deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . 3 von 3 Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — ſo jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme l eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet. wird.. 1 4.. Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt: für wöchentlich 25Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 — —— —— — Jack Gtuton. Sricche B ilder — von Charles J. Lever Esar. Aus dem Engliſchen von C. Nichard. Zweiter Hand. Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. 1 8 44. Jack Hinton. Zweiter Band. 1* . =— Wiſles Sapilel Als der Morgen anbrach, ſprang ich auf und öfnete mein Fenſter. Es war eine der glänzenden, reizenden Morgendämmerungen, wel⸗ che gleichſam eine Entſchädigung für das nordi⸗ ſche Klima ſcheinen, dem der Azur-Himmel um Mittag und die ſilberhelle Mondnacht, dieſe Ga⸗ ben glücklicherer Zonen fehlen. Alles war noch ſtill, in meinem kleinen Zimmer fand ich den gu⸗ ten Prieſter und den Major feſt in ihren Seſſeln ſchlafend, ziemlich in den nemlichen Stellungen, in welchen ich ſie wenige Stunden zuvor verlaſ⸗ ſen hatte. Das Feuer war ausgebrannt, die viereckte Whiskey⸗Karaffe war bis zu ihrem lez⸗ ten Tropfen geleert, trübſelig lag der Keſſel auf einer Seite, wie ein geſtrandetes Schiff auf hoher, trockener Küſte.— Ich ſah auf meine Uhr, es war erſt viere. Unſer Zuſammentreffen war um fünf und ein halb Uhr beſtimmt, ich ſchlich deshalb leiſe zu meinem Schlafzimmer zurück, erfreut eine halbe Stunde meinem ungeſtörten Nachdenken widmen zu können. Nachdem ich meinen Anzug beendet hatte, öfnete ich das Fenſter und ſprang in den wild vernachläſſigten Garten, in welchem gleichwohl alle Bäume im reichen Blüthenſchmucke prangten und wilde Feldblumen in üppigem Auf⸗ wuchſe ihre Farbenpracht und ihren Duft verbrei⸗ teten. Hier überließ ich mich meinen Gedanken; ich fühlte zwar, daß ich bei allen Vorſchritten der Angelegenheit, die ich beenden ſollte, ohne Vor⸗ wurf ſey, weil dieſer Zweikampf mir von einem aufgedrängt wurde, der mich zum Gegenſtande ſeines Grolles auserſehen hatte; gleichwohl er⸗ kannte ich, ſein Ergebniß könne nur alle meine Hoffnungen vernichten. Schon hatte ſie mir mitgetheilt, wie groß ihres Vaters Anhänglichkeit an ſeinen Neffen ſey, und mich mit ausdrucks⸗ voller Bangigkeit vor jeglicher Reibung mit ihm gewarnt. Doch wie vergeblich ſind alle unſere Anſtrengungen, wie fruchtlos unſere Bemühungen gegen den Stromlauf unſers Geſchickes anzukäm⸗ pfen. Für eine kurze Weile mögen wir freilich —— —— — des Glücks volle Fluth einhalten, mögen mit hohem Muthe und feurigem Geiſte unſere Bruſt den rauhen Wogen entgegenſtemmen, die über uns hinbrechen, doch am Ende müſſen wir ganz gewiß unterliegen. Einige Menſchen werden dann ihre Furcht überwinden, andern fehlt der aushar⸗ rende Muth zwiſchen Prüfungen und Schwierig⸗ keiten fortzuſtreben,— noch andern mangelt der Sinn, welcher unſere Handlungen einem Geſeze unterwirft, jeden Augenblick unſers Lebens leitet und beherrſcht, uns ſelber im Zuſtande unſerer höchſten Erregung und Aufreizung, der Leitung unſerer Vernunft zugänglich macht.— Zu die⸗ ſen lezten gehörte ich, empfand, daß bei meinem ganzen Wunſche eineu Hader mit Burke zu ver⸗ meiden, dennoch ein laurender Geiſt in meinem Herzen mich antrieb ihn aufzuſuchen und ihm Troz zu bieten. Plötzlich ertönte der Schall einer mir bekann⸗ ten Stimme, ich lauſchte, ſie kam durch ein halb geöfnetes Fenſter; ſogleich entſann ich mich, Joe liege in dem Theile des Hauſes und er müſſe es ſeyn. Eine Leiter, die ich fand, ſezte ich an die Mauer, erſtieg ſie, bis ich in das Zimmer ſchauen konnte. Der arme Mönch war allein, ſaß aufrecht im Bette mit ſeiner Jagdkappe be⸗ deckt und in der Hand eine alte Peitſche, die er von Zeit zu Zeit mit vieler Kraft ſchwang; ſein hervorſtehendes funkelndes Auge zeugte von ſtar⸗ kem Fieber-Anfall. Deutlich waren ſeine, ſelber in den glücklichſten Augenblicken umwölkten Gei⸗ ſtesfähigkeiten jezt unter dem wilderen Einfluſſe des Wahnſinnes. Naſch ſprach er zu ſich ſelber in ſchnellem Halbtone, rief Hunde bei ihren Na⸗ men, liebloſete dieſen, ſchmälte den andern, brach darauf in lautes Fally— ho! aus, ſein Geſicht erglühete in flammendem Vergnügen und er be⸗ gann einen rohen Geſang, der ſeine Gefühle und die Anſichten ſeines einfachen Herzens rührend aus⸗ ſprach. Dem Liede folgte wieder lauter Jagdruf und nun, wie durch ſeine Anſtrengung erſchöpft, ſank er auf ſein Lager zurück, murmelte in leiſer, gebrochener Stimme zu ſich ſelber mit ſo glück⸗ lichem Ausſehen, ſo ruhigem Lächeln, daß er mehr einem Weſen glich, das zu beneiden, als einem, das zu beklagen und zu bemitleiden wäre. Aus dem Fenſter meines Schlafzimmers rief der Major mir zu:„was zum Henker treiben Sie da, Hinton, wiſſen Sie, es iſt fünf Uhr.“ Eilig ſtieg ich hinab zu meinem Freunde, erfaßte ſeinen Arm, und wir gingen zum Sam⸗ melplaze.„Ich habe keine Pferde beſtellt,“ ſprach Mahon,„denn das Gerücht von Dingen dieſer * —,-— * Art wird immer von unſern eigenen Dienern ausgebreitet.“ „Ganz recht,“ ſagt ich,„und dann haben Sie die Polizei.“ „Polizei!“ wiederholte er lachend,„nicht'n Biſſen davon, mein Freund; vergeſſen Sie nur nicht, daß Sie im glorreichen alten Irland ſind, wo es nie Jemandem einfällt ein ofnes und billiges Gefecht zu unterbrechen. Möglich, daß ein Ma⸗ giſtrat ſeinen Verhaftsbefehl erließ, wenn Sie zur feſtgeſezten Zeit nicht erſcheinen wollten, aber in Betreff irgend anderer Dinge——“ „Wohl,“ ſagte ich,„dies gewährt mir aller⸗ dings eine andere Einſicht in Ihre Gewohnhei⸗ ten. Wie weit haben wir zu gehen, Major?“ „Sie erinnern ſich an das Grasfeld unter⸗ halb des Hägegrabens, links von der Mühle?“ „Wo der Mühlbach rinnt?“ „Genau, das iſt der Fleck. Der alte Pigott war es, der ihn wählte, und kein Menſch iſt beſſerer Beurtheiler in dieſen Dingen. Beiläufig, es iſt recht glücklich, daß Burke einen Gentle⸗ man zu ſeinem Sekundanten gewählt hat,— ich meine einen wahren Gentleman,— denn zwiſchen ſeinen Bekannten ſind Viele, die unter eben dieſem Namen die Poſtkutſche ausrauben mögten.“ 1 †ᷣ K — 10— Im weiter Gehen erklärte mir Mahon, Pi⸗ gott ſei ein alter Obriſt auf Halbſold, deſſen Hauptbeſchäftigung ſeit dreizehn Jahren darin be⸗ ſtanden hatte, an Chrenſachen thätigen Antheil zu nehmen. Der Major ſelber blickte zu ihm als zum oberſten Nichter auf in beſtrittenen oder ſchwierigen Punkten; mancher zurückgeſchobene Fall ward ſeiner Meinung mit der nemlichen Beobachtung von Förmlichkeiten unterzogen, wo⸗ mit eine ſchwer zu löſende Geſezfrage der Anſicht von zwölf Richtern unterworfen wird. Neben der Mühle gingen wir über den kleinen Bach, dann folgten wir einem ſchmalen Pfade, der uns über den Abreiteplaz des Thurmrennens, meiner ge⸗ ſtrigen Tagesanſtrengung Schauplaz brachte. Im Betrachten der Stelle, wo das Pferd die erſte Schranke überſezte, hörte ich plözlich zwei raſch hintereinander folgende ſcharfe Piſtolenſchüſſe und fragte eifrig:„was iſt das?“ „Abſchnappen der Piſtole,“ antwortete Ma⸗ hon;„ach, ich entſinne mich, dieſe ganze Sache iſt Ihnen neu; achten Sie das nicht; nehmen Sie ein ſorgenloſes, halb gleichgültiges Ausſehen an. Brauchen Sie Schnupftabak?— Nun, thut nichts, ſtecken Sie Ihre Hände in die Ta⸗ ſchen und ſingen ein munters Lied.“ Dieſer Weiſung lezten Theil befolgte ich * —,—— nicht, weil ich überall keine Anlage zum Singen hatte, dagegen eignete ich mir ein ſo nachläſſiges Ausſehen wie möglich an und ſchlenderte hinter ihm durch das Feld. Herr Burke und ſeine Freunde, etwa zwölf an der Zahl, waren ſchon verſammelt, ſollte man nach dem lauten Sprechen und herzigen Lachen urtheilen, welches wir im Herankommen vernahmen, ſo ſchien es ſchwer, an die Veranlaſſung zu glauben, welche ſie herge⸗ führt hatte; mindeſtens war dies meine Anſicht. Der Major ſchien die Sachen anders zu betrach⸗ ten, denn mit ein Paar raſchen Schritten und einem Sprunge ſezte er mitten in die Verſamm⸗ lung über, machte dabei drollige Bemerkungen über den Vortheil frühen Aufſtehens, welche der Anhörer luſtiges Gelächter erregten. Ich ſezte mich auf einen großen mit Moos überwachſenen Stein und wartete geduldig die Feſtſtellung der Vorbereitungen ab. In dieſem Haufen ſeiner Freunde gewahrte ich Burke nicht, doch im Um⸗ wenden meines Kopfes ſah ich zwei Perſonen Arm in Arm auf der gegenüberliegenden Seite der Hecke gehen. In ihrem Auf⸗ und Abſchrei⸗ ten erkannte ich den einen für Burke, der durch die Heftigkeit ſeiner Bewegungen und das Drän⸗ gende ſeines Benehmens ſich bemerklich machte. Es ſchien als wäre ſein Begleiter bemüht ihm 8 Vernunft einzureden, ihn von einem Verfahren abzuhalten, welches er zu verfolgen entſchloſſen ſchien, doch ſein Weſen zeigte einen wilden Ernſt, der keine Ueberredung zulaſſen wollte, endlich, als ſey er durch ſeines Freundes dringliche Vorſtellungen ermüdet und aufgebracht, verließ er ihn rauh, ſprang über die Hecke und rief laut: „Pigott, wiſſen Sie, es iſt nach ſechs Uhr?“ Er hatte ſeine Uhr herausgezogen und ſezte hin⸗ zu:„um eilf Uhr muß ich in Ballinasloc ſeyn.“ Mit dem Ausſehen beleidigter Würde ſagte der alte Obriſt:„wenn Sie noch ein Wort ſpre⸗ chen, Herr, ſo verlaß ich den Grund,— Major Mahon, ein Wort mit Ihnen, wenn's gefäl⸗ lig iſt.“ Beide gingen für einige Sekunden zur Seite, der Obriſt zog ſeinen Handſchuh ab, warf den auf das Gras hin, und trat alsdann den Grund mit einer militäriſchen Genauigkeit und Förmlich⸗ keit ab, die mich zu jeder andern Zeit ſehr be⸗ luſtigt haben müßte. Nach einer kleinen Einrede des Major, welcher, wie ich gewahren konnte, der Obriſt ſich bereitwillig fügte, ward auf jeg⸗ lichem Ende der abgeſchrittenen Entfernung ein Stock eingeſteckt, beide Sekundanten ſtellten ſich neben dieſe, betrachreten einander mit ganz unge⸗ meiner Befriedigung, und geſtanden gegenſeitig, es ſey ein ſüßer Fleck.— Pigott nahm die Piſtole vom Raſen auf und ſagte:„würden Sie lieben, dieſe anzuſehen?“ „O, ich kenne ſie gut,“ antwortete der Major lachend,—„ſie gehörten dem armen Tom Caſey, und ein beſſerer Geſell, einer der behen⸗ der mit ſeinem Eiſen umging, ſchnappte niemals 'nen Drücker ab. Dieſe ſind die unſrigen, Obriſt,“ bei dieſen Worten zeigte er ein Paar prächtig ausſehende Mortimer im vollen Glanze ihrer Jungfern⸗Friſche vor.— Der Obriſt erwiederte durch ein verächtliches Anblicken und höchſt aus⸗ drucksvolles Achſelzucken. „Bei Gott! ich denke eben ſo,“ ſagte Ma⸗ hon, der die Mienenbewegung würdigte,„lieber will ich das alte Geräth da mit dem gebroche⸗ nen Schafte— wiewohl dieſes hier ein gar ſüßes Machwerk iſt und zierlich in der Hand ſchwebt.“ „Wir ſind jezt fertig,“ ſagte Pigott,„brin⸗ gen Sie Ihren Mann herauf, Major.“ Ich ſtand auf um dieſer Aufforderung zu genügen, da bemerkte ich eine lebhaftere Geſchäf⸗ tigkeit in der Nähe. Zwei oder drei von Burkes Freunden waren bemüht ihn zu beruhigen und zu beſänftigen; ſeine Leidenſchaft kannte aber keine Gränzen, er riß ſich von ihnen los und ſagte — u— mit lauter, mir völlig vernehmlicher Stimme: „Will ich nicht, bei Gott;— da laßt Euch ſa⸗ gen, wenn ich ihn nicht ſchieße,—“ „Herr,“ ſagte der Obriſt, ihm einen Blick zorniger Entrüſtung zuwerfend,„wenn Sie nicht hier wären, um der Aufforderung verlezter Ehre zu genügen, würde ich Sie in dieſem Augenblicke ihrem Schickſale überlaſſen; ſo wie es iſt, ver⸗ laſſe ich Sie auf der Stelle, wenn Sie noch ei⸗ nen ſolchen Ausdruck als den eben gebrachten vorbringen.“ Trozig und ohne zu ſprechen, zog Burke ſei⸗ nen Hut tief über die Augen und ſtellte ſich auf den für ihn bezeichneten Plaz.„Herr Hinton,“ ſagte der Obriſt mit der höflichſten Verbindlich⸗ keit ſeinen Hut anfaſſend,„wollen Sie die Güte haben, dort zu ſtehn.“ Mahon reichte nun jedem von uns ſein Pi⸗ ſtol, flüſterte mir in's Ohr,„zielen Sie niedrig,“ und trat zurück. „Gentlemen,“ ſprach der Oberſt,„das Wort wird ſein: eins, zwei, drei. Herr Hinton, ich bitte, bemerken Sie, daß Sie Ihr Feuer nicht zu⸗ rückhalten wollen, nachdem ich drei ſagte.“ Etwa zehn Schritte trat er zurück, ſah uns ſcharf an und ſagte:„Sind ſie fertig— ſind Sie Beide fertig?“ ———— — 15— „Ja, ja,“ rief Burke ungeduldig. „Ja,“ ſagte ich. „Eins, zwei, drei.“ Bei dem zweiten Worte hob ich mein Pi⸗ ſtol, und wie das lezte von des Oberſten Lippen ertönte, krachte lautes Abfeuern durch die Luft, beide Piſtolen ſchoſſen zugleich ab. Ein ſchneller, ſcharfer Schmerz fuhr durch meine Wange, als ſey ich mit einem glühenden Geräthe verſengt. Meine Hand fühlte hinauf, die Kugel hatte nur das Fleiſch geſtreift, die ganze Verlezung beſtand in einigen Tropfen Blut.— Nicht ſo war es mit Burke, meine Kugel war oberhalb der Hüfte eingedrungen, ſchon waren ſeine Beinkleider blut⸗ befleckt, und troz ſeiner Anſtrengung vermogte er nicht aufrecht zu ſtehen. Mit einer in Todespein kreiſchenden Stimme rief er:„iſt er getroffen, Pi⸗ gott, iſt er getroffen, frag ich?“ „Nur geſtreift,“ ſagte ich ruhig, den Blut⸗ fleck aus meinem Geſichte wegwiſchend. „N' anders Piſtol, geſchwind. Hören Sie mich, Pigott?“ „Wir ſind in dieſem Falle nicht die Schieds⸗ richter,“ erwiederte der Oberſt kalt,„Major Ma⸗ hon, hat Ihr Freund Genugthuung?“ „Vollkommene Genugthuung, was uns be⸗ — 16— trifft, ſagte der Major,„wenn der Gentlemen aber noch einen Schuß verlangt—“ „Das thu ich, das thu ich,“ kreiſchte Burke, der von Pein verzerrt, beide Hände in ſeine Seite preßte, aus welcher das Blut jetzt ſtrö⸗ mend herabfloß und neben ſeinen Füßen eine Lache bildete.„Machen Sie ſchnell, Pigott, ich werde ſchwach.“ Mit dieſen Worten ſchwankte er ſtrauchelnd vor, bleich war ſein Antliz, die Lippen aufgeſperrt; plözlich umklammerte er mit der Fauſt ſeines Piſtoles Lauf, heftete ſeine Au⸗ gen feſt auf mich, ſchleuderte mit einem Fluche die Waffe nach meinem Kopfe, und fiel ſinnlos zur Erde. Sein Ziel war gut getroffen, genau zwiſchen den Augen erreichte mich das Piſtol und warf mich zu Boden. Wiewohl betäubt konnte ich doch den Aufſchrei des Entſezens und der entwürdigten Schaam vernehmen, der den Um⸗ ſtehenden entfuhr; aber im nächſten Augenblicke erfaßte mich träumendes Wirren, ich wußte nichts von dem was um mich vorging.— Mein Kopf, deſſen Inneres ſich allmählig die Gewohnheiten des Landes aneignete, hatte in ſeiner äußeren Umſchalung noch nicht die nö⸗ thige Dicke und die gebührende Widerſtandskraft angenommen, womit Irländiſche Köpfe, wie es ſcheint, begabt ſind. Die Verlezung hatte mir —— Sinnenverwirrung erzeugt, im wirklichen Wahn⸗ ſinne hatte ich mehre Wochen zugebracht; in der dritten Woche nach jenem unglücklichen Morgen fand ich mich mit einem feuchten Tuche um meine Schläfen auf dem Bette liegend, mein ganzer Körper ſiechte an jenem niederdrückenden Gefühle ausnehmender Schwäche, die ſchwerer zu ertragen iſt als ſtechender körperlicher Schmerz. Obwohl ich unfähig war zu ſprechen, konnte ich doch deutlich vernehmen, was um mich her ge⸗ ſagt wurde und erkannte die Stimmen meiner beiden Freunde, des Vater Tom und des Ma⸗ jor Mahon, im Geſpräche mit einem Dritten, der, wie ich ſpäter erfuhr, der Galen von Loug⸗ hrea war. Seit vierzig Jahren war Doktor Mopin, Regimentsarzt der Rouommon Miliz, der Schrecken aller Kranken des umliegenden Landes geweſen, denn ganz unabhängig von ſeiner na⸗ türlich rauhen und unangenehmen Weiſe, beſaß er ein gewiſſes Kauderwelſch, eine verhöhnende Art ſeine Kranken anzureden, die durchaus zurückſto⸗ ßend war. Indem er ſich daran beluſtigte, auf ihre Koſten die mancherlei unſeligen und jammer⸗ haften Folgen auseinanderzuſezen, welche aus ihren Krankheitsfällen hervorgehen konnten, ſchien er teufliſche Luſt an dem Entſezen zu finden, welches er zu erregen fähig war. — 18— Der hölliſche Scharfſinn, welchen er in die⸗ ſer Art der Folteranwendung entwickelte, hatte beinahe etwas Beluſtigendes. Es gab keinen Zuſtand der Krankheit, keine Erſcheinung von Körperbeſchaffenheit, keinen Krankheitskarakter noch Bedingniß, welche er nicht zu unmittelbaren Vorzeichen einer oder mehrer bekümmernden Un⸗ fälle ſtempelte. Wurde der Kranke ſchwächer, ſo war dies der Weg des allgemeinen Hinſter⸗ bens; gewann er etwas Kraft, ſo war das ein Aufregen vor dem Tode; zeigte er ſich kleinmüthig, ſo war es am beſten für ihn, ſeinen Zuſtand zu kennen; hegte er dagegen gute Hofnung, ſo machte es ihm ſein Geiſtesmuth zum Vorwurfe und empfahl die Zweckmäßigkeit der Berufung eines Prieſters. Mit allen dieſen beſondern Ei⸗ genſchaftlichkeiten wurde er doch ertragen, und weil er eine gewiſſe rohe Geſchicklichkeit beſaß, nie vor einer kühnen Behandlungsart zurück⸗ ſchreckte, erlangte er die beſte Praxis im Lande und weit verbreiteten Ruf. In leiſem Tone fragte Vater Tom:„nun, Doktor, was denken Sie heute Abend von ihm?“ „Was ich denke, genau was ich gedacht habe— Congeſtion der Membrane— Jetzt iſt er in niederm Zuſtande, es ſollte mich nicht überraſchen, wenn er in einigen Tagen etwas weniges beſſer —— ——— — 19— würde und dann abſchiede wie alle Uebrigen; die alte Geſchichte Schlafſucht,— Zuckungen,— Tod.“ „Verdammt ſei der Kerl,“ murmelte der Major,„mir iſt, als wäre ich in der Hölle. Was müſſen wir mit ihm thun, Doktor?“ „Was Ihnen gefällt, das Gehirn iſt ange⸗ griffen, Wahnſinn auf jeden Fall.“ „Wann ſahen Sie Burke?“ fragte der Ma⸗ jor, um das Geſpräch zu ändern. „Vor einer Stunde, es geht raſch mit ihm zu Ende.“ „Ich meinte, es ginge beſſer mit ihm,“ be⸗ merkte Vater Tom,„mir wurde geſagt, er eſſe etwas Hühnerfleiſch und nehme ein Glas Wein mit Waſſer.“ „Das thut er; ich ſagte ihnen, ſie mögten ihm geben, was er verlange, weil ſeine Zeit ſo kurz iſt.“ Unter allen ſeinen Kranken, ſprach er nur allein von Tipperary Joe ohne Verunglimpfung, ob dieſes armen Burſchen Gleichgültigkeit gegen ſein Schreckungsvermögen ihn in Furcht geſezt oder verſöhnt haben mogte, weiß ich nicht, aber von ſeinem Zuſtande ſprach er günſtig und hatte Ausſicht zu ſeiner Herſtellung. Dagegen äng⸗ ſtigte er den Major mit möglichen Zufällen, ſo daß der ſein Halstuch löſete und im Zimmer er⸗ drückende Hize fühlte. Auch Vater Tom bekam ſeine Warnung, und als beide fürchtend, be⸗ ſchämt, unglücklich, ſchweigend, und mit Blicken des Jammers am Tiſche ſaßen, wünſchte er ih⸗ nen guten Abend und ſchlüpfte hinaus. „Der Kerl würde ein Regiment tödten,“ ſagte der Major zuletzt.„Kommen Sie, Tom, nehmen wir etwas Punſch, mich hat ein Zittern überfallen.“— „‚Nicht ein Tropfen, ſtärker als Waſſer, kommt an dieſem geſegneten Abend über meine Lippen. Wiſſen Sie, Bob, ich glaube dieſer Ort taugt nicht für mich, ich wollt' ich wäre zurück in Murranakilty; Bergluft und regelmäßige Lebens⸗ gewohnheiten, die ſind für mich.“ „Wir beide ſind nicht enthaltſam genug;—“4 ſagte der Major— ‚„ich wünſchte, Hinton wäre fähig, ſeine Briefe zu leſen, da iſt ein ganzer Bündel von ihnen, einige aus England, welche vom Schloſſe, und einige bezeichnet mit: Sr. Majeſtät Dienſt.“ „Auf jeden Fall will ich noch eine Woche für ihn warten,“ ſagte der Prieſter,„in ſeinem jezigen Zuſtande nach Dublin zurückkehren, würde ſein Verderben ſein, nach dieſem Anfalle würden Zerſtreuungen, Mahlzeiten und Teufeleien ihn — gänzlich zerrütten, aber ein Paar Wochen Ruhe und Stille zu Murranakilty werden ihn ſo ge⸗ ſund machen wie ne Glocke.“ „Sie haben recht, Tom, der arme Burſche darf nicht aus Mangel an Sorgfalt verloren gehn, nun Dillon fort iſt kann kein Anderer hier nach ihm ſehn. Jezt kommen Sie, etwas Gehen wird uns Beiden gut ſein.“ Schmerzlich beugte der Prieſter über mich hin, ſchüttelte den Kopf, murmelte einen Segens⸗ ſpruch und verließ dann mit dem Major das Zimmer. Ich konnte das Angehörte überdenken; vielleicht flößte meine Jugend mir Hofnung ein, oder weil ich Zuhörer war, erfaßte ich ſchneller richtige Würdigung der Denkart des Doktors, genug, ſeine trüben Vorverkündungen in meiner Beziehung hatten wenig Niederſchlagendes für mich und höchſt erleichtert fühlte mein Herz ſich durch die guten Neuigkeiten von Tipperary Joe. Unter allen Umſtänden, welche meine Krank⸗ heit begleiteten, machte die warme liebende An⸗ hänglichkeit meiner beiden Freunde,— des Prie⸗ ſters und ſeines Vetters, auf mich den ſtärkſten Eindruck. Ihre Sorgfalt für mich zeigte eine Güte und Gefühlfreundlichkeit, welche mehr lan⸗ gedauernder Freundſchaft als den ſchwächern Banden einer zufälligen und vorübergehenden Bekanntſchaft anzugehören ſchienen. Ich mußte mir geſtehen, daß ich es kaum möglich geglaubt hatte, ſolche getreue und wohlwollende Freunde mit keinem andern Anſpruche, keiner weitern Empfehlung als der, ein Fremder zu ſeyn, mir ſo plözlich erworben zu haben. Die zufällige Erwähnung meiner Briefe hatte meine Neugierde und zugleich meine ſchlafende Thatkraft erregt, mit großer Anſtrengung erfaßte ich die kleine Klingel neben meinem Bette, und herein trat die baarfüßige Dirne, die im Gaſt⸗ hauſe aufwartete. Sie mußte mir ein Licht hin⸗ ſtellen, das Briefpaket vom Kamingeſimſe rei⸗ chen und ich befahl ihr unter keinem Vorwande jemanden zu mir zu laſſen, ſondern zu ſagen, ich ſei in feſten Schlaf gefallen und wünſche nicht geſtört zu werden. Der zuerſt geöfnete Brief war von Horton, dem Privat⸗Sekretair des Vizekönigs. Major Mahon hatte dem Herzog eine Auseinanderſezung aller der Umſtände meines Duels zugeſchickt, und dieſer ſich nicht nur völlig zufrieden über mein Verhalten geäußert, ſondern befohlen, dem Major ein ſehr höfliches Erwiederungsſchreiben zuzu⸗ richten, ihm für ſeine beſondere Güte zu danken und zu verſichern, wie ſehr es ihn erfreue, daß ein Mitglied ſeines Stabes in ſo trefliche Hände — 23— gerathen ſei. Der Schreiber fügte hinzu:„Sei⸗ ner Gnaden trägt mir auf, Ihnen zu ſagen, daß Sie in Betref Ihrer Rückkehr zum Dienſt nur allein Ihre Geſundheit und die Angemeſſenheit der Dinge in Betracht ziehen mögen, die Dauer Ihres Urlaubs iſt durchaus und vollkommen von Ihrem eigenen Ermeſſen abhängig.“ Dadurch war mir eine ſehr gewichtige Laſt abgenommen, und meine Kräfte nahmen dermaßen zu, daß ich im Bette aufrecht ſizen konnte, um die andern Briefe durchzuleſen. Auch an meinen Vater hatte Major Mahon geſchrieben, und ich empfing von ihm ſeine völ⸗ lige Billigung meines Verfahrens, welches er mit der ſtrengſten Genauigkeit geprüft habe. Er ſchloß ſeinen Brief mit der Anführung, daß, da Irland mir zu gefallen ſchien, er nicht wünſche, mich von da abzurufen, doch ſolle ich bedenken, daß thätiger Dienſt allein mir Verdienſt oder Rang im Heere verſchaffen könne, und daß ich bisher nur dem Namen nach Soldat ſei.— Von dieſem Briefe ging ich zu einem von meiner Mutter über, der außer einer Menge von Londoner Neuigkeiten, manche Beziehungen auf mich, mein Duel und meine Bekanntſchaft mit Rooneys enthielt, von deren Fortſezung ſie mich dringend abmahnte. Darauf erbrach ich einen Brief von O'Grady, — 24— Abends vor ſeinem Abſegeln von Chatham ge⸗ ſchrieben. Er war in froher Stimmung, der Oberbefehlshaber hatte ihn ſehr gütig empfan⸗ gen und zu der vakanten Majorsſtelle im 9. leichten Dragoner-Regiment ernannt. Herzlichen Dank ſagte er mir für meine geleiſteten Dienſte und bat Modirideſoo als ein Andenken von ihm annehmen zu wollen, in einer Nachſchrift warnte er mich, keine Reibung mit Ulick Burke zu haben, die jedenfalls unrühmlich und von übeln Folgen ſein müſſe.„Corny,“ ſchrieb er,„iſt noch nicht angekommen, und wir müſſen uns einſchiffen; ich verzweifle faſt, daß er zu rechter Zeit hier ſein wird. Wollen Sie, lieber Hinton, in dem Falle für den alten Böſewicht zuſehn, mindeſtens bis ich wieder über den Gegenſtand ſchreibe?“ Noch dachte ich über die lezten Zeilen nach, als ich eine aus meines Vaters Briefe gefallene Karte erblickte, welche eine getreue Federzeich⸗ nung von Corny Delany enthielt, unter welche meine Muhme Julie Egerton, ein wunderſchönes, in meiner Aeltern Hauſe lebendes Mädchen, deſ⸗ ſen einziger Fehler in einem Geiſte ſanfter Bos⸗ heit beſtand, der in allen ſie umgebenden Dingen die lächerliche Seite aufzudecken liebte und immer geneigt war, dem Hange der Verſpottung nach⸗ zugeben, ſelber bei ſolchen Veranlaſſungen, die hngen, 1 1 4 8 — 25— ihre eigenen Gefühle betheiligten— folgende Zeilen geſchrieben hatte:— „Das liebe alte Ding hat drei Tage ge⸗ wartet und ich meine, zulezt habe ich etwas ihm ähnliches herausgebracht. Lieber Jack, wenn der Herr ſeinem Diener gleicht, werden wir Ihnen nie verzeihen, uns ihn nicht ſehn zu laſſen. Die Ihrige Julie. Hier war das Geheimniß von Corny's Zö⸗ gerung erklärt. Mit ihrer gewohnten Eigenwil⸗ ligkeit, die Befriedigung einer Laune jedem An⸗ ſcheine von Pflichterfüllung vorziehend, hatte ſie ihn feſtgehalten, und O' Grady war unfehlbar genöthigt worden, ohne ſeinen Diener abzuſegeln. — Die Anſtrengung, welche das Durchleſen mei⸗ ner Briefe erforderte, ſowie dadurch erregte Auf⸗ reizung erſchöpfte und ermüdete mich; auf mein Polſter zurückſinkend ſchloß ich meine Augen, fiel in einen geſunden Schlaf, aus dem ich erſt ſpät am andern Tage erwachte, aber ſonderbar genug mit hellem Kopfe und geſammelter Geiſtesfähig⸗ keit, mein Gemüth war durch die von keinem Traume unterbrochene Ruhe erfriſcht, und ich fühlte mich ſo ſehr hergeſtellt, daß, außer der Schwäche von langer Bettlägrigkeit, kein anderes Jack Hinton. Zweiter Band⸗ 2 — 26— Gefühl von Krankheit mich heimſuchte. Von dieſer Stunde begann meine Geneſung, mit jedem Tage fühlte ich raſche Zunahme meiner Kräfte, und bevor die Woche verging, hatte ich meine verlorene Geſundheit ſo weit wieder erlangt, daß ich in meinem Zimmer umhergehn, ja ſchon Pläne zu meiner Abreiſe entwerfen konnte. Dyeiles Sapilel Vater Tom Loftus hatte uns unausgeſezt die äußerſte Sorgfalt und Aufmerkſamkeit bewie⸗ ſen, etwa zehn Tage nach begonnener Beſſerung meldete er mir, daß alle Vorbereitungen zu unſe⸗ rer Abreiſe gehörig getroffen wären, und daß wir am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang auf dem Wege ſein müßten. Ich geſtehe, daß ich meiner Abreiſe mit Verlangen entgegen ſah. Die traurige Eintönigkeit des Tages, den ich entweder im kleinen Zimmer hin und hergehend oder auf dem kurzen Gange vor der Wirthshaus⸗ thür verbrachte, hatte mehr als die vorhergegan⸗ gene Krankheit mein Gemüth niedergeſchlagen und entgeiſtigt. Freilich kam der gute Prieſter oft, mich zu beſuchen, aber ſo viele Stunden 2 ¾ 2 — 28— mußte ich allein verbringen, ohne den Troſt eines Buches, ſogar ohne Erblicken einer Zeitung. Im Orte war mir das Geſicht jedes Mannes, jeg⸗ licher Frau und aller Kinder bekannt, ich wußte ihre Sammelorte, ihre Gewohnheiten und ihre Beſchäftigungen, ſogar die einzelnen Stunden des ſchleichenden Tages waren meinem Gemüthe durch verſchiedene kleine Ergebniſſe bezeichnet, die mit unabgebrochener Genauigkeit wiederkehr⸗ ten; wenn gegen mir über der bleiche Apotheker vom Lehnen auf der Halbthür ſeines Ladens ver⸗ ſchwand, wußte ich, er halte ſein ein Uhr Mit⸗ tageſſen, eben ſo verkündete mir der Klang von Frauen⸗Ueberſchuhen, die zum Abendthee gingen, daß der Tag ſich neige, und die Stadtglocke ſie⸗ ben ſchlagen würde. Nichts unterbrach das all⸗ tägliche Einerlei des geſchäfttretenden Lebens. Die Menſchen ſind ſo ziemlich in allen Ländern und in allen Zeiten die nemlichen.— Nichts hielt mich mehr in Loughrea zurück. Der arme Joe war ſo weit hergeſtellt, daß man hofte, er werde in wenigen Tagen ſein Bett ver⸗ laſſen können. Zudem war er in guten Händen, und ich hatte jede Vorkehrung getroffen, damit ihm während meiner Abweſenheit nichts fehlen ſollte.— Mit Vergnügen hörte ich deshalb des Vater Loftus Auseinanderſezung ſeiner Reiſe⸗ — 29— vorbereitungen an; obwohl ich nicht wußte, wo⸗ hin wir gingen, noch wie lange Zeit die Reiſe erfordern mögte, ſah ich ihr doch mit Freuden entgegen, und ſehnte mich] nach der Abfahrt⸗ ſtunde. Gegen Abend erwartete ich verlangend des guten Prieſters Erſcheinen. Er hatte mir verſprochen, frühzeitig mit Major Mahon herzu⸗ kommen, den ich in den lezten zwei Tagen nicht geſehen hatte; denn er war in emſiger Berathung mit ſeinem Rechtsanwalt in Betreff einer nahe bevorſtehenden Aſſiſen⸗Verhandlung. Wiewohl ich aus ſeinem eigenen Benehmen, ſo wie auch aus dem des Prieſters entnehmen konnte, daß eine Sache von Wichtigkeit zur Frage ſtehe, wußte ich doch nicht, was eigentlich vorging, denn Beide vermieden jede Erwähnung der Um⸗ ſtände. Um acht Uhr erſchien Vater Tom, aber allein, ſein wirres Aufblicken und ſeine Aufre⸗ gung zeigten mir, es müſſe etwas Unangenehmes vorgefallen ſein.„Was giebt's, Vater,“ ſagt' ich, „wo iſt der Major?“ „Ach! verwünſcht ſei er, endlich haben ſie ihn erwiſcht;“ antwortete er und trocknete ſeine Stirn. „Erwiſcht?— wie, hatte er ſich verſteckt?“ fragte ich. „Verſteckt,— allerdings verſteckte, verlarvte — 30— und verkleidete er ſich, aber meiner Treu, dieſe Geſellen aus Clare laſſen nichts gegen ſich auf⸗ kommen; die haben ſolche Uebung in ihrem eigenen Lande, daß ſie den Teufel ſelber einfan⸗ gen würden, wenn ein Verhaftsbefehl gegen ihn ausgegeben wäre. Und ganz gewiß, es war ein geſcheuter Streich, den ſie dem alten Bob ſpiel⸗ ten.“ Nun brach der gute Prieſter in ein Ge⸗ lächter aus, welches ihn nöthigte, ſeine Augen zu trocknen, dann fuhr er fort:„Mag ich nim⸗ mermehr, wenn's nicht ein gutes Gegenſtück war, was ſie ihm für das ſeine ſpielten.“ „Bitte, Vater, erzählen Sie.“ „Dies war die Art, wie's geſchah.— Vielleicht haben Sie gar nicht bemerkt— konn⸗ ten das auch nicht, weil ſie nur ein Paar mal dort waren,— daß Bob's Hauſe gegenüber ein mächtig ſüßblickendes Geſchöpf wohnte, eine Wittfrau; ſehr anſtändig war ſie in ſchwarz ge⸗ kleidet, ſah tief bekümmert aus, und dieſer Kum⸗ mer, glaub' ich, machte ſie noch anziehender. Bob ſagte:„die Wittwe mögte ich kennen, denn da die Geſellen jezt Verhaftsbefehl gegen mich haben, könnt ich meine Tage da drüben vergnüg⸗ lich zubringen, ſie tröſten und aufrichten.“ Ich bemerkte ihm dagegen, ſie ſei in tiefer Trauer. —„Nicht ſo tief in Trauer,“ erwiederte er,„um — 31— nicht zwei ſchöne Flechten ihrer braunen Haare unter der Wittwenhaube hervorſchauen zu laſſen, und wo das der Fall iſt, mein Wort dafür, Vater Tom, da iſt's Wild nicht verſcheucht.“ Ich glaube, er hatte ziemlich Recht, denn als ich ihn zum lezten male beſuchte, ſaß er am of⸗ nen Fenſter und ſpielte aus allen Kräften auf einer alten Geige; die Wittwe aber kam von Zeit zu Zeit an ihr Fenſter, zog den kleinen Muslinvorhang oder öfnete es auch, um den Bettlern einen halben Pfennig zu geben, oder die ſchöne, lilienweiße Hand hinauszuſtrecken, um zu erfahren, ob's regne; ſie aber wechſelten nur Blicke mit einander.“ „Bob ſprach viel von der Wittwe, wußte ihres Mannes und ihren eigenen Familiennamen, kannte ihre Vermögensumſtände, war von ſeiner reizenden Nachbarin ganz entzückt. Ich hatte ihm geſagt, um acht Uhr wollte ich ihn abholen, um hieher zu Ihnen zu kommen, denn er hatte eine Hinterthür in ſeinem Hauſe, die in einen ſchmalen Durchgang öfnete, der ihm Abends zum Ausgehen diente. Es ſcheint, er hatte den ganzen Tag am Fenſter geſeſſen, nach der Wittwe aauszuſchauen, die ſich aus irgend einer Ur⸗ ſache gar nicht ſehen ließ. Er vertrieb ſich die Zeit mit etwas Whiskey und Waſſer, um in ſeinem bangen Warten ſich Muth zu geben. Sie mußte ausgegangen ſein, oder war vielleicht krank; während er dies in ſeinen Gedanken über⸗ legte, kam die Wittwe um die Straßenecke da⸗ her, in tiefer Trauer, ihr Mädchen hinter ihr, ſchöne, unternehmend ausſehende Geſtalt, viel⸗ leicht dünkte Sie ihn etwas höher gewachſen und jedenfalls begehrlicher, als er geglaubt hatte, aber es war auch das erſte mal, daß er ſie auf der Straße ſah. Als ſie ſich ihrer Thür näher⸗ te, erhob ſich Bob, ihr eine höfliche Verbeugung zu machen. Grade da glitt der Wittwe Fuß, und ſie fiel mit lautem Schrei auf die platten Steine. Das Maͤdchen rann herzu, ihr aufzu⸗ helfen, doch ſie vermogte nicht ſich zu rühren; aus der Art, wie ſie die Hand auf ihr Bein legte, erkannte Bob, ſie habe den Knöchel ver⸗ renkt. Ohne nur ſeinen Hut zu nehmen, ſprang er die Treppe hinab und zur andern Seite der Straße. Er umfaßte ihren Leib und ſagte:„Madame Monaſty, mein Engel, wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu helfen?“ „Sie preßte ſeine Hand mit heißem Danke, während das Mädchen die Hand in ihren Strick⸗ beutel ſteckte und das Taſchentuch hervorzuziehen ſchien. Bob fuhr fort:„Ich bin Ihnen unbe⸗ — — — 33— kannt, Madame, aber wenn Major Mahon, von den Roscommon—“ „Genau der Mann, den wir ſuchen,“ ſagte das Mädchen, zog den Verhaftsbefehl aus dem Beutel, denn ſie waren den Teufel nichts an⸗ ders, als zwei Baillifs vonsEnnis, und beide ſagten:„grade der Mann, den wir brauchen.“ „Ich bin gefangen,“ ſprach Bob. „Den Teufel ſein 3weiſtl daran,“ ſagte ſie. In eben dem Augenblicke ward das obere Fenſter geöfnet, und die reizende Wittwe blickte heraus, zu ſehen, was vorging.“ „Guten Abend wünſche ich Ihnen, Ma⸗ dame,“ ſagte Bob,„und mögte wünſchen, Ihnen meine Ehrfurcht zu bezeigen, wäre ich nicht ganz beſonders in Anſpruch genommen von dieſen Damen.“ Damit gab er jeder von ihnen einen Arm, führte ſie die Straße hinab, als wären ſie ſeine Mutter und Schweſter.“ „Der arme Major,“ ſagte ich,„und wo iſt er jezt?“ „Auf ſeinem Wege nach Ennis, in der Poſt⸗Chaiſe, denn es ſcheint, die Damen hat⸗ ten hundert Pfund für ſein Einfangen. Armer Bob! Doch, Jammern hilft nicht, zudem wäͤt's weggeworfenes Mitleid, denn er wird ihnen da⸗ von gehen, und das bald.— Nun aber, Cap⸗ 2 zn — 34— tain, ſind Sie fertig zur Reiſe? Ich habe ein enſchieden gebietendes Schreiben vom Biſchof erhalten, und muß nach Murranokilty zurück, ſo⸗ bald ich kann.“ „Mein lieber Vater, ich bin ganz zu Ihrer 1 Verfügung. Für den armen Joe, glaube ich, können wir nichts mehr thun— und Burke— aber, wie geht's dem?“ „Beſſer, wie man ſagt; ich glaube aber, Sie haben eine recht gewinnvolle Quelle ſeines Einkommens verderbt. Er war der beſte Sprin⸗ ger im Weſten von Irland, und es heißt, ſie hätten ihn für ſeine Lebenszeit gelähmt. Er iſt hinab nach Miltwon oder Kilkie, oder irgendwo an der Küſte; doch davon zu ſprechen werden 1 wir unterwegs Zeit genug haben. Um ſieben Uhr komme ich zu Ihnen, wir müſſen früh ab⸗ fahren, und vor Abend Portamna erreichen.“ Nachdem ich verſprochen hatte, den Weiſun⸗ gen des würdigen Prieſters, wie ſie immer ſein mögten, genaue Folge zu leiſten, verhieß ich noch, mein Gepäck in den möglichſt kleinſten Raum einzuſchließen, und ein Frühſtück vor der Abfahrt bereit zu halten. Nach einigen andern Bemerkungen und Angaben der Kleidungsſtücke, welche er für die Reiſe geeignet hielt, nahm er Abſchied und ich blieb allein, um mir richtige Rechenſchaft über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abzulegen. Aus meiner kurzen Erfahrung in Irland vermogte ich nur den einen Umſtand abzuleiten, der einem abgeſonderten Grundſaze einigermaßen nahe kam, nemlich die vollſtändige Vergeblichkeit, die eigentliche Unmöglichkeit für einen Mann, um einer gegebenen Handlungsweiſe entſchloſſen zu folgen oder irgend eine Unternehmung mit be⸗ harrlicher Standhaftigkeit auszuführen.— Der unvermeidliche Gang des Schickſals ſcheint dieſe glückliche Inſel auserſehen zu haben, um ſeine Wundererſcheinungen darzuſtellen;— mag ein Mann ſeine Tage der Liebe oder dem Kriege weihen, ſeine Abende Trinkgelagen oder frommer Betrachtung, ſein iſt die Glorie nicht, denn eine Art fortreißenden Einfluſſes ſcheint immer zu walten, der ihn unaufhörlich antreibt. Bekannt⸗ ſchaften entſtehen, reifen, tragen ſogar Früchte, bevor ſie in andern Ländern nur ihre Wurzeln geſchlagen haben konnten, durch dieſe wird der Geſchmack geregelt, die Gewohnheiten dem Zwange unterworfen, Handlungen gemodelt. Jemand mag allerdings nicht im Provinzialis⸗ mus des Süßſprechens lispeln, mag deſſen Re⸗ densarten und Wortbilder aus ſeinem Vortrage verdrängen, lebt er aber, auch als Fremder, in Irland— liebt das Volk und wer ſollte es nicht lie⸗ ben?— und wird er vom Volke geliebt— wer ſollte das auch nicht ſeyn?— dann wird er, ohne es zu wiſſen noch zu gewahren, ganz ausgemacht mit Eingeborenen gleichen Schritt halten,— Liebes⸗ tändeley, Scherz, Fröhlichkeit, Teufeleien werden alle Stunden ſeines Tages und keinen unbeträcht⸗ lichen Theil ſeine Nächte ausfüllen. Ein großer Zug dieſes Landes ſchien mir darin ſich kund zu geben, daß gleichviel, welcher eigenthümlichen Schwärmerei Jemand zuneigen mogte,— ganz gleich, welche abgeſchmackte Leidenſchaft ihn trieb etwas Bemerkenswerthes zu thun oder zu ſcheinen,— er war immer gewiß jemanden zu finden, der mit ihm einſtimmte, wenn er auch nicht thatſächlich den nämlichen Weg einſchlug. Für Paddy iſt nichts zu ſonderbar, nichts zu lächerlich, nichts zu feſtlich, nichts zu verwegen. Mit einem erſchaulichen Anſaze ſpringt er in des Andern Vertrauen, erfaßt deſ⸗ ſen Pläne. Man muß nur offen mit ihm ſeyn, ihm nichts verheimlichen, dann giebt er ſich mit Herz und Hand, iſt bereit einen Wechſel zu zeichnen, eine junge Dame zu entführen, eine Ausforderung zu überbringen.— Zum Scherz ein Haus anzuzünden, zum bloßen Zeitvertreib ſeinen Hals in Gefahr zu ſezen— zum Ende der — 37— Welt zu gehn um dem Andern zu dienen, und ihn bei ſeiner Rückkehr aus dem ofnen Antriebe guter Natur niederzuſchießen. In England könnte ich Methuſalem's Alter erreicht und doch nie ſo viel vom Leben geſehen haben, als die wenigen Monate meines Aufenthalts in Irland mir zeigten. Geſellſchaft ſcheint in andern Län⸗ dern eine Art Freimaurerei, bei welcher die Men⸗ ſchen aus Mangel irgend eines wirklichen oder wichtigen Geheimniſſes, Zeichen⸗ und Paßworte unterſchieben, als wollten ſie des Geheimniſſes Reiz da verbreiten, wo nichts verborgen liegt; in Irland dagegen, wo der volksthümliche Karakter in einem tiefen überdeckten Laufgraben mit ſtets drehenden uns windenden Gegenſtrömungen und Hinterwaſſern hinrinnt,— wo alle unangemeſſe⸗ nen und widerſtrebenden Urſtoffe des Beſten und des Schlimmſten mit einander vermiſcht ſcheinen — da iſt der geſellige Umgang frei, herzig, warm und wohlwollend. Menſchen kommen zuſammen, geneigt, einander gern zu ſehen; und wozu ein Irländer geneigt iſt, das weiß er gemeiniglich auch zu bewirken. Meine kurze Laufbahn war nicht ohne ihre Verlegenheiten geweſen, wer aber hätte dieſe und noch viel mehre nicht beſtehen wollen, um eben ſo gütige Theilnahme ſo warme Freundſchaft zu erwecken? Von Phil O Grady, — 38— meinem erſten, bis zum Vater Tom, meinem lezten Freunde, hatte ich faſt nichts anders als brüderliche Zuneigung erfahren, und doch war ich genöthigt, mir ſelber zu geſtehen, daß ich noch vor ſechs kurzen Monaten zu⸗ rückgewichen ſeyn würde vor der Freundſchaft des einen, vor der Bekanntſchaft des andern, weil ich etwas mich Erniedrigendes und Entwürdi⸗ gendes darin zu erblicken geglaubt hätte. Nicht nur würden mich die äußern Gebräuche ihres Benehmens zurückgehalten haben, ſondern ſelber in den warmen und ernſten Ergießungen ihrer Gutmüthigkeit würde ich Grund gefunden haben, ihnen zu mißtrauen, ſie zu vermeiden. Dem Himmel ſei Dank, jezt wußte ich das beſſer, empfand tiefer. Wie dieſe Umänderung in mir entſtanden war, weiß ich nicht anzugeben, viel⸗ leicht— ich ſage nur vielleicht,— hatte Miß Bellew Antheil an der Verwirklichung. Als Vater Tom mir zuerſt von ſeinem „Dennet“ ſprach, malte ich mir ganz unſchuldig ein Ding aus, welches den einheimiſchen Erzeug⸗ niſſen von Loughrea entſprechen mögte.„Etwas ſchwerfällig,“ meinte ich,„ſtark für Landwege— vielleicht unbehülflich in ſeinen Federn und nicht gar ſchön geſchweift in ſeinen Deichſelbäumen.“ Hilf Himmel, welche Unwiſſenheit! Nie konnte — 39— ich mir ein Fuhrwerk denken, deſſen zuſammen⸗ haltende Theile zwei tüchtige Stangen über ein Paar niedern Rädern waren, auf denen an zwei hochragenden Schwangekrümmten Federn der Ka⸗ ſten eines alten Buggy hing; ausgeſchlagen mit ſcheinendem Scharlach, der freilich von der Zeit gebleicht und trübe gemacht war, dagegen mit einer Randfranze vom bunteſten Muſter eingefaßt; ein prangendes Wappenſchild, mit prächtigem Zierſchmuck und mächtigen Feldern, prunkte auf jedem Getäfel dieſer ſonderbarlichen Bütte, zu welcher man, weil Tritte mangelten, auf einer Leiter einſtieg. „Ey, Vater,“ ſagte ich,„was haben wir hier? dies iſt ſicherlich nicht, das——“ „Ja, Captain,“ antwortete er mit einem Lächeln ſtolzer Selberzufriedenheit,„das iſt die „Bequemlichkeit,“ und nie ſaß ein Menſch in einer gefallſameren und ſchicklicheren— freilich ein bischen ſchwer; aber bergauf kann man im⸗ mer zu Fuß gehen, und ſteilt es gar übermäßig, ſo wirft man nur den Ballaſt aus.“ „Ballaſt— was meinen Sie damit 2 „Dieſe da,“ er zeigte mit ſeiner Peitſche auf drei oder vier Stücke große Kalkſteine, die am Boden des Fuhrwerkes lagen,—„es ſind ſieben, vielleicht acht Stein,— kein Pfund weniger.“ — 40— * „Und in des Himmels Namen,“ fragte ich, „wozu führen Sie dieſe Maſſe von Steinſchutt bei ſich?“ „Will's Ihnen ſagen. Der Weg enthält Löcher in denen Sie Ihren Vater begraben könn⸗ ten, und wenn die„Bequemlichkeit“ in eines da⸗ von geräth, hat ſie ihre Art in die Luft zu ſprin⸗ gen, die, wenn man nicht Acht giebt, den Ein⸗ ſizer ſicherlich hinausſchnellt,— vielleicht in den Moraſt zur Seite,— vielleicht auch auf des Thieres Rücken; ich wurde wirklich einmal in das Fenſter eines Wirthshauſes geſchleudert, wo es gar luſtig herging, der Biſchof kam hinzu, bevor ich mich wieder herausbringen konnte, und ich verſichere Sie, ich hatte alle Mühe, um ihm die Sache zu ſeiner Befriedigung zu erläutern.“ Bei dieſen Worten lauerte eine ſo liſtige Drolligkeit in ſeinen Augen, daß ich über den Zufall ganz ſo verwirrt blieb als ſein würdiger Diöceſan. Er fuhr fort:„ſehen Sie aber die Federn an, da haben Sie Metall! und betrachten Sie die Geſtaltung des Wagenkörpers, er gleicht vor all ler Welt dem alterthümlichen Curriculus. Und blicken Sie auf Batherſhin, das alte Vieh! gewiß ebenfalls klaſſiſch, hat ne Römiſche Naſe; und ich ſelber bin ein Römer. Alſo aufgeſtie⸗ gen Captain— in die Chaiſe. Und nun den — 41— Steigbügel⸗Trank— Frau Doolen, das iſ in Liebling— nichts kommt dem gleich.— Da, Captain, trinken Sie— herrlicher Milch⸗ punſch.“ Ich leerte das Becherglas bis zum Boden, und geſtehe, das war keine ungefallſame Auf⸗ gabe; meiner gütigen Wirthin hatte ich's zuge⸗ trunken, die ſich tief verbeugte und das Geſchirr für Vater Tom wieder anfüllte. „Das iſt's, Marie, ſchäum' ihn auf, acuſch⸗ la! Gieb her, Liebling— nimm meinen Segen dafür.“ Während der würdige Prieſter ſprach, legte er die Zügel zu ſeinen Füßen hin, erhob den Kelch mit beiden Händen zu ſeinem Munde; da wurde plötzlich das kleine Fenſter über der Wirths⸗ hausthür aufgeſtoßen und ein lautes Tally— ho in den wildeſten Tönen ausgeſchrieen, die ich jemals hörte Nur eben hatte ich die Zeit, Tip⸗ perary Joes fröhliche Geſichtszüge zu erblicken, als des Prieſters mehr an Jagdfelder als an Landſtraßen gewöhntes Thier den willkommenen Laut vernahm, ſeinen Kopf wild empor warf, den Schweif auſſtreckte, mit beiden Hinterfüßen kraftvoll gegen des Fuhrwerkes Vordertheil ſchlug und die Straße hinabflog, als ſey der Teufel hinter ihm. Es fühlte ſich nicht nur in voller — 22ñ— Freiheit, ſondern auch begünſtigt vom Grunde, der ganz bergab ging, ſein Lauf war wirklich ent⸗ ſezend. Es dauerte einige Zeit bis ich vermogte die Zügel aufzuraffen, denn Vater Tom war mit dem Kelchbecher bei'm erſten Stoße herab auf ſeine Kniee im Boden der„Bequemlichkeit“ niederge⸗ fallen, wo er halberſtickt durch Furcht und den unrecht gelaufenen Milchpunſch aus Leibeskräften brüllte und huſtete. „SHalten Sie ſtramm, uf! uf!— doch nicht zu hart— reißen Sie ihm nicht die Kinnladen um die Liebe zu— uf! uf!— die Zügel ſind verfault und die Zugſtränge nicht beſſer! uf! uf! uf!— Bös Glück den Taugenichtſen, weshalb erfaßten ihn die nicht am Kopfe!— und der verdammte Narr! wie der gellte!