—— —- Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen.“ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 3 auf 3Monat: N.= Pf. 1 Nr 55 Pf. 2 M. Ff. „ 5„.„ K 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 5 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 3 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. b —— ——— Jack Hinton. Sriſche Wilder Charles J. Lever CEsgr. . 85 12 Aus dem Eng liſchen 1 4 von 6 G C. Nichard. 2 Erſter Band. 3 Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. 184 4. „ Erſter Band. Vorwort. Wie große Wechſel auch die Zeit her⸗ vorgebracht hat, ſoviel iſt gewiß, daß ſie die Unregelmaͤßigkeit in der Denkweiſe des wuͤr⸗ digen Irlaͤndiſchen Volkes durchaus nicht aͤnderte, dieſe iſt vielmehr im jezigen Au⸗ genblicke noch ganz ſo unbegreiflich als je. Gegenwaͤrtige Schilderungen wurden nicht von der anmaßenden Erwartung eingegeben, die Geheimniſſe des Iriſchen Karakters auf⸗ zuhellen oder die Schwierigkeiten deſſelben zu loͤſen, ſondern beabſichtigen nur, einige der ganz eigenthuͤmlichen Zuͤge des Volks, einige ſeiner froͤhlichen und ſeiner ſchwermuͤ⸗ thigen Launen darzuſtellen. SDiſtes Spayilel. Mein Vater, General Hinton, war einer der ausgezeichnetſten Brittiſchen Offiziere, dabei unge⸗ mein beliebt in den Clubs, meine Mutter eine Londoner Schönheit, die bereits zwanzig Jahre verehrt wurde; ich war in Cton erzogen, wurde als geſcheuter Knabe aber zugleich als unverbeſ⸗ ſerlicher Müſſiggänger bezeichnet, in Landhuuſt zeigte ich meine Abneigung gegen Gelehrſamkeit noch deutlicher. Durch die Gunſt eines Königli⸗ chen Herzogs, der mein Pathe war, konnte mein⸗ Patent in einem Infanterie⸗ Regimente gegen eine Lieutenantsſtelle in den Garden vertauſcht wer⸗ den, was meine Mutter ganz beſonders wünſchte obgleich mein Vater nicht völlig damit einverſtan⸗ den war. Sechs Monate hatte ich im Gewirre 8 — 8— der Londoner Geſellſchaft zugebracht, und mein neunzehntes Jahr vollendet, als mein Vater, um meiner Londoner Lebensweiſe ein Ende zu ma⸗ chen, meine Anſtellung beim Stabe des da⸗ maligen Vicekönigs von Irland bewirkte, ſehr zum Bedauern meiner Mutter, welche vielleicht nur aus Eitelkeit mich im Königlichen Haushalte angeſtellt wünſchte. Meine Ueberfahrt nach Irland machte mich dreißig Stunden ſeekrank, es war gegen Abend, als man mir ſagte wir wären in der Bay von Dublin. Ich raffte mich von meinem Lager auf, um den ſchönen Anblick zu genießen, aber der Abend dunkelte und der Regen goß herab; die See ging hoch, ſpülte häufig über das kleine Fahrzeug. Sturm und Unwetter trieben mich bald wieder in die Kajüte, wo die Reiſenden in lebhafter Bewegung ihre mitgenommenen Speiſe⸗ körbe öfneten, um das Uebriggebliebene nach einer kurzen Fahrt nun zu verſchwelgen, niemand ſchien zu krank oder ſchwach, um an dieſem Feſte nicht theil zu nehmen. Unglaublich war die Menge von Flaſchen Porter und Materialien, d. h. Branntwein und Waſſer, die gefordert und ver⸗ braucht wurden. Endlich waren wir dem Lande nahe und au⸗ genblicklich ſtürzte eine Schaar Eingeborner krei⸗ * —— ——V—— — 9— ſchend und lärmend herzu, um den Reiſenden ihre Dienſte anzubieten. Ich hatte mein Gepäck zu⸗ ſammengeſtellt, deſſen anſehnliche Menge mir einige Achtung erzeugte, beſonders als die Träger das Futteral meines dreieckigen Hutes ſahen und dar⸗ aus ſchloſſen ich ſey Offizier. Mit raſcher Thä⸗ tigkeit fielen Alle über mein Gepäck her, und bald war ich allein auf dem Verdeck, hatte nur noch meinen Epauletten⸗Kaſten und meinen Regen⸗ ſchirm zu bewahren. Lautes Gelächter und Auf⸗ ſchrei ertönte vom Lande, ein großer kräftiger Geſell ſprang auf's Verdeck ergrif meinen Arm und rief: „Kommen Sie nun, Captain— alles iſt recht, hierher— dieſen Weg.“ „Weshalb ſoll ich mit Euch gehn?“ ſagte ich, ſuchte vergeblich mich von ihm loszumachen. „Weshalb?“ wiederholte er kichernd—„Ur⸗ ſach genug— haben wir nicht Kopf oder Krone um Sie geſpielt, und hab' ich Sie nicht ge⸗ wonnen?“ Wir waren zu einem Karrn gekommen, auf welchem alle mein Gepäck lag.„Steigen Sie auf,“ ſprach er. Um weiterer Zudringlichkeit zu entgehen ſtieg ich auf und ſezte mich dem Fahrer gegenüber, lauter wilder Jubelſchrei ertönte, wir raſſelten ſonder Lampe noch Laterne auf dem 1* — 10— Straßenpflaſter fort.„Wohin, Captain?“ fragte mein peitſchender Fuhrmann.. „Zum Schloſſe, Ihr wißt wo das iſt?“ „Meiner Treu das muß ich wohl, bin ich da nicht bei den Levérs. Aber halten Sie ſich feſt, Herr, der Weg iſt nicht gut, und hier in der Nähe iſt ein tiefes Loch.“ „Ein Loch? Um Gotteswillen gebt Acht, wißt Ihr wo's iſt?“ „Bei Gott, wir ſind drin;“ war ſeine Ant⸗ wort, das Pferd ſtürzte über Kopf hinab, der Karrn hinter ihm, der Führer flog nach einer, ich nach der andern Seite, eine Lauwine von Kof⸗ fern, Kiſten und Mantelſäcken fiel um mich her. Das Pferd ſchlug, die Karrnbretter zerſplitterten, der Führer fluchte, dieſe waren die lezten von mir gehörten Töne, ein ſchwerer Bücherkaſten fiel auf meinen Kopf und ſtreckte mich beſinnungslos hin. Als ich wieder zu mir kam lag ich auf dem Sopha in einem großen Gemache, in dem ich allein zu ſeyn ſchien; die Decke deſſelben war reich in Gyps ausgearbeitet und verziert; die Möbeln, jezt alt und abgenuzt, mußten ehemals ſchön, ſo⸗ gar prachtvoll geweſen ſeyn. Reiche Vorhänge von ſchwerem Seidenſtoff mit goldenen Franzen, kunſtvoll ausgearbeitete und vergoldete Seſſel, Mar⸗ mor⸗Conſols und ein ungeheurer Spiegel über — 11— dem Kamin, alles aber von der Zeit arg mitge⸗ nommen oder muthwillig beſchädigt. Degen, Schärpen und Säbeltaſchen hingen mit Sporen, Kugelbeuteln, Flinten, Angelgeräth und Tandem⸗ Peitſchen an den Wänden, die mit den ſonderbar⸗ lichſten Zerrbildern und manchen Inſchriften be⸗ malt waren. Der Bewohner des Zimmers mußte Militair und ganz erſichtlich ein drolliger Geſell feyn. Während ich darüber nachdachte ward die Thür vorſichtig geöfnet und eine Geſtalt erſchien. Der Eintretende war kaum vier und einen halben Fuß hoch, etwa im ſechzigſten Jahre. Sein gegen die übrige Geſtalt ganz ungeheuer mißgeſchaffener Kopf zeigte eine ſolche Menge platter Flächen, als hätte die Natur ihn urſprünglich zum Kriſtall beſtimmt. Auf einer dieſer Flachebnen ſtanden ſeine Augen, möglichſt weit auseinander und ſo daß ſie niemals in gleicher Richtung hinblickten. Die Naſe war kurz und ſtumpf, die Nüſtern weit und ausgedehnt, als ſey das Glied im Au⸗ genblicke böſer Laune dem Geſichte eingeſezt und durch Gewalt platt gedrückt. Der Mund glich der boshaften Schneide eines ſtumpfen Inſtru⸗ mentes, eingekerbt, zerriſſen, uneben. Er öfnete nicht parallel, ſondern in ſchiefer Nichtung von der rechten zur linken, umgeben von den gekrümmte⸗ =2 ſten Runzeln, die jemals ein menſchliches Antliz verzertten. Der Kopf wäre kahl geweſen ohne eine ſpärliche Perrücke die mit dem Namen „Javy“ bezeichnet wird, durch die Zeit zuſammen⸗ geſchrumpft, bedeckte ſie nur die Höhe des Schei⸗ tels, bewegte ſich dort bei jedem Rucke der Stirn und der Augenbrauen, und diente dem Ausdruck von hundert Empfindungen, welche andere Per⸗ rücken gar nicht kennen. Es war die ſonderbarſte Perrücke, die jemals eines Menſchen Schädel be⸗ deckte, ganz wie ihr Beſizer einzig in ihrer Art. Kein ſchwellender Lockenbau, noch methodiſch recht⸗ linige Genauigkeit, keine Fülle, keine Hufform, ſondern ein unwirriſches, widerſpenſtiges, übel geordnetes Neſt, das nur der Hülſe eines Sin⸗ chelſchweines ähnelte. Der Anzug dieſer ſonderbaren Ericheinung beſtand in einer recht prunkenden hellbraunen Livrée mit Orange⸗Aufſchlägen, grau Plüſchener Weſte und kurzem Beinkleid, auf das reichlichſte mit goldenen Treſſen verbrämt und eingefaßt, ſeidenen Strümpfen, Schuhen mit ungeheuren Schnallen, die faſt den ganzen Fuß bedeckten, und in ihrem unächten Glanze mit dem durchdringenden Fun⸗ keln der Augen ihres Beſizers wetteiferten. Nach⸗ dem er die Thüre ſorglich hinter ſich zugemacht, ging er mit feierlicher, faſt gebieteriſcher Würde zum Kamin, ſeine ausgeſtreckten und geſpreizten Hände, ſeine abſperrenden Zehen und ſein wat⸗ ſchelnder Gang gaben ihm ein recht klägliches Ausſehen. Nachdem er die Lichte geſchneuzt und aus einer goldenen Tabakdoſe auf dem Geſimſe eine Priſe genommen hatte, ſteckte er beide Arme bis beinahe zu den Ellenbogen in die weiten Taſchen ſeines Rockes und ſtand nachdenklich. Ich huſtete einige Male um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, und als mir dies gelungen, fragte ich in der ſanfteſten Weiſe wo ich ſey. „Wo Sie ſind?“ wiederholte er in der ſchnei⸗ dendſten, grollendſten Weiſe, der ſeine Irländiſche Volksausſprache nicht die geringſte Sanftheit zu geben vermogte—„und wo mögten Sie ſeyn; oder wo ſollte irgend jemand, der ſich ſelber ſchändete, auf den Straßen umherſchwärmte bis ihm der Kopf zerſchlagen, die Kleider zerriſſen wurden, anders ſeyn als in Maſter Phil's Zim⸗ mer; an des Teufels andre Geſellſchaft iſt's ge⸗ wöhnt.—'Siſt mehr ein Wachthaus als eines Gentlemen Anſprachzimmer. Sein Vater, der Richter—“ bei dieſen Worten bekreuzigte er ſich —„dachte nicht, daß ſeyn Sohn ſolche Geſell⸗ ſchaft wählen würde— aber es hilft nicht. Ich habe ihm am vorigen Dienſtag aufgekündigt und mit Gottes Segen—“ — 14— Der Schluß dieſes Sazes verlor ſich in murmelndes Grollen, ſeiner üblichen Gewohnheit gemäß endete er ſeine Anreden immer in der Art, wie ich ſpäter erlernte. Nur einige abgeriſſene Ausdrücke tönten hörbar, wie„Geſchieht euch recht.—“„Funfzig Jahre in der Familie—“ „Geſklavt wie'n Neger—“„O! die Türken! Die Heiden!“ Nach einer Weile fragte ich im einſchmei⸗ chelndſten Tone:„Wollen Sie mich begünſtigen mit dem Namen—“ „Meinen Namen wollen Sie wiſſen! Im mindeſten nicht beſchämt dadurch! So gering Sie von mir denken mögen, iſt Cornelius Delany eine ſo werthvolle Bürgſchaft für'ne Fam lie als viele von den ſchmuzigen Lümmeln am Hofe, die kein höflicher Wort im Munde führen als Groll⸗ Corny. Bös Glück ſey ihnen dafür.—“ „Können Sie mir ſagen, Herr Delany, wie ich hierher kam? Ich erinnere mich eines Zufalles nach meiner Landung, weiß aber nichts weiter.“ „Zufall! Fürwahr, ſo nennen Sie's immer⸗ wenn Sie Thürklopfer abdrehen und die Wäch⸗ ter ausprügeln; Sie kamen hier in einem Mieth⸗ wagen von der Polizei hergebracht wie mancher vor Ihnen.“ „Aber wo bin ich?“ — 15 „Im Dubliner Schloffe, bös Glück dem ſchwelgeriſch unordentlichen Orte.“ „Wiſſen mögte ich, wem dies Zimmer ge⸗ hört,“ ſagte ich halb ärgerlich. „Captain O'Grady;— was haben Sie ge⸗ gen das Zimmer zu ſagen— vielleicht ſind Sie an ſchlechtere gewöhnt. Das haben Sie nun da⸗ für. Ich verlaſſe den Dienſt in der andern Woche, doch das iſt kein Grund—“ ſeine Worte ver⸗ loren ſich wieder in Gemurmel. Er ging in ein kleines Vorrathszimmer am Ende des Gemaches, kam bald mit einem Trag⸗ teller in den Händen und zwei Karaffen unter ſei⸗ nem Arme zurück und rief:„Ziehen Sie den klei⸗ nen Tiſch mehr zum Feuer, gewiß ſind ſie hung⸗ rig und nüchtern, nehmen Sie den Xeres unter meinem Arme aus, das andere iſt Portwein— hier iſt was ein Schinken war bis Captain Mils ihn zerſchnitt— eine Kalbfleiſch⸗Paſtete und ein kaltes Moorhuhn— werden wohl eher ſchlechter gegeſſen haben— und wieder eſſen wenn's Gott gefällt.“ Ich ließ mir's trefflich ſchmecken, bis er mei⸗ nen mußte ich habe genug gethan, die Flaſchen auf den Tragteller ſezte und alles abräumte. Nach⸗ her zog er die Fenſtervorhänge etwas zurück, alles war finſter nur im gegenüber befindlichen Ge⸗ — 16— bäude flackerten helle Lichte.„Ja da geht's mit dem Trinken wie immer, in einer Nacht ver⸗ ſchwelgen ſie mehr Getränk als'nen Lichter flott halten könnte, das iſt allein wozu ihr gut ſeyd, bös Glück Eurer Herrlichkeit— die Leute zum Narren haben, lachen und ſingen als wenn die Kartoffeln nicht zwei Schillinge der Stein koſteten.“ „Was geht dort vor?“ fragke ich. „Das alte Werk, nicht mehr und nicht min⸗ der. Der Lordlieutenant und die Biſchöfe und die Richter und alle Geheimräthe ſchreien trunken. Hören Sie, mag ich niemals— wenn das nicht des Dechanten Stimme iſt— das alte Vieh ſingt— doch da kommt Maſter Phil, ich kenne ſeine Schritte— wie er die Treppe heraufſtürzt als wären die Häſcher hinter ihm— die Heiden, die Türken!“ Er ging durch eine Thüre hinaus, als ſein Herr durch die andere hereintrat; ein ſehr ge⸗ fallſamer Mann, ſagte mir in vollen wohltönen⸗ der Stimme: „Alles wohl, hoff' ich, Herr Hinton; es iſt dies der erſte Augenblick in dem ich fort konnte, wir hatten ein Geheimrath⸗Eſſen, und einige davon ſizen lange; ſie ſind doch nicht verlezt?“ „Ein wenig zerſtoßen das iſt's Alle, aber wie kam ich in ſo gütige Hände?“ „O es ſcheint der Wächter konnte leſen, und weil Ihre Koffer nach dem Schloſſe bezeichnet waren, vermuthete er, dahin müßten ſie eben⸗ falls. Sie haben Depeſchen, nicht wahr?“ „Ja, wann müſſen die übergeben werden?“ „Sogleich, können Sie Ihren Anzug nicht etwas ordnen und herüberkommen, Seine Gnaden mag das lieber, da herrſcht keine Steifheit noch Förmlichkeit, die meiſten Gäſte ſind fort, nur noch wenige Regierungsleute, Freunde vom Herzog blieben und er iſt immer freundlich und gut⸗ müthig.“ „Ich will ſehn was ich thun kann, gebe mich gänz in Ihre Hände.“ Er rief Corny, deſſen Hülfe ich nicht wünſchte und bat ihn nicht zu ſtören.„Er ſcheint ein Karakter,“ bemerkte ich. „Ein Holzapfel im Kalkofen gepflanzt, pol⸗ ternd und verkehrt, aber er iſt ein Legat, beinahe das einzige mir vom Vater hinterlaſſene. Seit zwölf Jahren hab ich mein möglichſtes gethan ihn los zu werden, aber er klebt feſt an mir wie ein armer Verwandter, obgleich er mich alle Abend aufkündigt und alle Morgen einen Lärmen im Hauſe erhebt, daß jedermann glauben ſollte ich — 18ñ— prügelte ihn weich, bevor ich ihn auf die Straße ſchicke.— Und doch weiß ich nicht wie ich ohne ihn leben könnte; ſein Zanken, ſein Hohn, ſein ſtetes Murren, ſein nie endendes Grollen ſcheint mir zu entſprechen, wir lieben Gegenreize in der Welt. Olive an ſich iſt erbärmlich, erhöht aber ausgemacht den Geſchmack des Burgunders. In der Weiſe dient mir Corny lang. Aber fürwahr, Sie brauchten wenig Zeit zum Ankleiden; nun kommen Sie.“ Er führte mich über den Hof zu einer glän⸗ zend erleuchteten Halle, wo mehre Diener in vol⸗ ler Livré warteten; dann eine hübſche Treppe hin⸗ auf durch mehre Vorzimmer zu einem, das dicht am Speiſeſal ſeyn mußte, weil die Stimmen hier gehört wurden. Hier ließ er mich einen Augen⸗ blick kam aber bald wieder und führte mich hin⸗ ein. An einem für vierzig Perſonen gedeckten Tiſche ſaßen kaum noch zwölf an einem Ende zu⸗ ſammen, lachten laut über eine Erzählung, die ein ſonderbar ſchwermüthig ausſehender Mann vortrug, deſſen weinerliche Stimme ganz unbe⸗ ſchreiblich die lachenerregende Drolligkeit ſeiner Geſchichte erhöhete. Grauköpfige Generäle, ehr⸗ würdig blickende Geiſtliche, luchsaugige Rechtsge⸗ lehrte hatten dem unwiderſtehlichen Eindrucke nach⸗ * — 19— gegeben, die Tafel ſelber ward durch Gelächter geſchüttelt. „Herr Hinton, Excellenz,“ ſagte O'Grady zum dritten Male, der Herzog wiſchte ſich die Augen, ſchob den Stuhl ein wenig zurück und winkte mir heran zu treten.„Ah, Hinton, erfreut Sie zu ſehen; wie iſt Ihr Vater, mein alter Freund, und Lady Charlotte, wohl hoff' ich— O'Grady ſagt mir, Sie hatten einen Unfall— unbedeutend hoff' ich. Alſo dieſe ſind die De⸗ peſchen.“ Er brach das Siegel des Umſchlages und überlief den Inhalt.„Da— das iſt für Sie“— er warf einen Brief über den Tiſch einem pfiffig ausſehenden Manne mit einer huf⸗ förmigen Perrücke zu.„Sie wollen's nicht thun, Dechant und wir müſſen warten. Alſo meine neuen Commiſſaire mögen Sie nicht— ſezen Sie ſich, Hinton— ein Glas Wein mit Ihnen.“ Ich ſaß dem Schwermüthigen gegenüber, der mir ſagte:„Ihr Unfall war nicht ſo ſchlimm, Sir.“ Nachdem ich denſelben kurz erzählt hatte, ſagte er mitleidig:„ſonderbar genug, daß Ihr Kopf leiden mußte; Ihre Landsleute fallen in Irland gemeiniglich auf die Füße.“ Dieſe Worte be⸗ gleitete er mit ſehlauem Winke nach dem Vize⸗ könig, der in ſeine Depeſchen vertieft die An⸗ ſpielung nicht beachtete. Unter einem Schwalle von geiſtvollen, bei⸗ ßenden und wizigen Bemerkungen, drolligen Ge⸗ ſchichten, Anſpielungen und Gegenerwiederungen kreiſete der Wein raſch von Hand zu Hand, des Herzogs Gegenwart feuerte die Scherze an. Anek⸗ doten vom Heere, von der Richterbank und der Advokaten⸗Schranke wurden unaufhörlich er⸗ zählt, begleitet von fortlaufenden Erläuterungen der Zuhörer, die keine Gelegenheit zum Anbrin⸗ gen eines Scherzes oder einer Gegenantwort vor⸗ beigehn ließen. Das wunderbarſte war dabei für mich, daß Keiner zu alt noch zu würdevoll, zu hochgeſtellt im Amte oder zu ehrenhaft im Anſehn ſtand, um nicht in dieſen toſenden Strom der Geſelligkeit mit einzuſtimmen; ſtrenge Kirchen⸗ herren, gelehrte Oberrichter, tiefe Politiker, Ge⸗ heimräthe, hohe Offiziere waren hier in bunter Weiſe vermengt, anſcheinend bemüht, den ernſten Lebensangelegenheiten die lächerliche Seite abzu⸗ gewinnen, ſich ſelber ſo gut, als die Welt zu ver⸗ ſpotten. Nichts war für den Scherz zu ehrwür⸗ dig, nichts zu feierlich füj Spott. Des Kriegers Menſchen⸗Kenntniß und Lebenskunde, des Rechts⸗ gelehrten ſcharfſinnge Auffaſſung und fertiger Wiz, des Politikers geübter Takt und gewohnte Ge⸗ ſchmeidigkeit wurden hier alltäglichen Gegenſtänden mit ſolcher Schnelligkeit und treffender Kraft zu⸗ gerichtet, daß man unentſchieden bleiben mußte, ob die Maſſe dargelegter Kenntniſſe mehr in Er⸗ ſtaunen ſezen ſolle als das befremdliche Urtheil, welches ſo große, ſo hoch begabte Männer durch Scherze befriedigen konnte, wo ſie zu Rich⸗ tern aufgefordert werden konnten. Theater und Politik, Wein und Weiber, Schulden und Schießen im Zweikampf, wurden nicht nur ohne den entferntſten Rückhalt beſpro⸗ chen, ſondern mit tiefer Weltkenntniß, mit ſchar⸗ fer Ergründung der Herzen, welche der ſorgloſen, zufälligen Rede die Schärfe des ſchneidendſten Spottes mittheilte. Perſönlichkeiten wurden viel geſagt, keiner ſchonte ſeinen Rachbar, denn er er⸗ wartete dieſes auch für ſich ſelber nicht, und der unſelige Wicht, der in ſeiner Erzählung ſtrauchelte oder in der Geſchichte ſich verwickelte, ward von allen Seiten angegriffen, bis er entweder durch einen ſelber gefundenen glücklichen Ausweg, oder durch ein neues Opfer, welches ſich zeigte, den Angriff von ſich ab in andere Richtung leiten und ſich ſo befreien konnte. Mir iſt es durchaus un⸗ möglich den Talenten derer nur entfernte Gerech⸗ tigkeit wiederfahren zu laſſen, die hier im ofnen Kampfplaze Wiz gegen Wiz in einer Art aufboten, welche des fließendſten Redners, des glückl ichſten Erzählers, des raſcheſten Spötters und des fer⸗ tigſten Gegenredners äußerſte Waffen erforderte, um ſich zu vertheidigen oder zu ſchüzen. Es war einem allgemeinen Turnier zu vergleichen, bei dem jeder den Begegnenden nur allein aus dem Grunde niederſtach, weil deſſen Rüſtung einen Spalt zeigte. Selber der Vicekönig, von dem man hätte annehmen dürfen er ſey als Kampf⸗ richter hier geſichert, blieb nicht ungeſchont; man⸗ cher ſcheinbar einem Gegner zugeſchleuderte Pfeil haftete mit zitterndem Schwanken in ſeinem Bruſt⸗ wamſe. Mit der ganzen lebendigen Theilnahme eines Menſchen, dem dieſe Art von Reibung vollkommen fremd war, empfand ich zugleich unfreiwillige Freude darüber, daß die erſten Amtsgeſchäfte und ehrwürdigen Stellungen der großen Zahl der Ge⸗ ſellſchaft dieſem Wiz⸗Feuerwerke nicht geſtatten würde zum Flammenfeuer ofner Feindſeligkeit auf⸗ zulodern. Meinem Nachbar O'Grady theilte ich dieſe Bemerkung mit, der über meine Unwiſſenheit ſogleich in lautes Gelächter ausbrach und mir zu meinem Staunen erzählte, Richter gewöhnlicher Rechtshändel hatten die Schatzkammer geſchoſſen, der Generalprokurator habe den Urkundenbewah⸗ rer durchlöchert und befremdlicher noch als Alles der Univerſitäts⸗Probſt habe ſeinem Manne im Phönix⸗Park geſtanden. Fliſternd ſezte er hinzu; 1 — „wir dürfen uns freuen, daß die Kirchendiener nicht ebenfalls ausgehen, denn der Dechant dort kann auf zwanzig Schritt ein Licht mit der Kugel ſchneuzen und iſt zudem ein gar heißbluliger Ge⸗ ſell.— Doch kommen Sie, Seine Gnaden iſt im Begrif aufzuſtehn. Wir haben morgen Mu⸗ ſterung im Park und brechen deshalb früher als gewöhnlich auf. Es war zwei Uhr und gewiß nicht zu früh zum Aufbruche, der Herzog erhob ſich, reichte allen freundlich die Hand und wünſchte uns gute Nacht. O'Grady war freundlich genug mich zu meinem Quartier zu begleiten. 2. Dweiles Shaypilel „Wachen Sie?“ ſagte eine harte grollende Stimme, an der ich Corny erkannte. „Ja, herein, was iſt die Uhr?“ „Nach zehn, ſind der erſte der mich in acht Jahren, die ich hier lebte, nach der Uhr frug— Sind Sie fertig für Ihren Morgen?“ „Meinen was?“ fragte ich ſtaunend— „Sagt ich's nicht deutlich genug, oder iſt's unſer Name dafür, der Sie wirrt?“ Mit ſpötti⸗ ſchem Grinſen ſchenkte er aus einem großen Kruge, den er in der Hand hielt, ein Kelchglas bis an den Rand mit weißem Getränke voll und reichte es mir. Es war gar vortreflich bereiteter Milch⸗ Punſch, gewürzt mit'nem„Gedanken von Muskat⸗ nuß,“ wie O'Grady mir ſpäter ſagte. 3 — 25— „Den Teufel ſein Zweifel, daß es ſchmecken würde,“ ſprach Corny—„wann Sie fertig ſind kommen Sie zu meinem Herrn, der mit dem Frühſtück wartet.“). Leicht fand ich O'Grady's Zimmer, denn es ſtand geöfnet und er ſang laut ein beliebtes Volkslied jener Tage. Als er mich ſah, rief er: „ah, Hinton, mein Herz, gut geſchlafen, kein Kopf⸗ ſchmerz vom Karrnſtoß noch vom Wein, hoff' ich, ſezen Sie ſich, willkommen in Mount O'Grady.“ „Gewiß geben Sie den Namen in Bezug der zwei verwünſchten Treppen⸗Fluchten, die man hin⸗ aufſteigen muß bis man zu Ihnen kommt.“ „Gar nicht, der Name hat ganz andern Ur⸗ ſprung— Sie müſſen wiſſen, wir O Grady's wa⸗ ren einmal eine Zeitlang recht hochſtehende Leute, lebten in einer ungethümlichen alten Kaſerne, mit Zinnen und Wartthurm„ am Shannon, wo wir das Land auf Meilen umher ausſogen, den fried⸗ lichen Bewohnern deſſelben ſo viel Unheil zufüg⸗ ten, ihnen ſo viel Raub abnahmen, als irgend eine achtbare Familie in der Provinz. Aber die Zeit ſchritt vor; das Glück änderte; Ihre Lands⸗ leute überſchwemmten uns mit neuerfundenen An⸗ ſichten von leſen, ſchreiben und Straßenbau; Po⸗ lizey, kleine Gerichtsanzeigen und tauſend andere quälende Gebräuche folgten, um der einfachen Land⸗ Jack Hinton. Erſter Band. 2 — 26— Edelleute Köpfe zu wirren und zu ermüden, ſo daß wir zulezt anſtatt uns unſer Hammelfleiſch auf der Hügelſeite zu holen, dazu herunterge⸗ bracht wurden einen Marktkarrn zu halten und 'nen diebiſchen Schurken in Dublin zu gebrauchen, uns unſern Claret zu liefern, anſtatt wie ſonſt hinüber nach Galway zu ziehen, wo ein Schmug⸗ gelfahrzeug uns unſern Trank mit dem friſchen Duft aus Bordeaux brachte. Doch das ſchlimmſte ſollte noch kommen, ſtreitſüchtiger Geiſt verbreitete ſich im Lande zugleich mit der rachſüchtigen Ge⸗ wohnheit Leute wegen Schulden zu verfolgen. Stets hatten wir eine ziemlich verwirrte Weiſe befolgt, uns unſere Schazkammer zu beſorgen. Kein Landpachter auf unſerm Eigenthum wußte genau was er ſchulde, und weil wir keine Ver⸗ zeichnung der Zahlungen beſaßen, ward unſer Einkommen mehr in der Weiſe erhobenen Tribu⸗ tes als geſezlicher Schuldabtragung aufgebracht. Zugleich gebrauchten wir unſern Kredit als eine neue Kolonie; wo immer eine Anleihe zu machen war, kümmerten wir uns wenig um zehn, zwölf oder ſelbſt funfzehn Procent, und weil wir fröh⸗ liches Haus führten, guten Koch, treflichen Cla⸗ ret und die beſten Haſenhunde in der Grafſchaft hielten, wäre der gewiß ein harter Gläubiger ge⸗ weſen, der uns hätte auf's Aeußerſte treiben wol⸗ — — 27— len. Aber es heißt: Schafe ſogar gewinnen Muth, wenn ſie zuſammen heerden, ſo faßte auch dieſe verächtliche Schaar von Schneidern, Zehnten⸗ Sammlern, Schlachtern, Advokaten und Schu⸗ ſtern ſich ein Herz, und belagerte uns in aller Form. Mein Großvater Phil, der ſein Geld je⸗ derzeit als Gentleman durchbrachte, hatte nicht Luſt in den Vier Gerichtshöfen zu erſcheinen, ſchickte aber ſeinen Vetter Tom Darcy zur Stadt, um ſo viele von den Klägern herauszufordern als zum Schlagen geneigt waren, die andern aber zu bedrohen, daß, wenn ſie ihre Klagen nicht zurück⸗ nähmen, ihnen Wundärzte nöthiger ſeyn ſollten als der General⸗Advokat, denn bis zum Michae⸗ listage ſoll kein Knochen in ihrem Leibe ganz bleiben.— Unglücklicherweiſe machte ſein ſchöner Plan das Uebel ärger, ſie brachten neue Ankla⸗ gen vor. Einige wegen Ausforderung zum Zwei⸗ kampf, andere wegen angedroheten Angriffs und Körperverlezung, und das Ende der Sache war, daß, weil mein Großvater keine Vertheidigung füh⸗ ren wollte, ſie ihre Richterausſprüche zu unſerer Verurtheilung und Erſtattung ſämmtlicher Koſten erlangten. Dieſer Schlag war zu hart für ihn, er einer der herzlichſten, fröhlichſten Männer in der Provinz, wurde mürriſch und ſchweigſam; an⸗ ſtatt den Beſtz ruhig und friedlich aufzugeben, ging 2* — 28— er hinab zum Thorhüter, ſezte ſich da und ſchoß den Unterſheriff der in ſeiner Tar⸗Kann da war. Er tödtete ihn zwar nicht, zerſchoß ihm bloß den Schenkel, es war aber ſchlimm genug, er mußte nach Frankreich hinüber bis die Sache ſich gelegt hatte. War es nun ſein Kummer, oder das Kli⸗ ma, oder die ſchwachen Weine, oder vielleicht die drei Urſachen zuſammen, er erkrankte und ſtarb vier und achtzig Jahre alt, der einzige unſerer Familie, der früher verſchied, mit Ausnahme ſol⸗ cher die erſchoſſen oder ſonſt getödtet wurden. Auf dem Sterbebette ließ er meinen Vater von der Schule zu ſich rufen und nahm dem das eid⸗ liche Verſprechen ab, Rechtsgelehrter zu werden. „Moriz wird ein Dorn in Ihrem Fleiſche wer⸗ den,“ ſagte er,„merke Dir, mein Junge, ich hin⸗ terlaſſe Dir einen Kanzlei⸗Prozeß, der faſt acht Familien und die Herzen zweier Kanzler gebro⸗ chen— den führe Du fort— verkaufe jeden Stock vom Gute— verſeze alle Bettler der Ba⸗ ronie auf dem Beſiz, bettle, borge und beſtiehl ſie, — pflüg allen Grasanger um, und noch einen beſſern Anſchlag ſag ich Dir— da wurde der fromme alte Herr von einem Huſtenanfall unter⸗ brochen, der ſein Leben endete.— Mein Vater handelte pflichtmäßig; ſobald er zu der Schranke berufen wurde, widmete er alle ſeine Muße die⸗ — 29— ſem Proceſſe. Er ward ausgezeichneter Advokat, wurde zum ſeidenen Gewande erhoben, zum Ge— neral⸗Anwalt, ſpäter zum Oberrichter ernannt— aber der Prozeß überlebte ihn und wurde mein Eigenthum, mir gelang ſeine Führung nicht ſo gut als meinem Vater, ich fand daß mein Guts⸗ beſiz mich jährlich funfzehnhundert Pfund koſtete, ohne alle Eidſchwüre zu rechnen; deßhalb ver⸗ ſchaffte ich mir tauſend Pfund auf mein Patent, gab dieſe an Nik M'Hemara, um mir das Eigen⸗ thum aus den Händen zu nehmen, und weil mei⸗ nes Vaters lezte Aufforderung geweſen war: „unhe nicht, bis Du in Mount O'Grady ſchläfſt,“ ſo habe ich meinen jezigen Wohnplaz mit dem Namen getauft.— Aber hier kommt unſer wür⸗ diger Mitbruder und Mit⸗Aide⸗de⸗Camp— Kennen Sie ihn ſchon?“ „Wer iſt's, ich bitte Sie.“ „Lord Dudley de Vere, verwünſchter Zier⸗ bengel und leerköpfiges Vieh. Da iſt er.“ „De Vere, dies iſt mein Freund Hinton, einer der unſrigen.“ Der Lord ſtierte mich an, zerrte ſeine Hals⸗ binde und lispelte:„ei,— ja— ſehr glücklich,“ dann folgten einige Fragen nach Londoner Be⸗ kannten, und dem Skande der Wetten für Pferde⸗ rennen. — 30— Ein unmäßiges Lachen des Lord brachte uns beide zum Fenſter. Auf einem möglichſt kleinen Thierchen ſaß oder ſtand vielmehr die Geſtalt eines langen, hagern, grobknochigen Mannes in einer Livrée von blau und gelb, ſein Hut mit Silbertreſſen eingefaßt, und mit ſilbernen Achſel⸗ ſchnüren, ſeine Füße berührten beinahe die Erde, unter dem Arme hielt er eine Ledertaſche gleich einem Depeſchenbeutel, im langſamen Fortbewe⸗ gen blickte er rechts und links, als ſuche er eine unbekannte Oertlichkeit. Unſer Lachen zog ſeine Aufmerkſamkeit auf unſer Fenſter, ſogleich lüftete er ſeinen Hut und ein Blick vergnügter Erken⸗ nung zuckte auf ſeinem Geſichte. „Hallo! Tim!“ rief O'Grady,— ‚was iſt im Winde?“ Seine Antwort war nicht hörbar, aber aus der Taſche zog er eine gewaltig große Karte her⸗ vor und Corny, der ſie ihm abnahm, ſagte:„mach doch nicht ſo'n Vieh aus Dir, wie kann ein Chriſt ſich zum Harlekin in ſolchen Kleidern ma⸗ chen, ſeht aus wie'n Comüdiant, nicht wie'n rechtſchaffner Diener.“ Tim faßte wieder an ſei⸗ nem Hut, grinſete über Corny's Bemerkung und ritt unter lautem Gelächter der Umſtehenden davon. — 31— „Wer Teufel kann's ſeyn? Offenbar kennt er Sie, O'Grady,“ ſagte der Lord. „Und Sie ebenfalls, mein Lord, ſein Herr hat Ihnen mehr als einmal mit kalten hundert oder zweihundert Pfund ausgeholfen.“ „Wie unſer würdiger Freund Paul,— den Timoty ſah ich niemals in dem Anzug.“ „Nein,“ ſagte O'Grady liſtig,„es iſt auch freilich nicht ſein Gewand wenn er ein Latitat darbringt.“ Der Lord fühlte den Scherz tief, ſuchte es aber zu verbergen. Corny trat ein, warf die große Karte mit verächtlichem Blicke hin, und ſagte, „dies für Sie.“ Lord Dudley betrachtete ſie durch ſein Glas und rief:„vortreflich, bei Jupiter. Herr und Frau Paul Roony geben ſich die Ehre Cap⸗ tain O'Grady zum Mittageſſen für Freitag 7 ½ Uhr einzuladen. Sie ſind unzweifelhaft der Haus⸗ freund, O'Grady.— Mich haben Sie einmal ge⸗ habt, aber nicht wieder.—“ „Ich muß geſtehen,“ erwiederte O'Grady in feſtem Tone,„es mag viele modiſchere Leute ge⸗ ben als unſere Freunde es ſind, aber geſtehen muß ich, ſo viele Freundſchaft von ihnen genoſ⸗ ſen zu haben, daß ich mich aufrichtig zum Dank verpflichtet fühle.— Aber kommen Sie, Hinton, wir müſſen gehn.“ — 32— Die Ehrenwache ritt jezt in den Schloßhof, Trommeln wirbelten, Wachen ſtanden unter Ge⸗ wehr, wir hatten nur eben unſere Pferde beſtie⸗ gen, als die Geſellſchaft des Vicekönigs die Wa⸗ gen füllte, und ſo ging's zum Phönir. „Geſtehn Sie, Hinton, in Irland iſt's der Mühe werth Soldat zu ſeyn.“ O'Grady bemerkte dies, als wir neben des Viecekönigs Wagen durch die Parlamentsſtraße ritten. Seit ſeiner Ankunft war dieſes der erſte Muſterungstag, ganz Dublin war erwartungsvoll geſpannt. Taſchentücher wur⸗ den aus den Fenſtern geſchwenkt— Flaggen und Banner wehten von den Dächern der Häuſer, patriotiſche Sinnſprüche und allegoriſche Dar⸗ ſtellungen von Erin an wohlbeſezter Tafel einem alten Herrn mit der Herzogskrone gegenüber ſizend, ſahen wir an allen Straßencken. Dieſe waren gepfropft voller Menſchen, die Muſik ſpielte St. Patricks Tag, der Pöbel jubelte, der Herzog verbeugte ſich und im ganzen Zuge ſchien kein Unbeſchäftigter. So ging's längs den Kays fort durch barfüßige zerlumpte Bevölkerung, die ſich in kräftigen Wünſchen für Irland's Wohlfahrt heiſer ſchrie. Im Betrachten der verfallenden Häuſer, der abgewitterten, verbrauchten Kutſchen, des beſudelten Prunkes beſſerer Tage, ſagte ich zu mir ſelber, ja mein Vater hatte Recht, dieſes Volk iſt weſentlich von ſeinen Nachbarn verſchie⸗ den; ſeine Wohlfahrt ſogar hat ihren ganz ei⸗ genthümlichen Anſchein. Alles zeugte von einem Zuſtande der Armuth, einem Mangel an Han⸗ del, an Behaglichkeit und Sauberkeit; und doch herrſchte in der ganzen Maſſe nur ein Ausdruck vor, nemlich unbegrenzte frohe Laune und Mun⸗ terkeit. Mit einer den armen Paddy ganz eige⸗ nen Philoſophie ſchien er ein nachdenkliches Ver⸗ gnügen an der vermeintlichen Glückſeligkeit dieſer zu finden, die ihn umgaben. Schöne Gewande, prächtige Fuhrwerke, ſpringende Roſſe, ſchwan⸗ kende Federn,— alles was den Begriff von Reichthum bildet, begründet in ſeinem Gemüthe eine Art von irdiſchem Paradieſe. Die Beſtzer ſolcher Dinge mußten nach ſeiner Meinung min⸗ deſtens glücklich ſeyn, und als wahrhaft guther⸗ ziger Burſche freute ihn das um ihrentwillen. Am Morgen war ein verunglückter Verſuch zu einem Umzuge gehalten, der Lord⸗Major und die Sheriffs waren in Staats⸗Anzügen mit ſtol⸗ zem Gefolgelihrer Mitbürger hervorgekommen, aber die Miethkutſchen hatten die Linie an mehren Stellen vollſtändig durchbrochen, den Umzug in Verwirrung gebracht, ſo daß jezt den mit Wap⸗ penprunk bemalten Kutſchenſchlägen eines Alder⸗ man und ſeinen betroddelten Pferden ein Reihen⸗ 2 x* „ 4 — 34— zug rumpelnder Fuhrkarren oder ein Nick⸗Fuhr⸗ werk mit vierzehn Einſizenden folgte; Reiter wa⸗ ren im Ueberfluſſe da. Sollte ich nach dem Schauſpiele vor mir urtheilen, mögte ich ſagen, die Irländer waren das reitkünſtleriſchſte Volk auf der Erde; und mit welchem wilden Jagen. Fußgänger werden wenig oder gar nicht geachtet, nur wenn die gepeitſchten Thiere durchaus nicht fort konnten, hielten ſie ein, um ſodann wieder unter Fluchen, Verwünſchen und Schimpfen vom Gelächter der Umſtehenden übertönt davon zu ſprengen. „Herrlicher Anblick, Hinton— wirklich er⸗ hebend,“ ſagte O'Grady mit freudeſtrahlenden Blicken. „Allerdings,“ erwiederte ich zögernd,„aber meinen Sie nicht, wenn die Leute Schuhe trügen.“ „Schuhe,“ unterbach er mich verächtlich— nſolche Beſchränkung ihrer Freiheit würden ſte nimmer dulden.— Schauen Sie, das ſind die Burſche um Soldaten daraus zu machen. Bei ihnen könnte man von halben Rationen nur die Furcht vor Unverdaulichkeit nähren.“ Es war eine buntſcheckige, befremdliche Maſſe; ernſte Geſichter zeigten nur die Wenigen in ver⸗ goldeten Kutſchen mit geſtickten Bockdecken; wäh⸗ rend jegliche vorbeiſchießende halbnackte Geſtalt — 35— ſorgloſe Freude und Scherzluſt zeigte. Eben die Widerſprüche, welche im Volke und im Umzuge vorherrſchten, waren auch an ihren Wohnungen ſichtbar, elendeſte Hütten ſtanden zu den Seiten öffentlicher und anderer Gebäude der größten Schönheit und trefflichſten Ausführung. Ausge⸗ macht ein ſonderbares Land. Zulezt erreichten wir den Park und kamen zu den funfzehn Acren. Die Kutſchen fuhren in der Reihe auf, des Herzogs Handpferde wurden gebracht, Offiziere vom Staabe ſprengten ab, um die Truppen antreten zu laſſen.— Der Herzog ſtellte mich ſeiner Gemahlin vor— ſagte dann— „Sie kennen Lady Killemore, Hinton— wenn auch nicht, ſo thut's nichts. Dort iſt ihr Wa⸗ gen— es ſcheint die Dragoner wollen Sie nicht durchlaſſen. Reiten Sie hinab um ſie durchzu⸗ bringen.“ Die Herzogin ſezte noch hinzu:„bitte, eilen Sie, Herr Hinton, die arme Lady wird zum Tode geängſtigt ſeyn, ihr Wagen kann dicht zu uns kommen, hier iſt Plaz genug.“ „Nun machen Sie's gut,“ flüſterte O'Grady, „ein ſchönes Mädchen iſt dabei, es iſt Ihr erſter Auftrag, legen Sie Ehre ein.“ Ich ritt ab ohne recht zu wiſſen was ich thun ſollte, ein hübſches Mädchen und ein von Dragonern feſtgehaltener Wagen waren zu ſucheu. — 36— — O, dort iſt's; eine gelbe vierſpännige Berutſche ſah ich in der Ferne, jagte hin und kam athem⸗ los zum Wagen, in welchem eine ſtarke, ungemein ſchöne Frau mit dem ſtattlichſten Federhute, eifri⸗ ges Gezank mit dem Sergeanten der Reiter führte. „Wenn Ihre Herrlichkeit mir erlauben, der Herzog ſchickt mich, Ihnen den Weg zu zeigen.“ Die Dragoner wichen zurück als ich ſprach.— Die Dame ſah mich verwundert an, ſagte zu einer auf dem Hintertheil ſtzenden jungen Perſon:„Louiſe, Liebe, wer iſt's? Etwa Herr Wellesley Paul?“ Ich ließ ihr nicht Zeit, führte mich als Aide- de-Camp des Vicekönigs ein, der beauftragt ſey, ſie ſo nah als möglich hinzubringen. „Wo iſt Paul— wenn dies ein Scherz iſt junger Herr—“ „Madame, ich verſtehe Ihre Meinung nicht,“ ſagte ich mit ſteifer Verbeugung. „,; verzeihen Sie mir, alſo ſchickte Seine königliche Hoheit Sie wirklich?“ „Seine Gnaden, Mylady ſchickte mich zu Ihrer Hülfe,“ die Dame bekam wieder Nervenzucken und mich verdroß der jungen Perſon Benehmen, die nicht das mindeſte Mitleid verrieth, ſondern mit geſenktem Kopfe zu lachen ſchien. Die Poſtillone fuhren indeſſen ab, nach einigen Mi⸗ nuten gelangten wir zum großen Wagenſtande; *. hier hielt ein großer düſtrer Reiſewagen neben der Herzogin, ich ſtellte die Berutſche ſo gut als möglich und eilte, der Herzogin die Erfüllung meines Auftrages zu melden. Als ich mich dem Wagen näherte, brach der ganze Stab in Ge⸗ lächter aus, welchem der Herzog beiſtimmte und mir zurief:„melden Sie der Herzogin.“ Ich ritt hinan und ſagte:„ich bin glücklich Ihro Gnaden zu ſagen, daß—“ „Lady Killemore iſt hier,“ ſagte die Herzogin mit ſtolzer Verbeugung und zeigte auf die Dame neben ihr. Mir blieb nichts übrig als zurückzureiten,„was zum Teufel iſt's, O'Grady, wen hab' ich geleitet!“ „Sie haben ſich unſterblich gemacht,“ ant⸗ wortete er laut lachend,„Madame Paul Rooney iſts das Juwel aller Anwalt⸗Frauen, die Glorie von Stephen's Grün, mit einer Villa zu Bray, einer Loge im Theater, Champagner Abendeſſen die ganze Woche hindurch, gelegentliche Mittags⸗ tafeln, Frühſtück nach Gefallen. Da iſt Glorie für Sie, ein Latitat können Sie verlachen, die Kingsbench verhöhnen, und nach jedem Prozeßfüh⸗ rer von hier bis Kilmainham die Finger ſchnippern. „Mag der Teufel ſie holen!“ 3 „CEy, Hinton, gewiß ſahen Sie das ſchöne Mädchen nicht im Wagen.— Bedenken Sie doch — 38— der Irrthum war Ihr eigener. Sie ſagten ihr, daß der Herzog Sie ſchickte, die Herzogin ihren Wagen neben ſich wünſche.“ „Allerdings bin ich allein zu tadeln und wer⸗ de verlacht; in der That ſcheint es, in dieſem Lande wiſſen die Leute nichts beſſeres zu thun als lachen. Ein glücklicher Anfang den ich mache.“ Jezt wurde Befehl gegeben, der Stab ſolle aufſtzen, unter dem Donner der Kanonen, dem Wirbeln der Trommeln, dem Stampfen der Roſſe und dem gemeſſenen Schritt des Fußvolkes vergaß ich bald mein Mißgeſchick. Der Anblick war in der That begeiſternd, obwohl nur Nachahmung glorreichen Krieges, der heitere Himmel, die ſtär⸗ kende Luft, der Schauplaz ſelber, bildete das rei⸗ zendſte Rundbild, ich fühlte mich bald erleichtert und glücklich wie zuvor.— Die Manöver des Tages ſollten ein Gefecht darſtellen, Sir Charles Asgilt befehligte den einen Heertheil, Lord Har⸗ rington den andern. Mit jedem Augenblicke mußte ich dieſem oder dem andern Befehle über⸗ bringen. Kaum erſchien ich athemlos von einer ſolchen Sendung zurückkehrend im Hauptquartier, ſo wurde mir eine neue aufgegeben. Ermüdet und ſchnaufend machte ich mehr als einen Miß⸗ griff, brachte des Herzogs geheime Befehle an die unrechten Perſonen. Bald brach die voll⸗ ſtändigſte Verwirrung aus, beide Befehlenden wuß⸗ ten nicht was ſie mit ihren Truppen machen ſoll⸗ ten, und dieſe waren dermaßen durcheinander ge⸗ ſchoben und gemengt, daß keine Ordnung herzu⸗ ſtellen war. Ernſtliche Folgen drohete der neidi⸗ ſche Wetteifer Irländiſcher Bataillone, von denen das eine der katholiſchen das andere der evange⸗ liſchen Parthei zuneigte und die mit Kolbenſchlä⸗ gen und Bajonettſtichen wirklichen Kampf be⸗ gannen, und nur durch Gewalt und durch des Vicekönigs perſönliches Anſehen auseinander ge⸗ bracht werden konnten. Der Herzog hatte mit der größten Befriedigung alle meine verkehrten Ausrichtungen angeſehn, und er lachte über die von mir angerichteten Verwirrungen, bis Thränen über ſeine Wangen liefen.— Als die Ruhe der ſtreitenden Irländer wieder hergeſtellt war, zeigte der Vicekönig nach einem Wagen und ſagte:„da wird glaub' ich gefrühſtückt; verſuchen Sie, Hin⸗ ton, ob Ihre Diplomatik mir dort nicht ein Glas Keres verſchaffen kann.“ Ich ritt zu dem angedeuteten Wagen, der nemliche den ich heraufbegleitet hatte, die Pferde waren jezt abgeſpannt, und das Fuhrwerk zum Schuze neben einige Buchenbäume geſchoben. Die Dame ſaß im Hinterſize, vor ihr ausgebreitet — 40— in der ganzen Unordnung, welche von ſolcher Stel⸗ lung unzertrennlich iſt, ein ungemein reiches Früh⸗ ſtück. Zahlreich waren die den Wagen umdrän⸗ genden Gäſte, es dauerte eine Weile bevor ich die Beſtzerin ſehen konnte. Getränke aller Art floſſen reichlich; endlich gewahrte mich der Fla⸗ ſchen öfnende Diener Bob Dwyer, und rief:„der Aide-de-Camp bei dem Sterblichen!“ Wäre ich ein Tiger geweſen, ich hätte nicht mehr Schreck erregen können, die Offiziere wußten nicht, ob der Vicekönig nicht ſelber herankomme, reinigten ſich von Speiſenüberbleibſeln, ergriffen ihre Tzſchacko, und ſprangen vom Wagen herab. Allgemein war ängſtliche Verlegenheit, nur die junge Dame, de⸗ ren Ausſehen und Haltung weſentlich von der Alten unterſchieden war, ergözte ſich ſichtbar und unverholen. „Sie fanden uns im Genuſſe eines kleinen Biſſens, Herr Hinton, das würde Ihnen nach der Ermüdung des Tages auch angemeſſen ſeyn; nehmen Sie nicht ein Sandwich und ein Glas Champagner?“ Bob Dwyer verſah mich mit einem Teller und Trinkglaſe.— Mit zierlichem Winke ihrer mit Kleinodien beringten Hand ſagte Madame Rooney— „Laſſen Sie ſich meinen jungen Freund Herr Hin⸗ — — ton vorſtellen, Miß Louiſe Bellew, einzige Toch⸗ ter von Sir Simon Bellew von— der Name erklang zu fremdartig, um ihn erfaſſen zu kön⸗ nen—“ ein wunderſchöner Platz in der Graf⸗ ſchaft Majo.„Und wie geht's dem Herzog, dem lieben Manne, und die trefliche Herzogin, ſie lei⸗ det an den Nerven, wie ich.— Ach, Herr Hin⸗ ton, welch ein Leiden iſt es ſo empfindſamer Na⸗ tur zu ſeyn, das iſt was ich ſo oft zu meiner ſü⸗ ßen jungen Freundin ſage: viel beſſer das luſtige, leichtſinnige, bedachtloſe, glückliche Weſen was ſie iſt, als—“ hier ſeufzte ſie, trocknete ihre Au⸗ gen und verſuchte recht unglücklich auszuſehen.— „Doch hier kommen Sie, Sie kennen Herr Rooney, erlauben Sie mir Sie einzuführen.“ Während ſie die lezten Worte ſprach ritten O Grady und ein kleiner, aufgedunſener, rundge⸗ ſichtiger Nann zum Wagen, dem die Dame mit einer gewiſſen Strenge ihres Weſens ſagte:„ich wünſche, Sie mögen die Bekanntſchaft von Herr Hinton, Aide-de-Camp Seiner Gnaden machen.“ Herr Rooney zog ſeinen Hut ab, den er ſpäter noch mehr wie früher auf die rechte Seite ſezte, war entzückt, ganz bezaubert, hofte ich habe etwas zu eſſen bekommen, der Tag ſey mörderiſch heiß.“ Hier unterbrach ihn O’'Grady—„Sie ver⸗ gaßen den Herzog, ſcheint es, er ſagte mir Sie wären etwas Leres oder dergleichen ausge⸗ ſchickt— aber leicht mag ein Mann in ſolcher Stellung als die Ihrige iſt dergleichen vergeſſen — und beſorgen Sie nichts, der Herzog iſt der nachſichtigſte Mann auf der Welt, wenn er hört wo Sie waren.—“ „O Captain!“ ſeufzte Madame Rooney. „Sie verſtehn es Maſter Phil,“ murmelte Paul, der O'Grady's Gabe der Schmeichelworte auf das empfängliche Gemüth ſeiner Frau ange⸗ wandt vollſtändig würdigte. Eben war ich im Begriffe der Miß Bellew einige Artigkeiten zu ſagen als O'Grady zum Abreiten aufforderte, weil des Herzogs Wagen ſich in Bewegung ſezte. Während wir dahin ritten, ſagte er:„mich freut, daß Sie die Rooneys kennen, die ſind in der That höchſt Vergnügen gewährend. Paul iſt gut, aber ſeine Frau prächtig.“ „Und die junge Dame?“ fragte ich. „O ein durchaus verſchiedenes Weſen. Bei⸗ läufig, Hinton, ich hoffe Sie befolgten meinen Wink in Betref Ihres Engliſchen Weſens.— Ihre Kupferminen⸗Fluß⸗Höflichkeit mag teufelmä⸗ ßig treflich im Hyde Park oder St. James ſeyn, thuts aber bei uns armen Menſchen durchaus nicht. Mehr Wärme, Mann, gießen Sie zur Limonade etwas Marasquino, dann werden Sie ſich zweimal ſo behaglich fühlen und die Mädchen Sie um ſo lieber haben.