rajas, durchwegs Bewohner des Thales, hegten vor den Haiduken, dieſen gewaltigen Söhnen der Berge viel zu große Scheu, als daß ſie auch nur eine Minute daran gedacht hätten, ein Stück Emeute in die Szene zu ſetzen. Sie zogen demü⸗ thig ab wie ein biſſiger, aber feiger Hund, der von ſeinem Herrn ſo eben Schläge erhalten. Gülnare warf einen Blick gegen den Himmel, aus welchem Seelenpein und Gewiſſensangſt zu leuchten ſchienen. „Lascaris hat Recht,“ murmelte ſie leiſe,„dieſem Volke iſt nicht zu helfen, und mir ergeht es wie jenem Beſchwörer, der die Viechtitſa, dieſes wüthige Geſpenſt mit feurigen Flügeln wohl her⸗ beizurufen, aber nicht zu bändigen verſtand! Armes Bosnien!“ Da erdröhnte haſtiger Hufſchlag. Mirra der Jüngere kam wie beſeſſen daher geſprengt und 319 flüſterte der Kneſin ein paar Worte in das Ohr. Gülnare ſchrack zuſammen, als ob ſie wirklich von einem Geſpenſte angeſprochen worden wäre. Todtenbläſſe wechſelte mit Scharlachröthe auf ihrem Antlitze. „Mir nach,“ donnerte ſie,„müht die Pferde, was ſie laufen können!“ Das Geſchwader ſtürmte wie der Wirbelwind von dannen. Mirxa warf einen Blick innigen Mitleides auf den gehenkten gelben Mann. „Morgen, Vetter, ſollſt du beerdigt werden!“ Nach dieſem frommen Verſprechen folgte er der Kneſin, er mußte ja dem Zuge als Wegweiſer dienen. Bald bot ſich den Blicken des Geſchwaders eine neue Schreckensſzene dar. Die Schaubühne war ein kleines anmuthiges Thal. Die Heerſtraße, welche nach Travnik führte, ging mitten durch dies reizende, gegenwärtig freilich etwas herbſtlich welke Gefilde, und ward am Eingang in die Niede rung von einer überaus ſteilen, tiefen, faſt noch breiteren Schlucht durchſchnitten, über welcher eine baufällige Brücke ſchwankte. So ſah der Schauplatz aus. Nun zu den handelnden Perſonen in dieſem Schreckensdrama! Die Heldin war Witwe Zobeide, die wie wir wiſſen in beiſpielloſer Verwegenheit mitten durch das in Waffen ſtehende Land nach der obengenannten Türkenfeſtung reiten wollte. Mirxa, der wie mehre Haiduken von der Kneſin als Plänkler vor⸗ geſendet worden, traf mit dem beherzten Weibe hart an der ſchwan⸗ kenden Brücke zuſammen. Seine Warnung ſich nicht weiter zu wagen fand keine Beachtung. Die kühne Frau ſprengte bewildert vorwärts und gerieth in dem anmuthigen Thale in einen Hinterhalt nackter Kinder. Dieſe Golatſchanen machten bekanntlich keinen Unterſchied zwiſchen Koran und Bibel, ſobald die Loſung einmal Raub, Plün⸗ derung oder Nothzucht hieß. Es war daher vergeblich, daß ſich Zo⸗ beide als Muhamedanerin zu erkennen gab. Die nackten Kinder drohten demungeachtet Gewalt zu gebrauchen. Die Witwe fuhr auf, ſchmähte die Golatſchanen, bedrohte ſie mit der Rache des Nizam, und ward zur Strafe ihres maßloſen Trotzes nach tapferer Gegen⸗ wehr vom Pferde geriſſen. Ihr Leben, ihre Ehre hing an einem Haare. Mirxra überſah dies mit einem Blicke. Was konnte er, mehr Knabe noch als Mann, gegen einen bewaffneten Haufen blutdür⸗ ſtigen, halbbetrunkenen Geſindels ausfechten? Hier konnte nur mäch⸗ tigerer Sukkurs ausreichen. Daher ſein haſtiger Botenritt. Eben dieſer Ritt aber war das Verderben Zobeiden's. Die Golatſchanen erriethen Mirxa's Abſicht, wußten ſie auch zu vereiteln. Nicht das Recht, aber das Terrain war auf ihrer Seite, So kam es, daß die Roſe von Serajevo und ihre ſtreitbaren Ge⸗ fährten, als ſie an den Eingang in die Niederung gelangten, auf ein Hemmniß ſtießen, das kein Renner der Welt zu überſetzen ver⸗ mochte. Steil, tief und breit gähnte die entſetzliche Schlucht. Die baufällige Brücke war abgebrochen worden. Nun zeigte ſich ein Schreckensbild würdig des Pinſels eines Salvator Roſa! Hier eine adelige Frauengeſtalt, faſt bis auf das feine Hemd entkleidet, die vor Scham und Zorn zu vergehen meinte, bedroht von den eklen Küſſen und Liebkoſungen halb betrunkener Unmenſchen! Drüben eine vor Mitleid und Entrüſtung zitternde Herrin, furchtbar ſchön wie der Erzengel anzuſchauen, als er den Abtrünnigen in die Tiefe ſchleuderte, nur daß man ihm das Schwert der Rache aus den Händen gewunden! Im Thale wild und ſataniſch aufjohlende Gräuelgeſtalten, welche die entblößten Reize ihres hilf⸗ loſen Opfers in derben ungeſchlachten Worten rühmten, und um die Vorhand in dem ſcheußlichen Spiele barbariſcher Buhlſchaft ſtritten! Auf dem Hügel vor Zorn knirſchende Vertreter des Rechtes und der Ehre, welche das grauenhafte Schauſtück nur durch wüthige, aber ohnmächtige Flüche und Verwünſchungen zu ſtören vermochten! Wahrlich es war eine Szene, darüber die Engel im Himmel weinten und die Abgefallenen im Abgrunde jauchzten, eine Szene, die unter irdiſchen Zuſchauern nicht lange währen konnte, falls ſie nicht alle über den Anblick wahnſinnig werden ſollten. Vergebens drohte, vergebens bat und flehte die weiße Roſe. Unanſtändige Worte waren und blieben die ſchamloſe Antwort. Das Schlachtopfer ſprach nicht eine Sterbensſylbe mehr, aber in ſeinen Blicken ſtand zu leſen:. V „Das iſt dein Werk, Schweſter Gülnare!“ Das Schreckensdrama ſchloß jedoch noch raſcher als es be⸗ gonnen. Man hatte um die erwähnte Vorhand förmlich gewürfelt. Der Gewinner ein rieſiger, häßlicher, zerlumpter Golatſchane rüſtete ſich lüſtern ſchmunzelnd zu dem ſchmählichen Liebeswerke. Zobeide ſolle eben vollends zu Boden geriſſen werden, noch ein flüchtiger Augenblick und ihr marmorbleiches Antlitz mußte hinter den wilden Männergeſtalten für die Zuſchauer am Abgrunde gänzlich verſchwin⸗ 321 den. Fürder keine Rettung! In dieſem entſcheidenden Momenie ſprang die weiße Roſe vom Pferde und riß einem ihrer Haiduken den verläßlichen, weithintreffenden Kugelſtutzen aus der Hand. Gleich darauf ſtand ſie hart an der ſteilen und breiten Schlucht. „Verzeihe Zobeide deiner reuigen Schweſter Gülnare!“ Darauf blitzte es flammend auf, die Kugel ſchlug zerſchmet ternd in die marmorblaſſe Stirne des krampfhaft zuckenden Opfers, Blut und Hirn beſpritzten die Wange ihres häßlichen Peinigers, heulend ſtiebten die nackten Kinder auseinander, Zobeide war nicht mehr, ohnmächtig brach die Kneſin zuſammen. Laſſen auch wir den Vorhang über das grauenvolle Schauſtück fallen!—— An dem Abend desſelben Tages ſchlich ſich ein bosniakiſches Weib, der rauhen Herbſtluft wegen in den Schafpelz eines ihrer männlichen Anverwandten gehüllt, langſam, auffallend unſichern Schrittes längſt des uns wohlbekannten Feldweges hin, der zur Klauſe des Flüſterers führte. Die nächtige Wanderin war von klei⸗ ner Statur, ſchien auch des Fußgehens nicht ſonderlich gewohnt zu ſein, wenigſtens benöthigte ſie faſt das Doppelte der gewöhnlichen Zeit, um an das Ziel ihres verdächtigen Ausfluges zu gelangen. Viel trug auch wohl die übertriebene Vorſicht und Aengſtlichkeit bei, mit welcher die Bosniakin ihren Weg zurücklegte. Blieb ſie doch bei dem mindeſten Geräuſche achtſam lauſchend ſtehen, zuweilen ſogar in den ziemlich tiefen Graben am Rain der Aecker und Wieſen hin⸗ abſchlüpfend, ſo daß ſie für Momente gleichſam in die Erde zu ver⸗ ſinken drohte. Uebrigens war auch der Himmel ziemlich umwölkt, und es bedurfte eines ſcharfen Auges, um auch nur zehn Schritte vor ſich hin klar und deutlich wahrzunehmen. Plötzlich aber, die ſcheue nächtliche Wanderin mochte noch ein paar hundert Schritte von der Behauſung des Einſchläferers entfernt ſein, brach der Mond durch den Wolkenſchleier und warf ſeinen bleichen for- ſchenden Strahl auf ein weibliches Angeſicht, deſſen edle Züge ſeltſam gegen die armſelige, dürftige Tracht der angeblichen bos⸗ niſchen Bäuerin abſtachen. Das Koſtume war offenbar eine einfache Verkleidung. Seine Trägerin hieß auch Leila. Was wollte ſie in ſo ſpäter Zeit auf dem abgelegenen Feld⸗ wege? Waren heute nicht acht Tage ſeit ihrem zweiten Beſuche bei Abbas verfloſſen? Der Montenegriner 21 322 Richtig, es handelte ſich um die Giftphiole, welche der Flüſte⸗ rer an dieſem Tage abzuliefern verſprochen. Deshalb verließ auch Leila, von Liebe und Eiferſucht, von wilder Leidenſchaft und tiefem Grolle getrieben, ihre ſichere Behauſung zu Bosna Serai, ſicher, da ſie in der Hauptſtadt erſtlich als Buſenfreundin Gülnarens wenig von dem Haſſe der Bevölkerung zu befürchten hatte, da ferner die Kneſin eine kleine Abtheilung Haiduken nach dem Hauſe Leila's zu beordern für rathſam fand. Anders war es der Fall im Freien, zu⸗ mal in den Stunden der Dämmerung und Nacht, und unſer weib⸗ licher Othello that daher ſehr weiſe, das feindliche Land in Chri— ſtentracht zu durchſchreiten. Die Tochter des Defterdar gelangte auch ungefährdet an die Granitklauſe des Einſchläferers, prüfte noch einmal, ob der bewußte lange Dolch auch noch feſt an ihrem Gürtel hänge, und pochte dann entſchloſſen, wenn gleich von einem geheimen Grauen befallen an die Pforte. Abbas öffnete die Thüre mit gut geheucheltem Erſtaunen, als könne er es gar nicht glauben, wie eine alſo zarte Frauengeſtalt in ſo ſturmbewegter Zeit ſich zu einem derart gefährlichen nächtigen Wandergange entſchließen könne. Leila ſchien jedoch wenig aufgelegt dieſen ſchmeichelhaften Beifall, welchen man ihrem Waglingsmuthe zollte, nach Gebühr zu würdigen. „Iſt die Giftphiole gefüllt?“ frug ſie mit kurz angebundenem Tone. „Bitte gehorſamſt, Gospoja, mir zu folgen!“ Abbas ſchritt leuchtend voran, die Tochter des Defterdar folgte langſam, mißtrauiſch umherſpähend, die rechte Hand fortwährend am Griffe ihres langen Dolches. Die Zauberhöhle oder das Bein⸗ haus war dies Mal unbeleuchtet geblieben, und Leila konnte ſich daher eines geſpenſterhaften Schauers nicht erwehren, als ſie der Alte durch das unheimliche Viereck aus uralten Todtengerippen nach einem kleinen ſchwarzen Pförtchen führte, das knarrend aufſprang, aber ſo niedrig war, daß ſich ſelbſt Leila trotz ihrer kleinen Statur bücken mußte, als ſie über die Schwelle ſchritt. Auch ſchloß ſich das ſchwarze Pförtchen ſeltſam ächzend hart hinter ihr und zwar noch obendrein mit dem wohlbekannten Geräuſch, als ob ein Riegel vor⸗ geſchoben würde. Beſorgt prüfte ſie den einfallenden Riegel. Da er ſich aber von innen zurückſchieben ließ, ſo eilte ſie leichtern Herzens vorwärts. Das Gemach, darin ſich nun beide befanden, wies auch durchaus keinen verdächtigen oder unheimlichen Anblick. Es glich einem gewöhnlichen chemiſchen Laboratorium, war ſchwarz verhan⸗ 323 gen, mit mehren Todtenköpfen und Folterwerkzeugen ſymboliſch ausgelegt, und wurde durch eine röthlich ſchimmernde Ampel an der Decke hinreichend erleuchtet. In der Mitte befand ſich eine lange gleichfalls mit grobem ſchwarzen Tuche bedeckte Tafel in Geſtalt einer Drehſcheibe, die ſich langſam neigte, ſo daß man von allen Seiten freien Zutritt und Spielraum gewinnen konnte. Die kleine Tochter des Defterdar erinnerte ſich des Gemaches noch aus der Zeit ihres erſten Beſuches bei dem übelberüchtigten Flüſterer. Es befand ſich in ſeinem früheren Zuſtande, nur der dichte bruſtbeklem⸗ mende Nebel wollte ſich nicht erheben, auch fehlte das gemarterte blutende Opfer, ſo daß man nunmehr deutlich ſehen konnte, wie die bewegliche Drehſcheibe am obern Rande in zwei Arme auslief und eine Art breiten Kreuzes bildete. In der Nähe dieſes obern Randes ſtand ein eiſerner Armſtuhl. „Spute dich, Alter,“ begann Leila,„ich werde mit dem Lohne auch nicht zögern!“ Abbas griff, ohne ein Wort zu erwiedern, nach einer kurzen Treppenleiter aus ſchwarzem Holz rückte ſie an einen offenen Wand⸗ ſchrank voll Tiegeln, Retorten und Phiolen, wies höflich nach dem bewußten eiſernen Armſtuhl und ſtieg dann ein paar Stufen der Leiter hinan, wie um die Phiole mit dem italiſchen Giftwaſſer herabzulangen. Sein boshafter Blick gewann einen faſt ängſtlich lauernden Ausdruck, den die Tochter des Defterdar aber nicht wahr⸗ nehmen konnte, da ihr der Alte den Rücken zuwendete. Leila warf ſich ſorglos in den dargebotenen Armſtuhl. Kaum daß ſie den Polſter berührte, da klirrte und raſſelte es auch gar ſeltſam, Federn, Klammern und Spangen griffen und ſchnappten blitzſchnell ein, und die Muhamedanerin ſah ſich in der⸗ ſelben Sekunde gefeſſelt, in eine Art eiſerne, gitterförmige Zwangs⸗ jacke vom Nacken bis an die Fußknöchel hilflos eingeſchnürt. Ein Angſtſchrei entfuhr ihren Lippen. „Was ſoll das Poſſenſpiel?“ frug ſie dann, ſich mühſam faſſend. „Poſſenſpiel,“ rief der Flüſterer von der Leiter ſpringend und herbeieilend,„Poſſenſpiel, meinſt du? Du irrſt dich weiblicher Sa⸗ tan, es iſt furchtbarer Ernſt und der Tag der Zahlung gekommen! Meine Brüder werden an der Bosna geſchlachtet, deshalb ſputet ſich auch Abbas, ſeine Hand in muhamedaniſches Blut zu tauchen. Auch ſagt ihm ſein zweites untrügliches Geſicht, daß ein hochge⸗ e 21* 324 fährlicher Mann*) in wenigen Wochen von der Narenta aufbrechen werde, ein Ungläubiger, den weder Kugel noch Schwert zu tödten vermögen. Der hochgefährliche Mann ſoll ſeinen Meiſter an dem alten Schüler der klugen Gospoja Toffana finden.“ „Erbarme dich, Abbas! All mein Schmuck ſei dein!“ „Erbarmen?! Fühlteſt du Mitleid mit Benoni, dem kleinen Judenknaben? Weihteſt du den Aermſten nicht gra uſam dem entſetz⸗ lichſten Tode! Warſt du nicht ſündhaft genug, ſelbſt ſeine Schuld vor dem Richterſtuhle des Ewigen auf deine Seele nehmen zu wol⸗ len? Schmuck?! Was ſoll er mir? Abbas beſitt vielleicht hinreichend Gold, um dich und deine Sippſchaft auszukaufen!“ Nach dieſen Worten eilte der Alte wieder an den offenen Wandſchrank. Leila, hilflos wie ſie war, ergab ſich zitternd aber ſchweigend in ihr Schickſal. Sie hatte den Kelch des Entſetzens und der Todesangſt noch nicht bis zur Neige geleert. Abbas kehrte mit einem ſchweren Hammer und vier langen, gewaltigen, ſpitzigen Nä⸗ geln zurück. Die Tochter des Defterdar belauſchte furchtſam ſein bedrohliches Treiben. Der Flüſterer trat nun gemächlich an den Armſtuhl heran, drückte an einer geheimen Feder, und die Gefangene rollte in ihrer eiſernen Zwangsjacke auf den Boden des Laborato⸗ riums. Abbas erfaßte die feſt eingeſchnürte Feindin und hob ſie mit mehr Kraft, als man ſeinem Alter zugetraut hätte, auf die ſchwarz verhangene Drehſcheibe; dann ergriff er den mächtigen Hammer und einen der ſpitzigen Nägel. Leila ſchrie bei dieſem Anblick laut auf vor unſäglicher Furcht und Beſorgniß. Jetzt erſt kam die volle gräß⸗ liche Wirklichkeit über ſie, jetzt erſt ahnte ſie ihr ſchmerzhaftes Geſchick. Die Muhamedanerin ſollte gekreuzigt werden. Sie bat, ſie weinte, ſie betete, ſie fluchte, ſie raſte! Alles um— ſonſt. Der Alte drückte abermals an der Feder, und der eine Arm der Sünderin ward frei, um im nächſten Momente an die Dreh⸗ ſcheibe gedrückt zu werden. Ein entſetzlicher Schrei! Leila war mit der rechten Hand an die Scheibe genagelt. Ein zweiter, ein dritter, ein vierter Mark und Bein durch⸗ dringender Schmerzensruf! Abbas hatte ſein Opfer gekreuzigt. *) Ali Riswan Begowich der Vezier der Herzegowina wurde in Folge ſeiner langjährigen ungefährdeten Herrſchaft für ſtich-, hieb⸗ und kugelfeſt gehalten. 325 Kaltblütig, mit ſataniſchem Grinſen löſte der furchtbare Alte nunmehr die feſſelnde Zwangsjacke, dann erfaßte er Leila's langen Dolch an dem funkelnden Goldgriffe— zum Todesſtoß?— ſo hoffte das hilfloſe, an Händen und Füßen feſtgenagelte ſtöhnende Men⸗ ſchenkind— o nein— Abbas zerſchnitt langſam den Schafpelz und die dürftigen bosniakiſchen Gewande der gekreuzigten Tochter des Defterdar. Bald lag ſie entblößt, in all ihren Reizen, bleich und blutbeſpritzt auf der ſchwarzen Tafel, ein treues Konterfei jenes ſterbenden Opfers, wie ſie es weiland im Nebelbilde geſehen. Die Folterqual war noch nicht zu Ende. Es ſollte noch weit ſchlimmer kommen. Der Einſchläferer ſetzte die Drehſcheibe in Bewegung, ſein banges Opfer gleichzeitig mit einer langen Nadel kitzelnd und ſtechend. Entſetzen und Schmerz, Jammer und Verzweiflung in dem brechenden Blicke drehte ſich die Unglückliche langſam um ſich ſelbſt, blutig gefärbter Schaum ſtand an ihren gichtiſch zuckenden kreide⸗ weißen Lippen, Thränen quollen aus ihren Augen, Blut ſchoß aus Naſe und Ohr, und der kalte Todesſchweiß rieſelte in ſchweren Tropfen von ihrem fiebernden Haupte. All dies entſetzliche Naß ſickerte in ein kupfernes Becken unter der Drehſcheibe, und der Flü⸗ ſterer trat zeitweiſe boshaften Blickes an die Gemarterte heran, ſie mit nunmehr glühend gemachten Nadeln ſtechend, ſengend und bren⸗ nend, auf daß noch mehr Schaum, Blut und Schweiß abfließe als Hauptgeheimmittel zur Erzeugung des tödtlichen, verrufenen, ſchlimmen Giftes, das die böſe Frau aus Wälſchland erfunden. „Weißt du nunmehr, wie man Aqua Toffana bereitet?“ Alſo frug dämoniſch auflachend Abbas der Einſchläferer. Die bleiche Tochter des reichen Defterdar gab keine Antwort, die Aermſte drohte dem Uebermaße des namenloſen Schmerzes zu erliegen. Ein banger Seufzer, ein dumpfes Röcheln, ein krampfhaf⸗ tes Zittern des ganzen Körpers, ein wehmüthiges Schließen der müden Augen! Dann greift eine eiskalte Hand nach dem furcht⸗ ſamen Herzen! Leila verlor das Bewußtſein. Achtzehntes Capitel. Rothbart überall und nirgends. Wir haben unſern Leſern bereits erzählt, daß ſich der linke Flügel der geſchlagenen Bosniaken in die weſtlichen Gebirge geworfen hatte, und zuerſt von einer Streifſchaar, die Lascaris befehligte, verfolgt und beobachtet wurde. Gegenwärtig fügen wir noch bei, daß ein regulärer türkiſcher Heerhaufen, über dritthalb tauſend Mann ſtark, dieſem fliegenden Korps langſam nachrückte, um dem Feinde jede Hoffnung und Ausſicht auf Wiedervereinigung mit dem am Berge Vitez gelagerten Gros der chriſtlichen Streitkräfte zu benehmen, zu vereiteln. Und doch war dieſe Wiedervereinigung der einzige Weg zum Siege.. Getrennt mußten die Abtrünnigen einzeln der islamitiſchen Uebermacht erliegen. Vuk, der eben ſo tapfere als kriegskundige Sohn des ſchwarzen Berges, ſann Tag und Nacht, wie dieſe ſchwie⸗ rige Aufgabe erfolgreich zu löſen wäre. Dies wußte der Befehls⸗ haber jenes regulären türkiſchen Heerhaufens auch recht wohl. Es war unſer alter Bekannter, der Kaimakan Ali. Seiner ganz richtigen Anſicht nach konnte ſein Feind, der Montenegriner, einzig durch eine überraſchende, rein verblüffende Umgehung den Durchbruch ermög⸗ lichen. Ali hatte ſich daher durch das Verſchanzen der Straßen und Wege, ſo wie durch das Abbrechen der Brücken und Stege, endlich durch das Aufreißen der Defiléen auf jede nur denkbare Weiſe zu ſchirmen geſucht, ja überdies ſeine Vorpoſten nach allen Seiten der Téte wie der beiden Flanken ſeiner Streitmacht ſo weit und ſo um⸗ ſichtig vorgeſchoben, daß ein Ueberfall auf der Hauptſtraße platter⸗ 327 dings unmöglich wurde, während eine Umgehung über die höchſten Gebirge zu einem Angriffe im Rücken bei der gegenwärtig herr⸗ ſchenden an Sibirien mahnenden Kälte als ein Wageſtück erſcheinen mußte, das höchſtens eine neue Scheherazade erſinnen und behaglich auf weichem Divan gelagert erzählen konnte, dem aber nicht einmal ein anderer Sultan Schariar, geſchweige ein vernünftiger Kriegs⸗ mann Gehör und Glauben geſchenkt haben dürfte. Es befanden ſich bei dieſem Heerhaufen noch zwei Perſonen, die unſern Leſern bereits im Verlaufe dieſes Romanes vor die Augen traten. Eine dieſer Perſonen war der kühne Mirditenhäupt⸗ ling Arslan. Der nunmehrige Buluk⸗Baſchi war ſeiner noch auf dem Anmarſch befindlichen kleinen Schaar Buren oder Braven vor⸗ angeeilt, und hatte ſich ſeinem Freunde und Waffenbruder Ali an⸗ geſchloſſen, da er einem Gegner wie Vuk gegenüber am erſten ins Feuer zu kommen hoffte. Das zweite bekannte Antlitz wies Mu⸗ 4 ſtapha, der Bluthund. ;, Trotz der großen Kälte herrſchte an einem heitern Nachmittage ü große Luſt im türkiſchen Lager. Die alte Geige Haſſan hatte wirk⸗ 3 lich, wie es Leila profezeihte, in ihren alten Tagen Wunder gewirkt. 6 Die Kraina war vorzugsweiſe Dank der nach ſeiner Angabe gefer⸗ 1 tigten Holzkanonen von den Aufſtändiſchen geſäubert worden. Haſſan 1 eilte dann mit einer Batterie dieſer Kanonen nach dem ihm zunächſt u liegenden rechten Flügel des türkiſchen Heeres, alſo zu Ali's Schaa⸗ ren. Die Benützung von hölzernen Wurfgeſchoſſen iſt eben nichts m Neues, die Holzkanonen aber, die der alte Geſchützkundige verwen⸗ dete, da er über kein Kanonengut zu verfügen hatte, zeichneten ſich n durch Zweckmäßigkeit des Rohres wie des Geſtelles gleich vortheil⸗ je haft aus. Erſteres war nicht aus einem Stücke gemacht, gebohrte 2 Holzſtämme hätten der Ausdehnung des Pulvers ſchlechter wider⸗ ſtanden; darum ließ Haſſan die Röhren aus mehren Stücken verfer⸗ tigen, welche durch eiſerne Reifen nach Art gewöhnlicher Kufen 5 n zuſammengehalten wurden. Innen ſteckte eine einfache Blechfütterung, le die ohne viel Mühe und Koſten durch eine neue erſetzt werden konnte. War Mantel und Futter nicht mehr brauchbar, dann wur⸗ den beide weggeworfen. Die Laffette war eben ſo einfach als wohl⸗ feil. Vier Holzblöcke zu zweien in ein ſchiefes bewegliches Kreuz verbunden bildeten das Geſtell, ähnlich demjenigen, auf dem man gewöhnlich Brennholz entzwei ſägt. Durch die Beweglichkeit der beiden Holzkreuze war es möglich, dem Rohre jede nur beliebige — 328 Richtung zu geben, und kam es durch den Rückſtoß des Schuſſes aus dieſer Richtung, ſo war dieſelbe eben ſo ſchnell als leicht wieder herzuſtellen. Vier Menſchen trugen ein ſolches Geſchütze ohne viele Mühe die ſteiiſten Bergpfade hinan. In der Ebene konnten die leichten Holzröhren zu Dutzenden auf einem Wagen transportirt werden. Es iſt daher leicht begreiflich, daß dieſe ſo leicht transpor⸗ tablen Kanonen bei dem hartnäckigen Gebirgskriege von allen Kampfgenoſſen im türkiſchen Lager mit großem Beifalle begrüßt werden mußten. Zudem hatte Haſſan an jenem Nachmittag den letzten Einwurf, den ſeine Gegner, namentlich der kriegsgelehrt ſein wollende Muſtapha gegen die Brauchbarkeit dieſer Holzkanonen er⸗ hoben, durch eine einfache wenn gleich ſcheußliche That beſeitigt und widerlegt. Die Gegenpartei meinte nämlich, man würde aus dem beſagten Blechrohre eben nicht viele Schüſſe raſch nach einander ab⸗ feuern können. Statt aller mündlichen Antwort ließ nunmehr die alte Fidel ein Dutzend Kriegsgefangene vorführen, dieſe armen halbverhungerten Leute auf eine gewiſſe Entfernung, mit dem Rücken gegen die Mündung ſeiner Kanonen gewendet, aufſtellen, und feuerte nun eigenhändig auf die Unglücklichen alſo ſchnell und mör⸗ deriſch los, daß ihm Muſtapha gänzlich bekehrt und freudig gerührt um den Hals fiel. Man ſieht, Haſſan war ein würdiger Bundes⸗ genoſſe dieſes Bluthundes. Der Lohn hlieb für beide Unmenſchen nicht aus. Wir wollen jedoch dem Gange unſerer Geſchichte nicht vor⸗ greifen. So kam der Abend heran. Bei einem mächtig gegen den Him⸗ mel emporlodernden Bivouakfeuer ſaß eine Schaar mannhafter Zecher. Der Albaneſe Arslan zahlte, wie man es in der Kaſernen⸗ ſprache benennt, ſeinen Einſtand. Deshalb war auch Küche und Keller im Geſchmacke ſeiner Heimath beſtellt. Auf einen Teppich wurde zuerſt eine Schüſſel geſetzt, bedeckt mit Zwiebelſchnitten, ge⸗ ſalzenem Fiſch, Käſe und Pflaumen, um die Eßluſt zu reizen. Vor jedem Gaſte ſtand ein kleiner Becher und hinter ihm ein Sklave mit einer Flaſche Raki. Dieſer Vorſchmaus währte eine volle Stunde und verlief in einer ununterbrochenen Reihenfolge eines Biſſens aus der Schüſſel, einiger Züge Tabakrauches und eines Schlückchens Raki. Dann wurde ein wie ein Netz zuſammengeſchnürtes Stück Leder hereingebracht, in der Mitte ausgebreitet und dann geöffnet; es enthielt ein rauchendes Lamm, das in Stücke geſchnitten oder 1 4 8 329 vielmehr geriſſen war, ferner Schnitte eines trefflichen Weizenbro des, dünn und biegſam, womit man das Fleiſch zierlich anfaſſen konnte, das durch eine eigene Art des Kochens ſich leicht von den Knochen loslöſen ließ. Mitten auf den Teppich ward endlich eine Schüſſel mit milchweißer Sauce geſtellt, worein, um die Eßluſt noch mehr zu erregen, die erſten Stücke Brod getunkt wurden. Dieſe Sauce beſtand aus Knoblauch und Salzkäſe, mit Oel und Eſſig angerührt, nebſt den nie fehlenden obenauf ſchwimmenden Zyiebel⸗ ſchnitten. Auf das Lamm folgte eine große Rahmpaſtete von wenig⸗ ſtens drei Fuß im Durchmeſſer mit drei oder vier Stücken Fleiſch, ſo daß ſich ein abendländiſcher Touriſt ganz gewiß im Stillen ver⸗ wundert befragt hätte, wie an einer ſo abgelegenen Gebirgsſtelle ein ſolches Prachtſtück bereitet werden konnte? Starker und edler Wein, wie in Riswan's Bergſchloſſe bei der Hochzeit Gülnarens religiöſen Anſtandes wegen auch hier perſiſcher Bergthau benamſet, ging während des Nachtmahles ſo reichlich umher, als der Raki vorher, und hörte auch dann nicht auf zu kreiſen, als bereits mancher Gaſt, den keine weitere Dienſtpflicht zur Mäßigkeit mahnte, die Pfeife aus dem Munde fallen ließ und ſelbſt einnickend in die Arme ſeines Sklaven oder Dieners ſank, der hierauf den Betrunkenen ſorgfältig nach ſeinem Zelte ſchaffte. Alles war zufrieden, nur Muſtapha be— klagte ſich ein wenig über die Menge Salz, die in alle Gerichte geworfen worden, erhielt aber die gewöhnliche albaneſiſche Ausflucht zur Antwort: „Wenn ihr kein Salz eßt, wie könnt ihr trinken, und wenn ihr nicht trinkt, wie könnt ihr eſſen, und wenn ihr nicht eßt, wie könnt ihr ſchlafen?!“ Nach dem Mahle ging es an das Erzählen. Kriegeriſche Erlebniſſe, gefährliche Abenteuer wurden zum Beſten gegeben; natürlich, daß ſich das Geſpräch vorzugsweiſe um die Gegenwart drehte. „Dieſer Vuk,“ begann Arslan,„muß doch ein halber Wunder⸗ mann ſein. Wenigſtens erzählte man uns unglaubliche Dinge von ſeinem Waglingsmuthe. Seine Leute, heißt es, ſind für den Mon⸗ tenegriner fanatiſirt. In der Schlacht geht er blos mit einem uralten Streitkolben bewehrt im größten Kanonenfeuer voran; ihm ſchadet nichts, es trifft ihn kein tödliches Geſchoß, keine verderbliche Waffe ereilt ihn. Zwar trägt er an allen Theilen ſeines Körpers Wunden, doch darum ſchert er ſich nicht, er läßt ſie nicht einmal verbinden. 330 Oft, ſagt man, hat er zwei Kugeln in ſeinem Leibe ſtecken. Der Haiduke verehrt ihn wie einen Halbgott und iſt jeden Augenblick bereit, darauf zu ſchwören, daß einmal eine zwölfpfündige Kugel durch Vuk's Leib ging, bei der Bruſt hinein und bei dem Rücken heraus und hat ihm doch nicht geſchadet. Der Haiduke ſchwört hierauf Stein und Bein, und erzürnt ſich, wenn ihm Jemand nicht glauben will. Ein Dorf, deſſen Namen die Bewunderer frei⸗ lich vergeſſen zu haben vorgaben, brannte lichterloh, und dennoch brachte der Montenegriner ſeine Pulverwagen ungefährdet durch die flammenden Gaſſen. So etwas gränzt wohl an die Mythologie! Vuk iſt übrigens auch ſehr freigebig; er würde den Schatz des Darius an ſeine Leute verſchwenden.“ „Daher ſtammen auch die Piesmas,“ fiel Muſtapha ironiſch ein,„dieſe bosniſchen Lobgeſänge.“ „Auch ſind die Erzählungen der Rajas,“ meinte ein Bim⸗ baſchi,„meiſt handgreifliche Fabeln!“ „Ein wunderbarer Scheitan,“ ſprach ein alter türkiſcher Aga, „bleibt er doch immer, dieſer Montenegriner. Sein Rückzug nach den weſtlichen Bergen war ein Meiſterſtück. Man erinnere ſich, wie er, von der Hauptmacht der bosniſchen Giauren abgeſchnitten, von allen Seiten verfolgt und bedrängt, die Brücke über die Bosna demungeachtet ungefährdet zu überſchreiten wußte. Um drei Uhr Morgens hatte er ſich derſelben bis auf eine Stunde Weges genãa⸗ hert. Hier ließ Vuk ſeine Leute in einer verdeckten Aufſtellung und in größter Ruhe halten, er ſelbſt eilte ganz allein, erfuhren wir ſpäter durch Gefangene, gegen die Straße vor, um ſie auszuſpä⸗ hen. Eben rückte eine Colonne des Nizam im Geſchwindſchritt vor⸗ über. Der Montenegriner ließ ſie gleichſam wie zur Muſterung vor⸗ beiziehen, dann brach er gleichfalls mit ſeinem Heervolk ſo zu ſagen in den Fußſtapfen dieſer Colonne auf. Sein Heerhaufen überſchritt raſch die Brücke und bezog jenſeits eine feſte Stellung, nach Nor⸗ den und Süden Front machend; nun folgten ſeine wenigen Ka⸗ nonen nebſt dem Troße, gedeckt durch eine Schaar Scharfſchützen und Reiter. Unaufhaltſam ging es dann nach dem letzten Thal⸗ dorfe, das um acht Uhr Morgens erreicht wurde. Die Zerſtörung der dortigen Brücke vereitelte jede weitere Verfolgung. Vuk's Weg ging, wie geſagt, durch den Troßzug unſeres Heeres, wobei ſeine Leute noch zwei unſerer Troßknechte abfingen. Es war ein glänzen⸗ der Waffengang.“ m⸗ 331 „Ein zweiter enophon!“ warf Arslan der Albaneſe hin. „Die Rajas haben ſich überhaupt,“ begann der Bimbaſchi, ſeinen Bart ſtreichelnd,„ſehr wacker gehalten. Ihr Ali Emini oder Feldkriegsverpfleger, wie ſie es nennen, weiß davon eine denkwür⸗ dige Geſchichte zu erzählen. Hört nur, was mir hierüber, gleichfalls von einigen ſpäter eingefangenen Chriſtenhunden mitgetheilt wurde. Dieſer Ali Emini befand ſich, Dank der hitzigen Verfolgung von Seite der fliegenden Schaar des Giauren Lascaris, mit ſeinem kleinen Streithaufen, in einer garſtigen Klemme. Seine Freiſchaar war nämlich in der Front wie in den beiden Flanken von einem dreifach ſtärkern Feinde bedroht, und mit dem Rücken an das un⸗ wegſame ſchneebedeckte Hochgebirge gepreßt. In dieſer wahrhaft bedrängten Lage boten ſich mehre Rajas an, den Ali Emini mit der Kaſſe des unter dem Befehle des Montenegriners ſtehenden Heer⸗ volkes über die Berge nach dem von Vuk bezeichneten Sammel platze zu führen. Die Uebrigen erklärten, ſie würden nur nach Hauſe eilen, um ihre Familien im Gebirge zu verbergen, dann aber über ihnen wohl bekannte Hochpfade wieder einrücken. Der Vorſchlag ward angenommen, und der Streithaufen zerſtreute ſich, nachdem die einzige Kanone, die er mit ſich führte, vergraben wor⸗ den, da man über die Berge nur zu Fuß durchkommen konnte. Ein kleines Häuflein blieb bei dem Verpfleger zurück. Dieſer vertheilte den Inhalt der Kaſſe, volle zweihundert Beutel— neuntauſend zweihundert Gulden— ohne irgend eine Vormerkung an ſeine Leute, und dann eilte die entſchloſſene Schaar bei einer Kälte von zwanzig Graden durch das beinahe unwegſame Hochgebirge binnen zwanzig mühevollen Stunden nach dem Hauptquartiere des Monte⸗ negriners. Hier aber lieferten die Rajas das anvertraute Geld zu großer Freude des Ali Emini auch pünktlich und redlich wieder ab.“ „Das will freilich,“ fiel Muſtapha ſarkaſtiſch ein,„bei Chri ſtengeſindel viel beſagen!“ „Wie meint dies Held Muſtapha?“ frug Arslanu mit zorniger Stimme, das erſte Hauptwort ironiſch betonend. „Ich wollte Sie nicht beleidigen,“ fuhr der Nenegat begüti⸗ gend fort,„ich ſpielte nur auf eine bekannte bosniſche Erbſünde an, geſtehe aber ſehr gerne, daß ſich die Rajas in der That wie helle Teufel raufen; der leibhafte Satan iſt und bleibt aber der rieſige Vuk, der wahrhaftig kugelfeſt auf die Welt gekommen zu ſein ſcheint. Der Mann hat zäheres Leben als eine Wildkatze. Auch —— 332 weiß ich ſelbſt hierüber ein klägliches Lied anzuſtimmen. Damit verbindet er die Schnelligkeit einer Schwalbe. Bald iſt er hinten, bald vorn, jetzt wird er in der Flanke ſichtbar, um plötzlich mitten zwiſchen den beiderſeitigen Vedetten ſpurlos zu verſchwinden. Man will ihn gleichzeitig in der Nähe unſeres Lagers an der Haupt⸗ ſtraße, wie auf dem höchſten Gipfel der weſtlichen Berge geſehen haben, kurz unſere eigenen Leute nennen ihn ſchon gar nicht mehr anders als den Rothbart überall und nirgends. Zudem führt er einen ausgiebigen, unnahbaren Streitkolben. Habe leider die Ehre, die Wucht dieſes Kolben zu kennen.“ „Wir beſitzen,“ ſprach Arslan,„zum Glücke ein würdiges Seitenſtück an den tollen Sprudelkopf Lascaris; dieſer iſt auch überall und nirgends und dabei ſo rieſenſtark, daß ich es dem Vuf kaum rathen möchte, Mann an Mann mit ihm anzubinden.“ „Leider treffen ſie nirgends zuſammen,“ ſchaltete Muſtapha höhniſch ein,„ja ſie ſcheinen mit einander Verſtecken zu ſpielen. Der türkiſche und der bosniſche Teufel maßen ſich noch nicht im Kampfe. Wo ſich der Eine zeigt, hat man den Andern gewiß nicht zu fürch⸗ ten, und befände ſich Lascaris nicht bei unſerm Corps, ich hätte mich aus Hochachtung vor dem abſcheulichen Streitkolben des Mon⸗ tenegriners ſchon längſt aus dem Staube oder beſſer geſagt aus dem Schnee gemacht.“ „Das hätte Muſtapha,“ rief plötzlich eine Männerſtimme, „heute Morgen thun ſollen!“ Es war Ali, der die Poſten beſichtigt hatte und nunmehr zu dem Bivouakfeuer zurückkehrte. Die türkiſchen Offiziere begrüßten ihn nach Vorſchrift. „Weßhalb?“ frug Muſtapha verwundert. „Weil Lascaris,“ entgegnete dieſer,„in der Frühe auf meine Bitte als Courier an Juſſuw abging, um von dem Hauptcorps einige Verſtärkung herbeizuholen. Ich vermuthe nach gewiſſen Be⸗ wegungen, daß wir in wenigen Tagen angegriffen werden dürften. Dem verwegenen Montenegriner iſt trotz unſerer günſtigen und wohlverſchanzten Stellung nicht zu trauen.“ „Da hätte ich auf Ehre Luſt,“ ſpottete Muſtapha,„meinem Worte gemäß das Haſenpanier aufzuſtecken!“ „Auch dazu,“ ſprach Ali,„kann Rath werden, zumal es mich reut, daß ich Lascaris allein abreiten ließ. Wie leicht kann ihm trotz ſeiner Gewandtheit und Stärke ein Unfall begegnen. Man 333 ſollte im Feindeslande immer zwei auch drei Couriere abſenden, und es wäre mir daher ſehr lieb, wenn Muſtapha im Geleite eines des Weges kundigen Mannes als zweiter Bothe aufbrechen wollte.“ „Einer meine Leute,“ meinte der Renegat,„iſt mit der hie— ſigen Gegend wohl vertraut.“ „Dann ſpute man ſich in den Sattel zu kommen!“ Muſtapha ließ ſich dieſen Befehl nicht zwei Mal ertheilen und ſprengte bereits in der nächſten Viertelſtunde in Geſellſchaft eines zum Islam übergetretenen, in einem benachbarten Dorfe gebornen Bosniaken wie beſeſſen aus dem Lager. Sein Begleiter wies gleichfalls ein abſchreckendes Bild. Der unheimliche Mann ſah aus, als ob er eben noch zur rechten Zeit von irgend einem Galgen oder Pfahle herabgefallen wäre. Er hatte ſich auch gleich nach dem erſten Siege über die Aufſtändiſchen mit ſo unmenſchlicher Grauſamkeit an den Kriegsgefangenen vergriffen, ja auch alſo barbariſch gegen die Weiber und Kinder chriſtlichen Glaubens gewüthet, daß ſich Muſtapha in verjüngter Ausgabe nochmals zur Welt gekommen glaubte. „Ein würdiges Paar!“ meinte deßhalb Arslan, als beide vorüber trabten. „Ja wohl,“ meinte Ali,„Muſtapha hat einen trefflichen Ge⸗ leitsmann echalten.“ „Eine Krähe,“ ſprach Arslan,„hackt der andern die Augen nicht aus.“ „Mich widert er auch,“ rief der Bimbaſchi,„dieſer blutrothe Muſtapha! „Ich ſorge mich nur um Lascaris,“ begann Ali,„der Renegat ſcheint ihm nichts weniger als gewogen zu ſein.“ „O, Lascaris iſt Mannes genug,“ tröſtete der Mirdite, beide abſcheulichen Gäſte, und zwar den Einen mit dem Andern zu erſchlagen!“ „Das hoffe ich auch!“ Mit dieſem Ausrufe machte der Kaimakan Miene, ſich zur Ruhe zu begeben, ein Beiſpiel, das allgemein nachgeahmt wurde. Es war aber Ali nur darum zu thun, noch ein paar Augenblicke im traulichen Zwiegeſpräche mit ſeinem albaneſiſchen Waffenbruder zu⸗ zubringen, und denſelben aufzufordern, er ſolle zu Gunſten des verwegenen Lascaris ein Seitenſtück zu einer Piesma oder einem Volksgeſange liefern, der damals unter den Rajas die Runde 334 machte und in ſchwulſtiger Nachahmung jenes von dem blinden Chriſten Pawel Tſchurno zu Novibazar zu Ehren des berühmten Wuſein gedichteten Liedes die neueſten Thaten des tollkühnen Mon⸗ tenegrines Vuk pries, ihn den Zmai od Bosna— Drache Bos⸗ nien's— ja den Säbel des ſüdſlaviſchen Reiches taufend. Arslan ſchien aber nicht zu hören, ſtarrte wortlos vor ſich hin und zeichnete mit ſeinem Handſchar den Namen Meliſſa in die Aſche des mählig verlöſchenden Bivouakſeuers. Seine Seele war in der Klauſe des Flüſterers. „Träumender Buhle,“ rief Ali ärgerlich,„denkſt du noch im⸗ mer an die bosniſche Polyrena!“ Keine Antwort! „Fürchteſt du dich noch immer,“ fuhr der Kaimakan fort, vor ihrem tollen Bruder, Dane⸗Paris geheißen?!“ „Spotte, ſo viel du willſt,“ antwortete endlich Arslan aus ſeinen wachen Träumen auffahrend,“ aber ich freue mich trotz mei⸗ ner Sehnſucht nach der Geliebten, daß mich der Sturm des Krie⸗ ges in dieſe Engpäſſe und nicht in die Nähe von Serajevo ver⸗ ſchlagen!“ „Man ſoll den Teufel,“ ſprach Ali nachdenklich,„nicht an die Wand malen, meinen freilich die Giauren!“ „Leider gleicht der Krieger,“ ſeufzte der Albaneſe,„einem unſtäten Winde, der jede Minute umſpringt. Wer weiß, wo wir morgen lagern?“ Die Freunde trennten ſich nach dieſem Stoßſeufzer, um ihre Schlummerſtätte aufzuſuchen, und bald herrſchte tiefe Stille und Ruhe in den Zeltgaſſen des türkiſchen Lagers. Keines ſo behagli⸗ chen Seins erfreute ſich eine zahlreiche bosniſche Kolonne, die ſich in dieſer grimmig kalten unfreundlichen Nacht über die faſt unweg⸗ ſamen Hochgebirge wagte. Ihr Leiter und Führer war der gewal⸗ tige Vuk. Die Haiduken hatten einen eben ſo langen als gefährli⸗ chen und beſchwerlichen Weg zurückzulegen. Ihr Pfad lief oft an Abgründen von unermeſſener Tiefe hin, während ſich auf der an⸗ dern Seite himmelhohe Felſen ſo ſenkrecht aufthürmten, als ſeien ſie mit Hilfe des Senkbleies von einem rieſigen Meiſel behauen worden. Zuweilen ſtieß der Fuß auf der mit Eis bedeckten ſchlü⸗ pfrigen Fläche auf eine hinterliſtig hervorragende Wurzel einer längſt vom Sturme niedergeworfenen Zwergeiche, ſo daß der Sturz ins Bodenloſe faſt unvermeidlich ſchien. Dann hieß es plötzlich bei ndie inem wir ihre und agli⸗ t ſic weg⸗ ewal⸗ ährli yft an er an⸗ ſeien hauen ſczu⸗ einer Stur ch be 335 einer gähen Wendung des Bergpfades einen klafterlangen Sprung über einen Felſenriß oder eine Schneeſchlucht wagen, kurz es ge⸗ hörte die Gewandtheit und Körperſtärke erprobter Gebirgsbewoh⸗ ner dazu, um mit Waffen und Munition belaſtet, bei nächtiger Zeit durch all dieſe Hemmniſſe durchzudringen. Die Kolonne war kurz vor dem Einbruche der Abenddämmerung aufgebrochen, es dunkelte daher zwar ſehr bald, doch warf der Mond ſein freund⸗ liches Licht auf das ſtarre Eisgefilde, und ſo hegten die Wanderer, trotz der ſchlimmen Kälte wohlgemuth und heiter, auch nicht die geringſte Ahnung von dem unfreundlichen Unwetter, das ſie am Ziele ihres gefahrvollen Streifzuges erwartete. Viel ernſter und nachdenklicher gab ſich der Montenegriner, ſo daß Dane, der trotz einer bedeutenden Kontuſion, die er bei dem letzten Scharmützel er halten, den Waffengang mitmachte, ſich bemüßigt fand, den gelieb⸗ ten Führer um die Urſache ſeiner ſichtlichen Beſorgniß zu be— fragen. „Jene graue Wolkenſchicht im Nordoſten,“ entgegnete mit leiſer Stimme der gefürchtete Vuk, einen ſcharfen, prüfenden Blick nach dem Himmel werfend,„will mir nicht recht gefallen! Ehe wir es uns verſehen, kann ſie heran ſein, und dann gibt es einen Schneeſchauer, daß wir kaum die Hand vor den Augen, geſchweige den Weg in das türkiſche Lager ſehen dürften!“ Die Beſorgniß des gefürchteten Parteigängers ſchien ſich je— voch nicht beſtätigen zu wollen. Seine Schaar gelangte nach ſtun⸗ denlanger mühſamer Wanderung an die Ausläufe des Hochgebir ges. Vuk befahl ſeinen Leuten ohne Aufenthalt rüſtig bis der noch etwa eine ſtarke halbe Stunde fernen ſichern Niederung fortzuſchrei⸗ ten. Er ſelbſt blieb mit Meliſſa's Bruder auf dem letzten bedeu⸗ tenden Bergkamm zurück, um ſich über die Stellung der Osmanlis im Thale nochmals zu orientiren. Es bedurfte eines Falkenblickes und einer Terrainkenntniß, wie beides nur der montenegriniſche Goliath beſaß, um ſich bei der zunehmenden Dunkelheit in dieſem Labyrinthe von Schluchten, Päſſen und Thälern zurechtzufinden. Das Recognosciren nahm daher eine gute Viertelſtunde in An⸗ ſpruch. Mittlerweile hatte ſich jedoch das Wetter auf wahrhaft be— drohliche Weiſe geändert. Der Mond war hinter dichten ſchweren Wolken mälig verſchwunden, und die früher noch erträgliche Luft verſtrömte eine eiſige durchdringende Kälte. Eine Schneewehe war im Anzuge, was für die einſamen Wanderer ſich um ſo bedenklicher 336 geſtaltete, als Dane, wie der Haidukenhäuptling jetzt erſt bemerkte, weniger aus Anhänglichkeit als aus Erſchöpfung, einer Folge ſeiner Kontuſion, bei dem Führer der Chriſtenſchaar zurückgeblieben war. „Raſch vorwärts, armer Dane,“ rief Vuk daher,„und alle deine Kraft mannhaft zuſammen genommen! Wir müſſen die Nie⸗ derung erreichen, bevor das Unwetter losbricht und uns beide unter Maſſen von Schnee zu begraben trachtet.“ Dane ſah zwar die Nothwendigkeit der möglichſten Eile nur zu gut ein, und ſtrengte daher ſeinen ganzen noch übrigen Reſt Stärke an, um mit dem gewaltigen Kapitan gleichen Schritt zu halten; aber ſchon nach wenigen Minuten fühlte er ſich völlig er⸗ ſchöpft und mußte mühſam nach Athem ringend ſtehen bleiben. Eine kurze Pauſe im Wandergange erfolgte. „Es geht nicht weiter, Kapitan,“ ſprach Meliſſa's Bruder keuchend,„laſſen Sie mich hier zurück und fliehen Sie ſo ſchnell als Sie können! Warum ſollten wir beide dem Unwetter ausgeſetzt bleiben? Ein paar Burſche können mir ja ſpäter aus der Niede⸗ rung zu Hilfe kommen.“ „Mittlerweile erfrierſt du mir in der Eiswüſte,“ entgegnete beſorgt der Rieſe,„deßhalb Muth, mein Dane, ſtemme dich auf mich, und dann mit Gott ſo haſtig vorwärts, als es anders deine müden Beine erlauben!“ Der Enkel des Flüſterers that ſein Möglichſtes und legte mit großer ſichtbarer Anſtrengung noch ein paar hundert Schritte zu⸗ rück, aber langſam, ach, wie langſam, und ſchon begannen die erſten Schneeflocken unter fernem Heulen und Brauſen vom Himmel zu fallen. Das Unwetter ſchien ärger werden zu wollen, als man ge⸗ dacht, und Vuk ermahnte daher ſeinen Begleiter nochmals zur Eile. Der Aermſte verdoppelte ſeine Anſtrengung. Noch hundert Schritte kamen beide weiter, dann aber ſank Dane in die Knie und geſtand die Unmöglichkeit ein, dem Kapitan weiter zu folgen. Das war eine peinliche Lage! Der Himmel verdüſterte ſich mit jedem Augen⸗ blicke mehr, die Flocken fielen dichter, bald kam auch das ferne Heu⸗ len und Brauſen näher und näher herangebrauſt, mit immer ver⸗ ſtärkter Gewalt und Heftigkeit, und plötzlich faßte der Sturm die Wanderer mit ſo grimmiger Wuth, mit ſo eiſiger Kälte, daß er ſelbſt Vuk den Athem zu verſchlagen drohte. Weilen hieß ſterben, und Dane konnte doch keinen Schritt mehr weiter. Das war eine entſetzliche Stunde! Der Montenegriner beſann ſich kurz, lud den 337 Erſchöpften trotz ſeines Widerſtrebens auf ſeine herkuliſchen Schul⸗ tern und keuchte mit ihm davon, ſo ſchnell es der nunmehr in dich⸗ ten Wirbeln fallende Schnee und der erſtarrende Hauch des Stur⸗ mes geſtatteten. Eine Viertelſtunde hoffte Vuk auszuhalten und mittlerweile die Niederung zu erreichen, aber die Aufgabe, die er mitleidig zu löſen gedachte, ward mit jeder Minute ſchwieriger, denn nicht einen Schritt weit konnte er mehr vor ſich ſehen, ſo dicht fiel der Schnee, ſo ſehr verdunkelte er die Luft; auch raſte der Sturm mit ſolcher Heftigkeit, daß dem gewaltigen Drachen Bos⸗ nien’s der Athem endlich wirklich ausging, und er ſtehen bleiben mußte, um friſche Luft zu ſchöpfen, um nicht mälig unter ſeiner Bürde zu erliegen. Auch verurſachte ihm der gerade ins Geſicht wehende ſchneidende Wind unſägliche Schmerzen. Das war eine verzweiflungsvolle Lage! Nach kurzer Raſt ging es weiter. Die fallenden Schneemaſſen häuften ſich nunmehr mit ſolcher Schnelligkeit, daß Vuk bald bis an die Knie durch die naſſen Schichten waten mußte, was natürlich ſeine Mühſal ſteigerte, und die Haſt ſeines Ganges oder beſſer ge⸗ ſagt ſeines Taumelns durch Eis und Unwetter bedeutend hemmte. Dennoch hielt er mannhaft aus. So war gewiß eine ſtarke Viertel⸗ ſtunde vergangen, der Weg war weniger abſchüſſig, und die Nie⸗ derung konnte nicht mehr fern liegen. Es war aber auch die höchſte Zeit, denn Dane, der früher vor Kälte ſtöhnte, verſtummte allmäh⸗ lich, ein trauriger Beweis, daß ihm der Tod des Erfrierens an der Kehle ſaß. Plötzlich fühlte der Montenegriner den Schnee unter ſeinen Füßen weichen, ſtürzte und verſank in eine Tiefe, die er nicht gleich ermeſſen konnte. Bald mußte das Schickſal der Wan⸗ derer entſchieden ſein. Entweder ſie fielen in eine unbedeutende Schlucht oder in einen unermeßlichen Abgrund! Im letztern Falle fürchtete der Kapitan jeden Augenblick im zerſchmetternden Sturze an irgend einer Felſenkante zerſchellt zu werden, aber auf einmal war Alles vorüber, beide lagen weich und ſicher gebettet mitten im Schnee. Der Sturz brachte die Rettung. Vuk ſorgte mit ſeiner gewohnten Beſonnenheit vor Allem da⸗ für, ſich und ſeinen Gefährten, den der Schreck aus ſeiner Betäu⸗ bung erweckt hatte, Luft zu verſchaffen, um nicht etwa im Schnee zu erſticken. Dies war ſo ſchwierig nicht. Der Schnee wich ja zur Rechten und Linken unter ſeinen ſtarken Händen. Dane mußte ſei⸗ Der Montenegriner. 22 338 nen Pelz über den Kopf ziehen, um ſich ſo vor dem neu fallenden Schnee zu ſchützen, der Kapitan der Haiduken that dasſelbe, und es dauerte keine ſechs Minuten, ſo ſaßen die Leidensgenoſſen in ihrer Schneegrube bald ſo warm, wie ſie es vor ein paar Augen⸗ blicken nimmer erwartet hätten. Sie gewannen auch in Kürze den vollen Gebrauch ihrer halberſtarrten Glieder. Die Schneewände ringsum ſchirmten ſie vor dem durchdringenden Eishauche des Sturmes, und die Flocken, die auf ſie niederſtürzten, waren von Zeit zu Zeit mit leichter Mühe, ohne Anſtrengung abzuſchütteln. Vuk ſchritt zur Prüfung der Schneegrube. „Breit kann die Schlucht,“ ſprach er,„ſchwerlich ſein, obwohl ſie ſich rechts und links der Länge nach in der Strecke von einer halben Meile hinziehen mag. Auch dürfte der Rand gegen die Nie⸗ derung zu kaum klafterhoch emporragen. Wir ſind ja Gottlob zu nahe an dem erſehnten Thale! Es heißt alſo gerade aus durch⸗ brechen, mein armer Dane!“ Raſch begann er nach dieſen Troſtworten den Verſuch, erwei⸗ terte die Grube nach vorwärts mit Hilfe ſeiner Hände wie ſeines wuchtigen bisher am Gürtel hängenden Streitkolbens, ſtampfte den herabfallenden Schnee mit den Füßen feſt, und drang rüſtig weiter. Seine Vermuthung täuſchte ihn nicht, einige Minuten Anſtrengung und er ſtand am jenſeitigen, wirklich kaum klafterhohen Rande der Schlucht, in die ſie gefallen waren. Auch fiel es dem Rieſen bei ſeiner bekannten Kraft und Gewandtheit eben nicht ſchwer, ſich über dieſen Rand emporzuſchwingen. Ein mächtiger Sprung und der Montenegriner ſtand oben auf einer weiten ebenen Fläche, alſo in der erſehnten Niederung. Sein ſcharfes Auge ſah auch in einem Momente, als der Mond durch die von der Heftigkeit des Stur⸗ mes zerriſſenen Wolken herablugte, in geringer Entfernung die Gewehre ſeiner zahlreichen Kolonne blitzen. Vuk rief ſie leiſe und vorſichtig an, und in wenigen Augenblicken war auch Dane aus der Schneegrube gezogen. Der Enkel des Flüſterers ſprach kein Wort des Dankes, als man ihn auf eine von Flintenläufen gebildete Art Tragbahre hob und behutſam forttrug, aber aus ſeinem Auge leuchtete es andächtig wie ein Gebet, das zum Preiſe ſeines Ret⸗ ters durch ſeine Seele ging. Nunmehr ward Alles zu dem beabſichtigten Ueberfalle vor⸗ bereitet. Es mochte etwa gegen ſechs Uhr Morgens gehen, als Vuk * 4 339 von rückwärts in das Lager des ſorgloſen Feindes brach, die bei den Gewehren aufgeſtellte ſchlaftrunkene Schildwache niederſtieß, und dann an der Spitze ſeiner raſch folgenden Leute mitten unter die ſchlafenden Türken trat, plötzlich mit ſeiner Donnerſtimme dro⸗ hend ausrufend: „Anhänger des Halbmondes, ich nehme euch im Namen des Kreuzes gefangen!“ Die Beſtürzung und Verwirrung der Muhamedaner war gränzenlos, Niemand dachte an Widerſtand, nur Ali und Arslan griffen entſchloſſen nach ihren Waffen, aber der rieſige Montene⸗ griner warf einfach ſeinen heimathlichen Pelz ab und trat dem un⸗ willkührlich zurückweichenden Kaimakan mit den Worten unter die Augen: „Kennen Sie mich?“ „Ja,“ antwortete Ali kleinlaut,„Sie ſind der Vuk! Alles iſt verloren!“ So war es auch. Von den umzingelten Truppen des Nizam entkam nicht ein Mann. Gefangen wurden der Kaimakan, Arslan und noch drei Stabsoffiziere, ſämmtliche Oberoffiziere, der Militär⸗ arzk und dritthalb tauſend Mann vom Wachtmeiſter und Feldwebel — Tſchauſch— abwärts. Die Beute beſtand in der Kaſſe des Corps mit 500 Beuteln oder 23000 Gulden, tauſend Pferden, ſämmtli⸗ chen Kanonen, allen Gewehren und ſonſtigen Waffen, wie aus den namhaften Vorräthen an Montur und Munition. Endlich fielen auch drei türkiſche Roßſchweife den Siegern in die Hände. Es war eine wahrhaft glänzende Waffenthat! Bald aber wäre dieſer glorreiche Sieg des Kreuzes über den Halbmond nur zu theuer bezahlt worden. Haſſan, die alte Geige aus der Kraina ſchlich ſich nämlich mit drennender Lunte hinter eine ſeiner Holzkanonen, gerade als ſich der Montenegriner mit dem Rücken hart an der Mündung dieſes Geſchützes befand und von dem knieenden Bariaktar Bekir oder Fahnenträger die erbeu⸗ teten drei türkiſchen Standarten übernehmen wollte. Zum Glücke riß ein Haiduke, der dieſen Verſuch zum heimtückiſchen Meuchelmord noch zur rechten Zeit gewahrte, den rieſigen Kapitan im entſchei⸗ denden Augenblicke von der gefährlichen Stelle hinweg. Die Ka⸗ none entlud ſich ihres todtbringenden Inhaltes, und der arme Ba⸗ riaktar Bekir, der ſich eben aufrichten wollte, ſtürzte als eine zerriſ⸗ ſene Maſſe Fleiſch zu Boden. Gleichzeitig regnete es Handſchars 22* 340 auf den Leib des hinterliſtigen Renegaten aus der Kraine Auch er wurde buchſtäblich in Stücke gehauen. Die alte? türkiſch Kroatien ging darüber in Trümmer. Vuk verzog keine Miene. Es ſollte aber noch ein zweites Stück meuchleriſchen Anfalles in die Scene gehen.. Dane, der mittlerweile in Folge der längern Raſt einen gro⸗ ßen Theil ſeiner alten Kraft gewonnen hatte, muſterte die Kriegs⸗ gefangenen mit emſig forſchenden Blicke. Plötzlich funkelten ſeine Augen grimmig auf, und die Röthe des Zornes flog über ſeine blaßen Wangen. „Habe ich dich endlich, Verräther an Gan i Glauben!“ rief er auf Arslan zuſtürzend.—, Der Mirdite erbleichte und flüſterte Ali leiſe zu: „Es iſt Meliſſa's Bruder!“ Schrecken lähmte alle Hände und Dane wollte ſeinen Gegner eben niederſtoßen, als ihm Vuk in die Arme fiel, ruhig ſprechend: „Biſt du ein türkiſcher Bluthund? Iſt dies der Dank für mei⸗ nen Liebesdienſt?“ Der ſtämmige Morlake trat wie vernichtet zurück. „Muth, Söhne des Islam,“ fuhr der Montenegriner gelaſſen fort,„wir haben in dem frühern Treffen gleichfalls viele Gefan⸗ gene, an denen uns viel gelegen, in den Händen Juſſuw's zurück⸗ laſſen müſſen. Ihr dürftet daher binnen wenigen Tagen ausge⸗ wechſelt werden, vielleicht noch eher, als ihr nach der bosniſchen Hauptſtadt gebracht werdet.“ Nach dieſem Troſte ordnete er alles zum Abzuge. „Ein höflicher Löwe, dieſer Vuk!“ meinte der Bimbaſchi. „Mir kommt Antlitz und Stimme des Montenegriners,“ ſprach Arslan, der bekanntlich ein ungemein feines Gehör beſaß, „ſehr bekannt vor, nur weiß ich mich nicht zu entſinnen, wo ich je⸗ nes geſehen, wo ich dieſe zum erſten Male vernommen? Letztere klingt zudem offenbar verſtellt.“ Dieſe letztere Bemerkung hatten übrigens Freunde wie Feinde ſchon längſt gemacht. „Ein werthvoller, wenn auch ungeſchliffener Demant, dieſer Kapitan!