Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 7 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 84 Wer.— Pf. 1 Wtr. 59 Pf. 2 wer.— Pf. „ 3„„ 5„—„—„ 5. Auswürtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Arthur O'Leary; ſeine Fahrten und Erfahrungen in vielen Ländern herausgegeben von ſeinem Freunde Harry Lorrequer. Deutſch von Gottlob Fink. Sechstes bis neuntes Bändchen. (Schluß.) Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Vierzehntes Kapitel. Die Jagd⸗Cröffnung. Ich wünſchte, es könnte mir Jemand erklären, woher es kommt, daß die Neigungen und Liebhabereien der Nationen weit ſchwerer nachzuahmen ſind, als ihre Sprachen und Inſtitutionen. Nichts iſt gewöhnlicher, als Polen und Ruſſen zu finden, welche die Hälfte der europäiſchen Sprachen gleich ihrer Mutterſprache reden. Deutſche bringen es häuſig zu gleichem Grade der Voll⸗ kommenheit; einige Engländer haben dieſe Gabe eben⸗ falls. Desgleichen dürfte es nicht ſchwer halten, manche Ausländer zu finden, die mit allen Regierungsangelegen⸗ heiten der Länder, die ſie beſucht haben, genau bekannt ſind, mit der äußern und innern Politik; mit der Statiſtik der öffentlichen Schulden und Steuern; mit den religiöſen Einflüſſen; mit den Hülfsquellen und ſo weiter. In der That, in unſern Tagen, wo alles reiſt, iſt dieſe Art von Unterricht mehr oder weniger allgemein geworden, während die Neigungen und Sitten, die doch offenbar weit leichter erworben werden können, Gegenſtände der albernſten Fehler und der plumpſten Nachahmung ſind. Um meine Behauptung durch Bei⸗ ſpiele zu erläutern, wer ſah je einen andern als einen Ungarn, die Mazurka mit erträglicher Grazie tanzen? wer ſah je gut walzen, außer unter Oeſterreichern? wer ſah jemals„Aoilette“ außerhalb Frankreich? ſo iſt es indeſſen. Eine künſtliche Grenze, von der Hand Neſſelrode's oder Talleyrand's mit rother Linie auf einer Landkarte gezogen— eine von den Fingern Metternichs in die Karte geſteckte Nadel— entſcheidet die ganze Frage und ſagt:„ſo weit ſollſt Du tanzen und nicht 8 weiter. Jenſeits dieſer Linie gibt es keine patés de perigord. Hier beginnen Feigen und Tabak— dort enden Makaroni und Muſik.“ Welche Neigungen wir auch vorher hatten, wir richten uns bald nach den Sitten einer Nation, und jene willkührlichen Grenzen der Herren vom rothen Band werden gleich den wahren Fluß⸗ oder Berggrenzen der Natur. Allerdings muß es etwas kitzlich geweſen ſeyn in den guten Zeiten des Konſulats und des Kaiſerreiches, ſeine Segel raſch ge⸗ nug nach den Wechſeln des politiſchen Orkanes zu drehen. Geſtern war einer ein Italiener— heute iſt er ein Franzoſe; dort ging einer als Preuße zu Bett und er⸗ wachte als Holländer. Dieſes waren grauſame Prüfun⸗ gen, und wären ſie noch etwas weiter getrieben worden, ſo hätten ſie zu den ſeltſamſten Taͤuſchungen und Miß⸗ griffen führen müſſen. Nun erlaube man mir, mit einem Worte der Ent⸗ ſchuldigung wegen meiner Abſchweifung auf die Urſache derſelben zurückzukommen, und doch, warum ſollte ich mich noch wegen dieſes Punktes entſchuldigen? Dieſe meine„Zeitvertreibe“ ergehen ſich eben ſo gerne auf dem weiten Felde träumeriſcher Gedanken, als auf den Thä⸗ lern und Ebenen der materiellen Welt. Ich habe nie verſprochen, einer regelmäßigen Richtung zu folgen, auch habe ich meine Reiſe nicht unternommen gleich einem königlichen Geſandten, der gebunden iſt, den Ort ſeiner Beſtimmung in einer gegebenen Zeit zu erreichen. Be⸗ wahre der Himmel. Ich will nach meiner Gemächlich⸗ keit in meiner Herberge leben. Ich bleibe eine Woche — vierzehn Tage— ja ſogar einen Monat hier, wenn es mir gefällt. Andere ſinden an dieſem Verfahren viel⸗ leicht keinen Gefallen, und mögen nicht mit einem Seſſel und geſchmorten Paſtinaken vorlieb nehmen. Sey es ſo. Hier trennen wir uns alſo. Wenn euch meine Art zu reiſen nicht gefällt, ſo habt ihr die Dilligenee, oder, wenn ihr es vorzieht, ſo nehmt Extrapoſt und berech⸗ net, wenn ihr kennt, wie ihr den Poſtillion in Kreuzern 9 bezahlen wollt, die, glaube ich, der Teufel erfunden hat, um die Menſchen zum Fluchen zu verleiten— und nach Meilen, die mit jedem Großherzogthümlein von drei Acres in der Länge wechſeln. Ich wünſche euch Glück zu eurer Reiſegeſellſchaft, zu dem Deutſchen, der raucht, und zu dem Franzoſen, der die Stirne runzelt; zu der alten Frau, die auf eurer Schulter einſchläft, und zu der Säugamme, die Euch ein kleines Kind in den Leidenſchaft gerathen? der Himmel weiß, es iſt nicht meine Gewohnheit. Und um noch einmal zurückzugehen, und wo möglich zu finden, woran ich dachte—— ich hab's ſchon. Dieſe meine Abſchweifung hier machte ich bei Gelegenheit der Scene, die ich mit eigenen Augen ſah, nachdem wir mit unſerm Fruͤhſtück im Schloſſe fertig waren. Alle Welt ſollte zu Roß figuriren. Die Thiere Galeotte; dort ſtand ein großes, flämiſches Thier, ſieb⸗ zehn Hand hoch, mit einem über einem Strohbüſchel aufgebundenen Schwanz, der doch noch einige Zoll auf dem Boden nachgeſchleift wurde— ſtraff in der Schulter und noch ſtraffer in den Feſſeln, gab es dem Reiter bei jeder Bewegung einen Stoß, die bei jedem andern, als einem Fläming, eine Erſchütterung des Gehirns zur Folge gehabt hätte. Hier ſtand ein engliſches Vollblut, ſeit vielen Jahren traurig mitgenommen, mit jenen zittern⸗ den Vorderfüßen, die ein Leben voll harter Arbeit ver⸗ rathen; dennoch glich es trotz allen ſeinen Mängeln und immer noch ein Gentleman iſt. Seine Mähne war lang und zart wie Seide; ſeine Haare waren kurz und glatt, ſein Kopf fein geformt und, wohlgeſtellt auf dem langen, ſpitz zulaufenden, in ſchönem Gleichgewicht ge⸗ tragenen Nacken. Neben ihm ſtand ein ungeheurer Hol⸗ ſteiner, ſeine breiten Flanken mit einem Schweife gleich einer Trauereſche umſchlagend— ein großes, maſſives Thier, von dem man ſeinen Bewegungen nach hätte glauben ſollen, als wäre es gewohnt, Treppen zu ſteigen, und manchmal gab es einen Stoß, wie man empfindet, wenn man an eine Stufe zu kurz tritt. Unter der Maſſe waren auch einige Limouſſins— hübſche, niedliche, kleine Thiere, die ſtärker waren, als ſie ausſahen, und eine arabiſche Abkunft verriethen; ferner ein Paar närriſche Schimmel aus Ungarn, die gleich Schlachtroſſen ſchnaub⸗ ten und ſcharrten. Der große Haufe aber war eine Sammlung von ſolchen Ueberbeinen, wie man jede Woche bei einer Tatterſall⸗Verſteigerung ſehen kann, wo es in der Aukündigung heißt:„Laſtträger erſten Ranges, mit eini⸗ gen Dachshunden— in doppeltem und einfachem Ge⸗ ſchirr, von dem Eigenthümer für geſund„„gehalten.““ Ol was für leichtgläubige Leute ſind doch die Beſitzer von Pferden! Dieſe bilden die große Ausfuhr nach den Niederlanden als Wiedervergeltung für die falſchen Vandyks, für die nachgemachten Rembrandts und für die fabelhaften Hobbimas; wegen deren Ausſtellung in unſern Speiſezimmern und Bibliotheken wir eben ſo herzlich ausgelacht werden, als die Niederländer wegen ihres Geſchmackes in Pferdeſachen! und gerade wie wir auf einem großen Namen bei unſerm Landſchaft⸗ oder Schlachtgemälde beſtehen, ſo muß der Fläming einen Stammbaum für ſein Jagdpferd haben. Da muß eine „Mutter von Louiſe“, und ein„leiblicher Bruder vom Rattenfänger“, und ein Titus Oates ſeyn, der die„mor⸗ genländiſche Mütze“ in—— gleichgültig wo, gewann. O Himmel, o Himmel! wann werden wir geſcheid ge⸗ nug werden, ohne Sneyders und Oſtade leben zu kön⸗ 11 nen? und wann werden ſich die Fläminge begnügen, Thiere zu reiten, die für ſie paſſen— mit ſtarken Glie⸗ dern, langſamem Gang, trägem Temperament und nicht allzu heikel im Futter; Thiere, deren Verwandtſchaft kein Regiſter hat, und deren Abſtammung nirgends ge⸗ ſchrieben ſteht?— Fürwahr, England iſt das Land, das die Leute närriſch macht. Alle Fremden, die uns nachzuahmen ſuchen, machen ſich im höchſten Grade lächerlich, von einem gewiſſen Prinzen, der eine Lord⸗Majors⸗Kutſche, Vergoldung, Wappengemälde und alles andere, als das ächte Muſter einer Londoner⸗Equipage nach München zurückbrachte— bis auf jene ſeltſamen Hanswurſt⸗Figuren in Orangegelben Plüſchhoſen und himmelblauen Fräcken, die hinter ihren Herrn durch die Elyſäiſchen Felder ga⸗ loppiren wie wahnſinnige Kometen, die einen Spazierritt machen. Das ganze Ding iſt abgeſchmackt; ſie können es zu nichts bringen, ſie mögen ſich anſtellen, wie ſie wollen, es gelingt ihnen nichts. Es iſt damit, wie mit unſern jämmerlichen Verſuchen, ein petit diner oder eine Soirée zu geben. Wenn daher Franzoſen, Italiener und Deutſche ſo klägliche Schnitzer machen, ſo bitte ich nur, an Fläminge zu denken— ſich Belgien zu Pferd vorzuſtellen! Der Verfaſſer des Hudibras machte vor Jahren die Entdeckung, dieſe Leute ſeyen Fiſche— ihr Landleben ſey eine kleine Zerſtreuung, die ſie ſich von Zeit zu Zeit erlaubten; aber ihr wahres Element ſey ein Teich oder Kanal. Was hätte er geſagt, wenn er ſie zu Pferde geſehen hätte? Nun geſtehe ich offen, daß es nicht viel Leute gibt, die weniger Hoffnung haben, die Welt durch Heldenthaten im Reiten zu gewinnen, als Arthur O'Leary. Ich habe es immer als eine Art Anmaßung von mir betrachtet, mich in einen Sattel zu wagen. So oft ich die Zügel in die Hände nahm, ſah ich dieß als eine Art von Falſch⸗ heit von meiner Seite an— als eine ſtillſchweigende Vorausſetzung, als hätte ich irgend eine Gewalt über das 12 Thier; ich erſchien in meinen eigenen Augen eines Ver⸗ gehens gegen die Moral ſchuldig— daß ich nämlich unter falſchem Schein einen Ritt machen wollte. Den⸗ noch, als ich mich auf dem Grauſchimmel mit dem Streif am Knie ſitzen ſah und auch nach den andern umſchaute, kam ich mir vor, als hätte ich, ohne es zu wiſſen, Unterricht bei Frankoni genommen; und ſogar unter den beſchnurrbarten Helden des vorigen Abends trug ich mich wie ein ſtattlicher Kavalier. „Sie ſitzen auf ihrem Pferde beim Teufel, gerade wie Ihr Vater; er hatte ganz dieſelbe leichte Ungezwun⸗ genheit im Sattel,“ ſagte der alte Oberſt, auf ſeine Schnupftabaksdoſe klopfend und mich mit einem Lächeln entſchiedenen Beifalls betrachtend; darauf fuhr er in lei⸗ ſerm Tone fort:„ich habe Laura geſagt, ſie ſoll in Ihrer Nähe reiten, wenn ihre Mähre unruhig wird; die Flä⸗ mingen können, wie Sie wiſſen, als Reiter ſich nicht ſtark aufthun.“ Ich dankte für die Gunſt, ſo gut ich konnte, denn ſchon fing mein Pferd an, unruhig zu werden. Jeder in meiner Umgebnng hielt es für weſentltch, ſein Thier ſo ſtark als möglich in Hitze zu ſpornen und zu peitſchen und gleich Teufeln herum zu kapriolen, während ſie ein⸗ ander zuriefen—. „Sehen Sie, Karl, wie dieſer ‚Ausreißer“ lebhaft iſt. Ein Teufelsthier. Ah, ſieh da, ſieh da ‚Alberte. Der da iſt ‚mein Augapfele, ein Sohn von„Charles Fox', ein Bruder von„Sevins⸗de⸗main⸗—— „Ah, Marquis, wie geht's?— Sie haben da ein ſchönes Pferd.“ 3 „Ja, Parbleu; es iſt der ältere Bruder von Küß⸗ mi⸗ladie, der auf l'ile du dogs den Preiß gewonnen hat.“ Und ſo ſchwatzten dieſe jämmerlichen Nachahmer von Ascot und Doncaſter, von Leamington und Qorn den albernſten Unſinn, der ihnen von einem Londoner Roß⸗ händler, als der Stammbaum ihrer Klepper verkauft worden war. Bei alle dem war es in der That ergötz⸗ 13 lich, die beiden engliſchen Mädchen zu ſehen, die ſo leicht und anmuthig anf ihren Pferden ſaßen— bei jedem Sprunge eine leichte Biegung machend, gaben ſie der Bewegung des Thieres nur in ſo weit nach, als nöthig war, um ſich im Gleichgewicht zu halten, den leichten, aber feſten Finger am Zügel, mit einer Miene ruhiger Geiſtesgegenwart, mit einer eleganten und zu⸗ gleich gebieteriſchen Haltung. Welch' ein Kontraſt gegen die verzerrten Geberden, gegen die verzweifelte Ernſthaf⸗ tigkeit und das ängſtliche Feſthalten ihrer backenbärtigen Gefährten. Und doch waren dieſe Mädchen dazu da, um dieſe Tompack⸗Sportsmänner zu entzücken und zu bezaubern. Wenn ſie an dieſem Tage über alles hinweg⸗ ritten— über Hecken und Staketen, über Bach und ſteile Ufer, ſo geſchah es, weil die Jagd für ſie weniger au cerf als au mari war. So war es. Der alte Oberſt hatte England ver⸗ laſſen, weil er den Kanal dem Fleet vorzog. Wäre er geblieben, ſo wäre an ſeiner Perſon die glorreiche Frei⸗ heit verletzt worden, auf welche die Engländer ſo ſtolz find. Er hatte, wie manche andere, den Fehler, daß er„nicht weiſe aber zu gut“ gelebt hatte; kurz, wie kalt auch das Klima von London ſeyn mag, ſo wäre es doch für ihn zu heiß geworden, wenn er einen Tag län⸗ ger dort geblieben wäre. Welch eine Sündflut von ſolchen Leuten ergießt ſich über den Continent; ſie leben gut, und, wie man es nennt,„höchſt reſpektabel“; diniren bei Geſandtſchaften und tanzen an Höfen; tragen ihre Köpfe ſehr hoch, ſind äußerſt behutſam mit neuen Bekanntſchaften und ſpar⸗ ſam in allen ihren Vertraulichkeiten. Gewöhnlich be⸗ hätte. Natürlich haben ſie nichts mehr zu engliſchen Jagdrevieren zu ſagen, und ſo nehmen ſie ſich die Frei⸗ heit, auf fremden Rittergüteru zu jagen; und obgleich ein Marquis oder ein Graf nur zur niedern Jagd ge⸗ hört, ſo ſind dieſe doch das einzige Wildprät, das ihnen noch übrig iſt, und ſie machen es ſich aufs Beſte zu nutze. 3 Endlich erſchien der Wirth, in einem Scharlachrock, im Knopfloch eine Marke— in Form und Farbe einem neuen Pfennigſtück ähnlich. Ihm folgten ein Dutzend andere in ähnlicher Kleidung aber ohne Marke; dann kamen noch einige Zwanzig in grünen Röcken mit rothen Krägen und Aufſchlägen, eine Art von geringern Gott⸗ heiten, die, wie ich erfuhr, Aſpiranten hießen. Obſchon mir Niemand ſagen konnte, auf was fie aſpirirten, wo das Ziel war, oder wann ſie es zu erreichen hofften. Sodann erſchienen Treiber und Stallknechte und Hunde⸗ führer ohne Zahl— lärmend und tobend; ungefähr zwanzig Kuppeln Dachshunde gaben Laut, und eine gehörige Anzahl von den Scharlachröcken blieſen auf jenem melodiſchen Inſtrument— dem Jagdhorn. Mit dieſer trefflichen Geſellſchaft ritt ich fort,„allein, aber mitten im Gedränge; denn unglücklicher Weiſe hatte mich mein am vorigen Abend bewieſener Mangel an Sportsmans Takt in den Augen der jagenden Jugend tief herabgeſetzt, und Fräulein Laura zeigte keinen Wunſch, die Geſellſchaft anzunehmen, die ihr würdiger Vater für ſte ausgeſucht hatte. Thut nichts, dachte ich, es gibt hier allerlei zu ſehen, und in einer ſo lebhaften Seene kann ich mich auch ohne zu plaudern unterhalten. Ihr Gefährte war der Graf D'Espagne, ein un⸗ vergleichliches Muſter von einem in Frankreich ſo ge⸗ nannten Tigre; denn man muß wiſſen, daß daſſelbe Land, das einſt wegen ſeiner übertriebenen Höflichkeit und feines überladenen Zeremoniells einen faſt lächer⸗ lichen Ruf behauptete, jetzt in ächt reaktionärem Geiſte einen Grad von Rauheit angenommen hat, die man Rohheit nennen, und eine Art kaltblütiger Dreiſtigkeit, die man für Unverſchämtheit nehmen könnte, Die An⸗ 15 hänger dieſer neuen Schule werden bezeichnend Jeune France genannt, und zeichnen ſich durch lange Haare und Bärte aus— durch feierliches Stirnrunzeln und affektirte Gravität, durch enganſchließende Kleider und gelbe Handſchuhe. Dieſe Herren ſind karg mit Worten und noch karger mit Geberden. Sie geben zu verſtehen, daß man eine wichtige That der Wiedergeburt von ihnen zu erwarten habe— eine Neubelebung des alten Geiſtes der Nation, obſchon es für manche noch immer ein Räth⸗ ſel iſt, wie dergleichen aus gedrehten Schnurrbärten und lakirten Stiefeln entſtehen kann; aber genug von ihnen. Der Graf D'Espagne gehörte auch dazu. Faſt hätte ich vergeſſen, von einem Theile unſeres Zuges zu ſprechen, der durchaus nicht übergangen wer⸗ den darf. Dieß war ein hölzernes Gebäude auf Rädern, gezogen von ein Paar Pferden in ſchnellem Schritte am Ende der Prozeſſion. Anfangs dachte ich, es möchte ein wandernder Hundeſtall ſeyn, um die zurückkehrenden Hunde aufzunehmen. Dann hielt ich es für ein wan⸗ derndes Spital für verwundete Sportsmänner; und für⸗ wahr, ich konnte nicht umhin, dieſe Idee zu billigen, wenn ich mir die Lage eines unglücklichen Jägers im Falle eines Sturzes mit ſeiner fünfzehn Fuß langen Me⸗ tallröhre um den Leib vorſtellte, und ich hoffte nur, daß auch ein Bleigießer dieſe Erpedition begleitete. Meine Menſchlichkeit leitete mich jedoch irre. Die Pagode war das Gehäuſe eines Hirſches, der auf der Jagd ſtets auf⸗ treten mußte, wenn man kein anderes Wild auftreiben konnte. Dieſes ehrwürdige Thier, etliche fünfundzwanzig Jahre im Dienſt, glich einer beſtändigen Erſatzperſon auf den Theatern, die, ſtets bereit, jeden Augenblick auf⸗ treten kann. Da war keine Probe erforderlich. War eine Prima Donna übel aufgelegt, oder ein Tenor be⸗ trunken— wollte ſich kein Fuchs zeigen oder war das Thier ſcheu— ſo war der Hirſch da, fir und fertig für einen luſtigen Galopp von einigen Meilen, um, wenn Niemand übermäßig eilte, eine ganz angenehme Morgen⸗ jagd zu gewähren. Dieß waren jedoch nicht ſeine ein⸗ zigen Vorzüge: denn er war darauf abgerichtet, an allen paſſenden Kreuzwegen uüber die Hochſtraße zu ſpringen, gelegenheitlich durch die Hauptſtraße eines Dorfes oder über den Marktplatz eines Fleckens zu laufen, über ein Waſſer zu ſchwimmen, wenn es ſeicht genug war, daß man ihm zu Pferde folgen konnte, und ſobald der Grand Maitre in's Horn ſtieß, den Geiſt aufzugeben, mit einer Pünktlichkeit, als hätte er bei Frankoni geſpielt. Zum Unglück für mich war es mir nicht vergönnt, ſeine Kunſtſtücke zu bewundern; denn kaum waren wir aus dem Gehölze gekommen, als die Hunde losgelaſſen wurden und bald darauf einen Fuchs fanden. Einige Zeit lang war die Scene ſehr lebendig, da jeder Fläming auf irgend einen Lieblingshund ſein Ver⸗ trauen zu ſetzen ſchien— und es war höchſt erbaulich, zu ſehen, mit welchem Eifer jeder den Bewegungen ſeines bevorzugten Thieres folgte, wie er ihm ſchmeichelte und es zur hoͤchſten Anſtrengung ermunterte. Endlich hörte man das Wort— wegl und plötzlich gingen die Hunde in's Freie und nahmen ihre Richtung über die Ebene nach einem großen Gehölze oder vielmehr Walde, etwa eine halbe Stunde weit. Der Platz war zum Glücke für die Meiſten unter uns— wenigſtens für mich— eine offene, wellenförmige Oberfläche, Stoppeln und Rüben waren die einzigen Hinderniſſe, und der Thonboden war weich genug, ſo daß man nicht ſchwer auffallen konnte. Die Scene war in ſofern luſtig, als rothe Röcke im Galopp einen angenehmen Eindruck machen; außerdem nimmt ſich ſchon das bloße Gedränge von Reitern gut aus. Indeſſen konnte ſogar ein ſo unſportsmännliches Auge, wie das meinige, die Gebrechen der Reitkunſt in meiner Umgebung entdecken— den ungeſtümmen An⸗ lauf der Herren, die durch den tiefſten Moraſt durch⸗ ritten, mit verhängtem Zügel und unaufhörlich darauf lospeitſchend; die taumelnden Bewegungen anderer zwi⸗ ſchen der Mähne und den Hüften bei jedem Satze des 17 Thieres. Aber ich hatte wenig Zeit zu ſolchen Betrach⸗ tungen— es nahte die Stunde meiner eigenen Prü⸗ fung: der Grauſchimmel wurde unruhig, der Schritt hatte allmählig ſeinen Muth erhitzt, und ſchon hatte er drei bis vier vorläufige Sätze gemacht, gleichſam um zu ſehen, ob er ſich, ehe er davonlief, meiner entledigen ſollte oder nicht. Meine eigenen Berechnungen in dieſem Augenblick waren den ſeinigen nicht ganz unaͤhnlich— auch ich dachte an einen Bruch der Genoſſenſchaft. Die Form Arthur O'Leary's in voller Länge in rothem Thone abgedrückt, war das Schlimmſte, was mir begegnen konnte, und ich ſah mich nur nach einer ſchicklichen Stelle um, wo ich ungeſehen herunterfallen konnte. Als ich mich nach allen Seiten umdrehte, in der Hoffnung, irgend einen abgelegenen Winkel zu finden, that, kaum ungefähr hundert Schritte vor mir, ein verwünſchter Jäger, der den Hunden ein Zeichen geben wollte, einen Stoß in ſein ehernes Inſtrument— jetzt war das Ding fertig: Der Grauſchimmel ſchlug mit ſeinem langen mangelhaf⸗ ten Schwanz im Kreiſe um ſich, machte einen fürchter⸗ lichen Satz, ſtreckte den Kopf und, indem er ihn nach der einen Seite drehte, gleichſam um meine Verwirrung zu beſehen, ging er mit mir durch. Aus der Nachhut war ich jetzt plötzlich unter dem Haupt⸗Corps— unter lauter Aſpiranten, durch die ich wie eine Katapulte da⸗ hinſchoß; trotz des wiederholten Geſchreis— angezogen! — zurückgehalten! u. ſ. w. ging es immer vorwärts; noch einige Sekunden, und ich war mitten unter den Scharlachröcken— mein Thier rannte ſo ſchnell es konnte, und kümmerte ſich nichts um den Zaum. Mitten unter einem Regen von Verwünſchungen, die wie Hagel auf mich herabfielen. ritt ich zwiſchen ihnen durch, und machte bei jedem Satze meines Galopps die Rothen ſchwarz. Ich ließ ſie weit hinter mir und flog an dem Grand Maitre ſelbſt vorüber, der in der Vorhut ritt, indem ich ihn durch einen Seitenſprung faſt über den Lever, O'Leary. II 2 18 Haufen warf; darauf verfolgte mich ein Fluch; aber der Wald nahm mich bald in ſeiner dunklen Umarmung auf, und ich ſah nichts mehr. Anfangs lag eine Quelle von Troſt für mich in dem Gedanken, daß ich bei jedem Satze weiter aus dem Bereiche derjenigen kam, deren Beſchuldigungen ich mir ſo unglücklicher Weiſe zugezogen hatte. Grand Maitre, Jäger und Aſpiranten, alle waren hinter mir, ja, ſogar die Hunde und die Treiber mit ihnen und, wenn ich mich nicht täuſche, auch der Fuchs. Als ich jedoch ent⸗ deckte, daß der Grauſchimmel unermüdet fortrannte, ſo kam ich doch etwas aus der Faſſung. Allerdings war der Grund vollfkommen weich und ungefährlich: ein langer Holzweg von Torf, ſo platt geſchoren wie ein Luſtplatz. Ich zog und geigte am Gebiß, ich riß am Zaume und verſuchte alle für ſolche Fälle der Noth⸗ angerathene Exerzitien, deren ich mich erinnern konnte; aber es half nichts. Es ſchien mir, als ob irgend ein verwünſchtes Echo das Thier ſcheu machte und zu grö⸗ ßerer Eile antrieb. Gerade als ich auf dieſen Gedan⸗ ken gerieth, hörte ich eine Stimme hinter mir rufen —„Halten Sie ein— halten Sie doch ein, Herr O'Leary!“ Ich kehrte mich um, und ſiehe, es war Laura, in kurzer Entfernung hinter mir; ihr Vollblut ſtrengte jede Muskel an um mich einzuholen. Sonſt war Niemand zu ſehen, ſo daß wir beide, wie toll da⸗ hingalopdirend, im Walde allein waren. Ich kann ſehr wohl begreifen, warum das zweite Pferd beim Wettrennen ſein Möglichſtes thut, um das erſte zu werden, wäre es auch nur um eine ganz na⸗ türliche Neugierde zu befriedigen, weil es gerne ſehen möchte, warum das andere ſo ſtark rennt; warum aber das erſte nur um ſo ſchneller läuft, weil andere hinter ihm ſind, das iſt mir ein wahres Räthſel. Und doch war es ſo; meine heilloſe Menie fieng erſt an, alle ihre Kräfte zuſammenzuraffen, als ſie verfolgt wurde. Jetzt ging es, wie der Franzoſe ſagt, Ventre à terre, 19 und obgleich von Zeit zu Zeit Laura mir zurief, ein⸗ zuhalten, ſo könnte ich faſt ſchwören, daß ich ſie über meine Anſtrengungen lachen hörte. Inzwiſchen wurde der Wald dicker und eenger, und der Weg ſchmaler und allem Anſchein nach weniger betreten; dennoch ſchien er weder Ende noch Ausgang zu haben. Kaum hatten wir um eine Ecke gebogen, als ſich eine meilenweite Ausſicht vor uns ausdehnte, und als wir darüber weg waren, erſchien eine zweite, ebenſo lange. Nach einem ſcharfen Galopp von ungefähr einer Stunde, wenn ich anders über den Verfluß der Zeit irgend eine Bermuthung wagen darf, bemerkte ich mit innerm Triumphgefühl, daß der Grauſchimmel in ſei⸗ nem Laufe etwas nachließ und durch eine auf⸗ und niedergehende Bewegung, welche die Matroſen Vor⸗ und Rückbewegung nennen, kund gab, daß er es end⸗ lich ſatt habe. Ich kehrte mich um und ſah Laura un⸗ gefähr zwanzig Schritte hinter mir. Ihr Vollblut war müde gehetzt und nur noch im Stande, in jener trägen Art von Galopp ſich fortzubewegen, den im Nothfalle auch das Schlachtvieh gehen kann. Mit einer kühnen Anſtrengung hielt ich ſtraff an, bis ſie neben mir war, und bevor ich mich gehörig ſammeln konnte, um die Vorwürfe anzuhören, die ich erwartete, als ob ich die Urſache ihres Ausreißens geweſen ſey, erleich⸗ terte ſie mein Herz durch einen Ausbruch in ein ſo lu⸗ ſtiges und gutmüthiges Gelächter, als ich nur je gehört habe. Die Aufregung war anſteckend, ſo daß auch ich lachen mußte, und es dauerte fünf volle Minuten, be⸗ „Nun, Herr O'Leary! ich hoffe, Sie wiſſen, wo wir ſind,“ ſprach ſie, indem ſie ihre Augen trocknete, in denen noch die funkelnden Tropfen der Heiterkeit ſtanden;„denn ich verſichere Sie, ich weiß es nicht.“ „O, vortrefflich,“ erwiederte ich, indem mein Auge auf ein an einen Baum genageltes Brett ſiel, worauf 2 20 in einigen ſchlecht gemalten Buchſtaben„La route de Bouvigne“ ſtand— wir ſind auf der Straße nach Bouvigne, wo dieß auch ſein mag.“ „Bouvigne!“ rief ſie in etwas beunruhigtem Tone— „nun, da ſind wir fünf Stunden vom Schloſſe; ich bin einſt auf der Heerſtraße dort durchgereiſt. Wie werden wir wieder zurückkommen?“ Dieß war die nämliche Frage, worüber ich im Augenblick ſelbſt nachdachte, ohne eine Löſung zu fin⸗ den. Ich antwortete jedoch mit heiterer Gleichgültigkeit —„o, nichts iſt leichter— wir nehmen eine Kaleſche in Bouvigne.“ „Sie haben aber keine.“ „Gut, dann nehmen wir friſche Pferde.“ „Es gibt kein einziges Pferd im ganzen Dorfe; es iſt ein kleines Dorf neben der Maas, mit hohen Granitfelſen umgeben und nur merkwürdig durch ſeine Burgruine, einſt das Schloß Philipps von Bouvigne.“ 3 „Wie intereſſant!“ ſagte ich, entzückt, etwas zu finden, was der Unterhaltung eine andere Wendung geben konnte.„Und wer war denn dieſer Philipp de Bouvigne?“ „Philipp,“ ſagte die Dame,„war der zweite oder dritte Graf dieſes Namens. Die Chronik ſagt, er ſey der ſchönſte und ausgezeichnetſte Jüngling ſeiner Zeit geweſen. Nirgends fand er ſeines gleichen auf dem Tour⸗ nier, und doch war ſeine Geſchicklichkeit in den Waffen der geringſte ſeiner Vorzüge; er war ein Dichter und ein Muſiker. In der That, wenn man ſeinen Geſchicht⸗ ſchreibern glauben darf, ſo war er die gefährlichſte Per⸗ ſon für die jungen Damen jener Tage. Nicht daß er mit ihnen auf der Grande route davon rannte.“ Bei dieſen Worten brach ſie in ein Gelächter aus, das je⸗ doch von der Art war, daß ich ihr es gerne vergeben konnte, obgleich ich ſelbſt der Gegenſtand deſſelben war. „Indeſſen glaube ich,“ fuhr ſie fort,„er war eben ſo ſchlimm. Nun, um meine Geſchichte fortzuſetzen, als 21 Philipp kaum achtzehn war, begab es ſich, daß eine Ab⸗ theilung von Kriegern auf dem Wege nach dem heiligen Lande an dem Schloß Bouvigne vorüberzogen und na⸗ türlich die Nacht daſelbſt zubrachten. Von ihnen, die größtentheils ſchon einmal in Paläſtina geweſen waren, hörte Philipp die wunderbaren Geſchichten von den ſchrecklichen Kämpfen mit den Ungläubigen und von den glorreichen Siegen des Kreuzes, welche die Kreuz⸗ fahrer immer nat ſich brachten. Durch dieſe Erzählun⸗ gen wurde ſein Gemüth ſo aufgeregt, daß er auf der Stelle beſchloß, nach dem heiligen Lande aufzubrechen, um mit eigenen Augen die wunderbaren Dinge zu ſehen, von denen er geyört hatte.“ „Dieſer Entſchluß wurde natürlich von den andern mit Jubel begrüßt, aber von Niemand mit ſo entſchie⸗ denem Beifall aufgenommen, als von Heinrich von Be⸗ thune, einem jungen Manne aus Lüttich, der damals ſeinen erſten Kreuzzug unternahm und nicht umhin konnte, Philipps Tapferkeit und vor allem ſeine Hin⸗ uine in der Nähe von Chaude Fontaine ſehen können.“ Ich nickte zuſtimend, worauf ſie fortfuhr. „Sie können ſich natürlich den ſchrecklichen Jam⸗ ſchreiberin wäre, ſo würde ich Ihnen von Thränen und Bitten, von Seufzern und Ohnmachten, von Verſpre⸗ chungen, Unterpfändern, Gelübden u. ſ. w. erzählen; denn in der That, es war eine ſehr traurige Geſchichte, und ſie fand durchaus keinen Geſchmack daran, drei oder vier Jahre allein auf der alten Burg Bouvigne zuzubringen, ohne Geſellſchaft, ohne einen einzigen Freund. Anfangs wollte ſie allerdings nichts davon hören; erſt nachdem Heinrich v. Bethune, der einige Tage im Schloſſe blieb, um ſeinen Freund in dieſem Falle zu unterſtützen, das Wort fur ihn ergriffen hatte, gab ſie nach und willigte ein. Indeſſen wurde ihr dieſe Einwilligung gegen ihre Ueberzeugung entriſſen, und ſie war keineswegs damit einverſtandrn, daß an den Gründen, denen ſie nachgegeben hatte, durchaus nichts auszuſetzen ſey, und dieß iſt, laſſen Sie mich's im Vor⸗ übergehen bemerken, eine höchſt gefährliche Art von Zu⸗ ſtimmung, wenn ſie von einer Dame gegeben wird— denn ſie ſieht immer darin etwas ahnliches, wie in ge⸗ wiſſen katholiſchen Gelübden, die nur ſo lange bindend ſind, als man ſie für vernünftig und gerecht hält.“ „Iſt dieß wirklich ſo?“ unterbrach ich.„Geben Sie mir in der That ein ſo niedriges Muſter von weib⸗ licher Treue?“— „Wenn die Weiber zuweilen falſch ſind,“ verſetzte ſte,„ſo geſchieht es, weil die Maͤnner niemals treu ſind; aber ich muß in meiner Erzählung fortfahren. Graf Philipp zog mit ſeinem Freunde De Bethune wirklich von dannen; erſterer war, wenn die Geſchichte davon erzählen würde, im Augenblicke der Trennung gewiß ebenſo niedergeſchlagen, als die Gräfin ſelbſt. Aber doch hatte er den doppelten Vortheil, daß er einen Freund hatte, mit dem er ſprechen und dem er ſeinen Kummer mittheilen konnte; ſodann war er der verlaſſende, nicht der verlaſſene Theil.“. „Ich weiß nicht,“ unterbrach ich ſie in dieſem Au⸗ genblicke,„ob Sie darin Recht haben; ich meine, die Erinnerungen, die an den Stellen haften, wo wir glück⸗ lich geweſen ſind, können als eine gute Entſchädigung für die Schmerzen gelten, die durch jene Stellen vielleicht hervorgerufen werden. Ich würde lieber an dem durch das Andenken an vergangene Freuden geweihten Orte weilen, und Stunde um Stunde, Tag um Tag die Seligkeit durchträumen, die ich dort einſt empfand, als den Zauber ſolcher Erinnerungen durch die alltäglichen Vorkommniſſe und Abenteuer einer Reiſe zerſtören.“ „Hierin, hierin weiche ich ganz von Ihnen ab,“ erwiederte ſie.„Alle Ihre Betrachtungen und Erinnerun⸗ gen, Sie mögen ihnen ſo feine Namen geben, als Sie nur wollen, ſind weiter nichts als Seufzer der Sehn⸗ ſucht nach Etwas, das nicht wiederkehren kann: und ſolche Dinge ſchaden nur dem Gemüthe und ſtören unſere Ruhe; während,—— aber worüber lachen Sie?“ „Ich lächelte über Ihre Bemerkung, die ihre An⸗ wendung nur auf das weibliche Geſchlecht findet.“ „ Wie boshaft Sie ſtechen! ich erkläre Ihnen, daß ich nicht mehr mit Ihnen ſtreite. Wollen Sie meine Geſchichte hören?“ „Von Herzen gerne— ich bin höchſt geſpannt darauf.“ „Gut, dann dürfen Sie mich aber nicht mehr unter⸗ brechen. Nun, wo war ich? Sie haben mich in der That vergeſſen gemacht, wo ich ſtehen geblieben bin.“ „Sie waren gerade an der Stelle, wo Philipp und ſein Freund nach dem heiligen Land aufbrachen.“ „Sie dürfen von mir keine ergreiſende Schilderung von den Ereigniſſen in Paläſtina erwarten In der That, ich weiß nicht, ob die Chronik von Flandern, aus der ich meine Erzählung ſchöpfte, etwas beſonders von den Thaten Philipps de Bouvigne erzählt. Natür⸗ lich ſtanden ſie in Einklang mit ſeinem früheren Rufe: er tödtete ſeine Sarazenen wie ein ächter Ritter— darüber kann kein Zweifel herrſchen. Was Heinrich v. Bethune betrifft, ſo wurde er, noch ehe ein Jahr um war, ſchwer verwundet, und auf dem Schlachtfeld ge⸗ laſſen, wo er nach einigen Berichten bald hernach ſeinen Geiſt aufgab; andere dagegen behaupten, er ſey in die Sklaverei geſchleppt worden. Dem ſey nun wie es wolle, Philipp beharrte auf ſeiner Laufbahn mit allem Enthu⸗ ſtasmus eines Kriegers und eines frommen Ritters, eines würdigen Sohnes der Kirche und eines tapfern Soldaten; unglücklicher Weiſe jedoch vergaß er die arme Gräfin, die er zuruckgelaſſen hatte, die ihre Jugend an den ver⸗ gitterten Fenſtern des alten Schloſſes vertrauerte, Tag für Tag ihre Augen auf den ſchmalen Weg warf, der nach dem Schloſſe führte und wo kein Huftritt mehr er⸗ ſcholl, wie ſonſt, um ihr die Ankunft ihres Herrn zu verkündigen. Eine ſehr üble Behandlung, das werden Sie eingeſtehen; und ſo wollen wir mit Ihrer Erlaub⸗ niß der armen Frau ein wenig Geſellſchaft leiſten. Die Frau Gräfin v. Bouvigne wurde, wie dieß bei einigen Wittwen der Fall iſt, in ihrer Verlaſſenheit nur um ſo ſchöner. Ihre reizenden Züge, mit einer zarten Melan⸗ cholie gemiſcht, nahmen, ohne vom Schmerz zu tief an⸗ gegriffen zu werden, einen phantaſtiſchen Charakter an, oder was man oft fälſchlich dafür hält.“ „In der That!“ ſagte ich, das Geſtaͤndniß auf⸗ greifend. „Nun, ich bin überzeugt, es iſt ſo“ verſetzte ſie. „Bei weitem in den meiſten Fällen wiſſen Sie durch⸗ aus nichts von dem, was in einer weiblichen Seele vorgeht. Das Mädchen, das heute nichts als Leben ſchien, hat vielleicht morgen einen Anſtrich tiefer Nie⸗ dergeſchlagenheit, und übermorgen den einer ungeſtümen Wildheit— einfach darum, weil ſie ihre Locken in Flechten, und ihren Zopf in einen Zuſtand wilder Un⸗ ordnung umgeſchaffen hat. Eine kleine geſchickt ange⸗ brachte Schmeichelei von Ihnen, und Sie können dann alles glauben. Jedenfalls war die Gräfin ſehr hübſch und ſehr einſam. „In jenen guten Tagen gab es, wenn die Herren das Haus verließen, weder Theater, noch Konzerte, um ihre armen Weiber zu vergnügen; ſie hatten weder Opern noch Bälle, weder Soireen noch Promenaden. Nein; ihr einziger Zeitvertreib war an einem ungeheuren Stücke Landſchaftsſtickerei zu arbeiten, das, in der Kindheit be⸗ gonnen, ein ganzes Leben beſchäftigte, und wovon noch ein beträchtlicher Theil des Hintergrundes und Laubwerks 2⁵ für die nächſte Generation übrig blieb. Die einzigen angenehmen Leute in jenen Zeiten waren, glaube ich, die Taſchenſpieler und die Pilger; ſie kamen in der Welt herum und vertraten die Stelle von Zeitungen— ſie verzeichneten die kleinen Ereigniſſe des Tages, Ge⸗ burten, Heiraten, Todesfälle u. ſ. w.— und müſſen an einem Winterabend ein großer Troſt geweſen ſeyn. „Nun ſo geſchah es, daß die Gräfin, als ſie eines Abends wie gewöhnlich an ihrem Fenſter ſaß und die untergehende Sonne betrachtete, einen Pilger erblickte, der langſam den Weg herauf kam, auf ſeinen Stab geſtützt und äußerſt müde ſchien.—— „Aber ſehen Sie,“ rief Laura, da wir in dieſem Augenblick den Kamm einer ſanften Anhöhe erreichten; „dort iſt Bouvigne, ein hübſcher Anblick, auch jetzt noch.“ Wir hielten beide unſere Pferde an, um die Aus⸗ ſicht deſto beſſer zu genießen, und gewiß, ſie war ſehr groß. Hinter uns erſtreckte ſich meilenweit in jeder Rich⸗ tung der große Wald, durch den wir geritten waren; die alten Ardennen waren ſchon zu Cäſars Zeiten ein Wald geweſen; ihre engen Pfade hallten von dem Tritte römiſcher Legionen wieder. Vor uns lag eine reich an⸗ gebaute Ebene, die ſich wellenförmig und ſanft gegen die Maas hinabzog, deren Silberſtrom gleich einem Bande ſie umfloß; das jenſeitige Ufer war aus einer ſteilen, nackten Felswand von grauem Granit gebildet, in glänzenden Farben ſunkelnd, und drunten in dem ruhigen Strome doppelt wiederſcheinend. Auf einer der höchſten Klippen an einem Winkel des Fluſſes und den Strom nach oben und unten in beträchtlicher Strecke be⸗ herrſchend, ſtand Bouvigne; zwei große viereckige Thürme, über einer mit Zinnen verſehenen Mauer ſich erhebend, von Schießſcharten durchbrochen, ragten in den heitern Himmel empor; einer derſelben, höher als der andere, hatte oben ein Erkerthürmchen, aus deſſen Spitze ſeit⸗ wärts etwas gleich einem Balken hervorſtand. „Sehen Sie jenes Stück Holz dort?“ fragte Laura. —jjÿ444—— . 26 „Ja,“ erwiederte ich;„das iſt es eben, was ich auch betrachtet habe, und ich möchte gerne wiſſen, was es bedeutet?“ „Richten Sie Ihre Blicke tiefer„“ ſagte ſie,„und ſehen Sie, ob Sie nicht eine niedrige Mauer entdecken 1 können, die zwei Felsmaſſen mit einander verbindet; weit, weit unten: ſehen Sie's.“ „Ich ſehe einen gewölbten Thorweg mit etwas Epheu überwachſen.“ „So iſt's; das war der große Eingang ins Schloß; vor demſelben iſt der Graben— in den maſſiven Felſen gehauen, und ſo tief, daß das Waſſer der Maas fließt. Gut, wenn Sie nun noch einmal hinſehen wollen, ſo werden Sie finden, daß der große Balkon oben ge⸗ rade über dieſer Stelle hängt. Er war eines der rohen Vertheidigungsmittel jener Zeit, und diente vermittelſt eines eiſernen Korbes, der an ſeinem Ende hieng, dazu, daß er große Felſen und Steine auf die Belagerer her⸗ unterſchleuderte. Den Mechanismus, wodurch er zu⸗ rückbewegt und geladen wurde, kann man noch jetzt verfolgen; das Stück Seil, welches den Korb bei jeder Entladung öffnete, war noch vor wenigen Jahren dort. Eine ſeltſame, ungeſchlachte Abbildung des panier de mort, wie er in der Chronik heißt, können Sie in der alten Bibliothek in Nochepied ſehen.“ „Bei dieſen Worten hatten wir gerade das Ufer der Maas erreicht, und vor uns war ein hübſch gelegenes kleines Dorf, das, ſteil am Berge ſich hinziehend, eine bald höhere, bald niedrigere Häuſerreihe darbot, die alle dem Strom zugekehrt waren. Sie waren meiſtens mit Reben und Geisblatt bedeckt, und machten mit den maleriſchen Umriſſen des Giebels und Daches, mit den achteckigen Fenſterſcheiben und den ländlichen Vorhallen einen ſehr angenehmen Eindruck. „Als ich das Dörſchen näher betrachtete, gerieth ich bald auf den Gedanken, die Einwohner möchten nicht eben die beſten Reiter ſeyn: die kleinen Pfade, die ihr 27 Dorf durchſchnitten, waren nur für Fußgänger zugäng⸗ lich, und häufig Schritt für Schritt in den Felſen ge⸗ hauen, oder ſie bildeten rohe hölzerne Treppen, die hie und da über den Rand der Klippe herüberhiengen, ſo daß ſie alles, nur nicht verführeriſch waren; um ſo weniger, da ſie bei jedem Tritte zitterten und ſchwankten. Die Bauern ſchienen ſich aber wenig hierum zu beküm⸗ mern, denn wir ſahen manche, die ſich über das ge⸗ brechliche Gelaͤnder lehnten und die ungewohnte Erſchei⸗ nung zweier Geſtalten zu Pferd angafften, waͤhrend ich mich durch Zeichen und Geberden bemühte, ihnen be⸗ greiflich zu machen, daß wir überfahren wollten. Endlich bewegte ſich unter den Weiden des gegen⸗ überſtehenden Ufers ein ungeheures Floß hervor, und vermittelſt eines über den Strom geſpannten Seiles ge⸗ lang es zwei Männern, die große Plattform herüber⸗ zubringen. Wir führten unſere Pferde ſorgfältig am Zügel, beſtiegen das gebrechliche Fahrzeug und landeten in Bouvigne. Fünfzehntes Kapitel. Bouvigne. „Wäre es Ihnen jetzt vielleicht gefällig,“ ſprach Laura in dem leichten Tone, worin man um irgend einen Aufſchluß zu bitten pflegt,„mir zu ſagen, Herr O'Leary, was Sie hier eigentlich für Plane haben? denn bis zu dieſem Augenblick ſah ich nur, daß wir die Entfernung zwiſchen uns und Rochepied vermehren.“ „Ganz richtig,“ erwiederte ich;„aber Sie wiſſen, wir waren beide einverſtanden, daß wir unmöglich hof⸗ fen können, den Rückweg durch den Wald zu finden. Jeder Weg dort hat nicht nur ſeinen Bruder, ſondern eine ganze große Familie, und alles ſieht ſich ſo durch⸗ 28 aus gleich, daß man keinen von den andern unterſcheiden kann; wir könnten Wochenlang darin herumſtreichen, ohne uns herauszufinden.“ „Das weiß ich alles,“ verſetzte ſie etwas empfind⸗ lich,„indeſſen habe ich doch noch keine Antwort auf meine Frage: was gedenken Sie hier zu thun?“ „Vor allen Dingen,“ ſprach ich mit affektirter Be⸗ ſtimmtheit, als hätte ich ſchon lange meinen Entſchluß gefaßt;„vor allen Dingen ſpeiſen wir zu Mittag.“ Hier hielt ich inne, um zu hören, was ſie zu die⸗ ſem Theile meines Planes ſagen würde. Sie antwor⸗ föte mir mit einem kurzen Nicken, worauf ich fort⸗ uhr— „Nach dem Diner,“ ſagte ich,„werden wir Pferde und eine Kaleſche nach Rochepied nehmen, wenn man ſolche auftreiben kann.“ 8 „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, es gibt hier nichts dergleichen; man ſieht hier das ganze Jahr durch von Anfang bis zu Ende keinerlei Art von Wagen; und es iſt kein Pferd im ganzen Dorfe.“ „Dann iſt vielleicht ein Schloß in der Nähe, wo wir, wenn wir unſern Unfall erzählen——“ „O, das iſt ſehr einfach, inſoweit bloß Sie dabei betheiligt ſind,“ ſagte ſie mit trotzigem Lächeln;„aber ich möchte um keinen Preis, daß dieſes Abenteuer im ganzen Lande bekannt wird.“ 4 Ha! beim Jupiter, dachte ich, das iſt eine Erwä⸗ gung, die ich gänzlich überſehen habe; ich wurde ſtill, verſank in Gedanken und ſprach kein Wort mehr, als wir unſere Pferde den kleinen Felsweg nach dem„gol⸗ denen Vließ“ hinaufführten. Wenn wir dieſe kleine Herberge nicht bewunderten, lag die Schuld fürwahr mehr an uns ſelbſt, als daran, daß in dem kleinen Gaſthof irgend etwas gefehlt hätte. Auf einem felſigen Vorgebirge, am Fluſſe gelegen, war er eigentlich über den Strom gebaut; die Thüre ging auf denſelben hin⸗ aus, und man gelangte an ſie auf einer kleinen hölzer⸗ 29 nen Gallerie, auf der eine Reihe von Orange⸗ und Erd⸗ beerbäumen geſchmackvoll aufgeſtellt waren und die ganze Luft mit ihrem Wohlgeruch würzten. Als wir dahin gingen, konnten wir mehrere niedliche und ſogar ſchön ausgeſtattete Zimmer darinnen erblicken; beſonders ſiel uns ein Salon auf, wo Bücher und Muſikalien zer⸗ ſtreut auf den Tiſchen lagen, und einen lieblichen heim⸗ lichen Anblick gewährten. Weit entfernt, daß unſere Erſcheinung an einem ſo entlegenen und abgeſchloſſenen Orte das geringſte Erſtaunen erregte, empfingen uns ſowohl der Wirth als die Wirthin mit der vollkommenſten Freundlichkeit, ge⸗ miſcht mit einer herzlichen Zuvorkommenheit, die in dieſem Augenblick ſehr annehmbar war. „Wir wünſchen auf der Stelle zu diniren,“ ſagte ich, indem ich Laura einen Stuhl hinſtellte. „Und zu erfahren, wie wir nach Rochepied kommen können,“ fügte ſie hinzu;„unſere Pferde ſind müde und nicht im Stande, ſo weit zu gehen.“ „Was das Diner betrifft, Mademoiſelle, ſo iſt nichts leichter; aber um dieſen Abend noch——“ „Ei natürlich dieſen Abend noch— auf der Stelle.“ „Ah, ſehen Sie,“ ſagte er, in ſeiner Verwirrung ſich hinter den Ohren krazend;„an das ſind wir nicht gewöhnt. Die Leute bleiben gewöhnlich ein Paar Tage hier, manche eine ganze Woche, und bekommen dann Pferde von Dinant.“ „Eine ganze Woche hier;“ rief ſte aus,„und was um's Himmelswillen treiben ſie hier die Woche?“ „Ei, Mademoiſelle, da iſt das Schloß, das Schloß Philipps v. Bouvigne, und die terraſſirten Gärten auf dem Felſen— da iſt die Quelle von St. Sevres, und die Ile de Notre Dame aux bois— ferner iſt es prächtig, hier im Strome zu ſiſchen, eine Menge Fo⸗ rellen.“ „O prächtig,“ verſetzte ſie ungeduldig,„ich will 30 es glauben, aber wir möchten heute noch fortkommen; alſo ſorgen Sie dafür, wie ein Ehrenmann.“ „Gut,“ erwiederte er,„wir wollen ſehen, was zu machen iſt: vielleicht finde ich noch vor dem Diner Mit⸗ tel, Sie weiter zu befördern.“⸗ Damit verließ er das Zimmer, wo nun das Fräu⸗ lein und ich allein einander gegenüber ſaßen. Und hier erlaube man mir das Geſtändniß, nie war ein Mann in größerer Verlegenheit, als ich in dieſem Augenblicke, und ehe einer meiner jüngern und feurigern Brüder mich tadelt, ſo laſſe er mich wenigſtens meine Gründe zu meiner Vertheidigung vorbringen. Erſtens war ich es, der, wenn auch unabſichtlich, Fräulein Laura in ihre gegenwärtige Lage gebracht hatte; ohne mich und den verwünſchten Grauſchimmel wäre ſie in dieſem Augen⸗ blick vergnügt an der Seite des Grafen D'Espagne da⸗ hingaloppirt, ſeinen galanten Redensarten lauſchend und ſeine Huldigungen empfangend. Zweitens war ich theils aus Scham, theils aus Furcht, wenig geeignet, die Rolle zu ſpielen, die meine gegenwärtige Lage erfor⸗ derte: entweder mußte ich vollkommene Gleichgültigkeit und Ruhe zeigen, oder aber Gefühle von zarterer Na⸗ tur, die in der That meine hübſche Reiſegefährtin voll⸗ kommen gerechtfertigt hätte. „Nun,“ ſagte ſie nach einer bedeutenden Pauſe; „das iſt doch die lächerlichſte Klemme, in die ich je ge⸗ rathen bin. Was werden ſie im Schloſſe denken?“ „Wenn ſie ſahen, wie Ihr Pferd fortſchoß—— ⸗ „Natürlich ſahen ſie's,“ erwiederte ſie;„aber was konnten ſie thun? Der Graf D'Espagne reitet ſtets ein langſames Pferd, er konnte mich nicht einholen— ſo⸗ dann konnten die Maitres dem Grande Maitre nicht voraus reiten.“ 9„Was?“ rief ich erſtaunt;„ich verſtehe Sie nicht recht.“ „Und iſt doch ſo klar,“ verſetzte ſte;„aber ich ſehe, Sie kennen die in Flandern üblichen Jagdregeln nicht.“ 31 Darauf ließ fie ſich in eine umſtändliche Schilderung der Jagdgeſetze ein, worüber ich mehr als einmal in ſchallendes Gelächter ausbrach. Der Coder ſchien zu beſtimmen, daß kein Reiter, der den Hunden folgte, in Betreff des Platzes, den er auf der Jagd einnahm, dem Eigenſinn ſeines Pferdes oder der Kühnheit ſeines eige⸗ nen Ehrgeizes folgen ſollte. Es war keine momentane Ueberlegenheit der Geſchicklichkeit oder des Roſſes— keine Probe der Reitkunſt— kein Temperament, was dieſe gewichtige Frage entſchied. Nein, dieß wurde beim Beginn der Jagdzeit nach dauerhaftern, weit weniger ſchwankenden Grundſätzen feſtgeſtellt, wodurch als feſte Regel beſtimmt wurde, daß der Grand Maitre immer voraus reiten ſolle. Sein Pferd mochte ſchnell oder langſam gehen, ſein Platz war immer der erſte. Nach ihm kamen die Maitres, die in Scharlach gekleideten, die zu dieſem Koſtüm und zu dieſem Platze berechtigt waren, weil ſie einen doppelten Abonnementspreis be⸗ zahlt hatten; dagegen kamen die Aſpiranten in ihren grünen Gewändern zuletzt, weil ihr kleinerer Beitrag ihnen nur ſo viel von der Jagd zu ſehen erlaubte, als die reſpektvolle Ferne, in der ſie blieben, ihnen geſtattete; und ſo waren die bewunderungswürdigſten Vorſichts⸗ Maßregeln gegen jenes wilde Raſen getroffen, das bei unſern Jagden ſo gewöhnlich iſt. Da fand man keine verwegene Probe rückſichtsloſer Kühnheit— kein unge⸗ ſtümes Rennen, keine waghalſigen Reitkünſte; im Gegen⸗ theil, man ritt einen anſtändigen, ſtattlichen, kurzen Galopp, nicht hinter Hunden her, ſondern hinter einem paltlichen Herrn in einem rothen Rock, und mit einem ehernen Horn, der einen ruhigen Spazierritt machte, in dem ſüßen Wahne, er jage ein unbekanntes Thier. Wehe dem Manne, der die in der Prozeſſion ihm gebührende Stellung vergaß; eben ſo gut hätte er vor dem Wirthe zum Diner gehen können, unter dem Vor⸗ wand, er ſey ein flinkerer Fußgänger. Außerdem gab es noch eine Menge untergeordneter Regeln ohne Ende . 32 — gewiſſe Töne auf dem Jagdhorn waren das aus⸗ ſchließliche Vorrecht des Gnand Maitre; und ſo hatten die Maitres ebenfalls ihre eigenen, an die ſich kein Aſpi⸗ rant wagen durfte. Es gab Triller für den einen und Halbtriller für den andern; kurz es war ein hoͤchſt ver⸗ wickeltes Geſetzgebungsſyſtem, das ſich auf jedes Vor⸗ kommniß und, wie ich glaube, auf jeden Zufall der Jagd bezog, ſo zwar, daß ich mich nicht recht mehr erinnern kann, ob die unglücklichen Aſpiranten nicht darauf beſchränkt waren, in einer beſtimmten Richtung herunterzufallen, was gewiß ein Zug von Tyrannei ge⸗ weſen wäre, in Anbetracht, daß ſie nur Menſchen und noch dazu Belgier waren. „Dieß alles könnte ſehr albern und ſehr fabelhaft erſcheinen, wenn ich es aus einem frübern Jahrhunderte erzählte; aber wenn ich verſichere, daß der Codex noch immer exiſtirt, noch jetzt, im Gnadenjahre— 44,“ was wird man dann in Melton oder Grantham dazu ſagen? Sie können ſich alſo einen Begriff machen,“ ſagte Laura, als ſie ihre mit viel Humor gegebene Schilderung ſchloß, „wie mannigfaltig heute Ihre Uebertretungen geweſen ſind; Sie haben ſich mit Einem Schlage gegen den Grand Maitre, die Maitres und die Aſpiranten ver⸗ gangen; Sie haben die ganze„Ordnung ihres Ganges⸗ verletzt.“ „Und bin mit der Schönen des Schloſſes davon⸗ gerannt,“ fügte ich hinzu,„pour comble de hardiesse.“ Sie ſchien indeſſen an meinem Scherze keinen Ge⸗ fallen zu finden und ſchüttelte ein wenig mit dem Kopfe, 5 als ob ſie ſagen wollte— „Sie find noch nicht aus dieſer Klemme.“ So ſchwatzten wir über dem Eſſen, das wirklich vortrefflich war; die Lobrede des Wirths auf die Maas⸗ forellen fand ſich trefflich beſtätigt durch die wirklichen Vorzüge derſelben; auch brachte ſeine Flaſche Haut⸗ Brion ſeinem Keller keine Schande. Indeſſen zeigte ſich noch im mer keine Spur von Vorbereitung zu unſerer 33 Abreiſe; und obgleich ich ſelbſt, um die Wahrheit zu ſagen, mich ganz leicht, im Nothfall für eine ganze Woche mit der Unſtattlichkeit des goldenen Vließes hätte ausſöhnen können, ſo wurde hingegen Laura jeden Au⸗ genblick ungeduldiger und ſie ſagte: „ Sehen Sie, ob Sie irgend etwas von einem Wagen oder auch nur Pferde auftreiben; wir können reiten, wenn Sie uns nur Thiere verſchaffen.“ Als ich in die kleine Küche der Herberge trat, fand ich meinen Wirth behaglich auf einem geflochtenen Stuhl ausgeſtreckt, umgeben von einer kleinen Atmo⸗ ſphäre von Rauch, durch die ſein großes rundes Geſicht blickte, gleich dem Mond in den grotesken Kupferſtichen, die man in alten Buchſtabirbüchern ſieht. Weit entfernt, ſich irgend welche unnöthige Mühe wegen unſerer Ab⸗ reiſe zu geben, hatte er ſich nie über die Grenzen der Stube hinausgewagt, ſondern begnügte ſich mit einem heilſamen Monolog über die Unmöglichkeit, unſere Wünſche zu erfüllen und mit jenem großen flämiſchen Troſte, daß uns, wie ſehr wir auch anfangs toben möchten, am Ende die Zeit ſchon beruhigen werde. Nach einer fruchtloſen Frage, was wohl anzufangen ſey, erkundigte ich mich, ob in der Nachbarſchaft keim Schloß ſey, wo man Pferde entlehnen könnte. Er antwortete:„Nein, meilenweit in der Runde kein einziges.“ „Iſt kein Maire in dem Dorfe— wo iſt er 2“ „Ich bin der Maire,“ erwiederte er mit ſelbſtbe⸗ wußter Würde. Ach! dachte ich, da mir der Beamte von Givet einfiel, warum dachte ich nicht daran, daß der Maire immer der dümmſte aus der ganzen Gemeinde iſt. „Dann meine ich,“ ſagte ich nach kurzem Schwei⸗ gen,„es wäre am beſten wir beſuchten ſogleich den Pfarrer.“ Lever, O'Leary. II. 3 34 „Dieß dachte ich auch,“ lautete die gewichtige⸗ Antwort. Ohne mir den Kopf darüber zu zerbrechen, warum er dieß gedacht habe, bat ich, dem Pfarrer zu melden, daß ein Herr in der Herberge ihn einige Minuten zu ſprechen wuͤnſche. tin „Wahrſcheinlich den Père Joſé?“ fragte der Wirth bedeutungsvoll. 9 „Ganz gut,“ erwiederte ich,„Joſé oder Pierre, es gilt mir gleichviel.“ „Er wartet ſchon eine halbe Stunde hier,“ ſprach der Wirth, indem er mit ſeinem Daumen auf einen kleinen Salon neben der Küche deutete. „Wirllich?“ rief ich,„welch' eine höfliche Aufmerk⸗ ſamkeit; ich bin wirklich ſehr dankbar.“ Damit öffnete ich, ohne noch einen Augenblick zu verlieren, die Thüre, und trat ein. Der Pore Joſé war ein kurzer, röthlicher, ſchlau ausſehender Mann von ungefähr fünfzig Jahren, ge⸗ kleidet in die Amtstracht eines flämiſchen Prieſters, die durch Zeit und Gebrauch viel von ihrer urſprüng⸗ lichen Friſche verloren hatte. Er hatte kaum Zeit, eine ungeheure Serviette abzunehmen, die er ſich, während er vor einem großen Gericht Gemüsſuppe ſeine Andacht verrichtete, um den Hals gebunden hatte, als ich ihm meine Verbeugung machte. „Der Pore Joſé, wie ich glaube,“ ſagte ich, indem ich meinen Sitz ihm gegenüber nahm. „Dieſer unwüͤrdige Prieſter!“ erwiederte er, indem er ſich den Mund abwiſchte und mit einem nicht ganz andächtigen Ausdruck ſeine Augen aufriß. „Pore Joſé,“ fuhr ich fort,„eine junge Dame und ich ſelbſt, die wir ſo eben mit müden Pferden ange⸗ kommen ſind, bedürfen Ihres gütigen Beiſtandes.“ Er drückte mir ſanft die Hand, als wollte er mich verſichern, daß ich mich in meinem Manne nicht getäuſcht, und ich ſprach weiter:„Wir müſſen dieſen Abend noch nach 3⁵ Rochepied; werden Sie uns nun in dieſem Falle noch behülflich ſeyn? Wir ſind hier gänzlich fremd.“ „Schon gut!“ ſagte er.„Es thut mir leid, daß Sie in Ihrer Zeit ſo gedrängt ſind. Es iſt hier ein lieblicher kleiner Ort für einen Aufenthalt von einigen Tagen. Aber wenn es nicht ſeyn kann,“ ſagte er,„ſo ſoll Ihnen jede in meiner Macht ſtehende Hülfe werden. Ich werde zu Poil de Vache ſchicken, ob er vielleicht ſeinen Mauleſel und Karren hergibt. Sie werden ſich nicht viel daraus machen, wenn Sie ein wenig geſchüttelt werden,“ ſagte er lächelnd. „Wir ſind nicht in der Lage, Vater heikel zu ſeyn, und die Dame iſt eine vortreffliche Reiſende.“ „Der Mauleſel iſt ein gutes Thier und wird Sie in drei Stunden hinbringen, oder auch noch früher.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich nieder und ſchrieb einige Zeilen auf ein Stück Papier, womit er einen Jungen aus der Herberge abſchickte, mit dem Auftrag, ſich möglichſt zu eilen.„Und nun, mein Herr, iſt es mir vielleicht erlaubt, dem Fräulein meine Aufwartung zu machen.“ „Ei gewiß, Pere Joſeé, ſie wird ſich außerordentlich freuen, mit meinem Dank für den Dienſt, den Sie uns erwieſen, auch den ihrigen zu verbinden.“ „Sagen Sie lieber, für den Dienſt, den ich im Begriffe bin, Ihnen zu erweiſen,“ verſetzte er lächelnd. „Der Wille, Vater, iſt die halbe That.“ „Ein gutes, altes Sprichwort,“ entgegnete er, wäh⸗ rend er anfing, ſein Gewand in Ordnung zu bringen und ſich ſo vorſtellbar zu machen, als die Natur ſeines Koſtüms geſtattete. „Das iſt ſchnell mit Ihnen gegangen““ ſagte er, indem er ſeine wenigen Locken auf ſein Haupt zurückſtrich. „Ja freilich, Vater, es war ein ganz gehöriges Ausreißen.“ 4 3* „Ich dachte mir ſo was,“ verſetzte er.„Ich ſagte es gleich, ſobald ich Sie an der Fähre ſah.“ Der Pater iſt kein ſchlechter Kenner von Pferde⸗ fleiſch, dachte ich, daß er den Zuſtand unſerer Thiere in ſolcher Entfernung entdeckte. „Da kommt etwas für mich,“ ſagte ich zu Madam Guyon.„Sehen Sie dort! ſchauen Sie, wie ihre Thiere ſchnaufen! ſie haben keine Zeit verloren und werden auch keine verlieren wollen;“ damit zog ich meinen Chorrock an und kam hieher. „Wie klug von Ihnen, Vater, Sie ſahen, daß wir Hülfe brauchten.“ Natürlich ſah ich's,“ ſprach er, aus vollem Halſe lachend.„Natürlich ſah ich's. Der alte Gregoire hier iſt ſo dumm und träge, daß ich ſelbſt ein ſcharfes Auge haben muß. Aber er iſt der Maire und man kann keinen Streit mit ihm anfangen.“ „Ganz wahr,“ ſagte ich.„Ein Beamter hat hun⸗ dert Gelegenheiten, Gefälligkeiten zu erzeigen, oder das Gegentheil zu thun.“ „So iſt es allerdings,“ verſetzte der Pére.„Ohne ihn hätten wir kein Geſetz auf unſerer Seite. Es ginge ſonſt alles sous la cheminée, wie man ſagt.“ Der Ausdruck war mir neu und ich dachte, der gute Prieſter meine, daß ohne die Obrigkeit die Achtung für die Geſetze„im Kamin läge.“ „Und nun, wenn Sie mir erlauben, wollen wir der Dame unſere Aufwartung machen,“ ſagte der Père Joſé, als er endlich mit ſeiner Toilette zufrieden war. Nachdem die Zeremonie der Vorſtellung des Pere vorüber war, unterrichtete ich Laura von ſeiner großen Gefälligfeit gegen uns und von der Mühe, die er ſich gegeben habe, eine Equipage für uns zu beſorgen. „Ich fürchte aber, eine traurige Mademoiſelle,“ verſetzte er mit einer Verbeugung.„Indeſſen glaube ich, es gibt wenig Umſtände im Leben, wy man bereit⸗ williger iſt, etwas zu ertragen.“ 37 „Alſo hat Ihnen der Herr unſere Lage auseinander geſetzt,“ ſagte Laura, halb erröthend über das alberne Abenteuer. „Alles, meine theure junge Dame, Alles. Machen Sie ſich indeſſen keinen Kummer darüber. Es vergeht kaum ein Tag, wo ich nicht ſeltſamere Geſchichten höre.“ „Verſuchen Sie dieſen Haut⸗Brion, Vater,“ ſagte ich, indem ich der Unterhaltung eine andere Wendung geben wollte, da ich Laura in Verlegenheit ſah,„und ſagen Sie mir Ihre Meinung darüber. Nach meinem Geſchmack iſt er vortrefflich.“ „Und Ihr Geſchmack iſt in mehr als dieſer Hinſicht tadellos,“ ſagte der Pere mit einem bedeutungsvollen Blicke, der zum Glücke von dem Fräulein nicht bemerkt wurde. Daß ihn der Blitz, ſagte ich bei mir ſelbſt, ich muß einen andern Weg verſuchen.„Pere Jeſé, wir haben, als wir dieſen maleriſchen Fluß entlang kamen, das Schloß Bouvigne bemerkt— das muß zu ſeiner Zeit ein hübſches Ding geweſen ſeyn.“ g„Sie kennen vermuthlich die Geſchichte?“ fragte der dre. .„Mademoiſelle hat ſie mir unterwegs erzählt, und in der That, ich bin höchſt geſpannt auf den Ausgang.“ „Der war traurig,“ ſagte er langſam.„Ich werde Ihnen den Ort zeigen, wo Heinrich fiel— den Stein, der die Stelle bezeichnet.“ „O Pere Joſé,“ ſagte Laura,„ich muß Sie un⸗ terbrechen— in der That, das muß ich— fonſt kommt meine Erzählung um ihr ganzes Intereſſe. Sie ver⸗ geſſen, daß der Herr dieſe Geſchichte noch nicht bis zu Ende gehört hat.“ „Ah! ma foi, ich bitte um Verzeihung— tauſend⸗ mal um Verzeihung: Mademoiſelle kennt alſo Bouvigne?“ „Ich bin ſchon früher einmal hier geweſen, aber nur ein Stück von einem Morgen. Ich habe nichts ge⸗ ſehen, als den äußern Hof des Schloſſes, und den„Ver⸗ räther⸗Graben.“ „So, ſo; Sie kennen ſchon alles, wie ich ſehe,“ ſagte er ſchmunzelnd.„Sind Sie nicht zu müde für einen ſo weiten Spaziergang?“ „Haben wir Zeit genug?“ fragte Laura:„Das iſt die Frage.“ „Zeit im Ueberfluß. Jocot kann höchſtens in einer Stunde hier ſeyn, und wenn Sie mir erlauben, ſo will ich, bevor wir gehen, alle nöthigen Anordnungen treffen, ſo daß Sie bei Ihrer Rückkehr keine zehn Minuten auf⸗ gehalten werden.“ Während Laura nach ihrem Hute ſuchte, ſtattete ich dem gefälligen Vater für alle ſeine Gutmüthigkeit nochmals meinen Dank ab, und ſagte ihm, wie ſehr ich mich nach einer Gelegenheit zur Wiedervergeltung ſehne. „Seyen Sie glücklich,“ ſagte der gute Mann, zaͤrt⸗ lich meine Hand drückend;„damit können Sie mir am Beſten lohnen.“ „Es würde nicht ſchwer ſeyn, dieſen Wunſch in Ihrer Geſellſchaft zu erfüllen, Pére Joſé,“ verſetzte ich, von dem herzlichen Weſen des alten Mannes über⸗ wältigt. „Ich habe wirklich ſchon viele glücklich gemacht,“ ſagte er.„Die fünf und dreißig Jahre, die ich in Bou⸗ vigne zugebracht, ſind nicht ohne Früchte geblieben.“ Jetzt kam Laura wieder und wir ſchlugen zuſammen den Weg nach dem Schloſſe ein. Der Prieſter erzählte unterwegs fortwährend von den merkwürdigen Zügen des Ortes, von den Ueberbleibſeln ſeiner alten Größe und von der maleriſchen Schönheit ſeiner Lage. Als wir den ſteilen Pfad hinaufſtiegen, der in den feſten Felſen gehauen nach dem Schloſſe führt, ſammel⸗ ten ſich Gruppen von hübſchen Kindern um uns, boten uns Sträuße dar und ſtreuten uns ſogar Blumen auf den Pfad. Dieſer einfache Akt ländlicher Höflichkeit machte auf uns beide einen ſtarken Eindruck, und wir 39 konnten uns einer Rührung über die Anmuth und Deli⸗ kateſſe der Kleinen, die davon trippelten, ehe wir ſie belohnen konnten, nicht erwehren; auch konnte ich nicht unterlaſſen, Laura auf das vollkommene Einverſtändniß aufmerkſam zu machen, das zwiſchen Pere Joſé und ſeinen Pfarr⸗Kindern zu beſtehen ſchien— auf die väter⸗ liche Zärtlichkeit von der einen Seite und die kindliche Verehrung von der andern. Während dieſer Unterhal⸗ tung kamen wir in's Angeſicht eines großen, gewölbten Thorwegs in einem Zwiſchenwall, der zwei maſſive Fels⸗ blöcke mit einander verband. Davor lag ein tiefer Graben, durchſchnitten von einem ſchmalen Damme, der kaum für eine einzige Perſon breit genug war. Unter uns verbarg Schilf und Epheu den dunkeln Abgrund, der volle achtzig Fuß tief war. „Sehen Sie jetzt auf,“ ſagte Laura,„Sie müſſen die Züge dieſer Stelle im Gedächtniß behalten, um die Geſchichte zu verſtehen. Vergeſſen Sie nicht, wo dieſer Balken hervorragt— merken Sie wohl?“ „Vom Thurm aus wird er ihn beſſer ſehen können,“ ſagte der Pore.„Soll ich Ihnen hinüberhelfen?“ Laura jedoch betrat ohne alle Hülfe den ſchmalen Pfad und eilte die ſteilen, vom Zahn der Zeit benagten Treppen des alten Thurmes hinan. Als wir auf die Zinnen hinauf kamen, blieben wir einen Augenblick ſtehen, überwältigt von dem Glanz der Ausſicht. Eine meilen⸗ weite reiche Landſchaft lag unter uns, in den rothen, braunen und goldnen Farben des Herbſtes ſchimmernd, — in jener prächtigen Livree, die das Jahr anzieht, ehe es den traurig gefärbten Mantel des Winters um⸗ legt. Auch der große Wald war da und dort mit jenem Lichtbraun, dem Vorläufer einer ſtrengern Jahreszeit, gefärbt, während der Fluß jede Tinte in ſeinem ruhigen Gewäſſer widerſpiegelte, als ob auch er mit den ihn ringsumgebenden Wechſeln ſympathiſiren wellte. Während der Pare fortfuhr, in der weiten Ebene jeden merkwurdigen Platz anzudeuten und in ſeine Be⸗ —— 4⁰ ſchreibungen einige antiquariſche oder hiſtoriſche Lehren mit einfließen ließ, machte ſeine innige Bekanntſchaft mit allen Zügen der Oertlichkeit unſere Verwunderung rege, und wir konnten nicht umhin, ihm darüber unſer Kompliment zu machen. 4 „Ja, ma foi,“ ſagte er,„ich kenne jeden Fels und jede Spalte, jeden alten Baum und jeden Bach meilen⸗ weit in der Runde. Während der langen Zeit, die ich hier verlebt, habe ich jeden Tag mit dem einen oder andern Reiſenden dieſe Scenen geſehen; und obgleich diejenigen, die uns hier beſuchen, nicht ſonderlich viel Sinn für das Maleriſche haben, ſo bleiben doch nur wenige von dieſem friedlichen und lieblichen Thale unge⸗ rührt. Sie haben ſchwerlich eine Ahnung davon, Made⸗ moiſelle, wie viele in dieſen fünfunddreißig Jahren hier durch meine Hände gegangen ſind. Ich halie ein Ver⸗ zeichniß über ihre Namen und muß Sie bitten, auch den Ihrigen gefälligſt einzutragen.“ Laura erröthete über den Vorſchlag, wodurch ihr Mißgeſchick dem Gedächtniß überliefert werden ſollte; während ich davon murmelte, daß wir bloß durchreiſende Fremde und im Lande gänzlich unbekannt ſeyen. „Das thut nichts zur Sache,“ verſetzte der uner⸗ bittliche Vater.„Ich will Ihre Namen haben, und zwar Ihre Handſchrift!“ „Die Sonne ſcheint ſehr niedrig,“ ſagte Laura, nach Weſten deutend, wo bereits ein Glanz rothen gol⸗ denen Lichtes üver den Horizont ſich ergoß:„ich meine, wir müſſen unſere Abreiſe beſchleunigen.“ „So folgen Sie mir,“ ſagte der Pere,„ich werde Sie einen leichtern Pfad führen, als den wir heraufge⸗ kommen ſind.“ Damit ſchloß er eine kleine Thüre in dem Zwiſchenwall auf und führte uns über einen nied⸗ lich geſchorenen Grasplatz an ein kleines Außenwerk, wo er noch eine Thüre aufſchloß, durch die wir eine Flucht von Steintreppen hinab in einen kleinen, auf dem kah⸗ len Fels angelegten Garten ſtiegen. Die Anlage deſſelben 41 muß unermeßliche Mübe gekoſtet haben, da jede Schaufel voll Erde aus der Ebene hinaufgebracht wurde, und doch ſtanden Fruchtbäume und Blumen, Stauden und Pflanzen da, und in der Mitte ein kleiner Springbrun⸗ nen, der uns bei unſerm Eintritt mit ſeinem erfriſchen⸗ den Plätſchern magiſch zu begrüßen ſchien. Eine kleine Bank, von der man auf den Fluß eine verſchiedene Aus⸗ ſicht hatte, lud uns ein, einen Augenblick niederzuſitzen. In der That führte uns jede Biegung des Weges durch irgend eine neue Schönheit und wir hätten Stunden⸗ lang fortſchlendern können. Was mich betraf, ſo war ich, uneingedenk der Vergangenheit und unbekümmert um die Zukunft, ganz in den Genuß des Augenblicks verſunken, und Laura ſelbſt ſchien durch den Punkt ſo bezaubert, daß ſie ſchweigend die ruhige Scene betrachtete und augenſcheinlich in wonnige Träumerei verſunken war. Ein leiſer, ſchwacher Seufzer entwiſchte ihr, während ſie die Scene betrachtete; und ich glaubte eine zitternde Bewegung ihres Augenlides zu ſehen, als ob eine Thräne darin kämpfte: mein Herz ſchlug mächtig an meine Seite. Ich kehrte mich um, um zu ſehen, wo der Pore ſey. Er war fort. Ich ſchaute mich noch einmal um und ſah ihn auf einer Felsſpitze tief unter uns ſteben und mit ſeinem Sacktuche winken, als ob er Je⸗ mand in dem Thale ein Signal geben wolle. Nie war ein Sterblicher in einer ſolchen Lage wie ich. Ich ließ meine Hand gleichgültig über die Bank hin gleiten, bis ſie die ihrige erreichte, aber ſte zog ſie nicht zurück— nein, ihre Seele ſchien ganz in Betrachtungen vertieft. Ihr Profil hatte ich bisher noch nie geſehen, und fuͤr⸗ wahr, es war ſehr ſchön. Alle Lebhaftigkeit ihres Tem⸗ peraments war durch das Gefühl des Augenblicks ge⸗ dämpft, ſo daß ihre Züge jenen Charakter der Milde und Lieblichkeit hatten, der ihr allein noch zu feh'en ſchien, um ihre Schönheit vollkommen zu machen. Ich wünſchte zu ſprechen, und konnte nicht. Ich fuͤhlte, daß ich, wenn ich hätte wagen können„Laura“ zu ſagen, ——————Iſſſͤſͤſͤſͤſͤſſ— 42 nachher immer tapferer weiter gegangen wäre— aber es wollte nicht kommen. Das Amen blieb mir in der Kehle ſtecken. Zweimal hatte ich den Weg ſchon halb gemacht, und zweimal deckte ich meinen Rückzug durch ein kurzes Huſten. Man denke nur, welch eine Verän⸗ derung in meinem Geſchick eine Sylbe mehr hervor⸗ gebracht hätte! Gerade als mein zweiter Verſuch frucht⸗ los endete, geſchah es, daß eine köſtliche Muſtk vom Thale herauf ſcholl und durch die Luft wogte— ein Chor von jungen Stimmen, die eine Hymne zu ſingen ſchienen. Nie gab es etwas Bezaubernderes. Die Töne, gemildert, da ſie in die Höhe ſtiegen, glichen faſt einem Seraphs⸗Geſang— der bald die Seele zu hohen und heiligen Gedanken erhebt— bald mit wonnigſtem Ent⸗ zücken das Herz durchdringt. Endlich hörten ſie auf, die letzten Töne ſchwanden leiſe dahin und alles war ſtill— wir wagten uns nicht zu regen— als Laura ſanft meine Hand berührte und ſtüſterte:— „Horcht! Da iſt es wieder:“ und in dieſem Augen⸗ blick ertönten die Stimmen, aber in fröhlicherem Takte. Es war eine jener ſüßen ländlichen Melodien, die das leichte Herz und das einfache Leben der Hütte athmen. Die Worte kamen näher und näher an unſere Ohren und endlich konnte ich den Refrain verſtehen, womit jeder Vers ſchloß: „Puisque l'herbe et la fleur parlent mieux que les mots, Puisque un aveu d'amour s'exhale de la rose, Que le'ne m'oublie pas de souvenir s'arrose, Que le laurier dit Glorie! et cyprés sanglots.“ (Die Pflanze, die Blume ſpricht beſſer als Worte:— Ein Liebesgeſtändniß entduftet der Roſe, Das Vergißmeinnicht glänzt vom Thau der Erinnerung, Der Lorbeer ſpricht Glorie! es ſeufzt die Cypreſſe.) Endlich öffnete ſich langſam die Pforte des Gartens, und ein kleiner Zug junger Mädchen, alle weiß gekleidet, 4³ mit weißen Roſen in den Haaren und Sträußen in den Händen, traten herein und bewegten ſich mit feierlichem Schritte vorwärts. Wir betrachteten ſie aufmerkſam und glaubten, ſie feierten irgend ein kleines frommes Pilger⸗ feſt, als ſie zu unſerm Erſtannen ſich uns näherten, mit leichter Verbeugung ihre Sträͤuße zu Laura's Füßen fallen ließen und als ſie an ihr vorübergingen, in leiſer Stimme fluſterten—„Moͤgeſt Du ſtets auf Blumen wandeln.“ Ehe wir unſere Verwunderung und unſer Staunen über dieſe rührende Scene ausſprechen konnten, denn rührend war ſie bei all' ihrer Einfachheit, ſo waren ſie fort, und die letzten Töne ihres Geſanges erſtarben in der Ferne. „Wie ſchön, wie wahrhaft ſchön,“ ſprach Laura; nich werde dieß nie vergeſſen.“ „Auch ich nicht,“ verſetzte ich, indem ich einen ver⸗ zweifelten Verſuch zu irgend einem Geſtändniß machte, das jedoch durch die Erſcheinung des Pore ſogleich ver⸗ ſcheucht wurde. Er hatte ſo eben den Jungen geſehen, der mit dem Mauleſel und Karren das Ufer entlang zu⸗ rückkehrte, und meldete uns, daß wir jetzt wohl daran thäten, hinabzugehen. „Es wird wirklich ſehr ſpät werden, ehe wir Dinant erreichen; wir werden kaum vor Mitternacht hinkommen. „O, Sie werden viel früher dort ſeyn; es iſt jetzt ſechs vorüber; in weniger als zehn Minuten können Sie unterwegs ſeyn. Ich werde Sie nicht lange auf⸗ halten.“ „Ah, dachte ich, der gute Vater träͤumt noch immer von ſeinem Album; wir müſſen ihm den Gefallen thun, am Ende doch nur eine armſelige Vergeltung für ſeine Gefälligkeit. Als wir in das Geſellſchaftszimmer des Goldenen Vließes traten, fanden wir den Wirth in ſeinem vollen Sonntagsſtaat, mit einer lichtbraunen Perücke und him⸗ melblauen Strümpfen unſere Ankunft erwartend. Auch die Wirthin ſtand an der andern Seite der Thure in vollem Glanze eines großen, gepolſterten Ueberrocks und einer Haube, deren Ohren halbwegs bis auf ihre Taille hinabreichten. Auf den Tiſchen mitten im Zim⸗ mer ſtanden zwei Wachskerzen von jener rieſenhaften Größe, wie wir ſie in den Kapellen ſehen. Zwiſchen denſelben lag ein großes, offenes Buch, das ich auf den erſten Blick für das Album des Prieſters hielt. Da ich nicht begreifen konnte, was die Anweſenheit des Wirthes und der Wirthin zu bedeuten habe, ſo warf ich einen fragenden Blick auf den Poͤre, der ſchnell flüſterte— „O, weiter nichts; ſie ſind blos die Zeugen.“ Ich konnte nicht umhin, über die Idee dieſer Förm⸗ lichkeit laut aufzulachen und auch Laura konnte ſich nicht halten, als ich ihr erklärte, zu welchem Zwecke ſie ge⸗ kommen ſeyen. Inzwiſchen verſtrich die Zeit— das Ge⸗ klingel der Glocken an dem Geſchirre des Mauleſels verkündigte uns, daß die Equipage auf uns warte; ich tauchte daher die Feder in die Tinte und reichte ſie Laura dar. „Ich wünſchte, er erließe mir dieſe Zeremonie,“ ſagte ſie zurückhaltend;„ich bin ſchon beſchämt genug. „Was ſagt Mademoiſelle?“ fragte der Père, da ſie Engliſch ſprach. Ich überſetzte ihre Bemerkung, als er einfie!— „O, Sie müſſen ſich dazu verſtehen; es iſt nur eine Förmlichkeit, aber doch fügt ſich Jedermann darein.“ „Nun, nun,“ ſagte ich auf Engliſch;„geben Sie dem alten Manne nich; er iſt augenſcheinlich auf dieſe Grille verſeſſen; laſſen wir ihn nicht mit getäuſchter Hoffnung zurück.“ 4 „So ſey es denn,“ ſprach ſie;„aber auf Ihrem Haupte, Herr O'Leary, ruhet die ganze Schuld der Un⸗ beſonnenheit dieſes Tages:“ und mit dieſen Worten nahm ſte die Feder und ſchrieb ihren Namen, Laura Alicia Muddleton. „Jetzt iſt alſo die Reihe an mir,“ ſagte ich vor⸗ 45 tretend; aber der Pere nahm ihr die Feder aus den Fin⸗ gern und trocknete ſorgfältig ihre Handſchrift mit einem Stück Löſchpapier. „Auf dieſer Seite, mein Herr,“ ſagte er, indem er das Blatt umſchlug;„wie Sie ſehen, betreiben wir alles auf ordentliche Weiſe; ſetzen Sie Ihren Namen hieher, mit dem Datum und Wochentag.“ „Iſt es recht ſo,“ fragte ich, indem ich ihm das Buch zuſtieß, wo gewiß die unſcheinbarſte Probe von Kalligraphie, die der Band enthielt, jetzt zu ſchauen war. „Welch' ein drolliger Name!“ ſagte der Prieſter, indem er ihn durch ſeine Brille betrachtete.„Wie ſpre⸗ chen Sie ihn aus?“ „Während ich mich bemühte, den Vater in das Ge⸗ heimniß meines iriſchen Namens einzuweihen, hatten ſo⸗ wohl der Maire als die Mairin auf jeder Seite ihre Un⸗ terſchrift beigefügt. „Nun jetzt meine ich, können wir endlich aufbre⸗ chen,“ ſagte Laura,„es wird ſehr ſpät.“ „Ja,“ verſetzte ich laut;„wir müſſen uns jetzt auf den Weg machen; hier hält uns, glaube ich, nichts mehr auf, Père Joſé?“ „Doch, freilich,“ ſagte er lachend—— Aber im gleichen Augenblick hörte man von außen her galoppirende Pferde und raſſelnde Räder, und auf der Straße fuhr ein Wagen vor— die Tritte fielen klirrend nieder— mehrere Perſonen rannten die kleine Gallerie daher, ſo daß das Haus unter ihren Tritten erzitterte. Die Thüre des Salons flog jetzt weit auf, und herein ſtürzte Oberſt Muddleton, gefolgt vom, Grafen, vom Abbe und einer ältlichen Dame. „Wo iſt er?“—„Wo iſt ſie?“—„Wo iſt er?“ —„Wo iſt ſie, er?—„Wo ſind ſie?“ ſchrien ſie ver⸗ worren untereinander. „Laura, Laura,“ rief der alte Oberſt, ſeine Tochter in die Arme ſchließend,„dies hätte ich nicht von Dir erwartet,“ 46 „Herr O'Leary, Sie ſind ein——“ Ehe der Graf ausſprechen konnte, trat der Abbe zwiſchen uns und ſagte:— 3 „Nein, nein! es kann noch alles ausgeglichen wer⸗ den. Sagen Sie mir mit Einem Wort, iſt es vorbei?“ „Was vorbei?“ fragte ich in einem Zuſtand, der zwei Grade ſchlimmer war als Wahnſinn;„was vorbei?“ „Sind Sie verheirathet?“ flüſterte er. „Nein: bewahre der Himmel— keine Idee davon“. „O der Elende!“ ſchrie die alte Dame und fiel in ſtarken Krämpfen auf das Sopha. „Es iſt eine ſchlimme Geſchichte,“ ſagte der Abbe mit leiſer Stimme;„hören Sie meinen Rath— machen Sie den Vorſchlag, ſie auf der Stelle zu heirathen.“ „Ja Parbleu!“ ſprach der kleine Graf, trotzig ſeinen Schnurrbart drehend;„hier iſt nur Eine Wahl.“ Aber jetzt, obgleich unzweifelhaft erſt vor einer hal⸗ ben Stunde, als ich neben der liebenswürdigen Laura im Schloßgarten ſaß, ein ſolcher Gedanke mich mit Ent⸗ zücken erfuͤllt hätte, jetzt, ſage ich, erregte derſelbe Vor⸗ ſchlag, begleitet mit einer Drohung, meinen ganzen Un⸗ willen und Widerſtand. „Nur kein Zwang,“ ſagte Sir John; und gewiß, es lag Vernunft in dieſen Worten. Aber bevor ich antworten konnte, waren aller Augen auf Laura ſelbſt gerichtet, die anfänglich ſo heftig ge⸗ lacht hatte, daß ſie jetzt hyſteriſch wurde und gar nicht aufhören wollte, abwechſelnd zu lachen und zu ſchreien. Die alte Lady ſetzte zugleich ihre Manipulationen mit einem Leuchter auf einem eichenen Tiſche fort, und der Oberſt ſchrie, ſo laut er konnte, nach verſchiedenen, nicht vorhandenen Mitteln, ſo daß die Scene alles war, nur keine anſtändige. Der Abbe, der allein noch bei geſundem Verſtand ſchien, hatte aus Leibeskräften den kleinen Grafen abzuwehren, der mich ſonſt mit eigenen Händen erwürgt hätte— dieß ließen wenigſtens ſeine heſtigen Geberden befürchten. Was den Prieſter und den Maire und die 47 Mairin betrifft, ſo hatten ſie alle ſchon lange die Flucht ergriffen. Ich hatte jetzt nur noch eine Wahl, nämlich ebenfalls zu fliehen. Man konnte nicht wiſſen, zu wel⸗ chem Aeußerſten der Graf durch ſeine gegenwärtige Auf⸗ regung fortgeriſſen werden könnte. Es war klar, ſie litten alle an einer Selbſttäuſchung, worüber im gegen⸗ wärtigen Augenblicke nichts ſie aufklaren konnte. Ein Wink vom Abbe und eine Bewegung gegen die offene Thüre wirkten entſcheidend auf meinen ſchwankenden Entſchluß. Ich rannte hinaus über die Gallerie und die Straße hinab, ohne zu wiſſen oder mich zu kümmern, wohin. Ich könnte ebenſo gut verſuchen, die Aufregungen meines faſelnden Geiſtes im erſten Fieber meiner Kind⸗ heit zu beſchreiben, als irgend einen Begriff davon zu geben, was in den nächſten zwei Stunden in meinem Gehirne vorging. Ich ſaß auf einem Felſen neben dem Fluſſe, vergeblich mich bemühend, meine zerſtreuten Ge⸗ danken zu ſammeln, die mir nichts vorführten, als ein wildes Chaos von einem Walde und einem Kreuzfahrer, von einem Prieſter und einer Dame, von Kalbskoteletten und Muſik, von einem dicken Buche, einer alten Dame mit Krämpfen und einem Manne in himmelblauen Strümpfen. Das Rollen eines Wagens mit vier Pfer⸗ den in meiner Nähe, erweckte mich für eine Sekunde, aber ich wußte nicht recht wie, bald war alles wieder ſtill und ich ſaß allein da. „Irgendwo hier in der Nähe muß er ſeyn,“ ſprach eine Stimme, als ich herannahende Fußtritte hörte: „Dieß iſt ſein Hut.