“ — D rilles Mayilel In ſeiner Vaterſtadt Dublin war der Rechts⸗ Anwalt Paul Rooney ſo bekannt, wie Nelſon's Säule. Sein Ruf ward nicht durch zufällige Klaſſen⸗Umſtände begränzt, ſondern verbreitete ſich über die ganze Oberfläche der Geſellſchaft; ſeine Ausſprüche wurden zugeſtanden vom Kanz⸗ ler hinab bis zum Karrnführer. Möglicherweiſe mogte Herr Rooney in vie⸗ len andern Weltſtädten für eine gewöhnliche, alltägliche Perſönlichkeit gegolten haben gut in der Welt fortzukommen, billiger und zugänglicher Denk⸗ weiſe, die, wenn ſie dem Vorwurfe wenig darbot, des Bemerkenswerthen noch weniger zeigte; doch in Irland, ſey nun das Klima die Urſache oder das Volk, der Pottien oder die Kartoffeln, ich weiß es nicht zu beſtimmen, aber ſo viel iſt ge⸗ wiß, hier ging er im überraſchenden Farbentone hervor. Des Wolkenhimmels wechſelvoller Ka⸗ rakter übt, wie man behauptet, merkwürdigen Ein⸗ fluß um das immerwährend wechſelnde Weſen des Irländiſchen Temperamentes zu bilden; und ge⸗ wiß hatte Dublins unbeſtändiges Klima großes Verdienſt, wenn er in Herr Rooney die gewandte Natur erzeugte, deren er ſich erfreute. Um zehn Uhr konnte man während der Ge⸗ richtszeit an jedem Morgen einen geſcheuten, pfiffig ausſehenden, ſchlauen kleinen Geſellen ſehn, der mit aufgeworfenen Lippen und etwas ge⸗ ſtumpfter Naſe zu den vier Gerichtshöfen ging, gefolgt von einem zerlumpten Buben mit einem wohlgefüllten Beutel von Purpurrothem Stoff. Des Mannes ſchwarzer Rock, graugelbe Beinklei⸗ der und Kamaſchen waren von einfachem, geſchäfts⸗ gemäßen Schnitte; die kurze viereckte Schleife ſei⸗ ner weißen Halsbinde hatte ſonderbarliche Aehn⸗ lichkeit mit dem Federzuge u einer Verſchrei⸗ bung, ſein ſelbſtzufriedener Blick, ſein ſicherer Schritt, das leichte Rollen ſeines Hauptes ver⸗ kündete zuſammen einen, dem es in der Welt wohl ging; die Gewohnheit im Gehen mit der Hand in der Hoſentaſche ſein Silber zu klinkern, braucht nicht als zuſäzlicher Beweis angeführt zu werden, — 46— um verſichern zu können daß Rooney ein warm⸗ fühlender Mann war, dem es nicht an Geld fehlte. Beobachtete man ihn in den nächſten drei oder vier Stunden, ſo ſah man ihn geſchäftig in der Halle der vier Höfe— bald einem leitenden Sachwalter einen wichtigen Umſtand zuflüſternd, während er einen Andern am Gewande feſthielt, damit der ihm nicht entkomme, dann ſah man ihn in einer Niſche zwiſchen den Pfeilern ſizend, wo er einem Clienten aus dem Weſten eine ver⸗ ſchlungene Schwierigkeit erklärte, deſſen entflamm⸗ tes Antliz und funkelndes Auge ſeine Ungeduld bei geſezlicher Strategie zeigt und wie viel lieber er ſein erlittenes Unrecht nach ſeiner eige⸗ nen Weiſe gut machen mögte;— ſtirnrunzelnd, ſchmeichelnd, ermuthigend, bedauernd bahnte er ſeinen Weg durch das Perrückentragende, ſtaubige Gedränge, hielt ſich nicht dabei auf die hundert ihm zugerichteten Begrüßungen anders als mit bedeutſamem Winke zu erwiedern, und dieſe war die einzige Höflichkeit, welche er nicht zu drei Schillinge und vier Pence buchte. War ſeine Rechtsgelehrſamkeit gering, ſo war ſeine Kenntniß menſchlicher Natur— mindeſtens ſolche wie Ir⸗ land ſie darbietet— gar umfaſſend; kein wichti⸗ ger Fall konnte vor die Geſchworenen gebracht werden, bei welchem Paul's Rath und Meinung nicht als beträchtlich wichtig geachtet ward. Kein Menſch kannte beſſer als er alle die Kunſtgriffe und Windungen, die ſchwarzen Ecken und Win⸗ kelverſtecke des Iriſchen Karakters. Niemand ver⸗ mogte ſo ſchnell ein aufbewahrtes Geheimniß aus⸗ zuſpüren, keiner entdeckte ſo augenblicklich ver⸗ ſuchte Täuſchung. Er übte der Rechtsgelehrſam⸗ keit geheime Polizei, durchſchaute einen Zeugen wie eine Handſchrift, und entdeckte in ihm eben ſo leicht einen Fehler. Saß er bei Führung einer Sache neben dem leitenden Rechtsgelehrten, ſo ſchien er ein vermit⸗ telndes Weſen zwiſchen Advokat und Jury. Be⸗ zeichnete durch irgend eine leichte aber bedeutſame Geberdung jeden Punkt des erſten an die lezte, und prägte den Gemüthern der Geſchworenen je⸗ den günſtigen Umſtand der Sache ſeines Clienten ein; zwölf taube Männer, mögten den Verhand⸗ lungen einer Sache mittelſt Anwendung von Paul's Geberdenſpiel haben folgen können. Als Folge dieſer manchfachen Begabungen ſtrömten ihm die Geſchäfte von allen Seiten zu, nur we⸗ nige Mitglieder der Schranke verdienten die Hälfte ſeines Einkommens. Kaum aber ſchloſſen die Höfe ihre Sizun⸗ gen, ſo ſchüttelte Paul den Gelehrten⸗Staub der — 48— Schazkammer von ſeinen Schultern, ſchlüpfte zu einem kleinen Gemache in einem düſtern Hauſe in Meßlane, welches er mit dem Namen ſeines Studierzimmers würdigte. So kurz und wenig die Augenblicke ſeines Einſchließens waren, genüg⸗ ten ſie doch um einen vollſtändigen und allgemei⸗ nen Wechſel ſeines ganzen Mannes hervorzubrin⸗ gen. Der kleine ſchlaue Sachwalter, der mit rechtsgemäßem Grinſen eintrat, kam wieder her⸗ aus als runder, vergnüglich blickender Geſell, im grünen Rock nach Jockey⸗Schnitt, rothgelber Weſte, weißen Wollcord⸗Beinkleidern und Stulp⸗ ſtiefeln; ſein Hut unternehmend auf ein Ohr ge⸗ ſezt, ſein buntes Halstuch nach der Schwell⸗ Mode geknüpft, kurz ſeine Geſtalt war ſchönes Muſterbild eines Weſtländiſchen Squire, der vor Aufgang der Jagd ſeine Gehäge durchreitet. Seine grauen, zu doppelter Größe ausge⸗ weiteten Augen, ſtrahlten Seelenfröhlichkeit; ſeine etwas geſunkene Unterlippe zitterte noch vom zu⸗ lezt ausgeſprochenen Scherze. Sogar ſeine Stimme war geändert, war nun eine reiche, volle, reife, klare Betonung, die ihm eine gewiſſe Italieni⸗ ſche Weichheit verlieh. Seine Zubehörungen wa⸗ ren bewundernswürdig gehalten: ein dunkel Ka⸗ ſtanienbrauner vollkommenes Muſter an Kraft und Ebenmaß ward von einem auf alt Irländi⸗ — 49— ſchem Blute gut berittenen Jockey auf und abge⸗ führt; der gut aufliegende Sattel, der wohlge⸗ hängte Steigbügel, die einfache aber kräftige Trenſe zeigten, hier ordne kein erkünſtelter Jockey⸗ Sinn, und man durfte Rooney nur im Sattel ſe⸗ hen um geſtehen zu müſſen, er ſey hier völlig ſo zu Hauſe wie im Kanzleyhofe. Von jezt bis zur Stunde des ſpäten Mit⸗ tageſſens ward der Phönixr⸗Park ſein Tummel⸗ plaz. Umgeben von luſtiger, lachender Menge ga⸗ loppirte Paul dahin, unterhielt ſeine Zuhörer mit dem lezten Wizworte der Kings⸗Bench oder mit launigem Vorfalle und Scherze der Gerichtsum⸗ reiſe. Gleichwohl beſchäftigte ſeine Unterhaltung ſich hauptſächlich mit andern Gegenſtänden— die Rennen von Curragh, das Kirchthurm⸗Rennen von Loughran; die Vaſe von Meath, oder Lord Boy⸗ ne's Handicap, waren ihm vollſtändig bekannt: er berechnete genau die Wahrſcheinlichkeit jeden Rennens, konnte die Gewichte nennen, den Grand beſchreiben, und beſſer als Alle den Gewinner treffend errathen. Zu dieſen Fähigkeiten kam, daß er der beſte Pferdekenner in Irland war, immer gut beritten, niemals ohne in ſeinem Stalle mindeſtens zwei Harttraber zu halten, die funfzehn Iriſche Meilen in der Stunde machten. Eigenſchaften wie dieſe mußten in einem Lande, Jack Hinton. Erſter Band. 3 50— das ſprichwörtlich wettſpielend iſt, ſehr beliebt ma⸗ chen, aber Herr Rooney beſaß noch andere und weit überlegene Anziehungskräfte; er war Dublin's Amphytrion. Es war kein bildlicher Ausdruck von ihm zu ſagen, er hielt ofnes Haus. Frühſtück, Mitlagstafeln, Routs, Bälle folgten einander in endloſer Reihe. Sein Koch war Franzoſe, ſein Claret von Sheydt; ſeinen Madeira und Peres ließ er direkt kommen, behandelte beide Weine mit wahrhaft väterlicher Sorgfalt und Liebe. Sein Wild und Moor⸗Geflügel kam aus Schottland, jegliches Packetboot von Holyhead brachte ihm ſeine Beſtellung von Walliſer Ham⸗ melfleiſch; mit einem Worte was Reichthum er⸗ kaufen, und ein durch den Rath vieler ſeiner Tiſchgäſte geläuterter Geſchmack verſchaffen konnte, beſaß er im Ueberfluſſe; ſein größter Ehrgeiz be⸗ ſtand darin, alle andere Feſtgeber des Tages an Pracht und Großartigkeit zu übertreffen und zu verdunkeln; er füllte ſein Haus mit den Großen und Betitelten des Landes, die mit beſonderer Gutmüthigkeit ſeine Eitelkeit nährten, indem ſie ſeinen Claret und Burgunder ſich treflich ſchmecken ließen. Sein Haus war wirklich ein höchſt gefall⸗ ſames; Feinſchmecker liebten es wegen ſeiner aus⸗ geſuchten Küche, der Vortreflichkeit ſeiner Weine, ☛ — z7— der Gewißheit alle Seltenheiten der Jahreszeit hier zu finden, bevor an andern Tafeln davon gehört wurde; der Müßiggänger liebte es wegen ſeiner Abweſenheit aller Förmlichkeit und ſeiner Ungezwungenheit, der Humoriſt, wegen der be⸗ luſtigenden Eigenheiten des Wirthes und der Wirthin; nicht wenige wurden auch durch die Grazie und unübertrefliche Liebenswürdigkeit eines Weſens angezogen, das durch ſonderbares Miß⸗ geſchick mitten in dieſen ſonderbarlichen Haus⸗ ſtand verſezt ſchien. Gaſtfrei war Rooney wie ein Fürſt, nie glücklicher als am Ende ſeiner Tafel; denn ob⸗ wohl ſein natürlicher Scharfſinn ihn den Stand⸗ punkt überführend bezeichnen mußte, den er unter ſeinen hohen und ausgezeichneten Gäſten ein⸗ nahm, wußte er doch, daß Nang und Reichthum nicht leichter auszugleichen ſeyen, und hatte in ſei⸗ ner Jugend geleſen, daß Jupiter ſogar dem Dufte von Hekatomben zugänglich war. Madame Rooney, oder wie ſie ſich auf ih⸗ ren Karten ſchrieb, Madame Paul Rooney(es ſchien dieſer Vorname etwas bedeutſames) war ein Weſen ganz anderer Art; gänzlich unbekannt mit der Lächerlichkeit, welche gemeiner Vergeudung anklebt, hielt ſie ſich ſelber für die große Anzie⸗ hungsquelle ihrer gedrängten Treppe und ihres 5 3 belagerten Geſellſchaftsſaales. Allerdings war ſie eine ſtarke und ſehr ſchöne Frau; ihre tiefen und dunkelbraunen Augen, ihre blühende Färbung wür⸗ den durchaus reizend geweſen ſeyn, hätte ihr Mund nicht deren Wirkung beeinträchtigt durch jenen rohen Ausdruck, den hohe Genüſſe und wohllüſtiges Leben denjenigen unfehlbar einprä⸗ gen, die nicht zur Größe geboren ſind. Man kann nicht bezweifeln, der Mund giebt das Kenn⸗ zeichen echten Blutes. Man findet zwiſchen Ty⸗ rols Bergklippen eben ſo ſanft ſtrahlende und le⸗ bendig ſprechende Augen als in den tiefen Thä⸗ lern des fernen Weſten; auch habe ich unter den demüthigen Bauern eines armen, unfruchtbaren Landes ſchön gebildete Stirnen, Naſen geſehen, die kein Griechiſches Standbild übertreffen konnte, eine Haut ſo zart und durchſichtig wie das feinſte Roſenblatt, doch nie einen Mund, deſſen ſcharf gezeichnete Lippe und ſchöne Wölbung Geburt an⸗ kündete. Nein, dieſer Geſichtszug ſcheint Vor⸗ recht der Hochgeborenen, gebildet zum Ausdrucke erhabener heiliger Gedanken; geformt zum Aus⸗ ſprechen veredlender Gefühle oder ſtolzer Wünſche. Jedes kleinſte Lineament deſſelben verkündet Ge⸗ burt und Blut. Madame Rooneys Mund war groß und ſchön, ihre Zähne weiß und völlig geregelt, im ruhigen 4 . 33 Zuſtande war kein Tadel daran zu finden; aber ſprach ſie— war es ihre Betonung?— war es der erſchreckende Provinzialismus ihrer Geburts⸗ ſtadt?— war es die ſeltſame Gewohnheit der Verzerrung, welche jegliches Patois dem Spre⸗ chenden ganz unfehlbar aneignet?— ich weiß es nicht zu ſagen, aber ihren ungemein anziehenden Geſichtszügen ertheilte es einen Ausdruck von Gemeinheit. Es war recht verdrüßlich zu ſehen, wie eine ſo reizende Perſon jegliche Wirkung ihrer Schön⸗ heit durch übertriebene Schauſtellung verdarb. Jeden geringfügigen Lebensumſtand machte ſie zum Schauſpielgegenſtande, rollte ihre Augen, blickte ſtarr vor Entſezen oder höchſt beglückt, ſah freundlich oder ſchneidend, erhaben oder ſehnſuchts⸗ voll in einer nemlichen Minute. Ihre Geſichts⸗ züge waren in ewiger Bewegung einer oder der andern Art, ihr Antliz zeigte nicht Ruhe noch Raſt. Ihre gerundeten, ſehönen, wohlgebildeten Arme wurden ebenfalls in Dienſt genommen; ei⸗ nem entfernten Beobachter mußte Madame Roo⸗ ney's lebendige Unterhaltung erſcheinen, wie das Meſſeleſen eines Prieſters. Und wie quälend war das Gefühl zu wiſ⸗ ſen, dieſer reizende Kopf, deſſen ſchöne klaſſiſche Verhältniſſe ſo treflich im Gleichgewichte auf ih⸗ rem weißen, ſchwellenden Nacken ruhete, ſey an⸗ gefüllt mit niedriger, erbärmlicher Ehrſucht, ge⸗ meinen Liebhabereien, verächtlichem Wetteifer oder unbedeutendem Triumphe. Sie unter der wohl⸗ lüſtigen Pracht und Fülle ihres prunkenden Hau⸗ ſes, in Juwelen⸗Schimmer ſtrahlend im vollen Glanze von Smaragden und Rubinen ſehen, beob⸗ achten wie das verderbliche Gift eingefleiſchter Gemeinheit dieſe ſchöne, reizende Geſtalt befleckte, ſie, die Gegenſtand der Anbetung ſeyn konnte, zu dem lächerlicher Verſpottung machte— war wirk⸗ lich zu arg; wenn ſie bei der Tafel ſaß, mit ihren dicken aber doch zugeſpizten Fingern ein Champag⸗ ner⸗Glas umfaßte, glich ſte einer Madonna, die der Molly⸗Flaſche Rolle ſpielt. Madame Pauls Benehmen zeigte eben ſo viele Widerſprüche als ihre Geſichtszüge. Von Natur war ſie eine gute, freundliche, fröhliche, ungehobelte Perſon, die einen Scherz nur noch lieber hörte, wenn er breit und lang gedehnt war. Inzwiſchen gab Reichthum und die ihn begleiten⸗ den Uebel ihr eine ganz verſchiedene Richtung an; bei jeder ſich darbietenden Gelegenheit faßte ſie ſolche Haltung und Ziererei auf, welche ihrer An⸗ ſicht gemäß unterſcheidende Merkmale hohen Le⸗ bensſtandes ſeyn ſollten, und ſtrozte in dieſen ab⸗ 55— gelegten Anziehungen, wie eine Zofe im abgetra⸗ genen Prunke ihrer Herrin. Mit dem Zunehmen ihrer Glücksgüter forſchte ſie in der Vergangenheit nach einer Familie, ent⸗ deckte, ſie ſey von Geburt eine O Toole, folglich vom Iriſchen Königs⸗Geblüt; denn ein gewiſſer O Toole war König eines Namenloſen Landſtri⸗ ches in einem ungekannten Jahre, etwa um Crom⸗ wells Zeit, der, wie Madame Rooney gehört hatte, mit den Römern herüber kam. War ſte durch Feres und Kummer erweicht, pflegte ſie dem Zuhörer vertraulich zu ſagen:„ja, mein Lieber, hätte jeglicher das ſeine, würde ich nicht an einen Anwalt verheirathet ſeyn, ſondern mit königlichem Prunke in der Halle meiner Vor⸗ väter leben. Nun, nun.“ Mit einer Miſchung von Schmerz und Vertrauen in den Himmel ſchlug ſie ihre Augen empor, um auszudrücken, daß wenn ſie das ihr in dieſer Welt gebührende nicht habe, Oliver Cromwell mindeſtens in jener Welt ſeine Unthaten am königlichen Hauſe O'Toole abbüße. Miß Louiſe Bellew war die Tochter eines Iriſchen Baronet, der ſeines Verderbens Schluß⸗ ſtein durch rechtſchaffenen Widerſtand gegen das Durchgehen der Union einſezte. Seine mit Schul⸗ den und Pfandverſchreibungen belaſteten großen Güter waren ſeit einem halben Jahrhundert die Schlachtfelder geſezlicher Kämpfe aller Aſſiſen. Durch ſeine Verlegenheit war er mit Herrn Roo⸗ ney bekannt geworden, deſſen Liſt und Geſchmei⸗ digkeit ihm aus mehr als einer Schwierigkeit ge⸗ holfen und deſſen gutmüthige Aushülfe noch viel wichtigere Dienſte durch Darlehn auf des Baro⸗ nets Eigenthum geleiſtet hatte. Miß Bellew ward eingeladen ihren Winter in Dublin zu verbringen. In den glücklicheren Tagen des Baronets würde dieſer Vorſchlag wahr⸗ ſcheinlich nie gemacht, ganz gewiß nicht angenom⸗ men worden ſeyn, jezt wurde er in Ueberlegung gezogen und ſchließlich aus Beweggründen der Klugheit bewilligt. Rooney hatte große Summen dargeliehen, war nie drängender, im Gegentheil ſtets nachſichtiger Gläubiger; obwohl er große Gewalt über das Eigenthum beſaß, hatte er ſie nur einer Gelegenheit nicht nur als einſichtiger Rath⸗ geber, ſondern als warmer Freund bewährt. „Wahr iſt's,“ dachte Sir Simon,„ſie ſind ge⸗ meine Leute, rohen Geſchmackes und niedrer Ge⸗ wohnheiten, die mit ihnen umgehen, verlachen ſie nur, obwohl ſie auf ihre Unkoſten zehren; aber bei dem allen mag die Verweigerung dieſer Ein⸗ ladung übel aufgenommen werden; wenige Mo⸗ ſelten und ſehr zart ausgeübt, ſich bei mehr als —— nate können die Sache ſchließen. Louiſe, obwohl noch jung, beſizt Takt und Klugheit genug, die Schwierigkeit ihrer Steliung einzuſehn; zudem wird das frohe Getreibe des Lebens in der Stadt dem armen Kinde einen Erſaz bieten für das traurige, einförmige Daſeyn, das ſie bei mir verlebte. Für Rooney's war der Beſuch der Miß Bellew etwas recht wichtiges, gleichſam die An⸗ erkennung eines kleinen Staates durch eine der großen Europäiſchen Mächte. Die Beglaubigung geſellſchaftlichen Daſeyns ward dadurch ausge⸗ ſprochen, der Welt nicht nur der Beweis gelie⸗ fert, daß ein Königreich Rooney beſtehe, ſondern auch daß es der Mühe werth ſey mit ihm in Unterhandlung zu treten und deshalb einen Ge⸗ ſandten an ſeinem Hofe zu beglaubigen.— Wenig kannte das reizende, liebenswürdige Mädchen die nähern Umſtände ihres Beſuches, den ſie weniger Gaſt als Geiſel zu machen ſchien. In ihrem Vaterhauſe weilte immer noch der An⸗ ſchein ehemaliger Größe— die weiten Lände⸗ reien, die Waldungen, die ſich hinſtreckten ſo weit das Auge reichte, das alte ehrwürdige Ge⸗ bäude gaben Zeugniß von Macht und Vorſchein im Lande der Väter; die Stille und Würde, in der ſie mit ihrem höchſt gebildeten Vater lebte, 3* — 58ñ— ſollte nun gegen den Lärmen, die Geſchäftigkeit, den Schimmer und Scheinglanz eines untergeord⸗ neten Stadtlebens vertauſcht werden; Fülle und Verſchwendung ſollte ſie ſtatt bisheriger Sparſam⸗ keit und Entſagung erkennen. Geplauder, Schmäh⸗ ſucht und Geklatſche der Geſellſchaft ſollten jene ſtillen Abende am Winterkamine erſezen, die zum Leſen alter treflicher Werke benuzt wurden, welche ihr treflich unterrichteter Vater zu ihrer Belehrung auswählte. Als das Glück ihm lächelte, als Jugend, Reichthum, alter Name und hoher Stand ihn er⸗ hoben, war Sir Simon Bellew faſt demüthig höflich, als aber Mißgeſchick ſein Haus bewölkte, als Schwierigkeiten ihn bedrängten, jede Anſtren⸗ gung ihn nur noch tiefer hinabdrückte, da ſchien der tief gewurzelte Stolz des Mannes leuchtend vor; er, der in glücklichen Tagen faſt bis zum Uehermaß nachſichtig war, verlangte nun die ge⸗ wiſſenhafteſte Beobachtung jedes kleinen Gebrau⸗ ches, forderte Beweiſe der Ehrfurcht von ſeiner Umgebung, nahm eine Tyranney an, die ſeinen Gefühlen, ſeiner Natur und ſeinem Geſchmack wi⸗ derſtreitend war, zeigte dem widrigen Winde ſei⸗ nes Glückes die kühne, ungebeugte Stirne. Ach Armuth hat kein ſchwereres Unheil in ihrem Gefolge als das Vermögen, die herrlichſten Gaben unſerer Natur aus ihrem wahren Laufe abzuleiten, die glänzenden Seiten unſers Ka⸗ rakters düſter, mürriſch, widerwärtig zu machen. Hochgeiſtiger Stolz, der uns in beſſern Tagen weit über den Bereich niedriger Gedanken, un⸗ würdiger Handlungen erhebt, wird in düſtern Stunden unſeres Mißgeſchickes zu menſchenfeind⸗ licher Selbſtſucht, womit wir uns wie in einen Mantel umhüllen. So gewandt Herr Rooney ſeine Einladung auch einkleidete, koſtete es doch ſchweren Kampf, bis Sir Simon ſich zu ihrer Annahme entſchloß, ſein endliches Zugeſtändniß war mit ſo manchen Bedingungen und feſtgeſezten Vorſchriften beglei⸗ tet, die, wenn ſie erfüllt waren, Miß Bellew ge⸗ nöthigt haben würden, ihren Winter im einſamen Zimmer zu verbringen, ohne mehr von der Haupt⸗ ſtadt und deren Bewohnern zu ſehen, als der Blick aus dem Fenſter ihr zeigen wollte. Paul geſtand alle dieſe Klauſeln zu, jedoch mit dem Vorſaze, ſie vollſtändig zu brechen. Einmal in Dublin, dachte er, werden die Zauber der Ge⸗ ſellſchaft, die Freuden der Welt mit einer Füh⸗ rerin wie Madame Rooney iſt—(denn es muß bemerkt werden, daß Paul die innigſte Be⸗ wunderung für den Takt und die kluge Leitung ſeiner Frau hegte)— Vortheile genug darbieten, — 60— um ihr das ſchwerfällige Leben in Kilmorran Caſtle bald vergeſſen zu machen, ſie mit ei⸗ ner Pracht und einem Glanze auszuſöhnen, den ſelbſt der Hof des Vicekönigs nicht über⸗ etrifft.— Mierles Spapilel In den erſten vierundzwanzig Stunden meines Aufenthaltes in Dublin hatte ich bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß wenn ich mich nicht in die Gewohnheiten und in den Geſchmack meiner Umgebung füge, ich viel wahrſcheinlicher ausgelacht werden, als Stoff finden würde, über ihre Ausſchweifungen mich zu beluſtigen. Der merkwürdigſte Umſtand, der mich erfaßte, war die leichte, ſogar herzliche Weiſe, in welcher neue Bekanntſchaften angeknüpft wurden. Man kommt dem Fremden entgegen, als ſey man auf ſeinen Empfang vorbereitet; ein Ton von Vertraulichkeit wird ſogleich angeſtimmt; Winke bezeichnen des neuen Bekannten Geſchmack, ſeine Wünſche wer⸗ den mit ungekünſtelter Freundlichkeit errathen, welche ihm das Plözliche der Vertraulichkeit ver⸗ geſſen macht; nach halbſtündiger Bekanntſchaft mit einem neuen Freunde wird man durch die Vertraulichkeit, die ofne Mittheilung, die engere Anſchließung in Verwunderung geſezt, womit man ſich einem zuvor nie geſehenen Weſen anſchloß, das man vielleicht nicht wiederſehen mag. Noch ſonderbarer dehnte ſich dieſe Zuvorkommenheit auch auf das ſchöne Geſchlecht aus; die arg⸗ wohnloſe Güte weiblicher Natur hat ganz gewiß keinen fruchtbareren Boden als in den Herzen der Töchter Erin's. Zudem zeigen ſie in ihrem Be⸗ nehmen gegen den Fremdling aus anderem Lande eine gewinnende Zartheit, welche dem gaſtfreund⸗ lichen Empfange einen Ton höflicher Wärme er⸗ theilt, den man in andern Ländern nicht leicht findet. So entzückend ſolehe Freiheit des Betra⸗ gens dem Fremden ohne Heimath, Familie und Freunde ſeine Stunden auch verbringen laſſen mag, iſt ſie doch nicht ganz ohne ihre Unbequem⸗ lichkeit und giebt oft zu eingebildeten Täuſchungen Anlaß. Zu meiner Zeit war das Leben in Dublin ſo fröhlich wie man es nur erdenken mag. We⸗ niger als in andern Ländern von der Theilnahme an den leichteren Lebensfreuden ausgeſchloſſen, beſuchten die Mitglieder gelehrter Lebensſtände häufig die Geſellſchaft, brachten einen Vorrath von Anekdoten und Aufſchlüſſen mit, welche An⸗ dern ganz unzugänglich bleiben mußten, und mach⸗ ten zu einem Zeitpunkte geiſtigen Genuſſes, was unter andern Umſtänden nur Umgangs⸗Routine geweſen ſeyn würde. Der Politiker, der hohe Kirchenbeamte, der Rechtsgelehrte und der Sol⸗ dat in enge Vertraulichkeit zuſammengebracht, ver⸗ loren individuel manche Vorurtheile ihres Stan⸗ des, lernten mit weiter umfaſſender Weltkenntniß die Dinge zu beſprechen. Ein anderes das Land ganz eigenthümlich bezeichnendes Element, die an⸗ geborene Neigung zur Drolligkeit, der ſo vorherr⸗ ſchend Iriſche Hang, mit jedermann und über jeg⸗ liches Ding zu lachen, war in voller Anerken⸗ nung. Vom Vicekönig hinab war die Inſel im grinſenden Gelächter. Jeder Tag lieferte ſeinen Beitrag und Antheil zur Fröhlichkeit. Epigramme, gute Geſchichten, treffende Antworten, thatſächli⸗ che Scherze überſchwemmten das Land. Ein Ge⸗ heimerrath war nur Converſazion lachender Bi⸗ ſchöfe und drolliger Oberrichter. Jeglicher Ge⸗ richtsvorfall, jede Hofmahlzeit, jeder Geſellſchafts⸗ ſaal lieferte Stoff für eine wizige Abgeſchmackt⸗ heit, und alle ernſten Lebens⸗Geſchäfte wurden unter fortlaufender Scherzſtrömung und unermüd⸗ lichem Gelächter betrieben. Mir gewährte dieſe — 62— Geſellſchaft ungemeines Entzücken, vermogte ich auch des Wizes Schärfe nicht ganz zu würdigen, ſo blendete mich doch ſein Glanz. Als Aide- de-Camp hatte ich geringe Dienſtpflichten, konnte mit voller Freiheit die Einladungen annehmen, welche mir als Offizier und Angeſchloſſenen des Hofes mit ausgezeichneter Höflichkeit und Güte von allen Seiten zugingen. Eines Morgens keuchte Corny zu meinem Zimmer, um fluchend und huſtend Herr Rooney zu melden, der mir Beſuch machte, um mich im Namen ſeiner Frau zur Mittagstafel einzuladen; er beglaubigte ſich, wie er ſagte, durch eine ge⸗ waltige Karte, der gleich, die O'Grady vor eini⸗ gen Tagen empfangen hatte. Ich verſicherte, nichts könne mir größeres Vergnügen gewähren, und erfreut verließ er mich mit der Bezeichnung, es ſey eine Geſellſchaft ohne alle Fömlichkeit. Unglücklicherweiſe hatte der Vicekönig für den nemlichen Tag des großen Feſtes in Roo⸗ ney's Hauſe ein amtliches Mittagsmahl, ſeine Aide-de-Camps durften ſich nicht entfernen, und und was noch ſchlimmer war, es wurde uns auch⸗ die Hofnung genommen, den Ball von Madame Rooney zu beſuchen, weil der Herzog den Abend im Theater erſcheinen wollte. O'Grady, der mir dieſe Umſtände mittheilte, ſprach zugleich ſein tiefes Bedauern darüber aus, Rooney's nicht beſuchen zu können. Das Diner im Schloſſe war ſteif und langweilig wie dergleichen amtliche Bewir⸗ thungen gewöhnlich ſind; weil es dem Oberbefehls⸗ haber der Truppen gegeben wurde, ſo blieb die Unterhaltung ausſchließend militairiſch, glücklicher⸗ weiſe dauerte die Sizung nicht lange, ſchon um halb neun Uhr befanden wir uns auf der großen Treppe zum Theater, wo der Direktor in der gan⸗ zen Würde ſeines Amtes die Ankunft des Herzogs erwartete, um ihn geeignet zu empfangen.— Don⸗ nernder Beifall der Zuſchauer verkündete den Ein⸗ tritt des Vicekönigs und ſeiner Gemahlin. Der laute Jubelruf wollte gar kein Ende nehmen. Das Schauſpielhaus war in der That höchſt glänzend. Die Logen zeigten vollkommenſten Strahlenglanz von Reichthum und Schönheit; im Parterre war faſt Jedermann im vollen Anzuge, das Haus war bis unter die Decke gedrängt voll. Mit dem Eintreten der hohen Perſonen wurde das Fortſpielen des Stückes unterbrochen, God save the King angeſtimmt, und im Ueberblicken des „ Hauſes meinte ich O'Grady habe ſich ſchwerer 8 Uebertreibung ſchuldig gemacht als er verſicherte, Madame Rooneys Ball würde an dieſem Aben⸗ de die gänze Jugend und Schönheit der Haupt⸗ ſtadt in Anſpruch nehmen. Nach beendigter — 66— National⸗Hymne wurde St. Patril's Tag laut gefordert, das ganze Haus ſchlug den Takt zu den Tönen ſeiner vaterländiſchen Melodie mit einer Kraft, welche bewieß, daß dieſe Töne der Herzen Innerſtes, mindeſtens eben ſo ſehr er⸗ griffen als die vorhergeſpielte Hymne. Wenig⸗ ſtens zehn Minuten dauerte der toſende Aufruhr, wiewohl der Herzog ſich wiederholt verbeugte ſchien keine Ausſicht zum Ende der Verwirrung, da rief eine helle Stimme von der Gallerie her⸗ ab:„Thun Sie wie zu Hauſe mein Lord, Her⸗ zog, nehmen Sie Ihren Stuhl und ſezen ſich.“ Donnerndes Gelächter erſchütterte das Haus und nahm noch zu als der Herzog den Vorſchlag an⸗ nahm, endlich nach zwanzig Minuten tobender Aufregung konnte das Stück fortgeſpielt werden. Nach dem Ende des Schauſpieles entfernte ſich die Herzogin mit ihren Damen; der Vice⸗ könig blieb, ſchien entſchloſſen das Nachſpiel vollends auszuharren. Doch das Haus begann bald bedeutend leerer zu werden, die erſten Logen⸗ reihen waren verlaſſen. Er fragte O'Grady was die guten Leute ſo plözlich forttrieb.„Iſt irgend etwas los in der Stadt?“ „Ja, Euer Gnaden, ein großer Ball in Stephens⸗Grün, das Glänzendſte was Dublin ſeit funfzig Jahren geſehen hat.— Bei Herrn Rooney, einem wohlbekannten Anwalt und großem Manne der Stadt.“ „Macht er gut den Wirth?“ „Er ſchmeichelt ſich mit Euer Gnaden zu wetteifern.— In ſeinem Hauſe verſammelt ſich Alles, für ihn iſt nichts zu hoch, zu ſchön, oder zu ausgezeichnet. Allen Ankommenden ſteht es geöfnet, und als Folge davon ſind ſeine Geſell⸗ ſchaften die alleranziehendſten. Die ernſthafteſten Beſucher erweichen und löſen ſich dort; ich würde mich nicht wundern, den Lord⸗Oberrichter und den General⸗Advokaten bei ihm ein Spiel und den Biſchof von Cork im Tanze ſehen.“ „Herrlicher Scherz bei'm Jupiter! Nun wes⸗ halb ſind Sie nicht da— ahl ich ſehe im Dienſt.— Wollte Sie hätten's mir geſagt, aber es iſt noch nicht zu ſpät, hat Hinton eine Karte? — Wenn das iſt, will ich Sie nicht länger auf⸗ halten, ich ſehe Sie ſind beide ungeduldig; ich geſtehe, daß ich Sie halb beneide.“ „Ich wünſchte Euer Gnaden wären dort, die Geſellſchaft iſt bewundernswerth, der Wirth und die Wirthin unübertrefflich.“ „Sie reizen meine Neugierde, ſollten ſie mich kennen?—“ „Das Gedränge wird ſo groß ſeyn, daß Sie unbemerkt die Säle durchgehen können.“ — 68— „Nun bei'm Himmel— für wenige Mi⸗ nuten könnte ich hin. Sey es, beſtellen Sie den Wagen, O'Grady, ich ſtelle miech unter Ihre Leitung, machen Sie es gut.“ Durch die Menge der herzudringenden Wa⸗ gen und mit Hülfe der Ehrenwache, die den Her⸗ zog begleitete, kamen wie bald zur Thüre. Glän⸗ zend war die Halle erleuchtet, voller Diener, zeigte das ſonderbarſte Treiben der angekommenen Gäſte, welche voraufdrängten, viele beturbante Frauen und troſtloſe Töchter waren von ihren Begleitern getrennt und flehten ängſtlich um Bei⸗ ſtand. Oben hörte man die Muſik und die Tritte der Tanzenden. Rooney empfing ſeine Gäſte mit ſtets wiederholter freundlicher Bewill⸗ kommung, O'Grady trat vor um ſeine Aufmerk⸗ keit zu beſchäftigen, während der Herzog ein⸗ trat und bald mitten zwiſchen Damen, deren Geſpräche anhörte. Ich war ihm gefolgt. Plöz⸗ lich entſtand eine ſonderbare Beweglichkeit unter der Geſellſchaft; das Gedränge, welches den Tan⸗ zenden nachfolgend das große Gemach von ei⸗ nem Ende zum andern füllte, zog ſich gegen beide Wände zurück und ließ in der Mitte einen freien Raum, gleichſam zum Durchlaſſen eines Umzuges. „Was kann dies bedeuten,“ ſagte der Her⸗ zog,„gewiß ein Narrenſtreich von O'Grady,“ in — 69— dieſem Augenblicke ward der Blaubart geſpielt, und Madame Paul Rooney, in vollſtändigem Glanze ihrer Schminke, ihrer rothen Federn und Rubinen, ſchritt feierlich im Takte der Muſik da⸗ her, gefolgt von Paul, deſſen liſtige Augen die Menge mit ungewöhnlich ſchlauem Zublinzen be⸗ trachtete. Sie kamen gerade auf uns zu, ein Gewimmel entſtand im Saale, alle Umſtehenden traten zurück, der Herzog und ich ſtanden verein⸗ zelt in der Mitte. Ehe der Vicekönig Zeit ge⸗ wann ſich wieder unter die Menge zu verbergen, ſtand Madame Nooney vor ihm; die Muſik ſchwieg, ſie breitete ihr Untergewand aus, ver⸗ neigte ſich tief zur Erde, und ſprach mit der ſüßeſten Zärtlichkeit. O Euer Gnaden! Konnte ich jemals hoffen, den Tag zu ſehen an welchem Ihre Herrlichkeit dieſe Ehre—“ Der Herzog erſaßte höflich ihre Hand:„Liebe Dame, ich bitte Sie, überhäufen Sie mich nicht mit Verbindlichkeiten. Es war der ganz natür⸗ liche, wie ich hoffe recht verzeihliche Wunſch, eine Gaſtfreundſchaft zu erblicken, von der ich ſo viel gehört habe, der mich antrieb mich ſo uneinge⸗ laden bei Ihnen einzufinden. Wollen Sie mir erlauben, Herr Rooney's Bekanntſchaft zu ma⸗ chen?“ 1 Sie trat zur Seite und winkte mit ihrer — 70— Hand; der Herzog vermogte kaum lautes Auf⸗ lachen zu bezwingen, Paul Rooney fand ſich zum erſten Male im Leben Bewirther eines Vice⸗ königs und unter Mitwirkung des genoſſenen Weines ſezte ihn die Aufregung in nicht geringe Verlegenheit. Er wußte nicht ob die Königliche Perſon mit einem Fußfalle zu begrüßen ſey, fürch⸗ tete auch eine Lächerlichkeit zu begehen und ſtand mit beugendem Knien und flehendem Antlize vor dem Herzog. Dieſer erfaßte ſogleich den Geiſt des Auftrittes, verbeugte ſich ſehr höflich und ſagte Rooney einige verbindliche Anerkennungen, nahm Madame Rooney's Arm und führte ſie mit einem Anſtande und einer Würde durch den Saal, welche er in ausgezeichnetem Grade beſaß. Paul blickte triumphirend ſeiner angebeteten Frau nach, und ſie ſelber ſchien in Himmelswonne ver⸗ ſezt, durch den Gedanken in ihrem eigenen Ball⸗ ſaal, unter neidiſchem und eiferſüchtigem Anſtieren von achthundert Gäſten, auf den Arm eines Vice⸗ königs zu lehnen. Alles dies war O'Grady's Werk, ſobald es ihm gelungen war, den Herzog in die Hände der Rooney's zu übergeben, wußte er einen Taumel von Luſt, Wirren, Lärmen und Fröhlichkeit herzuſtellen, der den Herzog beluſtigen und ihn von dem ſtarren Anſtieren der gaffenden Menge befreien konnte. „Hab ich's nicht treflich gemacht, Hinton?“ flüſterte er mir zu.—„jezt helfen Sie mir, neh⸗ men Sie eine Tänzerin, wir müſſen des Hauſes Ehre machen, nun Herr und Frau ſich im Son⸗ nenſchein Königlicher Gunſt wärmen.“— Die Muſik begann, die Tänzer traten auf, O'Grady flog hin und her, ordnete, leitete, befahl, gab Gegenanordnung, verſchaffte Perſonen, die er nie zuvor geſehen, Tänzerinnen und war überall leben⸗ dig beſchäftigt. Dieſes glückliche Land gleicht in der That einem großen Pulvermagazin, das vom kleinſten Funken entzündet, ſtets zum Ausbruch freudiger Luſt bereit iſt. Nicht ſobald führte O Grady die beleibteſte Dame im Zimmer zum lebendigen Tanze, als der Geiſt der Anſteckung ſich im Saale verbreitete, Tänzer drängten von allen Seiten herzu. Champagner in Ueberfluß umgereicht erhöhete die Aufregung, als acht und dreißig Paare den Fußboden erzittern machten, entſtand ein ſchwer zu beſchreibender Auftritt, von Lärmen, Gelächter, Aufruhr und Fröhlichkeit. „Wo iſt Miß Bellew?“ fragte ich O Grady. „Nur einen Augenblick ſah ich ſie, ſchnippiſch ſchien ſie und wollte nicht tanzen.“ Ich durchſuchte die Zimmer und fand ſie zulezt in einem Boudoir wo ein Whiſttiſch ſtand. Auf dem Sopha ſaß ſie neben einem hohen, ehr⸗ 7 — 72— würdig ausſehenden alten Manne, dem ſie mit ungemeiner Aufmerkſamkeit zuhörte. Lange konnte ich ſie betrachten, ſie ſchien mir reizender als je. Schon wollte ich fortgehen um ihre Unterhaltung nicht zu ſtören als ſie mich erblickte, nun trat ich vor, begrüßte ſie und bat um einen Tanz. „Bitte, entſchluldigen Sie mich Herr. Hinton, ſchon verſagte ich mehre Male, ich war glücklich genug, einen alten und ſehr lieben Freund meines Vaters anzutreffen.“ „Der deſſen Tochter viel zu ſehr ſchäzt, um ihr zu erlauben, ihren ganzen Abend ihm zu wei⸗ hen. Nein, mein Herr, erlauben Sie mir, Miß Bellew Ihrer Sorge zu überlaſſen.“ Sie ſagte ihm einige leiſe Worte, worauf er erwiederte—„nein, nein, ganz verſchieden, dieſe iſt eine ſehr geeignete Perſon,“ er begleitete dies mit einem freundlichen Lächeln gegen mich, im nächſten Augenblicke nahm Miß Bellew meinen Arm, wir gingen zum Ballſaale. Auf dem So⸗ pha ſaß der Herzog mit Madame Rooney, er nickte mir freundlich billigend zu; Madame Paul gerieth in Entzücken, und Miß Bellew drängte eilends um ſich einem lächerlichen Auftritte zu entziehen. Während dem Tanze konnte ich in kurzen Zwiſchenzeiten mit ihr ſprechen und fand ſie zu meinem großen Vergnügen, im Ton und Weſen ganz verſchieden von dem was ich früher gehört hatte. Wiewohl ſſie nur wenig von der Welt geſehn haben konnte, ſchien ſie inſtinktartige Karakterkenntniß zu beſizen, ihre raſchen Auf⸗ faſſungen der lächerlichen Seiten mancher Per⸗ ſonen der Geſellſchaft waren mit ſo natürlichem Ausdrucke und zugleich mit ſo wizigem Treffen der Bezeichnung begleitet, daß ich unter ihrer lachenden Miene die tiefe Geiſteskraft errieth. Doch ſo leicht ſie die Abgeſchmacktheit erkannte und über deren Erſcheinung lachte, ſchonte ſie immer doch die Perſon. Nach dem Tanze war allgemeine Bewegung der Geſellſchaft zum Abend⸗ eſſen, welches im Iriſchen Leben die fröhlichſte Stunde bezeichnet. Miß Bellew und ich hatten vom Ballſale, von Gäſten, Beleuchtung, Aus⸗ ſchmückung, Muſik und Tanzen geſprochen, wa⸗ ren zur Geſellſchaft im Allgemeinen von Du⸗ blin übergegangen, dann auf Irland, Iriſche Ge⸗ wohnheiten und Iriſchen Geſchmack gekommen, neckten uns mit unſern gegenſeitigen Eigenthüm⸗ lichkeiten und beſprachen die unterſcheidenden Merk⸗ male, welche die ſanfteren Regungen in beiden Nationen bezeichnen; ſie ſprach lebhaft von Eng⸗ liſcher Kälte im Benehmen, ich that mein mög⸗ lichſtes um dieſen angeſchuldigten Kaltſinn völlig zu entfernen. Miß Bellew's Offenheit, die furcht⸗ Jack Hinton. Erſter Band. 4 — 74— loſe Einfachheit, womit ſie Gegenſtände berührte, welche die erprobteſte Gefallſüchtige kaum anzu⸗ ſtimmen gewagt haben würde, verleitete mich zu dem Irrthume, das einem Liebeständeln zuzu⸗ ſchreiben, was nur aus unbefleckter Friſche, glück⸗ licher Mädchenhaftigkeit hervorging. Mein Stolz war nicht wenig geſchmeichelt durch ihr Entgegen⸗ kommen, und ich wollte den ganzen Zauber mei⸗ ner Beredtſamkeit durch eine hochtrabende, ge⸗ ſchwellte Phraſe empfindſamer Albernheit zeigen, als ſie ſich plözlich umwandte, mir in's Geſicht ſchaute, laut lachte und ſprach:„bitte, verſuchen Sie das nicht, nur ein Irländer kann mit Er⸗ folg ſchwülſtig ſüß ſprechen. Es iſt unſer Volks⸗ gericht, kein Fremder vermag es zu würzen.“ Dieſer Einhalt überwältigte mich durchaus, ich verſuchte Erklärung zu ſtammeln, bemühte mich zu lachen, huſtete, verwirrte mich und ſtockte, während ſie im ſchonungsloſen Triumphe nur noch mehr lachte, meine Verwirrung gern zu ſehen ſchien. Ich ſuchte meine Geſchlagenſeyn möglichſt zu verbergen, ſpähete um und fand endlich Plaz an einem Seitentiſche. Madame Rooney ſaß neben dem Herzog am obern Ende des Tiſches und lautes Lachen verkündete ſein Beluſtigtſeyn. — Eine Weile hatten wir geſeſſen, als der Zu⸗ drang von Gäſten zum Speiſezimmer uns veran⸗ — 75— laßte dieſen Plaz zu machen. Lord Dudley for⸗ derte Miß Bellew zum Tanze auf und ich ſchaute der wilden Bewegung im Sale zu; plözlich er⸗ faßte O'Grady meinen Arm.„Kommen Sie, Hin⸗ ton, der Herzog geht.“ Wir fanden dieſen in der Thüre des Speiſeſales auf Lord Dudley's Schul⸗ ter mit einer Hand geſtüzt, während er ſich mit der andern zu halten ſuchte:„Sind Sie das, O'Grady— gar kraftvoller Burgunder— es kann noch nicht Morgen ſeyn.“ „Es iſt halb acht Uhr.“ „Wirklich, Ihre Freunde ſind ungemein an⸗ ziehende Leute.“ Im Speiſezimmer war große Veränderung vor⸗ gegangen; die prachtvollen Tafeln, erglänzend von Goldgeſchirr, Kandelabern und Blumen, waren nun zerſtört und abgetragen. Auf dem Boden lagen zwiſchen zerbrochnen Gläſern, geborſtenen Ka⸗ raffen, Pyramiden von Gelée und Pagoden von Blancmangé die ſchlafenden Geſtalten der frühern Gäſte. Nur Madame Rooney ſaß noch im gro⸗ ßen Seſſel mit geſchloſſenen Augen im ſeligen Nachgenuſſe ihres Glückes. 4 „Kommen Sie, O'Grady,“ rief der Herzog ungeduldig. Dudley war hingegangen die Wa⸗ gen vorfahren zu laſſen, er ſtand gegen das Treppengeländer lehnend, überwältigt vom Schlaf 4* und vom genoſſenen Wein. Wir kamen endlich zur Thüre. Hier war eine Maſſe Volk ver⸗ ſammelt, deſſen Neugierde durch das Picket leichter Dragoner erregt war, welches mitten auf der Straße hielt und müde von der Nachtwache ſich ſtreckte. Der Herzog hatte vergeſſen die ihn zum Theater geleitende Ehrenwache zu entlaſſen, er run⸗ zelte die Stirn als er ſeinen Mißgriff gewahrte und murmelte:„wie werden ſie darüber in Eng⸗ land ſprechen.“ Doch im näͤchſten Augenblicke lachte er herzlich, ſtieg in den Wagen und unter lautem Jubel des Pöbels, der ihn erkannt hatte, fuhr er raſch davon.— Als er am andern Nach⸗ mittag ſpät erwachte, fühlte er ſich erzürnt über O'Grady. Er ſah, daß er in der Schlinge ſeines Aide-de-Camp gefangen worden; obwohl er einge ſtandener Maße einen ſehr vergnügten Abend zuge⸗ bracht und viel gelacht hatte, würde er doch jezt viel darum gegeben haben, den Vorgang in Vergeſſen⸗ heit begraben zu können. Das dadurch in der Stadt erregte Aufſehen und die nothwendig folgende Verläſterung waren ihm ſehr verdrüßlich, er wußte, der Tag würde nicht vergehen, ohne daß die auf der Straße bivouakirende Ehrenwache allen Zerr⸗ bilderladen der Hauptſtadt Stoff darbieten würde. Er ließ O'Grady rufen, nahm eine Strenge des Weſens an und gab ihm auf die Folgen dieſes 4 Mißgriffes möglichſt gut zu machen, entweder eine ganz verſchiedene Einkleidung des Vorganges zu erſinnen oder durch einen neuen Gegenſtand zur Verläſterung das Andenken an dieſen un⸗ ſeligen Abend zu verdunkeln. O'Grady verſprach und gelobte Alles, ver⸗ pfändete ſich, der Sache eine ſolche Wendung zu geben, daß kein Menſch ein Wort der Geſchichte glauben würde, verſicherte den Herzog, daß, wie lächerlich die Rooney's auch Abends ſeyn mögten, ſic doch am Tage Muſter von Ueberlegung wä⸗ ren.— Dann ging er zu ſeiner diplomatiſchen Aufgabe, und dieſe löſete er mit ſolchem Erfolge, mit ſo liſtiger Hervorhebung der Rückſichten, welche gegen die Herzogin zu beobachten unerläßlich ſey, daß es ihm gelang Madame Rooney nicht nur zu überreden, ſich alles Triumphes in Betreff ihres erlauchten Gaſtes zu enthalten, ſondern ein vollſtändig diplomatiſches Schweigen über dieſen Gegenſtand zu beobachten, welches ſie ſo getreu⸗— lich ausführte, daß viele beſchränkte Perſonen ſchon begannen zu argwöhnen, Seine Gnaden ſey gar nicht im Hauſe geweſen und die arme Ma⸗ dame Rooney achte klüglich zu ſchweigen, durch⸗ aus nicht von der Sache zu reden, nachdem ſie den ihr geſpielten Betrug entdeckt habe. Meine Bekanntſchaft mit Rooney's war un⸗ — 758— ter ſehr günſtigen Anzeichen begonnen, ſeit dem Ball⸗Abend ſtand mir das Haus zu jeder Stun⸗ de geöfnet, und weil die Stunde des zweiten Früh⸗ ſtücks allen Müſſiggängern der Hauptſtadt bekannt war, ſo konnte man bei einem Beſuche um drei Uhr gewiß ſeyn, das Tagesgeſpräch der Stadt und die verſchiedenen Auslegungen vollſtändig zu hören. Da wurden ſämmtliche Diners und Duelle der Hauptſtadt beſprochen, alle Zänkereien und Entführungs⸗Geſchichten erörtert, Pläne zu künf⸗ tigen Vergnügungen wurden entworfen und be⸗ ſtimmt, die Equipagen, Pferde, Dienerſchaft und der Keller von Rooney's wurden als gemeinſchaft⸗ liches Eigenthum betrachtet, deſſen Anwendung durch das Abſtimmen der Mehrzahl feſtzuſezen war. Bei allen dieſen häuslichen Beredungen ſpielte O'Grady eine Hauptrolle, er war dieſes Parlaments Sprecher und Einpeitſcher zu gleicher Zeit, leitete das Gouvernement ſo gut als die Oppoſttion, kurz ſeit dem Beſuche des Vicekönigs war ſeine Gewalt im Hauſe völlig unumſchränkt. Fünfles Spapilel. Wenige Wochen ſpäter verließ der Herzog Irland, um ſeine parlamentariſchen Verpflichtungen im Engliſchen Oberhauſe wahrzunehmen. Das Gouvernement von Irland wurde mithin den Händen des Lord⸗Richter einſtweilen anvertraut; dagegen fiel die gefallſamere Aufgabe, Leiterin der Mode, Haupt⸗ und Urquell aller Ergözlichkeiten und Vergnügungen in der Hauptſtadt zu ſeyn, der Madame Paul Rooney zu. O'Grady gab ihr wirk⸗ lich zu verſtehen, daß Seine Gnaden auf ſie zähle, um ſeinen Verluſt zu erſezen, mit einer Betheue⸗ rung ſeiner Hochachtung, die ſo vollkommen mit ihren eigenen Wünſchen übereinſtimmte, daß ſie nicht zögerte ſelbige zu benuzen. Wäre ein Fremder bei ſeiner erſten Ankunft — So— in Dublin durch den Theil in Stephen's Grün gekommen, in welchem„Rooney's Hotel,“ wie es gewohnlich genannt wurde, lag, ſo hätte ihm ganz nothwendig nicht nur der Anblick des Hauſes ſelber auffallen müſſen, ſondern ganz beſonders die ſeltſame, unangemeſſene Verſammlung von Menſchen jeden Ranges und Zuſtandes, die an deſſen Thüre weilte. Das große, geräumige Haus mit ſeinen Spiegelſcheiben und Venetiani⸗ ſchen Blenden, ſeinem reich vergoldeten und bemal⸗ ten Balkon, verrieth ein gewiſſes Ausſehen von Anmaßung, ſo wie es da unter den andern mehr finſter blickenden Wohnpläzen ſtand, in denen des Landes wirklich Vornehme hauſeten. Reine Fen⸗ ſter und ein glänzender Thürklopfer waren in jener Zeit allerdings unterſcheidende Merkmale in der Hauptſtadt, könnten jedoch eines Durch⸗ reiſenden Aufmerkſamkeit nicht ſo ſehr angezogen haben als andere damit verbundene Zeichen und Anſchauungen. An der ofnen Hallenthür, zu wel⸗ cher eine Granit⸗Treppenflucht hinanführte, ſah man im gemächlichen Müſſiggange ein halbes Dutzend Diener mit gepuderten Köpfen und ſchei⸗ nenden Livréen, den ehrwürdigen Thürhüter in ſeinem ledernen Seſſel, den rothbraunen Kutſcher mit voller Perrücke, hochgewachſene Laquaien mit Blumenſträuſen in ihren Knopflöchern, gewahrte man da die Morgenblätter leſend oder bedächt⸗ lich zu den Treppenſtufen vortretend, um nach dem Wetter zu ſchauen und einen übermüthigen Blick auf die unter ihnen hinſtrömende unbedeu⸗ tende Volksmaſſe zu werfen. Dicht vor dem Hauſe ſtand ein gemiſchtes Gedränge von Faul⸗ lenzern, Bettlern, Pferdejungen und Reitknechten, aus Beweggründen der Neugierde oder Gewinn⸗ ſucht hierher gebracht. Der reiche Duft würziger Speiſen, welche durch die ofnen Küchenfenſter und über die Area zu den Naſen der außen Befind⸗ lichen drang, mogte manchem Leckerzahn das Waſ⸗ ſer in dem Mund gelockt haben. Alles was Franzöſiſche Kochkunſt aufbieten konnte, um den verſchiedenen Malzeiten zum erſten und zweiten Frühſtück, zum Mittag⸗ und Abendeſſen Man⸗ nichfaltigkeit zu verleihen, war hier in unausge⸗ ſezter Anwendung; die um die Eiſenſtangen drän⸗ genden Bettler, mit den Broſamen vom Tiſche des reichen Mannes genährt, wurden allmählich dermaßen an die Leckereien und Verfeinerungen guten Lebens gewöhnt, daß ſie ſich verächtlich von der einfachen Hausmannskoſt ehrenwerther Laden⸗ krämer hätten abwenden mögen. Es war wirklich ein gar ſonderbares Schauſpiel, arme, zerlumpte Weſen haufenweiſe auf den Treppenſtufen und dem Flieſenwege ſtzen zu ſehen, dem Wind und 4** Regen in ihren ärmlichen, abgetragnen Kleidungen ausgeſezt, aber doch mit geübtem Scharfſinn die würzigen Speiſen vor ihnen beurtheilend. Conſom⸗ més, Ragouts, Paſteten, Suppen, Gelse's mit einer Unendlichkeit kleiner Gerichte, womit Epikurismus die glänzenden Tafeln anfüllt, wurden hier frei⸗ finnig und aufrichtig gewürdigt. Etwas weiter entfernt gegen die Mitte der Straße ſtand eine andere Weſenordnung, die mit abgeſonderten, ei⸗ genthümlichen Vorrechten eine für ſich beſtehende Klaſſe bildete; dieſe beſtand aus Pferdejungen, halbnackten Knaben, deren Alter von acht bis vier⸗ zehn Jahren wechſelte, die aber in Blicken eine Miſſchung von ſchlauer Liſt und Drolligkeit zeig⸗ ten, welche jeder Beſtimmung ihres Alters Troz bieten mogten; hier tummelten ſie ſich in wilder, ungefeſſelter Freiheit Afrikaniſcher Eingeborner, die einzige von ihnen ausgeübte Kunſt war das Auf⸗ und Abführen von Pferden der mancherlei Beſucher, welche die vielen Anziehungen des Ho⸗ tels Rooney täglich zum Hauſe brachte; hier wurde das ſtolze, reichaufgeſchirrte Roß mit Feu⸗ eraugen und ſchwellenden Nüſtern durch eine wan⸗ dernde Maſſe von Lumpen und Armſeligkeit um⸗ hergeführt, die ihre glänzenden Augen vom eige⸗ nen derfeßlen Anzuge auf die prächtigen Behänge und Goldſtickereien des ſhänen Thieres zur Seite 7 richtete. Selche; von ihnen, die nicht beſchäftigt waren, beluſtigten ſich inzwiſchen mit Luft⸗ ſprüngen, Purzelbäumen, Kopſſtehen, Krebsgang und andren klaſſiſchen Uebungen, welche dieſer ſonderbarlichen Zucht kleine Lebenszerſtreuungen ausmachen. Fahrkarren waren ebenfalls in Menge da, deren unzählige Zuſammenknüpfungen mittelſt Tau⸗ en und Stricken anzudeuten ſchien, ſie würden je⸗ den Abend ſtückweis auseinander genommen zuß Morgens wieder zuſammengeſezt; während das Pferd ein abgetriebenes, menſchenfeindlich aus⸗ ſehendes Thier, ſeitwärts über die Gabeldeichſel verächtlich auf die Thorheiten und Eitelkeiten der Welt blickte, an denen es erkrankt war. So war es nicht mit dem Führer, in eben ſo ſchlechtem Zuſtande und mit völlig ſo zerlumptem Rocke, war doch der drollige Geiſt fein eigentliches Erbrecht in ihm eine Lampe, welche weder Ar⸗ muth noch Geldnoth auszulöſchen vermogte. Im⸗ mer bereit mit ſeinem Scherze, nie im Rückſtande mit wiziger Antwort, darauf vorbereitet durch Zu⸗ ſicherung der Stärke ſeines Fuhrwerkes und der Güte ſeines Pferdes zu lröſin⸗ während ſein, eigenes lachendes Auge ſeine Worte Lügen ſtrafte ſuchte er zu überreden daß nur mit ihm allein 4 der Fahrende Sicherheit finde, während ſeine Nebenbuhler ihn gewiß der Gefahr ſeines Le⸗ bens und ſeiner Gliedmaßen ausſezen würden. Dieſe waren die ſtehenden Perſonen des Schauſpieles, dazwiſchen flogen glänzende Cqui⸗ pagen mit Wappenſchildern und prunkenden Li⸗ vréen heran, zerſtoben das Gedränge zu beiden Seiten, ihre Vorderläufer ſchlugen die Umſtehen⸗ den, ſtörten die anſtändige Geſelligkeit der zier⸗ lichen Speiſehaufen auf den Steinflieſen; Kurrikel, Tandems, Tilburies, Dennets rollten in unaufhör⸗ lichen Ankommen und Abfahren. Mitglieder von Daly's Klub mit ihren grünen Röcken und roth⸗ gelben Weſten, bärtige Dragoner, befederte Aide- de-Camps, mengten ſich durcheinander, auf dem ofnen Balkon ſchauete ein ununterſchiedener Rudel Müſſiggänger und theilte durch telegraphiſche Zei⸗ chen die Unterhaltung im Geſellſchaftszimmer der Straße mit, ſo daß alle Wizworte, Scherze und launigen Einfälle, die drinnen geſagt wurden, auch außerhalb ihre lachenden Zuhörer fanden; denn es iſt eine bemerkenswerthe Eigenheit die⸗ ſes Landes, daß keine Wendung des Ausdruckes in ſeiner Verſpottung zu zart, keine Entgegnung in ihrer Schärfe zu fein für die Würdigung des ärmſten, niedrigſten Geſchöpfes wäre, welches die Straßen durchzieht. Armer Paddy, ſind die we⸗ ſentlichere Gunſtbeweiſe des Glückes Dein Loos nicht, ſo hat die Natur Dich durch ſtarkes Mit⸗ gefühl mit Geſchmack, Sitten und Gebräuchen verknüpft, die Du durch ſonderbarliche Anſchauung vollkommen zu verſtehen ſcheinſt. Man kann nicht lange zwiſchen Irländern weilen, ohne dies zu empfinden und zu erkennen, wie gewöhnlich, wie faſt ganz allgemein Armuth des Zuſtandes mit Geiſtes-Reichthum Hand in Hand geht; ganz wie über ödes, unfruchtbares Blachfeld, durch nächtiges Dunkel des Feuers wildes Auflodern nur geſehn wird, ſo ſcheint es, bedarf der Ein⸗ bildungskraft glänzenderes Feuerſpiel den Boden der Armuth und Entbehrung, um erzeugt zu werden. Die Rooney's waren nun wirklich als gro⸗ ßes Haus der Hauptſtadt begründet; viele des alten Herkommens, die ſtarrſinnig dagegenkämpften und den würdigen Anwalt im Lichte eines Macht⸗ räubers betrachteten, gaben jezt ihre Pflichttreue ein, betrachteten ihn als wahrhaften Beherrſcher; was ſein großes Vorbild durch Schrecken be⸗ wirkte, erzwang er durch Schildkröten; wie Na⸗ poleon ſein Reich begründete, ſeinen Thron auf⸗ richtete mit den Bajonnetten der großen Armee, ſo begründete Rooney ſeine Anſprüche auf Ueber⸗ macht durch befriedigendere Beweggründe, die nicht nur zum Kopfe, ſondern zum Magen ſpra⸗ chen, und mit der Verſöhnung zugleich die Ue⸗ berzeugung bewirkten. Seine Höflichkeit mogte bekrittelt werden, aber ſein Claret konnte nicht verurtheilt ſeyn. Sein Benehmen konnte mit Wi⸗ derwillen angeſehn werden, aber ſeine Bewirthung war nicht abzuläugnen. Zudem gingen die Dinge in Dublin ſo ziemlich wie in Paris, die öffent⸗ liche Meinung wirkte ſtark, die Maſſe in der Welt beſteht aus denen, die Wohlthaten empfan⸗ gen, und derienige, welcher ſie ertheilt, verdient Ehrfurcht. Gewiß waren wir Aide de-Camps die⸗ ſer Anſicht, unter den dunkleren Farben, welche Rooneys Tafel beſuchten, waren täglich drei rothe Röcke zu ſehen, deren nie wechſelnde Pläze, ver⸗ bunden mit ihrem unbeſchreiblich heimathlichen Aus⸗ ſehen, ſie als Familienfreunde bezeichnete. O'Grady zur Rechten von Madame Rooney, legte die Suppe vor; Lord Dudley am andern Ende der Tafel unterſtüzte Herrn Rooney; mir theilte das Loos Miß Bellew zu; weil wir un⸗ ſere Pläze am Tiſche niemals änderten, hatte mein tägliches Nebenſtzen nichts auffallendes, und im Zurückkehren zum Geſellſchaftszimmer behielt ich dieſe Stellung an ihrer Seite. Sie bildete in der That für mich dee Hauſes große Anzie⸗ hung, weniger als mein Freund O'Grady, mit dem Geiſte des Scherzes begabt, hätte ich mich nicht tagtäglich durch die Ueberſpanntheit der Roo⸗ neys beluſtigt fühlen können, noch weniger aber konnte ich Lord Dudley's Beiſpiele gefolgt ſein, der fortfuhr die Gaſtfreiheit eines Hauſes zu empfangen, während er die Anmaßungen des Beſtzers verhöhnte. 