— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ) 1 vo.* Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. ¹. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mor ens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. (aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ — Iſt das en chmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 1 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —= ³ —— 1 Die Daltons 3 oder drei Lebenswege Charles Fever. Aus dem Engliſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Achtes bis eilftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. Dreißigſtes Kapitel. Das Drohen einer kleinen Verlegenheit. Der Palazzo Mazzarini war jetzt in ganz Florenz gleich⸗ bedeutend mit allen Arten von Ausſchweifungen und Ex⸗ travaganzen geworden, und in dem Maße, als die Geſell⸗ ſchaft, die ſich dort einfand, auserleſener und der Anzahl nach kleiner wurde, wurden auch die Gerüchte, die über die darin Statt findenden Ausſchweifungen und Exceſſe in's Publikum drangen, abſurder. In Ermangelung eines wirklichen, guten, greifbaren Skandals erfand die Welt tauſend kleine, halb durchſichtige Verleumdungen, die, wenn ſie für den guten Ruf nicht auf einmal toͤdtlich waren, doch in die Länge ebenſo gewiß den Charakter der Betreffenden ruiniren mußten. Sir Stafford's Povagra, wegen deſſen er in ſein Beit oder auf ſein Sopha gebannt war, wurde für die langſame Qual eines gebrochenen Herzens erklärt. My Lady's ſpäte Diners war Orgien, bei welchen jede Art von Zügelloſigkeit herrſchte. George war ein liederlicher Spieler, der bereits den ganzen Reichthum ſeiner Familie auf das Spiel geſetzt hatte; und was Kate betrifft, ſo war ſie ganz und gar von jener liebenswür⸗ digen Seite der menſchlichen Natur abhängig, die ſtets das Schlimmſte glaubt, und aus ihrem Glauben ebenſo beharrlich die ſchlimmſten Schlüſſe zieht. Sir Stafford war in Wirklichkeit ſehr vom Podagra geplagt; er war ſehr reizbar, und zudem ſehr unglücklich wegen gewiſſer Dinge, die, ſo ſehr ſie ihn ſelbſt intereſ⸗ firen mußten, für die Welt hätten ganz gleichgültig ſein ſollen. My Lady dinirte um elf Uhr Nachts, und die Ge⸗ Die Daltons. II. 1 2 ſellſchaft war gewiß nicht eine ſolche, daß ein ſcharfſich⸗ tiges Publikum Erzbiſchöfe oder auch nur Domherren aus derſelben ausgewählt haben würde, denn es beſtand die⸗ ſelbe groͤßtentheils aus jener Klaſſe von Menſchen, deren wir in einem früheren Kapitel bereits Erwähnung gethan haben. Dann und wann verirrte ſich auch in dieſelbe ein Durchreiſender von Rang, oder ein Diplomat, der ſich auf ſeinen Poſten begab oder von demſelben herkam. George Onslow verlor Viel im Spiele, jedoch ohne in Betreff der Zahlungen zu jenen Kunſtgriffen ſeine Zu⸗ flucht zu nehmen, die man ihm ſo allgemein zuſchrieb. Kate— die arme Kate— war weder beſſer, noch ſchlech⸗ ter, als der Leſer ſie bisher gekannt hat. Wenn wir dieſes ſagen, ſo ſuchen wir nicht das Faktum zu verbergen, daß ſie ganz und gar von der früheren Kate verſchieden war. Die Geſellſchaft hatte ſie Takt, Grazie und elegante Haltung gelehrt. Die Be⸗ wunderung hatte ſie ſehr anziehend gemacht: die Bewun⸗ derung hatte tauſend Mittel der Bezauberung hervorge⸗ rufen,— hatte tauſend Koketterien hervorgerufen, die unter dem kalten Hauche der Vernachläſſigung oft ver⸗ welken und ſterben. Der diffiellſte Kritiker hätte in ihren Manieren keinen Fehler entdecken können; ein Bös⸗ williger hätte Ausſtellungen machen können an dem an⸗ ſcheinenden Uebermaß von Grazie; aber auch dieſes wurde durch eine jugendliche Friſche und Fröhlichkeit des Tem⸗ peraments gemildert, welche das letzte— das allerletzte Ueberbleibſel ihres früheren Ichs war. Sie war die Schöne von Florenz. Sie hatte keine Rivalin und ihre Herrſchaft konnte als eine unbeſchränkte gelten. Sie mochte fahren, oder reiten, oder tanzen, oder ſpazieren gehen,— immer umgab ſie dieſelbe bewun⸗ dernde Menge. Einige dieſer Bewunderer waren in all ihrer Bewunderung aufrichtig, andere folgten darin bloß dem Zuge der Faſhion, und andere wieder waren fleißige Beobachter eines Benehmens, in dem ſie den feſten Plan eines kühnen und ehrgeizigen Charakters verfolgen zu können meinten. Die Eitelkeit war die Schwäche ihrer Kindheit geweſen; dieſelbe war nun auch der Fehler des erwachſenen Mädchens. Lady Heſter leiſtete dieſer Schwäche in hundertfacher Weiſe Vorſchub; da ſie Kate ſo viel liebte, als ſie irgend Etwas lieben konnte, ſo hattte ſie ein inniges Vergnügen an all der Bewunderung, die dem Mädchen zu Theil wurde. Gleichwie man von einem Schauſpieler ſagt,„er creire die Rolle,“ die für ihn geſchrieben iſt, wenn er dieſelbe mit Zügen ausſtattet, die ihm eigenthümlich an⸗ gehören, ſo bildete ſie ſich ein, daß Kate blos ein reflec⸗ tirtes Bild all' der Grazie und all' der Reize ſei, die ſie ſelbſt beſitze, und wahrſcheinlich bereiteten ihr die ſtolzeſten Tage ihrer eigenen Triumphe nie größere Genüſſe, als jetzt das ſchmeichelhafte Lob, das Kate Dalton geſpendet wurde. Es gab gutmüthige Leute, die meinten und ſagten, Lady Heſter's Bewunderung habe eine andere Urſache, und es kenne dieſelbe, als eine ſchon etwas verwelkte Schoͤn⸗ heit, den vollen Werth eines jüngeren und ſchöneren Frauen⸗ zimmers, indem daſſelbe ihrem Zirkel und ihrer Geſell⸗ ſchaft alle Perſonen zuführe, die durch Rang und Stand ausgezeichnet ſeien. Wir wollen nun zwar nicht behaupten, daß ein ſol⸗ cher gar nicht obgewaltet habe; gewiß aber waren noch andere, gewichtigere vorhanden. Zudem waren Lady Heſter's eigene Anſprüche viel höher, als dieſe Läſterer zugaben. Obgleich ſie nicht mehr ſehr jung war, ſo war ſie doch noch ſehr hübſch. Was ihren Rang und ihren Reichthum betrifft, ſo waren beide bedeutend; ihre Manieren aber waren die Vollkommenheit ſelbſt, wenn man von der Schule ausging, zu der ſie gehoͤrte. War auch ihre Liebe zu Kate nur eine andere Form der Selbſt⸗ ſucht, ſo war dieſelbe darum nicht weniger ſtark. Kate war die Vertraute ihrer Schmerzen und ihres Kummers, — ein Amt, das mit nichten eine Sinekure war;— Kate 4 war bei allen ihren Plänen die Hauptrathgeberin;— Kate war, ſo zu ſagen, die Figur, an der ſie hundert Coſtüm⸗ und Toilettenkünſte probirte, und endlich war Kate— eine abhängige Perſon,— ein Umſtand, der für ſie den groͤßten Zauber hatte. Nicht als ob Kate ihre Lage ſo verſtanden hätte:— der Familienſtolz, das Erbtheil der Dalton'ſchen, war bei ihr zu ſtark, als daß ſie Solches zugegeben hätte. Sie war zwar innig, aufrichtig dank⸗ bar für alle Güte der