“ flüſterte der alte türkiſche Aga. „Den Paris im wontenegriniſchen Pelze,“ ſagte Ali zu Ars⸗ lan mit halblauter Stimme, ſich gewaltſam zum Scherze zwingend,“ der. aus ner 341 „habe ich nunmehr die Ehre zu kennen, und wenn auch ſein ſonnen⸗ verbranntes Antlitz keineswegs jene regelmäßigen faſt weibiſchen griechiſchen Züge weiſt, wie man den buhleriſchen Hirten von dem Berge Ida zu ſchildern liebt, ſo darf dein künftiger Schwager doch an Wuchs und Haltung ein hübſcher Mann genannt werden. Es iſt alſo wirklich ein ſchöner Tod, Bruder Arslan, der an deinem Hochzeitstag auf dich lauert!“ Die Vorbereitungen zum Aufbruche gingen zur Neige. Ein Theil der bosniakiſchen Kolonne machte ſich als Vorhuth mit den üblichen militäriſchen Maßnahmen auf den Marſch, dann folgte der lange Zug der Gefangenen, in beiden Flanken von Patrouillen und Plänklern cotoyirt oder eingerahmt; ſpäter folgte das Gros unter dem Commando eines alten kriegskundigen Haiduken, dem Vuk, den Oberbefehl übergeben hatte; den Beſchluß machte ein nam⸗ hafter Nachtrab, der die Avantgarde, da ſich der Zug aus dem von den Schaaren Juſſuw's beſetzten Theile des Landes nach der be⸗ freundeten Gegend von Serajevo bewegte, natürlich an Vorſicht noch weit überboth. Das Alles ging ſo ſoldatiſch wie am Schnürchen, daß die gefangenen türkiſchen Offiziere ihre Bewunderung durch⸗ aus nicht verhehlen konnten. Vuk hatte ſich mittlerweile auf eines der erbeuteten Pferde geſchwungen, und ließ Train wie Eskorte an ſich vorüber defiliren. Seine gewandte Haltung, ſein kavallerie⸗ mäßiger Sitz ſetzte die Türken noch mehr in Erſtaunen. „Auf baldiges Wiederſehen auf dem Schlachtfelde!“ Damit flog er militäriſch grüßend in einer dem Wege, welchen der Zug eingeſchlagen hatte, faſt entgegengeſetzten Richtung im ſchärfſten Gallopp von dannen, und war auch bald zwiſchen den beſchneiten Bäumen und Gebüſchen verſchwunden. „Ein räthſelhaftes Kind der Wildniß!“ Alſo ſprach Ali leiſe, während der türkiſche Aga laut ausrief: „Wie mannhaft er zu Pferde ſitzt!“ „Ich weiß nur Einen,“ murmelte Arslan vor ſich hin,„der ſo zu reiten verſteht!“ „Ja wohl,“ meinte der Bimbaſchi, der die Worte des Letztern verſtanden,„die Sache fängt auch mir an verdächtig zu werden!“ „Rothbart überall und nirgends!“ So lief es in den Reihen der kriegsgefangenen Türken von Mund zu Munde.* Neunzehntes Capitel. Chriſtlicher und türkiſcher Teufel. Vuk's Troſtworte gingen buchſtäblich in Erfüllung. Ali, Arslan, die drei Stabsoffiziere wie der alte Aga wurden binnen wenigen Tagen— das ſtädtiſche Weichbild von Serajevo hatten ſie übrigens ſeit Langem betreten— ausgewechſelt und brannten vor Begierde, die empfangene Scharte auszuwetzen. Juſ⸗ ſuw ärgerte ſich grimmig, als er die Kunde von der Waffenſtre⸗ ckung in den Engpäſſen erhalten, aber es ließ ſich an den kriegeri⸗ ſchen Vorſichtsmaßregeln, welche Ali getroffen hatte, ſelbſt in den mißtrauiſchen Augen des Muſchir von Bosnien auch nicht das Mindeſte ausſetzen. Zudem hatte der Kaimakan ja Lunte gerochen und zwei Boten mit der Bitte um Verſtärkung nach dem türkiſchen Hauptquartiere abgeſendet. Daß Lascaris, der erſte Bote den Weg verfehlte, zwiſchen die feindlichen Vorpoſten gerieth und mit ge⸗ nauer Noth erſt am andern Morgen bei dem Hauptcorps anlangte, war ein Unfall an dem der Befehlshaber des überfallenen Theiles des Nizam auch kein Quentchen Schuld trug; daß Renegat Mu⸗ ſtapha, der Dank ſeinem wegkundigen Geleitsmann die Pfade beſ⸗ ſer wählte und daher mit dem Letztern noch vor dem Gatten Gül⸗ naren's im Hauptquartiere eintraf, mit der augenblicklich disponir⸗ ten Verſtärkung dennoch zu ſpät kam, konnte gleichfalls nicht als haftender Makel in die Conduiteliſte irgend eines der betreffenden Offiziere des Halbmondes eingetragen werden, denn der beiſpiel⸗ los verwegene Uebergang über das Hochgebirge durchkreuzte jede menſchliche Berechnung, kurz die Haiduken waren ſo zu ſagen vom Himmel herabgeſchneit worden. So finden wir Freund Ali aber⸗ chen ſchen Weg R⸗ ggie, eiles Mu⸗ beſ⸗ Hül⸗ mir⸗ als nden ie⸗ jede vom ber 343 mals an der Spitze eines ſtaatlichen Heerhaufens wie geſagt vor Begierde brennend, die erlittene Schmach zu tilgen, den garſtigen Flecken von ſeinem Waffenrocke wegzubrennen. Wir haben es jedoch vorderhand mit einem andern alten Be⸗ kannten zu thun. Es iſt der Paſcha Juſſuw. Wir treffen ihn in einem baufälligen Bauernhauſe in einem halb verbrannten griechiſchen Dorfe. Der Muſchir befand ſich in einer ſehr aufgeregten Stimmung, wenigſtens ſchritt er mit ſtür⸗ miſchen Schritten in der niedern aber geräumigen ungedielten Schlafſtube des ermordeten Popen jenes Dorfes auf und ab, zeit— weiſe einen forſchenden ungeduldigen Blick durch das kleine Fenſter werfend. Juſſuw lag auf der Folter des Erwartens. Erwartete Leute pflegen gewöhnlich ſehr ſpät einzutreffen. So war es auch bier der Fall, und der Vezier von Ungarn in partibus infidelium meinte faſt vor Aerger zu vergehen. Endlich ließ ſich ferner Huf⸗ ſchlag vernehmen. Ein ſeltſam bis an die Zähne bewaffneter Mann von lederbraunem Teint, der einen Fleckenſchimmel mit Glasaugen ritt, hielt an den Vorpoſten, gab die richtige Loſung, ſprengte heran, ſaß ab und trottete dann mit ſchwerfälligem Tritte nach dem baufälligen Hauſe, das ihm zu dem verabredeten Stelldichein be⸗ zeichnet worden ſein mochte. Der lederbraune Mann war der Bluthund Muſtapha. Der Renegat hatte nach ſeiner Auswechſelung gegen Abbas den Flüſterer, in welche er auch ſeinen geliebten Fleckenſchimmel einſchließen zu laſſen wußte, ſein altes Metier mit ſchönem Erfolge weiter betrieben und an der Spitze eines neugeworbenen Haufens Buſchklepper die Bluttage an der Bosna, wie wir geſehen haben, gar tüchtig zu ſeinem Vortheile ausgebeutet. Uebrigens ſchlug ſich der lederbraune Mann, dem es an perſönlicher Bravour wie an militäriſchem Scharfblicke keineswegs mangelte, bei allen Gelegen⸗ heiten ganz mannhaft und ehrenvoll herum, ſo daß ihn der Muſchir von Bosnien, der Leute, welche ſich auf den kleinen Krieg verſtan⸗ den, namentlich den Haiduken gegenüber, ſehr hoch ſchätzte, mit vol— lem Vertrauen zu manchen wichtigen Streifzügen verwendete. Seinen letzten Ritt hatte er daher gleichfalls im beſondern Auftrag und Sold des Paſcha unternommen. „Abglanz des Schatten Gottes,“ begann der ehemalige Wege⸗ lagerer die Unterredung,„ich bin dem ſogenannten chriſtlichen Teufel —— ————— ——y ͤ 8— 4 — — 344 glücklich auf die Fährte gekommen. Freilich hat es meinem armen Fleckenſchimmel vielen Schweiß und mir Aermſten ſelbſt manchen blanken Piaſter auf Seifengeiſt für ſeine müden Beine gekoſtet, aber was liegt daran, mein Handwerk als Kundſchafter hat ſich ausge⸗ zahlt, ich habe endlich das Lager oder beſſer geſagt den Verſteck des grimmigen Währwolfes aufgeſpürt!“— „Sprich, ich wäge dir jedes wahrhafte Wort mit einem unga⸗ riſchen Dukaten auf!“ „Das läßt ſich anmuthiger hören als der Schuß, welchen der verdammte Vuk auf meinem letzten Streifzuge auf mich abfeuerte.“ „Zur Sache! Wie kamſt du auf die rechte Fährte?“ „Muſtapha hat Grütze im Kopfe! Ueberlegte nämlich lang und brachte endlich folgende Dinge heraus: Thatſache iſt es, daß der Rothbart überall und nirgends meiſt erſt zwiſchen den beiderſeitigen Vorpoſten verſchwindet. Daraus folgert ſich leicht, daß es zwiſchen dieſer beiderſeitigen Vorpoſtenkette einen Schlupfwinkel geben muß, wo ſich dieſer leibhafte Satanas verbirgt, darin er, ſcheinbar für das abergläubiſche Soldatenpack unſichtbar geworden, den günſtig⸗ ſten Augenblick abpaßt, uns eine Kugel ganz unerwartet aus der nächſten Nähe auf den Pelz zu brennen. Wie aber dieſen verborgenen Schlupfwinkel auffinden?“ „Das war ja eben der verſteckte Schlegel des Ballſpieles!“ Alſo meinte Juſſuw mit einer echt orientaliſchen, dem allbe⸗ liebten Ballſpiele entlehnten Redeweiſe. „Und ein ganz unverdaulicher Schlegel obendrein,“ fuhr Mu⸗ ſtapha fort,„glaubte ihn nicht finden zu können! Ritt deshalb meinen Gaul Glasauge faſt zu Schanden, entdeckte aber endlich in der ſchmalen Schlucht, die uns von den Vorpoſten der Rajas trennt, welche durch viele über ihren beiderſeitigen Rand hinüberhängende Sträuche und Wurzeln gegen jede Schneeverwehung geſchützt iſt, eine geräumige Höhle mit zwei ſchmalen und niedern, ein paar hun⸗ dert Schritte von einander entfernt liegenden Zugängen. War aber nichts Verdächtiges in dieſer Höhle aufzuſtöbern, und wollte ſie daher auch ſorglos verlaſſen, ſchoß es mir da plötzlich wie ein Blitz durch das Gedächtniß, wie der Vuk, möge er bald am Pfahle ſtöhnen, aus dem Scherawitza⸗Grad durch unterirdiſche Gänge nach der jen⸗ ſeitigen Schweſterhöhle entkam! Ritt daher ſpornſtreichs heim, kehrte aber ſchon am nächſten Tage mit einer Pechfackel verſehen zurück, die ich natürlich erſt in dem unterirdiſchen Gewölbe anzündete. War l 345 neit wirklich alles beſchaffen, wie ich mir dachte. Führt ein geheimer hen ziemlich ſteil aufſteigender Gang nach der jenſeitigen Höhe. Läßt ſich be kein bequemerer Fuchsbau denken!“ R⸗„Muſtapha, du biſt eine Perle! Möchte dich küſſen!“ des„Ein paar Dukaten Abſchlagszahlung wären mir lieber!“ „Nimm! Du weißt, ich bin kein Knauſer!“ ga⸗ Muſtapha las nach einem ſoldatiſchen Gruße die zugeworfenen Goldſtücke auf. der„Noch ein türkiſcher Vezier vom alten freigebigen Schlage!“ 2 lautete ſeine halblaute ſchmeichelhafte Antwort. „Wie aber kommen wir dem chriſtlichen Teufel tödtlich an die und Kehle?“ der„Habe eine eigenthümliche Anſicht.“ gen„Meine Seele brennt vor Neugierde nach deinen weitern zen Worten!“ uß,„Vor Allem müſſen wir wachſam lauern und harren, bis ſich für der Montenegriner zwiſchen den Vorpoſten zeigt, und dann durch den ⸗ Eingang auf der Höhe verſchwindet. Dann heißt es ihm dies Rück⸗ der zugsloch durch einen raſchen Angriff auf die chriſtlichen Schaaren jen abſchneiden, während gleichzeitig die Zugänge in der Schlucht durch bewaffnete Macht abgeſperrt werden. Dann iſt der geheimnißvolle gefährliche Vogel nicht länger flügge, ſondern in einer prachtvollen ⸗ Mausfalle gefangen.“ „Wer wird ſich aber in die Höhle wagen? Vut iſt allgemein ⸗ gefürchtet!“ „Auch dafür iſt geſorgt. Den einen Zugang will ich mit einem 4 Dutzend herzhafter Kerle im Rücken ſelbſt bewachen.“ n,„Und der andere Zugang?“ 4„Dort ſoll der türkiſche Teufel in den Fuchsbau brechen! Las⸗ 1 caris iſt der Einzige von uns, der es mit dem Rothbart aufzuneh⸗ 1 men vermag.“ 4„Wird er ſich auch hineinwagen?“ frug Juſſuw mit einem ſelt⸗ 6 ſamen Lächeln. 3„An Muth dazu fehlt es ihm gewiß nicht, und ſollte er auch 1 wirklich ſchwanken, ſo erlaubt es ihm ſein Waffenruhm im türkiſchen n, Heere nicht, zumal er den früher genannten Beinamen führt, die k⸗ Zumuthung abzulehnen und den Zuſammenſtoß mit dem wilden tt Montenegriner zu vermeiden. Auch iſt hundert gegen eins zu wetten, 1 daß der wehrhafte Lascaris ſieghaft aus dem Kampfe hervorgeht⸗ —— — —-—— — 8 ———— — d— 346 Dort zwar rieſenhafte Leibesſtärke, hier aber derſelbe Simſon und nebſtbei ein vollendeter Fechter!“ „Du haſt Recht! Einen werden wir auf dieſe Weiſe jedenfalls los, vielleicht brechen ſich auch beide das Genick!“ „Mir auch recht! An Lascaris iſt ohnehin nichts mehr zu ver⸗ dienen“— Muſtapha dachte an den frühern goldhältigen Auftrag der verſchollenen Tochter des Defterdar—„und ſo wäre es mir angenehm, wenn die große Rechnung zwiſchen uns beiden, noch von der Szene auf der Waldſtraße her, ſei es auch durch eine fremde. Hand, endlich einmal berichtigt würde.“ Der Plan wurde nochmals ernſtlich beſprochen, dann trennten ſich die würdigen Leute. Muſtapha begab ſich nach ſeinem Zelte im Lager, Juſſuw aber eilte zu dem Kaimakan Ali, da ſich die bewußte Höhle gerade dem Heerhaufen gegenüber befand, welchen Letzterer befehligte. Ali em⸗ pfing ihn mit der ſeinem Range ſchuldigen Achtung, doch mit einer grämlichen Miene, denn der Kaimakan war, im Gegenſatze zu dem Chriſtenbluttrinker, in Folge ſeiner ſprichwörtlichen Milde gegen die Gefangenen der hochrothen türkiſchen Partei abhold geworden, ob⸗ gleich er in der That ihre blinde fanatiſche Begeiſterung für den Halbmond theilte. Der ſchlaue Muſchir, ein Diplomat jeder Zoll, ließ jedoch nicht die mindeſte Verſtimmung oder Empfindlichkeit über den ſtreng bemeſſenen Empfang vermerken, ſondern meinte überra⸗ ſchend zuvorkommend, es ſei ihm leid, falls er den Kaimakan in ſeiner Muße und Behaglichkeit ſtöre, er habe jedoch in wichtigen Dienſtangelegenheiten mit ihm zu verkehren. „Was haben wir Neues?“ frug Ali, erſtaunt über dieſe Artig⸗ feit Juſſuws. „Die zweifelsohne willkommene Kunde, daß die Todesſtunde Vuk's in wenigen Tagen ſchlagen dürfte.“ „Kaum glaublich!“ „Und doch richtig! Man hat den Schlupfwinkel des montene⸗ griniſchen Rothbartes endlich aufgeſpürt.“ „Wie heißt der Spürhund mit der trefflichen Naſe?“ „Muſtapha!“ „Ein Name, der mir immer widrig klingt. Der Mann iſt mehr Räuber als Soldat, und ſeine Leute ſind die ſchlimmſten Mörder und Diebe in unſerm ganzen Heere, leider dabei ſo ungemein lächer⸗ liche Burſche, daß man vor Lachluſt nicht dahin kommt, die Diszip⸗ 4 347 lin wenigſtens in befreundeten Gegenden ſtreng und rückſichtslos zu handhaben.“ Ali gedachte hiebei eines neuerlichen draſtiſchen Vorfalles. Es war nämlich wegen einiger benachbarten, durchwegs von Muhame⸗ danern bewohnten Dorfſchaften ein ſtrenger Tagesbefehl erlaſſen worden, darin das Plündern bei hoher Strafe verboten wurde. Demungeachtet erklärte ein auf Vorpoſten ſtehender Reiter von Muſtapha's fliegender Schaar ein herumirrendes Schaf für gute Priſe und warf es auf den Sattelknopf, wurde jedoch gleich darauf von Ali überraſcht und ſuchte daher ſeine Beute mit ſeinem kurzen Mantel ſo gut als möglich zu verdecken. Vergebene Mühe! Die Ertremitäten des Schafes wurden bald hier, bald dort ſichtbar, auch meckerte der entführte Vierfüßler auf unverſchämte Weiſe. Auf die vonnernde Frage des Kaimakan, was dies bedeuten ſolle, gab der Reiter die naive Antwort, er melde gehorſamſt, daß er das Dings da, weil es die Loſung nicht wußte, gefangen genommen habe. „Muſtapha's Leute,“ meinte Juſſuw,„ſind freilich die ärgſten Schnapphähne.“ „Er ſelbſt iſt ein ſchuftiger Gauner ſondergleichen! Neulich treffe ich ihn mit einem prachtvollen Pelze, den ich ein paar Stun den früher an dem Leibe eines Popen*) im nächſten Dorfe, der uns als Ausnahme von der Regel treu zugethan verblieb, erblickt hatte. Auf die Frage, wie er zu dieſem Pelze gekommen ſei, erzählte mir der lederbraune Mann mit unverſchämter Frechheit, der Pope habe ihm damit ein freiwilliges Geſchenk gemacht. Als ich dann weiter frug, mit welchen Worten dies geſchehen ſei, erhielt ich die verblüf— fende Antwort: „Geſagt hat der Pope kein Wort, er hat blos— geweint!“ „Ein närriſcher Kauz!“ rief der Paſcha laut auflachend. „Es gab auch ſchon traurigere Vorfälle. So forderte er in einer gleichfalls meiſt von Muhamedanern bewohnten Stadt die beträcht⸗ liche Zahl Beutel, welche zum Wiederaufbaue der abgebrannten dortigen Moſchee beſtimmt waren, und erklärte offen, er ſei bereit Gewalt zu brauchen, falls man ſich ſträuben würde. Die Beutel wurden ihm nunmehr eingehändigt oder beſſer geſagt unter ſeine Leute vertheilt, wobei er natürlich ſich ſelbſt am freigebigſten be⸗ *) Dieſe Geſchichte ereignete ſich im wallachiſchen Donauthale zwiſchen Ragova und Kusmir. 348 dachte. Demungeachtet erpreßte er daſelbſt noch einen Sack Piaſter von der dortigen Judenſchaft, indem er den Nabbiner und drei Aelteſte der Gemeinde ohne alle weitere Umſtände zu ſpießen drohte.“ „Muſtapha ſoll ſich durch einen kühnen Handſtreich rein waſchen!“ „Ich traue dem Burſchen durchaus nicht!“ „Sein Plan iſt aber vortrefflich.“ Juſſuw theilte dem Kaimakan mit, was die Leſer bereits ein paar Seiten früher geleſen haben. „Ließ man,“ frug Ali,„Lascaris bereits hierüber ver⸗ ſtändigen?“ „Daß mich Allah davor behüte! Lascaris darf erſt um die Stunde der That darum wiſſen.“ „Weshalb?“ Der Paſcha flüſterte ſeinem Untergebenen ein paar leiſe Worte zu. Dieſer erblaßte. „Unmöglich!“ rief er dann ſichtbar ergriffen. „Nun, wir werden ja ſehen!“ „Leider bin ich nunmehr mit Muſtapha's Plan vollkommen einverſtanden.“ Damit endete das dienſtliche Zwiegeſpräch. Tags darauf und zwar um die dritte Nachmittagsſtunde herrſchte abermals großer Jubel im türkiſchen Lager. Arslan's wackere Schaar Albaneſen war endlich eingerückt. Sie hatte der Stellung der Rajas wegen einen weiten Umweg über ſerbiſches Gebiet einſchlagen müſſen. Es waren durchwegs kraftvolle Männer, dieſe Buren, wohlgeübt im blutigen Handwerk des Krieges, auch prachtvoll bewaffnet. Ein auserleſener Haufen Scharfſchützen! Da⸗ her der Jubel der Osmanlis. Namentlich war Ali des Lobes voll. „Ja deine Scharfſchützen,“ meinte der Kaimakan,„braver Arslan, werden den Haiduken bedeutend einheizen!“ „Ich bezweifle es nicht,“ entgegnete dieſer,„trotzdem bleibt der kleine Krieg in den bosniſchen Gebirgen der gefährlichſte und un⸗ ſicherſte Kampf. Berg auf Berg, Wald an Wald wie bei uns da⸗ heim. Jeder Hügel iſt hier eine Veſtung, jeder Baum ein Verſteck. Man rückt vorſichtig vor, und ſiehe da, trotz aller Wachſamkeit er⸗ ſcheint plötzlich im Rücken ein überlegener feindlicher Heerhaufen. Der Mann wird an ſeinem Geſchütze, ſei es aus Kanonengut ge⸗ 349 fertigt oder aus Holz gezimmert, niedergeſchoſſen, ohne daß man weiß von wannen die Kugel gekommen.“ „Auch darf man,“ ſprach Lascaris, der eben herbeikam,„die Hauptſache nicht aus den Augen laſſen.“ Lascaris wurde ziemlich lau und unfreundlich begrüßt. Er war ſeit ſeinem verunglückten Botenritte vor dem Ueberfalle in den Eng⸗ päſſen um ſeinen halben Purpur gekommen. Tiefe Stille folgte dem lauteſten Gejubel, wenn er ſich an eine Tafel ſetzte und kamerad⸗ ſchaftlich mit den eben ſo heiter geſtimmten Zechern zu plaudern gedachte. Es glich faſt der geheimen Verurtheilung einer orientali⸗ ſchen heiligen Vehme, was Lascaris als anrüchig erklärte, und ihn ſo zu ſagen als Zeltgenoſſen in Zukunft unmöglich zu machen drohle. Sonderbare böswillige Gerüchte gingen durch das Lager, die man in ſeiner Gegenwart freilich nicht zu erzählen oder zu berühren wagte, die aber höchſtens ſchweigende Duldung erlaubten, wo man nicht mehr vertrauen zu dürfen fürchtete. Der Abenteurer gab ſich aber unbefangen wie zuvor, ſelten daß ein ironiſches Lächeln das ſcheue Zurückziehen ſeiner Kameraden rügte und ſtrafte. „Die Hauptſache?“ frug deshalb Ali mit etwas verächtlichem Tone. „Ich habe nämlich vernommen,“ ſprach Lascaris noch verächt⸗ licher lächelnd,„daß trotz der Friedfertigkeit des Wladika von Mon⸗ tenegro eine ſtattliche Schaar Freiwilliger von dem ſchwarzen Berge nächſtens, vielleicht heute noch, zu den Rajas ſtoßen dürfte.“ „Sie ſcheinen überhaupt,“ warf Arslan hin,„über die Vor⸗ gänge im feindlichen Lager ſehr gut unterrichtet zu ſein?“ „Sie ſind kein Landeskind,“ lautete die ſchlichte Antwort, „ſonſt würden Sie wiſſen, wie man im Schloſſe meines Schwieger⸗ vaters Riswan geſinnt iſt. Dort pflegt man über alle Vorgänge im chriſtlichen Lager gewöhnlich ſehr raſch unterrichtet zu werden. Ich habe übrigens daheim auch meine Anhänger, und ſo erklärt ſich die blitzſchnelle Weiſe, wie ich Kunde erhalte, wohl auf natürliche Art.“ „Ohne alle bosniſche Wunder?“ meinte der Mirdite höhniſch. „Wenn Sie von Zauberei ſprechen,“ entgegnete Lascaris ſa⸗ tyriſch,„dann nimmt es mich am Meiſten Wunder, daß Sie über meine unſichtbaren Kundſchafter ſtutzen. Mich nämlich würde es gar nicht befremden, wenn Arslan zum Beiſpiele über die Vorfälle in einer unweit von meinem Bergſchloſſe gelegenen berüchtigten Zau⸗ berhöhle eben ſo genau unterrichtet wäre, als es bei mir der Fall iſt.“ 350 Arslan wollte den Ausfall unſanft pariren, Ali fiel ihm jedoch raſch in die Rede. „Montenegriner,“ ſprach er,„im Anzuge? Was Sie ſagen! Man ſollte derlei ungünſtige Gerüchte gar nicht im Lager ver⸗ breiten.“ „Auch meine Meinung!“ rief Juſſuw, der ſich eben der Gruppe nahte. „Sprach ich zu kleinen Kindern,“ replicirte der Gatte Gül⸗ naren's trocken,„oder zu türkiſchen Offizieren? Dieſe kleinlaute Bemerkung taugte wahrlich einzig für den Mund der müßigen Kun— den in den Mokkatempeln zu Stambul, welche chriſtliche Tapferkeit mit den albernſten Schmähworten brandmarken, ohne zu bedenken, daß es, nach meinem ſchlichten Glauben, die eigene Waffenehre deſto tiefer in den Staub ziehen heißt, je verächtlicher man von ihren heißblütigen Gegnern ſpricht. Es iſt kein Ruhm für einen Rieſen einen Zwerg zu erſchlagen! Dichter Arslan, bekanntlich ſehr beleſen, wird am Beſten wiſſen, was von dem altrömiſchen Kampfberichte zu halten, nach welchem in irgend einer Schlacht viele tauſend Krieger des Königs Mithridates erſchlagen wurden, während auf der Seite der Lateiner ein einziger Legionär ins Gras beißen mußte.“ „Ich erinnere mich auch an ein anderes Treffen auf unſerer Halbinſel“ fiel der Albaneſe hämiſch ein,„an die Schlacht bei Phar⸗ ſalus, wo ſo mancher prahlhänſige römiſche Ritter aus Furcht vor einem Speerwurf und einer Narbe im eigenen Sanmmetgeſicht ſchmählicher Weiſe Reißaus genommen!“ „Meiner Anſicht nach,“ ſprach Lascaris ruhig weiter, ohne die boshafte Replik einer Antwort zu würdigen,„gibt es für einen wackern Soldaten kein gröſteres Vergnügen als auf einen ebenbür⸗ tigen gleich tapfern und handfeſten Gegner zu ſtoßen.“ „Weshalb macht ſich Lascaris dann nicht,“ fuhr der Paſcha auf,„an den montenegriniſchen Rothbart?“ „Als türkiſcher Teufel, wie man Sie nennt,“ meinte Arslan, „ſollten Sie endlich ihrem Kameraden, dem chriſtlichen Satan das Handwerk legen.“ „Ich wollte,“ antwortete Lascaris gelaſſen,„Vuk käme mir endlich einmal vor die Klinge!“ 4 Während dieſes Geſpräches war ein Reiter Muſtapha's her⸗ beigeſprengt, frug nach dem Paſcha, den er lang vergeblich geſucht hatte, und flüſterte dieſem, ſich blos im Sattel herabbeugend, ein 351 paar Worte in das Ohr, dann eben ſo ſchnell zurückbrauſend als er gekommen. „Lascaris iſt ein Glückskind,“ rief nun Juſſuw,„ſein eben geäußerter Wunſch will in Erfüllung gehen!“ Ein Ruf der Verwunderung ſcholl aus jedem Munde. „Was heißt das?“ frug Lascaris ſichtbar verlegen. „Der Fuchs,“ erklärte der Paſcha,„befindet ſich in ſeinem Baue. Es heißt ihn einfach abfangen!“ Damit erzählte er, was wir bereits wiſſen, und fügte einfach bei, wie Vuk kürzlich in der erwähnten Höhle verſchwunden ſei, kurz daß es zu ſeiner Vernichtung nichts weiter bedürfe, als ein gemein⸗ ſames Vorgehen nach ſeinem ſichern Plan, den er gleichzeitig mit bündigen Worten auseinanderſetzte. „Wie aber,“ frug Arslan, der einen Theil der Rede des Paſcha überhört hatte und daher nicht wußte, wie das obere Rück⸗ zugsloch überwacht werden ſollte,„wenn der Rothbart Lunte riecht und auf dem Wege nach der Höhe zurückeilt?“ Kleingewehrfeuer und Feldruf gaben die erbetene Antwort. Die chriſtlichen Vorpoſten wurden durch eine ſeit Längerm unter den Waffen ſtehenden Schaar unvermuthet angegriffen und zurückge⸗ worfen; gleichzeitig marſchirte ein nachfolgendes ſtarkes Detachement albaneſiſcher Scharfſchützen auf der Anhöhe auf, das, wie man mit Recht vermuthete, den Auftrag erhalten hatte, ſich auf der einzigen Rückzugslinie des chriſtlichen Teufels feſtzuſetzen. Auch die Schlucht wimmelte bereits von Soldaten des Nizam. Muſtapha und ein Dutzend ſeiner kühnſten Wagehälſe, faßten an dem einen untern Zugange feſten Fuß. Juſſuw trat vor. „Wer wagt es,“ frug er,„den Rothbart in ſeinem Lager auf⸗ zuſtöbern?“ „Nun Lascaris,“ rief Ali forſchend,„wie ſteht es mit dem kürzlich geäußerten Wunſche?“ „Ich warte nur auf meinen Diener!“ antwortete dieſer lakoniſch. „Soll Mirxa,“ ſpottete Arslan,„als Leibwache dienen?“ In dieſem Augenblicke erſchien der Zigeuner, den Lascaris gleich bei dem Beginne des Lärmes zu ſeinen Packpferden geſchickt hatte, mit einer kurzen aber haarſcharfen Damaszenerklinge. Es war ein koſtbarer echt ſyriſcher Yatagan. „Mein langer Krummſäbel,“ erklärte Lascaris,„dürfte mir in der zweifelsohne niedern Höhle hinderlich ſein.“ 352 Damit ergriff er den Natagan, ſprang in die Schlucht und verſchwand gleich darauf in dem andern untern Zugange. „Bei meinem Barte,“ murmelte der Paſcha,„ſollte ich mich wirklich geirrt haben?! Uebrigens liegt wenig daran, wenn ich mich auch täuſchte. Die beiden menſchlichen Teufel ſind endlich aneinander gerathen, hole ſie beide der wirkliche leibhafte Satan!“ Lauter Jubelruf des lauernden Nizam ehrte den Muth des tapfern Lascaris. Im ganzen Korps, das hier lagerte, hätte ſich ja gewiß kein einziger Mann gefunden, ſtark und verwegen genug, den gefürchteten bosniſchen Drachen in ſeiner eigenen Höhle anzu⸗ greifen. „Ein türkiſcher Roſtem!“ rief bewundernd Ali. „Löwenherz aus bosniſchem Geblüte!“ meinte der leicht erreg⸗ bare Dichter. „Ich ſchäme mich meines Verdachtes!“ fuhr der Kaimakan ſtotternd fort. „Leider koſtet es,“ flüſterte der Albaneſe,„wie der Würfel auch fallen mag, hochherrliches ſlaviſches Blut!“ Waffengetöſe ſcholl aus der Höhle in der Schlucht. Der Kampf ſchien mit äußerſter Erbitterung und Hartnäckigkeit geführt zu wer⸗ den. Montenegriniſche Flüche wurden laut, noch kräftiger widerhallte der türkiſche Schlachtruf des kühnen Lascaris. Man kann ſich leicht denken, mit welcher Spannung und Theilnahme die Zuſchauer oder beſſer geſagt, die Zuhörer auf dem äußern Schauplatze dem Aus⸗ gange des grimmigen, viel entſcheidenden Waffenganges entgegen harrten. „Neugierig bin ich zu erfahren,“ ſprach Juſſuw,„ob der Montenegriner abwechſelnd dunkle und rothe Augenbrauen hatte?“ „Erſtere wären eine ſeltſame Laune der Natur bei feuerfarbi⸗ gem Haarſchmucke!“ Alſo äußerte ſich Ali. „Iſt übrigens oft ſchon da geweſen!“ bemerkte Arslan. „Zweierlei Augenbrauen,“ ſchaltete der alte Aga ein,„oder vielmehr Augenbrauen, die heute roth und morgen dunkel ſind, ein ſolches merkwürdiges Naturſpiel iſt mir jedoch Zeit meines Lebens nicht vorgekommen. Zweifelsohne ein Scherz?!“ „Keineswegs,“ entgegnete der Paſcha,„allgemein geht die Sage, daß man dies wechſelnde Farbenſpiel bei Vuk wirklich wahr⸗ genommen habe. Seine neueſten Bekanntſchaften, das ſind nämlich 3 fan rfel mpf er⸗ allte icht der us⸗ gen del 15 bi⸗ der 353 Leute, welche erſt in der neueſten Zeit das Unglück hatten, mit ſei⸗ nem ungeſchlachten Beſuche beehrt zu werden, ſtehen freilich für die dunklen Augenbrauen ein, und da manche der Herren Offtziere hier ſeit dem Abenteuer in den Engpäſſen zu dieſer letztern Gattung ge⸗ rechnet werden dürfen, ſo würde mich jeder von ihnen verbinden, falls er mir über die ſtrittige Frage verläßliche, durch den eigenen Anblick gewonnene Auskunft oder Bürgſchaft zukommen laſſen wollte.“ „Ich weiß mich,“ rief Ali ärgerlich,„wirklich nicht darauf zu entſinnen!“ Die übrigen gehechelten Offiziere murmelten leiſe Flüche vor ſich hin, und der alte Aga ſchickte ſich eben an, im Vertrauen auf ſeinen weißen Bart dem Muſchir eine derbe Replik an den Kopf zu werfen, als ein durchdringender Jammerſchrei, der aus der gefähr⸗ lichen Höhle kam, die allgemeine Aufmerkſamkeit wieder auf den Zweikampf lenkte. Tiefe Stille folgte dem Schmerzensrufe. „Das war,“ meinte Arslan,„eine fremde dritte Stimme!“ „Wer kann die Schallbrechung,“ beruhigte Ali,„in dem unter⸗ irdiſchen Raume von außen berechnen?“ Neuer Waffenlärm erdröhnte nach einer kurzen Pauſe. „Ich errathe, wie es ſteht,“ äußerte ſich der Bimbaſchi,„einer hat einen Hieb erhalten, der allzu ſchmerzlich fleiſchte. Daher der Jammerſchrei, der ſich früher vernehmen ließ. Jetzt aber liegen ſie ſich bereits wieder in den Bärten.“ „Wäre es nicht rathſam,“ frug der alte Aga,„dem türkiſchen Teufel Sukkurs zu ſenden?“ „Er würde uns,“ fiel Juſſuw haſtig ein,„ſchwerlich Dank für eine ſolche Aufmerkſamkeit wiſſen.“ „Ja wohl,“ pflichtete der heißblütige Albaneſe bei,„ſein Waf⸗ fenruhm ſtände dann auf ſchwankenden Füßen!“ „Freiwillige vor!“ kommandirte der beſonnenere Kaimakan. Keiner von den Leuten des Nizam rührte ſich, ſie ſtanden wie angenagelt in Reihe und Glied. Es war aber weniger Mangel an ſoldatiſchem Muthe als Ueberfülle an abergläubiſcher Scheu. Die Beinamen chriſtlicher und türkiſcher Teufel waren ſo allgemein und geläufig geworden, daß die rohen Naturſöhne unter der Fahne des Profeten den beiden Kämpen wirklich dämoniſche Kräfte zuſchrieben. Natürlich, daß ſohin keiner ein Gelüſte hegte, ſich in den religiöſen Zwiſt oder in die Familiengeheimniſſe der hölliſchen Sippſchaft ein⸗ zumengen. Auch war mittlerweile die Zeit des Zwielichtes herange⸗ Der Montenegriner. 23 354 kommen, in welcher Stunde der Volksglaube den Zuſammenſtoß mit wirklichen oder ſcheinbaren Spukverwandten des Gottſeibeiuns be⸗ reits für ſehr gefährlich erklärt. Die einbrechende Abenddämmerung trug daher nebſtbei die meiſte Schuld, daß Ali's Aufruf an die Frei⸗ willigen ohne Echo, alſo erfolglos verhallte. Wir aber, der freund⸗ liche Leſer und meine Wenigkeit nämlich, die wir in unſerer Jugend einige Bildung und Aufklärung eingeſogen haben und daher durch⸗ aus nicht mehr an Geſpenſter wie an böſe Geiſter glauben, wir aber wollen uns deshalb muthig in die verrufene Höhle hinabwagen und zuſehen, was in dem unterirdiſchen Raume eigentlich getrieben und hanthiert werde. Es war wirklich eine fremde dritte Stimme laut geworden. Arslan's feines Gehör hatte ſeinen Eigenthümer keineswegs getäuſcht, und kam der laute Jammerſchrei von den verbleichenden Lippen des Wegelagerers Muſtapha, der mit zwölf ſeiner verwegen⸗ ſten Wagehälſe an dem einen untern Zugange Wache gehalten. Die Hiſtorie, die er in der muhamedaniſchen Stadt in die Szene geſetzt, machte ihn vorzugsweiſe der für den Wiederauf bau der dortigen abgebrannten Moſchee beſtimmt geweſenen Beute halber vor einer bedenklichen Klage des Groß⸗Kadi in Travnik bangen; dieſe Angſt, ſeine perſönliche Bravour wie der Umſtand, daß er in der Nähe des rieſigen Lascaris die derben und gewaltigen Fäuſte des Montene⸗ griners nicht länger für unvermeidlich todtbringend halten mochte, ſpornten den lederbraunen Mann an, ſich wenigſtens als nächſter Zuſchauer bei dem Zweikampfe zu betheiligen, und vielleicht durch eine bei dieſer Gelegenheit zu erbeutende und in der großen Moſchee zu Travnik als Siegestrophäe aufzuhängende Spolia opima den Unwillen der bosniſchen Ulemas zu beſchwichtigen. Muſtapha begab ſich daher, freilich mit möglichſter Vorſicht, in die Höhle, ſchritt auch ziemlich weit vor, ohne auf die erbitterten Gegner zu ſtoßen. Sein Muth wuchs noch mehr, als er die Stimme des befreundeten Lascaris zu vernehmen glaubte, der ihn anrief herbeizukommen und bei ſeiner Terrainkenntniß mitſuchen zu helfen. Der montenegriniſche Galgen⸗ vogel ſcheine auf unbegreifliche Weiſe entſchlüpft zu ſein. Der Re⸗ negat trat natürlich noch beherzter vor, wie ward ihm aber doppelt ſchlimm zu Muth, als eine rieſige Geſtalt, die er, in ſo ferne die Dunkelheit es geſtattete, Anfangs für die koloſſale Figur des Tür⸗ kenteufels gehalten, auf ihn losſtürmte und den Ueberraſchten mit eiſernem Griffe zu Boden zu werfen ſuchte. 2 ⁴◻☛ ³☛ Muſtapha's Blut gerann zu Eis. „Habe ich dich endlich,“ rief Vuk, der dieſe Kriegsliſt ſo er⸗ folgreich angewendet,„dies Mal ſollſt du meinen Händen erſt als Leiche entſchlüpfen! Stirb Bluthund, die Opfer in dem Scherawitza⸗ Grad ſollen nicht länger vergeblich die Nache des ſtrafenden Him— mels auf dein ſchuldbelaſtetes Haupt herabrufen! Jauchze Satan, ein Unmenſch geht zu Grabe!“ Muſtapha ſetzte ſich trotz ſeiner Ueberraſchung grimmig zur Wehre, und die Verzweiflung ſchien ſeine natürliche Stärke faſt zu verdoppeln; aber er hatte es mit einem Gegner zu thun, der ihm auch jetzt noch an Leibeskraft wie an Waffengewandtheit weit über⸗ legen war. Der heiße Kampf währte daher nur wenige Minuten, war im Vorhinein entſchieden. Vuk drückte ſeinen ſchwächern Geg⸗ ner auf die Knie nieder, bog ihm den Kopf zurück— damals ging jener Jammerſchrei über Muſtapha's bald für immer verbleichende Lippen— und gleich darauf fuhr die ſcharfe Klinge des Montene⸗ griners dem Unholde tödtlich in die Kehle. Und wo verweilte Lascaris? Vuf ſollte ſeines Sieges nicht lange froh bleiben, neuer Waf⸗ fenlärm übertäubte das letzte Röcheln des ſterbenden Wegelagerers. „Der Kampf,“ rief draußen Arslan,„will ſich nicht zu Ende neigen.“ „Zwei Fanghunde,“ meinte der Bimbaſchi,„die ſich in ein⸗ ander verbiſſen haben, bringt nur gegenſeitige Erſchöpfung los.“ „Oft muß man ihnen,“ bemerkte der Paſcha ſarkaſtiſch,„die Zähne ausbrechen.“ „Es wäre jammerſchade,“ fiel der hochherzige Albaneſe ein, „um die Blume und Zierde aller bosniſchen Kriegerſchaft, wenn ſie in dieſem meuchleriſchen Hinterhalte geknickt werden ſollte!“ „Das Blut des wackern Lascaris“ donnerte Ali,„über das Haupt, das die entſetzliche Geſchichte erſonnen oder doch wenigſtens eingeleitet! Von mir aber ſoll es nicht heißen, daß ich meinen Le⸗ bensretter in der Stunde der Gefahr feig im Stiche gelaſſen habe!“ Mit dieſer edelmüthigen Aeußerung wollte ſich der Kaimakan, den Säbel ziehend, in die Schlucht ſtürzen und auch Arslan ſchickte ſich an, dem ſchönen Beiſpiele ſeines wackern tür kiſchen Waffenbru⸗ ders zu folgen. In dieſem entſcheidenden Augenblick aber ſchlug das Detachement albaneſiſcher Sch harfſchützen, das die Anhöhe beſetzt hielt, wie auf ein Kommandowort an, ein ſiheies Zeichen, daß 3* 356 zweifelsohne eine menſchliche Geſtalt aus dem obern Rückzugsloche Vuk's auftauche. Allgemeine athemloſe Erwartung! Man hätte, als der Lärm, den das Knacken der Hähne an den langen albaneſiſchen Flinten verurſachte, verhallt war, das Fallen eines Tannenzapfens vom niederſten Aſte vernommen, ſo ſtill, ſo geräuſchlos lauſchte die Menge den Dingen, die nun kommen mußten. Die Offiziere wie die Mannſchaft des Nizam ſchienen wie durch einen Zauberſchlag zu Marmor verſteinert worden zu ſein. Es war eine qualvolle entſetz⸗ liche Pauſe der brennendſten Ungewißheit! Endlich ward jene von den Scharfſchützen erſpähte menſchliche Geſtalt, die ſich langſam aus dem obern Eingange in die Höhle erhob, auch in der Niederung ſichtbar. Die Gewande hingen zerriſſen an ihrem Leibe herab, Wangen und Hände ſchienen in Blut gebadet, ob im eigenen oder fremden rothen Lebensſaft wußte man freilich bei dem erſten Anblick nicht zu ſagen. „Es iſt Lascaris!“ tönte es plötzlich durch die Reihen des Nizam wie der Albaneſen. Es war in der That der mannhafte Abenteurer, der bleich, mit Blut bedeckt, zu Tod erſchöpft an Gottes freie Lüfte zurückkehrte. Seine Rechte ſenkte ermattet den ſchweren Natagan, aber in der linken Hand ſchwang er ein bluttriefendes Haupt mit rothem Vollbart. „Es gibt keinen chriſtlichen Teufel mehr!“ Alſo rauſchte es laut und ſtolz von ſeinen Lippen. Ein donnernder Beifallsſturm! „Wie ich gedacht habe,“ jauchzte Ali,„der Abglanz des Schatten Gottes hat ſich mächtig geirrt!“ „Leider,“ flüſterte Juſſuw kaum vernehmlich,„daß es ſo kam, Hund Lascaris hat ſataniſches Glück!“ „Schade um den montenegriſchen Löwen!“ murmelte Arslan eben ſo leiſe vor ſich hin. „Das nenne ich eine Waffenthat ſondergleichen!“ „In Wahrheit ein Sheitan!“ So riefen der alte Aga und der Bimbaſchi. Es war übrigens keine Zeit zu längern Erläuterungen. Die Rajas hatten nämlich bedeutende Verſtärkung erhalten, und drängten die Türken, obgleich das Detachement albaneſiſcher Scharfſchützen auf der Höhe ſich zur Unterſtützung der Letztern in eine Plänklerkette auflöſte, auf allen Seiten zurück. Alles eilte in Reihe und Glied. Lascaris ließ das 357 oche bluttriefende Haupt mit dem rothen Vollbart zur Erde fallen. Es 1 kollerte durch das Rückzugsloch langſam in die Höhle hinunter. Er ſhen ſelbſt eilte dem Feinde entgegen. Der Abenteurer hatte übrigens fens ſeine Kräfte offenbar überſchätzt, er brach von dem frühern langen die und ſchweren Waffengang zu ſehr erſchöpft nach wenigen Schritten edie zuſammen. Ali ließ ihn zur Reſerve zurückführen. Das Glück des g zu Tages oder vielmehr des Abends neigte ſich zudem entſchieden auf ſſet⸗ die Seite der Chriſten, denn erſtlich nahmen die wirklich ſo eben von eingerückten Freiwilligen vom ſchwarzen Berge ausgiebig an dem gſam Kampfe Theil, endlich fochten die Haiduken, welche Vuk's Tod zu rung rächen hatten, mit einem Ungeſtüm, dem nichts die Spitze zu bieten erab, vermochte. Die Türken ſahen ſich gezwungen das Feld zu räumen, odet die Schlucht aufzugeben und eine ſtarke halbe Stunde weiter rück⸗ blic wärts an einer dominirenden Anhöhe eine neue feſte Stellung zu beziehen. des Demungeachtet herrſchte ſpäter allgemeiner Jubel im muha⸗ medaniſchen Lager. mit Was lag an dieſer Schlappe? War doch der Ueberfall in den rte Engpäſſen glänzend gerächt worden! ed Es gab keinen chriſtlichen Teufel mehr! 4 ſſen„Den Vuk,“ ſprach Paſch Juſſuw, als er ſich Nachts zur Ruhe begab,„habe ich glücklich von dem Kriegsſchauplatze verdrängt. Schade daß Muſtapha in dem Treffen gefallen iſt, wie ſeine Leute ſagen, er ſollte mir jetzt den verdammten Lascaris aus dem Wege ſchaffen!“ des fam, rslan igens jmlic qleic 4 zut allen dao 2—õʒ—— —— Bwanzigſtes Capitel. Ophelia. Vorliegendes Capitel beginnt einige Wochen nach den Bluttagen an der Bosna. Im Schloſſe Riswans war eine große Veränderung eingetreten und ſchien ſich dieſelbe noch bedeutender geſtalten zu wollen. Herrin Gülnare, die ſchöne weiße Roſe von Serajevo mußte nach jener ſchauerlichen Szene auf der Heerſtraße einige Tage das Bett hüten, und obgleich ſie jenen tödtenden und doch rettenden Schuß nicht bereuen konnte, ſo ſchwebte doch in einſamen Stunden das bleiche Bild Zobeiden's herbei, und wollte wie ein verwunſche⸗ ner Geiſt nicht wanken und nicht weichen aus der Nähe der Mör⸗ derin aus Schamgefühl und Mitleid. Die waghafte Amazone war zum trauernden Weibe geworden. Wohl glühte ihr Herz noch immer liebend für ihr durch Jahrhunderte geknechtetes Volk, aber es wen⸗ dete ſich auch ſchaudernd von den Miſſethaten, von der Wiederver⸗ geltung ab, welche der Sklave verübte, der eben ſeine Ketten gebrochen. Viel trug zudem das räthſelhafte Verſchwinden ihrer Buſen⸗ freundin Leila bei, um den tiefen Kummer Gülnaren's zur nagenden Seelenangſt zu ſteigern. Die große Menge in der Hauptſtadt von Bosnien fabelte, die Tochter des Defterdar ſei von dem böſen Feinde bei Nacht und Nebel entführt worden. In den höhern Krei⸗ ſen war man jedoch beſſer hierüber unterrichtet. Die Leibdienerin Leila's hatte gebeichtet, daß ſich ihre Herrin an einem gewiſſen Abend als gemeines bosniſches Weib verkleidet und dann auf ge⸗ heimen Wegen aus ihrer Behauſung zu Serajevo entfernt habe. Niemand aber wußte, was ſpäter mit ihr geſchehen ſein mochte. 359 Man vermuthete blos, ſie ſei einem Haufen aufgeregter Rajas in die Hände gefallen, erkannt worden und ſo eines qualvollen Todes geſtorben. Es hieß ferner, daß man eine Leiche, der freilich der Kopf abgeſchnitten worden, aufgefunden habe, die an Wuchs und Geſtalt, an Zierlichkeit des Rumpfes einigermaßen an die kleine Tochter des Defterdar mahnte. Ein zweiter geiſterhafter Schatten, der den Pfühl Gülnaren's bei Nacht zu umſchweben pflegte! Einen dritten triftigen Grund der Verſtimmung und Trauer, welche die Kneſin zur Schau trug, gab die beklagenswerthe Abwe⸗ ſenheit ihres Vaters. Riswan war nämlich als Reſident jener ge⸗ fürchteten auswärtigen Großmacht eiligſt zu dem außerordentlichen Botſchafter zu Stambul berufen worden, den man wegen der bos⸗ niſchen Schilderhebung an das Hoflager des türkiſchen Großherrn ggen ſenden zu müſſen glaubte. Dieſe Einberufung war durchaus nicht rung nach dem Geſchmacke des alten Diplomaten, er ahnte, daß ſie im r 2u ſchlimmſten Falle das Verſchwinden der Konſulatsfahne von den Zinnen des alten Bergſchloſſes nach ſich ziehen dürfte. Wie es aber 9 9 9 5 dhe auch kommen mochte, dem Befehle mußte Gehorſam geleiſtet werden. nden Riswan ſchied mit ſchwerem Herzen von ſeiner geliebten Tochter, nden ſie bei dem Abſchiede bittend, ja beſchwörend, ihrem Gatten Lasca⸗ che⸗ ris, was ſich auch ereignen möge, felſenfeſt zu vertrauen. Gülnare lür⸗ gelobte es. war Es gab aber ſchließlich noch eine geliebte und gefürchtete Spuk⸗ ner geſtalt, die ſich zwar noch nicht gezeigt hatte, aber jede Minute auf⸗ dir zutauchen drohte. Gülnare hatte nämlich kürzlich auf einem ihrer t⸗ Wandergänge in der Nähe des Schloſſes eine freudige und doch 3 beklemmende Entdeckung gemacht. Der Leſer wird ſich erinnern, daß aki ſich hart an dem Bergbache, weit hinter den letzten Bäumen des Parkes ſteile Felſenwände erhoben, hinter welchen, wie die klugen ſer Leute wiſſen wollten, die Wildniß der Gebirge beginne. Dem war nden aber nicht ſo, denn ein weiland verſteckter nunmehr ſeit Jahren offe— n ner Pfad wand ſich ja nach dem einſt ſo blühenden und ſpäter ver⸗ öſen wüſteten Thale, darin einmal der kleine Knabe Deſche weilte. ri⸗ Oftmals hatte die Kneſin im Verlaufe der Zeit die Schauſtätte erin ihres ſüßeſten Stilllebens betreten, und Thränen der Wehmuth an iſſe dem einſamen Weiler im verheerten Thalgefilde vergoſſen. Wer ge⸗ malt daher ihr Befremden, als ſie einige Tage nach ihrer Geneſung abt. die abgelegene Stätte beſuchen wollte, und— Herr des Himmels,⸗ hte. 360 täuſchte ſie nicht ihr Auge— bergende, gewaltige Steine ſo künſtlich aufgethürmt fand, daß ſelbſt ihr vertrauter Blick nicht die mindeſte Spur von jenem geheimen Pfade aufzufinden vermochte, der in das nunmehr aufs Neue verſchloſſene kleine Stück Paradies leitete. Das räthſelhafte Werk mußte während der vielen Tage ihrer Abweſen⸗ heit, ihres Unwohlſeins vorgenommen worden ſein. Es war zugleich ein handgreiflicher Beweis, daß weiland Vuk die Wahrheit geſpro⸗ chen, daß der heimgekehrte Deſche in Kurzem zu erſcheinen gedenke. Und deshalb zagte ſie? Die Sache kam ſo. Lascaris war am zweiten Tage nach der Beſiegung des Montenegriners unvermuthet im Bergſchloſſe erſchie⸗ nen, theils um der Ruhe zu pflegen, theils den kurzen Waffenſtill⸗ ſtand zu benützen, welchen Paſcha Juſſuw nach jener Schlappe den Rajas— freilich aus einer ſpäter erhellenden häßlichen Hinterliſt— ganz unverhofft angetragen, und welchen der ſeit Vuk's Tod plötz⸗ lich ſehr feig und friedfertig geſtimmte bosniſche Kriegsrath auch mit Freuden angenommen hatte. Gülnare empfing ihren Gatten mit ungeheuchelter Herzlichkeit. Wohl betrauerte ſie ihres Volkes wegen das blutige Ende des gewaltigen Montenegriners, aber erſtlich hatte ſie dieſes räthſelhafte Kind der Wildniß beinahe fürchten ge⸗ lernt, ferner konnte ja Lascaris ſeiner Waffenehre halber den Zu⸗ ſammenſtoß mit dem gefürchteten Haidukenhäuptling durchaus nicht vermeiden, endlich ſchmeichelte die wie ein Lauffeuer durch das Land fliegende Kunde von dieſem Siege der weiblichen Eitelkeit, obgleich ſich die weihe Roſe von Serajevo letztern Umſtand freilich nicht ein⸗ geſtehen wollte. Auch wußte ſich Lascaris äußerſt zart zu nehmen. Er vermied in Gegenwart Gülnaren's auch die geringſte An⸗ ſpielung auf jenen rühmlichen Waffengang, gab dem Geſpräche, ſo oft es ſich um den unheilvollen innern Krieg zu drehen begann, eine feine Wendung nach einem andern Gebiete, und ließ ſich die Sache durchaus nicht vermeiden, ja dann ſprach er zur Sühne und meinte, falls man von einer blutigen That der Wiedervergeltung von Seite der Rajas ſprach, ein Volk, das ſo barbariſch hauſe, müſſe auch durch unmenſchliche Grauſamkeit zu ſolchen ſchauerlichen Szenen der Rache getrieben worden ſein. Lascaris ſchien überhaupt des Waf⸗ fenlärmes gänzlich überdrüſſig geworden zu ſein, und flüchtete ſich gern und häufig nach den lachenden Fluren des Parnaſſes, unter die Blüthen und Blumen der unvergänglichen Poeſie und Kunſt. 361 Letztere lieferten namentlich Abends den Stoff der Zwie⸗ geſpräche. „Seltſame Menſchen,“ begann Gülnare während eines ſolchen Geſpräches,„die wir ſind! In der Zeit der blutigſten Ereigniſſe treiben wir Abgötterei mit Dichtung, Muſik und Kunſt. Klänge, Farben und Lyrik im Pulverdampfe! Welcher Abſtich!“ „Unſer Geſpräch,“ antwortete Lascaris,„beſaß jedoch eine dunkle Färbung. Wir träumten, das iſt wahr, aber wie am ſpäten Morgen, wo bereits die Wirklichkeit ihre Rechte geltend macht und trübe Geſtalten an das Lager des Schläfers zaubert. Unſere Worte über Shakespeare's Othello— den wir leider nicht zu Hand haben, da Sie die Ausgabe desſelben in ruſſiſcher Sprache der armen ver⸗ ſchollenen Leila geliehen— dieſe unſere Worte klangen friedlich, aber jede Minute, wie es ſchon der Schauplatz der Handlung, das bedrohte Cypern mit ſich brachte, murrte es leiſe hinein wie ferner türkiſcher Kanonendonner. Uebrigens ſind wir Menſchen ja leben dige Räthſel!“ „Sie ſelbſt,“ unterbrach ihn die Kneſin,„gaben ſich immer ſehr ſeltſam und verſchloſſen, gegenwärtig aber, ich muß es Ihnen ſchon offen herausſagen, ſind Sie mir zum wahrhaft unauflöslichen Räth⸗ ſel geworden. Die Löſung ſcheint mir faſt unmöglich.“ „Wie kommen Sie zu dieſer Behauptung?“ „Ihre Luſt an verwegenen Abenteuern iſt ſprichwörtlich ge⸗ worden, und jetzt nach dem lärmſchlagenden Siege, wo ſich für die Freunde des Islam eine roſigere Ausſicht zu eröffnen ſcheint, da ſchwören Sie dem Kriegsgotte ab, weilen gemächlich zwiſchen den ſichern vier Pfählen, treiben beinahe Götzendienſt mit den griechi⸗ ſchen Schönheiten vom Berge Parnaß, wollen nichts fürder wiſſen von dem Halbmonde, ja ſie finden ſelbſt ſo manche grauſame That ihrer früher ſo gehaßten Gegner, zu welchen die chriſtlichen Bosnier doch einmal gehören, als Nachwirkung Jahrhunderte alten ſatani⸗ ſchen Druckes erklärlich, wenn nicht gar verzeihlich?!“ „Vielleicht liege ich auf der Lauer?“ „Auf der Lauer?“ „Jener Montenegriner Vuk war ja nur der Vorläufer oder Schildknappe jenes gefährlichen weltlichen Profeten, der heimlich, faſt unſichtbar durch die Hütten des ſüdſlaviſchen Volksſtammes geht und den chriſtlichen Heerbann in die Waffen ruft.“ — 362 Gülnaren's Antlitz färbte ſich bei dieſen Worten roth wie Scharlach. „Welchen Profeten meinen Sie?“ liſpelte ſie mühſam nach Faſſung ringend. „Wiſſen Sie denn nicht, daß unter den Bosniaken ſeit langem die Sage ging, daß ein Abkömmling des uralten Fürſtenhauſes Nemagna oder Duſchan— ſie nennen dieſen Sproſſen auch deshalb nach üblicher Abkürzung oder Verkleinerung: Deſche— noch am Leben ſei und der Stunde nur warte und wache, wo er das kaiſer⸗ liche Banner ſeiner Vorfahren aufs Neue entfalten könne, um ſieg⸗ haft ein neues ſerbiſches Reich zu gründen?! Ja man ſpricht, daß er dieſe Stunde gekommen glaube, das heißt, wenigſtens den Zeit⸗ punkt, vorderhand die große hundertjährige Zeche der Türken in blutiger Münze zu berichtigen.“ „Was Sie erzählen?“ „Keine Maske! Sie wiſſen um dieſe Sage zweifelsohne weit länger als ich! Unſere Wege gehen leider nach verſchiedenen Polen, aber das ſoll mich nicht abhalten, mit jenem Fürſtenſohne ſo glimpf⸗ lich als möglich zu verfahren, falls er in den Hinterhalt geräth, den ich ihm zu legen mußte.“ Es war alle geworden um die Faſſung der weißen Roſe. „Ein Hinterhalt?!“ ſtammelte ſie entſetzt. „Wie ich ſagte! Ich habe Kunde, daß ſich Deſche bereits ge⸗ zeigt, ja ſogar ſein geheimes Hauptquartier in der Nähe dieſes Schloſſes aufgeſchlagen habe.“ Gülnare mußte ſich eingeſtehen, daß Lascaris nur zu genau unterrichtet worden. Wenn ſie nun an jene Schreckensſzene in ihrer Kindheit zurückdachte, wie der ſeltſame Knabe Deſche weinend an der geheimen Felſenpforte kniete, und der gehorſame Bär, der treue Kallugu ſich zu ſeinen Füßen wand in letzter Todesqual, wie ſie ſelbſt am nächſten traurigen Tage die bergenden Steine zertrümmert fand, wie die Tannen und Weiden im ſtillen Thale gefällt den Boden be⸗ deckten, die Blumen zertreten im Staube welkten, und eine geſpen⸗ ſterhafte Flamme aus der alten Baute im Weiler auflohte: wenn ſie nun dieſen furchtbaren Anblick noch einmal erleben, den unver⸗ geßlichen Geſpielen ihrer Jugend mit ihrem nunmehrigen Lebens⸗ gefährten, dem einzigen Manne, zu dem ſie ſich magiſch hingezogen fühlte, im wilden Handgemenge ringen ſehen ſollte, nein, es bedurfte da ſtärkerer Nerven nicht wie die ihren durch frühere Gräuel wie ——— ““ ee per n en an h wie mnach angem auſes eshalb ch am faiſer⸗ ſieg⸗ t,, daß Zeit⸗ ken in e weit Polen, limpf⸗ h, den ts gk⸗ dieſes genal ihrer end an treue ſelbſt fand, en be⸗ eſpen⸗ wenn unvet⸗ ebens⸗ tzogel durfte el wi 363 durch neue Seelenangſt auf das Schlimme herabgeſtimmt, um ein ſo grauenhaftes Bild ruhig ins Auge zu faſſen, und einen ſo qual⸗ vollen Gedankengang ohne geiſtige und körperliche Erſchöpfung bis zu dem blutigen Schluſſe zu verfolgen. Die Aermſte ſank wie ohnmächtig in ihren Armſtuhl zurück. Lascaris ſprang erſchrocken zu ihr heran. „Gülnare!“ Alſo rief er, ſonſt⸗keine Sterbensſylbe, aber es lag in der Be⸗ tonung, mit der er dieſen Namen herausſtieß, eine Wehmuth und Zärtlichkeit, die wie Balſam in die wunde Seele der Kneſin traufte. Gülnare erhob das Haupt wie neu geſtärkt aus den weichen Kiſſen. „Beruhigen Sie ſich,“ ſprach ſie gefaßt,„es war nur ein Schwindel, der bereits vorüberging.“ Lascaris eilte mit ſtürmiſchem Schritte durch das Gemach, ge⸗ waltiger Seelenkampf ſpiegelte ſich in ſeinem Antlitze, aus dem Blicke leuchtete es wie ein lang verhaltenes liebendes Bekenntniß, aber die Lippen, dieſe trotzigen Lippen blieben feſt zuſammen ge⸗ kniffen und wollten ſich nicht öffnen zu den vertrauensvollen Worten, die ganz ſicher auf ſeiner Zunge ſchweben mochten. „Es iſt noch nicht an der Zeit!“ murmelte er leiſe vor ſich hin. Hierauf kehrte er zu dem Armſtuhl zurück, beugte ſein ſtolzes Haupt und drückte einen glühenden Kuß auf die Hand ſeines rei⸗ zenden Weibes. „Gute Nacht, Gülnare,“ flüſterte er,„und goldene Träume aus dem Paradieſe!“ Dann verließ er in dem frühern Sturmſchritt das Gemach. „Er liebt mich doch!“ Alſo bebte es von Gülnaren's Lippen, aber leiſe, ſo leiſe, daß es kaum das eigene Ohr vernommen haben dürfte; durch das Herz zog es aber freudig und beſeligend wie der erſte Gruß des Lenzes, der die ſchöne Erde aus ihrem langen Winterſchlafe erwachen macht, die Quellen rauſchen läßt, und den Bäumen und Sträuchen zuruft, ſich raſch in das grüne Gewand der Hoffnung zu hüllen. Geraume Zeit brütete ſie vor ſich hin, leidvoll und freudvoll, träumend und doch wach, noch immer fußend im irdiſchen Daſein, aber mit der Seele halb drüben in dem lichten hochherrlichen Himmel. Es ſtand ihr noch eine ſeltſame Ueberraſchung bevor. Als die Kneſin nämlich ſpäter ihr Schlafgemach betrat, fand ſie zu ihrem Erſtaunen ein Buch aus dem kleinen offenen Bücher⸗ 364 ſchranke am Divan gezogen und mit auffallender Sorgfalt auf dem daneben ſtehenden Leſepulte aufgeſchlagen liegen.⸗Es war der erſte Band einer alten Weltgeſchichte in ſlaviſcher Sprache, ein welkes Stück Weinlaub vertrat das Leſezeichen, auch waren einige Zeilen mit Rothſtift angeſtrichen.. Dieſe Zeilen lauteten: „Semiramis, die angebliche Tochter der Luft wurde der Sage nach in einem verzauberten Felſenthale auferzogen, da der Spruch eines bei ihrer Geburt befragten Orakels jedem Verderben weis⸗ ſagte, der ſie lieben oder in Freiheit ſetzen ſollte.