1* Unter allen Umſtänden hätte Louiſe Bellew als ungemein reizende Perſon gelten müſſen, aber im Vergleiche mit denen, welche ſte umgaben, war ihre Anziehung ganz außerordentlich; ihre Jugend, ihre Leichtherzigkeit, das Aufſtreben ih⸗ res Geiſtes verbargen in hohem Grade den Kum⸗ mer, welchen ihr das Zuſammenſein mit ihren jetzigen Wirthen machen mußte; denn wiewohl dieſe ſehr gütig gegen ſie waren, und ſie ihre Güte fühlte und anerkannte, prägte ſich doch ih⸗ rem Weſen allmählig das demüthigende Ge⸗ fühl einer Lage ein, welche ſie der unverſchämten Vertraulichkeit von Müßiggängern, Ausſchweifen⸗ den oder untergeordneten Beſuchern des Hauſes blosſtellte; ihrer milden, zartfinnigen Natur miſchte ſich deshalb ein gewiſſes Ausſehen von Hoheit und Entfernung bei. Lord Dudley de Vere, durch ſeinen Rang und Lebensſtand in der Familie Rooney als eine Art * — ss— bevorrechteter Perſon betrachtet, ſaß eines Abends ſpäter als gewöhnlich nach Tiſche, hatte recht viel Wein getrunken und bot eine Wette an, daß er bei ſeinem Erſcheinen im Geſellſchafszimmer ir⸗ gend einer unverheiratheten Dame in demſelben nicht nur ſeinen Antrag machen wollte, ſondern daß dieſer auch von ihr angenommen werde. Die Geckenhaftigkeit, der ſträfliche Uebermuth ſolch ei⸗ ner Wette hätten verziehen werden mögen, wäre nicht dieſes Individuums Karakter auch wenn nüchtern im vollſtändigſten Einklange mit ſeiner trunkenen Prahlerei geweſen. Die Wette um dreihundert Guineen wurde ſogleich angenommen, einer der Gäſte eilte hinauf in das Geſellſchafts⸗ zimmer, um die Namen der datin anweſen⸗ den Damen zu ſammeln, die auf Papierſtücke geſchrieben in einen Hut geworfen wurden, um dem Zufalle zu überlaſſen, Diejenige zu be⸗ ſtimmen, welche das glückliche Loos treffen ſolle. „Bemerken Sie wohl, Upton,“ rief Lord Dudley, als er ſich vorbereitete, das Looszettel zu ziehen,„ich ligrs nicht, daß ich ſie heirathen wolle.“ „Nein, nein,“ erſcholl es von mehren Sei⸗ ten,„wir verſtehen vollkommen.“ Die Bedingungen wurden noch einmal aus⸗ — Z9— einander geſezt und der Hut mit den Looſen dem Lord hingereicht, der mit geziertem Weſen und zwei geſpizten Fingern ein Papier heraus zog und einem Andern übergab, um den darauf ſtehenden Namen zu leſen.. Dieſer war Miß Bellew; anſtatt des ſchal⸗ lenden Gelächters, welches der Ankündigung fol⸗ gend erwartet worden, ergriff ein verlegenes, er⸗ zwungenes Schweigen die Geſellſehaft. Herr Nooney— durch dieſes Ergebniß gewaltig em⸗ pört, war ſeit zu langer Zeit gewohnt, ſich am Ende ſeines eigenen Tiſches für eine Null zu achten, die Geſeze empfing, aber nicht vorſchrieb — würde, wenn er es nur hätte wagen dürfen, gern gleich eing ſchritten ſeyn, um weiterem Fort⸗ gange der Sache vorzubeugen. Viele von denen, die um den Tiſch ſaßen, kannten Sir Simon Bel⸗ lew, und fühlten, wie unangemeſſen und. unzuläſ⸗ ſig ein ſolcher Scherz ſeyn müſſe, wenn er ſeine Tochter betheilige, dieſe flüſterten einander die Hofnung zu, die Wette würde aufgegeben und von beiden Theilen nicht ferner daran gedacht werden. Upton, ein Dragoner⸗Offizier von hoher Familie, ſagte:„ja, ja, ich bin völlig einver⸗ ſtanden. Dieſe Thorheit mögte treflicher Scherz — 90— mit einigen jungen Damen ſeyn, die wir kennen; aber mit Miß Bellew ſtellen ſich die Umſtände gar verſchieden; was mich anbetrifft, ziehe ich mich von der Wette zurück.“ „O, Sie ziehen zurück, das heißt, Sie zah⸗ len mir dreihundert Guineen, denn ich will ver⸗ dammt ſeyn, wenn ich zurückziehe,“ ſagte Lord Dudley—„Wette iſt Wette und muß heilig ge⸗ halten werden.“ Alles Zureden der Uebrigen half nicht, der Lord äußerte ſich ſo beleidigend, daß Upton vom Stuhle aufſprang und nur mit Mühe zur Ruhe vermogt wurde. Rooney erbot ſich, dem Lord das Geld zu bezahlen, um dadurch allem Mißverſtehen ein Ende zu machen, nur unter der Bedingung, daß dieſes Geld für Upton gezahlt werde, wollte Dudley die Wette in ſeinem Buche tilgen;— Upton rief heftig:„Nein, ich zahle meine Wetten ſelber—“ die Gäſte erhoben ſich, um hinaufzu⸗ gehen und der Lord wiederholte Upton im Vor⸗ beigehn leiſe, daß er die Wette gültig betrachte. „Sey dem ſo,“ erwiederte dieſer kurz und ſie trennten ſich. O'Grady und ich hatten an dem Tage auf dem Lande geſpeiſet, und kamen zu Rooney's — 91— Geſellſchaftszimmer, als die Herren vom Mittag⸗ eſſen eben eintraten. Ganz gegen die Gewohn⸗ heit war wenig lautes Reden, kein toſender, ſcherzender Lärmen, als ſie die Treppe hinaufka⸗ men. Dies bemerkte O'Grady ſpäter, ich wid⸗ mete der Sache gar keiner Aufmerkſamkeit. Meine Gedanken waren in ganz anderer Richtung be⸗ ſchäftigt. Gewiſſe Andeutungen von Lord Dud⸗ ley de Vere, gewiſſe vielſagende Winke, die er ſogar in Gegenwart von Madame Rooney zu äu⸗ ßern gewagt, hatten in meinem Gemüthe eine Art unbeſtimmten, ſchwachen Eindruckes hervorgebracht, als betrachteten ſie mich gewiſſermaßen wie den Be⸗ thörten. Ganz gewiß war Miß Bellew's Benehmen gegen mich herzlicher und gütiger als gegen irgend einen der andern Beſucher des Hauſes. Die Roo⸗ nevs unterließen nichts, um meine Launen zu befrie⸗ gen, meinen Einfällen zu genügen, gewährten mir je⸗ derzeit Gelegenheit mit Louiſe allein zu ſeyn, ich konnte mit ihr luſtwandeln, ſie zu Pferde beglei⸗ ten. War etwas darunter verborgen? Sollte hier die Mine geſprengt werden? Solche pein⸗ liche Zweifel befingen mein Gemüth, als ich in's Geſellſchaftszimmer trat. Dieſes hatte mir oft recht unterhaltende An⸗ ſchauung dargeboten. Das ſonderbare Durchein⸗ ander⸗Wirren von Rang und Stand, das Ge⸗ miſch Lordhafter Müſſiggänger und Schönheiten aus dem Bürgerſtande, der ſtimmloſe Ton der Unterhaltung, bei welcher jegliche Perſon ge⸗ nau die Sache erörterte, von welcher ſie am mindeſten wußte; die blühenden Töchter der Lady Mayor von„Mode und muſikaliſchen Gläſern“ ſprechend, während ein geiſtloſer Sprößling edlen Hauſes ſich abmühete, als Ausſprecher guter Worte zu gelten. Alles dies bot mir jezt kein Vergnügen, hatte keine Anziehung für mich, nur ein Gedanke allein beſchäftigte mich, eifrig ſuchte ich zu erkennen, wie weit Louiſe Bellew's Be⸗ nehmen gegen mich Frucht von Kunſtgriffen oder Ergebniß eines kunſtloſen, keinen Argwohn näh⸗ renden Gemüthes ſey; ich verließ die Geſellſchaft und ging zum kleinen Boudoir, in welchem Louiſe gewöhnlich ſaß. In einem Hauſe, in welchem Schlaffheit der Etikette und freies Benehmen in ſo hohem Grade vorherrſchten, war Miß Bellew's vorſichti⸗ geres, mehr zurückhaltendes Betragen durchaus nicht beliebt, und weil es nicht an Schönheiten fehlte, fanden die Männer ihren müßigen und trägen Gewohnheiten viel zuſagender mit ſolchen Geſpräche anzuknüpfen, die minder anfordernd in ihrem Verlangen nach Unterhaltung, und ſel⸗ ber eben ſo fröhlich als nachſichtig geneigt waren, — 93— Scherz entgegen zu nehmen, wenn dieſer nicht nur ungezwungen, ſondern ſogar frei wurde. Miß Bellew konnte deshalb ungeſtört manche ih⸗ rer Liebhabereien befriedigen, eine derſelben war Stickerei im genannten kleinen Zimmer, nur we⸗ nige Perſonen drängten zu ihr, ſogar auch dieſe nur für kurze Zeit, als wäre es um dem Mit⸗ gliede einer Familie die ſchuldige Huldigung dar⸗ zubringen. Als ich der Thür des Boudoir's nahete, ward ich nicht wenig durch Lord Dudley de Vere's Stimme überraſecht, deren Ton zwar erkennbar abſichtlich gedämpft wurde, doch ſo klare Deut⸗ lichkeit enthielt, um mir an der Stelle, wo ich ſtand, alles hörbar zu machen. „Wahrlich, es kann nicht Ihre Meinung ſeyn. Auf meine Seele, es iſt zu arg!— Sie wiſſen, ich muß mein Geld verlieren, wenn Sie be⸗ harren.“ „Ich vertraue, Lord Dudley de Vere iſt zu ſehr Gentleman, um meine unbeſchüzte Lage in dieſem Hauſe zum Gegenſtand einer übermüthigen Wette zu machen; ich bin völlig gewiß, daß in meinem Betragen nie etwas war, das zu ſolcher Freiheit ermuthigen konnte.“ „Da nun, ich wußte, Sie verſtänden es nicht. Die ganze Sache war ein Zufall; die — 94n— Wahrſcheinlichkeit war mindeſtens wie achtzehn zu eins gegen Sie, ha! ha! ich meine zu Ihrem Vortheile. Verteufelt guter Irrthum von mir. Alle wurden in einem Hute umgeſchüttelt. Sie ſehen, da war kein heimliches Verſtändniß— konnte nicht ſeyn.“ „Mein Lord, dieſe Unbeſcheidenheit wird un⸗ erträglich— wenn Sie fortfahren—“ „Nun denn, warum nicht eingehn in den Sccherz. Er wird mich teufelmäßig theuer zu ſte⸗ hen kommen, wenn Sie das nicht thun, das iſt ganz gewiß. Welch ein verwünſchter Thor war ich, nicht zurückzuziehn, als Upton es wünſchte! — Verdammtl ich hätte wiſſen ſollen, daß Wei⸗ bern nicht zu trauen iſt.“ Mit dieſen Worten ſchritt er einigemale eilfertig auf und ab, mur⸗ melte mit ſchlecht verhehlter Leidenſchaftlichkeit: „Ausgelacht werd ich, verdamm' mich! das werd ich ſeyn überall im ganzen Königreiche. Das Geld verlieren iſt ſchon ſchlimm genug, aber die Lächerlichkeit der Sache, die iſt eben der Teufel! Warten Sie, Miß Bellew, bleiben Sie noch eine Minute, ich habe einen andern Vorſchlag zu ma⸗ chen. Beim Himmel ich ſehe keinen andern Aus⸗ weg. Dies wiſſen Sie, war alles nur Neckerei; bloßer Scherz, weiter nichts. Nun kann ich aber nicht ertragen, ſo gehudelt zu werden, wie ge⸗ ſchehen wird— Alſo ſey es! ich will gehängt werden, wenn ich den Antrag nicht in vollem Ernſte mache. Da haben Sie ihn, ſagen Sie mit einem Male ja, und wir wollen ſehen, ob wir das Lachen nicht gegen die andern wenden können.“ Ein Augenblick verging ſchweigend, dann ſprach Miß Bellew; die Welt hätte ich darum geben mögen, ſie in dem Augenblicke zu ſehen; tief ſank der Ton ihrer feſten, unwankenden Stimme mir in's Herz. „Mein Lord,“ ſprach ſie,„dieß muß jezt en⸗ den; weil Ihre Lordſchaft aber Wetten ſo ſehr lieben, habe ich eine Andere, um Sie Ihnen an⸗ zubieten. Die Summe bleibe Ihrer eigenen Wahl überlaſſen. Welche ſie immer ſeyn möge, ich halte ſie unbedenklich darauf, daß ſo wie ich aus dieſem Zimmer fortgehe, der erſte mir begegnende Gentleman— Sie lieben Zufall, mein Lord, und hier ſollen Sie einen ſolchen haben— Sie vor der Welt für Ihre unwürdige, unmännliche Be⸗ ſchimpfung eines ſchwachen, unbeleidigenden Mäd⸗ chens züchtigen wird.“ Als ſie dies geſagt hatte, ſprang ſie aus dem Zimmer, ihre Augen ſprü⸗ heten zornige Flammen, ihre Wangen waren tod⸗ tenbleich, ihr ſchwellender Hals bezeigte die Hef⸗ tigkeit ihrer Leidenſchaft. Im Umwenden von der Thür trafen ihre Augen mich, im Momente er⸗ — 96— faßte ihr Gemüth die Wahrheit, ſie wußte, ich habe alles Vorgefallene mit angehört, peinlich ſchnappte ſie nach Athem; tonlos bewegten ihre Lippen ſich, heftiges Beben ſchüttelte ſie vom Kopfe zu den Füßen, ohnmaͤchtig ſank ſie zu Boden. Ich folgte ihr mit den Augen, als ſie aus dem Zimmer getragen wurde, dann ohne einen Gedanken an Alles, was mich umgab, eilte ich hinaus, ſtürzte die Treppe hinab und flog zu mei⸗ nem Quartiere im Schloſſe. — 92— — Wechſtes Spayilel. Bis zu dem Augenblicke, in welchem ich mein Zimmer erreichte und mich auf den Seſſel warf, ſchien mein Verhalten in Betref des Lord Dudley de Vere gar keine Schwierigkeit darzubie⸗ ten. Die ſo ganz unbewußt von Miß Bellew ge⸗ ſprochene Aufforderung entſchied mich nicht we⸗ niger, als mein eigenes glühendes Verlangen, ihn zu fordern. Doch kaum folgte der leidenſchaftli⸗ chen Aufregung des Augenblickes ruhige Ueberle⸗ gung, als ich auch ſogleich die Bedenklichkeit mei⸗ ner Lage erkannte. Unter welchem erdenklichen Vorwande konnte ich mich zu ihrem Kämpfer er⸗ klären, ohne von ihr dazu erwählt zu ſeyn?— Denn die von ihr geſprochenen Worte waren le⸗ diglich als eine Drohung ohne den allermindeſten Jack Hinton. Erſter Band. 5 — 98— Gedanken an ihre Ausführung geſprochen.— Deshalb wäre es ſie in den Augen der Welt preisgeben, wenn geduldet würde, daß ihr Name bei der Sache genannt ſey. Die Verwirrung und der Schrecken, den ſie darthat, als ſie mich vor der Thür erblickte, bewieſen mir zudem, daß ich unter allen Menſchen vielleicht derjenige war, den ſie am ungernſten als Zeugen des Vorfalles er— kannte. Was war zu thun? Die Schwierigkeit der Sache machte meinen Entſchluß ſie durchzu⸗ führen nur noch kräftiger. Dazu trieb mich auch meine eigene ſchon bekannte Neigung. Lord Dud⸗ ley's Benehmen gegen mich hatte immer über⸗ müthigen, faſt beleidigenden Schein gezeigt, ohne mir doch einen Grund zu gewähren, um es ahn⸗ den zu können. Kann irgend etwas unſere Sel⸗ ber⸗Achtung tief verlezen, ſo iſt es die ange⸗ maßte Ueberlegenheit ſolcher, die wir aus Her⸗ zens⸗Grund verachten. Mehr als einmal hatte er gewagt, Andeutungen zu geben, als hätten Rooney's gewiſſe Pläne in Bezug auf mich, mit dem Bemerken, ihre Höflichkeiten verdeckten nur tiefere Zwecke; dies Alles ſagte er im Tone hal⸗ ber Unverſchämtheit, die mich zehnfach mehr reizte, als offne Beleidigung gethan haben würde. Oft und wiederholt hatte ich mir verſprochen, der Tag der Vergeltung müſſe kommen, mehr als einmal tröſtete ich mein Herz mit dem Gedanken, daß ſeine gewöhnliche Klugheit ihn einmal verlaſſen werde, daß ſein Ueberſchreiten jene ſchmale Linie nicht beachten werde, welche zudringliche Freiheit von angethanem Schimpfe trennt; dann aber— Dieſe Zeit war endlich gekommen; ſolch eine Ge⸗ legenheit mogte ſich nicht wieder darbieten, und durfte nicht verſäumt werden. Während ich dies bedachte, kam O'Grady zu meiner großen Freude, er war der einzige, den ich genugſam kannte, um ihn bei einer ſolchen Angelegenheit um Rath zu fragen, und ſeinem Ausſpruche konnte ich mit vollem Vertrauen mich überlaſſen.„Was iſt dort geſchehen, mein lieber Hinton, alle Welt beſchuldigt Sie?“ fragte er mich, der eben ſo eifrig von ihm zu erfahren wünſchte, was im Geſellſchaftzimmer bei Rooney vorgefal⸗ len ſey. O'Grady's ziemlich verwirrter Bericht beſchrieb mir die allgemeine unter den Gäſten entſtandene Aufregung, ich fragte, ob Lord Dud⸗ ley keine Erklärung gegeben habe, ſeine Antwort war:„o ja, ziemlich in ſeinem gewöhnlichen Style, er zog die Halsbinde auf, durchfuhr die Haare mit ſeinen Fingern, und murmelte undeutliche Worte von Zanken Liebender.“ Nun gab ich ihm die Erzählung des ganzen Vorfalles.„Wir müſſen ihn herausbringen,“ ſagte 5* — 100— er,„nur das Wie iſt zu überlegen; Freund Dud⸗ ley iſt nicht für fechten, und es wird ſchwer hal⸗ ten, ihn dazu zu bringen. Wäre es nicht wegen ſeiner ausgeſprochenen Angabe, ſo ſehe ich in Wahrheit keinen Grund ihn zu drängen!“ „Wie, O Grady, war nicht Urſache genug dazu?“ „Allerdings viel, ſo weit Gefühl ausreicht, aber unzählige Fälle giebt es im Leben, die gleich wie Treubruch nach dem Geſetze mit leichter Strafe durchſchlüpfen. Nur eines iſt zu Ihrem Vortheile, er hat ſeine Wette verloren, und da⸗ durch erbittert, mag er vielleicht— ich behaupte nicht mehr als die Möglichkeit— geneigt ſeyn, dieſe Verſtimmung in Tapferkeit umzuwandeln; ein gar nicht ungewöhnlicher Vorgang im meta⸗ phyſiſchen Zerſezen. Es iſt alſo am beſten, ihn jezt gleich zu fordern, er muß nothgedrungen mich an einen Freund verweiſen, und er vermag kaum einen auszufinden, der die Sache nicht mit uns übereinſtimmend betrachtet. Ganz klar iſt es, daß Miß Bellews Name in der Sache nicht genannt werden darf. Ueberlaſſen Sie mir die Leitung der ganzen Sache, und legen Sie ſich ſchlafen.“ Morgens ward ich durch Corny Delany,* der mit einem Mahagonykäſtchen unter dem Arme und einen kleinen Beutel in der Hand vor mir ſtand, plözlich aufgerüttelt, ſein gewöhnlich mür⸗ riſches Ausſehen zeigte jezt noch eine Zumiſchung von Hohn und Mitleid. „Endlich wach,“ ſagte er,„meiner Treu ge⸗ ſunder Schlaf“— dann murmelte er zwiſchen den Zähnen:„vielleicht ſchlafen Sie morgen Abend noch feſter! Der Capitain ſagte, ich ſollte Sie um ſieben wecken, jezt iſt's acht. Der Schurke, Ihr Bedienter, wollte nicht aufſtehn, mir die Thür zu öfnen.“ „Wo iſt der Capitain?“ fragte ich. „Wo der iſt! Das mag irgend jemand wiſ⸗ ſen, ich nicht. Vielleicht im Wachhauſe, vielleicht in der Georgenſtraßen⸗Kaſerne, oder in den Straßen— oder— fürwahr es ſind viele Pläze, wo er ſeyn könnte, und jeder davon gut genug für ihn. Hier ſind die Geräthe gut geölt, ich habe Feuerſteine eingeſchroben.“ „Und was iſt in dieſem Beutel?“ „Werden's vielleicht früh genug ſehn— Scharpie, Heftpflaſter, Binden und das Dreh⸗ und Quetſchding,“ damit bezeichnete er das Tour⸗ nigent.—„Fürwahr ein ſonderliches Anwenden vom Beutel, in dem Seine Ehren der Richter⸗ Papiere tragen ließ, uft uf! s war immer ein ſchauriger kleiner Beutel— und er hat kein Glück. Wollen Sie etwas Branntwein und Waſ⸗ ſer und ein Stück trocknes Toaſtbrod! Das giebt der Capitain jedesmal ſolchen, die zum erſten male hinausgehn. Sind ſie erſt daran gewöhnt, ſo iſt'ne Taſſe Chokolade mit'em Löffel voll Whiskey darin ein gut Ding für die Hand.“ Kaum vermogte ich mein Lächeln über den Gedanken zu unterdrücken, einen Mann wegen Duell in beſondere Diät zu ſezen. Um Corny meine Kaltblütigkeit zu beweiſen, ſagte ich: Gebt mir Chokolade nud ein Paar Eier.“ Mit ſataniſchem Grinſen murmelte er:„der wills verſuchen, als Eingeweihter zu ſterben; uf! uf!“ Er watſchelte hinaus, um mein Früh⸗ ſtück zu beſorgen. Sobald ich allein war, öfnete ich das Käſt⸗ chen, um die Piſtolen zu unterſuchen, ſie waren gewiß gut, doch konnte man nicht leicht ein Paar ſchwerfälligere, übler gefertigte Dinge erſinnen. Der Schaft reichte faſt bis zum Ende des Laufes hinauf, für das Einlegen der Finger war er mit Kerben verſehen, und endete in einem unförmli⸗ Knopfe, der mit kleinen Silberplatten ausgelegt war, welche ich anfänglich für Verzierungen hielt. Bei genauerem Anſehn fand ich jegliche Platte — 103— enthielt einen Namen und Tagesbezeichnung, un⸗ ter denen unſelige Erläuterungen, als„getödtet“ oder„verwundet“ geſchrieben ſtanden.—„Für⸗ wahr,“ dachte ich,„dieſer Inſel Bewohner ſind die kaltblütigſten Menſchen in der Welt, und ha⸗ ben ganz eigene Art, um eines Mannes Herz⸗ haftigkeit aufzumuntern.“ Während ich mich kleidete und meine Pa⸗ piere ordnete, kam O'Grady:„beim Jupiter, ich habe eine Nacht gehabt, geſchwind mein Früh⸗ ſtück, in meinem Leben fühlte ich nicht ſolchen Heißhunger: kalten Schinken und geteufelten Trom⸗ melſtock jedenfalls, der Glühwein ſtark gewürzt — aber die Nieren müſſen nicht in Champagner geſchmort werden, in Moſelwein ſind ſie funfzig mal beſſer, den Champagner wollen wir au na⸗ ture] trinken.— Nun hören Sie, als ich Sie geſtern Abend verließ, ging ich hinüber zu de Veres Quartier, er war eben nach Clareſtraße abgefahren, dahin folgte ich, aber das Unglück wollte, daß er fünf Minuten vor meiner Ankunft mit Major Watſon vom fünften Regimente ab⸗ gefahren war, in einer halben Stunde würden ſie zurück ſein, das hatte das Ausſehen von Ge⸗ ſchäft.— Ich ſezte mich zum Whiſtſpiel, verlor mein Geld; um halb fünf Uhr Morgens nahm ein Anderer meine Karte; ich hörte Dudley und — 104— Watſon wären zum Park gefahren, wo ich ſie finden würde. Dahin ritt ich, alsbald begegnete mir eine Chaiſe mit Poſtmanteaus und Hutſchach⸗ teln bedeckt, und ich erhaſchte eben einen Blick von de Vere, der darin ſaß. Sie fuhr wie im Fluge, ich folgte, ohne ſie einholen zu können; auf der Eſſerbrücke war glücklicher Weiſe eine Reihe Kohlenkarren, und die Chaiſe mußte hal⸗ ten, ſogleich ſprang ich vom Pferde, trat auf den Wagentritt, als ſie eben zufahren wollte, und ſagte:„Ach Dudley, ich habe ſcharf laufen müſ⸗ ſen, zum Glück fand ich Sie zulezt. Er verzog ſein Geſicht gar gewaltig, ſuchte ſeine gewöhnliche Kälte zu zeigen, und ſagte: „darf ich fragen, was Sie zu ſo drängender Nach⸗ folge nöthigte?“ „Sie haben trefliches Gedächtniß, Lord Dudley, wenn es Ihnen genehm iſt, rufen Sie es für einige Augenblicke zu Hülfe, dadurch wer⸗ den Sie uns viele Mühe erſparen. Ich habe mit Ihnen im Namen von Hinton zu ſprechen, und muß Sie bitten, mich ſogleich an Ihren Freund zu verweiſen.“ „O, Sie wollen ſchlagen, iſt's das?— Ich ſage, Watſon, ſie wollen eine Angelegenheit ma⸗ chen aus der thörichten Geſchichte, die ich Ih⸗ nen erzählte.“ — 105— „Iſt Major Watſon Ihr Freund unter die⸗ ſen Umſtänden?“ „Nein, nein, das fagt ich nicht— ich er⸗ zählte Watſon, wie ich bei Rooney um dreihun⸗ dert Guineen gebracht wurde— muß geſtehn, ich verdiente das reichlich dafür, daß ich unter dergleichen Geſellen zu Tiſch ſizen wollte; weil ich das Geld bezahlt und mit dem ganzen Troß gebrochen habe, ſehe ich nicht ein, was mehr von mir erwartet werden kann.“ „Wir haben allerdings nur wenig Hoffnung, mein Lord, daß Sie den Rock, welchen Sie tra⸗ gen und den Stand, dem Sie angehören, nicht beſchimpfen wollen.“ „Ich ſage, Watſon, meinen Sie, ich müſſe dieſe Worte beachten?“ „Wünſchten Sie etwa noch ſtrengere, mein Lord?“ Jezt öfnete Major Watſon den Wagen, ſprang heraus, und ſagte:„einen Augenblick er⸗ lauben Sie, Capitain O'Grady. Lord Dudley hat mir den ganzen Vorfall des geſtrigen Abends genau erzählt. Er hat ſich bereit erklärt, drin⸗ gend gewünſcht, Ihrem Freunde ſeine Enrſchul⸗ digung in Bezug auf irgend eine Beleidig gung zu machen, die er ihm zugefügt haben kann; in 5 † — 106— Wahrheit, die Familien beider Herren ſind in gewiſſen Verbindungen, eine Entzweiung unter ihnen würde eine recht unglückliche Sache ſein; dazu kommt, daß Lord Dudley ſeine Anſtellung als Aide-de-Camp aufgegeben hat, entſchloſſen iſt, Irland zu verlaſſen, in zwei Stunden wird er von hier abſegeln; untet dieſen Umſtänden, hoffe ich, wird es Ihnen angemeſſen ſcheinen, die Sache nicht weiter zu treiben.“— „Mit der Entſchuldigung—“ „Die verſteht ſich,“ ſagte Watſon, flüſterte ihm einige Worte in's Ohr, er wurde feuerroth, und ſagte: „Es wird ſchlimm für mich ſein, wenn Sie ſpäter davon ſprechen; aber ſagen Sie ihm,— ich meine Hinton, daß ich bedaure, das heißt, ich wünſche, er möge verzeihen—“ „So, ſo,“ rief ich ungeduldig,„dies iſt ge⸗ nug, fahren Sie ab.“ Damit endete O'Grady's Erzählung, wäh⸗ rend unſers Frühſtückes ſezte er mir noch aus⸗ einander, es ſei nöthig, alles anzuwenden, um Oeffentlichkeit zu verhindern, und den Läſterun⸗ gen Einhalt zu thun, die ſolch ein Ereigniß in der Stadt hervorbringen werde. Auf meine Be⸗ merkung, dies ſei nicht zu befürchten, ſagte er: — 107— „Doch, mein lieber Freund, wir leben hier wie in einem Dorfe, jedermann hört ſeines Freundes Uhr ticken, und jede Dame weiß, was ihre Nach⸗ barin für die falſchen Steine zahlte.— Nichts kann unſchicklicher ſein, als den Namen der Dame betheiligen, wenn Sie dieſer beſondere Anhäng⸗ lichkeit widmen. Schon jezt iſt er eingemiſcht, wäre es aber weiter getrieben, würden Sie Beide tief betheiligt worden ſein. Glauben Sie mir auf mein Wort, ſchlagen Sie ſich für Ihre Schwe⸗ ſter, Ihre Tante, Ihre Großmutter, wenn Sie wollen, aber nie für das Mädchen, welches Sie zu heirathen denken. Beide gerathen dadurch in ganz falſche Stellung.— Sez die Piſtolen wie⸗ der fort— da geht Vaughan, den muß ich ſpre⸗ chen;“ damit ſprang er auf und die Treppe hin⸗ unter. „Was ſollte ich mit den Piſtolen thun?“ fragte Corny, der das Käſtchen mit ſeinem Rock⸗ ſchooß glättete. „Sie wegſezen— wir brauchen ſie heute morgen nicht.“ „Alſo giebt's am Ende keine Teufelei,“ ſagte er mit feindlichem Grinſen.„Uf! uf! wußt ich's doch. Sie kommen von der unrechten Seite des Waſſers dafür. Wenig Pulver zünden Sie mit all Ihrem Sprechen.“ Er zog eine der Piſtolen — 108— vor, betrachtete das Schloß, und murmelte dann: „Hatt' ich nicht recht, die alten Feuerſteine ein⸗ zuſezen. Wußt's wohl, würdet den Teufel mehr thun als'n Pfannenblizen.“ Es war wirklich ſchwer bei aller Berückſich⸗ tigung der Denkweiſe Delanys ſeine Unverſchämt⸗ heit geduldig zu ertragen. Und doch war es das beſte, denn Corny war noch überwältigender in Gegenrede als in Angriff, und mein mindeſter Einwand hätte mich unfehlbar den Kürzern zie⸗ hen laſſen. Ich bezwang mich, trat zum Fenſter⸗ und ſchaute ſingend hinaus; der unerſchütterliche Corny öffnete das gegenüber befindliche Fenſter, feuerte beide Piſtole ab, und legte ſie dann wie⸗ der in den Kaſten. Es war etwas in dieſes kleinen Teufels Geberden und Bewegungen, wodurch die Abge⸗ ſchmacktheit, welche er über das Ende des Strei⸗ tes deckte, mich tief verlezte. Meine ganze Sel⸗ berachtung meiner Zubilligung ging mir in einem Augenblicke verloren, ich konnte an nichts anders denken, als an des ſtörriſchen Corny Bemerkun⸗ gen über meinen Muth. „Ja,“ ſagte ich halblaut,„es iſt ein ver⸗ wünſchtes Land! wär' es auch nur, weil jede Menſchenklaſſe und jeglicher Stand ſich befähigt — 409— hält, über ſeine Mitmenſchen abzuſprechen. Star⸗ kes Trinken und Zweikämpfe ſind die Volks⸗ Penaten, der Himmel mag dem helfen, der des Landes Religion nicht annimmt. Meinem engli⸗ ſchen Diener würde es nie einfallen, mein Be⸗ nehmen zu tadeln, und dieſer kleine Wicht thut das nicht nur, ſondern mir ins Angeſicht mit hinzugefügter Verhöhnung meines Landes.“ Ganz wie viele andere meiner erſten Be⸗ trachtungen über Irland enthielt dieſe ein Körn⸗ chen Wahrheit unter dem Scheffel falſcher Schlüſſe; bevor ich das Land verließ, lernte ich die Unter⸗ ſcheidung zu machen. Aus zarten Beweggründen beſuchte ich Roo⸗ ney's an dieſem Tage nicht. Seit Monaten hatte ich keine ſolche Vernachläſſigung begangen. Als O'Grady Abends heimkehrte, ſagte er mir la⸗ chend, das ganze Haus ſei in halber Trauer. Miß⸗ muthig ſaß Paul über ſeinem Weine, ſchlug die Augen faſt nicht auf. Madame Paul, deren Kummer ſtets thätig ſich äußerte, ſchluchzte, ächzte, ſtöhnte und ſchwenkte ihre Arme, als hätte ſie einen nahen Verwandten verloren. Miß Bellew erſchien gar nicht, ſie hatte an dieſem Morgen ihrem Vater geſchrieben, er möge ſie ohne Zeitverluſt abholen laſſen. Am Nachmittage des andern Tages beſtieg — no— ich um vier Uhr mein Pferd, um nach Stephens Grün zu reiten. In der Damenſtraße ſah ich dem Schloßthore gegenüber einen großen Mauer⸗ Anſchlag, den dichtes Gedränge umſtand. Mir ward das Leſen durch einen zerlumpten Buben erſpart, der durch den Pöbel mit einer Maſſe bedruckter Zettel drängte, und laut ſchrie:„hier iſt der vollſtändige, treue Bericht von dem bluti⸗ gen und traurigen Duell, das geſtern Morgen im Phönir⸗Park zwiſchen Lord Dudley de Vere und Herr Hinton, beide Lide-de-Camps von Seiner Gnaden dem Lordlieutenant, ſtatt fand, mit allen Umſtänden für'nen halben Pfennig.“ Ein Nebenbuhler von dieſem ſchrie:„hier iſt der ganze Schriftwechſel der Schloßkämpfer mit'nem ſchönen neuen Liede von der Dame in Grün.“ „Dies iſt zu arg,“ ſagte ich, gab meinem Pferde die Sporen, ſprengte in den Pöbelhaufen und warf viele zur Erde. Ich wurde erkannt, und als ich die Straße hinabgalopirte, folgte mir laute Verſpottung und ein Hagelſchauer beſchim⸗ pfender Namen. Es dauerte eine gute Weile, bis ich meine Gleichmuth wieder gewann. Mich perſönlich kümmerte es wenig, aber wie verſtüm⸗ melt, entſtellt, ganz umgewandelt konnte er zu meinen Verwandten in England gelangen— und —— — 111— dann Miß Bellew, ich zitterte bei dem Gedanken, ihr Name könne durch die Lippen ſolcher Elen⸗ den beſudelt, zum Spott und Hohn unter den Laſterhaften gemacht werden. Mir begegnete Rooney's Equipage, mein Beſuch war alſo verfehlt, doch ritt ich hin, meine Karte abzugeben. Vor der Thür bemerkte ich, mein Kartenfuteral vergeſſen zu haben, ſtieg ab, um meinen Namen in das Beſuchbuch zu ſchrei⸗ ben, welches Madame in Nachahmung hoher Perſonen, zum großen Aergerniß mancher ehren⸗ haften Bürger bei ſich eingeführt hatte. Der alte Kellner überreichte mir ein Brief⸗ chen, ich öffnete haſtig, es enthielt nur dieſe zwei Zeilen:„Miß Bellew bittet, Herr Hinton wolle Sie mit einem kurzen Beſuche begünſtigen, ſo⸗ bald es ſein kann.“ „Iſt Miß Bellew zu Hauſe?“ „Ja,“ ſagte der Diener, an der Treppe be⸗ reit, um mich hinauf zu führen. Sie trat aus dem Boudoir nicht wie gewöhnlich mir die Hand entgegen haltend, ſondern ſchüchtern, zögernd, mit geſenkten Blicken und deutlichen Zeichen von Kum⸗ mer und körperlichen Leiden. „Herr Hinton, ich habe mir erlaubt, Sie um eine kurze Unterredung zu bitten, denn wie⸗ — 112— wohl es faſt gewiß iſt, wir werden uns nicht wiederſehen, wünſchte ich doch gewiſſe Theile meines Benehmens zu erläutern, dieſe zur Urſache einer von Ihnen zu erbittenden Gunſt zu machen.“ „Erlauben Sie mir, Sie einen Augenblick zu unterbrechen,“ ſagte ich.„Offenbar muß es Ihnen ſehr ſchmerzlich ſein, von der Sache zu ſprechen, Sie bedürfen nicht Erläuterung zu ge⸗ ben, am wenigſten mir. Durch Zufall hörte ich an, was, wie hoch meine Achtung für Miß Bel⸗ „lew auch war, ſie in meinen Augen nur noch mehr erheben konnte. Fordern Sie dann ſogleich, was Sie eine Gunſt zu nennen belieben; es giebt kei⸗ nen Dienſt, den Sie verlangen mögten—“ „Ich danke Ihnen, Sie haben mir vieles dadurch erſpart, daß Sie nicht forderten, ich ſolle von dem ſprechen, woran zu denken ſchon Elend genug giebt; es iſt nicht das erſte Mal, daß meine ſchuzloſe Lage in dieſem Hauſe mich der Verlezung ausſezte, gewiß ſoll es aber das lezte Mal geweſen ſein. Schon haben Perſonen ge⸗ wagt, Läſterung auf den ſchwachen Grund dieſer Wette zu erheben. Ihr Name, Herr Hinton, iſt in einer Art damit vermiſcht, die es unmög⸗ lich macht, daß irgend ein Umgang zwiſchen uns ſtattfindet, ohne falſche Auslegung zu begründen; deshalb habe ich mich zu der Bitte entſchloſſen, — 113— daß Sie Ihre Beſuche hier aufgeben wollen während der Tage, die ich noch hier verweile. Schon ſchrieb ich zu Hauſe, die Antwort mag übermorgen kommen, und wie tief ich empfinde, daß es ſchlechter Lohn für die empfangene Gaſt⸗ freundſchaft und Güte iſt, einem höchſt geachte⸗ ten Gaſte die Thüre zu verſchließen, bin ich doch verſichert, Sie verſtehen und billigen meine Be⸗ weggründe, werden mein Geſuch nicht ver⸗ weigern.“ Mit freudigſten Empfindungen hatte ich die Aufforderung zu einem Dienſte gehofft, doch dieſe lezten Worte, die alle meine Hoffnungen vernich⸗ teten, erwartete ich nicht. Schweigend und ver⸗ wirrt ſtand ich; mit zitternder Stimme fuhr ſie fort:„ich bedaure, Herr Hinton, durch meine ge⸗ ringe Weltkenntniß zu dieſer Unbeſcheidenheit ge⸗ führt zu ſeyn; Ihr Ausſehen ſagt mir, Sie bräch⸗ ten das geforderte Opfer ungern; ich hätte wiſ⸗ ſen ſollen, daß Gewohnheiten ſo gut wie Nei⸗ gungen ihren Einfluß üben, und daß dieſes Haus, der Sammelplaz Ihrer Freunde—“ „O, wie ſehr, wie grauſam verkennen Sie mich! Nicht dieſerhalb, nicht aus ſolchen Grün⸗ den zögerte meine Antwort, weit davon entfernt; die wahre Urſache, welche mich zu ſo beſtändigen Beſuchen dieſes Hauſes machte, iſt es, die mich unfähig läßt, Ihnen jezt zu antworten.“ Sie er⸗ röthete, ihre Lippe zitterte, und ich ſah mich ver⸗ hindert mehr hinzuzuſezen.„Fürchten Sie nichts, Miß Bellew, nichts von mir, wie verſchiedene Gefühle mich auch erfüllen mögen, ſoll doch kein Wort von mir Ihnen Schmerz verurſachen, wie ſehr der in mir begrabene Gedanke meinen Buſen auch zerreißen mag. Ihr Verlangen werde er⸗ füllt, leben Sie wohl.“ „Nein, nein, ſo nicht,“ ſprach ſie mit thrä⸗ nendem Lächeln;„Sie dürfen nicht gehen ohne meinen Dank für alle Ihre Güte. Es mag ſich ſo treffen, daß Sie den fernen wilden Weſten des Landes eines Tages beſuchen, wenn das iſt, bitte dann vergeſſen Sie nicht, daß mein Vater, von dem Sie mich oft ſprechen hörten, zu glück⸗ lich ſeyn würde, demjenigen zu danken, der ge⸗ gen ſeine Tochter ſo gütig war, und wenn der Tag kommen ſollte— dann bitte ich, daß Sie aus meinem dortigen Erſcheinen nicht ſchließen wollen, ich hätte alle Ihre guten Unterweiſungen und Belehrungen über Londoner Lebensweiſe vergeſ⸗ ſen, wenn auch meine Kleidung und mein Beneh⸗ men nicht zu meinem Gunſten reden ſollten; und ſo leben Sie wohl!“ Ich preßte ihre zarten Finger an meine Lip⸗ pen, ging langſam die Treppe hinab, bekämpfte die aufſteigende Anlockung zu ihr zurück zu eilen, und ihr zu ſagen, daß, wiewohl die erträumte Sicherheit ſie täglich zu ſehen mich bisher mei⸗ nen eigenen Empfindungen entfremdet hatte, nun die Stunde des Scheidens jede Täuſchung ver⸗ bannte; der Gedanke an Trennung doch meines Herzens Tiefen entſchleiert und mir geſagt habe, ich liebe Sie.— So war es, wirklich.— 5. 4 Wiebenles Sapilel. O'Grady gab ich Unwohlſeyn als die Ur⸗ ſache meines Nichtbeſuches in Rooney's Hauſe an, hütete mehre Tage mein Zimmer, und hatte meine ganze Entſchloſſenheit nöthig, um mein Verſprechen zu halten; keine Stunde des Tages verging, ohne das Gefühl der Lockung, mein Pferd zu beſteigen, um zu verſuchen, ob der Zu⸗ fall mir nicht noch einen Blick von ihr verſchaffe. Miß Bellew war die erſte geweſen, die mich als Mann behandelte; darin liegt eine Schmeichelei und jeder ſelber der uneigennüßzigſten Leidenſchaft iſt ein beträchtlicher Antheil von Selbſtſucht zuge⸗ miſcht. Mir wurden Briefe aus London gebracht, ich war nicht in der Stimmung, meiner Mutter Sendſchreiben mit dem Berichte aller Stadtvor⸗ — 117— fälle und Gerüchte zu leſen, und würde den Brief pflichtvergeſſen weggelegt haben, hätte der Name Rooney nicht plözlich meine Aufmerkſamkeit erregt. Wie dieſer Name zu den ariſtokratiſchen Ohren meiner Mutter gelangte, war ein Räthſel, welches ich löſen wollte. Die angezogene⸗Stelle lautete ſo: „Eben komme ich von Grevilles zurück, dunſthaft erkrankt durch die Neuigkeiten, die ich dort ver⸗ nahm. Unglücklicher Knabe, was haſt Du ge⸗ than! Welche entſezende Laufbahn der Unklugheit haſt Du begonnen. Schreib mir gleich, denn wiewohl ich augenblicklich Schritte zu Deiner Rück⸗ berufung thun will, werde ich doch im Fieber der Ungeduld brennen, bis ich Alles von Dir hörte. Der gute Lord Dudley de Vere, wie ſehr liebe ich ihn für die Art, in der er von Dir ſpricht; denn wiewohl Dein Betragen gegen ihn augen⸗ fsheinlich verlezend geweſen ſeyn muß, bezeichnet ſeine Sprache in Beziehung auf Dich nicht nur Schonung, ſondern freundliche Güte. Er ſchreibt die von Dir dargethane Stimmung der Einflü⸗ ſterung eines andern Offiziers vom Stabe zu, deſſen Namen wir ihn nicht überreden konnten, uns zu eröfnen, ſein gewohntes Zartgefühl hin⸗ derte ihn daran. Seine Angabe von jenem un⸗ ſeligen Lande iſt wirklich beküämmernd; er ſchil⸗ derte den ſchreckenden Zuſtand der Geſellſchaft, — 118— den Barbarismus der Eingeborenen, das öftere Blutvergießen. Der Gedanke an Dich wird mich in dieſer Nacht nicht ſchlafen laſſen, wiewohl er ſich bemüht hat, mich wieder ſicherer zu machen durch die Angabe, das Schloß ſey ein feſter Ort, ſtets mit zahlreichem Militair beſezt und dort ſeyſt Du vergleichweiſe geſichert. Aber mein liebes Kind, wer ſind dieſe ſchauderhaften Rooneys, mit dem abſcheulichen Hauſe, in welchem alle dies Spielen und Verderben vor ſich geht? Wie ge⸗ fühlvoll ſprach der arme Lord Dudley von den Lockungen, denen junge Männer ausgeſezt ſind. Seine Aeltern haben an ihm ein wahres Klei⸗ nod. Rooney ſcheint ein Geldverleiher, ein Wu⸗ cherer— höchſt wahrſcheinlich ein Jude. Sein abſcheuliches Weib, was kann die ſeyn? und das hinterliſtige Weibsbild, Nichte, Tochter, oder was immer dieſe Miß Bellew— welch abſcheulicher Name— was mag die ſeyn! Zu bedenken, daß Du in ſolcher Menſchen Hände gefallen biſt! Lord Georges Schulden ſollen ſehr beträchtlich ſeyn; wie er mich verſichert, rühren ſie allein von ſeiner unglücklichen Bekanntſchaft mit dieſem Roo⸗ ney her, mit dem er dem Anſcheine nach ſeit län⸗ gerer Zeit Wechſel⸗Geſchäfte machte. Beträfen Deine Verlegenheiten nur Geld, würde ich wenig daran denken; aber ſtreitſüchtige, grollende Denk⸗ — 1— art, Geſchmack an niederer Geſellſchaft und ge⸗ meinen Lebensgenoſſen, Neigung zum Trinken, dieſe ſind in der That recht empörende Züge, und darauf berechnet, Deinen Aeltern großen Jammer aufzubürden.. „Inzwiſchen bemühen wir uns, ſo viel als möglich das Unheil zu beſſern. Ich ſchreibe mit heutiger Poſt an dieſen Herrn Rooney, mit dem Erſuchen, ſeine Rechnung an Deinen Vater ein⸗ zuſchicken, und daß in der Zukunft kein Mittag⸗ eſſen oder Weine, welche Du in ſeinem Hauſe genießen mögteſt, bezahlt werden ſollen, weil Du nicht mündig biſt. Ich werde ihm ebenfalls wiſſen laſſen, daß die Dunkelheit ſeines Ranges im Le⸗ ben und der umnachtete Zuſtand des Landes, in welchem er lebt, ihm nicht zur Schuzwehr gegen unſere Wachſamkeit dienen ſollen;— weil der Kanzler morgen bei uns ſpeiſet, denke ich den zu befragen, ob er nicht auf irgend eine Art ge⸗ ſtraft werden könne. Man ſagt mir, daß Trans⸗ portation die Zigeuner ſchon beinahe fortgeſchafft hat. Triff Du Deine Einrichtungen zur unge⸗ ſäumten Rückkunft; denn wiewohl Dein Vater nichts davon weiß, beabſichtige ich Sir Henry Gordon zu bitten, bei dem Herzog von York eine Vertauſchung für Dich zu bewirken. Wie haſſe ich dieſen Deinen geheimen Rathgeber— wie widerwärtig ſind mir dieſe Rooneys, wie verab⸗ ſcheue ich die Irländer. Du brauchſt nur mit langen Haaren und mit der entſezenden Ausſpra⸗ che zurückzukommen, um vollends das Herz zu brechen Deiner liebenden, aber tief bekümmerten Mutter.“ Wiewohl jede Zeile dieſer merkwürdigen Zu⸗ ſchrift mich tief beleidigte, konnte ich mich doch nicht enthalten, darüber zu lachen. Nie hatte ich von Lord Dudley hohe Meinung gehegt, doch völ⸗ lig unvorbereitet war ich auf die vollſtändige Bosheit ſeiner Denkweiſe; ich wußte damals nicht, welche enge Verknüpfung mit ſchlauer Liſt in je⸗ dem Tropfe weilt, und wie beinahe unabänderlich beſchränkte Geiſteskraft mit böswilliger Gemüths⸗ art im nemlichen Individuum verpaart ſind. Es giebt kein allgemeineres und mehr der Ueberlegung bedürfendes Vorurtheil, als das, welches der Einfalt gewiſſe gute Herzenseigenſchaften als eine Art von Entſchädigung für die Mängel des Kopfes zuſchreibt. Allerdings werden Ausnahmen gefunden, doch im Allgemeinen wird ſich bewähren, daß geiſtige Mit⸗ telmäßigkeit dazu wirkt, bösartige Neigungen zu erzeugen. Unfähig, durch Nachdenken richtige Schlußfolgen zu ziehen, erlernt ein ſolches Weſen aus ſeiner Beachtung der Lebensvorgänge nur niedrige, heimliche Liſt, welche ihm als Anſtel⸗ — 121— ligkeit geltend ſtets von ihm zur Anwendung gebracht wird, um den kleinen Krieg der Bosheit gegen die Welt mit der ganzen trozigen Erfind⸗ ſamkeit und Widerſezlichkeit eines Affen zu führen.—— Die von Lord Dudley dargethane Gewandt⸗ heit, womit er vermied, ſich gegen mich bloszu⸗ ſtellen, und der anſcheinende Zartſinn, welcher ihn O'Grady's Namen verſchweigen ließ, waren deut⸗ lich genug, auch konnte er entſchuldigt werden, wenn er uns Beiden nicht wohl wollte, aber wo⸗ durch ſeinen Undank gegen Rooney's beſchönigen? Wie konnte ſeine niederträchtige Entgeltung aller ihm von ihnen erwieſenen Gaſtfreundſchaft und Aufmerkſamkeit überglänzt werden?— Denn ganz klärlich war er es geweſen, welcher ſie meiner Mutter in dem Lichte niedriger, hinterliſtiger Abenteurer erſcheinen machte. Und nun der Brief, den ſie zu ſchreiben drohete, in welche Lage würde mich der ihnen gegenüber verſezen, die ſo unaus⸗ geſezt gütig und freundlich mich behandelt hatten, ſchon der Gedanke trieb mich faſt zum Wahnſinn und ich war in ſehr übler Stimmung. Am andern Morgen kam O'Grady zu mir, um mich aufzufordern, ihn bei einem Gange in die Stadt zu begleiten, den er machen müſſe, um Geld anzuleihen. Ich bot ihm meine Aushülfe Jack Hinton. Erſter Band. 6 — 122— an.„Verhüte der Himmel!“ ſagte er,„von Freunden muß man nie leihen. Es giebt Geld⸗ verleiher, Wucherer und Stockverſchachernde Schur⸗ ken genug in der Welt, die der Wettſpielende Gentleman als ſeine Feinde betrachten und anſpie⸗ ßen mag.“ Auf meine Frage, ob nicht Herr Paul Roo⸗ ney ihm aushelfen werde, erwiederte er:„Sie wiſſen nicht, was da vorgegangen iſt, weil Sie das Haus hüteten: die ſchöne Louiſe iſt zur Hei⸗ math abgereiſt, Paul iſt zur Gerichtsumreiſe ab⸗ weſend, und Madame hat nach dreitägigen hefti⸗ gen hyſteriſchen Anfällen die Stadt verlaſſen, um ihre Villa bei Bray zu beſuchen. Das Gerücht ſagt, eine Bank in Calcutta oder ſonſt wo ſey gebrochen, eine Goldmine, an der Paul bethei⸗ ligt war, zeige ſich ohne Ausbeute, kurz, ein Brief, der am Morgen vor Pauls Abreiſe ein⸗ ging, machte ſte gefährlich krank.— Das Haus iſt verſchloſſen, die Fenſter zugeſezt, ein trüber Menſch im abgetragenen Nocke verkündet, die Fa⸗ milie ſey abgereiſt und werde den Sommer über nicht zurückerwartet.“ „Vielleicht kann ich das Geheimniß erläu⸗ tern, leſen Sie.“ Mit dieſen Worten reichte ich ihm die Stelle in meiner Mutter Brief, welche Dudley's Bericht über die Rooney's enthielt. So ſchmerzlich es mir war, meiner Mutter Al⸗ bernheit bloszuſtellen, fühlte ich doch die Noth⸗ wendigkeit, einen Freund um Rath fragen zu müſſen, dem ich mit vollkommener Offenheit Al⸗ les zu erklären hatte.. Er durchlas den Brief ohne ſichtlichen Wech⸗ ſel ſeiner Geſichtszüge, gab ihn mir zurück, brach ſodann in ganz unmäßiges Gelächter aus und rief:„mein beſtes Pferd im Stalle hätte ich darum geben wollen, Rooney's Geſicht bei dem Leſen jenes Briefes zu ſehen. Reden wir nicht von Undank, Büberei und dergleichen; der Scherz überdeckt das Alles. Paul Rooney, der Amphi⸗ trion von Vicekönigen, Kanzlern, Biſchöfen, Ge⸗ nerälen, Lord⸗Mayoren— wird um ſeine Rech⸗ nung gefragt, ſoll für Champagner und Curacao, für Schildkröten und getrüfelte Nieren, große Di⸗ ners, Gabelfrühſtücke, geröſtete Knochen und Sandwiches bezahlt werden. Es iſt zu gut, ein ſolcher Scherz kommt in funfzig Jahren nicht wie⸗ der!— Ob Ihre Mutter vielleicht Abſchrift des Briefes an Paul behalten hat, mein rechtes Auge mögte ich geben, ihn zu ſehn. Und der Wink, eine Prinzeſſin O'Toole zu transportiren, deren Vorfahren zu Moſes Zeiten hier thronten! Fürwahr, Ihre Mutter ſcheint geringe Achtung für alte Familien zu haben.“ 6* — 124— „Ich geſtehe,“ ſagte ich etwas gereizt— „ich würde Ihnen den Brief nicht gezeigt haben, hätte ich geahnt, Sie könnten ihn in dieſem Geiſte aufnehmen.“ „Bis zum Tode hätte ich Ihnen das nicht verzeihen können. Nächſt einem Legat kenne ich nichts beſſeres, als tüchtig lachen, dies lezte iſt zuweilen noch beſſer als jenes, weil kein Advo⸗ kat es zu entreißen vermag.