Lady Heſter; ſie gab ihr Liebe zehnfach zurück, aber es vermiſchte ſich damit kein Gefühl der Inferiorität, wenn man allenfalls dasjenige abrech⸗ net, das aus der innigen Bewunderung hervorging, wel⸗ ches ſie ihrer Freundin zollte. Die Huldigungen, unter denen ſie ihr Leben zubrachte, — die Schmeicheleien, die ſie unabläſſig umgaben, konn⸗ ten ſie in dieſem Stücke nicht leicht enttäuſchen. Eine Prinzeſſin von königlichem Geblüte hätte keine ehrerbie⸗ tigeren Huldigungen erwarten koͤnnen. Der große Mid⸗ chikoff gab ihr zu Ehren Bälle. Die arabiſchen Pferde von Treviliani waren ihr zur Verfügung geſtellt. Die verſchiedenen Beſuche bei Gegenſtänden der Curioſität oder des Geſchmacks wurden zu ihrem Vergnügen unter⸗ nommen und es wurde Nichts unterlaſſen, was ihre Eitel⸗ keit ſtimuliren und ihre Selbſtachtung erhöhen konnte. Alles, was wir während dieſer Zeit zu ihren Gun⸗ ſten ſagen koͤnnen, iſt, daß ſie, wenn ſie auch durch die Aufregung dieſer Schmeicheleien ſich ſelbſt entrückt wurde, im Herzen dennoch ſo wenig als moͤglich verderbt war. Sie konnte ein Leben nur lieben, das des Glücks ſo viel brachte; auch konnte ſie die Freuden und Genüſſe, welche ſie umgaben, nicht von dem Beſitze großen Reich⸗ thums trennen. Sie dachte an das, was ſie noch vor einigen Monaten geweſen: ſie dachte an die Kate Dalton, die dem Schnee eines düſtern deutſchen Winters in einem fadenſcheinigen Mantel und in bäuriſchen Holzſchuhen trotzte; ſie dachte an Kate Dalton, die für Niemand ein 5 Gegenſtand der Bewunderung geweſen war, es ſei denn vielleicht für den armen Hanſerl! Und doch, wie ver⸗ ſchieden war jetzt ihre Lage, wenn ſie auch in Allem un⸗ verändert war, ausgenommen in dem, was das Gold ändern kann. Es wäre gut geweſen, wenn ihre Liebe zum Glanze hier ſtehen geblieben wäre. Aber es ging dieſelbe weiter, und es flößte dieſelbe eine vollkommene Furcht vor einem beſcheidenen Stande ein. Gar oft mußte ſie hoͤhniſche Bemerkungen hoͤren, welche dem Aufſtreben der„reſpektablen Armuth“ galten. Sie mußte hoͤren, wie deren Kunſtgriffe verlacht, wie deren Verlegenheiten verhöhnt wurden. Was immer die „reſpektable Armuth“ in Beziehung auf Kleidung, Equi⸗ page und Haushaltung that, war gewiß immer abſurd; und doch waren alle dieſe ſo verachteten und verlachten Leute im Beſitze von Geldmitteln, welche denen ihres eigenen Vaters weit überlegen waren. 3 Welche falſche Stellung war dieß? Wie voller Be⸗ trug mußte ſie werden, um dieſe Stellung zu behaupten? Sie rief alle ihre Sophiſterei zu Hülfe, um ſich zu über⸗ reden, daß die Stellung ihrer Familie bloß ein vorüber⸗ gehender Zuſtand wäre, daß ſie ſpäter,— ja vielleicht in einer nicht ſehr fernen Zukunft,— wieder ein„Haus machen“ würden, und daß ſie, was Familie und Abkunft beträfe, einem Jeden ebenbürtig wären; daß ſie eben ſo gut Anſpruch auf Achtung machen könnten, wie nur irgend Jemand. Sie ſuchte ſich an den Gedanken zu gewoͤhnen, daß ihr Vater und Nelly ſich in den Kreiſen bewegten, in denen ſie jetzt ſelbſt lebte. Aber, wenn ſie allein war und wenn ſie ihren Gedanken fern von allen Menſchen nachhangen konnte, röthete ſich doch ihre Wange vor Scham: ſie ſchauderte wirklich bei dem bloßen Gedanken 3 an den berührten Umſtand. Und wie würde ſelbſt Frank, der einſt ihr Ideal von Allem geweſen, was graziös war und edel ausſah,— wie würde nun ſelbſt Frank ſich neben den von wohlriechenden Salben und Oelen duftenden, 6 faſhionablen Perſonen ausnehmen, die ſie umgaben? Sie verſuchte es, ſich mit dem Gedanken zu tröſten, daß ihr Vater das müßige unmännliche Leben verachten würde, das dieſe führten; daß Ellen ſich in verſchämter Sittſam⸗ keit von einer Geſellſchaft zurückgezogen haben würde, deren freier, zügelloſer Ton ihr anſtößig geweſen wäre, und daß Frank keine Kameraden in einer Menſchenklaſſe gefunden haben würde, deren Freuden einzig und allein in Ausſchweifungen beſtänden. Und dennoch konnte alle ihre Caſuiſtik ſie nicht wieder beruhigen. Die Zauber⸗ welt, in der ſie lebte, übte auf ihren Verſtand eine all⸗ bewältigende Macht aus. Sie erkannte die große Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, zum erſten Male, als ſie gewahrte, welch' ganz verſchiedenen Eindruck jetzt ein Brief auf ſie machte, den ſie von Hauſe erhielt. Im Anfange eilte ſie da⸗ mit auf ihr Zimmer und verſchloß die Thüre, um ganz allein bei ihrer theuern Nelly ſein zu koͤnnen,— um ſich ihrer lieben Schweſter ausſchließlich zu widmen,— um wonneerfüllt, um mit Entzücken an jeder Linie, an jedem Worte zu hangen. Da dachte ſie ſich, ſie halte ſie mit ihren Armen umſchloſſen, oder beuge ſich neben der Wange der ſich über ihr Arbeitstiſchchen neigenden Schwe⸗ ſter nieder. Wie rührte ſie da jede kleine Einzelheit, wie vergegenwärtigte ihr da jede Anſpielung die theure Heimath,— das wohnliche Zimmerchen, wenn Abends das helle Feuer in dem Kamine brannte und Nelly die Werkzeuge herbeiholte, womit ſie ihre Figuren modellirte, während Hanſerl eine Stelle, eine Zeile, eine Beſchrei⸗ bung aufſuchte, die Nelly haben wollte;— und wie ver⸗ gegenwärtigte ſie ſich die kleinen, nun folgenden Eroͤr⸗ terungen über die Form irgend einer Waffe, oder den Schnitt eines einer vergangenen Zeit angehörenden Co⸗ ſtüms,— Eroͤrterungen, welche ſo oft durch ihren Vater unterbrochen wurden, deſſen drollige Einfälle ſie laut auflachen machten. 4 —ꝑ 7 Mit welchem Intereſſe pflegte ſie da auch jede auch noch ſo unbedeutende Vorfallenheit ihres täglichen Lebens zu verfolgen:— mit welchem Intereſſe folgte ſie da den Arbeiten Nelly's;— wie grübelte ſie über die Schwie⸗ rigkeiten nach, welche eine Gruppe darbot, und wie fragte ſie ſich, wie ſie ſelbſt wohl es angreifen würde, um die⸗ ſelben zu überwinden. Mit welch' eifriger Neugierde pflegte ſie da die gewöhnlichſten Einzelheiten über Haus⸗ haltung und dergleichen zu leſen? Und wie hüpfte ihr Herz, wenn ſie von Frank hörte,— von Frank, dem Soldaten, obgleich alle Nachrichten nur dahin lauteten, daß er bei ſeinem Regimente wäre, und nur wenig von ihm ſelbſt oder dem Dienſte ſprachen. Jetzt aber hatte ſich das Entzücken, das ihr früher ein Brief verurſachte, allmählig in ein tiefes Erröthen voller Angſt und Scham verwandelt. Woher und wie die Angſt kam, wußte ſie eigentlich ſelbſt nicht; die Scham aber rührte daher, daß Nelly's Handſchrift auf der Adreſſe wunderlich und altmodiſch ausſah, während Papier und Siegel die allergeringſte Bekanntſchaft mit brieflicher Eleganz verriethen. Den Brief, den ſie mit heftig pochendem Herzen zu nehmen