“ Gülnare ſtand ſelbſt wie angezaubert. Die geheimnißvolle Mittheilung konnte und wollte zweifels⸗ ohne nichts Weiteres beſagen, als daß jenes neu verſchloſſene Thal hinter den Felſen des Wildbaches ihr künftighin als Aſyl und Zu⸗ fluchtsſtätte dienen ſollte. Doch vor welchem Feinde? Neues qual⸗ volles Räthſel! Das Morgenroth lag bereits auf den Bergen, als die fiebernde weiße Roſe endlich in einen erquickenden Schlummer verfiel. Ein Rückblick in die jüngſte Vergangenheit wird dringend nothwendig. Wir müſſen unſern neugierigen Leſerinnen doch endlich Kunde über die weitern Schickſale der Tochter des Defterdar liefern. Es war während der Bluttage an der Bosna, etwa eine Stunde vor der Abenddämmerung, als der Montenegriner Vuk, damals noch am Leben, im vollen Beſitze ſeiner rieſigen Kraft, an der Spitze eines Haufens berittener Haiduken auf der kleinen Anhöhe, auf der ſich die nördliche und weſtliche Heerſtraße einige Meilen von dem Schloſſe Riswan's ſchneiden, mit einem einzelnen Reiter zuſammenſtieß, der die berittene Truppe anfangs meiden zu wollen ſchien, bald aber, als er ihren Führer erkannte, gar freudig herbeigeflogen kam. Es war Dane, der Enkel des Flüſterers. „Woher kommſt du? Von Serajevo?“ „So iſt es, Kapitan!“ „Weshalb haſt du die Kneſin Gülnare verlaſſen?“ „Die Kneſin ſelbſt ſandte mich nach der bosniſchen Hauptſtadt. Ich mußte einen armen Judenknaben dahin geleiten, den die Herrin einem betrunkenen Haufen unſerer Landsleute entriſſen, welche den Kleinen mißhandeln wollten, nachdem ſie früher den Zigeuner Mirxa den Aeltern aufgehängt hatten.“ 365 „Schändliche Schufte! Wackre Herrin! Das Kind iſt alſo gerettet?“ „Ja wohl, aber ich fürchte, jemand Anderer, an dem freilich kein gutes Haar iſt, wird die Zeche des jüdiſchen Knaben bezahlen müſſen.“ „Wer ſollte das ſein?“ Dane ſchwieg. Die Beichte mochte ihm ſchwer über die Lippen gehen. „Sprich,“ herrſchte Vuk,„ich befehle es!“ „Die Befehle des Kapitan ſind mir freilich heilig, es gibt jedoch Rückſichten——“ „Keine Umſchweife! Heraus mit der Farbe!“ „Der Judenknabe lief ſchon früher Lebensgefahr. Der aufge⸗ knüpfte Zigeuner hatte ihn an die Tochter des Defterdar verkauft.“ „Und dieſe?“ „Leila brachte das Kind nach der Klauſe meines Großvaters. So viel ich aus den verworrenen Reden des Juden entnahm, ſollte der Aermſte behufs eines Zaubertrankes geſchlachtet werden. Meine fromme Schweſter Meliſſa legte ſich jedoch ins Mittel und ſo ließ Abbas den Kleinen in Frieden ziehen. Ich fürchte aber, daß er be⸗ reits ein anderes Opfer zur Bereitung ſeines ſpukhaften Getränkes im Auge hatte.“ „Dies Opfer wäre?“ „Vielleicht Leila ſelbſt! Ich kenne meinen Großvater. Er zählt ſie zu ſeinen Todfeinden, den Muhamedanern. Auch glaubt der Ju⸗ denknabe vernommen zu haben— wann und wo, wußte er ſich ſelbſt nicht zu ſagen, vermuthlich in einer halben Ohnmacht— daß der weibliche Satan, an dem, wie ich früher erwähnte, in der That kein gutes Haar iſt, auf den heutigen Tag nach der Behauſung des Ein⸗ ſchläferers beſtellt worden.“ „Dann heißt es unſere Pferde halb zu Tode jagen!“ Nach dieſen Worten ſetzte Vuk ſeinen Gaul in Gallopp, und das kleine Geſchwader ſchlug im ſtürmiſchen Fluge den Weg nach der Wohnſtätte des alten Morlaken ein. Etwa eine Viertelſtunde Weges vor der Klauſe ließ der Montenegriner ſeine Reiter halten und ſuchte perſönlich in möglichſter Eile den rückwärtigen Pfad zu gewinnen, während Dane in einem etwas langſamern Tempo von vorn angeſprengt kam. Dieſe Vorſicht erwies ſich als kluge Maß⸗ regel. Abbas hatte ſein Haus nämlich wohl verſchloſſen und ver⸗ 366 riegelt. Dane warf jedoch mit einem Kieſelſtein nach dem Fenſter Meliſſa's, und dieſe beeilte ſich, von Zigan begleitet, dem geliebten Bruder wie dem gefürchteten Kapitan die Pforte zu öffnen. Vuk wies die ſtürmiſchen Liebkoſungen des Hundes barſch zurück und ſputete ſich mit den Geſchwiſtern, die ſich auf ſein Geheiß mit Fa⸗ keln verſehen mußten, nach der ſogenannten Zauberhöhle. Das ſchauerliche Beinhaus ſtand leer. Wo mochte Abbas verweilen? Vuk und die Geſchwiſter kannten keinen der vielen Pfade, welche durch die aufgehäuften Gerippe nach den übrigen verborgenen Gemächern führten, auch zeigten die Letztern von Geſpenſterfurcht ergriffen wenig Luſt zu einer nähern Rekognoszirung in dem un⸗ heimlichen Labyrinthe. Der rieſige Montenegriner wußte ſich nicht zu nehmen, zumal er nicht laut nach Abbas rufen mochte, aus ge— rechter Beſorgniß nämlich, der Flüſterer könne, durch den Ruf ge⸗ warnt, ſein ſündhaftes Werk nach ſeinem geheimſten, vielleicht unentdeckbaren Verſtecke verlegen. In dieſem Momente kam Zigan, der in den vielen Gängen herumgeſchnobert hatte, luſtig und wedelnd herangelaufen und apportirte ſeinem Herrn ein weißes feines Sack⸗ tuch, das er eben gefunden haben mochte. Das Tuch trug ein bos⸗ niſches Wappen und den Buchſtaben L als Merkzeichen. Leila, welche bei ihrer Verkleidung, adeligen chriſtlichen Gebräuchen zugethan, rein vergaß, daß arme Bosniakinen das Säubern der Naſe einfach mit Hilfe der nackten Hand zu bewerkſtelligen pflegen, hatte es, ehe ſie ihre Behauſung verließ, zu ſich geſteckt und durch einen glück⸗ lichen Zufall auf dem Gange nach dem Laboratorium verloren. Vuk wußte, was er wiſſen wollte. Er hielt ſeinem klugen kleinen Hunde das Tuch nochmals an die feine Naſe, und ermahnte ihn dann durch einen leiſen Jagdpfiff, die Fährte ſeiner Eigenthümerin aufzuſuchen. Zigan that ſeine Schuldigkeit. Bald ſtanden Vuk und die Geſchwiſter an der niedern Thüre, die nach dem Laboratorium leitete. Sie war von innen ver⸗ riegelt. Man pochte. Keine Antwort! Der Montenegriner, der ſich nunmehr auf der rechten Fährte wußte, rief mit donnernden Worten nach dem Flüſterer. Tiefe Stille wie früher! Er verſuchte die Pforte einzurennen. Ihre eiſernen Bande hielten zu feſt, ohne Werkzeuge vermochte ſie ſelbſt der herkuliſche Vuk nicht aufzuſprengen. „Dane,“ ſprach er daher, zu einem neuen Schreckmittel grei⸗ fend, mit lauter, aber langſamer Stimme, auf daß Abbas ganz 367 gewiß Wort für Wort vernehme,„rufe meine Reiter herbei! Sie ſollen abſitzen, wir wollen die Veſtung mit Sturm nehmen.“ Dieſer Befehl wirkte. „Verflucht ſeiſt du, Dane,“ ließ ſich jetzt plötzlich der Einſchlä⸗ ferer im Laboratorium vernehmen,„wenn du einen Fuß rühreſt!“ „Der Kapitan,“ entgegnete ſein Enkel,„iſt unſer Aller Herr!“ Er betonte das drittletzte Wort mit beſonderem Nachdruck, und eilte dann ſchnellen Schrittes aus dem Beinhauſe. „Laß meine Leute,“ rief Vuk dem Morlaken nach,„vor der Klauſe auf weitere Befehle harren, du aber, Meliſſa, wende dich nochmals im Wege der Bitte an das ſteinerne Herz deines Groß⸗ vaters! Es iſt der letzte gütliche Verſuch.“ Meliſſa's Flehen blieb jedoch vergeblich. Der Montenegriner ergriff nunmehr die Kleine, zog ſie an ſich, leiſe flüſternd, ſie ſolle ſich ja nicht vor ihm ängſtigen, welche Worte ſie nun auch immer aus ſei⸗ nem Munde vernehmen möge, und frug dann wie im Kommandoton: „Hörſt du mich, Abbas?“ „Ich höre,“ tönte es von innen. „Du kennſt mich, ich bin ein Worthalter, darum zwinge mich nicht zu einer entſetzlichen That! Wiſſe alſo, daß ich den Schädel deiner reizenden Enkelin Meliſſa an dieſem Thürpfoſten zerſchmettere, wenn du nicht augenblicklich nachgiebig öffneſt! Ueber ihre Leiche brauſt dann das Verderben unabwendbar an deinen eignen Hals heran. Darum öffne!“ Dieſe Drohung bändigte den Trotz des ſtarrköpfigen Alten. Meliſſa war das einzige Weſen auf der Welt, für welches der Flü⸗ ſterer wahrhaft zärtliche, väterliche Gefühle hegte. Er öffnete daher mit düſterer Miene das Laboratorium. Entſetzlicher Anblick! Vuk und Meliſſa traten bald nach dem Momente ein, als die gekreuzigte Tochter des Defterdar in bewußtloſe Ohnmacht geſunken war. Der rieſige Montenegriner ſtürzte, die Marterſzene mit wildfunkelnden Augen überfliegend, auf den Flüſterer los, faßte ihn am Genicke, ſchüttelte ihn wie ein kleines Kind und ballte dann die mächtige Fauſt zu einem tödtlichen Schlage. „Stirb Giftmiſcher!“ donnerte der Rächer. „Erbarme dich Kapitan,“ jammerte Meliſſa ihm zu Füßen ſtürzend und ſeine Knie umklammernd,„er bleibt ja trotz ſeiner Grauſamkeit mein Oheim, auch rollt treues ſlaviſches Blut durch ſeine Adern.“ 368 Vuk ließ den Alten los. Dieſer verzog keine Miene. „So lebe denn,“ murrte der Montenegriner,„aber zwiſchen uns beiden gibt es fürder keine Gemeinſchaft! Man ſoll für die Freiheit und das Menſchenrecht ſeines Volkes glühen und wagen, aber zum Meuchler und Giftmiſcher erniedert ſich kein edler Kämpe der guten Sache. Das Banner des Kreuzes iſt bereits durch einige Elende unſeres Stammes mit Schmach beſudelt worden, du haſt es vollends in den Koth getreten und keine Thränen der Reue waſchen ſein entehrtes Fahnentuch rein von den blutigen Flecken, die es brandmarken für jetzt und alle Ewigkeit!“ Abbas entgegnete mit trotziger Stimme: „Klage dich nur ſelbſt an, wenn dies Banner in den Staub ſinkt! Du haſt das mühſame Werk meiner Mühſal geſtört, und bald rückt jener Mann herbei, den weder Stahl noch Blei zu tödten ver⸗ mag, der aber ſicher durch Aqua Toffana erlegen wäre.“ „Wahnwitziger Schwärmer,“ donnerte Vuk,„du biſt es, der das Grabgeläute des Kreuzes begonnen! Ich kann mein Volk, da ich es ſelbſt in die Waffen gerufen, nicht verlaſſen in der Stunde der Gefahr, die mein eigener Schlachtruf heraufbeſchworen; wenn aber mein Streitkolben nicht ſchwerer wiegt als ein im Herbſte vom Aſte zitterndes Lindenblatt, wenn meine ſicherſte Kugel nach rückwärts fliegt, dann trägſt nur du die Schuld, denn der heutige Anblick hat den waghaften Muth in meinem tiefſten Herzen vergiftet, und ich möchte weinen wie ein Kind über den Sündenfall meines Stammes! Darum fluche ich dir, Sohn der Hölle, im Auftrage meines ganzen Volkes, darum erkläre ich dich in Acht und Bann im Namen meines——— Er konnte den Achtſpruch nicht vollenden, denn der bisher ſo hartnäckige Alte brach bei den letztern Worten wie ein Rohr zuſam⸗ men, ſank in die Knie, hob die Hände bittend gegen Himmel und flehte demüthig wie noch nie in ſeinem Leben: „Kapitan, Erbarmen!“ Vuk blickte den greiſen Sünder erſchüttert an. „Treu wie ein Hund,“ murmelte er zu Leila eilend,„aber lei⸗ der grauſam wie ein Tiger!“ Viele Wochen waren ſeit jenem ſchauervollen Abend verfloſſen, und wir führen den Leſer nach einer freundlichern Wohnſtätte als das verrufene Beinhaus. Es iſt ein ſtilles Gemach, gar ſauber, nett und wohnlich; an dem Fenſter, das nach einer Wieſe mit Bienen⸗ — 369 körben geht, prangen trotz der ſpäten Jahreszeit einige Blumen⸗ töpfe, die Dielen ſind blank geſcheuert, die Wände friſch getüncht, kein Stäubchen lagert auf den Schränken und Stühlen, kurz der Leſer ahnt, daß er ſich in Meliſſa's Schlafſtube befindet. Leider athmete man in dem reinlichen Gemache eine dumpfe Luft, auch war das Fenſter halb verhangen. Lag doch in den weichen Kiſſen ein leidendes Weib mit eingefallenen Wangen, wirr herabhängenden Haaren und ſtieren faſt verglaſten Augen, mit Wunden an beiden Händen und Füßen, die aber zu vernarben begannen. Die Tochter des Defterdar? Es war in der That die zierliche Leila, aber in dem Zeitraume von wenigen Wochen um mehr als zwanzig Jahre gealtert. Meliſſa, ihre Pflegerin, ſtand an der Bettſtelle, einen Kühltrank bereitend, ihn der Kranken ihres brennenden ſteten Durſtes wegen bietend. Leila, die eben aus einem unruhigen Schlummer erwachte, richtete ſich mühſam auf. „Wenn nur die Träume,“ ſprach ſie,„nicht ſo furchtbar wären! Mir war, ich zöge durch eine endloſe häßliche Wüſte, mittendurch zwiſchen glühenden Sandhügeln. Die Sonne brannte ſo heiß, daß ſelbſt die Thränen einer Waiſe hätten vertrocknen müſſen, kaum daß ſie über die Wimpern getreten. Mir ward ſehr ſchlimm, ich glaubte zu verdurſten, und hätte meine Seligkeit für einen Waſſertropfen verſchrieben. Ein Donnerſchlag! Die Wüſte war verſchwunden. Ich lag in einem Kahne, der da ſchiffte durch ein uferloſes Meer. Ein Becher von Kryſtall funkelte zu meinen Füßen. Als ich ihn aber ergriff und aus der klaren Fluth ſchöpfen wollte, da wurden die Gewäſſer roth und rochen nach friſch vergoſſenem Blute, und vom Himmel rief eine feierliche Stimme, man hätte kürzlich auf Erden ein armes unſchuldiges Kind aus jüdiſchem Stamme zu Tode ge⸗ martert, deshalb ſei ſo roth geworden das Meer der Ewigkeit. Benoni hieß, glaube ich, der Schmerzensknabe.“ Die Tochter des Defterdar barg das Antlitz ſchauderd in die Kiſſen. „Benoni lebt,“ tröſtete Meliſſa,„er ward gerettet.“ „Und wieder,“ fuhr Leila fort, ohne auf die Troſtworte zu achten,„überkam mich ein ſeltſamer Traum. Ich ſtand in einer rie⸗ ſigen blumigen Ebene. Die Hütten darauf waren leer, die Altäre blieben verlaſſen und die Töchter der Menſchen ſprachen unter ein⸗ ander, wie nach wenigen Tagen der letzte Bauſtein von ſilberweißen Der Montenegriner. 370 Elefanten auf dem Giebel des Thurmes von Babel hinaufgezogen werden würde; dann komme die Zeit, die Hallen der Freude einzu⸗ weihen und die Spiele der ſiegenden Liebe zu beginnen, die Zeit, die Haare zu entfeſſeln, auf daß in Wohlgerüche getaucht ihr Lok⸗ kenfall die üppigen Glieder bis an die Knie herab umſchleiere, auf daß ungehemmt die Luſt fiebere bis an die Spitze eines jeden dieſer Haare! So ſprachen die Töchter der großen Ebene. Die Söhne der Menſchen am Gewäſſer aber gingen an das Geſtade zu den Seejungfrauen brünſtig koſen. Vergebens warnte ſie Gott. Ich ſelbſt war eine Seejungfrau und verlachte die Worte der Propheten. Darum hat mich auch der Blitz des Ewigen rächend getroffen!“ „Entſetzliche Gebilde!“ jammerte die Wärterin. Die Kranke ſank noch tiefer in die Kiſſen zurück. In dieſem Augenblicke öffnete ſich leiſe die Thür und Abbas trat mit einem ehrwürdigen alten Franziskanermönch in die Stube. Die Tochter des Defterdar ſchien ſie nicht zu gewahren. Der fromme Mann konnte zwar nicht den Teufel austreiben wie der Padre Antonio zu Oraſchi, er hatte aber in ſeiner Jugend, lange bevor ihn der Sturm des Lebens nach dem abgelegenen Franziskanerkloſter in Bosnien verſchlagen, die Heilkunde betrieben und verſtand ſich vorzugsweiſe auf Leiden und Verirrungen des Geiſtes. Abbas, der, zu ſeiner Ehre ſei es geſagt, nunmehr Alles, wiewohl vergeblich aufbot, um das körperliche, wie geiſtige Uebel ſeines Opfers zu heben, wußte den heilkundigen Mönch mit unſäglicher Mühe, ja mit eige— ner Lebensgefahr mitten durch das empörte Land zu geleiten. „Nein, ich bin keine Seejungfrau,“ begann Leila aufs Neue und zwar in ruſſiſcher Sprache,„ja viele behaupten, ich ſei als ſonderbares Spiel der Natur ein Mann, ein ſchwarzer Mann, ein Mohr, Othello geheißen, während Desdemona im Dolmany herum⸗ reitet. Einmal ſchoßen ſie nach ihr aus dem Garten. Da wußte ich Alles, ſelbſt daß Caſſio eine Südſlavin ſei. O daß ich neun Jahre an Caſſio morden könnte! Ach die Welt hat kein ſüßeres Geſchöpf! Er hätte an einer Sultanin Seite liegen und ihr Sklavendienſte auferlegen können. Das entſchuldigt Desdemona. Entſchuldigt? Nein! Wenn die Erde von Weiberthränen ſchwanger werden könnte, ſo würde jeder Tropfen, den ſie weint, zum Krokodill! Und ich hielt ſie für treu?! Ja, wie die Sommerfliegen auf der Schlacht⸗ bank, die im Entſtehen ſchon buhlen! Thut aus das Licht! Die Sache will es ſo. Pflücke ich deine Roſe? Ja wohl, ich will vom 371 Stamm ſie koſen. O ſüßer Duft, der die Gerechtigkeit faſt zwingt ihr Schwert zu brechen! Sei, wenn du todt biſt, ſo, dann tödte ich dich und liebe dich nachher!“ Die Kranke richtete ſich wie neu geſtärkt empor. Man ſieht, Leila hatte, ſeit ihre heiße Leidenſchaft zu Las⸗ caris erwachte, das berühmte Trauerſpiel vom Mohren zu Venedig ſo zu ſagen verſchlungen, auswendig gelernt. Für einen gewiſſen ungläubigen Theil der Leſewelt fügen wir hier bei, daß die Meiſterwerke auswärtiger Dichter ſich meiſt in ruſſiſcher Ueber⸗ ſetzung in den Händen der gebildeten Südſlaven befinden. So be⸗ ſaß der Wladika, der zur Zeit unſeres Romanes in Montenegro herrſchte, in ſeiner Bibliothek eine ruſſiſche Uebertragung der Werke von Lord Byron. „Was mag ſie nur meinen?“ flüſterte Meliſſa, welche die ruſ⸗ ſiſchen Worte nur theilweiſe verſtand. „Keinen Aufſchub,“ rief die Tochter des Defterdar,„es iſt zu ſpät! Der Mohr hat ſeine Frau getödtet. Wenn ihr hierüber den Bericht erſtattet, ſprecht von mir, wie ich bin, verkleinert nichts, noch ſetzt mit Bosheit zu. Dann ſchildert mich als einen, der nicht klug, doch zu ſehr liebte, nicht leicht in Zorn gerieth, doch aufge⸗ regt unendlich raſte; der gleich jenem Juden die Perle hinwegwarf, die koſtbarer war als ſeine ganze Sippſchaft; deſſen Augen des Schmerzes ungewohnt, jetzt überfloſſen von milden Thränen wie Arabiens Bäume vom balſamreichen Harze. Das ſchreibt nieder und ſetzt hinzu, daß in Aleppo einſt, allwo ein Türke einen Vene⸗ tianer boshaft ſchlug und unſern Staat beſchimpfte, ich den be⸗ ſchnittenen Hund am Hals ergriff und ſo— zu Boden ſtieß!“ Leila hatte bei dieſen Worten das Meſſer ergriffen, das Me⸗ liſſa zum Oeffnen der Citrone für den Kühltrank gebrauchte, und führte einen gewaltigen Stoß nach ihrer Bruſt, der Flüſterer fiel ihr aber zum Glücke, ſie entwaffnend, in den Arm. Die Kranke knickte ohnmächtig zuſammen. Der Mönch trat ſchweigend an ihr Lager und prüfte lange und achtſam den Puls, ließ ſich auch von Meliſſa einen umſtändlichen Bericht über alle Erſcheinungen abge⸗ ben, die ſich ſeit der Kreuzabnahme an der Leidenden gezeigt hatten. Die früheren Erlebniſſe und Qualen der Geiſtesabweſenden wa⸗ ren ihm von Abbas unter dem Siegel der Beichte mitgetheilt worden. „Was halten Sie,“ frug Letzterer,„von dem Zuſtande der Kranken?“ 24* 372 „Ich fürchte, es iſt leider nicht das Leid, das den Körper be⸗ troffen, was die Sinne der Aermſten verwirrte. Geiſtige Erſchüt⸗ terung, als Zorn, Schreck, Entſetzen, empörtes Schamgefühl, vor Allem aber eine unglückſelige Liebe und ihre unheimliche Schweſter, die Eiferſucht, ſcheinen in Gemeinſchaft gearbeitet zu haben. Es iſt wirklicher Wahnſinn, was hier vorwaltet und er dürfte unheil⸗ bar ſein.“ „Liebe und Eiferſucht? Ich bin ganz Ihrer Meinung.“ „Ein jähes Zuſammentreffen mit dem Gegenſtand der Lei⸗ denſchaft wie der Abneigung wäre noch das Einzige, was eine wohlthätige Kriſe herbeiführen könnte.“ „Wie aber die beiden Namen herausbringen?“ „Einen Namen,“ fiel Meliſſa ſchüchtern ein,„glaube ich zu wiſſen, wenigſtens nannte ihn die Kranke gleich nach der Kreuz⸗ abnahme mehr denn einmal.“ „Sprich meine Tochter!“ rief der Pater.“ „Der Name lautet: Lascaris.“ „Wie ich gedacht habe,“ ſprach Abbas aufgeregt,„dann heißt die Nebenbuhlerin Kneſin Gülnare. Ich will durch meinen Enkel Dane das Möglichſte aufbieten laſſen, um das geliebte, wie ge⸗ haßte Paar zu einem Krankenbeſuche zu bewegen.“ Ein paar Tage mochten nach jener ärztlichen Berathung ver⸗ floſſen ſein, als die Roſe von Serajevo langſamen Schrittes und ſchwermüthigen Sinnes durch die öden Gänge des Schloßgartens dahinwanderte. Der Winter hatte bereits ringsum ſein Haupt⸗ quartier aufgeſchlagen und ſein weißes Leilach aus Schnee über die einſt ſo lachenden Fluren geworfen. Längſt welk waren die Blumen dahinter. Auch durch die Seele Gülnaren's ſchauerte es trübe und froſtig. Zu dem großen Leide, geweckt und genährt durch die Sorge um Heimath und Liebe war ein kleiner Schmerz gekommen, für deſſen Weſenheit der Deutſche keinen Namen beſitzt, den aber der Franzoſe in der Mehrzahl durch den Sammelausdruck„petites misères“ ſo bündig und treffend zu bezeichnen weiß. Die Kneſin beſaß nämlich eine weiße Lieblingstaube, die überaus zahm und heimlich ſich ſelten zu ihrer geflügelten Sippſchaft hielt, ſondern meiſt einſam umherflatterte, ihrer ſchönen Herrin ungemein zuge⸗ than war und ſie auch oft auf kurzen Wandergängen durch den Schloßgarten zu begleiten pflegte. Gülnare nannte ſie deßhalb, wie in Erinnerung an Deſche's treuen Bären, einfach Calluga, zu le 373 deutſch: die Einſiedlerin. Dieſe Lieblingstaube war nun ſeit einigen Tagen abhanden gekommen, wie ſpurlos verſchwunden. Man ver⸗ muthete, ein Geier müſſe Calluga in die Lüfte entführt haben, oder die Aermſte, außerhalb des ſichern Taubenkogls in irgend einem andern Verſtecke weilend, von einem blutdürſtigen Marder beſchli⸗ chen worden ſein. Ein zwar kleiner, aber denn doch neuer Grund zur Verſtimmung und Trauer. Arme Gülnare! Die Schritte der Kneſin lenkten ſich unwillkührlich nach dem Pfade, der zu dem neuverſchloſſenen Paradieſe führte. Der Leſer irrt übrigens, wenn er dieſen Pfad für den Lieblingsweg Gülna⸗ ren's hält. Wenigſtens in der Gegenwart war dem weit anders. Sie hatte nämlich ſeit ihrer neuen Entdeckung den äußerſten Theil des Schloßgartens abſichtlich vermteden. Es ſchien faſt, daß ſie ein Zuſammentreffen mit Deſche fliehe und fürchte, da es doch offenbar in letzter Inſtanz über ihr künftiges Schickſal entſcheiden dürfte. Heute aber zog es ſie faſt magnetiſch nach der Schauſtätte ihres Jugendglückes, und eben wollte ſie aus dem Parke treten, als ſie eine bekannte Stimme zu vernehmen glaubte. Die weiße Roſe blieb erſchrocken ſtehen. Haſtige ſchwere Männertritte wurden hörbar. Sollte es wirklich Deſche ſein? Nein, es war Lascaris, der ihr ſichtbar befangen entgegen eilte. „Gut, daß ich Sie treffe,“ rief er ſchon von Weitem,„ich komme von einem ſeltſamen Stelldichein, und Gülnare dürfte trotz ihres gerühmten Scharfſinnes kaum errathen, wer mich dazu ge⸗ laden.“ „Um deſto größer iſt meine Neugierde.“ „Denken Sie, der treueſte Anhänger des todten Montenegri⸗ ners, der ſtämmige Dane ließ mich um eine Zuſammenkunft, und zwar an dem einſamen Bergbache hinter unſerm Schloßgarten dringend erſuchen. Es handle ſich, hieß es, um wichtige Dinge. „Und Sie gingen?“ „Weßhalb nicht? War hier etwas zu fürchten, ſo traf es den Morlaken, um ſeine Haut zu bangen. „Was konnte Dane von Lascaris wollen?“ „Dane ſcheint ein ehrlicher Mann zu ſein und brachte mir in der That eine wichtige, wenn gleich ſehr traurige Bothſchaft. Sam⸗ meln Sie ſich mannhaft, Sie werden eine erſchütternde Kunde ver⸗ nehmen. Denken Sie, Leila iſt an jenem Abend ihres räthſelhaften 374 Ausfluges in die Hände Abbas des Flüſterers gefallen. Der Un⸗ menſch wollte die Aermſte zu Tode martern. Vuk, der damals noch lebte, kam mit Meliſſa's Hilfe noch zur rechten Zeit, um das blu⸗ tende Opfer der Folterqual zu entreißen. Die Wunden der Tochter des Defterdar vernarben, aber ihr Geiſt ſcheint unheilbar erkrankt. Ein heilkundiger Franziskaner ſetzt die letzte Hoffnung auf den un⸗ vermutheten Anblick eines befreundeten Antlitzes. Dane läßt Sie daher bitten, wo möglich noch heute in meiner Geſellſchaft nach der verrufenen Klauſe des Einſchläferers aufbrechen zu wollen. Weß⸗ halb man auch meine Gegenwart für unerläßlich nothwendig erach⸗ tet, weiß ich freilich nicht zu ſagen.“ Gülnare glich einer Statue. Dieſer neue grauſame Act, den ein alter, alſo doch milder denken ſollender Mann chriſtlichen Glau⸗ bens an ihrer Buſenfreundin zu verüben vermochte, erſchütterte ſie bis in das Innerſte ihrer Seele. Regungslos, faſt geſpenſtiſch, blickte ſie vor ſich hin, kein Tropfen Blut ſchien durch ihre Adern zu fließen. Wie geſagt, ſie glich einer Statue. Lascaris reichte ihr theilnehmend den Arm. „Es iſt zwar meine heilige Pflicht,“ begann ſie nach einer Pauſe mit mühſamer Faſſung,„an das Krankenlager Leila's zu eilen, weßhalb aber ſoll dieſer Beſuch in dunkler Abendſtunde und nicht am lichten Morgen Statt finden? Es dämmert bereits ſtark.“ „Der Pater meint, der unvermuthete Anblick dürfte am heil⸗ ſamſten in derſelben nächtigen Zeit erfolgen, in der die Folterqua⸗ len Leila's begannen. Ich glaube daher, daß wir uns ſeinem Wunſche fügen ſollten.“ „Ich will nicht länger zögern.“ Beide ſchritten raſch nach dem Schloſſe. „Dieſe Bothſchaft Dane's,“ ſprach Lascaris unterwegs, ſtößt zudem alle meine Vermuthungen bezüglich der Entführung Ihrer weißen Lieblingstaube vollends über den Haufen. Ich wußte nämlich einiges von dem Schickſal der kleinen Calluga.“ „Sprechen Sie um des Himmels willen!“ Sie wiſſen, daß die beichtende Leibdienerin Ihrer Buſen⸗ freundin ſich einige Tage in unſerm Schloſſe aufhielt, bevor wir ſie mit Hilfe eines Geleitſcheines, welchen Sie ausſtellten, durch die Schaaren der Rajas ſicher nach Travnik ſenden konnten, um da⸗ ſelbſt neue Nachforſchungen über das Schickſal der verſchollenen Herrin anzuſtellen, oder doch wenigſtens Leila's Vater von dem 2 375 Verſchwinden ſeiner Tochter in Kenntniß zu ſetzen. Es war die höchſte Zeit, denn bei dem bald darauf gezogenen und gegenwärtig noch beſtehenden ſtrengen Kordon dürfte es faſt unmöglich ſein, einen Bothen von hier nach Travnik oder umgekehrt zu ſchmuggeln; es wäre denn, ich ſäße ſelbſt auf, um mir Dank der ungewöhnlichen Stärke, die mir Mutter Natur verliehen, Bahn durch Vedetten und Patrouillen zu brechen.“ „Was aber hat Leila's Dienerin mit meiner Lieblingstaube zu ſchaffen?!“ „Eine Zofe kann ohne Liebſchaft nicht beſtehen. Auch Leila's Dienerin begann daher während ihres hieſigen Aufenthaltes mit Mirxra, obgleich der Burſche kaum ſechzehn Jahre alt iſt, zu lieb⸗ äugeln, hoffend, ihn mit dem Duft ihrer etwas welken Blume zu ködern. Der Schlingel, weniger wähleriſch als ein wirklicher Schmetterling, ſcheint auch von dieſen verblühten Neizen gekoſtet zu haben. Wenigſtens ging die Vertraulichkeit ſo weit, daß ihn ſeine Auserkorne in einer zärtlichen Stunde dringend bat, ihr die Taube Einſiedlerin entwenden zu helfen. Mirxa iſt zwar ein Spitzbube und in neueſter Zeit ſehr gekränkt, daß er nicht um alle meine Geheim⸗ niſſe weiß; der ſchlaue Zigeuner liebt mich jedoch zu ſehr, iſt auch Ihnen viel zu ſehr zugethan, als daß er die kleine Calluga ohne weiters zu entführen gewagt hätte. Er kam daher am andern Mor⸗ gen mit verlegener Stimme zu mir, beichtete und bat dann um Weiſung, wie er ſich in der bewußten Angelegenheit nehmen ſolle. Natürlich, daß ich ihm den Diebſtahl ſogar anbefahl.“ „Sie befahlen den Diebſtahl? Soll ich meinen Ohren trauen?“ „Ich konnte ja nichts anderes glauben, als daß der Diebſtahl im Auftrage Leila's beantragt wurde, die ſich aus uns unbekannten Gründen verbarg und jetzt nach einem verläßlichen Boten ſehnte, um Sie in der äußerſten Noth und bei der ſtrengſten Sperre von wichtigen Dingen in Kenntniß zu ſetzen. Ich wollte Ihnen die Ueberraſchung nicht verderben und ließ daher Calluga ruhig ent⸗ wenden. Nun aber ging alle meine Weisheit zur Neige. Die Die⸗ nerin wußte nach Dane's Mittheilung offenbar keine Sterbenſylbe von Leila's eigentlichem Schickſal, ſonſt wäre ſie behaglich bei uns verblieben, ſtatt die gefährliche Fahrt nach Travnik zu unterneh⸗ men. Was ſollte ihr aber dann die entwendete Taube? Es iſt dies ein dunkles Räthſel, über deſſen Löſung ich mir ſeit einer halben 376 Stunde vergeblich den Kopf zerbreche. Ich habe mich geirrt, aber verzeihen Sie dem reuigen Sünder, da er nur aus zärtlicher Ab⸗ ſicht fehlte!“ Gülnare drückte ihm ſtatt aller Antwort innig die Hand. Unter dieſem Geſpräche gelangte man in das Schloß. Drei flüchtige Pferde wurden haſtig geſattelt— Lascaris rief diesmal nach ſeinem Rappen— und in der nächſten Minute ging es, von Mirra begleitet, nach der Klauſe des Flüſterers. Abbas ließ ſich natürlich nicht blicken. Dagegen empfing Dane die ſpäten Gäſte vor dem verrufenen Hauſe, half der Kneſin aus dem Sattel und neigte ſich auch vor ihrem Gatten mit mehr Demuth, als er ſonſt Las⸗ caris gegenüber gewöhnlich zur Schau getragen. Mirra blieb bei den Pferden. Meliſſa eilte, die Kranke der Aufſicht des Paters überlaſſend, Gülnaren bis an die Hausflur entgegen. Alle begaben ſich mit bangem Herzen nach der Krankenſtube. „Desdemona,“ hörte man an der Thür horchend Leila leiſe flüſtern,„will nicht kommen, ich kannte ihren Gang an dem Ge⸗ räuſche der Sandelſchuhe. Schwatze ich doch tolles Zeug! Desde⸗ mona iſt todt und Leichen liegen barfüßig im Sarge. Deßhalb lacht auch Caſſio ſtill in's Fäuſtchen, ſo oft er mich weinen ſieht. Hüte dich Buhlerin, Othello iſt ſehr ſtark, und die Seejungfrauen tra⸗ gen ſcharfe Klauen an den Händen!“ Gülnare trat ſchaudernd in das Gemach. „Eilen Sie haſtig vor,“ ſprach der Pater. Die Kneſin folgte der Weiſung. „Guten Abend,“ rief ſie,„arme Schweſter Leila!“ Fieberhafte Röthe überflog die Wangen der Kranken, das Blut in ihren Adern begann vor Ingrimm zu kochen. „Habe ich dich endlich,“ kreiſchte ſie krampfhaft lachend, „ſchöne bunte Schlange! Heran zu mir, näher heran, ſage ich dir, auf daß ich dich mit dem Schnupftuche Desdemona's erwürge! Ich will, wie ich gelobte, neun Jahre an Dir morden! Oder ſoll ich dich mit meinen Thränen vergiften? Vergiften? Ja, Thräͤnen ſind die wahre Aqua Toffana! 85 Die Kranke zitterte bei den letzten Worten an allen Gliedern. Der Pater trat zwiſchen die Kneſin und das Krankenlager. „Allah ſei gelobt,“ lallte Leila abgeſpannt,“ daß ſie weg iſt, die abſcheuliche Metze, die ihn verlockte. Weng man ſie nur in tür⸗ 377 kiſchen Gewanden nach Aleppo zu bringen wüßte. Dort weilt der rachebrütende Mohr.“ Der Franziskaner trat zurück. „Haſſeſt du mich, Leila?“ Alſo frug Gülnare mit Thränen im Auge. „Biſt du ſchon wieder hier? Caſſio, nun wird es Schlafens⸗ zeit. Wo iſt das Schnupftuch? Her damit! Nun, wenn ihr nicht wollt, es gibt ja auch Schießgewehre! An! Feuer! Stirb boshafter Türke, beſchnittener Hund!“ Die Tochter des Defterdar ſchleuderte der Kneſin einen Blu⸗ menſtrauß ins Antlitz, den ihr Meliſſa kurz zuvor aus den wenigen Töpfen an ihrem Fenſter gepflückt hatte. Eine unheimliche Ahnung übermeiſterte Gülnare. Es dämmerte in der Tiefe ihrer Seele. Deßhalb zog ſie ſich auf den Wink des frommen, heilkundigen Mön⸗ ches willig in den Hintergrund des Gemaches zurück. Nun kam die Reihe an Lascaris. Dieſer trat langſam ein, näherte ſich dem Krankenlager und frug mit feſter Stimme: „Kennen Sie mich, Leila?“ Die Kranke fuhr empor, als hätte ſie ein elektriſcher Schlag berührt. Anblick wie Stimme des Abenteurers ſchienen zauberhaft zu wirken. Das verglaſte Auge funkelte im alten Feuer, der ganze Körper zitterte aufs Neue wie im heftigſten Fieber, ein Strom von Thränen flog über die eingefallenen Wangen, die Bruſt flog hoch und das Herz pochte und hämmerte faſt hörbar. „Lascaris,“ rief Leila, mein geliebter Lascaris, ich bin tief gefallen!“ Eine lange, ſtumme, entſetzliche Pauſe! Dann ſchien es an— fangs wie goldener Friede in der Seele der Kranken einzuſprechen, der Körper ſtreckte ſich, die Bruſt hob ſich matt, das Herz drohte faſt ſtill zu ſtehen, aber dann glänzte es wieder unheimlich auf in dem wirren Blicke, das Auge verglaſte ſich aufs Neue, und dum⸗ pfer Irrſinn lagerte, wie früher, auf der bleichen Stirn. Die Toch⸗ ter des Defterdar ſank bewußtlos in die Kiſſen zurück. Tiefe Stille herrſchte in dem Gemache, zeitweiſe von dem Schluchzen Gülna⸗ rens und Meliſſa's unterbrochen. Auch Lascaris fühlte, wie ſich ſeine Augen unwillkührlich feuchteten. „Nun iſt leider alle Hoffnung vorüber,“ begann der Pater mit leiſer Stimme,„die Kriſe iſt nicht vollſtändig eingetreten. Die Zeit der wilden Tobſucht dürfte zu Ende gegangen ſein, aber der Geiſt 378 liegi feſtgeſchnürt in den alten Feſſeln und Banden. Das Loos der Aermſten bleibt zweifelsohne unheilbarer ſtiller Wahnſinn. Laſſen wir die Unglückliche im Frieden ruhen und ſchlummern!“ Die ſpäten Gäſte entfernten ſich ſchweigend wie ſie gekommen aus der Klauſe des Flüſterers. Gülnare, die nunmehr die Haupt⸗ ſache errieth, wenn auch ihre fromme Seele keine Ahnung von dem Sündenfalle Leila's hegte, ritt zeitweiſe laut aufweinend, aber ohne ein Wort zu verlieren ihres Weges. Auch ihr Gatte war tief ergriffen. Als beide ſpäter in den Schloßhof ſprengten, rauſchte und ſchwirrte es ſeltſam über ihren Häuptern. Lascaris, in der Meinung, ſcheues Nachtgeflügel tummle ſich in den Lüften, ſtimmte einen lau⸗ ten Jagdruf an, um es zu verſcheuchen. Auch die Kneſin folgte ſei⸗ nem Beiſpiele. Der Ruf ſchien jedoch das unheimliche Gethier noch mehr herbeizulocken, es rauſchte näher heran, und ſiehe da, welche Ueberraſchung, die weiße Taube Calluga ſchmiegte ſich zutraulich an den Buſen ihrer ſchönen Herrin! Gülnare trug ſie liebkoſend in ihr Gemach, Lascaris folgte. „Die Taube,“ ſprach die Kneſin,„ward wirklich als Bothe abgeſendet. Sehen Sie dies Schreiben!“ Das Schreiben war in türkiſcher Sprache an Lascaris ge⸗ richtet. Dieſer erbrach es, überflog ſeinen Inhalt und rief dann mit unmuthigem Tone: „Auch das noch!“ Beſagter Inhalt lautete: „Iskender ſperrte die grauſamen Völker von Gog und Ma⸗ gog durch eine eiſerne Mauer in die Klüfte des Urgebirges Kaf. Täglich feilen die wilden Gebirgsbewohner mit Hilfe ihrer ſchar⸗ fen Zungen dieſe Mauer dünn wie den Rücken einer Klinge, und kehren am Abend mit dem Troſte heim, am nächſten Morgen den völligen Durchbruch erzwingen zu können. Die eiſerne Mauer iſt aber bezaubert und erlangt über Nacht aufs Neue ihre urſprüng⸗ liche Dicke. Erſt am Vorabend des jüngſtes Tages wird ein Mann unter dieſen Völkern aufſtehen und ſagen, es ſei an der Zeit, noch ein paar Stunden der Nacht mit Feilen zuzubringen und ſo die tauſendjährige Arbeit endlich mit einem Male zu vollenden. Dann kommt das jüngſte Gericht. Auch die Wälle von Riswan's Berg⸗ ſchloſſe ſind dünn wie der Rücken einer Klinge geworden und ſelbſt der Mann hat ſich bereits gefunden, der da mahnt, den Durchbruch he nit 379 völlig zu erzwingen. Deßhalb ſei auf der Huth, Lascaris! Selbſt der Prophet floh vor der Uebermacht von Mekka nach Medina. Darum fliehe auch du, Drache von Bosnien!“ „Was gedenken Sie zu thun?“ frug Gülnare mit zitternder Stimme, als ſie dieſen Inhalt vernommen.“ „Man will mich entfernen! Das iſt klar. Eben deßhalb bleibe ich!“ Lascaris meinte, das Schreiben käme von der Hand Juſſuw's. Gülnare dachte an Deſche und ſank bebend in einen Armſtuhl. „Ich habe einen rauhen Pfad vor mir,“ fuhr Lascaris fort, er iſt mit Dornen gedielt, und niemand weiß zu ſagen, wo er endet, wohin er führt? Wenn mir daher etwas Menſchliches begegnen ſollte, ſo laſſen Sie mich dieß Loos wenigſtens mit dem Bewußt⸗ ſein erleben, daß Gülnare der Stunde nicht flucht, in der Sie mit mir an den Altar getreten!“ „Ich ſegne ſie.“ „Wen?“ „Dieſe Stunde!“ „Gülnare gedenke mein!“ Damit flog er an den Armſtuhl, drückte einen brennenden Kuß auf den Nacken ſeines zagenden Weibes und ſtürmte dann wie vom Blitze getragen aus dem Gemache. Es war das erſte Mal, daß er das vertrauliche Du zu gebrauchen wagte. Ein freudiges Lächeln ſpielte daher um die Lippen der Roſe von Serajevo, obgleich ſich Wehmuth und Angſt in ihrer Seele theilten. Sie ſtürzte in die Knie, erhob ihre gefalteten Hände andächtig gen Himmel und bethete inbrünſtig: „Herr, bleib bei ihm, falls es will Abend werden!“ „ 380 Einundzwanzigſtes Capitel. Der Erbe des Nemagna. Unklug, ſehr unklug that Lascaris, als er die Warnung vor den Völkern von Gog und Magog in den Wind ſchlug; groß irrte er ſich, da er meinte, jenes Schreiben ſtamme von Juſſuw her, es ſei bloß eine Finte von deſſen Rohrfeder geweſen, um ihn aus der trauten Nähe der Roſe von Serajevo zu locken. Wohl hatte der Muſchir von Travnik die Leibdienerin Leila's erkauft und die Lieblingstaube der Kneſin entwenden laſſen, um im äußerſten Nothfalle bei dringenden Umſtänden über einen verläßlichen Boten verfügen zu können, der da Gülnare, die er nicht vergeſſen konnte, warnen, oder ihren Gatten, den er ingrimmig haßte, in einen ver⸗ derblichen Hinterhalt führen ſollte. Der ſchlaue Dieb durch die zweite Hand war aber gleichfalls um jenen gefiederten Telegraphen beſtohlen worden. Im türkiſchen Lager wachte ein dankbares Herz zum Schutze des verwegenen Lascaris, und ſchlug es in dem Buſen des Kaimakan Ali, dem der Abenteurer bekanntlich auf der Wolfs⸗ jagd das Leben gerettet hatte. Auch der Osmanli hat ſeine Tugen⸗ den. Dankbarkeit und Freundſchaft hält er für Pflicht. Ali durchſah die ſchwarzen Pläne des Paſcha. Nächtiges Dun⸗ kel herrſchte in der verworfenen Seele des Letztern, ein Dunkel, das bisher noch Niemand zu durchdringen vermochte; aber zur Stunde des Zweikampfes der beiden Teufel war es in dieſer Nacht licht für den Kaimakan geworden, und er gewahrte mit Schaudern, daß Juſſuw das Verderben der beſten Klinge im türkiſchen Heere beſchloſſen habe. Sie hieß Lascaris. Der dankbare Türke ſtrengte alle ſeine Wachſamkeit an, um das Wollen und Brüten des De⸗ 381 ſpoten von Travnik zu durchſchauen, ja ſeine Seele hing ſeit jener Zeit ſo zu ſagen als Schatten an dem geheimen Treiben des furcht⸗ baren Gegners. Ali erfuhr mit Entſetzen, daß ſich der Paſcha alle Mühe gab, erſtlich die Fahrt ſeines Feindes nach Riswan's Berg⸗ ſchloß den Rajas der dortigen Umgebung kund zu geben, ja daß er ſelbſt den mit den Letztern abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand zu benützen wußte, um die grimmigen und gewaltigen Haiduken im chriſtlichen Lager anzuſpornen, die günſtige Zeit und Gelegenheit ja nicht müßig vorübergehen zu laſſen, nein, ſie zu einem grauſamen Werk der Rache zur Sühnung des Todes ihres geliebten montenegriniſchen Führers je eher, je beſſer auszubeuten. Warnung war dringend nöthig geworden. Wie aber einen zuverläſſigen Boten auffinden, der da unge⸗ fährdet die Kette der beiderſeitigen Vorpoſten zu durchſchleichen wußte? Ali verzweifelte faſt an dem Gelingen dieſer ſchwierigen Aufgabe. Leila's eben ſo verliebte als geſchwätzige Zofe gab auch hier den Ausſchlag. Ein ſtattlicher Albaneſe von Arslans tapferer Burenſchaar war Mirra's Nachfolger geworden. Bald erfuhr der Kaimakan durch ſeinen Freund, was er zu wiſſen brauchte, und in noch kürzerer Zeit befand ſich Dank der albaneſiſchen Schlauheit die Lieblingstaube Gülnaren's in ſeinen Händen. So gelangte jene räthſelhafte Warnung nach Riswan's Berg⸗ ſchloſſe. Es war die höchſte Zeit! Die Rajas aus der Nachbarſchaft des Schloſſes, die bisher leiſe murrten, trugen nunmehr ihren Haß gegen Lascaris unverholen zur Schau und halblaute Flüche wurden hörbar, wenn ſich der Gatte der weißen Roſe außerhalb der Wälle ſeines Bollwerkes blicken ließ. Ein klarer Beweis, daß die feigen Söhne des bosniſchen Thales auf einen gewaltigen Rückhalt bauen konnten, daß ein mächtiges Gewitter von den Bergen im Anzuge ſei. Selbſt die Beſatzung des Schloſſes gab ſich kälter gegen den Gebieter im alten Herrenhauſe. Ihre Treue, auf die man früher wie auf einen Felſen bauen durfte, ſchien etwas von der trügeriſchen Natur des Flugſandes angezogen zu haben. Verdächtiges Volk zeigte ſich in der Zeit der Dämmerung in der Nähe der kleinen Veſte. Man ahnte richtig, wenn man dieſe ſpukhaft auftauchenden und verſchwindenden Geſtalten für Kundſchafter der Haiduken hielt. Endlich lief auch ſichere Kunde ein, daß ein ſtarker Haufe wohlbe⸗ waffneter treuer Anhänger weiland Vuk's das chriſtliche Heerlager — 382 am Berge Vitez verlaſſen habe und mit der ſtürmiſch lauten Loſung Nache in der Richtung gegen Serajevo, alſo auch dem Schloſſe zu, im Geſchwindſchritte aufgebrochen ſei. Gülnaren's Antlitz ward täglich bleicher. Die Vorboten des nahenden Sturmes konnten ihrem Scharf⸗ blicke unmöglich entgehen. Lascaris hingegen blieb Dank ſeiner eiſernen Nerven kaltblütig wie immer, nur daß ſich ein herausfor⸗ derndes verächtliches Lächeln um ſeine Lippen lagerte, wenn er an einem Schwarme murrender Bosniaken vorüberſchritt. Der Be⸗ wältiger des rieſigen Montenegriners gab ſich ſo ſorglos, als ſei nicht ein unverſöhnlicher Kämpe der Blutrache, ſondern der noch ſo ferne künftige Lenz im Anzuge, um an den Wällen haltend ſchmei⸗ chelnd anzufragen, ob der Herr des Schloſſes auf Veilchen oder auf Noſen gebettet werden wolle? Die Tochter Riswan's wußte nicht, ob ſie mehr bewundern oder verzagen ſollte. So kam die Zeit der Weihnachten heran. In dem theokratiſchen Oriente, wo die Religion noch immer die Grundlage aller Sitten und Volksgebräuche iſt, ſind auch alle Feſte religiöſer Art. Die Greco-Slaven feiern im Jahre vorzugs— weiſe zwei hohe Feſttage, nämlich Oſtern und Weihnachten, von denen das eine das Feſt der Lichter, das andere Jordansfeſt oder das Feſt der Weihung des Waſſers genannt wird. Auch Lascaris befahl das Letztere ſo glänzend und andächtig als möglich zu feiern, ſei es, daß er es ſelbſt hoch in Ehren hielt, ſei es, daß er den wei⸗ land ſchon von den zwei Gäſten im türkiſchen Dampfbade zu Sera⸗ jevo geäußerten und gegenwärtig immer lauter werdenden Verdacht abzuwälzen gedachte, wie er als künftiges Haupt ſeines alten Ge⸗ ſchlechtes gänzlich und offen zu dem Islam überzutreten beabſichtige. Zudem hatte man um dieſe Zeit keinen feindlichen Ueberfall zu be⸗ fürchten, denn an dem heiligen Abend, an dem Chriſttage wie an dem darauf folgenden Feiertage herrſcht Gottesfriede in den ſüd⸗ ſlaviſchen Landen. So gab es denn auch in dem bedrohten Schloſſe Riswans, vielleicht zum letzten Male, ein fröhliches und reges Leben und Treiben, als der Tucſin Dan oder Schlachttag, eigentlich der Vor⸗ abend der drei Feiertage herangekommen war. An dieſem Tage werden nämlich die Thiere geſchlachtet, welche zum künftigen Feſt⸗ mahle dienen ſollen. Weihnachten heißt im Südſlaviſchen Bokié, wörtlich der junge, kleine Gott, alſo das Diminutiv von Bog, der 383 Chriſtabend aber Badnjak oder Badnji Dan, das iſt, der Wachtag, Vigilia, abgeleitet von dem uralten Worte bajeti oder wachen. Vor dieſem Feſttage wird durch ſechs Wochen ſtreng gefaſtet und zwar ſo wie es der griechiſche Ritus vorſchreibt, daß man ſich nämlich nicht nur der Fleiſchſpeiſen, ſondern auch der Butter und Eier gänzlach enthält, und ſelbſt Fiſche nur an gewiſſen Tagen eſſen darf. Am Weihnachtsabend wird bei dem größten Theile der ſerkaſchen Nation ein ganzes Schwein gebraten, welches man pesivo petchenitzu, den ausgezeichneten Braten nennt; in der Herzegowina aber ver⸗ tritt ein Schaf, welches für dieſe Beſtimmung Zaoblitza heißt, die Stelle des mangelnden Schweines. Dieſer Braten muß in der Regel ſo groß ſein, daß alle Hausgenoſſen eine Woche davon eſſen und auch den Beſuchenden damit aufwarten können. Das dazu be⸗ ſtimmte Schwein wird gewöhnlich wenigſtens einen Monat früher auserleſen und ſorgfältiger als die andern Schweine gefüttert. Vermögliche Leute beſchenken öfters Arme, von denen man weiß, daß ſie weder ein Schwein im Stalle haben, noch ſich ein ſolches kaufen können, mit einer Pecsenitza. In Serbien wird in großen Häuſern neben dem Schweine noch ein Schaf geſchlachtet. Wo das Haus zu klein iſt, um ein ſo großes Feuer als nöthig anmachen zu können, da geſchieht dies im freien Walde neben einem gefällten Baumſtamme. Man kann ſich daher leicht denken, wie viele der ge⸗ mäſteten Borſtenthiere, der blöckenden Schafe, der quickenden Span⸗ ferkel— wie es die Riſanoten und andere Städter halten— an dem Tueſin⸗ oder Tucin⸗Dan in der Behauſung der Roſe von Serajevo ihr Leben laſſen mußten, um eine ganze Woche hindurch für die zahlreichen Hausgenoſſen, wie für die vielen Gäſte als Nahrung, als ausgezeichneter Braten auszureichen. Auch die ärmern Rajas in der Nachbarſchaft durften nicht vergeſſen werden. Natürlich daß man ihnen die Gabe der Nächſtenliebe im Namen Gülnaren's zu⸗ ſendete, da ſie von Lascaris auch nicht eine dürre Krume vorjäh⸗ riger Csesnitza oder ungeſäuerten Weizenbrodes angenommen hätten. Wer nämlich an dieſem Feſttage, meiſtens noch bei Nacht, das Haus verläßt und um Waſſer geht, der nimmt Getreide mit und beſchüttet damit den Brunnen, die Quelle oder den Fluß. Mit dieſem Waſſer wird dann das obengenannte ungeſäuerte Weizen⸗ brod bereitet, und in dasſelbe eine Goldmünze, deren Werth ſich nach dem jeweiligen Vermögen richtet, eingeknetet und eingebacken, um dies Brod ſpäter bei dem Imbiß in ſo viele Stücke, als es Gäſte 384 am Tiſche gibt, zu zerſchneiden und unter dieſelben zu vertheilen. In weſſen Stück nun die Münze ſich befindet, dem gehört ſie, und man betrachtet dies als eine Vorbedeutung, daß derſelbe im kom⸗ menden Jahre der Glücklichſte von allen Anweſenden ſein werde. Das Wort GCsesnitza rührt von dem ehemaligen ſüdſlaviſchen Worte GCsest oder der Theil her, was jetzt im Ruſſiſchen Csast heißt, weil das Brod getheilt wird, und daher die Bezeichnung Csestit gleichzeitig den Betheilten als auch den mit Glück Betheil⸗ ten anzeigt. In einigen Häuſern verfertigt der Hausvater ſelbſt die Csesnitza, in andern die Hausfrau. In Montenegro wird ſie bereits am heiligen Abend gebacken und verzehrt. Noch lebhafter ging es am Badnjuk Veder, am Abend des Holzblockes zu. Alſo benennen die Südſlaven den heiligen Abend und zwar in Folge eines Gebrauches, von dem wir gleich weiter unten hören werden. Die Bewohner des Schloſſes ſchienen ſich an Zahl verdop⸗ pelt zu haben. Hier ſchlug der nach Hauſe kehrende Hirt ſein Weib mit einem Garnbaum— Vratilo— über den Rücken,„damit das Vieh gedeihe“; dort jagte der Haushofmeiſter oder Beſchließer die Mägde mit dem Spieß, an dem eines der Pecivo gebraten worden, im Hofe mit dem Ausrufe herum,„das Uebel ſolle ſich aus dem Hauſe ſchleppen“, ein Gebrauch, welcher als ſehr förderlich für die baldige Verheirathung der weiblichen Dienſtboten erachtet wird. Kinder laſen Hände voll aus der Getreideſchüſſel, in der ſpäter, wie wir ſehen werden, das Kerzenbündel brennen ſollte, und warfen ihre Beute den Hühnern zu,„damit ſie viele Eier legen möchten.“ In den Nebengebäuden, wo bereits der fragliche Holzblock am Feuer lag, nahm die Beſchließerin oder eine andere verheirathete Dienerin Stroh und ſtreute dasſelbe in geübter Haltung in der Stube oder in der Küche aus, indem ſie gleich einer Kvocska— Gluckhenne— fortwährend„quo, quo, quo“ kreiſchte, während ſich ihre Kinder an ihr feſthielten und wie die Küchlein„piu, piu, piu“ ſchrien, oder einige Splitter und Enden des Holzblockes in den Garten trugen, und die erloſchenen Brände zwiſchen die Aeſte junger Obſtbäume zu deren beſſerm Gedeihen legten. Der Be⸗ ſchließer aber rief während des Strohſtreuens: „Kuda slama, tuda slava!— Wo Stroh, dort Ruhm!— Im benachbarten Walde wurden mittlerweile drei Eichen⸗ ſtämme, die fraglichen Holzblöcke— Badnjaci— für die eigentliche 385 Familie Riswans gefällt und zubehauen. Als endlich alle Vorkeh⸗ rungen zu dem Jordansfeſte getroffen waren, und die Dämmerung mächtig hereinzubrechen begann, eilte Lascaris als Hausherr ſelbſt ins Freie, und ſchleppte die mächtigen Blöcke über die Schwelle des Schloſſes. „Dobar vecse i csestit vam badnji dan!«“— Guten Abend und glücklichen heiligen Abend!— Alſo ſprach er, als er mit dem erſten Baumſtamme über die Schwelle trat, und Gülnare als Hausfrau antwortete, ihn mit Ge⸗ treide beſchüttend tiefgerührt: „Dao Bog dobro, srechni i csestiti!“— Gebe Gott Gutes, du Glücklicher und Glückſeliger!— Thränen quollen dabei unwillkürlich aus ihren ſchönen Augen, da ſie der leider nur zu ſtürmiſchen nächſten Zukunft gedachte. Der Pope des Schloſſes ſegnete hierauf die drei Holzblöcke und beſprengte ſie mit Weihwaſſer, während junge Mägde in Feſtkleidern dieſe Badunjaci mit rother Seide, Zwirn und Golddraht umwanden und mit Lorbern und verſchiedenen Blumen aus dem Treibhauſe ſchmückten. Dann wurden die geweihten Holzblöcke in das Feuer geſchoben. Man hatte natürlich nicht vergeſſen, auf beiden Seiten der Thüre Kerzen anzuzünden, während die Blöcke in das eigentliche Wohngebäude getragen wurden; auch ging man den Trägern der Badnjaci mit einem Kruge Wein nebſt einem Laib Brod entgegen, trank ihnen, nachdem letztere in das Feuer gelegt worden, zu und begoß ſie, gleichſam, als ſollten ſie nachtrinken, mit Wein. Hierauf trank man zur Ehre Gottes, zu welchem Behufe alle Hausgenoſſen aus demſelben Gefäße nippten.— Es iſt dies eigentlich ein mon— 1 tenegriniſcher Gebrauch, Lascaris hatte es aber aus irgend einer andächtigen Laune alſo angeordnet, obgleich er nach bosniakiſcher Sitte auch nicht unterließ, nach dem Zeichen des Kreuzes die bren⸗ nenden Stämme mit Korn zu bewerfen.— Nachdem er nunmehr Segenswünſche für alle anweſenden und abweſenden Freunde aus⸗ geſprochen, betete er für einen glücklichen Erfolg aller häuslichen Unternehmungen und eine gute Ernte. Die Andern antworteten: „Es ſei ſo!“ Dann wurden die Flinten und Piſtolen durch das kurze Zeit geöffnete Fenſter abgefeuert und Einer ſagte zu dem Andern: „Der Abend des Holzblockes ſei gegrüßt!“ Der Montenegriner. 25 23 ——— — ͦ—————ʒð b V — 386 Alles ſetzte ſich hierauf an die Tafel, auf deren Mitte drei große angezündete Wachslichter, als Sinnbild der Dreifaltigkeit in einander geflochten, aufrecht in einem umfangreichen mit Epheu verzierten Laib Brod ſtacken. Lascaris nahm als Hausvater etwas von jedem eßbaren Dinge auf dem Tiſche und warf es auf die drei Holzblöcke— eine Zahl, die gleichfalls zu Ehren der Dreieinigkeit gewählt worden— auf alle drei Blöcke nach einander, fing mit dem rechts liegenden an, welcher als größter Gott dem Vater geweiht war, und ging dann zu dem links und endlich zu dem in der Mitte lodernden Stamme über, welche den Sohn und den heiligen Geiſt vorſtellten. Bei dem Herannahen der Nacht begab man ſich in die Schloß⸗ kapelle. Eine Maſſe Andächtiger ſchaarte ſich im Hofe, und als der Papas hinter dem Vorhange, welcher das Allerheiligſte vor jedem Blicke verbirgt, während der Liturgie die feierlichen Worte er⸗ ſchallen ließ: „Mir bojii, Christos se rodi!“Ü— Der Friede Gottes, Chri⸗ ſtus iſt geboren!— da jauchzte die geſammte Volksmenge wie von einem elektri⸗ ſchen Schlage gerührt mit donnernder Stimme: „Vo istenu rodi!“— Er iſt in Wahrheit geboren!— Zum Schluſſe der Mette umarmte ſich Alles, der Nachbar küßte den Nachbar und alles jubelte durcheinander: „Mir bojii, Christos se rodi, va istinu rodi, poklanjamo se Christu, i Christou rojanstvu!“ — Friede Gottes! Chriſtus iſt geboren, in Wahrheit er iſt geboren, wir beugen uns vor Chriſtus und ſeiner Geburt!