“ „Gewiß iſt Lachen ein trefliches Ding, doch ich wünſchte Rath—“ „Rath, ſicherlich ſollen Sie den haben; nur erſt mein herzliches Lachen, dann folgt hinterher geſunde Beurtheilung. Der Scherz in eines Menſchen Gemüth gleicht dem Schaume des Champagners, er giebt dem Lebenstrunke durch ſeine Leichtigkeit und ſein Sprudeln Würze, ohne dem Getränke Duft oder Kraft zu nehmen. Wenn ich aufſchäume, iſt nicht zu erwarten, daß ich in den nächſten vierundzwanzig Stunden nüchtern niederſchlage, ich bitte Sie, den Namen Rooney heute nicht wieder zu nennen, wenn Sie wollen, daß ich mein Anleihegeſchäft mit gebührendem Ernſte betreibe.“ 3 Während wir die Damenſtraße hinabgingen, begann er mir wiſſfenſchaftlich die verſchiedenen Arten des Geldborgens auseinander zu ſezen. — 125— „Von ſolchen Fällen, wo der Borgende Ländereien, oder irgend Eigenthum, oder auch nur Ausſichten dazu beſizt, rede ich nicht, weil ſie der gewöhnli⸗ chen finanziellen Rechenkunſt zufallen. Anders ſind eines Mannes Schwierigkeiten, gegen den ſo viele Verſchreibungen laufen, daß ſein Schlafzimmer damit ausgelegt werden könnte, und der dennoch, wenn er Morgens mit leerer Taſche ausgeht, Abends mit gefülltem Beutel heimkehren kann. Die Grundlehren der Jagdkunſt eignen ſi ich wun⸗ derbar für ſolche Geſchäfte. Das Gewehr gut geladen, wenn möglich ein Doppellauf⸗ Gang, ſo bin ich vorbereitet— er zog aus ſeiner Säbel⸗ taſche fünf Wechſel, jeden für hundert Pfund— „das Wildprett mag jeden Augenblick auffliegen, wiewohl ich nur um ein Geflügel— nemlich um hundert Pfund,— ausging, mag mir doch zum Glück ein Rudel aufſtoßen— da bin ich fertig für Alle. Die Zufallslehre ſagt uns, fünf zu eins ſey beſſer als gleicher Wettſaz— wenn ich alſo dieſe fünf Wechſel in verſchiedenen Richtun⸗ gen ausbreite, ſo iſt die Wahrſcheinlichkeit größer für mich, trgendwo ein hundert zu erhalten.— Mit den reichen Gehegen in Clareſtreet, Park⸗ ſtreet und Merriorſtreet habe ich leider nichts zu verſuchen. Meine Aecker ſind lange ſchon verflo⸗ gen, Mount O'Grady, wie es jezt iſt, wäre — 126— ſchlechtes Aufhülfemittel für eine leere Taſche. Reiche Geldverleiher verachten arme Teufel wie ich bin, ſie wollen Grundſtücke, Pachtgüter, Au⸗ ßengebäude, Stadtländereien und Torfmoore, Korn, Vieh, Bauerhütten, Schweine, Kartoffeln, Bauern⸗ ſtand. Eine andere Art von ihnen bewegt ſich in demüthigerem Spielraume, im geringeren Wir⸗ kungskreiſe, dieſen mag man gelegentlich des Groß⸗ vaters Silberzeug, der Großtante Gemälde ver⸗ pfänden. Sie haben hübſche Häuſer, deren Aus⸗ ſtattung unaufhörlich wechſelt, weil jeder Schuld⸗ ner das Seinige als Stellvertreter hinſchickt; mit dieſen habe ich auch nichts zu thun. Meine Fa⸗ milie hatte in zwei Generationen ſo wenig zu eſſen, daß ſie ſich um ſilberne Geräthe nicht küm⸗ merte, und von Gemälden beſize ich in der Welt nur das meines Vaters in Perrücke und Ge⸗ wand. Dies kann ich außer andern Gründen ſchon deshalb nicht entbehren, weil es das einzige Mittel iſt, Corney im Zaume zu halten, wenn ſeine Widerſpenſtigkeit unleidlich wird. Bei ſol⸗ chen Veranlaſſungen hänge ich den„Richter“ über den Kamin, und dieſer Talisman wirkt immer. — Meine Zunft lebt um Fleetſtreet in den um⸗ liegenden, engen, dunkeln, kothigen Durchgängen, die nach alien Seiten daraus abzweigen. Da lebt eine Klaſſe von Menſchen, die ihr Leben als Diener oder Knechte von uns begann, alle unſere Gewohnheiten, Bedürfniſſe und Erforderlichkeiten deshalb genau kennt. Durch kleine Beraubungen in unſerm Dienſte erwarben ſie genug, um ein geringes Schenkhaus oder Miethſtall zu begrün⸗ den, ſie enden, um damit uns im großen durch das Darlehn unſers eigenen Geldes zu ihnen beliebigem Zinsfuße zu verderben. Sie wiſſen, daß wir endlich zahlen müſſen, wie ſehr wir auch aufſchieben und als genügſame Seelen ſind ſie zu⸗ frieden, unſere Wechſel gegen fünfundzwanzig bis vierzig Procent zu erneuen und wieder zu er⸗ neuen. Trozdem ſind ſie ſchwierige Teufel, um mit ihnen zu verhandeln; der mindeſte Anſchein von Noth oder dringendem Bedürfniß macht die Unterhandlung im höchſten Grade ſchwer. Wer zu ihnen geht, muß ſeine Noth dahin ſtecken, wo ſein Geld ſtzen ſollte, in die Taſche, muß das ungezwungene Lächeln glücklicher Gewiſſensruhe zeigen, von den geſuchten Paar hundert Pfund ſprechen, wie von einer Priſe Tabak oder Glas Branntwein und Waſſer, muß ihre übertriebenen Forderungen mit der ſorgloſen Gleichgültigkeit ei⸗ nes Menſchen bewilligen, dem Geld kein Gegen⸗ ſtand iſt. Dies ſcheint arger Zwang und ſo be⸗ trachtete ich es anfangs, jezt bin ich daran ge⸗ wöhnt, und zuweilen mißfällt mir der Scherz gar — 128— nicht. Ich habe viele Erfahrung darin, und weiß die Zeit, in der ich mein Taſchentuch nicht ziehen konnte, ohne einen Schuldbrief mit hervorzureißen⸗ nie war ich beſſerer Laune. Hier wohnt Belly Fagan, ein wohl gekannter Einſalzer. Sie wer⸗ denim Vorgemache ein wenig auf mich warten, während ich mit ihm abmache. Wir bahnten unſern Weg durch ein jämmer⸗ lich ausſehendes Volksgedränge in der ſchmalen Halle, drangen zu einer innern Thür mit Gitter⸗ getäfel, welches denen, die darinnen waren, ge⸗ ſtatteten, mit den außen Stehenden zu ſprechen. O'Grady klopfte darauf und ſprach ein mir un⸗ verſtändliches Wort, ſogleich flog das Getäfel zu⸗ rück, ein rothes Karfunkelgeſicht zeigte ſich und ſprach mit bedeutſamen Grinſen: „O Sie ſind's, Captain?— Treten Sie ein.“ Die Thür wurde geöfnet, auch in dieſem Zimmer waren viele Menſchen, doch einer andern Klaſſe angehörend. Sie waren dem Anſcheine nach Geſchäftsleute, Ladenkrämer und Händler, die durch augenblickliche Verlegenheit gedrängt eine Anleihe ſuchten um ihren ſchwankenden Cre⸗ dit durch Vernichtung ihrer Wohlfahrt zu ſtüzen. Sie ſchienen beſchämt, blickten ungeduldig zur Seite und verriethen deutlich, wie wenig ſie an — 129— ſolchen Nothzuſtand gewöhnt waren. O'Grady ſprach einige Augenblicke mit dem rothköpfigen Cerberus, winkte mir dann ihm zu folgen. Eine ſchmale, knarrende Treppe führte uns zu einem obern Zimmer, in welchem etwa ein Duzend Perſonen in jeder denkbaren Stellung müßigen Weilens ſaßen oder lagerten. Sie waren ſämmt⸗ lich junge Leute, deren Anzug, Benehmen und Ausſehen ſie als den höhern Ständen angehörend bezeichnete. Munter plauderten ſte, lachten, ſcherzten, erzählten Geſchiehten, ſchienen die Um⸗ ſtände wenig zu beachten, welche ſie herführten; ſte neckten einander mit ihren Schulden und Ver⸗ legenheiten, bezeichneten Geldmangel als den be⸗ ſten Scherz, den ein Gentleman belachen könne. O'Grady ward mit allgemeinem Jubel von ihnen empfangen. „Wir zählen heute ſtark,“ rief einer, nich hoffe, Fagan's Bank wird den Zudrang aushal⸗ ten. Welche Zahl haben Sie?“ „O, ein Paar Hundert!“ antwortete O'Grady nachläſſig,„ich habe ein ſchweres Buch für das Kirchthurmrennen.“ „Das hör' ich,“ bemerkte ein Anderer— „und man ſagt, Uleih Burke will für Sie nicht reiten, er weiß, daß außer ihm Niemand das Pferd behandeln kann, und Maher, heißt es, hat 6 ½ — 130— hm Hundert und Funfzig gezahlt, um Sie in die Klemme zu ſezen.“ „Wie gut das!“ ſprach O'Grady lachend⸗ denn wiewohl dieſe Kunde ihn ganz unerwartet traf, verrieth er doch nicht die mindeſte Ueberra⸗ ſchung, kein Erzürntſeyn., „Sie werden Reugeld zahlen, nicht wahr?“ „Ich meine nicht.“ „Wenn das iſt, wollen Sie zwei Funfziger zu einem gegen Ihr Pferd nehmen?“ „Wollen Sie die geben?“ war ſeine kalte Erwiederung. „Ja,— und ich— ich ebenfalls,“ riefen verſchiedene Stimmen im Zimmer. „Gehalten, Ihr Herren, mit Ihnen Allen, wir wollen es alſo buchen. Haben Sie einen Bleiſtift, Jack?“ Ich zog mein Taſchenbuch und flüſterte ihm zu, ſeine Gegner ſchienen gegen ihn im Bündniß zu ſeyn.— Das rothe Geſicht erſchien an der Thür, O'Grady murmelte haſtig:„warten Sie hier auf mich,“ und ging hinaus.— Während er fort war, ſprachen die Andern in offenherzigſter Weiſe von ihren Verlegenheiten, alle ihre Geſchichten zeigten übereinſtimmend, un⸗ überlegten Aufwand, vergeudendes Wegwerfen bei beſchränkten Mitteln und verſchuldeten Gütern; — 131— nachdem ſie alle Staffeln des Geldborgens durch⸗ gemacht hatten, war ihr leztes jezt dem Wuche⸗ rer in die Hände zu fallen, der ihre Verſchwen⸗ dung noch einige Monate friſten konnte, um ſie manchem ſpätern Jahre der Reue und des Kum⸗ mers Preis zu geben. O'Grady kam zurück, wir gingen die Treppe hinab, auf der Straße fragte er mich: „Lieben Sie geſalzene Heringe, Jack?“ „Geſalzene Heringe, was meinen Sie damit?“ „Wahrſcheinlich ziehen Sie Eſchen⸗Borke vor, oder Aſſafoedita,“ ſagte er eben ſo trocken, und als ich verneinte, ſezte er hinzu:„Sie ſind ſchwer zu befriedigen, was ſagen Sie zu Wal⸗ fiſchthran und Welſchen Perrücken?“ „Verwüuſcht, wenn ich Sie verſtehe.“ „Und doch iſt nichts leichter, alle dieſe Waa⸗ ren beſize ich jezt zum Werthe von zweihundert⸗ und zwanzig Pfund. Sie ſcheinen erſtaunt, aber ſo geht das Geſchäft hier; für meinen Wechſel von fünfhundert Pfund, zahlbar in ſechs Mona⸗ ten, bin ich Händler in genannten Artikeln gewor⸗ den, ohne noch von achtzig mehr zu reden, die ich für ein gewiſſes Gig und Pferd zahle, wel⸗ ches allgemein in der Stadt unter dem Namen des Diskonto Dennet bekannt iſt. Schon zum zehnten Male bin ich nun des kläglichen Fuhr⸗ — 132— werkes Beſtzer, denn Fagan ſtreckt nie eine gute runde Summe vor, ohne ſo etwas einzubedingen. Das Disconto Dennet iſt ſo bekannt in der Stadt, wie der ſchwarze Karrn, der die Gefan⸗ genen nach Newgate bringt. Wer darin fährt, wird ſo ziemlich einem ſolchen gleich geachtet; es hat das allerbettelhafteſte Ausſehn, man kann ſich nicht einſezen, ohne dadurch zu zeigen, daß man den Weg zum Verderben trabt. Wer einmal dar⸗ in geſehn wurde, dem iſt, als hätte er am Hals⸗ eiſen geſtanden, ſein Credit für immer gebrochen.“ „Dann ſteigen Sie nicht ein, laſſen Sie es, wenn Sie's nehmen müßten, als reinen Verluſt gelten, gleich den geſalzenen Heringen und den andern Dingen.“ „Die Sache iſt, es wird gemeiniglich einem Unerfahrenen in die Hände geſpielt, der zum er⸗ ſten male Geld borgt, der weiß nichts von der Stadt, noch von deren heimlichen Umtrieben, und er findet ſeinen begangenen Irrthum erſt aus, nachdem er ſeinen Bekannten lange zum Geläch⸗ ter diente;— auch iſt man zuweilen in Noth, um ein Fuhrwerk zu bekommen. Ich erinnere mich, daß ich es einen ganzen Winter hielt, weil ich Latitat alle Morgen als Schecken malen und die Beine weißen ließ, wurde er von Wenigen erkannt, die ſeine nähere Bekanntſchaft nicht frü⸗ — 133— her erkauft hatten. Sie werden nicht lieben, mit mir zu fahren, nachdem ich Ihnen dies ſagte, weil ich aber nach Longhrea zum Rennen wlllb, habe ich beſchloſſen, das Dennet mitzunehmen, und zu verſuchen, ob ich unter den Land⸗Gentle⸗ man nicht einen Käufer dafür finde. Nun aber denken wir an unſer Mittageſſen. Was ſagen Sie zu einer Cotelette im Klub? Vielleicht finden wir da etwas auf, um unſern Abend hinzu⸗ bringen.“ — 134— Thles Spapilel. Wir ſpeiſten im Klubhauſe, ſaßen bis gegen zehn Uhr bei unſerm Wein; den Hauptgegenſtand unſers Geſpräches gaben dieſes Morgens Vor⸗ gänge. Die Zeit verging uns raſch; mit einer Kräftigkeit im Ausdrucke und einem Ernſt im Weſen, welche ich bisher nicht von ihm vernom⸗ men hatte, erzählte O'Grady mir manche Anek⸗ doten ſeines frühern Lebens, aus denen ich folgern konnte, daß O'Grady, obwohl er ſich vom Strome der Verſchwendung und Ausſchweifung hinreißen ließ, doch im Herzen das Leben, welches er führte, mißbilligte, in Augenblicken der Ueberlegung das Vergangene beklagte und für die Zukunft nur ge⸗ ringe Hofnung nährte. Eine Erzählung hintereinanderfolgender Fa⸗ 4 4 milien⸗Unfälle beſchloß er mit dem Worten:„Ja, Jack— in dieſen Dingen ſcheint Beſtimmung zu walten; ſchauen wir um in der Welt, ſo müſſen wir gewahren, daß Familien ganz ſo wie Indi⸗ viduen ihrem knospenden Frühling der Jugend und Hofnung, ihre Mannhaftigkeit des Stolzes und der Macht, dann ihr Alter der Schwäche und Hinfälligkeit haben. Ich bin ziemlich der lezte Aſt eines alten Baumes, mein ganzes Beſtreben war, grün und heiter bis zum lezten Augenblicke zu ſcheinen. Schulden hingen mein ganzes Le⸗ ben hindurch an meinem Halſe, die Ausſchwei⸗ fungen meiner Jugendjahre laſteten gleich Mühl⸗ ſteinen auf mir, ich, der ich die Welt mit hof⸗ nungsvollem Herzen, mit einer von Ehrgeiz er⸗ füllten Seele begann, habe auf meinem Pfade gezögert wie ein faullenzender Schulbube; hier bin ich jezt im drei und dreißigſten Jahre ohne irgend eine der Verheißungen meiner Jugend verwirklicht zu haben, der ärmſte aller ordentlichen Weſen— ein Gentlemen ohne Vermögen— ein Soldat ohne Dienſt— ein thatkräftiger Mann ohne Hofnung.“ „Aber wie kommt's, Phil,“ ſagte ich,„daß Sie niemals zur Halbinſel abgingen?“ „Ach, lieber Freund, von einem Jahre zum andern erwartete ich meine Anſtellung in einem d. — 436— dienſtthuenden Regimente— zu arm, um Rang zu kaufen, zu ſtolz, um darum zu bitten, habe ich in ängſtlicher Erwartung deſſen gelebt, was einige von denen für mich thun würden, mit denen ich, ſo hoch ihr Stand im Leben war, doch in Ver⸗ hältniſſen der Vertraulichkeit und Freundſchaft lebte— und die Andern, welche ſie weniger als mich kannten, Beweiſe ihrer Aufmerkſamkeit gaben; aber es ſcheint meine Gemüthsart, die anſchei⸗ nend meine Glückſeligkeit begründet, hat ſich als mein Fluch erwieſen. Eigenſchaften, die mich zum treflichen Gefährten machten, ließen mich Bettler werden. Von einem Vicekönig zum Andern über⸗ tragen, gleich wie Staats⸗Trompeter oder wie eine Pipe Keres, habe ich meine beſten Jahre als eine Art von Hofnarr verbringen müſſen; mein einziger Lohn iſt nach vorübergegangener Stunde der Fröhlichkeit, daß diejenigen, die mit mir lachten, nun über mich lachen.“ Er ſprach dieſe Worte faſt im Tone wilder Entrüſtung, ſeine zitternde Lippe, ſein funkelndes Auge, die geſchwellten Adern ſeiner Stirn ver⸗ riethen, daß die bitterſte aller menſchlichen Stim⸗ mungen— Selſtverachtung,— ſein innerſtes Herz folterte. Eine Weile ſchwiegen wir Beide, hätte ich auch gewußt, was ich in ſolch einem Augenblicke ſagen ſollte, ſo zeigte mir ſein troſt⸗ — 137— loſer Ausdruck, ſein Blick feſtgehefteter Ver⸗ zweiflung, daß alle meine Verſuche ihn zu tröſten vergeblich, thörichte Anmaßung ſein würden. Er füllte ſein Glas, ſchob mir die Karaffe zu und hob wieder an:— ‚aber kommen Sie, Jack, ich habe gelernt wenig Vertrauen in Gön⸗ ner zu ſezen; wiewohl es lange dauerte bis ich zu dieſer Einſicht gelangte iſt ſie mir doch end⸗ lich geworden, und ich bin entſchloſſen ſie zu be⸗ nuzen. Ich bemühe mich jezt etwas Geld auf⸗ zutreiben, um die drängendſten meiner Gläubiger abzubezahlen, und habe ein Geſuch an die Horſe Guarde gerichtet, um in irgend einem Regimente, wo es immer ſeyn mag, angeſtellt zu werden. Wenn mir Beides gelingt, und es iſt nöthig, daß Beides gelinge, alsdann, Jack, will ich eine neue Bahn verſuchen; ſollte ſie auch zu nichts führen, wird es mindeſtens männlich ſeyn ihr zu folgen, und ſollte ich bis zu dem Zeitabſchnitte mein Leben fort kümmern, in welchem uns faſt nichts anders als der Rückblick bleibt, nun dann wird dieſer Rückblick minder durch Schande bezeichnet ſeyn, als mein jeziger Lebenslauf. Die Karaffe iſt bei Ihnen, füllen Sie Ihr Glas, ich komme gleich wieder zu Ihnen.“ Damit ſprang er auf, ging zum andern Ende des Zimmers, wo eine Geſellſchaft von etwa ſechs Perſonen Oberröcke anlegte und ſich zum Fort⸗ gehen bereitete. Sogleich hörte ich ſeine laute Stimme unter ihnen, den fröhlich klingenden Ton, der eines glücklichen Herzens Geläute ſchien, eine von ihm gemachte Bemerkung verſezte alle Um⸗ ſtehenden in krampfhaftes Gelächter. Einen der⸗ ſelben zog er auf die Seite, ſprach einige Se⸗ kunden recht lebhaft zu ihm und zeigte dabei auf mich. Als er ſich abwendete ſagte er laut:„Ich danke Ihnen, mein Lord, für meinen Freund ſtehe ich ein.“ Dann lehnte er über meine Schulter und flüſterte mir zu:„nun, Hinton, wir ſind heute Abend im Glück, ich habe ſo eben die Erlaubniß bekommen, Sie dahin mitzubringen wo ich den Abend zubringe,— die Gunſt iſt nicht klein, wenn Sie alles wüßten.— Aber trinken Sie Ihren Wein, denn meine Freunde dort gehen ſchon.“ Meine Bemühungen, zu erfahren wohin, oder zu weſſen Hauſe wir gingen, waren vergebens, nur das konnte ich erfahren, meine Zulaſſung ſey eine wunderbare Gunſt— meine Zweifel in Be⸗ treff des Anzuges hob er durch die Verſicherung, daß kein Kleiderwechſel nöthig ſey. Er zog den Vorhang zurück, blickte durchs Feuſter auf die Straße und ſagte:„es iſt ſchöne, ſternhelle Nacht, was meinen Sie, wenn wir zu Fuße gingen? 139— Gleichwohl muß ich Ihnen ſagen, daß der Ort meiner Zuſammenkunft ziemlich entfernt iſt.“ Gern war ich damit einverſtanden, nahm ſeinen Arm und wir gingen. Zuerſt führte unſer Weg durch den gedrängteſten, beſuchteſten Theil der Hauptſtadt, durch die Damenſtraße gingen wir dem Schloſſe vorbei und eine ſteile Straße hinter dieſem hinauf, dann wendeten wir uns links zu einem Stadttheile, der uns bis dahin durchaus unbekannt war, ſo gingen wir eine halbe Stunde bald rechts, bald links abbiegend; allmählig wur⸗ den die Straßen enger, weniger betreten, ſchlechter erleuchtet, die Laden ſchon alle geſchloſſen und nur noch wenige Wanderer ſichtbar. O'Grady fürchtete ſich geirrt zu haben, fragte einen Nacht⸗ wächter nach der Kevinſtraße, dieſer bezeichnete ſie uns, wir erreichten ſie bald, und mit den Worten:„alles richtig, hier ſind wir,“ klopfte O Grady in eigenthümlicher Weiſe drei Mal auf die Thüre eines großen, düſter ausſehenden Hau⸗ ſes. Nur eine ſchlecht brennende Lampe warf ihren flackernden Schein auf das alte, verfallende Gebäude, das troz der durch die Zeit hervorge⸗ brachten Verwitterung Spuren beſſerer Tage verrieth. Die Fenſter waren jezt beſchädigt und zerbrochen, die des untern Stockes außerhalb durch ſtarke Eiſengitter geſchüzt, im ganzen Hauſe ge⸗ — 140— wahrte man kein Licht. O'Grady wiederholte ſeine Aufforderung zwei Mal, bis endlich ſchwe⸗ rer Fußtritt auf der niedern Treppe gehört wurde. Weil er nicht ſprach und aus unſerm Beſuche Ge⸗ heimniß machen zu wollen ſchien, fragte ich nicht, ſondern wartete geduldig; das Haus machte auf mich den Eindruck als müſſe es eine Diebeshöhle oder Sammelplaz ungeſezlichen Vereines ſeyn, die in damaliger Zeit in der Hauptſtadt vielfach ver⸗ breitet waren. Die Thüre ward geöfnet, ein zwerghafter, ärmlich ausſehender alter Mann ſtand im Eingang, beſchattete mit der Hand ſein Licht. „Guten Abend Mikey,“ ſprach O'Grady, ſtürmte ihm vorbei in's Haus,—„ſind ſie ge⸗ kommen?“ „Ja, Captain,“ ſprach der Kleine, den langen Docht mit den Fingern ſchneuzend und ihm das Licht vorhaltend—„etwa funßzehn. 4 „Dieſer Herr iſt mit mir, kommen Sie, Jatk — es iſt mein Freund, Mikey.“ „Ach, ich kann's durchaus nicht zugeben, Herr Phil,“ ſagte der Zwerg, mir den Eingang wehrend—„Sie wiſſen was erſt geſtern Abend geſagt wurde,“ hier flüſterte er einige Worte, die ich nicht verſtand, ſagte dann:„darnach wiſſen Sie, Captain, ich darf's nicht wagen.“ — — 141— „Ich ſage Euch, alter Narr, daß ich Alles eingerichtet habe, alſo voran leuchtet uns die ver⸗ wünſchte Treppe hinauf, ich vermuthe, das Loch im Vorplaze iſt noch nicht ausgebeſſert.“ „Gewiß nicht,“ brummte der Zwerg,„und's wird doch wohlfeiler für ſie ſeyn, als ſich jeden Abend die Schienbeine zu zerbrechen.“ Ich folgte O'Grady die Treppe hinauf, die bei iedem unſerer Schritte knarrte und niederbog, die an manchen Stellen zerbrochene Handhabe ſchwankte bei jeder Treppenbewegung hin und her, die Wände waren mit grünem Schimmel und feuchtem Auswuchs belegt, zeigten Elend und Verfall. Der kleine alte Mann watſchelte im⸗ mer noch murrend, huſtend und abwechſelnd flu⸗ chend vor uns auf, bis wir zum Vorplaze kamen, auf welchem das vorerwähnte Loch den Anblick in die untere Halle geſtattete; wir gingen weiter zu einem großen Gemache, durch eine Lampe auf dem Kamin⸗Geſimſe erleuchtet, an den Wänden umher hingen eine Menge unſcheinender Mäntel von heller, gelbgrauer Farbe, und über jedem der⸗ ſelben eine kleine gelblederne Schädelkappe. „Hört Ihr nicht das Klopfen, Mickey? da iſt Jemand an der Thüre,“ ſagte O'Grady. Der kleine Mann verließ das Zimmer; jezt erwartete ich Aufſchluß von O'Grady, doch dieſer begnügte ſich, ſtillſchweigend einen der Mäntel vom Haken zu nehmen und ſich darein zu hüllen, dann ſezte er die Schädelkappe auf den Kopf, bedeckte alles mit der Mantelkappe, befeſtigte das Ge⸗ wand mit einem Stricke um ſeinen Gürtel und ſtand vor mir, genau wie das Bild eines Bene⸗ diktiner Mönches auf alten Gemälden; die ein⸗ zige Abweichung im Anzuge war, daß am Leib⸗ ſtricke, anſtatt des Roſenkranzes, ein Korkzieher und ein ungemein großer Horn⸗Löffel befeſtigt hing. „Komm, mein Sohn,“ ſprach er andächtig, „kleide Dich in Dein Gewand,“ dabei umgab er mich mit eben einem ſolchen Mantel und betrach⸗ tete mich einige Sekunden.„So wird's recht gut gehn, die Mantelkappe gut vorgezogen, und bemerken Sie, Jack, nur eine Weiſung habe ich zu ertheilen— ſo lange Sie im Hauſe weilen, ſagen Sie kein Wort, nicht einmal eine Sylbe; werden Sie angeredet, dann kreuzen Sie Ihre Arme ſo über die Bruſt, und neigen den Kopf in dieſer Weiſe. Verſuchen Sie das— vor⸗ treffich— Sie empfingen Ihre Unterweiſung, und vergeſſen Sie ſelbige nicht.“ Mit gekreuzten Armen und leicht vorgeneig⸗ tem Haupte ging O'Grady langſam mit einem feierlichem Ernſte weiter, der ſeiner Kleidung pöllig * — 143— entſprach. Ich ahmte ihm nach ſo gut ich ver⸗ mogte, wir gingen die Treppe hinauf. Auf dem obern Vorplaze klopfte er zwei Mal mit den Knöcheln auf eine niedere Thüre, deren Spiz⸗ bogen und Eiſengitter dem Anſehn einer Kloſter⸗ pforte glich. „Benedicite,“ fagte Phil in leiſem Tone. „Et tu duoque, frater,“ antwortete Je⸗ mand im Innern, dann ward die Thüre geöfnet. Wir begrüßten eine ehrwürdige Geſtalt, die mit langem, grauem Barte ſieh fromm verbeugte als wir vorbeigingen, und traten in ein Gemach, wo ich wegen des plözlichen Wechſels gegen alles bis⸗ her geſehene, meinen Augen nicht trauen wollte. Wenig erwartete ich ein behagliches, gut mit Teppich ausgelegtes Zimmer, Vorhänge an den Fenſtern, gepolſterte Seſſel und ein flammendes Holzfeuer im Kamin zu finden, doch meine Auf⸗ merkſamkeit ward ſogleich noch mehr auf die lebendigen Bewohner dieſer ſonderbaren Behau⸗ ſung gerichtet. Etwa funfzehn oder ſechszehn Perſonen, genau ſo gekleidet, als wir waren, ſchritten miteinander im Geſpräche auf und ab, oder ſaßen in kleinen Haufen am Feuer. Spiel⸗ tiſche ſtanden in mehren Theilen des Zimmers bereit, doch nur einer davon war beſezt, die ehr⸗ würdigen Väter ſpielten geſchäftig Whiſt. In der Ecke zunächſt dem Feuer ſaß in einem großen geſchnizten Eichen⸗Seſſel eine Ge⸗ ſtalt, deren Ausſehen und Haltung höhere Wür⸗ de verkündete; in ſeiner Kleidung unterſchied ihn von den übrigen nur ein großer geſtickter Kork⸗ zieher auf der linken Schulter befeſtigt. „Heiliger Prior, Deinen Segen,“ ſagte Phil, ſich ehrfurchtvoll verbeugend. „Du haſt ihn, mein Sohn, mag er Dir viel Gutes bringen,“ antwortete der Obere in einer Stimme, die mir nicht durchaus ungekannt ſchien. O'Grady begann eine leiſe geflüſterte Unterredung mit ihm, ich betrachtete ein großes Papier, wel⸗ ches über dem Kamine aufgehängt, die Inſchrift trug:„Regeln und Anordnungen im Kloſter der ehrwürdigen und frommen Brüder, der Mönche von der Schraube— zu beobachten.“ Ich meinte es würde unzart von einem Fremden ſeyn, die Anordnungen einer Geſellſchaft zu leſen, deren Mitglied er nicht war und wendete mich ab, als O'Grady mich am Arme erfaßte, mir in's Ohr ſagte:„bedenken Sie Ihre Unterweiſung,“ und dann laut hinzuſezte:„Heiliger Vater, dies iſt der Layen⸗Bruder, von dem ich ſprach.“ Der Prior verbeugte ſich mit Würde, ſtreckte mir die Hand entgegen, um mir den Segen zu ertheilen und ſprach:„Accipe benedictionem—“ „Das Abendeſſen bei Lord Heinrich!“ rief hinter mir eine fröhliche Stimme, und die ganze Verſammlung gerieth in Bewegung. Der Prior endete ſeine Anrede nicht, zerrte ſein Gewand empor und ſtellte ſich an die Spize des Umzuges, der ſich zu zweien geordnet marſch⸗ fertig geſtellt hatte. Zwei Geiger im Speiſezim⸗ mer begannen nach kurzem Vorſpiele des Ordens Feyer⸗Geſang, nach einer ſehr beliebten Volks⸗ melodie. Im abgemeſſenen Tritte ging es zum Speiſezimmer, einmal ward die Tafel umgangen, dann auf ein Zeichenſpiel der Geiger nahm jeg⸗ licher Gaſt ſeinen Siz, der Superior am obern Ende der Tafel in einem etwas erhöheten Staats⸗ ſeſſel. Ein kurzes Lateiniſches Dankgebet wurde geſprochen, welches unglücklicherweiſe' nicht deut⸗ lich zu meinen Ohren drang, darauf ging's an's Eſſen. Wie immer die Thaten der alten Mönche geweſen ſeyn mögen, wenn die Glocke zum Re⸗ fectorium berief, ſo viel iſt gewiß, daß ihre de⸗ müthigen Nachfolger, die Mönche von der Schrau⸗ be, ihnen keine Schande machten. Ein Reich⸗ thum von Schüſſeln bedeckte den Tiſch; wiewohl die ganze Anrichtung auf hölzernen Geſchirren und ſämmtliches Geräth der allereinfachſten und ſchlichteſten Art war, bewies ſich die Kochkunſt doch wunderbar gut, und die Weine waren Jack Hinton. Erſter Band. 7 — 146— in hoͤchſter Vortreflichkeit. So lange das Eſſen dauerte, wurde kaum ein Wort geſprochen. Durch geſchickte Anwendung von Zeichen, mit denen Alle ganz vertraut ſchienen, flogen gebratene Enten, Hummer, Paſteten und Gelées von Hand zu Hand; auch die Weinkaraffen gingen mit einer Raſchheit und ſchnellen Beſeitigung des Inhaltes, wie ich ſie ſelten ausgeführt ſah, am Tiſche auf und ab. Bei dem allen beobachteten die frommen Brüder ein ſchweigſames Benehmen, welches den Trappiſten ſelber Ehre gemacht haben könnte. Mein Staunen und meine Neugierde wuchſen mit jedem Augenblicke. Wer konnten ſie ſeyn? Was konnten ſie beabſichtigen? Ihr ganzes äußeres Weſen zeigte zu viel Scherzhaftes, um annehmen zu können, daß eine politiſche Geſell⸗ ſchaft oder gefährliche Verbrüderung ſich unter die⸗ ſem Gewande verberge; war aber Geſeligkeit und brüderlicher Verein beabſichtigt, ſo dünkte mich natürlich, ſie wählten den ſonderbarſten Weg zu deren Verbreitung durch ihr ungebrochenes Schweigen und ihr ernſthaftes Benehmen. Zulezt ward das Abendeſſen beſchloſſen, zwei dienende Brüder des Ordens, in eine Art grauer Wollſerge gekleidet, trugen die Schüſſeln ab, dann erſchien nach feierlichem Muſiktone einherſchrei⸗ tend ein anderer Mönch, der eine gewaltig große — 147— irdene Schale bis an den Rand mit dampfendem Punſch gefüllt hereintrug— mindeſtens verkün⸗ deten der Geruch und die ſchwimmenden Zitronen⸗ ſtücke dieſes Getränk. Jeder Bruder ward mit einem kleinen, drollig geſtalteten Topfnapfe ver⸗ ſehen; die dienenden Brüder gingen dann hin⸗ aus, ließen uns in tiefem Schweigen wie zuvor. Dies dauerte einige Sekunden, da gaben die bei⸗ den Geigen plözlich einen lauten Aufſtrich, jeder Mönch ſprang auf ſeine Füße, warf die Mantel⸗ kappe zurück, verbeugte ſich gegen den Prior und und ſezte ſich wieder. So plözlich geſchah dieſe Be⸗ wegung und ſo unerwartet war ihre Wirkung, daß ich ſie einige Augenblicke für einen Traum hielt. Wie ward ich überraſcht, wie höchlich ſtaunte ich zu ſehen, daß dieſe Diebeshöhle, dieſe Raub⸗ Spelunke, dieſe geheime Berathung von Auf⸗ wieglern, nichts mehr noch minder war, als eine Verſammlung faſt aller der ausgezeichnetſten Män⸗ ner Irlands in jenen Tagen; als mein Auge die Geſellſchaft überſchaute, ſah ich den Ober⸗ richter der Schazkammer mit einem ehrwürdigen Beamten von St. Patrik zu ſeiner Nechten; da war der General⸗Advokat, der Probſt des Drei⸗ einigkeit⸗ Collegiums; weiter herab, mit der Schä⸗ delkappe munter auf ein Ohr geſezt, ſaß Wellesley Pole, der Staats⸗Sekretair, ferner Yelverton, 7 — 148— Day, Plunket, Parſons, Toler, mit einem Worte, Alle waren da, deren Namen ſchon Bürgſchaft leiſteten für alles glänzende, wizige und beluſti⸗ gende; vorſcheinend unter ihnen war der Prior ſelber kein anderer als John Philpot Curran! Mein raſcher Ueberblick der Geſellſchaft war kaum beendet, als der Superior ſeinen Topfnapf aus der weiten vor ihm ſtehenden Schale füllte, auf⸗ ſtand um das Wohl des Ordens auszubringen. Die Worte vermag mein Gedächtniß nicht wie⸗ der zu geben, nur ihr Eindruck iſt mir geblieben. Die etwa zehn Minuten dauernde Anrede war eine Art von Verſpottung gehaltener Thron⸗ reden, beſchrieb in würdigen Ausdrücken den blü⸗ henden Zuſtand der Begründung, deren freund⸗ ſchaftliche auswärtige Beziehungen, die vielverhei⸗ ßende Beſchaffenheit ihrer Finanzen— da Bruder Yelverton die ſeit mehr als zwei Jahren ſchuldigen zwei Schillinge und Sirpence nunmehr eingezahlt habe— der Schluß ſprach die Hoffnung aus, daß durch ſtrenge Sparſamkeit, die zum Theil dadurch erzielt würde, Bruder John Toler auf zehn Topf⸗ näpfe voll zu beſchränken— es ihnen bald mög— lich werde die vorgeſchlagenen Gränzwerke zu be⸗ ſchaffen, und die Summe von vier Schillingen und neun Pence zur Ausbeſſerung des Vorplazes zu verwenden; eine feurige Lobrede ward allen 149— klöſterlichen Begründungen im allgemeinen geſpen⸗ det, der ganz beſondern Würdigung und einſtim⸗ migen Belobung aber die„Mönche von der Schraube“ empfohlen. Nie entſchädigten ſich Menſchen beſſer für ihr bisheriges Schweigen, als nun die gedachten würdigen Brüder. Sie jubelten mit einer Kraftfülle wie ich nie derglei⸗ chen gehört hatte, jeder von ihnen leerte ſeinen Topfnapf und hatten kaum noch Stimmkraft ge⸗ nug um den Ordens⸗Geſang zu fordern. Der Prior winkte den Geigern dieſen zu beginnen, räusperte ſich und ſang nach der einfachen aber rührenden Melodie des Volksliedes, welches bei unſerm Einzuge geſpielt worden, das Lied vom „guten Glück der alten Mönche.“ Nach beendigten vier Strophen des Liedes ward den Brüdern von der Schraube ein neues Hoch gebracht, die Topfnäpfe wieder gefüllt und nun brach die ſo lange eingezwängte Unterhaltung von allen Seiten in ihrer ganzen Fülle aus. Man hörte nichts als Scherz, Wiz und Fröh⸗ lichkeit. Hier waren nicht nur alle glänzende Geiſter des Tages, ſondern ſie begegneten ſich hier nach Beſtimmung vorbereitet zum Kampfe, gewappnet zum Gefechte. Sicherlich erlebte man nie ein ſolches Turnringen von Wiz und Geiſtes⸗ glanz. Gute Geſchichten ertönten ringsum; Scherze, — 150— Entgegnungen, Epigramme flogen wie Wetter⸗ leuchten; kaum hatte man Zeit einen ſchimmern⸗ den Glanzpunkt zu erfaſſen, als ſchon ein ande⸗ rer folgte. Aber wie armſelig, fade und mager iſt das Beſtreben, den Wiz zurückzurufen, welcher die gan- ze Tafel in ſchallendes Gelächter brachte. Nicht nur iſt das Gedächtniß unzulänglich, ſondern es bleibt durchaus unmöglich dieſes unaufhörliche Hinrollen von Scherzen, den Hagelſturm von Anſpielungen zu vergegenwärtigen, der die Ohren erſchütterte; jeder gut ausgeſprochene Gedanke rief einen noch beſſeren hervor; die glühendſte Einbildungskraft, die reichſte Laune waren zum höchſten Grade angeſpannt, Ton der Stimme, Ausdruck des Blickes und unvergleichbares Geber⸗ b denſpiel liehen dem ganzen Auftritte ihre vereinten Kräfte. Bezaubert und entzückt durch alles was ich ſah und hörte, hatte ich gar nicht bemerkt, daß O'Grady den Vorſtzer angeredet hatte. Ihm erwiederte der Prior. „Ehrwürdiger Bruder, der Inhalt Deiner Mittheilung iſt unzuläſſig. Die vierte unſerer Glaubensregeln ſagt de confessione: Kein be⸗ luſtigender, wiziger oder ſcherzhafter Gegenſtand, der einem Ordensmitgliede bekannt iſt, ſoll der Brüderſchaft vorenthalten werden unter Strafe ſchwerſter Art. Auch heißt es weiter: mag der Scherz Deinen Vater oder Deine Mutter, Dei⸗ ne Frau, Schweſter oder die Tante betheiligen, von welcher Du eine Erblaſſung erwarteſt, ſo kann dies keine Ausnahme begründen. Alſo iſt klar unmöglich was Du verlangſt, reinige Deine Bruſt deshalb und beginne.“ Weil hier eine Ordensfrage zur Sprache ſtand, ward alsbald Schweigen begründet, und ich mußte zu meinem Entſezen anhören, wie Phil O'Grady die Erzählung vom Briefe meiner Mut⸗ ter in Betreff der Rooney's begann; er beſchränkte ſich indeſſen nicht auf die magere Urkunde, von der die Rede war, ſondern färbte die Geſchichte mit dem ganzen Vermögen ſeiner Einbildungs⸗ kraft, ſchilderte den Brüdern die lächerlichen Ka⸗ rakter⸗Ueberſpannungen, verkörpert durch die Lon⸗ doner hohe Dame und die Frau des Dubliner Anwaltes. So empört ich anfänglich war, wurde ich im Fortgange ſeines Vortrages doch bald zum Lachen genöthigt; die ganze Tiſchgeſellſchaft be⸗ mächtigte ſich der Geſchichte, Rooney's waren Allen ſehr gut bekannt und der Gedanke, daß dem armen Paul, der ſeine Gaſtfreiheit in fürſt⸗ licher Weiſe ſpendete, ſein Wohnplaz zum Karak⸗ ter eines Speiſehauſes herabgewürdigt werden ſollte, erregte krampfendes Gelächter. 4 „In der nächſten Woche gehe ich hinüber nach London,“ ſagte Parſons,„in Geſellſchaft mit dem alten Lambert; wenn ich glauben könnte, dieſer Lady Charlotte Hinton zu begegnen, würde ich ganz ſicherlich ſuchen, ihn dieſer Dame als Herr Paul Rooney vorzuſtellen.“ Dieſe Bemerkung erzeugte eine Abſchweifung zu Gunſten meiner Lady Mutter, die ich zwar anhören konnte, aber nicht einhalten durfte. Daw⸗ ſon ſagte: „Sie hat höchſt bewundernswerthe und eigen⸗ thümliche Anſichten von Irland, und verdient un⸗ ſern Dank, wäre es auch nur allein für die That⸗ ſache, Rooney's ihre Rechnung abzufordern. Des⸗ halb ſtelle ich den unmaßgeblichen Antrag, das Wohl unſerer würdigen Schweſter Lady Char⸗ lotte Hinton zu trinken.“ Im nächſten Augenblicke trank und jubelte ich verſpottend auf meiner Mutter Wohl, und hatte nur den einzigen Troſt dabei, daß ich un⸗ beachtet und ungekannt davon kam. „Nun, Barrington, der Herzog war erfreut über das Corps, nichts konnte kriegeriſcher ſeyn, als ihr Ausſehen im Parademarſch.“ „O das Anwalt⸗Corps— des Teufels eigene, wie Curran ſie nennt.“ „Ja, die ſahen bemerklich gut aus; hörten Sie Parſons, was Rooney ſagte, als Sir Char⸗ les Asgill den Generalbefehl, der ſie belobte, laut vorlas—„darf ich fragen, Sir Charles,“ ſagte er,„ob die Urkunde in Ihrer Hand beglaubigte Abſchrift iſt?“ „Brüder, der Heilige!“ rief der Prior, von ſeinem Seſſel aufſtehend. „Der Heilige! der Heilige!“ tönten alle Lip⸗ pen nach; die Thüre ward geöfnet, ein Mönch erſchien mit dem etwa anderthalb Fuß hohen ſil⸗ bernen Standbilde von St. Patrik, welches er mit allen Ehrfurchtsbeweiſen in des Tiſches Mitte auf⸗ ſtellte. Alle Mönche erhoben ſich, füllten ihre Topfnäpfe, und der jüngſte Ordensbruder, ein feiſter, brillentragender Mönch, begann ein Lied zu Ehren St. Patriks anzuſtimmen, dem alle Uebrigen mit lauter, kraftvoller Stimme und entſchiedener Theilnahme ſich anſchloſſen. Eine Jubelbegrü⸗ ßung, die den Heiligen auf ſeinen Füßen ſchwan⸗ ken machte, durchſchütterte das Gemach, dann ſezten die ehrwürdigen Väter ſich wieder, um ihre Arbeiten neu zu beginnen. Die Unterhaltung ward allgemeiner, kaum war das durch eine Anekdote erregte Lachen an einem Ende geſtillt, wenn eine andere ihr folgte; der ſonderbarſte Umſtand bei dem Allen war, daß der Erzählende, beinahe in allen Fällen minder 7 †** — 154— Urquell der Erluſtigung der Geſellſchft ward als daß die Zuhörenden hundert wechſelnde An⸗ ſichten darüber verbreiteten und das möglichſt ein⸗ fachſte Abentheuer zum Urſprung unzähliger lä⸗ cherlicher Lagen und abgeſchmackter Grillen mach⸗ ten. Die karakteriſtiſche Verſchiedenheit in den Geiſteskräften der Geſellſchaft verhinderte die Schauſtellung irgend einer Spur oder eines An⸗ ſcheines von Wiederholung; Currans epigram⸗ matiſche Glätte und Feinheit, Lowrence Parſon's fröhliche gute Laune und reife Verſtandeskraft, To⸗ lers ſo eigenthümliche Fähigkeit, mit der glück⸗ lichſten Leichtigkeit alles was ihm vorkam zu ei⸗ nem Scherze oder zu einer treffenden Entgegnung umzubilden,— und vielleicht ſchlagender als Alles, der beißende Hohn, der durchdringende Spott von Plunkets Wiz— erhoben und beglänzten einander; das Talent jedes einzelnen Mannes hatte nur ſo viel Wetteifer um Widerſtand zu erzeugen und dem Kampfe Theilnahme zu erregen, doch nie und unter keinen Umſtänden artete es zur kleinſten Heftigkeit aus, zeigte nicht einmal den Schatten vorübergehenden Grolles. Welches Vergnügen würde es mir machen, die Geſchichten, die Bemerkungen, Ausſprüche und Lieder wieder zu erzählen die ich anhörte. Mit welcher innern Genugthuung blicke ich auf jenes glänzende Schauſpiel zurück, faſt alle Mitſpielende ſind ſeitdem zu hohen Würden, zu ausgezeichne⸗ ten Aemtern in ihrem Lande erhoben. Wie oft, wenn ich das warme Lob hörte, welches die Welt bei ihrer glänzenden Laufbahn ihren Erfol⸗ gen und Siegen zollte, hat mich mein Gedächtniß zu dieſer glorreichen Nacht zurückverſezt, wo dieſe ſtrahlenden Geiſter mit Herzen, die nicht von Sorgen umfeſſelt, hoch in Hofnung und höher in Ehrgeiz ſchlugen, in der ganzen üppigen Ueber⸗ fülle ihres Genies, die reichen Erze ihrer Talente ausbreiteten, unbekümmert um die Tiefe, wozu die Mine ſpäter ausgeſchürft werden mögte. Ja in jenen Tagen gab es Rieſengeiſter! Wie ſehr man geneigt ſeyn mag, im Lobredner vergange⸗ ner Tage denjenigen zu erblicken, deſſen Einbil⸗ dung flammender als ſein Gedächtniß treu ſey, kann dieſe Thatſache doch nicht abgeläugnet wer⸗ den, daß große, geſellige Begabung, ausneh⸗ mend unterhaltende Kraft nicht mehr ſo beſteht, wie vor dreißig bis vierzig Jahren. Ich ſpreche hier ganz insbeſondere von Irland, wer aber, der ſich den Zauber, den hohen Reiz zurückzurufen vermag, deſſen ſich faſt jegliches Mittageſſen jener Zeit rühmen durfte,— wer ſeinem Geiſte Currans Glanz, Plunkets überwältigende Macht, oder das zierliche Benehmen mit der klaſ⸗ — 156— ſiſchen Vollendung des Wizes hervorrufen kann, welches Burke zum Cicero ſeiner Nation machte— wer, ſage ich, könnte mit der lebhaften Vorſtel⸗ lung aller dieſer Eigenſchaften wagen, den Zu⸗ ſtand der Geſellſchaft in jener Zeit mit der jezigen zu vergleichen!— „Alſo liefen ſie davon!“ ſagte der Prior zu einem hohen, hager ausſehenden Mönche, der mit hohler Stimme und feierlicher Haltung das befremdliche Verſchwinden eines von ihm befeh⸗ ligten Miliz-Regimentes am Morgen der Ein⸗ ſchiffung nach England erzählte.—„Wir hörten die Geſchichte ſo,“ fuhr der Prior fort,„daß als ſie auf den Funfzehn Acren aufmarſchirt ſtanden, ein Mann aus der leichten Compagnie einen Ha⸗ ſen erblickte und nach dieſem ſeine Muskete ſchleu⸗ derte. Seinem Beiſpiele folgten die Grenadiere und dann verfolgte das ganze Bataillon mit lau⸗ tem Geſchrei den Haſen—“ „Nein, Herr,“ ſagte der hagere Mann, winkte mit ſeiner Hand, um das Lachen zu unterdrücken —„ſie waren auf dem Walle des Leuchthauſes geſammelt und wurden von uns in Abtheilungen gezählt, als ſie an des Schiffes Bord marſchir⸗ ten, indeſſen bemerkten wir nicht, daß eben ſo geſchwind, als ſie den Bord des Packetbootes auf er einen Seite erſtiegen, ſie ihn auf der entgegen⸗ geſezten Seite verließen, wo zwei Jollenböte ſie zur Aufnahme erwarteten; weil es um die Zeit der Dämmerung war, blieb die Sache unentdeckt, bis der Corporal einer Flanken⸗Compagnie laut ausrief, ſie ſollten warten, es ſey dies ſein Boot. Um die Zeit hatten wir von unſern vierhundert⸗ und achtzig Mann noch funfzig.“ „Ey, ey, heiliger Vater,“ rief der Prior und nahm ein geteufeltes Geflügelbein;„Ihre Bur⸗ ſche waren wie dieſer geröſtete Beinknochen vor mir; als ſie gemuſtert waren, wollten ſie nicht warten, um gepfeffert zu werden.“ Dieſer Scherz brachte ſchallendes Gelächter hervor, um ſo herzlicher, als der grimmig bli⸗ ckende Held, dem er zugerichtet wurde, keinen Muskel ſeines Geſichtes verzog. Jezt war es ſpät geworden, der Lärmen, der Wein und das Lachen hatten mich ziemlich verwirrt. Ohne ſehr viel getrunken zu haben, fühlte ich doch Berau⸗ ſchung, meine Gedanken wirrten faſt wahnſinnig. Dieſer Zuſtand war beſonders einem Theile ihres Verfahrens zuzuſchreiben, denn auf ein gegebenes Zeichen des Prior erfaßte die Geſellſchaft ſich von Zeit zu Zeit an den Händen und umtanzte den Tiſch nach dem Takte eines der wildeſten Iriſchen Jigtänze. Ich glaube, dieſe religiöſe Uebung gab mir den Stoß, denn als ich ſie zum drittenmale — 158— mitgemacht hatte, ward alles um mich her eine wirre, durcheinander kräuſelnde Maſſe; unter lau⸗ tem Stimmengetöſe, ſchallendem Gelächter, Tram⸗ peln der Füße, verſank ich, wenn nicht in Schlaf, doch in Bewußtloſigkeit, ſo daß ich das unmit⸗ telbare Ende der Verſammlung nicht kenne. Schwach entſinne ich mich, daß ich Corny durch meinen Mönchsanzug in Schrecken ſezte, für meine Ueberlegung zeugte nur der eine Umſtand, daß ich mich zu Bett legte. Meunles Wapilel. Lange ſchlief ich am andern Morgen, mögte noch länger geſchlafen haben, wäre O'Grady nicht ungeduldig geworden, der mir zurief:„Kom⸗ men Sie, Jack, dies iſt ſchon das dritte Mal' daß ich heute hierherkomme, ich kann nicht länger Nachſicht üben. Eben habe ich meine Ernennung im 41. Regimente mit dem Befehl erhalten, ſo⸗ gleich in Chatham zum Regimente zu kommen, was zu ausländiſchem Dienſt beſtimmt iſt. „Wann reiſen Sie ab, Phil?“ „Heute Abend um acht Uhr; ein Freund in den Horſe⸗Guards ſchreibt mir, keinen Augen⸗ blick dürfe ich verlieren— es thut mir leid, Jack, mich von Ihnen zu trennen, aber für mich iſt kein anderer Ausweg, und auch Sie werden bei — 160— aller Ihrer Unabhängigkeit durch Vermögen, und bei dem Einfluſſe Ihrer Familie um Beförderung zu erlangen, dennoch dieſes Leben bald langwei⸗ lig und leer fühlen— Sie werden ſich nach kräf⸗ tigerer, geſunderer Anſtrengung ſehnen, und dann hoffe ich, mag uns das Schickſal wieder zuſam⸗ menführen. Inzwiſchen können Sie mir einen Dienſt erweiſen: Sie haben mich oft vom großen Loughrea Kirchthurm⸗Rennen ſprechen hören; mit meiner gewöhnlichen Klugheit habe ich Wette zu Wette gefügt, bis ich mich endlich bis über achthundert Pfund gebucht finde— dieſe jezt zu verlieren, würde alle meine Pläne verderben. Um mich zu befreien, bot ich heute Morgen die Hälfte der Summe als Reugeld, und dies wurde ver⸗ weigert. Sie Alle kennen genau die Lage, in welcher ich mich befinde, wiſſen, daß meine Aus⸗ ſichten und meine Ehre auf dem Spiele ſtehen, daß ich, zur Abreiſe genöthigt, verliere, und wenn ich verliere, meine Anſtellung verkaufen, die Armee als Bettler und als Entehrter verlaſ⸗ ſen muß.“ „Und wie konnten Sie mit Leuten dieſer Denkart Wetten abſchließen, lieber Freund?“ fragte ich—„ich hatte von Ihnen verſtanden, es ſey eine freundſchaftliche Verabredung bei einer Mahlzeit geweſen.“— „Eben das, Jack. Das Mittageſſen war in meinen Zimmern, der Wein mein und die Gäſte meine Freunde. Sie lächeln, aber ſo nennt die Welt diejenigen, mit denen wir täglich umgehen, nur durch die Uebereinſtimmung einer Liebhaberei verknüpft, der kein anderer Vorwurf zu machen iſt, als die Art von Vertraulichkeiten, welche ſie erzeugt. Ja, Hinton, dieſe meine Wettſpielenden Freunde trinken meinen Wein und beſchließen dabei meinen Untergang. Ihnen iſt Geſelligkeit nicht froher Genuß und Umgang, ſon⸗ dern die rechte Zeit zu kalter berechnender Ueber⸗ legung, um Arzwohnloſe zu übervortheilen. Sie wiſſen, wie gebieteriſch das Ehrengeſez in Betreff der Wetten iſt, und machen unnachge⸗ bende Feſtigkeit ihrer Forderungen ſich zur Tu⸗ gend. In Umſtänden, wie die meinigen ſind, iſt es gebräuchlich, die Hälfte als Reugeld anzuneh— men, dieſe Bedingung ward zufällig nicht er⸗ wähnt, deshalb verweigern ſie mein Anerbieten. — Ein Wettbuch iſt wie Shyloks Schuldſchein, und der Beſizer deſſelben ganz ſo barmherzig wie jener alte Jude. Doch klagen hilft nicht, ich wollte Ihnen nur die Menſchen näher bezeichnen, und den Dienſt erläutern, welchen ich von Ihnen erwarte.“ „Reden Sie, erklären Sie mir nur, O'Grady, es wäre unnöthig, Ihnen zu ſagen, daß ich be⸗ reit bin.“ „Dies erwartete ich, nun hören Sie. Als ich dieſe unglückliche Wette ſchloß bei einer Mahl⸗ zeit, durch Wein aufgeregt und von augenblickli⸗ cher Begeiſterung hingeriſſen, machte ich einen Vorſchlag, den ich bei ruhigerem Blute nie zu machen gewagt hätte. Er wurde nicht gleich an⸗ genommen, Herr Burke, ein Vetter von Miß Bellew, von guter Familie, der ſein ganzes Ver⸗ mögen auf den Wettbahnen verſchleudert hat und ſeit Jahren durch unrechtliche Anſtrengungen ſei⸗ ner Klugheit lebt, bei allen Wetten den Vortheil für ſich zu ſichern verſteht und zudem noch jenen ſonderbaren Widerſpruch unſerer geſelligen Bedin⸗ gungen einen Gentleman⸗Reiter macht, bereit bei jeder Gelegenheit den Sattel für denjenigen zu beſteigen, der ſeine Dienſte bezahlen will, und der allgemein als habſüchtiger, ehrvergeſſener Mann gilt— rief vom Ende des Tiſches:„Ein treffliches Wetterbieten, bei'm Jupiter! und ich ſelber will für Sie reiten.“ Dieſe Zuſage gab mir, wie ich wußte, einen der erſten Reiter in Irland, alſo füllte ich mein Glas, nickte ihm zu, nahm ſein Erbieten an, und rief: ‚„zwei zu eins, gegen irgend ein jezt gleich genanntes Pferd.