pflegte, ergriff ſie jetzt zwar mit größerem Eifer, aber aus keinem an⸗ dern Grunde, als weil ſie befürchtete, es möchten Andere deſſen vulgäres Aeußere ſehen und bemerken! Wie ganz anders ſprach ſie auch jetzt der Inhalt des Briefes an: ſo lange ſich derſelbe auf ſie ſelbſt und ihre neueſten Erlebniſſe bezog, las ſie begierig und freudig. Nelly's unſchuldige Verwunderung war ihr ein überaus wonniges Gefühl; die liebevolle Theilnahme der Schweſter an ihrem Glücke war ihr recht angenehm; ſelbſt ihre ſanf⸗ ten Warnungen vor den Fallſtricken eines ſolchen Lebens waren ihr nicht unangenehm; aber welche Veränderung fand in ihrem Gemüthe Statt, ſobald im Briefe von der Heimath die Rede war! Wie düſter und trübſelig wurde das Gemälde,— wie armſelig jedes Ereigniß, und jeder 8 kleine Vorſall;— wie geringfügig war jede Einzelheit, — wie unbedeutend, wie ärmlich die Beſchäftigungen, woran ſie ein Intereſſe nahmen! Wie wunderte ſie ſich, daß ſie an ſolchen Kleinigkei⸗ ten Intereſſe nehmen konnten! Wie war ſie erſtaunt, daß ihre Hoffnungen und Befürchtungen, ihre Wünſche und ihre Angſt eine ſo gemeine Geſtalt annehmen konnten! Mit ganz eigenthümlicher Macht drängte ſich ihr dieſes Gefühl bei einem Paragraphen auf, der Nelly's letzten Brief ſchloß, und alſo lautete: „Denk' Dir einmal unſer Glück, theuerſte Kate! Wir haben ſo eben Jemand geſprochen, der Dich vor kurzer Zeit geſehen hat,— einen Deiner Florentiner Bekannten, und ich glaube, ich könnte noch weiter gehen, und ſagen,— einen Deiner Freunde, denn die Art und Weiſe, in der er von Dir ſprach, bewies eine aufrichtige und wahre Ach⸗ tung von ſeiner Seite. Es war ſo lieb von ihm, daß er uns aufſuchte, um uns von Dir zu erzählen; denn er blieb einen ganzen Tag hier, einzig und allein, um uns eine Freude zu machen, da ſeine diplomatiſchen Pflichten ihn in aller Eile nach England riefen.“ Als Kate ſo weit geleſen hatte, hielt ſie inne; ihr Geſicht und ihr Hals waren purpurroth vor Scham, und ihr Herz ſchlug ſo ſtark, daß man es faſt hören konnte. Mit Blitzesſchnelle rief ſie ſich drei oder vier Namen von Geſandten und Geſchäftsträgern ins Gedächtniß zurück, die in der jüngſten Zeit Florenz verlaſſen hatten: ſie zitterte bei dem Gedanken, daß es der prachtliebende Ruſſe Na⸗ radskoi, oder der fürſtliche Neapolitaner Camporeſe, oder der hochmüthige Spanier Don Hernandez Orloes ſein könnte, der ihr beſcheivenes Haus beſucht. Wie demüthigend mußte es für ſie ſein, wenn ſie dieſe Perſonen je wieder ſah! Ihre Heimath ſtellte ſich ihr in dieſem Augenblicke nur als der Zeuge ihr Schande dar: wle gemein und elend erſchien ihr deren Armuth, und wie viel Vulgarität knüpfte ſich an dieſelbe! Mit wahrem Schrecken wich ſie 9 jetzt von ihrem alten armen Vater zurück, an deſſen Hals ſie noch einen Augenblick zuvor mit Entzücken gehangen haben würde: ſein Anzug, ſein Ausſehen. ſeine Ausſprache, — jedes Wort, das er ſprach, jede Anſpielung, die er machte, war eine Qual für ſie; und Nelly,— ſelbſt Nel⸗ ly,— wie erröthete ſie, wenn ſie ſich deren beſcheidenen Anzug und deren armſeliges Aeußere vorſtellte;— wenn ſie ſich das kleine Kleid von gefärbter Wolle vorſtellte, aus deſſen Taſchen Schnitzwerkzeuge hervorſahen. Und wenn ſie ſich dann noch vorſtellte, wie ihr Vater Nelly's letzte Arbeit, irgend eine kleine Thon⸗ oder Holzgruppe, vorzeigte! Sie vergegenwärtigte ſie ſich ſeinen Stolz,— das verſchämte Weſen ihrer Schweſter,— die angebliche Bewunderung des Fremden! Bis daher hatten dieſe Emotionen nie un⸗ ächt geſchienen. Ohl wie ſchauderte ſie zuſammen, als ihre Gedanken immer mehr die Farben der Wirklichkeit annahmen, und das Zimmer ſelbſt mit ſeinen armſeligen Möbeln ſich ihr vor Augen ſtellte! Endlich las ſie weiter: „Natürlich war ſein Beſuch eine große Ehre für uns, und wahrſcheinlich würde ſo viel Herablaſſung uns halb erdrückt haben, wenn er in einer andern Abſicht gekommen wäre, als um von Dir zu ſprechen; aber, Kate, ich ver⸗ gaß in Wahrheit all' ſeine Groͤße, und all' ſeinen hohen Rang, und dachte, daß er keine höhere Miſſion habe, als mir von meiner theuerſten Schweſter Nachrichten zu bringen. Papa lud ihn natürlich zum Eſſen ein. Ich glaube wahrhaftig, daß er unter ſolchen Umſtänden den Czar ſelbſt eingeladen haben würde; zum Gluͤcke aber für ihn und auch vielleicht für Dich, war er zu taub, um die Einla⸗ dung zu hoͤren: er antwortete in höflicher Weiſe, daß er einen von mir an Dich gerichteten Brief mit Vergnügen unter ſeinem diplomatiſchen Siegel abſenden würde, und ſo ſchieden wir von einander. Ich muß noch hinzufügen, daß Mr. Foglaß im Sinne hat, eheſtens nach Florenz zurückzukehren.“ 10 Kate las dieſen Namen drei bis vier Mal, ehe ſie die Ueberzeugung gewinnen konnte, daß ſie recht geleſen. Foglaß! Nie hatte ſie von ihm gehört, noch viel weniger ihn geſehen. Da der Name einer Perſon von diplomati⸗ ſchem Rang angehoͤrte, ſo hätte ſie ſich gewiß deſſelben erinnert,— und doch war er ihr ganz neu. Sie ſchlug in Lady Heſter's Einladungsbuch nach, allein dort war kein ſolcher Name zu finden. Es iſt in der That nicht zu ſa⸗ gen, welche Geſtalt ihre Zweifel angenommen haben wür⸗ den, als ſie Mr. Albert Jekyl den Hofraum durchſchreiten, und in das Haus hereinkommen ſah. Wohl wiſſend, daß er der Mann war, der die Schwie⸗ rigkeit loͤſen konnte, wenn dieſelbe überhaupt zu löſen war, eilte ſie die Treppe hinab, ihm entgegen. „Mr. Jekyl!“ rief ſie haſtig,„gibt es auf der Welt einen Mann mit Namen Foglaß?“ „Ei freilich gibt es einen ſolchen, Miß Dalton,“ ſagte Jekyl, über ihren Eifer lächelnd. „Iſt der Mann Geſandter oder Geſchäftsträger an irgend einem Hofe?“ „Nicht daß ich wüßte,“ wiederholte er mit einem noch zweifelhafteren Lächeln. „Gut, dann iſſt er vielleicht Geſandtſchaftsſekretär, oder ſo Etwas? Wer iſt er?— Was iſt er?— Was iſt ſein Geſchäft?“ „Ah, Sie meinen Bob, Miß Dalton,“ ſagte er, in⸗ dem er ſeine Backen aufblies, zu gleicher Zeit mit der Hand durch ſein Haar fuhr, bis dasſelbe der Per⸗ rücke des Exkouſuls überaus ähnlich wurde, und während er ſich mit ſeiner Weſte zu ſchaffen machte und dadurch die prätentiöſe Gegenwart des Scheinkönigthums nachahmte. „Sie meinen Bob, Madam,“ ſagte er, die abgemeſſene Intonation und den pompöſen Ton des Exkonſuls nach⸗ äffend,—„Sie meinen den alten Fogey, wie Mathews mich ſtets nannte. Mathews, und ich, und Towerſend waren ſtets beiſammen,— ſpeisten regelmäßig jeden Sonn⸗ 5 5b 11 tag zu Grenwich. Was waren das für Abende! Wie herniaßtig wurde da geſprochen! Was waren das für Feſte! a, ja 1 „Ich muß Sie erinnern, daß ich den Mann in mei⸗ nem Leben noch nie geſehen habe,“ ſagte ſie lachend; ob⸗ gleich ich gewiß bin, daß es mir, wenn ich ihn ſpäter einmal ſehen ſollte, nicht ſehr ſchwer ſein wird, ihn zu erkennen. Und nun ſagen Sie mir doch, wer er iſt!