eihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens † 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ J den angenommen. 4— 3 . 3. Caution. Unbekannte Perſonen⸗ müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. 1 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— 1 eträgt: 3— 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8——————————.,—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 4 Wit. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ u 1 5 9„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Kupfern ꝛc.) muß der das beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit oder drei Lebenswege von Charles Lever. Aus dem Engliſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Zwölftes bis fünfzehntes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckheſchen Buchhandlung. 1852. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Ein Packet mit Briefen. Es war ein ſchoͤner, heller Maimorgen. Ein etwas ſpäter Frühling hatte die Vegetation zurückgehalten, und die blühenden Obſtbäume vereinigten jetzt ihre Pracht mit den wärmeren Tinten des kommenden Sommers. Wir be⸗ finden uns abermals in Baden; aber wie verſchieden iſt es jetzt von dem Orte, den wir früher geſehen haben! Die zugefrorenen Quellen und Brunnen platſchen, und ziſchen, und perlen jetzt in der Sonne. Die ſchönen Alleen ent⸗ falten jetzt auf ihren Seiten den gelben Crocus und den Affodil; das ſchaumfarbene Laub der Eſche bildet an dem luſtigen Fluſſe einen leichten Schatten,— an dem Fluſſe, an deſſen Ufern der froͤhliche Laut angenehmer Stimmen ſich mit dem Geſange von tauſend Vögeln verbindet. Die Fenſter ſtehen offen,— es zeigen ſich anmuthige Balkone, und Pomeranzenbäume ſtrömen ihren ſüßen Duft in die ſchon mit Wohlgerüchen angefüllte Luft aus. Alles iſt Leben, und Bewegung, und Freude, denn der Winter iſt nun vorüber, und es iſt nun Nichts mehr von ihm da, als die Schneegipfel einiger entfernten Berge, und ſogar dieſe glühen im brillanten Contraſt mit dem tiefblauen immel, der ſich jenſeits derſelben zeigt. So ſchön das Thal im Sommer oder im Herbſte iſt, ſo zeigt ſich ſeine ganze Schönheit doch nur im Früh⸗ Die Daltons. IV. 1 Ung. Die plötz 2 lich hervorbrechend raſche Uebergang aus dem kalten, Leben und der Lichtfülle d überaus aufregende und er während ſie auf der freudig grüßten. die Poſt ankam e Vegetation,— der trüben Winter zu dem er jungen Jahreszeit haben eine heiternde Wirkung. Dieß zeigte ſich deutlich genug an den Einwohnern, der Straße fröhlich plauderten, oder einan⸗ , und es waren Poſtbüreaus die Notabilitäten des — das heißt, die vornehmſten Gaſthausbeſitzer, die begierig waren, zu erfahren, was ihnen Es war die Stunde, um welche um das Fenſterchen des Städtchens verſammelt, ihre Correſpondenten über die Ausſichten für den kommenden Sommer meldeten. Alles ſchien zur Freude des denn während hatte ein Jeder die verſchiedenen Augenblicks beizutragen, Briefe geöffnet wurden, ſeinem Nachbar eine frohe Neuigkeit mit⸗ zutheilen; der Eine konnte von Lord, der Andere von einem ungariſchen Magnaten, ein Dritter von einem ruſſiſchen Fürſten ſprechen, der im Baden zu ſeinem Sommeraufenthalte zu waͤhlen.„Im badiſchen Hofe ſind ſchon alle Zimmer be⸗ 8;—„im ganzen Adler wird auch nicht Sinne hatte, ſtellt,“ hieß e ein Zimmerchen mehr frei ſein; die Königin von Neape Gerüchte, die von uͤber ihr Gluͤck ſprachen, und ſich Nur eine Geſtalt in der ganzen Gruppe ſchien von der allgemeinen Freude ausgeſchloſſen. ältlicher Mann, der in einem geflickten und fadenſcheinigen einem großen engliſchen „—„der Schwan mu l abweiſen,“ ſolcher Art waren die Mund zu Mund gingen, als die Leute herzlich beglückwünſchten. Es war ein dicker, Oberrocke, und in ſeiner gewaltigen, groben, ſcharlachrothen Halsbinde entweder der m büreaus ſitzend, einen Arm auf jedes Knie geſtützt, Kopf ſchwer vorhangen laſſend, ſchien er das, ilden Jahreszeit nicht recht zu gs zu ermangeln ſchien. vor dem Fenſter des oſt⸗ was vorging, nicht zu bemerken, und keine Sylbe von den freudigen Grü⸗ ßen und Glückwünſchen, die ſeine Nähe erfüllten, zu hoͤren. 3 Endlich zerſtreute ſich die Menge; die Glücklichen, die gute Nachrichten erhalten hatten, gingen nach Hauſe, und nur ein Paar verweilten noch am Orte, als der alte Mann auſfſtand, und ſich dem Fenſter näherte. Es lag faſt einige Scham in der Weiſe, in der er ſich den Hut in's Geſicht drückte, indem er ſich näherte, und an die Fenſterſcheibe, die ſich unterdeſſen wieder geſchloſſen, ſchüch⸗ tern klopfte. Sein Klopfen wurde nicht gehort, und doch wieder⸗ holte er daſſelbe einige Minuten lang nicht; vielleicht wollte er lieber ſeine Hoffnung, wenn auch nur während dieſer kurzen Augenblicke noch, nähren, als in die dunkle Düſter⸗ heit ſeiner Verzweiflung zurückſinken. Endlich, und mit einem tiefen, hohlen Seufzer, klopfte er abermals an die Scheibe. „Haben Sie etwas für Dalton,— für Peter Dal⸗ ton?“ fragte er mit einer Stimme, in welcher kaum noch ein Laut die einſt hochherzige Natur verrieth. „Nichts!“ lautete die kurze Antwort; und die Fen⸗ ſterſcheibe ſchloß ſich wieder ungeſtüm. Er faßte das eiſerne Gitter convulſiviſch, gleich als ob ein ploͤtzlicher Schmerz ihm durch den ganzen Leib ge⸗ fahren wäre; dann richtete er ſich mit großer Anſtrengung zu ſeiner vollen Höhe auf; ſein blaſſes und graſſes Ge⸗ ſicht wurde noch bläſſer, als er es dem Himmel zuwandte, und ſeine blutloſen Lippen zitterten, während ſie einige unverſtändliche Sylben murmelten. Sodann kehrte er ſich um, ging raſch an den weni⸗ gen Umſtehenden vorüber, und entfernte ſich. Er war noch nicht weit gekommen, als ein Knabe ihn einholte, und zu ihm ſagte: „Kommen Sie zurück, Herr; der Poſtmeiſter hat zwei Briefe für Sie.“ Dalton blickte verſtohlen nach belden Seiten hin, nih ſich zu vergewiſſern, ob denn die Worte wirklich ihm gälten. 4 „Biſt Du auch gewiß, daß die Briefe für mich ſind?“ „Ja, ja; ganz richtig,— hier ſind ſie,“ rief der Poſtmeiſter zum Fenſter heraus.„Der eine iſt ein Sol⸗ datenbrief, kommt aus München, und iſt frei. Der an⸗ dere iſt ein ſchwereres Paket, und koſtet vier Gulden und zwölf Kreuzer.“ „So muß ich mich denn mit dem einen begnügen,“ ſagte Dalton,„bis ich Geld geholt habe. Ich habe kein Silber bei mir.“ „Das hat Nichts zu ſagen; Sie können es herſchicken,“ 1 ſagte der Andere. „Vielleicht iſt das nicht ſo leicht, wie Sie glauben,“ murmelte Dalton vor ſich hin, während er laut hinzuſetzte: „Ganz gut, ich werde das thun, und danke Ihnen.“ Mit dieſen Worten nahm er eifrig die beiden Briefe, und drückte ſie an ſeine Bruſt. Eiligen Schrittes entfernte er ſich, um nach Hauſe zu gehen; indeſſen blieb er jeden Augenblick ſtehen, und zog die Packete heraus, um dieſelben anzuſchauen, und ſi zu überzeugen, daß er nicht das Opfer einer Selbſttäu⸗ ſchung, ſondern daß ſein Beſitz ein reeller, greifbarer wäre. Während er ſo fortging, wurde ſein Gang immer ſicherer, und als er die Treppe hinanſtieg, war ſein Tritt ungewöhnlich feſt. „Sie haben einen Brief, theuerſter Vater,“ rief Nelly, die Thüre weit aufreißend.„Ich habe Sie über den Platz gehen ſehen, und ihr Gang ſagt mir, daß Sie einen Brief haben.“ „Nein, Nelly, ich habe mehr denn einen,— ich habe zwei. Dieſer da iſt von Frank; und dieſer hier iſt von Kate,— und iſt dazu recht ſchwer:— er koſtet vier Gulden zwölf,— keinen Heller weniger.“ „Oh, geben Sie mir ihn doch! Ich muß von ihr hören,— ich muß mich wieder in ihre Nähe verſetzt füh⸗ len,“ rief Nelly. Und mit einem Eifer, den ſie nicht mehr zu bemei⸗ 5 ſtern vermochte, riß ſie das Couvert auf, aus dem zwei oder drei geſiegelte Briefe herausſielen. „Dieſer iſt von Lady Heſter,“ ſagte ſie; und dieß iſt eine Hand, die ich nicht kenne, aber der Brief iſt an Sie adreſſirt; und hier ſind Wechſel oder Geldanweiſun⸗ gen, die auf eine große Summe lauten. Was mag wohl Alles dieſes bedeuten?⸗ „Kannſt Du nicht leſen, was ſie ſagt?“ ſagte Dal⸗ ton, erröthend und ſich plötzlich entſinnend, daß Nelly Nichts von dem Schreiben wußte, das er an Kate ge⸗ richtet hatte.„So gib mir ihn doch! Ich will ihn ſelbſt leſen.“ Und er riß ihr den Brief aus der Hand.„Da lies Frank's Brief!“ „O Vater, Vater!“ rief Nelly in einem Anfalle von Schmerz, indem Sie Lady Heſter's Brief aufriß;„es iſt, wie ich befürchtete. Kate iſt im Begriff, zu heirathen, — wenn ſie nicht bereits verheirathet iſt.“ „Was? ohne meine Erlaubniß,— und ohne mich um meine Einwilligung gebeten zu haben?“ rief Dalton leidenſchaftlich.„Bin ich denn gar Nichts 2 Bin ich das Haupt der Familie, oder bin ich es nicht? Behandelt man ſo ſeinen Vater? Moge ich nie mehr das Tageslicht ſehen, wenn er mir nicht„„hinaus muß““,— und wäre er auch ein Prinz von königlichem Geblüte! Oh, über das undankbare Mädchen! So hör’ doch einmal auf zu wei⸗ nen, und ſag' mir, wie ſich Alles verhält. Lies mir ihren Brief vor, ſage ich,— wenn Gott mir ſo viel Geduld ſchenkt, um es anzuhoͤren.“ Mit einem faſt bis zum Berſten heftig klopfenden Buſen und mit zitternder Lippe, fing Ellen zu leſen an: „La Rocca, Comer See. „Theuerſter Vater und theuerſte Schweſterl „Ach, könnte ich mich doch Euch zu Füßen werfen und vor Euch mein ganzes Herz ausſchütten! Ach, köͤnnte ich Euch doch ſagen, was ich fühle, und hoffe, und füͤrchte! Und ach, könnte ich Euch doch um einen guten Rath und um Euern Segen bitten! Ich weiß in der That nicht, ob die letzten Tage eine Realität ſind; es ſchwindelt mir, wenn ich an die Scenen denke, die ich erlebt, und an die Gemüthsbewegungen, die ich empfunden. Ich hatte kei⸗ nen Freund, Lady Heſter ausgenommen;— ich hatte kei⸗ nen Rathgeber außer ihr! Sie iſt mir eine Mutter ge⸗ weſen,— nicht wie Du es geweſen wäreſt, Nelly,— nicht um zu warnen und zurückzuhalten, wenn vielleicht Beides noͤthig geweſen wäre, ſondern um zu ermuthigen und meine Hoffnung zu nähren. Ich habe gethan, wie ſie mir gerathen—* „Wahrlich, ich verſtehe keine Sylbe von All' dem,“ rief Dalton ungeduldig.„Was hat ſie gethan?“ Nelly ließ ihre Augen raſch über die Zeilen hin ſchweifen, ohne zu ſprechen, und ſagte dann mit leiſer, aber deutlicher Stimme: „Es iſt, wie ich geſagt habe; ſie iſt mit dieſem gro⸗ ßen ruſſiſchen Fürſten verlobt.“ „Mit dem Kerl, dem, wie es heißt, halb Moskau gehört? Fogles hat uns von ihm geſagt.“ „Mit dem Fürſten Midchlkoff.“ „Richtig, ſo heißt er. Wohlan, es iſt eine ſchoͤne Partie,— das läßt ſich nicht leugnen. Aber wie kam die Sache zu Stande? Und warum i*ſt er nicht hieher gekommen, um mich um meine Einwilligung zu bitten? Was ſoll alle dieſe Elle bedeuten?“ „Die Heirath kann nur in Sct. Petersburg und in Gegenwart des Kaiſers ſtattfinden; und für jetzt iſt ſie bloß verlobt, damit ſie Madame de Heidendorf nach Ruß⸗ land begleiten kann, wohin ihr der Fürſt ſelbſt in einigen Wochen nachfolgen wird.“ „Wahrlich, das geht über das Bohnenlied! Warum konnten ſie denn nicht an dem Orte, wo ſie jetzt ſind, ſich von einem Prieſter copuliren laſſen? Zum Kuckuck! 7 ſie haben Scrupel wegen jedes Pfifferlings, nur wegen meiner nicht. Ich bin die einzige Perſon, die man nicht anſieht! Was zum Teufel iſt der Kaiſer ihr,— er iſt doch gewiß nicht ihr Vater? Gut, gut, fahre fort!“ „Es möchte ſcheinen, daß ſie nur vieler Ueberredung nachgegeben,“ ſagte Nelly gefühlvoll.„Der Fürſt ſcheint, bei all' ſeiner Größe, ihr Herz nicht gewonnen zu haben. Sehen Sie doch, wie ſie bei ſeinem ungeheuren Reich⸗ thum und dem Glanze ſeiner Stellung verweilt!“ „Laß einmal hören, was ſie darüber ſagt!“ ſagte Dalton eifrig. „Das Herz will mir beinahe vor Freude zerſpringen, wenn ich bedenke, daß Sie mit der theuerſten Nelly bei mir wohnen können, in all' der Zufriedenheit, die der Reichthum gewähren kann;— wenn ich bedenke, daß Euch dann Nichts verſagt ſein wird, was Ihr Euch nur einbilden könnt, und daß Ihr dann jede Liebhaberei und jeden Wunſch ganz nach Euerm Belieben befriedigen könnt. Das Bewußtſein, daß ich endlich einigermaßen all' Eure Liebe belohnen,— daß die arme, unwürdige Kate zu Euerm Vergnügen und Eurer Behaglichkeit bei⸗ tragen kann,— könnte mich veranlaſſen, mein Geſchick noch mehr herauszufordern. „Und dann iſt er ſo großmüthig, Nelly. Der ganze geſtrige Tag war wie eine Seite aus„Tauſend und eine Nacht,“ als ich mich von prächtigen, goldenen Schmuck⸗ gegenſtänden und Edelſteinen umgeben ſah,— von Dia⸗ manten, würdig einer Koͤnigin, und von Rubinen, groͤ⸗ ßer als die Glastropfen, womit ich früher mein Haar auszuſchmücken pflegte! Und doch ſagt man mir, daß ich bis jetzt eigentlich noch Nichts geſehen und daß der Schatz im Vladovitſch⸗Palaſte, von dem ich jeden Augen⸗ blick ſprechen höre, größer iſt, als in den meiſten Kö⸗ nigspaläſten. Lady Heſter iſt freundlicher, denn je, und auch die Heidendorf iſt recht artig; allein ſie iſt kalt und 8 zurüͤckhaltend,— zu ceremoniös für meinen Geſchmack, — und ich vermag die Ehrfurcht, die ſie mir einflößt, nicht zu überwinden. Sieht dieß nicht wie ein Geſtänd⸗ niß aus, daß ich mich nicht zu der hohen Stellung be⸗ rufen fühle, die ich einnehmen ſoll?— Sind das nicht Zeichen von Inferiorität? Wie würde der kleine Hans die Kunſtgegenſtände anſtaunen, von denen ich umgeben bin und die ich nie genug bewundern kann? „Es find ſeit meinem letzten Schre ben in der Fa⸗ milie große Veränderungen vorgegangen, und es waltet über ihren Verhältniſſen dermalen ein gewiſſes Dunkel; aber Lavy Heſter hat mir Nichts geſagt; und ich mag Gerüchte nicht wiederholen, die durch Anderer Mund bis zu mir dringen. Ich weiß nur ſo viel, daß Sir Stafford auf dem Punkte ſteht, nach England zurückzukehren; er wartet nur auf den Augenblick, wo Kapitän Onslow's Geſundheit ihm erlauben wird, ſeinen Plan auszuführen. Der arme junge Mann hatte an dem Tage, an dem wir Florenz verließen, ein Unglück, und mein Kammermäd⸗ chen, das auf dem Hinterſitze ſaß, ſah das Unglück, ohne daß ſie das Opfer kannte oder auch nur dachte, daß er es ſein koͤnnte! Ich habe Alles gethan, um die Erlaub⸗ niß zu erhalten, Euch vor meiner großen Reiſe oder auch nur auf derſelben beſuchen zu dürfen; allein Madame de Heidendorf will Nichts davon hoͤren, und ſie hat ſo viele wichtige Geſchäfte,— ſie hat zu Wien und Dresden über ſo vieie wichtige politiſche Dinge zu verhandeln, daß ich es ſelbſt als eine Uamöglichkeit erkenne. „Der Fürſt hat mir verſprochen, daß er wegen Frank's alsbald ſchreiben wolle. Er ſagt, es werde beſ⸗ ſer ſein, wenn er ſeine Beförderung bei den Oeſterreichern erhalte, ehe er in ruſſiſche Dienſte trete; und dieß ſolle unverweilt geſchehen. Ich konnte ſehen, daß er in dieſem Stücke dos Factum unſerer niedrigen Stellung lebhaft genug fühlte; allein er iſt durch Lady Heſter von Allem, was unſere Familie betrifft, unterrichtet; durch ſie weiß — ñ⏑Q⏑—⏑⏑⏑———— 9 er auch, daß, was die Geburt betrifft, die Daltons Nie⸗ mand den Vorrang zugeſtehen. Es iſt dieß indeſſen ſtets für einen Ausländer eine Schwierigkeit; die Leute haben keinen Begriff von unbetiteltem Adel; und ich ſah vor einigen Tagen, wie ſehr es ihn ſchmerzte, als ich ihm ſagte, er ſolle Papa kurzweg Monſieur tituliren. „Seit geſtern morgen werde ich Prinzeſſin betitelt; und ich kann Euch nicht das entzückende Gefühl verber⸗ gen, das dieſer Name in mir weckt! Ich bleibe oft ſtehen, um mich zu fragen, ob dieſes Alles nur ein Traum, und ob ich neben dem Kamine aufwachen und ſehen werde, „Der Fürſt will in Rußland nur einen Winter zubringen. Madame de Heidendorf ſagt, er werde zum Geſandten am franzoͤſiſchen Hofe ernannt werden; hof⸗ fentlich aber geſchieht das nicht, denn ich fühle zu leb⸗ haft, wie wenig ich einer ſolchen Stellung gewachſen bin. Wenn ich alſo ſpreche, ſo lacht ſie bloß und ſagt: „„„Nous verrons.“ „Natürlich werdet Ihr Beide ſtets bei mir ſein, wo ich mich auch aufhalten mag; was moͤchtet Ihr unter⸗ deſſen thun? Ich ſagte Monſieur Rubion, dem Secre⸗ tär des Fürſten, daß ich Geld brauchte, und dann gab er mir dieſe Wechſel,— ſo nannte er ſie,— auf Baden und Karlsruhe, da die auf Karlsruhe eben ſo leicht in Geld zumzuſetzen ſeien; ſaget mir doch, ob Ihr ſte brau⸗ chen könnt. „Der Fürſt beabſichtigt, Euch in Baden zu beſuchen; und ich denke, daß es Euch erwünſcht ſein wird, ihn zu ſehen. Seine Manieren ſind die beſten, und rechnet man den Umſtand ab, daß er, wenn man ihn zum erſten Male eht, ei gewiſſes gezwungenes Weſen zeigt, ſo gilt er allgemein als ein recht angenehmer Mann. „Nach den Vorbereitungen zu meiner Reiſe zu ſchlie⸗ 11 Meiner Treu! Heute trinke ich noch im Adler die beſte Flaſche Bordeaur auf Deine Geſundheit! Nelly, wen laden wir zum Eſſen ein?“ 7 „Glauben Sie nicht, Papa, es wäre beſſer, wenn wir nicht von der Sache ſprächen?“ „In wie fern beſſer 2 Brauchen wir etwa uns der⸗ ſelben zu ſchämen?“ „Ich glaube, es wäre klüger, in ſo fern die Sache uns betrifft, und ehrerbietiger gegen den Fürſten.“ „Chrerbietig— gegen meinen Tochtermann!— Was ſchwatzeſt Du da für albernes Zeug an mich hin? Ich werde, meiner Treu, noch in meinen alten Tagen in die Schule gehen müſſen. Ich verſtehe vom Leben gar Nichts, ja gar Michts CEhrerbietung,— ja, da kommſt Du mir ſchön!“ „Ich wollte Ihnen nur ſagen, Papa, daß wir unſe⸗ rer Kate zu Liebe—“ „Nun, nun, ärgere mich nicht. Noch nie habe ich an Etwas meine Freude haben konnen,— mochte die Sache nun groß oder klein ſein,— ohne daß ich ge⸗ warnt, gemahnt, und auf dieſes oder jenes aufmerkſam gemacht wurde, bis ich endlich dermaßen geſchulmeiſtert, und verbeſſert, und disciplinirt wurde, daß ich, wie Billy Morris im Whiſtſpiele zu ſagen pflegte,„„eine gute Karte mehr fürchte, als eine ſchlechte.““ „Fern ſei es von mir, theuerſter Vater, über einen frohen Augenblick einen Schatten werfen zu wollen,“ ſagte Nelly lächelnd.„Wenn es Ihnen Freude macht— 4 „Ei freilich würde es mir Freude machen, ich habe es Dir ja geſagt;— ich habe Dir ja geſagt, daß mir das angenehm wäre. Ein gutes Eſſen im„„Schwan," — das Couvert zu vier Gulden, ohne Wein,— zwoͤlf Flaſchen Champagner in Eis,— Rheinwein für die, ſo denſelben trinken mögen,— und Portwein und Laffitte für Peter Dalton und Leute ſeines Gleichen. Nun haſt Du das Vrogramm, Nelly, und Du ſollſt ſehen, ob ich die Einzelheiten nicht ausfüllen kann.“ „Wohlanl es ſei ſo; allein wir haben noch Viel zu thun; hier find verſchiedene Briefe— hier iſt Frank's Brief. Wir wollen einmal ſehen, wie es dem lieben Burſchen geht!“ 8 Dalton ſetzte ſich, ohne ein Wort zu ſprechen; und es lag in der That in ſeinen Geſichtszügen mehr Reſig⸗ zahaif als Neugierde, während er ſeine Arme faltete und zuhörte. „Theuerſte Nelly! „Erſt vor einigen Tagen habe ich gehört, daß meine zwei letzten Briefe zurückbehalten worden ſind; ſie waren meinem Hauptmann nicht,— wie es doch hätte geſche⸗ hen ſollen,— zum Leſen vorgelegt worden, und darum hat man ſie zurückbehalten und vernichtet. Dieſes Schrei⸗ ben wird Euch auf dem Privatwege,— durch einen meiner Freunde,— einen Tabulettkrämer von Donau⸗ eſchingen,— zukommen.“ „Was iſt der Menſch?— ein Tabulettkrämer?“ ſiel Dalton zornig ein. „Ja, Pava; vergeſſen Sie nicht, daß der arme Frank immer noch gemeiner Soldat iſt.“ „Wohlan, Gott ſchenke mir Geduld, denn Ihr Alle nehmet ſie ſehr in Anſpruch!“ platzte der alte Mann zornig heraus.„Weiß er, daß er ein Dalton iſt?— ſpürt er Blut in ſeinen Adern? Warum, zum Henker, muß er ſich einen diebiſchen Spitzbuben mit einem Packe voll ſchlechter Calicos zum Freunde erküren? Macht man ſe ſeiner Familie Ehre, und hilft man derſelben o auf?“ ſ„Er heißt Adolph Brauer,“ las Nelly mit leiſer, gedämpfter Stimme fort.„Du wirſt erſtaunt ſein, wenn ich Dir ſage, daß ich alle ſeine Güte und Freundlichkeit Dir verdanke,— ja Dir ſelbſt, liebe Schweſter. Auf 13 ſeinem Wege durch Tyrol hatte er zwei hoͤlzerne Sta⸗ tuetten gekauft;— die eine ſtellte einen jungen, neben einer Quelle ſchlafenden Soldaten dar,— die andere Alles herauskommen würde.“ Nelly bedeckte ſich das Geſicht mit ihrer Schürze, während dieſe bittern Worte geſprochen wurden; allein e antwortete mit keiner Sylbe, ja nicht einmal mit einem Seufzer darauf. Und doch zeigte das ſchlechte nleh das ſie anhatte, durch ſein Zittern an, wie viel „Hier eine heilige Jungfrau verkauft,— dort einen Engel Gabriel; bald war es Hamlet— bald Götz mit der eiſernen Hand. All das alberne Zeug, das Dir in den Kopf gekommen, iſt über die ganze Welt ausgeſtreut worden, um uns Schande zu verurſachen! Und wenn ich dabet an Kate denke!“ „Ja, theuerſter Vater, denken Sie nur an Katel“ rief Nelly leldenſchaftlich;„ſie macht Ihnen in der That alle Ehre.“ „Und das hätteſt auch Du thun koͤnnen, Nelly,“ er⸗ wiederte er in einem Tone, der anzeigte, daß es ihm we⸗ gen ſeines Zornausbruches halb und halb Leid war.„Ge⸗ wiß habe ich zwiſchen Euch nie einen Unterſchied gemacht. Ich behandelte Euch Alle gleich, Gott weiß es!“ Und in der That war, wenn ein keinen Unterſchled machender Egoismus für ihn ſprechen konnte, die Recht⸗ fertigung bewundernswerth. „Ja, Papa; aber die Natur iſt minder großmüthig geweſen,“ ſagte Nelly, durch ihre Thränen hindurchlä⸗ chelnd; und dann nahm ſie den Brief noch ein Mal vor. Gleich als befürchtete ſie, die unglückliche Discuſſion ſich erneuern zu ſehen, ging ſie raſch über den Bericht weg, den Frank vom Entzücken ſeines Freundes gab; auch fing ſie erſt dann wieder laut zu leſen an, als ſie bei der Stelle ankam, wo der Jüngling ſeine eigenen Schickſale erzählte. „Du fragſt mich,“ las Nelly,„über den Grafen Stephan, und die Antwort iſt eine kurze. Ich habe ihn bis jetzt nur ein Mal geſehen. Unſer Bataillon, das zu Laibach in Garniſon lag, iſt erſt vor drei Wochen in Wien angekommen. Da ich es für meine Pflicht hielt, unſerem Verwandten meine Aufwartung zu machen, ſo erhielt ich eines Abends Erlaubniß zum Ausgehen. Adolph, der wußte, daß ich mit dem Feldmarſchall verwandt bin, hatte mir zwei hundert Gulden geliehen; und dieſe hätte ich gerne wieder heimbezahlt:— ein weiterer Grund zu dieſem Beſuche. „Wohlan, ich zog meine beſte Cadettenuniform an, und nahm meine ſeidene Degenquaſte, Nelly;— kurz, ich legte das ſchlechte Commißzeug weg und ſah recht fein und geputzt aus, wie ein Cadett ausſehen ſoll. Dann rief ich einen Fiaker herbei und ließ mich nach dem Kärnth⸗ ner Thore, nach der Wohnung des Feldmarſchalls von 15⁵ Auersperg fahren. Ich weiß nicht gewiß, ob ich zu dem Kutſcher nicht ſagte, er ſolle mich zu meinem Onkel ahren. „Luſtig fuhren wir fort, und bald kamen wir in einem altmodiſchen Hofe an, aus dem eine große Treppe in den vierten Stock hinaufführt, wo, wie man mir ſagte, der Feldmarſchall wohnte. „Meine großen Erwartungen wurden hiedurch ſchon ein Bischen herabgeſtimmt; allein es war dieß noch Nichts im Vergleich mit dem, was ich fühlte, als die Thüre von einem alten Jäger mit einem holzernen Bein, und nicht, wie ich erwartet hatte, von einem Lakaien in großer Livree, aufgemacht wurde. „„Was iſt's, Cadett?““ ſagte er in einem Tone kühlſter Familiarität. „„Es wohnt hier wohl der Feldmarſchall von Au⸗ ersperg?““ ſagte ich. „Er antwortete mit einem Kopfnicken. „Ich wünſche, ihn zu ſprechen.““ „Er ſchüttelte den Kopf ernſt, und ſagte, mich von Kopf bis zu Fuß meſſend:„„Jetzt nicht, Cadett,— jetzt nicht!““— „„Bringen Sie ihm dieſe Karte lun ſagte ich, ihm eine Karte gebend, worauf mein Name ſtand.„„Er wird mich gewiß empfangen.““ „ Ich glaube wahrhaftig, der alte Kerl hätte, wenn ich ihm eine geladene Piſtole vorgehalten hätte, weniger geſtutzt, und er rief aus:„„Ein Cadett mit einer Viſt⸗ tenkarte! Dieß dürfte Ihnen beim Feldmarſchall nur we⸗ nig nützen, Junker u* rief er, ſie mir zurückgebend; uner liebt es, einen Soldaten, einen Soldaten zu ſehen.“ℳ 16 das ich erwartet hatte, und der alte Soldat antwortete einfach:„„Alle, die nicht den Rang eines Stabsofficiers haben, kommen Morgens vor acht Uhr. Sie koͤnnen nicht erwarten, daß man Ihnen das Vorrecht eines Erz⸗ herzogs einräumen werde.““ „Und ſchon war er im Begriffe, mir die Thüre vor der Naſe zuzuſchlagen; aber ich ſtemmte mich mit der Schulter gegen dieſelbe, drückte ſie zurück und drang ſo in das verbotene Gebiet ein. „„Rechts um kehrt, Geſchwindſchritt!““ ſchrie er, auf die Thüre deutend, während ſeine ganze Geſtalt vor Zorn zitterte. „„Nicht eher, als bis Sie meine Botſchaft über⸗ bracht,““ ſagte ich ruhig. „„So will ich ſie denn, beim Blitz, überbringen, und Sie koͤnnen dann ſehen, wie Ihnen die Sache gefällt!““ rief er, indem er einen Gang hinabhumpelte, und in ein Zimmer trat, das am Ende deſſelben lag. Bald konnte ich Stimmen hoͤren, die eifrig ſprachen, und einen Augenblick war ich faſt entſchloſſen, mich zu retiri⸗ ren, als mit einem Male der alte Jäger wieder heraus⸗ kam und mich durch ſein Winken näher kommen hieß. Auf den Geſichtszügen des alten Kerls war ein Grinſen voll diaboliſcher Freude zu ſehen, als ich in das Zimmer trat und die Thüre hinter mir zumachte. „So viel ich bei dem unvollkommenen Lichte,— denn es war ſchon nach Sonnenuntergang,— ſehen konnte, war das Zimmer groß, aber nieder; an den Wänden ſtanden Bücherregale herum, und hie und da konnte man dazwiſchen Geſtelle für Waffen und anderes militäriſches Geräth bemerken. Am Ofen ſaß, eifrig mit der Ueber⸗ wachung eines Kaffeetopfes beſchäftigt, der Feldmarſchall ſelbſt: ein weiter grauer Oberrock bedeckte feine Geſtalt und ließ von ihm Nichts ſehen, als ein Paar ungeheure Steifſtiefeln, die unten hervorſahen. Er trug eine Mütze, eine Art ungariſcher Kappe, und eine lange Pfeife hing 17 von ſeinem Munde herab; der Kopf derſelben ruhte auf dem Fußteppiche. Was mir indeſſen am Meiſten auffiel, war ein ungeheurer Schnurrbart, der, ſo weiß wie der Schnee, auf beiden Seiten ſein Schlüſſelbein berührte. „Er ſprach keine Sylbe, als ich eintrat, ſondern ſtarrte mich wohl drei bis vier Minuten ſtrenge an. 3„Halb verlegen über dieſe ſcharfe Muſterung und zu⸗ gleich unwillig über einen ſolchen Empfang, war ich im Begriffe, auf ihn zuzugehen, als er, wie wenn er auf der Parade wäre, ausrief:„„Halt! Was für ein Regi⸗ ment, Cadett?0 „„Franz Karl Infanterie, drittes Bataillon,““ ſagte ich, alsbald mit der Hand ſalutirend. „„Ihr Name?““ „Frank Dalton.“a „„Ihr Geſchäft?“ „„Ich will meinen Großonkel, den Feldmarſchall von Auersperg, beſuchen.““ „„Und wagen Sie es ſo, Junker,““ rief er, aufſtehend, und ſich zu ſeiner vollen Höhe aufrichtend,„„ſich vor einem Feldzeugmeiſter der kaiſerlichen Armee zu präſen⸗ tiren? Hat man Sie nicht einmal die gewöhnlichſten Re⸗ geln der Disciplin gelehrt? Hat man Sie noch nicht gelehrt, die angeborene Barbarei Ihres wilden Landes abzulegen, daß Sie es wagen, gegen meinen Befehl vor mir zu erſcheinen?“ „„Ich glaubte, als Verwandter—““ hob ich an. „„Was weiß ich von Verwandten, Burſche? Was wandten genützt? Ich bin in der Welt ganz allein da⸗ geſtanden. Ich habe auf dem Schlachtfelde die Erhaltung meines Lebens keinem Verwandten verdankt; kein Ver⸗ wandter hat mir in der Schlacht von Wagram die blu⸗ tenden Wunden verbunden!““ „„Der Name Dalton.— uu Die Daltons. IVV. 5 2 „„Ich habe einen ſtolzeren erworben, Herr, und moͤchte von Ihnen nicht an meinen Ausgangepunkt erin⸗ nert werden. Wo ſind Ihre Zeugniſſe?““ 4 „„Ich habe ſie nicht mitgebracht, Herr General. Ich glaubte kaum, daß dieß die erſte Frage wäre, die der Onkel meines Vaters an mich richten würde.““ „„„Auch haben Sie klug daran gethan, daß Sie die⸗ ſelben vergeſſen haben, Herr,““ ſagte er, ohne auf meine Bemerkung zu achten.„„Aber hier habe ich dieſelben.““ „Und er zog aus einem auf dem Tiſche liegenden Nort euile einen ſchmalen Papierſtreifen, und las, wie olgt: „„Cadett Dalton, zweite Compagnie des dritten Bataillons, Regiment Franz Karl.— Geſchickt im Dienſte, und guter Zoͤgling, nur naſeweis und keck gegenüber ſei⸗ nen Vorgeſetzten. Brüſtet ſich gern auf ſeine Geburt und ſein Vermögen, und zeigt nicht die gehörige Unterwürfig⸗ keit, wenn ihm Etwas befohlen wird. Zwei Mal im Arreſt, einmal kurz geſchloſſen.— Ein ſchönes Zeugniß, Herr!““ fuhr er fort.„„Zwei Mal im Arreſt, und ein Mal gefeſſelt! Und bei einem ſolchen Zeugniſſe unterſtehen Sie ſich, mit einem Reichsgrafen und einem kaiſerlichen Feldmarſchall verwandt ſein zu wollen! Am fünften des vergangenen Monats haben Sie im wilden Mann ein großes Eſſen gegeben:— die meiſten Ihrer Gäſte waren Männer von hohem Range und großem Vermoͤgen. Am achtzehnten ſind Sie vierſpännig durch Maria Zell ge⸗ fahren, und haben die Zugbrücke und den Feſtungegraben in vollem Galopp paſſirt. Und erſt noch am vergangenen Mittwoch haben Sie auf dem Thurme der Dorfkirche eeiine grüne Fohne ausgehängt, unter dem Vorwande, den Geburtstag Ihres Vaters zu ehren. Ich kenne Ihre ganze Laufbahn, von Anfang an, Herr, und habe Site, beſchämt und mit Bedauern erfüllt, beobachtet. Sagen Sie Ihrem Vater, wenn Sie ihm ſchreiben, daß alle Gunſt meines hohen Herrn und Gebieters ein Ende haben 9 19 müßte, wenn ich der Protector zweier ſolchen Geſellen wäre. Und nun machen Sie, daß Sie in Ihre Kaſerne zurückkommen!““ 3. „Er gab mir mit der Hand ein Zeichen, daß ich mich zurückziehen ſolle, und ich gehorchte, da ich faſt um jeden Preis fortzukommen wünſchte. „Ich hatte eben die Thüre erreicht, als der Jäger mich wieder zurüͤckkommen hieß. „„Biſt ein einziger Sohn,““ fragte der Graf, mich zum erſten Male in der zweiten Perſon anredend. „Ich verbeugte mich. „„Und haſt drei Schweſtern 24ℳ „„Zwei, Herr General.“ℳ „„Aelter oder jünger, als Du 2“1 „„Beide älter, mein Herr.“„ „„Wie find ſie erzogen worden? Haben Sie ſparen gelernt, und find ſie an ein häusliches Leben gewoͤhnt? Oder aber find ſie verſchwenderiſch, und leichtſinnig, wie es in ihrem Heimathlande Sitte iſt, und wie ſie ihrem Namen nach faſt ſein ſollten?““ „„Unſere Armuth iſt die beſte Antwort auf dieſe Frage, mein Herr.““ „„Nein, nein, Burſche!““ rief er zornig.„Ver⸗ ſchwenderiſche Gewohnheiten uberleben jeden Reſt des Reichthums, der ſie hervorrief, und der Bettler kann eben ſo gut in den Tag hinein leben, wie der Fürſt. Geh'; Du mußt die Welt noch eben ſo gut kennen lernen, als Deine Pflicht. Kopf aufrecht; Schultern zurück; den rechten Daumen vorwärts! Wenn der Reſt des Batail⸗ lons Dir gleicht, ſo werde ich euch in Kurzem einige Arbeit auf dem Prater geben!“n „Eine ſtolze Handbewegung machte nun unſerem Geſpräche ein Ende, und als ich einmal draußen war, eilte ich die Treppe hinab, wobei ich immer von einer Plattform zur andern ſprang, da ich befürchtete, er koͤnnte ſich bewogen finden, mich noch einmal rufen zu laſſen. „Und das iſt Onkel Stephan, Nelly,— das iſt der große Protector, auf den wir unſere Hoffnungen bauten, und von dem wir glaubten, daß er uns ein zweiter Vater ſein würde! „Als ich in die Straße hinaustrat, wußte ich nicht, wohin ich mich wenden ſollte. Ich fürchtete den bloßen Anblick eines Kameraden, damit derſelbe mich nicht über meine Aufnahme, über das erhaltene Taſchengeld, und über meine Beförderung zum Officier fragen ſollte. „Erſt als ich Adolph auf mich zukommen ſah, erin⸗ nerte ich mich wieder meiner Schuld, wovon ich meinem Onkel auch nicht eine Sylbe geſagt hatte. Ich hätte Apolph Alles offen ſagen ſollen. „Ja, Nelly, ich kann das gemurmelte Mißvergnügen hören, womit Du mein Geſtändniß lieſeſt,„„daß ich es nicht thun konnte.““ Aber ich konnte es nicht über mich bringen, das ganze Gebäude erdichteter Protection zu zer⸗ ſtoͤren, womit ich mich umgeben. Was würde Adolph von mir gedacht haben, wenn ich geſagt hätte, ich habe weder Reichthum, noch Stellung, noch Ausſichten,— ich ſei ein ſo beſcheidener Soldat, wie die erſte beſte Schild⸗ wache? Was ſollte aus jener Romantik des Lebens wer⸗ den, worin wir ſo oft Stunden lang geſchwärmt,— was follte aus der glänzenden Zukunft werden, die wir zu⸗ ſammen uns ausmalten, und die, während wir noch dar⸗ über ſprachen, ſich ſchon verwirklichen zu wollen ſchien? Was ſollte,— o Nelly! Dir muß ich Alles ſagen,— jede Schwäche meiner Natur,— was ſollte aus den ehrerbietigen Huldigungen werden, die der arme Burſche ge⸗ wohnt war, dem Neffen eines Feldmarſchalls darzubringen 2 „Nein, es ging über meine Kräfte! ich nahm alſo ſeinen Arm, und ſprach dieſes und jenes, wie es mir ge⸗ rade in den Kopf kam, über meinen Empfang, und ver⸗ mied es, ſo oft ich konnte, den Namen„„Onkel““ zu erwähnen. Nur ſtellte ich mich in recht ſcherzhafter Weiſe, als halte ich ihn für ein Original, deſſen ſeltſame, 21 altmodiſche Manieren die ſtarken Züge der Familienliebe faſt verbärgen. „„Und wie ſteht es mit Deinem Avancement, Frank?“ fragte Adolph..— „„Es wird zu rechter Zeit kommen,““ ſagte ich nach⸗ läßig.„„Nichts verurſacht mehr Mißvergnügen, als das raſche Avancement von Cadetten, die hohen, adeligen Fa⸗ milien angehören.““ „„Aber ſie ſollten Dich wenigſtens zum Corporal machen?““ „Ich lachte verächtlich über die Bemerkung, und ſagte bloß:„„Vielleicht überſpringt man bei mir alle Unterofficiersgrade, und erinnert man ſich meiner nur, wenn ich Lieutenant werden ſoll.““ „„Ou biſt ſtolzer geworden, Frank, ſeitdem Du mit dem Feldmarſchall geſprochen,““ ſagte er in einem halb vorwurfsvollen Tone.„„Vielleicht verſchmähſt Du es in ein Paar Tagen, Dich in der Geſellſchaft eines Wander⸗ burſchen ſehen zu laſſen?“ „Ich war im Begriffe, ihm um den Hals zu fallen, und zu ſagen:„„Nein, was immer das Glück mir auf⸗ bewahren mag; Deine Freundſchaft iſt die eines Bruders, und kann nie vergeſſen werden;“" aber der Stolz, Nelly, — ja der Stolz, der verdammte Stolz, vor dem Du mich ſo oft warnteſt, verſiegelte meine Lippen; und als ich ſprach, ſagte ich etwas ſo Kaltes, ſo Bedeutungsloſes, und ſo Unwürdiges, daß er mich verließ. Ich weiß nicht wie! „Kaum war ich allein, Nelly, ſo brach ich in Thrä⸗ nen aus. Ich weinte vor lauter Scham; und wenn Ge⸗ wiſſensbiſſe einen Fehler wieder gut machen konnten, ſo hätten ſie es in dieſem Falle thun ſollen. Welche Er⸗ niedrigung von meinem Freunde konnte derjenigen gleichen, die ich vor meinem eigenen Herzen fühlte! „Ich dachte an alle Deine Lehren„ theuerſte Nelly; ich dachte an alle die Worte, womit Du mich vor meiner Lieblingsſünde zu warnen pflegteſt! Ich dachte an unſere Heimath,— ich dachte an unſer Haus, wo der arme Hanſerl von uns als Freund behandelt wurde! Ich dachte an unſern Abſchied, und an die Worte, die Du zu mir ſpracheſt, und womit Du mich vor dieſem unedeln und gemeinen Stolze warnteſt; und ohl was würde ich nun darum gegeben haben, wenn ich mich Adolph in die Arme geworfen, und ihm Alles geſagt hätte! .„ Ich habe ihn ſeitdem nicht mehr geſehen. Er hat mir bloß einige Zeilen geſchrieben, worin er mir ſagte, daß er auf dem Wege nach Frankfurt durch Baden kom⸗ men würde, und ſich erbot, einen Brief mitzunehmen; aber er ſpielte auch nicht mit einem Worte auf meine Schuld an, und, nach ſeinem Briefe zu ſchließen, koͤnnte man glauben, es erxiſtire dieſelbe gar nicht. „Hierauf ſchickte ich ihm einen Schuldſchein, und drückte ihm zugleich in meinem Briefe meinen ſehnlichſten MWunſch aus, daß er mich beſuchen möchte; aber er ſchützte dieſes und jenes vor,— behauptete, er habe in den Stun⸗ den, in denen ich allein frei ſel, Geſchäfte, und ſchickte endlich Jemand zu mir, um den Brief abzuholen. Es war gerade in dem Augenblicke, wo ich daran ſchrieb. „Ich hätte Dir noch Viel von mir, vom Dienſte, und von meinem täglichen Leben zu ſagen, Nelly; aber meine Gedanken ſind jetzt verwirrt und zerſtreut; auch fühle ich, wie die Scham, die Dir mein Betragen einfloͤßen wird, das, was ich ſage, minder intereſſant machen muß. Du, Nelly, wirſt den Muth haben, gerecht zu ſein: ſag' ihm Alles, was ich ſo ſchwach geweſen bin, ihm zu verbergen; laß ihn wiſſen, wie Viel ich wegen meines unwürdigen Schamgetühls gelitten habe; und vor Allem ſag' ihm, daß ich nicht undankbar bin. „Alles, was Du mir von Kate ſagſt, kommt mir wie ein Traum vor. Iſt ſie immer noch in Italien, und wo? Wird ſie mir ſchreiben wollen? Ich ſchäme mich, dieſe Frage ſelbſt an ſie zu ſtellen. Es hat geheißen, 23 unſere Brigade komme in die Lombardei; aber ſelbſt da könnte ich noch fern von ihr ſein; und wäre ich ganz in ihrer Nähe,— wäre ich in derſelben Stadt, ſo würde unſere Stellung uns noch weit mehr trennen. „O Nelly! Iſt all' der Erfolg, den je der glück⸗ lichſte Ehrgeiz errungen, es werth, daß Familienbande ſo zerriſſen, und Brüder und Schweſtern einander entfrem⸗ det werden? Ich wollte, ich wäre wieder bei Dir, und bei der theuerſten Kate! Ich ſehe hier keine Zukunft; die einförmige Routine der täglichen Disciplin, die Nichts, als Gehorſam lehrt, ſchließt jede Speculation und jede Hoffnung aus! „Wo find die großen Unternehmungen,— die herr⸗ lichen Chancen, von denen ich oft träumte? „Meine glücklichſten Momente ſind jetzt die, wo ich der Vergangenheit gedenke,— wo ich mich der langen Winterabende erinnere, die wir neben dem Kamine zu⸗ brachten, während Hans uns vorlas. „Es gehen Gerüchte um, daß in der europäiſchen Welt große Veränderungen vorgehen werden; für uns aber ſind ſie nur die Donnerſchläge eines fernen Sturmes, der an einem uns noch unbekannten Orte ausbrechen wird. O Nelly! Wenn es zu einem Kriege führte! Wenn dieſe unrühmliche Apathie durch einen glorioſen Kampf unter⸗ brochen würde! „Adolph hat abermals hergeſchickt, um dieſen Brief holen zu laſſen; ich muß ihn daher ſchließen. Er ſagt, er werde nicht durch Baden kommen, ſondern wolle mei⸗ nen Brief in München der Poſt übergeben. Leb' alſo wohl. theuerſte Schweſter! Sag' dem armen Papa Alles, was Du ihm von mir zu ſagen haſt. Noch einmal herz⸗ liches Lebewohl. „Frank Dalton.“ „. S. Wenn Du ſchreibſt, ſo mußt Du mir den Brief unter der Adreſſe des„„Herrn Hauptmanns von 24 Gauß, zweite Compagnie, drittes Linienbatatllon, Franz Karl Infanterie““ ſchicken. Vergiß dieſe lange Adreſſe nicht, und füge auch keine Zeile für den Kapitän ſelbſt bei, der ein hübſcher, aber etwas einbildiſcher Mann iſt. „So eben habe ich gehoͤrt, der alte Auersperg werde wieder ein Commando bekommen. Es thut mir dieß herz⸗ lich leid. So viel über Familieneinfluß!“ Wenn die Geduld des Leſers durch dieſen langen Brief Frank's nicht erſchöpft worden iſt, ſo konnte Peter Dalton gewiß nicht ein Gleiches ſagen, denn, ſei es, daß er über das große Glück Kate's entzückt war,— oder ſei es, daß er ſich in Speculationen erging über alle die Fol⸗ gen, die daraus hervorgehen würden, oder ſei es endlich, und hauptſächlich, daß der einförmige Ton, womit Nelly über ſolche Theile hinwegging, die ſie ihn nicht hoͤren laſ⸗ ſen wollte, daran Schuld war,— er wurde nach und nach immer zerſtreuter, und verſiel mehr und mehr in einen träumeriſchen Zuſtand, bis er endlich in einem tiefen und überaus glücklichen Schlummer lag. Er hörte auch keine Sylbe von dem Empfange Frank's bei dem alten Feldmarſchall, und wachte nicht einmal auf, als der kleine Hans mit einem Stocke in jeder Hand,— einer Hülfe, der er ſeit dem Unglücke, das ihm zugeſtoßen, icht mehr entbehren konnte, in das Zimmer hereingeſtolpert am. „Ich habe gehört, Sie hätten Briefe bekommen, Fräulein,“ ſagte er;„bringen dieſelben viel Gutes?“ „Gewiſſe Menſchen würden dieſe Frage bejahen Han⸗ ſerl,“ ſagte ſie mit einem Seufzer.„Kate iſt im Begriffe, ſich zu verheirathen. Hanſerl antwortete Nichts, ſondern ſetzte ſich lang⸗ ſam und kreuzte die Arme. „Sie heirathet den großen ruſſiſchen Midchikoff, von dem Sie vielleicht ſchon gehärt haben.“ „Ich habe ihn geſehen, Fräulein; er iſt vor drei Jah⸗ ren hier, in Baden, geweſen.“ 25 „Oh, dann ſagen Sie mir doch Hanſerl, wie er aus⸗ ſieht! Iſt er jung, und hat er ein offenes Geſicht?— Scheint er der Mann zu ſein, der es verſteht, das Herz eines Mädchens ſo geſchwind zu gewinnen, daß— daß—“ „Nein,— daß ſie nicht Zeit gehabt haben ſollte, an ihre Schweſter zu ſchreiben, und ſie um ihren guten Rath zu bitten, Fräulein,“ ſagte Hans, den Satz Nelly's be⸗ endigend.„Der Fürſt iſt ein kalter, ſtrenger Mann, ſtolz gegen Leute ſeines Gleichen, wie ich glaube, aber herab⸗ laſſend und vertraulich genug gegenüber von Leuten meines Standes. Ich erinnere mich noch, wie er mich nach mei⸗ ner Lebensweiſe fragte;— wie er wiſſen wollte, woher ich wäre, und wie ich lebte. Er ſchien begierig zu ſein, zu erfahren, welche Gedanken Einem kämen, wenn man immer und ewig unter Gegenſtänden von ſo kindiſchem Intereſſe lebte, und er fragte mich, ob ich nicht oft mir einbildete, daß dieſe Scheinwelt um mich her die wirkliche wäre.„„Sie haben Recht, Herr Fürſt,““ ſagte ich;„„am Ende aber ſind wir wenigſtens hier gleich.““—„„Wie ſo?““ ſagte er.—„„Well Ihre wirkliche Welt eben ſo gut ein Blendwerk iſt, wie die meinige.““—„„Du haſt Recht, Zwerg,““ ſagte er nachdenklich, und fing an, nach⸗ zufinnen. Er hätte mſch keinen Zwerg nennen ſollen, denn die Leute kennen mich als Hans Roͤckle,— und der iſt der Gatte Ihrer Schweſter!“ „Iſt er ſanft, und hat er artige Manieren 2“ fragte Nelly eifrig. „Die Großen ſind ſtets artig, ſo viel ich bis jetzt habe ſehen koͤnnen; nur gemeines Metall klingt laut, Mäd⸗ heh Es gehört mit zu ihrem Stolze, Demuth zu heu⸗ eln.“ „Und ſeine Geſichtszüge, Hans?“ „Sind denen der Porträts ähnlich, die man in der Gallerie zu Würzburg ſieht. Er fieht aus, wie ein Mann, deſſen Leidenſchaften und Temperament für die Feudalzeit geſchaffen worden, der aber zur Sklaverei unſerer Ciylli⸗ ſation verdammt iſt.“ „Iſt er viel älter, als Kate?“ fragte Sie abermals. „Ich habe zu wenige Leute von ſeinem Stande ge⸗ ſehen, als daß ich ſein Alter auch nur beiläufig angeben könnte; zudem ſind Leute ſeines Schlags eigentlich nie recht jung, und es macht die Zeit ſie nur wenig älter.“ „O Hanſerl, dieß ſcheint nichts Gutes zu verſprechen. Kate's Natur iſt offen, edelmüthig, und folgt gern einem erſten Impulſe; wie wird ſie zu den kalten Zügen der ſeinigen paſſen 1„ „Sie heirathet nicht, um glücklich zu werden, ſondern um ihren Ehrgeiz zu befriedigen, Mädchen. Diejenigen, welche die Spitze des Berges beſteigen, um auf die zu ihren Füßen liegende Scene herabzuſchauen, dürfen zu ihren Füßen nicht die ſchützende Sanftheit des Thales er⸗ warten. Fräulein Kate iſt ſchön, und verlangt die Huldi⸗ gungen, die der Schönheit dargebracht werden. Sie hat ihren Lebensweg gewählt; wir wollen wenigſtens hoffen, ſie werde wiſſen, wie ſie darauf zu gehen hat!“ Es lag in Hanſerl's Ton Etwas, was faſt ſtreng ge⸗ nannt werden konnte, und Nelly wußte wohl, daß dieſer Umſtand eine ungewoͤhnliche Tiefe und Intenſität der Ge⸗ fühle anzeigte, Sie unterließ es eine Zeitlang, ihn ferner zu fragen. „Dann werden Sie wohl dieſen Ort verlaſſen, Fräu⸗ lein?“ ſagte er endlich;„dann verlaſſen Sie wohl unſer beſcheidenes Thal, um die große Welt aufzuſuchen?“ „Ich weiß nicht, Hanſerl, was mein Vater beſchließen wird. Kate ſpricht davon, daß wir zu ihr nach Rußland kommen ſollen; allein die lange Reiſe und ſeine ſchlechte Geſundheit können dieß verhindern, von andern Gründen gar nicht zu reden. Soll ich Ihnen ſagen, wie es Frank geht? Hier iſt ein langer Brief von ihm.“ Und faſt ohne auf ſeine Antwort zu warten, las ſie den größeren Theil des Briefes. 27 „Der alte Feldmarſchall gefällt mir!“ rief Hans en⸗ thuſiaſtiſch.„Er wollte den Jungen Unterwürfigkeit lehren, — er wollte ihm zeigen, daß er ſich nur auf ſich ſelbſt verlaſſen müſſe:— Lehren, die, ſo weit ſie auch ausein⸗ ander zu liegen ſcheinen, doch immer Hand in Hand gehen; — er, ein alter Krieger, der ſeine kühne Natur während vieler Jahre der Prüfung und der Ungerechtigkeit gehor⸗ chen gelehrt hat,— er, der allein, und ohne Beſchützer daſtand, und den nur ſein muthiges Herz und ſein gutes Schwert vorwärts brachte. Der Feldmarſchall gefällt mir, und gern möchte ich ein Glas Steinberger auf ſeine Ge⸗ ſundheit leeren!“ „Ja, das ſollen Sie, mein kleiner Mann!“ ſagte Dalton, aufwachend, und noch die letzten Worte von Han⸗ ſerl's Rede hörend.„Der alte Graf war freundlich gegen Frank, und heute Abend werde ich ſeine Geſundheit mit allen Chren trinken. Lies ihm den Brief vor, Nelly! Zeige ihm, wie der alte Stephan unſern Frank aufgenommen hat! Ja, ja, er iſt ein ächter Dalton!“ Hanſerl ſchaute erſtaunt, und ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, bald den Vater und bald die Tochter an, während Nelly tief errothend, und gleichfalls keine Sylbe ſprechend, den Kopf ſenkte. „Der Brief, den er uns geſchrieben, war zwar trocken genug. Aber was hat das zu bedeuten? Er hat ſeit länger denn vierzig Jahren keine engliſche Zeile geſchrieben,— vielleicht hat er während dieſer Zeit nicht einmal ein Wort engliſch geſprochen. Man darf von einem Menſchen nicht erwarten, daß er nach ſo langer Zeit noch ſo elegant ſchreibt, wie es in„dem Modernen Briefſteller“ ſteht. Aber das Herz!— Das iſt die Hauptſache, Hans! Das Herz iſt auf dem rechten Flecke. Lies die Stelle noch ein Mal, Nelly; ich vergeſſe die Worte, die er ſagt.“ „O nein, Papa. Hans hat ſo eben Alles gehoͤrt, von Anfang bis zu Ende; und Sie wiſſen, daß wir ſo Viel zu thun haben. Hier iſt Lady Heſter's Brief, und da iſt noch ein anderer vom Fürſten: beide find noch uneröffnet.“ „Ci, ei, Du haſt Recht. Gewiß werden Sie mich ent⸗ ſchuldigen, Hans,“ ſagte Dalton, ſeine Brille aufſetzend, während er eine Art herablaſſender Urbanität annahm, die den armen Zwerg nicht wenig in Verlegenheit ſetzte. „Ei, Nelly, das iſt ja franzöſiſch! Gib mir Lady Heſter's Brief, und nimm Du dieſen da! Aber traun! Ich bin jetzt um kein Haar beſſer daran! Habe ich je ein ſo ver⸗ teufeltes Geſchreibſel geſehen! Es beſteht aus Nichts, als aus m's und w's. Hebe beide für heute Abend auf, meine Liebe. Hans wird mit uns ſpeiſen, und ich will ausgehen, um nach einem guten Fiſche zu ſchauen, und um zu ſehen, ob ich nicht noch einen andern luſtigen Burſchen auftreiben kann, der mit uns ſpeiſen mag. Gott ſei mit dem alten Kilmurray M' Mahon, wo ich hätte zwanzig ſo leicht, wie zwei, finden können, und wo jeder von dieſen zwanzi⸗ gen Manns genug geweſen wäre, um wenigſtens vier Fla⸗ ſchen zu vertilgen! Iſt das nicht eine drollige Welt?“ marmelte er, indem er ſeinen Hut herablangte und die Treppe hinabging.„Ein gutes Eſſen und doch nur einen Krüppel als Geſellſchaft! Traun! ich bin, wie der Kerl in der Bibel, der die Bettler und die Lumpen einladen mußte, wenn er keine beſſeren Leute finden konnte.“ Und mit dieſer ſehr weiſen Reflexion ſchlug Peter Dalton, eine fröhliche Arie vor ſich hin ſummend, den Weg nach dem Fiſchmarkte hin ein. 29 Vierundvierzigſtes Kapitel. Ein glücklicher Tag für Peter Dalton. Ein jugendlicher Erbe empfand am Morgen ſeines einundzwanzigſten Geburtstages noch nie ein lebhafteres Ent⸗ zücken, als Peter Dalton, wie er die Hauptſtraße von Ba⸗ den hinabſchlenderte. Mit einem faſt elaſtiſchen Schritte, und den Kopf hochtragend, ging er einher; er erwiederte den„Guten Morgen“ des ſich verbeugenden Krämers nicht in demüthiger Weiſe, ſondern nannte ſeine ehrenwerthen Gläubiger, denn das waren faſt Alle,— in herablaſſender Weiſe bei ihrem Taufnamen, und ließ ſie glauben, daß er immer noch ihr freundlicher und großmüthiger Gön⸗ ner ſei! Es gab kaum einen Laden oder eine Bude, wo er ſich nicht ein Paar Minuten aufhielt. Ueberall war Etwas, was ihm nicht allein geftel, ſondern was er wirklich brauchte. Noch nie wuchſen Bedürfniſſe ſo raſch an! Sie dehnten ſich auf jeden Zweig des Handels und auf jede Art von Waaren aus,— von den Bijouteriewaaren bis zum Wach⸗ holderbranntwein,— und Alles kaufte er, Würſte, mit Pelz gefütterte Pantoffeln u. ſ. f. Sein erſter Beſuch galt Abel Kraus, dem Bankier und Gelddarleiher. Das ſo eben genannte ehrenwerthe Individuum be⸗ wohnte ein kleines Loch, das Peter Dalton früher oft mit ſchwerem, verzagtem Herzen betreten hatte, denn Abel war ein pfiffiger alter Iſraelite, und ſchien die Schulden, die ein Mann hatte, bis auf den Heller in den Runzeln um deſſen Mund zu leſen. Dalton machte nun die Halbthüre auf, und ſchritt hinein, als ob er den Platz mit Sturm nehmen wollte. Der Geldmann kaute ſein aus harten Eijern und ſchwarzem Brode beſtehendes Frühſtück— es iſt dieß in ganz Deutſchland die gewöhnliche Koſt der Geizhälſe, wenn ſie ſich gütlich thun wollen,— als Peter cavaliermäßig ſeinen Hut berührte, und ſich ſetzte. Abel ſprach keine Sylbe. Was brauchte er auch an einen ſo armen Clienten Höoflichkeiten über Wetter, Fonds, Geldmarkt u. dgl. zu verſchwenden? Er fuhr daher fort zu eſſen, und würdigte Dalton kaum eines Blickes. „Wenn Sie mit dem Knoblauch fertig ſind, alter Burſche, habe ich eine Arbeit für Sie,“ ſagte Dalton, die Arme prätentiös kreuzend. „Wie iſt es aber, wenn ich Ihre Arbelt nicht an⸗ nehme? Wie iſt es, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Nichts mehr mit Ihnen zu ſchaffen haben will! Die zwei letzten Wechſel—“ „Sollen bezahlt werden, Abel,— ſollen bezahlt wer⸗ den. Brauchen ſich nicht in Aufregung zu verſetzen. Die Zeiten werden beſſer,— Irland ſieht wieder auf, Mann! „Das glaube ich wirklich,“ murmelte der Jude in unverſchämter Weiſe; nes ſieht aus, wie der Bettler dort, der ein Almoſen verlangt.“ „Daß Dich das Donnerwetter!“ ſchrie Dalton, mit der Fauſt auf den Tiſch hereinſchlagend, ſo daß jede von den mit Gold⸗ und Silbermünzen gefullten Schüſſeln auf⸗ ſprang und klirrte,—„daß Dich das Donnerwetter! Ich ſage Dir, Mann, nimm Dich in Acht! So wahr ich eine Seele im Leibe habe, zerſchmettere ich jede Holzfaſer, die hier zu finden iſt, und obendrein noch Deine Knochen, wenn Du auch nur eine Sylbe gegen das alte Land ſagſt! Du miſerabler alter Heide!“ Wie darf es ein Mann, wie Du,— wie darf ein Kerl, der an Nichts weiter denkt, als daran, wie er eine Guinee leichter machen kann, es wagen, ſo zu ſprechen?“ 31 „Wie? Kommen Sie in mein Comptoir, um mich zu inſultiren, Saar! Warum kommen Sie an einen Ort, wo Niemand Sie zu ſehen verlangt?“ „Wie, ſoll ich erſt auf eine Einladung von Ihnen warten, Abel? Soll ich erſt auf eine Karte mit dem Compli⸗ mente des alten Kraus warten?“ ſagte Dalton lachend. „Dieſer Ort iſt doch ſo gewiß ein öffentlicher Ort, wie der Fiſchmarkt, oder der Jahrmarkt, oder die Kapelle, oder irgend ein anderer Vergnügungsort! Nun, nun, bleiben Sie ruhig, alter Knabe! Ich ſage Ihnen, ich bringe Ihnen gute Nachrichten! Was halten Sie von dem da 7 Und während er ſo ſprach, zog er einen der Wechſel heraus, und reichte ihm denſe ben, uͤber den Tiſch hinüber; und dann, nachdem er, ſo zu ſagen, die Augen an dem veränderten Ausdrucke der jüdiſchen Geſichtszüge geweidet, bot er ihm einen zweiten, und einen dritten hin. „Das find gute Papiere, Herr von Dalton; es gibt keine beſſere! Auch iſt der Cours zu Ihren Gunſten; wir geben,— laſſen Sie mich ſehen, zehn drei Achtel Con⸗ ventionsgeld.“ „Zum Teufel mit Ihren drei Achteln!“ rief Dalton. „Nie habe ich das alte Lied vergeſſen, das wir in der Shuhe ſangen:„Bruͤche bringen mich zur Verzweif⸗ ung.“ „Ah, immer drollig,— immer luſtig!“ gackerte Abel heraus.„Wie wollen Sie dieſe Gelder haben? „In einem Sacke,— in einem guten, ſtarken, lelne⸗ nen Sacke!“ „Ja. gewiß, in einem Sacke; aber ich fragte Sie, wie Sie die Gelder zu haben wünſchten. Ich meine, in welcher Münze,— in welchem Geld.“ „Oh, das iſt es!“ rief Dalton.„Wohlan, geben Sie mir von Allem ein Wenig. Geben Sie mir Loufs⸗ dor zum Auszahlen, und Groſchen, damit ich auch für die Bettler Etwas habe. Auch Banknoten nehme ich gerne an; man fühlt ſo gar kein Bedauern, wenn man ſich des ſchmutzigen Papieres entledigt, das weder klingt, noch glänzt. Und dann geben Sie mir auch einige Kronen⸗ thaler, Abel; ſie klingen auf einem Tiſche ganz und gar, wie Blechmuſik!“ „Das ſollen Sie haben, Herr von Dalton. Ha, ha, ha! Sie ſind der einzige Mann, der mich je lachen machte!“ „Dann iſt es, ſo wahr ich lebe, mehr als Sie ver⸗ dienen, Abel, denn gar oft machten Sie mich beinahe weinen,“ ſagte Dalton, mit einem kleinen Seufzer über die Vergangenheit, während er ſich daran wieder erinnerte. Der Jude hoͤrte entweder nicht die Bemerkung, oder beachtete er ſie abſichtlich nicht; denn nachdem er den Reſt ſeines frugalen Frühſtücks bei Seite geſtellt, fing er nun eine überaus verwickelte Reihe von Berechnungen über Intereſſe, Cours, und Commiſſion an, die der arme Dalton, der von der ganzen Sache augenſcheinlich nicht das Ge⸗ ringſte verſtand, anſtierte. „Vierzehnhundert und drei und ſechzig, zu zehn drei Achtel— die Commiſſionsgebühren nicht mitgerechnetz ich will Ihnen das Procent nicht anrechnen—“ „Rechnen Sie Alles an, was billig iſt,— brauche keine Gnade, alter Knabe.“ „Ich will damit ſagen, daß ich den Herrn Dalton nicht wie einen Fremden behandeln mag—⸗ „Und ich wollte ſagen, behandeln Sie mich chriſtlich,“ ſagte Dalton lachend;„vielleicht aber komme ich dann ge⸗ rade am Schlimmſten weg.“ „Immer drollig,— immer ſein Späßchen habend,“ gackerte Abel.„Man bezahlt jetzt vom Golde Agio; Sie müſſen alſo für jeden Louisdor fünf Kreuzer liegen laſſen.“ „Bei Sct. Georg! Ich nehme nicht weniger, denn eine Schiffsladung zu ſolchem Preiſe.“ „Ha! Ich will damit ſagen, daß Sie ſo Viel über den wahren Werth hinauszahlen müſſen,“ ſagte der Jude⸗ 33 „Traun! Ich habe oft verſprochen, noch mehr zu be⸗ zahlen,“ ſagte Dalton ſeufzend;„und was noch ſchlimmer iſt, ich verſprach es auf geſtempeltem Papier!“ Während der Jude ſich immer mehr in ſeine Zahlen vertiefte, fuhr Dalton fort, von Irland und deſſen Aus⸗ ſichten zu ſprechen, denn er wollte die Leute vermuthen laſſen, daß er ſeinen dermaligen Reichthum nichts Ande⸗ rem verdanke, als ſeinen Guͤtern, indem er endlich die ſchon ſo lange erwarteten Wechſel erhalten. „Es wird bei uns ſchon noch Alles recht,“ murmelte er,„wenn ſie uns nur Zeit laſſen; aber ſchaut, die Sache iſt ſo. Wir ſind einem überladenen Thiere gleich, das 1 ſeinen Karren nicht durch den Koth ziehen kann, und dann kommen die Engländer und prügeln uns. Natürlich werden wir ſo ſchwächer und ſchwächer,— denn das Schimpfen und Prügeln hat noch Niemand ſtark gemacht. Endlich ſtürzen wir auf die Knie nieder. Wohlan, man ſollte nun denken, ein halbwegs verſtändiger Menſch würde ſagen:„„Man nehme dem armen Teufel einen Theil der Laſt ab,— man erleichtere ihn ein Blschen, bis er wie⸗ der ſtärker geworden!““ aber von All' dem iſt keine Rede. Alles, was ſie thun, iſt, daß ſie uns ſagen, wir ſollen uns ſchämen, daß wir geſtürzt;— alle andern Leute kommen vorwärts, nur wir nicht;— wir haben ſo die Gewohn⸗ heit angenommen, auf den Boden zu fallen, damit uns Je⸗ mand aufhebe, und was dergleichen albernes Zeug iſt. Und dann kommen die miſerablen Zeitungen, und erheben ein Geſchrei wider uns, und ſtempeln, beim Kuckuck! jeden ieb, jeden Straßenräuber, jeden Verbrecher, der aufge⸗ griffen wird, in ihren Polizeiberichten zu„„einem ſchon längſt für die Hulks reifen Irländer,““ oder aber erklären ſie ihn für„„ein Kind der Smaragdinſel.““ „„Paddy Fitzſimons, oder Peter O'Shea wurde heute orgen abgefaßt, weil er ſeiner Frau mit einer Kelle den Kopf abgehauen.“n n„Molly Maguire wurde von der großen Die Daltons. V. 3 7. Jury vor die Geſchworenen verwieſen, weil ſie ihr Kind mit einer Auſterſchaale zu Tode geſchabt hat.““ Dieß ſind die beſten Worte, die ſie für uns haben!„„Seid ihr nicht die Plage unſeres Lebens?““ ſagen ſie immer. „„Laſſet ihr uns auch nur einen Augenblick Ruhe?““ War⸗ um laſſet ihr uns dann aber nicht gehen, beim Kuckuck? Warum laſſet ihr uns nicht unſern eigenen Weg gehen? Wir brauchen eure Geſellſchaft nicht,— traun! Wir fanden dieſelbe nie allzu angenehm. So weit iſt es nun gekom⸗ men, daß es beſſer wäre, ein Hottentot, oder ein Chineſe, als ein Irländer zu ſein! Ach! du gütiger Himmel, 2c 12 gütiger Himmel,— wie hart verfährt man mit uns!“ „Wollen Sie dieſes Papier überſchauen, Herr von Dalton, und nachſehen, ob Alles richtig iſt?