— L Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 193 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr. Jf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 55 beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ☛ Arthur O'Leary; ſeine Fahrten und Erfahrungen in vielen Ländern herausgegeben von ſeinem Freunde Harry Lorreqnuer. Deutſch von Gottlob Fink. Erſtes bis fünftes Bändchen. —-— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Einleitende und erklärende Bemerkungen vom Herausgeber. Als wir uns vor einigen Jahren die Freiheit nahmen, in einem Bande unſerer ſogenannten„Be⸗ kenntniſſe“ den Gentleman, deſſen Name auf dem Titelblatte figurirt, unſeren Leſern bekannt zu machen, fügten wir eine kurze Notiz von ihm ſelbſt bei, worin die Abſicht ausgeſprochen wurde, einſt der Welt über ſein Leben und ſeine Meinungen weitere Aufſchlüſſe zu geben, unter dem Titel:„Arthur O Leary's Zeitvertreibe.“ Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß ſich unſer Freund durch die unbeſtimmten Mittheilungen und den undeutlichen Ausdruck, deſſen wir uns ihm ge⸗ genüber ſchuldig gemacht haben, zu dieſer Erklärung bewegen ließ, um die er ſich nach reiflicher Erwägung nicht mehr zu bekümmern für paſſend hielt. Denn von jener Stunde an bis auf die gegenwärtige hat nichts der Art verlautet, auch konnten wir trotz der ſorgfältigſten Nachforſchungen nicht herausbrin⸗ 8 gen, daß je ein Vorſchlag, etwas der Art zu ver⸗ öffentlichen, im Weſtend gemacht wurde, oder daß man in dem„Row“ davon hörte. Der würdige Reiſende iſt„neuen Weide⸗Plätzen“ nachgegangen, der Himmel weiß wohin, und trotz wiederholter kleiner Artikel in der zweiten Annon⸗ cen⸗Kolumne der„Times“, worin verſichert wurde: „Wenn Herr A. O' ſeine Freunde unterrichten wollte, auf welchem Wege ein Brief an ihn gelan⸗ gen könne, ſo ſolle Alles vergeben ſeyn,“ u. ſ. w. blieb das Geheimniß ſeines Aufenthaltes unenthüllt, ausgenommen die zufällige Erwähnung eines Rei⸗ ſenden, welcher eine Tour zur Entdeckung der nord⸗ weſtlichen Durchfahrt mitgemacht hatte und von einem Mr. OLeary erzählt, der bei einem großen rothnaſigen Wallfiſch⸗Diner in der Behringsſtraße etwa im Herbſt 1840 den Vorſitz geführt habe; und eine Anſpielung im zweiten Bande der Ent⸗ deckungen des Chevalier de Bertonville in Central⸗ Afrika auf einen„höchſt originellen Irländer,“ der bei dem Sohne und Erben des Königs Bullanul⸗ laboo im Chieckhow⸗Gebiete als Taufpathe fun⸗ girte. Daß einer von dieſen Individuen, oder eigent⸗ lich beide unſern verehrten Freund meinten, darüber hegten wir nicht den geringſten Zweifel; auch er⸗ regten ihre Mittheilungen nicht im mindeſten unſer Erſtaunen, unſtreitig weit weniger, als wenn wir gehört hätten, daß er ſich bei Hoby Stiefel oder bei Stultz einen Rock beſtellt habe. Inzwiſchen verſtrich die Zeit— Niemand konnte 9 wiſſen, ob Mr. O'Leary an dem Wallfiſch⸗Gerichte geſtorben, oder von ſeinem Pathen ſelbſt aufgefreſſen worden ſey, und wahrſcheinlich wäre ſein Name im Strom der Zeiten untergegangen, wären nicht ge⸗ wiſſe Buchhändler in entlegenen Gegenden zufällig auf die Ankündigung ſeines Buches geſtoßen, wor⸗ auf ihre Landbeſtellungen auf dieſe„Zeitvertreibe“ einliefen, über welche die Verleger ihre völlige Un⸗ wiſſenheit bekennen mußten. Nun war es eine trübſelige Zeit; kein Leben in der literariſchen Welt; ſtatt zu Büchern hatte man zu Zeitungen gegriffen; über dem Lande lag eine düſtere Niedergeſchlagenheit. Aus Indien ka⸗ men betrübende Neuigkeiten, aus China noch ſchlim⸗ mere; die Franzoſen waren unverſchämter als je 3 unter dem neuen Tarife ſanken die Preiſe; die „Ferkel“ ſenkten ihre Köpfe, die Repealers trugen die ihrigen hoch. Die einzigen intereſſanten Neuig⸗ keiten waren die Betrügereien mit Schweinefleiſch, das ſich als eingeſalzene Neger und als eingemachte Indianerweiber herausſtellte. Was ſollte geſchehen? Eine literariſche Spekulation in einem ſolchen Au⸗ genblicke war fehlerhaft; denn ob man gleich in einer Mäßigkeits⸗Zeit lebte, ſo gedieh doch nichts als der„Punſch“. Da wir nun„erwogen“, wie ſich Lord Broug⸗ ham ausdrücken würde, daß man dieſelben„Zeit⸗ vertreibe“ mehr als einmal verlangt hatte, und in dem Schreiben eines zahlungsfähigen Individuums eine wirkliche Beſtellung von zwei Exemplaren ent⸗ halten war, ſo ſahen wir keinen Grund, warum wir ſie nicht ſelbſt ſchreiben ſollten. Es konnte nicht gar ſchwierig ſeyn, ſich vorzuſtellen, was ein Mann gleich O' Leary in jeder gegebenen Lage ſa⸗ gen, denken oder thun würde. Die Eigenthüm⸗ lichkeiten ſeines Charakters konnten vielleicht das, was die Dramat ker„Situationen“ nennen, inter⸗ eſſant machen, und waren doch nicht von ſolcher Art, daß es eine ſchwierige Sache geweſen wäre, dieſelben zu zeichnen. Wir geſtehen, daß das Ding ziemlich nach Buch⸗ Macherei ſchmeckte. Aber was will das heißen? Wir erinnern uns, daß einſt bei einem Tumult in Dublin, wobei das Militair unter Gewehr tre⸗ ten mußte, eine Sch ldwache mit einem alten Weibe aus jener Klaſſe, auf welche die iriſche Hauptſtadt in Allem, was Straßen⸗Beredſamkeit und ſchnellen Witz betrifft, ein Privilegium zu haben pflegte, in Streit gerieth. Der Soldat wurde ſo gereizt, daß er endlich die Geduld verlor und mit einem Fluche erklärte, wenn ſie nicht wegginge, ſo würde er ihr das Bayonnet durch den Leib ſtoßen.„Oho, das dank' Euch der Teufel,“ verſetzte die Hexe,„iſt das nicht Euer Gewerbe?“ Theurer Leſer, mache nun die Anwendung und vergib uns unſere Autorſchaft auf Beſtellung. Auſſerdem, hatten wir nicht vor uns das Bei⸗ ſpiel des Alexandre Dumas in Frankreich, der ein Geſchäft daraus macht, die Welt durch gewiſſe „Reiſe⸗Erinnerungen“ zu amüſiren, während er doch ᷣ 11 die Reiſen nie, nicht einmal in der Phantaſte ge⸗ macht hat, und ſeine Erinnerungen nur die aus⸗ ſtaffirten Gerippe von den Wanderungen anderer Leute ſind, die er aufkauft, gerade wie es die Ju⸗ den mit alten Uniformen und Hofgewändern machen, um ſie nach den Kolonien zu exportiren. Während nun Tauſende von den Leſern des benannten Alerx⸗ andre auf ſeiner gefährlichen Reiſe durch die große Wüſte oder bei feinem ſchrecklichen Zuſammentreffen mit norwegiſchen Wölfen, mit ſeinen Leiden ſym⸗ pathiſiren, ahnen ſie nicht, daß ihr Held ganz ſicher in ſeinem eutré-sol in der Rue d'Alger wohnt und auf einem Stahl⸗Feder⸗Sopha der vollen Länge nach ausgeſtreckt liegt, mit einer feinen Manilla⸗ Cigarre im Munde und George Sand's neueſtem, gottloſem Werke halb aufgeſchnitten vor ſich auf dem Tiſche. Dieſe„Reiſe⸗Erinnerungen“ ſind wei⸗ ter nichts als die Abenteuer und Erlebniſſe der Herren John Doe und Richard Doe, von Alexan⸗ dre Dumas angeordnet und für den Geſchmack des Pu likums mit Witzen gewürzt, ungefähr wie man in wor leilen Wirthshäuſern Fleiſchbrühe und Ochſen⸗ ſchwarz. die armſeligſte Koſt, aufkauft, um die ſtärkſt⸗ gewürzten Speiſen daraus zu bereiten. Wenn wir daher Bedenklichkeiten hatten, ſo war hier ein Beiſpiel, womit wir uns beruhigen konnten— ein vollkommen ähnlicher Fall, wenig⸗ ſtens was die Rechtmäßigkeit des Verfahrens be⸗ trifft. Unglücklicher Weiſe aber hatte es damit ein Ende; denn ob es gleich für Herrn Dumas bei 12 der Vollkommenheit ſeiner Küche ſehr leicht ſeyn mag und in der That ſehr leicht iſt, das Gericht ſelbſt zu einem untergeordneten Theile zu machen, ſo zweifeln wir leider ſehr, ob eine Schüſſel voll „O'Leary“ eine annehmbare Mahlzeit iſt, weil ein Knochen von Harry Lorrequer auf ihrem Bo⸗ den liegt. Bei allen dieſen Für und Wider ſtarrte uns plötzlich unſere großſprecheriſche Prahlerei, das frag⸗ liche Werk zu ſchreiben, in's Geſicht, worüber wir in der That ebenſoviel Schaam fühlten, als man vernünftiger Weiſe von einem Manne annehmen kann, deſſen Geſicht in den Straßen feilgeboten und Stück für Stück für einen Schilling verkauft wird. Was war zu thun? Da war auch das Publikum; und freilich dachten wir wie Tony Lumpkyn, wir könnten die Geſellſchaft in den„Drei ſchönen Tauben“ betrügen— aber konnten wir uns ſelbſt betrügen?. Ach, es gab einige vortreffliche Gründe gegen ein ſolches Beginnen, und ſo, geehrter Leſer, hat⸗ ten wir, welche Freiheiten wir uns auch gegen Dich erlauben konnten, uns näher zu Hauſe umzuſehen und mehr an uns ſelbſt zu denken. Am Ende — und welch ein herrlicher Beweisgrund vor der Jury unſeres Gewiſſens iſt ein ſolches„am Ende!“ — welche vollſtändige Nachſicht gegen alle unſere Begehungs⸗ und Unterlaſſungs⸗Sünden— welch' eine Beſchwichtigung jeder Selbſtanklage und weich' eine Salbe für die tiefſten Schmerzen des Herzens! 13 — am Ende wußten wir ziemlich viel von O Learh, von ſeinem Leben und ſeinen Meinungen, ſeinen Sitten und Neigungen, ſeinen Vorurtheilen, Ver⸗ gnügungen und Liebhabereien: und ob wir gleich nicht der Boswell dieſes Johnſon ſind, ſo hatten wir doch hinlängliche Kenntniß von ihm, um ein Buch über ihn ſchreiben zu können; und wir ſahen keinen Grund, warum wir nicht ſeinen Mantel oder vielmehr ſeinen Makintoſh anziehen ſollten, wenn uns das Wetter dazu nöthigte. Nachdem wir auf ſolche Art unſere Bedenklich⸗ keiten einigermaßen beſchwichtigt hatten, beruhigten wir unſer Gewiſſen durch den Entſchluß auch wenn wir nicht im Stande wären, die wirklichen res gestae Mr. O Leary's zu erzählen, doch nichts niederzuſchreiben, was nicht eines ſeiner Abenteuer hätte ſeyn können, und ihm kein Wort in den Mund zu legen, was er nicht hätte äußern kön⸗ nen; ſo daß, im Fall das Buch jemals unter die Augen des geehrten Gentlemans ſelbſt käme, eine bedeutende Myſtifikation obſchweben würde, ob er nicht genau ſo geſprochen, gedacht und gehandelt hätte, wie wir ihn darſtellten, und daß er ſelbſt ſtarken Zweifel hegen müßte, ob er nicht wirklich ſelbſt der Autor wäre. Auf die Redlichkeit dieſer unſerer Abſichten wünſchen wir ganz beſonderes Gewicht gelegt zu wiſſen, um ſo mehr, da ſpätere Ereigniſſe der Aus⸗ führung derſelben Eintrag gethan haben; und wir können der Welt nur perſichern, was wir gethan haben würden, wenn es uns geſtattet geweſen waͤre. Im Vorübergehen laßt uns hier die Bemerkung machen, daß wir, wenn ſich andere literariſche Cha⸗ raktere von ebenſo redlichen Abſichten hätten leiten laſſen, mit jenen höchſt abgeſchmackten Reden ver⸗ ſchont geblieben wären, welche Salluſt ſeinen Per⸗ ſonen in der Verſchwörung Catilina's in den Mund legt; ſowie denn auch ein anderer Geſch ichtſchreiber mit noch größerer Frechheit Reden anführt, die der Prinz von Oranien in verſchiedenen Epochen der letzten belgiſchen Revolution hätte halten ſollen. Mit ſolchen Hoffnungen und Ausſichten alſo machten wir uns an das geheimnißvolle Werk be⸗ ſagter„Zeitvertreibe“, und betrachteten mit einem Vergnügen, das nur Männer von der Feder wür⸗ digen können, den dicken Stoß Manuſkript, der vor unſern Augen anwuchs, während unſer Geiſt bereits ganz in das Werk vertieft war; und moch⸗ ten wir nun unſere Puppen nach dem langſamen Schritt einer Menuette in Bewegung ſetzen, oder Knall und Fall, drunter und drüber, kreuz und quer ſie herumpoltern laſſen, wobei uns die Kritiker gewöhnlich mit Nachſicht behandeln, ſo fühlten wir, daß ſich unſer Fuß genau nach dem Takt bewegte, und daß wir uns an der Aufführung wirklich zu beluſtigen begannen. So ſtanden die Sachen, als uns an einem Dezember⸗Morgen in der Frühe die Poſt einen ominös ausſehenden Brief brachte, der beim erſten Blick auf das Aeußere unſere Seelen mit Furcht 15 und Beſorgniß erfüllte. Wenn es Leute gibt, auf deren Geſichtern, wie Pitt bemerkte, die Nieder⸗ trächtigkeit ſo deutlich geſchrieben ſteht, daß es eine Sünde wäre, nicht daran zu glauben, ſo gibt es auch gewiſſe Briefe, deren Geſtalt und Farbe, Zuſammenlegung, Siegel und Auſfſchrift etwas Düſteres und Drohendes, etwas Beängſtigendes und Unheilvolles an ſich haben. Der neu ange⸗ kommene gehörte unter dieſe: das Papier war ein grünliches, krankhaftes Weiß, eine Art ſchlecht ver⸗ dauendes Propatria; die Mühle ſelbſt, worin es fabrizirt wurde, hatte vielleicht das kalte Fieber. Das Siegel war von Flaſchenwachs, das Pitſchaft ein ſchrerer Daume. Die Adreſſe lautete:„An H. L.“ Die Schrift glich einem ländlichen Pfahl⸗ zaune, ſeltſam untereinander verwirrt und verknorrt, durch die dick aufgetragene Dinte unmäßig verfin⸗ ſtert, ſo daß das Ganze ungefähr ausſah, wie der Verſuch eines Kindes, mit einem plumpen Stecken eine Reihe von Klöppeln und Motten zu zeichnen; aber was unſere Seele am meiſten in Schrecken ſetzte, das waren die in den Winkel gekratzten, kaum leſerlichen Worte:„Arthur OLeary.“ Wie! war er wirklich den Gefahren des Thra⸗ nes und der ſchwarzen Männer entgangen? war er lebendig und zurückgekommen, um uns in delicto zu ergreifen— mitten in der Arbeit, ihn heraus⸗ zugeben, unſerer erſchöpften Kaſſe auf ſeine Koſten wieder aufzuhelfen, und auf ſeinen Kredit hin un⸗ ſere leiren Koffer zu füllen? Unſer Verdacht war ——́—yÿ:— 16 nur allzu gegründet. Wir erbrachen das Siegel und buchſtabirten, wie folgt:. „Sir— ein neulich in dieſe Gegend ge⸗ kommener Reiſender bringt mir die Nachricht, daß von Ihnen ein Werk angekündigt iſt, wel⸗ ches unter dem Titel„Arthur O Leary's Zeit⸗ vertreibe“ erſcheinen und ſeine Meinungen, An⸗ ſichten, Träume, ſowie auch ſein Benehmen wäh⸗ rend mehrerer Jahre ſeines Lebens und in ver⸗ ſchiedenen Ländern enthalten ſoll. Nun muß ich dieß auf mich beziehen, und ich möchte gerne wiſſen, was Jemand ſein Eigenthum nennen 3 kann, wenn es nicht ſeine Abenteuer ſind? Sind ſeine Erlebniſſe, ſeine„Begebenheiten,“ wie die Deutſchen es nennen, nicht ebenſo gut ſein Ei⸗ * genthum, als ſein— was foll ich ſagen?— ſein Flanell⸗Wamms oder ſeine Tabackspfeife? „Wenn ich manche Jahre und manche Pfund (Tabak) dazu verwendet habe, fremde Länder zu erforſchen, habe ich es gethan, damit Sie den Vortheil davon ernten? Wenn ich wanderte, rauchte, lachte und fett wurde von Drollhätta bis nach Teheran, geſchah es, damit Sie den Nutzen davon haben ſollen? Will man mich in lächerlichen Situationen und närriſchen Aben⸗ teuern mit ‚Illuſtrationen von Phiz“ darſtellen, weil ich zufälliger Weiſe fett bin und gernein der Welt herumſtreiche? oder wollten Sie nur meinen Namen ſtehlen, ſo daß Arthur O'Learhy, wo er nur immer in Geſellſchaft erſcheinen mag, ———— 6 17 einen Typus von Lächerlichkeit abgeben ſoll? oder, was noch ſchlimmer iſt, war es ein Ver⸗ ſuch, Geld von mir zu erpreſſen, worüber Sie, wie ich höre, ſchon einmal vor Gericht geſtan⸗ den ſind, indem Sie für einen Ihrer Helden den Namen eines der achtbarſten Gentlemen miß⸗ brauchten? Welches von dieſen Verbrechen wol⸗ len Sie eingeſtehen? „Was fuͤr einen Plan Sie auch hegen mö⸗ gen, hier iſt der meinige: Ich habe meinem Anwalt Inſtruktionen gegeben, vom Kanzler einen Befehl auszuwirken, wodurch Ihnen und jedem Andern die Veröffentlichung dieſer ‚Zeit⸗ vertreibe' unterſagt wird. Ja, ein Befehl vom Gerichtshof wird dieſer höchſt unverantwortlichen Verletzung von Privatrechten bald ein Ende machen. Wir wollen alſo ſehen, ob Sie ſich erdreiſten werden, auf Ihrem ſchändlichen Vor⸗ haben zu beharren. „Der Schwanen⸗Fluß für Sie, und der Stock für Ihren Verleger möchten vielleicht Euern literariſchen und verlagluſtigen Eifer et⸗ was mäßigen— he! Maſter Harry! Oder haben Sie im Sinne, Ihre eigenen Abenteuer jenſeits des Meeres dem Buche beizufügen, und alsdann vielleicht aus Ihren„Bekenntniſſen eines Verbrechers“ etwas zu machen? Ich muß ab⸗ brechen: in meinem Aerger dieſe halbe Stunde hindurch habe ich allen Rauch meines Meer⸗ Lever, O'Leary. I. 2 18 ſchaums verſchluckt; und nun geht es mit mir um und um, als näre ich ein Bratenwender. Ein für allemal— halten Sie inne! widerru⸗ fen Sie Ihre Ankündigung, verbrennen Sie Ihr Manuſkript, werfen Sie ſich in unterwürfiger Demuth mir zu Füßen, und mit einigen Seuf⸗ zern und zwei Pfund Tabak(zu haben Nr. 8, Franzis⸗Street, zwei Thüren von der Gaſſe), können Sie ſich glücklich preiſen, wenn Ihnen verzeiht Ihr aufgebrachter Arthur OLeaxry.“ „Wenn Sie Reue fühlen ſo richten Sie eine Zeile an mich hieher, wo die liebliche Landſchaft und Geſellſchaft mich ſtark an Sibirien erinnern— Edenderry, im„Schwein⸗ und Pott⸗Hacken.“ Nachdem wir diefen Brief wieder und wieder geleſen und den andern vorgelegt hatten, deren In⸗ tereſſen gleich unſern eigenen tief dabei berührt wa⸗ ren, ſo waren wir wirklich eine Zeit lang in gänz⸗ licher Verlegenheit. Einige oder alle die Abſichten, die urs in Mr. O Leary's Brief zugeſchrieben waren, zu läugnen, hätte zu gar nichts geholfen, ſo lange wir an unſerm Vorſatze hielten, unter ſeinem Namen etwas zu veröffentlichen. Nutzlos war es, ihn zu verſichern, daß unſere„Zeitvertreibe Arthur O Leary's“ nicht die ſeinigen— daß unſer Held nicht er ſey. Wenig hätten wir erreicht durch die Beha„ytung, unſer Alter Ego ſey der Held ei⸗ nes Buch es des Pfründners von Lichfield, und 19 „Charles Lever“ ſey der Welt als Sozialiſt geſchildert. Um all dieß kümmerte er ſich nicht; kenax propo- siti hätte er auf keine Erklärung gehört— unbe⸗ dingte, vollſtändige, chineſiſche Unterwerfung war alles worauf er ſich einließ, und hicrein ſollten wir uns fügen. Dennoch, wie lächerlich war die Ge⸗ walt, die er ſich anmaßte! Was kam häufiger vor, als Lebensbeſchreibungen ausgezeichneter Maͤnner, ſogar vor ihrem Tode, und wer härte je von einem Menſchen, der gegen ſeinen Biographen, außer we⸗ gen Läſterung, den Beiſtand der Geſetze ſuchte? „Wart' nur, Arthur,“ ſagten wir zu uns ſelbſtk „dieſe Drohung erſchreckt uns nicht. Hier beginnen wir das vierzehnte Kapitel— 4 Gerade in dieſem Augenblick richteten wir un⸗ ſere Augen unwillkürlich auf den Haufen Manuſkript an unſerem Ellbogen, und konnten nicht umhin, die philoſophiſche Ruhe zu bewundern, womit er uns anrieth, die Frucht unſerer Arbeit den Flam⸗ men zu überliefern. Indeſſen war es klar, daß Mr. O Leary's Brief kein brutum fulmen, ſondern ein ganz achtbarer, ſenkrechter Donnerkeil war; und daß wir in der That bald da ſeyn ſollten, wo ein Aufenthalt, wie intereſſant er auch vielleicht eine junge Dame macht, für einen ältlichen Herrn kei⸗ neswegs anſtändig iſt, nämlich— auf der Kanzlei. „Was iſt zu thun?“ war die Frage, die wir wie einen Federball einander zuwarfen.„Wir haben's,“ ſagten wit.„Wir brechen ſogleich nach 2* Edenderry auf und nehmen dies mit uns,“ auf das Manuſkript deutend.„Wir ſtellen O'Leary vor, wie nahe der Unſterblichkeit er war und noch immer ſeyn kann, wenn er nicht auf ſeinem Eigen⸗ ſinn beharrt. Wir leſen ihm etwas von unſern drolligen und einige Bruchſtücke aus unſern pathe⸗ tiſchen Stellen vor. Wir zeigen ihm, wie der „unſterbliche George' eigentlich ihn darſtellt. Mit Einem Worte, wir bezaubern ihn mit der blenden⸗ den Höhe, auf die wir ihn zu erheben gedenken; und vor Ende des Abends werden wir ſeine aus⸗ drückliche Erlaubniß erhalten, mit ihm zu verfahren, wie wir es ſchon mit angeſehenern Leuten gemacht haben, und— ihn zu drucken. Unſer Entſchluß war gefaßt, und nun war keine Zeit zu verlieren. Wir ſtiegen in das große Ka⸗ nalboot nach Edenderry, hüllten uns in unſere Tu⸗ gend und in ein anderes dünnes Gewand, welches man Zephir nennt, und begannen unſere Reiſe. Gerne hätten wir, wäre es bei unſerm Zwecke uns möglich geweſen, einige kurze Bemerkungen über unſere eigenen„Zeitvertreibe“ aufgeſchrieben, aber ſtets ſtand vor uns das Ziel unſerer Reiſe, wie das unſerer Gedanken, und ſo verkrachten wir den Tag, indem wir uns die verſchiedenen Arten und Wege ausſannen, wie der Feind mit der größ⸗ ten Hoffnung auf Erfolg anzugreifen ſey. Sey es, daß die Geſellſchaft an und für ſich nichts Merk⸗ würdiges darbot, oder daß wir in unſere eigene Gedanken zu ſehr vertieft waren, um es zu bemer⸗ * 21 ken, kurz, wir wurden dahingeſchleppt, ohne zu wiſſen, daß wir nicht gänzlich allein waren, und zwar einige zwanzig Meilen weit. Endlich wurde jedoch die Kajüte unerträglich heiß. Ungefähr vier⸗ undzwanzig Seelen waren in einen Raum von zehn Fuß in der Läͤnge und drei in der Breite einge⸗ ſperrt; die Menſchlichkeit der Geſellſchafts⸗Direktoren hatte jedoch die Güte gehabt, die Zahl auf acht⸗ undvierzig zu beſchränken, eine Menge, die, wenn ſie lebendig war, kein menſchlicher Scharfſinn hin⸗ einzupacken vermochte. Die Mehrheit der Reiſen⸗ den waren Leute, die man aus Höflichkeit„Schmal⸗ Pächter“ nennt, nämlich Individuen, die achtzehn bis ſechsundzwanzig Stein*) wogen; Prieſter mit Rücken gleich dem Giebel einer Kapelle, und ein Gemiſche von ältlichen Ladys aus den Sumpf⸗ Städten längs des Geſtades, welche in ihren Ver⸗ hältniſſen die größte Aehnlichkeit mit Torf⸗Haufen hatten. Wir bemühten uns, die Thüre zu erreichen, und als uns dies endlich gelungen war, fanden wir zu unſerm Leidweſen, daß es tüchtig regnete. Demungeachtet blieben wir außen, ſo lange wir aushalten konnten, da die drückende Hitze inwendig weit unerträglicher war, als ſogar der Regen. Endlich jedoch, da wir durch und durch naß waren und froren, drückten wir uns in einen engen Win⸗ kel neben der Thüre und ſetzten uns nieder. Aber * Stein ein Gewicht von acht bis ſechzehn Piund 4 welche Veraͤnderung hatte unſere leidige Anweſen⸗ heit hervorgerufen. Wir verließen unſere Reiſege⸗ fährten, eine lärmende, muntere, halb tumultuari⸗ ſche Geſellſchaft, die über die Märkte ſich ſtritt, Sir Robert ausſchalt, über die Armenſteuer ſchimpfte, und verſchiedene Gegenſtände auswärtiger und in⸗ nerer Politik beſprach, vom Schah Schujah bis zu den neumodiſchen Pflügen herab. Ein ſchmutzi⸗ ges Kartenſpiel nebſt Punſch erhöhte die Bezau⸗ berung, worin ſie ſich die langweiligen Stunden verkürzten; aber jetzt ſaß die Geſellſchaft in feier⸗ lichem Schweigen da. Die Ladies ſahen gerade vor ſich hin, ohne eine Musk.! von ihren Geſichtern zu verziehen; die Pächter hatten die Krägen ihrer Friesröcke aufgeſchlagen und ihre Hände in die Aermel geſteckt, ſo daß ſie gänzlich unſichtbar wa⸗ ren; und die ehrwürdigen Väter machten finſtere, gefährliche Geſichter, ſprachen nur in einſilbigen Wörtern, ſchlürften nicht mehr mit Behaglichkeit ihren Branntwein, ſondern zogen von Zeit zu Zeit die Glocken und beſtellten„ein anderes Getränke,“ ein ſeltſames, rauchendes Gemiſche, das für unſere unver⸗Mathew⸗ten Sinne einen verdächtigen Ge⸗ ruch nach Whiskey hatte. — Es war finſtere Nacht, als wir Schwein⸗ und Pot⸗Hacken das Hotel, aus welchem Mr. O'Leary uns geſchrieben hatte, erreichten; und obgleich noch nicht acht Uhr, ſo verrieth doch kein Lichtſchimmer und keine Regung, daß die Familie noch auf war. Nach kurzem Verzuge kam auf unſern Ruf ein 23 barfüßiges Mädchen, das auf unſere Frage, ob nicht Mr. O'Leary hier wohne, ohne weiteres Bedenken eine kleine Thüre Uinks öffnete und uns Seiner Durchlaucht leibhaftig vorſtellte. Unſer vielgereister Freund ſaß more suo da, ſeine Beine auf zwei Stühle gelegt, während ſein Oberleib einen dritten einnahm; ſeine Perücke lag auf dem Arme dieſes letztern; eine höchſt impoſante Kanne mit einer darin ſchwimmenden Schnitte rauchte auf dem Tiſche, und eine reiche Sammlung von Pfeifen aller Art vom gewaltigſten Kloben bis herab zur beſcheidenen Holländerin hing rings herum an den Wänden. „Ha!“ rief er, als wir die Thüre hinter uns ſchloſſen und auf ihn zugingen,„alſo bereuen Sies. Nun, Hal, ich vergebe Ihnen. Es war freilich ein niederträchtiger Streich; aber ich denke nicht mehr daran. Da, nehmen Sie einen Schluck aus der Kanne und erzählen Sie uns, was es Neues in Dublin gibt.“ Es iſt nicht unſere Abſicht, theurer Leſer, uns gegen Dich dieſelbe Myſtifikation zu erlauben, wie gegen unſern Freund Mr. O'Leary— oder mit andern Worten, zu Deiner Erbauung, wie zu der ſeinigen, alle die Creigniſſe und Umſtände zu Verffn⸗ den, welche den vergangenen Monat in Dublin hätten ſtattfinden können, aber nicht ſtattgefunden haben. Es iſt genug, wenn wir ſagen, daß um elf Uhr Mr. O'Leary im ſiebenten Himmel ver⸗ 24 gnügter Unterhaltung und an der neunten Flaſche Wermuth⸗Bier war. „Oeffnen Sie's— laſſen Sie mich's ſehen. Vorwärts, Hal, machen Sie auf,“ ſagte er, indem er mit dem Fuße an unſern Nachtſack ſtieß, der unſer Manuſkript enthielt. Wir ſchloſſen auf und nahmen unſere Papiere vor ihm heraus. Seine Augen funkelten, als die ſchweren Schichten über⸗ einander auf den Tiſch fielen, ſein Mund zuckte mit einer Bewegung krampfhafter Freude.„Ziehen Sie die Glocke, mein Lieber,“ ſprach er;„der Strick iſt neben Ihnen. Schicke den Hausherrn, Mary,“ fuhr er fort, als das Mädchen eintrat. Peter Mahoon machte bald ſeine Aufwartung, ganz betroffen, daß er aus ſeinem Bett gerufen wurde; ſeine Toilette bezeugte mehr Eile als Stuützerthum. „Iſt das Haus verſichert, Peter?“ fragte Mr. O Leary. „Nein, Sir,“ verſetzte er, indem er ſich ängſt⸗ lich im Zimmer umſah und mit ſeiner Naſe ſchnüf⸗ felte, ob er vielleicht Feuer riechen könne. „Was ſind die Gebäude werth, Peter?“ „Es thut mir leid, Sir, aber ich weiß es nicht recht. Vielleicht hundertundfünfzig, oder auch zwei⸗ hundert Pfund könnte man dafür löſen.“ „Ganz gut,“ fiel OLeary raſch ein, ergriff mit beiden Händen mein Manuſkript und ſchleuderte es in das flammende Torffeuer; darauf ergriff er das Schüreiſen, ſtand Wache davor und rief aus— 28 „rühren Sie's nur an, und beim Bart des Pro⸗ pheten, ich ſchlage Ihnen das Gehirn ein. Nun, da geht es flammend das Kamin hinauf. Sehen Sie nur, wie es hinauf fliegt! mir iſt es nie in den Sinn gekommen, ähnliche Reiſen zu machen. He, Hal! Ihr Werk iſt etwas glänzendes, nicht wahr?— und ſo hoch gen Himmel erhoben, als ob Sie jeden Zeitungsverleger im Königreich unter⸗ hielten? und ſehen Sie,“ rief er, mit dem Fuße gegen die Flamme ſtoßend,„die ganze Ausgabe iſt ſchon abgegangen. Um keinen Preis mehr kann man noch ein Exemplar haben.“ Wir warfen nns in unſern Stuhl zurück und bedeckten unſer Geſicht mit den Händen. Die Ar⸗ beit mancher langen Nacht, mancher glänzenden Stunde bei Sonnenſchein und Windesbrauſen war für uns auf immer verloren, und man darf uns verzeihen, wenn wir tief bekümmert waren. „Munter, alter Kerl,“ ſagte er, als das letzte Flackern des brennenden Papieres erloſch.„Sie wiſſen, das Ding war ſchlecht; es konnte nicht an⸗ ders ſeyn. Der verdammte, Ihnen eigenthümliche flüchtige OQueckſilber⸗Styl iſt für ein Werk von wirklichem Verdienſte ſo wenig geeignet, als ein Strohwiſch für einen Leuchtthurm. Noch einen Krug, Peter— bringen Sie gleich zwei. Die Wahrheit zu ſagen, Hal, ich war nicht ſo aufge⸗ bracht über die Veröffentlichung meines Lebens, als über das hölliſche Gericht, das Sie daraus gemacht haben. Sie haben keinen Pathos, keine Zartheit — keine Spur davon.“ „Nun, nun,“ verſetzten wir:„es iſt genug, daß unſer Manuſkript verbrannt iſt; aber in der That, den Kritiker in einer ſolchen Weiſe zu ſpielen—“ „Dann,“ fuhr er fort,„all' das verwünſchte, unſinnige Zeug, womit Sie die Prieſter lächerlich machen wollen— der Herr ſegne Sie, mein Theu⸗ rer! ſie haben mehr Witz, dieſe Kerle, als Sie und ein ganzes Duzend Ihrer Gattung. Da iſt ein Pater Dolan hier, der könnte Ihnen zwei Ge⸗ ſchichten für Ihre eine erzählen; ja, und beſſere, als Sie je erzählt haben.“ „Wir haben wirklich keine Luſt, mit Ihrem Freund in die Schranken zu treten.“ „Um ſo beſſer— Sie würden doch nur zu kurz komnen; und was die Kenntniß der Charak⸗ tere betrifft, ſehen Sie, da könnte Sie Peter Ma⸗ hoon über die menſchliche Natur unterrichten; und wenn es mir ſelbſt beliebte, im Druck zu erſchei⸗ nen—— 4 „Ei,“ ſagten wir, in lautes Gelächter aus⸗ brechend,„das wäre gewiß amüſant.“ „Allerdings, mögen Sie nun ſcherzen oder nicht. In dieſer Kiſte da liegen die Materialen zu einem ſo trefflichen Werke, als ſeit den Reiſen Sir John Carr's je erſchienen; und der Styl iſt eine glück⸗ liche Miſchung von Goldſmith und Jean Paul— einfach, aber aphoriſtiſch— tief und anmuthig— funkelnd gleich der Kanne vor mir, aber ſtechend 27 und ſcharf in ſeiner Bitterkeit. Reichen Sie mir dieſe eichene Kiſte her, Hal. Welches iſt der Schlüſ⸗ ſel dazu? um dieſe Stunde werden mir immer die Augen ſchwach— ha, hier iſt er— ſehen Sie da!“ Wir gehorchten dem Befeyle, und in der That war unſer Staunen groß, obgleich vielleicht nicht aus dem Grunde, welchen Mr. O Leary gewünſcht hätte; denn ſtatt eines nur einigermaßen grordneten Manuſkriptes erblickten wir eine Maſſe von kleinen Papierſchnitz ln, Bruchſtücke von Briefen, Zeitun⸗ gen, Magazinen, Flugblätter aus Bächern, alte Drucke u. ſ. w., alles auf die unſauberſte Art be⸗ kritzelt; aber aus den daran gehefteten Nummern ſah man, daß es irgend eine zuſammenhängende Erzählung bilden ſollte. „Was iſt das alles 2 fragten wir. „Das,“ verſetzte er,„ſind wirklich ‚Die Zeit⸗ vertreibe Arthur Orarys, hören Sie an. Hier iſt ein Stück à la Goldſmith für Sie.“ „„ Ich war geboren von armen, aber achtbaren Eltern in der Grafſchaft——e Worüber lachen Sie? vielleicht, weil ich nicht anfing— ‚es ging gerade die Sonne unter am 25. Juni im Jahre 1763, als man zwei Reiſende ſah,“ u. ſ. w. u. ſ. w. 2 He? Das iſt Ihre Manier, nicht die meinige. Ein Burſche aus London ſagte mir, meine Papiere ſeyen fünfhundert Pfund werth. S hen Sie, das nenne ich doch etwas. Jetzt will ich zum Row⸗ übergehen.“ „Halten Sie ein wenig. Hier ſcheint etwas Merkwürdiges über den König von Holland zu ſtehen.“ „Halt, das dürfen Sie nicht lefen. Nein, nein, das geht nicht an— nein, Hal; nur keinen Dieb⸗ ſtahl. Aber am Ende bin ich doch ein wenig raſch mit Ihnen verfahren. Vielleicht hätte ich das Ding nicht verbrennen ſollen; Sie wußten nicht, daß es ſchlecht war.“ „Ha! wie?“ „Ei, ich ſage, Sie ſahen wahrſcheinlich nicht ein, wie abgeſchmackt es war; alſo Ihre Geſund⸗ heit, Hal: entweder iſt etwas in dieſe Kanne ge⸗ than worden, oder es iſt eine ſeltſame Veränderung mit meinen Gefühlen vorgegangen. Harry Lorre⸗ quer, ich will Ihr Glück machen, oder vielmehr das Ihres Sohnes, denn Sie ſind eine verſchwen⸗ deriſche Creatur, und vergeuden Ihr Geld doch nur ſo ſchnell, als Sie es einnehmen; aber die unauf⸗ hörliche Nachfrage nach neuen Auflagen wird ihn ſein ganzes Leben lang bei Kaſſe erhalten. Ich will Ihnen dieſe Kiſte nebſt ihrem ganzen Inhalte geben; ja, ich wiederhole es, ſie gehört Ihnen. Ich ſehe, Sie ſind überwältigt; da, nehmen Sie einen Schluck aus der Kanne und es wird Ihnen bald beſſer werden. Sie werden darin— vielleicht ein wenig unregelmäßig und nachläßig geſchrieben— die Summe meiner Erfahrung und Lebenskenntniß finden— meine ganze Korreſpondenz, alle Bemer⸗ kungen, die ich für mich ſelbſt gemacht habe, meine & 29 Anſichten über Literatur, ſchöne Künſte, Politik und über das Drama.“ Aber wir wollen unſerm Freunde nicht folgen in die erhabenen Reiche des Fluges ſeiner Phan⸗ taſte; denn offenbar war die Kanue und der Tabak allein verantwortlich für ſeine großartigen Prahle⸗ reien mit ſeinem Produkte. Deutlicher geſagt, Mr. O Leary war benebelt, und das einzige, was man von ſeinem Gerede verſtehen konnte, war die Ver⸗ ſicherung, daß ſeine Papiere gänzlich zu unſern Dienſten ſtünden, und daß er, da er in etwa drei Wochen in Afrika zu ſeyn hoffe, wo er verſprochen habe, mit Abd⸗el⸗Kader das Weihnachtsfeſt zuzu⸗ bringen, uns als ſeinen einzigen literariſchen Teſta⸗ mentsvollſtrecker zurücklaſſe, mit der Vollmacht, ihn in jeder uns beliebigen Geſtalt herauszugeben, ſo daß wir nach Wunſch ſein Werk beſchneiden und ſogar neues hinzufügen und unterſchieben dürften. Dies waren ſeine letzten Ordres, und nachdem er ſie gegeben hatte, füllte er nochmal ſeine Pfeife, ſchloß ſeine Augen, ſtreckte ſeine Beine aus, ſo lang ſie waren, und ob er gleich fortfuhr, in langen Zwiſchenräumen aus den Winkeln ſeines Mundes blaue Rauchwolken hervorzuwirbeln, ſo war er doch offenbar in das Land der Träume verloren. Zwei Stunden nachher waren wir wieder unterwegs nach Dublin und nahmen die eichene Kiſte mit, die wir jedoch(wir ſind es uns ſelbſt ſchuldig, dies zu ſa⸗ gen) als einen traurigen Erſatz für unſer eigenes, ſorgfältig geſchriebenes Manuſkript anſahen. Als 30 wir nach Hauſe kamen, war unſere erſte Sorge, dieſe Papiere zu unterſuch en, um zu ſehen, ob etwas Leſenswerthes daraus gemacht werden könne; un⸗ glücklicher Weiſe jedoch beſtand die Hauptmaſſe aus kurzen Notizen, wo angemeldet war, wie viele Mei⸗ len in einem Tage Mr. O'Leary im November 1803 gegangen ſey, und wie er mit einer liebens⸗ würdigen Beduinen⸗Familie, die gerade in der Wüſte eine Karavane ausg plündert, Kameelmilch ſonpirt habe. Seine Korreſpondenz war größtentheils eine ärgerliche mit Waſchweibern und Gaſtwirthen, ent⸗ hilt indeſſen auch einige ſeltſame hieroglyphiſche Antworten auf Cinladungen von gewſſen hochge⸗ ſtellten Leuten auf den Sandwich⸗Inſeln. Gelegen⸗ heitlich jedoch ſtießen wir auf kleine Bruchſtücke von Erzählungen und Geſchichten, die zum Theil voön ſeinen Reiſegefährten beigeſteuert worden, und auf kurze intereſſante Slizzen von Gegenden und Völkern; aber alles war ſo zerriſſen, abgebrochen und zuſammenhangslos, daß es faſt unmöglich war, eine Ordnung, vielweniger ein gleichartiges Intereſſe hineinzubringen. Alles was wir thun konnten, beſtand darin, aus dem Ganzen gewiſſe Theile auszuwählen, die wegen ihrer Länge mehr Sorgfalt verſprachen, als die bloßen Bruchſtücke, von welchen ſie umgeben waren, und dieſelben unſern Leſern darzubicten nebſt dieſer kurzen Mittheilung über die Art, wie wir dazu gekommen ſind— unfere einzige Entſchuldi⸗ gung für eine höchſt unregelmäßige und beiſpielloſe 31 Freiheit in der Literatur Mit dieſer Rechtfertigung über die Unvollſtändigkeit und Abgebrochenheit der „Papiere O Leary's“— die wir zum Glück nach der Abreiſe unſeres Freundes Arthur im Stande waren, nach eigenem Belieben zuſammenzuſtellen— übergeben wir ſie unſern Leſern mit dem einzigen Zuſatze, daß Jeder, der ſich ven der Aechtheit des Manufkripts zu überzeugen wünſcht, daſſelbe bei unfern Verlegern einſehen kann; während wir für alle darin vorkommenden Thorheiten, Fehſer und Ungenauigkeiten unſere Unverantwortlichkeit behaup⸗ ten möchten, und dagegen bitten, jede Gunſt, welche die Welt dem Werke bezeugen mag, auf den wirk⸗ lichen Verfaſſer überzutragen. Mit dieſer letzten Verſicherung möchten wir verbleiben Ihr ſtets ge⸗ horſamer und ergebener Diener Harry Lorrequer. Erſtes Kapitel. Der„Attwood.“ Der alte Woodcock ſagt, wenn ihn die Vorſehung nicht zu einem Friedensrichter gemacht hätte, ſo wäre er ein Vagabund geworden. Eine ſolche gütige Einmiſchung hätte in meinem Falle nichts genützt. Ich war ein Va⸗ gabund von der Wiege an. Nie konnte man mich, wie der Towertreppe?“ „ Ja, Sir; es ſtehen zwei Dampfer dort, nach Rot⸗ terdam und Hamburg.“ „Welcher geht zuerſt? „Ei, ich denke der Attwood, Sir.“ „Gut, bring ihn alſo an Bord des Attwood. Wo⸗ hin geht er?“ „Nach Rotterdam.—— Ein närriſcher Kauz,“ murmelte der Kerl zwiſchen ſeinen Zäͤhnen, als er aus dem Zimmer ging, ver ſcheint ſich gar nicht darum zu bekümmern, wohin er geht.“ Eine Kapitallehre für das Leben bieten die wenigen Augenblicke dar, welche der Abreiſe aus einer Herberge Lever, O Leaxy. 1.. 3 34 vorangehen. Den mürriſchen Kellner, der immer ſo oft er das Zimmer verließ,„zu dienen“ ſagte und doch nicht bediente, ſieht man jetzt lächeln und ſchmunzeln; der Gaſtwirth drückt die Hoffnung aus, uns bald wieder zu ſehen, während er unſere, über die unmäßige Rechnung zuſammengezogenen, Augenbraunen beobachtet; der Stie⸗ felwichſer ſieht aufmerkſam von unſern Füßen in unſer Geſicht und von da wieder auf die Füße; die Hausmagd geht ein Duzendmal hin und her mit einem halb frechen, halb ſcheuem Blick; des Gaſtwirths Sohn, eine zwei Fuß hohe Mißgeburt, ſo zu ſagen der erſte Familienſe⸗ kretär, ſitzt auf einem hohen Stuhle hinter dem Schenk⸗ tiſch und entdeckt immer noch etwas, was wir gehabt haben und was nicht auf die Rechnung geſetzt wurde— zwei Schilling für drei Nößel, oder für einen Brannt⸗ wein mit Waſſer; verwünſcht ſeien ſie alle; dieſe Kopf⸗ ſteuer auf Reiſende iſt ihr wahres Verderben; unſere Rechnung, verglichen mit ihren Anhängſeln iſt wie Falſtaffs Pfennigbrod verglichen mit ſeinen Ausgaben für Seckt. 4 Nun da bin ich endlich.„He da! Achtung! ihr fahrt ſonſt auf. Abgeſtoßen, Bill! Ruder ins Schiff!“ Platſch, platſch.„Munter ans Werk, welchen Lärm ſie ma⸗ chen!“ Klapp, krach, pumps, welch ein Gedränge von Menſchen in Lootſen, Wamſen und Kappen; Weiber in geſtreiften Schalen und mit dicken Ridiküls, Handkörben, Taſchen und Püppchen, und welch ein Knickern mit den Schiffsleuten um ſechs Pences! Alle Plätze rings in der Kajüte herum ſind von bleichen Ladys in ſchwarzer Seide beſetzt, und neben ih⸗ nen ſteht ein dünner Herr mit einer Brille; das Gedeck iſt mit Gepäck und kleinen darauf ſitzenden Gruppen über⸗ ſät; einige abenteuerliche junge Gentlemen, in bunten Weſten, gehen nach Greenwich und einer bis nach Mar⸗ gate; eine Wittwe nebſt ihren Töchtern, recht artigen Mädchen, nach Herne⸗Bay; ein hagerer, gallicht ausſe⸗ hender Mann von etwa fünfzig Jahren, mit vier Ueber⸗ 35 rocken und einem Bärenfell um die Beine, ſitzt leſend neben dem Rade und wirft gelegentlich einen ſchlauen Blick auf die neu Angekommenen. Ich habe ihn ſchon früher geſehen, er iſt Geſandtſchaftsſekretär in Konſtan⸗ tinopel, und hier iſt ein derber rothwangiger Burſche mit fettem blühenden Geſichte und zwei Mädchen in ſchwarzem Sammet mit blitzenden Augen. He! wer iſt dieß?— Sir Peter nennt ihn der Schiffswirth; ein Londoner Alderman, der für ein Paar Monate den Rhein hinaufgeht— er hat ſeinen Courrier mitgenom⸗ men und einen ſtarken Wagen mit wohlbefeſtigten Spring⸗ federn für das Pflaſter— aber ſie kommen zu ſchnell, als daß man ſie zaͤhlen könnte; ich werde mich daher nach meiner Hängematte umſehen. Ach! die Kajüte iſt inzwiſchen von einigen fünfzig andern angefüllt worden, die mit einander zanken, ſchel. ten, lachen, ſcherzen, jammern und drohen, und es iſt keine Hängematte zu haben. „Sie haben mich an den Ruderpinne geſtoßen,“ rief einer;„ich bin über dem Keſſel,“ ſchrie ein anderer. „Ich habe das Vergnügen, Sir Willoughby Ste⸗ ward zu ſprechen,“ ſagte der Kapitän zu einem ſchlan⸗ ken Manne mit grauen Haaren. ſolatenmaßiger Geſtalt und eng zugeknöpftem blauen Frack.„Sir Willoughby, Ihr Platz iſt Nr. 8.“ „He! ſo machen ſie's,“ flüſterte ein Cockney einem Freund ins Ohr.„Solche Laffen bekommen ihre Pläͤtze vor uns allen.“ „ Ich bitte um Vergebung Sir,“ ſagt der Baronet im milden Tone,„ich habe den meinigen ſchon vor drei Tagen genommen.“ „O ich habe nichts damit ſagen wollen,“ ſtammelt der andere und ſchleicht ſich weg. „Laura Mariar— wo iſt Laura?“ ruft eine durch⸗ dringende Stimme aus der Hinterkajüte. „Hier, Mama,“ verſetzt ein hübſches Mädchen, 3 36 welches ſich vor einem Spiegel die Locken macht, zu gro⸗ ßem Vergnügen für einen jungen Burſchen in einem Schnürrock, welcher dort ſteht und mit einem Lächeln auf ſeiuer Lippe ſie im Spiegel angafft. Jene ſchwarzäugigen Kerls mit Adlernaſen und ſchwar⸗ zen, ſchlechtgeſchornen Bärten ſind ohne allen Zweifel hamburger oder holländiſche Juden, Händler mit einge⸗ ſchmuggelten Spitzen, Cigarren und Genfer Uhren; ge⸗ legenheitlich leihen ſte auch kleine Summen aus. Wie ſte die Geſellſchaft durchſpähen, als ob ſie berechneſen, welchen Nutzen ſie aus derſelben ziehen könnten! ſelbſt ihr Lächeln ſcheint zu ſagen:„Wie ſuß iſt es, die Chri⸗ ſten zu betrügen.“ Aber holla! das war ein Platſch, es geht vorwärts und der Fluß iſt jetzt amüſanter als die Paſſagiere. Ich möchte gerne den Mann kennen, der je London von der Themſe aus ſah, oder einen Theil davon, ohne die dicke St. Paulskuppel, die Spitze des Monuments, oder den Giebel des großen ſchwarzen Gebäudes, woran geſchrieben ſteht„Hodſons Pale Ale.“ Was ſie für einen teufliſchen Lärmen machen! ich dachte wir wären drinnen in dieſem Gebäude. Sieh hier iſt eine Fähre gerade un⸗ ter unſerm Bug; wo iſt ſie jetzt? ſind ſie ſchon alle un⸗ tergegangen? nein, dort ſchweben ſie auf und nieder und ſehen uns nach, als ob ſie fragen wollten, warum wir ſie nicht zu Grund gebohrt haben. Ah, da ſommt ein Indien⸗Fahrer, und das kleine ſchwarze Fahrzeug, das ihn den Strom herauf bugſirt, iſt eine Barke von der Tug⸗Compagnie; ſieh, wie alle andern, die vor Anker liegen, hin und hergeſchleudert werden, wenn wir vor⸗ überfahren, gleich einem ungehenren Zimmer voll Ge⸗ ſellſchaft, die ſich bei jedem neu ankommenden, Gaſte erhebt. Dort liegt Greenwich! ein ſchönes Ding, dieſes Greenwich. Mir gefallen die alten Burſche, die ohne Beine oder Arme vor dem erſten Lord immer in Front ſich aufſtellen; ein luſtiger Anblick; und dort liegt ein Schiffsrumpf, oder ein Spitalſchiff oder etwas der Art. 37 „Das iſt Hexcellent,“ ſagte eine ſchrillende Stimme hinter mir. „Ah, ich kenne ihn, es iſt ein Zollkreuzer.“ Gott, welche Lügner ſind die Cockneys' Das Ge⸗ deänge wird jeden Augenblick dichter; hier kommen kleine, glänzende, grüne und goldene Dinger, ſchießen wie Waſ⸗ ſerjungfern, die über dem Waſſer dahinfiattern, vorüber und tanzen hinunter nach Gravesend. Welch ein Ge⸗ dränge von Sonnenſchirmen bedeckt das Verdeck, welch ein Händegekrüß und Sacktücherwinken gegen anonyme Bekanntſchaften. Noch mehr Dampfer— hier kommt das Boulongner Boot, gefolgt vom Oſtender, und dort weiter hinten der Ramsgate; jene weiße Röhre, ſagen ſie, iſt das Corker Paketſchiff, und dort mit dem auf⸗ ſteigenden Dampf kommt das Edinburger, das Verdeck mit Soldaten angefüllt. „Werden Sie diniren, Sir? fragte der Schiffswirth den bleichen Gentleman. Ein ſchwaches„Ja.“„Und die Ladys auch?“ Ein vernehmlicheres„Nein.“ „He da, Wirthſchaft,“ xuft Sir Peter,„um welche Stunde wird dinirt.“ „Um vier Uhr, Sir, wenn wir an Gravesend vor⸗ über ſind.“. „Dann bringen Sie mir etwas Branntwein mit Waſſer und ein Biscuit.“— „O je, Papa!“ „Gewiß, meine Liebe! wir werden in dem Sumpfe noch krank. Sie ſagen der Wind fomme uns entaegen.“ Wie gedrängt ſtehen ſie auf dem Vordertheile des Schiffes! Sechs Wagen und acht Pferde; die letztern gehören einem Holländer Händler, der, nebenbei geſagt, ein Spitzbube zu ſein ſcheint und die innige Sympathie zwiſchen Pferden und Eſeln wohl kennt; denn er über⸗ läßt die Sorgen für die ſeinigen einigen Cockneys, die jede halbe Stunde hinkommen, um ſich nach den Theer⸗ jacken umſehen, die Decken zu betrachten, nach den Knie⸗ kappen zu gucken, und zu fragen, ob ſie etwas brauchen, Alles nur, damit ſie einigen Andern am Bord als Pferde⸗ kenner erſcheinen mögen, wohl bewandert in Rennbahn⸗ und Stallangelegenheiten. Wenn das rege Leben des dichtgedrängten Fluſſes vorüber iſt, wie peinlich iſt es alsdann, zum tauſendſten Mal das Geſchwätz über engliſche Sitten, Koſtüme und Verfaſſung zu hören. welches von dieſem oder jenem übel unterrichteten, ungebildeten Kerl irgend eigem begierigen Deutſchen— ein Franzoſe iſt glücklicher Weiſe zu ſelbſt⸗ genügſam, um darauf Acht zu geben— aufgetiſcht wird. Der Fremde verſchlingt den bunten Unſinn, welcher je. nach der politiſchen Richtung ſeines Lehrmeiſters die Na⸗ tion in einem Ueberfluß von Glück oder auf der äußer⸗ ſten Stufe unvermeidlichen Untergangs darſtellt. Ich weiß kaum, was ich am meiſten verabſchene; der unſin⸗ nige Toryismus des Einen iſt nicht weniger empörend, als der tolle Radikalismus des Andern. Die albernen Begriffe, welche von Fremden über uns gehegt werden, rühren in zehn Fällen neun Mal von unſern eigenen Landsleuten her; daher habe ich immer bemerkt, daß unter denen, welche einige Wochen in unſerm Lande zu⸗ gebracht haben, ein weit größerer Grad von Unwiſſen⸗ heit über England und die Engländer herrſcht, als un⸗ ter ſolchen, die nie unſer Geſtade beſucht haben. Nach dem Dafürhalten des Erſtern iſt der Themſetunnel unſer Nationalſtolz; rohes Rindfleiſch und Boxen unſere Na⸗ tionalliebhaberei; öffentlicher Weiberverkauf ein National⸗ brauch bei uns. „Aber was iſt das? unſere Räder gehen zurück. Fehlt etwas, Schiffswirth?“ „Nein, Sir, es kommt nur ein anderer Paſſagier an Bord.“ „Wie ſie ziehen, und wie heftig die See geht. Eine wunderliche Figur das mit den ſtrengen Zügen; was für einen Bart er hat!“ Ich hatte gerade Zeit, dieſe Bemerkung zu machen, als ein ſchlanker, athletiſcher Mann in einen weiten⸗ 39 blauen Mantel gehüllt, auf's Verdeck ſprang. Seine Augen waren von einer großen, grünen Brille und von dem breiten Rande eines tief herabhängenden Hutes be⸗ ſchattet; ein ſchwarzer Bart, um den ihn ein Rabbi hätte beneiden können, ſiel vom Kinn auf den Buſen herab; er drückte dem Bootsmann, indem er ſich über das Boll⸗ werk lehnte, eine Krone in die Hand, wendete ſich darauf an den Schiffswirth und rief:— „He, Jem! iſt alles in Ordnung?“ „Ja, Sir,“ verſetzte der Mann, reſpektvoll an ſeinen Hut rührend. Sogleich ſtieg die ſchlanke Figur die Kajütentreppe hinab und verſchwand; ich dagegen blieb in der größten Verlegenheit, was ich aus dem Manne machen ſollte. Wäre auch die Aufgabe leichter zu löſen geweſen, ſo hätte ich ſie doch ſchwerlich gelöst; als er wieder her⸗ aufkam, aber wie verändert! An die Stelle des breiten Biberhutes war eine Fouragekappe von blauem Tuche mit einem goldenen Bande herum, getreten: der Bart war gänzlich verſchwunden und hatte keinen andern Stell⸗ vertreter zurückgelaſſen, als ein wohlgerundetes Kinn; auch die Brille war fort, und hervor ſchienen ein Paar ſcharfe, geiſtreiche, graue Augen, mit einem ganz unge⸗ wöhnlichen Grade von Schlauheit in ihrem Ausdruck; ein dunner, ſorgfältig gedrehter Schnurrbart zierte ſeine Oberlippe und gab ſeinen Zügen, welche wirklich ſchön waren, einen vandykiſchen Charakter. Er war etwa ſechs Fuß, zwei Zoll hoch, anmuthig, aber ſtark gebaut; ſein Koſtüm, ohne die geringſte Planmäßigkeit zu ver⸗ rathen, war die Vollendung faſhionablen Anzuges— nicht einmal an ſeinen Handſchuhen war etwas, was ein D'Arſay hätte britiſiren können; ſein Gang war das wahre Muſter von jener Art zu gehen, die man nur durch tägliches Spazieren in der St, James⸗Stret und durch häufige, zu allen Stunden des Tages und der Nacht vorgenommene Uebung, bei Crockford's ab⸗ und zuzugehen, erwerben kann, 4 Im Ausdruck ſeiner Züge lag eitwas ſo Auffallen⸗ des, daß ich nicht umhin kann, es zu bemerken; es war darin eine Munterkeit, eine Leichtigkeit, kein albern lächelnder, halbvornehmer, ſelbſtzufriedener Blick, wie etwa ein Londoner Leinwandhändler auf ſeiner Reiſe nach Margate anzunehmen gewohnt iſt; ein vollkommenes Bewußtſeyn ſeiner eigenen, perſönlichen Reize und ſeiner großen, natürlichen Vortheile hatte ſeinen Zügen einen Charakter gegeben, der zu ſagen ſchien— es iſt ganz klar, mir kommt nichts gleich; gebt euch keine Mühe — naseitur, non fit. Das nämliche beſagte ſeine Stimme. Der gewöhnlichſte Gemeinplatz fiel von ſeinen Lippen mit einem Blick, einem Lächeln, einer Geberde, einem gewiſſen Etwas, das ihm ein eigenes Intereſſe 4 verlieh; und andere wiederholten ſeine Worte, ohne zu wiſſen, daß die ſeinigen ein feiner Liqueur waren, deſſen Duft verloren gieng, wenn man ihn abſeihte. Die Art, wie er die Paſſagiere durchſpähte, und dies war in einer Sekunde gethan, verrieth den geübten Scharfſinn eines Mannes, der einen Charakter auf den erſten Blick durch⸗ ſchaut. Ueber die Cockneys, und dieſe waren zahlreich, flogen ſeine Augen blos hin, ohne ihnen die geringſte Aufmerkſamkeit zu widmen; während dem weiblichen Theil der Geſellſchaft gegenüber ſein Blick eine trium⸗ phirende Selbſtzufriedenheit verrieth, ſo etwa wie Lud⸗ wig XIV. darein geſchaut haben mag, als er die Tau⸗ ſende im Garten von Verſa lles betrachtete und ausrief: „Ja, das ſind meine Unterthanrn.“ So war der ehren⸗ werthe Jack Smallbranes, der jüngere Sohn eines Pairs, Erkapitän in der Leibgarde, Sieger in Derby, jetzt aber der ausgebeutelte Faſhionable, der nach dem Continent floh, um dem Fleet zu entgehen, und unterhalb Gra⸗ vesend in ſorgfältiger Verkleidung an Bord kam, um einem Gerichtsdiener und dem Schrecken der von ihm ſo genannten„verwünſchten“ Vorladungen zu entwiſchen. Wir leſen viel von Cineinnatus, der ſeinen Kobl baute; wir hören, wie ſich Washington in's Privatleben zurüͤckzog, nachdem die thätige Periode ſeiner Laufbahn vorüber war, und hundert ähnliche Beiſpiele werden unſerer Bewunderung dargeboten, Beiſpiele von Män⸗ nern, die ſich mitten aus dem Strudel großer Ereigniſſe losreißen und in der niedrigſten, zwangloſeſten Stellung Beſchäftigung und Genuß ſuchen konnten. Aber ich weiſle ſehr, ob unſer Exrfaſhionable, unſer ci-devant, 1 Sieger von Derby— der Angebetete in Almackshaus — das enfant cheri bei Crockford's und in Clarendon, deſſen Equipage ein Muſter, deſſen Silbergeſchirr von der höchſten Vollendung war, für den das Leben zu kurz ſchien, um all den Zauber zu genießen, welchen Reich⸗ thum um ihn verbreitete, und dem jeder Tag die ein⸗ 4 zige Verlegenheit brachte, wie er genug genießen ſollte ich wiederhole es, ich zweifle ſehr, ob er, wenn die Stunde ſeiner Abdankung kömmt— und daß ſie früher oder ſpäter kommen wird, darüber hegt er ſelbſt keinen Zweifel; wenn ihm die Pferde bei Tatterſall und die . Gemälde bei Chriſtie verkauft werden; wenn die Hunde auf das nächſte neue Opfer übergehen, und wenn ſein unvergleichlich zugerittener Liebling jetzt unter einem an⸗ 3 dern Namen eingetragen wird; wenn ſtatt der glänzenden Augen und honigſüßen Worte, welche das Leben zu einem Feen⸗Mädchen machen, ſchwarzbärtige Gerichtsdiener und 4 Verſteigerungs⸗Taxatoren ſeine Genien ſind— ob er, 1 wenn die Fluth des Schickſals ſo mächtig gegen ihn her⸗ andringt, nicht eine Zeit lang ſich dagegen anſtemmen, 42 und wenn ſie endlich zu übermächtig wird, ſich auf den Strom legen und ebenſo luſtig abwärts, als ehedem auf⸗ wärts ſchwimmen kann— alsdann ſage ich, ſtehen alle eure alten und modernen Muſter weit unter ihm; alle eure Krieger und Staatsmänner ſind nur arme Prä⸗ tendenten, verglichen mit ihm, ſie haben ſich zurückge⸗ zogen wie reiche Krämer, um von den Intereſſen ihres Vermögens zu leben, welches ihr Ruhm iſt; er dagegen, aaller der Beihülfen beraubt, die ihm Rang und Macht verliehen, muß in ſich ſelbſt die Quellen ſeiner künf⸗ H tigen Freuden ſuchen, und ſich begnügen, das Spiel, worin er einſt der Hauptſpieler war, als Zuſchauer zu betrachten. Ein böchſt merkwürdiges Beiſpiel ſolcher Philoſophie bot unſer neuer Paſſagier dar, der, indem er um das Compaß⸗Häuschen herumſchlenderte und einen klugen Blick auf ſeine Mitreiſenden warf, das wahre Ideal ungebrochenen Frohmuthes und ungeſtörter Genuß⸗ luſt zu ſeyn ſchien; er wußte, daß er ruinirt war; er wußte, daß er weder in der Stadt, noch auf dem Lande ein Haus beſaß; werer ein Pferd, noch eine Yacht, noch ein Revier hatte; er ſah recht wohl ein, daß ihm Storr und Mortimer, die ihm erſt geſtern einen Berg von Silber gegeben hätten, heute nicht einmal einen Senf⸗ topf anvertrauen; daß ſelbſt die Gauner ihn auslachen würden, wenn er auf dem Derby⸗Rennen ihnen eine Wette anböte; und doch, wenn man Dich eidlich ver⸗ pflichtet hätte, nach dem Urtheil Deiner Augen den glück⸗ lichſten Kerl an Bord herauszuwählen, ſo würdeſt Du Dich keine fünf Minuten lang beſonnen haben. Seine Haltung war die Ungezwungenheit ſelbſt; ſeine Beine waren leicht übereinander gelegt, vielleicht um deſto beſſer einen ſehr wohlgeformten Fuß zu zeigen, der in allem Glanze franzöſiſchen Firniſſes hervorſchien; ſeine Reiſe⸗ kappe ſaß flott auf Einer Seite, ſo daß ſie um ſo vor⸗ theilhafter ſeine parfümirten Locken enthüllte, welche ihm anmuthig und etwas lang auf den Nacken floſſen; das Shawl um ſeinen Hals war ſo nachläßig geſchwungen, daß man ſah, die glänzende Email⸗Nadel, die es befe⸗ ſtigte, war ein Ding von wenig Werth für den Eigen⸗ thümer; alles ſtimmte überein mit ſeinem gleichgültigen, vergnügten Blicke, wenn er mit halb ſchmachtenden Augenlidern das Verdeck überſchaute, mit ſeinen Ju⸗ welengeſchmückten Fingern die ſeidene Linie ſeines Schnurr⸗ bartes ſtreichelte und augenſcheinlich im Innern ſeiner Seele den Triumph der Eroberung genoß, die er durch ſeine bloße Erſcheinung gemacht hatte. In der That konnte ein auch weniger geübter Beobachter als er, nicht 4³ verfehlen, die unzweideutigen Beweiſe ſeiner Siege zu bemerken, welche der weibliche Theil der Geſellſchaft lieferte. Die alten ſahen ihn dreiſt an mit jener furcht⸗ loſen Unerſchrockenheit, welche die ſelbſtbewußte Sicher⸗ heit charakteriſirt— ihr Eigenthum war gedeckt, und ſte kümmerten ſich wenig darum, wie nahe ihnen das Feuer kam; die ganz jungen theilten dieſes Gefühl aus einem entgegengeſetzten Grunde— ſie waren ſich der Gefahr unbewußt; aber es gab noch einen mittlern Schlag, welchen Balzac„die Frau von dreißig Jahren“ nennt, und dieſe ſahen entweder über das Verdeck, oder auf den Kamin, oder auf ihr Buch, kurz überall hin, nur nicht auf unſern Freund, der dieſe von ihnen er⸗ zwungene Verläugnung mit derſelben Art von Genuß zu beobachten ſchien, womit der Kapitän einer Fregatte die Zerſtörung betrachtet, welche ſeine Salven unter dem Takelwerk ſeines Feindes anrichten— und vielleicht hielt der letztere, wenn der Feind die Flaggen ſenkte, ſeinen Sieg nicht für ſo ſicher, als der ehrenwerthe Jack den ſeinigen, wenn ein herabgelaſſener Schleier ihn über⸗ zeugte, das die Lady nicht mehr ertragen konnte. Gerne hätte ich beobachtet, was auf dem Verdeck vorging, wo zwar noch keine Bekanntſchaft geſchloſſen, aber Andeutungen auf eine ſolche deutlich zu erkennen waren, indem die Aldermanstöchter eine entſchiedene Vor⸗ liebe an den Tag legten, auf jener Seite zu ſpazieren, wo Jack ſtand, er dagegen ihnen ſorgfältig, wenn ſie von Zeit zu Zeit vorübergingen, irgend einen kleinen Beweis von Höflichkeit ertheilte, einen Stuhl wegräumte, ein kleines Stück von einem Tau wegſtieß und derglei⸗ chen; aber die Bewegung des Paketſchiffes fing an, mich zu mahnen, daß es mit dem Beobachten jetzt ein Ende habe, und daß ich nichts beſſeres thun könne, als mich zur Ruhe zu begeben. „Ihre Nummer, Sir,“ ſagte der Schiffswirth, als ich die Kajüte hinunterwankte. „Ich habe keine bekommen,“ erwiederte ich mürriſch. 44 „Ein Rappe, der nicht untergebracht iſt,“ ſagte der ehrenwerthe Jack, und ſah mir mit vergnügtem Lächeln nach; ich dagegen warf mich auf ein Sopha und verwünſchte die See. Zweites Kapitel. Der Eber⸗Kopf in Rotterdam. Wenn das Geraͤuſch und Gelärm, welches eine Hochzeit begleitet, gleich Trompeten in einer Schlacht als Vorſichtsmaßregeln gegen beſonnenes Nachdenken dienen ſollen, ſo bin ich feſt überzeugt, die Qualen der Seekrankheit ſollen nur dazu dienen, um alle Schrecken des Ertrinkens und des Schiffbruchs nieder zu kämpfen. Wer die Schmerzen jenes innerlichen Erdbebens gefühlt hat, welches durch die ſtoßende und erſchütternde Bewegung eines Schiffes veranlaßt wird— wer weiß, was es iſt, wenn ihm das Zwerchfell zwiſchen ſeinen Rippen und dem Hintertheil der Kehle bebt, der ſoll bekennen, wie wenig er ſich aus der Verwirrung machte, die er über ſeinem Kopfe hörte, welches armſelige In⸗ tereſſe er für die Woblfahrt des Fahrzeuges hegte, wo⸗ rauf er nur als Miethling wohnte, und wie alle ſeine Sympathien auf den engen Kreis von Flaſchen⸗Porter und Krock, die unfehlbaren Mittel des Schiffwirths gegen die Krankheit beſchränkt waren. Ich lag in meiner ſchmalen Krippe, trübſelig über dieſe Dinge nachdenkend, bald wunderte ich mich bei mir ſelbſt, welche Reiſefreuden ſolche Schmerzen beloh⸗ nen könnten; bald murmelte ich einen nicht lauten aber tiefen Fluch uͤber den ſchweren Gentleman, deſſen ge⸗ wichtiger Tritt auf dem Hinterdeck auf der Oberfläche meines eigenen Schädels herumzuſpazieren ſchien; der dicke Wirth, der derbe Kapitän, der königliche Geſandte mit ſeinem braunen Geſichte und ſchwarzen Backenbarte, 45 welcher auf dem Sopha ſchnarchte, alle bekamen einen Theil von meinen Verwünſchungen, und ich ergoß meine Schmerzen in Flüche über die ganze Geſellſchaft. In⸗ zwiſchen konnte ich unter den andern Tönen den elaſti⸗ ſchen Tritt gewiſſer leichter Fuͤße unterſcheiden, die auf dem Hinterdeck herumtrippelten; und ich konnte mich nicht täuſchen über den ſichern Schritt, welcher ſie be⸗ gleitete, auch war das fröhliche Gelächter, welches ſich unter das Geräuſch miſchte, keineswegs nöthig um mich zu überzeugen, daß der ehrenwerthe Jack den Aldermans⸗ Toͤchtern den Hof machte; er ſprach mit großer Beredt⸗ ſamkeit von dem Zauber jener ausgeſuchten Zirkel, worin er ſich zu bewegen gewohnt war, und ſetzte ihnen deut⸗ lich auseinander, welche ſchreckliche Lücke ſeine Abweſen⸗ heit in der Londoner Welt machen muſſe, wie kläglich langweilig die Saiſon, worin er keine Rolle ſpiele, da⸗ hin gehen werde— und ſagte, er ſey neugierig, wer unter den hochſtrebenden Junglingen es wagen würde, in ſeine Fußſtapfen zu treten und ſeine Stelle einzu⸗ nehmen, ſey es nun auf der Rennbahn oder an der Tafel. Aber endlich kam die Periode halber Betäubung über mich; das Geräuſch drängte ſich in meinen Kopf zuſammen, und ich verlor alles Bewußtſeyn ſo vollſtän⸗ dig, daß ich, mochte es nun vom Branntwein oder von der Krankheit kommen, vermeinte, ich ſähe den Wirth mit den Ladys auf und abſpazieren und den ehren⸗ werthen Jack mit einer weißen Schürze herumſpringen, Porter⸗Flaſchen entkorken und Sechspences wechſeln. *** 2 **** Denſelben Eindruck, welchen die Ankündigung des Eſſens auf die ſteife Geſeltſchaft im Unterhaltungszimmer hervorbringt, machk auf die Paſſagiere eines Packetboo⸗ tes die Mittheilung, daß man an einem Quai liege. Freilich iſt im letzteren Falle die Prozeſſion nicht ſo förm⸗ lich, als im erſtern: die beturbanten Matronen, welche im einen vorangehen, würden mehr als wahrſcheinlich 8 46 im andern die letzten ſeyn; aber was an Anſtand ver⸗ loren geht, das wird durch Heiterkeit reichlich aufge⸗ wogen. Welch' eine Jagd nach Nachtſäcken! welch ein Oeffnen und Schließen von Schlöſſern! welch ein Su⸗ chen nach Mantelſäcken, um gewiſſe leicht herausnehm⸗ bare Effekten hervorzuholen und ſich mit denſelben aus⸗ zuſtatten, bis endlich der Eigenthümer die perſoniſizirte Schmuggelei wird, mit Spitzen in den Stiefeln, ſei⸗ denen Strümpfen unter dem Hute, Branntwein unter der Weſte ac. Juwelengeſchmeide in den Falten ſeiner Halsbinde. In dem Tarif befindet ſich kein item, das man nicht an ſeinen Gliedmaßen nachweiſen könnte: von ſeinen Schuhen bis zur Nachtkappe iſt er ein lebendiges Spottbild auf das Zollweſen. Und was iſt am Ende aller ſcharffinnige Unterſuchungsgeiſt euerer Verfaſſer von der Quarterly Review, verglichen mit dem alles durch⸗ dringenden Auge eines Acciſe⸗Beamten? Er ſcheint den ganzen Inhalt euerer Garderobe zu durchſchauen, bevor ihr den Koffer mit„ächtem dauerhaftem Leder“ aufge⸗ ſchloſſen habt, und ſcheint auf den erſten Blick den ehr⸗ lichen Mann von dem Schelmen zu unterſcheiden, indem er wie durch eine innere Anſchauung genau weiß, wie viel flandriſche Sacktücher nach euerm Stande euch zu⸗ kommen, und ob ihr die Grenze deſſelben durch eine ein⸗ zige Flaſche Eau-de-Cologne überſchritten habt. Welch eine treffliche Erziehung würde ein Aufent⸗ halt von ein Paar Jahren in ſolchen Zollanſtalten einem. Novelliſten gewähren, welche ausgezeichnete Lebensan- ſichten! Was für ſeltſames Volk muß er ſehen; wie viel Stoff zur Erzählung würden ihm ſogar die engen Schranken einer Hutſchachtel darbieten; und wie natür⸗ lich würde eine Geſchichte aus dem roſenwangigen alten Gentleman entſpringen, wenn er den Zoll von einem paté de fois gras ſür ſeine hübſche Tochter bezahlt, die durch ein Lächeln den Tarif auf ihre franzoͤſiſche Haube herabzuſetzen und durch die Reize ihrer robe àla Victorine einen Zollbeamten wahrhaft zu bezaubern ſucht! 47 Die franzöſiſchen Douaniers find drollige Burſche und die einzigen, von denen ich gefunden habe, daß ſie von der gravitätiſchen Wichtigthuerei ihres Amtes her⸗ niederſteigen und einen Scherz wagen. Ich werde nie vergeſſen, wie ich einſt ſpät in der Nacht mit einer zahl⸗ reichen Diligence⸗Geſellſchaft, worunter auch ein beleib⸗ ter Landsmann von mir war, der ſeine erſte Reiſe nach dem Continente machte, in Valenciennes einfuhr. Es war in jenen Tagen, wo ein Paß ein geſchriebenes Por⸗ trait des Eigenthümers enthielt; wo die Form der Naſe, die Farbe des Haares, der Schnitt des Bartes, der Einfall⸗Winkel der Augenbraunen aufgezeichnet und dem Ganzen ein allgemeiner Ueberblick über den Ausdruck der Geſichtszüge angehängt wurde; und wo man hinaus in die Welt kam, mit einer„milden“ oder„militäriſchen,“ mit einer„ſchwachen“„bezaubernden,“ oder„wilden“ Miene, gerade wie es die Fremdenpolizei für gut hielt. Es war in jenen Tagen, ſage ich, wo, als wir in die Feſtung Valenciennes einfuhren, die Thüre der Diligence barſch aufgeriſſen wurde, und bei dem düſtern Schimmer einer Laterne erblickten wir einen Kerl mit Schnurrbart und ſtrengen Zügen, der mit rauhen Worten unſere Päſſe verlangte. Mein fetter Gefährte, der plötzlich aus ſei⸗ nem Schlaf erwachte, durchſuchte mit aller Aengſtlichkeit eines neugebackenen Reiſenden ſeine verſchiedenen Taſchen, zog endlich ſeine Papiere hervor und händigte ſie mit höflicher Verbeugung dem Beamten ein. Welcher Art ſeine Beſchreibung war, wüßte ich nicht zu ſagen, aber . ſo viel iſt gewiß, ſie machte auf die Paßbeamten die auffallendſte Wirkung, denn ſie lachten laut und lange, als ſte die Papiere überlaſen. „Steigen Sie ab, mein Herr,“ ſagte ihr Vorge⸗ ſetzter in einem ſtreng befehlshaberiſchen Tone. „Was hat er geſagt?“ fragte der Reiſende in einem ſehr entſchiedenen weſtlichen Accent. „Sie ſollen ausſteigen, Sir,“ gab ich ihm zur Antwort. 48 „Wo zum Teufel fehlt's denn?“ fragte Mr. Moriarty. Nach einem beträchtlichen Gedrücke, denn er wog unge⸗ fähr zwanzig Stein, hatte er ſich durch die Dillingence⸗ Geſellſchaft hindurch gearbeitet und ſtand nun aufrecht auf dem Boden. Jetzt brachte man eine zweite Laterne, und während ihm zu beiden Seiten ein Beamter ſtand und ihm in's Geſicht leuchtete, las ein Dritter den Paß vor und verglich die Beſchreibung mit dem Original. Zum Glück verſtand Mr. Moriarty kein Franzöſiſch, und dieſer Umſtand erſparte ihm den Schmerz, die Bemerkun⸗ gen mitanzuhören, welche über ſeine aufgeworfene Naſe, ſeinen offenen Mund u. ſ. w. gemacht wurden; aber wie groß war ſein Erſtaunen, als ſie einige Ellen Band hervorholten und anfingen, ihn um den Leib zu meſſen, wobei ſie die Zahl der Zolle ſeines Umfangs mit dem Paſſe verglichen. „Neunzig Zoll,“ ſprach der Meſſer, in's Dokument ſehend,„Er hat mehr,“ fügte er mit rauhem Tone hinzu. S. Wa⸗ ſagt er, Sir, wenn ich es wagen dar fe“ fragte mich Mr. Moriarty mit flehender Stimme. „Sie meſſen mehr als in Ihrem Paſſe ſteht,“ ver⸗ ſetzte ich indem ich mein Lachen zu unterdrücken ſuchte. „Mordo! Dieſes Gericht von geſotienem Rindfleiſch und Ruben wird mein Verderben ſe n. Sagen Sie ihnen, Sir, vor dem Abendeſſen ſey ich gleich einem Windhund geweſen.“ „Mit dieſen Worten hielt er ſeinen Athem an und ſuchte aus allen Kraften ſeinen Umfang zu mindern; während der Franzoſe, gleich als wollte er zu Gunſten des Engländers einen Zoll weniger herausbringen, das Band um ihn zuſammenſchnürte, bis ſein Geſicht faſt ſchwarz wurde. „C'est ca,“ ſagte einer der Beamten, mit freund lichem Lächeln ſeinen Hut abnehmend;„der Herr kann ſeine Reiſe fortſetzen.“ 4 „Alles richtig,“ ſprach ich;„Sie können wieder einſteigen, Mr. Moriarty.“ 49 „Es ſind höfliche Leute, das habe ich immer ge⸗ hört,“ verſetzte er;„aber ein wunderliches Land wo es gegen die Geſetze iſt, fetter zu werden.“ Ich lobe mir Holland;— das iſt der Antipode von Frankreich. Da iſt Niemand in Eile. Das Leben geht dahin in einem langſamen majeſtätiſchen Strome, viel⸗ leicht ein wenig trübe und ſtockend wie einer ihrer Ka⸗ näle, aber da ſieht man keine Wellen, keine Brandung — kein Wirbel, nicht einmal eine Schaumblaſe unter⸗ bricht die Oberfläche. In Holland hat ſogar das Kind, wenn es in die Schule ſchleicht, und ſeine kurze Pfeife raucht, eine ſcheinbare Miene des Nachdenkens an ſich. Die großen fetten Pferde, die dahin ſchreiten und einen kleinen, unbedeutenden Karren ziehen, beladen mit einer kleinen Kiſte, die nicht dicker iſt als ein Helm von der Leibgarde, ſehen aus als wenn Erasmus als vierfüßiges Thier Dienſt thäte, und in einem Pferdegeſchirr in ſei⸗ ner Geburtsſtadt herumſpazierte. Wohl dem, der in dieſem Lande geboren iſt. Da geräth Niemand in Lei⸗ denſchaft, und was Ehrlichfeit betrifft, wer hat Energie genug, ein Räuber zu werden? Die Künſte der Beredt⸗ ſamkeit, welche in andern Ländern jemand ſeiner Pflicht untreu machen könnten, würde man hier vergeblich auf⸗ bieten. Eine Rede von zehn Minuten würde jede Zu⸗ horerſchaft von Seeland bis Antwerpen in Schlaf brin⸗ gen. Rauchen, Bier trinken, blöde in die Welt hinaus⸗ ſtieren, und Dominoſpielen findet im Sommer vor den Kafés, im Winter innerhalb derſelben ſtatt, und jedes breite flache Geſicht, das man anſieht, mit ſeinen wäſ⸗ ſerigen Augen und düſtern Zügen, gleicht einer kolorirten Karte ſeines Geburtslandes. Wie alle die Induſtrie, wodurch ſie ſich bereichert haben, betrieben— wie alle die Reinlichkeit, derohalben ihre Häuſer berühmt ſind, hergeſtellt wird, kann Nie⸗ mand ſagen. Wer hat je einen Holländer arbeiten ge⸗ ſehen? In Holland ſcheint alles durch eine ihrer Zug⸗ Lever, O⸗Leary. I. 4 brücken vorgebildet zu ſeyn, die durch unſichtbare Trieb⸗ kraft in die Höhe geht, wenn ein Boot herannaht, und dann geduldig oben bleibt, bis eine hinlängliche Zahl von Paſſagieren kommt und ſie wieder an ihre Stelle bringt. Holländiſche Gravität ſcheint der große Mittel⸗ punkt aller Gluͤckſeligkeit. 3 Wenn daher meine Reiſegefährten ſtürmten und fluchten, weil man ihnen nicht erlaubte, ihr Gepäck an's Land zu bringen, weil ſie hörten, daß bis neun Uhr am folgenden Morgen Niemand auf ſeyn würde, um es zu unterſuchen, daß aber das Rheinboot ſchon um acht Uhr abfahre und vor drei Tagen keine Fahrt mehr machen würde, und wenn ſie hierüber um ſo lauter fluchten, ſo lachte ich mir in's Fäuſtchen, daß ich keinen Reiſeplan hatte, daß mir nichts daran lag, wie lange, oder wo ich warten müſſe, und ich begann zu glauben, daß ſich ohne mein Wiſſen eine ſehr erhabene Philoſophie meines Weſens bemächtigt habe. Zwanzig Minuten und länger ſchimpfte Sir Peter auf die Holländer; er gab ihnen böſe Namen auf Eng⸗ liſch und einige ſcharfe Beiwörter in ſchlechtem Franzö⸗ ſiſch. Inzwiſchen beſchäftigte ſich ſein Courier mit Vor⸗ bereitungen zur Abreiſe, und der ehrenwerthe Jack un⸗ ternahm es, den j jungen Ladys beim Anziehen ihrer Shawls behülflich zu ſeyn, ein Geſchäft, wobei, ſey es nun wegen der Dunkelheit der Nacht, oder wegen der Schwie⸗ rigkeit des Umhüllens unbarmherzig viel Zeit darauf ging. „Wir werden um dieſe Stunde ſchwerlich das Höôtel finden,“ ſagte Sir Peter verdrießlich. „Das Haus iſt gewiß ſchon geſchloſſen,“ ſtimmten die jungen Ladys ein. „Nehmen Sie auf beide Fälle fünf gegen zwei,“ verſetzte Jack, den Alderman anf die Schulter klopfend, und ſchickte ſich an die Wette, zu buchen. Ich wartete nicht ſo lange, bis ich ſehen konnte, ob ſie angenommen wurde, ſondern ging auf die Seite und ſchlenderte die Boomjes entlang an jenem langen, mit — 51 ſchlanken Ulmen beſetzten Quai, wo unter dem Schatten der Bäume mancher Burgomaſter zur Abendzeit auf und abging und über den Gewinn nachdachte, den ihm ſeine letzte Ladung von Batavia einbringen ſollte: darauf begab ich mich über die ſchmale Brücke am Ende des Quai's, von da über den Erasmusplatz, und ſchellte, wozu eine alte Bekanntſchaft das Recht hat, tüchtig an der verſchloſſenen Thüre des„Schweinkopfs“. Ich mußte nicht lange warten; bald kam eine Hausmagd in ſo und ſo viel Unterröcken, und als ſie mich den wohl beſtreuten Gang entlang führte, fragte ich ſie,„iſt die Holbein⸗ Kammer zu haben?“ und nahm einen Gulden aus mei⸗ ner Börſe. „Ah, Mynheer kennt ſie alſo,“ ſprach ſie lächelnd. „Sie ſteht zu Ihren Dienſten. Wir haben ſeit einigen Tagen keine Reiſenden gehabt, und Sie erinnern ſich, daß wir ſie nur dann öffnen, wenn ſonſt alles voll iſt.“ Dies wußte ich wohl; ich verſicherte ſie aber, daß ich in lang vergangenen Zeiten ein Stammgaſt des Schweinkopfs geweſen, und überredete ſie, etwas trockenes Holz zu holen und mir ein luſtiges Feuer anzuzünden, was mich mit einem Krug Schiedam und etwas Knaſter glüucklich machte, wie einen König. Die„holbeiner Kammer“ verdankt ihren Namen und allen Ruf, den ſie genießt, einem ſeltſamen, ſanbern Porträt dieſes Meiſters, der am Feuer ſitzt, vor ihm am Herde mit übergeſchlagenen Beinen ein hübſches Kind mit feinem Kopfe. Durch beide Geſichter ſcheint eine gewiſſe Aehn⸗ lichkeit zu gehen, ſo verſchieden auch Alter und Farbe ſind; aber am Kinde wie an dem Manne bemerkt man den gleichen, beſchaulichen Ausdruck, das tiefliegende Auge, die maſſive Stirne und das ſpitzige Kinn. „Dies war Holbein und ſein Neffe, Franz v. Hol⸗ bein, der in ſpätern Jahren mit Auszeichnung in der Armee Ludwigs XIV. diente. Die Rückſeite des Ge⸗ mäldes ſtellt ein Zimmer dar, welches die größte Aehn⸗ 4* lichkeit mit der Kammer hat— einige eichene Stühle glühend in ihrem ſcharlachrothen Glanze, ein altmodi⸗ ſches, flämiſches Bett mit Gruppen von Engeln, Nep⸗ tunen, Bachanalien und Delphinen, alle in niedlichem Schnitzwerk bunt untereinander gemiſcht; und ein kleiner Spiegel in maſſiver Rahme, der ſchief über den Kamin hing: und, wenn ich hineinſah, mich glauben machte, der Stubenboden bilde einen Winkel von fünf und ſechzig Grad und beim geringſten Ruck würde ich in's Feuer ſtürzen. 3 „Mynheer befiehlt nichts?“ fragte die„Vrow“ mit einem Knix. „Nein,“ verſetzte ich mit höflichſter Verbeugung. „Gute Nacht alſo,“ ſagte ſie;„ſchlafen Sie wohl und denken Sie nicht an den Geiſt.“ „Ah, ich kenne ihn von früher her,“ verſetzte ich, dreimal mit dem Stocke auf den Tiſch ſchlagend. Das Weib, das einen Augenblick vorher in ſcherzendem Tone geſprochen hatte, wurde plötzlich blaß und murmelte indem ſie ſich fromm bekreuzte—„Nein, nein, thun mit erhabenem Schnitzwerk, die Utrechter Sammtkiſſen Sie das nicht;“ darauf ſchloß ſie die Thüre hinter ſich zu und eilte ſo ſchnell ſie konnte, die Treppe hinab. Ich dagegen preſſirte nicht mit dem Bett. Der Krug war geiſtreich, der Knaſter vortrefflich; ich ſtellte daher das Licht an einen Ort, wo es mit gutem Effekt auf den Holbein fallen konnte, ſtreckte meine Beine gegen das Feuer aus, und begann, während ich die Leinwand betrachtete, über die Geſchichte nachzudenken, mit der das Bild in Verbindung ſtand, und die ich, damit ſie nicht vergeſſen wird, hier mittheile. Franz Holbein, der mehr Ehrgeiz und weniger Fleiß⸗ als die übrigen Mitglieder ſeiner Familie hatte, beſchloß⸗ ſein Glück zu ſuchen, und ſo wanderte er an einem Septembermorgen des Jahres 1681 in den Straßen von Paris herum, ohne einen Heller in der Taſche und ohne 5³ Ausſicht, einen zu gewinnen. Er war ein feiner, hübſcher Jüngling von achtzehn bis zwanzig Jahren mit einem ſcharfen, durchbohrenden Blicke und jenem ſpaniſchen Geſichtsſchnitt, durch den ſich ſo manche holländiſche Familie auszeichnet. Müde und hungrig ſetzte er ſich auf eine der Bänke auf dem Pont de la Cité, und ſah ſich aufmerkſam um, ob nicht ein glücklicher Zufall ihm zu Hülfe kommen würde. Ein lautes Geſchrei und das Geräuſch von Leuten, die nach jeder Richtung flohen, erregte ſeine Neugierde. Er ſprang auf und ſah ver⸗ ſchiedene Perſonen da und dort hinrennen, um einer Kaleſche zu entgehen, welche von ein Paar durchgegan⸗ genen Pferden in ſchrecklicher Eile dahingeriſſen wurde. Franz pries ſich glücklich, warf ſeinen Mantel weg, drückte ſeine Kappe feſt auf ſeine Stirne und ſprang vorwärts. Die erſchreckten Thiere mäßigten ihre Cile, als er vor ihnen ſtand und ſuchten vorbeizukommen; er aber ſprang ihnen entgegen und ergriff mit kräftiger Fauſt den Zaum; aber obgleich er mäͤnnlich anhielt, ſo ſetzten ſie doch ihren Weg fort, trotz aller ſeiner Anſtren⸗ gungen fühlten ſie in ihrer tollen Eile kaum ſein Ge⸗ wicht, und er wurde neben ihnen fortgeſchleppt. Mit einem furchtbaren Aufgebot aller ſeiner Kräfte jedoch riß er den Kopf des Handpferdes von der Deichſel weg, das Thier ſtrauchelte und ſtürzte über Hals und Kopf mit einem ſolchen Schlag zu Boden, daß der arme Franz einige zwanzig Schritte weit fortgeſchleudert wurde. Er ſtand bald wieder auf, und obgleich ſeine Stirne blutete und ſeine Hand arg zerriſſen war, ſo machte ihm doch den größten Schmerz ſein zerriſſenes Wams, das, ſchon ſei langem fadenſcheinig, jetzt in Lappen um ihn herum hieng. „Sie waren es, der ſie aufgehalten hat?