“ „Er ſelbſt ſagt, er ſei ein Enkel Georgs des Vier⸗ ten. Weniger intereſſirte Biographen nennen ihn einen Sohn von Foglaß und Crattles, die, wie ich glaube, nicht einmal Hofkutſcher waren. Er war Konſul zu Ezmerum, oder an einem andern derartigen Orte. Man zeigte ihm wenigſtens den Namen auf einer Landkarte, und hieß ihn den Ort ſuchen, allein er fand, wie es ſcheint, noch etwas Anderes,— er fand, daß weder eine Beſoldung, noch Gebühren mit der Stelle verbunden waren,— daß er we⸗ der Päſſe auszuſtellen hatte, noch öffentliche Gelder ſtehlen konnte, und ſo hat er ſeine Weisheit noch einmal zurück⸗ gebracht, um das auswärtige Amt zu belagern. Aber wie kommt es, daß Sie mich nach dem Manne fragen?“ „Einige meiner Freunde haben ihn in Deutſchland getroffen,“ ſagte ſie zoͤgernd. Sie hätte erröthen koͤnnen, wenn Jekyl ſie angeblickt hätte, aber dieſer hütete ſich wohl, dieß zu thun; er gab ſich vielmehr Mühe, ſeine Blicke nach einer ganz entge⸗ gengeſetzten Richtung hinzuwerfen. „Es wäre recht gut von Ihnen, wenn Sie denſel⸗ ben ſagten, daß der Mann ſich ordentlich auf das Spio⸗ niren lege, und daß derſelbe, wenn er nicht taub wäre, eben ſo gefährlich ſein würde, wie Purvis.“ „Ich denke mir, daß ſie nur wenig von ihm ſehen werden,“ ſagte ſie mit einem trotzigen Kopfſchütteln.„Er machte ihre Bekanntſchaft, indem er vorgab, daß er mich kenne. Ich kann mich aber gar nicht erinnern, ihn je geſehen zu haben.“ 12 „Natürlich haben Sie ihn nie gekannt, Miß Dalton,“ antwortete er mit einem unterdrückten Entſetzen in der Stimme, während er ſprach. „Hier iſt ein Brief für Sie, Mademoiſelle ℳ ſagte ein Diener zu Kate;„der Mann, der ihn gebracht hat, wartet auf eine Antwort.“ Kate erbrach das Siegel mit einigem Zittern. Sie hatte außer ihren Geſchwiſtern und ihrem Vater keine Korreſpondenten, und fragte ſich, was das bedeuten könnte. In ſeltſamer Aufregung las ſie folgende Zeilen: „Mrs. Montague NRicketts empfiehlt ſich Miß Dalton ehrerbietigſt, und bittet ſie, ihr mitzutheilen, um wie viel Uhr Mrs. Montague Ricketts heute Miß Dalton ihre Aufwartung machen kann: ſie hat einen Brief zu über⸗ reichen, der ihr zugeſandt worden, und den ſie in eigener Perſon an Miß Dalton abzugeben hat. Vielleicht wird Mrs. Ricketts früher empfangen, wenn ſie hinzuſetzt, daß das koſtbare Dokument von Miß Dalton's Vater kommt.“ Was in aller Welt ſollte dieß bedeuten? Hatte ihr doch die Poſt an demſelben Tage einen Brief von Nelly gebracht. Warum hatte ihr Vater nicht in dieſem Briefe geſagt, was er zu ſagen wünſchte? Wozu dieſer myſte⸗ riöſe Umweg? Der Anblick des immer noch auf eine Antwort war⸗ tenden Dieners machte endlich dieſen Kreuzfragen ein Ende, und ſie eilte hinweg, um Lady Heſter in Betreff der zu ertheilenden Antwort zu Rathe zu ziehen. „Das iſt höchſt ärgerlich, mein liebes Kind,— das iſt doch gar zu arg,“— ſagte ſte, während ſie die Er⸗ klärung anhörte.„Die Nicketts iſt, wie man mir ſagt, ein gar zu entſetzliches Geſchöpf; und bis jetzt ſind wir ihr glücklich aus dem Wege gegangen. Koͤnnten Sie nicht unwohl ſein?“ „Aber der Brief?“ ſagte Kate, halb lächelnd, halb ärgerlich. 13 „Ei, ei, Sie haben Recht,— ei, ei, der Brief! Aber Buccellini könnte, wie Sie wiſſen, den Brief in Empfang nehmen, und denſelben mit unerbrochenem Sie⸗ gel in Ihrer Nähe laſſen. Sie koͤnnten ihn auf dieſe Weiſe ebenſo gut leſen. Gewiß las ich Alles, was Sir Stafford in dem ſeinigen ſagte, ohne denſelben zu öffnen. Sie ha⸗ ben es ja ſelbſt geſehen, Kate; vielleicht aber glauben Sie es bei Ihrem Skepticismus noch auf dieſe Stunde nicht, denn Sie ſind recht ſkeptiſch; es iſt das Ihr Hauptfehler, meine Liebe. D'Esmonde vergoß jüngſt Thränen darüber. Er ſagte mir, daß Sie nicht einmal an die Madonna della Torre glaubten, obgleich er Ihnen das Fläſchchen mit den Thränen gezeigt!“ „Ich ſagte bloß, ich hätte die heilige Jungfrau die⸗ ſelben nicht vergießen ſehen,“ ſagte Kate. „Ganz richtig, mein Kind, aber Sie ſahen die Thrä⸗ nen, und hörten D’Esmonde bemerken, daß Sie, wenn Sie Morgens den Garten ganz durchnäßt und Bäume und Blumen triefen ſähen, gewiß nie zweifelten, daß es während der Nacht geregnet, wenn Sie auch nicht gewacht hätten, um es zu hören oder zu ſehen.“ Kate ſchwieg, nicht weil es ihr an einer Antwort fehlte, ſondern weil ſie eine Erörterung, die dem Gegen⸗ ſtande ihres Beſuchs ſo fern lag, um keinen Preis ver⸗ längern wollte. „Was mich betrifft, ſo glaube ich trotz dem, daß ich Proteſtantin bin, ja trotz dem, daß ich Proteſtantin bin, an die Torre,“ ſagte Lady Heſter in dem triumphirenden Tone einer Perſon, die ſich über all die Sklaverei des Vor⸗ urtheils erhebt. Will man recht unterſcheiden, Kate, ſo muß man unterſuchen, ob Etwas über die Vernunft er⸗ haben, oder ob es derſelben zuwider iſt. Verſtehen Sie mich, Kind?“ „Gewiß iſt Mrs. Ricketts' Beſuch Beides,“ ſagte Kate, in geſchickter Weiſe auf das urſprüngliche Thema zurück⸗ kommend.. 14 „Ganz wahr, und ich vergaß das liebe Weib ganz und gar. Ich glaube, Sie müſſen ſie nun einmal empfangen, Kate; es gibt keinen Ausweg! Sagen Sie drei Uhrt ich werde mich dann in dem kleinen Geſellſchaftszimmer auf⸗ halten, und ihre entſetzliche Stimme nicht hören, da die Gallerie und die Bibliothek zwiſchen uns iſt.“ „Hat ſie denn eine ſo entſetzliche Stimme?