“ Halb vom Lachen überwältigt, ſuchte ich das alte Pferd ſo gut wie möglich einzuhalten, ohne jedoch des Prieſters Warnung in Betreff der Zerbrechlichkeit der Anſchirrung zu vernachläſſigen. Dies war aber nicht die einzige Schwierigkeit, denn der Curriculus nahm Theil an der galop⸗ pirenden Bewegung des Pferdes, ſchwang auf und nieder, rückwärts und vorwärts nach beiden Seiten, in ſo verwirrender Weiſe, daß ich unſern Geſchwindlauf erſt einzuhalten vermogte, als wir zum erſten Schlagbaume kamen. Hier ward ein kurzer Halt nöthig, um den Prieſter wieder her⸗ zuſtellen und zu unterſuchen, ob deſſen Gebeine oder irgend ein Theil des Geſchirres beſchädigt wäre, beides bewährte ſich glücklicher Weiſe haltbar gegen den Unfall, welches den guten Prieſter zu ſtarker Belobung veranlaßte;— nach einer Weile ſezten wir unſern Weg ruhiger und angemeſſener fort. Ich fragte nun nach der Richtung unſers Weges, und wie lange Zeit die Reiſe in An⸗ ſpruch nehmen mögte. Des Prieſters Antwort war durchaus nicht belehrend für mich, beſtand nur aus einer langen Folge von Namen, in de⸗ nen die Sylben„kill,“ n„whack,“„nock,“„ſhock“ und „bally“ ſich in der rauheſten und ſonderbarſten Weiſe drängten und anſtießen; der einzige ver⸗ ſtändliche Theil ſeiner Beſchreibung war, daß ein blauer, kaum am Horizonte erkennbarer Berg etwa auf der Hälfte des Weges zwiſchen uns und Murranakilty läge. Doch geſtattete mein Begleiter meiner Aufmerkſamkeit nicht, dabei zu verweilen, ſondern begann eine Erzählung der Ereigniſſe, welche ſich während meiner Krankheit zugetragen hatten. Dillon's waren kurz nach meinem Unfalle nach Dublin abgereiſet. Louiſe Bellew kehrte zu ihrem Vater zurück und Herr Burke, deſſen Wunde eine ſehr viel ernſtere Sache — 44— war, als anfänglich vermuthet worden, mußte im⸗ mer noch das Bett hüten, man glaubte die Folge der Verlezung werde unvermeidliche Lähmung für ſeine Lebenszeit ſeyn. „Einmal in ſeinem Leben,“ ſagte der Prie⸗ ſter,„hat Sir Simon eine richtige Anſchauung von ſeines Neffen Denkart erfaßt, und nun jede Lebensgefahr überſtanden iſt, hat er ihm einen ſtrengen Brief über ſein Betragen geſchrieben. Der arme Sir Simon! ſein ganzes Leben war durchaus ein Gewebe von Prüfungen und Krän⸗ kungen. Jeglicher Strebepfeiler, der ſein ehr⸗ würdiges Haus ſtüßzte, zerfiel einer nach dem an⸗ dern, die Zertrümmerung ſcheint mit vollſtändi⸗ gem Niederſturze zu drohen, bevor der alte Mann noch die Wohnung ſeines Vaters gegen die lezte enge Behauſung neben ihnen auf dem Kirchhofe vertauſchen kann. Betrogen von allen Seiten, verlezt und zu Grunde gerichtet, ſcheint er nur im Leben fortzukümmern; gleich den ſtarken Bal⸗ ken irgend eines mächtigen Wrackes, welche den Ort bezeichnen, an welchem das treffliche Schiff unterging, und die nun andern als Wahrzeichen des Flugſandes dienen. Gewiß kennen Sie die Trauergeſchichte, auf welche ich mich hauptſäch⸗ lich beziehe—“ „Nein. Ich bin vollkommen in Ungewißheit über dieſe Familien-Geſchichte,“ antwortete ich. Der Prieſter erröthete tief, ſeine Augen⸗ brauen trafen im ernſten Stirnrunzeln zuſammen; dann wendete er ſich haſtig zu mir und ſagte in einem Tone, deſſen tiefes, leiſes Kehlathmen ſeine Rührung verrieth: „Ich bitte Sie, verlangen Sie von mir nicht weiter über dasjenige zu ſprechen, was ich,— wäre ich mehr geſammelt geweſen, gar nicht berührt haben würde. Ein unglückliches Duel, Folge eines noch viel unſeligeren Ereigniſ⸗ ſes, hat jegliche Hofnung im Leben meines armen Freundes gänzlich erloſchen. Ich dachte — das will ſagen, ich fürchtete,— die Ge⸗ ſchichte mögte bis zu Ihnen gekommen ſein. Weil ich nun finde, daß dem nicht ſo iſt, ſo werden Sie mir erſparen, auf dasjenige zurück⸗ zukommen, deſſen einfache Erinnerung gleich einer ſchwarzen Wolke über den glücklichſten Tagen meines Daſeyns düſtert. Verſprechen Sie mir dieſes, ſonſt kann ich mir ſelber nie verzeihen.“ Gern gab ich die von mir geforderte Zuſage; wir ſetzten unſern Weg fort, beide unſern eige⸗ nen Gedanken nachhängend, ſchweigend, zurück⸗ haltend, überlegend. Vater Tom brach das Schweigen zulezt und ſagte:„in vier, vielleicht fünf Tagen, werden wir in die Nähe von — 46— Murranakilty kommen.“ Dann bezeichnete er mir ausführlicher die verſchiedenen Grafſchaften, durch welche unſer Weg hinführe, nannte mit Genauigkeit die mancherlei Landſize, welche wir ſehen würden, die merkwürdigen Orte, verfallenen Kirchen, alten Schlöſſer, ſogar die Fuchslager neben unſerm Wege. Wiewohl meine Unwiſſen⸗ heit geringe Belehrung durch die lange Liſte ſchwerer Namen erlangte, die er mit der größten Leichtigkeit ausſprach, unterhielten und vergnüg⸗ ten mich doch manche ſeiner alten Geſchichten, Legenden aus vergangenen Tagen, mitunter auch rührende, wahrheittreue Erinnerungen aus ſeiner eigenen Zeit.— Drilles Sapilel Im Ganzen genommen entzückte mich die Reiſe, war gewiß nicht die unvergnügſamſte Zeit meines Aufenthaltes in Irland.— Zum Theil durch individuelle Begabung, zum andern Theile durch die Natur ſeiner heiligen Amtswürde, zu außerordentlichem Einfluſſe über alle niedere Le⸗ bensſtände befähigte, rollte der gute Prieſter da⸗ hin, mit der Sicherung herzlichen Willkommens an jedem Orte, wo es ihm belieben werde zu halten; nur dann allein verriethen Blicke einige Unzufriedenheit, wenn er eine ihm dargebotene Höflichkeit ablehnte, oder die Einladung zum Aufſchub ſeiner Reiſe verweigerte. Sein Fuhr⸗ werk war in allen Städten und Dörfern wohl bekannt, kaum wurde das Rollen ſeiner Räder — 48— völkerung ſich in Haufen ſammelte, um ein Wort mit„dem Vater“ zu ſprechen, ſeinen Segen zu erlangen,— einen Blick oder ein Zuwinken von ihm entgegen zu nehmen. Er kannte jeglichen, und jede Sache, mit einem Takte, welchen man als Vorrecht des Königthumes zu betrachten pflegt, nannte er nie einen Namen unrecht, ver⸗ wechſelte kein Ergebniß. Er befragte ſie nach ihrem geiſtigen und körperlichen Wohl, ging mit wahrer Theilnahme auf alle ihre Hofnungen und Pläne ein, auf ihre Beſorgniſſe und Vorausſez⸗ ungen, ſprach mit ihnen von Schweinzucht, Buß⸗ übung, Fegefeuer und Kartoffelbau in einer Weiſe, welche ſeine Kenntniß dieſer verſchiedenen Dinge als bedeutſam und ungewöhnlich darthat. 4 Allmählig verließen wir die mehr bereiſete Hauptſtraße, folgten einem Bergzuge, durch wild romantiſches Land am Ufer des Shannon.— Hier zeigten ſich keine Dörfer, überall nur ge⸗ ringe Spuren von Bewohnung; große mißge⸗ ſchäffene Berge, deren Granit⸗Abhänge kaum durch dunkles Farrnkraut, der einzigen Vegeta⸗ tion darauf, bedeckt waren, erhoben ſich um uns und vor uns. In den Thalgründen mogte man einige Moorſtriche gewahren mit Aufſchichtungen auf der Straße vernommen, als auch die Be⸗ — 49— neuerlich geſtochenen Torfes, dies war der ein⸗ zige Anſchein von Menſchenwerk, welchen das Auge erblickte. Ackerbau war nicht vorhanden. Tiefe trübe Stille herrſchte ringsum. Vergebens lauſchte ich nach dem Blöcken eines Lammes oder nach dem vereinzelten Geklingel einer Schaf⸗ glocke,— außer dem Krächzen der Krähen oder dem traurigen Rufe des Kibiz— konnte ich nichts varnehmen. Allerdings wollte zuweilen das ſchwere Schwingen großer Flügel den Flug bezeichnen, welchen ein Fiſchreiher zum Strome nahm, doch ſchon ſein niederer Hinflug zeugte von Einſamkeit, denn er fürchtete in ſeinen wil⸗ den, öden Bergen keine Menſchen. Zuweilen gewahrten wir des Shannon Windungen, fern und tief unter uns, ich erkannte die Inſeln in der Bay von Scariff mit ihren verfallenen Kir⸗ chen und dem einen vereinzelten Thurme; doch kein Segel ſchwamm auf der Oberfläche, nicht ein Ruder brach des Stromes trägen Lauf. Es war in Wahrheit ein trauriger Anblick, deſſen Einfluß meines Gefährten Benehmen gewiſſer⸗ maßen zu färben ſchien, denn kaum waren wir in das kleine Thal abgebogen, welches zum Bergzuge führte, als er ſchweigſam, nachdenklich, in Ueberlegung vertieft ward, und wenn er et⸗ wa ſprach, unzuſammenhängende, abſchweifende Jack Hinton. Zweiter Band. 3 — 50— Worte ſagte, welche darthaten, ſeine Gedanken wirren weit umher. Bald nach Tagesanbruch hielten wir bei ei⸗ ner kleinen Schmiede; der Schmied hatte den Prieſter zur Seite geführt, ihm einige Worte zugeflüſtert, welche ihn auffallend zu erregen ſchienen; während ſie eine kurze Weile leiſe mit einander ſprachen, gewahrte ich aus des⸗Mannes lebhaftem Weſen- und Geberdenſpiel, ſeß vie aus des Prieſters augenſcheinlicher Theilnahlne, daß etwas wichtiges hier mitgetheilt werde. Unſer Halt war durch eine kleine Ausbeſſerung an unſerm Fuhrwerke veranlaßt, doch ohne dieſe ab⸗ zuwarten, beſtieg der Prieſter daſſelbe haſtig, winkte mir meinen Siz zu nehmen, und fuhr in raſchem, eifrigen Drange weiter. Ich geſtehe, daß meine Neugierde groß war, um die Urſache zu erfahren, weil ich aber angemeſſener Weiſe nicht fragen konnte, und mein Gefährte nicht ge⸗ neigt ſchien, Erläuterung zu geben, ſo verſanken wir bald wieder in ununterbrochenes Schweigen und fuhren mehre Meilen ohne ein Wort zu ſprechen. Von Zeit zu Zeit machte der Prieſter eine Anſtrengung, um des Weges Ermüdung durch eine Bemerkung in Betreff der Anſicht oder durch eine Anſpielung auf die wilde Großartig⸗ keit des Bergpaſſes zu erheitern, aber es zeigte ſich deutlich, daß nur Zwang aus ihm ſprach und daß ſein Gemüth mit andern, weſentlich verſchiedenen Gegenſtänden beſchäftigt ſey.— Als der Abend nahete, gewahrte ich immer noch keine Spur von Haus oder Wohnung, um die Nacht darin zu verbringen; weil ich aber meines Begleiters Gedankenlauf nicht ſtören wollte, ſchwieg ach, betrachtete fortwährend die düſtern Berge, welche zu beiden Seiten eines engen finſtern Thales aufthürmten, welches mehre hun⸗ dert Fuß unter unſerm Fahrzeuge lag. Alles blieb in ungebrochener Stille, kein Dach, keine aufkreiſelnde Rauchwolke konnte ich erkennen. Die Straße, der wir folgten, war an der Seite eines Berges geebnet, und verfolgte mehre Meilen eine allmählig niederſteigende Richtung. Bei dem plözlichen Biegen um den Winkel einer Felsmauer, die uns eine Meile weit eingefaßt hatte, erlangten wir die Ausſicht einer weiten Strecke des Shannon, deſſen Waſſer jezt von goldenem Scheine der untergehenden Sonne er⸗ glänzten. Erhellt war das ferne Münſter⸗Ufer,, reich an Ackerland und Weidegrund, mit Korxn⸗ fluren und grünen Wieſen, Laubwald und blauen Bergen, alles in der reichſten Beleuchtung pran⸗ gend. Es war ein lebenvolles, prunkendes Ge⸗ mälde, das ich lange Zeit mit Vergnügen be⸗ 3 ☛ * — 52— trachtet haben könnte, plözlich ward ich kräftig am Arm erfaßt. Der Prieſter war es, der, als ich mich umwendete, in das dunkle Thal unter uns zeigte, mit leiſer, bewegter Stimme ſprach: „Sie ſehen das Licht— dort iſt's— dort.“ Wir fuhren nun noch ſchneller den im Zickzack hinabführenden Bergweg hin, deſſen Windungen uns bald die erwähnte Ausſicht entzogen, nur wilde, öde Berge umſtarrten uns. Ermüdet war unſer altes Pferd, doch der Prieſter ſtrengte es immer mehr an; ohne auf den rauhen, durch⸗ brochenen Weg zu achten, ſchien er nur an ſeine Eile zu denken, murmelte zwiſchen ſeinen Zähnen leiſe aber ſchnell geſprochene Worte, ſein Antlitz wechſelte von Gluth zu völliger Bleichheit, und ſeine Augen zeigten das funkelnde Stieren, den ruheloſen Blick des Fiebers. Ich verſuchte, ſo gut als möglich, mich mit andern Gedanken zu beſchäftigen, aber jene unüberwindliche Verzau⸗ berung, die uns ſtets nach der Seite hinwendet, welche wir vermeiden mögten, ließ mich immer wieder meines Gefährten Ausſehen betrachten. Seine Erregung nahm mit jedem Augenblicke zu; ſeine Lippen waren feſt zuſammengepreßt, ſeine Stirn gerunzelt, ſeine Wangen eingefallen und von Nervenzucken bebend, heftig zitterte ſeine Hand, wenn er ſich die großen Schweißtropfen abtrocknete, welche in Todesangſt von ſeiner Stirn herabrannen.* Zulezt kamen wir zur Flachebene, wo ſich ein beſſerer Weg zeigte, und uns erlaubte, noch raſcher zu fahren, ſo daß wir uns ſchnell dem Lichte naheten, welches mit dunkelndem Abende größer und heller ſchien, als zuvor. Wir waren in der Stunde, welche das Zwielicht gegen Nacht vertauſcht, graue, trübe Dunkelheit färbte alle Gegenſtände, ließ aber Gras und Felſen, Fahr⸗ weg und Strom noch in einem Nachſcheine ihrer Mittagsfärbung erkennen, ſo daß ich im Heran⸗ nahen das Dach und die Wände einer in der Bergſeite aufgerichteten Erdhütte erkannte, in deren Giebel das Licht ſchien. Ein ſchneller, augenblicklicher Gedanke durchzuckte mein Ge⸗ müth, wie ein Menſch dazu bewogen werden könne, ſich einen ſo traurigen und einſamen Wohnplaz zu wählen, als der Prieſter plözlich das Pferd anhielt, mit horchendem Ausſehen die Hand aufſtreckte und fliſterte:„Horch!— hör⸗ ten Sie das nicht?“ Während er ſprach, erhob ſich im düſtern Thale ein wilder, furchtbarer Schrei— anfänglich in einem gelängten, an⸗ ſchwellenden Tone, dann wie durch Schluchzen unterbrochen, ward er ſchwächer, verſank und erhob ſich dann wieder wilder und wahnſinniger, — 534— bis das Echo, die ſchreckenden Töne auffangend, ſie beantwortete und wiederholte, als riefe ein Chor unirdiſcher Geiſter einander durch die Lüfte zu. „O Gott! zu ſpät— zu ſpät!“ ſagte der Prieſter, neigte ſein Antliz auf die Knie hinab, ſein kräftiger Körper bebte in Todespein.—„O Vater der Barmherzigkeit,“ rief er, als er ſeine blutunterlaufenen, thränenden Augen zum Him⸗ mel aufſchlug—„vergieb mir dies— und wenn ungebeichtet vor Dir—“ Ein anderer, noch toſenderer Schrei als der frühere, drang zu uns; der Prieſter in ſchnellem Murmeln ſchien im Ge⸗ bete verſunken. Doch ihn betrachtete ich nicht länger, denn grade vor uns im Wege vor der Hütte Vorderſeite, kaum dreißig Schritte von uns, kniete eine Frauengeſtalt, welche man nicht für etwas lebendes hätte halten können, wenn die entſezenden Töne nicht erklungen wären; ſie war nicht älter als dreißig, bleich wie der Tod, auf ihren blutleeren Wangen kein Streif, kein Schatten von Farbe; ihr langes, wirrendes, ſchwarzes Haar fiel ſtruppig und ungeordnet über Nacken und Schultern hinab, ihre Hände waren gefaltet, ihre ſtarren Arme hielt ſie grade vor ſich hin. Ihr Anzug verrieth die niederſte Ar⸗ muth, ihre eingefallenen Wangen und einge⸗ ſchrumpften Lippen Hunger und Todesnoth. Während ich vor Schreck und Angſt faſt athem⸗ los auf ſie blickte, ſprang der Prieſter aus, eilte zu ihr, ſprach Iriſche Worte zu ihr, doch ſie hörte ihn nicht, ſah ihn nicht;— allen Sinnen⸗ eindrücken abgeſtorben, lag ſie ſtill und bewe⸗ gungslos. Keiner ihrer Züge zitterte, kein Glied erbebte, gleich einem ſteinernen Bilde kniete ſie vor uns, dann, als werde ſie von einem Zauber angetrieben, ließ ſie den herzzerreißenden Auf⸗ ſchrei wieder ertönen. Erſt leiſe und klagend, wie ſeufzender Nachtwind, ward er bald voller und voller, ruhete und ertönte wieder nach Zwi⸗ ſchenzeiten, brach dann in kurzen, vorgeſtoßenen Anſtrengungen aus, ward immer wilder und lauter, bis er endlich mit einem Ausbruche über⸗ fließenden Herzensjammers abgebrochen auf⸗ hörte. Der Prieſter beugte ſich über ſie, ſprach zu ihr, nannte ſie bei ihrem Namen, ſchüttelte ſie wiederholt— doch alles vergebens. Weilte ihr Geiſt noch im Körper, ſo hatte er alles Mitge⸗ fühl für irdiſche Dinge verloren.„Gott helfe ihr,“ ſagte er,„Gott tröſte ſie. Dieſe iſt ſchwere Bekümmerniß.“ Mit dieſen Worten ging er zur kleinen Hütte, deren Thür geöfnet ſtand. Im Innern war alles ſtill und ſchweigend. Ich war ihm gefolgt; ungewohnt, die Behauſungen Irländiſcher Armen zu ſehn, ſchweifte mein Auge über die nackten Wände, den feuchten Erdfußbo⸗ den, die wenigen, jämmerlichen Geräthe— da ward ich plözlich durch einen andern, noch unſe⸗ ligern Anblick aufmerkſam gemacht. In einem Winkel der Hütte lag ausgeſtreckt auf einem Bette, deſſen Armſeligkeit eines Hundes unwürdig ſchien, die Geſtalt eines großen, kraftvoll gebau⸗ ten Mannes, ſtarr und tod. Seine Augen wa⸗ ren geſchloſſen, das Kinn mit einem weißen Tuche aufgebunden, ein zerriſſenes, zerfeztes Betttuch war über ſeine kalten Gliedmaßen ge⸗ breitet, und zu jeder Seite der Leiche brannten zwei Lichter. Seine Geſichtszüge, wiewohl ge⸗ ſperrt und ſteif, waren mannhaft, ſchön ſogar; den kühnen Ausdruck des Geſichtes erhöhete die Wirkung von Bart und Backenbart, welche län⸗ gere Zeit gewachſen, im ſchwarzen, lockigen Kräuſeln, durch des Antlitzes Bläſſe noch dunk⸗ ler ſchienen. Um den Mund verriethen einige Züge Härte und Strenge, doch dieſe mogten im Kampfe vergehenden Lebens hervorgerufen ſein.— Sanft zog der Prieſter das bedeckende Bett⸗ tuch ab, legte ihm die Hand auf ſein Herz. Die Art, in welcher er dies ausführte, ließ mich deutlich erkennen, er glaube ihm noch am Leben; auch nach ſeiner Hand fühlte er, als er die — 57— Decke fortrollte. Plözlich ſchreckte er für einen Augenblick zurück, und wie er ſeine Finger vor und zurückbewegte, ſah ich, ſie waren mit Blut beklebt. Ich trat näher, und gewahrte des tod⸗ ten Mannes Bruſt durch eine mehre Zoll hin⸗ gähnende Wunde aufgeriſſen. Die Rippen wa⸗ ren durchbrochen, ein Theil des Herzens oder der Lungen ſchien herauszudringen. Bei der lei⸗ ſeſten Berührung des Körpers, ſtürzie das Blut von innen hervor und rannte im Strome über ihn hin. Auch ſeine rechte Hand war durch die ganze Handfläche zerſchnitten,— der Daumen beinahe vom Gelenke abgetrennt. Dies ſchien roh zuſammen gebunden, aber die Beſchaffenheit und Größe der andern Wunde zeigte deutlich, er könne ſie nicht viele Stunden überlebt haben. Entſezt betrachtete ich das ſchreckliche Schau⸗ ſpiel vor mir, da ſtieß mein Fuß gegen etwas unter dem Bette befindliches. Ich bückte nieder, um zu unterſuchen, und fand, es ſei ein Kara⸗ biner, wie Dragoner ihn gemeinigliche führen. Der Schaft war zerbrochen, der Lauf an man⸗ chen Stellen eingedrückt, dennoch ſchien er nicht ganz undienſtfähig. Ein Theil des Kolbenendes war blutbefleckt. Des todten Mannes Klei⸗ dungsſtücke, mit geronnenem Blute verklebt, lagen ebenfalls da und vermehrten durch ihr entſezen⸗ 3 K: — 58— des Zeugniß den furchtbaren Anblick. Alles zeigte mir, hier mußte Mord und Verbrechen vorgegangen ſeyn. Ein leiſer, murmelnder Ton veranlaßte mich, den Kopf umzuwenden, da kniete neben dem Bette der Prieſter im Gebet; ſein Kopf war unbedeckt, er trug eine Art Schärpe von blauer Seide, und das kleine Käſt⸗ chen, die Monſtranz ſeiner Kirche enthaltend, war zu ſeinen Füßen hingeſtellt. Dem Anſcheine nach unbekümmert um alles, was ihn umgab, nur die Geſtalt des todt vor ihm ltegenden Mannes betrachtend, murmelte er mit endloſer Geſchwindigkeit Gebet nach Gebet, ſchwieg von Zeit zu eit, um ſeine Hand auf das kalte Herz zu legen, oder mit dem Ohre auf den bleichen Lippen zu horchen; dann begann er wieder mit größerem Eifer, dicke Tropfen rollten von ſeiner Stirn, und die folternde Todespein, welche er fühlte, durchzuckte ſeinen ganzen Kör⸗ per. Nach einem Gebete mehrer Minuten, wäh⸗ rend welchem ſeine Geſichtszüge zerrten wie die eines Fallſüchtigen, rief er:„O Gott! iſt's denn zu ſpät!“ Mit dieſen Worten erhob er ſich auf ſeine Füße, beugte über die Leiche, ſeine Hände über dem Haupte gefaltet, ſprudelte er einen Strom Iriſcher Worte aus, ſchwenkte ſeinen Körper vorwärts und rückwärts, als ſeine Stimme durch Rührung gebrochen zum Gefliſter verſank, oder in mißtönenden Schrei ausbrach:—„Schaun! — Schaun!“ rief er, bückte ſich zur Erde, hob das kleine Kruzifir empor, hielt dies vor des todten Mannes Antlitz, ſchüttelte dieſen zugleich heftig an der Schulter, und ſchrie in Tönen, die ich nie vergeſſen werde, einige laute Worte, un⸗ ter denen ich nur das eine Thea— das Iriſche Wort für Gott— erkennen konnte. Er ſchüt⸗ telte den Todten, bis deſſen Kopf hin und her ſchwankte, ſchwer von einer Seite zur andern fiel, und das Blut aus der geöfneten Wunde fließend, das zerfezte Betkzug befleckte. Plözlich ſchwieg der Prieſter, ſank auf ſeine Knie, wäh⸗ rend er, der todt ſchien, mit leiſem, ſchwachen Seufzer ſeine Augen aufſchlug, umherſchaute, mit den Händen des Bettes Seiten erfaßte, und mit einer übernatürlich erſcheinenden Kraft ſich zu ſizender Stellung emporrichtete. Seine Lippen waren geöfnet, bewegten ſich, doch ohne Ton; ſeine trüben Augen rollten langſam in ihren Höhlen von einem Gegenſtande zum andern, bis ſie endlich auf das kleine Kruzifir fielen, welches aus des Prieſters Händen auf das Bett geſun⸗ ken war. Im Augenblicke ſchienen die leichen⸗ haften Züge mit Leben erfüllt— ein funkelnder — 60— Strahl entſchoß ſeinen Augen— ein Paarmal nickte der Kopf vor, mich dünkte, einen mißtö⸗ nenden, gebrochenen Stimmlaut aus ſeinem geöf⸗ neten Munde zu vernehmen, im nächſten Augen⸗ genblicke ſank der Kopf auf die Bruſt nieder, die Hände gaben nach, mit einem Krachen fiel der Körper zurück, um ſich nicht mehr zu bewegen. Von Entſezen überwältigt ſchwankte ich zur Thür, ſank auf eine kleine Bank vor der Hütte. Die kalte Nachtluft brachte mich bald wieder zu mir, und während ich im Zuſtande meiner Verwirrung darüber brütete, ob nicht alles ſchauderhafter Traum ſein möge, fiel mein Auge wieder auf die Geſtalt der Frau, die im⸗ mer noch in der zuerſt geſehenen Stellung kniete. Ihre Hände hatte ſie vor ſich gefaltet, von Zeit zu Zeit erhob ihr wildes Geſchrei ſich in die Luft und erweckte des ſchweigenden Thales Wiederhall. Schwaches Mondlicht lag in un⸗ terbrochenen Streifen um ſie her, miſchte ſeinen Strahl mit dem rothen Scheine der kleinen Lichter im Innern, wenn dieſe ihre Marmorzüge trafen. Aus der Hütte konnte ich des Prieſters Stimme vernehmen, der fortfuhr, ohne Aufhören zu beten. Mit den fortrollenden Stunden änderte nichts, ſchaute ich in die Hütte, ſah ich den Prieſter immer noch an des Bettes Seite knieen, ſein bleiches Geſicht ſo eingefallen und hager, als hätten Monate von Krankheit und Leiden ihn geſchwächt. Ich wagte nicht zu ſprechen, wagte nicht ihn zu ſtören, ſondern ſezte mich ſchweigend vor der Thür. Es iſt ein ſonderbarer Widerſpruch unſerer Natur, daß Gefühle, welche unſere Her⸗ zen mit Todespein zerreißen, durch ihre Fort⸗ dauer die Richtung zeigen, uns in Schlaf zu lul⸗ len. Der Wächter am Bette ſeines ſterbenden Freundes— der Miſſethäter in ſeiner Zelle nur wenige Stunden vor ſeinem Tode, entſchlafen— und ſchlafen feſt. Des Schmerzes Bitterkeit ſcheint ein zu abſtumpfendes Gefühl, das Ge⸗ müth vermag wie der Körper nur eine gewiſſe Laſt der Bedrückung zu ertragen, wird dieſe überſchritten, erliegt es und ergiebt ſich; ſo fand ich es zwiſchen dieſem Schauſpiele des Schreckens und der Angſt, mit allem verbunden, was auf ein Gemüth reizbar einwirken kann;— die Frau durch Schmerz regungslos und beſinnungs⸗ los,— der todte Mann gleichſam durch die Worte in das Leben zurückgeruſen, die beſtimmt waren, ihn in das ewige Leben zu geleiten,— der alte Mann, den ich nur als fröhlichen Ge⸗ fährten gekannt hatte, bekundete jezt vor meinen Augen alle Regungen ſeines fühlenden Herzens, — 62— hervorgerufen durch die Bekümmerniſſe einer Welt und die Schrecken einer Andern; dies Alles in einem wilden, öden Thale, fern von der Menſchen Wohnungen. Doch mitten zwiſchen dem allen, und ſtärker als von Allem erfaßt durch die folternde Ueberzeugung, daß hier eine Blutthat vollbracht war, eine Stunde ſchwärze⸗ ſten Verbrechens gewirkt hatte, die vielleicht für immer verborgen, nur vom Himmel nicht unge⸗ ahndet bleiben ſollte; mit allem dieſem um mich und vor mir, ſchlief ich. Wie lange weiß ich nicht, als ich erwachte, hing Morgennebel im Thale, oder rollte in Maſſen wolkenähnlicher Dünſte an den Bergſeiten hin. Augenblicklich war das ganze Schauſpiel der vergangenen Nacht wieder vor mir, noch immer kniete der Prieſter am Bette und betete. Nach der Frau ſchaute ich aus, ſie war fort. Rädergeroll konnte jezt auf der Bergſtraße in einiger Entfernung gehört werden; als ich langſam von der Hüttenthür vorging, ſah ich drei Geſtalten den Bergpaß herabkommen, ge⸗ folgt von einem Karrn und Pferd. Im näher Kommen bemerkte ich, daß unter dem Stroh des Karrn etwas zu beiden Seiten hervorſtreckte, und dies war, wie ich bald erkannte, ein Sarg. An die Eckbiegung des Weges gekommen, hielten — 63— die Leute an, ſchienen in eifriger und ängſtlicher Weiſe ſich zu beſprechen, plözlich ſprang einer von ihnen ſeitwärts auf den Gipfel eines kleinen Walles, der die Straße einfaßte, und blickte mehre Minuten feſt auf das Haus. In dem Augenblicke ergriff mich der Gedanke, ihre Zöge⸗ rung werde vielleicht dadurch veranlaßt, daß ich ihnen fremd ſey, deshalb ſchwenkte ich meinen Hut mehrmals über den Kopf. Nun begannen ſie wieder ihr Herabkommen und waren nach einigen Minuten neben mir. Einer war ein alter Mann, mit harten, ſtark durchwetterten Zügen, dieſer redete mich zuerſt in Iriſcher Sprache an, verbeſſerte ſich aber ſogleich und fragte mit leiſer, feſter Stimme:„Kam der Prie⸗ ſter zeitig genug? empfing er die heiligen Ge⸗ bräuche?“— Ich nickte bejahend mit dem Kopfe, dann murmelte er wie zu ſich ſelber:„Gottes Wille muß geſchehen! Schaun ſprach nicht von Hogan—— 4 1 „Still, Vater, ſtill,“ ſagte einer der jungen Männer, legte ſeine Hand auf des Alten Arm, fügte dann mehr in Iriſcher Sprache mit hefti⸗ ger Geberdung hinzu. „Iſt Marie zurückgekommen„Herr?“ fragte der Dritte, faßte ehrfurchtsvoll an ſeinen Hut. — 64— „Die Frau, ſein Weib?“ ſagte ich,„heute habe ich die nicht geſehn.“ „Sie war heute Morgen um zwei Uhr oben mit uns in Kiltimmon, wollte aber nicht auf uns warten. Sie wollte gleich zurückkehren, das arme Geſchöpf;— ſie trägt es wohl, hat ein kräftig Herz.— Meiner Treu, vielleicht macht ſie ehe lange Zeit vergeht Andere im Herzen ſchwach, die das ihrige in dieſer Nacht getroffen haben.“ „War ſie ruhig?“ fragte ich. „Ganz wie Sie in dieſer Minute ſind; und ſicherlich genug half ſie mir mit ihren eigenen Händen das Pferd in den Karrn ſpannen; denn Sie ſehen, ich konnte die Gabel mit meinem einem Arm nicht aufheben.“— Jetzt ſah ich, daß ſein Arm verbunden und in den Bruſtlaz ſeines Oberrockes geknöpft war. Der Prieſter kam nun herzu, ſprach mehre Minuten Iriſch; obwohl mir alles unbekannt blieb was er ſagte, konnte ich doch aus dem Tone ſeiner Stimme, aus ſeinen Blicken, ſeiner Haltung und ſeinen Geberden entnehmen, daß er Worte des Vor⸗ wurfs und Tadels ſprach. Der alte Mann hörte ihm ſchweigend zu, ohne die allermindeſte Gefühlerregung. Die andein Beiden ſchienen dagegen tief ergriffen, der Jüngere, deſſen Arm gebrochen, war ſehr gerührt, Thränen rollten über ſeine abgehärteten Wangen hinab. Dem Alten, deſſen Denkart ſtrengeren, grauſameren Sinn zeigte, mißfielen deutlich dieſe Anzeichen von Rührung, er wandte ſich von des Prieſters Ermahnung ab, murmelte als er mir vorbeiging: niſt’s denn nicht alles billig!— Blut um Blut, und ſicherlich trieben ſie ihn dazu.“— Nach eini⸗ gen Worten des Prieſters nahmen zwei der Leute ihre Spaten aus dem Karrn, begannen ein Grab zu graben, während Vater Loftus den Dritten zur Seite nahm und einige Zeit mit ihm ſprach. „Bei Gott!“ ſagte der Alte im Fortſchau⸗ feln der ausgegrabenen Erde,„Vater Tom iſt ſich gar nicht gleich, gar nicht; früher pflegte er Mitleid zu haben und'n gütig Wort für'nen Armen, wenn die ausgetrieben wurden in die Welt um zu verhungern, mit nicht einmal'nem Bund Stroh um darauf zu liegen, oder Kartof⸗ feln genug für die Kinder.“ „Still, Vater, ſonſt hört Euch der Prieſter,“ ſagte der Jüngere vorſichtig umblickend. „Das bekümmert mich ganz nicht; wenn er's hört, iſt's nur Wahrheit.— Sie ſind noch nicht lange in dieſer Gegend, wenn ich ſo frei ſein darf?“ — 66— „Nein,“ antwortete ich,„ich bin durchaus Fremder.“ „Nun, jedenfalls mögen Sie verſtehen, daß dieſer kein ſchöner Grund für'n Kartoffelgarten iſt, und doch hatte der arme Schaun, den Teu⸗ fel ſeinen andern, ſeitdem ſie ihn am lezten Mi⸗ chaelistage hinaustrieben auf die Landſtraße, ihn, ſeine Frau und den kleinen Knaben— den ein⸗ zigen, den ſie hatten— der ſchwer am Fieber erkrankt war. Das arme Kind fühlte das gleich⸗ wohl nicht lange, denn zehn Tage nachher ſtarb er. Nun! nun! gegen Gottes Wege iſt nicht einzureden. Aber ſicherlich, wäre der kleine Knabe nicht geſtorben, ſo reiſte Schaun ab nach Amerika, denn ſeine Ueberfahrt hatte er genom⸗ men und von einem Freund eine Seekiſte erhal⸗ ten, und Alles war zur Abreiſe fertig; aber ſe⸗ hen Sie, als das Kind ſtarb, konnte er's nicht über ſich bringen das Grab zu verlaſſen, dahin pflegte er zu gehen und halbe Tage hinzubringen um es zu ordnen, die Grasſoden umher feſtzu⸗ legen, und wollte kein Tagewerk für einen ſeiner Nachbarn übernehmen; zulezt ging er in einer Nacht davon, und wir wußten nicht, was aus ihm geworden, bis ein Packkrämer uns ſagte, er und Marie lebten im Auen Beg, fern von allen 3 — 67— Menſchen, ohne'nen Freund, der ihnen„Gottes Segen“ wünſcht.— Es iſt tief genug, Mickey — Niemand wird ihn wieder herausgraben.— So hätte er denn, Herr, viele Jahre hier leben mögen, als er aber hörte, die Boy's ſeyen auf⸗ geſtanden und gingen um ne Rechnung abzu⸗ ſchließen mit Herr Parloton;—“ In dieſem Augenblicke trat der Prieſter zu uns, deſſen Blicke mir deutlich ſeine Unzufrieden⸗ heit über des alten Mannes Geſchwäzigkeit ver⸗ riethen; er ſagte:„kommt nun, je früher Ihr zurückkehrt, deſto beſſer. Wir müſſen auch nach Marie ſehen, denn Gott mag wiſſen, wo die wandert. Legen wir den armen Menſchen jezt in die Erde.“ Mit langſamen, bekümmerten Schritten ging der alte Mann in das Haus, gefolgt von den Andern. Ich begleitete ſie nicht, ſondern ſtand am Grabe, mein Gemüth beſchäftigt mit allem was ich gehört hatte. Nach wenigen Minuten erſchienen ſie wieder mit dem Sarge, deſſen eine Ecke der Prieſter ſelber trug. Ihre Köpfe wa⸗ ren entblößt, ihre Geſichtszüge bleich und ſorgen⸗ voll. Die Leiche wurde in das Grab geſenkt, ſie blickten einige Sekunden darauf hinab. Der Prieſter ſprach einige wenige Worte in leiſer, — 68ñ— gebrochener Stimme, deren Ton mir tief ins Herz drang, obwohl ich ihre Meinung nicht verſtand. Einem der jungen Leute fliſterte er etwas zu, dieſer ging zur Hütte, kam alsbald wieder und trug einige Kleidungsſtücke des Entſeelten nebſt dem alten Karabiner her, der unter dem Bette lag. „Wirf ſie in das Grab, Mickey, wirf ſie hinein,“ ſagte der Prieſter,„wo iſt ſein Rock?“ „Der iſt nicht da, Herr,“ anwortete der Mann— ‚dies iſt alles was Blutflecke zeigt.“ „Gieb mir das Gewehr,“ rief der Prieſter, nahm den Karabiner am Ende des Laufes und ſtieß mit einem Tritte ſeines kraftvollen Fußes dieſen an der Schwanzſchraube ab; warf die Trümmerſtücke in das Grab und ſagte:„Möge Fluch dich treffen, Friede und Glückſeligkeit war im Lande, bevor die Menſchen dich kannten und beſaßen. Ach Hugh!“ ſprach er, ſeine Augen grimmig auf den alten Mann wendend,„niemals ſagte ich, ihr hättet nicht Kummer noch Prüfun⸗ gen gehabt, und einige von Euch recht bittere ſogar, aber Gott helfe Euch, wenn Ihr denkt, daß ein ruhig Gewiſſen und'ne glückliche Hei⸗ math durch Mord erkauft werden kann.“ Der 1 3 * — 69— alte Mann ſchreckte bei dieſen Worten auf, ſeine düſtre Stirne drohete, ſeine Lippen zitterten, ich trat näher zum Prieſter, weil ich fürchtete, er möge Angrif auf dieſen machen.„Ja, Burſche, Mord iſt das Wort, nichts geringeres. Sagt mir nichts davon, Euch ſelber Recht zu verſchaf⸗ fen, nichts von Blut um Blut, und alle dem. Fluch laſtet auf dem Lande, in dem ſolche Dinge vorgehen, und glücklich iſt die Erde nicht, die mit dem Blute von Gottes Geſchöpfen gefeuchtet wird.“ „Deckt ihn zu! deckt ihn zu!“ ſprach der alte Mann, die Erde einſchaufelnd um des Prie⸗ ſters Worte zu übertönen, nund laßt uns gehn. Wir ſollten um ſechs Uhr zurück ſeyn, wenn nicht—“ ſezte er mit höhniſcher Bitterkeit hin⸗ zu, die ihm eines Teufels Anſehn gab—„Euer Ehrwürden die Polizei will uns nachſpüren laſſen.“ „Gott verzeih' Euch, Hugh, und wende Euer Herz um,“ ſagte der Prieſter und ſchüttelte ſeine gegen ihn ausgeſtreckten Hände. Alsdann faßte er mich unter den Arm und führte mich in das Haus. Ich fühlte, wie ſeine auf mir leh⸗ nende Hand zitterte, große Thränen rollten ſeine Wangen hinab. Wir ſezten uns in der Hütte, — 70— keiner von uns ſprach. Nach einer Weile hörten wir das Rollen der Karrnräder und den Ton von Stimmen, die ſchwächer und ſchwächer wur⸗ den als ſte den Berg hinaufgingen, zulezt war alles ſtill. Da ſagt ich:„und die arme Frau, was glauben Sie, iſt aus ihr geworden?“ „Sehr wahrſcheinlich iſt ſte heim gegangen zu ihren Leuten,“ antwortete der Prieſter.„Ihr Unglück wird ihr Heimath in jeglicher Hütte ge⸗ währen. Niemand iſt ſo arm und ſo elend, um ihr nicht beizuſtehen, ihr Obdach zu geben. Aber fahren wir weiter.“ Wir gingen hinaus, der Prieſter verſchloß die Thür der Hütte mit einem inwendig gefun⸗ denen Vorhängſchloſſe, legte den Schlüſſel deſſel⸗ ben auf den Thürtritt, wandte ſich dann, um zu gehen,— doch plözlich ſtand er ſtill, nahm meine Hand in beide ſeinige und ſprach im Tone rüh⸗ renden Ernſtes:„Dies war ein betrübter Auf⸗ tritt. Ich wollte zu Gott, Sie hätten ihn nicht angeſehen, oder vielmehr, ich wollte zu Gott er wäre nie vorgefallen. Aber verſprechen Sie mir auf den Glauben eines Ehrenmannes und auf das Wort eines Gentleman, daß Sie, was Sie in dieſer Nacht geſehen haben, keinem Men⸗ ſchen mittheilen wollen, bis ich aus der Welt geſchieden vor dem Richterſtuhle ſtehe, vor wel⸗ chem wir alle erſcheinen müſſen.—“ „Dies verſpreche ich Ihnen mit aller Treue,“ ſagte ich,„und nun laſſen Sie uns einen Ort verlaſſen, der mein Herz mit einer Trauer er⸗ füllt hat, welche ein langes Leben nicht vertilgen kann.“ V S. Se. Pierles Wapilel. Als wir aus dem Thale hervor kamen, ward das Land ofner; angebaute Strecken zeigten ſich, die Wohnungen der Landleute gewährten ein Aus⸗ ſehen von mehr Behaglichkeit und beſſerem Zu⸗ ſtande, als wie ſie bisher darin hatten wahr⸗ nehmen können. Der Weg führte durch ein brei⸗ tes Thal, deſſen eine Seite durch eine hohe Bergkette begrenzt war, die andere durch den Shannon von den aufwallenden Hügeln Mün⸗ ſterlands getrennt wurde. In Gedanken vertieft, fuhren wir mehre Meilen ohne zu ſprechen; der erlebte Auftritt ſchien jede Erwähnung zu verſa⸗ gen, nur konnte er in der Gedanken trüber Nach⸗ erinnerung bleiben. Sehr weit waren wir noch nicht gekommen, als Getrappel von Reitern hin⸗ ter uns auf dem Wege uns umſchauen machte. Sie kamen im ſcharfen Trabe heran, vorn ritten zwei oder drei in bürgerlicher Kleidung, dann folgten Dragoner. Mich dünkt, ich ſah des Prieſters Farbe wechſeln, als der Klang der Ausrüſtung dieſer Letzteren in ſeinem Ohre er⸗ tönte. Schnell holten die Reiter uns ein.„Sie ſind früh auf dem Wege, Gentlemen,“ ſagte ein ſtarker, kraftvoll gebauter Mann, der, einen kno⸗ chenfeſten, muthigen Schimmel reitend, dicht zu uns kam. „Ah! Sir Thomas, ſind Sie's?“ ſagte der Prieſter, der ſeine frühere ruhige, unbefangene Weiſe wieder annahm.„Lieber mögte ich Sie von Ihren Jagdhunden, als von dieſen Spür⸗ hunden König Georg's gefolgt ſehen.— Iſt irgend etwas unrecht im Lande?“ „Laſſen Sie mich eine andere Frage thun;“ erwiederte der Baronett.„Wie lange waren Sie im Lande und wo brachten Sie die Nacht hin, um nicht gehört zu haben, was vorging?“ „Meiner Treu, ne triftige Frage,“ ſagte der Prieſter und erhob lautes Gelächter, um ſeine Aufregung zu verbergen,„wenn die Wahr⸗ heit aber heraus muß, wir kamen herum bei der Priorey Glenduff, und weil mein Freund hier ein Engländer iſt— Herr Hinton— Sir Tho⸗ Jack Kinton. Zweiter Band⸗ 4 — 74— mas Garland— hatte er Wunder von der Mönche Lebensweiſe gehört, und ich wünſchte er ſolle ſelber ſein Urtheil faſſen.“ „Nun, das erklärt die Sache,“ ſagte der hohe Herr.„Wir haben hier eine traurige An⸗ gelegenheit gehabt, Vater Tom. Der arme Par⸗ leton iſt ermordet.“ „Ermordet!“ wiederholte der Prieſter mit einem Ausdrucke des Entſezens in ſeinen Zügen, den ich kaum erkünſtelt halten mogte. „Ja, ermordet; das Haus wurde kurz nach Mitternacht angegriffen. Die Bande muß zahl⸗ reich geweſen ſeyn, denn während ſie die Thür der Halle mit Gewalt erbrachen, wurden Schup⸗ pen und Stall in Flammen geſezt. Der arme George war eben zu Bett gegangen, ein wenig ſpäter als gewöhnlich, denn ſeine Söhne waren wenige Stunden vorher von Dublin zurückgekom⸗ men, wo ſie ihre Collegiums⸗Prüfung beſtanden hatten. Die Böſewichte kannten aber gut das Haus, gingen gerade zu ſeinem Schlafzimmer. Augenblicklich war er auf, nahm ſeinen am Bette hängenden Säbel, vertheidigte ſich mit Muth und Verzweiflung gegen ſie Alle. Das Getümmel und Geräuſch brachte alsbald ſeine Söhne herbei, die, obwohl eigentlich nur noch Knaben, ſich in der wackerſten Weiſe benahmen. Der Ueberzahl erliegend und mit Wunden bedeckt, ſchleppten ſie Parleton die Treppe hinab, riefen dabei:„bringt ihn hinunter zu Freney's— laßt den blutigen Böſewicht die ſchwarzen Wände und den kalten Heerd, die er gemacht hat, anſehn, bevor er ſtirbt.“— Es war ihre Abſicht, ihn an dem Orte zu ermorden, wo einige Wochen früher ein Gewaltſchritt für Landpacht gegen einen ſeiner Pächter von ihm ausgeführt war. Er umklam⸗ merte das Treppengeländer mit verzweifeltem Griffe, richtete einen Blick auf den Diener, der mehre Jahre mit ihm gelebt hatte, und rief in ſeiner Todesangſt dieſen auf, ihn zu retten; doch der Menſch kam bedächtig hervor, hielt des Lich⸗ tes Flamme unter des ſterbenden Mannes Fin⸗ ger, bis dieſe die Umklammerung nachließen und er zurück unter ſeine Mörder fiel. Ja, ja, Va⸗ ter, Heinrich Parleton ſah es mit eigenen Augen, denn während ſein Bruder bewußtlos auf den Boden hingeſtreckt lag, rang er eben auf der Treppe mit den Uebrigen; ſonderbar genug, be⸗ ſchädigten ſie die beiden Knaben nicht, nachdem ſie ihre Rache an dem Vater ausgelaſſen, ban⸗ den ſie ſelbige Rücken an Rücken zuſammen und ließen ſie ſo liegen.“ „Vermögen die einen von den Thätern anzu⸗ 4 † 4 geben?“ fragte der Prieſter mit heftiger Aufre⸗ gung in Stimme und Weſen. „Ich fürchte, das können ſie nicht; denn der Leute Geſichte waren ſchwarz gefärbt und über die Röcke hatten ſie Hemden gezogen. Herwy meint, er könne etwa zwei oder drei aus der Zahl durch Eidſchwur belaſten; aber unſere beſte Wahrſcheinlichkeit ſie zu entdecken, iſt auf die Thatſache begründet, daß mehre von ihnen ſchwer verwundet wurden, einer ganz beſonders, der, wie er geſehen, von ſeines Vaters Säbel zerhauen, durch ſeine Genoſſen, in Blut gebadet, die Trep⸗ pe hinabgetragen wurde.“ „Er erkannte dieſen nicht?“ fragte der Prie⸗ ſter eifrig. „Nein, aber hier kommt der arme Burſche, alſo wünſche ich Ihnen guten Morgen.“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte davon, gefolgt von den Dragonern; auf des Weges anderer Seite kam ein junger Mann herangeritten, bleich, mit ungeordnetem Anzuge und den Arm in der Binde, er blickte gar nicht zur Seite, ſondern ſezte ſeinen Weg auf der rauhen Straße fort, als habe er ein fer⸗ nes Ziel im Auge.— Der Prieſter hielt das Pferd ein, um die Reiter vorbeizulaſſen, ſein Aus⸗ ſehen ward wieder ganz ſo bekümmert nnd nieder⸗ 3 geſchlagen als früher, auch ſchwieg er lange bis er zulezt ſagte: „Sie ſehen den hohen Berg da zu unſerer Linken, unſer Weg führt um deſſen Fuß, und wenn's Gott gefällt, werden wir morgen Abend einige fünf und zwanzig Meilen auf ſeiner andern Seite, im Herzen meines eigenen, wilden Lan⸗ des ſeyn, hinter uns die großen Berge, und zu unſern Füßen den ſchäumenden Wogenſchwall des großen, blauen Atlantiſchen Meeres.“ Einen Augenblick ſchwieg er wieder, umklammerte dann meinen Arm mit ſeiner kräftigen Hand und ſezte mit leiſer, aber deutlicher Stimme hinzu:„Reden Sie niemals zu mir, noch fragen Sie mich um das, was Sie in dieſer Nacht geſehen haben, ſuchen Sie ſich deſſelben nur wie eines Traumes zu erinnern. Und nun will ich Ihnen ſagen, wie ich Sie im fernen Weſten zu erluſtigen ge⸗ denke.“ Nun begann der Prieſter eine geiſtreiche und anziehende Beſchreibung der Gegenden und des Volkes,— ſeiner Gebraͤuche, ſeines Aberglau⸗ bens und ſeiner Zeitvertreibe. Er erhöhete die Anziehung ſeines Berichtes durch Legenden und Geſchichten ernſten und ſcherzhaften Inhaltes; bald führte er Züge aus der alten Geſchichte des Landes an, bald beſchrieb er Einzelnheiten eines — 8— Markt⸗Vorfalles, aber ſeine wunderbare Be⸗ kanntſchaft mit dem Bauernſtande, mit deſſen Denk⸗ und Beurtheilungsweife, ſeine Nachah⸗ mung deſſen bilderreichen und kräftigem Aus⸗ druckes, riſſen mich unwiderſtehlich mit fort, mogte er die Bergſeite zu ſeinem Pfade wählen, — am Dorffeuer eines Hüttenbewohners ſtzen, oder im gebrechlichen Nachen eines Fiſchers auf des Sommerſees Oberfläche gleiten.— Von ihm erfuhr ich, daß in der wilden Gegend, die er bewohnte, mehr als fünfzehn tauſend Men⸗ ſchen lebten, von denen kaum einer ein Wort Engliſch ſprechen, oder verſtehen könne. Er war nicht nur dieſer Leute Prieſter, ſondern ihr Be⸗ herrſcher und Nichter. Von ihm wurden alle ihre Streitfragen ausgeglichen— alle ihre Un⸗ bilden verſöhnt. Sein Wort war im ſtreng⸗ ſten Sinn des Ausdruckes, Geſez— nicht ein ſolches, um durch Bayonette und Polizei, durch Konſtabel und Sheriffdiener geltend gemacht zu werden— ſondern eines, das durch ſeine ſittliche Kraft Gehorſam forderte, und würde ihm einer ſich widerſezt haben, ſo hätte dieſe Thatſache ihn zum Ausgeſtoßenen unter ſeinen Mitmenſchen gemacht. „Wir ſind arm,“ ſagte der Prieſter,„aber glücklich. Verbrechen ſind unter uns nicht ge⸗ — 79— kannt, und Menſchenblut iſt durch Hader ſeit funfzig Jahren in der Baronie nicht vergoſſen. Wann wollen Sie in England dies lernen? Wann werden Sie verſtehen, daß dieſe Leute ge⸗ leitet, doch nie getrieben werden können, daß ſie zu überreden aber niemals zu zwingen ſind? Wann werden Sie ſich herablaſſen, die Vorrechte Ihrer Geburt, Ihrer Reichthümer und Ihres hohen Standes ſo weit abzulegen, um mit dem armen demüthigen Bauern Vernunft zu reden, der um Schuz zu Ihnen aufſieht? Ach mein junger Freund, würden Sie mich fragen, welche die große Quelle des Elendes dieſes unglücklichen Landes iſt, ſo möchte ich Ihnen antworten, die überwiegende Einſicht ſeines Volkes. Ich ge⸗ wahre Ihr Lächeln, aber hören Sie mich zum Ende. Ungleich dem Bauernſtande anderer Län⸗ der, ſind ſie nicht zufrieden.— Ihre Denkart wird mißverſtanden, ihre bezeichnenden Züge un⸗ recht ausgelegt,— zum Theil aus Gleichgültig⸗ keit, theils auch aus Vorurtheil und in ſehr gro⸗ ßem Maße, weil es die Mode iſt, im Bebauer des Bodens nur den Geplackten anzuerkennen, der kaum mehr Verſtand beſizt als ſein Pflugvieh, oder der Ochſe ſeines Geſpannes; hier aber iſt ein lebhaftes, ſcharfblickendes, einſichtiges Volk, fähig, Ihre Beweggründe mit zehn mal mehr — 86— Genauigkeit abzuwägen, als Sie beſizen um die Ihrigen zu errathen; es iſt argwöhniſch, weil ſeine Leichtgläubigkeit mißbraucht worden; rach⸗ ſichtig, weil ſeine wilden Naturen keinen anderen Rächer kennen, als den eigenen rechten Arm; ungeſezlich, weil es auf Ihre Begründungen wie auf die Quellen ſeines Elendes blickt, darin die Geräthſchaften Ihrer gegen ſich ſelber geübten Tyranney erkennt; ſorglos, denn es hat nichts zu verlieren, träge, denn es weiß nichts zu ge⸗ winnen. Ohne irgend ein Bemühen ſein Ver⸗ trauen zu erlangen, ſein Wohlwollen zu ſichern, überwältigen Sie es mit läſtigen, verwickelten und unangenehmen Begründungen; während Sie jede Aufforderung an ſein Gefühl oder an ſeine Zuneigung vernachläſſigen oder verachten, ver⸗ trauen Sie auf Ihre Soldaten oder beſondere Commiſſionen. Helfe Ihnen der Himmel— verringern mögen Sie das Volk durch Galgen und Transportation, aber des Uebels Wurzel bleibt ſo weit von Ihnen entfernt, als je. Sie können das Volk nicht— wollen es nicht ken⸗ nen; geneigter zum Strafen als zum Verhüten, werden Sie durch Ihrer Geſeze Ausübung be⸗ friedigt, durch der Verbrechen Anhäufung nicht erſchüttert; wenn gebrochen durch Armuth, ge⸗ lähmt durch Hunger, trübſinnige Troſtloſigkeit — 81— ſich über das Land verbreitet, begegnen ſie ſich in Glückwünſchenden Ausdrücken, um vom beru⸗ higten Irland zu ſprechen.“ In dieſer Weiſe fuhr der gute Prieſter fort ſeine Anſichten in Betreff ſeines Landes zu ent⸗ wickeln; der Stüzpunkt ſeiner Anführungsgründe war, daß einem in jeglicher Beziehung ſo weſent⸗ lich verſchiedenem Volke Engliſche Einrichtungen, Engliſche Geſeze nicht anpaſſend, nicht zureichend ſeyen. Oft mußte ich mit ihm übereinſtimmen, zu andern Zeiten, wenn ich ſeine Meinung nur undeutlich auffaßte, mußte ich eben deshalb von ihm abweichen.— Der Gegenſtand verkürzte jedenfalls unſern Weg; als wir uns Abends im behaglichen Zimmer des kleinen Gaſthauſes zu Ballyhoeſouſth befanden, waren wir beide ſo ganz wieder zum Beſiz unſerer Geiſteskraft gelangt, daß auf des Prieſters glückſeligem Angeſichte, ſeine geſellige gute Laune wieder erglänzte, ich allſtündlich an Geſundheit und Kraft zunehmend, fühlte ſchon den ſtärkenden Einfluß der Bergluft, und jenen ſtarken Freiheitsſinn, der nie ſo durch⸗ aus gewürdigt wird als bei dem Wiedererlangen von Kräften, nach den Leiden des Kranken⸗ bettes. Wir ſaßen am ofnen Fenſter, blickten hinaus auf die Landſchaft. Schon war die Sonne un⸗ 4* tergegangen, die langen Schatten der Berge be⸗ gegneten einander über dem See, gleich Geiſtern, welche die Nachtſtunde zu ihrer Umarmung ab⸗ warten. Eine dünne, bleiche Neumond⸗Sichel bezeichnete den blauen Himmel, dunkelte aber nicht den Glanz tauſender flimmernder Sterne. Alles war ruhig und ſtill, nur der tiefe Ton des Wachtelkönigs ward gehört oder der abgemeſſene Ruderſchlag in weiter Entfernung. Die reichen zum Waſſer hinabflächenden Wieſen ſendeten ihm entzückenden Düfte in die balſamiſche Luft, die Sinne wurden von jenem ruhigen, friedlichen Vergnügen beſchlichen, welches nur allein ſolch ein Schauplaz in ſolcher Stunde zu gewähren vermag. „Dies iſt reizend— dies iſt ungemein rei⸗ zend, Vater,“ ſagte ich. „Das iſt es;“ antwortete er.„Kein Ir⸗ länder braucht um ſchöne Gegenden auszuwan⸗ dern; er mögte eben ſo begründet Wiz und gute Geſelligkeit auf Reiſen ſuchen.— Es fehlt uns nicht an Segnungen, wir brauchen nur zu wiſſen, wie wir ſie genießen ſollen.— Was trinken Sie? Negus— meinem ärgſten Feinde wollte ich den nicht wünſchen, doch ich vergeſſe ſtets, daß Sie keiner von den unſrigen ſind. Reichen Sie mir jene vierkantige Flaſche, die würde jetzt — 83— nicht ſo gefüllt mehr ſeyn, wäre Bob mit uns, der arme Geſell; aber eines iſt ganz gewiß, wo er immer ſeyn mag, er iſt glücklich.— Ich glaube, ich habe Ihnen noch nicht erzählt, wie er in ſeine jezige Klemme gerieth.