“ ſagte Abel, ihm ein ſehr verwickelt ausſehendes Heer von Zahlen über⸗ reichend. „Ich werde darum nicht klüger ſein, wenn ich es auch thue,“ murmelte Dalton vor ſich hin, während er ſeine Brille aufſetzte, und ſich ſtellte, als prüfe er die Rechnung.„Vierzehn hundert und drei undſechzig,— ich wollte, es wären ſo viele Pfund, aber ſo ſind es bloß Gulden,— und zwei tauſend acht hundert und ein und zwanzig,— fünf und zwei iſt ſieben, und neun iſt fünf⸗ zehn. Nein, ſieben und neun iſt,— ich wollte, Nelly wäre hier. Ich ſehe, es geht mit dem Einmaleins nicht recht gut. Schon damals, als ich noch ein Knabe war, bekam ich wegen dieſes verdammten Einmaleins jeden Tag Schläge, und ich habe es, ſeitdem ich ein Mann bin, immer verwünſcht. Sieben und neun iſt vierzehn, oder ſo Etwas,— ob eines mehr oder weniger, hat ja nicht Viel zu bedeuten, Intereſſe drei Viertel für ein und zwanzig Tage,— hier kann ich nun nicht weiter! Die vier Species verſtehe ich noch zur Noth, obgleich ich, wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, in Allem, was über die Subtraction hinausgeht, nicht ſehr ſtark bin; ſoll ich 35 aber vollends üͤber die vier Species hinaus, dann bin ich ein wahres Kind.“. „Sie werden bemerken, daß ich Poſtporto, Commiſſion und alle andern Koſten in einer Summe aufführe. Mit der Bagatelle von acht und fünfzig Gulden iſt Alles ge⸗ deckt.“ „Gut, das iſt recht räſonnabel,— ich muß es ſagen,“ rief Dalton, der, das Ganze als einen glücklichen Fund anſehend, gar nicht abgeneigt war, Andere auch daran Theil nehmen zu laſſen.„Wie Viel bekomme ich, Abel?" „Ihr ganzes Guthaben beträgt vier tauſend zwei hundert und ſieben und zwanzig Gulden, acht Kreuzer, Münze,“ ſagte Abel, die Summe in moͤglichſt impoſanter und eindrucksvoller Weiſe betonend. „Wie viele Pfund macht das gleich?“ fragte Peter. „Etwas über drei hundert und fünfzig Pfund Ster⸗ ling, Saar.“ 3 „Wirklich? Traun! das iſt ein hübſches Sümmchen. Nicht als ob ich nicht oft an einem Abende im Blind⸗ Hookey an den alten Carters, von den„„Queen Bays“, eben ſo Viel verloren haͤtte. Sie kennen Carters nicht? Traun! und Sie wären gerade der Mann, deſſen Be⸗ kanntſchaft er machen würde, wenn Sie in der Nach⸗ barſchaft wohnten. Ich wollte, er wäre jetzt da; und dieß erinnert mich, daß ich auf den Markt hinüber und nachſehen muß, was dort zu haben iſt. Wiſſen Sie etwa nicht, ob man heute dort Fiſche bekommen kann?“ Abel konnte dieſe wichtige Frage nicht beantworten, erbot ſich aber, ſeine Magd hinüber zu ſchicken. Dalton indeſſen lehnte dieſe Aufmerkſamkeit ab, und entfernte ſich. Auf ſeinem Wege konnte er es nicht unterlaſſen, mit den Napoleons⸗dor in ſeiner Taſche zu klimpern, und es wird den werthen Leſer nicht uͤberraſchen, wenn wir ihm ſagen, daß er all die Wichtigkeit und Selbſtachtung fühlte, die eine wohlgeſpickte Börſe dem verleiht, der ſeit langer Zeit in Geldnoth geweſen iſt. Er ſchuldete zwar über⸗ all Etwas, wohin er auch das Geſicht kehren mochte, aber jetzt konnte er ſeinen Gläubigern kühn ins Geſicht ſchauen; er brauchte ſich weder mit einem Briefe zu ſchaf⸗ fen zu machen, noch war er zerſtreut, als er an ihnen vorüberging; im Gegentheil, er war ſogar vertraulich, und machte Scherze, und unterfing ſich, die Waaren zu tadeln, für die er einſt faſt dankbar war. „Schicken Sie Ihren Jungen zu mir, wenn Sie Geld haben wollen,— Sie brauchen keine Rechnung zu ſchicken; ich will Ihnen fünfzig Gulden abſchläglich geben. — Hier haben Sie eine kleine Abſchlagszahlung.— Schreiben Sie mir zehn Napoleons'dor gut, das wird einen Theil meiner Schuld bezahlen; ſie kommen vierzig Kronenthalern gleich.“ Solcher Art waren die kurzen Phraſen, die er im Vorübergehen an die erſtaunten Krämer richtete; denn Peter konnte eben ſo wenig, wie Louis Philipp, eine Rechnung ſehen, ſondern zahlte ſtets Etwas auf Abſchlag. Es koſtete ihm eine ungeheure Anſtrengung, ſie von ſeinem Diner auszuſchließen: er hätte alle die Leute gar zu gern eingeladen, und Nichts, als die Furcht, Nelly zu miß⸗ fallen, konnte ihn verhindern, ſein Wohlwollen in ſolcher Weiſe auf die Leute auszudehnen. Hätte er es gewagt, ſo würde er das ganze Städtchen eingeladen,— ja, er würde die Leute auch betrunken gemacht haben, wenn ſie nch dazu hergegeben hätten. kc„Sie iſt ſo vornehm in ihren Begriffen,“ murmelte er ſteis vor ſich hin;„o über den vermaledeiten Familien⸗ ſtolz! Ich danke Gott, daß ich nie dieſen Fehler hatte. Wenn ich auch wußte, daß wir beſſer ſind, denn andere Leute, ſo machte mich das doch nie unnachbarlich; ſtets war ich offen und geſpraͤchig; mein aͤrgſter Feind konnte mir nichts Anderes ſagen. Ich moͤchte dieſe armen Teufel gar gern zum Eſſen einladen, und ihnen ein Ma in ihrem Leben eine tüchtige Haut voll geben,— ſie müß⸗ ten mir Kate's und Frank's Geſundheit trinken, ſie wür⸗ 97 den noch in ſpäten Jahren an die Daltons denken,— an das gute, alte Dalton'ſche Blut, das ſich nie mit der Pfütze vermiſchte. Welch himmliſcher Tag das iſt! Und wie ſchön, wie elegant der Markt! Hier liegt ein Stück Ochſenfleiſch, das, gebraten, ein Dutzend füttern würde; und vielleicht ſind das keine ſchönen Forellen! Nun, nun, das iſt einmal ſchöner Blumenkohl, ei, eil Hühner und Enten,— Hühner und Enten,— eine ganze Straße voll! Und da iſt ein welſcher Hahn,— auch der iſt recht gut zum Eſſen! Und Wildpret!— Ah! Aber es hat nicht den rechten Geruch, und nicht das rechte Fett! Traun! Und hier iſt Etwas, was ebenfalls nicht ſo übel wäre, das Nackenſtück von einem Hammel,— es wäre mit Zwie⸗ beln vortrefflich, wenn man darauf ein tüchtiges Glas Whisky⸗Punſch hätte. So mit ſich ſelbſt ſprechend, ging er fort, ohne im Geringſten auf die Bitten derer zu achten, die ſonſt den beſcheidenen Bedarf ſeiner Haushaltung lieferten, und ihn jetzt durch Artikel anzulocken ſuchten, die ſich eher dadurch auszeichneten, daß man Wenig davon eſſen konnte, als dadurch, daß ſie gut ſchmeckten. Als Dalton nicht mehr weit von ſeiner Thüre war, hoͤrte er eine fremde Stimme, deren Laute bis zu ihm drangen. Gar oft war er in ſolcher Weiſe benachrichtigt wor⸗ den, daß ein läſtiger Mahner in ſein Haus eingedrungen, und daß derſelbe die arme Nelly mit ſeinen Forderungen beſtürmte. Bei ſolchen Gelegenheiten war Peter, mit mehr Liſt als Güte, gewohnt geweſen, ſich wieder die Treppe hinabzuſchleichen, und drunten zu warten, bis der Feind den Platz wieder geräumt hatte. Jetzt aber hatte ſich das Glüͤcksrad zu ſeinen Gunſten gedreht; er ſtieß daher, mit luſtig auf einer Seite ſitzendem Hute, und mit nachläßig in den Taſchen ſteckenden Händen, die Thüre mit dem Fuße auf, und trat in das Zimmer.. Nelly ſaß neben dem Ofen, und ſprach mit einem 38 Manne, der, offenbar aus Ehrerbietung, ſich neben die Thüre geſetzt hatte. Als Dallon eintrat, ſtand der Fremde auf, um ihn zu begrüßen. Der Reiſende,— denn einen ſolchen verrieth die Blouſe, ſowie der auf dem Boden liegende Ranzen und Stock,— war ein geſund und friſch ausſehender Mann von etwa dreißig Jahren; ſeine ganze Erſcheinung wies auf einen niedern Lebensberuf, keineswegs aber auf Armuth. „Herr Brauer, Papa,— Adolph Brauer,“ ſagte Nelly, die letzten Worte flüſternd, um ihn um ſo ge⸗ ſchwinder an den Namen zu erinnern. „Ihr Diener, Herr!“ ſagte Dalton in herablaſſender Weiſe, denn die beſcheidene, demüthige Haltung des Frem⸗ den erinnerte ihn alsbald an die Stellung, die ſie gegen⸗ ſeitig einnahmen. „Ich küſſe Ihre Hand,“ ſagte Adolph mit der demü⸗ thigen Verbeugung eines ächten Oeſterreichers. „Der würdige Mann, der gegen Frank ſo freundlich geweſen iſt, Papa,“ ſagte Nelly nicht wenig verwirrt, als ſie den prüfenden und faſt verächtlichen Blick ſah, womit Dalton ihn maß. „Oh, oh, der Tabulettkrämer!“ ſagte Dalton, der ſich jetzt plötzlich orientirt hatte.„Das iſt alſo der Ta⸗ hulettkrämer?“ „Ja, Papa. Er hat ſich die Mühe nicht verdrießen laſſen, einen ziemlich großen Umweg zu machen, und von Durlach eigens hieher zu kommen, um uns von Frank zu erzählen; um uns zu ſagen, wie groß er geworden,— größer als er ſelbſt, ſagt er;— und Frank ſei auch ſo bübſch. Es war ſo freundlich von ihm, daß er hieher kam!“ „Oh, recht freundlich, das leidet keinen Zweifel,— ja, ja, recht freundlich!“ ſagte Dalton mit einem Lachen von höchſt zweifelhafter Bedeutung.„Hat er Nichts von dem Gelde geſagt, das Frank ihm ſchuldet? Hat nicht 39 der Schuldſchein, von dem Du mir geſagt, dieſen ſeinen Beſuch veranlaßt?“ „Er hat nicht davon geſprochen;— er hat nicht einmal darauf angeſpielt,“ rief ſie eifrig. „Vielleicht iſt er nicht ſo delicat mir gegenüber,“ ſagte Dalton.„Setzen Sie ſich, Herr Brauer; machen Sie keine Umſtände! Wir wohnen hier, bis unſer Haus für uns eingerichtet iſt. Sie haben alſo Frank geſehen, und Sie ſagen, er ſehe gut aus?“ „Er iſt der huͤbſcheſte junge Mann im ganzen Re⸗ gimente. Er iſt in ganz Wien als„„der hübſche Cadett““ bekannt.“ lnun er hat ſo gute, ungekünſtelte Manieren,“ rief „Iſt er freundlich und höflich gegen ſeine Unterge⸗ benen?“ ſagte Dalton.„Hoffentlich iſt er das?“ „Er hat ſich ſo weit herabgelaſſen, daß er meine Bekanntſchaft nicht verſchmäht, und daß er mich ſeinen Freund genannt bat,“ ſagte Brauer. „Gut, gut, und vielleicht waren Sie das auch,“ ſagte Peter mit einer majeſtätiſchen Handbewegung.„Ein ächter geborener Gentleman, wie Frank, kann einen Bettler von der Straße wegnehmen, und mit ihm vertraut thun. Das ſind meine Anſichten. Achten Sie wohl auf das, was ich ſage, Herr Brauer: Sie werden in Ihrem Leben noch ſehen, ob es nicht wahr iſt; gutes Blut kann ſich jeden Tag im Jahre mit der Pfütze vermiſchen, ohne da⸗ durch ſchlechter zu werden!“ „Frank iſt Ihnen ſo dankbar,“ fiel Nelly eifrig ein; pund wir ſind ſo dankbar für alle Güte, die Sie gegen ihn gezeigt!“ 3 „Welche Ehre für mich! Welche Ehre für mich, daß er ſo von mir ſpricht!“ ſagte der Tabulettkrämer gefühl⸗ voll,—„für mich, der ich kein Recht hatte, in ſeinem Gedächtniſſe zu leben!“ „Ich glaube, Ihr hattet eine kleine Rechnung mit einander,“ ſagte Dalton prahleriſch;„wiſſen Sie vielleicht, wie Viel die Sache beträgt?“ „Ich bin nicht hieher gekommen, um meine Schuld einzutreiben, Herr von Dalton,“ ſagte Adolph aufſtehend, und einen in ſeinem Stolze faſt wilden Blick annehmend. „Ganz gut, ganz gut, wie Sie wollen,“ ſagte Dalton nachläßig;„es wird mit ſeinen übrigen Halbjahrsrechnun⸗ gen kommen; denn, wie freigebig auch ein Vater gegen ſeine Sohne ſein mag,— immerhin wird er noch Rech⸗ nungen für ſie zu bezahlen haben! Es gibt ſchlechte Leute genug, die ihnen Geld leihen, und ſie zu Ertravaganzen verleiten, aus purer Teufelei, glaube ich. Ich weiß wohl noch, wie es bei mir ſelbſt war, als ich vor langen, lan⸗ gen Jahren im alten„„Triaity““ war. Da war ein kleiner Kerl, Namens Poley,— ſeines Zeichens gleichfalls Tabulettkrämer—“ „O Papa, er geht, und Sie haben ihm noch nicht einmal gedankt!“ rief Nelly gefühlvoll. „Welche Eile der Mann hat!“ ſagte Dalton, indem er die Haſt beobachtete, womit der Tabulettkrämer jetzt die Riemen ſeines Ranzens zurecht machte. „Wollen Sie ihn nicht bitten, da zu bleiben,— mit uns zu ſpeiſen?“ ſtammelte Nelly, leiſe flüſternd. „Was,— den Tabulettkrämer zum Eſſen einladen?“ fragte Dalton mit einem Blicke des Erſtaunens. „Frank's einzigen Freund!“ ſeufzte ſie traurig. „Meiner Treu, bisweilen weiß ich wirklich nicht, ob ich auf dem Kopfe, oder auf den Füßen ſtehe,“ rief Dal⸗ ton, indem er ſich mit einem Blicke, aus dem das äußerſte Staunen ſprach, die Stirne abwiſchte.„Einen Tabulett⸗ krämer zum Eſſen einladen! Da haben wir's nun,— da haben wir's:— je mehr man eilt, um ſo weniges kommt man vorwärts; er hat durch ſein haſtiges Weſen den Riemen abgeriſſen!“ 2 „Soll ich Ihnen den Niemen wieder annähen? ſagte Nelly, ſich bückend, und ihre Nadel herausziehend, wäͤhrend ſie ſprach. „O Fräulein, wie gut iſt es von Ihnen!“ rief Adolph, und ſein ganzes Geſicht ſtrahlte vor Entzücken.„Wie theuer wird mir in Zukunft dieſer alte Ranzen ſein!“ Die letzten Worte, die nur ganz leiſe geflüſtert waren, wurden gleichwohl von Nelly gehört, und eine tiefe Röthe vedect⸗ ihre Wangen, indem ſie ſich über den Ranzen neigte. „Wo iſt denn Dein Kammermädchen? Hätte nicht eines von den Frauenzimmern die Arbeit eben ſo gut ver⸗ richten können?“ rief Dalton ungeduldig.„Sie werden es kaum glauben, Herr Brauer, wenn ich Ihnen ſage, daß wir gegenwärtig das Haus voller Domeſtiken haben; aber ſie ſind ein Teufelspack, und können Nichts thun, als ſich auf anderer Leute Koſten mäſten und gütlich thun. „Ich danke Ihnen, Fräulein!“ ſagte der Tabulett⸗ krämer, als ſie mit ihrer Arbeit fertig war;„Sie wiſſen wohl nicht, wie ſorgfältig ich dieſen Ranzen in Zukunft aufbewahren werde.“ „So ſagen Sie ihm doch, er ſolle zum Eſſen dablei⸗ ben, Papa!“ flüſterte Nelly abermals. „Aber der Menſch iſt ja nur ein Tabulettkrämer!“ murrte Dalton unwlllig. „So danken Sie ihm wenigſtens! Sagen Sie ihm, Sie ſeien ihm dankbar!“ „Es wäre ihm wohl lieber, wenn ich zehn Ellen ſchlechten Calicos von ihm kaufen würde,— das iſt die Schmeichelei, die er wohl am beſten verſteht,“ ſagte Dalton grinſend. „Leben Sie wohl, Herr von Dalton! Leben Sie wohl, Fräulein!“ ſagte Adolph. Und mit einer tiefen, ehrerbietigen Verbeugung zog er ſich langſam zurück, während Nelly ſich nach dem Fen⸗ ſter hin wandte, um ihre Scham und ihren Kummer zu verbergen. 1 4² „Erſt heute Morgen noch,“ murrte Dalton zornig, „als ich davon ſprach, daß ich ein kleines Eſſen geben wolle, haſt Du immer nur die Naſe gerümpft über dieſes und jenes. Da war Dir Niemand gut genug! Da war Monſieur Ratteau, der„„Croupier““ des Spielhauſes da unten,— ein recht netter Mann, mit eleganten Manieren, und den ſchönſten Hemdknöpfen, die ich in meinem Leben geſehen,— und von dem wollteſt Du Nichts hören!“ Nelly hörte von dieſen vorwurfsvollen Worten nur Wenig, denn ſie folgte, von der Vertiefung des Fenſters aus, mit den Augen der ſich entfernenden Geſtalt Adolph Brauer's. Dieſer war ſo eben über den Platz gegangen, und ehe er eine Nebenſtraße einſchlug, blieb er ſtehen, kehrte ſich um, und machte eine Geſte des Abſchieds nach dem „Ortte hin, wo Nelly, ohne von ihm geſehen werden zu können, immer noch ſtand. „Er iſt fort!“ murmelte ſie halblaut. „Wohlan, Gott geleite ihn!“ erwiederte Dalton mür⸗ riſch.„Ich konnte nie einen Tabulettkrämer ausſtehen!“ Fünfundvierzigſtes Kapitel. Madame de Heidendorf. Schwermüthig ſaß Kate Dalton an der Seite ihrer neuen Freundin, als ſie auf der nach Wien führenden Straße dahinrollte. Die Scenerie beſaß alle Anziehungs⸗ kraft der Schöͤnheit und des hiſtoriſchen Intereſſes. Die Jahreszeit konnte nicht ſchöner ſein: es war Frühling, und man befand ſich in Italien. Da waren alte Städte, deren bloße Namen zauberartig auf das Gedächtniß wirk⸗ ten. Da waren die Erdflecke, die das Genie der Un⸗ ſterblichkeit geweiht hat. Da waren die Scenen, wo die Poeſie ihre Inſpiration holte, und um die ſelbſt jetzt noch die Gebilde der Phantaſie zu ſchweben ſcheinen: Alles das mußte ſie intereſſiren, bezaubern, und amüſiren, und doch ging ſie daran ohne Vergnügen, ja faſt ohne davon Notiz zu nehmen, vorüber. Die prächtige Equipage, in der ſie reiste,— die hun⸗ dert Bequemlichkeiten und Lurusgegenſtände, welche ſie umgaben,— die höfliche, faſt ſervile Aufmerkſamkeit ihrer Dienerſchaft,— Alles das rief ihr nur eine ernſte That⸗ ſache in's Gedächtniß zurück,— die Thatſache nämlich, daß ſie ſich um alle dieſe Dinge verkauft;— daß ſie dafür ihre warmen Gefühle,— daß ſie dafür ihre Liebe zu Vater, Schweſter und Bruder,— daß ſte dafür die Bande der Heimath und der Verwandtſchaft,— daß fie dafür ſogar den Glauben hingegeben, an deſſen Altar ſie in der Kindheit die Knie gebeugt. Sie hatte Alles hin⸗ gegeben, um eine große Dame zu werden! Sie hatte eine Menge von Luftſchlöſſern gebaut, und immer hatte ihre Familie in dem Gemälde figuriren müſſen. Ihren armen Vater glücklich zu machen,— ſein hohes Alter mit den Bequemlichkeiten zu umgeben, wor⸗ nach er ſich ſo ſehr ſehnte,— der lieben Nelly Quellen der Freude in dem Berufe zu eröffnen, den ſie liebte, — Frank die noͤthigen Mittel zu verſchaffen, damit er mit ſeinen vornehmen Kameraden leben konnte, damit ſich ihm die Geſellſchaft auſſchloß, nach der er ſich ſehnte,— das war ihr Wunſch, und um dieſe Zwecke zu erreichen, war ſie bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Aber jetzt ſollte ſie nicht Zeuge ſein von dem Glücke derer, die ſie liebte! Schon ſollten ſich die harten Bedingungen ihres Contractes geltend machen. Zuerſt Verbannung, und dann Vereinzelung; wer konnte ſagen, was darauf folgen ſollte! 44 Ihre Reiſegefährtin war kaum geeignet, die Schwie⸗ rigkeiten dieſes Kampfes, der in ihrem Geiſte vorging, zu mindern. Madame de Heidendorf war das gerade Gegen⸗ theil von Lady Heſter. Ohne ſelbſt den geringſten Anſpruch auf ein hübſches Aeußere machen zu können, gebarte ſte ſich, als verachtete ſte bei Andern Alles, was wie Schön⸗ heit ausſah, indem ſie deren Beſitz immer und ewig mit der Eitelkeit eines ſchwachen Verſtandes in Verbindung brachte; ſie machte die„armen, hübſchen Dinger,“ wie ſie ſte zu nennen pflegte, in einer Weiſe lächerlich, daß Schoͤnheit und Thorheit als gleichbedeutend erſchienen. Ihre große und einzige Leidenſchaft war die politiſche Intrigue, oder, um die Sache richtiger auszudrücken, das Stiften von Unheil in Staatsangelegenheiten. Es war ihr allmälig durch viele Geduld, große Liſt, und genaue Menſchenkenntniß gelungen, ſich mit vielen der erſten Staatsmänner Europas auf einen ganz vertrauten Fuß zu ſetzen. Viele hatten ſie mit der Leitung kleiner An⸗ gelegenheiten betraut, womit die Diplomatie, um ihrer Würde Nichts zu vergeben, ſich nicht befaſſen wollte. Sie hatte verſchiedene kleine Verträge zu Stande gebracht,— hatte den Weg zu gewiſſen Wiederausſöhnungen gebahnt — hatte den Weg zu Beſtechungen geebnet, und die klei⸗ nen Scrupel der ſich noch ſträubenden Sittlichkeit über⸗ wunden, wo jeder andere Einfluß, als ein weiblicher, roh und unzart geweſen wäre. Als eine gute Monarchiſtin war ſie am öſterreicht⸗ ſchen Hofe ſtets gut aufgenommen; in Sct. Petersburg aber pflegte man ihr ganz beſondere Ehre zu erweiſen. Durch welche Belohnungen Midchikoff ſich ihrer jetzi⸗ gen guten Dienſte verſichert hatte, vermag dieſe wahrheits⸗ getreue Geſchichte nicht zu berichten; daß aber Kate außer⸗ ordentlich glücklich war, indem ſie in der Lotterie des Lebens einen ſolchen Preis zog, daß fie unter ihren Au⸗ ſpicien in die Welt eintrat,— das war ein Factum, wobei ſie unaufhoͤrlich verweilte. Es iſt etwas Bezauberndes um die Offenheit und Aufrichtigkeit: es ſind dieſelben die Seele jeder wahren Freundſchaft, und der Geiſt jedes liebevollen Intereſſes; allein es koͤnnen dieſelben auch zu überaus unangenehmen Elementen bloßer Bekanntſchaft gemacht werden. Dieß traf bei Madame de Heidendorf zu. Sie ſagte Kate unumwunden, daß unter allen unerklärlichen Launen des großen Midchikoff ſeine beabſichtigte Heirath die ſelt⸗ ſamſte, und daß es etwas faſt Unglaubliches wäre, daß er ſein ungeheures Vermoͤgen und ſeine hohe Stellung mit bloßer Schönheit verbände. Da wäre eine Landgräfin von Hohenhöckingen,— eine Erzherzogin,— eine„main gauche? vom öͤſterreichiſchen Hauſe ſelbſt,— da wäre eine Enkelin der Kaiſerin Katharine,— mit deren jeder ſie für ihn leicht hätte Unterhandlungen eroͤffnen koͤnnen; — alle dieſe Verbindungen wären reich an politiſchem Einfluſſe. Ja, ſie hätte noch eine andere Partie,— die ſie aber nicht nennen dürfte,— und obgleich die fragliche Perſon„blind und faſt blödſinnig“ waͤre, ſo hätte ihn doch eine Verbindung mit ihr zu„einer durchlauchtigen Hoheit“ machen können. „Sie ſehen alſo, meine Liebe,“ ſagte ſie am Schluſſe ihrer Rede,„was Sie ihm gekoſtet haben! Nicht,“ ſetzte ſte nach einem Schweigen von einigen Minuten hinzu,— „nicht als ob ich nicht Fälle wüßte, in denen ſolche Hei⸗ rathen recht gut ausſtelen. Da war der Prinz Albert von Boͤhmen, der die Sängerin,— wie hieß ſie doch gleich? — der die junge Creatur heirathete, die in der„„Scala““ ſo große Senſation machte:— ach, nun erinnere ich mich, man nannte ſie„la Biondina.“ Zwar lebte er mit ihr bloß ſo lange, als der Carneval dauerte; aber da iſt ſie nun mit ihrem hübſchen Hauſe auf der Baſtei, und der hübſcheſten Equipage im Prater. Es ſind mir mehrere ſolche Fälle bekannt. Der Erzherzog Max, und Fürſt Ravitzkay,— obgleich der es vielleicht nicht iſt, denn ich glaube, er ſchickte das arme Ding in die Bergwerke.“ „Seine Frau— in die Bergwerke!“ keuchte Kate ſchreckerfüllt hervor. „Fürchten Sie ſich nicht, mein liebes Kind,“ ſagte Madame lächelnd;„ſeien Sie ein gutes Mädchen, dann ſollen Sie Alles haben, was Sie wollen. Unterdeſſen müſſen Sie alle jene„„gaucheries““ zu verlernen ſu⸗ chen, die Sie ſich bei der ſonderbaren Lady Heſter ange⸗ wöhnt haben. Es war dieß, was die Manieren betrifft, eine abſcheuliche Schule. Welch ſchlechte Geſellſchaft waren alle jene excentriſchen, abſonderlichen Leute, die bei Lady Heſter ein⸗ und ausgingen, abſolut Nichts thaten, von Nichts ſprachen, als von ſich und ihren Genoſſen, und ſich in gänzlicher Unwiſſenheit befanden in Betreff der großen Intereſſen, um die es ſich in dieſem Augenblick in Europa handeit. Suchen Sie daher dieſe alberne Coterie ganz und gar zu vergeſſen. Sobald wir in Wien ankommen, werden Sie der Erzherzogin Louiſe vorgeſtellt werden.“ „Und ich werde den lieben,— lieben Frank ſehen!“ platzte Kate mit unausſprechlicher Freude heraus. „Und wer iſt denn dieſer Frank, Madame?“ ſagte die Andere, ſich ſtolz aufrichtend. „Mein Bruder,— mein einziger Bruder,— mein Bruder, der in öſterreichiſchen Dienſten ſteht.“ „Iſt er im kaiſerlichen Stabe?“ „Ich weiß von ſeiner Stellung Nichts; nur das iſt mir bekannt, daß er Cadett iſt.“ „Cadett, Kind! Ei, wiſſen Sie denn auch, daß das einen gemeinen Soldaten bedeutet.— ein Geſchöpf, das mit einer Muskete auf der Schulter auf die Wache zicht, oder mit einem Brodſack auf dem Rücken und in grober, zwillichener Jacke durch die Straßen geht?“ 44 „Um all' das kümmere ich mich nicht. Er mag Alles ſein, was Sie ſagen,— und er mag ſich in einer noch viel niedrigeren Stellung befinden, aber doch iſt er mein Bruder Frank,— der Spielgenoſſe, mit dem ich den Tag — zubrachte, als— als ich glücklich war,— wie ich es nie wieder ſein werde!— Der liebe, freundliche Bruder, auf den wir alle ſo ſtolz waren.“ Ein Ausdruck verächtlichen Mitleids in Madame de Heidendorf's Geſicht war Schuld, daß Kate plötzlich inne hielt, und mit den Händen ihr Geſicht bedeckte, um ihre Scham zu verbergen. „ Madame la princesse,“ fing die Gräfin an,— denn ſo oft ſie Kate ganz beſonders an ihre Pflichten er⸗ innern wollte, ließ ſie der Lection ſtets den neuen Titel vorangehen,—„die Vergangenheit muß vergeſſen werden, ſonſt werden Sie ſich ganz und gar außer Stand finden, mit den Schwierigkeiten Ihrer Stellung mit Erfolg zu kämpfen. Es gibt nur eine Weiſe, die Mesalliance des ürſten pardonnabel zu machen, und dieſe beſteht darin, daß Sie ſo ſelten wie möglich mit deren Einzelheiten Pa⸗ rade machen. Wenn Sie daher während unſeres Aufent⸗ haltes in Wien ihren Bruder ſchlechterdings ſehen wollen, ſo muß es ganz im Geheimen geſchehen. Sie haben, wie ich glaube, etwas von einem alten Feldmarſchall, einem Verwandten, geſagt?“ „Es iſt der Onkel meines Vaters, Madame.“ „Ganz richtig! Wohlan! Ihr Bruder kann mit einem Briefe, oder einer Botſchaft von ihm kommen; oder aber kann er, wenn Nina, Ihre Kammerfrau, Nichts dawider hat, für deren Liebhaber gelten.“ „Madame!“ rief Kate unwillig. „Ich habe ja geſagt, wenn Nina Nichts einzuwenden hätte,“ ſagte Madame de Heidendorf, gleichſam als Ant⸗ wort auf dieſen Ausruf des Unwillens.„Allein dieſe Dinge gehen nur mich an, Madame,— wenn ich anders nen Geiſt der Verhaltungsbefehle des Fürſten recht ver⸗ ehe.“ Irgend eine ſolche Scene, die gewöhnlich in der hier angegebenen Weiſe ſchloß, bildete während der Reiſe die Unterhaltung; und mit jeder Stunde ſank Kate's Muth 48 tiefer, als ſie all' die Opfer betrachtete, die ihre Erhe⸗ bung ihr gekoſtet hatte. Und wie eitel war am Ende Alles, was ſie gewonnen? Zwar reiste ſie in einem Wagen, der mit königlichen Wappen geziert war; zwar wartete eine Gruppe baarhäuptiger Lakaien auf, wenn ſie ausſtieg; zwar wurde ihr immer ein ſtolzer Titel gege⸗ ben; zwar umgab ſie jeden Augenblick eine ehrerbietige Unterwürfigkeit. Aber bei All' dieſem fand ſie auch nicht einen freundlichen Blick,— fand ſie auch nicht ein freund⸗ liches Wort; keine Seele ſympathiſirte mit ihrer einſamen Größe. Was machte es auch, daß die Gitter ihres Ker⸗ kers von Gold waren? Immerhin war es ja ein Kerker! Wie gerne wandte ſie ſich jetzt von der Gegenwart und all' deren Glanz ab, um an ihr früheres Leben zu denken, wo ſie, zwiſchen den Hügeln von Baden umher⸗ wandernd, dem kleinen Hans zugehört, oder der theuren Nelly zugeſehen hatte, wenn der erſte Schimmer ihrer Gedanken, an einer geſchnitzten Gruppe ſich kund zu ge⸗ ben anfing. Mit welcher Wonne hatte ſie Stellen aus Dichtern gehört, die mit Etwas, das ſie gefühlt hatte, aber nicht auszudrücken vermochte, verwandt zu ſein ſchie⸗ nen! Wie ſehr hatte ſie die an Veränderungen ſo reichen Wirkungen des Lichtes und des Schattens an einer Land⸗ ſchaft geliebt, wo ihr jeder Baum, jeder Felſen, jeder Hügel bekannt waren. Ohl wie ſehr ſehnte ſie ſich jetzt wieder zurück! Wie verlangte es fie, wieder ſo hoffnungsvoll, ſo feurig, ſo zutrauensvoll zu ſein, wie früher! Oh!“ dachte ſie,„köͤnnte doch die jüngſte kurze Vergangenheit nur ein Traum ſein,— und wäaͤre ich doch wieder bei meinem Vater und bei meiner Nelly, und wüßte ich doch Nichts von der Welt, von der ich in ſo kurzer Zeit ſo viel geſehen habe 1“ Selbſt Diejenigen, die ihr jüngſt noch ihre Familie erſetzt hatten, waren nun fort, und ſie war nun allein— ganz allein. Sie wagte es nicht, an George Onslow zu denken. Es erſchlen ihr wie ein Verrath, ſich an ſeine Perſon auch 49 nur zu erinnern; und wenn ſein Bild bisweilen vor ihrer Phantaſie aufſtieg, bedeckte eine brennende Röthe ihre Wange, wäͤhrend ein Gefühl der Scham ein heimliches Pochen ihres Herzens zur Folge hatte. ee Pläne und Projekte für ihr zukünftiges Leben hoͤrte ſie ohne Intereſſe an; ein vager und verworrener Eindruck, daß ſie eine lange Reiſe unternehme, daß ſie da und dort anhalten müſſe, um gewiſſen großen und ausgezeichneten Perſonen vorgeſtellt zu werden,— und, daß ſie endlich zu Sct. Petersburg ankommen werde, war Alles, was ſie wußte. Daß der Fürſt dort ſich mit ihr wieder vereinigen, und daß er dann, mit der Erlaubniß des Kaiſers, mit ihr nach dem Süden von Europa zurück⸗ kehren würde,— das waren die Umriſſe einer Laufbahn, über welche ein verzagtes Herz einen düſteren Schatten warf. Madame de Heidendorf war mit ihren eigenen Ge⸗ danken zu ſehr beſchäftigt, als daß ſie dieſen an Ver⸗ zweiflung grenzenden Zuſtand wahrgenommen hätte; auch unterrichtete ſie Kate unabläßig in der ſtrengen Etikette, die in der Geſellſchaft herrſchte, in die ſte im Begriffe war zu treten; ſie ſagte ihr die genauen Titel, womit fie dieſe oder jene große Perſon anreden müßte; ſie theilte ihr mit, wie viele Knickſe da, wie viele ehrerbietige Ver⸗ beugungen dort gemacht werden müßten. Dieſe kleinen Lehren und Uebungen waren ſtets von Warnungen und Ermahnungen begleitet, denn es konnte ja eine Per⸗ ſon, wie Kate, die von guter Geſellſchaft ſo viel wie Nichts geſehen, nicht genug auf die Wichtigkeit aller die⸗ ſer Dinge aufmerkſam gemacht werden; und Madame de Heidendorf ließ keine Gelegenheit vorbeigehen, ihrer Schutz⸗ befohlenen bemerklich zu machen, welche üblen Folgen Ver⸗ ſtöße wider die gute Lebensart haben könnten. „Denken Sie doch nur an den Fürſten, Madame,“ pflegte ſie zu ſagen,—„denken Sie doch nur an das, Die Daltons. V. 4 50 was er leiden muß, wenn man ihm einen Ihrer Verſtoͤße mittheilt! Ich befürchte, es werden manche Demüthigun⸗ gen ſeiner warten! Und welch ein Schritt in einem Augen⸗ blicke, wo dieſe abſcheulichen ſozialiſtiſchen Lehren, wo die gleichmachenden Theorien von Gleichheit, der⸗ lichkeit u. ſ. f. im Schwange gehen! Hoffentlich wird Seine Majeſtät, der Kaiſer, ihm verzeihen,— hoffentlich wird er Ihnen verzeihen!“ Dieß waren ihre Lieblingsreden, und es kehrten die⸗ ſelben ſo oft wieder, daß Kate zuletzt anfing, ſich als eine große Verbrecherin anzuſehen, und ſogar ſich in Spe⸗ kulationen erging über das Loos, das ihr werden würde, wenn der Kaiſer ſich ungnädig erweiſen ſollte. Dieß waren nur traurige Mittel, die ermüdende Reiſe abzukürzen, und Kate fühlte zum erſten Male wie⸗ der ihr Herz freudig pochen, als die Thürme von Sct. Stephan in der Ferne die Nähe von Wien anzeigten. Sechsundvierzigſtes Kapitel. In Wien. Derjenige Theil der Wienerwelt, den man den plau⸗ dernden und mit Klatſchereien ſich befaſſenden nennen kann, hatte einen neuen Gegenſtand für ſeine Vermuthun⸗ gen, als man an einem großen Palaſte in der Nähe des „Hofes“ eine Ehrenwache ſtehen ſah. Alles, was man erfahren konnte, um ſich das Myſterium zu erklären, war, daß an dem vorherigen Abende ein großer Diplomat an⸗ gekommen ſei; und der Himmel weiß, wie viele wunder⸗ bare Creigniſſe mit dieſer Ankunft in Verbindung geſetzt wurden. Ein koloſſaler„Chaſſeur“ in grüner, reich mit Gold verzierter Livree, der vor dem Palaſte ſich müßig her⸗ umtrieb, und dem ein großer Hund— ein Fanghund— folgte, deſſen ſilbernes Halsband mit einer Menge von Wappen⸗ ſchildtheilungen in erhabener Arbeit geziert war,— hatte die Aufmerkſamkeit einer ſehr beträchtlichen Menſchenmenge auf ſich gezogen, die ſich von Zeit zu Zeit zertheilte, um eine koͤnigliche oder fürſtliche Equipage durchzulaſſen. Wenn die Leute ſo zurückwichen, richtete ſich oft ein Blick nach den Fenſtern des erſten Stockwerks, und dann konnte man bisweilen ganz flüchtig eine Geſtalt ſehen, deren Schönheit bald den Gegenſtand aller Ge⸗ ſpräche bildete. Die Geſtalt war die Kate Dalton's, die ſich jetzt von den Strapazen ihrer Reiſe erholt hatte und, in paſſend⸗ ſter Weiſe gekleidet, in einem prächtigen Salon auf und ab ging, wobei ſie auf jedes Geräuſch hörte, oder recht ſehnſüchtig zum Fenſter hinausſchaute, um zu ſehen, ob noch Nichts das Kommen ihres Bruders anzeigte. Auf Madame de Heidendorf's Anrathen hatte ſie ſchon am frühen Morgen einige Zeilen an den Feldmarſchall von Dalton geſchrieben, und ſich von ihm als große Gnade ausgebeten, daß er für Frank einen kurzen Urlaub auswirken möchte, damit derſelbe ſie beſuchen und während ihres Aufenthal⸗ tes in Wien ſo viel wie möglich bei ihr ſein koͤnnte. So kurz das Schreiben war, ſo koſtete es ihr doch einige Mühe; ſie fühlte, daß es langer Erklärungen bedürfte, um ihre gegenwärtige Stellung auseinander zu ſetzen,— ja, um nur zu ſagen, wer ſie wäre; und doch war dieß ein Gegenſtand, auf den ſie nicht eingehen mochte. Auch würden einige Ausdrücke liebevollen In⸗ tereſſes ihm gegenüber am Platze geweſen ſein, allein ſie konnte keine Zeit dazu finden. Sie dachte an Frank, und nur an Frank, und überließ Alles dem Scharffinne des alten Generals, indem ſie ihr Schreiben damit ſchloß, 8 daß ſie ſich unterzeichnete:„Ihr ergebenſte Nichte, Kate Dalton, verlobte Princesse de Midchikoff.“ Es war das erſte Mal, daß ſie dieſe Worte geſchrie⸗ ben,— es war das erſte Mal, daß ſie das naive Siegel mit ſeinen vielen Wappenſchildtheilungen auf einen Brief gedrückt hatte,— daß ſie ſich des Siegels bedient, das wie ein königliches ausſah! Auch war es das erſte Mal, daß ſie einem ihrer Diener einen Befehl gegeben, und die höflichen Verbeugungen des Kammerdieners, als er ſich zurückzog, waren lauter getrennte beſondere Empfindun⸗ gen,— ein leiſes, aber deutliches Pochen der Eitelkeit an ihr Herz, wozu Alles, was ſie umgab, mithalf. Das Zimmer war prachtvoll, nicht prunkvoll in der Weiſe der Neuzeit, von welcher Art von Decorationen ſie ſchon ſo viele geſehen hatte, ſondern in einer majeſtätiſcheren Weiſe, welche an die Groͤße einer vergangenen Zeit erin⸗ nerte, und Spuren einer langen Reihe fürſtlicher Bewoh⸗ ner zeigte. Sogar die Portraits an den Wänden hatten etwas Stolzes und Hochmüthiges, und die maſſiven Stühle ſchimmerten in ihrem ganzen heraldiſchen Glanze. Wenn ſie zum Fenſter hinausſchaute, traf ihr Auge auf die Thürme der Hofburg,— die alte Reſidenz der Habsburger. Horchte ſie, ſo wurde die Stille durch das Klirren des Gewehres unterbrochen, das ein Soldat prä⸗ ſentirte, während das dumpfe Rollen der Räder unter dem gewölbten Thorwege die Fluth von Beſuchenden verrieth, die kamen, um ihre Huldigung darzubringen. Hätte Kate weniger ängſtlich gewünſcht, ihren Bru⸗ der zu ſehen, ſo würde ihr die Scene unter ihrem Fenſter einiges Intereſſe gewährt haben: Equipage folgte auf Equipage,— bald die ruhige Pracht eines Hofwagens, bald der blendendere, prätentiöſere Glanz des Wagens von einem Kardinal. Hier kam das alte, ſchwerfällige Ge⸗ fährt eines Erzbiſchofs, wobei die ehrerbietigen Begrü⸗ ßungen der Menge den Rang des darin Sitzenden an⸗ zeigten. Dann zeigte das raſche„Präſentirt's Gewehr!“ der Schildwache das Kommen eines Generals an, während von Zeit zu Zeit das Unter⸗das⸗Gewehr⸗treten der ganzen Wache die Ankunft eines kaiſerlichen Prinzen ver⸗ rieth. Geſandte und Miniſter, Kammerherren und Kanz⸗ ler, die Würdeträger des Reiches, die„Hautes Charges“- des Hofes,— Alle kamen in Haufen, um der Gräſin ihre Aufwartung zu machen, denn unter dieſem kurzen Namen war ſie von einem Ende Europa's bis zum an⸗ dern bekannt. Madame de Heidendorf hielt ein Lever, und Niemand wollte bei einer ſo interkſſanten Gelegen⸗ heit fehlen. Es war am Vorabend eines wunderbaren Augen⸗ blickes in Europa,— es war während der kurzen Wind⸗ ſtille, die dem furchtbarſten Sturme voranging, der je Throne umſtürzte und Dynaſtien verjagte, daß dieſe vor⸗ nehmen Perſonen zuſammenkamen, um Complimente zu wechſeln, ſanfte Schmeicheleien zu lispeln und die hohen Anſprüche einer Perſon zu erörtern, die nach einem Bande oder nach einem Kreuze, nach einem„rothen oder einem ſchwarzen Adler“ trachtete. Einige Wenige, die weiter ſahen, als die Uebrigen, gewahrten in der Ferne das Woͤlkchen, das nicht groͤßer war, als eine Hand;— einige Wenige konnten ſogar das dumpfe Rollen hören, das den Orkan anzeigte, welcher im Anzuge war; aber ſelbſt dieſe glaubten, daß„das Ding noch während ihrer Lebenszeit halten würde,“— und ſo plauderte man unter vielen angenehmen Scherzen über die Tagesereigniſſe, pries die Weisheit der Könige, und verſpottete jene gemeinen Leh⸗ rer, deren demokratiſche Theorien jetzt gerade die Leute anfingen, ſich zuzuflüſtern. Einige waren jung, muthig, voller Hoffnung, und bereit, ihren letzten Blutstropfen für die Grundſätze zu vergießen, zu denen ſie ſich bekannten; Andere waren alte, grauköpfige Männer, erprobte Diener der Monarchie waͤhrend eines halben Jahrhunderts. Alle aber waren von gleichen Geſinnungen beſeelt, und Selbſt⸗ beglückwünſchungen und Complimente waren die Tages⸗ 54 ordnung. Wir wollen ſie in ihren Geſprächen nicht ſtören an einem Orte, wo das Klirren mit Edelſteinen beſetzter Degen, oder das Klopfen auf mit Diamanten beſetzte Schnupftabaksdoſen die paſſenden Accompagnements der Themas bildete, und uns noch einmal der Perſon zuwen⸗ den, an deren Schickſalen wir ein lebhafteres Intereſſe nehmen. Schon zwei Mal hatte ſie geläutet, um zu fragen, ob der Bote noch nicht zurückgekommen wäre. Endlich kam derſelbe; aber er brachte keine Antwort auf ihr Schreiben. Ihre Ungeduld erreichte den höchſten Grad. Der Diener, der das Schreiben fortgetragen, mußte vor ihr erſcheinen; ſie fragte ihn genau und umſtändlich, ob er das Schreiben bekommen, wem er es übergeben, und welche Antwort er erhalten. Ein Soldat hatte ge⸗ ſagt:„Gut!“ und hatte dann die Thüre geſchloſſen. Die arme Kate! Es war ihre erſte Lection in der „lakoniſchen Soldatenſprache,“ und ſollen wir die Wahr⸗ heit geſtehen, ſo war ſie damit nicht recht zufrieden. Die „Princesse de Midchikoff« hätte doch rückſichtsvoller behandelt werden können. Sie ging, während ihr dieſer Gedanke durch den Kopf fuhr, an einem Spiegel vorüber, und ihre Miene ſtrafte dieſen Glauben nicht Lüge; auch konnte ſie ſich nicht enthalten, ihre eigene Schönheit zu bewundern, ob⸗ gleich dieſes Gefühl halb und halb mit einem andern,— mit dem der Scham nämlich, vermiſcht war. „Es iſt ein Soldat hier, Madame,“ ſagte ein Die⸗ ner,—„ein Soldat mit einem Briefe. Er will den⸗ ſelben aber durchaus nur Ihnen übergeben.“ „Man laſſe ihn alsbald herein!“ ſagte ſie unge⸗ duldig. And während ſie dieſe Worte ſprach, trat der Sol⸗ dat vor. Sich aufrichtend, ſalutirte er mit der Hand 55 3 Tſchako, während er, einen Brief überreichend, ſagte: 1„Vom Feldmarſchall von Auersperg!“ Kate ſah den Ueberbringer kaum an, ſondern riß den viereckigen Brief raſch auf. „Sie brauchen nicht zu warten,“ ſagte ſie zu dem Diener, und las dann den Brief, deſſen Inhalt folgender war: „Madame la Princesse und vielgeliebte Nichte! „Mit einer ſeit mehreren Jahren bei mir ſeltenen Freude habe ich die eben ſo liebevollen, als höflichen Zei⸗ len geleſen, die Sie an mich zu richten geruht haben,— an mich, einen alten und jetzt nutzloſen, aber nicht ver⸗ geſſenen Diener eines kaiſerlichen Herrn. Sobald ich das obgenannte Schreiben geleſen, ſchickte ich meinen Adjutanten in die Kaſerne des Regiments Franz Karl, um, wenn keine Dienſtregeln dawider wären, und keine Strafe vorläge, — für den Cadetten von Dalton einen eintägigen Urlaub zu erhalten—“ 3 „Zu welchem Regimente gehören Sie,“ fragte Kate den Soldaten haſtig. „Zum Regimente Franz Karl, Hoheit!“ ſagte der Jüngling ehrerbietig, von dem Titel Gebrauch machend, womit er den Diener ſeine Herrin hatte anreden hoͤren. „Kennen Sie viele von Ihren Kameraden,— unter den Cadetten, meine ich?“ „Es ſind ihrer nur ſieben beim Bataillone, Hoheit, und ich kenne ſie Alle.“ „Kennen Sie auch von Dalton?“ „Ich bin von Dalton, Hoheit,“ ſagte der Jüngling, während eine Rothe der Ueberraſchung und der Freude ſeine hübſchen Züge erleuchtete. „Frank! Frank!“ rief ſie, mit offenen Armen auf ihn zuſpringend, und, ehe er ſie noch erkennen konnte, ihm um den Hals fallend. 1 56 „Träume ich nicht? Iſt das Alles wirklich ſo? Biſt Du meine Schweſter Kate?“ rief der Jüngling, vor Aufregung beinahe erſtickend.„Und wie kommſt Du ſo hieher?“ Und er berührte, während er dieß ſagte, das koſtbare Sammtkleid, das ſie anhatte. „Du ſollſt Alles hören, lieber, lieber Frank: ich will Dir Alles ſagen, ſobald die Freude mich zu Worten kommen läßt.“ „Sie nannten Dich Hoheit: und wie hübſch biſt Du geworden!“ „Iſt es wahr, Frank?“ ſagte ſie, ihn zum Sitzen nöthigend. Und mit in einander geſchlungenen Händen, und einan⸗ der anſchauend, ſetzten ſie ſich. „Jetzt erſt fange ich an, Dich wieder zu erkennen,“ ſagte er langſam.„Du pflegteſt Dein Haar nie in ſo langen Locken zu tragen. Sogar Deine Geſtalt iſt ver⸗ ändert: Du biſt größer, Kate.“ „Es rührt dieß einzig und allein von den Kleidern her, die ich jetzt trage, Frank,“ ſagte ſie, in ſtolzem Selbſtbewußtſein erröthend. „Nein, nein: Du biſt ganz verändert. Sogar jetzt, wo ich neben Dir ſitze, fühle ich, ich weiß nicht, welche Scham, daß ich es wage, ſo nahe—“ 3 „So nahe bei einer großen Dame zu ſein, wollteſt Du ſagen, lieber Frank,“ ſagte ſie lachend.„Armer Junge, wenn Du wüßteſt.— ℳ Sie hielt inne, umhalſete ihn abermals, und fuhr dann geſchwind alſo fort: „Aber ſo erzähl' mir doch, lieber Bruder, wie es Dir geht! Biſt Du glücklich,— biſt Du gern Soldat, — iſt man freundlich gegen Dich,— iſt Onkel Stephan ſo, wie wir erwarten, daß er ſein ſollte?“ „Meine Geſchichte iſt nur kurz, Kate,“ ſagte er; vich bin noch, was ich war an dem Tage, als ich 57 in die Armee eintrat. Man haͤtte mich zum Corporal machen ſollen—“ „Zum Corporal!“ rief Kate lachend. „Ja, und das iſt noch'was Gutes,“ ſagte der Jüng⸗ ling,„da braucht man nicht Wache zu ſtehen; da braucht man keinen außerordentlichen Dienſt zu thun, keine Zimmer znu kehren, keine Schuhe zu putzen und ſo weiter; da iſt man auch vom Nachtpatrouillendienſte be⸗ freit und hat täglich noch vier Kreuzer Zulage.“ „Armer, lieber Junge!“ rief ſie, ihn auf die Stirn küſſend, während ſie ihn mit mitleidsvoller Liebe, die eine ganze Welt von Emotionen verrieth, anſchaute. „Aber erzähl' nun auch mir Deine ſeitherige Lebens⸗ geſchichte, Kate! Warum nennt man Dich Fürſtin?“ „Weil ich verheirathet bin, Frank— das heißt, weil ich verlobt bin— und bald getraut werde.“ „Und wann iſt dieſes geſchehen, ſag' mir doch Alles,“ rief er ungeduldig. „Du ſollſt Alles erfahren, theuerſter Frank. Du haſt gehört, wie Lady Heſter Onslow mich nach Italien mit⸗ genommen hat. Nelly hat Dir geſagt, wie wir in Flo⸗ renz lebten,— in welchem Glanze, und in welcher Herr⸗ lichkeit. Unſer Palaſt war von allen großen und aus⸗ gezeichneten Perſonen jeden Landes beſucht,— von Fran⸗ zoſen und Deutſchen,— von Spaniern und Ruſſen.“ „Ich kann die Ruſſen nicht leiden; fahr' aber nur fort!“ ſagte der junge Soldat haſtig. „Aber, warum kannſt Du die Ruſſen nicht leiden, Frank?“ fragte ſie. Und während ſie ſo ſprach, erröthete ſie. „Weil ſie falſch und verrätheriſch ſind. Sieh doch nur, wie ſie die Circaſſier zum Kriege getrieben haben, um dieſelben niederzumetzeln; ſieh doch nur, wie ſie die Polen zur Empörung treiben! Ja, es heißt ſogar, daß ſie in dieſem Augenblicke zu demſelben Zwecke in Ungarn Emiſſäre haben. Ich verabſcheue ſie!“ „Es mag dieß ihre Staatspolitik ſein, Frank; aber individuell—“ „Sind ſie um kein Haar beſſer; Walſtein kennt ſie genau.“ „Und wer iſt denn dieſer Walſtein, Frank?“ „Der prächtigſte Burſche im ganzen katſerlichen Heere; ich hätte gewünſcht, Kate, daß Du den vor allen Andern geheirathet hätteſt. Denke Dir einmal einen acht und zwanzig Jahre alten Huſarenoberſten: Du haſt ge⸗ wiß noch keinen ſo hübſchen, ſo tapferen Mann geſehen; und zu gleicher Zeit iſt er ein ſo gewandter Reiter! Du ſollſt ihn ſehen, Kate!“ „Aber es iſt zu ſpät, Frank!“ ſagte ſie lachend; „Du vergiſſeſt, daß es zu ſpät iſt!“ „Ah! ſo iſt es?“ ſeufzte der Knabe tief.„Oft be⸗ fürchtete ich das,“ murmelte er nach einer Pauſe.„Nel⸗ ly's Briefe ſagten mir ſo Etwas, und ich ſagte zu mir ſelbſt:„„Es wird zu ſpät ſein.““ „Dann hat Nelly Dir vielleicht Alles geſagt?“ ſagte ſie. „Nein, nicht Alles; auch hat ſie mir Nichts recht deutlich geſagt. Ich konnte nur herausfinden, was ihre eigenen Eindrücke zu ſein ſchienen, denn es erſchienen die⸗ ſelben als bloße Muthmaßungen.“ „Und welcher Art waren denn dieſelben?“ fragte Kate neugierig. „Sie waren gerade von der Art, wie Du ſie von ihr erwarten würdeſt. Ewige Befürchtungen wegen Ver⸗ ſuchungen, Prüfungen und dergleichen; und unaufhöͤrliche Wünſche, daß Dein Herz allen Schmeicheleien, wovon Du umgeben ſeieſt, widerſtehen möge. Die alte Ge⸗ ſchichte in Betreff der Demuth. Ich dachte bei mir ſelbſt: „Wenn Kate die Lection nicht mehr braucht, als ich, ſo läuft ſie am Ende keine ſo große Gefahr!““ Denn auch ich wurde vor den Verführungen der Welt gewarnt. Mir, einem armen Cadetten, der jeden Tag nur ein Paar 59 Kreuzer bekommt, wurde geſagt, ich ſolle kein Sybarite ſein! Ich komme von einem fünfſtündigen Patrouillen⸗ dienſte zurück, durch und durch naß, um in einer kalten, feuchten Kaſerne Uniform, Lederzeug und Waffen zu putzen und blank zu halten, und dann ermahnt man mich, ich ſolle mich vor gemeiner Geſellſchaft hüten, während Alle um mich her die ewigen Strapazen verwünſchen und die Sclaverei des Dienſtes verfluchen!“ „Unſere theuerſte Nelly weiß ſo Wenig von der Welt!“ ſagte Kate, indem ſie einen kurzen Blick in den Spiegel warf und eine Franſe von golddurchwirkten Spitzen, die in ihrem Haare befeſtigt war, anders ordnete. „Sie weiß Nichts davon,“ ſagte der Jüngling, ſich mit ſeiner Degenquaſte zu ſchaffen machend.„Sie glaubte, unſere Huſaren trügen weiße Dolmans und gerade Säbel, wie die Küraſſiere.“ „Und das liebe, einfache Geſchopf fragte mich in einem ihrer Briefe, ob ich jetzt noch, wie früher, wilde Blumen in meinem Haare trüge,“ ſagte Kate, einen an⸗ dern verſtohlenen Blick in den Spiegel werfend.„Blu⸗ men ſind hübſch auf dem Kopfe, wenn Rubine die Nel⸗ ken und lauter Diamanten die Thautropfen ſind.“ Frank blickte ſie an, während ſie dieſes ſagte, und ſah zum erſten Male den ſtolzen Ausdruck, den ihre Ge⸗ ſichtszüge annahmen, wenn ſie durch ein Thema aufge⸗ regt waren, wobei die Eitelkeit ihre Rechnung fand. „Du biſt gewaltig verändert, theuerſte Kate,“ ſagte er gedankenvoll. „Iſt die Veränderung eine Veränderung zum Schlim⸗ meren, Frank?“ ſagte ſie in halb koketter Weiſe. „Oh! was die Schönheit betrifft, ſo biſt Du tau⸗ ſend Mal hübſcher,“ rief der Jüngling enthufiaſtiſch. „Ich weiß nicht, wie es kommt, aber jeder Ausdruck er⸗ ſcheint mir als hoͤher, jeder Geſichtszug als erhabener; Deine Miene, Deine Geſte, ja ſogar Deine Stimme, die —— 60 ich doch einſt für die Muſik ſelbſt hielt, iſt jetzt weit mil⸗ der und ſanfter.“ „Welcher Schmeichler!“ ſagte ſie, ihm ſanft auf die Wange ſchlagend. „Aber, Kate, ſag' mir doch, haben dieſe Retze Nichts gekoſtet?“ ſagte er ernſter.„Iſt Dein Herz noch ſo einfach? Iſt Deine Liebe noch ſo rein? Ah, Du ſeufzeſt,— und wie ſchwer iſt Dein Seufzer. Arme, arme Kate!“ Und ſie legte ihren Kopf auf ſeine Schulter, wäh⸗ rend das ängſtliche Schwellen ihres Buſens anzeigte, wel⸗ chen Kummer der Augenblick ihr koſtete. „Nelly hat Dir alſo meine Verlobung mitgetheilt?“ flüſterte ſte mit ſchwacher Stimme. „Nein; davon habe ich Nichts gewußt. Sie hat mir von dem Leben erzählt, das Du führeſt; von den großen Perſonen, mit denen Du auf vertrautem Fuße ſtändeſt; und allmählig ſchlüpfte ein Wink, eine kleine Anſpielung in Betreff des Zuſtandes Deines Herzens heraus. Vielleicht wußte oder wollte ſie es nicht, aber ich bemerkte, indem ich ihre Briefe immer wieder las,— ſie waren der Troſt mancher trüben Stunde,— daß ein Name ſo oft in Verbindung mit dem Deinigen kam. Du ſelbſt mußt denſelben oft genannt haben, denn ich ſah ihn in jedem Auszuge, der aus Deinen Briefen gemacht wurde.“ „Das war ſeltſam. Es muß aus reiner Unachtſam⸗ keit geſchehen ſein,“ ſagte ſie, in Gedanken verſunken. „Ich glaubte, ich hätte kaum von ihm geſprochen.“ „Sieh doch, wie Deine Hand die Wahrheit ſagte, ſogar wider Dein Wiſſen,“ ſagte er lächelnd. Kate antwortete Nichts, ſondern ſaß, in Gedanken verſunken, da. „Und iſt er hier? Wann werde ich ihn zu Geſicht bekommen?“ fragte Frank ungeduldig. „Nein, Frank. Er iſt in Italien; er iſt dort durch wichtige Geſchäfte zurückgehalten. Auch duldet es die Etikette nicht, daß wir zuſammen reiſen. Sobald die Erlaubniß des Kaiſers erlangt iſt—“ „Welches Kaiſers?⸗ fragte Frank erſtaunt. „Unſeres Kaiſers,— des Czars.“ „Was haſt denn aber Du, eine geborene Englän⸗ derin, mit dem Czar zu ſchaffen?“ 5„Der Fürſt, mein künftiger Gatte, iſt ſein Unter⸗ than.“ „Ei, dieſe Myſtiſication geht ja gar nicht zu Ende!“ rief der Jüngling ungeduldig.„Wie kann ein engliſcher Soldat ein ruſſiſcher Fürſt ſein?“ „Ich verſtehe Dich nicht, Frank. Fürſt Midchikoff i*ſt ein geborener Ruſſe.“ „So heiratheſt Du denn einen Ruſſen?“ ſagte er mit tiefbewegter Stimme.„Bis daher hatte ich geglaubt, mein künftiger Schwager wäre ein Engländer. Ich glaubte, es ſei derſelbe George,— derſelbe George Onslow.“ Während er dieſes ſagte, ſiel ihm ein ſtarkes, dum⸗ pfes Geräuſch auf. Es war Kate, die, ohnmächtig, auf das Sopha zurückgeſallen war. Es ſtand lange an, bis ſie wieder zu ſich kam, obgleich Frank es an Nichts feh⸗ len ließ, um ſie wieder zu ſich zu bringen; und ſelbſt dann, als das Bewußtſein zurückkehrte, ſtrömten Thränen aus ihren Augen und über ihre Wangen herab, während ſie ſtumm und bewußtlos dalag. „Arme Kate, arme theure Schweſter!“— Das war Alles, was Frank zu ſagen vermochte, während er ihre kalte, klebrige Hand in der ſeinigen hielt, und er mit faſt brechendem Herzen ihre blaſſen Geſichtszüge anſchaute. Ihr Zuſtand war dem Tode ſo ähnlich!„Und wäre der Tod vielleicht nicht heſſer?“ dachte er, indem er die Geſchichte überdachte, deren Geheimniß er nun kannte. Wie ganz anders beurtheilte er jetzt Nelly's Rathſchläge! Ganz anders dachte er nun von der Weisheit, die er noch vor einigen Minuten verhöhnt hatte!„Und ſo iſt es!“ murmelte er. „Wenn wir, die wir in beſcheidenen Verhältniſſen geboren wurden, dem Chrgeize froͤhnen wollen, ſo müſſen wir es mit unſerem Herzblute bezahlen. Nelly hatte Recht; ſie hat das oft geſagt. Hundert und tauſend Mal hat ſie mir geſagt:„„Rechtſchaffenheit iſt der ein⸗ zige ſichere Weg zur Größe.““ Ah, wie Schade iſt es, daffoin ſo ſchoͤne Perſon, wie dieſe, den Weg verfehlt hat 4 Und dann küßte er, heftig ſchluchzend, ihre Hand und benetzte ſie mit ſeinen Thränen.. „Frank, Du biſt bei mir,— Du wirſt mich nicht verlaſſen,“ ſagte ſie matt, indem ſie die Augen oͤffnete und verwirrt umher ſtierte.„Ich erinnere mich an Al⸗ les,— jetzt— an Alles,“ ſagte ſie, die letzten Worte betonend.„Wir ſind in Wien: ich erinnere mich an Alles. Läute doch, Frank: Nina ſoll hereinkommen, geh' Du aber nicht weg; geh' Du ja nicht weg!“ Bald erſchien Nina und half Kate aufſtehen mit einem Blicke, worin ſich halb und halb Ueberraſchung und Bewunderung,— eingefloͤßt von dem hübſchen Sol⸗ daten,— ausdrückte. „In einem Augenblicke bin ich wieder bei Dir, Frank,“ ſagte ſie mit einem matten Lächeln und verließ das Zimmer. Und der Jüngling ſaß da, überwältigt von der ge⸗ waltigen Aufregung, und begrub ſein Geſicht in den Händen. „Siebenundvierzigſtes Kapitel. Prieſterliche Rathſchläge. Frank war ſo ſehr von ſeinen eigenen Reflexionen erfüllt, daß er beinahe die Abweſenheit ſeiner Schweſter ver⸗ gaß; auch bemerkte er nicht, wie die Zeit verſtrich, als er plötzlich ein Geräuſch von Stimmen, ſowie eine Thüre zu⸗ ſchlagen hoͤrte. Er blickte auf und ſah einen hübſchen Mann, etwa von mittlerem Alter. Es war derſelbe in das tiefe Schwarz eines Prieſters gekleidet, und dabei trug er eine Art blauen, ſeidenen Kragens,— das Zeichen eines re⸗ ligiöſen Ordens. Seine Geſichtszüge waren vollkommen regelmäßig, und deren Ausdruck ſo ſanft und artig, als man es ſich nur denken konnte. Auch lag, während er eintrat, in ſeinem Gange eine ruhige Würde, die zeigte, wie ſehr er ſich auf dem ſanften Teppiche und in der par⸗ fümirten Atmoſphäre eines Salons heimiſch fühlte. Sich zwei Mal gegen Frank verneigend, grüßte er dieſen mit einem Lächeln, das ſo artig und einnehmend war, daß es dem Jüngling beinahe war, als ob ſie mit einander ſchon längſt bekannt wären. „Ich bin gekommen,“ ſagte der Prieſter,„um der Princesse de Midchikoff meine Aufwartung zu machen, und wenn mein Auge mich nicht trügt, ſo habe ich die Ehre, hier ihren Bruder zu ſehen.“ Frank erröthete vor Freude, während er die Frage durch eine Verneigung bejahte. „Darf ich,— da Ihre abweſende Schweſter es nicht ſelbſt thun kann,— ſo frei ſein, mich ſelbſt Ihnen vor⸗ zuſtellen?“ fuhr er fort.„Vielleicht haben Sie ſchon vom Abbé d'Esmonde gehört?“ 64 „Zu wiederholten Malen,“ rief Frank, die dargebo⸗ tene Hand erfaſſend.„Nelly hat Ihrer faſt in jedem Briefe Erwähnung gethan. Sie waren in Italien immer ſo gütig gegen Kate.“. „Wie ſchön werde ich belohnt, wäre nicht das Ver⸗ gnügen, Miß Dalton zu kennen, eine hinreichende Beloh⸗ nung. Nur ſelten findet man jene Vereinigung von Vor⸗ trefflichkeit, die über alle Huldigungen der Faſhion zu ge⸗ bieten, und auf der andern Seite doch auch die Billigung eines armen Prieſters zu gewinnen vermag.“ Es lag in dem Tone, womit dieſe Worte geſprochen wurden, eine Demuth, die tief genug war, um faſt pein⸗ lich zu ſein; aber Frank konnte nicht lange über die Worte nachdenken, denn ſchon hatte der Abbé ſich neben ihn auf das Sopha geſetzt, und ſich in eine Eroͤrterung aller Reize und Vorzüge Kate's vertieft. Es lag in den Worten des Abbé eine Aufrichtigkeit, — ein nur durch ſeinen prieſterlichen Charakter vor Miß⸗ deutung geſchützter Eifer der Bewunderung, der den Jüng⸗ ling entzückte. Wurde auf ihre Schoͤnheit angeſpielt, ſo geſchah es nur, um das Lob zu erhöhen, das er ihr wegen anderer Gaben ſchenkte, und um die wohlgeregelte Thätig⸗ keit eines Geiſtes auseinanderzuſetzen, der ſich von aller Eitelkeit ſo frei zu halten wiſſe. Ihr richtiges Urtheil, ihr intuitiver feiner Geſchmack, die außerordentliche Zart⸗ heit ihres Gefühls,— das waren die Themas, wobei er verweilte, und Frank fühlte, daß dieß in der That ſeltene Gaben ſein müßten, wenn ſchon die Beſchreibung derſelben ſo angenehm wäre. Nach dem, was der Abbé ſagte, war die Heirath Kate's mit dem großen Ruſſen ſo gar nicht als ein außer⸗ ordentliches Glück anzuſehen, daß ſie vielmehr ihre Stel⸗ lung unter den erſten Häuſern Europa's nur zu wählen brauchte. Zwar ſei, ſetzte er hinzu, der Reichthum Mid⸗ chikoffs ein wahrhaft königlicher, und da der Fürſt mit einem unermeßlichen Vermoͤgen nicht unbedeutende per⸗ 65 ſönliche Verdienſte vereinige, ſo habe die Verbindung ſo Viel für ſich, daß ſie hinlaͤnglich ſich ſelbſt empfehle.“ „Und iſt dem wirklich ſo 2 rief Frank eifrig.„Iſt der Fürſt wirklich ein feiner Mann?“ „Er iſt großmüthig und freigebig in einem faſt fabel⸗ haften Grade,“ ſagte d'Esmonde, der mehr ſeine eigenen Gedanken zu verfolgen, als auf Frank's Frage zu ant⸗ worten ſchien.„Der Glanz ſeines Lebens hat ſchon ein Sprüchwort canoniſirt.“ „Aber ſein Temperament, ſeine Manieren, ſein Cha⸗ rakter?“ „Gleich allen ſeinen Landsleuten iſt er gegen Fremde zuruͤckhaltend, ja faſt kalt; ſeine vertrauten Freunde ſpre⸗ chen aber von ihm, als von der perſoniſicirten Offenheit und Aufrichtigkeit. Selbſt über politiſche Gegenſtände, in Beziehung auf welche die Ruſſen gewöhnlich ſich ſo über⸗ aus behutſam zeigen, ſpricht er ſeine Anſicht frei und männlich, und, ſeltſam genug, mit einer Freifinnigkeit aus, die, obgleich in uunſerem Vaterlande gar nicht ungewoͤhn⸗ lich, doch in ſeinem ſehr ſelten ſein muß. „Das iſt doch ſeltſam!“ ſagte Frank gedankenvoll. „Ja,“ ſagte d'Esmonde, in den Ton eines Menſchen fallend, der, mitt ſich ſelbſt ſprechend, nach und nach ſeine geheimſten Gedanken ausſchüttete,—„ja, er fühlt, was wir Alle fühlen;— er fuͤhlt, daß dieſer Zuſtand der Dinge nicht in die Länge dauern,— daß die Ungleichheit zwiſchen den Menſchen zu groß und zu auffallend werden kann. Der Contraſt zwiſchen dem Reichthum und der Armuth kann ſich in allzu anſtößiger Weiſe zeigen! Die Menſchen können eines ſchönen Tages ſich weigern, zu einer Erneuerung des ihre Sklaverei verbürgenden Contrartes ihre Zuſtimmung zu geben, und dann,— und dann— ℳ „Bekommen wir vermuthlich einen Sklavenkrieg,“ rief Frank ruhig;„aber die Truppen werden ihnen ſtets eine Lektion geben.“ Die Daltons. IV. 5 66 „Glauben Sie das, mein lieber junger Freund?“ ſagte der Abbé in liebevollem Tone;„glauben Sie nicht vielmehr, die Soldaten werden allmälig einſehen, daß ſie Bürger ſind, und daß, wenn ſie für Andere Feſſeln ſchmie⸗ den, d43 Metall für ſie ſelbſt zu Ketten geformt werden kann?“ 1 „Aber ſie haben einen Eid geſchworen,“ ſagte der Jüngling;„ſie haben den Eid der Treue geſchworen.“ „Ganz richtig, das haben ſie gethan; aber was iſt denn der Eid?