“ fragte Kate unſchuldig. „Ich weiß es fürwahr nicht,“ antwortete Lady He⸗ ſter verdrießlich;„aber natürlich hat ſie eine ſolche! Dieſe entſetzlichen Leute haben immer eine ſolche Stimme! Machen Sie den Beſuch ſo kurz, wie möglich, Kate. Laſſen Sie denſelben zu keinem Vorwande für etwas Späteres werden. Bedienen Sie ſich bei jeder Gelegenheit Ihres Augenglaſes, damit Sie kurzſichtig genug ſein kön⸗ nen, um ſie nie mehr zu kennen. „Ich habe Sie bisweilen recht trotzig und ſtolz ge⸗ ſehen, Kind:— ſo müſſen Sie ſich auch bei dieſem Be⸗ ſuche zeigen; das iſt die rechte Art. Es war doch ſehr unrecht von Ihrem Papa, daß er in ſolcher Weiſe ſchrieb, — oder von Ihrer Schweſter, oder wer es auch immer ſein mochte. Heut zu Tage bedient man ſich nur der Poſt: kein ordentlicher Menſch denkt an ein anderes Transportmittel. Sagen Sie es ihnen doch; ſagen Sie ihnen doch, daß es mich ganz nervoͤs gemacht; Sie ſehen, daß ich heute nervoͤs bin. „Nun! nun! Ich will Sie nicht verſtimmen, Kind, — aber Alles iſt heute verkehrt gegangen. Midchikoff hat ſeine Loge weggegeben, und ich habe die meinige der Luccheſint verſprochen; und die Blonden⸗Falbel iſt viel zu ſchmal, wie Cöleſtine mir ſagt; aber ich bin gewiß, daß ſie ein Stück davon abgeſchnitten hat, um ſich eine „„Berthe““ zu machen. Und dann ſind die Blumen wirk⸗ lich odibs. Es ſind dieſelben hochroth, anſtatt kirſchroth zu ſein, obgleich ich Jekyl zwei Mal ſagte, daß ſie gerade die Farbe von Lady Melgund's Naſe haben ſollten! * — 15 „Und nun adleu! Behalten Sie Alles, was ich Ih⸗ nen geſagt habe, und vergeſſen Sie nicht, daß dieß ein Giorno infelice iſt, und daß Alles, was man thut, un⸗ glücklich ausfällt. Hoffentlich kommt D'Esmonde heute nicht. Ich bin dieſen Morgen wirklich nicht in der Stim⸗ mung, mich mit ihm in eine Controverſe einzulaſſen. In⸗ deſſen wäre es mir lieb, wenn Buccellini käme und wenn ich ein Kügelchen von der elyſiſchen Eſſenz hätte. Adieu, adieu! denken Sie noch weiter über die Mavonna della Torre nach und machen Sie die odiöſe Ricketts'ſche Ge⸗ ſchichte ſo kurz wie moͤglich ab!“ Nachdem Lady Heſter Kate Alles dieſes auf das Herz gebunden hatte, zog ſich Letztere zurück, um endlich dem Bedienten die Antwort zu geben, auf die er wartete. Sie ließ Mrs. Ricketts ſagen, daß ſie ſie noch an dem⸗ ſelben Nachmittage um drei Uhr empfangen würde, und gewiß ſah ſie dem ſo eifrig gewünſchten Beſuche mit mehr Nengierde, als Freude entgegen. Einunddreißigſtes Kapitel. Ein feſtlicher Abend. Es iſt nicht nothwendig, daß der Leſer an Kate Dalton's Myſtification in Betreff des Briefes ihres Va⸗ ters Theil nimmt, indem das fragliche Document ganz einfach ein Stück Ricketts'ſcher Strategie, und ausgewirkt worden war, um ſich in dem Palazzo Mazzarini Zutritt zu verſchaffen,— welcher Palaſt ungeachtet aller Ver⸗ ſicherungen Lord Norwood's immer noch ſich als eine Feſtung erwies, gegen welche alle Angriffe der Ricketts Nichts vermochten. Foglaß erhielt alſo den Auftrag, Mr. Dalton zu veranlaſſen, daß er an ſeine Tochter Etwas,— irgend 16 Etwas ſchreibe. Der Brief ſollte ſofort unter dem Ge⸗ ſandtſchaftsſigel überſchickt werden,— eine überaus vor⸗ nehme Art des Transports, die Mr. Dalton veranlaſſen mußte, ſeine ganze Schreibkunſt wieder aufzubieten, die, ſeitdem er aufgehört hatte, ſich im Ausſtellen von Wech⸗ ſeln zu üben, bei ihm durchaus brach gelegen hatte. Der Befehl, dieſes Creditiv auszuwirken, kam Foglaß gerade in dem Augenblicke zu, als er im Begriffe war, Baden zu verlaſſen; da er aber aus verſchiedenen kleinen geſell⸗ ſchaftlichen Gründen die Achtung der Riketts'ſchen ſich ſichern wollte, ſo änderte er mit einem Male ſeinen Plan, ſchützte einen plötzlichen Anfall von Podagra,— einer recht koͤniglichen Krankheit,— vor, legte ſich in's Bette, und ſchickte Dalton einige Zeilen, worin er ihm ſeinen Unfall klagte, und ihn um einen freundlichen Beſuch bat. Der arme Dalton, der ſich ſtets und allenthalben als einen gutmüthigen Menſchen zeigte, ging noch in der⸗ ſelben Nacht aus, ungeachtet eines heftigen, ſchneidenden Nordwindes und des einherſtürmenden, halbgefrorenen Schnees, und ſchritt geraden Weges auf das Hotel de Rüſſie zu, wo, in einem für einen ſo hohen Gaf über⸗ aus beſcheidenen Zimmerchen, Mr. Foglaß, den Schein⸗ qualen des Podagras preisgegeben, lag. „Wie verteufelt freundlich von Ihnen,— wie auf⸗ merkſam!“ ſprach Foglaß, indem er ihm einen Finger ſeiner Hand zum Schütteln gab.„So ganz den armen Townſend gleich,— dem armen Townſend, den wir nur Lord Tom zu nennen pflegten. Hoffentlich nicht aß 2“ „Und wenn ich auch naß wäre, ſo wäre e gewiß nicht zum erſten Male. Aber wie geht es Ihn n?— Wo fehlt es Ihnen? Wo ſteckt der Schmerz?“ „Sie müſſen ein Bischen lauter ſprechen; man hoͤrt in dieſem Zimmer das Geſprochene nicht ganz gut.“ „Wo ſteckt der Schmerz?“ ſchrie Dalton. „Nun, nun!— Sie brauchen nicht gerad u brül⸗ len,“ flüſterte der Andere,„der Schmerz ſtecktt.— über — 17 dem Magen, an den Rippen, an dem Rücken herum er ſteckt überall.“ „Ah, ich weiß es wohl,“ ſagte Dalton, das Geſicht verzerrend.„Der Teufel hat es geſehen, wenn das Po⸗ dagra ſich unter die kurzen Rippen macht! Es fängt an, Einen nach Art eines Ratten zu begrabbeln; es beißt der⸗ ſeibe, ſo zu ſagen, kleine Stücke weg, und dann und wann ein großes, was Einem kleine Schreie entreißt, und dann fangen die Zähne an, heiß zu werden,— und dann beißt er geſchwinder, und zerrt, und zerreißt Einen obendrein: — ich weiß es wohl, da ich ſchon ſeit ſo vielen Jahren den Kameraden kenne.“ Von dieſer ganzen Beſchreibung hoͤrte Foglaß ledig⸗ lich Nichts; indeſſen verbeugte er ſich ſanft, und gab Dalton zu gleicher Zeit ein Zeichen, daß er ſich näher zu ihm hinſetzen moͤchte. „Gewiß wäre Ihnen ein Bischen Wein und Waſſer erwünſcht,“ ſagte er mit der Miene eines Mannes, der ſelten als Wirth figurirte, und es noch ſeltener ſein wollte. „Rum und Waſſer,— ſiedendes Waſſer,— nebſt Zucker und einem Bischen Zitronenſaft,— das will ich trinken, und glauben Sie mir, Sie würden nicht übel fahren, wenn Sie ein Gleiches thäten. Ich habe ein ele⸗ gantes Rezept für das Podagra; ob aber Schwefel oder Salpeter darin iſt, weiß ich nicht mehr genau. So viel weiß ich indeſſen noch, daß man Syrup, Eſchenrinde, Erdwürmer, das Gelbe von vier Eiern, und ein Bischen Rosmarin darein thun muß. Da es aber möglich wäre, daß Ihnen dieſes Mittel Anfangs nicht mundete, ſo wol⸗ len wir mit einigen Maß Punſch anfangen.“ Unterdeſſen war der Kellner erſchienen, und als der Befehl vermittelſt einer überaus ausdrucksvollen Panto⸗ mime des Trinkens und der wenigen vereinzelten deutſchen Worte, die Dalton kannte, ertheilt war, nahm das Zim⸗ Die Daltons. III. 2 18 mer ein geſelliges, freundliches Ausſehen an, wozu Dal⸗ ton's Anweſenheit hauptſächlich beitrug. In dem Vertrauen, das ein ſolcher Augenblick der Einſamkeit einflößte, zog Foglaß ein Hoͤrrohr hervor,— ein Zeichen des unbegrenzteſten Zutrauens von ſeiner Seite, und das Dalton, wenn er ihn beſſer gekannt hätte, zu einem Beweiſe geſtempelt haben würde, daß er auf die CEhrenhaftigkeit des Mannes unbedingt zählen dürfe. „Ich bin viele Jahre in Conſtantinopel geweſen,“ ſagte Foglaß, das Inſtrument dem Ohre nähernd,„und der verdammte Muezzin hat mich ein Bischen taub ge⸗ macht. Es werden dort immer und ewig, bei Tag und bei Nacht, die Leute zum Gebete gerufen.“ „Wie ſie erwarten können, daß ſie in den Himmel kommen werden, indem ſie ſich ſo abplagen, geht über meinen Verſtand,“ ſagte Dalton. „Sie ſind Mahomedaner!