“ Kaum waren die Worte geſprochen, als die Wette — 163— zu beiden Seiten des Tiſches von mehrern an⸗ genommen wurde; als ich über den Tiſch vor⸗ lehnte, um einen Bleiſtift von einem Freunde zu erhalten, ſah ich auf allen Lippen deutliches Lä⸗ cheln, Burke ſelber bemühete ſich den Ausdruck ſeines Geſichtes hinter dem Weinglaſe zu verber⸗ gen. Stärkern Beweis brauchte ich nicht um zu. erkennen, die ganze Wette ſei ein vorausbedach⸗ ter Plan der Geſellen und ich ſey in der mir ab⸗ ſichtlich gelegten Schlinge gefangen. Inzwiſchen war es zu ſpät, um zurückzuziehn— ich buchte mein Wetten, trank meinen Wein, entließ meine Freunde, ging zu Bett, und erwachte am andern Morgen mit dem Gefühle, der Geprellte zu ſein. Ulick Burke ſollte mein Pferd reiten; als ich al⸗ les geordnet meinte, erfuhr ich zu meiner Ue⸗ berraſchung, daß ein Pferd, damals im Beſize ei⸗ nes meiner Freunde— von mir zu dem Rennen beſtimmt, um fünfhundert Pfund aufgekauft und nach England geſchickt war. Dies zeigte mir vol⸗ lends, wie vollſtändig ich beſtrickt worden. Mir blieb nichts übrig, als ein Pferd zu kaufen, wel⸗ ches damals feil ſtand, und dieſes gilt allgemein für den bösartigſten Teufel und das am ſchwie⸗ rigſten zu reitende Thier im ganzen Weſten; in Wahrheit würde mit Ausnahme von Burke ihn Niemand beſteigen, und auch er ſogar hatte wenig Luſt — 164— ihn im Kirchthurmrennen zu reiten. Inzwiſchen machte er die Forderung, daß wenn ich gewinnen würde, ein Drittheil der Wettſäze ihm zufallen ſollte— was ich nicht abſchlagen konnte. Das Pferd wird endlich trainirt, beſſert mit jeder Stunde, und die Sache ſcheint günſtige Wendung zu nehmen. Da erfahre ich geſtern Morgen, wie Sie ſelber hörten, daß Burke nicht reiten will; wie ſehr ich in dem Augenblicke auch Unglauben erkünſtelte, koſtete es mir die größte Mühe, den Anſchein von Ruhe zu bewahren. Heute morgen entſcheidet dieſes Schreiben: ieber Herr,— eben iſt mir ein freund⸗ licher Wink geworden, daß ich am Morgen des Loughrea⸗Rennen für eine K Kleinigkeit von hundert und achtzehn Pfund und einige Schillinge verhaftet werden ſoll. Wenn es Ihnen genehm ſeyn kann, dies Geld zu be⸗ zahlen, oder Bürgſchaft dafür zu überneh⸗ men, wird es mich ſehr freuen, Ihr Pſerd zu reiten; aber obwohl ein doppelter Graben mich nicht kümmert, habe ich doch nicht Luſt, die Mauer des Grafſchaft⸗Gefängniſſes ſo⸗ gar nicht auf dem Rücken eines ſo guten Pferdes, wie Moddidedireo iſt, zu über⸗ ſezen. Der Ihrige Ulick Burke. — — 165— Mit Mühe hatte ich dieſe ſchlecht geſchrie⸗ bene, unſaubere Zuſchrift entziffert und fragte: „was meinen Sie nun zu thun?“ „Fragen Sie mich, was ich thun mögte, ſo erkläre ich geradezu, es wäre, meinen Freund Burke vorläufig mit der Reitpeitſche aushauen, mein Pferd zurückziehn und das ganze Gelag aufbrechen; aber meine jezige Stellung iſt jedem dieſer Schritte unglücklicherweiſe widerſtreitend. Ein Ausfall mit Burke würde mir in den Horſe⸗ Guards ungemein ſchaden, und die Bezahlung von achthundert Pfund iſt unmöglich, wenn mir nicht jemand Geld auf Verpfändung von Corny Delany vorſtrecken will. Deshalb iſt's am be⸗ ſten, Burke das geforderte Geld zu geben(was er von ſeiner Verlegenheit ſagt, iſt nur Erfin⸗ dung), weil ich aber heute Abend nach England abreiſen muß und die Angelegenheit geleitet ſeyn will, ſo muß ich die ganze Sache in Ihre Hände übergeben.“. „Wohl, ich bin bereit und willig, nur ge⸗ ben Sie mir die nöthigen Auſſchlüſſe.“ „Sie werden für mich am Tage vor den Rennen nach Loughrea gehn, weil die Reiter Tags vorher genannt ſeyn müſſen, ſuchen Sie Burke zu ſprechen und ſagen ihm, ſeine Forde⸗ rung ſolle befriedigt werden. Mit ihm iſt kein — 166— Zartgefühl nöthig, es iſt lediglich Geldfrage; wie⸗ wohl er nach der Höflichkeit von Rennbahnen ein Gentleman iſt, braucht er doch nicht mit beſon⸗ derer Achtung behandelt zu werden. Dieſer Brief enthält die von ihm geforderte Summe und hier habe ich eine Verſchreibung in blanco einge⸗ ſchloſſen, für dasjenige, was Sie ihm noch geben mögten, nur das Eine vergeſſen Sie nicht, Hin⸗ ton, er muß reiten und ich gewinnen.“ Hier verließ ihn ſeine bisher gezeigte Ruhe, mit bebenden Lippen und blutrothem Antlize mur⸗ melte er:„Ja, ſollt's meinen lezten Schilling koſten, das Rennen will ich gewinnen. Sie mein⸗ ten mich zu verderben, tief war ihr Anſchlag ge⸗ legt, gut ausgeheckt und doch ſoll er ihnen fehl ſchlagen.— Glauben Sie mir, Hinton, armer Mann wie ich bin, iſt hier doch nicht die Rede von ſo vielen hundert Pfunden, ſondern die ver⸗ lezte Eigenliebe eines Mannes, der ſein ganzes Leben hindurch die Rechte der Genoſſenſchaft de⸗ nen entgegenſtreckte, die ſich nun zu ſeinem Un⸗ tergange verſchworen. So ſind die meiſten Bezie⸗ hungen auf den Wettbahnen; die in der Welt mit den Namen„Wettſpieler“ bezeichneten Men⸗ ſchen haben in der Regel Rechtſchaffenheit, Treu⸗ glauben und Ehrenhaftigkeit verläugnet, denken nur an ſolche Kunſtgriffe, welche die Etikette den Rennbahnen zugeſteht, die der Ehrenmann aber als unbillig und unwürdig zurückſtoßen muß.— Ich werde Ihnen einige Briefe an Freunde mit⸗ geben, und kenne nur eine Belohnung für Ihre Mühe und Beſchwerlichkeiten, die nemlich, daß Ihre ſchöne Freundin, Miß Bellew, zum Beſuche in der Nachbarſchaft weilt und ohne allen Zwei⸗ fel bei dem Rennen zugegen ſeyn wird.“ Hätte O'Grady mich bei dieſen Worten an⸗ geſehen, würde er bemerkt haben, wie tief dieſe Kunde mich betheiligte; von dem Augenblicke an zeigte ich einen brennenden Eifer für meines Freundes Ausrichtung, fragte nach hundert Sa⸗ chen, ohne doch ſeinen Aeußerungen die nöthige Aufmerkſamkeit zuzurichten. Nachdem er eine halbe Stunde raſch geſprochen, ſagte er:„jezt glaube ich, kennen Sie alle Umſtände der Sache, verſtehen hoffentlich, mit welchen Leuten Sie dort zu thun haben, und kennen Burke jezt genugſam; und ſo ſage ich Ihnen Lebewohl, Jack, eine Ah⸗ nung ſagt mir, wir ſehen uns bald wieder. Sie werden mir bald ſchreiben, und weil der alte Narr Corny mir in einer Woche nachkommt—“ „Geht Corny mit außer Landes?“ fragte ich. „Ach verwünſcht, er iſt wie der Alte von Sinbad, dem man nicht von den Schultern los wird; zudem nährt er den Aberglauben, er müſſe S⸗ dem Lezten der Familie die Augen zudrücken, und weil er mir offen geſtanden hat, er wiſſe, ich be⸗ finde mich in ſolchem Falle, achtet er es als Eh⸗ renaufgabe, mich zu begleiten. Mit allen ſeinen Fehlern bin ich ihm doch weſentlich zugethan, was würde aus ihm werden, wenn ich ihn zurückließe. Völlig erkenne ich alle Ungelegenheit, die Lächer⸗ lichkeit des Schrittes, aber wahrlich, beides ziehe ich den bittern Vorwürfen vor, die mich treffen müßten, wenn ich ihn verließe.“ „Weshalb bleibt er denn zurück, Phil, er wird den Weg nie nach London finden.“ „O, trauen Sie ihm, jeden, der ihm begeg⸗ net, wird er ſchmähen, verfluchen und ſchimpfen, dadurch Aufmerkſamkeit genug erregen, um nicht auf dem Wege vergeſſen oder zurückgelaſſen zu werden; und die Sache iſt, er ſelber machte den Vorſchlag, er bat um einige Tage Urlaub, ſeit ſiebenundzwanzig Jahren zum erſten Male, um ſeine Mutter zu ſehn. Ja, ſtaunen Sie nicht, Hinton, Sie haben hier noch Vieles zu erlernen, ſo viel kann ich Ihnen ſagen, ohne jedoch den Grund erläutern zu können, daß, wenn Sie ir⸗ gend einen kleinen widerwärtigen, ſchlechtbeſchaf⸗ fenen, übel gewachſenen alten Burſchen mit ſei⸗ nem Angeſichte ſehen, als wäre es im Knoten⸗ Auswuchs eines Apfeldorn's geſchnizt, die Wahr⸗ — 169— ſcheinlichkeit von funfzehn zu eins dafür ſpricht, daß der kleine Elende eine Mutter am Leben hat; ob die Langlebigkeit unter ſolchen Leuten zäher iſt, oder ob die Natur ihre eigenen Zwecke dabei verfolgt, vermag ich nicht zu ſagen, aber glauben Sie mir, die Sache iſt ſo, und nun noch einmal Adieu, Jack, Gott ſegne Sie.“ Seine Lippe zitterte, ſeine Wangen erbleich⸗ ten, als er hinausging und ich ſchaute ihm mit ſchwerem Herzen nach, er war in der Welt mein erſter Freund. Zum Glück hatte mir O'Grady ſeine Wei⸗ ſungen ſchriftlich zurückgelaſſen, am Nachmittage nach ſeiner Abreiſe fuhr ich im Canalboot von Portobello ab. Der Tag war dunkel und trübe, abwechſelnd fielen Schauer kalten, eiſigen Regens, doch der Anblick einer Kajüte benannten düſtern Zelle hielt mich ab, darin Schuz zu ſuchen, ich hüllte mich in meinen Ueberwurf und trat das Verdeck auf und ab, genugſam mit meinen Ge⸗ danken beſchäftigt. Die Mehrzahl der Reiſenden waren kräftige, ſchlichte Landleute in Röcken von braunem oder grauem Fries, ledernen Kamaſchen und dicken Schuhen, die, wie ich aus entfallenen Worten vernahm, vom Dubliner Markte zurück⸗ kehrten, wohin ſie Heerden von Ochſen, Hammeln und Schweinen getrieben hatten, deren Eigen⸗ Jack Hinton. Erſter Band. 8 — 4170— ſchaften Stoff zu ihrem Geſpräche gaben; auch einige Frauenzimmer reiſeten mit, die eine war eine recht wohl ausſehende Frau mit einem ge⸗ wiſſen Ausdrucke von Vornehmhalten, welches ſie antrieb, ihrer Begleiterin die tiefe Verachtung auszudrücken, welche die übrige Geſellſchaft ihr einflößte, die Begleiterin war ein armes, unter⸗ drücktes Mädchen von etwa achtzehn Jahren, das kaum die Augen aufzuſchlagen wagte, aber bei aller Aengſtlichkeit eine gewiſſe Würde und Hal⸗ tung verrieth, die von glücklicheren Tagen zeigte. Ein Rudel unerzogener, lärmender, unartiger Kin⸗ der begleitete die Frauen und bald erfuhr ich, die Mutter ſey Frau des großen Ladenhändlers in Loughrea, ihre bleiche Begleiterin eine eben in Dublin angenommene Erzieherin, um den Kindern Franzöſiſch, Italieniſch, Muſik und Zeichnen zu lehren; ihr einziger Bekannter am Bord ſchien ein fröhlich blickender Mann zu ſeyn, der, obwohl mit Allen bekannt, doch in der Dame Achtung durch ſeine nach allen Seiten ausgetheilten Vertraulich⸗ keiten nicht zu leiden ſchien. Er war ein kurzer, rothblühender, kleiner Mann mit kugelrundem Kopfe, deſſen Geſichtszüge im erſten Anſchauen ſo widerſprechend ſchienen, daß es ſchwer hielt, ihren vorherrſchenden Ausdruck zu bezeichnen; ſeine großen, grauen, ſcherzhaft rollenden und funkeln⸗ — 1— den Augen nahmen von den überhängenden Aug⸗ brauen einen Karakter der Strenge an, und ſeine zuſammengebiſſene Lippe zeigte ernſte Entſchloſ⸗ ſenheit, welche in jedem Augenblicke irgend einem Ausbruche ſcherzender Laune wich, womit er die⸗ ſen oder jenen ſeiner Bekannten anredete; das merkwürdigſte an ihm war ſeine Stimme, denn wenn er jezt in vollem gerundeten Tone eines Mannes ſprach, der gewohnt iſt, öffentlich zu reden, ſo verſank ſie im nächſten Augenblick zu einer leichten, vertraulichen Betonung, der die reife Fülle ſeiner Landesſprache eine ganz eigenthüm⸗ liche Kraft ertheilte. Sein Anzug war abgetra⸗ genes Schwarz mit Lederhoſen eben der Farbe und hohen Stiefeln, dieſe Tracht verkündete den Prieſter, und mögte, wenn ich mehr vom Lande gekannt hätte, mir das Geheimniß erklärt haben, wie er mit Allen am Bord das vollſtändigſte Ein⸗ vernehmen erhalten konnte; er kannte ſie Alle, ihre Geſchäfte, den Zweck ihrer Reiſe, ihre Er⸗ folge auf dem Markte u. ſ. w., ſprach mit Al⸗ len, fliſterte mit der Ladenhändlerfrau, zog eine große kupferne Tabaksdoſe hervor und bot mir eine Priſe an, indem er mit höflicher Verbeugung ſagte:„Dies iſt nicht das erſtemal, daß ich die Ehre habe, Ihr Reiſegefährte zu ſeyn, Captain. Wir fuhren zuſammen von Liverpool herüber.“ 8* Jezt erinnerte ich mich, mit eben dieſem Prie⸗ ſter bei meiner Ueberfahrt aus England am Bord geweſen zu ſeyn, wo ſeine lebendige Redſeligkeit und ſein rühriges Treiben mir ſchon auffiel. Freudig erneute ich meine Bekanntſchaft mit ihm, er ſchlug mir vor, uns bei dem Mittageſſen zu⸗ ſammen zu ſezen, was ich ſogleich annahm. „Anſtändige Leute, dieſe, Captain; aber Vieh in allem Weltbetracht, nichts von Geſellſchaftsge⸗ bräuchen, nein, Naturkunde, den Teufel mehr,— doch hier kommt das Eſſen, das alte Lied: Ham⸗ melfleiſch mit Rüben— gekochte Hühner mit Schinken— Schellfiſch und Kartoffeln! bei der heiligen Meſſe, ſie würden eines Menſchen Vater kochen, wenn ſie ihn am Bord hätten— und das aus dem Grunde, weil ſie nicht braten kön⸗ nen; ſo nun, iſt's gefällig.“ „Nach Euer Ehrwürden— Arma cedant togae— 68 „Wahr, mein Sohn, sacerdotes priores, und obwohl ich nur Prieſter bin—“ „Deſto mehr zu bedauern,“ unterbrach ich. „Sie haben recht, ob Sie ſcherzen oder nicht;“ ſagte er und kneipte meinen Arm. Die Mahlzeit war nicht ſonderlich,— die Geſellſchaft nicht anlockend, bald war ich wieder in freier Luft auf dem Verdecke; die Reiſenden — 173— begannen kahgen Angriff auf Krüge heißen Waſſers und Flaſchen Whiskey, die unleidlichen Dunſt verbreiteten. Mit dem ſpätern Abende wurde der Lärmen und Aufruhr immer lauter, hätten nicht öftere Ausbrüche von Gelächter den Geiſt guten Vernehmens bezeugt, ſo wäre zu glau⸗ ben geweſen, tödtlicher Hader ſey im Schwange. Zuweilen feſſelte ein einzelner Erzähler die Ge⸗ ſellſchaft in aufmerkendem Schweigen, dann folgte allgemeiner Chor fröhlichen Jubels, Klopfen auf den Tiſch und Stampfen der Füße auf den Bo⸗ den, nebſt andern Beifalls⸗ und Belobungszei⸗ chen. Wohl vierzig Perſonen waren um den en⸗ gen Tiſch zuſammengedrängt, wie ich durch ein kleines Fenſter am Kajütenende gewahrte. Am einen Ende, neben dem Feuer ſaß Vater Tom, ihm gegenüber ein kraftvoller, aufgedunſener alter Pächter, dann die ſtrenge Dame aus Loughrea und ein kleiner aufgetrockneter Topfhering von Mann, der mit hellbraunem Rocke und aufrecht ſtehendem Kragen ſenkrecht auf ſeinem Stuhle ſaß, mit hellem Auge und ſcharfer Betonung; er war ein Quäker aus dem Iriſch Penſylvanien, Moats genannt, der mit dem würdigen Prieſter eine Streitfrage abhandelte, welcher außer ſeiner Polemik noch mit dem Pachter fünfkarten und mit ſeiner ſchönen Nachbarin eine andere Art von Kriegerſpiel unterhielt. Bei dieſer Geſellſchaft ge⸗ wahrte ich noch einen kleinen uneingenommenen Siz und weil es ſpät wurde, ging ich die Treppe hinab und fand mich bald an Ort und Stelle. Die Dame betrachtete mich ſtolz und entfernte ſich etwas weiter vom Prieſter. Dieſer war zu ſehr in Anſpruch genommen, um mich zu bemerken, er hatte mit drei Gegnern zugleich zu thun, führte ſeinen Krieg mit der Geſchicklichkeit eines Gene⸗ rals der Artillerie, Infanterie und Cavallerie zu gegenſeitiger Unterſtüzung und Aushülfe benuzt, ganz ſo wußte er die Kirche, ſein Kurmachen und das Kartenſpiel in wahrhaft wunderbar vollkom⸗ mener Weiſe mit einander in Verbindung zu brin⸗ gen. Die Heftigkeit, womit er einen Trumpf auf den Tiſch ſchlug, diente auch als ein Ent⸗ ſcheidungspunkt ſeiner Ueberführungsgründe, und der Beweg⸗Kraft erlaubte ihm zugleich mit der andern Hand die der Dame zu drücken. Dabei ſprach er unaufhörlich, ließ Niemanden zu Worte kommen. Er trank dazu viel Punſch, der in ei⸗ nem kleinen Keſſel auf dem Kamin heiß gehalten wurde, rühmte ſich, zwölf Kelchgläſer trinken zu können, ſang endlich ein munteres Lied und for⸗ derte mich auf mein Urtheil über ihn zu ſagen. Lachend entgegnete ich:„lieber beurtheile ich Ihren Punſch als Ihre Polemik. 1 — 175— „In der That,“ ſagte er mit einem Zucken des Auges, das zeigte, welches für ihn die größte Anziehung übte—„Meiner Treu, ſollen billigen Verſuch haben.“ Der Keſſel ward wieder aufge⸗ ſezt, die Gläſer gefüllt und Vater Tom erklärte mit freudigem Blicke, ein rundes Spiel würde gut ſeyn, die Zeit zu verbringen;„wir haben noch achtzehn Meilen,“ ſagte er, ‚nichts wird uns ſto⸗ ren.“ Der Vorſchlag fand allgemeine Zuſtim⸗ mung und ich fand mich Morgens um vier Uhr in einem Spiele Loo betheiligt, deſſen Sazgeld auf vier Pence beſchränkt war, doch deſſen Scherze und muntere Laune eine ſo weite Gränze hatte, als das große Atlantiſche Meer. Bei Tagesan⸗ bruch hatte ich mehr als ein Kelchglas ſehr ſtar⸗ ken Whiskey⸗Punſch getrunken, heftigen Kopf⸗ ſchmerz dadurch erhalten und eine Menge ſchlech⸗ ter Kupfermünzen im Spiel gewonnen. Dehnkes Sapilel Wir waren im Shannon⸗Hafen angekom⸗ men, die zwei Pferde, welche das Canalboot ge⸗ zogen hatten, wurden zum Stalle entlaſſen, das Boot mit einem am Stern befeſtigten Taue herum⸗ geſchwungen, um ſeine gewohnte Fahrt am an⸗ dern Tage wieder zu beginnen; die Reiſenden ver⸗ ließen einer nach dem andern das Fahrzeug. Vater Tom ſtreckte mir ſeine breite Hand entge⸗ gen und ſagte,„Adieu, Captain, wir treffen uns in Loughrea wieder. Ich fahre in Madame Car⸗ ney's Karrn mit, ſonſt wäre ich erfreut geweſen, mit Ihnen zuſammen ein Fuhrwerk zu nehmen, aber leicht werden Sie ein ſolches im Hotel er⸗ halten.“ Ich dankte dem guten Prieſter für ſeinen ₰ — 177— freundlichen Rath, der jezt beſchäftigt war, mehre der kleinen Carney's im Boden des Karrn unter⸗ zubringen, dann hüllte er ſich ſorglich mit in den Friesrock, der Madame Carney umgab, und ſte fuhren ab. Weil Pferde und Reiter erſt am fol⸗ genden Tage genannt werden mußten, brauchte ich nicht zu eilen. Loughrea war, wie ich ver⸗ nommen hatte, eine gewöhnliche Landſtadt, in der, wie in allen ſolchen Orten, jeder Neuankommende mit forſchender und prüfender Neugierde betrach⸗ tet wird. Deshalb beſchloß ich, zu bleiben, wo ich war; allerdings nicht durch den anziehenden Reiz der Gegend dazu vermogt, denn es iſt kaum möglich, einen traurigeren, wüſteren und öderen Anblick zu erſinnen, als dieſer Shannon⸗Hafen darbot— ein breiter Strom mit niedern Schilf⸗ ufern, der ſeine gelbe Fluth langſam zwiſchen breiten Strecken von Moorgrund oder kahlem Wieſenlande hinabwälzte; keine Spur von Anbau, nicht einmal ein Baum war zu ſehen. Gleich⸗ viel, dacht ich, das Hotel zeigt mindeſtens gutes Ausſehen. Dieſe tröſtliche Bemerkung flößte mir ein großes, mehre Stockwerke hohes, ſteinernes Gebäude ein, deſſen gewölbter Vorgang von Granit mit breiter Treppe ſonderbaren Gegenſaz zu den erbärmlichen Erdhütten bildete, welche zu ſei⸗ nen beiden Seiten ſtanden Es war ein ſonder⸗ 4 8** — 1us barer Gedanke, der ein ſolches Gebäude an einer ſolchen Stelle aufführte, doch dieſe undankbare Betrachtung verſcheuchte ich, ſobald ich mich an meine eigene Lage und daran erinnerte, wie glück⸗ lich deſſen dargebotene Bewirthung mich machen würde. Am Kanal⸗Ufer ſtand noch ein einzelner Fuhrkarrn, das jämmerlichſte Ding ſeiner Art, das mir bisher vorgekommen war; einige vom Dorfzimmermann zuſammengeheftete Bretter bilde⸗ ten den Karrn, deren Auseinanderfallen durch das Huſten des zwiſchen der Gabeldeichſel ſchwanken⸗ den elenden Thieres bedroht ſchien. Der Führer, ein zuſammengeſchrumpftes Weſen, ſaß frierend auf ſeinem Size, vertrieb mit ſeiner Peitſche die zudringlichen Fliegen von den Ohren ſeines Thieres. „Nach Banagher? Euer Edlen— nach Loughrea?— Rolle Sie in anderthalb Stunden über; oder geht's nach Portunna?“ „Nein, guter Freund, ich bleibe hier im Ho⸗ tel,“ erwiederte ich. Hätte ich den Entſchluß aus⸗ geſprochen, auf meinem Portmanteau den Shan⸗ non hinabzufahren, könnte das Erſtaunen kaum größer geweſen ſeyn. Die zahlreich herbeigekom⸗ menen Umſtehenden blickten einander mit dem Ausdrucke gemiſchter Ueberraſchung und Furcht — 179— an, betrachteten mich mit Bewunderung und Er⸗ bangen.„Im Hotel?“ rief Einer.„Er will im Hotel bleiben,“ ſagte ein Anderer.„Geſegnete Stunde, Wunder nehmen kein Ende,“ ſprach ein Dritter. Wie kurz mein Aufenthalt in Irland auch noch geweſen, mindeſtens eine Lehre hat er mir eingeprägt— nie durch das überraſcht zu wer⸗ den, was mir begegnen mögte. Bei jeder Bie⸗ gung meines Weges gewahrte ich ſo viele dieſem Lande ganz eigenthümliche Lebens⸗Anſichten,— eine ſolche Menge der ſonderbarſten Vorurtheile — ſo viele ganz auffallende Vorſtellungen, daß, wenn ich meine früher erworbene Kenntniß der Welt, wie ſie iſt, hier zu meiner Führerin machen wollte, ich einem Menſchen ähneln würde, der ver⸗ ſuchte, die Tiefe des Meeres mit einem Inſtrumente zu ergründen, deſſen Beſtimmung war, die Entfer⸗ nung eines Sternes zu ermitteln. Ich überließ mithin der Zeit die Aufklärung der mich umge⸗ benden geheimnißvollen Verwunderung, ſammelte mein Gepäck und verließ das Boot. Gemeiniglich ſind die erſten Eindrücke, wel⸗ che einen Reiſenden erregen, die beſten. Eines Landes ſchönere, unterſcheidendere Eigenheiten verlangen tiefes Studium und lange fortgeſezte Bekanntſchaft, dagegen werden die ſchrofferen Züge * — 180— der Volksthümlichkeit im erſten Augenblicke— oder gar nicht aufgefaßt. Bekanntſchaft mit ih⸗ nen vernichtet ſie, nur bei ihrem erſten Erblicken lernen wir, ſie mit ganzer Kraft zu würdigen.— Jezt ſollte mir ein ganz neuer, weſentlich von al⸗ len früheren unterſchiedener Anblick werden. Kaum hatte ich den Fuß an's Land geſezt, als die ganze Dorfbevölkerung mich umdrängte. Was ſind dieſe Leute, dachte ich, welche Kunſt üben ſie, welches Gewerbe treiben ſie?— Ach! die Antwort dar⸗ auf gaben ihre eingefallenen Blicke, ihre zerlump⸗ ten Gewande, ihre ausgeſtreckten Hände, ihre flehenden Stimmen, ſie Alle waren Bettler! Es war nicht, als wären Alte, Abgelebte, Kranke oder Schwache in der Stunde ihrer Noth der Barmherzigkeit ihrer Mitmenſchen anheimgeſtellt, nein, hier waren Alle— Alle— der alte Mann und das Kind— der Mann mit ſeiner Frau, der bejahrte Großvater und das ſchwankende Großkind— der Jugend weiße Locken und des Alters noch weißer gebleichter Haarwuchs— blaß, leidend, krankhaft— zitternd zwiſchen Ver⸗ hungern und Erwartung, mit den ausgezehrten fieberiſchen Augen, jede Bewegung deſſen bewa⸗ chend, auf den ihre augenblickliche Hofnung gerich⸗ tet war, in murmelnden Tönen beſprachen ſie je⸗ den Schritt ſeines Vorgehens, wagten zu bezwei⸗ — 18— feln, ob es auf ihr eigenes Loos einwirken könne.— „O! der Himmel ſey Euer Bett, edler Gentleman, blickt auf mich. Der Herr belohne Euch für den kleinen Sirpence, den Ihr da zwi⸗ ſchen Euren Fingern haltet. Ich bin die Mutter von zehnen dieſer.“ „Billy Cronin, Euer Edlen— Ich bin dun⸗ kel ſeitdem ich neun Jahr alt wurde.“ „Ich bin der älteſte Mann im Stadtlande,“ ſagte ein Alter mit weißem Barte und in eine wollene Decke gehüllt. Durch dieſes Gedränge brach eine ſonder⸗ bare, einzig ausſehende Geſtalt in Jäger⸗ ⸗Nock und Kappe hervor, die beide zu zerfezt und mit Lappen ausgeflickt waren, um deren Farbe unter⸗ ſcheiden zu können. „Hier iſt Joe, Euer Ehten,“ rief er, legte im ſelben Augenblicke die Hand an den Mund und ertönte ſein„Tally hol ye ho! ze ho!““ mit einer ſo reichen Fülle des Ausdruckes, wie ich ihn nie übertroffen gehört habe. Dann ahmte er Hundegebell und das lange gellende Geheul im Anſchlag ſeines Jagdhundes nach, rief:„horch da⸗ von! horch davon!“ und ſprang zugleich mitten in das dichteſte Gedränge, warf Männer, Frauen, Kinder über den Haufen, wie er fortſtürmte; ei⸗ — 182— nige fluchten, andere kreiſchten, faſt Alle lachten in der buntſcheckigen, lärmenden Maſſe, deren ſichtbares Elend dadurch nur noch ſchreckhafter wurde. Was ich an Silbermünze bei mir hatte warf ich zwiſchen ſie und ſezte meinen Weg zum Hotel fort, inzwiſchen nicht allein, ich führte den gan⸗ zen Zug meiner zerlumpten Freunde, die mit lau⸗ tem Lobpreiſen meiner Freigebigkeit und durch ihre Begleitung ihre Dankbarkeit erwieſen. Zum Ein⸗ gange gekommen, nahm ich dem Träger mein Gepäck ab und ging in das Haus. Ganz ungleich andern Hotels, war hier weder Leben noch Ge⸗ ſchäftigkeit, kein aufgedunſener Wirth, keine friſche Wirthin, kein munterer Aufwärter mit der Ser⸗ viette auf dem Arme zeigte ſich, noch auch das ſchnippiſch ausſehende Zimmermädchen mit dem Bettleuchter in der Hand. Eine große, unreinliche, unmöblirte Halle führte in eine Art von Schenk⸗ ſtube, auf deren unvermalten Borten einige ver⸗ einzelte Flaſchen mit zinnernen Maaßen und Ta⸗ bakspfeifen geſtellt waren, die Wände waren mit Anſchlägen bedeckt, welche die Anordnungen für das„große Kanal⸗Hotel“ enthielten, mit einem vollzähligen, überflüſſtgen Verzeichniß aller der darin zu findenden guten Dinge nebſt beigeſezten Prei⸗ ſen, und eine dringende Aufforderung an die Rei⸗ — 183— ſenden, im Falle die Aufnahme ſie nicht befrie⸗ digte, dies in„einem zu dieſem Zwecke vom Wirthe gehaltenen Buche“ zu bemerken. Ich überſchaute die prunkende Speiſeliſte, las von Rumpf⸗Steaks und gebratenen Hühnern, von Nind⸗ und Nieren⸗ braten und wendete mich ab um näher zu unter⸗ ſuchen. Das gegenüber befindliche Gemach war groß und geräumig, wahrſcheinlich zum Kaffe⸗ zimmer beſtimmt, aber es war ebenfalls ganz leer, enthielt weder Tiſche noch Stühle, hatte keine andere Verzierung als die mit einem ange⸗ brannten Stocke auf die Wand geſchwärzte Zeich⸗ nung eines Kanalbootes. Ich ging weiter zur Küche, mein Erfolg war hier um nichts beſſer— der trefliche Heerd, vor welchem einige der locken⸗ den Speiſen hätten ſtehen ſollen, von denen ich geleſen hatte, war kalt und verödet; allerdings lagen in der einen Ecke deſſelben drei kaum an⸗ geglimmte Erdſoden, die einen alten Keſſel trugen, deſſen aufgedrehete Zugröhre nur ſchwermüthigen Anblick ſeines Daſeyns verrieth; ich ſtieg die Treppe hinauf, meine Schritte hallten im ſchwei⸗ genden Korridor wieder, aber keine Spur menſch⸗ licher Bewohner konnte ich entdecken; ich begann zu glauben, der Wirth ſey mit den Speiſevorräthen davon gegangen. Da vernahm mein Ohr leiſes Gemurmel — 484— von Stimmen, ich hörte deutlich Geſpräch mehrer Perſonen am Ende des Korridor. Zur Thüre vorgegangen klopfte ich zwei Mal an und er⸗ wartete die Aufforderung zum Eintreten. Ent⸗ weder waren ſie nicht geneigt, jemanden zuzu⸗ laſſen, oder hatten mein Anpochen nicht gehört, denn ſie erwiederten nicht; ich drehte leiſe den Handgriff, öfnete die Thüre und trat unbemerkt hinein. Mehre Minuten gewährte mir dieſer Schritt keinen Nuzen, das kleine Zimmer war buchſtäblich mit Rauch angefüllt, und nur als ich mir die Thränen drei Mal abgetrocknet hatte, konnte ich die Gegenſtände vor mir erkennen. Auf zwei niedern Stühlen, neben einem arm⸗ ſeligen Feuer von grünem Holze, das auf dem Heerde nicht brannte ſondern nur rauchte, ſaßen ein Mann und eine Frau, zwiſchen ihnen ſtand ein gebrechlicher Tiſch und auf dieſem ein Thee⸗ geſchirr der demüthigſten Art, nebſt einem Teller mit Fiſch, welche der Geruch als Böcklinge an⸗ gab. Von dem Manne ſah ich wenig, ſein Rücken war mir zugekehrt, doch wäre dies auch nicht geweſen, hätte ich ſchwerlich meine Blicke von ſeiner Gefährtin abwenden mögen. Nie hat⸗ ten meine Augen einen ſo befremdlichen unirdi⸗ ſchen Gegenſtand erblickt. Sie war eine alte, faſt hundertjährige Frau, ihr Haupt, weder durch Müze noch Kappe bedeckt, zeigte eine Maſſe ſchnee⸗ weiße Haare, die auf den Rücken, die Schultern, zum Theil über ihr Angeſicht herabhingen, doch nicht genug um zwei dunkle Nundtheile zu verbergen, in denen ihre trüben Augen matt glimmten; ihre Naſe war dünn und geſpizt, krümmte bis zum Munde hinab, der durch die ſtraffen Winkelmuskeln zurück⸗ geſperrt den Ausdruck gräßlichen Lachens zeigte.— Ueber ihr grobes Gewand von inländiſchem Stoffe hatte ſie der Wärme wegen einen abgetragenen Sol⸗ datenrock gezogen, der ihrer eigenthümlichen Geſtalt das Anſehen eines alten Pavian in einer Dorfbude gab. Ihre durch Huſten gebrochene Stimme war ein leiſer, ſchwacher Discant aus Stimmwegen vor⸗ tönend, denen das kümmernde Leben kaum noch die Spur von Lebenskraft gelaſſen; dennoch ſprach ſie unaufhörlich, bewegte ihre häutigen Finger zwiſchen den Theetaſſen und Meſſern auf dem Tiſche mit eine unruhigen Raſtloſigkeit als ſuche ſie etwas. „Da, Acuſhla, rauche nicht, thu's nicht,'s iſt gewißlich zum Verderb Deiner Geſichtsfarbe. Als ich jung war, ſah ich niemals die Knaben ſo viel Tabak brauchen.“ „Still, Mutter, laßt mich ungeſchoren,“ war die kecke Antwort, in einem Tone geſprochen, der mir nicht ganz ungekannt war. „Ey, ey,“ ſprach die Alte,„immer derſelbe, — 186— niemals ein Wort achten was ich ſpreche, und vielleicht mag ich in wenigen Jahren nicht mehr ſeyn, um für Dich zuzuſehn, für Dich zu wachen.“ Der ſchmerzliche Gedanke, die Welt mit allen ihren Verführungen und Freuden verlaſſen zu müſſen, ſchien ſie tief zu ergreifen, ſie begann zu weinen. Doch ihr Gefährte ſchien wenig er⸗ ſchüttert, dampfte ruhig ſeine Pfeife und wartete geduldig das Ende ihres Schmerzanfalles ab. Sie erholte ſich bald, ſagte munterer:„Da, nimm das Theezeug weg, und dann magſt Du gehn um'nen Lauf über die Gemeinwieſe zu machen, aber hüte Dich, wirf Jack Moore's Gänſe nicht mit Steinen, und gieb Acht, daß Bry⸗ ans Sau Dir nichts böſes thut, die jezt wild wie der Teufel iſt, nun ſie ihre Ferkel hinter ſich hat. Hörſt Du, mein Liebling— oder biſt Du krank? Ach wirra, wirra! was iſt's mit Dir, Corny Mabuſchall!“ „Corny,“ rief ich laut, mein Incognito ver⸗ geſſend. „Ja Corny, weder mehr noch weniger als Corny ſelber,“ ſagte dieſer gefürchtete Mann, ſtand vom Size auf und legte ſeine Pfeife auf den Tiſch, ſteckte die Hände in ſeine Taſchen und ſchien vorbereitet zum Gefecht. „O Corny,“ ſagte ich,„höchſt erfreut Sie -— 187— hier zu finden. Vielleicht können Sie mir helfen. „Ich glaubte dies ſey ein Hotel.“ „Und weshalb wollten Sie meinen es ſey kein Hotel? Hat es nicht ſeine Schenkſtube und ſein Kaffezimmer?— Sind nicht die Hausord⸗ nungen gedruckt und an allen Wänden aufge⸗ ſchlagen?— Ja das thaten die Directoren— ſezten den Preis bei jeglich Ding— als wenn man die Leute betrügen wollte. Und Zeichen ge⸗ nug— jezt ſehn Sie den Ort an— uff! die Heiden, die Türken!“ „Ja, Corny in der That; ſehn Sie den Ort jezt an, ich bin froh mit meinem Freunde über⸗ einſtimmen zu können.“ „Nun, ſehn Sie ihn an,“ erwiederte er auf⸗ grollend—„und was haben Sie gegen ihn zu ſagen? Iſt's nicht das große Kanal⸗Hotel?“ „Ja,“ antwortete ich verſöhnend,„aber ein Hotel ſollte doch mindeſtens einen Wirth, oder eine Wirthin haben.—“ „Und wie nennen Sie denn meine Mutter hier?“ fragte er mit entrüſteter Strenge. „Schlagt Corny nicht, Sir, ſchlagt das Kind nicht,“ kreiſchte die Alte in herzzerreißendem Schreckenstone—„ſicherlich weiß er nicht, was er ſagt.“ „Er ſagt mir, es ſey nicht das große Ka⸗ — 188s— nal⸗Hotel, Mutter,“ ſchrie Corny der Alten ins Ohr, und begann dabei ein kreiſchendes Ge⸗ lächter. Die Alte ſtimmte durch ſonderbares Mitgefühl dazu ein, und ich, unfähig der drolli⸗ gen Wirkung zu widerſtehen, lachte ebenfalls, ſo verbrachten wir mehre Minuten. Plözlich endete Corny ſein Lachen, wendete ſich kurz herum, hef⸗ tete ſeine flammenden Augen auf mich und ſagte:„Sind Sie den ganzen Weg von der Stadt hergekommen, um meine Mutter und mich zu verlachen?“ Ich beeiferte mich, dieſe Anſchuldigung von mir abzulehnen, ſagte ihm mit kurzen Worten den Zweck meiner Reiſe, wohin ich gehen wolle, und wie peinlich meine Täuſchung ſey, weil ich an⸗ genommen hätte, die innern Einrichtungen des großen Kanal-Hotels würden ſeinem Aeußern entſprechen:„Ich hoffte, hier ein Mittageſſen ha⸗ ben zu können.“ „Das können Sie nicht,“ war die Antwort, „falls Sie nicht Böcklinge lieben.“ „Auch meinte ich ein Bett zu bekommen.“ „Eben ſo wenig, wenn Sie nicht auf Stroh ſchlafen mögen.“ „Hat Ihre Mutter denn nichts beſſeres, als dies?“ ſagte ich, auf die jämmerliche Tiſchſchüſſel zeigend.. — 189— „Still, ſag ich Ihnen, ſetzen Sie ihr ſo was nicht in den Kopf, zuweilen hört ſie eben ſo ſcharf als Sie oder ich—“ dann ſezte er fli⸗ ſternd hinzu—„Böcklinge ſind ſo wohlfeil, daß wir ihr immerwährend glauben machen, wir ſeyen in der Faſtnachtszeit— jezt faſtet ſie ſchon ſeit neun Jahren.“ Bei Erwähnung dieſer unſchuldi⸗ gen Liſt ergriff ihn lauter Ausbruch ſeines Ge⸗ lächters, worin die Mutter wie früher mit ein⸗ ſtimmte. „Was kann ich nun thun,“ fragte ich, „wenn hier nicht zu Eſſen für mich iſt? Giebt's ein anderes Wirthshaus im Dorfe?“ „Nein, den Teufel giebts.“ „Wie weit iſt's nach Loughrea?“ „Vierzehn Meilen und'n Stückchen.“ „Ich vermuthe, daß ich einen Karrn haben kann.“ „Ja, wenn Marie Dorlan's Junge nicht zu⸗ rückgefahren iſt.“ Ungeduldig waren die Augen der alten Frau während dieſes Geſpräches, von dem ſie kein Wort hörte, auf mich geheftet, jezt rief ſie:„weshalb bezahlt er ſeine Rechnung nicht und geht. Den Teufel ſeinen Pfennig will ich davon nehmen. Sicherlich wenn Ihr'n wirklicher Gentleman wäret, würdet Ihr den Burſchen da ein Fünf⸗ — 190— pfennigſtück für die Aufwartung geben. Doch laß gut ſeyn, Corny, Lieber, ich will Dir in Banagher einen Beutel mit Marmorknickern kaufen.“ Beſorgt einer unzeitigen Scherzluſt wieder nachzugeben, eilte ich aus dem Zimmer und die Treppe hinab; das Gedränge, welches mich her⸗ begleitet hatte, war nun auseinander, jeglicher nach ſeiner Behauſung gegangen. Der einzige, der noch an der Thür lauerte, war der arme Blödſinnige im Jagdanzuge. Seinen Namen hatte ich behalten, und redete ihn an:„iſt der Loughreakarrn fortgefahren, Joe?“ „Das iſt er, Euer Edlen, der iſt fort.“ „Giebt's ein Mittel, heute Abend dahin zu kommen?“ „Zu Fuß gehn ausgenommen, giebt's keines.“ „Nun wäre ich ſelber dazu geneigt, ſo habe ich doch mein Gepäck.“ „Iſt's ſchwer?“ fragte Ioe. „Dieſer Portmanteau und der Teppich⸗ Beutel—“ „Wills tragen,“ war ſeine kurze Entgeg⸗ nung. „Werdet's nicht können, guter Mann,“ ſagte ich. „Doch, und Euch noch oben darauf!“ — 191— „Ihr wißt nicht, wie ſehwer ich bin,“ ant⸗ wortete ich lachend. „Bei Gott, ich wollte Ihr wäret noch ſchwerer.“ „Wie das, Joe?“ „Weil einer, der ſo gut gegen die Armen iſt, jeden Tag ſein Gewicht an Goldwerth hat.“ Ich will nicht behaupten, es ſey dieſe Schmei⸗ chelei, oder das Verſprechen einen guten Gefähr⸗ ten auf dem Wege zu haben, was in dieſen Worten lag, aber ſo viel iſt gewiß, daß ich ſei⸗ nen Vorſchlag auf der Stelle annahm, das große Kanal⸗Hotel verließ, und den Weg nach Lough⸗ rea einſchlug. Mit der angeborenen Höflichkeit ſeines Lan⸗ des beſtrebte mein demüthiger Begleiter ſich, mir den Weg durch Geſang und Erzählung zu verkür⸗ zen. Da war kein geſchwärzter Zackengiebel, kein verfallener Thurm, nicht einmal ein Brunnen, den wir vorbei kamen, ohne ſeine Legende. Die Berge ſelber, die ihre mächtigen Gipfel in die Wolken ſtreckten, hatten ihre abergläubiſchen Schreckensſagen, wiewohl dieſe Geſchichten in ſich ſelber einfach waren, enthielt ihre Anwendung auf den Schauplaz vereint mit dem warmen Eifer ſei⸗ ner Begeiſterung etwas mein Herz rührendes und ergreifendes. Wie eine Lampe, deren aufflackernder Schein das düſtre Gewölbe einer Felſenhöhle anleuchtet, zu ſchwach, um ſie zu erhellen, aber doch wilde geſpenſtiſche Schöpfungen hervorrufend und den Raum mit geiſterhaften Erſcheinungen füllend, ſo befähigte der geringe Geiſtesantheil, den dieſer arme Menſch beſaß, ihn das Leben mit ſeltſa⸗ men verzerrten Umſichten zu erſchauen. Gewohnt, ſeine Tage in freier Luft zu verbringen, waren Fluren, Blumen und Ströme ſeine Gefährten, der hinabſchwellende kräuſelnde Waſſerlauf erregte ſein Mitgefühl, eben ſo, als das weiße Gewölk, welches über ihn hinrollte; glücklich, weil er keine Sorgen hatte, wanderte er von einer Graf⸗ ſchaft zur andern. Während der Jagdzeit ſah man ihn in den Hundezwingern ſchlendern, mit den Hunden Vertraulichkeiten anknüpfend oder er⸗ neuernd, denn dieſe kannten und liebten ihn, im⸗ mer war er bereit ein Fangnez zu ziehen, ein Erdloch zu ſtopfen, oder hundert andere der klei⸗ nen Dienſtleiſtungen zu verrichten, die immer ge⸗ braucht wurden. Viele Leute, die entfernt von der Vorſtadt lebten, kannten die Behaglichkeit, welche im Begegnen mit„Tipperary Joe“— ſo wurde er genannt— verſchaffte. Eben ſo flüch⸗ tig zu Fuß, als rechtſchaffen von Herzen, wurde ihm öfter ein Brief anvertraut, den man andern — 19— Boten nur mit dem Gefühle banger Beſorgniß übergeben haben würde. Sein Temperament glich dem Apriltage— immer wechſelnd, immer ändernd; in einem Au⸗ genblicke erzählte er mit bebender Lippe und ge⸗ brochener Stimme eine wilde, lebhaft ergreifende Geſchichte, im nächſten brach er plözlich ab, brachte einen drolligen Schwank vor, und endete gemeiniglich mit lautem Tallyho, in welchem ſeine ganze Begeiſterung ſich ausſprach, während ſein funkelndes Auge, ſeine geröthete Wange das Ver⸗ gnügen darthaten, welches ſein Herz belebte. Er kannte jedermann nicht nur in ſeiner Grafſchaft, ſondern auch in allen umliegenden; die Leute wa⸗ ren in ſeiner Würdigung Klaſſenweiſe eingetheilt, nach Maaßgabe ihres Wohlthuns an Arme und ihrer Leiſtungen im Jagdfelde. Dieſe beiden Ei⸗ genſchaften waren für ihn die zwei großen Be⸗ dingungen der Menſchheit. Der gütige Mann und kühne Reiter erreichten ihm das ſchöne Vorbild aller Vortreflichkeit, und ſonderbar genug wußte er dieſen Lehrſaz mit vielem Scharfſinn zu unter⸗ ſtüzen. „Da iſt Burton Pearſe— der iſt'n Lieb⸗ ling von'nem Manne; der iſt den Armen gut und ſezt im Flug über alle Mauern;— dem kommts nicht an auf'n Stück Speck noch auf Jack Hinton, Erſter Band. 9 — 494— enen Beutel Mehl— bei Gott, das hält ihn ſo wenig auf, als'n doppelter Graben. Hurrah! mich dünkt, ich ſehe ihn jezt, wie er die Peit⸗ ſchenhand in dieſer Weiſe aufſchwingt, über den Thorweg ſpringt und dem Diener zuruft, laß Joe hineingehen zu ſeinem Mittageſſen, und gieb ihm ine halbe Krone— den Teufel weniger;— und denn iſt da Herr Power von Kilfane— dort in Kilkenny, der iſt ein Anderer von ihnen— einer vom rechten Schlage. Wollte, Sie ſähen ihn ſei⸗ nen Sprung machen, ein wenig in den Steigbü⸗ geln gerichtet, um oben überzuſchauen und den Grund zu ſehen, und dann— ho! er iſt hin⸗ über und davon. Ein ſchönes Gut hat er, ein herrliches Rudel Hunde, vierzehn Jagdpferde im Stalle und'ne Küche ſo vergnüglich, wie ich je⸗ mals eine hatte, um mich darin zu ſättigen. Die Köchin iſt'n mächtig hübſches Frauenzimmer, ein bischen fett oder ſo, aber'ne gute Seele und ine echte Bürgſchaft füre Iriſches Gedämpfe.“ „Kennen Sie Herr Ulick Burke, Joe?“ „Iſt's der Feuer⸗Puffer Burke?— meiner Treu, den kenn' ich! Stand ſo dicht bei ihm, als jezt neben Ihnen, als er Matt Callanan bei den Mühlen ſchoß.„Da, ſagt' er, als er ihm die Kugel in die Hüfte jagte und für ſein ganzes Le⸗ ben lähmte, immer liebtet Ihr Euer Geſchäft, ich — 4195— will Euch zum Hinker machen; und ſicherlich ge⸗ nug kann er ſeit der Zeit nur hinken.“ „Burke ſoll guter Reiter ſeyn, wie man mir ſagt.“ „Der beſte in Irland, ich kenne ſeines glei⸗ chen nicht, um den Hunden zu folgen, noch in flachem Rennen, noch im Thurm⸗Rennen. O! er iſt's, der den rechten Siz im Sattel hat. Mächtig kurz reitet er, hoch hinauf die Knie und die Zehen auswärts. Nicht ſehr gefallſam anzu⸗ ſehn, bis man dran gewöhnt iſt, aber geben Sie Acht, wie er ſein Thier fingert— das Maul mit der Trenſe anfühlt— niemals quält er, läßt ihm blos fühlen, wen es auf ſeinem Rücken trägt. Siiſt ein wahres Vergnügen, ihm zuzu⸗ ſehn, und denn, wie er kurzen Galopp nimmt, bevor er anſezt, niedrig mit der Hand und die Flanken eben mit den Sporen kizelnd, um des Pferdes Gemüthsart zu lernen. Mag ich nim⸗ mermehr! wenn's nicht'n himmliſcher Anblick iſt.“ „Alſo lieben Sie Burke, Joe?“ „Ihn lieben, wer wollt ihn nicht lieben, wenn er zu Pferde ſizt. Iſt er nicht der Sinn von em Reiter, der ſein Thier beſſer kennt als ich mein Heil Maria! aber ſieht man ihn zu Fuß, ſo iſt er der ärgſte Teufel von hier nach Croaghpatrik, in ſeinem Munde führt er nichts — 196— höflicheres, als Fluchen und„blutig Ende für Euch.“ O! er iſt's, der die Armen haßt, und ſie haſſen ihn; die Bettler entlaufen vor ihm, als wär' er die Polizei; der blinde Mann, der auf der Banagher Brücke ſizt, nimmt ſeinen Bettel⸗ ſack auf und läuft für ſein Leben, ſobald er nur den Trab ſeines Pferdes hört.— Iſt's nicht ein Wunder, daß er mit allen Verwünſchungen auf ihn doch ſo kühn reitet. Meiner Treu, wär' ich wie er, ich mögte nicht über den kleinen Waſſer⸗ lauf da. Nun, nun, er wird am Ende'ne ſchwere Abrechnung haben; ſchon hat er fünf Menſchen getödtet und eine große Menge mehr verwundet, aber ſie ſagen, er werde nicht im Stande ſeyn, viel weiter zu gehn, denn wenn er noch einen tödtet, ſo kommt der Teufel für ihn— der Herr ſey mit uns! von wegen, daß der niemals mehr als ſechs todtſchlagen läßt.“ Unter ſolchen Geſprächen kürzte er den Weg; mit Sonnenuntergang kamen wir zum Angeſicht der Stadt, die kaum noch eine Meile entfernt war.„Das iſt Loughrea dort, ein mächtig ſchö⸗ ner Ort, Häuſer mit Schieferdach, ein Markt und'ne Kaſerne; Sie werden einige Tage hier weilen?“ „Gewiß, ich wollte das Rennen ſehn.“ „Das wird in ſchönes Rennen werden;— — 197— hier iſt ein ganz großes Land, jegliche Art von Gehegethoren, Graben und Steinwällen ſo dicht wie ſie nur liegen können. Ich will Ihnen die ganze Rennbahn zeigen, denn ich kenne ſie gut, will Ihnen die Namen von Gentlemen und die Namen von ihren Pferden und ihren Dienern nennen; will Sie hinbringen, wo Sie das ganze Rennen vom Anfang bis zu Ende ſehen können, ohne um einen Zoll breit davon zu gehen. Wol⸗ len Sie Geld wetten?“ 4 „Ich glaube nicht, Joe; aber ich bin ſehr betheiligt für einen Freund, Capitain O'Grady.“ „Maſter Phil! Zeit und Alter! Sind Sie Freund von Maſter Phil? Arrah, warum ſag⸗ ten Sie das nicht früher? Warum nannten Sie ſeinen Namen nicht? O ich ſelber bin's, der heute Abend ſtolz iſt mit'nem Freund vom Capitain zu ſein— nun ſagen Sie mir Ihren Namen.“ „Hinton; die mich gut kennen, nennen mich Jack Hinton.“ „Muſcha! ich mögte Sie nur einmal Jack Hinton nennen. Wollen Sie eines für mich thun?“ „Ganz gewiß, Joe, was iſt's?“ „Laſſen Sie mir'ne halbe Pinte geben, um Ihr und des Captains Wohl zu rinken, denn meiner Treu, Sie müſſen von der rechten Art - 1098— ſeyn, oder er würde nicht mit Ihnen umgehn wollen. Mir iſt der Tag wie geſtern, als ich ihn unten am Biſchof⸗See traf; die Hunde ka⸗ men zum Halt, ein Hagel⸗Sturm zog herauf, und alle Gentlemen gingen zum Schuz in ein kleines Haus. Ich ſtand außen, da ſah mich Maſter Phil und ſagte:„komm herein, Joe, Du biſt die beſte Geſellſchaft und der gefallſamſte Geſell über'nem Krug Ciertrunk, und mag ich nimmermehr! wenn er mich nicht vor ſich an nem kleinen Tiſche ſizen und zwei Quart vom beſten Eiertrunk trinken machte, den ich jemals koſtete. Hat Maſter Phil hier alſo ein Pferd— wie heißt es?“ 38 „Ich fürchte, den Namen kann ich nicht aus⸗ ſprechen, Joe, meiner Engliſchen Zunge iſt er zu ſchwer, ich weiß aber, er iſt ein Schimmel und hat ein geſtuztes Ohr.“ „Das iſt Modirideroo!“ rief Joe, warf meinen Portmanteau zur Erde, ſezte ſich gemäch⸗ lich darauf, und ſchien tief nachdenklich. Endlich ſagte er:„Bei Gott, er wählte einen von guter Gemüthsart, als er dieſen nahm, nie wurde ein Pferd wie das in dieſer Gegend gefohlt. Hör⸗ ten Sie, was er mit Herr Schea that, der ihn aufzog? den warf er über eine Mauer, ſprang hinter ihm nach, und würde ihn ganz aufgefreſ⸗ — 199— ſen haben, wenn ſein guter Schuzengel ihm ſeine Lederhoſen nicht ſo ſtark gemacht hätte. Sicher⸗ lich kann ihn niemand reiten, als der eine Mann.“ „Wohl, Joe, ich glaube Herr Burke wird ihn reiten.“ „Muſcha! das thut mir doch leid!“ „Weshalb? Sie ſchienen doch ſein Reiten höchlich zu ſchätzen?“ „Gewiß wäre das nicht zu tadeln, wenn er nur aufrichtig wäre;— aber ſehn Sie, er hat ſo viele böſe Streiche in ſich wie der Teufel.— Zuweilen bricht er ſeine Steigriemen, oder kommt um ein Pfund zu ſchwer im Ziele an, oder er läßt die Trenſe aus dem Maule gleiten; denn er kümmert ſich um ſeinen Hals nicht. Einmal ſah ich, wie er ſein Thier zum Wettpreis ſezte und es tödtlich lahm einritt.“ Hier endete unſer Geſpräch, wir kamen zur Stadt, und gingen zu Frau Doolans Gaſthauſe. Dies war angefüllt oder die Zimmer beſtellt, ſchon wollte ich verdrießlich weiter gehn, als die Wirthin zufällig zwei von Captain O'Grady be⸗ ſtellte Zimmer erwähnte. Zu meiner Freude fand ich, mein Freund habe ſie frühzeitig genug für meinen Gebrauch geſichert; bald war ich recht behaglich untergebracht. Ioe ſorgte für mich als — 200— mein Diener; Thee und geröſtete Speckſchnitte erſchienen, meine Kleider wurden ausgepackt, Schlafrock und Pantoffeln vor das Feuer geſtellt, und alles von ihm mit der ganzen Gewandtheit eines Bedienten vollführt, nur ſang er dabei un⸗ aufhörlich.— Einige Zeilen ſchrieb ich an Herr Burke, wünſchte ihn für einige Minuten am fol⸗ genden Morgen zu ſehn, und legte mich dann ſchlafen. Wilſtes Spapilel. Die ungewohnte Anſtrengung des vorigen Tages hatte mir eine Steifigkeit meiner Glied⸗ maßen zurückgelaſſen, es war ſchon ſpät, als ich zu völliger Beſinnung erwachte, ich fühlte mich ungewöhnlich heiter und leichten Herzens. Vom Bett konnte ich in mein kleines Zimmer blicken, alles war geordnet, ſauber und angemeſſen. Meine Kleidungsſtücke gebürſtet und zuſammengelegt, meine Stiefeln ſtanden glänzend vor dem Feuer, Hut und Handſchuhe ſogar geordnet und ſorglich hingelegt. Die Anordnungen zu meinem behagli⸗ chen Frühſtück waren getroffen, mit einer Ser⸗ viette auf dem Arme ſtand Joe geduldig den Au⸗ genblick meines Erwachens abwartend. Die äu⸗ ßere Thür ward geöfnet, eine Stimme fragte, ob Herr Hinton hier wohne. 9 — 202— „Ja, er iſt noch im Bette und ſchläft,“ er⸗ wiederte Joe. „Und biſt Du's, Joe?“ ſagte der Andere, „biſt alſo Diener geworden, wie ich ſehe. Wenn der Herr iſt wie der Diener, muß es ein ge⸗ ſcheuter Hauseinrichter ſeyn. „Nein,“ entgegnete Joe nachläſſig,„er iſt gar nicht ähnlich irgend einem der Dinge in die⸗ ſem Lande, denn er ſcheint ein Gentleman zu ſeyn.“ „Sag ihm, ich ſey hier und ſey verdammt!“ antwortete er entrüſtet, warf ſich in einen Stuhl und ſchürte das Feuer. Ich vermuthete wer mein Beſucher ſey, klei⸗ dete mich eilig. Doch der Herr im andern Zim⸗ mer verrieth Ungeduld, durchſchritt pfeifend und eil⸗ fertig das Zimmer, trommelte dann auf den Tiſch, klopfte endlich ſcharf auf die Thür und rief: „Ich ſage, die Zeit iſt um, wenns gefällig wäre, Herr.