— Der ehrwürdige Pope machte hier den Anfang, indem er zuerſt die heiligen Bilder, dann den Hausherrn und die Hausfrau auf die Stirne, endlich ſämmtliche Anweſende an den Mund küßte. Was in der Kapelle nicht zuſammengekommen, das gab ſich den Frieden Gottes ſpäter im Freien, bei welcher Gelegenheit ſich ſo Manche, die bisher in Uneinigkeit lebten, gänzlich ausſöhnten, und wobei der Jüngere nach üblichem Brauche dem Aeltern entgegenkam. Das Wort„küſſen“ hat für dieſe Feierlichkeit den eigenen Namen„mir- bojati se“, von der allgemeinen Loſung„mir bojüit“ abgeleitet. Man kann bei dieſem Anlaſſe auch Cheleute ſich öffentlich küſſen ſehen, was ſonſt für eine Schande, für eine grobe Verletzung des Schamgefühles gehalten wird, und ſo geſchah es, zweifelsohne un⸗ al 20 ſſt 387 willkürlich, blos in Folge dieſer leidigen Sitte, wie man ſich wenig⸗ ſtens gegenſeitig einredete, daß Gülnare plötzlich fühlte und wußte, wie Sonnenfeuer brennt, und zwar in dem Momente, als der Mund ihres Gatten ſich an ihren Lippen feſtzuſaugen drohte. Es war der erſte Kuß, und die ganze Welt ringsum verſank in dieſem Augen⸗ blicke für die glücklichen Unglücklichen! Nachdem ſich Alles mit einer brennenden Kerze in der Hand in der Kapelle geküßt hatte, nahm Hausvater Lascaris jedermann die Kerze ab, klebte dieſe Karzen alle zuſammen in ein Bündel und ſieckte dies in eine mit Getreide gefüllte, bereits erwähnte Schüſſel, darinnen ſich auch die ſogenann⸗ ten Kolaeſen, das iſt, kleine Laibe Weizenbrod befanden. In Häu⸗ ſern benachbarter Rajas, wo man der montenegriniſchen Sitte folgte, und die Cſesnitza ſchon am heiligen Abende vertheilte, wurde dann das Kerzenbündel in der Schüſſel durch das Aufſchütten von Ge⸗ treide gelöſcht, und Wein über den noch glimmenden Docht gegoſſen. Im Schloſſe ſollte dieſe Vertheilung erſt bei dem nächſten Mittags⸗ mahle erfolgen. Natürlich daß bei dem Feſte der Weihung des Waſſers der bei den Südſlaven übliche Lärm mit Schießgewehren nicht fehlen durfte. Gleich nach Mitternacht hörte man von allen Seiten Piſtolen und Flinten abfeuern, womit der kommende Tag begrüßt ward, und wie ſich dieſer von Stunde zu Stunde näherte, in dem Grade vervielfachten ſich auch die Schüſſe. Als endlich der erſehnte Morgen zu dämmern begann, trat Lascaris nach der in Bosnien wie in der Herzegowina herrſchenden Sitte an die Schwelle des Schloſſes und rief mit lauter Stimme: „Leuchte Gott um Weihnachten— sjaj boje i bojichu— unſerer Hausfrau Gülnare!“ 3 Und ſo durchging er mit dieſem Segenswunſche alle Namen ſeiner Hausgenoſſen. Auch dieſer Gebrauch hat ſeine eigene Bezeich⸗ nung erhalten und heißt Sjakati oder Sjaknuti von sjaj, das iſt rufen. So verging der heilige Abend in andächtiger Feier wie in heiterer Luſt. Trüberes erwartete man von dem nächſten Tage. Legt man doch bei den Südſlaven große Wichtigkeit auf den erſten Be⸗ ſuch am Weihnachtstage; es heißt ſolcher Polaznik oder Polarxajnik, und gewöhnlich wird hiezu ſchon im Voraus jemand beſtimmt und eingeladen, und damit ja nicht ein Unberufener als erſter Beſuch erſcheint, ſo geht an dieſem Tage niemand als ſolche Polaznici in ein anderes Haus. In Serbien kommt der geladene Polaznik ſchon am frühen Morgen, ſobald es Tag wird; er trägt gewöhnlich im 25* 388 Handſchuh Getreide bei ſich, und ſchüttet ſelbes vor der Thürſchwelle in die Wohnung und zwar mit den Worten, die wir ſchon von dem Papas in der Kapelle erſchallen hörten, worauf jemand aus dem Hauſe auch ihn mit Getreide beſchüttet und mit dem gleichfalls be⸗ reits bei Gelegenheit der Mette erwähnten Jubelrufe der Volks⸗ menge antwortet. Darauf geht der Polaznik unter Beglückwün⸗ ſchung der Weihnachten zu den Badnjaci. Was er hierbei vollführt und ſpricht, werden wir ſeiner Zeit ſchauen und vernehmen. Einige der Polaznici bringen auch ein Bündel Flachs— Povjesmo— mit und hängen es über die Thüre. Wenn ſich der Polaznik dann auf dem angewieſenen Platze niederſetzt, ſo wird er von den Frauen mit einer Art Teppich behängt, was den Zweck haben ſoll, daß ſich auf der Milch ihrer Kühe ſtets dicker Rahm ſammle; dann reicht man ihm ein ausgiebiges Frühſtück, worauf er wieder nach Hauſe geht. Nachmittags aber kommt er wieder, und nun wird er ordentlich be⸗ wirthet und beim Weggehen mit einem Tüchel oder ein paar Strüm⸗ pfen und nach Umſtänden auch mit einem Hemde, jedenfalls aber außerdem mit einigen Kolaeſen beſchenkt. Geſchieht es zufällig, daß doch ein Anderer ſtatt des beſtimmten Polaznik, wenn auch erſt den andern Tag erſcheint, ſo wird er wie dieſer behandelt. Oefters gehen die Wohlhabendern auf ſolche Beſuche zu Armen und bringen dieſen zugleich Speiſe und Trank, womit ſie auch alle Hausgenoſſen bewirthen. Lascaris hatte trotz der Bitte Gülnaren's keinen Polaznik laden laſſen. Die Roſe von Serajevo befürchtete nunmehr die Ehre eines ſehr triſten erſten Beſuches. Gilt doch der mehr oder minder wohl⸗ wollende Ton, womit dieſer ſeine Segenswünſche ausſpricht, als eine mehr oder minder günſtige Vorbedeutung für die Familie. Die trübe Ahnung der zagenden Herrin ging auch buchſtäblich in Erfül⸗ lung, denn ſchon am frühen Morgen meldete ein Diener mit kreide⸗ weißem Geſichte, ein ſehr ſchlimm und garſtig ſehender Polaznik habe ſich eingeſtellt. Es ſei dies ein himmelhoher, breitſchulteriger, grimmig blickender Haiduke, über und über mit Waſſen behangen. Auch Gülnare erbleichte, Lascaris aber meinte ruhig: „Laß den Burſchen eintreten!“ Der Polaznik trat finſter an die Schwelle. Er trug zwei Hand⸗ ſchuhe, und ſchüttete aus dem einen Getreide, aus dem andern aber Schießpulver in den ebenerdigen Saal, wo die drei Holzblöcke brannten. 1 1 389 „Christos se rodi!“ Alſo ſprach er, einzig zur Hausfrau gewendet, Lascaris aber den Rücken kehrend. Gülnare antwortete befangen: „Va istinu rodi!“ Darauf ſchritt der finſtere Sohn der Wälder unter Beglück⸗ wünſchung der Weihnachten zu den Badnjaci, ſchürte ſie im Feuer nach, ergriff eine Feuerſchaufel und ſchlug damit auf die brennenden Blöcke, daß die Funken in Unzahl umherflogen, während er dieſe Unzahl Funken meinend mit äußerſt wohlwollender Stimme ausrief: „So viel Schafe, ſo viel Ziegen, ſo viel Schweine, ſo viel Nindvieh, kurz ſo viel Glück und Segen für die Hausfrau!“ Nach einer Pauſe ſchlug er nochmals auf die Stämme und donnerte: „So viel Kugeln, ſo viel Handſchars, ſo viel Säbel, ſo viel Meſſerſtiche, kurz ſo viel Unheil und Verderben für den Haus⸗ herrn!“ „Ein artiger Mann dieſer Polaznik!“ hohnlächelte Lascaris. Gülnare fühlte trotz ihres bekannten Muthes ein fieberhaftes Grauen ihre Seele beſchleichen. Der Haiduke aber ſchürte die Aſche neben dem Feuer auseinander und warf einige Para's, dann eine Piſtole auf den Herd. „Die Münzen für Herrin Gülnare, die Piſtole für den Mörder Lascaris!“ Alſo ſprach der grimmige Anhänger Vus's. Beide dankten, die Hausfrau mit bebender Stimme, der Gatte mit verächtlichem Tone. „Noch zwei Tage Wiera,“ fuhr der Haiduke fort,„heute und morgen, dann beginnt das Blutgericht!“ Damit ſchritt der Polaznik jedes Geſchenk zurückweiſend mit gemeſſenem Schritte aus dem Saale. Natürlich, daß er Nachmittags nicht wieder kam. Sein Auftrag war ausgerichtet worden. Die Wolken der Beſorgniß, welche ſich um die Bewohner des Schloſſes lagerten, hatten ſich zum wirklichen Gewitter zuſammengeballt. Es iſt daher leicht zu ermeſſen, wie viel Mühe es der Kneſin koſtete, ihrem ruhigen Gatten gegenüber einen Schein Faſſung zu erkün⸗ ſteln, zu erheucheln. Lascaris durchſah die Maske und ſprach ſeinem zagenden Weibe mit den mildeſten Worten Troſt in die bangende Seele, geradezu erklärend, es ſei durchaus nichts von den Haiduken zu befürchten. Sukkurs würde keineswegs auf ſich warten laſſen, kurz wenn es Gefahr gäbe, ſo hätten ſeine Gegner dieſelbe zu be⸗ 390 ſorgen. Gülnare gab ſich anſcheinend zufrieden, in ihrem betrübten Herzen aber zagte ſie, eines grimmigen Kampfes gewärtig, nur um ſo furchtſamer, ja ſie vermochte es kaum über ſich zu gewinnen, wie ſonſt nach dem Gebote der Nächſtenliebe und Mildthätigkeit in die Hütten der benachbarten armen Rajas zu eilen und daſelbſt die Hungernden und Durſtigen zu ſpeiſen und zu tränken. Und was machte die ſonſt ſo waghafte ſüdſlaviſche Pentheſilea alſo feig erbeben? Zwei Namen, die wir ſchon oft genannt haben! Jetzt, meinte ſie, müßte der blutige Zuſammenſtoß zweier heim⸗ lich innigſt von ihr geliebter Weſen erfolgen. So verlief die erſte Hälfte des Weihnachtstages. Piſtolenſchüſſe verkündeten wie üblich die Zeit des Mahles. Alles eilte zur reichbeſetzten Tafel. Lascaris griff nach dem ungeheuern Laib ungeſäuerten Weizenbrodes, ſchnitt dasſelbe in ſo viele Stücke als ſich Gäſte am Tiſche befanden und überreichte dann jedermann ſeinen Antheil Cſesnitza. Wer war ſo glücklich das Stück zu erhalten, darin ſich die Glück verheißende Münze befand? Gülnare! Die weiße Roſe von Serajedo ſtieß unwillkürlich einen Freu⸗ denſchrei aus, als ſie das Goldſtück gewahrte. Dieſer Vorbedeutung nach ſollte ſie ja im nächſten Jahre die Glücklichſte von allen Anwe⸗ ſenden ſein und verbleiben; dies konnte ſich aber nur dann ereignen, wenn, ja wenn Lascaris auch nicht Urſache haben würde, ſich über ſein Schickſal zu beklagen. Neue Hoffnung ſtrich wie ſüdlich warme balſamiſche Luft durch ihre winterliche Seele, plötzlich aber ließ ſie das Goldſtück erbleichend fallen, ſchluchzte laut auf und rief mit ge⸗ brochener Stimme:— „Ja wohl, nur im Grabe wohnt das Glück!“ Lascaris, der als Hausvater das Goldſtück, das in die Cſes⸗ nitza eingeknetet und eingebacken worden, beſorgte, hatte ſich durch einen unglücklichen Zufall vergriffen und eine goldene Denkmünze beigeſchafft, die weiland ein türkiſcher Großherr zum Andenken ſei⸗ ner Lieblingstochter, der Sultanin Schems-Kumr— ein gewöhn⸗ licher türkiſcher Frauenname, der Sonne und Mond bedeutet— die in der Blüthe ihrer Schönheit und Jugend geſtorben war, hatte prägen laſſen. Die Aversſeite dieſer Münze wies ein morgenländi⸗ ſches Grab, darauf Cypreſſen ihre„grünen Thränen“, wie ein Dichter die herabhangenden Zweige dieſer Trauerweiden nennt, her⸗ 391 niederweinten. Auf der Reversſeite ſtanden Sprüche aus dem Koran, die Gülnare wie die übrigen Gäſte natürlich keines weitern Blickes würdigten. Alles war ſichtbar erſchüttert. Selbſt der Hausherr wechſelte einen Augenblick die Farbe, was bei ſeiner Freiſinnigkeit wie bei ſeinen eiſernen Nerven viel beſagen wollte. Der Weihnachtstag ging trübſelig zu Ende. Auch die nächſten vier und zwanzig Stunden brachten keine roſigere Stimmung. Endlich graute der gefürchtete entſcheidende Morgen. Die Kneſin erwartete wie die geſammte Hausgenoſſen⸗ ſchaft mit Recht, daß Lascaris alles aufbieten und anordnen würde, um ſich in Riswan's feſtem Bollwerke ſo hartnäckig, ſo lang als möglich halten zu können. Zu dem größten Erſtaunen und Befrem⸗ den Aller aber geſchah gerade das Gegentheil. Der beiſpiellos ver⸗ wegene Schloßherr befahl der Beſatzung die Wälle zu räumen und ihre Waffen abzulegen; alle Thore und Zugänge mußten offen ſtehen, ja ſelbſt die ſchirmende Konſulatsfahne wurde bereits bei dem Grauen des Tages eingezogen und von den Zinnen herabge⸗ tragen. Lascaris meinte lächelnd, es würde auch auf dieſe Weiſe geraume Zeit währen, bis ſich die Haiduken in die ſcheinbare Falle hineinwagen dürften. Er hatte den Charakter ſeiner Feinde richtig aufgefaßt. Wohl zeigte ſich bald nach Sonnenaufgang verdächtiges Geſindel in Maſſe, aber die offenen Thore machten auch die Kühn⸗ ſten ſtutzen. Der Furchtloſeſte ſchloß auf einen höchſt gefährlichen Hinterhalt. So verlief der Morgen. In den ſpätern Stunden des Tages kam mehr Leben, aber auch mehr Ordnung in die Bewegungen der wohlbewaffneten Hau⸗ fen, die ſich in immer größerer Anzahl in der Nachbarſchaft des Bergſchloſſes ſammelten und ſchaarten. Die entſchloſſenſten und kriegskundigſten Haiduken aus dem Chriſtenlager am Berge Vitez waren eingetroffen und hatten die Oberleitung der Maßregeln zur Berennung und Erſtürmung des ſchweigſamen Bollwerkes über⸗ nommen. Im Schloſſe herrſchte die alte Ruhe und Stille. Es ſchien wie ausgeſtorben zu ſein. Man glaubte ſich in der Nähe einer be⸗ zauberten, verwunſchenen, verſteinerten Stadt. Der befremdende Anblick machte ſelbſt die ergrauten Wagehälſe weiland Vuk's ſtutzen, wenn ſie auch keinen Augenblick daran dachten, den Pfad der Blut⸗ rache zu verlaſſen. Sie fühlten ſich einfach bewogen, verläßliche Kundſchafter nach allen Seiten auszuſenden, Vedetten und Vorpoſten ——————; ————— 392 in ihrem Rücken auszuſtellen und noch obendrein eine namhafte Reſerve zur Abwehr eines allenfallſigen Ueberfalles von türkiſcher Seite aus eine trefflich gewählte, feſte Stellung einnehmen zu laſſen. Dies nahm die Stunden des Vormittags in Anſpruch. Um die zweite Nachmittagsſtunde endlich ſetzte ſich der Zug von allen Seiten in Maſſen in Bewegung. Jetzt und jetzt erwartete man mit einem verderblichen Kartätſchenhagel begrüßt zu werden. Arge Täuſchung! Riswan's Bergſchloß glich wie früher einer ſchweig⸗ ſamen Gruft. Man kam näher und näher. Nunmehr mußte wenig⸗ ſtens das Knattern von Kleingewehr laut werden. Sehr geirrt! Es wollte kein Leben kommen in dieſen rieſigen ſteinernen Sarkophag! Was mochte Lascaris brüten? Vertraute er auf unſichtbare dämo⸗ niſche Hilfe? „Heraus mit dem Landesverräther!“ „Selbſt die Konſulatsfahne ward eingezogen!“ „Welche ſpöttiſche Verwegenheit!“ „Hohn und Verachtung gegen uns Bluträcher!“ Alſo hallte es unter wüthigen Flüchen und Verwünſchungen durch die Reihen der ergrimmten Najas, der zornſchnaubenden Hai⸗ duken. Das aufgeregte Volk ſchäumte, ja es weinte beinahe vor Aerger, daß es ohne einen Schwertſtreich, gänzlich ungefährdet, ohne einen Schuß der Gegenwehr in den geräumigen Hof zu dringen vermochte. Noch mehr wuchs das grollende Erſtaunen, als die Be⸗ ſatzung den Eindringlingen mit frohem Bewillkommnungsgruße, un⸗ bewaffnet entgegentrat, und mit den lebendigen Werkzeugen der Blutrache, wie man im Abendlande zu ſagen pflegt, förmlich frater⸗ niſirte. Dies war doch rein verblüffend! Alles ſtarrie ſich verwun⸗ dert und kopfſchüttelnd an. Sollte Lascaris entflohen ſein? So frug Einer den Andern mit leiſer Stimme. Doch nein, die Dienerſchaft äußerte ſich ja laut, der Herr ſchmauche eben im Saale behaglich aus einer Nargileh; auch war das Schloß ſeit dem Vorabend der Feſttage ſo ſorgſam überwacht worden, daß die Bewohner nicht ein⸗ mal bis an die Felſenwände am Wildbache hinter dem Garten un⸗ bemerkt hätten gelangen können. Hier konnte kaum ein Fuchs durchſchlüpfen! So achtſam war der Bau ausgekundſchaftet worden. Was aber wollte der umſtellte Löwe mit ſeiner unbegreiflichen Ruhe? Hier mußte es noch einen Hinterhalt geben! Nur die drei bewährteſten Anhänger des erſchlagenen Monte⸗ negriners, Abbas der Flüſterer nämlich, Dane deſſen Enkel und ——— — 393 3 Joo der alte Fuhrmann ſchienen die Befremdung der Volksmenge 8 nicht zu theilen, lächelten vielmehr zeitweiſe gar ironiſch vor ſich hin. Auch der kleine Zigan, der zottige kluge Hund, den der Ein⸗ ſchläferer des Gedränges wegen auf den Arm genommen hatte, n ſchnoberte die Ohren ſpitzend luſtig in der Luft herum, als wittere 9 er die Nähe eines geliebten Gegenſtandes. Meliſſa war der Aufſicht e und Pflege halber bei der wahnſinnigen Tochter des Defterdar 3 zurückgeblieben. Ein kurzes Zwiegeſpräch, das Dane mit ihr ge⸗ 2 pflogen, ſchien auch dieſer anmuthigen Dirne den Gleichmuth ihrer 5 Sippſchaft eingeflößt zu haben. Der entſchloſſenſte Haiduke befahl endlich die Treppe zu er⸗ ſtürmen. Es war derſelbe, der vor zwei Tagen die Rolle des Polaznik ſo bündig und barſch zu ſpielen wußte. Sein Aufruf fand gehor⸗ ſames, geneigtes Gehör und die aufs Neue aufbrauſende Menge ſchickte ſich an, in die innerſten Gemächer des alten Bollwerkes mit bewehrter Fauſt einzubrechen. An der Treppe zeigte ſich jedoch der erſte Verſuch eines hartnäckigen und bewaffneten Widerſtandes gegen den aufſtändiſchen Bruch des Hausfriedens.. Gülnare erſchien mit zwei Piſtolen bewehrt auf der oberſten Stufe. Die Kneſin hatte bisher ihren tollkühnen Gatten vergebens beſchworen, den Weg der Flucht zu ergreifen oder doch wenigſtens Miene zur Selbſtvertheidigung machen zu wollen. Beide Rathſchläge waren mit einem verächtlichen Kopfſchütteln zurückgewieſen worden. Lascaris rauchte dabei ſo ruhig aus der koſtbaren morgenländiſchen Waſſerpfeife, als ſtünden nicht ſeine Todfeinde, ſondern Abgeſandte des Divans vor der Pforte, willens ihm den Sangiak Scheriff, die heilige Fahne des Profeten, die das Türkenreich ſo oft von gänz⸗ lichem Untergange gerettet, zu Füßen zu legen. Die Zeit des Bit⸗ tens und Flehens verſtrich jedoch nur zu raſch. Es kam die Zeit zum entſchiedenen Handeln. Lascaris wollte ſich nicht vertheidigen, ſo beſchloß denn die weiße Noſe für ihn nach der tödtlichen Schießwaffe zu langen. Deshalb betrat ſie wie ein zürnender Engel des Herrn die fliegende Treppe. „Zurück!“ rief ſie,„der Erſte, der ſich weiter wagt, iſt ein Kind des Todes!“ Haiduken wie Rajas ſtutzten. Gülnare wurde ja gleich einer Heiligen von den bosniakiſchen Chriſten verehrt und geprieſen. Dem⸗ 394 ungeachtet machten einige verwegene Freiſchärler Anſtalt das obere Stockwerk nöthigen Falles mit bewaffneten Händen zu erſtürmen. „Zurück,“ donnerte die Kneſin nochmals,„mein Leben an das Seine!“ Und abermals ſtürzten die Stürmenden betroffen zurück. Sie würden jedoch bald ſelbſt gegen ihren Willen die Treppe haben erſtürmen müſſen, denn die im Hintergrunde ſtehenden Volksmaſſen drängten mit unwiderſtehlicher Schwerkraft nach vorwärts. Der entſcheidende Moment war gekommen. Gülnare wollte eben beide Piſtolen gegen die heranwogende laut auffluchende Menge abfeuern, als eine ſonore Stimme ihr gebietend zurief: „Zurück du ſelbſt, ſchöne und zärtliche weiße Roſe!“ Es war Lascaris, der alſo ſprach, und dann in einen weißen Mantel gehüllt die Stufen hinabeilte, die tobenden Schaaren mit dem Blitze in ſeinem Auge zurückzubannen ſchien und ruhig und majeſtätiſch, wie ein ſeines Sieges ſicherer Padiſchah unter Rebellen tritt, einer kleinen Anhöhe im Hofe zuſchritt. Dort angelangt heiſchte er mit drohend erhobener Hand Stille und Ruhe und frug dann mit weithinſchallendem Rufe: „Was wilſſt du, blindes, bethörtes bosniſches Volk?“ Kurzes Schweigen folgte, bald aber erſcholl es allſeitig: „Dir das Haupt vom Rumpfe trennen, Landesverräther!“ „Und dies warum?“ „Es gilt das von deinen unheiligen Händen vergoſſene Blut Vuk des Montenegriners rächen!“ rief der ehemalige Polaznik. Ringsum erhoben ſich tauſende von Handſchars, Flinten und Piſtolen. Seltſam ſchien es, daß Abbas, Dane und Ive ſich ſchir⸗ mend um Lascaris drängten, als wollten ſie ihm den Rücken decken; noch räthſelhafter war es, daß Zigan, den Händen des Flüſterers entſchlüpfend, freudig winſelnd und wedelnd den verwegenen Aben⸗ teurer umſprang und an ihm alle jene Liebkoſungen verſchwendete, mit denen ein treuer und anhänglicher Hund bei der unvermutheten Wiederkehr ſeines lang abweſenden Herrn und Gebieters ſeine Freude zu äußern pflegt. Dies unerklärliche Treiben des allbekannten Zigan verblüffte die Haiduken und Rajas faſt noch mehr als der werk⸗ thätige Beiſtand, welchen der Flüſterer und die Seinen dem gehaß⸗ ten Gegner zu leiſten drohten. Die Menge ſtand wie verſteinert. Gülnare glich ebenfalls einer Statue. Ihre Seele lag einzig nur noch in ihrem Ohre. 395 „Kommt heran,“ rief plötzlich Lascaris ſeinen Mantel abwer⸗ fend,„wenn ihr noch den Muth dazu beſitzt!“ Allgemeine Ueberraſchung! Der Abenteurer trug die bekannte maleriſche Landestracht von Montenegro. „Sagt,“ fuhr er fragend fort,„wer bin ich denn eigentlich in euern kurzſichtigen Augen?“ „Unſer Todfeind Lascaris,“ murmelten hunderte von Stim⸗ men,„der Mörder des vielgetreuen Vuks!“ „Und wie nennt ihr mich?“ frug Lascaris ſeine drei Kampf⸗ genoſſen. „Du biſt der Kapitan!“ jubelte Dane. „Wir verehren in dir,“ ſprach demüthig der Einſchläferer, „unſer heiliges, einziges Oberhaupt!“ „Du biſt ja,“ rief der alte Ivo freudig,„niemand anderer, als Vuk der vielgetreue Montenegriner.“ Man denke ſich das Erſtaunen der Menge. „Blinde Maulwürfe, die ihr ſeid,“ begann Vuk⸗Lascaris, „die ihr eines rothen Vollbartes bedürft, um euern Herrn und Retter zu erkennen!“ Damit griff er in eine Taſche ſeines weiten weißen Mantels, zog eine rothe Perücke nebſt falſchem dichten Barthaar von gleicher Farbe hervor, ſtülpte beides um Haupt und Antlitz, und frug dann mit einer aus hundert Kämpfen bekannten, wenn gleich verſtellten Stimme: „Kennt Ihr mich jetzt, meine wackern Haiduken?!“ Die Aehnlichkeit, doch was Aehnlichkeit, die Identität von Vuk und Lascaris war nunmehr auch nicht von dem ſtarrſinnigſten Zweifler länger in Abrede zu ſtellen, was Wunder, daß ſich augen⸗ blicklich ein Jubelgeſchrei erhob, das den raſenden Donner des hef⸗ tigſten Sommerwetters weit übertäubt haben würde! Der todtge⸗ glaubte unvergeßliche Haidukenhäuptling, der Drache Bosniens war aus dem Grabe erſtanden. Man hatte in dem gefürchtetſten Feinde den beſten und wärmſten Freund entdeckt. Das Jauchzen wollte nicht enden. „Es lebe Vuk⸗Lascaris!“ Alſo brauſte es wie ein Orkan durch alle Nachbarſchaft. Gül⸗ nare ſprach keine Sterbensſylbe, aber in ihrem Antlitze ſtand eine Hymne der Freude zu leſen, wie ſie noch nie gedichtet worden in 396 einer irdiſchen Sprache, an irgend einem Orte der Welt. Selig wie ſie konnte kaum jener arme Sünder geweſen ſein, als er die golde⸗ nen troſtreichen Worte vernahm, noch heute werde er bei dem Herrn ſein im lichten Paradieſe. War doch das Heiligenbild ihres Herzens gleichzeitig der Abgott ihres Volkes geworden! Mehr vermochte ſie nicht zu denken, zu faſſen. Die düſtere nächtige Vergangenheit war verſunken, und ſonnig wie das Land der Verheißung lag die Zu⸗ kunft vor ihren in Thränen der Freude ſchwimmenden Augen. „In der Doppelrolle des geheimen Freundes wie des offen⸗ kundigen Feindes des bosniſchen Volkes,“ ſprach Lascaris, als ſich der Lärm etwas gelegt hatte,„war es meine brünſtige Aufgabe dem Siege des Kreuzes und der Freiheit des Vaterlandes eine breite Gaſſe zu bahnen. Als der Gegner der Rajas ward ich in die ge⸗ heimſten Pläne des Islam eingeweiht, um ſie ſpäter als Freund und Haupt der Wölfe der bosniſchen Gebirge um ſo ſicherer zu vereiteln. Verrath und Hinterliſt zwangen mich die eine Rolle auf⸗ zugeben. Den Montenegriner Vuk konnte ich in der Falle, die mir gelegt worden, nimmer retten, ſo blieb denn nur euer Todfeind Lascaris zurück, um das Schwert der Nache aus der erſtarrten Fauſt des Haidukenhäuptlings zu nehmen und dasſelbe, wie ich leider Lergeblich hoffte, in einer neuen Verkleidung, unter einem weit prachtvollern Namen zur Vertheidigung der Bibel und der Heimath hoch in den Lüften zu ſchwingen. Euer Aberwitz hat den letzten Schleier zerriſſen. Gott hat Euch zur Strafe für ſo manche Frevel⸗ that mit Blindheit geſchlagen, zur Strafe, denn, damit ihr es nur wißt, es gibt in dieſem Hofraume hundert Verräther an Kreuz und Fahne, und vielleicht ſchon morgen weiß Paſcha Juſſuw mit Ge⸗ wißheit kundzugeben, daß Vuk und Lascaris Zwillingsbrüder waren, ja, daß ſie ewig und immer nur eine und dieſelbe Klinge führten!“ Eine lange trübe Pauſe allgemeiner Beſchämung! „Es iſt Zeit,“ fuhr der Abenteurer fort,„die letzte Larve ab⸗ zuwerfen. Wißt ihr, wer Vuk eigentlich war? Ahnt ihr, wer der Lascaris iſt, der tiefbekümmert zu ſeinem bethörten Volke ſpricht? Auch wenn ich ein anderer wehrhafter Mann als der Montenegriner geweſen wäre, und dieſen in ehrlichem Zweikampfe in Wahrheit hin⸗ geſchlachtet hätte, würdet ihr mich vergeblich befehdet haben, denn euer ſchwerſter Handſchar würde wie eine Binſe abgeknickt ſein, eure Kugeln wären nach der Bruſt des Schützen zurückgeflogen, die ſtärkſte Fauſt hätte erlahmen müſſen wie das kleine Händchen eines 397 wehrloſen Kindes! Wackerer Bruder in Chriſtus, ehemaliger Po⸗ laznik, tapferer Haiduke Iwan faſſe deine Flinte und ziele feſt und ſcharf nach meiner Bruſt! Ich kenne deine ruhige Hand, deinen ſichern Blick. Du wirſt mir keine Schande machen. Biſt du doch ge⸗ wohnt, den Adler aus den höchſten Lüften herabzuholen!“ Der Haiduke gehorchte mechaniſch. Lascaris riß ſeinen Leibrock auf.„ Der ehemalige Polaznik ſchien zu einer Statue zu erſtarren, plötzlich aber lief ein heftiges Zittern durch ſeine Glieder, als ſchüt⸗ telte ſie ein grimmes Fieber, ſeine Augen ſtarrten wie feſtgezaubert nach der Bruſt des Abenteurers, die lange Flinte entſank zum erſten Male in ſeinem Leben den gewaltigen Armen, ſeine rechte Hand wies nach einem glänzenden Schilde, und in die Knie ſtürzend jubelte der Sohn der bosniſchen Wälder: „Siada! Siada!“ Der feierliche Ruf„Siada“ zog ſich wie ein Lauffeuer zuerſt durch den vordern Halbkreis der ſtaunenden Volksmenge, die mit eigenen Augen ſchaute, was der Haiduke meinte; dann flog er auf die Lippen der rückwärts ſtehenden Neugierigen, und alle dieſe Zu⸗ ſeher und Zuhörer des ſeltſamen gänzlich unerwarteten Schauſtückes, Abbas und die Seinen, ja nicht einmal Gülnare ausgenommen ſan⸗ ken wie der jauchzende Iwan in ſcheuer Ehrfurcht in die Knie. Tiefe, faſt andächtige Stille wie in einem alten ehrwürdigen Gotteshauſe folgte dem ſtürmiſchen allgemeinen Jubelrufe. Ein Landesvater in der Mitte ſeiner loyalen Kinder! Trug doch Lascaris auf ſeiner entblößten Bruſt das uralte und doch in Bosnien allbekannte Wappenſchild des Ahnherrn der altſerbiſchen Kaiſer, den doppelten ſchwarzen Adler mit zwei Kro⸗ nen, von den Schildern von neun Reichen umgeben, ringsum mit den noch aus den verſunkenen Römertagen herſtammenden goldenen Buchſtaben„S. I. ad A.“ geſchmückt, die da wie wir wiſſen einfach beſagen: „Sic itur ad astra!“ „Ja, ich bin der Meſſias der hochrothen Schlacht,“ begann der gefeierte Krieger,„den ihr ſo lange erwartet habt, bin der Abkömm⸗ ling des erlauchten Nemagna, der letzte männliche Sproſſe aus dem kaiſerlichen Geſchlechte des unvergeßlichen Czaaren Duſchan! Des⸗ halb hieß ich auch Deſche weiland in meiner Kindheit. Bosnien iſt meine Wiege, das ganze weite ſüdſlaviſche Land mein heiliges un⸗ 398 antaſtbares Erbe. In den Gebirgen beugen die Berggeiſter ihr Haupt in Demuth, wenn ich durch ihre Klüfte ziehe; in den Wäl⸗ dern rauſchen wie huldigend die tauſendjährigen Eichen, ſo oft ich vorüberſchreite; im Thale verhauchen die Blumen im Sterben ihren ſüßeſten Duft, dankbar, weil ſie mein Fuß zertreten! Jede Welle trägt meinen Namen mit lautem Preiſe an das ferne blaue Meer⸗ geſtade, die Luft ſchmiegt ſich wie eine Odaliske ſchmeichelnd an meine Schläfe, die Erde erzittert bräutlich ſeufzend unter meinem Tritte, und das Feuer loht doppelt hell und freudig auf in der ge⸗ heiligten Nähe eines Geſalbten Gottes! Selbſt der Aar hält be⸗ ſchämt inne in ſeinem Fluge zur Sonne, denn höher noch, weit höher als des Adlers Horſt, bis in den Himmel, in die Unſterblichkeit hinein ragen die Giebel und Zinnen meines alten Kaiſerhauſes!“ Lascaris ſchwieg, die Menge erhob ſich auf einen Wink ſeiner Hand. „So war es,“ fuhr der Erbe des Nemagna nach einer Pauſe fort,„ſo iſt es! So hätte es auch bleiben müſſen, wäre mir nicht ſchnöder Verrath in der Nachbarſchaft und blinde Kampfluſt in der Heimath hemmend in den Weg getreten! So wird es bald nicht mehr ſein! Jener Waffenſtillſtand, den der feige, weibiſche Kriegs⸗ rath im Chriſtenlager bei Vitez abſchloß, war ein Meiſterſtück des Satans, der ſich Juſſuw auf Erden ſchelten läßt. Hört! Der alte Ali Riswan Beyowich, der unumſchränkte Beherrſcher der Herzego⸗ wina, dieſer ſchlaue Mann, den nach dem Aberglauben Abbas des Flüſterers weder Stahl noch Blei zu tödten vermögen, hat kürzlich einen ſtreng bemeſſenen Ferman aus Stambul erhalten. Der In⸗ halt dieſes Ferman lautet bündig: Marſch gegen die aufſtändiſchen Bosniaken oder die rothe Seidenſchnur! Die Wahl hielt nicht ſchwer. Schon ſind die gedrillten Truppen des Beyowich aus der Herzego⸗ wina im Anzuge. In der Front wie im Rücken von einer zehnfachen Uebermacht verderblich gefaßt, was bleibt uns übrig, als im ver⸗ zweiflungsvollen Vernichtungskampfe ehrlich für das Kreuz zu fallen, für den heimiſchen Herd zu verbluten?! Heil den fallenden Kriegern! Auch die Schlacht hat ja ihr Martyrthum, ihre Blut⸗ zeugen. Wehe, dreimal Wehe über das Haupt der überlebenden Weiber und Kinder! Bosnien iſt um ſein letztes Bollwerk gekom⸗ men. Selbſt dies alte Schloß hat bereits aufgehört, eine gefeite Veſte, eine geheiligte Zufluchtsſtätte gegen türkiſche Willkür und Buhlſchaft zu ſein. Ich habe die Konſulatsfahne nicht aus 399 Trotz abnehmen laſſen, wie ihr in euerm Aberwitze träumtet. Jene auswärtige Großmacht, die Vater Riswan weiland in Bosnien vertrat, mißbilligt unſere Schilderhebung und hat deshalb den Greis einſtweilen ſeines Dienſtes enthoben. Auch mich bangt es nach einem Aſyl für meine weiße Roſe. Ich hoffe ſie jedoch zu bergen. Dann aber gehe ich fechten, bis mir die Klinge an der Fauſt ab⸗ ſpringt. Eilt in das Lager und thut euer Kühnſtes! Ich habe ge⸗ ſprochen!“ Mit dieſen Worten eilte er mit Gülnaren in den Ahnen⸗ ſaal zurück. Die Volksmenge zerſtreute ſich in banger lautloſer Stille. Nöthig, ſehr nöthig will es uns bedünken, lieber Leſer, falls du zu der Sorte ewig zweifelhafter Gemüther zählen ſollteſt, dir die Art und Weiſe kundzugeben, wie Vuk⸗Lascaris ſeine ſchwierige Doppelrolle durchzuführen wußte. Früher jedoch ein Rückblick in ſeine Kinderjahre! Er war in der That der letzte männliche Sproſſe des alten Geſchlechtes, dem der große Serbenkaiſer Nemagna ent⸗ ſtammte. Sein Vater fiel durch Verrath in die Hände der Ungläu⸗ bigen und ward der Sage nach in den weiland ſieben Thürmen zu Konſtantinopel erdroſſelt. Ein treuer Freund ſeines Hauſes, jener alte finſtere Mann in ſchwarzen Gewanden, deſſen wir in dem Ca⸗ pitel von der ſeltſamen Brautnacht erwähnten, flüchtete mit der ver⸗ laſſenen Waiſe nach der ſtillen Baute in dem Bergthale hinter dem Wildbache an Riswan's Schloßgarten. Dort hatte bereits die Mut⸗ ter des Knaben, leider früh verſtorben, in ſicherer Einſamkeit ge⸗ hauſt und gewaltet. Auch Deſche fand hier eine verborgene Freiſtätte. An jedem Sabbathabend eilte der alte Mann nach Serajevo, um Kunde über den Stand der Dinge in den ſüdſlavi⸗ ſchen Landen einzuziehen. Auf einem dieſer Ausflüge ward er er⸗ kannt. Bald ſtöberten türkiſche Spürhunde die ſtille Klauſe auf. Kallugu fiel als erſtes Opfer. Das Uebrige iſt unſern Leſern bekannt. Wir fügen blos bei, daß der Vormund des Knaben, der ſich von muhamedaniſchen Schergen umſtellt wußte, bei dem Einbruche der Nacht geradezu zu dem würdigen Riswan eilte, und ihm das Geheimniß von der Abkunft und Blutsverwandſchaft Deſche's mittheilte. Beide wurden mit offenen Armen aufgenommen und nach einigen Tagen auch glücklich nach Montenegro geleitet. Arme Gül⸗ nare! Sie hegte keine Ahnung, wie nahe ihr der theuere Jugend⸗ ————·· 400 geſpiele durch geraume Zeit verblieben. Unter den kriegeriſchen Söhnen des ſchwarzen Berges entwickelte ſich auch das phyſiſche Leben des Fürſtenſproſſen zur ſchönſten Blüthe, Reiſen durch das Abendland, nach dem Tode ſeines Vormundes unternommen, halfen ſeinen reichen Geiſt entfalten, kühne Waglingsthaten, ſcheinbar im Dienſte des Halbmondes unternommen, ſtempelten den jungen Abenteurer zum Liebling und Vorbild aller türkiſchen Kriegerſchaft, und ſo fand der kleine Deſche, als er zum Manne herangereift unter dem erborgten Namen Lascaris nach ſeiner Heimath zurückkehrte, alles vorzugsweiſe durch die Bemühungen Riswan's zur Schilder⸗ hebung zu Gunſten ſeiner eigenen Größe vorbereitet. Der Vater der weißen Roſe, den Lascaris noch obendrein auf einem verun⸗ glückten Waidgange aus den Klauen eines Bären befreite, he ſeit der Stunde der obigen Entdeckung nur einen Kenlingsu nämlich die Vereinigung der beiden letzten Sproſſen aus der männ⸗ lichen und weiblichen Linie des Hauſes Duſchan. Der Abenteurer kam ihm natürlich noch weiter als auf dem halben Wege entgegen. Nun entſtand eine brennende Frage. Sollte Gülnare in das Geheimniß eingeweiht, ſollte ſie in gänzlicher Unwiſſenheit gelaſſen werden? Zwei gewichtige Gründe ſprachen für den betrübenden letztern Ausweg. Erſtlich hätte es den türkiſchen Gewalthaber zu Travnik wie ſeine beſchnittene Banner⸗ ſchaft im geſammten Lande auf die rechte Fährte leiten müſſen, falls die weiße Roſe bei ihrer nur zu bekannten Vorliebe für die ſüdſlaviſchen Farben einem erklärten Anhänger der Fahne des Pro⸗ feten mit Freude und Zärtlichkeit zum Altare gefolgt wäre. Ferner fürchtete man ihre Zuneigung zu der Tochter des Defterdar. Schwiegervater wie Eidam wußten, daß Leila zu dem Koran ge⸗ ſchworen habe, daß ſie den unſichtbaren Telegrafen abgebe, der alle Geheimniſſe aus dem alten Bergſchloſſe in das türkiſche Haupt— quartier in deutlichen Zeichen hinüberſpiele. Dieſe zwei Gründe beſtimmten Riswan zum unverbrüchlichen Schweigen gegen ſeine reizende Tochter. Lascaris hatte noch einen geheimen dritten Grund. Er wollte ſelbſt als angeblicher Feind des Kreuzes durch den Zauber ſeiner perſönlichen Liebenswürdigkeit das jungfräuliche Herz ſeines Weibes erobern. Lascaris gedachte Deſche, alſo ſich ſelbſt, bei Gül⸗ naren aus dem Felde zu ſchlagen. Wir wiſſen, daß er auch hier das Schoßkind des Sieges verblieb. Nun zur Durchführung ſeiner Doppelrolle! 401 Durchblättern wir die einzelnen Capitel, in welchen ſeine Ver⸗ kleidung als Montenegriner zweifelſüchtigen Leſern etwas unglaub⸗ lich ſcheinen dürfte! Die montenegriniſche Landestracht, das falſche rothe Haar, der gewaltige Vollbart von gleicher Farbe, endlich das Schwärzen des Geſichtes— zuweilen half auch eine Halblarve aus — reichten vollkommen hin ſein Geheimniß zu bewahren, zumal er meiſt bei Nacht oder zur Zeit der Dämmerung ſeine waghaften Streifzüge zu unternehmen pflegte. So blieb er unerkannt, als er Juſſuw von der Straße nach Serajevo abſchnitt, als er ſpäter den Pferdemarkt zu Moſtar beſuchte. Nur der Flüſterer wie Dane und Jvo wußten, daß Lascaris und Vuk ein und derſelbe wehrhafte Mann ſei, benahmen ſich daher abſichtlich um ſo barſcher und un⸗ höflicher gegen den Abenteurer, wenn er unter dem erſtern Namen mit ihnen zuſammentraf. Die Verkleidung als Grundherr in der Schenke zur Kobaſica geſchahein einer benachbarten abgelegenen Scheuer, deren wir bereits damals erwähnt haben. Auch in den Bergen hinter der Klauſe des Flüſterers gab es eine verborgene Behauſung in einer Felſenhöhle, darin Lascaris ſeine edelmänniſche Tracht ablegte und ſich in das Koſtume des Montenegriners hüllte. Vuk trat durch dieſelbe geheime Thüre in das Brautgemach Gül⸗ naren's, durch welche dasſelbe von dem jungen Gatten verlaſſen worden. Dieſe Thüre ermöglichte auch das weitere Treiben und Schreiben des unſichtbaren Deſche. Das Erlöſchen der Ampel in der Brautnacht zählte zu den gewöhnlichen Kunſtſtücken natürlicher Magie. Meliſſa wie ſpäter Juſſuw ahnten das Geheimniß. Auch Arslan kam Dank ſeines überaus feinen Gehöres auf die richtige Vermuthung. In Travnik ſpielte Lascaris, der ſich auf ſeinen vielen Wanderfahrten auch die täuſchende Sprechweiſe eines vollendeten Bauchredners anzueignen wußte, gleichzeitig beide Rollen ſeiner ſchwierigen Aufgabe, und ſtellte ſich zuweilen, um Meliſſa und Ali vollſtändig irre zu führen, als höre er die Stimme des Montene⸗ griners. In der Höhle zwiſchen den beiderſeitigen Vorpoſten, welche weiland Bluthund Muſtapha auskundſchaftete, befand ſich noch ein kleiner ſchlau verſchloſſener Raum, darin der Abenteurer ſeine Ge⸗ wande zu wechſeln liebte. Dort ereilte die Rache den abtrünnigen Wegelagerer. Der lange hartnäckige Zweikampf wie die ſpätere Erſchöpfung waren natürlich blos Spiegelfechterei zur Täuſchung der Türken. Leider vereitelte die auf der Anhöhe lauernde Schaar albaneſiſcher Scharfſchützen jede Liſt, um Vuk ſcheinbar entkommen Der Montenegriner. 26 — 40² zu laſſen. Deshalb ſchnitt Lascaris auch dem Renegaten das Haupt vom Rumpfe und hüllte es dann in die Haarfülle und den Rothbart des Montenegriners. Und die doppelten Augenbrauen? Die Haſt, mit der Lascaris oftmals ſeine Verkleidung vornehmen mußte, er⸗ laubte ihm nicht immer ſeine Brauen zu färben. Den letzten Kum⸗ mer Gülnaren's führte endlich der Gedanke herbei, ſtatt des aufge⸗ gebenen Montenegriners in der noch prachtvollern Rolle des herangereiften Deſche auftreten zu wollen. Es war Nacht geworden. Auf einem Armſtuhle, der gerade über der Moſaik ſtand, welche die Wahl des Paris darſtellte, ſaß die Tochter Riswan's einſam und erwartungsvoll wie zur Zeit ihrer ſeltſamen Brautnacht, aber die damals ſo bleichen Wangen überflog es heute zuweilen roth wie Scharlach, und ihr Antlitz wies daher ein weit bräutlicheres Kolorit als die ſchwache Färbung eines weißen Roſenblattes; von der Stirne war der frühere unbeugſame Trotz verſchwunden und um die Mundwinkel lag und zuckte es nicht mehr elegiſch wie ein Lied unglücklicher Liebe, die ſich erſt hinter den Gräbern ein Stelldichein geben durfte. Leiſe Schritte wurden hörbar. Lascaris war durch die geheime Thüre in das Schlafgemach getreten. Er trug weiße wallende Gewande faſt nach altrömiſchem Schnitte und hielt, wie es die Alten liebten, eine friſchgepflückte Roſe aus dem Treibhauſe zwiſchen den feingeſchnittenen Lippen. „Sie haben mich,“ begann er, die Roſe Gülnaren zu Füßen werfend,„zwar nicht rufen laſſen, aber ich wagte es trotz der langen Täuſchung herbeizukommen, um unſere Rechnung ehelicher Zärtlich⸗ keit endlich ins Reine zu bringen.“ „Haßt ſich denn,“ antwortete die Kneſin mit ſanftem Vorwurfe, „noch immer, was ſich eigentlich innig lieben ſollte?“ „Hat Gülnare kein freundlicheres Wort für den armen Deſche?“ rief Lascaris die halbe Gemme mit Dianens Silberge⸗ ſpann hervorziehend. Die Roſe von Serajevo ſtürzte ſchweigend an ſeine Bruſt. Und dann? Ja da gab's ein Koſen, Seelen fliegt zuſammen, Wie der Zug der Luft Wie zu einem Brand Von zwei Nachbarroſen Zwei zu nahe Flammen Innig eint den Duft! Lodern ineinand! * ppt ſſt 403 Und bei dieſem langen Kuſſe verſank die ganze Welt vor den trunkenen Blicken der Liebenden! Sie lebten, Gott war noch, ſonſt blieb alles vergeſſen, verſchwunden und ausgeſtorben in dem weiten Reich der Schöpfung. Die Heiligen und Engel im Himmel blickten halb neidend, halb gerührt auf dieſe Szene goldenen Glückes und der heilige Geiſt ſtarrte träumeriſch nach der ſchönen Mutter Gottes hinüber, ſtill denkend, wie er einſt als Taube nach Juda kam gereiſt. Das Moſaikbild, darauf Priamus um die Leiche ſeines erſchlagenen Sohnes Hektor bittet, war ſpäter vollends nicht mehr an einer tauglichen Stelle, und ſelbſt die Liebesgöttin und ihr blindes hoch⸗ herrliches Kind mußten einem mächtigern Nachfolger entthront das Feld räumen. Es war Gott Hymen, der ſeine Fackel verlöſchte und den Zeigefinger ſchelmiſch an die Lippen gedrückt langſam dahin⸗ ſchritt durch das ſich mählig verdunkelnde Brautgemach. 26* ———ÿ— 404 Zweiundzwanzigſtes Capitel. Polyxena in Bosnien. Unglückliches glückliches Ehepaar! War doch euer goldenes Glück von kurzer Dauer, zählte es doch nicht nach Honigmonden oder Flitterwochen, verſtob es doch flüchtig nach wenigen Tagen wie ein ſchöner wacher Traum! Die Todesſtunde Bosniens wollte ja zu ſchlagen beginnen, und Lascaris mußte ſeinem Gelübde treu kämpfen gehen, bis ſein Arm erlahmen oder ihm die Klinge an der Fauſt abſpringen ſollte. Es hieß jedoch früher die Roſe von Serajevo in ſicherer Zufluchtsſtätte bergen. Deshalb hatte auch der Urenkel Nemagna's die alte Baute am ſtil⸗ len Weiler während der Bluttage an der Bosna neu aufthürmen und den geheimen Zugang in das Felſenthal künſtlicher denn je verrammeln laſſen. Dorthin geleitetete er in der feierlichen Sylveſter⸗ nacht ſein geliebtes Weib. Nur vier treue Diener, ingleichen Mirra der Jüngere, endlich Manda die erprobte Zofe zogen mit in die freiwillige Verbannung hinter den ſteilen Baſaltwänden. Callugu war freilich längſt getödtet, aber ſeine ſiedleriſche Namensſchweſter, die Taube und der zottige Zigan erſetzten in ihrer ſchlichten An⸗ hänglichkeit reich, was der zahme Bär weiland an Liebkoſungen an ſein kleines Herrlein verſchwendet hatte. Unglückliches glückliches Ehepaar! In der Morgenſtunde hieß es ſcheiden! Das letzte Feſt, das Lascaris mit ſeinen Treuen beging, war die Feier des neuen Jah⸗ res. Manda und Mirra wie ſämmtliche vier Diener mußten ſich mit an die Tafel ſetzen. Vor jedem der Anweſenden brannte eine der Kerzen, die der Abenteurer in der Chriſtnacht als Hausvater in der 40⁵5 Schloßkapelle geſammelt hatte. Lascaris begann die Feier mit dem üblichen Spruche: „Möge euch das neue Jahr Glück bringen, möget ihr lange Geſundheit und ſtetes Gedeihen genießen, weder Gott beleidigen, noch der Seele ſchaden, ſondern jedes Segens und himmliſcher Freude theilhaftig werden!“ Nachdem das Familienhaupt darauf drei Mal etwas reinen Wein getrunken hatte, ſchickte er ſich an, ein wenig davon im Namen der Dreifaltigkeit auf die Kerzen zu gießen, um ſie auszulöſchen. Seltſam! Die Kerze, die vor Gülnare brannte, erloſch von ſelbſt, vermuthlich von einem zufälligen Luftzuge ausgeblaſen, noch ehe ſie das Naß des Rebenſaftes berührte. Lascaris ſeufzte ſchwermüthig auf, dann folgte er der herkömmlichen Sitte. Tropfen reinen Wei⸗ nes zitterten auf die Lichter nieder. Sonderbar! Fünf der Kerzen erloſchen augenblicklich, nur das ſechſte Licht flackerte noch einmal luſtig auf. Es flammte vor Mirxa dem Zigeuner, die andern fünf Wachsſtöcke aber hatten vor Manda und den Dienern geleuchtet. Wunderlich! Das Licht, das Lascaris gegenüber lohte, dies Licht einzig und allein blieb zufällig brennen. Ein langes Leben ſtand alſo dem Abenteurer in Ausſicht! So deutet dieſen Zufall der Volksglauben, namentlich unter den Morlaken. Ein langes Leben? Was frommte es Lascaris, wenn das Licht ſeines Auges verlöſchen, wenn der Duft ſeiner Seele ver⸗ beben, wenn die weiße Roſe von Serajevo frühzeitig verwelken ſollte! Laßt uns verſchweigen, wie der Reſt der heiligen Sylveſter⸗ nacht verrauſchte. Liebe, die ſich trennen ſoll, ſcheut ungebetene Zeugen. Der Morgen dämmerte bereits, als Lascaris von Gülnare begleitet nach dem geheimen Zugange eilte und langſam das künſt⸗ liche Hebelwerk in Bewegung ſetzte, das ihn von der Außenwelt abſperrte. Noch ein Schritt, und das Paradies ſeiner Jugend lag aber⸗ mals hinter ſeinem Rücken. Da überkam ihn die Erinnerung an den trüben Traum in ſei⸗ ner Kindheit noch einmal mit troſtloſer Gewalt. So weit ſein Auge ſchaute, wälzte ſich die Wogenfluth über den weiten Park. Auch im Thale hinter der bergenden Felſenwand hatte das Werk der Zwie⸗ tracht begonnen. Die ſtarken Tannen entwurzelten die zitternden Weiden und die rothen Roſen verſengten ihre weißen Schweſtern mit wild lohenden Fackeln. Gülnare aber war nirgends zu ſehen. 406 Da ſtürzte ſich Lascaris, Dank den kühlen Fluthen des Weihers des Schwimmens ſeit Jahren kundig, kopfüber in die ſchäumende Fluth, und ſeht, die Waſſer, kaum daß er ſie berührte, färbten ſich roth und rochen nach friſch vergoſſenem Blut. Ermattet drohte er zu ſinken, aber da erſchien die Geſpielin ſeiner Jugend am jenſeitigen Geſtade, und winkte ihn heran mit einem Palmenzweige, und da harrte er muthig aus, brach vor wie ein gewaltiger Schwan, aber als er das bergende Ufer endlich mühſam erreichte, und zärtlich die rührende Geſtalt Gülnaren's umfaſſen wollte, da flog ſie verklärt, als ein Engel gegen den Himmel und er lag wie früher verlaſſen und allein an dem Eingange einer öden, blumenleeren Wildniß! Dieſer Traum überkam ihn aufs Neue mit troſtloſer Gewalt. „Muth Liebling meiner Seele!“ rief Gülnare, die trotz ihrer naſſen Augen deutlich in ſeiner Seele zu leſen ſchien. Eine lange glühende Umarmung! Lascaris bat die Geliebte ſeines Herzens, das ſichere Thal auch nicht auf Sekundendauer zu verlaſſen. „Nur wenn ich dir die halbe Gemme,“ ſprach er an dem Wildbach draußen,“ mit dem Silbergeſpann der keuſchen Göttin der Nacht zuſende, dann darfſt und ſollſt du dem Boten Glauben ſchenken, dann iſt es die Liebe, nicht der Haß, der deiner ſehnſüch⸗ tig wartet!“ Ein letzter ewiger Kuß! Das Hebelwerk knarrte, der Zugang ſchloß ſich, der Abenteu⸗ rer ſchritt aus dem Paradieſe in die rauhe Wirklichkeit. Wohl ſah er ſich an hundert Male um, ehe er dem ſtillen Thale für die nächſte Zukunft den Rücken kehrte, endlich aber entſchwand es ſeinem ſpä⸗ henden Blicke und nur der Wildbach gab ihm ſeltſam rauſchend, faſt warnend ein weiteres Geleite. Warnend? Ja, es that Noth, denn bald nachdem Lascaris hinter den beſchneiten Bäumen zum letzten Male zurückgeblickt hatte, erhob ſich aus einer Felſenſpalte, die als Verſteck gedient haben mochte, eine Geſtalt in bosniſcher Tracht, prüfte ſorgfältig, wenn gleich vergeblich die bergenden Steine des Zuganges und flüſterte in türkiſcher Sprache: „Zwar ergeht es mir wie jenem Zauberweibe in dem Märchen der tauſend und einen Nacht, das den Zugang nach dem Wunder⸗ ſchloſſe der ſchönen Pari Banou und ihres Lieblings Achmet nicht mehr aufzufinden vermochte, aber was liegt daran, ich weiß ja um die Loſung!“ iſſ 407 Es war ein verkleideter Spion Juſſuw's. Die weiſſagenden Worte, welche der Abkömmling des ſerbi— ſchen Kaiſerhauſes zu ſeinem Volke geſprochen, gingen buchſtäblich, auch nur zu bald in Erfüllung. Die gedrillten Truppen der Herze⸗ gowina rückten im Sturmſchritte heran. Die bloße Kunde, ein übermächtiger Feind ſei nunmehr auch im Rücken im Anzuge, reichte vollkommen aus, um den blinden Schrecken Pan's durch die Hütten Bosnien's zu jagen. Das Chriſtenlager bei Vitez ent⸗ ſchaarte ſich in wenigen Tagen. Nur wenige wackere Rajas der Thale hielten bei den tapfern Haiduken und ihrem eichenherzigen Häuptling Lascaris Stand. Der Abenteurer warf ſich mit ihnen in die Berge; die Fechtart der Montenegriner einzig und allein konnte noch dem ſiegreichen Islam hie und da hartnäckigen Widerſtand leiſten. Der bosniſche Kriegsrath war der Erſte, der die heilige Sache des Kreuzes wie der Heimath feig verließ, ja ſchmachvoll verrieth. Ein kleiner Theil desſelben flüchtete mit ſeiner beweglichen Habe auf geheimen Gebirgspfaden außer Land, die Mehrzahl jedoch erkaufte ſich durch die unbedingte Uebergabe des ſo ſchwer zu neh⸗ menden Fort von Serajevo eine ſchimpfliche Begnadigung. Juſſuw jauchzte, daß er ſeinem gefürchteten Nebenbuhler zu Moſtar bei dem Einmarſche in die bosniſche Hauptſtadt zuvorge⸗ kommen, ein prahlhänſiger Siegesbericht gelangte mit Hilfe von ſieben zu Tode gerittenen Pferden in wenigen Tagen in die Hände des Großherrn zu Stambul. Die ſpätere Zuſammenkunft mit dem Vezier der Herzegowina, der Dank, den er Ali Riswan Beyowich füͤr ſeine entſcheidende bewaffnete Dazwiſchenkunft Artigkeits halber zollen mußte, trübte zwar ſeine roſige, heitere Laune ein Bedeuten⸗— des; dafür unterhielt ſich aber auch der Paſcha von Travnik nach Herzensluſt, und bald wußte man den grauſamen Erfindungsgeiſt des berüchtigten„Bevitore del sangue cristiano“ Seitens der ſtrenggläubigen alttürkiſchen Partei nicht genug zu rühmen und zu bewundern. Alle Gräuel und Schrecken, welche die Blätter der Ge⸗ ſchichte, darauf die Bluttage an der Bosna verzeichnet ſtehen, für ewige Zeiten brandmarken, gingen aufs Neue ſchauerlich in die Szene, und wahrlich dieſe Repriſe ſtand an haarſträubendem Entſetzen nicht zurück hinter der erſten furchtbaren Aufführung. Es war leider eine namhaft vermehrte, noch verſchwenderiſcher mit blutigen Let⸗ tern geſchriebene zweite Auflage der grauſamſten Dichtung, die jemals in die hiſtoriſche Oeffentlichkeit gelangte. 408 Die Heerſtraße zwiſchen Vitez und Serajevo ward buchſtäblich mit Leichen gedielt. Tag für Tag trieb man neue Schaaren aufgegriffenen Land⸗ volkes jeden Alters, beiderlei Geſchlechtes wie Opferthiere zur großen Schlachtbank in dem letztgenannten Weichbilde. Auch Sera⸗ jevo ließ der Unmenſch drei Tage beſchießen. Der Anblick der bos⸗ niſchen Hauptſtadt war bald entſetzlich geworden. Die Häuſer theils niedergebrannt, theils zerſchoſſen, bei den größern Gebäuden ganze Fronten eingeſtürzt, ſo daß Straßen und Wohnungen keine Grenzen mehr hatten. Die Gaſſen mit Lehmziegeln, Schutt, Eiſenſtücken, Scherben und Glasſplittern überdeckt, in den engen Gaſſen Schritt vor Schritt erſtarrte Leichen, Blutſpuren nach allen Seiten, abge— riſſene Gliedmaßen, welche nach dem Körper zu ſuchen ſchienen, dem ſie jüngſt noch angehört hatten, dazu der dichte Pulverdampf, der wie eine graue Nebeldecke über der unglücklichen menſchlichen Wohn⸗ ſtätte hing, und mit den Brandmiasmen die Luft faſt unathembar machte, wahrlich das Herz ergrauter Krieger erbebte unwillkürlich in der eiſernen Bruſt! Rauchende Trümmer, halbverbrannte Balken ſtierten einem überall, wo man hinſah, entgegen; durchgeriſſene Stubendecken gähnten durch die rahmenloſen Fenſter, aus denen dann und wann Flammen ſchlugen wie Zungen von Tigern, wenn ſie nach dem Fraße die blutige Schnauze lecken. Bleiche Geſtalten ſah man noch am vierten Tage ſtumm und ängſtlich durch die Gaſſen eilen, und in ihrem jammervollen Blicke lag die Geſchichte ihres Unglückes. Sie wollten nur noch den letzten Reſt Habe aufpacken und fortführen, ſchweigſam und voll Bangen, als handle es ſich um geſtohlenes Gut. Tiefe Stille begann ſich dann auf die Stadt nie⸗ derzulaſſen wie ein Todesſchlaf. Kein Kaufladen ward ſelbſt in den verſchonteren Stadttheilen geöffnet, faſt alle Khans und Kaffee⸗ häuſer blieben durch Wochen geſchloſſen. Kaum ein Lebenzeichen im ganzen Weichbilde! Nur dann und wann ziſchte ein verſpätetes Flämmchen empor, nur dann und wann krachte ein abgebrannter, halb verkohlter Balken nieder. Nur dann und wann hörte man Ein⸗ zelne durch die Ruinen gehen, und ihre Schritte widerhallten am hellen Tage, als wäre es die ſtillſte Mitternacht. So lieſt man es in den Märchen von einer Stadt, die verzaubert wurde! Und erſt die bittern Stunden, welche der Ueberlebenden harrten. Verrath hing ſich als Schatten an jeden Fuß. Ein Schimmer Reichthum genügte, um gepfählt zu werden. Die geringfügigſte —— 409 Urſache brachte das Verdikt: des Todes ſchuldig. Die unbedeu⸗ tendſte That des Mitleides führte in mondenlange Haft in feuchten, lichtloſen, unterirdiſchen Kerkergruben. Ein Beiſpiel! Ein armer Jude, der in ſeiner Kindheit von dem barmherzigen Samaritaner vernommen haben mochte, beſprengte ein vor der niedern Thüre ſeines armſeligen Hauſes vor Durſt, Hunger und Erſchöpfung zu⸗ ſammenbrechendes, aus einem fernen Dorfe herbeigetriebenes Chri⸗ ſtenweib hilfreich mit etwas friſchem Waſſer. Der Paſcha ließ ihm die barmherzige rechte Hand abhauen. Der Unglückliche war Benoni's Vater. Nach allen Strichen der Windroſe zogen Freiſchaaren, um nicht blos Rajas, ſondern auch Grundherren, deren türkiſche Ge⸗ ſinnung im Verlaufe der bürgerlichen Wirren etwas anrüchig ge⸗ worden war, einzufangen und gleich einer Heerde wehrloſer, ängſtlich blöckender Hammel nach dem jeweiligen Aufenthalt des Paſcha zu treiben. Kurz Juſſuw hatte Wort gehalten, wie er es bei einer frü⸗ hern Gelegenheit gelobte. Ein thränenloſer Blick war in Bosnien zur fabelhaften Sage geworden. Eine ſolche Freiſchaar bewegte ſich an einem heitern, faſt lauen Wintertage auf dem Pfade, der zur Klauſe des Flüſterers führte, und zwar mit einer ungemeinen Haſt, als fürchte ſie, der morlakiſche Schwarzkünſtler könne den Händen der türkiſchen Juſtiz bei gerin⸗ gerer Eile mit Hilfe eines Wunderteppiches entfliehen oder wohl gar auf dem perſiſchen Zauberpferde nach den höchſten Kuppen des Balkan flüchten. Es waren durchwegs reguläre Reiter, welche auf ihrem Eilmarſche derlei bereits einmal vor uns laut gewordene Gedanken hegten, was auch gar nicht anders kommen konnte, als eben unſer alter Bekannter, der Kaimakan Ali der Führer dieſes Geſchwaders war. Beſagte Haſt ſollte ſich jedoch in Bälde als eine täuſchende Larve erweiſen. Juſſuw hatte nämlich den Mirditen⸗ häuptling Arslan abſichtlich einen Tag vorher mit ſeinen Buren zu einem Streifzuge nach einer andern Gegend beordert, um das Ein⸗ ſchreiten des verliebten Albaneſen, um deſſen Herzensangelegenheiten er unglücklicher Weiſe wußte, zu Gunſten des Einſchläferers zu ver⸗ eiteln, unmöglich zu machen. Eines aber blieb ihm unbekannt. Daß ſich nämlich die Waffenbrüder einen berittenen Telegrafen zur raſchen Verſtändigung aufſtellten und deshalb auf jeder Station beiderſeitig einen Reiter auf flüchtigem Renner zurückließen. Auch gedachte Ali, 410 der ſich freiwillig antrug, den Flüſterer einzufangen, ja ſich den Marſchbefehl ſo zu ſagen ertrotzte, da er ſein heiliges Recht hiezu durch die Erzählung von dem verfälſchten Ferman erhärtete, auch gedachte dieſer beſchnittene ſchlaue Odyſſeus die möglichſte Vorſicht anzuwenden, um bei ſeinem Unternehmen ſo ſicher als möglich zu Werke zu gehen. Er wußte nämlich durch Arslan von dem rückwärtigen Auswege in die ſichern Gebirge. Statt alſo zuerſt dieſen Pfad abzuſperren und die Klauſe allſeitig umſtellen zu laſſen, rückte er einfach von vorn, was man ſo nennt, in offener Schlacht⸗ ordnung gegen die verrufene Behauſung ſeines nach dem Volks⸗ glauben zauberkundigen Feindes vor. Lag es doch in dem Plane, den er mit dem Albaneſen verabredet hatte, den Bewohnern derſel⸗ ben Zeit und Gelegenheit zu einem fahrloſen Rückzuge zu gönnen. So gelangte das Geſchwader an den bekannten Hohlweg. Jene kleine Au an der innern Biegung der dortigen Krüm⸗ mung ſah auch im Winter ſehr romantiſch, obgleich bedeutende Schneemaſſen den ſchwellenden Raſen, deſſen ſaftiges Grün wie ſeine tauſend Blumen gleich einem Leichentuche bedeckten, und ſo die ſchmucke Sage von dem Stück Himmel, das hier zur Zeit des Len⸗ zes durch Zufall oder durch Fügung der Gottheit zur Erde gefallen ſchien, geradezu Lügen ſtraften. Auch fehlte der Geſang der Vögel wie der luftige Reigentanz der Falter und Bienen. Endlich mangelte die blinde Hitze, mit der weiland Ali ſeiner ſchönen Feindin Meliſſa entgegenſprengte. Hielt doch auf ſeinen Befehl der Reiterhaufen am Eingang des Hohlweges ſtill. „Ein Glück für uns,“ murmelte der Kaimakan,„daß der Ni⸗ zam des Flüſterers die Winterquartiere bezogen!