“ „Nein, Vater, und eben darum mögte ich Sie bitten. „Nun es war im lezten November, daß Bob von einem Mitgliede von Daly's den ſtillen Wink bekam, je eher er Dublin verlaſſe, deſto erſprießlicher würde das für ſeine perſönliche Freiheit ſeyn, weil verſchiedene Verhaftbefehle gegen ihn in der Hauptſtadt umflögen. In der nämlichen Nacht reiſete er ab, erreichte ſein ſchö⸗ nes Schloß Newgate ſonder Beſchwerde— dieſes war für den Winter mit Lebensmitteln verſehen und er konnte, wenn es nöthig ſein ſollte, die Belagerung irgend einer Macht abhalten, welche das Geſez wahrſcheinlich heraufführen würde. Das Haus war reichlich mit Waffen, als Gewehren, Piken, Schwerd⸗ tern aller Art verſehen, und auf dem Dache ſtand zum Schrecken des Landes ein alter Vier⸗ pfünder aus Cromwells Zeit, deſſen Wirkung freilich durch den Rückprall für Haus und Um⸗ ſtehende gefahrvoll genug war, der aber der Landleute Vertrauen ganz ungemein erhöhete. Bob verſammelte ſeine Landſaſſen, eröfnete ihnen in kurzer aber kräftiger Rede den Zuſtand ſeiner Andeltarnhriten⸗ und erklärte zihnen mit vieler Beredtſamkeit, welches Unglück für ſie daraus entſtehen würde, wenn ſie durch irgend einen Zufall ihn als ihren Landherrn verlören.—„Ihr wißt gar nicht, Burſche, welch Unheil Euch tref⸗ fen, würde ſie würden einen Empfänger auf dem Eigenthum anſtellen— einen Grünſchnabel mit Baillifs und Konſtabeln hinter ſich— der Euch die Landrente zahlen machte— und meiner Treu, ich will's nicht abreden, Euch vielleicht die Rück⸗ ſtände abforderte.“ „Ach Mord! Mord!“ hörte man je derglei⸗ chen!“ rief das Landvolk und Bob fuhr als ge⸗ ſcheuter Redner fort die Unfälle auszumalen und die verächtliche Behandlung zu erläutern, der er ausgeſezt ſey, er ſchloß endlich mit den Worten: „meine eigene Anſicht iſt die, daß Geſez nichts anders iſt, als Lüge und Täuſchung von einem Ende bis zum andern.“ Lauter Beifall verkün⸗ dete, wie ſehr die Zuhörer mit ſeiner Meinung einverſtanden ſeyen, ein Tönnchen Whiskey ward in den Vorhof gebracht, jeder einzelne Mann leerte ſein Glas auf des Grundherrn Wohl und erklärte dabei ſeinen Entſchluß in Betreff der Kron⸗Rechts⸗Beamten, wodurch dieſen wenig —ff —— Glückſeligkeit verheißen wurde, falls ſie in die Nachbarſchaft kämen.“ „Etwa eine Woche ſpäter war dort das große Heimfahren; das heißt, verſtehen Sie, was wir in Irland Einbringen der Erndte nennen; wahr⸗ lich der Pachthof zeigte nun einen recht wohnlichen Anblick mit Heuſchobern und Fehmen von Korn, Hafer, Gerſte und Außenhäuſer voller Kartoffeln, und allem, was das Land an Erzeugniſſen bringt, zudem Kühe und Pferde, Schafe, Schweine, Zie⸗ gen, Truthühner ſogar, denn die meiſten Land⸗ halter zahlten ihren Pacht in ſolchen Dingen, und weil Bob ein nachſichtiger Landherr war, kamen nur wenige ohne ihr kleines Geſchenk— einen Kampfhahn, Eſel, Bock, oder irgend anderes ver⸗ gnügliches Thier.— Am folgenden Tage war es ein ſchönes trockenes Wetter mit leichtem Froſt; und weil der Torfmoor hart war, ſchickte Bob ſie ſämmtlich hinaus den Torf einzubringen. Nun wünſcht ich, Captain, Sie ſähen das, es iſt wirklich ein ſchöner Anblick; an einem heitern hellen Tage, mit blauem Himmel und ſcharfer Luft rollen vielleicht zwei oder drei hundert Kar⸗ ren dahin, ſo ſchnell ſie nur fort können, die Burſche ſtehen aufrecht in den Kaſten, fahren ohne Zügel noch Halter— immerwährend im Galop— ganz ſo wie Ajaxr, Ulyſſes und die — 86— Andern von denen wir leſen; und die Mädchen, ſo hübſche Geſchöpfe als Sie jemals erblickt ha⸗ ben, mit ihren kurzen rothen Röcken, und ihren Haaren geflochten und am Hinterkopfe befeſtigt, auf mein Gewiſſen, gegen die waren die Troja⸗ nerinnen gar nichts. Aber zur Sache. Bob Mahon kam etwa um fünf Uhr Abends vom Moore auf ſeinem braunen Klepper zurück, dachte an nichts, als vielleicht an den trefflichen Hau⸗ fen Torf, den er am andern Morgen einbringen würde, als er vor ſich einen Haufen Dragoner ſah, den alten Unter⸗Sheriff Baſſet an der Spize, nebſt noch einem andern Geſellen, den er in Dublin oft in den vier Gerichtshöfen geſehen hatte.—„Bei den Sterblichen, ich bin verlo⸗ ren,“ dachte Bob, denn er erkannte ſogleich, Baſ⸗ ſet habe gewartet, bis die Landleute in der Ent⸗ fernung beſchäftigt waren, um ihn zu verhaften. Doch ward er nicht muthlos, bahnte ſeinen Weg durch die Dragoner, ritt zur Seite von Baſſet's Gig auf, zog ein langes Piſtol aus dem Holfter und begann kaltblütig die Pulver⸗ aufſchüttung zu prüfen. Dabei ſagte er:„wie geht's Ihnen, Nick Baſſet, und wohin heute Abend?“ Der ſchaute nach dem Piſtol und erwiederte: „Wie gehts Ihnen Major, dies iſt ein mächtig — 87— ungefallſames Geſchäft für mich, aber es iſt eine Auspfändung gegen Sie im Gange, und mein Freund, Herr Henneſey hier, bat mich mit herüber zu kommen, weil ich Sie kenne——“ Bob fragte, ob ſie Verhaftsbefehl gegen ihn hätten, und auf ihre Verſicherung ſie wären weit entfernt ihm perſönlich nachzuſtellen, wollte er wiſſen, wozu die Dragoner dienen ſollten, und was ſie ſagen würden, wenn er das Land in Aufſtand riefe. Baſſet ſagte:„geben Sie ſich keine Mühe, Major, die wackern Leute ſind ſechs Meilen von hier auf dem Moore, könnten Sie nicht hören, wenn Sie noch ſo laut pfeifen wollten.“ Nun erkannte er ſich vom alten Schurken völlig überliſtet; verſuchte jedoch die Dragoner von ſeinem Hofe zurückzuhalten, weil das ihn in ſeiner Leute Augen herabſezen müſſe. Nach eini⸗ gen Gegenreden ward feſtgeſezt, daß die Drago⸗ ner zum Theil auf der Landſtraße und zum Theil im Felde vor Bob's Hauſe bleiben ſollten, wäh⸗ rend Baſſet und ſein Freund Bobs Eigenthum in Beſchlag nehmen und ein Verzeichniß von allem aufſchreiben ſollten, was ſie finden wür⸗ den.— Als ſie zum Hauſe kamen, beſtellte Bob ſo⸗ gleich das Mittageſſen aufzutragen, benahm ſich — 8s— ungemein höflich gegen ſte und meinte ſie würden am Abend noch Zeit genug zu ihrem Geſchäfte haben. Sie aber lehnten dies ab und begannen ſogleich mit Feder und Tinte, zeichneten alle Stühle und Tiſche, geborſtenes Porzelan, Feuer⸗ eiſen, ſogar zwanzig Paar alte Stulpſtiefel in Bob's Schlafzimmer auf. Dieſer rief ſeinen Diener Ned, ſagte dem: „häng ein paar große Hangſchlöſſer vor die Thür des Heubodens ſo ſchnell als möglich.“ „Der iſt ſicherlich leer, Herr,“ ſagte Ned, „außer Ratten iſt nichts darauf.“ „Weiß ich das nicht ſo gut als Du,“ ſprach Bob,„und kannſt Du nicht thun, was Dir ge⸗ heißen wird, wenn's aber gethan iſt, nimm den Klepper und eile zum Moor, ſag den Leuten, ſie ſollen den Torf aus ihren Karren werfen und hierher galoppiren ſo ſchnell ſie können.“ „Kaum hatte er dies geordnet, als Nick Baſſet rief:„nun zum Pachthofe, Major, wenn's gefällig iſt.“ Mit Henneſey und den beiden brei⸗ ten Baillif's, die keinen Augenblick von ihnen wichen, gingen ſie hinaus. In der That war es ein großer Anblick, alle die Schober und Fehmen zu ſehen, ſo dicht die nur neben einander ſtehen — 89— konnten; ſo begannen die zu zählen und aufzu⸗ ſchreiben, und den Teufel ſein Ding vergaßen ſie nicht Spindeln noch Haspel, zulezt gewahrte Nick die obere Bodenthür mit den zwei großen Hangſchlöſſern. Nun wurde gefragt, ob Hafer, Gerſte, oder vielleicht Pflanzkartoffeln da oben ſeyen. Bob behauptete, der Boden ſey ganz leer. — Das wollten ſie wegen der Vorhangſchlöſſer nicht glauben, fragten, nob ſie nicht hineinſchauen könnten.“ Bob erwiederte, er habe keine Leiter die lang genug ſey. Sie aber zogen unter dem Stroh an der Wand eine hervor, ſezten die hinan und baten um den Schlüſſel.—„Ich glaube, der iſt verlegt;“ ſagte Bob mürriſch, ſie aber grinſeten, weil ſie glaubten, jezt hätten ſie ihn gefangen.„Sie werden nicht übel nehmen, wenn wir die Thür aufbrechen?“ „Brechen Sie auf und werden gehängt!“— ſagte Bob ärgerlich und ging davon. Mit großen Steinen erſtiegen ſie die Leiter, es koſtete einige Mühe, die beiden ſtarken Schlöſ⸗ ſer zu zerſchlagen, doch endlich wich die Thür. Die Baillifs traten zuerſt ein, dann folgten Baſ⸗ ſet und Henneſey. In wenigen Minuten über⸗ zeugten ſie ſich, der Boden ſei ganz leer, als ſie aber zur Thür zurückkehrten, hatte Bob die Lei— — 90— ter auf ſeine Schultern genommen und trug ſie nach dem andern Ende des Hofes.„Halloh, Major,“ rief Baſſet,„vergeſſen Sie uns hier oben nicht.“ „Den Teufel ſein Befürchten dafür,“ ſagte Bob,„wer Sie einmal kennt, der vergißt Sie niemals.“ „Wir ſind völlig überzeugt, Ihre Angabe war ganz richtig,“ ſagte Henneſey. „Weshalb glaubten Sie denn nicht zuvor, Herr Henneſey? Jetzt ſehen Sie, was Sie ſich zugezogen haben.“ „Sie werden uns nicht hier oben laſſen,“ ſchrie Henneſey,„wollen Sie falſche Einkerke⸗ rung wagen?“ „Mehr als das würde ich wagen, wenn's nöthig wäre; aber merken Sie, wenn Sie zurück⸗ kehren, behaupten Sie nicht, ich haͤtte mich nicht erboten Sie gut zu behandeln— ſo wenig Sie's auch verdienten. Ich hat Sie zum Mittageſſen, und würde Ihnen Ihre Haut voll Wein gegeben haben, Sie aber zogen Ihr ſchmuziges Gewerbe vor, alſo nehmen Sie nun die Folgen.“ Jezt hörte man lauten Jubelruf, die Land⸗ leute ſprengten mit ihren Torfkarren in den Hof. — 91— Bob ſagte:„nun, muntere Burſche, wie viele Karren habt ihr?“ „Siebenzig, Herr, aber es kommen noch mehre.“. „Nun macht Euch an's Werk, führt allen Hafer, Waizen, Gerſte, Heu und Kartoffeln von hier; einige müſſen die Kälber und Schweine nehmen, und die Ochſen über das Gebirge zu Bodkins treiben; laßt keinen Truthahn zurück, Burſche, und eilt, denn dieſe Herren haben ſo viele Zuſagen, daß ich ſie kaum vermögen kann, länger als einen oder zwei Tage bei uns zu ver⸗ weilen. Bei dieſen Worten zeigte er auf die vier Geſtalten, die zitternd in der Thür des Heubo⸗ dens ſtanden. Lauter Jubelruf und eben ſo laut ſchallendes Gelächter gaben ſeiner Anrede die Antwort, dann begannen ſie ihre Karren mit Getreide oder mit lebendigem Vieh zu beladen, ſo ſchnell ſie konnten; etwas ähnliches erlebte man nie, die Kühe bölkten, die Schweine grunz⸗ ten, das Federvieh kakelte, Männer und Frauen liefen hin und her, lachten wie unſinnig, und Nick Baſſet fluchte wie ein Landreiter, beſchwor, ſie alle bei den nächſten Aſſiſen an den Galgen zu bringen. Wollen Sie glauben, die Erndte, deren Einbringen drei Wochen Zeit erforder: hatte, wurde in dieſer einen Nacht fortgeſchaft, im Lande auf den verſchiedenen Pachthöfen ſo vertheilt, daß ſie nimmer aufgeſpürt werden konnte, alles Vieh wurde fortgetrieben, und vor Sonnenaufgang war kein Schaf noch Lamm mehr da, um auf dem Vorfelde zu blöcken. Bob entfernte ſich am andern Tage, um einen entlegen wohnenden Freund zu beſuchen, hinterließ ſeinen Leuten die Weiſung, im Laufe des Nachmittages die Herren vom Heuboden zu befreien. Dieſe Geſchichte machte großes Auf⸗ ſehen im Lande, doch bevor noch die Leute müde waren darüber zu lachen, ward eine Anklage gegen Bob, für falſche Einkerkerung, eingeleitet, und ſchwere Entſchädigungsgelder zu Recht ge⸗ gen ihn erkannt; Sie ſehen alſo, in der Art, wie Bob eingefangen, wurde eine Art poetiſche Ge⸗ rechtigkeit, denn im Grunde war es ein Streich gegen den andern geſpielt.“ Der würdige Prieſter ſchwieg, miſchte ſich noch ein Kelchglas an, prüfte und rührte es und ſchob es ſanft vor ſich auf den Tiſch, ſchien in Nachdenken verloren und ſagte zulezt halblaut: „ja, es iſt ein drolliges Land, in dem wir le⸗ ben, es gibt nicht Einen von uns, der nicht mehr Scharfſinn vergeudet, mehr Liſt darthut im — 93 Durchbringen ſeines Vermögens, als der ge⸗ ſcheuteſte Mann in andern Ländern erprobt, um ſich Vermögen zu ſammeln.— Aber mich dünkt, Sie ſehen bleich, dieſe ſpäten Nacht⸗ ſtunden taugen Ihnen nicht, alſo zu Bette.“ — 94— F unſſes SWapilel Iſt mein Leſer nicht ſchon ermüdet vom Bergwege und dem wilden Weſten, ſo mögte ich ihn— darf ich auf Leſerinnen hoffen?— dieſe bitten, mich etwas weiter zu begleiten, um ein anderes Gemälde des dortigen Lebens ihnen dar⸗ zuſtellen. 3 Sie ſehen jenen kühnen Berg, gezackt und rauh in ſeinen Umriſſen, dem Rückgrade eines Rieſenthieres gleich, der weit hinaus in das Atlantiſche Meer ſtreckt, mit kühnem, abgebro⸗ chenen Tafellande endet, gegen welches die Wo⸗ gen von der Labrador⸗Küſte her rollen, ohne zwiſchen befindlichen Fels, der ihre Gewalt bre⸗ chen mögte. Laſſen Sie Ihr Auge ſeinem Fuße folgen, bis ſie einen Rudel von Erlen und Bu⸗ chenbäumen gewahren, unter denen hier und dort ſchlanke Pappeln aufſtreben, forſchen Sie nach dem Giebel eines langen, niedern, mit Strohdach verſehenen Hauſes, welches faſt im Gebüſche vergraben liegt. Vor ſeiner Thür ſtreckt ein kleiner Raſengrund zur Küſte hinab, wo das ſandige Geſtade, im ganzen Reichthume der Mor⸗ genſonne erglühend, herrlich mit Muſcheln und glänzenden Kieſeln prangt,— das iſt Murrana⸗ kilty. Aber ich bitte Sie, treten Sie etwas nä⸗ her; laſſen Sie mich annehmen, Sie ſind der Biegung jener kleinen Bucht gefolgt, haben die Holzbrücke über den perlenden Forellenſtrom über⸗ ſchritten, wo der hinabſtürzt, um ſein Waſſer mit dem Ozean zu vereinen; Sie haben den rohen Steg überſtiegen, einen Augenblick geweilt, um in den heiligen Born hinabzuſchauen, auf deſſen ſpiegelnder Oberfläche das kleine hölzerne Kruzifir von oben ſich ſchwach abſchattet, und nun zulezt ſtehen Sie auf dem Raſenplane vor der Hütte. Welch ein glorreiches Schauſpiel iſt nun vor Ihnen ausgebreitet. Auf der Gegenüberſeite der Bucht ſcheint der Berg, deſſen Gipfel ſich in die Wolken verliert, wie durch Gewalt eines Erdbe⸗ bens geſpalten, durch ſeine enge Schlucht können Sie die blaue Meeresfluth eindringen ſehn, während des Thales Seiten mit Waldung beklei⸗ — 96— det ſind. Die hundertjährige Eiche, hier vor rauhem Atlantiſchen Winde geſchüzt, breitet ihre üppigen Arme aus, während die ſchäumenden Wogen zu ihren Füßen brechen. Hoch über der Bäume Gipfeln können Sie die unregelmäßigen Umriſſe eines großen Gebäudes mit Zinnen und Thürmen gewahren, deſſen einer ſchlank und mit Oefnungen aufgeführter Thurm hoch in die Luft ragt, und um deſſen Gipfelrand die lär⸗ menden Raben ihre Flüge kreiſeln. Das iſt Kilmorran Schloß, der Wohnſiz von Sir Simon Bellew. Seit Jahrhunderten wurden ſeine Vor⸗ ſahren dort geboren, und ſtarben; mitten in die⸗ ſer wilden, verödeten Großartigkeit lebten die hochſinnigen Abkömmlinge eines alten Hauſes, von ihrer Jugend bis zum Alter, umgeben von allen Gebräuchen des Feudalweſens— Ober⸗ herrn vieler Meilen ringsum, mit einer Gewalt und einem Herrſcheranſehen, welches vermuthlich lange ſchon untergegangen ſein müßte.— Ihr Auge blickt ſeewärts und ich gewahre Ihre Aufmerkſamkeit von einem in der Bucht ankernden kleinen Schooner angezogen; ſein Top⸗ ſegel iſt eingebunden und ſchlägt träge gegen den Maſt, ſo wie das Fahrzeug in der brechenden Brandung ſtürzt und rollt. Der Takel ſeines niedern Maſts und der lange Baum, der weit 2 4 — 92— über das Taffarell hinausragt, geben ihm, wie Ihnen dünkt, ein etwas verdächtiges Anſehen, und Sie urtheilen richtig. Es iſt die ſchöne Louiſe, ein Schmuggelſchiff von Dieppe, deſſen halb Franzöſiſche, halb Iriſche Bemannung es bis zum Geſchüzrande vertheidigen, mit ihm ver⸗ ſinken, aber es nie ergeben wollte. Sie hören Ruderſchlag, und ſehen das achtrudrige Gig bei jedem Anſaze vorſpringen, als es von der Küſte herfliegend auf's Meer hinaus fährt. Sir Si⸗ mon liebt Claret, und wie ein echter alt Iriſcher Gentleman trinkt er ihn aus dem Gebinde, des⸗ halb mag er ſeinen Grund haben, weshalb dieſe wild ausſehenden Rothkappen zum Lande fuhren. Doch jezt will ich Sie bitten, zu einem demü⸗ thigeren Schauſpiele ſich zu wenden, in das Zimmer zu blicken, deſſen bis zum Fußboden geöf⸗ netes Fenſter mit blühendem Geisblatt umgeben iſt— es iſt des Prieſters Wohnzimmer. An ſeinem kleinen Frühſtücktiſche, deſſen fleckenloſes Decktuch und das ſaubere aber einfache Geſchirr Angemeſſenheit und Behaglichkeit zeigen, ſizt einer, deſſen prunkender Ankleiderock und ſeine müſſige Stellung ſonderbaren Gegenſaz zu den anſpruchloſen Gegenſtänden um ihn her bilden. Er ſcheint eine Zeitung zu leſen, die er von Zeit zu Zeit niederlegt und ſeine Blicke nach dem 5 Jack Hinton. Zweiter Band. — 98— Feuer richtet. Denn, obwohl im July, macht doch ſcharfe Friſche der Morgenluft das lodernde Torffeuer durchaus nicht unangemeſſen. Er blickt nach dem Feuer, nicht in ſeine Gedanken und Betrachtungen verloren, ſondern ganz entgegen⸗ geſezt iſt ſeine Aufmerkſamkeit beſchäftigt. Vor dem Feuer kniet ein junges, liebliches Landmädchen um eine Semmel für des Prieſters Frühſtück zu röſten; ihre Züge glühen, theils vor Schaam, theils vor Hize; wenn ſie von Zeit zu Zeit ihr langes, ſchwarzes Haar mit ungeduldigem Kopfnicken aus dem Antlize zurückſchüttelt, wirft ſie einen verſtoh⸗ lenen Blick auf den Fremden, aus einem Paar ſo tief blauer Augen, daß man anfangs ſie unge⸗ rechter Weiſe für ſchwarze anſehen könnte. Ihr Anzug iſt ein niedres Leibchen, ein kurzer Rock jener glänzenden Farbe, deren Geheimniß die Iriſchen Landleute im Weſten zu beſizen ſcheinen. — Der Rock, ſage ich, iſt kurz, und dies um ſo glücklicher, weil es ein Paar Beine zeigt, ohne Schuhe noch Strümpfe, aber im vollkom⸗ menſten Ebenmaße, die gerundete Fußſpanne und der ſchwellende Knöchel ſo rein gezeichnet, wie bei einer von Canovas Bildſäulen.— Nun aber, lieber Leſer, nachdem ich Ihnen dies Alles zeigte, fahre ich mit meiner Geſchichte fort. „Und gewißlich, Herr, wird's nicht beſſer — 99— für Sie ſein— kränklich, wie Sie ſind— Ihr Frühſtück zu nehmen, und nicht auf Vater Tom zu warten; vielleicht kommt der noch in einer Stunde nicht.“ „Danke, Marie, ich möoͤgte lieber warten. Ich hoffe, meine Geſellſchaft ermüdete Sie nicht ſo ſehr, um eine Entſchuldigung zum Weggehn aufzuſuchen.“ „Ach ſein Sie nun ganz ruhig, Sir, wenn's gefällt. Ich ſelber bin's, die ſtolz iſt, mit Ihnen zu ſprechen.“ Bei dieſen Worten richtete ſie die blauen Augen mit einem Blicke auf mich, der mir den Gedanken aufnöthigte, daß, wenn die Gentlemen im Weſten ähnlichen ausgeſezt ſind, ihr Blut nicht ſo heiß ſeyn müſſe als man an⸗ nimmt. Vielleicht las ſie meine Gedanken in meinem Ausſehn, denn ſie erröthete tief, rief: „hier iſt Vater Tom,“ ſprang auf und eilte aus dem Zimmer. „Wohin läufſt Du ſo?“ rief der Prieſter ihr in der Halle zu— Ci Captain, Captain, ſchicklich ſeyn—“ „Ich betheure, Vater,“ rief ich. „Gewiß thun Sie das, und weshalb nicht betheuren!— Für Sie bin ich heraus geweſen, und hungrig wie'n Geyer. Geben Sie die Eyer— der Teufel iſt mit dem Mädchen, ſie ſind ſo hart „ 5* — 100— wie Kugeln. Deutlich ſehe ich, wie es iſt, we⸗ nig dachte ſte an die Eyer. Nun dies iſt'ne undankbare Welt— und bedenken Sie, Alles that ich für Sie. Heute morgen um ſieben war ich hinüber nach Kilmorran, aber ſo früh es war, machte Miß Bellew Frühſtück für mich, und ich mußte ſie lieb gewinnen. Gar zu ſchöͤn war es anzuſehn, wie ſie leicht im Zimmer ſich bewegte, das Frühſtück ordnete und verſtohlene Blicke auf Sir Simon warf, um zu ſehen, ob er mit ihr zufrieden ſey. Er wird ſpäter herüber kommen, Sie zu beſuchen, dies iſt eine Auf⸗ merkſamkeit, die er nur ſelten jemandem erweiſt, denn in der lezten Zeit war der arme Mann mit der Welt nicht ſehr zufrieden, und hatte auch Urſache dazu, wenn die Wahrheit geſagt ſein ſoll.—“ „Alſo ſagten Sie ihm, daß ich hier ſei?“ „Gewiß und das koſtete mich einen gebrann⸗ ten Finger, denn Miß Louiſe, die eben Thee einſchenkte, zuckte mit der Hand und goß das kochende Waſſer über mich. Sir Simon wird hier kommen, und uns bitten, morgen zum Eſſen hinüber zu kommen; wiewohl ich mich anbot die Einladung zu überbringen, und meine Zuſage gleich zu geben, iſt er doch in ſolchen Dingen, —VꝛrV — 101— viel zu pünktlich, wollte nichts davon hören, vom geregelten Wege abzuweichen.“ „Sprach er von Herrn Burkes Angelegen⸗ heit?“ „Nicht ein Wort; als ich dieſe zu berühren wünſchte, um einige Erläuterung zu geben, wen⸗ dete er den Gegenſtand mit ungemeiner Gewand⸗ heit, ſprach von andern Dingen. Aber es wird ſpät, ich habe einige Leute zu ſehen, alſo kom⸗ men Sie hier in mein kleines Bücherzimmer.“ Die Waͤnde deſſelben waren bis zur Decke mit Büchern angefüllt; ein einziges Fenſter öfnete ſeewärts auf das weite Atlantiſche Meer, zeigte eine Strecke von vielen Küſtenmeilen mit Ta⸗ felland und Vorgebirge gebrochen. Unten war eine ganze Flotte von Fiſcherböten in eifriger Berufsarbeit. Lange beobachtete ich dieſe, unter⸗ ſuchte dann des Prieſters Bücherſchäze; ſtattliche Bände für Gottesgelahrtheit und Polemik; aber in einer Ecke am Feuer, dem gewohnten Size des Vater Tom, fand ich eine ſchöne Sammlung Franzöſiſcher Dramatiſten, Molière, Beaumarchais, Racine und andere, zum zwanzigſten male in meinem Leben las ich hier wieder„la folle Journée.“ Es dauerte nicht lange, als Marie die Thür öfnete, nun im netten Kattunanzuge mit Schuhen und Strümpfen, doch mir gefiel ſie — — 102— beſſer im Halbanzuge des Morgens. Sie war zuerſt etwas verlegen, faßte ſich aber, öfnete die Thür und meldete Sir Simon Bellew. Dieſer trat mit einer Verbeugung ein, ſagte leicht lächelnd:„Herr Hinton, wie ich glaube, erlauben Sie mir, mich ſelber vorzuſtellen— Sir Simon Bellew.“ Der Baronet war ein hoher, dünner, hager ausſehender Mann, etwas durch Alter gebückt, aber in Blick und Haltung nicht nur gutes Aus⸗ ſehen, ſondern deutlich Anzeichen eines Mannes bewahrend, der Weltgewohnheit hat. Sein An⸗ zug war einfach, doch die gewiſſenhafte Genauig⸗ keit ſeines gepuderten Zopfknotens, und der maſ⸗ ſive goldknopfige Stock, den er trug, zeigte, er habe dieſe Zeichen ſeiner Stellung, welche in jenen Tagen den Rang ſo entſchieden bezeichne⸗ ten, nicht aufgegeben. Auf ſeinen Schuhen trug er ebenfalls große, ſchöne Schnallen, im Uebri⸗ gen war ſein Anzug höchſt einfach. Er ſprach mit einer Leichtigkeit, welche ſeine Bekanntſchaft mit allen Formen der Geſſellikeit darthat; kurz berührte er meine frühere Bekannt⸗ ſchaft mit ſeiner Tochter, und bekannte in leich⸗ ten aber angemeſſenen Ausdrücken, wie ſie von mir geſprochen habe. Sein Weſen war übrigens gar nicht durch jenes Iriſche Benehmen bemerk⸗ —,— — 103— bar, welches alle andere Perſonen in dieſem Lande bezeichnete, denn, während er ſein Ver⸗ gnügen über meinen Beſuch des Weſtens aus⸗ ſprach, mich einlud, einige Tage in ſeinem Hauſe zu verbringen, zeigte er durchaus keine Spur jener Wärme und Dringlichkeit, die ich ſo oft er⸗ fahren hatte. Außer der ein wenig bemerkbaren Betonung war es ſo Engliſch wie möglich. Ich weiß nicht, ob mich dies kränkte oder ob ich, der die Sitten und Vorurtheile des Landes ſchon angenommen, mich dadurch erſtarrt und zurück⸗ geſtoßen fühlte, genug, es war mir nicht unlieb, als der Beſuch bald endete. „Sie ſind alſo gütig genug, mir zu verſpre⸗ chen, morgen mit uns zu ſpeiſen, Herr Hinton. Kaum darf ich bemerken, daß ich keine Geſell⸗ ſchaft zu ihrem Empfange verſammeln kann, dies iſt uns in unſerer wilden Nachbarſchaft verwei⸗ gert; weil ich aber verſtehe, Ihr Beſuch des Weſten gelte weniger der Geſellſchaft als der Gegend, ſo darf ich Sie vielleicht verſichern, Sie ſollen im lezten Betrachte ſich nicht getäuſcht fin⸗ den.“ Mit tiefer Verbeugung und höfiſchem Hutſchwenken entfernte er ſich. Ich ſchaute ihm nach, als er auf ſeinem alten Schimmel⸗Klepper den kleinen, zur Küſte führenden Pfad hinabritt. Obwohl alter Mann, hatte er noch feſten Siz, .— 104— ſein Anſehen zeigte Unbefangenheit und Selbſt⸗ bewußtſein, die Begrüßungen vorbeigehender Landleute erwiederte er mit der ruhigen Würde, welche aus dem Gefühle hervorgeht, durch ſeine Anerkennung ſchon eine Ehre zu erweiſen. Einen ſonderbaren Gegenſaz bildete ſeine ehrwürdige Geſtalt zu der wilden Größe dieſer Gegend; mein Gemüth verſank in Nachdenklichkeit über die ſonderbaren Lebenswechſel, welche einen ſol⸗ chen Mann vermogten ſein Leben in der trauri⸗ gen Einſamkeit dieſer Berge zu verbringen. — 105— Wechſtes Spapilel. Ein Tag der Ruhe war mir nach der Rei⸗ ſeermüdung gar nicht unlieb. Vater Tom ver⸗ brachte ihn zum größeren Theile außer Hauſes, ſo daß ich meinen Betrachtungen überlaſſen war. Sonderbare Lage, in der ich mich befand, Gaſt eines Mannes, deſſen Bekanntſchaft ich durch Zufall machte, der von mir eben ſo wenig wußte, als ich von ihm, aber doch durch manche gütige Handlung und ebenfalls durch gelegentliche Bemer⸗ kungen, innige Theilnahme an mir und meiner Wohlfahrt darthat. Bei ihm war ich nun, fern vom Kreiſe meiner Pflicht, die erwählte Laufbahn ver⸗ nachläſſigend, Tage— Wochen verbringend, ohne nur an mein Soldatenleben zu denken. Im Gange dieſer Gedanken mußte ich anerkennen, 5 ᷣ* — 106— die Urſache meiner Reiſe, der eigentliche Grund zu meinen Wanderungen ſey meine Liebe zu Miß Bellew. Wie hofnungsvoll das Herz auch bei erſter Liebe ſeyn mag, wird es demungeachtet von ſchmerzlichen, ſtechenden Zweifeln gequält; bei ruhiger Beurtheilung mußte ich nothwendig die unzählbaren Hinderniſſe erblicken, welche meine Familie allen meinen Hofnungen entgegen⸗ ſtellen würde. Ich wußte, daß meines Vaters entſchiedene Vorliebe für Feldzugleben durch keinen andern Erſaz befriedigt werden könne, die ariſto⸗ kratiſchen Vorurtheile meiner Mutter ließen mich nicht annehmen, ſie könne jemals als ihre Schwiegertochter eine anerkennen wollen, die, mogte ihr Anſpruch auf Rang noch ſo begründet ſeyn, doch in der Modewelt nicht gekannt, nicht geprieſen war; ich ſelber war endlich noch Eng⸗ länder genug, um zu begreifen, wie gänzlich unangemeſſen Louiſe Bellew in mancher Bezie⸗ hung ſey, dem Strome des Londoner Lebens eingemengt zu werden, ſo lange ihre Welterfah⸗ rung ſo eng begränzt ſey. Aber ich liebte ſie; die kunſtloſe Einfachheit ihres Weſens, die unge⸗ hemmte Friſche ihres Gemüthes hatten mich ge⸗ lehrt, daß ſogar ausnehmende, perſönliche Reize, die zweite Stelle in weiblicher Vortreflichkeit ein⸗ nehmen können.— Meine damalige Lebenspe⸗ — 107— riode war die, in welcher Chrgeiz den geringſten Einfluß übt; wir achten unendlich heldenmüthiger, allem zu entſagen, was Wagniß großes und verſprechendes bieten mag, um nur allein geliebt zu werden. Dieſerhalb war mein Entſchluß ge⸗ faßt. Die jezige Veranlaſſung war vortreflich, um ſie oft zu ſehn, ihren Geſchmack und ihre Geiſtesrichtungen durchaus kennen zu lernen. Würde es mir gelingen ihre Zuneigung zu ge⸗ winnen, ſo rechnete ich troz alles erſten Wider⸗ ſtandes meiner Familie, auf deren Zärtlichkeit für mich als einzigen Sohn, und in Betracht, auf Vermögen achtete ich mich völlig unabhän⸗ gig. Aus meinen Betrachtungen erweckte mich Vater Tom, der zur Eile mahnte, weil er lieber bei Seiner Majeſtät zu ſpät kommen mögte, als bei Sir Simon. Der Prieſter hatte ſeinen Curri⸗ culus wieder anſchirren laſſen, um in dieſem den drei Meilen betragenden Weg zurückzulegen, und hielt ſein altes Pferd mit aller Härte an. Auf meine Frage, ob der Baronet ſo ungemein pünkt⸗ lich ſey, erwiederte er:„Pünktlich, gewiß iſt er das, da iſt in dem Hauſe ſo viel Glockengeläute vor dem Mittagseſſen, als wären alle Zimmer deſſelben mit Gäſten beſezt; und der alte Kellner ſteht jeden Tag in der Woche im ſchwarzen An⸗ — 108— zuge, mit gepudertem Haar und ſeidenen Strüm⸗ pfen, wenn auch vielleicht ein Paar Waſſerſehne⸗ pfen alles ausmachen, was auf die Tafel kommt. — Aber Gott ſey gelobt, hier ſind wir endlich!“ Das Gebäude war ein großer, ſichernder Aufbau, trotz ſeiner Unregelmäßigkeit und in manchen Einzeltheilen dargethanem Unzuſammen⸗ hange, dennoch ein ſchöner Beweis Gothiſchen Schloßbaues aus dem ſiebenzehnten Jahrhundert⸗ Maſſenhafte viereckte Thürme faßten die Ecken ein, waren durch kleinere Thürme überbauet, welche hoch über die dunkle Waldung in die Luft ragten. Das ganze von einem nun trocke⸗ nen, überwachſenen Graben umgeben, aber die Terraſſe zwiſchen dieſem und dem Schloſſe war mit vielem Geſchmacke und ſinniger Schönheit zum Blumengarten eingerichtet. Auf dieſem öfne⸗ ten die Fenſter eines großen Empfangzimmers, an einem derſelben gewahrte ich Sir Simon's hohe, ſtattliche Geſtalt, der mit der Uhr in der Hand unſere Ankunft erwartete. Der alte Kell⸗ ner, eine wirklich abgeſchmackte Aehnlichkeit ſei⸗ nes Herrn, empfing uns, führte uns durch eine Reihe von Zimmern, deren Geräthe, wie ſchön ſie ehemals geweſen ſeyn mogten, jezt wurmſti⸗ chig und von der Zeit zerſtört ſchienen; mit der Stimme eines Wappenkönigs rief er unſere Na⸗ — men, als er die Thür des Empfangzimmers öf⸗ nete. Sir Simon empfing uns mit der feinſten Höflichkeit:„Sie ſind uns höchlich willkommen in Kilmorran, Herr Hinton, meine Tochter brauche ich Ihnen nicht vorzuſtellen.“ Er wendete ſich zum Prieſter und in eben dem Augenblicke hielt ich Miß Bellews Hand in der meinigen. Sie war weiß gekleidet, ihr Haar einfach auf der Stirn geflochten, mich dünkte, ſie ſey ſchöner als ich ſie jemals ſah. Eine gewiſſe ſichere Ruhe bezeichnete ihr liebli⸗ ches Weſen, als ſie mit hinreißender Güte mich in Kilmorran willkommen hieß. Ein kleiner Anflug von Zwang verrieth ſich allerdings in ihrem Benehmen gegen mich, eine gewiſſe Schüch⸗ ternheit ſchien ſie oft in ihren Zuvorkommenhei⸗ ten aufzuhalten, und ſorgfältig vermied ſie jede kleinſte Beziehung auf unſere frühere Bekannt⸗ ſchaft; dieſer Zurückhaltung glaubte ich eine für mich günſtige Deutung unterlegen zu kön⸗ nen. Höchſt angenehm überraſchte mich Sir Si⸗ mon's Liebenswürdigkeit während der Mahlzeit, denn ich hatte nach meiner erſten Bekanntſchaft mit ihm, und aus dem was der Prieſter mir ſagte, nur einen kalten, förmlichen und unbehaͤg⸗ -—— — 110— lichen Geſellſchafter in ihm erwartet. Alsbald. glätteten ſich die ſtrengen Runzeln ſeines ſtolzen Angeſichtes, weiches, gutmüthiges Lächeln erſezte die Stelle ſeiner frühern ſteifen Ernſthaftigkeit. Mit dem vollkommenſten Takte machte er den Wirth, und obwohl er die Unterhaltung faſt allein führte, wußte er doch ſeine Tochter, den Prieſter und mich in die Anziehung deſſen zu verflechten, was er ſagte. Mir ganz unbewußt ſchwanden meine früher gefaßten Vorurtheile, wenn ich den Anekdoten zuhörte, die er erzählte, und den Geſchichten, die er mit bewunderungs⸗ würdiger Laune aus ſeinem frühern Lebenslaufe anführte.— Mir ſcheint, das Unterhaltungstalent bedürfe ganz wie der Wein ein gewiſſes Alter, um die ganze Reife zu erlangen. Nicht leicht ſind junge Männer begabt mit jenem kräftigen Redeſchwunge, der lange Lebenserfahrung dar⸗ thut, noch mit jenem nachdenklichen Tone, der die Schilderung treffender macht ohne ſie zu dun⸗ keln,— noch mit der völligen Freiheit von Ueber⸗ treibung in Lob und Tadel, welche älterer Leute Unterhaltung ſo vortheilhaft bezeichnen. Zudem gewährt es einſchmeichelndes Vergnügen, Erzäh⸗ lungen ſolcher Perſonen anzuhören, welche ſich an der geſchäftigen Welt, ihren Ränken, Kämpfen und Nebenſpielen betheiligten, als wir noch Kna⸗ — 111— ben waren. Sir Simon's Laufbahn hatte in einer der glänzendſten Perioden von Irland's Ge⸗ ſchichte begonnen, war lange darin verflochten; damals waren Reichthum und Genius in dem Lande vorherrſchend, die freudigen Züge des Iri⸗ ſchen Karakters wurden in ihrer ganzen Kraft hervorgehoben, durch Wohlfahrt und Glückſelig⸗ keit. Damals ſtrahlten in ihrem vollen Glanze jene großen Geiſter, deren ſchlagender Wiz und ſchimmernde Einbildungskraft eine Sonnenhelle über ihr Geburtsland verbreitete, welche noch jezt im Zwielichte der Vergangenheit fortfährt zu er⸗ leuchten. Ach ſie haben keine Erben ihres Ruh⸗ mes— keine Nachfolger hinterlaſſen.— Miß Bellew hörte mit Entzücken ihres Va⸗ ters Reichthum an Unterhaltung,— ſie fühlte ſich glücklich ihn wieder zur Anwendung ſeiner Fä⸗ higkeiten aufgeregt zu ſehn,— freudig beobach⸗ tete ſie, wie durchaus ſeine Erfolge uns gewon⸗ nen hatten.— Auch Vater Loftus ſchien geän⸗ dert, er überließ ſich ſeinem gewohnten freien, ungebundenen Weſen nicht, das ſein Geſpräch mit drolligen Anſpielungen und ſchlauen Scher⸗ zen würzte, ſondern ſchien jezt der gewandte, ein⸗ ſichtige Beurtheiler, gut unterrichteter Weltmann, der mitunter Beweiſe von Beleſenheit und Ge⸗ lehrſamkeit darthut, die ich von ihm nicht er⸗ — 112— wartet hatte. Aber wie ganz vergeblich iſt es für einen Ausländer, nur die Hälfte des tiefen Irländiſchen Karakters zu ergründen, oder zu be⸗ ſtimmen, was auf einen Irrländer nicht anwend⸗ bar ſey?— Meiner völligen Ueberzeugung nach irren wir ſämmtlich in ihrer Abſchäzung— ihr fröh⸗ licher, ſorgloſer Geiſt, ihr wilder Scherz, ihre über⸗ ſpannte, drängende Teufelei, ſind ihre am mindeſten merkwürdigen Züge, im Grunde nur das äußere Sinnbild ihrer im Innern wirkenden Natur. Wie der Bliz über der Donnerwolke hervorbricht, aber ſo wenig den Ausbruch des Sturmes leitet, als deſſen Verlauf andeutet, habe ich Scherzworte von Lippen ertönen hören, die der Hunger er⸗ bleichte, habe freies volles Lachen erlebt, wenn das Herz im Jammer brach— aber ach, welche Verſpottung von Fröhlichkeit! Nach Tiſche nahm Sir Simon den Prieſter in eine der Fenſtervertiefungen, um ihm eine Mittheilung zu machen, und ich war nun zuerſt allein mit Louiſe. Unſere gegenſeitige Stellung hatte etwas verlegenes, weil wir beide vermieden, frühere Erinnerungen anzuregen. Wir gingen in den Garten, ſie hing an meinem Arme, aber wir gingen ſchweigend. Aus einem der dunkeln Gänge umbiegend, kamen wir plözlich auf einen erhöheten Punkt, von dem wir durch eine Wald⸗ — 113— öͤfnung die Küſte mit ihren vielen gebrochenen Felſenvorſprüngen und mit kleinen Inſeln beſezt ſahen. Das Meer war ruhig, ſtreckte wellen⸗ los in blauer ununterbrochener Fläche zum Ho⸗ rizont, wo es ſich mit dem Lufthimmel ver⸗ ſchmolz.„O wie ſchön!“ rief ich aus, und ge⸗ wahrte im Umwenden Louiſens Auge freudig ſtrahlend, ein halbes Erröthen auf ihren Wangen. Mit Lebhaftigkeit ſagte ſie:„Alſo mißſällt Ihnen der Weſten nicht?“ „Nein, etwas Aehnliches erwartete ich nicht, hofte auch nicht, es ſo freudig zu genießen,“ ſagte ich mit leiſer, zitternder Stimme. Sie ſchien etwas verwirrt, doch mit weib⸗ licher Fertigkeit gab ſie dem Sinne meiner Worte andere Wendung und ſagte:„Ihre Geneſung von Krankheit erhöhet ohne Zweifel das Vergnügen ähnlicher Dinge— oft iſt des Siechthums dunkle Stunde nöthig, um uns die Schönheit der Welt, in der wir leben, ganz ſo kräftig empfinden zu laſſen, als wir ſollten.“ „Dem mag ſo ſeyn— doch finde ich, jeg⸗ licher Kummer laſſe eine Narbe im Herzen zu⸗ rück, und wer viel trauerte, verliert den Reiz der Glückſeligkeit.“ 8 „Oder vielmehr ſind ſeine Anſichten derſel⸗ — 114— ben verſchieden— zum Glücke für mich, ſpreche ich davon in meiner Unwiſſenheit, mir ſcheint aber, jeg⸗ liche Prüfung im Leben ſey Vorbereitung zu einer höheren Staffel ſegensreicher Freude; wie unſer Verſtand an Kraft reift, ſo unſere Herzen an innerer Güte— geläutert durch jegliche Lebens⸗ ſchickung bis zulezt die endende Sorge, der Tod vorſchreitet, uns für die Ewigkeit vorzubereiten, wo kein Kummer mehr weilt, und wo die Mü⸗ den ruhen.“ „Iſt Ihre Lebensanſicht nicht mehr aus der beglückten Erfahrung dieſes ruhigen Fleckes ab⸗ geleitet, als für die Reibungen einer Welt geeig⸗ net, in welcher die Menſchen bei zunehmendem Alter ihre Gewiſſen verdorrter, ihre Herzen min⸗ der offen fühlen?“ „Vielleicht,— aber iſt nicht meine Philo⸗ ſophie eine gute, die mich für meine Stellung eignet?— Mein Leben iſt hier beſtimmt; ich habe nicht den Wunſch, dieſen Ort zu verlaſſen, hoffe dies werde nie geſchehn.“ „Nie, ſicherlich mögten Sie reiſen, andere Länder ſehen?“— „Nein, nein, jene glänzenden Vergnü⸗ gungen, die Sie 1biden könnten, würden mir die Furcht nicht erſezen, die ich erleiden müßte, daß dieſe Gegenſtände um mich mir min⸗ der theuer ſeyn würden, wenn ich zurückkäme. Schönere Gegenden mag es geben, doch dieſe kühnen Klippen betrachtete ich mit Liebe und ſchönen Erinnerungen ſeit meiner Kindheit; jene armen Fiſcher kenne ich, kenne ihre Heimath, ihre Herzen, für kleine Wohlthaten gewahrte ich ihr dankbares Lächeln, hörte die Worte ihrer Dank⸗ ſagung, Erinnerungen wie dieſe ſind jedem Blicke zugeſellt, den ich umherwerfe, und muß deshalb nicht jeder ſonnenbeleuchtete Fleck dieſer Land⸗ ſchaft meinem Herzen, eben dieſer menſchlichen Beziehungen wegen, theuer ſeyn?— Vielleicht, ſind dieſe engherzigen Vorurtheile— ich ſehe Sie lächeln über mich.“ „O nein, nein, glauben Sie mir, ich achte Ihre Gründe nicht gering.“ „Nun hier kommt Vater Loftus, der ſoll Richter zwiſchen uns ſeyn. Wir beſprachen die Vortheile unſerer Heimath mit andern Ländern in Vergleich zu ſtellen.—“ „Ja, ja, ein ſehr ſchwieriger Punkt der,“ unterbrach ſie der Prieſter mit wichtigem Aus⸗ ſehen,„ubi bene ubi Patgia, welches zurückge⸗ geben werden mögte mit:„Kartoffeln wachſen überall.“ Nicht als ob ich ſelber mich dieſer — 116— Lehre zuneigte; Irland iſt das einzige mir be⸗ kannte Land, welches man genießen mag, das heißt:„mit mäßiger Anwendung von Behaglich⸗ keiten für Geſchöpfe. Aber in der That, ich bin durch eine Erörterung, die ich mit Sir Simon hatte, dermaßen erhizt, daß ich nicht urtheilsfähig bin— ſagte ich Ihnen, er warte auf ſeinen Thee?“ „Nein, das thaten Sie gewiß nicht,“ ſagte Miß Bellew und lachte laut, weil ſie, wie ich ſpäter erfuhr, im Ausſehen des Prieſters, Kummer und Verdruß als überzeugende Beweiſe davon ent⸗ deckte, daß der alte Baronet ihn überwältigt habe, deſſen größtes Vergnügen darin beſtand, den Vater in eine Erörterung zu verwickeln, in wel⸗ cher er ihn entweder verwirrte oder widerlegte. Neckend ſah ſie den Prieſter an und ſagte:„mein Vater iſt heute ungemein gut aufgelegt, dünkt Ihnen das nicht?“ 4 „Nie ſah ich ihn beſſer; er iſt ganz lebendig und begeiſtert und—“ ſezte er mit leiſem Fliſtern hinzu,„ſo eigenſinnig als je.“ Im Hauſe fanden wir Sir Simon gemäch⸗ lich das Zimmer abſchreitend, ſein Antliz zeigte Lächeln und in ſein Augen ſtrahlte bewußter Triumph als er nach dem Winkel blickte, in wel⸗ — 117— chem der Prieſter ſtand, einige Bücher zu be⸗ ſchauen und ſeine erlittene Niederlage zu ver⸗ decken. Nach wenigen Minuten war dieſes kleine Gewölk verzogen, wir ſaßen glücklich und munter um den Theetiſch. Wiebenles Sapilel. Ich verlebte hier den glücklichſten Abſchnitt meines Lebens, Tage und Wochen verrannen mir in entzückender Ruhe. Jeder Morgen ſah mich auf dem Wege zum Schloſſe, der Bergpfad ward mir in jeder ſeiner Windungen genau bekannt, ver⸗ traut war ich beinahe mit jeglicher am Wege blühenden wilden Roſe. Alle Gegenſtände ſpra⸗ chen zu meinem Herzen— weil ich glücklich war. Die Wolken über mir, die unten kräuſelnde Fluth, das ſonnige Geſtade, der ſchattige Dickicht, alle waren mir, als hätte ich ſie ſeit meiner Knaben⸗ zeit gekannt. Denn in glücklichen Augenblicken hängen wir uns an alles, was uns umgiebt; indem wir der äußern Natur unſerer Herzen hö⸗ here Färbung mittheilen, fühlen wir, wie ſchön — 119— die Welt iſt. Dennoch war ich nicht ganz ru⸗ hig, oft fragte ich mich:„wie ſoll dies enden?“ — bedachte die Vorurtheile meiner Familie, und mit welchem Rechte ich die ſchöne, argloſe Toch⸗ ter des wilden Weſtens aus ihrem gewohnten Kreiſe entfernen, ſie unter ſolche verſezen wollte, die durch den Reiz ihrer unbefleckten Natur ſie ſchon zu einer ihnen Untergeordneten gemacht ha⸗ ben würden.— Bei allen ſolchen Betrachtungen eilte ich nur eifervoller, um ſie wieder zu ſehn, war entſchloſſener im Vorſaze, mein Geſchick für Wohl und Wehe mit dem ihrigen zu verknüpfen. Wiewohl ich an jedem Abende zur Woh⸗ nung des Prieſters zurückkehrte, verbrachte ich meine Tage doch ganz auf dem Schloſſe. Wie ſehnſuchtsvoll erwartete ich ihre Erſcheinung zum Frühſtück; dann folgte der Wandelgang im gro⸗ ßen, wiewohl vernachläſſigten Garten, und das Anſchauen auf die blauen Berge, auf die ſchwel⸗ lenden am Felſen brechenden Meereswogen. Wie oft habe ich mich in ſolchen Stunden gefragt, ob ich höheres Glück erwarten könne, als ſo mit ihr zu wandern, vor der Natur ergreifender Maje⸗ ſtät, in ihre Augen zu ſchauen, die mir ſo zärt⸗ lich entgegenblickten; Worte ſagten wir uns, nur wenige und leiſe, aber alle ſo ergreifend, daß ihr Laut ſchon von Liebe redete. Und doch ergriff mich mitten in folchem Glücke der folternde Zwei⸗ fel, ob meine Liebe auch erwiedert werde. Schon die Offenheit ihres Weſens flößte mir Furcht ein; ein hingeworfenes Scherzwort, ein neckender Blick machte mich glauben, ſie liebe mich nicht. Bei jedem Heimgange am Abend faßte ich den Entſchluß mein Leben der Zweifel durch die Frage zu enden, ob ſie mich liebe?— Doch mit jedem Morgen lullte der nemliche Zauber von Glückſelig⸗ keit mich wieder ein; wie der Spieler, der ſein Le⸗ ben auf den Würfel ſezte und nicht wagen durfte, den Wurf zu thun, ſo wandte ich mit zitternder Furcht von dem lockenden Zufalle ab, der den Glanztraum meines Daſeyns in einem Augen⸗ blicke verſcheuchen und mir das Leben für immer verödet und abgeſtorben machen konnte. Der Monat Auguſt nahete ſich ſeinem Ende, als wir an einem ſchönen Abende zur Meeres⸗ küſte wanderten. Ein kleiner Pfad wand ſich an der Seite einer kühnen Felsklippe, theils mittelſt Stufen, zum Theil auf abhängende Wege hinab, ſeine Seiten waren durch rohe Holzeinfaſſung ge⸗ ſchüzt, er führte genau zu einer Stelle des Ge⸗ ſtades hinab, wo eine Quelle ſüßen klaren Waſ⸗ ſers emporſprudelte und ſeinen dünnen Strom in den blauen Ocean goß. Dieſer kleine Born, bei hoher Fluth immer vom Meerwaſſer überdeckt, ward während der Ebbe zu ſeiner fruͤhern Rein⸗ heit hergeſtellt und ſprudelte dabei wie ſonſt; aus dieſem Grunde hatte das einfältige Landvolk ihm den Ruf der Wunderthätigkeit beigelegt, und der Glaube ſchrieb ihm den Reiz unzähliger hei⸗ lender und tröſtender Eigenſchaften zu. Oft hatte ich von dieſem Brunnen gehört, ihn aber noch nie beſucht; dahin gingen wir jezt, mehr angetrieben vom Erblicken des glorreichen Sonnenunterganges, der auf dem Atlantiſchen Meere erglühete, als um die Tugenden des St. Lenans⸗Brunnens— zu prüfen,— ſo wurde er nemlich genannt. Der herbſtliche Abend war ru⸗ hig und ſtill. Kein Laubblatt rührte ſich; die Vögel ſelber verſtummten, es herrſchte jenes feierliche Schweigen, welches zuweilen mit dem Ausbruche eines Sturmes bedrohet. Im Hinab⸗ ſteigen des Klippenpfades ertönte jedoch das tiefe Rauſchen des Meerſchwalles, zwiſchen der Be⸗ laubung von Eichbaͤumen gewahrten wir das ſchwere Rollen der gewaltigen Fluth, die Woge nach Woge anſchwellte, und ſie als Schaum und Staub auf den Strand ſtiebte. Der gewaltige Meerſchwall hatte in ſeiner ſchweren Wucht et⸗ was eigenthümlich Großartiges, faſt Uebernatürli⸗ ches, wenn er ſeinen weißen Schaumrand fern er⸗ hob, und längs den wetterzerſchlagenen Felſen Jack Hinton. Zweiter Band. 6 — 1222— hindonnerte, während ringsum alles ruhig und unbewegt weilte; tiefes, feierliches Gebrauſe ward aus mancher Felshöhle zurückgeſchallt, erhob ſich zwiſchen dem krachenden Schaume, der dünnen Nebelſchleier emporſchickte, durch welchen die un⸗ tergehende Sonne in manchem reizenden Regen⸗ bogen gebrochen zurückgeſtrahlt wurde. Es war in der That ein wunderſchöner Anblick! Wir ſtan⸗ den mehre Minuten, um ihn zu betrachten, plöz⸗ lich ließ Louiſe meinen Arm los, zeigte nieder⸗ wärts und rief: „Sehen Sie! den Schwall dort unter jenem ſchwarzen Felſen; die Fluth ſteigt raſch; wir müſſen ſchnell hinab, wenn Sie St. Lenans Kraft zu erproben wünſchen.“ Mir blieb keine Zeit, um zu fragen, welche eigenthümlichen Tugenden der Heilige durch das Mittel ſeines Brunnens verbreite, als ſie vorane den ſteilen Niedergang hinabeilte; bald hatten wir das Geſtade erreicht, auf welchem die Fluth ſchon weit aufſpülte und mit dunklem Striche den gelben Sand bis auf wenige Fuß vom Brunnen gezeichnet hatte. Im Näherkommen gewahrte ich die Geſtalt einer von Alter gekrümmten Frau, die emſig beſchäftigt ſchien, des Brunnens Waſſer über etwas zu ſprengen, was mir, als ich noch näher kam, eines Matroſen Jacke zu ſeyn ſchien. — 123— Raſch wiederholte ſie zu ſich ſelber geſprochene Worte, doch als ſie uns herankommen hörte, ſammelte ſie ſchnell ihr Bündel unter den Ueber⸗ bleibſeln ihres Mantels, ſezte ſich und erwartete ſchweigend unſer Näherkommen. Plözlich ſagte Louiſe erbleichend:„es iſt Molly Ban! Geben Sie ihr etwas, wenn Sie Münze haben— ich bitte Sie.“ Es war nicht der Augenblick ſite näher zu befragen, denn die alte Frau erhob ſich mit Hülfe ihres Stockes vom Sizſteine, und ſtand dicht vor uns. Ihre Geſtalt war ſonderbarlich kurz— kaum vier Fuß hoch, ihr Kopf aber war ungeheuer groß, und ihre bis zu abſchrecken⸗ der Scheußlichkeit garſtigen Züge ſchwärzlich gleich denen einer Zigeunerin; ein Mannshut⸗ bedeckte ihren Kopf mit rothem unter dem Kinne zugeknoteten Tuche feſtgebunden; ein kurzer Man⸗ tel verblichener Scharlachfarbe, ſo wie die Bauern im Weſten ihn gemeiniglich tragen, bedeckte ihre Schultern; unter dieſem erſchien ein geflickter viel⸗ farbiger Rock, der zur Mitte der Beine hinab⸗ reichte, welche, ſo wie ihre Füße, durchaus nackt waren; das Ganze der Erſcheinung gab dem al⸗ ten Weſen ein ſchwer zu beſchreibendes Ausſehn von Wildheit und Armuth. Doch der allerſon⸗ derbarſte Theil ihres Anzuges beſtand in einem um den Nacken geſchlungenen rauhern Halsbande von Meermuſcheln, zwiſchen denen ich hin und wieder einige Stücke bemalten oder vergoldeten Schnizwerkes, Ueberbleibſeln eines Schiffswrackes ähnlich, gewahren konnte. Dieſe befremdliche Er⸗ ſcheinung ſtand mir jezt gegenüber, ihre dunkeln Augen ſtarr auf meine Begleiterin geheftet, der ſie ganz ungleich den Landleuten der Gegend nicht die mindeſte Begrüßung machte, noch ihr irgend einen Anſchein von Ehrfurcht darthat. Im bar⸗ ſchen, ſchneidenden Tone, der die lezte Anſtren⸗ gung unterdrückter Leidenſchaft ſchien, ſagte die Hexe:„War's, um mich auszuſpähn, Miß Loo, daß Ihr Euer Feinsliebchen heut' Abend zum Brunnen brachtet?