— die eine Hälfte eines Vertrags, die nicht als bindend angeſehen werden kann, wenn die andere Hälfte gebrochen wird. Laſſen Sie einmal die ſociale Politik einer Regierung ihren großen Zweck,— das Glück eines Volkes— verfehlen;— laſſen Sie einmal eine ganze Nation nach und nach aufhören, derjenigen Vortheile zu genießen, um deren willen ſie die Laſten und die Bande der Familie übernommen haben;— laſſen Sie ſie mit jedem Tage in der Stufe der Civiliſation und des Wohlſeins tiefer ſinken,— laſſen Sie ſie heute dieſes, morgen jenes Privilegiums ſich entäußern, und laſſen Sie ſie endlich am Rande des Abgrundes ankommen, aus dem ihnen Nichts entgegenſchaut, als die entwürdigendſte Skla⸗ verei:— was würden Sie dann zu dem Befehle ſagen, der Ihnen geboͤte, mit dem Bajonette auf die Leute los⸗ zugehen, wenn auch die Formalität eines Rekruteneides den Gehorſam zu ſichern ſcheinen moͤchte?“ „Ich würde thun, wie mir befohlen würde,“ ſagte Frank ernſt. „Ich glaube nicht, daß Sie das thun würden,“ ſagte der Abbé lächelnd.„Ich leſe in Ihnen etwas ganz An⸗ deres. Ich kann ſogar in dieſem Augenblicke in dem Blitzen Ihres Auges den Chrgeiz eines kühnen, energiſchen Geiſtes leſen; ich kann darin leſen, daß, wenn der Augen⸗ blick käme, Sie der ſchwächeren Sache mit allen ihren Gefahren eher zufallen, als daß Sie der Tyrannei bei all ihrer Stärke beiſtehen würden. Auch vergeſſen Sie nicht, 67 daß dieß nicht der Vertrag iſt, unter dem Sie in den Dienſt getreten, obgleich derſelbe unter gewiſſen eigenthüm⸗ lichen Umſtänden an Ihr Pflichtgefühl appelliren konnte. Eine Armee iſt keine Gendarmerie,— oder ſollte wenig⸗ ſtens keine ſolche ſein. Kämpfen Sie gegen die Feinde Ihres Landes,— tragen Sie die Fahne deſſelben in die Ebenen Frankreichs,— pflanzen Sie den Doppeladler noch ein Mal auf dem Carouſſelplatze auf;— denn ſelbſt der Angriffskrieg hat ſeine glorreichen Compenſationen in der Form von ritterlichen und heroiſchen Thaten.— Aber hier iſt die Fürſtin,“ ſagte der Abbé, aufſtehend und freundlich auf ſie zugehend.. „Ah, der Abbé d'Esmonde!“ rief Kate mit einem Ausdrucke des Entzückens, während ſie die Hand ausſtreckte, die der Prieſter mit all der Galanterie eines Hofmanns an ſeine Lippen drückte. „Wie angenehm, das Geſicht eines Freundes in dieſem fremden Lande zu ſehen!“ ſagte ſie.„Herr Abbé, dieß iſt mein Bruder Frank, von dem Sie mich ſo oft haben ſprechen hoͤren.“ „Wir haben bereits Bekanntſchaft mit einander ge⸗ macht,“ ſagte d'Esmonde, ſeinen Arm um den des Sol⸗ daten ſchlingend;„und obgleich unſere Röcke nicht von derſelben Farbe find, ſo denke ich doch, daß dieß bei vie⸗ len unſerer Grundſätze zutrifft.“ Nach ein Paar Augenblicken ſaß er ſchon zwiſchen dem Bruder und der Schweſter auf dem Sopha, die Ein⸗ zelheiten ſeiner Reiſe erzählend, und zu Kates Beluſtigung das Neueſte aus Florenz berichtend. „Lady Heſter befindet ſich jetzt weit beſſer, und iſt auch in weit beſſerer Laune,“ ſagte der Abbé;„die Schläge des Schickſals ſcheinen ſich als minder hart zu erweiſen, als man anfänglich geglaubt; wenigſtens iſt es wahrſchein⸗ lich, daß Sir Stafford's Verluſte verhältnißmäßig unbe⸗ deutend ſein werden. Wie ich glaube, ſo entſpringt ihre Zufriedenheit in dieſem Stücke ganz und gar aus dem Gefühle, daß jetzt Niemand mehr in einer Veränderung 68 ihrer Vermoͤgensumſtände den Grund ihres Religionswechſels erblicken könnte.“ „Und hat ſie wirklich einen andern Glauben ange⸗ nommen?“ fragte Kate mit einem gewiſſen Grade von Angſt, denn ſie wußte gar wohl, auf welch ſchwachem Grunde Lady Heſter's Ueberzeugungen gewoͤhnlich ruheten. „Sie iſt noch nicht öffentlich übergetreten; ſie will erſt nach Rom reiſen, und dort am Altare von Sct. Jo⸗ hann von Lateran ihr neues Glaubensbekenntniß ablegen. Ihre Zweifel ſind indeſſen alle geloͤst,— und ihre Bekeh⸗ rung vollſtändig.“ „Iſt ſie glucklich? Hat ſie endlich den Seelenfrieden gefunden?“ fragte Kate ſchüchtern. „Was dieſen Punkt betrifft, ſo kann ich ganz zuver⸗ ſichtlich ſprechen,“ ſagte d'Esmonde warm, und ging mit einem Male zu einer Beſchreibung des angenehmen Im⸗ pulſes über, den eine Reihe neuer Gedanken und Eindrücke de, erſchöpften Lebensthätigkeit einer„feinen Dame“ ge⸗ geben. Auch war das, was der Abbé ſagte, in ſo fern wahr, als Lady Heſter ſeit einigen Tagen auch nicht einen Augen⸗ blick der Langweile gekannt hatte. Von heiligen Emble⸗ men und hundert andern, mit der Religion mehr oder minder in Verbindung ſtehenden, Dingen umgeben, kam es ihr vor, als ob ſie ein Stück Lebenspoeſie ſpielte, in dem eine Menge liebenswürdiger Eigenſchaften, von denen ſie früher Nichts gewußt, ſich vor ihren Augen entwickel⸗ ten! Und dann darf nicht vergeſſen werden, daß ſie bei den vielen verdienſtlichen Werken, die ſie unternahm,— daß ſie bei den vielen Gebeten um die Fürſprache der Heiligen, bei den Beſuchen an Altären und Reliquienkä⸗ ſten, und bei den Altarverzierungen, denen ſie ſich unterzog, keinen freien Augenblick hatte; es war eine unaufhoͤrliche Runde von Pflichten, deren ſie ſich erledigte, und es war deerr Tag ſogar zu kurz zu den vielen Gebeten, Beichten und Büßungen, ſowie zur Verfertigung der vielen Bou⸗ quets und zum Anzünden der Lampen und Kerzen. Die kleine Villa la Rocca war jetzt ein heiliges Gebäude. Aus dem Salon war eine Hauskapelle gewor⸗ den; ein hohlwangiger Seminariſt von Como hatte die Stelle des Maeſtro di Caſa eingenommen. Die Pagen trugen ein Gewand, das dem der Akoluthen ähnlich war; und ſelbſt Alfred Jekyl fing an zu fürchten, es möchte für ihn ein Koſtüm in der Arbeit ſein, da er bemerkt hatte, daß ſeine Geſtalt ſchon einige Male mit ungewoͤhn⸗ lich aufmerkſamen Blicken gemeſſen worden. „Meine Zeit iſt nun verſtrichen,“ ſagte Frank haſtig, indem er ſich erhob, um ſich zu entfernen. „Wie! Du willſt mich ſchon verlaſſen, Frank?“ ſagte ate. „Ja, ich kann nicht länger da bleiben; mein Urlaub dauert bloß bis ein Uhr, wie Du aus dem Schreiben des Feldmarſchalls hätteſt erſehen können; aber ich glaube, Du haſt es in das Feuer geworfen, noch ehe Du es aus⸗ geleſen hatteſt.“ 3 „Habe ich das wirklich gethan? Ich weiß von All dem Nichts mehr. Aber bleib doch da: ich will ihm ſchrei⸗ bn Ich will ihm ſagen, daß ich Dich hier zurückge⸗ alten.“ „Aber der Dienſt, liebe Kate,— aber der Dienſt! Mein Feldwebel,— mein Oberlieutenant,— mein Haupt⸗ mann,— was werden die ſagen? Es wäre moͤglich, daß ich wegen meines⸗ Ungehorſams drei Tage in Arreſt käme, — und noch dazu geſchloſſen!“ „Die moderne Chevalerie hat Etwas von der Tret⸗ mühle an ſich,“ ſagte d'Esmonde ſarkaſtiſch, und die ange des Jünglings wurde feuerroth, als er dieſe Be⸗ merkung hörte. Der Prieſter indeſſen hatte ſich bereits weggewandt, und war in eine Fenſtervertiefung getreten, um Bruder und Schweſter unbelaſtigt mit einander ſprechen zu laſſen. 70 5 73c kann ihn nicht recht leiden, Kate,“ flüſterte rank. „Du kennſt ihn eben noch nicht recht,“ ſagte ſie lächelnd.„Aber wann kannſt Du mich wieder beſuchen, — hoffentlich morgen in aller Frühe?“ „Ich werde, fürchte ich, Deinem Wunſche nicht ent⸗ ſprechen können. Wir haben Parade und Feldinſpektion, und dann, um zwölf Uhr, Rapport.“ „Ueberlaß alſo die Sache mir, lieber Frank!“ ſagte ſie, ihn küſſend.„Ich muß es verſuchen, ob ich den Feld⸗ marſchall nicht beſſer herum bringen kann, als Du?“ „Da! Hörſt Du den Rappell ſchlagen?“ rief der Jungling ſchreckerfüllt. . Und ſeinen Tſchako eiligſt ergreifend, verließ er das Zimmer, ſo zu ſagen, in einem Sprung. „Ein harter Dienſt,— oder wenigſtens eine ſtrenge Disciplin,“ ſagte d'Esmonde in mitleidsvollem Tone:„es iſt ſchwer zu ſagen, ob das gut oder ſchlecht wirkt, da es die Entwicklung jedes edleren Impulſes gewiß ebenſo ſehr hemmt, als es den ungeſtümen Leidenſchaften der Jugend Einhalt thut.“ „Ganz wahr,“ ſagte Kate ſpitzig;„es könnte ſcheinen, als läge in ihrem Regime etwas Prieſterliches. Das In⸗ divlduum iſt Nichts, der Dienſt Alles.“ „Ihrem Gleichniſſe geht ein großes Element— die Macht der Aehnlichkeit— ab, Madame,“ ſagte d'Esmonde mit einem halben Lächeln;„der Soldat hat nicht, wie der Prieſter, eine große Hoffnung, die ihn aufrecht hält, — er kann keinen glorioſen Zweck verfolgen. Er weiß nur Wenig, oder Nichts von der Sache, in der er ſein Schwert zieht;— ſeine Sympathien koͤnnen ſogar ſeiner Pflicht feindlich gegenüber ſtehen. Sogar der Jüngling, der uns ſo eben verlaſſen,— ein ſo edles Herz er auch hat,— welch ſeltſame, wilde Begriffe von Freiheit hat er eingeſogen! Wie feindlich ſtehen alle ſeine Speculationen 4 71 dem ſtrengen Rufe der Pflicht gegenüber, die er zu erfül⸗ len geſchworen hat!“ „Und unterſteht er ſich— „Nein, nein, Madame, er hat ſich keine Indiscretion zu Schulden kommen laſſen; mein beſcheidener Lebensberuf hat mich gelehrt, daß, wenn ich von aller Theilnahme an den Emotionen ausgeſchloſſen bin, die meine Mitmenſchen beherrſchen, ich dieſelben wenigſtens in ihrem Entſtehen ſtudiren, im Zuſtande ihrer Kindheit beobachten, und bis zu dem Punkte verfolgen kann, wo es ſich zeigen muß, ob ſie gute oder böſe Früchte tragen. „Glauben Sie ja nicht, theuerſte Fürſtin, daß wir bloß hinter dem Gitter des Beichtſtuhles die Geheimniſſe der Menſchen leſen. Gleichwie der Arzt ſeine anatomi⸗ ſchen Kenntniſſe an dem lebloſen Körper erwirbt, ebenſo lernen auch wir den verwickelten Bau des menſchlichen Herzens in der todähnlichen Stille der Zelle, während wir den reuigen Sünder vor uns haben, kennen! Aber all' die ſo erworbene Kenntniß iſt bloß ein Schritt zu etwas Weiterem. „Wir leſen die verwickelte Geſchichte des Herzens, — wir leſen deſſen Kämpfe,— deſſen Anſtrengungen, — wir leſen hier das Streben nach dem Guten, und dort wieder das unvermeidliche Zurückſinken in den Pfuhl des Laſters; wir leſen den armſeligen, ſchwachen Anlauf zur Tugend,— und die gewaltige Energie der Sünde; — wir hoͤren Tag für Tag dieſe traurige Geſchichte; — wir erfahren, wie tief die Quelle der Verderbniß auch in den ſogenannten reinſten Naturen liegt;— wir erfahren, daß auch nicht ein edler Gedanke,— daß auch nicht eine edle Aſpiration,— daß auch nicht ein heiliger Wunſch aufſteigt, der durch irgend eine ſchlechte Beimiſchung weltlicher Motive nicht verfälſcht worden. Alſo bewaffnet, ziehen wir hinaus in die Welt, um gegen die Lüſte und Verführungen des Lebens zu kämpfen! Wie können wir durch die Reize, die Andere 72 verführen, getäuſcht werden? Was ſind in unſern Au⸗ gen jene prätentiöſen Beiſpiele von Selbſtaufopferung,— jene Geldopfer, jene ſtolzen Acte der Freigebigkeit, welche die Welt in Erſtaunen ſetzen, deren geheime Urſachen aber wir kennen? „Iſt es daher ein Wunder, wenn ich die ungekün⸗ ſtelte Natur eines Jünglings, wie er iſt, geleſen, oder wenn ich in ihm die Triebfedern eines Ehrgeizes ſehe, die er ſelbſt noch nicht kennt? „Ja, es wäre wohl von mir nicht vermeſſen, zu ſagen, daß ich noch ſchwierigere Inſchriften, als die, welche auf ſeinem Herzen zu leſen ſind, entziffert habe. Es iſt mir gelungen, auch auf dem Herzen ſeiner Schwe⸗ ſter einige aufzufinden!“ Dieſe letzten Worte waren langſam geſprochen und ſcharf betont; zwiſchen jedem ließ der Abbé eine kleine Pauſe eintrelen, um auf Kate einen hochſt bedeutſamen Blick zu heften. Kate's Wange wurde ſcharlachloth, dann blaß, und dann erröthete ſie von Neuem, bis Hals und Schultern zuſammen hochroth wurden. Sie haben mir Nichts zu bekennen,— Nichts zu beichten, mein liebes, liebes Kind,“ ſagte D'Esmonde, während er, ihre Hand erfaſſend, ſie auf das Sopha neben ſich niederdrückte.„Ihre ſtammelnden Lippen haben Nichts zu articuliren,— haben keinem Grame, keinem Kummer Worte zu leihen; denn ich kenne denſelben Hier hielt er einige Sekunden inne. Dann fuhr er alſo fort: „Auch brauchen Sie mich nicht als einen ſtrengen oder unbarmherzigen Richter zu fürchten. Wo ein Opfer iſt, da iſt auch Segen!“ Kate ließ den Kopf hangen, aber ihr Buſen bewegte ſich heftig, und ihre ganze Geſtalt zitterte vor Auf⸗ regung. 4 —— 73 „Ihre Beweggründe,“ hob der Abbé wieder an, „würden ſelbſt eine unbeſonnene Handlungsweiſe adeln. Ich kenne den Preis, um den Sie Ihr Glück, und nicht nuein Ihr, ſondern auch eines Andern Glück hingegeben aben. Sie ſchluchzte heftig, und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. „Der arme, arme Burſche!“ rief er, gleich als wäre er von ſeinen Gefühlen übermannt, und als koͤnnte er nicht umhin, denſelben Worte zu leihen,„wie ſchmerzte es mich,— trotzdem, daß wir durch einen weiten, gäh⸗ nenden Abgrund von einander getrennt waren,— wie ſchmerzte es mich, zu ſehen, daß er ſich einer vollſtändi⸗ gen Verzweiflung überließ, und bald die herzloſen Ausſchwei⸗ fungen verwünſchte, in denen er ſein Leben vergeudet, bald ſich ſelbſt anklagte, daß er goldene Gelegenheiten verſäumt, herrliche Augenblicke vergeudet, kleinliche Mißverſtändniſſe zu Abneigungen geſtempelt, in einer vorübergehenden augen⸗ blicklichen Kälte eine gefliſſentliche, prämeditirte Verach⸗ tung erblickt! „Früher waren wir einander beinahe ganz fremd ge⸗ weſen,— ja, ich glaubte halb und halb, daß er mich miede. Wahrſcheinlich,“— hier lächelte d'Esmonde in ſanft würdevoller Weiſe,—„wahrſcheinlich nannte er mich einen„„Jeſuſten““ und es iſt ja bekannt, wie ſchrecklich dieſer Name in guten proteſtantiſchen Ohren klingt; auf ſeinem Krankenbette aber, während er allein und von Schmer⸗ zen gequält da lag, entledigte ſich ſein Geiſt der trügeri⸗ ſchen Einflüſſe des Vorurtheils; da war er gerechter gegen mich; da ſah er, daß ich ſein Freund bin. „Gar viele Stunden brachten wir damit zu, daß wir von Ihnen redeten; und dieſes Thema ſchien einer Eriſtenz, füͤr die die Welt bis dahin gar keinen Werth mehr gehabt hatte, neue Elaſtizität zu verleihen. Noch nie zuvor habe ich ſo viel Leidenſchaft mit ſo viel Gerechtigkeit und einem ſo ſehr zur Nachſicht geneigten Naturell vereinigt geſehen. ——— 74 „Es bedurfte gar keiner Hülfe von meiner Seite, um Ihre Beweggründe in ihrem wahren Lichte zu erblicken. „„Sie hat das nicht um ihrer ſelbſt willen gethan,““— das waren die Worte, die er nie auszuſprechen aufhörte. „Er kannte wohl die Anſprüche, welche Ihre Familie an Sie machen würde;— er kannte wohl die herzzerreiſe ſenden Bitten derer, denen Sie Ihr Ohr nicht verſchlie⸗ ßen konnten!„„O! könnte ich nur denken, daß ſie mich nicht vergißt, daß in ihrem Herzen ein kleines Plätzchen für mich übrig geblieben!““— Dieß war ſein inbrünſti⸗ ges Gebet, von Lippen geſprochen, die durch die Hitze des Fiebers vertrocknet waren; und als ich ihm ſagte, er ſolle an Sie ſchreiben—“ „An mich ſchreiben!“ rief ſie, ſeinen Arm ergrei⸗ fend, während ihre Wangen vor Qual zitterten,—„Sie gaben ihm einen ſolchen Rath?“ „Nicht allein das that ich,“ ſprach d'Esmonde ruhig, „ich verſprach ihm auch, daß ich ſelbſt Ihnen den Brief überbringen würde. Iſt das Märtyrerthum darum minder herrlich, weil dem Opfer ein Schrei des Schmerzens ent⸗ fährt, oder weil ſeine Glieder zucken, während die Flamme um dieſelben ſpielt? Soll der Selbſtaufopferung die ſchmerzliche Befriedigung verſagt ſein, ihre Leiden ſagen zu dürfen? Ich hieß ihn ſchreiben, weil es, wie ich dachte, ſowohl für ihn, als für Sie gut ſein mußte.“ Sie ſtarrte ihn an, gleich als wollte ſie ihn fragen, was er damit ſagen wollte. „Ja, ich dachte, daß es für Beide gut ſein würde,“ antwortete er langſam.„Die Liebe wird ihm ein Leit⸗ ſtern durchs Leben ſein, und ihn auf Wegen hohen und ehrenhaften Ehrgeizes führen; Ihnen aber wird ſie ein Troſt in Stunden ſein, die ſelbſt der Glanz des Reichthuus nicht zu erheitern im Stande ſein wird. „Glauben Sie mir,“ hier erhob er ſeine Stimme bis zum Tone des Befehls und der Autorität—„glau⸗ ben Sie mir, dieſe Negation iſt das Loos Aller. Am 75 Gluͤcklichſten ſind am Ende noch die, die nur in ihrer Affek⸗ tion leiden! Und was ſſt die reinſte Liebe? Iſt es nicht die, wobei der Anbetende für ſeine Schutzheilige jenes Gefühl ſtets wacher Sorge hegt,— jenes Bewußtſein unaufhörlicher, wachſamer Affection, das nie ſchlummert, nie müde wird,— das uns in unſerer Freude folgt, und uns in unſeren Nöthen zur Seite ſteht:— ein beſchei⸗ denes Bild, eine ſchwache Darſtellung reicht hin, um die⸗ ſen Gedanken zu verkörpern, aber deſſen Weſen liegt in dem Herzen der Herzen! „Eine ſolche Liebe,— rein, wahr und dauernd,— kann das beſcheidenſte Leben bis zum Heroismus erheben, und einen Sonnenſchimmer auf den traurigſten Pfad des Schickſals werfen. „Das heilige Band, das die ſündhafte Natur hienieden verbindet, und droben mit Glorie umhüllt, hat auf Erden ſeinen beſcheidenen Typus an denen, die, durch das Schickſal getrennt, in Liebe mit einander verbunden ſind! „Ich forderte ihn auf, Ihnen ein Paar Zeilen zu ſchreiben; ſeine Schwäche erlaubte ihm nicht, mehr zu ſchreiben; und wenn ich Ihnen die Wahrheit ſagen ſoll, ſo konnte er vor Aufregung faſt dieſe wenigen Zeilen nicht zu Stande bringen. Indeſſen drang ich in ihn, daß er es thun ſolle, und machte mich zu gleicher Zeit verbind⸗ lich, ſein Schreiben Ihnen perſoͤnlich zu übergeben; meine Reiſe hatte keinen andern Zweck gehabt.“ Während er ſo ſprach, zog er ein kleines verſiegeltes Packet heraus, und übergab es Kate, deren Hände zitter⸗ ten, während ſie es nahm. „Ich werde einige Tage in Wien zubringen,“ ſagte er, indem er aufſtand, um ſich zu verabſchieden;„laſſen Sie mich, ich bitte Sie darum, einen kleinen Theil von jedem bei Ihnen zubringen. Ich habe Ihnen noch Viel zu ſagen, und ich muß mit Ihnen noch über andere Dinge ſprechen.“ Dieſes ſagend, küßte der Abbé ihre Hand voller Chr⸗ erbietung, und zog ſich zurück, ohne auch nur ein Mal feine Augen zu ihr zu erheben. Von Kummer darniedergedrückt und ſich tief gede⸗ müthigt fühlend, ſtand Kate Dalton auf, um ſich in ihr Zimmer zurückzuziehen.„Sagen Sie Madame de Hei⸗ dendorf, Nina,“ ſagte ſie,„daß ich mich heute müde fühle, und daß ich ſie bitte, mein Nichterſcheinen beim Diner zu entſchuldigen.“ Nina gab zwar durch einen Knicks zu erkennen, daß ſie dem erhaltenen Befehle nachkommen wolle; allein es war doch leicht zu ſehen, daß die Erklärung ſie keineswegs befriedigte, und ſie über die Urſache des Unwohlſeins ihrer jungen Herrin noch Weiteres wiſſen wollte. „ dame weiß doch, daß der Erzherzog hier ſpeiſen wird?“ „Ich weiß es,“ ſagte Kate verdrießlich, und als ob ſie wuͤnſchte, daß man ſie in Ruhe ließe. Nina machte abermals einen Knicks, aber aus dem Blitzen ihrer ſchwarzen Augen konnte man deutlich den Gedanken herausleſen, daß ihr ein Geheimniß vorenthal⸗ ten werde. Die Klaſſe der Soubretten verſteht ſich mei⸗ ſterhaft darauf, die Motive Anderer herauszufinden;— dieſe Geſchöpfe beſttzen in dieſem Stücke einen eigenthüm⸗ lichen Inſtinet, und wenn auch ihr einziges Buch das Geſicht ihrer„Dame“ ſſt, ſo leſen ſie doch darin mit über⸗ raſchender Fertigkeit. Nina fuhr alſo mit eigenthümlicher Beharrlichkeit fort, Schubladen zu ordnen, Kleider zurecht zu legen, und ſich hundert anderer ähnlicher Pflichten zu entledigen, ob⸗ gleich ſie ſah, daß ſie ihrer Herrin dadurch eine Qual bereitete. „Ich möchte gern allein und ungeſtört ſein, Nina,“ ſagte Kate endlich, da ihre Geduld voͤllig erſchöpft war. nn machte ihren allertiefſten Knicks, und zog ſich zurück.. 3 Kate wartete einige Secunden, bis die ſich entfer⸗ 77 nenden Schritte ihres Kammermädchens ganz verhallt waren. Dann ſtand ſie auf und ſchloß die Thüre.. Sie war allein; das Packet, das der Abbé ihr über⸗ geben, lag vor ihr auf dem Tiſche; ſie neigte ſich über daſſelbe und weinte. Der hoͤchſte Grad des Kummers iſt derjenige, wobei unſerem Gram ſich Vorwürfe beimiſchen, die wir uns ſelbſt zu machen haben. Alle Qualen, die mit anderen Unglücksfällen verbunden ſind, ſind im Vergleich mit die⸗ ſer Qual kaum der Rede werth. Die unwiderrufliche Vergangenheit war ihr eigenes Werk; ſie wußte es, und weinte, bis ihr das Herz zerſpringen zu wollen ſchien. Achtundvierzigſtes Kapitel. Geheimniſſe des Kopfes und des Herzens. Ich muß den geneigten Leſer bitten, nun dieſes Zim⸗ mer zu verlaſſen, wo, vom Kummer überwältigt, die arme Kate Thränenſtroͤme vergoß, und mir in ein kleines, aber glänzend erleuchtetes Appartement zu folgen, wo eine kleine Geſellſchaft von vier Perſonen ſaß, ſich den Wein ſchmecken ließ, und ihren Cigarren köͤſtlich duftende Wolken entlockte. Es darf Dich nicht überraſchen, wenn wir ſagen, daß eine dieſer Perſonen eine Dame geweſen ſei. Madame de Hei⸗ dendorf zeigte indeſſen all den Eifer eines vollendeten Rau⸗ chers; die Andern waren der Erzherzog Ernſt,— ein ſchlichter, gutmüthig ausſehender Mann in der gewöhnli⸗ chen grauen Unmform eines oͤſterreichiſchen Generals.— 2 78 der fremde Geſchäftsträger, Graf Noͤrinberg, und unſer alter Bekannter, der Abbé d'Esmonde. Neben dem gewöhnlichen Schmucke eines hübſchen Deſſerts war der Tiſch mit Briefen, Zeitungen, und Bro⸗ ſchüren bedeckt; da und dort konnte man auch ein colorirtes Blatt ſehen, das irgend eine wohlbekannte hohe politiſche Perſon carrikirt darſtellte. Nichts konnte leichter und un⸗ gezwungener ſein, als die Miene und die Haltung der Gaſte. Der Erzherzog hatte ſeinen Uniformrock aufge⸗ knöpft und ließ ein Bein auf einem vor ihm ſtehenden Stuhle ruhen; der Geſchäftsträger warf die Bücher hin und her, und entledigte ſeine Cigarre ihrer Aſche an dem reich geblümten Tiſchtuche, während ſelbſt der Abbé die glatte Urbanität ſeines Geſichtes in eine Miene voll behag⸗ lichen Genuſſes verwandelt zu haben ſchien. Bis zu dieſem Augenblicke hatte das Geſpräch ſich um ziemlich allgemeine Gegenſtände gedreht; man hatte hauptſächlich Ereigniſſe aus der vornehmen Welt,— man hatte die Fehler und Frivolitäten, die Unfälle und das Mißgeſchick derer beſprochen, deren Namen Seiner kaiſer⸗ lichen Hoheit bekannt waren, und an deren Schickſalen er das lebhafteſte Intereſſe nahm. Dieß, und hie und da eine Anekdote vom engliſchen Turf waren die einzigen Gegenſtände, um die er ſich kümmerte, indem er gegen Politik und Staatsangelegenheiten einen herzlichen Abſcheu hegte. Seine Anweſenheit war indeſſen ein Compliment⸗ womit der Hof ſtets die„Gräfin“ erfreute, und er unter⸗ zog ſich dieſem ſeinem Dienſte als ein Mann. Tief in den Wolken ſeines Cigarrendampfes ſteckend, und noch tiefer in den nebelhaften Regionen ſeiner Träumereien be⸗ graben, ſchlürfte er ſchweigend ſeinen Wein, und hörte von dem, was neben ihm geſprochen wurde, Nichts. Der Geſchäftsträger konnte alſo ganz, wie es ihm beliebte, über die Gegenſtände ſprechen, die ihn am Meiſten intereſſirten, und einige Blicke in den Zuſtand der öffentlichen Meinung in Italien thun. 5 8 79 „Sie haben vollkommen Recht, Abbé,“ ſagte er mit einem klugen Kopfſchütteln.„Kleine Conceſſionen, kleine Freiheitsſchimmer erwecken bei den Leuten nur Luſt nach weiteren, groͤßeren Freiheiten. Nichts iſt ſo gut, wie eine tüchtige Fluth von Anarchie, um bei den Leuten einen heilſamen Ekel gegen alle Freiheit zu erwecken. Es muß Exceſſe geben! Es ſind dieſelben durchaus nothwendig!“ „Ganz richtig, mein Herr!“ ſagte der Abbé.„So lange keine Vergiftung Statt gefunden, kann von einem Gegengifte keine Frage ſein.“ „Ja; kann aber dieſes Syſtem nicht auch zu weit darwehen werden? Geht Seine Heiligkeit nicht ſchon zu weit?“ „Es gibt Einige, welche dieſer Anſicht huldigen; allein ich gehöre nicht zu denſelben,“ ſagte d'Esmonde. „Er muß durchaus ſelbſt ſich überzeugen, daß das Syſtem ein ſchlechtes iſt; und es gibt keine Art von Ueberzeugung, die ſo ſchlagend iſt, als die, welche man durch perſönliche Erfahrung erwirbt. Dieſe Ueberzeugung aber wird Seine Heiligkeit gar bald gewinnen. Bis jetzt ſieht der heilige Vater noch nicht, daß jeder Schritt auf der Bahn poli⸗ tiſcher Freiheit ein Schritt auf der Bahn der verderb⸗ lichen Ketzerei iſt, die in ihren Verfolgungen gegenüber der Kirche nie ſtille ſteht. „Nicht als ob unſere Revolutionäre ſich Viel um Proteſtantismus oder Bibel kümmerten; indem ſie aber gemeinſchaftliche Sache mit denen machen, die ſich darum kümmern, intereſſirt ſich eine große Partei für das Ge⸗ lingen ihrer Pläne. Sehen Sie nur nach England hin, — dort mehrt ſich ihr Anhang mit jedem Tage. „Gibt man aber einmal in religiöſen Dingen das Recht der freien Prüfung zu, wie kann man es dann in politiſchen Dingen verweigern? Die Männer, die der Kirche trotzen, werden vor einem Cabinette nicht zittern. „Nun aber ſieht der Pabſt von all dem Nichts; er ſieht ſogar die Schmeicheleien, die ihm dargebracht werden, 80 fälſchlicher Weiſe als Zeichen von Anhänglichkeit an den Glauben an; und er bildet ſich ein, all die knienden Heuch⸗ ler, die ihn um ſeinen Segen flehen, ſeien treue Kinder Roms. Er muß aus dieſem Wahne aufgeweckt werden; Niemand kann demſelben aber ein Ende machen, als er ſelbſt. Er iſt eigenſinnig und ehrlich.“ „Wenn die Strafe ihn allein träfe, ſo hätte die Sache gerade nicht ſo Viel zu bedeuten,“ ſagte der Geſchäfts⸗ träger;„aber es wird eine Revolution koſten.“ „Ja, das wird es freilich koſten; aber wir haben gewiß ſo viel Zeit, um uns auf dieſelbe vorzubereiten.“ „In der Lombardei ſind die Zuſtände keineswegs be⸗ friedigend,“ ſagte der Geſchäftsträger ernſt. „Ich weiß es; aber die Empörung, die in einem Kerker ausbricht, entſchuldigt ſtets doppelte Ketten,“ ſagte d'Esmonde ſarkaſtiſch. „Sagen Sie ihm auch Etwas über Sardinien, Abbé!“ ſprach Madame de Heidendorf. „Eure wahre Gefahr kommt dort her,“ ſagte d'Es⸗ monde.„Es lebt dort ein mit jedem Tage erſtarkender Geiſt der Unabhängigkeit;— man wünſcht dort ernſtlich freie Inſtitutionen, die mit der wilden Democratie des übrigen Italiens durchaus Nichts zu ſchaffen haben. „Das iſt ein Geiſt, den ihr nicht darniederdrücken könnt; aber ihr koͤnnt mehr thun:— ihr könnt ihn cor⸗ rumpiren. Genua iſt eine Pflanzſchule communiſtiſcher Lehren; dort triumphirt der wildeſte Fanatismus der „„Rothen,““ und unſere Prieſter tragen zur Verbreitung ſolcher Meinungen endlich das Ihrige bei. „Sie haben Befehl erhalten, dieſer Richtung Vorſchub zu leiſten; und ſo, und in Folge der daraus hervorgehenden Exceſſe, wird es euch gelingen, jene gemaͤßigte Freiheit zu Boden zu treten, die der Fluch iſt, welchen England unter uns verbreiten muß. Es iſt ſo leicht, ein erregtes Volk zu Exceſſen hinzureißen, und dann, während die oöͤffentliche Meinung auf unſerer Seite iſt—“ 81 „Ach, wie verabſcheue ich dieſe Phraſe!“ ſagte Ma⸗ dame de Heidendorf.„Ich kenne keinen verächtlicheren Mode⸗Ausdruck.“ „Das Ding, das er repräſentirt, iſt aber nicht ſo ganz zu verachten, Madame,“ ſagte der Abbé. „Das ſind engliſche Anſichten,“ ſagte ſie hohnlächelnd. „Dieſe Anſichten werden noch ruſſiſche Anſichten werden,— verlaſſen Sie ſich darauf, Madame!“ „Ich möͤchte lieber wiſſen, was einige Männer von großem Vermögen, wie zum Beiſpiel Midchikoff, denken, als den Beifall der Hälfte der ſchmutzigen Pöbelhaufen Europa's haben.“ „Ei,“ ſagte der Geſchäftsträger,„ſagen Sie mir doch, was er thut? Iſt es wahr, daß er mit den Libe⸗ ralen, Fourieriſten, und ſo fort, kokettirt?“ „Für den Augenblick iſt dieß wahr,“ ſagte Madame de Heidendorf;„und ein Paar nach Popularität haſchende Souveräne haben ihm ihre Orden geſchickt, und wenn er ſich nicht beſſer aufführt, wird er nach Hauſe müſſen.“ „Er iſt aber in Italien von großem Nutzen,“ ſagte der Geſchäftsträger. „Wohl wahr, aber er darf ſeine Stellung nicht miß⸗ brauchen.“ „Er iſt eitel genug, um eine Bewegung zu begünſti⸗ gen,“ ſagte d'Esmonde;„er ſoll jedoch überwacht werden.“ Dieſe letzten Worte wurden in ſehr bedeutungsvollem Tone geſprochen. „Sie kennen die Fürſtin, Abbé?“ fragte der Ge⸗ ſchäftsträger lächelnd; und ein anderes eben ſo bedeut⸗ ſames Lächeln beantwortete die Frage. herz„Sie iſt hübſch,— nicht wahr?“ fragte der Erz⸗ erzog. „Wunderſchön iſt das rechte Wort, Kaiſerliche Hoheit. Wenn aber Eure Kaiſerliche Hoheit ſelbſt urtheilen wollen, Die Daltons. I. 8 8² ſo werde ich ſie bitten laſſen, in den Salon herabzu⸗ kommen.“ 4 „Sie könnten mir keinen groͤßeren Gefallen erweiſen,“ ſagte er, aufſtehend, und ſeinen Rock, ſowie ſeine Degen⸗ quaſte einiger Maßen zurecht machend, während Madame de Heidendorf läutete, und einen Boten an Kate mit der Bitte abſchickte, daß ſie herunter kommen moöchte. Nina war über die Maßen erfreut über den ihr gewordenen Auftrag. Seit Kate's peremptoriſchem Befehle hatte ſie nicht gewagt, ſich ihr aufzudrängen; jetzt aber, wo ſie mit einer Botſchaft bewaffnet war, zögerte ſie keinen Augenblick, bis zu dem ſtillen Zimmer vorzudringen, an deſſen Thüre ſie oft in Zweifeln befangen und in Speculationen verſunken ſtehen blieb. Sie klopfte leiſe an der Thüre, allein ſie erhielt keine Antwort. Ein zweites Klopfen blieb ebenfalls unbeant⸗ wortet, und Nina hielt den Kopf an die Thüre, um zu horchen. Sie hörte eine Perſon in langen Zügen athmen, und es ſchien ihr, als ſchlafe dieſelbe; aber ein ſchwerer Seufzer zeigte an, daß die Momente die wachenden Kum⸗ mers waren. Vorſichtig den Drücker berührend, öffnete ſie die Thüre ganz leiſe, und ging in das Zimmer hinein. In dieſem herrſchte ein düſteres Halblicht, und erſt nach Ver⸗ fluß von einigen Secunden konnte Nina die Geſtalt ihrer jungen Herrin unterſcheiden, wie dieſelbe, mit in den Händen begrabenem Kopfe, vor einem Tiſche ſaß, worauf ein offener Brief lag. 1 Kate war ſo ganz mit ihrem Kummer beſchäftigt, daß ſie Nichts hörte, und Nina näherte ſich ihr langſam, bis ſie endlich gerade hinter ihr ſtand. Sie ſah den ſich heftig bewegenden Buſen, das aufgeloͤste Haar, und die zitternden Hände, die einen in ihrem Bereiche liegenden Gegenſtand zu erhaſchen ſchienen. Plötzlich fuhr Kate zuſammen, ſchlug die Haare aus ihrem Geſichte zurück, und ſchien ihre umherirrende Ge⸗ danken ſammeln zu wollen. Dann machte ſie ein kleines ledernes Schächtelchen auf, legte ein Miniaturbild vor ſich hin, und ſah es aufmerkſam an. Nina neigte ſich über ſie, bis ſie bei ihrer Neugierde ſie beinahe berührte. Wäre Jemand in dieſem Augenblicke an Ort und Stelle geweſen, um ihr Geſicht zu ſehen, ſo hätte er darin Züge ſtarker und verſchiedenartiger Leiden⸗ ſchaft, Ueberraſchung, und Wuth, und Eiferſucht bemerkt, — Leidenſchaften, die alle einander die Herrſchaft ſtreitig machten. Ihre dunkle Haut wurde beinahe livid, und ihre ſchwarzen Augen glüheten vor Zorn, während ſie mit krampfhafter Energie die Hände gegen ihr Herz drückte, gleich als wollte ſie deſſen Pochen beſänftigen. Ein Heer ſtürmiſcher Leidenſchaften kämpfte in ihr, und in ihrem wechſelvollen Ausdrucke konnte man den Kampf ihrer Entſchlüſſe ſehen. Endlich ſchien ſie einen Endentſchluß gefaßt zu haben, denn ſie zog ſich mit leiſen Schritten allmählig nach der Thüre hin zurück, während ihre Augen auf ihre Herrin geheftet blieben. Es ſchien keiner kleinen Anſtrengung zu bedürfen, um den in ihr wüthenden Sturm zu bemeiſtern, denn ſogar an der Thüre blieb ſie noch einen Augenblick unentſchloſſen ſtehen. Endlich aber machte ſie dieſelbe leiſe auf, und zog ſich zurück. Nachdem ſie einmal draußen war, machten ſich die zurückgedrängten Leidenſchaften Luft, und ſie ſchluchzte heftig. Indeſſen war ihre Stimmung mehr eine zornige, als kummer⸗ oder gramerfüllte, und es lag etwas faſt inſolent Stolzes in der Weiſe, in der ſie anklopfte, und, ohne erſt auf eine Antwort zu warten, wieder in das Zimmer trat. .„Madame de Heidendorf läßt die Fürſtin bitten, im Salon zu erſcheinen,“ ſagte ſie ziemlich barſch, und Kate's verwirrtem Blicke mit einem ſich gleich bleibenden Stearren begegnend. „Sagen Sie, Nina, ich ſei unwohl,— ich ſei müde!“ ſagte Kate ſchuchtern. „Es iſt ein Erzherzog unten, Madame.“ „Was kümmert mich ein Erzherzog?“ ſagte Kate, die zu lächeln ſuchte, um ihre Verwirrung zu verbergen. „Ich habe ſtets geglaubt, vornehme Leute hätten einan⸗ der gern,“ ſagte Nina ſarkaſtiſch. „Dann muß es mir an einem Elemente dieſes Standes fehlen, Nina,“ ſagte Kate gutlaunig,„aber gehen Sie doch, und entſchuldigen Sie mich;— ſagen Sie Alles, was Sie wollen; nur machen Sie, daß man mich in Ruhe läßt.“ „Wie wonnevoll müſſen Madame's Träumereien ſein, wenn ſie dieſelben ſo werth ſchätzt!“ „Können Sie daran zweifeln, Nina?“ antwortete Kate mit erzwungener Heiterkeit.„Eine Braut muß ja immer glücklich ſein,— ſo ſagen Sie mir immer und ewig. Vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht hoöre ich von Nichts ſprechen, als von Käſtchen voller Edelſteine und Juwelen; Sie ſcheinen zu glauben, daß Diamanten durch ihr Feuer jede Düſterniß erhellen koͤnnen.“ „Und köͤnnen ſie das nicht?“ fragte Nina leiden⸗ ſchaftlich.„Hat nicht die Stirne edlere und höhere Ge⸗ danken, wenn ſie von einer Krone, wie dieſe, umgeben iſt? Schlägt nicht das Herz mit mehr Entzücken unter Edel⸗ ſteinen, wie dieſe ſind?“ Und während ſie ſo ſprach, öffnete ſie ein reiches Juwelenkäſtchen um das andere, und ſtellte dieſelben vor Kate hin. 4. „Und doch habe ich gelernt, dieſe funkelnden Juwelen ruhig anzublicken,“ ſagte Kate mit einem Ausdruck ſtolzer Gleichgültigkeit. „Blendet Sie das nicht?“ ſagte Nina, ihr ein Kreuz von Roſetten vorhaltend. „Nein!“ ſagte Kate, den Kopf ſchüttelnd. „Auch das nicht?“ rief Nina, ein prächtiges Hals⸗ band aus einem Käſtchen hervorziehend. „Selbſt das nicht, Nina.“ a „Iſt Madame's Herz ſo gegen weibliche Eitelkeiten verhärtet,“ ſagte Nina raſch, während ſie Maſſen koſt⸗ barer Gegenſtände vor ſie hinwarf,„daß beim Anblicke dieſer Dinge auch nicht ein Klopfen, auch nicht ein Erroͤthen der Freude hervorgerufen wird?4 „Sie ſehen, Nina, daß ich alle dieſe Dinge ruhig anſehen kann.“ „Dann verſetzt Sie vielleicht dieſes in Aufregung!“ rief Nina. Und in einem Sprunge war ſie an dem Tiſche, an dem Kate ſaß. Das Taſchentuch wegreißend, ergriff ſie das Miniaturbild, und hielt es ihrer Herrin vor. Kate ſtieß einen ſchrillen Schrei aus, und fiel ohn⸗ mächtig auf das Sopha zurück. Nina ſchaute ſie ein Paar Secunden mit einem Blicke hochmüthiger Verachtung an, beſprengte die blaſſen Züge mit einigen Tropfen Waſſers, und wandte ſich weg. Ruhig und gefaßt legte ſie jedes koſtbare Juwel wieder in ſein Käſtchen, und das Miniaturbild unter das Taſchen⸗ tuch. Und dann verließ ſie das Zimmer. „Ihre Fürſtin wird uns, wie es ſcheint, mit ihrer Geſellſchaft nicht beehren,“ ſagte der Erzherzog, halb und halb beleidigt, als der Bote mit Kate's Entſchuldigungen zurückkam;„und doch wäre es mir ſehr erwünſcht geweſen, wenn ſie gekommen wäre, damit ich hätte all die leidige Politik von mir abhalten können, womit ich von euch weiſen Perſonen hier überſchüttet werde.“ Die Gräfin und der Geſchäftsträger wechſelten bei dieſen Worten hoͤchſt bedeutungsvolle Blicke, während d'Esmonde der Bemerkung höflich beiſtimmte, und einige Worte hinzufügte äber die Erholung, die Perſonen nöthig ſei, welche gar zu viel mit dem Kopfe arbeiteten, ſowie darüber, daß Prinzen eben ſo wohl der Ruhe bedürften, wie Perſonen niedrigeren Standes.„Ich kann indeſſen Ew. Kaiſerliche Hoheit verſichern,“ ſagte er;„daß dieß keine bloße Laune der jungen Fürſtin iſt. Sie iſt in der That gar nicht wohl, und konnte heute Nachmittag ſelbſt ihren Verwandten, den Grafen von Dalton, nicht em⸗ pfangen.“ 2? Wie! Iſt der alte Auersperg ein Verwandter von 2 u ihr „Ein Oheim, oder ein Großoheim, ich weiß nicht mehr, welches, Kaiſerliche Hoheit.“ „Dann muß auch der wilde Burſche, der im Regi⸗ mente Franz Karl dient, ein Verwandter von ihr ſein?“ „Der Cadett iſt ihr Bruder, Kaiſerliche Hoheit.“ „Sol Welch ein extravaganter Burſche er iſt! Es heißt, er verſchwende ſein Geld auf jede moͤgliche Art, da er darauf rechne, den alten Auersperg einſt zu beerben; und da die Gewerbsleute glauben, daß dem jungen Bur⸗ ſchen das Erbe nicht entgehen könne, ſo ſind die Schulden des Letzteren ſchon bedeutend. Erſt geſtern noch hat ſein Oberſt mir mitgetheilt, daß er im Sinn habe, ihn in das Banat, oder an einen andern ſolchen Platz zu ſchicken. Seine Familie iſt wohl reich?“ „Ich glaube, daß das gerade Gegentheil der Fall iſt, Kaiſerliche Hoheit. Bettelarm. Ihre alleinige Hoff⸗ nung beruht auf dem Grafen von Auersperg.“ „Der Graf hat viele Jahre lang ein Grenz⸗Com⸗ mando gehabt, und muß ſich etwas Hübſches erſpart haben. Wird er aber ſein Vermögen in ſolche Hände kommen laſſen wollen?“— 3 „Ich glaube,— ſo ſagt man wenigſtens“— ſagte d'Esmonde, die Stimme bis zum Flüuſtern ſinken laſſend, „daß dem Jüngling in dieſer Beziehung ſeine Gründe wenig genützt haben. Es heißt, er habe dem Grafen ge⸗ ſagt, daß in den jetzigen Zeiten es mehr denn ungewiß ſei, ob in einem Jahre Jemand noch beſitze, was er habe; daß, wenn die Monarchen auf ihren Thronen nicht mehr 87 ſicher ſäßen, und wenn die Eriſtenz der Throne uͤberhaupt bedroht ſei, es räthlicher erſcheine, ſein Vermoͤgen auf jede mögliche Art zu verſchwenden, als durch ein Zuſammen⸗ halten deſſelben die Leute zum Plündern einzuladen.“ „Sind das ſeine Anſichten?“ rief der Herzog, über die Maßen erſtaunt. „Ja, die wildeſten Lehren des Soclalismus ſind ſein Glaube,— Meinungen, die, es thut mir leid, es ſagen zu müſſen, weiter verbreitet ſind, als man gewoͤhnlich glaubt.“ „Wie kommt dieß aber? Ich ſehe die geheimen Regimentsberichte von jedem Corps,— ich leſe die Con⸗ duitenliſten von faſt jeder Compagnie und doch iſt mir von ſolcher Unzufriedenheit auch nicht das Entfernteſte zu Geſicht oder zu Ohren gekommen.“ „Ein Prieſter koͤnnte da mehr ſagen, als ein Adju⸗ tant, Kaiſerliche Hoheit,“ ſagte der Abbé lächelnd.„Dieſe jungen Leute, die ſich hintangeſetzt glauben,— die wäh⸗ nen, man laſſe ihre gerechten Anſprüche unberückſichtigt, — die ſich, mit einem Worte, einbilden, daß irgend eine Familienverbindung, und wäre dieſelbe auch noch ſo un⸗ bedeutend, ein Grund zu ihrer Beföͤrderung ſein ſollte, laſſen ſich leicht zu ertravaganten Ideen über Freiheit und dergleichen verleiten.“ 1 „Oeſterreich iſt ſchwerlich das Land, in dem ſolche Früchte reifen koͤnnen,“ ſagte der Erzherzog lachend.„Exr mag es in Frankreich oder in den Vereinigten Staaten verſuchen.“ „Ganz richtig, Kaiſerliche Hoheit,“ ſiel der Abbé ein;„aber ſolche junge Burſche ſollte man überwachen, — ihre Aufführung ſollte man genau unterſuchen.“ „Oder ſie ſollten, was noch beſſer iſt, Herr Abbé, ent⸗ laſſen werden,“ erwiederte der Erzherzog ernſt.„Ich ſehe nicht, wozu es uns nützen kann, wenn wir den Samen dieſer franzoͤſiſchen Krankheit unter uns behalten.) „SIch glaube, Eure Kaiſerliche Hoheit faſſen die Sache 88 ganz vom richtigen Standpunkt auf,“ ſagte d'Esmonde, gleich als ob er nachdächte.„Und doch wird man in ein Paar Tagen Sie bitten, ihn zum Offtzier zu befoͤrdern.“ „Wiel dieſen jungen Burſchen ſollen wir zum Offi⸗ zier machen? Und warum ſoll er Offizier werden? Und durch wen ſoll ich gebeten werden?“ ſragte der Erzherzog. „Die Fürſtin, ſeine Schweſter, wird Ew. Kaiſerliche Hoheit bitten,— aller Wahrſcheinlichkeit nach durch den Mund des Grafen von Auersperg.“ „Aber,“ warf der Erzherzog ein,„wenn ich dem Feldmarſchall ſage—“ „Ah, Ew. Kaiſerliche Hoheit koͤnnten das, was ich Ihnen im Vertrauen mitgetheilt, nicht mißbrauchen!“ ſagte d'Esmonde.„Ich habe Ihnen enthüllt, was ich durch Mittel, die nur mir zugänglich ſind, in Erfahrung gebracht habe; ich verſehe mich daher zu Ew. Kaiſerlichen Hoheit, daß Sie das, was Sie von mir gehört, bei ſich behalten wer⸗ den, welchen Gebrauch Sie ſonſt davon machen moͤgen.“ „Er ſoll unſere Uniform nicht länger tragen, darauf dürfen Sie ſich verlaſſen, Herr Abbé,“ ſagte der Erzher⸗ zog ernſt. „Auf jeden Fall bitte ich Sie, damit noch zu warten, bis ſeine Schweſter fort iſt, Kaiſerliche Hoheit,“ ſagte d'Esmonde ängſtlich;„warten Sie nur noch einige Tage oder einige Stunden. Sobald dieſe närriſche alte Frau mit den Schwätzereien fertig iſt, und die Scandale aus⸗ gekramt hat, die ſie für polltiſche Neuigkeiten hält, wol⸗ len wir dafür ſorgen, daß ſie die Stadt verläßt, und dann können Sie mit ihm verfahren, wie Ihnen gut dünkt.“ Der Erzherzog antwortete Nichts, indem er dem Rath weder beizuſtimmen, noch denſelben zu verwerfen ſchien. „Es würde dem alten Marſchall das Herz brechen,“ ſagte er endlich:„der tapfere alte Soldat würde dieſen Schlag nie überleben.“ „Ein Verrath könnte ihn in der That ums Leben bringen,“ ſagte d'Esmonde.„Aber Ew. Kaiſerliche Hoheit 1 2 89 werden durch eine peremptoriſche und unerklärte Entlaſſung zu verhindern wiſſen, daß man weiter von der Sache richt.“ 5 Abermals ſchwieg der Erzherzog, aber ſeine finſtere Stirn und ſein duſteres Ausſehen verriethen hinlänglich, daß die Sache ihm nicht wenig zu ſchaffen machte. Endlich ſagte er: „Ich habe heute Abend auf Ihr Geſpräch nicht ſon⸗ derlich Acht gegeben, Abbé; aber aus einigen Worten, die ich dann und wann gehört, muß ich ſchließen, daß dieſe „vliberalen““ Anſichten immer mehr Boden gewinnen.“ „Religiöſe Ketzerelen, Kaiſerliche Hoheit, haben zur Folge gehabt, was ſie zur Folge haben mußten,— poli⸗ tiſche Ketzereien; und die Regierungen ſehen noch nicht ein, daß die, ſo den Altar verachten, auch den Thron nicht reſpektiren werden. Die ganze Wirkung der ſogenannten liberalen Inſtitutionen hat darin beſtanden, daß der Ein⸗ fluß der Geiſtlichkeit geſchwächt worden iſt; und doch werden die Regierungen zu dieſem Einfluſſe wieder ihre Zuflucht nehmen müſſen, wenn ſie ſich halten wollen. Ja, ja, ſie werden ſich noch unter den hehren Schatten der Kirche flüchten müſſen!“ „Nein, nein, Vater,“ ſagte der Erzherzog lachend; „wir haben noch ein anderes Mittel.“ „Am Ende beſitzt die Mitra denn doch mehr Gewalt, als die„„mitraille“« ſagte d'Esmonde kühn.„Glau⸗ ben Sie mir, Kaiſerliche Hoheit, die Glocke, die in feier⸗ licher Weiſe eine Ercommunication verkündet, wird in der ganzen chriſtlichen Welt einen größeren Schrecken verbrei⸗ ten, als alle Ihre Artillerie.“ Entweder war es die Bemerkung, oder der Ton, in der ſie ausgeſprochen wurde, was dem Fürſten mißfiel. Und in der That machte von Zeit zu Zeit die ganze Höf⸗ lichkeit des Abbé einer faſt ungeſtümen Kühnheit Platz, die Perſonen von koͤniglichem Blute nie nach ihrem Ge⸗ ſchmacke ſinden, denn der Erzherzog wandte ſich hochmü⸗ 90 thig weg, und ſuchte in einem entfernten Theile des Zim⸗ mers die Andern auf.. Es lag etwas Verächtliches in dem ſtolzen Blicke, den d'Esmonde Seiner Kaiſerlichen Hoheit nachſchickte. So⸗ dann entfernte ſich der Abbé ganz leiſe aus dem Zimmer. Er erkundigte ſich nach bem zu den Zimmern der Fürſtin führenden Wege, ſtieg langſam die Treppe hinan, und hing offenbar Gedanken nach, die ihn viel beſchäftigen mußten. Gerade in dieſem Augenblicke ging Nina durch den Corridor. In der Vermuthung, daß der Abbé ſich ver⸗ irrt, fragte ſie ihn höflich, ob ſie ihn zurechtweiſen könnte. Die Fragende kaum beachtend, erwiederte er: „Ich ſuchte die Zimmer der Fürſtin von Midchikoff.“ „Hier ſind ſie, mein Herr; aber ſie iſt unwohl.“ „Wenn Sie ſagen wollten, der Abbé d'Esmonde ſei—“ 2 Er war ſo weit gekommen, als ſein Blick, während er die Augen aufſchlug, auf das Geſicht des Kammer⸗ mädchens ſiel: und dann hlieb er wie feſtgebannt ſtehen, und ſchaute ſie an. Nina's Wange wurde purpurroth; aber ihre Augen begegneten den ſeinigen mit einer Feſtigkeit, die ſich keinen Augenblick verrieth. „Wenn mich nicht Alles trügt,“ ſagte er langſam, „ſo ſehe ich eine alte Freundin vor mir. Sind Sie nicht eine Tochter des Toridor Huertos von Sevilla?“ „Fra Euſtace!“ ſagte Nina, zurücktretend, und ihn fixirend.. „Ich bin das nicht mehr, Lola; ich bin jetzt der Abbé d'Esmonde,“ ſagte er, wäͤhrend eine ſchwache Röthe ſeine blaſſen Züge überflog. „Und ich bin Nina, die Cameriera,“ antwortete ſie geringſchätzig.„Sehen Sie, wie ungleich das Schickſal uns behandelt hat!“ D'Esmonde deutete auf die Thüre hin. 91 Nina verſtand das Zeichen alsbald, und antwortete: „Ja, im Dienſte der Fürſtin.“ S„Dieß iſt in der That ein ſeltſames Zuſammentreffen, o a.“ „Nennen Sie mich Nina,“ ſagte das Mädchen er⸗ röthend,„ſonſt muß ich mich alter Zeiten erinnern, und mein ſpaniſches Blut würde ſolche Erinnerungen nur ſchlecht ertragen.“ „Wo können wir mit einander ſprechen, Nina 2“ „Folgen Sie mir nach, heiliger Vater!“ ſagte ſie mit einem halb ſpoͤttiſchen Lächeln.„Ich denke ſchon, ein armes Mädchen darf ihren Beichtvater auf ihrem Zimmer empfangen.“ Ohne ein Wort zu ſprechen, folgte d'Esmonde ihr nach. Sie ging über eine Gallerie hin, ſchloß eine Thüre auf, und ließ ihn in ein kleines, aber nett möblirtes Zim⸗ mer treten. „Theuerſte Lola,“ ſagte der Prieſter, indem er, ihre Hand ergreifend, ſie mit liebevollen Augen anſah,— „theuerſte Lola, ich muß Dir deinen alten Namen geben, — was hat Dich hieher gebracht?“ „Es iſt dieß eine Frage, die Du wohl an mich richten darfſt!“ ſagte das Mädchen, ihre Hand losmachend, und ſich ſtolz aufrichtend.„Du haſt das Schiffchen aus dem ſichern Hafen in die ſtürmiſche See hinausgetrieben, und Du wunderſt Dich jetzt, daß es ein Wrack geworden!“ „Wie ſehr ruft mir dieſe alte Wärme des Tempe⸗ raments die Vergangenheit ins Gedächtniß zurück, und wie liebe ich Dich darum, während ich zu gleicher Zeit darüber traure, Lola; ſei aber ruhig und ſag' mir Alles, wie Du vor Jahren zu thun pflegteſt.“ „Oh! hätte ich doch dasſelbe reine Herz, wie da⸗ mals!“ rief das Mädchen leidenſchaftlich.„Oh, könnte ich doch, wie einſt, Thränen vergießen wegen jeder kleinen Sünde, und wäre doch mein Gemüth nicht ſo verhärtet, wie es durch die Welt geworden iſt!“ „Wir können die fröͤhliche Friſche der Jugend nicht in die Jahre mit hinüber nehmen, wo unſer Urtheil ein reiferes wird, Lola. Es ſchwinden die Gaben, und andere erſetzen ſie.“ „Ich mag ſolche Caſuiſtik nicht länger anhören. Du biſt, wie ich ſehe, noch der alte, wie ſehr mich auch die Zeit verändert haben mag; aber ſolche Kunſtgriffe gehen bei mir nicht länger an. Sag mir offen, was Du von mir willſt.“ „Muß mich denn nothwendig ein ſelbſtſüchtiges In⸗ tereſſe leiten, wenn ich eine alte, aber unterbrochene Freund⸗ ſchaft wieder anknüpfe, Lola? Du erinnerſt Dich doch noch, was wir einſt einander waren?“ „Oh, daß ich es vergeſſen könnte!— Oh, daß ich den Gedanken aus meinem Gedächtniſſe vertilgen, oder denſelben wenigſtens nur für einen Traum halten koͤnnte! Aber wie magſt du mich nur an die alten Zeiten erinnern? Wenn ich allen Kummer habe, haſt Du dann nicht alle Schande 2“ „Die Schande und der Kummer gehoͤren mir,— ja beide gehören mir,“ ſagte d'Esmonde in einem Tone tiefer Niedergeſchlagenheit.„Du allein warſt ja im Stande, in mir die großen Entſchlüſſe zu erſchüttern, die ich unter fortwährenden Uebungen der Frömmigkeit und in inbrünſtigem Gebete gefaßt hatte. Um Deinetwillen, Lola, war ich eine Zeit lang Willens, der größten Sache zu entſagen, der ſich je ein Menſch noch geweiht hat. Ja, aus Liebe zu Dir war ich bereit, Alles auf das Spiel zu ſetzen.— und ſelbſt mein Selenheil zu gefähr⸗ den! Habe ich deßhalb nicht Grund genug, mich zu ſchämen und zu trauern? Iſt das keine Demüthigung für einen Mann, der das Kleid trägt, das ich trage?“ „Damals wareſt Du noch Student,“ ſagte Nina mit einem hoͤhniſchen Läͤcheln,„und nie hörte ich Dich von 93 allen dieſen furchtbaren Opfern ſprechen. Du ſpracheſt mit leichtem Herzen davon, daß Du das Seminar verlaſſen wollteſt. Du ſpracheſt von der Welt, als ob Du nicht erwarten könnteſt, Dich in das Getümmel derſelben zu ſtürzen. Du dachteſt, ich weiß nicht wie viele Wege aus, die Dich zum Glück und zu einer geſicherten Stellung führen ſollten. Unter Anderem erinnere ich mich noch,“ — und hier brach ſie in ein höhniſches Lachen aus, das dem Prieſter die Röthe des Zorns auf die Wange trieb, —„wie Du auf eine Laufbahn verfieleſt, die mehr Dein Feuer, als Deine Klugheit bezeugt. Weißt Du noch, daß Du ein Toridor werden wollteſt? Du, deſſen Wange blaß, und dem es enge ums Herz wurde, als das Pferd meines Vaters in der Arena lag, und dem armen Thiere die Eingeweide aus dem Leibe drangen, und der geradezu in eine Ohnmacht ſiel, als die Hörner des Stieres die Schranken neben Dir durchbohrten. Du ein Toridor! Ein Toridor braucht Muth!“ Und während ſie ſo ſprach, blitzten ihre Augen von einem zornigen Feuer. „Muth?“ ſagte der Prieſter mit einer Stimme, welche die heftige Aufregung faſt zu einer gutturalen machte,—„und gibt es denn keinen andern Muth, als die vulgäre Verachtung perſoͤnlicher Gefahr? Einen ſolchen Muth beſitzt auch der roheſte Wilde und die erſte beſte Beſtie, die auf dieſer Welt lebt. „ Iſt am Muthe nichts Höheres, als das, daß man körperlicher Gefahr die Stirne bietet? Sind denn alle ſeine Inſtincte Selbſtſucht? Was hältſt Du von dem Muthe desjenigen, der bei all der Verſtandeskraft, deren er ſich bewußt iſt,— der mit einer Intelligenz, welche ihn den Größten und Hoͤchſtgeſtellten nahe bringt, ſich einem Leben der Armuth und der Hintanſetzung unterziehen, — auf Alles verzichten kann, wornach die Menſchen ſtreben,— auf Heimath, Liebe, Familie, Bürgerpflich⸗ ten, Bürgerruhm,— um allein ſich abzumühen,— um — ja, zu denken, bis es ihm ſchwindelt, und All dieſes für eine Sache, in der er bloß eine Eins darſtellt! „Muth! Sprich mir nicht von Muth! Es gibt keinen Muth, der ſich mit dem des Mannes vergleichen darf, der es wagt, die ſtärkſten Throne wanken zu ma⸗ chen,— der mit ſeinem Worte ganze Reiche erſchüttert, — deſſen Rathſchläge der Macht ganzer Armeen trotzen, und ſelbſt die Exiſtenz von Koͤnigen in Frage zu ſtellen wagen; und gibt es einen Muth, der größer iſt, als der, welcher für eine Sache ſein ewiges Seelenheil einſetzt? „Ja, Lola, ein Muth, der, um Andere zu retten, ſein eigenes Seelenheil aufs Spiel ſetzt! Kennſt Du etwa einen größeren? „ und habe ich dieß nicht gethan?“ rief er, vom Un⸗ geſtüm ſeiner Gefühle hingeriſſen.„Habe ich nicht die Wahrheit mit Füßen getreten, und die Unwahrheit ver⸗ theidigt? Habe ich nicht das geſunde Urtheil der Men⸗ ſchen verwirrt,— habe ich nicht Alles gethan, um ihrem Geiſte eine ſchiefe Richtung zu geben,— und habe ich nicht die Aſpirationen Vieler, die mich um Rath fragten, auf eine falſche Bahn geleitet, wohl wiſſend, daß, wenn jetzt auch Uebel daraus entſtänden, doch ſpäter Gutes daraus hervorgehen, und daß für einen vorübergehenden Schmerz ein langer herrlicher Tag der Freude kommen würde? „Darum habe ich mit dem Miſſethäter von Frieden und mit dem Verhärteten von Hoffnung geſprochen! Nicht um ſeinet⸗ und eben ſo wenig um meinetwillen, ſondern um der zahlloſen Millionen der Kirche willen, — um der gewaltigen Menſchenmaſſe willen, die von der Kirche Hülfe und Troſt erwartet! Das nenne ich Muth!“ Und er richtete ſich ſtolz auf, und faltete mit einer Miene hochmüthiger Ruhe die Arme auf ſeiner Bruſt, während das Mädchen, durch ſein Auftreten in ein ehrer⸗ bietiges Staunen verſetzt, und durch die Heftigkeit zu wachen, und zu faſten, und zu beten, und zu denken, 95⁵ ſeiner Sprache überwältigt, ihn halb ſchüchtern, halb ver⸗ wundert anblickte. „So ſag' mir doch, was aus Deinem Vater gewor⸗ den iſt, Lola!“ ſagte d'Esmonde mit leiſer, ſanfter Stimme, während er ihren niedern Stuhl zu dem ſeinigen her⸗ anzog. „Er iſt in Madrid getödtet worden: er iſt vor den Augen der Königin geſtorben!“ ſagte ſie ſtolz. „Den Tod eines Toridor!“ murmelte der Prieſter traurig. „Ja, und auch Pueblos iſt todt!“ 4 „Doch nicht das kleine Kind, von dem ich mich erinnere— „Daſſelbe. Es wäre daraus ein ſchöner Mann ge⸗ worden; einige Leute glaubten, es ſei noch hübſcher, als mein Vater. Die Familie meiner Mutter würde einen Prieſter aus ihm gemacht haben, allein der Knabe wählte die ſtolzere Beſtimmung!“ „Ich ſtelle mir immer noch recht lebhaft den kleinen Burſchen vor, wie er, als Matador gekleidet, an meiner Seite ſpielte, und wie ſein langes ſeidenes Haar in ein Netz eingezwängt war!“ „Oh, ſprich doch nicht von ihm,— ſprich doch nicht von ihm!“ rief das Mädchen, ihr Geſicht zwiſchen den Händen begrabend;„mein Herz hält dieſe Erinnerungen nicht aus. In dem Geſichte des Prieſters leuchtete eine boshafte Freude, indem er ſich über ſie neigte, gleich als ſchwelgte er in dem Gedanken, den die Gemüthsbewegungen her⸗ vorrufen würden. „Der arme kleine Kerl!“ ſagte er, wie wenn er vor ſich hin ſpräche.„Wie erinnere ich mich noch des olero, den er mir tanzte!“ Hier hielt der Abbé inne, und ſie ſchluchzte bitterlich. Endlich ſetzte er hinzu: „Er ſagte, Lola hätte ihn den Tanz gelehrt.“ gen herab, die todblaß waren. „Euſtare,“ ſagte ſie bebend,„dieſe Gedanken machen mich noch wahnſinnig; ſchon jetzt geht Alles mit mir im Kreiſe herum.“ „Wir wollen alſo von etwas Anderem ſprechen,“ ſagte er.„Wann haſt Du die Oper verlaſſen, und war⸗ um haſt Du ſie verlaſſen?“ „Wie magſt Du mich nur das fragen?— Du warſt zu jener Zeit in Sevilla. Haſt Du jene famoſe Heirath vergeſſen, in die ich, von Dir überredet, willigte? War dieſer Plan nur eines jener unglücklichen Ereigniſſe, die der Same ſein ſollen künftigen Wohles?“ Die Spöttelei machte keinen Eindruck auf den Prie⸗ ſter, der ganz ruhig antwortete: „Warum nicht, Lola? „Was willſt Du damit ſagen?“ rief ſie zornig. „Wozu ſoll es etwa dienen, daß ich mich in ſo niedrigen Verhältniſſen bewegen muß? Bin ich von ſo niedriger, ſo unedler Herkunft? War etwa mein Lebensloos ſo ignominiös, daß mein Ehrgeiz nicht hätte einen höheren Flug nehmen ſollen?— Mußte ich das Kammermäd⸗ chen einer Perſon werden, deren Geburt nicht beſſer iſt, als die meinige?“ „Du haſt Recht, Lola,— Du haſt vollkommen Sie blickte auf: Thräͤnen ſtrömten über ihre Wan⸗ — e 2 Recht, und bei einiger Geduld und Klugheit wirſt Du noch ihre Standesgenoſſin werden. Acton iſt ein engli⸗ ſcher Edelmann, der— „Was kümmert mich das?“ ſagte ſie leidenſchaft⸗ lich;„die Heirath war ja doch nur eine Scheinheirath.“ „Ich ſage Dir aber, die Heirath iſt gültig.“ „Und doch haſt Du mir ſelbſt das Gegentheil ge⸗ ſagt.“ „Ich hatte meine guten Gründe, Dich zu täuſchen, Lola,“ ſagte er in überzeugendem Tone,„Du ware verlaſſen und über die Maßen traurig; ein ſolcher Witt⸗ 97 wenſtand würde Dich vor Gram ins Grab gebracht ha⸗ ben. Es war beſſer, daß Du gegen das Elend an⸗ kämpfteſt.“. „Selbſt in meiner Schande?“ fragte ſie hoͤhniſch. „Selbſt in der Schande, denn dieſe konnte nur kurze Zeit dauern; aber Lord Norwood lebt, und Du biſt ſeine rechtmäßige Gattin.“ 4 „Lord Norwood! Ich habe dieſen Namen ſo oft ge⸗ hört!“ ſagte ſie nachdenkend. „Ci freilich! Zu Florenz war er jeden Abend im Palazzo Mazzavini;— Lord Norwood iſt der nämliche Gerald Acton, der Dir ſo wohl bekannt iſt.“ „Und er iſt ein Lord,— ein engliſcher Edelmann?“ „Und Du biſt eine engliſche Pairin, Lola. Es ſitzt auf keinem betitelten Haupte eine Krone ficherer, als auf dem Deinigen, ſobald ich will.— und ich will es,“ ſetzte er langſam hinzu,„Aber Du mußt Geduld haben. Und ſjetzt, Lola, muß ich mit Dir von Dingen ſprechen, wor⸗ aan Du kein Intereſſe finden kannſt, und wovon Du Nichts weißt; hör mir aber aufmerkſam zu, und merk wohl auf das, was ich Dir ſage, denn das Schickſal hat uns nicht umſonſt alſo zuſammengeworfen. „Die Stunde iſt gekommen, Lola, wo die Ketzer und Ungläubigen einen Angriff auf unſern heiligen Glau⸗ ben beſchloſſen haben;— nicht wie ſie es bis daher ver⸗ ſucht und zwar mit ſo entſchiedenem Unglück, das heißt, mit den Waffen des bloßen Wortes;— nein, ſie greifen ? jetzt zur rohen Gewalt,— ſie bedienen ſich jetzt der Arme von Millionen Menſchen, welche durch Noth und elende Regierungen zur Verzweiſlung getrieben werden. „Dieſes entſetzliche Unglück abzuwenden, iſt jetzt der unabläſſige Gedanke der Kirche. Einige haben dieſes, Andere jenes gerathen; Einige möchten ſich auf den Kampf einlaſſen, in der Erwartung, daß Gott auch dieſes Mal ſein Volk nicht verlaſſen werde; Andere dagegen Die Daltons. V. 7 „ 98 halten ein ſolches Verfahren für allzu verwegen und für unangemeſſen. „Die Herzen der Könige werden jetzt nicht mehr, wie früher, von Beichtvätern gelenkt. Unſer Zeitalter,— unſere Geſittung iſt einem Kreuzzuge abgeneigt! Wir mufen daher die Schlacht auf andere Weiſe zu gewinnen uchen. „Du köͤnnteſt mir nicht folgen, Lola, wenn ich mit Dir über die Gefahren, oder über die Mittel, die wir dagegen haben, ſprechen wollte. Es genüge, wenn ich Dir ſage, daß wir in jedem Lande Europa's, und unter allen Ständen zuverläßige und treue Agenten haben. Von dem geheimen Flüſtern des Czars bis zur gemurmelten rfa edeuheit des iriſchen Bauers, müſſen wir Alles wiſſen. „Zu dieſem Zwecke haben wir ſeit einiger Zeit tüch⸗ tig gearbeitet, und ſchon haben wir gewaltige Fortſchritte gemacht. Von jedem europäiſchen Hofe erhalten wir re⸗ gelmäßig Nachrichten, und es ſteht in ganz Europa auch nicht ein königlicher Palaſt, in dem unſere Intereſſen nicht gewahrt wären. „Einige dienen uns einzig und allein um der glor⸗ reichen Sache willen; Andere laſſen ſich bezahlen; wieder Andere find aus Gründen des Eigennutzes oder der Furcht in unſern Händen; Alle aber ſind uns gleich ergeben. „Dieſe Fürſtin,— dieſe Dalton,— habe ich für eine ähnliche Pflicht beſtimmt. An einen Mann von Fchrraſe Reichthum und Einfluß verheirathet, hätte ee uns treffliche Dienſte leiſten können, allein ich wage kaum, ihr zu trauen; ſie koͤnnte mir entſchlüpfen, wenn ſie ſich dabei auch ſelbſt opfern müßte; und obgleich ich ſie in meiner Gewalt habe, ſo kann ich doch nicht auf ſie rechnen.. „Denk Dir daher meine Freude, als ich Dich fand, — eine Perſon, für deren Treue ich mein Leben einſetzen kann. Du kannſt mir Alles ſ als ſie je ſein koͤnnte.