„Ah, hier iſt er!“ Im gleichen Augenblick ſtand der Abbe neben mir. „Nun, kommen Sie mit; bleiben Sie nicht hier in der Kälte,“ ſprach er, mich am Arm nehmend.„Sie ſind alle vor zwei Stunden heimgegangen. Ich bin zu⸗ rückgeblieben, um morgen den Klepper zurückzureiten.“ Ich folgte ohne ein Wort zu ſprechen. „Ma foi!“ ſagte er,„das iſt das erſte Mal in meinem Leben, wo ich durch eine Schwierigkeit keinen Weg finden konnte. Was ums Himmelswillen hatten Sie vor? Was hatten Sie für einen Plan?“ „Laſſen Sie mich eine halbe Stunde in Frieden,“ erwiederte ich,„und wenn ich bis dahin nicht verrückt bin, ſo will ich Ihnen erzählen.“ Der Abbe willigte ein, und ich erfüllte mein Ver⸗ ſprechen— obgleich, aufrichtig geſtanden, das ſchallende Gelächter, womit er meine Geſchichte anhörte, manche Unterbrechung veranlaßte. Als ich fertig war, begann er mit aller Gemächlichkeit mich zu belehren, Bouvigne ſey ein hochberühmter Platz für davongelaufene Pärchen, um ſich dort kopuliren zu laſſen; die Herberge zum Goldenen Vließ ſey im ganzen Königreich bekannt, Poͤre Joſés Ruf erſtrecke ſich ſo weit, als der des Erzbiſchofs von Gent; und was die Redensart„sous la cheminée“ be⸗ treffe, ſo werde ſie nur von einer heimlichen Trauung gebraucht, die man eine Mariage sous la cheminèée nenne.. „Nun,“ fuhr er fort,„glaube ich gerne jedes Wort, das Sie mir erzählt haben, in Rochepied dagegen gibt es keine zweite Perſon, die auch nur eine Sylbe davon glauben würde. Da läßt ſich auf keine Erläuterung hoffen. In der That, ehe man Sie anhört, ſind wenig⸗ ſtens zwei Duelle auszufechten, zuerſt mit dem Grafen und dann mit D'Espagne. Ich kenne Laura wohl— ſie wird der Geſchichte allen ihren eelat laſſen, bevor ſie ein Wort darüber ſagt; und das verſichere ich Sie, Ihre Teſtamentsvollſtrecker mögen im Stande ſeyn, Ihren Charakter zu reinigen— Ihnen wird es bei Ihren Leb⸗ zeiten nie gelingen. Gehen Sie nicht mehr dahin zu⸗ rück,“ rieth der Abbe,„wenigſtens jetzt nicht.“— „Ich will nie mehr einen von ihnen anſehen,“ rief ich in Verzweiflung:„ich bin halb verrückt darüber—, die Erinnerung an dieſe verwünſchte Geſchichte—— ℳ „Wird Ihnen noch viel zu lachen geben,“ ſagte der Abbe,„und jetzt gute Nacht, oder vielmehr leben Sie 49 wohl— ich breche morgen in aller Frühe auf, und wir werden uns ſchwerlich wiederſehen.“ Nachdem er verſprochen, meine Effekten nach Dinant zu befördern, ſchieden wir... „Beſiehlt der Herr ein einziges Bett?“ fragte die Hausmagd, als ich nach meinem Zimmer verlangte. „Ja,“ erwiederte ich mit einem Gemurmel, das, wie ich fürchte, einem Fluche glich. Der Morgen brach durch die halb geſchloſſenen Gar⸗ dinen herein, und mit ihm der Geſang der Vögel und das Gerieſel des ſanften Fluſſes. Eine balſamiſche Luft bewegte das Laub, und das liebliche Thal lag in ſeiner ganzen friedlichen Schönheit vor mir. „Nun, nun,“ ſagte ich, meine Augen reibend,„es war ein närriſches Abenteuer, und man kann nicht wiſſen, was ſich vielleicht noch ereignet hätte, wären ſie nur zehn Minuten ſpäter gekommen. Ich gäbe einen Napo⸗ leon, wenn ich wüßte, was Laura jetzt davon halt. Aber ich darf mich hier nicht verweilen, ſelbſt die Dorfbewoh⸗ ner werden mich auslachen.“ Ich nahm ſchnell mein Frühſtück ein und verlangte meine Rechnung. Die Summe war ſehr unbedeutend, und ich war gerade im Begriff, noch etwas hinzuzufügen, als es auf einmal an die Thure klopfte. „Herein!“ ſagte ich, und herein trat der Pore. “Welch ein Unglück!“ begann er, als ich ihn plötz⸗ lich unterbrach und ihn verſicherte, daß er ſich täuſche; wir ſeyen durchaus kein davongelaufenes Pärchen ge⸗ weſen, hätten nicht die entfernteſte Idee gehabt, uns zu heirathen, und verdankten unſer ganzes, unangenehmes Whinhaner in der That nur ſeiner lächerlichen Täu⸗ ung. „Sehr gut, daß Sie jetzt damit kommen,“ grollte der Père in einem von ſeinem früheren gganz verſchie⸗ denen Tone.„Sie mögen behaupten, was Sie wollen, Lever, O'Leary. I. 4 30 aber,“ und dieß ſprach er in entſchloſſenem Tone,„Sie werden meine Rechnung bezahlen.“ „Ihre Rechnung!“ rief ich zornig.„Was habe ich von Ihnen gehabt? Wie bin ich Ihr Schuldner? Ich wäre begierig, es zu hören.“ „Das ſollen Sie,“ ſprach er, und zog ein langes Dokument aus ſeiner Rocktaſche.„Hier iſt ſie.“ Er haͤndigte mir das Papier ein, wovon folgendes eine Ab⸗ ſchrift iſt:— Heirathsgebühren für Mi Lord O'Leary und Made⸗ moiſelle Mi Lady de Muddleton. Fr. Ct. Zwei vorläufige ermahnende und tröſtende Unterhaltungen..... 1⁰ Rath für das junge Paar mit eingeſtreuten moraliſchen Maximen.. 3 Soirée und Geſellſchaft beim Wein.. 5— Wegweiſer nach dem Schloſſe, mit artiſtiſchen und antiquariſchen Erklärungen. 12— Acht Kinder mit Blumen, jedes zu einem hal⸗ ben Franken.—.. 4— Fern im Schloſſe..... 4 2 Chor von Jungfrauen, die Jungfrau zu einem Franken*.. 10— Roſen für Jungfrauen 3.. 3 2 10 Herr Maire und Madame en grande tenue 1— Regiſterbuch, mit Beſtimmung des Datums der Heirath... 1 4.—— „Hol's der Teufel!“ ſagte ich;„es war ja gar keine Heirath!“ „Doch, freilich war es eine,“ erwiederte er.„Es iſt Ihre eigene Schuld, wenn Sie Ihr Weib nicht hüten können.“ Seine lärmende Antwort brachte den Wirth und die Wirthin auf die Scene; und ob ich mich gleich eine Zeit lang männlich wehrte, ſo half es doch zu nichts, einen hoffnungsloſen Streit in die Länge zu ziehen: mit 31 einem melancholiſchen Seufzer bezahlte ich meine Hoch⸗ zeitsgebühren, und mit einem herzlichen Fluch auf Bou⸗ vigne, auf ſein Schloß— ſeine Herberge— ſeinen Pere — ſeinen Maire— und ſeine Jungfrauen— ſchlug ich den Weg nach Namur ein, und ſah nicht eher auf, als bis der Ort Meilen weit hinter mir lag. Sechzehntes Kapitel. Ein Abenteuer im Gebirge. Es war ſchon ſpät an einem ſchönen Herbſtabend, als ich, ein einſamer Fußgänger, auf die kleine Stadt Spa zuging. Seitdem ich Chaude Fontaine verlaſſen hatte, ſchlenderte ich den Weg dahin, hoch entzückt über das ſchöne Vesdre⸗Thal, und zuweilen halb unſchlüſſig, ob ich nicht einige Tage in einem der kleinen Dörfer, durch die ich ging, liegen bleiben und ſehen wollte, ob die Forellen, deren kreiſende Wirbel den Strom bezeich⸗ neten, nicht eben ſo gern nach meiner Fliege ſchnappen moͤchten, als nach dem Inſekt, das jetzt über das Waſſer flatterte. Aufrichtig geſtanden, ich ſehnte mich nach Ruhe und Einſamkeit; die letzte Zeit hatte ich zuviel in Salons und Soirée's zugebracht— die friedliche Stimmung meiner Seele, die Frucht meiner einſamen Stunden, hatte durch meine Betheiligung an der Welt ſchmerzliche Wunden erlitten, und ich hielt es für nothwendig, mich noch ein⸗ mal von den mißtönenden Leidenſchaften und ſtörenden Zufaͤllen zu trennen, von denen jeder Schritt im Leben umringt iſt, wäre es auch nur, um meine gewöhnliche Ruhe wieder zu gewinnen, um das Fahrzeug auszubeſſern, bevor es abermal in See ging. Es fehlte nur wenig, um mich zu einem Entſchluß zu bringen— der Anblick einer Herberge, irgend eine 4* 52 maleriſche Stelle, ein hübſches Geſicht, kurz irgend etwas haͤtte genügt; gber ich vermuthe einigermaßen, daß i heikler war, als ich waßte, denn ich ging immer vor⸗ wärts. und nachdem ich endlich den kleinen Weiler Pe⸗ pinsterre hinter mir hatte, zog ich ſchnelleren Schrittes auf meinem Wege nach Spa aus Die Luft war ruhig und balſamiſch, es regte ſich kein Laub; der Fluß neben der Straße gab nicht einmal eiin Gemurmel von ſich, ſondern zog ſchweigend ſein kieſiges Bett entlang, als fürchtete er, die Stille zu unterbrechen. Allmählig ſielen die Schatten dichter und breiter herab, und miſchten ſich endlich in Eine weite, düſtere Fläche; einige Minuten ſpäter war es Nacht. Es liegt etwas Ergreifendes, ich möchte faſt ſagen Niederſchlagendes in dem plötzlichen Uebergang von Tag zu Nacht, in denjenigen Ländern, wo es kein Zwielicht gibt. Der allmählige Wechſel, wodurch Straße und Berg, Fels und Klippe in die Farben des Sonnen⸗ untergangs ſich tauchen, in dem düſtern Schatten er⸗ grauen, und in dem rings umher verbreiteten Dunkel nach und nach jeden Umriß verlieren, bereitet uns auf die Schwärze der Nacht vor. Es fommt uns vor wie der ruhige Strom von Jahren, die irgend ein glückliches Leben bezeichnen, wo Kindheit und Jugend, Mannheit und Alter regelmäßig aufeinander folgen. Nicht ſo der plötzliche, unmittelbare Wechſel, der eher dem Streiche irgend eines grauſamen Mißgeſchicks gleicht, das die fröhlichen Stunden in eine ſinſterbrütende Melancholie verwandelt. An manchen mögen bie Jahre leicht vor⸗ übergehen; ſie ſchleichen leiſen Schrittes dahin, Jugend und Alter gleiten ſanft in einander hinüver, ohne da irgend ein Stoß den Gedanken erweckt, der da ſpricht— lebe wohl!— fahre hin für immer! Noch andere, nicht weniger glücklich, fühlen den Finger der Zeit, der ihnen die Eindrücke und Hoffnungen ihrer Jugend anſagt; ſie erkennen in der Flucht der Jahre die Wechſel an ſich ſelbſt, und dieſe vom Sternenlicht erhellten Stunden 53³3 des Nachdenfens gehören unter ihre köſtlichſten Genüſſe. In ſolche Betrachtungen war ich verſunfken, als ich mich plötzlich an der Stelle fand, wo ſich die Straße in zwei Richtungen theilte. Kein Haus, fein lebendes We⸗ ſen in der Nähe, das ich nach dem Wege haͤtte fragen können. Ich ſuchte bei dem unvollkommenen Licht der Sterne— denn es ſchien kein Mond— ausfindig zu machen, welcher Weg am meiſten beſucht und begangen ſey, indem ich der Meinung war, Spa ſey der wahr⸗ ſcheinlichſte Sammelpunkt aller Reiſenden in dieſer Ge⸗ gend; aber unglücklicher Weiſe konnte ich keinen Unter⸗ ſchied entdecken, nach dem ich mich hätte richten können; Räderſpuren waren in beiden, Geleiſe und Steine ziem⸗ lich gleich vertheilt; auch hatte jeder einen Fußweg, die rechte Seite der Straße hatte einen kleinen Vorzug vor der andern indem dort der Pfad ebener war. Ich war in völliger Verlegenheit. Wäre ich be⸗ ritten geweſen, ſo hätte ich die Sache meinem Pferde überlaſſen; unglücklicher Weiſe aber ſtand mir kein ein⸗ ziger Vernunftgrund zur Seite, nach dem ſich mein Entſchluß hätte richten können. Ich ſah von der Straße zu den Baͤumen und von den Bäumen zu den Sternen auf, aber ſie blickten ſo ruhig hernieder, als ob beide Wege an's Ziel führten, nur ein einziger kleiner, ſchlauer Glanzſtreif im Süden ſchien über meine ſchwierige Lage zu blinzen.„Je nun,“ ſprach ich,„ſo viel iſt gewiß, weder ein Nachteſſen noch ein Bett wird hieher kommen, um ſich nach mir umzuſehen; alſo auf dem erſten beſten Pfade vorwärts, da ich ohnehin ſchon Blaſen an den Füßen verſpüre.“ Meine augenblickliche Verlegenheit in Betreff der Straße zerſtreute alle meine Betrachtungen, und ich richtete jetzt meine Gedanken auf die Labſale der Her⸗ berge und auf das erquickende kleine Nachteſſen, das ich mir dort verſprach. Ich berechnete, was die Jahreszeit liefern könne und was nicht; ich buchſtabirte Oktober zweimal, um mich zu überzeugen, oh es in dieſem Mo⸗ nat Auſtern gebe, und da durchzuckte mich ein Zweifel, ob wohl der flaͤmiſche Name füͤr dieſen Monat ein r habe, ſo daß ich über meinen eigenen Unſinn lachen mußte; ſpäter diſputirte ich mit mir ſelbſt über die be⸗ ziehungsweiſen Verdienſte von Schablis und Hochheimer und beſchloß, mich hierin von dem Keller leiten zu laſſen. Lange bekämpfte ich ein immer ſtärker in mir aufſteigendes Gelüſte nach einer Pinte gewürzten Cla⸗ rets, da jetzt die Luft friſch wurde; aber ich gab end⸗ lich nach und durchwühlte mein Gehirn nach den fran⸗ zöſiſchen Wörtern für Nelken⸗ und Muskatnuß. Ueber dieſen unſchuldigen Betrachtungen verging eine Stunde, und noch immer konnte ich weder rechts noch links ein Zeichen menſchlicher Wohnung oder einen Laut von Leben entdecken. Wahr iſt's, die Nacht wurde glänzender, je ſpäter es wurde, und Sterne ſtanden zu Tauſenden am Himmel; aber wie gerne hätte ich nicht die Venus gegen das Zimmermädchen der geringſten Herberge vertauſcht, und den großen Bären für ein ein⸗ ziges Stück Speck gegeben. Endlich nach einem zwei⸗ ſtündigen Marſche bemerkte ich, daß die Straße weit ſteiler wurde; in der That war es ſeit einiger Zeit be⸗ ſtändig bergauf gegangen, aber jetzt war die Steigung beträchtlich, beſonders am Schluſſe eines langen Tage⸗ marſches; ich erinnerte mich wohl, daß Spa in einem Thale war, aber wenn es auch mein Leben gegolten hätte, ſo konnte ich mich nicht beſinnen, ob man über einen Berg dahin gelange.„Das kommt vom Reiſen mit der Poſt,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„wäre ich zu Fuße gegangen, ſo hätte ich nie einen ſo merkwürdigen Umſtand vergeſſen,“ während ich dieß ſagte, konnte ich nicht umhin zu geſtehen, daß ich ebenſo gern gewünſcht hätte, mein jetziger Ausflug moͤchte ebenfalls zu Wagen unternommen worden ſeyn.„Vorwärts, fort, und im⸗ mer fort!“ ſummte ich, an ein Lied von Körner mich erinnernd; ich nahm es zu meinem Motto und ging ſchnellen Schrittes weiter. Ich mußte alle meine Kräfte 5⁵ zuſammenraffen, um den Berg zu erſteigen— denn als einen ſolchen konnte ich ihn jetzt erkennen— auch der Fußweg war, weniger betreten als unten, mit loſen Steinen bedeckt, und die Bäume, die den Weg zu beiden Seiten beſetzten, wurden immer dünner und ſeltener und hörten endlich ganz auf, ſo daß ich dem kalten Luft⸗ zug ausgeſetzt war, der von Zeit zu Zeit über die öde Heide ſtrich, mit einem Froſt, der bewies, daß der Ok⸗ tober der leibliche Bruder des Novembers ſey. Drei und ein halb Stunden hatte ich mich fortgeſchleppt, endlich aber drängte ſich mir die Ueberzeugung auf, ich müſſe einen falſchen Weg eingeſchlagen haben. Dieß konnte unmöglich die Straße nach Spa ſein; in der That hegte ich ſtarke Zweifel, ob ſie überhaupt irgend wohin fuͤhre; ich ſtieg auf einen kleinen Fels und überblickte die düſtere Gebirgswand; aber ich konnte nichts ent⸗ decken, was mir einen Beweis geliefert hätte, daß je eine Menſchenhand in dieſer wilden Region gearbeitet habe. Farren⸗ und Heidekraut, Geſtrüppe von Stech⸗ ginſter und mißgeſtaltete Felſen bedeckten allenthalben die öde Oberflache, und ich ſchien jetzt den Cipfel er⸗ reicht zu haben, um ungeheures, meilenweit ſich erſtrecken⸗ des Tafelland. Ich ſetzte mich nieder, um zu überlegen, was nun anzufangen ſey; der Gedanke, ſo manche Stun⸗ den Weges umzukehren, war äußerſt niederſchlagend, und doch, was konnte ich erwarten, wenn ich vorwärts ging? Ah! ſprach ich bei mir ſelbſt, warum dachte nicht irgend ein wohlwollendes Individuum daran, bin⸗ nenländiſche Leuchtthurme zu errichten? Welche glor⸗ reiche Erfindung wäre dieß geweſen— man denke nur an die großen Gebirgsgegenden, die pfadlos, ſpurlos und unbekannt mitten in der Civiliſation liegen— wo ein von der Nacht überfallener Wanderer umkommen kann, ſelbſt innerhalb des Bereiches ſeines Rufes nach Hülfe, hätte er nur gewußt, wo er ſie ſuchen ſollte. Wie tröſtend für den müden Wanderer, der ſeinen ſchwie⸗ rigen Weg dahin wanft, von Zeit zu Zeit ſeine Augen nach dem fernen Lichtſtern aufſchlagend. Wären die Mönche gewohnt geweſen, im Finſtern auszugehen, ſo hätten ſie ohne Zweifel einige gute Katholiken überredet, Stiftungen dieſer Art zu machen. Wie wohl kannten ſie Mittel und Wege, um Kapellen und Kiöſter errich⸗ ten zu laſſen! Ich weiß nicht, ob ich nicht ſelbſt in jenem Augenblicke der Jungfrau einen kleinen Leucht⸗ thurm gelobt hätte, hätte ich nur einen Schimmer von Licht entdecken lönnen. Gerade da glaubte ich, in weiter Ferne über die Heide her etwas ſchimmern zu ſehen: ich kletterte den Felfen hinauf und ſah unverwandten Blickes nach jener Richtung hin— es war kein Zweifel— es war ein Licht— kein Irrlicht,— ſondern ein gutes, ehrbares Licht, häuslich und ſittſam, ſtät und glänzend. Es ſchien weit entfernt, aber nichts iſt ſo trügeriſch, als die Aus⸗ ſicht über eine weite Fläche. Ich beſchloß, in jedem Falle darauf loszugehen, ergriff daher meinen Stab und zog wieder aus: unglücklicher Weiſe jedoch bemerkte ich bald, daß der Weg nach der entgegengeſetzten Richtung führte, und nun hatte ich die traurige Wahl, entweder den Pfad oder das Licht zu verlaſſen; mein Entſchluß war ſchnell gefaßt, ich ſchritt über die Ebene hin, die Augen unverwandt auf meinen Feuerthurm gerichtet. Das Gebirge war moorig und naß, gleich einem Schwamme, mit niedrigem, am Boden hinkriechenden Geſtrüppe beſetzt, das fatalſte Ding für einen müden Wanderer, und ich machte nur langſame Fertſchritte; — außerdem verlor ich häufig bei der Ungleichheit des Bodens für eine volle halbe Stunde das Licht aus den Augen und entdeckte dann, als es plötzlich wieder er⸗ ſchien, wie weit ich von der geraden Linie abgewichen war. Dieſe kleinen Verirrungen ſtimmten mich keines⸗ wegs heiterer, ſo daß ich mit müden Gliedern und ge⸗ beugten Lebensgeiſtern dahinwankte. Endlich kam ich an den Rand eines Abhanges; unter mir wand ſich ein zerklüftetes Thal mit einem 57 kleinen über Felſen und Steine rauſchenden Bergſtrom — eine wilde düſtere Scene, beſchienen vom unvoll⸗ kommenen Sternenlichte. Auf der gegenüberliegenden Bergwand zeigte ſich das erſehnte Licht, das, wie ich jetzt wenigſtens an dem trüben Schatten am Hinter⸗ grunde des Himmels erkennen konnte, aus einem Ge⸗ bäude beträchtlicher Größe kam. Ich raffte meine Kräfte noch zu einer großen An⸗ ſtrengung zuſammen und eilte den Abhang hinunter, bald auf Haͤnden und Füßen kriechend, bald, wo der Boden weniger ſchwierig war, einige Schritte weit lau⸗ fend. Nach einer ermüdenden Anſtrengung von zwei Stunden erreichte ich den Kamm des gegenüberliegenden Kügels und ſtand einige Hundert Schritte vor dem Hauſe, dem Ziele meiner ſchwierigen Reiſe. Es ſtimmte mit der öden Wildheit der Gegend vollkommen überein. Ein verfallener Thurm, eines je⸗ ner viereckigen Mauerwerke, die in frühern Zeiten zum Schutz der Grenze dienen ſollten, am Rand einer ſteilen Klivpe auf Felſen errichtet, war von irgend einem ein⸗ ſamen Schaͤfer zu ſeiner Wohnung gemacht worden; wenigſtens ließen die in einen kleinen Pferch eingeſchloſ⸗ ſenen Schafe es vermuthen. Die rohen Verſuche, den Platz wohnlich zu machen, zeigten ſich deutlich an der aus hölzernen, plump zuſammengenagelten Brettern ge⸗ bauten Thüre und an dem Fenſter, deſſen Rauten aus einem dünnen, vergamentähnlichen Stoffe beſtanden, durch welche jedoch ein flammendes Feuer einen glän⸗ zenden Schein warf. Ich ſchlich behutſam vorwärts, um das Innere auszukundſchaften, bevor ich um Einlaß bat, und kam an eine kleine Oeffnung, wo eine vereinzelte Glasſcheibe einen Blick hinein geſtattete; ein großer Haufe flam⸗ menden Ginſters, der das alte Kamin des Thurmes füllte, beleuchtete den ganzen Raum und befähigte mich, einen Mann zu ſehen, der auf einem hölzernen Klotze neben dem Herde ſaß, das Haupt auf die Knie geſtützt. Seine Kleidung beſtand aus einer groben, geſtreiften Bluſe, die bis auf ſeine Knie herabging, wo ein Paar Gamaſchen von Schaffell durch Riemen von ungegerb⸗ tem Leder befeſtigt waren— ſein Kopf war bloß und nur mit einer Maſſe langen, ſchwarzen Haares bedeckt, das in wilden Locken über ſeinen Rücken, und da er ſich vorwärts bückte, auch über ſein Geſicht fiel. Ein Schä⸗ ferſtab und ein breiter Filzhut lagen auf dem Boden neben ihm; es war weder Stuhl noch Tiſch zu ſehen, und außer etwas Farenkraut in einem Winkel, nichts, das als Bett dienen konnte; ein großer irdener Krug und ein metallener Topf ſtanden nahe am Feuer, und daneben lag ein Meſſer, dergleichen die Metzger zum Schlachten haben. Ueber dem Kamin hing an zwei ledernen Riemen ein Schwert, lang und gerade, wie die Waffe der franzöſiſchen ſchweren Kavallerie, und noch höher war ein großes Stück bedrucktes Papier an die Mauer befeſtigt. Als ich über dieſe Zeichen gänz⸗ licher Armuth meine Betrachtungen anſtellte, ſtreckte der Mann ſeine Glieder aus, rieb ſich für ein Paar Minuten die Augen und ſprang dann plötzlich auf, eine Bewegung, wobei er eine überaus kräftige athletiſche Geſtalt zeigte. Er war nach meinem Dafürhalten un⸗ gefähr funf und vierzig Jahre alt, aber Strapazen und Leiden hatten tiefe Linien in ſein bleiches abgemagertes Geſicht geſchnitten. Ein ſchwarzer Schnurrbart, der ihm über die Lippe bis auf's Knie herabhing, verdeckte den untern Theil ſeines Geſichtes— der obere war kühn und männlich, die Stirne hoch und wohl entwickelt— aber ſeine Augen— und ich konnte ſie wohl bemerken, da das Licht auf ihn ſiel— hatten einen unnatürlichen Glanz— es ſchoſſen aus denſelben die furchtbaren Blitze einer kranken Seele, und an ihren ſchnellen, raſtlos durch das Zimmer ſtreifenden Blicken ſah ich, daß er unter einer wahnſinnigen Täuſchung litt. Feſten Schrit⸗ tes ging er einige Minuten auf und ab, und auf ein⸗ 17 59 mal, als er ſeine Augen über den Kamin hinaufrichtete, blieb er plötzlich ſtehen, fuhr mit der Hand an die Stirne, wie zu einem militäriſchen Gruß, und murmelte etwas vor ſich hin; im nächſten Augenblick ſtieß er die Thüre auf, ſchritt heraus und that einen langen, durch⸗ dringenden Pfiff; nach einigen Sekunden wiederholte er ihn und nun konnte ich in der Entfernung, als Antwort auf ſeinen Pfiff, das Gebelle eines Hundes hören. In demſelben Augenblick kehrte er ſich plötzlich um, that einen Satz und packte mich am Arm. „Wer ſind Sie— was ſuchen Sie hier?“ ſprach er in einer vor Leidenſchaft zitternden Stimme. Einige Worte— zu langer Erklärung war keine Zeit— ſagten ihm, wie ich mich im Gebirge verirrt habe und nun für die Nacht ein Obdach ſuche. „Es war ein Glück für Sie, daß ſich eines meiner Lämmer verlaufen hatte,“ ſprach er mit wildem Lächeln. „Wäre der Schwarzkopf zu Hauſe geweſen, ſo hätte er wenig Umſtände mit Ihnen gemacht— treten Sie ein.“ Damit ſtieß er mich vor ſich her in den Thurm und deutete auf den Holzblock, wo er anfänglich geſeſſen hatte, während er einen friſchen Haufen Ginſter auf baneöerd warf und die Flamme mit ſeinem Fuße an⸗ achte. „Der Wind dreht ſich ſüdwärts,“ ſprach er,„es wird bald ein ſchwerer Regenguß kommen.“ „Die Sterne aber glänzen ſo hübſch——“„ „Darauf kann man ſich nicht verlaſſen— vor Ta⸗ Verbanh werden Sie das Gebirge mit Nebel bedeckt ehen.“ Mit dieſen Worten ſchlug er die Arme auf der Bruſt übereinander und begann wieder auf⸗ und abzu⸗ ſchreiten. Die wenigen Worte, die er geſprochen, ſielen mir auf wegen des Tonez ſeiner Stimme, den ich von einem Menſchen von ſo kläglichem, ſchmutzigen Ausſehen nicht erwartet hätte— ſie waren mild und trugen die Spuren eines Mannes, der in ganz andern Umſtänden gelebt hatte, als ſeine jetzigen waren. Ich hätte ihn gerne bewogen, ſich mit mir zu un⸗ terhalten, aber die Verſuche, die ich zu dieſem Zwecke machte, ſchienen nur ſein Mißfallen zu erregen; ich ſtand daher auf ſchickliche Art von meinem Vorhaben ab, legte mir mein Bündel als Kiſſen zurecht, fireckte mich in voller Länge auf dem Lager aus und fiel in einen geſunden Schlaf. Als ich erwachte, war nichts vom Schäfer zu ſehen: das glänzend flammende Feuer bewies jedoch, daß er ſich nicht lange entfernt haben fonnte; ein gewaltiger Buchenklotz war noch nicht lange darauf geworfen wor⸗ den. Der Tag brach an und ich ging an die Thüre, um mich umzuſehen; es war jedoch nichts zu entdecken; ungeheure Dunſtwolken flüchteten ſich vor dem Winde, der traurig über das düſtere Gebirg hinſeufzte, und hüllten wenige Schritte weit alles ein, waͤhrend ein feiner Regen quer herunter ſank, das Vorſpiel zu dem vom Schäfer prophezeiten Sturme. Nie gab es einen traurigern Anblick weder innen noch außen; die klägliche Armuth des zerfallenen Thur⸗ mes war kaum ein Schutz gegen den kommenden Orfan. Ich kehrte auf meinen Platz neben dem Feuer zurück, traurig und gebeugt. Wöhrend ich meine Vermuthungen anſtellte, wie weit es noch nach Spa ſeyn möchte, und wie es mir gelingen könne, daſſelbe zu erreichen, fielen meine Augen zufällig auf den Säbel über dem Kamin und ich nahm ihn herab, um ihn zu unterſuchen. Es war eine gerade Waffe, wie ſie von den Soldaten ge⸗ tragen wird— ihre einzige Inſchrift war der Buch⸗ ſtabe N auf der Klinge. Als ich ſie wieder an ihre Stelle that, erblickte ich das gedruckte Papier, das, vom Nauch geſchwärzt und zum Theil von der Zeit ausgewiſcht, kaum lesbar war. Nach vieler Muhe ge⸗ lang es mir jedoch, Folgendes zu entziffern— es ſtand in großen Buchſtaben — 61 „Tagesbefehl der franzöſiſchen Armee. am 9. Thermidor.“ Die Linien, welche unmittelbar darauf folgten, waren von einem andern darauf gepappten Papier be⸗ deckt, wo ich kaum hier und dort ein einzelnes Wort entdecken konnte, das anzuzeigen ſchien, daß ſich das Ganze auf irgend einen Sieg der republikaniſchen Armee bezog; die vier letzten Zeilen, dviel deutlicher als die übrigen, lauteten wie folgt: 1 „Der Bürger Aubuiſſon, Chef eines Grenadier⸗ Bataillons aus dieſer Halbbrigade, iſt zuerſt auf die Schanze gedrungen. Seine Uniform wurde von Kugeln durchlöchert.“ Ich las die Zeilen wieder und wieder, wohl ein Duzendmal— ſo daß ſie noch dieſe Stunde in meinem Gedächtniſſe haften. Ein ſeltſames Geheimniß ſchien ſich mit dem armen Schäfer zu verknüpfen— wozu war das Alles ſonſt hier? Ich dachte an ſeine ſtarke wohlgebaute Geſtalt, als ich ihn in dem Zimmer auf⸗ recht ſtehen ſah, und an ſeinen militäriſchen Gruß; und es drängte ſich mir die volle Ueberzeugung auf, daß das unglückliche, mit Lumpen bedeckte und mit Noth ringende Geſchöpf niemand anders war, als der Bürger Aubuiſſon. Indeſſen, durch welche ſchreckliche Veränderung war er ſo tief geſunken? Der wilde Ausdruck, den zuweilen ſeine Züge annahmen, ließ allerdings auf Wahnſinn ſchließen, aber doch war alles, was er mir geſagt, ſo ruhig und zuſammenhängend— das Geheimniß erregte meine größte Nengierde, und ich ſehnte mich nach ſeiner Rückfehr, in der Hoffnung, einen Leitfaden dazu zu entdecken. Plötzlich öffnete ſich die Thüre und herein ſtürzte ein ungeheurer Hund, mehr ein Bullenbeißer als ein Schäferhund; als er mich ſah, wich er einen Schritt zurück und begann mit feſt auf mich gerichteten Augen ein fürchterliches Geheul. Ich konnte mich vor Furcht 62 nicht regen— ich ſah, daß er ſich zu einem Sprunge anſchickte, als die Stimme des Schäfers rief:„Leg dich, Schwarzkopf, leg dich!“ Sogleich duckte ſich die wilde Beſtie ruhig in einen Winkel und legte ſich nieder, ohne jedoch ihre Augen von mir zu wenden, als ob ſie zu erwarten ſchien, daß ihre Dienſte mir gegenüber bald in Anſpruch genommen werden dürften; der Herr hingegen ſchüttelte den Regen von Hut und Bluſe und ging auf's Feuer zu, ſich zu trocknen. Seine Augen feſt auf die rothe Aſche heftend und mit dem Fuße darin herumſtörend, murmelte er einige wenige abgebrochene Worte, worunter ich, ſo aufmerkſam ich auch zuhörte, nichts verſtehen konnte als„Kein Wort— ſtill— ſtill, bis in den Tod!“ „Ihr habt richtig prophezeit, Schäfer, der Sturm hat bereits begonnen,“ ſprach ich, da ich ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu gewinnen wünſchte. „Huſch!“ verſetzte er leiſe flüſternd, während er mir mit der Hand bedeutete, ſtille zu ſeyn,„huſch— kein Wort!" Bei dieſen Worteen lag in ſeinem Auge der ſtarre Glanz des Wahnſinns und eine zitternde Bewegung ſeiner blaſſen Wange verrieth einen heftigen innern Krampf; er warf ſeine Augen langſam durch das elende Zimmer mit forſchendem Blicke, als ob er entſchloſſen wäre, nichts ſeiner Beobachtung entgehen zu laſſen; darauf ließ er ſich auf einem Knie neben dem Feuer nieder, nahm ein Stück trockenes Holz und ſchob es ruhig in die Aſche. „Da, da!“ rief er, indem er aufſprang, mich hart an der Schulter ergriff und an das ferne Ende des Zimmers ſchleuderte. „Kommen Sie— ſchnell— ſchnell— ſchnell— ſehen Sie— ſehen Sie,“ ſprach er, indem die kniſtern⸗ den Funken aufflogen und die züngelnde Flamme im 1 5b Kamin aufſtieg,„da geht es hin, da geht es hin!“ Darauf hielt er ſeine Lippen an mein Ohr und mur⸗ melte:„keim Wort!— Still— ſtill, bis in den Tod!“ Mit dieſen Worten richtete er ſich in ſeiner ganzen Höhe auf, kreuzte ſeine Arme auf der Bruſt, ſtand feſt und gerade vor mir, und obgleich mit Lumpen bedeckt, welche die tiefſte Armuth verſchmäht hätte, von Hunger abgezehrt und von Noth und Unwetter durchſchüttelt, waren doch noch die Züge eines ehedem edlen Geſichtes vorhanden. Das Feuer des Wahnſinnes, ungeloͤſcht durch alles Elend, hellte ſein dunkles Auge auf, und ſelbſt auf ſeiner gepreßten Lippe lag ein Zug von Stolz. Der arme Menſch! Irgend eine ſüße Erinnerung ſchien durch ſeine Seele zu flattern, er lächelte und indem er ſein Haar von der Stirne ſtrich, machte er eine leichte erbeugung mit ſeinem Haupte und murmelte:„Ja, Sire!“ Wie ſanft, wie muſikaliſch lautete dieſe Stimme! Gerade in dieſem Augenblicke hörte man draußen das tiefe Blöken der Schafe, ſogleich ſprang der Schwarz⸗ kopf auf, ſtürzte an die Thüre und kratzte wild daran mit ſeinen Vordertatzen. Der Schäfer eilte, ſie aufzu⸗ machen, und zu meinem Erſtaunen erblickte ich einen Zungen von ungefähr zwölf Jahren, arm gekleidet und trodfnaß⸗ der einen kleinen Leinſack auf ſeinem Rücken rug. „Hat ſich das Lamm wieder vorgefunden, Lazare?“ feagit das Kind, indem es ſeinen kleinen Sack ab⸗ egte. „Ja, es iſt wohlbehalten in der Hürde.“ „Und das gefleckte Mutterſchaf— Ihr glaubt doch nicht, daß es die Wölfe weggenommen haben, ſo früh in der Jahreszeit——„ „Huſch, huſch!“ ſagte der Schäfer mit warnender Geberde zu dem Kinde, das ſogleich zu ſehen ſchien, daß er von der Mondſucht befallen war, denn es zog ſeine kleine Bluſe eng um den Nacken, murmelte ein„bon jour, Lazare,“ und entfernte ſich. „Könnte mich nicht dieſer Junge hinunter nach Spa, oder in irgend ein Dorf in deſſen Nähe führen?“ ſagte ich, da ich gerne eine Gelegenheit ergriffen hatte, um zu entwiſchen. Er ſah mich an, ohne daß er meine Frage zu ver⸗ ſtehen ſchien. Ich wiederholte ſie langſamer, als ihm plötzlich ein Licht darüber aufzugehen ſchien, denn er verſetzte raſch: „Nein, nein, der kleine Peter hat einen langen Weg nach Hauſe; er lebt weit von hier im Gebirge; ich ſelbſt will Ihnen den Weg dahin zeigen.“ Damit öffnete er den Sack und nahm daraus einen Laib rauhes Watzenbrod, wie die ärmſten Hüttenbewoh⸗ ner es machen, und eine zinnerne Flaſche mit Milch. Er riß den Laib auseinander und überreichte mir die eine Hälfte, die ich mehr aus Höflichkeit als Hunger, ob ich gleich ſchon lange gefaſtet hatte, annahm. Darauf ſchob er mir die Milch zu und gab mir ein Zeichen, zu trinken; als ich dieß gethan hatte, ergriff er ſelbſt die Flaſche, nickte heiter mit dem Kopfe und rief: „A vous, Camarade!“ So einfach die Geberde und ſo ſpärlich die Worte waren, ſo überzeugten ſie mich doch, daß er einſtens Soldat geweſen, und jeder Augen⸗ blick befeſtigte in mir den Glauben, daß ich in der Perſon des Schafers Lazare einen Offizier der großen Armee vor mir hatte, einen jener Heroen von hundert Schlachten, deren Ruhm ſeine Wellen in den unermeß⸗ lichen Ozean der Große des Reichs ergoß. Unſere Mahlzeit war bald beendigt, und zwar in aller Stille; darauf legte Lazare noch mehr Holz nach, ging an die Thüre und ſah ſich um. „Vor Nacht wird es noch wilder werden,“ ſprach er, indem er in den dichten Nebel hinausſchaute, der, vom Regen niedergedrückt, gleich einem Bahrtuch au der Erde lag;„wenn Sie ein guter Fußgänger ſind, ſo werde ich Sie auf einem kurzen Wege na⸗ Spa bringen.“ 6⁵ „Ich werde mein Möglichſtes thun,“ erwiderte ich, „um Ihnen zu folgen.“. „Der Berg iſt ziemlich leicht, aber wir kommen vielleicht an ein Paar angeſchwollene Ströme— die ſind zuweilen gefährlich.“ „Wie weit iſt es von hier nach Spa?“ „Vier und ein halb Stunden auf dem nächſten Wege— ſieben und ein halb auf der Hauptſtraße; komm, Schwarzkopf— gutes Thier,“ ſagte er, die wilde Beſtie ſtreichelnd, die ihm mit einer rauhen Geberde des Schwanzes ihre Freude über die Schmeichelei be⸗ wies.„Du mußt heute Wache halten— gib ſtatt mei⸗ ner Acht auf ſie— das wirſt Du, alter Kerl— halte ſie vom Piec zurück— lebe wohl, gutes Thier, gehab Dich wohl!“ Das Thier blieb, als ob es jedes Wort verſtanden hätte, ſeine rothen Augen auf, ihn geheftet, ſtehen, bis er fertig war, und antwortete ſodann mit einem langen dumpfen Geheul. Lazare lächelte vor Freude, winkte ihm mit der Hand und ging mir voran, den Thurm hinaus. Ich hatte kaum Zeit, auf dem Holzblock zwei Louis⸗ Dor zurückzulaſſen, als er mir zurief, ihm zu folgen. Sowohl der Schritt, den er ging, als auch der rauhe Weg, den er einſchlug, hinderte mich, an ſeiner Seite zu bleiben; und ich konnte nur ſeiner Spur folgen, in⸗ dem er durch den nebelichten Regen ſchritt, gleich einem Genius des Sturmes, mit ſeinen langen Locken, die wild hinter ihm wallten, und ſeinen zerfetzten, im Winde flatternden Kleidern. Es war ein mühſamer, trauriger Marſch, durch nichts unterbrochen, was die Beſchwerde hätte erleichtern können. Lazare ſprach die ganze Zeit über kein einziges Wort— gelegenheitlich deutete er mit ſeinem Stabe auf die Richtung, die wir zu nehmen hatten, oder machte mich aufmerkſam auf den Flug irgend eines großen Raubvogels, der nahe am Boden vorüberſchwebte, als Lever, O'Leary II.. 5 66 ob er in ſo wilden und öͤden Gegenden keine Menſchen ſcheute: außer ſolchen Augenblicken ſchien er in ſeine eige⸗ nen düſtern Gedanken begraben. Nach einem vierſtün⸗ digen harten Marſche erreichten wir endlich den Gipfel eines großen Berges, von wo ich, da der Nebel bedeu⸗ tend geſchwunden war, eine Anzahl kleinerer Berge ent⸗ decken konnte, die gleich den Wellen der See denſelben umfloſſen. Mein Führer deutete auf den Boden, gleich⸗ ſam um eine Raſt zu empfehlen, und ich warf mich gerne auf die Haide, ſo naß und dunſtig ſie auch war. Die Raſt war von kurzer Dauer: er veranlaßte mich bald, den Weg fortzuſetzen, und wir gingen eine Stunde weiter, als wir ein großes Tafelland von meh⸗ rern Meilen in der Ausdehnung erreichten, das jedoch noch immer ſehr hoch lag. Endlich erreichten wir ein kleines Gehölze von verbutteten Tannen, wo ein rohes, ſteinernes Kreuz ſtand— zum Zeichen, daß an dieſer Stelle ein Mord begangen wurde, und daß man um die Entdeckung der Mörder beten ſoll. Hier machte Lazare Halt, deutete auf einen kleinen ſchmalen Pfad im Haidekraut und ſagte— „Spa iſt kaum noch zwei Stunden weit von hier— es liegt dort im Thale— folgen Sie dieſem Pfade und Sie werden es nicht verfehlen.“ Waͤhrend ich ihm für ſeine Begleitung meinen Dank ſagte, konnte ich nicht umhin, meinen Wunſch auszu⸗ drücken, ihm eine kleine Entgeltung dafür zu geben. Ein dunkler verächtlicher Blick veranlaßte mich bald, in meiner Rede inne zu halten, und ich drehte ſie in den Wunſch um, irgend ein Andenken an meinen nächtlichen Aufenthalt in dem alten Thurme zurückzulaſſen. Aber auch davon wollte er nichts hören, und als ich meine Hand ausſtreckte, ihm Lebewohl zu ſagen, nahm er ſie mit kalter Höflichkeit und Zurückhaltung, als ob er ſich zu einer Gunſt herabließe, die nicht nach ſeinem Wunſche ar. „Adieu, Monſieur,“ ſagte ich, noch immer verſucht, 67 durch eine Anſpielung auf ſeinen ehemaligen Stand ihm etwas zu entlocken:„Adieu!“ 2 Er trat mir näher und murmelte mit einer vor Aufregung zitternden Stimme— „Kein Wort dort— keine Silbe— verſprechen Sie mir das auf Ehrenwort!“ In der Meinung, daß es blos eine Rückkehr ſeines Parorysmus ſey, antwortete ich gleichgultig: „Fürchten Sie nichts, ich werde nichts ſagen.“ „Ja, aber beſchwören Sie's,“ ſprach er mit einem feſten Blicke ſeines dunklen Auges;„beſchwören Sie mir's jetzt— ſo lange Sie dort unten ſind,“— er deutete in's Thal— nie von mir zu ſprechen.“ Ich gab ihm das verlangte Verſprechen, obſchon ſehr ungerne, da meine Neugierde, etwas über ihn zu erfahren, äußerſt geſpannt worden war. „Kein Wort!“ ſprach er, mit einem Finger an ſei⸗ ner Lippe,„das iſt die Loſung.“ „Kein Wort!“ wiederholte ich und ſo ſchieden wir. Siebenzehntes Kapitel. 5 Spa. Zwei Stunden nachher labte ich mich am lieblichen Feuer im Hotel de Flandre, wo ich gerade noch recht zur Table d'Hote ankam, zum nicht geringen Erſtaunen des Wirthes und der ſechs Kellner, die ſich gänzlich ver⸗ loren in Vermuthungen über meine Reiſe, und in grau⸗ ſamer Verlegenheit waren über den Namen meines letz⸗ ten Hotels im Gebirge. Ein Kurort iſt am Schluſſe der Badezeit immer etwas trauriges. Schon beginnen ſich die Barrikaden des kommenden Winters zu zeigen— die kleinen Sta⸗ tuen in den öffentlichen Gärten ziehen ihre großen Stroh⸗ 5* röcke gegen die ſtrenge Kälte an— die Springbrunnen hören auf zu ſpielen, oder thun es mit der mißmuthigen Miene von Schauſpielern vor leeren Bänken— die langen Speiſezimmer ſind unbedeckt, nur an einer klei⸗ nen Tafel am einen Ende ſitzt noch ein Halbduzend Gäͤſte, die Trümmer der mächtigen Armee, die noch vor ſechs Wochen ihre Meſſer daſelbſt erklirren ließ. Dieſe beſtehen gewöhnlich aus ein Paar herumziehenden In⸗ validen, die ihre Waſſerkur ergänzen— ſie haben noch vierzehn Tage Schwefelwaſſer vor ſich, und wagen es nicht, fortzugehen, bis ſie ihr verwünſchtes Getränke in ſich hinein gepumpt haben. Dann haben wir den alten Major auf halbem Solde, der, wenn ich mich nicht ganz täuſche, ſeit der Belagerung von Namur in Spa gelebt hat, und ſeine neun Wintermonate mit Wachtel⸗Schießen und Dominoſpielen zubringt; ſodann eine ältliche Dame mit einer Brille, die fortwährend an einer kleinen Stickerei arbeitet, kein Franzöſiſch ſpricht, und ſich um nichts, das um ſie her vorgeht, zu befümmern ſcheint. Niemand kann rathen, warum ſie da iſt— ich wette, ſie weiß es ſelbſt nicht; endlich iſt noch ein zerrütteter, langweilig ausſehender junger Gentleman da, mit einem Jagdrock und jungem Schnurrbart, der beim rouge et noir ausgeplündert wurde und nun mit Schmerzen auf eine Geldſendung von irgend einem barmherzigen Ver⸗ wandten in England wartet. Das Theater iſt geſchloſſen— ſeine kleinen Sterne zerſtreut unter die kleinen Hauptſtädte, ſind wieder auf ihre frühern Rollen dritten und vierten Rangs einge⸗ ſchrumpft— Schmetterlinge im Juli, Raupen im De⸗ cember. Man hört nicht mehr den Rechen des Crou⸗ piers klirren, wie er unter den Fünffranken⸗Stücken ſchwelgt; alles iſt ſtill und ſtumm in dieſem Zimmer, das vor kurzem noch der Zuſammenſtoß menſchlicher Lei⸗ denſchaft, Hoffnung, Neid, Furcht und Verzweiflung zu einer wahren Hölle auf Erden gemacht hat. Auch die Eſel, die noch geſtern mit Scharlachdecken 69 geſchmückt waren, ſind jetzt ihrer heitern Rüſtung beraubt und zu gemeiner Karrenarbeit verurtheilt. Die armen Thiere! Ihre ſchlaffen Ohren und geſenkten Köpfe ſchei⸗ nen einiges Bewußtſeyn ihres Glückwechſels zu beweiſen. Anſtatt die Laſt eines ſchönwangigen Mädchens oder eines lachenden Jünglings am Abhang des Berges dahin zu tragen ſind ſie jetzt auf die tägliche Arbeit der Hütte herabgeſetzt. So erleidet Alles einen„Seewechſel“. Die Modiſtin, deren zierliche Kappe mit ihren luſtigen Bändern ſchon an und für ſich eine Anpreiſung ihrer Waaren war, hat eine beſcheidene Haube und ein wol⸗ lenes Shawl angezogen— eine ſo vollſtändige Verwand⸗ lung, wie die der leichtfüßigen Tänzerin, die jetzt in einer mißgeſtalteten Maſſe von Mänteln und Kothſchiffen einhergeht, während ſie noch vor wenigen Wochen zwi⸗ ſchen Erde und Luft ſchwärmte. Sogar der Doktor— und welch' ein Studium iſt nicht der Doktor eines Kur⸗ ortes?— Sogar er hat ſein Lächeln und ſeine ſüßen Redensarten mit ſeinem ſchwarzen Rock für den Winter in den Schrank gelegt. Er hat die Arzneikunde nicht vor die Hunde geworfen, weil er ein Jagdliebhaber iſt und den armen Thieren nichts zu leid thun möchte, ſon⸗ dern er hat ihr nur ein à revoir zugeſagt: und wie die Haſelhühner im Herbſt und die Auerhähne im November kommen, ſo weiß er, daß mit dem erſten Mai die Zeit der Stahlquellen anrückt. Sein ſpaniſches Rohr gegen einen Mantel und ſein füßes Geflüſter gegen eine Hunds⸗ pfeife vertauſchend, verlegt er ſich auf die Verfolgung geringerer Thiere und ſpart die Menſchen für die wär⸗ mern Monate auf. Dieß alles ſtört uns; wir haſſen es, bei ſolchen deménagements anweſend zu ſeyn, wo die Vorhänge von oben und der Teppich von unten weggenommen wird; wo man Leinwand über Gemälde nagelt und Bücher in Speiſekammern verwahrt. Dieſe kleinen Revolutionen ſind im höchſten Grade widerwärtig, und man entweicht gerne an irgend einen ruhigen, abgelegenen Ort und wartet, bis der Tumult vorüber iſt. So war es mir zu Muthe. Wäre ich einen Monat ſpäter gekommen, ſo hätte mir dieſer Ort vortrefflich gefallen, aber den Her⸗ gang menſchlichen Mauſerns mit anzuſehen, iſt etwas Peeehliches, alſo ſage ich noch einnal—„Auf den eg.“ Gleich dem Holländer, der einen Anlauf von einer ſtarken Stunde nahm, um über einen Hügel zu ſpringen, und ſich dann am Fuße deſſelben müde niederſetzte, ſtürzte ich mich ſo gänzlich in Betrachtungen über alle die möglichen Orte, wo ich den Winter zubringen mochte, konnte, wollte, ſollte oder mußte, daß ich in der That vierzehn Tage brauchte, um zu den nöthigen Kräften zur Weiterreiſe zu kommen. Inzwiſchen hatte ich eine enge Freundſchaft mit einem an Unverdaulichkeit leidenden Landsmanne geſchloſſen, der mit einem kleinen Mantel⸗ fack und einer ungeheuren Arzneikiſte auf dem Kontinent herumreiste und von Neapel bis Paris, von Aachen bis zum Wildbad auf Geſundheit Jagd machte, in der feſten Ueberzeugung, jedes Land habe höchſtens einen Monat im Jahr, den man unbeſchadet der Geſundheit daſelbſt leben könne— und Spa ſey der geeignetſte Ort, um den Oktober allda zuzubringen. Er kümmerte ſich nichts um die gewöhnlichen Gegenſtände, welche die Aufmerk⸗ ſamkeit der Menſchen beſchäftigen— Könige mochten enthront und Dynaſtien geſtürzt werden— Staaten mochten revoltiren und Untert)anen rebelliren— er kümmerte ſich nicht darum, welche Veränderungen in den Geſetzen, ſondern nur, welche in der Arzneikunde vor⸗ gingen. Preßfreiheit war für ihn eine gleichgültige Sache; ihm lag wenig daran, was die Menſchen ſagen moͤchten, dagegen ſehr viel daran, was man der Geſundheit zu Liebe verſchlingen könne, und den Erſinder der blauen Pillen betrachtete er als den größten Wohlthäter der Menſchheit. Er konnte jede Quelle und jeden Brunnen in Deutſchland an ſeinen Fingern analyfiren, und die Temperatur und die atomiſchen Verhältniſſe derſelben 71 gleich ſeinem Alphabet herunterſagen. Aber ſein großes Syſtem war eine Art Gegenſeitigkeits⸗Vertrag zwiſchen Geſundheit und Krankheit, kraft deſſen man jede belie⸗ bige Art von Gefräßigkeit ſich erlauben durfte, wenn man nur das beſondere Gegengift kannte; und ſo ver⸗ ſchlang er— ich wollte ſagen wie ein Haifiſch, aber ich darf doch nicht in meiner Unwiſſenheit den Fiſch ver⸗ läumden— denn ich weiß nicht, ob irgend ein Weſen, das je im Waſſer ſchwamm, eine Suppe mit einem Eier⸗ und Rahm⸗Pudding eſſen konnte, gefolgt von Rind⸗ fleiſch und gelben Rüben, geſchmorten Makrelen und Theriak, gepückelten Auſtern und eingemachten Kirſchen, Haſenbraten und Gurken, Wildpret, Salat, gedörrten Pflaumen, gehacktem Hammelfleiſch, Pfannenkuchen, Pa⸗ ſteten, und endlich, um mit Nachdruck zu ſchließen, von einem in gebranntem Waſſer gebackenen Stör mit Pfir⸗ ſchen im Magen— einem Ding, worüber ein Koch weint und ein Deutſcher ſich in's Elyſium verſetzt glaubt. Solcher Art war mein armer Freund Mr. Bartholomew Cater, der dünnſte, magerſte, abgezehrteſte Mann mit dem kläglichſten Ausſehen, der je in Schwalbach nippte, oder in Kiſſingen ſchauerte. Um ſich jedoch dieſe Ausſchweifungen im Eſſen zu erlauben, hatte er ſich einen Coder von Repreſſalien zuſammengebraut, beſtehend aus den verſchiedenen Mi⸗ neralwaſſern Deutſchlands und den giftigen Metallen der modernen Pharmacie, und nachdem er herausgebracht hatte, daß Bitterwaſſer und Karlsbader und Pilnitzer, verbunden mit blauen Pillen, die natürlichen Feinde aller eßbaren Dinge ſeyen, ſo verſchlang er dieſe reich⸗ lich, und überließ dann die Sache den rebelliſchen In⸗ gredienzien, ungefähr ſo, wie die Engländer in vergan⸗ genen Zeiten Irland zu regieren pflegten, indem ſie beide Parteien hintereinander hetzten und in Frieden das Re⸗ ſultat abwarteten, wohl wiſſend, daß eine leichte Ver⸗ rückung der Waage ven Zeit zu Zeit dem Streit neue Nahrung geben würde. Solcher Art war die Staats⸗ ——ÿ⏑ÿÿ⏑ꝛ⏑ꝛꝛ⏑——ꝛ—ꝛ——ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ———eeʒnxx E 72² Politik von Mr. Cater, und ich kann nur verſichern, daß ſeine Konſtitution dieſelbe überlebte, während die in Irland ſeit jenem Experiment ſchmerzlich zu leiden ſcheint. Dieſer lebhafte Gentleman alſo war mein Gefährte; in der That folgte er mir mit jener zähen Eigenſchaft eines ächten Langweilers auf jedem Schritte und Tritte, und erzählte mir irgend eine kleine, intereſſante Anekdote von einer Gelbſucht oder Waſſerſucht, von einem drei⸗ tägigen oder Nervenſteber, lauter angenehme Erinnerun⸗ gen, durch die er das Andenken an Athen oder Neapel, Rom oder Dresden, friſch und unbewölkt in ſeiner Seele bewahrte. Nicht zufrieden jedoch mit bloßer Erzählung wollte er, wie alle Enthuſiaſten auch Proſelyten machen, und fand, ſey es nun wegen der Stärke ſeiner Beweis⸗ gründe oder wegen der Schwäche meiner Natur ein bereitwilliges Opfer an mir— in ſo ferne ich unter ſeiner bewunderungswürdigen Leitung bereits anfing, einen Widerwillen und Ekel gegen alle leßbaren Dinge zu fühlen, während mein Appetit nur um ſo gefräßiger wurde und meine Achtung vor allen Quellen widerwär⸗ tigen Geſchmackes und Geruches, die einſt, ich muß es geſtehen, in beklagenswerther Abnahme war, allmälig immer mehr ſich entwickelte. Erſt durch die zufällige Entdeckung, daß meine Weſte zweimal um mich geſchlungen werden konnte, und daß mein Rock eine Schale war, von der ich kaum den Kern bildete, gerieth ich wirklich in Schrecken. Was! dachte ich, iſt es möglich, iſt dieß wirklich jener Arthur O'Leary, deſſen Rundung ſonſt ſo viel An⸗ laß zu Scherzen bot? Bin ich dieß wirklich, ich, um den einſt die Kinder herumliefen, wie etwa um einen Pfeiler oder ein Monument, indem ſie meine Umkreiſung für eine Leibesübung hielten? Arthur, dieß wird Dein Tod ſeyn, Du warſt ein glücklicher und ein fetter Mann, bevor Du Kochbrunnen und Thermemeter bannteſt; fliehe, ſo lange es noch Zeit iſt und danke wenigſtens dem Him⸗ 73 mel, daß Du in Folge Deiner Abmagerung im Stande biſt, ein Wettrennen zu wagen. Mit leiſem Schritte und vorſichtiger Geberde ſchlich ich eines Morgens mit Tagesanbruch die Treppen hinab. Mein Feind lag noch im Schlafe. Ich hörte ihn mur⸗ meln, als ich an ſeiner Thür vorüberging; ohne Zweifel träumte er von einer neuen Kombination von Schreck⸗ niſſen, von irgend einer hölliſchen Allianz zwiſchen Gurken und Copaiba. Ich ging ſchweigend vorüber; meine Zaͤhne klapperten vor Angſt— ein Glück für mich, daß ſie noch klapperten— noch vierzehn Tage Umgang mit ihm, und ſie hätten von den blauen Pillen wie vor einem paniſchen Schreck gezittert. Mit einem ſchweren Seufzer bezahlte ich meine Rech⸗ nung und ging über die Straße nach dem Poſtamt. Nur ein Platz war noch frei, und dieſer war auf der Ban⸗ kette. Thut nichts, dachte ich, einſtweilen muß alles helfen. „Wohin reist der Herr? Es wird ein Platz im Coupé frei, um——“ „Daran iſt mir jetzt nichts gelegen,“ erwiderte ich; naber wenn wir in Verviers find, ſo wollen wir ſehen.“ „Vorwärts alſo,“ ſagte der Kondukteur, während er dem Poſtſekretär einige Worte in's Ohr flüſterte, die ich nicht verſtehen konnte.„Sie irren ſich, Freund,“ ſagte ic,„nicht Gläubiger ſind es, denen ich davon laufe, ſondern nur Stahlwaſſer,“ und ſo fuhren wir ab. Ein Soldat des Kaiſerreiches. Bevor ich die Erzählung meiner eigenen Streifereien fortſetze, möchte ich mich einer Schuld gegen den Leſer entkedigen— wenn ich mir ſchmeicheln darf, daß er ſich um die Abtragung derſelben kümmert— ich möchte zu der Geſchichte des armen Schäfers im Gebirge zu⸗ rückkehren, und kann dieß kaum an einem paſſendern 74 Orte als hier ob mir gleich die Einzelnheiten, die ich zu erzählen im Begriffe bin, erſt viele Jahre ſpäter, während eines Aufenthaltes in Lyon im Jahre 1828 mitgetheilt worden. In dem Kafé zur goldenen Schale, das auf der Place des Terreaux ſo ſehr hervorſticht, wo ich ge⸗ wöhnlich meine Abende zubrachte und mir den wohlfeilen Genuß meines Kaffe und Rum erlaubte, machte ich zufällig Bekanntſchaft mit einem ehrwürdigen ältlichen Herrn, der jede Nacht dahin kam, um Zeitungen zu leſen und den Schachſpielern zuzuſehen, von denen das Zimmer angefüllt war. Irgend ein zufälliger Austauſch von Zeitungen führte zu einem Kompliment, und dieſes wieder zu einigen wenigen Worten, ſo oft wir zuſam⸗ mentrafen, bis uns eines Abends der Zufall am gleichen Tiſche zuſammenbrachte, worauf wir mehrere Stunden mit einander plauderten, und beim Abſchiede gegenſeitig die Hoffnung ausdrückten, unſere Bekanntſchaft recht bald zu erneuern. Ich fand keine Schwierigkeit, von der Dame des Kafé's Aufſchluß über meine neue Bekanntſchaft zu er⸗ halten. Er war eine hervorſtechende Perſon, ſchlank, von militäriſchem Ausſehen und der Miene eines Grand Seigneur, die bei einem Franzoſen niemals trügeriſch iſt; wenigſtens ſah ich Niemand, der ſie mit Erfolg an⸗ genommen hätte, ohne ein Recht darauf zu haben. Er trug einen Haarbeutel und bewies in verſchiedenen Klei⸗ nigkeiten ſeines Anzuges eine Anhänglichkeit an das alte Regime— ſo wenigſtens deutete ich ſeine Spitzkrauſen und ſeidene Strümpfe nebſt ſeinem breiten, mit Brillan⸗ ten beſetzten Schnallen in den Schuhen— das Band des heiligen Ludwigs, das er ohne Prunk an ſeiner Weſte trug, war ſeine einzige Dekoration. „Das iſt der Vicomte de Berlemont, ehemaliger Oberſt,“ ſagte ſie mit einem Ausdruck von Stolz bei Erwähnung eines ſo ausgezeichneten Gaſtes;„ſeit Jah⸗ ren hat er feinen Abend hier gefehlt,“ 75 Einige weitere Fragen entlockten ihr die Mittheilung, der Vicomte habe in allen Kriegen des Kaiſerreiches bis zu dem Augenblick der Abdankung gedient— bei der Reſtauration ſey er von den Bourbonen bei ſeinem Rang belaſſen worden und ſey, auch im Unglück ihnen treu, Luvwig dem Achtzehnten in's Exil nach Gent gefolgt. „Es ſcheint alſo, Madame, er hat ziemlich viel von der Welt geſehen?“ „Das hat er, und ſpricht auch gerne davon; es gab eine Zeit, wo man den Vicomte für die angenehmſte Perſon in Lyon hielt; aber man ſagt, er ſey jetzt alt geworden und habe die Gewohnheit angenommen, ſeine Geſchichte zu wiederholen. Ma koi, ich kann nicht ſagen, wie es ſich damit verhält, aber ich halte ihn immer für aimable.“ Ein köſtliches Wort, dieſes aimable! dachte ich, damit wünſchte ich der Madame gute Nacht und entſernte mich. Am nächſten Abend war ich auf dem Platze, um den alten Oberſt zu erwarten, und fühlte mich geſchmei⸗ chelt, als ich ſah, daß er ſich gleiche Mühe gab, mich zu finden. Wir zogen uns an einen kleinen Tiſch zurück, beſtellten unſern Kaffe und ſchwatzten fort bis Mitter⸗ nacht. So war der Anfang, ſo der Fortgang einer der angenehmſten Freundſchaften, die ich jemals ſchloß. Der Vicomte war unſtreitig das liebenswürdigſte Muſter ſei⸗ ner Nation, das ich jemals gefunden hatte; er war un⸗ gezwungen und unaffektirt in ſeinem Benehmen; er hatte viel geſehen und ſcharf beobachtet; nicht ſehr bewandert in Büchergelehrſamkeit, aber ein tiefer Menſchenkenner; ſeine politiſchen Anſichten hatten jenen unübertriebenen Charakter, der ſo oft als richtig befunden wird; von ſeiner Klugheit kann ich keinen glänzendern Beweis geben, als daß er mir damals die Ereigniſſe des Jahres 1830 vorherſagte, wobei er ſich nur in der Zeit irrte, die er für nicht mehr ſo ferne hielt. Das Kaiſerreich jedoch und Napoleon waren ſeine Lieblings⸗Themate. Ob er gleich ein Bourboniſt war, ſo hatte doch der Glanz des 76 Frankreichs von 1810 und 1811, die Größe des mäch⸗ tigen Mannes, deſſen Genius damals die Geſchicke deſ⸗ ſelben leitete, ſeine Einbildungskraft bezaubert, und er konnte Stunden lang von den Creigniſſen des Pariſer Lebens in jener Periode ſowie von den noch glänzendern Begebenheiten der Feldzüge ſprechen. Bei einer unſerer Unterhaltungen, die ſich über die gewöhnliche Zeit hinaus verlängerte, und wobei die Cha⸗ raktere derjenigen Menſchen beſprochen wurden, die un⸗ mittelbar um die Perſon des Kaiſers waren, kam es vor, daß ich mich etwas betroffen fühlte durch die Be⸗ merkung, die er machte— daß, während Napoleon un⸗ ſtreitig auf viele Beiſpiele niedrigen Undanks von Seite derjenigen, die er mit Ehren bedeckt und mit Gunſt⸗ Bezeugungen überhäuft hatte, geſtoßen ſey, die Anhäng⸗ lichkeit, welche im Allgemeinen die Offtziere gegen ſeine Perſon gehegt, und ihre Hingebung fuͤr ſeinen Ruhm und Ehre in der Geſchichte faſt ohne Beiſpiel ſey. „Es war nicht ein Gefühl, es war ein Glaube, ein religiöſer Glaube unter den jungen Männern mei⸗ ner Zeit, daß der Kaiſer kein Unrecht thun könne. Was Sie in Ihrem Lande aus Höflichkeit annehmen, das glaubten wir in allem Ernſte. So oft waren die miß⸗ lichſten Lagen in Sieg und Erfolg umgeſchlagen, daß eine Schwierigkeit unter uns eher ein Gegenſtand amü⸗ ſanter Spekulation, als ein Stoff zu Zweifel und Klein⸗ muth war. „Dieß alles ſchlug jedoch in ein ſchreckliches Gegen⸗ theil um,“ ſprach er, indem ſeine Stimme in einen leiſern und traurigern Ton herabſiel.„Eine ſchreckliche Lehre lag uns vor Augen. Der arme Aubuiſſon——“ „Aubuiſſon!“ rief ich zuſammenfahrend,„war dieß der Name, den Sie ſo eben genannt haben?“. „Ja,“ erwiderte er erſtaunt;„haben Sie alſo die Geſchichte gehört?“ „Nein,“ entgegnete ich,„ich weiß von keiner Ge⸗ ſchichte; nur der Name iſt mir aufgefallen. Wurde nicht 77 auch Einer dieſes Namens in einer Depeſche Bonapartes aus Egypten erwähnt?“ 1 „Allerdings, es war derſelbe; er war der erſte in den Laufgräben bei Alerandriaz bei der Pyramiden⸗ Schlacht nahm er einen Mameluken⸗Häuptling gefangen.“ „Wie ſah er aus?“ „Er war ein ſtarker Mann, einer der größten ſeines Regiments, und es war ein Grenadier⸗Bataillon; er hatte ſchwarzes Haar und einen ſchwarzen Schnurrbart, den er nach egyptiſcher Art lang herabhängen ließ.“ „Der Gleiche— ganz der gleiche!“ rief ich, von meiner Aufregung fortgeriſſen. „Was meinen Sie?“ fragte der Oberſt,„Sie haben ihn gewiß nie geſehen; er ſtarb in Charenton in demſelben Jahre, wo die Schlacht von Waterloo ge⸗ ſchlagen wurde.“ „Bewahre!“ ſagte ich, überzeugt, daß Lazare die gleiche Perſon war.„Ich ſah ihn vor langer Zeit noch lebendig;“ und damit erzählte ich die Ereigniſſe, die mein Leſer bereits kennt, indem ich genau jeden kleinen Umſtand beſchrieb, der dazu dienen konnte, meine Ueber⸗ zeugung von der Identität zu beſtätigen. „Nein, nein,“ ſagte der Vicomte ſeinen Kopf ſchut⸗ telnd;„Sie irren ſich, Aubuiſſon war ein Patient in Charenton, wo er nach zehn Jahren ſtarb. Die Um⸗ ſtände, die Sie erwähnen, ſind allerdings merkwürdig und ſeltſam, aber ich kann mir nicht denken, daß ſie mit dem Schickſal des armen Guſtav in Zuſammenhang ſtehen; jedenfalls, wenn Sie die Geſchichte gerne hören, ſo kommen Sie mit mir nach Haus, dort will ich ſie Ihnen erzählen; das Kafé wird jetzt bald geſchloſſen und wir müſſen fort. Ich nahm die Einladung gerne an; denn welche Zweifel auch er über die Identität Lazare's mit Aubuiſſon haben mochte, meine Ueberzeugung war vollſtändig, und ich wünſchte ſehnlichſt die Löſung eines Geheim⸗ 1 niſſes zu hören, worüber ich manchen Tagemarſch und manche ſchlafloſe Nacht gebrütet hatte. Ich konnte kaum meine Ungeduld während des klei⸗ nen Nachteſſens bemeiſtern, wozu mich der gaſtfreund⸗ liche Vicomte eingeladen hatte. Der Gedanke an Lazare nahm meine ganze Seele in Anſpruch, und es kam mir vor, als kenne der Appetit des alten Oberſts keine Schranken, während doch die Mahlzeit kaum eine Vier⸗ telſtunde dauerte. Endlich war er fertig, und nachdem er ſein beſcheidenes Glas voll ſchwachen Weines mit Waſſer zubereitet hatte, begann er die Geſchichte, deren Hauptzüge ich meinen Leſern darbiete, wobei ich natür⸗ lich jene kleinen gelegenheitlichen Abſchweifungen und Betrachtungen, womit er ſeine Erzählung begleitete, weglaſſe. . Achtzehntes Kapitel. Der Rückzug von Leipzig. Der dritte Tag der unglücklichen Schlacht von Leip⸗ zig neigte ſich zu Ende, als die verbündeten Heere ge⸗ meinſchaftlich einen ſchrecklichen, ungeſtümen Angriff gegen die Franzoſen unternahmen. Noch nie war etwas ähnliches gehört worden, wie der betäubende Donner, da dreihundert ſchwere Geſchütze ihr Feuer auf einmal eröffneten von einem Ende der Linie bis zum andern und dreimalhunderttauſend Mann vorrückten mit wildem Angriffsgeſchrei. Ermüdet und erſchöpft behauptete die franzöſiſche Armee ihre Stelle, entſchloſſen, für ihren Kaiſer zu ſterben, aber ihn nie zu verlaſſen, als Napoleon die ſchreckliche Nachricht erhielt, daß die Armee in drei Ta⸗ gen fünf und neunzig Tauſend Kanonenkugeln verſchoſſen habe; daß die Reſerve⸗Munition faſt gänzlich aufge⸗ braucht und nur noch ſechzehntauſend Kanonenkugeln übrig 79 ſeyen, kaum hinlänglich, um das Feuer noch zwei Stun⸗ den fortzuſetzen! Was war zu thun? Keine Hülfs⸗ quellen lagen näher als in Magdeburg oder Erfurt. Der Kaiſer beſchloß ſogleich, nach dem leztern Platze den Rückzug anzutreten, und um ſieben Uhr war fur die Artillerie und Bagage⸗Wagen Befehl gegeben, den Engpaß von Lindenau zu paſſiren und ſich über die Elſter zurückzuziehen; derſelbe Befehl wurde der Ka⸗ vallerie und den andern Armee⸗Corps ertheilt. Der Engpaß war lang und ſchwierig; er dehnte ſich zwei Stunden aus, und der Weg ging über mehrere Brü⸗ cken. Um den Rückzug gedeckt zu bewerkſtelligen, hatte man Napoleon gerathen, die Alliirten durch eine ſtarke Artillerie-Maſſe in Schach zu halten und ſodann die Vorſtadt in Brand zu ſtecken; aber das Benehmen der ſächſiſchen Truppen, ſo ſehr ſie auch ſeinen Zorn ver⸗ dienten, konnte doch nicht eine ſo ſchreckliche Maßregel gegen eine Stadt desjenigen Monarchen rechtfertigen, der ihm bei jedem Glückswechſel ein ſtandhafter Freund geblieben war: er verwarf ohne weiteres den Vorſchlag und beſchloß, ſich ſo gut als möglich zurückzuziehen. Die Bewegung war nun auf einmal begonnen und jeder Zugang zu der Vorſtadt Lindenau war mit Trup⸗ pen aller Waffengattungen angefüllt, die eilig vorwärts drängten— eine ſchreckliche Scene von Verwirrung und Muthloſigkeit; denn es war eine geſchlagene Armee, auf der Flucht begriffen, eine Armee, die bis jetzt die Schrecken der Niederlage noch nie recht gefühlt hatte. Von ſteben bis neun Uhr zogen die Kolonnen im Schnell⸗ ſchritt, die Kavallerie im Trab durch den Engpaß von Lindenau, vorüber an einer Mühle neben der Straße, wo an einem Fenſter ein Mann ſtand mit gekreuzten Armen, das Haupt auf die Bruſt geſenkt. Er betrach⸗ tete unverwandten Blicks den langen Zug unter ſich, aber nahm keine Notiz von den Grüßen der Generale, wenn ſie vorüberritten. Es war der Kaiſer ſelbſt! bleich und gramverzehrt, den niedrigen Hut tief über die Stirne 80⁰0 gedrückt, die Uniform voll Staub und Koth. So ſtand er über eine Stunde ſchweigend und regungslos; dann warf er ſich auf ein Bett und ſchlief. Ja! mitten un⸗ ter den ſchrecklichen Ereigniſſen dieſes unſeligen Rück⸗ zugs, da die Fundamente des mächtigen Reiches, das er geſchaffen hatte, unter ihm zuſammenbrachen, da die große Armee, die er ſo oft zum Siege gefuͤhrt, geſchla⸗ gen an ihm vorüberzog, legte er ſein müdes Haupt auf ein Kiſſen und ſchlief! Eine furchtbare Kanonade, das Feuer von ſiebzig ſchweren Geſchützen auf die Wälle gerichtet, erſchütterte die Erde und erweckte endlich ihn, der bei allem Ge⸗ töſe und Geräuſch geſund und ruhig geſchlafen hatte. „Was gibt's Duroc?“ fragte er, auf ſeinen Arm ſich ſtützend und aufblickend. „Schwarzenberg, Sire, greift den Wall von Halle an.“ „Ha! ſo nahe,“ ſprach er, aufſpringend und an's Fenſter tretend, von wo man jeden Augenblick die glän⸗ zenden Blitze des Geſchützes am dunkeln Himmel er⸗ kennen konnte. Im gleichen Moment galoppirte ein Adjutant daher und ſtieg vor der Thüre ab: in der nächſten Minute war er im Zimmer. Die ſächſiſchen Truppen, die der Kaifer als Ehren⸗ und Schutzwache für den unglücklichen Monarchen zu⸗ rückgelaſſen, hatten ihr Feuer auf die ſich zurückziehen⸗ den Truppen eröffnet, woraus eine ſchreckliche Verwir⸗ rung entſtand. Der Kaiſer ſprach kein Wort; Maedo⸗ nalds Corps und Poniatowskys Diviſion waren noch immer in Leipzig, hatten aber bereits ihren Rückzug nach Lindenau begonnen; auch Lauriſtons Brigade näherte ſich raſchen Schritts der Elſterbrücke, wohin jetzt die Truppen, bloß noch auf Flucht bedacht, in wilder Ver⸗ wirrung eilten. Die Brücke— die einzige, worüber die Truppen paſſiren konnten, war unterminirt und dem Ingenieur⸗Oberſt Montfort anvertraut, welcher Befehl 4 hatte, ſie bei Annäherung des Feindes in die Luft zu 4 4 4 81 ſprengen um ſomit Zeit zum Rückzug für die Bagage zu gewinnen. Während der Adjutant Napoleons Antwort auf einige Zeilen erwartete, die der Herzog von Tarento mit Bleiſtift geſchrieben hatte, trat ein anderer Stabsoffi⸗ zier athemlos herein mit der Meldung, die Allürten haben den Wall genommen und ſeyen bereits in Leipzig. Napoleon wurde todtenblaß; darauf bedeutete er mit einer Bewegung ſeiner Hand dem Offizier, ſich zu entfernen.„Duroc, Duroc,“ ſprach er, als ſie allein waren,„wo iſt Nanſouty?“ „Beim achten Corps, Sire; ſie haben ſchon eine Stunde gewartet.“ „Wer kommandirt das Piquet draußen?“ „Aubuiſſon, Sire.“ 3 „Schicken Sie ihn her und laſſen Sie uns allein.“ In einigen Augenblicken trat der Oberſt Aubuiſſon ein: er trug den einen Arm in einer Schlinge wegen einer Säbelwunde, die er am Morgen zuvor erhalten hatte, die ihn jedoch nicht abhielt, im Dienſt zu blei⸗ ben. Der feſte Soldat ſchien in dieſem ſchrecklichen Augenblicke ſo gelaſſen und furchtlos, als ob es der Tag eines Gala⸗Mansövers und nicht des Unglücks und der Niederlage wäre. „Aubuiſſon,“ ſprach der Kaiſer,„Sie waren mit uns in Alexandria?“ „Ja, Sire,“ erwiderte er, indem ein höheres Roth ſeine ehernen Züge färbte. „Der Erſte auf dem Wall— ich erinnere mich wohl,“ ſprach Napeleon,„der Tagesbefehl erwähnt die That. An der Moskowa, glaube ich, haben Sie das Kreuz gewonnen?“ fuhr er nach einer kleinen Weile fort. „ Ich habe es nie erhalten, Sire,“ verſetzte Aubuiſſon, nicht ohne Anſtrengung, einigen Mißmuth in ſeinem Tone zu unterdrücken. „Wie— nie erhalten— Sie, Aubuiſſon, ein alter Lever, O'Leary. I. 6 8² Tapferer von den Pyramiden. Nun, nun, da muß ein Fehler vorgefallen ſeyn— wir müſſen uns erkundigen. Inzwiſchen, General Aubuiſſon, nehmen Sie das meinige.“ Damit nahm er von ſeiner Uniform ſein Band ab und befeſtigte es an dem Rocke des erſtaunten Offiziers, der kaum die Worte„Sire— Sire!“ als Antwort her⸗ vorſtammeln konnte. „Nun müſſen Sie mir aber einen Dienſt leiſten und zwar ſchnell,“ ſprach Napoleon, indem er ſeine Hand auf die Schulter des Generals legte. Der Kaiſer flüſterte ihm einige Minuten lang in's Ohr, dann ſah er ihm feſt in's Geſicht.„Was!“ rief er,„Sie zandern?“ „Zaudern! Sire!“ ſagte Aubuiſſon zurücktretend, „Nie! wenn Ihre Majeſtät mich an die Mündung eines Mörſers beordert hätte— aber ich wünſchte zu wiſ⸗ ſen——“ Napoleon ließ ihn nicht ausreden, ſondern zog ihn näher und flüſterte ihm abermals in's Ohr.„Und hören Sie mich,“ ſprach er zum Schluſſe laut,„hören Sie mich, Außuiſſon— Schweigen, kein Wort— Schweigen bis zum Tod!“ „Bis zum Tod, Sire!“ wiederholte der Gen eral, waͤhrend im gleichen Augenblicke Duroe in's Zimmer eilte und rief: 3 „Sie rücken gegen die Elſter vor— Maedonalds Nachhut iſt im Gefecht—“ Eine Bewegung Napoleons mit der Hand gegen die Thüre und ein Blick auf Aubuiſſon war die einzige Notiz. die er von der Nachricht nahm: Der Offizier ent⸗ fernte ſich. Während Duroe fortfuhr, die unglücklichen Ereig⸗ niſſe, worüber die neueſten Berichte eingelaufen waren, umſtändlicher auseinander zu ſetzen, trat der Kaiſer an das noch immer offene Fenſter und ſah hinaus. In dieſer Gegend der Stadt in der Nähe des Engpaſſes 83³ wra alles dunkel. Der Angriff war gegen den entfern⸗ ten Wall gerichtet, in deſſen Nähe der Himmel roth⸗ und ſchwarzgelb war. Nach dieſer dunkeln Gegend und nicht nach der Richtung, wo das Gefecht noch tobte, waren Napoleons Augen gekehrt. Er ſtarrte ſprachlos ein die ſchwarze Nacht hinaus, als plötzlich ein glän⸗ zuder Schein aus der Finſterniß hervorſchoß, gefolgt von drei furchtbaren Knallen, ſo ſchnell hintereinander, daß ſie faſt tönten wie ein Einziger. Im gleichen Au⸗ genblicke ſchlug eine Flamme gen Himmel empor und glitzernde Bruchſtücke von brennendem Gebälke wurden in die Luft geſchleudert. Napoleon bedeckte ſeine Augen mit der Hand und lehnte ſich an die Seite des Fenſters. „Iſt es die Brücke über die Elſter?“ rief Duroc mit einer vor Zorn halb wilden Stimme.“ Sie haben die Brücke in die Luft geſprengt, bevor Macdonalds Diviſton herüber war.“ „Unmöglich!“ ſagte der Kaiſer.„Gehen Sie ſchnell, Duroe, und ſehen Sie, was ſich ereignet hat.“ Aber ehe der General das Zimmer verlaſſen konnte, ſtürzte ein verwundeter Offizier herein, ſeine Kleider voll friſchgebrannten Löchern. „Die Sapveurs, Sire— die Sappeurs—— Was iſt mit ihnen?“ fragte der Kaiſer. „Sie haben die Brücke in die Luft geſprengt und das vierte Corps iſt noch in Leipzig.“ Ich nächſten Augenblick ſaß Napoleon zu Pferd, umgeben von ſeinem Stabe, und galoppirte wüthend auf den Fluß zu. Nie bot ſich eine ſchrecklichere Scene dar als hier. Hunderte hatten ſich über Hals und Kopf in den reißen⸗ den Strom geworfen, wo allenthalben ſchwere Maſſen von brennendem Gebälke herniederfielen— Reiter und Fußvolk, alles in ſchrecklicher Verwirrung untereinander gemiſcht, rangen verzweifelnd in den Wellen und ver⸗ mengter ihren Klageruf mit dem Geſchrei derjenigen, 3 6* die ihnen nachkamen und zum erſtenmal entdeckten, daß der Rückzug abgeſchnitten war. Der Herzog von Tarent ſchwamm hinüber, an den Mähnen ſeines Pferdes ſich haltend. Lauriſton batte faſt das Ufer erreicht, als er unterſank, um nie mehr empor zu kommen; Poniatowsky, der ritterliche Pole, die letzte Hoffnung ſeiner Nation, wurde einen Augenblick geſehen, wie er mit den Wellen rang, und verſchwand dann für immer. So waren zwanzigtauſend Mann, ſechzig ſchwere Geſchutze und mehr als zweihundert Wagen in der Ge⸗ walt des Feindes gelaſſen. Nur wenige, die durch die Flucht ſich zu retten ſuchten, erreichten die andere Seite, und meilenweit abwärts waren die Ufer der Elſter mit Leichen franzöſiſcher Soldaten beſtreut, die in dieſer ſchreck⸗ lichen Nacht den Tod gefunden hatten. Zu den Unglücksfällen dieſes grauenhaften Rückzuges gehörte auch das Schickſal Reyniers, von dem man keine Nachricht erhielt, und nie erfuhr, ob er in der Schlacht fiel oder als Gefangener in die Hände des Feindes ge⸗ rieth. Er war der perſönliche Freund des Kaiſers, der in ihm nicht nur den tapfern Soldaten, ſondern auch den treuen Anhäger in guten und ſchlimmen Tagen beklagte. Kein ſchlagenderer Beweis für die Schwere des Unglücks, als das Bulletin Napoleons ſelbſt. Dieſes Dokument, ſonſt gewöhnlich voll prahleriſcher übertrie⸗ benen Schilderungen der von der Armee gewonnenen Siege— voll jener aufgeblaſenen Beſchreibungen, wo⸗ mit die glühende Einbildungskraft des Kaiſers die Tha⸗ ten ſeiner Soldaten den ſtaunenden Ohren Frankreichs zuführte, war jetzt eine Urkunde tiefer Niedergeſchlagen⸗ heit und traurigen Glückswechſels.. „Die franzöſiſche Armee,“ ſagte er,„ſetzt ihren Marſch nach Erfurt fort— eine geſchlagene Armee; nach ſo glänzenden Erfolgen iſt ſie jetzt auf dem Rück⸗ zug.“ Es kennt faſt Jedermann die unglückliche Lauf⸗ bahn dieſer Armee, der größten, die jemals von Frank⸗ reich ausgezogen iſt. Mit jedem Schritte mußte ſie ſich 7 4 * . 85⁵ hartnäckig gegen überwiegende Streitkräfte wehren, und ſo glänzende Proben ſie auch von dem ritterlichen Sinn einer Nation ablegen mochte, die ihre Niederlage nicht eingeſtehen wollte, ſo zog ſie ſich doch immer näher an ihre eigenen Grenzen zurück, verfolgt von Denen, deren Länder ſie geplündert, deren Könige ſie entthront, deren Freiheiten ſie niedergetreten hatte. Die ſchreckliche Nemeſis des Krieges war gekommen, die Stunde war da, wo alles Böſe, das ſie an andern ausgeübt, zehnfach ihnen wieder vergolten, wo die Ebenen jener„belle France,“ worauf ſie ſo ſtolz waren, von den Roſſen übermüthiger Sieger zerſtampft werden— wo der Koſak und der Uhlane in jener Hauptſtadt bi⸗ vouakiren ſollten, die ſie ſo anmaßend den Mittelpunkt europäiſcher Civiliſation nannten. ch brauche bei dieſen Dingen nicht zu verweilen, ſondern will Sie nur bitten, mich nach Erfurt zu be⸗ gleiten, wo die Armee nach einem fünftägigen Marſch ankam. Hier wurde ein Kriegsgericht niedergeſetzt, um den Oberſt Montfort und ſeine Ingenieure zu verhören, die, ihren Befehlen entgegen, die Elſterbrücke vorzeitig in die Luft geſprengt hatten, und ſomit Urſache jenes ſchrecklichen Unglücks waren, wodurch ſo manches tapfere Leben geopfert und die Ehre der franzöſiſchen Armee ſo traurig befleckt wurde. die Sache verwickelt ſey. eer General nahm ſeine Stelle neben den andern Gefangenen, in der vollen Uniform ſeines Ranges. Auf der Bruſt trug er das Kreuz, das ihm der Kaiſer ſelbſt 86 gegeben, und an ſeiner Seite den Ehrenſäbel, den er auf dem Schlachtfeld von Eilau erhalten hatte. Den⸗ noch bemerkten diejenigen, die ihn genau kannten, daß ſein Geſicht nicht mehr den frühern freien und heitern Ausdruck hatte, während in ſeinem Auge ein raſtloſer, ängſtlicher, verwirrter Blick lag, der unſtät umher ſchweifte. Ein Adjutant des Kaiſers brachte den Befehl, das Verhör ſolle an dieſem Morgen nicht vor Ankunft Seiner Majeſtät eröffnet werden, und bereits war der Hof eine Stunde unthätig geſeſſen, als Napoleon plötzlich eintrat, die Mitglieder des Tribunals mit höflicher Verbeugung begrüßte und ſeinen Platz an der Spitze der Tafel nahm. Während er durch den Saal ſchritt, warf er einen ein⸗ zigen Blick auf die Bank, wo die Gefangenen ſaßen; es war ein kurzer, flüchtiger Blick, aber unter den Ange⸗ klagten war einer, dem er in die innerſte Seele drang und der darin ſein eigenes Schickſal für immer las. „General Aubuiſſon,“ ſagte der Präſident des Kriegs⸗ gerichts,„Sie waren am Abend des 18. mit dem Peloton Ihres Bataillons in Dienſt.“ Ein kurzes Nicken mit dem Kopfe war die einzige Antwort. „Es wird angegeben,“ fuhr der Praſident fort,„Sie ſeyen kurz nach neun auf der Elſterbrücke erſchienen und haben eine Unterredung mit Oberſt Montfort gehabt, der den dortigen Poſten kommandirte. Das Gericht wünſcht nun, daß Sie die Umſtände dieſer Unterredung erzählen, und uns zugleich im Allgemeinen über die Gründe unterrichten, weßhalb Sie an einem von dem Ihrigen ſo entfernten Poſten erſchienen ſind?“ Der General gab keine Antwort, ſendern heftete ſeine Augen feſt auf das Geſicht des Kaiſers, deſſen kalter Blick, unempfindlich und regungslos, ſeinem eige⸗ nen begegnete „Haben Sie die Frage des Gerichts gehört,“ ſprach 87 der Präſtdent in lauterem Tone,„oder ſoll ich ſie wie⸗ derholen?“ Der Gefangene richtete einen gedankenloſen Blick auf ihn. Als wäre er plötzlich aus einem ſchrecklichen Traum erwacht, ſchien er ſich abzumühen, um auf irgend etwas ſich zu beſinnen; aber jede Anſtrengung ſeines Geiſtes ſchien vergeblich. Er fuhr mit der Hand über ſeine Stirne, worauf jetzt dicke Schweißtropfen ſtanden, und dann entfuhr ihm ein Seußzer, ſo leiſe und klagend, daß man ihn kaum hören konnte.— 3 „Sammeln Sie ſich, General,“ ſagte der Präſident, in milderem Tone,„wir wünſchen aus Ihrem eigenen Munde eine Erzählung über dieſen Hergang zu hören.“ Aubuiſſon ſchlug die Augen nieder, ballte krampf⸗ aft ſeine Hände und ſchien in Nachdenken verſunken. Während er ſo daſtand, fiel ſein Blick auf das Kreuz der Ehrenlegion, das er auf ſeiner Bruſt trug; er ſuhr plötzlich zuſammen, drückte ſeine Hand darauf, richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe empor und rief mit wilder, gebrochener Stimme— „Schweigen!— Schweigen bis zum Tod!“ Die Mitglieder des Kriegsgerichts ſahen einander erſtaunt an; nach einer Pauſe von einigen Minuten wiederholte der Präͤſident ſeine Frage, geduldig bei je⸗ dem Worte verweilend, als wünſchte er, ſich dem geſtor⸗ ten Geiſte des Geſangenen verſtändlich zu machen. „Man bittet Sie,“ ſprach er,„ſich zu erinnern, warum Sie auf der Elſterbrücke erſchienen.“ „Huſch!“ verſetzte der Gefangene, den Finger auf die Lippen drückend, gleichſam um ſich zur Vorſicht zu ermahnen;„kein Wort!“ „Was kann dieß bedeuten?“ ſagte der Präſident, „ſein Geiſt ſcheint gänzlich irre.“ Die Mitglieder des Tribunals ſtreckten ihre Köpfe über der Tafel zuſammen und unterhielten ſich einen Augenblick in leiſem Tone, worauf der Präſident das Verhör wie zuvor fortſetzte. ——õömm—————— 88 „Was wollen Sie?