“ „Hält Abbas,“ frug ſein Mülazim oder Lieutenant,„Truppen in ſeinem Solde?“ „Ich meinte die geflügelten Schaaren von Bienen und Weſpen.“ Damit erzählte er lachend ſein ergötzliches Abenteuer, und gab dann die Weiſung mit lautem Feldgeſchrei, aber vorſichtig und lang⸗ ſam vorzurücken. Die Türken erhoben einen Lärm, der Ivo den Schwarzen aus ſeinem Zauberſchlafe in der Höhle bei Obod erweckt haben dürfte, und Ali lebte ſohin der befriedigenden Ueberzeugung, Abbas und ſein Kindeskind müßten längſt über alle Berge entflohen ſein, zumal auch nicht das mindeſte Hemmniß das Vordringen ſei⸗ ner Reiter erſchwerte. Wer malt daher ſein ſchreckhaftes Staunen, als er an die verſchloſſene und verrammelte Vorderthüre donnerte, den decht tete, chſte als von gerſt ſſeen, cht⸗ lts⸗ 411 und der Flüſterer auf die Aufforderung zur Wafefenſtreckung von innen lakoniſch erwiederte, ſie ſollten ſich dieſe Waffen nur ſelbſt in ſeiner Zauberhöhle abholen. Das Knallen von Schüſſen, das Ge⸗ töſe, durch Sturmblöcke geweckt, welches hinter der Felſenbaute in der Bergſchlucht erſcholl, löſte dem Kaimakan jedoch augenblicklich das ſcheinbare Räthſel. Juſſuw, ein ſchlauer Fuchs, obendrein von der Waffenbrüderſchaft Ali's und Arslan's unterrichtet, endlich durch Verrath böswilliger Nachbarn um den rückwärtigen Ausweg wiſſend, hatte außer dem erwähnten Reitergeſchwader noch einen Haufen Fußvolk in die Berge geſendet und dem Kolugaſi oder Kapitän be⸗ fohlen, ſich zwar ſpäter nach erfolgter Vereinigung ranggemäß den Befehlen des Kaimakan zu fügen, vorderhand aber die Bergſchlucht zu beſetzen und gleichzeitig mit den von vorn anrückenden Berittenen zum Angriff zu ſchreiten. Abbas, alſo umſtellt, gedachte ſich in dem verrufenen Beinhauſe Dank des bekannten Aberglaubens der Muhamedaner durch ſpuk⸗ hafte magiſche Kunſtſtücke als in einem uneinnehmbaren Bollwerke zu halten. Er befahl daher ſeinem Kindeskinde mit der Tochter des Defterdar in das verborgene Laboratorium zu flüchten. Die Wahn⸗ ſinnige folgte zwar ihrer ſorgſamen Pflegerin, verfiel aber bei dem Anblicke der Zauberhöhle in krampfhafte Raſerei und konnte nur mit Mühe in die Schlafſtube Meliſſa's zurückgebracht werden. So kam es, daß ſich nur die Letztere in dem Laboratorium verbarg. Es hieß heitere Miene zum böſen Spiele machen. Ali mußte ſeine Pflicht als türkiſcher Stabsoffizier erfüllen. Bald wich die Vorderthüre unter den Stößen der Sturmblöcke aus ihren Banden und Angeln, und die Reiter drangen, den Weg nach der Zauber⸗ höhle einſchlagend, zuerſt in die alte Granitklauſe. Der Flüſterer war zu ihrem Empfange vorbereitet. Seltſam rauſchte es an der Decke des Beinhauſes, als niſtete an derſelben unheimliches Gevögel, bisweilen auch ſchallte aus der Ferne unſägliches Wehklagen, ein Seufzen und Stöhnen, als ob ein bleiches Opfer am Marterpfahle erliege oder eine ſündhafte Seele von der haardünnen Brücke Al Sirat in den Abgrund der Hölle hinabgleite. Dicke betäubende Dämpfe ſtiegen nach oben, legten ſich beklemmend auf die Bruſt, wurden jedoch nach und nach dünner, erſt weißlich, dann halb durch⸗ ſichtig, und geſtalteten ſich endlich zu einem bläulichen Nebel, aus dem ſchauerliche Spukgeſtalten auftauchten. Teufelsfratzen mit blut⸗ 412 rothen Zungen, Todte in ihrem Leichenhemde, Skelette mit Senſe und Stundenglas, geſpenſterhafte Unholde, Drachen und Eulen, Reiter auf rieſigen Steinböcken, den eigenen Kopf unter dem Arme haltend, ein gewaltiger Lindwurm, einen geharniſchten Mann im Rachen zermalmend, wurden ſichtbar, ſchwebten langſam, geiſterhaft gegen die himmelhohe Decke empor. Die Türken fühlten den Angſt⸗ ſchweiß auf ihre Stirne treten, ſelbſt Ali konnte ſich nicht entſchließen einen Schritt vorwärts zu wagen. Urplötzlich erſcholl furchtbares Wuthgeheul. Das Fußvoll, das von rückwärts eingedrungen, hatte Leila aufgefunden, und der Kolugaſi, ein geborner Bosniake, erkannte in der Wahnſinnigen die Tochter des angeſehenen Defterdar. Die Wundenmale an den Händen der Muhamedanerin gaben deutliche Kunde, wie ein unerhörter Frevel an dem wehrloſen Weibe verübt worden ſein mußte.— „Der ungläubige Hund hat ſie gekreuzigt!“ Mit dieſem Rufe der raſendſten Wuth trug man die Unglück⸗ liche trotz ihres Sträubens in den Warteſaal herab. Selbſt Ali fühlte ſeine Haupthaare vor Ingrimm gegen den grauſamen Flü⸗ ſterer zu Berge ſteigen, und ſchickte ſich eben an, das Beinhaus trotz ſeiner abergläubiſchen Scheu zu erſtürmen; aber in dem Buch der Bücher, in Gottes heiliger Bibel ſteht geſchrieben, der laſterhafte Menſch ſolle mit und an dem Gliede beſtraft werden, mit dem er ſündigte, mit dem er ruchlos die Gebote des Herrn zu übertreten wagte. Die Wahnſinnige verfiel bei dem Anblicke der grimmig bli⸗ ckenden Bewaffneten wie des ſchauerlichen Beinhauſes abermals in Raſerei, und ſtürmte, wie ein von Schwindel befallenes Menſchen⸗ kind ſich ſelbſt in den gefürchteten Abgrund ſtürzt, mitten unter die Spukgeſtalten der Zauberhöhle. Der Inſtinkt der Rache ſchien ihre Schritte unwillkürlich nach dem niedern Pförtchen des Laborato⸗ riums zu leiten. Der Zauber war gebrochen, die Ungläubigen bra⸗ chen wie gereizte Tiger vor, Abbas wurde ergriffen und überwältigt, und gleich darauf verkündete erſt das Donnern der Sturmblöcke, dann ein wildes Jauchzen, daß das letzte Hemmniß in Trümmer gehe und Meliſſa's Verſteck genommen worden ſei. Ein furchtbares Gericht war im Anzuge. Die Gefangenen wie die Tochter des Defterdar wurden nach der kleinen Au gebracht. Der Einſchläferer ergab ſich ſchweigſam und geduldig in ſein hartes Schickſal. Er wußte, er habe keine Schonung 4 413 zu erwarten, auch keine Gnade und Nachſicht verdient. Auch Meliſſa war des ſchlimmſten Loſes gewärtig, ſie hatte ja in dem Befehls⸗ haber der Muhamedaner jenen zürnenden Reiter erkannt, den ſie im Mai mit Hilfe ihrer tapfern Bienen ſo ſieghaft aus dem Felde ge⸗ ſchlagen. Der gefürchtetſte Feind gerade ſollte jedoch zum Retter in der Noth werden. Ali erklärte nämlich trocken, die reizende Enkelin des Flüſteres könne ſich bei der Kreuzigung, dieſer unerhörten Schandthat unmöglich betheiligt haben, wie ſchon das Benehmen der Wahnſinnigen unwiderſprechlich beweiſe. Leila ſchmiegte ſich nämlich zwar furchtſam, aber mit unverkennbarer Zutraulichkeit an ihre ſorgſame, mildherzige Wärterin. Zudem ſei Meliſſa als Braut des gemeinſamen Waffenbruders, des Albaneſen Arslan, ein gehei⸗ ligtes Weſen in den Augen jedes braven ehrlichen türkiſchen Kame⸗ raden. Dieſer Anruf der muhamedaniſchen Waffenehre, das über⸗ zeugende Betragen Leila's, endlich der hohe Rang des Kaimakan beſchwichtigte die wüthigen Rotten, und ſie ließen ab das unſchuldige ſchöne Kind mit rohen Scherzen und unverſchämten Geberden zu quälen... Der Name Arslan warf neue Hoffnung in die zagende Seele Meliſſa's. Die Enkelin des Flüſterers ſollte jedoch bald ſchlimm enttäuſcht werden. Sie ſelbſt war freilich gerettet, deſto bedrohlicher ſchien ſich jedoch das Schickſal ihres Großvaters geſtalten zu wollen. Sein Tod war beſiegelt. Darüber waren alle handelnde Perſonen in die⸗ ſem kurzen Drama der Rache und Wiedervergeltung einig. Selbſt Ali erhob trotz Meliſſa's Thränen und Bitten nicht die mindeſte Einrede dagegen. Es handelte ſich einzig darum, wie der alte Böſe⸗ wicht am qualvollſten in die Ewigkeit befördert werden ſolle. Einige wollten den Greis in Stücke hauen, andere den Schurken von vier Pferden zerreißen laſſen; ein Dritter meinte, man könne ihn lebendig röſten, ein Vierter endlich rieth, den Erzgauner kurzweg zu pfählen. Der Anblick des Friedhofes in der Nachbarſchaft, darin, wie wir ge— leſen haben, die Vorfahren des verrufenen Mannes beerdigt worden, gab endlich nach langem Wortgefechte den Ausſchlag. Abbas ſollte lebendig begraben werden. So lautete der Urtheilsſpruch der Mehrzahl. Ein freudiges Gemurmel lief durch die Reihen der türkiſchen Krieger, als ſie der Kolugaſi zum Vollzuge dieſer grauſamen Todesſtrafe beorderte. Schnell ward unter einem alten Pflaumenbaume ein geräumiges 414 Grab aufgeworfen. Einige Sturmblöcke mußten als Stützpfeiler dienen und wurden mit ein paar Latten belegt, auf daß die Schollen nicht unmittelbar auf den Leib des armen Sünders niederkollern und das raſche Ende des Erſtickens herbeiführen konnten. Vergebens jammerte Meliſſa und rang ſich unter Thränen die kleinen Hände wund, Ali und die Seinen blieben taub bei ihrem herzzerreißenden Flehen; ja der Kaimakan hielt ſie mit Gewalt zurück, als ſie ihrem Großvater zu Hilfe eilen wollte. Der Flüſterer wurde halb entklei⸗ det. Dann band man ihm die Hände auf dem Rücken feſt, hob ihn empor und warf ihn ziemlich unſanft in die feuchte Todesgrube. Schon fielen ſchwere Schollen und Schaufeln Schnees auf die Lat⸗ ten, ſchon drohte Abbas dem Blicke ſeines geängſtigten Kindeskindes für immer zu entſchwinden; da erſcholl der weithin dröhnende Huf⸗ ſchlag eines wie raſend herbeiſprengenden Pferdes, und der kühne Mirditenhäuptling Arslan erſchien auf ſchaumbedecktem Roſſe in der Mitte ſeiner ihn freudig begrüßenden türkiſchen Waffenbrüder. Der berittene Telegraf hatte ſeine volle Schuldigkeit gethan und ſo ge⸗ langte der Albaneſe als Deus ex machina noch zu dem Schluſſe des kurzen Drama der Wiedervergeltung. Es war die höͤchſte Zeit geweſen! Der Vorhang begann ja eben zu fallen. Meliſſa jauchzte laut auf vor freudiger Hoffnung, als ſie das geliebte Antlitz ihres Dich⸗ ters erkannte. Natürlich, daß Ali fürder keine Miene machte, die Kleine länger zurückzuhalten. Die Aermſte ſtürzte ſchluchzend in Arslan's Arme. „Rette meinen Großvater!“ rief ſie in bitterer Seelenangſt. Der Kaimakan erklärte dem Freunde in kurzen Worten, was hier vorgegangen ſei. Der Albaneſe ſprach mit ſchmeichelnden Wor⸗ ten zur Sühne, galt es doch den Großvater ſeiner Geliebten bei lebendigem Leibe aus dem ſich bereits allmälig ſchließenden Grabe zu befreien. Man wollte jedoch nichts von Schonung wiſſen. Ars⸗ lan's Rede verhallte unter dem Toben der ergrimmten Muhame⸗ daner wie das Flüſtern des Schilfes unter dem Brauſen eines gewaltigen Sturmes. Selbſt ſeine Drohungen fanden kein gehor⸗ ſames und williges Gehör. Was konnte ein einzelner Mann gegen ein Reitergeſchwader und ein Fähnlein gedrilltes Fußvolk ausfech⸗ ten? Zum Glücke für den Einſchläferer kam mittlerweile der ſtatt⸗ liche Haufe albaneſiſcher Buren herangezogen. Nun vermochte ihr Häuptling ſchon geharniſchter zu ſprechen, er beſaß einen Rückhalt feiler hollen ollern ebens dände enden ihrem tklei⸗ b ihn rube. Lat⸗ indes Huf⸗ kühne nder Der o ge⸗ hluſſe laut Dich e, die / nd in jſt. was Wor⸗ n bei Hrabt Ars⸗ amt⸗ eines ehor⸗ gegen fech⸗ ſtatt⸗ 3 ihr ckhalt 415 für ſeine gepanzerten Worte, ja er erklärte daher auch ſchließlich unumwunden, wie er im ſchlimmſten Falle ſeinen künftigen Schwie⸗ gervater mit bewaffneter Hand loszuhauen gedenke. Es ſchien ein blutiges Scharmützel unter den Verbündeten abſetzen zu wollen, zumal die Türken, namentlich der Kolugaſi, von ihrem Vorhaben durchaus nicht ablaſſen wollten, und Arslan's Drohungen mit lau⸗ tem Schlachtrufe beantworteten. Ali legte ſich endlich ins Mittel. Stand er doch insgeheim auf der Seite ſeines Waffenbruders, dem er ſeit ſeiner diplomatiſchen Fahrt zu ſo hohem Danke ver⸗ pflichtet war. Sein Dazwiſchentreten als Befehlshaber der geſamm⸗ ten Streitkräfte entſchied zu Gunſten der Hoffnungen Meliſſa's. So fam zuerſt ein kurzer Waffenſtillſtand, dann ein Vergleich des In⸗ haltes zur Ausführung: Arslan ſolle ſich in Gegenwart ſeiner chriſtlichen wie türkiſchen Kameraden durch einen Popen oder Fran⸗ ziskaner mit dem Kindeskinde des Flüſteres trauen laſſen und dann eidlich geloben, ſeinen Schwiegervater in ſeiner Heimath hart und nachſichtslos gleich dem trägſten und werthloſeſten Sklaven behan⸗ deln zu wollen. Kommt Zeit, kommt Rath! Alſo dachte der Mirdite. Die Trauung ließ ſich aber nicht ſo leicht veranſtalten, als die türkiſche Kriegerſchaft vermeinte. Der größere Theil der katholiſchen Mönche wie der morgenländiſchen Prieſterſchaft hatte ſich in die Gebirge geflüchtet. Die zurückgebliebenen Diener des Herrn waren entweder hingewürgt worden oder lagen in Folge von Verwundung oder Mißhandlung ſterbenskrank, meiſt auf den Tod darnieder. In Serajevo mußte ſchon wegen des heftigen Bombardement jede Nachfrage unterbleiben, auch wollte man den Muſchir keines⸗ wegs vor der bindenden Kopulation von dem ſeltſamen Vergleiche mit den albaneſiſchen Bundestruppen in Kenntniß ſetzen. So ver⸗ liefen drei Tage, bis man endlich einen Popen in ſeinem Verſtecke aufſpürte, der Anfangs vor Angſt halb verging, ſpäter aber ſehr behaglich dareinſah, als er erfuhr, daß es ſich um nichts Weiteres handle, denn die Hände zweier verliebter Chriſtenkinder vor dem Altare zuſammenzugeben. Arslan verlebte im Verlaufe dieſer Tage fabelhafte Stunden glückſeligen Liebesrauſches, und auch Meliſſa entfaltete nach und nach ihre ſorgenvolle Stirne, Gott im Stillen für ſeinen ſichtbaren Schutz und Schirm andächtig preiſend. Gab ſich doch ihr Großvater mild und theilnehmend wie nie früher in 416 ſeinem betagten Leben. Es war nicht die ausgeſtandene Todesangſt, welche den eiſernen Trotz des ſonſt ſo unbeugſamen Greiſes gebro⸗ chen; nein, ſeine Demuth, Zerknirſchung und Ergebung in den Willen des Herrn beruhte einzig auf der erſchütternden Thatſache, daß es Leila, gerade dies Opfer ſeiner Härte und Grauſamkeit ge⸗ weſen, wodurch all ſein Widerſtand vereitelt und er ſelbſt bei leben⸗ digem Leibe in den Schatten des Todes geſchleudert worden. Abbas ſah darin den Finger der Gottheit. Reue und Buße ſollte ſein künf⸗ tiges Tagewerk werden und bleiben. So kam es, daß der Albaneſen⸗ häuptling auf einem Meer von Wonne und Freude zu ſchiffen glaubte. Wenigſtens verrieth dies eine Art Tagebuch, das er damals nach Brauch verliebter Poeten zu führen liebte, und das noch jetzt in ſeiner Heimath von ſeinen Angehörigen zur Erinnerung an den ge⸗ feierten Dichter in Ehrfurcht aufbewahrt wird. Die Zeilen dieſes Tagebuches lauteten: „Du warſt ſo ſchön, Polyxena, dein blondes Haar ſiel auf die Marmorſtirne wie der Strahl der Mittagsſonne auf eine eisbedeckte Alpe, und jede Locke dieſes Haares wurde zur unauflösbaren Feſſel für mein zärtliches Herz! Dein zauberiſches Auge ruhte ſchimmernd und warm auf mir wie die Sommergluth Kleinaſiens, und in ſei⸗ nem naſſen Glanze ſpiegelte ſich eine Welt von Liebe und Glück, und in dieſer Welt war ich heimiſch, ihr unumſchränkter Fürſt!“ „Dein will ich gedenken, ſchwarzäugige Polyxena, durch alle Tage, und traurig um dich weinen jede Nacht! Ich habe dich warm in meinem Herzen getragen und lerne es wohl nimmer verſchmerzen, daß ich dich nicht heimführen durfte auf meinen ſchwarzen Schiffen in mein väterliches Reich! Schöne Tochter Ilion's, wo du auch weilen magſt, gedenke mein, wie man ſich eines theuern Todten er⸗ innert, der zwar vorangegangen iſt in das Jenſeits, den man aber wieder zu ſehen und zu begrüßen hofft in der lichten Ewigkeit! Ver⸗ giß nicht ganz den unglückſeligen Mann, deſſen Ruhe Schiffbruch litt und ertrunken iſt in deines Auges ſchwarzem Meere! Denn ach, ſie kehrt nicht wieder die herrliche Zeit, in der meine Hand, welche ſonſt nur den männertödtenden Speer warf und den harniſchbre⸗ chenden Stahl ſchwang, ſich zitternd um deinen palmenſchlanken Leib wand, wo ich genau wußte, wie Sonnenfeuer brennt, da ich dich küßte, zärtlich und oft. Meine ſchlanke, oftgeküßte Polyxena, warum haſt du mich verlaſſen, als mich der Pfeil deines Bruders niederſtreckte in dem Tempel meines Oheims Apollo, angſt, ſebro⸗ den ſache, it ge⸗ eben⸗ lbbas künf⸗ heſen⸗ hiffen umals ett in nge⸗ uf die deckte Feſſel nernd nſei⸗ GHlück, 5 halle warm erzen, hiffen auch en et⸗ aber Ver⸗ bruch n ach welch Gbre⸗ anken a ic rena, deines poll⸗ 417 eben als du mein werden ſollteſt für alles Leben und für alle Zukunft?!“ Dieſe Zeilen, weit früher geſchrieben, waren faſt unleſerlich verblaßt. Die Fortſetzung aber in den bosniſchen Tagen lautete: „Und ich habe ſie ja wiedergefunden die ſchlanke Schönheit aus Troja! Polyrena iſt ein Kind der ſüdſlaviſchen Race geworden, und hat erſt kürzlich im Kolo mit mir getanzt. Noch wogen die goldenen Locken um die weiße Stirne wie Sonnenſchimmer um ein marmor⸗ nes Götterbild, ſüß klingt die Silberſtimme wie ein frommes Wie⸗ genlied oder ein halbvergeſſenes Märchen, das man in ſeiner Kind⸗ heit vernahm, und trügen mich nicht alle Sinne, ſo ruht das Sonnenauge zuweilen zärtlich auf mir, und in ſeinem ſchwarzen Glanze ſpiegelt ſich ein Paradies, in dem meine trunkene Seele ſich für immer vergangen! Ja, du biſt endlich mein, Polyxena⸗Meliſſa!“ „Ich war ſprachlos und wie mit Blut übergoſſen, als ich dich endlich meine Braut nennen durfte. Darum nannte ich auch den Flüſterer zwei Mal Priamus, und ſein reizendes Kindeskind die erſte halbe Stunde fortwährend Polyrena. Sie blickten mich beide verwundert an, und ich hätte bald geprahlt mit meiner Schnell⸗ füßigkeit und den ſchlanken ſchwarzen Schiffen, mit meinen unnah⸗ baren Händen und dem Atlaskleide meiner Mutter Thetis.“ „Endlich faßte ich mich, vergaß den wunderlichen Traum und die Gefilde Ilion's, und lebte in der Wirklichkeit in Bosnien und im Himmel zugleich. Der erſte Tag verging ſo ſchnell, daß ich bei dem Eintreten der Dämmerung blind zu werden befürchtete, denn daß es ſchon Abend geworden, konnte ich unmöglich glauben. Später ergriff Meliſſa die Gusla und ſang ein trübes Lied von dem Hai⸗ duken, der im Kampfe fällt, und der Spahistochter, die ſich darüber zu Tode weint. Hätte ich noch ein Herz zu verlieren gehabt, ſie hätte es mir aus der Bruſt geſungen! Ich ſah mich ja im Geiſte blut— überdeckt am Boden liegen und ſie zum Tode bang an meiner Bahre knien Im Hintergrunde loderte eine brennende Stadt, flohen blaſſe Menſchen und vom Himmel herab donnerte eine zürnende Stimme, das ſei die Leichenfeier des Achilles!“ „Ach, daß der häßliche Traum aus Stambul mir durchaus nicht aus dem Kopfe will!—— Laßt mich ſchweigen von der ſchlaf⸗ loſen und doch ſo ſüßen Nacht, welche dieſem Tage folgte! Ich bin zu aufgeregt, um weiter ſchreiben zu können. Ich will mein Tage⸗ Der Montenegriner. 27 418 buch fortſetzen, wenn ich gefaßter geworden bin oder weiter geblät⸗ tert habe in dem Selam des Liebesglückes!“ „Und ich habe ihn durchblättert dieſen Selam des Liebes⸗ glückes!“ „Es war eine ſtille, ſchweigſame Winternacht, deren Sternen⸗ augen zwei Liebende koſen und Eines von ihnen faſt wahnſinnig werden ſahen vor Seligkeit. Ich habe ihr Alles vertraut, und Meliſſa⸗Polyrena hat kopfſchüttelnd zu meinem helleniſchen Traume gelächelt. Ich habe ſie im Rauſche der Leidenſchaft ans Herz gepreßt ſo glühend und feſt, als wären meine Arme Erz oder Stein; ich habe aufs Neue gefühlt, wie Sonnenfeuer brennt, denn ich habe ihre Sammetlippen geküßt, und mit dieſem Kuſſe fand ich Alles wieder, was ich im Traume zu Stambul verlor—— mein Glück und meines Lebens Zweck; ſelbſt des Herzens ertrunkene Ruhe tauchte wieder auf aus ihres Auges ſchwarzem Meere!“ „Mein Entſchluß ſteht feſt. Gleich nach der Vermählung ziehe ich in die traute Heimath zurück. Dort gedenke ich ein Leben zu füh⸗ ren, dem nur die Ewigkeit fehlt, um himmliſch genannt zu werden. Auch Meliſſa's Bruder, den wilden Dane, benachrichtigte ich ſchrift⸗ lich von meinem Entſchluſſe. Der Sprudelkopf ſoll mein Schreiben zerriſſen und geſchworen haben, mir dasſelbe als Kugelpflaſter in ſeine Büchſe geladen an den Kopf zu ſchießen. Dies iſt der einzige Schatten in der Sonnenfläche meines Glückes, und hat den greiſen Abbas ſchon oft nachdenklich und ernſt geſtimmt, ja das Mädchen meines Herzens weinen gemacht. Mich aber läßt dieſe Drohung kalt. Der tolle Menſch ſoll und muß mich aufs Neue lieben lernen!“ „Endlich iſt ein Pope aufgefunden und der Hochzeitstag auf morgen feſtgeſetzt worden. Ich gehe herum trunken, glückberauſcht und möchte die ganze Welt an mein Herz drücken. Meliſſa lebt nur in mir, wie ich in ihr. Nur von der trojaniſchen Geſchichte will ſie weiter kein Wort hören und hat mich inſtändig gebeten, nie mehr davon zu ſprechen. Es würde ihr, ſagte ſie, dabei ſo ängſtlich, ſo beklommen in der tiefſten Bruſt, daß ſie weinen müſſe. Sonſt Wonne ringsum! Im Morgenlande geht die Sage von einer aus dem Pa⸗ radieſe verwieſenen Fee, welche alle Sterne durchpilgerte, um die Schlüſſel zu den goldenen Thoren des Himmels zu finden. Dieſe Schlüſſel waren die Thränen eines reuigen Sünders. Ich habe in dieſen fabelhaften Tagen oft geweint, aber nur Freudenthränen, und hätte die heimathloſe Peri dieſe Perlen gefunden, ſie wäre ge⸗ ₰ ———— 419 blieben, wo dieſe Zähren vergoſſen wurden, und hätte in ihrem Herzen fürder keine Sehnſucht getragen nach Eden's Zirgelbäumen und der namenloſen Seligkeit in ihren Schatten. Deshalb lebt wohl ihr verſchwiegenen, trauten Blätter, lebt wohl für die irdiſche Welt!“ „Für die irdiſche Welt?“ „So iſt es! Ich gedenke mein Tagebuch ja erſt wieder zu be⸗ ginnen, wenn ich bereits in den Himmel gelangt bin, wenn ich der Glücklichſte der Sterblichen, kurz meiner Meliſſa Gatte geworden ſein werde!“——— Alſo lautete Arslan's kurzes Tagebuch. Auch geſchriebene Träume ſind Schäume! Der Vorabend des Hochzeitstages war wie geſagt gekommen. Aus der türkiſchen Kantonirung, die Muſelmänner und Buren hat⸗ ten ſich nämlich aus Holz und Lehmerde ziemlich wohnliche Winter⸗ quartiere in der Nähe der Behauſung des Flüſterers zu zimmern gewußt, bewegten ſich zwei junge Männer in ihrem glänzendſten Staate nach morlakiſcher Sitte als Brautwerber nach der verrufenen Granitklauſe. Es waren der ſogenannte Stari-svat und ſein Ge⸗ noſſe, welche die Hand Meliſſa's für Arslan begehren kamen. Die Rolle des Erſtern ſpielte Ali, die Würde des Andern bekleidete der Kolugaſi. Wohl ſoll der Stari-svat ein naher Verwandter des Bräutigam und jeder der Brautwerber ein guter Chriſt ſein, aber was frug man in jener ſturmbewegten Zeit, zumal bei einer unter kriegeriſchen Zwangsmaßregeln eingeleiteten Hochzeit um alther⸗ kömmliche Gebräuche und Sitten?! Die Hochzeitbitter beſchenkten die reizende Braut mit den üblichen Geſchenken. Dazu gehörten ein Ring, ein paar Schuhe, ein Spiegel, ein Kamm, eine rothſeidene Haarbinde und ein Apfel, der bei den ärmern Moorwalachen ge⸗ wöhnlich mit Silberſtücken, bei reichern Freiern gewöhnlich mit Münzen von Gold und Silber beſteckt iſt, hier aber durchwegs mit im Schloſſe eines politiſch anrüchigen Spahi erbeuteten Kremnitzer Dukaten geſchmückt war. Die Buren, welche gleichſam die Ange⸗ hörigen des künftigen Eidames des Einſchläferers vorſtellten, hatten gleichfalls tief in den Seckel gegriffen und ſendeten der Zukünftigen ihres Häuptlings eine Unzahl von feinen Tüchern und Hemden wie von andern bräutlichen Schmuckſachen. Die Braut beſchenkte da⸗ gegen die Brautwerber mit einem Paar Strümpfe und Strumpf⸗ bänder, welche mit goldenen und ſeidenen Fäden durchwirkt waren, 273 420 auch überreichte ſie dem Stari-svat ein Prachtſtück dieſer Art für ihren Freier, ingleichen ſo viele Paare Strümpfe und Strumpf⸗ bänder, als die Familie des Bräutigams, wie ſie aus ſeiner Mit⸗ theilung wußte, Glieder zählte. Am ſchönſten nahmen ſich jedoch die bunten Schürzen aus, die Meliſſa in ihrem Fleiße für die weibliche Blutsverwandtſchaft des Mirditen gefertigt hatte; es war ein wah⸗ res Vergnügen dieſe zierlichen Gewebe zu beſchauen, zu betaſten. Ach, erſt jetzt kam es zur allgemeinen Kenntniß, weshalb das Lämp⸗ chen in der Schlafſtube der anmuthigen Dirne als Leuchte bei ge⸗ heimer Emſigkeit oft bis an den hellen Morgen durch die Fenſter⸗ ſcheiben geſchimmert hatte! Bald kehrten die Brautwerber, luſtig ihre Piſtolen abfeuernd, zu der türkiſchen Kantonirung zurück und gaben dem harrenden Bräutigam durch dieſe ihre Freudenſchüſſe die hochwillkommne Kunde, daß Abbas wie ſein Kindeskind die Bitte des Freiers mit einem freundlichen Jawort beantworteten. Ach, noch vor drei Tagen wären der Stari-svat und ſein Genoſſe in düſterer Stille heimge⸗ zogen, zum Zeichen, daß das ſüdſlaviſche Sprichwort„tko deka, docdka“— wer klopft, dem wird aufgethan oder wer wartet, der erwartet— nicht immer und überall ſeine Geltung habe! Arslan lud nun ſeine beiden Abgeſandten wie mehre türkiſche Offiziere und vornehmere Buren als ſeine Freundſchaft zu einem kleinen Mahle ein, bei welchem der Kaimakan, der ſtatt des hier mangelnden Va⸗ ters und Bruders den nächſten Verwandten Arslan's vorſtellte, trotz des Verbotes des Koran ein Glas Wein auf die Geſundheit eines Jeden ausleerte und zwar unter dem Namen oder der Bezeichnung des hochzeitlichen Amtes, das Letzterer bei der morgigen Feier be⸗ kleiden ſollte. Es war tief in der Nacht, als ſich die luſtigen Zecher endlich trennten. Am Morgen wurden die Wachen in der Ebene wie in der Bergſchlucht verdoppelt, um die Hochzeiter vor jedem feindlichen Ueberfalle ſicher zu ſtellen. Der Pope aber ordnete in Ermangelung einer Kirche, was ſeines Berufes war, in der Art und Weiſe des katholiſchen Gottesdienſtes an, der bekanntlich in Bosnien gewöhn⸗ lich unter freiem Himmel gehalten wird. Nur ſtand hier kein ge⸗ mauerter, ſondern ein aus Lehmerde gethürmter Altar unter einem großen Baume auf der Au, der mit einer Art Bretterverſchlag umgeben worden war. Die heiligen Geräthe, die der griechiſche 8* — 421 Prieſter aus ſeinem Verſtecke mitgenommen, befanden ſich bereits an Ort und Stelle und bald lagerte ſich die Zuhörerſchaft natürlich nach türkiſcher Weiſe rings im Kreiſe umher. Dieſe Lagerung nach türkiſcher Manier iſt übrigens auch unter den katholiſchen Rajas üblich. Der Hochzeitszug begann. Der ſehnſüchtige Bräutigam Arslan ging wie gebräuchlich auf dem Wege zur Kirche mit ſeiner bewaffneten Freundſchaft in einem geſonderten Haufen voran, und erwartete mit ſeinem Comparé oder Zeugen— einem katholiſchen Raja aus ver Nachbarſchaft— der ſpäter mit den Neuvermählten vor dem Altare knien ſollte, das bräutlich geſchmückte Kindeskind des Flüſterers vor der aus Raſen gebildeten ſchneebedeckten Schwelle der ſein ſollenden Kirche oder Kapelle, während ſeine Palikaren oder Buren in der Zwiſchenzeit einen jener Tänze aufführten, wie ſie ſchon Altmeiſter Homer be⸗ ſchrieben. Dann kam Ali, der als Stari-svat oder Zeremonienmeiſter den höchſten Ehrenpfoſten unter den Hochzeitern bekleidete. In ſei⸗ nen Fußſtapfen ſchritt der Berak dar oder Fahnenträger, der ein ſeidenes Banner mit einem Apfel auf der Lanzenſpitze hoch in den Lüften ſchwang. Hierauf nahten ſich der Divar Baſcha und zwei Divari— ſonſt Brüder des Bräutigams, wenn er deren hat, auf Montenegro Djever genannt— welche die Obhuth über die Braut führten, ihr einen Schirm in der Geſtalt des bei hochzeitlichen Auf⸗ zügen im Morgenlande gebräuchlichen Baldachins über dem Haupte hielten und der Enkelin des Einſchläferers all die kleinen Dienſte zu leiſten verpflichtet waren, die ſie auf dem Gange zum Altare zu⸗ fällig in Anſpruch nehmen mochte. Sehr geſchäftig gab ſich der Czauſch mit der Streitart— es kann auch ein Stab ſein— an deren Stiel ein Tuch der Braut flatterte, da er die Obliegenheit hatte, den Zug zum Gotteshauſe zu ordnen und demſelben nöthigen Falles gewaltſam eine freie Gaſſe zu bahnen. Bei dem gegenwär⸗ tigen kriegeriſchen Hochzeitsgange gab es freilich kein hemmendes Gedränge, was natürlich dem geſchäftigen Czauſch die Gelegenheit raubte, bei ſeinen lärmenden Poſſen ſein Talent zur Rolle eines Harlekins zu entfalten. Bemerkbar machten ſich ferner im Braut⸗ zuge der Povivato oder Pfeifer durch ſein unharmoniſches Gequicke, dann der Pervincz, ein Knabe, durch eine lederne Flaſche, darin rother Dalmatinerwein perlte. Den Beſchluß machten endlich der Segmen-Buli-Bascha, der acht bis neun chriſtliche Gäſte aus der Umgebung, Segmeni genannt, anführte. 422 Nunmehr trat Meliſſa in bräutlichen Gewanden, einen Schleier über Haupt und Geſicht tragend, von ihrem Großvater, der die Stelle der fehlenden befreundeten Brautführerin oder Kranzjungfer vertrat, geleitet in die angebliche Kirche, wo ſie in dem aus be⸗ ſchneiten Bäumen gebildeten Schiffe derſelben niederkniete. Einer der Divari ſchritt nun herbei und überreichte Abbas als Braut⸗ führer einen mit Goldſtücken beſteckten Apfel. Dieſer verlangte noch einen, ja er begehrte, als er denſelben erhalten noch einen dritten Apfel, eine Bitte, welche der ſpaßhafte Divari nach herkömmlichem Scherze damit beantwortete, daß er den zudringlichen Bittſteller mit einer Zwiebel beſchenkte. Es war eine ſymboliſche Gabe, die Thrä⸗ nen bedeutend, welche in kurzer Zeitfriſt vergoſſen werden ſollten. Dieſe Szene der Feierlichkeit ſchloß damit, daß Abbas dem Divari die Braut endlich übergab, der ſie zum Altare führte. Dort kniete Meliſſa an der Seite Arslan's nieder, der bereits wie ſein Comparé auf den Knien lag und ſehnſüchtig dem Erſcheinen ſeiner reizenden Braut entgegenſah. Der Pope begann die Trauung zu vollziehen. Meliſſa war Dank des durchſichtigen Gewebes ihres Schleiers wunderherrlich anzuſehen, zum küſſen ſchön, daß ſelbſt die knaſter⸗ bärtigſten und benarbteſten Türken und Albaneſen treuherzig mein⸗ ten, um einer ſolchen Roſe willen könne, ja müſſe man dem Waffen⸗ ruhme auf kürzere oder längere Zeit treulos werden. Alles war heiter und froh, Arslan der Mirdite ſchien, nach ſeinen Blicken zu ſchließen, trunken vor Seligkeit. Die Feierlichkeit nahte ihrem Schluſſe. Da erhob ſich plötzlich ein ſeltſames Geräuſch. Leila die Wahnſinnige floh mit aufgelöſten Haaren, kreideweißen Wangen und ſtieren Blicken aus der Granitklauſe des ahnungsvollen Flü⸗ ſterers, warf ſich inſtinktmäßig mit weit ausgebreiteten Armen vor die aufſchreckende Braut und kreiſchte mit gellender Stimme: „Sie kommen, ſie kommen!“ „Die Haiduken?“ frug der Mirdite die Farbe wechſelnd. Die Haiduken hatten in der That die Bergſchlucht überfallen, die dort aufgeſtellten Vorpoſten mit Hilfe von Fangſchnüren lautlos niederiſſen und brachen nun wie wilde Thiere von rückwärts in die Behauſung des Einſchläferers, die Tochter des Defterdar wie ein zitterndes Reh vor ſich her ſcheuchend. Die Vorderpforte, welche Leila auf ihrer Flucht in das Schloß geworfen, wurde nochmals auf⸗ geriſſen, und an der Spitze ſeiner Bande ſtürmte ein zornbleicher, 423 blutbeſpritzter, ſtummiger junger Mann ins Freie. Er legte ſeine Kugelbüchſe an und ſchoß. Arslan wankte, keuchte die nur Wenigen der Hochzeiter verſtändlichen Worte „Paris zielſt du immer unfehlbar? Polyxena gedenke mein!“ und ſank blutend und ſterbend an die Bruſt der zitternden Braut. Der erſte Schrecken der Albaneſen und Türken wich grimmigem Zorne, ſie ſammelten ſich um Ali, ein Piſtolenſchluß des Letztern ſtreckte den Meuchler— es war, wir ſchreiben es mit grauenhaftem Gefühle im Herzen, der Bruder der Braut, der unverſöhnliche Dane todt zu Boden; die durch den Fall ihres Führers entmüthigten Haiduken wurden überwältigt, und Alles, was ſich nicht durch die ſchleunigſte Flucht rettete, ſiel unter den Handſchars der racheſchnau⸗ benden Buren, unter den Bayonetten und Gewehrkolben des erbit⸗ terten Nizam.⸗ Schauerliche Szene! Des Flüſterers Anſicht von der Seelenwanderung wie Ars⸗ lan's Traum zu Stambul waren nicht buchſtäblich zur traurigen Wahrheit geworden. Wohl lag der kühne Mirditenhäuptling, an ſeinem Hochzeitstag als ein zweiter Achilles erſchoſſen, entſeelt und bleich auf dem ſchneebedeckten Raſen, aber jene, dem Kaliber nach zu ſchließen, türkiſche Kugel, welche der Braut als der Polyxena Bosniens vermeint war, hatte ſie verfehlt und die Stirn des Ein— ſchläferers zerſchmettert. Ein zweites tödtliches Blei ſtreckte die wahnſinnige Tochter des Defterdar auf die Stufen des Altares nieder. Ihre Bruſt war gleichfalls der Schild Meliſſa's geworden. Man eilte ihr beizuſpringen, aber jede irdiſche Labe ſchien vergeblich bleiben zu wollen. Leila's Züge wieſen bald darauf das hypokra⸗ tiſche Geſicht. Das unglückliche Schweſterlein Dane's aber ſtand ſelbſt halb geiſtesabweſend zwiſchen den langſam erkaltenden Leichen des Geliebten, des Bruders wie des Großvaters, und raufte vor Schmerz laut aufſchluchzend ihr entfeſſeltes goldenes Haar. Ali blickte mit naſſen Augen auf die blutige Gruppe. Es blieb dem Kaimakan jedoch nicht viel Zeit zur Trauer zu verwenden, denn ſeine Vorpoſten wurden aufs Neue angegriffen und zurück eworfen. Ali warf ſich haſtig in den Sattel und ſprengte mit hochgeſchwungenem Säbel gegen den Feind. Unnützer Kampf! Es war ja der wirkliche Achilles Bosniens mit den unnahbaren Händen, es war ja der furchtbare Vuk⸗Lascaris, der die Kunde von Dane's verwegenem und verwerflichem Vorhaben zu ſpät er⸗ 424 halten hatte und jetzt an der Spitze eines auserleſenen Haiduken⸗ geſchwaders wie der leuchtende Wetterſtrahl des Herrn zur Sühne oder zur Rache herbeigeſtürmt kam. Unnützer Kampf! Die türkiſche Kavallerie ward buchſtäblich niedergeritten. Zwar bildeten die Bu⸗ ren von dem Nizam unterſtützt, deſſen Mannſchaft mit den langen Bayonetten an ihren Musketen das erſte Glied formirte, ein feſtes Quarrée, aber ſie hatten kaum Zeit eine Salve zu geben, und wäh⸗ rend dieſes Kleingewehrfeuers ſetzte auch ſchon der bekannte herr⸗ liche Rappe aus turkomanniſchem Vollblut mit einem ungeheuern Satze mit ſeinem tollkühnen gewaltigen Reiter mitten unter die entſetzten Feinde. Unter den grimmigen Säbelhieben Lascaris Vuk's, dieſes ſüdſlaviſchen Winkelried thürmte ſich aus Leichen eine Gaſſe, wüthend brauſte der Reiterchok in die geſprengten Glieder, und bald barſt der eiſerne Harſt rettungslos aus ſeinen Fugen und Klam⸗ mern. Vergebens flehten die verzagenden Türken, die Musketen wegwerfend, um Quartier; ſie wurden ſchonungslos niedergemetzelt. Auch die Buren fielen, ehrenhaft bis auf den letzten Mann fechtend, unter den Klingen der unwiderſtehlichen Reiter; ihre Leichen bedeck⸗ ten ſtürzend die Raſenſtelle, darauf die wackern Albaneſen lebend gefußt hatten. Ali dankte ſeine Rettung nur der Schnelligkeit ſeines arabiſchen Pferdes wie dem Umſtande, daß Lascaris, der ihn zwei⸗ felsohne überholt hätte, zu der blutigen Gruppe am Altare eilte. Es war ein jammervoller Anblick! Meliſſa brach, die Knie des Abenteurers krampfhaft umklam⸗ mernd, mit einem Jammerrufe ohnmächtig zuſammen. Und Leila? Im Augenblicke des Todes zerriß der düſtere Schleier des Wahn⸗ ſinnes, der ihr bleiches Haupt ſo lange umſtrickt hielt. Die Reuige ſtarrte mit einem ſcheuen, demüthigen, aber unſäglich zärtlichem Blicke nach dem Gatten Gülnaren's empor, und flüſterte mit ſter⸗ bender Stimme: „Vergib Lascaris! Ich habe dich zu ſehr geliebt!“ Darauf ging ſie hinüber in die Ewigkeit, die verirrte Tochter des Defterdar. Vuk⸗Lascaris blickte tief erſchüttert auf dieſe Szene namenloſen Elendes, mühte ſich mehrmals vergebens zu ſprechen, und ſtieß endlich hart und ſchneidend die Worte heraus? „Lebe wohl wackerer Waffenbruder Dane! Dein Tod ward blutig gerächt. Auf frohes Wiederſehen in der freundlichern Ewig⸗ keit! Deine arme Schweſter Meliſſa ſoll nicht ohne Troſt und Schutz bleiben. Ich will ihr ein zweiter Bruder werden. Lebt wohl auch ihr 425 tiefgefallenen Sünder, Abbas und Leila! Möge der Herr der Welt nicht zu ſtrenge mit Euch ins Gericht gehen! Friede mit Euch allen!“ Dann wandte er ſich wehmüthig ab. Die Haiduken vertauſchten auf ſein Geheiß die bluttriefenden Klingen mit Schaufel und Spaten, und bald nahm eine geräumige gemeinſame Grube auf dem alten Friedhofe, unter deſſen ſchnee⸗ bedecktem Raſen eine lange Reihe von Vorfahren des zauberkundigen Flüſterers ſchlummerte, die Leichen der Gefallenen auf. Daneben erhoben ſich zwei kleinere Gräber. In dem einen ſchliefen Dane und Arslan den Schlaf der Gerechten, in der zweiten Grube ruhten Abbas und ſein Schlachtopfer Leila wie in einem ſichern Hafen von dem harten Sturm des Lebens aus, und ſo vereinte verſöhnend der Tod, was wilde Leidenſchaft und blinder Haß im irdiſchen Daſein ſo grauſam zu ſcheiden verſuchte. Friede mit der Aſche der Todten! —— ———— 426 Dreiundzwanzigſtes Capitel. Eine welke Blume. Die Witterung geſtaltete ſich trotz der gewöhnlich ſo rauhen und ſtrengen Jahreszeit täglich milder, was den Türken bei dem eintre⸗ tenden Thauwetter den kleinen Krieg in den Gebirgen bedeutend erſchwerte und die gänzliche Pacifikation Bosniens noch um viele Wochen, wenn nicht um eben ſo viele Monate zu verzögern drohte. Es war eine freundliche, faſt lauwarme Nacht. Der Mond ſchien lächelnd auf die mälig zerrinnende Schneedecke hernieder, als ſähe er im Geiſte bereits die ſchöne Zeit nahen, wo die ausgeſchlafenen Blumen ihre Köpfchen aufs Neue aus dem feuchten Raſen hervor⸗ ſtrecken würden, wie neugierig fragend, ob ihre liebe Mutter, die Frühlingsſonne noch lange auf ſich warten laſſen wolle. Ihre erſt⸗ gebornen Kinder, die kleinen Veilchen, bedürften ja bereits ihrer ſorgſamen Pflege und Wartung. An dem Wildbache, der ſich hinter den letzten Bäumen in Ris— wan's Schloßgarten in vielen Krümmungen hinſchlängelte, zeigte ſich eine vorſichtig vorwärts ſchreitende hohe männliche Geſtalt, in einen weißen Mantel gehüllt, aus deſſen Faltenwurf auf der Bruſt der goldene Griff eines Handſchars wie zweier reich mit Perlmutter ausgelegter Piſtolen hervorragte. Zudem trug der rieſige Mann eine lange Flinte in der rechten Hand. Auch war der nächtige bis an die Zähne bewaffnete Wanderer nicht allein gekommen. Ein zahlreiches Schirmgeleite hatte ſich nach allen Richtungen hin ver⸗ tbeilt und ſtand wohlgedeckt auf wachſamer Lauer, um jeglichem Ueberfall von Seite türkiſcher Streifſchaaren einen bedrohlichen 427 Damm von wohlgezieltem Kleingewehrfeuer entgegenzuthürmen. Dieſe Vorſicht ſchien durchaus nicht überflüſſig zu ſein, da Paſcha Juſſuw das feſte Bergſchloß des alten Riswan durch Verrath ein genommen und mit einer ſtarken Beſatzung verſehen hatte. Auch beſchloß es der türkiſche Befehlshaber als Mittelpunkt für Streif züge nach den benachbarten Gebirgen zu benützen, indem er es gleichzeitig als Eigenthum eines hochverrätheriſchen Geſchlechtes für dem Staatsſchatz verfallen erklärte und im Namen des Großherrn zu Stambul in Beſitz nahm. Aus dieſem angeblichen Grunde war das alte Bollwerk auch nicht ausgeplündert und niedergebrannt worden. Was den Muſchir aber eigentlich zu dieſer Schonung be— wog, war die Hoffnung, ſelbſt mit dieſer werthvollen Beſitzung beſchenkt oder belehnt zu werden. Der nächtige Wanderer näherte ſich dem uns bekannten Zu— gange in das verborgene Felſenthal auf eine höchſt ſeltſame Weiſe. Bald ſchritt er ſturmhaſtig vorwärts, bald blieb er zögernd eine geraume Weile wie feſtgewurzelt ſtehen. Der räthſelhafte Unbekannte ſchien ſich nach dem Ziele ſeines Wanderganges zu ſehnen und be⸗ gehrliches Verlangen nach der Kunde deſſen zu tragen, was ſich während ſeiner Abweſenheit Liebes oder Schlimmes daſelbſt ereignet haben mochte; nebſtbei quälte ihn aber eine grauenhafte Ahnung, die ihm warnungsvoll anrieth, ſeine brennende Neugierde ſo lang⸗ ſam, ſo ſpät als möglich zu befriedigen. Es fällt oft ſehr bitter, alles erfahren zu haben, was man wiſſen wollte. Der zweifelsvolle Kundſchafter war Lascaris. Dunkle trübe Gerüchte waren bis in die höchſten Gebirge ge— drungen, und der Abenteurer machte ſich daher an der Spitze einer ſtreitbaren Schaar Haiduken und Rinderhirten perſönlich auf, um ſich wo möglich durch den eigenen Augenſchein zu überzeugen, in wie weit ſeine Beſorgniſſe begründet ſeien, oder ob ſein Stück irdi⸗ ſchen Himmels noch alle ſeine duftigen Blumen und Blüthen aufzu weiſen habe. Ein gefährliches Wagniß! Endlich gelangte Lascaris an die letzte Biegung der Baum⸗ reihe, die ihm bisher die Ausſicht nach dem geheimen Zugange in das Paradies ſeiner Kindheit verdeckt hatte. Er ſchloß unwillkürlich verzagt die Augen, und als er ſie endlich entſchloſſen zu öffnen wagte, Herr des Himmels, welcher haarſträubende, ja verſteinernde Anblick zeigte ſich dem zum erſten Male faſſungsloſen Drachen 428 Bosniens?! Die bergenden Felſen lagen, wie wir es bereits einmal beſchrieben, zertrümmert umher, die Hand der Verwüſtung hatte grimmiger denn weiland in dem ſtillen Thale gewüthet, und aus der alten, aufs Neue niedergebrannten Baute am Weiher lohte zeit— weiſe eine röthliche, weithin zingelnde Flamme. Wohl war der ver⸗ endende, in letzter Todesqual krampfhaft aufzuckende treue Bär Kallugu nirgends zu ſchauen, aber dafür bedeckten vier in Stücke gehauene, von geronnenem Blute ſtarrende menſchliche Geſtalten den ſchlüpfrigen Boden des abſchüſſigen Zuganges. Weiland waren es die vier treueſten Diener und Hausgenoſſen Gülnaren's geweſen! In ihrer Mitte lag ferner eine kleine Thierleiche, der ein Handſchar das weiße Köpfchen abgeſchlagen hatte. Armer verläßlicher Bote, einſt ſo zierliche Lieblingstaube der Roſe von Serajevo! Lascaris ſprang wie ein angeſchoſſener Hirſch empor. Er ſchritt nicht, er lief nicht, er flog nicht, nein es warf ihn wie die Stücke einer platzenden Bombe mitten in das einſame Thal. Er klagte oder fluchte auch nicht, es kam ihn weder wie Weinen noch Beten an, nein, ſein Antlitz war zu alſo ſtarrem Marmor geworden, daß ſelbſt die Hand einer hundertjährigen Zeit keine Furche in dieſe ſpröden Züge gegraben hätte. Ein paar Mal drückte ihn die Wucht ſeiner Angſt, ſeines Schmerzes in die Knie nieder, aber eben ſo oft und raſch ſchnellte ihn wüthiger Zorn und heißer Durſt nach Rache zu ſeiner alten rieſigen Höhe empor. „Gülnare!“ Alſo rief er plötzlich, aller Vorſicht vergeſſend, mit einer Don⸗ nerſtimme, die den Sturz des mächtigſten Kataraktes übertäubt hätte. Tiefe Stille rings umher! Baute und Thal lagen wie ausge⸗ ſtorben vor ſeinen verzweifelten Blicken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur die alten Bäume rauſchten dumpf durch die Nacht, als ob ſie ſagen wollten, wie ſie wohl die erbetene böſe Kunde zu erthei⸗ len wüßten, ja auch bereits Antwort auf ſeinen Schmerzensruf ge⸗ geben hätten, leider vergeblich, da er als Menſchenkind die Sprache des Waldes nicht verſtehe. „Gülnare!“ Diesmal rauſchte der geliebte Name ſchon dumpfer und weicher von den entfärbten Lippen des Abenteurers. Keine Antwort wie früher! Tiefe Stille rings umher! Baute und Thal lagen wie aus⸗ geſtorben vor ſeinen verzweifelnden Blicken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur ein leiſer Lufthauch wühlte die Wellen des Weihers *. 2 8 4 429 auf, aber das verbebte ſo leiſe, als ob beide vermeinten, was nütze es auch lauter und vernehmbarer vor Einem zu plaudern, der nicht zu verdollmetſchen wiſſe, was ſich Fluth und Wind erzählt?! „Gülnare!“ Es lag unendliche Zärtlichkeit und Wehmuth in dieſem dritten Jammerſchreie, und gleichzeitig brach der ſimſonhafte Mann ſchluch⸗ zend zuſammen, und bittere Thränen goſſen ſo ſtrömend über ſein bleiches Geſicht, als hätten ſie die ſchwierige Aufgabe den Brand eines Welttheiles zu löſchen. Plötzlich ſtieß es kalt, klebrig und feucht an die Hand des Abenteurers. Was war das? Die Hand ward geleckt, freudiges Winſeln und Heulen erſcholl. Das konnnte nur Zigan ſein?! Und er war es auch, der treue, kluge Hund! Das Herbeilaufen ſchien aber dem armen Thiere ſehr ſauer gewor⸗ den zu ſein, denn es ſtöhnte zuweilen ſchmerzhaft auf, und Lascaris gewahrte bei näherer Beſichtigung, wie ſich eine breite, tiefe, jedoch bereits ausheilende Wunde, das blutige Merkmal eines Säbelhie⸗ bes, über den Rücken Zigan's hinziehe. Der Abenteurer fuhr mit einem Freudenrufe empor. Die Wunde hätte ohne menſchliche Hilfe und Pflege, dies ſah man deutlich, tödtlich werden müſſen; auch würde das Thier, das ſich nicht durch Bewegung erwärmen konnte, im Freien trotz der un⸗ bedeutend rauhen Witterung ganz ſicher erfroren ſein. Wem gehörte aber die barmherzige Hand, welche den kleinen Hund ſo ſorgſam betraute? Wo wölbte ſich das Obdach, darunter Zigan Schutz vor dem Froſt des Winters gefunden? „Gülnare?! Manda! Mirxa?!“ Alſo rief Lascaris von neuer Hoffnung durchbebt, im Thale wie raſend umherſtürmend. „Hier mein ſtarker Gebieter!“ Dieſe Antwort ertönte unerwartet aus einer ſchmalen verbor⸗ genen Schlucht, die nur für den Kundigen auffindbar nach einer Gülnarens Gatten wohlbekannten Höhle führte. Gleich darauf zeigte ſich am Eingange derſelben eine ſich mühſam durch die Felſenſpalte zwängende menſchliche Geſtalt. Es war Mirxa, der junge Zigeuner, der ſeinem Herrn ſchwerfällig entgegenhinkte. Sein Bericht lautete düſter genug. Man habe, erzählte der Zigeuner, geraume Zeit ruhig und ungeſtört in dem weltverborgenen Thale gehauſt und gewaltet. Wohl hätten ſich, als endlich die Schaaren Juſſuw's das Bergſchloß be⸗ 430 ſetzten, ein paar Täge und Nächte hindurch verdächtige Geſtalten in der Nähe des geheimen Zuganges gezeigt, doch ſeien dieſelben gar bald, ohne einen Verſuch des Eindringens zu wagen, ſpurlos, ſchein⸗ bar für immer verſchwunden. Eines Abends aber habe man bei der gewöhnlichen vorſichtigen Rekognoszirung eine halbe Gemme mit dem Silberwagen der Göttin des Mondes nebſt einem Schreiben des Inhaltes unter einem Stein am Zugange vorgefunden, Lasca⸗ ris liege ſchwer verwundet an einer ſichern Zufluchtsſtätte in den Gebirgen darnieder und ſehne ſich nach der Nähe und Pflege der Roſe von Serajevo. Zum Unterpfande, daß kein Hinterhalt zu fürchten, ſende er der Verabredung gemäß die halbe Kamee. Gül⸗ nare ſolle in der nächſten Nacht aufbrechen, ein verläßlicher Weg⸗ weiſer werde ſie am Ausgange ihres Bergverließes erwarten und ungefährdet zu ihrem ſehnſüchtig harrenden Gatten geleiten. Als aber die weiße Roſe in der beſtimmten Nacht das ſtille Thal verließ, ſei ſie nebſt ihrer Zofe Manda von einer Unzahl von allen Seiten herbeiſtürzender Bewaffneter ergriffen und fortgeſchleppt worden, ihre vier Diener aber, die ſich mannhaft herumſchlugen, habe man ſchonungslos in Stücke gehauen. Er ſelbſt ſei nur durch den Um⸗ ſtand dem ſichern Tode entronnen, daß er eine Kleinigkeit in der alten Baute vergeſſen und ſo dem erſten Handgemenge entgangen. Uebrigens danke er einer ſeinen linken Fuß ſtreifenden Flintenkugel eine noch jetzt ſchmerzhafte Kontuſion. Welchem Glauben und Volksſtamme die Frauenräuber angehörten, ſchloß Mirra ſeinen düſtern Bericht, habe er bei dem Dunkel der Nacht nicht auskund⸗ ſchaften können, zumal er ſich ſputen mußte, die bergende Schlucht zu erreichen, dahin er nach dem Abzuge des Feindes auch den ver⸗ wundeten Zigan ſchaffte. Lascaris rieth augenblicklich auf den Paſcha Juſſuw. Seine Vermuthung war richtig. Der Spion des Muſchir, der eben keine ſonderliche Gabe der Orientirung beſaß, wußte nach der Beſetzung von Niswan's Bollwerk die Stelle nicht mehr genau an⸗ zugeben, wo ſich der geheime Zugang befinde. Juſſuw hätte alſo eine ganze Reihe Felſenwände verſuchsweiſe ſprengen laſſen müſ⸗ ſen, und fürchtete die Roſe von Serajevo möchte mit ihrer Diener⸗ ſchaft durch den Donner der Minen gewarnt auf einem andern geheimen Pfad das ſichere Weite ſuchen. Er beſchloß daher in Ge⸗ duld, ohne verdächtige Verſuche auf der Lauer liegen zu bleiben. Daß ſich die Flüchtlinge noch immer in den Bergen verborgen hiel⸗ 431 ten, bewies ihm der Anblick der weißen Lieblingstaube Gülnaren's, die er einmal bei heiterm Sonnenſchein ober den Klippen die Lüfte durchflattern ſah. Das lebendige Sinnbild der Treue war alſo wider Willen, unwiſſentlich zum Verräther an der ſchönen Herrin gewor⸗ den. Eine boshafte Laune des heimtückiſchen Zufalles gab endlich den traurigen Ausſchlag. Lascaris hatte in einem blutigen Reiter⸗ gefecht, ohne daß er es in der Hitze des Handgemenges wahrnahm, einen gewaltigen Säbelhieb über die Bruſt erhalten, der ihm Wamms und Hemd aufriß, die ſchmale Goldkette am Buſen durchſchnitt, und ſo die koſtbare Gemme zur Erde fallen machte. Das Kleinod ward ſpäter von einem türkiſchen Marodeur aufgefunden, in Sera⸗ jevo verkauft und gelangte ſo durch die dritte oder vierte Hand in den Beſitz des Paſcha, der vor Freude laut aufjauchzte, da er aus dem Berichte ſeines Spiones entnommen, um welche antike Loſung es ſich bezüglich Gülnaren's Vertrauen handle. Das Uebrige iſt bekannt. Der Abenteurer hatte übrigens wenig Zeit zum Ueberlegen. Es erging ihm wie vor wenigen Tagen dem Kaimakan Ali. Sein Schirmgeleite ward allſeitig angegriffen. Lascaris gab dem noch kampfunfähigen Mirra die Richtung an, in welcher derſelbe, den kleinen Zigan auf dem Arme, ſeinen haſtigen Rückzug antreten ſolle, und ſtürzte dann wie ein gereizter Löwe in das immer lauter auftoſende Kleingewehrfeuer. Die Haiduken hatten ihre Vorſichts⸗ maßregeln ſo umſichtig getroffen, daß ſie trotz der Uebermacht der Türken den Sammelplatz erreichten, wo ihre Nachhuth mit den Pferden zurückgeblieben war. Dieſe Reſerve nahm nun das Gefecht auf, während ſich die eigentliche Streitmacht in den Sattel warf. Auch der Zigeunerknabe ſaß bald auf dem Rücken eines flüchtigen bosniſchen Roſſes. Er hatte den Auftrag, einzig für den zottigen kleinen Hund zu ſorgen. Leider hatte Juſſuw, der mit Recht ver⸗ muthete, der gefürchtete ſlaviſche Edelfalke werde binnen kürzerer oder längerer Zeit ſeinen Horſt aufſuchen, ſeinen Angriff gleichfalls ſo vorſichtig eingeleitet, daß Lascaris mit ſeinem kleinen Geſchwader von dem Wege nach Serajevo wie nach den ſüdlichen Bergen abge⸗ ſchnitten und gegen die weſtliche Grenze Bosniens gedrängt wurde. Dort erwarteten neue feindliche Streitkräfte die bedrängten Hai⸗ duken und es bedurfte aller Kriegskunde, Tapferkeit und Stärke des Abenteurers, um ſich in der Richtung auf Liono durchzuſchlagen. Seine Freiſchaar lief durch ein paar Tage ſo zu ſagen Spießruthen 432 mitten durch die Bayonette, Musketenkugeln, Säbel und Hand⸗ ſchars der nach einem ſo koſtbaren Fang überaus lüſternen Muha⸗ medaner. Zu noch größerm Unglücke lag zwar kein rieſiger Stein, aber eine noch weit verderblichere Blume des Anſtoßes auf ihrem Wege.. Dieſe Blume war eine Muſchirumi. Ibrahim, der kleine Aga von Livno, hatte es nicht vergeſſen, wie er großen Theiles durch die Schlauheit des ſcharfſinnigen Las⸗ caris kürzlich zu Klein⸗Madara das verlachte Opfer einer ſchmach⸗ vollen weiblichen Hinterliſt geworden. Deshalb warf er ſich mit ver⸗ doppeltem Eifer wie mit allen nur aufzutreibenden Streitkräften auf die Rückzugslinie ſeines verhaßten Gegners. Im Rücken wie in der Fron von einer mehr als zehnfachen Uebermacht mit ausgeruh⸗ ten friſchen Truppen angegriffen, ſchien die Vernichtung der er⸗ ſchöpften, längſt dezimirten Haiduken verbrieft und beſiegelt. Das Handgemenge war furchtbar, und als es endlich Lascaris gelang, den Durchbruch dennoch zu erzwingen, war ſein kleines Geſchwader außer ihm und Mirra auf zwei Haiduken herabgeſchmolzen. Alle übrigen Braven lagen todt oder ſchwer verwundet auf dem Schlachtfelde.. Obendrein war noch eine ſteil aufſteigende Schlucht zu durch⸗ reiten. Gewann der Abenteurer ſo viel Zeit, die Holzbrücke in dieſer Schlucht abzubrechen, ſo war er gerettet und ſeinem Rückzuge nach öſterreichiſchem Gebiete ſtand kein weiteres Hemmniß im Wege. Livno liegt nämlich an der Straße, die nach Dalmatien führt. Man kann daher leicht ermeſſen, in welchem raſenden Laufe die vier Rei⸗ ter das ſchmale Thal durchſprengten, das ſie noch von der bergenden Schlucht trennte. „Gott ſei uns gnädig!