“ „Deine Spionin!“ ſagte das Mädchen ſtandhaft, aber ohne das geringſte Zeichen von Zorn. „Meine Freundin,— meine Rathgeberin,— meine Correſpondentin, Lola.“ „Und was bekomme ich dafür?“ 4 „Du kannſt verlangen, was Du willſt, wenn Dein Herz bloß nach weltlichen Dingen trachtet. Ich will die Gültigkeit Deiner Heirath beweiſen, und obgleich Nor⸗ wood nicht reich iſt, ſo vernachläßigt ſein Vaterland doch nie die Klaſſe, der er angehoͤrt. Und wenn Du das Band zerriſſen ſehen willſt, ſo iſt Nichts leichter:— das Do⸗ kument iſt in meinen Händen.“ „Ich habe ihn nie geliebt,“ rief ſie leidenſchaftlich, „und Du haſt es wohl gewußt. Die Heirath war eine jiher Schlingen, womit Dein Geiſt ſich unaufhoͤrlich be⸗ chäftigt. „Wenn Du aber einen Andern liebteſt, Lola?“ ſagte er, ſie unterbrechend, und dann auf das Ende ihrer Phraſe wartend.— „Und wenn das auch ſo geweſen wäre,“ platzte ſie heraus,—„bin ich denn ſo leichtgläubig, um mir einzu⸗ bilden, Dein Wort koͤnne jeden Ranges⸗ und Vermoͤgens⸗ unterſchied ausgleichen,— Du koͤnneſt das Schickſal beherrſchen,— und helbſt die Liebe erzwingen? Nein, nein, Euſtace, ich bin zu alt, um All das zu glauben!“ „Du wareſt wohl alſo klüger, als Du es glaubteſt,“ ſagte er ernſt,„und jetzt ſag' mir ſeinen Namen!“* Es lag in dem Tone, in welchem die letzten Worte geſprochen wurden, etwas faſt Unwiderſtehliches, und ſeine großen ſchwarzen Augen waren auf ſie geheftet, während er ſprach. 8 Sie zögerte mit ihrer Antwort, und ſchien nachzu⸗ ten. 1 ein und tauſend Mal mehr, denk „Ich verlange kein erzwungenes Bekenntniß, Lola,“ ſagte er ſtolz, und zu gleicher Zeit aufſtehend.„Ich habe Dir in all' der Offenherzigkeit unſerer alten Liebe mein Geheimniß geſagt; halte es nun mit dem Deinigen, wie Du willſt.“ e„Aber kannſt Du auch—“ Hier hielt ſie inne. „Ich kann und will Dich unterſtützen,“ ſagte er, ihre Phraſe beendigend. „Hier alſo iſt der Name!“ rief ſie, während ſie mit einer leidenſchaftlichen Gebärde einen verſiegelten Brief aus ihrem Buſen zog, und ihm die Aufſchriſt zeigte. DEsmonde fuhr beinahe zuſammen; indeſſen faßte er ſich alsbald wieder, und ſagte: ebe Adreſſe iſt nicht ganz richtig, Lola. Sie ſollte ſo ſein—* Hier nahm er eine Feder, durchſtrich damit die letzte Linie auf dem Convert, und ſchrieb dafür hin!„Dewan⸗ pore Baxracks,*) Calcutta.“ „Wir müſſen heute Abend noch mit einander ſpre⸗ chen,“ ſagte er endlich, den Brief zurückgebend, und dann entfernte er ſich, ohne ein weiteres Wort zu ſagen. — Neunundvierzigſtes Kapitel D'Esmonde’s Brief. Es wird dem Leſer eine etwas lange Diseuſſion er⸗ ſpart, wenn wir ihm einen Auszug aus einem Briefe vor⸗ *⁴) Barracks= Kaſerne, legen, den der Abbé d'Esmonde um dieſe Zeit an einen Freund und Collegen in Irland ſchrieb. Es wurde der⸗ ſelbe gerade an dem Abende geſchrieben, deſſen Ereigniſſe wir ſo eben erzählt, und während der Abbé noch ganz von dem Eindrucke der Scenen beherrſcht war, von denen er ſpricht. Der Name und die äußeren Verhältniſſe des ver⸗ trauten Freundes unſeres Abbé haben für uns lediglich kein Intereſſe; auch brauchen wir nicht weiter über den⸗ ſelben zu ſagen, als daß er an der Politik ſeines Vater⸗ landes einen hervorragenden Antheil nahm, und daß er ſowohl in der Preſſe, als auf der Rednerbühne ſich als einen der vornehmſten Agitatoren zeigte. Der gegenwärtige Augenblick dürfte nicht ungeeignet ſein, die Ungerechtigkeit des Hohns zu zeigen, womit man Leute ſeines Schlags ſo oft verfolgt, und dem der Ge⸗ danke zu Grund llegt, ihr ganzes Leben habe keinen an⸗ dern Zweck, als kleine und aufregende Fragen von bloß localem Intereſſe,— die kleinlichen Intriguen eines Dor⸗ fes oder eines Weilers,— zum Gegenſtand der Agitation zu machen, und es ſeien dieſe Leute ganz und gar unbe⸗ kannt mit den größeren Fragen, die das Herz von ganz Europa bewegen, oder es fühlen dieſelben wenigſtens kein Intereſſe dafür. Indeſſen dürfen wir uns nicht zu ſehr von unſerem Gegenſtande entfernen, ſondern müſſen uns an unſere nüchterne Aufgabe halten, und es dem Scharf⸗ ſinn uniſetas Leſers überlaſſen, die noͤthigen Schlüſſe ſelbſt zu ziehen. Nur ſo viel müſſen wir vorausſchicken, daß d'Es⸗ monde und ſein Freund Schul⸗ und Univerſitätsgenoſſen geweſen waren, und daß die gemachten Enthüllungen in der Bruſt eines bewährten Freundes niedergelegt wurden. Auch brauchte man keine Indiscretion oder die Nachläßig⸗ keit der Poſt zu befürchten, denn das Document wurde nebſt einigen andern Briefen aus Rom durch einen beſon⸗ dern Boten überſchickt,— durch einen Prieſter, der, in . gleicher Abſicht, jedes Jahr die Reiſe zwei Mal machte, und,— wird es unſere Leſer überraſchen, wenn wir in einem Geiſte, dem alle Launen der Fiction fremd ſind, hinzuſetzen,— immer noch zu demſelben Zwecke hin⸗ und herreist. D'Esmonde entſchuldigt ſich zuerſt wegen der langen Zeit, die der Brief unterwegs ſein werde, indem derſelbe erſt nach Rom gehen müſſe, ehe er ſeine Reiſe nach Nor⸗ den antrete,— ſpielt dann auf einige perſoönliche und Pri⸗ vatangelegenheiten, ſowie auf einige, Individuen, die er und ſein College kennt, an, und fährt dann alſo fort: „Es iſt mir gar nicht lieb, daß ich in dieſem Augen⸗ blicke hier ſein muß; aber meine Anweſenheit war durch⸗ aus nothwendig, um den Einfluß dieſer läſtigen alten Gräfin zu neutraliſiren, die, wenn es in ihrer Macht ſtünde, allen dieſen liberalen Bewegungen gerne Einhalt thun möchte, ehe dieſelben ſich in ihrer wahren Bedeutung gezeigt haben. Du kannſt Dir kaum einbilden, wie ſchwie⸗ rig dieſe Aufgabe iſt, und mit welch hartnäckiger Thor⸗ heit die Leute fortfahren ihre Plattheiten zu wiederholen, und zu ſagen, ‚man müſſe der Sache nun Einhalt thun’, „‚man müſſe die Schlange zerhacken,“ und was dergleichen mehr iſt. 1 „Es ſind nun über fünfzig Jahre, daß Europa eine wahre politiſche Erſchütterung geſehen hat; es iſt jetzt eine neue Lection nöthig. Ich hatte oft gehofft, daß ihr Leute des Weſtens der Welt dieſe Lection geben könntet. Ich habe zu einer gewiſſen Zeit vom Chartismus große Erwartungen gehegt. Es beſaß derſelbe die nöthigen Elemente der Unordnung und des Unheils im Ueberſtuſſe; er war ungläubig und hungrig; allein es gingen ihm die großen Erforderniſſe, Entſchloſſenheit und Muth, ab. Das Erempel muß nun vom Continente kommen; und in einer Beziehung iſt es nur um ſo beſſer. „Eure Revolutionäre würden nothwendig die Feinde der anglicaniſchen Kirche ſein, während unſere Anarchi⸗ 103 ſten hier mit dem Proteſtantismus unzertrennlich verknüpft ſind. Dieſer ‚Coupe erforderte einige Geſchicklichkeit; aber endlich iſt er uns doch gelungen. „Ronge's Abfall gab uns die erſte günſtige Gelegen⸗ heit; die Schweizerunruhen haben die zweite gegeben; noch eine Weile, und das Bonnet rouge wird das Sym⸗ bol des proteſtantiſchen Glaubens bilden. „Sieh, wie günſtig das für uns iſt; ſieh das Miß⸗ trauen, womit jede Nation des Continents auf England und deſſen conſtitutionelles Unweſen blicken wird; ſieh, wie ſehr man auf dem Continente geneigt ſein wird, die Cat⸗ tune Englands mit ſeiner Kirche, und die Ausdehnung ſeines Handels mit der verrätheriſchen Ausſtreuung ihrer Lehren in Verbindung zu bringen. „So weit wäre daher Alles gut. „Und dann darfſt Du nicht vergeſſen, daß gegen alle dieſe Anarchie und gegen allen dieſen Ruin nur die allein⸗ ſeligmachende Kirche einen wirkſamen Widerſtand entfalten kann:— die alleinſeligmachende Kirche iſt für die Stunde der Gefahr das Peletonfeuer'; aber die Leute müſſen zum Prieſter kommen, und ihn bitten, daß er das erſchütterte Gebäude wieder conſolidire,— daß er das wankende Ge⸗ ſellſchaftsgebäude wieder aufbaue. Die Leute ſehen dieß noch nicht ein; und es gibt nur einen Weg, es ſie zu lehren:— eine furchtbare Bluttaufe, eine furchtbare Anarchie iſt nothwendig. Und dieſe Lection wartet ihrer, Du kannſt es mir glauben. „Die große Schwierigkeit, auf die ich ſtoße, iſt, die Leute zur Geduld zu bewegen. Sie wollen nicht, wie Nappleon einſt bei den Preußen that, warten, bis die Re⸗ volutionäre ſich auf friſcher That ertappen laſſen; und doch iſt, wann das nicht geſchieht, das ganze Experiment um⸗ ſonſt. Nit allen ihren Horden von Reitern, Fußgängern, und Deugonern,— mit allen ihren Kartätſchenkugeln,— mit allen ihren Granaten und Raketenbatterien beſitzen ſie nicht den Muth eines armen Prieſters. 104 „Seine Heiligkeit benimmt ſich indeſſen beſſer: er hat das Ganze ernſt genommen; er glaubt, mäßige Re⸗ formen,— was ſind dieſe?— werden die Wünſche de⸗ magogiſchen Ehrgeizes befriedigen, und er werde, nachdem er der Raſerei des Volkes jeden möglichen Vorſchub ge⸗ leiſtet, ſie nach Belieben wieder zügeln koͤnnen. „Du wirſt natürlich ohne Müh' errathen, was daraus hervorgehen wird; und Du ſiehſt ſchon, wie viele Ge⸗ ſchäfte unſer in der nächſten Zeit warten. Oh, mein lie⸗ ber Michael, ich kann hier innehalten, die Augen ſchließen, und in der herrlichen Zukunft ſchwelgen, die nicht aus⸗ bleiben kann. Ich ſehe ſchon den Kampf vor meinen Augenz ich weiß, daß einige gute Männer, vielleicht auch einige große Männer in demſelben fallen werden; aber in der Entfernung ſehe ich den Dom von Sct. Peter maje⸗ ſtätiſch ſich über den Schlachtwolken erheben, und die zahlloſen Millionen abermals vor deſſen Altären knien. „Ich verſtehe nicht ganz, was Du mir über Irland ſagſt, obgleich ich ganz und gar mit der Politik einver⸗ ſtanden bin, die darin beſteht, daß man den proteſtanti⸗ ſchen Rebellen in den Vordergrund ſchiebt. Ein auch noch ſo kurzer Kampf mit der Regierung würde von überaus großem Nutzen ſein. 4 „Ich habe viel über den Gegenſtand nachgedacht, und bin überzeugt, daß England durch Nichts mehr ein⸗ geſchüchtert werden könnte, als durch den Gedanken, daß einer iriſchen Inſurrection vom Auslande Vorſchubege⸗ leiſtet würde, während ſo eurer Loyalität der große Zug der Nationalität verliehen würde. Es iſt dieß überaus wichtig. Sieh nur, wie man uns gerade jetzt mit unſe⸗ rem Ultramontanismus verhöhnt, und ſtelle Dir einmal vor, was für eine Antwort dieß auf den Sarkasmus ſein wird! „Ich bin überzeugt, daß ich,— das heißt, wenn Du damit einverſtanden biſt,— gar leicht einige junge Burſche, die in öſterreichiſchen Dienſten ſtehen, überreden 105⁵ könnte, ſich bei der Bewegung zu betheiligen. Als Offi⸗ ciere, und als mit militäriſchen Dingen wohlbekannte Männer würden ſie in engliſchen Augen eine furchtbare Bedeutung erlangen. Ich habe mein Auge ſchon auf zwei oder drei geworfen; einer davon iſt ein Bruder meiner jungen Fürſtin,— des ſchönen Mädchens, von dem ich Dir in meinem letzten Briefe, als meinem zukünftigen Chargé d'affaires zu St. Petersburg, geſprochen habe. 3 „Es werden ihrer auf dieſem Poſten viele Schwierig⸗ keiten warten, und ich bin noch keineswegs überzeugt, daß ſie demſelben gewachſen iſt. Wenn ich uͤber die Schwie⸗ rigkeit nachdenke, auf die wir ſtoßen, wenn wir die Wahr⸗ heit herausfinden ſollen,— wir, vor deren Augen doch die Herzen der Menſchen ſo offen da liegen, bin ich wirk⸗ lich üͤber jeden Erfolg erſtaunt, den eine bloße weltliche Regierung erzielt. Mehr denn zwei Drittel der Leute, mit denen ich verkehre, ſind, ſo zu ſagen, in meiner Ge⸗ walt,— das heißt, ihr guter Ruf und ihr Vermögen; und doch muß ich ſie dieß jeden Tag wohl zehn Mal fühlen laſſen, damit ich ſie zu meinen Zwecken benützen kann. Glaub mir, das heilige Officium hatte Recht: ein unzertrennliches Band knüpft an einander— die Wahrheit und die Daumenſchraube! „Sag mir, ob auch militäriſche Hülfe erwünſcht iſt. Ich ſehe zwar wohl ein, daß dieſelbe von keinem Belange wäre; indeſſen könnte dieſelbe doch dazu dienen, eure Pa⸗ trioten,— die, ich muß es geſtehen, gar behutſam zu Werke gehen,— einen Schritt vorwärts zu treiben. Bis jetzt iſt der junge Dalton mit Leib und Seele Oeſter⸗ reicher,— einer von jenen Soldaten, die nur ‚Gott und den Kaiſer kennen; allein ich habe ſchon ſtrengflüſſigeres Metall in den Schmelztiegel geworfen, und habe geſehen, daß es recht hämmerbar war, als es wieder aus demſel⸗ ben genommen wurde. „8Du fragſt mich über die„Convertitene; und ich muß Dir geſtehen, daß ihr Abfall mehr eine Schande für 106 den Proteſtantismus, als für uns ein Grund zur Selbſt⸗ überhebung iſt. Sie ſind unerſättlich, und ſteigern ihre Forderungen mit jedem Tage; alle glauben, es ſei kein Preis zu hoch für die Ehre ihrer Allianz; es iſt unter ihnen auch nicht ein Schaufelhut, der nicht wenigſtens ein „Monſignore’ werden will! „Einige indeſſen, zum Beiſpiel meine Freundin, Lady Heſter, ſind reich, und entſchädigen uns ſo für die Mühe, die ſie uns verurſachen. Auf die Bürgſchaft der genann⸗ ten Dame hin habe ich ein Anlehen contrahiren koͤnnen; indeſſen iſt es mir nicht gelungen, die ganze Summe zu bekommen, die Du verlangteſt, ſondern nur eine kleinere: die Einzelheiten wirſt Du aus der Beilage erſehen. „Ich weiß nicht, ob Du mit mir einverſtanden biſt, aber meine Anſicht geht dahin, daß man an die triſche Preſſe kein Geld verſchwenden ſollte. Der Einfluß der⸗ ſelben iſt nur gering, und rein localer Art; ſpare alle Deine Verführungskünſte für das ſchwerere Metall auf der andern Seite des Kanals auf,— für die Leute, die, ſo dumm ſie auch herausſchwatzen, doch ſtets mit Ach⸗ tung und Aufmerkſamkeit angehört werden. „Ich kann nicht zu euch kommen, wie Du von mir verlangſt; und könnte ich es auch, ſo würde ich euch doch Nichts nützen. Ihr Alle verſtehet euer Volk, ſeine Ge⸗ wohnheiten, ſeinen Gedankengang weit beſſer, als wir, die wir uns in den letzten zehn oder zwoͤlf Jahren mit Kar⸗ dinälen und dem Heiligen Collegium haben herumſchlagen müſſen. Vor Allem muß ich euch den Nath geben, ja nicht voreilig zu ſein; vergeſſet nicht, daß eure große Po⸗ litik die Erhaltung jenes fieberhaften Zuſtandes iſt, die jede Anſtrengung der engliſchen Politik paralyſirt. Tra⸗ get alle eure Beſchwerden zur Schau, aber mehr, um die Unterwürfigkeit zu zeigen, womit ihr dieſelben traget, als um deren Abſtellung zu verlangen. Nur in Kleinig⸗ keiten zeiget euch kitzelig: ſparet all' euer Märtyrerthum fůr 107 große Gelegenheiten auf; verge ſſet keinen Augenblick, daß eure Loyalität! dieſes Mal belohnt werden muß. „Adieu, mein lieber Michael! Sag' Seiner Gnaden von dieſen meinen Anſichten ſo Viel, als Du für paſſend erachteſt; und ſag' ihm auch, daß er ſich auf uns hier verlaſſen könne, und daß wir ganz nach ſeinem Belieben Conceſſionen, die er der engliſchen Regierung zu machen für paſſend halten mag, verwerfen oder beſtätigen werden. Wir kennen ſeine Schwierigkeiten, und werden uns hüten, dieſelben noch zu vermehren. „Was den Kardinalshut betrifft, ſo ſag ihm, daß die Sache gar keinen Anſtand habe; nur mußt Du ihm ſa⸗ gen, er ſolle vorſichtig ſein, und es ſei jetzt nicht die Zeit, ſich mit demſelben zu bekleiden! Könnten die Menſchen doch nur einſehen, welch' große Sache wir haben, und wie dieſelbe durch kluges Zuwarten gewonnen werden muß! Ja, Michael, es iſt Nichts weiter erforderlich,— Nichts weiter, als ein kluges Zuwarten,— glaube mir es! „Alles, was Du mir daher über Titel, Würden, und dergleichen ſagſt, iſt voreilig. Bei einiger Geduld bekommt ihr Alles, um was euch eine momentane Ueberſtürzung un⸗ fehlbar bringen müßte. Einige eurer Tonangeber halten immer noch an dem verderblichen Gedanken feſt, Irland zu heben; hör', ums Himmels willen, nicht auf, denſelben zu bekämpfen. Die Kirche,— die Kirche allein iſt es, für die wir kämpfen. Ihre Schwierigkeiten ſind ſchon groß genug, und man darf nicht daran denken, ihr Schick⸗ ſal an ein Geſchick zu knüpfen, das täglich trauriger wird! Ihr habt manche verſtändige Männer unter euch, und dieſe ſollten den Satz, den ich hier ausſpreche, in ſeinem wah⸗ ren Lichte erblicken. „Du haſt Recht,— obgleich Du es nur im Scherze ſagteſt,— in Betreff des Intereſſes, das ich für meine kleine Fürſtin und deren Bruder fühle. Die Mildthätig⸗ keit eines ihrer Verwandten,— eines gewiſſen Mr. God⸗ frey,— ſetzte mich in den Stand, meine Laufbahn zu be⸗ 108 treten. Ich war noch ein Knabe, als er mich nach Lö⸗ wen ſchickte; von da kam ich nach Salamanka, und dann nach Rom. Er ſcheute keine Koſten, um mir eine tüch⸗ tige Erziehung zu geben, und ich glaube, daß er, wenn er noch länger am Leben geblieben wäre, mich anſtändig verſorgt haben würde.— „Die Geſchichte hat ein garſtiges Ende; die Gerüchte ſind wenigſtens recht düſterer Art, und ich ziehe es vor, dieſelben nicht wieder aufzufriſchen. „Hier iſt mit einem Male mein Gedankengang ein trauriger geworden, lieber Michael; es iſt jetzt Mitternacht vorüber,— Alles um mich her iſt ſtill, und es iſt mir, als ob ich Dir Alles ſagen ſollte, und doch loͤst ſich die⸗ ſes Alles in ein Nichts auf; denn für jetzt beſitze ich auch nicht ein Factum.. „Kannſt Du Dir die Stellung eines Mannes denken, der eine große, glorreiche Zukunft vor ſich hat,— deſſen die höchſten Belohnungen warten, die ſich der wildeſte Chrgeiz nur je dachte,— der eine Sphäre vor ſich ſieht, worin er die Kräfte, die er in ſich fühlt, zur Anwendung bringen könnte,— und dem nur ein Feld zu deren Ent⸗ wickelung fehlt? Stelle Dir einmal einen ſolchen Mann vor, und denke Dir dann, es werde derſelbe von einem furchtbaren Argwohne,— von einem verdammenden Zweifel geplagt,— daß nämlich ſeine gerechten Anſprüche auf Alles dieſes von einem kleinen Mangel behaftet ſeien, — daß früher oder ſpäter— er weiß nicht wie, noch woher, noch warum,— gleichſam aus der Erde gegen ihn eine Stimme ſich erheben koͤnne, die da ſage:„„Du biſt verläugnet, entehrt,— du biſt vor den Menſchen ehrlos!““ „Eine ſolche furchtbare Hölle habe ich Jahre lang in der Bruſt getragen! Ja, Michael, dieſer Krebs nagt an meinem Herzen, und doch iſt es nur wie eine böſe Vifion,— wie ein Gebilde der Phantaſie, das mich von 109 meiner Kindheit an verfolgt,— und, gleich einer Krank⸗ heit, ſich immer feſter ſetzt. „Du wirſt mir ſagen, meine Imagination ſei krank, — es ſei die Frucht eines übermäßig angeſtrengten Ge⸗ hirns, oder, nicht unwahrſcheinlich, das Reſultat einer übertriebenen Eitelkeit, die für fehlgeſchlagene Hoffnungen in den düſteren Regionen des Aberglaubens Troſt ſuchen möchte. chrra mag dieß ſein; und doch habe ich gefunden, daß dieſer Schrecken ſich meiner mehr in den Zeiten meiner Stärke und meiner Thätigkeit bemächtigte, als in denen der Krankheit und der Niedergeſchlagenheit. Hätte ich meinen Gedanken Farbe und Geſtalt verleihen können, ſo hätte ich dieſelben im Beichtſtuhl flüſtern, und irgend ein Heilmittel gegen die Qual, die ſie mir verurſachten, ſuchen können; aber ich vermochte es nicht. Sie blitzen in meinem wachenden Geiſte auf, wie die Erinnerungen eines Traumes, den ich vor Kurzem gehabt hätte. Ich zweifle halb und halb, ob ſie auch etwas Wirkliches ſind, und blicke umher, um zu ſehen, ob ich Nichts entdecken kann, was auf eine Veränderung in meiner Lage hinweist. Ich zittere bei dem erſten beſten Tritte, der ſich meiner Thüre nähert, indem ich befürchte, es möchte der kom⸗ mende mir die Nachricht von meinem Sturze bringen! „Ich war zu Rom,— als Student in dem iriſchen. Collegium,— als dieſe Wolke zuerſt über mich hereinbrach. Es kam ein Brief aus Irland an,— ein eine Beichte enthaltendes Document, wie ich glaube. „Ich wurde vor die Oberen gerufen, und über meine Familie gefragt, von der ich Nichts wußte; auch ſtellte man Fragen an mich in Betreff meines Vermögens, wo⸗ von ich eben ſo Wenig ſagen konnte. Man erkundigte ſich nach den Fortſchritten, die ich im Collegium gemacht, und es wurde eine genaue Unterſuchung über meine Auf⸗ führung angeſtellt; obgleich aber ſowohl erſtere, als letz⸗ tere über allen Tadel erhaben waren, ſo entſiel ihnen 110 doch auch nicht ein Wort des Lobes; im Gegentheil, ich hörte ſie unter Anderem das furchtbare Wort ‚Degra- dato“! flüſtern. Du kannſt Dir leicht denken, wie ſehr mir der Muth ſank bei einer Phraſe, in der der Schande und der Erniedrigung ſo Viel lag! „An dem darauf folgenden Morgen wurde mir ge⸗ ſagt, daß mein Goͤnner todt ſei, und daß, da ich nicht länger die Mittel beſitze, meine Penſion als Student zu zahlen, ich ein ‚Laico“ werden müſſe,— mit andern Worten, eine Art Diener im Collegium. „Das war eine furchtbare Nachricht für mich; allein es waren doch meine Befürchtungen nicht ganz eingetrof⸗ fen. Von ‚Degradation’ wurde Nichts geſagt. „Indeſſen wollte ich mir den harten Spruch nicht ſo ohne Weiteres gefallen laſſen;— ich machte auf meine Fortſchritte aufmerkſam,— wies auf die Preiſe hin, die ich bekommen,— auf meine Zeugniſſe, und ſo weiter; aber meine Bitte wurde verworfen, obgleich ich nur noch wenige Monate gebraucht haben würde, um die Prieſter⸗ weihe zu erlangen. „Ich wurde alſo zu einem ‚Laico“ gemacht. „Zwei Monate darauf wurde ich nach Ancona, in das Kloſter ‚dell' Espiazione“ geſchickt. „Viele meiner früheren Briefe haben Dir die Leiden dieſes Lebens geſchildert!— haben Dir die furchtbaren Strafen dieſes unheimlichen Gefängniſſes erzählt, deſſen Bewohner lauter ‚Degradati“ waren, und wo nur Män⸗ ner gefunden werden konnten, die ſich durch die abſcheu⸗ lichſten Verbrechen befleckt hatten. Dort war ich ſiebzehn Monate als ‚Laico“,— das heißt, als ein Diener der verworfenſten Menſchenklaſſe, die es auf dieſer Erde gibt; — und ich durfte keinen Troſt im Studium,— ich durfte keine angenblickliche Erholung darin ſuchen, daß ich in Anderer Gedanken gelebt hätte, um die entſetzliche Oede meiner eigenen ein wenig zu erheitern. Arbeit,— unauf⸗ 111 hoͤrliche, erniedrigende Arbeit,— das war mein Loos von einer Morgendämmerung zur andern. „Ich kann mir auch nicht entfernt denken, was ich verbrochen. Ich erkläre feierlich vor Gott, während ich dieſe Zeilen ſchreibe, daß ich mir keines Verbrechens be⸗ wußt bin,— mit Ausnahme ſolcher, die der Beichtſtuhl geſühnt hat;— und doch ließ das Ritual meines täg⸗ lichen Lebens auf ein ſolches Verbrechen ſchließen. Die Gebete und Litaneien, die ich wiederholen mußte, die Büßungen, die mir auferlegt wurden, waren die der ‚Es- piazione“!. „Ich getraue mir nicht, mich an dieſe fürchterliche Periode meines Lebens zu erinnern: das einzige rebelliſche Gefühl, das mein Herz je gekannt, entſprang aus dieſer qualvollen Exiſtenz. Als ein ſchlichter Prieſter in den wildeſten Regionen des Alpenſchnees,— als ein Miſſio⸗ när unter den roheſten und wildeſten Vöͤlkerſtämmen haͤtte ich Mühſeligkeiten jeder Art,— hätte ich dem Mangel, — ja, hätte ich dem Tode ſelbſt trotzen koͤnnen; aber was war dagegen das Leben eines Degradato“, der ſein Le⸗ ben mühſam dahinſchleppte, ſeine Kräfte, ſeine geiſtigen Fähigkeiten mit jedem Tage abnehmen ſühlte, und ſich am Rande abſoluten Blödſinns ſah, und ſich fragte, ob in dieſem Zuſtande die Qual und der Kummer ſchliefe! „O Michaell Es zittert mir die Hand, und Thrä⸗ nen benetzen das Papier, wäͤhrend ich dieſes ſchreibe. Kann dieſe Ordalie je Gutes wirken? „Die Maſſe verſinkt in unheilbaren Wahnſinn,— einige Wenige kommen davon, wie es bei mir der Fall war; und wie kommen ſie in die Welt zurück? Ich will nicht von anderen Veränderungen ſprechen; aber welche Härte des Herzens wird nicht erzeugt durch Leiden, welche den äußerſten Grad erreichen,— welche Gleichgültigkeit wird dadurch nicht erzeugt gegen das Elend Anderer! Wie mitleidslos werden wir nicht gegen Schmerzen, die . 112 Nichts ſind im Vergleich mit denen, die wir ſelbſt aus⸗ geſtanden!. „Du weißt wohl, daß mein Leben kein träges ge⸗ weſen iſt,— daß ich lange und hart gearbeitet habe in der Sache unſeres Glaubens, und doch habe ich nie den furchtbaren Einfluß jener Kloſterexiſtenz abſchütteln können. Kaum in der Aufregung politiſcher Intrigue,— kaum in dem Sturme der Leidenſchaften, von denen die Men⸗ ſchen bewegt werden, kann ich auf Augenblicke Zelle, Büßungen und Kette vergeſſen. „Auch hege ich einen ſtarken Groll, Michael. Ich möchte ſie fühlen laſſen, daß ſie jetzt um guten Rath zu dem kommen müſſen, den ſie einſt zur ‚Degradation“ verurtheilt;— daß der arme„Laico“ jetzt in ihrem Rathe ſitzen und ihre Handlungen leiten kann. Es liegt etwas ſo Glorreiches in der Tyrannei Roms,— Etwas, was über die armſelige Souveränität bloßer Könige ſo erha⸗ ben iſt,— es kennt dieſelbe die Grenzen der Reiche und Staaten ſo wenig,— es überſchreitet dieſelbe Alpen und Oceane ſo kühn,— es verkündet dieſelbe ihre ſtolzen Edicte in den großen Städten Europa's ſo ohne alle Scheu,— es ſpricht dieſelbe ihr’e Wahrheiten in den ſtillen Wäldern des fernen Weſtens in ſo hehrer Weiſe aus,— es weiß dieſelbe das Herz des Monarchen auf ſeinem Throne, und die rohe Bruſt des Indianers in ſeinem Wigwam ſo ge⸗ waltig zu erſchüttern und beben zu machen, daß es ein edles Vorrecht iſt, in ihren Reihen auch nur ein Panner tragen zu dürfen! 8 „Und nun komme ich zu dieſen Kindern zurück, mit deren Schickſalen ich mich,— ich weiß nicht, wie— verknüpft fühle. Sie waren mit jenem Mr. Godfrey verwandt, und dieß iſt vielleicht das geheime Band, das uns an einander knüpft. Das Mädchen hätte ein hohes Ziel erreichen koͤnnen:;— ſie beſaß Schönheit, Grazie, Reize,— Alles, was in unſeren Tagen von den Menſchen geſchätzt wird, allein es lebt in ihr kein hoher Ehrgeiz, 113 — ſie kannte Nichts, als das Verlangen, ihre Perſon be⸗ wundert zu ſehen. Ich habe ſie lange und ängſtlich be⸗ obachtet. Auch lag in ihrem Herzen eine ſchwache Güte, die keine Selbſtaufopferung hoffen ließ. So wie ſie in⸗ deſſen iſt, gehört ſie mir. „Was den jungen Burſchen betrifft, ſo ſah ich ihn geſtern zum erſten Male; aber er kann keine ſehr ſchwere Eroberung ſein. Abermals höre ich, wie Du mich fragſt, wie ich mich doch von großen Ereigniſſen und unendlich wichtigeren Gegenſtänden abwenden möge, um an dieſe Perſonen zu denken; und abermals geſtehe ich, daß ich Dir es nicht zu ſagen vermag. Macht uͤber Jeden,— über den Niedrigſten, wie den Höchſten, den Schwach⸗ herzigſten und Muthigſten.— Macht, auszuſenden oder zurückzuhalten, zu zerſchmettern oder zu erhoͤhen,— das iſt der Preis derer, die, gleich Dir und mir, demüthig wandeln, damit ſie ſtolz herrſchen mögen. „Und nun, lieber Michael, lebe wohl. Ich habe Dir gebeichtet, und wenn ich nur Wenig geſagt, ſo liegt die Schuld nicht an mir. Du kennſt alle melne Anſich⸗ ten über große Ereigniſſe,— Du kennſt alle meine Hoff⸗ nungen, und alle meine Ahnungen. Morgen oder über⸗ morgen muß ich Wien verlaſſen, denn es iſt jenſeits der Alpen Viel zu thun. Wußten Koͤnige und Kaiſer ſo Viel, wie wir arme Prieſter, ſo würden die kommenden Welhnachten für ſie wohl ſchwerlich die heiterſten ſein. „Am Tage des heiligen Pancratius, Hof⸗ thor, Wien.“ „Ich verbleibe in aller Aufrichtigkelt und Bruderlichkeit „Dein „Mathew D'Esmonde.“ .........* Die Daltons. WV. 8 114 Schon graute der Tag, als D'Esmonde mit ſeinem Briefe zu Ende kam; anſtatt aber zu Bette zu gehen, öffnete er ſein Fenſter, und ſetzte ſich an daſſelbe, um die friſche Morgenluft zu genießen. Er machte, theilweiſe aus Gewohnheit, ſein Brevier auf; aber ſeine Augen ſchweiften, von den ſchon ſo oft geleſenen Zeilen weg, über die vor ihm liegende Scene,— über das ſich vor ſeinen Augen ausbreitende Glacis hin, wo die Truppen ſich be⸗ reits aufſtellten, um ſpäter Revüe zu paſſiren. „Welch ſonderbares Ding iſt es doch um den Muth!“ dachte der Abbé.„Ich, dem bei dem bloßen Dahinrollen eines Kanonenwagens bänglich zu Muthe iſt, habe eine Seele, die ohne alle Furcht ganz Europa in Zuckungen, und alle Nationen unter den Waffen ſehen kann!“ Fünfzigſtes Kapitel. Der CEadett von Dalton. Da Madame de Heidendorf's Morgen ſtets damit ausgefüllt waren, daß ſie Beſuche empfing, oder die Briefe ihrer politiſchen Bekannten beantwortete, ſo konnte Kate ihre Zeit in der Geſellſchaft Frank's zubringen, Bekennt⸗ niſſe austauſchen, und von der theuren Heimath ſprechen, von der ſie noch mehr durch die Verhältniſſe, als durch den Raum getrennt waren.— Der Cadett hatte für den ganzen Tag Urlaub er⸗ halten,— in ſeinen Augen eine unbegreifliche Gunſt,— und Kate ſaß eben bei ihrem Frühſtücke, als er erſchien. An dem vorangegangenen Tage war Frank's Auf⸗ 115 merkſamkeit ganz und gar auf die Perſon Kate's ſelbſt, — auf die in ihrem ganzen Weſen und Benehmen Statt gehabte Veränderung,— ſo wie auf jene grazioͤſe, in ihrer Miene liegende Würde gerichtet geweſen, die ſeine Liebe bis zu einer Art Verehrung ſteigerte; jetzt aber hatte er ſo viel Zeit, um das Aeußere ihrer Stellung, das prächtige Zimmer, das herrliche Silber⸗Service, die reichen Livreen, kurz, Alles anzuſtaunen, was auf ihren vornehmen Stand und ihren Reichthum hinwies. „Ich fahre faſt vor Scham zurück, Kate,“ ſagte er, „wenn ich, an dieſen großen Spiegeln vorübergehend, meine geringe Perſon erblicke,— ſo wenig ſcheint ſie zu einer Pracht, wie dieſe, zu paſſen; auch kann ich nicht umhin, zu denken, daß Deine Dienerſchaft nicht für mich paßt. Trotz all ihrer reſpectvollen Höflichkeit müſſen die Leute ſich wundern, wenn ſie den Bruder ihrer Fürſtin anſehen.“ „Du weißt wohl, theuerſter Frank, daß in eurem Dienſte der Höchſte im Lande durch das Fegfeuer des Cadettenſlandes hindurchgehen muß.“ „Was ſo Viel bedeutet, daß ein Erzherzog eine halbe Stunde, und eine durchlauchtige Hoheit einen Vormittag Cadett ſein muß. Selbſt Walſtein brauchte bloß eine Woche, um zum Lieutenant zu avanciren; einen Monat darauf war er Rittmeiſter; und jetzt commandirt er be⸗ reits ein Regiment.“ „Ei, ei, Du biſt ein noch ſo junger Soldat, und kennſt ſchon ſo gut die ſtereotypen Phraſen über langſame Befoͤrderung?“ ſagte Kate lachend. 5 „Schon zehn Monate bin ich nun Cadett, und noch hat man mich nicht einmal zum Corporal gemacht!“ ſeufzte Frank.„Gewiß wäre ich es aber geworden, wenn das Stockhaus nicht geweſen wäre.“ „Und was iſt denn das, lieber Frank?“ „Das Gefängniß,— Nichts mehr und Nichts weniger. „Als ich hieher kam, Kate,— als der Neffe, oder Großneffe des Feldmarſchalls von Auersperg, da dachte ich, es zieme mir, in meine Lebensweiſe die Raffinements der Mode einiger Maßen anzunehmen. Meine Kamera⸗ den bekräftigten mich in meinem Vorſatze, und da ich gar leicht Credit bekam, ſo war ich bald Jedermann ſchuldig. Ich lieh Allen, die mich um Geld anſprachen, und ver⸗ ſchenkte noch mehr. Jedermann ſagte mir, daß der Feld⸗ marſchall, früher oder ſpäter, für mich bezahlen würde, und ich geſtand nie, wie arm wir von Hauſe aus ſind. „Ich wußte, daß ich unrecht daran that, theuerſte Kate; ich fühle das jetzt tief genug; aber ich weiß nicht, wie es kam, daß, nachdem ich damit angefangen, Andere zu täuſchen, ich nun in eine viel ärgere Selbſttäuſchung ver⸗ fiel. Da ich unaufhörlich, von unſerem Dalton'ſchen Blute und unſerer hohen Stellung in unſerm Vaterlande ſprach, ſo glaubte ich am Ende ſelbſt Alles, und bildete mir ein, daß wenigſtens einige dieſer Phantaſien Boden haben müßten. Vor Allem aber nährte ich die Hoffnung, daß die Beförderung endlich kommen, und daß ich ein geſchätz⸗ ter Soldat des Kaiſers werden würde. „Inmitten all dieſer Selbſttäuſchung kommt der Feld⸗ marſchall von einer Inſpectionsreiſe nach Wien zurück, und läßt, anſtatt meiner, meinen Oberſten vor ſich kom⸗ men.“ „Ich weiß natürlich nicht, was zwiſchen den Beiden vorging; aber das Gerücht behauptet, der alte General habe den Oberſten eine Stunde lang in den bitterſten und beleidigendſten Ausdrücken haranguirt. Nun aber vermindert ſich, meine liebe Schweſter, der Zorn, der über einen commandirenden Officier ausgeſchüttet wird, keines⸗ wegs, während er von oben herabkommt, und endlich auf den gemeinen Soldaten fällt. „Wegen meines üblen Verhaltens mußte das ganze Regiment Wien verlaſſen, und nach Laibach marſchiren; — und noch dazu in der Mitte des Winters. 117 „Dieß konnte meine Popularität unter melnen Ka⸗ meraden nicht ſehr vermehren; und da ich jetzt eben ſo wenig Crevit, als Geld hatte, ſo kannſt Du Dir die Ver⸗ änderung meiner Lage leicht denken. Das ſchwarze Com⸗ mißbrod trat nun an die Stelle der feinen Küche im „Schwand; der mitternächtliche Patrouillendienſt im Regen oder im Schnee, an die Stelle des fröhlichen abendlichen Zechens; die rohe Tyrannei eines ungebildeten Feldwebels an die Stelle der freundſchaftlichen Rathſchläge eines Mannes von meinem Stande; alle niedrigen, gemeinen Dienſtleiſtungen,— und wir haben deren genug— wur⸗ den mir Tag für Tag aufgebürdet, bis ich endlich meine einzige Hoffnung darauf ſetzte, daß es mir endlich gelingen würde, mir die rohen Gefühle eines Bauerburſchen anzu⸗ eignen, und mein Leben ohne einen Wunſch, und ohne eine Sehnſucht nach etwas Beſſerem dahin zu ſchleppen. „Gleich als ſollte mir das Leben noch unerträglicher gemacht werden, wurde den Officieren verboten, mit mir umzugehen; ſelbſt ſolche Cadetten, die nicht zu der nied⸗ rigeren Claſſe gehoͤrten, durften nicht mehr mit mir ver⸗ kehren; ich mußte für zwei Mann Dienſt thun; es ſtei⸗ gerten ſich die Strafen, die mir wegen jeder Bagatelle auferlegt wurden; und da war ich nun, ein Soldat der Kleldung, aber ein Sträfling dem Dienſte nach;— nun konnte ich über all' die ſchmeichelhaften Illuſionen nach⸗ denken, die ich einſt vom Dienſte, von deſſen chevalereskem Charakter, und von deſſen Ruhme gehegt hatte! „Ich ſchrieb an Walſtein, und ſagte ihm, daß ich, wenn ich meine Freiheit nicht anders würde wiedererlangen können, deſertiren würde! Eine Abſchrift von meinem Briefe wurde, ich weiß nicht, wie man ſich dieſelbe ver⸗ ſchaffte, an meinen Oberſten geſchickt, und ich wurde zu einem einmonatlichen Arreſte verurtheilt, wovon ich eine Woche in Ketten zubringen mußte. „Jetzt machten ſie mich wirklich zu einem Rebellen, und ich kam aus dem Stockhaus unbotmäßiger, als ich hineingegangen war. Es würde Dich, theuerſte Schweſter ſowohl ermüden, als ärgern, wenn ich Dir alle kleinen Widerſtandspläne mittheilte, die ich bildete, und wenn ich Dir jede kleine Tyrannei erzählte, welche dieſelben mir zuzogen. Zu jeder Grauſamkeit, die man ſich erlaubte, kam noch der Spott hinzu, womit man mein adeliges Blut, meine ‚edle Abkunfte, meine ‚große Familie’ be⸗ handelte, bis ich auf dem Puncte ſtand, den Namen zu verfluchen, der an all dieſen bitteren Leiden Schuld war. „Man ſagte mir, daß eine zweite Deſertion ſtets mit dem Tode beſtraft würde, und daß ſchon der bloße Verſuch für den Act ſelbſt gälte. Ich faßte daher den Entſchluß, dieſer trübſeligen Eriſtenz ein Ende zu machen, und ſchrieb einen Abſchiedsbrief an die arme Nelly, worin ich ihr ſagte, daß, da man mich gewiß wieder einfangen würde, dieß die letzten Zeilen wären, die ich noch an ſie ſchriebe. In dieſem Briefe wiederholte ich Alles, was ich Dir jetzt geſagt, ſo wie noch Viel mehr über die Müh⸗ ſeligkeiten und Unwürdigkeiten, die ich habe ausſtehen müſſen. „Auch dieſer Brief kam, gleich meinem früheren, an mich zurück. Dann kam eine weitere Gefängnißſtrafe von drei Monaten, und nachdem ich dieſe überſtanden, er⸗ klärte man, daß ich nun ein guter Soldat wäre.“ „Das heißt, Du wareſt endlich gebändigt?“ ſeufzte ate. „Das war ich aber gar nicht. Wie ein Reitpferd aus dem Banat konnte ich das Ausſchlagen nicht laſſen, trotz aller ihrer Lehren und ihrer Disciplin. Ich machte ausfindig, daß der Gefreite unſerer Compagnie der Mann war, der meine Briefe entdeckt. Ich forderte ihn heraus, ſchlug mich mit ihm, und verwundete ihn. „Hier lag nun ein anderes Vergehen vor; und jetzt ſollte ich in die Hände des Kriegsminiſters ſelbſt gerathen; und ſchon glaubte ich halb und halb, daß ſie dieſe Ge⸗ legenheit gern ergreifen würden, um mich davonzujagen. ⸗ 119 „Darin aber hatte ich mich gewaltig getäuſcht. Das Stockhaus, und Feſſeln, womit ich kurz, das heißt, mit dem Handgelenk an den Fußknoͤchel, geſchloſſen wurde, waren die ſouveränen Heilmittel für alle Vergehen. In ſolchem Zuſtande kam ich nach Wien zurück.“ „Dachteſt Du während dieſer Zeit nie an Onkel Stephan, Frank,— bateſt Du ihn nie um ſeine Inter⸗ ceſſion? „Doch, Kate— und was noch ſchlimmer war, er dachte an mich, denn er verlangte einen Auszug aus den Regiſtern, worin meine Strafen verzeichnet waren, und obgleich man ihm aus gutmüthiger Schonung nur den vierten Theil meiner Vergehen mittheilte, ſo war doch dieß ſchon genug, um mich in ſeinen Augen zu verdammen, und er ſchrieb auf die Rückſeite meines Zeugniſſes,„Keine Gunſt für dieſen Cadetten!e „Armer Burſche! So freundlos und verlaſſen!“ „Und dabei noch von den Gläubigern geplagt,“ fuhr Frank fort, während er, von der Herzählung ſeiner Leiden aufgeregt, zornig das Zimmer durchſchritt;„Kerls, die keine Ruhe hatten, bis ich in ihrem Buche ſtand, jetzt aber anf Zahlung drangen, und mich in jeder Weiſe drangſalirten. Von den drei Kreuzern täglicher Löhnung, Kate,— das heißt, von dem Penny(engliſch) ſollte ich alle Schulden, die ich ſo leichtſinniger Weiſe contrahirt, bezahlen, und dabei noch anſtändig leben! Ein Dalton wohlgeboren und, wohlgenährt, in einem Zuſtande igno⸗ miniöſer Armuth!“ „Und hatteſt Du denn Niemand, der Dir hätte hel⸗ fen können?“ „Walſtein war mit ſeinem Regimente in Boͤhmen, uud vielleicht war es beſſer, daß er dort war, denn ich hatte ihm von unſerer Familie nnd unſeren fürſtlichen Beſttzthümern ſo extravagante Schilderungen gemacht, daß ich nicht den Muth gehabt hätte, ihm mit dem Geſtändniſſe entgegenzutreten, daß an Allem kein wahres Wort ſei. 120 „Endlich erwarb ich einen Freund, Kate; es inte⸗ reſſirte ſich wenigſtens ein armer Burſche für mich; er ſprach mit mir über unſere Heimath, über Dich, und Nelly, — am Meiſten aber über dieſe und über ihre intereſſanten Holzſchnitzereien, die er faſt eben ſo ſchätzte, wie früher der kleine Hans. Er ſaß mit mir gar manche Stunde unter den Bäumen des Praters, oder aber ſchlenderten wir in den ſchattigen Alleen des Augartens umher; und ſeine Geſellſchaft beſänftigte und tröſtete mich ſtets, denn er hatte ſo Viel geleſen, daß er immer Etwas aus Uhland, oder Jean Paul Richter, oder Wieland citiren konnte, was für den Augenblick paßte, wie wenn der Dichter, als er es ſchrieb, an Einen gedacht hätte. „Wie oft habe ich gewünſcht, daß ich ihm ähnlich ſein moͤchte, Kate, und daß ich einen Geiſt hätte, der ähnlich dem ſeinigen, Mittel genug hätte, den Kummer zu beſiegen.“ „Sag mir doch mehr von ihm, lieber Frank; ſchon flößt er mir Intereſſe ein.“ „Und doch würdeſt Du ihn wohl ſchwerlich gern gehabt haben, wenn Du ihn geſehen hätteſt,“ ſagte der Jüngling etwas verſchämt und zögernd. „Warum nicht, warum nicht, Frank? Sein Aeußeres hätte nur Wenig verſprechen,— ſein Geſicht und ſeine Geſtalt hätten alltäglich ſein koͤnnen—“. „Nein, nein: nicht das— nicht das. Adolph war hübſch, und hatte eine ſchöne, helle Stirn, ſowie ein männliches, ehrliches Geſicht; auch waren ſeine Manieren gar nicht gemein,— für ſeinen Stand wenigſtens. Er war ein— Tabulettkrämer!“ „Ein Tabulettkrämer, Frank?“ rief Kate, während des Sprechens ſcharlachroth werdend. „Ah, ich wußte wohl, daß das Wort in Deinen Ohren unangenehm klingen würde,“ ſagte der Jüngling. „Ich ſtellte mir oft die Verachtung meiner fein gebildeten Schweſter vor, wenn ſie hätte den Geſellſchafter ſehen 121 können, deſſen Arm um meinen Nacken geſchlungen war, und der mich dutzte. Kate antwortete Nichts; aber ihre Wange war pur⸗ purroth, und ihre Lippe zitterte. „Ich dachte immer und ewig an Dich und Wal⸗ ſtein,“ fuhr Frank fort;„denn ich konnte mir denken, wie ein jedes von euch auf ihn herabſehen würde.“ „Das nicht, Frank,“ ſagte ſie verwirrt;„wenn er freundlich gegen Dich, wenn er Dir nur auch in dieſer Zeit der Trübſal und der Noth ein wahrer Freund war.“ „Ja, das war er, mit Hand, Herz, und Börſe. Und doch konnte ich,— verdammt ſei jener Stolz, der jede edle Regung des Herzens vergiftet, und es nicht im Ein⸗ klange mit dem eines Niedriggeborenen ſchlagen laſſen will!— den Dalton nicht aus dem Kopfe bringen. Es ſpukten immer noch in meinem Kopfe das alte, verfallene iriſche Schloß,— unſere verſchwenderiſchen Gewohnheiten, und unſere trägen Pachter, die doch alle mit einander dem Ruin zueilen; und anſtatt mich deßhalb zu verachten⸗ ſchämte ich mich,— weſſen, glaubſt Du wohl?— der Freundſchaft, die ich einem Tabulettkrämer geweiht! „Gar manchen Sonn⸗ und Feiertag blieb ich lieber in meiner Kaſerne, nur um im Volksgarten oder auf dem Graben nicht in der Geſellſchaft Adolph's geſehen zu werden. Gerne ging ich mit ihm in dem einſamen Pra⸗ ter, oder auf dem Lande ſpazieren; ſobald er mich aber bat, ich moͤchte mit ihm in das Kaffeehaus, oder ins Theater gehen, Kate,— ich möchte ihn in ein Speiſehaus in der Leopoldſtadt, oder in einen Weinkeller an der Donau begleiten, ſchützte ich meinen Dienſt vor, oder bezog wirk⸗ lich für einen Kameraden die Wache, um nicht mit ihm gehen zu müſſen. Wie gering wirſt Du wegen dieſes Benehmens von mir denken, Kate! Deine geroͤthete Wange ſagt mir, wie ſehr dieſes Geſtändniß Dein Schamgefühl erregt hat!“ Kate's Verwirrung wurde jetzt faſt unerträglich. Zwei Mal verſuchte ſie, zu ſprechen, aber ſie brachte kein Wort heraus, und endlich fuhr Frank, der in ihrem Sabnweigen fälſchlicher Weiſe einen Tadel erblickte, alſo ort: „Nach All dem, was ich Dir nun geſagt, Kate, kannſt Du Dir leicht denken, ob das Soldatenleben alle meine früheren Hoffnungen, und all meinen früheren Chrgeiz realiſirt hat. Ich vermuthe, daß die Zeiten früher anders waren.“ „Natürlich waren ſie anders, ſonſt würde Onkel Stephan in dieſem Augenblicke nicht Feldmarſchall ſein.“ Gleich als ob das Echo ihre letzten Worte wieder⸗ holte, meldete in dieſem Augenblicke ein Diener, der die Thüre weit aufwarf, den Feldmarſchall ſelbſt an. Frank zog ſich in eine Vertiefung zurück, während der alte General in das Zimmer trat, und ſich mit einer Artigkeit verbeugte, die einem Hofmanne Ehre gemacht haben würde. Er hatte die Uniform ſeines Ranges an, und trug alle ſeine Decorationen,— eine ſchöne Anzahl, die eine ganze Seite ſeines Rockes bedeckte. „Er näherte ſich Kate, und küßte ihr in einer Weiſe, die als ein bewunderungswürdiges Gemiſch von Affection und Achtung angeſehen werden konnte, die Hand; darauf küßte er ſie auf beide Wangen. 3 „Verzeihen Sie mir, meine liebe Nichte,“ ſagte er, „wenn ich nicht früher gekommen bin, um Ihnen meine Ehrerbietung zu bezeigen und Sie in Wien willkommen zu heißen; aber aus meinem Brieſchen werden Sie erſehen haben, daß ich geſtern bei dem Kaiſer Dienſt hatte.“ Kate errothete und verneigte ſich, denn unglucklicher Weiſe hatte ſie den Brief nicht ganz geleſen. Frank's Anweſenheit war Schuld geweſen, daß ſie, ihn ausgenom⸗ men, Alles vergaß. Mit all der Galanterie der alten Schule fing der alte Feldmarſchall nun an, Kate über ihre Schoͤnheit und Grazie zu becomplimentiren, und ſagte in paſſenden Wor⸗ 123 ten, wie ſtolz er darauf ſei, eine ſolche Verwandte zu beſitzen. „Die Kaiſerin war die erſte Perſon, die mir Ihre Ankunft meldete,“ ſagte er;„und Nichts konnte graziöſer ſein, als die Ausdrücke, in denen ſie von Ihnen ſprach.“ Kate hörte dieſe Worte mit einem wahren Schauer der Freude, und verſchlang jede Sylbe, die er ſprach. Nicht allein ihre Verlobung mit dem Fürſten, ſondern alle Einzelheiten ihrer künftigen Beſtimmung ſchienen Sachen von großem Intereſſe für den Hof zu ſein, und die arme Kate hörte erſtaunt dem Feldmarſchall zu, als dieſer von verſchiedenen Vermuthungen ſprach, wozu ihre demnächſtige Heirath Anlaß gegeben. Sie wußte nur wenig, in welch engem Kreiſe die Sympathien koͤniglicher Perſonen ſich bewegen müſſen, und wie froh ſie ſind, irgend Etwas zu finden, um die fürch⸗ terliche Langweile und Monotonie ihrer Exiſtenz erträg⸗ licher zu machen. Schon war eine überaus wichtige Frage aufs Tapet gebracht worden, da die Kaiſerin den Wunſch ausgedrückt hatte, es möchte die junge Fürſtin ihr vor⸗ geſtellt werden; aber Madame de Heidendorf gab dieß nicht zu, weil, wie ſie ſagte, die Fürſtin noch nicht am Hofe des Czars vorgeſtellt worden. All die Schwierig⸗ keiten der beiden Fälle,— die Argumente, die ſich für das eine und das andere Verfahren vorbringen ließen, entwickelte der alte General mit einem Ernſte, der, wenn er Kate zuerſt beluſtigte, ſie am Ende höchſt intereſſirte. Das ſchmeichelhafte Gefühl ihrer Wichtigkeit legte Kleinig⸗ keiten ein Gewicht bei, über die ſie gelacht haben würdh wenn ſie von jemand Anderem erzahlt worden wären. „Ich wollte, meine theure Nichte, den Wunſch der Kaiſerin erfüllen, noch ehe ich Sie ſah,“ ſagte er, ihre Hand erfaſſend;„allein Sie koͤnnen ſich leicht vorſtellen, wie unendlich lebhafter dieſer mein Wunſch jetzt iſt, nach⸗ dem ich Sie kennen gelernt. Es wird in der That für den alten Feldmarſchall ein ſtolzer Tag ſein, an dem er 124 elne ſo begabte und ſo ſchöne Perſon, die ſeinen Namen trägt, und ſeiner Familie angehört, vorſtellen kann. Eine Dalton durch und durch!“ ſetzte er hinzu, ſie wonne⸗ erfüllt anblickend. „Wie ſehr freut es mich, Sir, zu ſehen, daß alle Auszeichnungen, die Sie Ihrer großen Laufbahn verdanken, das Andenken an unſern alten Namen und an unſer altes Haus bei Ihnen nicht verwiſcht haben.“ „Ich habe unſerm Namen nur einen andern beige⸗ fügt, der gleich gut iſt,“ erwiederte er ſtolz.„Andere haben Alles gethan, was in ihren Kräften ſtand, um unſer altes Haus zu erniedrigen. Ihre und meine Aufgabe iſt es, Madame la Princesse, den Daltons die Stellung wieder zu erringen, die ihnen gebührt.“ 3 Kate ſuchte Frank inſtinktmäßig mit den Augen, konnte aber von ſeiner durch eine Fenſtervertiefung ver⸗ deckten Geſtalt kaum einige ſchwache Umriſſe ſehen. Mehr denn ein Mal hatte der arme Cadett im Sinne gehabt, ſich davon zu ſchleichen; da aber die Thüre auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Zimmers ſich befand, ſo ſah er, daß er den Augen des Feldmarſchalls nicht entgehen würde. Mit grazioͤſer Höflichkeit erkundigte ſich nun der alte General nach dem Vater, ſowie nach Nelly, und drückte den Wunſch aus, daß er dieſelben ſehen und kennen lernen moͤchte,— und zwar in Ausdrücken, die Kate deutlich verriethen, daß er ihre Stellung und ihre Gewohnheiten ger nicht kenne. „Als einem jüngeren Sohne, der nicht durch die Bande des Vermögens zurückgehalten wurde, mag es mir erlaubt ſein, meine Zweifel darüber auszudrücken, ob es dem Haupte eines berühmten Hauſes auch zuſteht, aus Gründen des Vergnügens im Auslande zu wohnen, Ma⸗ dame. Ich muß geſtehen, daß das Betragen meines Neffen in dieſer Beziehung meinen Beifall nicht hat. Ich habe ihm das nicht ſagen wollen, da, der Verkehr zwiſchen 125⁵ uns Beiden ſeit ſo vielen Jahren unterbrochen war; allein Sie werden die Güte haben, es ihm an meiner Statt zu ſagen. Sagen Sie ihm, daß die großen Namen einer Nation in dem Gedächtniſſe der Leute nicht ſlerben dürfen.“— „Sie wiſſen, Sir,“ ſagte Kate ſchüchtern,„daß Papa's Mittel nicht mehr das ſind, was ſie einſt waren; Gründe der Sparſamkeit haben zuerſt ihn veranlaßt, im Auslande zu leben.“ „Es iſt dieß ein Grund, der mir ſtets als unzu⸗ reichend vorgekommen iſt,“ ſagte der Greis ernſt.„Er hätte nur auf einem minder ſplendiden Fuße leben dürfen; — er hätte bloß wenigere Jagdpferde zu halten,— er hätte nur weniger koſtſpielige Bankette zu geben gebraucht.“ Jagdpferde und Bankette!“ ſeufzte Kate.„Wie weiß er doch von uns!“ ſehe ich Nichts, als die beſten Früchte ſeines „“ ſagte er, ihr galant die Hand küſſend;„keine welche die Erreichung ſo vieler Vollkommenheit ten, konnten als zu groß angeſehen werden. Ich zu alter Hofmann, um nicht zwiſchen bloßer her Grazie und jener feineren Eleganz zu unter⸗ eiden, die eine Frucht des Umgangs mit der guten Welt iſt. Meine Nichte verdient es, eine Fürſtin zu ſein! Aber Ihr Bruder—“ 1 „Oh! was wollen Sie von dem lieben Frank ſagen?“ rief ſie eifrig. 3 „Nur ſo Viel, Madame, daß ſeine verſchwenderiſchen Gewohnheitrn mit den ernſten Realitäten eines Soldaten⸗ lebens völlig unvereinbar ſind. Bei ſeinem Vermögen und ſeinen Liebhabereien hätte er unter jenen Papageien Dienſt ſuchen ſollen, aus denen die engliſchen Schneider Lanzenreiter oder Huſaren machen. Er hätte die Lorbeeren gewinnen koͤnnen, die man ſich auf Hounslow, oder im St. James's Park holt: er hätte ſich in jener barbariſchen Art der Kriegführung auszeichnen koͤnnen, die man einen indiſchen Feldzug nennt; aber hier, in dieſem Reiche, wo Soldatenleben gleichbedeuterd iſt mit Disciplin, Selbſt⸗ verleugnung, Strapazen, Ausdauer! Ich war acht Jahre lang Cadett, Madame, und zwölf Jahre lang Unterlleute⸗ nant. Ich ſah, wie die Decoration, die ich hätte bekom⸗ men ſollen, einem Andern gegeben wurde. Das Dienſtkreuz, das ich verdient hatte, wurde mir nicht gegeben, weil ich noch nicht zwanzig Jahre gedient hatte; und doch bin ich geworden, was ich jetzt bin, indem ich Alles dieſes, ſowie noch hundert andere ſolche Dinge als die unvermeidlichen Nothwendigkeiten des Dienſtes hinnahm.“ „Und wenn Frank einige Geduld zeigt—“ „So kann er binnen Jahresfriſt zum Corporal avanciren, Madame,“ ſagte der Feldmarſchall ernſtz mit der Miene eines Mannes, der eine etwas Meinung ausgeſprochen. „Aber, Sir, er muß innerhalb einer T Officier werden!“ ſagte Kate, die Hand des alten G erfaſſend.„Ich bitte nur ſelten um eine Gunſt, ebenſo ſelten wird mir meine Bitte abgeſchlage Chevalerie Oeſterreichs wird ſich gewiß nicht an Menſchen zu ſchämen haben, der ſich rühmen kann Verwandter und ein Dalton zu ſein. Lieber Onkel, es iſt dieß die erſte, die allererſte Bitte, die ich in meinem ganzen Leben an Sie gerichtet habe. Es würde ſich nicht wohl für mich ſchicken, in Ihrer Gegenwart zu ſagen, welche Garantie ſein Name für ſeine gute Aufführung darbietet.”“ „Sie ſind zu ſanguiniſch, Madame. Sie kennen den Burſchen nicht.. „Ohl ich kenne jeden Gedanken ſeines Herzens!— ich kenne jede Hoffnung, die ihn aufrecht hält. Er ſelbſt hat mir alle ſeine Fehler geſagt.“ „Seine Inſubordination?“ 2d. „Seine Extravaganz?“ 127 „Ja.“* „Die Tage, die er hat im Gefängniſſe zubringen üſſen?“ „Ja.“ „Hat er Ihnen nicht auch geſagt, daß man ihn ge⸗ feſſelt,— kurz geſchloſſen hat?“ „Alles— Alles hat er meir geſagt; und was ſind alle ſeine Fehler? Sind ſie nicht die knabenhaften Ex⸗ zeſſe eines Menſchen, der, von ſeinem lebhaſten Tempera⸗ mente hingeriſſen, und ſtolz gemacht durch das ſchmelchel⸗ hafte Gefühl der Verwandtſchaft mit einem großen, aus⸗ gezeichneten Manne, ſich zu allerlei Thorheiten hat verleiten laſſen? Es iſt leicht zu ſehen, wie wenig er an ſich ſelbſt, und wie viel er an ſeinen Oheim dachte!“ Der alte General ſchüttelte den Kopf, wie ein Mann, de der Wahrheit eines ausgeſprochenen Satzes zweifelt. „„Dier, lieber Onkel,“ ſagte ſie, während ſie ihn n„ ſich auf eimem Stuhle niederzulaſſen, der vor ei iſche, worauf Schreibmaterialien lagen, ſtand,— Sie dieſe Feder, und ſchreiben Sie!“ s ſoll ich ſchreiben, liebes Kind?“ ſagte er mit er Stimme, deren Sanftheit gegen ſeine gewöhnliche eiſe gar ſehr abſtcch.* „Ich weiß Michſt aon den Formen, noch von den Phraſen, die hier geb aucht werde ſen. Alles, was ich will, iſt, daß Frank ſeine Degenquaſte bekommt.“ „Wie ich ſehe, ſo haben Sie das rechte Wort ge⸗ lernt,“ ſagte er lächelnd, wa kend er die Feder zweifelnd zwiſchen ſeinen Fingern balancirte.„Der Oberſt ſeines Regiments iſt ein kaiſerlicher Prinz.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer, Onkel! Ein Habsburg wird einen Dalton zu belohnen wiſſen.“ „So fangen wir alſo folgender Maßen an,“ ſagte der alte General, deſſen halbunterdrücktes Lächeln anzeigte, daß er mit ihrem Eifer bloß ſeinen Scherz trieb:„Kai⸗ 128 ſerliche Hoheit! Der Cadett von Dalton, für den der Umſtand ſpricht, daß er der Großneffe eines ſehr alten Soldaten, und der Bruder einer ſehr jungen Fürſtin iſt— 4 „Nein, ſo darf es gewiß nicht ſein!“ ſagte Kate. „Und der Bruder einer ſehr jungen Fürſtin iſt,“ las der Feldmarſchall, während er zu ſchreiben fortfuhr,„die im Vertrauen auf ihre Reize und die Galanterie Ew. Hoheit—“ „Aber, Onkel, Sie treiben mit mir nur Ihren Spaß, während ich im Ernſte ſpreche!“ ſagte ſie ſchmollend. „Und iſt es nicht auch mir Ernſt, Madame?“ rief er, die Feder weglegend.„Iſt es, wenn ich um die Be⸗ förderung eines Burſchen bitte, deſſen ganze Laufbahn nur eine fortgeſetzte Uebertretung der Disciplin iſt,— deſſen Dienſte alle in den Rapporten des Generalprofoßen ver⸗ zeichnet ſtehen, nicht beſſer, daß ich ſeine Anſprüche auf die Verdienſte Anderer gründe, als daß ich bei ſeiner ſchlechten Aufführung verweile? Mein liebes Kind,“ fuhr er liebevoll fort,„es gibt Naturen, die ein allzuploͤtzliches Glück uicht ertragen können, wie es Individuen gibt, die nicht im Stande ſind, einen allzu ploͤtzlichen Wechie des Klimas zu ertragen. „Unſer Dalton'ſches Blut leidet ein Bischen an die⸗ ſer Schwäche. Soll ich Ihnen ſagen, wie es mir bel meinem Avancement ging? „Ich war bei Hohenkirchen, als Moreau ſeinen be⸗ rühmten Rückzug durch die Engpäſſe des Schwarzwalds begann. Die Compagnie, in der ich als einfacher Cor⸗ poral diente, hielt ein großes Bauerhaus auf einem ziemlich hohen Plateau, über dem Wege nach Schwein⸗ furt, beſetzt: wir konnten auf mehrere Stunden das Thal überſchauen, und wir hatten uns da aufgeſtellt, um die Bewegungen des Feindes zu beobachten, und es alsbald zu melden, wenn ſeine Avantgarde ſich zeigte. „Man hatte uns auch befohlen, uns an dem Orte ſo lange wie möglich zu halten, und das Vorrücken des 129 Feindes möglichſt zu erſchweren; mit andern Worten, man ſagte uns, daß wir unſere Pflicht gut erfüllen würden, wenn wir ihn, durch Aufopferung unſerer Mannſchaft, einen halben Tag aufhalten könnten. In ſolche unange⸗ nehme Lagen kommt man im Kriege dann und wann; mein Troſt aber iſt, daß ein und derſelbe Mann nur hoͤchſt ſelten zweimal in eine ſolche Lage kommt! „Der Hauptmann, der uns commandirte, war ein. alter Officier, dem ſein langſames Avancement ſchon vieles Herzeleid verurſacht hatte, und der jetzt entſchloſſen war, um jeden Preis einen höheren Grad zu erringen. Ohne lange auf den Feind zu warten, ging er mit einer Patrouille fort, um denſelben aufzuſuchen. Wir ſahen Keinen wieder! „unſer Lieutenant, der ebenfalls ungeduldig war, be⸗ ſchloß eine Recognoscirung vorzunehmen. Kaum war er eine halbe Stunde fort, als ein lebhaftes Flintenfeuer uns anzeigte, daß er mit dem Feinde handgemein ge⸗ worden. Nur ein Mann kam zurück, um uns zu ſagen, daß die übrigen gefallen ſeien, und daß der Feind mit großer Macht anrücke. „Das Commando ſiel nun mir zu. „Schon vier Mal war ich beim Avancement über⸗ gangen worden:— verſchiedene Dienſte waren unbeachtet geblieben, und meine Anſprüche dergeſtalt ignorirt worden, als wäre ich ein vollkommener Tölpel geweſen. „Ich will zwar nicht behaupten, daß es mir nicht wehe gethan habe, als ich mich ſo übergangen ſah; allein ſo Viel lernte ich wenigſtens daraus, ‚daß die Pflichter⸗ füllung dem Soldaten uͤber Alles gehen müſſe,— und daß er gar nicht an ſich ſelbſt denken dürfe. „Ich wußte gar wohl, was man von uns erwartete, und beſchloß, den erhaltenen Befehlen, ſo viel wie mög⸗ lich, nachzukommen. Ich bereitete mich alsbald auf einen tapferen Widerſtand vor,— auf einen Widerſtand, der Die Daltons., IV. 9 130 natürlich ein hoffnungsloſer war, aber auch ein hart⸗ näckiger ſein ſollte. „Wohlan! Ich will die Sache kurz machen! Wir hielten das Bauerhaus zwei Stunden lang, während welcher das Dach durch die Bomben des Feindes zwei Mal angezündet wurde; und als endlich die Franzoſen den Platz ſtürmten, war unſere Mannſchaft auf acht Kampffähige beſchränkt, die von einem Corporal, mit zwei Schußwunden in der Bruſt, commandirt waren. „Wir wurden zu Gefangenen gemacht, und nach Straßburg gebracht, von wo ich, in Folge eines Aus⸗ wechſelungsvertrags, als Lieutenant zu meinem Regimente zurüͤckkam. „Hätte ich bloß mein Avancement geſucht, Madame, und wäre ich den Eingebungen des Ehrgeizes, anſtatt denen der Pflicht, gefolgt, ſo wäre ich vielleicht wie die Andern gefallen. Mein Glück und meine Belohnung lagen gerade darin, daß ich mich ſelbſt vergaß.