“ ſagte der Kaiſer aufſtehend, während ein dunkelrother Fleck auf der Wange ſein Miß⸗ fallen verrieth,„was wollen Sie, meine Herren! Sehen Sie nicht, daß der Mann verrückt iſt?“ „Schweigen!“ wiederholte Aubuiſſon mit gleich feierlicher Stimme,„bis zum Tod— Schweigen!“ Es konnte nun kein Zweifel mehr über die Frage obwalten. Woher es auch kam, ſein Verſtand war zer⸗ rüttet und ſeine Vernunft dahin. Irgend ein vorherr⸗ ſchender Eindruck, irgend eine allmächtige Idee hatte den Sitz ſeiner Urtheilskraft ſowohl, als auch ſeines Ge⸗ dächtniſſes eingenommen, und er war verrückt. Zehn Tage ſpäter war der General Aubuiſſon— der ausgezeichnete Soldat der Republik, der Tapfere von Egypten, der Held mancher Schlacht in Deutſchland, Polen und Rußland— ein Patient in Charenton. Eine traurige melancholiſche Geſtalt, verheert und verwelkt, gleich einem vom Blitz zerriſſenen Baum, das Wrack ſeines frühern Selbſt, ging er langſam auf und ab, und obgleich zuweilen ſeine Vernunft frei und unumwölkt zurückzukehren ſchien, ſo fiel dann plötzlich wieder ein dunkler Vorhang über das Licht ſeines Geiſtes, er äußerte die Worte:„Schweigen! Schweigen bis zum Tod!“ und ſprach mehrere Stunden lang nicht mehr. Der Vicomte de Berlemont, von dem ich dieſe trau⸗ rige Geſchichte gehört, war ſelbſt ein Mitglied des Kriegs⸗ gerichts bei dieſer Gelegenheit. Uebrigens beſuchte ich Paris ungefähr vierzehn Tage, nachdem ich dieß gehört, und machte, um meine Zweifel über einen ſo intereſſanten Gegenſtand zu löſen,„ alsbald einen Beſuch in Charenton. Als ich das Regi⸗ ſter der Anſtalt durchſuchte, fand ich den Namen„Gu⸗ ſtave Guillaume Aubuiſſon, geboren zu Dijon, zwei und dreißig Jahre alt. Aufgenommen in Charenton am 31. Oktober 1813— unheilbar.“ 3 und auf einer andern Seite ſtand die einfache Zeile— 1 89 „Aubuiſſon entkam von Charenton am 16. Juni 1815—- man glaubt, er ſei am 18. bei Waterloo ge⸗ ſehen worden. In dieſer traurigen Geſchichte bleibt noch ein Punkt zu erwähnen. Es ſteht noch ein alter Thurm, ſchauer⸗ lich und troſtlos auf dem Beſtre⸗Gebirge; aber er iſt jetzt unbewohnt— die Schafe ſuchen Schutz innerhalb ſeiner düſtern Wände und verſammeln ſich an jenem ungeheuren Kamin. Noch eine andere Veränderung iſt daſelbſt vorgegangen, aber ſie iſt ſo klein, daß man ſie kaum bemerkt— ein kleiner Erdhügel, mit Gras über⸗ wachſen und mit Diſteln bedeckt, bezeichnet die Stelle, wo Lazare der Schäfer ſeine letzte Ruhe genießt. Es iſt ein einſamer, trauriger Ort, und die ſeufzenden Nacht⸗ winde, wenn ſie über die öde Haide fahren, ſcheinen ſeine lletzte Loſung zu murmeln und ſein Requiem— „Schweigen! Schweigen bis zum Tod!“ Neunzehntes Kapitel. Die Bankette. „Summa diligentia,“ oder, wie wir in der Schule zu uͤberſetzen pflegten,„auf der Spitze der Diligence“ fuhr ich auf den Rhein zu. Es iſt dieß ein langweili⸗ ger und öder Weg.— In der That, ich glaube faſt, eine Grenze iſt immer ſo, eine gewiſſe natürliche Schranke gegen die beiderſeitige Länderſucht, wo beide Parteien inne halten und ſagen: Ei, da kommt man ge⸗ wiß nicht in Verſuchung! Leſer, biſt Du jemals auf der Bankette einer Dili⸗ gence gereist? Ich frage nicht Sie, meine ſchöne Dame, denn wie könnten Sie zu jenem Olymp von Koffern, Nachtſäcken und Hutſchachteln emporſteigen; ſondern meinen backenbärtigen Freund dort mit dem Kupferge⸗ ſicht, was ſagt der dazu? Machen Sie kein ſo böſes Geſicht, Mann, ich wollte Sie durch meine Frage nicht beleidigen; es ſind ſchon beſſere Leute, als wir beide, da oben geſeſſen, und alle thaten ganz wohl daran. Erſtens, wenn das Wetter ſchön iſt, hat man da oben eine herrliche Ausſicht; wir ſind da nicht, wie un⸗ ſere Freunde im Coupeé, auf den Anblick der Gamaſchen des Kondukteurs beſchränkt, oder auf die lederne Scheibe des Poſtillions. Nein.— Unſere Augen ſtreifen nach allen Seiten jener wellenförmigen Ebenen, die der Con⸗ tinent darbietet, ununterbrochen durch Hecken oder Zäune, weite Kornfelder, große wogende Waldungen, unabſeh⸗ bare Strecken gelblichen Waidelands, da und dort der Kirchthurm eines Dorfes oder das ſpitzige Dach eines Schloſſes, über die Bäume emporragend. Durch die Ebene zieht ſich ein Seitenweg von gelber Erde, worauf ein ſchwerer Wagen dahinwankt, die acht ungeheuren Roſſe gehen ſo frei, als ob ſie gar kein Gewicht hinter ſich zögen; ihre Glocken klingeln in der reinen Luft, und es miſcht ſich darein der luſtige Geſang des Fuhrmanns. Es fällt etwas ſchwer, ſich vorzuſtellen, wie das Land bebaut wird; man findet wenige Dörfer— kaum ein Haus iſt ſichtbar— dennoch gibt es duftende Felder, die Erde iſt mit dem gelben Gold der Ernte gefärbt, und allenthalben ſieht man die Werke des menſchlichen Fleißes. Es iſt ein friedlicher, wegen ſeiner Ausdeh⸗ nung auch ein großer Anblick, aber heimlich iſt er nicht. Nein.— Unſer eigenes glückliches Land beſitzt allein dieſe Eigenſchaft. Das unſrige iſt das Land des Herdes und der Heimat. Wer in Frankreich oder Deutſchland reist, erblickt nichts von dem Landleben der Grundbe⸗ ſitzer. Ein blaſſes, weißes Schloß, ſcheinbar unbewohnt, ſteht auf einer gezierten Fläche, wo die heiße Sonne ungeſtört ihre Strahlen herabſchießt, und ſeibſt der Springbrunnen vor Hitze zu ziſchen ſcheint. Nirgends ſteht man Lebenszeichen, alles iſt ſtill und ruhig, als ob der Mond ſeinen gelben Glanz über die Scene er⸗ göſſe. O! wie ſehne ich mich nach dem luſtigen Ge⸗ 7* 5 — 9¹ lächter der Schuljungen, nach dem Hufſchlag des galop⸗ pirenden Pony's, nach dem Gebelle des Hofhundes, nach dem Squire ſelbſt, der mitten in ſeinen Waldungen die Morgenluft einathmet; dieß alles ſpricht von England. Wie wohl thut ein Blick in jenes große Geſellſchafts⸗ zimmer, deſſen Fenſter ſich nach dem Raſen zu öffnen und eine Ausſicht auf ferne Gebirge geſtatten, und auf einen weit zurücktretenden Vordergrund, durch eine von Roſen und Geisblatt mit Wohlgeruch geſchwängerte Atmoſphäre. So lieblich die Scene iſt mit ihrem all⸗ farbigen Laubwerk, von der hellen Haſelſtaude bis zu der dunklen Tanne oder der finſtern Kupferbuche; wie ſehr ziehe ich es vor, hineinzuſehen, wo ſie ſind, die dieß ihre Heimat nennen, und welch' ein Paradies iſt eine ſolche Heimat! Aber ich darf nicht mehr an ſolche Dinge denken. Ich bin ein einſamer Mann, mein Glück liegt auf einem andern Wege, und ich werde mir es nicht verbittern durch Wünſche, die nie erfüllt werden können. Während ich in ſolche Betrachtungen verſunken in der Bankette ſaß, fiel plötzlich mein Gefährte, von dem ich bisher nichts geſehen hatte, als einen blauen Tuchmantel und eine Reiſekappe, mit einem Geſchnarche, woran er beinahe erſtickt wäre, auf mich hin, ſo daß ich erwachte. „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir.“ ſagte er mit einer Stimme, die ſehr deutlich den Middleſerer⸗Accent verrieth.„Je suis,— das heißt, J'ai.——“ „Geben Sie ſich keine Mühe, Sir; wir werden ſchon mit Engliſch auskommen,“ rief ich.„Sie haben einen geſunden Schlaf gehabt.“ „Ja, der Himmel ſey geprieſen. Eine Reiſe ver⸗ geht mir ſo gut wie Einem. Wo ſind wir jetzt— wiſſen Sie es vielleicht?“ „Jenes alte Schloß dort, glaube ich, iſt die Alten⸗ burg,“ ſagte ich, indem ich meinen Wegweiſer heraus⸗ nahm.„Die Altenburg wurde gebaut im Jahr 1384, von Karl Ludwig, Graf von Löwenſtein, und es fehlt ihr nicht an hiſtoriſchen Erinnerungen—— 92 „Zur Hölle mit Ihren hiſtoriſchen Erinnerungen,“ ſagte mein Gefährte mit einem Nachdruck, worüber ich zuſammenfuhr.„Ich wollte, der Teufel und ſeine Ge⸗ ſellen holten den ganzen Quark, oder behielten ihn zur Qual der Menſchen in ihrem eigenen heißen Klima, und befreiten uns hier davon. Ich bitte um Vergebung, Sir— ich erſuche Sie, meine Wärme zu verzeihen; Sie thäten es gewiß, wenn Sie die Urſache wüßten.“ Ich begann ſelbſt ſo etwas zu ahnen, und daß mein Nachbar verrückt und daher auf keine Weiſe für ſeine Meinungen verantwortlich ſey, als er fortfuhr: „Die meiſten Menſchen ſind zu bedauern wegen gegenwärtiger Leiden, einige hegen Furcht vor der Zu⸗ kunft, aber noch niemand hat weder von Zukunft noch von der Gegenwart ſo viel gelitten, als ich von der Vergangenheit. Nein, Sir,“ fuhr er mit erhöhter Stimme fort,„ich bin gerade durch dieſe ſüßen Erinne⸗ rungen an vergangene Größe, die von den Verfaſſern von„Wegweiſern“ und von den Touriſten ſo begierig angeſtiert werden, unglücklich geworden. Der bloße Ge⸗ danke an Alterthum macht mich ſchaudern; der Name Karls des Großen macht mir Kreuzweh, und vor einer Unterhaltung über Karl den Kühnen oder Philipp van Artevelde möchte ich meilenweit davon laufen. Ich ſehe, was in Ihrer Seele vorgeht, aber Sie ſind ganz auf dem Holzweg— ich bin nicht verrückt, nicht im ge⸗ ringſten— aber fürwahr, ich könnte es ſeyn, ohne Schimpf oder Schande.“— Die Launen der Menſchen, der Engländer insbe⸗ ſondere, hatten ſchon lange aufgehört, mich in Erſtaunen zu ſetzen; jeder Tag enthüllte mir eine oder die andere Sonderbarkeit. Erſt in dem letzten Gaſthof hatte ich ein Parlamentsglied verlaſſen, das ſich einen neuen Weg an den Rhein ausſann— wobei Köln umgangen werden ſollte— weil in dem Kaffézimmer des„Großen Rheinberg“ eine Doppelthüre war, die jeden Gaſt beim Kommen oder Gehen ſchlug, und den ehrenwerthen und 93 gelehrten Gentleman ſo ärgerte, daß er drei Wochen lang an einem Anfall von Gicht darnieder lag, die ihm der bloße Zorn über die verwünſchte Thüre zuge⸗ zogen hatte. 8 Auf eine Erklärung im jetzigen Falle hatte ich nicht lange zu warten. Mein Gefährte ſchien zu glauben, er ſey es ſich ſelbſt ſchuldig, zu zeigen, warum er nicht unter die Mondſüchtigen zu rechnen ſey, und nachdem er mir in kurzen Worten zu verſtehen gegeben hatte, daß ſeine Mittel ihn in Stand ſetzten, ſich von den Ge⸗ ſchaften zurückzuziehen und ſeine Ruhe zu genießen, er⸗ klärte er, daß er in die Fremde gekommen ſey, um den Reſt ſeiner Tage ungeſtört und friedlich zu verleben— aber ich werde ihn ſeine Geſchichte ſelbſt, in ſeinen eige⸗ nen Worten, erzählen laſſen. 3. „Am achten Tage nach meiner Ankunft in Brüſſel ſagte ich meiner Frau, wir wollten einpacken; denn da Mr. Thyſens, der Advokat, der verſprochen hatte, vor dieſer Zeit zu ſchreiben, es nicht gethan hatte, ſo brauch⸗ ten wir auf nichts mehr zu warten. Wir hatten Wa⸗ terloo geſehen, das Muſeum beſucht, waren in Pantof⸗ feln durch den Oranien⸗Palaſt geſchliffen, hatten bei Dubos dinirt, bei Velloni Eis gegeſſen, die Hälfte der alten Spitzen in der Rue de la Madelaine aufgekauft, und uns in der grünen Allee faſt das Fieber geholt. Dieß war gewiß Vergnügen genug für eine einzige Woche; ich beſtellte daher meine Rechnung, und ſchickte mich an, Flandern zu räumen. Der Herr ſteh mir bei, was ſind wir doch für Geſchöpfe! Wäre ich zur Eiſen⸗ bahn über die Boulevards gegangen, anſtatt über die Montagne de la Cour, welches Elend wäre mir nicht erſpart worden. Es begegnete mir der Schreiber des Mr. Thyſens, gerade als ich die Place Royale verlaſſen hatte, mit einem Briefe in der Hand. „Ah, mein Herr, welches Vergnügen, Sie zu ſehen, — hier iſt ein Brief für Sie.“ 94 Ich nahm ihn— öffnete ihn— und las: „Sire,— ich habe ſo eben den Kauf des ſchönen Schloſſes Vanderſtradentendonk zu Stande gebracht, mit allen ſeinen Gärten, Obſtanlagen, Faſanerien, Fiſche⸗ reien, Wieſen und Waldrechten, die jetzt Ihr Eigenthum ſind. Empfangen Sie meine achtungsvollſten Gratula⸗ tionen zur Erwerbung dieſes prächtigen Sitzes alter Größe, das von doppellem Werthe iſt, weil es einſt der Lieb⸗ lingsaufenthalt und das Schloß des großen Vandyk war.“ „Hier folgte eine lange Lobrede auf Rubens und ſeine Schule, woran ich gerade keinen großen Gefallen fand, weil ich wußte, daß ſie mir in meiner Rechnung theuer zu ſtehen kam; das Ganze ſchloß mit einer drin⸗ genden Empfehlung ſogleich hinzuelien, um Beſitz davon zu nehmen und mich an der trefflichen Hühnerjagd zu beluſtigen. „Mein Weib war entzückt, daß ſie jetzt die Vrow⸗ Vanderſtradentendonk war, mit einem Fiſchteich vor der Thüre und rings um denſelben zwölf bieierne Götter und Göttinnen. Ein Paar engbrüſtige Pfauen auf einer Terraſſe und ein waſſerſüchtiger Schwan auf einer Inſel waren ſtarke Zaubermittel; nicht zu ſprechen von den geraden Wegen, die nirgends hinfuhrten, und von den Winden, die allenthalben hereinbließen. Ein Haus mit hundert und dreißig Fenſtern und halb ſo vielen Thüren, von denen keine einzige recht ſchloß; ein Garten mit keiner andern Frucht als Holzäpfeln; und eine Kinder⸗ ſtube, die deßwegen ſo hieß, weil ſie der Spielplatz für alle Bälge aus dem Umkreis von einer Stunde war. Das that nichts zur Sache; ich hatte beſchloſſen, ein Paar Jahre in der Fremde zu leben; auf den Platz kam dabei wenig an; hier ſollte ich wenigſtens Ruhe haben; das war etwas: Da gab es keine Nachbarſchaft, keine Stadt, keine Landſtraße, keine Entſchuldigung für Rei⸗ ſende, einzukehren, oder für umherſtreifende Touriſten, Einen mit Empfehlungsbriefen zu langweilen. Gott ſey Dank! Da war fuͤnf Meilen in der Umgegend weder 9⁵ ein Schlachtfeld, noch eine Kathedrale, noch ein Ge⸗ mälde, noch ein großer lebender Poet. Hier, dachte ich, werde ich den Frieden genießen, den Piccadily nicht gewähren kann.— Gleich Cincin⸗ natus werde ich meinen Kohl pflanzen, meine Trut⸗ hühner füttern, meinen Bart wachſen laſſen und mein Rentenbuch verwalten. Einſamkeit langweilte mich nie; ich konnte alles ertragen, nur keine unverſchämte Zu⸗ dringlichkeit, und in dieſem Gefühle ging ich ſo weit, daß ich, als ich Robinſon Eruſoe las, das Buch bei Seite legte aus Unwillen über die Einführung ſeines Bedienten Freitag. Es kümmerte mich daher wenig, daß das roſen⸗ farbige Gemälde, welches der Anwalt über das Schloß entworfen, nur in ſeiner eigenen blühenden Einbildungs⸗ kraft exiſtirte; das ſeltſame alte Gebäude mit ſeinen zerriſſenen Tapeten und ſeinen abgeſchoſſenen Vorhängen paßte zu der Stimmung meiner Seele, und ich that mir oft in dem ſüßen Gedanken gütlich, meine Londoner Bekanntſchaften würden ſich über meinen Aufenthalt den Kopf zerbrechen, ohne die geringſte Spur davon zu ent⸗ decken. Hätte ich mich in Florenz, Frankfurt oder Genf niedergelaſſen, welch ein Leben hätte ich da nicht führen müſſen! Da kommt immer irgend eine theure Mrs. So und So, die in unſerer Nachbarſchaft lebt, und uns bittet, uns nach einem Hauſe für ſie umzuſehen; ſie will etwas vorzügliches: achtzehn gut möblirte Zim⸗ mer, eine ſüdliche Lage im beſten Quartier, ein Garten i*ſt unentbehrlich und das Alles für einige vierzig Pfund jährlich. Oder wir werden von irgend einem andern theuern Freund erſucht, für ihn eine Gouvernante auf⸗ zutreiben, mit mehr Vorzügen als Malibran und mehr Gelehrſamkeit als Porſon, mit der Gemüthsart von fünf Engeln und einem himmliſchen Gelübde, keinen höhern Gehalt zu verlangen, als ein Bettmacher in einem College. Dann reiſen die Thompſons durch, um deren Bekanntſchaft wir uns vorher nie bekümmert hatten, 96 aber ſie fallen über uns her als Fremde in einem frem⸗ den Lande, nnd machen ſich während ihres Aufenthaltes die„Fremdenakte“ bei Diners in unſerm Hauſe zu nütze. Ich verweile nicht dabei, die ſchreienden Bedürfniſſe des ſpäter angekommenen Landsmanns, der ſeine Wohnung auch da aufſchlagen will, aufzuzählen; die Empfehlungen an Haushofmeiſter, die nicht betrügen, an moraliſche Muſiklehrer, an ernſte Tanzmeiſter und an Doktoren, die ſich nicht bezahlen laſſen; jede Uebertretung von einem jeden dieſer Individuen in ſeinem eigenthümlichen Berufe ailt als ein gerechter Beſchwerdegrund gegen uns ſelbſt, erfordert eine leidenſchaftliche Correſpondenz und ſchließt mit einer demüthigen Entſchuldigung und mit dem Verſprechen, den Verbrecher noch am gleichen Tage zu entlaſſen, obgleich wir ihm eine halbe Jahres⸗ rechnung ſchuldig ſind. Dieß alles iſt angenehm— nicht zu ſprechen von dem Fluche zerfallener Geſellſchaft, von übel angebrachter unvernünftiger Anmaßung, von gemeiner Unverſchämt⸗ heit und giftiger Schmeichelei allenthalben, ohne daß man einen Mann findet, mit dem man gemeinſchaftlich über das Ganze lachen könnte, was für alle Leiden reichlichen Erſatz geben würde.. Nein, dachte ich, das habe ich ſatt! ich will meine Barke in ruhigeres Waſſer bringen, und obgleich ſie nur eine Schauke iſt, ſo will ich doch das Ruder ſelbſt führen, und das iſt ſchon etwas. So viel von der Selbſtgratulation, der ich mich hingab, als die alte Poſtchaiſe über das ſchwere Pflaſter rollte und vor der Säulenhalle meiner künftigen Woh⸗ nung anhielt. Meine Frau war entzückt über die Pro⸗ zeſſton der Landleute, die uns an der Treppe erwartete, und obgleich nie eine häßlichere. Bevölkerung ihre Mut⸗ ter Erde in hölzernen Pantoffeln betrat, ſo bildete ſte. ſich doch ein, unter der Menge mehrerer Geſichter von großer Schönheit und hohem Intereſſe entdecken zu können. Ich ſah nichts als ein nebelhaftes Gewirre von 97 baumwollenen Schlafmützen, geſtreiften Jacken, Bluſen, ſchwarzen Weiberrocken und Holzſchuhen. Ich bahnte mir alſo meinen Weg durch ihre Mitte, und überließ die Spielleute und den Burgomaſter dem vereinten Entzücken über ihre Muſik und Beredtſamkeit, ſchloß die Saalthüre, warf mich auf einen Sitz und dankte dem Himmel, daß endlich meine Zeit des Friedens und der Ruhe beginnen ſollte. Friede und Ruhe! welche luftige Hirngeſpinnſte! Hätte ich die Stelle eines Kondukteurs bei einem Om⸗ nibus gewählt, oder die eines Wirthes auf einem Green⸗ wicher Dampfboot, wäre ich ein Wegweiſer nach dem Monument geworden, oder ein Aufwärter bei Long, ſo wäre mein Leben im Vergleich mit meiner jetzigen Eriſtenz in würdevoller Ruhe dahin gefloſſen. Ich war noch keine Woche im Schloſſe, als ein reiſender Engländer in kurzer Entfernung vom Hauſe ſeinen Knöchel verrenkte. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß er bei uns untergebracht und für die wenigen Tage ſeines Aufenthaltes nach beſten Kraften gepflegt wurde. Er hatte Nahrung, Obdach, Blutigel, warme Umſchläge und als er endlich ſeine Reiſe fortſetzte, war er ver⸗ ſchwenderiſch mit ſeinen Dankſagungen für die ihm ge⸗ leiſteten Dienſte; und doch, wie elend hat der Undank⸗ bare vergolten?... Ich habe kaum die nöthige Ruhe, um es zu erzählen. In dem nämlichen Augenblicke, wo wir mit unſern Aufmerkſamkeiten gegen ihn am frei⸗ gebigſten waren, machte er ſich daran, den Frieden ſeiner Wohlthäter zu untergraben. Er erfuhr von den flämiſchen Bedienten des Hauſes, daß es früher der Lieblingsaufenthalt Vandyk's geweſen ſey; das Haus⸗ geräthe ſey noch alles aus ſeiner Zeit; ſein Bett, ſein Tiſch, ſein Stuhl, alles ſey noch vorhanden. Der Elende — bin ich nicht berechtigt, ihn ſo zu nennen?— notirte ſich dieß alles auf und noch ehe ich drei Wochen in meiner neuen Wohnung war, kam eine„Wanderung in Lever, O Leary. II. 7 98 Flandern“ in zwei Bänden heraus mit einem ganzen Kapitel über mich, betitelt„Vandyk's Schloß“.... Da waren wir nun, ich und meine Frau, an jedem Fenſter der Gaſſe zu ſchauen— Longman, Hurſt, Rees, Orme, Brown, Green und Blue hatten uns aufgekauft und Geld für uns bezahlt. Da waren wir nun— wir, die wir Einſamkeit und Zurückgezogenheit geſucht hatten, der Oeffentlichkeit Preis gegeben, ſo daß jeder Geck in Weſtend und jeder Lehrling in Cheapſide von uns leſen konnte. Unſere Gaſtfreundſchaft war geprieſen, als ob mein Haus Jedermann offen ſtünde, mit war⸗ men Schnitten und brauner Fleiſchbrühe, im erſten Augenblick. Der Antiquar wurde durch die Bezaube⸗ rung einer den Träumereien des Genius geweihten Stelle verlockt mich zu beſuchen; der Sportsmann durch den Be⸗ richt über mein Revier; der Müßiggänger mußte ſagen, daß er dort geweſen ſey; und der Verfaſſer von Wegwei⸗ ſern und von geſchichtlichen Biographien wollte bei mir Mittheilungen zu einer neuen Auflage von„Belgien wie es war,“ oder von„Vandyk und ſeine Zeitgenoſſen“ zuſtutzen. „Seit der Stunde der Veröffentlichung dieſes ſchreck⸗ lichen Buches genoß ich keinen Augenblick Ruhe oder Friede mehr. Die ganze Flut meiner reiſenden Lands⸗ leute— und welch eine Fiut iſt dieß— ergoß ſich nach Gent. Poſtpferde konnten nicht halb ſo viel aufgetrieben werden, als man verlangte; die Gaſthöfe waren über⸗ füllt; achtbare Landleute gaben ihre tägliche Arbeit auf, um Führer nach dem Schloſſe zu werden; und kleine Büſten von Vandyck wurden in der Nachbarſchaft herum von vierjährigen Kindern feilgeboten. Die große Kathe⸗ drale von Gent— van Scamp's Gemälde— alle hiſto⸗ riſchen Ueberbleibſel dieſer alten Stadt kamen aus der Mode, und diejenigen Leute, die früher vom Vorzeigen derſelben lebten, waren jetzt um ihr Brod gebracht. Gleich dem Tanzmeiſter, der nicht nach Paris gegangen iſt, um die neueſte Pirouette zu lernen, oder gleich dem Arzte, der keinen Gebrauch vom Stethoscop macht, wur⸗ 99 den ſie als altmodiſch verſchmäht; und wer keine Be⸗ ſchreibung von Vandyk's Schloß geben konnte, wurde unter die Veralteten gerechnet. „Der Impuls war einmal gegeben, und nun war kein Einhalt mehr zu thun; der Strom war unwider⸗ ſtehlich; das doppelte Schloß am Hofthor, der Bullen⸗ beißer vor der Fallenthüre, die geſchloſſenen Läden, die abgeſchnittene Klingenſchnur verkündeten einen feſten Ent⸗ ſchluß in der Feſtung ſich nicht zu ergeben; aber wir wurden hinter einander mit Sturm, Leitern und durch Hunger angegriffen. „Kanm ſtand die Thee⸗Urne auf dem Frühſtück⸗ Tiſch, als ſie hereinzubrechen begannen; Alt und Jung, Lahme, Einäugige, Fette, Dünne, Melancholiſche, Luſtige, Liederliche, an Unverdaulichkeit Leidende, Sen⸗ timentale, Scherzhafte, Plumpe, Zeremonielle, Höfliche, Rohe, Kritiſche, Ungenirte: der eine machte einen Um⸗ weg von zwanzig Stunden und erklärte das ganze Ding für einen Betrug und mich ſelbſt für einen Aufſchneider; ein anderer beſtand darauf, daß ich ihn zum Diner ein⸗ lud, damit er in meinem Stuhle ſitzen könne, der von den verwünſchten Wegweiſern als Vandyk's Lehnſtuhl bezeichnet war; ein dritter ging ſo weit, daß er vor⸗ ſchlug, ſich in unſer großes. zweiſchläfriges Bett zu legen, nur um ſagen zu können, daß er darin gelegen habe, obgleich damals meine Frau darin war. Ich ſage nichts von der elenden Gewohnheit, von allem Hausgeräthe Stücke abzuſchneiden und ſte als Reliquien mitzunehmen. John Murray nahm ein Verzeichniß mei⸗ nes ſämmtlichen Hausgeräthes für eine neue Ausgabe ſeines Weaweiſers auf; und Holman, der blinde Rei⸗ ſende, befühlte mich mit ſeiner Hand am ganzen Leibe, als ich mit meiner Frau am Thee ſaß; zuletzt kam ein ehrbarer Käskrämer vom Strand, drückte mir, nachdem er ſich das ganze Gebäude vom Ueberſatz bis zum Keller beſehen hatte, beim Abſchied ſechs Piennige in die Hand 7 8 ——EEEEEEöö— 100 und ſagte:„Es ſoll mich freuen, Mr. Vandyk, Sie zu ſehen, wenn Sie in die Stadt kommen.“ „Die mündlichen und ſchriftlichen Rathſchläge, die mir gegeben wurden, wuͤrden einen Band füllen und füllten ihn wirklich; denn ich war genöthigt, in der Halle für die Namen der Gäſte ein Album zu halten.“ „Einer meinte, meine Entweihung des Tempels des Genius würde weniger empörend ſeyn, wenn ich in meiner Küche dinirte und das alte Speiſezimmer ließe, wie der große Künſtler es hinterlaſſen habe. „Ein anderer bedeutete, meine Anweſenheit in mei⸗ nem eigenen Hauſe zerſtore alle Illuſion ſeiner hiſtori⸗ ſchen Erinnerungen. „Eine dritte Perſon, der Handſchrift nach zu ur⸗ theilen, eine junge Dame, machte den Vorſchlag, ich ſolle einen Spitzbart und Spitzkrauſen, kurze Hoſen und eine Feder auf meinem Hute tragen; wahrſcheinlich um die von dem letzten Schreiber als ſo nöthig bezeichnete Illuſton zu begünſtigen, und vielleicht, um Gäſten, gleich meinem Freunde, dem Käskrämer, zu gefallen. „Manche bemitleideten mich— und das konnten ſie freilich!— als einen Menſchen, der für die an den Ort ſich knüpfenden Erinnerungen keinen Sinn habe; während ſelbſt meine Bedienten, die mich nur als ein Schauſtück der ganzen Anſtalt betrachteten, überall ihre Pflichten vernachläſſigten und die Cicerone ſpielten, in⸗ dem ſich jeder ſein eigenes Gebiet auwies, gleich den Leuten, welche die Löwen und die Wappen im Tower zeigen.. „Kein Wetter war zu heiß oder zu kalt, zu ſchwül oder zu ungeſtüm, keine Stunde zu ſpät oder zu früh, kein Tag war heilig. Ob die Familie beim Gebet oder beim Diner, beim Frühſtück oder im Bett war, das kümmerte ſte nicht: ſie waren manche Meilen weit gekom⸗ men, um das Schloß zu ſehen, und ſehen wollten ſie's. „Ach!“ dachte ich,„wenn, wie einige Gelehrte an⸗ nehmen, ein Individuum in der nächſten Welt wieder 1⁰1 zu erkennen iſt, welch' ein trauriges Leben wirſt Du dann dort führen, armer Vandyk! wenn ſie all dieſen Lärm um das Haus machen, worin Du einſt gelebt, was werden ſie erſt um Dein fleiſchliches Gehäuſe herum anfangen?“ „Je weiter die Jahreszeit vorrückte, deſto höher ſtieg das Gedränge, und als der Herbſt begann, floßen die zuſammenſtoßenden Strömungen zu und von dem Rhein alle in meinem Schlafzimmer zuſammen. Hier fand das Rendezvous von ganz Europa ſtatt. Davon⸗ gelaufene Töchter weinten hier die erſten Reuethränen in den Armen des Papa's, und liederliche Söhne ver⸗ ſprachen Beſſerung für die Zukunft. Ich und meine Frau wurden, mitten in dieſem Tumulte des Wieder⸗ findens und der Begrüßung, unbemerkt und unberück⸗ ſichtigt übergangen. Wir waren abgemagert gleich Ge⸗ rippen: unſere Mahlzeiten nahmen wir, wenn wir konnten, gleich Soldaten auf einem Rückzuge; und wir ſchliefen in unſern Kleidern, da wir nicht wußten, in welchem Augenblick der Feind uns überfallen würde. Schlöſſer, Riegel und Gitter waren unwirkſam: unſer Widerſtand erhöhte nur die Neugierde und unſere Beſatzung war immer der Beſtechung zugänglich. „Es half zu nichts, daß ich die Fenſter zerſchlug, um den Nordwind und ſcharfe Rheumatismen hereinzu⸗ laſſen; es fruchtete wenig, daß ich jeden Tag gegen zwei Uhr, wenn das Haus am vollſten war, Feuerlärm zu machen ſuchte; und es mißlang mir gänzlich, meine Peiniger zu erſchrecken, wenn ich des Gärtners Weib himmelblau anmalte und ſie in die Halle legte mit einer großen Inſchrift über dem Bett,„Cholera krank.“ Be⸗ hüte der Himmel! der Touriſt bekümmert ſich um nichts der Art; und ich dachte ſchon oft, es hätte den Eng⸗ ländern manches Pulver und Blei erſpart, wenn man ein Halbduzend von ihnen nach dem Orient zur Be⸗ lagerung von Seringapatam exportirt hätte. Hätte man ihnen nur von einem alten Gemälde, von einem Thee⸗ topf, von einer Herd⸗Bürſte, oder von einem Leuchter geſagt, der einſt Gottfried von Bouillon oder Peter dem Eremiten gehört, ſie hätten es erſtürmt, trotz allem ägyptiſchen Feuer! Nun, endlich iſt alles vorüber: menſch⸗ liche Geduld konnte es nicht länger aushalten; wir ent⸗ wichen bei Nacht, ſtahlen uns nach Gent, nahmen unter falſchem Namen Poſtpferde und flohen vor dem Schloſſe Vandyk's wie vor der Peſt. Entſchloſſen, mich nicht länger dem Zufall zu überlaſſen, habe ich mir ſelbſt eine Hütte gebaut, deren hiſtoriſche Erinnerungen nicht weiter, als auf ſechs Wochen zurückgehen; und aus Furcht, als der vormalige Beſitzer des Schloſſes erkannt zu werden, geſtehe ich nie ein, irgend einmal in Gent geweſen zu ſeyn, und wenn Vandyk erwähnt wird, ſo frage ich, ob er nicht der Poſtmeiſter von Tervueren ſey. „Hier ſchließe ich alſo meine Leidensgeſchichte. Ich kann nicht ſagen, welches Vergnügen den lebenden „Löwen“ erwartet, aber ich beneide Niemand um die Freuden, die dem zu Theil werden, der die Hölle des todten bewohnt.“ Zwanzigſtes Kapitel. Bonn und ſeine Brüder. Wenn ich die Ueberſchrift dieſes Kapitels betrachte und da den Namen einer kleinen Stadt am Rhein leſe, die ohne Zweifel ſchon jeder meiner Leſer beſucht hat— und wenn ich bedenke, wie ausgetreten bereits der Pfad iſt, auf den ich ſie ſchon ſo lange geführt habe, ſo wird es mir wirklich etwas ſchwach zu Muthe. Haben wir nicht alle ſchon Brüſſel und Antwerpen, Waterloo und Quatre Bras geſehen? Sind wir nicht mit Belgien ſo gut bekannt, als mit Middleſer— kennen wir nicht das ganze Land von ſeinen Kathedralen an bis herab 103 zu Sergent Cotton— wozu brauchen wir Mr. O'deary hier? Und der Rhein— Gott ſegne den theuren Mann— ſind wir ihn nicht in jedem Dampfchiff der auf einander eiferſüchtigen Kompagnien auf und abgefahren? Drachen⸗ fels und St. Goar, Caup und Binnen, ſind unſern Augen ſo bekannt, als Chelſea und Tilbury⸗Fort. Wahr, ganz wahr, meine Damen und Herren— ich bin ſogar Ihr Neiſegefährte geweſen. Ich habe Sie beobachtet, wie Sie den John Murray in der Hand, durch jede enge Straße und über jeden ſchlecht gepflaſterten Platz gingen, mit Ihrem Commissionaire in einem gottes⸗ jämmerlichen Franzöſiſch plappernd und ſeine Antworten in einem gleich viel werthen Engliſch empfangend. Ich habe Sie an der Table d'Hote geſehen, wie Sie ver⸗ geblich nach etwas ſuchten, das Sie für eßbar hielten— hungrig und durſtig mitten im Ueberfluß; ich habe Sie in der Oper gähnen und beim Vandeville ernſt geſehen; und ich wußte, Sie machten Ihre Sommerluſtreiſe durch Belgien und Deutſchland ab, wie Leute, die nicht hinter ihren Nachbarn zurückbleiben wollen. Und doch trotz aller dieſer Beſchwerden zu Waſſer und zu Land— trotz aller gefährlichen Ritte und Eiſenbahnfahrten— trotz der Pein eines kurzen Bettes und eines noch kürzeren Tiſches— obgleich Sie Ihr Handbuch von der Schelde an bis nach Schaffhauſen ſtudirt— haben Sie nicht viel mehr Kenntniß vom Continent mit zurückgebracht, als Sie von Haus aus mitgenommen. Es iſt wahr, Ihr Sohn Thomas, dieſer lammgleiche Sproſſe Ihres Geſchlechtes, mit lichten Augen und Haaren, iſt in die Geheimniſſe des Rouge et Noir und der Roulette ein⸗ geweiht worden;„Madame,“ Ihre Frau hat einen wunderlichern Sinn für anſtändiges Koſtüm gewennen; Ihre Tochter hat ihre Seele den Zauberworten eines franzöſiſchen Escrog oder eines polniſchen Flüchtlings geöffnet; und Sie ſelbſt haben als trauriges Beiſpiel der Veränderung Ihres Geſchmacks, die Salate Deutſch⸗ lands von einer Ihrem Gaumen entſprechenden Schärfe gefunden. Dieß ſind ohne Zweifel werthvolle Einfuhr⸗ Artikel: um ſo werthvoller, da ſie zollfrei ſind. Aber am Ende iſt doch die Erinnerung an eine Freude keine Freude mehr; und ich zweifle, ob der Rückblick auf Ihre Wanderungen eine Entſchädigung für Ihre beſtan⸗ denen Strapazen iſt. „Will er, daß wir zu Hauſe bleiben, Papa?“ lis⸗ pelt in ſchmollenden Tönen der Ungeduld manches hübſche Dämchen, deren Locken allein ſchon in Paris Furore machen würde. „O nein, meine Theure. Reiſen um jeden Preis. Zur Verbeſſerung Ihrer franzöſiſchen Ausſprache iſt nichts ſo dienlich, als ein Winter in der Fremde; und was Ihre Haltung und Ihr Aeußeres betrifft, ſo iſt es für Sie ſehr weſentlich, von einem ſchnurrbärtigen Ungarn oder ſchnürrockigen Oeſterreicher im Walzer gepreßt zu werden. Ihr Deutſch wird um ſo leichter von Ihrer Zunge hüpſen, wenn Sie es in dem Lande des Biers und der rothen Rüben ſtudirt haben; während als Schutzwache gegen die niederſchlagenden, von Scham und Sittſamkeit eingegebenen Gefühle die Luft und die Kurorte des Rheins unfehlbare Mittel ſind. Alles was ich mir ausbedinge, iſt das, daß Sie mich mitnehmen. Gönnen Sie mir einen Platz in einem Winkel des Mantelſacks oder auf einer Imperiale, oder in einer Wagentaſche, oder in einem Kourrierſack, und ich bin zufrieden. Wenn John Ihr Wegweiſer iſt, ſo laſſen Sie Arthur Ihren Mentor ſeyn. Er wird Ihnen von Straßen, ich von Reiſenden erzählen. Ihm gehören Gemälde und Statuen, Kirchen, Schlöſſer und Merkwürdigkeiten: mein Gebiet iſt das Volk, die lebenden, handelnden Perſonen— die Charaktere, die in Hauptrollen auftreten, und ohne deren Kenntniß Ihre Reiſe alles Intereſſe verlieren würde. Mitunter mögen ſie freilich nicht die beſten Geſellſchaften bilden, was wollen Sie? Wenn man reist, darf man es nicht ſo genau nehmen, ſagte oder ſang Mathews. Ich werde mich nur bemühen, mich mehr mit Fehlern, als mit 1⁰⁵ Laſtern, mehr mit Schwächen als mit Fehlern abzugeben: den Thorheiten meiner Landsleute jage ich lieber nach, als ihren Verbrechen— und darum furchten Sie nicht, daß ich Sie in meiner Geſellſchaft ſchlechte Sitten leh⸗ ren, oder zu gemeinen Bekanntſchaften verführen werde und vor allem verbitte ich mir jeden Vorwurf darüber — denn nur unter dieſer Bedingung gehe ich mit— daß ich Sie einen viel bereisten Weg führe. Wenn dem ſo iſt, ſo haben Sie um ſo mehr Grund, die Ge⸗ ſellſchaft kennen zu lernen, die Sie häufig zu beſuchen pflegen; zweitens, wenn Sie mich hieher begleiten, ſo verſpreche ich Ihnen für die Zukunft etwas Beſſeres; endlich iſt eines der angenehmſten Bücher, die jemals geſchrieben worden, die voyage autour de ma chambre. Nun, bleibt's dabei? Sind wir Reiſegefährten? Sie können noch ſchlimmeres thun, als mich mitnehmen. Ich werde Sie weder aufzehren gleich Ihren engliſchen Bedienten, noch an den Gaſtwirth verkauſen, gleich Ihrem deutſchen Kourrier; noch Straßenräubern überlie⸗ fern, gleich Ihrem italieniſchen Kammerdiener. Der Handel iſt alſo gemacht— und wir ſind hier in Bonn. Es iſt ein Uhr, und Sie können nichts Beſſeres thun, als ſich an der Table d'Hote niederſetzen— wenn Sie gerne hoch hinaus wollen, ſo nennen Sie es Frühſtück. Ich ſetze voraus, ſie logiren im Stern, auf dem kleinen Marktplatz der Stadt— und gewiß, Sie hätten ein weniger komfortables Gaſthaus finden können. Die Küche, ſowohl die franzöſiſche, als die deutſche, iſt vortrefflich, die Weine köſtlich. Die Geſellſchaft könnte Sie auf den erſten Anblick bewegen, umzukehren, in der Meinung, Sie hätten den Salon verfehlt und ſeyen an einen Re⸗ gimentstiſch gerathen. Es ſind faſt lauter Offiziere von den in Bonn liegenden Kavallerie⸗Regimentern, ſtattlich ausſehende, gutgekleidete Burſche— mit feſten, ehernen, ſoldatenmäßigen Zügen— ſie tragen ihre Schnurrbärte gleich Männern, die Haar auf der Oberlippe als ein Geburtsrecht anſehen. Wenn ſie an der Tafel ein wenig zu laut und lärmend ſind, ſo kommt dieß nicht von ſtreitſüchtigem Geiſte— der Fehler liegt großen⸗ theils an der Sprache. Deutſch, wenn es nicht von einem ſächſiſchen Mädchen geſprochen wird, flößt einem unbetheiligten Zuhörer ſtets die Idee eines Gelärms ein; und wenn Göthe ſelbſt ſeine Balladen vor einer engliſchen Zuhörerſchaft vortrüge, ſo wollte ich Hundert gegen Eins wetten, man würde ihn der Blasphemie anklagen. Gä⸗ liſch und friſch ſind ſanfte Zephyre, verglichen mit Deutſch. Ein Paar herumfahrende Barone— ſtattliche, zah⸗ lungsfähig ausſehende Männer, mit Bändern in ihren Knopflöchern und aus ihren Bruſttaſchen hervorragenden Pfeifenſpitzen; einige Studenten aus der höhern Klaſſe — für die andern iſt es zu theuer— machen die Ge⸗ ſellſchaft aus. Natürlich ſind auch Engländer da— aber gegenwärtig habe ich nichts mit ihnen zu thun. Inzwiſchen ſind Sie beim Rehbraten mit Kapern angelangt, was, nach einer in den Frühlings⸗ und Sommermonaten gemachten Durchſchnitts⸗Rechnung, nach einer anderthalbſtündigen, fleißigen Arbeit geſchehen kann— und nun werden Sie mehr Zeit haben, einen Blick auf die Geſellſchaft zu werfen, die jetzt mit ihren Gläſern anſtößt und einander im Champagner zutrinkt — denn es gibt immer einen neu angekommenen Kame⸗ raden zu feiern, oder den Geburtstag eines Oberſten, einer Schlacht, oder einen Dichter, oder einen Senti⸗ malismus über Rhein und Vaterland. Glückliche, fröh⸗ liche Geſellen, gleich weit entfernt von der Beſchauung unermeßlichen Reichthums oder ſchimpflicher Armuth! Die Gleichheit, von der in Frankreich ſo viel geſprochen wird, fühlt man in Deutſchland wirklich, und wie ſehr auch die Ariſtokraten von Wien und Berlin oder die noch überſpannteren Koterien von Baden oder Darmſtadt in die vierzehn Wappenſchilde vernarrt ſind, welche die En⸗ tree in ihre Salons geſtatten, ſo hat doch die Nation keine Sympathie mit dieſen Thorheiten. Der ſchlichte, einfache, urſprüngliche Deutſche denkt nicht daran, gegen 1 1⁰7 einen im Rang unter ihm Stehenden eine zurückhaltende Miene anzunehmen; und ich ſelbſt habe einen ſouveränen Fürſten geſehen, der an der Table d'Hote neben dem Wirth ſeinen Platz nahm und während des Eſſens herz⸗ lich mit ihm anſtieß. Ich will damit nicht ſagen, daß der Deutſche keinen Reſpekt vor dem Rang habe; im Gegentheil, niemand blickt mit größerer Ehrfurcht als er, auf ſeine Ariſto⸗ kratie und deren Vorrechte, aber er thut dieß wegen der engen Verbindung derſelben mit der Größe ſeines Vater⸗ landes. Die großen Namen ſeines Adels erinnern an die der Helden und Weiſen, von denen bie Ueberliefe⸗ rungen des Landes ſprechen— ſie ſind die Loſungswörter deutſcher Freiheit oder deutſchen Ruhmes— ſie ſind die Denkmäler, auf die er am ſtolzeſten iſt. Seine Ehr⸗ furcht vor ihren Nachkommen iſt nicht mit dem gemeinen Wunſche gefärbt, für einen Ihresgleichen, oder für einen ihrer Geſellſchafter gehalten zu werden— er iſt fern von ſolchen Gelüſten. Auf ſeine Stellung konnte die ihrige niemals einwirken. Der Schiffer in dem Fiſcher⸗ kahn kann ſich der großen Flotte anſchließen— aber er weiß, daß er am Ende doch nur einen Kahn komman⸗ dirt. Und dieß iſt, man erlaube die Bemerkung, ein ganz anderes Bewußtſeyn, als wir gelegenheitlich hier in unſerer Heimat finden. Ich habe einen guten Theil von Studentenleben in Deutſchland mit angeſehen und nie etwas bemerkt, das ſich jenem Benehmen nähert, was bei uns ſo bezeichnend tuft⸗hunting genannt wird; vielleicht kann man als Antwort anführen, daß Rang und Reichthum bei uns in der Regel miteinander ver⸗ bunden, in Deutſchland es nicht immer iſt; und daß folglich hier viel von dem, was die Welt für das Blend⸗ werk der Stellung hält, durchaus nicht die gleiche Ach⸗ tung hervorbringt. Dieß iſt ohne Zweifel bis zu einem gewiſſen Grade wahr, aber ich habe die Nachkommen der ausgezeichnetſten Häuſer in Deutſchland geſehen, wie ſie mit Studenten von ſehr niedrigem Range auf dem 10⁰8 angenehmſten und vertrauteſten Fuße zuſammenlebten, ohne ſich etwas herauszunehmen, und ohne von ihren Geſellſchaftern Beweiſe von beſonderer Gunſt oder Chr⸗ erbietung zu erhalten. Wer irgend etwas vom deutſchen Charakter kennt, den wird dieß nicht überraſchen. Als ein mit hoher Einbildungskraft und poetiſchem Gefühl begabtes Volk— träumeriſch und beſchaulich— lieber bei der Vergangenheit verweilend, als der Zukunft in's Angeſicht ſchauend, ſind ſie Erinnerungen ungleich zu⸗ gänglicher, als Verſprechungen; auf dieſe Weiſe hat der alte Ruhm eines Hapsbourg einen ſtärkeren Anſpruch an die Anhänglichkeit eines Preußen, als die Hoffnungen, die ſich dieſer letztere über ſeinen Nachfolger bilden mag. Dadurch, daß die ſchöne Königin dieſes Landes, die deutſche Jugend an den ehemaligen Ruhm ihres Vater⸗ landes erinnerte, hat ſie den ſinfenden Geiſt der Nation wieder belebt. Auf dem Grabe des großen Friedrich war es, wo der Monarch ſeinen Bund mit Alexander gegen die eindringenden Legionen Frankreichs beſchwor. Die Geſänge Uhland's und Göthe's, die Lieder Bürgers und Körners haben ihre Quelle und ihre Seele in dem innigen Patriotismus des Volkes, die großen Züge des Landes und die noch hervorſtechenderen, des National⸗ Charakters ſind unzertrennlich in ihre Schriften ver⸗ webt, als ob ſie gegenſeitig untereinander verbunden wä⸗ ren. Der Rhein und die männliche Energie des deut⸗ ſchen Bundes, ihre heimiſchen Gebirge und Tugenden wirken wechſelſeitig auf einander ein; und ſo ſind die ewigen Markſteine Deutſchlands als die Altäre ſeiner Treue geweiht. Die Studenten ſind ein Mittel, dieſe Gefühle fort⸗ zupflanzen Der junge Deutſche iſt weſentlich romantiſch. Ein Dichter und ein Patriot träumt von der Größe ſeines Vaterlandes— von deſſen hohem Berufe unter den Nationen Europas; und wie ſehr er auch die An⸗ ſprüche ſeines Landes übertreiben oder ſeine eigenen Anſtrengungen für deſſen Sache überſchätzen mag, ſo iſt 109 doch ſeine Hingebung eine edle, und giebt, wenn ſie durch Erfahrung und Jahre ernüchtert wird, Deutſchland jene Gattung zuverläßiger und hochherziger Leute— die beſten Hüter ſeiner Freiheit und die treueſten Ver⸗ theidiger ſeines Bodens. Franzöſiſche und engliſche Schriftſteller haben eine große Flut von ſchlechten Witzen über den deutſchen Studenten gemacht. Das Thema war vielleicht ein lockendes. Gewiß war nichts leichter, als Abgeſchmackt⸗ heit in ihrem Benehmen und Sonderbarkeit in ihrem Koſtüm lächerlich zu machen, ihre langen Pfeifen und langen Bärte— ihre langen Krägen, langen Stiefel und langen Säbel— ihr Bierdurſt und ihr Ehrengeſetz⸗ buch. Nuſſel, in ſeinem kleinen Werke über Deutſch⸗ land— in mancher Hinſicht das einzige engliſche Buch über dieſes Land, das leſenswerth iſt— war gegen ſie ſtrenge bis zur Ungerechtigkeit. Was franzöſiſche Schrift⸗ ſteller betrifft, ſo erwartet von ihnen Niemand die Wahrheit, ausgenommen, ſie entſchlüpft unbewußt in einem Dicht⸗Werke. Dennoch haben ſie, wenn ſie von deutſchen Studenten ſprechen, einen mehr als gewöhn⸗ lichen Verläumdungsgeiſt entwickelt. Die Wahrheit iſt, ſie können nicht vergeſſen, welche Rolle dieſelben Jüng⸗ linge ſpielten, als es galt, die in ihr Land eingedrun⸗ genen Franzoſen hinauszuwerfen. Der von Körner her⸗ vorgerufene, vom Harz bis zum Schwarzwald anklin⸗ gende Geiſt war die Todesmuſik für die tyranniſche Herrſchaft Frankreichs. Der Patriotismus, der in den baskiſchen Provinzen die wilden Guerillas in's Daſeyn rief und in Tirol den Jägerbund erſchuf, erzeugte in dem eultivirteren Deutſchland jenes Geſchlecht von Dich⸗ tern und Kriegern, deren Schlachtgeſänge die Nation aus dem Schlafe ihrer Sklaverei erweckte und ſie aufrief, die Schmach ihres Landes zu rächen. „Glücklicher Weiſe iſt die Gelegenheit zu ſolch einem Ausbruch nationaler Begeiſterung verſchwunden, der Friede Europas ſcheint auf weiterem und feſterem Grunde zu 110 ruhen als je. Dennoch ſteigt von Zeit zu Zeit in der Studenten⸗Natur der alte Sauerteig auf, und erſt vor kurzem, als Frankreichs fausse colère einen neuen Ein⸗ fall in Deutſchland zu beabſichtigen ſchien, erſcholl das Lied„Sie ſollen ihn nicht haben“ von einem Ende des Landes zum andern, und an der Aufregung, die es her⸗ vorrief, konnte man ſehen, daß der Geiſt des Tugend⸗ bundes und der Burſchenſchaft nicht todt war, ſondern nur geſchlafen hatte. So lache man denn, wenn man wlll, über die ſelt⸗ ſamen Figuren, über das ungeſchlachte Koſtüm, über die Kappe und die Reitſtiefel, worin ſie als Baſtarden zwi⸗ ſchen dem Bürgerlichen und dem Soldaten erſcheinen. Das Aeußere iſt am Ende keine üble Nachbildung des Innern, das in der That in keinem großen Widerſpruche mit jenem ſteht. Die Brille und der Schnurrbart— die Mappe unter dem Arm und den Säbel an der Seite — die Tintenflaſche im Knopfloch und die klirrenden Sporen an den Ferſen— ſind lauter äußere Zeichen jener außerordentlichen Miſchung von anhaltendem Fleiße und hitzföpfigem Enthuſiasmus— von tiefem Denken und raſchem Ungeſtüm— von praktiſchem Scharfſinn und poetiſcher Glut— endlich von dem verſöhnlichſten Gemüth, verbunden mit einem unüberwindlichen Hang zum Duelliren. Man lache über ihn, wenn man will — aber bei alle dem bleibt er ein netter Kerl, und hat trotz aller Widerſprüche ſeiner Natur die Saat jener Tugenden in ſich, die in dem friedlichen Leben ſeiner Heimat zu den reifen Früchten männlicher Wahrheit und Rechtſchaffenheit heranwachſen. Ich wünſchte alſo, man hätte von dem„Burſchen“ eine gute Meinung und verzeihe ihm jene Sonderbar⸗ keiten, wozu das Univerſitätsleben und ein höchſt abge⸗ ſchmackter Comment ihn dann und wann verleiten mag. Dieſer wild ausſehende Jüngling hat trotz dem, daß er auf der Wange eine Säbelwunde hat und ſeinen Hals gleich einem Malaien blos trägt— trotz ſeines wilden 111 Schnurrbartes und ſeines düſtern Blickes, ein weiches Herz, ob es gleich hinter einer Maſſe von unſinnigem Schnürwerk ſchlägt. Stunden lang könnte er Schiller'ſche Balladen und Uhlandiſche Lieder vortragen; ach! und mit nicht geringer Kunſt Spohrs und Webers Meiſter⸗ ſtücke ſingen und ſich ſelbſt auf dem Piano begleiten mit einem herzergreifenden Spiele, und ich weiß nicht, ob er nicht in den wildeſten Augenblicken ſeiner enthu⸗ ſiaſtiſchen Thorheit ein faſt eben ſo hoffnungsvoller Ge⸗ genſtand für ſein Land iſt, als ob er ein Buch über Derby machte, oder bei Tatterſall ſich auf Wetten ver⸗ legte. 3 Vor allen Dingen möchte ich bitten, im Urtheil über ihn nicht zu haſtig zu ſein. Was enaliſche Schrift⸗ ſteller ihm zur Laſt legen, darf man nicht zur Hälfte — einem Franzoſen keine Silbe glauben— nein! nicht einmal jenem hochachtbaren Alerander Dumas, der von dem Studenten ausſagt, er bettle Almoſen auf der Heer⸗ ſtraße, und ihn ſo mit dem Handwerksburſchen verwech⸗ ſelt, der nach den in Deutſchland geltenden Geſetzen zwei Jahre lang verſchiedene Länder durchwandern muß, bevor er in ſeinem eigenen ſich dauernd niederlaſſen will. Für jeden andern, als für einen Franzoſen und Pari⸗ ſer wäre der Schnitzer zu plump geweſen, aber die Rue St. Denis bedeckt eine Menge von Fehlern, und der Boulevard de Montmartre iſt eine Entbindung von aller Wahrheit. Howitt wird Dir, wenn Du ſein umfangreiches Buch leſen kannſt, faſt alles ſagen, was ein Buch ſagen kann, aber eine Beſchreibung des Burſchenlebens von einem Quaker kommt vielleicht auf Eines hinaus mit dem Berichte eines Hindu über eine engliſche Volks⸗ verſammlung. Wir ſind nun die ganze Zeit in der Umgebung von Bonn, in ſeinen bis an den Rhein ſich hinabziehenden Garten herumgeſtreift und in ſeinem ſchönen Parke, dem ehemaligen Luſthain deſſelben Palaſtes, der jetzt das Univerſttäts⸗Gebäude bildet. Es gibt wenig an⸗ genehmere Plätze. Man iſt den langen, niedrigen Moo⸗ ren Hollands entronnen— man hat das Marſch⸗ und Nebel⸗Land hinter ſich— und ſchon kommt uns die Gebirgsgegend Deutſchlands zu Geſicht: wir ſehen das Siebengebirge und den kühnen Drachenfels, mit dem zerfallenen Thurm auf dem Gipfel— einen Vorboten der herrlichen Landſchaft, die noch kommen ſoll. Der Fluß ſelbſt blickt glänzender und friſcher darein— ſeine Wirbel ſcheinen in einem Glanze zu funkeln, den ſie nicht kennen, wenn ſie zwiſchen den ſumpfigen Ufern bei Nimwegen dahinkreiſen. Außerdem liegt allerdings etwas in einem Namen, und„Deutſchland“ klingt angenehmer, als der Name des Landes trüber Nebel und dumpfiger Deiche, und obgleich ich nicht möchte, daß man es gleich Voltaire begrüße—. „Adieu! canaille— canards— canaux!“ ſo dürfen wir doch dankbar ſein, daß wir da ſind, wo wir ſind. Nehmen wir alſo unſern Kaffe und machen wir einen Spaziergang durch den Park. Ach! der Herbſt eilt in den Winter hinüber— jeder Wind, der über den Boden dahinfährt, iſt eine Todten⸗ klage über das Laub, das um uns zerſtreut liegt. Die kahlen, hagern Zweige bewegen ſich hin und her, wäh⸗ rend die kalten grauen Wolken vorüber jagen. Auch der Student hat ſeinen mit Pelz beſezten Mantel an⸗ gezogen und ſchreitet mit niedergedrückter Kappe und eiligem Schritte dahin. Noch vor wenigen Wochen waren dieſe Alleen mit muntern, fröhlichen Gruppen angefüllt, die unter dem Schatten hoher Bäume dahin ſchlenderten und der Jä⸗ germuſik zuhörten, die dort in jenem Pavillon ſpielte. Der grauhaarige Profeſſor bewegte ſich langſam dahin, ſein ehrwürdiges Haupt mit achtungsvollem Gruße vor jedem vorübergehenden Studenten entblößend; neben ihm gingen ſeine ſchönen Töchter, die Fräuleins mit dem gelben 113 Haar! Wie ſanft, wie hold ihre vollen blauen Augen! Welche Anmuth in ihrem ruhigen Gang! Und doch, ſiehe, wie genau ihre Schritte den Takt des fernen Walzers einhalten. Ach! die Sommerſtunden ſind entflohen und mit ihnen jene ruhigen Nächte, wo beim flimmernden Monde die Fußwege widerhallten von den Schritten der Spaziergänger. Ich kann nie eine Univerſitäts⸗Stadt in Deutſchland beſuchen, ohne einen Seufzer der Erinnerung an jene Zeit, wo ich ſelbſt ein Burſche war, wo ich mich ſelbſt jede Nacht mit Ludwig Tieck in den Schlaf las, wo zwei Schläger kreuzweiſe über meinem Kamin hiengen. Ich war Student in Göttingen— auf der Georgia Auguſta— und in den Tagen, von denen ich ſpreche — ich weiß nicht recht, was der König Ernſt ſeither gethan hat— war es ein ſtolzes Ding um einen Göt⸗ tinger Burſchen; es war gleichſam Mode, ſie über die andern Univerſitäten zu ſtellen, und auf einen Heidel⸗ berger oder Hallenſer ſahen wir herab, wie auf eine Perſon, die nur etwas über einem„Philiſter“ ſtehe. Auch die Profeſſoren haben der Univerſität eine große Berühmtheit verliehen: da war Strohmeier in der Che⸗ mie, Hausmann in der Philologie, Behr im Griechiſchen, Schrader in der Botanik, und vor allen andern der alte Blumenbach, der wöchentlich viermal las, über alles, was ihm in den Sinn kam— über Natur⸗Philoſophie, Phyſik, Geographie, Anatomie, Phyſiologie, Optik, Far⸗ benlehre, Metallurgie, Magnetismus und über den Wall⸗ ſiſchfang in der Südſee— indem er die abſtruſeſten und ernſteſten Gegenſtände durch den Zauber ſeines Vor⸗ trages intereſſant machte und gemeine Stoffe durch ihren Zuſammenhang mit wichtigern Dingen und ihre höhere Bedeutung zeigte. Er war der einzige Lehrer, von dem ich jemals gehört, der ſeine Stunde zum Bedauern ſei⸗ ner Zuhörer ſchloß, ſo daß ſie ſich nach der Fortſetzung ſehnten; Anekdoten und Erläuterungen durch Beiſpiele Lever, O'Leary. II. 8 114 entſtrömten ihm ſo reichlich, daß man es kaum begreifen konnte und ſich im höchſten Grade verwundern mußte, wenn man bedachte, daß er ſich ſelten in einer Redens⸗ art und noch ſeltener in einer Geſchichte wiederholte. Wenn er ſich ſelbſt über einer ſolchen Wiederholung er⸗ tappte, ſo hielt er plötzlich inne mit dem Ausruf,„Ach Gott, ich werde alt,“ ſchlug ſogleich eine andere Bahn ein und zog ſich durch irgend eine neue Geſchichte aus ſeiner Verlegenheit. Bei aller Gelehrſamkeit eines Buffon und eines Cuvier war er ſo einfach und ungekünſtelt wie ein Kind. Seine wenigen Beſuche empfieng er in den Sommer⸗ monaten in ſeinem Garten— ich kann ihn in dieſer Minute ſehen, wie er unter den weithin ſich erſtrecken⸗ den Aeſten ſeiner Linde ſaß, vor ihm ſtand ein kleiner Tiſch mit Kaffe und einigen Büchern; ſein langes Haar, weiß wie Schnee, fiel unter ſeiner runden Kappe von dunkelgrünem Sammt frei auf ſeine Schultern hinab— ſeine großen grauen Augen öffneten ſich jetzt weit vor Erſtaunen über irgend eine Nachricht, die ein Knabe ohne Verwunderung angehört hätte; dann blinzelten ſie mit Schlauheit und Humor über die drolligen Gedan⸗ ken, die ihm durch den Kopf gingen, während um ihn her ſeine Collegen mit ihren Familien ſaßen und ſcherzend über die Neuigkeiten ihrer friedlichen Gemeinſchaft plau⸗ derten— die guten Frauen ſtrickten und horchten, die Fräuleins ſaßen ſittſam daneben mit einer Miene ſpöt⸗ tiſcher Aufmerkſamkeit auf irgend eine gelehrte Erörte⸗ rung und warfen dann und wann einen verſtohlenen Blick auf den ſchönen Jüngling, der mit einer Einla⸗ dung zu der Soiree beehrt worden war. Wie reizend war es auch, ſie von den großen Männern des Landes als ihren alten Freunden und Schulgefährten ſprechen zu hören. Es war nicht der Verfaſſer des Wallenſtein und Don Karlos, ſondern Friedrich Schiller, der Stu⸗ dent der Medizin, wie ſie ihn in ſeiner Jugend kann⸗ en— kühn, glühend und hochſtrebend— der ſich auf 115 einer Bahn dahinſchleppte, die er nicht liebte, und in ſich das Wirken jenes großen Genius fühlte, der ihn einſt zum Stolze ſeines Vaterlandes machen ſollte; Wie⸗ land— ſeltſam und wunderlich— alt in ſeiner Ju⸗ gend, mit der Unſchuld eines Kindes und der Weisheit eines Alten; Hoffmann— das Opfer ſeiner glühenden Einbildungskraft, deren Geſpenſter und dunkle War⸗ nungen keine gezwungenen Anſtrengungen ſeines Gehir⸗ nes, ſondern die Gefährten ſeiner Wanderungen, die Weſen ſeines Schlafes waren. Wie ſcherzten ſie mit ihm über ſeine halbverrückten Einfälle und wie lachten ſie über ſeine Phantaſtereien. Es war ſeltſam, wenn ſie erzählten, wie ſie mit Hummel heimgingen, der da⸗ mals noch ein Knabe war, und wie er ſich, wenn es Abend wurde, an das Pianoforte ſetzte und ſpielte und ſang, und wieder ſpielte, ſtundenlang, jetzt durch Stellen voll glänzenden Effekt ihr Staunen er⸗ regend, dann durch die rührendſten Töne der Klage ihre Herzen erſchütternd. Da war eine kleine Melodie, die er in der Nacht ſpielte, von der ſie ſprachen— eine kurze, rührende Ballade— eine Eingebung des Augen⸗ blicks— gemacht auf den bevorſtehenden Abſchied eines Jünglings aus ihrer Mitte, die viele Jahre ſpäter im Fidelio donnernden Applaus hervorrief— vielleicht war ihm am Ende der Beifall ſeiner erſten Zuhörerſchaft eine ſüßere Huldigung. Während ſie ſo ſchwatzten, ſchien die große Welt draußen und alle ihre gewaltigen Intereſſen von ihnen vergeſſen. Frankreich mochte wieder einen choleriſchen Einfall haben und auf dem Marſche gegen den Rhein begriffen ſein; England mochte abermals den Ozean mit ſeinen Flotten bedecken und die Trümmer eines an⸗ dern Trafalgar über die Wellen ausſtreuen; Rußland mochte ſeine Horden vom Don und Onieper her ergießen; von dieſen Dingen wußten ſie ſchwerlich etwas! Die Obſtgärten, welche die Wälle umgaben, verſchloſſen ihnen 8 116 däs übrige Europa, und ſie lebten ſo fern von allen po⸗ litiſchen Reibungen und von dem Hader der Nationen, als wäre die Univerſität auf einem andern Planeten gelegen. Nicht vergeſſen darf ich den alten Hofrath Froriep, ordentlichen Profeſſor von— Gott weiß was. Niemand ſah ſein Collegium, Niemand hörte ſeine Vorleſung. Er war der ſpezielle Erzieher von dem Prinzen— wie damals, vor vierzig Jahren etwa; die Herzoge von Cum⸗ berland und Cambridge genannt wurden— und er ſchien von der Erinnerung jener großen Tage zu leben, da eine königliche Hoheit neben ſeinem Katheder ihre Notizen machte und da er ſeine Zuhörerſchaft mit„Prin⸗ zen und Herren“ anredete. Welchen Stolz fühlte er in dem Händedruck eines Welfen und in einem eigenhän⸗ digen Briefe des Herzogs von Clarence, der ihm einſt in ſeinem Hauſe in Göttingen einen Beſuch abſtattete. Es klang ſeltſam, wie die königliche Familie von England ſo unter Fremden beſprochen wurde, die weder unſer Land noch unſere Sprache kannten. Man erin⸗ nerte ſich plötzlich an jenen ſächſiſchen Stamm, an un⸗ ſere gemeinſamen Ahnen— an das Band der Einheit zwiſchen uns— die Quelle, woraus ſo manche von den beſten Zügen des engliſchen Charakters entſpringen. Die Wahrheitsliebe— die männliche Unabhängigkeit— die Ausdauer und Betriebſamkeit, die wir von unſerm deut⸗ ſchen Blute erbten, ſind nicht geringer anzuſchlagen, als der Unternehmungsgeiſt und die ritterliche Kühnheit normanniſchen Urſprungs. Aber kehren wir zurück zu dem Hofrath oder Ge⸗ heimen Rath Froriep, denn dieſe Titulatur wurde im⸗ mer ſtreng beobachtet. Ich erinnere mich ſeiner ſo wohl, wie er langſam im Garten daher zu kommen pflegte, auf den Arm ſeiner Schweſter geſtützt. Er war um einige Jahre jünger: aber dieß hätte jetzt Niemand ent⸗ decken können; es beruhte jedoch auf Ueberlieferung und wurde nicht beſtritten. Das Fräulein Martha von 117 Froriep war die Daguerreotype ihres Bruders. Es war wirklich komiſch, beide einander gegenüberſitzen zu ſehen; nicht nur waren die Züge gleich, ſondern die Ausdrücke ſtimmten ſo vollſtändig miteinander überein, als ob ein Geſicht das andere wiedergeſpiegelt hätte. Sah der Pro⸗ feſſor ernſt aus, ſo war auch das Geſicht von Fräulein Martha ernſthaft. Lachte er— ſogleich nahmen ihre Züge einen luſtigen Anſtrich an. War ſein Kaffe zu heiß, oder verbrannte er ſeine Finger an der Pfeife, ſo theilte die alte Dame auch hierin ſeine Schmerzen. Die ſiameſiſchen Zwillinge ſtanden zu einander in dem Verhältniß entfernter Bekanntſchaft, verglichen mit der inſtinktartigen Verwandtſchaft zwiſchen dieſen Beiden. Wie war es möglich, wird man fragen, daß eine ſo ewige Aehnlichkeit alle ihre Gemüthsſtimmungen be⸗ zeichnete? Die Antwort hierauf iſt leicht. Das Fräulein war taub— ohne alles Gehör. Das letzte Mal, wo ihre Gehörnerven Empfindung zeigten, war bei Gele⸗ genheit eines öffentlichen Freudenfeſtes, wo in wenigen Sekunden fünf und zwanzig grobe Geſchütze abgefeuert wurden, und durch die ſo hervorgebrachte Erſchütterung alle Fenſter in Göttingen zerbrachen; die alte Dame, die damals ſtrickte, hielt bloß in ihrer Arbeit inne und rief,„Herein!“ in der Meinung, es klopfe Jemand an die Zimmerthüre. Ihrer Krankheit alſo war es zu ver⸗ danken, wenn ſie ſo gänzlich dem Profeſſor, ihrem Bru⸗ der, glich. Sie beobachtete ihn mit ängſtlichem Auge; ſein Geſicht war der Zeiger, wornach ſich jede Stunde ihres Daſeyns richtete, und ſo wie der Telegraph das ihm gegebene Zeichen wiederholt, ohne es deuten zu können, ſo ſignaliſirte ſie die vorübergehenden Regungen ſeiner Seele, vielleicht lange nachdem ihre eigene ſich bei der Sache betheiligen konnte. Nichts machte jedoch einen ſeltſamern Eindruck, als der Unterhaltung des Profeſſors zuzuhören, der die taube alte Dame in kurzen, regelmäßigen Zwiſchenräumen ihre Zuſtimmung gab. Seit Jahren war ſie gewohnt, alles, 118 was er ſagte, zu beſtätigen. Sie glich einer Glocke, welche die Stunde ſchlägt, wenn die ganze Maſchinerie abgelaufen iſt. Wenn nun der Hofrath irgend eine ge⸗ lehrte Frage über griechiſche Partikeln, irgend eine viel⸗ beſtrittene Thatſache aus der alten Geſchichte erörterte, oder, was häufiger der Fall war, mit deutſcher Breite irgend eine Anekdote aus ſeinem Studentenleben erzählte, ſo bezeugten die Worte der alten Dame„Ja! Ja! das ſah ich ſelbſt, ich war auch dabei!“ die Wahrheit des Tacitus oder Herodotus, oder, was noch gewagter war, jene kleinen Züge aus dem Jugendleben ihres Bruders⸗ die, um das wenigſte zu ſagen, der Bekraͤftigung ſtark benöthigt waren. Der Hofrath hatte ſein Leben als ein Junggeſelle zugebracht, ein Umſtand, der Staunen erregen mußte, denn ſeine Geſchichten drehten ſich gewöhnlich um ſeine Liebesabenteuer und Gefahren, und alles war mit Ver⸗ ſicherungen über das reiche Gefühl ſeines Herzens und über ſeine brünſtige Verehrung weiblicher Schönheit ge⸗ ſchwängert— Schwächen, auf die er offenbar eitel war und die er von ſeinen alten Gefährten gerne beſtätigt hörte. In dieſer Hinſicht that ihm Blumenbach alles zu Willen— indem er ihn an irgend eine zarte Scene, oder an eine herzzerreißende Trennung erinnerte, die beſtändig zu einer Geſchichte verhalf. Wenn dieſe kleinen Reminiszenzen nicht alle Span⸗ nung und alles Intereſſe von abenteuerlicheren Geſchich⸗ ten beſaßen, ſo waren ſie wenigſtens für mich anziehender wegen der Kraft der Wahrheit und wegen des ſelt⸗ ſamen Blickes der Stimme und der Geberden des Er⸗ zählers. Man ſtelle ſich alſo einen magern, alten Mann vor, ungefähr fünf Fuß und zwei Zoll hoch, deſſen Kopf ein Keil war, die ſchmale Seite voraus, die Naſe ſchroff vorſtehend, gleich dem Bug der Barke eines Kriegs⸗ ſchiffes; ein großer Mund, einen kühnen Halbkreis bil⸗ dend, abwärts gewölbt, deſſen Winkel ſich in einer Maſſe von Runzeln auf den verwitterten Wangen verloren; 119 zwei lebhafte, feurige, kleine graue Augen, ſchräg in ſeinem Kopfe ſtehend, ohne eine Spur von Wimpern darüber; ſein Haar, mit großer Sorgfalt zurückgekämmt und hinten in einen Zopf gebunden, hatte durch das lange Ziehen die Augenbraunen allmälig um das dop⸗ pelte ihrer natürlichen Höhe emporgeſchoben, und da blieben ſie nun feſt und gaben ſeinem ungeſchlachten Geſichte einen Ausdruck fortwährenden Erſtaunens. In der That ſah er aus, als ob er beſtändig irgend einen Geiſt betrachtete. Seine Stimme war ein ſeltſamer, unnatürlicher, knarrender Ton, gleich als ob die Ma⸗ ſchinerie der Rede ſeit langem nicht mehr eingeölt wor⸗ den wäre und darum nicht ſchnell genug arbeiten könnte; aber freilich, ſeine Sprache war ja die deutſche, und das mag viel entſchuldigen. So war der Herr Hofrath Froriep— einſt, wenn man ihm ſelbſt glauben wollte, ein Jungfern⸗Würger erſter Sorte. In der That konnte noch jetzt, wenn er ſeine dünnen, verdrehten Beine ausſtreckte, die in kurzen Atlashoſen und ſchwarzen, ſeidenen Strümpfen ſteckten, ein Schimmer ſelbſtbewußten Stolzes ſeine Züge auf⸗ hellen, als ſagte er zu ſich ſelbſt,„dieſe Beine könnten noch jetzt Unheil ſtiften.“ Karoline Pichler, die Novelliſtin, war auch eine ſeiner Angebeteten, und wenn man ihm glaubt, ein Opfer ſeiner Reize geweſen. Indeſſen ging noch eine andere Verſion von der Erzählung im Schwange und ſeine Gefährten ſpielten häuftg darauf an, aber nur in Augenblicken, wo ein größerer Hang zum Aufſchneiden, als ſie für paſſend fanden, ſeinen Diskurs belebte, und bei ſolchen Gelegenheiten bemerkte ich, daß der Hofrath ungewöhnlich empfindlich wurde und gern auf ein an⸗ deres Geſpräch überging. Es war eines Abends, als wir, verlockt durch den köſtlichen Duft der Blumen und das milde Licht des wachſenden Mondes, länger als gewöhnlich im Garten beiſammen waren, da erſchien endlich des Hofraths Mäd⸗ chen mit der Laterne in der Hand, um ihn nach Hauſe zu führen. Sie trug am Arme eine Maſſe von Män⸗ teln, Shawlen und Decken, womit man eine ganze Prozeſſion hätte bekleiden können, und begann damit gemächlich und künſtlich den Profeſſor und ſeine Schweſter einzuhüllen; bis ſich der Geſellſchaft die Ueberzeugung aufdrängte, daß niemand als ſie ſelbſt, welche die bei⸗ den Geſchwiſter in einen ſolchen Berg von Kleidungs⸗ ſtücken verſteckt habe, fähig ſey, ſie wieder zu enthüllen. „Ach Gott,“ rief der Hofrath aus, als ſie ihn mit einer wattirten Nachtkappe krönte, deren Lappen bis unter das Kinn herabgingen, gleich einem antiken Helm, ſo daß das klägliche alte Geſicht wie ein ungeſchlachtes Muſter mitten in einer Berliner Stickarbeit ſich aus⸗ nahm—„ach Gott, nur das noch!“ „Nur das noch!“ wiederholte der alte Hausmann in feierlichem Tone, als ob er den ſgeheimen Kummer, worauf ſein Freund anſpielte, kenne, und ihm alle ſeine Sympathie widmete. „Setzen Sie ſich noch einmal, Froriep,“ ſagte Blumenbach;„es iſt noch eine Stunde zu früh für ſo junge Leute wie wir find. Trinken wir noch ein Glas Roſenthaler, und dabei erzählen Sie uns Ihre Geſchichte.“ „Gut,“ ſagte der Hofrath, indem er dem Mädchen durch Zeichen zu verſtehen gab, daß er ſeine Haut ab⸗ werfen würde.„Ich bin dabei!“ „Mit zwei Pfennig fürchten wir das Schlimmſte nicht, „Mit Schnaps ſehen wir dem Teufel in's Geſicht,“ ſagt Burns; und gewiß, in dieſen Worten liegt eine tiefe Kenntniß der menſchlichen Natur. Die ganze Piloſophie über Verſuchung iſt in dem Diſtichon ent⸗ halten; und wahrlich, wäre der Dichter ein„Burſche“ in Deutſchland geweſen, ſo hätte er unter keiner paſſen⸗ deren Formel die Stufenleiter der angenehmen Erſchei⸗ nungsweiſe eines Profeſſors darſtellen können. Wer höf⸗ lich bei einer Pfeife iſt, wird geſprächig beim Kaffe, brüderlich beim Bier,— aber unter der Hochdruck⸗ — 121 Gewalt einer Flaſche Rheinwein entdeckt er vollends jedes Geheimniß ſeiner Natur. Die ſchmatzenden Lippen des Hofraths, als er ſein Glas bis auf den Boden leerte, und dann entzückt ausrief,„er iſt zum Küſſen, der Wein!“ verriethen, daß die Flügelthüren ſeines Herzens weit offen ſtanden, und daß hinein konnte wer da wollte. „Noſenthaler war Göthe's Liebling,“ ſagte Stroh⸗ meier;„und er hatte einen guten Weingeſchmack.“ „Unſere großen Männer,“ ſagte Hausmann,„ſchei⸗ nen immer irgend einem Weine den Vorzug vor den übrigen zu geben: Napoleon liebte Chambertin, Joſeph der Zweite trank nichts als Tokayer, und Peter der Große fand Branntwein als das einzige Getränke, das nach ſeinem Gaumen war.“ „Die Peſt auf ihre Liebhabereien,“ unterbrach der alte Blumenbach.„Erzählen Sie uns die Geſchichte.“ „Ah! recht, recht,“ ſprach der Hofrath mit ſenti⸗ mentaler Miene ſeine Augen aufreißend,„Sie ſollen ſie hören. Der Liebe junger Traum war am Ende doch ſüß! Wir waren im Harz,“ fuhr er fort, indem er plötzlich mit ächt demoſtheniſcher Abgebrochenheit mitten in ſeine Geſchichte ſprang—„wir waren im Harzge⸗ birge und machten eine kleine Tour; denn das Semeſter war aus und alle Vorleſungen an der Univerſität waren geſchloſſen. Dabei waren Tieck, Feldburg der Däne, Upſal, der alte Langendorf von Jena, Gretchen von Zobelſchein und Mina Upſal, Karoline und die Martha a— die arme Perſon, die damals taub wurde und nicht das gleiche Vergnügen genießen konnte, wie die übrige Geſellſchaft: dumm war ſie immer, wie Sie wiſſen.“ Hier warf er einen Blick auf ſie, worauf ſie ſogleich antwortete— „Ja, ja, was er ſagt, iſt wahr.“ „Jeden Morgen pflegten wir in's Gebirge zu gehen, wo wir botaniſirten und unter den Kalkſteinfelſen haͤm⸗ merten, Cryptogamen und Feldſpath, Flechten und Ur⸗ geſtein ſuchten; wir unterhielten uns auf unſern kleinen 12² Ausflügen mit munterm Geſchwätz über die Dichter, und trugen einan der Verſe vor, von Hans Sachs und den alten Schriftſtellern an bis herab auf die neueſten; wir plauderten auch über Schiller— Wallenſteins Lager war gerade erſchienen, und die wenigſten von uns konnten glauben, daß es von Friedrich ſey. „Tieck und ich fanden bald, daß wir Neben⸗ buhler waren; denn ehe acht Tage verſtrichen, war jeder von uns in Karoline verliebt. Nun war Ludwig ein gewandter Burſche und wußte tauſend kleine Mittel, ſich bei einem hübſchen Frauenzimmer, die überdieß noch, Dichterin war, einzuſchmeicheln. Er konnte jeden Tag mit einer Ode oder einem Sonett, oder etwa auch mit einem Traum zum Frühſtuͤck kommen; nach dem Mittag⸗ eſſen war er mit ſeinem poetiſchen Erzeugniß fertig und ſetzte es zuweilen, wenn er ein Piano fand, in Muſik; oder des Abends erfand er auch eine von jenen ſeinen ſeltſamen Salbadereien über eine blaue Fliege, die aus Liebe zu einer weißen Motte, oder zu einer veralteten Drohne ſtirbt, die ſich vom öffentlichen Leben zurückge⸗ zogen hat, und ihre Tage damit zubringt, daß ſie auf die übrige Welt ſchilt. Sie kennen ſeinen Unſinn wohl, aber bei alle dem konnte man nicht umhin, ihn anzu⸗ hören, und was noch ſchlimmer war, Intereſſe dafür zu fühlen. Was Karoline betrifft, ſo wurde ſie über Schnacken und Spinnen und Fliegen ganz verrückt, und hätte ganze Tage lang ihre Liebes⸗ und Leidensgeſchich⸗ ten anhören können. „Einige Zeit lang hielt ich es aus, ſo gut ich konnte, dieſer Zweig der Schöpfung hatte, dem Himmel ſey Dank, eine Schranke, und da er jetzt zu den Tau⸗ ſendfüßlern gekommen war, ſo hoffte ich, vor Ablauf der Woche würde er zu den Milben übergehen— daß er über dieſe hinausgehen könne, konnte man unmög⸗ lich erwarten. Ach! ich kannte die Hülfsquellen ſeines Genius ſchlecht; denn eines Abends, als ich dachte, daß er endlich auf den Grund laufen würde, ſetzte er ſich in —— 12³ unſerer Mitte nieder und begann eine Erzählung von dem Leben und Abenteuern des Herrn Baron von Roth⸗ rübe, der ſein verlorenes Liebchen, das Fräulein von Gurke ſuchte. Dieſe verwünſchte Erzählung ſpielte in einem alten Garten in Schleſien; es waren Geſchichten von wirklicher Schönheit und von Intereſſe, nebſt den ent⸗ zückendſten Verſen, eingewoben. Karoline konnte augen⸗ ſcheinlich nicht länger widerſtehen. Der Baron von Roth⸗ rübe wollte ihr nicht aus dem Sinne, und wenn ſie Gurkenſalat aß, ſo kamen ihr Thränen in die Augen. In dieſer traurigen Klemme wanderte ich eines Abends allein umher, und erreichte, ohne es zu wiſſen, die Raſenmühle bei Altdorf. Hier kehrte ich ein und beſtellte ein Abendeſſen, aber ſie hatten nichts als dicke Milch und kalte Schale. Thut nichts, dachte ich, ein Mann in ſolchem Schmerz wie ich, braucht ſich wenig um das zu bekümmern was er ißt; ich beſtellte daher beides, um nachher zu entſcheiden, was ich vorziehen wolle. Beide Gerichte kamen und wurden mir vorgeſtellt. Him⸗ mel und Erde! Was hatte ich für eine andere Wahl, als beide zu eſſen! Bier und Rahm, Rahm und Bier, Pfeffer und Zucker, Schwarzbrod und Muskatnuß! Ich war ſo in Gedanken verſunken, daß ich gar nicht be⸗ merkte, was ich that, bis ich die zwei Schüſſeln leer vor mir ſah,„Ich bin ein todter Hofrath,“ ſagte ich, „bevor der Tag anbricht, und will mein Teſtament machen;“ aber bevor ich dieſen Plan ausführen konnte, wurde ich ſehr krank, und man war genöthigt, mich zu Bette zu bringen. Von dieſem Augenblicke an begann ich zu phantaſiren; Erſchöpfung, ſaures Bier und Ver⸗ zweiflung, alles wirkte in mir, und ich war toll. Es war ein kurzer Anfall, aber ein ſchrecklicher. Hundert und fünfzig tauſend lächerliche Phantaſien rannten in die Wette durch mein Gehirn, und ich verbrachte die Nacht, abwechſelnd lachend und ſchreiend. Meine Pfeife, die auf dem Stuhle neben dem Bette lag, figurirte faſt 124 in jeder Scene und ſpielte in manchem ſeltſamen Aben⸗ teuer eine Rolle. „Um Mittag erfuhren die andern wo ich war, und kamen mich zu beſuchen. Nachdem ſie eine halbe Stunde neben mir geſeßen, wollten ſie weggehen, als ich Karo⸗ lina und Martha zuruͤckrief. Sie wurde roth, nahm jedoch Martha am Arm, ſetzte ſich auf ein Sopha und fragte mit furchtſamer Stimme, was ich wünſche. 1„Daß Sie mich hören, bevor ich ſterbe,“ verſetzte ich,„daß Sie höoͤren, welche wunderbare Erſcheinung ich dieſe Nacht geſehen habe.“ „Eine Erſcheinung, eine Erſcheinung?“ fragte Karo⸗ line—„und was für eine?4 „Eine ſchöne und rührende. Erlauben Sie, daß ich ſie Ihnen erzähle. Ich werde ſie nennen:„Die nie aus dem Geſicht zu verlierende, obgleich eben deswegen nichts deſtoweniger zu verheimlichende Liebe zwiſchen dem Krug und dem Meerſchaum.“ —— „Karoline ſprang, als ich dieſe Worte äußerte, an meine Seite, wiſchte ſich die Thränen aus den Augen und ſeufzte— „Erzählen Sie mir's doch— erzählen Sie mir's doch!“ „Setzen Sie ſich,“ ſprach ich, ihre Hand ergreifend und an meine Lippen drückend—„ſetzen Sie ſich und hören Sie.“ Damit begann ich meine Erzählung. Ich zweifle,“ fuhr der Hofrath fort,„ob Sie die Geſchichte hören wollen?“ „Gott bewahre!“ rief die ganze Geſellſchaft in Einem Athem.„Laſſen Sie den Krug und den Meerſchaum und fahren Sie mit Karoline fort.“ „Nun, von dieſer Stunde an war ihr Herz mein. Ludwig durfte alles Gewuürm, das je auf Erden kroch, jede Pflanze, die je wuchs, zu Hülfe rufen— der Sieg war für mich entſchieden. Er ſah es, und durch die Niederlage gereizt, kehrte er nach Berlin zurück, ohne uns Lebewohl zu ſagen. Wir hörten nichts mehr von ihm, bis wir ſeine neue Novelle Fortunato ſahen, Aber 125 um fortzufahren; einen Tag, nachdem Tieck uns ver⸗ laſſen hatte, war mein Geburtstag; man traf alle An⸗ ſtalten, mir ein kleines Feſt zu geben und fürwahr, man konnte ſich nichts niedlicheres denken. Der Garten der Herberge war ein anmuthiger Platz, auch ſtand eine große Linde dort, gleich dieſer, worunter die Tafel ge⸗ deckt war; ferner ein Stuhl, ganz mit Roſen und Myrthen bedeckt, für mich— Karoline ſelbſt hatte es gethan; auch hatten ſie mir zu Ehren eine kleine Hymne gemacht, die verſchiedene Komplimente auf meine Aus⸗ zeichnung in Wiſſenſchaft und Poeſie— auf meine Geiſtes⸗ gaben und auf die Reize meiner Perſon enthielt. Ach ja! damals war ich ſchön. „Nun nun, ich muß meine Erzählung ſchließen— ich kann kaum jetzt die Erinnerung daran ertragen, Ka⸗ roline trat, weiß gekleidet, mit einem Kranz von Roſen und dazwiſchengeflochtenen Lorbeerblättern, vor und ging voll Anmuth auf mich zu, während ich dort ſaß, um ſie zu empfangen— alle übrigen ſtanden mir zu beiden Seiten. „Auf ſeine Stirne, wo das Licht—— ſprach Karoline, den Kranz emporhebend. „Ach du Heiliger!“ ſchrie Martha, die erſt in die⸗ ſem Augenblicke ſah, daß ich entblößten Hauptes war. „Es iſt ſo kalt, der liebe Mann wird ſich den Tod ho⸗ len;“ damit nahm ſie dieſe verwünſchte Nachtmüne aus ihrer Taſche, ſtürzte herbei, und ſchlug ſie mir über den Kopf bevor ich wiſſen konnte, daß es geſchehen war. Ich ſtampfte und ſchlug aus wie ein Beſeſſener, aber es half nichts; ſie hatte die Schnüre in einen verruchten Kno⸗ ten gebunden, ſo daß ſie weder aufgelöſt noch zerriſſen werden konnten.„Sei ruhig,“ ſagte ſie;„Du weißt wohl, daß mit drei und fünfzig——“„Sie können be⸗ greifen,“ ſprach der Hofrath in einer Parentheſe,„daß ihre Leidenſchaft ihr Gedächtniß auslöſchte——„mit drei und fünfzig kann man nicht den Narren ſpielen wie mit Zwanzig.“. „Ach ja! nun war's mit mir für immer vorbei. Karoline kreiſchte über die Kappe, erſt lachend, dann ſchreiend, dann beides untereinander— die übrigen lachten ſich faſt todt und ich ebenfalls. Karoline wollte mich nicht mehr anſehen und ſo ging ich nach Hauſe zurück, um meine Liebe und um alles gebracht wegen einer wollenen Schlafmütze.“ Als der Hofrath ſchloß, goß er den Reſt des Ro⸗ ſenthalers in ſein Glas, machte Jedem nach der Reihe ſeine Verbeugung und wünſchte uns gute Nacht; dar⸗ auf nahm er Fraͤulein Martha am Arm und beide ver⸗ ſchwanden in dem Schatten, während auch die übrige Geſellſchaft aufbrach und Jeder nach Hauſe ging. Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Student. Wenn ich nicht eine wirkliche Perſon ſkizzirte und eine einſt gehörte Anekdote nacherzählte, ſo würde ich den Hofrath von Froriep für einen erdichteten Charak⸗ ter erklären, weßhalb ich es auch Niemand übel nähme, der ſich zu dieſer Anſicht hinneigen wollte. Ich habe keinen Zeugen, auf den ich mich berufen könnte; zu mei⸗ ner Zeit waren nur zwei Engländer in Göttingen, von denen einer jetzt nicht mehr iſt. Der arme Menſch! er war gerade in die Armee getreten; ſein Regiment lag in Corfu, und er verbrachte die ſechs Monate ſeines erſten Urlaubs in Deutſchland. Wir trafen zufällig auf der Reiſe zuſammen und wurden endlich Freunde. Als er mich verließ, reiſte er nach Wien und von da nach kurzem Aufenthalte nach Venedig, wo er eine Yacht kaufte und mit acht griechiſchen Matroſen eine Kreuz⸗ fahrt durch die joniſchen Inſeln unternahm. Er wurde nie mehr lebendig geſehen; ſein Leichnam, ſchrecklich verwundet und verſtümmelt, wurde an der Küſte von — 127 Zante gefunden. Seine Mörder, denn das waren ſie, flüchteten ſich mit dem Fahrzeug und wurden niemals gefangen. Sollten je dieſe Seiten einem Manne vom ein und ſechzigſten Regimente zu Geſicht kommen, ſo wird er ſich erinnern, daß ich von einem ſeiner Kameraden ſpreche, der überall, wo man ihn kannte, beliebt war. Bei aller heroiſchen Kühnheit des unerſchrockenſten Her⸗ zens war er von Natur ſanft und mild. Armer G——! einige von den glücklichſten Augenblicken meines Lebens habe ich mit Dir verbracht— einige der traurigſten, wenn ich an Dein Schickſal dachte. Lieber Leſer, Du mußt mir alſo, was den Hofrath betrifft, auf's Wort glauben. Wer die modernen No⸗ vellen Deutſchlands liest— die wilden Uebertreibungen eines Fouque und Hoffmann, eines Muſäus und Tieck, wird begreifen, daß ſeine Geſchichte aus ſeinem eigenen Leben durchaus nichts Extravagantes an ſich hat. Sprache und menſchliche Leidenſchaften nicht nur Thieren, ſondern auch der lebloſen Schöpfung beizulegen, iſt eine deutſche Liebhaberei, die zu einem großen Theile jenes Myſti⸗ zismus geführt hat, den wir in den Schriften dieſer Leute finden, und die geheimen Sympathien von Blu⸗ men⸗ und Kopfkohl für junge verliebte Damen ſind ein ſtehendes Thema unter dieſer Klaſſe von Novelliſten. Jetzt noch ein Wort über die Studenten, dann bin ich fertig. Wie abgeſchmackt und lächerlich auch ihr Chrengeſetzbuch iſt, oder der Comment, wie ſie es nen⸗ nen, ſo liegt dagegen in ihrem Innern ein Schatz von männlichem Ehrgefühl und Treuherzigkeit. In dem Geiſte der Burſchenſchaft iſt nichts Gemeines oder Nie⸗ driges, nichts Unehrenhaftes noch Unwürdiges. Ueber⸗ ſpannte Ideen von ihrer eigenen Wichtigkeit— ein dün⸗ kelhaftes Gefühl von ihrem Werthe für das Vaterland — das findet man im Ueberfluß; desgleichen auch eine Maſſe von unreifen, unklaren Begriffen von Freiheit und Deutſchlands Wiedergeburt. Aber am Ende ſind dieß doch nur harmloſe Fiktionen; ſie ſind an keine ſchlech⸗ ten Leidenſchaften der Gegenwart geknüpft— ſie führen zu keinen ſchlimmen Reſultaten für die Zukunft. Die Ermordung Kotzebues und das Attentat gegen das Le⸗ ben Napoleons von Staps waren weit mehr dem tollen Enthuſiasmus der Zeit zuzuſchreiben, als den Grund⸗ ſätzen des Studentenbundes. Der Geiſt der Nation em⸗ pörte ſich über die ſo lang erduldete Tyranney, und dieſe ſchrecklichen Verbrechen waren der Ausdruck des bis zum Wahnſinn geſteigerten Schmerzes. Nur wer die aus⸗ gelaſſene Freude des Volkes mit anſah, als die Flut des Glückes ſich gegen Napoleon kehrte und ſeine ver⸗ ſtümmelten Legionen aus Rußland zurück durch Deutſch⸗ land zogen, kann begreifen, wie hoch die Drangſal an⸗ gehäuft war, wofür man jetzt Rache nehmen wollte. Die„Volkerſchlacht“— wie ſie ſo gerne die furchtbare Schlacht von Leipzig uennen, war die ſchreckliche Ver⸗ geltung für alle ihre Leiden. Bei'm erſten Ausbruch der franzöſiſchen Revolu⸗ tion waren die deutſchen Studenten, gleich manchen wei⸗ ſeren und denkenderen Köpfen in unſerm eigenen Lande, von der großen Bewegung eines mächtigen Volkes er⸗ griffen, das die Bahn der Freiheit betreten hatte; aber als ſie, empört über die darauf folgenden Grauſamkei⸗ ten, ſpäter ſahen, wie Frankreich zuerſt die Freiheit aller andern Länder angriff und mit Füßen trat, ſo hielten ſie die Franzoſen für Verräther an der Sache, zu der ſie ſich einſt bekannt; und während in den erſten Kriegen der republikaniſchen Heere ihre Apathie eigent⸗ lich ihre Sympathie mit den wilden Begriffen von Frei⸗ heit verrieth, für deren Apoſtel ſich die Franzoſen aus⸗ gaben, ſo war dagegen, als ſie ſahen, daß Herrſch⸗ und Eroberungsſucht an die Stelle jener hochtönenden Güter⸗ Freiheit— Gleichheit getreten war, die Kehrſeite eine ſchreckliche und kann den ſtolzen Triumph der deut⸗ ſchen Heere, als ſie in den Straßen von Paris bivuakir⸗ ten, wohl entſchuldigen, wenn überhaupt eine Entſchul⸗ digung nöthig wäre. 1²⁹ Die veränderte Lage der Dinge auf dem Continent hat natürlich jeden politiſchen Zug in dem deutſchen Studentenleben verwiſcht, oder wenn ein ſolcher noch vor⸗ handen iſt, ſo nimmt er die Form eines bloß vorüber⸗ gehenden Enthuſiasmus zu Gunſten eines verbannten Profeſſors, oder eines Burſchenfeſtes, oder zu Ehren eines Märtyrers der Preſſe an. Noch leben ihre alten Tu⸗ genden fort, und der deutſche Student iſt noch immer ein Muſter, eines der wenigen, die wir noch haben, von dem Europa, wie es vor dreißig Jahren war. Und ich ſage, noch lange möge er ſo bleiben. Noch lange möge ein ſo intereſſantes Land ſeine nationale Ehrlichkeit und ſeinen Bruderſinn behaupten, die da wurzeln in den See⸗ len ſeiner Jugend. Lange möge das Vaterland eines Schiller, eines Wieland und Göthe desjenigen Geſchlech⸗ tes ſich erfreuen, das ihre Größe würdigen, oder ſich be⸗ ſtreben kann, mit ihrem Rufe zu wetteifern. Ich über⸗ laſſe andern das Geſchäft, ihre Bier⸗Orgien, ihre wilden Feſtgelage und ihre Duelle zu beſchreiben; ob ich gleich nicht geneigt bin, in dieſer Hinſicht ſie zu vertheidigen, ſo könnte ich doch, wenn es nicht gehäſſig wäre, Bei⸗ ſpiele von nicht löblichern Sitten anführen, die uns weit näher liegen. Gerade bei dieſen Gelagen, denen ich häufig beigewohnt, habe ich eine Muſik gehört, welche die meiſten unſerer Orcheſter beſchämt hätte, und einen Geſang, wie ich nie etwas ſchöneres gehört, außer inner⸗ halb der Wände einer großen Oper, und was ihre Duelle betrifft, ſo iſt dieß allerdings eine üble Sitte; aber doch möchte ich Ein Beiſpiel erwähnen, wovon ich ſelbſt Zeuge war, und vielleicht finden wir auch auf einem ſo unfruchtbaren Felde ein Samenkorn glücklicher Ver⸗ heißung. „Unter meinen Bekanntſchaften in Göttingen waren zwei Studenten, beide aus Preußen, aus der kleinen Stadt Magdeburg. Sie waren Schulkameraden gewe⸗ ſen und kamen zuſammen auf die Uniyerſität, wo ſie wie Lever, O'Leary, II. 4 9 13⁰ Brüder lebten, ſo daß ſie auch dort, wo die Freund⸗ ſchaft allen Anſchein eines heiligen Bundes annimmt, die Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Nie gab es indeſſen zwei Menſchen, die ſich weniger gleich waren, als dieſe. Eiſendecker war ein kecker, heißköpfiger Burſche, auf alle tumultuariſchen Erzeſſe des Burſchenlebens verſeſſen; ſein von mancher Narbe durchfurchtes Geſicht erklaͤrte ihn für einen Hahn, wie die Studenten einen berühm⸗ ten Duellanten zu nennen pflegen. Er war immer der erſte bei jedem Anſchlag zu wilden Abenteuern und ſtand beſtändig vor dem Senate wegen irgend eines Vergehens gegen die Disciplin. Von Mühry, ſein Gefährte, war gerade das Gegentheil. Sein Beiname— denn faſt jeder Student hat einen— war„der Zahme,“ und nie gab es einen paſſenderen. Sein Gemüth war die Milde ſelbſt. Er war ſehr ſchön; faſt mädchenhaft in ſeinem Blicke, mit großen blauen Augen und ſchönem, weichem, ſeidenen Haar, das ihm nach deutſcher Art über den Nacken ſiel. Seine Stimme— die Inhaltsanzeige ſei⸗ ner Natur, ſanft, leiſe und muſikaliſch, nahm ſogleich für ihn ein. Dieſe Ungleichheiten indeß hinderten die gegenſeitige Anhänglichkeit der beiden Jünglinge nicht, ſondern ſchienen vielmehr das Band zwiſchen ihnen zu befeſtigen,— da gleichſam jeder dem andern mit den⸗ jenigen Eigenſchaften aushalf, die ihm die Natur ver⸗ ſagt hatte. Sie waren nie getrennt, weder auf dem Leſezimmer, noch zu Hauſe, noch auf der Allee— wie die Promenade genannt wurde— noch im Garten, wo⸗ hin ſich die Studenten jeden Abend begaben, um da zu ſoupiren und die Jägermuſik anzuhören. Eiſendecker und Mühry waren Namen, die man nie getrennt hörte, und wenn der eine erſchien, ſo war der andere gewiß nicht mehr als ein Paar Schritte davon. So war ihre Freundſchaft, als ein unglückliches Verhältniß den Gang derſelben ſtörte und Zwietracht zwiſchen Leuten ſäete, die nie in ihrem Leben auch nur einen vorübergehenden Zwiſt gekannt hatten. Der Sub⸗ 131 rektor von Göttingen war gewohnt, jede Woche kleine Geſellſchaften zu geben, wozu manche von den Studenten eingeladen wurden, namentlich auch Eiſendecker und Mühry, da beide bei dem Profeſſor Collegien hörten. In der ruhigen Welt einer kleinen Univerſitätsſtadt wa⸗ ren dieſe Soiréen große Begebenheiten, und der Einge⸗ ladene brüſtete ſich nicht wenig mit der Auszeichnung einer Karte, die ihm das Recht gab, ſich in dem Ge⸗ ſellſchaftszimmer ſeines Profeſſors zu verbeugen und ſeiner ſchönen Tochter, der Friedericke von Ettenheim, deutſche Charakter ſo kläglichen Mangel leidet, hatte ſie aus ihrer franzöſiſchen Erziehung eingeſogen und ſtatt jenes ſchwerfälligen Austauſches flacher Gemeinplätze, die jenſeits des Rheins zwiſchen den jungen Leuten beiderlei Geſchlechts den gewöhnlichen Stoff der Unterhalung aus⸗ machen, hatte ſie den leichten, feinen Ton Pariſer⸗ Neckerei, die heitere, vertrauliche Munterkeit franzöſiſcher Geſellſchaft mitgebracht, die in Frankreich ſo unaus⸗ ſprechlich reizend, und wenn man ſie zufällig anderswo trifft, eine ſo köſtliche Gabe des Himmels iſt. O, ge⸗ ſteht es nur, ihr, die ihr in den langweiligen, ſoge⸗ nannten Freuden dieſer Welt— in der ereböiſchen Fin⸗ ſterniß der Diner⸗ und Abendgeſellſchaften eurer faſhion⸗ ablen Freunde— Nachte lang dortſitzt, auf Gerathewohl ſprechend und Antwort gebend, ohne einen einzigen Ge⸗ danken, der euch feffelt, ohne eine einzige Idee, die euch 9 1³² intereſſirt; wie wohl hat es euch gethan, wenn ein zu⸗ fälliger Ausdruck, irgend eine Bemerkung— vielleicht ein einziges Wort eurer Nachbarin offenbart, daß ſie jenen wunderſamen Reiz beſitzt— jene bezauberndſte aller Eigenſchaften— die Kunſt zu unterhalten? Daß ſie, ohne Furcht, auf der einen Seite für pedantiſch oder auf der andern für ununterrichtet gehalten zu wer⸗ den, ſich zwanglos über den Gegenſtand des Augen⸗ blickes verbreitet, mit Anmuth und weiblichem Zart⸗ und Feingefühl ihre Meinung darlegend, als ob ſie ſagen wollte, dieſe leichtern Waffen ſeyen die ihrigen, während Männer die maſſiveren des Verſtandes und der Urtheils⸗ kraft ſchwingen könnten. Und dann, mit welcher Leich⸗ tigkeit flattert ſie von einem Thema zum andern, indem ſie zu verſtehen gibt, daß ſie es nicht wagt, ſich tief ein⸗ zulaſſen, aber doch jeden Augenblick Beweiſe von Ge⸗ danken⸗Reichthum an den Tag legt. Wie lange habt ihr vergeſſen, daß dieſelbe, die euch ſo gefeſſelt halt, die Brunette iſt, mit Zügen, die eher zu keck, als zu ſanft ſind; daß dieſe Augen, die jebt vom Feuer des Geiſtes blitzen, noch vor einer halben Stunde einen Ausdruck kalter Dreiſtigkeit zu haben ſchie⸗ nen. Solchen Reiz hat der Esprit, und ohne ihn ent⸗ behrt das hübſcheſte Frauenzimmer ſeines größten Zau⸗ bers, ein Diamant mag ſie ſeyn, noch ſo glänzend und vom reinſten Waſſer, aber es fehlt die Kunſt, ihn ge⸗ hörig einzuſetzen, und der Glanz des Cdelſteines geht für den Beſchauer zur Hälfte verloren. Nun iſt von allen Sprachen, die je von Menſchen erfunden worden, die Deutſche die ſchwierigſte und plumpſte zu jeglicher Unterhaltung. Man mag darin predigen— beten— man mag eine gelehrte Abhandlung liefern, oder einen verwickelten, verworrenen Satz aus⸗ ſprechen— man mag, wenn man die Gabe dazu hat, ſogar eine Geſchichte darin erzählen, vorausgeſetzt, daß die Zuhörer Geduld beſitzen— und einige ſind ſo weit — gegangen, daß ſie es wagten, auf Deutſch eine humori⸗ V 133 ſtiſche Idee auszudrücken; aber das waren kühne Leute, und ihr verwegenes Beginnen iſt mehr zu verwundern, als nachzuahmen, Zugleich gebührt es ſich, noch zu be⸗ merken, daß ein deutſcher Scherz im beſten Falle ein ſehr hölzerner Einfall iſt und daß das Lob, das er ſindet, mehr der Schwierigkeit der Erzeugung, als dem Vorzug des Artikels gilt— gerade wie wir jenen indiſchen, mit einem roſtigen Nagel ausgeſchnittenen Tand bewundern, oder jene vierſaitigen Kunſtſtücke Paganinis und ſeiner Nachahmer. Und nun, um auf die Studenten zurückzukommen, von denen man vielleicht glaubt, ich hätte ſie inzwiſchen vergeſſen, während meine Abſchweifung doch nur dazu dienen ſollte, ihren eigenen Fall zu erläutern, da ſie auf nichts anderes berechnet war, als zu zeigen, daß, wenn Friedericke von Ettenheim die Hälfte der Göttinger⸗ Köpfe verdrehte, die Herren Eiſendecker und Mühry auch dazu gehörten. Welch' ein Geſicht gab die Ankunft und der Aufenthalt dieſer jungen Dame der kleinen Stadt! Welch' eine ſüße Atmoſphäre weiblicher Anmuth ver⸗ breitete ſich gleich einem Wohlgeruch durch jene alten Säle, deren beſtäußte Vorhänge und mottenzerfreſſene Seſſel gleich den Foſſilien eines vorfündflutigen Haus⸗ geräthes ausſah! Durch welche Zauberkraft wurde das alte Zeromoniell einer Profeſſorengeſellſchaft gegen den leichtern Ton einer geſchliffenen Welt vertauſcht! Die hoch achtbaren Würdenträger der Univerſttät fühlten die Veränderung, ohne jedoch zu wiſſen, worin ſie lag und ohne ſich über das Vergnügen Rechenſchaft geben zu können, das ſie jetzt in den Abendgeſellſchaften des Vice⸗ Rektors genoſſen; während die Studenten in ihrer en⸗ thuſtaſtiſchen Bewunderung keine Grenzen kannten und die Ettenheim in jedem Herzen in Göttingen herrſchte. Von allen ihren Bewunderern ſchien keiner in ihrer Gunſt eine höhere Stelle einzunehmen, als von Mühry. Außer ſeinen perſönlichen Vorzügen und ausgezeichneten Kalenten trugen noch mehrere Urſachen dazu bei. Er 134 wurde vom Vice⸗Rektor beſonders hervorgehoben; denn ſein Vater bekleidete eine bedeutende Stelle in der preu⸗ ſiſchen Regierung, während Adolf ſelbſt einſt eine anſehn⸗ liche Rolle in der Welt zu ſpielen verſprach. Er wurde bei keiner Einladung übergangen, und bei keiner der unter den Profeſſoren ſo häufigen, kleinen Partien ver⸗ geſſen; ſelbſt dann, wenn die Geſellſchaft auf die Wür⸗„ denträger der Univerſität beſchränkt war, wußte der Vice⸗Rektor irgend eine Entſchuldigung über die Anwe⸗ ſenheit des jungen Mannes vorzubringen, ſey es nun unter dem Vorwande, daß er ihn für irgend etwas brauche, oder daß Friedericke in der Zerſtreutheit ihn eingeladen habe. In ſolchem Zuſtande befand ſich dieſe kleine Welt, als ich ihre Bekanntſchaft machte, und meine Wohnung am Meißnerthor nahm, in der Abſicht, dort meinen Sommer zu verleben. Gleich am erſten Abend, den ich beim Vice⸗Rektor zubrachte, war mir die ganze Sache klar. Friedericke und Adolf liebten ſich. Vergeblich zog er ſich, wenn er ſie auf dem Piano begleitet hatte und wenn ſie aufhörte zu ſingen, nach einem entlegenen Theil des Zimmers zurück. Es hatte nichts zu bedeuten, daß er kaum mit ihr ſprach, und wenn er es that, nur wenige Worte haſtig und verwirrt. Einſt begegneten ſich ihre Augen; ich ſah ſie einen einzigen— noch dazu einen flüchtigen Blick wechſeln— aber ich las darin ihr ganzes Geheimniß, vielleicht noch mehr, als ſie ſelbſt wußten. Ein Glück, wenn ich allein es bemerkt hätte, aber es ſtand mir ein anderer zur Seite, der es ebenfalls ſah und mir in's Ohr flüſterte,„der Zahme iſt verliebt“. Ich kehrte mich um— es war Eiſendecker; ſein Geſicht war bleich und kränklich, große, olivenfarbige Ringe umgaben ſeine Augen und verliehen ihm den Ausdru tiefen Leidens.„Haben Sie's geſehen?“ fragte er plöt⸗ lich, ſeine Hand auf meinen Arm legend, wo ſie zit⸗ terte wie die eines Fieberkranken. „Haben Sie's geſehen?“ 13⁵ „Was?— Die Blume?“ „Ja— Die Blume. Sie ließ ſie fallen, als ſie durchs Zimmer ging. Sie ſahen wie er ſie aufnahm, nicht wahr?“ 3 Der Ton, worin er ſprach, war herb und ziſchend, als ob er die Worte mit zuſammengepreßten Zähnen hervorgeſtoßen hätte. Jetzt war es mir klar, daß auch er in Friedericke verliebt war, und ich zitterte bei dem Gedanten an den grauſamen Stoß, den ihre Freund⸗ ſchaft über kurz oder lang erleiden mußte. Kurze Zeit nachher, als ich im Begriffe war, mich zurückzuziehen, nahm mich Eiſendecker am Arm und fragte: „Wollen Sie heim? Darf ich Sie begleiten?“ Ich willigte gerne ein, da unſere Wohnungen nahe waren, und wir brachten jeden Tag einen großen Theil entweder auf meinem oder ſeinem Zimmer zu. Es war das erſte mal, daß wir zurück kehrten, ohne auf Mühry zu war⸗ ten; und da ich nicht wußte, wohin eine Trennung, ſo bald ſie einmal begonnen war, führen konnte, ſo hielt ich plotzlich auf der Treppe inne und ſagte, als ob es mir erſt jetzt einfiele— 4 „Ei, wir gehen ja ohne Adolph.“ Eiſendeckers Finger packten mich krampfhaft, und während er in ein bitteres Lachen ausbrach, ſagte er: „Sie wollen ſie doch nicht auseinander reißen?“ Auf dem ganzen Wege ſprach er kein Wort mehr, und auch ich that, aus Furcht, den Ausdruck eines Schmerzes hervorzurufen, der, einmal eingeſtanden, beſtärkt wurde, meinen Mund nicht auf, außer um gute Nacht zu ſagen. Als ich dieſes Kapitel anfing, hatte ich durchaus nicht die Abſicht, mich in eine regelmäßige Geſchichte zu verwickeln, auch thue ich es jetzt nicht, ob es gleich, um die Wahrheit zu ſagen, nicht ohne Intereſſe ſeyn würde, die Laufbahn der beiden Jünglinge zu ſchildern, die ſich jetzt allmählig einander entfremdeten, und die man nicht mehr, wie ſonſt, die Arme über die Schultern geſchlungen,— den vollfommenſten Ausdruck ächter brü⸗ 136 derlicher Liebe— einhergehen ſah. Tag für Tag erwei⸗ terte ſich die Kluft zwiſchen ihnen; jeder kannte das Herzensgeheimniß des andern und doch wagte keiner davon zu ſprechen. Vom Mißtrauen iſt nur ein kurzer Schritt bis zum Haß— ach! es iſt kaum ein Schritt. Sie trennten ſich. Jedermann weiß, daß die Gegenwirkung, welche ſtatt findet, wenn eine lang beſtandene Freundſchaft ge⸗ brochen wird, mit der Wärme der frühern Anhänglichkeit in gleichem Verhältniß ſteht. Indeſſen iſt die Urſache hievon großentheils mehr unferer Umgebung, als uns ſelbſt zuzuſchreiben; wir gewinnen uns Anhänger, um uns für den Verluſt eines Vertrauten zu tröſten— und in der Heftigkeit ihrer Leidenſchaften werden wir, wie in einem Strome fortgeriſſen. Die Studenten waren keine Ausnahme von dieſer Theorie— kaum hatten ſie aufgehört, einander als Freunde zu betrachten, als ſie anfingen, ſich einander als Feinde anzuſehen. Ach! iſt es nicht immer ſo? Schießen nicht auf dem guten Bo⸗ den, der, ſorgfältig gebaut, die ſchönſten Blumen und reichſten Früchte erzeugt— wenn er vernachläſſigt wird, das ſchädlichſte Unkraut und die üppigſten Diſteln em⸗ por? Und doch, es war Liebe für eine andere— dieſe Leidenſchaft von ſo humaniſirendem Einfluß, die ſo wohl darauf berechnet iſt, die ſtürmiſchen und rachſüchtigen Anlagen auch einer wilden Natur zu beſänftigen— die Liebe war es, die ſie dahin brachte. Für wie viele iſt das Licht, das in den Augen eines Weibes liegt, nur ein Köder, um ſie in's Verderben zu locken? Wenn wir bedenken, daß nur einer ſein Glück machen kann, während doch ſo viele ſich bewerben— welche Traurig⸗ keit, welches Elend muß nicht für andere daraus ent⸗ ſpringen?“ Es ging noch eine andere, eine noch ſeltſamere Ver⸗ änderung unter ihnen vor. Eiſendecker, der heftige Jüng⸗ ling, von unzähmbarem Temperament und heftiger Lei⸗ denſchaft— der die wildeſten, keckſten Studentenſtreiche 137 liebte und bei jedem kollen Plane immer der erſte ge⸗ weſen— war jetzt ſtill und nachdenklich geworden— eine ſanfte Traurigkeit dämpfte die wilden Züge ſeiner heißen Natur, und er befuchte von nun an nicht mehr ſeine alten Kellerhöhlen und den Fechtboden, ſondern ſtreifte allein in der Gegend umher und verbrachte ganze 8 Tage in der Einſamkeit. Von Mühry dagegen ſchien den weggeworfenen Mantel ſeines ehemaligen Freundes angezogen zu haben: das ſanfte Benehmen und der faſt demüthige Ton ſeines Weſens wurde gegen eine Miene ſelbſtbewußten Stolzes vertauſcht— eine Haltung, die einen triumphirenden Geiſt verrieth— und der ruhige Jüngling ſchien, vor lauter Glück rückſichtslos, in einen raſchen, hochmüthigen Menſchen umgewandelt. Inzwi⸗ ſchen hatte ſich Eiſende cker hauptſächlich an mich ange⸗ ſchloſſen; und ob ich gleich ſeither immer von Mühry den Vorzug gegeben, ſo zog mich doch das Bewußtſeyn, daß der Andere unglücklich, das Mitgefühl für. ein Lei⸗ den, das wie leicht zu ſehen, groß war, näher zu ihm hin; endlich ſah ich Adolf überhaupt kaum mehr, und wenn wir zuſammentrafen, ſo trennte und entfremdete uns ein gegenſeitiges Verlegenheits⸗Gefühl. Um dieſe Zeit machte ich einen Ausflug nach dem Harzgebirge, um den Brocken zu beſuchen und die Mienen zu beſehen; meine Abweſenheit, die ſich länger hinauszog, als ich anfangs vorhatte, dauerte ungefähr vier Wochen und ich kehrte nach Goͤttingen zuruck, gerade als die Som⸗ merferien begannen. Ungefähr fünf Stunden von Göttingen, auf der Straße nach Nordheim, iſt ein kleines Dorf, Meißner genannt, ein Lieblingsplatz der Studenten bei allen ihren Gelagen— während etwa eine halbe Stunde davon ent⸗ fernt eine Waſſermühle an einem kleinen Bach unter Hügeln ſteht— ein wilder, abgelegener, mit verbutteten Eichen und Geſtrüpp überwachſener Ort. Vom Dorfe dahin führt ein ſchmaler Pfad, und es war dieß der gewoͤhnlichſte Platz, um alle jene Chrenſachen auszu⸗ 138 machen, deren Charakter zu ernſt war, als daß man ſie mit Sicherheit näher an der Uniperſttät hätte ent⸗ ſcheiden können; denn ſeltſam genug beſtand die Einrich⸗ tung, daß, während nach den Univerſitätsgeſetzen das Duell ſtreng verboten war, dennoch, wenn der Streit durch den Schläger entſchieden wurde, die Behörden niemals, oder faſt niemals einſchritten— ſchlug man ſich aber auf Piſtolen, ſo gewann die Sache ſogleich eine andere Geſtalt. Aus welchen Gründen man ſtets Mühlen als die für ſolche Streithändel geeignetſten Oertlichkeiten wählte, konnte ich nie herausbringen; aber es iſt unläugbare Thatſache— ich kannte nie eine Univerſitätsſtadt, die nicht auf dieſe Art ihre Waſſer⸗Privilegien befeßen hätte. An einem Sommermorgen in der Frühe ritt ich auf meinem Pony behaglichen Schrittes auf die Mühle zu, indem ich das ländliche Frühſtück mit dem Müller, die immer eine Art von Schenkwirthen find, der Mahlzeit im Dorfe vorzog. Ich ritt gleichgültig den kleinen Pfad dahin, der an ſeine Thüre führte, und war in holde Traͤumereien verſunken, wie man zu thun pflegt, wenn der Geſang der Lerche und der ſchwere Duft thaube⸗ ladener Blumen das Herz ganz in Wonne untertauchen — als ich hinter mir regelmäßige Tritte hörte. Ich horchte— wären mir die Töne fremd geweſen, ſo hätte ich geglaubt, es kämen Soldaten— aber ich kannte zu wohl den abgemeſſenen Schritt des Studenten, und ich hörte das Klirren ihrer ſchweren Saͤbel, ein eigenthüͤm⸗ licher Klang, worüber ſich ein Studentenohr nicht täu⸗ ſchen kann. Ich errieth ſogleich den Zweck ihrer Ankunft und es wurde mir wehe um's Herz bei dem Gedanken, daß der Sturm hartnäckiger Leidenſchaften und die Streit⸗ ſucht ihrer rachſüchtigen Natur einen ſo friedlichen Ort entweihen ſollte. Emport über dieſen Gedanken war ich im Begriff umzukehren, als ich mich erinnerte, daß ich auf demſelben Wege umwenden und ihnen begegnen mußte — aber auch hievor bebte ich zurück. Die Tritte kamen —,— 139 näher und näher, und ich hatte kaum Zeit den Pfad zu verlaſſen, und meinen Pony in's Gebüſche zu führen, als ſie um die Ecke des Weges kamen. Die vorderſten waren in ihre Mäntel eingehüllt, deren hohe Krägen ihre Geſichter verbargen, aber die heitern Farben ihrer Kappen verriethen ſie als Studenten. In kleiner Ent⸗ fernung weiter hinten und langſamen Schrittes kam eine andere Partie, worunter ich Einen bemerkte, der zwi⸗ ſchen zwei andern ging, den Kopf auf die Bruſt geſenkt und augenſcheinlich vom tiefſten Kummer niedergedrückt. Eine Bewegung meines Pferdes in dieſem Augenblick richtete ihre Aufmerkſamkeit auf das Dickicht— ſie hiel⸗ ten inne und eine Stimme rief meinen Namen. Ich ſah mich um und vor mir ſtand Eiſendecker. Er war in tiefe Trauer gehüllt und ſah bleich und verſtört aus— ſein ſchwarzer Knebel⸗ und Schnurrbart verſchärfte den hagern Ausdruck ſeiner Züge, denen die rothen Ränder ſeiner Augenlider und ſeine blutloſen Lippen das Gepräge des tiefſten Leidens gaben.„Ah! mein Freund,“ rief er mit einer kummervollen Anſtrengung zu lächeln,„Sie kommen hier gerade recht. Ich bin ſo eben im Begriff, mich mit Adolf zu ſchlagen.“ Eine ſchreckliche Ahnung, daß dieß der Fall ſeyn möchte, hatte mich ſchon im erſten Augenblick, wo ich ihn ſah, durchzuckt— aber als er ſo ſprach, durchrieſelte mich ein Schauer, und ich wurde kalt von Kopf bis zu Fuß. „Ich ſehe, Sie ſind traurig,“ ſprach er zärtlich, waͤhrend er mit ſeinen beiden Händen die meinige er⸗ griff,—„aber Sie würden mich nicht tadeln— nein, gewiß nicht— wenn Sie alles wüßten.“ „Was war denn die Urſache dieſes Streites— wie kamen Sie zu einem offenen Bruche?“ Er kehrte ſich um, und als er dieß that, ward ſein Geſicht purpurroth, das Blut überzog es über und über und ſogar ſeine Augäpfel ſchienen davon berſten zu wollen — er ſuchte zu ſprechen, aber ich hörte nur etwas ra⸗ ſcheln, gleich einem heiſern Athem. 14⁴0 „Seyen Sie ruhig, mein theurer Eiſendecker,“ ſagte ich,„kann dies nicht anders, als durch Waffen ausge⸗ macht werden?“ „Nein, nein,“ erwiderte er in dem Tone leiden⸗ ſchaftlichen Unwillens, den ich ſonſt öfter von ihm ge⸗ hört hatte,„nie.“ Bei dieſen Worten winkte er unge⸗ duldig mit der Hand und wendete ſein Geſicht von mir ab. Im gleichen Augenblick machte einer ſeiner Gefähr⸗ ten ein Zeichen mit der Hand gegen mich. „Was!“ flüſterte ich entſetzt—„ein Schlag?“ Ein kurzes Nicken war die Antwort. Ach! von dieſer Minute an verließ mich alle Hoffnung! ich kannte zu wohl die verzweifelte Alternative, die auf eine ſolche Beleidigung folgen mußte— an Ausſöhnung war nicht mehr zu denken. Ich fragte nicht weiter, ſondern ſolgte der Gruppe auf dem Pfade nach der Mühle. In einem kleinen Garten, wie er genannt wurde— wir würden ihn lieber einen plattgeſchorenen Grasfleck nennen— wo unter dem Schatten großer Wallnußbäume einige Tiſche und Bänke aufgeſtellt waren, ſtand Adolf von Mühry, umgeben von einer Anzahl ſeiner Freunde. Er trug ſein Koſtüm als Corps⸗Burſch von der Boruſſia — eine Art blau und weißer Uniform, mit ſilbergeſtickten Aufſchlägen und Kragen— ich hatte ihn noch nie ſo ſchön geſehen. Die Veränderung, die in ſeinen Zügen vorgegangen war, gab ihm einen Anſtrich von Männ⸗ lichkeit und Selbſtvertrauen, der ſehr zu ſeinem Vor⸗ theil gereichte— und ſeine ganze Haltung verrieth einen Grad von Energie, die ihm ſehr wohl anſtand. Eine leichte Röthe färbte ſeine Wangen, als er mich eintreten ſah— er lüpfte ſeine Kappe gerade über ſeinem Kopf und grüßte mich höflich, aber mit augenſcheinlicher An⸗ ſtrengung, heiter vor mir zu ſcheinen. Ich erwiderte ſeinen Gruß traurig— vielleicht auch mit einem Vor⸗ wurf in meinem Blicke— denn er kehrte ſich weg und flüſterte einem Freunde an ſeiner Seite etwas in's Ohr. Ob ich gleich ſchon mehrere Duelle auf Schläger 141 mit angeſehen hatte, ſo wohnte ich doch jetzt zum erſten⸗ male in Deutſchland einem Piſtolen⸗Duelle bei— und ich war nicht weniger erſtaunt, als erſchüttert, da ich bemerkte, daß einer aus der Geſellſchaft einen Würfel⸗ becher hervorholte und auf den Tiſch ſtellte. Eiſendecker ſaß die ganze Zeit über getrennt von den ubrigen und ſchien mit gefalteten Armen und halb⸗ geſchloſſenen Augenlidern geduldig den Augenblick ab⸗ zuwarten, wo man ihn rufen würde. „Um was würfeln ſie vort?“ fragte ich flüſternd, einen ſächſiſchen Studenten neben mir. „Ei, um den Schuß,“ erwiderte er;„indeſſen könnten ſie ſich die Muhe wohl ſparen. Eiſendecker muß zuerſt feuern; und was den andern betrifft, der nach ihm kommt——“ „Iſt er ſeiner Sache ſo gewiß?“ fragte ich entſetzt, denn die ſchreckliche Blutſcene wollte mir nicht aus der Seele ſchwinden. „Das iſt er; der Burſche, der auf fünf und zwanzig Schritt eine Champagnerflaſche treffen kann, trifft doch wohl auch einen Mann auf fuͤnfzehn.“ „Mühry hat's,“ rief einer von denen am Tiſche; und ich hörte die Worte von Mund zu Mund wieder⸗ holt, bis ſie zu Eiſendecker gelangten, der mit ſeinem Stocke gleichguͤltig im Mühlenbach ſpielte. „ Bedenke, Ludwig,“ ſagte ſein Freund, indem er lhe feſt am Arm ergriff;„bedenke, was ich Dir geſagt 9. 14 Der andere nickte gleichgültig und fragte blos:„iſt alles fertig?“ „Hier iſt Ihr Platz, Eiſendecker,“ ſagte Mührys Sekundant, indem er einen Stein in's Gras fallen ließ. Mühry ſtand bereits auf dem ſeinigen; ſeine Stel⸗ lung war aufrecht, ſeine Augen waren feſt auf ſeinen Gegner gerichtet, der keinen einzigen Blick auf ihn warf, ſondern gerade vor ſich hinſah. „Sie feuern zuerſt,“ ſagte Mühry's Freund; wäh 14² rend mir nicht entging, daß ſeine Stimme bei dieſen Worten ein wenig zzitterte.„Wenn das Wort ‚Feuer!⸗ gegeben iſt, ſo können Sie mit dem Schuſſe warten, bis ich Zwanzig gezählt habe.“ Mit dieſen Worten überreichte er Eiſendecker die Piſtole und rief— „Meine Herren, Achtung! Herr Eiſendecker, ſind Sie fertig?“ Ein Nicken war die Antwort. „Feuer!“ rief er mit lauter Stimme, und kaum war das Wort geſprochen, als man den Knall der Pi⸗ ſtole hörte. In der That war die Bewegung ſo ſchnell, daß wir gar nicht ſahen, wie er den Arm hob; auch konnte niemand ſagen, welche Richtung die Kugel ge⸗ nommen. „Ich wußte es, ich wußte es,“ murmelte Eiſen⸗ deckers Freund im Tone der Verzweiflung.„Nun iſt alles mit ihm vorbei.“ Ehe eine Minute vergangen war, wurde das Wort „Achtung!“ abermals gegeben, und nun ſah ich von Mühry mit ſeiner Piſtole dort ſtehen, während ein Lä⸗ henne küblünäe, entſchloſſener Bosheit auf ſeinen Zü⸗ gen ſaß. Ich richtete meine Augen auf Eiſendecker, aber er ſchien von dem, was um ihn vorging, durchaus nichts zu wiſſen; ſeine Augen ſtarrten wie zuvor in's Leere hinaus; ſein bleiches, regungsloſes Geſicht zeigte keine Spur von Leidenſchaſt. In einem Augenblick erſcholl das ſchreckliche ‚Feuer!⸗Mühry erhob langſam die Pi⸗ ſtole und zielte mit feſtem Auge auf ſein Opfer. Der Sekundant zählte mit tiefer Stimme langſam eins— zwei— drei— vier— es waren ſchreckliche Augenblicke der Spannung. Es ſchien, als ob die Sekunden des menſchlichen Lebens, eine nach der andern gezählt werden ſollten. Als das Wort„zehn“ von ſeinen Lippen fiel, ſah ich Mührys Hand zittern. In ſeinem rachſüchtigen Wunſche, ſeinen Mann zu tödten, hatte er zu lange ge⸗ — ⸗ 143 wartet, und war nun nervenkrank geworden; er ließ ſeinen Arm auf die Seite fallen und wartete einige Se⸗ kunden, darauf erhob er ihn wieder, zielte feſt und gab bei dem Wort„neunzehn“ Feuer. 1 Eine leichte Bewegung Ciſendeckers mit dem Kopf zeigte in dieſem Augenblick ſein Geſicht in voller Breite, ſo daß die Kugel, die ſonſt ſeinen Kopf durchbohrt hätte, jetzt blos ſeine Wange ſtreifte, aber eine tüchtige Fleiſch⸗ wunde hineinriß. 4 Muͤhry brach in einen halben Schrei aus; das Wort hörte ich nicht, aber den Ton werde ich nie vergeſſen. Jetzt war die Reihe an Eiſendecker; und während das Blut ſeine Wange herabſtrömte und ihm in großen Tropfen auf Hals und Schultern fiel, ſah ich ſein Ge⸗ ſicht den Ausdruck annehmen, den es in frühern Tagen zu haben pflegte. Ein ſchreckliches Lächeln fuhr über ſeine dunkeln Züge und ein Schimmer leidenſchaftlicher Rachſucht machte ſein Auge glühend, gleich dem eines Wahnſinnigen. 4 „Ich bin fertig; kommandiren Sie!“ rief er in wü⸗ thender Ungeduld. Aber Mührys Sekundant, der von einem ſolchen Augenblick der Leidenſchaft das ſchlimmſte befürchtete, zögerte, als Eiſendecker abermals rief—„das Kom⸗ mando, das Kommando!“ ein Ruf, den die Umſtehenden, unwillig über die anſcheinende Unſchlüßigkeit, wieder⸗ holten. Die Letztern wichen zurück, das Kommandowort er⸗ ſcholl. Eiſendecker erhob ſeine Waffe— wog ſie eine Sekunde lang in ſeiner Hand— hob ſie über ſein Haupt empor und ſenkte ſie dann allmählig, bis er, wie ich ven meinem Standpunkt aus ſehen konnte, auf's Herz zielte.— Seine Hand war jetzt regungslos, als wäre ſie von Marmor— während ſein auf ſeinem Gegner haftendes Auge auf einen klaren Fleck gefeſſelt ſchien, als ob ſeine ganze Rache hier ſich ſattigen wolle. Es herrſchte die ſchrecklichſte Spannung und ich ſtand athemlos in Er⸗ wartung des verhängnißvollen Blitzes, als er mit der Piſtole plötzlich empor fuhr und ſie über ſeinem Kopfe abſchoß; darauf ſtürzte er mit dem herzzerreißendſten Schrei„mein Bruder, mein Bruder!“ in Mührys Arme und brach in einen Strom von Thränen aus. Die Scene war in der That eine erſchütternde und wenige konnten ſie ungerührt mit anſehen. Was mich betraf, ſo war ich gänzlich überwältigt; und mein Herz fand nur Luft in der Freude, daß ein ſo ſchreckliches Beginnen glücklich endete. „Ja,“ ſagte Eiſendecker nach langem Schweigen, als wir an dieſem Abend zuſammen heimritten—„ja, ich hatte beſchloſſen, ihn zu tödten; aber gerade, als mein Finger am Drücker war, ſah ich einen Zug an ſeinem Geſichte, der mich an jene früheren, glücklicheren Tage erinnerte, wo wir nur Eine Heimat, nur Ein Herz hatten; und es war mir, als wollte ich der Mörder meines Bruders werden.“ Brauche ich hinzuzufügen, daß ſie von nun an für immer Freunde blieben? Aber ich muß Göttingen und ſeine Erinnerungen verlaſſen; es waren freilich glückliche Tage— allein diejenigen, die ſie dazu machten, wo ſind ſie jetzt?“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Bäder und Großherzogthümer. Es war eine ſeltſame Gewohnheit des Jahrhunderts, in deren Folge Kurörter ebenſo gut Sammelplätze für den Kranken, wie für den Stutzer, für den an Unver⸗ daulichkeit leidenden, wie für den Wüſtling wurden. Man kann nicht recht einſehen, durch welche Zauberkraft warme 145 Bäder einer kranken Seele helfen, oder wie kohlen⸗ ſaure Salze und Protochloride dem welken Geiſt einer von Langweile geplagten feinen Dame Erſatz für die genoſſenen Freuden einer Londoner⸗ oder Pariſer⸗Saiſon gewähren können, viel weniger, durch welchen magneti⸗ ſchen Einfluß Spielen und Klatſchereien gegen Leberleiden dienen ſollen, oder wie die Roulette ein wirkſames Arz⸗ neimittel in der Behandlung des chroniſchen Rheumatis⸗ mus ſeyn kann. Man kann erwidern, ein großer Gewinn— einige können weiter gehen und ſagen, aller Gewinn, den man von den Kurorten erwarten könne, rühre vom Wechſel der Scene und der Lebensart her, von den neuen Ge⸗ ſichtern, neuen Intereſſen, neuen Gegenſtänden, ver⸗ bunden mit angenehmem Umgang, und was die Aerzte heitere und muntere Geſellſchaft nennen. Man muß wiſſen, dieß iſt keine zufällige, willkührliche Zuſammen⸗ ſtellung von Worten, es iſt ein ächt techniſcher Ausdruck — ſo gut wie die härteſte, kritiſche Zuſammenſetzung, die je ein Apotheker gebraut hat.„Heitere und mun⸗ tere Geſellſchaft!“ Sie ſprechen davon wie von der letzten Verbeſſerung in der Chemie oder von der letzten Patent⸗ Arznei; wie von einem Dinge, das man verlangen könne, gleich Opodeldoc oder Moriſon's Pillen. Es wird uns eine Diät vorgeſchrieben, die mit dieſem einzigen Grundſatze ſchließt; und wenn uns der Arzt die Hand ſchüttelt und Lebewohl ſagt, ſo erſcheint er uns gleich einem wohlwollenden Engel, der, anſtatt uns an die Schrecken der Arzneikunde und an's Krankenbett zu ban⸗ nen, uns ſagt, wir ſollen nach dem Rhein aufpacken, unſern Sommer in Ems oder Wiesbaden zubringen, vor allen Dingen früh aufſtehen, früh zu Bette gehen, und auf muntere, heitere Geſellſchaft halten. O! warum hat noch Keiner, der als Märtyrer an Leber⸗ oder Nervenleiden gelitten, ſeinen M. D. gefragt, wo— wo dieſe köſtliche Unterhaltung zu finden iſt? Lever, O'Leary II. 10 146 Oder nach welchem allgemein anwendbaren Grundſatz der gleiche Geſellſchaftston dem Luſtigen und dem Me⸗ lancholiſchen, dem Manne von niedergeſchlagener, ver⸗ zweifelter Stimmung, und zugleich dem von ſanguini⸗ ſchen, hoffnungsreichen Temperamente gefallen kann?— Wie kann der Träge und Schlafſüchtige an der Thätig⸗ keit und Energie thatkräftiger Naturen ſich erfreuen, oder wie kann das raſtloſe Opfer der Unbeſtändigkeit die Wonne eines ruhigen Daſeyns genießen? Wer ſich„roher Geſundheit“ erfreut— der Ausdruck muß von einem neumodiſchen Arzt erfunden worden ſeyn, denn kein an⸗ derer Menſch konnte ein ſolches Gut für eine üble Eigen⸗ ſchaft halten— der kann ſich ſehr wohl an den Thor⸗ heiten und Narrheiten ſeiner Mitmenſchen, die ſo lächer⸗ lich vor ihm in Scene geſetzt werden, beluſtigen. Aber wie werden ſolche Dinge einem Individuum mit ſchmerz⸗ haften Gliedern und krankem Gehirn erſcheinen? Es iſt unmöglich, daß Temperament⸗Verſchiedenheiten zu enger Freundſchaft während einer Krankheit führen können; es liegt gerade in der Natur eines Kranken, alle Lei⸗ den, außer ſeine eigenen, und die den ſeinigen gleichen, zu unterſchätzen. Das Opfer der Fettigkeit hat keine Sympathien mit dem Märtyrer der Auszehrung; er mag ihn beneiden— bemitleiden kann er ihn nicht. Wer nicht eſſen kann, hat gewiß wenig Mitleid für die Schmerzen desjenigen, der den Wolf hat und bei Mahl⸗ zeiten einen Maulkorb tragen muß. Das Reſultat ſpringt alſo in die Augen. Die Schwermüthigen ſammeln ſich in Gruppen und knurren Eins zuſammen; Jeder ſchleppt ſeinen Theil von Traurigkeit in die gemeinſchaftliche Kaſſe, und ſie bilden eine Aktiengeſellſchaft für das Elend, die ihre Fortſchritte zum Grabe raſch betreibt— wäh⸗ rend die mit aufgeregten Nerven ſich zu Duzenden zu⸗ ſammenrotten, täglich auf neue Sonderbarkeiten und Tollheiten gerathen, worin ſie ſich gegenſeitig unter⸗ ſtützen, bis kein einziger unter ihnen mehr iſt, der mit dem in der Luft ſchwebenden Dolch der Seele nicht ver⸗ 147 traut wird; und in dieſem Wettſtreit der Uebertreibung und Ueberſpannung taumeln ſie nicht ſelten über die enge Grenze, welche dieſe Eigenſchaften von etwas ſchlimmerm trennt. Das Zuſammenſtrömen ſolcher Leute an einem Orte muß fur viele verderblich ſein, und wenige können ſich des niederdrückenden Einfluſſes erwehren, den ganze Straßen voll bleicher Geſichter auf ſie ansüben, oder gegen die Melancholie Stand halten, die ihnen eine ganze Promenade von Krüppeln einflößt. Es liegt etwas unbeſchreiblich trauriges in dieſen Zuſammenkünf⸗ ten der leidenden Menſchheit aus allen Theilen Europas— aus Nord, Süd, Oſt und Weſt, aus dem beſchneiten Norwegen und dem ſonnigen Italien; aus den ſchotti⸗ ſchen Gebirgen und ruſſiſchen Steppen. Wie traurig, wenn ſie ihre Symptome vergleichen und ihre Leiden aufzählen, wenn ſie mit der Selbſtſucht der Kraukheit die Bläſſe auf der Wange ihres Nachbars überwachen, und nach dem Fortſchritt irgend eines andern Invaliden ihre eigene Wiedergeneſung berechnen. Bei alle dem könnte der Anblick zwar düſtere Ge⸗ danken eingeben, aber keinen Unwillen erregen; leider jedoch hat die Medaille noch eine Kehrſeite;„die mun⸗ tere, fröhliche Geſellſchaft,“ von der unſer Doktor ſo zuverſichtlich ſprach, wird von ganz andern Leuten ver⸗ treten, als von den Kranken. Dieſe Kurorte ſind die Sammelplätze der Laſter des Continents, die erlaubten Bazars fremden Laſters, die Freiſtätte des Geächteten, die Heimat des Schwindlers, der letzte Zufluchtsort für den Bruder Liederlich, der einzige Fleck auf Erden unter den Füßen des verbannten Betruͤgers. Sie ſind die Parlamente Europäiſcher Lumperei, wozu Paris ſeine escrocs, England ſeine legs von Newmarket und Don⸗ caſter, und Polen ſeine flüchtigen Grafen, die Opfer ruſſiſcher Grauſamkeit und Barbarei, liefert. Um zu beginnen— und um die Sache recht zu 10 4 148 verſtehen, muß man damit beginnen, alles zu vergeſſen, was man ſich aus den Büchern von Head, Granville und andern ſo emſig zuſammengeſucht hat, und dieſelben blos als liebliche Romane von Gentlemen betrachten, die ihre eigene gute Laune in angenehmem Geplauder ausgießen wollten, oder als die vortheilhaftere Beſtre⸗ bung, großherzogliche Sterne und Schnupftabaksdoſen zu ſammeln. Dieſe entzückenden Gemälde von Brunnen, die in der Abgeſchiedenheit wilder Berggegenden liegen und nur dieſem oder jenem abenteuerlichen Wanderer zugänglich ſind; die friedliche Einfalt, die urſprünglichen Sitten eines glücklichen Landlebens, das beſcheidene, aber zu⸗ friedene Daſeyn einer kleinen, allen Erſchütterungen und Kämpfen der Welt fremden Gemeinde; die liebliche Landſchaft; der reizende Verkehr mit hochbegabten, ge⸗ bildeten Geiſtern; die ergötzlichen Verſammlungen, wo Metternich, Chateaubriand und Humboldt nächtlich zu⸗ ſammenkommen, unter die übrige Geſellſchaft ſich miſchen und mit jedem Fremden vertraulich plaudern; die fried⸗ liche Ruhe des Ortes, einer Oaſe in der großen Wüſte der Wirren dieſer Welt, wo die erſchövfte Seele und der müde Geiſt im Frieden ſich niederlegen und aus⸗ ruhen mögen, eingelullt durch das Plätſchern fallenden Waſſers, oder durch die Töne deutſchen Geſanges;— alle dieſe Dinge, geſchickt vorgetragen, mit acht an Ort und Stelle aufgenommenen Illuſtrationen machen hübſche Bücher, die angenehm zu leſen, aber eben ſo gefährlich zu befolgen find; während man ſich gegen übertriebene Verzeichniſſe von Kuren und Geneſungen, von Heilung lebenslänglicher Leiden, vor der mirakelhaften Liſte von Kranken, die durch Schwefelwaſſer und kohlenſaure Salze geſund wurden, als Wegweiſer in die Bäder Deutſch⸗ lands noch mehr hüten muß. Nun moͤchte ich nicht, daß man auch nur einen Augenblick von mir glaube, ich wolle die Wirkſamkeit der Baͤder von Aachen oder Ems, Wiesbaden oder 149 Töplitz, oder andere in Mißkredit ſetzen. In manchen Fällen waren ſie für manchen Leidenden eine beträcht⸗ liche Wohlfahrt, und werden es hoffentlich noch öfters ſeyn. Ich möchte nur in das allgemeine Lobgeſchrei einige wenige Worte der Warnung einfließen laſſen, in Betreff der an dieſen Kurorten herrſchenden Moral, und zu dieſem Zwecke werde ich mich ganz von demſelben Grundſatz leiten laſſen, den ich bei allen Notizen mei⸗ ner„Zeitvertreibe“ befolgt habe, lieber Thorheiten und Albernheiten zu zeichnen, als tiefer in die Schichten der Laſter und Verbrechen einzudringen; zugleich werde ich, ſo oft es für meinen Zweck nothwendig erſcheinen mag, kein Bedenken tragen, in's Fleiſch zu ſchneiden, wenn die Krankheit es erfordert. Um zu beginnen— man ſtelle ſich erſtens ein Groß⸗ herzogthum von ſo mäßigem Umfang vor, daß ſein Souverän die„Times“ nicht in die Hand nehmen darf— denn wollte er dieſe Zeitung ausbreiten, ſo müßte er damit in das Gebiet ſeiner Nachharn eindringen. Sein kleines Königreich hat jedoch alle Attribute eines wirk⸗ lichen Staates; es beſitzt einen Miniſter für das Innere, und einen Miniſter für das Auswärtige— es hat einen Kanzler für die Schatzkammer und einen Kriegsſekretär; und wäre nur eine halbe Meile Seeküſte da, ſo würde es nothwendig eine Admiralität und einen Marine⸗Mi⸗ niſter haben. Auch iſt es mit einer kleinen Armee ver⸗ ſehen, nach Art derjenigen des Bombaſto Furioſo, wo jede Waffengattung einen einzigen Repräſentanten hat,— oder gleich jenem wunderwürdigen iriſchen Corps, wor⸗ über man ſich erzählt, daß der Diſtrikts⸗General, als er ſich erkundigte:„Wo iſt das Donegaler leichte Reiter⸗ Regiment?“ die Antwort erhielt:„Hier bin ich, Ihro Gnaden!“ Nun kann man ſich ſchwerlich etwas be⸗ ſcheideneres denken, als das ganze Gefolge der Staats⸗ diener, obſchon die Fußgänger fünfzig und die Reiter fünf Mann zählen, aber doch müſſen ſie genährt, ge⸗ kleidet und mit Taback verſehen werden— eine Frage von einiger Schwierigkeit, wenn man erwägt, daß das Großherzogthum wenig Frucht und noch weniger Gras produzirt— daß es weder Manufakturen, noch Handel hat, noch die Mittel, andern Bedürfniſſen abzuhelfen, als denjenigen eines einfachen, zu ſchweren Arbeiten ver⸗ urtheilten Landvolkes. Dennoch iſt ein Palaſt da nebſt den Zugaben von einem Großmarſchall, von Stall⸗ meiſtern, Köchen und Küchenjungen— eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Beamten aller Grade und Klaſſen, für die geſorgt werden muß Wie geſchieht dieß? Ein⸗ fach genug, wenn das Geheimniß einmal befannt iſt— es genügen dazu vier Ellen grünen Tuches, zwei mit hölzernen Rechen bewaffnete Herren und eine Schachtel voll Fünffrankenſtücke, weiter hat man nichts nöthig. Zum Ueberfluß kann man noch, etwa als Nadelgeld für die Großherzogin, wenn eine da iſt, einen Rouletten⸗ Tiſch hinzufügen, aber Rouge et noir wird alle Kunſt⸗ griffe direkter oder indirekter Beſteurung erſetzen. Man braucht weder Steuereinnehmer, noch Zollhäuſer, noch Kolonien— man ſchlägt ein Schnippchen über Gewerbs⸗ ſteuern und Einfuhrzölle, und verlacht die plumpen Maßregeln, wodurch andere Kanzler die Ausgaben des Landes beſtreiten. Die Maſchinerie des Einkommens beſchränkt ſich darauf: man fängt zuerſt einen Juden. Für kleinere Schurkereien wird man Jedermann brauchen können, aber zu Plünderungsplanen im Großen geht nichts über einen Israeliten; außerdem fühlt er eine Art Stolz in ſeinem Berufe. Für das Privilegium des Spieltiſches wird er reichlich bezahlen. Er wird das ganze Groß⸗ herzogthum das ganze Jahr hindurch mit Bier und rothen Rüben verſehen, und außerdem dem Souverän noch eine bedeutende Privat⸗Summe geben. Ihm gibt man alle Nationen der Erde Preis, nur nicht die Paar eigenen Unterthanen, die unter keinem Vorwande in's Spiel⸗ haus zugelaſſen werden; denn gleich dem kranken Apo⸗ theker weiß man etwas befferes zu thun, als etwas aus 4 151 der Apotheke zu nehmen! Man gibt dem Juden Voll⸗ macht— mit Verſicherung des kleinen Königreichs Heſſen Homburg— die Engländer zu betrügen— die Ruſſen zu ſchröpfen— Franzen, Schweden, Schweizer und Yankees zu ruiniren— nach Herzensluſt— man ſetzt ſeiner großen Spitzbubenlaufbahn keine Schranken— man liefert ihm gebunden alle Reiſenden des Reiches in die Hände, um nach Gutdünken gerupft zu werden. Was braucht man ſich um das Geräuſche von Manufakturen oder um das Gehämmer von Gießereien zu befümmern? Das Klappern des Würfelbechers und das Scharren des Croupier⸗Rechens ſind lieblichere Töne und bringen eben ſo viel ein. Man braucht nicht in die Eingeweide der Erde hinabzuſteigen, um Schätze zu ſuchen; das Gold kommt, fertig geſtempelt aus der Münze, gläͤnzend und blinkend in die Hand des Souveräns: Flotten mögen ſcheitern, und Frachtſchiffe untergehen, aber ſeine Tha⸗ ler kommen ſicher in ſeine Taſche, und werden ohne Er⸗ hebungskoſten bezahlt. Mancheſter mag die Erde mit ſeinen gedruckten Zitzen überſchwemmen; Sheffield mag mehr Schnitzmeſſer hervorbringen als es Schnitzer gibt. Seine Einkünfte ſind keinen ſolchen Zufälligkeiten aus⸗ geſetzt; er beutet die Laſter der Menſchheit aus und braucht kein Fehljahr zu fürchten. Die Leidenſchaft für's Spiel iſt anſteckender als die Blattern, und leider kehrt die Krankheit nach dem erſten Anfall zurück. Jeder Spieler, der fünfzig Napoleon in ſeinem Gebiete läßt, iſt gleich⸗ ſam aus Erkenntlichkeit verpflichtet, im nächſten Jahre zurückzukehren, und die doppelte Summe zu verlieren. Jeder Verluſt iſt nur eine Naten⸗Zahlung von dem großen Ganzen ſeines Ruins— und dieſer wurde ausbedungen! Aber auch der Gewinner kann nicht entgehen— man ſucht hunderterlei Mittel auf, um ihn zur Ausſchweifung zu verführen und in Unkoſten zu ſtürzen: Vergnügungen werden erſonnen und üppige Sitten werden ihm einge⸗ prägt, die einen traurigen Troſt gewähren, wenn ein Wechſel des Glückes ihn zu mäßigern Ausgaben zwingt, ſo daß man, wenn man den unglücklichen Spieler durch ein ſummariſches Verfahren umbringt, dem Glücklichern eine ſchleichendere Todesart vorbehält. In der Galeeren⸗ ſprache iſt es am Ende nur,„ein langer Tag,“ den er gewinnt. Wie angenehm iſt außerdem die Betrachtung, daß die Stürme des politiſchen Haders, die andere Laͤnder bewegen, niemals unſer Großherzogthum erreichen. Die Heftigkeit des Parteigeiſtes, der Groll der Preſſe ver⸗ ſtummt vor dem anſtandsvollen Schweigen des Spiel⸗ tiſches und vor der todtenbleichen Stille des Rouge et noir. Wo ein Croupier iſt, da braucht man keine Cen⸗ ſur. Die Literatur unſeres Reiches beſchränkt ſich auf eine Karte, um von der Nadel des Spielers durchſtochen zu werden, und man hat keinen Sinn für die Freuden der Lektüre, wenn Einem das Verderben in's Geſicht ſtarrt! Andere Staaten mögen ſich mit menſchenfreund⸗ lichen und wohlgemeinten Entwürfen beſchäftigen, ſie mögen auf Beförderung des allgemeinen. Wohlſtandes bedacht ſeyn, ſie mögen die Künſte der Civiliſation be⸗ fördern und ſich mit Planen zur Erhebung der Nation tragen; im Großherzogthum geht man einen leichtern Pfad und erreicht doch ſein Ziel. Aber hier möchte vielleicht Jemand fragen:— Wie ſollen dieſe Leute leben? Schon recht, niemand pflichtet bereitwilliger als ich jenem vortrefflichen Sprichwort bei: „Il faut que tout le monde vive“— ja auch Groß⸗ herzoge müſſen leben. Aber es gibt ja hundert Wege, ſein Daſeyn in wohlfeilen Ländern zu friſten, ohne die Sittlichkeit zu untergraben. Ihnen ſteht der öſterreichiſche, preußiſche und ruſſiſche Kriegsdienſt offen— im Falle ihre eigenen, kleinen Gebiete für mäßige Wünſche und Bedürfniſſe nicht genügen ſollten. Jedenfalls brauche ich mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wie deutſche Fürſten zu verſorgen, während ich eine große Maſſe von Neffen und Nichten etwas näher habe. Alles, was mir gegenwärtig am Herzen liegt, beſchränkt ſich darauf, ge⸗ 1⁵³ wiſſe Thatſachen zu bezeichnen, ohne darüber nachzu⸗ denken, wie man ſie ändern kann. Fahren wir nun fort. In demſelben Grade, als das Laſter ſiegt, ſcheint der Anſtand der Welt zu ſteigen, innere Fäulniß und äußere Schicklichkeit ſcheinen in ge⸗ nauem Verhältniß mit einander zu ſtehen. Man konnte den äußern Schein der Sittlichkeit nicht in dem Grade verletzen, daß man zu Hunderten und Tauſenden jenen Spiel⸗Staaten zueilte, jenen Rouge et noir Anhängſeln, jenen Würfel⸗Becher⸗Herzogthümern. Wenn ein Mann einen Paß nach Baden verlangt, ſo liegt darin ein ſtill⸗ ſchweigendes Geſtändniß,„ich will ſpielen gehen.“ Poſt⸗ pferde nach Ems beſtellen wäre gerade ſoviel, als friſche Karten verlangen, und man moͤchte eben ſo gerne ein⸗ geſtehen, einige Jahre in Van Diemens Land zugebracht zu haben, als einen Sommer am Rhein. Was war alſo zu thun? Es war gewiß eine ſchwie⸗ rige Frage, wodurch weniger geniale Köpfe, als groß⸗ herzogliche Räthe ſind, in Verlegenheit hätten kommen können. Sie jedoch wußten auf der Stelle zu helfen. Sie ſind ſchlaue Beobachter und gewandte Weltleute. Sie bemerkten, daß, während andere Zeitalter mit den charakteriſtiſchen Benennungen des ehernen, goldenen oder eiſernen bezeichnet worden ſind, das jetzige noch paſſen⸗ der das Zeitalter der Galle genannt werden könne. Es gab nie eine Periode, wo ſich die Menſchen ſo ſehr für ihre Mägen intereſſirten; nie eine Epoche, wo ſie ſich ſo ſtark um ihre Lebern bekümmerten. Dieſe Leidenſchaft — denn eine ſolche iſt es— iſt nicht auf eine alte oder ſchwache, auf eine gebrochene und zerrüttete Konſtitution beſchränkt, ſondern erſtreckt ſich auf jedes Alter und Ge⸗ ſchlecht, auf den Veteranen von ein Duzend Feldzügen ſo gut, wie auf die Schöne einer Londoner⸗Saiſon; auf die harten, ſcharfen Züge eines Polar⸗Reiſenden ſo gut, als auf die blaſſe zarte Wange der Schönheit; auf die vor Alter eingeſchrumpften Glieder ſo gut, als auf die 154 volle Bluͤthe jugendlicher Liebenswürdigkeit. In den Worten des Liedes: „Kein Alter, kein Stand, kein Gewerbe iſt frei.“ liegt die allgemeine Manie unſeres Jahrhunderts, und wir dürfen erwarten, daß wir uns einſt, wenn wir be⸗ harrlich fortfahren uns mit dem Gegenſtand vertraut zu machen, jener ebenſo verſtändigen Klaſſe mit Ehren an die Seite ſtellen dürfen, die den Stein der Weiſen ſucht. Es war alſo nichts leichter, als ſich an dieſen großen Zug der Zeit zu halten. Das kleine Reich Heſſen Hom⸗ burg brauchte weder landſchaftliche noch geſellſchaftliche Reize zu haben; von ſeinem Klima mochte— gleich den meiſten nördlich von den Alpen gelegenen Ländern— nichts zu rühmen ſeyn; und da auch ſeine geſelligen Vorzüge gleich Null waren, was konnte es für einen Grund beſitzen, was für einen guten, plauſibeln Grund, um Reiſende auf ſein Gebiet zu ziehen? Natürlich, ein Bad! ein widerwärtig und faulſchmeckendes Waſſer, faſt ganz wie eine warme Brühe von faulen Eiern ſchmeckend, verdickt mit rothem Thon. Deutſchland hat zum Glücke Ueberfluß daran; die Natur war ihm gewogen, wenig⸗ ſtens unterirdiſch, und man braucht nur zwei Fuß tief in einer Kalkſtein⸗Gegend zu graben, ſo findet man das vorzüglichſte Mittel auf Erden gegen Störungen des Unterleibs. Die Quelle war entdeckt, und nun mußte ein Doktor aufgetrieben werden, um ſie zu analyſtren, und ein an⸗ derer, um ein Buch darüber zu ſchreiben. Nichts war nöthiger. Das Werk, in drei bis vier Sprachen über⸗ ſetzt, ſchilderte alle Vortheile der Brunnen und Prome⸗ naden, der kohlenſauren Salze, Table d'Hote, Wal⸗ zer und Mineralwaſſer. Das Trachten nach Geſundheit wurde nicht mehr von einer häßlichen, in düſteres Schwarz gekleideten, kahlköpfigen Göttin dargeſtellt, ſondern von einer lieblichen Nymphe, in Pariſer⸗Toilette, plaudernd gleich einer Franzöſin und tanzend gleich einer Oeſterreicherin. Nun möchte ich wiſſen, wer nicht krank ſeyn wollte? 1⁵⁵ Wer wollte nicht entdecken, daß Hampſhire zu hoch und Eſſer zu niedrig liege, Devon zu enge und Kumberland zu drückend ſey? Wer wollte ſich ſeinen Dorfarzt nebſt ſeiner ganzen Reihe von Flaſchen mit ihren langen weißen Halsbinden aufgeben, um einen Ausflug an den Rhein zu machen, wo an üppigen Genüſſen, an Schö⸗ nen und Bällen Ueberfluß war, und wo nebenbei geſagt, der rouge et noir-Tiſch das leichte Mittel gewäͤhrte, alle ſolche Freuden zu erſetzen, ſo daß man ſtark und reich zugleich werden und während man ſein Blut mit Eiſen ſchwängerte, bei ſeinem Bankier eine Maſſe Gold aufhäufen konnte? Daher der Zuſammenhang zwiſchen Bädern und Spielen; daher kam es, daß Tauſende, die nie eine Krankheit füͤhlten, nach jenen Geſundheitsplätzen ſich drängten, daß diejenigen, die ſich ſcheuen würden, einen einſtündigen Aufenthalt in der Hölle zu beſtehen, ohne Erröthen bekennen, einen Monat lang in Baden geweſen zu ſeyn; daher kommt endlich, was, wenigſtens für ein dabei betheiligtes Individuum, wichtiger als alles andere iſt, die Quelle jener reellen Alchimie, wo⸗ durch ein Großherzog, gleich Macheath, „All ſein Blei in Gold verwandeln kann.“ Wohl mag er mit dem tapfern Kapitän ausrufen— „Füllt jedes Glas!“ Wäre das Getränke Champagner oder Tokayer, es könnte nicht den hundertſten Theil ſo vortheilhaft ſeyn; das Ganze bietet ein Gemälde von Hokuspokus nach dem größten Maßſtab dar, den man jemals angenommen hat. Die fünfzehn Glas widerwärtigen Waſſers koſten einen Spaziergang von einer ganzen oder halben Stunde im Kurſaal. Der Kurſaal iſt eine Hölle! Das braucht man nicht zu verblümen. Der Hang zum Spiel iſt leicht eingepflanzt— mit welchem ſchlimmen Hang iſt es an⸗ ders?— Und während Du ſo an der Pumpe ziehſt, ſchleicht ſich die Hand des Großherzogs in Deine Taſche. Da habt ihr nun— ich werde kein Wort mehr hinzufügen— den wahren Zuſtand der deutſchen Bäder. 166 Da ich glaube, daß es herkömmlich iſt, alle Schriftſteller uͤber dieſe Geſundbrunnen je nach Verhältniß ihrer Dienſte oder ihres Lobes durch irgend einen Beweis fürſtlicher Gunſt anszuzeichnen, ſo möchte ich noch hinzufügen, wenn der Großherzog von Heſſen Humburg gegenwär⸗ tiges Buch ſeiner Beachtung werth hält, daß Arthur O'Leary einen ſolchen Beweis von großherzoglichem Bei⸗ fall mit dankbarſter Geſinnung aufnehmen, und dieſelbe in irgend einem künftigen Bande ſeiner„Zeitvertreibe“ ausſprechen wird, wobei jedoch nur noch die Erwähnung geſtattet ſey, daß Theodor Hook— der arme Kerl! als er einſt bei einem Londoner Alderman ſpeiste, der wegen des Reichthums und Ueberfluſſes ſeiner Mahlzeiten be⸗ kannt war, ſich nach einer anderthalbſtündigen, tüchtigen Anſtrengung erſt in der Mitte des Gaſtmahls fand: worauf er ſein Meſſer niederlegte und ihm zuflüſterte: „Eſſen kann ich unmöglich mehr, ich will alſo das übrige in Geld nehmen.“—— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Eine engliſche Reiſegeſellſchaft. Ich habe bereits Gelegenheit ergriffen, meine Leſer darüber zu unterrichten, welche Art von Table d'Hote ich für die vollkommenſte halte. Darf ich ſie nun bitten, mich an die Rieſentafel von Wiesbaden, Ems oder Baden⸗Baden zu begleiten. Wir ſind im Kurſaal oder im Naſſauer⸗Hof von Wiesbaden. Vierhundert Eſſer ſind verſammelt; ihrem Namen nach ſtammen ſie aus allen Laͤndern Europas und kein unbedeutender Theil aus Amerika. Das Sprachgemiſch macht einen Eindruck, als wäre das Ganze ein großes Banket für die babylo⸗ niſchen Arbeiter, die jedoch nicht zufrieden, wenn ſie in ihrer eigenen Sprache ſprechen, von Fremden mißver⸗ ſtanden zu werden, den zuverläßigeren Plan entworfen 157 haben, ſich durchaus unverſtändlich zu machen, indem ſie Sprachen reden, mit denen ſie nicht vertraut ſind; wäh⸗ rend in ihrem Anzug, in ihrer Manier und in ihrem ganzen Aeußern der große Zweck vorzuherrſchen ſcheint, lieber die Sitten irgend eines andern Landes, als die ihres eigenen nachzuahmen. Daher bemühen ſich die Franzoſen, als Engländer zu gelten— der Engländer gibt ſich die Miene eines Preußen— der Preuße die eines Polen— der Pole die eines Kalmuken. Der Elegant vom Boulevard de Gant trägt einen Stutzfrack, gleich einem Squire aus Yorkſhire und reitet in Stricken; der Londoner trägt ſein Haar auf ſeinen Schultern und ſeinen Schnurrbart gleich einem pommeriſchen Grafen; der Türke findet ſei⸗ nen Weg in enge Hoſen, und Wellingtons, und nicht einmal der Yankee kann dem gelinden Betrug wider⸗ ſtehen, ſondern ſchneidet ſein Haar hinten um drei Zoll kürzer und unterläßt das Schnitzeln vor der Geſellſchaft. Nichts iſt amüſanter, als dieſe allgemeinen Congreſſe europäiſcher Vagabunden. Bei jedem Schritte begegnet man den originellſten Charaktern und entdeckt Züge, die man niemals Gelegenheit hat, in der Heimat zu finden. Es iſt einmal ſo, die bloße Thatſache, ſeine Heimat zu verlaſſen, ſcheint für die meiſten Leute eine Entbindung von aller Nothwendigkeit, eine Rolle zu behaupten. Es geht ihnen, als hätten ſte ihr Bühnengewand, worin ſie vorher ihre Stunden zugebracht, abgelegt und ſtünden nun in propria da. So wird der ernſte Kanzleimann ein ge⸗ ſchwätziger, witziger, unterhaltender, angenehmer Welt⸗ mann; der abſtruſe Mathematiker ſagt ſeinen Kegel⸗ ſchnitten Lebewohl und ſpricht mit der harmloſen Un⸗ ſchuld eines Kindes über Menſchen und Politik;— und ſogar der kalte Sonderling entſagt eine Zeit lang ſei⸗ nem ſteifen Ernſt und gibt ſeinen Nachbarn an der Tafel Antwort, ohne ſich durch ſeine Zudringlichkeit verletzt zu fühlen. Es muß zwiſchen unſern Koffern und unſern Temperamenten— zwiſchen unſern Charaktern und Nacht⸗ 1⁵⁸ ſäcken irgend eine geheime Sympathie beſtehen, von deren Operationen wir nichts wiſſen; und nach demſelben Geſetze, das die erſten einem Beamten an der Grenze zur Einſicht öffnet, müſſen die andern bloß gelegt wer⸗ den, wenn wir dieſelbe überſchreiten. Welch' ein Glück für uns, wenn die Analogie ein wenig weiter getrieben worden wäre, ſo daß die bei erſteren geltenden Fiskal⸗ beſtimmungen ſich nur auf die letztern erſtreckten, und daß wir eben ſo gut für die Sittlichkeit, als für die Manufakturenwaaren des Continents einen Tarif hätten. In ſolcherlei Betrachtungen verſunken ſaß ich in einer Fenſtervertiefung des Naſſauer⸗Hofes in Wiesbaden mitten in der Kurzeit. Beſtändig kamen Fremde an, und ſtündlich wurde den troſtloſen Reiſenden, die mit reiſekrankem Geſicht aus ihren Wagen herausſahen, die Antwort gegeben:„Kein Platz mehr.“ Was mich ſelbſt betraf, ſo war ich täglich und nächtlich von einem Quar⸗ tier des Hotels in ein anderes verſetzt worden— bald ſchlief ich in einem Zimmer, das vierzig Fuß im Ge⸗ viert hatte, in einem gewöhnlich nur für Prinzen be⸗ ſtimmten Bette— bald bivouakirte ich hart unter den Schiefern; die eine Nacht war ich dem unaufhörlichen Straßenlärm vor meinem Fenſter ausgeſetzt— die nächſte lag ich in einem entlegenen Flügel des Gebäudes, wo weder Zimmerglocken noch Kellner zu ſehen waren. In der That, ich fing an zu glauben, daß ſie mich als eine Art Bettwärmer benutzten, und war ernſtlich geneigt, in meiner Rechnung eine Entſchädigung dafür zu verlangen; wirklich muß ich, nach den Gliederſchmerzen zu urtheilen, die ich mir im Paradebett zuzog, Ihre Majeſtät von Griechenland, die meine Nachfolgerin darin war, vor einem bedeutenden Anfall von Rheumatismus bewahrt haben. Dieſem webſchiffartigen Daſeyn unterwarf ich mich bei der Fügſamkeit meiner Natur endlich doch zahm genug, und ich träumte nicht mehr von Rebellion. dn Ich ſaß dort und beſann mich auf einige Geſichter, die ich ſchon früher geſehen hatte, als der Oberkellner 159 vor mir erſchien mit der Bitte, ich möchte ſo gütig ſeyn, meinen Platz an der Tafel Nr. 14 einem neu angekom⸗ menen Herrn einzuräumen, der hier in der Nähe ſeiner Freunde zu ſitzen wünſche,„Sehr gerne“, verſetzte ich, „ich habe hier keine Bekanntſchaft und 114 iſt mir ebenſo recht als 14— ſetzen Sie mich, wohin Sie wellen“. Zugleich war ich doch neugierig, zu erfahren, was für ein Individuum es wohl ſeyn möchte, das einen ſo hef⸗ tigen Wunſch hegte, in der Nachbarſchaft einiger Ham⸗ burger Juden zu ſitzen, denn aus ſolchen beſtand meine Umgebung, als der Kellner für eine Gruppe, die in's Zimmer trat, und bis an's Ende der Tafel hinauf ging, Raum zu machen begann. Ein Blick ſagte mir, daß es Engländer waren. Voran ging ein ältlicher, ſchlan⸗ ker, wohl ausſehender Mann mit dem ſehr leſerlich auf ſein ruhiges, geſetztes Geſicht geſchriebenen Zügen„Gent⸗ leman;“ die Haltung ſeines Kopfes und ein gewiſſes Etwas in ſeinem Gange bewogen mich, ihn für einen Militär zu halten. Am Arm führte er eine Dame, um einige dreißig Jahre jünger als er— er zählte ungefähr ſechs bis ſieben und ſechzig; ihre Kleidung und Manier war faſhionabel, ohne jedoch jenen vollkommenen Ausdruck anſpruchloſer Legitimität zu haben, der nur Einer Klaſſe eigenthümlich iſt. Sie war in der That für eine Table d'Hote zu ſehr geputzt; denn ob ſie gleich nur im Mor⸗ gen⸗Koſtüm erſchien, ſo trug ſie darin doch eine Pracht zur Schau, die von ſehlerhaftem Geſchmack zeugte; ihre Züge waren, ohne ſchön zu ſeyn, pikant, und dieß galt ſowohl von der Haltung ihres Kopfes, als von andern Dingen. In ihren Blicken lag etwas, das zu ſagen ſchien—„Wenn ihr mich nicht für ſchön haltet, ſo liegt die Schuld an euch.“ Ihre Augen waren bläulichgrau, groß und voll, mit leichtgewölbten Braunen;— aber ihr bezeichnendſter Zug war der Mund— er war ſeſt, enggepreßt und verrieth Entſchloſſenheit; die etwas vor⸗ ſtehende Unterlippe ſagte ſo deutlich, als Worte ſagen koͤnnen—„Ich will, und das iſt genug.“ Im Gehen 160 gab ſie ſich einige Mühe, ihren Fuß zu zeigen, der trotz aller Vortheile eines Pariſer⸗Schuhes kaum ſo hübſch war, als ſie ſich einbildete; im Ganzen war er jedoch wohlgebildet, und ſein Fehler lag mehr an der Größe, als an Mangel an Symmetrie. Hinter ihnen gingen drei bis vier junge Männer, von denen ich nur bemerken konnte, daß ſie das einför⸗ mige Aeußere junger Engländer von gutem Stande hatten, ſehr ſaubere Geſichter, wohl gebürſtetes Haar und gut anliegende Fräcke. Einer trug einen Schnurr⸗ bart von ſchmutzig gelber Farbe, einen eben ſolchen Backenbart, und verrieth durch ſein Benehmen und durch einen eigenthümlichen Blick aus halbgeſchloſſenem Auge, daß er der erfahrenſte unter der Geſellſchaft war. Während ſie ihre Plätze nahmen, was ſie ſogleich bei ihrem Eintritt thaten— hörte ich ſie plötzlich alle in ſehr willkommenem Accent in laute Begrüßungen aus⸗ brechen;„O, da iſt er— da kommt er. Ahl ich wußte, wir würden ihn finden.“ Im gleichen Augenblick lehnte ſich ein ſchlanker, wohlgekleideter Herr uͤber die Tafel und ſchüttelte allen der Reihe nach die Hand.. „Wann ſind Sie angekommen,“ fragte er an die Dame gewendet. „Erſt vor einer Stunde; Sir Marmaduke wollte geſtern in Frankfurt bleiben, um Duvarnet tanzen zu ſehen, und ſo haben wir uns dort verſpätet.“ Der alte Gentleman erröthete etwas über dieſen Vorwurf, und während ein freundlicher Blick bewies, daß ihn die Anklage nicht beleidigt habe, ſagte er: „Nein, nein; ich blieb Calthorpe zu liebe.“ „In der That!“ ſagte die Dame, einen eigenthüm⸗ lichen aber unverkennbaren Blick des Zorns auf den Herrn mit dem gelben Schnurrbart werfend.„In der That, Mylord!“ „O,— ja, das iſt eine Schwäche von mir,“ ver⸗ ſetzte er in leichtem, gleichgültig ſcherzenden Tone, der 161— in ein Gemurmel überging, welches nur von der Lady ſelbſt gehört wurde. „Ich ſollte hier herum einen Platz haben,“ ſprach der ſchlanke Mann.„Nro. 14 oder 15 ſagte der Kell⸗ ner. Holla, Gargon— Damit kehrte er ſich um und nun erblickte ich das wohlbekannte Geſicht meines Reiſegefährten, des ehren⸗ werthen Jack Smalbranes. Er ſah mich ſcharf an, als ob er ſich nicht recht beſinnen könnte, wo oder wann wir uns getroffen hätten, und fragte dann mit kaltem Nicken:„Wie geht'’s Ihnen?— waren Sie vor kurzem in England?“ „Nein, ſeitdem ich das Vergnügen hatte, Sie in Notterdam zu finden, war ich nicht mehr dort. Sind Sie mit den Aldermans⸗Töchtern weit gegangen?“ Ein ſehr entſchiedener Wink und ein Zuſammen⸗ ziehen der Augenbraunen veranlaßte mich, über dieſen Gegenſtand zu ſchweigen, aber ſchon hatte die Lady meine Frage gehört, und ſie ſah ihm in's Geſicht mit einem Ausdruck, welcher ſagte—„Von dieſer Geſchichte werde ich nächſtens mehr hören.“ „Der Herr hat Ihnen ſeinen Platz abgetreten,“ ſagte der Kellner, indem er einen Stuhl bei Nro. 14 zurecht ſtellte.„Sie ſitzen Nro. 83.“ „Schon recht,“ verſetzte Jack, als ob von ſeiner Seite keine Erkenntlichkeit nöthig ſey, und als ob es ihm nicht leid thue, in unfreundlichem Andenken von Jemand zu ſcheiden. „Es thut mir ungemein leid, Sir,“ ſagte die Dame zu mir in freundlichſtem Tone,„daß wir Sie Ihres Platzes berauben, aber Mr. Carrisbrook wird Ihnen ganz gewiß den ſeinigen einräumen.“ Während ich gegen ein ſolches Abtreten proteſtirte und Mr. Carrisbrook über den Vorſchlag ſehr verdrieß⸗ lich ſchien, beſtand die Lady nur um ſo mehr darauf, und die Sache endete damit, daß Mr. Carrisbrook— Leyer, O⸗Leary. II. 11 162 einer von den drei bereits erwähnten Jünglingen— nach Nro 83 geſchickt wurde, während ich der Geſell⸗ ſchaft gegenüber Platz nahm. 1 Ich wußte, welchem Umſtand ich dieſe günſtige Aufmerkſamkeit zu verdanken hatte; ſie hatte mich zum Zeugen auserkoren, ſobald ſie mit dem ehrenwerthen Jack ein Verhör anſtellen würde, und ſchon hatte ich einen ziemlich tiefen Blick in die Geſchichte und gegen⸗ ſeitige Stellung aller Parteien geworfen. So war der Zuſtand der Dinge, als die Suppe erſchien. Um nun meinen Leſern, wie es meine Gewohnheit iſt, Mittheilungen zu machen, in deren Beſitz ich erſt ſpäter gelangte, und ſie nicht auf die Reihenfolge warten zu laſſen, worin ich ſie gewann: die Geſellſchaft vor mir beſtand aus Sir Marmaduke Dunſtall und ſeiner Lady. Er, ein alter General aus guter Familie, der mit den untadeligſten Sitten und einem höflichen Be⸗ nehmen ein ſehr leichtes unnützes Leben geführt hatte, ohne jemals eine Stunde im Dienſt geweſen zu ſeyn. Seine Clubbs und ſeine Diner⸗Geſellſchaften füllten ihm das Leben erträglich aus, und zur Würze des Ganzen diente dann und wann eine Aufregung, die aus der Frage entſprang, wer in das Miniſterium oder aus dem⸗ ſelben trete. Zuweilen ein Lord von der Schatzkammer mit einem Sitze für einen Regierungs⸗Flecken, zuweilen ein Patriot unter der Oppoſition, wenn ſeine Freunde nicht mehr im Miniſterinm waren, wurde er als eine ehrenwerthe, gerade Perſon betrachtet, die nicht über⸗ ſehen werden konnte, wenn ſeine Partei Gunſtbezeugungen vertheilte. 8— Mylady Dunſtall war eine ſogenannte Erbin, die Tochter einer unbekannten Perſon in der City, deren Vermögen unglücklicher Weiſe zum größten Theil in Poyais Scrip angelegt war, eine Thatſache, die erſt herauskam, als es zu ſpät war, und ob ſie gleich mit größter Beredtſamkeit eine überſichtliche Beſchreibung ihrer Gold⸗ und Silber⸗Minen, ihrer Perlenſchichten 163 und ſchon vollkommen fertigen diamantenen Ohrringe gab, ſo erwies ſich doch die Anlage als eine unglück⸗ liche und realiſirte nichts als einen Artikel in der Times mit der Ueberſchrift„noch eine Blaſenſpekulation.“ Den⸗ noch galt ſie für ſehr reich, und Sir Marmaduke em⸗ pfing die Gratulationen ſeines Clubbs zu dem Ereigniß mit der Miene eines Siegers. Sie heirathete ihn ein⸗ fach deswegen, weil ſie, nachdem ſte lange und mit Un⸗ geduld auf einen Titel gewartet, froh war, ſich endlich mit einem Baronet zu begnügen. Ihr Ehrgeiz ging dahin, eine Rolle in der faſhionablen Welt zu ſpielen; unter jener Klaſſe Londoner⸗Elite zu ſeyn, die in Almacks herrſcht und in Weſtend den Ton angibt, ihren Theil in der Morning⸗Poſt einzunehmen, und mit ihrem Na⸗ men unter jenen erlauchten Auserwählten zu paradiren, welche gekrönte Häupter bewirthen und Erzherzoge zum Frühſtück empfangen. Wenn die Poyais⸗Anlage in ihrem Ergebniſſe die Mittel zu dieſen Ausſchweifungen ver⸗ ſagte, ſo verwiſchte ſie doch leider nicht den Hang dazu, und der Ehrgeiz der Lady als faſhionabel zu gelten, ſtieg nie höher, als da in ihrem Vermögen Ebbe ein⸗ getreten war. Nun gibt es allerdings zwei Wege, um in London zu Auszeichnung, zu gelangen, Rang und Reichthum. Eine glückliche Verbindung beider wird viel ausrichten, aber ohne den einen oder den andern gibt man ſich vergebliche Mühe. Für ſolche unglückliche Aſpiranten der Berühmtheit gibt es alſo nur noch einen Weg, nämlich die Nachbarſchaft zu andern und in die Fremde zu gehen. Wenn ſte auch nicht den Rang und Reichthum haben, der ihnen daheim eine Stellung ver⸗ leihen kann, ſo ſind ſie doch beſſer daran, als die mei⸗ ſten Fremden; ſie haben nicht die Mittel der Ariſtokratie, aber können doch ihre Ruchloſigkeit nachahmen; ihre Lebensweiſe mag koſtbar ſeyn, aber ihre Laſter ſind wohlfeil und ſo können ſie ihre hohe faſhionable Stel⸗ lung behaupten, indem ſie ſich der Liederlichkeit hin⸗ 11 ¾ geben, die ungluͤcklicher Weiſe das auszeichnende Merk⸗ mal einer gewiſſen Klaſſe in der Londoner⸗Welt iſt. Begleitet alſo von einem Gefolge von Bewunderern paradirte ſie auf dem Continent umher; ihre Unver⸗ ſchämtheit galt als Schönheit, ihre kalte Frechheit als hohe Bildung, ihre Grobheit gegen Frauen war nichts als Ausſchließlichkeit, und ihr herablaſſendes Weſen gegen Männer die einfache Anerkennung jener Huldigung⸗ auf die ſie eine ſo unbeſtreitbare Berechtigung hatte. Was ihr Gefolge betraf— ſo war es von ver⸗ ſchiedenen Beweggründen beſeelt. Einige waren jung genug, um ſich in ein Frauenzimmer zu verlieben, die, um einen guten Theil älter als ſie ſelbſt, von ihnen Notiz zu nehmen geruhte. Der edle Lord, der ſie be⸗ ſtändig begleitete, war ein verdorbener Baron, den ſeine eigene Frau verlaſſen hatte, um ſich an einen andern zu hängen; ſeinen Charakter und ſein Vermögen hatte er in Donkaſter und Epſom gelaſſen; und nachdem er als Veruntreuer durchgepeitſcht und wegen ſeiner Schul⸗ den geächtet worden, ſo war er natürlich nicht in der Lage, ſeinen Bekannten in England vor die Augen zu treten. Dennoch war er ein Lord, das war nicht zu läugnen; De Brett und Burke hatten ſeine Taufe ein⸗ geſchrieben, und der achte Baron von Hugo de Colebrooke an, der bei Azincourt den Helm ſeines Souveräns trug, ſtammte unſtreitig aus dem beſten Blute des Reichs⸗ adels. Gleich der ächten Weißfeder hatte er ein äußerſt wildes Aeußere; ſein Schnurrbart ſchien von Kampfluſt ſich zu ſträuben, und der Ausdruck ſeines Auges war unbeſchreiblich martialiſch: er ging, als ob er den Bo⸗ den ausmeſſen wollte, und in ſeinem Gruße nahm er jene kalte Höflichkeit an, womit ein Sekundant vor dem Gegner ſeines Freundes in einem Duell den Hut ab⸗ nimmt; ſogar ſein Bedienter ſchien die Tauſchung zu begünſtigen, indem er ſich augenfällig damit beſchäftigte, die Piſtolen ſeines Herrn zu putzen und die Schlöſſer zurecht zu machen, als ob man nicht wiſſen könne, in 165 welchem Augenblicke des Tages er aufgefordert werde, ſich mit Jemand zu ſchießen.. 1 Er, ſage ich, war ein Glied der Familie. Sir Marmaduke fand ſeine Geſellſchaft angenehm, und die Lady betrachtete ihn als die Corkjacke, auf der ſie früher oder ſpäter in den Ozean der faſhionablen Welt hin⸗ ausſchwimmen könnte. Was den ehrenwerthen Jack Smalbranes betrifft, in wen war er nicht verliebt? Oder vielmehr, wer war nicht verliebt in ihn? Der arme Kerl! Er war nach ſeiner eigenen Meinung dazu geboren, der Vernichter alles häuslichen Friedens zu ſein; er war dazu geſchaf⸗ fen, alles weibliche Glück zu zerſtören— ein ſolches Geſchick hätte manchen mit Traurigkeit und Niederge⸗ ſchlagenheit erfüllt. Die meiſten hätten ein Loos be⸗ jammert, das ſie dazu verurtheilte, die Quelle ſo tiefer Leiden zu ſein. Nicht ſo Jack; er fühlte, daß er es nicht ändern konnte, daß es nicht ſeine Schuld war, der hübſcheſte Burſche auf der Welt zu ſein. Das Ding war ſo handgreiflich; die Weiber ſollten ſich eben in Acht nehmen, er ſegelte unter keiner falſchen Flagge. Nein, er war der unwiderſtehlichſte, wohlgekleidetſte, ſchönſte Menſch, den man finden konnte, und wenn ſie ihm nicht entgingen, oder, um ſeinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, bei Zeiten„die Bande zerriſſen,“ ſo lag alle Schuld an ihnen ſelbſt. Wenn Königinnen lächelnd und Erzherzoginnen freundlich ihn anſahen, ſo durften Könige und Erzherzoge es ſehen. Er erſtrebte keine Vortheile auf unredliche oder verſteckte Weiſe; er machte keine geheimen Angriffe, keine verborgenen An⸗ träge, er nahm jede Feſtung im Sturm und am hellen Mittage. Einige böſe Leute— und die Welt hat Ueberfluß an ſolchen— pflegten zu ſagen, Jacks Galanterien ha⸗ ben einige Aehnlichkeit mit den Heldenthaten Fallstaffs, und ſeine Opfer ſeyen alle auf ſteifer Leinwand. Aber wer konnte es glauben? Thronte nicht der Sieg auf ſei⸗ ner Stirne? Waren nicht ſeine Blicke die Zeichen der Eroberung? Und was die Hauptſache iſt, wer, der ihn kannte, hoͤ8rte nicht die Verſicherung aus ſeinem eigenen Munde? Mit welcher glücklichen Miſchung aus Nach⸗ läſſigkeit und Selbſtzufriedenheit machte er dieſe Ge⸗ ſtändniſſe! Wie wundervoll war das Gefühl des Sieges mit dem Bewußtſein der Leichtigkeit deſſelben verſchmol⸗ zen; wie ſchüttelte er ſeine ambroſiſchen Locken, und in welche elegante Lage warf er ſich, als ob er ſagen wollte, 28 habe ich's gemacht; bin ich nicht ein verdammter erl?