—“ Louiſe umklammerte meinen Arm, ich fühlte, ſte zitterte in ihrer Aufregung, als ſie mir zufli⸗ ſterte:„Geben Sie ihr Geld, geſchwind; ich kenne ſie.“ „Und will Euer Vater mich wieder zurück in's Gefängniß ſchicken, weil unter'm Vieh die Fäule herrſcht? ha! ha! ha!“ ſagte ſie mit wil⸗ dem, widrig höhnendem Lachen.„Es wird nicht lange dauern, und ſie werden im Schloß Bellew mehr zu betrauern haben, als das.“ Schwach, faſt verſinkend, lehnte Louiſe auf mich, während ich meine Börſe haſtig hervorzog und der Alten eine Handvoll Silbermünzen hin⸗ hielt. Gierig ergriff die alte Hexe das Geld, ihre Augen ſprüheten Flammen, ſie barg die Münzen in einer Seitentaſche, und brach wieder⸗ um in gräßliches Gelächter aus. „Alſo jezt beginnt Ihr, mich zu kennen, iſt's ſo?— Werdet Molly Ban nun nicht verhöhnen, wie?— nein, ſicherlich, und Mary Lafferty eben ſo wenig, die mich von der Thür trieb und ge⸗ gen mich zuſchloß.— Wo wird der ihr Stolz morgen Abend ſeyn, wenn ihr der Mann als Leiche heimgetragen wird. Schaut dies!“ Bei dieſen Worten zerrte ſie ihren Mantel nach einer Seite, zeigte eines Fiſchermannes blaue Jacke, welche ſie, wie ich bemerkt hatte, mit Waſſer beſprengte, als wir heran kamen.„Das blaue Waſſer wird in dieſer Nacht ſein Leichlaken ſeyn, ſo ſtill es auch jezt iſt.“ „O liebe Molly, bitte, ſprecht nicht ſo.“ „Liebe Molly!“ wiederholte das Weib im Tone beißender Verhöhnung,„wer hörte mich je⸗ mals ſo von einer Eures Namens nennen? Oder ſeyd Ihr gekommen, um'nen Zauberſpruch für den jungen Mann an Eurer Seite? Seht um; die Sonne iſt eben unter, noch'ne Minute und das Meer wogt ein, dann wird's zu ſpät ſeyn. — 126— Kommt hier zu mir— kniet da nieder, kniet, ſag' ich; oder wollt Ihr nur meinen Fluch?“ „Sie iſt wahnſinnig, die Arme,“ ſagte ich meiner Begleiterin in's Ohr.—„Laſſen Sie ihr die Laune— thun Sie, was ſie verlangt.“ In Schrecken verſinkend, bleich wie der Tod, und am ganzen Körper zitternd beugte Louiſe ein Knie auf dem kleinen Felsblock am Brunnen, die alte Here erfaßte mit ihren häutigen Fingern ihre ſchöne Hand, tauchte ſie roh in den Brunnen. — Dann bot ſie mir die weiße Handfläche, aus welcher klares Waſſer hinablief und ſagte:„da trinkt,“ und tonte mehr ſingend als ſprechend des folgenden rohen Reimes Worte: „Bei ſinkender Sonne, bei ſchwellendem Meer. Bei fließendem Waſſer ich jezo Dir ſchwör': Daß meine Treue Dir bleiben ſoll unverlezt In Wohl und in Wehe, wo— immer— wie jezt, So helf mir St. Lenan, ich halt' mein Gelübd.“ Kaum waren die lezten Worte geſprochen, als Louiſe, augenſcheinlich von Entſezen zu ſehr überwältigt, um auch nur ein Wort von dem zu hören, was die Here murmelte, vom Stein em⸗ porſprang, ihr Geſicht und Nacken glühend roth, — — 127— ihre Lippen zitternd, und ihre Augen mit dem Ausdrucke ſtolzen Zornes feſt auf die Alte gerichtet. „Ey, Ihr mögt ſo ſtolz ausſehen, wie es Euch gefällt. Wenig achte ich Euch in Liebe oder in Haß. Genugſam ſeyd Ihr jezt gedemü⸗ thigt. Und was Euch betrift,“ ſagte ſie zu mir mit einem Blicke verächtlichen Mitleids—„Euch wünſche ich Freude an Eurem ſchönen Liebchen — mag ſie ihre Treue nur halten, wie ihre ei⸗ gene Mutter, und Ihr werdet ein glückliches Herz haben, um damit an Eurem Feuerheerde zu ſtzen.“ Als ſie dieſe Worte ſprach, ſchwand das Blut von Louiſens Wangen,— Todtenbläſſe breitete ſich über ihre Züge— ihre Lippen wa⸗ ren bleich und geöfnet— ihre feſtgeklammerten Hände, gegen ihre Seite gepreßt, bezeugten Todes⸗ pein dieſes Augenblickes. Es dauerte nicht, ohn⸗ mächtig und bewußtlos ſank ſie zurück in meine Arme. Ich badete ihr Antliz und Schläfe mit dem Brunnenwaſſer— rief ſie bei Namen— rieb ihre Hände in den meinen, beſtrebte mich durch jegliches Mittel ſie zu ſich zu bringen, doch vergebens. Da wandte ich mich herum, die alte Frau um ihre Hülfe zu bitten, dieſe war fortge⸗ gangen. Wiederum verſuchte ich ſie aus ihrem — 128— Stumpffinne zu erwecken, aber ſie lag kalt, ſteif und regungslos— ihre Geſichtszüge waren er⸗ ſtarrt, gleich einer Leiche, zeigte kein Zeichen von Leben. Laut rief ich um Hülfe, doch ach! wir waren fern von allen menſchlichen Wohnungen, nur des Brachvogels wildes Gekreiſch war der einzige Ton, welchen mein Ohr traf außer dem tiefen Rauſchen des Meeres, welches immer nä⸗ her und näher zu der Stelle hinaufwogte, wo wir ſtanden. Plözliches Entſezen durchzuckte mich, als ich ringsum und hinab blickte, ohne eine Möglichkeit von Hülfe zu gewahren. Schon war die Sonne unter dem Horizonte, das graue Däm⸗ merlicht gab nur trübe Anſicht deſſen, was mich umgab— die Meerfluth ſtieg raſch— ſchon er⸗ reichte uns ihr Schaum, und mit dem Waſſer des kleinen Brunnens vermiſchte ſich die Salzfluth. Keine Zeit war zu verlieren. Eine vorſpringende Felſenſpize trennte uns von dem kleinen Pfade, der uns hinab zum Geſtade geführt hatte, gegen die ſprizte der Fluthſchwall bereits, ihr Fuß war nur noch in den Zwiſchenzeiten der aufſchwellen⸗ den oder rückfließenden Woge zu ſehen. Leiſe klagendes Tönen, gleich Wind in weiter Ferne, ſchlich über die Waſſerfläche, welche von Zeit zu Zeit durch rundauftobende Wellen mit dem gan⸗ zen drohenden Anſcheine aufziehenden Sturmes — 429— gekräuſelt ward— Meewogel wirbelten iher Kreisflüge, erweckten das Echo durch ihr wildes Kreiſchen— der brechenden Meereswogen ſchwe⸗ rer Aufſchwall donnerte aus manchen Felſenhöhlen in trauervollem, ſchmerzlichem Tone. Einen lezten Blick warf ich hinauf, wo die hoch anſteilende Klippe im Dunkel der einbrechenden Nacht ſchon verloren ging, einen andern auf den unermeßli⸗ chen öden Ocean, dann hob ich meine Begleite⸗ rin in meinen Armen auf und ging. In den erſten Augenblicken fühlte ich meine Laſt gar nicht. Stolz pochte mein klopfendes Herz, und wie ich ſie an meinen Buſen preßte, kräftigte ich mich für jegliche eintretende Gefahr durch den Gedanken, daß meine ganze Welt nun in mei⸗ nen Armen ruhe. Jeder meiner Schritte brachte mich weiter hinaus um die Felsſpize; das Meer⸗ waſſer, Anfangs nur meine Knöchel beſpülend, reichte nun zu meinen Knieen herauf; mein Schritt ward unſicher, und wenn ich für einen Augenblick ſie anſchaute, die ſtill und bewußtlos in meinen Armen lag, empfand ich Schwindel, meine Augen wirrten, wenn ich wieder hinaus auf die gegen uns heraufrollenden ſchwarzen Wo⸗ gen blickte. Jezt waren wir dicht an der Fels⸗ ſpize, die, wenn ſie umgangen worden, uns Si⸗ cherheit gewährte, und ich ſtrengte meine ganze 6 † — 130— Kraft an, dieſes Ziel zu erreichen. Um ſie her hatten die Wogen eine tiefere Spur geriſſen, und ſchlugen gegen die Felfenſeiten mit voller Heftig⸗ keit, zerſchellten in Schaum, der ringsum in brei⸗ ten Lagern kochte. Lauter Zuruf von Jemandem auf der Klippe über uns richtete meinen Blick hinauf, ich konnte hin und her bewegte Lichter in der Dunkelheit erkennen;— bevor ich jedoch den Zuruf erwiedern konnte, ſchwellte eine ungeheure Woge heran, kräftigte ſteh im Aufrollen und trieb ihre rieſenhaften Maſſen zu einer Höhe, die alle andern ausſchloß. Ich ſtellte mich feſt, um dem Stoße zu widerſtehen, beugte mich ein wenig, ſtemmte meine Schulter dem machtigen Rollen des Waſſers entgegen, welches nun gleich einer Mauerwand über uns aufthürmte. Immer nä⸗ her kam die Woge, bis ihr dunkler Kamm über unſern Häuptern drohete; einige Sekunden ſchien ſie einzuhalten, weißer Schaum bedeckte ihren ge⸗ brochenen Rand, dann aber mit donnergleichem Rollen ſtürzte ſie über uns. Einen Augenblick behielt ich meine Stehkraft, doch bald ſtrauchelte mein Schritt,— ich fühlte mich emporgehoben und dann über Kopf unter die ſchwellende Waſ⸗ ſermaſſe geſchleudert, die über meinem Haupte zuſammenſchlug. Betäubt, doch nicht beſinnungs⸗ los, preßte ich meine Laſt dichter an das Herz, und bemühete mich wieder feſten Fuß zu gewinnen. Die Woge rollte einwärts, als ich mich wieder auf meine Füße hob, ein See kochenden Schau⸗ mes umziſchte mich. Ueber dieſen hinaus war alles dunkel und unbeſtimmt, gegen das Meer ſtreckte ſchwarze Finſterniß und landwärts waren die ſchroffen Klippen in düſtre Schatten gehüllt; nur zuweilen bemerkte ich die früher geſehenen Lichtſtrahlen von Ort zu Ort hinſtreifen, gleich dem Tanze von Irrlichtern. Lauter Jubelausruf auf der Höhe ließ mich vermuthen, wir wären erkannt, doch meine Aufmerkſamkeit ward davon abgezogen durch tief ſtöhnenden Laut, der über das Waſſer herfluthete; als ich dahin blickte, konnte ich die ſchwarze Oberfläche, wie durch ge⸗ waltſame Kraftanſtrengung von unten aufge⸗ ſchwellt ſehen, thürmend erhob ſie ſich in die Luft. Die nunmehr heranrollende Woge war um vieles gewaltiger als die vorherige, donnernd brauſte ſie heran, als triebe ſie Ungeduld nach ihrer Beute. Meine Furcht beſtand darin, hin⸗ aus ins Meer geriſſen zu werden, und eilends ſchaute ich umher nach irgend einem zackigen Fels⸗ blocke, um mich daran zu halten, aber vergebens; der Sand unter meinen Füßen bewegte ſich und wechſelte weichend; laute Donner rollten in meinen Ohren,— meine Sinne ſchwindelten, der Gedanke des Todes durch Ertrinken erfaßte mich mit ſeiner ganzen Todesangſt. „! mein Vater! mein armer Vater!“ ſprach eine leiſe klagende Stimme dicht an mei⸗ ner Wange; im nächſten Augenblicke ſtrömte mein. heißes Blut mir zum Herzen. Mein Muth war nun geſtärkt, mein Arm wurde kräftig und ſtark, — meine Fußtritte ſchienen den Boden feſt zu treten, mit kühnem, verwegenem Geiſte erwartete ich den heranrauſchenden Wogenſtoß. In mäch⸗ tigem Ueberfluthen kam er beran, ſchwellte hoch über uns hin, als wir im Widerſtande kämpften, ungebrochen ſchwellte die blaue Fluth hinauf. Für einige Sekunden fühlte ich mich mit der Ge⸗ ſchwindigkeit wirbelnden Windes fortgeriſſen— da berührten wir plözlich den Strand; doch nur für einen Augenblick, denn donnernd rollte die wiederkehrende Woge zurück und riß uns mit. Jezt begannen meine Sinne zu wirren; das dü⸗ ſtere fürchterliche Meer ſtreckte um uns hin; die Sterne ſchienen hin und her zu flackern; in mei⸗ nen Ohren ertönte der Waſſer Donner, gemiſcht mit Lauten menſchlicher Stimmen; meine Kräfte ſechwanden, kaum noch meiner bewußt, ſtemmte ich gegen die Wogen. Gerade in dem Augen⸗ blicke, wo alle Furcht vor Gefahr vorüber iſt, trübe Gleichgültigkeit gegen das Leben uns ſchnell — 133— erfaßt, ſah ich glänzenden Lichtſtrahl raſch über das Waſſer herfliegen, auch der Zuruf von Stim⸗ men erreichte mich, aber die Worte hörte ich nicht. Bald unter die ſchäumende Oberfläche niederſin⸗ kend, bald mich über ſie erhebend, kämpfte ich mit dem Waſſer, gebrauchte meine ganze Kraft, um ſie dichter an mein Herz zu preſſen, deren Geſtalt mein Herz erfüllte, da fühlte ich plözlich zu beiden Seiten mich rauh an den Armen er⸗ griffen. Auch ein Tau ward mir um den Leib geworfen und ich ward eilends landwärts zum Strande geriſſen unter dem Rufe: ‚alles ſicher! alles gut! nicht zu ſcynell da!“ Noch jezt weilt in meinem Gemüthe eine furchtbare Ungewißheit deſſen, was folgte. Ein großes Holzfeuer am Geſtade— Geſtalten von Fiſchern— hin und her gehende Landleute— Gewirr von Stimmen — und ein roher Seſſel, in welchem eine bleiche, halb ohnmächtige Geſtalt lag.— Von allem Uebrigen weiß ich nichts. Es war finſter, ſo finſter, daß ich die Per⸗ ſonen nicht ſehen konnte, die neben mir gingen⸗ Auf dem Raſen ſchritten wir ſchweigend weiter, eine ſanfte Hand hielt ich in der meinen, eine weiche Wange ruhete auf meiner Schulter, Maſ⸗ ſen langen, triefenden Haares fielen über meinen Nacken und meine Bruſt hinab. Von zwei kräf⸗ — 434— tigen Fiſcherleuten im Seſſel getragen, ward Louiſe Bellew, ſchwach, aber der überſtandenen Gefahr ſich bewußt, zum Hauſe gebracht. Neben ihr ging ich, mein Herz war zu voll, um Worte zu finden.— Plözlich ertönte lauter wilder Jubelgruß, ein glän⸗ zender Lichtſtrahl erweckte mich aus meiner Ver⸗ zückung von Glückſeligkeit. Die Treppenſtufen waren gedrängt voller Menſchen— die große Halle ſo voll, daß wir kaum unſern Weg zu er⸗ zwingen vermogten. Die Thüre des Wohnzim⸗ mers ward jezt geöfnet, da ſaß die bleiche, ha⸗ gere Geſtalt des alten Mannes, wild ſtierten ſeine Augen, ſeine Lippen ſtanden geöfnet; ſeine Hände ruheten auf den Lehnen ſeines Seſſels— Alles war ſtill und bewegungslos. Sie ſprang von ihren Trägern vor und mit einem Schrei zu ihrem Vater; doch bevor ſie ſeine Arme erreicht hatte, war er von ſeinem Size auf die Knie ge⸗ ſunken, mit über ſeinem Kopfe gefaltenen Hän⸗ den und emporgeſchlagenen Augen, ſprach er ſein Gebet zu Gott; an ſeiner Seite niederſinkend ver⸗ ſehränkte ſie ihre Hände mit den ſeinigen, und gleichſam durch den Zauber des Auftrittes ge⸗ rührt, ſank das ganze Volksgedränge auf die Kniee, vereinte ſich zum Dankgebete. Es war ein Augenblick tiefen, rührenden Gefühles, die leiſen, kaum vernehmbaren Worte des alten Man⸗ ————— — 135.— nes zu hören, der von ihrem Anblicke, die ſeines Herzens Kleinod war, zum großen Vater der Barmherzigkeit ſich wandte, ihm zu danken, daß er ihn in ſeinem Alter nicht kinderlos gelaſſen— und das leiſe Schluchzen der umgebenden Menge zu vernehmen, die ſich bemühete, ihre Rührung zu unterdrücken; Thränen rannen die harten, durchwet⸗ terten Wangen der Armuth hinab, als dieſe Leute ihren tief im Herzen gefühlten Dank für der Her⸗ rin Erhaltung vor ſich hinmurmelten. Es ent⸗ ſtand eine Pauſe;— der alte Mann richtete ſeine Augen auf die Tochter, und Thränen ſtürz⸗ ten hervor gleich einem lange zurückgedämmten Strome; mit dem Rufe:„Mein— meine eigene Geliebte!“ fiel er um ihren Hals und weinte. Mehr konnte ich nicht hören. Ich ſprang auf, eilte durch die Halle, widerſtand jedem Be⸗ ſtreben, mich zurückzuhalten, ſtürzte die Treppen⸗ ſtufen hinab und kam zum Naſenwege. Hier allein ſank ich auf das Grün nieder und weinte meines Herzens Glückſeligkeit in heißen Thrä⸗ nen aus. Mhtes Spapitel Ermüdung und Erſchöpfung, die am ſchwerſten mitzunehmen ſchienen, wenn ſie durch Gefahr entſtanden, hatten mich ſo vollſtändig überwältigt, daß ich erſt ſpät am Nachmittage zu einiger Beſinnung gelangte, im Bette aufſaß und umherſchaute. Sanft berührte eine Hand meine Schulter, und Vater Tom lispelte:„nun, mein lieber Freund, legen Sie ſich wieder, Sie müſ⸗ fen noch in einigen Stunden nicht aufſtehen.“ Feſt ſchaute ich ihn an, preßte ſeine Hand in der meinigen und fragte:„Vater, wie iſt ſte?“ Kaum waren dieſe Worte geſagt, als glühende Röthe meine Wangen überflog. Mondenlang be⸗ wahrtes Vertrauen machte ſich in einem Augen⸗ blicke Luft;— das eng eingeſchloſſene Geheimniß — 4137— meines Herzens war mir unbewußt entflogen, ich barg mein Antliz auf dem Polſter, mir war, als hätte ich ſie verrathen.— Der alte Mann drückte kraftvoll meine Hand und ſagte:„wohl, ganz wohl— Doch laſſen Sie uns jezt nicht ſprechen. Sie müſſen mehr Ruhe genießen, und Ihr Arm muß verbunden werden. Ich glaube, Sie haben das Alles vergeſſen.“ „Mein Arm!“ wiederholte ich überraſcht, zog die Decke herab und gewahrte meinen rechten Arm verwundet, arg zerſtoßen und gewaltig auf⸗ geſchwollen.„Das thaten die Felſen,“ murmelte ich,„und ſie, Vater— wie iſt ſie, um des Himmels willen?“ „Seyn Sie ruhig, oder ich muß Sie verlaſ⸗ ſen,“ ſprach der Prieſter.„Vorhin ſagte ich ſchon, ſie ſey wohl. Armer Burſche!“ Im Tone dieſer lezten Worte war etwas ſo ungemein Rührendes, daß mich, ohne zu wiſſen wie, ängſtliche Furcht erfüllte; Erbangen vor ei⸗ nem ungekannten Wehe beſchlich mich. Aufſprin⸗ gend und ſeine Hand erfaſſend, obwohl der Schmerz meines verwundeten Armes mein Herz erkrankte, ſagte ich:„Vater, Sie ſind ein recht⸗ ſchaffener Mann, und ſind Mann Gottes— Sie wollen mir keine Unwahrheit ſagen. Iſt ſte — 1438— wohl?“ Dicke Tropfen entrannen meiner Stirn, als ich dies ſprach. Eifervoll faltete er ſeine Hände und erwie⸗ derte mit einer Stimme, die vor Rührung zit⸗ terte:„nie ſagte ich Unwahrheit.“ Er wandte ſich ab, ich legte mich mit beruhigtem Gemüthe nieder, doch nicht um zu ſchlafen..— Ach! wie ſchwer iſt es, glücklich zu ſeyn! Die Zufäl⸗ ligkeiten dieſer Welt rauſchen, gleich Wogen, eine hinter der andern heran. Wir mögen dem ſchwe⸗ ren Rollen des gewaltigen Oceans entrinnen und in den ſtillen, ſanften Waſſern eine landumſchloſ⸗ ſenen Bucht ſcheitern. Wir fürchten Sturm und Orkan, vergeſſen, wie viele im Angeſichte der Küſte untergingen. Immer aber erfüllt uns eine geheime Furcht, wenn Gefahr in unſerer Nähe lauert; dieſes Gefühl eines mich bedrohenden Wehe unnochtete mich jezt, fliſterte mir zu, vorbereitet zu ſeyn. Eine Weile lag ich im Nachdenken, als ich aufblickte, war der Prieſter fortgegangen. Ein Brief war zur Erde gefallen, wie durch Zufall, ich erhob mich, um den auf meinen Tiſch zu le⸗ gen, als ich überraſcht wurde, ihn an mich ge⸗ richtet mit der Bezeichnung:„In Seiner Majeſtät Dienſt“ zu finden; er lautete ſo: „Mein Herr,— ich habe Seiner Er⸗ cellenz Befehl erhalten, Ihnen zu melden, — 139— daß, wenn Sie nicht unmittelbar nach Em⸗ pfang dieſes Schreibens zu Ihrer Dienſt⸗ pflicht als Mitglied des Stabes zurückkehren, Ihr Name von der Liſte geſtrichen und die Vakanz ſogleich wieder beſezt werden ſoll. Ich habe die Ehre u. ſ. w. Dublin Schloß. Henry Howard.“ Was die große Veränderung in Seiner Er⸗ cellenz Geſinnungen hervorgebracht hatte, die ſich in dieſem Befehle ausſprach, konnte ich nicht be⸗ greifen, fühlte mich verlezt und empört durch den Ton eines Schreibens, welches mich ſo durchaus überraſchte. Ich wußte gleichwohl, wie ſehr mein Vater ſtrengen Gehorſam bei jeder Aufforderung zur Dienſtpflicht forderte, und beſchloß auf jeden Fall meine Stellung im Stabe des Herzogs wieder einzunehmen.— Dieſe Gedanken beſchäf⸗ tigten mich nur für Augenblicke, meine Gefühle kehrten ſogleich zu dem Gegenſtande zurück, der mein Herz erfüllte, zu ihr, deren Bild in mei⸗ nem Innern lebte. Ich vermogte mir keine Freude zu denken, an der ſie nicht betheiligt, mir keinen Lebensplan auszuſinnen, in welchem ſie nicht ein⸗ geſchloſſen war. Ehrgeiz erfüllte mich nicht län⸗ ger, eine Art von Heldenmuth ſchien mir's, allen 140— Schmeicheleien des Glückes, allen Verführungen der glänzenden Welt zu entſagen, friedlich ſtilles Leben innerhalb der Gränzen dieſer ſchroffen Berge zu führen. Welchen Reiz konnte dieſes Leben mir mit Louiſe Bellew gewähren, wie viel Glück⸗ ſeligkeit hatten die lezten wenigen Wochen mir dargeboten, wie glücklich würden meine Jahre hier verrinnen, ſie liebend und von ihr wieder ge⸗ liebt.— Ein Geräuſch von Stimmen unter mei⸗ nem Fenſter unterbrach meine Gedanken, ich ſtand auf, gewahrte das junge Mädchen und den Land⸗ burſchen, welche des Prieſters Hausſtand bilde⸗ ten. Sie ſprachen unter einander vor der Thür, zeigten auf die Landſtraße, wo eine Staubwolke das Hinrollen einiger Wagen bezeichnete, Ereig⸗ niß, welches in jenen wilden Gegenden nur ſel⸗ ten die Aufmerkſamkeit erregt. „Sagte Seine Ehrwürden, der Captain folle im Bette gehalten werden, bis er zurück⸗ käme?“ „Ganz gewiß,“ antwortete das Mädchen, „denn er wußte wohl, der junge Mann würde aufſtehn und zum Schloſſe eilen, ſobald er fähig wäre zu gehn— ja, und vielleicht noch früher. Gewiß, Patſey, ich denke nur ein rechter Gentle⸗ man allein weiß Liebe zu machen.“ „Ach dummes Zeug,“ ſagte Patſey mit be⸗ leidigtem Kopfſchütteln und halb boshaftem Blicke. „Meiner Treu, magſt ausblicken, wie Du willſt, aber ich ſage die Wahrheit. Die wiſſen's zu machen.— Da iſt kein Winken, noch große, grobe Arme um die Nacken ſchlingen, ſondern ſie haben ihre ruhige, geſittete, anſtändige Art und beſänftigenee Stimme, und'nen Blick unter'm Auge, als ſollte der ſagen— vielleicht mögteſt Du nun nicht.“ „Fürwahr, Beddy,“ ſagte Patſey ſcharf,„es dünkt mich, Du weißt mehr von ihrer Art als juſt anſtändig iſt— verſtehſt Du mich nun?“ „Und wenn ich das thue,“ antwortete Beddy, nſo kann Dir das niemand zuſchreiben, denn ſicher⸗ lich haſt Du mich's nicht gelehrt.“ „Du willſt mich böſe machen,“ ſagte der junge Mann⸗ deutlich ärgerlicher, als er ein⸗ zugeſtehn beabſichtigte,„aber meiner Treu, ich will mich halten. Es iſt nicht, nachdem ich zu Sei⸗ ner Ehrwürden geſprochen, eine Kuh und'ne Anrichte gekauft habe, daß ich's abbrechen will.“ „Hoho!“ erwiederte Beddy,„gewiß iſt man⸗ ches Verrücken zwiſchen Becher und Lippe, wie der arme liebe junge Herr finden wird, wenn er aufwacht.“ — 142— Kalte Furchtſchauer durchſchütterten mich bei dieſen Worten, das Vorgefühl von Unheil, wel⸗ ches ich für einige Augenblicke vergeſſen hatte, kam in gedoppelter Kraft zurück. Ich eilte, mich anzukleiden, wiewohl mein verwundeter Arm mir das ſehr ſchwierig machte, kam ich damit zu Stande. Meine Uhr zeigte ſechs Nachmittag, die hohen Berge warfen ihre großen Schatten bereits über den gelben Strand. Aus dem, was ich von des Prieſters Dienerſchaft vernommen hatte, mußte ich ſchließen, es ſey ihre Abſicht, mich im Hauſe feſtzuhalten, deshalb verſchloß ich meine Thür im Hinausgehen, ſchlich leiſe die Treppe hinab, ging durch den kleinen Garten und durch die Buchenhecke gelangte ich alsbald zum Bergpfade. Mit raſchen Schritten näherte ich mich dem Schloſſe, im Park wendete ich vom breiten Wege auf einen ſchmalen Pfad ab, der durch eine Flechtpforte zum kleinen Blumengarten neben dem Empfangzimer führte. Ein Knabe, den Louiſe gern im Garten beſchäftigte, weinte hier bitterlich, ich vermogte nur die Worte:„fort, für immer,“ von ihm herauszubringen. Dieſer mehrte meine ſchrecklichen Ahnungen, ich ſprang durch den Garten und ſtand bald vor dem geöf⸗ neten Fenſter. Alles war ſtill, doch dünkte mich, ich höre einen Seufzer; mit dem Ausruf„Louiſe“ — 143— war ich im nächſten Augenblicke im Zimmer, und hier fielen meine Augen auf die Geſtalt von Ulick Burke, der im tiefen Lehnſeſſel halb liegend lehnte, ſeinen einen Fuß auf einen Schemel vor ſich aus⸗ geſtreckt; ſein Geſicht war hleich wie der Tod, ſeine Lippen ſogar weiß, aber um den Mund weilte noch das nemliche Kräuſeln unverſchämten Spottes, welches ihn bezeichnete, als wir uns zu⸗ erſt ſahen. „Getäuſcht, fürcht ich, Herr;“ ſagte er in einem Tone, der zwar durch Krankheit geſchwächt war, aber nichts von ſeiner höhnenden Bitterkeit verloren hatte. „Ich geſtehe, dieſes iſt ein Vergnügen, wel⸗ ches ich nicht erwartete.“ „Ich eben ſo wenig, Herr,“ erwiederte er mit finſterem Runzeln,„wäre ich im Stande ge⸗ weſen, früher die Glocke zu ziehen, ſo würde Ih⸗ nen der Brief, welcher für Sie daliegt, zuge⸗ ſchickt ſeyn, und mögte uns beiden dies„Vergnü⸗ gen“ erſpart haben, wie Sie gütig genug ſind, es zu nennen.“ „Ein Brief für mich,“ ſagte ich eifrig, dann halb beſchämt durch meine Aufregung und nicht ohne Gefühl für die kranke, ſo zu ſagen, hinſter⸗ bende Geſtalt vor mir, zögerte ich und ſezte hin⸗ — 144— zu:„ich vertraue, daß Sie von den Wirkungen Ihrer Wunde geneſen?“ „Verdammt ſey die Wunde, Herr, ſprechen Sie mir davon nicht. Dazu kamen Sie nicht hier, wie ich annehme. Nehmen Sie Ihren Brief.“ Hohe Röthe erglühete jezt auf ſeinen Wangen als durchzucke ihn plözliche Todespein, ſeine blei⸗ chen Lippen zerrten leidenſchaftlich.„Nehmen Sie Ihren Brief,“ er warf mir ihn zu bei dieſen Worten. Erſtaunt und betroffen durch ſeinen plözlichen Zornausbruch ſtand ich, konnte einige Sekunden kein Wort vorbringen. Dann ſagte ich:„Sie verkennen mich.“ „Verkennen! nein, verwünſcht will ich ſeyn, wenn ich Sie verkenne; ich kenne Sie gut, durch und durch. Sie aber verkennen mich— ja, und das ganz verdammt— wenn Sie anneh⸗ men, dieſe Unverſchämtheit ſolle ungeſtraft hin⸗ gehen, weil ich hier ein Krüppel bin. Wer anders als eine Memme könnte ſo erſcheinen, und einen Mann, wie ich bin, necken? Ja, Herr, eine Memme! ich ſagte es— ſprach das Wort — mögten Sie es noch ein Mal hören wollen? — oder lieben Sie das vielleicht nicht, ſo iſt die Abhülfe nahe— Ihnen näher als Sie glauben. Da ſind zwei Piſtolen in dieſem Kaſten— beide mit Kugeln geladen; nehmen Sie Ihre Wahl, beſtimmen Sie ſelber die Entfernung; und hier, wo wir jezt ſind, laſſen Sie uns dieſen Streit enden; denn beachten Sie wohl—“ bei dieſen Worten finſterte ſeine Stirn, bis die im Vor⸗ kopfe angeſchwellten kreuzenden Adern blau wie Indigo ließen—„die Rechnung ſoll an einem oder anderm Tage abgeſchloſſen werden.“ Ich ſah, ſeine Wuth ſey zu unbezwinglicher Höhe getrieben, zu ihm reden, würde ſeine Lei⸗ denſchaft nur vergrößern; deßbalb bückte ich mich ohne ein Wort zu ſagen, um den Brief aufzu⸗ heben, der vor meinen Füßen lag. „Ihre Antwort erwarte ich, Herr,“ ſagte er mit leiſer Stimme, die durch innere Anſtrengung zu anſcheinendem Tone der Ruhe gedämpft wor⸗ den. „Sie können den Gedanken nicht hegen,“ ſprach ich milder,„daß ich eine Ausforderung, wie dieſe, annehmen, oder mich mit einem Manne ſchlagen könnte, der ſeinen Seſſel nicht verlaſſen kann.“ „Und wer hat mich dazu gebracht, wer hat mich für meine Lebenszeit gelähmt?— Doch iſt das Alles, ſo geben Sie mir Ihren Arm, helfen mich durch das Fenſter— ſtellen mich dort gegen den Eiben⸗Baum. Stehen kann ich recht gut.— Sie wollen nicht?— Sie verweigern mir dies! Jack Hinton. Zweiter Band. 7 — 146— o Memme!— Memme! Sie werden bleich und wieder roth!— Mag Ihre blaſſe Lippe mur⸗ meln, mögen Ihre Nägel das Innere Ihrer Hände im Unmuth zerfleiſchen— Ihr Herz iſt feige und Sie wiſſen es!“ Darf ich wagen, zu geſtehen, daß mein Entſchluß einige Augenblicke ſchwankte und meine Blicke unwillkührlich nach dem Piſtol⸗Kaſten auf dem Tiſche neben mir gerichtet waren. Dies be⸗ merkte er, und rief im Tone triumphirender Freude: „Bravo! bravo!— Doch wie— zoͤgern Sie auf's neue! O! daß dies nicht offen vor der Welt geſchieht!— an irgend einem freien, öffentlichen Orte!— damit die Menſchen zu⸗ ſchauen, uns ſo ſehen könnten!“ „Ich verlaſſe Sie, Herr,“ ſprach ich ſtrenge; „dankerfüllt, mindeſtens im Betreff auf Sie, daß dieſes nicht vor der Welt geſchehen iſt.“ „Halt, Herr, halt!“ rief er, heißer vor Wuth.„Ziehn Sie die Klingel!“ Zögernd ſtand ich, da rief er noch einmal: „Ziehn Sie die Klingel!“ Nun nahete ich mich dem Kamine und that, was er wünſchte. So⸗ gleich erſchien der Kellner. „Nikolas,“ rief der kranke Mann,„bringt die Diener herein— alle hier herein, verſteht mich — 147— wohl!— Ich will Ihnen etwas zeigen, was ſie niemals geſehn haben. Geht.“— Der Kelner ging ſogleich hinaus; als ich den mürriſchen Blick des Haſſes ſah, der mich anſtierte, fühlte ich mein Gemüth noch einmal ſchwanken. Doch der Kampf war nur augen⸗ blicklich; ich ſprang zum Fenſter und durch dieſes in den Garten. Laute Verfluchung ertönte von Burke, als ich dies that, dieſer folgte ein Auf⸗ ſchrei gekränkter Wuth, gleich dem Geheul eines hungernden Wolfes. Der nächſte Augenblick brachte mich aus dem Bereiche ſeiner Unver⸗ ſchämtheit und Beſchimpfung. Als die leiden⸗ ſchaftliche Erregung ſich ſtillte, war mein erſter Entſchluß, auf dem breiten Wege zur großen Hal⸗ lenthür des Hauſes zurückzukehren; der zweite, das Siegel des Briefes zu erbrechen, den ich in meiner Hand hielt, um zu ſehn, ob ſein Inhalt nicht etwas Licht über die Ereigniſſe verbreiten mögte, die mich dicht umlagerten, deren Weſen und Wichtigkeit ich aber noch nicht kannte. Die Aufſchrift des Briefes zeigte eine ſteife, altväteri⸗ ſche Handſchrift, das Siegel aber enthielt das große Wappen der Familie Bellew, ich konnte nicht länger bezweifeln, der Brief ſey von Sir Simon. Mit ängſtlich klopfendem, bebendem Her⸗ zen erbrach ich und las Folgendes: 7 — 148— „Mein werther Herr! Das Ereigniß des geſtrigen Abends hat meinem mangeln⸗ den, gebrochenen Gedächtniſſe die ſchwärzeſte Stunde eines langen, verderbten Lebens zu⸗ rückgerufen, und den alten Mann, der mit unverwandtem Blicke ſeinem Grabe entge⸗ genſchauete, noch einmal zum Umwenden vermogt, um die tiefſte Bekümmerniß ſeiner Tage— Unheil, Verbrechen, Gewiſſensbiſſe wieder zu ſehen. Ich kann, auch jezt wo der Schatten des Todes ſchon auf mir weilet, doch die traurige Geſchichte nicht wiedererzählen, auf welche ich mich beziehe; für den von mir beabſichtigten Gegenſtand reicht es hin, zu ſagen, daß, wo ich einſtmals mein Leben Einer dankte, die ich für das Theuerſte im Leben hielt, die rettende Hand zum Dieb⸗ ſtahl lebte, und die mich ſegnende Stimme meineidig und eidbrüchig war,— von jener Stunde an habe ich von keinem ſterblichen Mitmenſchen einen Dienſt empfangen, bis zu der, in welcher Sie mein Kind gerettet ha⸗ ben.— Und ach! ſo innig ich ſie liebe— ſo ganz meine Seele von ihrem Bilde um⸗ hüllt iſt, könnte ich es doch beſſer ertragen haben, ſie als kalte, triefende Leiche neben mir hingelegt zu ſehn, als ſie zu erſchauen, — 149— wie ich das that, in Ihren Armen. Sie dürfen nie wieder zuſammenkommen. Ent⸗ ſezende Vorahnung lange leidender Jahre er⸗ faßt mich mehr und mehr; im Innerſten meines Herzens fühle ich, daß ich zu einer anderen und lezten Beraubung beſtimmt bin, bevor ich ſterbe.“ „Wir werden das Schloß verlaſſen ha⸗ ben, ehe dieſer Brief zu Ihnen kommt. Vielleicht mögen Sie den Ort unſerer Zu⸗ flucht nennen hören— denn ein ſolcher iſt er— aber ich vertraue darauf, daß ich Ihre Gefühle als Gentleman und als Mann von Ehre mit der ſichern Zuverſicht in An⸗ ſpruch nehmen kann, Sie werden mein Vertrauen nicht mißbrauchen— uns nicht folgen.“ „Ich weiß nicht was ich geſchrieben habe— darf auch nicht wagen, es zu über⸗ leſen. Schon düſterten Thränen meine Au⸗ gen und fallen jezt auf das Papier, alſo laſſen Sie mich Ihnen Lebewohl ſagen— ewiges Lebewohl!— Mein Neffe iſt hier gekommen; ich habe ihn nicht geſehn, will ihn nicht ſehen, aber nach unſerer Abfahrt wird er Ihnen dieſen Brief zuſenden. Ihr S. Bellew.“ war, blickte ich umher, um zu ſehen, ob es nicht etwa ein gräßlicher Traum ſey, ob das ganze Ereigniß nicht furchtbare Täuſchung be⸗ fangener Einbildung wäre. Aber die ganze Wahrheit ſtellte ſich mir Stück nach Bruch⸗ ſtück heraus, des Kummers ganze Fluth er⸗ füllte mein Herz. Von dem Briefe konnte ich nur verſtehen, daß eine tiefe Betrübniß durch mein leztes Abenteuer erweckt ſey. Dann kamen der alten Hexe Worte— die kurzen, halb mitge⸗ theilten Winke des Prieſters mir in das Ge⸗ dächtniß. Ihre Mutter— ja ihre Mutter, ſagte ich, Louiſe hatte ihrer nie erwähnt, nie nur entfernt auf ſie hingedeutet; jezt durchkreuzten tauſend argwöhniſche Gedanken mein Gemüth, die alle vor meinem Bewußtſeyn der Vereinzelung, der Troſtloſigkeit und des Verlaſſenſeyns ver⸗ ſanken. Ich warf mich nieder und weinte. Vor wenigen Stunden noch umgaukelt von Glückſe⸗ ligkeit und Liebe, jezt alles deſſen beraubt, wel⸗ ches meinem Leben Reiz geben konnte. Alles ſchien mir jezt werthlos und unwürdig. Die Abendſonne, die prangenden Blumen, das ſchwan⸗ kende Gras, das leiſe Murmeln der Brandung, gleich Muſik den glücklichen Schauplaz durchtö⸗ nend, waren mir jezt trübſelige Dinge, miß⸗ Als das erſte betäubende Gefühl vorüber tönende Laute. Hohe, heilige Gedanken, die mich ſonſt anzuregen pflegten, waren mir zu wilder, zorniger Leidenſchaft, oder niedergebeug⸗ ter Verzweiflung geworden. Schon war es Nacht, als ich zu des Prieſters Wohnung zu⸗ rückkehrte. Meuntes Spapilel Der Prieſter war nicht zurückgekommen, wahrſcheinlich begleitete er Bellew's nach ihrem Beſtimmungsorte; die wenigen Worte, welche er am Morgen geſprochen, ließen mich dies ver⸗ muthen.— In der Küche ſaßen vor dem hohen Torffeuer drei Perſonen, von denen ich die bei⸗ den zum Hauſe gehörenden gleich erkannte, der Dritte ſaß im Schatten des Schornſteines, ich konnte ihn nicht gleich erkennen. Er wurde be⸗ fragt, ob er weit herkomme, und antwortete der Fragerin:„Vom Kreuz von Kiltermore, jenſeits Gerſtmore, mein Liebling, und gewiß iſts ein wahres Vergnügen und n Entzücken, ſo weit herzukommen, um ein ſo ſchönes Geſchöpf zu ſehn, als Ihr ſeyd.— Aber wo der Captain nur — 153— bleiben mag— ich habe'nen Brief für ihn, der nicht verzögert werden ſollte, und lief vierzehn Meilen über die Berge, um ihn ſcehnell herzu⸗ bringen.“ Jezt trat ich ein.—„Hurrah, bei dem Sterblichen!“ ſchrie Joe mit wildem Aus⸗ rufe—„er iſt's ſelber. Arrah! Liebling, wie iſt jeglich Stück in Ihrer Haut?“ „Ach Joe! mein armer Geſell, ich bin er⸗ freut, Sie wieder geſund und wohl zu ſehn. Manchen Tag hab ich mir zum Vorwurf ge⸗ macht, was Sie für mich gelitten haben, und die Weiſe, in der ich Sie verließ.“ „Nur ein einzig Ding giebt es, worüber Sie mit Recht trauern konnten,“ ſagte er, Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen und rollten in ſchweren Tropfen über die Wangen hinab,—„und das iſt dieſes hier.“ Bei dieſen Worten zog er eine kleine grünſeidene Börſe, zur Hälſte mit Gold gefüllt, aus dem Buſen.„O Captain, mein Juwel— weshalb wollten Sie nen armen Ge⸗ ſellen nicht Glückſeligkeit in ſeiner eigenen Weiſe koſten laſſen? Iſt's weil ich keine Schuhe an den Füßen hatte, daß mein Herz nicht ſeinen Stolz haben ſollte? und iſt's weil ich nicht reich wa daß Sie mich nicht wollten Ihr Freund ſür mich allein ſeyn laſſen? O! ſo wenig wir von den Großen und ihren Wegen wiſſen, fürwahr, die 7 K*. ſehen nicht halb ſo klar in unſere Herzen.— Schaun Sie, lieber hätte ich gewollt, Sie wären an dem Morgen zu meinem Bette gekommen und hätten mir Ihren Fluch gelaſſen— ja, den Teufel weniger— als dieſe Börſe mit Geld, und der würde mir nicht ſo viel Harm verurſachen!“ Er ſenkte ſein Haupt bei dieſen Worten, ſeine Arme ſanken bewegungslos an den Seiten nieder; ſo ſtand er ſtumm und tief bekümmert vor mir. „Kommen Sie, Joe,“ ſprach ich, hielt ihm meine Hand hin,„kommen Sie, verzeihen Sie mir. Wenn ich das nicht beſſer wußte, ſo be⸗ denken Sie, daß wir damals noch neue Bekannte waren— von jezt an ſind wir uns mehr.“ Dieſe Worte ſchienen wie Zauber auf ihn zu wirken, ſtolz richtete er ſich empor, ſeine Au⸗ gen ſtrahlten in ihrem wildeſten Glanze, er er⸗ griff meine Hand, preßte die an ſeine Lippen und rief aus:„So lange ein Tropfen Blut in meinem Herzen iſt, Liebling—“ „Sie haben einen Brief für mich,“ ſagte ich froh, dem Geſpräche andere Wendung zu geben — ‚„wo erhielten Sie den?“ „Auf dem Curragh, Herr, nichts geringer. Ich ſtand da zur Seite vom Stabe, zwiſchen al⸗ len Gnerälen und Vornehmen, nicht weit vom Lord⸗Lieutenant, und hörte, wie ein Offizier ſagte: — 455 „Wüßt' ich nur wohin ich ihm ſchreiben ſollte thät ich's gewiß, aber ſeit ſeinem Duell hat er an keinen von uns geſchrieben.“„Ah,“ ſagte ein Anderer,„Hinton iſt in der Art ein ſonderbarer Kauz!“— Sobald ich den Namen hörte, trat ich zu ihm und ſagte:„Schreiben Sie den Brief ich trage ihn hin und bringe auch Antwort zurück, wenn die nöthig iſt,“ „Und wer zum Teufel ſeyd Ihr?“ fragte er—„Meiner Treu,“ antwortete ich,„auf die⸗ ſem Rennen ſind mehr Leute die mich kennen, als Euch, ſo ſchön Ihr auch ſeyd.“ Alle be⸗ gannen zu lachen— denn der Offizier ward roth und zornig— da rief Lord Clonmel:„Gewiß iſt's Tipperary Joe, bei Gott, den kennt Jeder⸗ mann. Herr Joe, ich ſchulde Euch'ne halbe Krone ſeit unſerm lezten Zuſammentreffen.—“ Das Ende war, daß er mit Bleiſtift auf dem Pferde ſizend ein Paar Worte ſchrieb und hier ſind ſie.“ Damit zog er ein kleines zerdrücktes Stück Papier hervor, auf welchem ich mit Mühe folgende Zeilen entdeckte: „Lieber Jack,— wenn der Narr, der dieſes trägt, jemals damit ankommt, ſo keh⸗ ren Sie augenblicklich zurück. Ihre Freunde in England haben den Herzog ſo gequält, bis er Ihre Rückkehr zum Dienſt befahl; — 156— Geſchichten über Ihr Treiben im Weſten ſind hier im Umlaufe, welche nur allein durch Ihre Gegenwart widerlegt werden können. Ihr J. Horton.“ Mein Entſchluß war augenblicklich gefaßt, ich fragte:„auf welchem kürzeſten Wege kann ich Limerik erreichen?“ „Ich kenne einen Richtweg,“ ſagte Joe,„und könnten wir'nen Klepper bekommen, wollte ich Sie vor morgen Abend über den Berg bringen.“ „Und Sie?— wie wollten Sie gehn?“ „Auf meinen Füßen, ganz gewiß— wie ſollt' ich anders gehn?“ Patfey und Joe gingen zuſammen fort, um mir einen Klepper zu ſuchen, der mich über den Berg tragen ſolle, und ich ging zum Zimmer, um meine Abreiſe vorzubereiten. Hier allein und ver⸗ laſſen, fühlte ich das ganze Gewicht meines Kum⸗ mers— der ertödtende Mehlthau, der meine ſchön⸗ ſten Hofnungen verwelkte, ließ mich nur öde, trau⸗ rige Lebensanſichten erkennen. Noch ein Mal las ich Sir Simon Bellews Brief, doch das Geheim⸗ niß hatte jezt die Anziehung für mich verloren, ich hatte nur Gedanken für meinen Kummer. —— Plözlich erglüheten meine Wangen, als ich mich an mein Zuſammentreffen mit Ulick Burke er⸗ innerte, ich ſprang auf, war einige Sekunden unſchlüſſig, ob ich ihm nicht die Gelegenheit geben wollte, die er ſo ſehnlich wünſchte. Doch ſchnell kehrte mir beſonnenere Vernunft zurück, und Schaam machte mich tiefer erröthen als die frühere Leidenſchaft. Gewaltſam ſuchte ich mich zu beruhigen, und bemühete mich, einige Zeilen an meinen würdigen und gütigen Freund den Vater Loftus zu ſchreiben. Die wahre Urſache meiner Abreiſe wagte ich nicht ihm zu nennen, obwohl ich vermuthete, er habe die Bellew's begleitet; einfach ſprach ich nur von der gebie⸗ teriſchen Pflicht, zu meinem Dienſte zurückzukeh⸗ ren, und wie ſehr ich bedaure, nach ſo vielen Beweiſen ſeiner Freundſchaft ihm die Hand zum Abſchiede nicht drücken zu können. In der Auf⸗ regung meiner Gefühle ſchrieb ich gewiß ein verwirrtes und unzulängliches Schreiben, doch ich vermogte nichts beſſeres. Die Ueberzeugung, welche mich lange ſchon erfüllte, die ich aber bisher nicht vollſtändig würdigte, zeigte ſich mir in einem Augenblicke ganz klar; nemlich: daß die plözlichen Wechſel des alltäglichen Lebens in Irland gar unangemeſſen ſind für unſere Eng⸗ liſchen Naturen und die Gewohnheiten unſers Bedenkens und Handelns. Solche Wechſel und Ueberſprünge vom Ernſten zum Fröhlichen— ſolche Ausbrüche hochſinniger Begeiſterung, ge⸗ folgt von düſtern, nachdenklichen Zügen, grübeln⸗ der Gedanken— ſolche edle Eingebungen des Guten— und ſolche Ereigniſſe tragiſchen Ent⸗ ſezens— erfordern ein wechſelreiches, ſogar ver⸗ geßliches Temperament um ſie zu ertragen; wäh⸗ rend der Irländer mit jeglichem Aeußerſten ſeines Geſchickes ſich erhebt oder verſinkt, zehren ſolche Eindrücke tiefer und tiefer in unſern Herzen, wir werden traurig, gedankenſchwer und vorzeitig alt. So mindeſtens war mein Gefühl. Fußtritte, Geſpräch und Lachen unterbrachen mein Grübeln und ich hörte meinen Freund Joe, der ſagte:„Meiner Treu und Du biſt ganz ein großes Thier, auf Deinem Rücken könnte einer enen Jig tanzen, und ließe noch Plaz für'n Pfeifer.“ Ich öfnete das Fenſter und ſah im klaren Mondſchein einen heraufgeführten, kurzen, rauch⸗ zottigen Klepper, deſſen breiter Rücken und kraft⸗ voller Bau Joe's Lobſprüche vollkommen recht⸗ fertigte. „Haben Sie den Klepper für mich gekauft⸗ Joe?“ rief ich. „Nein, Herr, nur geborgt. Er wird Sie bis zu Wheley's Mühle hinauf tragen, da erhal⸗ ten wir morgen früh Andy's Stute.“ „Geborgt, und wer iſt der Eigenthümer?“ „Der liegt im Bett, wie es ſeyn muß. Durch die Thür fagt ich ihm, für wen es ſey, und er brauche nicht aufzuſtehn, ich würde den Weg ſchon allein finden, und das that ich, wie Sie ſehn.“ „Aber der Mann hörte ja niemals von mir, in ſeinem ganzen Leben.“ „Teufel ſeine Sorge; gewiß ſind Sie des Prieſters Freund, und wer könnte beßere Bürg⸗ ſchaft für jeglich Ding im Orte haben. Bei dem Fels von Caſhil, es müßte hart hergehen, wenn dem Prieſter was mangeln ſollte. Sehen Sie, wie ihm der alte Sattel paßt, als wäre er für ihn gemacht.“ Ich ſtimmte freilich nicht ſo ganz in Joe's Lobſprüche mit ein, war aber froh einen Ort verlaſſen zu können, der nur Erinnerungen an Schmerz und Trauer mir darbot; bald war ich zum Wege bereit. Nicht ohne ein zuſchnürendes Gefühl in meiner Gurgel und ohne bedrückende Herzensbeklemmung verließ ich das kleine Zim⸗ mer, in welchem ich ſo manche fröhliche Stunden 1 — 160— glücklicherer Zeit verbracht hatte, dem Hausſtande des Prieſters ſagte ich mein Lebewohl, trug ih⸗ nen auf, dem Vater Tom zu ſagen, wie ſehr es mich betrübe vor ſeiner Rückkehr abzureiſen, be⸗ ſtieg den Klepper, den Joe am Zügel hinab⸗ führte, bald kamen wir zum Murmelbache, der im ſteilen Thale dahinrann, durch welches unſer Weg führte. Mein gutherziger Begleiter erzählte Geſchichten und Legenden ohne Zahl, ſang Lieder und vertrieb die langen Stunden der Nacht, bis wir bei Tagesanbruch die Bergſeite zu einem großen, angebauten Thale hinabzogen, in welchem ich durch die Nebelferne die kleine Mühle ſchwach erkennen konnte, bei der wir unſer Thier umzu⸗ tauſchen erwarteten. Einige Minuten hielt ich ein, um den Schauplaz vor mir zu betrachten. Es war eine jener friedlichen Landſchaften ländlicher Schönheit, welche dem ſorgenbelaſteten Herzen beſänftigende⸗ ren Einfluß zuhauchen, als die ſanfteſten Worte des Troſtes dies vermögten. Ungleich den Wer⸗ ken menſchlicher Hand, reden ſie treffend zu un⸗ ſern Seelen, und fordern zugleich unſere Vernunft auf; kräftig fühlen wir uns von der Wahrheit durchdrungen, daß wir allein nicht trübſelig ſeyn dürfen.— Es war ein breites, reich angebau⸗ tes Thal, eingefaßt von Bergen, deren Seiten —— . — 161— mit dichtem Waldwuchs beſtanden waren,— ein Strom wäſſerte in ſeinem eigenwilligen Laufe jeglichen Theil der Ebene, wellte jezt zwiſchen Wieſen⸗Gründen, blinkte dann unter Erlen her⸗ vor, die ſeine Ufer einfaßten. Die ſchweren Morgen⸗Nebel rollten langſam an den Bergſei⸗ ten hinauf, unter ihrem grauen Mantel brach das üppige Grün der Weiden und Wieſen hervor, geſprenkelt mit Vieh und Schafen. Während ich mich am Anblick erfreute, kniete Joe nieder, legte ſein Ohr auf den Boden, ſchien einige Minuten im Lauſchen verloren, dann ſprang er plözlich auf und rief:„die Mühle geht heute nicht— was mag das bedeuten;— ich hoffe Andy iſt nicht krank.“ Ein Schatten von Kummer überzog ſeine wilden Geſichtzüge, als er den Vers eines alten Liedes zwiſchen den Zähnen murmelte, von wel⸗ chem ich nur die lezten Zeilen verſtand: „Wenn rings um den Sterbenden Freunde weinen, Wünſcht jeder, er hätte allein nur gelebt!“ Ein unnatürliches Funkeln erglänzte in ſei⸗ nen Augen und laut rief er:„Ja, beſſer der arme Typperary Joe ſeyn, ohne Haus noch Heimath, Vater oder Mutter, Schweſter oder Freund und wenn die Zeit kommt, in die Erde ſinken, ohne daß ein rückbleibendes Auge um ihn feuchtet.“ „Nun, Joe, Sie haben viele Freunde; und wenn ſie dieſe überzählen, dann vergeſſen Sie mich nicht in Ihrer Rechnung.“ „Still, ſtill,“ fliſterte er in leiſer Stimme als fürchte er überhört zu werden,„ſagen Sie das nicht,— dies ſind gefährliche Worte.“ Erſtaunt wendete ich mich zu ihm und ge⸗ wahrte einen auffallenden Wechſel im Ganzen ſeiner Geſichtzüge. Der fröhliche, lachende Blick war ver⸗ ſchwunden; die hohe Färbung hatte ſeine Wan⸗ gen verlaſſen, kalte geiſterhafte Bläſſe war über ſein Antliz verbreitet; eilige, verſtohlene Blicke warf er umher, die mir zeigten, eine geheime Furcht nage in ſeinem Innern.„Was iſt, Joe?“ ſagte ich;—„was haben Sie, ſind Sie krank?“ „Nein,“ antwortete er kaum hörbar,„aber Sie haben mich eben erſchreckt, als Sie mich Ihren Freund nannten.“ „Wie konnte Sie das erſchrecken, mein ar⸗ mer Mann?“ „Will Ihnen ſagen— meinen Vater nann⸗ ten ſie ſo— ſagten, er ſei befreundet mit den — 163— Gentlemen, und Zeichen ſind davon,“ hier ſchwieg er, ſeine Augen ſtarrten zur Erde geheftet, als ſey dort ein Gegenſtand von welchem er ſeinen Blick nicht abziehen könne;—„ja, ich erinnere mich's ſehr gut,— wir ſaßen am Feuer im Wachzim⸗ mer ganz allein für uns,— die Truppen waren fort, ich weiß nicht wohin— da hörten wir Getrampel kommender Schritte, aber nicht regel⸗ mäßig zogen die Leute heran, ſondern ſorglos unter einander, Pferde trappelten und Karren rollten zwiſchen ihnen.“ „Das ſind die Boy's,“ ſagte mein Vater. „Gieb mir die alte Bandſchleife, daß ich ſie an meine Kappe ſtecke, und reich mir die Geige, daß ich ihnen eins aufſpiele.— Wenig weiß ich mehr, bis wir vor ihnen her durch die Stadt zogen, hinab zu dem neuen Collegium, was ge⸗ baut wurde— Maynooth iſt's, wovon ich ſpre⸗ che,— dann ging's zur Linken, mein Vater geigte die ganze Zeit über alle Weiſen, von de⸗ nen er glaubte, daß ſie ihnen gefallen könnten, ſpielte er zuweilen aus Irrthum irgend etwas, das ihnen mißfiel, dann verdammten und ver⸗ wünſchten ſie ihn mit den gräßlichſten Flüchen, ſtachen ihn mit Piken, bis ihm das Blut am Rücken hinablief, und dann ſchrie mein Vater — 164— laut:„ich will meinen Freunden dies von Euch ſagen— Teufel ſeine Lüge, das will ich, zu⸗ lezt kamen wir zu des Herzog's Wall, da ſezte ſich mein Vater auf die Wegſeite und rief keinen Schritt wolle er weiter gehen, denn ich weinte und jammerte über meine verlezten Füße nach ſo weitem Gehen und verlangte alle Minuten zu ſizen und zu raſten.„Seht nur das Kind; ſprach er, wie dem die Füße bluten.