“ Kate's Augen ſuchten Frank, da ſie entſchloſſen war, noch eine Anſtrengung zu machen, um ihren Zweck zu erreichen, aber der Jüngling war fort. Es war ihm ge⸗ lungen, während des Geſprächs ungeſehen davon zu ſchlei⸗ chen,— und jetzt ſtand er an der Straßenecke, ungedul⸗ dig auf das Weggehen des Generals wartend, damit er zu ſeiner Schweſter zurückkehren koͤnnte. „Ich werde die Chre haben, heute in Ihrer Geſell⸗ ſchaft zu ſpeiſen,“ ſagte der Feldmarſchall, während er ſich erhob, um ſich zu verabſchieden.„Hoffentlich wird meine Halsſtarrigkeit der Liebe keinen Eintrag thun, die Sie gegen einen Mann hegen, der ſo ſtolz darauf iſt, daß er ſich Ihren Oheim nennen darf.“ „Gewiß nicht, Oheim,“ ſagte ſie,„und hauptſächlich darum nicht, weil ich nicht an die Halsſtarrigkeit glaube, und volles Vertrauen in Ihre Liebe ſetze.“ Sie nahmen nun mit allen Zeichen freundſchaftlicher 131 Liebe von einander Abſchiev, und es entfernte ſich der General, während Kate ſich in ihr Zimmer zurückzog. Kaum hatte ſie das Appartement verlaſſen, als der Erzherzog in daſſelbe trat. Madame de Heidendorf hatte ihm geſagt, daß die Fürſtin dort bei ihrem Onkel wäre, — und er kam in der Abſicht, ſie zu ſehen. „Wieder fort! Soll ich denn dieſe myſterioͤſe Schoͤn⸗ heit nicht zu Geſicht bekommen?“ rief er, während er die Augen im Zimmer herum ſchweifen ließ,„Was iſt dieß da? Es iſt ja an mich gerichtet,“ ſetzte er hinzu, indem er das Papier erblickte, das der Feldmarſchall ſelbſt beſchrieben hatte.„An ſeine Kaiſerliche Hoheit, den Erz⸗ herzog Franz Albrecht, Commandanten des eilften In⸗ fanterieregiments.“ Der Erzherzog überblickte raſch die wenigen Zeilen, erfaßte augenblicklich den Sinn derſelben, und ſah, daß der Feldmarſchall hatte ſcherzen wollen.„Die ſchöne Fürſtin darf in ihrer Erwartung nicht getäuſcht werden,“ ſagte er lachend, indem er die Feder ergriff und ſchrieb: „Zu glücklich, dem unausgedrückten Wunſche zuvorzukom⸗ men, ernennt der Erzherzog den Cadetten von Dalton zum Huſarenlieutenant im Regimente Württemberg.“ Sodann unterzeichnete er ſich mit ſeinen wohlbekann⸗ ten Anfangsbuchſtaben, ſiegelte das Papier, und adreſſirte es an die Fürſtin von Midchikoff. Nachdem dieſes geſchehen war, verließ er das Haus. Im Herausgehen kam er an einem jungen Cadetten vor⸗ über, der die Honneurs machte, aber von ihm kaum beach⸗ tet wurde; und ebenſo wenig kannte er das ängſtliche Herz für deſſen Glück er ſo eben geſorgt. Der junge Frank blieb ehrerbietig ſtehen, während er vor dem Prinzen die Honneurs machte, und ſprang dann fort, um ſeine Schweſter wieder aufzuſuchen. Aber der Salon war leer, und nur ganz zufällig ſah er den Brief, deſſen Ueberſchrift noch halb naß war, 132 Er nahm ihn, und eilte⸗ damit nach dem Zimmer der Fürſtin. „Hier iſt ein Brief an Dich, Kate!“ rief er.„Und ſieh nur her, es trägt derſelbe ein kaiſerliches Siegel!“ .„ Armer Frank!“ ſagte ſie, zu ihm herauskommend. „Wie leid thut es mir, Dir eine ſolche Nachricht geben zu müſſen! Der Feldmarſchall iſt halsſtarrig, und gibt nicht nach. Er bildet ſich ein, es gebe gar keinen andern Weg zur Chre, als den alten Pfad, den er ſelbſt ge⸗ gangen!“ „Das wußte ich wohl, Kate. Wäre ich noch länger in dem Zimmer geblieben, ſo hätte ich mich nicht ent⸗ halten koͤnnen, zu ſagen: Laß doch das Bitten, liebe Schweſter,— ſelbſt der beſte Grad im ganzen Dienſte iſt ſo viele Bitten nicht werth. Ich will die Muskete tragen, ſo lange ich noch muß, und an dem Tage, an dem ſie mich zum Ofſteier machen, nehme ich den Degen, breche ihn über's Knie entzwei, und verlaſſe ſie!“ Kate erbrach nun das Siegel des Pakets, ohne auf dieſe leidenſchaftlichen Worte zu antworten, und rief dann mit einem großen Freudenſchrei: „Hier iſt ja die Ernennung, Frank! Der Prinz hat Dich ſelbſt zum Lieutenant ernannt, und noch dazu in einem Huſarenregimente!“ „Laß mich doch ſehen,— laß mich doch ſehen!“ rief der Jüngling. Und ihr das Papier aus der Hand reißend, las er es aber⸗ und abermals. „Ich weiß kaum,“ fuhr Frank fort,—„ich kann kaum glauben, daß Alles dieſes wirklich iſt; aber das Wort eines Prinzen,— ein königliches Verſprechen, Kate, iſt gewiß heilig.“ „Oh, daran dürfen wir nicht zweifeln, Frank!“ „Und ich bin Huſar, und Officier?“ ſagte er wonne⸗ trunken.„In dieſem Augenblicke moͤchte ich nicht ein mal mit dem Kalſer tauſchen, Kate.“ 133 „Mein lieber, lieber Frank!“ ſagte ſie, ihren Arm um ſeinen Hals ſchlingend. „Und der Gedanke, daß ich Dir, meine allerliebſte Kate, Alles das verdanke! Wenn Etwas die Freude über dieſes Glück noch erhöhen könnte, ſo iſt es das. Und ein ſo ſchönes Regiment, Kate,— das Regiment des Prinzen Paul. Ein Turappe von Gold ſtrotzend,— ein prächti⸗ ger Tſchako,— die Pferde von ächter ungariſcher Race, — das eingeborene Pferd, mit dem arabiſchen gekreuzt! Es iſt mir ſchon, als ob ich in dem Sattel ſäße, und wildumher galoppirte. O Kate, welch herrliche Nach⸗ richt!“ Er umarmte ſie in ſeinem Entzücken aber⸗ und abermals; ſie aber ſuchte, ihr Haupt an ſeiner Schulter verbergend, die gewaltigen Bewegungen zu unterdücken, die ihr Herz erfüllten, denn ſie dachte an den Preis, um den ſie die Macht kaufte, welche ſie ausübte. Lange ſaßen ſie neben einander da,— lange hielten ſie ihre Hände feſt umſchlungen:— Keines ſprach,— Jedes verfolgte ſeine eigenen Gedanken,— und wie weit, — wie weit lagen dieſe auseinander! Einundfünfzigſtes Kapitel. Wien. Wir koͤnnen nicht länger in Wien verweilen, noch von der Woche,— der brillanteſten ihres ganzen Lebens, — ſprechen, die Kate dort verlebte. Der Ehrgeiz, der ſich ihrer ſchon ſeit ſo langer Zeit bemächtigt, konnte ſich 134 da zum erſten Male zeigen, und endlich ſah ſie ſich in all' dem Stolze ihres neuen Standes, während ihre Schönheit der Gegenſtand unzähliger Schmeicheleien war. An dem Hofe fetirt, durch die Aufmerkſamkeiten der Prinzen ausgezeichnet, in den vornehmſten geſellſchaftlichen Kreiſen der erxcluſivſten Hauptſtadt Europa's mit höchſter Artigkeit empfangen, fand ſie in dem Strudel der Freude und der Aufregung keine Zeit zum Nachdenken. Bis da⸗ her hatte ſie die Welt bloß als eine abhängige Perſon, oder wenigſtens als Etwas, das zu Lady Heſter gehörte, geſehen; an den Launen der letztgenannten Dame hatte ſie Theil nehmen,— ſie hatte deren Liebhabereien und Abneigungen zu den ihrigen machen müſſen. Jetzt aber war ſie der Mittelpunkt geworden, um den alle dieſe Aufmerkſamkeiten ſich bewegten: jetzt war ihr eigener Wille der leitende Antrieb zu jeder Handlung. Unter allen Städten des Continents zeichnete Wien ſich am Meiſten dadurch aus, daß es den Ton des Hofes in Beziehung auf einen ausgezeichneten Gaſt faſt inſtinkt⸗ mäßig annahm. Es lag Etwas, was einer Intuition gleich kam, in der Weiſe, in der die Leute die Gefühle und Geſinnungen des Hofes erriethen, und dieſelben ebenſo ge⸗ ſchwind zu den ihrigen machten. Die engen Grenzen der allerbeſten Geſellſchaft mach⸗ ten dieß natürlich möglich; und dazu kam noch die That⸗ ſache, daß Alle, die dieſer Geſellſchaft angehörten, mehr oder minder im Dienſte des Kaiſers ſtanden. Kate Dalton ſollte nun dieſer Schmeicheleien ſich erfreuen, und ſich überall, wo ſie ſich zeigte, zu einem Gegenſtand ſpezieller Aufmerkſamkeit gemacht ſehen. Im Hoftheater,— wo man ihre Lieglingsopern ſpielte,— bei den großen Revuen im Prater;— au⸗ den Hofbällen;— oder bei den Dejeuners zu Schönbrunn erſchien ſie als die Urſache des Feſtes, und ſchienen alle nur ihr zu Ehren verſammelt zu ſein. Durch das trium⸗ phirende Wonnegefühl, das mit der Macht ſo enge ver⸗ knüpft iſt, fortgeriſſen, vergaß ſie entweder von Zeit zu Zeit den Preis, um den ihre Größe erkauft worden, oder aber ſuchte ſie das Pochen ihres Herzens durch den Ge⸗ danken zu beſchwichtigen:„Ich habe nun einmal meine Beſtimmung gewählt; es iſt jetzt zu ſpät, zurückzublicken.“ Auch würde es ihr, da ſie ſah, daß ſie das Mittel war, ihre ganze Familie ſo glücklich zu machen, als ein Akt der groͤßten Selbſtſucht erſchienen ſein, wenn ſie über ihr Loos hätte trauern können. Hatte ſie nicht ihrem armen Vater wieder die Bequenlichkeiten verſchafft, an die er einſt gewoͤhnt geweſen;— konnte Nelly jetzt nicht den Eingebungen ihrer herrlichen Phantaſie folgen, ohne das drückende Gefühl der Armuth und der Mühe;— und erinnerte ſie der liebe Frank in all' der übermäßigen Freude, die ihm ſeine Beförderung einflößte, nicht ewig daran, daß ſie ſeine Gönnerin und Beſchützerin war? Das raſche Getrappel ſeines Pferdes im Hofraume, das Klirren ſeines Säbels, wenn er die Treppe heraufgerannt kam, war bloß das froͤhliche Vorſpiel zu ſeinen täglichen Dank⸗ ergüſſen! Gewiß ſagte ſie ſich:„Es würde pure Selbſt⸗ ſucht verrathen, wenn ich nun traurig ſein wollte!“ Solcher Art war die Philoſophie, in die ſie ſich hüllte, und jeden Tag erlangte dieſes Gefühl mehr Stärke bei ihr. Gleichwohl müſſen wir bemerken, daß es Augen⸗ blicke gab, wo alle dieſe Sophiſterei nicht mehr Stand hielt, und ſie wieder wahr und rein fühlte. Dann ſah ſie die Leerheit all dieſer herrlichen Exiſtenz ein;— dann ſah ſie ein, wie wenig wirkliches Gluck damit verbunden war;— wie ſelten dadurch auch nur ein edles Gefühl, auch nur ein höherer Wunſch hervorgerufen wurde;— und dann wünſchte ſie, daß das Schickſal ihr etwas An⸗ deres beſtimmt hätte. In gewiſſen Augenblicken ſehnte ſie ſich beinahe nach dem beſcheidenen Hauſe ihres Vaters, trotz der dort herrſchenden Armuth, zurück, und wünſchte ſich zur Erheiterung von deſſen Einſamkeit Nichts, als Nelly's ſonniges Lächeln, und Nelly's ſanfte Stimme! 136 Dieſer Kampf,— denn ein Kampf war es,— mag es geweſen ſein, der ihrem Benehmen eine gewiſſe ruhige Würde verlieh, welche ſie in den Augen der Geſellſchaft zu einer über Frivolität und Launenhaftigkeit unendlich erhabenen Perſon machte. Sie war vielleicht ein wenig ernſter, als Perſonen ihres Alters; aber es verlieh dieſer Umſtand eine unbeſchreibliche Grazie einem Frauenzimmer, deſſen Schönheit ein Typus von jeder Art von Glanz war. Am Ende waren dieß doch nur vorübergehende Wolken; auch erlaubte ſie ſich nie, an die Vergangenheit zurückzu⸗ denken, ausgenommen, wenn unliebſame Erinnerungen ſich ihr mit Gewalt aufdrängten. Endlich kam ein Brief von Lady Heſter; und ob⸗ gleich derſelbe nicht lang war, ſo gab er doch zu Gedan⸗ ken Anlaß, die alle ihre Anſtrengungen aus ihrem Geiſte nicht wieder zu vertilgen vermochten. Es kehrten alle die alten, ihr ſo wohlbekannten Namen wieder. Lady Heſter hatte ſich indeſſen gewaltig verändert; all die capriciöſe Reizbarkeit der feinen Dame hatte einer Art zudringlicher Frömmigkeit Platz gemacht. Sie war eine„Betſchweſter“ geworden, und ihr Leben eine Reihe religiöſer Obſervanzen. Nachdem my Lady mit vielem Selbſtgefallen bei den unaufhörlichen Kaſteiungen und Büßungen verweilt, die ſie ſich ſelbſt auferlegt, fuhr ſie alſo fort: „D'Esmonde iſt ſo eben zurückgekommen, und entzückt mich dadurch, daß er ſagt, Sie ſeien von jeder Anſteckung frei, was die Irrthümer der griechiſchen Kirche betreffe. Natürlich müſſen Sie ſich den äußerlichen Anordnungen der letzteren fügen; ſelbſt wenn Midchikoff nicht darauf beſtünde, würden ſeine Landsleute es von Ihnen verlangen; aber er ſagt, die heilige Urſula biete in ſolchen Faͤllen eine ſichere Hülfe dar, und thut einer Nonne Erwähnung, die ſich vom Teufel Unterricht im Spaniſchen geben ließ, und dabei keinen Schaden nahm, weil die vorbenannte heilige Urſula ihr ihren beſonderen Schutz angedeihen ließ⸗ 137 „Ich habe Jekyl, der vergangenen Freitag von hier weggegangen iſt, gebeten, mir ein Bild der heiligen Ur⸗ ſula zu ſchicken, damit ich daſſelbe Ihnen uͤberſenden könnte; aber der nachläſſige Menſch hat mir aus Verſehen dafür eine Statuette von Fanny Elsler geſchickt. Er hat in⸗ deſſen ſeinen Irrthum entdeckt, und mir einen überaus unterthänigen Brief geſchrieben, worin er beiläufig ſagt, daß er dieſes ſein Verſehen durch eine ‚Novena“' abbüßen wolle, und daß er die ganze Nacht zuvor gepolkt habe, obgleich er einen ziemlich heftigen Schmerz in der Fuß⸗ ſohle gehabt. Trotz alles ſeines wunderlichen Weſens muß man ihn dennoch gern haben. „Ich habe von den Onslows nur ein einziges Mal gehoͤrt; ihr Benehmen iſt wirklich zu ſchokant geweſen; ſie ſind durchaus nicht ruinirt, ſondern haben, wie ich alles Ernſtes glaube, die Geſchichte nur erfunden, um meine Nerven total zu ſchwächen. Sir Stafford lebt mit Sydney in Irland, an dem Orte mit dem abſcheu⸗ lichen Namen, von dem Ihr Vater zu ſprechen pflegte; und George iſt nach Indien gegangen, wie ich glaube, um als Major bei einem Cavalerieregimente zu dienen. „Auf Grounſell's freundlichen Rath hin bin ich mit einer armſeligen Rente von fünfzehnhundert Pfund per Jahr abgefunden worden; aber ſelbſt damit bin ich zu⸗ frieden. Die heilige Brigitta von Cleve lebte von harten Erbſen, und trug während der letzten ſiebzehn Jahre ihres Lebens nie etwas Anderes, als einen alten Sack; und Coͤleſtine hat ein wundernettes Muſter von einer Capote, à la Cistercienne, die, wenn ſie aus weißem Caſchemir gemacht wird, recht einfach und anſtändig ſein wird. Ich trage meine Haare jetzt immer en bandeaux, und ganz tief im Geſichte. D'Esmonde ſagt, ich ſei das leibhaf⸗ tige Madonna⸗Bild von Dominichino, von dem Sie viel⸗ leicht noch wiſſen, daß ich es ſtets dem Raphael'ſchen Madonnabilde vorzog. „Kardinal Bruſchetti hat einige Tage hier zugebracht, 1³8⁸ und ich kann Ihnen nicht ſagen, welchen Reiz ſeine Ge⸗ ſellſchaft für mich gehabt hat, wenn ich ſie mit dem fri⸗ volen, ausſchweifenden Leben verglich, an das ich gewöhnt war. Er iſt ſo lieb, und ſo artig, und ſo überzeugend, ohne aufdringlich zu ſein,— und dabei ſo verſöhnlich. Es iſt gar nichts Strenges an ihm; ſondern er iſt zu Zeiten wirklich heiter! Er billigt es vollkommen, daß ich Fripponi als Koch behalten habe.„Ein Wechſel der Küche, ſagte er,„führt einen Wechſel in der Verdauung, einen Wechſel im Temperament, und ſo einen moraliſchen Wech⸗ ſel mit ſich;“ und ſolche Wechſel ſind doch gar zu wich⸗ tig, als daß man ſich denſelben mit einem Male aus⸗ ſetzen ſollte. „Es iſt mir das recht angenehm, da der Mann ge⸗ wiß ein bewundernswürdiger Künſtler iſt. Seine Emi⸗ nenz ſagte geſtern, daß der Salmi von Ortolan ein Ge⸗ richt wäre, das ſelbſt dem Papſte aufgetiſcht werden dürfte. Wir fahren jetzt täglich mit einander aus, oder aber laſſen wir uns auf dem See herumfahren, und ich werde mich ganz einſam fühlen, wenn er uns wieder verläßt. „Ich möchte gern wiſſen, ob Sie ſich einer Büſte von ihm erinnern, die im Vatican ſteht. Er war, und iſt ſogar noch ein außerordentlich hübſcher Mann; und ſein Bein iſt ſchon, ich weiß nicht mehr, wie oft, model⸗ lirt worden. Er fragt mich, an wen ich ſchreibe, und bittet Sie, ihn in Ihr Gebet einzuſchließen; wie rührend einfach, nicht wahr?“ „Am vergangenen Abende habe ich mir erlaubt, Seine Eminenz in recht zudringlicher Weiſe um eine Gunſt zu bitten. Wie Sie wiſſen, ſo iſt der arme, liebe Jekyl gar übel daran. Seine Familie iſt, wie er ſagt, ſo reich⸗ und doch will ihm dieſelbe nur ein Paar miſerable hun⸗ dert Pfund per Jahr geben; und da er ſo freigebig und verſchwenderiſch iſt, ſo muß er ſich immer in einem an Bettelarmuth grenzenden Zuſtande befinden. Wohlan!l ich 139 fragte den Kardinal, ob es nicht irgend ein Mittel gebe, ihn als Miſſionär,— wie St. Vincent de Paul,— zu den Heiden zu ſchicken. Das Kleid und die bloßen Füße würden ihm zwar nicht ſonderlich gefallen, aber er würde ſo glücklich ſein bei den lieben Tonga⸗Inſulanern, die,— ſo groß iſt ihr Eifer,— für ein wächſernes Bild der heiligen Jungfrau nicht weniger als vier und fünf Kopfhäute geben. Seine Eminenz gab mir zu verſtehen, daß die Sache Schwierigkeiten haben koͤnnte; indeſſen ver⸗ ſprach er mir, weiter darüber nachzudenken. „Ihr Fürſt iſt Dienſtag, auf dem Wege nach Nea⸗ pel, hier durch gekommen; er will ‚La Giovina’ in dem neuen Ballette von„Paradiſo' tanzen ſehen. Es ſoll die⸗ ſelbe überaus reizend ſein. Der Furſt erkundigte ſich nach Ihnen, und ſagte Etwas davon, daß die Etikette ihm nicht geſtatte, an Sie zu ſchreiben; oder aber ſagte er, daß Sie zuerſt ſchreiben ſollten, oder irgend etwas Anderes, ich weiß wirklich nicht mehr, was; Sie kennen ja ſeine Art, über Alles leicht hinwegzugehen, und wiſſen, wie er fortſpaziert, ehe er ausgeſprochen. Es iſt in dieſem Stücke ärger, denn je, mit ihm, oder aber habe ich weniger Ge⸗ duld mit ihm, ſeitdem Sie fort ſind,— es iſt mir das ſelbſt wahrſcheinlich! „Jekyl hat mir,— ganz im Vertrauen, wohlver⸗ ſtanden,— geſagt, daß Midchikoff mit ſeinem Hofe nicht am Beſten ſtünde, und daß es ihn gar nicht wundern würde, wenn der Czar ſeine Erlaubniß nicht zur Heirath gäbe. Was Sie in dieſem Falle thun müßten, kann ich mir nicht recht denken; vermuthlich aber wäre ein Kloſter die einzige paſſende Zufluchtsſtätte. Am Ende wäre es vielleicht eben ſo gut geweſen, wenn Sie den armen George genommen hätten. Das Vermögen der Onslows iſt immer noch nicht zu verachten; auch hat ſein Charakter einige liebenswürdige Seiten, und gewiß liebte er Sie. Ich habe Ihnen nie geſagt, wie oft er bei mir von der Liebe ſprach, die Sie ihm einflößten, und wie oft er mich bat, daß ich 140 ſeine Fürſprecherin bei Ihnen machen möchte; allein ich darf es Ihnen jetzt wohl ſagen. Indeſſen läßt ſich nie ſagen, mit wem man glücklich leben könnte! George hat mich gebeten, ihm jeden Brief zu ſchicken, den Sie an mich ſchreiben würden, und Sie koͤnnen natürlich aus dem Umſtande, den ich Ihnen hier mitgetheilt, jeden beliebigen Nutzen ziehen. „Nur noch ein Paar kleine Aufträge, meine liebe Kate, und ich bin fertig. Verſchaffen Sie mir doch einige Dutzend Flaſchen guten Tokayer vom Teleky'ſchen Gute, — merken Sie ſich wohl, nicht vom Palfy'ſchen, denn Seine Eminenz ſagt, es gehe dem Palfy'ſchen Tokayer der ölige Geſchmack ab. Einer von den Erzherzogen wird Ihnen das ſchon beſorgen. „Gewiß ſind Ihre langen Augenwimpern über dieſes ſchon hinaus. Die zweite Bitte geht dahin, mir einen Schlegel böhmiſchen Wildprets,— wo möglich Schwar⸗ tenſchild'ſchen,— zu überſchicken. Der Kardinal ſagt, das gute Fett werde ſo ſelten, wie die wahre Frömmig⸗ ne und ein wohlgenährter Bock ſei ſo rar, wie ein guter hr „Trägt man in Wien die Mieder hinten ſpitzig?— Nicht als ob ich mich darum kümmerte, Theuerſte, denn ich bin über ſolche Citelkeiten eerhaben; aber Cöleſtine wünſcht es zu wiſſen. Wenn Sie die heilige Urſula be⸗ kommen, ſo behalten Sie ſie in Ihrem Zimmer, und ſtel⸗ len Sie ſie mit dem Geſichte nach Weſten. „Und nun leben Sie wohl, und ſeien Sie verſichert, daß ich unter anhaltendem Gebete verbleibe „Ihre wohlaffectionirte Theodoſia, „frühere Heſter Onslow.“ „P. S. Könnten Sie mir ein gutes Miniaturbild von Ihnen ſchicken?— Vielleicht errathen Sie, zu wel⸗ chem Zweck. Haſelquiſt's Oelgemälde iſt mir für meinen 141 Zweck zu groß; auch hat es wirklich gar keine Aehnlich⸗ keit mit Ihnen. Aber trotz aller Unvollkommenheiten des Gemäldes ſitzt Seine Eminenz Abends oft Stunden lang davor, und ſagt, daß er ſich kaum etwas Lieblicheres vor⸗ ſtellen könne. Ich frage nicht nach Madame de H—, denn ich verabſcheue das Weib. Seine Eminenz hat mir ſo entſetzliche Dinge von ihr geſagt! Natürlich aber koͤn⸗ nen Sie ſie jetzt nicht entbehren, und müſſen ſich eben in die Zeit ſchicken. „D'Esmonde ſagt mir, Frank ſei ein feiner und recht hübſcher Burſche, allein es ſei derſelbe entſetzlich leichtſinnig. Vermuthlich iſt es in Oeſterreich, wie bei unſerer Leibgarde,— und was kann man ſonſt erwarten? A propos: Norwood hat mir ſchon zwei Mal unſinniges Zeug über Sie geſchrieben, das ich nicht verſtehen kann, und worauf ich auch nicht geantwortet habe. Was mag er wohl meinen, wenn er ſagt,„er müſſe eine Kokette wie eine Falbel behandeln?“ Jekyl ſagt, die Polizei habe ihm— Norwood— ſeinen Paß nicht herausgegeben, ſonſt würde er Ihnen nach Wien nachgereist ſein. Es iſt mir das ganz unerklärlich, und ich weiß nicht, warum ich es hier wiederhole.“ Nie weckte ein frivoler Brief eine Reihe ernſterer Gedanken und düſtererer Reflexionen, als dieſer Brief bei Kate Dalton weckte. Ihr Geiſt verweilte weit weniger bei dem Paragraphen, der ihre eigene Zukunft betraf, als bei dem, der von George,— ſeiner treuen Liebe und ſeinem andauernden Kummer ſprach! Sonach war es wahr, daß er ſie liebte! Er hatte ſelbſt einer andern Per⸗ ſon es geſtanden, und dieſelbe um ihre Unterſtützung und um ihren guten Rath gebeten. Warum hatte er alſo ihr ſelbſt ſeine Liebe nicht geſtanden? Lag der Fehler an ihr? War ihre Aufführung Schuld daran geweſen? Hatte ſie ſich ihm dadurch entfremdet, daß ſie einen Andern er⸗ muthigte, oder waren die Lehren der Geſellſchaft, in der ſie ſch bewegte, der Grund? Der arme Burſche! Wie 14² unfein hatte ſie ihn behandelt,— bis zu dem allerletzten Vorfalle, wo ſie einander zum letzten Male ſahen!— Und nun ſollten ſie einander nie mehr zu Geſicht bekom⸗ men! Nein! der Tod ſelbſt konnte ſie nicht mehr trennen, als der Raum und das Schickſal ſie jetzt trennte! Selbſt dieſes erſchien ihr als das Beſſere,— erſchien ihr als weit beſſer, als die Möglichkeit einer neuen vertrauten Bekanntſchaft. Lady Heſter hatte ihr nicht geſagt, warum ſie ihr Geheimniß für ſich behalten; noch weniger hatte ſie geſagt, zu welchem Zwecke ſie daſſelbe jetzt enthüllte, wo doch eine ſolche Mittheilung ſie— Kate— nur un⸗ glücklich machen konnte. Die Erwähnung Norwood's, ſo⸗ wie die vage, halbe Drohung, die mit ſeinem Namen ver⸗ knüpft war, verurſachte ihr nur wenig Unruhe, da ihr Geiſt nur für einen abſorbirenden Gedanken Raum hatte,— für den Gedanken nämlich, daß George ſie liebte! Dieß war der Inbegriff jeder Reflexion; und die ganze ſie umgebende Welt in ihrem Gange und in ihrem Reichthum,— die krummen Pfade der politiſchen In⸗ trigue,— die ſtillen Nebenwege der Heimath,— Freund⸗ ſchaft,— Gegenwart und Zukunft,— Alles das war ſo gut wie Nichts, wenn ſie es gegen dieſen einen Ge⸗ danken in die Wagſchaale legte. Hatte ſie im erſten Augenblicke Lady Heſter wegen der Enthüllung des Geheimniſſes tadeln müſſen, ſo war ihr zweiter Gedanke der, daß ſie ihrer Freundin einigen Dank ſchuldig ſei. Sie dachte auch an D'Esmonde, ſowie an die Räſonnements, womit er die Uebergabe des Briefes begleitete; und ſie fühlte, daß dieſes Bewußtſein ein Glück ſei, das ihr kein Schickſalswechſel rauben könne, — daß, was ihrer im Leben auch noch wartete, Kummer, Enttäuſchungen und ſo weiter, hier wenigſtens, in ihrem innerſten Herzen, ein Schatz aufgehäuft ſei, das ihr für Alles Erſatz leiſte. Sie dachte, daß ſie zufrieden ſein würde, wenn ſie nur eine Seele hätte, der ſie ihr Ge⸗ heimniß anvertrauen,— wenn ſie nur einen Menſchen 143 hätte, mit dem ſie über ihren Schmerz ſprechen könnte. Nelly wagte ſie es nicht mitzutheilen; mit Frank konnte ſie nicht darüber ſprechen; wie war es alſo, wenn ſie Nina zu ihrer Vertrauten machte? Ach! für dieſe war es nicht länger ein Geheimniß! Nina hatte das Gemälde geſehen, und obgleich Nichts in ihrem Benehmen verrieth, daß ſie auch nur eine Ahnung davon habe, ſo kannte Kate ſie doch zu gut, als daß ſie nicht gefühlt hätte, ſie ſei in der Gewalt ihres Kammermädchens. Indeſſen verrieth, wie eben geſagt worden, das Be⸗ nehmen Nina's Nichts, was einem inſolenten Triumphe gleich geſehen hätte; im Gegentheil, ſie war fortwährend überaus artig, ja unterthänig, und es ſchien ſich etwas faſt Liebevolles mit dem Gefühle zu vermiſchen, in dem ſie ihre Pflichten erfüllte. Kate bemerkte dieſes, und es fehlte ihr nur an dem Muthe, Nutzen daraus zu ziehen. Anfänglich war ſchon der bloße Gedanke, daß Nina um die Sache wiſſe, eine Qual für ſie; aber mit jedem Tage wurde dieſe Furcht ſchwächer, bis ſie endlich wirklich wünſchte, daß der Au⸗ genblick der Erklärung vorüber ſein möchte, und daß ſie all ihren Kummer vor ihr ausſchütten könnte.„Sie ſelbſt mag eine unglückliche Liebe gehabt haben, und wenn das der Fall iſt, dann wird ſie mich bemitleiden. Auf jeden Fall wird ein offenes Geſtändniß von meiner Seite zeigen, daß ich Nichts von dem Zuſtande ſeines Herzens wußte, und nur Wenig von dem Zuſtande meines eigenen, bis es zu ſpät war. Wir werden einander nie mehr ſehen, und ſo fort.“ In der That überredete ſie ſich durch allerlei So⸗ phiſtereien, daß das bloße Denken an ihn nie eine Sünde ſein könne;— daß nichts ſehr Arges darin liegen könne, wenn man zurückblicke, ſo oft die Zukunft gewitterſchwanger und düſter ſcheine. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob dieſe ihre Räſonnements nicht zum Theil auch daher rührten, daß ſie etwas„pi⸗ 144 kirt“ war. Laut Lady Heſters Brief war der Fürſt ſchon gleichgültig gegen ſie, wenn er ſie nicht ſchon ganz ver⸗ geſſen hatte. Eine kleine Ungewißheit in Betreff des Ceremoniells verhinderte ihn, ihr zu ſchreiben, oder von ihr zu hören, und gerade in dieſem Augenblicke gab er ſich wieder dem alten ausſchweifenden Leben hin. Warum ſollte ſie ſich alſo Viel um ihn kümmern;— warum ſollte ſte es auch nur verſuchen, eine Liebe zu nähren, die am Ende doch getäuſcht werden mußte? Auch war ja ihre Heirath nie eine Heirath aus Neigung; Lady Heſter war überaus offen geweſen, indem ſie ihr geſagt, wie der Fürſt die Sache anſähe. Was die Gründe betraf, die ſie ſelbſt zu dem Schritte veranlaßten, ſo kannte ſie dieſelben nur zu gut! Alles, was Kate während ihres Aufenthalts in Flo⸗ renz geſehen hatte, ſagte ihr, daß ſolche Fälle die gewöhn⸗ lichen Ereigniſſe der Welt bildeten. Es waren ja nur Wenige in der Ehe glücklich:— Ungleichheit des Alters, — Ungleichheit des Standes, Unverträglichkeit des Cha⸗ rakters, und hundert andere Urſachen waren ſtets thätig. Lady Heſter pflegte ihr zu ſagen, daß ſich„Niemand im Stande der Ehe glücklich finde; die Guten und Recht⸗ ſchaffenen grämten ſich allein deßhalb; die minder Scru⸗ pulöoͤſen ſprächen offen von ihrer Unzufriedenheit, und bäten um die Sympathie ihrer Bekannten!“ Dieß waren dle zwei Kategorien, die ihre ganze Theorie umfaßten. Nun aber war Kate vollkommen entſchloſſen, ſich der erſten Klaſſe anzureihen; nur ſah ſie nicht ein, warum ſie ihren Kummer und ihre Sorgen nicht einer„Vertrauten“ mit⸗ theilen ſollte. Trotzdem, daß dieſe Gründe für ſie überzeugend wa⸗ ren, konnte ſie es doch nicht über ſich gewinnen, mit dem Geſtändniß herauszurücken, und ſie würde Alles in der Welt darum gegeben haben, wenn Nina ſelbſt den erſten Schritt hätte thun wollen. Dieſe einfältige Kreatur aber ſchien keinen Wink zu 145 verſtehen; es konnte dieſelbe nie ſehen, worauf eine Be⸗ merkung eigentlich abzielte; ſie nahm dieſelbe immer nur in ihrem buchſtäblichen Sinne, und ſetzte durch ihre Dumm⸗ heit Kate's Geduld auf die härteſte Probe. „Iſt es moͤglich,— kann ich glauben, daß ſie das Miniaturbild nicht erkannt?“ dachte Kate.„Gehoͤrt mein Geheimniß immer noch mir allein?“ Während ſie dieſes dachte, ſchien ihr Alles dieſen Gedanken zu beſtäti⸗ gen,— das Benehmen dieſes Mädchens, das ſo demüthig, ja ſervil war.„Oh, wüßte ich doch nur dieſes gewiß,— wüßte ich doch nur, ob ich meine Schande und meinen Kummer mit einander begraben könnte!“ In dieſem Zuſtande der Ungewißheit,— wobei ſie an einem Tage voller Hoffnung und Selbſtvertrauen, an dem darauf folgenden aber voller Furcht und Schrecken war,— lebte ſie fort, bis die Zeit ihrer Abreiſe von Wien herankam. Madame de Heidendorf war in der Erwartung, daß ſie gewiſſe Nachrichten aus Frankreich bekommen würde, länger in der Kaiſerſtadt geblieben, als ſie anfänglich be⸗ abſichtigt hatte; und Kate erwartete mit größter Sehn⸗ ſucht Nachrichten von Hauſe,— denn das Haus ihres Vaters war ihr immer noch,— im innerſten Herzen,— die Heimath. „Abermals keine Briefe, Nina?“ ſagte ſie verzweif⸗ lungsvoll, als das Kammermädchen in ihr Zimmer trat. „Es iſt keiner gekommen, Madame.“ „Haben Ihre Freunde ſie vergeſſen, Nina, wie die meinigen mich vergeſſen zu haben ſcheinen?“ „Nina hat nur wenige Freunde, Madame; und noch wenigeren würde es einfallen, ihr zu ſchreiben.“ „Arme Nina!“ ſagte Kate in liebevollem Tone. Und das Blut ſtrömte bei dieſen Worten mit Ge⸗ walt nach dem Geſichte des Mädchens hin, und es blitzte in ihren Augen ein Ausdruck ploͤtzlichen Zornes. Die Daltons. W. 10 146 „Kein Mitleid, Madame!— kein Mitleid!“ rief ſie mit tiefbewegter Stimme,—„ſonſt könnte ich mich ver⸗ geſſen,— ſonſt könnte ich mich und Sie zugleich ver⸗ geſſen!“ Und mit dieſen Worten eilte ſie aus dem Zimmer, ohne auf eine Antwort zu warten. Kate fühlte ſich durch die Heftigkeit des Mädchens ganz beſchämt, und zugleich war ſie darüber empört; und doch wagte ſie es nicht, ſie deßhalb zu tadeln, oder ihr auch nur Vorſtellungen zu machen. Welch niedrige Skla⸗ verei lag für ſie in dieſem Gefühle! Wie verächtlich kam ſie ſich ſelbſt vorl— Welche Fäulniß lag dem goldenen Glanze zu Grunde, der ſie umgab! Was war jetzt aus dem ehrgeizigen Neide geworden, womit ſie einſt zu den Reichen und Mächtigen aufblickte? Wo war jetzt jenes heftige Verlangen, zu den Großen und zu den mitvornehmen Titeln Ausgeſtatteten zu gehören; und mit wem würde ſie jetzt nicht getauſcht haben?— Kam ihr jetzt nicht ſogar das Loos Nina's als beneidenswerth vor? Nicht mit ſchwachem Herzen, und nicht muthlos ſollte man die große Lebensreiſe antreten. Die Prüfungen und Wiederwärtigkeiten derſelben, die auch des Glücklich⸗ ſten warten, erheiſchen ſo viel Hoffnung und ſo viel Energie, als wir nur immer aufzubieten im Stande ſind. Und doch war ſie im Begriffe, mattherzig und muthlos ſich auf den Weg zu machen,— auf den Weg, der, lang und trübſelig, vor ihr lag! Während ſie ſo ſich ihren Gedanken überließ, drang zis lgewallihea Geräuſch von der Straße herauf bis zu ihr. 4 Sie ſtand auf und öffnete das Fenſter. Der ganze Platz war mit Leuten angefüllt, die eifrig geſticulirten und mit einander ſprachen. Auch ſchien eine, der der Meereswogen zu vergleichende, Bewegung die Menge zu beherrſchen; und endlich konnte ſie entdecken, daß die Menge langſam nach dem Stadtthor hinwogte. Dann zog ein dumpfes Wirbeln von Trommeln ihre Aufmerkſamkeit auf ſich, und in weiter Ferne ſah ſie die blitzenden Bajonette einer heranrückenden Infanteriecolonne. Militäriſche Schauſpiele kommen in Wien zu häufig vor, als daß dieſelben viel Ueberraſchung oder Aufregung hervorbringen könnten, und dennoch waren, nach den Blicken und Geberden der Leute zu ſchließen, hier beide vorhanden. Eine Regimentsmuſik fing die öſterreichiſche National⸗ hymne zu ſpielen an, und während die ſtolzen Töne in die Luft hinausdrangen, rückte ein dunkles Corps Tyroler Jäger heran, und ſtellte ſich auf dem Platze auf. Doch war unter den Leuten immer noch kein Enthuſiasmus zu baneridn Sie hoͤrten die loyalen Töne mit kalter Apa⸗ thie an. Auf die Tyroler folgte ein Grenadierbataillon, worauf eine lange, dichte Colonne Linieninfanterie folgte,— die Ranzen auf dem Rücken, und die Brodration darauf ge⸗ ſchnallt. Hinter dieſen kam die Artillerie, und die mit langen Schweifen verſehenen Rappen verliehen dem Zuge ein fei⸗ erliches Ausſehen, während das Geklirr und das Geraſſel für das Ohr etwas Trauriges, Düſteres hatte. 1 Von dem weiten Platze ging es nun weiter; die Truppen marſchirten durch das Kärnthner Thor, und de⸗ filirten in das Glacis. Einen Augenblick vorher war dieſer ungeheure Raum noch leer geweſen; und nun ka⸗ men, von allen Seiten her, Truppen herbeigeſtrömt,— wie Flüſſe, die ſich in das Meer ergießen. Die mit ſchwarzen Federn geſchmückten Tyroler Jäger, die koloſ⸗ ſalen croatiſchen Grenadiere, die ſchwarzbraunen böhmiſchen Küraſſiere, und die mit weißen Mänteln verſehenen öſter⸗ reichiſchen Dragoner,— Alle konnte man heranmarſchie⸗ ren und ſich in Schlachtordnung aufſtellen ſehen. Während Kate's Auge voller Eifer über das Feld hinſchweifte, um die blaue Uniform der Ungarn zu ſuchen, * trat Madame de Heidendorf, mit einem offenen Briefe in der Hand, ins Zimmer herein. „Was mag das wohl bedeuten?“ fragte Kate ängſt⸗ lich.„Es iſt doch gewiß keine bloße Revüe?“ „Nein, das iſt es gewiß nicht, Madame,“ ſagte die Gräfin in impoſanter Weiſe;„das große Drama beginnt nun. Es ſind Nachrichten angekommen, daß Italien in vollem Aufſtande iſt, und es ſollen in aller Eile friſche Truppen dahin geſchickt werden;— zwöͤlf tauſend Mann marſchiren heute ab, und morgen werden weitere acht tauſend folgen.“ „Und Frank—“ Hier hielt ſie beſchämt inne, als ſie den verächtlichen Ausdruck im Geſichte der Madame de Heidendorf ſah. „Das Regiment Ihres Bruders, Madame, wird einen Theil der abmarſchirenden Mannſchaft bilden, und natür⸗ lich wird er mit ſeiner hochwichtigen Perſon bei den Er⸗ eigniſſen mitwirken! Fürwahr, ich muß eine Perſon be⸗ neiden, deren Geiſt ſich von einem ſo großen Gegenſtande, wie das Schickſal einer ganzen Nation iſt, abwenden kann, um ſich mit dem Looſe eines armſeligen Corporals oder Unterlieutenants zu beſchäftigen.“ „Und doch iſt es ſo,“ erwiederte Kate kühn;„Der liebe Frank iſt meinem Herzen näher, als Alles, was ich dort unten ſehe. O ja, Madame,“ rief ſie, auf einen Blick der Verachtung antwortend, den die Gräfin ihr zu⸗ warf,— pes iſt ganz wahr. Mein Geiſt iſt ein gemei⸗ ner; meine Liebe knüpft ſich an niedrige Gegenſtände;— ich wollte nur, daß mein Chrgeiz ſich nie über dieſelben erhoben hätte!“ 1 Was Madame de Heidendorf auf dieſe Worte, die ſo unendlich verwegener waren, als irgend eines, das Kate bis jetzt geſprochen, geantwortet haben würde, läßt ſich nicht ſagen, Doch plöͤtzlich kam Frank in das Zimmer herzingeſthemt und ſchloß ſeine Schweſter heftig in ſeine rme. „Ich habe nur einen Augenblick, Kate, und danu geht es fort,— fort nach Italien!“ Und als dann der Jüngling die Gräfin ſah, verbeugte er ſich höflich, und entſchuldigte ſein unceremoniöſes Ein⸗ treten. Dann fuhr er alſo fort: „Graf Stephan hat das Commando erhalten, und hat mich ſeinem Stabe zugetheilt.“ „Hoffentlich werden Sie ſich dieſes Beweiſes von Vertrauen würdig zu machen wiſſen, mein Herr,“ ſagte Madame de Heidendorf hochmüthig. „Frank wird ein tapferer Soldat ſein, Madame,“ fiel Kate ein.„Er iſt ein Dalton.“ „Er muß ſeinem Kaiſer eben ſo treu, als tapfer ſim Die Treue iſt jetzt ebenſo nöthig, wie die Tapfer⸗ eit. 4„Und wer darf meine Treue in Frage ſtellen?“ rief rank. Dann ſchlang er, gleich als wäre er ärgerlich dar⸗ über, daß man ihn gezwungen, ſich einen Augenblick mit einem minder angenehmen Gegenſtande zu beſchäftigen, ſeinen Arm um den Kate's und zog dieſelbe nach dem Fenſter hin.„Ich hatte Dir ſo Vieles zu ſagen, theuerſte Schweſter; ich habe nur an Dich,— und— und— und an das gedacht, was Du mir geſagt. Ich würde die Heirath rückgängig machen, es iſt noch nicht zu ſpät; — Du biſt ja nur erſt verlobt,“ „O nein, nein, Frank!— Gib mir keinen ſolchen Rath. Ich bin durch mein Wort gebunden, und die Ehre verbietet mir, zurückzutreten. Ich habe ein feierliches Ge⸗ lübde abgelegt.“ „Aber man hat Dich betrogen,— ich weiß es; man braucht ja nur dieſes Weib da anzuſehen, die man Dir zur Begleiterin gegeben hat. Ich ſage Dir abermals, Du mußt die Heirath rückgängig machen.“ „Das kann ich nicht,— das kann ich nicht!“ „Dann werde ich es thun, beim Himmel! Gewiß würdeſt Du doch nicht Deine Liebe für all den Glanz eines fürſtlichen Lebens hingeben? Hoffentlich haben dieſe Flitter Dein Herz noch nicht coxrumpirt? Nein, nein,— Du biſt noch nicht ſo weit geſunken. So hoͤre denn, was ich Dir ſage:— Geh' nicht eher von hier weg, als bis Du Nachricht von mir bekommſt. Sollte dieſe Dame, — ich kenne ihren Namen nicht,— auf der Abreiſe be⸗ ſtehen, ſo ſprich Du eben ſo entſchieden, und ſag' ihr, daß Du Deine Familie vorher noch zu ſehen wünſchteſt. Du biſt keine Sklavin und kannſt nicht gezwungen werden.“ „Ich mag nicht weiter davon hoͤren, Frank,— der bloße Gedanke ſchon könnte mich wahnſinnig machen. Nein, nein Frank; willſt Du mein Freund ſein, ſo lehre mich meine Pflicht erfüllen, ſo lehre mich das Wort halten, das ich durch einen Eid bekräftigt; ſuche meine Treue nicht zu erſchüttern, und ſuche mich nicht vom Pfade der Ehre abzubringen.“ „So iſt es denn, wie ich fürchtete,“ rief er leiden⸗ ſchaftlich;„dieſer verwuͤnſchte Glanz hat Dich bewogen, daß Du Dich verkauft haſt. Oh! So hätte Nelly ſich nicht gewinnen laſſen!“ „Ich weiß es,— ich weiß es wohl,“ rief ſie, in Thränen ausbrechend;„aber ich glich ihr nie.“ „Ja, Du glicheſt ihr und gleichſt ihr noch, Theuerſte,“ ſagte er, ſie auf die Stirne küſſend:„ja, Du biſt ihr ähnlich, liebe, holde Kate, auf die wir Alle ſo ſtolz waren. Ach, vergib mir, wenn ich Etwas geſagt habe, was Dich viel⸗ leicht verletzt hat, denn ich möochte mein Herzblut ver⸗ gießen, um Dir zu dienen, oder um Dich zu retten.“ Er betonte die letzten Worte in einer Weiſe, die an⸗ zeigte, wie ſehr er ſie bedauerte, nnd wie ſehr ihm ihre Lage zu Herzen ging; und im nächſten Augenblicke lagen ſte einander in den Armen und weinten bitterlich. „Da der Feldmarſchall von Auersperg ſo eben in den Palaſt hereingeritten iſt, ſo ſollte ſein Adjutant wahr⸗ * . 151 ſcheinlich ſeine Thränen abtrocknen, und ihn empfangen,“ ſagte Madame de Heidendorf, indem ſie ſtolz aus dem Zimmer hinausſegelte. „Haſt Du das gehört, Kate?— Haſt Du gehört, was ſie zu mir geſagt hat?— Hiernach kannſt Du ſelbſt urtheilen, welche Sympathie ſie für Dich hegen wird!“ ſagte der Jüngling, indem er ſich unwiillig mit der Hand auf die Stirne ſchlug.„Hatte ich nicht Recht in Bezie⸗ hung auf dieſe Ruſſen?“ „Komm, Frank, wir wollen Onkel Stephan aufſu⸗ chen!“ ſagte Kate, indem ſie zu lächeln und ruhig zu ſcheinen ſuchte. 3 Dann gingen ſie, einander bei der Hand haltend, die Treppe hinab.; Der Salon, in den ſie traten, war mit Officieren von verſchiedenen Waffengattungen angefüllt. Unter allen aber machte ſich Graf Dalton, ſowohl durch ſeine Größe, als durch den kriegeriſchen Charakter einer Geſtalt be⸗ merflich, die ſelbſt das Alter nicht ſchwächen zu koͤnnen ſchien. „Wie ärgerlich iſt es, meine holde Nichte,“ ſagte er, Kate's Hand in die ſeinigen legend,„daß ich in einem Augenblicke ſchelden muß, wo ich das Glück ſchätzen lernte, das mich mit Ihnen zuſammengeführt hat. Alle dieſe Herren beklagen ſich gewiß darüber, daß ſie Haus und Familie verlaſſen müſſen, und doch iſt, ich will darauf wetten, auch nicht einer unter ihnen, der ein ſchwereres Herz mit fort nimmt, als ich. Kommen Sie in dieſes Zimmer, meine Liebe; wir wollen dort ein Paar Minu⸗ ten mit einander ſprechen!“ fuh Und Kate nahm ſeinen Arm, während er ſie weg⸗ ührte. unterdeſſen ſetzte Madame de Heidendorf ſich auf das Sopha, und verlangte von den vornehmſten Officieren, die im Salon waren, nähere Aufſchlüſſe über Alles, was vorging. 15² Es war eine ihrer Lieblingsaffectationen, in der mi⸗ litäriſchen Taktik für überaus erfahren zu gelten, nicht als ob ſie zugegeben hätte, daß ſie irgend eine Kunſt oder Wiſſenſchaft nicht verſtünde; aber das Soldatenhand⸗ werk war nun einmal ihre Hauptſtärke. Sie fragte daher dieſe unglücklichen Herren ins Kreuz und in die Quere, und wollte alle Kleinigkeiten wiſſen. „Sie haben keine Mörſer 2 Hoͤre ich recht, Oberſt Ivabowsky? Keine Moͤrſer? „Auch nicht einen, Madame.“ „Und wie wollen Sie dann, wenn ich fragen darf, Malland in einen Schutt⸗ und Aſchenhaufen verwandeln 2“ Es war dieß eine Frage, die den Oberſten einiger⸗ maßen in Verlegenheit ſetzte; und ſie wiederholte dieſelbe in einem noch befehlshaberiſcheren Tone. „Vielleicht erachtet man das nicht gerade als wün⸗ ſchenswerth, Madame,“ wandte ein anderer Officier be⸗ ſcheiden ein.„ „Wie! nicht als wünſchenswerth, mein Herr? Sie ſagten, nicht als wünſchenswerth. Ei, beinahe fange ich an zu glauben, daß ich in militäriſchen Dingen noch ein⸗ mal in die Schule gehen muß. Wiſſen Sie auch, mein Herr, daß Mailand gerade der Mittelpunkt dieſer Lumpen iſt? Daß es von der Schweiz und von Piemont aus mit Allem genährt wird, was in der Politik als infam gilt? Malland muß bombardirt werden, mein Herr!“ Die Oberſten verbeugten ſich artig, da ſie eine Mei⸗ nung nicht bekämpfen wollten, die mit ſo vieler Autorität ausgeſprochen wurde. „Sie werden wenigſtens finden, daß der Feldmar⸗ ſchall meine Anſicht theilt,“ fuhr ſie fort. Als militä⸗ riſche Poſition iſt die Stadt Nichts werth.“ 3 „Aber als Hauptſtadt, Madame,“ warf der Oberſt ſanft ein. „Bah, bah, die alte Geſchichte!“ ſagte ſie in ver⸗ ächtlichem Tone.„Kinder und Weiber!“ ℳ — 153 „„Doch gewiß Gegenſtände, die geſchützt zu werden verdienen, Madame!“ Allein ſie wandte ſich verächtlich weg, wie wenn ein Wortſtreit mit einem ſolchen Gegner unter ihrer Würde waͤre. „Wir haben drei Raketenbatterien, Madame,“ fiel ein Stabsofficier ein, der ihre Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen wollte. „Hoffentlich werden Sie von denſelben den gehörigen Gebrauch machen, mein Herr. Ich beneide Sie um das Vergnügen, dieſelben unter dem elenden Pöbel wüthen zu ſehen, den man, um der Mode zu fröhnen, heut zu Tage Volk nennt.“ „Wir werden, hoffe ich, unſere Pflicht thun, Madame,“ ſagte ein alter, ſtreng ausſehender Major, der ſich durch dieſe Einmiſchung nur wenig geſchmeichelt fand. „Ich moͤchte bei den Vertheidigern der Monarchie ein ritterliches Weſen,— eine feurigere Hingebung ſehen,“ ſagte die Gräftn.„Ich kann allenfalls die Kälte der niedereren Klaſſen verſtehen; daß aber die Wohlge⸗ borenen und Adeligen apathiſch und langſam ſind,— das geht über meinen Verſtand.“ „Beim Blitz!“ entgegnete der Major:„das iſt nicht übel! Wir gehen in den Kampf, und vergießen für den Kaiſer unſer Blut— und man ſagt uns, es ſei noch nicht genug, wenn wir nicht zugleich geborene Grafen und Barone ſeien.“ „Was iſt's, Heckenſtein?“ ſagte Graf Dalton, indem er wieder ins Zimmer trat, und in vertraulicher Weiſe die Hand auf die Schulter des Andern legte.„Ich habe Sie ſelten ſo zornig geſehen.“ Aber der alte Soldat wandte ſich weg, ohne eine Sylbe zu antworten. „Madame de Heidendorf,“ ſagte der alte General, „ich weiß zwar nicht, wodurch Sie einen alten und be⸗ währten Diener des Kaiſers,— einen Soldaten von 154 Wagram und Auſterlitz,— einen treuen Anhänger, als dieſes große Reich dem Untergang nahe ſchien,— belei⸗ digt haben. Aber glauben Sie mir, es iſt jetzt nicht die Zeit, über die Loyalität zu ſpötteln und die Treue zu verachten.“ „Die Zeiten ſind ſchlimmer, als ich dachte,“ ſagte die Gräſtn,„wenn dieſe Principien Männer, wie der Graf Dalton iſt, inficirt haben. Ich hatte gewiß gehofft, daß ſein junger Verwandter bei ſeinem Eintritt ins Leben andere Lehren empfangen würde; auch kann es mich nicht wundern, wenn dieſelben üble Folgen haben. Aber hier iſt der Erzherzog. Wie ſehr hätte ich gewünſcht, daß Seine Hoheit ein Bischen früher gekommen wäre!“ Während ſie dieſe Worte ſprach, trat der Prinz mit all der nachläßigen Behaglichkeit ein, die ihn gewöhnlich auszeichnete. Man konnte aus ſeinem Geſichte nicht herausleſen, ob er das Ereigniß als ein ernſtes, oder einfach als einen jener Volkstumulte anſah, die in einem großen Reiche immer vorkommen. „Ich weiß, daß hier über Politik oder einen ver⸗ wandten Gegenſtand geſprochen wird,“ ſagte er lachend. „Madame de Heidendorf hat heute ganz ihre Cabinetts⸗ miene angenommen, und Auersperg ſieht ſo grimmig aus, wie ein Feldmarſchall ausſehen ſoll, wenn man ihm widerſpricht. Kommen Sie, General, ſtellen Sie mich der Fürſtin vor! Es iſt dieß eine Ehre, nach der ich mich ſchon längſt geſehnt habe.— Wie langweilig muß Ihnen doch Alles dieß vorkommen, Madame!“ fuhr er, zu Kate gewandt, fort.„So kluge Leute, die das Plaudern verſchmähen,— ſo große Geiſter, denen es zu gering iſt, ein witziges Wort vorzubringen, oder auch nur anzuhoͤren, ſind unausſtehlich.“ Und ſich neben Kate ſetzend, fing der Prinz an, über Wien, ſeine Geſellſchaft und ſeine Freuden mit all der Leichtigkeit und Leichtfertigkeit eines jungen faſhiona⸗ blen Mannes zu ſprechen, während der alte Graf in einer 34 ——— 15⁵ Attitüde tiefer Ehrfurcht, die nicht ohne einen Anſtrich von Ungeduld war, vor ihm ſtand. „Was will uns Auersperg ſagen?“ ſagte endlich der Prinz, zu dem alten General aufſchauend. „Ich will mich verabſchieden, Kaiſerliche Hoheit.“ „Sie werden doch nicht mit den Truppen gehen wollen,“ ſagte der Erzherzog lachend. „An der Spitze meines Regiments, Kaiſerliche Hoheit!“ „Ah, das Regiment Auersperg iſt, daß ich es nicht vergeſſe, bei Ihrer Brigade. Ganz recht. Und iſt dieß mein protégé?“ ſagte er, Frank's Arm ergreifend, und den jungen Lieutenant zu ſich heranziehend.„Hier haben Sie das beſte Beiſpiel, mein Herr. Seien Sie ein eben ſo guter Soldat, ſo wird der Name Dalton bei uns keinem nachſtehen. Leben Sie wohl, Lieutenant! Herr General, leben Sie wohl! Geben Sie der ‚Canaille’ bald eine tüchtige Lection, und kommen Sie in möglichſter Bälde zu uns zurück!“ Kate ſtand auf, und folgte Frank nach. Einige Secunden lang hielten ſie einander eng umſchloſſen, ohne ein Wort zu ſprechen. „O Frank, theuerſter Frank! Wann werden wir uns wieder ſehen?“ rief ſie leidenſchaftlich. „Stolz und gluͤcklich, Kate,“ ſagte der Jüngling froͤhlich.„Mir iſt wegen der Zukunft nicht bange. Aber was iſt das, theuerſte Schweſter,— das iſt ja Gold 2“ „Nimm es an, Frank! Es iſt das einzige Glück, das mir geblieben.“ „Aber das Gold kommt ja von dem Ruſſen, Kate!“ „Nein, glaub' es mir! Graf Stephen hat mich zu ſeiner Erbin eingeſetzt; er hat mir all ſein Vermoͤgen vermacht. Selbſt das Glück kann zu ſpät kommen!“ ſagte ſie mit einem Seufzer. „Gehe nicht früher von hier fort, als bis ich Dir ſchreibe, Kate. Ich werde Dich nicht lange warten laſſen, — das heißt, wenn es mir moͤglich; aber wir leben in curioſen Zeiten. Du weißt, Kate,“— hier flüſterte der Jüngling mit leiſer und vor Aufregung zitternder Stimme, —„Du weißt Kate, daß ich erſt ſeit ein Paar Tagen aufgehört habe, gemeiner Soldat zu ſein. Ich kann daher, beſſer als alle dieſe vornehmen Leute, ſagen, was die Soldaten denken und ſprechen; ſie find nicht mehr ſo, wie ſte früher waren. Man führe ſie gegen den Franzoſen, und ſie werden kämpfen, wie ſie immer gekämpft haben; wenn man aber von ihnen verlangt, ſie ſollen auf die Bürger feuern,— ſie ſollen Barricaden in Straßen er⸗ ſtürmen, in denen ſie mit dem Volke, wie mit Brüdern, ſo oft umhergeſchlendert ſind,— ſo ſage ich, daß ſie es nicht thun werden.“ „Was Du da ſagſt, iſt ſehr beunruhigend, Frank. Haſt Du es ſchon dem Grafen geſagt?“ „Nein; auch moͤchte ich es ihm um alle Welt nicht ſagen. Wiel Ich ſoll meine Kameraden verrathen, mich vor ein Kriegsgericht rufen laſſen, und ſagen, wer dieſes und wer jenes geſprochen.“ „Aber könnteſt Du ihn wenigſtens nicht in irgend einer Weiſe warnen?“ „Damit ich wegen meiner Kuhnheit weggewieſen, oder damit mir geſagt würde, ich ſei innerlich ein Rebell, indem ich ſonſt nie ſo Etwas geſprochen haben würde? Der alte Feldmarſchall würde leichter glauben, die Erde ſei aus ihrer Bahn geſchleudert worden, um im unendli⸗ chen Raume umherzuirren, als, der Verrath habe ſich hinter eine öſterreichiſche Uniform verſteckt. Der, welcher es wagen würde, ihm das zu ſagen, würde ſchlecht weg⸗ kommen.“— „O Frank, wie entſetzlich iſt All dieß!“ „Und dennoch verzweiſle ich nicht; ja, Kate, ich hoffe gerade deßwegen eine beſſere Zukunft; und wenn, wie Walſtein ſagt, das Kaiſerreich ſo weit hinter dem übrigen 157 Curopa zurückbleibt, ſo muß es einmal, früher oder ſpä⸗ ter, einen tüchtigen Anlauf nehmen, um es einzuholen.“ „Und iſt Walſtein ein— ein—“ Hier hielt ſie inne. „Nein, er iſt weit entfernt, ein Demokrat oder ein Republikaner zu ſein. Er iſt von zu guter Familie, und zu reich, und zu hübſch, um etwas Anderes, als ein Monarchiſt zu ſein. Oh, wenn Du ihn doch nur ſehen könnteſt! Aber horch! Es laſſen ſich die Trompeten hören! Hier kommt das Regiment Württemberg; und dort iſt mein Pferd, Kate. Iſt es nicht ein prächtiges Pferd? Es iſt ein Banater Pferd, Nichts als Knochen und Sehnen.“ „Ach, wie gerne wäre ich ein Mann und ein Sol⸗ dat geweſen!“ ſagte ſie, tief erröthend. „Sieh hin, das iſt Walſtein; es iſt der mit dem ſcharlachrothen Dolman!“ rief Frank:„aber er kommt herüber, er ſieht uns. Nein! Er reitet vorbei. Haſt Du ihn geſehen, Kate; haſt Du ihn bemerkt?“ „Nein, theuerſter Frank! ich ſehe nur Dich,— ich ſehe nur meinen lieben Bruder.“ Und ſie ſiel ihm um den Hals, und weinte. „Herr Lieutenant!“ ſagte ein Huſar, mit der Hand ſeine Kopfbedeckung berührend. „Ja, ich bin parat; ich komme!“ rief Frank. Und nun folgte eine letzte, lange Umarmung, bis er ſich plötzlich losriß und in wahnſinniger Eile die Treppe hinabrannte. „Madame de Heidendorf iſt ſo gut und ſagt, ſie wolle die Truppen vom Glacis aus defiliren ſehen,“ ſagte der Erzherzog zu Kate, während ſte, von Kummer über⸗ wältigt, an dem Orte ſtand, wo Frank ſte verlaſſen hatte.„Vielleicht erzeigen Sie uns die Ehre, mitzu⸗ gehen?“ Kate nahm die Einladung alsbald an, und eilte in ihr Zimmer, um ihren Hut aufzuſetzen. „Nehmen Sie nicht dieſen, Madame la Princesse?" ſagte Nina eifrig.„Der gelbe mit den ſchwarzen Spi⸗ tzen paßt beſſer; die Nationalfarben werden eine Schmei⸗ chelei für Seine Kaiſerliche Hoheit ſein.“ „Was für eine Kokette Sie doch ſind, Nina! „Und wie unwiderſtehlich würde Madame ſein, wenn ſie nur ein klein Wenig von einer ſolchen ſein wollte,“ ſagte Nina lächelnd. „Vielleicht werde ich es noch,“ ſagte Kate, halb und halb ſeufzend, während ſie dieſes ſprach; und Nina's dunkle Augen funkelten, als ſie die Worte hörte.„Aber was verſtehen Sie unter Koketterie, Nina?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Das Wort kann ſehr Viel, oder auch ſehr Wenig bedeuten, Madame. Bei Perſonen meines Gleichen kann es ein roſenfarbenes Band bedeuten; bei Madame la Princesse— das Lächeln, das eine Perſon von könig⸗ lichem Range erobert. Die Koketterie iſt am Ende eine bloße Anerkennung der Bewunderung. Ein alter ſpani⸗ ſcher Dramatiker ſagt:„Ein Blick aus einem hellen Auge iſt dem Aufhiſſen einer Flagge zu vergleichen, womit ein Schiffsgruß erwiedert wird.“ „Wie doch die Worte bei Ihnen fließen, Nina, und wie beſchämt ich mich fühle, wenn ich ſpäter einmal über Ihre Worte nachſinne und mich darüber ſelbſt ertappe.“ Nina lachte luſtig über dieſes Geſtändniß, während ſie die Thüre öffnete, um Kate hinauszulaſſen. Einen Augenblick darauf ſaß Kate neben dem Erz⸗ herzog; Madame de Heidendorf aber folgte in einem an⸗ dern Wagen.. Der Erzherzog war weder ein ſehr hübſcher, noch ein ſehr angenehmer Mann. Seine Manieren zeichneten ſich durch keine beſondere Eleganz aus; auch lag in ſei⸗ ner Miene und ſeiner Haltung Nichts von dem eigen⸗ thümlichen Zauber, der oft ein Vorrecht königlicher Per⸗ ſonen zu ſein ſcheint; und doch würde es außerordentlich 159 ſchwer geweſen ſein, Kate von All dem zu überzeugen, während ſie die mit entblößten Köpfen gefüllten Straßen entlang fuhr. Das Geklirr der Eskorte, die auf beiden Seiten ritt,— das geſchwinde Wirbeln der Trommeln, — und das Herausſtürzen der Wache, die, während er vorbeifuhr, das Gewehr präſentirte,— Alles das erweckte in ihr ein Wonnegefühl, das der Freude eines entzückten Kindes gleich kam.„Oh!“ dachte fie,„konnte doch Nelly mich in dieſem Augenblick ſehen! Oh! köͤnnte doch mein lieber alter Papa— und Hanſerl zugegen ſein!— Der kleine Hans, der das Habsburgiſche Haus liebte, wie den Schutzheiligen ſeines Dorfes!“ Es war in der That Etwas werth, einen Augenblick ſich in ſolchem Glanze zu ſehen! Und jetzt ging es auf das geräumige Glacis, das von Tauſenden von Bajonetten glänzte, und unter dem Getrappel und dem Geſtampfe der ſich da⸗ und dorthin bewegenden Schwadronen erzitterte. Die ganze Linie ſa⸗ lutirte, als der Erzherzog langſam entlang fuhr; eine Regimentsmuſik nach der andern fing zu ſpielen an, bis die ſtolze öſterreichiſche Nationalhymne die ganze Luft er⸗ füllte. Auch ließen die Soldaten ein lautes, langes Freudengeſchrei hoͤren, denn Seine Kaiſerliche Hoheit war bei der Armee beliebt, und, wie alle Prinzen ſeines Hau⸗ ſes, ein vollendeter Soldat. „Sie haben unſere Truppen noch nie zuvor unter den Waffen geſehen?“ ſagte er mit einer Miene, aus der ein Gefuͤhl hohen Stolzes hervorleuchtete;„es ſind ſchoͤne Leute, und eben ſo treu, als tapfer!“ Er war im Begriffe, noch mehr zu ſagen, als das dumpfe Wirbeln einer Trommel die Linie entlang gehört wurde, und von Regiment zu Regiment das tieftönige Com⸗ mando erſcholl:„Alle nieder zum Gebet!“ Bei dieſen Commandoworten ſenkte ſich jede Waffe, und beugte ſich jedes Haupt betend vorwärts. Auch nicht ein Laut, auch nicht ein Flüſtern wurde gehört in der gewaltigen Heeresmaſſe, bis, nach Verfluß von einigen Minuten, das Commando wieder erſcholl, und die Leute zu den Waffen rief. Dann kam das Wort„Marſch!“— und unter Le⸗ behochrufen, welche die Luft erſchütterten, ſetzten ſich die Truppen in Marſch nach„Italien.