“ Nun, wenn dieſe Eroberungen uichts als Täuſchungen waren, ſo waren es gewiß die angenehmſten, denen man ſich hingeben kann. Sie gaben ihm reichen Troſt für den Verluſt ſeines Vermögens, ſeines Vaterlands und ſeiner Stellung,— ſie waren ſeine Belohnung für alle die verlornen Herrlichkeiten Crockforts und Clarendons. Nie gab es ein ſolches Gemälde von vollkommener Ruhe und unumwölkten Glück. O! die Moraliſten mögen ſprechen, ſo viel ſie wollen, von der Heiterkeit des Ge⸗ müthes, die allein aus einem reinen Gewiſſen fließen könne— von der friedlichen Natur, die allein der Quelle ächter Ehre entſpringe— man ſehe ſich nur um in der Welt und zähle die Hunderte, deren Haare nie⸗ mals grau ſich färbten— deren Wangen keine Runzeln zeigen— deren elaſtiſcher Schritt von keiner Spur des Alters gelähmt ifl, deren allbereites Lächeln und fröh⸗ liches Lachen die beſtändigen Zeugen ihrer Zufriedenheit ſind. Man betrachte dieſe und bedenke, daß neun Zehn⸗ tel derſelben zu denjenigen gehören, die auf den Aech⸗ tungsliſten figuriren, deren Handſchriften das Stempel⸗ papier ungültig machen, auf das ſie geſchrieben ſind— deren Gläubiger eine Legion und deren Credit gleich Zero iſt, und man ſage, wer glücklicher ſcheint. Wenn man ſie anſieht, ſo ſollte man meinen, es müſſe irgend ein geheimes Gut darin liegen, einen Kutſchenmacher zu betrügen, oder irgend eine verborgene Tugend, einen Juwelier zu überliſten,— Gaſtwirthe ſeyen die natür⸗ 167 lichen Feinde der Menſchheit, und ein Schneider habe nicht einmal auf einen Dezimalbruch von Ehrlichkeit ein Recht. Nie gab es eine epikuräiſche Philoſophie gleich der ihrigen; ſie haben einen feinen, anſtändigen Sinn für die Spitzbübereien, die ein Mann begehen kann, ohne jedoch ſeine Stelle in der Geſellſchaft zu verwir⸗ ken. Sie kennen genau die Bedingung im Leben, unter der er den Unredlichen ſpielen darf, und ſie ſehen, wann er vorſichtig ſein muß. Sie haben eine Regel für die Stadt und eine andere für den Clubb, und, was die Hauptſache iſt, ſie haben einen Vorrath von weiſen Sprüchen und Betrachtungen, die ſie gleich Philoſophen der Vorzeit bei jeder ſchicklichen Gelegenheit anführen, und mancher verwundete Geiſt iſt durch jenen ſchönen, in ibrem Munde ſo häufigen Wahlſpruch getröſtet worden: „Nur immer zu, wozu die Händel, ſo lange wir glücklich ſind!“ So, mein Leſer, war die Clique, in der ich, ſelt⸗ ſam genug, mich jetzt befand, und fänden ſich nicht ſolche Charaktere in Maſſe in jeder Gegend des Con⸗ tinents, ſchwärmten ſie nicht in alle Bäder und belä⸗ ſtigten ſie nicht alle Städte, ſo würde ich Bedenken tragen, Dich in ſolche Geſellſchaft einzuführen. Es ge⸗ reicht übrigens nur zu Deinem Beſten, wenn Du vor ihnen gewarnt wirſt, und wenn das etwaige Vergnü⸗ gen, das Du im Studium der Exceentricität findeſt, nicht durch die Erinnerung getrübt wird, daß Du betrogen worden biſt. An dem Tage, von dem ich ſpreche, war zufällig ein Mann von einigem Rang an der Tafel, mit dem ich eine flüchtige, ganz oberflächliche Bekanntſchaft hatte; aber als er aus dem Zimmer ging, faßte er mich in's Auge, kam zu mir und unterhielt ſich mit mir einige Minuten. Von dieſem Augenblicke an erlitt das Be⸗ nehmen der Lady Lonsdal mir gegenüber eine große Veränderung. Nicht nur wagte ſie, mich ohne einen Ausdruck hochmüthiger Verachtung anzuſehen, ſondern vergönnte mir ſogar den Schatten eines Lächelns, und als wir von der Tafel aufſtanden, höͤrte ich, wie ſie den ehrenwerthen Jack nach meinem Namen fragte. Den erſten Theil ſeiner Antwort konnte ich nicht verſtehen, aber der letzte war in jener klaſſiſchen Kunſtſprache ab⸗ gefaßt, die meinen bekannten Stand ausdrückte— „Ich wette, er hat keine Freunde!“ Trotz dieſes Findelhaus⸗Spruches wurde Sir Mar⸗ maduke beauftragt, mich zum Kaffe einzuladen, eine Ehre, die ich ausſchlug, worauf wir uns trennten, wie Fauie⸗ die ſich ſprechen wollen, ſobald ſie ſich wieder nden. Ich ſetzte mich allein an einen kleinen Tiſch im Parke und dachte über die ungerechte Vorſtellung nach, die ſich nach den unglücklichen Muſtern, die wir aus⸗ führen, im Auslande über England und die Engländer bilden muß. Es war ein trauriger Gegenſtand und er führte mich weiter, alß ich wünſchte oder wußte. Ich dachte, einen großen Theil der Gereiztheit fremder Jour⸗ nale gegen die engliſche Politik aus ihren falſchen Be⸗ griffen von unſerm National⸗Charakter ableiten zu kön⸗ nen und konnte wohl einſehen, wie ſehr ſie unſere An⸗ ſprüche, eine hochherzige und ehrenwerthe Nation zu ſeyn, bezweifeln müſſen, wenn ihre iegenen Erfahrun⸗ gen zu einem ganz andern Schluſſe führen; denn am Ende iſt das Fleet⸗Gefängniß, ſo faſhionabel auch ſeine Inſaſſen ſind, doch kaum ein ſchmeichelhaftes Mu⸗ ſter von England, auch glaube ich nicht, daß man den Roßhändler Lane als einen würdigen Repräſentanten unſeres Volkes aufſtellen kann. Vergeblich verſichert man Fremden, daß dieſe Leute nicht bekannt, zu Hauſe nicht wohl aufgenommen ſind und weder Anſehen noch Achtung genießen; ihre Schlußantwort lautet ſo:„Wie kommt's denn, daß ſie an den Tafeln euerer Geſandten zugelaſſen und an unſern Höfen vorgeſtellt werden? Iſt es moͤglich, daß ihr es wagt, bei unſern Souveränen 169 Leute einzuführen, die ihr euerm eigenen nicht vorſtellen könnt?“ Dieſe Antwort iſt eine fatale. Die Thatſache iſt ſo; der ſtrengſte Sittenrichter läßt ſein Gewiſſen im Gaſthofe zum Schiff in Dover; er hat keinen Raum dafür auf der Reiſe, oder meint vielleicht, es möchte von einem Zollbeamten mit Beſchlag belegt werden. Was auch die Urſache ſeyn mag, in Baden wird er den Mann, den er in Bond⸗Street abſchnöden würde, ken⸗ nen und ſogar mit ihm ſpazieren gehen, und in Brüſſel würde er mit derſelben Geſellſchaft herumfahren, an der er morgen, wenn er ſie in Hyde Park fände, vorüber⸗ gehen würde. Dieſe Wechſelwage der Moralität hat ihre großen Nachtheile; keiner iſt jedoch größer, als der Schimpf, den ſie auf den National⸗Charakter wirft und die Ge⸗ legenheit, die ſie darbietet, in den Augen anderer Völker uns herabzuſetzen. Es iſt vergeblich, daß freiſinnige und erleuchtete Maßregeln unſere Regierung, oder daß Menſchenfreundlichkeit und Humanität unſere Inſtitu⸗ tionen auszeichnen; wir gelten für nichts, als für Heuch⸗ ler, ſo lange wir über unſere betitelten Gauner und ehrloſen Veruntreuer einen Mantel werfen. Wenn Na⸗ poleon wenig Schwierigkeit fand, den Schimpfnamen „treuloſes Albion“ in Frankreich beliebt zu machen, ſo verdanken wir dieß weit mehr den entarteten Charak⸗ teren unſerer engliſchen Ausreißer, als irgend einer Ge⸗ rechtigkeit in dieſem Vorwurfe gegen unſere Nation. Mit einem Worte, ich habe nie einen Fremden gefunden, der in ſeiner Würdigung des engliſchen Charakters ehr⸗ lich geweſen wäre, ohne in England gerciſt zu ſeyn, und ich habe nie ein einziges ungerechtes Urtheil in allem, was die Treue, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unſeres Charakters betrifft, bei ſolchen Leuten gefunden, die un⸗ ſere Geſtade beſucht haben. Freiheit von Arreſt ſcheint unſern Ausreißern die Meinung beizubringen, daß ſie auch aller Bande eines guten Benehmens und Charak⸗ ters entſedigt ſeyen, und unter jener ſeltſamen Täuſchung 170 über die„Immoralität Frankreichs“ ſcheinen ſie anzu⸗ nehmen, daß in Uebereinſtimmung mit fremden Gewohn⸗ heiten auch eine Veränderung in ihrer Aufführung vor⸗ genommen werden müſſe, und daß ſie, wie ſie weniger Kleider anziehen, auch ein wenig Tugend fahren laſſen könnten. Dieß ſind unangenehme Betrachtungen, Arthur, und ich fürchte, der Kaffe oder Maraskino wird dadurch ver⸗ bittert; in jedem Falle fort damit und machen wir jetzt einen Gang in den Kurſaal. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Kurſaal und ſeine Geſellſchaft. Engländer bewahren ihre Feierlichkeit und reſpekt⸗ volle Haltung für eine Kirche; Fremde ſparen die ihrige für den Spieltiſch. Nie machte etwas einen tiefern Ein⸗ druck auf mich, als die anſtandsvolle Stille und Ruhe des Zimmers, wo das höchſte Spiel getrieben wurde. Die ganze Lebhaftigkeit des franzöſiſchen Charakters— alle Plumpheit des deutſchen— aller Ungeſtüm des italieniſchen, oder die heftige Raſchheit des ruſſiſchen waren unter dem Einfluß der großen Leidenſchaft be⸗ ſchwichtigt und unterjocht; und es ſchien, als ob der Teufel die Huldigung ſeiner Verehrer nicht annehmen wollte, wenn ſie nicht mit der vornehmen Manier von ächten Gentlemen dargebracht würde. Es war nicht ge⸗ nug, daß Leute ruinirt werden ſollten; ſie ſollten mit leichtem Anſtand und vornehmer Haltung zu Grunde gerichtet werden. Was auch ihre Herzen fühlen mochten, ihre Geſichter ſollten keine Unruhe verrathen; ſo ſehr auch ihr Kopf ſie ſchmerzen und ihre Hand zittern mochte, die Lippe mußte gewohnt ſeyn, ohne eine Spur von Aufre⸗ gung„rouge“ oder„noir“ zu ſagen. Ich trage kein Bedenken, zu behaupten, daß dieſer 171 ganze Anſtand ſchrecklicher war, als jede Scene wilder Heftigkeit und Aufregung. Die gezwungene Ruhe— die verbiſſene Leidenſchaft konnte vor jedem Ausbruch in Worte bewahrt werden, aber keine Gewohnheit konnte die innern Regungen, die aus dem blutrünſtigen Auge, der bebenden Wange, der todtenbleichen Lippe ſprechen, gänzlich niederdrücken. Bei keinem andern Menſchen iſt das Herz ſo gänz⸗ lich einer Leidenſchaft geweiht, als beim Spieler. Hoff⸗ nung vertritt bei ihm die Stelle jedes andern Gefühles. Hoffnung, ſo harte Stöße ſie auch erleidet, ſo oft ſie auch vereitelt und zu Schanden gemacht wird, lebt immer noch fort; die Flamme mag bis zu einem Häufchen Aſche niederbrennen, aber noch lebt ein einziger Funke in der Aſche, und dieſer hat Zündſtoff genug, um vor dem Hauch des Gluͤckes in eine Flamme zu entbrennen. Zuerſt lebte er nur für ſolche Augenblicke; alle ſeine Schmerzen, alle ſeine Leiden, alle ſeine an Verzweiflung grenzenden Seelenqualen werden durch ſolche kurze Unter⸗ brechungen des Glückes wieder gut gemacht. Dennoch ſetzt ihm jeder Wechſel des Schickſals ſchwer zu; das häufige Fehlſchlagen ſeiner Wünſche untergräbt allmälig das Vertrauen auf das Glück, ſeine Hoffnung iſt durch Furcht erſchüttert, und nun beginnt in ſeinem Innern jener Kampf, der ſchrecklichſte, den die menſchliche Natur erdulden kann. Der Wankelmuth, der Eigenſinn des Glückes erfüllt ſeine Seele mit Zweifel und Schwanken. Skeptiſch über die Quellen ſeiner Leidenſchaft, wird er ein Zweifler an Allem; er hat ſein Vertrauen ſo oft getäuſcht geſehen, daß er ſich auf nichts mehr verläßt und endlich wird Verdacht der Hauptzug ſeines Charak⸗ ters. Hat einmal dieſer das Uebergewicht, ſo iſt er ein vollkommener Spieler; von dieſem Augenblick an hat er die Welt ſammt allen ihren Freuden und Beſtrebungen aufgegeben; das Leben zeigt ihm keine Bahn des Ehr⸗ geizes mehr, kein Ziel, das ſeine Thatkraft ſtacheln könnte. Mit einem erheuchelten Stoizismus gibt er ſich 172 das Anſehen, als ſtehe er erhaben über dem Getriebe anderer Menſchen, und lacht über die Partei⸗Reibungen und über die politiſchen Streitigkeiten. Geſellſchaft, Kunſt, Literatur, ſogar die Liebe hat keinen Reiz mehr für ihn; alle Aufregungen ſind ſchwach, verglichen mit den Wechſelfällen des Spieltiſches, und die Glückwechſel im wirklichen Leben ſind zu zart und zu langweilig für die Ungeduld eines Spielers. Ich habe nicht die Abſicht, dieſe wenigen Bemer⸗ kungen mit einer moraliſchen Epiſode aus dem Leben eines Spielers zu ſchließen, obgleich mir mein Gedächt⸗ niß mehr als eine liefern könnte, wo die unſelige Lei⸗ denſchaft das Verderben— nicht eines gedankenloſen, leichtfertigen, unerfahrenen und unerprobten Jünglings — ſondern eines Menſchen wurde, von dem ſich die Welt bereits goldene Meinungen gebildet, der bereits große Fortſchritte auf der Bahn der Ehre und Auszeichnung gemacht hatte. Leider haben dieſe Geſchichten eine Ei⸗ nerleiheit, welche die Kraft der daraus zu ſchöpfenden Lehre ſchwächt; man hört ſie an, wie den Refrain eines alten Liedes und mißachtet ſie wegen ihrer Häufigkeit. Nein, ich hoffe, daß Erziehung und die Neigungen, welche uns dieſelbe einflößt, die beſte Schutzwehr gegen die Anſteckung einer herz⸗ und ſeelenloſen Leidenſchaft ſind, und möchte hier meine jungen Landsleute lieber vor den Individuen, als vor dem Syſtem warnen. „Stehe ich Ihnen im Wege, mein Herr?“ fragte — ein kurzer, mit Putz etwas überladener Mann mit rothem Backenbart, indem er mir mit auffallender Höf⸗ lichkeit Raum machte, mich dem Spieltiſch zu nähern, „ſtehe ich Ihnen im Wege, mein Herr?“ „Nicht im geringſten, bitte, bleiben Sie doch.“ „O, bitte, nehmen Sie meinen Platz; es ſollte mich ſehr freuen.“ „Durchaus nicht, mein Herr; ich ſpiele nie, ich wollte bloß zuſehen. „Auch ich nicht, oder wenigſtens ſehr ſelten,“ ſagte 173 er, mit einer Miene ſich erhebend, als ob er an dem, wmas vorging, keinen Gefallen fände. „Sie kennen vielleicht jenen jungen Herrn dort in dem lichtblauen Frack und der weißen Weſte?“ „Nein, ich habe ihn noch nie geſehen.“ „Das thut mir leid,“ ſagte er flüſternd;„er hat ſo eben ſtebzig tauſend Franken verloren und iſt im Be⸗ griffe, die Summe zu verdreifachen; ſeinem Ausſehen nach bin ich überzeugt, er iſt ein Engländer, und es iſt grauſam— wirklich grauſam— ihm kein Wort der Warnung hier zu ſagen.“ Dieſe Worte, mit einem Tone von Gefühl geſpro⸗ chen, nahmen mich für den Sprecher ein und ſchon zürnte ich über mich ſelbſt, daß ich ein Mißfallen über ſeine Erſcheinung gehegt und ein Vorurtheil gegen die Art ſeiner Kleidung geſchopft hatte. „Ich ſehe,“ fuhr er nach einer Pauſe von einigen Sekunden fort,„ich ſehe, Sie ſtimmen mit mir überein. Laſſen Sie uns verſuchen, ob wir nicht jemand finden, der ihn kennt. Wenn Wicherley hier iſt— Sie kennen vermuthlich Sir Harry?——“ „Ich habe nicht die Ehre.“ „Ein Hauptkerl— der beſte Menſch von der Welt. Er iſt unter den Blauen und ſtets in der Nähe von St. James. Er kennt Jedermann, und wenn dieſer junge Burſche etwas iſt, ſo kennt er ihn gewiß.— Ah! wie geht's, Mylord?“ fuhr er mit leichtem Nicken fort, als Lord Colebrook vorüberging. „He, Crotty, wie geht's?“ war die Antwort. 1 2 Kennen Sie vielleicht den Herren dort, Mylord, wie?“ „Nein; wer iſt er?“ „Dieſer Herr und ich möchten beide gerne wiſſen, wer er iſt, er verliert ein hübſches Geld.“ „Hel muß er blechen? und Sie wollen ihn retten, Crotty— ganz ſchön und ritterlich,“ ſagte ſeine Lord⸗ ſchaft mit einem liſtigen Blick und ging weiter. 174 „Ein ſehr ſchlimmer Kamerad, fürchte ich, in der That,“ ſagte Crotty, ihm nachſehend;„aber ich hätte ihn nicht für ſo herzlos gehalten. Machen wir einen Spaziergang, und ſehen wir uns nach Wycherley um.“ Obgleich ich nun weder Wycherley noch ſeinen Freund Crotty kannte, ſo hielt ich den jetzigen Fall doch für einen ſolchen, wo man die Etikette ein wenig über⸗ ſchreiten und vielleicht einen jungen Mann— er ſah noch nicht zwanzig Jahre alt aus— vom Verderben retten konnte, und ſo begleitete ich ohne weitere Umſtände meine neue Bekanntſchaft durch die gefüllten Salons, durch die Hunderte, die ſich dort drängten, der mit dem Ellbogen mir den Weg bahnende Crotty ſchien faſt jeden Menſchen aus einer gewiſſen Klaſſe zu kennen; und wäh⸗ rend wir weiter gingen, war es ein beſtändiges Fragen: „Wie geht's, Prinz, Graf, oder Baron?“ Oder,„wie ſteht's, Mylord?“ Oder„he, Sir Thomas, Sie hier?“ u. ſ. w.; als wir endlich neben einem in das Speiſe⸗ zimmer fährenden Thorweg auf den ehrenwerthen Jack ſtießen, der zwei Damen am Arm führte. Ein Blick war genug; ich ſah, es waren die Aldermans⸗Töchter; Sir Peter ſelbſt gab in kleiner Entfernung davon dem Kellner Anweiſung in Betreff des Abendeſſens. „He! Crotty; was haben Sie dieſen Abend vor?“ fragte Jack mit einem triumphirenden Blick auf ſeine ſchoͤnen Begleiterinnen;„iſt ein Unheil im Werke, he?“ „Kein halb ſo gefährliches, als Ihr Treiben,“ verſetzte Crotty mit ſchlauem Lächeln;„haben Sie Wy⸗ cherley geſehen; iſt er hier?“ „Das kann ich unmöglich ſagen,“ ſprach Jack gäh⸗ nend; darauf beugte er ſich mir entgegen und fragte mich flüſternd:„Iſt die Prinzeſſin von Hohenſtaufen in den Zimmern?“ „Das weiß ich in der That nicht; ich bin gänzlich fremd.“ „Beim Jupiter, wenn ſie dort iſt,“ ſprach er, ohne auf meine Antwort Acht zu geben,„ſo bin ich ruinirt, 175 das iſt alles; Lady Maude Beverley hat mich bereits gefangen. Ich wünſchte, Sie unterhielten die Mädchen von Deverington, wollen Sie?“ „Sie vergeſſen vielleicht, ich habe hier keine Be⸗ kanntſchaft.“ „Ha, beim Jupiter, das möͤchte ich auch; das muß ein prächtiger Zeitvertreib ſein! Wie könnte ich einen Schritt gehen, ohne bekannt zu ſeyn? Wie, könnte ich das?“ „Da kommt Wicherley, da iſt er,“ ſagte Crotty, der mich mit dieſen Worten an Arm nahm und fort⸗ führte.„Nennen Sie mir gefälligſt Ihren Namen; ich möchte gerne, Sie machten Wycherleys Bekanntſchaft;“ und kaum hatte ich ihn ausgeſprochen, als ich auch ſchon Grüße austauſchte mit einem ſtarken, wohlgebauten Manne von etwa vierzig Jahren mit ſchwarzem Backen⸗ und Schnurrbart; er trug tiefe Trauer, und zeigte in ſei⸗ nem Weſen und ſeiner Miene ſehr den Gentleman. „Haben Sie die Partie ſchon zuſammengebracht, Crotty?“ fragte er mit einem Seitenblick auf mich, nach⸗ dem unſere erſten Begrüßungen vorüber waren. „Nein, noch nicht,“ ſagte Crotty langſam,„es kommt daher, ich habe nicht daran gedacht. Da iſt ein armer junger Kerl dort, der ſehr ſchwer verliert, und ich möchte wiſſen, ob Sie ihn kennen; es wäre doch gut—— „Gewiß, wo iſt er?“ unterbrach ihn der Baronet, in⸗ dem er ſich durch die Menge nach dem Spielzimmer drängte. „Ich ſagte Ihnen,“ ſprach Crotty, als wir ihm folgten,„er war immer ein Mann, der ſeinen Freunden in der Noth beiſtand.“ Während wir uns hinter ihm durcharbeiteten, gin⸗ gen wir hart an einem kleinen Speiſetiſch vorüber, wo der Alderman und ſeine zwei hüͤbſchen Töchter ſaßen, der ehrenwerthe Jack zwiſchen ihnen. Aus ſeiner lär⸗ menden Luſtigkeit ging hervor, daß er alle ſeine Be⸗ ſorgniſſe, von einer der zahlreichen Schönen, von denen er geſprochen, entdeckt zu werden, überwunden hatte; ſein großer Zweck in dieſem Augenblicke ſchien der Wunſch 176 zu ſeyn, Jedermanns Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen und allen Zuſchauern ſeinen Triumph zu verkündigen. Darum unterhielt ſich Jack mit vernehmbarer Stimme in einiger Entfernung, von Zeit zu Zeit mit dem Blicke des Großmoguls ſeine Opfer betrachtend; während ſie, die armen Mädchen, ſich einbildeten, nur wegen ihrer eigenen Reize betrachtet zu werden, die ſehr anſehnlich waren, und glaubten, die Geſellſchaft des ausgezeich⸗ neten Jack ſey für jedes Frauenzimmer in ihrer Nähe ein Gegenſtand des Neides. Was den Vater betraf, ſo war er zu ſehr in die Geheimniſſe des Geflügels ver⸗ tieft und vollkommen gleichgültig gegen ſolche unbe⸗ deutende Kleinigkeiten wie Jacks Schmeicheleien und das 8 Erröthen der Damen. Die armen Mädchen! Die größten Ueberredungs⸗ Künſte hätten ſie nicht bewegen können, in ihrem eige⸗ nen Lande und in Geſellſchaft mit einem ihrer Stan⸗ desgenoſſen ſich ſo zur Schau zu ſtellen; aber daß ſie ſich in Deutſchland befanden! und daß ihr Begleiter ein Ehrenwerther war! das machte den ganzen Unterſchied aus, und dieſelben Mädchen, welche die ehrbaren Vor⸗ ſchläge eines Mannes aus ihrem Stande mit mädchen⸗ hafter Sprödigkeit aufgenommen hätten, trugen kein Be⸗ 8 denken, ſich vor Hunderten bloß zu ſtellen, um die elende Eitelkeit eines verächtlichen Gecken zu befriedigen. Ich ſtand einige Sekunden neben dem Tiſche und dachte bei mir ſelbſt:„Iſt dieß nicht ein eben ſo wich⸗ tiger Fall, wo das Einſchreiten freundſchaftlicher War⸗ nung noth thut, als der jenes Spielers dort?“ Aber wie war es möglich? Wir gingen weiter und erreichten den Spieltiſch, wo wir Sir Harry Wycherley in leiſem und ernſten Geſpräch mit dem jungen Gentleman fanden. Ich konnte nur dann und wann einen Ausdruck verſtehen, aber auch darüber war ich überraſcht; die Gründe, die angeführt wurden, um ihn vom Spiele abzuſchrecken, ſtützen ſich mehr auf den unüberlegten Plan ſeines Spieles, als V 177 auf die Unſittlichkeit und Laſterhaftigkeit dieſer Leiden⸗ ſchaft ſelbſt. „Sehen Sie nicht,“ ſagte er, indem er ſein Auge auf die mit Nadelſtichen ganz durchlöcherte Karte warf, „ſehen Sie nicht, daß hier alles fehl ſchlägt? daß Sie ein Duzend mal auf Roth wetten mögen, und doch nur einmal oder zweimal gewinnen?“ Der Jüngling errö hete und ſprach kein Wort. „Ich habe auf dieſe Art vierzigtauſend Franken verlieren geſehen in wenigſtens einer Stunde.“ „Ich habe ſiebzigtauſend verloren!“ murmelte der junge Mann mit einem Schauder, als ob er durch und durch fröre. „Siebzig!— doch nicht dieſen Abend?“ „Ja, dieſen Abend,“ verſetzte er,„ich gewann, als ich das erſtemal hieher kam, vierzehn Hundert Napo⸗ leons und ſpielte drei Wochen lang nicht mehr, aber unglücklicher Weiſe gerieth ich vor einigen Nächten wieder hieher und verlor ſowohl den ganzen Gewinnſt, als auch einige Hundert darüber; dieſen Abend aber bin ich ge⸗ kommen, um meine Sache wieder zu gewinnen— das war alles, was ich wünſchte— meine Sache wieder zu gewinnen.“ Während er ſo ſprach, ſah ich, wie Sir Henry einen verſtohlenen Blick auf Crotty warf; das Ding war ſchnell wie der Blitz, aber nie hat ein Blick mehr offenbart; er begegnete meinem Auge, ſah mir voll in's Geſicht und ſprach mit tiefer, bedeutungsvoller Stimme— „Das iſt das verwünſchte dabei; es iſt ſo ſchwer einzuhalten, wenn man im Verluſt iſt.“ „Schwer? unmöglich!“ rief der Jüngling, deſſen Augen jetzt auf den Tiſch geheftet waren, jede Karte verfolgend, die aus den Händen des Bankiers fiel, wäh⸗ „rend er bei jedem Wechſelfalle des Spieles roth oder blaß wurde.„Sehen Sie nun, was Sie geſagt habeu. Leyer, O Leary. U.— 1² ſehen Sie, ob nicht Noth viermal hintereinander ge⸗ wonnen hat.“ „Ja wohl,“ verſetzte der Baronet kaltblütig,„aber der vorige Satz auf Schwarz hätte Ihre Börſe ſeicht gemacht, es ſey denn, daß ſie teufliſch tief wäre; das wollte ich nur ſagen.“ Mit dieſen Worten nahm er ein Bleiſtift und be⸗ gann auf der Rückſeite der Karte zu rechnen; darauf hielt er ſie ihm hin und ſagte— „So viel hatten Sie verloren, wenn Sie fortge⸗ fahren hätten, zu wetten.“ „Was! Zeihundert achtzig Tauſend Franken!“ „Auf ein Haar, ſehen Sie hier,“ und damit ging er die Zahlen ſorgfältig mit ihm durch. „Glauben Sie nicht, für dieſen Abend genug zu haben?“ fragte Crotty mit einſchmeichelndem Lächeln; „was ſagen Sie dazu, wenn wir alle in den Saal gin⸗ gen und zuſammen ſoupirten?“ „Einverſtanden,“ ſagte Sir Harry, ſogleich ſich er⸗ hebend,„Crotty, wollen Sie nach der Karte ſehen und das nöthige beſtellen? Sie können ſich auf ihn verlaſſen, meine Herren,“ fuhr er fort mit einem Lächeln gegen uns gewendet;„der alte Crotty hat den tadelloſeſten Geſchmack in allem, was Küche und Keller betrifft; wäre er nicht ein wenig zum Aufwand geneigt, ſo hätte er keinen Fehler!“ —— — 3 Ich murmelte eine Art Entſchuldigung, die der Baro⸗ 1 net unglucklicher Weiſe ſo auslegte, als habe ſte Bezug auf ſeine letzte Bemerkung.— Ich ſuchte das Mißver⸗ — ſtändniß aufzuklären und endete in meiner Unbeholfen⸗ heit damit, daß ich eine Einladung annahm, die ich entſchloſſen war, auszuſchlagen. Der junge Mann hatte bereits ſeine Einwilligung gegeben, und ſo ſtanden wir auf und gingen durch die Zimmer, während Crotty den Speiſezettel muſterte und den Wein beſtellte. Wycherley ſchien Jedermann zu kennen und von Jedem gekannt zu ſeyn, und während er mit den vor⸗ 179 übergehenden Gruppen Grüße wechſelte, ſchlug er ver⸗ ſchiedene dringende Einladungen zum Abendeſſen aus. „Der Grund iſt,“ ſprach er zu einem von denen, die am ſtärkſten darauf beſtanden,„der Grund iſt,“ und dieſe Worte wurden ſo geflüſtert, daß ich ſie gerade noch hören konnte,„Da iſt ein armer junger Burſche, dem am Goldtiſche ſcharf zugeſetzt wurde und ich darf ihn dieſen Abend nicht aus dem Geſichte verlieren, ſonſt geht er unvermeidlich wieder dahin zurück.“ Dieſe wenigen Worte verſcheuchten alles Unbehagen, worunter ich bereits gelitten hatte, weil ich mich ſo un⸗ erwartet an zwei Freunde gekettet fand. Es war ganz klar, Sir Harry war ein edelherziger Menſch, und ſein männliches offenes Aeußere war keine Verſtellung. Als wir weiter giengen, unterhielt ſich Wycherley mit ſeinen Anekdoten über die Geſellſchaft, mit deren Privat⸗Ge⸗ ſchichten er bis in die kleinſten Einzelnheiten vertraut war, und fürwahr, ſo niedrig auch im Anfange die Ge⸗ ſellſchaft in meiner Meinung geſtanden, ſo ſank ſie doch bedeutend tiefer, als ich die Privat⸗Memoiren mit an⸗ hörte, die er uns zum Beſten gab. Zum Theil waren es gewöhnliche Erzählungen von Schulden und Ausreißerei, von proteſtirten Wechſeln und ſo fort, zum Theil umſtändliche Einzelheiten von aus⸗ ſchweifenden alle Schranken durchbrechenden Lebensweiſen, die mit ewiger Verbannung endeten. Da gab es treu⸗ loſe Ehemänner, die allen Anſtand verletzten, indem ſie ſich mit ihrer ſchlechten Aufführung bruſteten; da gab es eben ſo treuloſe Weiber, die in aller Frechheit und Ruchloſigkeit umher paradirten. Auf einer Seite ſaß der ſittenloſe Gefährte Georgs des Vierten aus ſeinen Prin⸗ zen⸗Zeiten her, jetzt nichts mehr, als ein aufgedunſener Wüſtling mit geſchminkten Backen und gefärbtem Backen⸗ barte, von den abgedroſchenen Anekdoten ſeiner jugend⸗ lichen Liederlichkeit zehrend und ſein tägliches Brod durch einen affektirten Epikuräismus und durch ſybaritiſche Uep⸗ 1² 180 pigkeit erwerbend, wodurch er der gemeinen Eitelkeit der⸗ jenigen ſchmeichelte, die ihn fütterten; der Löwe des Abends hingegen war ein neu angekommener Earl, deſſen Jagdpferde an dem nämlichen Tage bei Tatterſall ver⸗ kauft wurden, und deſſen ſchöne Gräfin, beſtürzt über den ſo unerwartet hereingebrochenen Ruin, in ihres Va⸗ ters Haus in London gefährlich krank lag. Der junge Pair dagegen bewährte eine Charakterſtärke, die ihm die höchſten Lobſprüche zuzog und zwar von einem Publi⸗ kum, deſſen größerer Theil die meiſten Uebel, an denen er litt, aus eigener Erfahrung kannte. Er wechſelte ein leichtes Nicken oder ein leichtes Händeſchütteln mit mehrern ſeit manchem Tage nicht mehr geſehenen Be⸗ kannten und ſchien zu denken, der härteſte Streich, den ihm das Schickſal verſetzt habe, ſey der elende Preis, den er in einer ſolchen Jahreszeit für ſeinen Marſtall bekommen würde. „Die alte Geſchichte,“ ſagte Wycherley, indem er ihm die Hand ſchüttelte und ſeine Adreſſe mittheilte.„Die alte Geſchichte; er dachte, mit zwanzigtauſend Pfund jährlich ſey alles zu machen, aber es wollte doch nicht gehen. Wenn man ein Haus in der Stadt, und ein anderes in Glouceſterſhire mit einer Koppel Fuchshunde und vier Rennpferde in Doncaſter halten will— nicht zu ſprechen von einer Yacht in Cowes, und von einigen andern Thorheiten— ſo muß man den Juden in die Hände fallen: und iſt man einmal in den Händen der Juden, ſo geht es noch ſchneller, als ſelbſt in Derby. Zweihundert Prozent ſetzen ſcharf zu, und ſind doch, ich kann Sie verſichern, nichts Ungewöhnliches; und be⸗ ginnt einmal Jemand zu wanken, ſo werden ihn alle Anſtrengungen, ſich zu halten, ins Verderben ſtürzen. Es iſt wie mit einem Sturz vom Pferde— ſträubt man ſich dagegen, ſo bricht man ſicher ein Bein oder den Hals— fügt man ſich gütlich, ſo iſt es möglich, daß man nach dem erſten Stoß wieder geſund aufſteht. Mir geſiel weder der Ton, noch die Moral meines 181 Gefährten, aber ich wußte wohl, beide waren das kon⸗ ventionelle Gepräge ihrer Gattung, und ich ließ ihn ohne Unterbrechung fortfahren. „Da iſt Moſely Cramner,“ ſprach er, auf einen ſchmächtigen, weibiſch ausſehenden jungen Mann mit mädchenhaft weichen Zügen deutend. Er war in das wahre Ertrem der Mode gekleidet, und prunkte mit all jenem Putz von Geſchmeide in Nadeln, diamantenen Weſtenknöpfen und Ringen, worin ſich das moderne Geckenthum ſo häufig zeigt. Seine Stimme war ein dünner Fiſtel⸗Diskant, kaum tief genug für ein Kind. „Wer iſt er und was treibt er hier?“ fragte ich. „Er iſt, um zu beginnen, der Erbe von achtzig⸗ tauſend Pfund jäͤhrlich,“ ſagte Wycherley,„die er be⸗ reits ohne Rückkauf verſetzt hat. Soviel von ſeinem Vermögen. Was ſein Treiben hier anbetrifft ſo haben Sie vielleicht in der Times von der letzten Woche ge⸗ leſen, daß er einen Garde⸗Offizier in einem Duell er⸗ ſchoſſen— auf dem Platze getödtet hat: die Sache war ausgemacht— Cramner iſt der beſte Piſtolen⸗Schütze in England. 4 „Ah! Wycherley, wie geht's alter Kerl?“ ſagte der Jüngling, zwei Finger von ſeiner wohlbehandſchuheten Hand ausſtreckend.„Sie ſehen, Edderdale iſt auch her⸗ übergekommen. Ha! wir werden bald ganz England hier haben, und die Inſel den Juden überlaſſen, meinen Sie nicht?“ Sir Harry lachte herzlich über den Einfall und lud ihn ein, mit uns zu Abend zu eſſen, aber, zu meiner größten Freude hatte er es bereits dem Earl von Edder⸗ dale zugeſagt, der zu Ehren ſeiner Ankunft in ſeinem Hotel eine auserleſene Geſellſchaft bewirthete. Jetzt kam ein Kellner, und meldete uns, Mr. Crotty erwarte uns zum Souper, worauf wir ihn ſogleich im Saale aufſuchten. Die Lobrede des Baronets auf den Geſchmack ſeines Freundes in Sachen der Wohlſchmeckerei war wohl und 182 gerecht verdient. Das Abendeſſen war wundervoll— die Frühlings⸗Suppe vortrefflich gewürzt— die Rebhühn⸗ chen mit Spargelſpitzen köſtlich— und die Ortolanen ä la provencale ein Göttergericht, während die Weine von jenem Gewächs und Geſchmack waren, wozu nur ſolche Individuen gelangen, die bei dem Gaſtwirth in beſondern Gunſten ſtehen. Während eine Platte auf die andere folgte, jede in einer Reihenfolge, die ganz darauf berechnet war, den Genuß der Gäſte zu erhöhen und ihre Gaumen zu kitzeln, nahm die Unterhaltung ihre natürliche Richtung auf gaſtronomiſche Gegenſtände, wo⸗ bei ich, das muß ich geſtehen, mit eben ſo aufrichtigem Vergnügen verweilen kann, als in einem Geſpräche über jeden andern Zweig der ſchönen Künſte. Mr. Crottys Stärke ſchien weſentlich in ſeinem Takte zu liegen, eine vortreffliche Mahlzeit anzuordnen. Wycherley jedoch nahm einen höhern Flug: er war ein hiſtoriſcher Gaſtronom und beſaß einen wahren Schatz von Anekdoten über die Gerichte und ihre Erfinder, von Clodwig bis zu Lud⸗ wig dem Vierzehnten. Er kannte die Lieblingsſpeiſen mancher erlauchten Perſonen, und erzählte ſeine Ge⸗ ſchichten darüber mit einem wunderbaren Gemiſche von Ernſt und Leichtfertigkeit. Es gibt vortreffliche Leute, Arthur, die Dich darob einen ſinnlichen Kerl nennen werden. Die guten Seelen, die gleich den Koſaken eſſen und gleich den Kamelen in der Wüſte trinken, vor deren gewaltiger Kau⸗Kraft eine Keule im kürzeſten Zeitraum verſchwindet; und die, wäh⸗ rend ihres ſchweigenden und gierigen Verſchlingens nichts hartes genug von dem ſagen können, der mit gebildeterem Gaumen und feinerm Geſchmacke wenig aber mit Wahl! ißt, die Nahrung ſeines Körpers zugleich zur Nahrung ſeiner Seele macht, und während er ſeine Natur ſtärkt, zugleich ſeine Einbildungskraft reizen und ſeinen Verſtand erhöhen kann— die würdigen Verehrer von geſottenem Hammelfleiſch und Rüben, von Rippen und Braten hal⸗ ten ſich für mäßige und beſcheidene Eſſer, während ſie 183 eine für eine ganze Familie hinreichende Mahlzeit ver⸗ zehren; und wenn ſie nach einer ſtundenlangen, anhal⸗ tenden Arbeit dort ſitzen, mit beſchleunigtem Athem, halbgeſchloſſenen Augenlidern, grämlich, gedankenlos, ſchläfrig und dumm, geſättigt mit ſtarkem Bier und überladen mit Nilton, ſo brummen ſie ein Dankgebet, daß ſie nicht ſind, wie andere Leute— Epikuräer und Weintrinker. Auf ſie, ſage ich! gönnet mir mein ge⸗ ringes Mahl— möge es auch auf Kreſſe und auf das Getränke beſchränkt ſeyn, das aus dem Felſen neben mir hervorrinnt— aber während des Eſſens findet kein Uebergang des verſchlungenen Thieres in den Menſchen ſtatt, und nach dem Eſſen keine ſchlagflußartige Be⸗ täubung einer vollgeſtopften Boa! Sir Harry machte die Honneurs der Tafel und nahm die Laſt der Unterhaltung auf ſich, während Crotty nur wenig dazu beitrug, und der junge Mann und ich gar nicht zu zählen waren. Wir trennten uns nicht eher, als bis der Kellner kam mit dem Beſcheid, der Saal werde nun für die Nacht geſchloſſen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ein Brunnenarzt. Nichts iſt verſchiedener, als die zwei Klaſſen von Leuten, die des Morgens und des Nachmittags durch die Alleen eines deutſchen Kurorts ſchlendern. Die erſtern bilden den kranken Theil, ſie ergießen ſich in Maſſe aus den Gaſthöfen und Miethhäuſern, und erſcheinen in jeder möglichen, albernen Toilette, mit wollenen Nachtmützen und Flanell⸗Jaken— altmodiſchen, ſeidenen, wattirten Ueberröcken und Marokko⸗Pantoffeln— ſie ſchleichen, das Glas in der Hand, an eine Schwefelquelle, oder genießen für ein Paar Stunden die Wonnen eines Schlammbades. Sie ſind meiſtens alt und ſchwach mit blaſſen Geſichtern —— —— — 184 und wankendem Schritt: ihr Streben nach Geſundheit ſcheint eine vergebliche, fruchtloſe Bemühung. Die Ma⸗ ſchine iſt offenbar ihre beſtimmte Zeit abgelaufen und keine menſchliche Kunſt iſt im Stande ſie auszubeſſern. Dennoch lebt in allen noch die Hoffnung, wenn auch Kraft und Jugend dahin ſind, und ſchon die Gruppen⸗ Bildungen auf den Sammelplätzen haben ihren eigenen Troſt, während auch die endloſe Mannigfaltigkeit der Krankheiten in den Augen des Leidenden ein gewiſſes Intereſſe hat. Dieß mag ſeltſam erſcheinen, iſt aber demungeachtet vollkommen wahr; jeder Kranke hat eine gewiſſe Vor⸗ liebe für alle Krankheitsbeſchreibungen; ſie ſind die Gegen⸗ ſtände, bei denen er mit dem größtem Vergnügen ver⸗ weilt und über die er mit der größten Begierde ſpricht. Die Sorgfalt, womit er ſich nach ſeinen Nachbarn er⸗ kundigt, iſt weder Philantropie, noch gewöhnliche Neu⸗ gierde. Nein, ſie iſt von beiden gänzlich verſchieden: ſie iſt das tiefe Intereſſe für den Gang der Symptome, für das Steigen und Fallen der Hoffnung. Sie iſt ge⸗ miſcht aus den Gefühlen die den Arzt beſeelen und aus denen, die den Kranken erfüllen. Und daher ſehen wir, daß die härteſten Leiden ihrer Nachbarn weniger Ein⸗ druck auf die Gemüther ſolcher Leute machen, als auf vollkommen Geſunde. Nicht aus Unempfindlichkeit oder Selbſtſucht ſind ſie ſcheinbar gleichgültig, ſondern ein⸗ fach, weil ſie die Frage in einem verſchiedenen Lichte betrachten; um ein Beiſpiel vom Spieltiſch herzunehmen, ſie haben ein zu tiefes Intereſſe für das Spiel ſelbſt, als daß ſie ein großes für die Spieler fühlen könnten. Der Beſuch des Doktors iſt für ſie der glänzendſte Augen⸗ blick des Tages. Er iſt nicht nur der Bote guter Zei⸗ tungen für den Patienten, ſondern bringt auch tauſend kleine Krankenſtuben⸗Geſchichten mit, harmloſe, bedeu⸗ tungsloſe Kleinigkeiten, die aber alle für das gierige Ohr des Kranken ihren eigenen Reiz haben. Es iſt ſo angenehm zu erfahren, wie der Mrs. W. ihre Ausfahrt —— 185 bekam, oder wie dem Sir Arthur ſeine Gallerte ſchmeckte, was Mrs. T. dazu ſagte, als ihr eine Aderlaſſe ver⸗ ordnet wurde, und ob der theure Mr. H. in's Zugpflaſter einwilligte. Und mit welchem vollendeten Takt vertheilt unſer Brunnenarzt die unendlich kleinen Gaben ſeiner Morgennachrichten; wie verſchieden iſt ſein Beſuch von der flüchtigen Eile eines Weſtend⸗Arztes, der, die Uhr in der Hand, die Minuten ſeines Aufenthaltes zählt, während er den Puls fühlt, und der, wenn er die Treppe hinabgeht, von der in Reihe und Glied auf⸗ geſtellten Familie beobachtet wird, die ſich, während er geht, ſeine Weiſungen geben läßt, und während er in den Wagen ſpringt, ſeine Meinung erfährt. Der Bade⸗ Doktor hat eine ganz andere Aufgabe; ſeine Mittel ſind keine heroiſchen, die Heute genommen werden und Mor⸗ gen heilen ſollen; ſein Ruf iſt durch keinen kitzlichen Verſuch eines unmittelbaren Erfolges auf die Probe geſtellt. Seine Patienten fommen für eine beſtimmte Zeit, oder, um den eigentlichen Ausdruck zu gebrauchen, für einen„Waſſerkurs.“ Sie ſind für den vierten Theil des Jahres zu Stahlwaſſer verurtheilt, zu ſo und ſo vielen Gläſern per Tag. Mit ihrer Geſundheit hat er eigentlich nichts zu ſchaffen; ſein ganzes Geſchäft be⸗ ſchränkt ſich auf die Aufſicht, daß das Individuum ſeine Flüſſigkeit regelmäßig trinkt und ſeinen Schlamm gleich einem Mann nimmt. Der Patient iſt ihm mit einem Frachtbriefe von Bell oder Brodie fakturirt; er iſt voll⸗ kommen unterrichtet über die überſchickte Waare und über die Art, wie der Spediteur wünſcht, daß ſie behandelt werde; über dieſe Vorſchrift darf er nicht hinaus. Der große Arzt von Weſtend ſagt:„Baden und trinken Sie,“ und ſein Geſchäftsträger in Wiesbaden trägt dafür Sorge, daß ſeine Befehle befolgt werden. Eben ſo leicht könnte ein Galeerenſträfling in Breſt oder Toulon hoffen, der im Verzeichniß der Gefangenen eingetragenen Strafe entgehen, als ein Patient den vorgeſchriebenen und durch die Poſt mitgetheilten Verordnungen entgegen handeln, Gelegenheitlich können in dem Zuſtand eines Kranken, unterwegs vielleicht, Veränderungen eintreten, die eine andere Behandlung erheiſchen, aber was iſt da zu machen? Brodie und Chambers ſind keine Propheten! und in den Spitälern von London und Middleſex wird keine Weiſ⸗ ſagungskunſt gelehrt! Ich erinnere mich ſelbſt eines Marquis von rieſen⸗ haftem Umfang, der ſeine Vorſchrift aus jener Zeit, wo er noch ein ſchmächtiges Bürſchchen war, aufbewahrte, bis er zwanzig Stein wog. Der Fehler lag hier nicht am Doktor. Das Bad, das er nehmen ſollte, enthielt einen ſtarken Beſtandtheil, ich glaube von Eiſen; nun, er brauchte es, und begann gleich darauf dicker und dicker anzuſchwellen, bis er, ſo korpulent er auch vorher war, jetzt den doppelten Umfang hatte, und endlich gleich einem zu ſtark geheizten Keſel mit einem Krach zu zer⸗ platzen drohte. Was war zu thun? Ihn zu heben, da⸗ von war keine Rede, er füllte die Wanne aus, wie eine Herzmuſchel ihre Schaale, und in dieſer Schwierigkeit blieb keine andere Wahl, als ihn mit ſamt dem Waſſer abzuklären, was denn auch, zu nicht geringer Luſtigkeit der Umſtehenden in's Werk geſetzt wurde. Der Arzt bewegt ſich alſo, wie man ſieht, in einer ſehr engen Bahn. Er muß ſeinen Ruf zu behaupten ſuchen, ohne die Arzneikunde zu Hülfe zu ziehen, und muß fortwährend Chrfurcht einflößen, ohne zu den todten Sprachen ſeine Zuflucht zu nehmen. Harte Be⸗ dingungen! Aber dennoch fügt er ſich als ein Mann von Seelenſtärke. Er beginnt darauf die Eigenſchaften der verſchiede⸗ nen Waſſer zu rühmen, die nach einer von ihm ſelbſt angeſtellten und in einem Buche veröffentlichten Analyſe ganz andere Kräfte beſitzen, als von andern ihnen zuge⸗ ſchrieben worden. Er ſetzt ſeinen nichtchemiſchen Zu⸗ hörern auf's deutlichſte auseinander, wie reine Kieſelerde in Verbindung mit Eiſenoxyd in einer Temperatur von neun und dreißig und einem halben Grad Fahrenheit * 187 nothwendig den wohlthätigſten Einfluß auf das Knie⸗ gelenke machen müſſe; und beſchreibt mit allem Feuer der Wiſſenſchaft das unendliche Behagen, das die Ner⸗ ven empfinden müſſen, wenn ſie durch freies Kohlengas geſtärkt werden. Tag für Tag bringt er den Patienten irgend eine mediziniſche Kenntniß bei, erweckt in ihm ein Intereſſe für ſeinen Gliederbau und ſetzt ihn auf den Fuß vertrauter Bekanntſchaft mit der Bildung ſeines Herzens oder ſeines Magens. Dieß ſchmeichelt den Grade für ſeine Geneſung, und die Einfachheit der Be⸗ handlung, die anfangs für ſeinen Geiſt keine Reize hatte, wird jetzt durch ſo manche kleine, merkwürdige Baden und Kochen ſo allgemein benutzten Quellen, ſo ſtark ſie auch mit mineraliſchen Beſtandtheilen geſchwän⸗ gert ſeyn mögen, doch keineswegs ſo große Kraft und Wirkſamkeit haben dürften, daß ſie entſchiedene Reſul⸗ tate, wohlthätige oder ſchädliche bewirken könnten. Der oktor muß dieſer Ketzerei ſogleich einen Damm ſetzen; er muß im Stande ſeyn, zu zeigen, wie ein Schluck zu viel oder ein halbes Glas zu wenig die ernſtlichſten unüberlegten Raſchheit eines unbeſonnenen Trinkers zu⸗ geſchrieben wird. Wehe alſo dem, der ohne einen Doktor trinkt; eben ſo gut fönnte er in einem Anfall heftigen Durſtes in die erſte beſte Apotheke rennen und einen ſtarken Zug aus jenen gefährlichen kleinen Flaſchen neh⸗ men, die auf dem Geſimſe ſtehen, ohne zu wiſſen, ob es Scheidewaſſer oder Berliner⸗Säure iſt. Bewaffnet alſo mit allem Schrecken ſeines Lieblings⸗ bades— mit einem reichen Gefolge von Anhängern ſowohl als Patienten— führt er ein herrliches Leben. Die wichtigen, kitzlichen Krankheitsfälle, die andern Aerzten vorkommen, werden nicht ihm zu Theil. Schon die Badereiſe iſt eine Kraftprobe dagegen. Seine Schü⸗ ler ſind Leute, die an Unverdaulichkeit leiden, aus den großen Städten London, Paris oder Wien; nerven⸗ ſchwache, reizbare Naturen, mit Genüſſen überſattigt, von der Wolluſt gebleicht; eingebildete Kranke oder ſelbſtgemachte Patienten, die ſich ſelbſt in künſtliche Krankheiten hineinarbeiten; alle dieſe gehören nothwen⸗ dig den höhern, oder wenigſtens den reichern Klaſſen an; ſchonende Behandlung richtet bei ihnen mehr aus als Arznei, und feiner Takt iſt hundertmal beſſer, als alle Kunſt des Hippokrates. Er muß ein gewandter Welt⸗ mann ſeyn, Wiſſenſchaft kann er entbehren, nicht ſo savoir faire. Er muß nicht nur mit den breitern Zü⸗ gen des National⸗Charakters vertraut ſeyn, ſondern auch innig bekannt mit den zartern und feinern Regun⸗- gen des Herzens unter den verſchiedenen Klaſſen und Stufen der Menſchen, ein ſcharfſinniger Beobachter mit raſcher Entſchloſſenheit. In der That, wenn er ſein Glück machen will, ſo muß er in hohem Grade mehrere von jenen Elementen beſitzen, von denen jedes einzelne in einem Duzend anderer Lebensbahnen ſeinen Erfolg ſichern würde. Und alle dieſe Eigenſchaften muß er beſitzen, wie Swift ſagt, für zwanzig Pfund jährlich, freilich nicht buchſtäblich, aber doch für eine ſehr mangelhafte Be⸗ lohnung. Die Bade⸗Saiſons ſind kurze Perioden, worin er heuen muß, ſo lange die Sonne ſcheint. Mit An⸗ näherung des Winters zieht ſich die Menſchen⸗Flut 189 zuruck, ſchneller als ſie kam. Stille Straßen und ver⸗ laſſene Promenaden, geſchloſſene Läden und hermetiſch und dann kommt die lange traurige Zeit des Ueber⸗ winterns; glücklich für ihn, wenn er das Seekalb nach⸗ ahmen und ſie in ſtarrem Schlaf zubringen könnte; denn ſchaft gibt es wenig, er hat keinen Umgang, und ſo muß er ſchweigend und traurig durch die langweilige Zeit dahinkriechen, die Monate ſeines Leidens zählend, mit ſchmachtender Sehnſucht nach dem Frühling. Einige gibt es, die dem Strome folgen und ſich jeden Winter in die Städte zurückziehen, wo ihre mei⸗ ſten Bekanntſchaften ſind, aber dieſes Verfahren dient ihnen, glaube ich, mehr zum Vergnügen, als zum Vor⸗ theil. Ein Bade⸗Doktor ohne ein Bad gleicht einem Liszt oder Hertz ohne ein Pianoforte. Man gebe ihm nur ſein Inſtrument und er wird ihm die lieblichſte Muſik entlocken; man nehme es ihm und er iſt gänzlich rathlos. Die Quellen des Helikon flößten ihren Ver⸗ ehrern gewiß nicht mehr Begeiſterung ein, als die von Naſſau den ihrigen; aber die Quelle muß fließen, wenn der Poet dichten ſoll. So muß unſer Arzt den Geruch von Schwefelwaſſer in der Naſe haben; er muß ſehen, wie die Prieſterin, das Glas in der Hand, die ſchauern⸗ den Schatten um ſie her bedient; er muß die weite Ausſicht über die Promenade haben mit ihren in Flanell gehüllten Geſtalten, ehe er ſich„jeden Zoll ein Doktor“ fühlt. Fern von dieſen vermag er ſo wenig als der 3 Kolben einer Dampfmaſchine ohne einen Keſſel. Der Brunnen iſt der Angelpunkt, um den ſich ſeine Wiſſen⸗ aft dreht, und er kann eben ſo wenig ohne Waſſer leben als ein Fiſch.. Nachdem ich ſo viel über die Gattung geſagt, diene es mir zur Entſchuldigung, wenn ich mich nicht über 190 die Spezies verbreite, und fürwahr, ich hätte nicht ſo lange bei dieſem Gegenſtande verweilt, aber in unſerm Unterleibs⸗Zeitalter, wo Jedermann an ſchlechter Ver⸗ dauung leidet, kann es gewiß nicht ſchaden, diejenigen zu ſchildern, die über unſere Diät und über unſere Ge⸗ ſchicke ſchalten, und wo ſo viele Verehrer im Tempel ind, da mag ein Wort über den Prieſter der Myſterien nicht unpaſſend ſeyn. Und nun, um auf ein anderes Thema zu kommen, wer iſt es, der in dieſer frühen Morgenſtunde, ohne eine Spur von Krankheit weder in ſeinem Geſichte, noch in ſeiner Kleidung ſeine Morgenpromenade zu machen ſcheint? Er kommt raſchen Schrittes daher, in ſeinem Schritt liegt die Feſtigkeit eines Mannes, der ſeine Ge⸗ ſundheit fühlt und den Werth dieſes Gutes kennt. Wie, iſt es möglich, kann es wirklich ſeyn? Ja, es iſt Sir Harry Wycherley ſelbſt mit zwei liebenswürdigen Kin⸗ dern, einem Knaben und einem Mädchen, letzteres kaum ſieben Jahre alt, der Knabe ungefähr ein Jahr jünger⸗ Nie ſah ich etwas lieblicheres. Die Augen des Mädchens waren dunkel, mit langen Wimpern beſchattet, die ihre Tiefe noch erhöhten und die blitzende Glut der Jugend dämpften und beſänftigten. In ihren Zügen lag etwas Nachdenkendes, aber nichts Melancholiſches, aus ihrem Gang und ihrer Haltung ſprach ein vornehmes Blut in Tönen, worüber man ſich nicht täuſchen konnte. Der Knabe, ſtärker gebaut, glich mehr ſeinem Vater; ſeine breite Stirne, ſein kühner, flammender Blick verſprach für die Zukunft einen Mann voll Kraft und Feuer. Auch ſein Anzug gab ſeinem Aeußern einen Charakter, der ihm wohl anſtand; er trug einen breiten Hut, an der Seite aufgeſtülpt und mit einer dunkelblauen Feder geziert, die über ſeiner Schulter ſchwankte; ein blauer Rock zeigte ſeine Bruſt in ihrer vollen Breite und ließ ſeine Arme unbedeckt; ein? Scharlachſchärpe, nachläßig um ſeine Hüfte ge⸗ ſchlungen, hing mit ihren tiefen Franſen an ſeinem 191 nackten, von Sonne und Wetter gebräunten und abge⸗ härteten Beine hinab, während ſogar ſeine Sthuhe mit ihren breiten, ſilbernen Schnallen bewieſen, daß auf jeden Theil ſeiner Kleidung Sorgfalt verwendet war. Es lag etwas äußerſt rührendes in dem Anblick dieſes Weltmannes— denn ich wußte wohl, daß er ein ſolcher war— wie er ſo die Unſchuld und friſche Ju⸗ gendluſt ſeiner Kinder genoß, wie er ſich aus dem ver⸗ worrenen Gewebe menſchlicher Plane und Ränke, aus ihren verkrümmten Pfaden und verborgenen Anſchlägen zurückzog, um ſich zu erholen unter der ſorgloſen Mun⸗ terkeit kindlicher Seelen, indem er ſie bald durch den Gang verfolgte, bald hinter einem Baum hervorſchoß, wo er im Hinterhalt gelegen; er ſpielt Fangen mit ihnen, und wenn er ſie erwiſcht, ſo kehren ſie ſich um, ſpringen ihm in die Arme und klopfen ihm auf den Nacken. Ar⸗ thur, Du haſt ein vergnügliches Leben geführt, wie es nur wenig Menſchen zu Theil wird, Du haſt viel Glück genoſſen und nur wenig Schmerz erfahren, aber wäre ein Augenblick gleich einem ſolchen nicht im Stande, alle Deine Freuden aufzuwägen? Wo ſonſt findet ſich ſo volle, ſo großmuthige, ſo vertrauensvolle Hingebung? Welche andere Liebe kommt ſo rein und lauter, nicht erkältet durch eiferſüchtige Zweifel oder Beſorgniſſe, ſondern warm und ſtrömend; der Weihrauch eines glücklichen Herzens, die Ergießungen einer argloſen Natur? Nichts kann ſchöner ſeyn, als das Gemälde mütterlicher Zärtlichkeit, die Anmuth der Frau gleich einem Kleide um ihre Kinder geworfen; ihr Liebesblick, zu himmliſchem Glanze ver⸗ ſchönt durch die heiligſte Zärtlichkeit; ihre Liebenswür⸗ digkeit, über die Erde erhoben durch ihren Mutterblick auf ihre theuren Kleinen, die„nur ein wenig unter den Engeln ſtehen,“ iſt ein Bild, das den Augen Freuden⸗ thränen entlockt und das Herz mit Dank gegen den Himmel erfüllt. Nur dieſem ſteht das andere nach, wenn ſich die ſtrenge Natur des Mannes bei dem Reiz der Kindheit erholt, wenn er den Stolz der Mannheit, den 192 kalten Geiſt weltlichen Chrgeizes wegwirft und gleich einem ſeiner Kinder wird, an ihren Freuden und Schmer⸗ zen Theil nehmend, der Gefährte ihrer Spiele, der Ver⸗ traute ihrer kleinen Geheimniſſe. Wie unmerklich zieht ihn jeder ſo zugebrachte Augenblick von der Welt und ihren Sorgen ab; wie bald vergißt er ſeine fehlgeſchla⸗ genen Wünſche, oder lernt mit weniger Schmerz daran zu denken, und wie miſcht ſich durch den eigenen Mag⸗ netismus der Natur der ſchuldloſe Geiſt des Kindes in das feine Schaffen des Mannes und erhebt ihn über die kleinen, knarrenden Mißtöne des Lebens! Und ſo geſchieht es, daß, während er ihnen Lehren der Wahrheit und der Tugend gibt, ſie ſeinem Herzen Demuth und Milde einflößen. Wenn er ſie auf die Zukunſt hinweist, ſo zeigen ſie ihm mit gleicher Kraft die Vergangenheit und uber beide ſchwebt der Segen des Himmels. Das„po⸗ pulus me sibilat“ des Unglücklichen iſt ein trauriger Troſt, verglichen mit dem ſeinigen, der ſich vor den er⸗ bitterten Angriffen der Feinde und vor der dunkeln Ver⸗ rätherei falſcher Freunde in den Schoos eines glücklichen Heimweſens zurückziehen kann, und dem ſein Herd ein Heiligthum iſt, wo die Bosheit unter keiner Geſtalt ihm zu nahen wagt. Dieß waren meine Betrachtungen, als ich den Vatet mit ſeinen Kindern vorübergehen ſah, und nie zuvor ſchien mir meine Einſamkeit ſo freudlos. ****** ****** Ich wollte, ich koͤnnte hier inne halten. Ich wollte, ich könnte meinen Leſer über dieſe Dinge nachdenken und ſie nach eigenem Gefallen ſich ausmalen laſſen, aber ich vermag es nicht; ich habe nur Einen Zweck bei dieſen Aufzeichnungen: er beſteht darin, jüngern und friſchern Leuten ſowohl einige von den Gefahren, als auch Ge⸗ nüſſen der Reiſen im Ausland zu ſchildern, und nachdem ich die Küſte mit viel Sorgfalt und Vorſicht unterſucht habe, ſo moͤchte ich da und dort den Kanal entlang als 193 Warnung und Leitung eine Schiffbruch⸗Boje anbringen; — und nun weiter. Man erlaube mir, einen Charakter zu ſchildern, von dem ich nicht weiß, ob ich verſchweigen ſoll, daß nur der Name erfunden iſt. Einige haben ſchon viel⸗ leicht ſein Ebenbild gefunden; noch mehr können auf das Individuum rathen, genug, daß ich ſage, er lebt noch, und von der Genauigkeit des Porträts kann ſich jeder Rheinreiſende leicht überzeugen, aber ich ziehe es vor, ihm ein beſonderes Kapitel zu widmen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Sir Harry Wycherley. Sir Harry Wycherley war aus einer alten Familie in Hampfhire, er trat ſchon als Knabe in die Armee, und noch ehe er großjährig wurde, war ſein ſehr bedeu⸗ tendes Vermögen ſo gänzlich verſchuldet, daß nur ſeine Großjährigkeit ihn befähigte, den Ruin, den er ſo frühe begonnen hatte, vollſtändig zu machen, ſo daß er in ſei⸗ nem ſieben⸗ und zwanzigſten Jahre keinen Pfennig mehr beſaß. Ehe der Schiffbruch ſeines Vermögens bekannt wurde, heirathete er die Tochter eines Earl, mit einem ungeheuren Vermögen, wovon ein Theil für die Kinder beſtimmt war, mit denen ihre Ehe geſegnet werden würde. Sie, das gute Mädchen, kaum neunzehn Jahre alt, als ſie heirathete(es war nämlich eine Liebesheirat) ſtarb in ihrem Dreiundzwanzigſten an einem gebrochenen Herzen und hinterließ Sir Harry mit zwei unmündigen Kindern, alle unrettbar zu Grunde gerichtet; faſt alles, was er beſaß, war über ſeinen Werth verpfändet, und er hatte nicht einmal ein Haus, das ihm Obdach ge⸗ währte. Auf den Rath ſeines Advokaten verließ er heim⸗ lich England und kam nach Paris, von wo er über Lever, O'Leary. II. 13 Deutſchland nach Italien reiste und hier nahm er einige Zeit ſeinen Aufenthalt. Die für die Kinder beſtimmten Renten reichten hin, um ein anſtändiges Leben zu führen, und befähigten ihn, mit Leuten ſeines Ranges umzu⸗ gehen, vorausgeſetzt, daß er ſich in keine Ausſchweifungen einließ. Einige Jahre ſolchen klugen Verfahrens ſagte man ihm, würden ihn in Stand ſetzen, mit einem mä⸗ ßigen Einkommen zurückzukehren, und er fügte ſich. Dieſe ruhige, anſpruchsloſe Laufbahn wurde ihm allmälig immer unerträglicher. Anfangs war für ihn die Befreiung von Glänbigern und Gerichtsboten, von täglichen Verabredungen mit Juden und von Berath⸗ ſchlagungen mit ränkevollen Advokaten ein wahres Glück; die Entledigung von dringenden Schwierigkeiten und Zu⸗ fällen, die mit jeder Stunde auftauchten, war für ihn ein Vergnügen, das er nie zuvor gekannt, und es war ihm zu Muthe, wie einem der Plackerei des Schreibpultes entronnenen Schulbuben. Aber allmälig, da er häufiger mit ſeinen frühern Geſellen und Gefährten umging, von denen viele aus gleichem Grund wie er ſelbſt verbannt waren— lebte ſeine alte Neigung zu vergangenen Ver⸗ gnügungen wieder auf; die Unterhaltung mit ihnen führte ihm London mit ſeinem glänzenden, muntern Leben vor die Augen. Die dortigen Clubbs und Coterien— der üppige Aufwand bei den Diners in Clarendon, oder die rückſichtsloſe Ausſchweiſung der bei Crockford gefeierten Nächte— die Siege in Derby und die Herrlichkeiten von Ascot— Alles zog an ſeiner Seele vorüber, erhöht durch die lebhafte Einbildungskraft ſeiner Jugend. Er begann abermals ſich nach der Welt zu ſehnen, die er ohne Schmerz verlaſſen zu haben glaubte; und eine krank⸗ hafte Begierde, zu erfahren, was in den Kreiſen, worin er ſich einſt zu bewegen pflegte, vorging, bemächtigte ſich ſeiner Seele. Das Geſchwätze von Tatterſall, das Geklatſche von Carlton, die ſeandalöſen Geſchichten von Graham, dieß alles wurde ein unentbehrliches Bedürfniß für ſein Daſeyn. Wer unter den aufſteigenden Geiſtern 195 des Tages am ſchnellſten ging, war für ihn eine Lebens⸗ frage; und er fühlte die tiefſte Neugierde, wie es mit denen ſtünde, die am Rand des Abgrunds taumelten, und er verbrachte manche ſchlafloſe Nacht in Vermu⸗ thungen, wie ſie dieſe oder jene Schwierigkeit überwin⸗ d den, und ob ſie ſich wieder erholen könnten. Kein einziger von den Schauſpielern auf dieſer ge⸗ ſchäftigen Scene— in deren wildes Chaos das Schickſal alles Höchſte und Ausgeartetſte der menſchlichen Natur zuſammenwirſt— fühlte ja das gleiche Intereſſe dafür wie er. Er lebte fortan in einer idealen Welt, ohne zu wiſſen und ohne ſich zu kümmern, was um ihn her vorging; da ſich ſeine Kräfte anſtrengten, Ereigniſſe in einer gewiſſen Entſernung zu betrachten, ſo verſank er in ſich ſelbſt und wurde ſchweigſam. So verſtrich ein Jahr; zwölf langwierige Monate, während deren ſeine Seele von Heimat und Vaterland träumte, mit aller Glut eines Verbannten. Endlich erreichte ihn die frohe Zeitung, mit ſeinen Hauptgläubigern ſey ein Vergleich zu Stande gekommen; ſeine dringendſten Schulden ſeyen abgetragen; man habe Zeit gewonnen, andere von we⸗ niger Bedeutung zu tilgen und ſeiner Rückkehr nach, England ſtehe nun kein Hinderniß mehr im Wege. Welch' eine glorreiche Ausſicht, die alten Schau⸗ plätze ſeiner Freuden wieder zu ſehen, jene Orte wieder zu beſuchen, von deren bloßen Erinnerung ſeine Tage und Nächte erfüllt waren; abermals der Ausgezeichnete unter jener Menge zu werden, der an der Tafel und auf der Rennbahn den Ton angab, und deſſen Wille in der italieniſchen Oper wie in Doneaſter entſcheidend war. z und abermals ach! Die Wiederaufnahme alter Neigungen und Gewohnheiten wird nicht die Jugend und den friſchen Geiſt zurückbringen, der ihnen allen ihre glänzende Farbe gab. Es gibt keinen Stillſtand im Leben; es gibt keinen Ruheplatz, von wo wir das Pa⸗ norama überblicken können, ohne mit fortgeriſſen zu 3 13 196 werden. Unſer Lauf geht fort, und wie ohne Unterlaß Wechſel auf Wechſel folgt, ſo richtet ſich unſere innere Natur nach dem Strome und wird eine andere, als ſie geweſen. Der Traum von der Heimat, dieſer dem Verbann⸗ ten ſtets vor der Seele ſchwebende Gedanke, erleidet einen harten Stoß, wenn die Stunde kommt, wo er verwirklicht werden ſoll. Ein Glück für ihn, wenn er in der Täuſchung ſtirbt! Jugendliche Erinnerungen ſind durch ein Licht geheiligt, welches Alter und Erfahrung für immer zerſtreut, und wie das Hochland⸗Moor, das wir in den Stunden unſerer Jugend in ſeiner troſtloſen Wildniß für groß zu halten pflegten, in den Augen unſerer Mannheit nichts als ein Sumpf unter den Ge⸗ birgen iſt, ſo betrachten wir alles um uns her mit ver⸗ änderten Gefühlen, und wir finden Täuſchung, wo wir Vergnügen erwarteten. In allen großen Städten folgen ſich dieſe Wechſel mit ſchrecklicher Eile. Der Hang zur Ausſchweifung und zum Aufwand ſtürzt ſtündlich Hunderte in's Ver⸗ derben, die von der Scene, wo ſie glänzten, verſchwin⸗ den, und von denen man nichts mehr hört. Der Löwe des Tages— deſſen Silbergeräth ein Gegenſtand fürſtlicher Neugier war— deſſen Equipage zu ſeiner Zeit den Ton angab— deſſen Einladungen zum Diner als der Gipfel faſhionabler Auszeichnung betrachtet wurde— erwacht eines Morgens, um zu ent⸗ decken, daß der Aufwand eines vierfachen Einkommens mehrere Jahre fortgeſetzt, die Vermögenszuſtände in Ver⸗ wirrung bringen kann. Er findet, daß Schneider un⸗ höflich und Kutſchenmacher grob ſein können; und, Schrecken über Schrecken, er ſieht innerhalb der Wände ſeines Ankleidezimmers das plebeiſche Geſicht eines Ge⸗ richtsboten oder die berechnenden Züge eines Verſteige⸗ rers aus Weſtend. Er, der nach Ascot eingeſchrieben war, eilt jetzt — hinweg nach Antwerpen. Ein zweideutiger Artikel in 197 einem Abendblatte unterrichtet London, daß einer aus den Reihen der Ueppigkeit gefallen iſt; darauf kommt eine Anzeige öffentlichen Konkurſes; ſodann eine Kri⸗ tik, und gewöhnlich eine ſcharfe, über den Geſchmack ſeines Hausgeräthes und über den Werth ſeiner Ge⸗ mälde; Die breiten Blätter der Morning⸗Poſt werden das Grabtuch ſeines Andenkens, und das Klopfen des Verſteigerers mit dem Hammer iſt ſein Requiem! Noch iſt die Dinte auf ſeinem Paſſe nicht trocken und ſchon iſt er vergeſſen. Faſhionable Zirkel haben andere Be⸗ ſchäftigung, als Bedauern und Beleidsbezeugung, ſo daß der Verbannte ſtolz ſein darf, wenn er nur einen einzigen Correſpondenten in jener großen Welt behält, die noch geſtern nichts beſſeres zu thun fand, als ſein Treiben aufzuzeichnen. Als daher Sir Harry Wycherley nach London zu⸗ rückkam, ſo erinnerte man ſich ſeiner noch, aber mehr nicht. Die große Mehrheit ſeiner Zeitgenoſſen war, gleich ihm, inzwiſchen von den Brettern verſchwunden; die Zurückgebliebenen waren entweder gleich Schiffen, die zu ſehr verkrüppelt waren, als daß ſie ſich durch die Flucht hätten retten können, oder ſie hatten ſich zu der Philoſophie des kranken Teufels bekannt und ſich zu einer klugen Lebensart entſchloſſen, da ſie an der Lieder⸗ lichkeit keinen Geſchmack mehr fanden; er war faſt ein Fremdling in ſeinem Clubb; ſogar die Kellner bei Mi⸗ vart fragten nach ſeinem Namen, wahrend der jüngſte, gerade jetzt in's Leben tretende Sohn des neueſten Pairs noch nie von ihm gehört hatte. So ſteht es in den Sternen geſchrieben— Dynaſtien fallen und andere folgen ihnen— Karl der Zehnte macht einem Louis Philipp Platz— und Nugee nimmt den Thron eines Stulz ein. Es gibt wenig Dinge, die man ſchwerer erträgt, als dieſe Vergeſſenheit gerade da, wo man einſt unum⸗ ſchränkt geherrſcht hatte. Es iſt ſehr ſchwer zu glauben, daß die Welt weiſer und beſſer, gebildeter in ihrem Ge⸗ 198 3 ſchmack und aufgeklärter in ihrem Urtheil geworden iſt als vor Alters, und wir zeihen ſehr leicht diejenigen der Undankbarkeit, die uns in der Gunſt der Welt über⸗ leben und Verdienſte zu vergeſſen ſcheinen, von denen ſie in Wahrheit nie etwas wußten. 1 Sir Harry Wycherley war noch nicht lange in Eng⸗ land, als er dieſe Wahrheit in ihrer ganzen Bitterkeit fühlte und einſah, daß eine Abweſenheit von einigen — Jahren unſere Freunde lehrt, uns ſo leicht zu entbeh⸗ ren, daß ſie nur mit Widerwillen unſere Bekanntſchaft erneuern, als ob dieß ein Luxus⸗Artikel wäre, dem zu entſagen ſie gelernt hätten. Außerdem war Wycherley in allen ſeinen Neigungen und Liebhabereien altmodiſch. Man dinirte jetzt nicht mehr da, wo man es in ſeinen Tagen gethan hatte— Doncaſter ging ab— Good⸗ wood kam auf— die Leute ſprachen von Griſt, nicht mehr von Paſta— von Mario mehr als von Rubini. Statt der alten, unumſchränkten Alleinherrſchaft der Mode, wo ein Einziger allen übrigen gebot, war eine neue Schule entſtanden, eine Art Demokratie, welche lehrte, Long Wellesley und D'Orſay ſeyen unſaubere Götzen und nichts verehren wollte außer ſich ſelbſt. Nun iſt unter allen Zeiten des Fortſchrittes, wo⸗ durch ſich Leute in den höhern Zirkeln auszeichneten, in dieſen letztern Tagen keines zu vergleichen mit den Zeichen einer— um uns mild auszudrücken— erhöhten Schärfe, die unter ihnen zu erkennen iſt. Wer mit der ſchweren Falmouth⸗Poſt reiſt und dann auf der Grand Junction⸗Bahn vierzig Meilen in der Stunde macht, würde weit weniger zum Staunen und Verwundern finden, als unſer feiner Städter aus dem vorvorletzten Jahrzehend, wenn er eines Abends unter die Jugend bei Tatterſall kommen, oder unter der aufkeimenden Generation eingeführt werden könnte, die gerade jetzt bei Graham promovirt. Der Geiſt des Zeitalters iſt unſtreitig wach und rege. Ein gutes Buch in den Oaks hat einen weit * 199 größern Vorzug, um nicht zu ſagen Vortheil, als ein in der Stow herausgegebenes; die Honneurs der Krone ſtehen ſchwerlich in gleichem Werthe mit den beim Whiſt angezeigten, und vorher zu ſagen, welches Pferd in Ascot das örſte ſein werde, iſt eine weit höhere Stufe auf der Leiter der Erkenntniß, als die Erſcheinung eines Kometen oder eine Sonnenfinſterniß zu prophezeien: der Hauptredner im Parlamentshauſe kann den öffentlichen Beifall nur mit dem Gewinner im Leger theilen, und ſogar die gewandten Kreisbewegungen eines Lord Broug⸗ ham müſſen den bezauberndern Sprüngen einer Fanny Elsler nachſtehen. Junge Leute verlaſſen jetzt Eton und Sandhurſt mit mehr Takt und weltlichem Witz, als ihre Väter im vierzigſten Jahre oder ihre Großväter überhaupt je beſaßen. So kurz auch Sir Harry Wycherleys Abweſenheit geweſen war, ſo hatte doch der menſchliche Geiſt in allen dieſen Hinſichten große Fortſchritte gemacht. Die faſhionablen Püppchen und Säuglinge waren ihm an Gewandtheit und Feinheit mehr als gewachſen; ihnen that es Niemand gleich, wenn es darauf ankam, zu behaupten, welchen Fehler der Liebling habe, oder warum die Mähre nicht ſpringen wolle; wenige konnten mit ihnen wetteifern in jenen ſchwierigen Finanzkünſten, die darin beſtehen, von Kutſchenmachern Kredit zu erhalten und von Inden Geld zu beziehen. Wirklich war auf jene Generation, die großen Aufwand machte, um üppig zu leben, eine andere gefolgt, die das Blatt umkehrte und ausſchweifend lebte, um ſich die Mittel zum Auf⸗ wand zu verſchaffen. Weiſer als ihre Väter ſetzten ſie Papier an die Stelle von Baarzahlungen und ſahen keine Nothwendigkeit ein, Halt zu rufen, ſo lange noch ein Stempel in England war. Es war eine traurige Sache für einen Menſchen, der ſeine Erziehung für vollendet hielt, noch einmal ein Schulknabe zu werden, aber es blieb keine andere Wahl. ir Harry hatte in der unterſten Klaſſe zu beginnen; 2⁰⁰ er war freilich ein geſchickter Schüler, aber ehe er ſeine Studien vollendet hatte, war er ruinirt. Hohes Spiel und hohe Intereſſen— Juden und Jockeys— Diners und Tänzerinnen— mit einem zahlreichen Gefolge von Dienerſchaft leiſten einem Manne gute Dienſte um ſeine Spaarkaſſe los zu werden, und ſo viel Weisheit er ſich auch unterwegs erwerben mag, was er denn auch muß, ſo führt ihn ſein Weg mit nicht weniger Gewißheit in's Verderben. Zwei Jahre nach ſeiner Rückkehr prokla⸗ mirten ein zweiter Artikel und eine zweite Verſteigerung, Wycherley ſey„geſäubert“ und ſey nun beſtimmt zum Letztenmale in England geweſen. Der Continent ſollte nun ſeine Heimat für Lebens⸗ zeit ſeyn Er hatte ſeine Mittel verloren, aber er hatte die Kunſt zu leben gelernt, und aus einem Gimpel wurde er ein Gauner. Es gibt eine Klaſſe von Menſchen, vielleicht die gefährlichſte, die exiſtirt, die, ohne ſo weit gegangen zu ſeyn, daß ſie ihre Anſprüche auf den Umgang mit Gent⸗ lemen verwirkt hätten, dennoch ihren Namen und Ruf in Umſtänden verwickelt haben, die mehr als verdächtig ſind. Sie leben köſtlich, ohne daß man die Quelle ihres Einkommens kennt; ſie machen jeden Aufwand und fröh⸗ nen jedem Hange, wenn er auch noch ſo hoch zu ſtehen kommt, ohne die geringſte Schwierigkeit in der Bezah⸗ lung, aber ihr vertrauter Umgang mit anerkannten Spielern und Gaunern ſetzt ſie ſogleich dem unvermeid⸗ lichen Verdacht der Bundesgenoſſenſchaft aus. Sie ſelbſt ſpielen indeſſen ſelten oder nie und antworten auf ſolche Verläumdungen mit Berufung auf ihre Lebensweiſe. In der That ſcheint ihr tägliches Leben wenig Stoff zu Tadel zu bieten. Sind ſie verheirathet, ſo ſind ſie exempla⸗ riſche Ehemänner. Haben ſie Kinder, ſo ſind ſie wahre Muſter von Vätern. Wo findet man ſolche kleine Ge⸗ ſchöpfe— ſo wohlgezogene— ſo gutgekleidete— mit ſo ſchön gelocktem Haar und ſo vollkommen guter Er⸗ ziehung— oder Kinder, die, um den eigentlichen Aus⸗ 2⁰1 druck zu gebrauchen,„ſo trefflich gepflegt werden.“ Sie ſind freigebig, ſo oft die oͤffentliche Mildthätigkeit in Anſpruch genommen wird— dann und wann ſind ſie vertraut mit dem Kaplan der Geſandtſchaft— von dem wir ſpäter ein Wort ſprechen wollen— und wirklich, es würde ſchwer halten, in ihrem Benehmen vor der Welt irgend einen Fehler zu finden. Ihre Familien⸗ Verbindung mit Perſonen von Rang und Stand iſt eine Art Rettungs⸗Boje, deren kein Schiffbruch ihres Vermögens ſie beraubt, und wenn weniger bekannte Leute ſchon lange zu Boden geſunken ſind, ſieht man ſie noch immer auf der Oberfläche der Geſellſchaft ſchwim⸗ men. Solchergeſtalt bilden ſie eine Art Teufelsbrücke zwiſchen Perſonen mit und ohne Charakter— ſie ſind die ſchmale Landenge, die das Hauptland mit dem nie⸗ drigen Felſenriffe jenſeits verbindet. Dieſe Leute ſind die zahmen Elephanten der Gau⸗ nerwelt, die für das Wild ſorgen, obgleich ihnen ſelbſt am Jagen nichts zu liegen ſcheint. Zu ängſtlich auf ihren Ruf bedacht, als daß ſie als thätige Agenten auf⸗ treten möchten, führen ſie den argloſen Wanderer in jene Höhlen und unter jene Leute ein, denen man ſelten mit heiler Haut entkommt: und wie der Sheriff den Verbrecher dem Henker übergibt— ſo machen dieſe Ehren⸗ werthen an der Fallthüre des Galgens Halt, und wür⸗ den mit Verachtung den Antrag zuruͤckſtoßen, den letzten Dienſt der Gerechtigkeit auszuüben. Im Gegentheil, ſie ſind beredt in ihren Anklagen gegen das Spiel. So geſunde Moralität, wie die ihrige, kann um keinen Preis erkauft werden; die Gefahren, die den jungen Mann in der Fremde umringen— das Mißliche zufälliger Bekanntſchaften— die Thorheit, un⸗ bekannten Perſonen ſich anzuſchließen— bilden den Stoff ihrer Unterhaltung— und damit ſie nicht in ihren An⸗ griffen auf das Vergnügen allzu ceyniſch erſcheinen, ſo helfen ſie ſich mit den in gewiſſen Kreiſen ſo populaͤren, wundervollen Redensarten:„Sie wiſſen, ein Weltmann 2⁰2 muß alles mit eigenen Augen ſehen, und wenn ich Ihnen daher ſage, Sie ſollen nicht ſpielen, ſo meine ich damit keineswegs, Sie ſollen den Kurſaal nicht beſuchen oder die Gauner ſcheuen.“ Dieß iſt ungefähr ſo, als wenn ſich einer vor dem gelben Fieber hüten, und doch einen Herbſt auf der afrikaniſchen Küſte zubringen wollte. Solcher Art alſo war der Charakter des Mannes, der einſt die Bekanntſchaft eines Menſchen, wie er jetzt war, mit Abſcheu zurückgeſtoßen hätte. Ein ſchlafender Theilnehmer an der Gaunerei, erhielt er ſeinen Antheil vom Gewinne, obgleich ſein Name niemals auf der Firma erſchien. Seine frühern Bekanntſchaften behiel⸗ ten ihren Umgang mit ihm bei, ſeine Familien⸗Ver⸗ bindungen waren ausgedehnt und einflußreich, und wenn auch der eine oder der andere von ſeinem Treiben eine Ahnung hatte, ſo gehörte er doch unter jene Menſchen, mit denen man niemals barſch abbricht. Einige bemit⸗ leideten ihn; andere thaten, als mißtrauten ſie allen gegen ihn ausgeſtreuten Geſchichten; noch andere erzähl⸗ ten Beiſpiele von ſeinem Edelmuth und ſeiner Herzens⸗ güte, aber kaum Einer verdammte ihn—„So geht's in der Welt!“ Ich bitte noch einmal um Verzeihung, wenn ich in dieſer ganzen Beſchreibung zu weitſchweiſig geweſen bin; ich wollte lieber, meine Leſer wandelten unter lieblichern Scenen und in beſſerer Geſellſchaft, aber,— es muß immer ein„aber“ geben— aber der iſt ein trauriger Pilot, der ſich begnügt, die Küſtenlandſchaft zu be⸗ ſchreiben, und ſich über die Schönheit der Thäler und die Schroffheit der Vorgebirge verbreitet, während er das Schiff unter Riffen und Felſen herumtaumeln läßt, und, waährend er die Paſſagiere amüſirt, einen Schiff⸗ bruch riskirt. Adieu alſo, ihr Bäder und Badegäſte; der Kranke iſt ſelten die angenehmſte Geſellſchaft, der Geſunde an ſolchen Orten ſelten die beſte. „Sie wollen fort, Mr. O'Leary?“ fragte eine Stimme aus einem Fenſter gegenüber meinem Hotel, 2⁰03 als mein Gepaͤck in einen Fiaker gehoben wurde. Ich ſah hinauf. Es war der Jüngling, der im Kurſaal ſo ſchwer verloren hatte. „Nur nach Koblenz, für einige Tage,“ erwiderte ich;„ich bin des luſtigen Lebens und der feinen Geſell⸗ ſchaft ſatt. Ich ſehne mich jetzt nach Ruhe.“ „Ich wollte, ich wäre vor einigen Wochen gegan⸗ gen,“ rief er ſeufzend.„Darf ich Sie bis an den Fluß begleiten?“ Ich willigte mit Vergnügen ein, und einen Augen⸗ blick nachher war er an meiner Seite. „Ich hoffe,“ ſagte ich, als wir einige Zeit mit⸗ einander gegangen waren;„ich hoffe, Sie ſind nicht wieder im Kurſaal geweſen?“ „Nie mehr, ſeitdem ich Sie getroffen habe, jene Nacht war die letzte, die ich dort zubrachte!“— Er ſetzte einige Minuten aus und fuhr dann fort:„Sie waren mit keinem der Herren bekannt, in deren Geſell⸗ ſchaft wir ſoupirt haben; ich meine, Sie ſagten mir dieß auf dem Heimwege?“ „Nein, ſie waren mir beide fremd; es war ein zu⸗ fälliges Zuſammentreffen und in den wenigen Wochen, die ich in Wiesbaden zubrachte, erfuhr ich genug, um die Bekanntſchaft nicht weiter fortzuſetzen. In der That, um Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, Sie ſchie⸗ nen eben ſo wohl geneigt, als ich ſelbſt, die Vertrau⸗ lichkeit fallen zu laſſen; ich ſpiele ſelten und niemals unter Fremden.“ „Ah!“ rief er in einem Tone, worin einige Bitter⸗ keit lag,„ein ſolcher Entſchluß würde Ihnen gegenüber von jenen nicht viel helfen; ſie können gewinnen, ohne zu ſpielen.“ „Wie ſo? Was meinen Sie damit?“ „Sind Sie aufgelegt, eine kurze Geſchichte zu hören? Es iſt mein eigenes Abenteuer und ich ſtehe Ihnen für die Wahrheit.“ Ich willigte ein und er fuhr fort: 204 „Vor einer Woche ungefähr kam Mr. Crotty mit zwei andern, von denen der eine Kapitän Jakob genannt wurde, um mich zu einem kleinen Ausflug nach Kreuz⸗ nach einzuladen. Den einen Tag wollten ſie hin, den folgenden wieder zurück. Sir Harry ſollte iſich der Ge⸗ ſellſchaft ebenfalls anſchließen; auch ſprachen ſie von Lord Edderdale und einigen andern. Aber kaum war Wycherley auf das Dampfboot gekommen, als ein Bote mit einem dringenden Brief anlangte, der ihn nach Wiesbaden zurückrief; die übrigen erſchienen gar nicht. Wir reisten indeſſen guten Muthes ab; der Tag war ſchön, und die Fahrt den Rhein hinab, wie Sie wiſſen, entzückend. Wir kamen in Kreuznach zum Mittageſſen an, wanderten den Abend in der hübſchen Landſchaft umher, und kehrten beim Mondſchein zu einem ſpäten Souper zurück. Nach dem Souper wurden, wie dieß bei ihnen üblich iſt, Karten hervorgeholt, aber ſeit mei⸗ ner unglücklichen Nacht im Kurſaal hatte ich nie eine Karte angerührt, noch mich auf eine Wette eingelaſſen; ich ſaß daher neben dem Tiſche und ſah dem Spiele bloß zu, natürlich mit jenem Intereſſe, wovon ſich ein auf's Spiel verſeſſener Mann nicht befreien kann, ohne jedoch der einen oder andern Partei einen Rath oder eine Wette vorzuſchlagen. Das Spiel wurde allmälig intereſſant, ſowohl wegen der Geſchicklichkeit der Spieler als auch wegen der hohen Einlage. Starke Geldſum⸗ men wechſelten ihre Eigenthümer, und außerdem wurden noch ſchwere Poſten gewettet. Inzwiſchen wurde Cham⸗ pagner beſtellt, und in ſpäter Nacht noch eine Pulle dampfenden, vortrefflich gewürzten Biſchofs. Mein Ge⸗ ſchäft war es, die Gläſer der Geſellſchaft zu füllen und mit Jedem von ihnen anzuſtoßen, je nachdem das Glück auf dieſe oder jene Seite ſich neigte.ü „Die Aufregung des Spielers bedarf keines Weines, um dem Wahnſinn nahe zu kommen; aber mit Wein gibt es keine vollſtändigere Tollheit. Obgleich nur ein Zuſchauer, war meine Aufmerkſamkeit doch auf das 20⁰5 Spiel gefeſſelt, und bei der duftenden Pulle Biſchof und der lang andauernden Spannung, in Folge der Beſchwer⸗ den eines unter mehr Anſtrengungen als gewöhnlich zu⸗ gebrachten Tages, endlich bei einer keineswegs ſtarken Konſtitution wurde ich ſo müde, daß ich mich auf ein Sopha warf und ſchnell einſchlief. „Wie ich in mein Bett kam und ausgekleidet wurde weiß ich heute noch nicht; aber am nächſten Tage gegen Mittag wurde ich aus einem tiefen Schlummer erweckt und ſah Jakob neben mir. „Nun, alter Kerl, das nenn ich Kaltblütigkeit!“ ſagte er lachend,„wiſſen Sie nicht, daß es ſchon zwölf vorbei iſt?“ „Wirklich!