— Sind Zie verwundet?“ fragte ein ſchlanker, ſchöner Mann, einfach, aber gut gekleidet, auf deſſen Geſicht die Spuren von Aufregung deutlich zu leſen waren. „Ja, mein Herr,“ ſagte Franz, ſich reſpektvoll ver⸗ 54 beugend.„Ich war es; und ſehen Sie, wie mein armes Wams gelitten hat!“ „Weiter nichts?“ fragte der andere freundlich lä⸗ chelnd.„Nun, nun, das iſt nicht ſo wichtig. Nehmen Sie dieß da, ſagte er, indem er ihm ſeine Börſe ein⸗ händigte;„kaufen Sie ſich ein neues Wams und kommen Sie morgen um eilf Uhr zu mir.“ Mit dieſen Worten verſchwand der Fremde in einer Kaleſche, die in dieſem Augenblicke ankam; während Franz in einem Zuſtand der Verwunderung über das ganze Abenteuer zurückblieb. „Wie närriſch, daß er mir nicht ſagte, wo er wohnt!⸗ ſprach er laut, da die Umſtehenden ſich um ihn drängten und ihn mit Fragen überſchütteten. „Ei, es iſt der Herr Miniſter— Herr v. Louvois ſelbſt, dem Sie das Leben gerettet haben. Ihr Glück iſt jetzt für immer gemacht.“ So war es wirklich. Keine drei Monate nach dieſem verhängnißvollen Tage ließ Herr v. Louvois, der in Franz Charakter gewiſſe Züge von Scharfſinn bemerkt hatte, ihn auf ſein Bureau kommen. „Holbein,“ ſagte er,„ich habe mich in meiner Meinung über Menſchen ſelten getäuſcht— Sie können, denke ich, verſchwiegen ſeyn.“ Franz legte ſeine Hand auf die Bruſt und verbeugte ſich ſchweigend. „Legen Sie das Gewand an, welches auf dieſem Stuhl liegt; ein Wagen iſt bereit und wartet unten im Hofe— ſteigen Sie ein und reiſen Sie nach Baſel. Bei Ihrer Ankunft, welche— merken Sie wohl— am Donnerſtag Morgen um acht Uhr ſtattfinden wird, ver⸗ laſſen Sie den Wagen und ſchicken ihn in die Stadt; Sie dagegen begeben ſich auf die Rheinbrücke und be⸗ merken alles, was ſich begiebt, und jeden, der vorüber geht mit größter Genauigkeit, bis die Glocke der Ka⸗ thedrale drei ſchlägt. Alsdann wird die Kaleſche für 5⁵ Ihre Rückkehr bereit ſtehen, und Sie werden keinen Augenblick verlieren, nach Paris zurückzueilen.“ Es war in der erſten Hälfte der folgenden Woche, eine Stunde nach Mitternacht, daß eine kothbeſpritzte Kaleſche in den Hof des Hôtels des Miniſters fuhr, und fünf Minuten nachher wurde Franz ermüdet und erſchöpft vor Herrn v. Louvois geführt. „Nun, mein Herr,“ fragte er ungeduldig,„was haben Sie geſehen?“ „Dieß, wenn Ew. Exeellenz es gefälligſt anſehen will,“ ſagte Franz zitternd,„iſt ein Verzeichniß darüber; aber ich ſchäme mich, daß ein ſo gewöhnlicher Be⸗ richt——“ „Laſſen Sie hören,“ ſagte der Miniſter. „In allem Ernſt, ich wage kaum, einen ſo läppi⸗ ſchen Bericht vorzuleſen.“ „Leſen Sie ihn auf der Stelle, mein Herr,“ lautete der ſtrenge Befehl⸗ „Franz Geſicht wurde von tiefer Schamröthe über⸗ zogen, als er folgendermaßen begann:— „Neun Uhr.— Ich ſehe einen Eſel daherkommen und ein Kind, das ihn führt. Der Eſel iſt auf einem Auge blind.— Ein fetter Deutſcher ſitzt auf dem Bal⸗ kon und ſpuckt in den Rhein——„ „Zehn.— Ein Liyree⸗Bedienter von Baſel reitet vorüber mit einem Korb. Ein alter Bauer in einem gelben Wams——, „Ah, was iſt mit ihm?“ „Nichts merkwürdiges, außer, daß er ſich über das Geländer lehnt und mit ſeinem Stocke drei Schläge darauf thut.“ „Genug, genug,“ ſagte Herr v. Louvois aufge⸗ räumt.„Ich muß ſogleich den König wecken.“ Der Miniſter verſchwand und ließ Franz ganz ver⸗ dutzt zurück. In weniger als einer Viertelſtunde trat er wieder ins Zimmer, mit dem ganzem Geſichte lächelnd. 56 „Mein Herr,“ ſagte er,„Sie haben Seiner Majeſtät einen guten Dienſt erzeigt. Hier iſt Ihr Oberſten⸗Patent. Der König hat es in dieſem Augenblick unterzeichnet.“ Acht Tage ſpäter war in Paris die Nachricht be⸗ kannt, daß Straßburg, welches damals von der fran⸗ zoſtſchen Armee belagert war, kapitulirt habe, und dem Königreich einverleibt worden ſey. Die drei Sch mit dem Stocke waren das Signal, welches den Er der geheimen Unterhandlung zwiſchen den Miniſtern Ludwigs XIV. und dem Magiſtrate von Straßburg bedeutete. 3 Dieß war der Franz Holbein auf dem Gemälde, läge folg und wenn die drei Stockſchläge nicht ſeinem Geiſte bei⸗ zumeſſen ſind, ſo kann ich nur ſagen, daß ich durchaus nicht weiß, wem man ſie aufbürden ſoll; ich für meinen Theil muß jedoch bemerken, daß ich ſie nie gehört habe, ein Betragen von Seite des Geiſtes, das ich für deſto unartiger hielt, weil ich den Schiedam austrank, meine Nacht auf der Kamindecke zubrachte und das Feder⸗ bett mit ſeiner Decke von Eiderdunen ganz dem Mr. Franz zur Verfügung ließ. Obgleich der Schweinskopf auf einem der bedeutend⸗ ſten Plätze von Rotterdam und der Erasmusſtatue bei⸗ nahe gegenüberſteht, ſo iſt er doch den engliſchen Rei⸗ ſenden vergleichungsweiſe wenig bekannt. Die faſhio⸗ nablen Hotels in der Nähe des Landungs⸗Qu zen, aber umfangreichen Unterröcken hin dern die Köpfe mit jenen goldenen oder verziert, die keiner holländiſchen Bäurin zu fehlen ſcheinen, ſind die ächten Urbilder jener Perſonen, die man auf einem Oſtade oder Teniers ſteht. Der Wirth ſelbſt, der alte Hoogendorp, iſt ein wahres Studium; kaum fünf Fuß hoch, kann er ganz wohl an Umfang gegen neun 57 meſſen, und könnte nöthigenfalls, wenn den Deichen etwas begegnen ſollte, als Schleußenthor gebraucht wer⸗ den. Vor ein Uhr am Tage war er nie zu ſehen, aber genau wenn die Glocke dieſe Stunde ſchlug,— wurde die maſſive Suppenſchüſſel, welche den Anfang der Table d'Hote ankündigte, feierlich vor ihm bergetragen, während er langſamen, gemeſſenen Schrittes, den Schöpf⸗ folgte. Sein Benehmen bei Tiſche war ein ergötzliches Muſter von holländiſcher Charakter⸗Unabhängigkeit— er dachte nie daran, den Gäſten jene kleinen Aufmerkſam⸗ keiten zu widmen, wodurch man ſich ſonſt dieſelben geneigt zu machen ſucht; er ſprach wenig, lächelte nie⸗ mals; ein kurzes Nicken gegen einen Mitbürger, zum Zeichen, daß er ihn kenne, war ungefähr der höchſte Grad königlicher Gunſt, die er jemals erzeigte, oder ge⸗ legenheitlich, wenn eine in ſeiner Nähe gemachte Be⸗ merkung ihm Beifall zu erregen ſchien, beſtätigte ein bezeichnendes Beifallagrunſen die Weisheit der Rede, und machte aus dem Sprecher einen Solon. Sein Löffel ſtieg in die Suppe hinab und tauchte daraus hervor mit der gewichtigen Regelmäßigkeit eines Krahns im Kielraume eines Schiffes. Jedes Tafelgeſchäft wurde mit ununterbrochener Eintönigkeit verrichtet und in dem Laufe ſeiner vierzigjährigen Souveränität kam es nie vor, daß er einem ſeiner Gäſte eine größere Menge Fett oder eine größere Portion Rübenſauce austheilte, als einem andern. Die Table d'Hote, die um ein Uhr begann, ſchloß kurz vor drei, während welcher Zeit unſer Wirth, wenn er nicht andere bediente, emſig damit beſchäftigt war, ſich ſelbſt zu bedienen, und es war in der That erſtaun⸗ lich, die ausdauernde Beharrlichkeit zu beobachten, womit er durch jedes Gericht hindurch watete, indem er ſich jeder Portion des Diner in allen ſeinen Einzelnheiten, von der fetten Suppe an bis zum Gipfel des holländi⸗ ſchen Epikuräismus— zum Utrechterkäſe bemeiſterte. 58 Ungefähr ein Viertel vor drei näherte ſich das lange Diner ſeinem Schluſſe. Allerdings waren manche von den Gäſten ſchon lange vorher verſchwunden und ſchon in alle ihre gewohnten Beſchäftigungen mit Bauholz, Thran und Taback vertieft. Einige jedoch hielten bis zuletzt aus. Ein dickleibiger Infanterie⸗Major, der, gegen das Ende der Mahlzeit ſeinen Hausrock aufknöpfend, rauchend und ſeinen Kaffe ſchlürfend ſitzen blieb, als ob er nur ungerne das Feld verlaſſe; ein ernſter, langhaariger Profeſſor und vielleicht ein Acciſe⸗Beamter, der die Wie⸗ dereröffnung des Zollhauſes abwartete, dieſe mochten jetzt die ganze Geſellſchaft ausmachen. Aber auch ſie ent⸗ fernten ſich endlich und gingen mit einer tiefen Verbeu⸗ beugung gegen den Wlrth nach Hauſe oder an ihre gewohnten Orte. Inzwiſchen eilten die Aufwärter da und dorthin, das Tiſchtuch wurde weggenommen, an ſeiner Stelle ein friſches ausgebreitet, und alle Vorbereitungen zu einem neuen Diner wurden mit derſelben⸗ Thätigkeit wie zuvor betrieben. Die in ihre kleinen Hornfutterale eingeſchloſſenen Servietten, die Bierkannen, die kleinen Gerichte von eingemachten Früchten, ohne welche kein Holländer dinirt, wurden alle aufgetragen, und der Wirth ſaß ohne ſich zu regen dort und beobacht te mit ruhigem Wohlgefallen die Vorbereitungen. Wer ihn näher betrachtete, der konnte bemerken, daß ſich ſeine Augen abwechſelnd öffneten und ſchloſſen, gleichſam um ſich gegenſeitig von der Wache abzuloͤſen; außerdem gab er kein anderes Lebenszeichen von ſich. Nicht eimal zuletzt, als der mächtige Schlag drei von der Kathedrale ertönte und mehrere eilige Tritte die Ankunft der Gäſte von der zweiten Tafel verriethen, gab er das min⸗ deſte Zeichen von Aufmerkſamfeit von ſich, ſondern blieb ruhig, ſtill und regungslos ſitzen. Die nächſten zwei Stunden fand blos eine Wieder⸗ holung der vorangegangenen Arbeit ſtatt, wobei der Wirth ſeine Rolle mit unermüdlicher Thätigkeit ſpielte, und von allen den Items von Suppe, Fiſchen, Rind⸗ 2 59 fleiſch, Geftügel, Schweinfleiſch und Gemüſe hatte ſich keines über Nichtberückſichtigung ſeiner Vorzüge oder über eine ungebührliche Vorliebe für ſeinen vor einer Stunde auf dem Tiſche geſtandenen Vorgänger zu be⸗ klagen. Wenn der Reiſende über ſeinen Appetit wäh⸗ xend der erſten Tafel erſtaunt war, was wollte er über ſeine Heldenthaten bei der zweiten ſagen? Was mich betrifft, ſo geſtehe ich ehrlich, ich hielt das Ganze für Taſchenſpielerei und glaubte, mein Schweinkopfwirth ſey kein wirklicher Menſch, ſondern eine mechaniſche Vor⸗. richtung mit einer Fallthüre, wodurch ein Theil des Diners in die untern Gemächer befördert werde. Ich erlebte es jedoch, meinen Irrthum zu entdecken, und nachdem ich Rotterdam viermal beſucht hatte, wurde mir endlich die Auszeichnung zu Theil, daß ich eine Einladung erhielt, mit Mynheer einen Abend in ſeinem Privatzimmer zuzubringen, und ich brauche kaum zu ſagen, daß ich ſie gerne annahm. Ich habe irgendwo eine Notiz über jenen Abend, ja, hier iſt ſie— „Mynheer erwartet Sie zum Abendeſſen,“ ſagte ein Aufwärter zu mir, als ich an einem ruhigen Herbſt⸗ abend in der Vorhalle des Schweinkopfs ſaß und meine Cigarre rauchte. Ich folgte dem Mann durch einen langen Gang, welcher in die Küche, von da auf der entgegengeſetzten Seite in's Freie ging und uns durch einen kleinen Garten in ein kleines Sommerhaus führte. Das Gebäude, aus Holz beſtehend, war mit bunten Streifen von rother, blauer und gelber Farbe bemalt, und hatte einige Aehnlichkeit mit jenen chineſiſchen Pa⸗ goden, die man auf Brühnäpfchen ſieht. Die Lage war ganz nach holländiſchem Geſchmack— eine Seite, um⸗ geben von dem kleinen ſchon erwähnten Garten, zeigte ein reiches Tulpen⸗ und Ranunkelbeet in aller üppigen Pracht vollkommener Kultur— eine Maſſe bunter Schönheit und ein Duft, dergleichen mir noch nie vor⸗ gekommen war, Auf der andern Seite lag die träge, 6⁰0 grünbedeckte Oberfläche eines holländiſchen Kanals, aus welchen die ſchädlichen Dünſte eines heißen Abends auf⸗ ſtiegen, und das plärrende Gequake von zehntauſend Fröͤſchen, fetten, dickbäuchigen Schelmen, den wahren Burgomaſtern ihrer Race, welche die Ufer entlang hockten, und wenn ihnen die Pfeifen nicht gefehlt hätten, für kleine Holländer auf einer Abendpromenade hätten gehalten werden können. Dieß Gebäube war benannt Luſt und Ruhe, welche Worte in goldenen Buchſtaben auf einer Art Schild über der Thüre ſtanden und dem Rei⸗ ſenden zu verſtehen gaben, daß der Tempel dem Vergnü⸗ gen und der Zufriedenheit geweiht ſey. Für einen Hol⸗ länder jedoch war der Anblick dieſer ſtattlichen Figur, die rauchend am offenen Fenſter ſaß, eine weit verſtänd⸗ lichere Erläuterung der im Gebäude befindlichen Gegen⸗ ſtände, als jede Aufſchrift mit Buchſtaben. Mynheer Hoogendorp mit ſeiner langen Holländerpfeife und hohen Kanne, worauf ein zinnerner Deckel glänzte, ſtellte die konzentrirte Eſſenz eines Holländers vor, und hätte als ein Symbol des Landes aus dem Haarlemer Kirchthurm gehängt werden können. Das Innere des Gebäudes ſtimmte mit ſeinem Zwecke vollkommen überein. Da fand ſich jedes Geräthe, welches zur Bequemlichkeit, wo nicht zum Schlafe dienen konnte; die Seſſel waren tief. voll gepolſtert, Holländer⸗ Seſſel, die ausſahen, als ob ſie ein ſitzendes Leben geführt hätten und dabei gediehen wären; der Tiſch war kurz, dickbeinig von dunklem Eichenholz, ſeine polirte Ober⸗ fläche ſtrahlte die hohen zinnernen Becher und die vollen Züge Mynheers zurück, und ſchienen mit ihm anzu⸗ ſtoßen, wenn er das geräumige Gefäß an ſeine Lippen ſetzte: die Wände waren mit ſchmucken Pfeifen geziert, deren weite Porzellanköpfe auf einheimiſchen Urſprung deuteten. Hie und da war ein Seegefecht zu ſehen, wo ein holländiſcher Dreidecker gegen den Feind Vernichtung ſchleuderte. Aber der Genius des Ortes war der Eigen⸗ thümen ſelbſt, der in einer niedrigen Pelzmütze und 61 Pantoffeln, deren Geſtalt und Größe dem Ballaſt Board Thränen des Neides hätten entlocken können, dort ſaß und in einem Zuſtand ächt holländiſcher Entzückung, die ſich faſt wie ein Schlagfluß ausnoahm, den Kanal an⸗ gaffte. Stumm winkte er mir, mich auf einen Stuhl zu ſetzen— er deutete mir auf eine Pfeife mit einem langen Paff Rauch aus ſeiner eigenen— er grunzte mir ein Willkomm entgegen, worauf er ſich, gleichſam überwältigt durch eine ſo ungewohnte Anſtrengung, in ſeinen Seſſel zurücklehnte und tief ſeufzte. Wir rauchten bis die Sonne unterging und ein aus dem ſtehenden Graben aufſteigender, noch dickerer Nebel mit dem Tabaksdunſt ſich vereinigte, woraus ſich eine Atmoſphäre bildete, ähnlich dem in Gas aufgelösten Koth. Durch den Nebel hindurch ſah ich eine Viſion von Suppenſchüſſeln, heißen Fleiſchſpeiſen und dampfen⸗ den Gemüſen. Meinen Augen kam es vor, als bewegte ſich Mynherr unter den Gerichten und ich habe eine ſchwache, traumhafte Erinnerung an die Heldenthaten, die er vor mir vollbrachte; aber ob es ein Zuhauen mit dem Meſſer oder mit dem Schwerte war, könnte ich nicht mit Beſtimmtheit ſagen. Da nun der Schiedam ſtark war, ſo lag jetzt ein Zauber über mir, ſo daß ich nicht ſprechen konnte, die großen grünen Augen, die mich durch den Dunſt anſtarr⸗ ten, ſchienen mir durch die Seele zu dringen und ich trank aus Verzweiflung um ſo ſchärfer. Im Verlauf des Abends wurde ich dreiſter; ich hatte den Holländer ſo lange betrachtet, daß meine Ehr⸗ furcht vor ihm nachzulaſſen begann und ich wurde endlich kühn genug ihn anzureden. Ich erinnere mich wohl, daß ich mit jener Art von Energie, mit jener Halbverzweiflung womit ein Mann ſich ſtärkt, um ein Geſpenſt anzuſprechen, eine Anrede an ihn wagte: aber wie und in welchen Ausdrücken es geſchah, das weiß der Himmel! Irgend eine abgedroſchene alltägliche Bemerkung über ſeine große Menſchenkenntniß — über ſeine bewunderungswürdige Welterfahrung, war alles, was ich vorbringen konnte, und als dies geſche⸗ hen war, erſchreckte mich der Ton meiner eigenen Stimme ſo ſehr, daß ich die Kanne auf einen Zug leerte, um mei⸗ nen Muth neu zu beſeelen. „Ja, ja!“ ſprach Van Hoogendorp in einem Ton⸗ fall ſo feierlich, wie die Glocke der Kathedrale;„ich habe manche wunderliche Dinge geſehen, ich erinnere mich an Begebenheiten, deren ſich nur wenige noch le⸗ bende Menſchen erinnern können: ich gedenke noch recht wohl der Zeit, da die„holländiſche Vrow“ ihre erſte Reiſe von Bativa zurücklegte und für die Frau Burgo⸗ maſter einen Papagei zurückbrachte; die großen Bäume auf dem Boomjes waren nur noch kleine Sprößlinge, als ich ein Knabe war, nicht dicker als mein Leib;“ hier betrachtete er ſich ſelbſt mit ſo viel Wohlgefallen, als ob er eine Sylphe wäre.„Ach Gott! das waren gute Zei⸗ ten, der Krug Schiedam koſtete nur einen halben Gulden.“ Ich wartete, in der Hoffnung, er würde fortfahren, aber die glorreiche Rückerinnerung, die er ſelbſt in ſei⸗ nem Innern erweckt hatte, ſchien alle ſeine Gedanken zu beſchäftigen und er rauchte ohne Unterbrechung fort. „Sie erinnern ſich alſo der Oeſterreicher?“ fragte ich um ihn in Gang zu bringen. „Das waren Hunde!“ verſetzte er ausſpeiend. 27Ahe ſagte ich,„die Franzoſen waren alſo beſ⸗ ſer?“ „Wölfe!“ rief er und ſah mich mit furchtbar glü⸗ henden Augen an. Darauf trat eine lange Pauſe ein; ich ſah, daß ich einen falſchen Weg eingeſchlagen hatte um ihn zu einer Unterhaltung zu bewegen, und er war zu tief von ſeinem Unwillen überwältigt, als daß er ſprechen konnte. Inzwiſchen nahm jedoch ſein Aerger eine durſtige Ge⸗ ſtalt an, und er machte ſich mit männlicher Tapferkeit an den Schiedam. Die Wirkung ſeiner Trankopfer wurde endlich deut⸗ 63 lich: ſeine großen, grünen, ſtarren Augen fingen an zu flammen und zu blitzen, ſeine weiten Rüſtern ſchwollen auf und zogen ſich zuſammen, ſein Athem wurde kurz und dick, gleich dem krampfhaften Geſtöhne einer Dampf⸗ maſchiene, wenn die Klappen wechſelweiſe auf und zu gehen. Ich beobachtete eine Zeitlang dieſe Vorzeichen, voll Neugierde was fie bedeuten möchten, als er end⸗ lich ſeine Pfeife aus dem Mund nahm und mit einer Stimme, als ob er einen blutigen grauſamen Mord ge⸗ ſtehen wollte, ſagte: „Ich will Ihnen eine Geſchichte erzählen“ Hätte die große ſteinerne Geſtalt des Erasmus über den Marktplatz mir zugewinkt und mich nach den Neuig⸗ keiten der Börſe gefragt, ſo konnte mein Staunen nicht größer ſein; ohne die geringſte Unterbrechung zu wagen füllte ich von neuem meine Pfeife und nickte bedeutungs⸗ voll über den Tiſch hinüber, worauf er folgender maßen begann. Drittes Kapitel. Van Hoogendorps Erzählung. Es war im Winter des Jahres 1806 in der erſten Woche des Dezembers, als der Froſt anfing und ich be⸗ ſchloß, meinem Bruder, den ich ſeit vierzig Jahren nicht geſehen hatte, einen Beſuch abzuſtatten; er war Bur⸗ gomaſter von Antwerpen. Es iſt eine lange und gefähr⸗ liche Reiſe, aber unter dem Schutze der Vorſehung reich⸗ ten unſere Lebensmittel zu und in der vierten Nacht nach unſerer Abfahrt erſchütterte ein heſtiger Stoß das Schiff vom Schnabel bis zum Hintertheil:— Wir befanden uns am Quai von Antwerpen. Als ich das Haus meines Bruders erreichte, fand ich ihn im Bette und krank; die Aerzte behaupteten, es ſei eine Waſſerſucht; ich hingegen begreife nicht, wie dies möglich war; denn er trank mehr Geneyer als ir⸗ gend einer in Holland und war Zeitlebens ein Feind vom Waſſer. Wir waren Zwillinge, aber Niemand hätte dies geglaubt, ſo dͤnn und mager ſah ich neben ihm aus. Da ich nun einmal dort war, ſo beſchloß ich die Merkwürdigkeiten der Stadt zu beſehen; am nächſten Morgen nach dem Frühſtück ging ich daher aus und wanderte bis gegen Abend für mich allein herum. Da gab es nun allerlei zu ſehen— auch manche ganz ſelt⸗ ſame Dinge; der Lärm, das Geräuſche und Getöſe be⸗ täubte und verwirrte mich; das Volk rannte dahin und dorthin, ſchrie als wenn es toll wäre, große Flaggen hingen zu den Fenſtern heraus, Trommeln ſchlugen und, was das ſeltſamſte von Allem war, ich ſah kleine Sol⸗ daten mit rothen Hoſen und rothen Achſelbändern gleich Affen herumrennen. „Was hat dies alles zu bedeuten?“ fragte ich einen Mann in meiner Nähe. 1 „Mich dünkt,“ erwiederte er,„der Burgomaſter ſollte doch wohl am erſten wiſſen, was es zu bedeuten at.“ 4„Ich bin nicht der Burgomaſten,“ verſicherte ich, „ich bin ſein Bruder und kam erſt geſtern von Rotter⸗ dam.“ „Ah!“ rief ein anderer mit ſeltſamem Grinſen,„Sie wiſſen alſo nicht, daß dieſe Vorbereitungen getroffen wor⸗ den ſind, um Ihre Ankunft zu begrüßen.“ „Nein,“ ſagte ich;„aber ſie ſind ſehr hübſch, und wäre nicht ſo viel Lärm dabei, ſo würden Sie mir ganz wohl gefallen.“ Und ſo ſchlenderte ich fort, bis ich an den großen Platz kam gegenüber von der Kathedrale— dies war ein ſchöner Platz— und über einer Thüre dort war ein großer Mann in Käs geſchnitten, höchſt wunderbar an⸗ zuſchauen; auch ein dicker Fiſch, ganz von Gold, war dort, zum Zeichen, daß man Häringe verkaufte; aber in der Stadthalle ſchien etwas ganz Ungewöhnliches vor⸗ zugehen; denn dort ſtanden große Volkshaufen, Dragoner 6⁵ galoppirten hin und her und überall ging es drunter und drüber. „Was giebts da?“ fragte ich.„Sind die Deiche durchbrochen?“ Aber Niemand wollte auf mich achten; da hörte ich plötzlich meinen Namen rufen. „Wo iſt Van Hoogendorp? ſragte einer; darauf ſchrie ein anderer:„Wo iſt Van Hoogendorp?“ „Hier bin ich,“ gab ich zur Antwort, und im gleichen Augenblick kamen zwei Offiziere, mit goldenen Schnüren bedeckt, durch die Menge und nahmen mich am Arm. „Kommen Sie mit uns, Herr Van Hoogendrop,“ ſagten ſie auf Franzöſtſch,„es iſt keine Zeit zu verlieren, wir haben Sie ſchon allenthalben geſucht.“ Nun kann ich dieſe Sprache, ob ich ſie gleich ver⸗ ſtehe, doch nicht ſprechen; ich antwortete daher einfach Ja, ja,“ und folgte ihnen. Sie führten mich eine eichene Treppe hinan und durch drei bis vier große Zimmer, dicht angefüllt mit Offizieren in ſchönen Uniformen, die ſich alle verbeugten, als ich vorüberging und von denen einer voraus eilte und mit lauter Stimme rief:„Monſtieur de Hoogendorp!“ „Dies iſt zu viel Ehre,“ ſagte ich,„gar zu viel;“ aber da ich Holländiſch ſprach ſo beachtete mich keiner. Plötzlich jedoch flog die weite Flügelthüre auf und wir wurden in einen weiten Saal geführt, wo man, obgleich über hundert Perſonen da verſammelt waren, eine Na⸗ del konnte fallen hören; die wenigen, welche überhaupt ſprachen, thaten dies nur im leiſen Geflüſter. „Monſieur de Hoogendorp!“ ſchrie der Mann wie⸗ derum. „O pfui,“ ſagte ich;„ſtören Sie doch nicht die Geſellſchaft;“ und es kam mir vor, als ob einige von ihnen lachten, er aber brüllte nur um ſo lauter:„Mon⸗ ſieur de Hoogendorp!“ Lever, O'Leary, 1. 5 66 EVr ſoll kommen,“ ſprach eine raſche, ſcharfe Stimme von der Feuerſtelle her. „Ahl“ dachte ich,„ſie wollen mir vielleicht eine Adreſſe vorleſen. Ich hoffe, ſie iſt Holländiſch abgefaßt.“ Sie führten mich ſchweigend an das Feuer, vor welchem, mit dem Rücken gegen daßelbe gekehrt, ein un⸗ terſetzter Mann ſtand; ſein Geſicht war blaß, ſeine Züge ſtreng; ſein Haar ſtraff über eine große breite Stirne gekämmt. Er trug einen grünen Rock mit weißen Auf⸗ ſchlägen und darüber einen grauen Oberrock mit Pelz. Ich bin genau in allen dieſen Dingen, weil dieſer kleine Mann eine Perſon von Bedeutung war. „Sie ſind ſpät, Herr Van Hogendorp,“ ſagte er auf Franzöſiſch;„es iſt halb über vier;“ mit dieſen Wor⸗ ten zog er ſeine Uhr heraus und hielt ſie vor mich hin. „Ja!“ fagte ich, meine eigene herausziehend,„wir haben beide gleich viel.“ Mit dieſen Worten ſtampfte er auf den Boden und ſagte etwas, ich glaube, es war ein Fluch. „Wo ſind die Schöffen, mein Herr?“ fragte er. „„Das weiß Gott,“ erwiederte ich,„höchſt wahr⸗ ſcheinlich beim Diner.“ „Ventre bleu!——“ „‚Fluchen Sie nicht,“ ſprach ich.„Wenn ich Sie in Rotterdam hätte, ſo würde ich Sie um zwei Gulden büßen.“ „Was ſagt er?“ rief er mit feuerſprühenden Augen. „Sagen Sie dem Stockfiſch, er ſoll Franzöſiſch ſprechen.“ „Sagen Sie ihm, ich ſey kein Stockfiſch,“ erwie⸗ derte ich. „Wer ſpricht hier Holländiſch?“ fragte er. „General de Ritter, fragen Sie ihn, wo die Schöf⸗ fen ſind, oder iſt der Mann ein Narr?“ „Sch habe gehört,“ verſetzte der General, ſich unter⸗ thänigſt verbeugend—„ich habe gehört, Ew. Majeſtät, er ſey nicht viel beſſer.“ 67 „Tonnerre de Dien!“ ſprach er;„und dieß iſt ihr oberſter Magiſtrat! Maret, da müſſen Sie morgen nachſehen; und da es jetzt ſpät wird, ſo laßt uns ſchnell noch die Citadelle beſuchen; er kann uns, denk' ich, den Weg dahin zeigen;“ und damit ſchritt er vorwärts, ge⸗ folgt von den übrigen, unter denen ich ſelbſt mit fort⸗ geriſſen wurde, ohne daß mir einer die geringſte Achtung oder Aufmerkſamkeit bewies. „Nach der Citadelle,“ ſagte einer. „Nach der Citadelle,“ rief ein anderer. „Kommen Sie, Hoogendorp, zeigen Sie den Weg,“ riefen mehrere zuſammen; und ſo ſtießen Sie mich an die Spitze; und trotz aller meiner Verſicherungen, daß ich die Citadelle nicht von der Domkirche zu unter⸗ ſcheiden wiſſe, wollten ſie nichts hören, ſondern riefen nur um ſo lauter,„ſchreiten Sie aus, alter ‚Grande culotte,““ und riſſen mich, als verfolgten ſie einen Bä⸗ ren, durch die Straße. „Zeigen Sie den Weg,“ rief einer.„Voran,“ ſagte ein anderer.„Schreiten Sie aus,“ brüllten drei bis vier zuſammen; und ſo fand ich mich an der Spitze des Zuges, ohne daß ich im Stande war, meine Unwiſſenheit zu erklären oder einzugeſtehen. „So wahr mein Name Peter Van Hoogendorp iſt, ſo ſpiele ich euch allen einen Teufelsſtreich,“ ſprach ich bei mir ſelbſt; damit nahm ich feſt meinen Stock in die Hand und ſchritt aus, ſo ſchnell ich konnte. Eine enge Straße gings hinab und eine andere hinauf: zuweilen geriethen wir in eine Sackgaſſe, wo kein Ausgang war, ſo daß wir wieder umkehren mußten; ein andermal ſtiegen wir eine ungeheure Treppen⸗Flucht hinauf, und kamen auf einmal in den Hof eines Gerbers, oder an einen Platz, wo man Fiſche einpöckelte, und ſo irrten wir herum, bis in ganz Antwerpen keine dunkle Allee und kein krummes Gäßchen mehr war, durch das wir nicht gekommen wären, ſo daß ich am Ende ſelbſt Bla⸗ 5* 68 ſen an den Füßen bekam und vor Anſtrengung müde wurde. Dieſe ganze Zeit über hatte der Kaiſer— denn es war Napoleon— keine Notiz von unſern Irrfahrten genommen; er war zu ſehr in das Geſpräch mit dem alten General de Ritter vertieft, als daß er ſonſt etwas beachtet hätte. Endlich, nachdem wir durch eine lange ſchmale Straße gegangen, kamen wir an einen Arm der Schelde, wo ich ſo müde war, daß ich beſchloß, ohne eine Pfeife zu rauchen, nicht weiter zu gehen; ich ſetzte mich daher auf ein Butterfaß, nahm eine Pfeife heraus und begann Feuer zu ſchlagen. Jetzt erregte ein kichern⸗ des Gelächter von Seite der Offtziere die Aufmerkſam⸗ keit des Kaiſers; er hielt plötzlich inne, und ſtarrte mich an, als wäre ich ein fremdes Thier. 2 „Was heißt das,“ ſprach er.„Warum gehen Sie nicht vorwärts?“ „Es iſt mir nicht möglich,“ verſetzte ich,„ich bin noch nie ſo weit gegangen, ſo lang ich lebe.“ „Wo iſt die Citadelle,“ rief er aufgebracht. „In des Teufels Gewahrſam,“ erwiederte ich, „ſonſt hätten wir ſie ſchon lange geſehen.“ „Das dort muß ſie ſeyn,“ ſprach ein Adjutant, auf eine grüne, graſige Anhöhe auf der andern Seite der Schelde deutend. Der Kaiſer nahm ihm das Fernrohr aus der Hand und ſah einige Minuten feſt hindurch. „Ja,“ ſagte er,„das iſt ſie: aber warum haben buir einen ſolchen Umweg gemacht? Die Straße iſt ja vrk.“ „Ja!“ erwiederte ich,„ſo iſt's.“ „Ventre bleu!“ brüllte er, während er mit dem Fuß auf den Boden ſtampfte,„dieſer Lump treibt Spott mit uns.“ 1 1 „Ja!“ wiederholte ich, ohne recht zu wiſſen, warum. 38 69 „Die Citadelle iſt dort! dort iſt ſie!“ rief er, mit ſeinem Finger dahin deutend. „Ja!“ ſagte ich noch einmal. „Alſo vorwärts!“ ſchrie er, indem er mir bedeutete, die Treppen⸗Flucht, welche an die Schelde hinunter⸗ führte, hinab zu ſteigen;„wenn dieß Ihr Weg iſt, par Saint Denis! ſo ſollen Sie zuerſt hinüber.“ Nun war der Froſt, wie geſagt, erſt ſeit einigen Tagen eingetreten, und das Eis auf der Schelde hätte kaum die Laſt eines winzigen Tambours getragen; ich machte daher ſogleich Gegenvorſtellungen, zuerſt auf Hol⸗ ländiſch und dann auf Franzöſiſch, ſo gut ich konnte, aber niemand wollte mich hören. Ich ſuchte darauf Seiner Majeſtät zu zeigen, welche Gefahr er ſelbſt lau⸗ fen würde; aber ſie lachten nur darüber und riefen— „En avant, en avant toujours,“ und ehe ich Zeit hatte, noch ein Wort zu ſprechen, ſtand eine Korporal⸗ Wache mit gefälltem Bajonet hinter mir; es hieß„vor⸗ wärts Marſch,“ und ſo ſchritt ich zu. Ich verſuchte ein Gebet zu ſprechen, aber ich konnte an nichts denken, als an Flüche auf die Teufel, deren lautes Gelächter hinter mir alle meine Frömmigkeit in die Flucht ſchlug. Als ich auf die unterſte Stufe kam, kehrte ich mich um, ſtemmte meine Hände in die Seiten und ſuchte durch Geberden ihr Mitleid zu erregen; aber darüber ſchrien ſie nur um ſo lauter, und auf ein von einem Offizier gegebenes Signal berührte mich ein Kerl mit dem Bajonet. 4 „Dieß war ein ſchrecklicher Moment,“ ſagte der alte Hoogendorp, indem er mit ſeiner Erzählung inne hielt und nach der Kanne griff, die er ſeit einer halben Stunde nicht berührt hatte.„Es iſt mir, als ſähe ich den Fluß noch vor mir mit ſeinen Eisſchollen, die theils dick, theils dünn auf einander ritten; einige wirbelten in der ſchnellen Strömung des Fluſſes fort; andere lagen gleich Inſeln da, wo das Waſſer träge war. Ich 70 kehrte mich um, ballte meine Fauſt, drohte damit dem Kaiſer in's Geſicht und ſchwor bei den Gebeinen des Statthalters, daß ich, könnte ich nur mit einem Griff ſeine Hand packen, dieſen Tanz nicht ohne einen Mit⸗ tänzer aufführen würde. Hier ſtand ich,“ ſprach er, „und die Schelde mochte ungefähr da ſeyn. So hob ich meinen Fuß auf und trat auf ein großes ſchwim⸗ mendes Eisſtück, das in dem Augenblick, wo ich es be⸗ rührte, unter meinen Füßen wegglitt und hinaus in den Strom ſchoß.“ In dieſem Augenblick ſiel Mynheer, der dieſen letz⸗ tern Theil ſeines Abenteuers dramatiſch dargeſtellt hatte, auf den wachsbeſtrichenen Boden nieder mit einem Plumps, der die Pagode durch und durch erſchütterte; ich dagegen, der während der Erzählung dem Schiedam doppelt ſo ſtark zugeſetzt hatte, war ſo geſpannt auf die Kataſtröphe, daß ich dachte, er ſey wirklich in die Schelde geſtürzt, und zwar in der von ihm beſchriebenen Lage. Die Triebe der Menſchlichkeit waren, das kann ich mit Stolz ſagen, ſtärker in mir, als die Gründe der Vernunft. Ich ſchleuderte meine Schuhe fort, warf meinen Rock weg und ſtürzte mich kühn ihm nach. Ich erinnere mich wohl, daß ich ihn an der Kehle packte, aber ich erinnere mich auch, daß ich fühlte, welch ein ſchreckliches Ding der Griff eines dem Ertrinken nahen Mannes iſt; denn ſeine beiden Hände waren an meinem Nacken, und er drückte mich fürchterlich. Von dem, was ſich nachher begab, wiſſen vielleicht die Kellner⸗ oder die„menſchliche Geſellſchaft“ etwas: ich kann nur ſagen, daß ich vier Tage lang das Bett hütete, und als ich das erſte Mal wieder an die Table d'Hote kam, auf der Naſenbrücke des alten Hoogendorp einen breiten Fleck ſchwarzen Heftpflaſters ſah— und nie mehr war ich ein Gaſt in„Luſt und Nuſt.“— *** 4* * * 3 2** Der laute Klang der Table d'Hote⸗Glocke erweckte 71 mich, als ich in einem Traume über Franz Holbein und das gelbe Wams lag. Ich zog mich haſtig an und ſtieg hinab in den Saal; Alles war gerade ſo, wie ich es vor zehn Jahren verlaſſen hatte; es war nichts verän⸗ dert, nicht einmal das Weichſel⸗Rohr, das aus Myn⸗ heers Hoſentaſche hervorragte. Der Hufſchlag von Poſt⸗ pferden und das ſchwere Geraſſel von Rädern zog mich an das Fenſter, wohin ich noch bei Zeiten kam, um den Wagen des Aldermans mit einem Poſtzug vorüberrollen zu ſehen; aus dem Innern wurde mir eine Kußhand zugeworfen. Es war der ehrenwerthe Jack ſelbſt, der auf irgend eine Art ihre Gunſt gewonnen hatte und be⸗ reits wohlbeſtallter Reiſegefährte bei ihnen war. „Es iſt doch recht närriſch,“ dachte ich, als ich die Serviette über meine Knie legte,„was ein wohlgedreh⸗ ter Backenbart für Glück machen kann— beſonders wenn der Eigenthümer ein Narr iſt.“ Viertes Kapitel. Moraliſche Betrachtungen. Wer erwartet, dieſe meine„Zeitvertreibe“ könnten ihm etwa als Wegweiſer auf dem Continent, oder als Reiſehandbuch dienen, der wird ſich ſchmerzlich enttäuſcht fühlen; eben ſo gut könnte er den Verſuch machen, aus dem, in einem Schneiderladen herumliegenden Tuch⸗ ſchnitzeln einen Anzug herauszubringen; allerdings mag er da etwas ſinden, womit er ein altes Kleid ausbeſſern, oder woraus er einen Federwiſcher machen kann, aber weiter nichts. Meine Bruchſtucke, von jeder Geſtalt und Farbe— manchmal glänzend und flimmernd, manchmal ſchwefel⸗ gelb und aſchgrau— ſind Alles, was ich meinen Freun⸗ den darzubieten habe; wie auch ihre Farbe, oder ihr Gewebe ſeyn mag, ob fein oder hausgeſponnen, glänzend 72 in tyriſchem Purpur, oder rothbraun angeſtrichen, ich kann weiter nichts für ſie ſagen, als daß ſie alle mein eigen ſind— ich habe ſie nie aus der Taſche eines an⸗ dern geſtohlen. Und nun, um den Dezimalbrüchen zu entſagen, und wie eine menſchliche Einheit zu ſprechen: wenn ihr die genaue Entfernung zwiſchen zwei auswär⸗ tigen Städten wiſſen wollt— oder die beſte Art, euere Beſtimmung zu erreichen— oder das comfortabelſte Hotel, wenn ihr ſte erreicht habt— wenn ihr wiſſen wollt, wer die Kathedrale gebaut— wer das Altarbild gemalt— wer die Stadt zerſtört hat im Jahre fünfzehnhundert und —— Fidelbogen— dann vertraut euch dem unſterb⸗ lichen John Murray an, er kann euch das alles ſagen, und noch mehr; wie viele Kreuzer einen Groſchen machen, wie viele Groſchen einen Gulden; er ſöhnt euch mit allen Reiſebeſchwerden durch hiſtoriſche Zuſammenſtellun⸗ gen aus, durch Notizen über Völker, die vor der Flut gelebt haben, und durch gelehrte Erörterungen über die Wortbildung eines Städtenamens, den ihr trotz all euerm Genie nicht ausſprechen lernt. Nun, es iſt freilich etwas hübſches, wenn euer Wagen auf einer Chauſſee einbricht, deren Löcher groß genug ſind, um einen Hund darin zu begraben— es liegt ein großer Troſt darin zu wiſſen, daß vor einigen zehntauſend Jahren dieſe Stelle, die aller Welt wie ein Bergſtrom vorkommt, eine Römerſtraße war. Wenn die Herberge, worin ihr ſchlaft, mit aller Art von Lang⸗ weil umgeben iſt, die man in Herbergen antreffen kann; wenn ihr dort jenes lange Verzeichniß von Uebeln findet, vom Holzwurm an bis zur Wanze— ſo überſeht das, denn gewiß iſt mit den Annalen derſelben irgend eine ergötzliche Geſchichte von einer blutigen Mordthat ver⸗ knüpft, die euch für euer Leiden reichen Erſatz geben wird. Und nun frage ich in nüchternem Ernſte, welcher literariſche Ruhm gleicht dem des John Murray? Wel⸗ cher Mantelſack, worin nur zwei Hemder und eine Nacht⸗ kappe iſt, enthält nicht ein Handbuch? Welcher Eng⸗ 73 länder geht am Morgen aus, ohne daß er es unter dem Arm hat? Wie natürlich vergleicht er die geſchwätzige Erklärung ſeines Lohnbedienten mit dem Zeugniß des Buches! Nimmt er es nicht mit in die Kirche, wo er, wenn die Predigt langweilig iſt, eine Beſchreibung des Gebäudes leſen kann? Iſt es nicht ſein Führer bei Table d'Hote, der ihn lehrt, wann er eſſen, wann er aufhoͤren ſoll? Wenn er ein Gebäude, eine Statue, ein Gemälde, ein altes Kabinet oder ein Mannſeript anſieht, mit welchen Augen betrachtet er es? Gewiß mit John Murray's Augen! Wenn John ihm ſagt, dieſe Stadt ſey berühmt wegen ihrer Pilze, nun, ſo wird er ſo lange davon eſſen, bis er ſelbſt ein Schwamm wird; höort er, daß ſie gefeiert ſey wegen ihrer Spitzen⸗ Manufakturen oder Stahlarbeiten— wegen ihrer Glas⸗ gemälde oder Perücken; ſtracks kauft er alles auf, was er finden kann, nur um, wenn er heimkommt, die Ent⸗ deckung zu machen, daß ihm ein Londoner Krämer die⸗ ſelben Artikel um fünfzig Prozent wohlfeiler hätte geben können. In allen dieſen Dingen jedoch iſt John Murray nicht zu tadeln; im Gegentheil, es iſt nur ein Beweis für ſeine allgemeine Popularitaͤt und für das unbedingte Vertrauen, womit man jede ſeiner Behauptungen vuf⸗ nimmt. Ich kann mir nichts Schrecklicheres denken, als das plötzliche Erſcheinen eines Werkes, welches den ganzen Text des„Handbuchs“ widerſprechen und die Engländer überzeugen würde, daß John Murray Unrecht habe. Ein National⸗Bankerott, eine Niederlage zur See, der Ver⸗ luſt der Kolonien, das alles könnte ertragen werden; aber wenn wir eines Morgens erwachten und hörten, der Continent ſey nicht mehr derſelbe Continent, für den wir ihn anzuſehen gewöhnt waren, was würde dieß für ein ſchrecklicher Schlag ſeyn! Gleich dem ehren⸗ werthen Alderman von London, der, als er hörte, Robinſon Cruſoe ſey nur eine Dichtung, eingeſtand, er habe eine der größten Freuden ſeines Daſeyns verloren, 74 würden wir entdecken, daß wir einer unſchuldigen und füßen Täuſchung beraubt worden ſeyen, für die uns keine Wirklichkeit, womit wir Kellner betrügen und Fran⸗ zoſen ausſchimpfen, entſchädigen könnte. Von dem unbedingten Vertrauen, welches John und ſein Handbuch genießt, erinnere ich mich vor einigen Jahren auf dem Rheinein luſtiges Beiſpiel erlebt zu haben. Auf dem Verdeck des Dampfbootes, unter jener ſelt⸗ ſamen bunten Maſſe von Cockneys und Holländern, flä⸗ miſchen Bauern, deutſchen Baronen, Bankiers und Spielern, Gel wechslern, Käſehändlern, Quakſalbern und Konſuln, ſaß ein ältliches Paar, das, von der übrigen Geſellſchaft ſo weit entfernt, als die Umſtände es erlaubten, eifrig damit beſchäftigt war, den Conti⸗ nent mit dem Handbuch zu vergleichen, oder mit andern Worten, ob es die Natur gewagt habe, von dem wah⸗ ren Vorbild, das ſte in ihren Händen hatten, abzuweichen. „Andernach, früher Andernachium,““ las die alte Lady laut.„Sehen Sie es, mein Theurer?““ „Ja,““ erwiederte der alte Gentleman, indem er auf die Bank ſprang und ſein Taſchenfernrohr richtete— „„Ja,““ ſagte er,„fahren Sie fort. Ich habe es.“ „„Andernach,““ las ſie weiter,„iſt eine alte Rö⸗ merſtadt und hat zwölf Thürme——““ „Wie viele, ſagen Sie 2“ „Zwölf, mein Theurer—— 4 „Warten Sie ein bischen,“ ſagte der alte Gentle⸗ man, während er mit ausgeſtrecktem Finger ſie zu zählen begann, eins, zwei, drei, vier und ſofort, bis er die Zahl elf erreichte; hier aber hielt er plötzlich inne, ſenkte darauf ſeine Stimme zu einem Ton zitternder Aengſt⸗ lichkeit und flüſterte:„Da fehlt einer.“ „Sagen Sie nicht ſo was!“ ſprach die Lady,„mein Theurer, zählen Sie noch einmal.“ 3 Der alte Gentleman ſchüttelte den Kopf, faltete beſorgt ſeine Stirne und begann die Rechnung von Neuem, „Sie haben den kleinen neben dem Kalkofen über⸗ ſehen,“ unterbrach die Lady. „Nein!“ verſetzte er ſchroff,„hier ſechs, dort ſieben — acht— neun— zehn— elf— und ſehen Sie, weiter keiner.“ Darauf ſtieg die alte Lady hinauf an ſeine Seite, und die Zählung begann von neuem nach Art eines Duettes, aber ſie mochten es anfangen wie ſie wollten, ſie mochten den Hügel aufwärts oder abwärts zählen, ſie mochten am Rhein oder an der Landſeite anfangen, es half alles nichts, ſie konnten kein Duzend heraus⸗ bringen. „Das iſt ſchmählich!“ ſagte der Gentleman. „Recht ſchändlich, in der That!“ wiederholte die Lady, indem ſie das Buch zumachte und ihre Hände übereinander ſchlug; der Unwille ihres Gefährten dagegen drückte ſich wärmer aus, und er ſchritt in einem Zu⸗ ſtand heftiger Aufregung auf dem Verdeck umher. Es war klar, es war ihnen nie in den Sinn ge⸗ kommen, die Genauigkeit John Murray's in Frage zu ſtellen. Weit entfernt davon— hatte ihnen das Hand⸗ buch ehrlich geſagt, was ſie in Andernach haben ſollten —„zwoͤlf Thürme von den Römern gebaut,“ war ein Theil des Küchenzettels; und nun hatte ſich augenſchein⸗ lich irgend ein ſpitzbuͤbiſcher Herzog von Heſſen mit einem verlornen Thurm verſteckt; ſie waren betrogen, geſchnellt und geprellt, unter falſchen Vorſpiegelungen aus ihrem Mutterlande gelockt, und wollten ſich dieß um keinen Preis gefallen laſſen. Sie gingen daher herum, be⸗ klagten ſich bei jedem Paſſagier, ſuchten mit all' ihrer Beredtſamkeit eine Nationalangelegenheit daraus zu ma⸗ chen, und beſchloſſen, ſo bald ſie nach Frankfurt kämen, den Fall dem Geſandten vorzutragen. Und nun, weil ich gerade darauf zu ſprechen komme, welch ein Teufels⸗ leben führt nicht ein engliſcher Miniſter in jedem Theile des Continents, der von ſeinen Landsleuten beſucht wird. John Bull mag ſich aus Unkenntniß des Landes oder der Sprache in einen Handel mit den Behoͤrden verwickeln— er mag ſeinen Paß oder ſeine Börſe ver⸗ lieren— er mag ſein Federmeſſer oder ſeinen Mantel⸗ ſack vergeſſen; ſtracks geht er zu ſeinem Geſandten, der in ſeinen Augen zwiſchen Lord Aberdeen und einem Bow⸗ ſtreet⸗Beamten eine Brücke bildet. Die Funktionen eines Miniſters ſind in der That mannigfaltig— bald unter⸗ ſucht er die Vortheile eines internationalen Vertrages; bald ſpürt er einem vermißten Sonnenſchirm nach; bald beſtimmt er die Grenzen eines Gebietes; bald gibt er Inſtruktionen über die Ceremonie einer Vorſtellung bei Hofe; bald taxirt er die Einkünfte einer Flußſchifffahrt; bald ſchätzt er den Preis der Naſenbrücke eines Aufwär⸗ ters; alle die luſtigen und harmloſen, in London ſo be⸗ liebten Streiche, Laternen zu zerſchlagen, an den Häuſern anzuläuten, die Polizei durchzudreſchen, erfordern, wenn ſte auswärts praktizirt werden, eine Erklärung zu Han⸗ den des Miniſters, der kein Bedenken trägt, dieſelben als National⸗Liebhabereien, wie den Geſchmack für ſtarkes Ale und halbgeröſtetes Rindfleiſch, zu verantworten. Fürwahr, der iſt ein ſtolzer Mann, der ſeinen Fuß auf den Continent ſetzt, mit jener Aladdin's⸗Lampe— einem Briefe an den Geſandten. Der Kredit ſeines Bankiers ſteht in ſeinen Augen weit unter dieſem all⸗ mächtigen Dokument, das ſeiner aufgeregten Phantaſie die Salons königlicher Paläſte, die Tafel der Geſandt⸗ ſchaft, eine Privat⸗Loge in der Oper, und die Aufmerk⸗ ſamkeit der faſhionablen Welt eröffnet; er ſchwebt in der Erwartung von Kreuzen, Ordensbändern, Sternen und Dekorationen— von Privatunterredungen mit ge⸗ krönten Häuptern, von Audienzen bei Miniſtern und von all den tauſend und ein Schmeicheleien, die auf den Höchſten des Landes gehäuft werden. Iſt er noch ledig, ſo weiß er nichts anderes, als er heirathet eine Prin⸗ zeſſin; iſt er verheirathet, ſo hat er vielleicht eine Toch⸗ ter für irgend einen deutſchen Herzog, nebſt drei Huſaren für eine Armee, und drei Acres unfruchtbaren Gebirgs⸗ 77 Landes als Gebiet— deſſen Unterthanen nicht ſo zahl⸗ reich ſind, als die Haare ſeines Schnurrbarts, deſſen Wappenbilder hingegen bis auf Noah zurückgehen; da⸗ her in ſeinem Schilde auf azurblauem Felde eine Arche figurirt. Und doch! von allen Erwartungen der Men⸗ ſchenkinder gehören dieſe mit zu den eitelſten. Dieſe Dokumente vom Miniſterium des Auswärtigen ſind nichts als Bellerophon's⸗Briefe, geboren, um zu betrügen. Der Beſitz derſelben möge euch nicht von einem wöchentlichen Akkord mit euerm Gaſtwirth abwendig machen, unter der ſüßen Täuſchung, ihr würdet unter ſieben Tagen viermal auswärts diniren. Ach und Wehel der Geſandte hält kein offenes Haus für den erſten beſten ſeiner Lands⸗ leute: ſein Hotel iſt kein Dach fuͤr Frauenzimmer, die nicht einmal recht wiſſen, wohin und warum ſie reiſen; und wie ſeltſam es uns auch vorkommen mag, er ſcheint wirklich ſeine Wohnung eben ſo gut für ſein Eigenthum zu halten, als ſtünde ſie in Belgravesquare oder Piccadilly. Von alle dem nun hat John Bull keinen Begriff — er bezahlt für dieſe Leute— ſie figuriren im Budget und zwar mit einer guten, runden Summe— und was thun ſie[dafür? John kennt wenig von den täglichen Geſchäften der Diplomatie. Einen Vertrag, einen Ta⸗ rif, eine Kriegsfrage kann er verſtehen; aber aus den rothen Amts⸗Teppichen kann er nichts machen. Hofge⸗ ſchwätz, königliche Heirathen— wie Seine Majeſtät gegen den franzöſiſchen Geſandten lächelte und gegen den öſterreichiſchen Geſchäftsträger nur grinste— wie die Königin drei Minuten mit der Frau des däniſchen Mi⸗ niſters ſprach, und zu der des Neapolitaniſchen nichts ſagte, als„bon jour, Madame“— wie auf der könig⸗ lichen Tafel Plumpudding figurirte, ein Beweis, daß die engliſche Politik die Oberhand hatte;— alle dieſe Zeichen der Zeit ſind für ihn ein chaldäiſches Manuſcript. Aber daß der Geſandte ihn und Mrs. Simpkins und die drei Miſſes und Maſter Gregory Simpkins zu einem Fami⸗ liendiner einladen— daß er den Gaſtwirth im„Adler“ überſchreien und für ihn mit dem Lohnkutſcher im Schwa⸗ nen die genaueſten Preiſe ausbedingen— daß er dafür ſorgen ſoll, daß er die Merkwürdigkeiten ſieht und nicht mehr, als durchaus nöthig iſt, ausgelacht wird;— dieß alles iſt begreiflich, und John erwartet es ebenſo na⸗ türlich, als ob es in ſeinem Paſſe ausbedungen, und, ehe er London verließ, von dem Sekretaͤr des Auswär⸗ tigen beſchworen worden ſey. Unter all den Seltſamkeiten des engliſchen Charak⸗ ters iſt mir keine ſo ganz unerklärlich, als die geheim⸗ nißvolle Eigenſchaft, die einen ſo unabhängigen Bur⸗ ſchen, wie John Bull ſeyn ſollte, und unter zwanzig Fällen neunzehnmal wirklich iſt, zu einem Buſchklepper macht. Derſelbe Mann, der jede pekuniäre Verbindlich⸗ keit verachtet, der hundert Meilen zurückreiſen würde, um eine vergeſſene Schuld zu berichtigen— der keinen Gedanken hegt, welcher nicht großherzig, erhaben und ehrenwerth iſt, kann ſich zu Allem erniedrigen, um an einen Ort zu kommen, wohin er keine Anſprüche hat— und in einer Geſellſchaft zu figuriren, wo er alles, nur nicht vergnügt iſt— wo er unberückſichtigt bleibt, außer wegen ſeiner Lächerlichkeit. Dieß muß jedem aufgefallen ſeyn, der auf dem Continent bewandert iſt. Da iſt keine Mühe zu groß, keine Ausgabe zu verſchwenderiſch, keine Intrigue zu ſchwierig, um eine Einladung zu Hof oder zu einer Geſandtſchafts⸗Soirée zu erringen. Solche Geſandtſchafts⸗Soiréen ſind allerdings hübſche Dinge in ihrer Art— eine Art irdiſcher Hölle, wo Menſchen von allen Rangſtufen und Ständen zuſammen⸗ kommen— ſtattliche Preußen, verſchmitzte Franzoſen, ſchalkhaft ausſehende Oeſterreicher, dumme Dänen, hoch⸗ muthige Engländer, ſchwärzliche, gemein ausſehende Spanier, und hie und da ein„ewiger Windbeutel“ aus den Vereinigten Staaten, mit ſeinem Kentuckyhaar und einem beträchtlichen, verdammten, ſtarken Tabaksgeruch an ſich. Alsdann finden ſich dort die grandes dames in Diamanten glitzernd und auf dem Divan ſitzend, die 79 Miniſter⸗Damen von jeder Abſtufung, von der Frau des Bevollmächtigten bis zu der des chargé d'affaire, um⸗ geben von backenbärtigen attaches— Ehrenfräuleins, königliche Adjutanten, Polen, Gelehrte, Zeitungsſchreiber und ein Türke. Die Aufmerkſamkeit des Wirthes weist jedem Rang ſeinen Platz an; und er wägt ſeine Höf⸗ lichkeiten ſo gewiſſenhaft ab, als ob ein Strahl mehr oder ein Schatten weniger das Gleichgewicht der Nationen ſtören und den Frieden Europas bedrohen müſſe. In dieſer Hinſicht ging nichts über die alte, holländiſche Ge⸗ ſandtſchaft in Dresden, wo der Haushofmeiſter ſtrengen Befehl hatte, den Miniſtern Kaffe, den Sekretären Zuckerwaſſer und den Attachées nichts zu ſerviren. Da konnte man nie durch Vorſchützung von Hitze, Müdigkeit oder Erſchöfung ein Geſetz brechen, das auf den breiteſten Anſichten diplomatiſchen Nanges begründet war. So wurde eine Taſſe Kaffe, gleich einem Ordensband oder einem Stern, eine ehrenvolle, ſtolze Auszeichnung; und der beneidenswerthe Beſitzer ſchlürfte ſeinen Mokka und handhabte den Löffel mit einem Gefühl von Würde, wo⸗ von ſich ordinäre Menſchen keinen Begriff machen kön⸗ nen; waͤhrend das Zuckerwaſſer des Sekretaͤrs für den jun⸗ gen Aſpiranten ein Ziel war, welches ſeinen Ehrgeiz früh⸗ zeitig aufregen, und ſeine Nacheiferung aufſtacheln mußte. Wenn, wie einige behaupten, der menſchliche Geiſt nie glänzender ſich zu erkennen gibt, als wenn er aus einer hohen Sphäre zu irgend einem unbedeutenden, armſeligen Gegenſtand herniederſteigt und denſelben mit aller ihm eigenthümlichen Kraft beleuchtet; ſo darf ge⸗ wiß der Diplomatenſtand auf keiner geringen Stufe von Fähigkeit ſtehen. VTon der Frage einer beſtrittenen Grenze bis zu der eines Platzes an der Tafel iſt nur ein Sprung von der Mündung eines Fluſſes in die See, hüpft der geübte Geiſt zu einer Tiſch⸗Prozeſſion ſo natürlich über, als ob 80 es ein Hops oder ein Schritt wäre. Ein merkwürdiger Fall kam vor Kurzem in Frankfurt vor. Die Etiquette in dieſer Stadt gibt dem Präſidenten des Bundestages den Vorrang vor den verſchiedenen Mitgliedern des diplomatiſchen Corps, die jedoch alle— den Vorrang vor den übrigen Mitgliedern des Bundes⸗ tages haben. In Abweſenheit des öſterreichiſchen Miniſters, wel⸗ cher den Poſten eines Präſidenten bekleidete, verſah der preußiſche Geſandte dieſe Stelle ad interim, und glaubte, daß mit den Pflichten auch die Vorrechte deſſelben auf ihn übergegangen ſeyen. Da lud Herr v. Anſtett, der ruſſiſche Geſandte, ſeine Kollegen zu einem Diner ein und nun entſtand die wichtige Frage, wer den Vortritt haben ſolle? Auf der einen Seite der die Honneurs ma⸗ chenden Dame war der Miniſter von Frankreich, der den andern von jeher voranging; auf der andern der preußiſche Interims⸗Präſident, der nicht geneigt ſchien, ſeine Anſprüche aufzugeben. Der wichtige Augenblick kam— die Thüre flog weit auf und eine impoſante Stimme rief—„Madame la Baronne est servie.“ Kaum waren die Worte geſpro⸗ chen, als der Preuße vorſprang, der Frau v. Anſtett galant ſeinen Arm anbot und ſie an die Tafel führte, bevor der Franzoſe Zeit hatte, ſich umzuſehen. 3 Als die Geſellſchaft an der Tafel ſaß ſah ſich Herr v. Anſtett mit verlegenen und unzufriedenen Blicken um, darauf ſammelte er ſich plötzlich und rief mit einer durch das ganze Zimmer hörbaren Stimme—„Man ſervire die Suppe dem Miniſter von Frankreich zuerſt!“ Der Befehl wurde befolgt und der franzöſiſche Miniſter hatte bereits den dritten Löffel voll Suppe an die Lippen ge⸗ ſetzt, bevor der gedemüthigte Preuße die ſeinige gekoſtet hatte. Am nächſten Tage ſah man Couriere mit Ertrapoſt durch ganz Europa fliegen; ſie brachten die wichtige Nachricht, daß man, wenn jeder andere Vorrang un⸗ 81 ſicher ſey, ſeine Zuflucht nur zur Subpe zu nehmen brauche, um Rang und Vortritt zu prüfen. Und nun einſtweilen genug von ordentlichen und außerordentlichen Miniſtern, von Geſandten und Bevoll⸗ mächtigten; ich beabſichtige indeſſen bei einer andern Ge⸗ legenheit auf ſie zurückzukommen. Fünftes Kapitel. Antwerpen— das Fiſcherhaus. Die Erinnerung an Van Hoogendorp's Abenteuer flöste mir ſo wenig Furcht ein, daß ich mich eines Morgens in Antwerpen befand. Mir gefallt die alte Stadt; es gefallen mir ihre ſaubern, unregelmäßigen Straßen, ihre berühmte Kathedrale, der alte Platz mit ſeinen Baumgängen; es gefallen mir die flämiſchen Frauen⸗ zimmer mit ihren langohrigen Kappen; und ich ſitze gerne an der Table d'Hote in„St. Antoine“— unter andern Gründen, weil ſie um ein Uhr ſtattfindet, und daher ein gewichtiges Argument für ein warmes Souper um neun ÜUhr darbietet. Ich weiß nicht, wie es andern Leuten geht, aber was mich betrifft, ſo muß ich geſtehen, ein großer Theil des Vergnügens, das mir der Continent gewährt, wird mir zerſtört durch den Jargon der Commissionaires und durch das Kauderwelſch der Handbücher. Warum iſt es einem nicht geſtattet, niederzuſitzen vor jenem großen Gemälde,„der Abnahme vom Kreuze“, um ſich ſatt daran zu ſehen? warum dürfen wir nicht ſchauen, bis die ganze Scene gleichſam lebendig vor uns wird, und bis alle dieſe Geſichter des Schmerzes, der Bekümmer⸗ niß, des Schreckens und der Verzweiflung in unſer Ge⸗ dächtniß gegraben ſind, um nie mehr daraus verwiſcht zu werden? warum, frage ich, können wir dieß nicht in Ruhe und Frieden ſtudiren, ohne einen heiſeren, nach Lever, O'Leary. I. 6 82 Tabak ſtinkenden Kerl in ſchmutziger Bluſe und hölzernen Schuhen an unſerer Seite, der uns in franzöſiſchem Patois die Verdienſte eines Werkes auseinanderſetzt, das er eben ſo gut im Stande iſt zu malen, als zu würdigen. Aber ich darf nicht ſelbſt den Fehler begehen, den ich Andern vorwerfe. Ich will keine Beſchreibung von einem Gemälde verſuchen, die für Diejenigen, welche es geſehen haben, keinen jener Eindrücke bewirken könnte, welche das Werk ſelbſt auf ſie machte, Denjenigen hin⸗ gegen, welche es nicht geſehen haben, durchaus keinen Begriff davon geben würde. Ich will meine Leſer nicht ermüden mit einem langweiligen Gewäſche von „Effekt“,„Ausdruck“,„Kraft“,„Tiefe“ und„Schwung“; ſtatt alledem will ich ihnen vielmehr über das Gemälde eine kurze Geſchichte erzählen, welche, wenn ſie auch kein anderes Verdienſt hat, wenigſtens authentiſch iſt. Rubens— der, neben andern Liebhabereien auch ein großer Blumenfreund war— hätte gar zu gerne ſeinen Garten um ein daran ſtoßendes Stück Boden er⸗ weitert. Unglücklicher Weiſe gehörte dieſes Stück Land nicht einem einzelnen Individuum, das ſich durch einen hohen Preis zum Verkauf hätte bewegen laſſen, ſon⸗ dern einer Geſellſchaft oder einem Clubb, Arquebuſſiere genannt, einer von jenen alten flämiſchen Gilden, die ihren Urſprung mehrere Jahrhunderte zurückdatiren. Unempfindlich gegen jeden Verſuch mit Geld, ſchlugen ſie alle Anerbietungen des Malers aus und willigten endlich nur unter der Bedingung ein, ihm das Land abzutreten, wenn er auf einem Gemälde ihren heiligen Schutzpatron, den St. Chriſtoph, darſtellen wolle. Ru⸗ bens verſtand ſich gerne dazu, und die einzige Schwierig⸗ keit für ihn beſtand nur darin, irgend eine Begebenheit aus dem Leben des guten Heiligen aufzufinden, die ihm als Gegenſtand dienen konnte. Was St. Chriſtoph mit Armbruſten oder Scharfſchützen zu thun hatte, konnte ihm Niemand ſagen; und manchen langen Tag zerbra⸗ er ſich den Kopf, ohne daß ihm ein gluͤcklicher Gedanke — 83 darüber einſtel. Endlich, in ſeiner Verzweiflung, gab ihm die Zuſammenſetzung des Wortes einen Plan an die Hand; und„Chriſtopheros“, oder Kreuz⸗Träger, gab ihm den Wink, nach welchem er ſein großes Ge⸗ mälde„die Abnahme vom Kreuz“ begann. Monate lang arbeitete er emſig an dem Werke mit ſolchem In⸗ tereſſe für deſſen Einzelnheiten, wie er nach ſeinem eige⸗ nen Geſtändniß noch für keines ſeiner frühern Werke gefühlt hatte. Er wußte, daß es ſein Meiſterwerk war, und ſehnte ſich mit einer natürlichen Begierde nach dem Augenblick, wo er es den künftigen Beſitzern enthüllen und ihre Glückwünſche für ſeine gelungene Arbeit in Empfang nehmen würde. Endlich kam der Tag; die Arguebuſſiere verſam⸗ melten ſich und erſchienen in Maſſe in Rubens Haus; die weiten faltigen Vorhänge wurden geöffnet, und vor ihnen enthüllte ſich der Triumph des großen Genius: ¹aber kein Wort wurde geſprochen; kein Ausruf der Be⸗ wunderung oder des Erſtaunens drang aus der verſam⸗ melten Menge; es regte ſich kein Murmeln des Ver⸗ gnügens oder auch nur der Ueberraſchung: im Gegen⸗ theil, der Künſtler erblickte nichts als Geſichter, welche getäuſchte Erwartung und Unzufriedenheit ausdrückten; endlich, nach einer beträchtlichen Pauſe, entfuhr allen Lippen die gleiche Frage:„Wo iſt St. Chriſtoph?“ Es diente zu nichts, daß er ihnen den Gegenſtand ſeines Werkes erklärte: vergebens verſicherte er fie, das Gemälde ſey das größte, das er je gemalt habe, und von weit höherm Werthe, als was er ihnen dem Ver⸗ trage gemaͤß zu geben habe. Sie ſtanden verhärtet und regungslos da: St. Chriſtoph war es, was ſie wünſch⸗ ten; ihn hatten ſie ſich ausbedungen und ihn wollten ſie haben. Der Hader wurde lange und ernſtlich fortgeſetzt. Einige von ihnen, die zu den Gemäßigtern gehörten, machten, in der Hoffnung, beide Parteien zu verſöhnen, 6* 84 den Vorſchlag, da auf der linken Seite des Gemäldes ein kleiner leerer Raum ſey, ſo ſolle ſein Chriſtoph dort hineingebracht und zu dieſem Behufe etwas ver⸗ kleinert dargeſtellt werden. Rubens verwarf den Vor⸗ ſchlag mit Unwillen: ſein großes Werk ſollte nicht durch eine ſolche Ungereimtheit zerſtört werden; er brach da⸗ her die Unterhandlung ſogleich ab, entließ die Arquebuſ⸗ ſiere und entſagte jeder Hoffnung auf das gelobte Land. So blieben für einige Monate die Dinge, als der Burgomaſter, der ein eifriger Bewunderer von Rubens Genius war, von dem ganzen Handel hörte. Er machte daher dem Maler eine Aufwartung und ſchlug ein Mit⸗ tel vor, mit deſſen Hülfe jede Schwierigkeit vermieden werden und beide Parteien zufrieden ſeyn könnten. „Warum,“ ſagte er,„kann man keinen St. Chriſtoph auf die Außenſeite des Vorhangs machen? An Raum dazu fehlt es Ihnen dort gewiß nicht, und Sie können ihn in jeder beliebigen Größe darſtellen.“ Der Künſtler griff den Vorſchlag auf, nahm eine Kreide und entwarf in wenigen Minuten die Skizze eines rieſenhaften Hei⸗ ligen, die der Burgomaſter ſogleich für eine ganz paſ⸗ ſende erklärte. Die Arquebuſſiere wurden wieder eingeführt, und ſobald ſie ihren Patron erblickten, erklärten ſie ſich voll⸗ kommen zufrieden. Der Handel wurde geſchloſſen, das Land abgetreten und das Gemälde in der großen Kathe⸗ drale von Antwerpen aufgehangt, wo es ſeither mit Aus⸗ nahme der kurzen Zeit, für welche franzöſiſche Plünde⸗ rung es in das Louvre geführt, immer verblieb, ein Denkmal von dem Genius des Künſtlers, das größte, und vollendetſte aller ſeiner Werke. Und nun, da ich mit meiner Geſchichte fertig bin, will ich ſehen, ob ich jenes kleine, ſaubere Hotel finde, welches man das Fiſcher⸗Haus nennt.„ Ich erinnere mich, daß ich vor fünfzehn Jahren bei Nacht in den Straßen von Antwerpen meinen Weg ver⸗ lor. Ich konnte kein Wort Flämiſch ſprechen: die weni⸗ 8⁵ gen Leute, denen ich begegnete, verſtanden kein Wort Franzöſiſch. Ich wanderte volle zwei Stunden umher und hörte die Glocke der alten Kathedrale einen Pſalm ſpielen. Ein Wächter rief mit einem Kuhhorn die Stunde aus und machte alle Hunde bellen; darauf wurde wieder alles ſtill, und ich tappte herum, ohne die geringſte Ahnung von der Richtung der Himmels⸗ gegend. In ſolcher trüben Gemüthsſtimmung befand ich mich, als das ſchwere Geklapper von ein Paar Holz⸗ ſchuhen hinter mir verrieth, daß mir jemand nachfolgte. Ich kehrte mich raſch um und redete ihn auf Franzö⸗ ſiſch an. „Engliſch?“ fragte er in dickem Kehl⸗Tone. „In, dem Himmel ſey Dank,“ verſetzte ich,„ſpre⸗ chen Sie Engliſch?“ „Ja, Mynheer,“ erwiederte er. Obgleich dieſe Antwort nicht ſehr viel verſprach, ſo bat ich ihn doch ſogleich, mich nach meinem Hotel zu führen; er aber ſchuttelte gravitätiſch ſein Haupt und ſprach kein Wort. 3 „Sprechen Sie nicht Engliſch?“ fragte ich. „Ja!“ ſagte er noch einmal. „Ich habe mich verrirt,“ rief ich;„ich bin ein Fremder.“ Er ſah mich einige Minuten mürriſch an und ſprach darauf mit ſtrengem Ernſt und mit einem Phlegma, das ich nicht beſchreiben kann— „Verdammt meine Augen!“ „Was!“ rief ich,„was meinen Sie?“ „Ja!“ war die einzige Antwort. „Wenn Sie Engliſch verſtehen, warum wollen Sie es nicht ſprechen?“ „Verdaumt ſeine Augen!“ ſprach er mit tiefem feierlichem Tone.’ „Iſt das Alles, was Sie von der Sprache ver⸗ 86 ſtehen?“ rief ich, vor Ungeduld auf den Boden ſtam⸗ pfend.„Können Sie weiter nichts ſagen, als das?“ „Verdammt Ihre Augen!“ brummte er mit einer Gemüthsruhe, als ob er eine ernſte Unterhaltung führte. Als ich mich von dem herzlichen Gelächter, in das ich über dieſe Unterredung ausbrechen mußte, hinläng⸗ lich erholt hatte, begann ich durch Zeichen, wie man ſie in einem Melodrama zu machen pflegt, um Schlaf aus⸗ zudrücken, indem ich meinen Kopf in meine hohle Hand legte und ſchnarchte und gähnte— ich begann, ſage ich, ihm vorzuſtellen, daß ich gerne zu Bette gehen moͤchte. 2 „Ja!“ rief mein Gefährte mit mehr Energie als zuvor, und führte mich eine enge Straße hinab und eine andere hinauf, durch Gaſſen, wo kaum zwei Menſchen neben einander gehen konnten, bis wir endlich einen Arm der Schelde erreichten, an deren Ufer wir unſern Weg über zwanzig Minuten lang fortſetzten. Plötzlich verkündeten mir Stimmen, die eine Art holländiſches Lied ſchrieen— denn als ſolches verriethen es die un⸗ ausſprechlichen Worte und die hölzernen Reime— daß wir uns in der Nähe eines Hauſes befanden, wo die Leute noch auf waren.. „Ha!“ ſagte ich,„dieß iſt alſo ein Gaſthof“ Noch ein„Ja!“ „Wie heißt er?“ Er ſchüttelte den Kopf. 4 „Schon gut, gute Nacht,“ ſagte ich, als ich durch die kleinen ſechseckigen Scheiben eines alten flämiſchen Fenſters glänzende Lichter ſchimmern ſah;„ich bin Ihnen ſehr verbunden.“ „Verdammt Ihre Augen!“ erwiederte mein Freund⸗ indem er höflich ſeinen Hut abnahm, eine tiefe Ver⸗ beugung machte und auf Flämiſch etwas hinzufügte, was, wie ich aufrichtig glaube, von mehr Höflichkeit und Lebensart zeugte, als ſein engliſcher Abſchieds⸗Wunſch⸗ 87 Nachdem ich den Flaming verlaſſen, trat ich in eine kleine enge Halle, die durch eine niedrig gewölbte Thüre in ein großes Zimmer führte, wo der Länge nach eine Anzahl von Tafeln aufgeſtellt waren, jede mit ihrer eigenen Geſellſchaft beſetzt. Sie klirrten mit ihren Kannen und ſchrien ein Lied, das mir wegen der be⸗ ſtändigen Wiederholung noch immer im Kopfe ſummt— „Wenn der Wein iſt in dem Mann, Dann iſt die Weisheit in der Kann'.“ Ein Gedanke, dem ich nach kurzer Betrachtung ihrer Geſichter vollkommen beiſtimmte. Ueber dem Ka⸗ minſtück ſtand eine Inſchrift in gemalten, ungefähr einen Fuß langen Buchſtaben„Hier verkoopt man Bier,“ woraus ſich Jedermann abfingern konnte, daß in dieſer Anſtalt Bier ein leicht erreichbares Getränke war. Der Boden war mit Sand beſtreut und die Wände weiß ge⸗ waſchen, außer an einzelnen Stellen, wo mit ſchwarzer Kreide oder mit dem Rauch einer Kerze einige flämiſche Sittengemälde hingeworfen waren. Als ich dort ſtand, unentſchloſſen, ob ich vorwärts oder zurück ſollte, betrachtete mich ein breiter ſtattlicher Flaming in einer großen, aus irgend einem Thierfell gemachten Weſte, mit feſtem Blicke von Kopf bis zu Fuß, worauf er, als ob er meine Verlegenheit errathen hätte, mir winkte, näher zu treten, und mir mit ſeinem Finger auf der Bank an ſeiner Seite einen Sitz anwies. Ich zögerte nicht lange, ſeine Höflichkeit mir zu Nutze zu machen, und bevor eine halbe Stunde verſtrich, ſtand eine zinnerne, ungefähr achtzehn Zoll hohe Kanne mit Bier vor mir, während ich darauf losrauchte, als ob ich in den Deichen geboren wäre und die Wolluſt des trockenen Landes nie gekannt hätte. Um die Tafel herum ſaßen ſieben bis acht andere, deren phlegmatiſche Blicke und gedankenſchwere Geſichter mich überzeugten, daß es Flamingen waren. Am ent⸗ fernten Ende aber ſaß ein Mann, den ſeine dunklen, unter ſchweren, zottigen Brauen hervorblitzenden Augen, 88 ſein ungeheurer Backenbart und ſeine ehernen Züge von den übrigen bedeutend unterſchieden, auch ſchien ihm einige Achtung gewidmet zu werden, inſofern die andern ihm unveränderlich zunickten, ſo oft einer die Kanne an den Mund ſetzte. Auf dem Kopfe trug er eine niedrige Pelzkappe; auch ſein dunkelblauer Rock war mit Pelz eingefaßt, und gleich einem Hausrock mit einer Art Schnürwerk beſetzt. Ungleich den Uebrigen ſprach er ſehr viel, nicht nur mit ſeiner eigenen Gruppe, ſondern er unterhielt ſich mit verſchiedenen andern im Zimmer, wobei er bald Franzöſiſch, bald Holländiſch redete, und gelegenheitlich auf's Deutſche oder Italiäniſche überging, lauter Spra⸗ chen, mit denen er ſo vertraut ſchien, daß ich in größter werledtnzeit war, welche Heimat ich ihm zuſchreiben ollte. Bald gewahrte ich, daß er zuweilen auf den Ort, wo ich ſaß, einen verſtohlenen Blick warf, und mehr als einmal glaubte ich zu bemerken, daß er Acht darauf gab, welchen Eindruck ſeine Gewandtheit als Sprach⸗ künſtler auf mich machte. Endlich begegneten ſich unſere Augen, er lächelte freundlich, hob ſeine Kanne auf, machte einen Bückling und ſagte:„à votre santé, Monsieur.“. 3 Ich erwiederte ſogleich das Kompliment und benutzte dieſe Gelegenheit, um ihn zu fragen, in welchem Lande ein ſolch vollkommener Sprachkünſtler zu Hauſe ſey. Alsbald klärte ſich ſein Geſicht auf, ein ſelbſtzufriedenes triumphirendes Lächeln glitt über ſeine Züge, er ſchmatzte mit den Lippen, und goß darauf einen Strom von ſelt⸗ ſamen Tönen hervor, die ich dem Accent nach für Ruſſiſch hielt, „Sprechen Sie Slavoniſch?“ fragte er auf Franzö⸗ ſiſch, und als ich zum Zeichen der Verneinung den Kopf ſchüttelte, fuhr er fort—„Spaniſch, Portu⸗ gieſiſch?“ 4 „Keines von beiden,“ verſetzte ich. — 89 „Woher kommen Sie denn?“ fragte er, meine Frage zurückgebend. „Aus Irland, wenn Sie ſchon von einem ſolchen Lande gehört haben.“ „Hurroo!“ rief er mit einem gellenden Schrei, worüber Alles im Zimmer erſtaunt zuſammenfuhr. „Bei allen Mächten! das dachte ich; kommen Sie her, mein Herzensbruder, laſſen Sie ſich die Hände ſchütteln.“ „So ſind Sie wirklich ein Landsmann von mir?“ fragte ich, indem ich meinen Sitz neben ihm nahm. „Ha, das wollt' ich meinen. Con O'Kelly klingt gewiß nicht Italiäniſch, und doch iſt das mein Name; aber warten Sie ein Bischen, Sie verlangen von mir ein holländiſches Lied, und wenn ich damit fertig bin, ſo wollen wir zuſammen plaudern.“ Ein tumultuariſches Geklapper von ehernen und zinnernen Kannen verrieth, daß ſich die Geſellſchaft mit Ungeduld nach Mynheer O'Kelly's Vortrag ſehnte, den er denn auch ſogleich begann; aber weder über den Text noch über die Melodie kann ich einigen Aufſchluß geben, ich weiß nur ſo viel, daß eine Art Refrain oder Chor vorkam, wobei alle um jeden Tiſch herum ſich an den Händen nahmen und einen großen Ringeltanz auf⸗ führten, indem ſie mit ihren hölzernen Schuhen das hölliſchſte Geklapper machten, welches ich je gehört habe. Darauf ſchien der Geſang in einſchläfernde Töͤne herabzu⸗ ſinken.] Der Sänger nickte mit dem Kopfe, die Geſellſchaft folgte dem Beiſpiel, und durch das Zimmer ging ein langgezogenes ſchweres Geräuſch wie Schnarchen, als er plötzlich mit einem Schluchzer erwachte, die andern deß⸗ gleichen; darauf brach der Geſang noch einmal in all ſeiner Kraft los, um wie zuvor, in einem neuen Tanze zu enden, eine Uebung, wobei ich gewiß ſchlimmer fuhr als meine Nachbarn, die unbarmherzig auf meinen Hüh⸗ neraugen herumtrampelten. Nachdem das Lied vorüber war, begann Mr. O'Kelly mit einiger Genauigkeit mich 9⁰ auszufragen, wie ich in dieſes Haus gerathen ſey, das doch ſelbſt unter den Einwohnern von Antwerpen nur wenigen bekannt ſey. Ich ſetzte ihm mit kurzen Worten die Umſtände, die mich in mein jetziges Aſyl geführt, aus einander, worüber er herzlich lachte. „Sie wiſſen alſo nicht, wo Sie ſind?“ fragte er, ſen er mich mit drolligem, halb verdächtigem Lächeln anſah.. j„Nein,“ verſetzte ich,„es iſt, denke ich, ein Schenk⸗ aus.“ „Ja freilich iſt es ein Schenkhaus, aber nur ein Ort für Schmuggler und für ſolche, die mit ihrem Gewerbe in Verbindung ſtehen. Alle Männer, die Sie hier ſehen, und es ſind doch einige ſiebenzig oder achtzig, ſind entweder Seefahrer oder Landbewohner, die mit ihnen im Kontrebandhandel aſſocirt ſind.“ „Aber wie kann dieß ſo offen geſchehen? Das Haus iſt doch gewiß der Polizei bekannt.“ „Natürlich, und ſie ſind gut bezahlt dafür, daß ſie keine Notiz davon nehmen.“ „Und Sie?“ „Ich! nun, ich mache auch ſo ein wenig mit, ob⸗ gleich dieß nur ein Zweig meines Geſchäftes iſt. Ich heiße nur Dirk Hatteraik, wenn ich an die Küſte komme: denn wiſſen Sie, ein rechter Mann kann doch nicht müſſig ſeyn, ſo daß ich, wenn ich hier oder am Geſtade der Bretagne bin, gewöhnlich die rothe Kappe aufſetze und den Hirſchfänger umſchnalle; wenn ich dagegen ins Inland komme, ſo gehe ich gelegenheitlich mit den Zi⸗ geunern aus Böhmen oder mit ihren Brüdern aus den baskiſchen Provinzen ſpazieren: in alle Sättel gerecht ſeyn geht über alles— das iſt meine Meinung.“ Ich geſtehe, ich war ziemlich erſtaunt über den Bericht meines Gefährten von ſeiner eigenen Perſon, und hatte keine große Meinung von der Strenge ſeiner 91 Grundſätze; deſto ſtärker aber wurde meine Neugierde, mehr von ihm zu erfahren. „Nun,“ ſagte ich,„Sie ſcheinen ein friſches Leben dabei zu führen, und auch gewiß ein geſundes.“ „Ja, das iſt wahr,“ verſetzte er raſch.„Ich habe mehr als einmal daran gedacht, nach Kerry zurückzu⸗ kehren und den Reſt meiner Tage in Ruhe zu verleben, denn ich könnte es ganz wohl leiſten; allein der Gedanke, an Einem Orte zu ſitzen, immerfort die gleiche Gat⸗ tung von Menſchen zu ſprechen, jeden Tag dieſelben Geſichter zu ſehen, und ewig das gleiche lumpige Ge⸗ ſchwätz über lumpige Dinge und lumpiges Volk zu hören, war für mich zuviel; ſo blieb ich bei meinem alten Gewerbe und hoffe, ich werde es nicht aufgeben, ſo lange ich lebe.“ „Und was für eines mag das ſeyn?“ fragte ich, begierig zu erſahren, wie er ſolche Augenblicke ausfülle, worin er von den angenehmen Beſchäftigungen, die er bereits erwähnt hatte, frei war. Er betrachtete mich über eine Minute mit ſtechen⸗ dem argwöhniſchem Blicke; dann legte er ſeine Hand auf meinen Arm und fragte: „Wo logiren Sie hier in Antwerpen?“ „Im ,St. Antoin.“ „Gut, ich werde Sie morgen Abend um neun Uhr abholen; oder haben Sie ſich ſchon anderwärts ver⸗ ſprochen?“ „Nein, ich habe keine Bekanntſchaft hier.“ „Alſo um neun halten Sie ſich bereit, zu einem kleinen Abendeſſen mit mir zu kommen; und für Ihre Neuigkeiten aus dem alten Vaterlande werde ich Ihnen etwas von meiner Laufbahn erzählen.“ Ich willigte gerne in einen Vorſchlag, der mir ver⸗ ſprach, mit einem ohne Zweifel merkwürdigen Charakter beſſer bekannt zu werden, und nachdem wir noch eine halbe Stunde geplaudert, ſtund ich auf.. „Sie gehen noch nicht fort, oder?“ fragte er. 1 9² „Gut, ich kann dieſe Geſellſchaft noch nicht verlaſſen, und werde Ihnen daher einen Jungen mitſchicken, um Ihnen den Weg nach dem ,St. Antoin⸗ zu zeigen.“ Damit winkte er einem Jungen an einem der Tiſche, ſprach einige Worte auf Flämiſch zu ihm und ſchüttelte mir darauf warm die Hand; das ganze Zimmer erhob ſich reſpektvoll als ich mich verabſchiedete, und ich konnte ſehen, daß„Mr. O'Kelly's Freund“ bei der Geſellſchaft in keiner geringen Achtung ſtand. „Es graute gerade der Tag, als ich mein Hotel erreichte; aber ich wußte, ich konnte dem Tageslicht ſo viel entziehen, als mir die Nacht geraubt hatte, und außerdem verſprach meine neue Bekanntſchaft, mich für den etwaigen Verluſt des Schlafes zu enſchädigen. Pünktlich getreu ſeinem Verſprechen, klopfte mein neuer Freund an meine Thüre, gerade als die Kathedrale neun Uhr ſchlug. Seine Kleidung war bedeutend ſchmucker als am vorhergehenden Tage, und ſein ganzes Mienen⸗ und Geberdenſpiel verrieth einen Grad von ruhigem An⸗ ſtand und Zurückhaltung der ganz verſchieden war von ſeinem freien und leichtfertigen Benehmen im Fiſcher⸗ haus. Als ich ihn durch den Thorweg begleitete, gingen wir an dem Gaſtwirth vorüber, der uns mit großer Höflichkeit grüßte und meinem Gefährten gleich einem alten Freunde die Hand ſchüttelte. „Sie ſtnd hier bekannt, wie ich hoffe“, ſagte ich. „Es gibt wenige Wirthe von Lübek bis Livorno die ich nicht kenne“, antwortete er lächelnd. Vor dem Thore erwartete uns eine Kaleſche mit einem Pferde, und wir ſtiegen ein. Der Kutſcher hatte ſeine Weiſung erhalten, ſchwang tüchtig ſeine Geißel, und ſo raſſelten wir über die bepflaſterten Straßen durch einen beträchtlichen Theil der Stadt dahin, bis wir an eines der Thore kamen. Ueber die Zugbruͤcke ging es langſam im Schritt, darauf im Trab wieder weiter und bald konnte ich im Zwielicht bemerken, daß wir anch 93 ſchon die Vorſtädte hinter uns, und das offene Land vor uns hatten. „Wir haben jetzt nicht mehr weit“, ſagte mein Ge⸗ fährte, der zu vermuthen ſchien, daß mir die Länge des Weges aufſtel;„dort wo Sie die Lichter ſehen— dort iſt unſer Gut.“ Das Geraſſel der Räder auf der gepflaſterten Straße höͤrte bald hernach auf, und ich fand, daß wir vor einem großen Hauſe, deſſen Bauart im flämiſchen Geſchmack ich ſogar im Zwielicht erkeunen konnte, über einen Gras⸗ platz fuhren. Das eine Ende des Gebäudes war von einem viereckigen Thurm flankirt, von deſſen obern Theile if Licht ſchien, auf welches mein Gefährte gedeutet atte. Wir ſtiegen aus am Fuße einer langen Terraſſe, die obgleich verfallen und vernachläſſſgt, noch immer einige Zeichen von ihrem alten Glanze trug. Hie und da war eine Statue übrig geblieben, um ihre frühere Schönheit anzuzeigen, während hart dabei das ziſchende Geplätſcher eines Gewäſſers ſagte, daß in der Nähe ein Springbrunnen ſpielte, unbewußt, daß ſeine Flußgötter, Delphine, und Tritonen ſchon längſt verſchwunden waren. „Ein hübſcher alter Platz weiland“, ſagte mein neuer Freund;„das alte Schloß Overgham— in frühern Tagen eine der reichſten Herrſchaften in Flandern— jetzt traurig verändert; aber kommen Sie, folgen Sie mir.