“ Zweiundkünkzigſtes Kapitel. Der Marſch. Gleicht wohl ein Enthuſiasmus dem des jungen Sol⸗ daten, der zum erſten Male ins Feld zieht? Was kann den herrlichen Gemälden gleichen, welche die Phantaſie des von Muth und Hoffnung erfüllten Jünglings entwirft, und deren Beſtandtheile die Worte„Ruf und Ehre“ bil⸗ den? Wo wird ſeine Imagination im Schaffen von Scenen voll heroiſcher Kühnheit oder voll ritterlicher Thaten ſtehen bleiben? In ſolcher Stimmung ritt Frank Dalton in der Mitte ſeiner Kameraden fort, deren groͤßter Liebling er alsbald wurde. Man mag es nun erklären, wie man will, oder in der Verzweiflung von der Löſung des Pro⸗ blems abſtehen,— aber das läßt ſich nicht beſtreiten, daß der iriſche Charakter feuriger iſt, und ſich mehr durch frohen Muth auszeichnet, als der irgend eines continen⸗ talen Volkes. In Vorfällen, die Andere als etwas All⸗ tägliches hinnehmen, eine Urſache der Freude oder der Beluſtigung findend,— ſelbſt die Widerwärtigkeiten und Kämpfe des Lebens ſeinem ſtets froͤhlichen Humor dienſt⸗ 161 bar machend, beſitzt der Irländer Elemente ſich nie ver⸗ leugnenden Witzes und brillanter Phantaſie, die man bei Deutſchen, Italienern, und ſogar bei Franzoſen vergebens ſuchen würde. Die Widerſprüche in Natur und Charakter, welche Politiker in Verlegenheit ſetzen und Nationalökonomen halb verrückt machen, ſind köſtliche Elemente der Geſellig⸗ keit; und was die„Nation“ unregierbar macht, macht gar häufig das„Individuum“ zum umgänglichſteu und angenehmſten Menſchen. Welche Wohlthat war es daher für den finſtern, gedankenvollen Boͤhmen, für den träu⸗ meriſchen Deutſchen, oder für die leidenſchaftliche, ſo vie⸗ len Wechſeln unterworfene Natur des Ungars, als ſie mit einem Manne zuſammentrafen, der vermöge ſeiner Stim⸗ mung für ſie Alle paßte und Schätze von Gedanken hatte, die keiner von ihnen beſaß! Frank war die Freude des ganzen Regiments; und er mochte vorn oder hinten rei⸗ ten, immer war eine Gruppe um ihn verſammelt, die gierig ſeine Geſchichten anhoͤrte, oder ſich an den drolligen Einfällen erfreute, die jeder Gegenſtand, an dem man vorbeikam,— die jedes Ereigniß bei ihm hervorrief. Sich, ſo zu ſagen, mit einem Sprunge von den klein⸗ lichen Widerwärtigkeiten und läſtigen Sorgen ſeiner nie⸗ drigen Stellung, mit all ihrer quälenden Armuth und Schuldenlaſt, befreiend, war der junge Lieutenant faſt außer ſich vor Freude, als er ſeine Freiheit wieder ge⸗ wonnen. Ein„Dalton“ mit Leib und Seele, vergaß er alle Noth und alle Schwierigkeiten, die er hatte durch⸗ machen müſſen und dachte bloß an die Gegenwart, oder an die Zukunft nur, in ſo ferne ſie durch ſeine Hoffnungen verſchönert war. Auch weckte Kate's Freigebigkeit in ihm das Gefühl, daß er reich wäre, und er wollte gern als ein mit Glücksgütern geſegneter Menſch gelten. Die Sehnſucht, Einfluß auf Andere auszuüben,— das bren⸗ nende Verlangen, vor der Welt Figur zu machen, wie Die Daltons. IV. 11¼ „ 162 groß auch die materiellen Opfer ſein mochten, die damit verbunden waren, ſtak bei ihm in Mark und Bein; aber ſo durchaus iriſch iſt dieſer Charakterzug, daß, wenn die Nation je einmal mit der Einkommensſteuer heimgeſucht werden ſollte, gewiß im ganzen Lande auch nicht ein Mann iſt, der ſein Einkommen nicht höher angibt, als es wirklich iſt, nur um dem Steuereinnehmer gegenüber prah⸗ len zu können. Ein reicher Kamerad macht ſich auf einem Marſche immer bellebt, wenn er den Freigebigen ſpielt. Das ekle Weſen, das ſonſt von ſteiferen Aufmerkſamkeiten Nichts wiſſen wollte, weicht hier den Zufällen des Weges; Hoͤflichkeiten, die anderswo Verbindlichkeiten in ſich ſchließen würden, ſind jetzt bloße Zufälligkeiten. Es muß zur Ehre des öſterreichiſchen Kriegsdienſtes geſagt werden, daß von Hochmuth und ſtolzer Abge⸗ ſchloſſenheit darin Nichts zu finden iſt. Die Officiere eines Regimentes ſind zugleich Repräſentanten einer jeden Volksklaſſe des Kaiſerreichs,— von den ſtolzeſten Na⸗ men Europa's bis zu den Söhnen des niedrigſten Bauers herab; und doch iſt die, Camaraderie’ vollſtändig. Höchſt wahrſcheinlich trägt hiezu Nichts mehr bei, als der Um⸗ ſtand, daß in Bezug auf das Vermoͤgen eines Jeden kei⸗ nerlei Geheimniß herrſcht. Man weiß vom Fürſten, daß er reich iſt; und eben ſo gut weiß man vom Sohne des kleinen Bürgers oder dem des Amtmanns, daß er arm iſt. Von keinem erwartet man Ausgaben, die ſeine Mit⸗ tel überſteigen, und es iſt keinerlei Schande mit dem Mangel an Vermoöͤgen verbunden. War daher auch Frank nicht von pfifſigen Abenteurern umgeben, die ſeine Ertravaganz möglichſt zu nützen geſucht hätten, ſo war er nichts deſto weniger der ſchmeichelhaften Anerkennung, die ſeine Freigebigkeit fand, und der Eitelkeit ausgeſetzt, die daraus entſteht, daß man unter ſeinen Kameraden ſich auszeichnet. Gewiß war dieß auch der Fehler ſeines Vaters und ſeines Großvaters geweſen. 163 Frank bewirthete daher alle Officlere ſeiner Schwa⸗ dron auf dem Marſche, und bereitete ihnen hundert kleine angenehme Ueberraſchungen. Bald war es ein kaltes Fruͤhſtück, das am Mittag in einem Walde gegeben wurde; bald war es ein dampfendes Souper in einem Dorfe, wo ſelbſt Generale gerne die Rationen aßen, die das Commiſſariat lieferte. Selbſt die Soldaten von ſei⸗ nem Zuge durften an dieſer Freigebigkeit Theil nehmen, unnd manche Flaſche Wein wurde auf die Geſundheit des jungen Lieutenants geleert. Gleich als ſollte er vollkom⸗ men glücklich werden, traf es ſich, daß der alte Graf, ſein Onkel, voraneilen mußte, und ſo ſah denn Frank ſich von allem Zwange befreit, da der Feldmarſchall die ein⸗ zige Perſon war, deren Anweſenheit ihm hätte einige Zurückhaltung auferlegen koͤnnen. In der ſchrankenloſeſten Freiheit dieſes Zuſtandes konnte Frank's verſchwenderiſches Weſen ſich ungehindert entfalten; ihn zügelte nicht die Klugheit, nicht die Furcht vor den möglichen Folgen. Er ſchrieb nach Wien, um dort theure Pferde kaufen zu laſſen; er ließ ſich Wagen und Livreen nachſchicken. Sogar die Ueberra⸗ ſchung, die ſeine Ertravaganz verurſachte, war ihm wie ſüßer Weihrauch. Wie viele freigebige Naturen ſind durch alberne Bewunderung zu Grunde gerichtet worden! Wie manches Herz ohne Falſch iſt durch die gemeine Seuche, ſich einen Namen zu machen, verderbt worden! Was wird der Dalton nun thun?— Was hat der Burſche jetzt im Kopfe?— Dieß waren Muthmaßungen, die er nie ohne Entzücken hörte, und die ihn zu neuen Anſtrengungen anſpornten, um das Staunen fortwährend rege zu halten. Auch Irland, das alle ſeine Kameraden ſo wenig kannten,— auch dieſe ferne Juſel gab Gelegen⸗ heit genug zu Geſchichten, welche allgemeine Verwunde⸗ rung erregten, und er erzählte mit einem wahren Wonne⸗ gefühl verſchiedene Geſchichten ſeines Vaters über ihre frühere Größe und den barbariſchen Glanz, in dem ſie . bensloos ſchien daher auch ein beneidenswerthes zu ſein. Fiction, die in ſeinem Gehirn aufſtieg. 164 gelebt. Wie leicht iſt nicht die Selbſttäuſchung, und wie ſeltſam iſt doch der Betrug, den ein Menſch ſich ſelbſt ſpielen kann! Aber ſo war es. Er vergaß wirklich die langen Jahre ihrer obſcuren Armuth,— alle ihre Noth und alle ihre harten Prüfungen,— die Dürftigkeit ihres täglichen Lebens,— kurz Alles! Er konnte nur an Kate in all ihrem Glanze und an ſich ſelbſt denken, wie er ſich keinen Wunſch verſagte. Und doch liebte er ſeinen Bater und ſeine Nelly,— ja, er liebte ſie innig. Er hätte Alles in der Welt darum gegeben, wenn ſein alter Vater ihn an der Spitze ſeiner Mannſchaft hätte reiten ſehen können. Oft fühlte er, wie ſeine Augen trübe wur⸗ den, wenn er ſich das Entzücken vorſtellte, das es dem alten Manne verurſachen mußte. Und die arme Nelly! Wie ſtellte er ſich ihre vor Bewunderung glühenden Ge⸗ ſichtszüge vor,— und wie bebte er dabei nicht vor Auf⸗ regung, wenn er an alle ihre Warnungen dachte! Es iſt eine ſonderbare Thatſache, daß in dem kurzen Zeitraume, der den furchtbaren Ereigniſſen der jüngſten großen europäiſchen Erſchütterung voranging, der ariſto⸗ kratiſche Einfluß den hoͤchſten Gipfel erreicht zu haben ſchien. Nie wurden in jedem Staate des Continents Familienanſprüche mehr beachtet, und die Herrſchaft ſtol⸗ zer Namen mehr anerkannt. Wie die fieberhafte Röthe, die dem Tode vorangeht, täuſchte der Umſtand gar Viele. In den Augen ſeiner ſtaunenden Kameraden repräſentirte der junge Dalton dieſen Charakter vollkommen. Er war reich, von guter Geburt, tapfer und excentriſch; ſein Le⸗ Wohl ihm, wenn die Täuſchung ſich auf ſeine Kameraden beſchränkt hättel Aber unglücklicher Weiſe dehnte ſie ſich auch auf ihn aus,— und am Ende glaubte er jede So von berauſchenden Trugbildern erfüllt, ritt er durch die tiefen Schluchten und Thäler Tyrols, an den Ufern des raſch dahin brauſenden Inns,— durch das 8 herrliche Thal von Meran hin, bis er endlich die Heer⸗ ſtraße erreichte, die, durch Trient und Roveredo führend, am Lago di Guarda ausläuft. Hier kam ihnen eine Depeſche aus Wien zu, des In⸗ haltes, daß ein kleines Corps unter einem intelligenten Officier abgeſchickt werden ſollte, um den Zuſtand des Stelvio⸗Paſſes, der höchſten aller europäiſchen Alpen⸗ ſtraßen, die, von Südtyrol herkommend, gerade an den Comerſee und damit nach Italien führt, zu unterſuchen. Obgleich die Jahreszeit noch nicht ſehr vorgerückt war, ſo hieß es doch, daß auf dieſer hohen Straße fri⸗ ſcher Schnee gefallen ſei, und es war eine wichtige Frage, ob dieſelbe noch für die Artillerie zugänglich wäre. Frank's Freude kannte keine Grenzen, als er ſich mit dieſer klei⸗ nen Expedition betraut ſah; ein eigenes Commando, wie klein und unbedeutend daſſelbe immer ſein mochte, hatte etwas Abenteuerliches und Unabhängiges, was ihm geſiel. Auch war bei dem Unternehmen einige Gefahr; denn ſchon hieß es, das Veltelin und die Brianza würden von Banden patriotiſcher Truppen, die Kriegscontributio⸗ nen erhoͤben und Andere zwängen, die Waffen zu ergreifen, durchſtreift. Frank's Inſtructionen gingen indeſſen dahln, daß er die Straße unterſuchen und dann über deren Zuſtand Bericht erſtatten ſolle. Jeden Zuſammenſtoß mit dem Feinde möglichſt vermeidend, ſollte er ſich entweder mit einer öſterreichiſchen Brigade vereinigen, die er errei⸗ chen konnte, oder noͤthigen Falls ſich nach dem Tyrol zurückziehen.* Einige ſeiner Kameraden bemitleideten ihn, daß er zu dieſem einſamen Geſchäfte auserſehen worden, andere beneideten ihn; alle aber bedauerten ſein Weggehen, und ließen ihn unter vielen feurigen Wünſchen, daß er bald wieder zurückkommen möchte, und unter vielen Zeichen der Freundſchaft ziehem. . In dem kleinen, zwanzig Mann zählenden Zuge, der unter ſeinem Commando ſtand, befand ſich ein junger un⸗ gariſcher Cadett, der, obgleich er von guter Familie und guter Geburt war, von Frank doch nie in der Geſellſchaft der Officiere erblickt worden war. Ravitzky war ein hüb⸗ ſcher, kühn ausſehender Jüngling; in ſeinem Geſichte lag jenes Gemiſch von Traurigkeit und Unerſchrockenheit, das ſo eigenthümlich ungariſch iſt. Er war der beſte Rei⸗ ter im ganzen Regimente, und in Ausſehen und Haltung ein vollendeter Soldat. Es war Frank oft aufgefallen, daß ein Jüngling, dem ſolche Vorzüge zur Seite ſtanden, noch nicht beför⸗ dert worden war. Indeſſen hatte er bei den Paar Gele⸗ genheiten, wo er dieſe Frage an den Cadetten geſtellt, eine ausweichende oder ſeltſame Antwort erhalten, und er ſah, daß ſeinem Kameraden ſolche Frageſtellungen wenig⸗ ſtens unangenehm waren. Frank Dalton freute ſich der ſich ihm nun darbie⸗ tenden Gelegenheit, Weiteres über die Verhältniſſe des jungen Soldaten zu erfahren, der faſt der einzige Mann unter ſeinem Commando war, der, neben der ungariſchen, noch eine andere Sprache ſprechen konnte, Ravitzky aber war, obgleich in ſeinem Benehmen durchaus reſpektvoll, kalt und zurückhaltend, und zeigte kein Verlangen nach einer Be⸗ kanntſchaft, auf die er wohl hätte ſtolz ſein können. Ohne die Freundſchaftsbezeugungen Frank's förmlich zurückzu⸗ weiſen, ſchien er doch entſchloſſen, jede nähere Bekannt⸗ ſchaft zu vermeiden, und immer ſchien er glücklicher zu ſein, wenn er unter ſeine Kameraden zuruͤcktreten konnte, um einige gutturalen Worte mit ihnen zu wechſeln, als wenn er an die Front gerufen wurde, um mit ſeinem Officlere zu ſprechen. Frank fühlte ſich durch Alles dieſes ein wenig beleidigt; er ſah, daß weder ſein Rang, nocch ſein vermeintlicher Reichthum, noch die Stellung, die er beim Regimente ein⸗ genommen, dem Cadetten imponirte; und doch waren dieß 167 gerade die Anſprüche, die alle ſeine Mitofficiere anerkannt hatten. Erſtaunt darüber, daß es Jemand wagen konnte, ſeine Eigenliebe ſo zu verwunden, affectirte er, den Ca⸗ detten ganz zu vergeſſen, oder ſich ſeiner nur noch als eines einfachen, unter ſeinem Commando ſtehenden Soldaten zu erinnern. Ravitzky ſchien nicht nur nicht unzufrieden darüber, ſondern zeigte ſich äußerlich ſogar noch fröhlicher, und ſtellte ſich, als ob ihm eine große Laſt vom Halſe genom⸗ men wäre, ſeitdem er ſich nicht mehr zum Gegenſtande ihm ſo unangenehmer Aufmerkſamkeiten gemacht ſah. Dieſes Benehmen machte bei Frank das Maß des Unwillens voll, und er fing nun wirklich an, den Jüng⸗ ling zu haſſen, gegen den er alle möglichen Tyranneien der militäriſchen Disciplin anwandte. Ravitzky aber ertrug dieſelben, ohne ſie, dem Anſcheine nach, auch nur wahr⸗ zunehmen, und erfüllte jede Pflicht mit einer Genauigkeit, welche die Strafe, ja ſelbſt den Verweis unmöglich machte. Wahrſcheinlich wurde Frank, wäre er nicht durch all die Schmeicheleien verderbt worden, die ihm in der jüng⸗ ſten Zeit zu Theil geworden waren,— wäre bei ihm das Gefühl der Selbſtachtung nicht bis zu einem abſurden, anmaßenden Eigendünkel geſteigert worden, ſich in dem Charakter dieſes Jünglings nicht geirrt haben;— er würde in ihm gerade den Geiſt der Unabhängigkeit erkannt ha⸗ ben, den er früher ſelbſt, obgleich in ganz verſchiedener Weſſe, zu entwickeln geſucht hatte! Nun aber erblickte er Alles in einem falſchen Lichte. Die Zurückhaltung war Nichts als Trotz,— die Kälte Nichts als Mangel an Achtung,— die Pünktlichkeit im Dienſte Nichts als eine Art Herausforderung. Wie oft wünſchte er, daß er den Mann nicht mitgenommen haben moͤchte; ſelbſt der An⸗ blick deſſelben war ihm nun odiös! Die öſterreichiſchen Truppen genießen auf einem Marſche ſo viel Freiheit, daß es oft für den difficilſten Martinet 168 ſchwer iſt, Gelegenheiten zur Ausübung der kleinen Ty⸗ ranneien der Disciplin zu finden. Frank's Scharffinn ſollte nun in dieſer Richtung geübt werden, und, wir müſſen es geſtehen, nicht ohne Glück. Er zwang die Leute, jeden Morgen ſo geputzt zu erſcheinen, wie wenn eine Parade abgehalten werden ſollte;— die Karabiner mußten um⸗ gehängt ſein, und durften nicht am Sattel ſtecken;— er muſterte jede Degenkuppel, jeden Riemen, jede Schnalle, und ſtrafte ſelbſt das geringſte Verſehen und die kleinſte Nachläßigkeit. Ravitzky nahm Alles dieſes als die gewoͤhnliche Rou⸗ tine der Disciplin hin, und ſchien nie,— nicht einmal durch einen Blick, darüber unwillig zu ſein. Es moͤchte ſcheinen, daß die Tyrannei eine der tückiſch⸗ ſten aller Leidenſchaften iſt, und daß, wenn man derſelben in kleinen Dingen froͤhnt, ſie unfehlbar ihren Einfluß auf größere ausdehnt. Zu Maltz fand ſich eine neue Gelegenheit, dieſe quã⸗ lende Gewalt auszuüben, da die Mititär⸗Poſt verſchiedene Briefe aus Wien brachte, wovon einer an den Cadetten Ravitzky adreſſirt war. Es war etwa eine Woche verſtrichen, ſeitdem Frank Gefühle deklagt hatte. die, ſagte er, ſich dadurch zeige, daß man den Brief eines jeden Soldaten öffne und leſe. Er wurde recht warm und beredt, indem er ſolche kleine Rechte vertheidigte, und ereiferte ſich dabei nicht wenig; und doch übt die Gewalt einen ſo verderblichen Einfluß aus, und doch ſind die Argumente, wodurch man Unter⸗ ſchiede und Diſtinctionen feſtſetzt, ſo ſpitzfindig, daß er ſelbſt jetzt in der Geltendmachung dieſer drückenden Maß⸗ regel gegenüber von einem Andern nichts Seltſames oder Strenges mehr erblickte. 8 Auch war er an dem fraglichen Morgen nicht gut aufgelegt. Der ſtreng vorſchriftmäßige Zuſtand ſeiner Leute gab ihm feine Gelegenheit, zu murren, und er ging ſtolz 169 vor ſeiner Mannſchaft einher, ängſtlich auf den Augenblick wartend, wo er Etwas zu tadeln finden könnte. Plötzlich kehrte er ſich um; da ſah er Ravitzky einen Brief leſen. Es war dieß nur ein ganz kleines Vergehen gegen die Disciplin auf einem Marſche, wo jeden Tag weit größere geduldet werden; allein es gab ihm abermals ein Mittel der Verfolgung in die Hand, und er rief den Ca⸗ detten in herriſcher Weiſe:„An die Front.“ „Kennen Sie auch, Cadett,“ ſagte er,„den General⸗ befehl in Betreff der Briefe aller Nichtofftziere?“ „Ich kenne ihn, Herr Lieutenant!“ ſagte der Andere tief erröthend, während er ſalutirte.. „Dann wußten Sie auch, daß Sie ſich gegen die Disciplin verfehlten, indem Sie dieſen Brief öffneten?“ „Da der Brief in ungariſcher Sprache geſchrieben iſt, Herr Lieutenant, ſo dachte ich, daß es bloß eine un⸗ nütze Formalität wäre, wenn ich Ihnen denſelben zeigte.“ „Dieſe Erklärung mag Ihnen genügen, Sir; mir aber genügt ſie nicht. Geben Sie mir den Brief!“ Ravitzky wurde bei dieſem Befehle ſcharlachroth, und einen Augenblick hatte es den Anſchein, als ob er dem⸗ ſelben nicht nachzukommen gedächte; indeſſen ſiegte die Pflicht über jeden perſönlichen Impuls, und er überreichte den Brief dem Oſſtziere. „Ich ſehe hier meinen Namen!“ rief Frank, als das einzige Wort, das er leſen konnte, ſich ſeinen Augen dar⸗ bot.„Wie kommt das?“ Ravitzky wurde in einer Sekunde purpurroth und todblaß, und ſtand da, wie ein Mann, der in ſeiner Verlegenheit nicht weiß, was er ſagen ſoll. „Ich froge Sie abermals, wie es kommt, daß mein Name in dieſem Documente ſteht?“ rief Frank zornig. „Der Brief, Herr Lieutenant, iſt von meinem Couſin, der, da er weiß, daß ich in dem nämlichen Corps mit 170 Ihnen diene, ſich gegen mich erboten hat, mich mit Ihnen bekannt zu machen.“ „Und wer iſt denn dieſer Couſin, mit dem ich ſo vertraut ſein ſoll?“ ſagte Frank ſtolz. „Graf Ernſt Walſtein,“ ſagte der andere ruhig. „Wie, iſt der Ihr Coufin? Sind Sie wirklich mit Walſtein verwandt? Der Andere verbeugte ſich leicht, zum Zeichen, daß dem alſo ſei. „Wie kommt es dann aber, daß Sie bei einem ſol⸗ chen Famillieneinfluſſe einfacher Cadett bleiben? Sie die⸗ nen ja ſchon zwei Jahre?“ „Ich bitte um Verzeihung, Herr Lieutenant, es ſind nun faſt vier Jahre,“ war die ruhige Antwort. „Alſo vier Jahre, und immer noch nicht Officier: wie kommt das?“ Ravitzky ſah aus, als ob er dieſe Frage nicht beant⸗ worten könnte, und ſchien verwirrt und unruhig. „Sie ſind ſtets ein guter Soldat geweſen. Ich er⸗ ſehe es aus der Conduttenliſte; es iſt darin auch nicht eine Strafe angemerkt, die über Sie verhängt worden wäre.“ „Nicht eine einzige!“ ſagte der Cadett ſtolz. „Es muß alſo irgend ein ernſterer Grund vorliegen, daß man Sie ſo übergeht?“ „Das mag ſein,“ ſagte der Andere, nachläßig ſtolz. „Den Sie kennen?“ ſagte Frank in fragendem Tone. „Den ich errathen kann,“ ſagte Ravitzky. „Da haben Sie Ihren Brief wieder, Cadett,“ ſagte Frank, ihm denſelben wieder zuſtellend.„Ich ſehe, daß Sie keinen Vertrauten aus mir machen wollen, und ich will Ihnen ein Geſtändniß nicht abpreſſen.“ Navitzky nahm den Brief, ſalutirte ehrerbietlg, und war im Begriff, unter die übrigen Soldaten zurückzu⸗ treten, als Frank ſagte: 171 „Ich wollte, Sie wären offen gegen mich, und würden mir dieſes Myſterium erklären.“ „Sie nennen das ein Myſterium, Herr Lieutenant?“ fragte der Andere erſtaunt.„Sie ſind ein geborener Ir⸗ länder, und nennen das ein Myſterium?“ „Und warum nicht? Was hat meine Geburt damit zu ſchaffen?“ „Es ſollte dieſelbe Ihnen bloß das Myſterium er⸗ klären helfen. Iſt es wahr, oder täuſche ich mich, wenn ich glaube, daß Ihre Nation von dem ſtolzeren Lande, womit ſie verbunden iſt, keineswegs gut angeſehen wird; und daß Ihr Irländer nie auf ein Amt oder auf Beför⸗ derung hoffen dürfet, es ſei denn, daß Ihr Euch ſo weit erniedriget, daß Ihr über Eure Nationalität erröthet?“ „Es mag dieß früher bis zu einem gewiſſen Grade der Fall geweſen ſein,“ ſagte Frank zweifelnd,„aber ich glaube kaum, daß jetzt noch ſolche Unterſchiede beſtehen.“ „Ihr Irländer ſeid mithin beſſer daran, als wir,“ ſagte Ravitzky. „Aber ich ſehe ja Männer Ihrer Nation die höch⸗ ſten militairiſchen Rangſtufen,— die höchſten Staats⸗ ſtellen einnehmen?“ „Gerade darin liegt die Schmach,“ ſprach Ravitzky. „In jedem Lande glbt es Verräther.“ „Es iſt dieß ein Räthſel, das ich nicht zu loͤſen vermag.“ „So will ich Ihnen denn die Sache klar machen,— und das wird leicht ſein, Herr Lieutenant. Nehmen Sie dieſen Brief, und ſchicken Sie denſelben an den Kriegs⸗ rath; erklären Sie, daß Cadett Ravitzky Ihnen ſelbſt ge⸗ ſtanden, daß er mit Leib und Seele Ungar ſei, und, den Adler an ſeinem Tſchako ausgenommen, von Oeſterreich Nichts an ſich habe. Setzen Sie hinzu, hunderttauſend ſeiner Landsleute ſeien bereit, dieſe Meinung zu verfechten, und Sie ſollen ſehen, ob man Sie nicht alsbald zum Oberlieutenant macht, und mich für den Reſt meines Lebens nach Moncaes ſchickt.“ Während er dieß ſagte, hielt er Frank den Brief hin, und ſah ſo ſtolz herausfordernd aus, als ob er ihn zwingen wollte, den Brief zu nehmen. „Sie können wohl nicht glauben, daß ich ſo Etwas thun werde?“ 3 „Und doch iſt dieß gerade Ihre Pflicht,— eine Pflicht, zu deren Erfüllung Sie ſich erſt vor einer Woche durch einen feierlichen Eid verbunden haben.“ „Und wenn unter den Truppen ſolche Unzufriedenheit herrſcht, was werden dieſelben dann vor dem Feinde ma⸗ chen?“ fragte Frank eifrig. „Was ſie ſtets gethan haben; ja, ſelbſt in dieſem Feldzuge, der uns jetzt droht,— ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke, wo man im Begriffe iſt, ſich für die Freiheit zu ſchlagen, werden Sie unſere Leute an der Spitze der Freiheitsfeinde ſehen, als ob die Sache, die auf dem Spiele ſteht, ſie von Haut und Haaren Nichts anginge.“ „Ravitzky, ich wollte, Sie hätten mir von All dem Nichts geſagt!“ „Und doch haben Sie mir das Geſtändniß abgedrun⸗ gen. Ich habe Walſtein aber⸗ und abermals geſagt, daß Sie nicht für unſere Pläne paßten. Ihr reiche Leute habt zu Viel zu verlieren, als daß Ihr Euch auf ein ſo kühnes Spiel einlaſſen möchtet; er aber dachte anders, und zwar deßhalb, weil Sie ein Irländer wären!“ „Aber ich habe von Irland faſt ſo gut wle gar Nichts geſehen. Ich weiß Nichts von ſeinen Beſchwerden, oder dem Unrecht, das man ihm thut.“ „Ich glaube, die Beſchwerden der Irländer find wie die unſrigen,“ ſagte Ravitzky.„Man ſagt mir, Ihr Volk ſei, gleich dem unſrigen, feurig, leidenſchaftlich, und unge⸗ duldig; edelmüthig in ſeiner Freundſchaft, und furchtbar in ſeinem Haſſe. Wenn das der Fall, und wenn England 173 wie Oeſterreich iſt, dann wird in Ihrem Lande noch das nämliche Spiel geſpielt werden müſſen, wie hier.“ Frank wurde bei dieſen Worten gedankenvoll; er er⸗ innerte ſich an Alles, was ihm der Abbé d'Esmonde über die Rechte eines freien Volkes, und die Pflichten eines guten Bürgers geſagt hatte, und dachte bei ſich ſelbſt uͤber die Pflichten ſeiner Stellung nach. Unterdeſſen war Ravitzky unter die übrigen Soldaten zurückgetreten, und hatte dort wieder ſeinen Platz einge⸗ nommen. „Sie werden mich vor einem Feinde nicht compro⸗ mittiren,“ dachte Frank;„darauf darf ich mich verlaſſen.“ In dieſem Vertrauen ſtieg er auf, und ritt langſam voran, in Gedanken verſunken,— und zwar in Gedanken, die weit weniger angenehm waren, als ſonſt. All die Aufregung ſeines jüngſten Lebens,— all die Schmeiche⸗ leien, deren Gegenſtand er geweſen, machten jetzt einem tiefen Nachdenken Platz,— einem Nachdenken, das mit ſeiner früheren Stimmung einen gewaltigen Contraſt bil⸗ dete. Die groͤßeren Intereſſen, die jetzt das Auge ſeines Geiſtes mit einem Male gewahrte, ließen ihn die Frivo⸗ lität der Rolle fühlen, die er bis daher geſpielt hatte. „Ravitzky iſt nicht älter, als ich, und doch, wie ganz anders denkt er von der Zukunft! Sein Ehrgeiz iſt über die engen Grenzen ſelbſtſüchtigen Avancements erhaben! Und der Ruhm, wornach er trachtet, iſt keine bloße per⸗ ſönliche Auszeichnung.“ Dieß war das gefährliche Thema, und je länger er dabei verweilte, um ſo gefährlicher wurde es. An vielen Stellen des Berges lagen tlefe Windwehen, und je weiter das kleine Corps hinauſkam, um ſo ſchwie⸗ riger wurde der Weg, und um ſo langſamer ging es. Oft mußten ſie abſitzen und ihre Pferde längere Zeit füh⸗ ren,— und dann waren Frank und Ravitzky ſtets bei⸗ ſammen. Es war Intimität ohne ein Gefühl der An⸗ hänglichkeit, und doch fühlten ſie ſich durch eine ſeltſame und myſteriöſe Sympathie zu einander hingezogen. Ihre Unterhaltung dehnte ſich auf alle möoͤglichen Gegenſtände aus, von den großen Ereigniſſen, die Europa bedrohten, bis zu den kleinſten Einzelheiten ihrer perſönlichen Ge⸗ ſchichte; und immer fand Frank, daß der Cadett ihm überlegen war. Nicht allein waren deſſen Anſichten hoͤher, uneigennütziger, weniger ſelbſtſüchtig, ſondern es waren auch ſeine Urtheile ruhiger und beſſer abgewogen. „Sie wollen Reichsgraf werden und das Großkreuz jedes europäiſchen Ordens erlangen,“ ſagte Ravitzky eines Tages zu Frank am Schluſſe einer ziemlich warmen Dis⸗ cuſſion.„Ich wünſche mein Vaterland frei zu ſehen, und als einfacher Soldat im Heere zu dienen.“ Dieſes kühne Geſtändniß ſchien ſie noch mehr zu trennen, und es lag am Tage, daß Jeder den Andern mit Mißtrauen und Zurückhaltung betrachtete. Einige Tage nach dieſem Geſpräche ſuchte Frank ihre Intimität dadurch wieder herzuſtellen, daß er Ra⸗ vitzky veranlaßte, von ſich ſelbſt zu ſprechen: zuletzt fragte er ihn, wie es käme, daß er immer noch einfacher Cadett bliebe, während Andere, die ſich in keinem Stücke mit ihm meſſen koͤnnten, zu Officieren gemacht würden. „Ich habe wohl ſchon ein halb Dutzend Mal jedes Avancement ausgeſchlagen,“ ſagte der Ungar.„Meine Dienſtzeit als Kaiſer⸗Cadett iſt in wenigen Monaten ver⸗ ſtrichen; dann kann ich austreten. Würde ich mich zum Officier befoͤrdern laſſen, ſo müßte ich dem Kaiſer einen Eid der Treue ſchwoͤren, der allen meinen Anſichten wi⸗ derſpräche, und mich zu Dingen verpflichten, die ich nicht thun könnte.“ „Dann weiß man alſo wohl die Gründe, warum Sie jedes Avancement ausgeſchlagen haben?“ „Die betreffenden Leute können die Gründe ſicherlich errathen,“ lautete die kurze Antwort. „Sie ſind doch ein ſonderbarer Burſche, Ravitzky, und ich kann Sie kaum verſtehen.“ 175 „Und doch iſt Nichts weniger ein Myſterium, als mein Benehmen, oder meine Motive,“ erwiederte er ſtolz. „Mein Vater iſt ein im Dienſte und im Vertrauen des Kaiſers hoch ſtehender Edelmann, und obgleich von Ge⸗ burt ein Magyar, doch aus Vorliebe und aus freier Wahl Oeſterreicher. Meine Sympathien aber ſind auf Seiten meiner Landsleute. Seinem Wunſche zufolge habe ich Dienſte genommen; um mir ſelbſt gerecht zu werden, habe ich im Sinne, dieſelben zu verlaſſen, ſobald ich es mit Ehren kann.“ „Und warum, oder wo?“ fragte Frank. „Wer weiß?“ ſagte er kummervoll.„Viele Leute unſeres Volks ſind bereits über den Ocean gegangen, um ein neues Land zu ſuchen. Schon haben wir ſelbſt eben ſo wenig eine Heimath, als die Polen. Warum aber ſprechen wir von dieſen Dingen, Herr Lieutenant? Ich könnte einmal Etwas ſagen, was Sie berichten müßten, wenn Sie Ihre Pflicht erfüllen wollten;— vielleicht wäre es ſchon jetzt Ihre Pflicht, mich zu denunctren. Seien Sie ohne Furcht; das Leben würde mir immer bleiben; die Treue meiner Familie würde mich retten. Das iſt eines der herrlichen Geburtsprivilegien,“ ſagte er verächtlich.„Die Füſillade wird den armen Kerls dort beſchieden ſein; Sie aber find, gleich mir, von zu guter Herkunft, als daß der Arm der Juſtiz uns erreichen könnte.“ „Gewiß werde ich mich nicht gegen die Privilegien auflehnen,“ ſagte Frank lachend. „Und doch würde ich, wenn ich ſo reich und ſo groß wäre, wie Sie, gerade das thun!“ ſagte Ravitzky.„Bei Ihrem Reichthume und Ihrem Range brauchen Sie Nichts von Konig oder Kaiſer. Wer moͤchte alſo nicht nach den hoͤheren Belohnungen trachten, die nur eine ganze Nation geben kann?“ Frank erröthete tief bei der Anſpielung auf ſeinen vermeintlichen Reichthum, beſaß aber nicht ſo viel Muth, um dieſe Meinung zu berichtigen. Indeſſen ſuchte er eine Gelegenheit, dem Geſpräche eine andere Richtung zu geben, und vermied es von nun an, ein politiſches oder Partei⸗ Thema zu berühren. Das Unheil war aber angerichtet; er brütete im Geheimen immer über Alles, was der Un⸗ gar geſagt, während alte Erinnerungen von Unbilden, die ſein Vater ihm ſchon lange erzählt, bei ihm ſtets wieder⸗ kehrten und ſich mit dem Eindrucke, den das vom Ungar Geſprochene bei ihm zurückgelaſſen hatte, vermiſchte, bis dieſe Themas nicht allein alle andere Gedanken aus⸗ ſchloſſen, ſondern er auch fühlte, wie der Charakter ſeines Ehrgeizes ſich veränderte, und neue, ganz andere Hoff⸗ nungen auf ſeine früheren folgten. Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Das Scharmützel. Endlich erreichten ſie die Spitze des Stilfſer Joches, und fingen an, den Berg hinabzureiten: und welch herr⸗ lichen Contraſt bietet nicht die Südſeite einer Alpenkette gegenüber der kalten Oede der Nordſeite dar! Aus den truͤbſeligen Schneeregionen kamen ſie endlich bei kleinen Flecken von Grün an; hie und da zeigte ſich auch ein verbutteter Fichtenbaum. Dann erſchienen die Lerchen⸗ bäume, die mit ihrem grazidͤſen, gefiederten Laub das GSonnenlicht zu tauſend capriciöſen Geſtalten bildeten, wäh⸗ rend auf allen Seiten Ströme und kleine Bäche ſprudel⸗ ten und rieſelten,— nicht mehr in Eis eingeſchloſſen, ſondern in luſtiger Freiheit und mit der angenehmen Muſik fallenden Waſſers. —,— —,— 177 Weiter unten wogte das Gras im Winde; man ſah Viehheerden, die auf reichen Weiden ſchwelgten, und un⸗ ter den tiefer liegenden Wallnußbäumen Schutz ſuchten, da die italieniſche Sonne, ſelbſt hier, bereits heiß war. Noch tiefer lagen dunkle Oliven⸗Waldchen und Kammer⸗ zen; lange Streifen laubigen Schattens liefen in jeder Richtung über den Berg hin; bald graziöͤſe Krümmungen bildend, bald in kühnen Zickzacken die jähen Abgründe erſteigend, und bisweilen über Felſen und Klippen hangend, wo ſelbſt die kühnſte Hand es kaum wagen durfte, die rothen Trauben abzureißen. Je weiter ſie hinabkamen, um ſo deutlicher zeigte ſich ihren Blicken die große Ebene der Lombardei,— jene herrliche Fläche von Wald und wallendem Korn, die mit unzähligen Städten und Dörfern überſäet war, während gerade unter ihnen, ſo zu ſagen, zu ihren Füßen,— ſich der Comer See ausdehnte, und deſſen bewaldete Ufer ſich in dem wellenloſen Waſſer ſpiegelten. Welch herrliche Scene war der ſchöne See mit ſeinen belaubten Vorge⸗ birgen, ſeinen Paläſten, und ſeinem alpiniſchen Hinter⸗ grunde, die ſich alle unter dem tiefen Blau eines italieni⸗ ſchen Himmels ſonnten, während Düfte von Pomeranzen⸗ wäldchen, Akazien, und Magnolien wie Weihrauch in die Luft aufſtiegen! Selbſt die harte Natur des wilden Ungars,— des rohen Anwohners der düſter und ſchwarz ſich dahin wäl⸗ zenden Donau oder der raſchen Theiß,— konnte die Scene nicht ungerührt betrachten; die Huſaren ſtiegen ab, und ſchlichen, ſo zu ſagen, weiter, gleich als beträten ſie eine Zaubergegend. Frank beeilte ſich nicht, eine ſo pittoreske Gegend zu verlaſſen, und beſchloß, die Nacht über unter dem Schat⸗ ten einiger hohen Wallnußbäume zu bleiben, wo ſie gegen die Mittagsſonne Schutz geſucht hatten. Como lag zu ſeinen Füßen; gerade unter ihm war das bewaldete Vor⸗ Die Daltons. W. 12 gebirge von Bellagio, und in der Entfernung erhoben ſich die Schweizeralpen, die jetzt von der untergehenden Sonne violett gefärbt waren. Nie gab es eine Scene, die weniger zu Kriegsgedan⸗ ken Anlaß geben konnte. Wandte ſich das Auge von den dunklen Waͤldern der Brianza auf die ruhige Oberfläche des Sees, ſo hatte Alles dasſelbe friedliche Ausſehen. Man konnte auf den Terraſſen der Villas Geſtalten ſitzen oder herumgehen ſehen; prächtig verzierte Gondeln ſchlichen ſich über die Bucht hin, und zogen ihre mit Gold ge⸗ ſtickten Hinterflaggen träge im Waſſer nach. Equipagen und Haufen von Reitern bewegten ſich üppig die belaub⸗ ten Hecken entlang;— auch nicht ein Anblick,— auch nicht ein Laut, der nicht auf Ruhe und Genuß hindeutete. Frank war Alles dieſes nicht unlieb, trotz des Eifers, womit er auf Abenteuer ausging. Seine Befehle, zurück⸗ zuweichen, im Falle er Zeichen einer furchtbaren Bewegung ſehen ſollte, waren zu peremptoriſch, als daß dieſelben nicht befolgt worden wären, und er würde ſich nur mit großem Widerſtreben von einem ſo verführeriſchen Gemälde abgewandt haben. Nun aber brauchte er an dieſes nicht zu denken. Der große Dom der Malländer Kathedrale zeigte am Horizonte, daß er von dem öſterreichiſchen Haupt⸗ quartiere keine dreißig engliſche Meilen entfernt ſei, wäh⸗ rend Alles um ihn her auf vollkommene Ruhe deutete. Von einem herrlichen Mondſchein und der köͤſtlichen Friſche der Nacht verlockt, beſchloß er, bis nach Lecco zu gehen, wo er den Tag über liegen bleiben konnte, um in einer andern Nacht Malland zu erreichen. Man ritt alſo langſam vollends hinab, und erreichte vor Mitternacht die Ebene. Jetzt befand ſich Frank mit ſeiner Mannſchaft auf dem ſchmalen Wege, der auf dem Felſen ſich Stunden⸗ lang an dem Ufer des Sees hinzieht. Hier erfuhr das Korps von einem Bauer, daß es bis Lecco noch viel zu weit ſei, als daß es hoffen dürfe, dieſen Ort noch vor Tagesanbruch zu erreichen. Frank beſchloß daher, zu Varenna, ein Paar engliſche Meilen von da, zu übernachten. 3 Dleſer Bauer war die einzige Perſon, auf die das Korps ſeit mehreren Stunden geſtoßen war, und ſowohl Frank, als Ravitzky bemerkte die Unruhe und den Schrecken, ſo er zeigte, als er ſich plötzlich in ihrer Mitte fand. „Das Tuch, das wir tragen,“ ſagte der Cadett bit⸗ ter,„iſt dermaßen mit tyranniſchen und grauſamen Ge⸗ danken verknüpft, daß man ſich über den Schrecken des armen Bauers nicht wundern darf.“ „Er hat geſagt, Varenna ſei bloß zwei Stunden von hier,“ ſprach Frank, der den Geiſt, wovon die letzte Be⸗ merkung zeugte, nicht liebte, und das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand lenken wollte. „Es iſt nicht einmal ſo weit; wir würden aber un⸗ ſere Pferde im Schritte gehen laſſen müſſen, wenn der Weg nicht friſch ausgebeſſert worden wäre.“ „Haben Sie auch bemerkt, wie der Kerl, während wir ſprachen, unſer Corps muſterte? Ich moͤchte faſt varaf ſchwören, daß ich ihn habe die Mannſchaft zählen ehen.“ „Das bemerkte ich nicht,“ ſagte der Cadett in einem faſt hohniſchen Tone.„Ich habe geſehen, daß der arme Kerl verſtohlen von einer Seite nach der andern ſah, und daß er überaus gerne wieder fort zu ſein wünſchte.“ „Und als er weggegangen,“ rief Frank,„konnte ich nicht ſehen, welchen Weg er einſchlug. Sein«Felice notte, Signori„ war kaum geſprochen, als er ver⸗ ſchwand.“ „Er ſah uns für eine Patrouille an,“ bemerkte der Andere nachläſſig. Sei es, daß Frank wegen dieſes Tones, oder wegen der Kälte, die der Cadett angenommen, pikirt war,— immerhin iſt ſo viel gewiß, daß er keine weitere Bemer⸗ kung machte, ſondern an der Spitze des Corps fortritt. 180 Es ſtand nicht lange an, ſo verſchwand der Mond, und da der Weg gelegentlich durch lange Felſentunnel führte, ſo wurde er ganz finſter, ſo daß man ſtellenweiſe die Pferde ganz ſich ſelbſt überlaſſen mußte. „Dort iſt endlich Varenna!“ ſprach Frank, auf einige Lichter hindeutend, die, in der Ferne glänzend, ſich in langen Säulen im Waſſer ſpiegelten. „Das kann noch eine Stunde von uns entfernt ſein,“ ſagte Ravitzky;„denn die Ufer des Sees machen hier große Krümmungen. Aber dort! Haben Sie dort kein Licht geſehen?— Das kann das Dorf ſein.“ Aber während er noch ſprach, war das Licht ver⸗ ſchwunden, und obgleich ſie noch mehrere Minuten nach dem Orte hinblickten, ſo zeigte es ſich doch nicht wieder. „Man fiſcht hier zu Lande bei Fackelſchein,“ ſagte Ravitzky,—„und dieß mag das Licht geweſen ſein; und dort fährt, es ſei im Vorbeigehen geſagt, eine Barke ra⸗ ſend ſchnell über das Waſſer hin!— Hören Sie doch, wie die Kerls rudern!“ Der ſchwarze Gegenſtand, der jetzt über das Waſſer hinflog, mußte, während ſie ſprachen, dicht unter dem Felſen geweſen ſein, denn ploͤtzlich fuhr er pfeilſchnell hervor, und es ſtand wenige Minuten an, ſo war er ver⸗ ſchwunden. „Wahrſcheinlich hat das Klirren unſerer Säbel auch dieſe Kerls erſchreckt,“ ſagte Frank lachend;„denn ſie ru⸗ dern wie Leute, die große Eile haben.“ „Es iſt gut, wenn es nichts Schlimmeres iſt,“ ſagte der Cadett. 3 „Was Sie da ſagen, dachte ich zum Theil ſelbſt auch,“ ſagte Frank.„Wir werden wohl daran thun, wenn wir ein wenig vorſichtig ſind.“ Und er gab Ravitzky Befehl, mit zwei Soldaten vier⸗ zig Schritt voranzureiten, während vier andere, mit ge⸗ ſpannten Karabinern, eben ſo weit zurückbleiben ſollten. Das Bewußtſein, daß er eine Verantwortlichkeit 181 übernehme, machte Frank ängſtlich und anfgeregt; zu glei⸗ cher Zeit war er nicht ganz von dem ärgerlichen Gefühle frei, das ſich an unnütze Vorſichtsmaßregeln knüpft. Die⸗ ſes Gefühl hielt indeſſen nicht lange an, da er bemerkte, daß Ravitzky ernſter und wachſamer, denn gewöhnlich, ſchien, indem derſelbe, beim Fortreiten, den Weg ſorgfäl⸗ tig unterſuchte, und beim geringſten Geräuſche ſeine Mann⸗ ſchaft halten ließ. „Haben Sie vorn Etwas gehört oder geſehen?“ fragte Frank, indem er zu ihnen hin ritt. „Ich habe ſo eben bemerkt,“ ſagte der Cadett,„daß das Boot, das vor einer halben Stunde vor unſern Au⸗ gen fortſchoß und uns verließ, jetzt zurückgekommen iſt, und uns immer ein wenig voranfährt. Dort! Dort kön⸗ nen Sie es ſehen! Sie machen mit ihren Rudern kein Ge⸗ räuſch, ſondern laſſen es ſich offenbar angelegen ſein, un⸗ ſere Bewegungen zu beobachten.“ „Wir werden bald ſehen, ob das ihre Taktik iſt,“ ſagte Frank, und ließ ſeine Mannſchaft im Trabe reiten. So ritt die kleine Mannſchaft eine zlemliche Weile im Trabe vorwärts, und es ſchien ſogar der Schritt und das luſtige Klirren ihrer Waffen und des übrigen Zeugs jene argwoͤhniſche Aengſtlichkeit zu verſcheuchen, die mit einem langſamen Vorrücken verbunden iſt. Die Mannſchaft erhielt nun Befehl, die Pferde im Schritte gehen zu laſſen und gerade in dem Augenblicke, als ſie ſich anſchickte, denſelben zu befolgen, rief Ravitzky aus: „Sehen Sie! Dort iſt das Boot wieder. Die Krüm⸗ mung der Bucht hatte es ihnen möglich gemacht, uns voran zu bleiben; dort ſind ſie noch!“ „Am Ende iſt es doch nur Neugierde,“ erwiederte Frank.„In dieſer Gegend ſieht man wohl nur ſelten Cavalerie.“ 3 „Um ſo beſſer!“ ſprach Rabitzky,„denn hier iſt kein Boden zum Mandͤvriren, da wir auf der einen Seite den 182 Berg, und auf der andern den See haben. Da! Haben Sie das Licht geſehen? Es war gewiß ein Signal. Es zeigte ſich daſſelbe zwei Mal, und wird nun vort beant⸗ wortet. Sehen Sie doch hin!“ „Und wo iſt das Boot?“ „Dort.“ „Wir wollen bis nach Varenna vordringen; neben dem Orte muß offenes Feld ſein!“ rief Frank.„Trab!“ Ein aͤlterer Soldat, denn Frank, hätte wohl eines ängſtlichern Gefühles ſich nicht erwehren können, wenn er ſich in einer ſo ganz unhaltbaren Stellung befunden hätte und angegriffen worden wäre; und vielleicht war ſeine Unerfahrenheit in dieſem Augenblicke nicht ſein ſchlimmſter Verbündeter. Er ritt kühn weiter, nur von der Begierde beſeelt, zu erfahren, welcher Art und wo die Gefahr ſei, der er entgegentreten ſollte. Ploͤtzlich hielt Ravitzky, und rief aus: „Da liegt ein Baum quer über den Weg hin!“ Frank ritt vor, und ſah, daß ein junger Lerchenbaum quer über den Weg gelegt war,— halb nachläſſig, wie es ſchien, und ohne beſtimmte Abſicht. Er hieß zwei von ſeinen Leuten abſitzen, um den Baum zu entfernen, und während dieſelben dem Beſehle nachka⸗ men, entdeckten ſie, daß ein Haufe Stangen und Aeſte neben den Felſen verborgen war; offenbar ſollten dieſelben zu Etwas dienen. „Hier hat ein Tyroler ſeine Kunſt gezeigt,“ rief ein alter Corporal, der zu der Mannſchaft gehoͤrte;„ſie wol⸗ len uns in einiger Entfernung den Weg verſperren, und wenn wir dann zurückweichen, ſo finden wir eine Barricade in unſerem Rücken.“ „In den See damit!“ ſagte Frank,„und dann im Trab vorwärts!“ Beide Befehle wurden raſch befolgt, und nun ritt die Mannſchaft im ſcharfen Trabe vorwärts. Sie waren ganz in der Nähe von Varenna, und an — einer Stelle, wo der Weg auf beiden Seiten von Felſen eng eingeſchloſſen iſt, als ein ſtarker Büchſenſchuß ſich hören ließ, ein ſchriller Ruf von dem Berge her kam, und derſelbe vom See aus beantwortet wurde. Kaum hatte Ravitzky ſo viel Zeit, um„Vorwärts!“ zu commandiren, als ein furchtbares Feuer von den Wein⸗ bergen, dem Boote und den beiden Seiten ihres Weges ſich eroͤffnete. Die rothen Blitze deuteten auf einen ſtarken Feind, allein, dieſe ausgenommen, war Nichts zu ſehen. „Vorwärts, und ſparet eure Schüſſe, Soldaten!“ rief Ravitzky. Uad nun ſprengten ſie vorwärts! Kaum waren ſie aber einige Schritte weit gekommen, als ſie ſich durch eine ſtarke Barricade von Bauholz und Karren, die, quer über den Weg hin, durch einander lagen, aufgehalten ſa⸗ hen. Ein Paar Schritte davon erhob ſich eine andere Barrieade; und hier hatte der Feind ſich in Macht auf⸗ geſtellt, wie die zerſchmetternde Salve bald bewies. Waͤhrend Frank unentſchloſſen war, und nicht wußte, was er thun ſollte, kam der Corporal, der den Nachtrab commandirte, hervorgeſprengt, um zu ſagen, daß in dieſer Richtung der Rückzug total abgeſchnitten wäre, indem zwei ſchwere Wagen quer über den Weg hingeworfen wor⸗ den, und Haufen von Leuten jeden Fleck beſetzt hielten, um von da aus zu feuern. „Abgeſtiegen, und die Barricade geſtürmt!“ rief ank. Und mit dem Beiſpiele vorangehend, ſprang er vom Pferde herab, und ſtürzte vorwärts.. Es gibt keine Gefahr, der ein Ungar nicht trotzt, wenn ſein Officier ihn anfährt; und jetzt kletterten ſie, einem furchtbaren, aus Piſtolenſchußweite kommenden Feuer zum Trotze, die jähen Hügel hinan. Die Kugeln um⸗ pfiffen ſie ſo dicht wie Hagel.. Die Italiener, die ſich auf dieſen Angriff offenbar * nicht gefaßt gemacht hatten, gaben eine Salve, und flohen den über dem Wege liegenden Felſen zu. Auf die zweite Barricade losſtürzend, erreichte Frank ſchnell deren höchſten Punkt, und ſprang in den Weg hinab. Ravitzky, der ſich ſtets in der Nähe des Commandan⸗ ten hielt, hatte kaum die Hoͤhe erreicht, als er, von einer Kugel in die Schulter getroffen, zu Boden ſtürzte. Der Angriff kam nun zugleich von vorn, von der Seite, und von hinten, und ein tödtliches Feuer begrüßte die Huſaren unabläſſig, während jeder Vertheidigungsver⸗ ſuch hoffnungslos war. „Einen Weg durch die Barricade geoffnet, und heran mit den Pferden!“ ſchrie Frank. Und waͤhrend Einige ſich beeilten, den erhaltenen Befehl auszuführen, gruppirten ſich Andere um Ravitzky her, und ſuchten ihn, während er ſo da lag, zu ſchützen. „Laſſen Sie mich nicht in die Hände dieſer Kerls fallen, Dalton!“ rief der Verwundete leidenſchaftlich;„laſ⸗ ſen Sie mich lieber in den See werfen!“ Frank ſah jetzt, daß die Wange des armen Burſchen durch eine Kugel zerriſſen, und daß ihm die linke Hand gleichfalls zerſchmettert war. „Das Feuer iſt zu ſtark!“ Herr Lieutenant.„Die Leute können für die Pferde keinen Weg oͤffnen,“ flüſterte der alte Corporal. „Was iſt denn aber zu thun?“ fragte Frank. Aber der arme Corporal ſank, während Frank noch ſprach, zu ſeiner Seite todt nieder. . Am Heißeſten war der Kampf indeſſen auf den Bar⸗ ricaden, denn viele von den Huſaren hatten dieſelben, an der Moͤglichkeit, die Hinderniſſe aus dem Wege zu räu⸗ men, verzweifelnd, mit ihren Pferden furchtlos erſtiegen, und wurden dort, verwickelt oder fallend, vom Feinde un⸗ barmherzig niedergeſchoſſen. Nur einem gelang es, durch⸗ „zudringen, und es kam derſelbe mit blutiger und zerriſſe⸗ ner Uniform zu Frank herangeſprengt. „Nimm den Cadetten zu Dir aufs Pferd! flüſterte Frank. Und Ravitzky, der jetzt ganz bewußtlos war, wurde auf den Sattel hinaufgehoben, während der Huſar, ihn mit ſeinen ſtarken Armen erfaſſend, ihn gegen ſeine Bruſt ielt. 3„Reit jetzt zu!“ ſagte Frank.„Reit bis in das nächſte Dorf, und ſorg dafür, daß er vecpflegt wird!“ „Aber Sie, Herr Lieutenant,— was ſoll aus Ih⸗ nen werden?“ „Ich werde meine armen, verwundeten Kameraden nicht verlaſſen.“ „Es iſt nicht ein Lebender unter ihnen,“ rief der Huſar.„Kommen Sie mit, Herr Lieutenant; vielleicht brauchen wir Ihre Hülfe noch.“ In dieſem Augenblicke hörte das Feuer auf; und auf das wilde Geſchrei und das Getümmel folgte eine Todten⸗ ſtille. „Bleib' ruhig,— bleib' ruhig,— bleib' hart am Felſen,“ flüſterte Frank,„hier kommt das Boot!“ Und mit langſamen und abgemeſſenen Ruderſchlägen näherte ſich die Barke dem Ufer,— etwa zwanzig Schritte von dem Orte, wo ſie ſich befanden. „Und jetzt ohne Weiteres ans Land!“ rief eine barſche Stimme in italieniſcher Sprache.„Wir haben jetzt Nichts zu fürchten; es kann auch nicht ein Mann, auch nicht ein Pferd dieſes Feuer überſtanden haben.“ „Wollte Gott, der große Kampf könnte ſo leicht zu Ende gebracht werden!“ ſagte eine ſanfte Stimme, die Frank ſchon einmal gehört zu haben glaubte. Man ſah jetzt in dem zwiſchen den Barricaden lie⸗ genden Raume Laternen ſich hin und her bewegen. Es kamen ganze Haufen von Menſchen, um die Todten zu un⸗ terſuchen und zu plündern. 3 4 „Habt Ihr den Leichnam des Officiers geſunden?“ fragte das Indlviduum mit der ſanften Stimme. „Ich glaube, die Mannſchaft war nur von einem Wachtmeiſter commandirt,“ ſagte eine andere Stimme. „Nein, nein!“ erwiederte die erſte;„Giuſeppe hat beſtimmt geſagt, er habe einen Officier geſehen.“ „Dann muß dafür geſorgt werden, daß er nicht ent⸗ kommt,“ ſagte das andere Individuum eifrig.„Dieſes nächtliche Abenteuer könnte zu Mailand auf zweierlei Art erzählt werden.“ 3 „Herr Lieutenant, der Cadett iſt am Sterben; ſchon läßt er den Kopf zurückſinken,“ flüſterte der Huſar ſeinem Officiere zu. „In den See, Dalton, in den See!“ murmelte der Sterbende, während er die Arme um Frank's Hals warf. Frank fing ihn auf, während derſelbe fiel, taumelte aber, von der Laſt überwältigt, gegen den Felſen.— „Wie Viele ſind in dem Boote?“ flüſterte Frank. „Ich ſehe nur einen Mann,“ ſagte der Huſar. „Alſo auf das Boot zul!“ ſagte Frank.„Leg ihn, zwiſchen uns, auf einen Karabiner, und dann auf das Boot u 74 Mit der Energie neuer Hoffnung gehorchte der Sol⸗ dat augenblicklich.. Beide bewegten ſich ſodann, ihren verwundeten Ka⸗ meraden tragend, unter dem Schatten des Felſen verſtoh⸗ len fort. Erſt als ſie aus dieſem hervortraten, und das ſchmale, mit Kieſelſteinen bedeckte Ufer erreichten, konnten ihre Geſtalten geſehen werden. 3„Und jetzt ruhig; überlaß mir den Kerl!“ ſagte Frank, ſeine Piſtole ſpannend. 3 Indeſſen ſchien das Klirren der Säbel den verſchla⸗ genen Italiener genugſam zu warnen, denn es ſprang der⸗ ſelbe alsbald in den See. Seinerſeits ſprang der Ungar in das Boot, während Frank daſſelbe vorn erfaßte, und kühn in den See hin⸗ austrieb 187 Unterdeſſen hatte der Sprung, den der Italiener ge⸗ than, ſowie das Platſchen die Aufmerkſamkeit der am Lande beſindlichen Leute auf ſich gezogen, und es eilten mehrere ans Ufer hinab. Frank hatte nur noch ſo viel Zeit, um Befehl zum Niederliegen zu geben, als eine krachende Salve über ſie hinflog.„Und nun ſcharf gerudert, ehe ſie Zeit haben, wieder zu laden!“ Die leichte Barke hob ſich unter den kräftigen Ruder⸗ ſchlägen faſt über das Waſſer; und obgleich die Kugeln ohne Aufhören unter ihnen einſchlugen, ſo fuhren ſie doch fort zu rudern. Nachträglich müſſen wir hierbei hemerken, daß ſich noch ein Paar Mann mit ihnen vereinigt hatten. Ganze Feuermaſſen blitzten über das Waſſer hin, während Salve auf Salve folgte; aber die Ungarn waren bald außer dem Schuſſe, und litten, einige leichte Wun⸗ den abgerechnet, keinen weitern Schaden. Anfangs ſchien es, als beabſichtige der Feind eine Verfolgung; aber es wurde dieſe bald aufgegeben, und das Geräuſch von Pferden und Rädern, die ſich auf dem Wege fortbewegten, zeigte an, daß die Menge am Lande blieb und ſich allmählig entfernte. Frank dachte nun darüber nach, was zu thun wäre. War das Land wirklich in offenem Aufruhr begriffen, ſo lag die einzige Chance der Rettung darin, daß er ſich irgend einer Autorität übergab; war es nur ein theilweiſer Ausbruch, ſo boten die entgegengeſetzten Ufer des Sees hoͤchſt wahrſcheinlich eine Zufluchtsſtätte dar. In weiter Entfernung zeigte ſich nur ein einziges Licht; es war einem Sterne zu vergleichen, und dahin ließ nun Frank rudern. Ravitzky lag an ſeinen Knien; mit dem Kopfe in Frank's Schooß, ſchwer athmend, und von Zeit zu Zeit Etwas vor ſich hin murmelnd, waͤhrend die Leute die Ruderſchläge mit einem leiſen traurigen Geſange begleiteten, der wie eine Todtenklage klang, Varenna gegenüber iſt der See faſt am Breiteſten; und ſie brauchten volle drei Stunden, bis ſie dem Lichte nahe kamen, das, wie ſie jetzt ſahen, von einem kleinen Boothauſe herkam, welches zu einer in der Nähe des Ufers gelegenen Villa gehörte. Ein kleiner Hafen, in dem mehrere Boote angebunden lagen, dehnte ſich vor den Ru⸗ derern aus, und eine lange Marmortreppe führte zu einem terraſſenförmigen Garten empor, der mit Springbrunnen und einer Menge von Statuen geſchmückt war. Frank ſah alsbald, daß er ſich in der Nähe einer jener fürſtlichen Villas befand, die der Mailändiſche Adel am See beſitzt, und wußte nun nicht, was er thun ſollte. Es war ihm gar wohl bekannt, daß die öſterreichiſche Uniform keine gewaltige Empfehlung für ihn ſein würde. Seit einiger Zeit hatte ſich der Bruch zwiſchen den Oeſter⸗ reichern und den Lombarden fortwährend erweitert, bis endlich jeder Verkehr zwiſchen ihnen aufgehoͤrt hatte; ja, ſelbſt die öffentlichen Orte, die von dem einen Theile be⸗ ſucht wurden, wurden gewiß deßhalb vom Andern gemieden. Es verſtrich faſt kein Tag, daß Mailand nicht einige Akte der Feindſeligkeit oder Inſolenz ſah, und mehr als ein toͤbtliches Duell zeigte, wie weit die politiſche Abneigung in perſönlichen Haß ausgeartet war. Unter ſolchen Umſtänden Schutz und Hülfe zu ver⸗ langen, wäre, wie Frank wohl fühlte, eine Gemeinhelt geweſen; ſolche als ein Recht zu verlangen, würde eine ebenſo inſolente Prätention geweſen ſein;— und doch, was war zu thun? Ravitzky's Leben war in Gefahr; ſollte er nun, in Folge eines Scrupels, die Chancen, die er hatte, ſeinen armen Kameraden zu retten, nicht nützen? „Es komme, was da mag,“ dachte er,—„ich will die Hülfe der Leute in Anſpruch nehmen;— die Schmach fällt auf ſie zurück, wenn ſie dieſelbe nicht gewähren wollen!“ Es erforderte mehr Zeit, als Frank geglaubt hatte, bis man landen konnte, und auf dem Wege hatte er Ge⸗ 189 legenheit, die geſchmackvolle Eleganz des Gartens, ſowie den koſtſpieligen Charakter ſämmtlicher Verſchönerungen zu bemerken. Er ſah, daß er im Begriffe war, vor einem der Magnaten des Landes zu erſcheinen, und machte ſich ſchan halb und halb auf einen hochmüthigen Empfang gefaßt. Eine kleine Brücke überſchreitend, ſah er ſich auf einem graſigen Plateau, auf das eine Anzahl von Fen⸗ ſtern herausging, und dieſe waren ietzt alle offen, während drinnen verſchiedene Perſonen ſaßen, die ſich dem italieni⸗ ſchen Hochgenuſſe eines„Bel fresco“ überließen; während der vom See herkommende Wind die Blätter ſanft be⸗ wegte, und einige ſchwache Spuren von Alpenfriſche in die Ebenen hinabtrug. Eine große, mit einem großen Schirme bedeckte Lampe verbreitete in dem Zimmer ein zweifelhaftes Licht, und verlieh der Gruppe den ganzen Effekt und die Färbung eines Gemäldes. Auf einer Ottomane lag, auf Kiſſen geſtützt, und in einer Attitüde von faſt theatraliſcher Eleganz, ein Dame. Es war dieſelbe weiß gekleidet; ein ſchwarzer, hinten in ihrem Haar befeſtigter Schleier, war zur Hälfte über ihr Geſicht hergezogen. Zu ihren Füßen ſaß ein junger Mann, deſſen Geſicht ehrerbietige Aufmerkſamkeit ausdrückte; ein Bischen weiter weg, in einem Ruheſeſſel, lagen die maſ⸗ ſiven Proportionen eines Prieſters, der ſich mit ſeinem Käppchen fächelte, und, allem Anſchein nach, nach Luft ſchnappte. Hinter Allen konnte man noch eine andere Fi⸗ gur bemerken,— einen ſchlanken Mann, der, mit der Cigarre im Munde, langſam im Zimmer auf⸗ und abſchritt, und von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, um das Geſpräch anzuhören, ſich aber nur ſelten darein miſchte. Es lag in der Scene jener Schein indolenten Ge⸗ nuſſes, und indolenter Müdigkeit, jenes Gemiſch von Glanz und Nachläßigkeit, die das italieniſche Weſen ſo ſehr cha⸗ rakteriſiren. Frank blieb betroffen ſtehen, ſchaute die Gruppe an, und lauſchte ſogar den Worten. „Am Ende iſt es doch beſſer, wenn man die Leute die Sache nach ihrer Art thun läßt!“ ſagte der junge Mann in italieniſcher Sprache.„Wenn hier eine Pa⸗ trouille abgeſchnitten, dort eine Schildwache erſchoſſen, heute ein General erdolcht, morgen ein Feldmarſchall ver⸗ giftet wird, ſo erſcheint uns ein ſolcher Krieg zwar als kleinlich, allein es macht derſelbe denn doch ein Land in die Länge total unhaltbar!“ „Fuori i barbari! Hinaus mit den Barbaren! Ueber die Alpen mit ihnen, koſte es, was es wolle!“ knurrte der Prieſter. „Ich bin mit Ihnen einverſtanden,“ ſagte der ſchlanke Mann, indem er ſtehen blieb, um die Aſche von ſeiner Cigarre abzuſtreifen,„wenn Ihr ſie in ehrlichem Kampfe beſtegt; und ich ſehe nicht ein, warum Ihr das nicht könntet! Numeriſch ſeid Ihr etwa fünf Hundert gegen Einen, phyſiſch erſcheint Ihr als ihres Gleichen. Ihr habt Waffen in Menge; Ihr kennt das Land; Ihr habt für Euch die Wünſche des Volks—⸗ „Und die Gebete der Kirche,“ fiel die Dame ein. „Beati sunt illi, qui moriuntur pro patria,“ murmelte der Padre. „Ihnen und mir, Vater,“ ſagte der junge Mann, „wäre es wohl auch erwünſcht, ein wenig von dieſer Glückſeligkeit ſchon auf dieſer Welt zu genießen.“ Frank hatte jetzt mehr gehört, als ihm lieb war; er hängte den Säbel aus, und ließ ihn auf dem Boden klirren, während er kühn auf die Fenſter zuſchritt. „Wen haben wir da?“ rief der ſchlanke Mann, auf die Terraſſe zuſchreitend, und dem Fremden zurufend. Frank antwortete in franzöſiſcher Sprache, er ſei ein öſterreichiſcher Offizier, deſſen Mannſchaft bei Varenna in einen Hinterhalt gefallen, und der mit einem verwundeten Kameraden, ſowie mit noch einigen Soldaten entkommen. „Die Schüſſe, die wir gehört haben, ſind alſo dort⸗ her gekommen?“ flüſterte der junge Mann der Dame zu. Af 191 Sie gab ihm durch ein Zeichen zu verſtehen, daß er vorſichtig ſein ſolle, und der ſchlanke Mann hob wie⸗ der an: „Dieß iſt eine einem Privaten gehörende Villa, mein Herr, und, bis jetzt wenigſtens, weder eine öſterreichiſche Kaſerne, noch ein Hoſpital.“ „Wenn ich Ihnen ſage, mein Herr,“ ſagte Frank, nur mit Mühe ſeinen Zorn bewältigend,„daß mein Ka⸗ merad am Sterben iſt, ſo erregt es vielleicht andere Ge⸗ fühle, als die nationaler Animoſität.“ „Sind Sie ein Ungar?“ fragte der junge Mann. „Was thut das aber?“ ſiel der Padre ein.„Tutti barbari! tutti barbari!“ Unterdeſſen neigte ſich der ſchlanke Mann zu der Dame hin, und ſprach eifrig mit ihr. „Sie müſſen bedenken, wie die Sache herauskommt, und was die Leute ſagen werden?“ ſagte er in engliſcher Sprache.„Wie werden wir die Leute überzeugen, daß wir ihrer Sache geneigt ſeien, wenn Sie dieſe Villa zu einer öͤſterreichiſchen Zufluchtsſtätte machen?“ Sie flüſterte ihm leiſe Etwas zu, und er antwortete ungeduldig: „Das find kleine Rückſichten; und wenn wir ſtets der Stimme der Humanität unſer Ohr leihen wollen, ſo wollen wir lieber alsbald das ganze Spiel aufgeben.“ „Hoffentlich wird man meinem Kameraden die Troͤſt⸗ ungen der Kirche nicht verweigern wollen?“ ſagte Frank. „Ich ſehe hier einen ehrwürdigen Vater—“ „Und nie werden Sie ſehen, daß derſelbe Ihnen auch nur einen Schritt weit folgt,“ fiel der Prieſter ein.„Ego autem tanquam surdis non audiebam,“ murmelte er mit einer Handbewegung. „Wenn er aber ein guter Katholik iſt?“ fiel der junge Mann halb hinterliſtig ein. „Es moͤgen die zum Teufel fahren, die mir übel wollen!“ ſagte der Prieſter mit einer Feierlichkeit, die anzeigte, wie ſehr er für ſeine eigene Sicherheit beſorgt war. „Dieſe Discuſſion dauert bereits zu lang,“ ſagte Frank ungeduldig.„Ich kann Ihre Humanität nicht erzwingen, aber ich kann als ein Recht anſprechen, daß ein Sohdat Ihres Kaiſers hier Schutz und Hülfe finde.“ „Ich habe es Ihnen ja geſagt,“ ſagte der ſchlanke Mann, die Dame immer noch in engliſcher Sprache an⸗ redend:„zuerſt die Bitte,— dann die Drohung.“ „Und was ſollen wir denn thun?“ fragte ſie ängſtlich. „Sie moͤgen ſich im Boothauſe einquartieren; es ſind dort Betten auf dem Dachboden. Jekyl wird dafür ſorgen, daß es ihnen nicht am Noͤthigen fehlt; und viel⸗ leicht bekommen wir ſie morgen vom Halſe.“ Dann wandte er ſich zu dem jungen Manne hin, und ſprach einige Minuten raſch mit ihm, bis der Andere antwortete: 3 „Sie haben Recht. Ich will dafür ſorgen.