“ Im nächſten Augenblicke ſtand ich vor ihm. Herr Ulick Burke war ein wohlausſehender Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren. Wie⸗ wohl unter mittler Größe war er kräftig und gut gebauet, ſeine Züge wären ſchön geweſen, wenn nicht ein Ausdruck gemeinen Argwohn's in ſeinen Augen geweilt hätte, der ihnen im Sprechen ein Seitwärtsblicken gab, welches mit dem Verluſte — 203— zweier Vorderzähne ſein ſonſt ſchönes Geſicht ent⸗ ſtellte. Sein Backenbart war ſtark, buſchig und reichte unter dem Kinn zuſammen. Sein Anzug beſtand in einem Jockeymäßig rund geſchnittenen grü⸗ nem Rocke, über dem er einen weißen Ueberwurf trug, in deſſen eine Taſche ſeine Schnurpeitſche nach⸗ läſſig geſteckt war, ein umgeworfenes Halstuch war loſe um ſeinen Hals geknüpft, er trug Bucks⸗ kin⸗Hoſen, die weit auf das Bein hinabreichten, und Stulpenſtiefeln. Das bezeichnendſte an ihm war vielleicht ſein Hut, ehemals ein weißer, nun aber durch Zeit und Wetter ſchmuzig grau ge⸗ färbt, ſeine Krone an mehren Stellen zerſtoßen, das Randblatt geborſten und gebrochen, alles zeigte, er ſey arg mitgenommen. Während er ſprach, hielt er ihn feſt in ſeiner unbekleideten Hand und ſchlug ihn von Zeit zu Zeit mit einer zur Gewohnheit gewordenen Heſtigkeit auf den Schenkeln. Sein Weſen war eine Miſchung ſchüchterner Verlegenheit und gemeiner Zuverſicht⸗ lichkeit, er fühlte gleichſam ſeinen Weg mit der einen, vergaß ſich mit der andern. Mitk gewiſſen Ueberbleibſeln der Klaſſe, welcher er urſprünglich angehörte, hatte er die gemeinen Sitten und das rohe Kauderwelſch ſeiner täglichen Gefährten an⸗ genommen, und es ward demjenigen, der ihn zum erſten male ſah, ſchwer zu beſtimmen, wel⸗ — 204— cher Klaſſe er angehöre. Seine Gefährten ſagten von ihm, Ulick Burke„könne Gentleman ſeyn, wenn es ihm beliebe.“ Man darf aber nicht ver⸗ geſſen, daß derjenige, der Gentleman ſeyn kann, dies auch jederzeit und unter allen Umſtänden ſeyn will. Nachdem er mich einige Sekunden mit einem Blicke gemiſchten Argwohns und wirk⸗ licher Unverſchämtheit angeſchaut hatte, zog er ei⸗ nen Brief hervor und ſagte: „Dies bekam ich geſtern Abend von Ihnen, Herr Hinton.“ „Wollen Sie nicht ſizen?“ ſagte ic, zeigte auf einen Stuhl und nahm mir einen andern. Vertraulich nickte er, ſezte ſich auf die Fenſter⸗ bank mit einem Fuße auf den Stuhl geſtüzt und fuhr fort:„Ich vermuthe, Sie ſind wegen O'Grady's Angelegenheit hier gekommen; der Captain hat mich ſehr ſchlecht behandelt.“ „Sie haben ganz Recht,“ antwortete ich kalt, „in Ihrem Vermuthen des Gegenſtandes meiner Hierkunft, aber ich muß Ihnen auch wiſſen laſſen, daß alle Bemerkungen, welche Sie über Captain O'Grady machen wollen, einem Freunde zugerich⸗ tet ſind, der nicht erlauben wird, ſeinen Namen verlezend zu behandeln.“ „Allerdings,“ ſagte er mit einem Lächeln der beleidigendſten Kälte:„Das iſt jedoch nicht die — 205— Sache, wovon es ſich handelt: Ihr Freund, der Captain, hat ſich nicht herabgelaſſen, meinen Brief zu beantworten.“ „Er empfing ihn erſt vor einigen Tagen.“ „Warum iſt er nicht ſelber hier? Darf ein Gentleman⸗Reiter behandelt werden wie ein ge⸗ meiner Jockey, der für ſein Rennen bezahlt wird?“ Ich geſtehe, dieſe Unterſcheidung war für mich zu fein, ich antwortete nicht, er fuhr fort: „Ich weiß nicht einmal, wo das Pferd iſt, ob es überall hier ſeyn mag, wollen Sie das anſtän⸗ dige Behandlung nennen, Herr Hinton?“ „Von einer Sache bin ich völlig überzeugt, Herr Burke— Captain O'Grady iſt unfähig, etwas Unwürdiges und einem Gentleman Unge⸗ bührliches zu thun; die Eile ſeiner Abreiſe zu ausländiſchem Dienſte mag ihn verhindert haben, gewiſſe Regeln der Höflichkeit gegen Sie zu er⸗ füllen, aber er hat mir den Auftrag gegeben, Ihre Bedingungen anzunehmen. Das Pferd iſt hier, oder wird doch heute Abend hier ſeyn, und ich vertraue, das gute Vernehmen, welches bis⸗ her zwiſchen Ihnen beſtand, wird durch nichts ge⸗ ſtört werden.“ „Will er die Schuldverſchreibung auf ſich nehmen?“ — 206— „Er will,“ ſagte ich feſt. „Er muß ein ſchweres Buch für dieſes Ren⸗ nen haben.“ „Nahe an Tauſend Pfund.“ „Das bedaure ich ſeinetwegen,“ antwortete er kalt,„denn er wird ſein Geld verlieren.. „Wirklich,“ entgegnete ich,„ich verſtand, daß Sie gut von ſeinem Pferde urtheilen und daß durch Ihr Reiten—“ „Ja, aber ich will nicht für ihn reiten.“ „Sie wollen nicht reiten— nicht auf Ihre eigenen Bedingungen?“ „Nein, ſelber auf meine eigenen Bedingun⸗ gen nicht.— Ereifern Sie ſich nicht, Herr Hin⸗ ton, Sie ſind zu einem Lande gekommen, wo das niemals taugt, wir ſchlichten alle unſere kleinen Angelegenheiten in einer uns eigenen, geſelligen und gefallſamen Weiſe— aber ich wiederhole, für Ihren Freund will ich nicht reiten; Sie mö⸗ gen alſo ſein Pferd zurückziehn, ſobald es Ihnen gefällt, ausgenommen,“ ſezte er mit verächtlichem Hohne hinzu,„Sie hätten etwa Luſt, es ſelber zu reiten.“ Mit dem Entſchluſſe, auf jeden Fall meine Faſſung zu behalten, ſagte ich ſo ruhig als ich vermogte:„was für Pferde ſind gegen O'Grady?“ — 207— „Eine kaſtanienbraune Stute von Tom Mol⸗ ley, die ihn über jeglichen Bodengrund ſchlagen kann— alle andern ſind zurückgezogen, ſo daß ich nur für meine Mühe überzureiten brauche.“ „Alſo reiten Sie für Herr Molley?“ fragte ich. „Sie haben's errathen;“ ſagte er mit einem Zucken ſeiner Augen, warf den Hut nachläſſig auf eine Seite ſeines Kopfes, gab mir ein un⸗ verſchämtes Kopfnicken und ſchlenderte aus dem Zimmer. Ich kann nicht ſagen, daß mein Appetit zum Frühſtück durch Burkes Beſuch geſtärkt wurde; nie befand ſich ein Mann in größerer Verlegen⸗ heit, als ich. Ohne nur den Verluſt des Gel⸗ des zu bedenken, wußte ich, wie ſehr der arme Phil durch dieſe Zweizüngigkeit leiden würde; in meinem Kummer um ihn beſchuldigte ich mich ſchlechter Führung ſeiner Angelegenheit; wäre ich entweder verſöhnender, oder aber ſchroffer gewe⸗ ſen,— hätte ich ihn eingeſchüchtert, oder höhe⸗ res Gebot gemacht, mögte vielleicht ein anderes Ergebniß erzielt ſeyn. Ach! bei allen meinen Berechnungen kannte ich von ihm, mit dem ich zu thun hatte, wenig oder gar nichts. Verwirrt und verlegen, unſchlüſſich über die Art, wie ich verfah⸗ ren ſolle, ging ich in meinem Zimmer auf und ab, — 208— faßte eine Stunde hindurch manchen, wieder verworfenen Vorſaz, konnte nur zu dem Schluſſe gelangen, daß O'Grady recht unglücklich gewählt habe, als er mich zu ſeinem Unterhändler aus⸗ erſah. Die Stadt⸗Uhr ſchlug zwoͤlf, da erinnerte ich mich plözlich, jezt ſey die Zeit um die Renn⸗ vorbereitungen zu ordnen, ohne zu wiſſen was ich wollte, nahm ich meinen Hut und ging hinaus. Die Hauptſtraße der Stadt war gedrängt voller Leute der Klaſſe, welche nach Irländiſcher Bezeichnung den Namen Squirien führt, eine Art menſchlicher Laurer, ohne eine der guten Eigenſchaften der⸗ jenigen Klaſſen, von welchen ſie ihren Urſprung ableitet, aber überſchwenglich mit den ſchlechten Zügen beider ausgeſtattet. Sie ſchlenderten da⸗ hin, gefolgt von Stöbern und langhaarigen Wind⸗ ſpielen, ihre Hände in die Rocktaſchen geſteckt und die Hüte gut auf den Hinterkopf geſtülpt. Dieſem ehrenhaften Zuge folgte ich, gelangte zum Markthauſe, auf deſſen Treppenſtufen mehre wett⸗ ſpielende Gentlemens, höherer Geltung, verſam⸗ melt ſtanden. Mit einiger Schwierigkeit bahnte ich mir meinen Weg durch dieſe, erſtieg eine un⸗ ſaubere mit Sand beſtreuete Treppe und kam zu einem großen Gemache, welches zu den wöchent⸗ lichen Magiſtratsſizungen diente; hier ſaß am — 209— langen Tiſche das Renn⸗Komité, vor ſich eine anſehnliche Schauſtellung von Büchern, Federn und Papieren. Ein kleiner Mann mit gepudertem Kopfe und einem gewiſſen röchelnden Kichern wenn er ſprach, welches unwillkührlich an Schlagfluß mahnte, ſchien der Vorſizende des Vereins. Das Zimmer war ſo gedrängt voller Menſchen aller Stände, daß ich nur mit Mühe gewahren konnte was vorging. Aufmerkend ſchaute ich umher, ob ich nicht einen Freund oder Bekannten gewahren mögte, doch alle Geſichter waren mir fremd. Der einzige, den ich früher geſehn hatte, war Herr Burke ſelber, der, mit dem Rücken ge⸗ gen das Feuer, einen auserwählten Kreis ſeiner Freunde ergözte, aus dem Gelächter ſeiner Zu⸗ hörer entnahm ich, es ſey eine Erzählung ſeines mir gemachten Beſuches. Seine Beſchreibung muß ſinnreiche Einkleidung verrathen haben, denn die Herren lachten ganz unmäßig— als Burke geendet hatte, ſtand er unverkennbar um mehre Fuß höher in ſeiner Bekannten Achtung. „Stille!“ röchelte der kleine Mann mit wei⸗ ßem Kopfe,„es iſt ein Viertel nach zwölf und ich will nicht länger warten.“ „Leſen Sie das Verzeichniß, Moriz,“ rief eine Stimme;„weil's nur ein Ueberführen iſt, brauchen Sie keine Zeit zu verlieren. — 210— Die erſten drei Numern wurden abgeleſen, dieſe Pferde waren ſämmtlich zurückgezogen, hat⸗ ten Reugeld gezahlt. „Numer 4 Tom Molley's Cathlion 44 „Alles recht!“ rief Burke vom Kamin her. „Wer reitet?“ fragte der Präſident. „Ulick!“ riefen viele Stimmen zugleich. „Eilf Stein acht Pfund,“ ſagte der kleine Mann.—„Ich glaube das ſind ſie Alle, doch nein, hier iſt ein anderes Pferd, Captain O'Gra⸗ dys Modirideroo.“ „Streichen Sie den aus mit den übrigen,“ ſagte Burke. Mein,“ ſprach ich im hintern Ende des Zim⸗ mers. Das Wortt ſchien elektriſch, aller Augen waren auf mich gerichtet; als ich zum Tiſche vortrat, wich das Gedränge zurück, um mir Plaz zu machen. „Sind Sie für Herrn O'Grady hier, Sir?“ fragte der kleine Mann mit höflichem Lächeln.— Ich verbeugte mich bejahend. Er fuhr fort: „alſo zieht er ſein Pferd nicht zurück?“ „Nein,“ ſprach ich noch ein Mal. „Aber Sie wiſſen, mein Herr, daß Herr Burke für meinen Freund Molley reiten wird, ſind Sie auf einen andern Gentleman vorberei⸗ — 211— tet?“ Ich nickte.„Darf ich um ſeinen Namen bitten?“ fuhr er fort. „Herr Hinton.“ Jezt war Burke zum Tiſche getreten, beugte ſich und flüſterte dem Präſidenten einige Worte in's Ohr. Dieſer ſagte dann zu mir:„Sie werden mir gewiß verzeihen, wenn ich, da uns der Name unbekannt iſt, Sie frage, ob er ein Gentleman⸗Reiter iſt?“ Das Blut ſtieg mir zu Kopfe, ich wußte von wem dieſe Beſchimpfung ausging, doch war hier nicht Zeit um dies zu ahnden, ich antwortete einfach:„Herr Hinton iſt Garde⸗Offizier, ein Aide-de-Camp des Lord⸗Lieutenant, und ich bitte um Erlaubniß mich als ſolchen vorzuſtellen.“ Die von dem Komité dargethane ungemeine Höflichkeit, nachdem ich dieſe wenigen Worte ge⸗ ſagt hatte, gewährte überſchwängliche Genugthu⸗ ung für das, was ich ſeit einigen Minuten leiden mußte. Burke war wieder zum Feuer gegangen von ſeinen Anhängern umkreiſet. Mir wurde ein Seſſel an den Tiſch geſchoben, ich las und unter⸗ zeichnete die verſchiedenen Papiere, durch welche ich mich verpflichtete, den Renn⸗Anordnungen Folge zu leiſten, und in allen Dingen der Ent⸗ ſcheidung von Steward mich zu unterwerfen.— Burke rief:„wer will acht zu eins auf das Ren⸗ — 212— nen nehmen?“ Niemand anwortete.„Wer will funfzig gegen fünf?“ rief er wieder. „Ich will,“ ſagte eine Stimme an der Thüre. „Wer iſt's der meine Wette nimmt? Wie iſt ſein Name?“ „Tom Loftus, Pfarrer von Murrankilty.“ „Ein beſſerer, noch rechtſchaffener Mann konnt's nicht thun;“ ſagte der Präſident. „Buchen Sie Ihre Wette, Sir,“ ſagte Burke, „oder wenn es Ihnen eben ſo genehm iſt, können Sie ſelbige jezt gleich zahlen.“ „Niemals zeichne ich ſolche Kleinigkeiten auf,“ anwortete der Prieſter,„aber das Geld will ich in ehrenhaften Mannes Händen niederlegen.“ Lautes Gelächter folgte dieſem Vorſchlage des Prieſters, weil nichts dem Geſchmacke Burkes weniger zuſagen konnte. Er war jedoch diesmal bei Kaſſe; während der Prieſter ſeine Fünfpfund⸗ Note aus einem gar großen ſchwarzledernen Ta⸗ ſchenbuche hervorzog, warf ſein Gegner mit dem Ausſehen prahleriſcher Wichtigkeit eine ſolche von funfzig Pfund auf den Tiſch. Ich wendete mich jezt herum, meinem guten Freunde die Hand zu reichen, aber zu meinem ſtaunenden Ueberraſcht⸗ werden warf er mir einen kalten zurückweiſenden Blick entgegen, der mir zeigte, er wolle nicht er⸗ kannt ſeyn, ſogleich verließ er das Zimmer. Mein — 213— Geſchäft war ebenfalls beendigt; mit dem Ver⸗ ſprechen, am folgenden Tage um zwei Uhr hier zu ſeyn, entfernte ich mich. Ich war unzufrieden über des Prieſters Be⸗ nehmen gegen mich, welche Urſache er auch da⸗ zu haben möge— eben ſo wenig befriedigte mich der Ton jener ganzen Verſammlung, und noch viel weniger die Art wie ich daran Theil genom⸗ men hatte; jezt bei kälterer Ueberlegung erkannte ich von augenblicklicher Aufregung, leidenſchaft⸗ licher Entrüſtung zu einem Schritte hingeriſſen zu ſeyn, der mich mit Schaam, Furcht und Beſorg⸗ niß erfüllte, minder in Beziehung auf körperliche Gefahr, der ich gern trozen wollte, als des beinahe ſichern Umſtandes wegen, mich lächerlich zu machen; dieſer Gedanke, daß ich zur Verſpottung der mir zuſchauenden Horde ungezogener, niedrig geborner Leute werden würde, kränkte meine Eigenliebe. Als ich zum Wirthshauſe kam, erwartete mich Joe, der hinabgegangen war, um das Pferdzu ſehen, welches aus Vorſicht in einer Mühle, etwas von der Stadt entfernt, aufgeſtellt war; in flammen⸗ den Lobſprüchen redete er von deſſen Weſen und Zuſtand.„Ach! es iſt eine wahrhaftige Schön⸗ heit— ein bischen dick von Fett am Halſe, aber ſie ſagen, er trainire immer fleiſchig, und ſeine Schenkel ſind ſo rein wie'ne Pfeife. Fürwahr — 214— er wird Ulick zu thun machen, ſo viel der nur kann, um ihn morgen zu reiten. Ich ſehe aus der Art wie er die Augen nach einem im Stalle verwendet, er hat des Teufels Tücken.“ „Herr Burke wird ihn nicht reiten, Joe— ſondern ich reite.“ „Sie wollen das thun? Sie? O bei den Mäch⸗ ten, Herr Ulick hatte nicht ſehr Unrecht als er ſagte, der Herr wäre wie ſein Diener.„Sag mir, mit wem Du biſt,“ heißt das alte Sprichwort— und hier haben wir's— das kommt davon. Wer mit Hunden niederliegt, ſteht mit Flöhen auf, und dies iſt die Frucht davon, mit'nem Narren zu reiſen.“ Ich war in dem Augenblick nicht zu ſcher⸗ zen geſtimmt, und erwiederte dem armen Men⸗ ſchen im harten Tone; als dieſer das Zimmer ſchweigend verließ, ſchämte ich mich für mich ſel⸗ ber, zürnte mir, den einzigen fortgeſcheucht zu ha⸗ ben, der Theilnahme für mich zu empfinden ſchien. Unzufrieden und mißmuthig ſezte ich mich zu mei⸗ nem Mittageſſen, nur durch ungezügeltes Hin⸗ geben an den Drang meiner Leidenſchaftlichkeit, ſah ich mich von Verlegenheiten und Schwierig⸗ keiten umringt, ohne einen Freund der mir rathen könnte. Endlich faßte ich den Entſchluß, das Pferd mit dem ſchwierigen Namen zu reiten, ſo lange mir dies möglich ſeyn würde, mich durch — 215— kein vorkommendes Hinderniß ſchrecken zu laſſen, und ich fühlte mich dann etwas beruhigter. Mei⸗ ne Eßluſt war nicht beſonders, aber ich hatte ganz vortreflichen Portwein, und mit jedem Glaſe, welches ich hinabſchlürfte, erſchien mir die Zukunft in roſenfarbnerem Lichte. Eben war die zweite Flaſche auf den Tiſch geſtellt, als O'Grady's Reitknecht eintrat, um ſeine Weiſungen zu em⸗ pfangen. Mein Entſchluß, das Pferd ſelbſt zu reiten, ſezte ihn ſichtbar in ängſtliches Erſtaunen, inzwiſchen hatte ich jezt meine eigenen Be⸗ fürchtungen überwunden, und wollte den ſei⸗ nigen nicht geſtatten mich zu erſchrecken. Ich erkünſtelte jene ruhige Unbefangenheit, welche Burke in der vollkommſten Weiſe zeigte, ſteckte meine Hände in die Rocktaſchen, ſtellte mich mit dem Rücken gegen das Feuer und befragte ihn nach dem Pferde. Verwünſcht, kein Menſch iſt ſchwerer zu täuſchen als ein Irländer, doch wenn dieſer Reitknecht iſt, ſo behaupte ich gradezu, das Ding ſey unmöglich. Der Burſche durchſchaute mich augenblicklich, trank ſein Glas Wein, welches ich ihm gefüllt hatte, trat vertraulich näher und ſagte leiſe:„Sie wollen ihn reiten, ſagten Sie?“ „Ja, ganz gewiß.“ „Nun, weil Sie's ſagten, ſo iſt dem nicht abzuhelfen. Nur ein Ding iſt zu thun,“ vor⸗ — 216— ſichtig blickte er umher, ob auch jemand horchen mögte.„Ich kenne nur dies eine, laſſen Sie ſich bei dem erſten Ueberſezen herunterwerfen. Verſtehen Sie mich, überlaſſen Sie es ihm; er wird Ihnen gar keine Mühe machen; Sie ha⸗ ben weiter nichts zu thun als die weichſte Seite auszuwählen.— Nachher iſt's nicht Ihre Schuld, wiſſen Sie, denn ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, vor Abend läßt er ſich nicht einfangen.“ Ich mußte über dieſe ganz neue Anweiſung zum Reiten eines Thurm⸗Rennens lachen, ob⸗ gleich ich geſtehe, daß mein Muth in Betreff der Aufgabe nicht dadurch erhöht wurde:„Aber was thut denn dieſes hölliſche Thier,“ ſagte ich,„was hat es für Tücke?“ „Nicht eine, ſondern hundert hat er. Zuerſt iſt's gar nicht leicht ihn zu beſteigen, denn er rührt ſeine Hinterfüße ſo gewandt, wie ein Gei⸗ ger die Arme; wenn Sie nicht mächtig ſchnell aufſizen, wird er Sie niederſchlagen; ſizen Sie oben, wird er vielleicht nicht gehn wollen, die vier Beine ſtrecken, den Kopf ſenken, mit den Augen zurückblicken und die Flanken mit dem langen Schweife ſchlagen. Sie mögen ihn ſchmeicheln, ſtreicheln und klopfen—'s iſt grade als wenn Sie'nen Mühlſtein kizelten, denn er verhöhnt Sie. Vielleicht werden Sie das Ding — 24147— müde und geben ihm Sporen; hurrah, bei Gott, dann geht’s los! Vielleicht bricht er Ihren Hals, oder Ihren Schenkel, oder mindeſtens das Schlüſ⸗ ſelbein; zuerſt giebt er einen geraden Sprung in die Luft, etwa zehn Fuß hoch, ſtreckt den Kopf vorwärts, bis er Ihnen die Zügel aus den Hän⸗ den ſtreift oder Sie aus dem Sattel hebt, und zugleich giebt er Ihnen einen Schlag mit den Hinterfüßen auf Ihren Rücken. Ach Mord! morgen werden's ſechs Wochen, ſeitdem es einen dieſer Bockſprünge mit mir machte, und ſeitdem konnte ich nicht gerade gehen. Doch das iſt's noch nicht alle.“ „Ey was,“ unterbrach ich ihn ungeduldig— „dies iſt Unſinn, es braucht nur einen Reiter, der kräftig genug iſt, ihm dies auszutreiben.“ Bei dem Ausſprechen dieſer muthvollen Worte muß ich ge⸗ ſtehn, daß ich im eigenen Herzen mich gar nicht ſo ſtark fühlte; nun ging ich mit dem Reitknecht hin das gefürchtete Thier zu beſuchen. Die Mühle lag etwa eine Meile von der Stadt, aber es war eine ſchöne mondhelle, wind⸗ ſtille Nacht, und der Gang ungemein anziehend. In der Nähe der Mühle gewahrten wir einen Burſchen, der zwei Sattelpferde auf und ab führte. Mich erfaßte Argwohn, ob vielleicht Betrügerei in Jack Hinton. Erſter Band. 10 — 218— Betreff des Pferdes verſucht würde, und äußerte dies gegen den Reitknecht. „Nein, nein,“ ſagte der lachend,„befürchten Sie das nicht; Herr Burke kennt das Pferd ſehr gut, und wird ihm alles allein überlaſſen.“ Die Anſpielung war erfreulich, doch ſagte ich nichts weiter; mit einer Laterne verſehen, gin⸗ gen wir zum Stalle, den er vorſichtig öfnete und hineinſchaute.„Er liegt,“ ſagte er leiſe, nahm das Licht hervor, damit ich das Thier gut ſehn könne,„fürchten Sie nichts, jezt wird er ſich nicht rühren der arge Dieb; liegt er einmal, ſo iſt er wie'n Lamm.“. Es war ein prachtvolles Thier, etwas zu ſchwer vielleicht von Hals und Vorderhand, aber hinten ſo kraftvoll, ſo maͤchtige Schenkel, ſo tref⸗ liches Ebenmaaß. Während ich ihn beſchaute, ath⸗ mete jemand hinter mir, ich wendete mich raſch herum und ſah den würdigen Vater Tom Loftus, der ſich die Stirn mit einem Taſchentuche trocknete, ſchwer Athem holte, und endlich ſagte:„Uff! ſeit 'ner halben Stunde rannte ich die Straße auf und ab, mir iſt kein Athem geblieben.“ „O Vater, ich hofte Sie im Gaſthauſe zu ſehen.“ „Still, ich durft's nicht; dacht's beſſer nach meiner Weiſe zu machen, aber wir haben keine — 2109— Zeit zu verlieren. Ich wußte ſo gut als Sie, daß Sie nicht beabſichtigten, dies Rennen zu reiten. Gleichviel, ſagen Sie kein Wort, ſondern hören mich. Ich kenne das Pferd beſſer als ſonſt jemand in dieſer Gegend; es iſt nicht unmöglich, wenn Sie über die erſten zwei oder drei Gehege Ihren Siz behaupten können, daß Sie gewinnen. Ich ſage, wenn Sie können,— denn meiner Treu, Sie ſizen nicht in'ner Schaukel. Das Rennen iſt heute Abend abgeſteckt; Burke hat es vor dem Mittageſſen überritten, und wir wol⸗ len das mit'nem Segen vor der Abendmahlzeit thun. Ich habe dort ein Paar Pferde ſtehen, die uns über alles wegbringen werden, und viel⸗ leicht iſt nicht zu viel geſagt, Sie mögten'nen ſchlechten Führer finden.“ „Führwahr, Ehrwürden,“ ſagte der Reitknecht, „es würde ihm ſchwer werden einen beſſern u erhalten.“ Ich dankte dem Prieſter für ſeine freundliche Vorſorge und folgte ihm zur Straße, wo die beiden Pferde für uns warteten.„Nun hinauf,“ ſagte er,„die Bügel werden paſſen, er ſieht'n bischen hager aus, aber Sie werden nicht über ihn klagen, wenn er Sie trägt.“ Wir ſaßen beide im Sattel, folgten einem ſchmalen Pfade von der Straße, und kamen in große bebaute 10* Feldflur, ritten auf dem obern Felde hin zu einer Steinmauer und durch eine Oefnung in dieſer auf ein weit hinſtreckendes Raſenland, das allmählig zu einem Fluſſe abflächte, der unten hinzog. „Hier,“ ſagte der Prieſter.„ein wenig weiter links iſt das Abreiten, den Hügel hinunter, das Waſſer nehmen Sie dort und Freney's Haus entlang zu den drei Bäumen dort. Zwiſchen hier und dahin iſt nur ein kleiner Steinwall und ein Lehmgraben, nachher wenden Sie rechts. Aber kommen Sie, wir wollen's näher betrachten.“ Der Prieſter gab ſeinem Pferde die Sporen, jagte voraus, winkte mir zu folgen, den Mühlbach überritt er im Fluge, wendete ſich im Sattel, zu ſehen wie ich den Sprung machte.„Gut, ſehr gut,“ ſagte er aufmunternd,„halten Sie Ihre Hand etwas tiefer, das nächſte iſt ein Wall.“ Faſt im nemlichen Augenblick kamen wir zu einer drei Fuß hohen Steinmauer, ich war voraus und ſezte zuerſt über:„O! der Teufel könnt's nicht beſſer!“ ſagte Vater Tom,„Burke ſelber würd's nicht übertreffen— nun zum tiefen Grunde und über den doppelten Graben da.“ Entſchloſſen, mir ſeine gute Meinung zu er⸗ halten, klammerte ich meinen Sattel feſt mit den Knieen und ritt hinan. Treflich ging's hinüber, — 221— aber die Uferbank war faulend, der Grund wich und meines Pferdes Hinterbeine glitten hinab. Das Thier hatte in der geſtreckten Stellung das Vermögen nicht, ſich herauszuhelfen, deshalb lö⸗ ſete ich ihm die Vorderbeine, zog es hinab in die Tiefe, und dann mit kräftigem Sporenſtich und küh⸗ nem Aufrichten ſezte ich ihn hinaus in's freie Feld. „Nun das gefällt mir beſſer als alles Frü⸗ here,“ ſagte der Prieſter;„Geiſtesgegenwart, das iſt die ächte Gabe für'nen Reiter, wenn er in der Klemme ſizt; aber merken Sie, es war Ihre eigene Schuld, ſehn Sie, ſo müſſen Sie über⸗ ſezen. Mit dieſen Worten machte er einen Halb⸗ kreis im Felde, wendete das Pferd zum Sprunge, ſtürzte ihn wüthend heran, und ſprang hinüber wie ein Hirſch. Dann zeigte er mit ſeiner Peit⸗ ſche die Richtung und ſagte:„jezt haben wir'nen treflichen Biſſen Renngrund vor uns, wenn Sie ſo weit kommen, und ich ſehe nicht ein, weehalb Sie das nicht ſollten; dann müſſen Sie hier Al⸗ les anſtrengen. Hören Sie,“ ſagte er in leiſerem, Tone,„Tom Molleys Stute iſt nicht vollblütig obgleich ſie das von ihr denken. Sie hat'nen falſchen Sprenkel in ſich. Dagegen iſt der Schim⸗ mel echt, von Vater und Mutter reines Blut, deshalb im Stande, durch tiefen Grund zu gehn, was die Stute nicht kann, wenn Sie nun ſo 222— weit gekommen ſind, reiten Sie gerade auf die Dornbüſche dort zu,— Burke wird die Linie nicht nehmen können, ſondern muß auf trockenem Lande den Umweg machen.— Sie ſehn den Un⸗ terſchied— bevor er über den breiten Graben ſe⸗ zen kann, werden Sie hinüber ſeyn und zum Steinwalle reiten. Nachher bei allen Mächten— wenn Sie dann nicht gewinnen, kann ich Ihnen nicht helfen.“ „Wohin wendet das Rennen nachher, Va⸗ ter?“ fragte ich. „O'ne ſchöne Strecke flachen Landes mit Steinwällen und Gräben, vielleicht auch ein Paar Buſchhecken, doch Alles gut, nur eine gähnende Kluft, die lezte von allen. Nach dieſer haben Sie'nen reinen Galopp von'ner Viertelmeile über ſo ſchönen Raſen, als Sie jemals be⸗ traten.“ „Und die lezte Hinderung, wie iſt die?“ „Meiner Treu,'s iſt'ne Kluft,'ne weite Schlucht, vormals war dort ein Waſſerlauf, ſie ſagen davon, daß ſie ſechzehn Fuß Breite mißt, das wird zwanzig Fuß machen, wenn Sie den Lehm ans beiden Rändern mitnehmen. Der Grauſchimmel, ſagt man, habe ſeine Art, in ſolche ſchmale Schluchten hineinzuſpringen und wieder heraus, aber folgen Sie meinem Rathe, nehmen Sie den Sprung im Fluge, und nun, Captain, bin ich von Laufen, Reiten und Sprechen fo trocken wie'n Kalkofen, was meinen Sie zum Rückweg in die Stadt und'nem bischen Abend⸗ eſſen? Da iſt'n Vetter von mir, ein Major Bob Mahon, von den Roscommon, der hat'ne Moor⸗ hühnerpaſtete, und was Warmes, um ſie aufzu⸗ löſen, damit wartet er auf uns.“ „Nichts wird mir größeres Vergnügen ma⸗ chen, Vater; nur eines iſt noch, was ich beinahe ganz vergeſſen hätte,— weil ich nicht in der Abſicht kam, hier zu reiten, verließ ich die Stadt ohne Rennkleidung; Hoſen und Stiefel hab' ich zwar, doch weder Kappe noch Reitjacke—“ „Für Beides hab ich geſorgt,“ unterbrach mich Vater Tom.„Sie ſahen den kleinen Mann mit weißem Kopfe, der oben am Tiſche ſaß, Tom Dillon, von Mountbrown, kennen Sie ihn?“ „Ich bin nicht mit ihm bekannt.“ „Nun, er kennt Sie, und das kommt auf eins heraus; ſein Sohn, der eben mit ſeinem Regimente nach Gibraltar abgegangen iſt, war Ihrer Größe, der hatte eine neue Kappe und Jacke für dieſes Rennen machen laſſen, und die liegen nun natürlich ungenuzt da. Deshalb hab' ich'nen kleinen Burſchen mit'nem Briefchen hin⸗ übergeſchickt, und bezweifle nicht, daß jezt ſchon Alles im Gaſthauſe iſt.“ f „Bei Jupiter, Vater,“ ſagte ich,„Sie ſind ein wahrhafter und ſehr umſichtiger Freund.“ „Mag ſeyn, ich werde noch mehr für Sie thun,“ ſagte er mit einem ſchlauen Augenwinken, das in meinem Gemüthe den Eindruck erregte, er wiſſe mehr und nehme tiefern Antheil an mir, als ich Urſache zu glauben hatte. Dyöͤlfles Sapilel. Der Major bewohnte eines der beſten Häuſer in der Stadt; im behaglichen Hinterzim⸗ mer war ein kleiner Tiſch für drei Perſonen ge⸗ deckt, unſer Abendeſſen beſtand in einem geteufel⸗ ten Hummer, der ſchon erwähnten Moorhühner⸗ Paſtete, etwas gebackenem Schinken und geröſte⸗ ten Kartoffeln; jede einzelne Schüſſel war in ih⸗ rer Art vortreflich, ließ mit dem Beiſtande einer kräftigen Bowle heißen Punſch und dem freundli⸗ chen Willkommen des Wirthes nichts zu wün⸗ ſchen übrig. Major Bob Mahon war ein kurzer, kerni⸗ ger, kleiner Mann, mit runden, blauen Augen, einer Stumpfnaſe, voller Unterlippe, die er mit dem Anſehen nicht geringer Anmaßung vorzu⸗ 10** — 226— ſtrecken gewohnt war; ein kurz geſchnittenes, locki⸗ ges, ſchwarzes Haar bedeckte ſeinen kugelrunden Kopf; dieſe waren die bemerkenswertheſten ſeiner Züge, dazu kam noch ein eigenthümliches Schma⸗ zen ſeines Mundes, wodurch er gelegentlich die Billigung ſeiner eigenen Beredtſamkeit darthat. Sein großer Ehrgeiz war, für einen Militair zu gelten, doch ſeine Anſprüche in dieſer Beziehung ſchmeckten mehr nach der Miliz als nach Linien⸗ truppen. Er beſaß in der That eine beſondere Gewandtheit, um die Ueberlegenheit jener vor dieſer darzuthun, behauptete, daß die, welche pro aris et focis— er war ſehr eingenommen für lateiniſche Brocken— föchten, einen viel höheren Standpunkt einnähmen, als die gereiſeten Söld⸗ ner, die nur für Bezahlung kriegten; dieſe Ei⸗ genthümlichkeit, und eine abgeſchmackte Vorliebe für thatſächliche Scherze, deren Ergebniſſe ihn häufig in ſeinem Leben in Prozeſſe, Entſchädi⸗ gungen, Ausgleichungen, ſogar in Zweikämpfe verwickelt hatten, bildeten die Hauptpunkte ſeines Karakters, der gute Prieſter hatte mich auf un⸗ ſerm Wege zu ſeinem Hauſe von allen dieſen Umſtänden in Kenntniß geſezt. .„Captain Hinton, denke ich,“ ſagte der Ma⸗ jor mir die Hand zum Willkommen entgegen haltend. v — 227— „Lieutenant,“ ſagte ich mit einer Verbeu⸗ gung. „Ach ja, Vater Tom weiß von ſolchen Dingen nicht viel; in welchem Regiment?“ „In der Grenadier⸗Garde.“ „O, ſehr gutes Corps, mächtig achtbares Corps; obwohl ich, unter uns, nicht ſonderlich von den geregelten Truppen halte— niemals ſah ich, daß fremde Reiſen, Menſchen oder Thieren Gutes thaten. Was bringen ſie zurück— Franzöſiſche Küche und Italiäniſche Ausſchweifung. Nein, nein, für mich eingeborene Soldaten! Sie wa⸗ ren damals noch Knabe, mögen aber doch gehört haben, wie ſie ſich im Weſten benahmen, als Hoche landete. Bei Gott, wäre die Miliz nicht geweſen, ſo wurde das Land verheert. Damals befehligte ich eine Compagnie von den Roscom⸗ mon; wohl erinnere ich mich, wir belagerten eine Windmühle, vom Müller, einem verzweifelten Burſchen vertheidigt,— er war ein entſchloſſener Menſch, hatte zwei Geſchüze bei ſich im Ge⸗ bäude.“ „Ich wollte zu Gott, er hätte Sie mit dem einen erſchoſſen und uns dieſe lange Geſchichte erſpart;“ ſagte der Prieſter. „Eine Parallele öfnete ich—“ — 228— „Oefnen Sie lieber die Paſtete, Sie vergeſ⸗ ſen, Bob, daß wir'nen ſcharfen Ritt hatten.“ „Auf mein Gewiſſen, das vergaß ich,“ ſagte der Major gutmüthig—„alſo nehmen wir erſt ein bischen Abendeſſen, meine Geſchichte will ich ſpäter enden, Herr Hinton.“ „Das verhüte der Himmel!“ rief der Prie⸗ ſter andächtig und nahm ſich eine tüchtige Menge Hummer. „Iſt's Faſten, Vater Loftus?“ fragte ich liſtig. „Nein, mein Sohn, wir wollen's aber dazu machen; dabei fällt mir ein, was mir einmal im Boote begegnete, es war an einem Freitage, und das Mittageſſen, wie Sie denken können, nicht ſonderlich; aber vor uns ſtand ein treflicher Schnitt gebratener Salm, etwa anderthalb bis zwei Pfund, ruhig ſchob ich dieſen auf meinen Teller und ſagte der Geſellſchaft:„Damen und Herren! für mich iſt's Faſttag;— ein breitſchultriger Ge⸗ ſell mit rothem Backenbart bog über den Tiſch, theilte mein Stück Fiſch in zwei Hälften, nahm eine davon fort und rief:„Bös Glück Euch! Denkt Ihr, daß Niemand'ne Seele zu retten hat, als Ihr ſelber?“ „Ja die Irländer ſind fromme Leute,“ ſagte der Major feierlich;„Sie werden das bemerken, „ 1 K wenn Sie mehr von ihnen ſehn. Und wie gefal⸗ len wir Ihnen, Captain?“ „Vortreflich,“ ſagte ich mit Wärme,„ich habe alle Urſache gehabt, Irland ungemein zu lieben.“ „Das iſt recht, das freut mich! obgleich Sie uns gewiß noch nicht in unſern Feierkleidern ge⸗ ſehn haben. O wären Sie vor der Union hier geweſen, hätten Sie Dublin geſehn, wie ich mich deſſen erinnere, und wie Tom es gekannt hat— das war ein vergnügter Ort. Nicht nur Bälle und Geſellſchaften, Mittagstafeln und Routs, ſondern alle mögliche Arten von Luſt und Teufe⸗ lei nebenher. Alle Parlaments⸗Mitglieder pfleg⸗ ten in der Stadt umherzuſchwärmen, einander Streiche zu ſpielen, und das Schloßvolk zu ver⸗ höhnen— und ſicherlich war das Schloß nicht das ernſte, einfältige Ding, was es jezt iſt,— ſte waren geſellige, lebensluſtige Genoſſen—“ „Seyen Sie nicht ungerecht, Major, fiel ich ein, „der jezige Hof iſt gewiß nicht das ſchwerfällige—“ „Ich kenne ihn gut genug,“ unterbrach er mich.—„Hat der Herzog nicht den Geheimen⸗ rath und die Biſchöfe eben ſo oft zur Tafel als die Garniſon und die Rechtsſchranke? Iſt er nicht genöthigt, in ſein eigen Zimmer zu gehn, wenn Sie Luſt haben, eine Nacht davon zu ma⸗ chen und im Chor zu ſingen?— Sagen Sie — 230— mir nichts— ſogar zu Lord Weſtmorelands Zei⸗ ten war es noch ein anderes Ding— das wa⸗ ren vergnügliche, glückliche Tage, und das Land wird nie wieder das alte ſeyn, bis wir das zu⸗ rück bekommen.“ Ich ſuchte den Major zu bewegen, mir mehr von jenen glücklichen Tagen zu erzählen, in denen Irland alle ſeine Scherze für heimathlichen Bedarf behielt, den Ueberfluß davon nicht aus⸗ führte. Alles drehete ſich um tolle Streiche, ſtar⸗ kes Trinken und laute Fröhlichkeit.„Hier iſt ein Glas zum Andenken jener glücklichen Zeit,“ ſagte er,„Sie ſind zum erſten Male in dieſer Gegend, und ich vermuthe, Sie haben nur noch wenig davon geſehn.“ „Allerdings ſehr wenig, und das wenige nur bei Mondenſchein;“ ſagte ich. „Ich fürchte,“ ſprach Vater Tom nachdenk⸗ lich,„daß viele Ihrer Landsleute nichts Anderes, als'ne dunkle Anſicht von uns aufnehmen.“ „So iſt’s,“ ſagte der Major, kräftig auf den Tiſch ſehlagend,„ die Engländer wiſſen ſo wenig von Pad— als Pad vom Fegefeuer weiß,— nichts für ungut, Herr Hinton. Ich könnte Jh⸗ 1 nen die Geſchichte eines Umſtandes erzählen, den ich ſelber erlebte.“ „Nein, nein, Bob,“ ſagte der Prieſter,„es iſt — 231— ſchlechter Geſchmack, Geſchichten im kleinen Kreife zu erzählen, mag der Captain entſcheiden.“ „Soll ich Richter ſeyn?“ ſprach ich lachend, „dann entſcheide ich allerdings für die Ge⸗ ſchichte.“. „Dann laßt ſie uns haben,“ ſagte der Prie⸗ ſter.„Zuerſt Bob, ein friſches Gebräu, dann beginnen Sie Ihre Geſchichte.“ „Sie ſind ein ſinnliches Geſchöpf, Vater Tom,“ ſprach der Major;„ziehen das Trinken der geiſtigen Erörterung vor; allerdings können Sie hier beides zu gleicher Zeit haben; zur Ehre des Freundes an meiner Seite will ich keinen Groll üben, und Ihnen die Geſchichte erzählen, und wiſſen müſſen Sie, nicht alle Tage in der Woche hört'n Mann'ne Erzählung mit der Nuzanwen⸗ dung dabei, ganz beſonders nicht in dieſer Ge⸗ gend vom Lande. Die Sache iſt dieſe:“ „Ich hatte einen kleinen Landſiz in der Graf⸗ ſchaft Waterford, den ich in der Schießzeit zuwei⸗ len zu beſuchen pflegte. Außer der Schußjagd bot er wenig oder gar keine Anziehung; lag in ödem, garſtigem Theile des Landes bei einer ſchlechten Marktſtadt, und zwölf Meilen ringsum keine Nachbarſchaft. Nun vor zwei Jahren ging ich im December dahin, das Wetter war furcht⸗ bar, der Regen goß vom Morgen zum Abend und — 232— Sturmſchauer peitſchten vom Abend bis zum Mor⸗ gen, die Schiefer flogen nach allen Seiten, und wir ließen Leute in der Nacht wachen, damit wir die Schornſteine am Morgen wiederfinden könn⸗ ten, falls ſie fortgewehet wären. Dieſes gefall⸗ ſame Wetter hatte ich zu meinem Beſuche von „Teufels Griff“ gewählt— ſo war der Name des Grundſtückes, auf welchem das Haus ſtand, und gewiß kein ſchlechter Name, denn hätte er nicht ſeine Klaue darauf gelegt, mögte es gleich dem Uebrigen des Beſizthums im Rechtsſtreit ffortge⸗ gangen ſeyn. Genug, ich ging hin und erinnerte mich erſt am Abend meiner Ankunft, daß ich mei⸗ nem Wildhüter befohlen hatte, den Berg zu ver⸗ giften, um die Wilddiebe los zu werden; ſo daß ich anſtatt ſchießen zu können, was das einzige an dem Orte Thunliche war, um mit drei Kup⸗ pelhunden, zwei Flinten und Pulver genug, um zne Kirche aufzuſprengen, allein mein großes Eß⸗ zimmer durchſchritt, ſo ſchwermüthig wie nur möglich.“ „Beurtheilen Sie ſelber meinen glücklichen Zu⸗ ſtand; nur auf die traurige Landſchaft konnte ich blicken, hatte nichts, was mich beluſtigen konnte, ausgenommen, wenn von Zeit zu Zeit das Dach einer Hütte von unten nach oben aufgeſtülpt wurde gleich'nem umgewehten Regenſchirm, oder — 233— wenn ich einer alten Windmühle zuſah, die in Um⸗ lauf geſezt wie toll drehete, ſo daß Niemand wa⸗ gen durfte, ihr nahe zu kommen. Das war alles nur ſchlechter Troſt, der Plaz wurde mir durch⸗ aus zuwider, deshalb ſezte ich mich, ſchrieb eine lange Ankündigung für die Engliſchen Zeitungen, beſchrieb den Teufels⸗Griff als kleines irdiſches Paradies, in Mitten maleriſcher Gegenden, mit treflicher Nachbarſchaft und arkadiſchem Bauern⸗ ſtande, das Ganze zum Verkauf— ein ſtiller Verkauf— weil der Beſtzer das Land verlaſſen wolle; ich ſezte nicht hinzu, daß dieſer daran ge⸗ dacht hatte, ſich aus Widerwillen gegen ſein Fa⸗ miliengut eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen. Am Schluſſe bemerkte ich noch, wenn das Eigen⸗ thum innerhalb eines Monats nicht verkauft ſey, wolle der Beſizer ſelbiges in kleine Pachthöfe vertheilen. Dies ſagte ich, weil meine Abſicht war, ſo lange da zu bleiben, und obwohl ich wußte, daß kein Kaufluſtiger abſchließen würde, nachdem er die Gebäulichkeiten geſehen, mogte doch jemand thöricht genug ſeyn, um deshalb her⸗ über zu kommen, was mir jedenfalls eine Aus⸗ hülfe gewähren würde, meine Weihnachtszeit zu verbringen. Dieſe Berechnung bewährte ſich ganz genau; ehe noch die Woche zu Ende war, em⸗ pfing ich einen Brief mit der Nachricht, daß ein — 234— Herr Green, wohnhaft Nro. 196 High Holboon, und ſobald das Wetter milder werde und ihm zu reiſen geſtatte, einen Beſuch machen wolle. Wenn er darauf wartet, dachte ich, findet er mich hier nicht mehr, und wenn's in der andern Woche ſo ungeſtüm wehet, wird er auch das Haus nicht mehr finden, damit miſchte ich mir ein Kelchglas Punſch und legte mich ſchlafen. Vier ober fünf Abende nach Empfang ſei⸗ nes Briefes, ſtürzte der alte Dan MCormick, eine Art Kelner, den ich habe, ein anſtelliger Geſell, gegen zehn Uhr in mein Zimmer, wo ich mit mir ſelber uneins war, ob ich ſechs oder ſie⸗ ben Kelchgläſer getrunken habe, ich ſagte das Eine und die Karaffe zeigte das Andere. „S weht gräßlich, Herr Bob,“ ſagte Dan. „Laß es wehn— was ſollt's anders thun?“ „Die Bäume fallen um, als wären ſie be⸗ trunken, morgen früh wird nicht einer mehr da ſtehn.“ „Sie thun ganz recht,“ ſagte ich,„die Pläze aufzugeben, denn der Boden war niemals für Pflanzung günſtig.“ „Zwei Schornſteine ſind niedergeweht,“ fuhr er fort. „Beſſere ſie der Teufel!“ ſprach ich,„ſie rauchten immer.“ „Und die Hallenthür,“ rief er,„iſt platt nie⸗ der in die Halle geblaſen.“ „Kümmert mich wenig,“ war meine Ant⸗ wort,„wenn Sie den Sheriff nicht außen halten konnte, mag ſie den Sturmwind einlaſſen, wie ihr's gefällt.“ Während wir ſo ſprachen, ſtürmte ein Bur⸗ ſche herein mit der Nachricht, das Milford Pa⸗ cketboot ſey unter dem Hook Tower angetrieben, und alle Mannſchaft ertrunken.— Ich ſprang auf, zog die Jagdſchuhe und meinen Friesrock an, ging mit Dan den kurzen Pfad über die Hügel nach Paſſage, wo das Packetboot, wie ich nun erfuhr, eingetrieben ſey. Wir waren noch keine halbe Meile gegangen, als ich Stimmen von Landleuten vernahm, die uns auf dem Wege entgegen kamen, es war aber ſo dunkel, man ſah die Hand vor den Augen nicht.„Wer iſt da?“ rief ich. „Tim Molley, Euer Ehren,“ lautete die Ant⸗ wort. „Was giebt's, Tim? iſt irgend etwas unrecht?“ „Nichts Sir, Gott ſey die Glorie,'s iſt nur — 236— die Leiche von dem Gentleman, der da unten er⸗ trank.“ „Ich bin nicht todt, ſag' ich euch, nur ge⸗ ſchwächt,“ rief eine kreiſchende Stimme. „Er ſagt, daß er beſſer iſt,“ ſprach Tim, „vielleicht iſt's nur das Salzwaſſer in ſeinem Leibe, meiner Treu, als wir ihn fanden, war nicht mehr Funken in ihm, als in'ner naſſen Torfſode.“ Das Kurze der Sache iſt, wir brachten ihn nach Hauſe, rieben ihn mit Schießpulver vor dem Feuer, gaben ihm etwa eine halbe Pinte abgebrannten Geiſt, und legten ihn zu Bett, er war eben fähig, uns vor dem Einſchlafen zu ſa⸗ gen, daß er mein Freund von Numer 196, High Holboon ſey. Am andern Morgen ſchickte ich Dan hinauf, zu hören, wie es mit ihm wäre, der kehrte zurück mit der Nachricht, er liege in feſtem Schlafe.— Das beſte, was er thun kann, ſagte ich, und begann zu überlegen, welch eine Laſt auf mei⸗ nem Gewiſſen gedrückt haben würde, wenn der anſtändige Mann ertrunken wäre,— es mag bei dem Allen im vollen Ernſte ſeyn, mag einen rei⸗ zenden Landſiz, wie ich ihn beſchrieben habe, kau⸗ fen wollen, dies erweichte mich, und ich bedachte, wie ich ihm während ſeiner Anweſenheit das Land — 237— angenehm machen wollte. Mehr als einen oder höchſtens zwei Tage wird er nicht bleiben, wenn er den Ort geſehn hat. Aber das eben iſt das Ding, ſo wie er das Gut ſieht, muß er gewah⸗ ren, daß ich ihn prellte. Der Gedanke quälte mich den ganzen Tag, ſo oft ich zu ihm hinauf⸗ ſchickte, um zu hören, wie er ſey, bekam ich zur Antwort er ſchlafe noch. Gegen vier Uhr, als es bereits dunkel wurde, kam Oaklley vom fünf⸗ ten Regimente mit zwei andern Offizieren auf ihrem Wege nach Carrick vor meine Thür geraſ⸗ ſelt. Das war ein Glücksfall! Wir bereiteten das Mittageſſen für die Geſellſchaft, brachten ei⸗ nen guten Vorrath Claret auf die eine Seite des Kamins und auf die andere einen wackern Hau⸗ fen von Moortannholz, entſchloſſen eine Nacht daraus zu machen; eben als ich meinen Freun⸗ den des Gaſtes Ankunft beſchrieb, trat dieſer in das Zimmer. Ein kleiner, runder Geſell, etwa meiner Statur, mit kurzem, raſchem, geſchäftigem Weſen. Er war eine Art von Einſalzer, oder ſo etwas dergleichen, der ſich in London großes Ver⸗ mögen erworben hatte, und nun Land⸗Gentle⸗ man zu werden wünſchte. Dieſe wenigen Um⸗ ſtände hatte ich kaum von ihm erfahren, und ihm geſagt, er befinde ſich auf eben dem Gute, was er beſuchen wollte, als das Eſſen angeſagt wurde, 2 — 238— „Wir ſezten uns, und fürwahr, ſelten kommt eine fröhlichere Geſellſchaft zuſammen. Herr Green wußte nur wenig von Irland, aber ſicher⸗ lich beſtrebten wir uns ihn aufzuklären, und mit ſeinem Weine trank er ſolche Wunder in ſich, daß er um eilf Uhr auf ſein Zimmer getragen wurde, ziemlich im nemlichen Zuſtande wie am Abend ſeiner Ankunft, nur mit dem Unterſchiede, daß er jezt nicht voll von Seewaſſer, ſondern voll gu⸗ ten Weines war.“ „Ich mag den Stadtbürger leiden,“ ſagte Oakley;„der Geſell dient zu gutem Scherz. Brin⸗ gen Sie ihn morgen mit zum Eſſen herüber, Bob — Wir bleiben in Carrick, bis die Truppenab⸗ theilung herauf kommt.“ „Könnten Sie's Frühſtück nennen?“ ſagte ich.„Mir kommt ſo eben ein Gedanke: wir wol⸗ len gegen ſechs Uhr bei Ihnen in Carrick ſeyn, unſer Frühſtück nehmen, was ſie uns immer ge⸗ ben mögen, und ſpeiſen nachher mit Ihnen um eilf oder zwölf Uhr zu Mittag.“ Oakley war einverſtanden, und alles wurde für den folgenden Tag feſtgeſezt. Gegen vier Uhr Nachmittags mußte Dan dem Herrn Green melden, er werde erſucht aufzuſtehn, und ſich zu kleiden, weil wir zu einem frühzeitigen Frühſtücke einige Meilen von hier erwartet würden. Lichte — 239— wurden in ſein Zimmer gebracht, heiß Waſſer zum Raſiren, und der ſtaunende Hauptſtädtler, der auf ſeine Uhr ſah, fand, es ſey erſt vier. „Dieſe ſind ſehr frühzeitige Leute,“ dachte er,„in⸗ deſſen des Landes Sitten müſſen beachtet wer⸗ den.“ Somit kleidete er ſich, und kam herab zum Zimmer, als mein Gig vorfuhr mit angezündeten, hellſcheinenden Lampen, alles zur Abfahrt bereit. „Wir wollen ein bischen Schußjagd haben, Herr Green,“ ſagte ich,„nach dem Frühſtück werden wir ſehn, was meines Freundes Zuſchlag dar⸗ bietet. Ich vermuthe, Sie ſind guter Schüze.“ „Viel von meiner Fertigkeit kann ich nicht rühmen, aber leidenſchaftlich liebe ich Schießen.“ „Nun, ich glaube Ihnen einen guten Tag hier verbürgen zu können,“ ſo rollten wir fort, es ward immer finſterer um uns her, der Weg nur düſterer und verlaſſener. „Sonderbar,“ ſagte Green nach einer Weile, „wie ungemein dunkel es hier vor Sonnenauf⸗ gang wird, es iſt jezt viel nächtiger, als da wir abfuhren.“ „Jedes Klima hat ſeine Eigenthümlichkeiten,“ ſagte ich,„und wir, die wir daran gewöhnt ſind, lieben dieſes mehr als irgend ein anderes, aber ſchaun Sie, dort, wo Sie Licht im Thale erblicken, iſt Carrick. Meines Freundes Hauſes — 240— ſteht ein wenig zur Seite der Stadt. Ich hoffe, Sie ſind wohl aufgelegt zum Frühſtück?“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, im Leben war 19 nie hungriger.“ Oalley ſtand mit einer Laterne in der Hand im Kaſernenthore und ſagte:„ha! hier kommen ſie, hier ſind ſie, guten Morgen, Herr Green; Bob, wie geht'’s. Ein himmliſcher Morgen.“ *„Entzückend in der That;“ ſagte Green, ohne zu wiſſen weshalb. „Nun kommt,“ ſprach Oakley,„wir haben vieles vor; obwohl ich beſorge, Herr Green, Sie werden nach Ihren Engliſchen Zuſchlägen gar ge⸗ ring von unſerer Irländiſchen Jagd denken. In⸗ zwiſchen habe ich einige Rudel Faſane im guten Kleefeld neben dem Hauſe gehegt, die Ihnen gern zu Dienſten ſtehn, nun aber zum Frühſtück.“ Etwa ein halbes Duzend Offiziere waren zugegen, die Alle mit Herz und Hand auf un⸗ ſern Plan eingingen, wir ſezten uns zu einer treff⸗ lichen Mahlzeit, die gewiß Mittageſſen genannt zu ſeyn verdient hätte, wäre nicht in der Mitte der große Theetopf und die Theemaſchine gewe⸗ ſen. Dem alten Vorurtheile gemäß begann Green mit Congo und Semmeln, ging aber bald und ganz behaglich zu Suppe und Fiſche über und hielt mit allen Uebrigen Stand. Der Claret — 241— kreiſete lebhaft, nach ein Paar Stunden erſchien Whiskey. Der Engländer, deſſen Aufmerkſamkeit, in ſteter Spannung gehalten wurde durch die ſon⸗ derbarſten Anekdoten von einem Lande, deſſen Ue⸗ berſpannungen er bereits zu würdigen begann, d ergözte ſich ganz ausnehmend. Er lachte, trank, wollte ſogar ſingen, legte das Gelübde ab ein worden, ich ſchlug vor den Schnepf Stunden vor dem zweiten Frühſtück zu widmen. 1 „Ja, ja,“ ſagte Green ſeine Hand reibend, „vergeſſen wir das Schießen nicht. Leidenſchaft⸗ lich liebe ich Jagd.“ 883 Wir bedurften einige Zeit, um uns für das Feld zu rüſten. Jagdtaſchen, Flaſchen, Pulver⸗ hörner wurden vertheilt, drei Kuppel Hunde ſpran⸗ gen im Zimmer umher, vermehrten den Aufruhr. Dann ging's hinaus, es war eine finſtere, ſtern⸗ loſe Nacht, der Wind ſtürmte heulend aus Nord⸗ oſt, nicht zwei Ellen konnte man vor ſich ſehn. „Glorreiches Wetter,“ ſagte Oakley.— „Entzückender Morgen,“ rief ein Anderer „wenn die Wolken überwehen, bekommen wir kei⸗ nen Regen.“ „Dieſer iſt ein ſchöner Landſtrich, Herr Green,“ ſagte ich. Jack Hinton. Erſter Band. 11 — 242— „Eyl was! was ſchönes? ich kann nichts ſehn— es iſt pechfinſter.“ „Ach ich vergaß,“ ſagte ich,„wie einfältig von uns, Oakley, nicht zu bedenken, daß Herr Green an unſer Klima nicht gewöhnt iſt! Wir können Alles ſehen, aber kommen Sie nur, bald wird Ihnen beſſer werden.