“ Mit dieſen Worten führte er mich in die Halle, wo er eine an der Wand hängende, rohe Laterne ab⸗ nahm und die breite Eichentreppe voranſtieg. Bei dem zitternden Schein des Lichtes konnte ich erkennen, daß die Wände in Fresko gemalt, die Haupt⸗ balken der Fenſter und Thüren mit reichem Schnitzwerk verſehen waren, überall die groteske Ueberladung alter flämiſcher Kunſt; eine Galerie, welche durch das Ge⸗ bäude gieng, war mit alten Gemälden, augenſcheinlich Familien⸗Porträts, behangen, aber ſie waren alle durch 94 Rauch verdorben, oder verrotteten, weil man ſie gänz⸗ lich vernachläſſigte; am Ende derſelben führte uns eine enge Wendeltreppe in das obere Stockwerk des Tur⸗ mes, wo mein Gefährte zum erſten Mal Gebrauch von einem Schlüſſel machte; er öffnete damit eine niedrige zugeſpitzte Thüre, und führte mich in ein Gemach, wo ich mich beim Eintritt kaum enthalten konnte, mein Erſtaunen laut auszudrücken. Das Zimmer war von geringer Ausdehnung, ſchien aber in der That das Bodoir eines Palaſtes. Reiche Schränke zierten die Wände, glänzend in aller köſtlichen Pracht von Schildkrot und eingelegtem Silber; Bronze⸗ Arbeiten; Gemälde; Vaſen; Vorhänge von prächtigem Damaſt bedeckten die Fenſter; und ein geſchnitztes Ka⸗ minſtück von ſchwarzer Eiche, das eine Pilgerfahrt vor⸗ ſtellte, zeigte eine ſo tiefe Perſpektive, und eine ſolche Schönheit in der Anlage und Ausführung, wie ich nie etwas ähnliches geſehen. Der Boden war bedeckt mit einem alten Teppich von Oudenarde, der über eine ſchwere perſiſche Decke ausgebreitet war, auf welcher bei jedem Schritt die Füße einſanken, während eine an⸗ tik geformte Silberlampe ein ſanftes, gedämpftes Licht verbreitete, und ſich um eine Achſe drebte, deren Ma⸗ ſchinerie eine langſame und friedliche Melodie ſpielte, die mit der ganzen Umgegend in entzückendem Einklang and. 4„Sie ſcheinen an derlei Dingen Gefallen zu haben“, ſagte mein Gefäahrte, der mit augenſcheinlichem Vergnü⸗ gen das Erſtaunen und die Verwunderung beobachtete, womit ich jeden Gegenſtand rings um betrachtete.„Das hier iſt eine hübſche Schnitzarbeit von Van Zoost, nach einer Zeichnung Schneider's; ſehen Sie, wie die Hum⸗ mer über das verſchlungene Seegras da krabbeln, und ſchauen Sie, wie die Blätter ſchwer und welk, gleich⸗ ſam naß vom Schaum, zu ſinken ſcheinen. Das iſt auch gut; Gherard Dow hat es gemalt; es iſt ein Portrait von ihm ſelbſt; er macht ſeine Studien an 93 dieſem kleinen Jungen, der hier auf dem Tiſch ſteht; ſehen Sie, wie er das Licht geſtellt hat, ſo daß es dem kleinen Kerl auf die Seite fällt und ihn von den gelben Locken ſeines runden Kugelkopfes bis auf den Winkel ſeines weißen Holzſchuhes beſcheint?“ „Ja, Sie haben recht, das iſt von Van Dykz frei⸗ lich nur eine Skizze, aber ganz in ſeiner Manier. Mir gefällt der Velasquez dort beſſer, aber ſie ſind beide gleich vortrefflich. Sie konnten Geburt malen. Da ſehen Sie doch dieſen ſchwarzen Mann, er iſt keine Schönheit, werden Sie ſagen, aber betrachten Sie ihn nur näher und ſagen Sie mir, ob er ein Menſch iſt, gegen den man ſich eine Freiheit erlauben darf; betrach⸗ ten Sie dieſe dünne gepreßte Lippe und dieſes lange ſpitzige Kinn mit ſeinem ſtraffen, ſteifen Bart— wer kann zweifeln, daß er ein Edelmann war?2 Geben Sie Acht, ſachte, Ihr Ellbogen hat daran geſtreift. Dieß da iſt eine Probe von der alten Japan⸗chineſiſchen, jetzt verlornen Kunſt, ſie können das in's Grüne ſchimmernde Blaue, das Sie hier ſehen, nicht mehr herausbringen. Sehen Sie, die Blumen find aufgetragen, nachdem die Taſſe gebrannt war, und die Vögel gar ſind ein be⸗ ſonderes Ding; aber kommen Sie, dieß iſt vielleicht langweiliges Zeug für Sie, folgen Sie mir.“ Trotz meiner inſtändigen Bitten, zu bleiben, nahm er mich an Arm, öffnete eine kleine von einem Spiegel bedeckte Thüre und führte mich in ein anderes Zimmer, deſſen Wände mit ſchwarzer Eiche betäfelt waren; ein einziges Gemälde nahm den Raum über dem Kamin ein; ich widmete jedoch demſelben wenig Aufmerkſam⸗ keit, denn meine Augen waren auf ein höchſt appetit⸗ liches Abendeſſen geheftet, das auf einem kleinen Tiſche mitten in dem Zimmer ſtand. Aber nicht einmal der köſtliche Duft der guten Gerichte, noch die Bitte mei⸗ nes Wirthes zu beginnen, konnten mich von der Be⸗ trachtung des antiken reichgeſchnitzten Silbergeräthes ab⸗ lenken. Die Meſſergriffe ſtellten Heilige und Engel 96⁶ vor, und die köſtlichen Rubingläͤſer von venetianiſchem Urſprung waren mit Gehäuſen von durchbrochenem Gold umgeben, im feinſten und ſchönſten Geſchmack. „Wir müſſen uns ſelbſt bedienen“, ſagte der Wirth. „Was haben Sie das hier ſind Auſtern von Oſtende en matelot; hier ein kleiner Kapaun mit Truüffeln, und hier einige Koteletten mit Spargeln. Aber fangen wir. einmal an zu probiren; ein Glas Chablis zu Ihren Auſtern; wie ſchade, daß dieſe Burgunder⸗Weine bei euch in England nicht zu haben ſind! Chablis erträgt kaum die See, von einem halben Dutzend Flaſchen iſt eine einzige trinkbar; ebenſo iſt es mit den rothen Wei⸗ nen; und was gibt es köſtlicheres? nicht daß wir un⸗- ſern alten Freund, den Champagner, verachten ſollen; und nun, da Sie ſich an eine Paſtete gemacht haben, leeren wir einen Humpen. Nebenbei geſagt, hat man in England jenen albernen Begriff, den man über den Cöhampagner zu haben pflegte, aufgegeben? Als ich dort war, ſervirte man ihn nie während des erſten Ganges. Nun ſollte Champagner unmittelbar nach der Suppe kommen— ein Glas Scherry oder Madeira iit ein Trankopfer für eine ſchlechte Küche; denn wenn die Suppe gut war, dann iſt Chablis oder Sauterne das rechte Getränke. Wie ſchmeckt der Kapaun? gut, das freut mich. Dieſe Gegenden zeichnen ſich aus durch ihr Geflügel.“ In dieſer Art plauderte mein Gefährte fort und begleitete jede Platte mit einem Comentar über ihre Geſchichte oder ihre Zubereitung; eine Art Erörterun⸗ gen, gegen die ich, das muß ich geſtehen, nichts einzu⸗ wenden habe, beſonders wenn ſie von einem Wirth preis⸗ gegeben werden, der ſeine Lehrſätze nicht durch Platten, ſondern durch Gerichte zu beweiſen ſucht. S Nachdem das Super vorüber war, rückten wir den Tiſch an die Wand und zogen einen andern vor, wor⸗ auf der Wein und das Deſert ſchon aufgetragen und 97 ganz darauf berechnet war, einen angenehmen und fröh⸗ lichen Abend zu verbringen. „Es gibt noch ſchlechtere Länder als Holland, Mr. O'Leary“, ſagte mein Gefährte, indem er ſeinen Bur⸗ gunder ſchlürfte und mit Entzücken die reiche Farbe des Weines vor dem Lichte anſchaute. „Wenn man es ſo betrachtet“, erwiederte ich,„ſo kenne ich nicht ſeines gleichen.“ „Nun, vielleicht iſt dieß doch ein günſtiges Muſter von einer Schmugglerhöhle“, verſetzte er lachend.„Beſſer als der alte Dirk's Keller, he? Nebenbei geſagt, ken⸗ nen Sie Skott?“ „Nein; es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß ich nicht mit ihm bekannt bin.“ „Was zum Teufel konnte ihn zu dem dummen Streich verleiten, den Hatteraik, einen regelrechten Hol⸗ länder, ein deutſches Lied ſingen zu laſſen?„Ich bin liederlich’ iſt gut Hoch⸗deutſch, und noch dazu Sächſiſch. Ein Holländer könnte ebenſo gut Neugriechiſch oder Kop⸗ tiſch ſingen. Ich ſetze Ihnen dieſen Rubens da über dem Kaminſtück gegen einen Kronenthaler, Sie finden keinen Holländer von Dortrecht bis Nimwegen, der die Zeilen wiederholen könnte, woraus er ein gewöhnliches National⸗Lied gemacht hat; und auch in Quentin Dur⸗ ward läßt er ganz Lüttich Deutſch ſprechen. Das war ein noch ſchlimmerer Fehler. Einige ſprechen Franzö⸗ ſiſch; aber die Nation, das Volk, beſteht aus Wallo⸗ nen und weiß von Deutſch ſo viel wie ein Hottentotte von der Herzkönigin. Doch bei alle dem iſt er ein trefflicher Kerl und hier ſeine Geſundheit. Wann wird Irland einen ahnlichen haben, der deſſen Heldenthaten auf Feld und Flut berichtet und ſein Land ebenſo klaſ⸗ ſiſch macht, wie Skott das ſeinige!“ Während wir ſo über alles, das uns gerade in den Sinn kam, plauderten, ging der Wein auf dem ſchma⸗ 4 len Tiſch häufig herüber und hinüber und ſo verſtrich Lever, D'Leary. 1. 7 der Abend. Meine Neugierde, mehr von einem Manne zu erfahren, der über alles, wovon er ſprach, gründlich unterrichtet ſchien, ſtieg allmählig immer höher; und ſo wagte ich es endlich, ihn zu erinnern, daß er mir am vorigen Abend halb verſprochen habe, mich etwas aus ſeiner eigenen Geſchichte hören zu laſſen. „Nein, nein,“ ſagte er lachend,„Geſchichten erzäh⸗ len iſt ein armſeliges Geſchäft für den Erzähler und auch für den Zuhörer, und wenn die Erzählung eines Mannes nicht einmal ihm ſelbſt eine moraliſche Lehre gegeben hat, ſo iſt es kaum wahrſcheinlich, daß ſie für ſeinen Nachbar nützlicher iſt.“ „Natürlich,“ erwiederte ich,„habe ich keinen An⸗ ſpruch als Fremder——“ „O, was das betrifft,“ unterbrach er,„ſo iſt es mir, als ob wir uns ſchon länger bekannt wären. Ich habe viel von der Welt geſehen, und weiß ſo viel, daß manche Leute einander im Eilwagen kennen lernen kön⸗ nen, während andere dies nicht im Stande ſind, wenn ſie auch ihr ganzes Leben miteinander reiſen;— alſo hierüber keine Beſcheidenheit. Wenn Ihnen an meiner Geſchichte gelegen iſt, ſo füllen Sie Ihr Glas und laſ⸗ laſſen Sie uns eine andere Flaſche öffnen. Sie ſollen ſie hören, aber ich ſage Ihnen im Voraus, die Er⸗ zählung iſt etwas lang.“ Sechstes Kapitel. Mr. O'Kelly's Erzählung. „Von meiner Familie kann ich Ihnen nur wenig erzählen,“ begann mein Wirth indem er ſeine Beine gegen das Feuer ausſtreckte, und ſeine Arme auf der Bruſt ge⸗ mächlich übereinanderſchlug.„Mein Großvater war in öſtreichiſchen Dienſten und ſiel in einer alten Schlacht gegen die Türken. Mein Vater, Peter O'Kelly, wurde von einem Anwalt aus Youghal in einem Duell erſchoſſen. Die Urſache des Handels war eine etwas plumpe Ver⸗ 99 höhnung, die ſich mein Vater gegen dieſen erlaubt hatte, und nun kam er in meines Vaters Haus und drohte ihm emnen Prozeß anzuhängen. Inzwiſchen hatte der Kerl Muth im Leibe, und als Peter— mein Vater nämlich — ihm ſagte, er wolle einen Gentleman aus ihm ma⸗ chen, und ſich mit ihm ſchlagen, wenn er die Klage fallen laſſe, ſo ward die Verſuchung zu groß für ihn; er ſchleuderte die Papiere ins Feuer, ging am gleichen Morgen hinaus und traf mit ſeiner Kugel ſo hübſch, war ein Stall voll Pferde, ein großes Haus, gewöhnlich voll Geſellſchaft, und die Geſellſchaft war die Kurzweil ſelbſt; wir hatten eine Kuppel Windhunde, gingen wö⸗ ganz in dem Alter war, um dieſe Vergnügungen ſelbſt mit⸗ zumachen, ſo hatte ich doch eine lebhafte Neigung für ſie alle und ich freute mich über den freien leichten Ton, der im Hauſe meines Vaters herrſchte, ohne irgend eine unglückliche Vorbedeutung, daß die Vergnügungen, denen man ſich dort hingab, mich zuletzt zum Betteljungen machen würden. „Nun lebte meine Tante Judy in einem Zuſtande kümmerlich⸗eleganter Armuth, wie man es nennen kann. Ihre Wohnung war etwas geräumiger als ein Haus in einem Spielwaarenladen; aber doch hatte es alle ge⸗ wöhnlichen Attribute eines Hauſes. Da war eine Hal⸗ 7 —— lenthüre, zwei Fenſter, ein Kamin, ein eherener Thür⸗ klöpfel und ich glaube auch ein Schabeiſen, und im In⸗ nern waren drei kleine Zimmer, jedes ungefähr von der Größe einer Poſtkutſche. Es iſt mir, als ſehe ich das kleine Geſellſchaftszimmer noch jetzt in dieſer Minute vor mir; über dem Kamin war ein Miniaturbild von mei⸗ nem Vater in einem rothen Rock, und daneben ſtanden zwei von meiner Tante gemalte Lichtſchirme— Land⸗ ſchaften, wie man mir ſagte, waren ſie einſt geweſen; aber Zeit und Dampf hattten ſie ſo verändert, daß ſie dem Mond ähnlich ſahen, wenn man ihn durch ein Stück rauchgeſchwärztes Glas betrachtet; auch Feuereiſen waren da, ſo glanzend wie der Tag; denn ſie verrichte⸗ ten nie ein anderes Geſchäft, als daß ſie neben dem Roſte Wache ſtanden— eine Art königlicher Leibgardi⸗ ſten, die man blos zur Schau hält; ferner ſtanden ein kleiner Tiſch da, bedeckt mit Taſſen und Mineralien, Korallenſtücken, Muſcheln und andern wohlfeilen Merk⸗ würdigkeiten dieſer Art und über denſelben ein ausge⸗ ſtopfter Papagei. Ach Gott! ich ſehe alles vor mir, auch das kleine Theeſervice, wovon, ſelbſt wenn Vitriol darin geweſen wäre, eine Taſſe voll Ihnen nichts zu Leid gethan hätte. Vier Stühle waren da;— kein menſchlicher Scharffinn konnte einen fünften hineinſchmug⸗ geln. Einer war für Vater Domellan, ein anderer für Mrs. Brown, die Poſtmeiſterin, noch ein anderer für den Quartiermeiſter Kapitän Dwyer, der vierte für meine Tante ſelbſt; mehr waren nicht nöthig. Nichts als ächter Adel, zalt⸗iriſches Blut, hatte Zutritt zu Miß Judy, und wäre die Poſtmeiſterin nicht im vier⸗ zehnten Grade mit einer Tante Phelim O'Briens ver⸗ wandt geweſen, der wegen ſeines humanen Verfahrens gegen die Engländer in frühern Zeiten gehenkt wurde, dann hole mich der Teufel. wenn ſie eine Taſſe Thee dort genoſſen hätte! Der Prieſter hatte ſeines Amtes wegen Zutritt, aber Kapitän Dwyer war ein ächter ge⸗ borner Gentleman. Sein Urgroßvater hatte ein Gut, 101 die drei letzten Generationen hatten von der bloßen Ehre gelebt, daß daſſelbe einſt der Familie gehört: ‚ſie wa⸗ ren keine Emporkömmlinge, nein, bewahre der Himmel! Was ſie hatten, das verputzten ſie,— ſolche und ähn⸗ liche Ausdrücke über ſie waren im Schwange. Ich will damit nur ſagen, daß in meiner Zeit in Irland— ich weiß nicht wie es jetzt iſt— das Aroma eines guten Eigenthums den Nachkommen noch lange verblieb, nach⸗ dem ſte die Subſtanz verloren hatten, und wenn ſie nur feſt an der Stelle halten konnten, wo die Familie einſt groß geweſen war, ſo dauerte es wenigſtens ein paar Generationen, bevor ſie daran zu denken brauchten, ſich nach einem Lebensunterhalt umzuſehen. „Die Einkünfte der Tante Judy beliefen ſich auf un⸗ gefähr achtzig Pfund jährlich; aber in Tralee wurde ſie nicht nach der Regel der Einkommens⸗Tarxe geſchätzt. War ſie nicht eine leibliche Schweſter von Peter O'Kelly vom Schloſſe; machte nicht Brien O'Kelly ſeine Auf⸗ wartung im Hauſe, als er für das Parlamentsmitglied Stimmen warb; und wurde nicht ſeit fünfzehn Jahren die Karte jeden Abend auf dem kleinen Mahagonitiſch ausgeſtellt und jeden Morgen abgewiſcht und aufgehoben? und hatten nicht die O'Kellys ihren eigenen Begräbnißplatz, den, O'Kellys⸗Pferch,“ wie er genannt wurde, ein mit einer Mauer umſchloſſenes Viereck, wohin alle Familienmit⸗ glieder kamen, die in das Reich des Todes dahingeſchie⸗ den waren. Da fehlte es alſo nicht an ächtem Adel, und ſie war ſich deſſen bewußt genug, auch wenn der Ruf ihrer Abendgeſellſchaften nicht das Stadtgeſpräch ge⸗ weſen wäre; dieſe waren allerdings ſehr gewaͤhlt und beſtanden aus den bereits erwähnten Perſonen. „Tante Judy liebte ihren Robber, ihre Freunde ebenfalls; und jeden Abend um acht Uhr verſammelte ſich die kleine Geſellſchaft zu einem Spiele, den Point um einen Pfennig. Es war kein kleines Kompliment für das Geſicht der Spieler, daß ſie die Karten unter⸗ ſcheiden konnten; denn durch den langen Gebrauch wa⸗ ren ſie dunkel und undeutlich geworden. Die Königinnen hatten ein recht ſchuftiges Ausſehen bekommen, und die Buben hatten aus Mangel an Naſen einen höchſt lumpi⸗ gen Ausdruck, nicht zu ſprechen von andern Schwierig⸗ keiten beim Kartengeben, das gewiß eine geübte Hand erforderte, da alle Ecken ſchon lange verſchwunden wa⸗ ren, ſo daß die Operation jetzt einem Peilkeſpiel glich. „Die Erziehung in einer ſolcher Anſtalt war mir, wie ich kaum zu ſagen brauche, im höchſten Grade zu⸗ wider. Man ließ mich ſelten aus der Thüre und noch ſeltener allein gehen. Meine ganze Unterhaltung beſtand darin, Erzählungen von der alten Größe der O'Kellys anzuhoren, und einer recht proſaiſchen Geſchichte von ge⸗ wiſſen Märtyrern zuzuhorchen, von denen ich keinen ein⸗ zigen innerlich beneidete, während ich am Abend unter dem Whiſttiſch ſchlief, weil ich mich zu ſehr vor Ge⸗ ſpenſtern fürchtete, als daß ich mich die Treppe hinauf ins Bett gewagt hätte. „Eines Abends war die Geſellſchaft wie gewöhnlich verſammelt; während des Spiels beſprach man einige Einfälle von mir— ich fürchte, ich war ein aufrühreri⸗ ſcher Unterthan— ich war gerade durch irgend einen Zufall aufgewacht und hörte das Geſpräch mit an. „Es iſt wahr, was ich Ihnen ſage, Madame,“ ſprach meine Tante,„Sie meinen vielleicht, er ſei mild wie Milch, und doch gibt es keinen Namen für die Gott⸗ loſigkeit, die in ihm ſteckt.“ „Als ich in den Buffs war, befand ſich dort ein Kerl mit Namen Claney——⸗ „Spielen Sie Pique, Kapitän,“ ſagte der Prieſter, der keinen geringen Schrecken vor der Geſchichte hatte, die er ſeit zwanzig Jahren jeden Abend hören mußte. „Und hat er wirklich die Katze in den Ofen gewor⸗ fen?“ fragte Mrs. Brown. „Noch etwas Schlimmers hat er angeſtellt— er brachte geſtern Healys Ziegenbock herein, ſtellte ihn dem Spiegel gegenüber, und die Beſtie dachte ſie ſehe einen —— 1⁰³ andern vor ſich, ſprang gerade aus und, denken Sie nur meine Theure, ſtieß mit den Hörnern mitten hindurch. Es iſt kein Stüͤck mehr, das ſo groß wäre, wie ein Caro⸗Aß.“ „Als ich den Buffs war——“ „Er ſollte auf die See— meinen Sie nicht Ka⸗ pitän?“ fragte der Prieſter——„hier iſt Trumpf.“ „Um Vergebung Vater Domellan, laſſen Sie mich den Stich ſehen. Gut, ich bedauere Sie von Herzen, Miß O'Kelly.“ „Und warum nicht! ſeine Mutter hatte einen böſen Tropfen in ſich, das konnte man leicht ſehen. Gewiß, Peter ſelig, ſeine Seele ruhe im Frieden, hat nie, weder einem Menſchen noch einem Thiere, etwas zu Leide ge⸗ than; aber dieſes Kind da hat ſo gottloſe Einfälle, daß Sie darüber ſtaunen würden. Aus meinem niedlichen Karneol⸗Halsband hat er die Steine genommen, ſo daß ich faſt vor Aerger erſticke, wenn ich es anlege.“ „Als ich in den Buffs war, Miß O'Kelly, ſo be⸗ fand ſich dort——“ „Zahlen Sie vier Pences,“ ſagte der Prieſter ver⸗ drießlich, und heben Sie ab. Wie geſagt, ich würde ihn auf die See ſchicken, und wenn die Geſchichten, die ich höre, wahr ſind, ſo iſt er nicht übel geeignet dazu; ſeine meiſte Zeit verbringt er dort in den Höhlen von Bally⸗ bunnion mit den Schmugglern.“ „Meine Tante wurde hierüber ein wenig roth, wie ich von meiner Kamindecke aus ſehen konnte; denn erſt Tags zuvor hatte ich aus dem erwähnten Orte ein Paket grünen Thee geholt.“ „Ich würde ihn Morgen nach Banagher ſchicken“, ſagte er entſchloſſen;„er müßte mir in die Schule.“ „Da war ein Clancy, wie geſagt, ein großer Teufel war er——. „Und der alte Martin wird ihm ſeine Streiche ſchon auspeitſchen, wenn mit einer Birkenruthe etwas auszu⸗ richten iſt,“ ſagte der Prieſter, * 104 „Erſt vor vierzehn Tagen hat er heiſe Aſche in den Briefladen geworfen und den Dublinerſack halb ver⸗ brannt,“ ſagte Mrs. Brown,„die Stadt wird froh ſeyn, wenn ſie ihn los iſt.“ „Dies war genau die Anſicht, zu der ich ſelbſt ge⸗ kommen war, ob ich gleich eine ganz andere über die Beſtimmung hatte, gegen die ich meinen jetzigen Aufent⸗ halt vertauſchen ſollte. Die gütigen Wünſche, welche die Geſellſchaft gegen mich hegte, hatten ebenfalls eine andere Wirkung— ſie flößten mir einen Muth ein, den ich nie zuvor gefühlt hatte— und als ich die erſte Ge⸗ legenheit eines Zankes am Whiſttiſch ergriff, um aus dem Zimmer zu entwiſchen, hatte ich ſo wenig Furcht vor Geiſtern und Kobolden, daß ich die Hausthüre öff⸗ nete, und obgleich der Weg an der Kirchhofmauer vor⸗ beiführte, meine Wanderung in einer Richtung fortſetzte, deren Einfluß auf mein ganzes ſpäteres Leben einwirken ſollte. Ich war noch nicht weit gekommen, als ich einige nach Tarbert fahrende Karren einholte und ſo glücklich war, auf einem derſelben einen Platz zu erhalten, ſo daß ich mit Tagesanbruch an den Shanon, das Ziel aller meiner Wünſche, gelangte. „Der hochwürdige Prieſter hatte mich nicht ver⸗ läumdet, wenn er ſagte, daß meine Geſellſchaft Schmuggler ſeyen. In der That unterließ ich ſeit mehrern Wochen keine Gelegenheit, wo meine Tante aus dem Hauſe war, ohne eine Geſellſchaft aufzuſuchen, die ſich in einer kleinen Schenke, ungefähr anderthalb Stunden von Tra⸗ lee verſammelte, und mit der ich mehr als einen Aus⸗ flug in die Höhlen von Ballybunnion gemacht hatte. Einer zufälligen Warnung, die ich ihnen gab, daß die Zollwache ihnen auf der Ferſe ſey, habe ich meine erſte Bekanntſchaft mit dieſen Burſchen zu verdanken, und von dem Augenblicke an war ich von Jedem unter ihnen ein Freund auf Leben und Tod. Sie bildeten allerdings ein buntes Gemenge. Das Fahrzeug gehörte nach Flus⸗ hing, der Schiffsmeiſter ſelbſt war ein Fläming; die * — 105 andern waren Fiſcher aus Kinſale, aus Oſtende, von der Küſte der Bretagne, ein norwegiſcher Pilot und ein Neger, der den Koch machte. Ihr joviales Leben, die gute Laune und gute Kameradſchaft, die unter ihnen zu beſtehen ſchien, ein Anſtrich von rückſichtsloſem, kecken Geiſt, ähnlich dem Hang eines Schulbuben zu Scherz und Kurzweil— alles bezauberte mich und wenn ich mich an Bord des„Pfeiles“, der unter dem Schatten hoher Klippen vor Anker lag, befand, und ſah, wie die Mann⸗ ſchaft ihre Piſtolen und Hirſchfänger putzte und ſich zu einer Kreuzfahrt rüſtete, ſo hatte ich ein ſtolzes Herz, wenn ſie mir ſagten, ich möchte mich ihnen anſchließen, und einer der Ihrigen werden. Ich glaube, jeder Knabe hat etwas in ſeiner Natur, das ihn zu Abenteuern ge⸗ neigt macht, in mir wenigſtens war dieſe Anlage ſtark genug. Die abgehärteten, wetterfeſten Geſichter meiner Ge⸗ fährten— ihre ſtarken, muskulöſen Geſtalten— ihre rohe Uniform von geſtreiftem Jerſey⸗Zeuge, mit ſchwarzen Wehrgehängen über die Bruſt, alles feſſelte meine Be⸗ wunderung; und von dem rothen Flaggentuch, das an unſerem Beſanmaſt flatterte, bis zu den ehernen Dreh⸗ baſſen, die aus unſern Lucken lugten, war das Fahrzeug meine höchſte Freude. Es währte nicht lange, ſo eig⸗ nete ich mir die rauhen Sitten und Manieren meiner Gefährten an, und wurde ſchnell der Liebling der ganzen Mannſchaft. Alle Narrheiten meiner verehrlichen Tante, alle Eigenheiten des Vaters Domellan tiſchte ich ihnen zu ihrer Beluſtigung auf, und ſie wurden niemals müde, über meine Schilderung des Whiſttiſches zu lachen. Au⸗ ßerdem war ich im Stande, ihnen ſehr ſchätzbare Mit⸗ theilungen über die benachbarte Gentry zu geben, die ich ſämmtlich entweder perſönlich oder dem Namen nach kannte. 8 wurde daher ſogleich als eine Art von diplomatiſchem Geſandten verwendet, um auszukund⸗ ſchaften, ob dem Mr. Blennerhaſſet ein Orhoftbranntwein oder dem Ritter von Glynn eine Pipe Claret gefällig ſey; außerdem erhielt ich einige kleinere Aufträge, be⸗: treffend Tabakrollen, Theepäckchen, geſchmuggelte Spitzen und ſeidene Sacktücher. „So war meine Erziehung begonnen; und ein ge⸗ ſchickterer Schüler in aller Kunſt und Heimlichkeit des Schmuggelns ließ ſich kaum finden. Ich hatte einen Hang zur Auffaſſung von Sprachen; und ehe meine erſte Kreuzfahrt vorüber war, konnte ich ſchon ganz erträglich Franzöſiſch, Holländiſch und Norwegiſch ſchnattern, und war auch ein wenig eingeweiht in den an den Ufern des Nigers unter der vornehmen Welt üblichen Dialekt. Dieß waren jedoch nicht meine einzigen Vorzüge. Ich war ein Haupt⸗Piſtolenſchütze, führte keine üble Klinge— konnte reffen und ſteuern, und in der Kunſt, einen Zoll⸗ beamten, ſo geſchickt er auch verkleidet war, zu ent⸗ decken, that es mir keiner an Bord gleich. Solcher Art waren meine Berufs⸗Eigenſchaften, die jedoch von mei⸗ nen geſellſchaftlichen weit übertroffen wurden. Ich konnte ein wenig Violine und Guitarre ſpielen, und war im Stande, jedes merkwürdige Ereigniß unſers wilden Le⸗ bens in rohe Verſe zu bringen, und eine Melodie dazu zu machen, alles zu nicht geringer Beluſtigung meiner Gefährten. Den Tert ſchrieb ich gewöhnlich in ein Buch und begleitete ihn mit Federzeichnungen und Anmerkun⸗ gen; und ſo wenig literariſchen Ruf dieſes Buch auch erlangt haben mag, ſo verſichere ich Sie doch,„O'Kelly's Tagebuche, wie es genannt wurde, war der Gegenſtand großen Vergnügens, ‚Samſtag Nachts auf der Seer. Dieſe Dinge waren alle zu örtlich und perſönlich, als daß ſie Jemand intereſſiren konnten, der die Geſellſchaft nicht kannte; vielleicht aber gebe ich Ihnen doch einmal das Tagebuch und laſſe Sie einen von unſern Geſängen ören. „Auf die Abenteuer meines Seefahrerlebens will ich nicht näher eingehen; ſeltſam und wild genug waren ſie, das darf ich ſagen; die eine Nacht wankten wir mit eng⸗ gerefftem Segel unter einem Legerwall umher; die an⸗ 1⁰7 dere zechten wir mit einer derben Sippſchaft in einem Schenkhaus in Rotterdam oder Oſtende— bald ver⸗ bargen wir uns in den dunkeln Höhlen von Ballibunnion, während das Fahrzeug draußen in der See lag— bald machten wir verkleidet einen Ausflug nach Paris und dinirten im Café de l'Empire in aller wollüſtigen Uep⸗ pigkeit des Tages. Die ſchnell auf einander folgenden Abenteuer und Gefahren hatten meinem Leben einen Hang zu wilder Aufregung gegeben, ſo daß mir ein ein⸗ ziger Tag Ruhe wie eine ganze Periode langweiliger Eintönigkeit vorkam. „Selbſt das Schmuggeln wurde nur ein Theil mei⸗ ner Beſchäftigung. Meine Kenntniß des Franzöſtſchen und meine Geſchicklichkeit, mich zu verkleiden und zu verſtellen, ſetzten mich in Stand, Pariſer Geſellſchaften von einer gewiſſen Klaſſe zu beſuchen, ohne Furcht, ent⸗ deckt zu werden. Auf dieſem Wege erhielt ich von Zeit zu Zeit Mittheilungen von größter Wichtigkeit für unſere Regierung; und einmal erhielt ich Dokumente aus dem Kriegsdepartement Napoleons, die mir die Ehre einer Unterredung mit Herrn Pitt ſelbſt verſchafften. Dieſer Theil meiner Laufbahn würde mich jedoch zu weit von meiner Geſchichte abführen, wenn ich etwaige von den vielen dabei vorgekommenen Abenteuern erzählen wollte; ich will daher ſogleich auf eine jener wichtigen Evochen meines Lebens übergehen, von denen zwei oder drei dem Shhanr meines Geſchickes eine zeitliche Wendung gegeben aben. „Ich war ungefähr achtzehn Jahre alt; der Krieg mit Frankreich war gerade ausgebrochen, und das bei Boulogne verſammelte Lager bedrohte England mit einer Invaſion. An dem Morgen, wo wir die franzöfiſche Küſte verließen, waren die Vorbereitungen zur Einſchif⸗ fung der Truppen in vollem Gange, und wir hatten Nachricht von gewiſſen Umſtänden, die mich überzeugten, daß Napoleon wirklich eine Landung beabſichtige, wäh⸗ rend viele geneigt waren, zu glauben, es ſey alles nur 108 eine leere Drohung. In der That hatte mir ein Stabs⸗ offizier eine Mittheilung gemacht, welche die Art der Landung und den ganzen Erpeditionsplan umſtändlich auseinanderſetzte. Bevor ich mir jedoch dieſelbe zu Nutze machen konnte, ſollten wir unſere Ladung, eine unge⸗ wöhnlich reiche, auf der Weſtküſte von Irland landen; denn meine Gefährten wußten die ganze Zeit her nichts von dem Spionirſyſtem, das ich eingeführt hatte, und es kam ihnen wenig in den Sinn, daß einer aus ihrer Mitte, mit dem Premier⸗Miniſter von England in Ver⸗ bindung ſtand. „Ich zählte, wie geſagt, ungefähr achtzehn Jahre. Mein wildes Leben hatte mir das Gefühl reiferer Jahre und meinem Charakter eine Dreiſtigkeit und einen Unter⸗ nehmungsgeiſt verliehen, die mir den Genuß jedes küh⸗ nen Abenteuers erhöhten und mich bei jedem mit Gefahr und Schwierigkeit verbundenen Vorkommniß in eine Art Extaſe verſetzten. Ich ſehnte mich darnach, Herr eines eigenen Schiffes zu ſeyn und damit nach eigenem Willen die Meere zu durchfliegen, als kühner Seeräuber, weni⸗ ger um Gewinn als um Ruhm bekümmert, bis mein Name ſeinen eigenen Ruhm für ſich ernten, und meine Heldenthaten mit Furcht und Staunen beſprochen würden. „Der alte Van Brock, unſer Kapitän, war ein kecker Fläming, aber alle Energie ſeines Charakters, alle ſeine Kühnheit, waren nur auf einen Zweck gerichtet, auf Gewinn. Des Gewinnes halber hätte er Alles ver⸗ ſucht, Alles gewagt. Nun war unſere gegenwärtige Reiſe eine ſolche, wobei er ſein ganzes Kapital auf's Spiel geſetzt hatte; der drohende Krieg warnte ihn, ſein Gewerbe ſchleunig aufzugeben— er konnte nicht länger hoffen, den Kreuzern beider Länder, die bereits den Kanal füllten, zu entgehen. Dieſe eine Reiſe jedoch, wenn ſie gelang, konnte ihm ein reichliches Auskommen für ſein ganzes Leben verſchaffen; er beſchloß daher, alles daran zu ſetzen. Es war eine ſchwarze ſtürmiſche Novembernacht, 1⁰9 als wir an der Weſtküſte von Irland die Anker lichteten. Ein Theil unſerer Ladung war nach Ballybunnion be⸗ ſtimmt; der Reſt jedoch, und zwar der werthvollere Theil ſollte in der Galway⸗Bai gelandet werden. Es wehte ein voller Südweſtwind, und die See ging berghoch; es war nicht der kurze Wellenſchlag eines landumſchloſ⸗ ſenen Kanals, ſondern das ſchwere Rollen des großen atlantiſchen Meeres,— dunkel und drohend, zu unge⸗ heurer Höhe anſchwellend, und leewärts an das eiſen⸗ gebundene Fahrzeug andonnernd, mit einem Krach, der unſere Herzen beben machte. Der„Pfeil“ war ein gutes Seeboot, aber die Wellen überfluteten es vom Schnabel bis zum Hintertheil, und obgleich nichts, als ein eng⸗ gerefftes Topſegel aufgeſpannt war, ſo wirbelten wir doch zwölf Knoten weit über das Waſſer. Die Lucken⸗Klappen wurden niedergelaſſen und jede Vorbereitung für eine rauhe Nacht getroffen; denn mit der Finſterniß ſtieg auch der Sturm. „Das Loos des Schmugglers iſt ſchwarz und düſter. Laßt den Wind ſich legen, laßt den blauen Himmel und die Wolken auf der glatten Fläche ſich ſpiegeln, ſtracks fährt mit ſechzehn Rudern ein mit jedem Ruck der ſtarken Arme ſich bäumendes Boot daher, um ihn zu kapern. Und wenn die weißen Wogen gleich Bergen ſich erheben, der lauernde Sturm herabfährt, ganze Tonnen Waſſer über ſeine Verdecke wirft und die Spitze ſeines Tackel⸗ werkes mit dem ſchäumenden Giſcht benetzt, ſo wagt er es nicht, um Hülfe zu rufen; das Signal, das ſeine Noth verkünden würde, wäre die Glocke, die ſein Ver⸗ derben läutet. Dieß wußten wir wohl. Wir ſahen ein, daß, komme auch was da wolle, von andern keine Hulfe zu hoffen war. Wir betrachteten alſo mit todesängſtlicher Spannung das kleine Fahrzeug, wie es in der See ar⸗ beitete; wir ſahen, daß wir bei⸗ jedem Schlag dem Un⸗ tergange nahe waren. Die ſtarke Strömung gegen das Land riß uns immer näher an's Ufer; und als wir in deſſen Nähe kamen, ſchienen die finſtern, überhängenden 11⁰0 Klippen wirklich über uns hereinzuſtürzen und das wilde Geſchrei der Seevögel tönte in unſern Ohren wie Todten⸗ klage. Wir mußten das kleine Bugſpriet aufſtellen und bei jedem Aufſteigen drohte das kleine Fahrzeug, kopf über unterzugehn. „Unſer Hauptbeſtreben war, um die Landſpitze zu kommen, welche das ſüdliche Ufer der Shannon⸗Mün⸗ dung bildet. Zwiſchen dieſem Punkte und dem Felſen iſt ein ſchmaler Sund Blasquets genannt und nach dieſem ſtrebten wir mit aller Macht. So verſtrich die Nacht und als der Tag anbrach, erhob ſich unter unſerer klei⸗ nen Mannſchaft ein Freudengeſchrei, da wir die Blas⸗ quets auf unſerer Wetterſeite erblickten und ſahen, daß der Sund gerade vor uns lag. Kaum hatte das Ge⸗ ſchrei nachgelaſſen, als ein Mann im Tackelwerk rief— „Ein Segel windwärts:“ und gleich darauf—„eine Kriegsbrigg.“ „Der Schiffsherr ſprang auf das Bollwerk, legte ſein Fernrohr in die Wandtaue, und unterſuchte den Gegenſtand, der dem unbewaffneten Auge bloß als ein Wölkchen am Horizonte erſchien. „Sie hat achtzehn Kanonen,“ ſagte er langſam, und ſteuert auf uns zu. Höre, O'Kelly, es kann uns nichts helfen, wenn wir an's Ufer fahren, und uns feſſeln laſſen,— was iſt zu thun?“ „Da durchzuckte mich der Gedanke an die geheime Mittheilung, in deren Beſitz ich war. Das Leben war mir noch nie ſo werth, aber ich konnte nicht ſprechen, ich wußte, daß das ganze Vermögen des alten Mannes auf dem Spiele ſtand, auch wußte ich, daß er, wenn wir angegriffen würden, entſchloſſen war, ſich bis auf den letzten Balken zu wehren. „Höre,“ begann er wieder,„dort, mehr ſüdwärts im Wind liegt eine Spitze; wir könnten hart an ihr herum nach der Galway⸗Bai fahren. In zwei Stunden bringen wir die Ladung, wenigſtens einen guten Theil 4 1¹1¹1 davon, an's Land, und wenn das Fahrzeug daraufgehen muß——“ „Bei dieſen Worten erſchütterte uns ein ſchwerer Stoß; das Schiff taumelte um, ſo daß ſeine Kreuz⸗ hölzer die See berührten. Man hörte einen Krach gleich dem Knall eines Schuſſes, und der Topmaſt ſtürzte her⸗ unter auf das Verdeck, das Topſegel fiel leewärts und blieb mit dem Saum am Schanddeck hängen. Das kleine Fahrzeug gerieth ſogleich aus dem Wind und ſtürzte tiefer als je in die kochende Brandung; im gleichen Augen⸗ blick fuhr ein brummender Ton über das Waſſer und eine Kugel ſtrich über die Wellen in der Nähe, prallte über das Bugſpriet hinweg, und ging tupfend und hüpfend an's Ufer. „Das iſt eine von ihren neugebauten,“ ſagte der zweite Steuermann, ein Irländer, der ſie anſah und dabei ſein Stück Taback ſo kaltblütig kaute, als ſtünde er auf einer Schiffswerft.„Ich kenne den Ton ihrer ehernen Geſchütze.“ „Bald darauf fuhr faſt zugleich ein zweiter und ein dritter Blitz auf, gefolgt von zwei Knallen, aber dieß⸗ mal erreichten ſie uns nicht und gingen in unſer Kielwaſſer. „Wir ſchnitten das herabgefallene Tackelwerk ab und da wir jetzt auf unſere eigene Sicherheit bedacht ſeyn mußten, ſo beſchloſſen wir, in die Bai einzulaufen, um zu verſuchen, ob wir nicht einige Theile der Ladung retten könnten, bevor uns das Kriegsſchiff erreichte. Die Höͤhlen längs des Ufers waren uns allen wohlbekannt, da uns jede derſelben als Magazin oder Schlupfwinkel gedient hatte. Der Wind wurde jedoch jede Minute ſtarker; das Sturmſpriet war alles, was wir aufziehen konnten, aber anſtatt uns behülflich zu ſeyn, tauchte dieſes das Vordertheil unſeres Fahrzeuges tief unter, während das große Schiff jeden Augenblick näher kam und ſchon ſeine hohen Maſten und weißen Segel nahe hinter uns in unſerem Kielwaſſer drohten. „Sollen wir dieſen Tonnen die Dauben einſchlagen,“ 112 1 fragte der Steuermann den Schiffsherrn flüſternd,„ſie wird uns bald am Bord ſeyn.“ „Der alte Mann gab keine Antwort, ſondern richtete ſeine Augen von dem Kriegsſchiff auf das Ufer und wieder zurück, mit einem ſchwachen Beben ſeines Mundes. „Oder iſt es beſſer, die Lucken zu öffnen und dieſen Taback über Bord zu werfen,“ ſagte der Steuermann, um eine Antwort zu erhalten. 5 „Sie hat das Signal aufgeſteckt, wir ſollen bei⸗ liegen,“ bemerkte der Schiffsherr, und ſieh da, ihre Stückpforten ſind offen— da kommt's.“ „Bei dieſen Worten brach eine glaͤnzende Flamme hervor, und es erkrachte Ein aus mehreren Knallen ge⸗ miſchter Donner, während die Kugeln über die Wellen neben uns dahinſtreiften.— „Rennt nach der langen Kanone,“ rief der alte Kerl, indem ſeine Augen blitzten und ſein Geſicht glühte. „Ich will ihr Hinterdeck ſäubern, oder ich müßte mich gewaltig irren.“ „Zum erſten Mal wurde ſeinem Befehle nicht auf der Stelle gehorcht. Die Mannſchaft betrachtete einan⸗ der zögernd, gleichſam unentſchloſſen, was ſie thun ſollte. „Was ſteht ihr da und gafft?“ rief er mit leiden⸗ ſchaftlicher Stimme,„O'Kelly, auf mit der alten Flagge, ſie ſollen ſehen, mit wem ſie es zu thun haben.“ „Eine braune Flagge mit einem holländiſchen Löwen in der Mitte wurde aufgezogen, und faatterte in der nächſten Minute ſtolz an unſerm Topmaſt. „Unter der Mannſchaft des Kriegsſchiffes erhob ſich ein Freudengeſchrei, als ſie das Signal der Herausfor⸗ derung erblickten. Die Antwort darauf war eine ſchmet⸗ ternde Salve aus unſerer langen Drehbaße, die über ihre Verdecke dahinfuhr, ihr Takelwerk zerriß, und Mehrere verwundete. Unſer Triumph war aber von kurzer Dauer. Schuß auf Schuß entlud ſich aus der Brigg⸗ die, bereits windwärts, unſere Verdecke gänzlich über⸗ ſtrich, waͤhrend ein unaufhoͤrliches Kleingewehrfeuer zeigte, 113 daß unſere Herausforderung auf Leben und Tod ange⸗ nommen war. „Fall ab!“ ſagte der alte Mann flüſternd zu dem Steuermann—„fall ab!“ während bereits die ſpritzen⸗ den, eine halbe Meile vor uns tanzenden Wellen ein Felſenriff verriethen, worüber bei niedrigem Waſſer kein Ruderboot ſchwimmen kann. „Ich weiß es, ich weiß es wohl,“ verſetzte der Schiffsherr auf die gemurmelte Antwort des Steuermanns. „Jetzt zog die Brigg ihre Segel ein, aber ihr Feuer dauerte ſo lebhaft als je. Die Entfernung zwiſchen uns wurde jeden Augenblick größer, und hätten wir Seeweite gehabt, ſo wäre es uns möglich geweſen, noch zu ent⸗ wiſchen. „Unſer langes Geſchütz arbeitete ohne Unterlaß, und von Zeit zu Zeit verrieth ein Gewühl auf dem Verdecke die Verheerung, welche es anrichtete, als plötz⸗ lich einer aus unſerer Mannſchaft in ein wildes Ge⸗ ſchrei ausbrach— ‚das Kriegsſchiff iſt geſtrandet, ſeine Topſegel ſind ab.’ Es erhob ſich unter uns ein tolles Gejubel— das raſende Geſchrei der Wuth und Ver⸗ zweiflung, als uns im gleichen Augenblick ein heftiger Stoß vom Schnabel bis zum Hintertheil erſchütterte. Das kleine Fahrzeug zitterte wie ein lebendes Weſen, darauf ſprangen mit donnerähnlichem Gekrach die Lucken⸗ Klappen aus ihren Bändern, und die weißen Wellen ſprangen auf und ſtürzten über das Verdeck hin. Da ertönte noch ein betäubendes Geſchrei, ein letztes gellen⸗ des Geheul.“ „Drei Hoch, meine Jungen!“ rief der Schiffsherr ſeine Kappe über dem Kopfe ſchwingend. „Schon ſank ſie unter.— Das Angſtgeſchrei über, tönte laut den Sturm; in der gleichen Minute fegte mich eine Welle über Bord, und das Letzte, was ich ſah, war der alte Schiffsherr, wie er ſich an das Bug⸗ ſpriet klammerte, während ſein langes graues Haar wild⸗ Lever, O'eary. 1. 8 114 hinter ihm flatterte: aber die gierigen Wellen rollten über mich hinweg. Eine Art verzweiflungsvoller Ener⸗ gie ſtärkte mich, und nachdem ich über eine Stunde im Waſſer war, wurde ich, noch immer ſchwimmend, von einem der Uferboote herausgezogen, die, als der Sturm ſich legte, ſich hinausgewagt halten, um der Schaluppe zu Hülfe zu eilen; und ſo hatte ich Schiffbruch gelitten, einige hundert Schritte von dem Flecke, wo ich mich das erſte Mal auf die See gewagt hatte— der Ein⸗ zige, der von der ganzen Mannſchaft gerettet wurde. Vom ‚Pfeil’ erreichte kein Span das Ufer; die bran⸗ dende See zertrümmerte ihn in Atome. „Der„Horniſſe’ ging es kaum beſſer. Acht von ihrer Mannſchaft kamen ſchwer verwundet an's Land; ein Mann war geſallen, ſie ſelbſt wurde erſt nach Mo⸗ nate langer Arbeit flott gemacht, und ging, wie ich glaube, nie mehr auf die See. „Die Sympathie, welche man in Irland dem Un⸗ glück nie verſagt, ohne Rückſicht auf die Veranlaſſung deſſelben, kam mir nun gut zu ſtatten; denn trotz aller Anſtrengung der Behörden, zu entdecken, ob von der Mannſchaft der Schmuggler einer lebendig an's Land gekommen ſey, und trotz der reichen Belohnung, die man verſprach, wollte mich doch Niemand verrathen; im Gegentheil, ich lag ſo ſicher unter dem Dache einer niedrigen Hütte, als ob mir die ſtolzen Mauern eines Baronenſchloſſes ihren Schutz verliehen. „Von Tag zu Tag hörte ich, wie eifrig man alle Mittel anwendete, um von dem verunglückten Schiffe etwas ausfindig zu machen; endlich erhielt ich die Nach⸗ richt, von Dublin ſey ein gefeierter Diebsfänger in die Nachbarſchaft gekommen, um mit ſeinen Dienſten die Nachſpürung zu unterſtützen. „Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Eine Entdeckung hätte nicht nur mein eigenes Leben gefähr⸗ det, ſondern auch das meiner gütigen Beſchützer. Wie aus dem Dorfe kommen, das war jedoch die Schwierig⸗ 5 115 keit. Seit dem Tage des Schiffbruches wimmelte es am Shannon von Zoll⸗ und Kriegsbooten; die Ennis⸗ Straße war von Polizei⸗Mannſchaft beſetzt, die jeden Reiſenden durchſuchte, der nach der Weſtküſte ging. Es war Lärm geblaſen, und keine Möglichkeit eines Ent⸗ rinnens zeigte ſich in dieſer Gegend. In ſolcher Noth verließ mich das Glück, das mir ſo oft freundlich zu Hülfe kam, doch nicht. Es war gerade eine herum⸗ ziehende Schauſpielergeſellſchaft, die einige Wochen in Kilrush geſpielt hatte, im Begriff, nach Enniſtymon aufzubrechen, wo ſie mehrere Vorſtellungen geben ſollte. Nichts konnte leichter ſeyn, als in ſolcher Geſellſchaft unentdeckt zu bleiben; und ich brachte meine Aufnahme unter die Truppe bald zu Stande, indem ich ein Enga⸗ gement als zweiter Liebhaber mit einer niedrigen Gage annahm, und am nächſten Morgen ſaß ich auf dem Wagen unter einem bunten Gemiſche von Genoſſen, mit deren Sitten und Gewohnheiten ich mich ſehr bald ver⸗ traut machte, ſo daß ich, nachdem wir wenige Meilen gemacht, ſo zu ſagen der Günſtling der Geſellſchaft wurde. „Ich will Sie nicht ermüden mit Berichten über mein herumſtreifendes Leben. Jedermann weiß etwas von den Schwierigkeiten, welche das beſcheidene Schau⸗ ſpiel umringen: und das unſrige war eines der beſchei⸗ denſten. Joe. Hume ſelbſt hätte keinen einzigen Artikel in unſerm Budget bekritteln können: und ich fordere den witzigſten Kopf vor einer großen Jury heraus, uns an einem Paar unſerer Theaterhoſen ein Stück Flitter⸗ gold ſtreitbar zu machen. „Seenen hatten wir zwei an der Zahl: die eine ſtellte das Innere einer Hütte vor— Töpfe, Keſſeln, einen Anrichttiſch, ein großes Feuer von Rauch über⸗ wölkt,— dieſelbe war mit zwei Stühlen und einem Tiſche in ein Geſellſchaftszimmer in einem Privathauſe zu verwandeln; desgleichen wurde ſie durch einen roth üͤberzogenen Armſtuhl und durch ein altes Banner eine 8 5 116 Halle in einem Baronenſchloß oder ein Salon in einem Palaſte: die zweite ſtellte zwei Häuſer auf der Ebene dar, mit offenem Lande dazwiſchen, eine Mühle, einen Berg, einen Strom und eine ländliche Brücke dazu. Dieß war denn entweder eine Straße in einer Stadt, ein Gehölze, ein Garten oder ſonſt ein Sammelplatz im Freien für leichtes Schauſpielervolk, für Liebhaber, leidenſchaftliche Väter, Aufwärterinnen, Diebe oder Chorſänger. „An der Spitze unſerer Truppe ſtanden Mr. und Miſtreß M'Elwain, die, wie ihre Namen verriethen, aus dem Norden Irlands kamen, ich glaube, aus der Nähe von Coleraine; mit Beſtimmtheit kann ich es je⸗ doch nicht ſagen; ich weiß nur ſo viel, daß ihre Heimat an den Ufern des„Darry“ lag. „Wie ein Paar ſo trivialer, materielle Leute, wie es noch wenige gab, dazu kamen, ſich der thespiſchen Kunſt zu widmen, das weiß der Himmel. Wäre Mr. Mac ein Gerichtsdiener und Madame eine Gewürz⸗ krämerin geweſen, dann hätte die Natur nach Gebühr ſte ausgeſtattet; denn er war ein feſter Kerl mit rothem Geſicht, ſchwarzem Bart und einem Dache von ſtraffem ſchwarzem Haar, das ober ſeinen Ohren in Halbkreiſen geſchnitten war, um ohne Unbequemlichkeit Charakter⸗ Perrücken aufſetzen zu können; ſein Schritt war plump, ſein Gang ſchwerfällig. Sie war eine wahre Hopfen⸗ ſtange von etwa fünf und vierzig Jahren, mit durch⸗ bohrenden grauen Augen und einer ſchrillenden Stimme, die den feinſten Pfiff durch ein Schlüſſelloch beſchämt hätte. Dieß waren der Macbeth und die Lady Macbeth — der Romeo und die Julie— der Hamlet und die Ophelia der Geſellſchaft— aber ihr Aeußeres war noch eine Kleinigkeit in Vergleich mit der Manier ihres Vor⸗ trages. Man ſtelle ſich Julie vor mit einer zerlumpten Livorner Haube, einem ſchottiſchen Shawl und ein Paar Henunen Stiefeln, ungefähr in folgender Art dekla⸗ mirend— 1 117 „Komm, hoolde Nacht mit dainen ſchwaarzen Brauen, Gib mainen Romo mirb! und muß er ſtärben, So nimm und thaile ihn in klaine Stärne: Des Himmels Antlitz wird er raizend ſchmücken, Und alle Wält wird ſain verlübt in ihn.“ „Mit dieſen Leuten konnte ich es nicht lange aus⸗ halten. Die glänzende Täuſchung war bald entwichen; und die goldene Ernte, die ich ſammeln ſollte, beſchränkte ſich auf ungefahr vier Schillinge die Woche, woraus noch viel Hinderniſſe von ſo mancherlei Art und Ge⸗ ſtalt erwuchſen, daß mir mein Gehalt in jedem Augen⸗ blick verweigert werden konnte, unter dem Vorwande, f4 ſey feine Reichsmünze da, worin man ihn bezahlen önne. „Von meiner Garderobe ging ein Stück nach dem andern dahin, um die Bedürfniſſe meines Magens zu befriedigen; und ich erinnere mich noch recht wohl, wie mein großer Rock, den ich mit gleicher Zähigkeit auf⸗ bewahrt hatte, wie ein ſchiffbrüchiger Matroſe ſein letz⸗ tes Biskuit aufſpart, in Hammelſleiſch verwandelt wurde, um Meſſieurs Jago, Merkutio und Caſſius mit Mes⸗ dames Ophelia, Jeſſica, Desdemona und Konſorten zu bewirthen. Ein Künſtler würde ſein Glück machen, hätte er nur die Vorbereitungen zu unſerm Gaſtmahl mitanſehen können. „Die Mahlzeit war zu Ehren meines ‚Beneſizes“, wie es der Direktor ſeltſam genug zu nennen beliebte. Der einzige Vortheil, der mir aus beſagtem Benefiz er⸗ wuchs, war die Freude, die ich darüber empfinden konnte, daß ich meinen Namen in großen Buchſtaben gedruckt ſah, und das Bergnügen, den erleuchteten Ein⸗ wohnern von Kilrush meine Aufwartung zu machen und mich um ihre Gönnerſchaft zu bewerben. „In dieſen Morgenviſiten lag etwas für mich un⸗ beſchreiblich Melancholiſches; denn abgeſehen von der 118 Thatſache, daß ich von dem Einen als Vagabund mit dem Stock bedroht wurde, daß ein Anderer mir, als einem verdäͤchtigen Charakter, einen Polizeidiener nach⸗ ſchickte, um meine Spur zu verfolgen, und daß mich ein Dritter für einen Rattenfänger hielt; kam der Metzger, mit dem ich wegen eines Hammelviertels in Unterhand⸗ lung ſtund, ernſthaft heran, unterſuchte das Gewebe meiner Kleidung, und rief eine Jury von ſeinen Freun⸗ den zuſammen, um zu unterſcheiden, ob er keinen ſchlech⸗ ten Handel mache. „Nun kam die Nacht und ich ſah mich als Pe⸗ trucio gekleidet, eine Nolle, worin ich donnernden Bei⸗ fall ernten und die Kaſſe bis zum Ueberfluß füllen ſollte. Welche Gefühle kämpften miteinander in meinem In⸗ nern— indem ich bald vor der Zuhörerſchaft die Ka⸗ tharina mit wohlgerundeten Phraſen auszankte,— bald hinter die Couliſſen ſchlüpfte, um mich von dem Fort⸗ ſchritt der Mahlzeit zu überzeugen, nach der ich mich mit wahrem Heißhunger ſehnte,— welch einen lachen⸗ den Anblick boten die ihre Jacken zerſprengenden Kar⸗ toffeln, auf und nieder wallend im Helm des Coriola⸗ nus— denn mit Schmerz muß ich geſtehen, daß wir kein anderes Gefäß dazu hatten; die bratende Hammels⸗ keule wurde überwacht von„einem Edelmann aus Pa⸗ dua“; und Chriſtoph Sly war beauftragt, etwas Punſch zu brauen, den er, ſeinem Namen getreu, ſo häufig koſtete, daß es unmöglich war, ihn gegen den letzten Akt zu erwecken. „Es war in der erſten Scene des vierten Aktes, als ich mit dem Gefühl eines ausgehungerten Wolfes einem Schein⸗Souper auf der Bühne beiwohnen mußte, mit Rindfleiſch von Holz, Geflügel von Pergament, Pomeranzen von Wachs und vergoldeteten Bechern, deren Leere nur mit Luft gefüllt war. Gerade, als ich zu der Stelle kam— 1 119 „Komm, Käty, ſetz' Dich her— ich weiß, Du haſt'nen Magen, Willſt, holde Käty, Du den Dank dafür Erſtatten— wie? ſoll ich's?— was iſt's?—— Ein Hammel?“ „In dem gleichen Augenblick, als ich das tannene Rückenſtück von einem Ende der Bühne auf die andere ſchleuderte, drang ein wohlſchmeckender Duft in meine Naſe; das Geklapper von Meſſern, das Geklirre von meine Ohren— die Elenden waren am Eſſen! ſogar der ‚erſte Diener, der auf meine zornigen Ausfälle hätte antworten ſollen, ſchoß gleich einem Pfeil von der Bühne Gericht ſey gut, wenn ich damit zufrieden.⸗ Entſchloſſen, mich ſelbſt hievon zu überzeugen, rannte ich, unbeküm⸗ „„Da keine Worte fruchteten, ſo ſtürzte Mr. M'El⸗ wain von Kopf zu Fuß bepanzert, mit einem kleinen Säbel auf mich los, während Madame, noch heftiger, den Helm ergriff, ſeinen heißen Inhalt über mich ſchüttete, und mir faſt lebendig die Haut wegbrühte. Mit wüthen⸗ der Energie ergriff ich die Keule, ſchlug mich damit durch die ganze Geſellſchaft und eilte hinweg. 1²⁰ „ Römer,e Landleute,„Liebhaber,“ ‚Herzoge,“ „‚Hofmeiſterinnen, ‚Halbgötter“ und Tänzer,“ alle ver⸗ folgten mich mit lautem Geſchrei. Wir kamen über die Bühne mit einem Tumult, der ein Pandämonium hätte vorſtellen können. Ich war jedoch der ſchnellfüßigſte, arbeitete mich durch eine ungangbare Thüre, ſprang raſch durch das Gehölze, warf einen ‚Engel’ über den Haufen, der mir hart an der Ferſe war, ergriff eine Kerze, ſechs und dreißig auf das Pfund, ſteckte damit die Ecke der erwähnten Küche an, rannte wüthend fort und ließ den ganzen Plunder von Flammen umſchlun⸗ gen hinter mir. Ich eilte durch die Straße, als ob Bluthunde hinter mir wir wären, und hemmte meinen wilden Lauf nicht eher, als bis ich eine kleine Anhöhe am Ende der Stadt erreichte; erſt dann holte ich Athem, und warf noch einen letzten Blick auf das, Theatre Royal. Es war ein herrlicher Anblick für einen racheſüchtigen Geiſt— unter der gen Himmel ſteigenden Maſſe von Feuer und Rauch(denn ſchon war das ganze Gebäude ergriffen) konnte man die bunte toll unter einander ge⸗ miſchte Menge von Schauſpielern und Zuhörern ſehen — Türken, Schneider, Gaukler, Zollofficianten, Gran⸗ den, Gewürzhändler und Schenkwirthe, ſie alle ſchrien einſtimmig, während das leichte Material des Requiſiten⸗ zimmers in Myriaden von Funken in die Höhe flog. Schlöſſer und Wälder, Baronenhallen und Näuberhöhlen ſtiegen unter den Flammen blauer Lichter und dem Ge⸗ krache brennbarer Bühnengeräthe gen Himmel. „Sie dürfen glauben, daß ich, wie ſehr mich auch dieſe letzte Scene des Dramas entzückte, mir nicht viel Muße geſtattete, es zu betrachten, da mir die ſehr hand⸗ greifliche Ueberzeugung voll in's Geſicht ſtarrte, daß ein ſolches Schauſpiel nicht gerade zu meinem ‚Benefiz' gereichen könne. Ich begab mich daher auf die Straße, unterwegs ungefähr in folgender Weiſe moraliſirend; ich habe einen reſpektabeln aber ungeſchlachten Anzug ver⸗ loren; dafür habe ich ein grünes Wamms, Lederhoſen, 121 Courrierſtiefel, einen ſchlotternden Hut, und eine Feder erworben. Hätte ich meine Rolle ausgeſpielt, ſo würde ich inzwiſchen die Bühne mit einem Scheineſſen über⸗ ſtreut haben. Nun tröſtete ich mich mit wirklichem Hammelfleiſch, das für mich, obgleich alle gewöhnliche Zubehörde fehlte, eine Delikateſſe von ungewöhnlichem Grade war. Freilich genoß ich nicht als Petrucio den donnernden Beifall eines entzückten Publikums, um meine Verdauung zu befördern. Aber das holde Geflü⸗ ſter eines guten Gewiſſens war für Con O'Kelly eine füßere Belohnung. So neigte ſich die Wagſchale zu meinen Gunſten, und ich ſchritt aus mit jenem leichten Herzen, welches ein ſo unzweideutiger Beweis einer unſchuldigen und glücklichen Gemüthsſtimmung iſt.— „Gegen Tagesanbruch hatte ich einige Meilen auf der Straße nach Killaloe zurückgelegt, als ich vor mir eine Herde Pferde bemerkte, die mit allerlei ſeltſamen Stricken, Halftern und Heuſeilen an einander gebunden waren. Auf einigen derſelben ritten zwei bis drei Bauernjungen, welche die Pferde ſo weit ſie es ver⸗ mochten, ruhig zu halten ſuchten, waͤhrend ein dicker, kurzer Kerl mit rothem Geſicht, in ſchmutzigen Stiefeln und einem abgeſchoſſenen grünen Rock voran ritt und den ganzen Zug zu lenken ſchien. Als ich näher kam, veranlaßte meine Erſcheinung keinen geringen Aufruhr; die Treiber hefteten ihre Augen auf mich, und konnten an nichts anderes mehr denken; die Thiere theilten ihre Gefühle, ſtutzten, kapriolten, bäumten ſich und wieherten entſetzlich. Der Führer der Truppe dagegen, wüthend über die Unordnung, die er mit anſehen mußte, fluchte wie ein Soldat und hieb mit ſchrecklich geſchwungener Geiſel bald da, bald dorthin unter den Haufen, auf Mann und Roß mit preiswürdiger Unparteilichkeit. End⸗ lich ſielen ſeine Augen auf mich, und für einen Augen⸗ blick war ich vollkommen überzeugt, mein Schickſal ſey beſtegelt, da er feſter ſeinen Sattel drückte, den Zügel 12² anzog, und ſeine mächtige Peitſche mit verdoppelter Energie in die Fauſt nahm. „Die Inſtinkte einer Kunſt beſitzen eine wunderbare Macht; denn als ich die Haltung des Mannes und den Ausdruck ſeiner Züge ſah, warf ich mich in eine Büh⸗ nenſtellung, drückte mit der einen Hand meinen Hut ins Geſicht, zog mit der andern mein Schwert und rief mit einem lauten, melodramatiſchen Geheul— ‚Komm heran, Macduff! Mein Blick, meine Geberden, mein Koſtüm und vor Allem meine Stimme überzeugten meinen Gegner, daß ich verrückt ſey; alsbald milderte ſich der harte, fühlloſe Charakter ſeines Geſichtes, und es zeigte ſich auf demſelben ein Ausdruck rauhen Mitleids. „Gewiß, Sir, es iſt Billy Muldoon,“ rief einer von den Jungen, indem er mit Schwierigkeit das unter ihm ſich bäumende Thier zähmte. „Nein, Sir,“ ſchrie ein anderer,„er iſt dicker als Billy, aber er hat einen Zug von Hogan um die Augen.“ „Haltet euer Maul,“ rief der Herr.„Hogan wurde ja während der Sommer⸗Aſſiſen gehenkt.“ „Ich weiß wohl, Sir,“ war die Antwort, die ſo kaltblütig gegeben wurde, als ob hierauf kein Wider⸗ ſpruch möglich geweſen wäre. „Wer ſeid Ihr?“ rief der Führer;„woher kommt Ihr?“ .„Von Epheſus Mylord,“ erwiederte ich, mit thea⸗ teraliſcher Feierlichkeit mich verbeugend, und mein Schwert in die Scheide ſteckend. „Woher?“ ſchrie er, mit der Hand am Ohre. „Von Kilrush, Allermächtigſter,“ verſetzte ich, in⸗ dem ich mich ſo weit näherte, daß ich mich mit ihm unterhalten konnte, ohne von den andern behorcht werden zu können, während ich ihm mit wenig Worten auseinanderſetzte, daß mein Koſtüm und mein ganzes Aeußere nichts als Symbole meines Gewerbes ſeyen, und eine plötzliche Trennung von meinen Freunden habe mich daran verhindert, ſie zu ändern. ——— 123 „Und wohin geht Ihr jetzt?“ war die nächſteFrage. „Darf ich Sie um das Gleiche fragen?“ erwie⸗ „Ich, Markt iſt. 5 „Gerade das iſt auch mein Reiſeziel,“ erwiederte ich. „Und wie gedentet Ihr dahin zu kommen,“ ver⸗ ſetzte er,“ es ſind vierzig Meilen von hier.“ „Mich dünkt,“ erwiederte ich,„dieſer dunkle Nuß⸗ braune da mit dem weißen Hufhaar wird die Ehre haben, mich dahin zu tragen.“ 3 „Ein ganz eigenthümliches Grinſen, worüber ich mich jedoch kaum verwunderte war die Antwort. „Es gibt Manchen, dem ich nicht unter fünf Schil⸗ ling für den Tag abnehmen würde,“ ſagte ich;„aber die Zeiten ſind ſchlecht, und es gefällt mir Euer Geſicht. Iſt der Handel richtig?“ „Beim Blitz, ich bin halb geneigt, Euch dieſes Pferd probiren zu laſſen,“ ſagte er.„Es könnte Euch etwas lehren. Habt Ihr je von Playboy gehört?“ „Allerdings. Iſt er es?“ Er nickte. „Und Sie ſind Dan Moone?“ fragte ich. „Derſelbe,“ rief er erſtaunt. „Nun, Dan, ſchließen wir mit einander einen ein⸗ fachen Vertrag. Ich will morgen das Pferd für Sie reiten— wohin Sie wollen und über was ſie wollen— und dagegen laſſen Sie mich eines der andern bis nach Killaloe reiten; an den Kreuzſtraßen werden wir mit einander ſpeiſen.“— Hier zog ich die Hammelskeule unter dem Schwanz meines Frackes hervor.—„Schla⸗ gen Sie ein?“ „Setzt Euch auf den grauen Pony,“ war die kurze Erwiederung, und im nächſten Augenblicke ſaß ich auf dem Rücken eines ſo hübſchen Hengſtes, als ich nur je geritten hatte. „Meine erſte Sorge war, den Charakter meines nun ich gehe nach Killaloe, wo morgen Gefährten zu erforſchen, was mir in ſehr kurzer Zeit gelang, da ich während ich mich ſtellte, als wollte ich ihm meinen eigenen enthüllen, mit ſcharfem Auge beob⸗ achtete, welchen Eindruck jeder Theil meiner Geſchichte auf ihn machte. Ich ſah, daß er mit ächtem Roßhänd⸗ lerſinn Alles würdigte, was nach Liſt und Kniff ſchmeckte; in der That betrachtete er alle Menſchen als ebenſo viele Tölpel, und hielt ſich ſelbſt für den gewandteſten Bur⸗ ſchen, der ihre Unvollkommenheiten entdecken, und ihre Schwächen enthüllen könne. Je mehr ich ihm von den Streichen und Poſſen meines Knabenlebens erzählte, deſto höher ſtieg ſeine Achtung vor mir, und noch ehe der Tag vorüber war, hatte ich ſo viel von ſeinem Ver⸗ trauen gewonnen, daß er mir die beſonderen Fehler und Mängel eines jeden ſeiner Pferde ſchilderte und mit großer Selbſtzufriedenheit die Klaſſe von Käufern be⸗ ſchrieb, mit denen er zuſammenzutreffen beſchloſſen hatte. „Da iſt der kleine Paul,“ ſagte er,„dieſer braune Hengſt mit den geſtuzten Ohren, es gibt keinen beſſern Trabber in Irland; aber obſchon Ihr ſeine Knie, wenn er geht, vom Sattel aus ſehen könnt, ſo wird er Knall und Fall mit Euch niederſtürzen, als ob er geſchoſſen wäre, ſobald Ihr mit den Sporen ſeine Flanke berührt, und dann bringt Ihr ihn nicht eher wieder auf, als bis Ihr ſein Ohr mit der Peitſche ſtreicht— das iſt genug, er iſt in einer Minute wieder auf den Beinen und lauft um kein Haar ſchlechter. „Unter allen Erzählungen, die er zum Beſten gab, machte dieſe den tiefſten Eindruck auf mich. Daß dem Thiere ſeine Fertigkeit durch Kunſt beigebracht worden ſey, darüber konnte kein Zweifel obwalten, und ich be⸗ gann mein Gehirn anzuſtrengen, auf welche Art man den größten Gewinn daraus ziehen könne. Es war für mich von großer Wichtigkeit, meinem Freunde einen hohen Begriff von meinen Fähigkeiten beizubringen, und hier war nun eine vortreffliche Gelegenheit, dieſelben zu zei⸗ gen, wenn ich nur auf einen Plan verfallen konnte. 125⁵ „Die Unterhaltung drehte ſich um verſchiedene Gegenſtände, und endlich, als wir uns Killaloe näher⸗ ten, begann mein Gefährte darüber nachzudenken, wie ich ihm am folgenden Tage von größtem Nutzen ſein könne. Es wurde endlich beſchloßen, daß ich, ſobald wir die Stadt erreichen würden, mein Petrucio⸗Koſtüm gegen das eines Squireen oder eines halben Gentleman ver⸗ tauſchen und wie dieß der Brauch war, im„Grünen Mann“ einkehren ſolle, wo faſt alle Käufer zuſammen kamen und alle Pferdeangelegenheiten ausgemacht wurden. Dieß ſagte mir vortrefflich zu; ich freute mich, eine neue Rolle zu ſpielen, beſonders wenn die Ausführung derſelben meinem eigenen Gutdünken überlaſſen war. Kaum eine Stunde nach unſerer Ankunft ſah ich mich ſchon in einem höchſt impoſanten Anzug— in einem blauen Rock mit Schnüren, und in Stulpſtiefeln, die mich in meinem letzten Gewerbe zu einer ſehr hohen Charakter⸗Rolle befähigt haben würden. O'Kelly war ein Name, wie Piſtol ſagt,„von gutem Klange,“ und es war nicht nöthig ihn zu ändern; ich nahm daher meinen Platz an dem Speiſetiſch unter einigen vierzig andern, welche die Roßkenner der Grafſchaft ganz an⸗ ſtändig repräſentirten. Die Geheimniſſe des Pferdeflei⸗ ſches waren natürlich der einzige Gegenſtand unſerer Unterhaltung; und ehe der Punſch aufgetragen wurde, ſetzte ich die Geſellſchaft durch meine ausgebreiteten Kenntniffe und den Scharfſinn meiner Bemerkungen in Erſtaunen. Ich improviſirte Kirchthurmrennen auf un⸗ möglichem Terrain, erfand Stammbäume für Pferde, die noch nicht geworfen waren, und kramte eine ſolche Menge von Anekdoten über Wettrennen und Parforce⸗ Jagden aus, daß ich die alten Autoritäten des Ortes zum Schweigen brachte, und daß an der Tafel ein all⸗ gemeines Gemurmel umlief—„wer kann das ſeyn, woher iſt er gekommen?“ „Während der Abend ſchnell dahinſtrich, wurde meine Beredtſamkeit warm— ich ſchilderte meine Stu⸗ terei und meinen Hundeſtall, erzählte einige merkwürdige Stücke aus meiner Jagd⸗Erfahrung, und als endlich ein Mitglied der Geſellſchaft, ärgerlich über mein Unterhal⸗ tungsmonopol, durch eine Anſpielung auf Haſelhuhnjagd mich zu überflügeln ſuchte, ſo fiel ich ihm ſogleich in die Rede, indem ich mit Heftigkeit behauptete, Niemand verdiene den Namen eines Sportsman, der über Hunde hinſchieße— unter der Geſellſchaft trat plötzliche Stille ein, während ſich der letzte Sprecher mit boshaftem Grinſen gegen mich wendete und zu wiſſen wünſchte, wie ich mein Wild ſtelle, denn in ſeiner Grafſchaft ſey man noch unwiſſend genug, die alte Methode zu befolgen. „Natürlich mit einem Pony,“ antworte ich, mein Glas leerend. „Mit einem Pony?“ rief einer nach dem andern— „wie meinen Sie das?“. „Ei,“ verſetzte ich,„ich habe einen Pony, der jede Art von Wild ſtellt, ſo gut als der beſte Wachtelhund, der je ſtand.“ „Ueber dieſe Erklärung brach ein herzliches Ge⸗ lächter aus, und ein weniger muthiger Geiſt als meiner, hätte gefürchtet, daß nun ſeine ganze Popularität in Gefahr ſchwebe. „Sie haben ihn bei ſich, vermuthe ich,“ fragte ein ſchlauer Kerl am Ende der Tafel. „Ja,“ erwiederte ich gleichgültig—„um ein Paar Tage damit zu jagen, wenn es möglich wäre.“ „Sie haben vielleicht nichts dagegen,“ ſagte ein anderer einſchmeichelnd,„uns das Thier ſehen zu laſſen?“ „Nicht im Geringſten,“ erwiederte ich. „ Vielleicht nehmen Sie eine Wette darauf an,“ fragte ein Dritter. „Ich fuͤrchte, das geht nicht,“ erwiederte ich—„das Ding iſt zu ſicher— die Wette wäre alſo malhonnet.“ „O was das betrifft,“ riefen drei bis vier zuſam⸗ men,„ſo ſtehen wir ein; denn auch, wenn wir ver⸗ 127 lieren, ſo iſt es wohl der Mühe werth, eitwas dafür zu bezahlen.“ „Je ſtärker ich meine Abneigung gegen eine Wette ausdrückte, deſto hitziger drangen ſie in mich, und ich konnte bemerken, daß ſich die allgemeine Anſicht geltend machte, mein Pony möchte ebenſo zweideutig ſeyn, als meine frühern Geſchichten. „Zehn Pfund wette ich, er thut es nicht,“ ſagte ein alter Squire mit harten Geſichtszügen. „Eben ſo viel ich,“ rief ein Anderer. „Hundert gegen fünfzig,“ ſchrie ein Dritter und ſo ging es fort, bis Jedermann an der Tafel ſeine Wette angeboten hatte; ich verlangte endlich ernſthaft Dinte, Feder und Papier, und ſchrieb ſie mit aller Förmlich⸗ keit auf. „Nun, wann ſoll's daran gehen?“ fragte ein halb Duzend. 3 „Ei, wenn es Ihnen beliebt— es ſcheint eine hübſche Nacht zu ſeyn. ⸗ „Nein, nein,“ ſagten ſie lachend,„ſolche Eile hat es nicht; Morgen haben wir im Sinn, auf Weſtenra zu jagen— was meinen Sie, wenn Sie uns um acht Uhr dort treffen wollten, um die Wette abzumachen 2“ „Einverſtanden,“ ſprach ich; darauf ſchüttelte ich der ganzen Geſellſchaft die Hand, legte mein Papier zuſammen, ſteckte es in die Taſche und wünſchte ihnen gute Nacht. „Schlaf war jedoch das Letzte, woran ich dachte; ich begab mich in das kleine Wirthshaus, wo ich mei⸗ nen Freund Dan zurückgelaſſen hatte, und fragte ihn, ob er Niemand kenne, der in der Gegend gut bekannt ſey, und ihm auf der Stelle ſagen könne, wo ein Haſe oder ein Volk Rebhühner zu finden?“ „Allerdings,“ ſagte er, ohne ſich lange zu beſinnen; „da drunten iſt ein Junge, der kennt jedes Häschen und jeden Vogel in der Gegend. Tim Daly kann Euch in 128 der dunkelſten Nacht an einen Fleck bringen, wo Ihr einen ſindet.“ „In wenigen Minuten hatte ich Mr. Tims Be⸗ kanntſchaft gemacht, und mit ihm verabredet, am fol⸗ genden Morgen auf der Jagd ſich einzufinden; zugleich machten wir eine Reihe von Signalen untereinander aus, wodurch er mir anzeigen ſollte, wo ein Haſe liege oder ein Volk Hühner aufgejagt werden könne. „Ein wenig vor acht ſtand ich neben Paul auf der beſtimmten Stelle, umgeben von einem Kreiſe von Be⸗ wunderern, die, welches Mißtrauen ſie auch in die ge⸗ rühmte Geſchicklichkeit ſetzen mochten, über ſeine äußern Eigenſchaften nur Eine Meinung hegten. —„Eine prächtige Vorhand,“—„welche Beine“— „betrachtet nur ſeine Hufen“—„und eine ſo tiefe Bruſt“ — hoͤrte man allenthalben rufen— bis endlich ein roſen⸗ wangiger, fetter, kleiner Kerl über den Aufſchub unge⸗ duldig wurde und ausrief— „Kommen Sie, Mr. O'Kelly, ſteigen Sie auf, wenn es beliebt, und reiten Sie mit fort.“ „Ich ſchnallte meinen Gürtel feſter— und ſprang in den Sattel— meine einzige Sorge war, meine Zehen in ſo gerader Linie als möglich mit meinen Füßen zu halten. Bevor wir eine halbe Meile zurückgelegt hatten, ſah ich Tim auf einem Steg ſitzen, und ſich auf eine ſehr ſchlaue Manier den Kopf kratzen; worauf ich der Geſellſchaft vorausritt, und, indem ich aufmerkſam das vor mir liegende Heidemoor betrachtete, ausrief—„hal⸗ tet die Hunde zurück, ruft ſie ab— ſtill, kein Wort." „Die Hunde wurden zurückgerufen, die Geſellſchaft hielt ihre Pferde an, und alle blieben ſtille Zuſchauer meiner Bewegungen.. „Als ich plötzlich Paul in die beiden Seiten drückte, ſank er nieder wie ein Kirchendiener, ſteif und regungs⸗ los wie eine Statue. „Was iſt das?“ riefen zwei bis drei hinter mir. „Er ſteht,“ ſagte ich flüͤſternd. 129 „Was, wirklich?“ fragte einer. „Ein Haſe!“ rief ich und im gleichen Augenblicke ſchrie ich, man ſolle die Hunde loslaſſen, berührte Pauls Ohren und ritt vorwärts. Das Häschen ſprang auf, und wir ſchoſſen über das Feld, ich voran, alle andern hinter mir laſſend. „In einer halben Stunde hatten wir das Thier er⸗ legt, und fanden uns nicht weit von dem erſten Moor. Mein Freund Tim war wieder voraus und gab das gleiche Signal wie zuerſt. Nun wurde der gleiche Auf⸗ tritt wiederholt. Paul ſpielte ſeine Rolle vortrefflich, und trotz der Verluſte begrüßte uns ein allgemeiner Jubel, als wir hinter den Hunden dahinſchoſſen. „Natürlich ſchonte ich ihn nicht: es kam jetzt Alles darauf an, unſeren gemeinſchaftlichen Ruf zu behaupten; und es war mir an dieſem Morgen nichts zu hoch oder zu weit. „Was verlangen Sie für ihn, Mr. O'Kelly?“ war die Frage eines Jeden, ſowie er über das Feld daherritt. „Beliebt Ihnen vielleicht noch eine weitere Probe?“ fragte ich.„Iſt irgend einer von den Gentleman noch nicht zufrieden?“ „Ein allgemeines„Nein“ war die Antwort, und von allen Seiten wurden Anerbietungen gemacht, wäh⸗ rend ſie die Banknoten abgaben, um ihre Wette zu be⸗ zahlen. Es lag jedoch nicht in meinem Plane, ihn zu verkaufen, der Pfiff konnte entdeckt werden, ehe ich die Gegend verließ, und in dieſem Falle wäre an meinem Leibe kein ganzes Bein mehr geblieben. „Meine Weigerung erhöhte augenſcheinlich ſowohl meinen Werth, als den ſeinigen, und ich glaube auf⸗ richtig, ich hätte an jenem Morgen auf unſerm Ritt zurück in die Stadt keine Geſchichte erfinden können, die nicht Glauben gefunden hätte; auch muß ich gerecht gegen mich ſelbſt ſeyn und geſtehen, daß ich meine Popularität auf die äußerſte Probe ſetzte. Lever, O'Leary. J. 9 13⁰ „Da der Markt um Mittag beginnen ſollte, ſo ſchlugen wir, um abzuſchneiden, eeinen andern Weg ein, der uͤber einige Grasfelder und einen kleinen Fluß führte. Hier angelangt, war ich unglücklicher Weiſe mitten in einer wunderſamen Anetdote, ſo daß ich meinen Pony und ſeine Fertigkeiten gänzlich vergaß; als er nun an⸗ hielt, um zu trinken, ſo berührte ich ihn, ohne zu be⸗ denken, was ich that, mit dem gewöhnlichen Inſtinkt eines Reiters, mit den Sporen. Kaum fühlte er das Raͤdchen an ſeiner Seite, ſo fiel er nieder, und warf mich über Hals und Kopf in’s Waſſer. Einige Sekunden lang riß mich die Gewalt des Stromes fort, und erſt nach teufel⸗ mäßigem Krabbeln konnte ich mich wieder auf die Beine bringen und das Ufer erreichen, war aber durch und durch naß und ſchämte mich meiner ſelbſt. „He, O'Kelly, was zum Teufel war das?“ rief einer aus der Geſellſchaft, während ein ſchallendes Ge⸗ lächter unter ihnen ausbrach. „Ah!“ ſagten ich verdrießlich,„ich war nicht ſchnell genug.“. noch nie etwas ähnliches geſehen. Ei, Mann, Sie flogen ja wie ein Pfeil dahin.“ „Durchgegangen, müſſen Sie wiſſen,“ ſagte ich mit einer Miene beleidigter Würde—„durchgewiſcht— haben Sie's geſehen?“ „Geſehen? was?“ 3 „Den Salm, ja freilich. Ein Zwölfpfünder, ſo wahr ich O'Kelly heiße. Er hat ihn geſtanden?“ „Einen Salmen geſtanden!“ ſchrien zwanzig Stim⸗ men in einem Athem,„das Ding iſt unmöglich.“ „ öBeliebt Ihnen etwa eine Wette darauf?“ fragte ich trocken. „Nein, nein— verdammtl keine Wette mehr; aber gewiß—— „Zu argerlich, in der That.“ murmelte ich,„einen ſo ſchönen Fiſch verloren zu haben, und ſo getauft wor⸗ „Schnell genug!“ riefen ſie.„Ja freilich, ich habe 131 den zu ſeyn; damit beſtieg ich meinen Berber, wünſchte ihnen mit der Hand winkend ein Lebewohl, und galop⸗ pirte nach Killaloe. „Dieſe Geſchichte habe ich nur erzählt, weil ſie, ſo unbedeutend ſte auch war, gewiſſermaßen ein Angel⸗ punkt meines damaligen Schickſals wurde. Der Roß⸗ kamm bot mir ſogleich an, mich in ſeinem Geſchäft zu betheiligen, und ſetzte mir die zahlreichen Vortheile eines ſolchen Vorſchlages auseinander. Ich war durch nichts gebunden— meine Ausſichten waren nicht beſonders glänzend— der Zuſtand meiner Kaſſe hatte ganz und gar nichts Ermuthigendes, ich willigte alſo ein und be⸗ gann ſogleich mein neues Gewerbe mit allem Enthuſias⸗ mus, der mir ſtets zu Gebote ſtand, gleichviel, welche Lebensrichtung ich mir wählte. „Aber es iſt bald ein Uhr; wir wollen daher, Mr. O'Leary, wenn Sie nichts dagegen haben, eine geröſtete Schnitte und ein Glas Madeira nehmen, und dann, wenn Sie noch eine Stunde oder länger wach bleiben können, will ich ſehen, ob ich mit meinen Abenteuern fertig werde. Siebentes Kapitel. O'Kelly's Erzählung.— Fortſetzung. „Ich bin bei jenem ſchmeichelhaften Theil meiner Geſchichte ſtehen geblieben, wo ich ein Roßhändler wurde; in dieſer Eigenſchaft bereiste ich einen beträchtlichen Theil von Irland, indem ich es bald im Weſten durche⸗ ſtreifte, bald im Süden meine Schwänke aufführte und gelegenheitlich durch eine Verirrung nach Ulſter für beide Genüſſe Buße litt. Auf dieſen Streifereien gelang es mir, mit dem größten Theile der Land⸗Gentry Be⸗ kanntſchaft zu machen, die wegen der eigenthümlichen Freimaurerei, welche meinen Beruf begleitet, fein Be⸗ . 9 3. 2 1³² denken trug, mich auf dem Fuße halber Gleichheit zu behandeln, und ſogar in ihre Häuſer einzuladen— eine Herablaſſung von ihrer Seite, die, wie ſie wohl wuß⸗ ten, mit ſolideren Vortheilen bezahlt wurde. „Mit einem Worte, Mr. O'Leary, ich wurde eine Art moraliſches Amphibium, mit der Eigenſchaft, in zwei verſchiedenen und entgegengeſetzten Elementen leben zu können, indem ich mich bald unter friesröckigen Päch⸗ kern, Drillmeiſtern, Händlern, Gaunern und Stall⸗ knechten herumtrieb, bald auf der Oberfläche einer po⸗ lirtern Welt ſchwamm, wo ſich die Unterhaltung um an⸗ dere Gegenſtände bewegte, und wo eine ganz verſchiedene Sprechweiſe Mode war. „Meine Kenntniß des Franzöſiſchen und meine Be⸗ kanntſchaft mit dem Pariſerleben, wenigſtens ſo viel ich in der Klaſſe, mit der ich gewöhnlich umging, geſehen hatte, verbunden mit einem gewiſſen, natürlichen Takt, ſetzte mich, was meine Lebens⸗ und Redensart betraf, auf völlig gleichen Fuß mit denen, in deren Geſellſchaft ich kam, und ich leitete die Dinge ſo geſchickt, daß der Um⸗ ſtand, wenn ich am Morgen in einem Roßhändler⸗Anzug geſehen wurde, wie ich ein Ueberbein zeigte, oder das Ebenmaß eines mit dem Spath behafteten Kleppers pries, keineswegs die Anſprüche beeinträchtigte, die ich Nachts erhob, wenn ich in feinem, ſchwarzen Gewande über die letzte neue Oper mich verbreitete, oder über das neue Ballet in London, über die letzte, vom Continent einaeführtt Mode, eine äußerſt wiſſenſchaftliche Kritik reisgab. 4„Würde ich Ihnen dieſen Theil meiner Laufbahn ſchildern, ſo könnte ich Sie vielleicht durch die darin vorgekommenen Begebniſſe mehr vergnügen, als durch ein anderes Stück aus meinem Leben; in der That iſt nichts ſo fruchtbar an Abenteuern, als jene Unregel⸗ mäßigkeit, welche die Franzoſen ſo bezeichnend ‚eine falſche Stellung nennen. Der Mann, welcher— nun, nun, erſchrecken Sie nicht, obgleich dieß ganz nach Jo⸗ ſeph Surface lautet, ſo werde ich doch nicht moraliſiren — der Mann, ſage ich, der im Leben zwei verſchiedene Wege zu gehen ſucht, geht höchſt wahrſcheinlich in beiden fehl und ſo ging es mir; denn während alle meine Vor⸗ theile auf der einen Seite lagen, neigten ſich mein Ge⸗ ſchmack und meine Liebhaberei auf die andere; nie konnte ich Spitzbüberei als ein Gewerbe annehmen— ich ſuchte blos als Liebhaber Ruhm darin; Betrügerei ohne Ge⸗ fahr war eine armſelige, bettelhafte Politik, die ich ver⸗ achtete; aber ein thatſächlicher Spaß, wobei das Leben oder irgend ein Glied, ein herzliches Lachen oder eine ſchwere Rechnung auf dem Spiele ſtand, war ein Ver⸗ ſuch, dem ich nie widerſtehen konnte. Je mehr ich in Geſellſchaft kam, je näher ich mit Perſonen von Erziehung und Verfeinerung vertraut wurde, deſto ſtärker wurde mein Widerwillen gegen meinen jetzigen Zuſtand und gegen die von mir eingeſchlagene Laufbahn. Während meine Stellung im geſellſchaftlichen Leben ſich offenbar mehr befeſtigte, wurde ich in Wahrheit immer ängſt⸗ licher wegen ihrer Dauer. Die Bezauberungen, welche auf beſſern Lebensbahnen den Mann von niedrigem Stande umgeben, ſind, wenn er ſonſt einen hochſtreben⸗ den Geiſt hat, ſtarke und ſchmerzliche Verſuchungen, während er ſich nicht geringer findet als andere, denen der Weg offen und frei ſteht, und doch in ſeinem eige⸗ nen Herzen fühlt, daß auf ſeinem Wappen eine Schranke iſt, die ihn von der Liſte ausſchließt. Dies begann ich jetzt in aller ſeiner Schärfe zu erfahren. Unter den Be⸗ kanntſchaften, die ich gemacht hatte, war eine meiner vertrauteſten, ein junger Baronet, der gerade in der Graf chaft Kilkenny ein großes Gut geerbt hatte. Sir Harvey Blundell war ein Anglo⸗Irländer in mehr als einem Sinn; von ſeinem engliſchen Vater hatte er ge⸗ wiſſe, geſetzte und ruhige Begriffe über Eigenthum, ge⸗ wiſſe conventionelle Ideen über die Beobachtung der Eti⸗ quette, die in Irland weniger geſchätzt werden, ſich an⸗ geeignet; während er von ſeiner Mutter gelernt hatte, 134 einheimiſchen Scherz und Spaß, alle die Poſſen und närriſchen Streiche des iriſchen Lebens zu würdigen, die ſeltſam genug, von dem Anglo⸗Irländer ebenſo wohl verſtanden werden, als von einem ächt Gebornen. „Ich traf Sir Harvey bei einem Souper im College. Ein von mir geſungenes Lied von meiner eigenen Com⸗ poſttion oder irgend eine Geſchichte von meiner eigenen Erfindung, ich weiß nicht mehr welche, kitzelten ſeinen Geſchmack; er wünſchte mit mir bekannt zu werden, kam mit ſeinem Stuhl auf die andere Seite des Tiſches, wo ich ſaß, und endete damit, daß er mich zu der Hühner⸗ jagd, die in einigen Tagen beginnen ſollte, in ſein Haus einlud; ich willigte gerne ein— es war eine Jahreszeit, wo ich nichts zu thun hatte, mein Freund Dan war in die Hochlande gegangen, um einige Ponys einzukaufen; ich war gut bei Kaſſe und daher wohl aufgelegt. Es wurde alſo ausgemacht, daß ich ihn in meinem Wagen heimführen ſollte, einem Geſvann mit vier ſtattlichen Grauſchimmeln, auf deren Gleichheit und Farbe, Geſtalt und Arbeit ich nicht wenig eitel war. „Bis Karlow, wohin ich meine Pferde geſchickt hatte, fuhren wir mit der Poſt und kamen an demſelben Abend noch zur rechten Zeit zum Diner in Sir Harvey's Haus an. Dieß war die erſte, von meinem Gewerbe unab⸗ hängige Bekanntſchaft, die ich gemacht hatte. Sir Har⸗ vey kannte mich als Mr. O'Kelly, den er in den Zim⸗ mern eines alten Freundes im College getroffen; und ſo ſtellte er mich auch ſeiner Geſellſchaft vor, indem er jedoch ſeinen Vertrauten in einem Flüſtern, das ich hören konnte, bemerkte—„ein teufliſch gewandter Kerl in allen Dingen— er kennt das Leben daheim und aus⸗ wärts, und was für ein Geſpann er hat!