“ Während der letztere dieſes ſprach, erhob er ſich, und erklärte, ſich höflich gegen Frank verbeugend, daß er be⸗ reit ſei, ihn zu begleiten. Mit einigen Worten der Entſchuldigung, die eben ſo ungeſchickt herauskamen, als ſie ungnädig aufgenommen wurden, zog ſich Frank aus dem Zimmer zurück, um wieder nach dem Hafen hinzugehen. So wenig er auch geneigt war, mittheilſam zu ſein, ſo gelang es Albert Jekyl,— denn es war unſer alter Bekannter,— dennoch, auf dem Wege alle Einzelheiten des Kampfes zu erfahren. Der geſchmeidige Jekyl billigte vollkommen die zornigen Epitheta„Feiglinge und Mörder,“ womit Frank die Angreifer bedachte; er bellagte mit ihm die elende und verfehlte Aufruhrpolitik, zu der das Volk gegriffen, und bedauerte, daß ſie, die ſie ſelbſt Fremde wä⸗ ren, die Gaſtfreundſchaft der Villa dem verwundeten Manne nicht zu Theil werden laſſen könnten, ohne ihr Leben und Vermoͤgen der Wuth der Bauerſchaft auszuſetzen. 193 „Welcher Nation gehören alſo Sie an?“ fragte Frank, der ſich pfiffig genug ſtellte, als verſtünde er kein Wort engliſch. „Wir gehören, ſo zu ſagen, verſchiedenen Ländern an,“ ſagte Jekyl lächelnd, und der Frage ausweichend. „Der Padre iſt aus Florenz—“ „Und die Dame?“ „Sie iſt eine bezaubernde Perſon, und würde, wenn ſte nicht ein Bischen zu fromm,— ein Bischen zu gut wäre, das entzückendſte Geſchoͤpf auf Erden ſein.“ „Der ſchlanke Mann iſt alſo wohl ihr Gatte?“ „Nein,— nicht ihr Gatte,“ lächelte Jekyl abermals; „es iſt eine Perſon, die Ihnen recht gefallen wird, wenn Sie dieſelbe genauer kennen. Es iſt ein Mann, der viel⸗ leicht Anfangs Einem etwas kurz angebunden und barſch vorkommt, aber ſo gutherzig und ſo großmüthig iſt.“ „Und hat die Villa einen Namen?“ fragte Frank in einem Tone, der einige Ungeduld verrieth, da er fand, wie wenig ſein Begleiter ſeine Offenheit erwiederte. 5„Die Villa heißt La Rocca,“ ſagte Jekyl.„Wä⸗ ren Sie nicht in Italien total fremd, ſo würden Sie wohl kaum gefragt haben. Es iſt die berühmteſte Villa am ganzen See.“ Frank glaubte, den Namen ſchon früher gehoöͤrt zu haben, konnte ſich aber nicht erinnern, wann, wo, oder wie? Auch war er in dieſem Augenblicke zu ſehr von andern Sorgen in Anſpruch genommen, als daß er bei dem Gegenſtande hätte länger verweilen möͤgen; er dachte lieber an die dringenden Pflichten des Moments. Das Boothaus bedurfte der vielen Entſchuldigungen Jekyl's nicht. Frank hatte, ſeitdem er Soldat geworden, ſchon oft ein ſchlechteres Quartier gehabt. In dem Boothauſe nämlich befanden ſich verſchiedene ſchoͤne Schlaf⸗ zimmer, und ein herrlicher kleiner Salon, der gerade auf den See hinausging. Die Daltons. IV. 13 194 Unterdeſſen hatte ſich Ravitzky ſo ziemlich wieder er⸗ holt, und es zeigten ſeine Wunden, obgleich er viel Blut verloren hatte, Nichts, woraus man hätte ſchließen koͤn⸗ nen, daß ſie tödtlich ſein würden. Jekyl machte ſich verbindlich, alsbald einen Chirurgen herbeizuſchaffen, und ließ endlich, unter allerlei artigen Reden und Dienſtaner⸗ bietungen, die beiden Freunde allein. „Wie kommen Ihnen die Leute vor, die uns aufge⸗ nommen haben, Dalton?“ ſagte der Cadett. „Sie würden dieſelben höchſt patriotiſch nennen, Ravitzky, denn es koſtete nicht wenig Mühe, bis ſie ſich dazu verſtanden, uns aufzunehmen. Ihr einziges Be⸗ dauern ſchien zu ſein, daß unſere Freunde dort unten ſich ihres Geſchäftes nicht beſſer entledigt, und nicht auch uns das Garaus gemacht. „Es iſt nicht angenehm, eine nur mit Widerwillen gewährte Gaſtfreundſchaft anzunehmen; allein ich glaube, daß ich wenigſtens den Leuten nicht lange zur Laſt fallen werde. Ich ſpüre hier eine heiße Ebbe, die von innerli⸗ cher Verblutung zeugt, und wenn das der Fall iſt, ſo muß es in ein Paar Stunden mit mir aus ſein.“ Frank that ſein Moglichſtes, um ſeinem armen Ka⸗ meraden ein Bischen Muth zu machen; allein es iſt dieß eine ſchwere Aufgabe, wenn man es mit Perſonen zu thun hat, deren Todesfurcht nur gering iſt. „Sie werden nach Malland ſchreiben müſſen, Dal⸗ ton,“ ſagte er plötzlich. „Ich möchte lieber ſagen, meine Pflicht gebiete mir, alsbald dahin zu eilen,“ ſagte Frank.„Ich muß mich ſo bald als möglich melden.“ „Aber Sie dürfen mich nicht verlaſſen, Dalton; ich kann nicht mit Ihnen gehen. Ein Paar Stunden find nicht viel für Sie, für mich aber ſind ſie ein ganzes Le⸗ ben. Auch muß ich Sie biiten, für mich an Walſtein zu ſchreiben; er wird es meine Mutter wiſſen laſſen.“ Frank wußte wohl, daß er ſich, indem er ſeinem 19⁵ Freunde willfahrte, eines Vergehens gegen die Disciplin ſchuldig machte, und zwar eines ſehr ſchweren Vergehens; aber Navitzky beſtand ſo hartnäckig auf ſeinem Wunſche, und ſtellte ſeine Bitte ſo dringlich als eine letzte dar, daß Frank ihm verſprechen mußte, dazubleiben, was immer daraus entſtehen möchte. Während er alſo dem einzigen unverwundeten Mann den Befehl gab, ſich in der Art parat zu halten, daß er mit Tagesanbruch nach Mailand abgehen koͤnnte, fing er an, die kurze Depeſche zu ſchreiben, worin er über ſeinen Unſtern Bericht erſtatten wollte. Es gibt in dem Leben eines jungen Soldaten wenige Abſchnitte, die trauriger ſind, als derjenige, wo er ſeine eigene Niederlage berichten muß. Der Mangel an Erfolg iſt mit dem Mangel an Verdienſt ſo innig verknüpft, daß jede Linie, jedes Wort eine Selbſtanklage zu ſein ſcheint. So unvermeidlich auch ein Unfall Jedem ſcheinen mag, der Zeuge deſſelben war, ſo wird doch derjenige, der den Bericht liest, gewiß immer fünfzig Mittel wiſſen, wodurch derſelbe hätte vermieden werden können. Auch konnte er die Verachtung, die man in der Armee gegen alle Angriffe undisciplinirter Kräfte hegte, und wie kein, auch noch ſo kleines Corps von geregeltem Militär für unzureichend angeſehen wurde, wenn es galt, es mit einem Haufen von Bauern oder Dorfbewohnern aufzunehmen. Er wußte, daß jeder Widerſpruch einer ſo allgemein an⸗ erkannten Theorie gegenüber mit lautem Tadel würde aufgenommen werden; und was immer daraus entſtehen mochte, das unausbleibliche Reſultat mußte der militatriſche Untergang eines Mannes ſein, der unglücklich genug war, einen ſolchen Unfall zu erleiden. „Und nun iſt die Laufbahn des Lieutenants von Dalton zu Ende,“ ſagte Frank, indem er ſeinen Bericht ſchloß.„Weder ſein Oheim, der Feldmarſchall, noch ſeine Schweſter, die Fürſtin, wird ſo viel Gunſt beſitzen, um damit einen ſolchen Fehler zu bedecken,“ 198 Es ſchien in der That ein hoͤchſt demüthigendes Ge⸗ ſtändniß zu ſein, und wahrſcheinlich erhielt der Bericht duuch ſeine Niedergeſchlagenheit eine noch düſterere Fär⸗ ung. Er begleitete dieſe Depeſche mit ein Paar Zeilen an den Grafen, ſeinen Großoheim, die, wenn auch apologe⸗ tiſch, doch männlich und voll Offenherzigkeit waren; und während er Ravitzky wegen ſeines Benehmens außeror⸗ dentlich belobte, nahm er die ganze Schuld auf ſich. Gerne würde er, als er mit ſeiner Depeſche fertig war, ſich niedergelegt haben, um ein wenig auszuruhen; aber der Cadett ließ mit Bitten nicht nach, und ſo mußte der Brief an Walſtein alsbald geſchrieben werden. „Der Chirurg ſagt mir, daß hier eine innerliche Verblutung vorliege,“ ſagte er,„und daß, wenn ſie mit einiger Heftigkeit wiederkehre, alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben werden müſſe. Wir wollen daher der Gefahr kühn ins Geſicht ſchauen, Dalton, und laſſen Sie mich, ſo lange ich noch Zeit habe, Walſtein Alles ſagen, was ich ſeit unſerem Abſchiede in Erfahrung gebracht; den Brief gebe ich Ihnen zum Aufbewahren, bis er ſicher an ſeine Adreſſe befördert werden kann.“ 5„Iſt eine ſolche Vorſicht abſolut nothwendig?“ fragte rank. „Koͤnnen Sie mich das erſt fragen?“ „Wie ſoll ich alſo ſchreiben?“ ſagte er. „Ganz einfach, wie ich Ihnen dictiren werde,“ ant⸗ wortete der Andere ruhig.„Die Geſinnungen, die darin ausgedrückt ſein werden, werden nicht die Ihrigen, ſondern die meinigen ſein. Der bloße Act der Feder, wozu dieſe Finger zu ſchwach ſind, kann die Empfindlichkeit ſelbſt Ihrer Loyalität nicht verwunden. Sind Sie damit zu⸗ frieden?“ Frank ſchüttelte den Kopf zweifelnd. 3 „Dann laſſen Sie mich da, wo ich bin. Ich ver⸗ lange weder Geſellſchaft, noch Freundſchaft,— oder eilen 197 Sie, wenn Sie es vorziehen, nach Mailand, und denun⸗ ciren Sie mich als einen Verräther. Man kennt mich genug, und man wird Ihnen unbedingt glauben; das Zeugniß wird mir nie ſchaden, Ihnen aber kann es nützen. Ja, Herr Lieutenant, Sie werden ſo die Schmach dieſer unglücklichen Nacht ſo viel wie möglich wieder ver⸗ wiſchen. Sie werden Ihnen um einer ſolchen Enthüllung willen Viel verzeihen.“ 3 Frank würde ſich eine ſo ſtarke Beleidigung nicht haben gefallen laſſen, wären nicht die Worte von einem Menſchen geſprochen worden, in deſſen Auge das wilde Feuer des Fiebers glühte. Es ſtand lange an, bis es Frank gelang, die Auf⸗ regung des Kranken zu beſchwichtigen, und denſelben zu dem Geſchäfte geſchickt zu machen, deſſen er ſich entledi⸗ gen wollte; und ſelbſt dann unternahm es Ravitzky nur in mürriſcher, zornerfüllter Stimmung, die zu ſagen ſchien, daß nur die Nothwendigkeit ihn zu einem ſolchen Schritte habe veranlaſſen können. Auch war dieß nicht Alles. Der Schmerz und die nervöſe Reizbarkeit waren Schuld, daß man ihn nur mit Mühe, und dann und wann gar nicht verſtehen konnte. Die Namen von Leuten und Octen, welche ungariſchen Urſprungs waren, ſuchte Frank vergebens zu Papier zu bringen, indem er nur mit größter Mühe dem Wortſchwall folgen konnte, der von Zeit zu Zeit dem Munde des Andera entſtrömte, und da er den Kopf zuſammennehmen mußte, um in die wilde, nur loſe zuſammenhangende Geſchichte einigen Zuſammen⸗ hang zu bringen. „Daß Raovitzky zu geheimen Communicationen mit einigen der ungariſchen Führer verwendet worden war, lag genugſam am Tage, und daß er mit manchen verkehrt hatte, die noch nicht wußten, was ſie thun ſollten, war gleichfalls offenbar. Das Intriguengewebe war indeſſen für ſeine geſchwächten geiſtigen Fähigkeiten ſchon zu ver⸗ wickelt, und waͤhrend er ſo phantaſirte, und Frank miß⸗ 198 erſtand⸗ entſtand ein Dokument, ſo myſteltde wie ein rakel. Viellelcht war Frank dieſe Dunkelheit Nichts weniger, als unlieb; oder empfand er vielleicht, gleich der Dame, die ſich über die Indiscretion, womit ſie das Bild eines Liebhabers behielt, mit der Verſicherung tröſtete, daß„es ihm nicht ähnlich wäre,“ eine ähnliche Befriedigung bei dem Gedanken, daß der Inhalt ſeines Manuſeripts nie das geringſte Licht auf einen Plan werfen könnte, der einmal exiſtirt hätte. Bald war von den Geſinnungen des Ba⸗ nater Volkes die Rede, ſowie von deſſen Bereitwilligkeit, zu den Waffen zu greifen; bald war darin erörtert, wie man gewiſſe Flüſſe in Siebenbürgen paſſiren koͤnne. Hier war ein kurzer Bericht über die im Arſenal von Arad liegenden Waffenvorräthe. Dort wurde angegeben, wie man Nugent's Corps am Plattenſee abſchneiden könnte. Bald ſchien es, als ob ein großer Slavenauf⸗ ſtand beabſichtigt wurde; bald erſchien die Sache wieder nur als die der ungariſchen Edelleute, die Alles verſuchen wollten, um ſämmiliche Privilegien des alten Feudalis⸗ mus zurückzuerobern. „Auf jeden Fall iſt es Rebellion,“ dachte Frank, und war herzlich froh, als er mit ſeiner Arbeit zu Ende war, und Nichts mehr fehlte, als die Adreſſe. Nun wurde das Schreiben geſiegelt, und auf Ra⸗ vitzky's Rath zwiſchen das Futter von Frank's Pelz ge⸗ ſteckt, bis ſich eine ſichere Gelegenheit zeigen würde, es an Walſtein abgehen zu laſſen. Die Arbeit erforderte einige Stunden, und als die⸗ ſelbe beendigt war, war Frank ſchon in Folge früherer Anſtrengung und Aufregung ſo müde, daß er ſich auf den Boden hinlegte, und, mit dem Kopfe auf dem Bette des Kranken, feſt einſchlief. So groß war bei ihm die Be⸗ gierde geweſen, dieſes lange Dokument fertig zu bringen, daß er während des Schreibens auch nicht ein Mal be⸗ merkt hatte, wie er beobachtet wurde, und wie von dem 199 neben d Fenſter befindlichen Gebüſche aus ein Mann ihm mehrere Stunden lang zuſah. Auch Ravitzky fiel in einen tiefen Schlaf, und nun, während Beide ſchliefen, ſchritt ein leiſer Fuß über den Boden hin. Es war der Fuß eines Prieſters, wenn man anders aus dem ſchwarzen Gewande des Mannes auf ſeinen Stand ſchließen durfte. Der Prieſter näherte ſich dem Bette. Er wartete einige Secunden, gleich als wollte er erſt die Gewißheit erlangen, daß Beide feſt ſchliefen;z dann bückte er ſich, und unterſuchte ihre Geſichtszüge. Von dem Cadetten nahm er nur wenig Notiz; als aber ſein Auge auf das blaſſe und matte Geſicht des da liegenden Frank fiel, fuhr er vor Staunen beinahe zurück, und mehrere Minuten lang ſchien es, als ſuche er ſich von einer Illuſion zu befreien. Selbſt die Uniform ſchien ihn zu überraſchen, denn er muſterte deren Einzelheiten mit der groͤßten Sorgfalt. Während er ſo da ſtand, und den Pelz in der Hand hielt, ſchien er ſich ploͤtzlich des Briefes zu erinnern, der, wie er geſehen hatte, zwiſchen das Futter und den Pelz geſteckt worden war. Dann zog er ploͤtzlich ſein Feder⸗ meſſer heraus, machte eine kleine Oeffnung an der Naht, und zog das Papier heraus. Schon war er im Begriffe, den Pelz wieder auf das Bett zu legen, als er, ſich gleichſam eines Beſſeren be⸗ finnend, das Couvert des Briefes abriß, und es wieder an ſeinen frühern Ort ſteckte. Ein einziger Blick auf das Papier ſchien ihm deſſen ganzen Inhalt zu verrathen, und ſeine dunklen Augen verſchlangen, ſo zu ſagen, die Worte. Dann wandte er ſich weg, und verließ das Zimmer vorſichtig. Ails er wieder in Freien war, machte er das Papier noch einmal auf, und ſein fahles Geſicht ſchien durch eine 200 Art leidenſchaftlichen Glanzes erhellt zu werded während ſein Auge über die Zeilen hinſchweifte.. „Es iſt nicht ohne Bedeutung,— es kann nicht ohne eine Bedeutung ſein, daß wir ſo im Leben immer mit ein⸗ ander zuſammenkommen!“ rief er;„es ſind die Geheim⸗ niſſe, wodurch das Schickſal ſeine Abſichten durchführt, und wir nennen dieſelben in unſerer Blindheit Zufall! Sogar der Wilde weiß das beſſer, und er achtet den⸗ jenigen als einen Feind, der ihm allzu häufig in den Weg kommt. Ja, und dazu wird es nicht kommen,“ murmelte er langſam;„er oder ich,— er oder ich!“ Dieſe Worte immer und immer wiederholend, kehrte er langſam nach der Villa zurück. Vierundfünfzigſtes Aapitel. Eine Villa und deren Geſellſchaft. Nachdem wir unſerem Leſer geſagt haben, daß die Villa la Rocca hieß, iſt es vielleicht unnütz hinzuzuſetzen, daß die Dame unſere alte Freundin, Lady Heſter, war, die, unter der geiſtlichen Leitung des Canonicus vom Duomo, jetzt ihre religioͤſe Erziehung vollendete, während Lord Norwood durch einen mehrwoͤchentlichen Aufenthalt in dieſer abgeſchiedenen Gegend der Unverſchämtheit unge⸗ ſtümer Mahner entgehen wollte. Zwar war dieß nicht der einzige Grund, weßhalb er ſich an den Comerſee zu⸗ rückgezogen. Schon ſeit einiger Zeit hatte er verſchiedene Glieder der engliſchen Regierung dringend um irgend eine Anſtellung angegangen. Vergebens hatte er ihnen vorge⸗ 201 halten, wie unwürdig es wäre, wenn ein Pair von Eng⸗ land gezwungen würde, zum Betteln, oder, was faſt ebenſo fatal iſt, zum Spiele, als ſeiner Nahrungsquelle, ſeine Zuflucht zu nehmen. Er hatte,— obwohl ohne allen Erfolg,— jede Art von Cajolerien, Drohungen und Schmeicheleien probirt, um Etwas zu erhalten; und nach⸗ dem er hinter einander ſeine Dienſte für oder gegen den Carlismus in Spanien, mit oder gegen Rußland im Kau⸗ kaſus angeboten, und zwanzig kleinere Pläne in Betreff Merxico's, Siciliens, Griechenlands, und Cuba's einge⸗ reicht hatte, beſchloß er endlich, das nördliche Italien zur Sphäre ſeiner Thätigkeit zu machen, indem er klug be⸗ rechnete, daß, ehe noch das Spiel zu Ende wäre, er ſo Viel ſehen würde, um zu wiſſen, wer gewinnen müßte. Ein zufälliges Zuſammentreffen mit d'Esmonde, das ihre alte vertraute Bekanntſchaft erneuerte, hatte ihn ver⸗ anlaßt, dieſen Schritt zu thun. Der Abbé hatte ihm ge⸗ ſagt, die engliſche Regierung begünſtigte ingeheim die Bewegung, und obgleich dieſelbe, aus höheren politiſchen Rückſichten, und durch die Verträge gezwungen, nicht im Stande ſet, offenen Beiſtand zu leiſten, ſo werde dieſelbe dennoch ſeine Theilnahme an dem Kampfe gerne aner⸗ kennen, und ihn, im Falle des Gelingens, ſchön belohnen. „Ein neues Königreich Oberitalien, mit Mailand zur Hauptſtadt und Viscount Norwood zum reſidirenden be⸗ vollmächtigten Miniſter,“— das war die ganze dreibän⸗ dige Epiſode, mit ihrer„Intrigue,“„Kataſtrophe,“ und ihrer„belohnten Tugend,“— ganz ſo, wie es ein Thea⸗ terſtück erfordert; und da die Zeiten ſchlecht waren, und weder Wettrennen, noch Karten etwas Erkleckliches abwar⸗ fen, ſo war der Patriotismus die einzige noch unerforſchte Hülfsquelle, an die er denken konnte. Nicht als ob my Lord viel Vertrauen in den Abbé geſetzt haͤtte. Weit enfernt. Er dachte, alle Prieſter ſeien Spitzbuben; allein er dachte auf der andern Seite auch:„Der wirv mich nicht betrügen. Nein, nein; meine 20² Augen ſind zu gut. Er wird es nicht verſuchen, mich hinters Licht zu führen. Weiß, wo ich promovirt habe. Er erinnert ſich zu gut, welcher Schule ich angehöre.“ Auch war er bei dieſem ſeinem Naͤſonnement durch⸗ aus aufrichtig, indem er d'Esmonde ganz ruhig ſagte, was er von ihm halte, und offen zeigte, daß jeder Verſuch, ihn zu betrügen und zum Beſten zu haben, unfehlbar mißlingen müſſe. Seinerſeits nahm der Abbé, wenn wir ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen ſollen, alle dieſe Aufrichtigkeit recht gut auf;— er affectirte, dieſelbe für einen bloßen Anflug ehrlichen John⸗Bullism's zu halten; und ſo waren ſie mit einander ganz einverſtanden.— Zwar ließ ſich der Prieſter von Zeit zu Zeit von ſeinem Enthuſiasmus ein Bischen hinreißen, und dann erging er ſich in Speculationen über die glorreiche Lauf⸗ bahn, die eine Bekehrung dem edlen Viscount eröffnen würde, ſowie über die herrlichen Früchte, die ein ſolcher Wechſel hervorbringen müßte. Norwood war indeſſen zu praktiſch, um ſich für ſo entfernte Vortheile zu intereſſiren, und mochte von einem ſolchen Plane Nichts hoͤren, ſo lange der Abbé, wie ſich der Lord ausdrückte,„die Sache nicht zu einer ſichern machen“ konnte. Eine reiche italie⸗ niſche Fürſtin,— es waren zwei oder drei ſolche Preiſe im Glücksrade,— oder eine ſpaniſche Infantin hätte bei ihm gar manchen theologiſchen Zweifel heben koͤnnen; aber Norwood ſagte, es ſei ganz und gar unnütz, die„Väter“ zu Kiten, wenn er einzig und allein an die„Toͤchter“ denke. Und der Prieſter ſchien ihn weislich beim Worte zu nehmen. Was Lady Heſter betrifft, ſo war die politiſche In⸗ trigne ihr etwas ganz Neues, und folglich auch etwas ganz Bezauberndes. Seit der Abreiſe des Cardinals nach Rom hatte ſie angefangen, der Vorſchriften ihres neuen Glaubens einigermaßen müde zu werden. Der Canonico 203 erſetzte ſeine Eminenz nur unvollkommen. Er beſaß Nichts von der ſammtartigen Glätte im Benehmen,— von der ſanften Ueberredungsgabe, wodurch der hohe kirchliche Würdenträger ſich ausgezeichnet hatte. Er konnte weder einen Zweifel hinweglächeln, noch eine Schwierigkeit durch ein bon mot löſen. Wir brauchen nur zu ſagen, daß er kein Aſcetiker war,— daß er eine gut beſetzte Tafel und ein heiteres Geſpräch liebte, und, wenn man ihm lh dieſes geſtattete, die andern Leute gern auch leben ieß. Lady Heſter war indeſſen an ſolche Genüſſe und Frei⸗ heiten zu ſehr gewöhnt, als daß ſie darin etwas Anderes, denn Nothwendigkeiten erblickt hätte. Zwar hätte d'Es⸗ monde, wenn er Zeit gehabt hätte, für alle dieſe Mäͤngel des Canonicus Erſatz leiſten können; allein er war zu ſehr von andern Sorgen in Anſpruch genommen; auch war die ernſte Befangenheit, die ſeine Miene ausdrückte, mehr geeignet, ihrer Ladyſhip in ſeiner Gegenwart eher Furcht, als Geſühle der Behaglichkeit einzuflößen. Und nun kommen wir zu Albert Jekyl, dem letzten Gliede dieſer ſonderbaren Familie. Nichts war weniger nach ſeinem Geſchmacke, als der Fanatismus, mochte der⸗ ſelbe nun die Form der Religion oder der Politik anneh⸗ men. Alle ſolche Ertravaganzen mußten ja der Geſell⸗ ſchaftlichkeit Abbruch thun, den Verkehr hemmen, und jene entzückende Lebensruhe ſtoͤren, in der die Laſter reifen, und Männer ſeines Schlages ernten. Eine Regierung ſtürzen, die Grundpfeiler eines Staates erſchüttern,— war, nach ſeiner Denkungsweiſe, eine Art „inconvenance“, die ſtark nach Vulgarität ſchmeckte; und er ſtellte ſolche Anarchiſten in eine und dieſelbe Ka⸗ tegorie mit Leuten, die in einem Salon, wo ſie, einer Ein⸗ ladung folgend, den Abend zubringen ſollten, die Lampen in Stücke ſchlügen, die Tapeten zerriſſen, und die Deco⸗ rationen zerſtörten, um ſich unter Ruinen zu ſetzen, anſtatt 204 ihr Souper an einem ſchön geordneten und wohlbeſetzten Tiſche einzunehmen. In Jekyl's Augen war die Welt überaus nett, ſo wie ſie war; nur mußte man dieſelbe nicht ſtören wollen! „Eine Welt glänzender Augen, zarter Locken, und weißer Schultern, mit Donizetti's Muſik, und Moet's Cham⸗ pagner, war am Ende nicht zu verachten.“ Er hegte da⸗ her gar keine Sympathie für dieſe Ruheſtörer; allein auf der andern Seite war er doch zu fein gebildet, um ſich den Wünſchen der Geſellſchaft zu widerſetzen; und ſo ſchien er denn mit dem einverſtanden zu ſein, was er nicht zu hindern vermochte. Er hatte vielleicht gewünſcht, daß die Italiener es wie die Schweizer machten, die nur dann revoltiren, wenn ſie ſonſt Nichts zu thun haben, und nie ſo bloͤde ſind, einander die Hälſe in der Jahreszeit ab⸗ zuſchneiden, wo ſie Reiſende prellen können; aber,“ ſagte er,„ſie bekommen vielleicht bald genug, und lernen ein⸗ ſehen, daß ihr nationaler Genius mehr in Balletten und Bonbons liegt, als in Bomben und Raketen.“ Solcher Art waren die Hoffnungen und Gefühle der Geſellſchaft, die jetzt d'Esmonde zum Sonuper erwartete. Es war Mitternacht vorüber, und man hatte ihn ſeit mehr als einer Stunde mit Ungeduld erwartet. Zwei Mal war der Canonico eingeſchlafen, und zwei Mal voller Schrecken aus dem Schlafe wieder aufgefahren, von elnem ‚fantasma di fame“ gequält, wie er ſich ausdrückte. Jekyl hatte Sardellen und Auſtern gegeſſen, bis er wirk⸗ lich in Gefahr war, zu verhungern. Lady Heſter wußte vor Unruhe nicht, was ſie anfangen ſollte, und war ver⸗ drießlich,— eine Erſcheinung, die ſich bei ihr ſtets wie⸗ derholte, wenn ſie warten mußte. Norwood ſeinerſeits ging, von Zeit zu Zeit, vom Zimmer auf die Terraſſe und auf das Gras hinaus, um zu horchen, indem er halb und halb befürchtete, es mochte einem Manne, der in ihre Geheimniſſe ſo tief eingeweiht war, irgend ein Unglück zugeſtoßen ſein. 205⁵ Es ſind nur drei oder vier und zwanzig engliſche Mellen bis Mailand,“ murmelte Norwood;„er hätte um dieſe Zeit leicht hier ſein können.“ „Die Straße iſt voller Banditti,“ brummte der Padre. „Banditti!“ ſagte Norwood verächtlich.— Ob aber der Hohn dem Muthe des Mörders, oder der Thorheit der Leute galt, die einem Prieſter etwas Er⸗ kleckliches abjagen zu koͤnnen glaubten, iſt ſchwer zu ſagen. Offenbar nahm der Padre den Ausruf in letzterem Sinne, denn er erwiederte: „Es wäre ja nicht ſo unmöglich, Milordo. Hören Sie einmal, was mir einmal paſſirt iſt! „Ich war fruͤher Pfarrer von Bergamo, und da hiel⸗ ten mich in einer gewiſſen Nacht Räuber auf dem Wege nach Lecco an. Es war ein Biſchof auf Beſuch bei mir, und ich war nach Mailand hinaufgegangen, um einige Fiſche für den Freitag zu holen. „Ach! was war das für eine Steinbutte, und wie köſtlich ſah ſie auf dem Boden des Calaſino neben den Seekrebſen aus, die ſie auf beiden Seiten bewachten, und neben einem kleinen Korbe voll Genueſer Auſtern,— jener Felſenſchönheiten, die einem, wie eine reife Erdbeere, im Munde zerfließen! „Sie waren alſo bei mir auf dem Wagen, und ich war eingeſchlafen und hatte einen recht angenehmen Traum. Ich glaubte, ich ſehe die heilige Cäcilia, wie ſie„filets de sole aux fines herbes“ zubereite, und es bitte mich dieſelbe um Majoran, als ich mit einem Male Etwas, wie einen ſcharfen Stich, in der Seite fühlte. Ich fuhr auf, und fühlte die Spitze,— ja die Spitze eines dünnen Stiletto zwiſchen den Rippen. „Scusi, Padre mio,“ ſagte eine winſelnde Stimme, und ein großer ſchwarzbärtiger Halunke berührte mit einer Hand ſeine Kappe, während ſeine andere Hand mich mit dem Dolche kitzelte, und, während der ganzen Zeit, ein Kamerad auf der entgegengeſetzten Seite des Karrens mich 206 mit einem Muskeion beſchützte.„Scusi, Padre mio, aber wir müſſen Ihre Börſe haben!“—„Maladetto sia—⸗„Fluchen Sie nicht!eé ſagte er in bittendem Tone; ‚fluchen Sie nicht, Padre, wir müſſen ja ſonſt nur mehr Geld für Meſſen ausgeben; aber machen Sie ge⸗ ſchwind,— heraus mit den Quattrini le— „Ich habe Nichts als die für die Armen beſtimmten Kirchengelder!“ ſagte ich zornig. „Wir ſind die Armen, heiliger Vateryle wimmerte der Spitzbube. „Ich meine die Armen, welche das Böͤſe meiden,“ ſagte ich. „Es thut uns in der Seele weh, wenn wir dazu gezwungen werden!“ ſeufzte der Schurke, und gab mir einen kleinen Stich mit der Spitze des Stiletto. „So dunkel es auch war, ſo konnte ich doch, wäh⸗ rend ich ſchrie, den Spitzbuben grinſen ſehen, „„Geſchwind, geſchwind!“ brummte der Andere recht unfreundlich, während er mir die weite Mündung des Musketons hart ins Geſicht hielt. „Es half mich all mein Sträuben Nichts. Ich mußte meinen kleinen ledernen Beutel mit Allem, was ich wäh⸗ rend eines Vierteljahrs geſammelt hatte, hergeben. Zwar ließ ich es nicht an Warnungen fehlen: ich ſagte den Spitz⸗ buben, wie einem ſolchen Sacrilegium das Unglück ſtets auf den Füßen folgte;— wie Schlagfluͤſſe, Blindheit, und Lahmheit die Glieder derer heimſuchten, welche die Kirche beraubten. Aber ſie zählten ganz ruhig das Geld, und thaten, als ob ich gar nicht da wäre! „Endlich, nachdem ſie die Beute unter ſich getheilt, ſagte der erſte Spitzbube; „Jetzt noch eine kleine Gnade, heiliger Vater, ehe wir von einander ſcheiden! „Wiel Wollt Ihr mir auch meinen Rock,— wollt 3 mir auch meine Soutane nehmen?“ fragte ich un⸗ willig. 207 „„Da ſei Gott für!’ ſagte er fromm;„wir wol⸗ len nur ihren Segen, Padre mio!“ „Wie! Ich ſoll Dieben und Räubern meinen Segen geben!“ „Wer iſt deſſelben mehr beduͤrftig, heiliger Vater 2 ſagte er, mich abermals mit der Spitze des Dolches kitzelnd, zwer iſt deſſelben mehr bedürftig ½⸗ „Ich ſchrie laut auf, und die Spitzbuben lachten dieſes Mal hell auf. Inzwiſchen entblößten Beide das Haupt, und knieten auf dem Wege nieder,— hart vor mir. Ach, ach! was wollte ich machen. Ich mußte ab⸗ ſteigen!“ „Und gaben Sie ihnen wirklich Ihren Segen, Vater?“ ſagte Jekyl. „Ja, das that ich! denn als ich mitten im Segen es verſuchte, die Worte„confundite ipsos, qui quae- runt animam meam“ murmelnd mit einfließen zu laſſen, zog der wimmernde Spitzbube ſeine verfluchte Waffe wie⸗ der hervor, und ſchrie:„‚Nehmen Sie ſich in Acht, hei⸗ liger Vater, wir wollen nur den Segen haben. „Die Spitzbuben ließen Ihnen aber doch den Fiſch?“ ſagte Norwood, „Nicht eine Auſter ließen ſie mir!“ ſeufzte der Prieſter. „Sie werden doch nicht haben wollen, daß wir in der Faſtenzeit Fleiſch eſſen, Padre mio?“ ſagte der heuch⸗ leriſche Spitzbube. „„Arme Kerls, wie wir, haben keine Diſpenſe, noch auch ſo viel Geld, um ſolche zu kaufen!“ „Und ſo packten ſie Alles zuſammen, halfen mir wieder aufſteigen, wünſchten mir eine angenehme Reiſe, und machten ſich davon.“ 3 „Ich möͤchte doch wiſſen, Padre, ob Sie ihnen wirk⸗ lich verziehen haben?“ ſagte Jekyl mit ernſt fragender Miene. 208 „Habe ich nicht geſagt, daß ich ihnen verziehen?“ erwiederte der Prieſter mürrlſch. „Aber Sie haben ja doch verſucht, Etwas mit ein⸗ fließen zu laſſen, was gewiß kein Segen war, Vater?“ „Und wenn ich das auch gethan, ſo hat es der Kerl doch entdeckt. Ach, der Spitzbube muß früher einmal Miniſtrant geweſen ſein, ſonſt wären ſeine Ohren nicht ſo fein geweſen!“ „Sind die Ihrigen ſo fein, daß Sie mir ſagen können, ob das ein Pferdegetrappel iſt?“ fragte Norwood horchend. „Ja, das iſt ein Pferd!“ rief Jekyl. „So laſſe man denn die Suppe auftra gen!“ rief der Canonicus.„Ach, ja,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, waͤhrend er ſich zu Lady Heſter hinwandte,„das ſind die Prüfungen,— das die Widerwärtigkeiten des Lebens; aber dieſes Kreuz iſt gut,— iſt zu unſerem Beſten! Oh, über die armen Sterblichen! Non est sanitas in carne mea. Ach, ach!“ Und alſo moraliſirend, gab er Lady Heſter den Arm, während er wieder in das Haus hineinging. Es ſtand keine Minute an, ſo kam d'Esmonde heran⸗ geſprengt. 3 Der Abbé ſtieg an der Thüre ab. „Iſt Etwas paſfirt?— Sie kommen heute Abend ſpät,“ fragte Norwood haſtig. „Nichts. Indeſſen war die Stadt in großer Unruhe, und es war auf den Kirchthürmen ſchon zwei Mal Sturm geläutet worden, als ich um zehn Uhr wegging; an den Thoren wurden die Wachen verdoppelt, und berittene Pa⸗ trouillen durchzogen jedes Quartier.“— „Warum? Was war die Urſache?“ fragte Norwood. „Ein bloßer falſcher Lärm,— ſonſt Nichts. Die Oeſterreicher werden durch das immerwährende Heraus⸗ ſchlagen über alle Maßen ermüdet, und die Mannſchaft murrt, daß man ſie ohne allen Grund zwei bis drei Mal 209 in jeder Nacht muſtert. Eine Petarde, die auf der Straße zerknallt, oder eine Kirchenglocke, die geläutet wird, reicht immer hin, um die ganze Garniſon unter die Waffen zu rufen.“ „Ich fange an zu muthmaßen, daß unſere italienſchen Freunde ſich damit begnügen, und nie weiter gehen wer⸗ den,“ ſagte Norwood verächtlich. „In dieſem Stücke irren Sie ſich. Die Häufigkeit und die Strafloſigkeit ſolcher Demonſtrationen haben zur Folge, daß die Leute den nöthigen Muth zu offenem Auf⸗ ruhr bekommen. Wenn die Oeſterreicher gegen ſolche nächt⸗ liche Ruheſtoͤrungen einmal gleichgültig geworden, werden die Andern ſo kühn geworden ſein, um einen wirklichen Aufſtand zu wagen.“ „ Koͤnnte man ſie nur überzeugen, daß der Krieg nichts Anderes iſt, als Mord in großem Maßſtabe, ſo koͤnnten ſie vortreffliche Soldaten abgeben,“ lächelte Jekyl. Die Andern ſchienen indeſſen dieſen Scherz nicht zu beachten. „Iſt ſchon eine Zeit beſtimmt?“ fragte Norwood eifrig.„Oder hat man immer noch Alles ſo unbeſtimmt und ungewiß gelaſſen, wie bisher?“ „Die Schweizer ſind ſchon parat. Wir warten jetzt nur noch aaf die Piemonteſen; wir brauchen nur ein Wort zu ſagen, und Genua iſt unſer; ein Gleiches gilt von Livorno und den Städten der Romagna. Iſt einmal das Zeichen gegeben, ſo gibt es in Italien eine Erhebung, wie ſie dort ſeit Jahrhunderten nicht geſehen worden. Eng⸗ land liefert Waffen, Munition—“ „Alles, nur keine Leute,“ ſeufzte Norwood;„und doch wäre gerade dieſer Artikel nöthig.“ „Und Frankreich—“ „Wird ſeine Symptahien geben,“ ſiel Jekyl ein. „Das liebe Frankreich, das immer und ewig Unruhen und Aufſtände willkommen heißt, wo dieſelben ſich auch zeigen mögen!“ Die Daltons. IV. 14 „Wie geht es mit dem öſterreichiſchen Soldaten?“ ſagte d'Esmonde, dem der Ton ſeiner beiden Genoſſen nicht ganz geſiel;—„geht es beſſer mit ihm?“ „Der Chirurg ſagt, es ſei bei ihm an ein Aufkom⸗ men nicht mehr zu denken,“ antwortete Jekyl;„und gerade deßwegen vermuthe ich, daß ſein Leben gar nicht in Ge⸗ fahr ſchwebt.“ „Haben Sie den Officier heute geſehen?“ fragte der Prieſter abermals... „Nein,“ antwortete Norwood.„Ich habe es mit Jekyl zwei Mal verſucht, mit ihm zu ſprechen; aber er ſchlief den ganzen Vormittag, und ſeitdem hat er unzählige Depeſchen ins Hauptquartier geſchrieben.“ „Man ſagt zu Mailand, er werde wegen dieſes Un⸗ falls erſchoſſen werden,“ ſagte d'Esmonde;„er habe gegen einen Befehl gehandelt, oder, ich weiß nicht was, gethan, was als ein ſchweres militäriſches Vergehen werde behan⸗ delt werden.“ „Der Canonico iſt ganz wüthend wegen unſeres Ausbleibens,“ ſagte Jekyl lachend, nachdem er in den Salon hineingeſchaut. Unterdeſſen flüſterten der Abbé und Norwood eifrig mit einander. „Ja,“ ſagte der letztere zweifelnd,„aber es iſt ein ernſtes Ding, die Treue eines Soldaten erſchüttern zu wollen. Die Oeſterreicher ſind nicht die Leute, die einen ſolchen Verſuch ſtraflos hingehen laſſen.“ „Wie können ſie es wiſſen?“ „Wenn aber der Verſuch ſehl ſchlägt,— wenn dieſer junge Burſche unſer Anerbieten verwirft, was, da er ein Ungar iſt, wahrſcheinlich der Fall ſein wird?“ „Aber er iſt ja kein Ungar. Ich kenne ihn, ſowie Alles, was ſeine Perſon betrifft.“ „Und können Sie dafür ſtehen, daß er ſich mit uns verbinden werde?“⸗ „Daſür möchte ich mich nicht gerade verbürgen; aber 211 was kann wahrſcheinlicher ſein, wenn man die Lage bedenkt, in der er ſich befindet? Und laſſen Sie auch den ſchlimm⸗ ſten Fall eintreten: nehmen Sie auch an, er weigere ſich, ſo habe ich ihn dennoch in den Händen!“, „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Nur ſo Viel, daß ich die nöthigen Mittel in den Händen habe, um ſeinen ganzen Credit zu zerſtören, und ſogar ſein Leben zu gefährden!“ Die ploͤtzliche Leidenſchaftlichkeit, womit er dieſe Worte ſprach, ſchien bei ihm ganz unwillkührlichageweſen zu ſein, denn ebenſo geſchwind nahm er ſeinen gewohnten glatten Ton wieder an, und ſagte: „Indeſſen ſoll mich nur die äußerſte Noth zu einem ſolchen Schritte treiben.“ „Moͤge ich nie Gelegenheit haben, mich auf Ihre zärtliche Gnade verlaſſen zu müſſen, Abbé!“ ſagte Nor⸗ wood mit einem Lachen, in welchem weit mehr Ernſt, als Scherz lag.„Wir wollen indeſſen nach dem Souper weiter darüber ſprechen.“ Und mit der nachläßigen Ruhe eines bloßen Müſſig⸗ gängers ſchlenderte er, von den Andern gefolgt, in das Haus hinein. Sobald die Geſellſchaft beim Eſſen verſammelt war, wurde das Geſpräch ein ganz allgemeines. Indeſſen war von Zeit zu Zeit all die Geſchicklichkeit des Abbé und all' der Takt Jekyl's uöthig, um politiſche und Parteianſpielungen zu verbergen, deren ſich Lady Heſter nicht enthalten konnte, da ſie den feſten Glauben hegte, daß ſie in Räthſeln ſpreche. In der That machte ihre Indiscretion ſie zu einer höchſt gefährlichen Verbündeten, und, trotz aller Winke, Warnungen und Zeichen, ſchwatzte ſie über das gefährliche Thema der Rebellion und der In⸗ ſurrection fort, und es waren die armſeligen Kunſtgriffe, die ſie gebrauchte, um ihre Untergebenen zu täuſchen, nur eine wenig zureichende Hülle für den angeborenen Scharf⸗ blick der Italiener. 212 Wer durch dieſes Hin⸗ und herſchwatzen am Meiſten verwirrt war, war der Canonico, der dann und wann von ſeinem Teller aufblickte, und dabei ein Geſicht zeigte, woraus ein ſtummes Erſtaunen ſprach. „Hoffentlich haben Sie gehört, Herr Canonicus,“ ſagte der Abbé, ihn geſchickt anredend,„daß die ſtädtiſchen Behoͤrden nur zwoͤlf tauſend Kronen für das Feſt von San Giovanni ausgeſetzt haben?“ „Zwölf tauſend Kronen! Damit wird man nicht einmal dan Thron der heiligen Jungfrau bezahlen können,“ brummte der Canonicus,—„geſchweige denn die ſechs und zwanzig Engel in geſticktem Mouſſeline!“ „Dieſes Mal ſollen keine Engel dazu genommen werden. Die Prieſter der Santa Croce ſollen hinter dem Baldachin einherſchreiten.“ „Das wirv aber die Proceſſion ruiniren,“ murmelte der Canonicus. „Sie ſehen gewiß ſo wenig wie moͤglich wie Engel aus,“ ſiel Jekyl hinterliſtig ein. „Sechzig Lampen und zwei hundert Kerzen ſind eine Bagatelle,“ fuhr d'Esmonde fort. „Finſterniß,— wirkliche Finſterniß,“ rief der Cano⸗ nicus.„Ubi evasit pietas nostra?— Was iſt aus unſerem alten Glauben geworden?“ „Der Soldat wünſcht Ew. Hochwürden alsbald zu ſprechen,“ ſagte ein eilig hereintretender Diener;„er fürch⸗ tet, daß es bald mit ihm aus ſein werde.“ „Es fällt in dieſem Augenblick ein ſtarker Morgen⸗ thau,— kann er nicht warten, bis die Sonne aufgeht, Ginſeppe?“ „Sie würden beſſer daran thun, wenn Sie alsbald nach ihm ſehen würden, Herr Canonicus,“ flüſterte der Abbé.“ „ Ach, ach!“ ſeufzte der Prieſter,—„mein Weg iſt ein gar mühevoller:— ‚potum meum cum fletu mis- 213 cebam,“ ſetzte er hinzu, ſein Champagnerglas leerend. „Iſt es weit von hier?“ f„Nur bis zum Boothauſe, Vater,“ ſagte Lady Heſter. „Per maria et ignes! Es iſt bis dahin eine gute halbe Stunde,“ brummte er. f„Sie können das Pony⸗Gefährt haben, Vater,“ ſiel e ein. „Der Pony wird Nachts wegen jeder Kleinigkeit ſcheu,— trauen Sie ihm nicht!“ ſagte Jekyla „Wohlan, Vater! Loſſen Sie ſich in meiner Sänfte hintragen!“ „Meinetwegen,— meinetwegen,“ murmelte er.„Ich gebe mich zu Allem her,— ‚Sicut passer sub tecto,“ — ich habe keinen eigenen Willen.“ „Begleiten Sie ihn, my Lord!“ flüſterte d'Esmonde; „Sie werden eine ſchöne Gelegenheit haben, den jungen Officier zu ſehen. Während der Vater mit dem Kranken ſpricht, koͤnnen Sie ſich mit dem Freunde in ein Geſpräch einlaſſen. Sehen Sie einmal, wie er geſinnt iſt!“ „Spricht er franzöſiſch? denn das Deutſche iſt mir nicht ſehr geläufig,“ ſagte Norwood. „Ja, mit dem Franzoͤſiſchen reichen Sie ſchon aus,“ ſagte d'Esmonde, der, nachdem er einen Augenblick un⸗ ſchlüſſig geweſen, ob er Frank's wahres Vaterland nennen ſolle, zu beſchließen ſchien, daß er das Geheimniß vor der Hand noch für ſich behalten wolle. „Aber es köͤnnte dieß beſſer morgen gethan werden,“ ſagte Norwood. „Morgen iſt es zu ſpät,“ flüſterte d'Esmonde.„Ge⸗ hen Sie jetzt; wenn Sie zurückkommen, ſollen Sie meine Gründe erfahren.“ 1 Auf dem Wege nach dem Boothauſe nahm Norwood nur wenig Notiz von den Verſuchen des Canonicuus, ein Geſpräch anzuknuͤpfen. Sein Geiſt war mit andern Ge⸗ danken beſchaͤftigt. Es nahte der Augenblick der offenen 214 Empörung, und es ſtiegen jetzt Zweiſel in ihm auf über d'Esmonde's Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Zwar waren viele Prieſter für die wildeſten Theorien der Demokratie eingenommen;— es waren dieſelben Männer von mehr denn gewöhnlicher Capacität, mit weit weniger als dem gewoͤhnlichen Maße weltlicher Vortheile. d'Esmonde aber gehörte nicht zu dieſen; es gab keine Grenze für ſeinen rechtmäßigen Ehrgeiz,— keine Kirchenwürde, nach der er nicht hätte trachten dürfen. Welche Vortheile konnte er alſo aus einer großen politiſchen Erſchütterung ziehen? „Er wird der Papſtwürde darum nicht näher ſein, wenn die Kanonen den Vatican zuſammendonnern!“ Solcher Art waren die Erwägungen, die ſeinen Geiſt beſchäftigten, während er nach dem Boothauſe ging,— und Norwood vermochte die Zweifel, die in ihm aufgeſtie⸗ gen waren, nicht zu löſen. Auf der Thürſchwelle ſaß eine Geſtalt, die den Kopf zwiſchen den Händen begraben hatte; als ſie aber die Andern herankommen hoͤrte, erhob ſie ſich geſchwind, und richtete ſich auf. 3 „Sie kommen zu ſpät, mein Herr!“ ſagte die Ge⸗ ſtalt ernſt, zum Prieſter gewandt;„mein armer Kamerad iſt nicht mehr!“ „Da haben wir es! Und ſie haben mir keine Ruhe gelaſſen, bis ich in die kalte Nachtluft hinausging,“ ächzte der Canonico. Die Grauſamkeit, über die er ſich beklagte, mußte ihm wirklich ſchwer auf dem Herzen liegen. Frank wandte ſich weg, und trat, ohne ein Wort zu ſprechen, wieder in das Haus, während Norwood ihm ſchweigend folgte. Auf einem niederen Feldbette lag der todte Soldat; ſein männliches Geſicht war ſo ruhig, wie das kalte Herz in ſeiner Bruſt. Ein alter, bronzefarbener Soldat ſaß zu den Füßen des Bettes; Thränen floſſen ihm langſam über die Wan⸗ 215 gen herab, während ſeine mit Blut unterlaufenen Augen auf ſeinen Kameraden geheftet waren. Es war das erſte Blut, das in der Sache der ita⸗ lieniſchen Unabhängigkeit vergoſſen worden war, und Nor⸗ wood ſchaute das Opfer nachdenkend an. „Der arme Burſche!“ ſagte er;„die, welche ihn tödtlich verwundeten, bedachten nicht, welche Sympathie für Freiheit dieſe Jacke bedeckte, und wie wahrhaft der Hunne des Italieners Bruder iſt.“ „Sie waren Mörder,— Meuchelmoͤrder,“ rief Frank leidenſchaftlich;„Kerls, die uns hinter Wällen und Bar⸗ ricaden hervor angegriffen.“ „Ihr Vorwurf bedeutet nur ſo viel, daß die Leute keine Soldaten waren.“ 1 „Nein, daß ſie Feiglinge waren,— daß ſie Memmen, niederträchtige Memmen waren. Die Freiheit, nach der ſolche Kerls ſtreben, wird ihrer wohl würdig ſein! Aber keine Sylbe mehr davon!“ rief er ungeduldig.„Iſt nicht eine Kirche in der Nähe, wohin ich dieſen Leichnam brin⸗ gen kann?— Er war ein Katholik.“ „Es iſt eine Kapelle bei der Villa; ich will für Sie um die nothige Erlaubniß bitten.“ „Sie werden mir einen Gefallen erweiſen,“ ſagte Frank,„denn ich muß alsbald nach Mailand.“ „Sie werden Ihre Kameraden ſchwerlich mehr dort finden,“ ſagte Norwood. Frank fuhr vor Ueberraſchung zuſammen, und der Andere fuhr alſo fort: „Es gehen Gerüchte um über einen ernſten Aufſtand, der in der Stadt ausgebrochen, und Einige ſagen, die kaiſerlichen Truppen hätten ſich bereits nach Mantua hin zurückgezogen.“ „Die, welche Solches ſagen, kennen die oͤſterreichiſchen Soldaten nicht,“ ſagte Frank hochmüthig;„aber eben dieß iſt ein weiterer Grund für mich, keine Zeit hier zu verlieren.“ „So kommen Sie, ich will Ihnen den Weg nach der Kapelle zeigen!“ ſagte Norwood, der ſich eines Gefühls der Theilnahme nicht enthalten konnte. Frank ſprach mit ſeinen Leuten einige Worte in ungari⸗ ſcher Sprache, und wickelte in aller Eile den Todten in ſeinen Mantel. Dann wurde der Dahingeſchiedene auf eine Thüre gelegt, und neben ihn, zu beiden Seiten, ſein Tſchako und ſein Säbel. „Sorgen Sie dafür, daß er wie ein tapferer und treuer Soldat begraben wird,“ ſagte Frank ſtammelnd, während ſie ſo fort gingen.„Dieß wird zur Beſtreitung der Koſten hinreichen.“ „Nein, nein; es bedarf deſſen nicht,“ ſagte Norwood, die dargebotene Börſe zurückſchiebend.„Wir werden das ſchon beſorgen.“ „Laſſen Sie ihm auch, um ſeines Freundes willen, einen Grabſtein ſetzen. Er hieß„Stanislaus Ravitzky.“ „Und darf ich Sie bitten, mir zu ſagen, wie Sie heißen?“ ſagte Norwood. „Sie werden meinen Namen aus einem der erſten Berichte des Mailänder Kriegsgerichts erfahren,“ ſagte. Frank bitter. „Warum gehen Sie alſo nach Mailand?— Warum eilen Sie Ihrem Verderben entgegen?⸗ „Sie wollen ſagen, warum ich nicht deſertire?— Warum ich meine Ehre nicht verſcherze, und meinen Eid nicht breche? Weil ich ein Gentleman bin, mein Herr; — und wenn dieſe Erklärung Ihnen unverſtändlich iſt dann iſt es um ſo ſchlimmer für Sie.“ .„** „Ich habe ihn in der Kapelle gelaſſen,“ ſagte Nor⸗ wood zu d'Esmonde einige Minuten nach dieſem Geſpräche; ver liegt neben dem Leichnam auf den Knien, und betet. 217 Es iſt Nichts mit ihm anzufangen. Es iſt reiner Zeit⸗ verluſt, es zu verſuchen.“ „Um ſo ſchlimmer für ihn!“ ſagte d'Esmonde, in bedeutſamer Weiſe die Worte wiederholend, über die Nor⸗ wood ihm Bericht erſtattet hatte. Dann verließ er eilig den Ort, und ging nach der Straße hin, wo jetzt ein öſterreichiſches Piket neben den Pferden ſtand. „Hier iſt der Verhaftbefehl, den Sie überbracht haben, mein Herr,“ ſagte d'Esmonde zu dem Offtzier, ihm das Papier überreichend;„Sie werden die Perſon, die Sie ſuchen, in der Kapelle dort finden.“ Der Offtzier ſalutirte, und hieß ſeine Leute aufſitzen, während d'Esmonde in einen düſteren Theil des Gebüſches trat, und einen Augenblick darauf verſchwunden war. Fünfundfünfzigſtes Kapitel⸗ Peter Dalton über Politik, Recht, und geſelliges Leben. Wir haben Baden im„trüben Winter ſeiner Unzu⸗ friedenheit,“— in ſeiner Viel verſprechenden Frühlingszeit geſehen, und kommen jetzt noch ein Mal dahin zuruͤck, während es in ſeinem vollen Mittagsglanze ſtrahlt. Es war der Hoͤhepunkt der Saiſon! Und welche Welt von Verſchwendung verkörpert nicht dieſe Phraſe! Welche ſorg⸗ loſe Extravaganz,— welch' gedankenloſe Verſchwendung, welche Maſſe ſyſtematiſchen Laſters überfirnißt durch feine Manieren,— welche Maſſe von Schönheit, der es nur an der Unſchuld gebricht, um faſt göttlich zu ſein 1. All' 218 die Reize einer lieblichen Gegend,— all' die Pracht des Reichthums,— all' die Beihülfe der Muſik und der Ma⸗ lerei,— all' die Wohlgerüche der Blumen,— all' das Singen der Vögel, in den Dienſt wollüſtiger Verſchwen⸗ dung gepreßt, und gezwungen, einen falſchen Glanz über eine Scene hinzuwerfen, wo das Laſter allein vorherrſcht! Es war das Lager des Vergnügens, in dem ſich Alle einfanden, die unter dieſem Panier kämpfen wollten. Und da waren ſie nun, ein bunter Haufe von Fürſten, Miniſtern, und Generalen. Die verderbten Kinder der Faſhion,— der freche Abenteurer,— der bankerotte Speculant,— die geſchmeichelte Schönheit in all dem Glanze ihrer Lie⸗ benswürdigkeit,— die befleckte Tugend in all der Frech⸗ heit der Eroberung! Seltſame, bunt zuſammengewürfelte Elemente,— das Gute neben dem Böſen,— der höͤchſt⸗ geehrte Heroismus neben der tiefſten Schmach und Er⸗ niedrigung,— Alles das war hier brüderlich vereint. Gleichſam in Folge einer conventionellen Mißachtung all der Normen und Gewohnheiten, welche die Geſell⸗ ſchaft regieren, ſtellte man ſich hier mit Leuten auf einen vertrauten Fuß, die man anderswo ſorgfältig vermieden haben würde. Das Laſter ſchien, gleich der Armuth, alle Nang⸗ und Standesunterſchiede vernichtet zu haben, und es ſetzten ſich der decorirte Edelmann und der gebrand⸗ markte Verbrecher, gleich Brüdern, an einen und denſel⸗ ben Tiſch. Unter der ganzen fröhlichen und geputzten Menge, die den Curſaal anfüllte, ſchien Niemand groͤßeres Wohl⸗ gefallen an dem Glanze und den Genüſſen der Scene zu haben, als ein dicker, ältlicher Mann, der, in einem nach Jokey⸗Art geſchnittenen Rocke und in einer prachtvollen Weſte, am Ende eines der Tiſche ſaß,— ein Poſten, den die höfliche Aufmerkſamkeit der Kellner beſtimmt für den ſeinigen erklärte. Innerhalb einer Art ringfoͤrmiger Ver⸗ ſchanzung, beſtehend aus Flaſchen jeder Art und Groͤße, erſchien er als der Genius der Gaſtfreundſchaft und der 219 Verſchwendung; und man brauchte nur zu bemerken, wie manches Lächeln ihm galt,— wie mancher ſanfte Blick ihm zugewandt war, um zu ſehen, daß er den Mittelpunkt der intereſſirten Schmeichelei bildete. Es lag in ſeinem Aeußern eine ſorgloſe, unbefangene, geräuſchvolle Luſtig⸗ keit, die man ſchlechterdings nicht verkennen konnte, und ein lautes herzliches Lachen zeugte von ſeiner überaus glücklichen Laune. Gleich„ſpeciellen Geſandten“ wander⸗ ten ſeine Champagnerflaſchen nach beiden Seiten des Tiſches hin, und jeden Augenblick wurde ſeine gaſtfreund⸗ liche Aufmerkſamkeit durch ein freundliches Kopfnicken oder eine artige Verbeugung anerkannt. Auf jeder Seite ſaß neben ihm ein Haufen beſonderer Schmarotzer, und es fehlte weder an Witz noch an Schoͤnheit, um deren Geſell⸗ ſchaft zu einer angenehmen zu machen. Es liegt eine Art falſcher Affection,— eine Art falſcher Anhänglichkeit in den einem ſolchen Manne dargebrachten Huldigungen, welche die Schmeichelei unendlich verführeriſcher macht, als all die reſpectvolle Hingebung, die je ein Monarch ihnen gab. Und ſo kam es,— brauchen wir ſeinen Namen erſt zu nennen?— unſerem alten Freunde, Peter Dalton, vor. „Es war faſt ſo gut wie in Irland, wenn man die glorios ſchwellenden Töne eines Corps von Fuchsjägern, oder das wilde„Hip, Hip“ eines Lieblingstoaſtes ausnahm.“ Und ſollen wir unſere ehrliche Meinung ſagen, ſo war es in einiger Hinſicht noch etwas beſſer, als auf der lieben Inſel. Peter war mit Leib und Seele Irländer, und hielt, gleich ſeinen Stammesgenoſſen, Alles auf hohe Geſellſchaft, und es war für ihn kein geringer Genuß, ſich überall von königlichen und durchlauchtigſten Hoheiten umgeben zu ſehen, und zu wiſſen, daß einige der großen Namen Eu⸗ ropa's auf das Gericht warteten, das aus beſonderer Rückſicht ihm zuerſt ſervirt wurde. Auch war in dem prächtig decorirten Saale mit ſeinen Fresken, Spiegeln, Kronleuchtern und Bouquets ein Schimmer und ein Glanz, 6 220 wodurch er total geblendet wurde. Selbſt das, was ein gebildeterer Kritiker nicht ſo ganz nach ſeinem Geſchmacke gefunden haben würde, hatte für ihn ſeine Reize, und nie war es ihm wohler geweſen, als in dem Getöſe und in dem Lärmen. Das Klirren der Gläſer und der Teller war ſeinen Ohren die wonnevolle Harmonie eines geſelli⸗ gen Beiſammenſeins. 4 Seine Freude und ſeine froͤhliche Laune hatten ihren Höhepunkt erreicht. Einige Tage vorher hatte er von Kate eine ziemlich bedeutende Summe zugeſchickt erhalten. Die Wechſel waren einem an Nelly gerichteten Briefe beigeſchloſſen, den er nicht geleſen hatte, und den er auch nicht leſen mochte. Nur ſo viel wußte er, daß ſie in Sct. Petersburg war, und auf Midſchikoff's Ankunft wartete. Das Geld ließ ihn an nichts Anderes mehr denken, und ehe noch Nelly die Hälfte der erſten Seite flüchtig geleſen, war er ſchon fort, um die Wechſel bei Abel Kraus, dem Wechsler, in klingende Münze umzuſetzen. Was Frank betrifft, ſo hatten ſie ſeit mehreren Mo⸗ naten Nichts mehr von ihm gehoͤrt. Zwar hatte Nelly⸗ von Graf Stephan einige Zeilen erhalten; allein es ſchienen dieſelben nichts beſonders Intereſſantes zu enthalten, denn ſie ging bald, nachdem ſie ſie geleſen, in ihr Zimmer, und Dalton vergaß, ſie weiter zu fragen. Er war nicht der Mann, der mögliche Unfälle im Geiſte heraufbeſchwor. Stets zu geneigt, das Beſte zu glauben, ſah er die Welt immer nur von ihrer ſonnigſten Seite an, und wollte er nie ein Unglück anerkennen, ſo lange noch irgend eine, wenn auch noch ſo kleine Oeffnung da war, durch die er demſelben entgehen zu können hoffte. „Warum wollte ſie nicht glücklich ſein? Was, beim Henker, konnte ihr fehlen? Warum ſollte er ſich nicht behaglich fühlen?— War er nicht ſo ſtark wie ein Stier, und dabei noch nicht einmal zwanzig?“ Solcher Art waren die Troͤſtungen ſeiner Philoſophie, und beſſerer be⸗ durfte er nicht. 221 Auch pflegten ſeine Schmeichler kleine Bruchſtücke von Neuigkeiten über die„Fürſtin“ und den„jungen Grafen“,— wie ſie Frank nannten,— zu geben. Dalton verſchlang dieſelben, und ſuchte ſie, ſo gut es eben angehen mochte, Nelly wieder zu erzählen, wenn er Abends nach Hauſe kam. Mehr wollte er nicht wiſſen, und der kleine Seufzer, womit er ſein Champagnerglas auf die Geſund⸗ heit ſeiner abweſenden Kinder leerte, war der ganze Kum⸗ mer, den die Trennung ihm verurſachte. Zwar wünſchte er dann und wann doch auch, daß ſie bei ihm ſein möchten; er hätte den Fremden gerne gezeigt,„was ein iriſches Mädchen wäre;“— auch hätte es ihn gefreut, wenn ſein hübſcher Junge ſich„unter den grinſenden, mit lauter Haaren bedeckten Pavianen“ hätte ſehen laſſen koͤnnen. Er wünſchte dieß um ſo mehr, da Nelly mit ihm nie ausgehen wollte, oder aber es nur mit ſo offenbarem Widerwillen und mit ſo vieler Scham that, daß ſogar ſeine Selbſtſucht es nicht über ſich bringen konnte, dieſes Opfer zu verlangen.„Vielleicht thut es ihr wehe, daß ſie Andere tanzen ſehen muß, und wegen ihrer Lahm⸗ heit ſelbſt nicht mitmachen kann,“— ſolcher Art war die Erklärung, die er ſich ſelbſt von dieſem ſeltſamen Beneh⸗ men gab und ſo oft der ehrliche Peter auf Etwas ge⸗ ſtoßen war, was ihm wie ein Grund vorkam, dachte er nie mehr an die Sache. Es war eine bezahlte Schuld, und es war ihm ganz ſo zu Muthe, als ob er die Quit⸗ tung in Händen gehabt hätte. An dem Tage, von dem wir jetzt ſprechen, war er über die Maßen glücklich. Ein iriſcher Pair war, auf ſeinen Arm geſtützt, in den Saal hereingetreten, und hatte ihn, über die Tafel hin, nicht weniger denn zwei Mal „Dalton“ genannt. Der Kellner hatte ſich bei einer koͤnig⸗ lichen Hoheit entſchuldigt, daß er keinen beſſern Johannis⸗ berger habe, indem der„Schloßwein“ ganz für den„Grafen“ — wie Peter genannt wurde,— reſervirt worden wäre. Unſer Freund hatte auch vor dem Diner im Roulett vier 222 hundert Napoleonsd'or gewonnen; und ein Bracelet, das hundert und zwanzig gekoſtet hatie, glitzerte an einem ſchönen Handgelenke zu ſeiner Seite, während, von allen Seiten des Tiſches her, ein Gemurmel kam, in dem man ſeinen Namen, in Tönen unzweifelhafter Schmeichelei, nennen hören konnte. Seine Freude ſchien dadurch ihren Gipfel zu erreichen. „Warum ſind die Plätze dort leer 2“ fragte er den Kellner, indem er auf fünf Stühle deutete, die an den Tiſch gelehnt waren, zum Zeichen, daß die Plätze ſchon belegt ſeien. „Sie ſind von einer engliſchen Familie belegt, die heute Morgen angekommen iſt.“ „Traun! Dann kommen ſie wahrſcheinlich um die Suppe und die Fiſche,“ ſagte Peter;„hier wartet man auf Niemand.“ Und waͤhrend er ſo ſprach, erſchieneu die betreffenden Perſonen. Voran ging eine dicke, ältliche Dame, die impoſant und ſtattlich genug ausſah; ihr ſolgte eine jüngere, ſchmächtige Geſtalt; darauf kam ein ſehr ſchwacher alter Mann, der gebückt ging und von überaus kärglichen For⸗ men war; zuletzt folgte ein kleines roſiges Männchen mit blinkendem Auge und einem kurzen Humpeln, wobei es den Leib drehte, ſo daß es mehr zu tanzen, als vorwärts zu gehen ſchien. „Sie haben die Suppe ſchon ſo—o— o— ortgetragen,“ rief die zuletzt erwähnte Perſon, waͤhrend ſie ihre Ser⸗ viette vor ſich ausbreitete,„und— und, ich glaube, die F— F— F— Fiſche auch.“ „Schweig doch, Scroope!“ rief die feiſte Dame; „halt's Maul!“ „Ja; aber wir werden doch für A— A—Alles zahlen müſſen,“ rief Scroope.. „Darin hat er nicht ſo ganz Unrecht,“ fiel Dalton ein;„wollen Sie ein Glas Champagner mit mir trinken, 223 Herr? Sie werden den Wein kühl und nicht ganz ſchlecht finden.“ Mr. Purvis dankte graziös für dieſe Artigkeit und verbeugte ſich, während er trank. „Bringen Sie doch dieſer Dame die Ortolane, Fritz!“ ſagte Dalton zum Kellner, und Mrs. Nicketts lächelte ihren holdeſten Dank. „Wir kommen ſchrecklich ſpät,“ ſeufzte ſie,„aber die liebe Fürſtin von Stauffenſchwillingen war den gan⸗ zen Morgen bei uns und wir konnten nicht eher fortkommen.“ „Ich glaubte, Du ſeieſt von der Frau aufgehalten worden, die wegen der Vo— Vo— Vorſtellung ge⸗ kommen, w— w— welche die Seiltänzergeſellſchaft zu geben beabſichtigt.“ „Still, Scroope,— willſt Du ruhig ſein? Theuerſte Martha, iß doch von den Trüffeln nicht. Armes Kind, ſie würden Dein Tod ſein.“ So ſprechend, zog ſie den vor ihrer Schwägerin ſte⸗ henden Teller vor ſich hin. „Eine hoͤchſt angenehme, gentlemanartige Perſon,“ murmelte ſie mit einem Flüſtern, das offenbar für Pe⸗ ter's Ohren beſtimmt war. „Wir müſſen ausfindig machen,“ fuhr ſie fort,„wer es iſt. Vermuthlich kennen Sie die Fürſtin, mein Herr? Lieben Sie ſie nicht?“ ſagte ſie, zu Dalton gewandt. „Traun! Wenn Sie die alte mit Schnupftaback beſudelte Dame meinen, die hieher kommt, um ihre Hunde am Brunnen waſchen zu laſſen, ſo muß ich Ihnen ſagen,— jedoch ohne Sie im Geringſten beleidigen zu wollen,— daß ich durchaus nichts Liebenswürdiges an ihr finde. Soll ich Ihnen die Wahrheit ſagen, Ma'am, ſo müßte ein weibliches Weſen ganz anders beſchaffen ſein, wenn ich mich in daſſelbe verlieben ſollte; ich meine natürlich früher, früher! Ja, ja, die Tage ſind vorüber, wo der Glanz der Schoͤnheit die Ruhe meines Herzens zu ſtören vermochte.“ 4 „Die Ketie meines Herzens webte,“ lächelte und flüſterte Mrs. Ricketts. „Ganz richtig. Es läuft auf daſſelbe hinaus. Geben Sie mir den Wein, Fritz! Wollen Sie ein Gläschen mit mir trinken, mein Herr?“ Die Einladung galt General Ricketts, bei dem es un⸗ terſchiedlicher Schuppe, Stöße, und Ermahnungen bedurfte, bis er begriff, was man von ihm haben wollte. „Ihr Vater hat nicht mehr gar viel Lebendigkeit, Miß— es iſt wohl das Alter Schuld daran,“ ſagte Dalton zu Martha, die ſelbſt über die kleine in der Be⸗ merkung liegende Schmeichelei errothete. 8 „Die Conſtitution des Generals iſt durch den langen Kihediſ geſchwächt worden,“ bemerkte Mrs. Ricketts olz. „Ja, und allem Anſcheine nach war ſchon Anfangs nicht Viel daran,“ antwortete Peter, während er mit vieler Selbſtbefriedigung ſeine eigene ſtattliche Geſtalt muſterte. „Vierzehn Jahre im Hima— Hima— Hima— „Himalaya, Scroope,— im Himalaya.“ „Es iſt der hoͤchſte Be— e— e— erg in der ganzen Welt!“ fuhr Purvis fort. „Was die Feuchtigkeit und Schwammigkeit des Bo⸗ dens betrifft, ſo gehe ich jede Wette ein, daß Ihr Hima⸗ laya es mit den Galtees nicht aufnehmen kann. Da kann man vom fruͤhen Morgen bis an den ſpäten Abend gehen, und bei jedem Tritte bis über den Kopf hineinſinken.