“ rief plötzlich Mirra der Jüngere. „Was gibt es Burſche?“ frug Lascaris. „Trügt mich mein Auge nicht, ſo wimmelt es in der Schlucht von Bewaffneten!“ „Leider haſt du Recht,“ antwortete ſein Gebieter, mit ſeinem weit geübteren Blicke vorwärts ſpähend,„aber zum Glücke ſind es blos Weiber.“ „Wer mag das ſein?“ „Die Buhldirnen aus Klein⸗Madara,“ entgegnete finſter ein Haiduke. 43³ d⸗ Sie waren es in der That, und eben kein zu verachtender 4 Feind, zumal für nicht mehr als vier zum Tode erſchöpfte Krieger, in mit Tauſenden von erbitterten Feinden hart auf der Ferſe. Wähl⸗ kn ten doch weiland die Dere⸗Bey's in der wunderlichen Kolonie Groß⸗ Madara bei Schumla ihre Gavenden, welche ihnen in Kriegszeiten vom Kopf bis zum Fuß bewaffnet zu Pferde auf ihren Feldzügen en, gegen den Feind folgten. Auch in Klein⸗Madara ſchien man es alſo 8⸗ halten zu wollen. Die dortigen Weiber, in die kriegeriſche alba— c⸗ neſiſche Tracht gehüllt, mit langen Flinten, Piſtolen und Handſchars el⸗ bewaffnet, mahnten an die ſtrenge Göttin Diana, und man zweifelte, ten wie bereits einmal geſagt, bei ihrem Anblicke nicht im Geringſten, in daß ſie ſo gut wie die antike Göttin im Stande wären, die Ver⸗ ij⸗ wegenheit eines neuen Aktäon grauſam und tödtlich zu beſtrafen. er⸗ Lascaris gab Alles für verloren. Ein paar Minuten Aufenthalt, der da? bei der günſtigen und feſten Stellung der Amazonen unvermeidlich n, blieb, mußte das Herankommen der türkiſchen Heermacht ermög⸗ der lichen, und dann blieb keine andere Wahl, als in dieſem Vernich⸗ Alle tungskampfe ſein Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. em Das Blatt ſollte ſich aber ganz wunderbar wenden. Die Heerführerin der weiblichen Koloniſten aus Klein⸗Madara, ch⸗ die handfeſte und hochbuſige Fatimeh kam nämlich, einen Kranz aus 2 — dem Geflechte des Epheu als Friedeszeichen hoch in den Lüften ſer ſchwingend, mit verhängten Zügeln herangeſprengt, ſprang vom ach Pferde, beugte ihr Haupt vor Lascaris faſt bis zur Erde und ſprach ge. mit unterwürfigem Tone: nan„Du warſt der Abgott meines theuern Dane, mehr ſein Freund, 8 als ſein Gebieter! Du haſt meinen Liebling, wie man mir erzählte, den im heftigſten Schneeſturme mit eigener Lebensgefahr vor dem ver⸗ derblichen, einſchläfernden Kuſſe des eiſigen Winters gerettet! Du haſt endlich ſeinen beklagenswerthen Tod blutig gerächt an meinen Landsleuten, den beſchnittenen räudigen Hunden! Kein Haar auf 6' deinem mir heiligen Haupte ſoll und darf daher gekrümmt werden! Sprenge haſtig vor! Meine tapfern Weiber haben euch wacker vor⸗ gearbeitet, und ihr werdet leichte Mühe haben, die halbabgetragene Holzbrücke in der Schlucht drüben vollends abzubrechen. Darum vorwärts, ſo raſch die Roſſe laufen können. Ich will hier indeſſen jenem elenden Halbmann von einem Aga eine ſtattliche Naſe drehen, die von dieſem Thale bis nach Livno, ja ſelbſt bis nach Serajevo tn reichen ſoll!“ Der Montenegriner. jem es 28 434 Geſagt, gethan! Lascaris und die Seinen ſprengten ungefährdet durch die Schlucht und trugen jenſeits die ſchwankende Holzbrücke vollends ab. Sie waren gerettet. Fatimeh haranguirte mittlerweile den her⸗ beiſprengenden kleinen Aga hohnlachend auf boshafte Weiſe. „Zurück Halbmann,“ rief ſie,„oder glaubſt du, daß wir nicht ſchießen können!“ Damit legte ſie ihre Flinte an, zielte ſcharf und ſchoß Ibrahim die Quaſte ſeines Feß vom Haupte. Der kleine Menſch verhielt er⸗ ſchrocken die Zügel ſeines Renners. Auch die rieſige graue Negerin trat vor, ſtreckte ihre gewaltigen Gliedmaßen und meinte ironiſch ſchmunzelnd: „Soll ich dich nochmals ohnmächtig küſſen, lüſterner Schwäch⸗ ling?!“ Ibrahim ſchäumte vor Wuth. Seine Leute umſtanden ihn in einem Halbkreiſe halb lachend, halb ärgerlich. Was blieb auch Ver⸗ nünftigeres über, als die Sache von der ſcherzhaften Seite zu neh— men! Die letzten Trümmer der Holzbrücke waren in die Tiefe gefallen, auch befanden ſich die Flüchtlinge längſt aus der Schuß⸗ weite. Ein Strauß mit dem bewaffneten Weibervolke, zumal da er zu keinem weitern Heil der Verfolgung führen konnte, hätte die Muhamedaner zur künftigen Zielſcheibe des Spottes für die ge⸗ ſammte europäiſche Türkei gemacht. Der Aga kehrte daher wie früher unter dem Hohngelächter der Schönheiten wie der Nicht⸗ ſchönheiten von Klein⸗Madara mit verbiſſenem Groll im Herzen nach Livno zurück. Der Abenteurer blieb geraume Zeit verſchollen. Man glaubte mit Recht annehmen zu dürfen, daß er ſich vorderhand in Wirklichkeit nach öſterreichiſchem Territorium begeben habe, eine Nachricht, die Juſſuw gewiſſer ſpäter erhellender Pläne halber dem Ueberbringer mit blanken Goldſtücken bezahlte. Der Muſchir träumte ſein Spiel gänzlich gewonnen zu haben. Einige Tage nach dieſer tragikomiſchen Szene klopft es bei Einbruch der Nacht an die Thüre des armſeligen, aber Dank ſeiner abgelegenen Lage von dem Kugelregen des dreitägigen Bombarde⸗ ment verſchont gebliebenen Hauſes des armen Kürſchners zu Se⸗ rajevo, und gleichzeitig trat ein alter Bettler mit ſchneeweißem Haare und Barte in die Wohnſtube dieſes mittelloſen Kozuhar. „Hvalien Isus!“—„Gelobt ſei Jeſus!“— ſprach der dürf⸗ tige Greis. 435 „Vazda budi i Maria!«—„Er immer und Maria“— entgegnete der Hausherr. „Barmherzigkeit mit einem todtmüden alten Manne! Obdach für dieſe Nacht!“ „Unmöglich bedauernswerther Greis! Ein Befehl des Paſcha verbietet bei Todesſtrafe die Aufnahme fremder Gäſte.“ „Stoßt mich nicht mitleidslos in das nächtige, eiſige Dunkel hinaus!“ „Er iſt es!“ rief Patila, die mit dem feinen Gehöre der Blin⸗ den die Stimme Lascaris-Vuk's erkannt hatte,„er bleibt auch in unſern vier Pfählen, denn wiſſe mein Vater, unſer Wohlthäter, mein Schutzengel Vuk ſteht Hilfe ſuchend an unſerm Herde!“ Der arme Kürſchner nahm nunmehr ſeinen ſpäten Beſuch mit offenen Armen auf. Es war in der That Lascaris, der ſtatt über die Grenze zu fliehen, mit den Seinen auf abgelegenen Pfaden nach der Höhle des Tigers, kurz nach Serajevo zurückkehrte, wo er ſicher war, am wenigſten vermuthet zu werden. Als betagter Bettler ver⸗ kleidet, mit tiefgekrümmtem Rücken umſchlich er nun mehre Tage und Nächte lang das Serail, darin Juſſuw gegenwärtig hauſte, nach Kunde von dem Schickſale Gülnaren's ſpähend, bis ihn endlich die Erſchöpfung und der Froſt der ſteigenden Kälte zwang, ein Obdach wenigſtens für die nächtigen Stunden zu ſuchen, einige Labe anzuſprechen. „Wir ſind ſehr unglücklich,“ ſprach der Kürſchner die Tafel nach dem kärglichen Imbiſſe abräumend. „Mein Kummer weiß von keinem Troſte,“ ſeufzte Lascaris, „habe ich doch nicht blos für die Freiheit meines Volkes ſieglos ge⸗ fochten, hat man mir doch auch das Weib meines Herzens geraubt! Selbſt die Hoffnung ſtirbt allmälig ab in meinem zum Tode betrüb⸗ ten Herzen!“ „Muth, mein Schutzeiſt!“ flüſterte Patila. „Wo willſt du, blindes Kind, Muth und Tröſtung finden, da ſelbſt die Sehenden beides ſchon lange als für immer verſiegt betrachten!“ „Oft ſehen die Blinden weiter als die Sehenden!“ „Dann ſage mir, wo die Roſe von Serajevo zu finden?“ „Morgen ſollen mir die Söhne des gebrochenen Herzens die Antwort geben. Sie wiſſen um Gülnaren's Aufenthalt.“ 28* 436 „Sprichſt du die Wahrheit? Und wen meinſt du mit den Söh⸗ nen des gebrochenen Herzens?“ „Es ſind die Kinder einer armen Witwe aus jenem Dorfe, das in Flammen aufging,“ fiel der Kürſchner ein,„als ihr, Herr und Gebieter, weiland noch als Montenegriner den Paſcha Juſſuw von der Straße nach Serajevo abgeſchnitten. Beide Knaben wurden mit Gewalt bemüßigt, auf den Koran zu ſchwören, ja noch oben⸗ drein in die traurige Lage verſetzt, tauglich zu dem verſchwiegenen Dienſt im Innern der türkiſchen Frauengemächer zu ſein. Die arme Mutter ſtarb aus Gram hierüber, was man ſo ſagt, am gebrochenen Herzen. Daher der Beinamen der Kinder, Pawel und Mile ge⸗ heißen. Beide ſtehen Dank jener verwünſchten Tauglichkeit zhoch in der Gunſt wie in dem Vertrauen des Paſcha. Namentlich gilt dies von dem ältern Bruder Pawel, der ſchon bei Lebzeiten ſeines Vaters dieſem bei ſeinem Geſchäfte als Barbier der Umgegend hilfreiche Hand leiſtete, und gegenwärtig unter geſchickter ärztlicher Anleitung ein vortrefflicher Feldſcherer zu werden verſpricht.“ „Und die Knaben wiſſen um Gülnarens Aufenthalt?“ „So iſt es,“ ſprach Patila,„morgen die weitere Auskunft! Für heute ſchone dich, mein Schutzgeiſt, und pflege der nöthigen nächtlichen Ruhe und Raſt!“ Auch wir wollen die Fährte der weißen Roſe aufſuchen. Es iſt was Tiefrührendes um eine weibliche Schönheit, zumal wenn man ſie weinend trifft! Wenn ein bezauberndes Auge in Thrä⸗ nen des Schmerzes ſchwimmt, ein irdiſcher Engel ſeine Liebe im Scheiden wie eine theure Leiche mit geweinten Perlen ſchmückt, dann gehört die Natur des Kieſels dazu, um bei dieſem Anblicke nicht ſelbſt in Wehmuth zu verſinken, auf das Knie zu ſtürzen und zu beten: Madonna vergib mir, ich wußte nicht, was ich that! Und ſolch einen Anblick gab es einſt in dem vergitterten Erkergemache einer alten Burg hart an der Grenze von Bosnien und Serbien. Dieſe Veſte war vor der Herrſchaft des Halbmondes der Stammſitz eines gefürchteten Freibeuters und Jungfrauenräubers geweſen. Thiere laſſen nicht von ihrer Natur, Menſchen nicht von ihren Ge⸗ wohnheiten. Gilt dies auch von lebloſen Dingen? Kann auch dieſes Raubneſt nicht abweichen von ſeiner alten Beſtimmung, der Kerker für trauernde Schönheit zu ſein? Soll es, ſo lang noch ein Stein auf dem andern ſteht, der Schlupfwinkel ſchnöder Mädchendiebe verbleiben? Hat das Pulver, mit dem Mönch Schwarz das leidige 437 Ritterthum über den Haufen ſchoß, vor dieſen Quadern ſeine zau berhafte Kraft verloren, und wird dieſer Dirnenzwinger ausdauern, bis am jüngſten Tage die Poſaune des Weltgerichtes mit den Grä bern auch ſeine Fugen und Klammern bricht?! Und wer iſt das Weib, das hier den unfreiwilligen Abſchied von der goldenen Freiheit nahm? Ihr kennt ſie ja, die reizende Roſe von Serajevo! Ach, es war die für Blumen ſo verderbliche Zeit des Froſtes gekommen, und die ſtolze Schwertlilie drohte zur ſchüchternen Mi⸗ moſe zu werden. Die früher ſo waghafte ſüdſlaviſche Amazone ver⸗ kümmerte zum hilflos verzagenden Weibe. Und kam das ſo! Sie lag auf einer prachtvollen weichen Ottomane, das lockige Haupt auf den blendend weißen Arm geſtützt, und ſann, wie denn das Schreck⸗ liche ſo raſch, ſo unvermeidlich über ſie hereingebrochen? Kaum von den Bewaffneten ergriffen, wurde ſie von ihrer Zofe Manda, welche man übrigens in Freiheit ſetzte, getrennt und dann in einen wohl⸗ verſchloſſenen, von Reitern umringten Wagen gehoben. Die Reiſe dauerte mehre Tage, bis man endlich anhielt und die Gefangene nach der Erkerſtube dieſer alten Veſte brachte. Eine finſter blickende Sklavin bediente ſie, die wie ſtumm geboren keine Antwort hatte für ihre Drohungen und Fragen, keine Sylbe des Troſtes für ihre Seufzer, Klagen und Thränen. So war mehr als eine Woche ein⸗ tönig verſtrichen, da gewann die ſtumme Wärterin plötzlich die Sprache und verkündigte der Kneſin mit widrig ſchnarrender Stimme, noch heute werde der Herr dieſer alten Burg wie ihres künftigen Schickſales eintreffen. An ihm ſei es, das finſtere Räthſel zu löſen, das ihren Geiſt ſo lange quälte, ſie ſelbſt, die Wärterin nämlich, ſei nichts weiter als ein blindes, willenloſes Werkzeug in den Händen ihres mächtigen beiderſeitigen Gebieters. Und die Stunde ſchlug, die das finſtere Räthſel löſen ſollte! Gülnare hörte plötzlich ſchwere Tritte durch den Gang hallen, der zu ihrem Gemache führte, die Pforte öffnete ſich, und ein Mann in einen rothen Mantel gehüllt, das Haupt von deſſen Kaputze und einer mächtigen Pelzmütze bedeckt ſtand vor der erwartungsvollen Kneſin. Die Stimme, mit der er ihr widerlich freundlich guten Tag bot, war offenbar verſtellt. Gülnare erhob ſich majeſtätiſch und frug gebieteriſch wie eine zürnende Königin: „Mit welchem Rechte beraubt man mich meiner Freiheit?!“ „Ruhig ſchöner Engel,“ entgegnete der Fremde,„es iſt das Recht des Stärkern!“ 438 „Was wollen Sie von mir?“ „Wenig und Alles! Namentlich Wiedervergeltung an Lascaris üben; ſie ſoll aber ſüß ſein dieſe Rache, wenigſtens für mich, wie die goldenen Träume der Kindheit, wie die Düfte des Maies, wie die— Liebe!“ Entſetzt fuhr Gülnare zurück, denn aus den Augen des Frem⸗ den brannte eine verzehrende Gluth, die demungeachtet ihr Blut zu Eis erſtarren machte. „Fürchte nichts, weiße Taube,“ fuhr der Unbekannte fort,„die Schlinge, welche dich fing, ſoll dir nicht tödtlich werden. Sie war fein gedreht. Konnteſt du wiſſen, wie geübt meine Hand in der Nachahmung fremder Schriftzüge und wie bekannt mir die Rohr⸗ feder deines Gatten ſei? War es denkbar, daß die halbe Gemme durch einen Zufall in meinen Beſitz gelangte? Nein, dich trifft keine Schuld, daß du in die Falle gegangen! Selbſt Lascaris wäre an deiner Stelle trotz ſeines Scharfſinnes ſchwerlich entronnen. Darum ergib dich mit ruhigem Herzen in dein Schickſal. Es iſt nicht ſo bit⸗ ter, als du fürchteſt, nicht ſo grauſam, als dir ſchwante, nicht ſo ſchmerzvoll, als du dachteſt!“ „Sie ſprechen von Furcht,“ entgegnete Gülnare, die ſich inzwiſchen geſammelt hatte,„mich dünkt die Rolle des Zitterns dürfte bald die Ihrige werden. Sie ſagen, Sie kennen Las⸗ caris, dann werden Sie auch wiſſen, daß noch keiner ſeinem Zorne entgangen, der ihn verdiente, daß er zu rächen und zu ſtrafen pflegt-——“ „Wie der Satan erfinderiſch, wie das Fatum unbeugſam! O, Renegat Muſtapha hat das erfahren! Das iſt aber nun lange vor⸗ über und, wie es in jenem egyptiſchen Sprichworte heißt, die Todten beißen nicht.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß Lascaris jene halbe Kamee nur mit ſeinem Leben ließ.“ „Heilige Mutter Gottes!“ „Ja, bete für die Ruhe ſeiner Seele!“ Gülnare ſank mit einem Angſtſchrei in die Knie, warf einen verzweiflungsvollen Blick gen Himmel und ſtotterte endlich mühſam: „Und was trieb Sie zu dieſem Morde?!“ „Kennſt du mich nicht mehr,“ rief der Fremde mit ſeiner wah⸗ ren Stimme, warf Mantel und Pelzmütze ab, und ſtand da in reicher morgenländiſcher Tracht,„weinende Roſe von Serajevo? Soll ich 439 deinem Gedächtniſſe zu Hilfe kommen? In irgend einem tiefdunkeln Schattenplatze deiner Erinnerung muß mein verblichenes Bild ſeine Ruheſtelle haben. Forſche! Suche! Ich bin der Mann, der fruchtlos zu deinen Füßen um einen zärtlichen Blick bettelte, ich bin der ge⸗ folterte Menſch, den du an deinem Hochzeitstage an den Marter⸗ pfahl der Eiferſucht geſchlagen, ich bin der Stellvertreter des Abglanzes Gottes, den Lascaris mit frecher, meuteriſcher Hand in in die Nacht kriegeriſcher Schmach und Schande ſtürzen wollte!“ „Juſſuw Paſcha,“ kreiſchte die Kneſin und ihre Sinne began⸗ nen zu ſchwinden, aber gewaltſam nahm ſie ſich zuſammen, richtete ſich ſtolz empor, und ſprach furchtlos,„vollenden Sie das Werk der Rache! Ihr letztes Opfer iſt bereit zu ſterben!“ „Nein ſterben ſollſt du nicht,“ girrte der Muſchir,„reizende Houri, lebe, lebe glücklich und in Wonne; meine Liebe ſoll dir die Erde zum ſiebenten Himmel, jeden Pfad, auf dem du wandelſt, zum Paradieſe machen!“ Eine unbeſchreibliche Lache rauſchte von Gülnaren's zuckenden Lippen. Hohn, Erſtaunen, Zorn, Verachtung und Jubel lag darin. Sie maß den Brautwerber mit einem vernichtenden Blicke, ſtieß den Ueberraſchten, als er ſich ihr zärtlich nähern wollte, mit den kleinen weißen Händchen ſo tapfer zurück, daß er faſt zu Boden taumelte und rief mit dem Tone vollendeten Triumphes: „Lascaris ſtarb nicht ungerächt! Himmel, wie danke ich dir für das Bischen Schönheit, das du mir gnädig verliehen! Sie ward zum Dolche, das Herz dieſes Elenden zu durchbohren. Ja, ekler Mann des Erbarmens, dieſe Reize ſollen dich verderben! Geh und verſchmachte in Liebesbrunſt! Ja, die Roſe meiner Anmuth ſei dein qualvoller langſamer Tod, und ihr Duft das Gift, an dem du ver⸗ kümmerſt!“ „Ich werde ſie zu knicken wiſſen,“ tobte knirſchend der Vezier, „dieſe Blume, ſchmücke dich, ſtolzes Weib, gleich einer zärtlichen Braut, denn zwiſchen zwei Freiern haſt du zu wählen. Juſſuw heißt der eine, Hungertod ſchreibt ſich der zweite Brautwerber!“ Nach dieſer Drohung ſtürzte er haſtig aus dem Gemache. Juſſuw hielt Wort. Die jugendliche üppige Roſe war bald zur verkümmerten Lilie geworden. Gülnare lag auf der weichen Otto— mane bleich wie der Tod, den ſie bereits im Herzen trug. Vor ihren eingeſunkenen Augen ſchwamm es wie ein Nebel, der immer dichter und dichter wurde, und entſetzliche Geſtalten in ſeinem zauberhaften — 3 ———— 440 Schleier barg. Bald trat die Sünde, als ein hohes ſchönes Weib zu ſchauen, aus dem nebelhaften Dunſte, und winkte ihr lächelnd zu, alles Glück des Lebens verſprechend, Wonne verheißend, ſüßer als der erſte Kuß unſchuldiger, darum blöder Liebe. Es lag ein Reiz in jedem ihrer Worte, beſtechend, verführend, blendend wie etwa der Anblick einer Oaſe mit duftigen Blumen, grünen ſchattigen Bäu⸗ men und rauſchenden ſilbernen Quellen nach einer monatlangen entſetzlichen Pilgerfahrt durch eine endloſe Wüſte. Nun verſchwand das lüſterne Weib, und nahm ſeine Stelle ein todtbleicher Mann ein, in ein blendend weißes Leilach gehüllt, einen Strauß hochrother Nelken am Herzen. Wenn man ſie aber anfaſſen wollte dieſe Nelken, da waren ſie flüſſiger Scharlach, waren ſie friſch vergoſſenes Blut. Und dieſer Mann Kreideweiß trug die Züge des gemordeten Lascaris. „Im Tode,“ ſprach dies Schauerbild,„ſtirbt die wärmſte Liebe, dies beherzige du, blumige Gülnare! Im Lethe iſt all mein Träumen, all mein Denken an dich ertrunken, und der Handſchar eines Meuchlers hat dein rührendes Bild geſchnitten aus meiner wild aufzuckenden Bruſt. Ich kann dir nichts mehr ſein und das Leben iſt Alles, Alles! Schöpfe nur Muth und leere den Becher brautnächtiger Freude!“ Und auch dieſer Mann verſank. Dann kam ein drittes Gebilde. Es war eine weibliche Geſtalt mit Schlangen in den Haaren, eine Natter an den Buſen haltend, und eine Blutlache bezeichnete die Spuren des Pfades, den ſie nahm. Wer mochte das ſein? Das Antlitz war verwittert und doch ſo be⸗ kannt; es mahnte an eine herbſtlich welke Gegend, die man bereits einmal durchzogen, da es aber noch Frühling war. Tiefgefalle Toch⸗ ter des Defterdar, bleiche Leila, was willſt du an dieſem Sterbe⸗ pfühle? „Gülnare,“ ſtöhnte der Schemen,„gefeſſelte Schweſter, ich kann ſie nicht brechen, deine Ketten! Auch mich halten die Bande des Wahnſinnes gefangen, und in den Thränen des Irrſinnes ge⸗ rann der Muth deiner Buſenfreundin zu Eis. Sie kann ſich nicht einmal zur Reue ermannen. Faſſe nur Herz und ſchlinge den hoch⸗ aufſchäumenden Schlaftrunk der Keuſchheit und Tugend!“ Und wieder verſchlang der Nebel die ſchauerliche Warnerin, und wogte und brauſte, und dehnte ſich immer breiter und weiter in das Unendliche. Das grauenhaft Formloſe gewann endlich Geſtalt, har ner all, 441 und vor den verſchwimmenden Blicken der Kneſin erſchien der Avret⸗Bazar oder Frauenmarkt in Stambul, den ſie weiland mit ihrer Buſenfreundin beſichtigt hatte. Sonnenäugige Cirkaſſierinen, den Himmel im Blicke, üppige Negerdirnen, ſinnliche Gluth im Auge, egyptiſche Almeen, den Pfeil im zierlichen leichtfertigen Fuß, indiſche Bajaderen, verlorne ſchöne Kinder mit gemalten Wangen hielten einen ausdrucksvollen Tanz; ſie ſelbſt lag inmitten des wol⸗ lüſtigen Reigens entblößten Leibes wie ihre lieblichen Schweſtern. Darauf kamen die Käufer, hohe bärtige türkiſche Männer und prüf⸗ ten die Reize der lebendigen menſchlichen Waaren Stück für Stück. Sie hätte verſinken mögen in den Mittelpunkt der Erde vor Scham und Grauen. Die Natur hatte ihr jedoch einen Schleier an die Wiege gebunden, lange, bis an die Ferſe wallende Haare. Und in dieſe ſeidene Mitternacht hüllte ſie ihre ſchneeigen Glieder und war geborgen vor den unheiligen Blicken der Turbanträger. Da kam aber ein entſetzlicher Wollüſtling, ein ungeſchlachter Mann im blauen neuartigen bosniſchen Dolmäny und weißen Plunderhoſen herbei⸗ geſchritten und ſchlug den natürlichen Schleier zurück mit frecher ſchamloſer Hand. „Juſſuw!“ Alſo kreiſchte das wehrloſe Weib und verſank in minutenlange Ohnmacht. Doch das Bewußtſein kehrte wieder und mit ihm der formloſe Nebel, grauenhafte Geſtalten bergend in ſeinem Schoße. Nur wenn es der gequälten Gülnare gelang die kalte Hand in den Waſſerkrug zu tauchen, den die berechnende Schlauheit, die erfin— dungsreiche Grauſamkeit ihres teufliſchen Peinigers an die Otto⸗ mane geſtellt hatte, kehrte auf Sekundendauer ihre volle Beſinnung zurück, und ſie verſuchte betend zu ſtammeln: „Herr bleib bei mir, den es will Abend werden!“ Und es ward Abend, aber mit ihm kam nicht der Herr, nein, der Verſucher. Vier Tage hatte ſie all die gräßlichen Folterqualen ertragen, tapfer und adelig gerungen mit dem bleichen hohläugigen Geſpenſte, mit dem Hunger. Nun aber erlag die Natur. Ihr zarter Körper bebte in convulſiviſchen Zuckungen. Das Erkergemach drehte ſich im wirbelnden Kreiſe um die Erſchöpfte. Auch flirrte es ſeltſam vor ihren Blicken. Die Finger des müden Händchens langten nach dem Seidenkiſſen der Ottomane, wie Sterbende die rettungslos verloren, als wollten ſie ſich an das ſchöne Leben ketten, unwiſſent⸗ lich faſſend nach des Krankenlagers Linnenüberzug. Da ertönt ſüße — 442 unterirdiſche Muſik, ein Fallboden öffnet ſich und aus der Tiefe ſteigt eine Tafel reich beladen mit Früchten und Süßigkeiten aller Zonen. Zwei Armleuchter werfen ihr freundliches Licht darauf. In kryſtal⸗ lenen Bechern und ſilbernen Gefäßen ſchimmern„die naſſen Flam⸗ men,“ die köſtlichſten Weine. Blumen, wie ſie des Morgenländers reichſter Traum nur kennt, im Treibhauſe groß gezogen, verhauchen balſamiſche Düfte und mitten unter den lieblichen Kindern Flora's zeigt ſich wie ein Bräutigam nach orientaliſcher Sitte geſchmückt der grauſame Paſcha von Travnik. „Gülnare,“ frägt er,„iſt dein Trotz erſchöpft? Willſt du mich küſſen als eine zärtliche Odaliske?“ Keine Antwort! Der Unhold tritt näher. „Hinweg Scheuſal!“ tönt es von der Ottomane. „Beſinne dich Weib! Morgen dürfte es zu ſpät ſein. Du haſt nur einen Schritt zum Grabe!“ „Er iſt bereits gethan,“ murmelt es dumpf aus der müden Bruſt der Dulderin. Die Stimme klingt ſo hohl wie der letzte Seufzer Abſchied von der ſüßen freundlichen Gewohnheit des Daſeins. Juſſuw eilt beſorgt an den Marterpfahl. Er ſieht den Schatten des Todes über der weißen Roſe von Serajevo ſchweben, wird bleich bis an die Lippen, ſtürmt zur Tafel und kehrt mit einem Becher Wein zurück. Iſt es liebendes Mitleid oder teufliſche Grauſamkeit, Gülnarens Leiden zu verlängern? Er bückt ſich über ſein Opfer. Die Aermſte preßt die Zähne zuſammen, doch gelingt es ihm der Lebensmüden einige Tropfen einzuflößen, und die Lebensgeiſter flammen neu auf, wie eine Lampe pflegt in dem Augenblicke, nach welchem ſie erliſcht. In dieſem Momente wird in der Tiefe ein ſchwerer Fall hörbar, als würde ein überwältigter Menſch zu Boden geworfen— ein zweiter— ein dritter folgt faſt gleichzeitig. Der Paſcha, mit ſeiner ſchönen Feindin beſchäftigt, würde den Einſturz des Himmels über⸗ hören. Plötzlich verſinkt die reichbeſetzte Tafel und tiefe Finſterniß lagert ſich rings in dem ſtillen Gemache. Juſſuw, der Chriſtenblut⸗ trinker ſtutzt. „Achmet, Numan, Tahir,“ ruft er,„Mohnköpfe, die ihr ſeid, was treibt ihr?“ Lautloſe Stille. „Wollt ihr antworten!“ ———————— aſt den ied eilt 443 „Gleich Herr!“ läßt ſich eine Stimme vernehmen, der es ein ruhigerer, aufmerkſamerer Beobachter als der Verzier in ſeiner ver⸗ liebten Beſorgniß ankennen würde, ſo ſpreche nur ein Menſch, wenn ihm der Dolch oder das Meſſer an der Kehle ſitzt. „Nun wird es?“ „Augenblicklich!“ „Biſt du es, Achmet?“ „Ja wohll! Tahir war ſo ungeſchickt, den Strick auszulaſſen.“ „So macht ſchnell!“ „Zu Befehl!“ Beruhigt kehrte der Paſcha zu ſeinem Opfer zurück und wuſch die kalte Stirne der Verkümmerten mit dem Reſte Wein, der im Becher verblieben. Die unterirdiſche Muſik ertönt wieder und die Tafel, reich mit Früchten aller Zonen beladen, ſteigt abermals aus der Tiefe. Zwei Armleuchter werfen ihr freundliches Licht darauf. In kryſtallenen Bechern und ſilbernen Gefäßen ſchimmern„die naſſen Flammen,“ die köſtlichſten Weine. Blumen, wie ſie des Mor⸗ genländers reichſter Traum nur kennt, verhauchen balſamiſche Düfte, doch mitten unter den lieblichen Töchtern Flora's zeigt ſich eine hohe, drohende Geſtalt, in einen weißen Mantel gehüllt, wie ein ſtrafender Engel des Herrn. Der Schatten, den ſie wirft, erſchreckt den Vezier. Juſſuw wendet ſich, die Geſtalt ſchleudert den Mantel weg, und vor dem zitternden Sünder ſteht majeſtätiſch der gefürch⸗ tete— Rächer. Es iſt Vuk⸗Lascaris. Der Abenteurer erhebt ſeinen mit einem funkelnden Dolche be⸗ waffneten Arm. Juſſuw ſinkt vernichtet in die Knie, und dieſer Kniefall rettet ihm das Leben. Lascaris erblickt die abgezehrte, ver⸗ welkte Geliebte. Ein fürchterlicher Schrei tönt von ſeinen Lippen. Er läßt den ſtrafenden rechten Arm ſinken, erfaßt mit der linken Hand ein Gefäß mit Wein und ſteht mit einem gewaltigen Sprunge an dem Leidenspfühle ſeines gefolterten Weibes. „Gülnare!“ Alſo ſtöhnt er, und doch klingt die Stimme ſo innig, ſo freund⸗ lich ſchmerzhaft, ſo ſchauervoll ſelig, daß ſie eine Todte erwecken müßte. Dieſen Augenblick benützt Juſſuw, ſpringt auf den Fallboden und verſinkt mit der Tafel. Ein fürchterliches Gepolter folgt gleich darauf in der Tiefe. Blutiges Handgemenge iſt unten los. Was aber kümmert all dieſer Lärm, was Himmel und Erde den zum 444 Sterben beklommenen Gatten der weißen Roſe?! Er ſieht nichts als ſie, die zwar noch nicht untergegangene, aber geſunkene Sonne ſeines Lebens, ſein ganzes Daſein liegt in ſeinem Blick, und dieſer iſt ſo ängſtlich und doch unendlich zärtlich an ihr Antlitz gefeſſelt, wie die Biene an der Blume hängt, wie die durſtige Erde den la⸗ benden Regen trinkt, wie der bereuende Sünder an der heiligen Hoſtie zehrt! Sie aber ſchlägt an der Pforte des Grabes, geweckt durch ſeine ſüße Stimme, noch einmal ihre unvergeßlichen Augen auf, dieſe mitternächtigen zwei Himmel, dieſe ſchwarzen Meere, darein ſeines Lebens Ruhe und Glück in Bälde für immer ertrinken geht. Herr erbarme dich deines leidenden frömm⸗ ſten Kindes! Unten ſchwieg das Gepolter. Zur Erklärung dieſer Szene diene Nachſtehendes: Lascaris drang nach der Anweiſung, welche Patila von den Gebrüdern Pawel und Mile erhalten, mit Mirxa, dem ehemaligen Polaznik Iwan und noch einem Haiduken durch den unterirdiſchen geheimen Eingang in die alte Burg und kam gerade in dem Augenblicke in die Felſenhöhle unter dem Erkergemache, als ſich Juſſuw oben über die Sterbende beugte und ſie mit dem köſtlichen Weine zu laben verſuchte. Die zwei Haiduken ſtürzten ſich mit ihm wie gereizte Tiger über die an⸗ weſenden drei Sklaven des Paſcha, und ſchmetterte jeder ſeinen Mann zu Boden. So nahe zum Tode als dieſe drei Galgenſtricke hatte noch kein Miſſethäter, aber ein Wink des Abenteurers hieß ſie ſchonen, da er mit Recht befürchtete, Juſſuw möchte, falls er ſich umſtellt ſähe, ſeine verruchten Hände mit Gülnaren's Blut beſu⸗ deln. Die zwei Haiduken und Mirxa blieben daher als Wache bei den gefällten drei Sklaven zurück, während er ſich ſelbſt nach dem Erkergemache hinaufwand. Leider war dieſe Schonung von ſpäterm Uebel. Als nämlich der Paſcha in die Tiefe ſank, wähnten die Ge⸗ treuen des Kapitans, er ſelbſt kehre zurück, um weitere Befehle zu geben. Dieſen Irrthum benützte Juſſuw, der bereits im Abwärts⸗ ſinken die Armleuchter ausgeblaſen hatte. Er wiederholte dasſelbe Manoeuvre mit der Fakel, die in der Felſenhöhle brannte, und ſuchte nun im Dunkeln auf den ihm wohlbekannten Pfaden das Freie zu gewinnen. Ein Haiduke aber erkannte den Verhaßten bei dem letzten Aufflackern dieſer Fakel, ließ von dem niedergeworfenen Tahir ab, bei dem er Wache ſtand, und folgte dem berüchtigten Chri⸗ ſtenbluttrinker auf der Ferſe. aris awel und gin öhle ende Die an⸗ inen ricke ß ſie ſich eſu⸗ bei dem term Ge⸗ e zu rts⸗ ſelbe und das bei enen hri⸗ 445 Die Jagd war fruchtlos. Juſſuw, mit den labyrinthiſchen Wendungen und Gängen ſei⸗ nes Verließes zu wohl vertraut, entkam glücklich. Seine Flucht hätte für Lascaris und die Seinen von den verderblichſten Folgen ſein können, falls es nämlich dem Paſcha gelungen wäre durch den einſt prachtvoll gehaltenen, nunmehr halb verwilderten parkähnlichen, auch faſt eine halbe Stunde lang ſich längſt dem alten Bollwerke hinziehenden Garten nach dem Hofraume zu gelangen und die Be⸗ ſatzung im vordern Flügel der Veſte in die Waffen zu rufen. Ein glücklicher Zufall, wie wir ſpäter leſen werden, vereitelte jedoch die⸗ ſes Vorhaben. Doch war damit noch nicht alle Gefahr beſeitigt. Tahir eilte ja während der vergeblichen Jagd ſeinen nunmehr blos von Iwan und dem Zigeunerknaben bewachten Gefährten zu Hilfe, und ein wüthendes Gefecht, ein höchſt ungleicher Kampf brach los zwiſchen heiliger Gerechtigkeit und ſchnöder Sünde. Ein Haiduke, alſo ein Räuber, der beherzte Iwan vertrat diesmal die erſtere. Mirra, obgleich mehr Knabe als Mann, war ihm dabei von herr⸗ lichen Dienſten. Er ſchlang ſich wie ein Aal um die Beine der Geg⸗ ner, biß ſie in die Waden, Iwan ſchlug im Finſtern wacker darein, und als ein wirrer Menſchenknäuel lag in Kürze Freund und Feind über einander. Der andere Haiduke kehrte endlich zurück. Es gelang ihm die Fakel an den Kohlen eines Herdes in einer Ecke der Felſen⸗ höhle anzufachen, und nun war der Sieg im nächſten Augenblicke entſchieden. Achmet lag bereits von einem Dolchſtoß mitten ins Herz getroffen als Leiche am Boden. Tahir verblutete bald darauf unter den Händen des rückgekehrten Sohnes der bosniſchen Wälder, wäh⸗ rend Iwan dem überwundenen Numan den Garaus machte. Der. ehemalige Polaznik hatte aber in dem heißen Handgemenge ſelbſt drei tiefe Wunden erhalten und erhob ſich nicht mehr von dem Fleck Erde, darauf er gefallen war. „Armer Wolf der bosniſchen Berge!“ klagte Mirxa, der beſorgt an ſeiner Seite kniete. „Heule nicht, Junge,“ murrte Iwan,„es iſt aus mit mir! Grüßt mir den Kapitan und ſagt, ich ſei eines ehrlichen Todes geſtorben! Dies danke ich ihm! Möge dies Ende den ewigen Richter milder ſtimmen gegen mich Sünder! In deine Hände, Erlöſer, meinen Geiſt! Muttergottes Maria erbarme dich meiner!“ Damit hüllte er ſich feſter in ſeinen Schafpelz, ein letzter 446 Seufzer und Iwan war nicht mehr. Mirra ſchlug ein Kreuz, ent⸗ flammte die Armleuchter, und wand ſich, da der zweite Haiduke gleichfalls ſchwer verwundet worden war, langſam ſelbſt nach dem Erkergemache empor. Dort gab es einen ſchauervollen Anblick. Gül⸗ nare, von der Stimme des Geliebten geweckt, gelabt von dem ſtär⸗ kenden Weine, den ſie willig von ſo theuern Händen geboten ein⸗ ſchlürfte, hatte ſich nur wenig erholt, eine überirdiſche Bläſſe lag auf ihren geiſterhaften Wangen, ſie ſah wie verklärt, und ach, nun ſelbſt ſo rührend, als eine ſchöne, aber herbſtlich welke Gegend, die man bereits durchzog einmal, da Frühling war. Ihr Auge ruhte mit ſeelenvoller Innigkeit auf den Zügen des Abenteurers, der wie zer⸗ malmt auf ſeinen Knien lag, und wies auch ſein Antlitz nicht eines weißen Roſenblattes Röthe. Und er hatte hohe, gerechte Urſache zum bleichen Kummer. Denn das hypokratiſche Geſicht zeigte ſich ſeinem auf ſo manchem Schlachtfelde geübten Blicke nur zu deutlich, und er glaubte den Fittig rauſchen zu hören, auf dem der Todes⸗ engel in das ſtille Gemach flog. Lascaris hätte in dieſer Stunde alle Schätze der Welt um eine Thräne gegeben, aber ſein Auge blieb trocken, und und es mußte ſo ſein, denn er würde nur blutige Thränen geweint haben, und all ſein Blut war erſtarrt im Eiſe der Verzweiflung. Arme weiße Roſe von Serajevo! „Ich danke dir,“ flüſterte endlich Gülnare mit kaum hörbarer Stimme,„daß du noch zu rechter Zeit aus dem Himmel herabge⸗ kommen biſt, um dein bleiches Weib mit zärtlich ſorgſamer Hand in das dunkle unbekannte Jenſeits zu geleiten.“ „Faſſe dich, blumige Gülnare,“ ſtammelte Lascaris,„es ſteht nicht ſo ſchlimm, als du zu denken ſcheinſt. Ich lebe, auch du wirſt bald von deinem langen Leid geneſen, zu dem alten ſüßen, freuden⸗ vollen Daſein erwachen.“ „Du lebſt?! O ſchade, wie ſchade! Ich wäre gern zu dir hin⸗ übergegangen in Gottes unendlichen Himmel. Nun wird es mir dort ſo fremd, ſo unwohnlich ſein; aber nein, der Ewige iſt väterlich und liebevoll gegen ſeine guten und folgſamen Kinder, und ein gutes folgſames Kind, das weißt du ja, war deine Gülnare ewig und immer!“ „Gülnare ſchone dich und mich! Mein Herz will ſich verbluten!“ „O mache mir nicht die letzte Stunde bänger, die ohnehin ſo bange laſtet auf der Sterbenden. Es hält ſehr ſchwer, dem ſchönen 447 Leben zu entſagen. Man glaubt es kaum, wie bitter es iſt die Augen zu ſchließen, wenn ſich die Liebe und ein neues Glück in ihrem Sterne ſpiegeln.“ „O laß mich, Gott, in dieſer Stunde ſterben!“ „Menſch murre nicht! Gott liebt die Demuth, haßt den Trotz! Ganz recht, da fällt mir etwas bei! Nicht wahr, du willſt mich nicht für ewig von dir ſcheiden laſſen? Du kommſt dereinſt mir nach und willſt mit mir bei Gott in den Laubhütten ſeiner Heiligen wohnen? Da mußt du mir etwas Liebes und Großes verſprechen, ſchöner Erdenfreund. Willſt du?“ „Fordere mein Leben!“ „Schwöre mir, Gülnaren's letzte Bitte zu erfüllen.“ „Ich ſchwöre!“ „Bei unſerer Liebe?“ „Bei unſerer Liebe!“ „Sieh, mein ſüßes Herz, der Ewige ſprach: Die Rache iſt mein! Das haben wir beide zu ſpät bedacht, und heute kam der ſtrafende Tag. Hätten wir nie das Banner der Vergeltung getra gen, wir lebten— doch ſtill— der Tod ſteht hart an meinem Pfühle— alſo ſchwöre mir— dich nie an jenem Unhold— du weißt doch, wen ich meine— zu rächen— hörſt du?!“ „Ich ſchwöre!“ „So biſt du lieb und fromm! Nun aber rücke näher bleicher Erdenfreund— wo biſt du doch— ich ſehe dich kaum mehr— laß vein müdes Weib an deinem letzten Kuſſe ſterben!“ Ein langer ſeelenvoller Kuß— ſein Mund heiß und glühend wie Lava— ihre Lippen kalt, o wie kalt— ein Sonnenſtrahl, der ſich am Pol vergangen und doch zu ſchmelzen nicht vermag ſein Eis— darauf eine minutenlange Pauſe— eine Ewigkeit der Qual für Lascaris— Gülnare ringt den letzten Kampf— die müden Finger faſſen noch einmal krampfhaft nach dem Sterbekiſſen — das Auge iſt halb geſchloſſen— das Herz pocht langſam und immer langſamer— jetzt legt der Tod ſeine barmherzige Hand auf das ſchöne Haupt— die Roſe von Serajevo verwelkt. „Gedenkſt du an deinen Schwur?“ hallt es kaum vernehmlich aus der Bruſt der Sterbenden. „Ich will ihn halten! Doch flüſtere auch du mir ein Wort des Troſtes zu!“ „Einſt ſehen wir uns wieder!“ 448 Alſo bebt es von den eingeſunkenen Lippen, und Gülnare war verblichen, Bosniens Blumen zählten eine Schweſter weniger, aber der Himmel ward um einen Engel reicher. Halb ohnmächtig brach Lascaris zuſammen.. „Ich habe nicht geſchworen!“— So ſprach leiſe und zähnknirſchend der Zigeunerknabe Mirxra. In ſeinen Augen funkelte, ja blitzte es bei dieſen Worten ſeltſam auf. Ein Tiger hätte aus dieſem Blicke lernen können——— wie die Mordluſt ſieht. 449 Vierundzwanzigſtes Capitel. Die Vehme der Kleinen. Wie kam es, daß der Paſcha nicht nach dem Hofraume gelangte? Der Herr iſt unerſchöpflich in ſeiner Gnade und Barmherzig keit und gönnt dem verhärtetſten Sünder mehr denn einmal Zeit und Gelegenheit, Reue und Leid zu erwecken. Seine Hand ſchreibt nur zu oft an die Wände des Saales, darin die Unbußfertigkeit ihre ſchwelgeriſchen Gelage hält, jene mahnenden Worte„gezählt, gewogen, zu leicht befunden,“ die einſt jenen morgenländiſchen Für⸗ ſten ſo geheimnißvoll erſchreckten. So erging auch an Juſſuw eine letzte Warnung des Ewigen. Bevor wir jedoch von dieſer Warnung erzählen, halten wir es für dringend nothwendig, dem Leſer zum genauern Verſtändniſſe der nachfolgenden Begebenheiten eine kleine Schilderung der Oert lichkeit zu liefern. Das alte Raubneſt lehnte ſich mit ſeinem Rücken und zwar in öſtlicher Richtung an einen hohen und ſteilen Felſen, deſſen faſt ſenkrecht abgeſchnittene Baſaltwände jeden Angriff von dieſer Seite aus als rein unmöglich erſcheinen machten. In der linken oder ſüdlichen Flanke war das Bollwerk durch eine dreifache Neihe Fee Klüfte und Schluchten vertheidigt, die ſich in einem rieſigen Halbkreiſe ſelbſt um die geſammte nach Weſten ſehende Front hinzogen und gegen das ehemalige Flußbett der Drina ver⸗ liefen. Dies Flußbett bildete in älterer Zeit den Wall oder die Schutzwehr des Raubneſtes in nördlicher Richtung, beſaß in der Nähe dieſer Veſte einen erſtaunenswerthen Fall, und war daſelbſt durch die Hand der Natur wie der Kunſt alſo eingeengt worden, daß die Tiefe desſelben an manchen Stellen neunzig bis hundert Der Montenegriner 29 450 Fuß betragen mochte. Wie geſagt, nicht bblos die Natur, auch die Vertheidigungskunſt hatte hier Alles aufgeboten, um die Strömung der Drina ſo reißend und gefährlich als möglich zu geſtalten. Das Ufer war nämlich mehrſeitig mit Hilfe gewaltiger Baſaltſteine förm⸗ lich ausgemauert worden. Der Zahn der Zeit hatte zwar dies Mauerwerk hie und da bedeutend ausgebrochen, Juſſuw ſcheute jedoch weder fremde Mühe, noch eigene Koſten, um die ſchadhaften Stellen ausbeſſern zu laſſen, wahrlich eine rieſige Arbeit, die übri⸗ gens in Folge unausgeſetzter, unglaublicher Anſtrengung im Laufe der nächſten Tage zur Vollendung gedeihen ſollte. Wie aber kam es, daß die Drina ihr früheres Flußbett ver⸗ laſſen hatte? Dies geſchah in Folge eines furchtbaren Erdſturzes, der vor mehren Jahren in den weiter rückwärts liegenden Gebirgen ſtatt⸗ fand, und den Wogen einen ſo gewaltigen Damm entgegenwälzte, daß ſie auf einem weiten, mehre tauſend Schritte betragenden Um⸗ wege ſich allmälig einen neuen Abzug nach dem abgeſperrten ur⸗ ſprünglichen Ufer bannen mußten. Ueber beide Flußbetten leiteten Brücken. Die neuere Brücke glich jedoch mehr einem aus dem Steg⸗ reife gethürmten Stege als einer regelmäßigen Waſſerbaute, dagegen war die Zugbrücke näher gegen die Veſte zu nach allen Vorſchriften der Vertheidigungskunſt gewölbt worden. Zu erwähnen kommt noch, daß der Paſcha einer namhaften Schaar gefangener Rajas freie Rückkehr nach ihrem Geburtsorte oder beſſer geſagt nach ihrer hei⸗ miſchen Brandſtätte verſprochen hatte, falls ſie jenen durch den erwähnten Erdſturz gebildeten hemmenden Damm in möglichſt kur⸗ zer Zeit beſeitigen würden. Auch hier gelangte man bereits bis zu dem letzten Durchſtiche. Bald, vielleicht ſchon morgen ſollte das Bollwerk, das Juſſuw's geheime Liebe umſchloß, gänzlich unein⸗ nehmbar werden. Eine düſtere unfreundliche Nacht kam herangezogen. Dichte Wolken bedeckten den Himmel, und halfen die Finſter⸗ niß alſo mehren, daß man keine drei Schritte weit zu ſehen ver⸗ mochte. Der Mond ſchimmerte zwar zuweilen freundlich durch die grauen Wolkenſchichten, aber nur um nach Sekundendauer aufs Neue zu verſchwinden und das nächtige Dunkel noch bedrohlicher erſcheinen zu laſſen. Zuweilen heulte es ſchaurig im Süden auf, und heftige Windſtöße verkündigten die Nähe eines gewaltigen Sturmes. Es war daher Juſſuw, der durch den verwilderten Garten nach dem 451 Hofraume eilte, um die Beſatzung des Raubneſtes in die Waffen zu rufen, es war deshalb dieſem unfreiwilligen Wanderer durch Nacht und Nebel durchaus nicht zu verargen, daß er ſich nach Möglichkeit ſputete, an das Ziel ſeines gefährlichen und beſchwerlichen Rache⸗ ganges zu gelangen, und ſelbſt in Sicherheit Alles zum Verderben ſeines Todfeindes aufzubieten. Doch hieß es dabei die Vorſicht und Behutſamkeit ja nicht vernachläſſigen, denn der Pfad durch den ſeit ſo manchem Jahre brach liegenden Garten war vielfach von Gräben, Tümpeln und ſonſtigen Hinderniſſen durchſchnitten. Endlich gelangte der Vezier an den Steg über das neue Flußbett. Einmal darüber hinweggeſchritten, glaubte Juſſuw gewonnenes Spiel zu haben, zumal der Weg, welcher zur Zugbrücke über das alte Flußbett führte, keine weiteren Hemmniſſe darbot. Der Menſch denkt, Gott lenkt. Der Paſcha vergaß in ſeiner Haſt, daß ſich der Pfad hinter dem Steg theilte, und links nach der mehrerwähnten Zugbrücke, gerade aus aber nach einer andern Stelle des gemauer⸗ ten Ufers leitete. So kam es, daß er plötzlich den feſten Boden unter ſeinen Füßen verſchwinden fühlte, und etwa vier Fuß tief in einen Abgrund ſtürzte. „Nijanesreòée bez sreée!“ „Kein Unglück ohne Glück!“ alſo meint ein ſüdſlaviſches Sprichwort. An der Stelle, wo Juſſuw in das alte Flußbett hinabgeſtürzt war, ragte ein ſtarker Balken horizontal vom Ufer ab in den Ab⸗ grund hinaus, an deſſen äußerſtem Ende an einer eiſernen Krampe ein Kolben mit einer Rolle hing, in welcher mehre gewaltige Seile liefen. An dieſen Seilen war ein hölzerner Sitz befeſtigt, wie ihn bei uns die Schieferdecker bei Ausübung ihres halsbrecheriſchen Gewerbes zu benützen pflegen. Er diente auch hier zur Vornahme der letzten Ausbeſſerung des eingeſunkenen Mauerwerkes. Dieſen ſchwanken und unſichern Sitz nahm nunmehr der Zwingherr von Travnik im bedrohlichen Dunkel einer ſtürmiſchen Nacht ein. Eine ſchöne Lage für den ſogenannten Vezier von Ungarn in partibus infidelium! Zu noch größerm Unglücke waren die Stricke Abends nicht ſorglich genug befeſtigt worden, gaben nach, und der luftige Sitz ſchwankte wie eine Schaukel hin und her, und rollte ein paar Se⸗ kunden lang immer tiefer und tiefer. Endlich waren die Seile bis 29* 4⁵5² zum nächſten hemmenden Knoten abgelaufen, und der Paſcha ſah ſich, als der Mond für einen Augenblick aus dem dichten Wolken⸗ ſchleier trat, als Seitenſtück zu dem Profeten in Mekka zwiſchen Himmel und Erde ſchweben, etwa zwanzig bis dreißig Fuß unter dem Uferrande, achtzig oder ſiebenzig Fuß über dem Grunde des ehemaligen Flußbettes der ſilbernen Drina. Sein Glück war die raſch wiederkehrende Dunkelheit. Bei dem Anblick der ſenkrechten furchtbaren Tiefe unter ihm faßte nämlich den Vezier ein entſetzlicher Schwindel, machte alle ſeine Nerven krampfhaft erbeben, und ſchüttelte den verunglückten Mann wie ein jäher Windſtoß die zitternde Eſpe. Seine Glieder, Arme wie Beine, ſchienen vor Angſt und Entſetzen wie gelähmt. Juſſuw faßte ſich endlich mit gewaltſamer Anſtrengung und ſprach ſich ſelbſt allen nur denkbaren Troſt bei, meinend, der Hofraum ſei noch nicht ſo ferne gelegen, und gleich werde und müſſe man ſeinen Ruf um Hilfe aus dieſer Lage der Noth vernehmen und beantwor⸗ ten. Thörichte Täuſchung! Die Windſtöße aus Süden mehrten ſich mit jeder Spanne Zeit, und trugen den Schall ſeiner Stimme nach einer Richtung, aus welcher durchaus kein Beiſtand herbeieilen konnte, lag doch der Garten öde und ausgeſtorben wie eine Wüſte. Kuſſuw weinte vor Wuth und Beſorgniß. Was ihn am meiſten wurmte, war das fröhliche Gejohle, das luſtige Geſinge im Hofraume, wie es die Windſtöße zeitweilig an ſein unmuthig lauſchendes Ohr trugen. Die Bewohner der Veſte wie die Beſatzung derſelben dachten nämlich, da die vertrauten Sklaven Achmet, Tahir und Numan denn doch nicht ganz reinen Mund gehalten hatten, und die ſorgfältig gewählte Tracht eines türkiſchen Dandy oder Bräutigams ſehr auffallend gegen die ſon⸗ ſtigen Gewohnheiten des rauhen bosniſchen Deſpoten abſtach, dieſe geſammten guten Leute und ſchlechten Wahrſager dachten daher nichts Anderes, als daß ſich ihr ſtrenger Herr und Gebieter, von der ſchönen Gefangenen endlich erhört, ſüßen brautnächtigen Freuden hingebe und vielleicht ſchon gegenwärtig in dem ſiebenten Himmel des Profeten ſchwelge. Deshalb beſchloſſen auch ſie ſich einen frohen Tag oder vielmehr einen heitern Abend zu gönnen. Daher das freudige Gejohle und luſtige Singen! Juſſuw ſchäumte vor In⸗ grimm. Ein ſchöner Bräutigam! Die Windsbraut war ſeine Buhle. Es gab zudem noch einen Gedanken, der wie geſchmolzenes 453 Blei oder Wachs in die friſchen Wunden ſeiner Seele fiel. Wie wenn Lascaris die lange verſchwiegene Nacht zur haſtigen unge fährdeten Flucht benützte? Das ließ ſich nicht blos vermuthen, dar⸗ auf konnte man ſchwören oder Gift nehmen. Wie wenn ſich die weiße Roſe unter der zärtlichen Obhuth und Pflege der Liebe zu neuer Blüthe entfalten würde? Auch dies lag im Bereiche der Mög lichkeit. Wie wenn Beide glücklich nach dem ſchwarzen Berge oder nach Dalmatien entkommen, daſelbſt ein Liebesleben führen dürften, dem blos die Ewigkeit fehlte, um ſchon auf Erden himmliſch ge nannt zu werden?! Eiferſucht bohrte einen neuen Dolch in das Herz des Muſchir. Zur Eiferſucht ſollte ſich noch abermalige Todesangſt geſellen. Die Nacht war bedeutend vorgeſchritten, der Lärm und das Jauchzen im Hofraume verſtummten allmälig, die Wachtfeuer erlo⸗ ſchen, tiefe Stille, von dem fernen Heulen des launiſch zögernden Sturmes nur zeitweiſe unterbrochen, lagerte ſich über der geſamm⸗ ten Nachbarſchaft des alten Raubneſtes. Dagegen flammte das Bivouakfeuer in den weiter rückwärts gelegenen Bergen plötzlich heller und heller auf, die müden Raja's, die ſich daſelbſt im ſüßen Schlummer von der Laſt des Tagewerkes erholten und zur neuen Frohnarbeit ſtärkten, ſchienen zufällig erwachend oder von irgend jemand geweckt zu einem nächtigen Ausfluge aufzubrechen, ſeltſames Geräuſch ließ ſich vernehmen, wie wenn Spaten und Schaufeln in Bewegung geſetzt würden, und eine unheimliche Ahnung, die er nicht zu bemeiſtern vermochte, ſagte dem Paſcha, daß ſich neues Unheil auch von dieſer Seite nahe. Welch ſeltſamer gurgelnder Laut?! Es war ein ſonderbares Sauſen und Brauſen, wie es das Ohr Juſſuw's noch nie vernommen, es war faſt anzuhören, als ob ein gedämpfter Donner ſich haſtig auf der Erde hinwälzte. Was mochte dies befremdende Geräuſch wohl bedeuten? Ein erfahrener Bergmann hätte dem Paſcha das nächtige Räthſel augenblicklich ge⸗ löſt. Auch ſollte er nur zu bald die ſchreckhafte Löſung, wenn auch nicht mit den Händen, doch faſt mit ſeinen Füßen greifen können. Schäumte es doch immer näher heran, brauſten und rauſchten doch die Wogen der Drina plötzlich in raſender Strömung durch ihr altes Flußbett dahin! Wie kam das? Hatten die Gewäſſer den letz⸗ ten Reſt natürlichen Dammes durchbrochen? Machten ſich die armen Rajas in Sehnſucht nach der Heimath bei der Nacht an den letzten 454 Durchſtich, um dem Paſcha am nächſten Morgen eine freudige Ueber⸗ raſchung zu bereiten? Eine ſchöne Ueberraſchung! Juſſuw gab ſich Anfangs für verloren. Er glaubte von der gewaltigen Strömung rettungslos hinweggeriſſen werden zu müſſen. Bald aber ſah er mit inniger Freude und ſtiller Beruhigung, daß die Wogen nicht höher als etwa vierzig bis fünfzig Fuß unter ſeinem luftigen Sitze ſtiegen, und ihren Lauf allmälig mit weniger ſtürmiſcher Haſt fortſetzten. Der Vezier jauchzte endlich ſogar freudig auf. Er hatte, das näch⸗ tige Werk der Rajas im Stillen preiſend und bejubelnd, ja nicht mehr vor dem entſetzlichen, vielleicht ſchließlich verderblichen Schwin⸗ del bei dem Anblick der Tiefe unter ihm, zu zittern, falls die Wind⸗ ſtöße die Wolken gänzlich verjagen und dem troſtreichen Lichte des Mondes eine freie Bahn brechen ſollten. Auch war er im ſchlimmſten Falle vor dem häßlichen Tode des Zerſchmetterns und Zerſchellens gerettet. Letzte Täuſchung! In Süden heulte es plötzlich nochmals auf in erneuerter Wuth, mit unwiderſtehlicher Gewalt. Die Wolken kamen am Him⸗ mel wie ein geſchlagenes Heer dichter als je herbeigeflogen, und entſetzliche Finſterniß lagerte ſich über dem alten Raubneſte. Eine momentane Stille, dann brach er los, der nächtige Sturm in all ſeiner wilden Pracht und Herrlichkeit! Ehe noch Juſſuw die Gewalt ſeines Wehens verſpürte, vernahm er bereits ſein bedrohliches Rauſchen in der Luft. Mit unwiderſtehlicher Macht brauſte der Or⸗ kan heran, jetzt berührte ſein Athem den verunglückten Mann, erſchütterte das Gerüſt über deſſen Haupte, erſchütterie ſelbſt, wie der Paſcha vermeinte, das alte Mauerwerk bis in ſeine Grundveſten hinab. Die Steine klirrten und klapperten, die Bretter des Gerüſtes klappten auf und nieder, ein Theil desſelben ward von der Unter⸗ lage hinweggeriſſen, wirbelte in die Luft hinaus und ſtürzte mit widrigem Gepraſſel in die lautaufſchäumenden Wogen der Drina. Juſſuw war im erſten Augenblicke von dem furchtbarſten Schrecken wie gelähmt, wie vernichtet. Inſtinktmäßig umklammerte er die Seile mit beiden Händen, und erwartete jetzt und jetzt zu ſtürzen oder an den Baſaltſteinen des Mauerwerkes zerſchmettert zu werden. War doch das jenſeitige Ufer um mehr als dreißig Fuß niederer, ſo daß nichts dem verderblichen Anprall des Sturmes wehrte. So ward Juſſuw wie ein leichter Ball hin und her geſchleudert. In Todesangſt ſtreckte er ſeine Füße aus, um ſich mit ihrer Hilfe von 45⁵ den Baſaltwänden des Ufers ſo weit als möglich entfernt zu halten. Es nützte leider nicht viel. Einigen Stößen, zum Glücke den heftig⸗ ſten, entging zwar der Paſcha, doch vermochte er nicht jedem An— pralle zu widerſtehen. Hätte ihn der breite hölzerne Sitz nicht einiger Maßen geſchützt, ſo wäre in jener Nacht kein Glied an ſeinem Leibe ganz geblieben. Und doch zog kein Gedanke der Reue durch die Seele des un— bußfertigen Sünders! Allmälig ſchwand jedoch ſeine Kraft, ſeine verſtauchten Füße verſagten ihm den Dienſt, er hatte Mühe, ſich überhaupt noch länger auf ſeinem Sitze zu erhalten, als ein neuer überaus heftiger Wind⸗ ſtoß das lebendige Spielzeug erfaßte und es faſt bis an den Ufer⸗ rand emporſchleuderte. Im Rückſturze blieb Juſſuw's Sitz an irgend einem Gegenſtande hängen, und um ein Haar wäre er herausge⸗ fallen. Wild fuhr er mit den Händen in der Luft herum, unwillkür⸗ lich nach einer Stütze taſtend, und ſiehe da, ſie erfaßten eine ſtarke Klammer, die in das Mauerwerk eingeſchlagen und zweifelsohne zur Herſtellung des Gerüſtes benützt worden war. Der Paſcha packte die hilfreiche Klammer mit krampfhaft ſchließenden Fingern, er ließ ſie nicht wieder los, er hätte ſie mit den Zähnen feſtgehalten, falls ſeine Hände daran erlahmt wären. Sie erlahmten zum Glücke nicht, dieſe Hände; Verzweiflung und Todesangſt verliehen dem Blut⸗ trinker eine Stärke und Ausdauer, die er ſich ſelbſt nimmer zuge⸗ traut hätte; auch war er ja der allerſchlimmſten Furcht ledig geworden, der Furcht von den wüthigen Windſtößen an den Baſalt⸗ ſteinen zerſchmettert zu werden. Die Gewalt des Sturmes war endlich erſchöpft. Tiefe Stille folgte, bald auch blaute der Himmel heiter und rein. Juſſuw hätte ohne ſeine ſchmerzenden Glieder die ganze Schreckensſzene für einen böſen, ſchweren Traum gehalten. Seine Knie waren jedoch wund, und er fühlte, wie ſein Blut warm an den Waden herablief. Das war aber noch zu ertragen! Schlimmer litt er durch den Froſt, der ihn bald nach dem Schweigen des Sturmes immer eiſiger zu durchſchauern begann. Hatte ihn früher die Angſt wie ein Eſpenlaub geſchüttelt, ſo zitterte er jetzt am ganzen Leibe vor peinigender Kälte. Seine Zähne klapperten an einander, und bald war er ſo erſtarrt, daß er ſich nicht länger an der ſchirmenden Klammer feſtzuhalten vermochte. Ohne daß er es zu hindern ver⸗ mochte, entglitt dieſe Klammer ſeinen eiskalten Fingern, und Juſſuw ——-——— 456 ſank mit ſeinem Sitze in die frühere Lage zurück. Da hing er nun wieder unbeweglich, denn der Sturm hatte gänzlich aufgehört. Von dem Orkan hatte Juſſuw nichts mehr zu befürchten, ſo wenig als von einem etwaigen Nachlaſſen oder Reißen der Seile. Die ſtürmi⸗ ſchen Stunden hatten ihre Feſtigkeit hinlänglich bewährt. Dagegen machte der Froſt ſeine Herrſchaft geltend. Eine qualvolle Betäu⸗ bung, eine unwiderſtehliche Schlafſucht befiel den Vezier. Hinter ihr ſtand— der Tod des Erfrierens! Und doch durchzog kein Gedanke der Reue die Seele des un⸗ bußfertigen Sünders. Er dachte nur, wie er am Morgen, falls er gerettet würde, am grauſamſten ſtrafen und foltern könne. Beſatzung, Dienerſchaft, vielleicht ſelbſt die Rajas in den nahen Bergen ſollten die ganze Strenge und Wucht ſeines Zornes und Ingrimmes empfinden. Und er graute endlich, dieſer Morgen! Eine frühzeitig aufbrechende Pa⸗ trouille, welche aus Beſorgniß, der Paſcha könne endlich heimkehren, noch lange bevor, ehe es in Oſten dämmerte, als lebendiger Beleg unausgeſetzter Wachſamkeit ausgeſendet worden, entdeckte bei dem Scheine der mitgenommenen Fackeln durch einen glücklichen Zufall die entſetzliche Lage des verunglückten Deſpoten. Juſſuw ward halb⸗ todt nach dem Raubneſte getragen, erholte ſich langſam, und hatte kaum ſo viel Kraft, die nöthigen Befehle bezüglich ſeines Todfein⸗ des und der weißen Roſe zu geben. Man drang durch den vordern Gang in das Erkergemach. Lascaris und ſein Weib waren verſchwunden. Silberne Drina, was machte deine Wogen ſo plötzlich in das alte, ſeit Jahren verlaſſene Flußbett ſtrömen? Was ſoll dein Ge⸗ heimthun? Eine kleine ſchwatzhafte Welle hat mir ja alles ausge⸗ plaudert und verrathen, was ſich in der ſtürmiſchen und doch ſo verſchwiegenen Nacht in den nahen Gebirgen zugetragen; ich weiß genau, wie es kam, daß die müden Rajas aus dem Schlafe auf⸗ fuhren, und haſtig und emſig zu dem letzten Durchſtich des Dammes ſchritten. Auch meine Leſer ſollen darum wiſſen! Es war bald nach dem Einbruche der Nacht, daß zwei männ⸗ liche Geſtalten langſam und vorſichtig nach der Lagerſtätte der Rajas geſchlichen kamen. Das Ziel ihres nächtigen Wanderganges ſchien aber nicht das wohlthätig wärmende Bivouakfeuer werden zu wol⸗ len, nein ſie wandten ſich haſtig nach dem kleinen Blockhauſe, darin lun gen n 457 die türkiſchen Aufſeher bei dem Dammdurchſtiche die kalten Stunden der Nacht zuzubringen pflegten. Raſch wurden die ſperrenden Riegel und Querſtangen vor die Thüre des Blockhauſes geſchoben, dann pflanzten ſich die beiden ſeltſamen Geſellen als eine Art Schildwache vor den beiden kleinen Fenſtern auf, den ſpäter ſchreckhaft auffah renden Aufſehern mit drohenden Stimmen und vorgeſtreckten Flin⸗ ten Schweigen und Ruhe gebietend. Es war Mirxa und der über lebende Haiduke, der ſeine Wunde nothdürftig verbunden. Bald darauf trat ein rieſiger Mann unter die ſchlummernden Rajas. Der Mann war bleich wie ein Sterbender, und wies ſein Antlitz faſt noch weniger Farbe als jenes der ſchönen Leiche, die er in ſeinen Armen wiegte. Seine Augen ſtarrten thränenlos in das erlöſchende Bivouakfeuer, und es mußte ſo ſein, denn er hätte nur blutige Thränen vergießen können, und all ſein Blut war erſtarrt im Eiſe der Verzweiflung. Seltſam, faſt zürnend lächelnd betrachtete er die ſorgloſen Schläfer, als ob er nicht zu begreifen vermöge, wie es noch ſüßen Schlummer und goldene Träume geben könne auf Erden, nachdem das Entſetzlichſte in den irdiſchen Jammerthalen geſchehen und die reizendſte Blume hinweg ſei aus ihren Fluren Darauf feuerte er grollend eine Piſtole ab. Die Rajas fuhren entſetzt aus dem Schlafe auf. „Kennt ihr mich?