“ ſagte Foglaß mit der Miene eines Mannes, der eine große Wahrheit ausſpricht. „Gewiß, gewiß,“ bemerkte Dalton;„ſo machen es Chriſten nicht. Sagen Sie mir nun, ob es wahr iſt, daß die Leute nie geſalzenes Fleiſch eſſen.“ „Nie eſſen ſie ſolches!“ „Seht einmal! Nicht einmal ein Stückchen Pökel⸗ fleiſch,— nicht einmal ein Stück Schinken—⸗ „Davon möchten die Leute nicht einmal hoͤren,“ un⸗ terbrach ihn Foglaß.„Auch der Wein iſt ihnen verboten.“ „Duͤrfen ſie auch keinen Punſch trinken?⸗ „Von Punſch kann natürlich ebenſo wenig die Rede ſein. Eine Pfeife Tabak, eine Taſſe Kaffee, das Bad, und ein Bischen Opium,— das ſind die Hochgenüſſe des türkiſchen Lebens.“ „Zum Teufel mit dieſen Genüſſen!“ rief Dalton un⸗ geduldig.„Wie ein Mann neben einem Kaffeetopf, oder wenn er bis an den Hals in heißem Waſſer ſteckt, geſel⸗ lig ſein kann, das kann ich durchaus nicht verſtehen. Zum Kuckuck! Ich beneide die Türken nicht!“ 19 uUnd während er ſo ſprach, führte er ſich den Inhalt ſeines Glaſes zu Gemuthe, wie ein Mann, dem ein glück⸗ licheres Loos geworden. „Wenn Sie mir ein Gläschen von dem Punſch ma⸗ bhen wollten, ſo würde ich einen Toaſt vorſchlagen,“ ſagte oglaß. „Das heiße ich einmal vernünftig geſprochen: eine angenehme, luſtige Geſellſchaft iſt der groͤßte Feind des Podagras. Seien Sie luſtig und aufgeräumt,— geben Sie ven Sorgen den Abſchied, und es ſoll mich der Teu⸗ fel holen, wenn Ihre Knie nicht geſchmeidig werden, und wenn die Geſchwulſt Ihre Fußknöchel nicht verläßt; aber ſchwacher Punſch und langweilige Leute würden die beſte Conſtitution von der Welt untergraben. Verſuchen Sie einmal das!“ Nach Mr. Foglaß' Geſicht zu urtheilen, hatte Dal⸗ ton ſeinem Kameraden wenigſtens ein Element der Ge⸗ ſundheit an die Hand gegeben. „Er iſt ſehr ſtark,— wirklich ſehr ſtark!“ ſagte er⸗ die Augen runzelnd. „Die Schuld liegt an dem Waſſer, das man hier zu Lande hat,“ ſagte Dalton.„Es vermiſcht ſich nicht recht mit dem Rum, ſo daß die eine Hälfte des Getränkes,— gewöoͤhnlich die erſte,— recht ſtark ſchmeckt, während der untere Theil ſo mild wie Milch iſt.“ Dieſe Erklärung ermuthigte Foglaß dermaßen, daß er trank, ohne abzuſetzen, und erſt, als er das Glas ge⸗ leert, erinnerte er ſich ſeiner Abſicht, eine Geſundheit aus⸗ zubringen. „Nun, Mr. Dalton,“ ſagte er, indem er ſich, mit dem wiedergefüllten Glaſe in der Hand, in ſeinem Bette auf⸗ richtete,„will ich die Geſundheit des ſchönſten Mädchens in Italien ausbringen,— die Geſundheit eines Mädchens, deren Schönheit und Grazie in Jedermanns Munde ſind, und deren Ehrgeiz Alles erreichbar iſt,— ja Alles, es. 0 „Ich trinke auf Deine Geſundheit, Kate Dalton,“ ſiel der Vater ein;„ich trinke auf Deine Geſundheit, mein liebes Kind; und wenn Du nur zu mir zurückkommſt, wie Du fortgegangen, ſo verlange ich, bei meiner Seele, Nichts weiter,— ſo verlange ich nichts Groͤßeres.“ „Es wird aus ihr noch eine Herzogin; ſie kann ſo⸗ gar eine Fürſtin werden, ſie darf nur wollen.“ „Wer weiß,— wer weiß?“ ſagte Dalton, indem er den Kopf hangen ließ, und mit dem Löͤffel auf den Zucker in ſeinem Glaſe loshämmerte. „Jedermann weiß,— Jedermann ſieht es, Mr. Dal⸗ ton,“ ſagte Foglaß beſtimmt.„Vom Erzherzoge Ernſt von Oeſterreich bis zu den Pagen des Hofes ſind Alle ihre Anbeter und Bewunderer. Sie wird zu Ihnen zurückkom⸗ men mit einem ſtolzen Namen und einer hohen Krone in ihrem Wappen,— Mr. Dalton!“ „Zum Teufel, ſie kann nie hoͤher ſteigen, als ſie ſchon jetzt ſteht! Das kann ich Ihnen ſagen. Ueber den Namen der Daltons geht Nichts. Wir haben ihn nicht erſt ſeit geſtern angenommen; es ſind in dem Kirchhofe von Bal⸗ lyhack Grabſteine, die zeigen, wer wir ſind, und wenn ſie den— den— Gott verzeihe mir, faſt hätte ich geſagt, den Papſt heirathete, aber ich meinte den Großtürken, — ſo würde ſie um kein Haar beſſer ſein, als ſie jetzt, als ſie als Kate Dalton iſt.“ „Gewiß würde ſie nicht beſſer ſein, das gebe ich Ihnen zu, nur würde ihre Stellung eine höhere ſein; die Welt müßte ihr mehr Ehre erweiſen,“ ſagt Foglaß ſanft. „Auch das leugne ich,“ rief Dalton zornig.„Das allerälteſte Geſchlecht iſt das der Daltons. Unſer Name kommt in der Bibel vor. Zwar weiß ich nicht, wo, aber ich glaube, daß er im Buche der Könige ſteht; vielleicht ſteht er auch in den Pſalmen. Aber wo er immer ſtehen mag, ſo viel iſt gewiß, daß jener Dalton ein wahrer Gentleman war,— daß derſelbe auf ſeinem Landgute lebte, und daß er Bediente in Livree, und eine große Menge Pferde 21 hatte: kurz Alles war bei ihm in beſtem Styl; er war eines der angeſehenſten Mitglieder der großen Jury,— vielleicht war er auch Sheriff von ſeiner Grafſchaft.“ Foglaß, der dieſer Beſchreibung nur unvollkommen gefolgt war, konnte ſich nur verbeugen, zum Zeichen, daß er mit dem, was er nicht gehoͤrt, vollkommen einverſtan⸗ den ſei. ſebauf jeden Fall läßt ſich der Mann, der Kate Dal⸗ ton heirathet, nicht herab,— das kann ich ihm ſagen. Die ſchmutzigen, gemeinen Aecker können unſern Händen entſchlüpfen, aber unſer gutes Blut bleibt uns!“ „Niemand hegt eine größere Verehrung für das Blut, Sir,“ ſagte Foglaß ſtolz;„wenige Leute haben mehr Grund, ein ſolches Gefühl zu hegen.“ „Iſt Fogles ein alter Stamm?“ fragte Dalton eifrig. „Foglaß dürfte, wie Fitzroy, mehr bedeuten, als die Loyalität geſtehen möchte, Sir. Mein Vater, Mr. Dal⸗ lon,— es iſt jedoch dieſes ein trauriges Thema für mich, — wir wollen daher zu einem andern übergehen; wir wollen ein Glas leeren auf beſſere Zeiten, und wollen hoffen, daß jenes abſcheuliche Statut bald aus unſerem Geſetzbuche verſchwinden,— daß jene Ausgeburt des Arg⸗ wohns und des Miß trauens nicht länger das Aergerniß und die Schmach Englands ſein werde. Ich trinke auf deſſen baldige und ewige Aufhebung!“ Das letztere Wort wirkte auf Dalton wie ein Talis⸗ man, da es in ſeinem Geiſte nur mit einem Gegenſtande verknüpft war. Er ſtand mit einem Male auf, und rief, ſeinen Be⸗ cher in die Hoͤhe haltend, ſo laut er konnte: „Hip, hip! Hurrahl Ein dreimaliges Hoch dem Re⸗ peal! Möge er endlich durchgehen! Hoch lebe der Repeal!“ Foglaß echoete den Trinkſpruch mit gleicher Begei⸗ ſterung, und rief, ſein Glas bis auf die Neige leerend, us: „Ich danke Ihnen, Dalton! ich danke Ihnen; dieſe 22 von Herzen kommenden Lebehochs ſagen mir, daß wir Freunde ſind; und obgleich Sie nicht wiſſen, was meine Gefühle ſind,— und in der That kann es Niemand wiſ⸗ ſen,— ſo koͤnnen Sie doch mit ehrlicher Indignation dieſe verhaßten Unionen verwünſchen.“ „Der Teufel hole ſie!“ rief Dalton energiſch.