“ eilten eine Gaſſe hinab, durch eine ein gepflügtes Feld, zu beiden Seiten wurden linten abgefeuert, und begeiſterte Aus⸗ rufungen von Vergnügen und Luſt erſchollen. „Da gehn ſie auf, merkt,— das iſt Ihr Schuß, Tom, wohl gemacht, Faſanhahn, bei Jupiter. Hier, Herr Green, dieſen Weg, Herr Green, da ſteht der Hund dort, dort, ſehn Sie nicht dort,“ ſagte ich, hob ihm ſeine Flinte faſt an die Schul⸗ ter, und Green im Uebermaß ſeiner Aufregung und Erwartung drückte beide Läufe zugleich ab, der Rückprall warf ihn beinahe zu Boden. „Glänzender Schuß, bei Gott!— beide todt,“ rief Oakley.„Fürwahr, Herr Green, ge⸗ gen Sie vermögen wir nichts. Gebt ihm nur gleich eine andere Flinte.“ „Ein bischen Branntwein würde ich lieben,“ ſagte Herr Green,„denn meine Füße ſind naß.“ Ich gab ihm meine Flaſche, die er auf ei⸗ nen Zug leerte, dann neugeſtärkt trampelte er — 243— mannhaft, ſonder Furcht oder Angſt voran. Das Feuer wurde ringsum eifrig fortgeſezt; Herr Green ſchoß ab ſo oft er aufgefordert wurde und mußte in anderthalb Stunden mehr als hundert und funfzig mal gefeuert haben. Endlich, durch ſeine Anſtrengung ermüdet, ſezte er ſich auf eine Anhöhe, während einer der Wildhüter den Bo⸗ den umher mit Enten, Hühnern und Truthüh⸗ nern als Früchten ſeiner Bemühung bedeckte.— Auf Oakleys Vorſchlag genehmigten wir zum zwei⸗ ten Frühſtück heimzukehren, welches ein warmes Abendeſſen war, dem Glühwein und Punſch folgte. Der Stadthahn kam hier noch beſſer an's Licht als früher. Seine Leiſtung als Jäger er⸗ hob ihn in eigener Achtung, er ſang„den Wild⸗ dieb“ wohl zwei Stunden hindurch, bis er in fe⸗ ſtem Schlafe auf dem Teppich niederfiel. Dann ward er zu Bett gebracht, in welchem er, wie am Tage zuvor, bis ſpät am Nachmittage ſchlief. Ich hatte inzwiſchen eine andere Frühſtück⸗ geſellſchaft in Roß vorbereitet, wo wir um ſieben Uhr Abends ankamen, und ſo ging's die ganze Woche hindurch, das Vergnügen durch Jagen, Fiſchen oder Rennreiten wechſelnd. Eines Morgens, als Herr Green aufgefor⸗ dert wurde, ſich zu kleiden, ſchickte er Dan mit ſeiner Empfehlung herab, und wünſchte mich zu 11* — 244— ſprechen; ich ging zu ihm, fand ihn im Bette ſizend. „O Herr Mahon!“ ſagte er,„dies wird nie⸗ mals gehn; ganz unbezweifelt iſt's ein vergnügtes Leben, aber ich könnt's nimmer fortſezen. Wol⸗ len Sie mir eines ſagen?— Sehen Sie nie⸗ mals hier die Sonne?“ „O! allerdings zuweilen,“ ſagte ich,„am lezten St. Patrickstage ſchien ſie zwei Stunden, und abwechſelnd ſehn wir ſie.“ „Wie ſonderbar! wie merkwürdig!“ ſprach er ſeufzend,„daß wir in England ſo wenig von dem allen wiſſen! Aber um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich glaube nicht, daß ich mich jemals an Lapland— Irland iſt's, was ich meine,— gewöhnen könnte— verzeihen Sie meinem Irr⸗ thum, und nun darf ich noch eines fragen— leben Sie beſtändig in dieſer Weiſe?“ „Allerdings, ſo ziemlich in der Art, während der Nebel⸗Jahreszeit gehn wir, wie Sie ſehen, von einem Hauſe zum andern; man wird ſo völ⸗ lig an die Dunkelheit gewöhnt—“ „O nein, ſagen Sie das nicht, ich weiß, ich könnte mich nie daran gewöhnen; es hilft nicht den Verſuch zu machen; ich bin an Tages⸗ licht gewöhnt, das hab' ich als Mann und als Knabe mehr als funfzig Jahre erblickt, und — 245— könnte nimmermehr in dieſer Weiſe meinen Weg tappen. Außerordentlich dankbar bin ich Ihnen für Ihre Gaßtſraundſchaft mögte aber doch ſleber heimkehren.“ „Auf jeden Fall werden Sie den Morgen abwarten,“ ſagte ich,„werden das Haus nicht mitten in der Nacht verlaſſen.“ „Ach, fürwahr, was das betrifft, ſo bedeu⸗ tet es wenig; Tag und 9 Nacht ſ ſind in dieſem Lande einander ziemlich gleich.“ Er war eigenſinnig, mogte ich ſenen was ich wollte, er beſtand auf ſeiner Abreiſe, und am nämlichen Abende ſegelte er vom Kay in Waterford ab, wünſchte mir Geſundheit und Wohlergehn, und ſezte mit ernſt bebender Stimme hinzu:„Ja, Herr Mahon, verzeihen Sie mir, wenn ich unrecht habe, aber ich wünſche beim Himmel, Sie mögten etwas mehr Lichthelle in Irland haben.“ Ich weiß nicht, wie ſehr die guten Dinge auf Mahon's Tiſche die Geſchichte würzten, aber geſtehen muß ich, daß ich laut und lange darüber lachte, ein Zeugniß, welches das Herz des Ma⸗ jors erfreute, der, wie alle Anekdotenerzähler, nicht gleichgültig gegen Schmeichelei war.„Ganz beſonders gefällt mir die Moral,“ ſagte ich. „Ja, aber die ganze Sache iſt ſo wahr als — 246— ich hier fize.— Still, da iſt jemand an der Thür. Herein, wer immer da iſt.“ Vorſichtig wurde die Thür geöfnet, ein etwa zwölfjähriger Knabe trat ein, unter einem Arme trug er ein Bündel, hielt einen Brief in der andern Hand. 1 „O, hier iſt's,“ ſprach Vater Tom,„komm hier, Patrey mein Junge, hier iſt der Pfennig, den ich Dir verſprach. Nun mach von Deinem Gelde keinen ſchlechten Gebrauch.“ Des Burſchen Augen glänzten, mit beglück⸗ tem Lächeln und Kopfnicken ging er hinaus. „Zwölf Meilen, und dazu lange Meilen in weniger als drei Stunden! Kein ſchlechtes Wan⸗ dern, Captain, für ſo'nen Knirps von Jungen.“ „Und für einen Pfennig!“ ſagte ich ſtaunend erſchreckt. „Gewiß;“ ſprach der Prieſter, zerſchnitt die Schnur des Päckchens, öfnete dieſes auf dem Tiſche.„Hier ſind wir, ſo'ne hübſche Jacke als ich jemals ſah, grün mit weiß und'ne Kappe eben ſo.“ Beide verlangten, ich ſolle das Reit⸗ zeug anpaſſen.„Drehen Sie ſich herum,“ ſagte der Prieſter,„es paßt Ihnen wie die Haut.“ „Auf mein Wort, es ſieht teufelmäßig gut aus,“ ſagte der Major,„ſezen Sie die Kappe auf, und ſchau; er hat'ne Peitſche geſchickt, — 247— * das war recht nachdenklich von Dillon— aber hier iſt'n Brief für Sie, Herr Hinton. Die Handſchrift war von einer Dame, ich erbrach und las: d „Werther Herr, mein Onkel Dillon bittet, Sie wollen uns das Vergnügen Ihrer Geſell⸗ ſchaft morgen um ſechs Uhr zum Mittageſſen ge⸗ währen. Ich bin ſo frei geweſen, ihm zu ſagen, daß weil wir alte Bekannte wären, Sie vielleicht gütig überſehen würden, daß er Ihnen heute kei⸗ nen Beſuch machte; ich werde mich glücklich ſchä⸗ zen, wenn Sie durch Annahme der Einladung meine Glaubwürdigkeit bei dieſer Gelegenheit be⸗ kräftigen wollen.“ „Er wünſcht, ich ſoll hinzuſezen, daß die Renn⸗Jacke u. ſ. w. Ihnen vollkommen zu Dien⸗ ſten iſt, ſo wie jedes andere Pferde⸗Geſchirr, welches Sie bedürfen mögten. Glauben Sie mich, werther Herr, aufrichtig die Ihrige Mount⸗Brown, Mittwoch Abend. Louiſe Bellew.“ Freude durchzuckte mich bei dem Leſen dieſer Zeilen; wie ſehr ich mich auch bemühete, meinen Gefährten die Aufregung zu verbergen, erkannten ſie ſelbige nur zu deutlich. — 248— „Was angenehmes da. Sie ſehn nicht aus, Herr Hinton, als hätten Sie ein Latitat oder eine Koſtenberechnung geleſen.“ 4„Das wohl nicht,“ ſagte ich lachend,„es iſt eine Einladung zum Eſſen von Mount⸗Brown — wo immer das liegen mag.“ „Das beſte Haus in der Grafſchaft,“ ſagte der Major,„und ein guter Geſell iſt Hugh Dil⸗ lon. Für welchen Tag?“ „Morgen um ſechs Uhr.“ „Nun, wenn er mich nicht eingeladen hat, mit Ihnen zu kommen, ſo will ich mich ſelber einladen, und wir wollen zuſammen hin.“ Abgemacht,“ ſagte ich,„aber wie ſoll ich meine Antwort hinſchicken?“ Der Major verſprach durch ſeinen Diener die Antwort, welche ich ſogleich ſchrieb, hinbrin⸗ gen zu laſſen. „Sagen Sie Hugh,“ ſprach er,„daß ich mitkommen will.“ Ich erröthete, ſtammelte, ſah verwirrt auf und ſagte zulezt:„ich ſchreibe nicht an Herrn Dillon, denn die Einladung kam durch eine Dame der Familie, Miß Bellew, ſeine Nichte, wie ich glaube.“ — 249— „Hoho,“ ſagte der Major mit langgezogenem Pfeifen,„iſt's ſo gemeint! O, bei den Mächten, Herr Hinton, das iſt nicht billig— herzukom⸗ men, um nicht nur unſer Geld im Thurm⸗ Ren⸗ nen zu gewinnen, ſondern auch noch unſeres Lan⸗ des Schönheit davon führen zu wollen; das wird niemals gehn.“ „Sie gehört Ihnen gar nicht an,“ ſagte Vater Tom;„ſie iſt ein Pfarrkind von mir, und das waren ihr Vater und ihr Großvater vor ihr; und mehr als das, ſie iſt das ſchönſte und zudem noch das beſte Mädchen in der Graf⸗ ſchaft, wo ſie lebt,— und das iſt kein kleiner Ruhm, denn Galway iſt's, wovon ich ſpreche. Und nun, hier iſt'n Kelchglas auf ihr Aoe wer will's verweigern?“ „Ich gewiß nicht.“ „Auch ich nicht,“ ſprach der Major, wir tranken ihr Wohl mit allen gebührenden Ehren. „Nun einen andern Krug;“ ſprach der Major, ging zum Kamin, um den Keſſel u holen. „Nach dieſem Trinkſpruche keinen Tropfen mehr!“ ſagte ich entſchloſſen. „Gut geſagt,“ erklärte der Prieſter,„mag ich nimmermehr, wenn nicht das wahrhaft Iriſch war!“ 11**☛ — 250— Mit Feſtigkeit lehnte ich des Majors Erſu⸗ chen ab, meinen Siz am Tiſche wieder einzuneh⸗ men, wünſchte meinen Freunden gute Nacht, nachdem ich Bob Mahon's Erbieten angenommen hatte, mich in ſeinem Taxkarrn zum Rennpalze zu fahren. 8 D reizehnles Sapilel. Mittag war ſchon vorüber, ehe ich am an⸗ dern Morgen erwachte, und Major Mahon er⸗ ſchien, als ich eben gekleidet war. Er nannte meinen Anzug vollkommen, half mir meinen Ue⸗ berwurf an, der troz des heißen Sommertages von der Bruſt bis unter die Kniee zugeknöpft ward.—„So ſehen Sie aus, wie's ſeyn muß,“ ſagte er,„wo iſt Ihre Peitſche, nun in den Tar⸗ Karrn und davon.“ Der Rennplaz war eine Meile von der Stadt, der Weg dahin nicht friedlich ſtill wie Abends zuvor, ſondern gedrängt voller Reiter und Fußgänger. Auch Fahrzeuge aller Art wa⸗ ren da, Birutſchen, Landau's, Mieth⸗ Chaiſen, Buggies, Fuhrkarrn, Whiskey's, Nickfuhren, mit einem Worte, jedes ordentliche Fuhrweſen, das auf ſeinen Rädern rollen mogte, war in Anſpruch genommen, eben ſo gemiſcht war die Reiter⸗Ge⸗ ſellſchaft; im Ueberblicke der buntſcheckigen Menge empfand ich, wie großes Vergnügen mir das Schauſpiel gewähren würde, wenn ich nicht Haupt⸗Mitſpieler wäre. 4 Der Rennplaz war mit zahlreichen glänzen⸗ den Equipagen und vielen Reitern beſezt, die zum Theil ſehr gut beritten, ſich und die Umſtehenden durch Ueberſpringen der mancherlei Einhegungen beluſtigten, ein Zeitvertreib, der öfters Gelächter erregte, wenn der befleckte Rock oder zerbrochene Hut die Farbe und Zäͤhigkeit des Lehmbodens verrieth.— Ein zeitweiliger Bretterverſchlag, rauh und eilfertig zuſammengeſchlagen, umgab einen kleinen, zum Wägeplaze vorbehaltenen Raum, hier waren die Stewards der Renner verſammelt, mit den Vornehmen des Landes, und in dieſes bevorrechtete Heiligthum führte mich der Major mit nöthiger Förmlichkeit. Aller Augen waren auf mich gerichtet; wodurch ich ihre Gunſt ge⸗ wann, weiß ich nicht, aber offenbar waren ihre Blicke freundlicher, ihr Benehmen höflicher, als Tags zuvor in der Stadthalle. Allerdings wa⸗ ren dieſe Herren zum großen Theile beſſern Ge⸗ präges— die eigentlich Vornehmen der Graf⸗ — ſchaft, die den Feldſpielen aufrichtig ergeben, nicht als Wettſucher, ſondern um ein Rennen mit anzuſehn, hergekommen waren. Viele von ihnen zogen ihre Hüte ab und begrüßten mich höflich; als ich dieſes Zuvorkommen erwiederte, ward ich ſanft am Arme erfaßt, Herr Dillon von Mount⸗ Brown begrüßte mich herzlich mit ausgeſtreckter Hand und ſagte:„Sie werden mit uns ſpeiſen, Herr Hinton,— keine Entſchuldigung, ich bitte. Den Ball ſollen Sie nicht verlieren, denn meine Mädchen beſtehen darauf, ihn zu beſuchen, ſo daß wir Alle zuſammen hereinkommen können. Das iſt abgemacht, jezt erlauben Sie mir, Sie einigen Freunden vorzuſtellen; durch meine Nichte bin ich ſo vertraut mit Ihrem Namen, als wären wir alte Bekannte.“ Mit unbegränzter Höflichkeit und gaſt⸗ freundlichſter Aufmerkſamkeit ward ich von den vielen Perſonen empfangen, denen er mich vor⸗ ſtellte; einer bat mich, einige Tage mit ihm in ſeiner Schießloge im Gebirge zu verbringen, ein Anderer wollte ein Rennreiten für mich einrich⸗ ten, ein Dritter erbot ſich, während der Jagdzeit mich beritten zu machen, Alle gaben mir überein⸗ ſtimmend die bündigſte Zuſicherung, es ſolle mir nicht an Bett und Tiſch fehlen, ſo lange ich in dieſem Lande bleiben wolle. Noch vor wenigen — 254— Tagen hätte ich in meiner Unwiſſenheit dieſe ſelbige Klaſſe als roh, ungezogen und ungeſittet bezeichnet, hätte ich am geſtrigen Abende das Land verlaſſen, würde ich mein Vorurtheil mit mir genommen haben. Die vom Squirien gezeigte kahle Nachahmung des beſſern Vorbildes war die Quelle meines Irrthums; das verfälſchte Ge⸗ präge hatte durch erlogenen Glanz die echte Münze in meiner Achtung herabgeſezt; jezt konnte ich die Nachahmung vom edlen Metalle unter⸗ ſcheiden. Dillon wollte mich zu den Damen führen, als jemand bemerkte, die Zeit würde zu kurz ſeyn, ſchon kamen die Pferde. Ferner Jubelruf er⸗ tönte vom Fuße des Hügels, kam allmählig nä⸗ her und füllte die Luft.„Was iſt's?“ fragte ich eifrig. Eine neben mir ſtehende Perſon ſagte:„Es iſt Jug of Punch, die Stute ward in der Nach⸗ barſchaft aufgezogen und erregt der Landleute lebhafte Theilnahme.“ Das Gedränge machte Plaz, und Burke, hoch im Tandem ſizend, rolite zum Wägeſtand heran, gab ſeinem Diener den Zügel und ſprang her⸗ aus. Er war im weiten Oberrock von grobem, gelbgrauem Tuch, auf allen Seiten mit Taſchen der verſchiedenſten Form und Größe beſezt, lange Kamaſchen von eben ſolchem Stoff umſchloſſen ſeine Beine, und der merkwürdige weiße Hut, höchſt liederlich auf den Kopf geworfen, vervoll⸗ ſtändigte ſeinen Anzug. Kaum war er ausge⸗ ſtiegen, als eine Anzahl ſeiner dienſtwilligen An⸗ hänger ihn umgab, er achtete ihre dargebotenen Höflichkeiten nicht, drängte raſch durch ſie vor und ſchritt zu uns heran. In ſeinem Weſen zeigte ſich ein unverkennbarer Ausdruck prah⸗ leriſcher Wegwerfung, ſein Seitenblick verrieth mir, daß ſeine mir zugerichtete Anrede für die Oeffentlichkeit gemeint fey. Zutraulich nickend faßte er ſeinen Hut mit einem Finger an und ſagte: „Guten Morgen, Herr, erfreut, Sie ſo früh zu treffen; es geht das Gerücht um, wir ſollten kein Rennen haben; darf ich Sie fragen, ob es einigen Grund hat?“ „Nicht, ſo weit ich betheiligt bin,“ antwortete ich im Tone kalter Gleichgültigkeit. „Mindeſtens,“ hob er wieder an,„ſcheint dem Gerüchte irgend eine Färbung gegeben. Ihr Pferd iſt nicht hier— hat, wie ich verſtehe, den Stall nicht verlaſſen,— und Ihr Reitknecht ſteht unten im Gedränge. Ich erhebe die Frage nur, weil ſie mein Wett⸗Buch betheiligt; ohne Zwei⸗ fel ſind hier viele Gentleman unter Ihren Freun⸗ den, die wünſchen mögten, für Sie zu wetten.“ Dieſe lezten Worte wurden mit ſo deutlich dar⸗ gethanem Hohnnecken geſprochen, daß unter den ihn umſtehenden Anhängern kicherndes Gelächter ausbrach. Ohne ſeine Bemerkung einer Antwort zu würdigen, fliſterte ich dem Major einige Worte in's Ohr, der ſogleich das Pferd eines Pachters in Anſpruch nahm, ſich aufſchwang und zur Mühle galoppirte. „In funfzehn Minuten wird die Zeit um ſeyn,“ ſagte Burke mit ausgezogener Uhr;„iſt's nicht ſo, Dillon? Sie ſind hier der Richter.“ „Vollkommen richtig,“ erwiederte der kleine Mann, mit einem haſtigen, verwirrten Weſen, das zeigte, wie ſehr er vor ſeinem gefürchteten Verwandten erbangte. „Dann werd' ich um die Zeit Sie auf⸗ fordern, das Wort zum Abreiten zu geben; denn ich glaube, die Bedingungen fordern von mir, daß ich die ganze Bahn überreite, mit oder ohne Mitbewerber.“ Bei dieſen Worten begann Burke ſeinen großen Ueberwurf aufzuknöpfen, den ſeine Freunde ihm abhalfen. Zwei andere Dienſtbe⸗ fliſſene knöpften ihm ſeine Kamaſchen ab, und in wenigen Sekunden ſtand er als wahrhaft ſchönes Vorbild eines Gentleman⸗Reiters, was ſogar mein ſehr gegen ihn eingenommenes Urtheil nicht — 257— ableugnen konnte. Seine ſchwarz und gelbe Reitjacke enthielt zwar Flecken von mehr als einem Rennen, aber das Ganze ſeiner Haltung und ſeines Anzuges zeigte einen, der in jedem Zoll den Jockey fühlte. Seine Stute ward in⸗ nerhalb der Strickleine geführt, um geſattelt zu werden, dies geſchah unter ſeinen Augen, und er bewachte jeden kleinſten Umſtand dabei mit der genaueſten Kennerſchaft; dann ſezte er ſich mit der Uhr in der Hand auf eine Bank, und ſchien die hinfliegenden Minuten zu zählen. „Hier ſind wir— alles in Ordnung, Hin⸗ ton!“ rief der Major, den Hügel heraufreitend. „Springen Sie in die Wagſchale, Ihr Sattel liegt neben Ihnen, verlieren Sie keinen Au⸗ genblick.“ „Ja,“ ſprach ein Anderer,„Ihren Oberrock abgezogen und ſpringen Sie ein.“ Raſch warf ich meine Umhüllungen ab, nahm meinen Sattel unter den Arm und ſezte mich auf die Wagſchale. Zum Glücke hatte der Reitknecht Alles im Voraus bereitet, mein Sattel war mit dem erforderlichen Gewichte beſchwert, das Wägen erforderte keine Minute. „Jezt ſatteln Sie, ſo ſchnell Sie können,“ fliſterte Dillon,„denn Burke, der Uebergewicht hat, wird nicht in die Wagſchale kommen.“ Vom Kopfe bis zum Schweife in Decken gehüllt, wurde der Schimmel jezt vorgeführt. Leiſe ſagte mir Mahon:„Alles war ganz richtig — Ihr Pferd will kein Gedränge dulden, des⸗ halb ließ es der Reitknecht bis zum lezten Au⸗ genblick im Stalle, ohnedem haben Sie Glück, denn Sie ſagen, er ſey heute morgen in guter Laune, und fürwahr, von der Mühle kam er herauf ſo ſanft wie ein Lamm.“ „Sizen Sie auf, Gentleman,“ rief Herr Dil⸗ lon, der mit der Uhr in der Hand die kleine Rampe vor dem Wägeplaze hinaufſtieg. Kaum hatte ich Zeit, einen Blick auf mein Pferd zu werfen, als Mahon mir die Hand reichte mich in den Sattel zu ſchwingen. Mit ſpöttiſcher Höflichkeit ſagte Burke:„Nach Ihnen, Sir,“ hielt ſein Pferd zurück,„um mich zuerſt aus dem Wägeſtand reiten zu laſſen.“ Sanft berührte ich mein Pferd mit der Trenſe, aber es ſtand ſtill wie ein Kloz; noch einmal verſuchte ich's, doch ohne beſſern Erfolg. Hier war zu viel Gedränge, um Gewaktmittel zu ver⸗ ſuchen, deshalb wandte ich noch einmal Güte an, aber umſonſt, wie eingewurzelt ſtand es auf dem Boden feſt. Bevor ich zu weiterm Ent⸗ ſchluſſe gelangte, ſprang Mahon vor, ergriff ihn — 259— am Kopfe und nun ging das Thier ohne den mindeſten Anſchein von Stätiſchſeyn ver. „Es iſt'n drolliger Teufel,“ ſagte der Reit⸗ knecht,„und heute Morgen in ſeiner beſondern Laune, dies ſah ich ihn noch niemals thun.“ Ich gewahrte, daß dieſer kleine Vorgang, ſo kurz er dauerte, den Umſtehenden keine hohe Meinung von meinem Reitvermögen beigebracht hatte, denn wiewohl nichts geſchehn war, was wirklichen Tadel verdiente, ſchien mein erſter Schritt doch nichts Gutes zu bedeuten. Der Major hatte mich aus dem Stand vorgeführt und deutete nun mit dem Finger die Richtung vor mir an, war im Begriffe, des Prieſters Wei⸗ ſungen zu wiederholen, als Herr Burke mir zur Seite aufritt und mit eigenthümlich bedeutungs⸗ vollem Lächeln ſagte:„ſind Sie jezt fertig, Sir?“ Ich nickte bejahend, der Major ließ den Zügel los. Burke drehte ſich im Sattel um und rief: „wir ſind fertig— Dillon!“ „Alle fertig,“ wiederholte dieſer,„demn ab!“ Die Glocke ward gezogen und win ſprengten an. Etwa dreißig Ellen ritten wir Seite an Seite, der Schimmel hielt Schritt mit dem an⸗ dern Pferde, verrieth nicht das kleinſte Zeichen böſer Tücke. Wie ſehr mich dies überraſchte, ward Burke dadurch über alles Maß erſtaunt. — 260— Er wendete ſich ganz im Sattel um, mich zu be⸗ trachten, und im Zucken ſeiner Geſichtszüge konnte ich den argwöhniſchen Ausdruck eines Mannes erkennen, der fürchtet überliſtet zu ſeyn. Der Zuruf der Menſchenmenge ertönte von allen Sei⸗ ten, und der Gedanke, ich möge mich in guter Weiſe meiner Aufgabe entledigen, flößte mir Muth ein, feſt klkammerte ich meinen Sattel. Am Fuße des Abhanges kam die ſchon er⸗ wähnte kleine Schranke, dieſer näherten wir uns jezt im leichten Hand⸗Galopp, plözlich wechſelte Burke den Ausdruck ſeiner Züge— welche ich mit ſcharfer Aengſtlichkeit von Zeit zu Zeit be⸗ obachtete— von Zweifel und Argwohn zu ei⸗ nem Blicke ſieghafter Bosheit, gab ſeinem Pferde die Sporen, ſprang einige Pferdelängen voraus und ritt wie unſinnig gegen die Schranke; der Schimmel griff aus um zu folgen; ſchon bereitete ich mich zum Sprunge, als Burke, der jezt zur Schranke gekommen war, ſein Pferd plözlich her⸗ umwarf, ſich den Anſchein von Stuzen gab und zurück zum Hügel ritt. Durchaus erfolgvoll war dieſes Manöver. Mein Pferd, welches bis zu dieſem Augenblicke treflich gegangen war, ſtreckte ſeine Vorderfüße weit voraus und ſtand ſtockſtill. Augenblicklich erkannte ich den mir ge⸗ ſpielten Streich; in der Hize meiner Leidenſchaft ſtieß ich ihm beide Sporen ein, und verſuchte ihn mit dem Zügel zu heben. Dies war kaum ge⸗ ſchehen, als er in die Luft ſprang, als hätte die Erde unter uns ihn emporgeſchleudert; den Kopf riß er vor zwiſchen die Vorderbeine, ſchlug hin⸗ ten aus, daß ich glaubte, wir würden Kopfüber hintaumeln. Ich behielt jedoch meinen Siz; weil ich meinte, Kühnheit allein vermögte in ſolchem Augenblicke zu wirken, wartete ich nur bis er wieder zur Erde kam, um ihn die Sporen noch einmal in ſeine Flanken zu jagen; mit leiden⸗ ſchaftlichem Schnaufen ſprang er wüthend empor, peitſchte die Luft einige Augenblicke mit ſeinen Vorderfüßen, kam dann wuthkeuchend und an allen Gliedern zitternd wieder zur Erde. Das laute Rufen, welches die Luft erfüllte, ſchien mir nur Hohn und Verſpottung, faſt zum Wahnſinn geſtachelt, ſezte ich mich feſt im Sattel, rafte mit knirrſchenden Zähnen die Zügel ein, um den Kampf wieder zu beginnen,— eine kurze Pauſe entſtand, Pferd und Reiter ſchienen tödtlichen Kampf vor ſich zu ſehen, und beide ſammelten dazu ihre ganze Kraft. Der Augenblick kam, mit meiner ganzen Gewalt ſtieß ich ihm die Sporen ein und hieb ihn mit der Peitſche zwi⸗ ſchen die Ohren. Mit gellendem Gekreiſche ſprang das unbändige Thier in die Luft, wand ſeinen Körper wie ein Fiſch. Er machte Sprung nach Sprung wie in völliger Tollheit, nach vielen fruchtloſen Verſuchen, mich aus dem Size zu ſchnellen, ſteilte er kerzengrade empor, ſtreckte die ODorderbeine aus, ſchwebte einige Sekunden, fiel dann mit lautem Krachen rücklings auf mich nieder, rollte mich zerſchlagen, betäubt und be⸗ wußtlos am Boden. Wie lange dieſer Zuſtand dauerte, weiß ich nicht zu ſagen, als mir halbes Bewußtſeyn zu⸗ rückkehrte, ſtand ich im Felde, mein Kopf vom Falle ſchwindelnd, meine Kleidung zerriſſen und zerfezt, neben mir mein Pferd, deſſen Kopf je⸗ mand hielt, während ein Anderer, deſſen Stimme ich wiedererkennen konnte, ausrief:„Sizen Sie auf, Mann, aufgeſeſſen; Sie werdens noch gut machen. Nur keine Zeit verloren.“ „Nein, nein,“ ſagte eine andere Stimme— 's iſt ine Schande, der arme Menſch iſt ſchon halb todt,— und dort ſchaut hin, Burke iſt ſchon beim zweiten Gehäge.“ Soviel hörte ich in der Verwirrung, die mich umgab, mehr weiß ich nicht; im nächſten Augen⸗ blicke ſaß ich im Sattel nur mit hinreichender Be⸗ ſinnung, um meine waghalſigſte Verzweiſlung zu empfinden. Ich rief, den Zügel loszulaſſen und wendete gegen die Schranke. Ein furchtbarer Peitſchenhieb von Jemandem hinter mir fiel über des Pferdes Hintertheil; wie die Kugal aus dem Geſchüz, ſprang es wild vorweg, überſezte die Schranke, flog über das nächſte Feld und über den zweiten Graben, bevor ich noch feſten Sig gewann. Burke hatte kaum die Zeit zum Um⸗ ſchauen, da flog ich ihm vorbei; er wußte, mein Pferd ginge mit mir durch, aber auch, daß die Wahrſcheinlichkeit zu meinem Vortheile ſey, wenn ich den Sattel halten könnte. Jezt begann furcht⸗ barer Wettlauf; etwa vier Pferdelängen voraus, ſezte ich über Alles, was mir vorkam; mein Pferd flog Pfeilgrade dahin; ich wagte nicht, den Kopf umzuwenden, konnte jedoch bemerken, daß Burke jegliche Anſtrengung machte, mir voraus zu kommen; jezt naheten wir der hohen Hecke, hinter welcher der tiefe Grund lag, von welchem der Prieſter mir geſagt hatte; ſo lange die Hin⸗ derniſſe keine bedeutende Höhe entgegen ſezten, war der furchtbare Lauf meines Pferdes ganz zu meinem Vortheile; nun aber ſtand eine Buſch⸗ hecke von fünf Fuß vor mir. Unfähig, ſich zu ſammeln, rannte mein Pferd mit voller Gewalt dagegen, durchbrach mit der Bruſt die geflochte⸗ nen Zweige und ſtürzte mit dem Kopfe voran in das Feld. Unbeſchädigt ſprang ich auf, hob es empor, aber bevor ich wieder aufſtzen konnte, ſezte Burke über die Hecke und berührte neben mir ganz ungefährdet den Grund. Mit boshaf⸗ tem Grinſen warf er mir einen Blick zu und ſprengte weiter. Mein Pferd war dermaßen be⸗ täubt, daß es einige Sekunden ſich kaum bewe⸗ gen konnte, und als ich es antrieb, brachte die ſchwere Bewegung ſeiner Schulter und ſein nie⸗ dergeſenkter Kopf mich faſt zur Verzweiflung. Allmählig erwärmte es ſich wieder und bekam ſei⸗ nen Austritt. Faſt hundert Ellen vor mir ritt Burke im anhaltenden Laufe, aber auf dem Rande des Hochlandes zu meiner Rechten. Jezt erkannte ich die ganze Geltung der Bemerkung des Prie⸗ ſters, konnte ich die grade Linie durch den tiefen Grund nehmen, ſo war das Rennen immer noch zu meinen Gunſten, aber durfte ich das mit ei⸗ nem ſo abgetriebenen Thiere wagen?— Es war die einzige Möglichkeit zum Gewinn, und ich faßte ſchnell dieſen Entſchluß; im weichen, mora⸗ ſtigen Grunde vor mir heftete ich mein Auge auf die blaue Flagge, die den Lauf bezeichnete; Burke wandte ſich jezt und ſah mich, augenblick⸗ lich hielt er ſeines Pferdes Lauf ein. Ha, dachte ich, er meint, ich ſize feſt, aber dazu iſt's nicht gekommen; mein Thier kräftigte ſich mit jedem Schritte, wiewohl der Grund ſchwierig war, be⸗ währte ſich hier ſein Blut, ich konnte fühlen, daß es noch gutes Nennen in ſich hatte. Inzwiſchen ſtellte ich mich, als müſſe ich ihn bei jedem Schritte herausarbeiten, vermogte Burke dadurch zum Einhalten, bis ich allmählig zur Einhegung herauf kam, als er noch um mehre Pferdelängen davon entfernt war. Sobald der Schimmel den Stein⸗ wall erblickte, ſpizte er ſeine Ohren und flog dar⸗ auf zu, mit kraftvollem Einhalten ſezte ich ihn hinüber, ohne einen Stein zu berühren. Burke folgte im treflichen Ueberfluge und war im Au⸗ genblicke mir zur Seite. Nun begann der Wettlauf im vollen Ernſte. Liſt konnte ihm hier wenig helfen, nur vielleicht die beſſere Führung ſeines Pferdes, mannhaft ritt er; mein Muth wuchs mit jedem Augenblicke, ſo weit entfernt, irgend Furcht zu haben, wünſchte ich mir, die Hinderniſſe mögten bedeutender ſeyn, gleich dem Spieler, der ſeinen Gegner mit einem Wurfe verderben mögte, würde ich einen Abgrund in Sprunge genommen haben, wenn er zu fol⸗ gen gelobte. Einige Felder durchritten wir Seite an Seite, wenige Ellen von einander, jeglicher hob ſein Pferd im gleichen Augenblicke zum Ue⸗ berſpringen und zuſammen berührten wir wieder den Grund. Schon waren unſere Häupter gegen den Ablauf wieder gewendet, auf dem fernen Hü⸗ gel konnte ich deutlich die gedrängten Maſſen er⸗ Jack Hinton, Erſter Band. 12 kennen, deren lautes Zurufen uns entgegen⸗ ſchallte; nur noch ein bedeutendes Hinderniß blieb, nemlich die tiefe Schlucht, welche den lezten Sprung des Rennens verlangte; über eine nie⸗ dere Steinmauer waren wir geſezt und kamen nun in das Feld, welches zu dieſem großen Sprunge führte; ſichtbar war Burkes Pferd, wel⸗ ches nicht ſo heftigen Anſtrengungen unterworfen war als meines, und zudem beſſer geritten wurde, das friſcheſte von beiden; inzwiſchen durfte keiner ſich in dieſem Betrachte ſehr preiſen, und im ruhigeren Zuſtande würden wir Beide wohl nicht daran gedacht haben, einen ſolchen Sprung, wie den vorliegenden, zu wagen. Augenſcheinlich mußte derjenige gewinnen, welcher zuerſt hinüber⸗ kam, jeder maß des Andern Ausſtrecken, die drän⸗ gende Angſt des Augenblickes ſtieg faſt zum Wahn⸗ ſinne; ſobald wir in dies Feld kamen, hatte ich mir den Punkt auserſehen, an welchem ich den Sprung nehmen wollte,— offenbar hatte Burke das nemliche gethan, wir wichen nun ein wenig von einander, jeder ſeinem erwählten Flecke zu. Der Lauf war furchtbar. Jeder Gedanke an Gefahr war verloren oder vergeſſen, mit gerun⸗ zelter Stirne und zuſammengepreßten Lippen ka⸗ men wir näher und näher; ich war der Erſte. Schon war ich auf dem Rande mit lautem Anruf — 267— und mit einem Hiebe meiner Peitſche nahm ich mein Pferd auf, das edle Thier ſprang, doch feine Kraft war gebrochen, es fiel mit dem Kopfe voran hinab; ohne meinen Siz verloren zu haben, raffte ich es wieder auf, erkletterte mit ihm den jenſeitigen Abhang und blickte um. Burke, der vorher den Lauf ſo heiß gedrängt hatte, that das nur, um mein Pferd zu entkräften und in ſeinem Sprunge niederzubrechen, ich ſah ihn jezt heran⸗ reiten, er hatte ſein Pferd völlig in der Gewalt, und dieſes war unter ihm ganz geſammelt. Ich war unfähig, das meinige anders als im Schritte fortzutreiben, deshalb drehete ich mich im Sattel um, ihn zu beobachten; kühn ritt er zum Rande der Schlucht heran, ſeine Hand war bereit, den Peitſchenhieb zu geben, die Stute ſammelte ſich vollends zum Sprunge, als vom Boden der Kluft eine Geſtalt wild emporſprang, und wie das Pferd ſich in die Luft erhob, deſſen Zügel erfaßte, Roß und Reiter mit Gekrach auf ſich herabriß, ein lauter Schrei der Todesangſt ertönte im Ge⸗ tümmel. Mein Gefühl war das einer Verzuckung, als ſie aus meinen Blicken verſchwanden, doch der Wunſch zu gewinnen, verſcheuehte alle andern Gedanken, ich ſammelte meine ganze Kraft zu lez⸗ ter Anſtrengung, hob mit beiden Händen den . 12*¾ — 268— wackern Schimmel empor, zwang ihn durch Spo⸗ renſtich und Zügelreibung zum Galopp und ritt unter betäubendem Jubelruf und Geſchrei von Tauſenden als Sieger ein. „Zurück, zurück!“ ſchrie Mahon, der mit ſeiner Peitſche das auf mich zuſtürzende Gedraͤnge zurückhielt.„Hinton, geben Sie Acht, daß Nie⸗ mand Ihr Pferd berührt, reiten Sie in den Wäge⸗ ſtand, nehmen den Sattel ab und in die Wag⸗ ſchale.“ Wie ein Träumender bewegte ich mich, ge⸗ horchte mechaniſch der Weiſung, während das Geſchrei und der Jubel rings um mich her mit jedem Augenblicke lauter und wilder wurden.“ Mehre Stimmen riefen jezt:„hier kommt er! hier kommt er!“ Burke ſprengte heran und ohne den Zügel zu ſtraffen in den Wägeſtand. „Schandſpiel!“ brüllte er mit wuthheiſerer Stimme,„ich thue Einſage gegen dies Rennen. Hallo, Sir!“ rief er mir zugerichtet. Mahon trieb mich eilig zur Wage und ſagte: „da! da! Sie haben mit ihm nichts zu thun.“ In eben dem Augenblicke kamen ſehr viele heran, mir die Hand zu drücken und mir Glück zu wün⸗ ſchen. Der Major rief:„ſehen Sie hier, Dillon— — 269— merken Sie das Gewicht, zwoͤlf Stein und zwei — und noch zwei Pfund übrig, wenn's nöthig wäre.“ Dann fliſterte er ihm in's Ohr, aber doch deutlich genug, um von mir gehört zu wer⸗ den, obgleich die Worte nicht für mich beſtimmt waren.„Nun, Dillon, nehmen Sie ihn in Ihren Wagen, und bringen Sie ihn ſobald wie moͤglich vom Rennplaze fort.“ Burke, der laut und heftig geſprochen hatte, bahnte eben jezt ſeinen Weg durch das Gedränge, ſtand vor uns und fragte:„ſagen Sie, Dillon, daß ich dieſes Rennen verloren habe?“ „Ja, ja, ganz gewiß!“ riefen wohl zwanzig verſchiedene Stimmen. Meine Frage war nicht an Sie gerichtet,“ ſagte er in kochendem Zorne, ‚ich frage den Rich⸗ ter des Rennens, hab' ich verloren?“ „Mein lieber Ulick—“ ſprach Dillon in kaum hörbarer Stimme und heftiger Aufregung. „Kein verfluchter Wortkram mit mir,“ unter⸗ brach er—„verloren oder gewonnen, Herr— mit einem Worte.“ G „Ganz gewiß verloren,“ erwiederte Dillon mit mehr Feſtigkeit, als ich ihm zugetrauet hatte. „Wohl, Herr,“ ſprach Burke, wendete ſich zürnend mit zuſammengebiſſenen Zaͤhnen zu mir t — 0270— um,„es mag eine Art Zuſaz zu Ihrem Trium⸗ phe ſeyn, zu wiſſen, daß Ihr Spießgeſell in Ih⸗ rem Dienſte einen Schenkel zerſplittert hat; und doch kann ich Ihnen ſagen, Sie ſind noch nicht zum Ende dieſer Angelegenheit gekommen.“ Bevor ich erwiedern konnte, zogen Burke's Freunde ihn fort, eilten ihn in einen Wagen, während ich, durch die angehörten Worte noch verwirrter als zuvor, von Einem zum Andern umherblickte, um Erläuterung zu erhalten. „Achten Sie das nicht, Hinton,“ ſagte Ma⸗ hon, der halb athemlos vom Laufen herbeieilte und meine Hand erfaßte.„Der arme Burſche tilgte ein edoppelte Schuld in ſeiner eigenen rohen Weiſe; Dankbarkeit gegen Sie, und Rache für ſich ſelber.“ „Tally-ho! Tally-ho!— hört da— fortgeſchlichen!“ ward mit wildem Geſchrei außen gerufen, vier Landleute erſchienen zugleich, die eine Thüre auf den Schultern trugen, auf welcher die bleiche, verſtümmelte Geſtalt von Tipperary Joe ſtreckte.„Ein Trunk Waſſer— Branntwein, Thee— irgend etwas aus Liebe zur heiligen Jungfrau! Ich bin verſchmachtet und mögte Cap⸗ tain Phibs Wohl trinken.— Ach Liebling!“ ſagte er, als er ſeine trüben Augen auf mich richtete, „that ich das nicht treflich, zahlte ich ihn nicht ab für dies?“ bei dieſen Worten zeigte er auf einen blauen Randſtreifen, der vom Munde bis zum Ohre über ſein Angeſicht hinzog;„dies gab er mir geſtern, weil ich Ihnen langes Leben und guten Erfolg wünſchte.“ „O! dies iſt zu gräßlich,“ ſagte ich ſchwer athmend—„mein armer Menſch, und ich konnte Euch ſo hart anlaſſen—“ ſeine Hand nahm ich in die meine, doch ſie war kalt und klebrig, ſeine Züge waren eingefallen— er lag in Ohnmacht. „Kommen Sie, Hinton,“ ſprach der Major, „hier können wir nichts gutes thun, fahren wir zum Gaſthaus und ſorgen dann für dieſen armen Burſchen.“ „Sie kommen mit uns, Herr Hinton;“ rief Dillon. „Jezt nicht, jezt noch nicht,“ ſagte ich, meine Gurgel ſchwellte durch unterdrückte Rührung. Mahon geſtattete mir nicht mehr zu ſagen, hob mich beinahe in ſeinen Tarkarrn, nahm ſein Pferd in Galopp, jagte der Stadt zu, während des Volkes Zujauchzen uns begleitete, denn im wilden Volksbegriffe von Gerechtigkeit war Joe ein wahrhafter Märtyrer und ich theilte die Glorie ſeiner Selberopferung. 4 Den ganzen Weg nach Loughrea ſprach Ma⸗ hon ohne Aufhören, doch kein Wort vermogte ich davon zu erhaſchen; meine Gedanken waren ganz beſchäftigt mit dem armen Menſchen, der um mich gelitten hatte, und alles, was ich in der Welt beſaß, mögte ich darum gegeben haben, das Rennen ſey von mir verloren und er ſtände ge⸗ ſund und unbeſchädigt vor mir.. Der Major ſchüttelte meinen Arm und rief: „nun, nun, nehmen Sie ſich das nicht in dieſer Art zu Herzen; wenig kennen Sie von Irland, das iſt deutlich; dieſer arme Burſche wird durch das Mitgefühl, das Sie ihm heute zeigten, ſich ſtolzer fühlen, als mancher König auf ſeinem Throne. Einem Gentleman Dienſt erwieſen, die⸗ ſem eine Verbindlichkeit auferlegt zu haben; das hat einen Zauberreiz, deſſen Umfang Sie nicht zu ſchäzen vermögen. Nur für eines hüten Sie ſich — nur für dies eine, zerſtören Sie ſeine Wahn⸗ gebilde nicht durch irgend ein Anerbieten von Geld; thun Sie Alles für ihn, wozu Sie ſich bewogen fühlen, nur dieſes ia nicht.“ Wir gelangten zum kteinen Wirthshauſe und Mahon— der ſah, daß ich gänzlich unfähig zum Ueberlegen und Handeln ſey,— ließ ein Zim⸗ mer für Joe bereit machen, den Arzt des Ortes herrufen und ſorgte für Alles, was zu des Lei⸗ 8 — 273— denden Sorgfalt und Verpflegung gethan werden konnte. Als er dies ausgerichtet hatte, kam er zu mir und ſagte:„jezt, Hinton, iſt Alles in Ordnung, Joe liegt behaglich im Bette, der Schenkelbruch erweiſet ſich nicht ganz ſchlimm. Alſo ermannen Sie ſich, denn Dillons Wagen mit allen Damen darin wartet ſchon zehn Mi⸗ nuten.“ 9 „Nein, nein,“ rief ich,„zu dieſer Mittags⸗ Geſellſchaft kann ich nicht gehn, verlaſſen will ich nicht—* „Unſinn, Mann,“ unterbrach er mich;„hier können Sie nur Harm anrichten, der Doktor ſagt, er müſſe durchaus ruhig und allein gelaſſen werden;— zudem hat Dillon ſich heute ſo wa⸗ cker benommen,— ſo kräftig in ſeiner Weiſe, daß Sie dies nicht vergeſſen dürfen. Wohlan, wo ſind Ihre Kleider; ich will ſie für Sie ein⸗ packen.“ Ich ſprang in die Höhe, um ſeiner Auffor⸗ derung zu genügen, aber Schwindel ergriff mich, matt und krank fiel ich in den Seſſel zurück. „Dies wird nicht gehn,“ ſagte Mahon,„ich werde am beſten thun, ihnen zu ſagen, daß ich ſelber Sie hinüber fahren werde, legen Sie ſich für ein Paar Stunden nieder und halten ſich ganz ruhig.“”* 12 ½ — 2474— Ich fühlte, der Rath ſey gut, dankte mei⸗ nem theilnehmenden Freunde mit einem Hände⸗ druck, denn ſprechen konnte ich nicht, warf mich auf mein Bett, wo ich, auffallend genug bei dem Kampfe ſo widerſtreitender Rührungen in meinem Innern, faſt augenblicklich in Schlaf verſank. 1 S. H. Mierdehnles Sapilel. Nach einer halben Stunde in Schlummer verbracht, erwachte ich geſtärkt, nun war jeglicher Einzelumſtand des Tages klar und deutlich vor mir. Ich erinnerte mich jeder beſondern Eigen⸗ heit, konnte meinem Gemüthe alle die einzelnen Theile des Rennens vorſtellen, obwohl ſie im Zu⸗ ſtande der heftigſten Aufregung und in der ra⸗ ſcheſten Nachfolge hintereinander eingetreten waren. Mein erſter Gedanke war, den armen Joe zu beſuchen, leiſe ſchlich ich zu ſeinem Zimmer und öfnete die Thür. Der arme Burſche lag im feſten Schlafe, ſeine Züge hatten bereits des Fie⸗ bers Färbung angenommen, ein rother, hektiſcher Fleck auf jeder Wange zeigte, daß des Unheils Wirkung begonnen ſey; dennoch war ſein Schlaf — ——y — —— — 276— 8 ruhig, ſeine bleichen Lippen kräuſelte ein halbes Lächeln. Seine alte Jagdkappe mit einer weiß und grünen Bandſchleife— die von mir getrage⸗ nen Farben prunkend am Vordertheile befeſtigt, ſtand auf dem Bette; ohne Zweifel hatte er im lezten wachenden Augenblicke dieſe angeſchauet.— Geräuſchlos ſchlich ich zurück und begann einen Brief an O'Grady, deſſen bange Erwar⸗ tung in Betreff des Ergebniſſes ſehr ſpannend ſeyn mußte. Nicht ohne Stolz, dies geſtehe ich, beſchrieb ich des Tages Ereigniſſe, aber als ich zu dem Theile des Briefes kam, in welchem Joe genannt werden mußte, konnte ieh ein Gefühl von Schaam bei dem Anerkennen des bittern Gegen⸗ ſazes nicht vermeiden, den mein Benehmen zu ſeiner Dankbarkeit darſtellte. Den Verſuch, über dasjenige Betrachtungen anzuſtellen, was er ge⸗ than, machte ich nicht; denn ich empfand, daß O'Grady's beſſere Kenntniß ſeiner Landsleute ihn lehren würde, die Tiefen eines Beweggrundes zu erforſchen, deſſen Oberfläche ich nur abzuſchöpfen vermogte. Freimüthig ſagte ich ihm, je mehr ich von Irland ſähe, deſto weniger vom Lande zu kennen, gewahre ich; ſo viel durchaus Gutes ſchien mit unbeſtimmten Anſichten, ungewiſſen Meinungen vermiſcht, ſolche Herzenswärme, ſolche ofne Herzlichkeit, mit ofenbaren Zügen von Miß⸗ — 272— trauen und Argwohn, daß ich mich darin nicht zu finden wiſſe. Entweder, ſo denke ich, iſt dies Volk geboren, um die Anomalie alles deſſen dar⸗ zuſtellen, was in der menſchlichen Natur das ent⸗ gegengeſezteſte und wiederſprechendſte ſeyn kann, oder aber, es ſind die herrlichſten Gaben, welche die Menſchheit je zierten, durch unrichtige Be⸗ handlung und irrige Leitung verderbt und miß⸗ braucht. Eben hatte ich meinen Brief beendet, als Bob Mahon vorfuhr; ſein rechtſchaffenes Antliz ſtrahlte Lächeln und gute Laune als er eintrat und mir ſagte:„Wohl, Hinton, die ganze Sache iſt gehörig abgemacht— das Geld iſt gezahlt, und wenn Sie an O'Grady ſchreiben, mögen Sie bemerken, er könne auf die Bank von Limerick ziehen, und zwar auf Sicht, wenn ihm das ge⸗ fällt; inzwiſchen bleibt für das Alles Zeit genug; alſo ſteigen Sie mit mir auf, wir haben nur eine halbe Stunde, um unſere fünf Meilen zu fahren und uns zum Eſſen anzukleiden.“ Ich ſezte mich neben den Major; ſo wie wir raſch die Luft durchflogen, kräßtigte und er⸗ friſchte mich die kühle Brieſe und ſeine lebendige Unterhaltung. So ſchnell fuhren wir, daß wir noch einige Minuten übrig hatten, als wir in eine dunkle Einfahrt hoher Buchenbäume und — 278— nach wenigen Minuten vor die Thür eines gro⸗ ßen, altmodig ausſehenden Herrenhauſes fuhren, auf deſſen Treppenſtufen Dillon ſelber in der gan⸗ zen Vollſtändigkeit weißer Weſte und ſchwarzſei⸗ denem Unterkleide ſtand. Er eilte, mich zu mei⸗ nem Ankleidezimmer zu führen und überſchüttete mich mit Glückwünſchen über das Tages⸗Ergeb⸗ niß, ſagte dabei,„Sie werden es ſonderbar ach⸗ ten, Herr Hinton, daß ich Ihnen Glück dazu wünſchen ſollte, weil Sie wiſſen, daß Herr Burke ein Verwandter von mir iſt— aber ich habe ſo viel von Ihrer Güte für meine Nichte Louiſe ge⸗ hört, daß ich nicht anders, als über Ihren Er⸗ folg erfreut ſeyn kann.“ „Aus manchen Gründen,“ erwiederte ich, „mögte ich wünſchen, ihn in mehr geſezlicher Weiſe erlangt zu haben; und wahrlich, handelte ich hier nicht für einen Andern, ſo zweifle ich ſehr, wie weit ich mich berechtigt achten mögte, mich als Sieger zu betrachten.“ „Mein werther Herr,“ unterbrach mich Dil⸗ lon,„die Geſeze der Wettrennen ſind in dieſem Falle gebieteriſch; zudem müßten Alle, welche auf Sie wetteten, ihr Geld verloren haben, wenn Sie Ihr Recht aufgeben wollten.“ „Was das anbetrift,“ ſagte ich lachend, — 279— & „ſo war die Zahl meiner Unterſtüzer ſehr be⸗ ſchränkt.“ „Darauf kommt es nicht an, wäre auch nicht eine einzige Wette zu Ihren Gunſten ge⸗ ſchloſſen, ſo verdiente Ulick's Benehmen gegen Sie vom Anfange an wenig Begünſtigung von Ihnen.“ „Ich geſtehe,“ ſprach ich,„daß Sie hier die ſchirmende Klauſel für mein Schaam⸗Gefühl be⸗ rührt haben; hätte Herr Burke ſich in anderer Weiſe gegen meinen Freund und mich benommen, ſo würde ich mich jezt in arger Verlegenheit be⸗ finden.“ „Ganz richtig,“ ſagte Dillon,„und nun ver⸗ ſuchen Sie, ob Sie Ihren Anzug mit eben der Schnelligkeit herrichten können, welche Sie auf dem Kleefelde darthaten.“ Nach einer Viertelſtunde erſchien ich im ge⸗ drängt vollen Geſellſchaftszimmer, manche der An⸗ weſenden hatte ich ſchon am Morgen geſehen. Herr Dillon war Wittwer, aber ſeine drei Töch⸗ ter, ſchöne, hochgewachſene, wirklich reizende Mädchen, machten die Ehre des Hauſes. Wäh⸗ rend ich dieſe begrüßte, trat Miß Bellew vor, ihre Augen ſtrahlten Freude, als ſie mir ihre Hand darreichte und ſprach:„ich ſagte Ihnen, 280— Herr Hinton, wir würden uns im Weſten wie⸗ derſehen; bin ich eben ſo gute Wahrſagerin in meiner Behauptung geweſen, Sie würden das Land lieben?“ „Auch wenn es mir nur dieſe eine Minute gewährte;“ ſagte ich halb leiſe. In eben dem Augenblicke ward das Eſf en angeſagt, und Alle ſezten ſich in Bewegung. Der Wirth hatte einer großen Dame den Arm gegeben, neben welcher er in gar verkleinertem Verhältniſſe erſchien; er blickte mich mit einem Winke an, der mich auffordern ſollte, einer an⸗ dern mit Federn und Geſchmeide bedeckten Dame auf dem Sopha den Arm zu reichen, doch wich ich dieſem Ehrendienſte dadurch aus, daß ich Miß Bellew führte und dem Major jene Dame überließ. Das Mittageſſen ging vorüber wie alle ſolche Feſtlichkeiten; ſchon ſagte ich, daß Dillon's Töchter ſehr ſchöne Mädchen waren, ſie beſaßen jene reizend gewölbten Augenbrauen, jene ſo ei⸗ genthümlich Iriſchen, tiefen, geregelten Augäpfel, die dem Auge, wie auch deſſen Farbe ſeyn mag, unausſprechliche Sanftheit ertheilen, auch ihre Stimmen waren weich und lieblichtönend, wenn gleich ihre Ausſprache etwas die Provinz verrieth, — * 281 ihr Benehmen war durchaus würdig und damen⸗ haft, dennoch ſtanden ſie ganz unermeßlich gegen Louiſe Bellew zurück.— Mit allen Vorzügen hochgebildeten Geiſtes beſaß dieſe jene Furchtlo⸗ ſigkeit, welche nur allein ſolchen Mädchen eigen iſt, die wirklich unſchuldig in Beziehung auf Welttrug und Ueberliſtung ſind, deshalb konnte ihre Unterhaltung weit über die Gränzen der kal⸗ ten Modebeurtheilung einer Londoner Schönen hinausſtreifen, und die kunſtloſe Begeiſterung ih⸗ res Weſens war dann durchaus bezaubernd. In Dublin war ihre bezeichnendſte Haltung ein Aus⸗ ſehen hochfliegenden Stolzes und Ueberhebung, wodurch ſie in der gemiſchten Geſellſchaft, die Roo⸗ ney's Haus enthielt, allein befähigt wurde, jene zudringlichen, unverſchämten Aufmerkſamkeiten zu⸗ rückzuweiſen, welche dort anzuwenden im Ge⸗ brauche waren. Umgeben von ſolchen, die das Haus beſuchten, um ihre Muße hinzubringen, war es für ſie als junges ſchüchternes Mädchen keine leichte Aufgabe, ſich ihre Stellung zu ſichern und die ihr ſchuldige Ehrfurcht zu gebieten. Hier im Hauſe ihres Onkels war alles ganz anders. Befreit davon, hier eine Rolle ſpielen zu müſſen, war ſie natürlich, gefallſam und ungekünſtelt; ihre Geiſteskräfte, jezt nicht von der Furcht vor Miß⸗ deutung befangen, nahmen ihren eigenen freien, — 232 freudigen Flug ohne Erbangen und ohne Vor⸗ wurf. Nach dem Eſſen begleitete ich ſie in das Geſellſchaftzimmer, ſezte mich neben ſie und gab ihr eine Erläuterung aller meiner Schritte ſeit meiner Ankunft im Lande, wobei ich die Genug⸗ thuung hatte, zu bemerken, daß ſie nicht nur jede meiner Handlungen billigte, ſondern wärmere Theilnahme an meiner Wohlfahrt zeigte, als ich erwarten konnte, zugleich ertheilte ſie mir Rath in Betreff der Zukunft. In der Vorausſezung, mein erlangter Erfolg möge mich zu weiteren Verſuchen meiner Reiterhaftigkeit antreiben, warnte ſie mich, durch keine Wettvorſchläge und Renn⸗ ſäze mich überliſten zu laſſen. Sie ſagte:„Mein Vetter Ulick iſt einer von denen, die nicht leicht eine Beute entſchlüpfen laſſen. Offen ſpreche ich zu Ihnen, weil ich weiß, ich darf das thun; deshalb bitte ich Sie, hüten Sie ſich vor ihm, und vor allen Dingen gerathen Sie nicht in Rei⸗ bungen mit ihm. Schon habe ich Ihnen geſagt, Herr Hinton, ich wünſchte, Sie ſollten meinen Vater kennen lernen; zu dieſem Ende iſt es we⸗ ſentlich erforderlich, daß Sie kein Mißverſtändniß mit meinem Vetter haben; denn obwohl ſein gan⸗ zes Betragen im Leben der Art geweſen iſt, daß es meinen Vater betrüben und bekümmern mußte, — 283 hat dennoch das Gefühl für den Sohn ſeiner ein⸗ zigen Schweſter ihn gegen alle ihm zugekomme⸗ nen Gerüchte und Berichte, ja ſogar gegen ſeine eigene Ueberzeugung aufrecht gehalten.