“ „Ihr habt nur noch ein wenig weiter zu gehen,“ ſagte einer, der Kreuz⸗Gehenke trug und eine grüne Schärpe um ſich. „Der Teufel thut nen andern Schritt,“ ſagte mein Vater. „Nun verlangten ſie, er ſollte ihnen Weiſen ſpielen, der eine nannte die, der andere eine zweite, und viele verlangten eine dritte.“ „Ihr ſollt ſie alle haben,“ ſagte mein Vater, „wenn Euch das gefallen kann.“ So ſpielte er denn die drei Weiſen ſo ſchön als man es hö⸗ ren mogte, und als das geſchehen war, ſtand der Mann mit den Gehenken und der Schärpe auf und ſagte zu ihm:„Seid'ne gute Hand, Belly, und's iſt ein Jammer Euch verlieren, und Eure „Freunde werden viel um Euch trauern—“ dies ſagte er mit Grinſen—„aber nehmt den Spa⸗ ten und grabt ein Loch, denn wir müſſen auf⸗ brechen, es iſt faſt Tag.“ „Wohl, mein Vater, obgleich müde genug, nahm den Spaten, begann zu graben, wie ſie ihm ſagten, denn er dachte bei ſich, die Boy's wollen ihre Piken und Karabiner verbergen bevor ſie heim gehn. Als er eine halbe Stunde gear⸗ beitet hatte, zog er ſeinen Rock ab, und begann auf's neue; zulezt ward er müde, ſezte ſich zur Seite des tiefen Loches und rief:„iſt's jezt nicht groß genug, Boy's?“ „Nein, nicht zur Hälfte,“ ſprach der Cap⸗ tain. „So begann mein Vater die Arbeit auf's neue, grub mit aller ſeiner Kraft, die andern Alle ſtanden umher, ſprachen und lachten mit einander.“ „Iſt's nun genug?“ fragte mein Vater, „denn wahrlich ich bin ganz matt.“ „Vielleicht,“ ſagte einer von ihnen,„leg Dich hinein und ſieh ob's die Länge hat.“ „Ol iſt es dazu?“ ſagte mein Vater,„mei⸗ ner Treu, es fiel mir nicht ein, daß es ein Grab ſeyn ſolle;“ er nahm ſeine Kappe ab und legte ſich der Länge nach in das Loch. — 166— „Alles recht,“ ſagten die andern, begannen mit Spaten und Schaufeln Erde über ihn zu decken. Anfangs lachte er eben ſo herzlich, als alle Uebrigen, als aber die Erddecke ſchwer auf ihn drückte, begann er zu ſchreien, ſte ſollten ihn herauslaſſen, ſeine Stimme ward nun immer ſchwächer und ſchwächer, ein wenig warteten ſie, dann ſchaufelten ſie noch ſtärker, ein tiefes Aech⸗ zen ertönte, alles war ſtill, ſie häuften das Erd⸗ reich über ihm und klopften die Grasſoden feſt, nahmen mich, ſtellten mich in ihre Mitte und einer rief:„Marſch!“ Mich dünkte, ich ſah die grünen Soden auf dem Grabhügel ſich bewegen als wir weiter gingen, und eine halb erſtickte Stimme riefe:„da ihr Boys! da!“ und dann folgte Gelächter. Aber gewiß iſt, daß ich dieſe nem⸗ liche oft höre, wenn Niemand in meiner Nähe iſt, und ich ganz allein auf den Boden blicke.“ „Großer Gott!“ rief ich—„iſt dies wahr?“ „So wahr, als Sie da ſtehen,“ erwiederte er.„Zehn Jahre war ich alt, als es geſchah, und ſeitdem habe ich niemals gewußt, wie die Zeit verging, noch wie lange es her ſein mag— uur das allein, es war in dem Jahre der gro⸗ ßen Unruhen hier; die Soldaten und die Land⸗ leute, konnten niemals grauſam genug gegen einander ſeyn, und was immer die Einen an —,— — 167— einem Tage thaten, das wollten die Andern am folgenden Morgen zu übertreffen verſuchen. Aber wahr iſt jegliches Wort davon, und der Plaz heißt: Belly, des Narren Grab, noch zu dieſer Stunde. Alle Jahre gehe ich einmal ſelber da⸗ hin, um ihn zu ſehen.“ Dieſe grauſenhafte Geſchichte, erzählt mit der ganzen einfachen Kraft der Wahrheit, durch⸗ zuckte mich mit Entſezen noch lange, nachdem der Eindruck ſchon bei ihm geſchwunden ſchien, der ſie erzählte;— wiewohl er fortfuhr zu ſpre⸗ chen, vernahm ich nichts; bemerkte auch unſer Weiterkommen nicht, bevor ich mich am Ufer des kleinen zur Mühle rinnenden Stromes ſah. Joe hatte richtig geſagt, die Mühle ginge nicht, denn Andy war nach Ennis berufen, wo die Aſſiſen gehalten wurden. Die Stute, auf welche wir gerechnet hatten, war ebenfalls ab⸗ weſend, und wir ſezten uns unter dem kleinen Vordach, um unſere weitern Maßregeln zu be⸗ ſprechen.— Nach einer Weile verließ mich Joe, kehrte bald mit der Nachricht zurück, die große Straße nach Ennis ſey um ein paar Mei⸗ len entfernt, und eine Poſtkutſche würde in zwei Stunden vorbei fahren, mit der ich die Stadt am Abend erreichen könnte. Deshalb ward be⸗ ſchloſſen, er ſolle den Klepper nach Murranakilty zurückführen, während ich mit einem Begleiter, der mein Gepäck trüge, zur Straße von Ennis gehen wollte. Jos fand nun bald einen Bur⸗ ſchen auf, der mich dahin geleiten konnte; mit der feſten Zuſage uns wieder zu ſehen, nahm er be⸗ wegten Abſchied und wir trennten uns. —— — 169— Dehnles Sapilel So lange ich mit dem armen halb blödſin⸗ nigen Burſchen gegangen war, hatten die ſonder⸗ baren überſpringenden Flüge ſeiner unſtäten Gei⸗ ſteskraft den Zug meiner eigenen Gedanken ge⸗ wiſſermaßen unterbrochen und nicht Raum zu Betrachtungen über meinen Glückswechſel gelaſſen. Jezt drängte meine Gedanken das Vergangene wieder hervor, meine vernichteten Hofnungen warfen dunkle nächtige Schatten auf meine Züge. Was kümmerte mich's, was aus mir werde? wozu ſollte ich hier oder dort hin eilen? dachte ich. Leben hatte für mich ſeinen Reiz und Miß⸗ geſchick zugleich ſeine Schrecken verloren. Meine Rückkehr zu Dienſtpflichten, die in der lebensfro⸗ hen Aufregung früherer Zeit mir immer unange⸗ Jack Hinton. Zweiter Band. 8 meſſen und unmännlich erſchienen, ſchien mir jezt etwas ſinnloſes und verächtliches. Nein, lieber wollte ich thätigen Dienſt nachſuchen, die Lauf⸗ bahn des Krieges, deren glorreiche Begeiſterung zu koſten ich mich einſt geſehnt hatte— jezt wünſchte ich ſie wieder, um ihre unaufhörliche Bewegung und Anſtrengung zu genießen.— Bei dem Ueberdenken alles deſſen, was ich ſeit mei⸗ ner Ankunft in Irland geſehen und erlebt hatte — ſeiner wechſelreichen Auftritte der Luſt und des Leidens,— ſeiner ſorgloſen Fröhlichkeiten, ſeiner wilderen Verzweiflung, glaubte ich eine viel tiefere Einſicht in mein eigenes Herz in dem Verhältniß erlangt zu haben, als ich in die Her⸗ zen Anderer blickte. Dieſer iſt ein gar nicht ſel⸗ tener Irrthum. Die ausgebreitete Seite menſch⸗ licher Natur, welche ich betrachtete, hatte mir die Leidenſchaften und Gefühle anderer Menſchen klar vorgelegt, während mein eigenes Herz dun⸗ kel eingeſchachtelt und unbeſucht in mir weilte. Jezt noch nicht zwanzig Jahre alt, glaubte ich, das Leben habe nichts mehr, um mich mit ihm zu verknüpfen. Mein Loos war beſiegelt, mein Schickſal entſchieden— ich hatte keine Hofnung, keine Sorge mehr. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, verfolgte ich den Pfad zur Landſtraße, die wir endlich er⸗ reichten, wo ſie ſtaubig und verödet, Meilen⸗ weit an der Seite eines kahlen, unfrucht⸗ baren Berges hinzog.— Kein Haus war zu ſehn, kein Reiſender, kaum die Radſpur einer vorbeigekommenen Fährte. Nach einer halben Stunde vernahm ich Pferdegetrappel und Rollen verkündete die Ankunft eines Fuhrwerkes.— Eine groſſe Staubwolke zeigte ſich in der Ferne, ich ſezte mich zur Seite des Weges, um ihre Ankunft abzuwarten, der Burſche mit meinem Gepäck neben mir herzlich erfreut durch einige Raſt. Ich verſank wieder in meine Gedanken, plözlich erweckte mich das Springen von Pferden neben mir, der Poſtillon rief mir ziemlich gebie⸗ tend zu: „Hängt den Strang feſt, wenn Ihr nicht ſchlaft.“ Ob mein ſtaunender Blick über dieſe Anfor⸗ derung oder mein Zögern die Urſache war, weiß ich nicht, aber er fluchte und ich erwiederte in gar nicht beſänftigendem Tone. „Bei Gott! ſo ſind die ſchäbig⸗gentilen im⸗ mer,“ ſagte er, ſprang ab und that ſelber, was er von mir verlangt hatte. Ich beſchaute den Wagen, eine große, ſchöne Birutſche, mit allem Reiſezubehör bepackt; ein finſterer, träger Diener nickte ſchläfrig auf dem Bocke, eine wohlgekleidete 8*¾ Zofe ſaß im Hinterſize leſend. Im Innern er⸗ blickte ich die Geſtalt einer Dame, deren pracht⸗ voller Anzug wenig zu der öden Reiſeſtraße und und den dünn verſtreuten Einwohnern der Gegend ſtimmte. Plözlich ſah ſte mich und rief meinen Namen, bevor ich ſie noch als Madame Rooney erkannte.„Halt!“ rief ſie, ſtreckte ihre mit Ju⸗ weelen bedeckte Hand aus.„Michael, ſteigt ab. Welch ein Wunder, Sie hier zu treffen, Captain.“ Ich ſtammelte einige Erläuterung von Richt⸗ weg über den Berg, um die Poſtkutſche zu er⸗ reichen und von meinem Wunſche nach Ennis zu kommen; das unglückliche Ende unſerer Vertrau⸗ lichkeit und meiner Mutter unverſchämter Brief ſchwebten mir immer vor, machten mich ver⸗ wirrt und befangen. Aber Madame Rooney theilte ſolche Gefühle ganz offenbar nicht; bewill⸗ kommte mich mit gewohnter Herzlichkeit, ſchüttelte meine Hand mit einer Wärme, welche bewies, ſie habe die ganze Angelegenheit, wenn auch nicht vergeſſen, doch verziehen. Als ich mich zu ihr ſezte und Michael mein Gepäck hinten auf dem Wagen befeſtigte, ſagte ſie:„alſo nach Ennis wollen Sie— wie glück⸗ lich! ich gehe eben dahin. Paul hat Geſchäfte mit dem Oberrichter— zwei Mordfälle und eine gewaltſame Entführung— und ich habe ver⸗ — 173— ſprochen ihn bei meiner Rückkehr von Miltown abzuholen, wo ich einige Wochen zubrachte. Dann kehren wir zu unſerm kleinen Plaze bei Bray zurück, wohin Sie, wie ich hoffe, kommen und einige Wochen mit uns verbringen werden.“ „Ich fürchte, dieſes große Vergnügen muß ich mir verſagen, denn ſchon blieb ich über Ur⸗ laub und habe unglücklicherweiſe Seiner Excellenz Unzufriedenheit mir zugezogen;— wenn nicht,“ hier ſenkte ich meine Stimme und blickte ſchüch⸗ tern die Dame an—„jemand von Einfluß bei Seiner Gnaden ſich für mich verwendet, beſorge ich, werde ich mich in übler Lage finden.“ Madame Paul erröthete, wandte den Kopf ab, drückte ſanft meine Hand und murmelte— „Trauern Sie deshalb nicht— es wird nichts bedeuten.“ Kaum vermogte ich mein Lächeln über den Erfolg meiner abſichtlichen Schmeichelei zu unter⸗ drücken, als ſie, um dem Geſpräche andere Wen⸗ dung zu geben, ſagte: „Nun wir hörten von alle Ihrem Treiben— Ihrem Thurm⸗Rennen und Ihrem Duel, Ihrer Wunde und von alle dem— aber was ward ſpäter aus Ihnen?“ „Ach!“ ſagte ich zögernd, ich war glücklich genug, eine höchſt angenehme Bekanntſchaft zu — 174— machen,— mit Vater Tom Loftus habe ich einige Wochen an der Meerküſte verbracht.—“ „Vater Tom!“ ſagte Madame Rooney la⸗ chend,„das vergnüglichſte Geſchöpf in Irland. Seines Gleichen giebt's nicht. Sang er Ihnen des„Prieſters Abendeſſen?“ Bei dieſen Worten erröthete ſte, als ſey ſie durch des Augenblickes Aufregung hingeriſſen, von nicht ganz angemeſſe⸗ nen Dingen zu ſprechen, dann richtete ſie ſich empor, und ſagte in ſehr abgemeſſenem Tone: „Sie wiſſen, Captain, man trifft in dieſer Welt mit ſonderbaren Leuten zuſammen.“ „Gewiß, Madame Nooney,“ ſagte ich auf⸗ munternd,„und für Sie, die im Stande ſind, einen Karakter zu würdigen, iſt Vater Loftus fürwahr ein Juweel.“ Sie lächelte mir ihre Zuſtimmung und wech⸗ ſelte das Geſpräch wieder mit der Frage:„Sie trafen die Bellews, wie ich vermuthe, als Sie im Weſten waren?“. „Ja,“ ſtammelte ich,„oft ſah ich Sir Si⸗ mon in dem Lande.“. „Ach! der arme Mann,“ ſprach ſie mit wahrhafter Theilnahme,„welch ein unglückliches Loos hatte er zu tragen.“ In der Vermuthung, ſie ſpreche von ſeinen Vermögensverwicklungen, von den Schwierigkei⸗ — 175— ten, welche Geldſachen ihm veranlaßten, mur⸗ melte ich mein Zugeſtändniß. Sie fuhr fort: „aber ich vermuthe, Sie haben die ganze Ge⸗ ſchichte gehört— obwohl das unſelige Ereigniß ſtattfand, als Sie noch Kind waren.“ „Ich weiß nicht, wovon Sie reden,“ ſagte ich eifrig. Die Vermuthung durchzuckte mich, das Geheimniß von Sir Simon Bellew's Briefe werde mir endlich eröfnet werden. „Ach,“ ſprach ſie mit einem Seufzer— nich meine der armen Lady Bellew Angelegenheit— als die mit einem Dragoner⸗Major davon ging, — und gewiß war der ein zierlicher junger Mann, wie man ſagt. Paul war bei der Lei⸗ chenbeſtehtigung, und von ihm hörte ich, er ſei der ſchönſte junge Mann geweſen, den er je in ſeinem Leben geſehen hätte.“ „Starb er alſo plözlich?“ „Sir Simon erſchoß ihn im Duel, grade acht Tage nach der Entführung.“ „Und Sie?“ fragte ich. „Armes Weſen, ſie ſtarb im nemlichen Sommer an der Auszehrung, oder wie andere ſagen, am gebrochenen Herzen.“ „Das iſt in der That eine trübſelige Ge⸗ ſchichte,“ ſagte ich nachdenklich,„und nun wun⸗ 176— dert es mich nicht länger, daß der alte Mann ſo ſeyn ſollte, wie er iſt.“ „Nein, gewiß nicht; aber dennoch wurde er ſehr viel getadelt, weil er dieſen Jerningham niemals aus dem Hauſe ſchaffte.“ „Horaz Jerningham!“ rief ich aus, als kalte bange Schauder mich beſchlichen. „Ja, das war ſein Name. Er war der ehrenwerthe Horaz Jerningham, jüngerer Sohn einer ungemein hohen Engliſchen Familie; der ältere Bruder iſt ſeitdem geſtorben, und man ſagt, der Titel ſei erloſchen.“ Unnüz würde es für mich ſeyn, eine Be⸗ ſchreibung der Gefühle zu verſuchen, welche mein Herz bewegten— dieſer Horaz Jerningham war der Bruder meiner eigenen Mutter. Ich erinnerte mich, als Kind von einem furchtbaren Duel ge⸗ hört zu haben, die ganze Familie legte tiefe Trauer an, und meine Mutter erkrankte ſo ernſt⸗ lich, daß für ihr Leben gefürchtet wurde, daß aber Geſchick mich mit denen in vertrauliche Be⸗ ziehungen geführt haben ſollte, denen die ſchwere Beſchimpfung zugefügt war, und durch die mei⸗ nem Hauſe Tod und Trauer verhängt worden, war eine ſo trübſelige, überwältigende Beküm⸗ merniß, daß ich betäubt und ſprachlos da ſaß. Wie kam es nur, dachte ich, daß meine Mutter 4 — 177— den Namen des Gegners ihres Bruders gar nicht wieder erkannte, als ſie in ihrem Briefe von Miß Bellew zu mir redete. Bevor ich die⸗ ſen Zweifel in meinem Gemüthe erörterte, gab Madame Rooney deſſen Löſung; ſie ſagte: „Dies war der Beginn aller ſeiner Unglücks⸗ fälle. Die Freunde des armen jungen Mannes waren Perſonen von hohem Einfluſſe, ſie ſez⸗ ten alles in Bewegung, um Sir Simon's Ver⸗ derben, oder wie er damals war, Herr Simon Barringtons Untergang zu bewirken. Zulezt gelang es ihnen, ihn zu ächten, und erſt in dem Jahre, in welchem er zu ſeinem Titel und Grund⸗ beſtz kam, ward die Acht aufgehoben, und er wurde wieder fähig, nach Irland zurückzukehren. Sie aber hatten ihre Rache erlangt, wenn ſie dieſe wünſchten, denn halb durch Sorgloſtgkeit und durch ſchlechte Geſellſchaft ward er im Aus⸗ lande Spieler, machte ungeheure Schulden, und kam zu ſeinem Vermögen, wenig beſſer als Bett⸗ ler. Seit der Zeit hat die Welt wenig von ihm geſehn, und gewiß ſchuldet er ihr geringe Be⸗ günſtigung. Unter Paul's Leitung beſſert ſich das Beſizthum jezt raſch; doch dies achtet der alte Mann wenig, und ich glaube, alles was er wünſcht, iſt Geſundheit genug um nach dem Feſtlande ð xs — 178— überzureiſen, ſeine Tochter dort in einem Kloſter unterzubringen, bevor er ſtirbt.“ Wenig ahnte ſie, wie tief jegliches ihrer Worte in mein Herz ſank. Jede Anführung aus der Vergangenheit warf ihren Schatten über alle meine Zukunft, unvermeidlich ſchien jezt das voll⸗ kommenſte Scheitern meiner Hofnungen. Wäh⸗ rend ich über dieſe trübſeligen Gedanken grübelte, ſechwieg Madame Rooney durchaus, ſte war er⸗ ſichtlich von dem Gegenſtande ſchmerzlich ergrif⸗ fen. Zulezt ſchien ſie die ganze Angelegenheit in ihrem Gemüthe geordnet zu haben, wendete ſich vertraulich zu mir, preßte ihre Hand auf meinen Arm, und ſagte im ſittenlehrenden Tone, ganz verſchieden von dem, in welchem ſie ihre Gefühle ausgeſprochen hatte:„Das iſt es, was immer daraus folgt, wenn ein zärtlicher, munterer Lothario in der Familie zugelaſſen wird.“ Mit ihrer gewohnten Sprachreinigkeit machte Sie den Lothario zum Lutheriano, und bei der gan⸗ zen Betrübniß meines Herzens vermogte ich doch kaum, den Ausbruch meines Gelächters zu un⸗ terdrücken. Später ſprachen wir von andern Gegenſtänden, bis wir uns Ennis näherten. Un⸗ geachtet meines Wunſches, ſo raſch als möglich weiter zu kommen, fand ich doch unmöglich, die Einladung abzulehnen, an dem Tage mit Rooney's — 179— zu ſpeiſen, die im erſten Gaſthofe des Städtchens eine kleine gewählte Geſellſchaft bewirthen woll⸗ ten. Es war dunkel, als wir ankamen; in den engen, unbeleuchteten Straßen ſah ich nur Ge⸗ dränge von Landleuten, zwiſchen denen hin und wieder Rechtsgelehrte im lautern Tone ſprachen, vor dem Gerichtshauſe ſtand des Oberrichters Wagen, mit einer Ehrenwache der Land⸗Yeo⸗ manrie, deren unmilitäriſches Ausſehen und drollige Ausrüſtung das Lachen erregte. Unſere Poſtillone, die ſich den ſchlanken Trab für die Stadt aufgeſpart hatten, klatſchten und ſpornten aus allen Kräften; als wir durch die gedrängte Straße rollten, entſtand das ſonderbare Gerücht, wir überbrächten Begnadigung, und mit herzli⸗ chen Freudenruf begleitete uns der Pöbel zum Gaſthofe;— Madame Paul, welche dieſe Ar⸗ tigkeit nur ihren eigenen Reizen und Verdienſten zuſchreiben konnte, lächelte höchſt leutſelig, dankte mit der Hand und gab unbeſchränkte Weiſung für Biervertheilung, welche Freundlichkeit ſie noch volksbeliebter machte.— Im Ausſteigen ſagte ſie zu mir, mitleidig lächelnd:„Ach Cap⸗ tain, die Leute hängen ſo ſehr an der Ariſto⸗ kratie.“ Nachdem ich mich gekleidet hatte, fand ich, — 180— eine Stunde könne noch bis zum Mittiagseſſen vergehen, deshalb nahm ich meinen Hut und ſchlenderte in die Stadt. Die Straßen waren gedrängt voller Menſchen. Landleute ſtanden in zahlreichen Haufen zuſammen, ſprachen in ihrem Volksdialekte mit ſo heftigen Geberden, ſo leiden⸗ ſchaftlichem Weſen, daß unerfahrene Zuſchauer hätten annehmen mögen, ſie führen wirklich Streit. Zuweilen zog ein Ausdruck von Milde, eine Art unterdrückten Gemurmels vom Gerichts⸗ hauſe aller Augen in die Richtung, dann ver⸗ ſtummten alle Stimmen, Niemand rührte ſich. Offenbar mußte eine ganz ungemein anziehende Sache verhandelt werden, auf mein Befragen hörte ich, es ſey eine Mordanklage, in der ſechs Männer betheiligt wären. Zudem vernahm ich noch, der einzige gegen ſie auftretende Zeuge ge⸗ höre zu ihrer eigenen Parthey, ſey nach dem Ausdrucke der Advokaten Angeber geworden. Sehr wohl wußte ich, kein anderer Umſtand als dieſer ſey ſo ganz darauf berechnet, das beſte wie das ſchlimmſte im Iriſchen Karakter hervorzurufen, und meinte, im Durchwandern des Gedränges, die verſchiedenen Regungen in den Geſichtszügen leſen zu können. Hier lehnte ein alter grauköpfi⸗ ger Mann auf ſeinem Stabe, ſeine glanzloſen Augen ſtierten verwundert einen Menſchen an, — 181— der einen Theil der Gerichtsverhandlung erzählte — ſein Geſicht zeigte Eifer, ſeine Hände zitternde Erwartung; aber ich fühlte auch, ich könne ſeines Herzens tiefen Kummer leſen, als er der Blutthat zuhörte, und darüber ſtaunte, wie Men⸗ ſchen die Erhaltung eines Lebens auf das Spiel ſezen könnten, welches er ſelber vielleicht in we⸗ nigen Tagen aufgeben mußte. Neben ihm ſtand ein hoher, kraftvoll gebauter Landmann, mit tief niedergedrücktem Hute, unter deſſen Schatten ſeine Augen dunkel leuchtend mit faſt wildem Ausdrucke hervorblizten; ſein Angeſicht, durch Jahreszeit und Mühen gewettert, war hager und eingefallen, ſeine feſt zuſammen gebiſſenen Lippen und ſein gepreßter Mund zeigten den entſchloſſe⸗ nen Vorſaz eines Mannes, der nur allein den Einflüſterungen des Rachegeiſtes Gehör geben und entſchieden Blut um Blut haben wollte. Viele Andere zeigten durch die Leidenſchaftlichkeit ihrer Stimmen und die Heftigkeit ihrer Geber⸗ den, daß ihr ganzes Mitgefühl für die Gefange⸗ nen in dem alles verſchlingenden Gefühle von Abſcheu gegen den Angeber untergegangen war; unter ſolchen Haufen waren die meiſten Frauen gemiſcht, deren blutunterlaufene Augen und ver⸗ zerrten Geſichtszüge ſie als wahre Dämone des Kampfes erſcheinen ließen. Doch den peinlich⸗ ſten Anblick gewährten die um jeden Haufen Sprechender geſammelten Kinder, die mit ſtierenden Augen und geſpannter Aufmerkſamkeit gierig jeg⸗ liches hingefallenes Wort einſogen, ſie verriethen kein Zeichen von der Kindheit glücklicher Sorg⸗ loſigkeit, noch von der jugendlichen Leichtherzig⸗ keit, die keinen dauernden Kummer kennt. Ihre Züge zeigten vielmehr die Strengetiefer Leidenſchaf⸗ ten, in denen Furcht, Argwohn, Liſt, vor allem aber Durſt nach Rache zu leſen waren. Man ſah Menſchen, deren geballte Fäuſte und gerun⸗ zelten Stirnen ihrer Herzen ſchwarze Vorſäze ankündigten; Andere ſchleuderten im Ausbruche ihrer Wuth Verfluchungen auf ihn, der ſeine Gefährten verrathen hatte,— wilder, heftiger, faſt wahnſinniger Schmerz zeigte ſich— ſo wie ſtummes, ſprachloſes Leiden, doch keine Thräne gewahrte ich, nicht einmal auf den Wangen der Frauen und der Kinder. Nein, kein Thränen⸗ Thau hatte ihren dürren, verzehrenden Kum⸗ mer gefeuchtet. Gleich verheerendem Samum war der Rachegeiſt über ſie hingezogen, hatte alle grünende Milde des Lebens verſengt und verkohlt. Das Geſez, welches in andern Län⸗ dern als Schuz und Sicherung betrachter wird, erkannten ſie nur als ein Geräth der Tyrannei, verſtanden ſo wenig deſſen Geiſt, als ſie ſeinen — 183— Entſcheidungen vertrauten; wurden ſie von ſeinem Schlage getroffen, beugten ſie ihre Häupter in trauernder Unterwürfigkeit, um dieſe, ſobald die Gelegenheit ſich darböte, in wildem, ungebeugtem Troze wieder zu erheben. Seine öffentlichen Anklagen erſchienen ihnen plözlich und ſtrenge; den Lauf der Gerechtigkeit achteten ſie eigenwillig und launenhaft— die einzige Gewißheit, welche ſeine Wirkung ihnen zeigte, war die, daß ſtets der arme Mann ihr Opfer ſey. Wenig geeignet ſchienen die leidenſchaftli⸗ chen Grundzüge ihrer wilden Naturen für den langſam fortgeſezten Lauf geſezlicher Unterſuchung; alle Einzeltheile der Zeugenergebniſſe betrachte⸗ ten ſie als Zeichen rachſüchtiger Bosheit, mein⸗ ten, ſchlaue Liſt und Betrug ſeyen als Waffen gegen ſie gebraucht. Daher kam es, daß unter den hier verſammelten Tauſenden jedes Antliz die Spuren verhärteten, mürriſchen Leidens zeigte, welches ausſpricht, das Herz ſey mehr durch Verlangen nach Rache geſtählt, als erweicht, um über den Verurtheilten zu weinen. Vor dem Gerichtshauſe ſtand eine Abthei⸗ lung Soldaten unter Waffen, dieſer Men⸗ ſchen unbewegte Geſichtszüge und feſte Haltung bildete ſonderbaren Gegenſaz zu den aufgeregeen Ausdrücken und vielwechſelnden Geberden der — 184— Umſtehenden. Hier war das Volksgedränge am ſtärkſten, aus den eifervollen Blicken und ſtum⸗ men Geſichtsausdrücken konnte ich ſchließen, etwas ungewöhnliches feſſele ihre Aufmerkſamkeit; die meinige ward auf das Innere des Sizungsſaales gerichtet, denn durch das geöfnete Fenſter des Gerichtshauſes konnte ich des Redners Worte vernehmen, in welchem ich alsbald den Ver⸗ theidiger der Gefangenen erkannte, der zu den Geſchworenen ſprach. Mit einiger Mühe gelang es mir, zum Innern des Gerichtsho⸗ fes zu gelangen. Hier war das Gedränge ſo dicht, daß ich nur die Köpfe einer eng eingekeil⸗ ten Volksmaſſe ſehen konnte,— nur im entfern⸗ ten Theile des Saales erblickte ich die Richter, und zur rechten von ihnen die Geſtalt des Red⸗ ners, deſſen Rücken mir zugewandt war. So wenig von der Rede ich auch hörte, überwältigte mich dieſes Wenige doch mit Erſtaunen. Nur leicht berührte der Advokat das Zeugniß des „Angebers“, verbreitete ſich aber mit zermalmen⸗ der Gewalt über den entwürdigten Karakter eines Menſchen, der um das Blut ſeiner frühern Freunde und Genoſſen einen Handel abſchließen konnte; kaum hielt er ſich dabei auf die Wir⸗ kung ſeines Zeugniſſes auf die Gefangenen an⸗ zugeben, ſondern ging zu einem leidenſchaftlichen Aufrufe an die Herzen der Geſchworenen in Betref verrathener Treue und eidbrüchiger Ge⸗ lübde über; er ſchilderte den Mann, der ſeine Mitgenoſſen ſo dem Blutgerüſte zu übergeben vermögte, als ein Ungeheuer, deſſen Zeugniſſe kein Menſch vertrauen— kein Geſchworenen⸗ Gericht glaubhaft finden könne; als er ſeine Beſchreibung durch jegliche Färbung erhöhet hatte, die ſeine Beredtſamkeit ihm eingab, welche das Gebäude erklingen machte, wendete er ſich plöz— lich an den Angeber ſelber, der bleich, eingefal⸗ len, von Gewiſſensbiſſen durchzuckt unter dem blizenden Strahle eines Auges verſank, das ſei⸗ ner Seele Geheimſtes im Innern zu durchdrin⸗ gen ſchien, ſeinen Unwerth darſtellend leitete er jeglichen Blick auf den erbärmlichen Elenden, der unter ſeinen Stachelworten ſich krümmte. Dieſe ſchienen in der That des Redners Stärke. Nie⸗ mals höorte ich irgend etwas furchtbareres, als den Hohn, womit er die Glaubwürdigkeit be⸗ ſchrieb, welche einem Weſen gebühre, das ſo oft geſchworen und ſeine Eide gebrochen habe,— das ſeinem Könige den Eid der Unterthanen⸗ pflicht, ſeinen Mitgenoſſen den Eid der Treue ſchwor, und dann an dieſem Tage mit einem dritten da war, durch welchen er im Blute ſeiner Schlachtopfer ſeine Meineidigkeit gegen jene bei⸗ — 186— den vollziehen und ſich eine ehrenhafte Unabhän⸗ gigkeit ſichern wollte. Der äzende Spott ſtreifte einmal— nur ein einziges mal— an etwas, welches ein Lachen hervorbrachte, da brach der Redner plözlich ab, und ſagte: „Ich finde, mein Lord, daß ich ein Lächeln erregt habe. Gott weiß es! nie fühlte ich we⸗ niger Scherzluſt. Mag ich nicht verurtheilt wer⸗ den. Möge dieſes Lachen nicht unrichtig ausge⸗ gelegt ſein;— nur wenige ſolcher Ereigniſſe, die durch Thorheiten und Verbrechen hervorgebracht werden, welche die Herzen mit Entrüſtung ent⸗ flammen, enthalten nicht etwas, wodurch Geläch⸗ ter erregt werden muß. So war es als des Alterthumes beide berühmte Sittenlehrer des Le⸗ bens trauriges Schauſpiel betrachteten, daß der eine in Gelächter ausbrach, der andere in Thrä⸗ nen zerſchmolz. Beide von ihnen hatten Recht, völlig gleiches Recht. Aber ſolch Gelächter iſt bitteres, reuevolles Lachen rechtſchaffener Entrü⸗ ſtung, oder aber Gelächter hektiſcher Schwer⸗ muth und Verzweiflung.— Doch ſchauen Sie dort hin, und ſagen Sie mir, wo blieb Ihr Lachen nun?“ Mit dieſen Worten wendete er ſich völlig herum und zeigte mit dem Finger auf das Git⸗ — 187— ter, wo die ſechs Gefangenen Seite an Seite ihre eingefallenen, todtenbleichen Antlize auf die Brüſtung lehnten und mit dumpfer Verwunder⸗ ung den Auftritt vor ihnen betrachteten. Viere von ihnen kannten nicht einmal die Sprache, ſchienen aber durch die Einwirkung ihrer Lage die Natur des Aufrufes zu empfinden, den ihr Vertheidiger erhob, und blickten im Gerichtshofe umher, als ſuchten ſie nach einem Blicke des Mitleids oder der Ermuthigung, der ihren Her⸗ zen Troſt gewähren ſolle. Der ganze Hergang war zu gräßlich, um ihn länger ertragen zu kön⸗ nen, ich bahnte mir den Weg durch das Ge⸗ dränge, und erreichte endlich die Treppenſtufen an des Gebäudes Vorderſeite. Hier aber zeigte ſich ein neuer Schreckensgegenſtand, einer, den ich bis zu dieſer Stunde nicht aus meinem Ge⸗ müthe verbannen konnte. In dem ofnen Raume zwiſchen dem Gebäude und der aufgeſtellten Sol⸗ daten⸗Abtheilung kniete eine Frau, deren zer⸗ lumptes Gewand kaum die faſt zum Verhun⸗ gertſeyn abgemergelte Geſtalt bedeckte,— ihre von Mangel blau gewordenen Wangen waren nach innen gezwängt,— ihre Hände, die ſie mit ausgeſtreckten Armen gefaltet vor ſich hielt, glichen den häutigen Klauen eines wilden Thie⸗ res. Sie ſprach nicht, rührte ſich nicht, deshalb — 188— geſchah nichts, um ſie fortzuſchaffen, hier kniete ſie, ihre blutunterlaufenen, ſtierenden Augen auf die Thür des Gebäudes geheftet. Mich ergriff ein unbeſtimmtes Gefühl des Erbangens; irgendwo hatte ich dieſes Antliz ſchon geſehen, ich trat näher und erkannte mit kaltem Schau⸗ dern in ihr die Frau des Mannes, an deſſen Bette ich die Nacht im Gebirge wachte. Ich fürchtete, halb auch von ihr wieder erkannt zu werden, und hielt mich etwas zurück,— doch bald erfüllte mich das beſſere Gefühl, ich möge vielleicht fähig ſeyn, ihr zu helfen, ſo trat ich zu ihr; obwohl ſie ihre Blicke mir zurichtete, als ich näher kam, zeigten dieſe doch keine Verſtän⸗ digung— deutlich gewahrte ich, ihre Vernunft ſey gewichen, habe nur die jämmerlich leidende Geſtalt zurückgelaſſen. Vergebens ſuchte ich ihre Aufmerkſamkeit zu beleben, verſuchte zulezt durch ſanfte Gewalt ſie von dieſem Orte fortzubringen, doch ein durchdringender Schrei, gleich denen, die lange in meiner Herzenserinnerung weilten, ent⸗ fuhr ihr mit einem Ausſehen ſo unausſprechlicher Angſt, daß ich genöthigt war, mein Bemühen aufzugeben und ſie zu verlaſſen. Das Volkgedränge machte mir zum Hinaus⸗ gehen Plaz, in der Leute Blicken und Beneh⸗ men konnte ich den Ausdruck dankender Aner⸗* — 189— kennung für dieſen von mir dargethanen Gefühls⸗ beweis erkennen— einige murmelten, als ich ihnen vorbeiging:„Gott lohn's Euch! Der Herr ſei Euch gütig!“ als hätten ſie in dem Augen⸗ blicke nichts im Herzen, als Gedanken der Freundlichkeit und ſegnender Worte. Zu meinem Zimmer zurückgekommen, ſaß ich jedenfalls als betrübterer Mann nieder, ob auch als weiſerer, iſt zu bezweifeln. Ein durchſchau⸗ enderer Geiſt als der meinige würde erfordert, um alle den wechſelnden und widerſtrebenden Karakterzügen nachzuſpüren, die ich bis zu ihrer eigentlichen Quelle mit angeſehen hatte, um das Böſe vom Guten zu ſondern, zu wiſſen, was zu pflegen, was zu unterdrücken, worauf Hof⸗ nung zu bauen, oder was zu befürchten ſeyn mögte. So war dieſes Land ehemals!— iſt es ſeitdem etwa geändert?— Gegen neun Uhr waren die Geſchworenen abgetreten, um ihren Ausſpruch zu faſſen, die zu Madame Rooney's Gaſtfreundſchaft eingela⸗ denen Herren erſchienen; die Etikette der Umreiſe verbot dem Anwalt die Würdenträger des Stan⸗ des zu bewirthen, und Paul war an ſeinem eigenen Tiſche nur geduldet, ſuchte den verbor⸗ genſten Plaz unter den jungen Rechtsgelehrten. — 190ñ— Sah man dieſes muntere Lachen, ſcherzende Ge⸗ dränge liſtiger, geſcheut ausſehender Männer, die hier mit einander plauderten, ſo konnte man ſich kaum denken, daß ſie vor wenigen Augenblicken noch in einer Angelegenheit beſchäftigt waren, bei der das Leben von ſechſen ihrer Mitmenſchen in Gefahr ſchwebte, die noch jezt in Berathung ſtand und vielleicht mit Verurtheilung zum Tode enden konnte. Ich geſtehe, daß bei dem An⸗ blick dieſer Männer ich den Eindruck nicht zu überwinden vermogte, daß die vermiethete und bezahlte Leidenſchaft eines Advokaten, die beſon⸗ ders in Anſpruch genommene Spizfindigkeit, der beſtellte Wiz, der heftige Andrang entrüſteter Beredtſamkeit, die von einer Stadt zur andern auf der Umreiſe wohl verkorkt mitgeführt wird, aber doch, wie Soda⸗Waſſer— mit jedem Aufkorken an Kraft verliert— nur ein ärmliches Ganzes der Eigenſchaften einer Klaſſe bilden, welche vorzugsweiſe an der Spize des Amtlebens ſteht. Einer war unter ihnen, deſſen eingefallene Augen und gebleichten Wangen kein Anzeichen verriethen, als hätte er den Schauplaz vergeſſen, auf dem er ſo eben Mitwirkender geweſen. Die⸗ ſer war des Angeklagten Vertheidiger. In einem Fenſter ſaß er, ruhete den Kopf auf ſeiner Hand; * Ermüdung, Erſchöpfung, doch mehr als dieſes innerſtes Gefühl bezeichnete jeglicher Zug ſeines bleichen Antlizes. Vertraulich klopfte ihn der luſtige, fröhlich ausſehende General⸗Advokat auf die Schulter und ſagte:„ach, mein lieber Freund, ich hoffe, Sie ſind nicht ermüdet; der Hof war furchtbar heiß, aber kommen Sie, ermannen Sie ſich, wir werden Sie nöthig haben. Bennet und O'Grady haben uns im Stiche gelaſſen, wie es ſcheint, aber Sie ſind ganz allein ein Heer.“ „Mag ſeyn,“ erwiederte der andere ange⸗ griffen, und kaum die Augen aufſchlagend;„aber auf meine Erhebung können Sie nicht rechnen.“ Die leichte, treffende Erwiederung ſowohl, als der Stimme Ton fielen mir auf, ich gewahrte nun er ſey kein anderer als der Prior der Mönche von der Schraube. In dieſem Augenblicke er⸗ ſehien Madame Rooney, und durch die Ankündi⸗ gung der Mahlzeit ward meine Aufmerkſamkeit von ihm abgezogen. Einer der Richter, ein jun⸗ ger, erſt vor kurzem beförderter, ſchöner Mann, führte Madame Rooney zu Tiſche. Eine Geſell⸗ ſchaft von Rechtsgelehrten bietet eine Art ſchau⸗ ſtellenden Fechterſpieles dar, welches wirklich un⸗ terhaltend iſt. Keiner von ihnen ſpricht ohne 4 — 192— das Vorausbewußtſeyn, er werde, wie ſich die Gelegenheit darbiete, angegriffen, mit Scherzen verfolgt oder verſpottet werden. Deshalb iſt die ganze Unterhaltung ein Hagelſturm kurzer Ge⸗ ſchichten, Stichelreden, und Erwiederungen, ver⸗ miſcht mit Auseinanderſezungen erfolgreicher Schranken⸗Liſten und den Geſchworenen zu⸗ gerichteten thatſächlichen Scherzen. Ein kräftiges amtliches Gefühl der Achtung vor den ältern Rechtsgelehrten verbindet ſich mit ſehr viel Takt und Weltkenntniß. Mich ſezte Madame Roo⸗ ney's vollſtändigſte Bekanntſchaft mit allen Rechts⸗ ſcherzen und Prozeß⸗Erluſtigungen in Ver⸗ wunderung. Sie kannte die Haupteigenthümlich⸗ keiten jeder angezogenen Perſon, lachte laut und lange über die vorgebrachten guten Dinge.— Während ſie meine Aufmerkſamkeit durch irgend einen Umſtand beſchäftigte, der ſich auf unſere frühere Vertraulichkeit bezog, brach ein herzliches Gelächter am Ende der Tafel aus, und verkün⸗ dete, daß etwas höchſt abgeſchmacktes geſagt ſeyn müſſe. Ein pfiffig ausſehender, magerer, alter Geſelle mit einer Brille ſagte:„Ja, mein Herr, wir kapitulirten auf die Bedingung, die Garniſon ſolle mit allen Kriegerehren ausziehen; und für⸗ wahr, der Sheriff war gar zu froh dies zuzu⸗ geſtehn.“ — 193— „Bob Mahon iſt ganz gewiß ein küͤhner Ge⸗ fell,“ ſagte ein anderer,„und niemals in großer Verlegenheit, was ihm auch geſchehen mag.“ „Bob Mahon?“ fragte ich—„was iſt's mit ihm?“ „Keatley hat uns ſo eben erzählt, wie er das Gefängniß von Ennis vier Wochen hindurch gegen den Sheriff behauptete. Der Schließer war ein alter Landpächter von ihm, und beför⸗ derte bereitwillig ſeine Pläne. Sie waren für eine lange Belagerung mit Lebensmitteln verſe⸗ hen, und hatten nichts zu fürchten, weil der Ort ſtark war. Als die Beſazung aufgefordert wurde, ſich zu ergeben, ſchoß ſie dem Unterſheriff eine Ladung No. 4. in den Leib, welche dieſen hinter den Nachtrab ſchickte; und als nun alle Gefan⸗ gene von den Aſſiſen herkamen, waren ſie ge⸗ zwungen, ihm ſeine eigenen Bedingungen zuzuge⸗ ſtehen, wenn er nur einwilligen wollte, das Ge⸗ fängniß zu räumen.— Alſo gaben ſie ihm zwölf geſezliche Friſtſtunden zur ungehinderten Flucht; und fort iſt er.“ Dieſe war in der That eine gar ſchnelle Verwirklichung von Vater Tom's Vorverkündigung, ich ſchloß mich der Munterkeit an, welche dieſe Erzählung anregte— gewiß um ſo bereitwilliger, Jack Hinton. Zweiter Band..9 — 194— als ich mit dem Haupthandelnden in genauer Bekanntſchaft ſtand. Noch dauerte das Gelächter über dieſe Ge⸗ ſchichte fort, als ein junger Advokat in das Zim⸗ mer kam und dem Vertheidiger der Gefangenen einige Worte in's Ohr fliſterte. Er lehnte in ſeinem Stuhle zurück und ſchob eifrig ſein Wein⸗ glas von ſich fort. „Was Collinſon,“ rief der General⸗Anwalt —„haben ſie ſich geeinigt?“ „Ja, Herr— der Ausſpruch iſt ſchuldig.“ „Ganz unfehlbar; die Zeugenausſage war zu beſtimmt, um Zweifel zu laſſen;“ ſagte er, und füllte ſein Glas. Ein ſcharfer Blick aus dem dunkeln Auge des Vertheidigers der andern Parthei war ſeine einzige Erwiederung, als er aufſtand und das Zimmer verließ. „Unſer Freund hat in dieſer Angelegenheit mehr als gewöhnliche Theilnahme dargethan,“ ſagte der General⸗Anwalt kaltblütg—„aber Hanlon's Zeugenausſage war nicht zu überwin⸗ den.“ Er ging nun zu einer vereinzelten Darle⸗ gung der Verhandlungen über, der Lärmen und das Durcheinanderwirren der Stimmen wurde im⸗ mer betäubender. Ich benuzte dieſe Veranlaſſung zu meiner Entfernung, ſuchte Madame Rooney, welche die Tafel früher ſchon verlaſſen hatte, im Empfangzimmer auf, nahm Abſchied von ihr, und war nach einer halben Stunde in der Poſt⸗ chaiſe auf meinem Wege nach Dublin. η * — 196— Wilfle⸗ Saxilel. Das Schloß fand ich leer und öde, die ver⸗ ſchloſſenen Fenſterladen und niedergelaſſenen Blen⸗ den verkündeten des Vicekönigs Abweſenheit, ich war des Gebäudes einziger Bewohner. Mein einſames Zimmer ward mir bald zur Laſt; eine Stunde mogte ich in trübſinnigem Gemüthszu⸗ ſtande umhergeſchlendert ſeyn, den meine eigenen Betrachtungen, ſo wie die mich umgebenden Ge⸗ genſtände verurſachten, als ich zufällig einen Of⸗ fizier antraf, mit dem ich einige Bekanntſchaft hatte, und der mir ſagte, der Hof habe an die⸗ ſem Morgen die Wohnung im Park verlaſſen, um ſich nach Kilkenny zu begeben, nur noch we⸗ nige Mitglieder des Haushaltes ſeyen zurück und würden in einigen Tagen nachfolgen. — 197— Schon ſeit mehren Tagen hatte ich den fe⸗ ſten Entſehluß gefaßt, in Irland nicht zu bleiben. Jegliches Band, was mich dieſem Lande ver⸗ knüpfte, war gebrochen. Ich fühlte nicht den Muth, neue Freundſchaften zu ſchließen, während die Wunden meiner frühern Bekanntſchaften ſo friſch noch waren und bluteten; ich ſehnte mich nach dem Wechſel einer thätigen Beſchäftigung auf anderm Schauplaze, damit mir die Zeit man⸗ geln möge, auf das Vergangene zurückzublicken und es zu bedenken. Entſchloſſen, mein Entlaſſungsgeſuch vom Stabe des Herzogs ohne alle fernere Zögerung einzureichen, begab ich mich ſogleich nach dem Park. Hier traf ich genau im rechten Augen⸗ blicke ein; die Wagen hielten am Eingange, war⸗ teten auf des Herzogs Privat⸗Sekretair und zwei Aide-de-Camps, welche ein eiliges Frühſtück vor der Abreiſe nahmen. Den einen dieſer lez⸗ ten kannte ich wenig, den andern gar nicht, da⸗ gegen war Moreton mein vertrauter Bekannter. So wie mein Name ausgeſprochen wurde, ſprang er von ſeinem Stuhle auf, tiefe Röthe überflog ſein Geſicht, als er mir zum Empfange entgegen trat:„Mein lieber Hinton, wie unglücklich. Weshalb waren Sie nicht geſtern hier? Nun iſt's zu ſpät.“ — 498— „Zu ſpät, wozu? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Mein lieber Freund,“ ſagte er, nahm mich unter den Arm, führte mich zum Fenſter und fuhr mit faſt fliſternder Stimme fort:—„ich meine, Sie hörten von mir, Seine Gnaden ſey über Ihre fortgeſezte Abweſenheit unwillig und er⸗ wartete mindeſtens, daß Sie geſchrieben haben mögten, um eine Verlängerung Ihres Urlaubs zu erbitten. Ich weiß nicht, wie es war, mir ſchien es aber, daß die Herzogin mit irgend ei⸗ ner wunderlichen Grille in ihrem Kopfe, in Be⸗ treff von Dingen, die ſie in London gehört hatte, aus England zurückkam. Auf jeden Fall bekam ich die Weiſung, an Sie zu ſchreiben.“ „Wohl, wohl,“ ſprach ich ungeduldig,— „ich errathe Alles. Meine Entlaſſung habe ich erhalten;— iſt das nicht das Ganze davon?“ — Er nickte zwei mal mit dem Kopfe, ohne zu ſprechen. Ganz kalt fuhr ich fort:„Dies kommt nur meinem eigenen Wunſche zuvor, wie Sie hieraus erſehen werden.“ Damit überreichte ich ſeinen Händen das von mir abgefaßte Schreiben, wodurch ich meine Entlaſſung nachſuchte, und fuhr fort:„ich bin in meinem Gemüthe völlig überzeugt, daß Seine Gnaden, deſſen Güte ge⸗ gen mich niemals Veränderung erlitt, nie daran gedacht haben würde, dieſen Schritt aus ſo un⸗ — 199— bedeutender Veranlaſſung, als meine Abweſenheit gab, zu thun. Nein, die Sache liegt tiefer. Zu jeder andern Zeit mögte ich gewiß gewünſcht ha⸗ ben, der Sache bis zu ihrer Urquelle nachzuſpü⸗ ren, jezt aber, wo ſie ſo vollkommen mit meinen eigenen Plänen einſtimmt, will ich mich ſchwei⸗ gend unterwerfen, weil es mich wenig bekümmert, in welcher Weiſe das Glück mich zu behandeln verſucht.“ „Sie wollen alſo kein weiteres Aufſehen von der Sache machen?“ „Das iſt mein Entſchluß,“ ſagte ich feſt. „In dieſem Falle kann ich Ihnen mittheilen,“ ſagte Moreton,„daß die Herzogin eine Geſchichte in London vernommen hatte, von einem Mäd⸗ chen, deſſen Verführung Sie erſtrebten und dem Sie wirklich aus dieſem Grunde nach dem We⸗ ſten von Irland gefolgt ſeyen. Nun, nun, neh⸗ men Sie die Sache nicht ſo auf. Beim Him⸗ mel! hören Sie mich zu Ende, lieber Freund!“ Aber ich vermogte nicht mehr zu hören, das auf⸗ wallende Blut hatte mein Gehirn erfüllt, mich betäubt und ſtumpfſinnig gemacht, einige Minu⸗ ten vergingen, bis ich genugſam wieder zur Be⸗ ſinnung gekommen war, um ihn aufzufordern, weiter zu ſprechen. „Ich hörte die Sache in ſo verwirrter * — 200— Weiſe,“ ſagte er,„daß es mir unmöglich wird Zuſammenhang in meine Erzählung zu brin⸗ gen. Doch das Gerücht ſagt:„Ihr Duel in Loughrea ſey nicht eigentlich durch das Thurm⸗ Rennen herbeigeführt, ſondern vielmehr durch ei⸗ nen Zank in Betref jenes Mädchens, mit deſſen Bruder oder Vetter, der Ihre Abſichten auf das⸗ ſelbe entdeckt habe, und von dem Sie ſich als vorläufige Maßregel zu befreien ſuchten. Nur ein Narr konnte ſolch einer Anführung Glauben ſchenken.“ „Kein anderer als ein Narr konnte ſie er⸗ ſinnen,“ ſagte ich, als meine Gedanken ſich ſo⸗ gleich auf Lord Dudley de Vere richteten. „Der Herzog ſprach indeſſen mit General Hinton—“ „Mit meinem Vater— und wie nahm der— 4 „O der benahm ſich wie er nur allein es thun konnte:„Halt mein Lord,“ ſagte er,„ich will Ihnen jede fernere Erläuterung dieſer Ange⸗ legenheit erſparen. Iſt ſie wahr, ſo iſt mein Sohn unwürdig, in Ihrem Stabe zu bleiben. Iſt ſie dagegen falſch, dann will ich ihm nicht erlauben, eine Anſtellung zu behalten, in der ſein Ruf angegriffen worden, ohne ihm Gelegenheit zu ſeiner Vertheidigung zu gewähren.“ Scharfe * — 201— Worte folgten, und das Ende davon war, daß wenn Sie vor dem heutigen Tage zurückkämen, Ihnen die Anſchuldigung bekannt gemacht und Gelegenheit zur Verantwortung ertheilt werden ſolle. Kämen Sie nicht, ſollte Ihre Entlaſſung vollzogen werden, und ein Anderer an Ihrer Stelle ernannt werden. Nachdem ich Ihnen nun er⸗ zählt habe, was wie ich empfinde Ihnen zu ſa⸗ gen eine Unbeſonnenheit von mir war, müſſen Sie mir verſprechen, mein lieber Hinton, keinen Schritt in der Sache zu thun. Die ganze Ver⸗ flechtung iſt Ihrer unwürdig; und Ihr Karakter bedarf keiner Vertheidigung durch Sie ſelber.“ „Ich argwöhne faſt, daß ich den Urheber kenne,“ ſprach ich mürriſch. „Nein, nein, das können Sie gewiß nicht. Es iſt eine Weibergeſchichte, eine Klatſcherei am Theetiſche; verlaſſen Sie ſich darauf. Und in jedem Falle zu erbärmlich, um ſich darum zu kümmern.“ 3 „Jedenfalls bin ich in dieſem Augenblicke zu gleichgültig, um andere Anſicht davon zu haben. Alſo leben Sie wohl, Moreton.“ „Es ſind einige Briefe vor wenigen Tagen für Sie eingegangen,— hier nehmen Sie— und nun leben Sie wohl;“ mit warmem Hände⸗ druck ſchieden wir. 9 †* — 202— Zu meiner Wohnung zurückgekommen machte ich augenblicklich Vorbereitungen zu meiner Ab⸗ reiſe, um noch an dieſem Abende auf dem Pa⸗ ketboote abzufahren. Dann nahm ich meine Briefe vor; von meinem Vater oder meiner Mut⸗ ter waren keine dabei; anziehend war mir ein Schreiben meiner Muhme Julie, in welchem von O'Grady die Rede war: „Lady Charlotte kam von des Herzogs Balle höchlich erfreut durch einen gewiſſen Dragoner⸗ Major zurück, der unter ſeinen andern treflichen Ei⸗ genſchaften ſich auch als Ihr Freund kund giebt. Dieſe ſchäzbare Perſon, Namens O'Grady hat vieles gethan, um Ihrer Lady Mutter Vorur⸗ theile in Betreff der Irländer zu verſcheuchen; die feſte Haltung ſeines Benehmens, der ruhige, anmaßungsloſe, wohlerzogene Ton ſeiner Unter⸗ haltung ſind durchaus Gegenſäze zu ihrer vor⸗ gefaßten Würdigung ſeiner Landsleute.. Er ſpei⸗ ſet zwei bis drei mal in der Woche mit uns, und weil er bald abſegeln ſoll, mag er die Blüthe ſeines Ruhmes glücklich bis zum Ende bewahren. Meine eigene Würdigung von ihm i*ſt etwas verſchieden: ich halte ihn für einen küh⸗ nen, ziemlich unverſchämten Mann, der ungeheuer hohe Meinung von ſich ſelber und geringe Ach⸗ tung vor Andern hat. Inzwiſchen beſizt er ein entzückendes altes Ding, ſeinen Diener Corny, den ich gar nicht müde werde, und höchlich vermiſſen muß, wenn er uns verläßt.— Aber Sie, Vetter, was iſt mit Ihnen vorgegangen, die Geheimniſſe von Udolpho ſind klare Dinge im Vergleiche mit Ihren Handlungen.— Man hört hier über Sie nur geheimnißvlle Winke, zweifelvolle Reden, mit liſtigen Blicken vorgetragen. Bin ich unbe⸗ ſcheiden, wenn ich Ihnen ſage, daß ich nicht glaube De Vere liebe Sie? Der Major dage⸗ gen liebt Sie ganz gewiß, und ſeine Gegenwart hat den Lordling verbannt, wofür ich ihm in Wahrheit zu Dank verpflichtet bin.“ Jezt erbrach ich einen Brief von O'Grady, der mir meldete, auf ſeiner Fahrt nach Canada ſey das Schiff auf der Höhe von Madeira durch eine nachgeſchickte Fregatte eingeholt, welche den Befehl zum Umkehren nach England überbrachte, um dort das zweite Bataillon des achtundzwan⸗ zigſten Regimentes einzunehmen und mit dieſem nach Liſſabon abzuſegeln. Groß war die Freude über dieſe veränderte Beſtimmung; das Regiment ſchiffte ſich unverzüglich ein, und die Fahrt nach der Halbinſel war erwünſcht; im erſten Gefechte mit den Franzoſen hatte O'Grady Gelegenheit ſich auszuzeichnen— oder wie er ſelber ſchrieb, ſich beinahe auszulöſchen, denn ein Schuß durch — 204— die Seite zerbrach ihm eine Rippe, und mehre andere geringere Beſchädigungen vermogten den Regimentsarzt ihn für ein undienſtfähiges Geräth in Seiner Majeſtät Heer zu erklären; die Folge davon war, ſchrieb er,„ich wurde mit dem Pfla⸗ ſter für eines Mannes Eitelkeit, obwohl nicht Pflaſter für meine Wunden— einer Depeſche für die Horſe⸗Guards und offiziellem Bericht über das Gefecht abgeſchickt.