“ Dieß waren natürlich Eigenſchaften genug, um unter jeder Sippſchaft von jungen Land⸗Edelleuten Gunſt zu gewinnen, und ich fand mich bald von einem Kreis umgeben, der auf meine Meinungen über jeden Gegenſtand lauſchte und meine Urtheile beherzigte mit dem unbedingteſten Vertrauen auf 13⁵ deren Weisheit, gleichviel, worüber ich ſprach, über Weiber, Wein, Theater. Spiel, Jagen, Reiten, Fiſchen, Schulden, Gläubiger, Duell, mein Wort war Geſetz. „Zwei Umſtände unterſtützten mich beträchtlich in der hoben Stellung, die ich gegenwärtig einnahm; erſt⸗ lich waren Sir Harvey's Freunde lauter junge Männer von Orford, die wenig von der Welt kannten und am wenigſten von dem Theile derſelben, der Irland heißt; zweitens waren ſie mir alle fremd, und daher wurde meine Sprechfreiheit durch feine unangenehme Erinnerung an Kauf oder Verkauf auf Märkten oder Verſteigerungen beſchnitten. „Das Hausweſen wurde geleitet von Sir Harveys Schweſter, wenigſtens dem Namen nach— da ihre An⸗ weſenheit ein Grund war, um auch Damen bei ſeinen Geſellſchaften zu haben; obgleich ſie erſt neunzehn Jahre zählte, ſo gab ſie doch den Sitten des Hauſes einen Ton und Charakter, den es ohne ſie nie hätte beſitzen können. Miß Blundell war eine äußerſt reizende Per⸗ ſon, die zwei Eigenſchaften in ſich vereinigte, welche, verbunden mit Schönheit, ein unwiderſtebliches Ganzes bildeten: ſie verband mit dem höchſten Schwung des Geiſtes eine ſcheue und faſt furchtſame Schamhaftigkeit, Muth für Alles und dabei eine Zartheit, die verſchämt vor allem zurückbebte, was an Schauſtellung grenzte oder die geringſte Aehnlichkeit mit Frechheit hatte Ich will weiter nichts ſagen, als daß ich, kaum eine Woche im Hauſe, bis über die Ohren in ſie verliebt war; alle meine Gedanken fanden ihren Mittelpunkt in ihr; mein ganzes Beſtreben ging dahin, mich in einem ſolchen Lichte zu zeigen, daß ich ihre Gunſt gewinnen möchte. „Jede Vollkommenheit, die ich beſaß— alle meine Unterhaltungskünſte, durch den Wunſch, ihr zu gefal⸗ len, aufs höchſte getrieben, bot ich in ihrem Dienſte auf, und bemerkte endlich, daß ſie nicht gleichgültig ge⸗ gen mich war. Jetzt, und jetzt zum erſtenmal kam mir der Gedanke— wer bin ich, daß ich es wage, dies zu 136 thun— was habe ich in Bezug auf Stellung, Rang oder Reichthum aufzuweiſen, das mich berechtigen konnte, die Neigung eines Mädchens von ihrem Stande zu ſu⸗ chen, vielleicht zu gewinnen? Die ganze Zweideutigkeit meines Benehmens trat mir plötzlich vor die Augen, und ich ſah zum erſtenmale, wie der bloße Verfolgungseifer mich weiter und weiter geführt— wie die zur Ueber⸗ windung einer Schwierigkeit nöthige Kühnheit mein Herz angeregt hatte, zuerſt ſie zu gewinnen, ſodann ſie zu ver⸗ ehren, und die Bitterkeit meiner Selbſtvorwürfe in die⸗ ſem Augenblick wurde eine Strafe daran ich mich noch jetzt mit Schaudern erinnere. Es iſt nur allzuwahr! die Erinnerung an ein großes Unglück im Leben ſchmerzt im Alter weniger als die wenn auch noch ſo gewöhnlichen Beiſpiele, wo wir uns vergangen haben und wo das Gewiſſen uns Vorwürfe macht. Ich habe Unglück aller Art genug gehabt— mein Leben iſt mehr als einmal in Gefahr geweſen— und in ſolcher Gefahr, die den Muth des Kühnſten erſchüttern konnte: aber an dies alles kann ich denken und denke wirklich oft daran, ohne Furcht oder Wehmuth; aber jene Stunden, wo meine eigene Selbſtliebe und Eitelkeit ihre Strafe über mich brachte, kann ich nie anſehen ohne ein Gefühl von Selbſt⸗ erniedrigung, das noch immer ſo lebhaft iſt, als in je⸗ nem Augenblicke, da wo ich es zum erſtenmale empfand. Allein ich muß hierüber hinweg eilen. Ich war jetzt ungefähr ſechs Wochen in Sir Harveys Haus geweſen, Tag für Tag entſchloſſen abzureiſen und doch wenn der Augenblick kam, jeder neuen Bitte, dies oder jenes noch abzuwarten, nachgebend— An dem einen Tag wollte man fiſchen— am andern auf die Hühnerjagd— dann gab es eine Wettfahrt zu Waſſer, oder eine muſikaliſche Unterhaltung, oder ein Piknik— kurz es verſtrich ein Tag um den andern und ich lungerte dahin, unfähig, mich von einem Orte loszureißen, wo, wie ich wohl fühlte, längeres Bleiben mein Verderben war. „Endlich raffte ich mich guf und beſchloß, komme ————ʒ—⸗—ÿ——— 137 was da wolle, mich zu verabſchieden und nie mehr zu⸗ rückzukehren. Ich ſagte eines Morgens Sir Harvey, eine Sache von Bedeutung erfordere meine Anweſenheit in der Stadt, und nach einem halben Verſprechen, meine Weihnachten mit ihnen zuzubringen, erhielt ich ſeine Ein⸗ willigung zu meiner Abreiſe. „Wir kehrten von einem Abendſpaziergang zurück— Miß Blundell ſtützte ſich auf meinen Arm— wir wa⸗ ren die Letzten von der Geſellſchaft, die aus irgend ei⸗ nem Zufall vorausgegangen war, und uns allein zurück⸗ gelaſſen hatte. Einige Zeit lang ſchwiegen wir beide, welcher Art ihre Gedanken waren, kann ich nicht errathen, die meinigen waren, das geſtehe ich, gänzlich auf die Stunde gerichtet, wo ich ſie zum letzten Male ſehen ſollte, während ich erwog, ob ich von meiner bevorſtehenden Kaneie ſprechen, oder ſie ohne ein Lebewohl verlaſſen ollte. „Damals wußte ich nicht ſo gut wie jetzt, wie viel von dem Intereſſe, das ich in ihrem Herzen erregt hatte, von dem geheimnißvollen Dunkel meines Lebens abhing. Die einzelnen Winke, die ich dann und wann fallen ließ — die Geſchichten, zu deren Erzählung ich gelegenheit⸗ lich bewogen wurde— die wilden Scenen und noch wil⸗ dern Abenteuer, worin ich meine Rolle ſpielte, hatten mehr als blos ihre Neugierde in Betreff meiner erregt. Dies, ich wiederhole es, wußte ich damals nicht, und das Geheimniß meiner Laufbahn laſtete gleich einem Verbrechen auf meinem Gewiſſen. Ich zögerte lange, ob ich ihr jeden Umſtand meines Lebens enthüllen und durch das Eingeſtändniß meiner gänzlichen Unwürdigkeit das gegen ſie begangene Unrecht ſo weit es ging wieder gut machen ſollte. Da kam jene verhängnißvolle Eigenliebe, die mich urſprünglich verleitet hatte, mich um ihre Gunſt zu bewerben und ich ſchwieg. Wir waren noch nicht viele Minuten ſo fortgegangen, als aus dem Hauſe ein Be⸗ dienter kam, um Miß Blundell zu melden, daß ihr Vet⸗ ter, Kapitän Douglas, angekommen ſei. Als ſie zur 138 Antwort mit dem Kopfe nickte, bemerkte ich die Röthe, die auf ihre Wangen ſtieg und ein Ausdruck von Aufre⸗ gung ſtrich über ihre Züge. „Wer iſt Kapitän Douglas?“ fragte ich, ohne je⸗ doch zu wagen ihr voll ins Geſicht zu ſehen. „O! ein Vetter zweiten oder dritten Grades glaube ich, aber ein großer Freund von Harvey.“ rnd auch von ſeiner Schweſter, wenn ich fragen ¹ darf?, „Ganz falſch gerathen,“ ſagte ſie, indem ſie ſich anſtrengte ruhig zu ſcheinen:„er iſt durchaus kein Lieb⸗ ling von mir, obgleich——“ „Sie von ihm!“ fügte ich ſchnell hinzu.„Nun, nun, ich bitte wirklich um Verzeihung für dieſe meine Kühnheit.“ Die Stimme ihres Bruders, der laut ih⸗ ren Namen rief, unterbrach alle weitere Unterhaltung, ſo daß ich nicht weiß, wie ich fortgefahren hätte. „Komm, Fanny!“ rief er,„Harry Douglas iſt da er iſt gerade angekommen und bringt das Neueſte von London mit— auch iſt er in Winſor geweſen und hat mit dem Prinzen dinirt. O'Kelly, Sie müſſen Doug⸗ las kennen lernen, ihr ſeid zwei Männer, die ſo recht für einander paſſen.— In Derby ſteht er in großem Anſehen und er wir ſich freuen, über Wettrennen mit ihnen zu plaudern.“ „Als ich Miß Blundell in das Geſellſchaftszimmer, begleitete war mein Herz ſchwer und gepreßt. „Wenig von dem Mißgeſchick unſeres Lebens kommt ohne Vorbedeutung über uns. Die Wolken, die den Sturm herbeiführen, werfen den Schatten auf die Erde, bevor ſie losbrechen und ſo iſt es auch mit unſerm Ge⸗ ſchick. Ein düſteres Gefühl kommenden Uebels läßt uns den Schlag, der fallen ſoll, ahnen und wer von dem Streiche nicht erſchreckt werden will, der darf die War⸗ nung nicht vernachläſſigen. Das Zimmer war voll Menſchen— das gewöhnliche Geplauder und Geſumme einer Abendgeſellſchaft war 139 im Gange und für die Beluſtigung am nächſten Tage wurden hundert Plane entworfen, wobei ich allenthal⸗ ben meinen Namen nennen hörte. „O'Kelly wird dieß anordnen,“ rief einer—„über⸗ laßt nur alles O'Kelly— er muß entſcheiden;“ u. ſ. w. als plötzlich Blundell ausrief— „O'Kelly, kommen Sie her!“ worauf er mich am Arm nahm und mich an das Ende des Zimmers führte, wo mit dem Rücken gegen uns gekehrt, ein ſchlanker Mann von faſhionablem Aeußern mit ſeiner Schweſter ſprach. „Harry,“ rief der Wirth, indem er ihn am Ellbogen ergriff,„hier ſtelle ich Ihnen einen ganz be⸗ ſondern Freund von mir von— Mr. O'Kelly.“ „Kapitän Douglas drehte ſich raſch um, heftete ein Paar dunkle, mit ſchweren überragenden Brauen be⸗ ſchattete Augen auf mich und ſah mich ohne ein Wort zu ſprechen ſtreng an. Ein kalter Schauer rann durch meinen Körper von Kopf bis zu Fuß, als mir ſein Blick begegnete; das letzte Mal hatten wir uns in einem Viereck der königlichen Kaſerne gefehen, wo er eine Remonte für ſeine Mannſchaft kaufte, und ich der Roßhändler war. „Mr. O'Kelly, Ihr Freund!“ ſagte er, indem er ſeine Lorgnette vor die Augen bielt, und ein äußerſt höhniſches Lächeln um ſeinen Mund ſpielte. „Wie einfältig Du biſt, Harry,“ ſagte Miß Blun⸗ del, indem ſie durch eine Anſpielung auf irgend etwas, wovon ſie ſprachen, die beängſtigende Verlegenheit des Augenblicks zu heben ſuchte. „Ja allerdings, mein Freund,“ ſiel Sir Harvey ein,„und ein teufliſch guter Kerl, der beſte Kenner von Roßfleiſch.“ „Das bezweifle ich ganz und gar nicht,“ war die trockene Bemerkung des Kapitäns;„aber wie iſt er hie⸗ her gekommen?“ „Sir ſagte ich mit einer vor Leidenſchaft kaum hör⸗ 140 baren Stimme,„was oder wer ich auch ſein mag, der Geburt nach wenigſtens bin ich ganz Ihresgleichen.“ „Zum Teufel mit Ihrem Stammbaum,“ ſprach er kaltblütig. 8 „Wie Harry?“ unterbrach Blundell;„was denken Sie? Mr. O'Kelly iſt—— „Ein Jockey— ein Roßhändler, wenn Sie wollen und hat die beſte Hand, die ich ſeit langem gefunden habe, um über ein Ueberbein zu fahren. Hören Sie, Sir,“ fuhr er in lauterm Tone fort,„jener Rothſchim⸗ mel hat der Garantie nicht entſprochen— er ſteht bei Dycer zu Ihrer Verfügung.“ „Wäre ein Donnerkeil mitten unter uns gefallen, ſo hätte die Beſtürzung nicht größer ſein können— was mich betrifft, ſo nahm alles um mich her einen ſpötti⸗ ſchen höhniſchen Blick an: Hohn und Verachtung ſaß auf jedem Geſichte und eine wilde Unentſchloſſenheit, gleich herannahendem Wahnſinn, zuckte durch mein Ge⸗ hirn: was ich ſprach, oder wie ich den Ort verließ, bin ich nicht im Stande zu ſagen; meine letzte Erinnerung von jenem verwünſchten Augenblick war der Ausdruck eines ſchrecklichen Gelächters, das meine Ohren füllte, während ich fortſtürzte. Faſt iſt es mir, als hörte ich es noch, gleich dem Gebelle der Furien: ſein bloßer Tonfall war Höllenqual. Ich rann aus dem Hauſe— eilte, ohne zu bedenken wohin, über die Felder— Flucht, Verkorgenheit war mein einziger Zweck. Ich ſuchte mich vor den Augen derer, die mich mit ſo durchbohrender Verachtung angeſehen hatten für immer zu verſtecken; und wäre dankbar geweſen gegen Jeden, der mir unter dem dumpfigen Graſe des Kirchhofs eine Zuflucht gegeben hätte. „Nie floh ein Miſſethäter den Schauplatz ſeines Verbrechens mit eiligerer Haſt, als ich von dem Flecke, der meine Schande und Erniedrigung geſehen hatte. Bei jedem Schritte dachte ich an die granſamen Reden, an das plumpe Geſpötte und an die bittere Ironie al⸗ aller der Menſchen, in deren Mitte ich noch vor einer 141 Stunde eine ſo hohe Rolle geſpielt hatte; und ob ich gleich in meinem Innern gelobte, nie mehr mit einem von ihnen zuſammen zu treffen, ſo konnte ich doch aus meinem Herzen das innere Gefühl meiner verächtlichen Lage und den Gedanken nicht herausreißen, wie tief ich jetzt in der Meinung des Niedrigſten ſtehen müſſe, auf den ich ſo kürzlich erſt herabgeſehen hatte. Laſſen Sie mich hier im Vorubergehen bemerken, daß wir, wahrend wir oft das Lob ſolcher Menſchen, auf deren Wiſſen⸗ und Urtheilskraft wir wenig Vertrauen ſetzen, gering anſchla⸗ gen, ſeltſamer Weiſe den Tadel eben dieſer Menſchen ſehr bitrer fühlen, wenn irgend ein gemeiner Umſtand die Beobachtung irgend eines geringfügigen, läppiſchen Brauches, womit ſie bekannt ſind, ihnen für eine Zeit lang die Macht einer Meinung gibt. Die bloße That⸗ ſache unſerer Verachtung gegen ſie erhöht die Schärfe ihrer Verdammung, und ich zweifle ſehr, ob wir nicht den Tadel des Weiſen beſſer ertragen, als den Hohn des Unwiſſenden. „Ich eilte fort und fort, ohne meinen Kopf umzu⸗ drehen, und ob ich gleich all das kleine Vermögen, das ich auf der Welt beſaß, zurückgelaſſen hatte, ſo hätte ich es doch gerne zehnfach hergegeben, um damit nur einen Theil der Schande, die auf meinem Charakter haftete, aus⸗ zuwiſchen. Kaum hatte ich die Hochſtraße erreicht, als ich den raſchen Tritt von Pferden und das Raſſeln von Rädern hinter mir hörte; und ſo ſtark waren die In⸗ ſtinkte meiner Furcht, daß ich kaum wagte, mich umzu⸗ ſehen; endlich that ich es doch und ſah die Poſtkutſche ſchnellen Laufes auf mich zukommen. Als ſie mir näher kam, begrüßte ich den Kutſcher, und ohne zu fragen, 1 wohin es gehe, ſprang ich oben hinauf und dankte Gott, daß in Kurzem zwiſchen mir und meinen Folterern Meilen liegen würden. „Am gleichen Abend langten wir in Cork an; wäh⸗ rend der Reiſe machte ich Bekanntſchaft mit einem Ser⸗ genten von einem leichten Dragoner⸗Regiment, der 142 für das Depot in Cove drei Rekruten auftreiben wollte. Mit dem ſchnellen Blicke ſeines Berufes entdeckte der Burſche in meinem niedergeſchlagenen Zuſtande etwas, das ſeinen Wünſchen Erfolg verſprach, und er begann ſogleich die tauſendmal wiederholte Erzählung von dem Glücke eines Soldatenlebens. Ich brachte ihn bald zum Schweigen, denn mein Entſchluß war bereits ge⸗ faßt, und ehe der Tag anbrach, war ich in das könig⸗ liche zwölfte leichte Dragoner⸗Regiment, das damals in Amerika diente, angeworben. „Wenn ich Sie mit der Erzählung mancher Stel⸗ len aus meinem Leben, an die ich nur mit Schmerz zurückdenken kann, verſchont habe, ſo werde ich auch über dieſen Theil meiner Laufbahn hinwegſchreiten, der, obgleich nicht durch irgend ein ausgezeichnetes Unglück hervorſtechend, vielleicht der ſchmerzlichſte war, den ich jemals kannte. Wer da meint, wenn er unter die Reihen einer Armee trete, ſo würden die Strenge einer ungewohnten Disziplin und die gewöhnlichen Mühſelig⸗ keiten eines Soldatenlebens ſeine einzigen Prüfungen ſeyn, der hat eine ſehr ſeichte Anſicht von dem, was vor ihm liegt. Rohe und gemeine Geſellen— ver⸗ dorbene Neigungen und thieriſche Gewohnheiten— die wüſten Späße der Kaſernenſtube— der Kameradſchafts⸗ geiſt einer Klaſſe, die zu den niedrigſten und gemein⸗ ſten gehört— dieß ſind die Prüfungen, die faſt nicht zu beſtehenden Prüfungen deſſen, der beſſere Tage ge⸗ kannt hat. „Wer ſtündlich mehr dem allmähligen Drucke ſei⸗ nes Schickſals nachgibt und fühlt, wie ſein Geiſt von den Vorurtheilen ſeiner Umgebung eines nach dem an⸗ dern annimmt, ſo ſinkt ſeine Selbſtachtung mit ſeinem Stande, und er ſieht, daß jene Zeit nicht ferne iſt, wo alle Ungleichheit zwiſchen ihm und ſeinen Kameraden aufhört, und jeder Zug ſeines frühern Selbſt für im⸗ mer verwiſcht wird. „Nachdem ich vier Monate lang ſo ansgehalten und 1 — — 143 in der Art gelitten hatte, daß ich es nicht wage, länger dabei zu verweilen, kamen plötzlich für die Truppen der verſchiedenen Regimenter Befehle in Cove an, nach Cat⸗ ham zu marſchiren, von wo ſie an ihre betreffenden Corps befördert werden ſollten. Ich bin völlig überzeugt, wäre dieſer Befehl nicht gekommen, ſo wäre ich deſertirt, ſo unerträglich war mein Leben geworden. Der Gedanke an aktiven Dienſt, die Ausſicht auf eine, wenn auch noch ſo fern liegende Beförderung flößte mir friſchen Muth ein, und zum erſten Mal, ſeitdem ich mich hatte an⸗ werben laſſen, fühlte mein Herz ſich leicht an jenem Morgen, wo das alte Transportſchiff Northumberland im Hafen landete und das Signal zur Einſchiffung der Truppen von der Spitze des Maſtes wehte. Wir wa⸗ ren ein buntes Gemiſche— friesberockt, rothberockt und unberockt; einige rothbackige Pächterjungen, kecke, gut⸗ gelaunte Burſche, mit der Blüthe des Landlebens auf ihren Geſichtern, einige blaſſe, kränkliche Stadtbewoh⸗ ner, deren geſchärfte Züge und ſchnelle durchdringende Augen verriethen, wie ſehr ſie ſich mit Hülfe ihres Witzes durchgearbeitet hatten. Einige waren gleich mir aus einer beſſern Klaſſe, aber von dem großen Haufen kaum mehr zu unterſcheiden. Wir waren ungefähr fünf⸗ hundert an der Zahl, aber nur ein Zug der Gleichheit war uns allen gemein— keiner von uns hatte Waffen. Einige Beiſpiele von Empörung und Meuterei, die vor kurzer Zeit an Bord von Truppenſchiffen vorgekommen waren, hatten das Kriegsminiſterium zu dieſem Entſchluß beſtimmt, und ein allgemeiner Befehl war erlaſſen wor⸗ den, daß die Rekruten vor ihrer Ankunft in Chatham keine Waffen erhalten ſollten. Endlich lichteten wir die Anker und fuhren mit einem leichten günſtigen Wind hinaus in die See. Es war zum erſtenmal ſeit man⸗ chen langen Tagen, daß ich wieder einmal auf den Wellen war, und als ich mich über das Bollwerk lehnte und das leichte Rauſchen der am Schiffſchnabel ſich bre⸗ chenden Wellen hörte und den weißen vorüberſchwim⸗ menden Schaum betrachtete, dachte ich an die alten Tage meines Schmugglerlebens, da ich die Planke meines kleinen Fahrzeuges mit einem ſo leichten Schritt und ſo freiem Herzen betrat, als nur je der ſtolzeſte Admi⸗ ral das Hintertheil ſeines Dreideckers, und wenn ich mich erinnerte, was ich damals geweſen und bedachte, was ich jetzt war, ſo bemächtigte ſich meiner eine wach⸗ ſende Melancholie, ich ſetzte mich allein und ſprach mit Niemand⸗ 3 „In der dritten Nacht, nachdem wir abgeſegelt waren, ſtieg der Wind, der ſich ſeit Sonnenuntergang erhoben hatte, beträchtlich und die See rollte ſchwer aus dem Weſten daher. Ob nun gleich das Wetter nicht von der Art war, dasß es die Sicherheit eines gu⸗ ten Schiffes mit einer tüchtigen Mannſchaft gefährdete, ſo war es doch keineswegs eine Sache von Gleichgül⸗ tigkeit bei einem alten morſchen Fahrzeuge gleich dem Northumberland, der ſchon ſeit einem halbduzend Jah⸗ ren verworfen und nur noch dazu geeignet war, ſeine Reiſe bei leichtem Wind und ſchönen Wetter zu machen. Unſer Schiffer wußte dieß wohl und ich konnte an der Aufregung ſeiner Züge und den veränderten Tönen ſei⸗ ner Stimme erkennen, wie wenig ihm der ſtärkere Wind und das dumpfe Getöſe gefiel, das über die See da⸗ herkam und mit einem Sturm drohte. Die Pumpen hatten ſeit einigen Stunden gearbeitet und es war klar, das Höchſte, was wir thun konnten, beſtand darin, uns vom Waſſer nicht übermeiſtern zu laſſen. Eine zufällige Bemerkung von mir hatte die Aufmerkſamkeit des Schif⸗ fers erregt und nach einer Unterhaltung von einigen Minuten ſah er, daß ich ein Seemann war, nicht nur beſſer unterrichtet, ſondern auch mehr an Gefahr ge⸗ wohnt, als er ſelbſt; er zog mich daher gerne zu Rathe, nach meinem Vorſchlag wurde ein Reſervſegel herabge⸗ nommen und am Schiffsboden angebracht, ſo daß es dem Fortſchritt des Lecks bald Einhalt that und zugleich das Segeln des Schiffes beſchleunigte, Inzwiſchen 145 vermehrte ſich der Sturm und jetzt ging, wie es die Ma⸗ troſen nennen, ‚das grobe Geſchuütz los.“ „Wir ſchwankten unter leichtem Segel dahin, als der Maſtwächter ein Licht auf der Wetterſeite ankün⸗ digte; es kam augenſcheinlich auf uns zu und war kaum eine halbe Meile entfernt. Wir hatten gerade noch Zeit, am Maſtkorb eine Laterne aüszuhängen und das Steuerruder beizuſtecken, als ein großes Schiff, deſſen Seiten mehrere Fuß über den unſrigen emporragten, an uns vorüberſtrich und zwar ſo hart, daß ſeine Raa⸗ Arme, als es ſich auf der See überneigte, unſer Ta⸗ ckelwerk berührte. Jede Lippe murmelte ihren Dank für unſere Rettung, denn eine ſolche war es; aber kaum war er gemurmelt, als von neuem eine Stimme rief,„hier kommt ſie leewärts“, und wirklich kam der dunkle Schatten der großen Maſſe, die ſich weit ſchnel⸗ ler bewegte, als wir, in unſere Lee, während uns zu⸗ gleich eine barſche Aufforderung entgegengeſchrieen wurde, zu erklären, wer wir ſeyen und wohin wir giengen. Der Northumberland mit Truppen, war die Antwort, und kaum waren die Worte ausgeſprochen, ſo hörte man ein ungeheures Geräuſch— die Pforten des fremden Schiffes flogen auf, eine glänzende Flamme, gleich einer Feuerlinie, brach ihrer ganzen Länge nach hervor und eine wegraffende volle Salve ergoß ſich auf uns. Das alte Transportſchiff drehte ſich um und zitterte gleich einem lebenden Ding,— ſeine zerſchmetterten Seiten und zerriſſenen Bollwerke ließen das Waſſer ein, wäh⸗ rend es vor dem Stoß ſich neigte und einen Augen⸗ blick, da es ſich vor dem Sturme bückte, dachte ich, es wolle kopfüber untergehen. Ich hatte jedoch wenig Zeit zum Denken: ein wilder Jubel brach auf dem angrei⸗ fenden Schiffe aus, ſeine Antwort war das ſchwache Wehgeſchrei der Verwundeten und Sterbenden auf un⸗ ſerm Verdeck. Im nächſten Augenblich wurden die Schiffshacken nach uns ausgeworfen, und das Schiff Lever, O'Leary, 1. 10 wurde angegriffen vom Schnabel bis zum Hintertheil. Das Donnern der Kanonade und die Stimmen auf dem Verdeck brachten unſere ganze Mannſchaft von unten herauf und ſie taumelten die Luckenklappen empor in der Meinung, wir wären aufgeſtoßen. „Nun begann eine Scene des Gemetzels und Blut⸗ vergießens, der von allen, die ich je geſehen habe, keine andere gleichkam. Die Franzoſen, denn ſolche waren es, ſtürzten auf uns herab, die wir wehr⸗ und ſchutzlos daſtanden: ein mörderiſches Musketenfeuer lichtete un⸗ ſere dichten und zitternden Maſſen. Der Hirſchfänger und die Enter⸗Pife richteten eine ſchreckliche Verheerung unter uns an, und über unſer Verdeck hin erſtreckte ſich ein widerſtandloſes Geſchlachte, bis die Haufen der Tod⸗ ten und Sterbenden die einzige Schranke zwiſchen den wenigen Uebriggebliebenen machte. „Ein zufällig mir entfallenes franzöſiſches Wort und ein Freimaurer⸗Zeichen erretteten mich von dem Schickſale meiner Kameraden und meine einzige Wunde war ein leichter Säbelhieb am Vorderarm, den ich er⸗ hielt, als ich einen auf meinen Kopf gerichteten Streich parirte. Das Gemetzel dauerte kaum fünfzehn Minu⸗ ten; aber in dieſer Zeit blieben von der ganzen Mann⸗ ſchaft unſeres Fahrzeuges, die zum Theil in wilder Verzweiflung über Bord ſprang, zum Theil durch Feuer und Schwert umkamen, kaum zwanzig übrig, bleich und zitternd, die Einzigen, die dieſem ſchrecklichen Blutbad entgiengen. „Ein plötzliches Geſchrei, ‚ſie ſinkt!“ brach auf dem fremden Schiffe aus, und im gleichen Augenblicke kletterten die Franzoſen auf ihr Bollwerk hinauf, die Enterhacken wurden weggeworfen, die dunkle Maſſe ſetzte ihren Weg fort und wir trieben leewärts— ein ſich bewegendes Grab! heraus und warf ein blaſſes, krankhaftes Licht auf die Mordſcene, wo die Todten und Sterbenden wirr unter⸗ „Durch die vorüberfliegenden Wolken ſchien der Mond 147 einander lagen— nie ruhte ein Auge auf einem ſo ſchrecklichen Schauſpiel! Die wenigen, die, gleich mir ſelbſt, am Leben blieben, ſtanden zitternd da, halb be⸗ täubt von dem Stoß, und wagten nicht, den Unglück⸗ lichen beizuſpringen, die ſich in ihrem Todeskampfe vor uns krümmten. Ich war der erſte, der ſich von dieſer Betäubung erholte, und gab den andern Zeichen, die Verdecke von den Leichnamen zu ſäubern— ſprechen konnte ich nicht. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich ihnen verſtändlich machen konnte; unglücklicher Weiſe war kein einziger Matroſe dem Gemetzel entronnen; einige rohe Rekruten waren die einzigen, die dieſe ſchreckliche Nacht überlebten. „Nach einiger Zeit erholten ſie ſich in ſo weit, daß ſie mir gehorchten; ich nahm das Steuerruder, eignete mir das Kommando des Fahrzeuges an und ſuchte nach irgend einem Hafen auf der Weſtküſte von England zu ſteuern. „Endlich brach der Tag an, aber um uns her lag eine weite Waſſerwüſte: der Wind hatte ſich zwar be⸗ trächtlich gelegt, aber noch immer ging die See hoch; und obgleich unſer Vorderſegel und Probeſegel ausge⸗ ſpannt blieben, wie vor dem Angriff, ſo arbeiteten wir uns doch nur ſchwer und langſam durch das Waſſer. unſere Verdecke waren ganz mit Sterbenden bedeckt, de⸗ ren herzzerreißende Wehklagen, vermiſcht mit dem noch wildern Geſchrei des Wahnſinns, ſchrecklich anzuhören waren. Aber ich kann bei einem ſolchen Gemälde nicht verweilen. Von der kleinen überlebenden Anzahl waren kaum Drei dienſtfähig: einige ſaßen kalt und ſprachlos vor Schreck da, und ſchienen fühllos gegen jede Drohung und Bitte; einige weigerten ſich hartnäckig, meinen Be⸗ fehlen zu gehorchen, und ſuchten zwiſchen den Verdecken nach geiſtigen Getränken; einer gerieth über die furcht⸗ bare Scene in Wahnſinn, ſprang mit einem Schrei in die See und ward nie mehr geſehen.. 10 148 „Gegen Abend hörten wir einen Gruß, wir ſchau⸗ ten uns um und ſahen ein Lootſenboot auf uns zufahren; in kurzer Zeit war der Lootſe an unſerm Boot, und nahm, unterſtützt von einigen ſeiner Leute, das Schiff in die Hände, und vor Sonnenuntergang landeten wir in Milford. Gleich nach der Landung wurde ich unter ſtarker Begleitung nach London geſchickt, um der Admi⸗ ralität von der ganzen Geſchichte Bericht zu erſtatten. Mein Verhör wurde acht Tage lang mehrere Stunden täglich fortgeſetzt, und ich wurde endlich entlaſſen mit Beförderung zu dem Gang eines Sergenten wegen mei⸗ nes Benehmens bei Rettung des Schiffes, und wurde unter das vierzigſte Infanterieregiment verſetzt, das da⸗ mals nach Quebek beordert war. „Noch einmal zur See und wohlgemuth ſegelte ich an einem ſchönen Aprilmorgen an Bord des Abererombie nach Quebek ab. Nichts konnte angenehmer ſeyn, als dieſe Reiſe: das Wetter war klar, der Wind friſch und günſtig und die See ſanft. In der dritten Woche war⸗ fen wir unſer Senkblei auf der grünen Bank von Neu⸗ fundland aus, und brachten, ſo oft wir es hoben, einen Stockfiſch herauf. Wir fuhren jetzt in den St. Lorenzo⸗ Golf, und begannen uns begierig nach Land umzuſehen. „Am dritten Morgen, nachdem wir in den Golf eingelaufen waren, kam ein dichtes Schneegeſtöber, ſo daß wir keine Taulänge vor uns hinſehen konnten. Auch war es ſo kalt, daß nur wenige auf dem Verdeck blie⸗ ben; denn obgleich der erſte Mai, ſo war es doch einer von den ſtrengſten Tagen, deren ich mich erinnern kann. Begierig, etwas von dem Lande zu ſehen, blieb ich bei dem Maſtwächter, und ſtrengte meine Augen an, um durch das dichte Schneegewühl einen, wenn auch nur flüchtigen Blick auf das Land zu erhaſchen. Indeſſen war alles, was ich unterſcheiden konnte, der trübe Ab⸗ riß ferner Gebirge, die augenſcheinlich mit Schnee be⸗ deckt waren; im Verlauf des Tages kam uns jedoch die lange niedrige Inſel Antikoſti zu Geſicht, die, obgleich 149 ziemlich über hundert Meilen lang, doch nirgends mehr als fünfzehn Fuß über die Oberfläche des Waſſers ſich erhebt. 3„Gegen Abend konnte man das Land viel deutlicher ſehen; und nun konnte ich hohe, einige tauſend Fuß hoch geſpitzte Berge erkennen, deren Fuß mit verbutte⸗ ten Tannen bekleidet war— während ihre weißen Gipfel weit in die Wolken hineinragten. Als ich mich umſah, erſtaunte ich nicht wenig, daß der ungeheure Golf, der bei Tagesanbruch einige ſechzig Meilen weit war, jetzt auf acht bis zehn eingeſchränkt ſchien, und ſich ſchnell verengerte, je weiter wir unſere Fahrt fortſetzten. „Der Schiffer, der die Reiſe nur ein einziges Mal gemacht hatte, ſchien ſelbſt in Verlegenheit, und ſuchte unſere augenſcheinliche Nähe am Lande als eine rein optiſche Täuſchung zu erklären, indem er ſte bald der Strahlenbrechung des Lichtes, bald dem Schnee zuſchrieb: aber obgleich er mit aller Zuverſicht eines Kenners ſprach, ſo war es mir doch klar, daß er keineswegs im Innern von dem, was er uns vorſpiegelte, überzeugt war. „Als ſich das Schneegeſtöber legte, konnten wir ſehen, daß die Gebirge, die uns zu beiden Seiten lagen, vor uns an einander ſtießen und ein ungeheures Amphi⸗ theater ohne Ausgang bildeten. „Das iſt doch gewiß nicht der St. Lorenzo⸗Golf?“ ſagte ich zu einem alten Matroſen, der gemächlich mit benn Rücken gegen das Steuerruder gekehrt, Tabak aute. „Nein, das iſt er nicht,“ verſetzte er kaltblütig; pes iſt Gaspé⸗Bai, und ich möchte nicht an einem noch ſchlimmern Orte ſeyn.“ „Wie geriethen wir denn hieher? Der Schiffer weiß gewiß nicht, wo wir ſind?“ „Ich will Euch ſagen, wie wir hierhergekommen ſind. Es fällt eine Strömung aus dem Golf in dieſe Bai, ſieben bis acht Knoten in der Stunde, und bringt 1⁵⁰ alles Treibeis mit—— Da, habe ich recht? Hört Ihr das?“ „Bei dieſen Worten hörte man ein ſchreckliches Ge⸗ krach an unſerer Seite, faſt ſo laut wie Donner; und als ich auf das Bollwerk eilte und hinaus ſah, erblickte ich ungeheure Eisſtücke, die über einen Fuß dick, mit gefrornem Schnee umfruſtet, in kreiſenden Wirbeln an uns vorüberflogen; während weiterhin die ſtarken Schich⸗ ten ſich krachend und berſtend übereinander wälzten, wenn die Wogen über ſie hereinbrachen Der Himmel weiß, wie weit unſer ſtörriſcher Kumberland⸗Schiffer ſeine Ent⸗ deckungsreiſe fortgeſetzt hätte, wäre nicht das Waſſer nach dem Ausſpruch der Sonde nur noch fünf Faden tief geweſen. Nun wurden unſere Segel eingezogen; aber da uns die Strömung noch immer fortriß, ſo wurde ein Boot ausgeſetzt und ein Anker bereit gehal⸗ ten, um uns rückwärts zu bugſiren; aber durch einen unglücklichen Zufall ſchlüpfte der Anker, als er nieder⸗ geraſſen wurde, an der Seite des Bootes vorbei, warf es um, und von den vier armen Teufeln, die darunter lagen, gerieth einer unter das Eis und ward nie mehr geſehen. Dieß war ein trauriger Anfang und die ganze Geſtalt der Dinge ſchien jetzt jeden Augenblick drohen⸗ der. Während wir noch immer mit der Stromung trieben, wurde da, wo wir waren, ein Buganker nieder⸗ gelaſſen, worauf ſich das Fahrzeug umdrehte, mit dem Schnabel gegen den Wind, während das Eis krachend uns entgegentrieb und auf beiden Seiten ein Geräuſch machte, daß man ſonſt durchaus nichts hören konnte. Nun fand man, daß das Waſſer untief war, und dieß erregte neue Beſorgniß, denn wenn das Schiff auf den Grund ſtieß, ſo war offenbar jede Möglichkeit einer Ret⸗ tung verſchwunden. „Nachdem eine Menge verſchiedener Meinungen geäußert und beſprochen waren⸗ beſchloß man, es ſollten im Boot vier Männer an's Land geſchickt werden, um Jemand aufzutreiben, der uns in der Bucht als Lootſe 13¹1 dienen könne; denn längs des Ufers konnten wir meh⸗ rere Blokhäuſer in geringer Entfernung auseinander er⸗ kennen. Mit Erlaubniß meines Offiziers durfte ich den vierten Mann machen, und bald arbeitete ich am Bug⸗ ruder durch eine ſchwere Brandung, deren Gefahr durch die Eisſtücke, die vorüberſchwammen, noch zehnfach ver⸗ mehrt wurde. Nachdem wir ungefähr eine Stunde ge⸗ rudert hatten, begann die Dämmerung anzubrechen, und wir konnten den Umriß des Schiffes nur noch ſchwach erkennen, während die Blokhütten am Ufer kaum näher ſchienen, als in dem Augenblick, wo wir das Fahrzeug verließen. Nun waren wir allenthalben von weiten Eisfeldern umgeben; rudern war nicht mehr möglich, wir taſteten daher mit unſern Boothacken umher, um einen Kanal zu finden, wo wir den ſchwimmenden Maſſen entgehen könnten. „Die Gefahr ſtieg mit jedem Augenblick: zuweilen wurde unſer ſchwaches Boot mit ſolcher Gewalt er⸗ ſchüttert, daß jede Blanke zu brechen ſchien; zuweilen wurde es hoch auf ein Eisſtück getrieben, ſo daß wir alle unſere Anſtrengungen aufbieten mußten, um es wieder loszubringen, während ſich vor uns keine Durch⸗ fahrt zeigte, ſondern eine Schichte Eis auf der andern, worunter auch Bruchſtücke von geſcheiterten Schiffen und Baumſtämme gemiſcht waren. Die Matroſen, die gegen ihren Willen die Unternehmung mitgemacht hat⸗ ten. beſchloſſen jetzt, ſich nicht weiter zu wagen, ſondern ſo lange es möglich ſey, nach dem Schiffe zurückzu⸗ rudern. Ich allein widerſetzte mich dieſem Plan— Rückkehr, ohne wenigſtens das Ufer erreicht zu haben, ſagte ich ihnen, ſey eine Schande, die Rettung der ganzen Mannſchaft an Bord ſeye gewiſſermaßen unſerer Anſtrengung anvertraut; kurz, ich ſuchte ſie durch jeden möglichen Beweisgrund zu bewegen, weiter zu gehen. Allein es half alles nichts; umſonſt deutete ich auf die Lichter am Ufer, die ſich, wie wir jetzt ſehen konnten, von einer Stelle zur andern bewegten, als ob wir be⸗ 1⁵² merkt worden ſeyen, und als ob man einige Anſtalten treffe, uns zu retten. Ich wurde jedoch überſtimmt: ſie wollten zurück; einer von ihnen kehrte die Spitze des Bootes um und fragte mich höhniſch— „Nun, gelüſtet's Euch nicht, auf einem ſo hübſchen guten Fußweg ſelbſt zu gehen? Ihr wißt, Ihr habt alle Ehre davon.“ „Der Spott drang mir in's Herz, um ſo tiefer, weil die andern darüber in ein Gelächter ausbrachen. Ich gab keine Antwort, ſondern ergriff einen Boothacken und ſprang hinaus auf eine große Eismaſſe. Dadurch ſtieß ich das Boot von mir zurück. Ich hörte ſie mir nachrufen, zurückzukommen; aber mochte auch geſchehen, was da wollte, mein Entſchluß war gefaßt. Ohne mich mit dem Kopfe umzudrehen, aber die Augen auf die Uferlichter geheftet, ruderte ich darauf los, und ſah mit Vergnügen, daß mit jedem Streiche in das Waſſer das Eisſtück weiter gegen das Land geſchoben wurde. End⸗ lich ſchreckte mich das Gebrauſe der Brandung vor mir ab, mich weiter zu wagen; denn da die Finſterniß herein⸗ brach, ſo hatte ich keinen andern Führer mehr, auf den ich mich verlaſſen konnte, als mein Gehör. Ich ſtand alſo eingewurzelt auf gleichem Flecke, und während der Wind vorüber ziſchte und das Schneegeſtöber mich um⸗ wirbelte, ſtieß ich meinen Hacken in das Eis und klam⸗ merte mich feſt an. Plötzlich brach durch die Finſter⸗ niß eine glänzende Flamme hervor, ich konnte ſehen, wie ſie dahinflackerte und glaubte endlich bemerken zu können, daß ſie ihre Richtung gegen das Schiff nahm; ich ſtrengte meine Augen auf das Aeußerſte an, und ſchrie vor Freude laut auf, als ich einen von Indianern bemannten Kahn erblickte, mit einer glänzenden Tannen⸗ fackel im Vordertheil. Das rothe Licht des brennenden Holzes beſchien ihre wilden Geſtalten, als ſie daher kamen— bald trugen ſie ihre leichte Barke über die Eisfelder, bald ließen ſie dieſelbe in die kochende Bran⸗ dung hinein, und kamen ſo, abwechſelnd gehend und 15³ rudernd. in faſt unbegreiflicher Schnelligkeit. Sie hör⸗ ten bald mein Geſchrei und nahmen ihre Richtung gegen den Ort, wo ich ſtand; aber die Aufregung über meine Gefahr, der ſchreckliche Wechſel zwiſchen Hoffnung und Furcht, welcher ſogleich aufhörte, betäubten mich ſo ſehr, daß ich nicht ſprechen konnte, als ſie mich in ihre Arme nahmen und auf den Boden des Kahnes legten. Von unſerm Wege an das Ufer zurück blieb mir wenig im Gedächtniß: die ſcharfe Kälte, verbunden mit der Be⸗ täubung meiner Sinne, verſetzten mich in einen ſchlaf⸗ ähnlichen Zuſtand: in dieſer dumpfen Lethargie blieb ich auch dann noch, als ſie mich an's Land hoben, und erſt als ich mich neben einem flackernden Holzfeuer be⸗ fand, begannen meine Sinne wieder aufzuwachen, und gleich einem Seekalb unter den Strahlen der Sonne erwarmte ich wieder zum Leben. Das erſte, was ich that, als der Morgen anbrach, war, daß ich von mei⸗ nem Nuheplatz neben dem Feuer aufſprang und hinaus⸗ ſtürzte, um nach dem Schiffe zu ſehen. Die Sonne ſchien glänzend— die Bai lag ruhig wie ein Spiegel vor mir, und warf die Schatten der hohen Gebirge und der ſchlanken Tannen zurück: aber das Schiff war fort, kein Segel war zu ſehen; und ich erfuhr jetzt, daß⸗ als die Flut eintrat und es in flotten Zuſtand ſetzte, ein Landwind ſich erhob, der es ſanſt in die See hinaus trieb, und daß es jetzt aller Wahrſcheinlichkeit nach einige dreißig Meilen weit, den St. Lorenzo hinauf⸗ gefahren ſey. Für einen Augenblick blieb meine Freude über die Rettung meiner Gefährten ungeſtört durch ir⸗ gend einen Gedanken an meine eigene troſtloſe Lage; in der nächſten Minute dachte ich an mich ſelbſt, ſetzte mich auf einen Stein und ſtarrte mit traurigem ſinken⸗ dem Herzen hinaus auf die weiten Gewäſſer. 1⁵4 Achtes Kapitel. Mr. O'Kelly's Erzählung.— Schluß. „Das Leben hatte mir ſchon vorher zu vielerlei Abwechslungen dargeboten, als daß irgend etwas eine ſtarke Veränderung in meinem Temperament hervor⸗ bringen konnte: gleich dem Spieler, der, wenn er heute verliert, hingeht und ſich tröſtet, daß er morgen gewin⸗ nen könne, hatte ich gelernt, mich nie von einem Miß⸗ geſchick tief ergreifen zu laſſen, vorausgeſetzt, daß ſich mir eine einzige Ausſicht auf ſein Ende zeigte:— Und wie viele gibt es, die auf dieſe Art durch die Welt gehen und ſtets für ſolche wahre Philoſophen gelten, ſo hoch erhaben über die Zufälle und Wechſel des Schick⸗ ſals, und die am Ende auf das Spiel des Lebens nur dieſelbe Regel anwenden, nach der ſie ſich am rouge et noir richten. „Die wüͤrdigen Leute, unter die mich mein Schick⸗ ſal jetzt geworfen hatte, waren ein Stamm Rothhäute, Gaspé⸗Indianer genannt, die außer anderm ihnen eigen⸗ thümlichen Zeitvertreib auch das ehrenwerthe und alte Gewerbe von Strandräubern trieben, eine Beſchäftigung, wobei ſie in den Monaten Oktober und November die Hände voll zu thun hatten— ſpäter hingegen umſchloß das Eis die Bucht, und dann konnte vor dem folgenden Frühling kein Fahrzeug mehr den St. Lorenzo auf⸗ und abgehen. 3 „Einige Zeit lang war es für mich ein Räthſel, wie ſo völlig barbariſche Leute, wie ſie, ſo bequeme, gut eingerichtete Wohnungen beſitzen konnten; denn nicht nur hatten ſie wohlgefügte und ſorgfältig gebaute Block⸗ hütten, ſondern in der innern Ausſtattung ſah man auch manche von den Gemächlichkeiten des civiliſtrten Lebens. Den Grund erfuhr ich endlich vom Häuptling, in deſſen Haus ich wohnte, und mit dem ich bereits die innigſte Freundſchaft geſchloſſen hatte. Ungefähr fünfzehn Jahre 1⁵⁵ vorher war dieſe Bai von einer Emigranten⸗Geſellſchaft als das Lokal einer Niederlaſſung gewählt worden. Sie hatten auf der Inſel Antikoſti Schiffbruch gelitten und ſich mit ſo viel Ueberbleibſeln von ihren Effekten, als ſie retten konnten, nach Gaspé geflüchtet. Dort bauten ſie Häuſer für ſich, lichteten den Wald und grün⸗ deten eine kleine Kolonie mit Regeln und Beſtimmun⸗ gen über ihre Regierung. Zu ihrem Glücke hatten ſie unter ſich faſt jede Art von Handwerkern, die zu ſolch einer Unternehmung nöthig ſind, da ihre urſprüngliche Abſicht war, eine Niederlaſſung in Kanada zu gründen. Auf dieſe Art waren Zimmerleute, Weber, Schuhmacher, Schneider, Mühlenbauer bereit, einander gegenſeitig zu helfen und zu unterſtützen, ſo daß die Kolonie raſche Fortſchritte machte und bald ein gedeihliches, glückliches Ausſehen gewann. Der Wald hatte Ueberfluß an Roth⸗ wild und Bären, die Bucht war nicht weniger reich an Fiſchen, während der Boden, den ſie mit Kartoffeln und Welſchkorn bepflanzten, die ergiebigſte Ernte lieferte; und da die Bai niemals von Krankheit heimgeſucht wurde, ſo waren ihre Anſtrengungen vom herrlichſten Erfolge begleitet. „So lebten ſie, bis gegen Ende des Jahres eine Abtheilung Gaspé⸗Indianer, die jeden Herbſt zur Häring⸗ fiſcherei herabkamen, entdeckte, daß ihr Land beſetzt, und ihr Jagdgebiet von einer fremden Macht eingenommen war. Das Reſultat konnte nicht zweifelhaft ſeyn; die rothen Männer kehrten mit der Nachricht nach Hauſe zu ihren Freunden zurück, kamen bald wieder mit Ver⸗ ſtärkung von ihrem ganzen Stamme und machten einen Angriff auf die Niederlaſſung. Die Koloniſten, obgleich nicht vorbereitet, verſammelten ſich bald, und da ſie ihre Feuergewehre und Hirſchfänger alle gerettet hatten, und ſomit beſſer bewaffnet waren, ſo ſchlugen ſie die Angreifer zuruck, tödteten und verwundeten mehrere von den Femden und jagten ſie in den Wald. Dieſer Sieg, obgleich vollſtändig, war der erſte Tag ihres Mißge⸗ 1⁵⁶ ſchickes; von Stunde an waren ſie nie mehr ſicher; zu⸗ weilen ſtürzte zur Nachtzeit eine plündernde Rotte von rothen Männern in das Dorf und ſchleppten einige von den Kindern weg, bevor ſie ihre Eltern durch ihr Ge⸗ ſchrei warnen konnten. Anſtatt daß ſie ſich wie zuvor nach Belieben und in kleiner Anzahl in den Buſch wag⸗ ten, waren ſie jetzt genöthigt, die größte Vorſicht und Umſicht zu gebrauchen; ſie ſtellten daher da und dort Wächter aus, und ließen, was das Wichtigſte war, eine ſtarke Beſatzung zurück, um ihre Niederlaſſung während ihrer Abweſenheit gegen Angriffe zu vertheidigen. Allent⸗ halben herrſchte Furcht und Mißtrauen, und anſtatt des Friedens und Gedeihens, womit das erſte Jahr ihrer Arbeiten geſegnet war, blieb das Land jetzt nur halb bearbeitet; die Jagd warf kaum noch einigen Gewinn ab, und alle ihre Anſtrengungen waren auf ihre Sicher⸗ heit berechnet, ſo daß ſie ihre Zeit mit Errichtung von Auſſenwerken und Befeſtigungen zum Schutze des Dorfes zubrachten. 3 „Während dieſes Zuſtandes der Dinge ſchlug ein großes nach England beſtimmtes Bauholz⸗Schiff am Eingang der Bucht an ein Felſenriff. Die See ging hoch und ein Sturm aus Nordweſt riß es bald in Stücke. Die Koloniſten, die jeden Theil der Bucht genau kann⸗ ten, fuhren im erſten Augenblicke, wo ſie es wagen konnten, hinaus nach dem Wrack, nicht jedoch um die armen Teufel, die noch am Tackelwerk hingen, zu retten, ſondern um das Schiff zu plündern, bevor es in Trüm⸗ mer ginge. Der Erfolg übertraf weit ihre kühnſten Hoffnungen, und eine reiche Ernte an Beute entſprang aus dieſem Wagniß, Kiſten mit Pulver, Mehl, Schweine⸗ fleiſch und Rhum wurden mit jeder Flut vor ihren Thüren gelandet, und abermals erſchollen im Dorfe Töne der Luſt und Freude. Aber wie ganz anders war es jetzt als ſonſt! früher waren ſie glückliche und zu⸗ friedene Pflanzer, gleich Einer vereinten Familie in brüderlicher Liebe und freundlichem Wohlwollen zuſammen⸗ — 157 lebend; jetzt war es nur das Band des Verbrechens, das ſie feſſelte, und die wilde Tollheit der Berauſchung, die ſie aufregte. Um ihr Jagdgebiet bekümmerten ſie ſich nichts mehr; die mit ſo vieler Mühe dem Walde abgewonnenen Felder wurden vernachläßigt; die Fiſche⸗ rei aufgegeben; und ein der zügelloſeſten Liederlichkeit ergebenes Leben folgte auf Tage friedlicher Arbeit und Genügſamkeit. Nicht zufrieden mit bloßer Vertheidi⸗ gung trugen ſie jetzt den Krieg in die Niederlaſſungen der Indianer, und die fürchterlichſte Grauſamkeit beglei⸗ tete ihre wilde Rache. „An dieſer gefährlichen Küſte verſtrich nie ein Winter, ohne daß mehrere Schiffbrüche vorkamen, und da ſie jetzt durch falſche Sianale und Feuerzeichen jede Liſt ausführten, um Fahrzeuge in ihr Verderben zu locken, ſo hatte ihr ſchmähliches Gewerbe den glänzend⸗ ſten Erfolg, und Beraubung der Schiffbrüchigen wurde jetzt ein Erwerbszweig, der weit ergiebiger war, als ihre frühere friedliche Betriebſamkeit. „Ein langes Felſenriff, das von der ſüdlichſten Spitze der Bucht auslief, und von den Indianern die „‚Zähne’ genannt wurde, war die fatalſte Stelle der ganzen Küſte; denn während ſich dieſe Felſen über eine Meile weit in die See erſtreckten und nur bei hohem Waſſer bedeckt waren, zog eine ſtarke Landſtrömung, welcher man mit Uferwind durchaus nicht widerſtehen konnte, die Fahrzeuge in deren Nähe. „Nach dieſer verhängnißvollen Stelle war bei Tages⸗ anbruch jedes Auge gerichtet, um zu ſehen, ob nicht ir⸗ gend ein unglückliches Schiff während der Nacht ge⸗ ſcheitert ſey. Dieſer Punkt war der letzte, nach dem jeder Blick gekehrt war, wenn die Dunkelheit herein⸗ brach: und wenn der Wind heulte, wenn die See berg⸗ hoch ging und mit ihrem weißen Schaum ihre kleinen Hütten beſpritzte, dann war im Dorf alles auf den Beinen. Mancher gieriger Blick durchbohrte den Nebel, in der Hoffnung, irgend ein weißes Segel möchte durch 158 den Sturm herſchimmern, oder irgend ein daher ſchwim⸗ mender Balken zeigen, wo eine mit dem Untergang be⸗ drohte Mannſchaft um Hülfe rief. Das kleine Geſtade bot alsdann eine lebhafte Scene dar, Boote wurden ausgeſetzt, allenthalben eilte man mit Tau⸗Gewinden und Rudern herbei und Laternen flimmerten ſchnell von Ort zu Ort. Mit welcher Energie, mit welchem Ernſt bewegten ſie ſich, wie ſtrahlten ihre Augen vor Auf⸗ regung, wie erſchollen ihre Stimmen in Tönen barſchen Kommandos. O! welch ein ſchrecklicher Gedanke, daß dieſelben Züge der menſchlichen Natur— der kecke, wagende Muth, der weder die rauſchende Welle, noch den fegenden Sturm fürchtet, die heroiſche Kühnheit, die der wilden, am ſchwarzen Felſen aufſpritzenden Brandung trotzt, aus ſo entgegengeſetzten Triebfedern entſpringen kann, und daß die edelſte Menſchlichkeit und das ſchwär⸗ zeſte Verbrechen mit der nämlichen Maſchinerie wirken. „Es war in einer dunklen Novembernacht— mit dem ſchweren Seufzen eines herannahenden Sturmes wälzten ſich mächtige, düſtere Wellen ans Ufer, wo ſie mit jenem dumpfen, hohlen Ton ſich brachen, den die Seeleute als eine ſchlimme Vorbedeutung anſehen. Ein dichter, undurchdringlicher Nebel verhinderte jere Ausſicht auf die See, und obgleich manche Späher auf den Hü⸗ geln ſtanden, ſo konnten ſie doch nichts entdecken; den⸗ noch, da die Nacht immer drohender wurde, waren die Strandräuber überzeugt, daß ein ſtarker Wind im An⸗ zug war, und ſchon hatten ſie alle nöthigen Vorberei⸗ tungen getroffen. Stunde um Stunde verging, aber obgleich der Wind ſtärker wurde und mit Heftigkeit ans Ufer blies, ſo konnte man doch nichts ſehen. Gegen Mitternacht indeſſen kam ein Späher mit der Botſchaft, er glaube durch den dichten Nebel und Schaum in der Richtung der ‚Zähnee von Zeit zu Zeit ein Licht ſchim⸗ mern zu ſehen. Die Brandung war zu ſtark, als daß man es deutlich erkennen konnte, aber dennoch beſtand er darauf etwas geſehen zu haben. ——— 159 „Bald verſammelte ſich am Geſtade ein Haufe und alle Augen waren nach den verhängnißvollen Felſen gerichtet, die bei niedrigem Waſſer etwa zwölf bis fünf⸗ zehn Fuß über die Oberflaͤche emporragten. Sie ſtarrten lange und begierig hinaus, konnten jedoch nichts ausfindig machen, bis endlich, als ſie umkehrten, einer rief: ‚He, ſeht dort— da iſt es jetzt;e und mit dieſen Worten ſchoß eine rothgeſpaltene Flamme durch den aufſchwel⸗ lenden Schaum empor und warf ein graues Licht auf die dunkle See. Faſt ebenſo ſchnell erſtarb es wieder, und ob es gleich dann und wann noch geſehen wurde, ſo fing es doch an ſchwächer und ſchwächer zu werden. „Es ſteckt in Brand,“ rief einer.„Nein, nein, es iſt ein Nothſignal,“ ſagte ein anderer. ‚Etwas iſt gewiß,“ rief ein dritter, ‚das Fahrzeug, das in einer Nacht, wie die jetzige iſt, an die„Zaͤhne“ treibt, kommt nicht ſo leicht wieder los; alſo, ihr Jungen, friſch an's Werk und hinaus mit den Booten.“ „Die kleine Kolonie ward bald lebendig. Auch die Habſucht erregte den Wetteifer; denn in der letzten Zeit war die Niederlaſſung durch Fehden und Eiferſucht in verſchiedene Faktionen zerſplittert, und jede bemühte ſich, der andern zuvorzukommen. In weniger als einer hal⸗ ben Stunde ſtachen acht Boote in die See und trotzten der weißen Brandung. Alle, mit Ausnahme der Alten und Schwachen, der Weiber und Kinder, waren zu Schiffe, und auch dieſe ſtanden am Ufer und verfolgten mit ihren Augen die Boote, für die ſie ſich am meiſten intereſſirt fühlten.“ „Endlich verſchwanden ſie in der Finſterniß— keine Spur von ihnen konnte man mehr ſehen, kein Wind trug ihre Stimmen zurück, die jetzt der wüthende Sturm überheulte. Noch einige wenige blieben zurück und richteten ihre Augen auf die Stelle, wo das Licht ge⸗ ſehen worden war, die andern waren ins Dorf zurück⸗ gekehrt, als plötzlich ein ſchreckliches Geſchrei, ein lang anhaltendes furchtbares Geheul aus den Hütten hervor⸗ 160 drang und im gleichen Augenblick brach eine Flamme aus und ſtieg als rothe Säule gen Himmel. Die In⸗ dianer hatten ſie überfallen. Allenthalben erſcholl das Kriegsgeſchrei— jener furchtbare Ton, den ſie nur zu wohl kannten Darauf begann ein Gemetzel, das keine Beſchreibung ſchildern kann. Die lang aufgeſparte, lang gereizte ſchauderhafte Wuth des ergrimmten Wilden hatte jetzt Gelegenheit zur Rache. Der Tomahawk und das Skalpiermeſſer rötheten ſich mit Blut, während Weiber und Kinder in toller Flucht da und dorthin ſtürzten. Greiſe wälzten ſich in ihrem Blute neben ihren Töchtern und Enkeln; während die wilden rothen Männer, ungeſättigt vom Gemetzel, die verſtümmelten Leichen zerriſſen und ſich in Blut badeten. Aber damit hatte es noch kein Ende. Die Flamme, die von den „Zähnen herſchimmerte, war nichts als eine indianiſche Kriegsliſt, um die Strandräuber hinaus in die See zu locken. Einige Wilde in ihren Kähnen hatten, um ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln, auf der höchſten Klippe bei niedrigem Waſſer ein Tannenfeuer angezündet, und es während der Nacht langſam fortbrennen laſſen. „Getäuſcht und hintergangen ruderten die Strand⸗ räuber auf das Ufer zu, auf welches ihre Augen bereits mit Schrecken gerichtet waren, denn die rothe Flamme der brennenden Hütten ſah man meilenweit in der Bucht. Kaum hatte ſich das erſte Boot dem Ufer genähert, ſo ergoß ſich eine Salve von Feuergewehren auf dieſelben während das darüber erhobene Kriegsgeſchrei der Mann⸗ ſchaft verkündete, daß ihre Stunde gekommen ſey. Die Indianer zählten mehrere hundert, bis auf die Zähne bewaffnet; die andern waren wenige und ohne alle Waffen. Kampf war keiner. Das Gemetzel dauerte kaum einige Minuten, denn ehe die Flamme auf dem fernen Felſen erſtarb, lag der letzte weiße Mann auf dem blutigen Strand. Solcher Art war die ſchreckliche Vergeltung für Verbrechen, und zwar in dem gleichen 161 Augenblicke, wo ihre grauſamen Herzen auf ſolche erpich waren. „Dieſe Erzählung, die mir in einem gebrochenen, aus Kanadiſch⸗Franzöſiſch⸗ und Engliſch gemiſchtem Kau⸗ derwelſch vorgetragen wurde, ſchloß mit Worten, die für mich damals nicht der am wenigſten erſchütternde Theil der Geſchichte waren, da der Erzähler mit fun⸗ kelnden Augen und in einer Stimme, deren Kehltöne faſt zu dick ſchieden, um laut werden zu können, hinzu⸗ fügte,„ich war es, der den Plan dazu entwarf!“ „Sie werden mich fragen, wie ich unter einem ſolchen Stamme mit dem Leben davon kam. Ein Zu⸗ fall— der reinſte Zufall— rettete mich. Einſt als Schmuggler, als ich in der Bai von Biskaya Windſtille hatte, ließ ich mir von einem Matroſen den Arm mit Schießpulver tätowiren, ein ſehr gewöhnlicher Brauch zur See. Der Operateur war früher nach Nordamerika gefahren, hatte zehn Jahre als Gefangener unter den Indianern zugebracht und war mit unzähligen Erinne⸗ rungen an ihre Sitten und Gewohnheiten zurückgekom⸗ men. Unter anderm hatten ihre ſeltſamen Götzenbilder einen großen Eindruck auf ſeine Seele gemacht, und da ich ihm in Bezug auf die Freskos, womit er mich ver⸗ zieren wollte, freie Wahl ließ, ſo malte er einen ächt amerikaniſch ausſehenden Wilden mit zwei Geſichtern an dem Kopfe, den Leib über und über mit Pfeilen und Speerſpitzen bedeckt, während er, unbekümmert um ſolche Gäͤſte, in einer Art Kriegstanz herumſprang. „Dieß mit allen ſeinen wohlgewählten Farben war ein ſehr in die Augen fallendes Bild auf meinen Arm, und kaum hatte der Häuptling es geſchehen, ſo kniete er an meiner Seite nieder, verband meine Wunden und pflegte mich; während mich die übrigen Stammesangehörigen als ein Weſen betrachteten, deſſen Daſeyn durch einen Zauber geſchützt ſey, und mir jede Art von Ehrfurcht und ſogar Verehrung erwieſen. Lever, O'Leary. 1. 11 —ʒ 16² „Indeſſen fühlte ich bald, daß meine Popularität die größte Schwierigkeit für mich war; denn über jedes große Ereigniß, das unter dem Stamme vorgehen ſollte, wurde es Sitte, mich als eine Art Wahrſager zu bera⸗ then, und nie wurde ein Prophet auf eine ſchwerere Probe geſtellt. Zuweilen handelte es ſich um Wallfiſchfang— ob Trinknaſen oder Schwefelgeſichter die Bucht herauf kämen, und ob jetzt die rechte Zeit ſey, zuerſt die Wall⸗ fiſchkälber zu erlegen oder nicht. Jetzt war es ein be⸗ ſtrittener Punkt über die Gemüthsart der Bären, oder, was das Schlimmſte von allem, es ſollte ein kleiner Streifzug in das Gebiet eines Nachbars unternommen werden, wo man von mir erwartete, ich würde eine Hauptrolle ſpielen, die ich jedoch, weil ich nicht die gleiche ſtarke Ueberzeugung, wie meine ehrenwerthen Gefährten, von meiner unverwundbaren Natur hatte, ſo ungern unternahm als Sie ſich nur denken können. Aber dies war nicht alles; Heirathsanträge aus mancher vornehmen Familie umdrängten mich von allen Seiten, und obgleich die ausgedehnteſte Polygamie erlaubt war, ſo konnte ich mich doch nicht entſchließen, auf dieſe Art mein Glück zu machen. Indeſſen darf ich nicht ver⸗ hehlen, daß die Damen nicht ſo verführeriſch waren, um meine Grundſätze gefährden zu können. Flachköpfe, Plattnaſen, Steine in den Lippen find ziemlich ſtarke Gegenmittel gegen zärtliche Leidenſchaft. Ich ſah mich endlich genöthigt, zu erklären, daß ich durch ein Gelübde verpflichtet ſey, noch drei Monate ledig zu bleiben. Eine längere Amneſtie wagte ich nicht anzuſprechen, um ſie nicht auf den Verdacht zu bringen, ich hätte ſie be⸗ leidigen wollen, und zwar in einem Punkte, wo ihre Rache niemals verzeiht; ich hoffte vor Ablauf dieſer Friſt entfliehen zu können— obgleich das Wie oder Wann oder Wohin drei Punkte waren, über die ich mir unmöglich einen Plan bilden konnte. „Bevor die Hälfte meiner Probezeit vorüber war, wurden wir von einem alten Indianer aus einem fernen 163 Stamme beſucht— er war ein ſeltſamer alter Kerl, in Ziegenfelle gekleidet, trug ſtarke Lederſtiefel und Schnee⸗ ſchuhe, einen Filzhut, über ſeinem Rücken war eine Art Lederſack geſchnallt, der mit einem Schloß verſehen war. Dieſer eigenthümliche Burſche war„die Poſt.“ Er reiste einmal des Jahres von einer kleinen Niederlaſſung in der Nähe Miramichis nach Quebek und zurück, er beförderte zu und von dieſen Orten die Briefe; die Entfernung belief ſich auf ungefähr ſiebenhundert Mei⸗ len, und er legte ſie gänzlich zu Fuß zurück, einen großen Theil davon durch dichte Wälder und über wilde unbewohnte Prärien, durch die Jagdgebiete mehrerer feindſeligen Staämme, Flüſſe durchwatend, Berge erklim⸗ mend, und dieß alles für den mäßigen Gehalt von zehn Pfund jährlich, wovon er die Hälfte in Rhum ver⸗ brauchte, ehe er Quebek verließ, und während er dort die Rückkehr der Poſt abwartete; was aber das ſelt⸗ ſamſte von allem war, obgleich er vierzig Jahre lang dieſe Reiſe hin und her machte, ſo war doch den Briefen nicht nur niemals ein Unfall zugeſtoßen, ſondern er ſelbſt hatte nie ſeine beſtimmte Zeit verfehlt. „Tahata,“ ſo hieß er, war indeſſen ein Charakter von großem Intereſſe, ſogar für die barbariſchen Stämme, durch deren Gebiet er ging. Er war eine Art wilder Zeitung, die verſchiedene Einzelnheiten über die beſte Zeit zum Jagen und Fiſchen— über den Preis der Felle in Quebek und Montreal berichtete, welches Pelzwerk am geſuchteſten ſey, und wie es den höchſten Ertrag ab⸗ werfen könne. Er enthielt ſich vorſichtig jeder Berührung der Lokal⸗Politik dieſer kleinen Staaten, ſeine Mitthei⸗ lungen beſchränkten ſich nur auf ſolche Gegenſtände, die allgemein nützlich und intereſſant ſind, und niemals nahm er auch nur für einen Augenblick Antheil an einer Par⸗ teifrage; außerdem hatte er immer dieſen oder jenen kleinen Auftrag von den Indianerinnen in Quebek zu be⸗ ſorgen. Da mußte er ein Bernſteinkügelchen oder eine 11* 164 Zierde von Zinn, ein Stück rothen Bandes oder einen Glasknopf oder irgend eine derartige Koſtbarkeit beſorgen; und ſeine Ankunft war ein ebenſo erſehntes und begierig erwartetes Ereigniß, wie irgend ein anderes, das in ihr eintöniges Daſeyn eine Abwechslung brachte. „Er blieb einige Tage in unſerm Dorfe, bei welcher Gelegenheit ich dieſe wenigen Umſtände ſeines Lebens er⸗ fuhr und mich ſogleich entſchloß, komme was da wolle, mit ihm zu entwiſchen und wo möglich Quebek zu er⸗ reichen. Um dieß mit Leichtigkeit auszuführen, bot ſich zum Glücke bald eine Gelegenheit dar. Auf den Tag der Abreiſe des Kourriers war ein großes Fiſchen be⸗ ſtimmt, wobei der Stamm mehrere Tage abweſend ſeyn ſollte. Unter dem Vorwand einer Krankheit blieb ich am Ufer zurück und bewegte mich nicht aus dem Wig⸗ wam, bis mir der letzte Kahn aus den Augen entſchwun⸗ den war: darauf ſchlenderte ich langſam hinaus, ſagte den Weibern, daß ich etwa eine Stunde herumſchlendern wolle, um friſche Luft zu athmen, und folgte der Spur, welche der am gleichen Morgen früh abgegangene Kourrier mir bezeichnet hatte. Vor Sonnen⸗Untergang holte ich meinen Freund ein und ſetzte mich mit einem vor Ent⸗ zucken überfließenden Herzen nieder, um mit ihm das kleine Abendeſſen zu theilen, womit er ſich für unſere erſte Tagereiſe verſehen hatte; ſpäterhin ſollte jeder Tag für ſich ſelbſt ſorgen. „Darauf begann eine Reihe von Abenteuern, in Vergleich mit denen alles, was ich Ihnen bisher erzählt habe, ſoviel wie nichts iſt. Es war das wilde Leben der Prärien in Geſellſchaft eines Mannes, der ſich in den Schluvfwinkeln eines Tannenwaldes ebenſo heimiſch fühlte, als ich nur je in der behaglichen Ecke meiner Herberge. Bald brachten wir eine Nacht unter dem be⸗ ſternten Himmel zu, am Ufer eines klaren Fluſſes, wo der Fiſch regungslos unter dem rothen Glanze unſeres Wachtfeuers lag; hadd bivonakieten wir in einem düſtern 165 Walde, wo wir Staketen um unſer Lager aufpflanzten, um die wilden Thiere abzuhalten; dann geriethen wir in kleine indianiſche Niederlaſſungen, wo wir gaſt⸗ freundlich bewirthet wurden und halbe Nächte lang dem dumpfen Geſange eines rothen Mannes zuhorchten, der den Untergang ſeiner Nation und den Verluſt ihrer Jagd⸗ gebiete beklagte. Ueberall behielt mein Führer den ſteten Gleichmuth eines Mannes bei, der einen wohlbekannten Weg wandelte— irgend ein eingekerbter Baum, ein kleiner Steinhaufe, ein geſpaltener Fels leiteten ihn durch Wüſten, die, wie mir es ſchien, noch kein menſchlicher Fuß betreten hatte. Er verkürzte den Weg mit manchem Liede und mancher Geſchichte; letztere ſchilderten immer irgend einen merkwürdigen Zug ſeines Volkes, deſſen hohes Wahrheitsgefühl und unwandelbare Treue am ge⸗ gebenen Worte ein Zug war, der ſich in jeder Erzählung wiederholte; und ob er ſich gleich das Gefühl, welches einen Mann an ſeine eigene Nation anhänglicher macht, wohl erklären konnte, ſo drückte er doch mehr als ein⸗ mal ſein Erſtaunen aus, wie ich, nachdem ich unter den einfachen Kindern des Waldes gelebt, unter die hinter⸗ liſtigen, ränkeſüchtigen, weißen Männer zurückkehren könne. „Dieſe meine Geſchichte,“ fuhr Mr. O'Kelly fort, „hat ſich von ſelbſt viel weiter ausgeſponnen, als ich beabſichtigte. Mein Wunſch war, Ihnen kurz zu zeigen, in welche ſeltſamen und verſchiedenen Lagen im Leben ich geworfen worden bin— wie ich unter jedem Nange und jeder Klaſſe, Daheim und in der Fremde, im ver⸗ gleichungsweißen Ueberfluß— in dürftiger Armuth ge⸗ lebt habe; wie ich die Welt betrachtet habe in ihrem vollen Gala⸗Anzug von Reichthum, Rang und Schön⸗ heit— von Macht, Stellung und Geiſteskraft; und wie ich ſie arm, gemein und nackt geſehen— als Gefährte düſterer Einſamkeit und als Inſaße pfadloſer Wälder; und wie ich dennoch die gleichen menſchlichen Leidenſchaf⸗ ten fand, gleiche Liebe und Haß, gleiche Eiferſucht und Furcht, Muth und Kühnheit zn das gleiche Verlangen 166 nach Macht und den gleichen Wunſch, zu herrſchen, bei dem rothen Indianer der Prärie, wie bei dem beſternten Edelmann Europa's. Der ſtolzeſte Rang civiliſirten Lebens kann ſich keiner höhern Tugenden rühmen, als ich unter den wilden Bewohnern des dunkeln Waldes gedeihen ſah. Die lange Gewohnheit, mich ſo unter meinen Mitmenſchen zu bewegen, hat mir viel von jener conventionellen Ehrfurcht vor Rang benommen, die den Zielpunit unſerer ganzen Erziehung zu Hauſe bildet. Der betheerte, wetterfeſte Matroſe, wenn er nur ein angenehmer Kerl iſt und das Leben geſehen hat, iſt mir ein ebenſo willkommener Gefährte, als der größte Admiral, der je ein Hinterdeck betrat. Seit manchem Jahr war es meine Luſt, durch die Welt zu wandern, und ihr Spiel zu betrachten, gleich einem Zuſchauer, der vor dem Vorhang ſitzt, und den die Schauſpieler nichts angehen, außer in ſofern ſie ihn beluſtigen. „Es liegt kein Cynismus hierin. Niemand genießt das Leben mehr als ich. Muſik liebe ich bis zur Lei⸗ denſchaft— in der Malerei finde ich das größte Ent⸗ zücken, und Schönheit hat noch immer ihre Reize für mich. Geſellſchaft gewährt mir das höchſte Vergnügen. Naturſchönheiten können mir das Gefühl eines Glückes einflößen, das nur einſame Menſchen zu empfinden ver⸗ mögen— weniger jedoch, weil ich mich an all dieſen Dingen lebhaft betheiligt fühle, als weil mir das An⸗ ſchauen ſelbſt hohen Genuß verſchafft. Dieß alles iſt ſelbſtfüchtig, egoiſtiſch, werden Sie ſagen— und ſo iſt es auch. Aber dann bedenken Sie, welche Ausſicht hat ein Mann wie ich auf irgend ein anderes Vergnügen! wie manchem Verdruß würde ich mich ausſetzen, wenn ich eine andere Laufbahn einſchlüge: Denken Sie nur an die tauſend Nachfragen— wer iſt er? aus welcher Familie ſtammt er? woher iſt er gekommen? was hat er für Mittel? und lauter ſolche Fragen, die mich be⸗ lagern würden, wenn ich der ehrbare Bürger einer euerer Städte wäre. Ohne Stellung, ohne Rang, ohne feſten 167 Platz in der Geſellſchaft hat ein Mann nichts— er kann weder Freund noch Heimat haben. Nun bin ich ein Wanderer— ich habe mir zum Glück eine beſchei⸗ dene Lebensbahn gewählt: ich habe einen guten Stand⸗ punkt genommen, um das Spiel mit anzuſehen— und bin nicht zu heikel, wenn ich durch die mich umgebende Geſellſchaft etwas gequetſcht werde: aber jetzt muß ich dieſe lange Geſchichte beendigen, denn ich ſehe den Tag grauen, und um zehn Uhr muß ich Antwerpen verlaſſen. „Endlich erreichten wir alſo Quebek. Es war ein glän⸗ zender, heller, froſtiger Dezembertag, wo Alles auf den Beinen war— Schlitten flogen da und dorthin— Män⸗ ner liefen Schlittſchuh— Frauen in Pelz gehüllt, ſaßen wohlverwahrt in ihren Stühlen und machten auf dem Eiſe einige zehn bis zwölf Meilen in der Stunde— alles war munter, lebhaft und luſtig— während ich und mein indianiſcher Freund durch das Gedränge nach dem Poſtamt eilten. Er war ein wohlbekannter Cha⸗ rakter, und manches freundliche Nicken und bedeutungs⸗ volle Kopfſchütteln bewillkommte ihn unterwegs. Ich jedoch war ein Gegenſtand ungewöhnlichen Staunens, ſogar in einer Stadt, wo man täglich jedem möglichen Koſtüm begegnet, vom vollſtändigen Anzuge herab bis zu faſt gänzlicher Nacktheit. Dennoch war irgend etwas noch neu geblieben, und es ſchien, als ob ich darauf ver⸗ fallen wäre. Denken Sie ſich alſo eine alte, abgenutzte Fouragier⸗Kappe, gezogen über eine rothe Nachtmütze, unter welcher mein Haar ungefähr einen Fuß lang ſtraff herabhing— Backen⸗ und Schnurrbart waren Eines— ein rother Uniform⸗Rock, mit braunem Seekalbfell ge⸗ flickt, und mit einer Art Decke von Buffelhaut umhüllt — ein Paar kurze, nach Art eines eingelegten Tiſches, mit Zinn und Kupfer verzierte Wampum⸗Hoſen— graue Strümpfe mit Fiſchhaut umbunden— und eine Art Halbſtiefel nach meiner eigenen Erfindung, von denen ich überzeugt bin, daß ſie unter meinen rothen Freunden als„O'Kelly“ bekannt ſind. —ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛñ⸗⸗—ꝛñ— 168 „Daß ich kein Indianer war, konnte man deutlich ſehen— ſchon allein die bedächtliche Zartheit, womit ich nach einer Promenade von ſiebenhundert Meilen auf das Pflaſter trat, hätte es bewieſen; und doch ſträubte ſich Jedermann, mich als einen ſeines gleichen anzuer⸗ kennen. Die Menge, die unſern Schritten folgte, hatte inzwiſchen die Aufmerkſamkeit einiger Offiziere auf ſich gezogen, die inne hielten, um zu ſehen was vorgehe, als ich den Major meines eigenen Regiments darunter er⸗ kannte. Ich ſah jedoch, daß er ſich meiner nicht mehr erinnerte, und beſann mich, ob ich in meine alte Knecht⸗ ſchaft zurückkehren ſollte. Der Gedanke, daß ich keine Ausſicht auf Subſiſtenz hatte, daß mein Weſen nicht ſo einnehmend war, um mich durch künſtliche Vortheile durch die Welt zu ſchlagen, entſchied die Frage und ich redete ihn entſchloſſen an. „Ich werde nicht dabei verweilen, das Erſtaunen des Offiziers zu ſchildern, noch werde ich mich bei den wenigen Ereigniſſen aufhalten, die auf die Wiedererken⸗ nung folgten— es genüge die Bemerkung, daß ich am gleichen Abend meine Anſtellung erhielt, nicht als Ser⸗ gent, ſondern als Regiments⸗Dolmetſch zwiſchen unſern Leuten und den Indianern, mit denen wir damals gegen die Yankees verbündet waren. Das Regiment wurde bald von Quebek nach Trois⸗Riviéres verſetzt, wo meine Geſandtſchafts⸗Funktionen ſogleich in Anſpruch genom⸗ men wurden— nicht jedoch, unter ſo gewichtiger Ver⸗ antwortlichkeit, wie nach meiner Meinung bei dem Ver⸗ kehr zwiſchen zwei mächtigen Nationen beſtand— aber ich muß es geſtehen, über Dinge von weniger Bedeu⸗ tung und doch ebenſo viel Schwierigkeit, nämlich über den Austauſch von alten Regiments⸗Röcken und Kappen gegen Bogen und Pfeile, von Rhum und Schießpulver gegen indianiſche Schuhe und Wampum⸗Zierrathen— mit einem Wort, es betraf die Feſtſtellung eines Eng⸗ liſch⸗Indianiſchen Tarifs, worin der Werth eines jeden Dinges genau beſtimmt wurde, von einem ſchwarzen 169 Fuchsbalg bis zu einem Paar alter Hoſen, von einem indianiſchen Tomahawk bis zu einem Zahnſtocher. Außer dieſen Fiskalbeſtimmungen entwarf ich einen Kriminal⸗Coderx— der wenigſtens in Bezug auf Ein⸗ fachheit mit jedem bekannten Geſetzgebungsſyſtem wett⸗ eifern könnte— und worin deutlich beſtimmt wurde, daß irgend eine Anzahl von Indianern nicht mehr zu bedeuten habe, als die geringſte Kränkung, die einem engliſchen Offizier zu Theil würde: daß die Herablaſſung, mit ihnen in Verkehr zu treten, ein Umſtand von höchſt⸗ möglichem Werth, die Unterbrechung deſſelben dagegen die höchſte Strafe ſey. Einige andere Grundſätze von gleicher Natur trugen viel zur Erleichterung des Han⸗ dels bei und beförderten allgemein gutes Einverſtändniß. Gelegentlich zeigte ſich ein verwickelter Punkt und brachte mich einigermaßen in Verlegenheit. Dann und wann ſetzte irgend ein indianiſches Vorurtheil, irgend ein Aberglaube des Stammes dem ſummariſchen Verfahren meiner wohlfeilen Juſtiz eine Schranke; aber dann konnte ein wenig Gewandtheit und Geſchicklichkeit die Sache bald in Ordnung bringen— und da ich keine Furcht hatte, meine Entſcheidungen könnten als Vor⸗ gänge betrachtet, und noch weniger, ſie könnten von einem höheren Gerichtshofe umgeſtoßen werden, ſo hieb ich gewöhnlich jeden Knoten mit einem kühnen Streich entzwei. „Mein Leben war jetzt ziemlich angenehm— denn unſere Offiziere behandelten mich mit einer Familiarität, die allmälig zur Vertraulichkeit ſtieg, da unſere Quar⸗ tiere in entlegenen Gegenden waren und ſie einſahen, daß ich einen gewiſſen Grad von Erziehung beſaß, der, wie ich ohne Selbſtſchmeichelei verſichern kann, ihren eigenen überſtieg. Auch meine alten Eigenſchaften als Geſellſchafter bei fröhlichen Gelagen unterſtützten mich beträchtlich, und da ich weder vergeſſen hatte, ein Lied zu komponiren, noch auch nachher es zu ſingen, ſo war ich in jenem einſamen und einförmigen Leben überall —õ——— 17⁰0 willkommen. Die Etikette duldete nicht, daß ich an den Offizierstiſch eingeladen wurde, war jedoch ſo großmüthig nicht, zu verbieten, daß ſie faſt jeden Abend in mein Quartier kamen und bei einer Pulle Grog eine Pfeife mit mir rauchten— eine Herablaſſung, die ich nach Kräften zu vergelten ſuchte, indem ich alle meine Unter⸗ haltungsgabe aufbot, und gewiß, nie gab ſich ein Mann für großen Erfolg im Leben mehr Mühe, als ich mir gab, um einem Halbduzend alberner Unteroffiziere, ein Paar aufgeblaſenen Kapitänen und einem alten, voll⸗ blütigen, ſchnupfenden Major, der von nichts als Rap⸗ pen, Punſch und Beförderung träumte, angenehm die Zeit zu vertreiben. Dennoch fühlte ich mich gleich einem Menſchen in einer zweideutigen oder. falſchen Stellung durch die Kameradſchaft von Leuten geſchmeichelt, die ich im Innern herzlich verachtete, und fühlte mich ge⸗ ehrt durch die Geſellſchaft der dickköpfigſten Brut von Pinſeln, mit denen je ein Menſch zuſammenſaß— ach! und lachte über ihre platten Witzeleien, und über ihre alten, ſchalen Späße— auch gab ich oft Andeutungen zu bons mots, die ich, wenn ſie wirklich gemacht wur⸗ den, ſogleich beklatſchte, indem ich herumging und ſagte: „Habt ihr den letzten Witz von Jones gehört?— Wißt ihr, was der Major dieſen Morgen ſagte?“— O Him⸗ mel! was war das für eine Zeit. Die Wahrheit zu ſagen, der alte gährende Sauerteig war ſtark in mir— Strapazen und Mühſeligkeiten hatten ihn nicht aus meinem Zimmer gebracht— es fehlte mir noch eine weitere Lehre und ich gewann ſie. „Unter meinen Gäſten war ein alter Kapitän aus der Schule des rauhen Soldatenlebens mit all den trockenen Späßen eines Werboffiziers und all der Rauh⸗ heit, die ein größtentheils in entlegenen Stationen und kleinen Detaſchements zugebrachtes Leben nothwendig mittheilen muß. Dieſer alte Kerl Mat Hubbart, ein wohlbekannter Name in den Glengarries, hatte die größte Vorliebe fuͤr ihatſächliche Späße, und wußte bis auf 171 den kleinſten Punkt zu berechnen, wie viel Freiheit jedem Manne ſein Rang erlaubte, ohne Gefabr, zur Rechen⸗ ſchaft gezogen zu werden; derſelbe Tarif, nach dem er die Benennung des weiblichen Ranges in der Armee feſtſtellte, wurde von ihm als Richtſchnur für jene Frei⸗ heiten betrachtet, die er ſich gegen jeden ſeiner Unter⸗ geordneten erlaubte: wie er von der ‚Lady“ des Oberſts, von der ‚Fraus des Majors, von dem ‚Weib“ des Ka⸗ pitäns, von dem ‚Ding' des Lieutenants ſprach— ſo ſtufte er auch ſein Benehmen gegen die Männer ab, ohne auch nur für einen Augenblick durch eine unge⸗ bührliche Vertraulichkeit oder ungewohnte Freiheit den Grad zu überſchreiten. Mir gegenüber verfuhr er na⸗ türlich ganz nach ſeiner Großmuth, oder vielmehr ohne alle Großmuth. Ich war eine Art von einem militä⸗ riſchen Geächteten, auf den Jedermann ſchießen durfte — und gewiß, mir gegenüber ſparte er ſein Pulver nicht. „Unter den wenigen Reliquien meines Lebens, unter den Indianern, war eine Kappe von Bärenfell, die ich hochſchätzte. Sie war ein Geſchenk von meinem alten Führer, ſeine Abſchiedsgabe, als ich ihm die letzten we⸗ nigen Silberſtücke, die noch meine ganze Baarſchaft waren, in die Hände drückte. Dieß war alſo etwas für mich, das ich, da ich noch nicht viele Beweiſe von Freundſchaft auf der Welt gefunden hatte, weit über ſeinen eigentlichen Werth ſchätzte; und ich hätte lieber irgend etwas anderes oder Alles, was ich beſaß, hin⸗ gegeben, als dieß verloren. Gut, eines Tages als ich vom Fiſchen zurückkehrte und an der Thüre des Speiſe⸗ zimmers vorüberging, wen anders ſollte ich da ſehen, als einen armſeligen Tropf, der die Kaſerne beſuchte, an⸗ gethan mit meinem Bärenfell. 