“ „Sie haben in Wahrheit eine kräftige Ur⸗ ſache angeführt, um mit Ihrem Vetter gutes Einvernehmen zu erhalten,“ ſagte ich;„mein Herz wünſcht nicht nur Ihren Vater kennen zu lernen, ſondern wenn ich dieſe Hofnung wagen darf, auch von ihm gern geſehn zu werden.“ „Ja, ja,“ ſagte ſie, im Sprechen ſchnell erröthend—„Ich bin gewiß, er wird Sie gern haben— und ich weiß, Sie werden ihn lieb gewinnen. Vielleicht ſollte ich Ihnen ſagen, daß unſer Haus kein fröhliches iſt, wir führen ein abgezogenes vereinzeltes Leben, und dies hat auf meinen Vater die Wirkung hervorgebracht, einen Anſchein von Unzufriedenheit— wiewohl nur al⸗ lein den Anſchein— einer Natur anzulegen, die an ſich milde, mannhaft und wohlwollend iſt.“ Einen Augenblick ſchwieg ſie, als beſorge ſie zum Sprechen über Dinge hingeriſſen zu ſeyn, welche ſie nicht hätte berühren dürfen, dann ſezte ſie leb⸗ hafter hinzu:„Immer doch mögen wir Sie belu⸗ ſtigen können, Sie ſollen Fiſchen und Rennreiten im Ueberfluß haben, die beſte Schießjagd im — 284— 7 Weſten, und was die Schönheit der Gegend be⸗ trifft, ſo verburge ich mich, Sie ſollen ſich nicht getäuſcht finden.“ Die Zeit war vorgerückt und die Geſellſchaft verlangte zum Balle abzufahren; gern wär' ich mit Louiſe im vertraulichen Geſpräche geblieben, aber der allgemeine Aufſtand riß uns mit fort, Mäntel, Ueberwürfe und Hauptkappen wurden ringsum ausgetheilt. „Hallo, Hinton!“ rief der Major;„Sie fah⸗ ren mit mir, nicht wahr?“ Ich begann ſehr heftig zu huſten, ſtammelte eine Entſchuldigung von Nachtluft und dergleichen. „Ach freilich, mein armer Freund,“ ſagte der ſchlichtherzige Bob,„Sie müſſen ſich ſchonen — das war heute ein ſehr ſchwerer Tag für Sie.“ Lachend ſagte Louiſe mit ſcherzfunkelnden Au⸗ gen:„bei ſo ſchwerer Erkältung nehmen Sie viel⸗ leicht einen Siz in unſerm Wagen?“ Sanft drückte ich ihren Arm, fliſterte meine Einwilligung, half ſie einſteigen und ſezte mich neben ſie. So raſch wir in des Majors Tar⸗ karrn dahinfuhren, dünkte mich doch, daß die Meilen jezt noch viel ſchneller hinflogen, der ganze Weg von Dillon's Landgute nach Loughrea verging mir wie ein kurzer entzückender Augen⸗ — 285— blick. Ich ſagte ſchon, Miß Bellew's Weſen ſey hier ganz verändert; als ich ſte aus dem Wagen hob, mußte ich den flammenden Glanz ihrer Au⸗ gen, die lebensvolle Begeiſterung ihrer Züge ge⸗ wahren, welche ihrer Schönheit noch lieblichere Huld hinzuſezten. Lachend fragte ſie mich auf der Treppe:„ſoll ich mit Ihnen tanzen, Herr Hinton, wenn das iſt, bitte, ſeyn Sie ſo gefäl⸗ lig, mich gleich aufzufordern, ſonſt müßte ich den erſten Tänzer annehmen, der ſich darbietet.“ „Wie einfältig bin ich geweſen, wollen Sie mir die Ehre erzeigen?“ „Ja, die Ehre ſollen Sie haben, aber, weil ich nun daran denke, Sie müſſen mich nicht zum zweiten Male auffordern; wir Landbewohner ſind in dieſen Dingen ungemein ſittſamlich; und weil Sie der Löwe dieſer Zuſammenkunft ſind, könnte ich in arge Klemme gerathen, wenn ich Sie al⸗ lein in Anſpruch zu nehmen ſchiene.“ „Sicherlich werden Sie Mitleid üben,“ ſagte ich im Tone erkünſtelter Blödigkeit—„Sie wiſ⸗ ſen, ich bin hier ein Fremder, der niemand kennt, nur von Ihnen allein gekannt iſt.“ „Nur nicht gar zu beſcheiden,“ ſprach ſie ſcherzend,„meine Muhmen werden höchlich erfreut ſeyn, und in der That ihnen ſind Sie bereits Genugthuung ſchuldig.“ — 286— „Wie ſo, was habe ich gethan?“ „Fragen Sie lieber, was Sie ungethan lie⸗ ßen? Ich will's Ihnen ſagen. Sie ſind nicht in Ihrer ſchönen Uniform zum Balle gekommen, mit Achſelband und ſchwankender Feder, mit alle dem Pomp, Prunk und Umſtand Ihrer Aide-de- Camps-Würde. Erfahren Sie, daß wir im Weſten die Infanterie lieben, die Cavallerie be⸗ wundern, aber die Offiziere vom Stabe anbeten. Eben ſo ſchwer wie ein Kind im wohlbeleibten Manne mit dem Stern auf der Bruſt einen Kö⸗ nig erkennt, wird es uns weſtlichen Damen an das militäriſche Ausſehen eines einfach ſchwarz gekleideten Herrn zu glauben. Irgend ein Wahr⸗ zeichen Ihres Standes ſollten Sie mindeſtens zei⸗ gen. Ein bischen Franzoſenhaften Schnauzbart — einen ausländiſchen Orden im Knopfloch— Ihren Arm in der Binde, als wären Sie ver⸗ wundet,— ſogar ein Paar ſcheinende Sporen könnten Sie ſühnen. Marie wird nicht glauben wollen, daß Sie ein Schwerdt tragen und bei Gelegenheit ein recht kriegerhaftes Anſehen zeigen.“ „Liebſte Louiſe, wie muthwillig Du biſt,“ ſagte die Muhme tief erröthend.„Wie gefällt Ihnen unſer Saal, Herr Hinton?“ — 287— Dieſe Frage erweckte mich glücklich aus der Vergeſſenheit alles deſſen, was mich außer mei⸗ ner ſchönen Begleiterin umgab. Es war der große Saal des Stadthauſes, von den Offtzieren der Garniſon zu dieſer Feſtlichkeit mit geſchmackvollen Blumen und Laubgewinden auf den geweißten Wänden verziert, die Regimentsfahnen über dem Kamin aufgeſtellt; die Scharlach⸗Uniformen glänzten im Saale, erfüllten die Herzen der Män⸗ ner mit Neid, die der Damen mit Bewunderung. Ganz eigenthümliche Herzenserregungen entſtehen den Iriſchen Frauen bei dem Anblicke von Mili⸗ tair; ich mögte behaupten, es ſeyen nicht die In⸗ ſurrectionsakte, nicht die nächtlichen Unbilden, die Brandſtiftungen und Aufruhr⸗Ausbrüche, welche die Urſache zur Unterhaltung ſo ſtarker Militair⸗ macht in Irland begründen; ſondern ganz im Ge⸗ gentheile wurde das Land nur ſo ſtark beſezt, um den Damen zu gefallen; mit gebührender Würdi⸗ gung der Töchter des Weſtens überſchwemmt das Kriegsamt dieſes Land mit Rothröcken. Deut⸗ lich zeigte ſich auf dieſem Balle, wie durchaus die guten Landleute in den Augen ihrer Frauen und Töchter von den Offtzieren überſtrahlt wurden. Mit unſäglicher Mühe hatte der Ceremonien⸗ meiſter des Balles in Loughrea endlich einen Tanz zu Stande gebracht, der hier nicht in ſtrenger Ab⸗ ⸗ — 288— gemeſſenheit, ſondern ſo frei und ungezwungen als irgend möglich vorging. Die Hand der Tän⸗ zerin haltend, oder auch preſſend, ging es die Mitte hinab, lachend, ſcherzend, tändelnd, die kühnſten Aufflüge wagend, denn die Dame hatte zum Zürnen nicht Zeit, hundert Fragen und An⸗ reden erſchollen von allen Seiten im wilden Ge⸗ wirre. Kaum war der Tanz geendet, als Miß Bellew von einem andern Tänzer aufgefordert wurde, während ich, ihrer Anſagung zufolge, ihre Muhme Marie aufforderte. Der Ball⸗Saal war jezt gedrängt voll, die Tanzpaare füllten des Saales ganze Länge; die Luſt und der Jubel wurden laut und tobend, längs den Wänden wa⸗ ren Spieltiſche geordnet, an denen die älteren Perſonen mit eben ſo lebendigem Vergnügen und nicht minderer Geräuſchigkeit ſich ergezten. Ich beſorge, meiner ſchönen Tänzerin nur ſehr ſchlechten Eindruck von eines Aide-de-Camp's Höflichkeit gemacht zu haben— ich ſprach unzu⸗ ſammenhängend und ohne Aufmerkſamkeit, meine Blicke ſuchten nur Miß Bellew, entzückt, wenn ich zufällig einen Blick von ihr erhaſchte, betrübt und ungeduldig, wenn ſie ihrem Tänzer zulächelte. Die arme Marie Dillon ſchien froh, als der Tanz vorüber war und ich ſie einem ſehr ſchmuk⸗ — 289— ken Lieutenant überließ, den ſie wie ein Geſchenk der Vorſehung würdigen mogte. Mich ergriff Dillon am Arme, um mich durch den Saal zu mehren ſeiner Bekannten zu führen. Der Abend wurde ſpäter, doch die Kräftigkeit der Geſellſchaft ſchien ungeſchmälert; Anſtrengung des Modele⸗ bens ſchien in Irland eben ſo wenig gekannt, als deſſen Schläfrigkeit und Langeweile. Armes im Wahn befangenes Volk! Du ſcheinſt Dich der Geſellſchaft zu erfreuen, nicht als Schuzmittel ge⸗ gen Deine eigene Ermüdung, nicht als Zuflucht gegen Krankheitsanfälle, ſondern als wahrhafte Quelle vergnüglicher Erregungen, als Veranlaſ⸗ ſung um der Vertraulichkeit Bande enger zu knü⸗ pfen, den Freunden angenehm zu ſeyn und Dich ſelber zu beglücken. Welch ein Jammer, daß Wohlwollen unerzogen, freundliches Gefühl als Gemeinheit geachtet wird; während ich hier in allen Dingen den ſcharfen Gegenſaz zu dem weg⸗ werfenden Spotte der leidenſchaftloſen Kälte Lon⸗ doner Sitten beachten mußte, konnte ich nicht um⸗ hin zu geſtehen, der Unterſchied ſey groß, der Abſtich ungeheuer. Zu welcher Seite mein Herz ſich neigte, durfte meine Liebe für Miß Bellew nicht einmal beſtimmen; genug hatte ich vom Le⸗ ben geſehn, um gelernt zu haben, wie unſäglich die wahrhaften Gaben des Werthes und der Jack Hinton. Erſter Band. 13 ———————— — 1 2—— ——— — — 290— Vortreflichkeit der zufälligen Abgeſchliffenheit ho⸗ her Geſellſchaft vorzuziehen iſt.— Der Tanz ward in unnachlaſſender Leben⸗ digkeit fortgeſezt; weil ich nach Louiſens Aus⸗ ſprache nicht wagen durfte, ſie noch einmal auf⸗ zufordern, hatte ich eben ſo wenig Luſt mir eine andere Tänzerin zu ſuchen. Indeß ſchien der all⸗ gemeine Gebrauch die müßige Unthätigkeit aus⸗ zuſchließen. Wer nicht tanzte, mußte Karten ſpie⸗ len, Liebetändelei treiben, Negus trinken oder gute Geſchichten mit einer alten Dame austau⸗ ſchen. Ich miſchte mich in meiner Verlegenheit unter ein allgemeines Spiel, welches ich unter dem Namen Speculation oft bei Rooney’s geſe⸗ hen hatte.— Es war in der That ein munteres Spiel, ganz für einen Neuling geeignet, weil es keine Unterweiſung erforderte. Jeder Mitſpieler erhält ſeine drei Karten, von welchen eine der Geſellſchaft in der Reihefolge vorgezeigt werden muß. War dieſe ein Bube oder eine andere vor⸗ wurfvolle Zahl, ſo wurde der Eigner in geringfü⸗ gige Strafe genommen. So wiederholt dies auch geſchah, ſchien der Scherz doch nicht zu veralten, das Entzücken der Geſellſchaft war ſo überflie⸗ ßend, das ſchallende Gelächter ſo ununterbrochen, daß ich zu glauben begann, dieſe Karten müßten einen eigenen geheimen Zauberreiz beſizen. Zwei — 291— Stunden hatte ich dieſes ſcherzhafte Spiel mitge⸗ macht, als meine Schulter leiſe berührt ward und Bob Mahon mir in's Ohr fliſterte: „Dillons fahren ab; er wünſcht, ein Wort mit Ihnen zu ſprechen, geben Sie mir Ihre Kar⸗ ten, und ſchlüpfen fort.“ Dies geſchah, und ich ſuchte Dillons im Saale. „Hier iſt er,“ ſagte Miß Bellew zu ihrem Onkel, und zeigte auf mich;„wie ärgerlich, ſo früh ſchon aufzubrechen— nicht wahr, Herr Hinton?“ „Unbezweifelt müſſen Sie das fühlen,“ ant⸗ wortete ich, etwas Gereiztſeyn verrathend.„Ihr Abend verging Ihnen ſo höchſt vergnüglich.“ „Und der Ihrige ebenfalls, wenn ich nach dem Gelächter an Ihrem Kartentiſche urtheilen ſoll. Niemals hörte ich ein ſo lärmendes Geſell⸗ ſchaftsſpiel. Willigt er ein, Marie?“ „Nein! Papa iſt eigenwillig, der Wagen iſt beſtellt. Er ſagt, wir würden in dieſer Woche ſo viele Ergezlichkeit haben, daß wir heute frühe heimkehren müßten.“ „Dal nun ſeyd gute Maͤdchen! wickelt Euch ein und laßt uns abfahren. O, Herr Hinton — genau der Mann, den ich wünſchte. Wollen Sie uns die große Gunſt erzeigen, für einige Tage nach Mount⸗Brown zu kommen? Ueber⸗ 13*† — 292— morgen beginnt das Rebhühner⸗Schießen— und ich meine, daß ich Ihnen Jagd verſprechen kann. Darf ich morgen früh für Sie ſchicken? Welche Stunde würde Ihnen genehm ſeyn?— Ich ver⸗ traue, Sie werden meine Bitte nicht abſchlagen.“ „Ich brauche nicht zu ſagen, mein werther Herr, wie dankverpflichtet ich mich fühle, und mit welchem Vergnügen ich Ihre gütige Einla⸗ dung annehmen mögte; doch die Wahrheit iſt, ohne Urlaub bin ich abgereiſt; der Herzog mag an jedem Tage zurückkommen, und ich würde in arge Verlegenheit gerathen.“ „Denken Sie, daß ein Paar Tage— 2“ Ein Blick von Louiſe Bellew unterſtüzte jezt ihres Oheims Beredtſamkeit auf das kräftigſte. Ich ſchwankte, war ungewiß, was ich antworten ſollte. „Nun, Mädchen, jezt iſt eure Zeit; halb iſt er ſchon überredet ein freundlich Ding zu thun. Nun verſucht, ob ihr ihn nicht ganz überführen könnt. Verſucht's, Marie, Fanny, Louiſe.“ Ein zweiter Blick von Miß Bellew entſchied die Sache; mit freudigem Erglühen ſchüttelte ich warm Dillons Hand, und verſprach ſeine Einla⸗ dung anzunehmen. Freude ſtrahlte auf des kleinen Mannes Ge⸗ ſicht, als er ſagte:„das iſt ganz wie ein guter — 293— Geſell ſeyn muß; was ſagen Sie dazu, wenn wir um zwei Uhr mit dem Wagen kommen? Die Mädchen wollen herein, um einige Ankäufe zu machen, und dann fahren wir zuſammen hinaus.“ Dieſe mir ungemein zuſagende Einrichtung ward angenommen, ich reichte Miß Bellew den Arm, ſie zum Wagen zu führen. Im Hinunter⸗ gehn zur Halle vergingen einige Minuten, die Menge von Fuhrwerken verhinderte ebenfalls des Wagens Auffahren. Das Wetter ſchien ganz ge⸗ ändert, ſchwerer Regen goß herab, der Wind heulte ſtürmend durch die dunkeln Corridore des alten Gebäudes, trieb den Regen bis weit her⸗ ein, wo wir ſtanden, ich zog deshalb meine ſchöne Begleiterin dichter an meine Seite, um⸗ hüllte ſie enger mit ihrem Mantel. Welch ein Augenblick für mich; ihr Arm ruhete auf dem meinigen, ihre Haarlocken trieb der Wind mit jedem ſtärkern Aufblaſen über meine Wangen; — was ich ſagte, weiß ich nicht, erkannte aber aus dem Tone meiner Stimme, daß die tiefſten Gefühle meines Herzens mir von den Lippen floſſen. Vergeſſen hatte ich, daß Herr Dillon ſeine Töchter bereits in den Wagen geſezt und uns laut zurief, nunmehr zu folgen. „Hören Sie meinen Onkel nicht?“ ſagte Louiſe, hatte in ihrem lebhaften Verlangen vor⸗ * zugehn ihren Arm aus dem meinigen geloͤſet. In eben dieſem Augenblicke ſtürzte ein Mann vor, ergriff ihre Hand, zog dieſe rauh unter ſei⸗ nen Arm, und ſagte dabei laut:„fürchten Sie nichts, Louiſe, Sie ſollen nicht beleidigt werden, ſo lange Ihr Vetter da iſt, um Sie zu ſchüzen.“ Sie ſprang herum, ihm zu antworten:— „Sie irren, Ulick! Dieſer iſt Herr Hinton.“ Mehr konnte ſie nicht ſagen, denn er hob ſie in den Wagen, warf die Thür deſſelben mit lautem Schlage zu, und hieß dem Kutſcher abfahren. Betäubt durch Staunen ſtand ich unbeweg⸗ lich ſtill. Mein erſter Antrieb war, ihn nieder⸗ zuſchlagen; denn obwohl ich der jüngere und ſchwächere Mann war, fühlte ich in dem Augen⸗ blicke doch die Kraft, das zu thun. Der nächſte Gedanke war Louiſens Warnung, keinen Streit. mit ihrem Vetter zu führen. Der Kampf war in der That ſchwer, aber ich gewann den Sieg über meine Leidenſchaft. Gleichwohl war ich un⸗ fähig, den Ort zu verlaſſen, ſtand mit überge⸗ ſchlagenen Armen und feſt auf ihn gehefteten Blicken. Er erwiederte mein Anſtieren, ging mir mit einem Hohne unleidlicher Unverſchämtheit vor⸗ bei und die Treppe hinauf. Keiner von uns ſprach ein Wort; aber es giebt Augenblicke im Leben, welche einen Blick, einen vorübergehenden — 295— Anſtrahl des Auges zu tödtlichem Haſſe ſtem⸗ peln. Solche Blicke warfen wir uns zu, die Zunge hätte nichts auszuſprechen vermogt, um den geheimen Inſtinkt aufzufaſſen, durch welchen wir unſere Feindſchaft beglaubigten. Mit langſamen, ungewiſſen Schritten erſtieg ich die Treppe: es war mir, als triebe ein fremd⸗ artiger Zauber mich ſeine Schritte zu verfolgen; wiewohl ich in meinem Herzen betete, daß nie ein Ausbruch zwiſchen uns vorfalle, vermogte ich doch dem drängenden Anſtoße nicht zu widerſte⸗ hen ihm zu folgen, ihn zu bewachen. Gleich wie jene unerklärte Verlockung, die den Beſchauer über einen hochragenden Abgrund Schritt vor Schritt näher zur Schlucht treibt, ſeiner Gefahr ſich bewußt und doch unfähig zurück zu weichen, ſo verfolgte ich dieſen Menſchen von Stelle zu Stelle, blieb in ſeiner Nähe, als er von einer Gruppe ſeiner Freunde zur andern trat, bis er ſich zulezt an einen Tiſch ſezte, um welchen eine zahlreiche Menge von Perſonen in lärmender, aufgeregter Unterhaltung ſaßen; ein Kelchglas füllte er ſich bis an den Rand mit Wein, trank es leer, und füllte es ſogleich wieder. 1 „Sie haben Durſt, Ulick,“ ſagte Jemand. „Durſt! Nach Feuer, bei Gott!— Sie werden mir nicht glauben wollen, wenn ich Ih⸗ — 296— nen ſage— ich kanns nicht dazu bringen! nein, beim Himmel! nichts im Wege beleidigender Auf⸗ reizung—* Als er dieſe Worte ſprach, ging eine Dame dicht ihm vorbei, was ihn veranlaßte, ſeine Stimme zu dämpfen, ſo daß ich den Schluß des Sazes nicht hören konnte. Bis dahin hatte ich neben ſeinem Stuhle geſtanden; jezt ging ich zur andern Seite des Tiſches hinum, ſtellte mich mit untergeſchlagenen Armen und feſt auf ihn gehef⸗ teten Blicken ihm gerade gegenüber.— Eine kurze Weile bemerkte er mich nicht, weil er mit niedergeſenktem Kopfe zu ſprechen fortfuhr. Plöz⸗ lich ſchlug er die Auger empor, ſchreckte auf— ſchob ſeinen Stuhl etwas vom Tiſche zurück, zeigte mit ausgeſtrecktem Finger auf mich und rief laut: „Schau— ſchau!— ſteht er da nicht wie⸗ derum!“ Plözlich änderte er den Ton ſeiner Stimme zu erkünſtelter Sanftheit, und fuhr zu mir gewendet fort:„Ich habe ſo gut meine un⸗ zureichenden Kräfte mir erlaubten erklärt, Herr, welche ausnehmende Mühe ich mir gegeben habe, um Sie zu überreden, ſich als Gentleman zu bewähren; die Hälfte der Bemühung, zu der Sie mich nöthigten, würde einem Iriſchen Gent⸗ leman geſagt haben, was von ihm erwartet 1 — 297— werde, Sie ſcheinen indeß auf Ihrer Seite des Kanales die allerfriedfertigſten Geſellen in der Welt zu ſeyn.— Kommt nun, ihr Herrn, wenn irgend Jemand eine Wette halten mag, ſo ſeze ich zehn Guineen, daß dies ſogar ſeine freund⸗ ſchaftliche Natur nicht aufrühren wird. Geben Sie den Feres hier, Godfrey! Iſt das ein rei⸗ nes Glas neben Ihnen?“ Mit dieſen Worten nahm er die Weinkaraffe, füllte bedächtig das Glas, ſtand auf, als wolle er dieſes überreichen, als er aber aufgerichtet ſtand, betrachtete er mich einige Sekunden mit ſtierem Heften des Blickes, ſchleuderte dann den Wein mir in's Angeſicht. Schallendes Gelächter ertönte umher, ich aber ſah nichts, hörte nichts mehr. Einen Augenblick zuvor war mein Kopf kalt, meine Sinne völlig klar, meine Geiſtesfä⸗ higkeiten unbewölkt, jezt aber, als hätte Wahn⸗ ſinn mich ergriffen, konnte ich nichts gewahren als Blicke der Verhöhnung und des Spottes, konnte nichts anders hören, als das zerreißende Gelächter, den mißtönenden Laut der Verſpottung. 13 Funßzehnles Spapilel. Wie ich aus dem Zimmer fortgekommen und in welcher Weiſe ich mich auf der Straße befand, weiß ich nicht. Mein erſter Drang war mir das Halstuch abzureißen, um freier ath⸗ men zu können, demungeachtet erdrückte mich ein Gefühl von Erſtickung, ich fühlte mich betäubt und ſtarrſinnig. „Kommen Sie voran, Hinton, ermannen Sie ſich, Freund, ſehn Sie, Ihr Rock iſt vom Regen durchweicht,“ ſagte hinter mir eine freund⸗ liche Stimme, der Major erfaßte zugleich kräftig meinen Arm und zog mich fort. „Was hab ich gethan?“ rief ich ringend um wieder frei zu werden.„Sagen Sie, o ſagen Sie mir, habe ich Unrecht gethan? Habe ich — 299— irgend eine furchtbare Handlung begangen? Hier qnält mich folternde Pein— hier in meiner Stirn als wäre— ich wage nicht meine Schaam auszuſprechen.“ „Nichts dergleichen, lieber Mann,“ ſagte Mahon,„Sie haben ſich bewunderungswürdig benommen. Matt Keane ſah Alles mit an, und er ſagte, nie habe er etwas treflicheres geſehen; und er iſt kein übler Richter, müffen Sie wiſſen. Aber ſeyn Sie nun beruhigt und ziehn Ihre durchnäßten Kleider ab.“ Der Ton, in welchem dieſe Worte geſagt wurden, hatte etwas Gebietendes, zudem war der Major einer von den Menſchen, welche auf ir⸗ gend eine Weiſe ſtets ihren Weg in der Welt be⸗ folgt zu ſehen wiſſen; ich gab ihm ſogleich nach, im Gefühle, daß jeder von mir aufgebotene Wider⸗ ſtand die Wahrſcheinlichkeit einer Erklärung nur verzögern könnte. Während ich in meinem Zimmer mit Um⸗ kleiden beſchäftigt war, hörte ich wie mein Freund Vorbereitungen zu einem kleinen Abendeſſen traf, und gelegentliches Selbergeſpräch dem gelinden Braten des geröſteten Beinknochen zumiſchte, der auf dem Feuer gebräunt wurde. Klirren von Gläſern und Tellern, nebſt den deutlichen An⸗ zeichen von Punſch⸗Bereitung wurden zuweilen — 300— vernehmbar zwiſchen Betrachtungen wie dieſe fol⸗ genden: „Ein mächtig garſtiges Geſchäft— nichts anders darauf, als ihm ſtehen, armer Burſche; ſagen werden ſie, wir hätten ihn hier zwiſchen uns gemordet,— ach! er iſt viel zu jung für Galway.— Hallo, Hinton, ſind Sie fertig? Nun jezt ſehen Sie etwas vernünftiger aus; wenn wir ein bischen genoſſen haben, wollen wir dieſe Angelegenheit kaltblütig und ſinnig beſprechen; und um Ihr Gemüth zu beruhigen, mag ich Ihnen nur gleich ſagen, ich habe ein Zuſammentreffen für Sie und Burke morgen früh um fünf Uhr eingerichtet.“ Krampfhaft preßte ich ſeine Hand in der meinigen, als ein Strahl wilder Genugthuung mich durchzuckte. „Ja, ja,“ ſagte er, wie zur Erwiederung mei⸗ nes Blickes,„alles iſt wie's ſeyn muß. Sogar ſeine eigenen Freunde ſind über ſein Betragen empört, jund in der That darf ich ſagen, es iſt das erſte Mal, daß einem Fremden in unſerm Lande dergleichen begegnete.“ „Das kann ich gern glauben, Major,“ ſagte ich,„denn das fragliche Individuum ausgenom⸗ men, habe ich unter Ihnen Allen nur freundliche, gute und wohlwollende Gefühle angetroffen; er — 301— ſcheint in der That eine Ausnahme von ſeinen Landsleuten.“ „Deshalb je eher Sie ihn niederſchießen, deſto beſſer. Aber ich wünſchte Vater Tom ſehn zu können.“ „Adest Domine,“ ſagte der Prieſter in eben dem Augenblicke durch die Thüre eintretend, er warf ſeinen durchnäßten Mantel in den Win⸗ kel und ſchüttelte ſich tüchtig, dann wendete er ſich mit dem Ausdrucke entrüſteten Vorwurfes an ſeinen Vetter und ſagte:„iſt dies nicht ſchöne Arbeit, Bob? Keine vierundzwanzig Stunden iſt er in der Stadt, und Sie haben ihn bereits in ein Gefecht gebracht; allerdings iſt es meine eigene Schuld, weil ich Sie zuſammengebracht habe. Nein, fürwahr Bob, Sie haben weder Glück noch Anſtand, ſind ein böſer Kopf— im⸗ mer in Hader. Arrah— ſprechen Sie nicht zu mir, gar nicht— reichen Sie den Branntwein her— ſchlimm genug, daß ich Sie nie anders gekannt habe!— da ſtören Sie mich Morgens um zwei Uhr aus meinen tugendhaften Träumen. — Wahr genug, ſag mir mit wem Du Umgang führſt— aber wenig dachte ich doch, er würde Sie niederſchießen laſſen, bevor Sie den Ort verlaſſen könnten.“. Ich bemühete mich, den guten Prieſter, ſü * „— 302— gut es mir gelingen konnte, zu befriedigen; auch der Major ertheilte jegliche nähere Erklärung über ſeinen Aufruf aus dem Bette, ſein Aerger, durchnäßt worden zu ſeyn, und ſeines Vetters ihm zu wohl bekannte Hinneigung zu Verhand⸗ lungen ſolcher Art wollten ihm nicht erlauben, Vernunſt zu hören, bis er ſeinen zweiten Kelchbecher voll Punſch ausgezogen hatte. Dann ſagte er mit einem Seufzer: „Nun, wohl, wenn's ſo iſt, muß Gottes Wille geſchehen!— Ein guter Degenſtoß, pflegten wir früher zu ſagen, iſt trefliche Behandlung für böſes Blut— aber vielleicht werden Sie ſich mit Piſtolen ſchlagen.— Ach Mord! die find entſezliche Geräthe.“ „Ich beginne zu argwöhnen,“ ſagte der Ma⸗ jor liſtig—„daß Vater Tom fürchtet, wenn Sie Ulick niederſchießen, werde er die gewonnenen funfzig Pfund niemals erhalten— hine illae lacrymae— wie Tom?“ „Ach der Böſewicht,“ ſagte der Prieſter mit tiefem Aechzen,„hat er mich nicht ſchon um dies Geld gebracht!“ „Wie ſo Vater?“ fragte ich, vermogte kaum mein Lachen über den Ausdruck ſeines Geſichtes zu unterdrücken. Waſemn Abend ging ich die Hauptſtraße — 303— mit Doktor Plunkett dem Biſchof hinab, wir gingen Seite an Seite und ſprachen von Theo⸗ logie, ich ſah ſo fromm und ehrwürdig aus, als möglich, da kam der Schurke von Burke aus einem Laden hervorgelaufen, riß ſein Taſchenbuch auf und rief:„warten Sie n bischen, Vater Tom, Sie wiſſen, ich bin etwas in Ihrer Schuld von dem Rennen, und weil Sie ein Wettſpieler ſind, ſo iſt's nur billig, das Buch gleich zu tilgen.“ „Was höre ich hier, Vater Loftus!“ ſagte der Biſchof. „O, mein Lord,“ entgegnete ich,„es iſt ein jocosus puer— ein ſcherztreibender Taugenichts, ein faiceur, Euer Ehrwürden, und in dieſer Art treibt er ſeine Scherze ſtets mit den Leuten.“ „Alſo ſchuldet er Ihnen dieſes Geld nicht?“ fragte der Biſchof mächtig ſtreng, uns Beide an⸗ ſchauend. „Nicht einen Pfennig davon, mein Lord.“ „Das iſt jedenfalls behaglich,“ ſagte Burke, ſteckte ſein Taſchenbuch ein und fuhr mit liſtigem Augenwinke fort:„auf Treue, mein Lord, ich wünſchte an jedem Zahltage für ein oder zwei Stunden ein Anlehn von Ihnen zu haben, denn auf Glauben, Sie ſind ein Trumpfer.“ Damit ging er laut lachend ab, man hätte glauben ſollen, — 304— er würde ſeine Seiten zerplazen, und gewiß wünſchte ich, er hätte das gethan.“ Ich glaube nicht, daß Herr Burke über ſei⸗ nen Anſchlag lauter und länger hat lachen kön⸗ nen, als wir das thaten. Der Prieſter ſelber ſchloß ſich zulezt der Fröhlichkeit an, nur wie der Punſch ſein Inneres mehr füllte, und die Zeit vor⸗ ſchritt, konnte ich bemerken, wie ſein heiliger Schauder vor Zweikämpfen allmählich unter der Wärme ſeiner Hiberniſchen Neigungen zerſchmolz. Gleichwie ein feuchter Schwamm über die Ober⸗ fläche eines dunkeln Gemäldes geſtrichen, manche vorher undeutliche Geſtalt und Zeichnung aus dem Finſtern hervorhebt, Lichtſcheine andeutet, die bis dahin nicht erkennbar waren, ſo ſcheint Whiskey das ſeltſame Vermögen auszuüben, ſeine Verehrer in dem gauzen breiten Umfange ihres Karakters darzuſtellen, ihnen die zufälligen Gewande abzu⸗ ſtreifen, in welche ihre Stellung oder Lebensſtand ſie kleiden mögte, ſo ſteht ein berauſchter Ir⸗ länder in der Ueberſchwänglichkeit ſeines Volks⸗ thumes Hibernius Hibernior. Der gute Prieſter vergaß alle ſeine ſittenlehrenden Be⸗ rufungen gegen Zweikampf, entfernte ſeine frü⸗ here Entrüſtung gegen ſeinen Vetter, rieb ſich vergnüglich die Hände, und erzählte eine Ge⸗ ſchichte nach der andern aus ſeinen frühern Er⸗ 1 — 305— fahrungen, von denen mehre recht unterhaltend waren. Den Major inzwiſchen ſchien des Prieſters Anekdoten⸗Vermögen nicht vollſtändig zu befrie⸗ digen; er ſchlürfte ſein Glas mit ernſtem, nach⸗ denklichem Ausſehen, brach am Ende ſein Schweigen und ſagte:„ſehr wahr Tom, für ei⸗ nen Mann Ihres Gewandes haben Sie genü⸗ genden Antheil ſolcher Dinge geſehen, aber wo lebt der Mann— zeigen Sie ihn mir, ſag ich — der meine Erfahrung, ſey es als Hauptperſon oder als Sekundant, gehabt hat; habe ich nicht meine vier Gegner am ſelbigen Morgen heraus⸗ gehabt?“ „Nun, ich geſtehe,“ ſprach ich demüthig— „das ſcheint eine übertriebene Anzahl.“ „Reine Vergeudung, dargethane Ueberfülle, Prahlerei, weiter nichts,“ bemerkte Vater Tom. Der Major rollte ſeine Augen furchtbar gegen mich, rückte ungeduldig auf ſeinem Seſſel, um nach ſeiner Geſchichte befragt zu werden, und ich, dem die Sache wirklich Neugierde einflößte, bat ihn, ſie mitzutheilen. Pomphaft ſprach der Major:„Tom hier liebt keine Geſchichte nach dem Abendeſſen;“ dann weil er unſere geſpannte Aufmerkſamkeit gewahrte, — 306— beſchloß er einige Tyrannei zu üben, bevor er die Erzählung begann. Der Prieſter gab augenblicklich ſeine Unter⸗ werfung, bemerkie nur liſtig, daß ſein Einwand lediglich gegen ſolche Geſchichten beabſichtigt ſey, die er ſeit den lezten dreißig Jahren öfter hörte, und ſezte hinzu, er werde dieſer Erzählung mit vielem Vergnügen zuhören. „Wenn das iſt, ſollen Sie ſelbige haben!“ ſagte der Major, ſezte ſich behaglich in ſeinen Seſſel und begann: „Sie waren niemals in Caſtle Connel, Hin⸗ ton? Wohl, dort iſt ein weiter, trauriger, nach Weſten hindehnender Landſtrich, der nichts enthält als große rundrückige Berge, niedere Torf⸗ Moräſte, hier und dort eine elende Erdhütte, umgeben mit vielleicht einem halben Acre von der großer Lum⸗ bre genannten Viehkartoffek, oder ſchlechter Hafer; einige wenige Flüſſe kriechen auf ihrem Wege zum Shannon hindurch, ſind aber ſo braun und kothig, als der Erdboden, den ſie durchziehen, die Fiſche ſogar, die darin ſchwimmen, ſind braun und ſchmuzig.“ „Recht im Herzen dieſes wilden Landes ein Haus aufzubauen, kam mir in den Kopf. Son⸗ derbarer Gedanke war es, denn dort gab es weder Nachbarſchaft noch Jagd; ich hatte aber damals — 307— und ſchon einige Zeit vorher gewiſſen Widerwillen gegen gemiſchte Geſellſchaft gefaßt, und fand es angenehmer, etwas zurückgezogener zu leben;— ſo daß, wenn Rebhühner nicht im Ueberfluſſe um mich waren, auch keine Prozeßführer dort lebten, und die Wahrheit iſt, daß ich ſchärfer nach dem Unter⸗Sherif ausſpähete als nach Waſſer⸗ ſchnepfen.“ „Weil ich bis über die Ohren in Schulden ſteckte, war es natürlich meine Abſicht etwas beträchtliches und eindrückliches zu erbauen, ganz gewiß hatte ich einen ſchönen Portikus und eine Treppenflucht, die zu ihm hinaufführte; zehn Fenſter waren in der Vorderſeite und oben ein großes Dachgeländer, und meiner Treu, faßt man Alles zuſammen, ſo war das Gebäude ſo ſtark, ſeine Mauern ſo dick, die Fenſter ſo ſchmal und und die Steine ſo ſchwarz, daß mein Vetter Da⸗ rey Mahon ſich bewogen fand, es Newgate zu nennen, das war auch gar kein übler Name— und unter keines Teufels andern Namen war es ſeitdem gekannt; dieſer hatte ſogar auch ſeine Vortheile, denn wenn meine Gläubiger Newgate oben am Anfang meiner Briefe ſahen, ſagten die:„Armer Teufel! ihm drückt genug auf die Hand, es hilft nichts ihn noch mehr zu quälen. — Woh ſo groß Newgate von Außen anzuſehn — 308— war, hatte es, wenn man in's Innere kam, doch nur geringe Bequemlichkeit. Da war allerdings eine ſchöne mit Flieſen belegte Vorhalle, und von dieſer trat man in den Raum, der das Speiſe⸗ Zimmer hätte ſeyn ſollen, achtunddreißig Fuß zu ſiebenundzwanzig Breite, dieſer aber wurde im Winter zum Aufſtellen der Schafe gebraucht. An der rechten Seite war ein trauliches, kleines Frühſtückzimmer von angenehmer Größe. Am Ende der Halle, aber durch eine Flügelthüre ver⸗ ſteckt, war die große Treppe von alt Iriſchem Eichenholz, die zur großen Reihe von Schlafzim⸗ mern hätte hinaufführen ſollen, ſie führte aber zu einem kleinen Kämmerlein, das ich benuzte. Die übrigen waren niemals mit Gypswänden be⸗ worfen noch gedielt, eines derſelben, welches über dem großen Empfangzimmer war, hatte niemals ſeine Querbalken eingelegt bekommen, was um ſo beſſer war, weil wir unſer Heu und Stroh da aufzubewahren pflegten.“ „Zu der Zeit, von welcher ich ſpreche, war die Erndte noch nicht eingebracht, anſtatt alſo, wie es gewöhnlich war, voll zu ſeyn, war es nun mächtig tief, ſo daß, wenn die Thüre oben auf der Treppe geöfnet wurde, man das Heu nicht neben ſich fand, ſondern etwa vierzehn Fuß unter ſich. 3 — 309— „Ich kann nicht unterlaſſen, Sie mit allen dieſen Einzelheiten zu ermüden, einestheils weil ſie weſentlich meiner Geſchichte angehören, und dann auch, weil ſelbige Sie als einen jungen Mann, der zudem Ausländer iſt, etwas beſſer zum Verſtehen einiger unſerer volksthümlichen Gebräuche führen mögen. Unter allen Liebhabe⸗ reien, die wir Irländer für Ueppigkeit und Wei⸗ ber haben, iſt doch, wie ich glaube, unſere vor⸗ herrſchende Leidenſchaft, ein großes Haus zu bauen, jeden Schilling, den wir haben, oder auch nicht ha⸗ ben, wie eben der Fall ſeyn mag, zu verwenden, um es halb fertig zu machen, dann in einem Winkel deſ⸗ ſelben zu leben,„der Großartigkeit wegen,“ wie man ſagen mag. Es iſt bei dem allen ein ganz drol⸗ liger Hang, aber zeigen Sie mir eine Graſſchaft in Irland, die nicht mindeſtens ihre ſechs Pro⸗ beſtücke von dem, was ich anführte, aufweiſet.“ „Newgate war ein liebliches Probebild; wie⸗ wohl die Schafe im Geſellſchaftzimmer lebten und die Kühe im blauen Empfangsſale, Darby Whaley im Boudoir ſchlief, zwei Bulldoggen und ein Ziegenbock im Bücherzimmer hauſeten,— hatte die Außenſeite doch meiner Treu, ſehr ein⸗ drückliches Anſehen. Keiner, der das Haus von der großen Straßenach Ennis ſah— und auf zwölf Meilen konnte man es in jeder Richtung gewah⸗ — 310— ren,— unterließ zu ſagen—„der Mahon muß ein wohleingerichteter Geſell ſeyn— ſchau' nur, was er dort für ein ſchönes Gut beſizt!“ Wenig wußten ſolche Leute, daß es ſicherer war„Scho⸗ ber“ hinaufzuſteigen, als meine große Treppe, und daß es ziemlich Seiltänzer⸗Arbeit war, aus ei⸗ nem Zimmer in das andere zu gehen.“ „Nun gut, es war um ein Uhr Nachmittag, an einem dunkeln, trüben Decembertage, als ich in nicht ſehr vergnügter Stimmung meinen Weg nach Hauſe trat, denn den ganzen Tag über hatte ich nichts gefunden, als drei Waſſerſchnepfen und enen grauen Kibiz. Es ward dunkel und ich eilte heim, ſo raſch ich konnte, da hörte ich lautes Anrufen hinter mir und eine Stimme ſchrie: „Es iſt Bob Mahon, Burſche! Bei dem Hügel von Scariff, wir haben Glück!“ „Ich wendete mich um und ſah eine Schaar Geſellen in rothen Röcken, ſie waren die Feuer⸗ puffer. Unter ihnen Dam Lambert, Tom Burke, Harry Eyre, Joe MMahon und die Uebrigen, vierzehn Seelen zuſammen. Sie waren herge⸗ kommen, um einen Zuſchlag von Stephen Blake etwa zehn Meilen von mir abzuſuchen, aber im⸗ fremden Berglande verloren ſie ihre Hunde,— verloren ihren Weg und ihren Muth, in Wahr⸗ heit, allem Anſehen gemäß hatten ſte Alles ver⸗ — 311— loren, nur ihre Eßluſt nicht. Ihre Pferde wa⸗ ren zum Umfallen abgetrieben, ſie zeigten die jäm⸗ merlichſte Zuſammenſchaarung, die man jemals ſehen konnte.“ „Iſt's nicht glücklich, Bob, daß wir Sie zu Hauſe finden?“ ſprach Lambert. „Uns wurde geſagt, Sie wären abweſend,“ ſagte Burke. „Einige behaupteten, Sie wären ſo gottes⸗ fürchtig geworden, daß Sie nicht anders als nur Sonntags ausgingen,“ ſezte der alte Harry grin⸗ ſend hinzu. „Bei Gott!“ erwiederte ich,„was das Glück betrift, ſo will ich davon nicht viel rühmen, denn hier iſt Alles, was ich zu Ihrem Mittageſſen ge⸗ ben kann,“ damit zog ich die vier Vögel heraus und ſchüttelte die vor ihnen— und dann für Gottesfurcht, auf Glauben, vielleicht mögten Sie wünſchen, Ihre Faſten mit einem eben ſo der Kirche zugethanen Sohne zu verbringen, als ich es bin.“ „Aber iſt das nicht Newgate?“ fragte einer. „Eben das.— 3 „Und Sie meinen doch nicht zu ſagen, daß ein Haus, wie dieſes, nicht'ne gute Speiſekam⸗ mer und nen ſchönen Keller haben ſollte?“ „beide ſind in dieſem Augenblicke angefüllt,— die eine mit Pflanzkartoffeln, der andere mit Whi⸗ tehafen Steinkohlen.“ „Haben Sie Speck?“ fragte Mahon. „O ja, Speck iſt vorhanden,“ ſagte ich. „Und Eyer?“ fragte ein Anderer. „Was das betrifft, könnten Sie in Dottern ſchwimmen.“ „Kommt,“ ſprach Dan Lambert,„wir fahren am Ende gar nicht übel.“ „Iſt Whiskey da?“ rief Eyre. „Dreiundſechzig Gallonen, die dem König keinen Sixrpence bezahlten.“ Als ich dieſe Worte ſprach, gaben Sie ein dreimaliges Jubeln, welches auf eine Meile weit gehört werden konnte. Zwanzig Minuten ſpäter gelangten wir zum Hauſe, als Darby uns die Thür öfnete, glaubte ich, der arme Menſch würde in Ohnmacht fallen, denn die rothen Röcke mach⸗ ten ihn glauben, es ſey bewafnete Macht gekom⸗ men, um mich abzuführen, er war im Begriff, davon zu laufen, um das Land umher in Auf⸗ ſtand zu bringen, als ich ihn ergriff, feſthielt und ſagte:„Die Feuer⸗Puffer ſind's, alter Narr, hier ſind di Gentlemen hergekommen, um Mittag zu eſſen.“ 33 „Sie haben ganz Recht,“ antwortete ich, — 313— „Hurrah!“ rief er ſeine Hände gegen die Knie ſchlagend—„da muß die äußerſte große Noth niederwärts bis Nenagh und in den Gegen⸗ den ſeyn, ſonſt würden die niemals daran denken, um ein bischen zu eſſen, hier herauf zu kommen.“ „Nach welcher Seite liegen die Ställe?“ fragte Burke. 5 WMeberlaſſen Sie Alles dem Darby,“ entwor⸗ tete ich,„denn der brauchte nur zu pfeifen, um ſo viele Leute herbeizubringen, als er haben wollte,“ und das that er auch; weil wir Plaz genug für ein ganzes Cavallerie⸗Regiment hatten, waren die Pferde ganz behaglich auf der Streu unter⸗ gebracht, und bald ſaßen wir Alle höchſt ver⸗ gnüglich um ein großes Feuer, erwarteten die ge⸗ röſteten Speckſchnitte und Cyer.“ „Wenn Sie Ihre Hände waſchen mögten vor dem Eſſen, Lambert, ſo kommen Sie mit mir.“ „O gewiß,“ antwortete er. Auch die An⸗ dern ſtanden auf, ihnen bemerkte ich aber das Haus ſey groß, deſſen Einrichtung ihnen unbe⸗ kannt und ſie würden beſſer thun, zu warten, bis ich zurückkäme. Dan Lambert folgte mir die Treppe hinauf und ſagte:„dies war in der That ein rechter Glücksfall für uns, Bob, herrliches Jack Hinton. Erſter Band. 14 — 3144— Quartier erhielten wir; und welch ſchmuckes Schlafzimmer dies iſt.“ „Ja,“ antwortete ich nachläſſig,„es iſt eines von den kleinen Zimmern— es ſind achte da, ſo wie dieſes, und fünf große, einfach verſehen, wie Sie gewahren, aber für jezt wiſſen Sie—“ „O bei Gott!“ ich wünſche mir nichts Beſ⸗ ſeres. Laſſen Sie mich hier ſchlafen,— die an⸗ dern Geſellen mögen ſich an Ihren Vierpfoſtigen mit Seiden⸗Umhängen erfreuen.—“ „Nun,“ ſprach ich—„falls Sie wirklich keinen Scherz treiben, kann ich Ihnen ſagen, die⸗ ſes Zimmer iſt eines der wärmſten im Hauſe;“ und darin ſprach ich keine Unwahrheit.“ Zufrieden rieb er ſich die Hände, betrachtete freudig das Bett und ſagte:„hier will ich ſchla⸗ fen, und nun kehren wir zu den Andern zurück.“ Nachdem ich Dan hinabgebracht hatte, führte ich erſt Burke und dann Mahon hinauf und ſo fort ſie ſämmtlich; jedesmal, wenn ich wieder in das Zimmer trat, fand ich ſie Alle mein Haus gewaltig preiſend, und jeder Einzelne von ihnen war bereit, eine Wette zu halten, daß er das beſte Schlafzimmer bekommen habe. Bald er⸗ ſchien unſer Mittageſſen, denn war auch die Kü⸗ *½ 8* — chenbereitung nicht ſehr vollkommen, ſo war ſie mindeſtens wunderbarlich raſch. Zwei Leute zer⸗ ſchnitten die Speckſtücke, zwei andere brieten ſie in der Pfanne, und einer that nichts anders, als Eyer zerbrechen; Darby lief vom Zimmer zur Küche, und von dieſer wieder zum Zimmer ſo raſch er nur traben konnte.“ „Wiſſen Sie, daß ich ſpäter, wenn ich Wild⸗ prett gab und Burgunder und Claret genug, um ein Rettungsboot darin ſchwimmen zu machen, oft gedacht habe, das ſey eine grauſame Geld⸗, vergeudung; denn die Geſellen waren dabei nicht halb ſo vergnügt, als jene an dem Abende bei Speck und Whiskey. Ueber dieſen Gegenſtand habe ich meinen Lehrſaz, Hinton, und will zu einer andern Zeit mehr davon mit Ihnen reden; jezt aber nur bemerken, daß ich völlig gewiß bin, wir überfüttern unſere Geſellſchaften. Beide Wege habe ich verſucht, und meine rechtſchaffene Erfah⸗ rung ſagt mir, daß in Beziehung auf Geſelligkeit, Scherz und gutes Einvernehmen ein großer Irr⸗ thum darin beſteht, die Gäſte gar zu gut zu be⸗ wirthen. Etwas ganz Heldenmäßiges liegt darin, ſeine Hammelrippe, oder Truthahnkeule unter fröh⸗ lichen Geſellen zu verſpeiſen; eine gewiſſe nach⸗ denkliche Schmeichelei erläutert uns, wir ſeyen wegen unſerer Scherzhaftigkeit, nicht aber zu un⸗ 14* — 3416— ſerer Verdauung eingeladen, unſere guten Scherze, nicht aber fade Schmeichelworte gereichten zu un⸗ ſerer Empfehlung. Segne Sie Gott! herzlicher habe ich bei Bücklingen und Pottien gelacht, als ich je erwarte, wieder bei Schildkröten und To⸗ kaier zu thun.“ „Meinen Gäſten muß ich die Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, daß ſie meinen Lehrſaz ganz vor⸗ treflich beſtätigten. Niemals ſaß ein freudigeres und vergnüglicheres Gelag beiſammen. Wir hat⸗ ten gute Lieder, trefliche Geſchichten, Gelächter in Menge und Ueberfluß an Trinken; bis der arme Darby zulezt, wie ich vermuthe, vom Dampf des heißen Waſſers ſo völlig überwältigt wurde, daß er hinauf in ſein Bett getragen werden mußte, deshalb waren wir nun genöthigt, den Keſſel im Zimmer zu kochen. Dies glaub' ich, beſchleunigte die Sache, denn durch Verſehen goſſen ſie Whis⸗ key in den Keſſel ſtatt Waſſer, und jemehr man nachher verſuchte, das Getränk zu ſchwächen, deſto berauſchter ward man.— Gegen zwei Uhr lagen fünfe der Geſellſchaft unter dem Tiſche, drei Andere ſchwankten vorwärts und rückwärts wie ungeregelte Pendel, die Uebrigen waren mächtig lärmend, zuweilen auch ziemlich ſtreitſüchtig. Fli⸗ ſternd ſagte Lambert zu mir:„Bob, wenn's Ih⸗ — 317— nen einerley iſt, will ich fortſchlüpfen und zu Bett gehn.“ „Verſteht ſich, wenn Sie nohn vehr neh⸗ men wollen. Machen Sie ſich durchaus hier zu Hauſe, und weil Sie den Weg nicht kennen,— folgen Sie mir.“ „Ich beſorge, ich mögte meinen Weg nicht allein finden;“ ſprach er. „Sehr möglich,“ ſagte ich—„aber kom⸗ men Sie!“ Vor ihm auf erſtieg ich die Treppe, an⸗ ſtatt aber links abzuwenden, nahm ich den an⸗ dern Weg bis ich zu der Thür des großen Zim⸗ mers kam, welches, wie ich Ihnen geſagt habe, über dem großen untern Gemache lag. Gerade als ich meine Hand auf den Drücker legte, wußte ich das Licht auszublaſen, als hätte der Zugwind das gethan.“ „Welch ſtarker Zug weht hier,“ ſagte ich, „aber treten Sie eben ein, ich will Licht holen.“ Er that, wie ich ſagte, aber anſtatt ſich auf meinem ſchönen, kleinen Teppich zu befinden, fiel er vierzehn Fuß auf das Heu, das unten lag. — Nachdem ich mir Licht gezündet, blickte ich 14*** — 318— auf ihn hinab und rief ihm zu:„Weil ich die Hausehre von Newgate mache, war das wenigſte, was ich thun mußte, Ihnen den Fall zu zeigen. Gute Nacht, Dan! aber laſſen Sie ſich von mir rathen, entfernen Sie ſich etwas mehr von der Thür, denn es kommen noch Mehre!“ Als ſie unten bemerkten, daß Dan und ich aus dem Zimmer fort waren, ſtanden noch zwei oder drei auf, erklärten, zu Bett gehen zu wol⸗ len. Der erſte, den ich nun hinaufbrachte, war French, von Grün⸗Park— der war nun freilich auch in ſeiner beſten Zeit kein ſcharfſinniger Ge⸗ ſell, und wäre das Heu nicht ſo ſehr niedrig ge⸗ weſen, würde er niemals vermuthet haben, nicht im Federbette zu ſeyn, bis er Morgens aufge⸗ wacht wäre. Nun, der fiel hinunter. Dann kam Eyre. Sodann Joe Mahon— zweiundzwanzig Stein ſchwer, nicht weniger. Herr, hilf ihnen! — dieſes machte eine gewaltſame Erſchütterung für Alle. Als ich aber nun die Thür für Tom Burke öfnete, auf mein Gewiſſen, da hätte man glauben mögen, unten ſey das Pandemonium. Sie fochten wie die Teufel und brüllten dabei aus allen Leibeskräften.— „Gute Nacht, Tom,“ ſagte ich Burke vor⸗ ſchiebend.„Sie hören unten die Kühe.“ — 319— „Kühe,“ entgegnete er,„wenn die Kühe ſind, dann müſſen ſie, bei Gott! zu den dreiundſechzig Gallonen Pottien gekommen ſeyn, von denen Sie geſprochen haben, denn ſie ſind alle betrunken.“ „Damit riß er mir das Licht aus der Hand und blickte hinab in die Tiefe. Nie zuvor hat man ei⸗ nen ähnlichen Anblick geſehen, und auch ſeitdem nicht wieder. Dan bearbeitete mit ſeinen Fäuſten den ar⸗ men French, der in der Meinung, einen Feind vor ſich zu haben, mannhaft und wacker auf einen alten Torfkarrn losſchlug, der bei jeglichem Schlage wankte und knarrte, während jener rief:„ich will Dich zerſchmettern! will Dir die Rippen brechen, Du höllenhafter Böſewicht!“ Eyre arbeitete im Heu, als ſchwimme er für ſein Leben, und Joe Mahon klopfte ihn mit flacher Hand auf den Kopf, ſprach dabei—„armer Geſell! guter Hund!“ denn er mmeinte, es ſey Towſer, der Bull⸗Stöber, der um die Waden ſeiner Beine ſich ſchmiege.“ „Als Tom die Thür zumachte, ſagte er, „wenn Sie nicht ermüden, ſo wird nicht ein Mann von ihnen am Morgen lebendig ſeyn! Und wenn Sie mir nun erlauben wollen, auf Ihrem Fuß⸗ teppich zu ſchlafen, werde ich das als eine beſon⸗ dere Gunſt betrachten.“ Unten im Zimmer, wo wir geſpeiſet hatten, — 320— waren Alle jezt ganz ruhig; ich gab Tom ein Paar Wolldecken und ein Polſter, verſchloß meine Thür und legte mich mit ruhigem Gemüthe und unbeſchwertem Gewiſſen zu Bette. Allerdings wollte von Zeit zu Zeit noch ein Aufſchrei ertö⸗ nen, als würde unten im Hauſe jemand todt ge⸗ ſchlagen, aber ich verſank bald in Schlaf und hörte nichts mehr von ihnen.“ Mit Tagesanbruch am folgenden Morgen befreiten ſie ſich aus ihrem Heulager, und als ich um zehn und ein halb Uhr zu erwachen ver⸗ ſuchte, fand ich Obriſt M'Morris vom Mayo⸗ Regimente mit einer Forderung von allen Vieren.“ „Ein böſes Geſchäft dies, Captain Mahon,“ ſagte er,„meine Freunde ſind erſchrecklich behan⸗ delt.“ „Es iſt mächtig hart,“ entgegnete ich,„daß ſte mich ſchießen wollen, weil ich keine vierzig Federbetten im Hauſe hatte.“ „Sie werden vom ganzen Lande verlacht werden, Herr.“ „Auf Glauben!“ ſagte ich,„ich meine, das wird geſchehn, wenn das Land nicht in gar ſchwermüthiger Stimmung iſt.“ „Nicht ein Mann von ihnen kann ſe⸗ — 4——— 4 — 321— hen,— ihre Augen ſind in der That zuge⸗ ſchwollen!“ „Der Herr ſey gelobt!“ rief ich,„es iſt nicht wahrſcheinlich, ſie werden mich tref⸗ fen!“ „Doch, um das Ding kurz zu machen, wir gingen hinaus. Tom Burke war mein Sekun⸗ dant; kaum vermochte ich vor Lachen mein Piſtol zu halten. Doch dachte ich, wegen der Selber⸗ erhaltung wird es gut ſeyn, einen von ihnen zu ſchießen; deshalb jagte ich meine Kugel French ein bischen unter ſeinem Rockſchoße hinein. „Kommen Sie, Lambert,“ ſprach der Oberſt, „jezt iſt die Reihe an Ihnen.“ „War es nicht Lambert, den ich traf?“ fragte ich. „Nein,“ antwortete er,„das war French.“ „Bei Gott! dies bedaure ich. French, mein lieber Freund, entſchuldigen Sie mich, denn ſehen Sie, Alle ſind ſie an dieſem Morgen ſich ſo gleich unter den Augen—“ Nun erſcholl lautes Gelächter von Allen, bei welchem Lambert allerdings nicht vorherrſchend mit einſtimmte; denn in irgend einer Weiſe miß⸗ fiel ihm meine höfliche Nachfrage,— wir Alle gaben uns die Hände, verließen den Schieß⸗ — 322— 3 grund wie eben ſo gute Freunde, als je; wie⸗* wohl noch bis zu dieſer Stunde der Name Newgate ihren Gemüthern ſo wenig vergnügliche. Erinnerungen hervorruft, als wenn Ihre Väter 4 in deſſen Urbilde gehängt wären. Ende des erſten Bandes. — Druck von C. Schumann in Schneeberg. — ——*—,— . ſffffſſſſſſſſſnnſſſ 7 8 9 10 11 12 13 4 4 4 2 8 3 54 1 4 4 74 8 21 1