“ rief ich, indem ich auffuhr und kaum wußte wo ich war.„So viel iſt gewiß, mein Kopf iſt dieſen Morgen nicht zum klarſten— dieſe Pulle Biſchof hat mich fertig gemacht.“ „Wirklich, wirklich? Beim Jupiter!“ verſetzte er mit einem halb muthwilligen Lachen,„dennoch wette ich einen Pony, Sie haben nie in Ihrem Leben beſſer geſpielt.“ „Geſpielt! ei, ich habe ja nicht einmal eine Karte angerührt,“ erwiderte ich erſchreckt und erſtaunt. „Ich wollte wirklich, Sie hätten es nicht gethan,“ ſprach er, während er ein Notizenbuch aus der Taſche zog und es auf dem Bett vor mir öffnete.„Hätten Sie wirklich keine angerührt, ſo wäre ich dieſen Morgen etwas reicher aufgeſtanden.“ „ Ich kann Ihnen nur ſagen,“ verſetzte ich, indem ich mir die Augen rieb und vollſtändig aufzuwachen ſuchte;„ich kann Ihnen nur ſagen, daß ich nichts von dem weiß, worauf Sie anſpielen, auch kann ich nicht glauben, daß ich meinen Entſchluß, nie mehr zu ſpielen, gebrochen habe.“ „Sachte, Sir, ſachte,“ ſagte er mit leiſer, ſanfter Stimme;„nehmen Sie ſich ein wenig in Acht, ich bitte Sie— was Sie ſo eben geſagt haben, iſt faſt gerade 2⁰6 ſo viel, als eine direkte Widerlegung meiner Worte. Erinnern Sie ſich gefälligſt, Sir, daß wir noch geſtern Morgen einander fremd waren. Aber um kurz zu ſeyn — galt Ihre letzte Wette quit à double, oder nur eine Zehn⸗Pfund⸗Note, denn davon hängt es ab, ob ich Ihnen zweihundert und ſechszig oder zweihundert und ſiebzig Pfund ſchuldig bin. Können Sie mir über dieſen Punkt Aufſchluß geben?— ſie haben gerade damals einen ſolchen Lärm gemacht, daß ich nicht klug daraus werden konnte.“ „Ich verſichere Sie, Sir,“ ſagte ich abermals, „das alles iſt mir ein Traum, wie ich Ihnen ſchon ge⸗ ſagt habe, ich habe nie geſpielt——“ „Sie, nie geſpielt, Sir?“ „Ich meine, ich weiß nicht, daß ich geſpielt habe, oder ich kann mich deſſen nicht mehr erinnern——“ „Nun, junger Herr, das Glück behandelt Sie beſſer im Schlaf, als mich mit offenen Augen, und da ich keine Zeit zu verlieren habe, denn in einer halben Stunde gehe ich nach Bingen, ſo will ich Ihnen nur ſagen, hier iſt Ihr Geld. Sie mögen vergeſſen, was Sie gewonnen haben, ich habe auch eine Verpflichtung, aber eine ſtärkere, mir zu merken, was ich verloren habe, und was die zehn Pfund betrifft, wollen wir, da keiner von uns beiden darüber im Reinen iſt, Kopf oder Rücken machen?“ „Machen Sie, was Sie wollen, denn ich bin feſt überzeugt, der eine oder andere von uns muß den Ver⸗ ſtand verloren haben.“ „Was ſagen Sie, Sir, Kopf oder Rücken?“ „Kopf!“ rief ich raſend,„eines muß es doch ſeyn.“ „Wieder gewonnen, beim Jupiter!“ ſagte er, ſeine Hand öffnend,„ich glaube, Sie werden dieſe Rolle richtig finden, und nun, Sir, à revoir, an einem dieſer Tage werden Sie mir revange geben.“ Er ſchüttelte mir die Hand und ging fort, während ich im Bette aufſaß, 207 und mich auf irgend einen Umſtand der verwichenen Nacht zu beſinnen ſuchte, um mich zu erinnern, ob ich wirklich am Spiele Theil genommen habe. Aber ver⸗ geblich! über Allem hing ein dicker Nebel, durch den ich mich bloß des gewürzigen Biſchofs und meine an⸗ haltenden Anſtrengungen, ihre Gläſer in gefülltem Zu⸗ ſtande zu erhalten, entſinnen konnte. Da ſaß ich, ver⸗ legen und verwirrt, das Bett bedeckt mit Banknoten, die immerhin eine verwünſchte Zauberkraft in ihren Geſichtern haben, ſo daß wir uns gegen die Annahme derſelben weit weniger ſträuben, als wir ſollten. Wäh⸗ rend ich meinen Gewinnſt überzählte und jeden Augen⸗ blick inne hielt, um über die ſeltſamen Launen des Glückes nachzudenken, das mich zwar mit Gewinn be⸗ reicherte, aber des Spielers Vergnügen nicht gönnen wollte, öffnete ſich die Thüre und herein trat Crotty. „Noch nicht auf? Ei, in zehn Minuten fahren wir ja ab: hat denn der Kellner Sie nicht gerufen?“ „Nein, ich bin dieſen ganzen Morgen in einem Zu⸗ ſtand von Verwirrung—— „Nun, nun, ſuchen Sie ſich für einige Sekunden zu ſammeln, ich rathe es Ihnen, und laſſen Sie uns unſere Rechnung in's Reine bringen——“ „Was!“ rief ich lachend,„habe ich von Ihnen auch gewonnen?“ „Nein, beim Jupiter, umgekehrt; Sie haben mir allerdings ſcharf zugeſetzt, und wenn ich alle Ihre Wet⸗ ten angenommen hätte, ſo wäre ich wohl dabei ge⸗ fahren. So aber,“ hier öffnete er ein Notizenbuch und las,„ſo aber habe ich nur ſiebenhundert und zwanzig, und zweihundert und acht und fünfzig gewonnen— das macht, glaube ich, neunhundert und acht und ſiebzig, nicht wahr?“ „Ich ſchauderte zuſammen wie ein Fieberkranker und konnte kein Wort ſprechen. „Hat Jakob ſeine Sache berichtigt?“ fragte Crotty.. 208 „Ja,“ ſagte ich, auf die Noten auf dem Bette deutend, die jetzt meinen Augen wie eine Brut von Klapperſchlangen vorkamen. „Ganz recht,“ fuhr er fort,„Jakob iſt der pünkt⸗ lichſte Kerl von der Welt; und unter Freunden eigent⸗ lich eine Thorheit— nun, wie ſtehen wir zuſammen? Sind Sie in dieſem Augenblicke ſtark bei Kaſſe?“ „Nein,“ ſtammelte ich mit einem Seufzer. „Nun, ſeyen Sie unbekümmert— ein kurzer Schein für den Ueberſchuß— ich will auf Abſchlag nehmen, was hier iſt, ſonſt brauchen Sie ſich gar nicht zu be⸗ laͤſtigen.“ „Dieß geſchah in guter Manier— ich unterzeich⸗ nete den Schein, den er in gehöriger Form aufſetzte— er hatte in ſeinem Taſchenbuch ein Duzend Stempel bereit, er rollte die Banknoten gleichgültig zuſammen, ſteckte ſte in ſeine Rocktaſche und verließ das Zimmer mit dem herzlichen Wunſche, mich am nächſten Tage in Wiesbaden zu ſehen. „Die Rechnung iſt bezahlt— ich berichtigte ſie in weniger als einer Woche— mein Ausflug nach Kreuz⸗ nach koſtete mich gerade ſiebenhundert Pfund, und man wird mir verzeihen, wenn ich zeitlebens keinen Biſchof mehr trinke.“ „Es würde mich nicht wundern, wenn Sie morgen ein Presbyterianer würden,“ ſagte ich, indem ich ſeiner erzwungenen guten Laune nachzuhelfen ſuchte;„aber hier ſind wir am Rhein. Leben Sie wohl, ich brauche Sie nicht zu warnen vor——“ „Kein Wort, ich bitte Sie; ich werde nie mehr, ſo lange ich lebe, meine Augen ſchließen, ohne ein dop⸗ peltes Schloß an der Thüre meines Schlafzimmers. 209 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Frankfurt. Frankfurt iſt ein deutſches Liverpool, mit Ausnahme des Seehandels, und hat daher für den Vergnügungs⸗ Reiſenden wenig Anziehendes. Die Statue der Ariadne von dem ſchwäbiſchen Bildhauer Dannecker iſt faſt das einzige große Kunſtwerk, das es beſitzt. Einige unter⸗ geordnete Gemälde finden ſich in der Gallerie und im Rathhaus; die Stadtbibliothek beſitzt etliche proteſtan⸗ tiſche Reliquien, unter andern ein Paar Pantoffeln von Luther. Sonſt gibt es wenig innerhalb der Wälle der freien Stadt, was den Reiſenden zu längerm Aufenthalte be⸗ ſtimmen könnte, es ſey denn, er hätte eine beſondere Sympathie für Juden und Geldwechsler. Der ganze Ort riecht nach Handel und Handelsleuten, und ſcheint viel ſtolzer darauf, die Geburtsſtadt Rothſchilds, als die eines Göthe zu ſeyn. Die glückliche Behaglichkeit einer fremden Stadt, der in den meiſten Städten des Continents anzutreffende leichte Lebensgenuß iſt hier nicht zu finden. Ueberall Thätigkeit, Eile und Geräuſch. Die Tables d'Hote ſind überfüllt von gierigen Individuen, die haſtig darauf loseſſen, um ſo bald als möglich wieder auf die Börſe oder auf das Comptoir zu eilen. Es liegt eine Yankee⸗ mäßige Schroffheit in dem Benehmen der Menſchen, die uns antworten, als ob ſie nicht gerne unentgeldlich Auf⸗ ſchlüſſe ertheilten; und was die Frauen betrifft, ſo ſind ſie gleich den Weibern und Töchtern aller Handelsſtädte, glänzend in ihrem Anzuge und armſeliger in ihrer Unter⸗ haltung; ſie tragen die ſchönſten Kleider und bewohnen die praͤchtigſten Häuſer, ſchicken ſich aber nicht ſonder⸗ lit in die erſtern und verſtehen in den letztern nicht zu eben. Lever, O'Leary II. 14 210 Mir wenigſtens würde es nicht einfallen, mein Zelt in Frankfurt außzuſchlagen, nicht einmal als Nachfolger des großen Münch⸗Bellinghauſen— gebe der Himmel, daß ich keinen von ſeinen Konſonanten vergeſſen habe!— des Präſidenten vom Bundestag. Und doch, was das Volk ſelbſt betrifft, ſo gibt es wenige Plätze, mit denen die Gefühle der Einwohner ſo innig verwachſen, als Handelsſtädte. Man ſage noch ſo viel von der Anhang⸗ lichkeit eines Schweizers oder eines Tyrolers an ſeine heimiſchen Gebirge— der Einwohner der Fleets⸗Street oder der Hochgaſſe wird ihn breit ſchlagen. Die täg⸗ lichen Beſchäftigungen des Stadtlebens, die jeden Win⸗ kel und Spalt der menſchlichen Seele ausfüllen, laſſen keinen Raum für andere Gedanken oder Wünſche; daraus entſpringt jene unausſtehliche Miene der Selbſtzufrieden⸗ heit, die an dem ächten Cockney ſo ſehr hervorſticht. Leadenhall Street iſt nach ſeinem Begriffe der Prüfſtein der Meuſchheit, und ein Börſen⸗Charakter die beſte Probe moraliſchen Werthes. Hamburg oder Frankfurt, Glas⸗ gow oder Mancheſter, Neuyork oder Briſtol, es iſt überall gleich; die Männer des Zuckers oder Saſſafras, der Häaute, des Talges und Thranes, ſind eine Klaſſe, worin die Nationalilät wenig Unterſchied macht. Niemand liebt das Leben mehr— wenige fürchten den Tod ſo ſehr— dieß iſt wirklich ſeltſam! Eigentlich ſollte man annehmen, daß die gewöhnliche Periode des menſchlichen Lebens, in ſolchen Beſchäftigungen zugebracht, wie zum Beiſpiel Frankfurt deren gewährt, keine große Sehn⸗ ſucht nach einem hohen Alter erwecken könne— kurz, Jedermann, wenn er auch ein noch ſo großer Schwelger iſt, müſſe nach fünfzig Jahren die Dezimalbrüche und die Zins aus Zinsberechnungen ſatt haben; er könne die Feder ohne einen Seufzer niederlegen, und ſchon um einer kleinen Erholung willen froh ſeyn, in eine andere Welt hinüber zu gehen. Das iſt alles nichts: unſer Frankfurter haßt das Sterben über alles. Der abge⸗ härtete Landmann, der die Sonne hinter ſeinen heimi⸗ 3 211 ſchen Bergen aufſteigen und hinter einer herrlichen Landſchaft von Wald und Berg, Feld und Thal nieder⸗ gehen ſieht, kann die glänzende Welt mit weniger Schmerz verlaſſen, als der in irgend einer dunklen Allee oder rauchgeſchwärzten Straße wohnende Bürger einer großen Stadt. Die Liebe zum Leben— das kann man als Grundſatz auſſtellen— ſteht in direktem Verhältniß zu ſeiner Künſtlichkeit. Je mehr man die Natur von Herz und Heimat ausſchließt und ſich mit den hundert kleinen Bedürfniſſen eines erdichteten Daſeyns umgiebt, beſ unzertrennlicher wird man an die Welt ge⸗ eſſelt.. Schon die Wechſel von Flut und Feld flößen dem, der darunter wohnt, den Gedanken an eine Nachwelt ein; das fallende Laub, der verwitterte Zweig, die ver⸗ weſende Pflanzenwelt ertheilt uns Lehren, die man nicht mißverſtehen kann, und die ſo mit dem Tod vertraut gewordene Seele lernt auf das große Ereigniß, als auf den unvermeidlichen Gang jenes Geſetzes hinblicken, wor⸗ nach wir leben und athmen. Bei andern ſind die Spe⸗ kulationen, die aus den Betrachtungen der großen Werke der Natur entſtehen, unveränderlich mit dieſem Gedanken vermiſcht. Nicht ſo unſer Städter, der ein Backſtein⸗ umgebenes Königreich bewohnt, wo das unaufhörliche Geräuſch des thätigen Lebens jede tiefe Betrachtung ſo gut ausſchließt, als die rauchige Atmoſphäre den glän⸗ zenden Himmel droben. In weltliche Sorgen verſenkt, mit Herz und Seele auf den Gewinn von Reichthum bedacht, wird in ſeinem Innern die furchtbare Idee des Todes durch keine Ana⸗ logie geſchwächt. Der Pomp des Leichenbegängniſſes iſt es, was ihm die Idee realiſirt; er kennt nur Leichenbe⸗ ſorger und Todtenwägen, Bahrtücher und gedämpfte Inſtrumente, Flöre, Küſter und Todtengräber; das ſchreckliche Bild menſchlichen Leidens und menſchlichen Blendwerks, menſchlichen Schmerzes, der in Faſchings⸗ 14* 212 tracht einher geht! Kein Wunder, wenn es ihm eine größere Furcht einflößt. „Was hat dieſe ganze trübſelige Abſchweifung mit Frankfurt zu thun, Mr. O'Leary?“ fragt vielleicht man⸗ cher ungeduldige Leſer, der mich ſſtets zur Eile treiben möchte, wenn ich in einem vier Meilen weiten Laufe des Moralifirens begriffen bin. Komm alſo her, ich will es Dir ſagen. Jene ganze Gedankenreihe drängte ſich mir auf, als ich den Boulevard entlang nach meinem Hotel ſchlenderte, über eine der ſeltſamſten Einrichtungen nachdenkend, die ich je in einem Lande geſehen habe, und die, was noch ſeltſamer iſt, ſo viel ich weiß, noch kein Verfaſſer von Wegweiſern erwähnt hat.— In dem Frankfurter Kirchhof— einer wirklich geſchmackvollen Nachahmung von Poére la Chaiſe— ſteht ein großes, ſchönes Gebäude— von ächt römiſchem Geſchmack, genannt das Leichenhaus, nichts mehr und nichts weniger, als eine den Todten geweihte Anſtalt, mit dem Zwecke, ihnen jede mögliche Gelegenheit zu geben, in's Leben zurückzukehren, ſobald ſie ſich dazu geneigt fühlen. Die Zimmer ſind mit aller üppigen Eleganz der beſten Häuſer ausgeſtattet; die Betten ſind mit Schnitzwerk und eingelegter Arbeit verziert, die Teppiche ſind weich und geräuſchlos zu betreten, und fürwahr, wenige von denen, die da leben und athmen, ſind von ſolchen Gegenſtänden des Genuſſes umgeben. Neben jedem Bette ſteht ein kleiner Tiſch, worauf elfen⸗ beinerne Taſten angebracht ſind, die auf's Haar denen eines Pianoforte gleichen. Auf dieſen ruht die Hand des Todten, der in dem Bette liegt; denn anſtatt begraben zu werden, wird er nach ſeinem angenommenen Tode hieher gebracht und in warme Decken gehüllt, während die Temperatur des Zimmers ſelbſt nach der Jahreszeit ſich richtet. Die geringſte Regung von Lebenskraft in ſeinen Fingern drückt eine dieſer Taſten nieder, die mit einer Glocke auf der Spitze des Gebäudes in Verbin⸗ dung ſteht, wo ein Doktor, oder vielmehr zwei Dok⸗ 213 toren wohnen, die abwechſelnd Wache halten und beim erſten Zeichen bereit ſind, mit allen Mitteln ihrer Kunſt zu Hülfe zu eilen. An Wiederbelebungs⸗Werkzeugen aller Art iſt Ueberfluß— da iſt alles, was menſchlicher Scharfſinn erfinden kann, Herz ſtärkende, reizende Mittel ſowohl, als ein zahlreicher, wundervoll ausgeſtatteter Stab von Wäaͤrtern und Wärterinnen, deren fröhliches Ausſehen beſonders darauf berechnet ſcheint, den Pa⸗ tienten zu bernhigen, im Fall er ſeine Augen wieder zum Leben öffnen ſollte. Dieſe Anſtalt iſt ſehr koſtbar. Die Aerzte, aus den angeſehenſten Praktikern Frankfurts gewählt, ſind glänzend beſoldet, und das ganze Perſonal der Anſtalt wird auf einem Fuße übertriebenen Aufwandes unter⸗ halten. Natürlich kommen, was ich kaum zu ſagen brauche, ihre Vortheile, wenn ſie wirklich ſolche hat, bloß den Reichen zu gut. In der That wurde mir ge⸗ ſagt, die Koſten dieſer Ausſtellung überſchreiten um's Vierfache die des verſchwenderiſchſten Leichenbegängniſſes. Zuweilen iſt es mit großer Schwierigkeit verbunden, ein leeres Bett zu erhalten. In Perioden epidemiſcher Krankheit wird die Anſtalt dermaßen angefüllt, daß der größte Einfluß nöthig iſt, um einen Platz zu gewinnen. Nun fragt man natürlich, von welchem Erfolg dieſe Einrichtung begleitet iſt, damit ſie ſolchen Aufwand rechtfertigen und das öffentliche Zutrauen behalten kann. Von nicht dem geringſten. In ſiebenzehn Jahren, die einer der angeſtellten Aerzte dort verbrachte, kam kein einziger Fall von Wiederbelebung vor, und es war gar kein Grund da, zu glauben, daß bei irgend einem Bei⸗ ſpiel die geringſten Lebenszeichen zurückkehrten. Die Aerzte ſelbſt tragen wenig Bedenken, ihre Ungläubigkeit in Betreff der Nothwendigkeit der Anſtalt einzugeſtehen, und ich erſtaunte über dem Freimuth, womit ſie ſich über die vortrefflichen Abſtchten, aber irrigen Anſichten der Gründer verbreiteten.— Wo finden wir nun einen Grund für Beibehaltung 214 einer ſo ſeltſamen Einrichtung? Einfach in jener Liebe zum Leben, die unter der Bevölkerung Frankfurts ſo merkwürdig hervortritt. In hundert Fällen mag ſie nutz⸗ los ſeyn, das iſt kein Grund für denjenigen, der meint, ſein eigener Fall könne eine Ausnahme darbieten. Ihm liegt wenig daran, ob ſein Nachbar nicht wieder in's Leben gerufen werde, als er dahin kam; es fragt ſich, was wird ſein eigener Fall ſeyn? Außerdem muß die Furcht, lebendig begraben zu werden— eine in andern Ländern rein chimäriſche Furcht— hier oft erwachen. wo man eine Anſtalt hat, dieſe Möglichkeit zu verhüten, In der That, es liegt eine Art karger Höflichkeit darin, in einem Lande, wo für den Todten eine Art Fegefeuer⸗ Lokal eingerichtet iſt, ihn ſogleich dem Grab zu über⸗ geben. Aber das wunderlichſte von allem iſt die geheime Hoffnung, die durch dieſe Anſtalt in dem Herzen des Kranken genährt wird, daß er, ſo ſehr auch ſeine Freunde verzweifeln und ſo hart auch ſeine Aerzte ſich ausſprechen mögen, noch immer eine Ausſicht hat— ihm iſt noch eine Periode geſtattet, wo er gegen den Rathſchluß des Todes appelliren kann— wenn er nur einen Finger da⸗ gegen luͤpft. Welches ſeltſame Bild muß das ganze Syſtem gewähren und wie närriſch müſſen diejenigen in die Welt verliebt ſeyn, die daſſelbe beibehalten! Wer kann ſagen, ob nicht dieſes Wiedergeneſungshaus unter die erbleichenden Hoffnungen des Todtenbettes ſich ein⸗ ſchleichen, und ob nicht beim letzten Abſchied vom Leben in der Seele des Kranken einige Gedanken an dieſe letzte Ausſicht erwachen? Als ich durch die ſtillen Räume ging, wo das blaſſe Gepräge des Todes in jedem Ge⸗ ſichte ausgedruͤckt war, ſo ſchauderte ich bei dem Ge⸗ danken, wie den reichen Mann ſein Gold verführen kann, gegen den Willen ſeines Schöpfers ſich aufzulehnen. Die Morgue in ihrer ganzen, ſchrecklichen Wirklichkeit trat mir vor die Seele, und die kalten, feuchten Lappen, auf denen die unbekannten Leichname der Armen aus⸗ 215 geſtreckt waren, ſchienen mir weit weniger ſchrecklich, als dieſer prächtige Palaſt der reichen Todten. Unſtreitig kommen in jedem Lande Fälle vor, wo man aus bewußtloſem Zuſtande wieder zum Leben er⸗ wacht, und die Gefühle der wiederkehrenden Belebung habe ich oft vernommen, gehören zu denen des ſchmerz⸗ lichſten Leidens— Zoll für Zoll dem Tode abringen, iſt ein ſchrecklicher Kampf; dennoch, was iſt dieß, verglichen mit den ſchrecklichen Gefühlen des Scheintodes, worin das Bewußtſeyn jede Regungsfähigkeit überlebt, und wo die Seele inwendig glänzend brennt, während der Körper der Erde gegeben werden ſoll? Kann es einen fürchter⸗ lichern Zuſtand geben? Mancher wird fragen:„Iſt ein ſolcher Zuſtand möglich?“ Ich glaube es feſt. Vor meh⸗ rern Jahren erzählte mir ein angeſehener Arzt eine ſchreckliche Geſchichte aus ſeiner eigenen Erfahrung, die nicht nur den in Frage ſtehenden Punkt berührt, ſondern auch einen merkwürdigen Beweis von der Stärke der Willenskraft als einem Prinzip der Lebenskraft gibt. Ich werde die Erzählung in ſeinen eigenen Worten geben⸗ ohne eine Silbe beizufügen, außer daß ich die Wahrheit der Geſchichte verbuͤrgen kann, weil ich den Erzähler eenne. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Scheintod. „Es war nicht mehr weit von vier Uhr, als mir in den Sinn kam, daß ich noch einige Vorbereitung zu meiner Vorleſung nöthig hatte. Es war einer jener duſtern Herbſttage, die in unſerm Klima ſo häufig ſind, und ich fühlte mich aus dieſem Grunde ſehr niedergedrückt und unaufgelegt zu Anſtrengungen; abgeſehen von der Thatſache, daß ich die vergangene Woche mich ſehr ab⸗ gemüdet hatte, da mir einige Fälle der kitzlichſten und 216 ſchwierigſten Art vorgekommen waren; namentlich hatte einer davon wegen der Wichtigkeit des Daſeyns für eine junge, abhängige Familie meine Aufmerkſamkeit ſtark in Anſpruch genommen und in mir den wärmſten Wunſch eines glücklichen Erfolges erweckt. In dieſer Gemüthsſtimmung beſtieg ich meinen Wagen, um nach dem Collegium zu fahren, als mir ein unverſtegeltes Billet zu Handen kam; ich öffnete es haſtig und las, daß der arme H——, für den ich mich ſo lebhaft intereſſirt hatte, gerade ge⸗ ſtorben ſey. Ich war tief erſchüttert. Es war kaum eine Stunde, daß ich ihn geſehen und wegen der augen⸗ ſcheinlichen Beſſerung ſeit meinem letzten Beſuch gewagt hatte, die tröſtlichſten Verſicherungen zu geben; ich hatte ſogar einige ſcherzende Anſpielungen darauf gemacht, wie ſchnell zu hoffen ſey, daß er wieder ſeinen Platz an „Herd und Tiſch“, einnehmen werde. Ach! wie kurz ſollten meine Hoffnungen währen! wie ſchrecklich ſollte meine Prophezeihung zu Schanden gemacht werden! „Niemand, außer wer es ſelbſt erfahren hat, kennt jenes tiefe und innige Intereſſe, das ein Arzt in manchen von den Fällen nimmt, die ihm in ſeinem Berufe vor⸗ kommen; ich ſpreche hier von einem Intereſſe, wo alle perſönlichen Rückſichten für den Patienten oder ſeiner Freunde gänzlich aus dem Spiele bleiben. In der That hat das Gefühl, auf das ich hier anſpiele, nichts ge⸗ mein mit jenem, und es wird eben ſo oft für einen gänzlich Fremden gehegt werden, als für einen Men⸗ ſchen, den man ſeit Jahren kennt und achtet. „Von dem Extrem dieſes Gefühls war ich immer ein Opfer. Es iſt dieß die ſchwere Verantwortlichkeit, die oft plötzlich und unerwartet aufgelegt wird; das Ringen nach Erfolg, wenn an einen Erfolg nicht zu denken war; die ängſtliche Spannung auf jene kritiſchen Perioden, die den Charakter einer Krankheit ändern und einige Gefahren entfernen, oder neue herbeiziehen; die Verzweiflung, wenn jene Periode eintritt, wo ſich die ſchlimmſten Symptome beſtätigen und jede Ausſicht auf 217 Geneſung abgeſchnitten wird; und endlich jene peinlichſte von allen peinlichen Pflichten meines Berufes, den Ver⸗ wandten, die vielleicht keine Ahnung davon hatten, die Mittheilung zu machen, daß meine Kunſt vergeblich, meine Hülfsmittel erſchöpft ſeyen, mit Einem Worte, daß keine Hoffnung mehr ſey. „Dieſe Gedanken haben Wochen, Monate lang an mir genagt, und manche Anſtrengung habe ich im Ge⸗ heimen gemacht, um dieſes Gefühl zu bekämpfen, aber ohne den geringſten Erfolg, bis ich endlich ſchon den bloßen Gedanken fürchtete, ich möchte zu einem gefähr⸗ lichen Kranken gerufen werden. Man kann alſo glauben, wie tief mich die ſo eben erhaltene Nachricht ergriff; der Schlag wurde nicht einmal durch den armſeligen Troſt gemildert, den Ausgang vorher geſehen, und die Familie davon unterrichtet zu haben. „Ich ſtand noch dort mit meinem halb geöffneten Billet in den Händen, als ich von dem Kutſcher, ich glaube ſchon zum drittenmal, durch die Frage geweckt wurde, wohin er fahren ſolle? Ich beſann mich einen Augenblick und ſagte dann,„nach dem Collegien⸗Saal.“ „Wenn ich geſund war, war mir eine Vorleſung immer mehr Vergnügen, als eine Arbeit geweſen; und oft in den geſchäftigen Stunden meiner berufsmäßigen Beſuche habe ich mich nach der Zeit geſehnt, wo ich vor meine Zuhörer treten, meinen Geiſt von allen indi⸗ viduellen Eindrücken frei machen, und ich in abſtraktern und ſpekulativern Lehren meiner Kunſt mich ergehen konnte. Auch geſchah es, daß ſowohl die ſpäte Stunde, in der ich las, als auch die Gegenſtände, die ich be⸗ handelte, gewöhnlich manche von den vorgerücktern Mit⸗ gliedern meines Berufes bewogen, meinen Vorleſungen beizuwohnen, die ſie nach den Beſchwerden des Morgens als eine Erholung betrachteten. .„Jetzt aber ging ich mit Furcht und Zittern an dieſe meine Pflicht: die Creigniſſe des Morgens hatten meine Seele tief gebeugt, und ich ſehnte mich nach Ruhe und Zuruckgezogenheit. Ein flüchtiger Blick, den ich durch die halbgeoffnete Thüre in das Collegienzimmer warf, zeigte es bis an das Dach hinauf gefüllt, und während ich durch den Corridor ging, hörte ich den Namen eines ausgezeichneten fremden Arztes, der unter meinen Zuhörern war. Die Aufregung, die ich in dieſem Augenblick fühlte, kann ich nicht beſchreiben. Meine Verwirrung wurde noch größer, als ich mich erinnerte, daß ich die wenigen Notizen, die ich mir aufgezeichnet, in der Taſche des Wagens, den ich in der Abſicht, zu Fuß zurückzukehren, ſo eben fortgeſchickt hatte, zurückgelaſ⸗ ſen hatte. Es war ſchon ziemlich weit über die gewöhnliche Stunde, und ich war in gänzlicher Verlegenheit, was ich anfangen ſollte. Plötzlich zog ich eine Brieftaſche hervor, die einige zerſtreute Notizen und Winke für Vorleſungen enthielt, warf einen flüchtigen Blick darüber und ent⸗ deckte einige merkwürdige Stellen uüber den Wahnſinn. Sogleich beſchloß ich, mich hierüber ein wenig zu ver⸗ breiten und wo möglich, Stoff zu einer Vorleſung daraus zu ziehen. „Was an jenem Tage weiter geſchah, iſt in mei⸗ ner Seele in dichtes Dunkel gehüllt; indeſſen erinnere ich mich noch recht wohl des donnernden Applauſes, der mich begrüßte, als ich in das Collegienzimmer trat und wie er, da ich einige Augenblicke zu zögern ſchien, im⸗ mer und immer wiederholt wurde, bis ich endlich alle meine Kräfte zuſammen nahm, und mich hinlänglich geſammelt fühlte, meine Vorleſung zu eröffnen. Auch entſinne ich mich recht wohl der Schwierigkeit, welche die erſten Sätze mich koſteten, der Zweifel, Beſorgniſſe, Pauſen, die mich im Fortgang meiner Rede bei jedem Schritte umgaben. Bei meinem ängſtlichen Beſtreben, mich klar und genau auszudrücken, wiederholte ich mich ſo oft, daß es mir ſelbſt vorkam, als drehte ich mich in einem Zirkel. Allmälig wurde ich jedoch warm und die offenbaren Zeichen der Aufmerkſamkeit, die meine Zuhörer an den Tag legten, gaben mir neuen Muth 219 und ließen mich die Nothwendigkeit fühlen, eine mehr als gewöhnliche Anſtrengung zu machen. Nach und nach fühlte ich auch, daß der Nebel aus meinem Gehirne ſchwand, und daß mir auch ohne Anſtrengung die Ideen ſchneller kamen, und die Worte mit Leichtigkeit und Schnelligkeit von den Lippen floſſen. Gleichniſſe und Beiſpiele ſtellten ſich im Ueberfluß ein; und Unterſchei⸗ dungen, die mir bisher als die ſchwierigſten und kitz⸗ lichſten erſchienen waren, ſtellte ich jetzt mit Leichtigkeit und Genanigkeit auf. Fragen von abſtruſer und dunkler Natur, die ich unter keinen andern Umſtänden hätte berühren mögen, trat ich jetzt furchtlos und kühn ent⸗ gegen, und fühlte mitten im Sprechen, daß ſie mir klarer und klarer wurden. Theorien und Hypotheſen von alter allgemeiner Gültigkeit beleuchtete ich flüchtig im Vorbeigehen, zeiate mit einer nie zuvor gefühlten Deutlichkeit und Verſtändlichkeit ihre Irrthuͤmer und ent⸗ larvte ihre Falſchheit. Ich glaubte mehr Dinge zu be⸗ ſchreiben, die in jenem Augenblicke wirklich vor meinen Augen vorgingen, als die Reſultate langer Erfahrung und tiefen Nachdenkens zu erzählen. Mein Gedächtniß, das mich ſonſt häufig im Stiche ließ, führte mich jetzt in die Tage meiner Kindheit zurück; und ganze Ab⸗ ſchnitte eines langen Lebens lagen gleich einem Gemälde vor mir. Wenn ich citirte, ſo ſtrömten mir die Worte des Schriftſtellers ſo geläufig zu, als ob das Buch offen vor mir läge. Ich habe noch eine unbeſtimmte Erin⸗ nerung, wie ich mich bemühte, den Charakter des Wahn⸗ ſinns in jedem Falle zu zeichnen, wobei ich auch einige Zuͤge aus der frühen Kindheit erwähnte, wo die Seelen⸗ kräfte, von Leidenſchaft überwältigt, oder durch Auf⸗ regung aus dem Gleichgewicht gerückt, wild in alle jene Exceſſe ſtürzen, woraus ſich in ſpätern Jahren die Ausſchweifungen des Charakters und bei einigen ſchwächern Temperamenten die Verirrungen der Vernunft entwickeln. Anekdoten zur Erläuterung dieſes neuen Satzes ſielen mir in Maſſe ein, und Ereigniſſe in den frühen Jahren 220 manches Menſchen, der in der Folge als ein wahnſinniger ſtarb und meine Theorie zu unterſtützen ſchien, ſtröm⸗ ten reichlich meinem Gedächtniſſe zu. Nach und nach wurde ich immer mehr aufgeregt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit meine Ideen ſich darboten, erhöhte die Glut meiner Einbildungskraft, bis ich endlich fühlte, daß meine Worte ohne Anſtrengung und freiwillig kamen, während meine Gedanken in einen ſolchen Wirwarr zu gerathen ſchienen, daß ich außer Stande war, einen Zuſammenhang zwiſchen ihnen zu finden, obſchon ich doch noch immer ſo fließend wie zuvor fortſprach. In dieſem Augenblicke fühlte ich eine unbeſtimmte Angſt vor irgend einer unbekannten Gefahr, die über mir ſchwebte, deren Abwendung oder Vermeidung jedoch un⸗ möglich war. Ich kam mir vor wie ein Menſch, der, von der ſchnellen Strömung eines raſchen Fluſſes dahin⸗ getragen, den Schaum des Waſſeerſturzes vor ſich ſieht und dennoch geduldig den Augenblick ſeiner Vernichtung abwartet, ohne einen Verſuch ſich zu retten. Die Kraft, die meine Seele im Gleichgewicht hielt, hatte mich all⸗ mählig verlaſſen und es umflatterten mich die ſonder⸗ barſten Geſtalten und Phantafie⸗Bilder. Die Ideen und Erſcheinungen, die meine Seele heraufbeſchworen hatten, uahmen Leben und Athem an, und es war mir zu Muthe, wie einem Zauberer, der ſeinen Stab über den Leben⸗ digen und Todten ſchwingt. Ich ſetzte aus; es war eine Todtenſtille in dem Leſezimmer; da fuhr ein Gedanke gleich einem Blitz durch mein Gehirn, ich brach in ein lautes hyſteriſches Gelächter aus und rief:—„Und ich, und ich, bin auch verrückt!“ Meine Zu⸗ hörerſchaft erhob ſich wie Ein Mann— ein Schrei des Entſetzens drang durch das Zimmer. Ich weiß nichts mehr. **** Ich war krank, ſehr krank und lag im Bette. Ich ſah mich um— jeder Gegenſtand war mir bekannt. Durch den halbgeſchloſſenen Fenſterladen ſtrömte eine 221 lange Linie rothen Sonnenſcheines— ich fühlte, es war Abend. Es war Niemand im Zimmer, und während ich meine zerſtreuten Gedanken zuſammen ſuchte, um heraus zu finden, warum ich in ſolchem Zuſtande lag, ſo kam eine niederdrückende Schwäche über mich. Ich ſchloß meine Augen und ſuchte zu ſchlafen, als ich durch Jemand geweckt wurde, der in's Zimmer trat; es war mein Freund der Doktor G——: er ſchlich ſich an mein Bett und ſah mich mehrere Minuten feſt an; ich beobachtete ihn genau und ſah, daß ſich ſein Geſicht veränderte, während er mich anblickte; ich fühlte ein leichtes Zittern ſeiner Hand, als er meinen Puls be⸗ fühlte, und hörte ihn in leiſem Tone vor ſich hin mur⸗ meln:„Mein Gott! wie verändert!“ Ich hörte jetzt eine Stimme an der Thüre, die mit leiſem Flüſtern fragte:„Darf ich hinein?“ Der Doktor gab keine Antwort, und meine Frau ſchlich leiſe in das Zimmer. geben, daß ich ſie kenne, und ſtarrte ihr voll ins Ge⸗ nahm meine Frau an der Hand und ſuchte ſie aus dem Zimmer zu führen. Ich hörte ſie ſagen:„Jetzt nicht, jetzt nicht,“ und ſank in eine dumpfe Bewußtloſigkeit zurück. „Ich erwachte aus einem dem Anſcheine nach lan⸗ gen und tiefen Schlaf. Ich war jedoch nicht erquickt und nicht geſtärkt, meine Augen waren trübe und um⸗ wölkt, und ich ſuchte vergebens mich zu überzeugen, ob & Jemand im Zimmer bei mir war. Die ſieberhafte 222 Aufregung hatte ſich gelegt und die niederdrückendſte Schwäͤche zurückgelaſſen. Als ich allmählig zu mir kam fand ich, daß der Doktor neben meinem Bette ſaß: er bückte ſich über mich und fragte:„Fühlen Sie ſich beſſer, William?“ Meine Unfähigkeit zu antworten hatte bisher nichts Peinliches oder Unbehagliches für mich; jetzt aber war mir die vergebliche Bemühung, zu ſpre⸗ chen, eine wahre Marter. Ich fühlte, daß meine Sinne allmälig unter mir erlagen, und ein kaltes Zuſammen⸗ ſchaudern meines Herzens ſagte mir, daß die Hand des Todes auf mir liege. Die Anſtrengung, die ich jetzt machte, um die verhängnißvolle Schlafſucht zu überwin⸗ den, muß groß geweſen ſeyn; denn über meinen Kör⸗ per ergoß ſich reichlich ein kalter, klebriger Schweiß; ein Geräuſch wie von Waſſer erfüllte meine Ohren, raſch aufeinanderfolgende krampfhafte Zuckungen, wie von einer Elektriſirmaſchine veranlaßt, erſchütterten meine Glieder; ich drückte die Hand des Doktors feſt in der meinigen, fuhr in eine ſitzende Stellung auf und ſah mich wild um. Mein Athem wurde kürzer und kürzer, mein Händedruck matter; meine Augen ſchwammen und ich fiel ſchwer in's Bett zurück: die letzte Erinnerung aus dieſem Augenblicke war der gemurmelte Ausdruck meines armen Freundes G——, welcher ſagte:„End⸗ lich iſt es vorüber.“ 8 „Es mußten mehrere Stunden vergangen ſein, ehe ich wieder zu einigem Bewußtſeyn gelangte. Meine erſte Empfindung war die des kalten Windes, der über mein Geſicht fuhr und von einem offenen Fenſter herzu⸗ kommen ſchien. Meine Augen waren geſchloſſen und die Augenlider durch ein Gewicht niedergedrückt. Meine Arme lagen meiner Seite entlaug, und ſo gezwungen und unangenehm auch die Lage meines Körpers war, ſo konnte ich doch keine Anſtrengung machen, um ſie zu verändern; ich ſuchte zu ſprechen, aber ich konnte w nicht. „Während ich ſo dort lag, drangen mir die Tritte 223 mehrerer durch das Zimmer gehenden Perſonen zu Ohren, gefolgt von einem ſchweren, dumpfen Tone, als ob irgend ein ſchwerer Gegenſtand auf den Fußboden nieder⸗ gelegt worden wäre; eine barſche Stimme in der Nähe ſagte, gleichſam leſend:„William H—— acht und dreißig Jahre alt; ich hielt ihn für viel älter.“ Dieſe Worte durchzuckten mein Gehirn, mit der Schnelligkeit eines Blitzſtrahls trat mir jeder Umſtand meiner Krank⸗ heit vor die Seele und ich wußte jetzt, daß ich geſtorben und daß die ſchrecklichen Anſtalten um mich her für meine Beerdigung getroffen waren. So war dieß der Tod? War es möglich, daß, obgleich eiſige Kälte den leidenden Körper umhüllte, Empfindung und Gefühl noch fortlebten, und daß, während jede äußere Spur von Leben verſchwunden war, an dem kalten, für die Erde beſtimmten Leichnam, noch Bewußtſeyn haftete? O wie ſchrecklich! wie mehr als ſchrecklich! der entſetz⸗ liche Gedanke! Dann dachte ich, es könne vielleicht eine ſogenannte Ohnmacht ſeyn, aber dieſe armſelige Hoff⸗ nung verließ mich, als ich mir die Worte des Doktors in Erinnerung brachte, der alle die unfehlbaren Kenn⸗ zeichen des Todes nur zu wohl kannte, als daß er ſich durch deſſen Ebenbild hätte täuſchen laſſen, mein Herz ſank, als ſie mich in den Sarg hoben, und ich fühlte, daß meine Glieder ſteif waren und wußte wohl, daß dieß bei einer Ohnmacht nicht vorkam. Wie ſoll ich die herzdurchbohrende Angſt dieſes Augenblicks beſchreiben, als meine Seele in eine Zukunft blickte, die zu ſchreck⸗ lich war, als daß man daran denken durfte; wo das Gedächtniß manche ſonnige Stunde des Daſeyns ſich zu⸗ rückrief, den Gewinn von Freunden, den Triumph der Anſtrengung und dann wieder in das ſchreckliche Be⸗ wußtſeyn des fuͤr immer begrabenen Lebens unter dem geſchloſſenen Grabe zurückſank, und dann dachte ich, das Bewußtſeyn zögere vielleicht nur noch um den leb⸗ loſen Körper, wie die Geiſter der Todten am liebſten über den Oertern ſchweben ſollen, wo ſte im Leben gerne 224 geweilt, ehe ſie dieſelben immer verlaſſen, und bald werde die Lampe auf dem Altar verlöſchen, wenn der ſie ſchützende Tempel in Trümmern und in Verweſung liege. Ach! wie ſchrecklich, von dem Glücke der Ver⸗ gangenheit zu träumen in dieſem kalten Grabe, wo der Wurm allein ſich ergötzt; zu denken, daß, wenn auch— „Freund, Bruder und Schweſter ſo nahe und ſtumm,“ daß doch alle in ihren kalten, verweſenden Herzen noch die Liebe und die Triebe des Lebens fühlen, knoſpend und blühend, als ob der Stamm, der ſie trug, nicht verfaule; ich erinnerte mich an jene von einem Deſpo⸗ ten ausgeſonnene Strafe, der den Lebenden an den Todten bettete, und ich hielt dieſelbe noch für Gnade, verglichen mit einem ſolchen Zuſtande. „Wie lange ich ſo lag, weiß ich nicht, aber die ſchreckliche Stille des Zimmers wurde abermals unter⸗ brochen, und ich fand, daß einige meiner theuerſten Freunde kamen, um mich noch einmal zu ſehen, ehe ſich der Sarg für immer über mich ſchloß. Abermals durch⸗ drang mich das Entſetzliche meines Zuſtandes mit ſei⸗ naeer ganzen Furchtbarkeit und die Bitterkeit jahrelangen Elends in den Zeitraum einer Minute zuſammenge⸗ drängt, ſchoß gleich einem Meteor durch mein Herz. Dann erinnerte ich mich, wie allmählig der Tod iſt, und wie er nach und nach über jeden Theil des Körpers ſchleicht, gleich der Spur des böſen Feindes Verderben bringend, wohin er nur geht, und ich ſprach zu mir ſelbſt: Es mag alles ſtill in mir ſeyn und die Seele ſo leblos als der Körper, worin ſie wohnte, und doch nahmen dieſe Gefühle in all ihrer Kraft und Stärke am Leben Theil. Es war der Wille da, ſich zu be⸗ wegen, zu ſprechen, zu leben, und doch war alles ſo ſtarr und unthätig, als ob es nie gelebt hätte. Kam es daher, daß die Nerven aus irgend einer lähmenden Urſache aufgehört hatten, den Einfluß des Gehirns zu befördern? Hatten dieſe geflügelten Boten der Seele ihren Dienſt verſagt? Dann erinnerte ich mich an die 225 faſt wunderbare Wirkſamkeit des Willens, wenn er un⸗ ter dringenden Umſtänden und mit einem Kraftaufwande ſich anſtrengte, deſſen nur einige Menſchen fähig find. Ich hatte von dem indiſchen Vater gehoͤrt, der ſein Kind an ſeiner eigenen Bruſt ſäugte, nachdem er deſſen Mutter in's Grab gelegt; nun, war es nicht der Wille, der dieſes Wunder gewirkt? Ich ſelbſt habe geſehen, wie das gelähmte Glied durch die Anſtrengung der Seele wieder zu Leben und Bewegung erwachte, indem der Wille das Nerven⸗Gewebe ſtärkte und die ſchlafenden Lebenskräfte zur Thätigkeit aufrüttelte. Ich kannte einen, deſſen Herz raſch oder langſam ſchlug, je nachdem er es wollte. Ja! dachte ich begeiſtert, der Wille zu leben iſt die Kraft zu leben, und nur wenn dieſe Kraft un⸗ terlegen iſt, kann der Tod Sieger über uns ſeyn. Der Gedanke an Wiederbelebung war hinreißend, aber ich durfte mich nicht dabei verweilen; die Augenblicke eilten raſch dahin, und ſchon wurden die letzten Vorbereitun⸗ gen getroffen, meinen Körper dem Grabe zu übergeben. Und wie ſollte der Verſuch gemacht werden? Ich hatte während meiner Krankheit oft gewünſcht zu ſprechen oder mich zu bewegen, und doch war ich nie im Stande, das eine oder das andere zu thun. Da erinnerte ich mich, daß in jenen Fällen, wo der Wille ſeine Wunder gewirkt hatte, die Kräfte der Seele ſich gänzlich in den einzigen, das ganze Herz ausfüllenden Wunſch zuſam⸗ mendrängten, einen gewiſſen Zweck zu erreichen, wie der Athlet in den Spielen jede Muskel anſtrengt, um eine ſchwexe Laſt zu heben. Und ſo wußte ich, daß, wenn das Herz dem Willen ſo unterthänig gemacht werden könne, daß es, ſeinem Impuls nachgebend, das Blut wieder in die gewohnten Kanäle ſenden, und daß dann die Lunge durch dieſelbe Triebkraft dahin gebracht wer⸗ den könne, auf das Blut zu wirken, die andern Funk⸗ tionen des Körpers durch die Sympathie mit dieſen Hauptorganen leicht wieder hergeſtellt werden konnten. Lever, O'Leary. II. 15 226 Außerdem hoffte ich, daß, ſo lange die Seelen⸗Vermö⸗ gen in der Kraft, die ich noch immer fuͤhlte, fortbe⸗ ſtänden, noch viel von der ſo zu ſagen verborgenen Le⸗ benskraft im Körper vorhanden ſey: ſodann begann ich über jene Nerven nachzudenken, die den Haupteinfluß auf das Herz üben, über ihren Urſprung, ihren Gang, ihre Vertheilung, ihre Verwandtſchaft, ihre Sympa⸗ thien. Ich verfolgte ſie von ihrer Entſtehung im Ge⸗ hirne bis zu dem Muskel des Herzens, wo ſie ſich in Millionen von zarten Fäden verloren. Ich dachte auch über die Lunge nach, die ſchlaff und eingeſunken in mei⸗ ner Bruſt lag, und daß das Lebensblut in ihren Gefäßen ſtill ſtand— und ich ſuchte, das Verhältniß dieſer zwei Organe zu ergründen, mit Ausſchluß jedes andern. Ich bemühte mich alſo, den Nerven den Impuls jener Kraft mitzutheilen, auf welcher alle meine Hoffnungen beruh⸗ ten; ach es war vergeblich. Ich ſuchte meine Bruſt zu heben und zu athmen, aber ich konnte nicht; mein Herz ſank in mir zuſammen, und alle meine frühern Schrecken umdrängten und beſtürmten mich jetzt, noch weit ent⸗ ſetzlicher, da das Geräuſch und die Geſchäftigkeit im Zimmer andeutete, daß man im Begriff war, den Sarg zu ſchließen. In dieſem Augenblicke trat mein theurer Freund B—— in's Zimmer; er war mehrere Meilen weit hergekommen um mich noch einmal zu ſehen, und man machte ihm Platz, um ihn zu mir zu laſſen. Er legte ſeine warme Hand auf meine Bruſt, und o!l wie begann mein Herz zu pochen. Abermals, aber faſt ohne daß ich mir deſſen bewußt war, ſtrengten ſich meine Nerven an; meine Bruſt wurde von einem Gefühle des Berſtens ergriffen, ich fühlte ein Prickeln durch meinen ganzen Körper, darauf folgte ein Krachen und Schnar⸗ ren, als ob die angeſpannten Nerven⸗Saiten von einem plötzlichen und harten Schlage zitterten, und dann fing nach einem heftigen, krampfhaften Todeskampf, wobei mir das Blut aus Mund und Augen ſtrömte, mein Herz an zu ſchwellen, anfaugs langſam, dann im⸗ mer ſchneller, und die Nerven antworteten mit einem —— — 227 Kling Klang auf die Erſchütterung. Im gleichen Au⸗ genblicke dehnte ſich die Bruſt aus, die Muskeln ſtreng⸗ ten ſich an, wie das Tauwerk eines Schiffes in der un⸗ geſtümen See, und ich athmete wieder. Während ſo der ſchwache Anſtoß zur Wiederbelebung gegeben war, durchzuckte mich der ſchreckliche Gedanfe, das Ganze könne vielleicht nicht weſenhaft ſeyn, und die Erſchei⸗ nungen, die ich ſah, lebten vielleicht nur in meiner Ein⸗ bildungskraft. Im gleichen Augenblicke erwachte in meiner Seele der düſtere Zweifel, es möchte alles wieder verſchwinden, denn ich hörte einen Schrei des Entſetzens durch das Zimmer und von mehreren Stimmen die Worte:„Er iſt lebendig, er lebt noch!“ Das Geräuſch und die Verwirrung ſtiegen: ich hörte, wie ſie ſagten: „Bringt den B—— hinaus, ehe er ihn wieder ſieht, er iſt in Ohnmacht geſunken!“ Anweiſungen und Aus⸗ rufe der Verwunderung und des Schreckens folgten raſch auf einander, und ich kann mich nur noch erinnern, wie ſie mich aus dem Sarge hoben, und wie ich die Wärme wiederkehren fühlte, als ich, unterſtützt von den Armen meines Freundes, an ein Feuer gebracht wurde. Ich will nur noch bemerken, daß ich nach einigen Wochen peinlicher Schwäche wieder hergeſtellt wurde, nachdem ich die volle Bitterkeit des Todes gekoſtet. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Heſſen⸗Kaſſel. Der Eilwagen, deſſen Schoos ich mich anvertraut hatte, als ich Frankfurt verließ, rollte vier und zwanzig Stunden fort, ehe ich zu einem Entſchluß kommen konnte⸗ wohin ich eigentlich wollte; denn ſo iſt es— jene un⸗ umſchränkte Freiheit iſt manchmal ein wahrer Uebelſtand, und ein wenig Deſpotismus iſt dann und wann gar nicht 15 228 ſo übel— in dieſem Augenblick hätte ich gerne ein Zehn⸗ guldenſtück dafür gegeben, wenn mir Jemand meinen Weg genannt und meine Beſtimmung vorgeſchrieben hätte. „Wo ſind wir?“ fragte ich endlich, als wir mit unſern neun Pferden in einen großen gewölbten Thorweg hineinfuhren. „Im König von Preußen, mein Herr,“ ſagte ein gelbhaariger Kellner, der ächt zunftmäßig eine Serviette um ſich ſchwang. „Ah! ganz recht, aber in welcher Stadt, oder in welchem Dorfe, und in weſſen Königreich?“ „Ach du lieber Gott!“ rief er mit weit aufgeriſſenen Augen.„Wo werden Sie ſeyn, wenn nicht in der Stadt Heſſenkaſſel, im Großherzogthum Seiner königlichen Hoheit——“ „Genug— mehr als genug! Ich möchte gerne zu Abend eſſen.“ Der Speiſeſaal war, als ich eintrat, mit Reiſenden und Leuten aus der Stadt angefüllt; aber das Zimmer war ſehr geräumig, und eine ſiattliche, reichgedeckte Tafel nahm die Mitte deſſelben ein; ich ſetzte mich an dieſelbe und arbeitete mich rüſtig durch das geſchnitzte Schuhleder, Rindfleiſch genannt, durch den Kalbsbraten und den Gurkenſalat, und durch alle die andern unver⸗ daulichen Gräuel jener leichten Mahlzeit, die der Deutſche nimmt, ehe er ſich zu Bette legt. Die Geſellſchaft be⸗ ſtand, mit Ausnahme einiger wenigen Militärs, aus jener noch nicht beſchriebenen Klaſſe, woran jede deutſche Stadt Ueberfluß hat— einem dickköpfigen, langhaarigen, plump ausſehenden Geſchlecht, mit ungeheuren Seiten⸗ taſchen in den Hoſen, woraus ſicherlich ein Weichſelrohr hervorragt; höfliche, verbindliche, gutartige Leute ſind es, aber keineswegs beachtungswerth wegen ihrer Intel⸗ ligenz oder angenehmen Unterhaltung. Was für ein Geiſt kann aber auch aus einer zwölf Zoll tiefen Schüſſel voll Rüben und geſottenem Fleiſch emportauchen, und 229 welches Gehirn könnte die Eintauchung in baieriſches ier ertragen? Wie grauſam die Tyrannei Napoleons in Deutſch⸗ land geweſen ſeyn muß, kann man durchaus nicht ver⸗ ſtehen, bis man dieſes Land beſucht und etwas von ſei⸗ nen Einwohnern geſehen hat. Dann erſt kann man würdigen, was für ein Orkan es geweſen ſeyn muß, der die Gewäſſer einer ſolchen landumſchloſſenen Bucht auf⸗ regte. Nie war ein Volk ſo wenig geneigt, mit ſeinen Herrſchern zu hadern— nie war Gehorſam ſo inſtinkt⸗ mäßig eingepflanzt. Die ganze Philoſophie des Deutſchen lehrt ihn, mehr in ſich, als um ſich zu ſchauen; ſeine eigenen Hülfsquellen ſind ihm wichtiger, als der Genuß von Staatsprivilegien; und bei ſeiner friedlichen Ge⸗ müthsſtimmung hilft er ſich lieber durch Geduld, als durch Widerſtand. Faſt ein Türke in ſeiner Liebe zur Ruhe hat er keine Sympathie für Revolntionen oder öffentliche Friedensſtörungen irgend einer Art, und er muß ſchon ſtark gereizt werden, wenn er ſich zum Wi⸗ derſtand erheben ſoll. Daß er aber, wenn er ſo heraus⸗ gefordert wird, mit Kraft und Energie verfahren kann, bezeugen die Feldzüge von 1813 und 1814 zur Genüge. Zweimal hatten die franzöſiſchen Armeen für ungerechte Invaſiton Rache zu empfinden; Spanien und Deutſchland vergalten die Schmach, die ſie erlitten hatten, aber mit einem charakteriſtiſchen Unterſchied ihres Geiſtes. In dem einen Falle waren es die neckenden Angriffe wilder Gue⸗ rillas, die eben ſo ſehr von Raubſucht als von Pa⸗ triotismus beſeelt waren; im andern bot die Erhebung eines großen Volkes zur Vertheidigung ſeiner Heimat und ſeiner Altäre das glorreiche Schauſpiel einer in den Kampf ziehenden Nation dar. Die wilden Toͤne des baskiſchen Hornes erklangen nicht mit ſo begeiſterndem Eindruck, als die ſchönen Lieder Körners, wenn ſie am Wachtfeuer, oder am Herde des Bauern vorgetragen wurden. Das Verfahren ihrer eigenen Fürſten haͤtte vielleicht den Nationalgeiſt jedes andern Volkes ernie⸗ 23⁰ drigen können, aber die Anhänglichkeit des Deutſchen an’s Vaterland iſt keine Sache höfiſcher Vorſchrift oder konventioneller Uebereinkunft. Er liebt das Land und die Literatur ſeiner Väter; er iſt ſtolz auf die Recht⸗ ſchaffenheit und Ehrbarkeit, welche die anerkannten Züge des ſächſiſchen Charakters ſind; er hält feſt am ſittlichen Leben ſeines Landes, und ſo wie er keinen Angriffskrieg gegen andere verſucht, ſo duldet er auch keinen plündern⸗ den Feind auf den Feldern ſeines Heimatlandes. Anfangs, als die franzöſiſche Revolution ausbrach, gehörten die Studenten unter ihre glühendſten Bewun⸗ derer; die Zerſtörung der Baſtille wurde bei den ge⸗ heimen Zuſammenkünften der Burſchenſchaft gefeiert und obgleich das Fieber ein kurzes war und ſich nie über den denkenderen Theil der Nation erſtreckte, ſo war doch dieſem nämlichen Enthuſtasmus für Freiheit der große Ausbruch jener Energie zu danken, die im Jahr 1813 das Land von der Öſtſee bis Tyrol durchzuckte und bei Leipzig blutige Rache für Jena nahm. Bei aller Größe ſeiner Einſicht verſtand Napoleon doch nie den National⸗Charakter— vielleicht verachtete er ihn. Einer ſeiner fatalſten Irrthümer war unzweiſel⸗ haft die geringe Wichtigkeit, die er jenen Zügen bei⸗ legte, welche ein Land von dem andern unterſcheiden und die ſcheinbare Gleichgültigkeit, womit er Regierungs⸗ Grundſätze einführte, die allen Ueberlieferungen und Vor⸗ urtheilen derjenigen Völker, für die ſie berechnet waren, ſchnurſtracks entgegentraten. Das große Streben nach Centraliſation, der Ehrgeiz, Frankreich zum Herzen Eu⸗ ropas zu machen, durch deſſen Impuls das Lebensblut durch den ganzen Continent zirkuliren ſollte, alle Stamm⸗ verſchiedenheiten zu verwiſchen und den vierten Theil der Erdbewohner zu Franzoſen zu machen, dieß war eine ungeheure Idee, und wäre vielleicht nicht unmöglich ge⸗ weſen, wenn man ganze Nationen als Heere hätte an⸗ werben können. Der Verſuch, ſie durchzuführen, koſtete ihn jedoch den größten Thron der Chriſtenheit. 4 ———˖̈n::O⏑:O:⏑————- 231 Die franzöſiſche Herrſchaft in Spanien, Italien und Holland hat, weit entfernt, ſich die Liebe und Zuneigung der Völker zu gewinnen, in jedem dieſer Länder den Samen des Haſſes gegen Frankreich ausgeſäet, den viel⸗ leicht ein Jahrhundert noch nicht entwurzelt; indeſſen braucht man keinen augenſcheinlichern Beweis für Na⸗ poleons Unkenntniß in Betreff des National⸗Charakters anzuführen, als den Erfolg, den er ſich von der Lan⸗ dung ſeiner Armee in England verſprach. Seine Hoffnung auf Beiſtand von irgend einem Theile des brittiſchen Volkes,— gleichviel, wie ſchroff es auch dem Miniſterium des Tages entgegenſtand, oder wie übertrieben ſeine Wünſche für ausgedehnte Freiheiten waren,— war der chimäriſchſte Gedanke, der je einem Manne in den Sinn gekommen iſt. Bei einer noch ſo geringen Kenntniß unſeres Landes hätte er wiſſen müſſen, daß Parteizwiſte niemals die bloße Drohung einer frem⸗ den Invaſion überleben, daß die Engländer, ſo ſchroff ſie auch einander gegenüber ſtehen mögen, einen ganz andern Geiſt des Widerſtands gegen den Fremdling be⸗ wahren, der es wagen ſollte, ihr gemeinſames Land anzugreifen, und daß die Parteiung, wie feindſelig auch die Reihen einander bekämpfen, an und für ſich doch nur eine Aeußerung des Patriotismus iſt, der für ſeine Ent⸗ wicklung verſchiedene Bahnen ſucht. Es war gegen das Ende einer kleinen, über dieſen Punkt angeſtellten Betrachtung, als ich mich an der lan⸗ gen Tafel des Speiſeſaals mit noch einem Gaſte allein fand; die übrigen waren allmälig verſchwunden und hatten ihn im ruhigen Genuß ſeines Meerſchaums und ſeiner Taſſe ſchwarzen Kaffes zurückgelaſſen. Es lag etwas auffallendes in der Miene und in dem Aeußern dieſes Mannes, und ich konnte nicht um⸗ hin, ihn näher zu betrachten; er war ungefäͤhr fünfzig Jahre alt, ſeine Haltung aber war ſo gerade und ſein Schritt ſo feſt, als zähle er erſt zwanzig. Ein großer weißer Schnurrbart lief zuſammen mit einem Backen⸗ 23² bart von der gleichen Farbe und hing in gleicher Wallung über ſeine Oberlippe herab; ſeine Stirne war hoch und ſchmal, ſeine Augen lagen tief, waren von grünlicher Farbe und von ſtarken Braunen beſchattet, die zuſam⸗ menſtießen, wenn er die Stirne runzelte. Er trug einen ſchwarzen Rock, der nach preuſſiſchem Geſchmack beſchnürt und mit einem einzigen Bande dekorirt war, das nicht auf der Bruſt, ſondern an einem leeren Aermel ſeines Rockes befeſtigt war, denn erſt jetzt bemerkte ich, daß er ſeinen rechten Arm nahe an der Schulter ver⸗ loren hatte. Daß er ein Soldat war und etwas mit⸗ gemacht hatte konnte der gleichgüͤltigſte Beobachter ent⸗ decken; ſchon ſein Blick und ſeine Haltung verriethen den Soldaten. Während des Eſſens hatte er mit Nie⸗ mand geſprochen, und aus dieſem Umſtande ſowohl, als wegen ſeiner Unähnlichkeit mit den andern hielt ich ihn für einen Reiſenden. Es gibt Zeiten, wo man mehr als gewöhnlich geneigt iſt, der Phantaſte das Gebiß im Munde zu laſſen und mit ihr auf⸗ und davon zu lau⸗ fen, und ſo wob ich für meinen Gefährten eine Ge⸗ ſchichte oder vielmehr ein Duzend Geſchichten aus, und bemerkte nicht, daß, während ich eine Geſchichte für ihn erfand, er auf die undankbarſte Art ſich davonmachte und mich in einer Wolke von Tabakrauch und ſchwie⸗ rigen Vermuthungen zurückließ. Als ich am nächſten Morgen in den Saal hinab⸗ ſtieg, fand ich ihn dort vor mir; er ſaß an einem der Fenſter, die eine Ausſicht über den Platz und die fernen Gebirge gewährten, bei'm Frühſtück. Und hier erlaube mir der Leſer die Frage: Biſt Du ſchon einmal in Heſſen⸗Kaſſel geweſen? Möglicher Weiſe— noch nicht. Von dort geht nirgends hin eine Hauptſtraße. Du kommſt weder auf dem Wege nach Berlin, noch auf dem nach Dresden durch. Es hat kein Wunder der Landſchaft und der Kunſt, das die Fremden feſſeln könnte, und doch, wenn der Zufall Dich einmal dahin bringen und in den„König von Preußen“ abſetzen ſollte, ohne 233 daß Du beſondere Eile haſt, weiter zu reiſen, ſo könn⸗ teſt Du noch manchen weniger angenehmen Genüſſen nachgehen, als wenn Du eine Woche dort zubrächteſt. Der Gaſthof ſteht auf der einen Seite eines großen Platzes oder Vierecks, an deſſen beiden andern Seiten das Theater und das Muſeum die zwei andern Flügel bilden; auf dem vierten ſteht kein Gebäude, er iſt von einem maſſiven, reichverzierten Gitter eingenommen, das ſich durch ein weites Thor in eine breite ungefähr ſieben⸗ zig Fuß in einen geräumigen Park hinabführende Trep⸗ penflucht öffnet. Die hohen Ulmen und Buchen ragen mit ihren Wipfeln über das Gitter empor und nehmen ſich vom Platze aus betrachtet wie junges Holz aus; darüber hinweg in meilenweiter Entfernung kann man die kühne Taunuskette in die Wolken emporragen ſehen, ſo daß das Ganze eine Ausſicht bildet, dergleichen, was Ausdehnung und Glanz betrifft, keine andere mir be⸗ kannte Stadt darbietet. Ich konnte meiner Bewunde⸗ rung kaum Herr werden, und während ich wie ange⸗ nagelt dort ſtand, überhörte ich gänzlich die zweite Einladung des Kellners, der mir erklärte, daß mein Frühſtück in einem andern Theile des Zimmers auf mich warte. „Was, dort?“ rief ich in einiger Verſtimmung, daß ich ſo weit von aller Ausſicht ſitzen ſollte. „Vielleicht gefällt es Ihnen, mein Herr, mir hier Geſellſchaft zu leiſten,“ ſprach der Offizier aufſtehend und mit der freundlichſten Miene mich grüßend. „Wenn Sie es nicht für Zudringlichkeit——„ „Bewahre,“ verſetzte er,„ich bin ſelbſt ein lei⸗ denſchaftlicher Bewunderer dieſer Ausſicht. Ich kenne ſie ſeit manchen Jahren und fühle mich immer glück⸗ lich, wenn ein Fremder ſich mit mir daran erfreut.“ Ich geſtehe, es war mir nicht weniger angenehm, auf ſolche Art ſowohl mit dem Offizier als auch mit der Landſchaft bekannt zu werden, und ich ſetzte mich mit viel Vergnügen auf meinen Platz. Während wir 234 über die Stadt und ihre Umgebung plauderten, äußerte er ſeine Verwunderung, daß ich einen von meinen Lands⸗ leuten ſo wenig begangenen Weg eingeſchlagen habe und ſchien ſehr beluſtigt über mein Geſtäͤndniß, daß die Sache rein zufällig ſey und daß ich häufig die Wahl meiner Reiſe dem Poſtwagen überlaſſe. Da nach den Anſichten eines Fremden für engliſche Sonderbarkeit kein Streich zu närriſch iſt, ſo hielt er mich nicht für verrückt, was er, wenn ich ein Franzoſe oder Italiener geweſen wäre, ganz gewiß gethan hätte, und antwortete auf meine Verſuche, ein in ſeinen Augen ſo lächerliches Verfahren zu rechtfertigen, nur mit einem leichten Lächeln. „Sie geben doch zu,“ ſagte ich endlich, etwas ge⸗ reizt über die Gleichgültigkeit, womit er meine weiſe⸗ ſten Beweisgründe angehört hatte,„daß ſich jedes Er⸗ eigniß des Lebens um reine Zufälligkeiten dreht: welche Kleinigkeiten entſcheiden das ganze Geſchick eines Man⸗ nes, welche winzigen Umſtände beſtimmen das Schickſal ganzer Nationen, und wie taucht in unſern weiſeſten und gereifteſten Planen ein unerwarteter Zufall auf, der unſer Vorhaben zu nichte macht; gehen wir alſo keinen Schritt weiter,— überlaſſen wir dem Schickſale mehr und ſparen wir alle unſere Kräfte, um uns da, wohin wir geworfen werden, gut und geſcheid zu benehmen, — da wir auf dieſe Weiſe weniger in den Fall kom⸗ men, daß uns irgend etwas fehl ſchlägt, ſo werden wir wenigſtens eines größeren Gleichmuthes uns erfreuen, um mit dem Schickſale zu kämpfen.“ „Das mag wahr ſeyn; wenn einer ein müßiges Leben führen will, ſo mag eine ſolche närriſche Hand⸗ lungsweiſe ſo gut für ihn paſſen, als irgend eine an⸗ dere; aber bedenken Sie, nicht auf ſolche Art ſind große Thaten vollbracht und hohe Namen gewonnen; nicht durch Leichtſinn und Launenhaftigheit, nicht durch träge Nachgiebigkeit gegen den Zufall des Augenblicks, iſt Ruhm erworben worden——“ 3 23⁵ „Sie ſprechen,“ unterbrach ich,„Sie ſprechen, als ob beſcheidene Menſchen wie ich einen Platz in der Ge⸗ ſchichte einnehmen wollten, anſtatt ſich ruhmlos und vergeſſen in den Staub des Kirchhofs niederzulegen.“ „Wenn wir aufhören, anders zu handeln, als ſo, daß unſere Handlungen Erwähnung verdienen, ſo ſind wir, glauben Sie mir, auf einem falſchen Wege. Un⸗ ſer Gewiſſen mag— wie es in der That oft iſt— ein beſtochener Richter ſeyn, und nur wenn wir uns vor⸗ ſtellen, welchen Eindruck unſere Handlungs⸗ und Denk⸗ weiſe auf die Gemüther anderer macht, die von uns leſen, aber uns nicht kennen, nur dadurch finden wir jene ſichere Richtſchnur des Rechten, die bei ſo man⸗ chen weltlichen Prüfungen ſo ſchwer zu finden iſt.“ „Und meinen Sie, daß man dadurch glücklicher wird?“ „Ich ſagte nicht glücklicher,“ verſetzte er mit ſchmerz⸗ lichem Nachdrucke auf das letzte Wort.„Aber beſſer kann man werden.“ 4 Damit erhob er ſich von ſeinem Sitze, ſah auf ſeine Uhr, entſchuldigte ſich, daß er mich ſo plötzlich verlaſſen müſſe und entfernte ſich. „Wer iſt der Herr, der ſo eben fortging,“ fragte ich den Kellner. „Der Baron von Elgenheim,“ erwiderte er;„aber meiſtens nennt man ihn nur den ſchwarzen Oberſt,— Nicht wegen ſeines Schnurrbarts,“ fügte er hinzu, mit ächt deutſcher Vertraulichkeit lachend,„der iſt weiß ge⸗ nug;— ſondern weil er immer Ttrauerkleider trägt.“ „Iſt er aus Heſſen?“ „Nein, er iſt ein Ausländer, ein Schwabe, glaube ich; aber er kommt jedes Jahr hieher und bleibt in der Regel drei bis vier Wochen hier. Und was das Drol⸗ ligſte dabei iſt, obgleich er es ſchon fünfzehn bis ſechzehn Jahre ſo treibt, ſo hat er doch in ganz Kaſſel noch keine einzige Bekanntſchaft gemacht;— in der That, 236 dieſen Morgen war es das erſte Mal, daß ich ihn mit einem Fremden ſprechen ſah.“ Alle dieſe Einzelheiten, ſo gering ſie auch waren, ſtachelten doch meine Neugierde, mehr von dem Ober⸗ ſten zu ſehen, aber er erſchien weder an dieſem noch am folgenden Tage bei der Table d'Hote, und ich traf ihn nur zufäͤllig im Parke, wo ein mit kalter Höflichkeit gegebener Gruß zu ſagen ſchien, mit unſerer Freund⸗ ſchaft ſey es zu Ende. Nun gibt es gewiſſe Herbergen, wo man ſich kraft eines ſeltſamen Magnetismus ſogleich heimiſch fühlt; ſie haben einen Anſtrich von Ruhe und Frieden, der uns gleich beim Eintritte auffällt und mit jeder Stunde unſeres Aufenthaltes uns immer mehr einnimmt. Auch der Gaſtwirth hat ein aus Herzlichkeit und Ehrerbietung gemiſchtes Benehmen; der Kellner erräth unſern Ge⸗ ſchmack und unſere Vorliebe, kommt uns ſchnell zuvor und ſcheint uns als einen Stammgaſt zu betrachten, während wir doch noch fremd ſind; die gelockte junge Dame am Schenktiſche, die am erſten Tage mit wohl⸗ angebrachter Gleichgültigkeit an uns vorüberging, be⸗ grüßt uns jetzt mit einem Lächeln und einem Knix und betrachtet uns bereits als eine alte Bekanntſchaft. Für einen bequemen Menſchen, wie ich bin, iſt es unmöglich, ſolche Häuſer zu verlaſſen. Iſt es Sommer, ſo finden wir gewiß jeden Morgen beim Erwachen im Schlafzimmer einen friſchen Strauß; iſt es Winter, ſo hat der Kellner herausgebracht, wie wir unſere Pan⸗ toffeln am Kamin gewärmt und unſern Schlafrock am Stuhl gelüftet wünſchen; die Köchin lernt unſern Cotteleten⸗Geſchmack und weiß auf's Haar, wie ſie unſern Pfannkuchen mit feinen Kräutern würzen ſoll; ſogar die Wäſcherin des Hauſes hat die Falten unſeres Hemdes gezählt und würde um keinen Preis eine mehr oder weniger machen. Allmälig werden wir gewiſſer⸗ maßen ein Vertrauter des ganzen Hauſes. Der Wirth erzählt uns von der kortune der Mamſell und von der Heirat, die für ſie auf dem Tapet iſt, mit allen ihren Schwierigkeiten und Vortheilen, ihren Für und Wider; der Kellner hat uns eine geheime Leidenſchaft für das Kammermädchen anvertraut,— ſonſt wäre er, der Him⸗ mel weiß wie viele tauſend Meilen weit, auf einem wundervollen Platze, mit einem Gehalte, der ihn in Stand ſetzen würde, in weniger als zwölf Monaten ſich zur Ruhe zu begeben; und ſogar der Stiefelputzer, wenn er unſere Wellingtons an's Feuer ſtellt, ſchüttelt ſeine Schmerzen und Hoffnungeu vor uns aus und fragt uns um Rath, ob er nicht Soldat werden ſoll? Wenn dieſe Stunde kommt, dann ſind wir wie in unſerm eigenen Hauſe; es mag ſich ereignen, was da will, unſer Feuer breunt glänzend in unſerm Schlaf⸗ zimmer; es mag kommen, wer da will, unſer Diner wird vortrefflich beſorgt. Die von einem Duzend an⸗ derer Gäſte mit Neugierde begehrte Zeitung wird uns zum Leſen vorgelegt; wir ſind alsdann, mit dem Dichter zu ſprechen, „Liber, honoratus, pulcher-Rex denique Regum,“ („Frei, geehret und ſchön— kurz, aller Könige König,“) und ich darf ſagen— es gibt ſchlechtere Königs⸗ würden.. Man wende dieß auf den König von Preußen an und wundere ſich nicht, wenn ich noch drei Wochen ſpä⸗ ter darin wohnte. —— Dreißigſtes Kapitel. Der Park. In etwas weniger als vierzehn Tagen hatte ich mit einem Halbduzend guter heſſiſcher Unterthanen eine oberflächliche Bekanntſchaft gemacht, und mit drei bis vier Gäſten der Table d'Hote, mit denen ich gelegen⸗ heitlich Nachmittags in den Park ſchlenderte, um Kaffe 238 zu trinken und die jeden Abend dort ſpielende Militär⸗ muſik anzuhören, eine redſelige Vertraulichkeit geſchloſſen. Die ruhige Einförmigkeit des Lebens gefiel mir, ohne mich zu ermüden; denn zum Glück,— oder, wie einige glauben möchten, zum Unglück,— gehört meine Natur unter jene zahmen und hausbackenen, die keiner koſt⸗ baren Vergnügungen und keiner verſchwenderiſchen Aus⸗ gaben bedürfen. Ich genieße die Geſellſchaft angenehmer Leute mit einem Behagen, wie es wenige fühlen; auch kann ich mit Leuten von anderm Gepräge mich unter⸗ halten, indem ich deutlich fühle, um wie viel mehr ich zu ihnen paſſe, und wie wenig Anſpruch ich auf andere Geſellſchaft machen kann. Zum Glück habe ich auch keinen Sinn für die Freuden, über die der Reichthum allein gebietet. Die Natur hat mir das Organ dafür verſagt; ich ſuche weder ihre Wichtigkeit zu unterſchätzen, noch über ihren Gegenſtand zu ſpötteln; ich geſtehe ein⸗ fach, daß die Anlage, die ſie wünſchenswerth macht, durch irgend einen Zufall in meiner Natur fehlt, und mein geringes Vermögen war mir noch nie eine Quelle des Kummers. Nach meiner Anſicht gibt es kein größe⸗ res Glück, als in ſeinen Freuden und Vergnügungen unabhängig von andern zu ſeyn, die Quellen des Ge⸗ nuſſes in unſerm Innern zu tragen, und zu fühlen, daß unſere eigenen Gedanken und Betrachtungen unſer beſter Reichthum ſind. Es liegt hierin keine Selbſtſucht,— im Gegentheil— dergleichen Vorräthe machen uns zu beſſern Mitgliedern der Geſellſchaft, machen uns bereit⸗ williger, unſern Mitmenſchen zu helfen, und fähiger, ihnen zu rathen. Wenn man fern von dem Spiele des Lebens ſteht, kann man die Glücksquellen und die Ge⸗ ſchicklichkeit der Spieler beſſer würdigen, und da wir nichts eingeſetzt haben, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß un⸗ ſere Meinung eine richtige iſt. Aber was die Haupt⸗ ſache iſt, wie viele Genüſſe, die dem Flitter des Reich⸗ thums, oder der Größe einer hohen Stellung unbedeu⸗ tend und werthlos ſcheinen, ſind für den beſcheidenen 239 Mann Quellen täglichen Entzückens; und iſt unſer Glück etwas anderes, als eine Sammlung dieſer Kör⸗ ner der Freude? Es liegt eben ſo viel Philoſophie in dem Spielwerk der Kinder, als in der Krone des Edel⸗ manns— um ſo beſſer für den, der ſeine Wünſche auf das Erreichbare beſchränken kann. Ich habe dieſer Regel ein Leben lang gefolgt und fühle, daß, wenn ich jetzt viel von der Schnellkraft und von dem Geiſte jüngerer Tage in mir habe, ſo koͤmmt dieß daher, weil ich meine Kräfte nie überſchätzt, und nie nach mehr geſtrebt habe, als ich mit Recht anſprechen konnte. Es liegt eiwas Faulheit hierin— ich weiß es wohl— aber ich war unter einem faulen Sterne geboren und kann nicht ſagen, daß ich mein Geſchick bedaure. Aus dieſer kleinen Darſtellung meiner Neigungen und Liebhabereien kann man den Schluß ziehen, daß es mir in Kaſſel ganz wohl erging. Die Ruhe, die in dieſen kleinen entlegenen Hauptſtädten herrſcht, hat— für mich wenigſtens— etwas unausſprechlich angeneh⸗ mes: Die ſchmucken, altmodiſchen, langſam dahin ge⸗ zogenen Equipagen,— die veraltete Kleidung der Livree⸗ Bedienten,— die aufmerkſame Höflichkeit der aneinander Vorübergehenden,— die Abweſenheit alles Geräuſches, die in den verſchiedenen Läden ausgeſtellten, einfachen Verkaufsgegenſtände,— das alles in ſo mächtigem Kontraſt mit dem gewinnſüchtigen Tumult reicherer Städte ſteht,— flößt Ruhe und Zufriedenheit ein. Sie ſind die Bourgoiſie der großen politiſchen Welt,— aus⸗ geſchloſſen von dem großen Spiele, welches Kaiſer und Königreiche ſpielen— ſie ziehen ſich in die Schranken ihrer beſcheidenen, aber ſichern Genüſſe zurück, mit hin⸗ länglichen Mitteln, ſich jegliche Bequemlichkeit zu ver⸗ ſchaffen— ſie ſuchen die Welt nicht durch Prunk in Staunen zu ſetzen, ſondern begnügen ſich mit dem haͤus⸗ lichen Gluck innerhalb ihres Bereiches. Mit jedem Tag, den ich hier zubrachte, drängte ſich mir dieſe Ueberzeugung ſtärker auf. Die winzigen 240 Intereſſen, welche die öffentliche Meinung beſchäftigten, erzeugten keine heftigen Leidenſchaften, keinen übertrie⸗ benen Parteigeiſt. Die Journale, dieſe Anzeiger der Stimmung eines Volkes, waren mehr kritiſchen als po⸗ litiſchen Inhalts; ein freundſchaftlicher kleiner Streit über die Lage eines neuen Brunnens, oder den Stand⸗ punkt einer Kurfürſten⸗Statue, war das Höchſte, wohin ſich eine Erörterung verſtieg; während bei jeder Ge⸗ legenheit irgend ein kleiner Ausdruck der Gratulation zu der guten Ernte, zu der reichen Weinleſe, oder was kaum weniger geſchätzt wurde, zu der neuangekommenen vortrefflichen Operngeſellſchaft mit unterlief. Das mö⸗ gen ſehr kleinliche Lebensverhältniſſe ſcheinen, dachte ich, aber doch ſcheinen die Leute alle ganz gluͤcklich— es findet ſich da viel Behaglichkeit, keine Armuth. Es iſt wie mit dem Whiſt⸗Tiſch bei Hof, wo der Point nur einen Silbergroſchen gilt; das Vergnügen iſt ebenſo groß und niemand wird durch hohes Spiel ruinirt. Ich weiß nicht, ob ich nicht einen vortrefflichen Heſſen abgegeben hätte! dachte ich, indem ich zwei kleine Silberſtücke von der Größe eines Flimmers auf den Tiſch legte, als Bezahlung für ein appetitliches kleines Souper und für eine Tintenflaſche voll Rhein⸗ wein; und nun zum Kaffe. Ich ſaß unter einem großen Wallnußbaum, deſſen weitgeſtreckte Aeſte mich vor den ſchräg zu meinen Füßen fallenden Strahlen der untergehenden Sonne ſchützten. In geringer Entfernung davon ſaß eine kleine Familien⸗ geſellſchaft— Großvater, Enkel, kurz Alles— man konnte ſich nicht darüber täuſchen; ſie nahmen ihr Abend⸗ eſſen im Park, vielleicht zu Ehren eines Familienfeſtes. Ja, es konnte kein Zweifel darüber obwalten; es war der Geburtstag jenes niedlichen, ſchwarzäugigen Mäd⸗ chens von etwa zehn Jahren, das in ſeinem Haar einen Kranz von Roſen trug, und oben an der Tafel neben dem Greis ſaß. Während ich hinblickte, brachen alle in ein fröhliches Gelächter aus, und nun ſah ich einen 241 kleinen, kaum fünf Jahre alten Jungen, deſſen lange⸗ gelbe Locken bis auf die Mitte ſeines Rückens herabſie⸗ len, und ich hörte ihn mit ſeiner Kinderſtimme einen kleinen Vers vortragen, den er zu Ehren des Tages ge⸗ lernt hatte. Der kleine Mann, deſſen Ernſthaftigkeit mit den fröhlichen Geſichtern rings herum in ſo drolligem Kontraſt ſtand, entledigte ſich ſeiner Aufgabe mit einer Heftigkeit, wie ein Hofprediger vor gekrönten Häuptern: ließ ihn dann und wann ſein Gedächtniß im Stich, ſo drehte er ſeinen kleinen Kopf nach der andern Seite, wo eine ältere Schweſter kniete, und dann ging es wie⸗ der weiter, wie zuvor. Ich gab mir viele Mühe, die Worte aufzuhaſchen, konnte aber nur den Schlußreim jedes Verſes verſtehen den er immer lauter wiederholte als das Uebrige. „Da find die Tage lang genug, Da find die Nächte mild.“ Es war ein Bild ſolchen Glückes, daß der bloſſe Anblick ein Segen war. Ich habe die Blicke und fröh⸗ lichen Stimmen jener Nacht friſch in meinem Gedächt⸗ niß, und habe ſchon manche Meilen weit fern von dem Orte, wo ich ſie damals gehört, daran gedacht. Ein kleines Geräuſch neben mir veranlaßte mich, mich umzudrehen, und ich ſah den ſchwarzen Oberſt, wie der Kellner ihn nannte, und den ich ſeit mehreren Tagen nicht mehr geſehen hatte. Er ſaß auf einer Bank in der Nähe, aber mit dem Rücken gegen mich gekehrt, und ich konnte erkennen, daß er von meiner Anweſen⸗ heit offenbar nichts wußte. Ich muß geſtehen, ich fühlte mich etwas verletzt darüber, daß er meine Geſellſchaft zu meiden ſuchte, denn ſo viel ſchien in der kalten Höf⸗ lichkeit zu liegen, womit er mich begrüßte. Er war mit Lever, O'Leary. II. 16 24² zuerſt entgegengekommen, und es war gewiß nicht an⸗ ſtändig von ihm, ſo plötzlich abzubrechen, nachdem er meine Bekanntſchaft geſucht hatte. Während ich auf einen Rückzug ſann, kehrte er ſich plötzlichum, nahm ſeinen Hut ab und begrüßte mich mit ungewöhnlicher Höflichkeit. „Ich ſehe, mein Herr,“ ſprach er mit dem freund⸗ lichſten Lächeln, indem er die kleine Gruppe betrachtete, „ich ſehe, mein Herr, Sie ſind ein Bewunderer von hübſchen Anſichten. So wenig und einfach dieſe Worte waren, ſo reichten ſie hin, um mich mit dem Sprecher auszuſöhnen; in ſeinem Ausdruck lag eine Tiefe von Gefühl, die bewies, daß ſein Herz gerührt war. Nach einigen unbedeutenden Bemerkungen von mir über die Einfachheit des deutſchen Familienlebens und über das Gluck der Unbekanntſchaft mit jener Modeſucht, die in andern Ländern ſo manchen fortreiße, mit Rei⸗ chern zu wetteifern,— gab der Oberſt ſeine Zuſtim⸗ mung, drückte aber ſein Bedauern aus, daß die Pe⸗ riode einfacher Freuden und Sitten ſo ſchnell dahin ſchwinde. Zuerſt die franzöſiſche Revolution und nachher die Kriege des Kaiſerreiches haben viel gethan, um die urſprüngliche Einfachheit des deutſchen Charakters zu zerſtören; außerdem habe in den letztern Tagen die Reiſe⸗ Flut eine Schaar von reichen Leuten in's Land gebracht, deren Gold das einſt glückliche Landvolk verdorben habe, indem es ihm Bedürfniſſe und Gelüſte beigebracht, die es nie zuvor gekannt und auch nicht zu kennen brauche. Was die großen Städte Deutſchlands betrifft,“ fuhr er fort, ſo haben ſie kaum noch eine Spur von ihrer alten Eigenthümlichkeit beibehalten. Wien und Berlin, Dresden und München ſind nichts als armſelige Nach⸗ ahmungen von Paris; nur in den alten, weniger be⸗ ſuchten Städten, wie in Nürnberg oder Augsburg finden ſich noch die altdeutſchen Sitten. Einige wenige von den großherzoglichen Staaten— Weimar zum Beiſpiel, 243 — bewahren noch die urſprüngliche Einfalt früherer Tage, ſogar in der Hof⸗Etikette, und dort iſt die Regierung wirklich väterlich im vollſten Sinn des Wortes.) „Sie halten es vielleicht für ſeltſam, um vier Uhr bei Hof zu diniren und zu ſehen, wie die großherzoglichen Miniſter und ihre Damen— die Elite einer kleinen, in ihrem eigenen Kreiſe ſich bewegenden Welt,— zum Theil zu Fuß in Hofkleidung daher kommen, um mit ihrem Souverän zu diniren. Auch halten Sie es viel⸗ leicht für ſeltſam, nach dem Diner die Geſellſchaft auf einer Promenade im Park zu finden, wo die ganze Bür⸗ gerſchaft der Stadt mit ihren Familien einherſchlendert, Kaffe und Thee trinkt, und ihre Unterhaltung oder ihr Vergnügen nur dazu unterbricht, um den Großherzog oder die Großherzogin zu grüßen und ihnen ehrerbietig einen guten Abend zu wünſchen. Und dann, wenn es ſpäter wird, kehrt man zu einem kleinen Whiſt⸗ oder Schachſpiel in den Palaſt zurück, oder, was noch beſſer iſt, man bildet einen jener reizenden Zirkel in dem Ge⸗ ſellſchaftszimmer, wo einſt Goͤthe ſaß. Ja, ſo iſt das ſtädte,— die prächtigen Salons von London und Paris, die Ueppigkeit, die von grenzenloſem Reichthum und ſei⸗ nem ganzen Gefolge von Leidenſchaft erzeugt wird,— find da gänzlich unbekannt; aber es findet ſich da in dem Umgang mit hochbegabten Geiſtern eine Welt reinen Ge⸗ nuſſes, der für jenen Mangel mehr als entſchädigt. „Noch einige Jahre, und dieß alles wird nur noch 244 Flickwerk von Fetzen und Lappen, von ſchlechten Ueber⸗ ſetzungen ſchlechter Bücher. Die tiefe Weisheit und der geiſtvolle Humor eines Jean Paul ſind unbekannt; da⸗ gegen preist man den ſchaalen Witz einer modernen, franzöſiſchen Novelle. Den falſchen Flitter eines Dumas und Balzae zieht man dem ächten Golde eines Schiller und Herder vor; und nicht einmal Leipzig und Waterloo haben uns von der Sklaverei befreit, womit der Be⸗ ſiegte dem Sieger ſchmeichelte.“ 3 „Was wünſchen Sie denn eigentlich?“ fragte ich. „Ich wünſchte, daß die Deutſchen wieder eine Na⸗ tion bildeten,— eine Nation, deren Grenzen von der Oſtſee bis Tyrol reichen. Sprache, Bevölkerung, In⸗ ſtitutionen berechtigen uns, eine ſolche zu ſeyn und nur durch die von der liſtigen Politik fremder Mächte be⸗ wirkte Zerſtückelung in Königreiche und kleine Staaten verkümmert und vrrwittert unſere Nationalität.“ „Ich kann leicht begreifen,“ ſagte ich,„daß der Rheinbund die patriotiſchen Gefühle des weſtlichen Deutſch⸗ lands in großem Maße zerſtört haben muß; die Söhne des Landvolks wurden als Söldlinge verkauft; die Ade⸗ lichen, nicht viel beſſer, leiſteten Kriegsdienſte für eine Sache, die den meiſten unter ihnen verhaßt und ein Gräuel war—— „Da muß ich Sie unterbrechen,“ verſetzte er lächelnd; „nicht als ob Sie etwas hätten ſagen wollen oder kön⸗ nen, was mein Gefühl verletzen ſollte, aber Sie könnten es bereuen, wenn Sie erfahren, daß derſelbe, mit dem Sie jetzt ſprechen, unter jener Armee gedient hat. Ja, mein Herr, ich war ein Soldat Napoleons.“ Obgleich er dieß mit der ungezwungenſten Gutmü⸗ thigkeit bemerkte, ſo fürchtete ich doch, ich möchte be⸗ reits zu viel geſagt haben; in der That, ich kannte die Ausdrücke, deren ich mich bedient hatte, nicht genau, und es trat eine Pauſe von einigen Minuten ein, die endlich von dem Oberſt unterbrochen wurde mit den Worten— 245 „Laſſen Sie uns nach der Stadt zuruͤckgehen; denn wenn ich mich nicht irre, ſo ſchließt man um Mitter⸗ nacht die Thore des Parks, und ich glaube, wir ſind die einzigen Perſonen, die noch hier ſitzen.