3 „Holla! Rockey, wie ſind Sie dazu gekommen? rief ich, kaum fähig, meinen Zorn zu unterdrücken. „Der Kapitän hat es mir gegeben,“ ſagte der Kerl, an ſeine Kappe rührend, und mit dankbarem Blicke ge⸗ 172² gen das Fenſter hinſehend, wo Kapitän Hubbart ſtand und ſich vor Lachen krümmte. „Unmöglich!“ ſagte ich— an der Wahrheit ſeiner Behauptung noch halb zweifelnd.„Der Kapitän konnte nicht weggeben, was mein und nicht ſein iſt.“ „Ja, aber dennoch hat er es gethan,“ verſetzte der Narr,„und hat mir auch verſichert, er wolle mich zum „Schwätzer“ mit den Indianern machen, wenn Sie ſich künftig nicht beſſer benehmen.“ „Bei dieſen Worten fühlte ich mein Blut aufwallen. Ich ſah auf der Stelle, daß der Streit darauf berechnet war, mich zu kränken und zu beleidigen; und wahr⸗ ſcheinlich ſollte es eine Züchtigung für meine wenige Abende zuvor bewieſene Anmaßung ſeyn, da ich in einem Augenblick offenherziger Munterkeit die Thorheit hatte, von meiner Familie zu ſprechen, und mich vielleicht zu rühmen, daß ich einſt ein Edelmann geweſen ſey; ich ſenkte beſchämt meinen Kopf, und alle meine Geiſtes⸗ gegenwart konnte mich nicht in den Stand ſetzen, einen gleichgültigen Blick anzunehmen, als ich an dem Fenſter vorüberging, von woher jetzt das rohe Gelächter des Kapitäns erſcholl. Ich werde Ihnen nicht erzählen, wie ſehr ich litt, als ich meine Hütte erreichte, und was ich bei jeder Einzelheit dieſes Vorganges fühlte. Ein Ge⸗ danke drängte ſich mir mit Gewalt auf, daß die Rolle, die ich ſpielte, eine unwürdige ſeyn müſſe, oder ich hätte ſonſt nie eine ſolche Kränkung erlitten; und wenn die Offiziere ſich zu mir geſellten, ſo geſchehe es nur unter ſolchen Bedingungen, die ihnen alles gegen mich, mir aber nichts gegen ſie erlaubten. Eine Zeit lang hielt ich keine Rache für hinlänglich, um meinen verwundeten Stelz zu befriedigen. Zum Glücke für mich nahmen meine Gedanken eine andere Richtung, und ich ſah, daß die Stellung, in die ich mich ſelbſt gebracht hatte, zu der Frechheit, womit man mir begegnet, einladen mußte, und daß Jedermann, der ſich in dieſer Welt erniedrigt, um mit Füßen getreten zu werden, irgend einen gütigen 173³3 4 Freund ſinden wird, der ihm einen ſolchen Gefallen gerne thut. Hätte einer meines gleichen mich ſo be⸗ handelt, ſo hätte ich bald gewußt, wie ich mich zu be⸗ nehmen habe.— Aber jetzt, was konnte ich thun? „Während ich über dieſe Dinge nachdachte, kam ein Korporal, um mir zu melden, daß eine Geſellſchaft von Offizieren beabſichtige, mir nach der Abenrparade einen Beſuch abzuſtatten, und hoffe, ich würde etwas zum Nachteſſen für ſie haben. Dieß war der gewöhn⸗ liche Ton ihrer Einladungen, und ich habe zu meiner Zeit über hundert ähnliche Botſchaften erhalten, ohne ein anderes Gefühl, als das des Stolzes, daß ich in einer Stellung war, um ſo manche ausgezeichnete Gäſte zu haben. Jetzt dagegen war die Ankundigung eine handgreifliche Kränkung: mein lang eingeſchläferter Stolz erwachte plötzlich, ich fühlte alle Schmach meiner Lage; und mein Geiſt, der ſeit manchen Tagen in den Skla⸗ vendienſt einer jämmerlichen Eitelkeit herabgeſunken war, empörte ſich gegen weitere Mißhandlung. Ich mur⸗ melte gegen den Soldaten ein haſtiges„ſchon recht,“ und kehrte mich weg, um über irgend einen Racheplan nachzuſinnen. „Nachdem ich meinem indianiſchen Bedienten, einem Halbblutkerl von der pfiffigſten Art, Anweiſungen ge⸗ geben hatte, in meinem Zimmer alles zurecht zu machen, ſo ging ich hinaus in den Wald. Umſonſt dachte ich über mein Leid nach, nirgends zeigte ſich mir eine Ge⸗ legenheit zur Beſchwichtigung meiner verwundeten Ge⸗ fühle— und ich konnte nicht ſehen, wie aus irgend einer Erwähnung des Vorganges etwas anderes erfolgen konnte, als mich in ein lächerliches Licht zu ſetzen. Der raſſelnde Ton einer indianiſchen Trommel unterbrach meine Gedanken, und verkündete mir, daß die Geſell⸗ ſchaft verſammelt ſey; wirklich fand ich ſie bei meinem Eintritt in das Zimmer alle auf mich wartend. Es war ein volles Duzend; manche, die mir vorher nie die Ehre eines Beſuches hatten zu Theil werden laſſen, 174 kamen bei dieſer Gelegenheit, um ſich des Gelächters zu freuen, das der Spaß des Kapitäns auf meine Un⸗ koſten erregen ſollte. Sie gingen wirthſchaftlich mit ihrer Unterhaltung um, und ſprachen nur über gleich⸗ gültige Dinge— über das Geſpräch und das Geklatſche des Tages— aber doch mit einer ſolchen geheimniß⸗ und bedeutungsvollen Miene, daß auch ein unwiſſender Beob⸗ achter bemerken konnte, es müſſe noch etwas im Rück⸗ halt liegen, das ſeine Zeit erwarte, um ſich zu ent⸗ hüllen. Durch einen reinen Zufall hörte ich, wie der Kapitän auf die Frage eines der Unteroffiziere folgende Antwort flüſterte—„Nein! nein! jetzt nicht— wartet bis wir den Punſch haben.“ Ich errieth ſogleich, daß dieß der Zeitpunkt war, wo ſie ſich vorgenommen hatten, den auf meine Koſten betriebenen Scherz zu beſprechen, und ich hatte recht; denn kaum ſtand die große hölzerne Punſchpulle auf dem Tiſche, als Hubvart ſein Glas füllte und unſerm neuen Geſellſchafter Rockey einen Humpen vorſchlug; lauter Jubel erſtickte halb ſeine Rede, die mit einem ſchallenden Gelächter endete, da das ſo bekomplimentirte Individuum an der Thüre des Zimmers ſtand, mit meinem Bärenfell paradirend. „Ich hatte gerade noch Zeit, meinem indianiſchen Bedienten einen Befehl zuzuflüſtern, der mit dem Auf⸗ trag ſchloß, eine andere Pulle Punſch aufzutragen, bevor der laute Jubel nachließ— ein Hagelſturm von Späſſen, manche freilich armſelig genug, aber dennoch Stoff zum Gelächter bietend, brach jetzt auf allen Seiten auf mich herein. Meine Großmuth wurde gelobt, mein guter Geſchmack geprieſen und alle Unverſchämtheiten, die einem Manne an ſeinem eigenen Tiſche geboten werden konnten, machten die Runde in der Geſellſchaft. Keine Anſpielung wurde geſpart, ſey es auf meine niedrige Stellung als Dolmetſcher bei der Truppe, oder auf mein früͤheres Leben unter den Indianern, um Stoff zu Späſſen zu liefern; ſogar meine Familie— von der ich ihnen, wie bereits erwähnt, thörichter Weiſe neulich erzählt hatte— zogen 175 ſie in ihre Angriffe und in's Lächerliche. Nichts als der Gedanke an künftige Rache konnte mich in Stand ſetzen, dieß alles zu ertragen. „Kommt, kommt,“ ſprach einer,„die Pulle iſt leer. He da, O'Kelly, wenn Sie wünſchen, daß wir ange⸗ nehm ſeyn ſollen, wie Sie uns wirklich finden müſſen, werden Sie eine friſche Pulle beſtellen?“ 4 „Sehr gerne,“ erwiederte ich,„aber in der alten Pulle iſt gerade noch genug übrig, um die Geſundheit des Kapitaͤns Hubbart zu trinken, dem wir ohne Zweifel für den größten Theil der Unterhaltung des heutigen Abends verpflichtet ſind. Wenn es Ihnen daher jetzt be⸗ liebt, meine Herren, in allen Ehren— denn laſſen Sie mich ſagen, es giebt keine Eigenſchaft, worin es ihm im Regiment irgend einer zuvorthäte. Seinen Witz können wir alle würdigen; von ſeinem Scharfſinn kann ich ſpre⸗ chen; ſein Edelmuth— Sie haben den meinigen gelobt — aber denken Sie nur an den ſeinigen.“ Mit dieſen Worten deutete ich auf die Thüre, wo mein wild aus⸗ ſehender Indianer ſtand, in voller Kriegsſchminke, auf ſeinem Kopf den Stülphut des Kapitäns tragend, wäh⸗ rend über ſeine Schultern ſein weiter, blauer Militär⸗ mantel geworfen war, worauf er in aller Geſchwindig⸗ keit und mit großer Geſchicklichkeit allerlei Zierrathen von Meſſing und wilden Vogelfedern angebracht hatte. „Sehen Sie da!“ rief ich frohlockend, während der Kerl mit ſeinem Federhut nickte und ſich majeſtätiſch herumdrehte, um von allen Seiten bewundert zu werden. „Haben Sie es gewagt, Sir?“— brüllte er, vor Aerger ſchäumend und ſeine Fauſt gegen mich ballend— aber ein ſchallendes Gelächter überwältigte ſeine Worte. Manche rollten von ihren Stühlen und lagen ſchnaubend am Boden; einige wendeten ſich ab, halb erſtickt vor Lachen, und nur wenige, die furchtſamer waren als die Uebrigen, ſuchten ihre Gefühle zu verheimlichen und ſchienen über die Folgen meiner Frechheit halb beun⸗ ruhigt. Als die Luſtigkeit ein wenig nachgelaſſen hatte, * 6 bemerkman, daß Hubbart fort war— Niemand hatte geſehen, wie oder wann, aber er war nicht mehr in un⸗ ſerer Mitte.. 3 „ Kommen Sie, meine Herren,“ ſagte ich,„die neue Pulle erwartet ſie, und Ihr Toaſt iſt noch nicht getrunken. Alle gehen ſo früh? Warum, es iſt ja noch nicht elf.“ „Aber ſo war es— nachdem die erſte Luſtigkeit vorüber war, kam der Corpsgeiſt in ſeiner ganzen Kraft zurück, und ſobald der Mann, deſſen Gefuͤhle ſie kein Bedenken getragen hatten, zu verletzen und zu kränken, den Muth hatte, ſeine Ehre zu behaupten, ſo machten ſie ſich fort. Einer nach dem andern ging hinaus— einige unk Alnem kalten Nicken— andere mit einem bloßen Blick— manche nahmen gar keine Notiz von mir; und einer, der letzte, glaube ich, der ein wenig zurückgeblieben war, flüſterte beim Weggehen,„es thut mir leid um Sie, gewiß, aber doch iſt alles Ihre eigene Schuld.“ „Meine eigene Schuld,“ ſagte ich mit Bitterkeit, als ich an der Thüre des Wigwams mich niederſetzte, „meine eigene Schuld!“ und die Worte nagten am In⸗ nerſten meines Herzens. Der Himmel weiß, hätte einer von denen, die mich verließen, ſich umgedreht und mich betrachtet, wie ich dort ſaß— meinen Kopf in meine Hände begraben, meine Glieder vor heftiger Leidenſchaft zitternd— ſo hätte er ſich eine ganz falſche Meinung von meinen Gefühlen gebildet. Aller Wahrſcheinlichleit nach hätte er mich betrachtet als einen Mann, der eine verlorene Stellung in der Geſellſchaft betraure— der die fehlerhafte Eitelkeit bereue, die ihn verleitete, ſich etwas gegen diejenigen herauszunehmen, die aus beſon⸗ derer Gnade, aber keineswegs auf dem Fuße der Gleich⸗ heit ſich zu ihm geſellten. Nichts auf der Welt ſtand damals meinem Herzen ferner; nein, meine Zerknirſchung hatte eine andere Quelle— mein Schmerz hatte einen tiefern Grund. Ich erwachte zu der Ueberzeugung, meine * 177 2 Stellung ſey eine ſolche, daß mir ſogar die vorüber⸗ gehende Gunſt, die ſie mir durch ihre Geſellſchaft zu Theil werden ließen, zur höchſten Ehre angeſchlagen wer⸗ den müſſe, ſo wie die Entziehung beiſelben meine tiefſte Erniedrigung ſeyn ſollte— zu der Ueberzeugung, daß dieſe armen herz⸗ und geiſtloſen Narren, für die ich meine Zeit, meine Einſicht und meine Mittel aufwendete, ſich in ein ſolches Licht ſtellten, als wären ſie meine Gönner. Jedermann, der gefühlt hat, was es heißt, unter Leuten zu leben, auf deren Fähigkeit er mit Ver⸗ achtung herabgeſehen hat, während er genöthigt geweſen, ihrem Rang zu huldigen— deren Geſellſchaft er beſucht hat, nicht zum Vergnügen oder Genuß— nicht wegen des Reizes geſelligen Verkehres, oder des Austauſches freundlicher Gefühle, ſondern für den ganz gemeinen Zwock, um in den Augen Anderer eine Stellung einzu⸗ nehmen, auf die er keinen Anſpruch hatte— um ſich mit einer Vertraulichkeit zu brüſten, während er nur ge⸗ duldet war— um das Anſehen zu gewinnen, als be⸗ wege er ſich in aller Freiheit da, wo er bloß zugelaſſen wurde; ein ſolcher Mann möge mir ſeine Theilnahme ſchenken. Jetzt erwachte ich zum vollen Bewußtſeyn meiner Stellung und ſah mich endlich in einem wahren Lichte.„Meine eigene Schuld!“ wiederholte ich bei mir ſelbſt.„Wollte Gott, es wäre ſchon lange geſchehen, ehe ich meine Selbſtachtung verloren— ehe ich die Er⸗ niedrigung gefählt, die ich jetzt fühle.“ „Sie ſind verhaftet, Sir,“ ſagte der Sergent, der mit einer Truppe Soldaten bereit ſtand, mich nach dem Quartier zu begleiten. „Verhaftet! auf weſſen Befehl?“ „Auf Befehl des Oberſts,“ erwiederte der Mann kurz und mit einer Stimme, die bewies, daß ich wenig Mitleid zu erwarten hatte, von einem Menſchen aus einer Klaſſe, die mich ſchon lange als einen Empor⸗ Lever, O'Leary I. 12 178 kömmling betrachtete, der ſich eine ſeiner Stellung un⸗ angemeſſene Miene gebe. „Meine Verhaftung, nach deren Grund ich nicht zu fragen wagte, gab mir Zeit über mein Schickſal und über die Abwechslung meines Lebens nachzudenken,— Be⸗ trachtungen anzuſtellen über die Irrthümer, die jeden Erfolg in allen von mir eingeſchlagenen Laufbahnen ſcheitern machten; vor allem aber zu erwägen, wie arm⸗ ſelig alle meine Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft auf der von mir gewählten Bahn waren, wo ich der Beluſtigung anderer jene Eigenſchaften widmete, die, wenn ich ſie für mich ſelbſt kultivirte, zu Quellen meiner Zufriedenheit und Freude umgeſchaffen werden konnten. Wenn ich in dieſer ganzen Erzählung weitſchweiſig ſcheine, wenn ich bei Erwähnung ſolcher Einzelheiten verweile, ſo geſchieht es erſtens, weil manche aus Erwägung der⸗ ſelben eine Lehre ziehen können; und ſodann, weil ſich mein ganzes ſpäteres Leben um dieſelben drehte. „Sehen Sie dieſe kleine Zeichnung dort? es iſt eine Skizze, eine bloße Skizze, die ich aus dem Gedächtniß von dem Zimmer machte, worin ich eingeſperrt war. Hier unter dem Fenſter fließt der St. Lorenzo, und dort in weiter Ferne ſehen Sie die ſchlanken Cedern des ent⸗ gegengeſetzten Ufers. Auf dieſen kleinen Tiſch legte ich die ganze Nacht hindurch meinen Kopf; ich ſchlief ge⸗ ſund, und als ich am nächſten Tage erwachte, war ich ein anderer Mann. „Sie ſind aus dem Arreſt entlaſſen,“ ſagte derſelbe Sergent, der mich in's Gefängniß geführt hatte,„und der Oberſt wünſcht Sie auf der Parade zu ſehen.“ Als ich in den Hof trat, war das Regiment in Linie aufgeſtellt, und die Offiziere bildeten wie gewöhn⸗ lich eine Gruppe im Mittelpunkt und ſchwatzten zuſam⸗ men. Ein halbes Lächeln, das jedoch ſchnell verſchwand, als ich in die Nähe kam, zeigte ſich auf jedem Geſichte. „O'Kelly,“ ſagte der Oberſt,„ich habe Sie kommen laſſen, damit Sie einen Verweis anhören der Ihnen 179 vor dem ganzen Regiment gebührt, und der, ſo weit ich Sie kenne, gewiß die wirkſamſte Strafe für Ihr neu⸗ liches, reſpektwidriges Benehmen gegen Kapitän Hubbart ſeyn wird.“ „Darf ich fragen, Oberſt, ob Sie gehört haben, wie er meine Beleidigung hervorgerufen hat?“ „Ich hoffe, Sir,“ erwiederte er mit einem Blicke ſtrenger Würde,„Sie kennen den Unterſchied Ihres ge⸗ genſeitigen Ranges und Standes, und wiſſen, daß Ka⸗ pitän Hubbart, wenn er ſich herabließ, zu Ihnen ſich zu geſellen, Ihnen dadurch eine Ehre erzeigte, welche Sie für jede Freiheit, die er ſich herauszunehmen beliebte, doppelt entſchädigte. Leſen Sie den Tagesbefehl, Lieu⸗ tenant Wood.“ „Ein verworrenes Gemurmel, wovon ich nichts verſtehen konnte, erreichte meine Ohren; ein unbeſtimm⸗ tes Gefühl von irgend einer Laſt ſchien auf meinen Kopf zu drücken, es ergriff mich ein Schwindel, der mich taumeln machte; ich wußte nicht eher, daß die Cere⸗ monie vorüber war, als bis ich den Befehl zum Marſch hörte und ſah, wie die Truppen anfingen, ſich von der Stelle zu bewegen. „Einen Augenblick, Oberſt,“ ſagte ich mit einer Stimme, worüber er zuſammenfuhr, und die den Blick aller andern auf mich zog.„Ich habe zu viel Achtung vor Ihnen und ich hoffe auch vor mir ſelbſt, um eine Erklärung über einen bloßen Scherz zu verſuchen, wäh⸗ rend die Folgen eine ſo ernſte Wendung genommen haben; außerdem bin ich mir eines Fehlers bewußt, der viel zu groß iſt, als daß ich eine Entſchuldigung über irgend einen andern wagen ſollte, deſſen ich mich ſchuldig gemacht. Ich wünſche meinen Poſten aufzugeben. Ich entledige mich hiemit der einzigen Knechtſchaft, in die ich mich je gefügt habe oder zu fügen gedenke, und nun da ich wieder ein freier Mann und noch dazu ein Gentleman bin, ſo bitte ich Sie um Erlaubniß, Ihnen 12 Lebewohl ſagen zu dürfen, und was Sie betrifft, Kapi⸗ tän, ſo habe ich nur zu bemerken, daß, wenn Sie ſich je wieder zu einem thatſächlichen Scherz, oder zu einem andern Austauſch von Höflichkeit geneigt fühlen, Con O'Kelly ſtets mit Vergnügen Ihren Abſichten entſpre⸗ chen wird— um ſo mehr, als er ſich, ob Sie es gleich Liileicht nicht glauben, Ihnen einigermaßen verpflichtet fühlt.“ „Damit drehte ich mich um und verließ den Ka⸗ ſernenhof, ohne daß von einem der andern ein Wort geſprochen wurde; auch zeigten ſie keine Spur von jenem Vergnügen, das ſie ſich von meiner Blosſtellung ver⸗ ſprochen zu haben ſchienen. „Iſt es Ihnen noch niemals als etwas ſeltſames aufgefallen, daß, während niemand als das allerärmſte und niedrigſte Volk ſich dazu verſtehen kann, ſeine gegen⸗ wärtige Armuth einzugeſtehen, nur ſehr wenige Menſchen ſich weigern, von den dürftigen Umſtänden zu ſprechen, durch die ſie ſich hindurchgeſchlagen haben— ja viel⸗ mehr eine Art Vergnügen darin finden, zu erzählen, welche Schwierigkeiten einſt ihren Pfad umgaben— welche Hinderniſſe ihrem Erfolg entgegenſtanden? Der Grund iſt vielleicht der, weil aus ſolcher Ueberwindung von Schwierigkeiten ein Verdienſt auf uns zurückſtrahlt. Das Eingeſtändniß ſchließt ein Triumphgefühl in ſich. Es ſcheint zu ſagen— hier bin ich, wie ihr mich jetzt ſeht, und doch war eine Zeit, da ich ohne Heimat und ohne Freund war— da ſchwarze Wolken meinen Pfad umlagerten und auch nicht der ſchwächſte Hoffnungs⸗ ſchimmer meine Zukunft erleichterte; aber mit einem feſten Herzen, ſtarkem Muthe, und kräftigem Willen kam die Rettung, und ich ſiegte. Ich geſtehe, auch ich könnte, und zwar mit großem Vergnügen, bei jenen Abſchnitten meines Lebens verweilen, wo ich am ärmſten und verlaſſenſten war, viel lieber als bei den Tagen meines Wohlſtandes und bei den Stunden meines hochſten Reichthums, es erging mir wie dem Wanderer, 181 der nach einer langen Reiſe an einem dunklen Winter⸗ tage bei Einbruch der Nacht neben einem luſtigen Feuer in einer Herberge ſitzt; jeder rauſchende Windſtoß, der das Gebände erſchüttert, jedes Anſchlagen des platſchen⸗ den Regens an das Fenſter erhöht nur das Gefühl ſeiner Behaglichkeit und labt ihn mit dem tröſtlichen Gedanken, wie er nicht mehr einem ſolchen Sturm aus⸗ geſetzt, daß ſeine Reiſe beendigt— ſein Ziel erreicht iſt— und wenn er den Stuhl näher an das Feuer rückt, ſo iſt es die Erinnerung an die Vergangenheit, die der Gegenwart allen Reiz verleiht. Ebenſo er⸗ innert ſich das ſpäte Alter am liebſten an jene Perio⸗ den in der Jugend, wo wir Schwierigkeiten überwunden und uns durch jedes feindſelige Hinderniß Bahn gebro⸗ gelaufen iſt, und während einer nach dem andern um ihn her dahingeht, kömmt der traurige Gedanke, daß die Periode vorüber iſt, wo ſolche Bande von neuem mal geſchloſſen, öffnet ſich nicht wieder. Aber wozu dieſe Betrachtungen, ich muß ſte beendigen und mit den⸗ ſelben zugleich meine Geſchichte. „Die wenigen Pfund, die ich noch beſaß, ſetzten mich in Stand, Quebek zu erreichen und mit einem nach Cork beſtimmten, mit Bauholz befrachtetem Fahrzeug überzufahren. Wollten Sie mich fragen, warum und in welchen Abſichten ich nach Irland zurückkehrte, ſo würde ich in nicht geringe Verlegenheit gerathen. Irgend eine vage, unbeſtimmte Sehnſucht nach meiner Heimat und nach meinem Geburtsorte uübte vielleicht ihren Einfluß auf mich. So war es— ſo geſchah es. „Nach einer guten Reiſe von etwa fünf Wochen ankerten wir in Cove, wo ich an's Land ſtieg und mei⸗ nen Weg nach Tralee zu Fuß fortſetzte. Es war Nacht als ich ankam. Da und dort an einem obern Fenſter ſah man noch einige ſchwach ſchimmernde Lichter, aber alles übrige war in Finſterniß gehullt. Ich wanderte inſtiktmäßig fort, bis ich in die kleine Straße kam, wo meine Tante gewohnt hatte. Ich kannte jeden Stein darin. An keinem Hauſe gieng ich vorüber, ohne daß ich mit deſſen Geſchichte vollſtändig vertraut geweſen wäre. Da war Mark Caſſidy's Magazin, wie er ſtolz ein langes dunkles Zimmer nannte, deſſen Getäfel dick mit Schinken und Speck, mit aufgewickelten Stricken, Lichtern, Leimſchichten und Zuckerhüten beſetzt war; während ſich unten ein enger Pfad dahinzog, zwiſchen einem Zucker⸗Orhoft, einigen Säcken mit Mehl und Kartoffeln, Hanfſamen, Theer und Syrup, untermiſcht mit Senſenklingen, Sicheln und Kehrbürſten— ein großer Kaffe⸗Röſter verzierte die Wand und bildete einen hervorſtechenden Gegenſtand für die Bewunde⸗ rung des Landvolkes, das nie darüber in's Reine kom⸗ men konnte, ob es eine neumodiſche Glocke, oder ein Wetterglas, oder eine Dreſchmaſchine, oder eine Geld⸗ büchſe ſei. Das nächſte Haus gehörte Maurice Fitzge⸗ rald, dem Apotheker; es war eine gemüthliche kleine Zelle, acht Fuß lang und ſechs Fuß breit, wo für ein wohl eingeſchultes Individuum gerade Raum genug war, um mit einem Stöͤſſel im Moͤrſer zu reiben, ohne ſei⸗ nen rechten Ellbogen durch eine blaue Glasflaſche zu ſtoßen, die am Hausfenſter figurirte, oder ſeine Linke in thätigen Verkehr mit einem Regiment von Tinkturen zu bringen, die braun, trübe und ſtinkend hart daneben auf einem Gefimſe ſtanden. Darauf kam Joe M'Ewoy's „für geiſtige Getränke und Bewirthung patentirtes,“ bei dem ich oft als Knabe geſtanden hatte, um den nied⸗ lichen Tönen von Larry Branaghan's Dudelſack zu lauſchen, oder den Verſen des holden Liedes„Lebt wohl, 18³3 ihr hübſchen Maascliebſchen, ich liebte euch innig und lang,“ das er mit Begleitung ſang. Sofort kam das Haus des Miſter Moriarty, eines großen Mannes in den kleinen Sitzungen, eine bittere Pille für alle Land⸗ Edelleute. Er ſtöberte allenthalben häckliche Fälle zu⸗ ſammen und veröffentlichte ſie in den Limerick Vindi⸗ cator, mit der Unterſchrift„Brutus“ oder„Coriolanus.“ Bei dem ſchwachen Lichte konnte ich gerade noch ſo viel ſehen, daß ſein Haus um ein Stockwerk erhöht worden und daß kleine eiſerne Balkone, gleich Gittern, vor den Fenſtern des Geſellſchaftszimmers angebracht waren. Sodann kam die Wohnung meiner Tante. Da war ſie— mein Fuß berührte die Thüre, wo ich als Kind geſtanden, mein kleines Herz bebend zwiſchen Furcht vor der unbekannten Welt draußen und zwiſchen der Hoffnung, irgend etwas— der Himmel weiß was — zu thun, was mir in der Zukunft einen Namen machen würde; und da war ich nun, nach Jahren voll Mühen und Gefahren aller Art, genug, um mir Aus⸗ zeichnung zu gewinnen, Erfolg genug, um mich zu be⸗ reichern, wäre nur alles wohl geleitet worden; und doch war ich arm und gering wie in der Stunde, da ich dieſes Haus verlaſſen hatte. Mit ſchwerem traurigen Herzen, mit müden Gliedern ſetzte ich mich auf die Treppe, ſiel nach wenigen Minuten in einen feſten Schlaf und erwachte nicht eher, als bis die glänzende Sonne mit ihrem heitern Lichte eine Seite der kleinen Straße beſchien und um mich her ſchon die Vorbereitungen für den kommenden Tag getroffen wurden. Ich fuhr auf, voll Furcht und Scham entdeckt worden zu ſeyn und gieng in das kleine Alehaus daneben, um ein Fruͤh⸗ ſtück zu mir zu nehmen. Joe ſelbſt zeigte ſich nicht, aber ein fetter, fröhlich ausſehender, gelbhaariger Kerl, ſein leibhaftiges Ebenbild, nur einige Duzend Jahre lünger, war da, lärmte unter einigen Zinnflaſchen herum, ſtellte Tabakspfeifen zurecht und füllte einige kleine Pfe⸗ nigbecken mit Tabak. „Iſt Ihr Name M'Evoy?“ fragte ich. „Zu dienen,“ erwiederte er, von ſeiner Beſchäf⸗ tigung kaum aufſehend. „Joe M'Evoy?“ „Nein, Sir, Ned M'Evoy, der Alte hieß Joe.“ „Alſo iſt er todt?“ „Ja, Sirz; ſchon ſeit acht Jahren; beliebt Ihnen eine Pinte oder ein Kelch gebranntes Waſſer?“ „Keines von beiden; am liebſten hätte ich ein Früh⸗ ſtück, eine Schnitte Speck und einige Kartoffeln. Ich will es hier nehmen, oder in dem kleinen Zimmer.“ „Bei'’m Blitz, Sie ſcheinen hier Weg und Steg zu kennen,“ ſagte er lächelnd, als er ſah, wie ich be⸗ dächtig eine Thüre öffnete und in ein kleines Zimmer trat, das einſt für Lieblingsgäſte vorbehalten wurde. „Es iſt ſchon manches Jahr her, daß ich nicht mehr hier war,“ ſagte ich zu dem Wirth, da er mir gegen⸗ überſtand und zuſah, welche Fortſchritte ich mit meinem Frühſtück machte;„ſo lange her, daß ich mich kaum an etwas anders erinnere, als an die Namen der Leute, die ich ſehr gut kannte. Lebt noch eine Miß O'Kelly hier in der Stadt? ihr Haus war hier in der Nähe? „Ja, ſie wohnte ober Mr. Moriary's Haus; aber ſie iſt ſchon lange geſtorben. Ich erinnere mich, daß Vater Domelan, der Prieſter, der vor Mr. Nolan hier war, für ihre Seelen Meſſen las, als ich noch ein jun⸗ ger Laffe war.“ „Geſtorben,“ wiederholte ich traurig bei mir ſelbſt, denn ob ich gleich kaum erwartete, meine arme alte Verwandte wieder zu finden, ſo hegte ich doch eine Art halber Hoffnung, ſie möchte noch am Leben ſein.„Und der Prieſter, Vater Domelan, iſt er auch todt?“ „Ja Sir, er ſtarb an dem Fieber, das vor vier Jahren ſo übel hauste.“ „Und Mrs. Brown, die Frau Poſthalterin?“ „Sie iſt nach Ennis gezogen, als ſich ihre Toch⸗ 18⁵ ter dort verheirathete; ſeither habe ich nichts mehr von ihr gehört.“ 3 „So iſt alſo wirklich Niemand von den alten Ein⸗ wohnern der Stadt mehr übrig? ſind alle geſtorben?“ „Alle bis auf den alten Kapitän, er iſt allein übrig geblieben....“ „Wer iſt er?“ „Kapitän Dwyer, vielleicht kennen Sie ihn?“ „O ja, ich kannte ihn wohl; und er iſt noch am Leben? Er muß jetzt ſehr alt ſein?“ „Er iſt ungefähr ſechsundachtzig bis ſiebenundachtzig alt; aber er will ſich nicht mehr als ſechzig gefallen laſſen, glaube ich; nun ſprechen Sie vom—— Gott ſteh uns bei, hier iſt er.“ „Mit dieſen Worten trat ein hagerer, verwitterter, alter Mann, ſchwer von der Laſt der Jahre gebeugt und mit großer Mühe ſich fortbewegend, unter die Thüre und rief mit krächzender Simme— „Ned M'Evoy, da haben Sie die Zeitung, eine Menge Neuigkeiten über Miſter O'Connell und die Ver⸗ ſammlungen in Dublin. Wenn Cavanagha Fiſche fängt, ſo kaufen Sie für mich eine Sohle oder einen Weißfiſch und ſchicken Sie mir die Zeitung zurück.“ „Hier innen ſitzt ein Gentleman, der gerade nach Ihnen fragte,“ ſagte der Wirth. „Wer iſt er? etwa Mr. Creagh? zu dienen, Sir,“ ſagte der alte Mann indem er ſich auf einen Stuhl ne⸗ ben mich ſetzte und unter dem Schatten ſeiner über die Augenbraunen ausgeſtreckten Hand hervor mich anſah. Sie ſind Mr. Studdart, meine ich?“ „Nein, Sir; ich glaube nicht, daß Sie mich ken⸗ nen und in der That, ich habe Ihren Namen nur er⸗ wähnt, weil ich ihn vor vielen Jahren, als ich noch hier war, gehört hatte, aber nicht weil ich Ihnen perſönlich bekannt bin.“ „O! da haben Sie ganz recht; denn ich bin in die⸗ * ſen Gegenden bekannt— He Ned?“ ſagte er mit kichern⸗ dem Lachen, das ganz wie hoffnungsloſer Aberwitz tönte. „Ich war unter der Armee in den„Buffs“; vielleicht kannten Sie einen Clancy, der darunter war.“ „Nein, Sir, ich habe nicht viele militäriſche Be⸗ kanntſchaften. Ich kam dieſen Morgen auf dem Wege nach Dublin hieher und wollte nur einige Fragen in Betreff einiger Leute ſtellen, mit denen ich ein wenig be⸗ kannt war— Miß O'Kelly——“ „Ach Gott! die arme Miß Judy, ſie iſt vor zwei oder drei Jahren geſtorben.“ „Ja ſeit fünfzehn,“ fiel Ned ein. „Nein, nicht ſo,“ widerſprach der Kapitän,„es find höchſtens drei Jahre— ſie wurde auch in ihrer Blüthe dahin gerafft; ſie war die letzte eines alten Stammes— ich kannte ſie alle wohl. Da war Dick— der feuerkö⸗ pfige Dick O'Kel'y, wie ſie ihn nannten, der den Sheriff in das Muͤhlwerk von Kilmacud warf und ſpäter nach Frankreich gehen mußte; ein anderer hieß Peter— Peter bekam das Gut, wurde aber in einem Duell erſchoſſen. Peter hatte einen Sohn— das war auch ein niedlicher Teufel— er iſt in der See ertrunken und außer dem kleinen Mädchen, das die Schule hier hält, Sally O'Kelly— ſie gehört auch zur Familie— iſt Niemand mehr übrig.“ „Und wer war ſie, Sir?“ „Sally war— was ſoll das heißen? Ja, Sally iſt die Tochter eines Sohnes, den Dick in Frankreich zu⸗ rückgelaſſen hatte; er fiel in dem Kriege mit Deutſchland und hinterließ dieſes Geſchöpf; Miß Judy hörte von ihr und ließ ſie hieher kommen in der nämlichen Woche wo ſie ſelbſt verſchied. Sie iſt jetzt die letzte von ihnen— von der beſten Familie in Kerry— und hat eine Kin⸗ derſchule. Ja, ja, ſo iſt es, und ſie würde auch ein Ver⸗ mögen erben, wenn man nur den Tod jenes Laffen Con O'Kelly beweiſen könnte. Aber Niemand weiß etwas darüber, wo ſich derſelbe zugetragen hat. Sam Fitzſiw⸗ 187 mon hat ihn in allen Zeitungen ausgeſchrieben, aber es half nichts.“ „Ich wartete keine weitere Erzählung des alten Ka⸗ pitäns ab, ſondern griff nach meinem Hut, eilte durch die Straßen und war in weniger als einer halben Stunde mit dem Anwalt Mr. Samuel Fitzſimon allein in ſeinem Zimmer und beſprach mit ihm ernſtlich die nothwendigen Schritte, die gethan werden ſollten, um mein Recht auf mein kleines Vermögen, die Hinterlaſſenſchaft der Tante Judy, zu behaupten; es waren einige hundert Pfund Land⸗ einkunfte, die ſeit meines Vaters Tod gefallen waren. Mein nächſter Beſuch galt der kleinen Schule, die in dem Geſellſchaftszimmer gehalten wurde, wo die arme Tante Judy ihre kleinen Kartengeſellſchaften zu haben pflegte. Der alte ausgeſtopfte Papagei, der jetzt vor Schmutz und Rauch für einen Raben gelten konnte,⸗ ſtand noch immer über der Feuerſtelle; dort war auch das Mi⸗ niaturbild meines Vaters und auf der andern Seite ein anderes, das ich bisher noch nicht geſehen hatte, von Vater Domelan in vollem Ornate. Alle die kleinen, alten Muſchelſammlungen waren ebenfalls noch da. und mit Ausnahme der ſchwarzen, vollſaftigen Katze, die dort ſaß und ſtarr ins Feuer guckte, als ob ſie ſich uͤber den Preis der Kohlen gabhärmte, vermißte ich nichts. Miß Sally war ein niedliches, beſcheidenes, junges Frauen⸗ zimmer; in ihrer Miene lag etwas, das eine beſſere Klaſſe verrieth, als man nach ihrer niedrigen Beſchäfti⸗ gung hätte ſchließen ſollen. Ich unterrichtete ſie in we⸗ nigen Worten über unſere Verwandtſchaft und nachdem ich ihr geſagt hatte, daß ich alle Vorbereitungen getrof⸗ fen, all mein Eigenthum ihr zu vermachen, und daß Mr. Fitzſimon ihr Vormund ſein werde, ſo wünſchte ich ihr Lebewohl und verabſchiedete mich. Ich ſah, daß ich eine Beſchäftigung der einen oder andern Art haben mußte — Müßiggang war nicht für mich und ſo reiste ich mit der einzigen Fünfzig⸗Pfund⸗Note, die ich mir von mei⸗ nem kleinen Vermöoͤgen vorbehielt, nach Paris. Was 188 ich dort thun wollte, darüber hatte ich noch nicht die mindeſte Idee; aber ich wußte wohl, man braucht dem Schickſal nur den Zügel auf den Nacken zu legen, ſo werden ſelten Abenteuer ausbleiben. „Einige Wochen ſchlenderte ich in Paris herum, wo ich mich ſo gedankenlos dem Genuß überließ, als ob ich keine Anſtrengung nöthig hätte, um meine immer leich⸗ ter werdende Kaſſe zu füllen. Die Menſchenflut, die ſich die Boulevards entlang und durch die heiteren Gärten der Tuilerien ergoß, wäre für mich ſchon Vergnügen ge⸗ nug geweſen. Dann gab es Theater, Kaffes, Reſtau⸗ rants von jeder Klaſſe, von dem koſtbaren Stil des ‚Rocher“ bis zum Diner neben dem Brunnen des Innocents, wo man um vier Sous ißt und wohin die niedrigſte und ärmſte Klaſſe der Hauptſtadt ihre Zuflucht nahm. Ge⸗ wiß, ich könnte Ihnen manche ſeltſame Scene aus je⸗ nen Tagen erzählen, aber ich muß weiter eilen. „Auf meinen Streifereien durch Paris, wo ich ſelt⸗ ſame und entlegene Plätze beſuchte, hier zu Mittag, dort zu Abend ſpeiste und das Leben unter jeder möglichen Geſtalt betrachtete, ſchlenderte ich eines Abends über den Pont Neuf nach Ile St. Louis, in jenes ſchmucke alte Viertel mit ſeinen engen planloſen Straßen und ſei⸗ nen hohen, düſtern, gleich Feſtungen verbarrikadirten Häuſern. Der alte Thorweg mit Nägeln beſchlagen, mit Eiſenſtangen verſehen und von einem kleinen Fenſter durchbrochen, wodurch man den Fremden draußen be⸗ ſchauen konnte, ſprach von Tagen wo Gewaltthat und räuberiſche Angriffe im Schwunge waren und wo es je⸗ dem Manne geziemte, ſeine Feſte ſo ſtark als möglich zu machen. Dort war jetzt die verworfenſte und verzwei⸗ felſte Klaſſe der Pariſer Welt zu finden— der Meuchel⸗ mörder, der Todtſchläger, der Einbrecher, der Falſch⸗ münzer fand eine Zuflucht in jener Wildniß von düſtern Alleen und dunkeln, trüben Paſſagen. Wenn die Nacht hereinbricht ſo wirft keine Laterne einen freundlichen Schimmer durch die Straßen. Alles bleibt in Finſter⸗ 189 niß, wenn nicht etwa das rothe Licht einer Wirthshaus⸗ lampe über das Pflaſter ſich ergießt. In einer dieſer trübſeligen Straßen befand ich mich als die Nacht anbrach, und ob ich gleich weiter und weiter ging, ſo konnte ich mich doch nicht herausfinden, ſondern be⸗ wegte mich beſtändig in einem engen Kreis, ſo wenigſtens vermuthete ich; denn ich war nie weit von dem tiefen Glockenſchlage von Notre⸗Dame, wenn ſeine melancholi⸗ ſchen Toͤne durch die Stille der Nacht hin erſchollen. Ich hielt oft inne, um zu lauſchen— bald ſchien es vor mir, bald hinter mir, der volle durch dieſe hohlen Stra⸗ ßen ſchwebende Ton machte einen ſchauerlichen Eindruck. Die Stimme, die zum Gebete rief, war, wenn man ſie in dieſer düſtern Höhle des Verbrechens vernahm, in der That etwas ſeltſames und ſchreckhaftes. Endlich ver⸗ hallte ſie und alles war ſtill. Einige Zeit lang war ich unentſchloſſen, was ich thun ſollte; ich ſcheute mich an eine Thüre zu klopfen und nach meinem Wege zu fra⸗ gen, das bloße Eingeſtändniß meiner Verlaſſenheit wäre eine Einladung zur Mißhandlung, wo nicht zum Mord geweſen. Niemand ging an mir vorüber; die Straßen ſchienen gänzlich verlaſſen. „Vom Gehen ermüdet ſetzte ich mich auf eine Thür⸗ ſchwelle und begann darüber nachzudenken, was anzufan⸗ gen ſei, als ich ſchwere Tritte auf mich zukommen und das Klappern von Holzſchuhen auf dem rauhen Pflaſter hörte; bald darauf kam ein Mann daher, der, wie ich ziemlich erkennen konnte, ein Arbeiter zu ſein ſchien. 3ch ließ ihn einige Schritte an mir vorübergehen und rief ann— „Holla Freund, können Sie mir den kürzeſten Weg nach dem Pont Neuf ſagen?“ „Er antwortete mir mit einigen Worten in einem ſo ſeltſamen Patois, daß ich nichts daraus machen konnte. Ich wiederholte die Frage und ſuchte mit Zeichen meinen Wunſch auszudrücken. Inzwiſchen war er hart neben meine Seite getreten und ich konnte ſehen, daß er allem 190 was ich ſagte, volle Aufmerkſamkeit widmete. Er ſah ſich ein Paar Mal um, als ob er Jemand ſuche; dar⸗ auf wendete er ſich an mich und ſprach in dicken Kehl⸗ tönen— „Halt an, ich werde mitkommen:“ Damit bewegte er ſich in der Richtung, woher er gekommen war, und ich konnte das Klappern ſeiner ſchweren Schuhe hören, bis ſich die Töne in den gewundenen Alleen verloren. „Da durchzuckte mich ein plötzlicher Gedanke, daß ich Unrecht gethan habe. Der Kerl hatte augenſcheinlich irgend eine ſchwarze Abſicht dabei, daß er zurückging und ich fühlte bittere Reue, daß ich ihm erlaubt hatte, mich zu verlaſſen; aber dann, was war leichter für ihn, als mich an einen beliebigen Ort zu führen, wenn ich ihn zurückbehalten hätte? Dieſem Gedanken war ich hin⸗ gegeben, als das Geräuſch mehrerer Stimmen, die in halblautem Tone ſprachen, die Straße daher kam. Auch hörte ich ziemlich zahlreiche Fußtritte; mein Herz bebte, als mich der an dieſen Platz ſo leicht ſich knüpfende Ge⸗ danke an Mord durchzuckte; und ich hatte gerade noch Zeit, mich in die ſchützenden Mauern des Thürweges zu drücken, als die Rotte herankam. „Hier in dieſer Gegend, ſagten Sie, nicht wahr?“ fragte eine tiefe klare Stimme in gutem Accent. „Ja, da!“ erwiederte der Mann, den ich geſprochen hatte, während er mit den Händen die Wände und den Thürweg des gegenüberſtehenden Hauſes betaſtete.„Holla da, holla da,“ ſchrie er. „Sey ſtill, Du Narr: meinſt Du nicht, daß er inzwiſchen etwas argwöhnt? Sind die andern durch die Rue des Loups gegangen?“ „Ja, ja, erwiederte eine Stimme hart an dem Orte, wo ich ſtand.. 3 „Dann iſt alles gut; ſo kann er nicht entwiſchen. Schlage Feuer, Pierre.“ „Eine hohe in einen Mantel gehüllte Geſtalt zog ein Feuerzeug aus der Taſche und begann bedächtig mit 191 Stahl und Feuerſtein zu ſchlagen. Jeder Schlag zeigte mir ein wild ausſehendes Geſicht, wo Verbrechen und Hunger um die Oberhand ſtritten, während ich bemerken konnte, daß manche ungeheure Keulen von Holz hatten und ein Paar mit Säbeln bewaffnet waren. Ich zog mit Mühe meinen Athem kurz an und bereitete mich zu dem Kampfe vor, wobei ich zwar den Tod vor mir ſah, aber entſchloſſen war, mein Leben theuer zu verkaufen, als eine Hand über den Thürpfoſten fuhr und an mein Bein rührte. Eine Sekunde lang regte ſie ſich nicht; darauf bewegte ſie ſich langſam an mein Knie hinauf, wo ſie wieder inne hielt. Mein Herz ſchien zu ſtocken: es war mir wie einem Menſchen, um deſſen Leib eine Schlange ihre ſchauerlichen Ringe zieht. Die Hand zog ſich ſachte zurück und ehe ich mich von meinem Erſtau⸗ nen erholen konnte, war ich an der Kehle gepackt und in die Straße hinaus geſchleudert. Es erhob ſich ein wildes Gelächter unter dem Haufen und eine ſo eben angezündete Laterne wurde mir vor das Geſicht gehalten, während der, welcher zuerſt geſprochen hatte, ausrief:— „Iſt Dir doch nicht eingefallen, uns zu entwiſchen, Du béte?“ Im gleichen Augenblick fuhren mehrere Hände in meine verſchiedenen Taſchen, die wenigen Silberſtücke, die ich beſaß, wurden herausgenommen, meine Uhr weg⸗ geriſſen, mein Hut durchſucht, das Futter meines Rockes aufgeſchlitzt, und alles ſo ſchnell, daß ich auf der Stelle ſah, ich ſey in erfahrne Hände gerathen. „Wo wohnen Sie in Paris?“ fragte der erſte Sprecher, der mir noch immer das Licht unter das Ge⸗ ſicht hielt und mich feſt anſtarrte, während ich antwortete. „Ich bin ein Fremdling und allein,“ erwiederte ich, denn es ſiel mir ein, daß in ſolchen Umſtänden Offen⸗ heit eine ſo gute Politik ſey, als irgend eine andere. „Ich bin heute Nacht hiehergekommen, um die Kathedrale zu ſehen, und habe mich auf dem Rückwege verirrt.“ „Aber wo wohnen Sie? in welchem Quartiere von Paris?“ 192 „Rue d'Alger; Nro. 12; im zweiten Stock.“ „Welche Effekten haben Sie dort in Geld?“. „Eine einzige engliſche Banknote von fünf Pfund; weiter nichts.“ „Keine Juwelen oder ſonſtige Koſtbarkeiten?“ „Nein, ich bin ſo arm, als irgend jemand in Paris.“ „Kennt der Portier Ihren Namen?“ „Nein, ich bin nur als der Engländer von Nro. 12 bekannt.“ „Was haben Sie für Stunden? Sie ſind unregel mäßig, nicht wahr?“ „Ja, ich komme oft ſehr ſpät nach Hauſe.“ „Schon recht. Sie ſprechen gut Franzöſiſch. Können Sie es ſchreiben?“ „Ja, gut genug für irgend einen gewöhnlichen Zweck.“ „Nun,“ ſagte er, indem er ein dickes Taſchenbuch öffnete,„ſchreiben Sie einen Befehl, den ich Ihnen dik⸗ tiren werde, an den concierge des Hauſes. Nehmen Sie dieſe Feder.“ „Mit zitternder Hand nahm ich die Feder und er⸗ wartete ſein Diktat. „Iſt es ein Frauenzimmer, das die Thüre Ihres Hauſes bewacht?“ „Ja,“ erwiederte ich. „Gut, alſo fangen Sie an— Madame la Con- ciérge, übergeben Sie dem Ueberbringer dieſes Billetes den Schlüſſel zu meinem Zimmer.“ „Als ich dieſe Worte nachſchrieb, konnte ich be⸗ merken, daß einer aus dem Haufen dem Sprecher etwas in's Ohr flüſterte und darauf langſam hinter meinen Rücken ſchlich. „Huſch, was iſt das 2“ rief der Hauptſprecher. „Still da,“ und als wir horchten, hörte man in kleiner Entfernung den Chorus einer Anzahl von Stimmen, die in einzelnen Partien ſangen. „Dieſes hölliſche Neſt muß an einem dieſer Tage ausgerottet werden,“ ſagte der Häuptling,„und wenn 193 ich meine Tage auf dem Greve⸗Platz ende, ſo werde ich es verſuchen. Huſch da— ſtill— ſie gehen vorüber;“ leider fing der Geſang wirklich an ſchwächer zu werden, und mein Herz ſank tief, als ich bedachte, daß die letzte Hoffnung mich verlaſſe: plötzlich fuhr ein Gedanke durch meine Seele— Tod in der einen Geſtalt iſt ſo ſchlimm als jeder andere. Ich will es thun— ich bückte mich nieder, als wollte ich mein Schreiben fortſetzen, ſam⸗ melte alle meine Kräfte, holte einen tiefen Athem und verſezte dem Mann mit aller Macht einen Schlag auf die Stirne, ſo daß er zu Boden fiel; dann ſprang ich über ihn hinweg und eilte die Straße hinunter. Meine alte Schule unter den Indianern that mir hiebei einen guten Dienſt; wenige weiße Männer konnten mich auf einer offenen Ebene einholen, wo ich Raum und Aus⸗ ſicht genug hatte— und ich gewann bei jedem Satze; aber ach, ich wagte nicht, inne zu halten, um zu lau⸗ ſchen, woher die Töne kämen, und konnte nur gerade aus rennen, ohne zu wiſſen, wohin ich gerathen würde; ich ſtürzte eine ſteile rauhe Straße hinab, die immer enger wurde,— als ich Schrecken über Schrecken— — am Ende derſelben die Seine rauſchen hörte; die ſchnelle Strömung des Fluſſes wallte gegen das ſchwere Gebälke, welches die Ufer ſchützte, mit einem Tone, gleich einer Todtenklage. „Ein einſames zitterndes Licht ſchimmerte weit aus dem Fluſſe her aus einer Barke, die dort vor Anker lag; ich heftete mein Auge darauf und war im Begriff hin⸗ einzuſpringen, als meine Verfolger mit halb unterdrück⸗ tem Geſchrei von einem niedrigen unter dem Quai lie⸗ genden Damme, den ich nicht geſehen hatte, mir ent⸗ gegen ſprangen und vor mir ſtanden; in einem Augenblicke hatten ſte mich gepackt, ein Regen von Schlaͤgen ſiel mir auf Kopf und Schultern— und einer, der mit Leyer, O Leary.. 13 194 verzweifelter Entſchloſſenheit bewaffnet war, ſchlug mich auf die Stirne, ſo daß ich auf der Stelle niederſiel. „Jetzt ſchnell, hurtig,“ rief eine Stimme, die ich wohl kannte,„in den Fluß mit ihm— die Netze von St. Cloud werden ihn bei Tagesanbruch auffangen— in den Fluß mit ihm.“ Sie riſſen mir Rock und Schuhe ab und ſchleppten mich nach dem Damme— ich war bei vollem Bewußtſeyn, obgleich mich der Schlag jeder Fähigkeit zum Widerſtand beraubt hatte— und ich konnte berechnen, welche kleine Ausſicht auf Rettung mir noch übrig blieb, wenn ich einmal den Fluß erreicht hätte— als in der Entfernung ein lauter Ruf und ein Pfiff ge⸗ hört wurde, dem alsbald ein anderer noch lauterer folgte— die Burſche um mich her ſprangen auf und eilten mit einem gemurmelten Fluche und einem Schrei des Schreckens in verſchiedenen Richtungen davon. Jetzt konnte ich mehrere Piſtolenſchüſſe hören, die ſchnell auf einander folgten und zugleich das Geräuſch eines Gefechtes mit Säbeln. In einem Augenblicke war es vorbei und es erhob ſich ein Jubel gleich einem Triumphgeſchrei.„Iſt Jemand verwundet hier?“ vief eine tiefe männliche Stimme vom Ende der Straße her, ich ſuchte zu antworten, aber meine Stimme verſagte mir.„Holla, iſt Jemand verwundet da 2“ rief die Stimme noch einmal. Darauf öffnete ſich ein Fenſter über mir, ein Mann hielt eine Kerze heraus und ſah auf die Straße herab.„Hieher, hieher,“ ſagte er, da er an meinem Schatten ſah, wo ich lag.„Ha, ich dachte mir, ſie würden herunter kommen,“ ſagte der⸗ ſelbe Sprecher, den ich zuerſt gehört hatte, als er, be⸗ gleitet von mehreren andern, näher kam.„Nun, Freund, ſind Sie ſtark verwundet? Haben Sie Blut verloren?“ „Nein, ich war nur betäubt,“ erwiederte ich,„und bin beinahe wieder ganz wohl.“ „Haben Sie Freunde hier— oder waren Sie ganz allein?“ „Ja, ganz allein.“ 195 „Natürlich— wie konnte ich auch fragen? Dieſe Möorder⸗Rotte hat es noch nie gewagt, zwei Männern zu trotzen. Kommen Sie,— können Sie gehen? O, ich ſehe, Sie ſind ein feſter Mann— kommen Sie mit uns. Komm, Ludwig, nimm ihn am Arm und wir werden ihn bald aufbringen.“ „Als ſie mich aufhoben, verurſachte die plötzliche Bewegung eine ſo gänzliche Schwäche, daß ich in Ohn⸗ macht fiel und wenig mehr von dem wußte, was mit mir vorging, bis ich mich auf einem Sopha in einem großen Zimmer fand, wo etwa vierzig Perſonen an einer Tafel ſaßen, die meiſten von ihnen aus ungeheuren Pfeifen von ächt deutſchen Verhältniſſen rauchend. „Wo bin ich?“ war meine Frage, als ich mich umſah und bemerkte, daß die Geſellſchaft eine Art blauer Uniform trug, mit Pelz an den Krägen und Aufſchlägen — und ein in Gold gewirktes Windſpiel auf dem Arme. „Nun, Sie find gerettet, mein guter Freund,“ ſagte eine freundliche Stimme neben mir—„das iſt einſtweilen genug, nicht wahr?“ „Ich fange an, Ihnen beizuſtimmen,“ erwiederte ich kaltblütig— mit dieſen Worten legte ich mich auf die Seite, ſchloß meine Augen und fiel in den ſüßeſten Schlaf, den ich in meinem Leben hatte. „Es war in der That eine ſonderbare Art von Stärkungsmitteln, die meine gefälligen Freunde für ge⸗ eignet hielten, mir zu geben; auch weiß ich nicht recht, ob eine bavaroise von Chokolate mit Ruhm vermiſcht, und eine Reibung des Geſichtes mit heißem kölniſchen Waſſer von der ‚Fakultät' gehörig gewürdigt ſind; aber ſo viel weiß ich, daß ich mich durch die Anwendung ihrer Mittel von außen und von innen bedeutend geſtärkt fühlte, und mit einem Geſichte, das etwas von der Farbe einer kupfernen Pfanne hatte und viel zu heiß war, als daß man etwas daran halten konnte, ſetzte ich mich auf und ſah mich um. Noch nie hatte ich trotz meiner reichen 15* 196 Erfahrung eine luſtigere Geſellſchaft von Herren geſehen. Sie waren meiſtens von mittlerm Alter, von etwas grauer Farbe, mit dicken Backen⸗ und Schnurrbärten; ihre Unterhaltung war theils Franzöſiſch, theils Deutſch; dann und wann ſchlich ſich auch ein italieniſches Wört⸗ chen hinein, und um das Ganze zu würzen, ſo kam noch, gleich Pfeffer zu einem Ragout, manch wunderlicher, engliſcher Fluch dazu. „Ihre ſeltſame Kleidung, ihr freies und leichtes Be⸗ nehmen, ihre Vertraulichkeit untereinander, und vor Allem das Lokal, das ſie zu ihrem Gelage gewählt hatten, machten mich, ich geſtehe es, ein wenig argwöhniſch über ihre fleckenloſe Sittlichkeit, und ich begann, mich in Ver⸗ muthungen zu erſchöpfen, zu welchem Stande ſie mög⸗ licherweiſe Weiſe gehören durften. Bald hielt ich ſie für Schmuggler— bald für Polizeibeamtete dieſer oder jener Art— bald geradezu für Siraßenräuber, ohne daß ich jedoch zu einem Entſchluſſe kommen konnte, der ſich einer Ueberzeugung auch nur genähert hätte. Je geſpannter ich lauſchte, deſto größer wurde meine Verlegenheit; daß ſie entweder die ausgezeichnetſten und erhabenſten Individuen oder die verworrenſten Schwätzer waren, ſo diel war gewiß. Hier war ein fetter, kleiner Kerl mit einem Barte wie ein Armenier, der von einer Reiſe ſprach, die er mit dem Herzoge von Sachſen⸗Weimar nach Grie⸗ chenland gemacht habe; augenſcheinlich ſtanden ſie mit⸗ einander auf dem beſten Fuße und hatten den luſtigſten Zeitvertreib dabei. Dort beſchrieb ein großer, ſchöner Mann mit einem ſchwarzen Schnurrbart einen nächtlichen Anfall von Wölfen, der, während einer Reiſe nach Si⸗ birien auf ſeine Karavane gemacht wurde. Ich horchte ſeiner Erzählung mit geſpanntem Intereſſe zu; die Land⸗ ſchaft, die Gefahr, die Ruſtung zur Vertheidigung, alles trug jene kleinen Züge an ſich, welche für Wahrheit zeugen, als er, beim Blitz! das Ganze in einem Augen⸗ blick zerſtörte, da er ſagte:„In dieſem Augenblick ſprach 197 der Großfürſt Nikolaus zu mir—“ der Großfürſt Niko⸗ laus in der That— ſehr gut— er iſt ein ebenſo großer Lügner als der andere. „Halt, dachte ich, dort iſt ein ehrwürdig ausſehen⸗ der, alter Kerl mit einem Kahlkopf; laßt uns ihn hören; von dieſem bin ich überzeugt, daß er ſich keiner großen Herren rühmt, mit denen er nie zuſammengetroffen iſt.“ „Wir kamen jetzt in die Naͤhe von Wien,“ fuhr er fort,„die Nacht war ſchwarz wie Pech, als eine Ve⸗ dette meldete, den ganzen Abend ſey eine in der Gegend wohl bekannte Räuberbande in der Nähe des Poſtens ge⸗ ſehen worden. Wir waren wohl bewaffnet, aber doch keineswegs zahlreich, und es war eine ſchwierige Frage, was zu hun ſey? Ich ſtieg ſogleich ab und unterſuchte die Ladung und das Zündkraut der Karabiner; es war alles in der Ordnung, nirgends ein Fehler.„Was gibt's,“ fragte der Herzog. „O,“ rief ich,„alſo auch hier ein Herzog.“ „Was gibt's?“ fragte der Herzog von Wellington. „O, beim Jupiter! Das geht über alles,“ rief ich, von dem Sopha auſſpringend und vor Staunen beide Hände öffnend.„Auf dieſen kleinen Kerl hätte ich etwas gewettet, und man ſoll mich hängen, wenn er nicht der Schlechteſte von der ganzen Sippſchaft iſt.“ „Was gibt's— was hat ſich zugetragen?“ fragten ſie alle, voll Staunen über meinen plötzlichen Ausruf ſich umdrehend.„Iſt der Mann verrückt?“ „Das iſt ſchwer zu ſagen,“ erwiederte ich,„aber wenn ich es nicht bin, ſo müßt ihr es ſeyn; ich müßte denn, was allerdings möglich iſt, die Chre haben, mich in dieſem Augenblick in Geſellſchaft der heiligen Allianz zu befinden; denn fürwahr, ſeitdem ich hier ſitze und euch zuhöre, gibt es kein gekröntes Haupt in Curopa, keine Königin, keinen Großfürſt, keinen Geſandten, keinen Oberfeldherrn, mit dem niicht der eine oder andere von euch vertraut geweſen; und der kleine Mann mit dem — — 198 rothen Bart hat ſo eben etwas über den Schah von Perſien fallen laſſen.“ „Das ſchallende Gelächter, das den Tiſch erſchüt⸗ terte, hielt eine ganze Viertelſtunde an. Alt und Jung, Glatt und Grau, alle lachten, bis ihre Geſichter mit Bächen durchfurcht waren, gleich einem Gebirge im Winter; und wenn ſie ſuchten mich anzureden, ſo brachen ſie abermals aus, ſo laut als je. „Kommen Sie her und treten Sie zu uns, wür⸗ diger Freund,“ ſprach derjenige, der an der Spitze der Tafel ſaß,„Sie ſcheinen ganz geeignet dazu; und viel⸗ leicht kann unſer Charakter als Männer von Wahrheit durch unſere Bekanntſchaft ſich vervollkommnen.“ „Was um's Himmelswillen ſeyd ihr?“ fragte ich. „Ein neuer Ausbruch ihrer Luſtigkeit war die ein⸗ zige Antwort, die ſie mir gaben. Ich fand nie viel Schwierigkeit darin, mir in gewiſſen Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft fortzuhelfen, wo der Ton ein vertraulicher war; wo ein bon mot beliebt war und ein Scherz wohl auf⸗ genommen wurde, da war ich zu Haus, und die Eigen⸗ thümlichkeiten der Geſellſchaft anzunehmen, war bei mir eine Art Inſtinkt, dem ich mich nicht entziehen konnte. Es koſtete mich weder Mühe noch Anſtrengung— ich griff ihren Geiſt auf wie ein Kind einen Laut aufgreift und machte alles ſo leicht mit, als wäre ich unter ihnen erzogen worden. Ich war daher nur kurze Zeit an der Tafel, als ich es behufs meiner Imatrikulation für nö⸗ thig hielt, eine Geſchichte zu erzählen; und gewiß, wenn ſie mich durch die Umſtände ihrer hohen und mächtigen Bekanntſchaften in Erſtaunen geſetzt, ſo ſparte auch ich ſie nicht in meiner Erzählung, worin der Kaiſer von Japan als ein ganz gewöhnliches Individuum figurirte, und der König von Kandia ganz zufaͤllig, wie eine noch zweifelhafte Bekanntſchaft, erwähnt wurde. „Eine Zeit lang horchten ſie zu wie Leute, die ge⸗ wohnt ſind, ſolcherlei Wunderdinge zu erzählen und zu 199 vernehmen; aber als ich etwas von einem Springfroſch⸗ ſpiel auf der chineſiſchen Mauer mit dem Sohn des Himmels ſelbſt erwähnte, ſo unterbrach mich ein laut ſchallendes Gelächter der Ungläubigkeit. „Gut,“ ſagte ich,„ihr braucht mir nicht zu glau⸗ ben, wenn es euch nicht beliebt; aber ich habe euch hier den ganzen Abend zugehört, und wenn ich nicht eben ſo viel hinuntergeſchluckt habe, ſo will ich nicht Con O'Kelly heißen.“ „Aber es iſt nicht nöthig, Ihnen zu ſagen, wie ſie mich Schritt für Schritt dazu brachten, alles zu glauben, was ſie ſagten, und ihnen endlich meine eigene, wirkliche Geſchichte zu erzählen, was ich von Anfang bis zu Ende that, bis auf den Augenblick, wo ich dort ſaß, ein großes Gas heißen Claret vor mir, im glücklichſten Seelenzu⸗ ande. „ und ſind Sie wirklich ſo ſchlecht bei Kaſſe?“ fragte einer. „Und haben Sie keine Ausſicht auf irgend eine Be⸗ ſchäftigung, keine Hoffnung, Ihr Auskommen zu finden?“ rief ein anderer. „Damit verhält es ſich gerade ſo, wie mit der Be⸗ förderung, die ich von meinem Freunde, dem Kaiſer von China erwarte,“ erwiederte ich. „Sie ſprechen doch ziemlich gut Franzöſiſch und Deutſch?“ „Und ſchnattere auch ein wenig Italieniſch,“ ver⸗ ſetzte ich. „Ei, das iſt ja prächtig; entſchließen Sie ſich, einer von uns zu werden.“ „ Darf ich mir die Freiheit nehmen, zu fragen, was für ein Gewerbe Sie treiben?“ „Das wiſſen Sie nicht? können Sie nicht einmal darauf rathen?“. „Nicht einmal rathen,“ erwiederte ich,„es ſey denn, 290 ſte ſind Berichterſtatter für die Zeitungen, und kommen hieher, um die Neuigkeiten miteinander auszumachen.“ „Wir treiben, hoffe ich, etwas Beſſeres als das,“ ſagte der Mann an der Spitze der Tafel.„Was halten Sie von einem Leben, das den Mann durch die Welt führt, von Norwegen bis Jeruſalem— das ihm jedes Land zeigt, worauf die Sonne ſcheint, wäͤhrend er mit aller Ueppigkeit reist, die eine Tour angenehm und er⸗ götzlich machen kann; das ihn in Stand ſetzt, alles zu ſehen, was jede Stadt der ganzen Erde Merkwürdiges darbietet; im Winter in Petersburg die Taſta zu hören und vor dem Ende des Jahres unter den rothen Män⸗ nern der Felſengebirge einen indianiſchen Kriegstanz zu ſehen; heute unter dem Schatten der Pyramiden zu ſitzen und ehe zwei Monate vorüber ſind, in dem Schaume des Drollhätta zu ſtehen, und in den Tannenwäldern des Norden eine Wolfjagd mitzumachen; außerdem aber Gelegenheiten zu haben, verſchiedene Lebensverhältniſſe aus den nächſten Nähen zu beobachten, die Geſellſchaft ſo aufgedeckt vor ſich zu ſehen, wie es nur wenigen Männern irgend eines Standes geſtattet iſt: im Verkehr zu ſtehen mit den Größten, Weiſeſten. Höchſtgeſtellten, ja! und was über alles geht, mit den ſchoͤnſten Weibern jedes Landes in Europa, die ſich auf Ihr Wort ver⸗ laſſen, die auf Ihre Mittheilungen bauen und Ihnen einen Grad von Vertraulichkeit erlauben, der in ihrem eigenen Rang unerreichbar iſt; Ihren Geiſt durch Kennt⸗ niß von Sprachen, durch Bekanntſchaft mit Kunſtwerken, durch die Bühne, und was noch mehr iſt, durch jene Er⸗ fahrungen, die nur das Reiſen gewährt, zu bilden.“ „Und um dieß zu erreichen,“ ſagte ich vor Unge⸗ duld brennend bei einem Gemälde, das alle meine Wünſche verwirklichte,„um dieß zu erreichen—“ ¹ „Muſſen Sie ein Courrier werden,“ riefen dreißig luſtige Stimmen,„Vive la Grande Route!“ mit die⸗ ſen Worten leerte jeder ſein Glas bis auf den Boden. 201 „Vive la Grande Route!“ rief ich, lauter als die Uebrigen;„ich trete zu euch.“ Von dieſer Stunde an betrat ich eine Laufbahn, die mir mit jedem Tage theurer wird. Es iſt wahr, ich ſitze außen auf dem Wagen, während Monſeigneur oder Mylord drinnen liegt; aber möchte ich ſeine Langweile und ſeinen Trüb⸗ ſinn gegen meine Leichtherzigkeit und Munterkeit ein⸗ tauſchen? möchte ich meine glückliche Unabhängigkeit von allen Intriguen und Ränken der Welt gegen all ſeinen Rang und Stand hingeben? ſieht nicht der Mont⸗ blanc in ſeiner grauen Rüſtung ſo groß auf mich herab, als auf ihn? ſind nicht die Donau und der Rhein für uns beide gleich ſchön? wenn ich in Dresden durch die Gallerie gehe, lächelt nicht die Madonna des großen Raphael ebenſo ſüß und mild auf mich herab, als auf ihn? iſt nicht mein Gaſtwirth mit weniger Zeremonie weit herzlicher gegen mich als gegen ihn? iſt nicht mein Rang in jeder Stadt, in jedem Dorfe bekannt und ge⸗ ſchätzt? werde ich nicht überall begrüßt, wohin ich komme? ſollte eine Krankheit mich befallen, wo habe ich nicht eine Heimat? wo bin ich unter Fremden? Dann, was kümmert mich die Rechnung— ich fahre auf der Heer⸗ ſtraße, wo ich niemals bezahle. Endlich wie oft iſt das Kammermädchen auf dem Bock eine ebenſo angenehme Geſellſchafterin, als die bleiche, gramverzehrte Lady im Innern? „Dieß iſt mein Leben. Manche mögen es verach⸗ ten und gemein nennen. Mögen ſie es thun, wenn ſie wollen. Ich fühlte dieß nie: und noch einmal ſage ich, „vive la Grande Route!“* „Aber Ihre Freunde im Fiſcherhaus?“ „Eine luſtige Sippſchaft von Schmugglern, mit denen ich ein Paar Monate im Sommer eine Kreuz⸗ fahrt mache, weniger des Gewinnes als des Vergnü⸗ gens halber. Das blaue Waſſer iſt eine Lebens⸗Noth⸗ wendigkeit für Jeden, der einige Jahre zur See gewe⸗ 2⁰2 ſen iſt. Meine kleine Sammlung habe ich auf meinen Reiſen gemacht, und wenn Sie einmal nach Neapel kommen, ſo müſſen Sie eine Hütte beſuchen, die ich bei Caſtellamäre habe, wo Sie etwas Sehenswerthes fin⸗ den werden. Und jetzt, es ſcheint freilich gegen alle Gaſtfreundſchaft, aber ich muß Ihnen Adieu ſagen.“ Mit dieſen Worten öffnete Mr. O'Kelly einen Schrank, nahm eine blaue mit reichem dunklen Pelz und ſchwar⸗ zem Schnürwerk beſetzte Jacke heraus, auf den Aer⸗ meln war in goldenen Fäden ein Windhund geſtickt, und die gleiche Verzierung ſchmückte die Vorderſeite ſeiner blauen Tuchkappe.„In einer halben Stunde breche ich nach Genua auf— ich hoffe, wir werden uns wieder treffen und zwar oft.“ „Leben Sie wohl; vielen Dank für den angeneh⸗ men Abend und für eine der ſeltſamſten Geſchichten, die ich je gehört habe. Ich wünſche beinahe, jünger zu ſeyn und glaube, auch ich würde die blaue Jacke anziehen.“ „Sie würde Ihnen manche ſeltſame Scene zeigen,“ ſagte Mr. O'Kelly, während er fortfuhr, ſich für die Reiſe auszurüſten.„Alles, was ich erzählt habe, iſt nur wenig, verglichen mit dem, was ich erzählen könnte, wenn ich nur einige Blätter aus meinem Courrierleben mittheilen würde; aber wie geſagt, wir treffen vielleicht wieder zuſammen. Wiſſen Sie, wer dieſen Morgen meine Reiſegeſellſchaft iſt?“ „Darauf kann ich nicht rathen.“ 3 „Meine alte Geliebte Miß Blundell. Sie iſt jetzt verheirathet und hat eine Tochter, die ganz ſo ausſieht, wie ſie einſt war. Nicht wahr, das iſt eine wunder⸗ liche Welt? Leben Sie wohl.“ Damit ſchuttelten wir uns zum letzten Mal die Hände und ſchieden; ich gieng nach Antwerpen zurück, als die Sonne aufgieng und begab mich zu Bette, um noch acht Stunden zu ſchlafen. 203 Neuntes Kapitel. Brüſſel— Hotel de France. Morgan O'Dogherty hatte unrecht— was ihm, um die Wahrheit zu ſagen, nur ſelten begegnete— wenn er behauptete, ein Regimentstiſch ſey die vollkommenſte aller Speiſegeſellſchaften. Erſtens kann nirgends eine Vollkommenheit ſein, das iſt klar, wo keine Damen ſind. Zweitens kann man von einer Anzahl von Perſonen, die alle demſelben Stande angehören und daher in ihren Sitten, in ihrer Denkungsart und Ausdrucksweiſe ſo⸗ viel mit einander gemein haben, kaum erwarten, daß ſie jenes manniafaltige Gemiſch darbiete, das für eine an⸗ genehme Geſellſchaft ſo unumgänglich nothwendig iſt. Endlich iſt die bloße Thatſache, jeden Tag die gleichen Leute zu finden und auf gleiche Art auszuſehen, ein trauriges Dämpfungsmittel für den Fluß der Lebens⸗ geiſter, die, wenn ſie frei ſtrömen ſollen, alle Wechſel und Manigfaltigkeiten einer friſchen Zuhörerſchaft ver⸗ langen, mit einem Worte, in dem einen Falle wird der Menſch wie ein holländiſcher Kanal, der zwiſchen ſeinen ſchmucken Ufern ſtill und träge fließt; im andern iſt er ein ſpringender Bach, der luſtig durch grüne Wieſen und lachende Gefilde läuft, bald im holden Sonnen⸗ ſchein ſich wärmend, bald im kühlen Schatten weilend; in dieſem Augenblick ſtürzt er ſich rauſchend, brauſend und ſchäumend zwiſchen Felſen und moosbewachſenen Kieſeln dahin; im nächſten breitet er ſich in einen klei⸗ nen, ruhigen, tiefen, ſpiegelgleichen See aus. Gerade die Wechſel und Manigfaltigkeiten der Un⸗ terhaltung, ihre Höhen und Tiefen, ihre Lichter und Schatten— denen das Leben ſelbſt ſo ähnlich— ſind es, die ihren größten Reiz ausmachen; und darum ge⸗ 204 währt im Allgemeinen eine gemiſchte Geſellſchaft die einzige Sicherheit. Nun hat aber ein Regimentstiſch wirklich ſehr wenig von dieſen Erforderniſſen; im Ge⸗ gentheil, ſeine große Stütze iſt die Thatſache, daß er ein bequemes Flachland für alle Fähigkeiten darbietet. Er hat ſeine gleichen, trockenen, ſchalen Späße, ebenſo flach und ſchwerfällig, als das Ordonanzbuch; das regel⸗ mäßige Räthſel über Jones' Backenbart oder Tobin's Pferd, die abgedroſchenen Geſchichten von„unſerm Simpſon“ oder„Euern Nokes,“ deren der Major nie ſat und wovon der neuaufgenommene Unterlieutenant entzückt wird. Der Himmel ſegne ihre ehrbaren Herzen, in der Armee gibt es ſehr wenig Scherz! gleich der vor⸗ geſchriebenen Razion Wein wird er nie berauſchen, und man erwartet von Niemand, daß er eine neue Lieferung verlangen werde. Ich habe an mehr Regimentstiſchen gegeſſen, als irgend dein Rothrock daheim oder auswärts, bei der Ka⸗ vallerie, Artillerie und Infanterie, bei Gala⸗Geſell⸗ ſchaften mit einem General und ſeinem Stabe zu Gaſt, nach heißen Märſchen, wo noch ſoviel Claret nicht im Stande war, die Kehle vom Pfeifenton und Staub zu reinigen, auf den Colonien, wo ſtatt der Ordonnanz⸗ röcke wollene Jacken eingefuhrt waren, in Connemara, Calcutta oder Corfu, es war überall gleich— coelum non animum—— u. ſ. w. Nicht als ob ſie nicht alle ihre kleinen Eigenthüm⸗ lichkeiten gehabt hätten; dieß war in dem Maße der Fall, daß ich fünfzig Pfund wette, wenn Sie mich mit verbundenen Augen an einen Regimentstiſch ſetzen, ſo will ich Ihnen ſagen, zu welchem Corps Sie gehören, bevor der Käs erſcheint; ich mache mich verkindlich, be⸗ vor die Flaſche halb herum iſt, die Huſaren von den Küraſſieren und die Füſiliere von den leichten Schützen zu unterſcheiden; und wenn der Präſident ſchellt, um noch mehr Claret zu beſtellen, ſo muß es ſchlimm mit mir geben, wenn ich nicht die Nummer des Regiments auf’s Haar errathe. Den größten Reiz hat ein Regimentstiſch für jene jungen, glühenden Geiſter, die friſch von Sandhurſt oder Eton herkommen, müde ihrer Mathematik und mit fal⸗ ſchen Größen gelangweilt. Für ſie iſt es wirklich eine herrliche Veränderung, und ich mochte weiter nichts wünſchen, als ſechzehn Jahre alt zu ſeyn, um ſie recht zu genießen; für die alten Praktiker aber iſt es wirk⸗ lich eine langweilige Sache. Ein Mann von vierzig Jahren dreht ſeinen Bart mit weit weniger Vergnü⸗ gen, als er im ach zehnten deſſen Wachsthum und ſeine Entwicklung überwacht; auch ſchnürt er ſich in jener Periode mit einem ganz andern Wonnegefühl. Seine erſte Fahrt nach Jamaica iſt wenig mehr als ein Ler⸗ chenflug; ſeine vierte oder fünfte, mit Weib und vier Bälgen, iſt kaum eine Luſtpartie, und alle dieſe Dinge wirken auf den Regimentstiſch zurück. Außerdem iſt es gegen die menſchliche Natur, an Leuten, die unſere Ne⸗ benbuhler ſind, Gefallen zu finden, und wen könnten die Scherze eines Mannes beluſtigen, der ihm möglicher Weiſe im Lichte ſteht? Indeſſen, alles zuſammenge⸗ nommen, verträgt ſich das Militär beſſer zuſammen, als alle andern Standesgenoſſen. Doktoren können an⸗ genehme Geſellſchafter ſein; ſie kennen viel vom Leben und zwar ſolche Dinge, die andere Leute nie zu ſehen bekommen; aber findet man ſie in Maſſe, ſo ſind ſie wenig beſſer als Bettelvögte; es iſt keine Krankheit zu ſchrecklich, keine Operation zu blutig, die ſie nicht über der Suppe erzählen; jedes Stück von einem Truthahn erinnert ſie an eine Amputation, und einen Flügel ſchnei⸗ den ſie mit der anatomiſchen Genauigkeit ab, mit wel⸗ cher ſie einen Schenkel abnehmen würden. Das Leben hat für ſie kein anderes Intereſſe, außer wo es an den Tod grenzt, und aus Gewohnheit und Abhärtung ver⸗ geſſen ſie, daß menſchliches Leiden noch etwas anderes 266 iſt, als eine Quelle des Reichthums für den Stand der Aerzte. 3Roch ſchlimmer ſind die Advokaten; wenn man ſie hört, ſo meint man, die erhabenſte Stufe der Erkennt⸗ niß ſei eine Geſchicklichkeit in Rechtsverdreherei; Kniffe und Pfiffe ſeyen die höchſten Fruchte des Talentes; einen armen Mann niederzuſchlagen und einen einfältigen zu verwirren, ſeyen große Triumphe des Genius, und die edelſte Gabe des menſchlichen Geiſtes ſey jene, die einen Menſchen befähige, jede Regung von Liebe, Wohlwollen, Mitleid, Zorn, Schmerz und Freude zu heucheln, für die Summe von zwanzig Pfund Sterling, die ein„ehr⸗ barer Anwalt“ kraft ſeines Patents der tiefſten Armuth entreißt. Was die Pfarrer betrifft, ſo muß ich ſie von jedem Theile dieſer Anklage aufrichtig freiſprechen. Der Zu⸗ fall hat es gewollt, daß ich mehr als einem Viſitations⸗ Mahle beigewohnt habe, und ich kann ernſtlich verſichern, daß niemals, nicht einmal aus Zufall, die Unterhaltung ſich auf ihren Stand einſchränkte, und daß ich nie während des Tiſchgeſpräches ein Wort von Frömmigkeit hörte. Landedelleute ſind kaum Standesgenoſſen zu nennen, ſo ſehr auch die Aehnlichkeit ihrer Neigungen und Be⸗ ſchäftigungen für eine Klaſſifikation zu ſprechen ſcheint — Fuchsjagd, Birkhühnerſchießen, Straßenfrohnen, Ren⸗ tenbeziehen ſind allgemeine Liebhabereien. Sie ſind die trägſten von allen, und es koſtet viele Mühe, wach zu bleiben, wenn einmal die Unterhaltung in ihr regel⸗ mäßiges Geleiſe getreten und auf Schmalvieh, ſchwe⸗ vüche den⸗ Tiefpflügen und Südflächen übergegan⸗ gen iſt. Künſtler ſind zuweilen recht angenehm, wenn man nur uber ihre Eitelkeit und ihren Eigendünkel hinweg⸗ eht. 18 Schriftſteller ſind noch beſſer wegen ditto und ditto. Schauſpieler ſind höchſt ergoͤtzlich wegen der un⸗ —————:—:— 2:’—— 2⁰7 ſchuldigen Täuſchung, unter der ſie leiden, daß Alles, was im Leben vorgeht, unweſentlich ſey, außer was im Covent⸗Garden oder Drury⸗Lane aufgeführt werde; mit einem Worte, Standes⸗Cliquen ſind in der Regel ver⸗ werflich, da die Individuen, woraus ſie beſtehen, häufig vortreffliche Ingredienzien, aber, wenn unvermiſcht, un⸗ erträglich ſind; und die Geſellſchaft iſt, gleich einem Ragout, nie ſo gut, als wenn ihre einzelnen Beſtand⸗ theile ein wenig verſchieden ſind. Was mich betrifft, ſo geht mir nichts über eine Table d'Hote— dieſe angenehme Miſchung aus allen Nationen von Stockholm bis Stambul, aus jedem Rang, vom Großherzog bis zum Sackträger— Männer und Frauen, oder, wenn man lieber will, Lady's und Gent⸗ lemen; die Einen zum Vergnügen reiſend, Andere des Gewinnes halber; Einige auf Hochzeittouren begriffen, Andere um ſich in ihrem Wittwenſtande zu tröſten; die Einen über den Weg des Lebens in aller Friſche der Jugend, Geſundheit und mit wohlgefüllten Börſen da⸗ binraſſelnd, Andere vorſichtig und ruhig an der Seite des Weges daherſchleichend: geſetzte, ſentenziöſe Engländer, lebhafte Italiener, ſchwerfällige Deutſche, witzige Fran⸗ zoſen, ſchlaue Ruſſen und ſtumpffinnige Belgier— alle bunt untereinander ſitzend, und durch Suppe, Fiſche, Geflügel und Zwiſchengerichte in eine augenblickliche Vertraulichkeit geworfen. Die bloße Thatſache, daß man auf Reiſen iſt, gibt Allem, was man ſagt, eine gewiſſe Offenheit und Freiheit. Der Spaß iſt unterzeichnet, der Wagen gepackt; morgen kann man hundert Meilen weit ſeyn. Was liegt alſo daran, ob der alte Baron mit dem weißen Schnurrbart über unſer Deutſch gelächelt, oder ob die Lady mit dem zarten Geſichte in der Dunſt⸗ ablehaube über unſere Moralität gezürnt hat; wir wer⸗ den uns aller Wahrſcheinlichkeit nach nie mehr finden. Man thut ſein Möglichſtes, angenebm zu ſeyn— dieß iſt die einzige Auszeichnung, die anerkannt wird; hier 208 gibt es keine Chrenplätze— keine Lieblingsgäſte— Jeder betritt ohne Zwang die Rennbahn, und ich habe es ſtets für einen luſtigen Lauf gehalten. Nun ſoll aber Niemand, während er die Gemein⸗ heit dieſes meines Geſchmackes verdammt, denn ſolch einen Einwurf ſetze ich voraus— obgleich der Anders⸗ gläubige vielleicht nur ein Schneider aus Bond⸗ſtreet, oder eine Schulmeiſterin aus Brigthon iſt— auch nur einen Augenblick meinen, daß ich in dieſes flüchtige Lob alle Table d'Hote einzuſchließen gedenke— nein, da⸗ von bin ich weit entfernt. Ich, Arthur O'Leary, bin einige hunderttauſend Meilen weit in jeder Gegend und unter jedem Himmelsſtrich der Erde gereist, und doch würde es mir bedeutend ſchwer fallen, auch nur ſechs aufzuzählen, die das von mir ausgeſprochene Lob wirk⸗ lich rechtfertigen. Erſtens ſollte die Table d'Hote, um alle von mir gewünſchten Eigenſchaften zu beſitzen, ihr Lokal nicht in einer Stadt erſten Rangs, wie in London, Paris oder Petersburg habenz nein, ſie ſollte vielmehr in Brüſſel, Dresden, München, Bern oder Florenz ſeyn. Ferner wünſche ich ſie nicht in dem großen, übermäßigen Mam⸗ muth⸗Hotel der Stadt, mit dreihundert Verſchlingern täglich, und mit einer Dampfmaſchine, um das Rind⸗ fleiſch zu zerſchneiden. Sie ſollte und wird in der Regel an einem entlegenen, ruhigen Orte ſich finden; häufig innerhalb eines kleinen Hofraums, mit Orangenbäumen um die Wände und einem kleinen, beſcheidenen Spring⸗ brunnen in der Mitte, mit einer Glasthüre, die aus einer Flucht von niedern Treppen in ein niedliches Vor⸗ zimmer geht, wo ein aufmerkſamer, aber nicht zudring⸗ licher Aufwärter bereit ſteht, Hut und Stock abzuneh⸗ nehmen, inſtinktmäßig unſere Speiſeabſichten erräth, uns reſpektvoll in den Salon führt und unſern Stuhl an den Platz ſtellt, den wir wäͤhlen. Die wenigen bereits angekommenen Gäſte haben —— das Anſehen von Stammgäſten, ſie ſchwatzen miteinander, wenn wir eintreten, aber ſie halten es für eine Noth⸗ wendigkeit, dem Fremden alle Ehren zu bezeigen, und ſchließen uns ſogleich in die Unterhaltung ein; ein Paar Worte genügen, und wir ſehen, daß ſie nicht zuſammen⸗ gewürfeltes Volk ſind, das vor der Thüre vom Hunger ergriffen wurde, ſondern tägliche Gäſte, die das Haus kennen und würdigen. Die Tafel ſelbſt iſt keineswegs lang— höchſtens ſechzehn Perſonen können daran ſitzen; die gewöhnliche Zahl iſt zwölf bis vierzehn. Zur Som⸗ merszeit ſteht in der Mitte ein köſtlicher Strauß; das ſchneeweiße Tafeltuch und der helle Glanz des Meſſers fällt uns augenblicklich auf. Die Beſtecke ſind ſo glän⸗ zend, als wären ſie erſt aus den Händen des Silber⸗ ſchmieds gekommen, und die Temperatur des Zimmers zeigt ſogleich, daß man nichts vernachläßiget hat, was zur Behaglichkeit der Gäſte beitragen kann. Das Plät⸗ ſchern des Springbrunnens macht ein liebliches Geräuſch und die langen Hälſe der Rheinweinflaſchen, die in den kleinen Baſſins ruhen, haben ein üppiges, keineswegs unangenehmes Ausſehen, während der Champagner ſeinen mehr ſüdlichen Charakter in den Eisküubeln im Schatten birgt: allenthalben verbreitet ſich ein ſüßer feiner Ge⸗ ruch von Ananas und Aprikoſenpflaumen; auch bin ich nicht geneigt, mich über die zufällige Ausſicht zu erzür⸗ nen, wenn mein Blick zwiſchen den Orangebäumen hin⸗ durch auf ein Fenſter fällt, wo Spargeln, Wildprät, Orangen und Melonen bunt untereinander gruppirt ſind, jedoch mit einer Harmonie in der Farbe und mit einem Effekt, deren ſich Schneider hätte rühmen dürfen. Ringsherum herrſcht eine geräuſchloſe Thätigkeit— Alles hat ein gewiſſes Anſehen von Zubereitung— aber nicht in der Art, daß der angenehme Genuß, dem wir uns hingeben, durch Lärm geſtört wird, ſondern alles deutet auf Sorgfalt und Geſchicklichkeit; wir fühlen in Lever, O'Leary. J. 14 —— p.——— 21⁰ der That, daß Ungeduld von unſerer Seite nur gegen unſer eigenes Intereſſe ſtreiten würde, und daß, wenn der Augenblick zum Serviren kommt, die Suppe die letzte vollendende Würze aus der Hand des Künſtlers er⸗ halten hat. Inzwiſchen hat ſich die Geſellſchaft ver⸗ ſammelt, die Mehrzahl beſteht aus Männern, aber es ſind auch vier bis fünf Lady's darunter. Sie ſind eben⸗ falls en chapeau; aber ihre Toilette zugt von Ge⸗ ſchmack und Eleganz, und die Friſche— dieſe anmuthige Eigenthümlichkeit des Reiſegewandes— die Friſche ihrer leichten Mouſſelinkleider ſtimmt mit allem Uebrigen über⸗ ein. Dann kommt jenes kleine, gefällige Geräuſch des Begrüßens, der Austauſch gewiſſer unbedentender Höf⸗ lichkeiten, die wenig koſten, und doch ſo angenehm ſind; die Neuigkeiten des Theaters für die Nacht, irgend eine wohlbekannte Soirèe oder Promenade bilden das ganze Empfangsgeſpräch und wir ſitzen an der Tafel. Das Geſchick, das mich zu einem Reiſenden machte, hat mich doppelt geſegnet, indem ich ſowohl mit der ein⸗ fachſten Küche mich begnügen, als auch an der aller⸗ kultivirteſten mich erfreuen kann; und wenn ich bei Parry einfaches Gekröſe gegeſſen habe, ſo habe ich dadurch kei⸗ neswegs meinen Geſchmack für Trüffeln bei den„Frères“ verloren; darum darf man mir glauben, daß ich bei meiner Erwähnung einer Table d'Hote nicht die weſent⸗ lichſte ihrer Eigenſchaften vergeſſen habe— denn dieſe, die geringe und demnach gewaͤhlte Zahl der Geſellſchaft iſt ſtets ſeine Garantie. So ſitzen wir denn an der Tafel; unſere Serviette iſt ausgebreitet, aber wir ſehen keine Suppe; bald gewahren wir die Urſache: wir empfangen mit Dank die kleine Platte mit Oſtende⸗ Auſtern, jede etwas kleiner als ein Fünffrankenſtück. Wer möchte Perlen außer den Schalen ſuchen, wenn ſolche Schätze drinnen gefunden werden— kalt und ſaftig laſſen die Wonnen ahnen, die da kommen ſollen, und paſſen ſo vortrefflich zu dem hellen Glas Chablis. Welche 211 Vorbereitungen für die Suppe, die ich bereits als eine printaniere erkenne. Aber wozu bei allen dieſen Din⸗ gen verweilen? Dieſe meine Bemerkungen ſollten lieber einen beſcheidenen Nachtrag zu irgend einer von den unſchätzbaren Abhandlungen John Murray's über das Reiſen bilden; hie und da eine Erinnerung an Dinge, die mir bei meinen Streifereien als merkwürdig vorge⸗ kommen ſind; manches, das eine halbe Stunde hier oder einen Abend dort verkürzen kann; da und dort ein ink für einen Reiſenden über einen Gaſthof, eine Kirche, eine Ausſicht, einen Schauſpieler, einen Dichter, ein Gemälde oder eine Paſtete, von deren Daſeyn er nichts wußte, die aber doch ſeinen Aufenthalt intereſſant machen fönnen— und um noch einmal zurückzukommen: ſolch ein Gemälde, wie ich dargeſtellt habe, iſt nur eine ſchwache und unvollkommene Skizze von dem Hôtel de France in Brüſſel, wenigſtens in ſoweit ich mich deſſel⸗ ben noch erinnere. Der arme Biennais, er war ein wahrer Künſtler! er begann ſeine Laufbahn unter Chi⸗ caud, und ſtieg unter Napoleon zu der Würde eines rotisseur empor. Mit welchem Enthuſiasmus pflegte er von ſeinen Erfolgen während des Kaiſerreichs zu ſprechen, als Bonaparte ihm carte blanche gab, ein Diner für eine Geſellſchaft von Königen herzurichten. Napoleon ſelbſt war nur ein untergeordneter Gaſtronom: bei ihm war das Haupterforderniß, allenthalben und in jedem Augenblick zu ſerviren; und obgleich der Speiſe⸗ zettel ein beſcheidener war, ſo hielt es doch zuweilen ſchwer, denſelben in den Tiefen des Schwarzwaldes oder auf den Sandebenen Preußens, inmitten der kothbedeck⸗ ten Felder Polens oder des moskowitiſchen Schnees zu beſorgen— ein Huhn, eine Kotelette, eine Taſſe Kaffe war die ganze Geſchichte; aber alles ſollte gleichſam hergezaubert werden. „ Unter ſeinen Untergebenen waren mehrere ausge⸗ zeichnete Wohlſchmecker, Cambacères war wohl bekannt; 14 21² eben ſo hielten Murat und Deerès, der Marine⸗Mini⸗ ſter, bewundernswerthe Tafeln. Von dieſen ſprach Biennais mit Entzücken: er kannte ihren verſchiedenen Geſchmack; und bemerkte jedesmal, wenn er ein Meiſter⸗ ſtück ſeiner Kunſt auſtrug, wie der König von Neapel es liebte, oder der Erzkanzler es rühmte. Für ihn war der Umſturz des Kaiſerreiches weiter nichts, als der Zerfall der Küche; und in den letzten Tagen von Fon⸗ tainebleau ſah er nichts Ergreifenderes, als daß der Kaiſer ein Käſegericht, das er ſtets mit Entzücken ge⸗ geſſen, unberührt gelaſſen hatte. „Daran,“ ſagte Biennais,„ſah ich, daß das Spiel aus war.