—“ „Ihr Vater fand mich vor einigen Abenden in einer Geſellſchaft bei dem Herzog von York, ſtellte mich Ihrer Mutter vor, die mich auf die zuvorkommendſte Weiſe empfing, eine Einladung zum Eſſen für den nächſten Tag folgte, und ſeit⸗ dem war ich faſt täglich in Ihrem Hauſe. Ihr Vater, mein lieber Jack, iſt ein glorreiches Vor⸗ bild, ein Soldat in jeglichem großen Zuge dieſes Karakters. Nie können Sie einen ſchöneren Ge⸗ genſtand für Ihre Nacheiferung gewinnen, und Ihr beſter Freund vermag Ihnen nicht mehr zu wünſchen, als daß Sie ihm gleichen. Lady Char⸗ lotte iſt die bezauberndſte Dame, welcher ich je⸗ mals begegnete, ihre Fähigkeiten ſind höchſter Art und ihr Vermoͤgen zu gefallen übertrifft al⸗ les, was ich mir jemals ſogar von Londoner Modewelt erträumte. Wie Sie ein ſolches Haus verlaſſen konnten, vermag ich kaum zu begreifen weil ich einigermaßen Ihren Geſchmack an Behaglichkeit und wohllüſtiger Behäbigkeit kenne; und dann Ihre Muhme, Lady Julia — Jack, Jack, welch ein verſchloſſener Geſell ſind Sie; und wie ungemein liebreizend iſt dieſe, ausgemacht giebt es hier ſogar keine, die ihr gleich käme. Kaum kenne ich ſie, denn ſie erkünſtelt gewiſſermaßen ein Hochfah⸗ ren gegen meinen Rock, würdigt nur ſelten den Rothröcken an Ihres Vaters Tafel die ge⸗ ringſte Beachtung. Ihre Güte gegen Corny, der die fünf lezten Wochen in Ihrem Hauſe aufgenommen war, kann ich nie vergeſſen, und er ſogar kann dem Anſcheine nach keine Beſchwerde über ſie herauf beſchwören; welch ein Zeugniß für ihre Güte.—“ „Ihr Vater verwendet ſich gütig für mich, und bevor die Woche zu Ende geht, mag ich wieder angeſtellt ſeyn.— Der Ge⸗ ſell De Vere war hier ungemein vertraut, als ich ankam, ſeitdem er mich geſehn, ſind ſeine Beſuche jedoch allmählich ſeltener ge⸗ worden und haben jezt faſt ganz aufgehört. Unter uns geſagt, ſcheint dies Lady Julia's Zuſtimmung nicht durchaus erworben zu haben, und ich denke, ſie mag mir einen Umſtand zugeſchrieben haben, bei welchem ich — 206— ganz gewiß nicht als thätige Urſache wirkte. So glücklich es mich machen mögte, den Bruch einer Vertraulichkeit zwiſchen ihr und einem ihrer ſelber als gewöhnlichen Be⸗ kannten ſo durchaus Unwürdigen— mit⸗ telbar herbeigeführt zu haben, will ich Sie doch bitten, Jack, wenn die Gelegenheit ſich darbietet, dieſe Sache in ihr rechtes Licht zu ſtellen, denn obwohl ich Lady Julia wahrſcheinlich nie wieder ſehen werde, würde es mich doch ſchmerzen, ihr einen ungünſti⸗ geren Eindruck, als ich verdiene, von mir zurückzulaſſen.“ Unten am Briefe war mit anderer Tinte hinzugeſezt: „Wir gehn heute Abend unter Segel, — Oporto iſt unſere Beſtimmung. Corny bleibt zurück und ich muß Sie bitten, bei ſeiner Ankunft in Dublin nach ihm zu ſehn. Lady Julia liebt de Vere, und Sie kennen ihn zu gut, um ſolch ein unſeliges Unheil zu erlauben. Ich finde, daß ich mich in Dinge miſche, welche zu berühren ich gar kein Recht habe, dieſes bleibt jedoch ganz zwiſchen Ihnen und mir. Gott ſegne Sie. Der Ihrige Phil O'Grady. — 207— Armer Phil, ſagte ich, als ich den Brief niederlegte; in ſeinem Herzen glaubt er ſich bei dem Allen noch unbetheiligt, ich aber ſehe ganz deutlich, er ſelber iſt in ſie verliebt. Ach— ich kann mir kein laſtenderes Unglück denken, für einen Mann ohne Vermögen, als unter diejeni⸗ gen zu gerathen, deren Ausſichten eine Verbin⸗ dung unmöglich machen, und ſeine Zärtlichkeit einem Gegenſtande zuzurichten, der durchaus über den Bereich ſeiner Annäherung ſteht. Manches ſtolze Herz iſt im Kampfe mit ſeinem eigenen Drange und der Furcht vor der Anſchuldigung zerriſſen, welche die Welt nur zu leicht mit Be⸗ nennung von„Glücks⸗Jäger“ ausſpricht; unter dieſer Furcht iſt mancher hochſtrebende Geiſt ge⸗ brochen, hat in ſeinem Buſen Gedanken erſiickt, welche ſein Leben zum ſegensreichen Traume geweckt haben mögten. Mein armer Freund! wie wenig wird ſie, die Ihren Frieden Ihnen raubte, an Ihren Kummer denken!— Leiſes Klopfen an meine Thüre erweckte mich aus meinem Grübeln. Ich öfnete und ward überraſcht, meinen alten Reiſegefährten Tip⸗ perary Joe wieder zu ſehn. Er war ſtaubbe⸗ deckt, erhizt und von der Reiſe angegriffen, lehnte raſtend gegen den Thürpfoſten. Als er einiger⸗ maßen wieder zu Athem gekommen war, rief er — 288— aus:„Alſo bin ich früh genug gekommen, um Sie noch ein Mal vor Ihrer Abreiſe zu ſehn. Den ganzen Weg von Carlow bin ich ſeit zwölf Uhr in der Nacht hergelaufen.“ „Kommen Sie herein, mein armer Mann, ſezen Sie ſich, hier iſt ein Glas Wein, das wird Sie erfriſchen;— gleich wollen wir etwas zum Eſſen für Sie beſorgen.“ „Nein, ich könnte jezt nicht eſſen.— Meine Kehle iſt voll und mein Herz drückt hier oben. — Und ſo reiſen Sie nun ab— reiſen wirklich und für immer, um niemals wiederzukommen?“ „Wer vermögte das zu ſagen, Joe? Mich wenigſtens würde es ſehr ſchmerzen, wenn ich das dächte.“ „Würd' es das? Und wollen Sie wirklich an Alt⸗Irland denken, wenn Sie fort ſind? Hurrah! bei dem Sterblichen, kein anderer Plaz kommt ihm gleich, in Schwang, Teufelei und Zerſtreuung. Aber, ach! ach, ich vergeſſe, es wird dunkel. Mag ich mit Ihnen zum Packetboot gehn?“ „Ganz gewiß, mein lieber Burſche, und ich glaube, wit haben nicht viele Minuten mehr zu erübrig iden Joe ging, um einen Karrn herbei zu holen, ich überſchaute das einfache Geräth meines llei⸗ — 209— nen Zimmers, wobei Andenken an vergangene Zeit ſich mir aufdrängten, an Hofnungen, deren Verwelken ich erleben mußee, Träumereien ſchöner Tage, die verſchwunden; tief im Herzen genährte Wünſche, die verhindert und vertrieben wurden. So ſtand ich mehre Minuten, bis Joe wieder⸗ kam, ſeine eigenwilligen, launenhaften Grillen, bald ernſthaft, bald ſcherzend, waren nur Verſpot⸗ tung des Mitgefühles, welches mein Herz ver⸗ langte.— Dennoch heilte er deſſen Trübſinn für den Augenblick. Wenn wir den Ort ver⸗ laſſen, an welchem wir einmal glücklich waren, ſo bedürfen wir wahrer Anhänglichkeit Stimme, Blicke und Ausdruck. Es taugt uns nicht, von den Gegenſtänden, die unſere Heimath bildeten, ohne die beziehende Anknüpfung menſchlicher Freundſchaft zu ſcheiden. Heerd, Dachſtuhl, Berg und Gießbach ſind nicht ſo beredt als das aus⸗ geſprochene„Lebewohl,“ komme es auch aus noch ſo demüthigem Munde. Die Geſchäftigkeit und Aufregung des Schau⸗ plazes bei dem Packetboot ſchien Joe die leben⸗ digſte Genugthuung zu gewähren, gleich dem Ge⸗ nius der Verwirrung ſah man ihn von einem Plaze zum andern hinfliegen, den einen helfen, den andern beſchwerlich hindern, während mit jeglichem Augenblicke Strophen ſeiner wilden Ge⸗ ſänge ihm enttönten. Ich hatte nur die Zeit ſeine Hand zu drücken, als er mit dem Volksge⸗ dränge eilig an's Land getrieben ward, einen Augenblick ſpäter ſtieß das Fahrzeug von der Hafenwehre ab und war unter Segel. Auf einem Granitblocke ſtand der arme Menſch, ſchwenkte die Kappe über ſeinem Kopfe. Er verſuchte ein ſchwaches Zujauchzen, doch kaum war es hörbar, noch eines, dies verfehlte er ganz. Wild blickte er umher auf die ihn umgebenden fremden, unbekannten Geſichter, als ſey ein Schau⸗ plaz der Troſtloſigkeit vor ihm erſtanden, brach in einen Strom von Thränen aus und entfloh in wilder Haſt von der Stelle.— So war mein Abſchied von Irland. In dieſem Abſchnitte meiner Erzählung bin ich mei⸗ nem Leſer und bin mir ſelber ſchuldig, für manche Anführung von Ereigniſſen, Orten und Menſchen um Nachſicht zu bitten, die in keiner andern Be⸗ ziehung zu meiner Geſchichte ſtehn, als mittelſt des Eindruckes, den ſie in meiner Jugend auf mich machten. Als ich nach Irland kam, kannte ich kaum irgend eine Sache in der Welt. Meine Ver⸗ hältniſſe hatten mir das Leben nur durch den ge⸗ färbten Anſtrich gewiſſer modehafter Vorurtheile gezeigt; dagegen war ich in vollſtändiger Unwiſ⸗ — 211— ſenheit über den wahren Karakter, die Beweg⸗ gründe, die gewohnten Handlungsweiſen und Denkanſichten Anderer, noch viel mehr aber über meine eigenen. Die raſch hintereinander folgen⸗ den Zufälle Iriſchen Lebens, deren Anziehung, Mannichfaltigkeit und Neuheit, feſſelten und ſpann⸗ ten mich; ohne mich jemals dabei aufzuhalten, über Urſachen nachzudenken, ward ich mit That⸗ ſachen bekannt. Daß die wechſelreichen Gemälde wirklichen Daſeyns ſo überſchwenglich im Lande verbreitet auf mich Eindruck machen mußten, war ganz natürlich, weil ich es leichter und ange⸗ nehmer fand, die Wirkung dieſer Wechſel auf meinen innern Zuſtand dem Leſer zu erzählen, als die Aenderung ſelber zu verkörpern, ſtellte ich ihm dieſe Bilder des Lebens unter ſo vielen ver⸗ ſchiedenen Umſtänden dar, auch wenn ſie häufig nicht in unmittelbarer Beziehung zum Verlaufe meines eigenen Geſchickes und zu der Geſchichte meines Ergehens ſtanden. Von mir ſelber iſt es genug, zu ſagen, daß ich obgleich der Zeit noch kaum gealtert war, dennoch an Nachdenken und Gefühlen zugenom⸗ men hatte. Empfand ich auf der einen Seite, wie wenige Geltung meine hohen Bekanntſchaf⸗ ten und die Stellung meiner Familie im Mode⸗ leben mir gewährten, ſo erlernte ich auf der — 212— andern aus den Umſtänden, daß Freunde, und zwar recht zuverläſſige Freunde mit einem Male in der Dringlichkeit des Augenblickes gewonnen werden konnten, ohne die verpflichtende Förmlich⸗ keit der Einführung und den diplomatiſchen Aus⸗ tauſch von Beſuchen.— Was ich dem Leſer nun weiter erzähle, ſteht in gerader unmittelbarer Verbindung mit meiner Geſchichte. QDoölfles SWapilel. Spät am Abend kam ich nach London und fuhr zu meines Vaters Wohnung. Das Haus war glänzend erleuchtet, viele Wagen hielten auf der Straße, und ich erfuhr, Lady Charlotte Hin⸗ ton gebe großen Ball. Dieſe war keine ange⸗ nehme Ueberraſchung für mich, der ich meine Fami⸗ lie, nach den mit mir vorgegangenen Veränderungen, lieber im Kreiſe traulicher Ruhe angetroffen hätte; mir blieb nur übrig, mich auf meinem Zimmer an⸗ zukleiden und die Geſellſchaftsſäle aufzuſuchen. Meine Mutter fand ich, wie immer, klagend und doch nur für Geſellſchaft lebend;— mein Vater be⸗ willkommte mich warm und herzlich, zog mich zu einem Boudoir, wo wir mindeſtens einige Zeit ungeſtört ſeyn würden, um von mir zu erfahren, — 214— wie es mir ergangen. Ich war genöthigt, ihm Aufſehluß über meinen Bruch mit de Vere und deſſen Benehmen gegen Miß Bellew zu geben; er hörte mich ſchweigend an und ſagte dann mit leiſer Stimme:„hier iſt entſtellende Angabe ge⸗ weſen.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſagt, als Lord Dudley de Vere mit meiner Muhme Lady Julia am Arme herzukam. Die ungezwungene Nach⸗ läſſigkeit ſeines Benehmens, der von ihm ange⸗ nommene Ton ruhiger Gleichgültigkeit waren mir völlig bekannt, aber durchaus war ich nicht vor⸗ bereitet auf den Blick unleidlicher, gönnerhafter Unverſchämtheit, den er ſich nun anmaßte. Meine Muhme, reizender als ich ſie je geſehen, entzog ihm meine Anfmerkſamkeit, mit dem Gefühle hal⸗ ben Stolzes und halber Bewunderung bezeigte ich ihr meine Ehrfurcht. Im vollendetſten Geſchmack der Mode gekleidet, zeigten ihre reizenden Züge den geſicherten, ruhigen Ausdruck, welchen das Bewußtſeyn von Schönheit ertheilt. Ihr Beneh⸗ men gegen mich war durchaus offen und herzlich; ſie entfernte de Vere mit der Entſchuldigung, ih⸗ ren Vetter ſo lange Zeit nicht geſehn zu haben. Nachläſſig verbeugte ſich der, murmelte etwas vom nächſten Walzer und ging weiter. O'Gra⸗ dy's Warnung in Betreff dieſes Mannes erfüll⸗ — 215— ten ſogleich mein Gemüth, und ſein ungezwunge⸗ nes Benehmen gegen ſie beunruhigte mich. Sie richtete viele Fragen an mich in Bezug auf meine Irländiſchen Erlebniſſe, die ihr ebenfalls in ent⸗ ſtelltem Lichte bekannt waren. Um von andern Dingen zu ſprechen, ſagte ich plözlich:„was den⸗ ken Sie von meinem Freunde O'Grady?“ Ohne die mindeſte Verlegenheit antwortete ſie mit der vollkommenſten Ruhe: „Anfangs beluſtigte er mich ſehr.— Er iſt höchſt ſonderbar— ganz unterſchieden von andern Leuten,— aber Lady Charlotte nahm ihn ſo ganz in Anſpruch, und wir hatten ihn hier ſo beſtän⸗ dig, daß ich ein wenig ſeiner müde ward. In⸗ zwiſchen hatte er warme Anhänglichkeit für Sie, und Sie wiſſen, das entſchädigte uns Alle recht viel.—“ De Vere erſchien, um ſie zum Walzer zu führen, auch mein Vater mengte ſich unter die dichtere Geſellſchaft, bald fühlte ich mich allein und fremd in meiner Heimath. Eine Art kalten Schauders erfaßte mich, ich entbehrte die Fülle von Wärme, die bereite Herzlichkeit, an die ich in Irland gewöhnt worden, und ſuchte, unzufrie⸗ den, bald mein Zimmer auf. Am andern Morgen ſah ich bei meinem Er⸗ wachen Corny Delany durch mein Zimmer wat⸗ — 216— ſcheln; ſeit zwei Monaten lebte er in meines Va⸗ ters Hauſe, ſchien mir fetter und rüſtiger gewor⸗ den, wiewohl ſein Antliz deſſen ſauren, biſſigen Ausdruck beharrlich bewahrt hatte. Auf meine Frage, ob er ſich hier behaglich fühle, antwortete er:„Behaglich! Das Leben in dieſem Plaze müßte die Dänen tödten, nichts als Glockenge⸗ klingel vom Morgen zum Abend; Kutſchen rollen wie der Wind vor die Thür, buff, buff geht der Klopfer, dann mehr Klingeln, um ſie wieder los⸗ zulaſſen, und Glocken für Frühſtück und für zwei⸗ tes Frühſtück und das Mittageſſen in der Halle, und dann der Anblick von vergeudeten Lebensmit⸗ teln; Fleiſch und Fiſche, Geflügel und Gemüſe ohne Ende. Uff! die Heiden, die Türken, eſſen und trinken, als gehörte ihnen die ganze Welt.“ Sein Urtheil über Dinge und Menſchen ent⸗ floß ihm ohne allen Zwang noch Rückhalt, weit⸗ läuftig beſprach er meiner Mutter Stolz und Ei⸗ telkeit; führte meines Vaters Haſt und Entſchloſ⸗ ſenheit an und verbreitete ſich alsdann über die Mängel meiner Muhme Julia, gegen die er zu meinem Erſtaunen nicht halb ſo nachſichtig war, als ich erwartet hatte:„Iſt ſie nicht ganz wie die andern Alle; liebelt einen Tag mit Captain Phil und den andern mit dem jungen Lord da, und dann lacht ſie über beide mit dem alten Herzog; — 212— der hier zum Eſſen kommt. Sie glaubt, ich beachte das nicht; aber hab ich etwa nicht ge⸗ ſehn, daß ſie mich auf'nem Stück Papier hin⸗ ſezte, machte'ne Zeichnung von mir, als wäre ich ein Vieh! Und's mögen noch ſchlimmere ſeyn, als ich, und einen von dieſen mag ſie noch bekommen! Uff! ich wollt', ich wäre zurück in Irland.“ „Auch ich habe manchen glücklichen Tag in Irland verlebt,“ ſagte ich. Unter ſtarkem Anfall von Huſten konnte ich Corny's Erwiederung nicht ganz verſtehn, nur ſo viel hörte ich:„Glückliche Tage fürwahr! ha⸗ ben ein anſtändig Leben da geführt! im Lande umhergezogen mit'nem Narren! Pferderennen und Fechten! Uff!—“ Mein Vater wünſchte mich in ſeinem Zim⸗ mer zu ſprechen; als ich eingetreten war, ver⸗ ſchloß er die Thüre und ſagte:„ich mögte hier mit Dir allein reden, Jack. Bei dem Herzog war ich heute Morgen; ganz kurze Erläuterung über⸗ zeugte ihn, daß Dein Benehmen in Irland völ⸗ lig vorwurfsfrei wäre; er ſchreibt mit der heuti⸗ gen Poſt an den Vicekönig, um dem die ganze Sache klar zu machen, und erbot ſich wirklich, Dich ſogleich wieder dort einzuſezen, was ich je⸗ doch ablehnte. Nun zu ernſteren Dingen, mein Jack Hinton. Zweiter Band. 10 — 2418— Junge, die ich Dir gern erſparte, aber ich kann nicht.“ Er lehnte ſeinen Kopf in beide Hände und ſaß eine Weile ſchweigend; als er aufblickte, war ſein Antliz bleich und kummervoll, der männ⸗ liche Karakter ſeiner Züge wie durch ſchwere Krankheit entſtelit.„Ich darf Dich nicht länger in Unwiſſenheit laſſen. Das Glück hat mich hart mitgenommen, ſeitdem wir uns trennten. Jack, ich bin Bettler!“ Ein krampfhaftes Röcheln folgte dieſen Wor⸗ ten, ſeine Augen ſtarrten, und hohe Röthe er⸗ glühete auf ſeinem Angeſichte, ich beſorgte einen ernſtlichen Zufall, doch in wenigen Minuten er⸗ langte er ſeine Ruhe wieder, und erklärte, freilich mit gebrochener Stimme, die Umſtände ſeines Glückswechſels. Viele Brittiſche Offiziere hohen Ranges hat⸗ ten ſich tief an einer Anleihe an das Spaniſche Gouvernement betheiligt, in dem Vertrauen, dieſe würde baldigſt zurückgezahlt werden. Die Wech⸗ ſelfälle des Kampfes auf der Halbinſel hatten dieſer Anleihe ganz den Karakter einer ſpielenden Berechnung ertheilt, deren Geſchicklichkeit im Vor⸗ erfaſſen der Ergebniſſe des Krieges beſtand, wel⸗ chen wir führten. Meines Vaters lebhafte Hof⸗ nungen vom endlichen Erfolge verleiteten ihn, ſich tief in thaͤtige Speculationen einzulaſſen, von — 219—. denen kein Rückziehen möglich war, wenn man ſich ihnen einmal hingegeben hatte. Tauſende folgten Tauſenden, um die bereits vorgeſtreckte Summe zu ſichern; zulezt durch die geſteigerten Geldan⸗ forderungen hart gedrängt, und im Vertrauen, daß der erſte Glücksumſchwung zur Rückzahlung führen werde, hatte er den größern Theil vom Vermögen meiner Muhme Julia gebraucht, deren Vormund er war, ſo daß dieſes anvertraute Geld ſich in ſeinen Händen befand. In etwa vier Monaten erreichte meine Muhme ihr achtzehntes Jahr, wurde mündig; ward dieſes Geld alsdann nicht zu ihrer Verfügung geſtellt, ſo folgte gänz⸗ licher Untergang mit dem ſchreckenden Schlage vernichteten Rufes und Anſehens. Eine Summe von zehn Tauſend Pfund war mir von meinem Großvater ausgeſezt, dieſe bot ich ſogleich zu ſeiner Verfügung an. „Ach, mein armer Jack! ich habe ſchon mehr als dreißigtauſend Pfund von Julia's Vermögen gebraucht! Nein Jack! viel habe ich darüber nachgedacht, es giebt nur einen Weg, um aus dieſer Schwierigkeit zu entkommen. Ich muß die Bons mit ungeheurem Verluſte verkaufen, das wird mich befähigen, Julia's Geld zu zahlen. Wir werden dadurch in einen Zuſtand gerathen, der kaum über dem des Mangels iſt, aber es 10* muß geſchehn. Ich werde ein entferntes Com⸗ mando nachſuchen, was mir nicht abgeſchlagen werden wird. Lady Charlotte muß nach Bath, oder zu einem andern ſtillen Orte gehn, was bei meiner Abweſenheit weniger auffallen wird. Ich weiß, daß, da Du nun Du einmal weißt, wie die Sachen ſtehen, mir keinen Grund zur Klage ge⸗ ben wirſt; der Herzog hat mir verſprochen, für Dich zu ſorgen. Jezt iſt mein Herz leichter, als ſeit mehren Monaten.“ Ich fürchtete nur für meine Mutter, die un⸗ ter dem Schlage ſicherlich verſinken würde; mein Vater meinte jedoch, es würde nicht nöthig ſeyn, ihr Alles aufzudecken, die Umſtände könnten ihr allmälig mit Schonung bekannt gemacht werden, und ihre Theilnahme für Gatten und Sohn werde ihre Gedanken in großem Maße von dem ge⸗ wohnten Gange des Modelebens abziehen, ſie häuslicher und heimiſcher machen. Ich ſtärkte meinen Muth und kräftigte mein Herz, weil ich wußte, mein Vater zähle auf mich, um ſeine eigene Stärke in dieſer Kriſis zu unter⸗ ſtüzen; ich hatte gelernt, weniger an ausſchwei⸗ fende Gewohnheiten und koſtſpieligen Vergnügun⸗ gen zu hängen, und ich ſehnte mich nach den Schlachtfeldern der Halbinſel, um meine Lorbee⸗ ren zu gewinnen. Auf den Horſe⸗Guards empfing ich meine Anſtellung im ſiebenundzwanzigſten Re⸗ gimente, von welchem eine Abtheilung ſogleich in Chatham an Bord gehen ſollte. Bei meiner Zurückkunft ſtand ein bepackter Reiſewagen vor der Thür. Der Doktor hatte meiner Mutter unverzüglich Luftveränderung an⸗ geordnet, ſie ging nach Haſtings; die Sache war von meinem Vater mit ihm abgeredet. Ich fand ſie in ihrem Zimmer mit Anordnungen zum Ein⸗ packen und einer Menge von Beſtellungen be⸗ ſchäftigt. Nach einer Weile kam Julia im Reiſe⸗ kleide, welche eben noch einen Beſuch von Lord de Vere erhalten hatte. Sie fragte, ob ich mit ihnen reiſe, worauf meine Mutter krankhaft er⸗ wiederte,„nein, er verläßt uns, wegen thörigter Anſicht von thätigem Dienſte.“ „Wirklich,“ ſagte Julia, ihre Farbe röthete und ihr Auge glänzte, als ſie mir näher trat und ſagte,„davon haben Sie mir nichts geſagt.“ „Erſt ſeit einer Stunde wußt' ich's ſelber,“ antwortete ich kalt,„und als ich es Ihnen mit⸗ theilen wollte, fand ich, Sie waren von einem Beſuche in Anſpruch genommen, Lord de Vere— wie ich meine.“ „Ach ja, ſehr wahr, er war hier,“ antwor⸗ tete ſie raſch, und als ſie gewahrte, daß meine Blicke auf ihr hafteten, wendete ſie ſich deutlich in Verwirrung ven mir ab. Daß meine Muhme Julie de Vere liebe, hatte O'Grady's Argwohn mir bereits angekün⸗ digt, das wenige, was ich ſeit meiner Rückkehr von ihr geſehn, beſtärkte nur dieſen Eindruck, und ſein eigenes zuverſichtliches Weſen, ſein völlig ent⸗ ſchiedener Ton beſtätigte meine ſchlimmſten Be⸗ fürchtungen. In meinem Herzen wußte ich, wie durchaus unwürdig er eines ſolchen Mädchens ſey; hatte er aber einmal ihre Zärtlichkeit gewon⸗ nen, dann kam mein Rathſchlag zu ſpät; zudem würden die ganz umgeänderten Verhältniſſe mei⸗ nes eigenen Glückes, welche bald bekannt werden mußten, mein Einmiſchen verdächtigen und folg⸗ lich werthlos machen; und wenn ich mich dazu entſcheiden wollte, welche Anführung vermogte ich gegen ihn zu erheben, die er nicht als unbedeu⸗ tenden Leichtſinn eines jungen Offiziers auslegen mögte, der mit andern umgeht, auf die er herab⸗ ſieht und ſie verachtet. Dieſe Betrachtungen muß⸗ ten mich vom wirklichen Einſchreiten abhalten. Mein Vater trat ein, um meiner Mutter Abreiſe zu beſchleunigen, weil der ſie begleitende Doktor früh am andern Morgen in London zu⸗ rück ſeyn müſſe. In der Vorhalle betrachtete meine Mutter eine Geſtalt, ſonderbarlich in gro⸗ — 223— ßem weißen Kappenmantel gewickelt, den Hut mit einem übergeknoteten Tuche unter dem Kinn feſt⸗ gebunden, und am Schwarzdorn⸗Stocke ein kleines Bündel befeſtigt. Julia lachte, und ſprach: „Corny geht als mein Leibwächter mit, er wird neben Thomas im Hinterſize fahren.“—„Welch' abſcheuliche Geſtalt,“ ſagte meine Mutter. Und mit teufliſchem Grinſen erwiederte Corny:„Zeit beſſert keinen von uns.“ Der Wagen rollte endlich fort. Ich fühlte mich in der allerunglücklichſten Stimmung; beinahe allein in der Welt— mein Vermögen verloren— unwiderruflich von der einen getrennt, die ich liebte, und von der ich mit Grund annehmen durfte, ſie erwiedere meine Zärtlichkeit. In der Heimath, wo ich zärtliche Anhänglichkeit erwarten ſollte, fand ich nur trübe Schwermuth und Unglück; meine Mutter war für alles Andere unempfindlich geworden, was nicht eingebildete Beziehung zu ihrem eigenen ge⸗ ſchwächten Geſundheitszuſtande verhieß, mein Va⸗ ter, ſonſt hochſinnig und freiherzig, war ſorgenvoll, niedergedrückt, gebrochen; meine Muhme, die Geſpielin meiner Jugend, halb Geliebte, halb Schweſter von mir, ſchenkte ihr Herz und ihre Neigung einem ihr ganz Unwürdigen. Alles war mir verloren, und dies zu einer Zeit, in welcher Has Herz zu ſchwach und zart iſt, um allein — 224— ſtandhaft zu ſeyn, wo es ſich an etwas feſt⸗ klammern muß, um nicht zu verſinken, nicht er⸗ niedrigt und getreten zu werden. Ich blickte zu⸗ rück auf mein vergangenes Leben, gedachte der glücklichen Stunden im wilden Weſten, wo ich mit ihr die tiefen Thäler, die haidebewachſenen Berge durchſtreifte, am Meeresſtrande mit ihr von ſchönen Jahren der Zukunft träumte, Hand in Hand mit ihr, liebend und geliebt, meine Tage verbrachte, und nun ſah ich vor mir die öde Welt, ohne Gegenſtand, den ich gewinnen, ohne Ziel, das ich erſtreben mogte.— Aus dieſen Träumereien weckte mich mein Vater, der mir die Hand auf die Schulter legte und ſagte: „Muth, Jack, ein Glück hätten wir bereits. Der Herzog hat mir den Befehl in Chatham gegeben; es ſcheint, ihn müſſe ein Wink in Betreff meiner geänderten Glücksumſtände zugekommen ſein, denn ohne mein Geſuch ließ er mich höchſt freundlich rufen und ertheilte mir meine Anſtellung. Du mußt morgen zu den Dienſt⸗Compagnien des ſiebenundzwanzigſten ſtoßen, ſie haben Befehl zur Einſchiffung, keine Zeit iſt zu verlieren; dem Herzog ſagte ich, daß troz Deines jungfräulichen Ausſehens, es Dir nicht an Herz fehlte, und Du mußt einen Adler erobern, Jack, um meiner Verſicherung Glaubwürdigkeit zu geben.“ Wiewohl dieſe wenigen Worte lachend ge⸗ ſprochen wurden, berührten ſie doch eine Saite meines Herzens, die lange verſtummt lag, er⸗ weckten ſogleich flammendes Verlangen nach Aus⸗ zeichnung, und ehrgeizigen Durſt nach Krieges⸗ Glorie. Am andern Abende bei Sonnenunter⸗ gang lichtete das Transportſchiff Anker, und wir liefen hinaus in das weite Meer; ſo lange ich noch die hohen Kreideküſten gewahren konnte, erklangen meines Vaters Worte:„Jack, Du mußt einen Adler erobern,“ unaufhörlich in meinen Ohren, ſanken tief in mein Herz. Meine erſten Erfahrungen im Kregealcben waren durchaus nicht ermuthigend. Ich kam zum Heere während dem unſeligen Rückzuge von Burgos. Welch ein Schlag für alle meine vom Feldzuge genährten Hofnungen. Wie trübſelig verſchieden von allen meinen Vorſtellungen von Pomp, Prunk und Umſtand glorreichen Krieges! Wiewohl mein Wunſch, mich auszuzeichnen, mit jedem Tage höher ſtieg, reichte doch die äußerſte Höhe meines Ruhmes nicht höher, als bis zu der Bewunderung meiner Gefährten, die anſahen wie ein ſo zart auferzogener junger Mann die rauhen Entbehrungen des Soldatenlebens ſo freu⸗ dig und ſo wohl ausdauerte. Der Rückzug von Burgos im November 1812 war die beſchwer⸗ 10 †* lichſte und entmuthigendſte Heerbewe gung, welche ſich denken läßt; durch Unmäßigkeit und geſtörte Mannszucht verloren wir ſiebentauſend Mann, obwohl weder Nachtmärſche noch übermäßige Tagereiſen uns zuſezten; freilich verloren wir weder Geſchüze, noch Kriegsbedarf, noch Fahnen, aber die Mannszucht war dermaßen verloren ge⸗ gangen, daß der Oberbefehlshaber im General⸗ befehl erklärte, nie habe ein anderes Heer eine ſolche furchtbare Auflöſung gezeigt.— Begann ich meine Soldatenlaufbahn in dieſem dunkelſten Zeitabſchnitte unſers Kampfes auf der Halbinſel, ſo war ich auch beſtimmt, bald einen der glor⸗ reichſten Erfolge unſerer Waffen durch die Er⸗ öfnung des Feldzuges von 1813 mit anzuſehen. Am 22. Mai begann unſer Marſch; von Ciudad Rodrigo bis zur Gränze führte der Weg über die Schaupläze unſerer frühern Glorie. Zu mei⸗ nem Glücke wußte ich damgis noch nicht, wie wenige Gelegenheit zur Auszeichnung die de⸗ müthige Stellung eines Subalternen darbietet, wie äußerſt ſelten er Lob oder Ehre zu gewinnen ver⸗ mag; mir zeigten meine Träumereien am Tage, wie die Traumbilder bei der Nacht, nur ein Bild — wie ich durch eine kühne, erfolgvolle That Ruhm und Ehre gewinnen, oder mein Leben als wackrer Krieger im Felde der Glorie enden wollte. — 227— Auf dem berühmten Marſche, der den Feld⸗ zug oröfnete, durch welchen Wellington die Fran⸗ zöſiſchen Heere aus der Halbinſel vertrieb, war der Brittiſche linke Flügel unter Grahams Be⸗ fehle ſtets der Hauptarmee voraus, durchzog die wilden, zöden Päſſe von Tras⸗os Montes, eine weite Land-Ausdehnung, in welcher kaum eine Straße angetroffen wird, und die nur wenige Bewohner zählt; einſame Schluchten und düſtre Thalgründe, in denen früher kein anderer Ton wiederhallte, als des wilden Reihers oder Adlers Geſchrei, ertönten nun vom donnernden Rollen der Artillerie⸗Fuhrwerke; vom klinkernden Ge⸗ trappel der Reiterei oder dem eintönigen Tritte des Fußvolkes; von Sonnenaufgang bis Son⸗ nenuntergang gingen unaufhörlich Züge über rauhe Berghöhen oder verſchwanden in den waldigen Tiefen dunkler Schluchten. Meine ziirelig Anſtellung beim Stabe machte mich fortwährend zwiſchen dieſer Heerab⸗ theilung und der unter Lord Wellingtons un⸗ mittelbarem Befehle ſtehenden Hauptmacht hin⸗ und herreiten. Oft begann ich bei Tagesanbruch ganz allein meinen Ritt durch dieſe wilden, un⸗ bereiſeten Gegenden, in denen ſich Gebirge in feierlicher Großartigkeit erhoben, ihre dunkeln — 228— Seiten mit dem traurigen Korkbaume bedeckt oder durchriſſen vom brauſenden Strome, deſſen Rauſchen der einzige Ton war, der das allge⸗ meine Schweigen brach; bald über beraſete Ebenen mit aller Anſtrengung hinſprengend, bald den Zügel über den Arm gehängt, meinen Weg zu Fuße mühſam fortſezend, habe ich den Untergang der Sonne geſehn, ohne eine menſchliche Stimme gehört, noch eines Mitgeſchöpfes Fußtritt geſehn zu haben, und doch hatten dieſe einſamen Stun⸗ den hohen Reiz für mich; dieſe tiefen Thäler, dieſe gähnenden Abgründe, der klare, zwiſchen be⸗ mooſeten Steinen hinmurmelnde Fluß, die langen, verſchlungenen Krautgewinde, die in grünen Ge⸗ hängen an felſiger Klippe hinabſanken, durch de⸗ ren geſpaltene Seiten das Waſſer in ſchweren Tropfen zum kleinen Becken am Fuße hinabfiel, alle dieſe ſprachen zu mir von meines Lebens glücklichſten Stunden, als ich liebend und geliebt die langen Tage durchwanderte. Im Verſinken eines drückend heißen Tages — es war der erſte Juny und ich werde ihn nicht leicht vergeſſen, lag ich von Müdigkeit über⸗ wältigt in einem Akazienhain, hatte mein Pferd neben mir angebunden und verſank in meine ge⸗ wohnten Träumereien und bald in feſten Schlaf. Aus dieſem erweckte mich Pferdegetrappel und — 229— Geſang einer männlichen Stimme. Eine Ab⸗ theilung Franzöſiſcher Reiter war ganz in meiner Nähe. Bevor ich noch meinen Entſchluß zur beſten Art um unbemerkt davon zu kommen neh⸗ men konnte, wieherte eines der Franzöſiſchen Pfer⸗ de; das meinige, bisher ruhig graſend, ſpizte die Ohren, ſezte an, zerriß den Zügel und lief mun⸗ ter zwiſchen die unten befeſtigten Thiere. Augen⸗ blicklich ſprangen die Reiter auf, ergriffen ihre Säbel und Piſtolen; eeiner erblickte meinen an einem Baumaſte hängenden Tſchacko, rief„voila“ und ſogleich ſtürmten mehre mit blanken Schwerd⸗ tern die Anhöhe herauf,— ich mußte mich ihnen als Gefangener ergeben. Aus den mir abgenommenen Depeſchen ſahen ſie bald, daß ſie keine Ueberraſchung von einem Engliſchen Corps zu befürchten hatten. Immer noch vertraute ich auf mein Pferd, um mich durch Flucht von ihnen loszumachen, doch bevor ſie aufbrachen, ließ der Corporal, der den Zug führte, ſein Sattelzeug auf mein Engliſches Vollblut legen, und mir wurde ſein mageres, erbärmliches Thier zum Be⸗ ſteigen angewieſen. Die Märſche wurden in der Nacht gemacht und am Tage an gelegenen Pläzen geraſtet. In der vierten Nacht verließen wir das Gebirge, kamen in eine weite ofne Ebene und folgten dem Laufe eines hinrennenden Stromes; — wir näherten uns den Franzöſiſchen Linien, am Abend dieſes Tages erblickten wir die Pyrenäen und die ſchlanken Thürme von Vittoria. In die⸗ ſer Stadt ward ich dem Stabe des General Oudinot abgeliefert, weil ich aber weigerte, mein Ehrenwort zu geben, vielmehr geradezu erklärte, ich würde die erſte Gelegenheit zur Flucht be⸗ nuzen, ward ich mit aller Härte behandelt und in das Cachot geführt, von welchem ich am an⸗ dern Morgen bei Tagesanbruch mit einer Ab⸗ theilung Spaniſcher Gefangener nach Bayonne aufbrechen ſollte. Schon glaubte ich mich vergeſſen, als der Tag vorrückte; eben wollte ich verſuchen, durch das Fenſter meiner Gefangenzelle ein Zeichen zu geben, als der laute Donner eines ſchweren Ge⸗ ſchüzes mein Ohr traf, dieſem folgte ein anderer noch lauter, dann krachendes Gepraſſel von Kleingewehrfeuer, die Schlacht hatte begonnen. Stundenlang dauerte dieſer unaufhörliche Don⸗ ner, ſchien oſt ganz in meiner Nähe, wenn der Wind den Schall heranführte. Plözlich trabte eine Kuraſſier⸗Schwadron heran, gefolgt von einem Zuge Packwagen, jeder mit ſechs Pferden beſpannt. Alles deutete auf Eile, die ſtarke Be⸗ wachung und der Wägen Ausſehen ließ mich ver⸗ muthen, es ſey der Armeeſchaz, um ſo mehr als — 231— Kiſten, die oben aufſtanden, mit dem Namen „Bayonne“ bezeichnet waren. Ofne Wagen mit Verwundeten folgten, ihrem langen Zuge ſchloß ſich der noch längere Spaniſcher Gefangener an, die zwei und zwei mit den Handgelenken zuſammen⸗ gebunden zwiſchen berittenen Gensd'armen fort gingen.— Der ſchnelle Rückzug Verwundeter zeugte dafür, die Schlacht entſcheide ſich gegen die Franzoſen; man vernahm die Worte„geſchlagen und Rückzug“ im Gedränge; Argwohn erfüllte die bewegende Maſſe. Ein Offizier übergab mich zwei Dragonern in grüner Uniform mit Kupfer⸗ helmen, einer von ihnen löſete ſogleich einen Schnurknäuel, der an ſeinem Sattel hing, mein rechtes Handgelenk ward gebunden, und ich, ei⸗ nem Miſſethäter gleich, mußte ihm folgen. Die Verwirrung in der Stadt nahm mit jedem Augenblicke zu; Infanterie⸗Regimenter zo⸗ gen vom Schlachtfelde eilig durch, um Stellun⸗ gen an der Straße nach Bayonne zu beſezen, um den Rückzug zu decken; immer näher krachte der Artillerie-Donner, als das Franzöſiſche Heer gegen die Stadt zurückwich. Kaum waren wir außerhalb der Stadt, als Flucht und Verderben ſich meinen Augen vollſtändig darſtellte; Meilen⸗ weit umher war das Land gleichſam eine Maſſe von Flüchtlingen,— Kanonen, Wagen, Karren, — 232— verwundete Soldaten, Reiter, ſogar glänzende Fuhrwerke, drängten durcheinander auf der Pam⸗ pluna⸗Straße zu unſerer Rechten. Ein umgefal⸗ lener Wagen hemmte die Straße, das Getüm⸗ mel ward entſezlich. Kanonen wurden aufgege⸗ ben, in Gräben und Schluchten geworfen, die Soldaten zerbrachen ihre Gewehre und warfen die Trümmer auf die Wegſeite, große Pulver⸗ magazine wurden in der Ebene aufgeſprengt. Die Straße nach Bayonne war die lezte Hof⸗ nung des zurückweichenden Heeres; ſtarke Infan⸗ terie-⸗Abtheilungen waren mit ſchweren Geſchü⸗ zen auf jeder beherrſchenden Anhöhe aufgeſtellt. Aber die reißende Fluth der Flucht riß alles mit ſich fort. Abends erhöhete die Dunkelheit das Entſezen dieſes Schauplazes von Ungebundenheit und Verwirrung; unaufhörlich ſchrien die Flücht⸗ linge, daß die Engliſche Reiterei ſie jage; immer näher kam die Artillerie, manche Feuerlinie durch⸗ brach den dunkeln Wolkenhimmel, Sprengkugeln hagelten auf das geworfene Heer; die Engliſchen Geſchüze ſtürzten, ohne auf die Wege zu achten, auf die entſezten Maſſen ein, ſchleuderten Kugeln und Haubiz⸗Granaten nach allen Sei⸗ ten. Meine Begleiter, deren Gefühle gegen mich an Rohheit zunahmen, als ihre Niederlage im⸗ mer deutlicher ward, trieben mich mit Fluchen — 233— und Schimpfen weiter, wir verließen die große Straße, durchzogen das ſchon mit Infanterie voll⸗ gedrängte Feld. Als die Angriffe der Engländer immer dichter erfolgten, ſchienen ſie müde kange durch mich beläſtigt zu ſeyn, nach einigem Ge⸗ zänke ritt der eine fort, und überließ mich dem, der mich an der Handſchnur gefeſſelt hielt. Auch dieſer ſchwankte einige Sekunden, ob er mich nicht auf dem kürzeſten Wege abfertigen wolle, zog ſein Piſtol aus der Holfter, drehte ſich im Sat⸗ tel, um mich beſſer zu betrachten, doch ein beſ⸗ ſeres Gefühl mußte ihn ergreifen, er befahl mir hinter ihm aufzuſizen, und ritt weiter. Am drit⸗ ten Tage des Rückzuges ward ich einem Zuge Spaniſcher Gefangener angeſchloſſen, der nach Bayonne geführt wurde; meine Weigerung, das verlangte Ehrenwort zu geben, unterzog mich jeg⸗ licher Art von Demüthigung. Später erſt erfuhr ich, daß die Franzöſiſchen Behörden in der Weige⸗ gerung des Ehrenwortes nicht nur die Erklärung ſähen jeden Verſuch zur Flucht benuzen zu wol⸗ len; ſondern zudem eine Zurückweiſung der Lan⸗ des⸗Gaſtfreundſchaft, durch welche der Weigernde ſich aller Berechtigung der Höflichkeit entzog.— Endlich war ich durch die erlittene Behandlung dermaßen empört, daß ich bei meiner Ankunft in Bayonne mein Wort gab, keinen Fluchtverſuch — 234— machen zu wollen, von dem Augenblicke an ward ich mit Güte und Höflichkeit behandelt. Ich bitte meine Leſer einen langen Zeit⸗ raum mit mir zu überſpringen, während welchem mein Leben nichts Bemerkenswerthes noch Anzie⸗ hendes darbot; im Anfange des Januars 1814 bewohnte ich St. Omer als Gefangener auf Ehrenwort. Nur einmal hatte ich ſeit der Schlacht von Vittoria Nachrichten von meiner Familie bekommen. Mein Vater hatte eine An⸗ ſtellung in den Colonien erhalten, ſchickte das reiche Einkommen ſeiner Beamtung an meine Mutter, deren gewohnte Sparſamkeit ihr erlaubte in Bath ziemlich ſo zu leben, wie ſie früher in London pflegte. Meine reizende Muhme— im vollſtändigen Beſize ihrer Schönheit und eines großen Vermögens, hatte mehre ſehr glänzende Heirathsanträge ausgeſchlagen, und ſollte dem Gerüchte nach unwandelbare Zuneigung für einen nahen Verwandten hegen, und dieſes beglückte Individuum ſollte ich nach meiner Mutter Aus⸗ legung ſeyn. Aus den Zeitungen erſah ich den Tod von Sir Simon Bellew; durch die thätige Wirkſamkeit eines geſcheuten Anwalt— in wel⸗ chem ich meinen Freund Paul Rooney vermu⸗ thete— hatte Miß Bellew die großen Güter ih⸗ rer Familie zurückbekommen, war nun der Stern — 235— erſter Größe an Schönheit und Reichthum in Dublin. Oft hatte ich zur Heimath, auch einige male an Rooneys und den Major Mahon ge⸗ ſchrieben, erhielt aber keine Antwort, glaubte mich von Allen vergeſſen, und verträumte mein Leben im Zuſtande einer Gefühlloſigkeit, die mich für alles abſtumpfte. Als Soldat hatte ich nichts gethan— meine Kriegslaufbahn war beendet, ſo wie ſie anfing— während Andere ſich zu Ruhm und Ehrenſtellen erhoben, hatte mein Name keine Auszeichnung noch Anerkennung er⸗ worben. Einem Wiederſehen von Louiſe Bellew konnte ich nur mit ängſtlicher Furcht entgegenblik⸗ ken. Meiner Mutter modehafte Grille und Gleich⸗ gültigkeit mußte jezt wie Verſpottung meines Un⸗ falles erſcheinnen, und der Gedanke an Julia's Hohnnecken war völlig unerträglich. Das ein⸗ zige, was mir für die Zukunft zu thun blieb, war, ſo bald ich meine Befreiung erlangt hätte, in ein Oſtindiſches Regiment auszutauſchen, um nie mehr nach England zurückzukehren. Bei einem alten Royaliſten⸗Seigneur lebte ich im Hauſe, der mich äußerſt freundlich behan⸗ delte; eines Morgens erſchien er zum Frühſtück mit einer großen weißen Bandſchleife auf dem Bruſtſtücke ſeines Rockes und eine gewaltige weiße Lilie im Glaſe vor ſich. Seine freudigen Blicke 4 — 236— und ſein aufgerichtetes Weſen ward noch durch die alte Dame erhöhet, die mit entzückter Begei⸗ ſterung eintrat, zuerſt den Herrn, dann auch mich umarmte und die Worte ausrief:„wir haben Reſtauration.“ Glockengeläute und Trommelwir⸗ bel erfüllten die Stadt, der alte Herr riß das Fenſter auf, der Pöbel ſchrie:„Reſtauration.“ Alles war in ausſchweifender Freude. Bald er⸗ fuhr ich, die Verbündeten hätten Paris beſezt, Napoleon habe entſagt, und Ludwig XVIII. unmittelbare Rückkehr ſey entſchieden. Mitten im Aufruhr hörte man die Trompeten eines Ca⸗ vallerie-Regiments und den Ausruf:„die Eng⸗ länder!“ Ich eilte hinaus, erblickte über dem ge⸗ drängten Volkshaufen die hohen Kappen eines Brittiſchen Dragoner⸗Regimentes. Im Heran⸗ reiten ſpielte ihre Muſik das mir wohlbekannte „Garryowen“, und ein Irländiſches Regiment hielt ſeinen Einzug. Plözlich hörte ich meinen Namen laut rufen, drängte eifervoll durch die Menge und blickte forſchend umher.„Hinton, Jack Hin⸗ ton!“ rief die nemliche Stimme wieder; drei Of⸗ fiziere ritten an der Spize des Regimentes, die mich feſt im Auge behielten, ſich über mein Stau⸗ nen und meine Verwirrung zu ergözen ſchienen. Der ältere von ihnen war ein kräftiger, ſchwärz⸗ licher Mann mit lang herabhängendem Backen⸗ — 237— barte, den unſere Offiziere damals ſelten trugen. Sein linker Arm ruhete in einer Binde, ſeine Rechte bewegte ſich mit einem gewiſſen unge⸗ zwungenen Umſtreifen, welches nicht leicht ver⸗ geſſen werden konnte. Lachend rief er aus: „Jack, Sie müſſen mich wieder kennen.“ „Wie! O'Grady? Iſt's möglich.“ „Eben ſo, mein lieber Freund!“ ſagte er meine Hand mit Wärme an ſein Herz drückend, —„Ich wußte, Sie wären hier, und gab mir möglichſte Mühe meinen Quartierſtand in Ihrer Nähe zu bekommen. Dies iſt mein Regiment— keine Burſche, um ſich ihrer zu ſchämen, Jack.— Aber kommen Sie, wir dürfen uns nicht tren⸗ nen.“ 1 Das Regiment wurde freudig von den Ein⸗ wohnern aufgenommen und raſch untergebracht; O'Grady und ich ſpeiſeten allein im Wirthshauſe, und erzählten einander unſere Abentheuer ſeit un⸗ ſerer Trennung. Mein alter Freund war zwar etwas gebräunt und durch Franzöſiſche Säbel⸗ Narben bezeichnet, ſonſt aber durchaus nicht ge⸗ ändert; die nemliche kühne, großmüthige Denk⸗ weiſe, die nemliche Miſchung von Sorgloſigkeit und tiefem Gefühle, der wilde Geiſt für Aben⸗ theuer und die ſanfte Zärtlichkeit eines Kindes— waren in ſeiner zuſammengeſezten Natur durch⸗ — 238— einander gemengt, denn er war in jedem Zoll ein Irländer. Seine Bruſt erglänzte mit Orden und Aus⸗ zeichnungen, aber kaum ſprach er von ſeinem ei⸗ genen Feldleben, erwähnte nur vorübergehend die Gefechte, bei denen er ſich beſonders hervorthat. In ſeinem ganzen Benehmen herrſchte eine Zu⸗ rückhaltung, wenn er von den Schlachten der Halbinſel ſprach, die aus Zartgefühl gegen mich hervorging, weil er wußte, wie wenig Dienſt ich durch meine frühe Gefangenſchaft ſehen konnte, und befürchtete durch Auseinanderſezung der glor⸗ reichen Züge unſeres Heeres demjenigen neue Wun⸗ den beizubringen, dem das Glück verſagt hatte, dieſes zu theilen. Oft fragte er nach meinem Vater, ſchien tiefdurchdrungen von der Freundlichkeit, womit er in London von ihm empfangen worden. Auch von meiner Mutter ſprach er gelegentlich, aber nie auch nur im entfernteſten von Lady Julia; während er einmal von ihr als Corny's Beſchü⸗ zerin ſprach, ſchien er unbehaglich und verlegen, machie auf mich den Eindruck, als ſchmerze ihn, Gunſt für ſeinen Diener da annehmen zu müſ⸗ ſen, wo er ſelber mit Kälte und Zurückhaltung behandelt worden. Dieſen Gegenſtand vermieden wir Beide, in allen übrigen Dingen war ſein — 239— Geiſt ſo hochfliegend wie immer. Die Offiziere ſeines Regimentes, mit denen er viel umging, liebten ihn wahrhaft. Alle ihre Anſchläge für Vergnügen und Zerſtreuung theilte er mit dem Eifer ſeiner lebenskräftigen Natur; er war an Meß⸗ fröhlichkeit den jüngſten Offizieren ſo überlegen, wie er als Oberſt über ihnen an der Spize ſtand. — 240— Dreidehnles Spapilel Nach einigen Tagen erhielt ich aus Paris die erbetenen Papiere, um mir den Zwang mei⸗ nes gegebenen Ehrenwortes abzunehmen; jezt überlegte ich mit O'Grady die nöthigen Schritte, um meinen Rang im Dienſte wieder anzutreten; da ereignete ſich ein Vorfall, der unſere Pläne für den Augenblick umwandelte und durch einen der ſonderbaren Lebens-Zufälle meinem Ge⸗ ſchicke eine ganz unerwartete Wendung gab. So ſehr die Reſtauration auch Freude in Frankreich verbreitete, und ſo ſchmeichelhaft die verbündeten Heere empfangen wurden, bewahrte doch ein Theil der Royaliſten ſeinen mürriſchen⸗ widerſtrebenden Sinn gegen die Männer, welche ihre Sache ſiegreich machten, verzieh ihnen nie⸗ — 241— mals die Ehre eine Dynaſtie wieder erweckt zu haben, zu deren Aufrichtung ſie ſelber gar nichts beitrugen. Dieſe waren Ludwigs XVIII. alte Militaire, Leute, die zu ſtolz oder zu untauglich waren, um Dienſte unter dem Kaiſer zu nehmen, die während der glorreichen Laufbahn Franzöſi⸗ ſcher Heere ſchlafend lagen, und die nun in der Stunde ihrer Niederlage und Widerwärtigkeit als die Stellvertreter des Militair⸗Geiſtes dieſes Lan⸗ des in das Leben traten; dieſe Menſchen haßten die Engländer mit einer rachſüchtigen Hinterliſt, welcher die alten Napoleoniſten nicht gleich kamen. Ohne hochſinnigen Wetteifer ofner Feinde, fühlten ſie ſich gedemüthigt durch den Vergleich mit Soldaten, deren durchwetterte Angeſichte und verſtümmelte Gliedmaßen Zeugniſſe von hundert Schlachten in einer Sache gaben, die für jene ſelber von höchſter Wichtigkeit war. Dieſer klein⸗ liche Geiſt machte ſich durch, tauſend niedere Quälereien Luft, welche in allen Städten und Dörfern des nördlichen Frankreich gegen unſere Truppen angewendet wurden; jeder unſerer Offi⸗ ziere, deſſen Quartierbillet auf das Haus eines Royaliſten⸗Kriegers lautete, mögte daſſelbe gern gegen die Geſellſchaft des eingefleiſchteſten An⸗ hängers von Napoleon vertauſcht haben. Mit bewundernswerthem Aufwande von Jack Hinton. Zweiter Band. 11 — 242— Geſchicklichkeit und Arbeit war es den Offizieren vom achtzehnten Dragoner⸗Regimente gelungen, ein Fuhrwerk von Vieren aus der Hand zuſam⸗ menzuſtellen, welches zur ſtaunenden Bewunde⸗ rung der Einwohner täglich durch die ſchlängeln⸗ den Gaſſen und engen Straßen der kleinen Stadt rollte; ſeine Oberdecke beſezt mit prunkenden Dra⸗ gonern, deren lachende Geſichter und lauttönende Bügelhörner, von den eben erwähnten übelwol⸗ lenden Perſonen als wirkliche Beleidigung und Verhöhnung ausgelegt wurden. Vielleicht bildete eben dieſes deutlich dargethane Mißfallen am ſchönen Fuhrwerke die größte Aufmunterung für die Offiziere, kein Tag verging, mogte das Wet⸗ ter auch rauh ſeyn, ohne mit Geräuſch und Auf⸗ ſehen zu fahren. Zulezt wußte der höchlich dadurch empörte Polizei⸗Commiſſair ein gutes Mittel zum Verdruſſe unſerer Offiziere zu erſinnen,— welches von den Landesgeſezen unterſtüzt nicht umgangen werden konnte. Er ließ nämlich bei dem Fahren durch die Barrière jedem Offizier den Paß abfor⸗ dern, dieſe waren genöthigt, vom Wagen herab⸗ zuſteigen, ihre Papiere vorzulegen, die ſorgfältig geprüft und unterſucht wurden, und mußten au⸗ ßerdem die vorgelegten Fragen beantworten. Weil keine Ausfahrt möglich war, ohne eine — 243— dieſer Barrièren berühren zu müſſen, ſo war dieſe Maßregel im höchſten Grade verdrießlich und är⸗ gerlich. Wiederholte Vorſtellungen wurden bei dem Maire eingereicht, um zu bewirken, daß nach einmal vorgezeigten Päſſen keine weitere Hinde⸗ rung eintreten möge, aber in Frankreich vermö⸗ gen Vorſtellungen geſunder Vernunft nichts ge⸗ gen die Entſcheidungen königlicher Angeſtellten; der Maire ſelber war Royaliſt und die Ange⸗ legenheit wurde gegen uns geordnet. Nachdem Gründe und Vorſtellungen verge⸗ bens angewendet worden, beſchloſſen die Offiziere Gewalt zu verſuchen, am andern Morgen ſollte die Barrière im geſtreckten Galopp durchfahren werden, in der ganz richtigen Voraueſezung, daß kein Franzöſiſcher Angeſtellte geneigt ſein werde, den Anlauf eines zu Vieren aus der Hand her⸗ ſtürmenden Fuhrwerkes aufzuhalten, wenn auch das Geſez für ihn rede. Um den Handſtreich glänzender zu machen, vielleicht auch dem Durch⸗ bruche mehr Anſchein zu geben, wurden vier hellbraune Blutpferde, von denen zwei noch nie⸗ mals angeſchirrt waren, an dieſem Tage vorge⸗ ſpannt. Die wildeſten unter den Offizieren be⸗ ſtiegen in großer Anzahl des Wagens Oberdecke, mit lautem Trompetengeſchmetter und Jubelzuruf rollte das Fuhrwerk durch die Stadt, die Zug⸗ 11.