“ Im Geſpräch über gleichgültige Dinge erreichten wir den Gaſthof, und nachdem ich eine Einladung an⸗ genommen hatte, den Baron am nächſten Tage nach Wilhelmshöhe zu begleiten, wünſchte ich ihm gute Nacht und zog mich zurück. Einunddreißigſtes Kapitel. Die Geſchichte des Barons von Elgenheim. Jedermann weiß, wie ſchnell eine Bekanntſchaft zur Vertraulichkeit heranreift, wenn uns der bloße Zufall in Lagen bringt, wo wir keine andere Beſchäftigung, als unſere Geſellſchaft haben; Tage bringen alsdann das Werk von Jahren zu Stande, Vertraulichkeiten ent⸗ ſpringen da, wo kurz zuvor bloße Höflichkeiten ausge⸗ wechſelt wurden, und zugleich eine Freiheit des Gedan⸗ kens und der Sprache, die wir nur in unſern älteſten Freundſchaften genießen. Solcher Art war in weniger als vierzehn Tagen das Verhältniß zwiſchen dem Baron und mir. Wir fruühſtückten jeden Morgen zuſammen, machten nachher gewöhnlich einen Ausflug auf's Land, in der Regel zu Pferd, und kamen erſt zum Diner zu⸗ rück, worauf ein Spaziergang im Park unſern Tag beſchloß. Noch jetzt ſehe ich auf jene Tage, als auf die an⸗ genehmſten meines Lebens zurück, denn obgleich die Ge⸗ müthsſtimmung meines Gefährten melancholiſch war, ſo glich ſie doch mehr jener Traurigkeit, die durch irgend ein Ereigniß im Leben herbeigeführt wird, als jener Niedergeſchlagenheit, die eine Folge der Verzweiflung iſt — nebenbei geſagt, ein großer Unterſchied, ſo groß wie 246 zwiſchen dem Schatten, den wir am Mittag ſehen, und der einförmigen Schwärze der Mitternacht. Er hatte augen⸗ ſcheinlich viel von der Welt geſehen, und unter der höchſten Klaſſe gelebt; er ſprach von Paris, das er aus der prächtigen Zeit des Kaiſerreiches kannte— von den Tuilerien, als die Salons mit Königen und Sou⸗ veränen gefüllt waren— auch von Napoleon, den er naß und frierend neben dem Wachtfeuer ſah, wie er mit irgend einem„Murrkopf“ von der Garde einen rauhen Scherz wechſelte, oder im Tone der Ueberlegen⸗ heit den Marſchällen ſeine Befehle ertheilte. Der Kaiſer, ſagte er, liebte die Deutſchen nie, und obgleich mancher eine warme Anhänglichkeit für ſeine Perſon und ſeine Sache an den Tag legte, ſo waren ſie doch keine Fran⸗ zoſen und dieß konnte er ihnen nicht vergeben. Auf die Elſäßer ſetzte er Vertrauen und für ſie war er einge⸗ nommen; aber ſeine Sympathien erſtreckten ſich nicht über den Rhein, und er fühlte immer, wenn das Glück umſchlüge, ſo muſſe Deutſchland für die erlittene Schmach Rache nehmen. Wäͤhrend er über dieſe Dinge ungezwungen ſprach, bemerkte ich, daß er ſorgfältig jede Erwähnung ſeiner 4 eigenen Dienſte vermied; eine vorübergehende Bemerkung: „Ich war dabei,“ oder:„Mein Regiment war auch im Gefecht,“ war alles, was er im Betreff ſeiner ſelbſt äußerte. Sein Alter und Rang, ſchon ſeine Wunde bewieſen, daß er den Krieg in der thätigſten Zeit mit⸗ gemacht haben mußte und meine Neugierde war geſpannt, etwas aus ſeiner eigenen Geſchichte zu erfahren, ich fühlte mich jedoch nicht berechtigt, mich darnach zu er⸗ kundigen. Eines Abends kamen wir von einem Ausflug zurück, als wir in einer am Weg gelegenen Herberge einkehrten, um einen Trunk zu nehmen. Wir fanden hier eine Truppe Soldaten im Beſitz des einzigen Zimmers, wo ſie einander mit Wein bewirtheten, während ein kläglich ausſehender Menſch, die Arme auf den Rücken gebunden, 247 bleich und ſchmerzerfüllt in einem Winkel des Zimmers ſaß: ſeine Augen waren auf den Boden geheftet und Thränen ſchlichen ſich langſam über ſeine Wangen. „Was iſt das?“ fragte ich den Gaſtwirth, indem ich durch die halb offene Thür hineinſah. „Ein Deſſerteur, mein Herr——“ Kaum war das Wort geſprochen, als der Oberſt das Glas, das er in der Hand hielt, fallen ließ und ſich faſt ohnmächtig an die Wand lehnte. „Laßt uns weiter gehen,“ ſprach er mit kaum ver⸗ nehmlicher Stimme, waͤhrend ſeine Züge mit dem Tod zu ringen ſchienen. „Sie ſind krank,“ ſagte ich,„wir wollen lieber warten——“ „Nein, hiex nicht— hier nicht,“ wiederholte er ängſtlich,„ich werde in einem Augenblick wieder wohl ſeyn— leihen Sie mir Ihren Arm.“ Wir gingen weiter, anfangs langſam, denn bei jedem Schritte wankte er, als wäre er Wochenlang krank geweſen; endlich erholte er ſich und in ungefaͤhr einer Stunde, während er kaum ein Paar Worte ſprach, er⸗ reichten wir Kaſſel. Ich muß Ihnen hier gute Nacht ſagen,“ ſprach er, als wir in den Gaſthof traten,„ich fühle mich unpäß⸗ lich und will machen, daß ich in's Bett komme.“ Mit dieſen Worten drückte er mir herzlich die Hand und verließ mich, ohne ein Wort von mir abzuwarten. Es war mir nicht möglich, allerlei argwöhniſche Gedanken in Betreff des Barons zu verſcheuchen, die, als ich nach meinem Zimmer ging, in meiner Seele auf⸗ ſtiegen. Der Gedanke, der ſich meiner am meiſten be⸗ mächtigt hatte, war der, durch den Anblick des armen Deſerteurs ſey er vielleicht an irgend eine Handlung ſeines frühern Lebens erinnert worden— an irgend einen Akt militäriſcher Strenge, worüber er jetzt dieſe Reue empfinde. Offenbar rührte die anhaltende Melancholie ſeines Charakters aus irgend einem Umſtand oder Er⸗ 248 eigniß ſeines Lebens her— dieß wurde durch nichts mehr beſtätigt, als durch zufällige Anſpielungen, die er manchmal über die Tage ſeiner Jugend fallen ließ, wo er ſich durch hohe Kühnheit und Schwung des Geiſtes ausgezeichnet zu haben ſchien. Wäͤhrend ich hierüber nachdachte, feſſelte ein Ge⸗ räuſch in dem Hofraume unter meinem Fenſter meine Aufmerkſamkeit; ich lehnte mich hinaus und hörte, wie der Bediente des Barons Poſtpferde beſtellte, um ſeinen Herrn mit Tagesanbruch nach dem Meißner zu bringen, waährend bereits ein Kourrier ſich anſchickte, fort zu reiten, um auf den Stationen unterwegs Pferde zu beſtellen. 4 Ueber dieſe plötzliche Abreiſe gerieth ich abermals in Verlegenheit, und es war mir nicht möglich, eine gewiſſe Empfindlichkeit zu unterdrücken, daß er mir ſeine Abſicht, zu verreiſen, nicht mitgetheilt hatte, was doch in Betracht unſerer Vertraulichkeit in der letzten Zeit ſchon die gewöhnliche Höflichkeit erfordert hätte. Dieſe kleine Geringſchätzung— denn dafür ſah ich es an— brachte mir keine beſſere Meinung über meinen Freund bei und machte mich nicht geneigter, ihn gelind zu be⸗ urtheilen. Im Gegentheil, ich verſank immer tiefer in meinen Verdacht, als es leiſe an meine Thüre klopfte, worauf der Bediente des Barons eintrat, mit der Bitte, ich möchte gefälligſt auf das Zimmer ſeines Herren kom⸗ men, wo er mich allein zu ſehen wünſche. 3 Ich zögerte keinen Augenblick, ſondern folgte dem Manne durch den Corridor und trat in den Salon, wo alles finſter war. „Der Baron liegt im Bette, mein Herr,“ ſagte der Bediente,„aber er wünſcht Sie in ſeinem Zimmer zu en.“ ſes Der Baron lag auf einem kleinen Feldbette, das manchen Feldzug mitgemacht zu haben ſchien; er war nicht ausgekleidet, ſondern batte nur ſeinen Schlafrock angezogen und ſeine Halsbinde abgenommen; ſeine eine 249 Hand war feſt an ſein Geſicht gedrückt, und als er ſie ausſtreckte, um die meinige zu ergreifen, war ich ent⸗ ſetzt über den veränderten Ausdruck ſeiner Züge. Die Augen, blutrünſtig und wild, warfen raſche, gierige Blicke im Zimmer umher, während ſeine ausgedörrten Lippen ſchnell einige undeutliche Worte äußerten. Ich ſah, daß er ſehr krank war und fragte ihn, ob er nicht lieber einen Arzt zu Rathe ziehen wolle. „Nein, mein Freund, nein,“ erwiderte er mit mehr Ruhe in ſeinem Weſen,„der Anfall geht jetzt vorüber, er dauert ſelten ſo lange, wie dießmal. Sie haben viel⸗ leicht noch nie von der ſchrecklichen Krankheit gehört, welche die Aerzte Angina nennen, die peinlichſte von allen, und ich glaube auch die am wenigſten verſtan⸗ dene. Ich bin ihr ſeit einigen Jahren unterworfen, und da es kein Mittel dagegen gibt und jeder Anfall ſchlimmer ausgehen kann, ſo habe ich mein Leben nur unter armſeligen Bedingungen——“ Er ſetzte ein Paar Sekunden aus und fuhr alsdann mit erhöhter Aufregung fort: „Sie werden ihn erſchießen— ja, ich habe alles gehört; es iſt zum zweitenmale, daß er deſertirt iſt— er hat keine Ausſicht auf Rettung mehr.—— Mit Tagesanbruch muß ich von hier fort— vor Morgen Abend muß ich weit von hier ſeyn— bei'm leiſeſten Tone würde ich mir einbilden, ich hörte die Füſillade.“ Jetzt ſah ich deutlich, daß das Schickſal des De⸗ ſerteurs den Eindruck auf ihn gemacht hatte, der ihm den Anfall zuzog, und obgleich meine Neugierde, den Urſprung einer ſo gewaltigen Empfindlichkeit zu erfah⸗ ren, ſtärker als je war, ſo hätte ich ſie doch gerne un⸗ befriedigt gelaſſen, um ſein Gemüth zu beruhigen und ihn auf weniger aufregende Gedanken zu bringen. „Mit achtzehn Jahren war ich erſter Lieutenant unter den Garde⸗Carabinern,“ fuhr er in dicken Kehl⸗ tönen haſtig fort.„Wir waren in Straßburg einquar⸗ tirt— mehr gals die Hälfte des Regiments beſtand aus 25⁵⁰ meinen Landsleuten— einige waren aus dem nämlichen Dorfe, wo ich geboren war. Darunter war ein Junge von ſechzehn Jahren, einſt mein Mitſchüler und Ge⸗ fährte; er war das einzige Kind einer Wittwe, deren Mann in den Revolutionskriegen gefallen war. Als er konſkribirt wurde, erboten ſich nicht weniger als ſieben Andere für ihn einzuſtehen, aber der alte Girardon, der die Brigade kommandirte, gab einfach zur Antwort: „Solche tapfere Leute ſind würdig, Frankreich zu die⸗ nen— man trage ſie alle ein;“ und ſo geſchah es. Eine Woche ſpäter deſertirte Ludwig, mein Schulkame⸗ rad. Er ſchwamm bei Kehl über den Rhein und er⸗ reichte am gleichen Abend die Hütte ſeiner Mutter. Kaum war er eine Stunde daheim, als eine Abtheilung des eigenen Regiments ihn gefangen nahm. Er wurde nach Straßburg zurückgebracht, bei Fackelſchein verhöͤrt und zum Tode verurtheilt. „Der Offizier, der die Erekutions⸗Mannſchaft befehligte, ſank in Ohnmacht als der Gefangene vor⸗ geführt wurde; die Mannſchaft, entſetzt über ihre ſchreck⸗ liche Aufgabe, ſtellte das Gewehr bei Fuß, und wei⸗ gerte ſich zu feuern. In einem Augenblick war Girar⸗ don auf dem Platze— er galoppirte auf den Jüngling zu, der mit ſeinen auf den Rücken gebundenen Armen dort kniete, zog eine Piſtole aus dem Halfter, hielt ihm die Mündung vor die Stirne und ſchoß ihn todt! Die Mannſchaft wurde in die Kaſerne zurückgeſchickt und durch einen Befehl vom gleichen Tage in verſchiedene Regimenter durch die ganze Armee vertheilt— der Offizier wurde zum Gemeinen degradirt—— ich war es ſelbſt.“ 8 Nur mit der größten Schwierigkeit konnte er dieſe kurze Geſchichte zum Schluſſe bringen; er ſprach in kurzen Sätzen mit faſt krampfhafter Anſtrengung, und als er endigte, wendete er ſein Geſicht empor, und ſchien in Schmerz begraben. „Sie denken,“ ſprach er, indem er ſich umdrehte —ꝛ 251 und meine Hand in die ſeinige nahm,„Sie denken, dieſe traurige Scene ſei die Urſache meines jetzigen Zu⸗ ſtandes; wollte der Himmel, mein Gedächtniß wäre bloß mit dieſer traurigen Begebenheit belaſtet. Leider iſt dem nicht ſo.“ Er wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge, und fuhr mit ſtammelnder Stimme fort: „Sie ſollen meine Geſchichte hören— nie habe ich gegen ein menſchliches Weſen ein Wort davon ver⸗ lauten laſſen— auch glaube ich nicht, daß ich noch lange hier bleibe.“ Nachdem er ſeine Nerven mit einem kräftigen Opiat dem einzigen Mittel in ſeiner ſchrecklichen Krank⸗ heit, geſtärkt hatte, begann er— „In Straßburg wurde ich zum Gemeinen degra⸗ dirt; vier Jahre ſpäter, am gleichem Tage, wurde ich auf dem Schlachtfelde zu Elchingen zum Bataillons⸗ Chef ernannt. Von den zwölfhundert Mann unſers Bataillons, kamen hundert und achtzig aus dem Treffen; der Bericht über das Corps wurde in jener Nacht von mir ſelbſt gemacht, als vom höchſten Offizier, und doch war ich erſt Kapitän. „Wer führte die Diviſion von Stürmenden durch den bedeckten Weg?“ fragte der Kaiſer, als ich unſere Liſte von Gefallenen und Verwundeten dem neben ihm ſtehenden Duroc einhändigte. „Ich war es, Sire.“ „Sie ſind Major vom ſiebenten Regiment,“ ver⸗ ſetzte er.„Nun muß ich Sie noch um etwas anderes fragen; wie heißt der, der die öſterreichiſche Batterie am Bruückenkopf wegnahm?“ „Der nämliche, Sire,“ ſiel Duroe ein, der ſah, daß ich mit der Antwort zögerte. „Sehr gut, in der That, ſehr gut, Elgenheim; Duroc, tragen Sie ihn als Bataillons⸗Chef und als Oberſt ſeines Regiments ein. Sehen Sie. mein Herr, Ihre Landsleute nennen mich ungerecht und ungroßmü⸗ 25² thig. Zeigen Sie ihnen Ihr Brevet von dieſem Abend, und ſeien Sie wenigſtens ein Zeuge zu meinen Gunſten.“ „Ich verbeugte mich, äuſſerte einige Worte der Dankbarkeit, und war im Begriff mich zu entfernen, als Duroc, der dem Kaiſer etwas ins Ohr geflüſtert hatte, laut ſagte: „Ich bin überzeugt, er iſt der Mann dazu— Elgenheim, Seine Majeſtät hat eine höchſt wichtige Depeſche nach Insbruck an den Marſchall Ney zu be⸗ fördern. Es wird etwas mehr als bloße Tapferkeit erfordern, dieſe Sache auszuführen; es wird nicht wenig Gewandtheit dazu nöthig ſein; die Päſſe oberhalb Salz⸗ burg ſind im Beſitze der Tyroler Scharfſchützen: zwei Vedetten ſind innerhalb einer Woche abgeſchnitten wor⸗ den, und es wird wenigſtens ein Regiment dazu gehören, um durchzudringen. Sind Sie bereit, das Komando einer ſolchen Truppe zu übernehmen?“ „Wenn mich Seine Majeſtät beehren will——« „Schon gut, mein Herr,“ unterbrach der Kaiſer, „wir haben keine Zeit zu verlieren— mit Tagesan⸗ bruch werden Ihre Ordres fertig ſein— Sie werden eine Schwadron Chaſſeurs zum Rekognosziren mitneh⸗ men— halten Sie ſich bereit, Morgen außzubrechen.“ „Am folgenden Tage verließ ich das Lager mit meiner Truppe von achthundert Mann, und maſchirte ſüdwärts. Es mag ſeltſam erſcheinen, daß eine ein⸗ fache Depeſche von einigen Zeilen eine ſo ſtarke Mann⸗ ſchaft erforderte; in der That kam es mir damals ſelbſt ſo vor, aber ich erlebte es, daß in Spanien zweitau⸗ ſend Mann zu gleichem Dienſte verwendet wurden, und, was noch ſchlimmer, nicht immer mit Erfolg. In we⸗ niger als einer Woche betraten wir bei Landsberg das Gebirgsland. Die Engpäſſe, die anfangs weit genug waren, um Raum zu Manövern zu geben, zogen ſich allmälig zuſammen, während die Gebirge auf beiden Seiten wilder und höher wurden; ein niedriges Ge⸗ ſtrüppe von Stechpalmen und granuen Cichen bedeckte 2⁵³ kaum die dunkeln Granitfelſen, die loſe übereinander⸗ gethürmt waren und bereit ſchienen, beim geringſten Stoß herunter zu krachen. In den Thälern ſelbſt ſam⸗ melten ſich die Sturzbäche in einen ſtarken Strom, der unter ungeheuren Felsmaſſen in breiten Schaumflocken dahinrauſchte, zuweilen die enge Straſſe daneben beſpü⸗ lend. Hier konnten häufig nicht mehr als vier Mann neben einander gehen; und da die Windung der Thäler nie eine mehr als eine halbe Stunde weite Ausſicht geſtattete, ſo war unſere Lage im Falle eines Angriffs keineswegs eine beruhigende. Drei ganze Tage ſetzten wir unſern Marſch fort, indem wir jede erdenkliche Vorſichtsmaßregel gegen einen Ueberfall trafen; ein Theil der Kavallerie wurde ſtets als Kundſchafter vor⸗ ausgeſchickt, der andere bildete die Nachhut in einer Entfernung von einer ganzen oder halben Stunde vom Haupt⸗Corps. Die ungeheuren Klippen, die über unſern Häuptern drohten, ſo daß wir nur einen ſchmalen Streif vom blauen Himmel ſehen konnten, die traurigen Echo's der tiefen Thäler,— das heftige Rauſchen der Ge⸗ wäſſer,— oder die wilden Töne des ſchwarzen Adlers— Alles verſchwor ſich, unſere Mannſchaft in eine trau⸗ rige Stimmung zu verſetzen, wogegen ſich jeder wehrte, aber vergeblich. Es war jetzt der dritte Morgen, ſeit dem wir Tyrol betreten und noch hatten wir keinen einzigen Einwohner geſehen. Die wenigen Hütten neben der Straſſe ſtanden leer— die Herden waren von den Hügeln verſchwunden, und eine ſchreckliche Wüſte, von keinem lebenden Weſen bewohnt, dehnte ſich vor uns aus. Meine Mannſchaft war über die Einſamkeit weit niedergeſchlagener, als wenn ſie es bei jedem Schritte mit dem Feind zu thun gehabt hätte. Sie waren lange an Gefahr gewöhnt, und wären gerne auf einen Gegner in Menſchengeſtalt geſtoſſen; aber die düſtern Bilder, die ihre Einbildungskraft herauf beſchwor, wa⸗ ren Feinde, die ſie nie erwartet hatten, und denen ſie nie zuvor begegnet waren. Was mich ſelbſt betraf, ſo 2⁵⁴ bemächtigte ſich meiner in dieſer troſtloſen Lage ein einziger Gedanke; und wenn ich auf die wilden Gebirgs⸗ wüſten hinſah, wo die Hütte des Jägers oder des Schä⸗ fers ihr beſcheidenes Haupt erhob, ſo trat mir der Er⸗ oberungskrieg in ſeiner ganzen ſchrecklichen Ungerechtig⸗ keit vor die Seele. Ich fragte mich zu wiederholten Malen, was Größe und Macht durch einen Streit mit ſolcher Armuth gewinnen könne? Wieg konnte der be⸗ ſcheidene Bewohner dieſer einſamen Gegenden ein Ge⸗ genſtand königlicher Rachſucht, oder ſeine ſchauerlichen Berge ein Gegenſtand königlicher Habſucht werden? Und vor allem, was konnte der Tyroler Bauer gethan haben, um ſo über ſeine Heimat die verheerende Glut des Krieges zu bringen? Noch vor wenigen Tagen ertönte durch dieſe Thäler der fröhliche Geſang des Jägers, und man hörte das Lachen von Kindern in dieſen Hütten, wo jetzt alles ſtill wie der Tod war. Wir kamen durch eine Gruppe von wenigen Häuſern an der Oeffnung eines Thales,— man konnte es kaum ein Dorf nennen, — und hier waren ſie ſo ſpät verlaſſen worden, daß die Aſche auf dem Herd noch warm war, und in einer Hütte auf einem Tiſche noch die kleine Mahlzeit ſtand, während Diejenigen, für die ſie beſtimmt war, viel⸗ leicht Meilen weit entfernt waren. „In dieſe traurigen Betrachtungen verſunken ſaß ich auf einem kleinen Felsvorſprung hinter der Mann⸗ ſchaft, die ſelbſt auch während der Mittagshitze raſtete. Der von mir eingenommene Punkt gewährte mir eine Stunden weite Ausſicht auf den Weg den wir zurückgelegt hatten, und ich kehrte mich um, zu ſehen, ob unſere Kavallerie⸗Abtheilung noch nicht nachkomme, als ich in jener Richtung einen Gegenſtand zu erkennen glaubte, der ſich die Straße entlang fortbewegte, und ſich von Zeit zu Zeit bückte. Ich nahm mein Fernrohr und konnte jetzt deutlich die Geſtalt eines langſam daher kommenden Mannes erkennen. Daß wir auf dem Wege nicht an ihm vorübergekommen, war ausgemacht; er 25⁵ mußte daher auf dem Gebirge oder neben der Straſſe verborgen geweſen ſein. „Jeder von dieſen beiden Gedanken war hinläng⸗ lich, meinen Verdacht zu erregen, und ohne eine Se⸗ kunde zu zaudern, ſprang ich in den Sattel und brachte mein Pferd in den ſchnellſten Galopp. Als ich näher kam, ſchien ſich die Geſtalt nach der einen Seite und dann wieder zurückzubewegen, gleichſam unentſchloſſen, was ſie anfangen ſolle; aus Furcht, er möchte mir den Berg hinauf entkommen, rief ich ihm ein lautes Halt zu. Er blieb ſtehen und ich holte ihn nun ein. Es war ein alter Mann, dem Anſchein nach über achtzig Jahre; Haar und Bart waren weiß wie Schnee, und er ging tief gebückt vor Alter; ſein Anzug beſtand aus der gewöhnlichen Tyrolertracht, ausgenommen daß er noch eine Art Mantel trug mit einer weiten Kaputze, dergleichen die Pilger in Oeſterreich tragen, und wirk⸗ lich verriethen ihn als einen ſolchen ſein Stab und ſeine lederne Flaſche. Auf alle meine Fragen über die Straße und Dörfer antwortete er in einem Patois, woraus ich nicht klug werden konnte; und ob ſich gleich in allen Mundarten des ſüdlichen Deutſchlands ziemlich wohl bewandert war, ſo konnte ich doch die ſeinige durchaus nicht verſtehen. Dennoch war die Frage, wie er hieher kam, von ziemlicher Bedeutung; wenn er verborgen ſein konnte wahrend wir ſo nahe vorübergingen, warum nicht auch andere? Sein Alter und ſeine Abgelebtheit ließen den Gedanken, als ſei er den Berg herabgeſtiegen, nicht zu, und ſo war ich in einer ungewöhnlichen Ver⸗ legenheit. Während dieſe Zweifel durch meine Seele gingen, ſtand der arme alte Mann zitternd neben mir, als ob er mit Angſt dem Schickſal entgegen ſehe, das ſeiner wartete. Da ich ihn hiefür gerne entſchädigt häͤtte, zog ich meine Börſe heraus, aber kaum hatte er ſie geſehen, ſo ſträubte ſich ſeine Hand dagegen, und er ſchüttelte zum Zeichen der Verweigerung ſein Haupt. „So kommt,“ ſprach ich,„ich habe ſchon manchen 256 Pilger getroffen, der einen Schluck Wein annahm;“ da⸗ mit nahm ich meine Feldflaſche ab und reichte ſie ihm hinunter. Dieſe ergriff er mit Begierde und leerte ſie bis auf den Boden; als er fertig war, hielt er beide Hände empor und murmelte etwas, das ich für Gebet hielt. Er war das einzige lebende Weſen, das ich in dieſem Lande geſehen hatte,— es kam mir eine plötz⸗ liche Laune in den Sinn, und ich gab ihm die Flaſche zurück mit einem Zeichen daß er ſie behalten ſolle.“ „Er griff nach dem Geſchenk mit der Gier des ho⸗ hen Alters, ſetzte ſich auf einen Stein und begann die Flaſche mit gierigen Augen zu bewundern. Da ich ver⸗ zweifelte, ein verſtändliches Wort aus ihm heraus zu bringen und mich erinnerte, daß es Zeit ſey, weiter zu marſchiren, ſo winkte ich ihm ein Lebewohl zu, und ga⸗ loppirte zurück. „Bald darauf kam die Kavallerie⸗Abtheilung nach, und nun denke man ſich mein Erſtaunen, als ich erfuhr, ſie haben den alten Mann auf der Straſſe nicht geſehen und ſo genau ſie auch den Berg betrachtet, doch kein lebendes Weſen in der Nähe wahrgenommen. Ich ge⸗ ſtehe, es war mir unmöglich, einen unbehaglichen Ver⸗ dacht mir aus der Seele zu bringen, und keine Rückſicht auf ſein Alter und ſeine Abgelebtheit war im Stande mich zu beruhigen. Mehr als einmal reute es mich, ihn nicht mitgenommen zu haben, auf der andern Seite aber hätte ich mich durch die Thatſache, einen ſolchen Ge⸗ fangenen mitzubringen, im Hauptquartier dem Gelächter wo nicht einem ſchweren Verweis ausgeſetzt. „Voll von dieſen Betrachtungen gab ich Befehl zum Aufbruch. Unſer Zweck war, wo moglich noch vor Abend die Mündung des Mittenwalds zu erreichen, wo ich wußte, daß uns ein kleines, geſchleiftes Fort eine ſichere Stellung gewähren würde, im Falle wir von den Gebirgsbewohnern angegriffen werden ſollten. Als ich jedoch die auf der Karte angegebene Straſſe mit der wirklichen verglich, fand ich, daß die Entfernungen in 2⁵7 manchen Fällen bedeutend größer waren als dort, und überzeugte mich, daß wir trotz allen Anſtrengungen nicht hoffen konnten, vor dem folgenden Tag aus der Schlucht des Schwarzthals heraus zu kommen. Dieſe Thatſache beunruhigte mich ſehr; denn ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß ſich der Paß gegen den Mittenwald zu in einen bloßen Pfad verengert, der bei jedem Schritt durch herabgeſtürzte Felsmaſſen erſchwert wird, wäh⸗ rend die Berge dichter mit Unterholz bedeckt, trefflichen Schutz darboten, um ſich dort in Hinterhalt zu legen. Es ließ ſich nichts Mißlicheres denken, als ein Anariff in einer ſolchen Stellung, wo einige wenige entſchloſſene Männer in der Front den Marſch eines ganzen Regi⸗ ments aufhalten konnten, während von den engen Sei⸗ ten des Paſſes ein wohlgerichtetes Feuer die Reihen unter ihnen wegfegen mußte. „Dieſer Schlund, der da, wo er ſich zu einem bloſ⸗ ſen Thorweg zuſammenzieht, das Mittenthor genannt wird, war die Scene mancher ſchrecklichen Gefechte zwi⸗ ſchen den Franzoſen und Tyrolern, und wurde ſtets für den gefährlichſten aller Tyrolerpäſſe gehalten; jede De⸗ peſche ins Hauptquartier der Armee bezog ſich auf die dort vorgekommenen Niederlagen und enthielt Plane zur Beſetzung des in der Nähe liegenden Blockhauſes, als ein Mittel zur Vertheidigung. „Nach dem Rath meiner Offiziere, von denen einer mit allen Umſtänden des Terrains bekannt war, beſchloß ich, ungefähr eine Stunde von Wittenthor Halt zu ma⸗ chen, weil dort eine kleine Erweiterung des Thales im Falle eines Angriffs mehr Raum zur Bewegung geſtat⸗ tete; und hier trafen wir ein, als es gerade Abend wurde. Zwiſchen den Bergen lag ein kleiner eiförmiger Fleck, durch welchen ein kleiner Strom rann, der es in zwei faſt gleiche Hälften theilte, und über den eine kleine Brücke von rohen Balfen ging, von wo aus ein klei⸗ ner Pfad die Gebirge hinauf fuͤhrte. Lever, O'Leary II. 17 „Kaum waren unſere Wachtfeuer angezündet, als der Mond aufſtieg, und obgleich er ſelbſt, da wir in dem tiefen Thale lagen, unſern Augen nicht ſichtbar war, ſo ſiel doch eine reiche Flut ſilbernen Lichtes auf die eine Bergkette, ſo daß man jede Klippe wie am hellen Tage ſehen konnte. Das gegenuͤber liegende Gebirge in den tiefſten Schatten gehüllt, war Eine Maſſe ſchwarzer Finſterniß, und ſchien düſter und verhängnißvoll auf uns herabzudrohen. Die Mannſchaft war müde von dem langen Marſch und legte ſich bald zur Raſt neben ihren Feuern nieder; auſſer dem dumpfen Geräuſch des kleinen Lagers herrſchte im Thal die vollkommenſte Stille. Auf die Brücke, von wo aus man den Paß in beträchtlicher Entfernung nach beiden Richtungen überſchauen konnte hatte ich eine Schildwache geſtellt und um das Bivouak, herum zog ſich eine Kette von Patrouillen. Nachdem dieſe Anordnungen, die mich einige Zeit beſchäftigten, getroffen waren, warf ich mich ſelbſt neben meinem Feuer nieder, um zu ſchlafen; aber obgleich ich einen Tag voll Strapazen und Anſtrengungen zugebracht hatte, ſo konnte ich doch nicht einſchlummern; ſo oft ich meine Augen ſchloß, ſtand das Bild des alten Pil⸗ gers vor mir und es ergriff mich ein vages, unbe⸗ ſtimmtes Gefühl von Furcht. Ich ſuchte es für ein reines Phantaſte⸗Gebilde zu halten, das von dem Orte herrühre, von deſſen Schrecken ich ſo viel gehört; aber mein Geiſt verweilte bei allen im Schwarzthal vorge⸗ kommenen Unfallen uud verſcheuchte jeden Wunſch nach Ruhe. herdalra ich in Gedanken verſunken dort lag, wur⸗ den meine Augen von einer kleinen, ungefähr 30 Fuß hoch über mir liegenden Felsſpitze gefeſſelt⸗ auf welche der Mond abwechſelnd, je nachdem die dunklen Wolken daran vorüber zogen, ſein volles Licht warf, und ich gerieth auf den Einfall— warum und wie konnte ich mir ſelbſt nicht erklären— die Klippe zu beſteigen und von dort aus das Thal zu überſchauen. Einige Minuten — 25⁵9 ſpäter ſaß ich auf dem Felſen, von wo aus ich den Paß und das unter mir ausgedehnte Lager überſehen konnte. Es war gerade eine Scene, wie ſie Salvator zu malen pflegte; wilde phantaſtiſche Gebirge, von rauhen Tannen und Granitblöcken ſtarrend; drunten ein rauſchender, brauſender Strom; ein glänzendes Wachtfeuer mit einer bewaffneten Gruppe rings herum, deren Waffen im rothen Licht ſchimmerten; das todte Gemälde, belebt durch das eintönige Geſumm des Sol⸗ daten, der ſingend auf ſeinem Poſten auf⸗ und abging. Ich ſaß lange dort und betrachtete dieſe Scene; mancher ergötzliche Gedanke an jenes Banditenleben, wofür wir Deutſchen ſeit dem Stücke Schillers ein ſolches Intereſſe fühlten, ging mir durch die Seele, als ich von dem faſt gerade uͤber mir ſtehenden Berge das Laub rauſchen und etwas krachen hörte, wie von zer⸗ brochenen Zweigen. Es war kein Windhauch, denn außer dort bewegte ſich kein Blatt. Ich lauſchte be⸗ gierig und war feſt überzeugt, Stimmen zu hören, die leiſe mit einander ſprachen. Ich begann vorſichtig und leiſe den Berg hinabzu⸗ ſteigen, als ich, an einem vorſpringenden Winkel des Pfades angelangt, ſah, wie die Schildwache auf der Brücke, die Muskete am Backen, auf einen Gegenſtand in der Richtung des Geräuſches feſt und langſam zielte. Während ich hinſah, gab ſie Feuer, auf den Knall folgte ein Krachen in den Zweigen und ein Schrei, und wäh⸗ rend die Echo's in der Entfernung erſtarben, taumelte eine ſchwere Maſſe über die Klippe und ſiel von Rand zu Rand, bis ſie in das tiefe Gras drunten rollte. Ich hatte kaum Zeit zu bemerken, daß es der Leich⸗ nam eines vollſtändig bewaffneten Mannes war, als der ſchnelle Trommelſchlag in's Gewehr rief. In einem Augenblick war die Mannſchaft aufgeſtellt, die Kavalle⸗ rie ſtand neben ihren Pferden und die Offiziere um⸗ drängten mich und erwarteten ihre Befehle. Der Mus⸗ 17 ketenſchuß der Schildwache war es, was den Allarm gemacht hatte; denn außer ihr hatte Niemand etwas geſehen. 3 Gerade jetzt erſcholl ein wildes, unheimliches Ge⸗ ſchrei:„Ha! ha!“ von der einen Bergwand und wurde von der andern beantwortet, während die durch das Echo verſtärkten und vervielfältigten Töne hin und her wogten, als ob zehntauſend Stimmen zuſammenſchrien; ſie verſtummten— für einige Sekunden war alles ſtill, darauf brach ein Hagel von Kugeln in unſere Reihen und das Thal hallte wider vom knatternden Gewehr⸗ feuer. Jede Klippe, jeder Buſch ſchien beſetzt, während das unaufhörliche Rollen des Feuers bewies, daß wir es mit einer beträchtlichen Anzahl von Feinden zu thun hatten. Widerſtand war vergeblich— unſer Feind war unſichtbar— bei jedem Schuſſe ſiel einer unſerer Leute — was war zu thun?— Es blieb nichts übrig, als nach dem Mittenwald vorzudringen, wo ſich das Thal in eine Ebene öffnete und wo wir uns gegen noch ſo viel unregelmäßige Truppen vertheidigen konnten. Der Befehl ward gegeben, es ging im Laufe vorwärts, die Kavallerie voraus. Inzwiſchen verdoppelte ſich das Feuer der Tyroler und die fatalen Scharſſchützen fehlten ſelten. Zwei von unſern Offizieren waren bereits gefallen, drei andere, gefährlich verwundet, konnten kaum nachkommen. „Die Straße iſt verrammelt,“ rief der Sergent der Dragoner, voll Verzweiflung zum Haupt⸗Corps zu⸗ rück galoppirend. „Die Soldaten brachen, als ſie die traurige Nach⸗ richt hörten, in ein Geſchrei aus, während einige aut, den Gliedern ſprangen und rieſen:„Vorwärts, zum Sturm!“ „Ich ſtuͤrzte an die Spitze dieſer Tapfern, ſchwang meine Mütze und rief ihnen Muth zu; die andern folgten und ſo kamen wir bald vor den Verhau, der aus großen, üher die Straße geworfenen Bäumen beſtand, die durch ihre ſchweren Stämme und dazwiſchen geflochtenen Aeſte 261 ein Hinderniß bildeten, deſſen Wegſchaffung unſere Kräfte weit überſtieg. Hinüber zu klettern war unſere einzige Ret⸗ tung wir ſtürzten alſo darauf los, aber kaum waren wir in halber Musketenſchußweite, als uns eine geradeaus ge⸗ richtete Salve traf— die vorderſten Reihen der Kolonne ſtürzten wie Ein Mann nieder, andere rannten, von Verzweiflung getrieben, vorwärts, aber das mörderiſche Feuer aus den langen Büchſen theilte bei jeder Salve Tod aus, und wir ſtanden hinter den aufgehäuften Leich⸗ namen unſerer Kameraden. Inzwiſchen wurden wir von hinten ſo gut, wie von vornen angegriffen, und nun, da alle Hoffnung verſchwunden war, blieb nichts übrig, als das Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. „Ein wüthender Verſuch, die Barrikade zu durch⸗ brechen, hatte eine Art Weg gebahnt, auf dem ich, ge⸗ folgt von einem Duzend Anderer, vorſprang, unter dem Zuruf an meine Leute, mir zu folgen. Mein Triumphgeſchrei wurde jedoch von einem noch wildern beantwortet, denn in gleichem Augenblick überfiel uns eine Abtheilung Tyroler, bewaffnet mit dem zweihän⸗ digen Schwert ihres Landes. Es entſtand ein kurzer, aber blutiger Kampf, auf beiden Seiten fiel einer nach dem andern, aber durch die Uebermacht überwältigt, ſah ich meine Gefährten todt oder verwundet um mich her fallen. Was mich ſelbſt betraf, ſo ſpaltete ich dem Führer den Schädel mit einem Streich— es war der letzte, den mein Arm austheilte, im nächſten Augenblicke war er vom Rumpfe getrennt. Ich ſank mit Blut be⸗ deckt zu Boden, mein Gegner trat auf meinen Körper, zog ein kurzes Meſſer aus ſeinem Gürtel und war im Begriff, es mir in die Bruſt zu ſtoßen, als ein Schrei von einem verwundeten Tyroler an meiner Seite den Streich aufhielt, und ich ſah einen Arm ausgeſtreckt, gleichſam um mich zu beſchützen. „Von dem, wus ſpäter vorging, weiß ich nur noch wenig. Ich hörte— es iſt mir, als hörte ich es noch jetzt— das wilde Geſchrei meiner Kameraden, wie ſie unter den Waffen ihrer Feinde fielen. Das Gemetzel war ſchrecklich— von achthundert und vierzig Mann überlebte ich allein jene fürchterliche Nacht. „Gegen Tagesanbruch fand ich mich in einem Karren auf etwas Stroh liegend neben einem andern Verwun⸗ deten, der die Uniform eines Tyroler⸗Jägers trug. Sein Kopf war durch einen Säbelhieb ſchrecklich zerfetzt, und eine Musketenkugel hatte ſeinen Vorderarm zerſchmettert. Als ich ihn anſah, fuhr ein grimmiges Lächeln wilder Freude über ſeine blaſſen Züge, und er blickte mit ſchreck⸗ licher Bedeutung von meiner Wunde auf die ſeinige. Alle meine Bemühungen, das Schickſal meiner Kame⸗ raden zu erfahren, waren fruchtlos; er konnte weder mich noch ich ihn verſtehen, und nur aus den Tönen und Geberden derjenigen, die gelegenheitlich an den Karren kamen, um ihn zu ſprechen, konnte ich auf die ſchreck⸗ liche Wirklichkeit ſchließen. „An dieſem Tage und am folgenden reisten wir immer zu, aber ich wußte nichts von der Zeit. Mein Wundfſieber, vermehrt durch ein blutſtillendes Mittel, hatte ein Delirium zur Folge, ich träumte von Gefecht, und bemühte mich, wieder auf meine Beine zu kommen und frei zu werden. Auf dieſen Anfall, der mehrere Tage dauerte, folgte ein ſchleichendes Fieber, worin mir ſo wenig Bewußtſeyn blieb, daß ich von meinen Em⸗ pfindungen nichts im Gedächtniß behalten habe. „Meine erſte lebhafte Empfindung— ſie ſteht in dieſer Minute wieder vor mir— erwachte, als wir in das kleine Bergdorf Marienkreuz kamen. Ich wurde von vier Männern auf einer Sänfte getragen, denn der Pfad war nur für Fußgänger zu paſſiren. Es war Abend, und der lange Zug von Verwundeten zog ſich in mehr⸗ fachen Windungen den Bergpaß hinauf, die kleine Straße des Dorfes entlang, das jetzt mit Leuten aus der Um⸗ gebung nen ae ber die mit traurigen Geſichtern und ————„,, ,——— mit Thränen in den Augen ihre Söhne und Brüder betrachteten, oder nach denen ſich erkundigten, die ſie ——— 263 nie mehr ſehen ſollten. Die kleine Dorfkapelle verwan⸗ delte ſich in ein Spital und hieher wurden aus jeder Hütte Betten gebracht, und alle Anſtalten zur Pflege der Kranken wurden mit einer Schnelligkeit getroffen, die mich in Erſtaunen ſetzte. „Als ſie mich durch die Wölbung der Kapelle dahin⸗ trugen, rief eine Stimme einige Worte auf Tyroleriſch; die Maͤnner machten Halt, kehrten um und brachten mich zurück in eine kleine Seitenkapelle, wo ein einziger Kranker lag, den ich im erſten Augenblick als meinen verwundeten Reiſegefährten erkannte. Mit einem Nicken rauher aber freundlicher Begrüßung bewillkommte er mich, und ich wurde auf einer unter dem Altar ausge⸗ breiteten Strohmatratze neben ihn gelegt. „Warum ich in dem ſchrecklichen Gemetzel verſchont geblieben und zu welcher Beſtimmung ich aufgeſpart wurde, das waren Gedanken, die ſchnell einer tiefen Verzweiflung Raum gaben— einer Verzweiflung, die mich gegen das Leben gleichgültig machte. Der ſchreck⸗ liche Ausgang der Erpedition hätte, das wußte ich wohl, auch glücklichere Laufbahnen ruinirt, als die meinige war; denn Mangel an Erfolg war in jenem Dienſte das größte aller Verbrechen. Unbekümmert um mein Schickſal lebte ich in düſterer Gleichgültiagkeit fort, nicht Ein Strahl der Hoffnung oder des Troſtes leuchtete in die Nacht meines Elends. „Dieſe brütende Melancholie nahm gänzlich Beſitz von mir, und ich fümmerte mich nichts um das, was um mich her vorging. Mein Ohr war ſchon lange an die traurigen Töne des Krankenbettes gewöhnt— das Geſchrei des Schmerzes und die dumpfen Wehklagen⸗ rührten mich nicht mehr— nicht einmal das wilde wahnſinnige Toben des verwundeten Mannes neben mir unterbrach meine Betrachtungen, und ich lebte gleich einem in einen einſamen Kerker Eingemauerten. „So lag ich eine Nacht dort— auf meinen ge⸗ laͤhmten Lebensgeiſtern lag eine ſchwerere Traurigkeit 264 als je— ich lauſchte den wiederhallenden Tönen des Schmerzes, die nach der gewölbten Decke emporſtiegen, und wünſchte, der Tod möge mich von einem ſolchen Schauplatz des Jammers abrufen, als ich den dumpfen Geſang eines Prieſters hörte, der auf dem Gang daher kam; im nächſten Augenblick näherten ſich die Tritte mehrerer Perſonen, darauf erſchienen zwei Kirchendiener mit angezündeten Kerzen, gefolgt von einem ehrwürdi⸗ gen, weißgekleideten Mann, der in ſeinen Händen einen ſilbernen Becher trug. Ihm folgten zwei andere Prieſter die das Sterbelied ſangen, und zuletzt kam eine weibli⸗ che Geſtalt in tiefem Trauergewande. Sie war ſchlank und anmuthig gewachſen, ihr Gang hatte den feſten Schritt der Jugend, aber ihr Kopf war von Kummer niedergebeugt, und den Schleier hielt ſie hart an ihr Geſicht gedrückt. „Sie ſammelten ſich um das Bett des Verwunde⸗ ten; der Prieſter ergriff ſeine Hand und hob ſie langſam vom Bett empor; darauf ließ er ſie wieder gehen, und ſie fiel ſchwer zurück mit dumpfem Tone. Der alte Mann beugte ſich über das Bett, berührte die blaſſen Züge und ſah ihm ſtarr in die Augen; darauf ſank er mit gefalteten Händen auf ſeine Knie und betete laut; die andern knieten neben ihn— alle bis auf eine; ſie warf ſich mit wahnſinnigem Schmerz auf den Leichnam — denn er war todt!— und weinte leidenfchaftlich⸗ Vergebens ſuchten ſie ihren Kummer zu beſänftigen, oder ſie nur von der Stelle wegzubringen. Sie klammerte ſich wie wahnſinnig feſt an denſelben, und wollte ſich nicht bewegen laſſen, ſich von ihm zu trennen. „Ich glaube ſie noch vor mir zu ſehen— ihr langes Haar, ſchwarz wie die Nacht, ſtrömte von ihrer blaſſen Stirne zurück und hing über ihre Schultern— ihre Augen waren auf das Geſicht des todten Mannes gehef⸗ tet, und ihre Hände hart an ihr Herz gepreßt, gleichſam um ihren Schmerz einzulullen. Bei aller wilden Lei⸗ denſchaft ihres Kummers war ſie ſchön; denn obgleich 265 von krankhafter Bläſſe überzogen und vom Wachen ab⸗ gezehrt, gaben ihr doch ihre groſſen, glänzenden Augen — ihre gerade, fein, wie eine antike Kamee gemeißelte Naſe, und ihr Mund— worauf ſich Stolz mit Kum⸗ mer miſchte— einen Ausdruck von Liebenswürdigkeit, die ich nicht ſchildern kann. „So war ſie, als ſie neben dem Todtenbette ihres Bruders wachte, bei Tag und bei Nacht, regungslos und ſtill; denn als der erſte Ausbruch des Schmerzes vor⸗ über war, ſchien ſte ihren Muth für ihre Aufgabe zu ſtärken, und ſelbſt als die Stunde kam und man den Leichnam an ſeine letzte Ruheſtelle trug, entfuhr ihr kein Seufzer und kein Schluchzen. „Die leere Stelle— obgleich ſie von Schmerz und Jammer eingenommen war— machte mein Herz noch trauriger. Ich war gewohnt, jeden Tag bei Sonnenauf⸗ gang mich nach ihm umzublicken, und jeden Abend, wenn ſich das Licht des Tages neigte ihn zu betrachten; und nun trauerte ich wie ein Einſamer und Verlaſſener. Nicht ganz allein; denn wenn der Abend kam, ſo war ſie, gleichſam der Macht der Gewohnheit folgend, an ihrer Stelle neben dem Altar. „In jener Nacht nagten an meiner Seele das Fieber und meine eigenen ängſtlichen Gedanken; und als ich erwachte, fühlte ich mich heiß und ausgedörrt, wünſchte zu trinken und ſuchte mit meinem einzigen Arm den ne⸗ ben mir ſtehenden Becher zu erreichen. Sie ſah meine Anſtrengung, ſprang ſogleich auf mich zu, und während ſie ihn an meine Lippen hielt, erinnerte ich mich, daß ich ſie oft in den traurigen Nächten meiner Krankheit neben meinem Bette geſehen hatte, wo ſie mich wartete und pflegte. Ich murmelte ein Wort der Dankbarfeit auf Deutſch, als ſie plötzlich zuſammenfuhr, ſich über mich bückte, und mit klarer Stimme fragte: „Biſt Du ein Deutſcher?“ „Ja“ ſagte ich traurig, denn ich verſtand, was ſie meinte, 266 „Schande! Schande!“ rief ſie entſetzt ihre Hände ringend;„wenn Wölfe unter den Heerden wüthen, ſo liegk dieß nur in ihrer Natur, aber wenn unſere eigene Werwandtſchaſt unſer eigenes Fleiſch und Blut ſo etwas thut——⸗ „Ich kehrte beſtürzt und beſchämt mein Geſicht ab und meinem Herzen entrang ſich ein ſchmerzhaftes Schluchzen. „Nein, nein, nicht ſo,“ ſprach ſie,„eine arme Bäurinn kann nicht beurtheilen, welche Gründe auf Sie und andere Ihresgleichen eingewirkt haben, und am Ende,“— dieſe Worte ſprach ſie mit zitternder Stimme — und am Ende haben Sie ihn gelabt, da Sie ihn für krank und müde hielten.“ „Ich— wie ſo? Es ſtand nie in meiner Macht— „Ja, ja,“ rief ſie leidenſchaftlich,„Sie waren es; dieſe Flaſche gehörte Ihnen; ſo ſagte er mir; er ſprach hundertmal von Ihnen.“ Und im gleichen Augenblick hielt ſie die kleine Flaſche empor, die ich dem Pilger im Thale gegeben hatte.“ „War denn der Pilger—— „Ja,“ ſagte ſie, indem ein Blitz des Stolzes über ihre Züge fuhr,„er war mein Bruder. Manche Meile weit wanderte er über Berg und Moor, um Ihnen zu folgen; matt und hungrig machte er keinen Halt und folgte Ihnen auf der Ferſe ſeit der erſten Stunde, da Sie unſer Land betraten. Meinen Sie, ohne ihn wären Sie in dem Gemetzel jener Nacht verſchont worden, oder aus einem andern Grunde hätte ein Tyroler Mäd⸗ chen neben Ihrem Bette gewacht und für Ihre Wieder⸗ herſtellung gebetet.“ „Jetzt durchleuchtete mich die ganze Wahrheit; jeder zweifelhafte Umſtand wurde vor meiner Seele klar und ich erkundigte mich begierig nach dem Schickſal meiner Kameraden. „Ein düſteres Kopfſchütteln war die einzige Antwort. „Alle?“ fragte ich zitternd. 267 „Alle!“ wiederholte ſie in einem Tone, deſſen Stolz faſt in Granſamkeit überging. „O, wäre ich doch mit ihnen gefallen!“ rief ich in der Bitterkeit meines Herzens und ich kehrte das Geſicht ab und überließ mich meinem Kummer. „Gleichſam bekümmert über den Ausdruck meines Schmerzes, den ſie veranlaßt hatte, ſetzte ſie ſich neben mein Bett, nahm meine Hand in die ihrige und drückte ihre Lippen darauf, indem ſie einige Worte des Troſtes murmelte. Wie friſches Waſſer die ausgedörrten Lippen des Wanderers in der Wüſte erquickt, ſo ſielen ihre Worte auf mein faſt gebrochenes Herz und zündeten noch eine Hoffnung an, wo nichts als Finſterniß und Verzweiflung war. Ich lauſchte jedem Worte mit Zit⸗ tern und Beben, aus Furcht, ſie möchte aufhören zu ſprechen und mein Entzücken möchte nichts ſeyn als ein Traum. Von Stund an gewann ich das Leben wieder lieb; es kam ein anderer Geiſt über mich, und es war mir, als ob ich noch einmal die Erde betreten ſollte, mit höhern und edleren Gedanken. Ja, von den be⸗ ſcheidenen Lippen eines Bauernmädchens lernte ich fühlen⸗ daß der Pfad, den ich einſt für den einzigen Weg zum Heldenthum und zu hohen Thaten hielt, weiter nichts ſeyn könne, als das Gewerbe des Banditen, der ſein Blut für Gewinn verkauft, daß ein Krieg, der, wenn er von hochherzigem Patriotismus ausgeht, jedes Gefühl einer großen und edelmüthigen Natur hervorrufen kann, in einer ungerechten Sache die niedrigſte Sklaverei und Entartung mit ſich führt. Lydchen wich ſelten von meinem Bette, denn meine Krankheit nahm mancherlei Richtungen, und es dauerte lange— mehrere Monate — bis ich im Stande war, mein Bett zu verlaſſen und in der Kapelle auf und ab zu gehen. „Inzwiſchen hatten die Siege unſerer Armee allmälig das ganze Land unter die franzöſiſche Herrſchaft ge⸗ bracht, und außer den eigentlichen Veſten ihrer Gebirge hatten die Tyroler nichts mehr, das ſie ihr eigen nen⸗ 268 nen konnten. Jeden Tag kamen Bauern mit der Nach⸗ richt, daß ſich immer friſche Truppen aus Deutſchland ergoſſen und die Hoffnungen der patriotiſchen Partei ſanfen immer tiefer. Eines Abends, als ich auf den Stufen des kleinen Altares ſaß und zuhörte, wie mir Lydchen eine Tyroler⸗Sage vorlas, zog ein wildes Ge⸗ ſchrei in der Straße des Dorfes, das, je näher es kam, an Stärke zu gewinnen ſchien, unſere Aufmerkſamkeit auf ſich. Sie fuhr plötzlich zuſammen, warf ihr Buch weg und ſtürzte aus der Kapelle. Im nächſten Augen⸗ blick war ſie wieder zurück an meiner Seite, ihr Geſicht leichenblaß und ihre Glieder zitternd vor Furcht. „Was gibt's? Sprich um Gotteswillen, was gibt's?“ ſagte ich. „Die Franzoſen haben auf dem Marktplatze in Insbruck die Gefangenen erſchoſſen; dieſen Morgen ſind acht und zwanzig gefallen,“ rief ſie,„ſieben hier aus dem Dorfe, und nun ſchreien ſie laut nach Ihrem Blute, hoͤren Sie's?“ „Bei dieſen Worten erſcholl aus der Menge draußen ein ſchreckliches Geſchrei und ſchon ſtanden ſie am Ein⸗ gang der Kapelle, die, wie ſie nicht einmal in ſolcher Zeit vergeſſen hatten, ein Heiligthum war. Selbſt die Verwundeten richteten ſich auf in ihren Betten und ver⸗ miſchten ihr ſchwaches Geſchrei mit dem von Außen erſchallenden, und der ſchreckliche Ruf:„Blut um Blut!“ erhob ſich zu der gewölbten Decke. „Ich bin bereit,“ ſprach ich, von der niedrigen Stufe des Altares aufſpringend.„Sie ſollen dieſe heilige Stelle nicht mit ſolchem Frevel entweihen. Ich bin bereit zu gehen, wohin Ihr wollt.“ „Nein, nein,“ rief Lydchen,„Siesſind nicht wie unſere Feinde; Sie wünſchen uns nichts Böſes; Ihr Herz iſt für den Kampf eines tapfern Volkes, das nur fuͤr Heimat und Vaterland ſtreitet. Treten Sie alſo zu uns, erklären Sie, daß Sie mit uns ſind. 9* thun Sie das und dieſe Maͤnner werden Ihre Brüder ſeyn 269 und ich Ihre Schweſter; ja, mehr als eine Schweſter jemals war.“ „Es kann nicht ſeyn; nein, nie,“ ſagte ich,„Treue darf nicht wanken, auch nicht, wenn das Leben auf der Wagge ſchwebt.“ Nicht ohne Schwierigkeit befreite ich mich von dem Druck ihrer Arme, denn in ihrem Schmerz hatte ſie ſich mir zu Füßen geworfen; als wir plötzlich die Stimme des alten Prieſters hörten, der auf den Stufen des Altars ſtand und Stillſchweigen gebot. Er ſprach ernſt und ſtrenge, und ich konnte bemerken, daß ſich im Fortgang ſeiner Rede kein Murren erhob. „Sie ſind gerettet,“ flüſterte Lydchen,„bis morgen ſind Sie gerettet; vorher müſſen Sie weit weg von hier.“ Die vom Prieſter mir ausgewirkte Friſt ſollte bloß dazu dienen, um mich für den Tod vorzubereiten, den ich am folgenden Morgen auf dem Platze des Dorfes erleiden ſollte. Kaum hatte es begonnen Abend zu werden, als Lydchen an mein Bett trat, einen kleinen Bündel darauf ablegte und leiſe flüſterte:„Verlieren Sie keine Zeit, ziehen Sie dieſe Kleider an und warten Sie, bis ich zurück bin.“ Die kleine Seitenkapelle, wo ich lag, ſtand durch eine ſchmale Thüre mit der Wohnung des Prieſters in Verbindung, und da ſie durch dieſe Thüre kam, ſo ſah ich, daß der Vater ſelbſt den Plan meiner Entweichung begünſtigte. An dem unvollkommenen Schein des dahin⸗ ſchwindenden Tages konnte ich erkennen, daß die Kleider, die ſie mir gebracht, von ihrem Bruder waren; die Jacke war noch mit ſeinem Blut befleckt. Bei meinem einzigen Arme dauerte es lange, bis ich mich angezogen hatte, und ſie rief mir mehr als einmal zu, ich ſolle mich beeilen. Endlich ſtand ich auf und ging durch die Thüre in das Haus des Prieſters, wo Lydchen in Hut und Mantel reiſefertig auf mich wartete. Als ich ihr Vorſtellungen 270 zu machen ſuchte, drückte ſie ihre Hand auf meinen Mund und führte mich, auf den Zehen gehend, weiter. Wir kamen in einen kleinen Garten, und nachdem wir den⸗ ſelben durchſchritten, öffnete ſie eine Pforte, die auf die Straße führte. Dort erwartete uns ein Bauer, der ein kleines Bündel auf der Schulter trug und mit dem auf Bergreiſen gewöhnlichen langen Stab verſehen war. Sie gab mir abermals ein Zeichen zu ſchweigen, ging mir voran, verließ bald die Straße und ſchlug einen Fußpfad in dem Gebirge ein. Die friſche Nacht⸗ luft und das Gefühl der Freiheit ſtärkte meine Nerven und ich ſchritt fort, bis der Tag anbrach. Unſer Weg führte gewöhnlich abwärts und ich fühlte wenig Müdig⸗ keit, als bei Sonnen aufgang Lydchen mir ſagte, wir dürften jetzt einige Stunden ausruhen, da unſer Führer Stunden weit rings um ſich ſehen, die Ankunft jedes Menſchen entdecken und uns an einen ſichern Ort bringen könne. Es wurde jedoch in dieſer Richtung keine Ver⸗ folgung angeſtellt; die Bauern meinten aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, ich würde nach Lahn mich wenden, wo eine ſtarke franzöſiſche Beſatzung lag; wäͤhrend wir auf Salzburg zugingen und ſo den längſten, aber auch unwahrſcheinlichſten Weg durch Tyrol einſchlugen. Ein Tag ſolgte auf den andern und wir kamen immer weiter. Nicht Ein lebendes Weſen fanden wir auf unſerm einſamen Pfad; ſchon ging es mit unſerm kleinen Vorrath an Lebensmitteln zu Ende, als uns der Weiler Altendorf noch einen einzigen Tagmarſch vom Salzburger See entfernt, zu Geſicht kam. Das Dorf, obgleich hoch im Gebirge, lag gerade unter uns, und von der Anhöhe, auf der wir ſtanden, ſahen wir die kleinen Straßen des Ortes und den Markt⸗ platz wie eine Landkarte unter uns. Kaum hatte der Führer ſeine Augen hinabgeworfen, ſo blieb er plötzlich ſtehen, deutete auf den Ort und rief:„Die Franzoſen, die Franzoſen!’“ 3 Wirklich bivouakirte eine ſtarke Abtheilung Infanterie 271 in den Str Gärten Phben und nehres hete Afunden 8 den voranſchlich, um den Platz näh auer vorſichtig ich neben Lyd en Platz näher zu beſehen, ſtand ich nTha ſpchen die, die Hände auf's Geſicht gedrückt, „Hier ſcheiden wir!“ ſprach ſie mi Stimme, gleich 1 ach ſie mit ſtarker, voller Schwäche de ſen fentſzlaͤtn„in ihren Worten keine „Scheiden, L ref jch; 1 is z8 1fehr Aandber di igin Todesangſt, denn ſie nach Tyrol zurückzukehren d heaiht geglaubt, daß Ja. Mei r liegt.. und meinem Kei Viene i degtaan mäden thrinat glauben, ein Tyroler⸗Mädchen kö onnte u die ſein Vaterland wüſte gel önne unter jenen leben, ; t und ſie ſelb Waiſe gemacht hab gelegt und ſie ſelbſt zu einer ihrer“ einzigen von „Gibt i 5; chen? Iſt 3 ſene. Baudeeeht gei des Dites, Ad⸗ daß ſeine lebenslängliche V egen den Fremdling, im Stande Fbeigla icen Kiehyane und Anbetung nicht „Du haſt mich ſchon Vorhuſn Dich abzubringen?“ 33 ſtolz,„ich habe Dir eadn eith an neg ſprach u mit Ehren mi en zu ſeyn, als Jetzt nit hren nurzu anr Dealmgen machen konnteſt. Kaiſer Franz wäreſt.“ haben, auch wenn Du der „O, Lydchen vri i e de eenes ess gite erderriee de eben eine Gabe des Him ℳ aſt, daß das 3 H ls iſt. Bedenk wenn Dein mels iſt. Bedenke, daß Du immer Vedib Hafß kehit gegen mich iſt, das meinige für „Willſt Ma han ach verlaſſe Dich eht. Nein den bringen und mich ehna or unter Deine Kameraden chen, das Du gefan 5 ke en Als ein Tyroler⸗Mäd⸗ „O, theuerſtes Lodche aͤls eine Kriezs beute?“ „Riele rief ſie, indem ihr euſt di ſsgligern und ihr 1 ihre Augen ſtolz blitzt ihre Wange ſich röthete,„nie, ich hal⸗ das Dünt wurde vor ein Kriegsgericht geſtellt, mit Chren frei 272 Hofers in meinen Adern, und meinſt Du, ich moͤchte Deinen hochgebornen Damen, die mich nicht einmal zu ihrem Kammermädchen tauglich finden würden, als Gegenſtand des Scherzes und des Spottes dienen? Lebe wohl, ich hoffte, weniger in Zorn, als in Kummer von Dir zu ſcheiden.“ „Dann bleibe ich,“ war meine Antwort. „Zu ſpät, zu ſpät,“ rief ſie traurig mit der Hand winkend;„die Stunde iſt vorüber, ſehen Sie, dort kommen Ihre Truppen; ein Augenblick länger, und ich werde gefangen genommen; Sie werden wenigſtens dieß nicht wünſchen——“ „Während ſie ſo ſprach, ſah man eine Kavallerie⸗ 8 Abtheilung im Galopp das Thal heraufkommen, noch einige Minuten, und man hätte ſie entdeckt; ich kannte zu wohl die rohe Natur der Soldateska, als daß ich ſie einer ſolchen Gefahr hätte ausſetzen mögen. Ich ſchloß ſie zum letztenmale in die Arme und ſprang im nächſten Augenblicke den Pfad hinab auf die Dragoner zu. Ich kehrte mich noch einmal um, aber ſie war fort; der als Führer dienende Bauer hatte den Rand des Abarunds verlaſſen, und beide waren meinen Blicken entſchwunden. „Meine Geſchichte iſt nun bald zu Ende— ich geſprochen und behielt meinen Grad, wurde aber penſionirt, da meine Wunde mich dienſtunfähig gemacht hatte. Drei Jahre lang lebte ich zurückgezogen in der Nähe von Mainz, die traurige Erinnerung an ein einziges un⸗ glückliches Ereigniß verbitterte jede Stunde meines Le⸗ bens. „In der erſten Hälfte des Jahres 1809 rückte eine ſtarke Abtheilung der franzöſiſchen Armee, befehligt von meinem alten Freund und Gefährten Lefebvre in Mainz ein; ſie war auf dem Marſch nach Oeſterreich, und da jetzt meine Geſundheit wieder hergeſtellt war, ſo ließ ich mich von ihm überreden, als erſter Adjudant in ſei⸗ nen Stab zu treten. In der That hätte ich bei meiner 273 Gleichgültigkeit über mein Schickſal in allerlei gewilligt, und ich fügte mich in jede Anordnung des Generals, als wäre ich bei der Sache ganz unbetheiligt. „Ich brauche die Ereigniſſe dieſes ſchnellen und glänzenden Feldzuges nicht zu beſchreiben; ich will nur bemerken, daß Eckmühl und Regensburg wieder alle Glut des Soldaten in meinem Herzen entzündeten, und daß das Getümmel der Schlacht und das Getöſe der marſchierenden Kolonnen abermals meinen ſchlafenden Enthuſiasmus erweckte. „Im Monat April rückte ein Armee⸗Corps von zwanzigtauſend Mann in Tyrol ein, und drang bis an den Niederwald vor, wo Lefebvre ſein Hauptquar⸗ tier hatte. Ich kann mich nicht dabei verweilen, von den ſchrecklichen Scenen jener Periode zu ſprechen— ein ſo fürchterlicher Widerſtand war unſern Waffen noch nie begegnet. Jeden Tag wurden einzelne Abtheilungen abgeſchnitten— ganze Kolonnen verſchwanden, ſo daß man nie mehr von ihnen hörte— kein Bivouak war vor nächtlichen Angriffen ſicher, und ſogar an den Thoren von Innsbruck wurden die Schildwachen auf ihren Po⸗ ſten häufig todt gefunden, aber, was ſchlimmer als alles war, es kamen täglich Beiſpiele von Ermordungen durch Bauern vor, die, zuweilen als Markedenter ver⸗ kleidet, ins Lager ſchlichen, und ſich eine Gelegenheit ausſahen, unſere Oſſiziere zu erſtechen oder zu erſchieſ⸗ ſen, ſcheinbar gleichgültig gegen den gewiſſen Tod, der ſie erwartete. Dieß kam ſo häufig vor, daß kaum ein Bericht gemacht wurde, der nicht ein Paar ſolche Fälle ent⸗ hielt, und man traf daher jede erdenkliche Vorſichtsmaß⸗ regel, ſo daß jeder Bauer, bei dem man Waffen fand — und zwar in einem Lande, wo Niemand unbewaff⸗ net iſt, ohne alles Verhör erſchoſſen wurde. „Daß dem Volk wenig Gnade oder vielmehr Ge⸗ rechtigkeit zugemeſſen wurde, wird Jedermann glauben, Lever, O'Leary. II. 18 1 274 wenn ich bloß ſage, daß Girardon Kommandant der Beſatzung war, und täglich den Hinrichtungen auf der Parade beiwohnte. Eines Morgens geſchah es, daß dieſer wilde alte Offizier von einem öſterreichiſchen Bau⸗ ern, der lange Zeit als Bedienter im Lager geweſen war, und ſich bedeutendes Zutrauen erworben hatte, geſtochen wurde. Der Mann wurde ſog eich zur Hin⸗ richtung auf den Platz geführt wo ſich noch ein Ge⸗ fangener befand— ein armer Knabe, der innerhalb der Linien gefunden wurde und nicht im Stande war, über ſeine Anweſenheit daſelbſt Rechenſchaft zu geben. „Girardon indeſſen war nur leicht verwundet und widerrief den Befehl zur Hinrichtnng ſeines Mörders nicht aus Gründen der Barmherzigkeit, ſondern um ſie zu verſchieben, bis er im Stande wäre, ſie ſelbſt mit anzuſeben. Und mich, da ich im Kommando der nächſte war traf die traurige Pflicht, auf der Parade zu er⸗ ſcheinen. Die kurze Mittheilung, die ich von Girar⸗ don erhielt, erinnerte mich an ein früheres Beiſpiel mei⸗ ner Schwäche, und drückte die höhniſche Hoffnung aus, ſeitdem ich in Straßburg zum Gemeinen degradirt wor⸗ den ſei, möchte ich vielleicht über die Pflicht eines Sol⸗ daten beſſer unterrichtet ſein. „Als ich den Platz erreichte, fand ich die Stabsoffi⸗ ziere in der Mitte des Vierecks, wo ein Tiſch ſtand, auf welchem der Befehl zur Hinrichtung lag, und auf meine Unterſchrift wartete. „Der Gefangene wünſcht mit dem kommandirenden Offizier ein Wort zu ſprechen,“ ſagte der Ordonanz⸗ Sergent. „Ich kann ſeine Bitte nicht gewähren,“ erwiderte ich, von Kopf bis zu Fuß zitternd, da ich wohl wußte, wie vollſtändig mich eine ſolche Unterredung entmannen würde. „Er fleht Sie inſtändigſt darum an, und ſagt, er habe vor ſeinem Tode ein wichtiges Geheimniß zu ent⸗ hüllen.“ 275 „Die alte Geſchichte— fünf Minuten länger leben und Sonnenſchein,“ ſagte ein alter Offizier neben mir. „Ich kann es nicht zugeben,“ ſprach ich,„und wün⸗ ſche mit ſolchen Bitten verſchont zu bleiben.“ „Dieß iſt das Einzige was man thun kann, Oberſt.“ ſagte ein anderer„in der That können ſolche Friſten wenig helfen, beide Parteien leiden nur um ſo mehr darunter.“ „Dieſe Rede ſchien meinen ſelbſtſüchtigen Entſchluß zu beſtärken, ich ergriff die Feder und ſchrieb meinen Namen unter den Befehl; darauf händigte ich denſelben dem Offizier ein, bedeckte mein Geſicht mit der Hand und ſaß dort, den Kopf auf den Tiſch geſtützt. „Ein Geräuſch in der Front und ein wildes Angſt⸗ geſchrei ſagte mir, daß die Vorbereitungen begonnen hat⸗ ten, und ſchnell wie der Blitz folgte ein krachendes Pe⸗ leton⸗Feuer. Ein gellender, durchdringender Schrei miſchte ſich in das Krachen, und alsbald riefen die Sol⸗ datan:„Es iſt ein Weib!“ „Wahnſinn in meinem Gehirn und mit einer vagen Furcht— ich weiß nicht wovor— ſtürzte ich vorwärts durch die Menge, und dort auf dem Pfaaſter lag, in ih⸗ rem Blute ſich wälzend. der Leichnam Lydchens; ſie war tndt⸗ ihr Buſen war von einem Duzend Kugeln durch⸗ ohrt. „Ich ſiel auf die Leiche, das Blut ergoß ſich in Strömen aus meinem Munde; und als ich aufſtund, geſchah es mit einem gebrochenen Herzen, deſſen Leiden mich in's Grab bringen.“ Dieſe traurige Geſchichte habe ich erzählt, ohne mich zu bemühen, meinem Leſer den Ton deſſen, der ſie mir mittheilte, oder den ſchrecklichen Widerſtreit von Gefühlen zu ſchildern, der ihn zuweilen unterbrach. An einigen Stellen waren die Worte, die er gebrauchte die nämlichen die ich angeführt habe da ſie in meinem Gedächniß feſtgewurzelt blieben und mit den Thatſachen 18 276 ſelbſt verknüpft waren. Dieſe unbedeutenden Einzeln⸗ heiten ausgenommen, habe ich die Geſchichte erzählt, wie ſie in meiner Erinnerung lebt, verknüpft mit einer der traurigſten Nächte deren ich mich entſinne. Es war faſt Morgen, als er erſchöpft und ermüdet ſchloß, indeſſen war er allem Anſchein nach ruhiger nach der freien Ergießung ſeines Kummers, den er nicht länger unterdrücken konnte. „Verlaſſen Sie mich jetzt,“ ſagte er,„für einige Stunden. Mein Bedienter wird Sie rufen, bevor ich abreiſe.“ Vergeblich bot ich ihm meine Begleitung an, in⸗ dem ich, was ich mit leichtem Gewiſſen thun koͤnnte, ihm vorſtellte, daß Niemand weniger an Ort oder Zeit gebunden ſei. Er ſchlug mein Anerbieten aus, mit der Erklärung, ſtrenge Abgeſchiedenheit allein könne ihn nach einem ſeiner Anfälle wieder herſtellen, und die ge⸗ ringſte Aufregung bewirke unveränderlich einen Rückfall. „Wir werden uns bald wieder treffen, hoffe ich war das höchſte Verſprechen, das ich von ihm erhalten konnte; und ich ſah ein, daß es unrecht und unzart geweſen wäre, weiter in ihn zu dringen. Ich legte mich zu Bette, konnte aber nicht ſchlafen ein ſeltſames Gefühl der Angſt und Furcht, vor etwas Unbeſtimmtem lag über mir, bei jedem Geräuſch ſtand ich auf und ſah zu dem Fenſter hinaus auf die Straſ⸗ ſen hinab, wo alles ſtumm und ſtille war. Die ſchreck⸗ lichen Umſtände der Erzählung lagen wie ein Alp auf meiner Seele, und ich konnte ſie nicht los werden. End⸗ lich ſank ich in einen halben Schlummer, woraus ich durch den Bedienten des Barons erweckt wurde. Sein Herr war gefährlich krank; er hatte einen neuen Anfall bekommen und das Bewußtſein hatte ihn verlaſſen. Ich eilte nach dem Zimmer, wo ich den Kranken halb an⸗ gekleidet auf dem Bette ausgeſtreckt fand, mit purpur⸗ rothem Geſichte die Augäpfel bis zum Berſten ange⸗ ſtrengt; ſein Athem war ſchwer und durch ein leiſes, 277 zitterndes Beben unterbrochen, ſo daß jeder Athemzug wie ein halb unterdrückter Seufzer lautete. Ich öffnete das Fenſter, um Luft herein zu laſſen, wuſch ſeine Stirne mit kaltem Waſſer und ſchickte ſeinen Bedienten nach einem Doktor ab. Der Arzt ſtand bald an meiner Seite, aber ich ſah ſchnell, daß der Fall faſt hoffnungslos war. Seine fruͤhere Krankheit hatte eine neue und wo möglich noch ſchlim⸗ des Arztes fand er ſich beſſer. Am Nachmittag des dritten Tages ſaß ich neben ſeinem Bette. Der Schlaf überwältigte mich, aber bald erwachte ich, indem ich eine and in der meinigen fühlte: es war die Hand Elgen⸗ heims. Hocherfreut über dieſes Zeichen wiederkehrender Geſundheit fragte ich ihn, wie er ſich befinde. Ein nicht mehr zuſprechen, zog den Vorhang zu und ſaß ſtill und ſchweigend neben ihm. Das Fenſter war auf Anordnung des Arztes offen gelaſſen, ein ſanfter Wind ſetzte den Vorhang in leichte Bewegung und blies er⸗ friſchende Luft in das Zimmer. Ein Geräuſch von Trit⸗ ten und eine eilige Bewegung auf den Straſſen veran⸗ laßte mich hinauszuſchauen, und ich ſah nun die Spitze eines Infanterie⸗Bataillons auf den Platz einbiegen. Sie marſchierten in langſamem Takt und mit umge⸗ kehrten Gewehren. Mit Entſetzen dachte ich an den De⸗ ſerteur! Ja, da kam er! Er ging zwiſchen zwei abge⸗ iegenen Gensdarmen ohne Rock und Kappe; auf ſeiner ruſt war ein breiter Zettel befeſtigt, worauf ſein Name und ſein Verbrechen ſtand. Ich kehrte ſogleich nach dem 278 Bette um voll Furcht, der Tritt der marſchierenden Mannſchaft möchte bereits dem Kranken zu Ohren ge⸗ drungen ſein, aber er lag in ruhigem Schlafe und athmete ohne die geringſte Anſtrengung. Da ergriff mich der Gedanke, den kommandirenden Offizier zu ſprechen, ich rannte hinab, bahnte mir einen Weg durch die Menge und näherte mich dem Stabe, 3 der mitten auf dem Platze ſtand. Aber meine Aufre⸗ gung, mein wilder angſtlicher Blick und meine geringe Kenntniß der Sprache vereinigten ſich, um meine Ver⸗ wendung fruchtlos zu machen. „Wenn es wahr iſt,“ ſprach ein rauher alter Ve⸗ teran mit grauem Barte,„daß er ein Offizier des Kaiſerreichs war, ſo wird ein Peleton⸗Feuer ſeinen Ner⸗ ven ſchwerlich wehe thun.“ „Ja aber,“ erwiderte ich,„in Folge einer Begeben⸗ heit, die er erlebt hat, iſt dieß zehnmal gefährlicher—, 4 ich kann es nicht erklären— es ſteht mir nicht zu— 1 „Ich wünſche durchaus nicht Ihre Geheimniſſe zu erfahren,“ verſetzte der alte Mann in rauhem Tone; „treten Sie ab und laſſen Sie mich meine Pflicht thun.“ Ich wendete mich an die Andern, aber ſie konnten mir weder Rath noch Beiſtand geben; ſchon war das Viereck mit Soldaten beſetzt, und ſchon hatte die Err⸗ kutions⸗Mannſchaft Befehl vorzutreten. „Wenn Sie weiter nichts thun wollen, ſo geben Sie mir wenigſtens Zeit, meinen Freund in ein a gele⸗ genes Zimmer zu bringen;“ rief ich wie vom etrieben; aber man widmete meinen Worten leine Auf⸗ merkſamkeit, und fuhr fort die Muſterrolle abzuleſen. Ich rannte in den Gaſthof zurück und die Treppe hinauf; aber wie groß war mein Schreck, in dem Kranken⸗ immer, das ich in aller Stille verlaſſen hatte, Stimmen und Fußtritte zu hören. Bei meinem Eintritt ſah ich, wie de Gaſtwirth und der Bediente, vom Doktor unterſtützt, Baron auf ſeinem Bette niederzuhalten ſuchten, der 279 mit faſt übermenſchlicher Stärke von ſich fort ſtieß, um aufzuſtehen. Seine Züge waren wild wie die eines Wahnſinnigen, und die raſtlos aus ſeinem Auge ſchie⸗ ßenden Blitze bewießen, daß er unter der Aufregung des Deliriums lag. „Dieſe Anſtrengung“ flüſterte mir der Doktor ins Ohr,„kann ſein Tod ſein.“ „Laßt mich frei!“ rief der Kranke.„Wer wagt es Hand an mich zu legen— Platz da— das Peleton wird ſich rechts aufſtellen,“ fuhr er fort, indem er ſeine Stimme erhob, als hätte er auf der Parade zu komman⸗ diren;„Gewehr bei Fuß!“ Gerade in dieſem Augenblick hörte man drauſſen das ſchwere Raſſeln von Gewehren, gleichſam in Folge ſeines Befebles.„Horch!“ rief er ſeine Hand erhebend —„kein Wort— ruhig im Glied!“ In der Todtenſtille konnten wir jetzt das Todesur⸗ theil hören, das von dem Adjutanten laut vorgeleſen wurde. Darauf folgte ein dumpfer Trommelſchlag, und ſo⸗ dann die Fußtritte der Mannſchaft die den Gefangenen vorführten, während der Kranke zu jedem Schritte mit ſeiner Hand den Takt ſchlug. Wir wagten es nicht, uns zu regen— wir wußten nicht in welchem Augenblick unſer Widerſtand ſein Tod werden konnte. „Schultert;s G'wehr!“ rief der Offizier auf dem Platze. „Laßt mich kommandiren,“ rief Elgenhein wild. „Das iſt meine Pflicht— Niemand ſoll ſagen, ich ſei davor zurückgebebt. „ Präſentirt's G'wehr— Feuer——“ „Feuer!“ ſchrie Elgenheim mit einem Schrei, der das Krachen der Musketen übertönte; darauf ſtöhnte er mit einem letzten Aechzen:„Da— da— jetzt iſt's vorbei!“ und ſank todt in unſere Arme zurück. ****†** 2* *½***⁵* ⁴* 28⁰ So ſtarb der Anführer der Stürmer bei Elchingen, der Mann, der den Hügel von Aſpern einer öſterrei⸗ chiſchen Batterie weggenommen⸗ Er ſchläft jetzt auf dem kleinen Kirchhof Marienhuͤlfe bei Kaſſel. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die Wartburg und Eiſenach. Ich verließ Kaſſel mit einem weit ſchwerern Herzen, als ich vor einigen Wochen dahin gebracht hatte. Der arme Menſch, deſſen ſterbliche Ueberreſte ich an's Grab begleitet, kam mir nicht aus dem Sinne, und alle unſere vergnügten Streifereien und unſer vertrauter Umgang waren jetzt durch das Düſter ſeines traurigen Geſchicks überſchattet. So muß es immer kommen. Wer ſein Lebensglück auf den Straßen der Welt ſucht, der muß, ſo gut es geht, die ſchwere Laſt des Kummers zu tragen ſuchen, dem alles Fleiſch unterworfen iſt. Auf Sonnen⸗ ſchein muß Sturm folgen und ſtatt der glänzenden Tage und warmen Lüfte des Sommers muß er die nieder⸗ drückenden Nebel und ſchneidenden Winde des Winters fühlen. 3 Ich ging zu Fuß und murmelte unterwegs die Zeilen aus dem Liede des armen Gretchens, die mir jetzt meine eigene Niedergeſchlagenheit in's Gedächtniß rief: „Meine Ruh' iſt hin, Mein Herz iſt ſchwer; Ich finde ſie nimmer— Und nimmermehr.“ Dieſe Worte erinnerten mich an den Fauſt— der Fauſt an den Brocken, und ſo dachte ich, ich könne nichts beſſeres thun, als mich dorthin begeben. Ich war nur noch drei Tagemärſche vom Harz entfernt und außerdem 281 hätte ich gerne wieder einmal Göttingen und meine alten Freunde dort geſehen. Erſt als ich zum Frühſtück nach Münden kam, er⸗ innerte ich mich, daß es Sonntag war, ich ging daher nach meiner Mahlzeit mit dem Gaſtwirth und ſeiner Familie in die Kirche. Welche Einfachheit in dem ganzen Proteſtantismus Deutſchlands— wie auffallend iſt der Kontraſt zwiſchen den anſpruchsloſen Gebräuchen der Re⸗ formirten und der glänzenden Pracht der römiſch⸗katho⸗ liſchen Kirche. Auf den eichenen Bänfen, worauf die Gemeinde ſaß, war kein Rangunterſchied ſichtbar. Die Paar Dorfbehörden waren unter die gemeinen Bauern gemiſcht— die Familie des Pfarrers ſaß zunächſt an der Kanzel— dieß war der einzige Platz, der ſich vor den andern auszeichnete. Das Gebäude war, wie die meiſten aus ſeiner Zeit, einfach und ſchmucklos— hie und da an den Wänden ſtanden einige Stellen aus der Schrift, aber dieß waren die einzigen Verzierungen. Während ich dort ſaß und den Anfang des Gottesdien⸗ ſtes erwartete, konnte ich nicht umhin, mich über den ſcharfen Unterſchied zwiſchen einer proteſtantiſchen und römiſch⸗katholiſchen Gemeinde zu verwundern, der, wie Deutſchland ſelbſt deutlich beweist, von keiner Nationa⸗ lität abhängt. Das prächtige Zeremoniell der römiſchen Kirche— ihre ehrwürdige Architektur— ihr antikes Blendwerk— ihre ſchallende Orgel und ihr Weihrauch— alles trägt zu einer gewiſſen Erhebung des Gemüthes, zu einer Glut der Empfindung bei, die man leicht für ächt reli⸗ giöſes Gefuhl nehmen kann. Dieſe Dinge, verknüpft mit den hehrſten, eindringlichſten Gedanken, deren die menſchliche Seele fahig iſt, können nicht verfehlen, den Zügen der Gläubigen einen Ausdruck tiefer, inniger Anbetung zu verleihen, der die gemeinſten, alltäglichſten Geſichter poetiſch verklärt. Retſch brauchte nicht weit nach jenen Bildern inniger Frömmigkeit zu ſuchen, die 282 ſich in ſeinen Werken ſo häufig finden— jede Kapelle bot unzählige Studien für ſeinen Pinſel dar. Die Züge der proteſtantiſchen Anbeter waren ruhig bis zur Strenge— die Augen nicht ſtaunender Bewun⸗ derung auf irgend ein großes Gemälde, oder eine heitige Reliquie geheftet, waren niedergeſchlagen in tiefer Be⸗ trachtung, oder gen Himmel erhoben mit Gedanken, die bereits dort einheimiſch waren. In jedem Geſicht lag eine heilige und feierliche Ehrfurcht, als wären in ſeiner Nähe und in ſeinem Tempel die Leiden⸗ ſchaften und warmen Gefühle des Menſchen ein unreines Opfer, als wäre, um ſeine Wahrheiten zu verſtehen und ſeine Rathſchläge zu befolgen, ein reines Herz und ein klarer Verſtand nöthig— und dieſe hatten ſie mitgebracht. Wenn man ihre kalten, feſten Züge betrachtete, ſo hätte man meinen können, Luther's eigener Geiſt— ſein eigenes Temperament ſey auf ſeine Anhäͤnger über⸗ gegangen. Da zeigte ſich dieſelbe Energie des Charaf⸗ ters— der unzähmbare Muth— die Ausdauer, die kein Hinderniß ſchwächen— die Entſchloſſenheit, die kein Widerſtand erſchüttern konnte. Der maſſive, vier⸗ eckige, ſtarke Kopf— die breite, kühne Stirne— das volle Auge— die weiten Naſenlöcher und dicken Lippen — lauter Zeichen von Energie, Leidenſchaft und Kraft, finden ſich in ganz Sachſen als eigenthümliche Natio⸗ nal⸗Züge. Der Gottesdienſt der lutheriſchen Kirche iſt äußerſt einfach und beſteht wie der unſerer Preſbyterianer, in einem Geſang, in einer Vorleſung aus der Schriſt, und— was für die Hauptſache gehalten wird— aus einer Predigt, die, halb Gebet, halb Erklärung, das Ganze beſchließt. Auch wenn die Pfarrer Beredtſamkeit beſitzen, was jedoch ſelten der Fall iſt, ſo zweifle ich ſehr, ob die deutſche Sprache für Kanzelberedtſamkeit geeignet iſt. Da iſt eine ewige Verwicklung von Sätzen und Ver⸗ 283 wirrung von Ausdrücken, auch in einfachen Dingen, die jenen kuͤhnen Flug der Einbildungskraft, wodurch Boſſuet und Maſſillon auf die Herzen und Gemüther ihrer Zu⸗ hörer wirkten, für immer unmöglich machen. Wollte ein Deutſcher etwas ähnliches verſuchen, ſo würde ſo⸗ gleich ſein Myſtizismus— das Landes⸗Uebel— da⸗ zwiſchen treten und ihn unverſtändlich machen. Die deutſche Kanzelberedtſamkeit, ſo weit ich ſie kenne, gleicht mehr dem Style der Prediger aus dem ſiebzehnten Jahrhun⸗ dert, wo Beiſpiele aus dem gemeinen Leben hergenommen wurden, um Wahrheiten zu erklären, die das beſcheidene Maß gewöhnlicher Geiſter überſteigen; ſie hat viel von der grotesken Künſtelei, die unſer Latimer beſaß, aber ohne die warme Glut ſeiner reichen Einbildungskraft und ohne den ſtrahlenden Glanz ſeiner Gabe zu ſchildern. Indeſſen findet man auf der deutſchen Kanzel den ſtren⸗ gen Ernſt und die ſtarke Energie der Ueberzeugung und auch dieſe ſind vielleicht das Vermächtniß des„Doktors,“ wie die Sachſen den großen Reformator zu nennen pflegen. Solche und ähnliche Betrachtungen erweckten in mir den Entſchluß die Wartburg zu beſuchen, den Schau⸗ platz von Luther's Gefangenſchaft— denn eine ſolche, obgleich in freundſchaftlicher Abſicht herbeigeführt, war ſein dortiger Aufenthalt— ich gab daher abſichtlich den Brocken auf und machte mich auf den Weg nach Eiſenach. Wenn man ſich der Stadt Eiſenach nähert— denn ich will den Leſer nicht dem ganzen Weg langweilen,— ſo kommt man an ein kleines Thal im Thüringerwald, wo die Straße dicht überſchattet iſt und auch am Mittag faſt nächtliche Finſterniß herrſcht. Neben dem Wege ſtrudelt in einem Felsbecken eine kleine Quelle, und ein eiſerner an den Stein geketteter Löffel nebſt einer rohen Bank beweist, daß man auch an den Wanderer gedacht hat. Wer auf dieſem beſcheidenen Sitze von der Laſt und Hitze des Tages ausruht, weiß vielleicht nicht immer, daß auf derſelben Bank Martin Luther ſaß, als er, — — 284 müde von der weiten Reiſe, von Worms zurückkehrte, wohin er der Macht des Kaiſers und des Reiches trotzend, gegangen war, um mannhaft ſeine Meinungen zu ver⸗ theidigen und die Grundſätze der Reformation durchzu⸗ fechten. cj Dort ſchlief er ein und ſein Schlaf, möchte ich be⸗ haupten, war vielleicht nicht weniger ſüß, weil Nom ſeinen Bannſtrahl auf ſein Haupt geſchleudert hatte. Er war allein. Er hatte jede Begleitung, die ihm aus Eifer für die Sache und aus perſönlicher Freundſchaft angeboten worden war, ausgeſchlagen, als er plötzlich durch den Hufſchlag von Roſſen und durch das Raſſeln bewaffneter Männer, die das Thal herauf kamen, auf⸗ geweckt wurde. Er wußte, wie ſeine Feinde ihm nach dem Leben ſtellten und daß man in den Hallen manches königlichen Palaſtes mit Freuden die Nachricht von ſeiner Ermordung aufgenommen hätte. Auf der Stelle war er auf ſeinen Beinen, griff nach ſeinem zuverläſſigen breiten Schwert und erwartete den Angriff. Es war jedoch die höchſte Zeit, denn kaum hatten die Reiter ihn erblickt, als ſie ihren Roſſen die Sporen gaben und auf ihn losſprengten; darauf hielten ſie plötzlich an und der Führer rief ihm zu, er ſolle ſich gefangen geben. Die Antwort des guten Martin beſtand in einem Streiche mit ſeinem breiten Schwerte, kraft deſſen der Sprecher aus ſeinem Sattel auf den Boden ſtürzte. Mit Unterhandlungen war es jetzt aus und ſie fielen nun alle über ihn her. Dennoch war es offenbar nicht ihr Wunſch, ihn zu todten, was bei ihrer Ueberzahl und beſſerer Bewaffnung nicht ſchwierig hätte ſeyn können. Aber Luther liebte die Freiheit nicht minder als das Leben und er hieb um ſich, als wolle er beide ſo theuer als möglich verkaufen. Endlich, da er allenthal⸗ ben von ſeinen Feinden umdrängt war, zerbrach ſein Schwert nahe am Griffe, er ſchleuderte das nutzloſe —.,— — 28⁵ nechäa aus der Hand und rief:„Ich kann nicht mehr!