“ Mit den hundert Tagen wurde er gleich ſei⸗ nem Herrn reſtaurirt, aber ach, das Reich der Caſtrolen war vorüber; der Donner der Kanonen⸗Gießereien und das Getöſe der Kugelöfen waren zeitgemäßere Töne, als das Brodeln von Saucen und das liebliche Praſſeln einer Schmorpfanne. Kein Wunder, dachte er, es mußte ein Waterloo kommen, wenn der Geiſt der Nation ſo ausgeartet war.. Napoleon verbrachte ſeine letzten Tage im Erxil; Biennais begab ſich nach Belgien; der Park war ſein Long⸗wood; und in der That, er ſelbſt ſah in den bei⸗ den Geſchicken unwandelbare Vergleichungspunkte. Zum Glück für Diejenigen, welche das Hôtel de France be⸗ ſuchten, brachte er den Reſt ſeiner Jahre nicht damit zu, daß er irgend einem Las Caſes der Küche ſeine Memoiren diktirte, ſondern betrieb bis zum letzten Augen⸗ biicke ſeine große Kunſt, und ſtarb ſo zu ſagen mit dem Löffel in der Hand. Für mich hat das Hôtel de France manche Reize. Ich erinnere mich deſſelben— ich will nicht ſagen, ſeit wie vielen Jahren; ſein kühler, ergötzlicher Salon ging auf jenen ſchönen kleinen Park hinaus, deſſen ſchattige Alleen an den Sommerabenden ſo erquicklich ſind. Dort zu ſitzen unter den Linden und ſeinen Kafé zu ſchlürfen, 213 die auf⸗ und abgehenden Gruppen zu betrachten, in ſei⸗ nem eigenen Kopfe Geſchichten auszuweben, die dicker und dicker werden, je tiefer der Schatten wird; kaum ſieht man die unſtäten Geſtalten, wie ſie durch die ſchwei⸗ genden Baumgänge dahingleiten; das ferne Rauſchen einer Muſik— irgend eine vaterländiſche Weiſe— iſt das Einzige, was die Stille unterbricht, und man ver⸗ gißt in dem träumeriſchen Schweigen, daß man mitten in einer großen Stadt iſt. An das Höôtel de France knüpfen ſich noch an⸗ dere Erinnerungen als dieſe; ich weiß nicht recht, ob ich ſie nicht beichten werde; indeſſen habe ich eine ge⸗ wiſſe Scheu davor. Man nennt es vielleicht ein Liebes⸗ Abenteuer, und das wäre mir gar nicht lieb; außerdem liegt kanm eine Moral darin— indeſſen wer weiß? Zehntes Kapitel. Eine Erinnerung aus dem Hôtel de France. Es war im Monat Mai— das Jahr möchte ich nicht ausplaudern— als ich mich, nachdem ich es mit mehreren Gaſthöfen auf der Place Royale verſucht hatte, endlich vor der Thüre des Hôtel de France abgeſetzt fand. In meiner damaligen Unwiſſenheit kam es mir vor, wie eine Veränderung zu meinem Nachtheile, als der Poſtillion ſagte:„laſſen Sie uns das France pro⸗ iren;“ und ich war wenig vorbereitet auf den ſchönen, aber etwas kleinen Gaſthof vor mir. Es war gegen fünf Uhr, als ich ankam, und ich hatte nur noch Zeit, mich ein wenig umzukleiden, als die Glocke zur Table d'Hote länutete.— Die Gäſte hatten ſchon Platz genommen, als i eintrat, aber für mich war noch ein Stuhl aufbehalten 214 worden, ſo daß die Tafel vellſtändig beſetzt war. Ich war damals noch ein junger— vielleicht wird man, wenn man ein wenig weiter liest, ſagen, ein ſehr jun⸗ ger— Reiſender, war aber bald frappirt über die ruhige und anſtändige Manier, wie das Diner geleitet wurde: Die Deenerſchaft war prompt, ſchweigſam und anfmerk⸗ ſam; die Gäſte wohlgemurh und leutſelig; das Tafel⸗ zeug elegant und die Küche von Biennais. Ich war der einzige Engländer am Tiſche, die übrige Gerellſchaft ſchien aus Deutſchen und Franzoſen zu beſtehen; aber alle ſprachen wie alte Bekannte mit einander, und waren noch bevor das Diner weit vorgerückt war, höflich ge⸗ nug, mich in die Unterhaltung einzuſchließen. An der Spitze ſaß ein ſtattlicher, auffallend ſchöner Mann, ven ungefähr acht und dreißig bis vierzig Jah⸗ ren; er trug einen dunklen, reich mit Schnüren beſetzten und mit verſchiedenen fremden Orden verzierten Rock, ſeine Stirne war hoch und ſchmal, die Schläfe ſtark gekerbt; ſeine Naſe gebogen und dünn, ſeine Oberlippe mit einem kurzen ſchwarzen, aufwärts gedrehten, leicht⸗ gewundenen Schnurrbart bedeckt, wie wir zuweilen bei vandykiſchen Gemälden ſehen; in der That gaben ihm ſeine dunkeln, braunen Züge etwas Trauriges in ihrem Ausdruck, ſeine vollen, nußbraunen Augen und das lange wogende Haar ganz jenen Charakter, den der große Künſtler ſo gerne auf ſeiner Leinwand verewigte; er ſprach ſelten, aber wenn er es that, ſo lag etwas unbe⸗ ſchreiblich Anſprechendes in den leiſen, ſanften Tönen ſeiner Stimme; ein leichtes Lächeln erheiterte zuweilen feine Züge, und in ſeinem Weſen lag eine gewiſſe ſelt⸗ ſame Anziehungsfraft, ſo daß ſich jeder, den er anredete, dadurch geſchmeichelt und entzückt fühlte, gerade wie etliche von einem Souverän geſprochene Worte von der Umgebung aufgegriffen und weiter getragen werden. An ſeiner Seite ſaß eine Dame, von der ich an⸗ fangs, als ich in das Zimmer trat, wenig Notiz nahm. 3 6 — Ihr Geſicht ſchien lieblich, aber nichts weiter; allmäͤlig jedoch, als ich ſie länger beobachtete, fiel mir die aus⸗ gezeichnete Zartheit von Zügen auf, die ſelten gleich beim erſten Anblick ihren Eindruck machen. Sie war ungefähr fuͤnf und zwanzig, vielleicht auch ſechs und zwanzig Jahre alt, aber in ihren Blicken lag ein Aus⸗ druck, der ihrer Schönheit einen faſt kindlichen Anſtrich verlieh. Sie war blaß, ihr Haar braun— von jenem ſtrahlenden Lichtbraun, deſſen Farbe wechſelt, je ſtärker oder ſchwächer das Licht darauf fällt; ihr Geſicht war oval und zur Fülle geneigt; ihre Augen groß, voll und glänzend, mit einem Ausdruck von Milde und Unſchuld, der wunderbar bezauberte, je länger man ſie betrachtete; ihre Naſe war kurz, vieckeicht ein Schönheitsfehler, aber ſchön gemeißelt und fein wie eine griechiſche Statue; ihr Mund etwas groß, zeigte jedoch zwei Reihen von önen, regelmäßigen, ſchneeweißen Zahnen; ihr Kinn rund und mit einem Grübchen verſehen, gleitete in leich⸗ tem Uebergang in einen vollen, höchſt anmuthig gebil⸗ deten Hals hinüber. Ihre Geſtalt war, ſo viel ich be⸗ urtheilen konnte, unter der mittleren Größe und neigte ſich zu einem embonpoint: ihr Anzug, auf eine mir unbekannte National⸗Eigenthumlichkeit hindeutend, be⸗ ſtand aus einem vorn mit Spitzen verbrämten und mit kleinen Silberknöpfchen verzierten Sammt⸗Spenzer, der in ein weißes Moußlin⸗Kleid endete, eingefaßt war; eine kleine Kappe, einigermaßen derjenigen ähnlich, worin die Schottenkönigin Marie gewöhnlich dargeſtellt wird, ſaß auf ihrem Kopfe und fiel in tiefen verbrämten Fal⸗ ten auf ihre Schultern herab. Ihre Hände endlich, klein, weiß und mit Grübchen verſehen, zeigten an ihren runden zugeſvitzten Fingern mehrere Ringe von augen⸗ ſcheinlich großem Werthe. Ich war in meiner Beſchreibung dieſer beiden Per⸗ ſonen etwas weitſchweifig und kann meinem Leſer faum zumuthen, mich weiter im Kreiſe herum zu begleiten; indeſſen ſind es hauptſächlich ſie, mit denen ich zu thun habe. Die übrigen Tiſchgenoſſen waren immer noch merkwürdig genug: da ſaß ein tonangebendes Mitglied der Deputirtenkammer— ein Exminiſter, ein hagerer, häßlicher Mann mit dunkeln Brauen, eingedrückter Stirne und kohlſchwarzen Augen; er war ein Mann von großer Gewandbeit, ſprach beredt und gut und zeigte eine auffallende Offenheit und Freimüthigkeit über die Politik des Tages. Ferner ein Paar Deutſche aus ir⸗ gend einem Großherzogthum, etwas dünkelhaft und zu⸗ rückhaltend, wie alle Deutſchen aus kleinen Staaten; ſie ſprachen wenig und gefielen ſich augenſcheinlich in ihrer Fähigkeit, die Geſellſchaft dadurch auf die Folter zu ſpannen, daß ſie die Abſicht des Großherzogs von Hochdonnerſtadt in Betreff der gegenwärtigen Lage Europa's nicht preis geben wollten. Ferner drei Franzoſen und zwei franzöſiſche Damen, lauter gefällige, heitere, geſprächige Leute; ſodann ein Doktor aus Löwen, ein ſchlauer, einſichtsvoller Mann; ein preußiſcher Major mit ſeiner Frau, gebildete, geſetzte Leute, und gleich allen Preußen geſchliffen, ohne jedoch zu näherer Bekanntſchaft mit ihnen einzuladen; ein öſterreichiſcher Geſandtſchafts⸗Sekretär, ein Weinhändler aus Bordeaurx und ein gefeierter Pianiſt ergänzten die Geſellſchaft. Ich habe nun meinen Leſer in Beſitz von Auf⸗ ſchlüſſen geſetzt, die ich ſelbſt erſt einige Tage ſpäter erhielt; denn obgleich die eine oder andere dieſer Perſo⸗ nen bei der Table d'Hete gelegenheitlich fehlten, ſo nahm ich doch bald wahr, daß ſie alle gewöhnliche Gäſte des Hauſes und daſelbſt wohlbekannt waren. Wenn auch die Gäſte an der Tafel ſaßen, wie der Zufall ihnen einen Platz anweiſen mochte, ſo konnte i doch bemerken, daß man gegen den ſtattlichen Mann, der unveränderlich ſeinen Platz an der Spitze einnahm, ſtets eine gewiſſe Ehrerbietung beobachtete; und gegen 217 die Dame neben ihm, die ſeine Frau war, nahm man einen Ton noch größerer Höflichkeit an. Er wurde ſtets als Monsieur le comte angeredet, und eben ſo wenig wurde ihr Titel Gräfin vergeſſen, wenn man mit ihr ſprach. Während des Diner's wurde alles Geſpräche und Geklatſche des Tages ihr beſonders vorgetragen. Die jüngern Gäſte wagten es gelegenheitlich ihr einen Strauß zu überreichen, und ſogar der ſauerköpfiſche Miniſter ſelbſt machte gegen ſie eine höflichere Verbeu⸗ gung, als er bei einer Vorſtellung vor einem gefrönten Haupte zu Stande gebracht hätte. Alle dieſe kleinen Aufmerkſamkeiten erwiederte ſie mit einem Lächeln, oder einem Blicke, oder einem Worte, oder einer Geberde mit ihrer weißen Hand, ohne durch eine unverdiente Gunſt⸗ bezeugung Eiferſucht zu erregen; ſie theilte vielmehr ihre Huld mit dem geübten Gleichmuth einer Dame aus, die daran gewöhnt iſt. War das Diner und der Kaffe vorüber, ſo fuhr eine ſchöne Britzka mit zwei glanzenden Dunkelbraunen beſpannt, vor, und Madame la Comtesse, von ihrem Gemahl an den Wagen begleitet, empfing die Huldi⸗ gungen der ganzen Geſellſchaft, die ihr zu beiden Seiten Platz machte. Der Graf verweilte gewöhnlich noch zwanzig Minuten, und empfahl ſich ſodann, um eine Stunde lang im Park ſpazieren und hernach in das Theater zu gehen, wo ich ihn gewöhnlich mit ſeiner Frau in einer Privatloge ſah. Ddieß war die kleine Geſellſchaft im France, als ich dort im Monat Mai meine Wohnung auſſchlug; allmälig jedoch verſchwand im Verlauf des Sommers ein Mitglied nach dem andern. Die Deutſchen waren zu ihrem Sauerkraut und Kreuzer⸗Whiſt zurückgekehrt; der Geſandtſchaftsſekretär war auf Urlaub, der Wein⸗ händler war nach St. Petersburg verreist; der Pianiſt ließ ſich in London hören; der Er⸗Miniſter war in dem Bureau, an deſſen Spitze er einſt ſtand Schreiber ge⸗ 218 worden und ſo weiter, ſo daß unſere Geſellſchaft auf den Grafen und die Gräfin, auf einen herumſtreichen⸗ den Reiſenden, einen tauben Abbé und michſelbſt herab⸗ geſchmolzen war. Die Hundstage in einer Stadt des Continents ſind, wie männiglich weiß, trübſelig und langweilig genug. Jedermann hat ſich entweder auf ſein Schloß begeben, wenn er eines hat, oder in die Bäder; das Theater hat keinen Reiz, ſelbſt wenn die Hitze deſſen Beſuch geſtat⸗ tete: die Straßen ſind leer, ausgedörrt, mit Gras be⸗ wachſen; außer Ankunft und Abreiſe jener raſtloſen Lokomotive, John Bull, regt und bewegt ſich nirgends etwas. Traurig fürwahr iſt alsdann die Lage des Mannes, der durch irgend einen Zufall dazu verdammt iſt, dieſe trübſelige Zeit zu beſtehen; einſam herumzuwandern in jenen Oertern, die er einſt mit angenehmer Geſellſchaft gefuͤllt ſah;z den Park und die Promenaden zu betrach⸗ ten, wo jetzt flämiſche Kindermägde oder normänniſche Sängammen ihr Spiel treiben, während ſich ebendaſelbſt vor Kurzem noch ſeine Blicke an den glänzenden Augen und ſchmucken Geſtalten ergötzten; die in aller geſchmack⸗ vollen Cleganz einer Pariſer Toilette vorüberflatterten; den müßigen Frotteur zu ſehen, wie er ſeine Stunden unter dem Thorweg verſchläft, der vor einem Monat von dem dumpfen Geroll kommender und abfahrender Equi⸗ pagen erdröhnte— dieß alles iſt ſehr traurig und ſtimmt zu Trübſeligkeit und Mißmuth. Aus welchem Grunde ich in Brüſeel blieb, iſt eine unnöthige Frage: zum Theil war, wenn ich mich recht erinnere, einige Zögerung in Zuſendung von Wechſeln ſchuld daran. Wer iſt je gereist, ohne ſeinen Banquier, oder ſeinen Agenten, oder ſeinen Oheim, oder ſeinen Vormund, oder kurzum ſonſt Jemand verwünſcht zu haben, der einen Theil des ihm gehörigen Geldes in Händen hatte und es ihm nicht ſchicken wollte? Bei 219 all meiner langen Erfahrung in Betreff von Reiſen und Reiſenden erinnere ich mich doch nicht, eine einzige Perſon getroffen zu haben, die, ohne ſolche Uebelſtände, reichlich mit Geld verſehen geweſen wäre. Einige wer⸗ fen mit einem bedeutungsvellen Wink die Schuld auf den„Alten“; andere brechen in offenern Unwillen aus und verwünſchen Coutts und Drummond; ein herum⸗ ſtreichender Irländer verdammt dann und wann die Pöchterſchaft, die den letzten November nicht bezahlt hat; aber nie wird Einer, wenn auch ſeine Vermögensum⸗ ſtände noch ſo ſehr zerrüttet ſind, die Thatſache ge⸗ ſtehen, daß ſeine Erwartungen eben ſo leer ſind, als das Buch ſeines Banquiers, und daß das einzige Land, worauf er jemals Anſprüche machen kann, ein nach dem Tode zahlbares Gut von ungefähr ſechs Fuß Länge und zwei Fuß Breite in einem Kirchhof iſt, und doch iſt die Welt voll ſolchen Volkes— wohl unterrichtete, ange⸗ nehme Leute von gutem Aeußern, die die erſten Gaſthöfe bewohnen, gut eſſen und trinken, ſich ſtattlich kleiden, Theater und Promenaden beſuchen, ihre Winter in Pa⸗ ris, Florenz oder Rom zubringen, ihre Sommer in Baden, Ems oder Interlachen; ſie ſtehen auf halbver⸗ traulichem Fuße mit Leuten in höhern Zirkeln, ſpeiſen gelegentlich mit ihnen, werden nie in einer zweiſelhaften oder unſaubern Geſchichte genannt, werden für zuver⸗ läßige Burſche gehalten, kennen Jedermann— den Pferdhändler, der Kredit gibt, ſo wie den Juden, der Geld vorſchießt; und trotz dem, daß ſie weder ſpielen, noch kegeln, noch ſpekuliren, bringen ſie ſich doch durch, und zwar ſehr gut, ohne daß man irgend eine ihrer Hülfsquellen kennt. Sind es Engländer— und die meiſten ſind es wirklich— ſo geben ſie ſich irgend einen wohlbekannten Namen, der in England in ariſtokrati⸗ ſchem Rufe ſteht: ſie nennen ſich Villiers oder Paget, oder Seymour oder Percy, lauter Namen, die auf dem Continent ſogleich einen halben Adel bedeuten; die 220 Frage— Ah, vous éêtes parent de mi lord? bedarf dem Anſchein nach keiner Antwort, und iſt allenthalben ein gültiger Schein für ihren Rang. Dieſe Leute— und wer, der etwas vom Continent kennt, hat nicht ſolche allenthalben getroffen?— ſind die großen Räthſel unſeres Jahrhunderts; und ich würde lieber eine Belohnung für Mittheilung ihres Geheim⸗ niſſes geben, als für alle Entdeckungen in Betreff eines perpetuum mobile's oder der Quadratur des Zirkels, oder der Längengrade, von denen man jemals hörte; und was ebenfalls ſeltſam iſt, noch kein Einziger hat etwas ausgeplappert. Einige ſind aus ihrem dunklen Stande emporgetaucht, um groß s Vermögen zu ernten und auf dem vornehmſten Fuße zu leben; dennoch habe ich noch nie von einem Einzigen gehört, daß er gegen ſeine Ka⸗- meraden als Zeuge aufgetreten ſey. Wie groß indeſſen ihre Talente ſeyn müſſen, das kann Jeder bezeugen, der drei Poſttage auf eine Geldſendung gewartet hat, ohne Nachricht über deren Ankunſt; man denke an die 101 kleinen Widerwäctigkeiten und Neckereien, denen er aus⸗ geſetzt iſt: er bildet ſich ein, jeder Aufwärter müſſe wiſſen, daß er auf dem Sande ſitze; der Gaſtwirth mache ein ſaures, die Wirthin ein herbes Geſicht; ſogar der Schreiber auf dem Poſtamt ſcheint mit ſpöttiſchem, unverſchämtem Hohne ihm zu ſagen:„Nein, mein Herr, für Sie iſt nichts gekommen.“ Von dieſem Augenblicke an kommen ihm noch dazu ein Duzend verſchwenderiſche Gedanken in den Kopf, von denen er vorher nie ge⸗ träumt hatte: er möchte ſich ein Pferd kaufen oder eine Schmauſerei geben, oder bei einem Pferderennen wetten, hauptſächlich, weil er keinen Kreuzer in der Taſche hat und fürchtet, dieß möchte von andern errathen werden; dieſer Art iſt die unglückſelige Neigung, irgend etwas zu erſtreben oder ſich anzumaſſen, das in unſern Augen keinen andern Werth hat, als den Effekt, den es viel⸗ 221 leicht bei unſern Bekanntſchaften hervorbringt, gleichviel, welche Opfer dazu erfordert werden. Ich bitte um Verzeihung für dieſe lange Abſchwei⸗ fung, die zwar. wie ich hoffe, nicht ohne ihre Vortheile iſt, auf die ich mich jedoch ſchwerlich eingelaſſen haben würde, hätte ich es nicht in Bezug auf meine eigene Perſon gethan: und um zurückzukommen— ich begann mich über das Ausbleiben meines Geldes äußerſt unbe⸗ haglich zu fühlen. Meine erſte Sorge an jedem Mor⸗ gen war, auf die Poſt zu gehen; zuweilen kam ich an, noch ehe ſie offen war, und mußte nun die düſtere Rue l'Eveque auf⸗ und abſpazieren, bis die Glocke ſchlug; zuweilen kam der Poſtwagen zu ſpät— eine fremde Poſt kommt gewöhnlich zu ſpät, wenn das Wetter ſchön und die Straßen gut ſind— aber ſtets kam die gleiche Antwort—„Nichts für Sie, Herr O'Leary;“ ſo daß ich mir endlich nach dem Tone, worin der Kerl ſprach, einbildete, er habe die Antwort in Melodie geſetzt, und ſinge mir dieſelbe vor. Beranger hat in einem ſeiner hübſcheſten Lieder davon geſungen, wie glücklich ein Menſch von zwanzig Jahren auf einer Dachſtube iſt. Ich für meinen Theil hege gar keinen Zweifel, daß die Nachbarſchaft der Schie⸗ fer und die Armuth des Gemaches zu der Zeit, wovon ich ſpreche, viel zum Frieden meiner Seele beigetragen hätte. Die Thatſache eines prächtig ausgeſtatteten Sa⸗ lons, jeden Tag ein glänzendes Diner, Champagner mit Selzerwaſſer vermiſcht, Cabrioletten⸗Fahrten und unzäh⸗ lige Theaterbillets, die mir alle aufgerechnet wurden, waren traurige Dämpfungsmittel für mein Glück! ſo ſank ich, ſonſt einer der fröhlichſten und leichtherzigſten Burſche in einen Zuſtand raſt⸗ und ruheloſer Ungeduld, die mir faſt allen Muth raubte. In ſolcher Gemüths⸗ ſtimmung war ich eines Tages, als die Poſt, die ich mit Schmerzen ſeit Mittag ſchon erwartet hatte, um fünf Uhr noch nicht da war. Ich gab dem Kommiſſionaͤr 222 Auftrag, zu warten, und mir in meinem Gaſthof Nach⸗ richt zu bringen, und kehrte zur Table d'Hote zurück. Zufälliger Weiſe waren die einzigen Gäſte der Graf und die Graͤfin; ſie waren ſo ſorgfältig gekleidet, wie immer; ſie ſahen ſo ſchön und ſo glücklich aus, zeigten in ihrem Benehmen gegeneinander ſo viele Anhänglich⸗ keit— jenes ſchöne Gleichgewicht zwiſchen Liebe und Galanterie, das vor der Welt ſo bezaubernd iſt. So geſtört auch meine Gedanken waren, ſo konnte ich doch nicht umhin, von ihren glänzenden, freundlichen Blicken mich ergriffen zu fühſen. „Ah, eine Familienpartie!“ ſagte der Graf ver⸗ gnügt, als ich eintrat, während mir die Grafin ein überaus ſüßes Lächeln angedeihen ließ. Nachdem der Fremden Zwang beſeitigt war, ſpra⸗ chen ſie, als ob ich ein alter Freund von ihnen geweſen wäre— plauderten über allerlei Dinge und Menſchen in einem Tone freimüthigen, offenen und höchſt liebens⸗ würdigen Vertrauens; geruhten gelegenheitlich zu fragen, ob ich nicht mit ihnen in ihren Anſichten übereinſtimme. und ſchienen das wenige, was ich zu ſagen wagte, mit einer Freude aufzunehmen, die für mich äußerſt ſchmei⸗ chelhaft war. Die ruhige und feine Manier des Grafen — der leichte Fluß ſeiner Unterhaltung, die ebenſo lehrreich als angenehm war, bildete den glücklichſten Kontraſt gegen den funkenſprühenden Geiſt der lebhaften, witzigen Dame; denn ſie ſchien ziemlich geneigt, eine Ader leichter Satyre ſpielen zu laſſen, die indeſſen mit ſo viel Gutmüthigkeit und Freundlichkeit gemiſcht war, daß ich nicht um die Welt dem Vergnügen, das ſie ge⸗ währte, hätte entſagen mögen. Lange— lange, bevor der Nachtiſch erſchien, hatte ich aufgehört, an meinen Brief odersmein Geld zu denken, und ich erinnerte mich nicht, daß es im Univerſum Dinge gebe, wie Bankiers Agenten und Papier⸗Mäkler. Augenſcheinlich hatten ſie große Reiſen gemacht; hatten jede Stadt in Europa — 223 geſehen und jeden Hof beſucht; ſtanden vertrant mit den ausgezeichnetſten Leuten und manchen Souverainen; und kleine Geſchichten von Metternich, bon mots von Talleyrand, Anekdoten von Goͤthe und Chateaubriand würzten die Unterhaltung mit einem Intereſſe, das für einen jungen Mann, wie ich war, mit jedem Augenblick zunahm. Auf einmal öffnte ſich die Thüre und der Kommiſſionär rief—„kein Brief für Herrn O'Leary.“ Ich wurde plötzlich blaß und ſchwach; und obgleich der Graf zu gebildet war, als daß er irgend eine unmittel⸗ bare Notiz von meiner Verlegenheit genommen hätte, ſo richtete er doch an die Grafin eine geſchickte Frage, die mich von jeder Laſt der Unterhaltung befreite. „Um welche Stunde haben Sie den Wagen beſtellt, Duiſchfa?“ fragte er. „Um halb ſieben. Im Wald iſt es ſo kühl, daß ich gerne langſam durchfahre.“ „Dieß wird uns Zeit genug zu einem Spaziergange geben,“ verſetzte er,„wenn Herr O'Leary uns begleiten will, ſo wird das Vergnügen nur um ſo groͤßer ſeyn.“ Ich zoͤgerte und ſtammelte eine Entſchuldigung wegen Kopfweh oder etwas der Art. „Die Fahrt wird Ihnen vortrefflich bekommen,“ ſagte die Gräfin;„und die Erdbeeren mit Boitsforter Rahm werden die Kur vollenden.“ „Ja,“ ſagte der Graf, als ich halbtraurig meinen Kopf ſchüttelte—„die Gräſin iſt als Doktor unfehl⸗ ar.“ „Und, gleich der ganzen Fakultät, ſehr ärgerlich, wenn ihre Geſchicklichkeit in Zweifel gezogen wird,“ fügte ſte hinzu. „Nun, ſo gehen Sie, Madame, und holen Sie Ihren Shawl,“ ſagte er,„inzwiſchen wollen Herr O'Leary und ich unſer Gläschen vollends austrinken und Sie. erwarten.“ 224 Die Grafin lächelte heiter, weil ſie ihren Zweck durchgeſetzt, und verließ das Zimmer., Kaum war die Thüre geſchloſſen, ſo rückte der Graf ſeinen Stuhl näher an den meinigen und ſagte mit einem unbeſchreiblich freundlichen und gütigen Blick:— „Ich bin im Begriff, Herr O'Leary, mir Ihnen gegen⸗ über eine Freiheit zu nehmen— in der That, eine ſehr große Freiheit, die Sie mir vielleicht nie vergeben.“ Er ſetzte einige Minuten aus, als erwarte er von mir irgend einen Fingerzeig. Ich drückte blos mit etlichen Worten meine Bereitwilligkeit aus, das, worauf er an⸗ gedeutet hatte, anzunehmen. Darauf fuhr er fort:„Sie ſind ein ſehr junger Mann; ich bin auch nicht ſehr alt, habe aber ſchon manche Erfahrungen gemacht. Es gibt Gelegenbeiten im Leben, wo ſolche Kenntniſſe von der Welt und ihrem Lauf, wie ich beſitze, von großem Vor⸗ theil ſeyn können. Nun moͤchte ich, ohne mich nur auch einen Augenblick in Ihr Vertrauen einzudrängen, oder mich nach Angelegenheiten zu erkundigen, die blos und allein Sie angehen, Ihnen ſagen, daß mein Rath, wenn Sie deſſen bedürfen, Ihnen gänzlich zu Dienſten ſteht. Vor einigen Minuten bemerkte ich, daß Sie in Verlegenheit waren, als Sie hörten, es ſey kein Brief für Sie da——“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte ich,„wie ich Ihnen für ſo viel Güte danken ſoll; und der beſte Beweis meiner Aufrichtigkeit iſt der, wenn ich Ihnen ſage, in welcher Lage ich bin.“ „Erſt noch ein Wort,“ verſetzte er, indem er ſeine Hand ſanft auf meinen Arm legte—„ein Wort. Ver⸗ ſprechen Sie, meinen Rath und Beiſtand anzunehmen, wenn Sie mir den Umſtand, worauf Sie anſpielen, enthüllt haben; wo nicht, ſo will ich lieber nichts hören.“ „Auf Ihren Rath bin ich ſehr begierig,“ erwiederte ich haſtig. „Das andere Wort war etwas ungeſchickt, und ich 225 ſehe, Ihr Zartgefühl ſtraͤubt ſich dagegen. Aber ſehen Sie, es iſt nun einmal ausgeſprochen und kann nicht mehr zurückgenommen werden. Ich muß nach meinem Sinne handeln, alſo fahren Sie fort.“ Ich ergriff hingeriſſen ſeine Hand und ſchüttelte ſie herzlich.„Ja,“ ſagte ich,„Sie ſollen nach Ihrem Sinne handeln. Vor Ihnen habe ich weder Scham noch irgend ein Geheimniß.“ Darauf theilte ich ihm mit den wenigſten Worten, womit jene verwickelten und verſtrickten Gewebe, die alle Dinge umhüllen, wobei es ſich um Vermächtniſſe, Rechtsgelehrte, Verſicherungen, Unterpfänder, Verträge handelt, zu erklären ſind, die Thatſachen mit, daß ich abgereist ſey mit der Verſiche⸗ rung meines Geſchäftsführers, mir jährlich eine ſchoͤne Summe zuzuſchicken, die nach einiger Zeit bedeutend erhöht werden ſollte; daß ich nun zwei Monate lang auf Zuſendungen warte, die durch gewiſſe Formen in der Kanzlei verzögert und verſchoben worden ſeyen; und daß ich der Poſt jeden Tag mit unruhigem Herzen entgegenſehe und mich nach Mitteln ſehne, gewiſſe kleine Schulden abzutragen und meine Reiſe weiter fortzuſetzen. Der Graf hoͤrte mit der geduldigſten Aufmerkſam⸗ keit meine Geſchichte an, indem er nur ein Paar Mal unterbrach, wenn irgend ein ſchwieriger Punkt eine Erklärung forderte und mich ſodann bis zu Ende fort⸗ fahren ließ; darauf zog er mit Gemächlichkeit eine Brieftaſche aus ſeinem Rocke und öffnete ſie langſam. „Mein theurer junger Freund,“ ſagte er in gemeſſenem und faſt feierlichem Tone,„jede Stunde lang, die man in Schulden iſt, iſt ein Jahr in Sklaverei zugebracht. Ihr Gläubiger iſt Ihr Herr: es kommt nicht darauf an, ob er ein gütiger oder ſtrenger iſt, das Gefühl der Verpflichtung, der Sie ſich unterziehen, untergräbt das Bewußtſeyn maͤnnlicher Unabhängigkeit, welches der erſte Reiz der Jugend iſt; und glauben Sie mir, es ſind Lever, O'Leary. 1. 1⁵ 226 ſtets die Riſſe in unſerm moraliſchen Bewußtſeyn, wo⸗ durch unſer Glück am ſchnellſten abfließt. Hier ſind fünftauſend Franken; nehmen Sie, ſo viel Sie brauchen. Gegenuber von einem Freund— und ich beſtehe darauf, daß Sie mich für einen ſolchen halten— haben ſolche Dinge nicht den Charakter einer Verpflichtung. Sie helfen mir heute aus, ich Ihnen Morgen. Und nun ſtecken Sie dieſe Noten in Ihre Taſche. Ich ſehe, Madame erwartet uns.“ Einige Sekunden lang fühlte ich mich ſo überwäl⸗ tigt, daß ich nicht ſprechen konnte; das großmüthige Vertrauen und die freundliche Theilnahme eines mir ſo gänzlich fremden Mannes waren zu viel für meine in Staunen und Freude verſetzte Seele. Endlich erholte ich mich in ſo weit, daß ich antworten konnte und ver⸗ ſicherte meinen Freund, wenn ich von meinen Schulden geſprochen habe, ſo ſeyen ſie in der That ſehr unbe⸗ deutend; bei meinem Bankiers hätte ich noch hinreichende Fonds für alle nothwendigen Auslagen; und mit der nächſten Poſt komme vielleicht mein langerſehnter Brief an. „Wenn er aber nicht kommt?“ verſetzte er lächelnd. „Nun dann am nächſten Tage——“ „Und wenn auch dann nicht?“ fuhr er mit einem in Verlegenheit ſetzenden Blicke fort. „Dann ſollen Ihre fünftauſend Franken dafür zittern.“ „Ein wackerer Junge!“ rief er, mit beiden Händen die meinigen ergreifend.„Nun fühle ich, daß ich mich in Ihnen nicht getäuſcht habe. Mein erſtes Zuſam⸗ mentreffen mit Metternich war ganz ähnlich dem jetzigen. Ich war in Preßburg im Jahre 1804, gerade vor Er⸗ öffnung des Feldzuges von Auſterlitz——⸗ „Sie ſind in der That äußerſt galant, meine Her⸗ ren,“ ſprach die Gräfin, die Thüre öffnend und herein⸗ lugend.„Muß ich glauben, daß Cigarren und Maras⸗ chino eine beſſere Geſellſchaft ſind, als ich?“ Wir ſtanden ſogleich auf, um uns zu entſchuldigen, und ſo verlor ich die Geſchichte von Fürſt Metternich, für die ich bereits ungewöhnliches Intereſſe fühlte, wegen der Aehnlichkeit des Abenteuers mit meinem eigenen, wenn ich gleich nicht einmal rathen konnte, ob ich den Fürſt oder den Grafen hätte vorſtellen ſollen. „Ich ſaß bald neben der Gräfin in der prächtigen Britzka; der Graf nahm ſeinen Platz auf dem Bocke; wir raſſelten hinweg über das Pflaſter durch das Thor von Namur und durch die zierlichen Vorſtädte von Et⸗ terbach, wo wir die Hochſtraße verließen und in den Wald von Cambry fuhren, auf jener langen ſchönen Allee, die ſtundenweit dahin läuft, gleich dem ungeheuren Flügel einer gothiſchen Kathedrale, indem ſich die Zweige oben zu einem gewölbten Dache gegen einander bogen und die ſchlanken Buchenſtämme gleich Pfeilern ſich er⸗ hoben. Der liebliche Duft des Waldes, das gedämpfte Licht, das geräuſchloſe Rollen des Wagens verlieh der Fahrt einen Reiz, deſſen ich mich bis zu dieſer Stunde noch lebhaft erinnern kann. Nicht daß dieſer Genuß mein einziger war; keineswegs. Die hübſche Gräfin ſprach über alles, was ihr vorkam, in jener geiſtreichen, lebhaften und geſchwätzigen Weiſe, die auch ohne die ſüßeſte Stimme und den bezauberndſten Blick höchſt ein⸗ nehmend iſt. Mir war, als läge ich in einem Traume; alles um mich her war Feenland; und mochte ich nun in die Tiefen des belaubten Waldes blicken, wo dann und wann einige Reiter vorüber galoppirten, oder moch⸗ ten meine Augen auf jenen kleinen, fehlerfreien Fuß fallen, der auf dem Sammetkiſſen in dem Wagen ruhte, ich konnte durchaus nicht an die Wirklichkeit der Scene glauben und nur bei mir ſelbſt murmeln:„was haſt Du, Arthur O'Leary, oder Dein Vater vor Dir gethan, um ſolches Glück zu verdienen 2⸗ 3 15 228 „Theurer, freundlicher Leſer, Du kannſt vielleicht Dein Glück machen, wenn Du Büſſel beſuchſt; und wenn auch nicht genau unter gleichen Umſtänden, wie ich hier erwähnt habe, ſo laß mich Dir rathen, auch ohne eine ſchöne Polin zur Gefährtin einen Ausflug nach Boitsfort zu machen, einem kleinen Dorfe in dem Walde von Soignies. Natürlich wird Dich Dein Na⸗ tionalfinn nach Waterloo führen und ebenſo natürlich wirſt Du, wenn Du einigen Takt haſt— woran ich durchaus nicht zweifle— dort nicht zu Mittag eſſen, da die kleinen, elenden Schenken, die ſich Reſtaurants nennen, über alle Veſchreibung ſchlecht ſind: Du kannſt ein Glas Wein haben, und in dieſem Falle nimmſt Du Champagner, denn dieſen können ſie nicht verfälſchen; aber wage Dich nur an kein Diner, wenn Du hoffſ, eine Woche nachher noch eines zu genießen. Gut alſo, wenn Du„Waterloo abgemacht haſt,“ wie der Cockney ſagt, wenn Du Sergent Cotton und die Kirche La Haye Sainte Hougoumont und Lord Anglebeys Stiefel ge⸗ ſehen haſt, ſo fährſt Du wieder zurück, nicht auf jener langweiligen, geräuſchvollen Chauſſee, auf der Du ge⸗ kommen biſt, ſondern Du wendeſt Dich rechts, als wollteſt Du nach Wavre gehen, und fährſt auf einem ungeflaſterten Wege in den Wald, wo Du weder Wagen noch Poſtillion, noch auch eine„Pike“ finden wirſt. Dein Kutſcher wird fragen,„wohin?“ Antwort,„Boitsfort,“ — das Du der Vorſicht wegen„Boshfort“ ausſprichſt— dann legſt Du Dich zurück und erfreuſt Dich Deines Daſeyns. Nach zwei bis dreiſtündiger höchſt angenehmer Fahrt, beſtändig durch den Wald, kommſt Du in ein unbedeutendes Dorf an einem kleinen See, umgeben von Hügeln, die freilich keine Berge ſind, aber wellen⸗ förmige, gezackte Umriſſe und ſchattige Wälder haben. Die rothen Ziegeldächer, die ſpitzigen Giebel, die grü⸗ nen Jalouſien und der Hintergrund von dunkelm Laub⸗ werk, alles wird Dich an eines von Berghem's Gemäl⸗ den erinnern, und wenn ein träger Fläming oder ſo Jemand ſich über die kleine Bruſtwehr neben dem Waſſer ausſtreckt, ſo wird dieß dem Effekt keinen Eintrag thun. Du fährſt über die kleine Brücke und kommſt vor ein langes, niederes, zweiſtöckiges Haus, in deſſen Hof ein gewölbter Thorweg führt; über der Thüre iſt eine In⸗ ſchrift, die Dich ſogleich über den Zweck der Anſtalt belehrt, denn Du lieſeſt dort—„Monsieur Dubos fait noces et festins.“ Nicht daß das würdige Indi⸗ viduum in ähnlicher Eigenſchaft wie der berüchtigte Vul⸗ kan des Nordens funktionirt; er iſt ebenſo weit entfernt, die Rechte anderer zu beeinträchtigen, als ſich andere hüten mögen, mit ihm in ſeinem eigenthumlichen Ge⸗ werbe zu wetteifern. Nein: die Verrichtungen des Herrn Dubos ſind auf jene zarten Rathſchläge beſchränkt, die als die paſſendſte Koſt für neuverheirathete Paare gelten— auf jene petits plats, die gleich den Orangeblüthen nur bet großen Gelegenheiten in Anwendung kommen ſollten. Und als ſolcher hat er keinen Nebenbuhler; denn trotz des einfachen und anſpruchsloſen Aeußern, kann ſich dieſe kleine Dorfſchenke der vollendetſten Küche und des beſt⸗ verſehenen Kellers rühmen; hier findet man den früheſten Truthahn im Jahre mit einer Zugabe von Trüffeln; hier die erſten Fruͤhlings⸗Erbſen, die früheſten Erdbeeren und den fetteſten Rahm; Champagner mit Eis und ge⸗ beerten Hermitage, Steinberger und Johannisberger— alles ſteht zu Deinen Dienſten. Du ſpeiſt in dem langen Salon, im Kabinet, im Garten oder in dem Sommer⸗ haus oben am See, wo der Karpfe in dem hellen Waſſer ſchnalzt, wäͤhrend ſein Zwillingsbruder auf der Tafel ſteht: der Garten unten ſendet ſeine köſtlichen Wohlgerüche aus Beeten von allen moͤglichen glänzenden Farben hinauf; die Schafe ziehen heimwärts die fernen Hügel entlang beim Geläute kleiner Gloͤckchen; das Platſchen eines Ruders ſtört das ruhige Waſſer, wenn der Fiſcher über den See fährt; und das dumpfe Ge⸗ töſe des kleinen Dorfes ſchwimmt in der Luft daher— liebliche Töne, voll Gedanken an die Heimat. Nun bin ich zwar ein Junggeſelle und weiß nichts von ſolchen Dingen, aber dann und wann juckte es mich doch zu heirathen, und mein Hochzeitsmahl in Boitsfort zu nehmen. Und jetzt laßt mich noch einmal auf meine Erzähl⸗ lung zurückkommen, für deren Unterbrechung ich Dich um Verzeihung bitten würde, wäre nicht die Abſchweifung das Beſte an der ganzen Geſchichte, und ich würde mir es ſelbſt nie verzeihen, wenn ich Dir nicht gerathen hätte, nicht in Brüſſel zu bleiben, ohne in Boitsfort zu ſpeiſen.. Als wir Boitsfort erreichten, führte uns ein Auf⸗ wärter ſogleich an eine kleine Tafel im Garten, wo Erdbeeren und Champagner in Eis bereit ſtanden. Da und dort in einiger Entfernung waren Geſellſchaften aus dem Brüßler Bürgerſtande, die ſich mit ihrem Kaffe oder Eis gütlich thaten; dagegen war ein großer Salon, der einen ganzen Flügel des Gebäudes einnahm, einigen reiſenden Engländern preis gegeben, deren laute Unter⸗ haltung und lärmende Luſtigkeit verrieth, daß ſie jener Klaſſe angehörten, deren man ſich ſtets ſchämt, wenn man ſie außerhalb England antrifft. „Ihre Landsleute dort ſind ſehr luſtig,“ ſagte die Gräfin, als ein wilderer Lärm, denn je, unter der Geſellſchaft ausbrach. „Ja,“ verſetzte der Graf, als er bemerkte, daß mich die Anſpielung in Verlegenheit ſetzte:„die Eng⸗ länder nehmen ihr London überall mit, wohin ſie auch kommen. Begegnen Sie ihnen im Kaukaſus, ſo werden Sie finden, daß ſie immer etwas von einem Blackwall⸗ Diner oder einer Greenwich⸗Partie an ſich haben.“ „Woher,“ fragte ich, erſtaunt über dieſe Bemerkung, „kennen Sie dieſe Orte?“ „O mein theurer Herr, ich bin zu meiner Zeit viel in der Welt herumgekommen und habe mir ſtets ein Ge⸗ ſchäft daraus gemacht, jedes Bolk an ſeinen Lieblings⸗ 3 4 plätzen zu ſehen. In Wien ſpeiſe ich nicht im wilden Mann, ſondern im Fuchs in der Leopoldsſtadt. In Dresden bringe ich meinen Abend im grünen Garten jenſeits der Elbe zu. Der Bürgerſtand allein, bei jeder Nation, behält jene Züge bei, die auffallend genug ſind, um von einem Fremden bemerkt zu werden— die höheren Klaſſen ſind einander allenthalben ziemlich gleich, und die Nationalität des Bauern beſchränkt ſich auf einen engen Raum und bietet wenig Intereſſe dar.“ „Und der Graf iſt ein ſchneller Beobachter,“ be⸗ merkte die Gräfin mit einem wohlgefälligen Blick in ihren funkelnden Augen. „Ich ſchmeichle mir,“ verſetzte er,„mich ſelten in meinen Vermuthungen zu irren— ich kannte meinen Freund hier ziemlich genau ohne alle Empfehlung.“ Es lag etwas ſo freundliches in dem Tone ſeiner Rede, daß ich an ſeinem Wunſch, mir ein Kompliment zu ſagen, nicht zweifeln konnte. „Abgeſehen davon, daß ich die meiſten Sprachen Europa's ſpreche, beſitze ich eine gewiſſe Fertigkeit, ein Patois zu erlernen,“ fuhr er fort.„In dieſem Augen⸗ blick, ich wette eine Cigarre mit Ihnen, ſchließe ich mich dort jener kleinen Gruppe von nüchternen Belgiern an, und gelte alsbald durch die Zauberkraft einiger wenigen Worte in ächtem Brüſſeler⸗Franzöſiſch als Muſter von einem Boß.“ Die Grafin lachte herzlich über den Einfall, und ich theilte ſehr gerne ihre Luſtigkeit. „Ich nehme die Wette an,“ rief ich,„und hoffe aufrichtig, ſie zu verlieren.“ „Es gilt,“ ſprach er aufſpringend, ſetzte ſeinen Hut auf, machte einen kurzen Umweg im Garten und erſchien bald darauf an der Tafel vor den Flämingen, die er, wie es ſchien, um Erlaubniß bat, an einer an dem Baume, worunter ſie ſaßen, befeſtigten Laterne eine igarre anzuzünden. 4 Nach der Luſtigkeit der kleinen Gruppe zu urthei⸗ len, war ſein Erfolg vollkommen, und wir ſahen ihn bald unter ihnen ſitzen, emſig damit beſchäftigt, eine Pulle glühenden Punſches zu brauen, wozu er, wie aus ſeinem Benehmen deutlich hervorging, die Geſell⸗ ſchaft eingeladen hatte. „Jetzt iſt Guſtav ſo recht in ſeinem esse,“ ſagte die Gräfin mit einem faſt empfindlichen Tone;—„er iſt ein ſeltſames Geſchöpf, und nie zufrieden, wenn er nicht etwas thut, woran andere Leute gar nicht denken. In einer halben Stunde wird er wieder hier bei uns ſeyn, mit der ganzen Geſchichte Mynheers van Houden⸗ drochen, und ſeines Weibes und ſeiner vierzehn ‚Mani⸗ kins; alle ihre kleinen Albernheiten und Vorurtheile wird er ihnen wegſchnappen, und eine ganze Woche lang werden wir nichts hören als Flämiſch⸗Franzöſiſch und Redensarten der Montagne de la Cour.“ Einige Sekunden lang war ich in großer Verlegen⸗ heit— es durchzuckte mich ein Gedanke— wie, wenn er wegen irgend eines albernen Zuges an mir, in mei⸗ nem Benehmen oder in meiner Unterhaltung, geruht hätte, meine Bekanntſchaft zu machen? Dann aber kam die Erinnerung an ſeinen großmüthigen Vorſchlag, und ich ſah ſogleich ein, daß ich einen etwas hohen Werth auf meine Originalität ſetzte, wenn ich ſie zu fünf⸗ tauſend Franken anſchlug. „Was fehlt Ihnen?“ fragte die Gräfin mit leiſer ſanfter Stimme, indem ſie ihre Augen aufſchlug und dieſelben mit dem Ausdruck der bezauberndſten Theil⸗ nahme auf mich fallen ließ.„Ich fürchte, Sie ſind krank oder niedergeſchlagen.“ Ich ſuchte mich zu faſſen, um zu antworten, als ſie fortfuhr:— „Wir müſſen Sie öfters ſehen. Guſtav iſt ſo gefällig und ſo munter, er wird Ihnen von großem Nutzen ſeyn. Wenn er wirklich für Jemand eingenommen iſt, ſo iſt er höchſt liebenswürdig; und für Sie iſt er's, das dürfen Sie glauben.“ 23³³ Ich wußte nicht, was ich ſagen, oder wie ich meine Dankbarkeit für ſolche Worte mit Blicken ausdrücken ſollte, und konnte nur einige wenige Worte des Dankes ſtammeln. „Außerdem ſind Sie im Begriff auf Reiſen zu gehen,“ fuhr ſie fort;„und wer kann Ihnen werth⸗ vollere Mittheilungen über jedes Land und Volk geben, als der Graf? Gedenken Sie lange von England weg⸗ zubleiben?“ „Ja, wenigſtens einige Jahre. Ich wünſche den Oſten zu beſuchen.“ „Sie wollen nach Polen,“ fragte ſie ſchnell, ohne auf meine Antwort zu achten. 3 „Ja, ich habe es vor; Ungarn und Polen haben beide großes Intereſſe für mich.“ „Sie wiſſen, daß wir Polen ſind, nicht wahr?“ „Ja. ℳ „Wir ſind beide jenſeits Warſchau zu Hauſe. Guſtav war vor zehn Jahren dort. Ich habe meine Heimat ſeit meiner Kindheit nicht wieder geſehen.“ Bei den letzten Worten dämpfte ſich ihre Stimme zu einem Geflüſter, ſie ſtützte ihr Haupt auf ihre Hand und ſchien in Gedanken verloren. Ich wagte nicht den Strom der Erinnerungen zu unterbrechen, die auf ſie einſtürmten, und blieb ſtill. Endlich blickte ſie auf, und bei dem ſchwachen Licht des ſo eben aufgegangenen Mondes ſah ich, daß in ihren Augen Thränen ſtanden und ihre Wangen noch naß vom Weinen waren. Wie, ſagte ich zu mir ſelbſt, iſt der Kummer ſogar hieher gedrungen, wo wie ich mir vorgeſtellt hatte, der ſonnige Pfad des Lebens zu finden war, wenn es über⸗ haupt einen ſolchen gibt. „Moögen Sie vielleicht eine traurige Geſchichte an⸗ hören?“ fragte ſie mit ſchwachem Lächeln und einem Blicke unausſprechlicher Holdſeligkeit. „Waͤre es die Ihrige, ſo würde ſie mein Herz durch⸗ 234 bohren,“ erwiederte ich, von meinen Gefühlen augen⸗ blicklich hingeriſſen. „Dann will ich ſie Ihnen an einem dieſer Tage erzählen — nicht jetzt— nein, nicht jetzt— hier könnte ich auch nicht— und da kommmt Guſtav— wie er lacht!“ In der That hörte man die luſtigen Töone ſeiner Stimme durch den Garten, als er ankam und was eben⸗ falls ſeltſam war, ſie ſchienen an meinem Ohre zu kra⸗ tzen und zu ſchnarren mit einem ganz andern Eindruck, als ſie früher auf mich machten. Unſer Rückweg nach Brüſſel führte wieder durch den Wald, der jetzt in Schatten gehüllt war, außer wo der Mond durch die belaubten Zweige herniederſah und in glänzenden Streifen auf die Straße herunterfiel Die Gräfin ſprach anfangs ein wenig, allmählig aber ver⸗ ſank ſie wieder in gänzliches Schweigen. Die Stille und Ruhe ringsum ſchien nur um ſo auffallender durch den hohlen Tritt der Pferde, die über den ebenen Torf hin trabten. Die Luft war mild und ſüß und mit jenem eigenthümlichen Duft geſchwängert, den ein Wald nach Sonnenuntergang aushaucht; alle Einflüſſe der Zeit und des Ortes waren von jener beruhigenden einlullenden Art, welche die Seele in einen Zuſtand bewußtloſer Träu⸗ merei verſetzt. Nur Ein Gedanke beherrſchte mich; er galt der Dame, die mit geſenktem Haupte und gekreuz⸗ ten Armen neben mir ſaß. Sie war unglücklich— ein geheimer Kummer wühlte in dieſem ſchönen Buſen— eine freſſende Sorge nagte an ihrem Herzen— ein un⸗ beſtimmter, ſchattiger Verdacht durchzuckte mich, ihr Gemahl möchte ſie übel und grauſam behandelt haben; aber wo⸗ her kam ein ſolcher Verdacht— war nicht Alles, wovon ich Zeuge war, das gerade Gegentheil von einer ſolchen Thatſache? was konnte über die gegenſeitige Freundlich⸗ keit und Gutherzigkeit gehen, die ich zwiſchen beiden ſah— und doch waren ihre Neigungen nicht ganz gleich, wie ſie wenigſtens anzudeuten ſchien. Wie konnte ſein wunderliches Temperament, das unaufhörliche Verlan⸗ —ᷣ— gen ſeines Geiſtes nach Veränderung, Aufregung und Beſchäftigung— wie konnte dies mit ihrer ſanften und geſetzteren Natur harmoniren? aus ſolchen Gedanken er⸗ wachte ich, als ſie in leiſer, ſchwacher Stimme ſagte— „Sie müſſen vergeſſen, was ich dieſen Abend ge⸗ ſagt habe. Es gibt Augenblicke, wo irgend eine ſtarke Regung das Herz zwingt, Jahre lang begrabene Gedan⸗ ken auszuſprechen— vielleicht ſagt uns irgend ein ge⸗ heimer Inſtinkt, daß wir ſolchen Menſchen nahe ſind, die unſere Gefühle theilen können— vielleicht und es Ueberſtrömungen des Schmerzes, ohne die das Herz ſo voll würde, daß es brechen müßte. Was ſie aber auch ſein mögen, ſie ſcheinen uns zu beruhigen und zu be⸗ ſänftigen, wenn es uns nachher auch leid thut, daß wir nicht widerſtanden haben. Sie werden alles vergeſſen, nicht wahr.“ „Ich will mein möglichſtes thun,“ erwiederte ich ſchüchtern,„allen Ihren Wünſchen nachzukommen; aber ich kann Ihnen nicht verſprechen, was außer meiner Macht liegt: Die wenigen Worte, die Sie geſprochen, ha⸗ ben ſeither meine Seele keinen Augenblick verlaſſen— und ich kann nicht ſagen, wann ich aufhören werde, dar⸗ an zu denken.“ „Was meinen Sie, Duiſchka, fragte der Graf in⸗ dem er den Reſt ſeiner Cigarre wegwarf und ſich auf dem Bocke umdrehte. Was ſagen Sie zu einer Einla⸗ dung zu einem Diner, die ich für nächſten Dienſtag angenommen habe.“ Bitte, wo?“ fragte ſie mit einer Anſtrengung neu⸗ gierig zu ſcheinen. „Bei meinem würdigen Freund Van Houdicamp, Rue de Lacken Nr. 28— ein Mann von Gevicht, müſſen Sie wiſſen— ſein Vater war Burgomaſter in Aloſt, und er ſelbſt hat eine große Zuckerbäckerei, oder Salzraffinerie, oder ſonſt etwas der Art in Scharbeck.“ „Wie können Sie in ſolcher Geſellſchaft Vergnügen finden, Guſtay? ⸗ —— 236 „Vergnügen nennen Sie's— Entzücken müſſen Sie ſagen. Dort werde ich Alles hören, wovon die Baße⸗ Ville ſchwatzt— und es iſt gewiß ſo ergötzlich als das Gewäſche von der Place und den Boulevards: außerdem kommen einige Halbduzend Schöffen dahin mit Weibern und Töchtern, und wir werden die patriarchaliſchſten Geſellſchaftsſpiele haben. Auch habe ich Erlaubniß er⸗ halten, einen Freund mitzubringen— daraus ſehen Sie, Herr O'Leary——„ „Ich bin überzeugt,“ unterbrach ihn die Gräfin, „ſein Geſchmack iſt viel zu gut, als daß er von Ihrer Einladung Gebrauch macht.“ „Ich wette meinen Kopf, daß er es nicht aus⸗ ſchlägt.“ „Und doch,“ erwiederte die Dame. „Ich wette dieſen Perlenring, wenn Sie ihm ſeinen Willen laſſen, ſo ſagt er Ja.“ „Es gilt,“ verſetzte die Dame—„ich nehme die Wette an. Wir Polen ſind ſo große Spieler, als Sie, wie Sie ſehen,“ fügte ſie an mich gewendet hinzu.„Nun, mein Herr, entſcheiden Sie die Frage— werden Sie nächſten Dienſtag mit Van Hottentot diniren—— oder mit mir?“ Die letzten drei Worte waren in ſo leiſem Tone geſprochen, daß ich ernſtlich den Verdacht hegte, meine Einbildungskraft allein habe ſie gehört. „Gut,“ rief der Graf,„was ſagen Sie?“ „Ich erkläre mich für das—— Höôtel de France,“ ſagte ich, unſchlüſſig, mit welchen Worten ich die Ein⸗ ladung der Dame annehmen ſollte. „Dann habe ich meine Wette verloren,“ ſagte der Graf lachend;„und was noch ſchlimmer, ich finde mich in meiner Meinung getäuſcht.“ 3 „Und ich,“ verſetzte die Dame in leiſem Flüſtern, „habe die meinige gewonnen und finde meine Anſichten beſtätigt.“ Auf unſerem Rückwege trug ſich nichts Merkwür⸗ 237 diges mehr zu; wir kamen wohlbehalten nach Hauſe, und ſchieden mit dem wiederholten Verſprechen, am näch⸗ ſten Tage früh uns zu treffen. Seit dieſer Stunde nahm meine Vertraulichkeit faſt die Form von Freundſchaft an. Ich beſuchte den Graf, oder wenn er fort war, die Gräfin jeden Morgen; wir ſchwatzten über die Neuigkeiten des Tages; entwarfen unſere Plane für den Abend, ſey es nun nach Boitsfort oder Lacken, oder gelegenheitlich nach der grünen Allee, oder in's Theater, und machten zuweilen kleine Ausflüge nach Antwerpen, Löwen oder Gent. Es iſt in der That etwas ſeltſames, wenn man bedenkt, aus was für geringfügigen Stoffen unſer Glück zuſammengeſetzt iſt. Das Neſt, das unſere größte Wonne einſchließt, iſt ein Ding von Stroh und Federn, vom Zufall geſammelt oder von den Winden des Schickſals uns zugetrieben. Wenn Sie mich jetzt fragen wollen, welche Periode meines ganzen Lebens ich für die glück⸗ lichſte halte, ſo würde ich mich nicht beſinnen, jene als ſolche zu nennen. Erſtens beſaß ich die Hauptbedingung eines glücklichen Zuſtandes— jeder Augenblick meines ganzen Tages war beſchäftigt: jede Stunde war an die nächſte durch ein leichtes aber unſichtbares Band ge⸗ kettet; und mochte ich nun über meiner polniſchen Gram⸗ matik grübeln, oder neben dem Fortepiano ſitzen, wäh⸗ rend die Gräfin eine ihrer heimatlichen Balladen ſang, oder den Legenden Polens in den Zeiten ſeiner Größe lauſchen, oder an ihrer Seite durch den Wald von Soignies galoppiren, meine Seele war immer voll— nie beſchlich mich ein Gefühl von Müdigkeit oder Lange⸗ weile; während mir das Bewußtſeyn einer in mir ſelbſt vorgegangenen Veränderung— ich wußte nicht, worin ſie beſtand— ein Gefühl von Wonne und Entzücken einflößte, das ich nicht erklären oder beſchreiben kann, und dieß halte ich— ob ich gleich hierin als Unwiſſen⸗ der und bloß aus Vermuthung ſpreche— dieß halte ich ungefähr für ſo etwas, was verliebte Leute an ſich erfahren, und was ihnen das Entzücken der Leidenſchaft gibt. In der Bewunderung des geliebten Gegenſtandes konzentrirt ſich genug, um der Seele eine beſtimmte und feſte Richtung zu geben, und in den verſchiedenen Pla⸗ nen, das Lob der Geliebten zu gewinnen, liegt Abwechs⸗ lung genug, um den Reiz der Neuheit einzuflößen. Bei alle dem aber darf mein Leſer oder meine Leſerin, mö⸗ gen ſie nun redlich oder falſch ſeyn, nicht auf den Ver⸗ dacht gerathen, daß in gegenwärtigem Falle etwas vor⸗ handen war, was an Liebe grenzte. Von vorne herein— die Gräfin war verheirathet, und ich in einer vortrefflichen Schule in Bangor erzo⸗ gen, wo mir der Katechismus Welſch und Engliſch ein⸗ geprügelt wurde, bis jodes Gebot ſeinen eigenen Strie⸗ men auf meinem Rücken hatte. Nein; ich hatte die königliche Heerſtraße, die zur Glückſeligkeit führt, einge⸗ ſchlagen; ich war entzückt, ohne mich zu bekümmern, warum, und freute mich, ohne viel zu grübeln, worüber. Neue Quellen des Unterrichts und der Erkenntniß wur⸗ den mir geöffnet durch Leute, die einen großen Vorrath von Kenntniſſen beſaßen, und ich lernte, wie die Unter⸗ haltung mit begabten und vollendeten Perſonen eine große Triebfeder abgeben kann, um den Geiſt, wenn auch nicht zu den höheren Bahnen der Viſeenſchaft, wenigſtens zu jenen Pfaden zu bilden und zu erziehen, worin der größere Theil des Lebens zugebracht wird, und wo einem Jeden daran gelegen iſt, den Weg für ſeine Mitmenſchen angenehm zu machen. Ich habe ge⸗ ſagt, daß ich nicht verliebt war— wie konnte ich dieß unter den gegebenen Umſtänden?— aber dennoch geſtehe ich, daß die regelmäßigen Zeitwörter der polniſchen Grammatik, ohne gewiſſe unregelmäßige Blicke auf meine hübſche Gebieterin, die trockenſte Aufgabe geweſen wären; auch hätte ich mich durch die Schwierigkeiten der Dekli⸗ nationen ſchwerlich zurecht finden können, hätte nicht das Licht ihrer Augen die Seiten beleuchtet, und ihr zarter Finger auf die Stelle gedeutet. Und ſo verfloßen zwei Monate, während deren ſie nicht einmal aus weiteſter Ferne auf unſere Haltung in dem Boitsforter⸗Garten anſpielte, und ich über die Umſtände meiner Freundin nicht mehr erfuhr, als am erſten Tage unſeres Zu⸗ ſammentreffens. Inzwiſchen hatten mich alle Reiſeplane vollſtändig verlaſſen; und obgleich ich jetzt reichliche Hülfsmittel für alle möglichen Reiſezwecke zu Handen meines Ban⸗ kiers beſaß, ſo fiel es mir auch im Traume nicht ein, einen Ort zu verlaſſen, wo ich mich ſo überaus glück⸗ lich fühlte. So war damals unſer Leben, als ich anfing, im Benehmen des Grafen eine leichte Veränderung zu be⸗ merken, einen Anſtrich von düſterer Befangenheit, die jeden Tag zu wachſen ſchien, und gegen die er, aber vergeblich, anzukämpfen ſich bemühte. Es war klar, daß ihm irgend etwas nicht nach Wunſch gegangen war, aber ich wagte keine Anſpielungen zu machen, noch we⸗ niger ihn über den Gegenſtand zu fragen Eines Abends endlich, gerade als ich mich anſchickte, zu Bette zu gehen, trat er in mein Zimmer, ſchloß die Thüre ſorgfältig hinter ſich zu und ſetzte ſich nieder. Ich ſah, daß er wie zu einer Reiſe angekleidet war, und ſeine Züge waren blaſſer und aufgeregter als gewöhnlich. „O'Leary,“ ſprach er mit zitternder Stimme,„ich bin gekommen, um Ihren Händen das höchſte Geheim⸗ niß anzuvertrauen, das ein Mann dem andern mitthei⸗ len kann— kann ich mich auf Ihre Freundſchaft ver⸗ laſſen?“ Ich ſchüttelte ſchweigend ſeine Hand und er fuhr fort:„Heute Nacht noch muß ich Brüſſel heimlich ver⸗ laſſen. Eine politiſche Angelegenheit, wobei der Friede Europa's auf dem Spiele ſteht, iſt ſo eben zu meiner Kenntniß gelangt; die Regierung hier wird ihr Mög⸗ lichſtes thun, mich feſtzuhalten; Befehle ſind bereits er⸗ laſſen, an der Grenze mich aufzuhalten— vielleicht auch, mich nach der Hauptſtadt zurückzuſchicken; ich muß daher zu Pferd üͤber die Grenze und morgen Abend in Aachen 240 ſeyn. Die Graͤſin kann mich natürlich nicht begleiten.“ Er ſetzte eine Sekunde aus.„Sie müſſen ihr Beſchützer ſeyn. Hundert Gerüchte werden auftauchen, ſobald man findet, daß ich entwichen bin, und eben ſo viele Ver⸗ muthungen über die Urſache meiner Abreiſe wird man in den Zeitungen leſen. Indeſſen bin ich zufrieden, wenn ſie das Publikum amüſiren und die Polizei beſchäftigen, ich dagegen inzwiſchen Zeit gewinne, unbeläſtigt durch Preußen zu kommen Ehe ich St. Petersburg erreiche, wird die Gräfin Briefe von mir erhalten und erfahren, wohin ſie ſich begeben ſoll; ich rechne auf Ihre Freund⸗ ſchaft, daß Sie bis dahin— vierzehn Tage, höͤchſtens drei Wochen lang— hier bleiben. Sollten Geldum⸗ ſtände für Sie ein Hinderniß ſeyn—— ℳ „Nicht im geringſten; ich habe weit mehr, als ich brauche.“⸗ „Gut, alſo darf ich auf Ihre Einwilligung hoffen?“ „Natürlich,“ erwiederte ich, überwältigt von einem Strom von Empfindungen, die ich jedoch nicht ſchildern kannz: mein Leſer muß ſie ſelbſt fühlen, wenn es je ſein Loos war, in ähnlichen Umſtänden ſich befunden zu ha⸗ ben, oder wenn dieß nicht der Fall war, ſo muß ich ihn auf ſeine Einbildungskraft verweiſen. „Die Gräfin weiß natürlich—— „Alles,“ unterbrach er,„und erträgt es mit be⸗ wunderungswerther Faſſung. Indeſſen iſt dieß großen⸗ theils dem Uebereinkommniß mit Ihnen zu verdanken, da ich ſie verſicherte, es ſey ſchon Alles zwiſchen uns abgemacht, noch ehe ich Sie um Ihre Einwilligung be⸗ fragt hatte— ſo groß war mein Vertrauen auf Ihre Freundſchaft.“ „Sie haben ſich nicht getäuſcht,“ war meine Ant⸗ wort, während ich mein Gehirn anſtrengte, ausfindig zu machen, wie ich ihm ſolche Beweiſe von Vertrauen ver⸗ gelten könne.„Gibt es weiter nichts,“ fragte ich— gfallt Ihnen gar nichts ein, worin ich Ihnen dienen könnte?“ 241 „Nein, theurer Freund, nichts,“ erwiederte er. „Wahrſcheinlich treffen wir uns in St. Petersburg.“ „Ja, ja,“ ſagte ich,„das iſt meine feſte Abſicht.“ „Das iſt alles, was ich wünſchen konnte,“ verſetzte er.„Der Großfürſt wird ſich freuen, wenn er erfährt, welchen Beiſtand uns Ihre Freundſchaft geleiſtet hat, und Potoskis Haus wird Ihr eigenes ſeyn.“ Mit die⸗ ſen Worten umarmte er mich auf's zärtlichſte und ſchied; ich dagegen ſetzte mich nieder, um über meine ſeltſame Stellung nachzudenken, und ich zweifelte, ob je ein Menſch in einer ähnlichen Lage war. Als ich am nächſten Morgen im Begriff war, der Gräfin aufzuwarten, machte ich mich darauf gefaßt, von einem Zuſtand großer Betrübniß und Niedergeſchlagen⸗ heit Zeuge zu ſeyn. Wie angenehm war ich überraſcht, ſie heiter— vielleicht heiterer als je zu finden, augen⸗ ſcheinlich aus Freude über das Gelingen des Planes ihres Mannes. „Guſtav iſt jetzt in St. Tron,“ ſagte ſie, auf die Karte ſehend;„Lüttich wird er zwei Stunden vor der Poſt erreichen; friſche Pferde werden ihn ſchnell weiter nach Battiſte bringen. O, hier ſind die Zeitungen. Laßt uns ſehen, wie ſeine Abreiſe gemeldet iſt.“ Sie ſchlug ein Journal nach dem andern um, ohne die gewünſchte Stelle zu finden, bis ſie endlich im Winkel des Han⸗ delsblads auf Folgendes ſtieß: „Geſtern Morgen hat ein Erpreſſer dem Miniſter des Innern gemeldet, daß der berüchtigte Gauner, der Chevalier Duguet, der als Verfälſcher neapolitaniſcher Banknoten vielleicht noch im Andenken unſerer Leſer iſt, gegenwärtig ſeine Kunſt unter einem erdichteten Namen in Brüſſel ausübt, wo er bei einigen angeſehenen Fa⸗ milien der untern Stadt Eingang gefunden hat, in deſſen Folge es ihm gelungen iſt, unter verſchiedenen orwänden bedeutende Geldſummen zu erheben; ſeine Lever, O'Leary, I. 16 242 Geſchicklichkeit im Spiel, ſagt man, iſt die geringſte ſeiner zahlreichen Fähigkeiten.“ Mit ſchallendem Gelächter über dieſe Worte warf ſte die Zeitung weg und rief—„iſt es nicht zu albern? Das iſt Guſtavs Werk— wenn er nur die Leute an der Naſe herumführen kann. Einſt brachte er es dahin, daß er ſelbſt und Prinz Karl von Preußen vor die Po⸗ lize geſchleppt wurden, weil ſie dem König nachgeſchrieen hatten.“ „Aber Duguet,“ ſragte ich—„was hat er mit Duguet zu thun?“ „Sehen Sie nicht, daß dieß ein erdichteter Name iſt,“ verſetzte ſie—„den er angenommen hat, als ob er ein Halbduzend dergleichen hätte. Leſen Sie weiter, und Sie werden alles erfahren.“ Ich nahm die Zeitung und fuhr fort, wo ſie auf⸗ gehört hatte:— „Dieſer Duguet ſcheint alſo identiſch zu ſeyn mit einem ziemlich wohlbekannten polniſchen Grafen Zaroisky, der mit ſeiner Dame einige Wochen im Hôtel de France zugebracht hat. Die Polizei hat indeſſen ſein Signale⸗ ment in Händen und iſt ihm auf der Spur.“ „Aber wozu ums Himmelswillen eine ſo gehäſſige Verläumdung uber ſich ſelbſt verbreiten?“ fragte ich. „O mein Lieber, wie können Sie doch ſo naiv ſeyn. Ich dachte, er habe Ihnen alles geſagt. Als bloßer Gauner kann er allenthalben die Behörden mit Geld beſtechen, ſo daß ſie ihn durchlaſſen; als Staatsverbre⸗ cher, und als ſolchen würde ihn der Gegenſtand ſeiner Sendung bezeichnen, könnte er die Beamten durch nichts bewegen, ſeine Entweichung zu begünſtigen— ſie wür⸗ den mit ihren eigenen Köpfen dafür büßen. Iſt er ein⸗ mal über die Grenze, ſo wird die Liſt entdeckt werden, die Zeitungsſchreiber werden genöthigt ſeyn, ihre Worte zurückzunehmen und ſich auslachen zu laſſen; Guſtav hingegen wird für ſeine Dienſte den ſchwarzen Adler erhalten. Aber ſehen Sie, hier iſt noch etwas anderes.“ „Uuter die Spielopfer des wohlbekannten Chevalier Duguet. oder wie er hier beſſer bekannt iſt, des Grafen Zaroisky, gehört ein einfältiger Engländer, wohnhaft im Hôtel de France, dem er alles Geld bis auf den letzten Louisd'or abgewonnen zu haben ſcheint. Dieſer bejammerungswürdige Gimpel, deſſen Namen O'Learie oder O'Leary iſt——“ Bei dieſen Worten lehnte ſie ſich in das Sopha zurück und lachte unmäßig. „Iſt es Ihnen denn ſo ſchlimm gegangen,“ fragte ſie, ihre Augen abwiſchend—„hat Guſtav wirklich alle Ihre Louisd'ors gewonnen?“ „Das iſt zu arg— gar zu arg—“ ſagte ich; „und ich kann in der That nicht begreifen, wie er ſich von irgend einer Intrigue ſo weit verleiten laſſen konnte, ſeinen Charakter in ſolcher Weiſe zu beſudeln: ich für meinen Theil kann mich nicht dabei betheiligen.“ Bei dieſen Worten ſielen meine Augen auf den letztern Theil der Stelle, der folgendermaßen lautete: „Dieſer arme Junge— denn wir hören, er iſt nicht mehr— wurde durch die Schönheit und Reize der Ma⸗ dame Zaroisky in ſein Verderben gelockt.“ Ich zerdrückte das ſchändliche Blatt, ohne daß ich weiter zu leſen wagte, riß es in tauſend Stücke, eilte ohne Verzug auf mein Zimmer und ergriff meine Feder; brennend vor Zorn und Wuth ſchrieb ich ein kurzes Billet an den Herausgeber, worin ich nicht nur den Be⸗ hauptungen ſeines Correſpondenten widerſprach, ſondern auch für den Namen der Perſon, welche die ſchmähliche Verläumdung erfunden hatte, eine Belohnung von hun⸗ dert Louis anbot. 3 Es dauerte einige Zeit, bis ich wieder hinlängliche Faſſung gewann, um zu der Gräfin zurückzukehren, die ich jetzt in großer Aufregung und Unruhe über mein plötzliches Wegeilen fand. Sie beſtand mit ſolchem Eifer darauf, zu erfahren, was ich gethan habe, daß ich 16 244 mich genöthigt ſah, alles einzugeſtehen, und ſihr eine Abſchrift von dem Briefe zu zeigen, den ich bereits an den Herausgeber abgeſchickt hatte. Sie wurde während des Leſens blaß wie der Tod, erröthete tief, wurde wie⸗ der blaß und ſank ſchwach und krank in einen ESeſſel. „Das iſt ein ſehr edles Benehmen von Ihnen,“ ſprach ſie mit leiſer hohler Stimme;„aber ich ſehe, wohin es fuͤhren wird— Zaroisky hat große und mäch⸗ tige Feinde; ſie werden auch die Ihrigen werden.“ „Sei's drum,“ ſagte ich, ſie unterbrechend.„Sie haben wenig Gewalt, mir wehe zu thun— mögen ſie auch das Schlimmſte wagen.“ „Sie vergeſſen ohne Zweifel,“ erwiederte ſie mit höchſt bezauberndem Lächeln,„daß Sie über Ihre Frei⸗ heit nicht mehr zu verfügen haben— daß Sie als mein Beſchützer keinen Gefahren und Schwierigkeiten trotzen dürfen, die mit Gefängniß endigen.“ „Was ſoll ich denn alſo thun?“ „Auf der Stelle zu dem Herausgeber eilen; aus Ihrem Briefe alles ſtreichen, was ſich auf die verſpro⸗ chene Belohnung bezieht; Aufſchlüſſe hierüber könnten für Sie von keinem Nutzen ſeyn— irgend ein Elen⸗ der, vielleicht ein Polizeiſpion, iſt der Verläumder. Was könnten Sie durch ſeine Beſtrafung gewinnen, außer Oeffentlichkeit? Einfacher Widerruf der aufgeſtellten Behauptungen iſt gänzlich hinreichend; und auch das,“ fuhr ſie lächelnd fort,„wie überflüſſig iſt auch das am Ende: eine Woche— höchſtens zehn Tage, und das ganze Geheimniß iſt enthüllt. Damit will ich Sie je⸗ doch nicht von einem Verfahren zurückhalten, an dem Sie, wie ich ſehe, mit Leib und Seele hängen, und wobei am Ende rein perſönliche Rückſichten ins Spiel kommen.“ „Ja,“ ſagte ich nach einer Pauſe,„ich will Ihren Rath befolgen: der Brief ſoll ohne die Schlußſtelle ein⸗ gerückt werden.“ Die verläumderiſchen Gerüchte über den Grafen be⸗ 245 wogen die Dame, an dieſem Tage nicht an der Table d'Hôte zu ſpeiſen, und als ich an der Tafel Platz nahm, bemerkte ich unter den Gäſten ein gezwungenes, zurück⸗ haltendes Weſen, als ob meine Gegenwart die Beſpre⸗ chung eines Gegenſtandes unterſage, mit dem ſich ganz Brüſſel beſchäftigte. Nach dem Eſſen ging ich in den Park ſpazieren, um nachzudenken, was ich unter der⸗ maligen Umſtänden anfangen ſollte, und bei mir ſelbſt zu erwägen, in wie weit während der Abweſenheit ihres Mannes meine frühere Vertraulichkeit zuläſſig ſey oder nicht. Dieſe Frage wurde früher gelöst, als ich dachte; denn es kam mir ein Kellner mit einem kurzen, mit Bleiſtift geſchriebenen Billet nach; es lautete folgen⸗ dermaßen:— „Man gibt heute die Zauberflöte; ich werde um acht Uhr hingehen— vielleicht beliebt Ihnen ein Sitz im Wagen. Duiſchka.“ Welche Bedenklichkeiten über mein künftiges Be⸗ nehmen auch in mir aufgeſtiegen waren, das Ver⸗ fahren der Gräfin ſchlug ſie auf der Stelle nieder. Ein Ton vollkommener Gemüthsruhe und faſt ſchweſterlichen Vertrauens bezeichnete ihr ganzes Weſen; und während ich mich durch die Freiheit unſeres Verkehrs ergötzt und bezaubert fühlte, konnte ich nicht umhin zu bedenken, wie rein unmöglich ein ſolcher Umgang in meinem ſtren⸗ geren Vaterlande geweſen wäre, und welchen grauſamen Verläumdungen und Verläſterungen ſie ſich dadurch aus⸗ geſetzt hätte. In der That, dachte ich, wenn mit dieſen Dingen, wie Sterne ſagt, die Franzoſen beſſer umzu⸗ gehen wiſſen, ſo zeichnen ſich auch die Polen bedeutend darin aus; und ſo hatte es mit meiner polniſchen Gram⸗ matik, mit den Liedern und den Fahrten nach Boitsfort wie gewöhnlich ſeinen Fortgang, und mein glückſeliger Traum floß nach kurzer Unterbrechung mit erhöhter Kraft in ſeinem früheren Strombett weiter. Vierzehn Tage waren nun vergangen, ohne daß ein 8 246 Brief vom Grafen anlangte, ausgenommen ein Paar flüchtige Zeilen aus Magdeburg; und ich bemerkte, daß die Gräfin zuweilen einen Grad von Aengſtlichkeit und Aufregung verrieth, den ich nie zuvor an ihr bemerkt hatte. Endlich kam die geheime Urſache an den Tag. Wir ſaßen zuſammen im Park und aßen nach dem Diner Eis, als ſie plötzlich aufſtand und ſich anſchickte, weg⸗ zugehen. „Iſt Ihnen etwas Unangenehmes begegnet?“ fragte ich eilig.„Warum wollen Sie fort?“ „Ich kann es nicht länger ertragen!“ rief ſie, indem ſie ihren Schleier herunter ließ, ſorteilte, und ohne ein Wort zu ſprechen, ihren Weg nach dem Gaſthof fort⸗ ſetzte. Als ſie ihr Logis erreichte, brach ſie in einen Strom von Thränen aus und ſchluchzte auf's heftigſte. „Was gibt's?“ fragte ich, über den Anblick ſolchen Schmerzes außer mir.„Ums Himmels willen, ſagen Sie mir's. Hat Jemand gewagt——“ „Nein, nein,“ verſetzte ſte, mit dem Sacktuch ſich die Thränen wiſchend;„nichts der Art— der Zuſtand des Zweifels, der Zuſtand ſpannender, quälender Unge⸗ wißheit iſt es, der mir das Herz bricht. Sehen Sie nicht, ſo oft ich öffentlich erſcheine, an den unerträglich unverſchämten Mienen der Männer und an den noch kränkenderen Blicken der Weiber, wie ſie von mir zu denken wagen? Ich habe es, ſo gut ich vermochte, bis⸗ her ertragen; aber länger kann ich es nicht aushalten.“ „Was!“ rief ich heftig,„ſoll ſich Jemand unter⸗ ſtehen-—“ „Die Welt wird ſtets wagen, was ſie ungeſtraft wagen darf,“ unterbrach ſie mich, ihre Hand auf meinen Arm legend.„Man weiß, daß Sie meinethalben keinen Streit anfangen können, ohne meine Ehre bloszuſtellen; und eine ſolche Gelegenheit, auf einem armen Weibe herum zu treten, darf man nicht vorüber laſſen. Auch gut; Guſtav kann morgen oder nächſter Tage ſchreiben. Noch ein wenig länger Geduld; dieß iſt das einzige Mittel gegen ſolche Uebel.“— Als ſie dieſe Worte der Ergebung ſprach, lag ein Ton engelhafter Milde in ihrer Stimme, und nie war ſie in meinen Augen liebenswürdiger erſchienen. „Nun alſo, da ich nicht in die Oper gehe, was werden wir anfangen, um uns die Zeit zu vertreiben? Polniſcher Lieder und deutſcher Balladen ſind Sie, ich weiß es, müde. Gut, ich ebenfalls. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, wir Polen ſeyen ſo große Spieler, als ihr? Was ſagen Sie zu einem Spiel Piquet?“ „Von Herzen gerne,“ erwiederte ich, erfreut über die Ausſicht, ihr die Stunden ihres Kummers zu ver⸗ kürzen. „Dann müſſen Sie mich's lehren,“ verſetzte ſie la⸗ chend,„denn ich kenne es nicht. Ich bin jämmerlich dumm in allen dieſen Dingen, und könnte nie ein Spiel lernen, außer Ekarté.“ „Nun, ſo ſpielen wir Ekarté,“ ſagte ich; in we⸗ nigen Minuten hatte ich den kleinen Tiſch zurecht ge⸗ ſtellt, und wir ſetzten uns zu unſerer Partie hin. „Hier,“ ſprach ſie lachend, indem ſie ihre Börſe auf den Tiſch warf,„das iſt Alles, was ich zu verlieren habe; aber wenn Sie Glück haben, ſo dürfen Sie das Alles gewinnen.“ Mit dieſen Worten ließ ſie eine Rolle Louis aus der Hand gleiten und auf den Tiſch fallen. „Es gilt,“ erwiederte ich, auf den Scherz eingehend. „Ich bin ein alter Spieler und treibe es immer hoch. Wie viel ſetzen wir? „Fünßzig, denk' ich, verſetzte ſie, immer noch la⸗ chend;„ſpäter können wir damit ſteigen.“ Nach einiger Schäkerei ſetzten wir einen doppelten Louisd'or, und begannen. Eine Zeit lang nahm das Spiel unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch; allmählig aber ugen wir an, uns zu unterhalten, wir lieben die Kar⸗ ten gleichgültig aus den Händen fallen, die Stiche blie⸗ — 248 ben uneingezogen, und wir wußten nicht einmal, an wem das Geben war. „Ich ſehe, Sie haben Langeweile,“ ſprach ſie; „vielleicht hören Sie lieber auf.“ „Bewahre!“ erwiederte ich.„Ich liebe das Spiel über Alles.“ Dieß ſagte ich mehr, weil ich in dieſem Augenblick bedeutend gewonnen hatte, als aus irgend einem andern Grunde; ſo ſpielten wir fort bis elf, zu welcher Stunde ich mich gewöhnlich verabſchiedete; und nun war mein Gewinn auf einige ſiebzig Louis geſtiegen. „Iſt es nicht ein Glück,“ fragte ſie lachend,„daß es elf geſchlagen hat? Sie hätten gewiß all mein Gold gewonnen; und jetzt müſſen Sie mitten in Ihrem Glücke aufhören; alſo bon soir et à revanche.“ Nun ſaßen wir jeden Abend, anſtatt auszufahren oder die Oper zu beſuchen, an unſerem kleinen Ekarté⸗ tiſch; und obgleich das Glück oft bedeutend auf die eine oder die andere Seite ſich neigte, ſo wurde doch im Ganzen auf keiner Seite etwas gewonnen, und wir ſcherzten über die Unparteilichkeit, womit das Glück uns beide behandelte. Eines Abends endlich ſchlug es eilf Ubr, als ich mehr als je gewonnen hatte, und ich meinte, in ihrem Weſen ein wenig Empfindlichkeit über mein ungeheures, ſtets anhaltendes Glück zu bemerken. „Hören Sie,“ ſprach ſie lachend,„Sie haben wirk⸗ lich das Nationalgefühl eines polniſchen Herzens ver⸗ wundet— Sie haben mir in einem künſtlichen Spiel den Meiſter gezeigt. Ich muß Sie ſchlagen;“ und mit dieſen Worten legte ſie fünf Louis hin. Sie verlor. Noch einmal der gleiche Satz, und wiederum daſſelbe Schickſal, obſchon ich alles Mögliche aufbot, um nicht zu gewinnen— natürlich ohne daß ſie etwas merken ſollte. „So iſt denn,“ ſprach ſie, indem ſie Karten gab, „Irland wirklich ſo maleriſch, als Sie ſagen?“ „Sehr ſchön,“ erwiederte ich,„indem ich mich, durch ein Lieblings⸗Thema aufgewärmt, auf eine Schil⸗ 249 derung der Gebirgslandſchaften im Süden und Weſten einließ; das reiche Smaragd⸗Grün der Thäler, der wilde, phantaſtiſche Charakter der Gebirge, das wech⸗ ſelvolle Gewölke, Alles wurde aufgeboten, um ihr ein ihrer Bewunderung werthes Gemaͤlde vor Augen zu ſtellen; und ſie ſchien ſich wirklich mit dem höchſten Be⸗ hagen daran zu erfreuen; wenigſtens unterbrach ſie mich in meiner Rede nur mit den Worten„Je marque le Roi,“ verbunden mit einem ſüßen Lächeln und einer Bewegung mit ihren zarten Fingern. So folgte Stunde auf Stunde; ſchon brach die graue Dämmerung an und ich begann eine beredte Beſchreibung der Killeries, als die Gräfin plötzlich auf ihre Uhr ſah und ausrief:— „Wie ſchrecklich! denken Sie nur, ſchon drei!“ So viel war es in der That; ich ſprang daher auf, um gute Nacht zu ſagen, erſchreckt über mich ſelbſt, die Zeit ſo weit überſchritten zu haben und doch heimlich geſchmeichelt, daß meine Unterhaltungsgabe die Stunden unbeachtet hatte dahin gleiten laſſen. „Und die Irländer ſind wirklich ſo gewandt, ſo be⸗ gabt, wie Sie ſagen?“ fragte ſte, indem ſie die Hand ausſtreckte, um mir gute Nacht zu wünſchen. „Von erſtaunenswerthem Scharffinn,“ verſetzte ich, indem ich zögerte, ſie zu verlaſſen:„Nichts geht uber ihren Verſtand und ihre Schlauheit.“ „Charmant! Bon soir!“ ſagte ſie, und ich ſchloß die Thüre. Welche Träume hatte ich in jener Nacht! Welche entzückende Bilder von Seegegenden und polniſchen Grä⸗ finnen, von Bergſchlünden und blauen Augen von tiefen Schluchten und lieblichen Formen! Ich glaubte den Lough Corrib hinauf zu ſegeln; der Mond war auf, und be⸗ ſchimmerte und beſtreifte den ſich kräuſelnden See; die Nacht war ſtill und ruhig, nichts als der Kukuk unter⸗ brach das tiefe Schweigen; ich horchte und fuhr auf, denn ich glaubte ſtatt ſeines gewöhnlichen Rufes immer die Worte„Je marque le Roi“ zu hören. Endlich kam der Morgenz aber ich konnte nicht er⸗ wachen und ſuchte in das holde Reich der Träume, woraus mich das Tageslicht geſtört hatte, zurückzuſinken. Es war Mittag, als ich endlich vollſtändig aufwachte. „Ein Billet für Sie,“ ſagte ein Aufwärter, der neben dem Bette ſtand. Ich ergriff es begierig. Es war von der Gräfin, und folgenden Inhalts: „Mein werther Herr,— Eine unerwartete Auffor⸗ derung vom Grafen Zaroiski hat mich genöthigt, Bruſſel zu verlaſſen, ohne daß ich Ihnen Lebewohl ſagen und Ih⸗ nen für all Ihre höflichen Aufmerkſamkeiten danken konnte. Bitte, genehmigen Sie dieſe flüchtigen Verſicherungen und mein Bedauern, daß mir die Umſtände nicht erlaubt haben, Irland zu beſuchen, für das ich, Ihrer Beſchrei⸗ bung nach, ſtets das tiefſte Intereſſe fühlen muß.“ „Der Graf hat mir die herzlichſten Grüße an Sie aufgetragen. Stets Ihre aufrichtige Duiſchka Zaroiski, née Gutzlaff.“ „Und iſt ſie fort?“ fragte ich, halb wahnſinnig auf⸗ fahrend. „Ja, mein Herr, um zehn Uhr iſt ſie abgereist. „Welchen Weg hat ſie eingeſchlagen?“ rief ich, ent⸗ ſchloſſen, ihr auf der Stelle zu folgen. „Die erſte Station war Löwen.“ In einem Augenblicke war ich auf⸗ und angekleidet; zehn Minuten ſpäter raſſelte ich über das Pflaſter dahin zu meinem Bankiers. „Ich brauche dreihundert Napoleons,“ ſagte ich zu dem Schreiber,„und zwar auf der Stelle.“ „Sehen Sie Herrn O'Leary's Rechnung nach,“ war die trockene Antwort des Geſchäftsführers. 8 „Fünfzehnhundert Franken zu viel erhoben,“ ver⸗ ſetzte der andere. 