“ „Wo ſind denn die Ga— a— altees?“ fragte Scroope. „Ei, wo ſollen ſie denn ſein? Sie können nur in Irland ſein;— ich trinke auf deſſen Wohlergehen und auf den Untergang aller Poliziſten, aller Armencommiſſäre, und all der Leute, die Einen vorzuladen haben!“ Dalton leerte ſein Glas mit feierlicher Energie und 225 ſah aus, wie wenn durch dieſen Zornausbruch ſein Herz von einer zentnerſchweren Laſt befreit worden wäre. „Ihr Irländer ſeid ſo patriotiſch!“ rief Mrs. Ricketts enthuſtaſtiſch. „Ich glaube, daß wir das ſind,“ antwortete Dalton. „Nur geben wir dieß auf eine etwas wunderliche Weiſe zu erkennen.“ „Ich bemerke, daß die ½— L.— Leute nie in Ir⸗ land bleiben, w— w— wenn ſie es anders machen können,“ gackerte Purvis. „Gut, und warum ſollten ſie nicht reiſen? Lernt man dadurch die Verbeſſerungen kennen, wenn man ewig zu Hauſe,— wenn man ewig an einem und demſelben Orte bleibt? Da köͤnnte man vierzig Jahre lang Whisky⸗ Punſch trinken und nie erfahren, wie der Champag⸗ ner ſchmeckt. Durch das immerwährende Eſſen von Kar⸗ toffeln könnte man ſich nie einen Begriff von dem Ge⸗ ſchmacke der Trüffeln machen. Ich ſage Ihnen, es geht Nichts über das Reiſen!“ „Ganz richtig!“ ſeufzte Mrs. Ricketts:„aber wie der Dichter ſagt, wohin ich immer gehen, welche Reiſe ich immer machen mag— „Der Teufel ſoll mich holen, wenn Sie je ein Land finden, das ſo arm iſt, wie Irland,“ ſiel Dalton ein, der ſich jetzt kopfüber in ein Lieblingsthema hineingeworfen hatte.„Mit andern Ländern geht es beſſer, mit Irland aber immer ſchlimmer.“ „Man ſagt, die Ka— Ka— Ka—“ ſchrie Seroope. „SDu willſt ſagen, der Papſt?“ „Nein; die Ka— Ka— Kartoffeln ſind an Allem Schuld.“ „Die Leute koͤnnten dann ebenſo gut das Maul hal⸗ ten,“ fiel Peter ein, deſſen Dialect immer breiter wurde, wenn er aufgeregt war.„Warum ſagen ſie mir nicht, daß, wenn ich zu arm wäre, um ſchönes Tuch zu kaufen, Die Daltons. W. 15 226 ich beſſer daran thun würde, nackt zu gehen, als Cordu⸗ roy⸗Hoſen zu tragen? Nicht als ob mir an ſolchen beſonders viel läge— Miß!“ ſagte er, zu Martha ge⸗ wandt, die ſchon über dieſe ſeine Zuſammenſtellung er⸗ röthete.. 3„Ich fürchte, das Uebel liegt tiefer,“ ſeufzte Mrs. Ricketts. „Sie meinen die Sümpfe?“ fragte Dalton. „Nicht gerade, mein Herr; ich ſpiele aber auf die traurigeren Sümpfe des Aberglaubens und der Unwiſſen⸗ heit an, womit das Land angefüllt iſt.“ Für Peter waren die geſprochenen Worte eben ſo viele Räthſel, und er kratzte ſich hinter dem Ohre, wie ein Mann, der Nichts mehr zu antworten weiß. „Meine Schweſter meint, die P— P— P— „Die Vorlader?“ „Nein; die P— P— P— Prieſter,— die Prieſter,“ ſchrie Purvis. „Was Ste nicht da ſagen!“ rief Dalton in einem Tone unausſprechlicher Verachtung.„Ich ſehe ſchon, daß Sie Irland mächtig gut kennen!“ „Sie ſind alſo nicht mit mir einverſtanden?“ ſeufzte Mrs. Ricketts.“ 3 „Ganz und gar nicht. Wollten Sie denn einem Lande, in dem Nichts als Unwiſſenheit iſt, vollends das Bischen Erziehung nehmen?— Möchten Sie denen, die hinieden Nichts als Hunger und Elend haben, die Hoff⸗ nung auf den Himmel rauben? Probiren Sie's einmal, — probiren Sie's nur einmal! Von der Humanität will ich hier gar Nichts ſagen; aber probiren Sie's nur ein⸗ mal,— Sie werden dann ſehen, was dann paſſirt! Pad iſt jetzt ſchon nicht gar ordnungsliebend, aber traun! dann würden Sie ganz und gor einen Teufel aus ihm machen!“ 4 4 „Aber der Papismus, mein lieber Herr,— aber der Beichtſtuhl—“ 4 227 „Was Sie da ſagen!“ ſagte Dalton mit einer Hand⸗ bewegung.„Was verſtehen Sie davon? Sie kommen mir gerade vor, wie die Leute, die ſchon vor langer Zeit über die Trunkenheit ſprachen. Ich erinnere mich noch gar gut der Zeit, wo man ein gewaltiges Geſchrei erhob über die verſchwenderiſchen Gewohnheiten iriſcher Gentle⸗ men, und doch fiel es während der ganzen Zeit keinem ein, Etwas zu trinken, was ſeiner Conſtitution ſchadete. Wohl⸗ an! ebenſo verhält es ſich mit der Beichte;— Jeder ge⸗ braucht davon nur ſo Viel, als er gerade mag und brau⸗ chen kann. Sie haben Ihre kleinen Fehler, und ich habe meine kleinen Fehler, und die junge Dame dort hat ihre— ei, ich wollte Sie nicht erröthen machen, Miß, ſondern wollte bloß ſagen, daß Niemand, der nicht gerade ins Narrenhaus gehört, gegen ſich zu ſtrenge iſt!“ „Mit ver B— B— Beichte wäre es alſo Nichts? rief Purvis. „Wer hat denn Ihnen das geſagt?“ ſagte Peter ernſt.„Iſt es Nichts, wenn Sie morgen bankerott wer⸗ den, und dann vom Pfund zwei Shillinge und ſechs Pence zahlen? Beweist das nicht auf jeden Fall eine ehrliche Abſicht?“ ſagte er, ein Auge zudrückend. „Was find dann aber die Uebel Irlands?“ fragte Mrs. Ricketts mit anſcheinend lebhaftem Intereſſe. „So will ich es Ihnen denn ſagen,“ ſagte Dalton langſam, während er ein großes Glas mit Champagner füllte.„Es ſind nicht die Prieſter,— es ſind nicht die Kartoffeln,— und ebenſo wenig ſind es die Proteſtanten, obgleich viele reſpectable Perſonen dieſer Meinung find; denn ſehen Sie, wir hatten ſtets Prieſter und Kartoffeln, ſowie auch Häuflein von Proteſtanten; aber das wirkliche Uebel Irlands,— und kein Lebender kennt daſſelbe beſſer, als ich,— iſt etwas ganz Anderes: ich will es Ihnen ſagen.“ 8 Und er bückte ſich, und ſprach flüſternd: „Hoͤren Sie einmal,— es iſt das, wenn man bezah⸗ len ſoll, und doch kein Geld hat!“ Die ernſte Feierlichkeit dieſes Ausſpruchs ſchien die Sache für Mrs. Nicketts nicht im Mindeſten verſtändli⸗ cher zu machen, denn dieſe Dame ſah unzweifelhaft wie der wahre Typus des Erſtaunens aus. „Das iſt es,— das iſt es,“ fuhr Dalton fort; „wenn man zahlen ſoll, und doch kein Geld hat!l Das iſt der Ruin Irlands; und wer kann das beſſer wiſſen, als ich,— wie ich Ihnen bereits geſagt? Denn ſehen Sie, wenn man Geld ſchuldig iſt, und man keines hat, ſo muß man ſich ſolches auf irgend eine Weiſe zu verſchaffen ſu⸗ chen. Sie wiſſen, was das ſagen will? Und wenn Sie es nicht wiſſen, ſo will ich es Ihnen ſagen. Es heißt, Pfandſcheine und Obligationen ausſtellen; es heißt, über⸗ triebene Pachtzinſe verlangen und alte Pächter verjagen; es heißt, eine elegante Haushaltung aufgeben; es heißt, die Pferde bei Dycer verkaufen; es heißt, ganz und gar zum Teufel gehen,— und zwar nicht allein, ſondern mit Allen, die Einem angehören. Es gehen zum Teufel die Gewerbsleute, mit denen man zu ſchaffen gehabt;— es geht zum Teufel der ländliche Kaufladen, wo man Alles kaufte; es geht zum Teufel der Zehnte;— es gehen zum Teufel die Stolgebühren der Geiſtlichkeit,— es bleibt ihnen auch nicht ein Farthing.“ „Aber Sie werden doch nicht damit ſagen wollen, daß die Leute ihre Schu— u— ulden nicht bezahlen ſollen?“ ſchrie Purvis. „Alles hat ſeine Zeit,“ antwortete Dalton.„Das Raſiren iſt etwas mächtig Nützliches; aber hoffentlich werden Sie doch nicht von einem Manne verlangen, er ſolle bei Nacht aus ſeinem warmen Bette heraus, um ſich den Bart abzunehmen, oder abnehmen zu laſſen? Ich meines Theils ſperrte das Geld nie ein;— auch mein ſchlimmſter Feind kann ſo Etwas nicht von mir ſagen. Man gebe es aus, man verzehre es, ohne zu knickern 229 wenn man welches hat; aber gewiß heißt es nicht, ſein Geld verzehren, wenn man dreißig oder vierzig Jahre alte Schulden bezahlt, die ſchon vom Urgroßvater gemacht worden ſind?“ „Man ſollte aber gerecht ſein, ehe man fr— f— freigebig iſt.“ „Traun! Ich moͤchte Beides ſein,“ ſagte Dalton, der mit angeborener Caſuiſtik eine Discuſſion einzig und allein in der Abſicht, einen Gegner zu necken oder zu myſtificiren, ſortſetzte.„Ich möchte gerecht gegen mich ſelbſt, und freigebig gegen meine Freunde ſein,— das iſt meine Geſinnung; und es ſagt dieß Peter Dalton 12 „Dalton!“ wiederholte Mrs. Ricketts leiſe—„hat er nicht geſagt Dalton, Martha?⸗ „Ja, Schwägerin, er hat Dalton geſagt.“ „Haben Sie nicht ſo eben geſagt, Ihr Name ſei Da— Da— a— a—“ „Nein, ſo habe ich nicht geſagt!“ rief Peter lachend. „Ich habe ſo deutlich, wie nur ein Menſch ſprechen kann, Peter Dalton geſagt; und wenn Sie ſchon einmal in Irland geweſen ſind, ſo haben Sie ohne Zweifel den Na⸗ men nicht erſt jetzt gehört.“ „Wir haben in Florenz eine junge Dame gekannt, die ſo hieß.“ „Iſt es Kate,— iſt es meine Tochter Kate?“ rief der alte Mann entzückt. „Ja, ſie hieß Kate,“ antwortete Mrs. Ricketts, deren ſtrategiſcher Blick ſchon ein Heer von Folgen vorausſah, die ſich an die neue Bekanntſchaft knüpften.„Welch hol⸗ des Geſchoͤpf war ſie doch!“ „Und fie haben Kate gekannt?“ rief Dalton aber⸗ mals, die Gruppe mit lebhaftem Intereſſe anſchauend. „War es aber auch meine Kate;— vielleicht war es nicht die meine!“ „Sie wohnte im Palazzo Mazzarini bei Lady Heſter Onslow.“ 5 230 „Dann iſt ſie es,— ja, dann iſt ſie es! O ſagen Sie mir doch Alles, was Sie wiſſen,— ſagen Sie mir doch Alles, was Sie von ihr nur denken können. Viele, viele Jahre lang war ſie das Licht meiner Augen!— Iſt die alte Dame krank?“ rief er plötzlich, denn Mrs. Ricketts hatte ſich auf ihrem Stuhle zurückgelehnt, und hielt ihr Geſicht mit ihrem Taſchentuche bedeckt. „Sie iſt nur angegriffen,“ ſagte Martha, indem ſie ſich raſch ihres Shawls entkleidete, und ſich anſchickte, in der bekannten Weiſe thätig zu ſein. Scroope ſeinerſeits griff, in einem Anfalle groß⸗ müthiger Angſt, nach der erſten Flaſche, die neben ihm ſtand, und füllte ſich daraus ein tüchtiges Glas. „Sie und Ihre T— T— T— Tochter waren wie Schweſtern zuſammen,“ flüſterte Seroope unſerem Freunde Dalton zu. „Der Teufel! So ſtanden ſi. zu einander!“ rief Peter etwas ungläubig.„Aber geht es nicht ſchlimmer mit ihr,— ſie zittert ja am ganzen Leibe?“ Mrs. Rickett's Zuſtand nahm jetzt die lebhafteſte Sympathie in Anſpruch, denn ſie ließ die Augen wild umher laufen, und erſchien wie eine mit dem Tode kämpfende Perſon. „Iſt ſie da, Martha? Iſt ſie in meiner Nähe,— kann ich ſie ſehen,— kann ich ſie berühren?“ rief ſie in faſt herzbrechenden Toͤnen. „Ja, ja; Du ſollſt ſie ſehen; ſie ſoll Dich nicht verlaſſen!“ ſagte Martha, wie wenn ſie ein Kind lieb⸗ koſete.„Wir müſſen ſie von hier weg bringen; wir können ſie nicht länger hier laſſen!“ „Gewiß,— gewiß!“ rief Dalton.„Es gibt hier ein leeres Zimmer. Auf jeden Fall hat ſie ein weiches Herz,— das muß ich ſagen.“ Und während er dieß ſagte, ſtand er auf, und trans⸗ portirte mit Hülfe von einem halben Dutzend Kellner die 231 jetzt bewußtloſe Zoe, ihren Stuhl, und Alles, was ihr gehörte, in ein kleines, an den Saal ſtoßendes Zimmer. „Das iſt die Hand ihres Vaters,“ murmelte Mrs. Ricketts, während ſie Dalton's Hand in die ihrige preßte, —„die Hand ihres Vaters!“ „Ja, meine Liebe!“ ſagte Dalton, den Druck er⸗ wiedernd, und, um der bloßen Geſelligkeit willen, einen ſtarken Trieb zum Weinen in ſich verſpürend. „Wenn Sie wüßten, wie ſie einander liebten,“ flü⸗ ſterte Martha, während ſie ſich damit beſchäftigte, Hauben⸗ bänder anders zu befeſtigen, um ſie vor kalten Umſchlägen zu ſichern,— und Spitzen vor dem verderbenden Einfluſſe ſtärkender Mittel zu bewahren. „Es iſt doch wunderbar,— es iſt doch wunderbar!“ rief Peter, der über eine ſo gewaltige und ſo plöͤtzliche Fülle von Empfindungen und Gemüthserregungen wirklich ganz verblüfft war. „Sag' ihm doch, er ſolle zu ſeinem Diner zurückkehren, Martha; mach' doch, daß er wieder in den Speiſeſaal geht!“ ſeufzte die kranke Dame halb träumeriſch. „Ich wäre nicht im Stande, jetzt einen Biſſen zu eſſen; es würde mich auf der Stelle erwürgen, wenn ich auch nur das Geringſte in den Mund nehmen wollte,“ ſagte Dalton, der ſich von Niemand in Beziehung auf Senſibilität übertreffen laſſen wollte. „So lange ſie in dieſem Zuſtande iſt, darf man ihr um keinen Preis wiverſprechen,“ ſagte Martha vertrauens⸗ voll.„Es hängt Alles davon ab, daß man ihr den Willen thut.“ „Das iſt doch wunderbar!“ rief Dalton abermals, —„wahrhaft wunderbar!“ „Gehen Sie doch in den Speiſeſaal zurück, ich bitte Sle darum; ſie wird bald wieder ganz wohl ſein,“ er⸗ wiederte Martha, die vermittelſt des Inhalts eines nacht⸗ ſackartigen Reticüls das Aeußere der ſchoͤnen Zoe bereits ganz in das einer Patientin verwandelt hatte. 23² „Es iſt doch wahrhaft wunderbar; das geht noch über Banagher,“ murmelte Peter, während er in den Saal zurückging, und wieder ſeinen Platz am Tiſche einnahm. 4 Die Geſellſchaft hatte ſich ſchon entfernt, und außer Purvis und dem General waren nur noch wenige Gäſte zurückgeblieben. „Hat ſie dieſen Anfall oft?“ wurde Purvis von Peter gefragt. 3 „Nur w— w— wenn auf ihre Gefühle ein— ein— eingewirkt wird; ſie iſt ſo e— e— empfindſam!“ „Das nenne ich denn doch ein allzuweiches Herz!“ ſagte Peter, indem er ſein Glas füllte, und über eine Schwäche ſeufzte, die er mit all ihrem Elende genauer zu kennen glaubte.„Und ihr Name, wenn ich ſo frei ſein darf?“ „Ricketts— Mrs. Montagne Ricketts. Dieß iſt Ge— Ge— General Ricketts.“ Bei dieſen Worten blickte der alte Mann auf, lächelte ſanft, und näherte das Glas ſeinen Lippen. „Ich trinke auf Ihr Wohl, und mögen Sie noch lange und glücklich leben,“ ſagte Peter, die Artigkeit er⸗ wiedernd,„Ricketts,— Ricketts! Ich habe den Namen gewiß ſchon gehört.“ „Vielleicht haben Sie denſelben in den Depeſchen des He— e— erzogs geſehen.“ „Nein, nein, nein. Ich habe keine dieſer Depeſchen auch nur mit einem Auge geſehen. Ich habe den Namen hier, in Baden, gehoͤrt. Warten Sie ein wenig, damit ich mich beſinnen kann, wie ich ihn gehoͤrt.“ Aber weder die geiſtige Anſtrengung, noch die Nach⸗ hülfe des Weinglaſes ſchien zu einem befriedigenden Re⸗ ſultate zu führen, denn Dalton ſaß mehrere Minuten nachdenkend da. „Ich glaubte, ich wiſſe den Namen,“ rief er endlich mit einem tiefen Seufzer, den ihm der unglückliche Erfolg 233 dieſer gewaltigen geiſtigen Anſtrengungen entriß;„es geht mir noch im Kopfe herum,— es iſt Etwas von Froſt⸗ beulen,— Froſtbeulen.“ „Aber der Name iſt R— R— Ricketts,“ ſchrie Purvis. „Ja, ja,“ ſeufzte Peter.„Ich komme jetzt darauf. Auf Ehre, jetzt hab' ich's!“ rief er in wildem Entzücken. „Ich wußte doch, daß es mir noch einfallen würde. Sein Name iſt Fogles; der Mann war hier; es war ein Kerl mit einer rothen Perrücke, und es war derſelbe ſo taub, wie ein Thürnagel.“ „Sie wollen ſagen Foglaß?— Fo— Foglaß,— nicht wahr?“ „Ich nannte ihn immer nur Fogles; und gewiß iſt dieſer Name ſo gut wie der andere.“ „Er iſt ſo a— angenehm,“ ſiel Scroope ein, der unter dem Einfluſſe von Dalton’s Champagner jetzt ziem⸗ lich luſtig wurde,„e— e— er iſt ſo angenehm; immer in den h— h— höoͤchſten Zirkeln, und ſpeist mit No— No— No—“ „Mit Nobs,“ fiel Peter ein.„Er könnte etwas Beſſeres und etwas Schlimmeres thun. Ich habe ſchon Lords geſehen, die ſo große Halunken waren, als man nur je von hier bis nach Kilruſh finden kann.“ „Aber Foglaß war immer ſo execl— excluſiv, und hielt ſich in ſeiner hohen Stellung immer ſo ferne von Andern.“ „Je ferner, um ſo beſſer,“ erwiederte Dalton,— „und es ware gut, wenn er ſich ſo fern hielte, daß man ihn gar nicht mehr erreichen koͤnnte, denn noch nie habe ich ein langweiligeres altes Geſchöpf geſehen; und dann hatte der Kerl einen ſolchen Sack voll Geſchichten, und auch nicht eine war luſtig oder drollig; im Gegentheile, es waren dieſelben alle tödtlich langweilig. Ihr könnt in England eine ſolche Sorte von Menſchen für gute Ge⸗ ſellſchaft halten; aber in meinem armen Vaterlande würde 234 ein rother Häring und eine Pinte Bier Ihnen eine Ge⸗ ſellſchaft verſchaffen, der die ſeinige nicht das Waſſer bietet. Sehen Sie, Miſter—“ „P— P— Purvis,“ ſchrie der Andere. „Miſter Purvis,— wenn Sie ſo heißen,— ſehen Sie, ich prahle jetzt nicht, denn der Zuſtand, in dem wir uns befinden, läßt kein Prahlen zu; aber ich wollte nur ſagen, daß es ein mächtig dummes Volk um die Engländer iſt. Sie haben ihre Londoner Witze, und es liegen dieſelben, gleich dem Londoner Porter, Einem ziemlich ſchwer im Magen; auch ſind ſie bitter. Und dann haben die Londoner noch ein Paar Schauſpieler, die ſie vor Lachen berſten machen,— und doch bringen dieſe Schauſpieler jeden Tag im Jahre daſſelbe komiſche Zeug vor. Sie gewöhnen ſich daran, wie an den Rauch, und das Geräuſch, und das Themſe⸗Waſſer; und Nichts könnte ſie von dem Glauben abbringen, daß ſie angenehm, und geſellig, und witzig ſeien,— weil ſie nun einmal reich ſind. Und ich will nicht von dieſer Stelle kommen, wenn Sie nicht unter einem trockenen Bogen der Waſſerleitung von Stoney Batter mehr Lebensweisheit, drolligere Ge⸗ ſchichten, und beſſere Scherze finden, als in ganz Weſt⸗ minſter Hall. Sehen Sie einmal das ſchallende Gelächter in den Gerichtsſälen an; ſchauen Sie einmal das laute Gelächter im Hauſe der Gemeinen an! O Gott, o Gott, es macht mich ganz traurig, wenn ich nur daran denke. Von dem Parlamente mag ich nicht reden, denn das iſt fort; aber gehen Sie einmal in Dublin, oder während der Schwurgerichtsſitzungen in einen iriſchen Gerichtsſaal, — es mag verhandelt werden, was da will,— ein Mord, wenn Sie wollen,— und ſehen Sie, wie luſtig es da zugeht:— der Richter zieht die Jury auf, der Advokat den Richter, und der Angeklagte alle Dreil! Da war der arme alte Norbury,— Gott habe ihn ſelig!— ich erinnere mich wohl noch, wie der vor lauter Lache die ſchwarze Mütze nicht aufſetzen konnte.“ 235 „Und iſt die Ju— u— uſtizverwaltung darum eine beſſere?“ rief Purvis.. „Gewiß. Macht man die Geſetze nicht, um die Spitz⸗ büberei an den Pranger zu ſtellen, damit die Leute nicht ſo leicht angeführt werden koͤnnen? Gewiß iſt es nicht die Abſicht des Geſetzgebers, Paddy Blake zu hängen, ſondern im Gegentheile, Andere zu verhindern, daß ſie in deſſen Fußſtapfen treten. Und es kommt gar oft in Ir⸗ land vor, daß ein Spitzbube mit heiler Haut davonkommt, ſei es, daß die Juriſten der Krone einen Bock machen, — oder daß in der Anklageakte ſich ein Fehler vorfindet, — oder daß die Jury Gewiſſensſcrupel hat,— Sie wiſſen ſchon, was ich damit ſagen will,— oder daß der Richter Eile hat, und nach Harrowgate oder Tunbridge kommen will. „Anſtatt aber, daß der Spitzbube mit einem hüb⸗ ſchen, funkelnagelneuen Rufe aus dem Gerichtsſaale hinaus⸗ tritt, klebt ihm ein während der gerichtlichen Verhandlung geſprochenes drolliges Wort ſein Lebenlang an, ſo daß es ebenſo gut für ihn wäre, wenn er ohne Weiteres gehängt würde, als wenn er ſo von Pill Lane bis zu den Seen von Killarney ausgelacht und verhöhnt wird. „Erinnere ich mich nicht noch recht gut, daß einer von den Regans,— ich glaube, es war Tim,— zu Tralee wegen Mords vor das Gericht geſtellt wurde? Nun aber konnten ſie ihn wegen dieſes oder jenes Grundes nicht verurtheilen. Entweder war das Alter ſeines Groß⸗ vaters, oder die Farbe des Haares ſeiner Stiefmutter falſch angegeben; oder aber waren die Nägel an ſeinen Schuhen nicht recht beſchrieben; kurz, es fand ſich in der Anklageakte ein Fehler vorz— und ein Fehler in einem ſolchen Schriftſtücke iſt einem Riſſe an einem Dampfkeſſel zu vergleichen,— das heißt, er macht alle weiteren Be⸗ mühungen unnütz. „„Nicht ſchuldig,““ ſagen die Geſchworenen,„„denn wir können zu keinem einhelligen Spruche kommen.“ℳ ——ÿ „„Es iſt das ein drolliger Wahrſpruch,““ ſagt O'Grady, denn der war Richter;„„was will damit ge⸗ ſagt werden?“ „„Die Meiſten von uns ſind für's Hängen, my Lord, aber derer, die ihn laufen laſſen möchten, ſind noch mehr.“ℳ „„Was wollen Sie thun, Mr. Attorney?““ ſagt der Richter.„Haben Sie noch weitere Beweiſe gegen den Angeklagten vorzubringen?““ 3 „Und der Staatsanwalt bückte ſich, und fing an, mit der Richterbank zu ſprechen.“ t „„Recht gut,““ ſagte der Richter endlich,„„wir wollen ihn durch Proclamation auf freien Fuß ſetzen.““ „Warten Sie ein Bischen, my Lord,““ ſagt der alte Blethers, der fünf Guineen für die Vertheidigung bekam, und den Mund noch nicht auſgemacht hatte, „„Ehe mein geachteter, aber geſchädigter Client die An⸗ klagebank verläßt, rufe ich, im Namen und um der bri⸗ tiſchen Juſtiz willen, Ew. Lordſhip an,— beſchwöre ich Sie bei den ewigen Principien unſerer glorioſen Con⸗ ſtitution, den Mann mit einem unbefleckten Rufe von dannen gehen zu laſſen.“ „„Nicht ſo geſchwind, Miſter Blethers,““ ſagt O'Grady,—„nicht ſo geſchwind! Ich gehe heute Abend über Thieve⸗na⸗muck Mountain, und will, mit Gottes Hülfe, Ihren unbeſcholtenen Freund bis morgen hier behalten.““ „Nun ſehen Sie, was ich ſagen wollte. Es iſt ge⸗ rade ſo, als wenn man einem Hunde einen Keſſel an den Schwanz bände.“ Es iſt uns nicht ganz klar, ob Purvis die Geſchichte verſtand, oder dieſe intereſſante Zuſammenſtellung nach ihrem wahren Werthe würdigte; ſo viel aber iſt gewiß⸗ daß er lächelte, und ſchmunzelte, und höͤchſt zufrieden ausſah,— denn Peter's Wein war vortrefflich und voll⸗ kommen abgekühlt. — 23²⁷ In der That ſtellte der würdige Scroope, gleich ſeiner Schweſter, bereits Speculationen darüber an, wie er die Gelegenheit nützen, und auch fernerhin die Achtung einer Perſon cultiviren wollte, deren gaſtfreundſchaftliche Neigungen ſo herrlich waren. Gerade in dieſem Augenblick ſchlüpfte Martha hinter Purvis Stuhl hin, und fluſterte ihm ein Wort ins Ohr. Was ſie ihm immer geſagt haben mochte,— ſo viel koͤnnen wir ſagen, daß es einige Male wiederholt werden mußte, ehe es ihm ganz klar wurde, und erſt nach Ver⸗ flaß von etwa fünf Minuten ſchien ſein Geiſt die ganze Tragweite des Geſagten zu überſchauen. Ge ich ha— ha— habe es!“ rief er,„das iſt es, hed Und er blinzelte mit einem Grade von Schlauheit, der die rechtzeltigſte Würdigung der Nachricht verrieth. „Will die junge Dame ſich nicht ſetzen, und Etwas zu ſich nehmen?“ ſagte Dalton, ihr einen Stuhl an⸗ bietend.„Ein Gläschen ſüßen Weines? Man hat hier eleganten Tokayer.“ „Vielen Dank, vielen Dank,“ ſagte Scroope für die verſchämte Martha,„aber ſie befindet ſich in dieſem Augen⸗ blicke in einer kleinen Verlegenheit. Meine Schweſter wünſcht wieder nach Hauſe zu gehen, und wir können uns des Namens des Hotels nicht mehr entſinnen.“ Dalton brach in ein herzliches Lachen über die Ab⸗ ſurdität des Dilemmas aus. „Es iſt gut, daß Ihr keine Irländer ſeid,“ ſagte er. „Man würde das, bei meiner Ehre, einen Bull nennen.“ Und er wollte vor Lachen berſten.„Wie ſeid Ihr denn hieher gekommen?“ 3 „Zu Fuße,“ ſagte Martha. „Und auf welchem Wege? „Weißt Du es nicht mehr, Scroope?“ „ ‚Ja, ich kann mich e—e erinnern, daß wir über einen kleinen Platz, mit einem Brunnen, gekommen ſind; bann haben wir eine h— h— holzerne Bruücke überſchrit⸗ ten, und dann ſind wir eine Allee von Lindenbäumen herabgekommen.“ „Das glaube ich wohl,“ ſiel Dalion ein;„und welchen fünf Minuten langen Weg kann man hier, in irgend einer Richtung, machen, ohne einen Brunnen, eine hölzerne Brücke, und eine grüne Alle zu ſehen? Es iſt immer daſſelbe, wohin man ſich auch wenden mag, ob man in die Kirche oder in das Spielhaus geht. „Würden Sie des Namens ſich wieder erinnern, wenn Sie ihn hoͤrten? War es der Schwan?“ Purvis ſchüttelte den Kopf. „War es auch der ſchwarze Adler nicht?— Auch nicht La Cour de Londres?— oder das Hotel de Ruſſie?— oder der Zähringer Hof?— oder irgend eines der verwandten Hotels von Baden? War nicht eine große Vorhalle da, als Sie hineinkamen, ringsum geſchmückt mit Pomeranzenbäumen, und angefüllt mit kleinen Courieren, die in goldbetreßten Jacken ſtaken, rauchten, und Bier tranken?“ Scroope dachte, er habe ſo Etwas geſehen. „Natürlich haben Sie Alles das geſehen,“ ſagte Dalton, abermals in ein gewaltiges Gelächter ausbre⸗ chend.„Das findet man in jedem Hotel der Stadt. Auch findet man überall eine Uhr, die nie geht,— und ein Wetterglas, das ſtets auf beſtändig ſteht; und an den Wänden herum findet man Lithographien von all den wundervollen Gaſthöfen Deutſchlands und der Schweiz⸗ mit vierſpännigen Wagen, die in vollem Galopp dahin eilen, und mit auf den Balkonen ſtehenden Damen, und mit wartenden Neitpferden, und mit allen nur erdenklichen Luſtbarkeiten, während der Ort vielleicht ſo todt iſt, wie Darmſtadt.“ Scroope erkannte die Beſchreibung vollkommen, konnte aber durchaus nicht ſagen, wo etwa das Hotgl liegen möchte. —— „Vielleicht iſt es das Kaufmayer'ſche Hotel?— War es außen gelb verblendet?“ Scroope meinte, die Verblendung ſei eine andere geweſen. „Hatte es vorn einen Garten?“ Er konnte es nicht genau ſagen; jedenfalls aber müſſe, meinte er, der Garten nur klein geweſen ſein. „Standen nicht zwei ſteinerne Hunde neben der Thüre?“ Scroope hatte nichts Derartiges geſehen. „Dann,“— rief Peter aus,„gebe ich, beim Himmel, das Rathen und das Fragen auf. Nelly iſt die einzige Perſon, die ſich in dieſem Labyrinthe zurecht finden kann; — ich wenigſtens kann aus Ihren Worten nicht klug werden.“ „Und wer iſt denn N— N— Nelly?“ ſchrie Purvis. „Meine Tochter, Miß Dalton,“ ſagte Peter hoch⸗ müthig, und wie wenn er durch dieſe Frage beleidigt wäre. Scroope beeilte ſich, eine Menge Entſchuldigungen hervorzuſtottern, und erinnerte ſich plötzlich, wie oft ihm ihre Schweſter von der jungen Dame geſprochen, und wie begierig Mrs. Ricketts wäre, auch ihre Bekanntſchaft zu machen. „Nichts iſt leichter, als das,“ ſagte Dalton.„Sie brauchen nur mit mir in mein kleines Haus zu kommen, und mit uns Thee zu trinken. Es wird Nelly recht freuen, diejenigen zu ſehen, die gegen ihre Schweſter freundlich geweſen ſind; und dann wollen wir ſehen, ob wir ihr Gaſthaus nicht ausfindig machen können.“ „Können wir das thun, Martha?“ rief Scroope ſcheinbar unſchlüſſig. „Ich will mit meiner Schwägerin ſprechen,“ ant⸗ wortete ſie ſanft. „Dann thun Sie es, Miß!« ſagte Dalton.„Sagen Sie, wir ſeien ganz allein,— ganz im Familienzirkel, 240 und ſetzen Sie hinzu, daß wir nicht weiter als zehn Mi⸗ nuten zu gehen haben. So es ihr erwünſcht iſt, koͤnnen wir auch einen Wagen nehmen.“ Schon der bloße Gedanke, Gaſtfreundſchaft üben zu können, war für den ehrlichen Peter hohe Wonne. Un⸗ terdeſſen, und ſo lange Martha fort war, um ihre Schwä⸗ gerin zu Rathe zu ziehen, ließ er noch einige weitere Flaſchen kommen, um ſich die Zeit zu verkürzen. „Mir gefällt das alte Männchen recht gut,“ ſagte er im Vertrauen zu Purvis, während er einen freundlichen Blick auf den„General“ warf.„Er ſagt zwar nicht viel, —— GG und hört vielleicht noch weniger; allein was mir an ihm gefällt, iſt, daß er ſein Glas recht nett nimmt, und das⸗ ſelbe, ſobald es leer iſt, mit einem kleinen Seufzer wieder hinſtellt. Es iſt mir in meinem Leben noch nie vorge⸗ kommen, einen ſchlechten Kerl kennen zu lernen, der dieſe Gewohnheit hatte.“ Scroope gab zu verſtehen, daß der General einer der glänzenden Sterne der britiſchen Armee ſei. „Mich kümmert es nicht, ob er Tippoo Sailb gefan⸗ gen genommen, oder ob er Bergen— op— Zoom ein⸗ genommen, und das will Viel ſagen,— denn gewiß lebte nie ein verdammteres Teufelpaar,— wenn nur da Alles bei ihm recht iſt.“ Und Peter berührte die linke Region ſeiner muskeli⸗ gen Bruſt.„ Dann fuhr er fort: „Wenn er ein guter, edler Mann iſt,— wenn er gegen die Armen freundlich, und in der Freundſchaft be⸗ ſtändig iſt, würde ich ſtolzer darauf ſein, ihn zu kennen, als wenn er„Bony“*) oder Brian Maguire wäre!“ Scroope verſicherte ihn, daß die Groͤße des Generals den guten GEigenſchaften ſeines Herzens keinen Abbruch thäte. Und in der That bekräftigte das ſanfte Ausſehen *) Bonaparte. 241 des alten Mannes die geſpendeten Lobſpruche; und er und Dalton nickten und tranken einander zu mit allen Zeichen des freundſchaftlichſten Einverſtändniſſes. Martha war nicht lange abweſend. Endlich kam ſte zurück, und meldete Dalton, wie unendlich dankbar ihre Schwägerin wäre. Aber der Dankbarkeit hielt die De⸗ licateſſe dermaßen die Wage,— aber die Furcht, ſich aufdringlich zu zeigen, war dergeſtalt mit enthuſiaſtiſcher Freude gepaart, daß der arme Dalton durchaus nicht im Stande war, das Gewebe zu entwirren, und ihre wirklichen Abſichten zu erfahren.— „Will ſie denn nicht kommen 2“ fragte er ganz verwirrt. „Ach nein,“ ſagte Martha,—„das will ſie damit nicht ſagen.“ „Dann kommt ſie alſo,“ ſagte er zufriedener. „Sie fürchtet bloß, Miß Dalton zur Laſt zu fallen, — davon gar nicht zu reden, daß der Beſuch ſo ganz und gar unerwartet kommen muß.“ „Sie kennt Nelly nicht,— ſagen Sie ihr das. Sie kennt Nelly Dalton nicht,“ ſagte Peter.„Meine Tochter ſcheut keine Mühe und keine Unbequemlichkeit; ſprechen Sie nur mit ihr von Kate, und Sie werden ſie hinläng⸗ lich für Alles belohnen, was ſie etwa für Sie thun kann.“ „Meine Schwägerin glaubt, es waͤre beſſer, wenn man einen Wagen kommen ließe;— ſie iſt ſo ungemein ſchwach,“ bemerkte Martha ſanft. „Gut, in einem Augenblick ſoll einer da ſein. Fritz, ſchicken Sie doch Jemand nach dem Platz hinab, und laſſen Sie einen Shandradan,— ich meine einen Wagen, holen. Es iſt ein drolliger Name für eine Kutſche.“ Und er lachte herzlich über den Einfall. Dann fuhr er fort: „Und nun, Maſter Purvis, wollen wir die Flaſchen vollends leeren, ehe wir gehen. Der General benimmt Die Daltons. Wv. 16 ſich wacker. Es iſt doch ſonderbar, daß das Eſſen und Trinken bei ihm nicht mehr Fleiſch anſetzt,— denn man könnte ihn mit ſelnem Schienbein raſiren!“ Und Dalton ſtarrte die ſchmächtige, ſchwache Geſtalt, die ihm gegen⸗ über ſaß, mit all dem Staunen an, das eine große Na⸗ turſeltenheit erregen würde. „Welch freundlicher Mann! Welch wahrhaft iriſches Herz“ ſeufzte Mrs. Ricketts, indem ſie langſam in den Saal hineinſegelte, und neben Dalton auf einen Stuhl niederſank.„Es iſt Alles dieß wie ein Traum,— wie ein wonniger Traum. Hier in Baden, bei dem Vater meiner lieben Miß Kate Dalton zu ſein,— und jetzt mit ihm Thee trinken zu dürfen.— Welch entzückender Gedanke, Merihan mit der theuerſten Nelly den Thee trinken zu duͤrfen!“ Peter begann ſchon zu befürchten, die Ausſicht auf ein ſo unendliches großes Glück moͤchte ihre Senſibi⸗ lität abermals zu ſtark erregen; aber glücklicher Weiſe war ſie dieſes Mal ruhiger und gefaßter, und ſprach über den Beſuch mit wunderbarer Beſonnenheit. Der Wagen kam nun herangefahren, und obgleich es Dalton weit lieber geweſen wäre, der Flaſche noch ein Bischen länger zuzuſprechen, ſo gab er doch Mrs. Ricketts üͤberaus höflich einen Arm, und Martha einen andern. Und ſo ſchritt er in all dem Stolze eines Eroberers aus dem Curſaale hinaus. 1 Sechs undfünkzigſtes Kapitel. Nelly's Prüfungen. Während Mr. Dalton ſeine Gäſte die Lichtenthaler Allee entlang begleitet, und die verſchiedenen intereſſanten Gegenſtände auf beiden Seiten erklärt, wollen wir die Gelegenheit ergreifen, um dem verehrten Leſer zu ſagen, warum der ehrſame Peter das kleine ruhige Quartier über der Spielwaarenbude nicht länger bewohnte. Durch Kate's Freigebigkeit war er ſeit einiger Zeit reichlich mit Geld verſehen worden. Es verging kaum eine Woche, ohne daß Abel Kraus ein Paar Zeilen ſchrieb, worin er ſagte, daß dieſe oder jene Summe für ſeinen hochgebornen und verehrten Freund deponirt wor⸗ den; und Dalton fröhnte abermals jenen verſchwenderiſchen Gewohnheiten, die er ſo ſehr liebte. Zwar hatte er von Zeit zu Zeit einen Anflug von Verſtand. Es ſtiegen in ihm Gedanken an Irland und an„den alten Ort“ auf, und dann entſchloß er ſich halb und halb zu einer oͤkono⸗ miſcheren und ſparſameren Lebensweiſe, um wieder in ſeiner Heimath und in ſeinem Vaterlande leben zu können. Aber die geringſte Ausſicht auf alsbaldiges Vergnügen reichte hin, dieſe weiſen Entſchlüſſe bei ihm gänzlich wie⸗ der zu erſchüttern, und Baden war gerade der Ort, der ſolche Zerſtreuungen in Menge bot. Es liebte Peter von dem ganzen Leben dieſes Badeorts Nichts ſo ſehr, als die Leichtigkeit, womit Bekanntſchaften gemacht wurden. Die ſtolze Zurückhaltung der Engländer war ſeine Antipathie, und hier ſah er, daß Alles dieſes bei Seite geſetzt wurde, und daß man ungenirt mit dem Nachbar ſprach, den der Zufall Einem gegeben hatte, und daß ſogar vertraute Freundſchaften zwiſchen[Leuten entſtanden, die einander kaum dem Namen nach kannten. Was auch difficilere Kritiker von ſolchen Gewohn⸗ heiten halten mochten, ſo Viel iſt gewiß, daß ſie Peter Dalton als bewunderungswürdig vorkamen. Nach ſeiner Anſicht war die Welt ein großer Donnybrooker Markt, auf den Jedermann kam, um zu amüſiren und um ſich amüſiren zu laſſen. Ernſte Geſichter und ſorgenvolle Blicke ſollten, dachte er, zu Hauſe bleiben, und nicht die Harmonie deſſen ſtoͤren, was er für eine große geſellige Verſammlung hielt. Es läßt ſich aus dieſem leicht ſchließen, welcherlei Perſonen ſeiner vertrauten Bekanntſchaft für würdig er⸗ achtet wurden, und wie jeder glattzüngige Abenteurer, jeder wohlgekleidete, erträglich ausſehende, zur Faſhion gehören wollende Menſch ſein Freund wurde. Nichts als die Unbekanntſchaft des ehrlichen Peter mit fremden Spra⸗ chen war Schuld, daß er dieſe ſeine Bekanntſchaften nicht ins Unendliche ausdehnte; und ſelbſt bei dieſem Mangel an Sprachkenntniſſen ſchüttelte er jedem Induſtrieritter Frankreichs und Deutſchlands die Hand, und ging er mit jedem langhaarigen Polen in Baden einen Vertrag ein, wornach man ſich gegenſeitig Cigarren lieh und Feuer gab. Da er jeden Tag im Curſaale ſpeiſte, ſo kehrte er Abends ſelten nach Hauſe zurück, ohne drei oder vier Menſchen mitzubringen, deren Bekanntſchaft er zufällig gemacht. Dieſe ſtellte er dann Nelly vor, und in der Regel kannte er ſie nicht einmal bei Namen. Aber ſicher⸗ lich waren ſie immer„capitale Burſche,“ und„durchtrie⸗ bene Schlingel.“ Wir wollen nicht ſagen, daß das letztere Lob ſehr übertrieben geweſen ſei;— denn die Mehrzahl dieſer Bekannten war eines ſolchen Panegyrikons vollkom⸗ men würdig. Wenn Daltons lange Geſchichten über Irland und deſſen Freuden oder Beſchwerden für dieſe Herren gar unintereſſant waren, ſo fanden ſie an ſeinem guten Weine und an ſeinen vielen Cigarren einigen Er⸗ 245 ſatz; und der Rheinwein, ſowie der Tabak half manche Geſchichte verdauen, die ohne ſolche Beigaben nie einen Zuhoͤrer gefunden haben würde. Das Spiel beherrſcht indeſſen in Baden Alles ſo ganz und gar, daß, mit der vorrückenden Jahreszeit, ſelbſt ein warmes Souper vom Hotel de Ruſſte und ein Eis⸗ eimer voller Champagnerflaſchen die Geſellſchaft nicht von den Reizen des Spieltiſches abzuziehen vermochten, und Peter mußte ſehen, wie ſeine liebſten Freunde ihn verließen. „Sie wohnen ſo weit weg!“ rief der Eine.„Ihr Haus iſt über eine Viertelſtunde vom Curſaal entfernt!“ „Man muß ſich ſo abklettern, bis man in Ihre Baracke hinaufkommt, Dalton,“ rief ein Anderer.„Es geht das bei ſo heißem Wetter nicht an. Wer kann das in die Länge aushalten? Warum ſchlagen Sie Ihr Zelt nicht in der Ebene auf? Um Ihr Quartier zu er⸗ reichen und zu erklimmen, muß man eine wahre Rigi⸗ Reiſe unternehmen.“ Solcher Art waren die höflichen Ermahnungen der⸗ jenigen, die einen paſſenden Ort zu finden wünſchten, an dem ſie ihre freie Zeit zubringen könnten, und, während ſie ſich ſtellten, als dächten ſie an ihren Freund, ganz einfach an ihre eigene Behaglichkeit dachten. Und beſchränkt ſich dieſe Philoſophie auf Baden alleln? Iſt nicht die Welt voller Freundſchaften, die, wie die Fahrtaxen der Fiaker, nach der Stunde regulirt ſind? Der Mann, der für Dich ein halber Bruder iſt, ſo lange Du auf dem Boulevard de Gand wohnſt, wird Dir ganz entfremdet, wenn Du Deine Wohnung in die Champs Elyſées verlegſt; und in dieſer Zeit raſchen Transports kann eine Entfernung von zehn Minuten die engſten Freundſchaften trennen! Anfänglich wurde Daltons Stolz durch dleſe Vorſtellun⸗ gen verwundet; als er aber mehr darüber nachdachte, fand er ſie ganz vernünftig; ja, es hoben ſich dadurch die Murrenden in ſeiner Achtung.„Ci,“ ſagte er bei ſich elbſt,„gehören ſie nicht zum Beſten, was die Faſhion ſ hat? Ei, ſucht nicht Jedermann ſie zu bekommen? Iſt es ein Wunder, daß ſie einem Glas Wein zu Liebe keinen Berg erſteigen wollen? Das ruhige Haus, das ihm durch ſo viele Erinner⸗ ungen lieb war,— das Fenſterchen, das auf das alte Schloß hinausging, und an dem Nelly jeden Abend neben ihm ſaß,— das Gärtchen drunten, wo Hans ſeine präch⸗ tigen fleiſchfarbenen Nelken zog, und wo manche kleine Figur, die aus Nelly's Hand hervorgegangen war, ein Beet oder einen Gang zierte,— Alles war ihm nun zum Ekel.„Die Stiege krachte entſetzlich; er glaubte, es ſei lebensgefährlich, ſie ferner zu erſteigen. Die Zimmer waren ſo nieder; man konnte ja darin nicht einmal Athem holen. Der Hügel war noch ſein Tod; er ſpürte in den Knien immer, wenn er ihn erſtieg, die halbe Nacht hin⸗ durch die heftigſten Schmerzen.“ Selbſt die ſtärkende Bergluft, die er früher ſo gewaltig herausgeſtrichen hatte, war jetzt„ein ſchneidender Wind,— ein Wind, ſo ſcharf wie ein Raſirmeſſer.“ Auch war eine Wohnung, unter der ſich eine Spielwaarenbude befand, recht erbärmlich,“ —„das ganze Häuschen war etwas Elendes,“ und„Hans ſelbſt war nicht mehr, wie früher.“ Leider lag in der letzteren Klage einige Wahrheit, Hanſerl war ſchweigſamer und zerſtreuter geworden, als er je geweſen; bisweilen brachte er ganze Tage zu, ohne ein Wort zu ſprechen, und oft ſaß er, in Gedanken ver⸗ tieft, in ſeinem Gärtchen allein. Die Leute, die ihn mit ihrer Kundſchaft beehrten, ſuchten ihn vergebens, und wäre Nelly nicht geweſen, die in der Abweſenheit ihres Vaters die Treppe hinunter zu ſchleichen und mit ihnen zu ſprechen pflegte, ſo würde es den Anſchein gehabt haben, als ſei der Laden ganz verlaſſen. Ein Paar Mal war ſie ſo weit gegangen, daß ſie ſeine Stellvertreterin machte, und einige Artikel für ihn verkaufte; aber die Furcht, daß ihr Vater —— — 247 es erfahren koͤnnte, hatte ſie immer einen halben Tag krank gemacht. Es war daher für Nelly ein furchtbarer Schlag, als ihr Vater den Entſchluß faßte, das Haus zu verlaſſen. Denn nicht allein war es ihr durch ſo viele Erinnerungen theuer, ſondern es ſetzte ſie auch ſeine Abgeſchiedenheit in den Stand, ganz nach Belieben unter dem Schatten der Waldbäume umherzuſchreiten, und Stunden lang in den engen Wegen des tiefen Waldes herumzuſtreifen. Auch nahm ſie an Hans das lebhafteſte Intereſſe. Er war ihnen ein Freund geweſen zu einer Zeit, wo es ihnen am Schlimmſten ging; ſeine Freundlichkeit hatte ihnen manche ſchwere Laſt erleichtert, und ſeine weiſen Rathſchläge hat⸗ ten ihnen manche trübe Stunde verſüßt. Zwar hatte er ſich in der letzten Zeit gewaltig verändert. Seine Bücher, ſeine Lieblingsdichter, Uhland und Tieck, wurden nie mehr zur Hand genommen. Er ſetzte ſich nicht mehr, wie einſt, in den Garten, um ſeine wunderlichen alten Fragmente von Rüſtungen blank zu machen, oder ſeine ſeltſamen Amu⸗ lette mit Entzücken anzublicken. Selbſt die kleinen Balla⸗ den, die ſie ſang, ſchien er nicht mehr zu beachten; er blieb nicht mehr, wie früher, unter dem Fenſter ſtehen, um zu horchen, wie ſie ſang. Auch ſeine sðconomiſchen Verhältniſſe geſtalteten ſich ungünſtiger. Er vernachläßigte ſeinen Laden ganz und gar, und ging nicht mehr, wie früher, nach Worms oder nach Nürnberg, um neue Spielwaaren zu kaufen. 4 Die junge Generation von Käufern fand in ſeinem Laden nur noch Wenig, was nach ihrem Geſchmack war; gewöhnlich gingen die Leute wieder fort, nachdem ſie über die wunderlichen alten Dinge gelacht, woran ſich ein ver⸗ gangenes Zeitalter ergötzt hatte. Vergebens ſuchte ihm Nelly einiges Intereſſe für den Beruf einzufloͤßen, der einſt ſeine Leidenſchaft geweſen war. All die kleinen Ge⸗ ſchichten, womit er ſeine Spielwaaren zu umſpinnen pflegte, — all die Täuſchungen der Phantaſie, in denen er ſchwelgte, 248. waren dahin und verſchwunden, und er ſah aus wie ein Menſch, der mit einem Male aus dem herrlichen Traume zum Bewußtſein irgend einer betrübenden Thatſache er⸗ wacht. Auch mied er die Daltons ſorgfältig; ja, er war⸗ tete ſogar ängſtlich auf die Augenblicke, wo ſie nicht zu Hauſe waren, um ſich in den Garten hinauszuſchleichen, und ſich dort zu ergehen. Trafen ſie einander zufällig einmal, ſo war ſein Benehmen, anſtatt, wie früher, cordial zu ſein, kalt und reſpectvoll; und er, deſſen Augen einſt vor Wonne glänzten, wenn man mit ihm ſprach, ſtand jetzt mit entblößtem Haupte und niedergeſchlagenen Augen da, bis ſie an ihm vorübergegangen waren. Es darf uns daher nicht wundern, wenn Dalton ihn für verändert hielt. „Es iſt nichts Anderes, als der Neid, der ihn um⸗ bringt, Nelly!“ ſagte er.„So lange wir, gleich ihm, arm waren, war er glücklich. Es ſchmeichelte dem Stolze des Geſchöpfes, daß wir mit der Hausmiethe manchmal im Rückſtande waren, und während er die Bilder kaufte, war er für Dich eine Art Gönner; allein es iſt ihm in der Seele zuwider, daß er uns nun in guten Umſtänden ſehen muß;— das iſt das ganze Geheimniß. Unſer Wohler⸗ gehen iſt ihm wie Gift.“ Nelly verſuchte es vergebens, ihren Vater in dieſem Stücke eines Beſſeren zu belehren. Sie ſuchte ſeine alte Theorie, wonach„in gemeinen Leuten immer etwas Schlech⸗ tes ſtecken“ mußte, zu erſchüttern. Aber vergebens erinnerte ſie ihn an die wohlerprobte Freundſchaft des armen Han⸗ ſerl, ſowie an die Zartheit einer Güte und Freundlichkeit, die in keiner ſozialen Stellung hätte übertroffen werden können. Dalton ließ ſich ſeine Meinung nun einmal nicht nehmen, und der Widerſpruch machte ihn nur noch un⸗ verſoͤhnlicher. Ganz und gar die Beziehungen vergeſſend, die einſt zwiſchen ihnen beſtanden, ſah er in Hanſerls Benehmen Nichts, als ſchwarzen Undank, 249 „Der kleine Kerl,“ pflegte er zu ſagen,„war immer bei uns; wir behandelten ihn wie ein Familienglied, und nun ſieh ihn an.“ Ein anderes Mal ſagte er: „Du haſt es ſelbſt geſehen, Nelly,— Du ſelbſt haſt geſehen, wie er vor einigen Tagen Thränen vergoß, als Du von der Fürſtin ſpracheſt. War das Mißgunſt, oder nicht?— ſag' mir doch das! Er konnte vor Zorn nicht reden, als Du ihm ſagteſt, daß Frank nun Officier ſei.“ „Ach, wie ſehr verkennen Sle dieſe Zeichen der Rüh⸗ rung, theuerſter Vater!“ „Natuͤrlich, natͤrlich! Ich weiß Nichts,— ich bin zu alt,— ich faſele. Meine Tochter Nelly verſteht die Welt, und kann mich unterweiſen.“ „Wollte Gott, ich wüßte ſogar noch weniger davon; wollte Gott, ich könnte wieder ſo unwiſſend ſein, wie in den Toen, wo unſere ganze Welt innerhalb dieſer Wände ag 44 „Und daß Du wieder Bilder ſchnitzen könnteſt, nicht wahr?“ ſagte er verächtlich.„Warum gelüſtet es Dich nicht nach dem? Es war ein gar nettes Geſchäft für eine junge Dame von Deinem Namen und Deiner Familie! Wohlan! Wenn Etwas mich raſend macht, ſo iſt es der Gedanke, daß die verwünſchten Figuren in der ganzen Welt verbreitet ſind, und daß man nicht weiß, wenn ſie gegen Dich aufſtehen!“ „Aber, Vater, Sie nahmen ja einſt ein eben ſo leb⸗ haftes Intereſſe daran, wie ich ſelbſt?“ ſagte ſie traurig lächelnd. „Dann beweist dieß nur, wie ſehr die Armuth den Geiſt eines Mannes darniederdrücken kann!“ Aehnliche Eroͤrterungen fanden in jeder Woche ein Paar Mal Statt, und es bekräftigten dieſelben Dalton nur noch in der Abneigung, womit er jetzt das Haus des armen Hanſerl bewohnte. Endlich ſah Nelly ſelbſt ein, daß aller Widerſtand hoffnungslos und vergeblich ſei. Er gab ihr bald den peremptoriſchen Befehl, Hans von ihrem beabſichtigten Auszuge zu benachrichtigen, denn er war feſt entſchloſſen, ein Haus in der Lichtenthaler Allee hunnne hen⸗ von dem er glaubte, daß es ganz für ſie paßte.— Es war dieß eine Villa, die einige Monate zuvor von einem jungen franzöſiſchen Grafen, deſſen Gewinnſte am Spieltiſche ungeheuer groß geweſen, angekauft und möblirt worden war. Kaum aber hatte er von ſeinem prächtigen Quartiere Beſitz ergriffen, als das Glück ihm den Rücken kehrte: er verlor Alles, was er beſaß, und endigte ſeine Laufbahn durch einen Selbſtmord! In einer Colonie von Spielern, wo der Aberglaube einen übermäßig großen Einfluß hat, konnte Niemand ge⸗ funden werden, der ein Haus hätte bewohnen mögen, woran ſich ſo tragiſche Erinnerungen knüpften; und ſo war denn das Haus faſt die halbe Saiſon hindurch geſchloſſen und unbewohnt geblieben. Dalton fühlte, obwohl ſein Geiſt mit aͤhnlichen Befürchtungen erfüllt war, doch eine Art Heroismus darin, daß er zeigte, er laſſe ſich nicht durch die Gefahren ab⸗ ſchrecken, die Andere ſcheuten; und da Abel Kraus, dem das Eigenthum jetzt gehoͤrte, ihn beſtändig verſicherte,„daß das Haus gerade für ihn paſſen würde,“ ſo überwand Peter ſeine Scrupel und beſichtigte es. Obgleich das Haus nicht ſehr geräumig war, ſo war es doch in allen ſeinen Arrangements wahrhaft fürſtlich. Es fehlte Nichts, was franzöſiſcher Geſchmack und fran⸗ zöſiſche Eleganz liefern konnten, und es war ein vollkom⸗ menes Specimen jenes koſtſpleligen Glanzes, der in unſe⸗ 8 Tagen mit all dem Prunke der„Regentſchaft“ wett⸗ eifert. Indeſſen müſſen wir hier alsbald ſagen, daß der ehr⸗ liche Peter das Haus für ſich viel zu ſchoͤn fand; er trat auf die Teppiche mit einer nervöſen Furcht, daß er die Stickereien zertreten koͤnnte, und ſetzte ſich auf das brokatene Sopha mit eben ſo großem Schrecken, als ob 5 1 251 dasſelbe Glas geweſen wäre. Wie er es angreifen ſollte, um in einem Bette zu ſchlafen, an dem ſich eine ſo end⸗ loſe Menge geſchnitzter Cupidos und Engel befand, konnte er ſich ſchlechterdings nicht vorſtellen; und er fuhr wirklich vor Scham zurück, als er ſein Geſicht in dem filbernen Rahmen eines koſtſpieligen Toilettenſpiegels erblickte. Solcher Art waren ſeine Eindrücke, als er mit Abel durch die Zimmer hinging, und ſo oft von Kronleuchtern und Spiegeln die Hüllen weggenommen wurden, einen neuen und blendenderen Gegenſtand zum Vorſchein kommen ſah. Er höͤrte mit vielem Staunen, welch ungeheure Summen an dieſe prächtigen Gegenſtände verſchwendet,— wie für dieſen oder jenen Luxusartikel zwanzig, dreißig, und vierzig tauſend Franken gegeben worden. 3 Was waren vierzig Napoleonsd'or per Monat für ſolchen Glanz! Ein ſolcher Preis war ja eine Bagatelle, und Kraus mußte dabei verlieren; und welche Ueber⸗ raſchung mußte es für Nelly ſein, wenn er ihr den kleinen, mit roſenrothem Damaſt verzierten Salon zeigte, den er für ſie beſtimmte! Und dann befand ſich im Garten eine herrliche Laube, wo man rauchen konnte! Und dann betrug die ganze Diſtanz vom Kurſaale keine zehn Minuten. Peter ſchwelgte ſchon in der Phantaſie in all den Ge⸗ nüſſen, die ein ſolches Beſitzthum ihm verſchaffen mußte; und wenn er um ſeinetwillen wünſchte, daß die Pracht nicht ſo groß ſein möchte, ſo tröſtete er ſich wieder da⸗ durch, daß er an die Wirkung dachte, die ſie auf Andere hervorbringen mußte. Er druͤckte dieß in ſeiner eigen⸗ thümlichen Weiſe alſo aus:„Es gibt gar viele Leute, die nahr uf die Vergoldung, als auf den Pfefferkuchen alten!“ War Nelly's Schmerz ſchon tief und aufrichtig, als ihr Vater ihr zu erkennen gab, daß er nicht länger in Hanſerl's Hauſe wohnen moge, ſo verwandelte ſich der⸗ ſelbe in eine wahre Pein, als ſie erfuhr, welches Haus ihr Vater zu beziehen im Begriffe war. Sie ſah voraus, welch mächtigen Impuls ſeine Ertravaganz durch eine ſolche Wohnung erhalten würde;— es entging ihr nicht, daß all die koſtſpieligen Decorationen ihn nur zu unſinni⸗ gen Verſchwendungen veranlaſſen würden. Ihr Vater hatte ihr in der letzten Zeit ſeine Vermögensumſtände nicht mitgetheilt. Er, der einſt keine Krone wechſeln konnte, ohne ſich ihre Hülfe zu erbitten,— er, der ſie ſonſt bit⸗ ten mußte, die Geldſtücke zu zählen, und deren Aechtheit zu prüfen, ſchloß jetzt die wichtigſten Geſchäfte ohne ihr Wiſſen ab. Hatte er früher gegen Kraus ein tiefes Miß⸗ trauen gehegt, ſo fing er nun an, ihn für die perſonificirte Ehrlichkeit zu halten. Es liegt für einen Verſchwender ein ſo großer Reiz darin, daß er immer reichlich mit Geld verſehen wird,— Vorſchüſſe in einem Geiſte ſcheinbarer Offenherzigkeit er⸗ hält, daß es ihm unmöglich war, ſolche Freigebigkeit mit einem gemeinen, oder ſelbſtſüchtigen Beweggrunde in Ver⸗ bindung zu bringen. Kraus' kleines Hinterzimmer war alſo eine Art Ca⸗ lifornien, wo er nach Belieben Gold graben konnte; und wenn der ehrliche Peter in einem ungewohnten Anfluge von Klugheit einmal fragte:„Wie ſtehen wir, Abel?“ ſo war Kraus gewiß immer zu ſehr beſchäftigt, um im Augenblick in den Büchern nachſehen zu können: der jü⸗ diſche Bankier antwortete dann immer einfach:„Was thut es? Wie viel brauchen Sie?“ Ein ſolcher Dialog machte Dalton immer zum glücklichſten der Menſchen, und er murmelte, während er ſich entfernte, gewöhnlich vor ſich hin, wie ganz anders es ihm gegangen ſein würde, wenn er„den kleinen Kerl ſchon vor dreißig oder vierzig Jah⸗ ren gekannt hätte.“ Ohne einen einzigen Schimmer des Troſtes, auf jeder Seite von Schrecken umlagert, nahm die arme Nelly von ihrem Glanze Beſitz, um Tage ununterbrochenen Kummers zu verleben. So düſter die unbekannte Zukunft ſchien, ſo 253 waren die Nachrichten, die ſie von Kate und Frank er⸗ hielt, doch noch betrübender. Die Nachrichten, die ſie von ihrer Schweſter bekam, waren nie direkte. Ein Paar Zeilen von Madame de Hei⸗ dendorf, von einem Landſitze bei Sct. Petersburg datirt, ſagten ihr, daß es dem Fürſten nicht gelungen, die kaiſer⸗ liche Erlaubniß zu erhalten, und daß daher die Heirath auf unbeſtimmte Zeit verſchoben worden; unterdeſſen— hieß es weiter— lebe die verlobte Fürſtin, wie es die Etikette erheiſche, in ſtrenger Abgeſchloſſenheit, und ſehe nur ſolche Glieder der kaiſerlichen Familie, die ſie zu be⸗ ſuchen geruheten! 2 Das Herz der armen Nelly wollte faſt zerſpringen, als ſie an die liebe Kate dachte,— als ſie ſich vorſtellte, wie das froͤhliche herrliche Kind,— wie das glückliche, muntere Mädchen jetzt mit trauriger Gefangenſchaft ſich abhärmte. Dieß Bild kam ihr nie aus dem Sinn, und ſtundenlang pflegte ſie dazuſitzen, und um ihre arme Schwe⸗ ſter zu weinen. Welches künftige Glück, ſo groß es immer ſein mochte, konnte einen Erſatz bieten für eine ſo elend verlebte Jugend? Welcher Glanz konnte den Eindruck dieſer trübſeligen Einſamkeit verwiſchen, während ſie fern von Allen ſein mußte, die ſie liebten und ſich für ſie in⸗ tereſſirten? Ueber Frank liefen noch ſchlimmere Nachrichten ein. Ein kurzer und faſt unverſtändlicher Brief von Graf Stephan benachrichtigte ſte, daß,„obgleich das Kriegsgericht das Todesurtheil über ihn ausgeſprochen, der Kaiſer dennoch die Strafe in lebenslängliche Haft zu Moncacs verwan⸗ delt, da er einen Namen nicht habe beflecken wollen, der ſich durch ſo viele Züge der Hingebung an das Kaiſerhaus ausgezeichnet. Es ſei,“ ſetzte er hinzu,„einige, wenn auch nur ſchwache Hoffnung vorhanden, daß ſelbſt dieſe Strafe nach Verfluß von einigen Jahren werde erlaſſen, und daß dafür gegen ihn die Verbannung aus dem gan⸗ zen kaiſerlichen Reiche werde ausgeſprochen werden. In⸗ zwiſchen,“ ſagte der alte Soldat,„habe ich mich für im⸗ mer von einer Laufbahn zurückgezogen, wo, bis auf dieſe Stunde, kein Makel ſich an meinen Namen heftete. Der Name, den ich ſo lange mit Ehren trug, iſt jetzt gebrand⸗ markt, und ich ſcheide aus dem Dienſte, um die wenigen Tage, die ich noch zu leben habe, da hinzubringen, wo die 8 Verborgenheit meinen Kummer und meine Schande am Beſten zu verdecken vermag!“ Obgleich Nelly dieſen betrübenden Brief alsbald beantwortete, und aber⸗ und abermals nach Wien, Mailand und Prag ſchrieb, ſo erhielt ſie doch nie eine Antwort, und konnte auch nicht den mindeſten Aufſchluß über das Kriegsurtheil bekommen, das Frank getroffen hatte. Ihr erſter Gedanke war, ihrem Vater dieſe furchtbaren Ereig⸗ niſſe zu verbergen, und obgleich ſie ſich deßhalb der Unauf⸗ richtigkeit anklagte, ſo kam ſie doch immer wieder auf ihren urſprünglichen Entſchluß zurück. Wozu ſollte ſie ihm die wenigen behaglichen Augenblicke verbittern, deren er ſich ſeit vielen Jahren erfreut? Warum ſollte ſie ihm Sorgen machen wegen ſolcher Dinge, die ſich nicht mehr ändern ließen,— und warum ſollte ſie ihm Kummer verurſachen wegen ſolcher Perſonen, um die er ſich in ſeiner ſorgloſen Gleichgültigkeit gar nicht kümmerte? Es war ja noch Zeit genug, von den Sorgen und Kümmerniſſen ———õyõy— der Vergangenheit zu ſprechen, wenn die Zukunft wieder heiterer war! Dieſe Aufgabe der Geheimhaltung war keine ſehr ſchwere. Dalton war ein Mann, der lieber unmögliche 3 Glücksfälle hoffte, als daß er ſich in Speculationen über mögliche Unglücksfälle erging; und wenn er wußte, daß Kate ihm Geld geſchickt, und Frank keines verlangte, ſo war das Maaß ſeiner Zufriedenheit voll. Kate war ja eine Fürſtin, und Frank Huſarenoffizier; und er hätte, ſo oft man es verlangt, einen Eid geſchworen, daß ſeine beiden Kinder überaus glücklich waͤren,— einzig und allein aus dem Grunde, weil er gar nicht einſah, warum —yy—— 2⁵⁵ ſie es nicht ſein ſollten; und wenn er jeden Tag nach dem Eſſen ihre Geſundheit trank, und ein Glas Cham⸗ pagner ihnen zu Ehren leerte, ſo hielt er ſich vollkommen überzeugt, daß er ſich aller ſeiner Vaterpflichten ihnen gegenüber entledigte! Sein„Gott ſegne Dich, mein liebes Kind!“ war das ganze Maaß ſeiner Pietät und ſeiner Liebe; und ſo lebte er denn in dem feſten Glauben, daß er ein von guten, freundlichen, großmüthigen Gefühlen überfließendes Herz beſäße. Die einzigen unangenehmen Gefühle, die er hatte, entſtanden wegen Nelly's. Ihre Augen, die trotz aller Bemühungen immer friſche Thränen zeigten,— ihr blaſſes Geſicht,— ihr ängſtliches, nervöſes Weſen, ärgerten ihn und ſetzten ihn in Erſtaunen.„Das Mädchen hat wahr⸗ lich etwas Seltſames,“ pflegte er bei ſich ſelbſt zu ſagen; „früher, wo wir keinen Heller Geld beſaßen, und nur mit Mühe unſer Mittageſſen bezahlen konnten, ſang ſie den lieben langen Tag; ſie war ſo luſtig wie eine Lerche, und ſchnitzte bis zwei oder drei Uhr in der Nacht an ihren Bildern; und jetzt, wo wir die Hülle und Fülle haben, und wo wir uns auf jede Weiſe beluſtigen koͤnnen, ſitzt ſie den ganzen Tag da, und brütet und härmt ſich ab.“ Sein Scharffinn konnte ſich dieſes nicht erklären.„Zwar iſt ſie lahm, und es iſt möglich, daß es ſie ſchmerzt, dem Tanzen zuſehen zu müſſen, ohne daran Theil nehmen zu können. Aber wann zeigte ſie ein neidiſches Weſen? Auch wird ſie alt,— ſie iſt jetzt wenigſtens ſechs bis ſieben und zwanzig Jahre alt,— und hat keine Ausſicht, einen Mann zu finden, der ihr anſteht; aber wie kommt es, daß Nelly ſich deßhalb grämt? Sind nicht alle ihre Hoff⸗ nungen,— iſt nicht alle ihre Affection auf die Ihrigen beſchränkt? Auch kann ſie ſich nicht wohl nach Irland zurückſehnen,— da ſie es nur wenig geſehen, ehe ſie es verließ.“ 5 Und ſo ſtand er immer wieder am Ende ſeiner Ver⸗ muthungen, ohne der Loͤſung näher gekommen zu ſein. Kummer nicht ohne Urſache war, und daß ſie gute Gründe Wir haben genug geſagt, um zu zeigen, daß Nelly's hatte, ſelbſt die Tage ihres härteſten Mißgeſchicks als minder peinlich anzuſehen. 4 „Wäͤren wir doch nur mit unſerem Loos zufrieden geweſen!“ rief ſie.„Hätten wir einem Ehrgeize wider⸗ ſtanden, für den wir nicht gemacht waren, und hätten wir uns von Lebenswegen abgewandt, die für unſere Kräfte zu ſteil und zu ſchwierig waren, ſo koͤnnten wir jetzt glück⸗ lich ſein! Und wer kann ſagen, welche geiſtige Entwicklung nicht aus dieſem arbeitſamen und mühevollen Leben ent⸗ ſprungen wäre? Frank würde mannhaft, geduldig, und voll edlen Selbſtvertrauens geworden ſein;— Kate wäre, was ſie immer war, das Licht unſeres Hauſes geworden, und hätte uns an allen Gaben ihrer ſchönen und glückli⸗ chen Natur Theil nehmen laſſen,— und vielleicht wäre ſogar ich dadurch veranlaßt worden, würdigere Anſtrengungen zu machen, um die armſeligen Verſuche, wegen derer ich jetzt zu erröthen habe, in Vergeſſenheit zu bringen.“ Solcher Art war der Kummer, der ihr Herz erfüllte, während ſie gar manche Stunde einſam zu Hauſe ſaß: ſie trauerte uͤber die jüngſte Vergangenheit, und fürchtete ſich, der Zukunft ins Geſicht zu ſchauen. ſſſſſnſnfſſſfſſſſenänſinnſſſſſſſſſſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14