“ frug ver rieſige Mann mit donnernder Stimme. Die Bosniaken neigten bejahend, wenn gleich ſtaunend ihr ver wundertes Haupt. „Wißt ihr, weshalb Vuk⸗Lascaris noch einmal zu ſeinen Kindern gekommen?“ Ein verneinendes Kopfſchütteln gab die ſtumme Antwort. „Eure Mutter iſt geſtorben. Schafft ihr ein ſtilles verſchwie genes Grab!“ Damit befahl er das Bivouakfeuer neu anzufachen und wies den ſchmerzlich aufjammernden Rajas bei dem grellen Scheine der Flammen die letzten ſterblichen Ueberreſte der allgeliebten weißen Roſe von Serajevo. Leiſes Schluchzen ſcholl durch die nächtige Stille. „Ja, eure ſchöne Mutter,“ fuhr Lascaris fort,„iſt eingegan⸗ gen zu dem Frieden des Herrn, und ein geheimes, weltverborgenes Grab verblieb Alles, was ſie noch zu erbitten hat von ihren Kin⸗ ——— ———— 2 458 dern, die ſie in ihrem Leben ſo ſorgſam und zärtlich betraute. Man hat mir, als ſie hierher zog, erzählt, daß man in dem alten Fluß⸗ bette der Drina ein altes Grab aus längſt verſchollenen Tagen aufgefunden habe. Es ſollen daraus die letzten Ueberreſte eines ſeltſam geharniſchten rieſigen Mannes zu Tage gefördert und nach jenem türkiſchen Raubneſte geſchafft worden ſein. Ein Grab in dem Flußbette eines reißenden Stromes war ja die gewöhnliche Ruhe— ſtätte für die Helden der Vorzeit! Iſt dem ſo, wie ich eben ſagte?“ Ein alter Bosniake beſtätigte die Wahrheit der Angabe. Der Abenteurer ſchritt mit Gülnaren's Leiche lautlos dem alten Flußbette der Drina zu. Die Rajas folgten, welche mit Fackeln verſehen, andere mit Spaten und Schaufeln bewehrt. Bald fand man die geheimnißvolle Ruheſtätte, aus einer längſt verſchollenen Zeit herſtammend. Lascaris ließ das Grab genau beſichtigen, von allen Seiten beleuchten. Es war an zwanzig Fuß tief, neun Fuß lang und faſt eben ſo breit. Uraltes und doch noch wohl erhaltenes Mauerwerk in der Grube zeugte von der Umſicht, Sachkenntniß und Dauerhaftigkeit, mit der man in vergangenen Tagen die letzte Be⸗ hauſung großer Männer zu wölben pflegte. Eine rieſige Platte von Eichenholz mit Eiſenblech beſchlagen hatte weiland, etwa in der hal⸗ ben Tiefe auf dem daſelbſt ringsum einen Fuß breit vorſpringenden Gemäuer ruhend, als Sargdeckel gedient. Dieſe Platte lag noch jetzt an dem Rande des mächtigen Hünengrabes. Lascaris befahl ſie auf Hebel zu lagern und an gewaltige Stricke zu befeſtigen. Dann ließ er ſich mit der Leiche in das Grab hinabgleiten. Es war rührend anzuſchauen, mit welcher ſorgſamen Auf⸗ merkſamkeit der rauhe Krieger den Grund der Gruft betaſtete, um die trockenſte Stelle aufzufinden, mit welcher Treue der Mann der Fehde und des Blutes den frommen Dienſt eines Leichen⸗ beſtatters zu verrichten ſtrebte. Kein Auge blieb trocken, als er zuerſt mehre köſtliche aus der Erkerſtube mitgenommene Zobelpelze auf⸗ breitete, aus einem türkiſchen Shwal ein weiches Kopfkiſſen ballte, und endlich die erkaltete Schönheit mit zitternden Händen auf ihr letztes irdiſches Lager pfühlte. Viele der Bosniaken wandten ſich ſchmerzhaft und laut aufſchluchzend zur Seite, als der ernſte Mann ſein erſtarrtes reizendes Weib noch einmal an den verblichenen Mund küßte, mit ſeinem Handſchar eine Locke von dem Haupte der Leiche ſchnitt und dann das letzte Pelzwerk auf ſeinen entſeelten Antheil Himmel niederrauſchen ließ. Der ver⸗ 459 laſſene Gatte allein ſchien verlernt zu haben, wie ein Menſchen⸗ auge weint. Man zog Lascaris an einem Seil aus dem Grabe. Dann wurde auf ſein Geheiß die rieſige Platte langſam und vorſichtig hinabgelaſſen. Der kreideweiße Mann griff lautlos nach einer Scholle Erde. Ein krampfhaftes Zittern ging durch ſeine her⸗ kuliſchen Glieder, aber er übermeiſterte ſich mit übermenſchlicher Anſtrengung, und die Felſen umher lagen nicht ruhiger als ſeine Hand herabhing am Leibe, nachdem er die erſte Scholle in das Grab Gülnarens hinabgeſchleudert. Bald war die Gruft bis an den Rand mit Flußſand, Steinen und kleinen Felsblöcken vollgeſtaut. Ein paar Rajas hatten mittlerweile ein kunſtloſes Kreuz aus Eichenholz gefertigt. Lascaris trieb es mit rieſiger Kraft bis an beide Arme in das Grab hinein. Dann wurde die bergende Schichte nach Mög⸗ lichkeit feſtgeſtampft. Der Witwer ſelbſt handhabte die Stampfe mit ſtaunenswerther Stärke und Ausdauer. „Alle Schaufeln an den Durchſtich!“ Alſo befahl der Abenteurer hierauf mit feſter Stimme. Die Bosniaken gehorchten mit demüthiger Eile. Eine Stunde verſtrich unter raſtloſer angeſtrengter Arbeit. Lascaris, der ſelbſt eine Schau⸗ fel führte, ſchien Bärenmark in den Knochen zu fühlen. Er grub für ein Dutzend fleißiger und ſtarker Männer. Endlich gelangte man an die letzte hemmende Schichte des natürlichen Dammes. „Zurück, wer ſein Leben liebt!“ rief der leidtragende Mann. Alles ſtürmte in ſcheuer Haſt hinweg. Eine kurze ſchweigſame Pauſe! Dann gab es ein prachtvoll furchtbares Schauſpiel zu ſchauen. Die ſilbernen Wogen der Drina durchbrachen allmälig die letzte abſperrende Schichte. Ein donnerndes Aufſchäumen, ein ſelt— ſamer gurgelnder Laut, dann ſtürzte ſich das wildbrandende Ge⸗ wäſſer in zügelloſem Lauf in ſein altes Flußbett. Der Fall war ſo gewaltig, als ob ein Katarakt, durch einen Zauberſchlag aus einem ſteilen Felſenblocke hervorgebannt, ſich wirbelnd und brauſend von einer unermeßlichen Höhe in die Tiefe wälze. Bald verdeckten die ſchäumenden Wogen des alten Grenzfluſſes von Bosnien und Ser⸗ bien die rieſige Gruft, darin die weiße Roſe von Serajevo für immer ausruhte von den rauhen und unabwendbaren Stürmen des Lebens. „Kniet nieder zum Gebete!“ Alſo rief Lascaris ſeinen Glaubensbrüdern zu. Alle Anweſen⸗ ——— 460 den, auch Mirxa, der ſich von einem Raja von der Wache am Block⸗ haus ablöſen hatte laſſen, ſanken am Ufer der Drina betend in die Knie nieder. Der Abenteurer ſtimmte das Vaterunſer an. Seine Stimme ſchwankte und zitterte als er bei dieſer frommen ſieben⸗ fachen Bitte, zum erſten Male laut geworden am See Tiberias, an die Stelle kam, die da lautet: „Kako i mi odpustimo duznikom nakim!“ —„Alſo auch wir vergeben unſern Schuldigern!“— Mirra ſchwieg gänzlich bei dieſer Stelle. Lascaris warf dem Zigeuner einen halb vorwurfsvollen, halb dankbaren Blick zu, dann betete er das Vaterunſer wehmüthig wei⸗ ter und ſchloß mit einem lauten dreimal wiederholten Amen. Alles erhob ſich. Er dankte den Rajas mit gerührter Stimme, wie es Leidtragende in den ſüdſlaviſchen Landen zu halten pflegen, ſobald ein ſchmerzhaftes Begräbniß endlich vorübergegangen. Dann ſtarrte er noch einmal mit einem unbeſchreiblichen Blicke nach den Fluthen der Drina nieder, und verließ hierauf thränenlos, wie er gekommen, die Schauſtätte ſeines tiefſten Schmerzes im Leben. Mirxa und der Haiduke eilten ſchweigſam wie ihr Gebieter in die ſchirmenden Schluchten der Berge. Bald darauf knallten an zwan⸗ zig Flintenſchüſſe. Die Rajas hatten ſich zuerſt von den gefangenen Aufſehern die Gewehre ausliefern laſſen, und dann dieſe ihre ver⸗ haßten Peiniger Stück für Stück ohne Barmherzigkeit niederge⸗ ſchoſſen, ſich gleichzeitig nach allen Strichen der Windroſe zerſtreuend. Kein türkiſcher Mund wußte foran kundzugeben, wo der Stolz und die Blüthe weiblicher bosniſcher Schönheit beſtattet worden ſei. Schlummre ſanft weiße Roſe von Serajevo! In derſelben Nacht ergab ſich auch in der Nachbarſchaft der Hauptſtadt von Bosnien eine ſchauerliche Szene. Der Schauplatz der Handlung war der türkiſche Begräbnißplatz bei Serajevo, gleich allen Gottesäckern im Morgenlande reich geſchmückt mit Monumen⸗ ten, Moſcheen, Turbans und wie alle die hundert Verzierungen heißen mögen, mit welchen islamitiſcher Glaube oder Aberglaube die Wohnſtätte der Todten zu umgeben liebt. Tiefe Stille und Fin⸗ ſterniß herrſchte innerhalb ſeiner Umfriedung, nur aus einem kleinen Gebäude an ſeinem Ausgange fiel ein heller Lichtſchimmer, und zeitweilig ſchollen unverſtändliche Worte durch die Fenſterſcheiben, Worte in jenem näſelnden Tone geſprochen, in welchem ein er⸗ grauter türkiſcher Lehrer ſeinen die Füße über einander kreuzenden 461 und ſich wie Fledermäuſe zuſammendrängenden kleinen Schülern die Suren oder Kapitel des Koran vorzuſagen oder vielmehr vor⸗ zuplärren pflegt. Auch hielt der Eigenthümer der näſelnden Stimme ein langes Pfeifenrohr in der Hand, das gewöhnliche Werkzeug, mit welchen ein türkiſcher Profeſſor ſeine unachtſamen Rangen durchbläut. Es ward auch wirklich Unterricht in dieſem Gebäude ertheilt, Unterricht ſeltſamer Art. Wenigſtens trifft man gewöhnlich auf türkiſchen Friedhöfen nicht häufig auf eine derartige Lehrkanzel. Das Gebäude, früher die Behauſung des Todtengräbers, war nämlich zu einem anatomiſchen Theater umgeſtaltet worden. Es geſchah auf das Bittgeſuch des Knaben Pawel, deſſen Geſchicklichkeit im Amputiren bereits manchen alten muhamedaniſchen Feldſcherer in Erſtaunen geſetzt hatte, und der ſich in dieſem unheimlichen Sezirſaal noch weiter in ſeinen ana⸗ tomiſchen Kenntniſſen auszubilden gedachte. An Leichen war in der damaligen Zeit kein Mangel, und ſo fehlte es dem kleinen Jünger Aeskulaps nie an Beſchäftigung in ſeinem ſchauerlichen Berufe. Was aber wählte er die Mitternacht, dieſe verrufene Spanne Zeit zur Ausübung und Vervollkommnung ſeiner Kunſtfertigkeit? An⸗ geblich um das Vorurtheil der Islamiten zu ſchonen, die das Her⸗ umwühlen und Herumſchneiden in menſchlichen Kadavern als eine Leichenſchändung betrachten, in Wahrheit aber nur, um ſein ſpär⸗ liches Auditorium den Blicken neugieriger Spaziergänger oder from⸗ mer Beter nicht unnöthiger Weiſe blos zu ſtellen. Dieſes bunt gemiſchte Auditorium zählte drei Schüler. Der eine war Pawel's gleichfalls beſchnittener Bruder Mile, der zweite Knabe hieß Benoni, und wir kennen ihn noch von der Behauſung des Flüſterers her, der dritte Jünger in dieſem Bunde endlich gehörte zu dem weiblichen Geſchlechte und lautete ſein Name: Patila. Nicht wahr, ein ſonderbares Kleeblatt Zuhörerſchaft, zu— ſammengeſetzt aus einem unfreiwilligen Muhamedaner, einem got⸗ tesfürchtigen Hebräer und einer ſtrenggläubigen Chriſtin! Was aber um des Himmels willen konnte dieſe drei Kinder veranlaſſen, in ihrem zarten Alter Anatomie zu betreiben? Kommt Zeit, kommt Aufklärung! Was aber auch immer Veranlaſſung zu dieſem ungewöhnlichen Studium in zarter Kindheit gegeben haben mochte, ſo viel ſtand feſt, daß es von Seite der Kleinen mit einem Eifer und Fleiß be⸗ 46² trieben ward, der ſo manchen herangewachſenen Hörer der Anatomie auf unſern abendländiſchen Hochſchulen beſchämt haben dürfte. Auch in jener Nacht ward an drei abgeſonderten Tiſchen des anatomiſchen Theaters mit großer Emſigkeit und ſichtbarer Luſt zur Wiſſenſchaft gearbeitet und herumgeſchnitten. Auf dem einen Tiſche lag ein menſchlicher Arm, an deſſen Hand der Knabe Benoni ſeine Kunſt⸗ fertigkeit erprobte. „Barikallah! Wohlgethan! Gott iſt groß!“ Dieſe lobenden, im Style eines wirklichen türkiſchen Lehrers gehaltenen Worte ſtieß Pawel gravitätiſch heraus, als er mit ſeinem Pfeifenrohre dozirend herumwandelte und endlich auf dieſem Spa⸗ ziergange bei dem Judenknaben Benoni ſtill hielt, und deſſen Leiſtung im Fache der Amputation mit der Miene eines vollendeten Opera⸗ teurs prüfte und muſterte. An einer längern Tafel mühte ſich der kleine Mile in blitzſchnellen Schnitten und zwar an dem geſammten Rumpfe einer männlichen Leiche. Auch der unfreiwillige Muhame⸗ daner erntete, als ſein Werk gethan war, reichlichen Beifall von Seite ſeines Bruders und Meiſters. Rief doch der kleine Beſchnit⸗ tene bei näherer Beſichtigung mit ſpottendem Tone: „Affiiat ler alfum!“— Zur Geſundheit!— Er wollte offenbar damit andeuten, ſo wohl ſolle es in Bälde einem andern Rumpfe bekommen, dem der Kopf noch feſt zwiſchen den Schultern ſäße und deſſen Hände und Beine ſich noch des Le⸗ bens, der vollſten Beweglichkeit erfreuten. Selbſt die ſchweigſame Patila leiſtete mit Hilfe des bei Blinden ſo ausgebildeten und fei⸗ nen Taſtſinnes Lobenswerthes und Verdienſtliches auf der anato⸗ miſchen Bühne. Sie arbeitete mit ſanften und gewandten Händen an einem menſchlichen Haupte herum, und Pawel rief nach vorge⸗ nommener Prüfung faſt verwundert aus: „Duwlet ikbalileh!«— Mit dem Glück eines Fürſten!— Hierauf hieß er ſeine Schüler zuſammentreten und ſprach dann, wie folgt: „Eure Lehrzeit iſt um! Ihr wißt, was ihr zu leiſten habt, verſteht auch euern Dienſt meiſterlich zu verſehen. Bald naht die Zeit, wo wir ſcheinbar als Schüler des großen Avicenna, in Wahr⸗ heit aber als Ulema's oder Rechtsvollſtrecker vor den Augen der Gottheit das Werk der Beſtrafung und Vergeltung zu üben haben werden. Bis dahin ſeid verſchwiegen und wachfan, auf daß kein böſer Zufall den Bund der Kleinen löſe und ſo die Gebote voll⸗ omie Auch ſchen ſchaft ein unſt⸗ rers inem Spa⸗ ſtung era⸗ der mten ame⸗ von hnit⸗ 463 giltiger Rache noch im Vollzuge vereitle! Du Patila folgſt mir in wenigen Tagen nach der ſerbiſchen Grenze. Der Himmel ſei gelobt und geprieſen, daß er dich des neu geſchenkten Augenlichtes berauben ließ! Für die Blinde iſt es ja dort ſonnenheller Tag, wo wir ſehen⸗ den, ſcheinbar glücklichen Menſchenkinder herumwanken in Nacht und Finſterniß!“ Es lag viel Würde und Pathos in den Worten des Knaben. Unglück und Kummer machen ja den Geiſt frühzeitig reifen! Die Schüler verſprachen dem Meiſter pünktlichen Gehorſam, dank⸗ ten ihm nochmals für ſeine Mühe und Geduld, und entfernten ſich dann, wie Geſpenſter in der dunklen Nacht verſchwindend, mit ge⸗ räuſchloſen Schritten. Pawel verlöſchte dei Ampel, welche das ana⸗ tomiſche Theater erleuchtete, und ſchlich nunmehr gleichfalls behut⸗ ſam nach Serajevo. Juſſuw hielt, was er ſich auf ſeinem luftigen Sitze gelobt hatte. Die Dienerſchaft in dem alten Raubneſte empfing faſt durch⸗ gehends die Baſtonade, die Garniſon wurde buchſtäblich dezimirt; nur an den entflohenen Rajas konnte der Unmenſch ſein Müthchen nicht kühlen, deſto beſſer aber unterhielt ſich der Paſcha, wenn ihm der weitere Verlauf des Gebirgskrieges ein paar Gefangene oder ein zwiſchen den Bergen aus dem Stegreife gezimmertes Stück Dorf in die Hände lieferte. So manches Schreckensdrama aus den unheilvollen Schauertagen an der Bosna erlebte eine neue noch blutigere Auflage. Die Grauſamkeit Juſſuws ward ſprichwörtlich in allen Landen der europäiſchen Türkei. Endlich fanden ſich die chriſt⸗ lichen Großmächte bewogen, energiſch gegen das Treiben des Wüth⸗ richs bei dem Divan zu Stambul einzuſchreiten. Ein Ferman des Großſultan entſetzte den Vezier von Bosnien einſtweilen ſeiner Herrſchaft, eine Unterſuchung der jüngſten Vorgänge ward ange⸗ ordnet, und unſer alter Bekannter Ali, ſchon früher zum Miri⸗Alai, zu deutſch zum Obriſten ernannt, nunmehr zum Miri⸗Liva oder Brigadegeneral befördert, erhielt für die Dauer jener Unterſuchung den Oberbefehl in Bosnien. Ali's Klugheit, Mäßigung und Menſchlichkeit trug viel zur Beſchwichtigung der empörten Gemüther bei, bewog tauſende von Flüchtlingen von den Bergen herabzuſteigen und machte ſo das kleine Häuflein, an deſſen Spitze Lascaris ſich noch immer miit den Türken herumſchlug, mit jedem Tage dahin⸗ ſchmelzen an Zahl und Kampfluſt. Juſſuw ſchäumte wie ein angeſchoſſener Eber, als er Kunde 464 von dem Ferman erhalten. Gegen den gemeſſenen Befehl des Padi⸗ ſchah ließ ſich aber nicht ankämpfen, zumal der neue Befehlshaber Haare auf den Zähnen hatte, und die Zahl der wirklichen Anhänger des Paſcha in Folge ſeiner Härte und Grauſamkeit ſchon lange auf Null herabgeſunken war. Der entthronte Machthaber kam nur, wenn ſeine Gegenwart bei der Unterſuchung dringend Noth that, nach Travnik, ſonſt hauſte er für alle Welt unzugänglich in dem Boll⸗ werke an der bosniſch ſerbiſchen Grenze. Wie oft verunglückte bleiche Menſchen durch Tage um eine Brandſtätte herumwanken und die Schauerſtelle nicht verlaſſen wollen, wo all ihr irdiſches Heil ein Raub der Flammen wurde, ſo trieb es den Paſcha nach dem Raub⸗ neſte, darin er einſt die Houri ſeiner Träume und das Paradies der Wolluſt geborgen wähnte. Die ſtille Erkerſtube ward zu ſeinem Schlafgemach, die reiche Ottomane, darauf Gülnare den Martyrtod des Hungers ſtarb, diente dem Bluttrinker als Lagerſtätte. Er konnte die rührende Schönheit nicht vergeſſen. Die Weisſagung der Roſe von Serajevo war buchſtäblich ein⸗ getroffen. Juſſuw verdarb an den Reizen dieſer weißen Blume, der Mann des Grauens und des Blutes verſchmachtete an vergeblicher Liebesbrum⸗Ja, jene Roſe wahrhaft weiblicher Anmuth und über⸗ menſchlicher Schönheit bereitete ihrem Mörder ein qualvolles lang⸗ ſames Sterben, ihr Duft, die Erinnerung ward zum Gifte, an dem er allmälig verkümmerte! Seine Diener ſahen ihn oft lange Tage mit keinem Auge. Alle Gerichte wurden ihm durch ſeine Leibdiener Pawel und Mile gereicht, die in einer von den übrigen Gemächern abgeſperrten Vorderſtube hauſten, hart an dem Gange, der nach dem bewußten Erkerſaale führte. Dort verträumte der Paſcha die Zeit von Sonnenaufgang bis zum Einbruch der Abenddämmerung oder der Nacht. Dann erhob ſich Juſſuw von der Ottomane und langte nach ſeinen Waffen. Die Knaben erſchienen mit Pechfakeln und hinab ging es in die unterirdiſche Felſenhöhle. Dort ward jeder Winkel, jede Krümmung beleuchtet und unterſucht, ob ſich nichts Verdächtiges rege, dann hieß es die Riegel und Schlöſſer an dem unterirdiſchen Eingange unterſuchen, worauf ſich der Wütherich abermals in die Erkerſtube zurückbegab, die Tafel beſtellen ließ und mittlerweile den Fallboden durch einen gewaltigen Riegel außer Dienſt ſetzte. Dann mußten ihn die Kleinen entkleiden und ſich in ihr Gemach zurückziehen. Auch dies wie die Thüre aus dem Gange adi aber nger auf venn nach oll⸗ eiche die ein uüb der inem rtod unte ein der ſcher ber⸗ ang⸗ dem rage ener hern nach dit ung und feln edet ühts dem rich und lßer 1 ngt 465 verriegelte Juſſuw nunmehr mit eigenen Händen. Vor allen Nach⸗ ſtellungen ſicher begann er ſchließlich ſein nächtiges Tagewerk. Er hatte ſich dem gefährlichen Genuſſe ergeben, deſſen berauſchende Wirkung ſchwelgeriſche Muſelmänner in den letzten Himmel der Freude zu verzaubern pflegt. Juſſuw war ein Theriaki, ein Opiumeſſer geworden. Einige Wochen nach den früher erzählten Vorgängen war die untenrdiſche Hölle auch am Tage grell beleuchtet. Der Paſcha befand ſich ſeit ein paar Tagen in Travnik, und Pawel benützte die kurze Zeitfriſt, um ſeiner gelehrigen Schülerin Patila einen neuen ander⸗ weitigen Unterricht zu ertheilen. Das kluge Mädchen wußte großen Nutzen daraus zu ziehen, und ſchon nach der vierten oder fünften Stunde erklärte der Lehrer, es ſei Zeit zur letzten Prüfung zu ſchreiten. Dieſe Prüfung ging folgender Maßen vor ſich. Zuerſt mußte die blinde Patila den früher an Pawel's Hand zurückgelegten labyrinthiſchen Weg von dem unterirdiſchen Eingang der Felſenhöhle bis zur Verſenkung ohne Beihilfe des Führers beſchreiten. Sie that es mit einer Sicherheit, welche den Knaben in beifälliges Erſtaunen verſetzte. „Weißt du auch deinen Schlupfwinkel zu finden?“ frug Pawel. Statt aller Antwort ſchritt die Blinde zu einer abgelegenen Stelle der Höhle, drückte daſelbſt an einen künſtlich eingefügten Stein, ſchob ihn hervor, und ſetzte ihn, nachdem ſie in eine von ihm verdeckte kleine Felſenvertiefung gekrochen war, von innen wieder ſo ſorgfältig ein, daß auch das geübteſte Auge bei dem hellſten Fackel⸗ ſchein nicht die mindeſte Spur von dem geheimen Verſtecke aufzu⸗ finden vermochte. Patila kam wieder hervor. „Nun an die Thüre!“ befahl ihr kleiner Meiſter. Das Mädchen begab ſich an den unterirdiſchen Zugang und wußte die Schlüſſel und Riegel desſelben ſo geſchickt und geräuſch⸗ los zu handhaben, daß Pawel auch hier ſeine vollſte Zufriedenheit zu erkennen gab. Nunmehr eilten die Kinder an die Verſenkung. Patila wand beide empor. In dem Erkergemache angelangt, ſtreckte ſich Pawel wie ſchlafend auf die weiche Ottomane, ein Schlüſſel⸗ bund hinter ſeinem Kopfkiſſen bergend. Patila umging, wie es ihr früher an der Hand des Führers gezeigt worden, die Lagerſtätte und entwendete dann die Schlüſſel mit ſo ſanfter Hand, daß ſelbſt der wachende Knabe nicht die mindeſte Bewegung des Kiſſens ver⸗ Der Montenegriner. 30 X 466 ſpürte. Schließlich öffnete die Blinde die Thüren, die in den Gang wie in die Wohnſtube Pawel's und Mile's führten. „Wie ſteht es,“ frug der kleine Lehrer,„mit unſerm vierten Bundesgenoſſen?“ „Er liegt auf der Lauer.“ 2 „Iſt er auch verläßlich?“ „Ich kann dir nichts weiter ſagen, als daß es Mirxa der Zi⸗ geuner, der Liebling des tapfern Vuk⸗Lascaris iſt. Er war immer ein treuer Diener der welken Roſe von Serajevo. Möge der All⸗ mächtige dieſe holde Blume gnädig vor ſeine Bruſt geſteckt haben!“ „Somit wäre Alles vorbereitet!“ „Ich höre ſie bereits ſchlagen, die Stunde der Vergeltung!“ antwortete Patila im Scheiden. Die Vehme der Kleinen war im vollen Gange. Der geächtete Mann kehrte arglos von Travnik nach ſeinem Felſenneſte heim. Es war noch in den Nachmittagsſtunden, daß er in den Schloßhof ritt. Sein Blick hing ſpäter von den Fenſtern des Erkergemaches aus grollend an der Spenderin des Lichtes, an der all⸗ verehrten Sonne. Ach, Juſſuw ſchien kein Behagen an dem glänzenden Anblicke zu finden. Er hielt es als echter Muhamedaner mit den Geſtirnen der Nacht, und konnte es daher kaum erwarten, daß der bleiche Halbmond am Himmel heraufgezogen komme. Die Sehnſucht des Paſcha nach dem Genuſſe des Opiums und deſſen bezaubern⸗ den Gebilden wuchs in Folge der mehrtägigen Entbehrung zum brennendſten, raſendſten Gelüſte heran. Endlich brach die Nacht herein. Juſſuw ritf nach den beiden Knaben. Beide erſchienen mit Fackeln in der Hand. Pawel benützte den Augenblick, als der Paſcha zu ſeinen an der Wand hängenden Waffen ſchritt, und ihm den Rücken kehrte, um auf den Fallboden zu treten und geräuſchlos zu verſinken; dann eilte er wie von den Flügeln des Sturmwindes getragen nach dem äußern Zugange der unterirdiſchen Felſenhöhle. Mile wand mittlerweile die Verſenkung langſam, mit ſichtbarem Zögern, ja mit auffallender Saumſeligkeit nach dem Erkergemache empor. „Wo iſt dein Bruder Feldſcherer?“ frug Juſſuw ſich waffnend. „Er iſt bereits zur Beſichtigung der Höhle hinabgeeilt.“ „Als ob ich fremden Augen traute?!“ Nach dieſem Ausrufe begab ſich auch der Vezier mit Mile auf nem er in des all⸗ nden den der ſucht ern⸗ zum . auf 467 den Fallboden und ließ ſich dann haſtig in das felſige Labyrinth hinabgleiten. Zum Glücke ließ ſich dasſelbe nicht mit einem Blicke überſchauen, ſonſt hätte der Paſcha gewahren müſſen, wie eine weiß gekleidete Geſtalt an dem künſtlich eingefügten Steine an dem früher erwähnten Schlupfwinkel Patila's drückte, ihn dann hervorſchob, und denſelben ſchließlich, als ſie in die verborgene Felſenvertiefung gelangt war, ſo ſorgfältig wieder einſetzte, daß ſelbſt das geübte Auge Juſſuw's ſpäter bei dem hellen Lichte zweier Fackeln auch nicht die mindeſte Spur des Verſteckes aufzufinden vermochte. Die Re⸗ kognoscirung der Gänge und Krümmungen der Felſenhöhle führte daher auf keine bedrohliche Fährte. Der Bluttrinker verſchloß den äußern Zugang mit eigener Hand und kehrte dann, den ſchweren Schlüſſelbund ſchwingend und behaglich ſchmunzelnd, mit den beiden Knaben nach der Verſenkung zurück. „Barik allah,“ rief er,„wohlgethan! Gott iſt groß!“ Pawel lächelte ſeltſam, als er dieſelben Worte, die er in dem anatomiſchen Theater geſprochen, von den Lippen des geächteten Mannes wiederholen hörte. In dem Erkergemache angelangt, ſchob Juſſuw einen wuchtigen und ſpitzigen Riegel durch die Klammern des Fallbodens, während die Knaben eine mildſchimmernde Ampel entzündeten und dann ihre Fackeln verlöſchten. Pawel beſchickte nun die Tafel ſeines Gebieters, während Mile dem Paſcha die Waffen abnahm und dem Bluttrinker bei dem Ablegen ſeiner Obergewande behilflich war. Der ſchlaue letztgenannte Knabe wußte dabei fort⸗ während Grund und Gelegenheit zu finden, nach dem Fallboden zu gelangen und daſelbſt mit ſeinem Fuße an dem wuchtigen und ſpitzi⸗ gen Riegel zu ſchieben. Das Eiſen drang tief in das Fleiſch ein und eine Blutlache bezeichnete die weitern Schritte des Kindes; aber der Kleine verzog keine Miene und endlich flog ein triumphi⸗ rendes Lächeln über ſein Antlitz. Der Riegel war zurückgeſchoben. „Was haſt du, Mile?“ frug der Vezier die Blutſpuren ge⸗ wahrend. „Ich habe mir heute auf der Treppe den Fuß blutig ge⸗ ſtoßen.“ „Hüte dich, meine Teppiche zu beſudeln,“ antwortete Juſſuw, „es könnte dich die Baſtonade koſten!“ Pawel kam mit den Vorbereitungen zum Imbiſſe zu Ende. „Affiat ler alfum!“— Zur Geſundheit!— 30* 468 Alſo ſprach er, auf die mit den auserleſenſten Gerichten und Getränken beſetzte Tafel weiſend. „Ja heute,“ ſprach der Paſcha,„will ich endlich einmal wieder herrlich ſchwelgen, himmliſch träumen!“ „Duwlet ik balileh!“— Mit dem Glücke eines Fürſten!— Es lag boshafte Schadenfreude in dem Tone, mit welchem Pawel dieſe ſeine dritte Redensart noch von der anatomiſchen Bühne her wiederholte. Hierauf entfernten ſich die Knaben mit einem Knie⸗ falle. Juſſuw ſperrte die Thüren nach dem Gange wie nach der Wohnſtube der Kinder ab. „Endlich ſind ſie fort,“ begann er,„die überläſtigen Zeugen!“ Dann koſtete er ein paar Biſſen von den auserleſenen Ge⸗ richten, nippte auch ein wenig von den Getränken. Bald aber griff er nach einer kleinen Vaſe, die mit Pillen aus Opium gefüllt war, verſchlang vier Stücke derſelben größer als Oliven, trank ein Glas Waſſer darauf, und lauſchte dann, ſich auf die weiche Ottomane hinſtreckend, der erſehnten Verzückung entgegen. Eine Stunde ver⸗ lief ihm langſam wie eine halbe Ewigkeit, endlich aber ſtellten ſich die Vorboten des eigentlichen Genuſſes, entzückende, traumhaft ſchöne Gebilde ein. „Nun werde ich dich,“ flüſterte Juſſuw,„wieder brechen, weiße Roſe von Serajevo! Ja ſchmücke dich nur ſtolzes Weib! All deine Sprödigkeit wird zur buhleriſchen Zärtlichkeit. Ei, wie du frech zu küſſen verſtehſt?! Deine Arme ſchlingen ſich als Feſſeln der Liebe um meinen Nacken! In brünſtiger Wonne ſchlägt dein Herz an meiner Bruſt! Mein biſt du, Gülnare, ewig mein!“ Die Stimme des Paſcha's erſtarb, dann begann eine ſtumme Szene voll wundervoller Geberden, endlich ging dieſe wollüſtige Pantomime in ein dumpfes thieriſches Heulen über. Vier bis fünf Stunden währte das geträumte Liebesglück, dann wich die ſchein⸗ bare herkuliſche Mannheit dem welkeſten Unvermögen. Den Beſchluß machte tiefer Schlaf, eine Art Lähmung des Geiſtes wie des Kör⸗ pers; auch ſtand die Sonne bereits hoch am Himmel, als Juſſuw endlich aus ſeiner Betäubung erwachte, aber ſich, ſeltſam genug, noch immer von den Banden des Schlummers umwunden glaubte. Träumeriſche Verblendung! Es waren in Wirklichkeit gewaltige Stricke, ſelbſt eiſerne Ketten, die ihn wehrlos, ohne Möglichkeit der mindeſten Bewegung an ſeine Lagerſtätte feſſelten, auf der Otto⸗ mane hilflos wie ein Kind feſthielten. Endlich gewann das Auge des en!“ Ge⸗ grif var, Hlas nane ver⸗ ſich haft veiße deine — zu eum einer mme ſtige fünf ein hluß Kör ſuw nug, Ubte. ltige del 469 Wütherichs ſeine volle Sehkraft, und ſtarrte verwundert auf die unheimliche Szene, die ſich ſeinem erſtaunten, entſetzten Blicke darbot. Die Vehme der Kleinen wollte beginnen. Auf einer Tribune ſaß auf einem erhöhten Schemel der Knabe Pawel in den Staatsgewanden eines Kadi oder türkiſchen Richters, gegen welche Tracht das Krucifir, das in einem Todtenkopfe auf einer ſchwarz verhangenen Tafel ſteckte, wunderlich abſtach. Mile und ein Zigeunerknabe lagerten rechts, Patila und Benoni links von dem kleinen Feldſcherer. Die Blinde hatte redlich ihre Schul⸗ digkeit geleiſtet, die Schlüſſel dem Berauſchten mit ſanfter Hand entwendet, und dann zuerſt die verſchnittenen Knaben, ſpäter Mirra und den kleinen Hebräer eingelaſſen, worauf die Kinder ruhig das Erwachen des Paſcha abwarteten, um das ſtrafende Blutgericht über den Sünder zu beginnen. „Die Stunde der Vergeltung ſchlägt,“ ſprach Pawel,„an dein Werk Bruder Benoni!“ Damit ſchritt er mit dem jüdiſchen Knaben zu der Lagerſtätte des vor Zorn ſchäumenden, laut auffluchenden, fruchtlos nach Hilfe ſchreienden Veziers. Der Zwingherr von Bosnien war ein wehr⸗ loſes Spielzeug von vier Kindern geworden! Dieſer ſchmachvolle Gedanke machte den Unmenſchen faſt raſend. Schaum und Geifer ſtand an ſeinem Munde. Doch was half ſein Schreien, Toben und Wüthen? Die abgeſperrte Lebensweiſe, die er in letzterer Zeit ge⸗ führt hatte, ließ jeden Beiſtand von Seite ſeiner dienſtwilligen Skla⸗ ven in den äußern Gemächern als geradezu unmöglich erſcheinen. Juſſuw ergab ſich daher zuletzt ſchweigend in das rächende Geſchick. Er fühlte zum erſten Male ſeine ſchwarze Seele erbeben, doch war es nicht die Reue, welche an ſein ſteinernes Herz pochte, nein, un⸗ männliche Verzagtheit, ſchmähliche Feigheit, was ſeine Bruſt hoch, faſt athemlos fliegen machte. Er bat, er winſelte um Gnade und Barmherzigkeit. Es war vergeblich! Die Vehme der Kleinen begann. Benoni ſchwang eine ſcharf geſchliffene Meſſerklinge. Jetzt und jetzt meinte der Wütherich werde ſie ſich einbohren in ſein ſchmerzhaft aufzuckendes Herz. Juſſuw, der vor Angſt wie ein Kind weinte, irrte ſich auch dieſes Mal; der jüdiſche Knabe bemächtigte ſich blos ſeines rechten Armes, ein paar Schnitte, gewandt und ſachkundig vollbracht, und das Rachewerk Benoni's war gethan. 470 Der Paſcha von Travnik war um ſeine rechte Hand gekommen. Der kleine Hebräer warf ſie dem amputirten Deſpoten hohn⸗ lachend vor die Füße. „Du haſt meinem alten Vater,“ rief er,„grauſam die rechte Hand abhauen laſſen, weil er ein ohnmächtig zuſammenbrechendes Chriſtenweib mit einem Trunke friſchen Waſſers labte, Jehova hat dich in meine Gewalt gegeben, grauſamer Goliath, und der kleine David wußte die Gnade der ſtrafenden Gottheit zu nützen. Wüthe⸗ rich, du wirſt fortan keinen Blutbefehl mehr unterſchreiben!“ „Du haſt mich zwar verſtümmeln laſſen,“ ſiel Pawel ein,„aber ich danke deinem Golde ſo manche weiſe Worte ärztlichen Unter⸗ richtes; es iſt daher meine Pflicht dir hilfreich beizuſpringen, auch befiehlt das Buch der Bücher feurige Kohlen auf dem Haupte ſeines Todfeindes zu ſammeln.“ Damit verband er den Arm des Paſcha. Juſſuw ſank ohn⸗ mächtig in die Kiſſen zurück. Und wieder ſtieg die Sonne am Horizonte empor! Der Paſcha verſchlang gierig die leichten Nahrungsmittel, die ihm Patila mit mildthätigen Händen reichte. Ein Tag war vergan⸗ gen. Neue Hoffnung zog in die Seele des Sünders. Vielleicht, daß ſeine Diener denn doch Verrath witterten, zur Hilfe herbeieilten! Hei, wie wollte er ſich dann rächen an den unbarmherzigen Kindern! Er ſah ſie, ſelbſt unbußfertig wie immer, bereits auf der Folter liegen. Unſelige Täuſchung! Reuloſer Wahn! Die Vehme der Kleinen nahm ihren weitern Verlauf. Diesmal ſchritt Mile, von Pawel geleitet und überwacht, an die Ottomane, an den verſtümmelten Paſcha heran. „Meine Mutter,“ ſprach der verſchnittene Knabe,„iſt aus Gram und Verzweiflung geſtorben! Die Kinder des gebrochenen Herzens haben eine heilige Schuld an dich abzutragen. Du zwangſt mich noch obendrein auf den Koran zu ſchwören, aber ich bin im Stillen ein frommer Chriſt geblieben, deshalb ſollſt du auch Zeit zur Reue haben, ich mag die Seele nicht gleichzeitig mit dem Leib verderben. Auch die Gottheit iſt langmüthig. Der Kleine zog ein Dolchmeſſer hervor und beugte ſich über den Rumpf des Veziers. „Gnade! Barmherzigkeit! Schonung!“ wimmerte Juſſuw. „Drei dumme Dinge,“ fuhr Mile fort,„die ich längſt ver⸗ 471 gaß! Ich gebe dir deine eigenen Worte zurück, die du einſt in meinem niedergebrannten Heimathsdorfe geſprochen. Du haſt mich in die Reihe der heiſern Halbmänner, der Eunuchen geſtoßen. Werde meinesgleichen!“ Darauf erfolgte die zweite That der Vergeltung. Der Paſcha von Travnik war von einem Kinde entmannt worden. Pawel rühmte wie früher das Gold Juſſuw's, dem er ſeine Kenntniſſe verdanke und ſtillte die Blutung mit kundiger Hand. Der Wütherich ſank aufs Neue in Ohnmacht. Und abermals graute der Morgen! Man hatte den Paſcha frühzeitig geweckt. Diesmal war es Mirxa, welcher den Hungernden ſpeiſte, den Durſtigen tränkte. Ein zweiter Tag war abgelaufen, am dritten Morgen mußten die Skla⸗ ven in den äußern Gemächern aufmerkſam werden, und gewaltſam in das abgeſperrte Erkergemach zu dringen verſuchen. Hei, wie wollte ſich Juſſuw dann ſattſam an ſeinen Peinigern rächen! Es war noch immer möglich, wenn gleich verſtümmelt und geſchändet, mit dem Leben davon zu kommen. Alſo lautete der Gedankengang des verſtockten Sünders. Er irrte ſehr. Die Langmuth des Allerbar⸗ mers war erſchöpft. Die Hölle ſollte bald um einen Teufel reicher werden. Die Vehme der Kleinen ſchritt zum Schluſſe des Rache— werkes. Patila trat mit einer ſpitzigen Meſſerklinge an das Lager Juſſuw's. „In der Bibel,“ ſtammelte ſie,„ſteht geſchrieben, Zahn um Zahn, Glied für Glied, Auge um Auge! Du haſt mir grauſam den kaum geſchenkten Anblick von Gottes ſchöner Welt geraubt. Auch du ſollſt nimmermehr ihr heiteres Sonnenlicht, ihre duftigen Blumen ſchauen!“ Damit ſtach ſie dem Paſcha von Traonik die Augen aus. Pawel labte den geblendeten Sünder. Und ſie ſtieg herauf Gottes herrliche, wunderthätige Sonne, und Schnee und Eis zerſchmolz bei ihrem feurigen Kuſſe; die Schwalben ſtrichen als Vorboten des nahen Frühjahres zwitſchernd durch die Lüfte, und manches liebliche Veilchen ſtreckte ſein blaues Köpfchen aus dem feuchten Raſen empor, wie neugierig fragend, ob denn die Zeit zum Blühen und Duften auch wirklich gekommen ſei, 472 ob ſich der böſe Dämon Winter in Wahrheit vor dem blumigen Heiland Lenz in die nordiſchen Gebirge geflüchtet habe! Auf den fernen Berggipfeln lag und glänzte es wie prachtvolles Demant⸗ geſtein, die Quellen und Bäume rauſchten, und die erwachende Natur warf von Golgatha die Kunde von einem grünern Sein, von neuem Leben in tauſend Farben in die Welt hinein. Juſſuw aber ſollte von all dieſem Glanze, von all dieſer anmuthigen Herrlichkeit auch nicht den mindeſten Schimmer mehr ſchauen; es war ihm nicht gegönnt fürder zu ſehen, wie die Sonne die Blumen am Morgen erweckt und die Kleinen alſo keck beſchaut, daß ſie täglich mehr erröthen müſſen; wie am Auferſtehungstag des Frühlings alle Wälder freudig jauchzen, und im Herbſte, wenn ihr ſchöner Freund entfloh, all ihr grünes Hoffen, ihre Blätter trauernd niederſtreuen; wie in heitern, blauen Nächten die Geſtirne ſich in den Wogen ſpiegeln gleich verliebten Augen, und die ganze Schöpfung in ſchweigende Andacht verſunken trotz der tiefen Stille ſo beredſam ſpricht von der Allmacht und der Gnade Gottes! Ach, dieſe bunte Märchenwelt blieb ihm für immer verſchloſſen. Es ſollte noch ſchlimmer kommen. Der Todesvogel flog zum zweiten Male in die Erkerſtube. Mirra der Jüngere trat mit einem Handſchar bewaffnet an die Ottomane. „Ich,“ donnerte er,„habe nicht geſchworen! Fromme Herrin, Gülnare, blicke aus deinem lichten Himmel gnädig herab auf deinen treuen Diener Mirra! Die Stunde vollwichtiger Rache ſchlägt! Fahre zur Hölle, ungläubiger Bluthund!“ Damit trieb er den Handſchar in die Bruſt Juſſuw's. Ein dumpfes Röcheln! Der Paſcha von Travnik war nicht mehr. In dieſem Augenblicke hallten ſchwere Schläge an die Thüre der Wohnſtube der beiden verſchnittenen Knaben. Der Nachfolger Juſſuw's war nach Bosnien gekommen. Man überbrachte dem abgeſetzten Wütherich den Befehl zur Abreiſe nach Stambul. Die Rettung kam wirklich, aber— zu ſpät! Mirra zog den Handſchar aus der Bruſt des geächteten Mannes, beugte ſich über die Kopf⸗ kiſſen, und eilte dann mit einem bluttriefenden Gegenſtande, von Benoni begleitet, nach dem Fallboden. Bald hatten beide ihre Flucht durch die unterirdiſche Felſenhöhle bewerkſtelligt. — 473 den„Laßt uns,“ ſprach Pawel,„ein Vaterunſer für die Seele des den Sünders ſprechen!“ mt⸗ Die drei Chriſtenkinder knieten betend an der Leiche nieder. nde Die Thüre der Wohnſtube wie des Ganges ging endlich unter den ein, Kolbenſtößen der von den Sklaven herbeigerufenen Beſatzung des ſuw türkiſchen Raubneſtes in Trümmer. Bewaffnetes Volk drang in die gen Erkerſtube. Patila und die verſchnittenen Brüder ſtarben am Marterpfahle. 74 Letztes Capitel. Die Verſchwiſterung. Eilen wir zu dem einſtweiligen Schluſſe dieſes Buches! Schüttle dein Haupt nicht verwundert und erſtaunt, lieber Leſer, über dieſe Worte; wir haben genau überlegt, was wir oben hinſchrieben, ja wir ſchreiten nicht zu dem letzten Capitel, nein, blos zu der einſtweiligen Schlußſzene dieſer düſtern Geſchichte. Sollte dieſer Roman nämlich eine geneigte Aufnahme bei der deutſchen Leſewelt finden, ſo gedenken wir, vielleicht unter dem Titel„Der Montenegriner in der Heimath“, den Freunden und Gönnern Las⸗ caris⸗-Vuks die weitern Abenteuer und Erlebniſſe, Irrfahrten und Schickſale, Thaten und Leiden dieſes tapfern Abenteurers wie ſeiner reizenden Schweſter in einem neuen Buche zu ſchildern, zu berichten. Beſaß denn Lascaris eine Schweſter? Ein reizendes Kind noch obendrein! Wir wiſſen keine Sterbensſylbe von dieſer Schönheit! Alſo hören wir die neugierigen Leſerinnen bei dieſen Zeilen in einiger Verwirrung und Zerſtreuung fragen und rufen! Nur Ge⸗ duld! Ihr kennt jenes reizende Schweſterlein recht wohl, und habt es vielleicht ſo lieb gewonnen wie die weiße Roſe von Serajevo in der Zeit ihrer bräutlichen Blüthe wie in der Stunde ihres frühzei⸗ tigen Verwelkens. Auch der Name wird Euch nicht neu, höchſtens ein wenig befremdend klingen. Wäre dem aber auch nicht ſo, ſo mußten wir im Verlaufe dieſes Romanes ſo viele Leichenzüge ſchil⸗ dern, daß wir wohl auch das Recht beſitzen dürften, endlich einmal Zur Beſchreibung einer Taufe oder eines Wiegenfeſtes zu ſchreiten. Pathenſtelle vertreten iſt jedenfalls ein erfreulicheres und roſigeres 475 Geſchäft als die traurige Rolle eines ſchriftſtelleriſchen Klagewei⸗ bes, eines dichtenden Leichenbitters. Doch zur Sache! In Montenegro pflegt man ſich fabelhafte Dinge von einem außerordentlich mächtigen Waſſerfalle zu erzählen, der an der Grenze des ſchwarzen Berges gegen die Herzegowina zu liege, und der nicht nur der berühmteſte Katarakt dieſes Hochlandes ſei, ſondern auch Alles überbiete, was man in andern europäiſchen Reichen, den be⸗ rühmten Waſſerſturz bei Schaffhauſen in der Schweiz wie bei Trol⸗ hätta in Schweden nicht ausgenommen, von dergleichen Naturſchau⸗ ſpielen aufzuweiſen habe. Das Gewäſſer ſtürze aus einer Höhle oben vom Gebirge herab, und zwar im Frühlinge zur Zeit größerer Waſſerfülle in ſolcher Maſſe, daß dieſe Höhle einen wahren Strom von flüſſigem Silber von ſich zu ſpeien ſcheine. Es käme, behaupten die Schwarzgebirger oder Cſernagorazen, mehre hundert Klafter hoch herab, ja man könne es wohl zwanzig Meilen weit im Umkreiſe rauſchen hören, und wenn man nur auf die Gipfel höherer Berge ſteige, ſo müßte man es auch auf jeder dieſer Waſſerſcheiden ver⸗ nehmen. Auch gäbe es einen lebendigen Beleg. Trüge das Waſſer doch große Maſſen von Fiſchen aus jenem Gebirge herab, auch wäre es die Hauptquelle ihres größten Landesfluſſes, Cſernowize genannt. Selbſt der verſtorbene Wladika lebte dieſem Glauben. Er habe, erzählte er oft, einmal im Frühlinge in der Nähe dieſes Waſſerfalles auf blumigen Wieſen, zu denen der Katarakt herabſtürzt, mit den Seinigen bivouakirt. Es möchte ungefähr in der Entfernung einer Miglie von der Cascade ſelbſt geweſen ſein, allwo ſich jedoch das lärmende Rauſchen des Waſſerſturzes noch ſo rauſchend erwieſen, daß ſie nur mit Mühe ſich unter einander hätten verſtändlich machen können. Der Wladika meinte ferner, er habe auf ſeinen ziemlich umfangreichen Reiſen nie ſelbſt einen ſo majeſtäti⸗ ſchen Waſſerfall geſehen, noch auch von einem ähnlichen Katarakte in Europa gehört und geleſen. Er glaubte, daß es mehre Flüſſe der Herzegowina wären, die in der Nähe von Nikſchitz zuſammenliefen, alldort in unterirdiſche Höhlen und Gänge flutheten und dann auf ein Mal aus der öſtlichen Oeffnung dieſer natürlichen felſigen Ab⸗ züge in eines der tiefen Thäler von Montenegro hinabſtürzten. Auch wir müſſen uns an dieſen Waſſerfall verfügen. Es war im Frühjahre 1844, als ſich eine kleine Karawane, — 476 aus der Herzegowina kommend, dieſem mächtigen Katarakte mit großer Eile näherte. Zeitweiſe Flintenſchüſſe verkündigten, daß ſie ſich den Rückzug nach dem freien Gebiete von Montenegro mit be⸗ waffneter Hand erkämpft und erzwungen habe. Bald auch verriethen die mehr und mehr anwachſenden, endlich in Unzahl herumliegenden Steine, daß man ſich in Wahrheit auf dem ſchwarzen Berge, alſo in Sicherheit befinde, zumal die Wiera, welche die Türken mit dem Wladika im vorigen Hochſommer abgeſchloſſen, noch in voller Wirk⸗ ſamkeit herrſchte und von beiden Seiten gewiſſenhafter als gewöhn⸗ lich beobachtet und eingehalten wurde. Merkwürdig iſt es, bei dieſer Gelegenheit ſei es geſagt, daß die Montenegriner von der Ent⸗ ſtehung der vielen Steine in ihrem Lande ganz dieſelbe Mythe erfunden haben wie die Dänen von einem gewiſſen Gerölldamme auf einer ihrer Inſeln, und wie noch andere Völker von ihren hei⸗ miſchen Bergen. Als der Werkmeiſter der Welt, fabeln die Cſerna⸗ gorazen, umherging dieſelbe zu erbauen und mit einem großen Sack voll Bauſteine durch Montenegro kam, da erhielt dieſer Sack ein Loch, und da er es nicht gleich bemerkte, ſo entſchlüpfte ihm hier eine ſo große Maſſe ſeiner Steine, daß ſie noch jetzt das ganze Land bedecken. Ja, die Flüchtlinge waren in Wirklichkeit nach Montenegro gelangt. Ja, ſie fußten endlich auf deſſen freien Bergen, deren Name oder Beiname vielleicht mehr auf die verwünſchte, trübſelige und melancholiſche Rauhigkeit ihres Anblickes als auf die ſchwarze Farbe hindeutet, die ſich nirgends ſchauen läßt. Zwar behauptet man, daß Montenegro wie der deutſche Schwarzwald dieſe ſeine Bezeichnung von ſeinen ehemaligen dunklen Tannenwäldern empfangen haben ſoll, die übrigens längſt ausgerodet worden, ja ſelbſt bereits ver⸗ ſchwunden waren, als der obige Name während den erſteren mäch⸗ tigeren Schilderhebungen der Montenegriner gegen die Türken in Gebrauch und Umlauf zu kommen begann. Man findet ferner in einigen Theilen von Montenegro noch hie und da einige Tannen⸗ forſte, aber viel häufiger ſind die hellen freundlichen Buchenwal⸗ dungen, nach denen auch ein Stück des Landes die Bucovizza, zu 3 deutſch das Buchenwaldgebirge genannt wurde. Auch von der Farbe der Felſen können die ſchwarzen Berge ihren Namen nicht erhalten haben, denn dieſelbe iſt hellgrau wie in ganz Dalmatien, und nir⸗ gends weiſen dieſe Felſen jene finſtere und dunkle Stirne wie ſie 477 etwa manche Baſaltgebirge zu zeigen pflegen. Hier iſt wohl die bildliche Sprache im Spiele! Es iſt ja bekannt, daß die ſlaviſchen Bewohner der ſüdöſtlichen Halbinſel Europa's, ſo auch die dortigen Türken, alles Schöne, Liebliche, Milde weiß, alles Wilde, Rauhe, Unheimliche ſchwarz zu nennen pflegen. Das Land Cſernagora und mit ihm auch ſein ſtreitbares unbändiges Volk mag daher erſt von Außen angeſchwärzt worden ſein. So kam es zweifelsohne, daß die Skipetaren Montenegro„Mail Zéze“, daß es die Alba⸗ neſen„Mal Iris“ und die Türken endlich„Kara Tag“ genannt haben, was auch ſo viel als Schwarzberg oder Schwarzwald heißt. Doch was lag an dem Urſprung des Namens?! Genug daß die ſchwarzen Berge den Flüchtlingen endlich nach mondenlangem Kampfe, nach unerhörter Anſtrengung ein ſicheres, ruhiges und gaſtliches Aſyl, eine geheiligte Freiſtätte boten. Die kleine Karawane zählte außer ihrem rieſigen Anführer und einer lieblichen Dirne in morlakiſcher Tracht nicht mehr als zehn bewaff⸗ nete, aus vielen und heißen Wunden blutende, gänzlich erſchöpfte Männer. Es waren„die letzten Zehn“ von der weiland ſo zahl⸗ reichen und gefürchteten Haidukenſchaft Bosniens. Nur ihr Führer oder Häuptling ſchien aus Erz gegoſſen. Der tapfere Sohn der Wildniß zeigte nämlich allein keine Spur von Ermüdung oder Schwäche. Er hieß aber auch Vuk⸗Lascaris. Der verwegene Aben⸗ teurer hatte redlich das Wort eingelöſt, das er ſeinem Volke nach den vorjährigen Weihnachtstagen gegeben. Er hatte gefochten, bis ihm das Schwert am Knaufe abgeſprungen war, bis ihm blos der Griff ſeines Streitkolbens in der Hand verblieb. Und wer war die liebliche Dirne? Denkt an Blumen und Bienen, dann wird ſich der Name Meliſſa wohl von ſelbſt über eure Lippen ſtehlen! Ach, das wei⸗ land ſo reizende Kindeskind des Flüſterers ſah bleich und verfallen, dieſes liebliche Veilchen war zur dunklen Aſter geworden, die gern an Gräbern verweilt und unwillkürlich an das bittere Ster⸗ ben erinnert! Düſter ſtarrte ſie vor ſich hin, mitunter fiel auch ein vorwurfsvoller Blick aus dem verweinten ſchwarzen Auge auf Zigan, den zottigen kleinen Hund, der die Karawane luſtig und freudig wedelnd umſprang, als wiſſe er, man ſei nun aller Gefahr entronnen und er ſelbſt habe fürder keinen ſchmerzhaften Säbelhieb zu befürchten. Die trauernde Meliſſa konnte es ſeit jenem blutigen Unglückstage gar nicht mehr faſſen und begreifen, wie es . 