251 „Zu viel erhoben? unmöglich!“ rief ich, wie vom Donner gerührt.„Ich hatte einen Credit von ſechs⸗ hundert Pfund.“ „Die Sie dieſen Morgen in Wechſeln erhoben ha⸗ ben,“ ſprach der Schreiber.„Iſt nicht dieß Ihre Hand⸗ ſchrift?“ „Doch,“ erwiederte ich mit ſchwacher Stimme, als ich mein eigenes, vom Abend zuvor datirtes Gekritzel erkannte. Ich hatte über ſiebenhundert Pfund verloren und keinen Sou übrig, um Poſtpferde zu bezahlen. Traurig wankte ich nach dem Gaſthof zurück, trau⸗ riger als je in meinem Leben. Tauſend quälende Ge⸗ danken beſtürmten mein Gehirn, und ein Gefühl von Selbſtverachtung hatte, ſo zu ſagen, die Oberhand. So war's; jetzt iſt Alles vorüber, und ich darf keine begrabenen Schmerzen wieder erwecken. Den Grafen und die Gräfin ſah ich nie wieder, und ob ich gleich ſeither in Petersburg geweſen bin, ſo ſcheint doch der Großfürſt meine Dienſte vergeſſen zu haben und ein pompös ausſehender Portier in einem Bärenfell hatte eben nicht das Ausſehen einer Perſon, der ich jenes Verſprechen, das Haus des Grafen Pa⸗ toski werde mein eigenes ſeyn, hätte mittheilen mögen. Eilftes Kapitel. Ein Fragment aus dem Waldleben. Es will mich ſchon halb gereuen, daß ich dieſe kleine Geſchichte ans meinem Leben erzählt habe. Die Erinnerung daran hat immer etwas ſchmerzliches; und ich möchte jetzt lieber von Brüſſel hinweg zu andern Seenen eilen; aber es gibt noch viele Dinge, von denen ich gerne ſprechen möchte, und auch noch einige Leute, die im Vorübergehen eine Erwähnung verdienen. Ich moͤchte gerne einen Mondſchein⸗Spaziergang über la Grande Place mit Dir machen, am klaren Himmel den zarten Umriß des ſchönen Thurmes Dir zeigen, deſſen vergoldete Spitze bis zu dem glänzenden Stern darüber emporzuragen ſcheint, und Dir das Innere eines flä⸗ miſchen Klubbs in der alten Salle de Loyauté zeigen. Eigenthümliche hübſche Burſche ſind ſie, dieſe Flä⸗ minge— Geſchöpfe von Konſequenz, geſetzt, ſelbſtzu⸗ frieden und einfach— bis zum höchſten Grade leicht⸗ gläubig in Betreff ihrer eigenen Wichtigkeit, aber bei alle dem freundlich; nicht ſelbſt gaſtfreundſchaftlich, aber Bewunderer dieſer Tugend an andern; gerne luſtig, wenn das Vergnügen wenig koſtet; mit einem Worte, Leute, die von der Natur trefflich geeignet ſind, eine Art Land⸗ münze zu werden, die von einem großen Staate an einen andern wechſelſeitig bezahlt wird, je nachdem die Wagſchale Europas auf dieſe oder jene Seite hinneiat; mit einer Induſtrie, die ſtark genug iſt, daß ſie geplün⸗ dert zu werden verdient und mit einem für regelmäßige Schlachten vollkommen geeignetem Gebiete; zwei vor⸗ treffliche Gründe gibt es dafür, daß Belgien eine Art Hounslower Heide oder Wormwood Scrubs bildet, je nachdem die Nationen des Continents ſich zum Stehlen oder Fechten geneigt fühlen. Ein grauſamer Scherz indeſſen war es, eine Nation daraus zu machen. Man lacht ſich endlich müde über ſie; und ſogar Sancho's Inſel Barataria wäre, wenn ſie lang beſtanden hätte, langweilig geworden. Nun, ich muß jetzt weiter eilen. Ich kann eine Weile nicht mehr in das Hôtel la France zurück, darum will ich mich auf den Weg machen— aber auf welchen Weg? Das iſt die Frage. Welch eine Ueppigkeit würde es nicht ſeyn, ſich eine Perſon von ausgeſuchtem Ge⸗ ſchmack zu halten, die jeden Tag im Jahre das Eſſen beſtellen, den Küchenzettel nach einem phyſiognomiſchen Studium unſeres Geſichtes anordnen, und un ern Reiſe⸗ plan nach einem eingebornen Gefühle unſerer Wünſche 25⁵³ entwerfen könnte. Arthur O'Leary hat indeſſen Niemand der Art; ſeine ganze Philoſophie im Leben beſteht darin, der Mähre Fortuna die Zügel auf dem Nacken zu werfen, und ſie ihren Weg nach Belieben laufen zu laſſen. Nein, über ſeine Art zu reiſen hat er kein Recht ſich zu be⸗ klagen; ſein Klepper hat ihn luſtig durch's Leben gebracht — bald galoppirte er leicht über den ebenen Torf dahin, bald ſuchte er ſich ſorgfältiger ſeinen Pfad durch rauhen Grund und ſpizige Kieſel— und wenn dann und wann ein gelegenheitlicher Seitenſprung oder ein plötzliches Anhalten ihn aus dem Sattel geworfen, ſo hat es ihn doch nicht aus der Faſſung gebracht; denn Ein großes Gebeimniß hat er wenigſtens gelernt— und man darf daſſelbe am Ende wohl erwähnen: unter den glücklichſten Ereigniſſen und angenehmſten Umſtänden unſeres Lebens gibt es nur wenige, die nicht ihren Vorſprung in irgend einem Zufall haben, den wir, wenn wir es im Stande wäͤren, hintertreiben würden. Wer alſo die Maͤhre „Zufall“ auf einem rauhen Lande reitet, der höre auf meinen Rath, ihr freies Gebiß zu laſſen, feſt zu ſitzen, und wenn er an eine gefäͤhrliche Stelle kommt, ſie ihren eigenen Weg ausſuchen zu laſſen. Von der Wahrheit dieſer Behauptung bin ich ſo überzeugt, daß ich nicht ruhig ſterben könnte, wenn ich ſie nicht ausgeſprochen hätte; und wenn irgend etwas den Druck dieſer Fragmente hindern ſollte, ſo hinterlaſſe ich in meinem Teſtament etne Verfügung, daß drei Abhandlungen von O Leary, worin dieſe Thatſache feſtgeſtellt iſt, angeſchafft werden, und meine Teſtamentsvollſtrecker ſind bevollmächtigt, für jede derſelben fünf Pfund Sterling zu bezahlen. Ohne dieſen Umſtand hätte ich mich verheiratet, und zwar wenigſtens vierzehnmal in verſchiedenen Gegenden der Erde und hätte vielleicht eine Herde von ſchwarzen und weißen Kindern auf die Welt geſetzt, woraus man ganz bequem ein Sortiment Schachfiguren hätte machen können. kan kann ſich gar nicht vorſtellen, was mir begegnet wäre. Es käme wie Großſprecherei heraus, wenn ich 254 ſagen wollte, der Kaiſer von Oeſterreich habe manchmal daran gedacht, ſich Metternichs zu entledigen, und die auswärtigen Angelegenheiten mir zu übergeben; und einmal ſey ich kaum dem Kommando der ruſſiſchen Flotte in der Oſtſee entkommen. Doch hievon ein andermal— gegenwärtig wünſche ich nur den Grundſatz im Auge zu behalten, daß das Glück beſſer für uns ſorgt, als wir ſelbſt thun könnten; aber zu dieſem Zwecke darf von unſerer Seite durchaus keine Einmiſchung ſtatt finden. Die Göttin iſt kein Weſtend⸗Arzt, der uns, vorausgeſetzt, wir ſind zum Bezahlen bereit, all die kleinen Ausſchweifungen, zu denen wir geneigt ſind, gefällig erlaubt. Nein, ſie iſt aus der Abernethy⸗Schule, gelegenheitlich etwas rauh, aber immer ehrlich— ſie duldet nie eine Einmiſchung des Patienten, ſondern verlangt unbedingtes Vertrauen und genauen Gehorſam. Was mich betrifft, ſo befolge ich die mir vorgeſchriebenen Verhaltungsregeln; und allenthalben, wo ich mich auch auf dieſer Welt befinden mag, ſey es nun in China oder im Kaukaſus, im Ghuznee, Genua oder Glasnevin, fühle ich, daß ich in dieſem Augenblick am rechten Platze bin, und ſuche mir denſelben ſo angenehm als möglich zu machen. Der Fußgänger iſt der einzige unter allen Reiſen⸗ den, der ſo vom Glücke an der Hand geführt wird. Eine Extrapoſt, mit einem Courrier auf dem Bock, hat wenig mit dem Strom aller jener Reiſezufälle zu thun, die Jenem aufſtoßen, der die Seitenwege der Welt ein⸗ ſchlägt. Man kann hundert gegen eins wetten, daß wir, wenn wir in unſerm Wagen ſitzen, der Poſtillion auf ſeinem Sattel, und der fette Courrier außen auf dem Bock, dieſen Abend an den Ort unſerer Beſtim⸗ mung kommen, ohne irgend einen Zufall, oder ein Abenteuer von größerer Wichtigkeit, als daß das Vor⸗ derpferd einen Huf verloren hat, daß eine Feder ge⸗ ſprungen iſt, oder daß wir von dem Glas Fuſel, das wir auf der dritten Station bekommen, Sodbrennen 255 haben. Eine blaue Poſt mit weißen Streifen, ſagt uns, daß wir in Preußen ſind; oder ein gelb und brauner Pfahl, daß uns der Herzog von Naſſau die Gnade angedeihen läßt, durch ſein Gebiet zu reiſen— außer⸗ dem haben wir keine Spur von irgend einer Veränderung. Die Dorfherberge und ihr kleiner Kreis von Honoratio⸗ ren eröffnet nicht uns jene den National⸗Charakter ſo lebendig malender Züge des auf niedrigen Stufen ſich bewegenden Lebens: nicht wir machen in der ſchwülen Mittagshitze in der neben dem Wege ſtehenden Kapelle Halt, um uns eine Stunde friedliche Betrachtung zu gönnen— um unſere Blicke von der holden Madonna über dem Altare auf das Landmädchen zu werfen, das betend vor ihr kniet— um die harten Züge eines ge⸗ malten Märtyrers in ihrem Contraſt gegen die runzliche Stirn und das verwitterte Geſicht eines weißhaarigen Bettlers zu erblicken;— um über das ruhige Daſeyn der ärmlichen menſchlichen Geſtalt nachzudenken, deren ſchwere Holzſchuhe das Echo des gewölbten Ganges er⸗ wecken— oder um vielleicht jenen ehrwürdigen Prieſter zu betrachten, der in ſeinem weißen Gewand vor dem Altar hin und her ſich bewegt, und gleich einer Geiſter⸗ erſcheinung durch eine unſichtbare Thüre verſchwindet. Die kleinen Reliquien ländlicher Frömmigkeit, ſo rührend in ihrer Armſeligkeit, erwecken in uns keinen Gedanken der frommen Seelen in dem Weiler dort. Der alte Pfarrer ſelbſt, wenn er auf ſeinem Pony langſam dahin⸗ trottet, zeigt uns nichts als die Geſtalt eines alten, abgelebten Mannes. Wir haben nicht die funkelnden Augen und die blühenden Wangen ſeiner beſcheidenen Herde geſehen, die ihn grüßt, wenn er vorüber kommt, und haben nicht jene breite hohe Stirne bewundert, auf welcher Wohlwollen und Liebe ihre Wohnung aufge⸗ ſchlagen haben. Der fußwunde Veteran oder der junge Rekrut find nicht unſere Mitreiſende geweſen— vielleicht würden wir ſie verachten. Ihre Freuden und Kümmer⸗ niſſe, Hoffnungen, Befürchtungen und Wunſche bewegen 2⁵6 ſich alle in einer beſcheidenen Sphäre und taugen nicht für die Ohren derjenigen, deren Glück auf einer höhern Stufe ſteht. Nicht als ob der Wanderſtab und das Ränzel blos ſolche Erſcheinungen uns vorführten. Meine Erfahrung würde ganz anders ſprechen. Mit einigen der merkwür⸗ digſten Männer, die ich je getroffen, bin ich auf der Straße bekannt geworden— einige der angenehmſten Augenblicke meines Lebens hatten ihren Urſprung in den Zufällen einer Fußreiſe— die kleinen Blicke, die ich auf National Charaktere werfen konnte, hatte ich den⸗ ſelben Zufällen zu verdanken; und oft habe ich irgend eine gelegentliche Unterbrechung meiner Reiſe, oder ein vorübergehendes Hinderniß meines Weiterkommens als die Quelle eines Abenteuers geſegnet, das mir das größte Vergnügen bereitete. Ich machte dieſe Erfahrung ſeit einer guten Anzahl von Jahren, und großentheils ſchreibt ſie ſich von einem Zufalle her, der mir begeg⸗ nete, als ich zum erſtenmal in dieſem Lande wanderte. Es iſt kaum eine Geſchichte, aber da ſie meine Lage erläutert, ſo will ich ſie erzählen.. Bald nach dem Ausgang meines polniſchen Aben⸗ teuers— ich möchte mich kaum eines bezeichnerenden Aus⸗ druckes bedienen— erhielt ich aus England eine kleine Geldſendung und brach nach Namur auf. Die Erzäh⸗ lungen meines Oheims Toby oder vielleicht mehr noch der Wunſch, die Maas zu ſehen, von deren Umgebun⸗ gen ich bereits ſo viel gehört, hatten mich zu dieſer Reiſe bewogen. Die Jahreszeit war zum Entzücken— es war zu Anfang des Herbſtes; und in der That übertraf die Gegend weit alle meine Erwartungen. Die Straße nach Dinant führte den Fluß entlang— der klare Strom kräuſelte ſich auf der einen Seite; auf der andern er⸗ hoben ſich drohend mehrere hundert Fuß hoch die maſ⸗ ftven Granitfelſen; an den ſteilen Klippen hing hie und da eine knorrige Eiche oder eine harte Eſche und ſenkte ihr Laub über mein Haupt; auf dem entgegengeſetzten Ufer erſtreckten ſich ſmaragdgrüne Wieſen, durchſchnitten von Eſchen⸗Reihen und ſchlanken Pappeln bis zu dem Hintergrund eines dichten Waldes, der die Ausſicht auf den Horizont beſchränkte. Da und dort lugte ein kleines Pächterhaus mit Holzgebälke und mit mancher heitern Farbe bemalt aus dem kleinen Reben⸗ und Pflaumengehege; noch ſeltener erhob ſich das ſpitzige Dach und der mit Thürmen ver⸗ ſehene Giebel eines ehrwürdigen Schloſſes über die Bäume. Wie oft blieb ich ſtehen, um dieſe ſchmucken alten Gebäͤude mit ihren Balluſtraden und Terraſſen zu betrachten, wo ein einſamer Pfau ſtolz auf und ab ſchritt? der einzige Ton, den man hörte, war das Ziſchen und Plätſchern des Springbrunnens, deſſen funkelnde Tropfen auf die breiten Waſſerlilien hernieder⸗ fielen; und wenn ich hinſah, dachte ich bei mir ſelbſt darüber nach, welch' eine Art von deben die Bewohner führen möchten. Die Fenſter waren offen bis auf den Boden, reiche Blumenſträuße ſtanden auf kleinen Tiſchen: lauter Zeichen, daß ſie bewohnt waren; und ließ ſich Niemand ſehen— keine Bewegung, kein Geräuſch ver⸗ rieth, daß dort Leute wohnten. Wie verſchieden von dem Landleben unſerer großen Häuſer in England, mit ihrem da und dorthin eilenden Gefolge von Bedienten und Epuipagen; aller Reichthum, alle Pracht der großen Hauptſtadt wird hinaus in eine entlegene Grafſchaft ver⸗ ſetzt, auf daß Langeweile und Ueberdruß, Ermüdung und Erſchlaffung keines von ihren gewöhnlichen Hülfs⸗ mitteln verliere. Was nun meinen Geſchmack betrifft, ſo kann mir das Leben unter grünen Bäumen und Blu⸗ men, wo die Droſſel ſingt und die Biene ſummt, kaum zu einfach ſeyn; im friedlichen Anblick der unverſtüm⸗ melten Natur, in jener Ruhe, die aus jedem belaubten Hain, aus jedem wirbelnden Strome athmet, fühle ich den beſänftigenden Einfluß des Landlebens. Ich konnte Lever, O'Feary. J.- 17 2⁵8⁸ neben dem rieſelnden, hellen, aber braunen Waſſerfall ſitzen, der Tropfen um Tropfen aus einer Spalte in der felſigen Klippe kommt und in die kle ne Quelle nie⸗ derfällt, und da ganze Stunden verträumen. Dieſe ein⸗ fachen, leiſen Töne, welche die Stille der ruhigen Luft unterbrechen, ſind alle mit wonnigen Gedanken beladen. Die ununterbrochene Stille einer Prärie iſt das Schreck⸗ lichſte in der ganzen Natur. Ungebengten Herzens gieng ich meines Weges am Ufer des Fluſſes dahm, die Seele voll ruhiger, liebli⸗ cher Gedanken, die eine ſchweigende und anmuthige Landſchaft uns immer einflößt. Gegen Mittag ſetzte ich mich nieder auf ein großes flaches Felsſtück neben dem Strom, und begann mein beſcheidenes Frühſtück einzunehmen— ein wenig Brod und Kreſſe, hinabge⸗ ſpült von ein wenig Waſſer mit Branntwein gemiſcht, aber ſo, daß man letztern kaum roch; darauf ſteckte ich meine Pfeife an, legte mich hin und beobachtete die weißen Blaſen, die an mir vorüberfloſſen, bis ich an⸗ fieng mir einzubilden, ich könne in ihrem Laufe eine moraliſche Lehre leſen. Hier war ein großer, aufge⸗ ſchwollener Kerl, rund und voll, der ſich durch alle ſeine kleinern Brüder hindurch ſeinen Weg bahnte, je⸗ den, auf den er ſtieß, drängend und drückend; aber endlich zerplatzte er eben an ſeinem Uebermaß und ver⸗ ſchwand als ob er nie geweſen wäre; daneben ſchwamm eine Myriade von kleinen perlengleichen Tupfen ge⸗ rauſchlos dahin und hatten doch ihr eigenes Ziel, ihre eigene Beſtimmung: einige wurden durch Verbindung mit andern ſtolzer und kühner und trotzten dem Strome mit dreiſterm Muthe, während andere verſchwanden, noch ehe man ſie recht ſehen konnte. Ein dumpfes murmelndes Plätſchern im Schilfe unter dem Felſen zog meine Aufmerkſamkeit auf die Stelle, wo ich be⸗ merkte, daß ein k'eines Boot, oder vielmehr ein Kahn mit einem Heuſeil an das Ufer befeſtigt war und bei jeder Bewegung des Stromes gegen das Rohr an⸗ wogte. Ich ſah mich nach dem Eigenthümer um, konnte aber Niemand entdecken— kein lebendes Weſen, nicht einmal eine Wohnung ſchien in der Nähe. Die Sonne ergoß in dieſem Augenblick ihre brennenden Strahlen, beleuchtete die reiche Landſchaft auf dem entgegenge⸗ ſetzten Uſer und warf lange Lichtſtreifen in einen dich⸗ ten Buchenwald, wohin eine dunkle, mit Gras über⸗ wachſene Allee führte. Plötzlich ergriff mich der Wunſch, auf dieſem ſchattigen Pfade in den Wald zu gehen. Ich ſchnallte ſogleich mein Ränzel um und ſtieg in das kleine Boot. Es war weder Stange noch Ruder da, aber da der Fluß ſeicht war, ſo diente mein langer Stab als Ruderſtange, und ich erreichte wohlbehalten das Ufer. Ich befeſtigte das Fahrzeug an einem Zweig und ſchritt auf den Wald zu. Als ich näher kam, zog ein kleines an einen Baum genageltes Brett mein Auge auf ſich, und ich las die halbverwiſchte Aufſchrift„Route des Ardennes.“Ü Wie durchzuckten dieſe Worte mein Herz: war dieß wirklich der Wald, von dem uns Shaks⸗ peare ſagt— wenn ich nicht irre, daß dort unter dem grünbelaubten Baum die ſchöne Roſalinde geruht und der melancholiſche Jaques in trauriges Sinnen verſun⸗ ken geweſen—, und wie ſchien mir, als ich weiter gieng, jeder Fleck von ſeinem Geiſte beſeelt. Da ſtand „Die alte Eiche, deren Wurzel auf den Bech her⸗ ausſchaut, der den Wald entlang dahinrauſcht.“ Ein wenig weiterhin kam ich an „Das Strom⸗Gemurmel zwiſchen Weiden⸗uUfern.“ Welchen herrlichen Vorzug hat doch der Genius, daß er ſo den Raum mit Bildern bevölkern kann, denen weder Zeit noch Jahre etwas anzuhaben vermögen; ſo daß er dem einſamen Wanderer auch in der Finſterniß eines abgelegenen Waldes eine Welt von glänzenden Gedanken verſchafft! und ſo glaubte ich die von ihm gemalten Scenen vor meinen Augen zu ſehen. Jeder rauſchende Wind, der das Laubdach erſchütterte, ſchien 17 260 gleich der ſtürmiſchen Leidenſchaft des treu ergebenen Liebhabers— die girrenden Töne der Waldtaube gleich den ſchnippiſchen Scherzen der ſchönen Roſalinde— und in dem dumpfen Säuſeln des Baches vernahm ich die klagenden Töne des armen Jaques. In ſo holde Phantaſten verſunken lag ich dort un⸗ ter den weitgeſtreckten Zweigen einer Sykamore, und rief mit halb geſchloſſenen Augenlidern die Schatten jenes köſtlichen Gemäldes vor meine Seele, als mich plötzlich haſtige Fußtritte, die durch das niedere Ge⸗ ſtrüppe daherkamen, erweckten. Ich kniete ſogleich auf und lauſchte. Im nächſten Augenblick kamen drei Män⸗ ner aus dem Walde auf den Pfad heraus; die beiden vorderſten waren in Bluſen gekleidet und mit Karabi⸗ nern und Säbeln bewaffnet; der letzte trug einen un⸗ geheuern Sack auf ſeinen Schultern und ſchien nur mit beträchtlicher Mühe fortkommen zu können. „Ventre du diable,“ rief er leidenſchaftlich, in⸗ dem er ſeine Buͤrde auf den Boden warf; wozu ſolche Eile!— Sie folgen uns gewiß nicht ſo weit, und ich bin halb todt vor Müdigkeit.“ „Vorwärts, vorwärts, Gros Jean,“ rief einer von den andern mit gebieteriſcher Stimme,„wir dürfen nicht Halt machen bevor wir bei den drei Ulmen ſind.“ „Warum wollen wir es nicht hier begraben,“ ver⸗ ſetzte der erſte Sprecher,„oder warum wollt ihr nicht auch tragen helfen?“ „Das wollte ich ſchon,“ erwiederte der andere hef⸗ tig,„wenn nur Du meine Stelle einnehmen könn⸗ teſt. im Fall wir angegriffen werden, aber Parbleu— du ta gſt mehr zum Davonlaufen als zum Fechten.“ Während dieſes kurzen Geſpräches pochte mir das Herz. Das banditenmaͤßige Ausſehen der Burſche, ihre Waffen, ihr wildes Benehmen und ihr geheimer Zweck, in den ich jetzt in gewiſſem Grade einge weiht war, erfüutten mich mit Entſetzen, und ich machte einen halben Verſuch, auf meinen Haͤnden in das Geſtrüppe 261 unter dem Baume zurückzukriechen. Durch dieſe Be⸗ wegung wurde ich unglücklicher Weiſe entdeckt, und mit einem Satze ſprangen die zwei bewaffneten Burſche auf mich los und richteten ihre Piſtolen auf meinen Kopf. „Wer ſeyd Jor? wie kommt Ihr hieher?“ riefen Beide in einem Athem. „Um's Himmelswillen, Meſſieurs,“ ſprach ich,„weg mit Ihren Piſtolen. Ich bin ja nur ein Wanderer— ein armer unſchuldiger Reiſender— ein Engländer, ein Irländer, wahrhaftig— ein guter Katholik“— der Himmel verzeihe mir, wenn ich hier eine Zwei⸗ deutigkeit ſagen wollte—„nieder mit den Piſtolen, ich bitte Sie.“ „Schießt ihm durch den Schädel, er iſt ein Spion,“ brüllte der Kerl mit dem Sack. „Bewahre Gott,“ ſagte ich,„ich bin nichs als ein Wanderer, der die Gegend bewundert und ein——“ „Und warum habt Ihr hier uns nachgeſpürt?“ fragte einer der erſten Sprecher. „Das habe ich nicht gethan; ich war ſchon hier, ehe Sie kamen. Nieder mit Ihren Piſtolen, bei der hei⸗ ligen Jungfrau Maria; der Zufall kann ſein Spiel treiben, anch wenn man noch ſo vorſcchtig iſt.“ „Blast ihm das Gehirn aus“, wiederholte der mit dem Sack lauter als zuvor. „Nein, Meſſieurs— kümmern Sie ſich nicht um ſein Gerede; er iſt eine Memme— Sie ſind tapfere Männer und haben nichts zu befürchten von einem ar⸗ men Teufel wie ich bin.“ Die zwei Bewaffneten lachten herzlich über dieſe Rede, der andere hingegen warf ſeinen Sack weg und ſtürzte mit geballten Fäuſten auf mich los. „Zurück, Gros Jean,“ ſprach einer ſeiner Gefähr⸗ ten;„wenn er niemals eine ärgere Lüge ſagt, ſo kann er Sonntags bei der Beichte leicht davon fommen;“ mit dieſen Worten gab er ihm einen derben Stoß und 262 ſtellte ſich zwiſchen uns.„Nun, her da!“ rief er,„nehmt dieſen Sack auf und folget uns.“ Ueber dieſen Befehl gerann mir das Blut in den Adern; es lag etwas Schreckliches in dem bloßen Aus⸗ ſeben des Sackes, wie er auf dem Boden lag. Ich glaubte wirklich die Umriſſe einer menſchlichen Geſtalt darin wahrnehmen zu können. Der Himmel ſtehe mir bei, ich alaubte etwas ſich regen zu ſehen. „Hebt es nur auf,“ rief er ſtrenge,„es wird Euch nicht beißen.“ „Ach:“ ſprach ich bei mir ſelbſt,„alſo iſt der arme Teufel todt.“ Ohne weitere Worte zu verlieren, legten ſie den Sat auf meine Schultern und hießen mich vorwärts gehen. Ich wurde blaß und krank und wankte bei jedem Schritte. „Könnt Ihr den Geruch nicht ertragen?“ fragte einer mit teufliſchem Grinſen. „Um Vergebung, Meſſieurs,“ erwiederte ich, aus allen Kräften nach Hoffnung ringend, um heiter aus⸗ zuſehen;„ich habe noch nie ſo ein—— ſo ein Ding getragen.“ „Nur friſch zu,“ rief er,„Ihr habt noch einen langen Weg vor Euch:“ und damit gieng er voran, während die andern folaten. Als wir unſern Weg fortſetzten, erklärten ſie mir, wenn ſie zufälliger Weiſe von einem meiner Freunde oder Genoſſen üͤberraſcht werden ſollten, worunter ſie jedes Menſchenkind verſtanden, das von ungefähr dieſes Weges gehen würde, ſo würde ihr erſtes ſeyn, mich todtzuſchießen— ein Umſtand, der jeden Wunſch, ein wenig auszuruhen, beträchtlich dämpfte und mich zit⸗ tern machte, es moͤchte uns bei irgend einer Wendung. des Weges von ungefähr ein Holzſammler zu Geſichte kommen. Inzwiſchen hat ſich noch nie ein Mann ſo . 26³ eifrig bemüht, die Gunſt ſeiner Geſellſchaft zu gewin⸗ nen, als ich damals. Ich begann meine völlige Unſchuld zu betheuern— gelobte, daß noch nie ein Mann von ſchätzbareren und liebenswürdigeren Eigenſchaften als ich, eriſtirt habe oder je exiſtiren werde. Dieſe Erklärung hörten ſie mit ſichtbarer Ungeduld, wo nicht mit wirklichem Mißfallen an. Ich verſuchte daher eine andere Liſt. Ich ſchalt auf den Reichen und lobte den Armen— ich ſchimpfte rundweg auf die Dieberei der Großen, die alle Güter dieſes Lebens genießen, ohne mit ihren Nächſten theilen zu wollen. Ich hielt ſogar eine ſchlaue Lobrede auf jene, auf das Gemeinwohl bedachten Individuen, die von rit⸗ terlichem Gerechtigkeitsſinn getrieben, ihr Leben in Ge⸗ fahr ſetzten bei ihren Bemühungen, den Reichthum dieſer Welt etwas billiger auszutheilen und auszugleichen, und gegen die man die Ungroßmüthigkeit begehe, ihnen die Namen Diebe und Straßenräuber zu geben, während ſie doch in der Wirklichkeit Wohlthäter und Helden ſeyen. Allein hierüber lachten ſie blos, und zeigten überhaupt keine weſentliche Sympathie mit meinen Meinungen, bis ich in meinem allgemeinen Angriff auf alle beſtehenden Autoritäten, auf Könige, Prieſter, Staatsmänner, Richter und Gensdarmen, zufällig auch Zollbeamte einſchloß. Dieſes Wort wirkte wie ein Funken auf Schießpulver. „Verwünſcht ſeyen die Elenden— ſie ſind die Peſt⸗ beulen der Welt“, rief ich, als ich ſah, wie ſie an dem Köder anbiſſen;„und dreimal hoch die tapfern Männer, welche die leidende Menſchheit von der Laſt einer ſo gehaͤſſigen Unterdrückung erlöſen wollen.“ Nun ging ein leiſes Gefluſter durch meine Geſell⸗ ſchaft, und endlich hielt mich der, welcher ihr Führer lier Plüsüi an, legte ſeine Hand auf meine Schulter und rie „Seyd Ihr in allen dieſen Aeußerungen aufrichtig? ſind dieß wirklich Eure Anſichten?“ „Können Sie zweifeln?“ erwiederte ich.„Welche 204 Gründe habe ich, ſie auszuſprechen? Sie ſind doch hof⸗ fentlich nicht ſelbſt Zollbeamte? „Gut. Ihr ſollt unter uns treten. Wir ſind im Begriff, dieſen Sack mit Cigarren zu ſchmuggeln. „Obo! Das ſind alſo Cigarren,“ ſagte ich, vor Freude ſtrahlend.„Es iſt alſo kein—— kein— — he?“ „Es ſind holländiſche Cigarren und die beſten, die man finden kann,“ ſprach er, ohne auf meine Unterbre⸗ chung zu achten.„Wir werden ſie morgen Nacht bei Sedan uber die Grenze bringen und dann nach Dinant zurückkehren, wohin Ihr mit uns kommen werdet.“ „Einverſtanden,“ ſagte ich, während ein ſchwacher Schauer durch meine Glieder rann und ich kaum ſtehen konnte— Bilder von Galeerenleben, Eiſen mit Kano⸗ nenkugeln und eine gelbe Uniform, Alles flimmerte mir vor den Augen. Von dieſem Moment an wurden ſie äußerſt geſprächig, erzählten zu meiner Unterhaltung manche luſtige Zufälle ihres tadelloſen Lebens, wie ſie hier ein Zollhaus niederbrannten, dort einen Inſpektor er⸗ ſchoſſen, und ſchilderten mir wirklich die Vortheile mei⸗ nes neuen Gewerbes mit allen ſeinen Reizen. Wie grinste ich mit verſtelltem Wohlgefallen über Grauſam⸗ keiten, die mir das Blut gerinnen machten, und wie lachte ich darüber, daß ſie einen Zollbeamten geröſtet hatten, als ob er eine Kaſtanie geweſen wäre. Ich ſtellte mich, als ob ich in Grauſamkeiten, die den Galgen ver⸗ dienten, nichts als drollige Streiche ſehe, und lachte bis zu Thränen über Schreckens⸗Scenen, worüber ich faſt in Ohnmacht ſank. Mein Beifall und meine Sympathie machten den Teufeln das größte Vergnügen, und wir ſch ttelten uns ein Duzendmal die Hände. Es war Abend, als ich matt und müde, faſt um⸗ geſunken wäre; da riefen meine Gefährten Halt. „Komint, Freund,“ ſprach der Führer,„wir wollen Euch jetzt Enxer Laſt entledigen. An der Gränze könnt 265 Ihr uns wenig dienen, Ihr müßt daher hier warten, bis wir zurückkehren.“ Ein angenehmerer Vorſchlag hätte mir unmöglich gemacht werden können. Der bloße Gedanke, meiner Freunde los zu werden, war entzückend. Ich wagte jedoch nicht, demſelben öffentlich Luft zu machen, ſondern begnügte mich mit einer einfachen Zuſtimmung. „Und wann,“ ſprach ich,„werde ich das Vergnügen haben, Sie wieder zu ſehen, meine Herren?“ „Späteſtens morgen Vormittags.“ Bis dahin werde ich, ſo dachte ich bei mir ſelbſt, von meinen Beinen guten Gebrauch gemacht haben, ſo Gott will. „Inzwiſchen,“ ſagte Gros Jean mit einem Grinſen, das bewies, daß er meine Schmähungen auf ſeinen Muth weder vergeſſen, noch verziehen hatte—„inzwiſchen bitten wir Euch um Erlaubniß, Euch an dieſen Baum zu binden;“ mit dieſen Worten nahm er aus einer großen Taſche, die er an ſeinem Gürtel trug, einen Knäuel von einem ſtarken Stricke, und fing an, eine Schlinge daraus zu machen. „Es iſt doch hoffentlich nicht Ihre Abſicht, mich für die ganze Nacht hier anzubinden,“ ſagte ich entſetzt. „Und warum nicht?“ fragte der Führer.„Meinet Ihr, in dem Ardennen⸗Walde gebe es ſchon im Sep⸗ tember Bären oder Wölfe.“ „Aber ich werde vor Kälte oder Hunger ſterben. „Ich habe noch nie ſo etwas ausgehalten.“ „Wenn Ihr bei uns ſeyd, wird es Euch oft noch ſchlimmer geben, das verſpreche ich Euch,“ war die kurze Antwort, worauf ſie ohne weitern Zeitverluſt den Strick um meinen Leib zogen und mit einer Geſchicklichkeit, die lange Uebung verrieth, mich an den Baum befeſtigten. Ich proteſtirte in aller Form gegen ein ſolches Verfahren — ich deklamirte laut von der Freiheit des Unterthanen — gelobte, England würde an dem ganzen Lande furcht⸗ bare Rache nehmen, wenn an meinem Haupte nur ein 266 Haar gekrümmt würde— und gieng in der Hitze meines Zornes ſogar ſo weit, daß ich die Burſche mit polizei⸗ licher Verfolgung bedrohte. Dieß Wort war genug. Der Führer nahm ſeine Piſtole aus dem Gürtel, ſchlug die Pfanne auf und ſchüttelte das Zündkraut. „So,“ rief er mit barſcher, wilder Stimme, un⸗ gleich ſeinem frühern Tone,„Ihr wollt den Angeber ſpielen, wirklich? gut, es iſt wenigſtens ehrlich, daß Ihr es ſagt. Alſo, mein Mann, eine ſchnelle Beichte und ein kurzes Gebet, denn ich werde Euch dorthin ſchicken. wo Ihr weder Gensdarmen, noch Zollbeamte finden werdet, oder wenn Ihr doch ſolche findet, ſo werden ſie mit ſich ſelbſt zu viel zu thun haben, als daß ſie ſich noch um Euch bekümmern. „Schonen Sie mein Leben, beſter, theuerſter Herr,“ flehte ich mit aufgehobenen Händen.„Nie werde ich ein Wort von Ihnen ſagen, komme auch, was da wolle. Alles was ich geſehen habe, werde ich geheim halten. Tödten Sie nicht den Vater von acht Kindern. Laſſen Sie mich nur dießmal am Leben; ſo lange ich athme, werde ich keine drei Schritte mehr von einem Schlag⸗ baum abſeits wandern.“ Sie brachen in lautes Gelächter aus über den aus meinen Zügen ſprechenden Schrecken; der Führer ſchien befriedigt mit meiner Betheurung, ſteckte die Piſtole wieder in ſeinen Gürtel, kniete am Boden nieder, ſchnallte kaltblütig mein Ränzel auf, leerte es auf das Gras aus und begann alles gemächlich zu unterſuchen. „Was ſind das für Papiere?“ fragte er, indem er aus einer Taſche eine ſehr umfangreiche Rolle Manuſeript hervorzog „Das ſind Notizen über meine Reiſen,“ erwiederte ich unterthänigſt—„kleine Federſkizzen von Menſchen⸗ ſitten in denjenigen Ländern, die ich bereist habe. Ich nenne ſie,„die Zeitvertreibe Arthur O'Leary's“. Das iſt mein Name, meine Herren— Ihnen zu dienen.“ 267 „Ah, wirklich! nun, da haben wir Euch dieſen Abend für Euer Journal eine ganz hübſche, kleine Ge⸗ ſchichte gegeben,“ ſprach er lachend;„dafür bitte ich aber, mir dieſe Denkwürdigkeiten als Pfropf für meine Flinte zu leihen. Glauben Sie mir, Monſieur O'Leary, unter meinen Auſpizien werden Sie größern Lärm in der Welt machen, als unter den Ihrigen“; damit öff⸗ nete er ein roh gearbeitetes Taſchenmeſſer und begann, mein geſchätztes Manuſtript in viereckige Stücke, jede Seite ungefähr einen Zoll lang zu zerſchneiden. Darauf prͤſentirte er jedem ſeiner Gefährten zwei von meinen Hemden, von denen er drei für ſich behielt; und nach⸗ dem er meine übrigen Habſeligkeiten mit großer Unpar⸗ teilichkeit ausgetheilt hatte, nahm er mir die Börſe ſammt ihren wenigen Goldſtücken aus der Taſche, ſtand dann auf und ſagte— „Antoine, jetzt vorwärts— der Mond wird bald auf ſeyn. Gros Jean, wirf dieſen Sack auf Deine Schulter und mache Dich auf die Beine: jetzt, Mon⸗ ſieur, muß ich Ihnen gute Nacht wünſchen, und da wir in dieſem wechſelvollen Leben nicht für die Zukunft ſtehen können, ſo will ich mich Ihrem Andenken empfohlen haben, wenn wir, wie es möglich iſt, uns nicht mehr treffen ſollten. Adieu, Adieu,“ ſagte er, mit der Hand winkend. „Adieu,“ verſetzte ich mit großer Anſtrengung heiter zu ſcheinen—„angenehme Reiſe und alles Gluͤck zu Ihren ehrbaren Beſtrebungen.“ „Sie ſind ein hübſcher Burſche,“ ſagte er, indem er plötzlich inne hielt und ſich umdrehte;„ein prächtiger Burſche; und ich kann mich nicht von Ihnen trennen, ohne ein Freundſchaftspfand;“ mit dieſen Worten nahm er mir meine ſchöne Reiſekappe vom Kopfe und ſetzte ſie ſich ſelbſt auf, während er mich mit einem elenden Ding von Stroh krönte, das ich ihm ganz gewiß vor die Füße geſchleudert haben würde, hätten mich nicht meine Bande daran verhindert. —yöx————— 268 Er eilte nun den andern nach, und in wenigen Minuten war ich in vollkommener Einſamkeit. Gut, dachte ich— unb dieß war mein erſter Gedanke— es hätte alles noch ſchlimmer gehen können, die Elenden hätten mich ja ermorden können— was machen ſich die rückſichtsloſen Teufel, die ein ſolches Gewerbe treiben, aus Menſchenleben! Mord würde ja nicht ſtärker beſtraft, als Schmuggeln, oder ungefähr gleich ſtark— vielleicht ein Jahr mehr oder weniger auf die Galeeren— am Ende iſt es doch eine hübſche Nacht und wenn ich nicht irre, ſo ſprach er etwas vom Monde. Ich ſtellte Be⸗ trachtungen an, wo die hübſche Gräſin jetzt wohl ſeyn möchte, die vermuthlich jetzt ſo ſchnell reiste, als nur mit Ertrapoſt möglich war, Ah! ſie dachte wohl wenig an meinen kläglichen Zuſtand! Dann kamen einige Au⸗ genblicke der Beruhigung— und darauf ein kleiner Aus⸗ bruch des Unwillens über meine Behandlung— daß man mich, einen Engländer, einen Angehörigen des Landes, wo Freiheit das große Geburtsrecht eines Jeden iſt, ſo barbariſch beläſtigte. Ich rief mir alle die ſchönen Dinge in's Gedächtuiß, die Burke über die Freiheit zu ſagen pflegte, und hätte es mich nicht ſo ſtark gefroren, ſo hätte ich verſucht, Rule Brittania zu ſingen, nur um meine Lebensgeiſter wach zu halten; alsdann ſchlief ich ein, wenn überhaupt jener ſchreckliche Traum von aus⸗ gehungerten Wölfen, die um mich herumheulten und Zollbeamte zerriſſen und verſtümmelten: graue Bären, die mit geſchmuggeltem Tabak auf ihrem Rücken hin⸗ und herrannten, Schlaf genannt werden konnte. Der Wald ſchien von allen Arten ſchrecklicher Geſtalten, halb Thier und halb Menſch bevölkert— aber alle hatten Stroh⸗ huͤte auf ihren Köpfen und lederne Kamaſchen an ihren Beinen. Indeſſen ging die Nacht vorüber, und endlich begann der Tag anzubrechen— die blaſſe und ſtreifige Purpurfärbung, die den Aufgang der Sonne verkündet, erſetzte das kalte Grau der dunkleren Stunden. Wie ganz anders iſt es, gemächlich aus dem Bett zu ſteigen, 269 neben dem halbgeſchloſſenen Vochang ſtehend, zwei bis drei Minuten lang mit den Fingern die Augen zu rei⸗ ben, ſodann durch den Nebel unſeres Schlafes nach Morgen zu ſchauen, uns einzubilden, wir ſehen die Sonne aufgehen, und wieder zurückzutaumeln in das behagliche Neſt— der ganze Vorgang unterbricht unſern Schlaf nicht, ſondern iſt nur unter unſern Träumen eingewoben — ſo daß man gerne dabei verweilt, wie bei andern holden Phantaſten, und den ganzen folgenden Tag ſich deſſen rühmt— wie verſchieden, ſage ich, iſt dieß alles von den Gefühlen deſſen, der die ganze Nacht hindurch im Poſtwagen geſeſſen hat— gerüttelt, zerſtoßen und zerſchlagen— gedrückt von den fetten Nachbarn und ge⸗ ſtoßen von dem Dünnen; noch mehr zu bedauern iſt der, der ſeine Nacht Rücken an Rücken an einer Eiche im Walde zubringt, vor Kälte ſchauernd und ohne alle Gemächlichkeit— keine Decke auf ſeinen Beinen, ſo daß alles Gefühl aufhört, und die Hände erſtarrt wie das Herz eines Armengeſetz⸗Wächters. Wenn ich ſpäter nie in meinem Leben den Son⸗ nenaufgang vom Rigi, vom Snowdon, oder vom Pic du Midi, oder von einem andern Punkte geſehen habe, der beſonders zu dieſem einzigen Zwecke gemacht ſcheint, ſo verdanke ich dieß der Erfahrung, die ich in jener Nacht gemacht habe, und ich bin dankbar dafür. Nicht als ob ich den leiſeſten Schatten von wegwerfender Verachtung auf das glorreiche Licht werfen wollte— weit entfernt. Ich fordere meinen älteſten Freund her⸗ aus, wenn er geringſchätzig vom Aequator ſpricht; aber ich bleibe dabei, die Sonne ſieht, wie Jedermann ſonſt, am beſten aus, wenn ſie aufgeſtanden und für den Tag angekleidet iſt. Es zeugt von unverſchämter Neugierde, ſie zu begaffen, wenn ſie ſich erhebt und ihre Toilette macht— ſie hat ſich noch nicht die Wolken aus den Augen gerieben, ſonſt würdeſt Du es nicht wagen, ſie anzu⸗ ſehen, und das fühlſt Du auch: ſchon die Art, wie Du Dich hinausſtiehlſt, um einen Blick auf ſie zu erhaſchen, indeſſen keinen genauen Bericht über ſeine Gefühle 270 iſt ein Beweis für das duckmäuſige verächtliche Bewußt⸗ ſeyn, das Du von Deiner eigenen Handlung haſt. Der lugende Tom war ein Gentleman, verglichen mit einem ſo frühen Aufſteher. Mit dieſer ganzen Abſchweifung will ich einfach ſagen— ich erfreute mich feineswegs dee roſenſingrigen Morgenröthe, um ſo weniger, als ich die vergangene Nacht unter freiem Himmel zugebracht hatte. Ich brauche weder mich ſelbſt noch meinen Leſer mit Wiederholung der verſchiedenen Gemüthsſtimmungen zu beläſtigen, die mit jeder Stunde meiner Gefangenſchaft wecheelten. Einmal diente mir der Gedanke, daß ich mit dem Leben davon gekommen ſey, zum Troſte über alles, was ich erlitt; ein andermal erregte meine Gefangenſchaft mei⸗ nen ganzen Zorn— ich gelobte Rache an meinen Ver⸗ folgern und entwarf verſchiedene Plane zu ihrer Be⸗ ſtrafung— mein Ingrimm ſtieg, je länger ihre Ab⸗ weſenheit dauerte, bis ich meinen Unwillen nach einer algebraiſchen Formel berechnen zu können glaubte, ſo daß er mir ganz gleich den Quadraten der Entfernung meiner Bedränger ſchien; dann gedachte ich an das Vergnügen, das ich empfinden würde, wenn ich meine Freiheit wieder gewänne, und machte wirklich einen kühnen Verſuch, in dem ganzen Abenteuer etwas ſpaß⸗ haftes zu ſehen— aber nein, es wollte nicht gehen; ich konnte trotz aller meiner Bemühungen kein Lachen herausbringen. Endlich— es mochte gegen Mittag geweſen ſeyn— hörte ich eine luſtige Stimme ein Lied ſingen und einen ſchnellen Schritt die Allee im Walde daherkommen. Nie ſchlug mein Herz mit ſolchem Ent⸗ zücken: ſchon die Art der Bewegung hatte etwas fröh⸗ liches an ſich— ſie ſchien ein Satz, ein Schritt, ein Sprung, je nach dem Takt des Liedes— als plötzlich der Sänger mit einem langen Satze vor mir ſtand. Es wäre in der That eine kitzliche Frage, wer von uns beiden den andern mehr in Erſtaunen ſetzte: Da ich als er mich ſah, erſtatten konn, ſo muß ich mich be⸗ gnügen, die meinigen zu erwähnen, und dieß kann ich am beſten, wenn ich ihn beſchreibe: Er war ein Mann, oder ein Junge— der Himmel weiß was— etwas unter mittlerer Größe, gekleidet in Lumpen von jeder Farbe und Geſtalt— ſein alter weißer Hut war zer⸗ krümpelt, hatte ſeiner Form nach einige ſchwache Aehn⸗ lichkeit mit einem Chapeau und war mit einer Kokarde von ſchmutzigen Bändern und mit einer Hahnenfeder verziert— eine kleine weiße Jacke, wie ſie von Köchen in der Küche getragen werden und ein Paar feuerrothe Blüſchhoſen, die uͤber dem Knie abgeſchnitten waren und ſeine nackten Beine zeigten, ſammt Holzſchuhen, bildeten ſein Koſtüm; an einem alten Gürtel um ſeinen Leib hing ein hölzernes Schwert, eine Zierde, worauf er ungeheuer ſtolz ſchien und die er von Zeit zu Zeit mit nicht geringem Vergnügen betrachtete. „Holla!“ rief er, ſechs Schritte zurückfahrend und mit ſichtbarem Erſtaunen mich begaffend; er kam indeſſen weit eher zur Beſinnung, als ich zu der meinigen und ſagte:„bon jour, bon jour, Camerade— ein ſchöner Tag zur Weinleſe.“ „Unüt bertrefflich,“ erwiederte ich,„aber kommen Sie ein wenig näher und erzeigen Sie mir die Güte, dieſe Stricke loszubinden.“ „Ah! ſind Sie ſchon lange hier angebunden?“ „Die ganze Nacht,“ erwiederte ich in kläglichem Tone, in der Hoffnung, um ſo ſchneller ſein Mitleid zu erregen. „Welch' ein Spaß,“ ſagte er, laut auflachend. „Waren viele Eichhörnchen hier herum?“ „Einige Tauſend. Aber kommen Sie— machen Sie mich ſchnell los, damit ich Ihnen alles erzähle.“ „Sachte, ſachte,“ ſprach er, indem er mir mit großer Vorſicht etwa 6 Zoll näher trat.„Wann kamen die Kaninchen heraus?— Schon vor Tag?“ „Ja, ja, eine Stunde vorher. Aber ich will Ihnen 272² alles ſagen, wenn ich los bin. Machen Sie nun ſchnell und helfen Sie.“ „Warum haben Sie ſich ſo feſt angebunden?“ fragte er begierig, ohne jedoch zu wagen, mir näher zu kommen. „Der Teufel hole den Kerl,“ ſagte ich leidenſchaft⸗ lich.„Ich habe mich nicht ſelbſt angebunden; es war der— der——“ „Ahl ich weiß— es war der Maire— der alte Pierre Bogout. Schon gut, der weiß am beſten, wann Sie wieder frei werden ſollen. Bon jour,“ und damit begann er wiederum ſein hölliſches Lied, und ſetzte ſeinen Weg fort, als wenn nichts vorgefallen wäre; ich mochte rufen, bitten, ſchwören, verſprechen, drohen, aus Leibes⸗ kräften, er drehte nicht einmal den Kopf um, ſondern tanzte fort, wie er gekommen war und verſchwand bald im Dunkel des Waldes. Eine volle Stunde lang be⸗ „herrſchte mich die Leidenſchaft ſo vollſtändig, daß ich nichts thun konnte, als über Narren und Thoren von allen Arten und Schattirungen zu ſchimpfen— ich ſchalt auf Geiſtesſchwäche als auf den Gipfel menſch⸗ licher Ruchloſigkeit, und wunderte mich, warum noch niemand aufmerkſam gemacht habe, wie zweckmäßig es ſey, Narren öffentlich durchzupeitſchen. Ich erſchrecke jetzt uber mich ſelbſt, wenn ich mir das Uebermaß mei⸗ nes Zornes in's Gedächtniß rufe; und mit Schmerz muß ich geſtehen, wäre ich für jene kurze Zeit Eigen⸗ thümer eines Priat⸗Tollhauſes geweſen, ſo fürchte ich, ich haͤtte mich zu den unverantwortlichſten Grauſam⸗ keiten gegen die Patienten verleiten laſſen; in der That hätte die„moraliſche Behandlung,“ wie der techniſche Ausdruck lautet, keinen Theil meines Syſtemes gebildet, Inzwiſchen ging die Zeit, wenn nicht angenehm, wenigſtens ſtät dahin; ſchon begann ſich die Sonne etwas zu neigen, und ihre Strahlen, die vorher ſenkrecht herabfielen, ſanken nun ſchräg auf das Gehölze. Eine Weile wurde meine Aufmerkſamkeit von meinem Elend abgezogen, indem ich die Wieſel betrachtete, wie ſte um mich herum ſpielten und ſprangen, in der zuverſichtlichen Meinung, ich ſey im beſten Falle eine Art Schwamm — ein Auswuchs an einem Eichbaum. Eines derſelben pflegte ſogar bis an meine Füße zu kommen und lief ſcherzend über meinen Riſt. Plötzlich durchzuckte mich der Gedanke— und zwar mit Schrecken— wie bald ich vielleicht nichts waͤre, als ein elendes Gerippe, von Krähen angepickt und von Eichhörnchen benagt. Der Einfall war zu ſchrecklich; und gleich, als wäre die Stunde bereits gekommen, ſchrie ich laut auf, ſo daß ich die kleinen Geſchöpfe in ihre Höhlen zurückdrängte. „Holla! was giebt's da?“ rief eine tiefe, weiche Stimme aus der Mitte des Gehölzes, und bevor ich antworten konnte, näherte ſich mir ein fetter roſenwan⸗ giger Mann von ungefähr fünfzig Jahren mit einem gefälligen Geſicht, das ſich in ein Doppelkinn endigte; aber mit augenſcheinlicher Vorſicht, und machte in einer Entfernung von ungefähr funf Schritten Halt: „Wer ſind Sie?“ fragte ich haſtig, indem ich mir wenigſtens dießmal eine andere Methode, eine Befreiung zu bewerkſtelligen, vorgenommen hatte. „Was will das heißen,“ rief der fette Mann, ſeine Hand vor die Augen haltend und eine zweite Perſon hinter ihm anredend, die ich jetzt als meinen Freund, den Narren, erkannte, der mich am Morgen beſucht atte. „He da, mein Herr, wiederholte ich in einen ge⸗ bieteriſchen Tone, der von einem Manne in meiner Lage freilich etwas albern klang—„wer ſind Sie, wenn ich fragen darf?“ „Der Maire von Girét,“ erwiederte er gravitä⸗ tiſch, indem er ſich in die Bruſt warf und mit impo⸗ ſanter Feierlichkeit eine ſtarke Priſe Schnupftabak nahm, während ſein Gefährte mit ehrerbietigſter Geberde den Hut abzog und ſich bis auf den Boden verbeugte. Lever, O'Leary. I. S 18 274 „Gut, Herr Maire, um ſo beſſer für mich, daß ich in ſolche Hände gefallen bin. Ich bin von einer Rette von Schurken ausgeplündert und wie ſie hier ſehen, angebunden worden,“— ich hütete mich ſehr, etwas von Schmugglern zu ſagen—„die mir alles, was ich beſaß, genommen. Haben Sie die Güte, dieſe verdammten Stricke zu löſen und mich in Freiheit zu ſetzen.“ „Waren es viele“, fragte der Maire, ohne einen Schritt vorwärts zu thun. „Ja, wenigſtens ein Duzend. Aber binden Sie mich nur auf der Stelle los— es bringt mich um, hier angefeſſelt zu ſeyn.“ „Wenigſtens ein Duzend,“ wiederholte er in er⸗ ſtaunendem Tone.„Ma fol, eine furchtbare Rotte. Wiſſen Sie keinen von ihren Namen mehr?“ „Der Teufel kümmere ſich um ihre Namen! wie könnte ich ſte kennen? kommen Sie, zerſchneiden Sie dieſe Stricke, wollen Sie? wir können gerade ſo gut ſprechen, wenn ich frei bin.“ „Nicht ſo ſchnell, nicht ſo ſchnell,“ ſprach er, mit einer ſanften Bewegung ſeiner Hand mich beſchwichti⸗ gend.„Alles muß in Ordnung geſchehen. Nun, da Sie ihre Namen nicht kennen, müſſen wir ſie als „Unbekannte“ niederſchreiben.“ „Schreiben Sie, was Ihnen beliebt; nur laſſen Sie mich los.“ „Alles zur rechten Zeit. Laßt uns regelmäßig ver⸗ fahren. Wer ſind Ihre Zeugen?“ „Zeugen!“ rief ich von Zorn überwältigt.— Sie machen mich noch verrückt. Ich ſage Ihnen, ich wurde im Walde von einer Bande Schurken ausgeplündert, und Sie fragen mich nach ihren Namen und ſodann nach meinen Zeugen. Durchſchneiden Sie dieſe Stricke und ſeyen Sie nicht ſo hölliſch dumm. Kommen Sie, alter Kerl, friſch an's Werk, wollen Sie?“ 8 „Sachte, ſachte, unterbrechen Sie nicht den Gang —ᷣYöꝛy44— 275 der öffentlichen Gerechtigkeit,“ verſetzte er mit der em⸗ pörendſten Gemüthsruhe,„Wir müſſen das Protokoll aufnehmen.“ „Allerdings,“ erwiederte ich, indem ich ſehen wollte, was durch Nachgiebigkeit mit ihm auszurichten ſey— „nichts iſt natürlicher. Laſſen Sie mich erſt los, dann wollen wir das Protokoll ſchon in's Reine bringen. „Um keinen Preis; Sie ſind ganz auf dem Holz⸗ wege,“ entgegnete er.„Ich muß zuerſt zwei Zeugen haben, um die Thatſache ihrer jetzigen Lage zu erheben — ja, und Sie müſſen bei gutem Verſtand und fähig ſeyn, Ihren Namen zu unterzeichnen.“ „Der Himmel ſchenke mir Geduld, oder ich zer⸗ platze,“ ſagte ich bei mir ſelbſt, während er in der alten Leier fortfuhr— „Dann wollen wir die Ausſagen förmlich zu Pro⸗ tokoll nehmen. Woher kommen Sie?“ „Von Irland,“ antwortete ich mit einem tiefen Seufzer und mit dem Wunſche, dort lieber bis an den Hals in einem Moraſtloch zu ſtecken, als in meinem jetzigen Unglück. 3 „Was reden Sie für eine Sprache?“ „Engliſch.“ „Hier,“ ſagte er ſich aufheiternd—„hier iſt eine wichtige Thatſache, ſchon unter der Klaſſe Nr. 1. Iden⸗ tität, die von„allen Zügen, Merkmalen und charakte⸗ riſtiſchen Kennzeichen, woran der Kläger zu erkennen iſt,“ ſpricht. Wir werden Sie alſo als einen Irländer bezeichnen. der Engliſch ſpricht.“ „Wenn Sie noch ein wenig länger ſo fortfahren, ſo können Sie mich als einen Wahnſinnigen hinſchreiben, denn bei'm Himmel, ich bin nicht mehr weit davon.“ „Komm, Bobeche,“ ſagte er, au den Narren ſich wendend, der in ſtummer Bewunderung ihm zur Seite ſtand——„gehe zu Klaud Gueirans in der Mühle und ſchau, ob der Notar nicht dort iſt: dieſen Morgen hat 38 183*— —————¶—¶—¶—L˖V———— 276 ſich ſeine Nichte verheirathet, und ich glaube Du fin⸗ deſt ihn; dann gehe über die Brücke zu Papalot und bitte ihn, hierher zu kommen und einiges Stempelpapier für das Protokoll mitzubringen. Dem Pfarrer, an deſſen Haus Du vorübergehſt, kannſt Du ſagen, daß hier im Walde ein ſchreckliches Verbrechen begangen worden iſt und daß„la justice s'informé.“ Dieſe letzten Worte wurden mit einem Tone der feierlichſten Großſprecherei ausgeſprochen. Kaum war der Narr abgegangen, um ſeine Auf⸗ träge auszurichten, als mein ſo lang unterdrückter Aer⸗ ger alle Grenzen uͤberſprang und ich den Maire auf die beteidigendſte Art ausſchimpfte. Jede Schmähung, die mir einfiel, häufte ich auf ſeine Albernheit, Un⸗ wiſſenheit, Thorheit und Dummheit, und hörte nicht eher auf, als bis wirklich Mangel an Athem mich voll⸗ ſtändig erſchöpfte. Auf all dieß gab der würdige Mann keine Antwort, und widmete mir nicht einmal die ge⸗ ringſte Aufmerkſamkeit. Auf dem Stumpen einer Buche ſitzend, ſah er unverwandten Blickes in's Leere hinaus, bis ich endlich zu zweifeln begann, ob die ganze Scene eine wirkliche oder vielleicht ein bloßes Geſpinnſt meiner Einrildung ſei. Ich glaube ernſtlich, ich hätte fünf Luisdor gegeben, wenn ich einen Augenblick frei geweſen wäre, nur um einen Stein nach ihm zu werfen. In⸗ zwiſchen brach der Schatten der kommenden Nacht über den Wald herein— die Raben ſuchten krächzend ihre Wohnung auf dem Wipfel der Bäume— das Geſumme der Inſekten erſtarb allmälig im Graſe— und der bei Einbruch der Racht ſtärkere Duft des Waldes erfüllte die Luft. Allmälig wurde die Finſterniß dichter und dichter, ſo daß ich zuletzt nichts mehr unterſcheiden konnte, als die nahen Baumſtämme und einen maſſiven ſchwarzen Gegenſtand, den ich für den Maire hielt. Ich rief ihm in Worten zu, die ich für die zweck⸗ mäßigſten zu meiner Entſchuldigung hielt— ich bat ihnh um Verzeihung wegen meines heftigen Temperamentes V 277 — drückte mein Bedauren aus und erſuchte ihn nur um das Vergnügen ſeiner angenehmen Unterhaltung, bis die Stonde meiner Befreiung kommen würde. Aber ich erhielt kein Wort, keine Silbe zur Antwort; nicht einmal athmen konnte ich ihn hören. Gereizt über dieſe ungefällige Hartnäckigkeit erneuerte ich meine An⸗ griffe auf alle Staatsbehörden— drückte die lebhafteſte Hoffnung aus, die Räuberbande werde früher oder ſpä⸗ ter Givét und alles, was darin ſey, niederbrennen, den Maire und den Notar nicht ausgenommen; endlich um das Maß der Schmähung voll zu machen, ſuchte ich das„ga ira“ zu ſingen, das, wie ich wußte, in dem gut monarchiſchen Holland eine gräßliche Beleidigung war; allein ich brach in dem Liede bald ab und nabm meine Zuflucht wieder zur Proſa. Es kam indeſſen auf's Gleiche hinaus— alles blieb ſtill. Als ich auf⸗ hörte zu ſprechen, antwortete mir nicht einmal ein Echo. Endlich wurde ich müde— der Gedanke, daß alle meine Flüche keine andere Zuhörerſchaft hätten, als Wieſel und Holzpicker, dämpfte die Glut meiner Be⸗ redſamkeit, und ich verfiel in tiefes Nachdenken über holländiſches Gerichtsverfahren, das vortrefflich für jene guten alten Zeiten geeignet ſchien, wo die Leute ein Alter von acht⸗ bis neunhundert Jahren erreichten und wo einige Monate nicht mehr waren als das Blizeln eines Auges. Darauf begann ich mir für die Zeit mei⸗ ner Befreiung einen kleinen Reiſeplan zu entwerfen, wobei ich den weiſen Entſchluß faßte, mich ſtets an die betretenſten Wege zu halten und allen Diſtrikten auszu⸗ weichen, wo der Maire ein Holländer ſey. Hunger, Durſt und Kälte begannen inzwiſchen meinen Lebens⸗ geiſtern zuzuſetzen und ich wurde ſchläfrig vor bloßer Erſchöpfung. Kaum hatte ich mit meinem Kopfe zweimal im Schlummer genickt, als mich ein lautes Geſchrei er⸗ weckte. Ich öffnete meine Augen und erblickte eine un⸗ geheure Schaar von Männern, Weibern und Kindern, 278 die mit Fakeln in den Händen in aller Eile durch den Wald daher kamen— die Prozeſſion wurde geleitet von einem ehrwürdig ausſehenden alten Manne auf einem kleinen Schimmel, in dem ich ſogleich den Pfar⸗ rer errieih, während der Narr mit einem impoſanten brennenden Tannenzweige ihm zur Seite ſchritt. „Guten Abend, mein Herr,“ ſagte der alte Mann, mit freundlicher Miene ſeinen Hut abnehmend. „Sie müſſen es meinem kläglichen Zuſtande zu gute halten, Herr Pfarrer,“ entgegnete ich,„wenn ich Ihren höflichen Gruß nicht erwiedern kann— aber ich bin an⸗ gebunden.“ „Schneidet auf der Stelle die Stricke entzwei,“ ſagte der gute Mann zu der Menge, die ſich jetzt heran⸗ drängte. „Um Vergebung, Vater Jaques,“ wandte der Maire ein, indem er ſich im Graſe aufſetzte und ſich die Augen rieb, die der Schlaf beinahe verkleiſtert zu haben ſchien; „aber das Protokoll iſt—— „Ganz unnöthig, ganz unnöthig hier,“ verſetzte der alte Mann.„Schneidet den Strick durch, meine Freunde.“ „Nicht ſo ſchnell,“ ſprach der Maire, auf mich zuſtürzend.„Ich will es auflöſen. Das iſt ein guter Strick, gewiß acht Sous werth.“ So begann er, trotz aller meiner Verſicherungen, daß ich ihm, wenn er ſchneller mache, einen Kronen⸗ thaler geben würde, jeden Knoten gemächlich aufzu⸗ knüpfen, und brauchte wenigſtens zehn Minuten, bevor er mich in Freiheit ſetzte. „Hurrah!“ rief ich, als der letzte Ring los war, und ſuchte in die Luft zu ſpringen, aber meine krämpfi⸗ gen, erſtarrten Glieder unterlagen der Auſtrengung und ich fiel der Länge nach in's Gras. Der würdige Pfarrer ſtand mir jedoch alsbald zur Seite und nachdem er den Uebrigen einige Anweiſungen gegeben hatte, eine Saͤnfte für mich zu machen, kniete 279 er nieder, um für meine Befreiung ein kurzes Gebet darzubringen— der Reſt ſtimmte in frommer Andacht mit ein, während ich ehrerbietig meinen Hut abnahm und ſtill ſitzen blieb. „Ich ſehe,“ flüſterte er, als das Ave vorüber war —„ich ſehe Sie ſind ein Proteſtant. Heute haben wir einen Faſttag, aber wir wollen Ihnen dennoch in mei⸗ ner Hütte ein Huhn zubereiten und ein Glas Wein wird Sie bald geſtärkt haben.“ Mit manchen Worten des Dankes ließ ich mich in ein breites Leintuch aufheben, wie man ſolche in den Weingärten braucht, und unter einem ſtarken Geſolge der mit ihren Fakeln verſehenen Dorfbewohner traten wir unſern Rückweg nach Givét an. 3** ** 4 4.ꝗ Die Umſtände meines Abenteuers verbreiteten ſich, natürlich mit bedeutenden Uebertreibungen, über das Land, und noch ehe ich am nächſten Morgen aus dem Bette war, kam ein Jäger in glänzender Livree mit einem Briefe von dem Gutsherrn, der mich erſuchte, meinen Aufenthalt für einige Tage, auf Chateau de Rochepied zu nehmen, wo ich äußerſt willkommen ſeyn, und wo man alles mögliche aufbieten würde, damit ich wieder zu meinen verlornen Effekten käme. Ich zog den wür⸗ digen Pfarrer zu Rathe, und da mir dieſer zuſprach, eine ſo ſchmeichelhafte Einladung jedenfalls anzunehmen— wozu ich denn auch ſelbſt geneigt war— ſo ſchrieb ich als Antwort einige Zeilen und ſchickte mit der Poſt einen Boten nach Dinant, um mein ſchweres Gepäck zu holen, das ich dort zurückgelaſſen hatte. Gegen Mittag fuhr der Wagen des Grafen vor, um mich nach dem Schloſſe abzuholen, und nachdem ich meinem gütigen Wirthe ein herzliches Lebewohl ge⸗ ſagt hatte, begab ich mich auf den Weg nach Roche⸗ pied. Der geflochtene Kaſten, worin ich ganz allein ſaß, war, obgleich keine Zierde für Hyde Park, in 280 ſeiner Bewegung leicht und angenehm; die fetten flämi⸗ ſchen Roſſe. mit ihren langen, üͤber ein ungeheures, geſloch⸗ tenes Strohkiſſen geſchmackvoll aufgebundenen Schwänzen, gingen einen ſchönen ſtäten Schritt; der Weg führte durch einen Theil des Waldes, der reich an hübſchen Ausſichten auf Waldgegenden war; und alles vereinigte ſich, mir die Ueberzeugung einzuflößen, daß ſogar eine Affaire mit einer Schmugglerbande nicht das Schlimmſte im menſchlichen Leben ſey, wenn ſie nachher zu ſo an⸗ genehmen Reſultaten führt. Als es im Trott dahin ging, erfuhr ich von dem fetten walloniſchen Kutſcher, das Schloß ſey voll Ge⸗ ſellſchaft; der Graf habe zahlreiche Gäſte zur Eröffnung der Jagd eiugeladen, und man erwarte zu dieſer Feier⸗ lichkeit Franzoſen, Deutſche und Engländer, wenn er ſich nicht irre, auch einige Chineſen. Ich geſtehe, dieſe Mit⸗ theilung dämpfte die Freude, die ich zuerſt empfand, bedeutend. Ich war der Hoffnung, wirkliches Landleben zu ſehen, den regelmäßigen Hergang in einem Schloſſe, in einer Familie, die ruhig auf ihrem eigenen Gut wohnt. Ich hatte erwartet, in das innere Leben eines flämiſchen Haushalts zu blicken, worüber ich alle meine Kenntniſſe einem Gemälde von Wenirx verdankte— ich hätte gerne das Ding in der Wirklichkeit geſehen. Die gute Vrow mitt ihrer hohen Kappe und langen Taille, mit ihren blaſſen Zügen, überſtrahlt von einem Augen⸗ paar von ſolchem Braun, wie nur ein Vandyk es wie⸗ dergeben konnte; und die ſchmucken ſtattlichen Tochter, die mit ihrer ſteifen, geſchniegelten Höflichkeit, auf den terraſſirten Gängen ſpazieren, gleich Figuren, die von einer alten Leinwand herabſteigen, mit Sträußen zwiſchen ihren weißen mit Gruͤbchen verſehenen Fingern, viel⸗ leicht auch mit einem Falken auf ihrer Hand, und dann der Mynheer Baron— ich malte mir ihn als einen ſtattlichen, wohlhebigen Fläming mit einem ſchlottern⸗ den Biberrock und einem kurzen, niedlichen Schnurrbart, mit tiefer Stimme, ſchwerem Schritt, ſitzend auf einem * —nõn— 281 Grauſchimmel à la Cuyp mit wallender Mähne und einer ungeheuren Schwanzquaſte, die träge ſeine bräun⸗ lichen Flanken umſpielt, oder mit ſchwerem Streiche auf die maſſiven Courrierſtiefel des Reiters ſchlägt. Solcher Art waren meine Vorſtellungen über einen holländiſchen Hausbalt. Zum Theil brachte mich das unveränderte Ausſehen der Wohnungen, die ſeit Jahr⸗ hunderten die gleichen waren, auf dieſe Gedanken. Die niedlichen alten Thürmchen, die ſteifen flachen Terraſſen, der Graben mit ſtehendem trägem Waſſer, das Schnitz⸗ werk des maſſiven Thorweges, Alles war ſo, wie wir es auf den älteſten Gemälden des Landes ſehen; und wenn die Schale ſo ähnlich ausſieht, ſo iſt es ſchwer, ſich die Frucht mit einem verſchiedenen Geſchmacke vor⸗ zuſtellen. Ich erfuhr alſo nicht ohne beträchtliches Bedauern, daß ich die Familie en gala ſehen würde, daß ich in eine Zeit von Feſten und Gaſtereien gerathen ſey, und wäre es nicht zu ſpät geweſen, ſo hätte ich meinen Rück⸗ zug angetreten, und wäre noch einen Tag bei dem Pfarrer von Givét geblieben; unter gegebenen Umſtänden beſchloß ich, meinen Beſuch ſo kurz als möglich und mich, ſo bald es anginge, wieder auf den Weg zu machen. Als wir uns dem Schloſſe näherten, brachte der Wallone eine Reihe von Entſchuldigungen vor, womit ihn der Graf beauftragt hatte, weil er nicht ſelbſt ge⸗ kommen ſey, um mich abzuholen; er berief ſich auf ſeine andern Gäſte und auf die unvermeidlichen Vor⸗ bereitungen zu der bevorſtehenden Jagd, die ſeine An⸗ weſenheit erforderten. Ich widmete dem verſtümmelten durch Flüche und Aufmunterungen für die Pferde unter⸗ brochenen Vortrag wenig Aufmerkſamkeit; denn bereits hatten wir den Umfaug des Gutes betreten, und ich be⸗ ſchäftigte mich damit, aufzuzeichnen, wie der Ort aus⸗ ſah. Es war jedoch wenig zu bemerfen; der Uebergang von dem weiten Walde zu dem Park war nur durch eine kleine Verbeſſerung des Weges bezeichnet; es fand 282 ſich daſelbſt weder eine Hütte, noch ein Thor— keine Mauer, kein Gehege, keine Umzäunung irgend einer Art. Die niedliche Kultur, die in unſerm Lande überall zu bemerken iſt, wo man ſich einem Hauſe von einiger Bedeutung nähert, fehlte hier gänzlich: die Oberfläche des Weges beſtand theils aus Kies, theils aus feinem Torf; das Gebüſche ſtachliger Diſteln durfte wild wachſen und wucherte an manchen Stellen über die Straße hin⸗ über; die Ausſichten, die ſich hie und da eröffneten, hatte man dem Zufall, keiner Planmäßigkeit, zu ver⸗ danfen: allenthalben üppiger Pflanzenwuchs und reiches Grün, ohne menſchliche Hülfe und Pflege; aber gleich den Kindern des Armen ſchien alles nur um ſo geſun⸗ der und ſtärker, weil es ungeſtört und unbewacht ſeinen eigenen Trieben überlaſſen war. Wenige Schritte von dem Wagengeleiſe ſpielten die Eichhörnchen herum; die Vögel blieben ruhig auf den Bäumen ſitzen, als wir vorüberfuhren, während ich da und dort durch das Laub⸗ werk den prächtigen Farbenſchmuck eines glänzenden Pfauen entdecken konnte, der auf einem Aſte ſaß und ſich mit ſeinen wildern Brüdern der Luft unterhielt, gerade als wenn die Angelegenheit und Abgeſchloſſen⸗ heit des Ortes Vertraulichkeiten geſtattete, die auf der gewöhnlichen Bahn des Lebens unmöglich ſind. Endlich wichen die Bäume weiter und weiter von der Straße zurück, und eine ſchöne, wallende Grasfläche, mit Schafen betupft, ſtreckte ſich vor dem Auge aus. In einiger Entfernung konnte ich das Schloß ſelbſt bemerken — ein maſſives Gebäude in der Geſtalt des Buchſtabens L, von Kaminen ſtarrend, und von Fenſtern jeder Groͤße und Geſtalt durchbrochen; rings herum waren Zier⸗ ſträuche und Fruchtbäume angepflanzt, und kleine Blu⸗ menbeete beſprengelten den glatten Torf, wie Sterne das weite Gewölbe des Himmels. Die Maas wand ſich auf drei Seiten um das Schloß, und vielleicht aus dieſem Grunde blieb es mit einem Graben verſchont, denn ohne 283 Waſſer kann ein Holländer eben ſo wenig erxiſtiren als eine Makrele. „Schön! nicht wahr?“ ſagte der Wallone, indem er mit dem Finger auf die vorliegende Scene deutete, und ſchien mit Entzücken in meinen erſtaunten Blicken zu ſchwelgen, während er mit erneuter Kraft die Geiſel ſchwang und bald an einer weiten Flucht von ſteinernen Treppen vorfuhr, wo auf beiden Seiten eine Reihe von Orangebäumen Wache hielt, und die Umgebung mit ihrem Wohlgeruch erfüllte. Ein Bedienter in einer Livree von einem ſeltſamen Gemiſch von Farben, die aus einem benachbarten Ra⸗ nunkelbeet gewählt zu ſeyn ſchienen, kam heraus, um mich die Treppen hinauf in das Haus zu führen. Er richtete mir aus, der Graf habe Befehl für meinen Empfang gegeben, er ſelbſt aber ſey mit allen ſeinen Freunden ausgeritten und werde vor dem Mittageſſen nicht zurückkommen. Keineswegs verdrießlich, daß ich ein wenig Zeit für mich ſelbſt hatte, zog ich mich auf mein Zimmer zurück und warf mich auf ein höchſt be⸗ hagliches Sopha, ungemein wohl zufrieden mit der Lo⸗ kalität, und auf's Beſte aufgeleat, mein Glück zu be⸗ nutzen. Das kleine Bett mit ſeinen ſchneeweißen Vor⸗ hängen und ſeinem vergoldeten Baldachin; die ehernen Doggen am Herde, die wie Gold ſchimmerten; der Kirſchbaumtiſch, der als Spiegel hätte dienen können, das beſcheidene Büchergeſtell mit ſeinen lieblichen Reihen von Bänden; was aber über Alles ging, das offene Fenſter, von wo aus ich meilenweit über die Höhen eines dunkeln Waldes ſehen und die Maas betrachten konnte, wie ſie kam und ging, bald hervorſchimmernd, bald in der Heimlichkeit des Waldes verloren— Alles entzückte mich: und ich geſtand gerne ein, was ich ſo oft im Leben zu wiederholen hatte, daß Arthur O'Leary unter einem glücklichen Planeten geboren war. —— 284 Zwölftes Kapitel. Fragmente aus dem Leben auf einem Schloſſe Ausgeſtreckt auf einem großen, altmodiſchen Sopha, wo ein Burgomaſter Raum genug gehabt hätte, um ſich gütlich zu thun, in aller Bequemlichkeit, die Schlafrock und Pantoffeln darbieten können, wahrend die küble Luft durch die Fenſterblende ſanft ab⸗ und zuwehte, vermiſcht mit den einlullenden Tönen von Wald und Waſſer— mit dem Geſumme der Sommer⸗Inſekten und dem fernen Jubel eines ländlichen Geſanges— ſank ich in einen Schlaf jener köſtlichen Art, wo Träume mit ſo ſchwachen Umriſſen erſcheinen, daß ſie keine Verſtimmung zurück⸗ laſſen, wenn wir erwachen: ſchattengleich vor der Seele flatternd leben ſie nur in einer angenehmen, vagen, un⸗ beſtimmten Erinnerung, ohne ein trauriges Gefuͤhl über unerfüllte Erwartungen oder nicht zu verwirklichende Hoffnungen einzuflößen. Ich wollte, meine Traͤume möchten immer dieſe Geſtalt annehmen, es iſt ein trau⸗ riges Ding, wenn ſie handgreiflich werden— wenn Zuüge und Blicke, Augen. Hände, Worte und Seufzer zu ſtark in unſern ſchlummernden Seelen aufleben— und erwachen wir dann zu der kalten Wirklichkeit unſerer täglichen Sorgen und Mühen, ſo erſcheinen uns dieſe des bloßen Kontraſtes wegen noch zehnmal ſchwerer. Nein! man gebe mir lieber den ſchwachen, ſchwimmen⸗ den Umriß— das ſchattige Bild der Freude, als das lebhafte Gemälde, das zuletzt nur mit der Ueberzeugung endet, daß ich immer nur Chriſtopher Sly, oder was auch ziemlich auf das Gleiche hinausläuft, immer nur— Arthur O'Leary bin. Dennoch möchte ich nicht, daß man mich für unzu⸗ frieden mit meinem Schickſal halte; weit entfernt. Ich wählte meinen Pfad frühe im Leben, und ſah nie einen Grund, die Wahl zu bereuen. Wie viele können dieß von ſich ſagen? ich fühlte, daß, während die zarten — ————;— .— 28⁵ Bande der Heimat und Familie— das Glück, das im fröhlichen Kreis von Weib und Kindern erwächst— die großen Güter des Lebens ſind; ſo liegen noch tau⸗ ſend kleinere im Glücksrad, in den freundlichen Sym⸗ pathien, an denen die Welt ſo reich iſt; daß dem, der keinen böſen Willen in ſeinem Herzen hegt, der viel⸗ mehr Alles liebt, was liebenswürdig iſt, mit warmer Anhänglichkeit an alle, die freundlich gegen ihn ge⸗ weſen find, mit reichen Quellen der Glückſeligkeit in ſeinen eigenen ruhigen Gedanken, das Wanderleben manche Freuden darbietet. Die meiſten führen gleichſam eine eigene Lebens⸗ geſchichte, wo die Züge der Kindheit in männliche hin⸗ überreifen; ihre Geſchichte beſteht aus der Entwicklung des jugendlichen Charakters in guten odor üblen Um⸗ ſtänden. Sie verlieben ſich, heirathen, werden alt und ſterben— jedes Ereigniß ihres Daſeyns bezieht ſich auf Vergangenheit und Zukunft, wie bei einer großen Kette Glied an Glied ſich ſchließt. Der jedoch, der ſich gleich einer Planke in's Waſſer wirft, um da⸗ und dort⸗ hin geſchleudert zu werden, je nachdem der Wind oder die Flut ihn treibt, gewinnt eine ganz andere Erfah⸗ rung. Für ihn iſt das Leben eine Reihe von Cpiſoden, von denen jede ein vollkommenes Ganze für ſich ſelbſt iſt; ihm bietet die Welt nur eine Anzahl von Gemäl⸗ den, die mit dem Klima und der Gegend wechſeln; ſeine Leiden in Frankreich haben keinen Zuſammenhang mit den Freuden in Italien; ſeine Wonnen in Spanien leben getrennt von ſeinen Schmerzen am Rhein; die Vergangenheit wirft keinen Schatten auf die Zukunft— ſeine Philoſophie geht dahin, die Gegenwart auf's Beſte zu genießen; und nie vergißt er den Grundſatz La Bruyièrè's—„mau muß lachen, bevor man glücklich iſt, ſonſt könnte man ſterben, ohne gelacht zu haben.“ Nun, wem meine Philoſophie nicht gefällt, der lege ſie 5 einen Traum bei Seite; und hier bin ich wieder wach. 5 Aber gewiß, ich darf mir auf weckt. Worte ſind zu ſchwach, um geringſten Begriff von dem Lärm z als hätten ſich zehntauſend Pfauen u verſammelt und es darauf abgeſehen, 67 mir ein ſcheußliches Konzert zu ge Chor in Robert dem Teufel iſt eine Jagdgewändern— mit ſchäumenden Pferden, mit Röcken, worauf ſich kraft iſt, eine eherne Röhre von e gürtelartig über eine Schulter und geſetzten Arm getragen— das eine man ſich einen Flaͤming— einen v unermeßlich vergrößert, und mit S Melodie ebenfalls herunterblaſen; eine ſanfte ſchwellende Melodie iſt. wahr, die Reſultale der Jagdpartie lichſter Art ſeyn, um die Retour meine Wachſamkeit nicht viel zu gute thun; denn das Tantararara, das mich aus dem Schlafe riß, hätte die Siebenſchläfer ſelbſt er⸗ auch nur den ge⸗ u geben: es ſchien, nter meinem Fenſter mit ehernen Kehlen ben. Der Teufels⸗ Pſalmenmelodie da⸗ gegen. Ich ſprang auf, ſtuüͤrzte an's Fenſter und ſah dort unten auf dem Plan etliche zwanzig Perſonen in und kothbeſpritzten manche Spuren des Waldes zeigten; aber über den Lärm kam ich bald in's Klare, er kam von einem halben Duzend aus der Ge⸗ ſellſchaft, die ſich auf der teufliſchſten aller menſchlichen Erfindungen, auf dem Jagdhorn, vernehmen liefen. Man ſtelle ſich vor, wenn man kann, und danke ſeinen Sternen, daß es nur ein Werk der Vorſtellungs⸗ inigen zwanzig Fuß⸗ unter dem entgegen⸗ Ende der beſagten Ruba bildet ein Mundſtück, das andere dehnt ſich in eine ungeheure Trompetenmündung aus: alsdann denke on Rubens Cherubs, chnurr⸗ und Backen⸗ bart verziert— der mit aller Kraft ſeiner Lungen in dieſes Horn bläst, ganz unbekümmert um die fünf an⸗ dern Bläſer, die fünf andere und verſchiedene Theile der Diskant und Baß, Alt und Sopran, Tiiller und Soſtenutto— Alles in einem ſcheußlichen Mißklang zuſammenſchallend, woge⸗ gen der ſchottiſche Dudeſſack in einer kriegeriſchen Muſik Eine Taubſtummen⸗ Anſtalt würde in einer halben Stunde kapituliren. Für⸗ mußten von erfreu⸗ de Chasse— dieß 287 war es, was ſie blieſen— für diejenigen erträglich zu machen, die bei dem Konzert nicht betheiligt waren; was die Künſtler ſelbſt betrifft, ſo glaube ich gerne, daß ſie von dem Ganzen keinen einzigen Ton hörten. Selbſt holländiſche Zungen wurden endlich müde, nachdem ſie den Haushalt in Entzücken und mich in ein ſchwindelndes Kopfweh gebracht hatten, ließen ſie end⸗ lich nach; und nun verkündete eine Ehrfurcht gebietende Glocke, daß es Zeit ſey, zum Diner zu erſcheinen. Wäh⸗ rend ich meine Toilette machte, ſuchte ich mir, ſo gut es mir meine klopfenden Schläfe erlaubten, die perſön⸗ liche Erſcheinung des Wirthes und die übrige Geſell⸗ ſchaft vorzuſtellen. Nachdem ich fertig war, betrachtete ich mich noch einmal im Spiegel, um den wahrſchein⸗ lichen Eindruck zu errathen, den ich drunten machen würde, und ſprang fort.— Vorſichtig über den wohlgewichsten, eisglatten Boden mich hinſtehlend, ſtieg ich die breite Eichentreppe hinab in eine große Halle, mit dunklem Wallnußholz betäfelt, und verziert mit Augenſproſſen und Hirſchgeweihen, Arm⸗ bruſten und Hackenbüchſen, und zu meinem Schaudern und Entſetzen mit verſchiedenen Jagdhörnern, die indeſſen jetzt zum Glücke ſchweigend an den Wänden hingen. Ich trat in das Geſellſchaftszimmer, indem ich mir eine kleine franzöſiſche Rede ausdachte, und mich für die nächſten fünfzehn Minuten auf Bücklinge vorbereitete. Aber zu meinem Erſtaunen war noch Niemand erſchie⸗ nen Alle waren noch mit ihrem Anzug beſchäftigt und genoßen wahrſcheinlich eine wohlverdiente Ruhe nach ihren Anſtrengungen auf den Blasinſtrumenten. Ich hatte jetzt Zeit, das Zimmer zu betrachten, und im Allge⸗ meinen iſt ein Geſellſchaftszimmer kein üͤbler Beweis 3 den Geſchmack und für das Temperament der Haus⸗ eſitzer. Das geübte Auge entdeckt bald in dem Charakter und in der Einrichtung eines Zimmers einige Eigen⸗ ſchaften vom Bewohner deſſelben. In einigen Häufern 288 verräth der Mangel an allem Schmuckwerk, der einfache Puritanismus des Geräthes das Leben ruhiger Seelen, deren Tage eben ſo wenig Lurus zeigen, als ihre Woh⸗ nungen. In dem kalten grauen Anſtrich, in der ſteifen Förmlichkeit, in der eintönigen Regelmäßigkeit liest man die quatermäßige Flachheit ihres Daſeyns. In andern findet man eine geſchmackloſe Schauſtellung, ein Haſchen nach Effekt, das ſich in koſtbaren, aber übel angebrach⸗ ten Gegenſtänden zeigt— ein Gemiſch aus allen Sti⸗ len und Zeitaltern, ohne Erholung und Haltung. Die ſchlechten prunkenden Gemälde, die fehlerhaften Bronze⸗ Arbeiten, dürftige Nachbildungen armſeliger Originale, das grellfarbige Porzellan ſind eine ſichere Gewähr für den gemeinen Geſchmack der Eigenthümer; während das beſcheidene Zimmer einer Dorfherberge, wie ich geſehen habe, ſo hergerichtet werden kann, daß es für den kul⸗ tivirten Geſchmack und die feinen Sitten derjenigen zeugt, die es zum Aufenthalt eines Tages gemacht haben. Wir möchten zurückgehen und unterſuchen, wie viel von unſerer Kenntniß der früheſten Jahrhunderte vom Stu⸗ d.um des Innern ihrer Wohnungen herrührt; welche reiche Quelle der Belehrung ein Moſaik⸗Werk darbietet; meich eine Abhandlung nicht in einer Freskowand iegt.— Das Zimmer, worin ich mich jetzt befand, war lang und für ſeine Länge etwas ſchmal; eine Reihe hoher Fenſter, die tief in die dicke Mauer zurücktraten, nahm die eine Seite ein, die entgegengeſetzte war eine ununter⸗ brochene Wand, vom Boden bis zur Decke mit Gemäl⸗ den bedeckt, außer wo in beträchtlicher Entfernung aus⸗ einander zwei reichgeſchnitzte Kaminſtücke von ſchwarzem Eichenholz ſtanden; das eine ſtellte die„Anbetung der Hirten“, das andere den„wunderbaren Fiſchzug“ vor,— im letztern lag ein Schwung, eine Kraft und eine Le⸗ bendigkeit, dergleichen ich nie geſehen habe. Ueber die⸗ ſem waren einige Waffen⸗Trophäen aus alten Zeiten, an denen ich unter den Keulen und Streitäxten einige 289 Waffen orientaliſchen Urſprungs erkennen konnte, die, wie ich erfuhr, von der Familie den Zeiten der Kreuz⸗ züge zugeſchrieben wurden. Zwiſchen den Fenſtern war eine Reihe von Schnitz⸗ werk aus Eichenholz aus dem ſiebenzehnten Jahrhundert angebracht, ſchöne Denkmale der Kunſt und bei all ihrer Geziertheit weit ſchönere Gegenſtände zur Aus⸗ ſchmückung eines Zimmers, als die unſer moderner Luxus unter uns eingeführt hat. Japaniſche Vaſen, dunkelblau und grün, waren mit ſeltenen Blumen ge⸗ füllt; hie und da luden kleine Tiſche von koſtbarem Buhl nach den Fenſtervertiefungen ein, wo flaumige Ottomanen, mit flämiſcher Ueppigkeit gepolſtert, zur Ruhe, wo nicht zum Schlafe lockten. Dle Gemälde, auf die ich nur einen vorübergehenden Blick werfen konnte, waren alle von flämiſchen Malern und von jenem Charakter, der ihr Hauptverdienſt, Farben⸗Reichthum, ſo weſentlich vor Augen ſtellt— Gerard Dow und Oſtade, Cuyp, Vander⸗Meer und Terburg; es waren wunder⸗ bare Gruppen von häuslichem Leben, wo die Nation gleichſam in Miniatur vor uns ſteht; Muſter von häus⸗ lichem Stillleben, das ein ganze Jahrhunderte fortge⸗ erbtes Erbgut von Ruhe verräth. In den dunkelbraunen Augen und lieblichen Geſichtern ſieht man ſogleich die Züge, die im Lauf der Jahrhunderte zu ſolcher Voll⸗ kommenheit gebracht wurden; und man erkennt den Ur⸗ ſprung jener kühnen Burgomaſter und trotzigen Burger, die zugleich die ſparſamſten Kaufleute und die ſtolzeſten Fürſten in Europa waren. Plötzlich als ich beinahe auf den Knien lag, um in Gemälde von Memling zu beſehen, öffnete ſich die Thüre, und herein trippelte leichten Schrittes ein kleiner, ſcharfblickender Mann, gekleidet nach der allerneueſten Pariſermode, in glänzender Weſte und ſchimmerndem Geſchmeide.„Ah, mi Lor O'Leary!