* — 244— ſchwengel der Vorläufer flogen dabei oft über ih⸗ ren Hintertheilen. Wir rollten luſtig fort, er⸗ ſchreckt floh das Volk zu beiden Seiten der Straße, aller Augen waren nach der Barriére gerichtet, wo der würdenhafte Beamte in der ge⸗ ſezten Ruhe ſeiner Stellung ſtand als biete er uns Troz ſeine Gränze zu überſchreiten. Schon war er mit ſeiner gewohnten Frage vorgetreten, die Worte„Meine Herren, ich fordere—“ waren ge⸗ ſprochen, als er nur eben Zeit gewann in ſeine Be⸗ hauſung zurückzuſpringen, denn wüthend ſprengten die Vorläufer vorbei, das Pflaſter bebte unter ihren Hufen und lautes Gelächter miſchte ſich in den Aufruhr. Eine Stunde fuhren wir langſamer, um unſere Thiere verſchnaufen zu laſſen, kehrten dann heim, erfreut über den Erfolg unſers An⸗ ſchlages, welcher unſern Erwartungen ſo durch⸗ aus entſprochen hatte. Doch als wir uns der Barrière näherten, bemerkten wir zu unſerm Ver⸗ druſſe den Weg durch eine ſtarke Abtheilung be⸗ rittener Gensd'armen verſperrt, deren blanke Klin⸗ gen uns genugſam verſtändigten, welches Schick⸗ ſal unſere Pferde erwarte, falls wir bei unſerm Plane beharrten. Unter ſolchen Umſtänden die Durchfahrt erzwingen, hieß der Gensd'armerie die lange von ihr herbeigewünſchte Gelegenheit verſchaffen unſer ganzes Fuhrweſen in Stücke zu — 245— zerhauen. Es blieb nichts übrig als nachzugeben und ausgelacht zu werden. „Ich hab's, Kameraden,“ ſagte O' Grady, der mit dem linken Arme in der Binde neben dem Fahrenden auf dem Bocke ſaß.„Halten wir ein, wenn ſie es fordern, und thun, was ſie verlangen.“ Mit Mühe wurden die vier feurigen Thiere eingehalten, als wir zur Barrière kamen, der Commiſſair erſchien zornſchnaubend in der Thür des Hauſes und verlangte, wir ſollten abſteigen. Bei der Vorzeigung unſerer Papiere ſagte er beleidigend:„Päſſe werden bei dieſer Veranlaſ⸗ ſung wenig nüzen; Ihr Wagen und Ihre Pferde ſind Ihnen abgenommen. St. Omer hat jezt die Vorrechte einer befeſtigten Stadt. Franzöſt⸗ ſche Feſtungen beſtimmen eine Geldſtrafe von vierzigtauſend Franken—“ Ausbrechendes Ge⸗ lächter der Umſtehen, denen unſere trübſeligen Geſichter Luſtigkeit erregten, hinderte uns der Er⸗ klärung Ende zu vernehmen. Inzwiſchen ſahen wir zu unſerm Aerger und Schrecken ein halbes Duzend Gensd'armen mit ihren hohen Bärenkap⸗ pen und ſchweren Stiefeln am Fuhrwerke hinauf⸗ klettern und oben auf demſelben Size einnehmen. Einige krochen in des Wagens Innerm, zeigten ihre grinſenden Geſichte durch die Fenſter, andere — 246— erſtiegen den Hinterſiz, und zwei Verwegenere von ihnen den Bock, von denen einer O' Grady in rauher Weiſe aufforderte hinabzuſteigen, eine Weiſung, die der Polizei⸗Commiſſair im Tone gewaltiger Unverſchämtheit wiederholte. Einen Augenblick zuckte auf O' Grady's Geſichte gehei⸗ mer Einfluß von Schwank und Teufelei, die ich in dem Augenblicke nicht erklären konnte, weil er in ganz demüthigem Tone fragte: „Verlangt der Commiſſair ich ſolle herab⸗ kommen?“ „Augenblicklich,“ brüllte der Franzoſe mit kochender Leidenſchaft. „In dem Falle, ihr Herren, übernehmt den Zug.“ Damit reichte er den Gensd'armen die Zügel, welche ſie hinnahmen, ohne zu wiſſen was ſie thaten. Während er langſam an der Seite hinabſtieg, ſagte er:„Ich habe Ihnen nur einen Rath zu geben, halten Sie den linken Vorläufer in ruhiger Führung und daß der Schwengel ihn nicht trifft, und ſo, adieu!“ Während er ſprach ſchwang er ſeine große Peitſche, gab einen gewaltſamen Kreuzhieb über alle vier Pferde und begleitete ihn mit einem gellenden Anruf, der nicht mißperſtanden werden konnte. Die wüthenden Pferde brachen im ge⸗ ſtreckten Galopp vor, die ſchwere Kutſche ſprang — 247— vom Boden auf, gerade vor ihr war eine enge Straße und eine ſcharfe Eckenbiegung; doch dieſe erwarteten nur wenige im Fuhrwerke, mit jedem Schritte flog eine Bären-Müze durch die Luft, gefolgt von einer großen Geſtalt, deren ſchwere Stiefel nicht zum Fliegen geeignet ſchienen. Der Corporal hatte die Zügel hingeworfen und klam⸗ merte ſich mannhaft an der Eiſeneinfaſſung des Bockes feſt. Von beiden Seiten des Wagens ſtürzten die Andern in Noth herab. Schon hat⸗ ten die Vorläufer die Ecke erreicht, hinum ſpran⸗ gen ſie mit ihren Schwengeln, die Deichſelpferde folgten, die Kutſche ſprang nach einer Seite vom Straßenpflaſter empor, dann mit Krachen nieder⸗ wärts und ſchlug auf die Seite; die raſenden Pferde brachen ſich los, durchflogen die Stadt mit den hinter ſich her geſchleppten Bruchſtücken ihrer Anſchirrung. Die unmittelbaren Folgen dieſes Vorfalles waren ſehr ernſte Verlezungen und Quetſchungen, nicht geringe Entmuthigung der Gensdyarmerie von St. OmerW; die entfernteren aber, eine Klage der Munizipalbehörden an den Oberbefehlshaber, der die Sache dem Generaladjutanten zur Unter⸗ ſuchung überwies. Demzufolge ward O' Grady nach Paris gefordert, um ſein Benehmen in die⸗ ſer Sache zu erläutern, wenn er könne. Der — 248— Befehl, welcher ihn dahin rief, kam ſogleich, und weil mich in St. Omer nichts zurückhielt, be⸗ ſchloß ich, meinen Freund mindeſtens für einige Tage bis zu meiner Abreiſe nach England zu begleiten. Schnell waren unſere Vorbereitungen getroffen, noch am nemlichen Abende nach dem Empfange vom Schreiben des General-Adjutan⸗ ten fuhren wir mit Poſtpferden nach Paris ab. Morgens in der Frühe erreichten wir die Hauptſtadt, damals mit Truppen aller Europäi⸗ ſchen Mächte angefüllt, glücklicherweiſe fanden wir Plaz im Hötel de la Paix, Rue St. Honoré, wir beſtellten unſer Frühſtück und gingen uns an⸗ zukleiden; jeder von uns war entſchloſſen, die wenigen Stunden des Aufenthaltes in Paris möglichſt zu benuzen.— Ich war eben im Frühſtückzimmer und durchblätterte die Morgen⸗ zeitungen, als O' Grady in voller Uniform mit freudig ſtrahlendem Geſichte und dem nemlichen bedeutenden Poltern ſeines Ganges eintrat, wel⸗ ches ich am erſten Tage unſers Bekanntwerdens an ihm bemerkt hatte.. „Wann erwarten Sie Ihre Audienz, Phil?“ fragte ich. „Habe ſie gehabt, mein Guter, Alles iſt vorüber, beendigt, vollendet. Nie gab es etwas Erfolgvolleres. Den alten Adjutanten ſprach ich — 249— in ſolchen Wortſchwall über, daß anſtatt von einem über uns abzuhaltenden Kriegsrechte zu träumen, der würdige Mann ernſtlich geneigt iſt, uns eine Entſchädigung für den Verluſt unſers Fuhrwerkes zu verſchaffen. Als ich zu ihm ein⸗ trat blickte er ziemlich ſtrenge, doch das Spiel war mein, ſo bald ich ihn zum Lachen gebracht hatte. Ich wollte Sie hätten ihn geſehen, wie er ſich ſeine klaren alten Augen auswiſchte, als ich den Flug der Gensd'armen durch die Luft ihm beſchrieb. Inzwiſchen iſt die Hauptſache dieſe, — das Regiment ſoll nach Paris heraufkommen, der Polizei⸗Commiſſair wird einen Verweis er⸗ halten, unſer Anſpruch auf zehn Tauſend Fran⸗ ken als Entſchädigung ſoll in Betracht gezogen werden, und ich muß heute bei dem General⸗ Adjutant ſpeiſen, um nach Tiſche die Geſchichte zu erzählen.“ „Wiſſen Sie, Phil, ich habe einen Lehrſaz, demzufolge ein Irländer nicht eher beginnt wohl zu werden als in dem Augenblicke, der jedem An⸗ dern ſeinen Untergang bereiten müßte.“ „Machen Sie keinen Lehrſaz daraus, Jack, denn es mag auch unglücklich ausfallen. Aber der thatſächliche Hergang iſt ziemlich wie Sie ſagen. Fortuna behandelt die Menſchen niemals ſo gut, als wenn dieſe keine Feige um ſie ge⸗ 11 t** ben.— Aber ich habe Neuigkeiten für Sie, Jack; was ſagen Sie, mein Burſche, Lady Char⸗ lotte Hinton iſt in Paris.“ „Meine Mutter hier, wie wäre das möglich?“ „Ja, die Lady wohnt in No. 4. Place Vendôme, dem Hotel de Londres gegenüber; da iſt Beſtimmtheit.“ „Wer iſt mit ihr, mein Vater?“ „Nein, der General wird in einigen Tagen erwartet; ich glaube, Lady Julia iſt ihre alleinige Begleiterin.“ Bei dem Ausſprechen dieſes Namens ver⸗ rieth er plözliche Zurückhaltung; wir ſchwiegen ei⸗ nige Augenblicke, dann fuhr er in ſeinem ge⸗ wohnten lachenden Tone fort:„In einer halben Stunde habe ich alles Pariſer Geträtſch ausge⸗ funden. Die Stadt iſt voller Engländer— und was für Engländer— mit ihnen verglichen, ſind die Koſacken geſittete Menſchen mit ruhigen, zu⸗ rückgezogenen Lebensgewohnheiten. Ich glaube in Wahrheit, die Franzoſen fürchten unſern ge⸗ ſelligen Umgang mehr, als die Bayonette der Verbündeten. Mich verlangt Ihrer Mutter Ur⸗ theil über das alles zu hören, was hier vorgeht. 4 „Was ſagen Sie denn, wenn wir hingingen, mich faßt die Ungeduld meine Verwandten wie⸗ derzuſehen. Julia wird höchſt unterhaltend ſeyn. 4 — 251— „Und ihr habe ich eine Schuld der Dankbar⸗ keit abzutragen,“ ſprach O'Grady unſchlüſſig. „Lady Julia war ſo ungemein gütig den alten Schurken Corny unter ihren Schuz zu nehmen. Ich vermag nicht zu begreifen, wie ſie ihn nur dulden konnte.“ „Was das anbetrifft, ſo liebt Julia Karak⸗ ter, Corny's Ueberſpanntheit wird ſie nicht ge⸗ ſchmerzt haben; alſo gehn wir.“ „Sagt' ich Ihnen, daß De Vere hier iſt?“ ſprach O'Grady. „Nein; ich hoffe, er iſt nicht mit meinen Ver⸗ wandten?“ „Im Gegentheil, ich erfuhr mit Gewihheit, daß er Lady Charlotte gar nicht beſucht. Er iſt bei Lord Chatcarts Geſandtſchaft angeſtellt, ſehr wenig in der Geſellſchaft, wird ſelten anders als im Salon geſehen, wo er entſezlich hoch ſpielt, jeden Abend verliert, doch jeder Tag mit gefüll⸗ ten Taſchen wieder erſcheint. Aber ich beabſich⸗ tige dieſes Geheimniß ſowohl, als manches an⸗ dere bald aufzudecken. Gehn wir jezt.“ In einem großen Hôtel Place Vendöme ſagte uns der Thürſteher, ein Schweizer in voller Uni⸗ form, Lady Hinton wohne hier, empfange aber nicht vor vier Uhr. In dieſem Augenblicke er⸗ — ſchien Corny, führte uns hinauf in einen großen — 252— prachtvoll eingerichteten Saal, wo ich O'Grady für kurze Zeit ließ, und der Kammerfrau zu mei⸗ ner Mutter Ankleidezimmer folgte, dieſe vor ei⸗ nem Spiegel ſizend unter den Händen ihres Coiffeurs antraf. Sie reichte mir die, Hand, ſagte, ihr Kopfordnen ſey gebieteriſch, weil ſie Monſieur Dejoncourt nur jezt, ſonſt überall nicht haben könne, denn ſeine Zeit von Morgen acht bis Abends eilf Uhr ſey dermaßen in Anſpruch genommen, daß der Kaiſer Alexander ſelber ſeine Dienſte nicht erhalten könnte;— hierauf gab ſie mir Nachrichten von meinem Vater, aus welchen ich ſchließen konnte, ihr ſeyen die Wechſel in ſeinen Umſtänden nie bekannt geworden, ſie hatte ihre alte Gewohnheit von Aufwand und Ver⸗ ſchwendung fortgeſezt, ſich durch dieſe und die Sorge für ihre immer abnehmende Geſundheit völlig beſchäftigt gefunden. Im Betrachten ihrer ſchönen Züge und blühenden Geſichtsfarbe, welche die Zeit kaum berührt zu haben ſchien, konnte ich nicht ohne einen Seufzer bedenken, durch welche Opfer von Gefühlen, Pflichten und Glückſeligkeit ſolche Liebenswürdigkeit erkauft worden. Nie war ihr Herz durch hohe oder heilige Gedanken be⸗ wegt, das Lächeln ihres Mundes nur Modezau⸗ ber, nicht Beweis gütiger Geſinnungen oder zärt⸗ licher Gefühle. „Wie iſt Julia?“ fragte ich. „Sehr reizend gewiß— ungemein reizend. Beulwitz, des Kaiſers Aide-de-Champ, bewun⸗ dert ſie ſehr. Ich bin aufrichtig erfreut, daß Du gekommen biſt. Du weißt, Julia's ganzes Ver⸗ mögen iſt ihr geſichert; doch davon ein andermal; jezt müſſen wir ſorgen, Dir eine Karte für den Ball zu verſchaffen, und wie das zu machen iſt, weiß ich wirklich nicht.“ Meine Verſicherung, ich denke nicht daran, den Ball zu beſuchen, ward mir als Undankbar⸗ keit ausgelegt, und mir mitgetheilt, dies ſey die dritte Féte, welche dieſe Unbekannten gäben, die beiden erſten wären das Glänzendſte, was je in Paris geſehen worden— der Kaiſer von Ruß⸗ land tanzt dort,— der König von Preußen macht ſeine Parthie Whiſt— Blücher führt den Vorſtz an einer der Abendtafeln, kurz Talleyrand hat ſchon mehr Diplomatik aufgewendet, um ſich eine Ertrakarte zu verſchaffen, als ihm manches Schaffen einer neuen Monarchie nicht koſtete. Sie zeigte mir bei dieſen Worten eine prachtvoll verzierte Karte, welche mit goldenen Buchſtaben enthielt:„Madame de Roni, nêée Cassidi de Kilmainham u. ſ. w.„Sie iſt wahrſcheinlich Italienerin,“ ſagte ſie. „Ich meine das née Cassidi de Kilmain- ham deute mehr auf Irland.“ „Irland, ſind dieſe Leute Iren,“ ſagte ſie entſezt,„ich hoffe, Jack, Du treibeſt keinen Scherz. Sie hat ſicher Geburt.—“ Jezt trat nach leiſem Klopfen Graf Gram⸗ mont ein, der als Anhänger der Bourbone viele Jahre in England verlebte, als Freund meines Vaters und Bewunderer meiner Mutter täglicher Gaſt unſers Hauſes war. Dieſer ſtimmte ganz in die Schwierigkeit ein, eine Karte zu erlangen, und erzählte manchen mißlungenen Verſuch dazu. Die Thür öfnete ſich, und meine Muhme Julia erſchien, gerundeter, weiblicher und reizender, als ich ſie früher kannte, mit bezaubernder Anmuth reichte ſie mir die Hand, und verſicherte, es mache ſie glücklich, mich wieder zu ſehn. Meine Mut⸗ ter begann ſogleich wieder von der Ballkarte, und als Julia ſagt, ſie würden gewiß an dieſem Abende nicht hingehn wollen, nun ich angekom⸗ men ſey, ward ſie von ihr und dem Grafen überſtimmt.— Die Kammerfrau meldete:„der Oberſt un⸗ ten läßt ſagen er werde ſpäter wiederkommen.“ „Ach, O'Grady, armer Freund, den ich ganz vergeſſen hatte. Sie wollen ihn gewiß ſe⸗ hen, ſobald Sie herabkommen können, ich gehe zu ihm.“ „Gewiß erinnere ich mich an den angeneh⸗ men Mann, Julia und der Graf werden mit Dir hinabgehen und ich folge ſobald ich kann.“ Julia erröthete und wurde bleich während meine Mutter ſprach; ich wußte ſie habe meinen Freund ſtets mit hochfahrendem Weſen und Zu⸗ rückhaltung behandelt und wünſchte lange ſchon eine Gelegenheit, ihre ungerechte Behandlung meines wärmſten und beſten Freundes zu rügen, ich nahm ihren Arm und ſagte:„der arme O' Grady iſt ſchwer verwundet, doch geht es ihm jezt beſſer.“ Im Hinabgehn der Treppe er⸗ blickte ich ihn, als er eben durch die Thür fort⸗ gehn wollte und rief ihn zurück. „In dieſem Augenblicke erſt fiel mir ein, Jack, wie unrecht es von mir ſei in dieſer Stunde hierher zu begleiten. Nach ſo langer Abweſen⸗ heit haben Sie einander ſo vieles zu ſagen—“ Er hatte dieſe Worte im Zurückkommen ge⸗ ſprochen, ſah jezt meine Muhme, die ihm die Hand zum Empfange reichte. Mit einer auf⸗ fallenden Kälte in ſeinem Benehmen erfaßte O' Grady ihre zarten Finger, verbeugte ſich tief, ſagte wenige kurze Worte mit einer Steifheit und Ernſthaftigkeit des Weſens, welche ihm ganz — 256— ungewöhnlich waren, wendete ſich dann zu Gram⸗ mont, deſſen Hand er mit merklicher Verſchieden⸗ heit warm und herzlich drückte. Nur einen Blick wagte ich auf Julia zu richten und gewahrte ſtol⸗ zes Mißfallen auf ihrer Stirn; hocherröthend trat ſie erzürnt in das Fenſter. Die Art und Weiſe, in welcher O'Grady Zuvorkommenheit von ihr aufgenommen hatte, wie ich ſie niemals Andern von ihr ertheilen ſah, beleidigte mich wirklich. Auch Grammont empfand das Verlegene des Au⸗ genblickes und begann eine weitläuftige Auseinan⸗ derſezung des Balles und der Liſten, die ange⸗ wendet wurden, um ſich noch Karten dazu zu verſchaffen. Er zeigte ſeine Karte vor, O'Grady las:„Madame de Roni, née Cassidi de Kilmanham,“ brach in lautes Gelächter aus und wollte auf alle unſere Fragen keine Antwort ertheilen.„Er kennt ſie,“ fliſterte Grammont mir zu.—„Jack, wo ſollen wir uns in einer halben Stunde treffen?“ ſagte O'Grady aufſprin⸗ gend. 1 „Hier, wenn Sie wollen, ich werde Ihre Rückkehr abwarten.“ „So ſey's,“ ſagte er, verbeugte ſich gegen Julia, begrüßte Grammont und ging. Auch Grammont verließ uns und ich blieb allein mit Julia, bis meine Mutter gegen vier Uhr wieder 7 — 257— herabkam, um ihren Morgenbeſuch zu empfan⸗ gen. „Wo iſt dein Freund?“ ſagte ich. In eben dem Augenblicke meldete ein Die⸗ ner den Oberſt O'Grady, und Julia hatte nur noch die Zeit, das Zimmer durch eine Thür zu verlaſſen, als er durch die andere eintrat. Mit der ihm eigenen ehrfurchtsvollen Unbefangenheit wußte O'Grady mit wenigen Worten ſeine frü⸗ here Stellung unter ihrer Bekanntſchaft wieder einzunehmen.„Ich hörte ſeit meiner Ankunft, daß dieſer Ball Sie beſchäftige und ergriff die Gelegenheit, Ihnen einige Karten zu verſchaffen, die, obwohl es ſchon ſpät iſt, doch einigen Ihrer Freunde angenehm ſein können.“ Damit über⸗ reichte er ihr einige nicht ausgefüllte Einladungs⸗ karten, welche ſie mit einem Erſtaunen empfing, das deutlich verrieth, wie ſehr ſie wünſche, das Wie? näher zu erfahren. „Ihre Ladyſchaft müſſe mich für jezt minde⸗ ſtens entſchuldigen, wenn ich Ihnen das Ge⸗ heimniß nicht mittheilen kann, wie ich dazu ge⸗ langte, doch Niemand ſoll es früher als Sie erfahren.“. Meine Mutter bat ihn, mit uns zu ſpei⸗ ſen, was er ablehnen mußte, weil er bei dem General⸗Adjutant verſagt war; dagegen bat er um Erlaubniß, ſich unſerer Geſellſchaft auf dem Balle anzuſchließen.— Es war faſt Mitternacht, als wir in das große Bogenthor des Hotel Rohan fuhren, in welchem Madame de Roni ihren Hof hielt. Glänzende Equipagen mit goldſtro⸗ zenden Behängen und reichen Livréen drängten ſich; in der Marmor⸗Vorhalle ertönten die Na⸗ men Europäiſcher Berühmheiten und wurden durch die Corridore wiederholt. Prinz Schwar⸗ zenberg, Graf Pozzo di Borgo, Herzog Dalberg, Lord Cathcart, Graf Neſſelrode, Monſieur Talley⸗ rand de Perigord, denen Andere eben ſo edle und erhabene Perſonen in raſcher Abwechſelung folgten.— In der Vorhalle fanden wir O'Grady, der unſere Ankunft erwartete.„Es kann nichts helfen, für eine Weile das Vordringen zu ver⸗ ſuchen, folgen Sie mir, ich werde ſie zu einem behaglichen Zimmer führen.“ Er fliſterte einem Diener zu, eine Thür im Getäfel öfnete ſich und wir traten in ein kleines, wohlgeordnetes Bücherzimmer, wo ein gutes Feuer und bequeme Seſſel uns aufnah⸗ men.—„Ich gewahre Ihr Staunen,“ ſagte O'Grady,„fkann aber nichts erklären, es gehört zu meinem Geheimniſſe;“ dann zog er mich in eine Ecke und fliſterte mir zu:„Jack, ich habe — 259— eine befremdliche Entdeckung gemacht, die mich weiter führen muß. Durch Zufall traf ich an des General-Adjutanten Tiſche den Bruder eines franzöſiſchen Offiziers, dem ich bei Nivelles das Leben rettete; er erinnerte ſogleich meinen Na⸗ men und wir wurden Freunde. Ich nahm den mir angebotenen Siz in ſeinem Wagen zu dieſem Balle an, auf der Herfahrt ſagte er mir, daß er das Haupt der geheimen Polizei von Paris ſey, welche alles Vornehmen der regelmäßigen Polizei zu überwachen nnd an Fou ché zu berichten hat, deſſen Spione in allen Salons der Hauptſtadt, an jeglicher Mittagstafel lauern. Die ſonderbar⸗ ſten Geſchichten dieſes verabſcheuungswürdigen Syſtemes erzählte er mir, im Einfahren zum Hof dieſes Hotels ward unſer Wagen in der Linie feſtgekkemmt und mehre Minuten aufgehalten. Guillemain ließ das Fenſter nieder, ein leiſes, ei⸗ genthümliches Pfeifen ertönte, und alsbald er⸗ ſchien ein Mann mit niedergekrempeltem Hute und hoch über den Mund reichendem Halstuche am Wagen. Sie ſprachen einige Zeit, der Hinzuge⸗ kommene in gebrochenem Franzöſiſch mit auslän⸗ diſcher Betonung, eine Bewegung der Pferde machte den Schein der Lampe voll auf deſſen Geſicht fallen und ich erkannte Ihren alten Wi⸗ derſacher Ulick Burke.“ — 260— „Unmöglich! Sie müſſen ſich geirrt haben;“ ſagte ich. „Nein, ich erkannte ihn ſogleich und der Lichtſchein blieb volle fünf Minuten auf ſeinem Geſichte. Als er ging, bemerkte ich nachläſſig gegen Guillemain, das iſt einer Ihrer Leute?“ —„Ja, und ein durchtriebener Schurke, zu Al⸗ lem fähig. Er iſt kein Franzoſe, aber wir haben ſolche von allen Nationen, Polen, Schweden, Deutſche, Italiäner, Griechen— dieſer iſt Eng⸗ länder.“—„Sagen Sie lieber Irländer.“— „Wie, kennen Sie Fitzgerald?“ fragte Guillemain eifrig,„er behauptet, daß kein Engländer ihn er⸗ kennen ſolle, und bisher, ſo oft ich ihn verſuchte, ward er nicht erkannt, er aber kennt alle Eng⸗ länder genau. Durch ihn fand ich die Leute aus, zu denen wir jezt gehen.“ Dann gab er mir eine lange Geſchichte von unſerm würdigen Wirthe, der mit großem Reichthume, hoher Anmaßung und eben ſo großer Gemeinheit nach Paris unter dem gewaltigen Zudrange von Menſchen kam, die ſeit dem Frieden ſich hier ſchaarten. Bald wurde dem Polizeiminiſter der Ankömmlinge Wunſch be⸗ kannt, unter den modehaften Bewirthern des Ta⸗ ges zu zahlen, dieſer überlegte den Nuzen eines Hauſes, in welchem Perſonen aller politiſchen Schattirungen, Freunde Bourbons, Jacobiner, — 261— Napoleoniten, Leute von 88 und Bewunderer der alten Regime zuſammenträfen; deshalb wurden Maßregeln getroffen, um ihre Einladungen den vornehmſten Perſonen in Paris nicht nur zuzu⸗ ſtellen, ſondern auch für die Annahme derſelben zu wirken. Während dieſe guten Menſchen ihre Gaſtfreiheit nun mit möglichſtem Vertrauen aus⸗ üben, iſt ihr Hotel nichts mehr noch minder als ein Polizei⸗Cabinet, in welchem Fouché und ſeine Agenten Pariſer Ränke entwirren, oder auch neue zu ihren eigenen Zwecken anzetteln.“ „Schandbares Syſtem! aber wie kommt es, Phil, daß ſie ihre zwitterhafte Stellung nicht ken⸗ nen lernten?“ „Welche Frage, Jack! Anmaßende Gemein⸗ heit iſt ein dreifaches Schild, den kein Blick durch⸗ dringt; und weil Sie die Perſonen kennen—“ „Nimmer hörte ich von ihnen.“ „Wie haben Sie ſo kurzes Gedächtniß, Jack; doch war ein ſchönes Mädchen im Hauſe, an welches Sie länger hätten denken ſollen.“ Jezt wurden die Namen von Lady Charlotte und meiner Muͤhme an der Treppe abgerufen, wir drängten in die dichte Reihe, welche langſam die breite Treppe hinaufwogte. Im Vorzimmer . blendete uns der Glanz einer langen Folge von — 262— Salons, durch Wachskerzen heller erleuchtet, als der Mittagſchein, die Pracht in allen Gemächern., war der höchſten Art, aber doch nicht zu verglei⸗ chen mit dem Glanze der von Cdelſteinen funkeln⸗ den Damen und Herren. Hier waren die höch⸗ ſten Europäiſchen Namen, Könige und Fürſten der Erde, Führer mächtiger Heere, Feldherrn in hundert Schlachten, die geſammelte Größe der Welt, Alles, was der Menſchheit gebietet, an⸗ geerbter Rang— Militair⸗Macht— Geiſtes⸗ Größe, Schönheit, Reichthum, vermengte ſich hier im Brennpunkte modehafter Zerſtreuung, tauchte in alle Ausſchweifungen wollüſtiger Vergnügun⸗ gen. Näher an der Treppe ſtand die Muſik der Kaiſerlichen Garde, ſpielte eine Lieblings⸗Ma⸗ zurke des Kaiſers, und Hunderte lauſchten den entzückenden Tönen.— O'Grady führte meine Mutter durch das Gedränge zu einem Size und als Lady Julia neben ihr ſaß, fliſterte er mir zu: „Kommen Sie, Jack.“ Er zog einen Vorhang zur Seite, wir traten in ein Boudoir, in welchem ein Schenktiſch mit Erfriſchungen ſtand. Unter einem Haufen von Koſaken⸗Offizieren in gold⸗ ſchimmernden Uniformen gewahrte ich Champag⸗ ner trinkend meinen alten Freund Paul Rooney, der mit freudigem Geſichte meine Hand erfaßte und ausrief:„Captain, Liebling, den Gipfel des — 263— Morgens Ihnen— dies übertrifft Stephens⸗ Grün— wie?“ „Herr Paul Rooney,“ ſagte ich. „Nein Monſieur de Roni, wenn's Ihnen ge⸗ fällt,“ ſagte er lachend.„Hilf Gott, Herr, ich bin getauft, ſeitdem ich auf Reiſen ging.“ Er wollte mich den Koſaken vorſtellen, die in langen Zügen ihren Champagner ſchlürften. „Haben Sie die Wahrheit erſt ſo ſpät erra⸗ then,“ ſagte O'Grady mich durch den Saal füh⸗ rend,„Ihre Lady Mutter vermuthet nicht, daß ihr Wirth eben die Perſon iſt, der ſie einmal die Rechnung abforderte. Beim Jupiter! welche Entdeckung würde das für ſie ſeyn, und das kleine Mädchen, vor dem ſie ſolchen Abſcheu em⸗ pfand, iſt jezt die Schöne von Paris, Louiſe Bellew, mit ſiebentauſend Pfund jährlich und mit Reizen, die den doppelten Werth haben, da kommt ſie eben, wie ſchön!“ Sie ging auf ihres Tänzers Arm gelehnt vorbei, ich hatte nur einen kurzen Blick, aber das Blut ſtrömte zu meinem Antliz, ich fühlte Schwin⸗ del.— Mit ihr war de Vere; wie verſteinert ſtand ich. O'Grady, der mit einem andern Herrn geſprochen hatte, fliſterte mir zu:„der Knote ſchürzt ſich, denken Sie, der Böſewicht Burke hat dieſes reizenden Mädchens Hand und Vermögen — 264— zum Preiſe gemacht, um von de Vere geheime Auskunft in Betref der Schritte der Engliſchen Geſandtſchaft zu erlangen. Guillemain geſtand mir dieſes nicht, ſprach aber in einer Weiſe, die mich das Ding errathen lies, weil ich die Per⸗ ſonen genugſam kenne.“ „Aber welchen Einfluß hatte Burke auf ſie?“ „Keinen auf ſie, aber ſehr viel auf Roo⸗ ney's, die er nicht nur bedrohet, ihre eigentliche Lebensſtellung kund zu machen, ſondern auch über⸗ redet hat, daß eine ſolche Verheirathung ihrer Mündel ihnen für immer die Mode⸗Geſellſchaft ſichert. Dies würde bei Paul nichts bewirken, aber Madame ſezt hohen Preis darauf, überdem iſt Burke im Beſize eines Familien⸗Geheimniſſes in Betref ihrer Mutter, und gebraucht dieſes, um Paul einzuſchüchtern, der lieber ſterben, als Miß Bellew's Gefühle verlezen mögte. De Vere fehlt nur Verſtand, um eben ſo arger Schurke zu ſeyn, als Burke iſt, wir müſſen das arme Mädchen retten, komme, was da wolle.“ „Das müſſen wir und wollen wir,“ ſagte ich entſchloſſen. 1 Des Kaiſer Alexander hohe, ſchöne Geſtalt bewegte ſich jezt durch den Saal mit einer Dame am Arme, deren Federſchmuck bei jeglicher Bewe⸗ gung ſchwankte, ſie war Madame Rooney, die — 265— Anwaltsfrau aus Dublin. Ich ſuchte meine Mut⸗ ter auf, die mir fliſternd ſagte:„Lieber John, Du mußt Alles ausfinden, Dein Freund, der Oberſt, iſt offenbar im Geheimniſſe. Aber Du biſt wie im Traume; da iſt Beulwitz, der Julia den gan⸗ zen Abend jegliche Aufmerkſamkeit erweiſet, und Du biſt noch gar nicht zu ihr gegangen. Bei⸗ läufig haſt Du dieſe Mündel von Madame de Roni geſehn, ſehr hübſche und ſehr angenehme Perſon— ich vergaß den Namen.—“ „Miß Bellew vielleicht?“ „Ja ſo heißt ſie, kennſt Du ſie, ſonſt wird Lady Medleton Dich bei ihr einführen.“ „O, ich habe bereits das Vergnügen ihrer Bekanntſchaft.“ „Das iſt recht; hier kommt ſie, Du mußt mich ihr vorſtellen, John.—“ Auf den Arm einer Dame lehnend kam Louiſe Bellew durch den Saal, ich trat vor, nannte ſie bei ihrem Namen. Sie wandte ſich herum, ihre großen vollen Augen betrachteten mich einen Augenblick zweifelhaft, ſie erröthete ſtark, ward dann leichenblaß, verſuchte zu ſpre⸗ chen, vermogte kein Wort hervorzubringen, drückte ihrer Begleiterin Arm und murmelte,„Bitte, gehn wir weiter!“ Dieſe hatte Louiſens ängſtliches Drängen gar Jack Hinton. Zweiter Band. 12 — 266— nicht beachtet, ſagte:„Lady Charlotte Hinton— Miß Bellew.“ Meine Mutter zeigte ihr ſüßeſtes Lächeln, Miß Bellew kalte Zurückhaltung.„Mein Sohn hat ſich glücklich geſchäzt, Ihnen bekannt zu ſeyn,“ ſagte Lady Charlotte. Miß Bellew erbleichte und ſagte mit beben⸗ der Stimme:„wir waren ehemals bekannt, Ma⸗ dame, aber—“ was folgen ſollte, hörte ich nicht, denn mit dem Gedränge ging ſie weiter, ich war wie wahnſinnig; nur meine Mutter hörte ich ſa⸗ gen:„wie höchſt ungezogen!“ dann ſchwindelte mein Gehirn. Ich war verſpottet, verachtet, ver⸗ ſtoßen von ihr, die lange Zeit mein Herz ganz allein erfüllte. Im flammenden Aufruhr wollte ich Lord Dudley de Vere aufſuchen, als O'Grady mich erfaßte und mir in's Ohr ſagte:„ruhig, Jack, um des Himmels willen. Jedermann ſtaunt über ihr zerſtörtes Ausſehen; ich ſah, was Sie ſo verdroß.“ „Sie ſahen es?“ ſagte ich ſtierend. „Ja, ja und was ſolls; ein ſo reizendes Mädchen mit ſo großem Vermögen muß immer Anbeter haben. Aber Sie kennen Lady Julia zu gut— „Lady Julia,“ wiederholte ich ſtaunend. „Ja, Sie kennen ſie genug, um zu wiſſen, daß Beulwitz nicht die Perſon iſt.“ — 267— Ueber dieſes Mißverſtändniß brach ich in Gelächter aus, doch O'Grady legte auch dieſes unrecht aus und wiederholte ſeine Verſicherung, daß meiner Muhme Zärtlichkeit für mich über allen Argwohn erhaben ſey. Ich hatte nicht Luſt, ihm ſeinen Irrthum zu benehmen und ließ ihn ſpre⸗ chen. Als die Geſellſchaft zur Abendtafel hinab⸗ 3 ging, hörte ich den Wagen meiner Mutter an⸗ melden, und ſah, wie Lady Julia von Offizieren in öſterreichiſcher Uniform hineingehoben ward. Wierzehnles Sapilel. Ich bedauerte, nicht am andern Morgen zu hören, daß meine Mutter nicht vor der Stunde des Mittageſſens ſichtbar ſey; denn ich befürch⸗ tete, daß irgend eine Anſpielung auf Miß Bel⸗ lew's Namen eine Erläuterung von mir verlan⸗ gen mögte, die um ſo ſchwieriger war, als ich ſelber den Grund ihres ſonderbaren Empfanges nicht begreifen konnte.— Auch Julia ſchien be⸗ trübt, klagte über Ermüdung, doch ſah ich deut⸗ lich, es laſte etwas Schweres auf ihrem Ge⸗ müthe. Der Gedanke erfaßte mich de Vere's Be⸗ nehmen möge ſie ſchmerzen und ich nannte ihn im Geſpräche. Mit vollkommener Unbefangenheit ſagte ſie mir, mein Vater habe die ganze Reihe⸗ folge ſeiner Zweizüngigkeit und Verläumdung ge⸗ gen mich ausgefunden, die Sache dem Herzoge Oberbefehlshaber vorgeſtellt, der augenblicklich deſ⸗ — 269— ſen Abgang aus der Garde befohlen habe. Spä⸗ ter hatte ſein Familien⸗Einfluß ihm die Anſtel⸗ lung einer Attaché bei der Geſandtſchaft in Pa⸗ ris verſchaft; aber ſeit ihrem erſten Bruche habe er ſeine Beſuche eingeſtellt und werde jezt von den Damen gar nicht beachtet.— Julia's Schwermuth war alſo durchaus nicht einem mit de Vere in Bezug ſtehenden Umſtand zu⸗ zuſchreiben; und klar erkannte ich, daß ihr O'Grady mißfiel.— Ich ging mit dem Vorſaze aus, Roo⸗ ney's zu beſuchen, und auf jede Gefahr eine Er⸗ klärung mit Miß Bellew herbeizuführen, wenn es irgend möglich wäre. Sie konnte mich ohne ernſte Veranlaſſung nicht ſo behandelt haben, ich mußte verläumdet ſeyn, und bezweifelte nicht, daß de Vere und Burke, beide meine Feinde, die Ver⸗ läumder wären, die, wie ich lebhaft empfand, in Folge früheren Haſſes jegliche Gelegenheit ergrei⸗ fen würden, mich auf das empfindlichſte zu ver⸗ lezen. Das Hotel, in welchem Rooneys in Pa⸗ ris lebten, war ganz ſo belagert, wie ihr frühe⸗ res in Dublin, nur mit dem großen Unterſchiede, daß jezt Generäle aller ausländiſchen Dienſte, Feldmarſchälle mit Orden behangen, gepuderte Diplomaten, bebänderte politiſche Schrifſteller, Ge⸗ lehrte aller Europäiſchen Reiche, Müſſiggänger und Wizlinge, deren Einfälle das Entzücken aller — 270— Tafeln der Hauptſtadt bildeten, hier als auf einem neutralen Grunde zuſammenkamen, wo der Poli⸗ tik Außenpoſten ohne Gefahr noch Beeinträchti⸗ gung bei den Leckereien der köſtlichſten Tafel und bei den Vergnügungen der Geſellſchaft erſpähet werden— unter dem Schuze der treflichen An⸗ walt⸗Dame, die ſich ſelber für den Anziehungs⸗ punkt ihren höfiſchen Beſucher und betitelten Gäſte hielt, Ränke ergründet oder angezettelt wer⸗ den konnten. Unter allen Stimmen hörte ich zu⸗ erſt vom Balkon herab die gewohnte laute An⸗ maßung de Vere und ſein nichtsſagendes Lachen; Aerger und Verdruß erfaßten mich und trieben mich fort, ohne daß ich das Haus betrat.— Weil ich meiner Mutter forſchende Fragen be⸗ fürchtete, zog ich vor, in einem kleinen Kaféhauſe des Palais Royal allein zu ſpeiſen, ſaß bis nach eilf Uhr bei meinem Wein, und als das Kafeé⸗ haus um dieſe Zeit leer geworden, ging ich zum Spielſaal in der Rue Richelieu. Ganz unvorbereitet war ich für den Glanz des Anblickes, als die weiten Thüren von Triscati mir geöfnet wurden. Hohe Offiziere im ganzen Prunke ihrer glänzenden Uniformen, Bürgerliche in den gewählteſten Anzügen mit Ordenſchmuck behangen, bewegten ſich unter Damen, die mit der Vollkommenheit der Pariſer Toilette gekleidet, den reizendſten Anblick gewährten; die Unterhal⸗ tung ward in leiſem Tone geführt, auf ſilbernen Präſentirtellern reichten Diener Champagner und Eisfrüchte umher, alles geräuſchlos und mit Er⸗ haltung der anſtandvollſten Ruhe. Am Spiel⸗ tiſche war die Stille noch bemerklicher, man ver⸗ nahm nur die immer wiederholten eintönigen Worte des Croupier und das Raſſeln der einge⸗ ſcharrten Geldſäze, etwa mit einem halblauten Fluche untermengt. Wiewohl der Anſtand unge⸗ brochenes Schweigen dem zu Grunde gerichteten auflegte, zeigte die Leidenſchaft doch ihre Zerrun⸗ gen in den Geſichtern. Alte und jüngere Män⸗ ner, ſogar ſchöne Frauen ſah, man in heſtiger Bewegung ihr Spiel verfolgen. Am Ende des Tiſches ſtand ein leerer Seſ⸗ ſel, neben dieſem ein Offizier in Preußiſcher Uni⸗ form und vor ihm eine kleine mit Meſſing beſchla⸗ gene Caſſette. Alsbald erſchien ein alter Mann in blauer Uniform, mit Ordensſternen bedeckt, ſeine grauen Augbrauen überhingen die Augen faſt eben ſo ſehr als ſein ſtarker Backenbart den Mund. Er ging gelähmt und auf ſeinen Stock geſtüzt. So⸗ bald er ſaß wurde die Caſſette geöfnet, er zog eine Handvoll Napoleon's hervor, warf dieſe ohne ſie zu zählen mit dem einen Worte„ronge“ auf den Tiſch, und erwartete ungeduldig des Croupiers — 272— Ausfpruch. Die großen Summen, welche er ſezte, richtete Aller Blicke auf ihn, aber Mar⸗ ſchall Blücher ſchien das nicht zu beachten, ſcharrte ſeinen Gewinn ein, oder runzelte mit unmtuhigem Blicke die Stirn, wenn das Glück gegen ihn entſchied. Ich bemerkte, daß einige Perſonen von Zeit zu Zeit das Zimmer durch eine kleine Thüre ver⸗ ließen, die von einem Spiegel bedeckt, meiner Auf⸗ merkſamkeit im Anfange entgangen war. Dieſer Durchgang führte, wie ich vernahm, zu einer ge⸗ heimen Abtheilung des Spielhauſes, welche nur von einer gewiſſen Spielerklaſſe beſucht und wo die Tiſche den ganzen Tag über und die Nacht hindurch im Gange waren. Neugierig das In⸗ nere dieſer Laſterhöhle zu ſehn, öfnete ich, trat in einen ſchmalen Corridor und ward von einen Diener nach meiner Karte befragt. Ich gab ihm einen Napoleonsd'or, der ſeine Zweifel ſchnell be⸗ ſeitigte; er führte mich zum Ende des Ganges, drückte eine Feder und ich befand mit in einem Zimmer, beträchtlich kleiner als der Salon, nicht ſo glänzend erleuchtet aber ganz ſo prachtvoll ausge⸗ ſtattet. Ringsum waren kleine Verſchläge gleich den Logen in Londoner Kaffehäuſern, und Tiſche zum Abendeſſen ſtanden darin bereit. Die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit hatte ſehr hohes Spiel am — 273— Tiſche auf ſich gezogen; hier herrſchte noch tiefere Stille als im großen Salon. Kaum hörte man andere Stimmen als die der Croupiere. Einige Zeit verging bis ich nahe genug hin⸗ zutreten konnte, um das Spiel zu ſehen, erlangte zulezt hinter dem Stuhle eines Croupier trefliche Ueberſicht des ganzen Tiſches. Die verſchiedenen Nationen, mit ihren abweichenden Trachten, Sprachen und Ausdrücken, hier ſonderbar durch⸗ einandergemengt, mögten mich lange vergnügt haben, wäre nicht meine Aufmerkſamkeit durch einige Engliſche Worte erregt worden die dicht neben mir geſprochen wurden. Zwei Perſonen ſaßen da, ihre Rücken mir zugekehrt, welche ge⸗ meinſchaftliches Spiel zu treiben ſchienen. Vor ihnen lag ein großer Goldhaufe, auch Banknoten und mehre durchlöcherte Karten, die den Gang des Spieles bezeichneten. Unfähig ihre Geſichts⸗ züge zu ſehen, ward ich durch ein entſcheidendes Merkmal ihres Rangunterſchiedes betroffen. Des einen Hände waren fein und zart, faſt Frauen⸗ händen ähnlich, deutlich ſah man auf ihnen den Lauf der blauen Adern; Ringe von hohem Werthe und großer Schönheit erglänzten an den Fingern; des Andern Hände waren rauh, braungefleckt und ſechlecht gehalten, die kräftigen Finger und ſtarkgewachſene Knöchel verriethen die Gewohn⸗ 12*. — 274— heit thätiger Anſtrengung.— Sonderbar, daß ein Paax Menſchen, durch Stand und Lebens⸗ beſchäftigung ſo weit von einander getrennt, ſich angeſchloſſen finden ſollten; das gehörte Eng⸗ liſch reizte mich, ſie näher zu beobachten.— All⸗ mählich konnte ich bemerken, daß der Unterſchied in ihrer Kleidung ganz ſo auffallend war; denn obwohl der Demüthige gut, ſogar modiſch ge⸗ kleidet war, mangelten ihm doch die entſcheidenden Merkmale, welche ſeinen Begleiter als Mann der höhern Klaſſen und Lebensſtände bezeichnete. Wäh⸗ rend meines Zuſchauens war ihr Goldhaufe all⸗ mählig geſchwunden, ſie beugten ihre Köpfe über die Karten, beſprachen ihr Spiel und wurden vor⸗. ſichtiger im Ausſezen. „Nein, nein“ ſagte der, dem Anſchein nach, Höhere,„ich will's nicht wagen.“ „Ich ſage ja,“ murmelte der Andere in tie⸗ ferer Stimme,„roth kann nicht immer gewinnen, es traf jezt eilf Mal.“ „Das weiß ich,“ ſagte der Erſte bitter,„und ich habe ſiebenzehntauſend Franken verloren.“ „Sie haben verloren?“ entgegnete der An⸗ dere aufgebracht aber immer noch leiſe—„wes⸗ halb nicht wir? Bin ich etwa nichts dabei?“ „Nun, nun, Ulick, keine Leidenſchaft.“ Dieſer Name ſo wie des Sprechers Stimme, — 275— ſchreckten mich, ich lehnte vor, mein Kopf ſchwin⸗ delte, es waren Lord Dudley de Vere und Ulick Burke. Zornaufwallung, mich plözlich neben den einzigen beiden Feinden zu befinden, die ich jemals hatte, erfaßte mich dermaßen, daß ich mich nicht zu ſammeln vermogte. Mein erſter, raſcher Ge⸗ danke war, ſie ſogleich zu fordern, ihnen ihre Niederträchtigkeit gegen mich vorzuwerfen; ſie öffentlich vor der Geſellſchaft anzuklagen, doch dieſes wilde Aufbrauſen meines Zornes legte ſich, als Burke mit lauter, leidenſchaftlicher Stimme ausrief:„halt, ich werde ſezen!“ Der Croupier wartete mit den Karten in der Hand.—„Ich ſage, ich will es, Herr,“ ſprach Burke zu de Vere, deſſen Wangen bleich wie der Tod waren, und deſſen zerſtörtes, eingefallenes Ausſehen dadurch erhöhet wurde, daß er ſich das Halstuch abge⸗ riſſen und den Hemdekragen geöfnet hatte.—„Ich ſage, ich will— wollten Sie gegenreden?“ fuhr er fort und betonte die Worte mit ſo verächtlicher Unverſchämtheit, daß de Vere's Augen ſogar flammten.„Zwanzigtauſend Franken auf Noir,“ ſagte Burke, legte ſeine lezte Banknote auf den Tiſch; kaum waren die Worte geſprochen als der Croupier ankündigte:„Ronge gangne.“ Ein gräßlicher Fluch entfuhr Burke, der mit ſtieren Augapfeln die hingebreiteten Karten überzählte. — 2476— „Sie ſehn, Burke,“ ſagte de Vere. „Sprechen Sie jezt nicht zu mir, ſeyn Sie verdammt,“ erwiederte er mit zuſammengebiſſenen Zähnen. De Vere ſchob ſeinen Stuhl zurück, erhob ſich und ging durch das Gedränge zu einem ofnen Fenſter. Burke ſaß einige Sekunden den Kopf in ſeine Hände verſenkt, richtete ſich dann auf und rief:„Zehntauſend, Noir!“ Eine Art halb unterdrückten Lachens lief um den Tiſch, als ſich zeigte, er habe keine Fonds mehr, und fahre dennoch fort, Wetten anzubieten. Er blickte erſt auf den Tiſch, dann rauh auf die Spieler, die er einen nach dem andern mit ſeinen düſtern Augen anſtierte, als ſuche er ſich ein Schlachtopfer für ſeinen Haß. Doch Alle waren ſtill, viele von ihnen eben ſo unbeſonnen als er ſelber, eben ſo vollſtändig zu Grunde gerichtet,— aber keiner ſo hofnungslos als er. „Wer lachte?“ fragte er in Franzöſiſcher Sprache, während die dicken Adern ſeiner Stirn gleich Tauwerk vordrängten; als Keiner ſeine Ausforderung beantwortete, erhob er ſich langſam mit den lauernden Blicken eines Teufels. Darf ich ihren Stuhl haben, mein Herr,“ ſagte ein lebhafter kleiner Franzoſe mit lächelnder Verbeugung als Burke fortging. ——— — — E „Ja, nehmen Sie,“ ſagte dieſer, hob den ſchweren Seſſel mit ſeiner Hand empor und ſchleuderte ihn zum Boden, daß die Stücke im Zimmer umherflogen. Das Gedränge machte ihm Plaz zum Fort⸗ gehen, umſchloß dann eben ſo ſchnell wieder den Tiſch, auf welchem das Spiel des Verderbens fortgeſezt wurde, ohne den zum Bettler geworde⸗ nen Spieler nur eines Blickes zu würdigen. Dieſe grauenhafte Gleichgültigkeit der Spie⸗ lenden bei dem Jammer des Elenden flößte mir ſolchen Widerwillen ein, daß ich dem Spiele nicht länger zuſchauen mogte; mit Abſcheu wendete ich mich vom Tiſche. Bewegt war mein Gemüth durch vielfache Eindrücke, bald ſchwellte mein Herz im Gefühle triumphirender Rachluſt, ward bald von Mitleid für ihn erfüllt, der mein Glück für immer unter⸗ graben hatte; ſo ſezte ich mich in eine der er⸗ wähnten Logenabtheilungen, welche ſchwach er⸗ leuchtet, noch von keinem der Spieler zu ſeinem Abendeſſen gewählt worden. Ein dicht zugezoge⸗ ner Vorhang trennte den Ort, in welchem ich mich befand, vom neben befindlichen, in welchem ich von Zeit zu Zeit Gläſer klirren und Cham⸗ pagner entkorken hörte. Anfangs vermuthete ich ein einſamer Beſucher habe ſich dort hingeſezt⸗ — 278— um ſich über ſeinen Gewinn zu erfreuen, oder ſeinen Verluſt zu betrauern; bald jedoch vernahm ich leiſe murmelnde Stimmen, an denen ich kurz nachher Burke und de Vere erkannte. Aus Ton und Benehmen ging deutlich her⸗ vor, daß Burke ſeines Geſellſchafters Meiſter ſey, er ſprach nicht mehr in den beleidigenden Ausdrücken, die ich am Spieltiſche vernommen hatte, ſondern ließ ſich im Gegentheil zu Schmei⸗ cheleien herab,— ſtellte ſich entzückt über de Vere's Geiſt und Scharfſicht, wiederholte mehr als einmal, daß mit einem ſolchen Verbündeten er ſich wenig um des Glückes Tücken kümmere, denn um ſeinen Ausdruck zu gebrauchen,„wären Sie ſicher, das Glück müſſe herum kommen.“ De Vere's Stimme hörte ich nur in ſelte⸗ nen Zwiſchenzeiten, ſie bewies, er habe ſtark ge⸗ trunken; der Wein und ſein Spielverluſt hatten ihm eine Art ſorgloſer Verzweiflung erregt, die ſeinem Benehmen und ſeinen Worten einen An⸗ ſchein von Kühnheit gab, welche ſeine wirkliche Denkart durchaus entbehrte. Ich erhob mich um den Ort zu verlaſſen, als ich wußte, daß de Vere und Burke meine Nachbarn ſeyen; denn wollte ich nicht Lauſcher ſeyn, durfte ich nicht bleiben;z doch in dem Au⸗ genblicke ward ich durch meinem Namen er⸗ ——ſſſſ — ſchreckt, den Burke mit rachgierigem Nachdrucke ausſprach; dies veranlaßt mich weiter zuzuhören. Er ſchlug heftig mit ſeiner Hand auf den Tiſch, bekräftigte ſeine Anführung durch einen gräßlichen Fluch und ſagte:„um ihn und durch ihn hat mein Onkel mich als Bettler hinterlaſſen. Doch ſchon habe ich meine Rache gehabt, wiewohl es damit nicht enden ſoll.“ „Sie meinen nicht ihn wieder zu fordern; verdammt, er iſt teufelmäßig guter Schüze— durchlöcherte Sie ſchon einmal. Wie?“ Burke beachtete dieſe Unterbrechung nicht, ſon⸗ dern fuhr fort,„ich war es, der meinem Onkel ſagte: daß dieſer Burſche Neffe eben des Mannes ſey, der ſeine Frau verführte. Dermaßen bearbeitete ich den alten Mann, daß er Haus und Heimath ver⸗ ließ, das Land durchwanderte bis Geiſteszerrüt⸗ tung, auf den gebrochenen Körper einwirkend, erſt Fieber dann den Tod herbeiführte.—* „Er ſtarb— wie? glorreicher Neffe ſind Sie, bei Jupiter,— was dann?“ „Will's Ihnen ſagen, ich fälſchte einen Brief in ſeiner Handſchrift an Louiſe, als wäre er auf dem Todtenbette geſchrieben, gebot ihr als lezte Willensmeinung, ſie möge Hinton niemals wie⸗ der ſehen; oder ſollten ſie durch irgend einen Zufall zuſammengeführt werden, möge ſie ihn — 280— nicht wieder erkennen noch die Bekanntſchaft wie⸗ der anknüpfen.“ „Verteufelt geſcheut, das; bei Gott, ein beſſerer Martingal als der, welchen Sie vor kur⸗ zer Zeit erſannen. Geben Sie mir den Wein! — vierzehnmal hintereinander— war's nicht vier⸗ zehn?— und wäre Ihr verfluchter Eigenſinn nicht dazwiſchen gekommen, ſo hätte ich roth ge⸗ halten. Sehn wir, funfzig Napoleon— hun⸗ dert,— vier— acht— ſechzehn— zwei und dreißig und ſo fort— o, verwünſchte Einfalt!“ „Nun, nun, Dudley, ein andermal beſſer Glück. Louiſens Augen müſſen Sie gar zu freundlich angeſchaut haben, ſonſt wären Sie glücklicher geweſen.“ „Wie? meinen Sie, daß ſie mich leiden mag?— Vortreflicher Champagner, dieſer— vom Anfang glaubte ich, das ſey der Fall mit ihr— Das nenn'’ ich Hinton den Weg abſchnei⸗ den. Wie wird er ſtieren, ha! ha! ha!“ „Ja, wie wird er ſtieren,“ rief Burke nach, verſuchte mit dem Lachen einzuſtimmen.„Aber eine Sache iſt nun noch nöthig.“ „Sie meinen die Depeſchen,“ erwiederte De Vere ſchnell,„immer kommen Sie darauf zu⸗ rück— Nun, ein für allemal ſage ich Ihnen, nein!“ „Hören Sie mich doch an, Dudley: nichts iſt leichter— nichts kann weniger gefährlich ſeyn.“ „Weniger gefährlich, was meinen Sie? Nicht gefährlich für mich, die Papiere der Geſandtſchaft zu ſtehlen, dieſe Ihnen zu geben, damit Sie ſel⸗ bige dem Schurken an der Spize der geheimen Polizei einhändigen; teufelmäßig grün mag ich ſeyn, aber doch nicht Grünſchnabel genug dazu; Meiſter Burke.“ „Guillemain will uns vierzigtauſend Fran⸗ ekn geben. Vierzigtauſend! mit der Hälfte da⸗ von und mit Ihrem Glücke, De Vere, können wir jede Bank in Paris ſprengen. Ich weiß, Sie wünſchen nicht Louiſe zu heirathen.“ „Nein; gehängt werd' ich, wenn das nicht das lezte Aergſte iſt. Bewahren wir das für den lezten Wurf, wie?— Da wird hoch geſpielt— wie ſtill Alle ſind.“ „Ja, und mit vierzigtauſend Franken koͤnn⸗ ten wir uns unter ſie miſchen,“ ſagte Burke nachdenklich;„und o völlig geſichert mögt's ge⸗ ſchehn.“ — 282— „Ich ſage nein!“ erwiederte De Vere ent⸗ ſchloſſen. „Was fürchten Sie? mich etwa?—“* „Nein, Sie nicht; ich glaube Sie ſind treu genug— zudem würde Ihr eigener Hals in der Schlinge ſizen; deshalb werden Sie nichts ſa⸗ gen;— aber ich will's nicht thun— geben Sie mir den Champagner,— es iſt etwas ſo verteu⸗ felt niederträchtiges, eines Andern Papiere zu ſtehlen.