„Seit dem Tage, an dem wir die Union ſahen, haben wir keinen Augenblick des Glücks und des Friedens gehabt!“ „Oh, die kleinen deutſchen Souveräne mit ihren Ter⸗ ritorien, ſo groß, wie Hyde Park!“ ſagte Foglaß mit tiefer Verachtung. „Ganz richtig. Oh, die Heſſen!“ ſtimmte Dalton ein, der ſich dunkel bewußt war, daß der Andere auf die einſt in Irland einquartirt geweſenen Truppen des Kurfürſten von Heſſen anſpielte. „Sprechen wir von etwas Anderem, Dalton!“ ſagte Foglaß pathetiſch, indem er ſeine Stirne abtrocknete, wie ein Mann, der ſchwarze Gedanken verſcheucht.„Ich trinke auf das Wohl der reizenden jungen Dame, die ich geſtern Abend geſehen habe, und die eine würdige Schweſter der ſchoͤnen Miß Dalton iſt.“ „Nie athmete ein beſſeres Kind,“ ſagte Dalton, ſein Glas leerend.„Oh, meine arme Nelly;“ murmelte er leiſe vor ſich hin,„Du biſt mehr, als ſchön,— Du haſt ein Herz ohne Falſch, und Du liebſt Deinen alten Bater!“ „Sie beſitzt Talente und Fertigkeiten, Sir, womit ein großes Vermögen zu gewinnen wärez das heißt,“ ſagte er, als er die ſchwarze Wolke bemerkte, die über Dalton’s Züge hinzog,—„das heißt, wenn ſie in einer Lebens⸗ ſtellung wäre, wo ſie es nöthig hätte.“ „Ja,— ganz richtig,— ſo iſt es,“ ſtotterte Dalton heraus, der nicht recht wußte, wie er die Worte nehmen ſollte.„Es iſt etwas Schönes, wenn man Geld machen kann,— nicht als ob das je eine Gabe der Daltons ge⸗ weſen wäre. Wir waren wahre Gentlemen,— durch und durch Gentlemen; und in fünf Generationen gab es,— 23 Stephen ausgenommen,— auch nicht einen Dalton, der im Stande geweſen wäre, ein Sixpence⸗Stück zu verdie⸗ nen, wenn er in Gefahr geweſen wäre, zu verhungern.“ „Aber Stephen,— was konnte denn der thun?“ fragte Foglaß, der überaus begierig war, von dieſer ſelt⸗ ſamen Ausnahme von der Familienregel zu hören. „Ah, der ging unter die Oeſterreicher, und iſt nun Feldmarſchall, und ich weiß nicht, was noch. Mein Sohn Frank iſt jetzt auch darunter.“ „Und gefällt es ihm in öſterreichiſchen Dienſten?“ „Meiner Treul er ſagt nicht viel darüber. Sein Brief iſt gewaltig kurz, und ſagt wenig mehr, als wo er in Garniſon liegt;— wie hart er es,— und daß er nie eine Minute freie Zeit hat, der arme Burſche!“ „Somit hat Miß Kate in der Lotterie des Lebens den Preis gezogen?“ ſagte Foglaß, der das Geſpräch durchaus wieder auf ſie lenken wollte. „Meiner Treul ich weiß es nicht,“ ſagte der Andere nachdenklich.„Ihre Briefe ſprechen immer nur von der großen Welt, von vornehmen Leuten, von großen präch⸗ tigen Bällen, und dergleichen; aber wenn ſie einmal hier⸗ her zurückkommen und wieder bei mir leben muß, wird es ihr dann nicht überaus ſonderbar vorkommen?“ „Aber in Irland iſt doch die Geſellſchaft gewiß ſehr gut, wenn Sie einmal dahin zurückkehren 2 fragte Foglaß, der ihn nach und nach über ſeine künftigen Abſichten und Pläne auszuholen beſchloß. „Wer weiß, ob ich Irland je wieder ſehel Das Gut hat uns verlaſſen. Die Onslows haben es jetzt. Zwar könnte es in ſchlimmeren Händen ſein; jedoch haben ſie ebenſo wenig, als Sie, ein Recht auf daſſelbe.“ „Kein Recht auf daſſelbe;— was wollen Sie damit ſagen?“ 5 „Ich meine, was ich ſage. Ich meine, daß, wenn Jedes das hätte, was ihm gehört, ſie beim Teufel auch nicht einen Morgen von dem Gute beſitzen würden. Es iſt 24 eine lange Geſchichte— das; indeſſen will ich ſie Ihnen erzählen, wenn Sie dieſelbe anhören wollen. Es macht mir mehr Vergnügen, als Kummer, die Geſchichte zu er⸗ zählen, obgleich Mancher, der ſich in meiner Lage befände, nicht das Herz dazu hätte.“ Foglaß erklärte ſich natürlich alsbald bereit, die Ge⸗ ſchichte anzuhoͤren; und als ein neues Quantum Punſch gebraut war, fing Dalton die Geſchichte ſeiner Heirath, ſeines Wittwerſtandes, und ſeines Vermögens⸗Verluſtes an, deren intereſſanteſte Einzelheiten der Leſer bereits kennt, und mit deren Wiederholung wir denſelben nicht zum zwei⸗ ten Male ſtrafen wollen. Die Geſchichte war eine gar lange; auch wurde die⸗ ſelbe nicht kürzer durch die Weiſe des Erzählers, und durch die häuftgen Unterbrechungen, denen ihn Foglaß der größeren Deutlichkeit wegen ausſetzte. Sollen wir auch geſtehen, daß der Punſch einigen Antheil an der Verwicke⸗ lung hatte, indem Dalton's Gedächtniß und Foglaß' Auf⸗ faſſungsvermögen allmälig immer nebelhafter wurde, je weiter der Abend vorrückte? Ohne Dalton's Aufrichtigkeit in Zweifel ziehen zu wollen, müſſen wir doch geſtehen, daß es, in Anbetracht ſeiner gelegentlichen Reflexionen, ſeiner Zweifel, ſeiner Vermuthungen, und ſeiner Spekula⸗ tionen in Betreff des Grundes von dieſem, und der Ur⸗ ſache von jenem, für einen Mann, der ſich ſo ſehr in ſei⸗ nen Punſch vertieft hatte, wie Foglaß, überaus ſchwer war, ſich einen klaren Begriff von den wichtigen Ereig⸗ niſſen zu machen, die erzählt wurden. Die Stärke des Getränkes,— die Stunde,— die Länge der Geſchichte, — die parenthetiſchen Unterbrechungen, die, obgleich nur Nebenwege, oft genau wie die Hauptſtraße ausſahen,— und wahrſcheinlich auch gewiſſe Ungenauigkeiten in der Anlegung des Hörrohrs, das endlich ſeinen Dienſt ganz und gar verſagen zu wollen ſchien,— Alles dieſes trug mehr oder weniger zu einer Myſtiſication bei, die ſchließ⸗ 25 lich Nichts ſo ſehr glich, als einem recht verworrenen Traume. Hätte der würdige Exconſul einen Eld ablegen müſ⸗ ſen, ſo hätte er nicht ſagen koͤnnen, ob Sir Stafford den ſeligen Mr. Godfrey ermordet habe oder nicht, oder ob dieſes Verbrechen Dalton's ſeliger Frau zur Laſt gelegt werden müſſe. Zwiſchen Sir Guy Stafford und Sir Stafford Onslow mußte einſt, wie er dunkel vermuthete, ein ſiameſiſches Band beſtanden haben; aber auf der an⸗ dern Seite muthmaßte er auch, daß dieſelben ſpäter erſt entzwei geſchnitten und von da an getrennte Perſonen ge⸗ worden ſein müßten. Welcher von Beiden aber das Vermögen bekommen hatte,— welcher von Beiden jetzt das Landgut beſaß, und wie es kam, daß Dalton ſich in dem in der Erzählung angegebenen Zeitpunkte dort be⸗ funden,— davon wußte er ſich ſchlechterdings keine Re⸗ chenſchaft zu geben. Mord, Heirath, Schulden, Geld⸗ Verlegenheiten und Prozeſſe vor dem Canzleigerichte,— Alles das bewegte ſich, wie in einem Höollentanze, durch ſeinen Kopf hin; dazu kam noch, daß gelegentlich Bruchſtücke von iriſchem Leben hineingeworfen wurden,— daß erzählt wurde, wie Tiſchgeſellſchaften ſich einſchließen und wie der Sheriff ſich hinauſchließen laſſen mußte,— wie die Bailiffs ihre Treibjagden anſtellten, oder wie auf ſie Jagd gemacht wurde,— welche„Divertiſſements“ alle eine unfreiwil⸗ lige Verbannung mit ihren mannigfachen Unbehaglichkei⸗ ten und Mißverhältniſſen zur Folge hatten;— und ſo geſchah es, daß der arme Foglaß ſich endlich in einem Zuſtande befand, der, wenn er angedauert hätte, ein Schauſpiel von ungemein beklagenswerthem Wahnſinn dar⸗ geboten haben würde. Alles, was er herausfinden konnte, war, daß Dal⸗ ton hätte ein ſteinreicher Mann ſein ſollen; daß derſelbe kein Sirpenceſtück beſitze; daß der reiche Bankier in ir⸗ gend einer Weiſe daran Schuld, und daß Graf Stephen 26 nicht ganz tadelfrei ſei, und endlich, daß Kate ein ver⸗ ſchwenderiſches, ertravagantes Leben führe, während ihr Vater und ihre Schweſter am Hungertuche nagten. „Lohomme propose etc.,“ ſagt das Sprichwort, und der Dichter erzählt uns einen Fall, wo„die, die kamen, um zu ſpotten, da blieben, um zu beten.