“ ſagte er, mit einer Verbeugung auf mich zugleitend. Lever, O'Learv. I. 19 290 Es war keine Zeit, den Stammbaum zu erörtern; ich ſchluckte daher meine Rangerhöhung hinab und machte mein Kompliment, ſo gut ich konnte: wir hatten uns, nach einer mäßigen Berechnung, wenigſtens ſchon zwei Minuten, nachdem er eingetreten war, geſehen, bevor wir uns herzlich die Hände ſchüttelten und vergnügt einander anſahen. Dieſe Zermonie, ich wiederhole es, ging erſt dann vor, nachdem er ſich um zwei Tiſche, eine Ottomane und einen Eichenſchrank herum verbeugt, und ich dieſelbe Zermonie hinter einem chineſiſchen Schirm, und beinahe über eine Original⸗Vaſe, den „grünen Drachen“ verrichtet hatte, der wirklich geneigt ſchien, wegen meiner Plumpheit auf mich los zu ſpringen. Bevor mein Erſtaunen, oder vielmehr meine Ver⸗ ſtimmung darüber, daß die kleine, mit Putz überladene Figur vor mir der Repräſentant jener alten kühnen Barone war, nachgelaſſen hatte, begann das Zimmer ſich zu füllen. Stattliche Damen von unbeſtimmtem Alter ſegelten herein und nahmen ihre Plätze— ſteif, prun⸗ kend und ſchweigend, wie ihre Großmütter an den Wän⸗ den; ſchwerfällige Herren mit unausſprechlichen Namen verbeugten ſich, und drehten ſich um und verbeugten ſich noch einmal; während ein Geſumme von„votre ser- viteur, Madame, Monsieur,“ mitten unter dem Ge⸗ murmel der Geſellſchaft auf⸗ und niederwogte, vermiſcht mit dem Gekratze der Füße auf dem polirten Boden und mit dem Rauſchen der ſeidenen Gewänder. Der Wirth ſtellte mich dem hehren Zirkel vor, wo die bloßen Namen wie Zauberworte klangen; und die alten Damen ſchüttelten als Gegengruß ihre Perlen und wehten mit ihren Fächern. Die Umſtände meines Abenteuers bildeten das Thema der Unterhaltung für jede Gruppe; und ob ich gleich eingeſtehe, daß ich nicht umhin konnte, zu fühlen, daß nur eine kleine Priſe Bosheit dazu gehörte, in meiner einfältigen Haft Stoff zum Lachen zu finden, ſo war doch Niemand in der Ge⸗ 291 ſellſchaft, der in der ganzen Geſchichte etwas anderes ſah, als einen wichtigen Fall der Tabak⸗Schmugglerei, und eine ganz unverantwortliche Handlung von Seite des Pfarrers, der mich befreite. In der That ſchien dieſe letztere Anſicht ſo ſchnell Boden zu gewinnen, doß ich ein Paar mal anfing zu fürchten, ſte möchten mich zurückſchicken und zu einer zweiten Nacht unter freiem Himmel verurtheilen,„bis der Gerechtigkeit Genug⸗ thuung gegeben ſey.“ Ich that doch, ſprach ich bei mir ſelbſt, dem würdigen Maire von Givét ſchändlich Un⸗ recht. Dieſe Leute hier ſind um kein Haar beſſer. Jeden Augenblick vermehrte ſich die Geſellſchaft um neue Mitglieder, und nun bemerkte ich, daß das Veteranen⸗Bataillon vorausmarſchirt war, da die jün⸗ gern Mitglieder des Haushalts erſt allmälig hereinkamen, als es ſpäter wurde. Unter dieſen waren einige luſtige Franzoſen, die unter den Flämingen ſo leicht zu erkennen waren, als ein Offizier von den„Blauen“ unter der neuen Polizei. Ein deutſcher Baron, ein ächtes Muſter ſeiner Klaſſe— ſett, mit dichten Augenbrauen und mür⸗ riſchem Blick, in Wahrheit aber ein gutherziger, wohl⸗ gebildeter Burſche; zwei Amerikaner; ein englöſcher Oberſt mit ſeinen beiden Töchtern; und ein däniſcher Geſchäftsträger— die geringern Charaktere waren, was man in der Theaterſprache premiers und premierès nennt, junge Leute von beiderlei Geſchlecht, nach der neueſten Mode gekleidet und die Rolle von Liebhabern ſpielend. Die Damen machten ziemlich heitere Geſich⸗ ter, waren alle in voller Toilette und zeigten eine ge⸗ wiſſe Fröhlichkeit und Anmuth, die man auswärts faſt allgemein antrifft; die Herren, ein ſeltſames Gemiſch von Albernheit und Rohheit, halb Friſeurs, halb Helden. Ehe das Diner angekündigt war, hatte ich Zeit, zu bemerken, daß ſich die Geſellſchaft in zwei verſchie⸗ dene ganz entgegengeſetzte Richtungen theilte— die eine 19 292 Partie beſtand aus der alten holländiſchen oder flämi⸗ ſchen Race, ruhige, ſchwerfällige, friedliche Seelen, die nichts Neues wollten und mit dem Alten wohlzufrieden waren; ihre Erinnerungen bezogen ſich auf irgend ein Ereigniß aus der Zeit ihrer Großväter: der andere Theil war der jüngere, der, ſtark mit franzöſtſchen Be⸗ griffen über Kleidung, und mit engliſchen über Reiten, Jagen und Fiſchen getränkt, Newmarket und die Bou⸗ levards des Italiens in das Herz der Ardennen zu verſetzen ſuchte. Zwiſchen dieſen beiden ſtand als Verbindungsglied eine Art Teufelsbrücke in der Perſon eines kleinen, ge⸗ wandten, olivenfarbigen Mannes von ungefähr vierzig Jahren; ſeine Augen ſchwarz wie Pech, aber von ſanf⸗ tem, mildem Ausdruck, außer in Augenblicken der Auf⸗ regung. wo ſie wie Leuchtwürmer blitzien; ſein einfaches, ſchwarzes Gewand mit dichten, flämiſchen Krauſen; ſeine ſeidenen Beinkleider und Schnallſchuhe hatten etwas geiſtliches an ſich— und ſo war es auch: er war der Abbe van Praet, der jüngere Sohn einer alten belgi⸗ ſchen Familie, ein Mann von bedeutender Gewandtheit, über die meiſten Gegenſtände wohl unterrichtet— ein Sprachkenner, ein Muſtker, ein Maler von nicht ge⸗ ringen Verdienſten, der ſein Leben in dem kar niente eines Schloſſes zubrachte: bald ſann er eine Luſtpartie aus, bald erfand er ein Matrigal— bald gab er dem Chef Anweiſungen über die Zubereitung einer omelette à la curé. bald ſtahl er ſich leiſe in einen Gang, um ſich das Geheimniß einer ſchönen Dame anvertrauen zu laſſen, denn er war Geheimer⸗Rath in allen Herzens⸗ angelegenheiten; und wenn ihm die Welt nicht unrecht that, ſo führte er zuweilen ſeine eigene Sache, im Fall kein anderer Bewerber da war. Dieſer Mann mußte mir bald auffallen, namentlich wegen des Taktes, womit er ſeinen Einfluß auf alle Gemüther behauptete, aber nie eine ungebührliche Ver⸗ traulichkeit zuließ, und doch alle Behaglichkeit und Sorg⸗ V 293 loſigkeit eines ächten Müßiggängers zeigte. Auch fühlte ich mich durch ſeine Aufmerkſamkeit gegen mich ge⸗ ſchmeichelt, ſo wie durch ſeine höfliche Einladung, bei Tiſche neben ihm Platz zu nehmen. Die Unterſcheidungen, auf die ich bereits ange⸗ deutet habe, machten aus der Tiſch⸗Unterhaltung ein Gemiſch von flämmiſcher Geſchichte und Jagd⸗ und Reit⸗ Anekdoten— von Erinnerungen aus den Zeiten Maria Thereſien's— und Erörterungen über Gewicht und Alter— von den Genealogien flämmiſcher Familien und den Stammbäumen engliſcher Race⸗Pferde. Die jungen engliſchen Damen, zwei hübſche, feine Mädchen, deren Benehmen gute Erziehung und guten Ton ver⸗ rieth, ſetzten mich in kein geringes Erſtaunen durch die vertraute Kenntniß, womit ſie über alle Dinge der Rennbahn und des Stalles ſprachen. Ihre Bekannt⸗ ſchaft mit den Einzelheiten der Jagd und des Wett⸗ rennens ſchienen für die ſchnurrbärtigen Grafen und backenbärtigen Barone, welche ihnen zuhörten, den wun⸗ derbarſten Reiz zu bilden. Der Oberſt war ein feiner, mildausſehender, alter Herr, mit weißem Kopfe und rother Naſe, und mit jenem gefälligen Ausdruck, den man an den ſogenannten péres nobles in den Vaude⸗ ville⸗Theatern ſieht; er ſah in der That aus, als ſey er täglich gewohnt, eine liebenswürdige Tochter irgend einem glücklichen, entzückten Liebhaber zu geben, und auf ihre Häupter den Segen des Himmels zu eiflehen. Es lag eine reiche Salbung in ſeiner Stimme, ein faſt unhörbarer Triller, der ihr etwas freundliches und herz⸗ liches verlieh. Sein Händeſchütteln endete er mit einem kleinen Abſchiedsdruck, gleichſam„noch ein Hoch,“ wie man heut zu Tage ſagt, wenn ein mißleiteter Bewun⸗ derer eine Verſammlung zu einem Enthuſiasmus auf⸗ ruft, wovon ſie nichts verſpürt. Die Amerikaner waren — und Eine Beſchreibung kann für beide gelten, ſo gleich waren ſie einander— bleiche, hochbeinige, ſchweig⸗ ſame Männer, mit einer gewiſſen ruhigen Vorſicht in ihrem Benehmen, gleichſam als ob ſie europäiſche Sitten und Gewohnheiten erlangen wollten, ihre Bildung aber noch nicht vollendet hätten; und waren ſorgfältig bedacht, keinen Sprachfehler zu begehen, der ihr Vater⸗ land verrathen möchte. Im Verlauf des Diners bemächtigten ſich die Jagd⸗ und Reit⸗Charaktere der Unterhaltung. Die Jagderöff⸗ nung, die am folgenden Morgen ſtattfinden ſollte, war ein Alles verſchlingendes Thema und ich wurde über hundert Punkte engliſcher Jokei⸗Etikette als Richter aufgerufen; da ich aber in ſolchen Dingen gänzlich unwiſſend war, ſo erhielt meine Achtung in den Augen der Geſellſchaft einen ſchmerzlichen Stoß; denn wenn man ſich an mich wendete, ſo konnte ich weder das Gewicht nach dem Alter berechnen, noch die Zahl von Schritten in irgend einer Diſtanz angeben. Es wurde indeſſen beſchloſſen, daß ich am nächſten Tage mitreiten ſollte, da der Wirth ein Pferd habe, das ganz wie für mich gemacht ſey— und da mir der Abbe zuflüſterte, ich möchte einwilligen, ſo erklärte ich mich ſogleich einverſtanden. Als wir uns in das Geſellſchaftszimmer begaben, kam der Oberſt Muddleton auf mich zu und hielt mir mit heiterm Lächeln die Doſe entgegen; das Ganze konnte ein vollkommenes Gemälde abgeben. „Sind Sie vielleicht, wenn ich fragen darf, ver⸗ wandt mit einem alten Freunde und Waffenbruder von mir, mit dem Generale Mark O'Leary, der in Kanada fiel?“ ſprach er.— „Nur in ſehr entferntem Grade,“ erwiederte ich. „Ein Hauptkerl, tapfer wie ein Löwe und ſo luſtig. Beim Jupiter, ich habe nie einen ähnlichen gefunden. Was iſt aus ſeinem Gute in Irland geworden?— Verheirathet war er, denk ich, nie?“ „Nein, er ſtarb als Junggeſelle und hinterließ⸗ ſeine Güter meinem Oheim— ſie haben ſich einſt aus Zufall gefunden und einander lieb gewonnen.“ 295 „Alſo iſt jetzt Ihr Oheim in deren Beſitz?“ „Nein, mein Oheim iſt geſtorben— und ſo ſind ſie ſeit zwei bis drei Jahren in meinem Beſitze.“ „Aha— ah ſo— iſt's möglich?“ ſagte er mit einigem Erſtaunen; ſodann fuhr er, gleich als ob er ſich ſeines Ausrufes geſchämt hätte, in viel herzlicherm Tone als Anfangs fort:„welch ein unerwartetes Glück — nicht wahr?— den Neffen meines alten Freundes Mark zu finden!“ „Nicht ſeinen Neffen, ich war nur——“ „Schweigen Sie, ſchweigen Sie; er war ſo eine Art von Oheim, wie Sie wiſſen. Es dürfte Jedermann auf ihn ſtolz ſeyn. Welch ein herrlicher Mann! voll Scherz, voll Geiſt und Leben. Ah, gerade wie alle Ihre Landsleute— ich habe ſelbſt ein wenig iriſches Blut in meinen Adern; meine Mutter war eine O'Flaherty oder eine O'Neil, oder etwas der Art; und da iſt meine Laura— Sie kennen meine Tochter nicht?“ „Ich habe nicht die Ehre.“ „Kommen Sie mit, ich will Sie ihr vorſtellen— ſie iſt ein wenig ſchüchtern,“ ſagte er flüſternd, gleich als wollte er mir die carte du pays geben—„etwas kalt, müſſen Sie wiſſen, gegen Fremde— aber wenn Sie hört, daß Sie der Neffe meines alten Freundes Mark ſind—— Mark und ich waren wie zwei Bruder. Laura, mein Herzkind,“ fuhr er fort, indem er der jungen Dame, die mit dem Rücken gegen uns gekehrt ſtand, auf ihre weiße Schulter klatſchte.„Liebe Laura, der Sohn meines älteſten Freunds auf der Welt, des Ge⸗ nerals O'Leary.“ Die junge Dame kehrte ſich ſchnell um, machte mir, da ſie ſich überhaupt etwas hochmüthig trug, ein kurzes Kompliment, und ſetzte ihre Unterhal⸗ tung mit einem Herrn fort, der ſich durch einen ſtarken Backenbart auszeichnete. Der Oberſt ſchien, trotz aller ſeiner Anſtrengung, ſich zu faſſen, durch das hochmüthige Benehmen ſeiner Tochter gegen den Sohn ſeines alten Freundes ganz 296 aus dem Konzept gebracht, und ich weiß nicht, was er geſagt oder gethan haben würde, wenn nicht plötzlich der Abbe mit einem Kartenſpiel gekommen wäre und mich zu einer Whiſt⸗Partie eingeladen hätte. Es war ein Augenblick, wo alle in ſolcher Verlegenheit waren, daß ich ſogar zu einem Ekarté eine Einladung ange⸗ nommen hätte, um der ſchwierigen Lage zu entgehen, und ich folgte ihm in ein kleines Boudoir, wo zwei Damen uns erwarteten. Ich hatte kaum Zeit, zu ſehen, daß ſie beide anmuthige Frauenzimmer waren und in jenem Alter ſtanden, wo das ſchöne Geſchlecht, ohne irgend einen Reiz der Jugend zu verlieren, weit mehr geneigt iſt, durch einnehmende Manieren und durch esprit zu gefallen, als durch bloße Schönheit, als wir uns zu unſerm Spiel niederſetzten. Die Baronne de Meer, auf meiner Partie, war die jüngere und hüb⸗ ſchere von den beiden; ſie ſtammte aus einer jener flämiſchen Familien, in welche die ſpaniſche Race den warmen Strom ſüdlichen Blutes ergoſſen, und welchem ſie das dunkle Auge und die olivenfarbige Haut, die anmuthige Geſtalt und den elaſtiſchen Schritt gegeben hatte, die der ſpaniſchen Nation ſo eigenthümlich ſind. „A la bonne heure,“ ſagte ſie lächelnd,„haben wir einen aus den Schlingen der Zauberin errettet?“ „Ja,“ verſetzte der Abbe mit affektirter Ernſthaf⸗ tigkeit,„noch ein Augenblick und er war verloren.“ „Wenn Sie mich meinen,“ ſagte ich lachend,„ſo verſichere ich Sie, daß ich nicht die geringſte Gefahr lief, denn was auch die Blicke einer jungen Dame be⸗ deuten mögen, ſte ſchien ſehr wenig geneigt, mir einen zweiten zu ſchenken.“ Das Spiel hatte ſeinen Fortgang, begleitet von dem Lauffeuer des Geplauders, woraus ich mir ſo viel zuſam⸗ menleſen konnte, daß Fräulein Laura als eine bewährte Männer⸗Tödterin galt, deren Zauberkräften Keiner ent⸗ ging, außer wenn er, verfolgt von einem ſeltſamen Ver⸗ hängniß, ihre Schweſter Julia vorzog, die ganz das 297 Weſen ihrer Schweſter hatte, aber, um uns e nes Aus⸗ druckes des Abbe zu bedienen,„verdünnt.“ In der Art, wie die Damen die Töchter ich Ober⸗ ſten kritiſirten, lag eine gewiſſe Gereiztheit, die des ſeither oft bemerkt habe bei Damen, die ſelbſt an die Auf⸗ merkſamkeiten der Männer gewöhnt, ohne daß ſie ſich jedoch ungewöhnliche Mühe zu gefallen geben, ſich doppelt ärgern, wenn ſie eine Nebenbuhlerin gewahren, die mehr als gewöhnliche Anſtrengungen macht, um Be⸗ wunderer an ſich zu ziehen. Es geht ihnen ungefähr wie einem Kapitaliſten, wenn ein anderer Millionär Geld zu einem nie drigern Zinsfuß anbietet. Es iſt dieß gleichſam eine Verletzung der conventionellen Eti⸗ kette und kommt nie ohne ſtrenge Rüge davon. Was mich betrifft, ſo war ich in keinem perſönlichen Gefühle dabei berührt, und ich ſah dem Spiele aller Parteien mit vielem Ergötzen zu. „Wo iſt heute der Graf D'Espagne, fragte die Ba⸗ ronne den Abbe—„iſt er untreu geworden?“ „Ei bewahre, er hat mit dem Fräulein geſungen, als ich in dem Salon war“ „An dem haben Sie einen furchtbaren Nebenbuhler, Monſieur O'Leary,“ ſagte ſie lächelnd:„er iſt der beſte Fechter und der beſte Schutze in Flandern?“ „Wenn er keine Gelegenheit hat, von ſeinen Waffen Gebrauch zu machen, bis ich ihm eine ſolche gebe,“ ſagte ich,“ ſo iſt es wahrſcheinlich, daß ſie ihm roſtig werden.“ „Alſo bewundern Sie das Fräulein nicht?“ fragte fie. „Sie iſt wirklich ſehr hübſch,“ erwiederte ich. „Herz iſt Trumpf,“ unterbrach plötzlich der Abbe, indem er mich unter dem Tiſche mit dem Fuße ſtieß— „ſpielen Sie Herz.“ Hart an meinem Stuhl, und über meine Karten ſich lehnend, ſtand in dieſem Augenblicke Fräulein Laura ſelbſt. „Sie haben kein Herz,“ ſagte ſie auf Engliſch, und 298 mit einem ſonderbaren Ausdruck, während ihr geſenktes Auge einen Blick, einen einzigen Blick auf mich ſchoß. „Doch ich habe,“ verſetzte ich, indem ich eine Karte entdeckte, die hinter einer andern verſteckt war—„man muß nur ein Bischen beſſer nachſehen.“ „s iſt vielleicht nicht der Mühe wertb,“ ſprach ſie, mit einer kurzen Bewegung ihres Kopfes, als ich die Karte auf den Tiſch warf, und bevor ich antworten konnte, war ſie fort. „Ich halte ſie für viel ſchöner, wenn ſie trotzig ausſieht,“ ſagte die Baronne, gleich als wollte ſie zu verſtehen geben, daß der von dem Fräulein angenommene Ton der Empfindlichkeit nichts als ein auf Effeckt be⸗ rechneter Kanſtgriff ſei.“ Ich durchſchaue Alles, ſagte ich zu mir ſelbſt. Fremde Damen können den Engländerinnen nie verzei⸗ hen, daß dieſe ihnen an Schönheit und Liebenswürdigkeit ſo weit überlegen find. Inzwiſchen nahm unſer Spiel ein Ende und wir verſammelten uns um das Buffet. „Dort fanden wir den alten Oberſt mit einer gro⸗ ßen Silberkanne voll gewürzten Weins; er erzählte von Heldenthaten in dieſem oder jenem Feldzug, aber es horchte ihm niemand länger als ein Paar Sekunden zu, und ſo wurde das ganze Zimmer eine Actiengeſellſchaft von Zuhörern ſeiner Geſchichte. Laura ſtand ebenfalls dort, und aß ihr Eis, an ihrer Seite der Graf D'Espagne, der bereits er⸗ wähnte Kavalier mit dem ſchwarzen Backenbart. Die Amerikaner politiſirten über Jefferſon und Adams. Die Belgier ſprachen üͤber Landban und Genealogie; die Fran⸗ zoſen bildeten eine Gruppe für ſich ſelbſt, der ſich faſt alle hübſchen Damen zugeſellten, und ſchwatzten über das Ballet, über die Kammer, den Hof, die Couliſſen, die neueſte Mode und die letzte Mordtbat, über alles in dem gleichen, luſtigen und lebhaften Tone. Und wahrlich, man mag ihn verdammen wie man will, ſo geht doch nichts über dieſen oberflächlichen Unterhaltungs⸗Stil. Er leidet nicht an der proſaiſchen Flachheit der Deutſchen, 299 und an der eintoͤnigen Hartnäckigkeit der Engländer, die beide mehr dem Weſen einer Erörterung, als dem einer Unterhaltung entſprechen. Das franzöſiſche Geplauder ergeht ſich in weitern Räumen es kommen darin ab⸗ wechſelnd Anekdoten, Schilderungen und Schlußfolge⸗ rungen vor. Ihm ſcheint kein Gegenſtand zu leicht, kei⸗ ner zu wichtig. Er iſt ein luſtiger Schmetterling, der bald mit ſeinen goldenen Schwingen uns umflattert— bald zitternd auf einem Blatte ſitzt, bald im Sonnenſchein ſchimmert— bald im Schatten tändelt: es verkörpert nicht nur den Gedanken, ſondern auch den Ausdruck, es entzückt ebenſowohl durch ſeinen Stil als durch ſeinen Gegenſtand. Schon die Sprache bietet Schattirungen und Nüancen dar, die ſich in keiner andern Sprache finden— wir können unſerm Gemälde genau dieſelbe Farbe geben, die wir wünſchen, denn wenn geheimniß⸗ voller Ausdruck ein Verdienſt iſt, ſo ſteht uns hier das zweideutige Wort, das ſo viel bedeutet und doch ſo wenig ausſpricht, fertig zu Gebote. Ich für meinen Theil würde mein Teſtament Engliſch, aber Liebes⸗Erklärungen lieber Franzöſiſch machen. Während dieſer Abſchweifung habe ich indeſſen vergeſſen zu erwähnen, daß Leute mit Schlafzimmer⸗Lichtern hin und her rennen, allenthalben iſt ein verworrenes Geſume von bon soir, und mit mancher Hoffnung auf einen ſchoͤnen Tag für Morgen trennten wir uns für die Nacht. Ich lag wachend einige Stunden dort, an Laura und ſodann an die Baronne denkend— ſie waren beide zwei ſchlimme Vögel; auch der Abbe kam mir manchmal in den Sinn, und ein Paar Mal der ſchalkhafte Seiten⸗ blick des alten Oberſten; allein ich ſchlief bei alle dem geſund und erwachte nicht eher, als um acht Uhr Mor⸗ gens. Die Stille des Hauſes machte einen ſtarken Ein⸗ druck auf mich, als ich mir die Augen rieb und mich umſah. Zum Teufel, dachte ich, ſind ſie denn ohne mich auf die Jagd gegangen? Bei dem Lärm ihrer Hörner hätte ich doch gewiß nicht ſchlafen köunen. Ich zog die Fenſtervorhänge bei Seite, und nun löste ſich das Räth⸗ ſel: ſolch' einen Regen hatte ich noch nie geſehen; die Wolken berührten recht eigentlich die Gipfel der Buchen und ſchienen zu fließen und zu rinnen wie gedrückte Schwämme. Das Waſſer goß ſo heftig herab, als wenn es von irgend einer Kraft mit Gewalt herunter getrieben würde, und der ſeit Langem ausgedörrte Boden kochte und rauchte wie eine heiße Pfanne. Das iſt luſtig, war mein Gedanke Nr. 1, als ich mit den Augen durch den Nebel zu dringen ſuchte und das tropfende Laubwerk in Wolken gehüllt ſah. Necht luſtig, hier eingemauert zu ſeyn, der Himmel weiß, auf wie lange, ohne entweichen zu konnen. Du biſt doch ein glüͤcklicher Kerl, Arthur, war mein zweiter Gedanke, daß Du in ein ſo treffliches OQuartier gerathen biſt, weit beſſer die behagliche Ein⸗ richtung eines flämiſchen Schloſſes, als das Ungeſähr einer Herberge an der Landſtraße; außerdem iſt hier eine treffliche Geſellſchaft beiſammen, es müſſen nothwendig angenehme Leute darunter ſeyn. Ich wollte, es regnete drei ganze Wochen lang, gerade das Schloßleben moͤchte ich gerne näher kennen lernen— wie bringen ſie ihren Tag zu? in Flandern gibt es keine Times— da küm⸗ mert ſich niemand im geringſten darum, wer in oder aus dem Miniſterium iſt; da gibt es kein Derby, keine Verhöre wegen Mord: was köͤnnen ſie anſangen? war die Frage, die ich mir ſelbſt ein Duzendmal ſtellte. Thut nichts, ich habe Beſchäftigung im Ueberfluß— in mein Tagebuch iſt ſchon lange nichts mehr eingetragen worden, ſeit— ſeit— ach, ich kann es kaum ſagen, Ich weiß nicht, kam es von ſolchen Betrachtungen, oder vielleicht, weil ich kein ſo großer Jagdliebhaber war, als meine Gefährten, kurz, was auch die Urſache ſeyn mochte, ich ertrug die Ungunſt des Wetters mit weit mehr Philoſophie und ſtreute einen Sack voll Sprichwörter über Geduld, Hoffnung, Gleichmuth und Zufriedenheit aus, um die mich Sancho Panſa ſelbſt hatte beneiden können, bis endlich Niemand mehr in 301 meiner Gegenwart den Tag zu verwünſchen wagte, aus Furcht, ein Hagelwetter von moraliſchen Betrachtungen hervorzulocken. Die Geſellſchaft begab ſich Gruppenweiſe zum Fruͤhſtück. Die übermüthigen Blicke und blitzenden Augen des vergangenen Abends waren jetzt niederge⸗ ſchlagen und beſtürzt über den unerwarteten Wechſel. Sogar die ältern aus der Geſelſſchaft ſchienen unzufrie⸗ den; und außer meiner eigenen Perſon und einem alten mit der Gicht behafteten Herrn, der ſich in einem Roll⸗ ſtuhl in der Halle und im Geſellſchaftszimmer herum⸗ fahren ließ, bot alles einen kläglichen Anblick dar.] Jedes Fenſter hatte ſeinen Belagerer, der durch das Glas hinausſah und mitten in der düſtern Wolken⸗ wüſte vergeblich ein Stückchen Blau zu erhaſchen ſuchte. Eine kleine Gruppe war, verdrießlich und ſtumm, um das Wetterglas verſammelt; ein gelehrter Forſcher ſaß in einem Winkel, um die Prophezeihungen des Kalenders zu ſtudiren;— aber Unterhaltung hätte man ebenſo gut unter den Bewohnern eines Tollhauſes finden können, als hier. Das Wetter wurde in allen Sprachen ver⸗ wünſcht, vom Irokeſiſchen bis zum Sanskrit; alle kamen darin überein, daß kein Land ein ſo abſcheuliches Klima habe. Der Yankee rühmte die Sommer Amerikas, der Däne pries die ſeinigen, auch ich nahm einen patrioti⸗ ſchen Schwung und verſicherte, in Irland nie einen ſol⸗ chen Regen geſehen zu haben. Der Herr des Hauſes konnte ſich mitten in dieſem Strome ſcheltender Kritik kaum zeigen, und wenn er zufallig doch einmal erſchien, ſo ſah er ſo verſchämt aus, als hätte er ſelbſt den Zapfen ausgeſtoßen und das ganze Land mit Waſſer überſchwemmt. Inzwiſchen erſchien Niemand von denen, die ich er⸗ wartete. Weder die Tochter des Oberſten noch die Ba⸗ ronne kamen herab; auch der Abbe zeigte ſich nicht im Frühſtückzimmer, ſo daß ich in bedeutender Verlegenheit und Verſtimmung war. Nachdem ich alſo eine gute Stunde lang das lang⸗ 3⁰2 weilige Geſchwätz des alten Oberſten über einen längſt beweinten Verwandten Mark O'Leary ausgehalten; nach⸗ dem ich mich einem ſtrengen Kreuz⸗ und Querverhör unterworfen hatte, welches die Herren Yankees über den Grund meiner Reiſe mit mir anſtellten, über mein Ver⸗ mögen, meine Ausſichten, mein Alter, meinen Geburts⸗ ort, woran meine Mutter geſtorben ſey, und ob ich mich nicht ſehr unglücklich fühle in der verworfenen Sklaverei, einer engliſchen Regierung zu gehorchen— ſo entwiſchte ich in die Bibliothek, in ein hübſches, bequem eingerich⸗ tetes, altes Zimmer, von dem ich mit Recht vermu⸗ thete, daß ich es unbeſetzt ſinden würde. Ich wählte mir einen ſchmucken Quartband mit einigen merkwürdigen, illuminirten Blättern zu meiner Unterhaltung, rückte einen großen, bequemen und ge⸗ räumigen Stuhl in die Vertiefung eines Fenſters und that mir in meiner Einſamkeit gütlich. Während ich gleichgltig die Blätter meines Buches umſchlug oder in Nachdenken verſunken dort ſaß, ſchlich die Zeit dahin, und die große Glocke des Schloſſes ſchlug drei, als im gleichen Augenblick eine Hand leicht auf meine Schulter ſiel; ich kehrte mich um— es war der Abbe. „Ich habe halb vermuthet, Sie hier zu finden,“ ſprach er.„Störe ich Sie, oder darf ich Ihnen Ge⸗ ſellſchaft leiſten?“ „Ich würde mich überaus glücklich ſchätzen,“ erwie⸗ derte ich,„wenn Sie mir dieſe Gunſt angedeihen ließen.“ „Ich dachte,“ ſprach er, indem er mir gegenüber einen Stuhl rückte—„ich dachte, Sie möchten ſchwer⸗ lich alle Tage Domino ſpielen, oder im Livre des Modes blättern, oder über Weſten ſprechen.“ „Fürwahr, ich hatte kaum eine beſſere Unterhaltung — dieſes alte Buch hier, das ich wegen ſeines Einban⸗ des herabnahm——“ „Ma foi, das iſt ein höchſt intereſſantes; es iſt Guchardi's Geſchichte der Maria von Burgund. Jene ſtattlichen alten Prozeſſionen, jene ehrwuͤrdigen Raths⸗ 3⁰3 verſammlungen ſind vortrefflich geſchildert. Welche reiche Fundgruben für einen Romanſchreiber liegen in den Einzelnheiten dieſer alten Bücher;— ihre Genauigleit in Betreff des Koſtümes, die kleinen, ſo naiv erzählten Züge des tagtäglichen Lebens; jedes winzige, häusliche Ereigniß trägt ſo vollſtändig das Gepräge ſeiner Zeit. Ich wundere mich, da die Quellen ſo zugänglich ſind, daß man nicht häufiger aus ihnen ſchöpft, und auch reiner.“ „Sie vergeſſen Scott.“ „Nein; weit entfernt. Er iſt die große Ausnahme; gerade wegen ſeiner vertrauten Bekanntſchaft mit dieſer Klaſſe von Büchern iſt er allen andern Schriftſtellern ſeiner Gattung ſo unermeßlich überlegen. Seine Werke ſind nicht nur übertüncht, ſondern tief getränkt mit den Sitten der Feudal⸗Periode; die Züge, womit andere die Zeit zu malen ſuchen, ſind bei ihm blos Zugaben im Gemälde; Koſtüm und Architektur hat er gebraucht, um ſeine Eindrücke zu erhöhen, nicht um ſie hervorzu⸗ rufen; und während niemand jede winzige Einzelnheit der Kleidung oder Bewaffnung, die einer Periode oder einer Klaſſe eigenthümlich war, beſſer kannte, ſo hat ſich doch niemand ſolcher Hülfsmittel ſparſamer bedient. Er hatte daſſelbe Zartgefühl wie gewiſſe alte Künſtler in Betreff der Anwendung der reinen, weißen Farbe in ihren Gemälden, indem ſie dieß für ein unedles Kunſt⸗ ſtück hielten.—— Aber wie konnte ich es wagen, Ih⸗ nen von Ihrem Landsmanne zu ſprechen,⸗ inzwiſchen ſteht ja der Genius über der Nationalität, und Seotts No⸗ mane ſind wenigſtens europäiſch.“ Nachdem er noch einige Zeit fortgeſprochen hatte, war ich erſtaunt über die ausgedehnten und manigfaltigen Kenntniſſe des Abbe, und ließ einen Wink fallen, der meine Verwunderung ausdrückte, wie ein ſo gebildeter Mann ſcheinbar ſo gerne in das einförmige Geleiſe eines Schloßlebens ſich fügen könne, da ihm daſſelbe ſo wenig Ausſicht darbiete, geiſtesverwandte Geſellſchafter zu finden. Weit entfernt, über die Freiheit meiner Bemerkung 304 ſich beleidigt zu fühlen, erwiederte er ſogleich mit einem Lächeln— „Da haben Sie unrecht, und Ihr Irrthum iſt ein ſehr gewöhnlicher; aber wenn Sie mehr von dem Leben geſehen haben, ſo werden Sie ſich überzeugen, daß die innern Hülfsquellen eines Mannes die einzigen, wahren Genüſſe ſind, auf die er rechnen kann. Geſellſchaft kann uns, gleich einem Muſterungstag, Gelegenheit darbieten, unſere Truppen aufzuſtellen und alle Manöver mit ihnen zu machen, aber glauben Sie mir, es iſt ein ſeltener und glücklicher Tag, wenn Sie um einen Rekruten reicher zurückkehren, und dann iſt es noch immer möglich, daß auch er ein Krüppel iſt und an ſein Geſchäft zurückge⸗ ſchickt werden muß. Auch wird man Ihnen viel vor⸗ ſchwatzen von dem Vortheile, den wir aus dem Umgang mit ausgezeichneten, reichbegabten Geiſtern ernten; ich habe etwas der Art zu meiner Zeit erlebt, und lege wenig Gewicht auf dieſe Theorie. Eben ſo gut könnten Sie hoffen, einen Kreditbrief für tauſend Pfund zu er⸗ hallen⸗ weil Sie vor einem Bankier den Hut abgezogen haben.“ Hier machte der Abbe eine Pauſe und ſchien mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt; dann hob er plötzlich ſeinen Kopf empor und ſagte— „Was Glückſeligkeit betrifft, ſo wohnt ſie, glauben Sie mir, nur an den Ertremen vollkommener Leerheit oder des ächten Genius. Mancher gewandte Burſche mit lebhafter Phantaſte und glühender Einbildungskraft, mit ſtarkem Gefühl und gewaltigem Ausdruck, hat keine Ausſicht darauf. Die Aufregung, worin er lebt, hin⸗ dert allein ſchon die Ruhe des Gedankens, die zur Glückſeligkeit ſo nothwendig iſt, und ſo ſtark auch einer frieren mag, ſo wird er ſich doch nie durch ein Brenn⸗ glas erwärmen.“ In allem, was er ſprach, ſchienen einige Rückblicke auf die Vergangenheit zu liegen, gleichſam als gäbe er mehr die Frucht von ſelbſtgemachten Erfahrungen, als 305 bloße Spekulationen über die Zukunft, und ich konnte nicht umhin, einen Wink in dieſem Sinne fallen zu laſſen. 3 „Vielleicht haben Sie recht,“ ſagte er; dann fügte er nach langem Schweigen hinzu—„es iſt am Ende ein wahres Glück, wenn die Gemüthsfehler eines Man⸗ nes einige Strafe nach ſich ziehen, ſo lange er noch jung iſt; denn dann gefährden ſtie ſelten ſeine folgende Lauf⸗ bahn. Entgeht er hingegen der gerechten Züchtigung, ſo mag er Ausſichten haben, welche er wolle, er kann ſich keine Stunde ſeines ſpatern Lebens mehr freuen; ſeine ganze Sorge, all ſein Streben iſt nicht auf Beſſe⸗ rung, ſondern auf Verheimlichung gerichtet, er führt ein Leben täglicher Falſchheit; bei jedem Schritte, den er thut, ſchwebt über ihm die Furcht der Entdeckung, und er ſpielt ſeine Rolle ſo beharrlich, daß er endlich durch Uebung in der Verſtellung allen wahren Charakter ver⸗ liert. Soll ich Ihnen ein kleines Beiſpiel erzählen, womit ich in meiner Jugend bekannt geworden bin, wenn Sie nichts Beſſeres zu thun haben— ſo kann es uns vor dem Mittageſſen die Stunden verkürzen. Dreizehntes Kapitel. Die Geſchichte des Abbe. „Ohne Sie mit unerheblichen Einzelnheiten über die Familie und Verwandtſchaft meines Helden, wenn ich ihn ſo nennen darf, zu ermüden, will ich nur er⸗ wähnen, daß er der zweite Sohn einer alten belgiſchen Familie von einigem Rang und Reichthum war und den Sitten ſeines Hauſes gemäß für die diplomatiſche Laufbahn gebildet wurde; zu dieſem Zwecke hielt man Reiſen für die beſte Vorbereitung— da fremde Spra⸗ chen mit ſo viel Kenntniß der Geſchichte, des Völker⸗ Lever, O'Leary. 1. 20 rechts und der nationalen Gewohnheiten, als ein jun⸗ ger Mann von mäßigem Talent und Fleiß in drei bis vier Jahren gewinnen fann, das Haupterforderniß ſind. „Der Chef der holländiſchen Geſandtſchaft in Frank⸗ furt war ein alter Diplomat von einiger Auszeichnung, der aber, hätte er es nicht aus rein perſönlicher An⸗ hängigkeit für den König gethan, ſich nie dazu verſtan⸗ den haͤtte, den Haag zu verlaſſen und eine Geſandten⸗ ſtelle zu bekleiden. Er war ein Wittwer und beſaß eine einzige Tochter, eines von jenen ächten Muſtern holläͤn⸗ diſcher Schönheit, die Terburg ſo gerne malte. Es giebt Leute, die in der Klaſſe von Zügen, von der ich ſpreche, nichts als Gemeinheit ſehen können, und doch iſt in der Wirklichkeit nichts weiter davon entfernt. Sie hatte ein mildes, liebliches Geſicht, eine weite offene Stirne, an deren beiden Seiten zwei Flechten lichtbraunen Haares herabſielen; ihre Haut, ſchön wie Alabaſter, war auf's zarteſte gefärbt, aber ihre Lippen waren voll und von einem roſenfarbigen Anſtrich, der dem ganzen Geſicht etwas ſtrahlendes verlieh; ihre Geſtalt zum embonpoint geneigt war ausgezeichnet ſchön geformt, und in ihrem Gange zeigte ſich die geſetzte und ent⸗ ſchloſſene Haltung eines Mädchens, deſſen Temperament bei aller Milde und Sanftheit auf Grundſätzen ruhte, die zu ſtark waren, um erſchüttert werden zu können. Sie war in der That ein vollkommenes Muſter ihrer Nation, da ſie in ihrem Charakter die Sparſamkeit, den Verſtand, das hohe Ehrgefühl, den ſtrengen Ord⸗ nungsſinn, lauter hervorſtechende Eigenſchaften der Holländer, verkörperte; aber bei alle dem zog ſich durch ihre Natur der goldene Faden der Romantik, und unter dieſer milden Augenbraune lagen die Gedanken und Hoffnungen einer hochfliegenden Seele. Die Geſandtſchaft beſtand aus einem alten Sekre⸗ tär, Van Dohein, einem ergrauten Diplomaten vont etwa ſechzig Jahren, und aus Eduard Norvins, dem Jungling, von dem ich ſpreche. Dieß war die Fami⸗ 367 liengeſellſchaft, denn Sie müſſen wiſſen, daß ſie alle in dem gleichen Hauſe lebten und jeden Tag zuſammen⸗ ſpeisten; den Altachés der Geſandtſchaft wurden die Sorgfalt und Aufmerkſamkeit des Cheſs in einem Grade zu Theil, als ob ſie ſeine eigenen Kinder wäͤren. Nor⸗ vins verliebte ſich bald in die hübſche Maragretha— wie konnte es anders ſeyn? ſie waren beſtändig beiſam⸗ men, er war ihr Geſellſchafter zu Hauſe, ihr Begleiter auf jeden Ball, ſie ſpazierten, laſen, zeichneten, ſangen zuſammen und wurden in der That ſehr bald unzer⸗ trennlich. In alle dem lag nichts, was Anlaß zu Be⸗ merkungen geben konnte. Die vertrauliche Lebensweiſe einer Geſandtſchaft erlaubte dieß, und ſo wie ihr in di⸗ plomatiſche Angelegenheiten ſtark vertiefter Vater keine Zeit hatte, ſich mit ihnen zu beſchäftigen, ſo that es auch ſonſt Niemand. Der Sekretär hatte in den erſten zehn Jahren ſeiner Laufbahn bei jeder Geſandtſchaft denſelben Weg eingeſchlagen und ſah darin nur das ge⸗ wöhnliche Lebensgeleiſe eines Attaché. „Solcher Art alſo war der liebliche Strom ihres Lebens, als ſich ein Ereigniß begab, das ihn ſtören und ſeinem Bette für immer eine andere Richtung ge⸗ ben ſollte. Eines Morgens erhielt die Geſandtſchaft eine Depeſche mit der Mittheilung, daß ein gewiſſer Herr van Halsdt, Sohn eines Miniſters, der ſich neu⸗ lich in einem Cavallerie⸗Regimente gegen die Disziplin vergangen hatte und in Folge deſſen abgedankt worden war, der Geſandtſchaft beigegeben werden ſollte. Noch nie hatte etwas auf Margaretha und ihren Liebhaber einen erſchütternderen Eindruck gemacht, als dieſe Nach⸗ richt. Ihr war der Gedanke, mit einem ſo wilden und unruhigen Charakter zuſammenzukommen unerträglich; für ihn lag darin der höchſte Jammer; er ſah plötzlich ſeinen täglichen vertrauten Umgang mit ihr unterbro⸗ chen; es wurde ihm klar, daß ihre frühere Lebens⸗ weiſe nicht langer fortgeſetzt werden konnte und daß mit 20* ſeiner Ankunft das Zuſammenleben aufhören müſſe, das ihn zum glücklichſten Manne machte. Sogar der Ba⸗ ron ſeldſt war unwillig darüber, das man ihm einen Taugenichts aufhalſen wollte, damit ſich derſelbe be⸗ kehre— aber er war einmal der Sohn eines Miniſters: der König ſelbſt hatte die Beſtallung unterſchrieben und die Sache war nicht mehr zu ändern. „In der That erwarteten ſie die Ankunft des neuen Gaſtes mit allen Gefühlen, nur nicht mit denen des freundlichen Willkomms. Schon in dem kurzen Zeit⸗ raume zwiſchen der Beſtallung und ſeiner Ankunft dran⸗ gen zu ihnen hundert Gerüchte über ſeine zahlreichen Händel und Abenteuer, über ſeine Duelle, ſeine Schul⸗ den, ſein Spiel und ſeine Heldenthaten in der Liebe. Alles wurde natürlich gehörig übertrieben. Der armen Margaretha war es zu Muthe, als ob ein Gehülfe des Satans ihnen einen Beſuch abſtatten ſollte, und Nor⸗ vins ſah ihm mit ahnungsvoller Furcht entgegen. „Der Tag kam, und die Stunde des Diners wurde aus Rückſicht für den Sohn des großen Mannes in Er⸗ wartung ſeiner Ankanft um zwanzig Minuten verſcho⸗ ben; endlich giengen ſie ohne ihn zu Tiſche, ſchweigend und traurig. Der Baron, vererießlich über den Ein⸗ trag, welchen eine ohne Erfolg gebliebene Höflichkeit ſeiner Würde that; der Sekretär ärgerlich über die entrées, die verbrannt waren; Margaretha und Eduard trauernd über ein Glück, das nie wiederkehren ſollte— plötzlich fuhr in vollem Galopp eine Kaleſche in den Hof, die Tritte klirrten nieder und heraus ſprang ein in einen Mantel gehüllter Mann: noch ehe ſie ſich von ihrem erſten Erſtaunen erholt hatten und wieder ſpre⸗ chen konnten, öffnete ſich die Thüre des Speiſeſaals und er trat ein. „Ich geſtehe, es wäre eine ſchwierige Sache gewe⸗ ſen, die Blicke und das Aeußere genau zu beſtimmen, die der ganzen Geſellſchaft gefallen hätten. Welcher Art die Gefühle der andern waren, weiß ich nicht, aber 309 Norvins hätte gewünſcht, einen kurzen, übel ausſehen⸗ den Menſchen, roh in Sprache und Geberde— mit einem Worte, ſo abſchreckend als möglich zu ſehen. Es iſt in der That eine ſeltſame Sache— Sie müſſen es gewiß auch ſchon bemerkt haben: die Verlegenheit, in die wir verſetzt werden, wenn wir finden, daß Leute, von denen wir wünſchen, daß ſie uns gefallen möchten, hinter unſern Vorſtellungen zurückbleiben, dieſe Ver⸗ legenheit iſt nicht halb ſo groß, als unſer Aerger wenn wir entdecken, daß Diejenigen, die wir entſchloſſen ſind zu haſſen, ganz verſchieden von unſern vorgefaßten Ein⸗ bildungen ſind, nur wenige oder keinen von jenen Feh⸗ lern haben, die wir erwartet, und gerade das Gegen⸗ theil von jenem Popanz, den wir uns ſelbſt geſchaffen. Man ſollte meinen, eine ſolche Enttäuſchung ſollte eher angenehm, als unangenehm ſeyn. Dieß iſt jedoch nicht der Fall; das Bewußtſein unſerer eigenen Ungerechtig⸗ keit erhöht die Gehäſſigkeit unſerer vorgefaßten Meinung, und wir haſſen den Gegenſtand nur um ſo mehr, weil er uns in unſerer eigenen Achtung erniedrigt. „Van Halsdt war ein treffliches Beiſpiel, um meine Theorie zu erläutern. Er war ſchlank und wohlgebaut; ſein Geſicht dunkel wie das eines Spaniers— ſeine Mutter ſtammte aus einer kataloniſchen Familie— war männlich und unbefangen, verrieth auf den erſten Blick ein offenes Gemüth und einen Anflug heroiſcher Kühn⸗ heit, die ſich nach Gefahr ſehnt blos um ihrer ſelbſt willen; ſeine Haltung hatte die Leichtigkeit und Unge⸗ zwungenheit eines Soldaten, ohne irgendwie an Roh⸗ heit oder Frechheit zu ſtreifen. Mit ruhiger Verbeugung vortretend bat er um Verzeihung wegen ſeines ſpäͤten Kommens, und zwar mehr auf eine Art als ſey er es ſich ſelbſt ſchuldig, ſeinen Mangel an Pünktlichkeit zu rechtfertigen, als aus irgend einem Gefühle der Un⸗ ziemlichkeit gegen andere; er ſchob die Schuld auf die Schwierigkeit, Poſtpferde zu ſinden—„Da ich alſo war⸗ ten mußte,“ ſprach er,„ſo beſchloß ich, wirthſchaftlich mit der Zeit umzugehen, und habe daher auf der letzten Station zu Mittag geſpeist.“ Dieſe Entſchuldigung zeigte wenigſtens von ſeiner Seite einen Wunſch, pünkt⸗ lich zu ſeyn, und ſtimmte ſogleich den Sekretär zu ſei⸗ nem Gunſten. Der Baron ſelbſt ſprach ſehr wenig. Was Margaretha betraf, ſo gönnte ſie ihm während des ganzen Diners kein einziges Wort, und Norvins konnte kaum die wenigen an einer Tafel üblichen Ge⸗ meinpläͤtze herausbringen, er ſaß dort und betrachtete ihn von Zeit zu Zeit mit ſteigendem Widerwillen. „Van Halsdt konnte nicht umhin, zu bemerken, daß ſein Empfang von der kälteſten Art war; dennoch ſprach er, ſey es nun aus vollkommener Gleichgültigkeit gegen die Thatſache, oder in der Abſicht, ihre Gefuͤhle gegen ihn zu überwältigen, unaufhörlich fort über Alles, was ihm in den Sinn kam— über Diners bei Hof, über Theater, diplomatiſche Soiree's, Neuigkeiten aus frem⸗ den Ländern— über dieß Alles redete er mit genauer Kenntniß. Es gelang ihm jedoch nicht, der Geſellſchaft gleiche Geſprächigkeit abzulocken. Der alte Baron zog ſich, ſeiner Gewohnheit gemäß, unmittelbar nach dem Diner zurück. Bald darauf verſchwand auch der Sekre⸗ tär; Margaretha machte ihre Abendſpazierfahrt auf den Boulevards: und Norvins wurde mit ſeinem Kameraden allein gelaſeen. Anfangs war er im Begriff, eine Ein⸗ ladung vorzugeben dann drängte ſich ihm die Verlegen⸗ heit des Augenblickes mit Gewalt auf, und er blieb ſtill, ſchweigend und beſtürzt ſitzen.“ „Iſt noch Wein in dieſer Karaffe?“ fragte van Halsdt mit kurzem abgebrochenem Tone, indem er auf die Flaſche neben ihm deutete.„Bitte, reichen Sie mir's herüber. Ich habe erſt drei Glas getrunken. Morgen werde ich beſſer wiſſen, wie bald Ihre Geſell⸗ ſchaft hier aufbricht.“ „Ja,“ erwiederte Eduard ſchüchtern, ohne recht zu wiſſen, was er ſagen konnte.„Der Baron zieht ſich jeden Abend um ſieben in ſein Studierzimmer zuruck.“ 311 „Das freut mich von Herzen,“ antwortete er ver⸗ gnügt;„um ſechs Uhr, wenn er es vorzieht, und mei⸗ netwegen darf er auch den alten Sekretär mitnehmen. Aber das Fräulein, werden wir den Abend über nichts mehr von ihr ſehen— iſt hier kein Salon? He, was treiben Sie denn nach dem Diner?“ „Ei, zuweilen fahren oder gehen wir auf den Bou⸗ levard ſpazieren; ein Paar mal in der Woche iſt bei den andern Miniſtern Empfang, dann iſt noch die Oper da.“ „Sie müſſen das alles verdammt langweilig ſinden,“ ſagte van Halsdt, indem er einen Becher füllte und auf Einen Zug leerte.„Sind Sie ſchon lange hier?“ „Erſt drei Monate.“ „Und haben es gewiß ſchon ſatt, ich wollte darauf ſchwören.“ „Nein, ich fühle mich ganz glücklich— ich liebe die Ruhe.——“ „O Himmel!„O Himmel!“ rief er mit einem tiefen Seufzer,„was ſoll aus mir werden?“ „Norvins wünſchte herzlich, dieſe Frage nach Be⸗ lieben beantworten zu können, ſagte aber nichts. „Es iſt acht vorüber,“ ſprach van Halsdt, als er bemerkte, daß der andere verſtohlen auf ſeine Uhr ſah. „Kümmern Sie ſich nicht um mich, wenn Sie irgend wohin beſtellt ſind— ich werde bald lernen, mich hier einheimiſch zu machen. Vielleicht thun Sie mir indeſſen, bevor Sie gehen, den Gefallen, noch etwas Claret zu beſtellen— man kennt mich noch nicht.“ „Eduard fuhr über dieſe Rede faſt von ſeinem Stuhle auf— eine ſolche Freiheit, noch mehr Wein zu verlan⸗ gen, war für ihn etwas unerhörtes; in der That pfleg⸗ ten ſie in der Regel nicht einmal die Hälfte von dem Wein zu trinken, der auf dem Tiſche ſtand; aber er war ſo ſehr von Staunen überwältigt, daß er ſchnell auf⸗ prang und dem Wunſche des Gaſtes gemäß die Glocke zog.“ ⸗ 312 „Noch etwas Claret, Johann,“ ſagte er zu dem eintretenden Haushofmeiſter, indem er die letzte Sylbe faſt verſchluckte.“ „Der Mann fuhr zurück und heftete ſeine Augen auf die leere Karaffe.“ „Und höret, Alter,“ ſagte van Halsdt,„nehmt Euch in Acht— die letzte Flaſche habt Ihr abſcheulich unter⸗ einander geſchüttelt. Es iſt alter Wein und verträgt keine ſolche Behandlung.“ „Der alte Mann begab ſich mit einem tiefen Seuf⸗ zer hinweg und kehrte in ungefähr zehn Minuten aus dem Keller mit einer Flaſche zurück.“ „Hat Euch die Vorſehung nicht mit zwei Händen geſegnet, Freund?“ ſagte van Halsdt.—„Geht hinunter und holet noch eine.“ „Geht, Johann,“ ſagte Norvins, als er ihn zögern ſah, und auch, weil er nicht wußte, was ſeine Weigerung nach ſich ziehen könnte; darauf ſtand er, ohne ein wei⸗ teres Geſpräch abzuwarten, auf und entfernte ſich. „Nun, dachte er, als er wieder allein war, wenn er ein hübſcher Kerl iſt, und das iſt nicht zu läugnen, ſo habe ich doch Einen Troſt, er iſt ein ausgemachter Säufer. Margarethe wird ihn nie leiden können; denn dieß war im Grunde ſeines Herzens die Quelle ſeines vorzeitigen Haſſes und ſeine Furcht vor ſeinem neuen Collegen; und während er dahinſchenderte, dachte er über die verſchiedenen Mittel nach, wie er ſeine eigenen Vorzüge gegenüber den Mängeln des andern, worüber er ſogleich mit ſich im Klaren war, in's Licht ſetzen könne; allmälig vernünftelte er ſich ſogar in die Ueber⸗ zeugung hinein, daß es wahre Thorheit ſey in ihm einen Nebenbuhler zu fürchten, und daß, welches Glück auch ſein hübſches Geſicht und ſeine ſchöne Geſtalt anderswo machen könnten, Margaretha nicht das Mädchen ſey, durch ſolche Reize ſich feſſeln zu laſſen, namentlich wenn ſie mit einem unruhigen Temperament und einem un⸗ gebildeten Geiſte verbunden ſeyen. 313 „Und er hatte Necht. So groß auch ſein eigener Widerwille gegen ihn war, ſo war doch der ihrige noch weit größer. Nicht nur wich ſie ihm bei jeder Gelegen⸗ heit aus, ſondern fand auch, wie es ſchien, Gefallen daran, ihn ihre Kälte fühlen zu laſſen, um dieſelbe, ver⸗ glichen mit ihrem Benehmen gegen andere, in's grellſte Licht zu ſetzen. Freilich ſchien er ſich wenig darum zu kümmern; er rächte ſich bloß durch einen halb unver⸗ ſchämten Ton von Ungezwungenheit, durch eine Art ſcherzhafter Vertraulichkeit, die für ein Frauenzimmer äußerſt beleidigend und für ihre Anbeter furchtbar mar⸗ ternd iſt. „Ich wünſche nicht, meine Geſchichte in die Länge zu ziehen; auch könnte ich es nicht, ohne auf die Ein⸗ zelnheiten des tagtäglichen Lebens einzugehen, das jetzt ſo gänzlich verändert wurde. Margaretha und Norvins ſprachen ſich nur ſelten allein, und dann weniger, um einander ihre gegenſeitige Achtung zu bezeugen, als um ſich über die vielen Fehler desjenigen auszulaſſen, der ſie ſo gänzlich entfremdet hatte. Alle Gerüchte zu ſei⸗ nem Nachtheile, die in Frankfurt cirkulirten, wurden ge⸗ hörig durchgenommen; und ob ſie ihm gleich aus ihrer eigenen Erfahrung wenig zur Laſt legen konnten, ſo dachten ſie nur um ſo mehr aus und verdammten ihn einmüthig. „Für Norvins wurde er fündlich unerträglicher. In ſeinem ganzen Benehmen gegen ihn lag der ruhige, gemeſſene Ton eines Höhern gegen einen Geringern— die großmüthige Inſchutznahme eines Aeltern gegen einen Jüngern, der weniger fähig iſt, ſich zu vertheidigen; dieß in Verbindung mit dem Bewußtſeyn des andern, wie manche geiſtige Vorzüge er vor ihm voraus hatte, ver⸗ doppelte die Bitterkeit der Kränkung. Da er nie im Geſandtſchaftsbureau erſchien, und ſich durchaus nichts um die Geſchäfte kümmerte, ſo trafen ſie ſelten zuſam⸗ men, außer bei Tiſche; hier war ſeine Erſcheinung das Signal zu Zwang und zur Zurückhaltung— eine Un⸗ 314 ehaglichkeit, die ſich um ſo fühlbarer machte, als der Urbeher derſelben an der von ihm veranlaßten Störung ſich zu ergötzen ſchien. „So war die Lage der Dinge, als Norvins eine Ernennung zum Geſandtſchafts⸗Sekretär in Stuttgart erhielt. Dieſe Anſtellung kam ihm ganz unerwartet, er hatte von der erledigten Stelle kein Wort gehört. In⸗ deſſen war dieſelbe nebſt den damit verbundenen Emo⸗ lumenten der Art, daß er ſich jetzt verheirathen konnte; er beſchloß daher, bei dem Baron um die Hand ſeiner Tochter anzuhalten, um die er ſich in Anbetracht des Ranges und Einfluſſes ſeiner eigenen Familie ohne An⸗ maßung bewerben konnte. „Der Baron gab gerne ſeine Einwilligung; Mar⸗ garetha ebenfalls; und die einzige Verzögerung wurde jetzt durch die Rückſicht für eine alte holländiſche Sitte veranlaßt— die Braut ſollte wenigſtens achtzehn Jahre alt ſeyn, und bei Margaretha fehlten noch drei Monate. Norvins erhielt Urlaub, dieſe Zwiſchenzeit in Frankfurt zuzubringen: und jetzt beſuchten ſie miteinander als Ver⸗ lobte alle öffentlichen Plätze, ſtatteten gemeinſchaftliche Beſuche ab und wurden von allen ihren Bekanntſchaften als Verſprochene begrüßt. „Gerade in jener Zeit zog ein franzöſiſches Küraſſier⸗ Regiment in die Stadt— ſie waren auf dem Marſche nach dem ſüdlichen Deutſchland, und hielten in Frank⸗ furt nur, um ſich vollſtändig mit Pferden zu verſehen. In dieſem Regimente war ein junger holländiſcher Offi⸗ zier, der einſt zu demſelben Regiment wie van Halsdt gehörte, und wegen deſſelben Streithandels vom Kriegs⸗ gericht kaſſirt worden war. Sie hatten ſich ſchon zwei⸗ mal auf Säbel geſchlagen, und waren nur mit dem grimmigen Entſchluß geſchieden, die Sache bei der näch⸗ ſten Gelegenheit auszumachen. Dieſer Offizier war ein Mann aus niederem Stande, aus einer obskuren Fa⸗ milie in Nordholland, und ſo hatte er, als er aus dem Dienſt entlaſſen wurde, keine andere Wahl, als unter 315⁵ die franzöſiſche Armee zu treten, die damals Krieg gegen Oeſterreich führte. Er galt für einen Mann von hoch⸗ fahrender Leidenſchaftlichkeit und heftigem Temperament, und es war durchaus nicht wahrſcheinlich, daß der Um⸗ ſtand ſeiner Abſetzung und Verbannung ihn gebeſſert haben ſollte. Wie dem auch ſey, van Halsdt hatte ſeinem Vater irgend ein Verſprechen gegeben, und dieß beſtimmte ihn, ſeinem Gegner aus dem Wege zu bleiben. Es ging das Gerücht, er habe feierlich verſprochen, unter keinem Vorwand eine Herausforderung zu erlaſſen oder anzunehmen. Wie es auch mit dem Verſprechen ſtund, ſo viel iſt gewiß, er verließ Frankfurt an demſelben Tage, wo das Regiment in die Stadt marſchirte, und zog ſich nach Wiesbaden zurück. „Dieß wurde bald der Gegenſtand des Stadtge⸗ ſpräches, und es gab eine Menge, die die Abreiſe des Herrn van Halsdt viel lieber Klugheits⸗Rückſichten zu⸗ ſchreiben wollten, als daß ſie einem ſo wilden Charakter kindliche Gefühle zugetraut hätten. Viele, die ſich durch ſein hochmüthiges, anmaßendes Benehmen beleidigt fühl⸗ ten, jubelten jetzt über dieſe ſcheinbare Niederlage ſeines Stolzes; Norvins verfiel unglücklicher Weiſe auf dieſelbe Bahn, und gab durch manchen ſchlauen Wink und zwei⸗ deutige Anſpielung auf ſeine Abweſenheit dem Gerücht, daß dieſelbe durch andere, als kindliche Rückſichten dik⸗ tirt worden ſey, größere Nahrung. „Mitten in dem damaligen Geklatſche zeigte ſich Margaretha äußerſt aufgebracht, über van Halsdt's Be⸗ nehmen. Das ſanfte, ſchüchterne Mädchen, welches jede Gewaltthat verabſcheute und Verbrechen in jeder Geſtalt haßte, war empört über ſeine Feigheit und konnte ſei⸗ nen Namen nie ohne einen Ausdruck von Verachtung nennen hören. Dieß alles entzückte Eduard. Es ſchien eine gerechte Vergeltung für die frühere Unverſchämtheit ſeines Feindes und er freute ſich auf deſſen Rückkehr nach Frankfurt, um die tauſend Beweiſe von Gering⸗ ſchätzung zu ſehen, die ihn hier erwarteten. Eine ſo * 316; ſeltſame und unverantwortliche Sache iſt unſer Triumph über andere, wenn ihnen diejenigen Eigenſchaften fehlen, deren wir ſelbſt ermangeln. Keiner ſchreit ſo laut über Unehrenhaftigkeit und Trug, als wer ſich in ſeinem eigenen Innern für einen Schurken hält. Wer kann über weibliche Schwachheit ſchärfer losziehen als die, die den Stachel derſelben in ihrem eigenen Gewiſſen hat? Man erinnert ſich, daß der große Reiſende Mungo Park die Tiefe der Flüſſe in Afrika dadurch zu berechnen pflegte, daß er ſchwere Steine über ihre Ufer hinein⸗ rollte und die Blaſen beobachtete, die auf die Ober⸗ fläche ſtiegen. So kann man oft ein angebornes Laſter nach dem Grade der Verwünſchung berechnen, womit irgend ein Sittenrichter über daſſelbe loszieht. Glauben Sie mir, dieſe ſchweren Züchtigungen des Verbrechens ſind oft nichts als der Ruf des erwachten Gewiſſens. Meine Worte hierüber ſind ſtark, aber meine Ueberzeugung iſt tief. Jedoch zu meiner Geſchichte:— Margaretha und ihr Liebhaber waren gewohnt, jeden Abend das Theater zu beſuchen, wo der Miniſter eine Loge hatte; und als ſie eines Abends wie gewöhnlich in den Wagen ſtiegen, hielt van Halsdt vor der Thüre und fragte, ob er ſie begleiten dürfe. An eine Weigerung war natür⸗ lich nicht zu denken— er war ein Mitglied der Ge⸗ ſandtſchaft— er hatte nichts gethan, wodurch er ſeine Stellung verwirkt hätte, ſo viel er auch in der öffent⸗ lichen Meinung verloren hatte; ſie bewilligten ihm daher ſeine Bitte, jedoch mit einer Art kalter Höflichkeit, die jeder andere als eine Weigerung gedeutet hätte. 4 „Während ſie ſchweigend dahinfuhren, vermehrte ſich der Zwang mit jedem Augenblicke, und ohne das lang unterdrückte Gefühl des Haſſes gegen einen Neben⸗ buhler hätte Norvins gegen van Halsdt, der, nicht mehr mit ſeinem heitern Lächeln ſelbſtzufriedener Gleichgültig⸗ keit, ſondern mit ſchwer umwölkter Stirne ſtumm und bleich dort ſaß. Mitleid fühlen können. Was Marga⸗ retha betraf, ſo druͤckten ihre Züge, ſo oft ſie ihn an⸗ 1 317 ſah, eine Art ruhiger, kalter Verachtung aus, weit ſchrecklicher zu ertragen, als jede Art von offenem Vor⸗ wurf. Zwei bis drei Mal hatte er den Verſuch gemacht, irgend ein Thema zur Unterhaltung aufzubringen, aber vergeblich, ſeine Bemerkungen blieben entweder uner⸗ wiedert oder fanden eine kalte, zurückgehaltene, noch kränkendere Zuſtimmung. Endlich fragte er, gleichſam entſchloſſen, ihre eiſige Zurückhaltung gegen ihn zu durch⸗ brechen, in einem Tone erkünſtelter Gleichgültigkeit.— „Etwas neues in Frankfurt, mein Fräufein, ſeit ich das Vergnügen hatte, Sie zum letztenmale zu ſehen?“ „Ich wüßte nichts, mein Herr, außer daß das franzöſiſche Küraſſier⸗Regiment dieſen Morgen nach Baden aufgebrochen iſt, wovon Sie jedoch ohne Zweifel ſchon unterrichtet ſind“ „Auf jedes dieſer letztern Worte legte ſie einen un⸗ gebührlichen Nachdruck, indem ſie ihre Augen feſt auf ihn heftete und in leiſem gemeſſenem Tone ſprach. Er wurde für ein Paar Augenblicke feuerroth, faſt ſchwarz. Sein Schnurrbart ſchien beinahe zu ſtarren bei der krampfhaften Bewegung ſeiner Oberlippe, dann wurde er plötzlich todtenblaß, während große Schweißtropfen auf ſeiner Stirne ſtanden und auf ſeine Wangen herab⸗ fielen. Es wurde kein Wort mehr geſprochen. Sie er⸗ reichten bald das Theater, wo Norvius Margarethen ſeinen Arm bot, während ihnen van Halsdt langſam die Treppe hinauf folgte. „Das Stück war von Leſſing und wurde gut gegeben, dennoch konnte Norvins demſelben keine Aufmerkſamkeit widmen, ſeine ganze Seele war von andern Gedanken eingenommen. Margaretha erſchien ihm in einem von dem bisherigen ganz verſchiedenen Lichte; nicht weniger liebenswurdig und doch ganz anders! das geſetzte, ſanfte Mädchen, deſſen ruhige Gedanken niemals auf Gegen⸗ ſtänden heftiger Leidenſchaft oder Aufregung zu verwei⸗ len ſchienen, das die bloße Nähe eines an Ueberladung grenzenden Gefuhles ſloh, ſchien jetzt durch ihren Ab⸗ 318 ſcheu gegen einen Mann bis zum Uebermaß des Haſſes fortgeriſſen, und zwar wegen eines Benehmens, von dem Norvins kaum glaubte, daß ſie es als fehlerhaft hatte betrachten können. Wenn daher ſein Triumph über van Halsdt ſeinem Herzen einiges Vergnügen gewährte, ſo mußte ihn das geheime Bewußtſeyn, daß ihm ſelbſt die nämliche Eigenſchaft fehle, deren Mangel ſie an ſeinem Feind verdammte, ſchaudern machen. „Während er ſolche Betrachtungen anſtellte, drang ihm eine Unterhaltung zu Ohren, die in der nächſten Loge geführt wurde, wo eine ſtarke Anzahl von jungen Leuten mit zwei bis drei Frauenzimmern ſaßen. deren Mienen, Kleidung und Manieren wenigſtens etwas Zwei⸗ deutiges hatten. „Alſo, Alphonſe, iſt Ihr Wunſch doch noch in Er⸗ füllung gegangen?“ fragte ein Jüngling einen ſtattlichen jungen Mann mit ſchwarzem Schnurrbart, deſſen ſchlich⸗ ter blauer Rock den Soldaten nicht verbergen konnte. „Ja,“ verſetzte er mit tiefer wohltönender Stimme; „unſer Doktor hat die Sache für mich eingeleitet— er erklärte mich für unfähig, vor morgen zu marſchiren; er ſagte, meine alte Wunde im Arm gebe beunruhigende Symptome und erfordere ein wenig mehr Ruhe; aber beim St. Denis, ich ſehe in dem ganzen Plan am Ende wenig Gewinn. Dieſer„Weißbuſch“ hat ſich nicht zurück⸗ gewagt, und ich muß morgen fort, ohne ihn zu treffen.“ „Dieſe Worte, die etwas laut geſprochen wurden, konnten im hintern Theile der angrenzenden Loge leicht verſtanden werdene und kaum waren ſie ausgeſprochen, als van Halsdt, der den ganzen Abend weit zurück und allen Blicken verborgen ſaß, ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckte und mehrere Minuten in dieſer Stellung blieb. Als er ſie wegthat, war die Veränderung in ſeinem Geſichte in der That fürchterlich. Obgleich ſeine Wangen todtenblaß waren, ſo waren ſeine Augen blut⸗ rünſtig und die Augenlider aufgeſchwollen; auch ſeine Lippen waren verſchoben und zitterten wie bei einem 319 Fieberkranken, und ſeine krampft gekrümten Hände ſchlu⸗ gen an den Stuhl. „Norvins hätte ihn gerne gefragt, ob er krank ſey, aber er fürchtete, ihn auch nur zu ſprechen, während ſeine Aufmerkſamkeit durch die nahen Stimmen wieder abgelenkt wurde. 4 „Noch keinen Strauß bekommen?“ fragte der ſtarke Mann ein neben ihm ſitzendes Frauenzimmer;„par Dieu, das iſt zu arg Erlauben Sie, daß ich Ihnen dazu ver⸗ helfe. Ich ſehe, daß dieſes hübſche Dämchen, das uns ſo verächtlich die Schulter zukehrt, von dem ihrigen wenig Gebrauch macht, alſo avec Permission, Made- moiselle!“ damit ſtand er auf, lehnte ſich über die Scheidewand in die andere Loge, ſtreckte ſeine Hand aus, nahm den Strauß, der vor Margaretha lag und über⸗ reichte ihn dem Frauenzimmer an ſeiner Seite. „Margaretha fuhr zurück, und warf ihre Augen, die von beleidigtem Stolze blitzten, auf ihren Liebhaber. Er ſtand auf, nicht um die Beleidigung zu rächen, ſondern ihr ſeinen Arm zu bieten und die Loge zu ver⸗ laſſen. Sie heftete einen Blick auf ihn— nie las man in einem Blicke einen ſolchen Ausdruck durchbohrender Verachtung— warf ihren Shawl um und ſagte mit leiſer Stimme: ‚den Wagen.“ „Ehe er die Logenthüre öffnen konnte, um ſie hin⸗ auszulaſſen, ſprang van Halsdt nach dem Vordergrund der Loge und ſtreckte ſich hinüber— alsbald erfolgte ein Platſch— ein Schrei— ein verworrenes Geräuſch meh⸗ rerer Stimmen— und vor allem hörte man das Wort „Gaſſenbube;“ aber da Margaretha forteilte, ſo ſprang Norvins die Treppen hinab und half ihr in den Wagen. Als ſie Platz genommen, machte er eine Geberde, als wollte er ihr folgen, aber ſie zog die Thüre an ſich, ſprach mit ſchauderndem Ausdruck:„Nein“— lehnte ſich zurück und ſchloß den Schlag. Die Kaleſche fuhr fort und Norvins war allein in der Straße. „Ich werde nicht verſuchen, den ſchrecklichen Strom 320 von Empfindungen zu beſchreiben, die ſich in ſeinem Gehirne drängten. So feig er auch war, ſo hätte er doch lieber einem hundertfachen Tode getrotzt, als ſolche Seelen⸗ angſt ertragen. Er kehrte ſich nach dem Theater um, aber ſeine Feigherzigkeit ſchien ſeine Glieder zu lähmen; es war ihm zu Muthe, als ob er, wenn auch ſein Geg⸗ ner vor ihm ſtände, nicht genug Energie hätte, ihn zu ſprechen. Margarethens Blick ſchwebte ihm ſtets vor den Augen— er ſank in's Innerſte ſeiner Seele— er brannte dort gleich einem Feuer, das keine Erinnerung kein ſpäterer Schmerz auslöſchen ſollte. „Während er dort ſtand, fuhr haſtig ein Arm durch den ſeinigen und er fühlte ſich fortgeriſſen. Es war van Halsdt, ſein Hut war über die Augenbraunen her⸗ untergedrückt, auf ſeiner Wange war eine kleine Blut⸗ ſpur. Er ſchien von ſeinen eigenen Gefühlen ſo über⸗ wältigt, daß er die ſeines Gefährten gar nicht be⸗ achtete. „Ich habe ihn,“ ſagte er mit dicken Kehltönen, dem eigentlichen Athmen der Rache,„ich habe ihn zu Boden geſchlagen. Jetzt geht es zwiſchen uns auf Leben und Tod, und am beſten, es geſchieht ſogleich.“ Als er ſo ſprach, nahm er ſeine Richtung gegen den Boulevard, anſtatt des gewöhnlichen Weges nach dem Geſandtſchafts⸗ gebäude. 3 „Wir gehen irre,“ ſagte Norvins—„hier geht's nach der„breiten Gaſſe.“ „Ich weiß es,“ war die kurze Antwort,„wir müſſen auf’s Land; das Ding war zu öffentlich, als daß es nicht Vorſichtsmaßregeln erfordern ſollte. Wir haben uns nach Katznach beſtimmt.“ „Auf Säbel?“ „Nein; auf Piſtolen, dießmal,“ ſprach er mit teufliſchem Nachdruck auf das letzte Wort. „Sie gingen über eine Stunde lang durch die Straße, paſſirten das Stadtthor und erreichten das ——— 321 offene Land, ſchweigend und jeder in ſeine Gedanken ver⸗ ſunken.. „In einem kleinen Wirthshaus verſahen ſie ſich mit Pferden und einem Führer nach Katznach, das un⸗ gefähr fünf Stunden weit im Gebirge lag. Der Weg war ſo ſteil, daß ſie genöthigt waren, im Schritt zu reiten und haufig abzuſteigen, um ihre Pferde zu füh⸗ ren; dennoch wurde beiderſeits kein Wort geſprochen. Nur einmal fragte Norvins,„wie er ſeine Piſtolen aus Frankfurt bekommen wolle?“ worauf der andere kurz antwortete:„ſie ſorgen für die Waffen!“ Dann wa⸗ ren beide wieder ſtill. „Norvins war etwas verwundert und auch verletzt, daß ihm ſein Gefährte in einem ſolchen Augenblick ſo wenig Vertrauen ſchenkte; allerdings hätte er ſeine Ge⸗ danken gerne gegen die eines andern vertauſcht, aber er ließ ihn ſchweigend über ſeine unglückliche Lage nach⸗ grüͤbeln, und uüber ſeinen Jammer brüten, der jede Mi⸗ nute zu ſteigen ſchien. „Dort kommen ſie die Straße her; ich ſehe ſie jetzt,“ ſagte plötzlich van Halsdt, indem er den andern aus einem tiefen Strome melancholiſcher Gedanken er⸗ weckte.„Ha, wie lahm er geht,“ rief er mit wildem Jubel. „In einigen Minuten ſtieg die Geſellſchaft, aus vier Perſonen beſtehend, ab, und ging in den kleinen Kirchhof neben der Kapelle. Einer von ihnen ſchritt haſtig auf van Halsdt zu, ſchüttelte ihm warm die Hand und flüſterte ihm etwas in's Ohr. Der andere erwie⸗ derte ihm etwas: worauf ſich der erſte Sprecher mit einem Blick unausſprechlicher Verachtung gegen Norvins wendete, und dann an ihm vorbei auf die gegenüber⸗ ſtehende Gruppe zuging. Eduard bemerkte bald, daß dieſer Mann als Halsdt's Sekundant auftreten ſollte; und ob er gleich eigentlich froh war, daß ein ſolches Amt nicht ihm zu Theil geworden, ſo war er doch tief Lever, O Leary. J. 21 3 322 verletzt, daß er ſo übergangen wurde. In dieſem Zu⸗ ſtand mürriſchen Aergers ſetzte er ſich auf einen Grab⸗ ſtein, und gleich als ſey er bei dem ganzen Hergang nicht im geringſten betheiligt, ſah er ſich kein einziges Mal nach ihnen um. „Er bemerfte nicht, daß jetzt die Geſellſchaft den Weg nach dem Walde einſchlug, und ebenſo wenig wurdr er die Flucht der Zeit gewahr, als ihm plötzlich de, laute Knall von zwei Piſtolen, ſo ſchnell aufeinander daß ſie ſich faſt vermiſchten, zu Ohren drang. Da ſprang er auf, während eine ſchreckliche Angſt in ſeinem Buſen wühlte; es durchzuckte ihn ein furchtbares Schuldgefühl, das er weder ergründen, noch erklären konnte; im glei⸗ chen Augenblick rauſchte es im Gebüſch hinter ihm, und heraus trat van Halsdt mit ſeinen Gefährten; der erſtere mit glänzendem Auge und flammender Wange, der an⸗ dere blaß und in ſchrecklicher Aufregung. Er deutete nachdrucksvoll auf Eduard und van Halsdt ſagte—„Ja.“ „Bevor Norvins errathen fonnte, was dieß zu be⸗ deuten habe, trat der Fremde auf ihn zu und ſagte— „Es thut mir leid, mein Herr, daß das traurige Werk von dieſem Morgen noch nicht enden kann; aber natürlich ſind Sie bereit, meinem Freunde die einzige Genugthuung zu geben, die in Ihrer Gewalt ſteht.“ „Ich— Genugthuung— was meinenSie damit—wem? „Keern van Halsdt,“ verſetzte er kaltblütig und mit leichter, verächtlicher Betonung der Worte. 2 „Herrn van Halsdt! er hat mir nichts zu Leide gethan— ich habe ihn weder beleidigt, noch gekraͤnkt,“ erwiederte er, bei jedem Worte zitternd. „Nie mich beleidigt!“ rief van Halsdt.„Will das nichts heißen, daß Sie mich für immer zu Grunde gerichtet haben, daß Ihre Feigheit, eine Schmach zu rächen, die einer Dame angethan wurde, welche Ihnen hundertmal lieber hätte ſeyn ſollen, als Ihr Leben. mich in ein Duell mit einem Manne verwickelt hat, nachdem ich geſchworen, ihn nie mehr zu treffen, nie mit ihm 323 meinen Degen zu kreuzen, oder einen Schuß zu wechſeln? will das nichts heißen, daß ich bei meinem König in Ungnade falle, von meinem Vater enterbt werde— zu⸗ gleich ein Bettler und ein Verbannter? will das nichts heißen, mein Herr, daß der älteſte Name Frieslands aus der Liſte der Edlen ſeiner Nation geſtrichen wird? Iſt das nichts in Ihren Augen, daß ich bin, was ich jetzt bin?“ „Die letzten Worte wurden mit einer Stimme ge⸗ ſprochen, worüber Norvins Herzblut gerann; aber er konnte nichts ſprechen, konnte kein Wort erwiedern. „Was!“ ſagte van Halsdt in einem Tone beißenden Spottes;„ich dachte, daß vielleicht in der ploͤtzlichen Ueberraſchung Ihr Muth, nnvorbereitet auf eine uner⸗ wartete Herausforderung, für einen Augenblick Sie ver⸗ laſſen habe; aber iſt es möglich, daß Sie eine Memme ſind? iſt dieß wirklich der Fall?“ „Norvins ſenkte ſeinen Kopf— die Angſt des To⸗ des hatte ihn ergriffen. Endlich unterbrach van Halsdt die ſchreckliche Pauſe; er ſprach— „Adieu, mein Herr; es thut mir leid um Sie, ich hoffe, wir treffen uns nie wieder: laſſen Sie mich Ihnen indeſſen einen Rath geben, ehe wir ſcheiden. Es gibt nur Einen Rock, den man ungeſtraft tragen kann, wenn man ein boshaftes und feiges Herz hat; werden Sie ein——“ „Herr Abbe, man erwartet Sie zum Diner,“ ſagte ein Diener, der in dieſem Augenblick der Geſchichte eintrat. „Ma foi, und ſo iſt es,“ ſprach er, fröhlich auf ſeine Uhr ſehend, als er ſich aus ſeinem Stuhle erhob. „Aber das Fräulein,“ bemerkte ich,„was iſt aus ihr geworden?“ „Ah, Margaretha; ſie verheirathete ſich in weniger als drei Monaten mit van Halsdt; der Küraſſter er⸗ holte ſich zum Glück von ſeinen Wunden; es ſtellte ſich 1 3 21* 3 24 heraus, daß das Duell durch die Gewalt der Umſtände aufgedrungen war. Was van Halsdt betrifft, ſo vergab ihm der König, ſein Vater desgleichen: er iſt jetzt Ge⸗ ſandter in Neapel.“ „Und der andere, Norvins? zwar, ich fühle kaum einiges Intereſſe für ihn.“ „Das thut mir leid,“ ſagte er lachend;„aber wol⸗ len Sie nicht aufbrechen?“ 3 Damit bedeutete er mir durch eine hofliche Ver⸗ beugung, ihm nach dem Speiſezimmer voranzugehen, und folgte mir mit dem flüchtigen Schritt und der leich⸗ ten Geberde einer wohlgemuthen, zufriedenen Natur. Ich brauche kaum zu ſagen, daß ich mich an dieſem Tage beim Diner nicht neben den Abbe ſetzte; im Ge⸗ gentheil, ich wählte mir den am dummſten ausſehenden alten Mann, den ich ſinden konnte, zu meinem Nach⸗ barn, und that mir in dem Gedanken gütlich, daß oft da, wo wenig Annehmlichkeit zu finden iſt, die gütige Natur zum Erſatz einige Züge von Rechtſchaffenheit und einige Spuren von Ehrgefühl gegeben hat. In der That, ich fühlte einen ſolchen Widerwillen gegen die einnehmenden Geſichter des ſchönſten Theiles der Geſell⸗ ſchaft— und verknüpfte raſchen Witz mit Schurkerei ſo unauflöslich, daß ich über jeden guten Satz, den ich hörte, zitterte, und mich frühzeitig in's Bett ſtahl, mit dem Entſchluß, nie in meinem Leben eine plötzliche Zu⸗ neigung für angenehme Leute zu faſſen— ein Glück für mich, daß ein langer Aufenthalt in einem gewiſſen Lande, welches ich nicht nennen werde, mir erlaubt, dieſen Eid zu halten, bei geringer Verſuchung, ihn zu brechen. Der nachſte Morgen war in der That ein berr⸗ licher. Die Erde vom Regen erfriſcht— das Grün glänzender— die Bergſtröme voller; die ganze Land⸗ ſchaft ſchien in ihrem reizendſten Antlitz zu ſtrahlen. Bald nach Sonnenaufgang war ich munter und wach;; und trotz aller meiner Vorurtheile gegen ſolche Mittel, — 32⁵ ſeine Tage zu verlängern, ſetzte ich mich an's Fenſter⸗ wahrhaft hingeriſſen von der Schönheit der Scene. Jen⸗ ſeits des Fluſſes erhob ſich ein mit Haide bewachſenes Gebirge, an welchem dunſtige Nebelmaſſen eilig dahin⸗ ſtrichen, die, wenn ſie vorüber zogen, einige dünne an⸗ gebaute, mitten unter Granitblöcken und ſteilen Abgrün⸗ den um ihr Daſeyn kämpfende Streifen enthüllten. Als die Sonne höher ſtieg, wurden die grauen Tinten braur, und die braunen wurden purpurroth, während gewiſſe dunkle Linien, die ſich vom Gipfel bis zum Fuße her⸗ unterzogen, wie Silber zu ſcheinen begannen, und den Lauf manches Bergſtroms zeigten, der rauſchend nach jenem kleinen See hintaumelte, welcher ruhig wie ein Spiegel in der Tiefe lag. Unmittelbar unter meinem Fenſter war der Schloßgarten; eine Reihe von Terraſſen bis an den Fluß hinab— ſchoͤne Eibenbaum⸗Hecken, in manche ſeltſame Form geſchnitten— die Balluſtraden, halb verſteckt durch Zierſträuche und Schlingpflanzen— die niedlichen Marmor⸗Statuen, die da und dort heraus⸗ lugten, waren liebliche Züge in dem Gemälde, und er⸗ höhten den Effekt der großartigen Fernſicht. Auch die Schwäne, die auf dem ovalen Teich herumſegelten, ſpra⸗ chen von bewohnter, belebter Gegend, gerade wie der weit ausgedehnte Fittich, der über der Bergſpitze ſchwebte, an die wilde Region mahnte, wo der Adler König war. Meine Betrachtungen wurden plötzlich unterbrochen durch eine Stimme unten auf der Terraſſe. Es war die Stimme eines Mannes, der ſeinem Schritte nach augenſcheinlich ſeine Morgenpromenade auf dem Schloß⸗ platze machte, während er zum Zeitvertreid ein Lied ſummte: 1„Hei, Soldaten, warum Sollten wir uns mit Sorgen qualen?“ Hei, Soldaten, warum? Unſere Sache—— 3 26 „Holla da, Francois, ſind ſie noch nicht auf? ei, es iſt ſchon ſechs vorüber.“ Die angeredete Perſon war ein Bedienter, der in dem furchtbaren Aufputz eines engliſchen Grooms, worin er ſich ungefähr eben ſo heimiſch füͤhlte, als ein Krö⸗ nungs⸗Kämpe in ſeiner blanken Rüſtung— durch den Garten nach den Ställen ging. „Nein, mein Herr, der Graf will nicht vor acht aufbrechen.“ „Und wann frühſtücken wir?“ „Um ſieben, mein Herr.“ „Teufel— noch eine Stunde— „Ei, Soldaten, warum Sollten wir—— „He da, Francois, welches Pferd wird man heute Fräulein Laura geben??“?“ „Daſſelbe, das ſie am Mittwoch ritt, mein Herr. Es hat dem Fräulein ſehr wohl gefallen.“ „Und welches iſt für den Fremden beſtimmt, der vorletzte Nacht kam? Für den Herrn, der beſtohlen worden iſt——“ „Weiß ſchon, weiß ſchon, mein Herr, den Grau⸗ ſchimmel mit dem Streif am Knie.“ „Ei, der iſt ja toll— der geht ja durch.“ „Ganz wohl, mein Herr; aber der Herr iſt auch ein Engländer, und der Graf ſagt, er werde den Roth⸗ ſchimmel ſchon bändigen.“ „Hei, Soldaten, warum,“ ſummte der alte Oberſt, denn es war Muddleton; und der Stallknecht ſetzte ohne weitere Frage ſeinen Weg fort. Darauf nahmen zwei Gedanken Beſitz von meinem Gehirn: der eine war, welcher eigenthümlichen Organiſation zufolge gewiſſe alte Leute, die nichts zu thun haben, Frühaufſteher ſind; der andere, was ich wohl verbrochen habe, daß der Schloßherr auf meinen plötzlichen Tod ausgehe. Der erſtere hat mich mein ganzes Leben lang ge⸗ 327 quält. Welch eine Wohlthat ſollte nicht der Schlaf für jene Klaſſe von Weſen ſeyn, die nichts thun, wenn ſie wach ſind; wie ſollten ſie ſich nach jenen ſchlaftrunkenen Stunden ſehnen, die der Trägheit eine gewiſſe Weihe verleihen; mit welcher Begierde ſollten ſie den Anbruch der Nacht erwarten, den Verboten jener Periode, wo ſie ihren Mitmenſchen gleich werden; und mit welchem Schrecken ſollten ſie jener Zeit entgegen ſehen, wo die geſchäftige Welt munter und wach iſt, und wo ihre Unfahigkeit und Trägheit nur in ſo grelleres Licht treten. Sollte nicht Jedermann ſagen, ſolche Leute wuͤrden na⸗ türlich den Schlaf als ihren Tröſter kultiviren? Sollten ſie nicht ihr Kiſſen als ihren Buſenfreund hätſcheln. Im Gegentheil, gerade dieſe Leute ſind unveränderlich, unſere Frühaufſteher: jedes Haus, wo ich geweſen bin, hat wenigſtens einen dieſer gequälten und quälenden Geiſter, die Marter der Hausknechte— den Schrecken der Mägde gehabt. Ihr chroniſcher Huſten bildet ein Duett mit dem unharmoniſchen Krähen des jungen Hahnes, der in Ermanglung beſſerer Kenntniß den Tag eine Stunde vor der Zeit verkündet. Mit ihren knar⸗ renden Schuhen begleiten ſie das Scheuern der ehernen Kaminplatten und das Ausklopfen der Teppiche, die ſchnarrenden Töne der aufgehenden Läden und das miß⸗ tönige Klirren einer Thorkette; ihr ſchwerer Schritt tönt wie der Tritt eines Alps durch das ganze ſchlafende Haus; und was iſt der Zweck ihres ganzen Treibens? welche Neuigkeit haben ſie erfahren? welche ſchwierige Frage haben ſie gelöst? wen haben fie gluͤclicher, weiſer oder beſſer gemacht? gewiß nicht Betty, die Köchin, deren Morgen⸗Lever von Bettlern ſie aufs Unhöflichſte zerſtreut und verſcheucht haben; auch nicht Marie, die Hausmagd, die, nicht gewohnt, im Negligée ertappt zu werden, den ganzen Tag über ein ſchiefes Geſicht macht, wenn es auch nur ein ältlicher Herr war und Brillen trug; weder Richard, der beim Kerzenſchein ihre Schuhe putzte, noch den ehrwürdigen Kellermeiſter⸗ 328 der Schande halber auch ſchon auf und angekleidet iſt, aber noch immer ſchlafend mit dem Korkzieher in der Hand in dem vagen Wahne ſteht, es ſey noch eine ſpäte Abendgeſellſchaft. Ferner haben dieſe Leute immer ein gleichmäßiges, ſelbſtgenügſames Ausſehen; ſie ſcheinen ſagen zu wollen, fie wüßten noch ein Paar Dinge, von denen andere nichts wüßten, gleich als hätte ihnen der Tag, vertrau⸗ ensvoller in Gegenwart von wenigen, einige wichtige Geheimniſſe mitgetheilt, von denen die Schläfer niemals hörten; und dieſe peſtilenzialiſche Gewohnheit machen ſie zu einem Grunde, daß ſie beim Frühſtück wie Ko⸗ ſacken freſſen, gleich als wäre die Verzehrung von Lebens⸗ mitteln eine Kardinaltugend. Das eiviliſirte Leben unterſcheidet ſich von dem wilden ebenſowohl durch die regelmäßige Eintheilung der Zeit, als durch einen andern Zug. Wenn der Rothhäuter, der vielleicht nicht eher frühſtücken kann, als bis er einen Bär erlegt hat, bei Zeiten auf iſt, ſo kann ich nichts dagegen haben; aber bei dem Herrn, der mit der Ueberzeugung zu Bette geht, daß heiße Stollen und Kaffee, Thee und Quittenſaft, Butterſchnitten und Honig, Schinken, Semmel und Eier um zehn Uhr ſeiner warten; bei ihm ſage ich ſind dieſe albernen Streife⸗ reien eine unerträgliche Affektation, und eine höchſt un⸗ verantwortliche Freiheit, die er ſich gegen den Frieden und die Heimlichkeit des Haushalts herausnimmt. Inzwiſchen paradirt der alte Oberſt Muddleton drun, ten auf und ab, und hier muͤſſen wir ihn verlaſſen⸗ um ein anderes Kapitel anzufangen. —— mſn 9 ſifffnnn 10 11 12 13 14 15 16 17 18