“ Nun wurde er mit gefeſſelten Händen und verbun⸗ denen Augen auf die ungefähr eine Stunde entfernte Wartburg gebracht, und es blieb ihm mehrere Tage ein Geheimniß, daß das Ganze von ſeinem Freund und Gön⸗ ner, dem Kurfurſt von Sachſen, angelegt war, der gerne das Gerücht verbreitet hätte, Luthers Geſangenſchaft ſei eine wirkliche und die Wartburg ſein Gefängniß, aber nicht, wie es ſich wirklich herausſtellte, ſein Rettungs⸗ ort. Hier brachte er faſt ein Jahr zu, mit Ueberſetzung der Bibel beſchäftigt, und gelegenheitlich in der kleinen Schloßkapelle predigend. Unter die Ueberlieferungen des Ortes gehören ſeine ſeltſamen Kämpfe mit dem Teufel, und in der Wand zeigt man noch ein Loch, wo er ſein Tintenfaß nach dem böſen Feind ſchleuderte, der ihn in Geſtalt einer großen Schmeißfliege quälte. Man kann nicht ohne Rührung dieſe rohe Kam⸗ mer ſehen, mit ihrem einfachen Geräthe von maſſivem Eicheuholz, wo der große Mönch jene furchtbaren Wahr⸗ heiten erſann, welche Thronen und Dynaſtien erſchüt⸗ tern, und die Welt aus dem Zauberſchlafe des Aber⸗ glaubens wecken ſollten, worin ſie ſeit Jahrhunderten begraben lag. Seine ſtarke kräftige Natur, ſeine Be⸗ geiſterung, und eine gewiſſe wilde Energie, die er beſaß überwältigten häufig ſeine Vernunft, und ſo gab er ſich wilden Schwärmereien hin, die oft auf die längſten An⸗ ſtrengungen ſeiner geiſtigen Thätigkeit folgten, und den Ausbrüchen eines überladenen Geiſtes glichen. Der Ei⸗ fer, womit er ſein groſſes Werk verfolgte, grenzte an's Wunderbare— oft blieb er dreißig, ja ſogar vierzig Stunden am Pult, ohne Speiſe oder Schlaf, und dann war ſeine körperliche wie geiſtige Erſchöpfung ſo groß, daß er bewußtlos zu Boden ſiel, und daß es den Seinigen alle Mühe koſtete, ihn von dieſen Anfäl⸗ len wieder zu ſich zu bringen. Seine erſten Erinnerungen wenn er ſich wieder erholte, bezogen ſich auf einen tödt⸗ 286 lichen Kampf mit dem Teufel, auf deſſen Betrieb allein er ſein großes Werk unterbrochen glaubte, und die da⸗ rauf folgende Scene zeigte jedesmal die ſchrecklichen Wirkungen ſeiner kranken Einbildungskraft. Aus ſolchen Anfällen ſchien ihn nichts ſo leicht zu erwecken, als die Anweſenheit ſeines Freundes Melanch⸗ thon, deſſen milde Natur und engelgleiches Gemüth zu ſeinem kühnen, ſtürmiſchen Charakter den geraden Ge⸗ genſatz bildeten. Der bloſſe Ton ſeiner Stimme beru⸗ higte ihn häufig in ſeinen wildeſten Augenblicken, und wenn der Strom ſeiner Gedanken in toller Eile da⸗ hin ſchwamm, und allerlei Geſtalten und Bilder vor ſeinem verſtörten Gehirn herumflatterten, wenn irdiſche Kämpfe in ſeinem Geiſte mit noch ſchrecklicheren Kon⸗ flikten ſich miſchten, und wenn er in die heftigen Ra⸗ ſereien ſeiner Leidenſchaft ausbrach, dann beſänftigten die ſanften Töne aus Melanchthons Flöte den Sturm und ſtillten die aufgeregten Fluten ſeiner Seele— dieſe ungeſtüme Natur konnte in Thränen ſchmelzen, und oft weinte er wie ein Kind, bis der Schlummer ſeine Au⸗ gen ſchloß. 4 Ich ſchlenderte den ganzen Tag auf der Wartburg umher— zuweilen im Ritterſaal, wo alte höchſt ſelt⸗ ſame Rüſtungen aufbewahrt werden⸗ zuweilen in der Kapelle, wo man den robgearbeiteten Pult zeigt, an dem Luther vor dem Haushalt des Schloſſes predigte. Auch iſt hier ein Portrait von ihm, das für authentiſch ausgegeben wird. Die Züge ſind ſo, wie wir ſie auf allen ſeinen Bildern ſehen; der einzige Unterſchied, den ich wahrnehmen konnte, beſtand darin, daß er mit ei⸗ nem Schnurrbart dargeſtellt wird, der ſeinen ſtrengen, maſſiven Zügen, wie ein neben mir ſtehender Franzoſe ſich ausdrückte ein„air brigand“gab. Dieſer Umſtand, ſo unbedeutend er iſt, iſt ein ſtarker Beweis für die Aechtheit des Gemäldes, denn es iſt bekannt, daß er während ſeines Aufenthaltes auf der Wartburg einen ſolchen Bait trug, und daß er bei manchen Schloß⸗Ange⸗ 287 hörigen als ein wegen eines Staatsverbrechens einge⸗ ſperrter Ritter galt. Mit einem Abſchiedsblick auf die alte Kammer wo ſein Eichenſtuhl und ſein Tiſch ſteht, verließ ich das Schloß und gieng in der Abenddämmerung nach Eiſen⸗ ach hinab. Wer eine Beſchreibnng von den dortigen Waſſer⸗ und Windmühlen, Tuchmanufakturen und Spiel⸗Waaren⸗ Läden wünſcht, den verweiſe ich auf die verſchiedenen Reiſebücher— Ich für meine Perſon erlaube mir blos die Bemerkung, daß der Rauten⸗Kranz ein ſtattliches Wirthshaus und der Gaſtwirth ein luſtiger Deutſcher aus der alten Schule iſt; das heißt mit andern Worten ein Menſch, deſſen gegenwärtiges Leben ſeinen Gedanken immer um zwanzig Jahre hinaus iſt, und der mit dem jetzigen Jahrhundert ißt und trinkt, und mit dem ver⸗ gangenen hingegen denkt und fühlt. Das letzte Ereigniß wovon er einige Kenntniß hatte, war der Rückzug von Leipzig, wo ſich die Franzeſen fünf Tage lang ohne Unterbrechung durch die Stadt ergoſſen. Alle die gro⸗ ßen Ereigniſſe jenes merkwürdigen Rückzugs traten je⸗ doch in ſeiner Seele in den Hintergrund vor einer Ge⸗ ſchichte, die ihm ſelbſt begegnete, und worüber ich bei der Ernſthaftigkeit, womit er mir ſie erzählte, nicht um⸗ hin konnte, herzlich zu lachen. Als das Kommiſſariat nach Eiſenach kam, um Anſtalten für die auf dem Rückzug begriffenen Truppen zu treffen, ſo ließ es den Einwohnern die angenehme Wahl, ſich von den ihnen aufgelegten Quartier⸗Billets für eine gewiſſe Summe Geldes loszukaufen, kraft deren ſie mit aller Einquartierung von Gemeinen und Ofſizieren, mit Ausnahme derer vem Rang eines Ober⸗ ſten und weiter hinauf, verſchont wurden; undals Zeichen dafür wurde ein groſſer Zettel an ihre Thüre geheftet, worauf das Gleiche als Generalbefehl ſtand. Da nun auegemacht war, daß nur ein Oſſtzier auf einmal ein⸗ quartiert werden ſolle, ſo war das Privilegium ſchon 288 der Bezahlung werth, beſonders für unſern Wirth aus dem Rautenkranz, deſſen Speiſekammer ſtets mit Lecker⸗ biſſen angefüllt und deſſen Keller dreißig Meilen weit in der Runde berühmt war. Er zahlte alſo ſeine Reichs⸗ thaler, Gulden und Groſchen aus— allerdings mit ſchwerem Herzen, aber doch in der Ueberzeugung ein noch ſchwereres Uebel abzuwenden, er hing ſeinen großen Freiheitsbrief an ſeinen Wirthsſchild aus und machte ſich keinen weitern Kummer über den Krieg oder ſeine Wechſelfälle. Am dritten Abend des Rückzuges rückte indeſſen ein Chaſſeur⸗Regiment von der Garde, hervorſtechend durch die grünen Röcke und weißen Aufſchläge, die un⸗ veränderliche Tracht des Kaiſers ſelbſt, in die Stadt und biovuakirte auf dem kleinen Marktplatz. Der Oberſt, ein hübſcher Mann von fünf und dreißig bis vierzig Jahren, ſah ſich einige Momente mit ſcharfen Blicken um, unentſchloſſen, wo er ſein Quartier aufſchlagen ſollte: als ein wohlſchmeckender Geruch von Bratwürſten im Rauten⸗Kranz ſchnell ſeine Wahl entſchied. Er be⸗ gab ſich ohne weiteres hinein, machte mit jener wun⸗ derbaren Miſchung von beſcheidenem und gebieteriſchem Tone, der einem Franzoſen jederzeit zu Gebote ſteht, meinem Gaſtwirth ſeine Verbeugung, und beſtellte ſich ein Diner und ein Bett. 3 Für den Wirth war es allerdings von Wichtigkeit, auf gutem Fuſſe mit hochgeſtellten Offtzieren zu ſtehen, da ſie nach Belieben die Anmaſſungen der Gemeinen bändigen oder aufmuntern konnten, und ſo that der Rauten⸗ Kranz an dieſem Tage ſein Aeuſſerſtes, um ſich daſelbſt zu übertreſſen. „Ich muß Sie benachrichtigen,“ ſagte der Oberſt lachend, indem er von der Thüre her, wo er ſeine Be⸗ fehle gegeben hatte, auf ihn zuging,„ich muß Sie benachrichtigen, daß ich gerne gut und viel eſſe.“ „Der Herr wird zufrieden ſein,“ verſetzte der Wirth, auf ſeinen Bauch klopfend, als ob er ſagen wollte— 289 „die Nahrung, die den da befriedigt hat, wird wohl auch Dein Gerippe ſättigen—“ „Und was den Wein betrifft——“ fuhr der Oberſt fort. „Zum Küſſen!“ rief der Wirth, mit den Lippen ſchmatzend, daß es auf dem ganzen Platz gehört werden konnte, und daß einem Kapitän, der die Anſpielung errieth, das Waſſer im Mund zuſammenlaufen mußte. Ich werde meinen Leſer mit keinem langen Verzeich⸗ niß behelligen, wodurch der Rauten⸗Kranz die ſchwachen Nerven des Franzoſen in Staunen zu verſetzen beab⸗ ſichtigte, wenig ahnend, in welches Staunen auch er verſetzt werden ſollte. Ich erinnere mich, daß Fleiſch und Braten ohne Ende da war, außerdem gebackene Hechte, Würſte, Schweinskopf, Aale, eingemachte Makrelen, Eberfleiſch, Rebhühner; nicht zu ſprechen von all den Wurzeln, die ſeit der Sündflut Unterleibs⸗ beſchwerden veranlaßt haben, oder von den verſchiedenen Gattungen von Süßigkeiten und Puddings, zu deren Klaſſifikation ein Buffon oder Cuvier erforderlich ge⸗ weſen wären. Als ich das furchtbare Verzeichniß hörte, konnte ich nicht umhin mein Erſtaunen über die weit⸗ läufigen Vorbereitungen auszudrücken, die mit der zu erwartenden Geſellſchaft in ſo offenbarem Mißverhältniß ſtanden; aber der Wirth befriedigte mich bald über dieſen Punkt, indem er ſagte, man habe immer einen ungeheuren Vorrath von kalten Lebensmitteln für die andern Offiziere in der Stadt bereit halten müſſen, und fügte mit ſchlauem Flüſtern hinzu, man werde ſich für das bereits erlegte, ſchwere Löſegeld bald bezahlt machen. Durch Schauſtellung der reichen Gerichte, die ſeiner Gaſtfreundſchaft ſo viel Kredit verſchafften, beabſichtigte er daher keineswegs, ſeine Taſche zu beeinträchtigen— eine artige Liſt, wenn ſie nur ausführbar war. „Endlich kam die Stunde des Diner, der Oberſt erſchien pünktlich in Salon, von wo ein Fenſter auf Lever, O'Leary. II.. 19 290 den Platz hinausging— gewiß ein ſeltſamer Kontraſt fur ſeine Augen; der groſſe Seitentiſch, mit üppigen Gerichten beladen und in eine Atmoſpbäre wohlſchmecken⸗ den Geruches gehüllt; draußen dagegen das magere Bi⸗ vouak, wo Gruppen von Offizieren ſaßen ihre einfachen Ratienen verzehrend, und ihre Gläſer mit wäſſerigem Bier von Hand zu Hand reichend. „Rochefoucauld ſagt, es liege immer etwas ver⸗ gnünliches im Mißgeſchick unſerer beſten Freunde; und in Vorausſetzung, daß er ſeine Landsleute. fkannte, ziehe ich den Schluß, daß der Oberſt während er ſeine Ser⸗ viette über ſeine Knie ausbreitete, mit nicht geringem Vergnügen das kleine Panerama betrachtete, worauf ſeine Augen draußen auf dem Platze fielen. Es muß gewiß für einen alten Soldaten ein lieb⸗ licher und außerdem mit einigem Erſtaunen vermiſchter Auvlick geweſen ſeyn, den Tiſch zu betrachten, der unter ſeiner Laſt von guten Sachen ſeufzte unter denen, gleich den lombardiſchen Papveln in einer flämiſchen Landſchaft, die ſchlanken und ſpitzen Hälſe verſ hiedener Flaſchen emporſch ſſen— einige mit einer Eisrinde überkruſtet, andere mit altem Spinngewebe überzogen. Der Wirth ſtand, indem er aus einer großen ſil⸗ bernen Schüſſel von antiker Form die Suppe heraus⸗ löffelte, neben dem Stuhle des Oberſt und erfreute ſich — wie nur ein Wirth ſich freuen kann— an dem mit Bewunderung gemiſchten Entzücken ſeines Gaſtes, und nun begann das Werk mit gehörigem Ernſte. Welch eine vortreffliche Suppe und welch ein Glas Nieder⸗ thaler!— dem kam kein Rheinwein gleich: und welche Paſteten!— ſie waren en bechamelle. Er bedauerte, daß er keine Auſtern hatte, aber für den Chablis konnte er ſtehen. Das konnte er in der That; ein ſolches Glas Wein hätte den Kaiſer für Leipzig tröſten können. „Wie haben Sie geſagt, daß die Forelle gebacken ſey, mein Freund?“ „In Trüffel⸗Bruhe, mit Sardellen gemiſcht.“ 291 „Noch ein Stück, wenn Sie erlauben; hopp! dieſer Stöpſel iſt bei Zeiten in die Luft geſprungen; ich habe mich wirklich geſehnt, Ihren Oeil de Perdrirx zu ver⸗ ſuchen.“ Inzwiſchen wurden die Vorpoſten zurückgezogen und nun wurde das ſchwere Geſchütz aufgeführt mit andern Rorten, es erſchien der Braten, ein tüchtiges Gericht Kalbfleiſch, mit allen unpaſſenden Dingen verſehen, die der menſchliche Geiſt nur erfinden konnte, und während der Wirth am Seitentiſch ihn tranchirte, verſchlang ihn ſchon der Oberſt in ſeiner Einbildungskraft, tröſtete ſich jedoch inzwiſchen mit einer Rebhühner⸗Paſtete mit Trüſſeln. Am Kalbsbraten war indeſſen eine unbedeutende Würze vergeſſen worden, weshalb der Wirth zum Zim⸗ mer hinaus rauſchte, um ſie zu ſuchen. Die Thüre war noch nicht recht geſchloſſen, als der Oberſt einen Becher Champagner einſchenkte und auf Einen Zug leerte; darauf ſprang er zum Fen ſter hinans auf den Platz, auf den bereits die Schatten des Abends ſielen und wurde unverzüglich vom Major abgelöst, deſſen Anzug und ſonſtiges Aeußere dem ſeinigen ähnlich genug war, um einen Fremden zu täuſchen. Er machte ſich ohne Zeitverluſt an die Paſtete und aß darauf los als ob ſein Appetit während des langen Wartens eine harte Prüfung beſtanden hälte. Die Paſtete machte dem Kalbsbraten Platz und der Kalbsbraten dem gebackenen Hecht; denn ſo iſt es, der Magen in Deutſchland iſt eine Art menſchlicher Arche, in welche, freilich nicht in der ſchönſten Ordnung⸗ ſämmt⸗ liche Thiere hinein gehen. Der Wirth betrachtete die Arbeit ſeines Gaſtes und war entzückt— nie fanden gute Sachen ein vollkommeneres Lob, und was den Wein betraf, ſo trank er wie ein Schwabe, ganze Becher voll auf einen Zug. Endlich ſtreckte er eine leere Flaſche hin und rief:„Champagner!“ Der ſette Mann trottete 19* 292— in ſeinen Keller hinab, allerdings etwas erſtaunt, wie drei Flaſchen von ſeinem Aixr Mouſſeux ſo ſchnell ver⸗ ſchwinden konnten. Jetzt war wieder der kritiſche Moment und mit einem halb ſchmerzlichen Seufzer ſprang der Major auf die Straße hinaus, um vom erſten Kapitän abgelöst zu werden. Der arme Mann hatte fürchterlichen Hunger, machte ſich an das erſte Gericht, das vor ihm ſtand und trauk aus der erſten Flaſche neben ihm gleich einem Manne, deſſen Magen ſchon lange nicht mehr mit Leckerbiſſen überfüllt worden war. „Du Heiliger!“ rief ihm der Wirth zu, als er hinter ſeinem Stuhle ſtand und ſeiner Arbeit zuſah. „Du Heiliger! wie ißt er, man ſollte kaum meinen, daß er ſchon fünfzig Minuten daran ſitzt; wollen Sie jetzt an den Kapaun?“ fuhr er fort, indem er den Kiel und das Seitengebälke eines Hammel⸗Rückens entfernte. „An den Kapaun?“ ſeufzte der andere;„ja, jetzt an den Kapaun.“ Ach! er wußte, dieß köſtliche Gericht war ſeinem Nachfolger vorbehalten. Und ſo war es; ehe der Wirth wieder eintrat, hatte der zweite Kapitän ſein Glas zwei⸗ mal gefüllt und wartete mit Begierde auf den Kapaun. Was das für ein Vogel war!— Ein wahrer Sarko⸗ phag von Trüffeln— ein Bergwerk von köſtlichen Lecker⸗ biſſen aus allen Himmelsſtrichen und Küchen! „Schmeckt's— he?“ „Köſtlich!“ erwiderte der zweite Kapitän, fuͤllte ein Glas und reichte es dem Wirth, während er freund⸗ lich mit ihm anſtieß. „Ein luſtiger Kerl, fürwahr,“ ſagte der Wirth, „und auch geſellſchaftlich— aber, Gott, wie er ißt! da iſt er ſchon an den Flügeln und an dem Rücken! Himmel und Erde! daß er noch nicht an der Paſtete iſt!“ „Wein!“ rief der Franzoſe, mit der leeren Flaſche auf den Tiſch ſtoßend,„Wein!“ 4 293 Der Wirih bekreuzigte ſich und ging hinaus, um noch mehr Getränk zu holen, indem er unterwegs mur⸗ melte:„Was wäre aus mir geworden, wenn ich mich nicht losgekauft hätte!“ Ehe der Wirth zurückgekommen war, ſaß ſchon der dritte Kapitän auf ſeinem Poſten, und wie gut auch die Arbeit ſeiner Vorgänger geweſen, ſo kam ſie doch gegen die ſeinige in keinen Betracht. Die Paſtete verſchwand wie vor einem Zauberſchlag, das Frikaſſee ſchien wie Schnee vor der Sonne zu ſchmelzen, und dabei trank er alles untereinander, Näheinwein, Hermitage und Bor⸗ deaur, wie ein Kameel, das ſich fur eine dreiwöchent⸗ liche Reiſe in der Wuſſte mit Waſſer verſieht. Der arme Wirth ging jetzt um den Tiſch herum und betrachtete mit traurigem Herzen die Trümmer der Mahlzeit. Von all den Keulen, die er kalt auf dem Geſtell ſeiner Speiſekammer zu ſehen gehofft hatte, waren nur noch einzelne Bruchſtücke übrig. Hier war der Giebel eines Trrthahns, dort die Seitenwand eines Lendenſtücks; auf der einen Seite das dur rchbrochene Dach einer Paſtete, auf der andern die nackten L Querbalken einer Ochſenrippe. Das Ganze war ein Palmyra eßbarer Dinge und ge⸗ währte einen traurigen Anblick. „Was kommt jetzt, guter Wirth?“ rief der dritte Kapitän, indem er ſich mit ſeiner Serviette die Lippen wiſchte. „Jetzt!“ rief der Wirth erſchrocken,„Hagel und Regen! Du kannſt gewiß nicht mehr eſſen! „Das weiß ich nicht,“ verſetzte der andere,„dieſe Luft dieſer Gebirge ſtärkt den Appetit— ich würde gerne noch etwas Süßes ueelui en.⸗ „Mit einem kläͤglichen Seufzer ſtellte der arme Wirth eine Pflaumen⸗Paſtete vor den Alles verſchlin⸗ genden Fremden, pflanzte ſich, um zu ſehen, ob keine Taſchenſpielerei vorgehe, ihm gerade gegenüber auf und beobachtete jedes Stück, wie er es in den Mund ſteckte. Nein, es ging alles mit rechten Dingen zu, er aß, 294 wie andere Leute auch, kaute ſeine Speiſen und ſchmatzte mit den Lippen wie ein gewöhnlicher Sterblicher. Der Wirth ſah auf den Boden und unter das Tiſchtuch— wozu wonl? Dachte er vielleicht, der Fremde habe einen Schwanz? „Ein Glas Claret mit Nelken gewürzt!“ ſagte der Franzoſe,„und dann können Sie den Nachtiſch bringen.“ „Der Himmel ſey geprieſen!“ rief der Wirth, in⸗ dem er die letzten Trümmer von der Tafel auf ein ge⸗ räumiges Speiſebrett ſchob und das Zimmer verließ. „Endlich! ich dachte, Kapitän, Sie hätten mich ganz vergeſſen!“ ſprach ein dicker, ſetter Kerl, indem es ſich nicht ohne Schwierigkeit durch das Fenſter hin⸗ eindrückte und an der Tafel Platz nahm. Dieß war der Quartiermeiſter des Regiments und in der ganzen Brigade wegen ſeines Appetits berühmt. „Ach Gott! wie iſt er angeſchwollen!“ war der erſte Ausruf des Wirthes, als er wieder in das Zimmer trat,„aber auch kein Wunder, wenn man bedenkt, was er gegeſſen hat.“ „Wie nun, was iſt das?“ ſchrie der Quartiermeiſter, als er den Nachtiſch auftragen ſah,„Donner und Wetter! was iſt das?“ 3 „Der Nachtiſch— wenn Sie ihn noch eſſen können,“ erwiderte der Wirth mit einem tiefen Seufzer. „Den Nachtiſch eſſen!— Nein— das thue ich beim Teufel nicht!“ „Das dachte ich wohl,“ verſetzte der andere demü⸗ thig,„das dachte ich wohl, auch ein Haiſiſch iſt am Ende noch voll zu machen!“ „He, was ſagen Sie da?“ erwiderte der Quar⸗ tiermeiſter in rauhem Tone,„Sie werden doch keinem Manne zumuthen, daß er Feigen und Wallnüſſe, oder dürre Pflaumen und Oliven diniren ſoll, oder?“ „Diniren!“ rief der Wirth,„haben Sie denn noch nicht dinirt?“ 295 „Nein, tauſend Bomben, das habe ich noch uicht, wie Sie bald ſehen ſollen!“ 3 „Alle guten Geiſter loben den Herrn!“ ſagte der Wirth. ſich bekreuzigend,„und Du biſt der Satanus, ich beſchwöre Dich hebe Dich hinweg!“ 3 Ein ſchallendes Gelächter von außen erſtickte die Antwort des Quartiermeiſters auf dieſe Teufelsbeſchwö⸗ rung, während die Trompete plötzlich zu Pferde rief. Der Quartiermeiſter ſteckte in jede Taſche eine Flaſche Wein, ſprang von der Tafel auf und eilte hinaus zu ſeinen Gefährten, die plötzlich Befehl erhalten hatten, nach Kaſſel aufzubrechen. Der beſtürzte Wirth ſtand an ſeinem Fenſter, als das Regiment vorüberzog, und wurde von jedem Offzier höflich begrüßt, indem ſie nach der Reihe riefen:„Adieu Monſieur! Beſten Dank für den Braten“—„Der Truthahn war köſtlich“—„Die Paſtete vollkommen“—„Der Kapaun unübertrefflich“—„Das Wildpret ein Meiſterwerk!“ bis endlich der fette Quar⸗ tiermeiſter kam, der, indem er eine Fiaſche an den Mund ſetzte und mürriſch den Kopf ſchüttelte, ſagte:„Wart, Du alter Spitzbub, haſt Du für einen hungrigen Mann kein beſſeres Diner, als Nüſſe und Roſinen?“ Und ſo verſchwanden ſie von dem Platz und ließen meinen Wirth in einem Labyrinth von Zweifel und Ver⸗ wirrung, worin er ſich erſt nach mehreren Tagen und Nächten zurecht ſinden konnte. Obgleich ich mir nicht verſprechen kann, daß ſich mein Leſer an dieſer Geſchichte ſo ſehr beluſtigen wird, wie ich damals, ſo könnte ich dieß doch verbürgen, wenn er ſie von dem Wirthe des Rauten Kranz ſelbſt hören würde, vorgetragen mit der ſtattlichen Gravitat, die im deutſchen Weſen liegt, und mit all der wichtig thuenden Ernſthaftigkeit eines Mannes der in dem ganzen Aben⸗ reuer durchaus nichts ſcherzhaftes fand, ſondern nur ei⸗ nen hinterliſtigen Kniff, der den Stock oder Schandpfahl verdiene. Er war in der That ein eigener Charakter, ſein 296 ganzes Leben hatte nur Raum für drei bis vier Ereig⸗ niſſe, um die ſich ſeine Gedanken, wie um eine Achſe drehten, und deren Eindruck zu lebhaft war, als daß irgend eine andere Begebenheit an ihre Stelle treten konn⸗ te. Als Knabe ſchon hatte er für die Gäſte ſeines Va⸗ ters— denn ſeit undenklichen Zeiten war ihre Familie im Beſitz der Herberge— das Amt eines Wegweiſers auf die Wartburg verſehen, und noch jetzt ſprach er mit Entzücken von jenen Tagen. „Auch war es erbaulich, ihn zu hören, wenn er von Luther ſprach, ſo vertraulich, als hätte er ihn perſönlich gekannt; er erzaͤhlte kleine Anekdoten aus ſeinem Leben und wiederholte ſeine Meinungen, als ob das alles Dinge von geſtern wären; aber in der That, ſeine Seele hatte nicht mehr Perſpektive, als ein chineſiſches Theegeſchirr — da ſtand alles nebeneinander ohne Schatten, ohne Vorder⸗ und Hintergrund, und wenn man ihn reden hörte, ſo hätte man meinen ſollen, Melanchthon und Marſchall Maedonald ſeien perſönliche Freunde geweſen und Martin Luther und Ney haben einen Abend im blauen Saal des Rauten⸗Kranz zugebracht. Was Eiſenach und deſſen Umgebung betraf, ſo wußte er ſo wenig davon, als wäre es in Egypten gele⸗ gen. Er hoffte, es ſei eine öffentliche Bibliothek da — er wußte, zu ſeines Vaters Zeit ſei wirklich eine da geweſen, aber die Franzoſen haben in manchen Städ⸗ ten, durch die ſie kamen, die Bücher zu Patronen ver⸗ braucht— vielleicht hahen ſie das nämliche hier auch gethan. Die verwünſchten Franzoſen!— ſie ſchienen jeden Gang ſeines Gehirns zu füllen— da war keine Pforte ſeiner Sinne, ohne daß ein Franzoſe Wache da⸗ vor ſtand. Nun begab es ſich,— ich glaube, um meiner Sün⸗ den willen,— daß ich durch die Wiederkehr eines alten Rheumatismus, den ich mir auf einer meiner Wander⸗ ungen zugezogen hatte, mehrere Wochen hier bleiben mußte. Bücher brachten ſie mir, aber ach! die einzigen 4 V 297 Bände, die eine deutſche Leihbibliothek enthalt, ſind Ue⸗ berſetzungen der ſchlechteſten franzöſtſchen uns engliſchen Werke. Das Wetter war meiſtentheils regneriſch und trübe, und wenn ich auch Kraft genug beſaß, einen Gang in den Garten zu wagen, ſo wurde ich gewöhnlich tüchtigdurchge⸗ näßt, ehe ich das Haus wieder erreichte. Welche unerträgliche Langweile bewohnt nicht den Gaſthof einer kleinen entlegenen Stadt, wohin wenig Reiſende und keine Neuigkeiten kommen! Weiche ſchreck⸗ liche Niete in unſerm Daſein iſt ein ſolcher Ort! Man ſtelle ſich nur das kleine, ſtille, mit Sand beſtreute Geſell⸗ ſchaftszimmer vor, mit ſeinen ſechs harten Stühlen und einem ſchmalen, mit Flocken und Flöhen gepolſterten halben Sofa, dort ſitzt man und zählt die vier Kupfer⸗ ſtiche in ſchwarzen hölzernen Rahmen, Gegenſtände aus der Schrift, wo Judith in einem wattirten Unterrock und in Holzſchuhen einem Holofernes in Bukskins und Stulp⸗ ſtiefeln den Kopf abhaut und das Blut in einer Suppen⸗ ſchüſſel auffaͤngt; ein Abraham mit einer Neiterpiſtole bedroht den kleinen Iſak in einer Jacke und in Pump⸗Ho⸗ ſen mit dem ſchurkenhafteſten Ausdruck um ſeine Augen⸗ winkel. Der alte in der Mitte zerbrochene Spiegel zeigt uns unſer Geſicht in zwei Halbkugeln, jede mit einer Naſe und mit einem Auge— das Ganze mit einem antiken Grün gefärbt, ſo daß wir wie eine eherne Sta⸗ tue ausſehen. Auſſerhalb der Thüre, aber nahe genug, um uns auf alle Art zu langweilen, ſteht eine große, ſchwerfäl⸗ lige, alte Uhr, die unaufhörlich darauf los pickt— ein wahres Bild der Zeit, die ihres Weges geht, mögen wir nun krank oder geſund, luſtig oder traurig ſein. Mit welchem Lärm verkündet die alte Maſchine daß ſie ſchla⸗ gen will— es tönt wie das engbrüſtige Keuchen eines alten Invaliden, der ſich über ſeine Kräfte anſtrengt; ſo⸗ dann der ſchwere Tritt der Holzſchuhe hin und her, in der kleinen Halle, hinein in die Küche und wieder hinaus in den Hofraum; dazu das gellende Geſchrei ei⸗ 298 nes ſchmutzigen Weibsbildes, das„Johann“ oder„Ja⸗ kob“ ruft; und all die kleinen Plattheiten des Haushalts die von Zeit zu Zeit mit dem rauhen Gelächter der Bauern gewürzt werden, oder mit dem Gezänke auf der Straſſe, wo ein Verkäufer von Schnaps oder Kirſchwaſ⸗ ſer ſein Faß hält. 4 Welches traurige Gefühl kommt über uns, wenn wir an die Leute denken, die ihr Leben an einem ſolchen Orte zubringen, mit ihren armſeligen, kleinen, jämmer⸗ lichen Intereſſen und Beſchaftigungen, und wie ſchaudert man bei dem bloßen Gedanken auf gleiche Linie mit ſolchem ſtehenden Pfuhle hinabzuſinken— wo man die unbedeutenden Berühmtheiten kennt und gleich ihnen ſpricht; und doch, bei all dieſen heiligen Schrecken, wie ſchnell und unmerklich wird eine ſolche Veränderung herbeigeführt. Jeder Tag wiſcht irgend ein früheres Vorurtheil aus und gewöhnt uns an irgend eine neue Sitte, und wie das Auge des Gefangenen in ſeinem finſtern Kerker jeden Gegenſtand deutlich wie am hellen Mittag unterſcheiden lernt, ſo wird ſich die Seele an die moraliſche Finſterniß einer ſolchen Zelle gewöhnen und für jedes winzige Ereigniß, das dort vorgeht, ſich lebhaft intereſſiren, als wäre ſie von jeher da heimiſch. In vierzehn Tagen oder noch früher ſtellte ich in wachen Stunden Vermuthungen an, warum der Schlingel, der das Brieffelleiſen von Gotha brachte, noch nicht an⸗ gekommen ſey;— ehe drei Wochen um waren, theilte ich die Erſchütterung der Stadt über das Benehmen von Frau von Butterweck, die den Preis ihres Schinkens oder Schweinefleiſches, ich weiß nicht um wie viel Zehntel eines Hellers erhöhte und verſank mit den Einwohnern in die tiefſte Beſtürzung, als ſie aus der Thatſache, daß man an einem gewiſſen Morgen vor Tagesanbruch einen preußiſchen Korporal mit einem Packet auf ſeinen Schul⸗ tern durch die Stadt hatte gehen ſehen, einen europäiſchen Krieg prophezeiten. Als ich dazu kam, über dieſen Zuſtand nachzuden⸗ 2 — — 299 ken, fgerieth ich in ſchmerzliche Unruhe.„Noch eine Woche weiter, Arthur,“ ſagte ich,„und es iſt um Dich geſchehen: Eiſenach ſpricht Dich alsdann als ſeinen Bürger an und der Großherzog von——“ der Him⸗ mel verzeih' es mir! aber ich vergeſſe den Potentaten des Reiches,— er mag Dich zu ſeinem Rath e nennen als den Hochwohlgebornen und gelehrten Herrn von O'Leary, und nach einem halben Jahrhundert ſindet man Dich vielleicht mit einer Pfeife in dem Mund und mit Deinen Händen in den Seitentaſchen gleich einem ge⸗ bornen Sachſen in fetten Conſonanten diskurrirend. Reiß aus, Mann, reiß aus; hinweg, wenn es Noth thut, mit einem halben Beine; fort aus dem Königreich in aller Eile, und wenn es nicht größer iſt, als ſeine Nachbar⸗ ſtaaten, ſo thut es ein einziger Satz.“ Kann mir Jemand ſagen— ich wette, man kann es nicht— woher es kommt, daß wir, wenn wir eine Woche oder einen Monat in einem abgelegenen Orte zubringen, und, ſey es nun aus Verdrießlichkeit oder Krankheit, ein einſames Leben führen; daß wir, ſage ich, wenn wir im Begriff ſind, Abſchied zu nehmen, die halbe Familie in Thränen finden. Mann, Weib — und Kind hält es für unausweichliche Pflicht, ein trau⸗ riges Geſicht zu ſchneiden. Der Wirth wiſcht ſich mit dem Ende der Rechnung das Auge, der Kellner ſchneuzt ſich in die Serviette, das Zimmermädchen hält ſeine Schürze vor, ſogar der Stiefelputzer fährt mit ſeiner ſchwarzen Hand übver ſein Geſicht und läßt es in einem ſolchen Zuſtand, daß er recht wohl von der Wichsbürſte Gebrauch machen könnte. Was uns ſelbſt betrifft, ſo befinden wir uns in der größten Verlegenheit. Noch vor einem Augenblick waren wir des ganzen Haushalts, vom Keller hinauf bis in die Dachſtube, überdrüſſig; wir hätten unſere Seele daran gewagt, ſie alle der Reihe nach zu verdammen, und jetzt kommt es heraus, daß wir das enfant cheri der Anſtalt ſind. Welch ein ge⸗ meiner, ſchwachherziger Kerl müſſen wir die ganze Zeit würde ſonſt unſer Finger ſo tief in den Schlupfwinkeln unſers Geldbeutels herum wühlen. Verdammt, wir ſind gegen die guten Leute zu barſch und zu heftig ge⸗ weſen und am Ende haben ſie doch ihr Beſtes gethan. Man ſchlage ſeine Wohnung bei Mivart oder in Clarendon auf; man beziehe über die ſechs Winterme⸗ nate eine ganze Flucht von Gemächern bei Crillon oder Meurice; man miethe den ganzen Schwan in Wien oder ſogar den Grand Monarque in Air, und ich wette meinen Kopf, man geht am Ende von dannen, ohne daß es dem ganzen Haushalt einen Seufzer koſtet. Man hoffe nicht, daß Mivart auf die Rechnung Thränen ver⸗ gießt, oder Meurice vor Schluchzen halb erſtickt. Am Schwan regt ſich keine Feder und was den Grand Mo⸗ narque betrifft, ſo dürfen wir eben ſo gut erwarten, über geweſen ſeyn! kurzum, wir fühlen es; warun ſein Urbild werde aus dem Grab aufſteigen, um uns zu umarmen. Der höchſte Grad, zu dem ſich die Ab⸗ ſchieds⸗Rührung erhebt, iſt ein höfliches Grinſen, das uns zu verſtehen gibt,„hier biſt Du gehörig gerupft worden,“ eine Thräne aber wird uns nicht zu Theil, wollten wir ſie auch wie Tokayer bezahlen. So nahm ich denn vom Rauten⸗Kranz Abſchied in einer ganz andern Gemüthsſtimmung, als ich erwartet hatte. Dem alten Wirth ſelbſt ſchüttelte ich herzlich die Hand, und nachdem ich rings herum einige Geſchenke vertheilt— für deren Geſammtſumme mich ein Lon⸗ doner Kellner wahrſcheinlich mißhandelt hätte— ſo nahm ich meinen Stab und machte mich auf den Weg nach Weimar, begleitet von einem wahren Regen von freund⸗ lichen Wünſchen, die mich, mochten ſie nun aufrichtig gemeint ſeyn oder nicht, den ganzen Tag über in eine fröhliche Stimmung ſetzten. — 301 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Erfurt. Als ich mich Erfurt näherte, hätte man mich bei⸗ nahe die Nacht über auf die Wachtſtube gebracht— denn da ich ſah, daß es bald neun Uhr war, wo die Feſtungsthore geſchloſſen wurden, ſo fing ich an, einen Trab anzuſchlagen, uneingedenk des Reglements, das Jedem verbietet, über die Fallbrücken einer Feſtung ſchnell zu laufen. So vortrefflich nun auch dieſe Vor⸗ ſchrift iſt, wenn man ſie auf jene ſchweren Eilwägen anwendet, die ſich mit drei Tonnen Paſſagieren und ſechs Tonnen Gepäck die Straße dahin wälzen und von denen man wohl voraus ſetzen darf, daß ſie das Fun⸗ dament eines Bollwerkes oder Brückenkopfs erſchüttern können, ſo geht es doch über meine Begriffe, wie ein Menſch von ſterblichem Stoffe, oder überhaupt ein Geſchöpf aus der zweifüßigen Klaſſe— ſelbſt wenn er noch zwei Hem⸗ den und eine Nachtmütze in ſeinem Bündel hätte— ſo etwas 1 dieß that, lief ein Soldat hinter mir her, drei andere vermöchte.— Wie dem auch ſey, ich lief im Trab, und als ich folgten ihm und ein Korporal bildete die Nachhut. Wirklich war die ganze Scene ſo impoſant, daß ein vorurtheils⸗ freier, in der Kriegskunſt nicht gar zu ſtark bewanderter Beobachter, ſich hätte einbilden können, ich hätte im Sinne gehabt, Erfurt zu ſtürmen und die Beſatzung über⸗ liſtet. Kurz, das Ganze hatte große Aehnlichkeit mit der Heldenthat Murats bei Wien, ſonſt wären ſie vielleicht nicht in Allarm gerathen. Ich ſah, daß ich einen Fehler begangen hatte, wo⸗ rin er aber beſtand, konnte ich nicht einmal rathen, und da ſie alle zuſammen ſprachen und zwar in einem ſo abſonderlich ſchlechten Deutſch(wer hat je einen Frem⸗ den gekannt, der ſich nicht über die abſcheulichen Fehler beklagte, welche Andere machten, wenn ſie in ihrer Mut⸗ terſprache redeten?) daß ich, ob ich gleich rief:„Ich 302 habe geſündigt,“ mich doch eines Beſſern beſann und kein Geſtandniß meines Unrechts freiwillig ablegen wollte, bevor ich die Spezial⸗Anklage gehört hätte; aber dazu hatte ich wenig Ausſicht— ſo groß war die Verwir⸗ rung und der Tumult. Nun gibt es in jeder Geſetzgebung zwei wohlwol⸗ lende Verfügungen, denen gemaͤß man ſich entweder mit Armuth oder mit Narrheit entſchuldigen kann. Ich wählte das Letztere und kam triumphirend daon— mein Urtheil lautete, ich ſey ein dummer Engländer und ſo ging ich frendig meines Weges. „Nun, ich wünſche Ihnen Glück dazu!“ wie wir in Irland ſagen, die wir eine beſondere Vorliebe haben, Da war ich nun inner⸗ befeſtigte Städte zu nehmen. D 1. halb einer ſolchen, die Thore waren hinter mir ver⸗ ſchloſſen und verriegelt, ein dreißig Fuß hoher Wall und ein fünfzig Fuß tiefer Graben umringten mich, und ich will mich hängen laſſen, wenn ich in's Innere dringen konnte. Ich glaube, ich war in einer ſegenannten Pa⸗ rallele, ich gerieth weniaſtens in hundert kleine, krumme Winkel und Zickzacka, wo man ſicher war, eine Schieß⸗ ſcharte mit einer Kanone zu finden. Aber da nichts einander ſo ähnlich ſieht als Mauern und da ich um's Leben keinen vier und ſiebzig Pfünder von einem andern unterſcheiden konnte, ſo war ich in der traurigſten Ver⸗ legenheit und Ungewißbeit, ob ich nicht ſeit anderthalb Stunden auf dem nämlichen kleinen Raum umher ginge Gewiß! dachte ich, wenn es in der Welt keine keffern Ingenieurs gebe, als mich, ſo dürfte man die Thore weit offen und die Wachen zu Bett gehen laſſen. Holla, da kommt zum Glück endlich Jemand ber— und gerade in dieſem Augenblick ging ein nach deutſcher Art in einen weiten Mantel gehüllt entſchar dürt ie bünen gehüllter Mann hart an mir vor⸗ „Darf ich fragen, mein Herr, wo geht. Stadt und wo finde ich einen Gefienlee anntae vhode fältig meinen Hut abnehmend, denn obgleich die Nach 303 pechſchwarz war, ſo darf man dieſe Höflichkeit doch nie verſäumen und ich habe von einem Deutſchen gehört, der nie mit ſich ſelbſt redete, ohne das Haupt zu entblößen. „Gerade aus und dann wenden Sie ſich links, um den Winkel der Citadelle— durch den bedeckten Weg ſchneiden Sie etwas ab——“ „Behüte der Himmel!“ unterbrach ich,„es geht mir ſchlimm genug, wo alles frei und offen iſt— es braucht keinen geheimen Weg, um mich zu verwirren.“ „Nun ſo kommen Sie mit mir,“ verſetzte er lachend, „ich ſehe, Sie ſind ein Fremder— hier haben ir etwas weiter, aber ich werde Sie wohlbehalten zum „Kaiſer“ bringen, wo Sie ſich vortrefflich befinden werden.“ Mein Führer war ein Offizier von der Beſatzung und ſchien bedeutend geſchmeichelt durch meine Verſiche⸗ rung über die Uneinnehmbarkeit der Feſtung, da er mir unterwegs, um mich beſſer zu unterrichten, die verſchie⸗ denen Merkwürdigkeiten des Platzes beſchrieb. Großer Gott, wie ſatt bekam ich die Kaſematten und Schieß⸗ ſcharten, die bombenfeſten Magazine und Feldſchlangen, die Halbmonde und Plattformen, und je mehr ich aus Höflichkeit mein Erſtaunen und meine Verwunderung ausdrückte, deſto mehr Mühe gab er ſich, dieſe verborge⸗ nen Schätze zu erklären; ich glaube wirklich, er machte mit mir einen Umweg von einer halben Stunde, um mir in der Finſterniß die Stelle zu zeigen, wo ein un⸗ geheures Geſchütz lag, deſſen Ladung hundert und ſieb⸗ zig Pfund war. Das war zu arg nachdem ich feierlich geſchworen hatte, daß die franzöſiſche Armee nicht wagen dürfe, ihre Naſen dieſſeits des Rheins zu zeigen, ſo lange noch eine Korporalswache in Erfurt ſei, ſo drang ich inſtändig in ihn, mir doch einen Blick auf den„Kaiſer“ zu gönnen. „Wollen ſie nicht den Rothen Stein ſehen? fragte er. „Morgen wenn ich noch am Leben bin,“ erwiderte ich, bei den letzten Worten meine Stimme ſenkend. „Auch nicht die Wunder⸗Brücke?—— 3⁰⁴ 3 „So Gott will beſuche ich morgen Alles; gerade deswegen bin ich ja hergekommen.“ Der Himmel ver⸗ zeihe mir die Lüge, ich fiel faſt in Ohnmacht. „Sei es denn ſo,“ ſprach er,„wir müſſen jetzt wieder zurückgehen, wir ſind beträchtlich weit von un⸗ ſerm Wege abgekommeu!“ Mit einem ſchweren Seufzer kehrte ich um, und wenn ich Vauban und Carnot nicht zu allen Teufeln wünſchte, ſo geſchah es, weil ich ein guter Chriſt und von verſöhnlichſtem Gemüthe bin. „Da find wir nun— hier iſt der Kaiſer,“ ſagte er, als wir nach einem halbſtündigen ſcharfen Gang innerhalb eines ungeheuren, von einer großen altmo⸗ diſchen Laterne trüb erleuchteten Thorwegs ſtanden. n„.Haben ſie nicht geſagt, ſie bleiben einige Tage hier?“ „Ja, vierzehn Tage, oder wenigſtens eine Woche.“ „Nun wenn Sie mir erlauben, ſo wird es mir großes Vergnügen machen, Sie morgen und übermorgen durch die Feſtung zu führen. Um alles zu ſehen, brau⸗ chen Sie wenigſtens zwei Tage, und auch ſo werden Sie die Zeughäuſer und die Kugel⸗Batterien weglaſſen müſſen.“ 1 Ich drückte meinen verbindlichſten Dank aus, im Innern aber gelobte ich, auch wenn ich mich in den dicken Mörſer flüchten müßte, am folgenden Morgen von meinem Freunde mich nicht fangen zu laſſen. „Gute Nacht alſo,“ ſagte er mit höflicher Ver⸗ beugung.„Bis morgen.“—„Bis morgen,“ wieder⸗ holte ich und, ging in den Kaiſer. Der römiſche Kaiſer war einſt ein großer Platz; aber ach! jetzt iſt ſeine„Diana gefallen!“ Es war eine Zeit, wo zwei Kaiſer unter ſeinem Dache ſchliefen, und ſich die Geſandten von Königen innerhalb ſeiner Wälle verſammelten. Hier war es, wo Napoleon jene wunderbare Zaubermacht ausübte, die er über alle andern Menſchen beſaß, und woer die Seele des Kaiſers Alexander 30⁵ ſo feſſelte, daß nicht einmal der ſräͤtere Einfall der Franzoſen in ſein Reich, nech das Unglück von Mes⸗ kau jenen Eindruck verwiſchen konnte. Der Czar war der einzige unter ſeinen Feinden, der im Jahr 1814 mit ihm unterhandeln wollte, und als ſich keine andere Stimme zu ſeinen Gunſten erhob, ſo hörte man die Stimme Alexanders, der an ihre alte Freundſchaft erinnerte und an jene Zeit, wo ſie gleich zwei Brüdern geweſen waren. Erfurt war der Schauplatz ihrer erſten Freundſchaft. Es leben noch manche, die Napoleon Arm in Arm mit Alexander herumwandeln ſahen, und die Aufmerkſamkeit des bezauberten Czaren beobachteten, wie er den feurigen Worten und der raſchen Beredſam⸗ keit Bonapartes lauſchte, der mit genialer Politik ſich vollſtändig dem jungen Kaiſer weihte, und beſchloſſen hatte, ihn für ſich zu gewinnen. Sie trennten ſich nie, weder zu Pferd noch zu Fuß. Sie ſpeisten zuſammen und gingen jeden Abend mit einander in's Thrater; auch hatte dieſe ſchmeichelbafte Bevorzugung womit Napo⸗ leon ſo augenfällig paradirte, ihre vollſtändige Wirkung auf die glühende Einbildungskraft und auf das ritter⸗ liche Herz des jungen Czaren. Feſte, Revuen, Gala⸗Geſellſchaften und Conzerte drängten einander in ſchneller Folge. Die Truppe des Theater Français wurde eigens von Paris reſc ickt; ebenſo kam das Ballet der großen Oper und man unter⸗ ließ nichts was dem Czar Vergnügen machen und den Wunſch ſeines Wirthes— denn dieß war Napoleon— ihn ehrenvoll zu empfangen, bezeugen konnte. Damals ahnte Napoleon wenig, daß der offenher⸗ zige Jüngling, der an jedem Worte hing, das er ſprach, eines Tages der hartnäckigſte aller ſeiner Feinde werden würde; und doch dauerte es nicht lange, daß er in giftiger Erbitterung über ſeine Täuſchung, als die rohe Energie des Moskowiten der Stärke ſeiner Armeen einen unzähmbaren Trotz zeigte, und gegen die von ihm Lever, O'Leary. II. 20 306 anerbotenen Unterhandlungen taub blieb, die Worte ſprach:„Kratzt dem Ruſſen ſein bischen Firniß ab ſo kommt der Tartar zum Vorſchein.“ Alerander war in der That der würdige Enkel Katharina's, und ob er gleich ein Gefühl perſönlicher Achtung für Napoleon in allen Wechſeln des Schick⸗ ſals ſpäterhin beibehielt, ſo iſt es nicht minder wahr, daß die Verſtellung des Ruſſen den Korſen hintergangen, und daß, während Napoleon ihn für ſeinen innigſten Freund hielt, die Zweideutigkeit des Moskowiten ihn überliſtet hatte. Mit Bezug auf jene Unterredung und auf das dabei ansgetauſchte Verſprechen der Freund⸗ ſchaft nannte ihn Napoleon in einem ſeiner ſchneidenden Ausdrücke„falſch wie einen Byzantiner.“ Nichts ſtörte das Glück der Zuſammenkunft in Er⸗ furt. Es war ein fröhliches, glänzendes Feſt, wo mit⸗ ten unter den Wonnen und Freuden des Luxus zwei groſſe Herrſcher die Welt nach ihrer Willfür theilten. Es war Konſtantin und Karl der Große, von denen jener das Morgenland, dieſer das Abendland nahm. Der traurige, gramgebeugte König von Preuſſen kam nicht dahin wie nach Tilſit; ebenſo wenig die ſchöne Königin dieſes unglücklichen Reiches, deren Schönheit und Mißge⸗ ſchick das Mitleid des Siegers wohl verdient hätte. Nie zeigte ſich der Charakter Napoleons weniger lie⸗ benswürdig, als in ſeinem Benehmen gegen die Köni⸗ gin von Preuſſen. Wenn ihre Stellung und ihre per⸗ ſönlichen Reize keinen Einfluß auf ihn hatten, ſo hätte doch die Anhänglichkeit der ganzen Nation an ihre Per⸗ ſon ihn rühren ſollen. Es lag etwas unmännliches in der Grauſamkeit, womit er auf ihre Bitten zu Gunſten ihres Landes mit läppiſchen Anſpielungen auf die neueſte Pariſer⸗Mode und auf die Koſtüme des Boulevard ant⸗ wortete; und als ſie aus ſeiner Hand die Moosroſe an⸗ nahm, und mit zitternder Stimme die Worte ſprach: „Sire, an moins avec Magdebourg“— ſo hätte ih⸗ pe Bitte auf anſtändigere Art abgewieſen werden kön⸗ 307 nen, als durch das ſchroffe„Nein“ Napolevns, womit er ihr den Rücken lehrte. Es lag etwas prophetiſches in ihren Worten, als ſie dieſe Anekdote ſelbſt dem Mini⸗ ſter Hardenberg erzählte und hinzufügte—„Dieſer Mann iſt zu hart gegen das Unglück, als daß er es ſelbſt ertragen könnte wenn es einmal über ihn ſelbſt käme. Aber wozu alle dieſe Betracktungen, Arthur? Das ſind hiſtoriſche Dinge, und die Welt kennt ſie ſo gut, oder noch beſſer als Du.„Que diable allez vous faire dans cette gälere?“ Ach! das kommt vom Abendeſſen in dem Sperſeſaal des Kaiſers, und von meinem Ge⸗ ſchwäͤtz mit dem großen rundköpfigen Preußen in Uni⸗ form an der Spitze der Tafel; er war Garde⸗Lieutenant in Tilſit, und im Jahr 1808 mit Depeſchen in Erfurt; er wußte hundert erbauliche Geſchichten von den Feſtlich⸗ keiten und von den drolligen Schnitzern, welche die Leibgarde des Czaren aus Unkenntniß der Sitten und Gewohnheiten des ziviliſirten Lebens zu machen pflegte. Es waren Baſch⸗ kiren die beſtändig auf der offenen Straſſe vor dem Quartier des Kaiſers bivouakirten, und die ganze Nacht mit ei⸗ nem wilden Geſang zubrachten, den einige anfingen, während andere ſchliefen, und wenn der Tag anbrach ſo ſchloß das Ganze mit einem Tanz, der nach der Beſchreibung, die man mir davon machte von der ro⸗ heſten und ungeſchlachteſten Art ſein mußte. Napoleon bewunderte dieſe Burſchen nicht wenig und mehr als einer von ihnen verließ Erfurt mit dem Kreuze der Ehrenlegion auf der Bruſt. So müde ich auch war, blieb ich doch lange nach Mitternacht ſitzen und hörte dem Preußen zu, der ſeine Crinnerung auf die erbaulichſte Art zwiſchen ungeheuren Rauchwolken hervor ſtrömen ließ. Als ich mich endlich zur Ruhe begab, verfiel ich in einen fürchterlichen Traum von Baſchkiren und Baſtionen, Halbmonden, heißen Ku⸗ 3 20 8 geln und bombenfeſten Mauren, der mich nicht eher ver⸗ ließ, ais bis der Morgen anbrach. „Der Rittmeiſter von Otterſtadt läßt ſich Ihnen empfehlen,“ ſagte der Kellner indem er mich aus mei⸗ nem tiefen Schlaf erweckte—„läßt ſich Ihnen empfeh⸗ len— „Wer?“ rief ich zuſammen ſchaudernd. 7 „Der Rittmeiſter von Otterſtadt, der Ihnen geſte ru die Feſtung zu zeigen verſprach.“ „Ich bin krank,— ernſtlich krank,“ erwiderte ich, und es ſollte mich nicht wundern, wenn es ein Fieber wäre.“ „Wahrſcheinlich,“ ſprach der unbewegliche Deutſche und fuhr in ſeinem Berichte fort.„Der Herr Ritt⸗ meiſter bedauert ſehr, daß er zu einem Kriegsgericht nach Enden beordert iſt, und vor Sonnabend nicht die Ehre haben kann Sie zu begleiten: dann aber——“ „Werde ich, ſo Gott will, auſſerhalb des ſichtbaren Horizontes von Erfurt ſein,“ ſagte ich den Satz fur ihn endigend. Nie wurde eine Seele ſo erfreut wie die meinige durch dieſe Nachricht; die Schrecken dieſer zweitägigen Wanderungen durch gewölbte Gänge, ſteinerne Treppen auf und ab, in Keller und Zellen, von deren Nutzen und Zwecken ich nicht den entfernteſten Begriff hatte, waren die Urſache der ſchrecklich durchträumten Nacht geweſen, und nun war ich auf einmal frei. Lang lebe der König von Preuſſen! ſage ich, der bei ſeiner Armee auf ſtrenge Disziplin ſieht, und ich hoffe ſehnlichſt, das Kriegsgericht werde Alles reiflich überlegen; dann habe ich Ausſicht, daß ich fort bin, ehe es vorüber iſt. Ich möchte wiſſen, woher es kommt, daß die Ein⸗ wohner befeſtigter Städte allenthalben ſo laugweilig ſind. Iſt es wirklich ſo?— fragt vielleicht mancher meiner Leſer. Kein Zweifel— wer ſie je beſucht und ein Paar Wochen innerhalb ihrer Mauern zugebracht hat, der 309 wird kaum eine ſolche Frage aufwerfen. Können Zwi⸗ ſchenwälle und Baſteien— Gräben und Halbmonde die Intelligenz eben ſo wirkſam ausſchließen, als den Feind? Sind Batterien eben ſo verderblich für Vergnügungen als für Peletone? Ich weiß es nicht, aber ſo viel will und kann ich ſagen, daß ich die traurigſten Tage und Nächte in Feſtungen zugebracht habe. Wo die Werke alt ſind und zerfallen, da dringt vielleicht durch die Spalten und Riſſe ein kleiner Schimmer von der Außen⸗ welt hinein, wie in Antwerpen und Mainz; wo ſie aber ſorgfältig unterhalten werden— wo die Graͤben voll— auf den Wällen kein Unkraut— die Palliſaden und Schilderhäuſer mit friſchem Grün angeſtrichen ſind, da helfe uns Gott! In dem abgemeſſenen Schlendrian des Militärdien⸗ ſtes muß etwas liegen, das ſeinen Einfluß auf die Ein⸗ wohner uüͤbt. Des Morgens beim Signal einer Kanone ſtehen ſie auf, bei einem andern gehen ſie zu Bett, mit dem Trommelſchlag gehen ſie zu Tiſche und für jede von den vier und zwanzig Stunden gibt die Be⸗ ſatzung das Kommandowort. Da iſt kein Leben, keine Bewegung, eine Patrouille oder eine Streifwache ſind die einzigen Dinge, denen man begegnet, und wenn wir beim Rollen von Rädern die Ohren ſpitzen, ſo iſt es am Ende nichts als ein Pulverwagen mit einer Kor⸗ porals Wache. Theater können an ſolchen Plätzen kaum eriſtiren, ein Buchhändler würde in der erſten Woche ſterben, es gibt weder Soireen noch Geſellſchaft. Billard und Bier bilden in einer fremden Armee das Hauptvergnügen des Offiziers, und gewiß, ſie verdienen wenigſtens Ein Lob, ſie ſind wohffeil. Da nun in Erfurt wenig zu ſehen und noch weniger zu thun war, ſo beſchloß ich, am nächſten Tage in der Frühe nach Weimar aufzubrechen, ein guter Entſchluß für den nächſten Tag, aber wie ſollte der heutige zuge⸗ bracht werden? 310 In Deutſchland dinirt man um ein Uhr, oder wenn man faſhionable bis zum Ertrem ſeyn will, um zwei. Wie ſoll nun die Zwiſchenzeit bis zum Abend ausgefüllt werden? Kaffe und Rauchen mögen etwas helfen, können aber nur für einen Deutſchen ſechs ſter⸗ benslange Stunden ausfüllen. An Leſen iſt nach einem ſolchen Diner nicht zu denken— Reiten würde uns einen Schlagfluß zuziehen— Schlaf bleibt unſere ein⸗ zige Zuflucht. Der Schlaf,„der den Menſchen in eine Decke hüllt,“ wie der ehrliche Sancho ſagt, und für⸗ wahr, zu etwas anderm iſt man wenig aufgelegt; ich beſtellte mir daher Feder und Dinte auf mein Zimmer, als ob ich verſchiedene Briefe zu ſchreiben hätte, ſchloß die Thüre und fünf Minuten ſpäter meine Augen, und erwachte nicht eher, als bis die Glocke ſechs ſchlug. Letztes Kapitel. Der Herr Direktor Klug. „Wo iſt der Weg nach dem Theater?“ fragte ich einen Schlingel, der unter dem Thore des Gaſthofes ſtand, in jener zunftmäßigen Bedientenhaltung, die den Pflaſtertretern in allen Städten ſo eigenthümlich iſt, denn ein Pferd halten und eine Glocke läuten zu können, ſind immerhin Vorzüge, ſo gering auch Manche ſie ſchätzen mögen. „Nach dem Theater?“ wiederholte er, indem er mich behaglich von Kopf bis zu Fuß maß, ohne ſich vom Platze zu bewegen. „Ja,“ ſprach ich,„man ſagte mir, es ſey eines hier und man ſpiele heute Nacht.“ „Möglich,“ antwortete er mit einem Achſelzucken und rauchte ſeine kurze Pfeife ſo gleichgültig wie zuvor. „So komm und zeige mir den Weg,“ ſagte ich, indem ich einige Kreuzer herausnahm,„ſtecke Deine Pfeife zehn Minuten lang ein und führe mich hin.“⸗ 311 Das Klingeln der Kupſermünzen erweckte ſeinen Geiſt, und ob er gleich meinen Widerwillen gegen ſeinen ſchlechten Tabak nicht ergründen konnte, ſo ſteckte er das Inſtrument doch in ſeine geräumige Seitentaſche und bedeutete mir mit einem kurzen Nicken, ihm zu folgen. Nirgends tritt die Nationalität auffallender hervor, als in dem Benehmen der Wegweiſer in den verſchie⸗ denen Städten. Der Deutſche iſt ſpruchreich und feier⸗ lich wie ein Elephant, er tappt mit geſenktem Haupte und den Händen in den Taſchen neben uns her, beant⸗ wortet unſere Fragen mit mürriſcher Einſylbigkeit und es ſcheint ihn zu verdrießen, wenn man ihn nicht ſeinen eigenen Betrachtungen überläßt. Der Franzoſe dagegen meint, er ſey zu angenehmer Unterhaltung verpflichtet, er macht die Honneurs der großen Nation und es iſt ihm daran gelegen, daß wir uns nicht, unzufrieden mit der Artigkeit des„einzigen ziviliſirten Volkes in Europa,“ von ihm trennen. Paddy hat ebenfalls etwas von dieſem Geiſte, aber weniger aus nationellen als individuellen Gründen, er liebt die Unterhaltung und ſädelt ſie ein, außerdem kann niemand ſo gut wie ein Irländer einen Fremden auslocken, während er ihn zu unterrichten ſcheint. Der Yankee liebt es, geradezu hin und her zu fragen und macht kein Hehl daraus, wenn er uns den Weg nach einem Orte zeigt, ſo thut er es, weil wir ihm ſagen müſſen, woher wir zuletzt kamen; John Bull dagegen weißt uns mit einem kurzen„ich weiß in der That nicht“ ab, bekümmert ſich ebenſowenig um unſern Weg, als um unſer Schickſal, und hat n ſeiner Seele keinen Raum, an uns zu denken. Mein Vorläufer war ſeines Landes würdig, wenn ihn jedes Wort einen Backenzahn gekoſtet hätte, ſo hätte er nicht ſparſamer damit umgehen können, und wenn ich zufällig entweder nicht hörte oder nicht recht verſtand, was er ſagte, ſo war er nicht zu bewegen, es zu wiederholen und ſo famen wir aus dem belebtern 312 Theile der Stadt in ein Qnartier von engen Straßen und ärmlichen Häuſern, über deren Dächer hinweg ich von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Feſtungswerke werfen konnte, denn wir waren am äußerſten Ende der Stadt. „Weißt Du ganz gewiß, daß dieß der Weg iſt?“ fragte ich, denn ich fing an zu fürchten, er möchte meine Frage mißverſtanden haben. „Ja, ja— da war es— da war das Theater;“ damit deutete er auf ein großes Gebäude von dunklen Steinen am Ende der Straße, deſſen Wände mit ver⸗ ſchiedenen Zetteln und Ankündigungen beklebt waren, worauf lich, als ich näher fam, verzeichnet fand, was die Diener Seiner Majeſtät dieſe Nacht ſpielen wollten, nämlich„Den Junker in der Reſidenz,“ und als Nachſtück„Die Krähwinkler.“ Es war ein ſehr üppiges Verzeichniß von Schauſpielern und Schauſpielerinnen da, mit Namen, die ſo ſchwer auszuſprechen waren, wie die Gerichte eines Speiſezettels; auch ſtand etwas von einem Ballet und muſikaliſchem Intermezzo darauf. Nun— ſagte ich zu mir ſelbſt— das nenn' ich Glück. Ich entließ meinen kleinen Trabanten und ging auf die Thüre zu, die innerhalb eines tiefen Säulen⸗ ganges ſtand. Wie groß war aber mein Erſtaunen, als ich ſie geſchloſſen fand— ich ſah mich nach allen Seiten um, aber da war kein anderer Eingang zu finden; außerdem ließ die gedruckte Liſte der Plätze und Preiſe keinen Zweifel darüber, daß dieß der regelmäßige Eingang war. Da hilft am Ende keine Liſt— dachte ich— dieſe Deutſchen ſind ſeltſame Leute, vielleicht öffnen ſie die Thüre nicht eher, als bis man klopft, wollen wir's alſo verſuchen. „In's Himmels Namen, was iſt das?“ ſchrie eine ärgerliche Stimme, während eine keineswegs würdevolle Frau aus einem Fenſter vom Umfang eines Quadrat⸗ ſchuhes oberhalb der Thüre herausſah.—„Was wollen 313 Sie mit dem Lärm da?“ brüllte ſie lauter als zuvor. „Ich möchte gerne einen Platz in einer Loge oder einen Sperrſitz auf der Gallerie— es gilt mir gleich⸗ viel.“ „Wozu?“ rief ſie. „Wozu!— Natürlich für das Schauſpiel, für den „Junker in der Reſidenz.“ „Der iſt hier nicht zu finden— gehen Sie Ihres Weges— oder ich rufe die Polizei,“ bellte ſie, ſchlug das Fenſter zu und ſo hatte das Geſpräch ein Ende. „Kann ich Ihnen meine Dienſte anbieten, mein Herr?“ fragte ein ſtattlicher kleiner Kerl obne Rock, der unter ſeiner Thüre rauchte—„was beliebt Ihnen?“ „Ich fam, um das Schauſpiel zu ſehen“ ſagte ich, über den ganzen Vorgang erſtaunt,„und hier finde ich nichts, als eine alte Hexe, die mich mit der Polizei bedroht.“ „Ha! was das Spiel betrifft, ſo weiß ich nicht,“ verſetzte er, ſich am Kopfe kratzend,„aber kommen Sie mit mir hinüber in den Fuchs, da treffen wir gewiß den Herrn Direktor.“ „Ich habe ja nichts mit dem Herrn Direktor zu thun,“ ſagte ich,„wenn keine Aufführung ſtattfindet, ſo muß ich eben wieder zurückkehren— das iſt alles.“ „Halt! es kann dennoch ſeyn,“ verſetzte mein Freund, „kommen Sie nur mit und ſehen Sie den Herrn ſelbſt, ich kenne ihn wohl und er wird Ihnen über alles Auf⸗ ſchluß geben.“ Dieſer Vorſchlag war wenigſtens ungewöhnlich und wie's in der Welt geht, ſo iſt eben dieß nicht ohne eigene Vortheile; ich willigte daher ein und folgte meinem neuen Führer, der in dem gleichgultigen Negligé einer Weſte und Hoſe vor mir her watſchelte. Der Fuchs war ein altmodiſches Haus von hölzer⸗ nem Gerippe mit ſeltſamen achteckigen Fenſterſcheiben und einem großen Wappenrock über der Thüre, wo ein Fuchs in ſchwarzem Eichenholz ſogleich in die Augen ſiel. 314 Kaum hatten wir die niedrig gewölbte Thüre be⸗ treten, als die Schnaps⸗ und Tabaksdämpfe mich faſt erſtickten, während der luſtige Chorus eines Trinkliedes eine muntere Geſellſchaft verrieth. Schon bereute ich meine Thorheit, in den Vor⸗ ſchlag des ſeltſamen Mannes eingewilligt zu haben und wäre er in meiner Nähe geweſen, ſo hätte ich keinen Schritt weiter gethan, aber er war in den Wolken ver⸗ ſchwunden,— die Scheibe ſeiner ſchwarzbraunen Hoſen war alles, was ich durch den Nebel wahrnehmen konnte. Ich war wirklich in einer verwünſchten Lage. Was für ein Recht hatte ich, den Herrn Direktor auszuſpüren und ihn in ſeinem Lager zu ſtören. Genug, daß nicht geſpielt wurde; jeder andere wäre, ſobald er dieß ge⸗ wußt hätte, ruhig nach Hauſe zurückgekehrt. Während ich dieſe Gedanken in mir herumwälzte, trat mein fetter Freund aus dem Nebel heraus, gefolgt von einem ſchlanken, hagern Manne in ſchwarzer Klei⸗ dung, mit eng anliegenden Hoſen; ein breiter buſchiger Backenbart, der an den Winkeln der Naſe zuſammen⸗ ſtieß, theilte ſein Geſicht in zwei Hälften, während ein ſpitziger Kinnbart den untern Theil deſſelben in eine unermeßliche Länge zu dehnen ſchien. Bevor der kurze Mann mit ſeiner Ankündigung des Herrn Direktors noch ganz fertig war, hatte ich mich in die weitſchweifigſten Entſchuldigungen wegen meiner unverantwortlichen Zudringlichkeit eingelaſſen, bot all mein Deutſch auf, um die Größe meines Bedauerns auszudrücken und läutete abwechſelnd mit meinem Kum⸗ mer und meiner Beſcheidenheit, meiner Beſcheidenheit und meinem Kummer; endlich ließ ich nach, da mich das verwünſchte Wort, das man im Deutſchen immer an das Ende eines Satzes hängen muß, gänzlich im Stiche ließ.. „Sie ſind alſo gekommen, um das Spiel zu ſehen?“ fragte der Direktor forſchend denn ach! meine Erklärung war keine von den klarſten geweſen.— 315 „Ja,“ ſagte ich,„wegen des Spieles— aber—“ Ehe ich den Satz enden konnte, warf er ſich in meine Arme und rief mit Enthuſiasnius:„Du biſt meines Vaters Sohn!“ Dieſe Familien⸗Neuigkeit mußte mich unſtreitig überraſchen, aber ich machte mich los aus den Armen meines Bruders, voll Begierde, den Sinn eines ſolchen Enthuſiasmus zu erfahren „Aſo ſind Sie gekommen, um das Schauſpiel zu ſehen?“ rief er entzückt, während er ſich in eine Büh⸗ nenſtellung von großem Effekt warf. „Ja.“ erwiderte ich,„um den Junker und die Kräh⸗ winkler zu ſehen.“ „Ach Gott! wie fein, wie nobel!“ Nun waͤre es mir in jedem andern Augenblick un⸗ begreiflich geweſen, wie das Daranſetzen eines Fünf⸗ franken oder Zweiguldenſtücks ſolche Beiwörter verdienen konnte; aber wie der Dramatiker ſagt, es iſt mir nicht darum zu thun, mich um Raketen zu bekümmern, da ich auf einem Pulverfaß ſaß und ich achtete nicht im geringſten darauf. „Geben Sie mir Ihre Hand!“ rief er entzückt, „und erlauben Sie, daß ich Sie Freund nenne.“ Der Direktor iſt toll wie ein Märzbaſe, dachte ich, und wünſchte mich aus dem ganzen Abenteuer hinaus. „Aber da nicht geſpielt wird,“ ſagte ich,„ſo will ich lieber an einem andern Abend kommen, ich werde noch eine Woche hier bleiben, vielleicht noch länger——“ Allein während ich ihn zu verſichern ſuchte, wie wahrſcheinlich es ſey, daß ich einen Winter in Erfurt zubringen wuͤrde, ſo widmete er mir nicht die gerinaſte Aufmerkſamkeit, ſondern ſchien in Nachdenken verſunken, wobei er dann und wann ein Paar Worte fallen ließ, 3. B.—„Die Wurzel iſt krank, d. h. ſie iſt mit den Offizieren bei der Garten⸗Muſik, Blum iſt heute be⸗ trunken, der Etterbaum könnte, wenn er Schinken ge⸗ geſſen hat, keine Note ſingen. Aber dann iſt noch 316 Grundenwald und Catinfa, ja wohl, und der alte Krebs da— wir wollen's ſchon machen! Kommen Sie mit, mein Allerliebſter, und wählen Sie die beſte Loge erſten Ranas, nehmen Sie zwei, drei, wenn es Ihnen beliebt — Sie ſollen ein Spiel ſehen,“ „Was meinen Sie? Sie werden doch nicht das Haus um meinetwillen öffnen?“ „Allerdinas! Sie ſollen es bald ſehen— Sie ſind der einzige Zuhörer, den ich je in Erfurt hatte und ich bin nicht geſonnen ihn zu verlieren. Wiſſen Sie, wür⸗ digſter Freund,“ fuhr er mit melodramatiſchem Tone und gleicher Geberde fort,„daß ich heute Abend zum zwölften Mal ein Stück angekündigt habe und doch noch nie im Stande war— ich will nicht ſagen ein volles Haus— ſondern nur eine Reihe— eine Loge— oder auch nur einen Sperrſitz auf der Gallerie anzulocken. Ich eröffnete, warum ſage ich eröffnete? Ich kündigte am erſten Abend Schiller's Maria Stuart an, Sie ken⸗ nen die Maria— nun, was für ein Mädchen wir für dieſe Rolle haben! welche Zartheit— welche Muſik in ihrer Stimme— welche Anmuth und Majeſtät in jeder Bewegung, Sie ſollen ſie ſelbſt ſehen, Catinka iſt hier. Daun kündiate ich Nathan den Weiſen an, dann den Götz, dann Kabale und Liebe— wozu das alles? Mit Einem Wort, ich machte alle unſere dramatiſchen Schrift⸗ ſteller durch, von Schiller, Göthe, Leſſing, Werner, Grillparzer bis auf Kotzebue, von dem ich zwei Stücke für dieſen Abend angekündiat habe. „Aber— verzeihen Sie meine Unterbrechung— hielten Sie die Thüren immer verſchloſſen, wie ich ſie fand?“ „Anfangs nicht“ verſetzte er feierlich;„die Thüren waren offen, und zwiſchen der Kaſſe und dem Orcheſter war eine Telegraphenlinie eingerichtet, damit beim Ein⸗ tritt des erſten Zuſchauers die Bodenlichter angezün⸗ det würden: aber das Fagot und die Trommel, die Klarinette und die Hobpe ſtanden gleich Kanonieren, die 317 Lunte in der Hand, von ſechs und ein halb Uhr bis acht, und nie kam das Wort ‚Feuer!e Doch da ſind wir.“ Mit dieſen Worten zog er aus der Taſche einen maſſiven Schlüſſel, womit er die Thüre aufſchloß, und führte mich am Arm in einen dunklen Gang, gefolgt von unſerm rockloſen Freund, den er als Herrn Stauf anredete, und erſuchte, auch mit herein zu kommen. Während der Herr Direktor auf ein Licht wartete, womit ſich die Frau keineswegs zu beeilen ſchien, ſetzte er ſeine Erzählung fort. „Als ich ſah, daß die Sachen ſo ſtanden, that ich feierlich und vor der ganzen Geſellſchaft, vor dem Ballet, vor dem Chor, kurz vor allen zwei Gelübde; erſtens, daß ich, ehe ich Erfurt verließe, zwölf Vorſtel⸗ lungen geben wolle— ich meine Ankündigungen von Vorſtellungen— aus zwölf verſchiedenen Dramatikern; und zweitens, daß ich für einen einzigen Zuſchauer das Haus öffnen, und ein Schauſpiel aufführen wolle. Ein Theil meines Eides iſt bereits erfüllt! Ihre Erſcheinung verpflichtet mich zur Erfüllung des andern. Iſt dieß geſchehen, ſo werde ich Erfurt für immer verlaſſen! und wenn mich das Schickſal je wieder innerhalb der Mauern einer befeſtigten Stadt entdeckt— es ſei denn, daß ich in Handſchellen und mit einer Abtheilung Dragoner dahin geſchickt werde— ſo möge ich nie mehr meine Augen aufthun, ſo lange ich lebe!“ „Dieſer Entſchluß, der mit den Betrachtungen, die ich neulich ſelbſt angeſtellt hatte, ſo vollſtändig über⸗ einſtimmte, gab mir eine höhere Meinung von dem Ur⸗ theil des Herrn Direktors, und ich folgte ihm mit ru⸗ higerm Gewiſſen als anfangs. „ Da ſind vier Stufen— nehmen Sie ſich in Acht,“ rief er,„und halten Sie ſich nur an der Wand hier; denn obgleich dieſer Platz von Rechtswegen Ein Glanz von Lampen ſein ſollte, ſo muß ich Sie jetzt beim Schein dieſer elen den Kerze führen.“ 318 Und ſo kamen wir durch manchen engen Gang und manche noch engere Thüre, Treppen auf und Treppen ab, über Bänke und Sceidewände endlich an die Bühne ſelbſt. Der Vorhang war aufgezogen, und vor demſelben lag in gähnender Schwärze das Parterre des Hauſes— eine düſtere, traurige Höhle; die dunklen Zellen der Logen, und die langen leeren Bänke der Gallerie machten einen unbeſchreiblich melan⸗ choliſchen und niederſchlagenden Eindruck. Darüber hien⸗ gen die verſchiedenen Himmels⸗ und Monds⸗Seenen, im kalten Winde hin und her flatternd, der, der Himmel weiß, woher kam, aber mit einer ſchneidenden Schärfe, die ich nie innerhalb eines Hauſes fühlte; der Hintergrund der Bühne dagegen verlor ſich in düſterer Ferne, wo Bruch⸗ ſtücke von Hütten, Waldungen, Mühlen, Bergen und länd⸗ lichen Brücken bunt untereinander gemiſcht lagen— das Chaos einer Bühnenwelt. Der Herr Direktor ſchwang ſeine gezogene Kerze über ſeinem Kopf hin und her, gleich einem Bühnen⸗ Magiker, Geiſter und verdammte Kobolde anrufend, wäh⸗ rend er aus einem Werneriſchen Stücke einige Zeilen aus einer Geiſterbeſchwörung vortrug. „Gelobt ſey die heilige Maria!“ ſagte der Herr Stauf, fromm ſich ſegnend; denn er hatte das Ganze als einen Akt der Andacht betrachtet. „Und nun, Freund,“ fuhr der Direktor fort,„warten Sie hier an dieſer Quelle, in einigen Minuten werre ich zurückkehren.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, indem er Stauf und mich in vollkommener Dunkelheit zurückließ— ein Umſtand, der, wie ich bald entdeckte, meinem Freunde um kein Haar angenehmer war, als mir ſelbſt. „Hier iſt es ſchrecklich, im Finſtern zu ſeyn,“ ſagte Stauf ſich hart an mich drängend;„Sie wiſſen es nicht, aber ich weiß es, daß dieß früher das Auguſtinerkloſter war, und daß die Mönche alle vom Kurfürſt Friedrich ermordet wurden, im— was war das? Haben Sie dort nichts wie eine blaue Flamme geſehen 2„ 319 3„Nun, und was wär's denn; Sie wiſſen, dieſe Leute haben hunderterlei Dinge zu Bühnenzwecken erſon⸗ nen—— ⸗ „Ach Gott! das iſt wahr; aber ich wollte, ich wäre wieder draußen in der Mohrengaſſe; ich bin nur ein armer Wurſtmacher, und zu meinem Gewerbe braucht man keine Tapferkeit.“ „Kommen Sie, faſſen Sie Muth, hier kommt der Herr Direltor:“ und wirklich trat er mit zwei Kerzen in großen, vergoldeten Leuchtern herein. „Nun, Freund,“ ſagte er,„wo wollen Sie Platz nehmen? Mein Rath iſt, im Orcheſter: nehmen Sie Platz in der Mitte, hinter der Bank des Direktors, da werden Sie außerhalb des Windzuges ſeyn. Stauf, halten Sie die Kerzen und ſetzen Sie ſich auf den Pult. Sie entſchuldigen, daß ich die Bodenlichter nicht an⸗ zünde, nicht wahr?— Ei, was ſagen Sie zu einem Ueberrock: Sie frieren, wie ich ſehe.“ „Wenn es Ihnen nicht zu viele Mühe—— „Durchaus nicht— ſprechen Sie doch nicht davon,“ damit ſchlüpfte er hinter die Couliſſen und kehrte in einem Augenblick mit einem ungeheuren Mantel mit falſchem Zobel zurück.„Den trage ich im Otto von Böhmen,“ ſagte er ſtolz,„und er bringt ſtets eine un⸗ geheure Wirkung hervor. In demſelben Pelz erſteche ich im vierten Akt den König, erinnern Sie ſich, wo er ſagt,(er ſitzt am Schachtiſch.),—„Schach der Kö⸗ nigin,“ darauf erwidere ich,„dem König ſelbſt,“ und ſtoße ihn durch den Leib.“ „Gott bewahre!“ brüllte der fromme Stauf, der ganz unfähig ſchien, Dichtung von Wahrheit zu unter⸗ ſcheiden. „Ich fürchte, Sie müſſen noch zehn bis zwanzig Minuten warten,“ ſagte der Direktor.„Catinka kann man nicht finden und der Ungedroht hat ſo eben ſeine Jacke gewaſchen, und kann nicht eher erſcheinen, als bis ſie trocken iſt. Aber die Krahwinkler werden wir Ihnen 820 in guter Manier vortragen. Sie werden zufrieden ſeyn, und jetzt muß ich auch ankleiden.“ wünſche von Herzen, es wäre vorüber!“ Ich kann nicht ſagen. daß ich dieſen Wunſch nicht theilte, trotz einer gewiſſen Neugierde, den Reſt der Ge ellſchaft zu betrachten. Ich hatte in meinem Leben ſchon manche drollige Vorſtellung geſehen, aber dieſe war gewiß, wo nicht die amüſanteſte, doch die ſeltſamſte von allen. Ich erinnere mich an Corfu, wo einen Winter hin⸗ durch eine italieniſche Geſell chaft eine Reihe von Opern gab, unter andern„II Turco in ltalia.“ Die Zahl der Geſellſchaft erlaubte ihnen jedoch nicht, die Heere der Türken und Italiäner darzuſtellen, die gelegenheitlich auf der Bühne figurjren. Sie ſahen ſich daher genöthigt, den Kommandant der Beſatzung um Beiſtand anzugehen, der ihnen ſehr gerne eine Kompagnie, ich glaube vom acht und achtzigſten Regiment, lieh. Der würdige Direktor hatte ſchwere Arbeit, ſeine Truppen einzuüben, denn unglücklicher Weiſe konnte er kein Wort Engliſch ſprechen, und da ſie wenig oder gar kein Italiäniſch verſtanden, ſo war er auf Zeichen und Pantominen beſchränkt. Als jedoch das Stück auf⸗ geführt wurde und die zwei feindlichen Heere einander wechſelſeitig angreifen und zurückſchlagen ſollten, hörte man, wie der unglückliche Direktor außer Stande, nach der ſchnellen Bewegung des Orcheſters ſie fechten, weichen und angreifen zu machen, in wilder Aufregung hinter den Scenen ſchrie:„Avanti Turki!— Avanti Chri- stiani!— Ah, bravo Turki!— Maledetti Chri- stiani!« worüber das ganze Publikum einen wahren Lachkrampf bekam. Nun, dachte ich, wer weiß, dieß faͤllt vielleicht ſo gut aus als in Corfu. Aber ſiehe! da kommt er und jetzt kam der Direktor, als Herr Berg⸗, Bau⸗ und Weg⸗ „Ein ſeltſamer Kerl,“ ſagte Stauf, der auf einer hohen Bank, wie auf einem Amtsſtuhle ſaß,„aber ich 321 Inſpektor gekleidet, auf die Bühne hervor und begann folgendermaßen: „Meine Herren und Damen— Damen ſind keine da,“ ſagte er, plötzlich inne haltend,„aber an wem liegt die Schuld?— Meine Herren, es thut mir ſehr leid, bei dieſer Gelegenheit genöthigt zu ſeyn—— machen Sie hier einen Lärm, warum machen Sie keinen?“ fragte er an mich gewendet,„ran⸗tan⸗tan!— Eine Entſchuldigung muß ſtets vom Publikum unterbrochen werden; geſchieht dieß nicht, ſo kann man unmöglich durchkommen.“ Ich befolgte ſeine Weifungen, indem ich mit meinem Stock auf die Bank hämmerte, worauf er weiter aus⸗ einanderſetzte, daß verſchiedene Damen und Herren der Geſellſchaft ernſtlich unpäßlich ſeyen, und daß, obgleich das Stück aufgeführt werden ſolle, von den ſieben Cha⸗ raktern nur drei auftreten könnten; hier erneuerte ich die Zeichen meiner Unzufriedenheit, was ihm großes Vergnügen zu machen ſchien und er entfernte ſich unter ehrerbietigen Verbeugungen nach allen Seiten des Hauſes. Kotzebue's Krähwinkler bedürſen, wie manche von meinen Leſern wiſſen, nicht noch der drolligen Umſtände, unter denen ich ſie jetzt aufgeführt ſah, um darüber lachen zu müſſen. Das Spiel des Herrn Direktors war ganz aus dem Leben gegriffen, und Catinka, ein hüb ſches, wohlbeleibtes, ſchönhaariges Fräulein, obgleich kein Ideal von einer Maria Stuart, war in ihrer Rolle vortrefflich. Sogar Staub war durch ſeinen Enthufias⸗ mus ſo fortgeriſſen, daß er ſeine Kerzen niederlegte, um zu applaudiren, und nach Verhältniß der Anzahl des Publikums möchte ich behaupten, gab es nie ein begei⸗ ſterteres. Dieß bezeugte der Direktor ſelbſt, da er mehr als einmal das Spiel unterbrach, um uns für unſere Beifallsäußerungen zu danken. Auf beiden Seiten war die Zufriedenheit vollſtändig. Nie wirkten Schauſpieler und Publikum beſſer zuſammen, denn während wir Lever, O'Leary. I. 21 322 bewunderten, freuten ſie ſich des Lobes mit allem Ge⸗ nuß individuellen Beifalls, indem ſie häufig inne hielten, um uns zu verſichern, daß unſer Applaus immer vor⸗ trefflich angebracht ſey, daß wir immer ihre beſten Stellen treffen und daß nie ein Publikum richtiger geurtheilt habe. Stauf war ganz außer ſich in ſeinem Entzücken und ich wurde regelmäßig zwiſchen Lachen und Applau⸗ diren hin und her geſchaukelt. Mangel an Licht— denn Staufs Kerzen ſchmol⸗ zen bei ſeiner Nachläſſigkeit ſchrecklich zuſammen, nöthigte ſie, dem Stück ein etwas abgebrochenes Ende zu geben; und in der Mitte des zweiten Aktes war die Dunkelheit ſo groß, daß die Frau Berg⸗Bau⸗ und Weg⸗Inſpektor über den Souffleur⸗Kaſten ſiel und den armen Stauf beinahe in den Bauch der Baßgeige geſtoſſen hättte. Dieß war das Finale, und ich hatte kaum Zeit, die Ge⸗ ſellſchaft zu einem Abendeſſen in den Fuchs einzuladen das ſie denn auch freundlich annahmen, als uns Stauf ankündigte, wir müßten bei einem Zoll langen Licht un⸗ ſern Rückzug antreten. Dieß thaten wir und erreichten wohlbehalten den Fuchs ſo daß wir noch die Mahlzeit beſtellen konnten, ehe die Gäſte ihre Schminke abge⸗ 3 waſchen und ihren Anzug gewechſelt hatten. Wenn ich das Glück gehabt habe, elegantere Ge⸗ ſellſchaften beizuwohnen, ſo kann ich doch mit gutem Ge⸗ wiſſen betheuern, daß ich nie einer luſtigeren oder fröh⸗ licheren präſidirt habe, als damals im Fuchs. Die— Catinka ſaß zu meiner Linken, die Frau von Mohren⸗ kopf, die„Mère noble“ der Geſellſchaft, zu meiner Rech⸗ ten, der Herr Direktor ſaß zu unterſt am Tiſche, ihm zu beiden Seiten ein Fagot und ein erſter Liebhaber, während verſchiedene Poſauniſten, Marquis, Aufwärter⸗ innen, Intriguanten und ein Geiſt den Zwiſchenraum einnahmen, nicht zu vergeſſen unſern trefflichen Freund Stauf, der unter allen der glücklichſte zu ſein ſchien. Wir waren im ganzen vierzehn Seelen, obgleich mehr Scharffinn, als ich beſitze, dazu gehört, um heraus zu 1 323 bringen, woher zwei Drittel davon kamen und wie ſie Wind von einem Abendeſſen erhielten. Schauſpieler ſind in allen Ländern ebenſo eigenthüͤm⸗ liche Leute, wie die Zigeuner. Sie haben eine eigene Sprache, Tracht und Lebensweiſe. Sie eſſen, trinken und heirathen unter einander; und ihrer Organiſation nach ſollte es mich in der That nicht wundern, wenn ſte in irgend einem verborgenen Winkel Europas einen König hätten, der einſt mit großem Pomp wieder auf den Thron geſetzt werden ſoll. Sie zeichnen ſich— wenigſtens allenthalben in der alten und neuen Welt wo ich ſie getroffen habe— durch Einen nicht zu ver⸗ läugnenden Zug aus, und dieſer beſteht in einer unbe⸗ ſchränkten Aufrichtigkeit in ihrer gegenſeitigen Würdi⸗ gung. Freimüthigkeit iſt das Kennzeichen ihrer ganzen Zunft, und unter allen Klaſſen, mit denen ich je das Glück hatte, umzugehen, ſind ſie in dieſer Hinſicht ohne Ausnahme am aufrichtigſten. Da iſt nichts zu ſcharf, nichts zu herb, was ſie nicht ſagten, kein Stoß geht zu tief, kein Stich iſt zu fatal; es iſt ein wildes Tur⸗ nier, wo jeder Stoß und jeder harte Hieb erlaubt iſt. Dieſe Eigenthümlichkeit ihrer ſozialen Welt giebt ihnen einen Anſtrich groſſer Freiheit in ihrem ganzen Verkehre mit Fremden, und führt ſie zuweilen in ihrem Beneh⸗ men zu einem etwas auffallenden Uebermaß von Unge⸗ bundenheit. Vertraulichkeit gleicht bei ihnen jenen tro⸗ piſchen Baumen, die in einer einzigen Nacht zwanzig Fuß hoch aufſchieſſen. Sie treffen uns bei der Probe, und noch ehe am Abend der Vorhang aufgeht, herrſcht zwiſchen uns eine Freundſchaft auf Leben und Tod. Bühnen⸗Sitten und Garderobe⸗Zimmer⸗Geſpräche ge⸗ ſtatten das eccentriſche Weſen, das andre Leute nicht zeigen durfen, und wenn wir auch gegen einen Mr. Tuft, der ein Darlehen von fünf Pfund von uns ver⸗ langt, Widerwillen empfinden, ſo können wir doch dem Jeremias Diddler nicht böſe ſein. Bei dieſer doppelten 16* 324 Identität, dieſer Janus Eigenſchaft finden wir es faſt unmöglich, auf die Meinungen und Empfindungen von Leuten, die ſtets auswendig gelernte Meinungen und Gefühle vortragen einiges Gewicht zu legen. Dieß mag — wie ich denn überzeugt bin— ſehr unliberal ſein, aber ich kann nicht helfen. Ich könnte mich durch die Beweisgründe eines Brutus über die Korngeſetze oder eines Cato üher die katholiſche Frage eben ſo wenig über zeugen laßen, als mich in die zarten Gefuühle einer Ophelia oder Desdemona bei Tag verlieben. An mein Vertrauen auf Bühnen⸗Menſchen verſpare ich auf die Stunde zwiſchen ſieben und zwölf bei Nacht; alsdann bei Bodenlichtern und Couliſſen, Pappendeckel⸗Gerichten und hölzernen Wellen bin ich ihr Sclave, aber ſobald der Tag kommt, bin ich wieder ein Mann. Da nun alles dieß ſehr verkehrt klingt, ſo vermuth⸗ tet der weiſe Leſer bereits, es möge mehr darin liegen, als wirklich der Fall iſt, und Arthur O' Leary habe einen Groll gegen die Thespier, dem er in allgemeinen Redensarten Luft zu machen ſuche. Ich fühle mich nicht verpflichtet, mich über dieſe Verdächtigung zu er⸗ klären; auch will ich nichts weiter von unſerem Souper im Fuchs erzählen, noch, warum der Herr Direcktor Klug mich eingeladen, am nächſten Tage in ſeinem Wagen nach Weimer zu fahren, noch was Kathinka flüſterte, als ich ihr Glas mit Champagner füllte, noch warum der Serpent vom Ende der Tafel herauf die Stirne runzelte, noch ſonſt etwas, außer daß ich in derſelben Nacht noch meine Rechnung im Kaiſer bezahlte und am nächſten Morgen mit einer ſehr zahlreichen und äußerſt luſtigen Geſellſchaft nach Weimar aufbrach. 3²⁵ Schluß-Erklärung. Sollte der Leſer— wozu er aerdie Grund hat uͤber den abgebrochenen Schluß dieſes Bandes einiger⸗ maßen verdrießlich ſein, ſo muß ich nur um dieſelbe Nachſicht bitten, um die ich ſchon in der Einleitung für ſo abgebrochene und fragmentariſche Erzählungen angehalten habe. Das Verhängniß, welches beſtimmt hat, daß drei Hexen im Macbeth und drei Winkel in einem Dreieck ſein ſollen, dasſelbe hat auch beſchloßen, daß eine Geſchichte drei Bände haben müſſe. Sollte jedoch das geneigte Publikum von den wel⸗ teren Wanderungen Mr. O' Leary's, von ſeinen Meinungen über Männer, Weiber und Kinder mehr zu erfahren wuͤnſchen ſo braucht es nur ſeinen Wunſch auszuſprechen, und es ſoll ihm alsbald willfahrt werden. —* *. nfffffſſſn ſſſſnſ 8 9 11 12 13 14 15 16 17