478 noch Jubel und Heiterkeit geben könne auf der ganz ſicher von Gott verflucht gewordenen Erde. In trübem Schweigen nahten Alle dem Katarakte. Schon von Weitem ſah man den Dunſt des zerſtäubenden Waſſers gleich einer rieſenhaften Rauchſäule gegen Himmel ſteigen, aber als die Karawane näher herankam, verwandelte ſich dieſe Rauchſäule in den ſchönſten, prachtvollſten Regenbogen der Welt. Es ſchien ein aus Millionen farbiger Perlen zuſammengeſetztes Troſtſchreiben des Herrn, beruhigend wie jene unvergeßlichen Worte, die einſt aus dem ſiebenfach gebrochenen Sonnenlichte den müden Schiffern in der Arche Noah ſo deutungsvoll und verheißend ent⸗ gegenleuchteten. Als Bild des überſtandenen Kampfes aber ſtürzte ſich eine ungeheure Waſſermaſſe mit unbeſchreiblicher Gewalt von einer faſt ſenkrechten unglaublichen Höhe in einen unermeßlichen Abgrund, alſo tobend und toſend, daß man ihren Donner allerdings meilenweit vernehmen mußte. Auch ſprang, gleichſam als Vorzeichen einer neuen ſüdſlaviſchen Schilderhebung, dieſe ungeheure Waſſer⸗ maſſe, ſobald ſie den Spiegel unter dem Falle erreicht hatte, aber⸗ mals bis zu einer großen Höhe in die Luft zurück. Die Oberfläche des Waſſerſpiegels, bis auf eine große Entfernung mit Schaum bedeckt, blieb ſohin einem rieſigen kochenden Felſenkeſſel ähnlich. Auch die Opfer des Kampfes waren vertreten. Man ſchaute nämlich unter dem Falle eine große Menge todter Vögel, Rehe und anderer Thiere, die ſich theils zu nahe an den Strom herangewagt haben mochten, und daher durch ſeine Schnel⸗ ligkeit mit fortgeriſſen worden, oder auch theils auf ſeinen obern Wäſſern ſorglos herumſchwammen, bis ſie unvermerkt mit in den Abgrund hinabgeſchleudert wurden und alſo umkamen. Auch trieb unter der Unzahl von Bäumen und Stauden, die von der Fluth wirbelnd fortgeſchleppt wurden, ſo manche welke Blume dahin, bei deren Anblick Lascaris ſein Haupt verhüllte und in Wehmuth der unvergeßlichen weißen Roſe von Serajevo gedachte. Doch fehlte es dem großartigen Schauſpiele bei ſo viel Schat⸗ ten auch nicht an troſtreichem Lichte. Ganz oben, nördlich über dem Falle, ſtand zwar eine Granit⸗ wand, die einem verfallenen gothiſchen Schloſſe ähnlich ſah und betrübend an das alte Bollwerk Riswan's mahnte; doch war ſie von den grünen Ranken des Epheues, dieſes Sinnbildes der Treue und Hoffnung alſo umwuchert, daß man die verſtimmende Aehnlich⸗ 479 oit keit nur an wenigen Stellen der Ausſicht wahrnehmen konnte. Zu⸗ dem waren die Anhöhen zur rechten und linken Seite mit ſtämmigen Zwergeichen und prachtvollen Buchen bewachſen, und nur hie und den da ragten nackte, ſchroffe Klippen hervor. Zwiſchen den Felſenwän⸗ en, den hindurch, über das Bett des Gewäſſers hin, erblickte man in lſe dem ſich öffnenden Thale herrliche Wieſen, durch welche ſich die elt. Fluth, ſanft rieſelnd, gleich einem Silberbande dahinſchlängelte; tes kurz alles vereinigte ſich hier zu einem prachtvoll abgerundeten te, Ganzen: majeſtätiſche Bäume, dichte Geſträuche, himmelhohe Fel⸗ den ſen, demantfarbiges Geſchäume, blaues Gewoge, lachende Thale, nt⸗ ja wohin das Auge blicken mochte, wurde es ſtets von neuen Schön⸗ zte heiten der Natur geblendet und bezaubert! on Der kleine Zug verhielt unwillkürlich die Zügel ſeiner Pferde, en trotz des tiefen Kummers jedes Einzelnen von dem Wunderreize der 98 wildromantiſchen Gegend ergriffen, hingeriſſen. Bald aber flog die zen alte Wehmuth durch das Antlitz der Leidtragenden. Auf einen Wink er des Häuptlings ſprang Alles aus dem Sattel. Lascaris löſte die er⸗ Gusla los, die an dem Sattelknopfe des ſichern Saumthieres hing, be das die ſüße Laſt der bleichen Enkelin des Flüſterers zu tragen hatte. Dann trat die trauernde Gruppe an die Waſeerſcheide des m Berges und blickte von der Anhöhe, von der man die letzte Ausſicht nach der bereits fern liegenden Heimath genoß, nach Nordoſten über te die Herzegowina nach dem unglücklichen Bosnien hinüber. Die en Frühſonne ſtand hell und glänzend über beiden Landen. Heiter blaute d⸗ der Himmel. Es mußte demungeachtet viel Morgenthau gefallen r ſein, denn das Geſicht der Flüchtlinge, Lascaris ausgenommen, 9 war naß, und als es das Sonnenlicht beſtrahlte, glänzte es wie 6 Perlen an jeder Wimper. In dem Geſtrippe ließ ſich ein trüber . Klang vernehmen. War es Zufall, war es eine letzte Trauerſtimme th aus dem verlorenen Vaterlande? In den Büſchen rief nämlich 5 ein Kukuk. k„Kukumene!“—„Wehe mir!“— ſtammelte Meliſſa laut aufſchluchzend. N⸗ Es gibt nämlich Sagen, die unter den verſchiedenſten Völker aller Zeiten ſich wiederholen. Zu dieſen zählt die Mähre, wie an— i⸗ haltend und bitter Klagende in Vögel ſind verwandelt worden, die nd nunmehr auch in veränderter Geſtalt ihren Weheruf fortſetzen, bis ſe der endloſe Jammer ihnen die Bruſt zerſprengt. Hier begegnet ſich e’ Alterthum und jüngere Mythe, Süden und Norden, Oſt und Weſt. 2 V ¹ a ————y—— 480 Auch im Volksglauben der Serben und ihrer Stammverwandten hat dies Allgemeingefühl Geſtalt gewonnen in der Sage von dem Mädchen, das aus übermäßiger Klage um ihren verlorenen Bruder in einen Kukuk— Kukavilza— verwandelt worden, weshalb noch heute kein ſüdſlaviſches Mädchen, welches einen ähnlichen Ver⸗ luſt erlitten hat, ohne Jammergefühl den Kukuk rufen hört. Die häufig auf den Grabkreuzen der Montenegriner und anderer Ser⸗ benſtämme abgebildeten Kukuke erhalten das Andenken dieſer Sage und ihrer Bedeutung im Volke lebendig. Aus dieſer Mähre leitet man ferner, wie zum Beiſpiele Karadſchitſch, den Urſprung des ſlaviſchen Ausrufes„Kukumene“— wehe mir— ab. Auch Lascaris ſeufzte tief auf. Hier begegnete ſich ältere und neuere Geſchichte. Auch ein letzter Seufzer um ein verlornes Reich! Ultimo sospiro! Dort der feige Maurenkönig Boabdil, hier der verwegene Vuk, der Drache Bosniens! In Wehmuth und Groll getheilt wandte der Abenteurer endlich der geliebten Heimath für immer den Rücken, trat zu dem Katarakte und ſtimmte dort, von dem Brauſen des Waſſerſturzes weit übertäubt, bei dem eintönigen Klange der Gusla ein düſteres Lied an, ein Stück Grabgeſang. Die erſten Strophen mochten wohl der verlornen weißen Blume gelten. Bald aber ging die Weiſe in ſtürmiſche Gänge über. Wohl verhallten die Worte ungehört bei dem übermächtigen Rauſchen der Gewäſſer, aber in den Zügen des Un⸗ glücklichen ſtand der Inhalt ſeines Liedes nur zu deutlich zu leſen. Es mochte zweifelsohne dasſelbe beſagen, was jener von uns bereits einmal erwähnte herrliche Dichter aus Cſätad, zwar weit früher, aber bei einer ähnlichen Gelegenheit geſungen. In deutſcher Sprache hätte daher Lascaris ſicher mit den nachſtehenden Zeilen geſchloſſen. Sie lauten: „Stumm der Antwort will ich lauſchen In der Vögel Melodeien, In des Raubthiers wildem Schreien, In des Waſſerfalles Rauſchen— Will bei'm Schickſal Kunde werben, Daß es mir mag anvertrauen In der Wälder tiefem Grauen, Warum Bosnien mußte ſterben?!“ Doch die Vögel ſchwiegen, auch kein Wolf ließ ſein Geheul, kein Bär ſein Brüllen erſchallen, auch das Rauſchen des Waſſer⸗ 481 ndtn falles wurde, kaum daß die Karawane ihren Ritt ein paar tauſend dem Schritte weit aus ſeiner unmittelbaren Nachbarſchaft fortgeſetzt ruder hatte, durch ein ganz eigenthümliches Geräuſch von nahen wie fer⸗ Shalb nen Stimmen überbrauſt. Auf den Berggipfeln zeigten ſich männ⸗ Ver⸗ liche Geſtalten. Die Es waren die montenegriniſchen„Rufer“. Ser⸗ Es iſt wohl ſehr natürlich, daß die Leute in allen Gebirgslän⸗ Sage dern, wo ſie auf ſo unbequemen Wegen zu einander gelangen, lieber leitet ihre mächtige Stimme als ihre flinken Beine in Bewegung ſetzen, des um die Botſchaften zu beſtellen, die ſie auszurichten haben. Anſiedler in der Ebene, wenn ſie etwas mit einander abzumachen haben, treten ſich bei ihren Zwiegeſprächen Mund an Mund gegenüber und unter⸗ ein halten ſich leiſe. Die Gebirgsbewohner aber finden es bequemer, ſich tder über die Felſenabgründe hinüber oder vom Thalgrunde auf die rache Berge hinauf aus weiter Ferne zu verſtändigen. So haben die Al⸗ eurer penhirten in der Schweiz und Tirol das Jodeln, die Jauchzer und dn die langen Doppelgeſänge erfunden, mit denen ſie ſich ſchon von ngess Weitem begrüßen. In Montenegro jedoch wie in ganz Dalmatien ers ſind die lauten Zwiegeſpräche— Zwicgeſchreie ſollte man eigentlich wohl ſagen— noch viel häufiger. Der Reiſende iſt in dieſen Ländern faſt e in immer und überall von einem Geſumme unheimlicher Stimmen den umgeben. Es tönt vom Thale heraus, von den Bergen herab, aus m⸗ der Nähe wie aus der Ferne. ſe Das ſind die erwähnten montenegriniſchen Rufer. rits Die Leute nehmen dabei einen ganz eigenthümlichen Ton der hn, Stimme an, von dem ſie der Erfahrung gemäß wiſſen, daß er am weiteſten in die Ferne dringt. Die meiſten Reiſenden verſuchen ver⸗ 3. gebens ihn nachzuahmen, zu treffen. Auf dem Papiere läßt er ſich, ſin wie ſchon Kohl richtig bemerkt, gleichfalls ſchwer beſchreiben. Es iſt kein grelles Jauchzen und Jodeln wie in den helvetiſchen oder tiro⸗ liſchen Alpen, es iſt auch keine Bauchrednerei, aber etwas zwiſchen beidem, und läßt ſich am deutlichſten als ein dumpfes Geheul be⸗ zeichnen, wobei die Worte lang gedehnt werden; auch hat es in Montenegro wie in Dalmatien überall dieſelbe Weiſe, trägt die gleiche Phyſiognomie. Wer es ein paar Mal gehört hat, vergißt es gewiß nicht wieder. Selbſt wenn man einem der Rufer oder Schreier a nahe ſteht, klingt es ſchon, als käme es aus der Ferne, und doch ſoll b eben in dieſer gedämpften Weiſe die Stimme am Weiteſten tragen. du, Man ſoll dabei bis auf unglaubliche Entfernung jedes Wort deutlich ſek⸗ Der Montenegriner 31 1: ——— 4 5 482 verſtehen können; doch gehört dazu dann wohl auch das feine Gehör dieſer montenegriniſchen und morlakiſchen Hirten, deren Sinne oft faſt eben ſo geſchärft ſein mögen wie jener der Indianer in Amerika. Fremden kommt Alles meiſt ganz unartikulirt vor. Wenn ein Hirt dieſer Berge ſich einſam fühlt, ſo erhebt er ſeine Stimme und läßt ſie auf das Gerathewohl in die Ferne tönen, um wo möglich ein Echo zu wecken. Er ſieht Niemanden, aber er weiß ja, daß doch irgendwo ein anderer Hirt hinter den Felſen ſitzt, der eben ſo einſam, eben ſo unterhaltungsluſtig und neugierig iſt wie er ſelbſt, der alsbald auch die Aufforderung zum Zwiegeſpräche annimmt und die entſprechende Antwort zurückheult. Haben beide nichts Wichtigeres zu verhandeln, ſo fragen ſie ſich unter einander um ihr gegenſeitiges Ergehen, ob ihre Heerden beiſammen ſind, oder was in der Nachbarſchaft vorgeht, beſonders ob vielleicht ein Reiſender innerhalb ihres Geſichtskreiſes vorüberzieht? Iſt dieſer Reiſende ein Ausländer, ein mächtiger Mann des Landes oder weiſt er vielleicht gar den Anſchein eines Landesfeindes, ſo ſpitzen ſie die Ohren und fragen ſich bis zu der geringſten Kleinigkeit aus. Dann kann auch der Berichtempfänger die Sache nicht lange bei ſich be halten. Er ſtellt ſich ſeinerſeits auf einen Felſen und ſchreit die erhaltene Kunde einem andern Lauſcher zu, der noch weiter im In⸗ nern des Landes ſeinen Standplatz hat, und ſo verbreitet ſich denn die Neuigkeit ſehr ſchnell über das ganze Land. Jeder zwiſchen den ſchwarzen Bergen reiſende Fremde oder Einheimiſche kann überzeugt ſein, daß er von dieſer geheimen oder vielmehr ganz öffentlichen Polizei der Wildniß auf Schritt und Tritt beobachtet und vom Kopf bis zur Zehe ſchneller und genauer beſchrieben, ſignaliſirt, im Vor⸗ aus angekündigt wird, als dies früher bei uns durch Gensdarmen, Anzeigeblätter oder Steckbriefe ins Werk geſetzt wurde. Dieſer tönende Telegraf, weit ſchneller und verläßlicher als weiland ſelbſt die perſiſchen und mejikaniſchen, ſich jede Meile ablöſenden Läufer, ſpielte, ſeit Lascaris und die Seinen die Granitza— Landesgrenze— überſchritten, unaufhörlich, und ſo wußte man in wenigen Stunden in ganz Montenegro, in jedem Dorfe, in der armſeligſten Hürde der Berge von der Ankunft der letzten Ueberreſte der bosniſchen Hai⸗ dukenſchaft, auch wo ſich die Karawane jeweilig befinde, welchen Weg oder Pfad ſie einzuſchlagen gedenke. Zählt doch Montenegro in allen ſeinen Nahien oder Bezirken nebſt dem Gebirgsgebiete, das in ſlaviſcher Sprache Berda heißt, nicht mehr als ungefähr ſiebzig 483 Meilen Umfang. Schätzt man ſeinen Flächenraum doch nicht höher als auf achtzig bis neunzig geographiſche Geviertmeilen. So wurde die Wanderfahrt der Flüchtlinge zu einem wahren Triumphzuge! Vieles zur Verherrlichung der feſtlichen Fahrt trug auch der Umſtand bei, daß die Karawane ihrer ſchwerer verwundeten Mit⸗ glieder wegen, von denen der älteſte Haiduke ſich endlich gar nicht mehr im Sattel erhalten konnte und daher von bereitwillig ſich ab⸗ löſenden Montenegrinern auf einer Tragbahre von Dorf zu Dorf geſchafft wurde, nur kleine Tagreiſen zurücklegte, endlich, um dem Wladika auszuweichen, der eben ſeinen Zug nach der Kaiſerſtadt Wien angetreten, einen ſo bedeutenden Umweg einſchlug, daß ſie ſpäter auf dem uns bereits bekannten ſüdlichen Pfade nach der ſo⸗ genannten Reſidenz und Kapitale Cetinje gelangte. In allen Dör⸗ fern, welche Lascaris durchzog, wurde er von den Bewohnern feſtlich empfangen, Weiber und Dirnen erſchienen in ihrem Sonntagsſtaate, die Männer feuerten ihre Flinten und Piſtolen ab, jüngere Leute und Knaben erprobten ihre Stärke und Gewandtheit in den üblichen montenegriniſchen Spielen; wo die Reiſenden Raſt hielten, ertönte die Gusla, warf man mit Steinen nach einem beſtimmten Ziele, ſprang man um die Wette auf die weiteſte Entfernung, ſchoß man nach der Scheibe; in den Gebäuden und Hütten ſuchten die Töchter der Berge ihre Gäſte durch jenen ſonſt nur im Winter, beſonders bei Nacht am Feuer gebräuchlichen Zeitvertreib, der einige Aehnlich⸗ keit mit dem deutſchen Pfänderſpiele hat, zu vergnügen, oder unter⸗ hielten ſich mit den in der erwähnten Jahreszeit ländlich ſittlichen Räthſeln, deren es eine ungeheure Menge geben ſoll. Auch für Schirm gegen Hunger und Durſt war beſtens geſorgt worden. Alle Leibgerichte der Montenegriner prangten auf den Tafeln und Tiſchen. Herrlicher Dalmatinerwein fluthete in den Bechern. Lascaris und Meliſſa koſteten nur wenig von den erſtern, nipp⸗ ten kaum von dem edlen Rebenſafte. Selbſt aus der Ferne waren, trotz der Charwoche, in der Gottesfrieden zu herrſchen pflegt, und wo man es auch nicht liebt, den heimiſchen Herd zu verlaſſen, zahl— reiche Bewunderer und Verehrer der bosniſchen Kriegerſchaft dem gefeierten Abenteurer mit Geſchenken und Gaben entgegengezogen. Da ſah man freiſinnige Paſchtrojevichi, oder Küſtenbewohner zwi ſchen dem Meere und Montenegro, da drängten ſich ſchmucke Mor 31* 484 laken herbei, da zeigten ſich Boccheſen auf beſchuhten Pferden, da gab es verwegene Kriwoſchianer und Grachower, da tummelten ſich wilde Uskoken, ſelbſt aus dem fernen Iſtrien waren freigebige Gäſte zu den Feierlichkeiten des Empfanges herbeigeeilt, alle in ihrer ma⸗ leriſchen Landestracht, was dem Anblicke der bunten Maſſen eine wildromantiſche Färbung verlieh. Die Flüchtlinge konnten ſich der erwähnten Gaben, Spenden und Geſchenke der Volksbegeiſterung kaum erwehren. Man drohte ſie mit Liebkoſungen zu erdrücken, na⸗ mentlich ließ ſich ein griechiſcher Mönch aus einem der vier Klöſter aus dem erſtgenannten Küſtenlande durchaus nicht abweiſen, und Lascaris mußte endlich nach langem Weigern einen geſäuerten Brodlaib annehmen. Man nennt dieſe geſäuerten Brodlaibe daſelſt allgemein Prosſore. Merkwürdig iſt dies Gebäcke allerdings, da darauf die heilige Meſſe geleſen wird, wozu die Küſtenbewohner jeden Sonntag und Feiertag einige Stücke desſelben in die Kloſterkirchen bringen; der kleinſte Laib wiegt fünf, viele aber ſind zehn bis zwölf Pfund ſchwer. Sonſt ſind dieſe Laibe, wo man ſie zum eigenen Gebrauche bereitet, nicht größer als eine kleine Semmel, aber hier gehören ſie zu den Einkünften der Mönche, welche zur heiligen Beſtimmung nur ein kleines viereckiges Stück herausſchneiden, worauf mit einem hölzer⸗ nen Stempel die Worte de ee das iſt: Jeſus Chriſtus ſiege, aufgedruckt ſind. Das Uebrige verbraucht die Kloſtergeiſtlichkeit zu ihrer Nahrung. Uebrigens werden dieſe Laibe in ſolcher Menge in die Klöſter gebracht, daß die Mönche nicht blos für ihre Bedürfniſſe damit ausreichen, ſondern einen großen Theil davon zu trocknen und auf die Schiffe als Zwieback zu verkaufen pflegen. Vuk's Brodlaib wog gewiß zwölf Pfund. Auch ward der Abenteurer bei dem Anſchneiden desſelben ſehr ſchmeichelhaft überraſcht, denn der Mönch hatte in Bewunde⸗ rung des Drachen Bosniens und ſeiner waghaften Thaten eine antike, vermuthlich noch aus den Tagen, da der Römerkaiſer Dio⸗ kletian zu Salona der Muße lebte, ſtammende goldene⸗Schaumünze in die geſäuerte Brod backen laſſen. Dieſe Schaumünze wies den gewaltigen Marius, wie er auf den Ruinen von Karthago ſitzt; auf der Rückſeite ſtand der bekannte Wahlſpruch zu leſen, der da lautet:„Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!“ Zu deutſch: ie n 485 Mag die Welt auch ſelbſt in Trümmer gehen, Wird er furchtlos auf dem Schutte ſtehen! Auch Meliſſa war der Gegenſtand allgemeiner rührender Auf merkſamkeit und Theilnahme, namentlich drängten ſich Weiber und Dirnen mit Gaben und Geſchenken, mit Troſtworten, ja mit Thrä⸗ nen in den Augen um das trübe Kindeskind des auch in Montenegro bekannten und gefürchteten Flüſterers. Man wußte ja um das trau⸗ rige Geſchick der trotz ihrer geiſterhaften Bläſſe noch immer anmu⸗ thigen Kleinen. „So wahr mein Bruder lebe!“ Alſo lautet ja der heiligſte Schwur einer Serbin, einer Tochter der ſüdſlaviſchen Race. Daher flüſterte man ſich auch überall, wo die verlaſſene Schweſter, die weinende Braut, die trauernde Waiſe vorüberſchritt, ſich leiſe und mitleidig in die Ohren: „So ſchön, ſo jung und doch ſo unglücklich!“ Niemand wunderte ſich übrigens, die Kleine ganz allein in der Geſellſchaft wild blickender Krieger reiſen zu ſehen. Unverletzbarkeit der Weiber iſt ja in Montenegro altherkömmlicher Brauch, heilig gehaltene Sitte. Man weiß von einem deutſchen Maler, der blos im Schutze eines alten Weibes ſehr weite Streifereien zwiſchen den ſchwarzen Bergen unternahm. Es iſt dies oft ſogar beſſer als ein Geleitsſchein, von der Hand des Wladika geſchrieben, denn dieſer kann den Reiſenden doch nicht vor jedem Raubanfall, vor jeder Handlung der Rache ſchützen. Die Weiber aber gehen bei den Mon⸗ tenegrinern immer frei aus und ein. Niemand beleidigt ſie. Thäte dies jemand, ſo würde er ſich die grimmigſte Rache ihrer Angehö⸗ rigen auf den Hals ziehen, und nebſtbei ſich der allgemeinen Ver⸗ achtung ausſetzen. Ein Weib gar zu tödten, iſt die ſchmachvollſte Handlung für einen Mann. Nur wenn es ſein eigenes Weib war, wenn er es für eine Untreue ſtrafen wollte, wird es ihm verziehen, ja dann allerdings ſehr leicht und ohne Weiteres. Auch ſogar zu den Türken bis nach Scutari hinab gehen die Weiber der Monte⸗ negriner ganz ungefährdet. Eben ſo können die türkiſchen Töchter Eva's ohne Furcht nach Cſernagora kommen. Die Bergbewohner ſchneiden bei ihren Cſeten auch nie Weiberköpfe ab, noch liefern ſie deren nach Cetinje hinauf. Mädchenraub war nur in Serbien und zwar unter türkiſcher Herrſchaft ein eben nicht ſeltener Fall. Als daher ein böswilliger Spötter, als Meliſſa an ihm vorüber ging, wie eine Mutter, die ihrer geraubten Tochter wegen mit dem 486 4 Mädchenräuber vor dem Richter erſcheint, mit den Fäuſten auf ſeine Bruſt ſchlug, als er höhniſch flüſterte: „Kuku mene, evo roba moga!“—„Wehe mir, das iſt mein in die Sklaverei geſchlepptes Kind!“ Da wurde er plötzlich von hundert derben Händen ergriffen, zu Boden geſchleudert und durchgebläut, ja es hätte wenig gefehlt, ſo wäre er geſteinigt worden, denn man vermeinte, als er die Lippen bewegte, um Gnade zu erflehen, er wolle ſein hämiſches, ehrloſes Treiben fortſetzen und wohl gar die übliche Frage des Kadi wagen, des Inhaltes: „Il je sila ili draga volja?“— Ob dem Mädchen Gewalt angethan worden oder ob es freiwillig gefolgt ſei?— Zum Glücke überhörte die Kleine das höhniſſche Flüſtern, da Lascaris eben herbeigeeilt kam, Meliſſa eine freudige Nachricht mit⸗ zutheilen. Sein Geſchäftsträger in Cattaro hatte dem Abenteurer als Antwort auf ſeine ſchon ein paar Wochen früher abgegangenen Befehle melden laſſen, türkiſchen Schnapphähnen ſei es endlich ge⸗ lungen, ſich der berühmten oder berüchtigten pfeilſchnellen Tartane Meliſſa, auf der weiland Arslan mit Ali den See von Scutari durchſchnitten, dieſer herrlichen Barke mit lateiniſchen Segeln zu bemächtigen. Die glücklichen Freibeuter hätten das gefürchtete Fahr⸗ zeug mit Aufwand von unſäglicher Mühe und geraumer Zeit an das Geſtade des adriatiſchen Meeres geſchafft. Der Geſchäftsträger habe dann dieſe Tartane für Lascaris gekauft und mit trefflichen dalmatiniſchen Seeleuten bemannt. Auch prange bereits am Schiffs⸗ ſchnabel eine weiße Roſe als Sinnbild mit der Umſchrift„Gülnare“, die von dem Abenteurer angegebene Flagge ſei gleichfalls an Bord gebracht worden, kurz das Schiff warte in dem ſichern Hafen von Cattaro einzig auf die Ankunft ſeines neuen Herrn und Eigenthü⸗ mers, um nach Weiſung desſelben augenblicklich den Anker zu lichten und in die See zu ſtechen. So verliefen ein paar Tage des feſtlichen Wanderzuges. Endlich und zwar eines heitern Abends— am Charſamſtag — gelangten die Flüchtlinge in die Nähe von Cetinje. Hoch ragte der Wartthurm über der alten Kloſterveſte empor. Der durchbro⸗ chene Kranz auf ſeiner Spitze, aus Türkenköpfen auf langen Stangen gebildet, war ſeit dem Beſuche der Waffenbrüder Arslan und Ali noch armſeliger zu ſchauen, denn viele der Schädel waren vom Winde herabgeworfen, und von den Hunden weggeſchleppt ſeine nein 1, zu t, ſo open oſes gen, walt „da mit urer enen gk⸗ tane ttari n zu ahr⸗ 487 worden; auch erlaubte die eingegangene Wiera keine Mehrung des Kranzes, aber doch noch immer hätten viele Türken kommen müſſen, wäre jeder Willens geweſen, ſeinen Kopf herunterzulangen und nach Hauſe zu tragen. Schaurig ſtachen alſo noch fortwährend die oben prangenden Häupter mit ihren vom Schopfe fallenden Haar büſcheln gegen das tiefe von dem Mondlicht verklärte Blau des Himmels ab, und durch die Luft zitterte es ſeltſam, als wolle die Begleitung zu dem Reigen, zu dem Kettentanze erſchallen, wie ihn die Geiſter im Mondenglanze zu halten pflegen. Lascaris und Me⸗ liſſa blickten mit einem trüben Lächeln nach der alten Warte. Plötzlich krachte es donnernd auf. Schuß folgte auf Schuß. Bald entdeckte man in der Mitte des Thales unter einem großen Baume eine Menge Männer oder, um nach montenegriniſcher Weiſe zu reden, eine Woiska, zu deutſch einen Kriegerhaufen, wie er weiland den Kaimakan und den Mir⸗ diten empfangen hatte, nur war er weit zahlreicher; auch gab es faſt eine unüberſehbare Menge müſſiger Zuſchauer, und man konnte ohne Uebertreibung annehmen, daß ſich faſt ein Viertheil der geſammten Bevölkerung von Montenegro zu dem feierlichen Empfange des bosniſchen Drachen und ſeiner letzten zehn Braven vor und in Ce⸗ tinje zuſammengedrängt habe. Ein ganzes Geſchwader Reiter in glänzender Tracht mit bunten Turbans kam, ſeine Gewehre und Piſtolen abfeuernd, auf kleinen weißen Roſſen zum Bewillkommungs⸗ gruße im wüthigſten Laufe dahergeſprengt. Alle im Lande üblichen Reiterkünſte wurden aufgeführt, die Schimmel bockten nach Her zensluſt, jetzt flog ein Berittener ſchräg ins Wilde hinaus, nun ſchoß einer ſeine Feuerwaffen gegen das Gebüſch oder die Felſenwände ab, als verfolge er ſeinen Feind, donnernder Jubelruf erſcholl von allen Seiten, kurz der Wladika ſelbſt hätte nach der Rückkehr aus einem ſieghaften türkiſchen Feldzuge nicht prachtvoller, nicht feier⸗ licher, nicht freudiger, nicht glänzender eingeholt werden können. Alſo geleitete man Lascaris nach dem Kloſter. Dieſer aber verweigerte es, dasſelbe trotz der Abweſenheit des neutral verbliebenen Wladiken zu betreten. Er konnte und durfte es dem ſchwarzen Mönche nicht vergeben, daß derſelbe bei dem Ver⸗ zweiflungskampfe Bosniens nicht brüderlich und nachbarlich zum Beiſtande herbeigeeilt ſei. Seine Stimme wies daher auch, als er dieſe Weigerung ausſprach, einen ironiſchen Klang. „Meine Lunge,“ rief er in der bilderreichen Sprechweiſe Mon⸗ 488 tenegro's,„hat zu viel Pulverqualm einathmen müſſen, und ſehnt ſich daher nach einem ſüdlichen warmen Klima; hier in dieſem ſtei⸗ nernen Gebäude aber weht eine rauhe, unfreundliche, nordiſche Luft!“ Die Bewohner Cſernagora's, beſchämt und gedemüthigt, dran⸗ gen nicht länger in den Abenteurer mit gaſtfreundlichen Bitten. Es gibt zudem in Cetinje eine Locanda, die ſo anſehnlich, ordentlich und nett iſt, wie nur ſonſt irgend eine in Dalmatien, und außerdem befaßt ſich auch wohl ein ehemaliger öſterreichiſcher Unter⸗ offizier, der ſich nach dieſem Orte zurückgezogen hat und hier mit einer deutſch ſprechenden Frau ein ſehr zierliches Häuschen bewohnt, in dem er einen Kramladen errichtet hat, mit der Aufnahme und Bewirthung von Fremden. Die Reiſenden vertheilten ſich in beide Häuſer und waren hier ſo gut aufgehoben wie ſonſt nicht immer in den weſtlichen Küſtenländern der Adria. Feierlichkeit folgte auf Feierlichkeit in den nächſten drei Tagen. Prachtvoll ward das Oſterfeſt begangen, auf griechiſch der Tag des Lichtes, nämlich Lampri genannt. Es begann in dem Augen⸗ blick, als der Prieſter aus der Cella herausrief: „Christos anesti!“— Chriſtus iſt erſtanden!— „Vo istinu voskres!«— Er iſt in Wahrheit erſtanden!— antwortete die Menge. Die Vorübergehenden reichten ſich während der Begegnung Oſtereier hin, und ſtießen gegenſeitig mit denſelben an; das zerbro⸗ chene Ei gehörte dem, welcher es zerſchlagen hatte, auch betrachtete er dieſen Umſtand als ein günſtiges Vorzeichen langer Dauer ſeines Lebens. Wir bemerken hier, daß ſich dieſer griechiſche Gebrauch durch alle ſlaviſchen Länder bis nach Petersburg verbreitet hat. In Montenegro, Bosnien, Serbien und Bulgarien iſt gewöhnlich der häusliche Herd das Theater der Oſterfreuden, denn um dieſe Jah⸗ reszeit bietet die freie Natur, welche noch ihre letzten Kämpfe gegen die Nordwinde zu beſtehen hat, wenig Erfreuendes außer den war⸗ men vier Pfählen dar. In ſüdlichen Gegenden wird das Feſt in Zelten unter Gottes blauem Himmel gefeiert. Uebrigens hatten die Montenegriner wie ihre Nachbarn die Albaneſen auch dieſes Jahr ihre innern Fehden für die Dauer der heiligen Woche eingeſtellt; einen ſolchen Waffenſtillſtand pflegten auch die Ritter des Mittel⸗ alters jeden Sonntag zu beobachten. Dagegen gedachte der erbliche Haß ſchon morgen oder übermorgen, von Oſterſonntag nämlich ge⸗ rechnet, über den Gräbern der Vorfahren ſich von Neuem zu ver⸗ 489 ſchwören. Die Flüchtlinge pflegten am letztgenannten Tage der Raſt, weshalb wir auch der fraglichen Oſterfeier nur mit wenigen allge⸗ meinen Worten erwähnten. Am Oſtermontag zählten jedoch Lascaris und die Seinen vor⸗ zugsweiſe zu den handelnden Perſonen. Jener alte erſchöpfte Haiduke, der ſich nicht mehr im Sattel erhalten konnte und daher auf einer Tragbahre von Dorf zu Dorf bis nach Cetinje geſchafft worden war, ſtarb nämlich in der vergan⸗ genen Nacht an ſeinen zahlloſen Wunden. Da er zu dem Stolz und der Blüthe der bosniſchen Kriegerſchaft gehörte, ſo beſchloſſen die Montenegriner ſein Leichenbegängniß nach Möglichkeit feierlich zu begehen. Der Todte ward zuerſt gebadet, dann nochmals ſorgfältig gewaſchen. Seine Kampfgefährten beſorgten dieſen letzten Liebes⸗ dienſt; darauf ward er mit den wenigen Blumen, die man bei der frühen Jahreszeit auftreiben konnte, geſchmückt und zur Schau aus⸗ geſtellt. Herrliche Gewande, koſtbare Waffen, alles eine Gabe der gaſtfreien Bergbewohner, lagen an der Bahre der Leiche im Kreiſe umher. Gewöhnlich wird in Montenegro der mit einem Stück Lein⸗ wand bedeckte Kadaver nur auf ein einfaches Brett gelegt, worauf man zwei andere Bretter über ihm ſo zuſammenſtellt, daß ſie mit dem untern ein Dreieck bilden. Hier aber hatte man es ſich eine zierlich gezimmerte Todtentruhe, einen netten Sarg koſten laſſen. Zur Stunde der Leichenfeier verließen alle Aclteſten der Häuſer in Cetinje und der Umgebung ihre Wohnſtube und beeilten ſich an dem Begräbniſſe und den dabei üblichen Feierlichkeiten Theil zu nehmen. Man drängte ſich um ſo mehr hinzu, als es auf die Frage„Von wem?“— von wem nänlich iſt er umgebracht worden?— nicht heißen konnte„Od boga, od starog krvnika“— von Gott, dem alten Mörder—, da der tapfere Haiduke, wie bereits geſagt, an ſeinen im ehrlichen Kampfe erhaltenen Wunden verſtorben war. Die Südſlaven halten nämlich wie weiland die alten Skandinavier einen natürlichen Tod, der mit der obigen Antwort bezeichnet wird, für eine Art Schmach. Glorreich iſt nur das Sterben mit den Waffen in der Hand. In der Locanda, wo die Leiche lag, wurden die einſprechenden Trauergäſte ſämmtlich mit Wein und Branntwein bewirthet, und von Lascaris wie von den übrigen leidtragenden Haiduken öfters zum Trinken aufgefordert,„damit morgen nicht etwa einer ſage, er habe nicht genug gehabt.“ Meliſſa und ein paar Montenegrinerinen, . S— 9—— ———- 490 welche die Stelle der weiblichen Verwandtſchaft des Todten ver⸗ traten, ſtimmten ein Klagegeſchrei an, ſo laut als ſie nur vermoch⸗ ten. In der Ferne klang es faſt wie ein Grabgeſang. Man rühmte darin die Vorzüge des Entſchlafenen, ſeine Tapferkeit und Recht⸗ ſchaffenheit; man beklagte den bittern Jammer und die traurige Lage ſeiner noch lebenden uralten Mutter wie ſeiner zürückgebliebe⸗ nen betagten Schweſtern, ſeiner zum Theile noch unmündigen Kin⸗ der. Man rief daher: „Wer wird dein Pferd reiten?“ „Wer deine Kleider tragen?“ „Wer wird dein Mütterlein ernähren?“ „Wer deine Kinder umarmen und ſchützen?“ „Bei wem werden deine Schweſtern ſchwören?!“ Dieſe Wehklagen begannen mit dem Augenblicke des Todes, ſie folgten der Leiche zum Grabe, ja darüber hinaus. Ein Pope be⸗ gleitete den Trauerzug, um an der friſch gegrabenen Grube die Gebräuche der Religion zu vollziehen. Lascaris, Meliſſa und die Haiduken warfen die erſten Schollen auf den Sarg. Als das Grab vollends verſchüttet worden, ward es mit einem Kreuze geſchmückt, darauf ſo viele Kukuke abgebildet waren, als Angehörige und Leid⸗ tragende um den Verblichenen trauerten. Dann theilte Lascaris unter die auf dem Gottesacker lagernden Gäſte Wachskerzen aus. Meliſſa ſammelte dieſe gleich darauf wieder ein. Jeder Gaſt küßte ſchließlich ſeine Wachskerze, ehe er ſie zurückgab, mit großer An⸗ dacht, und ſprach dabei mit feierlichem Tone die Worte: „Für die Seele des Verſtorbenen! Möge es ihm eine ange— nehme und willkommene Aufnahme bereiten im Reiche Gottes!“ In dieſem Augenblicke kam ein Reiter wie beſeſſen daherge⸗ ſprengt. Es war Mirxa der Jüngere. Der Zigeuner ſchwang ſich aus dem Sattel, und zog aus dem Futterſacke ſeines Pferdes einen von getrocknetem Blute ſtarrenden türkiſchen Shawl, darin ein ziem⸗ lich umfangreicher Gegenſtand eingeſchlagen worden. Ein paar leiſe geflüſterte Worte verſtändigten Lascaris über die Geſchichte des Shawls. Der Abenteurer warf ſeinem Leibdiener einen halb dank⸗ baren, halb vorwurfsvollen Blick zu, befahl ihm das Gewebe zu lüften und rief dann mit lauter Stimme: „Hier mein Dank, Montenegriner, für eure Gaſtfreundſchaft!“ Ein donnerndes einſtimmiges Jubelgeſchrei weckte das Echo der fernſten Berge. Schwang doch Mirxa das wohlbekannte, wenn 491 auch entſtellte Haupt des Paſcha Juſſuw hoch in den Lüften! Jetzt erſt galt Lascaris nach den montenegriniſchen Begriffen von Chre als Krieger ohne Furcht und Tadel. Die Blutrache war vollſtändig geübt worden. Das bleiche Haupt ging von Hand zu Hand, bald auch ſtach es, auf eine Stange geſteckt, im Kranze von Todten⸗ ſchädeln auf dem Wartthurm der alten Kloſterveſte gegen das tiefe, von dem Mondlicht verklärten Blau des Himmels häßlich und ſchauerlich ab. Abends hielten Lascaris und Meliſſa eine geheime Unter⸗ redung. Am Oſterdienſtag und zwar am frühen Morgen begaben ſich die Bewohner von Cetinje auf den Kirchhof. Jede Familie kam mit einer genealogiſchen Tafel, die von Geſchlecht zu Geſchlecht über⸗ gegangen war und darauf die Namen ſämmtlicher Vorfahren ein⸗ getragen ſtanden. Sie hat viele Aehnlichkeit mit den Dyptiken der lateiniſchen und griechiſchen Katakomben. Ueber den Gräbern zün⸗ dete man Wachskerzen oder andere Lichter an und brachte den Tag mit Gebeten für die Seelen der Abgeſchiedenen zu. Auch ſorgte man für ihr Andenken auf Erden, mit lauter Stimme preiſend, was ſie im Leben Gutes und Schönes gethan; endlich ſuchte man, um ihr edles Blut zu verewigen, in würdige Verwandtſchaft zu gelangen und ſchloß daher Hochzeiten und Verbrüderungen. Es iſt was Eigenthümliches um dieſe Verbrüderung oder Ver⸗ ſchwiſterung! Die Ceremonien hiebei mahnen an die Sitten der Szythen, wie ſie die Alten beſchrieben. Wenn es von den Erſtern heißt, daß ſie den Bund der Freundſchaft mit dem heiligſten der Eide beſiegel⸗ ten, und dabei ihre Dolche in einen Becher tauchten, darein ſie einige Tropfen ihres Blutes hatten laufen laſſen, ſo beſteht dies bei den Südſlaven noch heutigen Tages, und legt man auch bei ihnen eine feierliche Betheuerung, für einander leben und ſterben zu wollen, vor dem Prieſter in der Kirche ab, und läßt dabei ſeine mitgenom⸗ menen Waffen weihen. Nur das Blutvergießen iſt hinweggefallen. Auch hier kennt man keine größere Schmach als Verrath an der be⸗ ſchworenen Freundſchaft, ja man glaubt, daß dies ein Unglück oder eine Strafe des Himmels für die Gegend oder das Dorf bedeute, wo ſich derſelbe zutrage. Gewöhnlich geloben ſich nur Männer dieſe heilige Freundſchaft und ſchließen einen Waffenbund ab, Pobra- timstwo, Verbrüderung genannt. Die Freunde ſelbſt heißen Pobra- — 492 timi, Verbrüderte. Auch Mädchen verbinden ſich alſo innig. Natür⸗ lich, daß die Waffen dabei aus dem Spiele bleiben. Dieſer Mädchen⸗ bund führt den Namen Posestrmstwo, Verſchweſterung, die Freun⸗ dinnen werden Posestrimi, Verſchweſterte genannt. Endlich gibt oder gab es doch wenigſtens auf der ſüdſlaviſchen Halbinſel ein poetiſches Freundthum— Drugina— zwiſchen Mann und Weib ohne Beimiſchung ſinnlicher Leidenſchaft. Wenigſtens lieſt man in der ſerbiſchen Geſchichte von berühmten Prinzen und Helden, welche ſich in rein platoniſcher Liebe zur zärtlichſten gegenſeitigen Aufopfe⸗ rung mit ſchönen und gefeierten Frauen verſchwiſtert zu haben ſcheinen. Eine ſolche Verſchwiſterung ſollte an jenem Morgen ſtattfinden. Die kleine Kirche von Cetinje, darin ſich der an die Grabmale der ruſſiſchen Kaiſer in Moskau mahnende Sarkophag des heilig geſprochenen Wladiken Peter Petrowitſch des Erſten befindet, war feſtlich beleuchtet; als Prachtſtück dieſer Beleuchtung ſtanden am Boden der Kirche vor dem Altare zwei hohe meſſingene Kandelaber, die wie Weihnachtsbäume mit Lichtern beſteckt waren, in der Mitte nämlich eine baumſtarke lange, vergoldete und bemalte Wachskerze, oben darauf geklebt und darunter geſetzt viele dünne und kleine Wachslichter. Das Iconostas oder die Bilderpforte vor dem Altare ſchien faſt mit Guirlanden überladen, was natürlich den Anblick der aus geſchnitzten Holzſtückchen zuſammengeſetzten drei Pforten wie ihrer Architrave noch prachtvoller geſtaltete. Namentlich prangten das zaariſche oder königliche Mittelthor wie die auf dem Rande des Ganzen befindlichen drei Kreuze mit ihren eben ſo vielen aus Holz geſchnittenen Tauben in aller Herrlichkeit des Lenzes. Auch die zwei Oelbilder, Chriſtus und die Gottesgebärerin— Bogorodiza— an den hölzernen Zwiſchenpforten, wie die ſchwarzgefärbte Decke des erwähnten Sarkophages mit dem Chriſtusbilde und Kreuze waren mit duftigen Blumen wie überſäet. Man hatte die Kinder des Frühlings aus einem Treibhauſe zu Cattaro bezogen. Die Stunde zur Weihe der Drugina ſchlug. Der Archimandrit, der in dem Kloſter Oſtrok wohnte, der nächſte Gewalthaber nach dem Wladika von Montenegro, hatte ſich in deſſen Abweſenheit freiwillig zu dieſer Weihe angetragen. Der ehrwürdige Hirt des Herrn in ſeinem prachtvollen Ornate, inglei⸗ chen zwei Chorknaben, gleichfalls in kirchliche Feſtgewande gehüllt, erwarteten die künftigen Geſchwiſter an den Stufen des Altares. 493 Lascaris und Meliſſa erſchienen auch bald, beide in Scharlach⸗ kleidern, begleitet von Mirxa, den neun Haiduken und vielen vor⸗ nehmen montenegriniſchen Kriegern und Frauen in der Kirche, wo ſie, vor dem Archimandriten niederkniend, die Meſſe hörten, jedes eine vergoldete und bemalte Wachskerze in der Hand haltend. Nach der Meſſe nahmen die Chorknaben dem zu verſchwiſternden Paare die Kerzen ab, reichten dem künftigen Bruder wie ſeinem anzuhof⸗ fenden Schweſterlein einen grünen Epheukranz, und die bindende ſchöne Ceremonie, welche der Prieſter wie eine Hochzeit einſegnete, begann unter den üblichen Feierlichkeiten. Lascaris ſtand wie ein Bräutigam rechts, Meliſſa gleich einer Braut links am Altare, auch reichten ſich beide wie ein Brautpaar die rechte Hand, welche der Archimandrit, nachdem er die Epheukränze geweiht hatte, wie bei einer Trauung mit der Stola bedeckte. Der Streiter Gottes hielt nun eine kurze Rede, darin er die Geſchwiſter auf die Wichtigkeit und Feierlichkeit des Augenblickes aufmerkſam machte, ſie erinnerte, wie ſie nun untrennbar verbunden, und vor dem Herrn des Him⸗ mels und der Erde verpflichtet ſeien, mit einander leben, für ein⸗ ander ſterben zu wollen. „Willſt du,“ ſprach er endlich zu Lascaris,„dies bleiche Kind als deine Schweſter anerkennen, lieben, ehren, ſchützen und verthei⸗ digen, ſo ſprich, auf daß die Allmacht dich höre, ein lautes und vernehmliches Ja!“ „Ja!“ rauſchte es feierlich von den Lippen des Abenteurers. „Willſt auch du,“ fuhr der Archimandrit fort, ſich zu der Enkelin des Einſchläferers wendend,„dieſen gewaltigen Mann, der da in Zukunft dein Herr ſein ſoll, als deinen Bruder und Beſchützer anerkennen, lieben und ehren, ſo ſprich, auf daß auch dich die All⸗ macht höre, ein lautes und vernehmliches Ja!“ „Ja!“ bebte es leiſe von dem Munde Meliſſa's. Darauf ſchritten die Geſchwiſter in Ermangelung des Grabes eines ihrer beiderſeitigen Väter zu dem Sarkophage des heilig ge⸗ ſprochenen Wladiken Peter Petrowitſch des Erſten, tauſchten darüber die Epheukränze, indem ſie gegenſeitig den eigenen geweihten Epheu⸗ kranz dem Andern in die Locken drückten, und gaben ſich endlich vor den Augen Gottes wie aller anweſenden Zeugen den Verbrü⸗ derungskuß. Die Verſchwiſterung war geſchehen. Bei dem Austritte aus der Kirche wurden die Geſchwiſter von 494 dem Zeugen jener ſeltſamen Trauung unter dem Geknatter luſtig abgefeuerter Piſtolen und Flinten mit herzlichen Begrüßungen, mit Geſängen aus dem Stegreife empfangen und nach der Locanda be⸗ gleitet, wo ein großes Gaſtmahl bereitet ſtand. Lascaris und Meliſſa nahmen den Ehrenplatz ein, während die übrigen Anweſenden mit Ausnahme der Frauen ſich rings um die Tafel lagerten. Bei dem Beginne wie bei dem Schluſſe des Feſtmahles tranken jedoch alle Gäſte auf das Wohl der beiden geſchworenen Geſchwiſter. Draußen im Freien vergnügte ſich die Jugend mit dem Kreistanze wie mit andern Luſtbarkeiten. Lascaris drang auf baldigen Aufbruch, denn von Cetinje nach Negoſch braucht man etwas über drei Stunden, von da bis zum Gipfel des berühmten Paſſes ſchätzt man den Weg auf anderthalb Meilen, und die ganze Entfernung von Cetinje bis Cattaro dürfte man daher auf ſechs Stunden anſchlagen. Der Abenteurer wollte noch vor der Abenddämmerung nach der letztge⸗ nannten Stadt gelangen. Man fügte ſich auch, wenn gleich wider⸗ ſtrebend ſeinem Willen. Die Karawane brach auf. Schuß folgte auf Schuß aus Piſtolen und Flinten bei dem Aufbruche, wie während des Verlaufes der Fahrt, denn eine Unzahl berittener Bergbewohner gab dem bosniſchen Drachen, als eben ſo viele Geier, wie ſich die Montenegriner gern zu nennen pflegen, das letzte Ehrengeleite. Fort ging es durch die rieſig aufgethürmten Ge⸗ birge, die zuweilen wie ein Meer von ungeheueren plötzlich verſtein⸗ ten Wogen ſahen; fort zog man ſpäter in beflügelter Eile an den Pflanzungen von Mais und Kartoffeln, von Blumenkohl und Tabak vorüber, bald wieder umrauſcht von Eichen, Stechpalmen, Buchen, Kiefern, Nußbäumen, Pappeln, Erlen, Weiden und Perückenbäumen — Cottano, Rhus Cottino— deren färbendes Gelbholz weit in die Welt hinaus, ſelbſt bis nach Frankreich verführt wird! Hie und da zeigten ſich Oelbäume, Granaten, Pfirſchen, Reben und Maul⸗ beerbäume, im Unterholze der Berge prangten Erdbeerbäume und Stauden von Wacholder, Rosmarin und Myrthen. So gelangte man nach Negoſch, dem Stammorte der Wladiken. Hier blieb ein Theil des Ehrengeleites, noch einmal ſeine Schießgewehre abfeuernd, nach einem herzlichen Abſchiedsgruße zurück. Die Mehrzahl der Montenegriner aber zog noch weiter mit in die beginnende Tiefe. Bald bekundete die hochromantiſche Aus⸗ ſicht auf die Bezirke Cermnitza und Rieka, den ſilbernen See von — 495 Scutari und die fernen Berge Albaniens, daß man den halben Weg bis zu dem Paſſe zurückgelegt habe. Endlich tauchte Cattaro auf. Da lag es vor Lascaris, das neue Bauwerk auf der Stelle des alten römiſchen Ascrivium, nunmehr den heiligen Tryphonius als Schutzpatron verehrend, die ehemalige mächtige Freiſtadt Cattaro, die Wohnſtätte der vielen Grafen, noch ſtammend aus den Tagen der venetianiſchen Herrſchaft, mit ihren ungeheueren Mauern, welche von dem ſchmalen Uferrande nach der auf ſpitzigen Felſen liegenden Veſtung führen, dieſer ſteinernen Erinnerung an die großartigen Befeſtigungsarbeiten der Krieger aus der Lagunenſtadt; mit dem ſtarken Walle und dem tiefen Graben an der Nordſeite; mit ihren drei Thoren, von welchen zwei bei Sonnenuntergang geſchloſſen werden, während der Zugang auf der Seeſeite bis um eilf Uhr und an Tagen, wo das Dampſſchiff landet, bis um Mitternacht offen und verſtattet bleibt; mit ihren zwei griechiſchen Gotteshäuſern, von denen eines in Styl und Bauart den Kirchen in Athen gleicht; mit ihren engen Straßen, mit den zierlichen Häuſern im Geſchmacke der Venetianer gethürmt, an deren ehemalige Herrſchaft wie gewöhnlich der geflügelte Löwe an der Vorderwand erinnert! Leider blickten aus den hart am Fuße der montenegriniſchen Berge liegenden benachbarten Orten zwiſchen den wohlerhaltenen und zum Theile ſchön und reich gebauten Häuſern der Einwohner hie und da einige ganz häßliche Ruinen von Wohnungen und Kir⸗ chen hervor, die mit ihren rahmenloſen Fenſtern und eingefallenen Dächern wie Todtenſchädel dalagen, und deren zerſtörte Umgebung ſich in dem reizenden Kulturteppich an den Ufern ausnahm wie eine garſtige Narbe oder eine gerupfte Stelle in dem Felle eines ſchön gefleckten Tigers. Und wenn du nach der Geſchichte dieſer Verwü⸗ ſtung fragſt, ſo verklagen alle bei dir die Montenegriner, und nennen dir dies oder ein anderes Annum Domini, in welchem ſie wie ein böſes Hagelwetter von den Gebirgen herunterkamen, dieſe verhee⸗ renden Bergmäuſe, wie ſie von den Türken nicht mit Unrecht genannt werden! Auch jetzt zeigte ſich vor dem öſtlichen Thore Cattaro's der montenegriniſche Bazar, der an die Agora der alten griechiſchen Städte erinnert, der auch/ wie urſprünglich jener Marktplatz, außerhalb der Mauern lag, dieſer Bazar, den die Bergbewohner jeden Dienſtag, Donnerſtag und Samſtag beſuchen dürfen, nachdem ſie aber früher ihre Waffen bis auf ein kleines Dolchmeſſer abgelegt haben. 496 Der Himmel blaute heiter und rein, nur in Nordweſten ballte ſich eine graue Wolkenmaſſe, ein ſicheres Vorzeichen, daß ſich am nächſten Morgen ein ſo heftiger Regen einſtellen werde, wie man ihn nur in dieſen ſüdlichen Gegenden ſehen kann, ein Guß, welchen der Dalmatiner gewöhnlich den Bindfadenregen zu nennen pflegt, weil die dicken Tropfen ſich einander dabei ſo ſchnell folgen, daß ſie un⸗ unterbrochene Waſſerfäden zu bilden ſcheinen. Heiter und freundlich, wie der Himmel ſchaute, nahmen die Montenegriner an den Bazar gelangt von ihren lieben und werthen Gäſten einen langen und lärmenden Abſchied; dieſe aber, namentlich die geſchworenen Ge⸗ ſchwiſter, ſahen düſter wie jene grauen Wolkenmaſſen, und ein Regen von Thränen, äußerlich mühſam verhalten, ging in ihren Seelen nieder. Galt es doch für lange Zeit, vielleicht für immer von dem letzten Anblicke bergiger Heimath ſcheiden! Haiduken wiſſen ſich jedoch zu bemeiſtern. Trocken blieben ihre Augen. Nur Meliſſa warf ſich ſchluchzend in die Arme ihres neuen Bruders. Lasearis ſprach ein paar tröſtende Worte, dann ſchritt er mit ſeiner Schweſter am Arme, gefolgt von dem benarbten Ueberreſte ſeiner Braven haſtigen Fußes durch das große mit Bäumen um— pflanzte, zum Theile ummauerte Parallelogramm des Bazars, an den nach Art von Propyläen aus Stein gebauten, gedeckten, zum Wägen der Waaren beſtimmten Hallen wie an der alten ſteinernen, nach der Seite von Dobrota führenden Brücke vorüber, durch die gewaltige Eingangspforte der Porta di Fiumera zu. Hier wie ſpäter an der nach dem Molo und Hafen gehenden Porta della Marina zog die Schildwache vor dem Drachen Bosniens das Ge⸗ wehr an. In der Veſtung war die ganze Beſatzung auf den Beinen, die Offiziere wehten brüderlich und kameradſchaftlich mit weißen Tüchern, eine Militärmuſikbande ließ des Friedens mit der Türkei halber ſcheinbar durch Zufall, in Wahrheit aber zum feierlichen Empfange der beſten ſüdſlaviſchen Klinge rauſchende Weiſen ertönen. Auch auf den Straßen wimmelte es von feſtlich gekleideten bewill⸗ kommnenden Menſchengeſtalten. „Viva gli bravi Schiavoni!“— ,„Es leben die braven Slaven!“— Alſo erſcholl es mit ſtürmiſchem Jubel von allen Seiten. Der Zug erreichte unter noch vielen andern donnernden Begrüßungen endlich den erſehnten Molo. Die umgetaufte, einſt Meliſſa genannte — 497 N pfeilſchnelle Tartane hatte bereits, während ihr Nostromo, Steuer⸗ mann, an ſeinen Standplatz eilte, die Anker gelichtet, alle Segel aufgeſetzt und harrte nur der Ankunſt ihres neuen Herrn, um nach einem fernen, nur dieſem Gebieter bekannten Ziele in die See zu ſtechen. Ein Schimmer Freude überflog das Antlitz des Abenteurers, als er auf dem Schiffsſchnabel ſeines Fahrzeuges die weiße Roſe mit dem Namen Gülnare prangen ſah. Der Schiffsetikette gemäß kletterten zuerſt die Haiduken die Strickleiter hinan, dann folgte Mirra, den zottigen Hund auf dem linken Arme tragend, hierauf begab ſich Meliſſa an den Bord der Tartane. Nur Lascaris blieb zurück. Er ſchien an den Kiel ſeines Bootes feſtgenietet zu ſein. Sein Auge hing wie bezaubert, wie gebannt an der Stelle, wo das Ge⸗ bäude herüberragte, darin die gräflichen Baſen ſeines todten Weibes hauſten. Sein ganzes Leben zog in dieſem Augenblicke an ſeiner Seele vorüber. Er ſah das verwüſtete Paradies ſeiner Kinderzeit in voller Blüthe ſtehen, dann röchelte der treue Bär Calluga in letzter Todesqual ſchmerzhaft auf, Gülnare war nirgends zu ſchauen, der kleine Deſche ſtand verlaſſen an einer endloſen Waſſerwüſte. Unſeliger Traum, daß du ſo ſchrecklich, auch buchſtäblich in Erfül⸗ lung gehen mußteſt! Darauf zeigte ſich eine hochzeitlich geſchmückte Kapelle und eine bleiche, finſter und trotzig blickende Braut, aber in dieſen eiſigen Blicken blitzte es allmälig zärtlich und bräutlich auf, und über die blaſſen Wangen zog es wie das Morgenroth der erſten Liebe. Nun blinkte es aus einem angeſchnittenen Laib ungeſäuerten Weizenbrodes wie eine ſchöne goldene Denkmünze, die aber an ein Begräbniß erinnerte; bald darauf erloſch eine Kerze des Chriſt⸗ abends auf einer zur Feier des Neujahrfeſtes geſchmückten Tafel von ſelbſt, noch ehe ein paar Tropfen reinen Weines im Namen der Dreifaltigkeit auf ſie getrauft waren. Dann kam eine lange, ſüße, hochherrliche, unvergeßliche Nacht! Endlich tauchte ein ſtilles Erker⸗ gemach auf. Eine weiße Roſe verwelkte. Ein hoher Mann ſtand an dem Sterbepfühle einer verkümmerten Schönheit, und dieſe ver⸗ hauchte den letzten Seufzer; er aber, er liebte dann auf Erden niemand weiter mehr! Und damals hätte es ſein ſollen, jetzt erſt aber an dem Geſtade des adriatiſchen Meeres ge⸗ ſchah es, daß die Wehmuth endlich als ein anderer Moſes an das gramverſteinerte Herz des Abenteurers pochte, und mit wunderthätiger Hand das Weihwaſſer der Seele, die heilige Der Montenegriner. 32 —õ:ꝛõ — — — 498 * Springfluth der Schmerzensthränen aus ſeinen trotzigen Augen fluthen machte! „Gülnare!“ ſeufzte er unter heißen Zähren. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein lärmendes Geplätſcher ver⸗ nehmen. Zigan war in Angſt, ſein Herr könne zurückbleiben, in das Waſſer geſprungen, und ſchwamm winſelnd an das Boot heran. Oder fiel es ſelbſt dem klugen Thiere ſchwer, der Heimath den Rücken zu kehren? Lascaris erfaßte den Hund mit der linken Hand, mit der rechten Fauſt aber dräute er nach dem Türkenlande hinüber. „Trefflich gemahnt,“ rief er,„mein zottiger Zigan! Wir dür⸗ fen dieſe Küſte nicht für immer verlaſſen. Erzittre Halbmond, einſt kehrt Lascaris wieder!“ Dann eilte er mit dem Hunde die Strickleiter hinan. Die Tar⸗ tane ſalutirte die Veſtung mit drei Kanonenſchüſſen und brauſte hierauf in die weite See, gleichzeitig ihre neue Flagge aufhiſſend. Dieſe Flagge war von ſchwarzer Farbe, in ihrer Mitte zeigte ſich drohend und ſchaurig: Ein weißer Todtenkopf! Ende. ——-ꝙ Vorwort 1. Capitel S 8 8 „„ Inhaltsverzeichniß. : Die Roſe von Serajevo Die Nachſchrift Der Paſcha unterhält ſich Eine ſeltſame Brautnacht Vor und nach der Volksberathung Im türkiſchen Hauptquartiere Zigeunerdorf und Waldſtraße Kuß und Schuß Der Flüſterer und ſein Kindeskind Scherawitza⸗Grad Albaneſiſche Sühne Auf Montenegro. Das Blatt hat ſich gewendet. Sonnenſchein und Regenſchauer. In Travnik Liebesdienſt und Schergengang Die Bluttage an der Bosna. Rothbart überall und nirgends Chriſtlicher und Lirtiſche Teufel Ophelia— Der Erbe des Nemagna Polyxena in Bosnien Eine welke Blume Die Vehme der Kleinen Die Verſchwiſterung. — &G rey Control Chart Green vellow Hed Magenta Grey 2 Srey 3 Vorwort. Man erzählt ſich ſo viel von den ſchweren Leiden der Chriſten im fernen Aſien in den Landen, die unter morgenländiſchem Deſpo⸗ tismus ſchmachten, und engliſche Miſſionäre berichten uns von Gräuelthaten, wie ſie kaum die amerikaniſchen Rohhäute, dieſe be⸗ rüchtigten Skalpjäger an ihren Kriegsgefangenen verübten. Was europäiſche Nächſtenliebe ſo lange verſäumte, ſcheinen die Nankee's nachholen zu wollen, und man ſpricht allgemein, wie die Schiffs⸗ kanonen derſelben beſtimmt ſeien, dem Zwingherrn von Japan im kommenden Frühjahre Menſchlichkeit und Duldung zu predigen Die Schilderung dieſes ſeemäniſchen Kreuzzuges dürfte ihrer Zeit einen wahrhaft magnetiſchen Köder für die heißhungrige deutſche Leſewelt abgeben.. Wir aber möchten da mit Altmeiſter Göthe ausrufen: weßhalb in die Ferne ſchweifen, ſeht, das Schlimmere liegt ſo nahe! Win meinen die unſäglichen Leiden, welche die chriſtliche Bevölkerung der ANN Zwangherrſchaft zu liefern verſuchte, dürfte daher beachtensſerth 1* Grey 4 Black a eue