“ Burke ſchreckte empor, als hätten ſeines Ge⸗ fährten Worte ihn wie mit Natterbiſſen getroffen; dann ſagte er feſt:„Haben Sie Ihre jezige Stellung gut überlegt,— Ihnen iſt keine Guinee geblieben,— Ihre Schulden in Paris allein über⸗ ſteigen, wie ich beſtimmt weiß, den Betrag von vierzigtauſend Franken.“ „Nicht ein Livre will ich jemals davon be⸗ zahlen— verdammte Schwindler und Geld⸗ Juden;“— war ſeine kaltblütige Antwort. „Mögte nicht ein gewiſſenhafter Sittenlehrer andeuten, daß darin etwas Niederträchtiges ſey?“ ſagte Burke mit langſamer ſehr deutlicher Be⸗ tonung. „Was!“ erwiederte De Vere,„kommen Sie hier, mich zu hofmeiſtern— ein niedriggeborener — 283— Pferde⸗Jockei, ein Spion?— Ihre Hand fort, oder ich mache Lärmen im Zimmer;— laſſen Sie mein Halsband los.“ „Kommen Sie, mein Lord, wir find Beide im Unrecht;“ ſagte Burke, mit gewaltſamer An⸗ ſtrengung ſeinen Zorn dämpfend;—„wir unter allen Menſchen dürfen nicht hadern! Spiel iſt für uns die Luft, welche wir athmen, das Licht, in welchem wir leben. Reichen Sie mir Ihre Hand.“ „Erlauben Sie mir, zuvor meinen Hand⸗ ſchuh anzuziehen,“ ſagte De Vere im Tone un⸗ vergleichlicher Unverſchämtheit. „Champagner hier!“ rief Burke dem Wärter zu, der eben vorbeiging, mehre Minuten ver⸗ brachten Beide ſchweigend. Die Uhr ſchlug ein Viertel von zwei, und Burke ſprang auf ſeine Füße; eilig ſagte er:„ich muß fort, um halb zwei hatte ich ſchon an der Porte St. Martin ſeyn ſollen.“ „Grüßen Sie den Jakobiner-Klub von mir,“ ſprach De Vere mit beleidigendem Lachen,„ſagen Sie ihnen, ſie mögten allen Leuten in Paris die Hälſe abſchneiden, nur dem alten Lafitte nicht; der hat verſprochen, einen Wechſel für mich an dieſem Morgen zahlbar zu machen.“ — 284— „Sie würden ſeine Freundlichkeit ſo bald nicht nöthig haben,“ entgegnete Burke,„wenn Sie meinen Rath annehmen wollten;— vierzig⸗ tauſend Franken.“ „Glauben Sie, er würde ſechzigtauſend geben?“ „Sechzigtauſend,“ ſagte Burke lebhaft;„ich bin nicht ſicher, aber ſoll ich ihm ſagen, daß Sie es für ſechzigtauſend thun wollen?“ „Nein, das meine ich nicht; ich wollte nur allein wiſſen, ob dieſe verwünſchten Schreibereien, die ich zuweilen abſchreiben muß, möglicher Weiſe für Jemandem bis zu dem Betrage Werth ha⸗ ben könnten.“ Burke verſuchte zu lachen, doch ſein hohles Kichern klang wie das Röcheln eines Halber⸗ ſtickten. „Lachen Sie frei heraus,“ ſagte De Vere, deſſen Stimme immer undeutlicher tönte, je mehr ſeine Herzhaftigkeit zunahm;„Ihr Murmeln gleicht ſo teufelmäßig einem Spione— einem ſchurki⸗ ſchen, niederträchtigen—“ Ein ſchwerer Schlag— ein halb ausge⸗ ſtoßener Schrei folgten, und De Vere fiel mit Geräuſch auf den Fußboden, ſein Antliz und — 285— ſeine Schläfe im Blut gebadet; Burke ſprang zur Thür, flog die Treppe hinab, und gewann die Straße, bevor an Verfolgung gedacht wurde. Einige wenige Unbetheiligte am Tiſche halfen mir den zur Erde gefallenen Mann aufrichten, dem das Blut aus Mund und Naſe ſtrömte. Er war durchaus beſinnungslos, zeigte kaum noch eine Spur von Leben, wurde die Treppe hinab⸗ getragen und in einen Wagen gehoben. „Wohin?“ fragte der Kutſcher, als ich neben der Thür ſtand. Einige Sekunden ſchwankte ich, nannte dann: No. 4. Place Vendôme.“ Lord Dudley De Vere Kopfſtück ſchien durch⸗ aus mit der ſonderbarlichen Unverlezlichkeit be⸗ gabt, welche den Köpfen der Narren im allge⸗ meinen durch dreifache Dicke der Umhüllung ei⸗ gen iſt. Er erwachte am andern Morgen ohne die geringſte Beſchädigung, ſammelte ſeine Erin⸗ nerungen allmählig, war ſich alles Vorgefallenen klar bewußt, vor allem der merkwürdigen Reihe⸗ folge des Gewinnens der rothen Farbe,— wußte, wie viele Flaſchen Champagner er ge⸗ trunken und war nur über eine Sache in Ver⸗ wirrung, was ihm möglicher Weiſe den Muth eeingeflößt haben mogte, womit er Burke gegen⸗ —— 286— überſtand, und die Verwegenheit, die ihn ange⸗ trieben hatte, dieſen zu beſchimpfen. Verlegenheit über den Umſtand, zum Hauſe derjenigen Perſon gebracht zu ſeyn, welche er ſelber ſo arg behandelt hatte, empfand er in der allerentfernteſten Weiſe nicht; über dieſen Punkt bedachte er nur allein ſeine Genugthuung, daß „irgend jemand“ für ihn geſorgt habe, und er nicht auf dem Fußboden des Salon niedergeſtreckt gelaſſen ſey.— Seine bewundernswürdige Phi⸗ loſophie in dieſer Beziehung befreite mich in gro⸗ ßem Maße von dem Zwange, welchen ich in ſei. ner Gegenwart hatte empfinden müſſen, und machte mich bald ganz unbefangen. Er ſagte, daß er außer einigen ſchmerzlichen Empfindungen im Kopfe nur allein an unbezwinglichem Durſte litte, und als ich die Urſache ſeines Unfalles leicht berührte, entdeckte ich zu meinem größten Erſtaunen, daß er nicht den allermindeſten Groll gegen den Mann hegte, der ihn in ſo roher Weiſe mißhandelt hatte, ſondern ſogar Burkes vollendete Geſchicklichkeit und Anſtelligkeit bei dem Spiele eine warme Lobrede hielt— als wären ſolche Eigenſchaften in ſeiner Würdigung wohl geeignet irgend kleine Makel von Schurkerei zu überwiegen, welche deſſen Denkweiſe bezeichnen mögten. — 28 „Ich ſage,“ ſprach er,„halten Sie Burke nicht für einen teufliſch ſcharfen Geſellen? er iſt in allen Dingen gewandt, und ſo kalt— ſo verwünſcht kalt; obwohl geſtern Abend nicht; nein, beim Jupiter! da verlor er durchaus die Faſſung. Der Schlag wird mir ein Merkmal laſſen, wie? Verdammt, es war zu arg; er muß um Entſchuldigung dafür bitten. Sie wiſſen, er war betrunken, und im Grunde den ganzen Abend hindurch etwas verkehrt; mich wollte er nicht auf„roth“ ſezen laſſen,— und das gewann ſo fortgeſezt— ich vermuthe, Sie ſahen es.“ Nur mit dem Kopfe nickte ich, denn ich war noch unſchlüſſig, wie weit ich ihm meine Kennt⸗ niß von Burkes gegen mich verübte Bosheit mit⸗ theilen wollte. „Beiläufig,“ fuhr er fort,„mein Hierſeyn iſt im Grunde unbehaglich; Sie wiſſen, daß Ihre Familie mit mir gebrochen hat; meinen Sie nicht, ich könnte ein Cabriolet bekommen, um mich nach der Rue d'Alger zu bringen?“ Einigermaßen rührte mich die Einfalt dieſer Bemerkung, und ich gab ihm die Verſicherung, daß unter den Umſtänden des Augenblickes mei⸗ ner Familie früher empfangene Eindrücke gar nicht erinnern würde. „Ja, davon bin ich gewiß; Niemand achtet es der Mühe werth, einem armen Teufel wie 3 ich bin mit Zorn zu behandeln; hätte ich aber die rothe Farbe geſezt—“ Ein Diener trat ein, und meldete mir: Co⸗ lonel O'Grady ſey im Beſuchzimmer; ſo verließ ich Lord Dudley, um ſich weiter auszudenken, was erfolgt ſeyn mogte, wenn er„roth“ gehalten hätte, um meinen Freund aufzuſuchen. Wir waren allein, in zehn Minuten erklärte ich ihm die von mir gemachte zufällige Entdeckung, verhehlte ihm nur meine Liebe für Louiſe Bellewe weil ich mich nicht überwinden konnte, davon zu reden. Als ich geendet hatte, ſagte Phil:„ich gewahre, Sie ſind halb geneigt De Vere alle ſeine Schurkerei zu verzeihen. Wir faſſen wirk⸗ lich eine gar verſchiedene Abſchäzung der Menſchen auf! vielleicht— gewiß will ich nicht ſagen— iſt's, weil ich Irländer bin, daß ich mich ausge⸗ macht mehr zu dem frechen Böſewicht Burke neige; mir erſcheint die erbärmliche, verächtliche Schwäche des einen viel unerträglicher als des andern trozige Ruchloſigkeit. Vergeſſen Sie nicht die Lehre, welche ich Ihnen vor mehreren Jah⸗ ren gab: ein Tropf iſt immer Böſewicht. Könnte der Wicht in dieſer Minute ſeinen Spießgeſellen ſehen, er würde ihm jeglichen hier bemerkten Um⸗ ſtand mittheilen, der nur zu Ihrem Nachtheile Anwendung finden konnte. Ungerührt durch Ihre ihm erwieſene Güte würde er Sie eben dem Menſchen verkaufen, vor dem Sie ihn retteten. Doch was haben wir im Grunde mit ihm zu thun. Unſere erſte Aufgabe iſt, dieſes armen Mädchens Namen davor zu bewahren, daß er nie mit dem ſeinigen vermiſcht werde; alles Wei⸗ tere iſt natürlich ganz außer der Frage. Roo⸗ ney's gehen zurück, ich ſah Paul dieſen Morgen — ein Vorgang an der Abendtafel war ihr „Verderbeng alle Irländiſchen Offiziere, die Madame de Roni für eine erlauchte Fremde ge⸗ halten, haben die wahre Spur ausgefunden; ſo viele hohe und ausgezeichnete Perſonen ſind an der Lächerlichkeit ihrer Geſellſchaften betheiligt, daß mein Freund, der alte Polizei⸗Chef, ihnen den beſondern Befehl zugeſchickt hat, Paris im Laufe der Woche zu verlaſſen. Paul iſt entzückt darüber— er hat in zwei Monaten achtzehntau⸗ ſend Pfund verpraßt,— verabſcheut den Ort,— mögte für ſein Leben nach Dublin zurück, und ſchwört, außer einem Koſaken⸗Offizier keinen vergnüglichen Geſellen aufgefunden zu haben, ſo lange er abweſend iſt.“ „Und Madame Paul?“ fragte ich. Jack Hinton. Sweiter Band. 13. — 290— „Die alte Geſchichte. Ich habe Guillemain angeregt, der hat ihr zu verſtehn gegeben, die Kaiſerin von Rußland ſey über des Czaars Auf⸗ merkſamkeiten beunruhigt, und wenn ſie nicht heimlich aus Paris ſich fortmache, könnte der Fall eintreten, daß irgend ein Boyar ſie einſtecke und nach Tobolsk abführe. Seitdem iſt ſie in Angſt, und wünſcht die Abreiſe.— Auch ich habe Ent⸗ deckungen gemacht, ſeitdem wir uns nicht geſehn haben. De Veres hohes Spiel ſezte alle ſeine Be⸗ kannten in Erſtaunen; ich habe das Geheimniß aufgefunden— er ſpielt mit falſchen Bank⸗ noten.“ 4 „Iſt der Elende ſo weit verſunken?“ „Er weiß es gar nicht; glaubt das Geld ſey Ertrag von Wechſeln, die er Burke eingehändigt hat, der ſich den Anſchein giebt, dieſe zu ver⸗ wehrten. Sehn Sie— hiier iſt eine Handvoll ihrer Noten— Guillemain weiß alles, und be⸗ wahrt das Geheimniß als eine Schlinge für Burke, deſſen Rechtſchaffenheit gegen ihn ſelber er bereits beargwöhnte. Ertappt er ihn auf Schleichwegen— dann ſind ihm die Galeeren auf Lebenszeit gewiß. So iſt ihr Syſtem— ein Schurke hat für die keinen Werth, wenn deſ⸗ ſen Leben nicht zu ihrer Verfügung ſteht— durch⸗ Sunſdehnles Sapilel O'Grady hatte ich bei De Vere gelaſſen, und ging zu den Boulevards, erfüllt von den au⸗ ßerordentlichen Thatſachen, die ſo plözlich einander drängten. Ein Strahl von Hofnung, der mich ſeit vielen Tagen nicht erleuchtet hatte, miſchte ſich jezt meinen Betrachtungen zu, ich begann zu glauben, daß für mich Glückſeligkeit noch möglich wäre. Nicht weit war ich gegangen, als Je⸗ mand ſeinen Arm unter den meinigen ſchob, und kichernd dabei lachte.— Es war Herr Paul Rooney, der ſeinen Morgenſpaziergang in Paris machte, und jezt mit einem gewaltigen Blumen⸗ ſtrauße verſehn nach Hauſe ging, denn ſeine Frau hatte ihm gelehrt, ihr täglich bei dem Erſcheinen im Beſuchzimmer einen ſolchen darzubieten. wahr ich ein Sünder bin. Kommen Sie, ſezen — 293— „Ach, Captain, gerade der Mann, den ich wünſchte. Seit Ihrer Ankunft haben wir noch keinen Augenblick mit einander verbringen lönnen. Sie müſſen heute kommen und mit uns ſpeiſen — dem Himmel ſey Dank, wir haben keine Ge⸗ ſellſchaft.— Und ich habe eine Schweinskeule ins Haus ſchmuggeln laſſen, als wäre ſie ein Ballen Waare von Alerandrien. Niemand weiß darum, als nur Tim und ich.“ „Tim! Wie brachten Sie Tim mit nach Paris?“ „Still,“ ſagte er mit leiſer, beſorglicher Stimme,„ich würde gänzlich zu Grunde gerich⸗ tet, wenn meine Frau ihn ausfände. Tim ſteht, wie ein Tartar gekleidet, in der Vorhalle; und Madame glaubt, er habe in ſeinem Leben nichts von einer Rechtsſchrift gehört. Aber hier ſind wir.“ Mit einem Klinken⸗Schlüſſel öfnete er bei dieſen Worten eine ſchmale Pforte, führte mich in einen großen, wohl unterhaltenen Garten, den wir eilends durchgingen, doch die verſchloſſenen Fenſterblenden im Zimmer ſeiner Frau bewieſen ihm, er habe nicht ſo große Eile zur Heimkehr nöthig gehabt. „Sie iſt noch nicht herunter— ein Uhr, ſo — 294— Sie ſich im Bücherzimmer, ich werde alsbald zu Ihnen kommen.“ Sobald Paul mich im Zimmer allein gelaſ⸗ ſen, begann ich über die Verlegenheit meiner Stellung nachzudenken, im Fall ich Miß Bellew begegnen mögte; ich konnte mir nicht klar ver⸗ ſtändigen, welchen Weg ich unter den beſtehen⸗ den Umſtänden einſchlagen ſolle; während ich dies bedachte, wurde die Thür geöfnet und ſie trat herein. Weil ich in einer zurückſpringenden Fen⸗ ſtervertiefung ſtand, gewahrte ſie mich nicht, zog einen Seſſel zum Feuer und ſezte ſich. Kaum wagte ich zu athmen; ich hatte das Gefühl eines Menſchen, der kein Recht beſaß ſich hier einzu⸗ führen, und der gewiſſermaßen zu einem Ausſpä⸗ her geworden. Ein ſchwerer Athemzug entfuhr mir, ſie ſchreckte auf; ich bewegte mich etwas voraus, und ſtand vor ihr. Sie lehnte ihre Hand auf den Arm des Seſſels, um ſich zu ſtü⸗ zen, ihre Wangen waren todtenbleich, ein be⸗ bendes Zucken erfaßte ihre Lippen. „Herr Hinton,“ hob ſie an, ſchwieg dann wieder, als ſey ſie durch dieſen Ton erſchreckt — wiederholte:„Herr Hinton,— ich nehme an,— nein ich weiß gewiß— wenn Sie die Gründe meines Benehmens gegen Sie kennten, würden Sie mich nicht nur alles Tadels , —„ entheben, ſondern mir auch den Schmerz erſpa⸗ ren, uns je wieder zu begegnen.“ „Ich kenne ſie,“ erwiederte ich leidenſchaft⸗ lich,— ich wurde verläumdet.“ „Nein, Sie wiſſen nicht, können nicht wiſ⸗ ſen, was ich meine,“ unterbrach ſie mich.„Es iſt ein Geheimniß zwiſchen meinem Herzen und Einem, der jezt nicht mehr lebt.“ Dieſe lezten Worte entfielen ihr einzeln, eine Thräne rollte aus ihren Augen und über die Wange. „Ja, ja, Louiſe, ich weiß es— weiß al⸗ les: ein Zufall hat mich belehrt, wie Ihres theu⸗ ren Vaters Name dazu gebraucht wurde, mich für immer aus Ihrem Angeſichte zu verbannen — wie eine Fälſchung ſeiner Handſchrift—“ „Wie?— Wer könnte Ihnen geſagt haben, was meines Vaters leztes Schreiben enthielt?“ „Er, der es abfaßte, geſtand es ein unter meinem Anhören— Ulick Burke;— ich kann Ihnen ſogar die Worte wiederholen.—“ Wäh⸗ rend ich ſprach, erfaßte ſie heftiges Beben, ihre Lippen wurden weiß, ſie ſchwankte und ſank auf den Seſſel. Ich hatte nur die Zeit vorzuſprin⸗ gen, ſie in meinen Armen aufzufangen, ſchwer fiel ihr Kopf zurück und ſank auf meine Schulter. — Auch wenn ich wollte, vermogte ich die Worte nicht zu wiederholen, die ich in der ganzen war⸗ men Beredtſamkeit meiner Liebe ſprach. Aus ih⸗ rer lebhafteren Färbung konnte ich erkennen, daß ihr Lebensblut wieder frei in ihren Adern umlief; konnte gewahren, daß ſie mich hörte. Ich ſagte ihr, wie unter allen Beſchwerden und Lei⸗ den mit dem ganzen Kummer getäuſchter Ehr⸗ ſucht in den langen Stunden meiner Gefangen⸗ ſchaft mein Herz immer nur ihr zugewendet war, und dann, als wir uns wiederſahen, mußte ich ſie ſo verändert finden! „Aber Sie tadeln mich nicht,— Sie kön⸗ nen mich nicht tadeln, wenn ich glaubte—“ „Nein, wenn Sie mich jezt verſichern, daß außer dieſer Fälſchung keine Aenderung bei Ih⸗ nen vorging— daß Ihr Herz noch ſo ganz das meine iſt, als ich es vormals glaubte.“ Schwaches Lächeln ſpielte auf ihren Lippen, als ſie mir ihre Blicke zurichtete und mit ſanfter Stimme murmelte:„Lieben Sie mich immer noch?“ Entzückt preßte ich ihre Hand an meine Lip⸗ pen, als plözlich die Thür aufging und Paul Rooney hereinſtürmte:„Noch ein Bewerber um die Schweinskeule.— Aber wie? Was iſt dies?“ ſagte er, als ich aufſtand und ihm entgegen ging; Louiſe erröthete tief, begrub ihr Antliz in den Händen, ſchreckte auf und verließ das Zimmer „ — — 297—. „Captain,“ ſagte Paul ſehr ernſthaft,„was ſoll dies bedeuten? Meinen Sie, daß, weil in unſern Lebensſtänden einiger Unterſchied beſteht, Sie dadurch berechtigt ſeyn könnten, eine zu be⸗ leidigen, die unter meinem Schuze ſteht? Iſt's, weil Sie Offizier ſind und ich Anwalt, daß Sie gewagt haben, ſich hier eine Freiheit herauszu⸗ nehmen, die Sie in Ihrem Umgangskreiſe nicht begehen durften?“ „Mein lieber Herr Rooney, Sie mißkennen mich durchaus.“. „Wenn ich Sie nicht mißtreffe, will ich Ih⸗ nen eine Kugel durch den Leib ſchicken, ſo wahr mein Name Paul iſt;“ erwiederte er raſch. „Sie verkennen und verlezen mich. Lange und flammend liebte ich Miß Bellew. Von der Stunde an, in welcher ich ſie in Ihrem Hauſe antraf, war ihr meine Liebe geweihet. Seit un⸗ ſerer langen Trennung ſahen wir uns jezt zum erſtenmale, ich beſchloß, die Zuſammenkunft ſolle nicht verloren ſeyn. Ich habe ſie gefragt, ob ſie meine Frau werden will.“ „Haben Sie das? Und was ſagt ſie?“. „Sie hat eingewilligt. „Tralla⸗la⸗la!“ rief Paul, ſchnalzte mtt den 13 ¾*½ — 5— — 298— Fingern, ſprang wie ein Beſeſſener im Zimmer umher.„Geben Sie mir Ihre Hand, mein Freund. Lieber will ich dieſen Ehevertrag auf⸗ 6 ſezen, ſo helf mir Gott! als den Befehl ſehn, der mich zum Urkunden⸗Bewahrer machen ſollte.— Wer will nun noch ſagen, es ſey kein Glück in 'ner Schweinskeule?— Sie iſt ein Liebling, und ſo reizend ſie iſt, ſind ihre Blicke doch nicht das Beſte von ihr— ſie iſt ein Engel, ſo wahr ich hier ſtehe. Und ſehn Sie,“ nun ſprach er mit leiſer Stimme,—„ſieben Tauſend jährlich, die zu neun Tauſend werden mögen. Henneſey's Pachtung iſt im October abgelaufen, und das Cluangoff⸗Gut iſt für zehn Schilling per Acre verpachtet. Hurrah! möglich, daß ich mich heute Abend nicht betrinke! Aber Niemanden laſſe ich herein, weder Koſak noch Tartar, noch Böhmen oder irgend andern Taugenichts. Beſchworen!“ Nach kurzer Beſprechung wurde feſtgeſezt, daß die Heirath noch vor Rooney's Abreiſe aus Paris vollzogen werden ſolle, wenn Louiſe ihre Einwilligung zu dieſer Einrichtung geben wollte. Inzwiſchen kamen wir überein, die Sache jezt noch völlig geheim zu halten, ſogar Madame Rooney ſolle nichts davon erfahren. Jezt erſchien O'Grady, der mich in ſeinem Hotel lange er⸗ . jeglichen Betruges und heimlicher Nänke ver⸗ — 299— wartet und zulezt aufgeſucht hatte.„Heute bin ich Ihr Mann, Paul, Sie bekamen mein Schrei⸗ ben?“ ſagte er. „Alles Recht,“ antwortete Paul, dem das doppelte Geheimniß der Heirath und ſeiner Schweinskeule faſt zu viel ſchien, um es zu er⸗ tragen. „Mich dünkt, Phill könnt ich's ſagen,“ fli⸗ ſterte ich ihm zu. „Doch ſonſt Niemandem!“ antwortete er, als wir das Haus verließen. Auf der Straße ſagte O'Grady:„Nun, ich habe dem de Vere mit einigem Erfolge Furcht eingejagt: Er hat vollkommenes Geſtändniß in Betreff Burkes abgelegt, der noch viel durchtrie⸗ Sbenerer Schurke war, als wir vermuthet haben.— Was denken Sie davon, dieſe ganze Zeit über war er Spion der Bonapartiſten⸗Faktion, ver⸗ kaufte den alten Guillemain eben ſo regelrecht als die Andern. Um ſeine Leidenſchaft für das Spiel befriedigen zu können, empfing er Sold von vier verſchiedenen Partheien, die er gegen einander gebrauchte, ganz nach ſeinem Gutdünken. Vollendet durchtriebener Böſewicht! mit Leuten hatte er zu thun, deren Lebenszeit im Ausüben — 300— bracht war, gleichwohl hat er ſie Alle überliſtet. Welch ein trauriger Gedanke iſt es, zu ſehn, daß Fähigkeiten und Menſchenkenntniß zu den niedrig⸗ ſten und entwürdigendſten Zwecken mißbraucht werden ſollten, und daß des Talentes einziges Beſtreben ſeyn ſollte, ſeinen Beſizer zu entehren und zu beſchimpfen! Einige ſeiner gefälſchten Depeſchen waren Meiſterſtücke geſcheuter Ab⸗ faſſung!“ „Nun, und wo iſt er jezt, immer noch in Paris?“ „Nein, in dem Augenblicke, als er ſich ſo weit vergeſſen hatte, de Vere zu ſchlagen, machte er ſich einen falſchen Paß, kehrte nach London zurück und nahm eine Maſſe Papiere der franzö⸗ ſiſchen Behörden mit dahin, welche unſerm aus⸗ wärtigen Amte gar annehmbar erſcheinen werden. Inzwiſchen fühlt de Vere ſich ganz behaglich. Stets hatte er Furcht vor ſeinem Genoſſen, doch ſeine lezte Unwürdigkeit kann er ihm niemals ver⸗ zeihen.“ „Nein— ein Schlag!“ „Ganz und gar nicht; Sie irren,— ſein Kummer hat einen ganz verſchiedenen Urſprung. Unerbittlich zürnt er ihm, weil er ihm nicht ge⸗ ſtatten wollte, auf„roth“ zu halten. Ueber⸗ dem iſt er der Anſicht, daß alle dieſe von ihm gemachten Bekenntniſſe für ihn eine Art ſitt⸗ licher Inſolvenz⸗Akte bilden, die ihm Unverant⸗ wortlichkeit für das Vergangene gewährt, und ihn völlig befähigt, neue Verpflichtungen für die Zu⸗ kunft einzugehen. In dieſem Augenblicke iſt der höchſte Punkt ſeines Zweifels der, ob er Ihre Muhme Lady Julia oder Miß Bellew heirathen ſoll, denn nach ſeinem eigenen Ausſpruche:„muß er etwas dieſer Art thun, um herum zu kom⸗ men.“ „Unverſchämter Schurke!“ „Was ich Ihnen ſage, iſt Thatſache; er iſt dabei ſo unbefangen, ſo ungekünſtelt, ſo ganz frei von Verlegenheit irgend einer Art, daß ich in Wahrheit als Anhänger dieſer neuen Schule guter Sitten mich umwandeln mögte, die ſogar im Bunde mit Leuten wie Burke kein Gefühl von Schaam oder Unbehaglichkeit erzeugt. Das iſt mehr, denke ich, als man vor vierzig Jahren anzuführen vermogte.“ Jezt war die Stunde des Morgenempfanges bei meiner Mutter, wir fanden ihr Beſuchzimmer gedrängt voller Zeitverſchwender und modehafter Müſſiggänger, die Neuigkeiten des Tages, vor Allem aber das Feſt der de Roni beſprechend— deſſen unerwartetes Ende durch den Vorfall an der Abendtafel zu hundert Auslegungen Anlaß gab; einige behaupteten, es wäre eine heftige Verſpottung des Kaiſer Alexander beabſichtigt ge⸗ weſen, andere wollten wiſſen, die Sache hätte das Zeichen zu allgemeiner Ermordung der Ver⸗ bündeten geben ſollen, welche in dem Augenblicke in der Straße Montmartre beginnen mußte. Sie iſt eine„Bonapartiſtin“— eine„Legitimiſtin“ — eine„Neapolitanerin“— eine„Antwerpnerin,“ behauptete Einer nach dem Andern, ich befürch⸗ tete nur, daß Jemand die Geſellſchaft dadurch aufklären würde, daß er ſagte, ſie ſey die Frau eines Iriſchen Anwalt.— Alle ſtimmten darin überein, ſie ſey„de bien wauvais ton;“ und ihr Feſt ſey mit aller ſeiner Pracht durchaus nicht gewählt; ihr Abendeſſen prachtvoll, aber um mehr als die Hälfte zu gedrängt; die Wahrheit ſey, daß Madame de Roni das Vergnügen ge⸗ noſſen habe, ihr eigen Verderben herbeizuführen, ohne etwas anderes dafür zu gewinnen, als all⸗ gemeine Verſpottung und Verlachung. „Und dieſe Nichte, oder Mündel, oder was ſie ſeyn mag— wer kann von ihr etwas ſa⸗ gen?“ fragte meine Mutter. „Sie iſt ungemein reizend! Vollkommen,— vielleicht ein wenig zu vollloammen— Meinen — — 303— Sie nicht?“ ward von vielen Seiten geſpro⸗ chen. „Was wollen Sie ſagen?“ fragte Lady Charlotte, deren Augen bei dem vermutheten Ge⸗ heimniſſe funkelten. „Nichts,“ ſagte der lezte Sprecher nachläſ⸗ ſig—„als daß man immer die Tänzerin in ihr entdeckt; ſie war dünner als ich ſie zulezt in Nea⸗ pel ſah.“ Nur ein Wort fliſterte ich ihm in's Ohr und ſein Angeſicht ward feuerroth vor Schaam und Verwirrung. „Ah, was iſt's?“ ſprach meine Mutter eif⸗ rig—„John weiß ebenfalls von ihr, ſprich, John, laß uns hören?“ „O'Grady unterbrach:„Schon bin ich in Ihrer Schuld, Milady, in Betref eines Geheim⸗ niſſes, vielleicht mag mir erlaubt werden, dieſe bei der jezigen Veranlaſſung auszugleichen. Die fragliche Dame iſt Tochter eines Irländiſchen Ba⸗ ronet, Abkömmling einer Familie, die ſo alt iſt, als irgend eine derjenigen, die mich jezt anhören. Dieſer Baronet würde Pair des Reiches geweſen ſeyn, hätte er eingewilligt, einmal— nur dieſes eine mal, mit den Miniſtern bei einer Frage zu — 304— ſtimmen, bei welcher ſein Gewiſſen ihn auffor⸗ derte, ſich dagegen zu erklären; ſeine Weigerung ward durch Vernachläſſigung vergolden.— An⸗ dere wurden ihm vorgezogen, zu Rang und Eh⸗ ren befördert; aber das Grollen eines Miniſters konnte ihm weder die Achtung ſeines Landes, noch ſeine eigene Selber⸗Würdigung rauben. Er iſt jezt todt, ſeine Tochter iſt aber die würdige Erbin ſeiner Tugenden und ſeines Namens— vielleicht mögte es die hier anweſende Geſellſchaft noch mehr zu ihrem Gunſten ſtimmen, wenn ich hinzu⸗ ſeze, ſie beſizt etwa achttauſend Pfund Jahres⸗ Einkommen.“ „Zweimal hundert tauſend Livres Renten!“ ſprach Graf Grammont mit ſtaunender Bewun⸗ derung und ganz unempfänglich gegen den Spott, womit O'Grady die lezten Worte geſagt hatte. „Sind Sie von dem Allen völlig gewiß?“ fragte meine Mutter. „O Grady verbeugte ſich tief, ohne jedoch zu ſprechen, ſeine Züge nahmen einen Ausdruck ſtren⸗ ger Entſchloſſenheit an, wie ich ihn bisher noch nicht geſehen hatte. Mitten unter dem Verzagt⸗ ſeyn, welches dieſe Eröfnung in der klatſchenden und verläumdenden Geſellſchaft heivorgebracht hatte, gewahrte ich die Augen meiner Muhme Julia mit erhöhetem Glanze funkeln, ihre Blicke ſtrahl⸗ ten in ſtolzer, erhabener Schönheit. Ich achtete dieſen für den rechten Zeitpunkt, O' Grady mein Geheimniß mitzutheilen, zog ihn zu einem der Fenſter und ſagte:„Phil, ich darf nicht langer warten— Sie müſſen es hören,— ich werde mich verheirathen.“ Die Worte waren kaum geſprochen, als O' Grady mit leichenblaſſem Antlize zurückprallte, heftig bebte ſein ganzer Körper. Gewaltige Anſtrengung befähigte ihn jedoch wieder zum Sprechen, er umklammerte meinen Arm und ſagte: „ich muß fort! dieſe Leute haben mich eine Zu⸗ ſammenkunft vergeſſen laſſen. Sagen Sie meine ehrfurchtvolle Huldigung Ihrer Lady Mutter— und der Braut.— Ich werde Sie vor meiner Abreiſe ſehen.“ „Abreiſe! wie, wohin denken Sie zu rei⸗ ſen?“ „Nach Indien!“ „Nach Indien!“ ſprach Julia, die herum⸗ ſchreckte als er ſprach. Nach Indien!“ wiederholte ich ſtaunend. 4/ 7) Er nickte mit dem Kopfe, wendete ſehnell um und verließ das Zimmer. — 306— Eilig folgte ich ihm, ſtuͤrzte die Treppe hinab zum großen Thorwege, als ein Schatten neben der Thür mir bemerklich ward. Ich ſtand, es war O' Grady, gegen die Wand gelehnt hielt er den Kopf in ſeinen Händen begraben. Ein furchtbarer Zweifel durchzuckte mein Herz— ich wagte nicht dieſem nachzuhängen, eilte zu ihm, nannte ihn bei ſeinem Namen. Schnell wendete er ſich herum, grimmig wilde Blicke ſchoſſen aus ſeinen Augen— er winkte mich mit ſeiner Hand zurück und ſagte—„nicht jezt, Hinton— jezt nicht;“ kalter Schauder überlief ihn, er fuhr mit der Hand über das Geſicht und ſezte in leiſerem Tone hinzu:„niemals glaubte ich, mich ſo zu verrathen! Leben Sie wohl, lieber Freund— leben Sie wohl! Beſſer wäre es, daß wir einan⸗ der nicht wieder ſähen.“ „Mein theuerſter, mein beſter Freund! Nim⸗ mer träumte mir, daß die glänzendſte Stunde meines Lebens Ihrem Herzen dieſen Kummer er⸗ zeugen ſollte.“ „Ja, Jack,“ ſprach er mit leiſer, gebrochener Stimme;„vom erſten Augenblicke, in dem ich ſie erblickte, liebte ich ſte. Das kalte Benehmen, welches ſie gegen mich fortſezte in Ihres Vaters Hauſe—“ — 307— „In meines Vaters Hauſe— was meinen Sie?“ „Ich ſpreche von der Zeit, als ich in Lon⸗ don war— als ich zum Heere abging. Ihre Muhme—“ „Meine Muhme?—“ „Ja, Lady Julia. Sind Sie ſo ungeduldig ſie Frau zu nennen, daß Sie Ihre Muhme nicht länger in ihr erkennen?“ „Sie Frau nennen! Mein lieber Freund, Sie ſind wahnſinnig. Louiſe Bellew iſr's.“ „Wie, Sie heirathen Louiſe Bellew?“ „Ganz gewiß—“ doch meine Antwort konnte ich nicht beenden, denn er fiel auf meine Schulter, ſein kräftiger Körper durch Zuckungen ergriffen. Im nächſten Augenblicke riß ich mich los, rief ihm zu:„warten Sie auf mich, O' Gra⸗ dy!“ und flog die Treppe hinauf. Eilig blickte ich in das Beſuchzimmer, lief dann durch den Corridor und erfaßte eine Thür an deſſen Ende. Die Fenſterblenden waren herabgelaſſen und das Zimmer ſo dunkel, daß ich kaum gewahren konnte, ob Jemand darin weile, wären meine Schritte nicht durch leiſes Schluchzen geleitet, welches vom Ende des Sophas hertönte. — 308— „Julia,“ ſagte ich vortretend—„liebſte Muhme! dieſe iſt keine Zeit, um uns ſelber zu täuſchen; er liebt Sie,— liebte Sie von der erſten Stunde an, die er mit Ihnen verbrachte. Laſſen Sie mich nur ein Wort hören. Kann er — darf er hoffen, Sie ſähen ihn nicht mit Gleichgültigkeit? Laſſen Sie ihn Sie ſehen— nur zu Ihnen reden— Glauben Sie mir, Sie haben ein Herz gebeugt, das ganz ſo ſtolz und hochſinnig iſt, als Ihr eigenes, und Sie werden es gebrochen haben, wenn Sie ihn zurückweiſen. — So, mein liebſtes Mädchen! Dank!— mei⸗ nes Herzens innigſten Dank dafür!“ Der leiſeſte Druck ihres zarten Fingers durch⸗ zuckte mein ganzes Weſen, ich ſprang auf, flog die Treppe hinab— ergriff O' Grady's Arm und fliſterte ihm in's Ohr:„Sie haben ſie ge⸗ wonnen!“„* Paul Rooney's Geheimniß in Betreff ſeiner Schweinskeule ſollte unverlezt bleiben, denn Madame de Roni verließ entweder aus Verdruß oder wegen Ermüdung den ganzen Tag ihr Zim⸗ mer nicht; Miß Bellew lehnte ab zu Tiſche zu kommen, alſo ſezten wir drei uns zur Mahlzeit, jeder von uns in ſeine eigene Glückſeligkeit zu einem Grade gehüllt, der zu überſchwenglich war, um uns geefllig oder unterhaltend zu machen. — 309— Naſch kreiſete freilich der Wein und wir nickten einanander von Zeit zu Zeit freundlich entgegen, doch alle Anſtrengungen zum fortgeſezten Geſpräche mißlangen, erzeugten nur Mißverſtändniſſe und verkehrte Antworten.— Allerdings ſezten meiner Mutter unzählige Vorurtheile der Vollendung unſerer Glückſeligkeit viele Hemmniſſe entgegen, denn ſie würde O' Grady's Plänen eben ſo ſehr wider⸗ ſtreiten als den meinigen, doch war jezt nicht der Augenblick dies zu erörtern, wir umhüllten uns mit den glorreichen Vorgefühlen unſerer Erfolge, und würdigten den nun noch aufſpringenden Quel⸗ len des Widerſpruches wenig Aufmerkſamkeit. Paul gab eine lange und gewiß völlig genaue Aufzählung des Beſtzes Bellew, erzählte alle die ſchlauen Liſten, durch welche er die Galway⸗ Geſchworenen gewonnen hatte, die durchdachten Pläne, mittelſt welchen er widerſtreitende Advoka⸗ ten überflügelte und in faſt hofnungsloſen Fällen günſtige Entſcheidung erlangte; doch hörte ich mit geringer Theinahme zu. Gegen zehn Uhr gab O' Grady mehr als einen Wink, daß wir verſprochen hatten, den Thee in der Place de Vendöme zu nehmen, wäh⸗ rend ich mich bemühete ausfindig zu machen, ob wir nicht zum Kafs hinaufgehen mögten, in der Erwartung, Louiſe Bellew im Beſuchzimmer zu — 310— finden. Plözlich ging die Thür auf, die düſtern Umriſſe einer Geſtalt zeigten ſich, eine bißige Stim⸗ me, die unverkennbar Corny angehörde,„ſagte: „iſt Maſter Phil hier?“— „Ja, Corny,— was gibts— iſt etwas Neues?“ „Wo iſt der Capitain;“ fuhr jener in nem⸗ lichem Tone fort. „Hier bin ich, Corny.“ „Wohl, da ſchauen welche nach Ihnen aus, die Sie in Verwunderung ſezen mögen, ſo ver⸗ gnüglich Sie hier ſind.—“ „Wer iſt's?“ fragte ich—„wo ſind ſie?“ Nur ein bedeutſames Zeichen mit dem Dau⸗ men über ſeine Schulter gab mir Antwort, ſein Verſuch zum Lachen hatte ihm einen heftigen Anfall von Huſten zugezogen und er bellte mir entgegen:„Sehen Sie nicht, daß ich mein In⸗ nerſtes heraushuſte?“ 4 Ich ſprang auf, achtete nicht auf Paul's Rath, meine Freunde hereinzuführen, noch auf O' Gra⸗ dy's Warnung, Vorſicht zu üben, im Fall es Burke ſein mögte— eilte hinaus, ein Diener des Hauſes erwartete mich um mich zu führen; wirgingen durch den Corridor und er ſagte:„Zwei Herren warten im Beſuchzimmer.“ Die Thür ward geöfnet und ich ſah meinen Vater vog einer andern Perſon begleitet, die in Reiſe Anzug gehüllt nicht erkannt werden konnte. „Mein theurer Vater!“ rief ich auf ihn zu⸗ eilend, als ich plöͤzlich zurückgeſchreckt ward, weil er, anſtatt des herzlichen Willkommens, wel⸗ ches ich erwartete, ſeine Hände auf dem Rücken zuſammengeſchlagen hielt und mich mit Blicken ſtrengen Mißfallens betrachtete. „Was bedeutet dies?“ ſagte ich ſtaunend— nich erwartete nicht, ſo—“ „Und ich hatte nicht gehofft, meinen Sohn ſo empfangen zu müſſen,“ ſagte er ſtrenge, nnach einer langen ereignißvollen Trennung. Doch dies iſt zu peinlich, um es länger zu ertragen. Antworte mir, und mit der nemlichen Wahrheit, die ich an Dir immer gewohnt war— iſt eine lunge Dame in dieſem Hauſe, Namens Miß Bellew?“ „Ja,“ ſprach ich, kalter Schweiß überlief mich und ich vermogte kaum mich aufrecht zu halten. „Machteſt Du ihre Bekanntſchaft in Ir⸗ land?“ Ich bejahete.„Beſtrebteſt du Dich damals auf jede Weiſe ihre Zäͤrtlichkeit zu gewinnen ——— und gabſt Du ihr zu verſtehen, ſie beſize die Deinige?“ 8 Als ich auch dies, wiewohl mit ſchwächerer Stimme, bejahete, weil grauſenhafter Zweifel mein Gemüth beſchlichen, fuhr er in lauter betonter Weiſe fort:„Und haſt Du nun, wo ſich Dir Ausſicht zu einer reicheren Verbindung zeigt, Dich ſelber, ſo wie meinen Namen dadurch entehrt, daß Du dieſes Mädchen, deſſen Zuneigung Du gewonnen hatteſt, jezt verläßt?“ „Nein, Vater,— das iſt unwahr!“ „Halt, junger Menſch. In dieſem Augen⸗ blicke iſt Jemand anweſend, der Dich zwingen mag Deine Worte eben ſo ſchandbar zurückzu⸗ nehmen, als Du ſie verwegen ausgeſprochen haſt. Kennſt Du dieſen Herrn?“ „Vater Loftus!“ ſprach ich, erſtaunt zurück⸗ prallend, als der gute Prieſter eine breite Binde von ſeinem Halſe löſete, vortrat und mitzhetrübter Stimme ſagte:„Ja, fürwahr, kein Anderer— und es ſchmerzt mich, Sie in dieſer Weiſe zu ſehn.“ „Sie, mein lieber Freund,“ ſprach ich,„kön⸗ nen nicht ſo Arges von mir glauben.“ „Wäre Ihre Handſchrift nicht, würde ich es dem Papſt in Rom nicht geglaubt haben— — 313— Hier aber ſteht's—“ antwortete er, wiſchte ſich die Augen und reichte mir mit zitternder Hand einen Brief, der das Pariſer Poſtzeichen führte. Ich riß dieſen auf, fand ihn in meinem Namen an Vater Loftus geſchrieben, um ihm mein tie⸗ fes Bedauern anzuzeigen, daß, weil ich die un⸗ glücklichen Umſtände des Betragens ihrer Mutter entdeckt habe, ich mich nun genöthigt fände jeden Gedanken an eine Verbindung mit Miß Bellew's Familie aufzugeben, deren Bekanntſchaft mit der meinigen ſo ſchwere Unfälle hervorgebracht habe. Der Brief enthielt ein ofnes Blatt, welches der Prieſter Miß Bellew einhändigen ſollte, durch welches ich förmlich ihrer Hand aus Gründen entſagte, welche Vater Loftus eröfnet waren. Augenblicklich erkannte ich, von wem dieſer Bubenſtreich ausging, kaum ließ ich mir die Zeit den Brief zu durchleſen, ſondern rief aus: „Dies iſt eine Fälſchung, nie ſchrieb ich dies — ſah es nie zuvor.“ „Was?“ ſagte mein Vater, ſich eifrig um⸗ wendend und ſein Auge auf den Prieſter hef⸗ tend. „Nie ſchrieben Sie dies?“ wiederholte Vater Tom.—„Sagen Sie das? Iſt das Ihre Ver⸗ ſicherung als Gentleman.“ 88 „Das iſt ſie,“ ſagte ich feſt.„Heute, an Jack Hinton. Zweiter Band.. 14 — 314— eben dieſem Tage, habe ich Miß Bellew gi⸗ beten, meine Frau zu werden, und ſie hat einge⸗ willigt.“ Bevor mein Vater meine Hand erfaſſen konnte, hatte der gute Prieſter ſeine Arme um meinen Nacken geſchlungen und preßte mich mit Heftigkeit an ſeine Bruſt. Ich vermag nicht zu beſchreiben, was nun folgte. Ganz überwältigt von ſeinen Gefühlen, ſezte ſich mein Vater, drückte meine Hand in den ſeinigen; Vater Tom durchſuchte geſchäftig das Zimmer, ſchaute in alle Kriſtall⸗ und Porzelan⸗Zierrathen nach Getränk, weil ſein Mund, wie er ſagte) ſo trocken wäre, als eines Kalkbrenners Hut. Der ehrliche Mann hatte bei Empfang des mit meinem Namen un⸗ terſchriebenen Briefes noch am nemlichen Abende ſeine Heimath verlaſſen, war mit der größten Eile nach London gereiſt, wo er meinen Vater gerade im Begriffe antraf nach Paris abzugehn. Nur weniges Zureden war nöthig, um ihn zu bewegen, die Reiſe mit meinem Vater zuſammen zu machen. Bei ihrer Ankunft in Paris waren ſie zu O'Grady's Hotel gegangen, hatten dort Corny's Dienſte in Anſpruch genommen und kei⸗ nen Augenblick verloren uns in der erwähnten Weiſe aufzufinden. O' Grady war nicht viel weniger überraſcht wie ich, als ich General Hinton und Vater Lof⸗ tus einführte; Herr Rooney aber hielt es voll⸗ ſtändig für einen Traum, und nachdem er ſich von des Prieſters Wirkl lichkeit durch forſchende Betrachtung überzeugt hatte, konnte er noch nicht glauben, der andere Herr ſei mein Vater, bis deſſen Takt und Benehmen ihn endlich über⸗ zeugte. Während der Prieſter einige Reiſeumſtände erzählte, benuzte ich die Gelegenheit meinem Va⸗ ter O' Grady's Abſichten in Betreff Julia's mit⸗ zutheilen, mit der ganzen Wärme ſeiner Gefühle ſtimmte er ein, fröhlich ſtieß er ſein Glas mit Phil an und ſezte nur hinzu:„mit meinen be⸗ ſten Wünſchen!“ O' Grady erfaßte augenblicklich den Sinn, preßte ſeine Hand mit Begeiſterung und Thränen brachen dabei aus ſeinen Augen. Von dieſem glücklichen Abend bleibt mir nur noch zu ſagen, daß Vater Loftus mit jedem Augen⸗ blicke in meines Vaters Achtung gewann, der ebenfalls durch des rechtſchaffnen Paul herzliche Kräftigkeit erfreut wurde. Ihre ihm ſo ganz neue Geſchichten von Scherzluſt und Schwänken wurde mit überſchwenglichem Reichthum vorge⸗ tragen, Alle gefielen ſich einander. Ich war nicht ganz ohne ein Gefühl der Ungeduld; um das 14*† — 316— Beſuchzimmer zu erreichen, nahm die erſte gün⸗ ſtige Gelegenheit wahr dies auszuführen, und be⸗ merkte alsdann erſt, daß O' Grady mir zuvor⸗ gekommen und ſchon vor einer Weile hinausge⸗ ſchlüpft war. Beſchluß. Meine Leſer würde es noch mehr ermüden, als die Sache ſelber mich verdroß, wollte ich ihm alle die Schritte vorzählen, durch welche mein Vater Lady Charlotte die beabſichtigten Heirathen ankündigte und endlich ihre Einwilligung zu beiden erlangte. Zum Glück war ſie ſchon ſeit einiger Zeit ihres Aufenthaltes in Paris müde geworden, und wurde leicht zu dem Glauben ver⸗ mogt, dieſe kleinen Familien⸗Einrichtungen wä⸗ ren vornehmlich getroffen, um ſie angenehm zu überraſchen, ihre ſchwachen Nerven freudig zu kräftigen. Dagegen fand die Sache bei Madame Rooney ſehr bedeutende Schwierigkeit. Die von ihr mit den Souverainen eingeleitete heilige Alli⸗ anz hatte ſie mit ſo hoch ſtrebenden Erwartungen 14. — 318— erfüllt, daß ſie nur von Erzherzögen und Reichs⸗ grafen träumte; deshalb war ſie im Anfange durchaus unerbittlich bei dem bloßen Gedanken an die„Mißheirath“ ihrer Mündel. Der Zu⸗ fall ordnete hier, was allen Gründen der Ver⸗ nunft widerſtanden hatte, Corny Delany, mit einem Brief an Herrn Rooney geſchickt, wartete in der Halle als Madame Rooney hinaus zu ihrem Wagen ging, begleitet von dem früher ſchon erwähnten„Tartar.“ Die Dame theilte ihrem bär⸗ tigen Begleiter ihre Befehle durch eine Reihen⸗ folge von Fingerzeichen mit, Corny, der dieſes Verfahren mit ſteigender Ungeduld beobachtete, rief aus: „Arrah! Können ſie dem Mann nicht ſagen, was Sie haben wollen! Gewiß hat er ſein Engliſch nicht vergeſſen, obwohl Sie ihn an⸗ gezogen haben wie'n ausländiſch Thier.“ „Er iſt ꝛein Tartar!“ ſprach Madame Roo⸗ ney mit verächtlichem Hohne gegen Corny, winkte zugleich mit ihrer Hand den Befehl zum Schwei⸗ gen. „Ein Tartar! O geſegneter Timotheus, da iſt’n Name für einen, der von anſtändigen Leu⸗ ten kommt. Er iſt'n Mann aus der Grafſchaft Carlow, und wohl bekannt in jenen Gegenden. Manchen Gerichtsbefehl hat er ausgetragen— wie Tim?“ „Tim!“ wiederholte Madme Rooney entſezt, als ſie ihren wildausſehenden Menſchen bei dem was er hörte recht bedeutungsvoll grinſen ſah. „Es war nicht meine Schuld, Madame, gar nicht, ſprach der Tartar mit gar Dublinartiger Betonung der Worte:„der Herr machte mich dazu.“ Welche weitere Erläuterungen Tim noch ge⸗ geben haben mogte, iſt ſchwer zu ſagen, dieſer Schlag war für Madame Rooneys Nerven zu ſtreng und zu plözlich erfolgt. Gräßliche Furcht quälte ſie, daß alle die Königlichen und Fürſt⸗ lichen Perſonen, von denen ſie ſeit einigen Wochen umgeben war, ſich nur als Carlow⸗Männer, oder etwas eben ſo unweſentliches, ausweiſen mögten, furchtbarer Unglaube über alle Dinge und alle Perſonen ergriff, überwältigte ſie, ſie ſank in Ohnmacht. O'Grady, der zufällig in die⸗ ſem Augenblicke erſchien, erfuhr auf der Stelle das ganze Geheimniß, und beſchloß mit ſeiner gewohn⸗ ten ſchnellen Leichtigkeit daſſelbe zu benuzen. Ma⸗ dame Paul kehrte zu ihrem Empfangzimmer zu⸗ rück, und war vor Ablauf einer halben Stunde vollkommen überzeugt, daß, wie General Hinton im Begriff ſtehe, als Oberbefehlshaber der Trup⸗ pen nach Irland zurückzukehren, die Verbindung im Ganzen genommen nicht ſo beklagenswerth ſey, als ſie gefürchtet hatte. So viele widerſtreitende Anſichten zu ver⸗ ſöhnen, ſo manche einander ganz entgegengeſezte Karaktere mit einander auszugleichen, war ein Werk, welches ohne O'Grady's Beiſtand mir völlig unerreichbar geblieben wäre. Er jedoch unterzog ſich der Sache mit Liebe, unter ſeiner Begünſtigung empfing Lady Charlotte nicht nur die Beſuche des Vater Loftus, ſondern Herr Paul wurde erklärter Günſtling meiner Muhme Julia; am Ende war des Dramas große Entwickelung vervollſtändigt, in vollem Glanze fuhr meine Lady Mutter zu Madame Rooney, um dieſe zu be⸗ ſuchen, und welche Anmaßungen ſie früher auch zeigen mogte, durch der Lady herablaſſendes Benehmen ward ſie dermaßen eingeſchüchtert, daß ſie bei der erſten Begrüßung ihre Flagge einzog. Heirathen ſind in der Wirklichkeit ſchon al⸗ berne Dinge, aber auf dem Papiere vollends ab⸗ ſcheulich. Deshalb werde ich meine Leſer mit keiner Erzählung von weißem Atlas, Orange⸗ blättern, Blumenſträußen, Frühſtücken und vom Bi⸗ ſchof Luscombe beſchweren, eben ſo wenig dem Franzöſiſchen Feuilleton nacherzäͤhlen, welche der — — 321— beiden Bräute die ſchönſte nach ſtrenger Regel und welche die liebenswürdigere war. Weil ich meinen Leſern verſchiedene, aller⸗ dings einige recht zweideutige Bekanntſchaften vor⸗ führte, darf ich vielleicht einige Worte von ihren ſpätern Schickſalen hinzuſezen. Herr Ulick Burke entfloh nach Amerika, wo er durch Anwendung ſeiner Fähigkeiten und ſei⸗ nes natürlichen Scharfſinnes ein großes Ver⸗ mögen anhäufte; ausgezeichnet durch ſeine Anti⸗ Engliſchen Vorurtheile, ward er leitendes Con⸗ greß⸗Mitglied. Von Lord Dudley de Vere weiß ich nur, daß er lange genug lebte, um Lord Brougham's Aenderung des Geſezes über Schuldenverhaftung zu benuzen. Seinen Namen ſah ich vor Kurzem in einer öffentlichen Aufſtellung, welche ihm eine Schuldſumme von funfzehntauſend hinzufügte, ge⸗ gen welche ſein ganzes verfügbares Vermögen eilf Pfund und einige Schillinge betrug. Vater Loftus ſchläft in Murranakilty. Kein Grabſtein bezeichnet ſeine Ruheſtätte, aber keines Landmannes Fuß, auf viele Meilen der Umgegend, hat unterlaſſen, den kleinen Pfad zu betreten, der zu ſeinem Grabe führt, um hier ein Gebet für einen guten Mann, für einen Freund der Armen zu verrichten. Tipperrary Joe iſt auf der Kilkenny⸗Straße anzutreffen. Sein alter rother Rock, jezt braun⸗ röthlicher Färbung, iſt zerriſſen und zerlumpt; die Stulpenſtiefeln ſind nackten Beinen gewichen, die ganz ſo gut gegerbt ſcheinen, als deren vor⸗ malige Bekleidungen, aber ſeine fröhliche Stimme ſein freudiges„Tallyho!“ erklingen noch ganz ſo reich wie ehemals, und des armen Burſchen Herz ſchlägt ſo leicht wie immer. Corny Delany iſt der liebenswürdige Be⸗ ſizer eines Hotels in der Umgegend von Caſtle⸗ bar, wo ſeine gewohnte Höflichkeit und Anmuth eben ſo vorſcheinend ſich darthun als früher. Er hat mich erſucht dieſe Veranlaſſung zu benuzen um ſeine Einrichtung den„Heiden und Türken“ zu empfehlen, welche alljährlich Reiſen in ſeine Gegend machen. Rooney's leben und ſind immer ſo gaſtfrei wie ſonſt. O'Grady und ſeine Frau ſind jezt in Malta. Jack Hinton und die Seinigen empfehlen ſich dankbar und verpflichtet ihren geneigten Leſern. Ende. 5 Druck von C. Schumann in Schneeberg. 88 ——— In demſelben Verlage iſt erſchienen: Thomas Burke. RNoman aus der Zeit des Franzoͤſiſchen Kaiſerreiches von Charles J. Lever Esar. Aus dem Engliſchen von C. Nichard. In vier Baͤnden. Niemandem wird es wohl einfallen in dieſem Buche das zu ſuchen, was man hier findet. Es handelt dieſe Schrift von dem Gange der Begebenheiten unter dem Conſulat und des bluͤhendſten Abſchnittes der franzoſiſchen Kaiſerzeit, und das in einer Art und Weiſe, wie es nir⸗ gends geſchehen iſt. Nehme man alle Schriften zur Hand, welche uns die Vorfaͤlle jener denkwuͤrdigen Jahre ſchil⸗ dern, ſelbſt die beſten muſſen zuruͤckſtehen in treuer und wahrer Schilderung der großen Ereigniſſe jener blutigen aber auch ruhmgekrönten Tage. Ergreifender iſt nirgends die ſchmachvolle Uehergabe von Ulm geſchildert; erſchuͤt⸗ ternder wirkt keine Schlachtbeſchreibung als die, welche man in dieſem Buche uͤber Auſterlitz findet. Jubeln und Weinen uͤberwaͤltigt den Leſer zugleich, wenn der Verfaſſer mit unuͤbertroff ener Kunſt alle die Helden in merkwuͤrdigen Lagen vorfuͤhrt, wenn er hundert Bei⸗ ſpiele der unendlichſten Hingebung aufſtellt, welche von Maͤnnern jeglichen Ranges dem Rieſen zweier Jahrhun⸗ derte geweiht worden iſt. Und dabei windet ſich durch das Ganze trotz Blut und Schlachten und wilden Kaͤm⸗ pfen die Blume der Liebe ſo zart und lieblich, wie ſel⸗ ten ſie auf Erden gefunden wird, auch nicht vom klein⸗ ſten Hauche der unſittlichkeit verletzt. In gleichem Verlage iſt erſchienen: Varry Torrequer's Geſtändniſſe. Irländiſches Karakterbild von Charles Lever Esgr. WMus dem Engliſchen von C. Nichard. Unter dieſem einfachen Titel erhaͤlt das Publikum ein Buch, wie es deren wenige in der ſchoͤnen Litera⸗ tur giebt. Kaum giebt es eine Seite in demſelben, die nicht den Ernſteſten unwiderſtehlich zum herzlichſten La⸗ chen aufregte. Und dabei ſind es nicht einzelne abge⸗ riſſene Stuͤcke, ſondern ein wundervoll vereinigtes Gan⸗ zes, das auch ohne ſeine humoriſtiſche Tendenz das hochſte Intereſſe einfloßen muͤßte. Aber, wie geſagt, wer es auch ſein mag, wir koͤnnen dafuͤr einſtehen, die Scherze, die hochſtkomiſchen Situationen, die wahrhaft uͤberwaͤltigenden Scenen, welche der berühmte Verfaſſer mit einer ſeltenen Kunſt herbeizufuͤhren weiß, werden jeg⸗ lichen Leſer mit einem Wonnegefuͤhl bei der Lektuͤre die⸗ ſer Geſtaͤndniſſe verweilen laſſen, wie er es vielleicht noch nicht empfunden hat bei dem Leſen eines Werkes der ſchoͤnen Literatur. — ——— — — Dnſanſnanni. 8 9 10 11 12 mamnndnennam 13 14 15 16 17