“ Und ſo hatte auch im vorliegenden Falle Mr. Foglaß, deſſen Miſſion es war, aus Peter Dalton alle Familiengeheim⸗ niſſe herauszulocken, ſich einen ſo unerwarteten Strom von Nachrichen zugezogen, daß er von der Fluth wirklich fortgeſchwemmt wurde. „Man iſt wirklich hart mit Ihnen umgegangen, Dalton,“ ſagte er endlich.„Man hat Sie niederträchtig behandelt, ich kann es wohl ſagen! Nicht allein hat man Ihnen Ihr Vermoͤgen geraubt, ſondern man hat Ihnen auch ihre Kinder entriſſen!“ „Ja, ja, ſo iſt es!“ Dalton liebte die Sympathie zu ſehr, als daß er hätte unterſuchen mögen, in wie weit er ein Recht dar⸗ auf hatte. Er fuhr alſo fort: „Sie haben Recht: Sie können an einem ganzen langen Sommertage von keinem Falle hoͤren, wo es Einem ſchlechter gegangen wäre, als mir. Mein elegan⸗ tes ſchönes Haus, mein prachtvolles Gut, der Sitz mei⸗ ner Vorfahren,— oder wenn dieß nicht war, ſo kamen ſie doch von meiner Frau her, und das iſt das Gleiche, — und nun hier, in einem fremden Lande, Hunderte von Meilen von meiner Heimath entfernt, ſitzen zu müſſen! Ach, du lieber Himmel! Ach, du lieber Himmel! welche Veränderung!“ Einen Augenblick drückte ihn dieſer Gedanke ganz darnieder; er ſchwieg. Dann heftete er die Augen wieder auf Foglaß, und ſetzte in träumeriſchem Alleingeſpräche hinzu: „Hunderte von Meilen von ſeiner Heimath entfernt 27 und in der Geſellſchaft eines tauben Kerls mit rother Perrücke ſchlechten Branntwein trinken zu müſſen 12 „Ja, ja, Sie ſind ſchändlich gedrückt worden, Dal⸗ ton,“ hob der Andere wieder an, der glücklicher Weiſe von der letzteren Bemerkung auch nicht eine Sylbe gehört hatte.„Hätten Sie in Perſien oder im Kaukaſus,— oder auch nur in den Donau⸗Provinzen gewohnt, ſo würden wir an das Miniſterium der auswärtigen Ange⸗ legenheiten über die Sache berichtet haben. Sie würden eine ſchöne Vergütung erhalten haben, Sir. Ja, meiner Treu'! Sie würden eine hübſche runde Summe dafür, daß Ihr Vater — wie hieß er doch gleich?— ermordet worden, erhal⸗ ten haben! Sie hätten für den Verluſt des hübſchen Jungen, den die Oeſterreicher Ihnen geraubt haben, ſowie für Mrs. Dalton's Garderobe und Alles das eine Vergütung an⸗ ſprechen können. Ich muß abermals meine Ueberzeugung ausſprechen und Ihnen ſagen, daß man Sie furchtbar miß⸗ hundel hat,— daß man ſchändlich mit Ihnen verfahren — „Und wenn ich noch bedenke, daß mein eigenes Fleiſch und Blut,— daß Stephen, mein Oheim, ſo an mir handelt!“ 1 „Ich mag nicht an den Menſchen denken, Sir! Ich kann es nicht über mich gewinnen, auch nur an ihn zu denken!“ rief Foglaß enthuſiaſtiſch. „Ein Reichsgraf!“ fuhr Dalton fort;„ein Feld⸗ maeſchan und ſonſt noch was,— ein Maria⸗Thereſia⸗ itter!“ „Ein Mann von ſeinem Alter ſollte ſolche Gewohn⸗ heiten aufgeben,“ ſagte Foglaß, der in dem Kreuze der Kaiſerin etwas ganz Anderes erblickte. „Und nun kommt auch noch Kate,“ ſagte Dalton, der dieſe Bemerkung überhoͤrt hatte,—„nun kommt auch noch Kate, mein liebſtes Kind, und denkt ſo wenig an uns, als ob wir ſie von Haut und Haaren Nichts an⸗ gingen!“ 1 6 —— — 28 „Sie lebt in Herrlichkeit und Freuden!“ brummte Foglaß.„Ihre Extravaganzen kennen keine Grenzen!“ „Ganz richtig! Sie wirft Hunderte zum Fenſter hinaus,— geht mit dem Gelde um, wie wenn es Spreu wäre!“ „ Ich ſelbſt habe bei Madame Fanchone ein Ball⸗ kleid, das ſie beſtellt hatte, geſehen: es kam auf nicht weniger, als auf dreitauſend Franken!“ „Auf dreitauſend Franken! Wie ſoll ich das Alles be⸗ ſtreiten?“ rief Dalton zornig.„Kann mir Jemand einen iriſchen Gentleman ſagen, der in den jetzigen Zeiten und bei einem überſchuldeten Gute ſo extravagante Ausgaben zu beſtreiten vermag? „Dreitauſend Franken! Und das vielleicht noch für kine ſchlechten Fetzen, der keinen Regenguß aushalten nnte! „Oh, Fogles! Sie kennen den Mann nicht, der vor Ihnen ſitzt! Sie wiſſen nicht, welche Prüfungen er durchgemacht,— Sie wiſſen nicht, welche Noth er ge⸗ litten hat— um ſeiner Kinder willen: ſtoßen Sie ſich ja nicht an ſeinem Ausſehen! Ich ſage Ihnen, der Mann hat ſich jeden Genuß verſagt!(hier nippte er ſeinen Punſch);— ich ſage Ihnen, er hat jeder Bequemlichkeit entſagt, an die er gewöhnt war!(abermals nippte er) — Alles um ſeiner Familie willen! „Sehen Sie einmal meinen Rock an, fühlen Sie die Wolle deſſelben,— ſchauen Sie meine Hoſen an,— ſie ſehen wahrhaftig aus wie ein Bärenfell. Blicken Sie auf meine Schuhe, und hier iſt meine Börſe, in der ſich zwei Gulden und acht Kreuzer beſinden,— kein Heller weiter; und ich will nicht ſelig werden, wenn ich nicht in jedem Laden, wo mir geborgt wird, eine kleine Rech⸗ nung ſchuldig bin! und warum? Sagen Sie mir das! Warum?“ Obgleich die wilde Energie, womit die Frage ge⸗ ſtellt wurde, ſelbſt den unbereitwilligſten Zeugen eine ⸗ 29 Antwort entriſſen haben würde, ſo ſah ſich doch Foglaß außer Stand, zu antworten: er beſchränkte ſich darauf, Dalton voll ſtummen Staunens anzuſtarren. „Ich will Ihnen ſagen, warum, Fogles;“ fuhr Dal⸗ ton fort, während er mit ſeiner geballten Fauſt auf den Tiſch hineinſchlug,—„ich will Ihnen ſagen, warum! Damit ich einen Sohn unter den kaiſerlichen Huſaren und eine auf der Höhe der Faſhion und des feinen Lebens ſtehende Tochter habe! Das iſt es, Fogles. Mein Sohn bewegt ſich in der Geſellſchaft des höchſten Adels: er ſteht auf dem vertraulichſten Fuße mit— wie heißt er doch?— es lautet wie„„Nebelhaftn“ oder wie „„Nebelmann,““— ich kann mich des Namens nicht mehr entſinnen: und mit ſolchen Perſonen ſpeist, fährt, und ſchießt mein Sohn. Und meine Tochter Kate,— aber gewiß wiſſen Sie beſſer, als ich, auf welchem Fuße die lebt! Das iſt der Grund, warum ich ſo bin, wie Sie mich hier ſehen!— Deßhalb vergehe ich in meiner Einſamkeit und in meiner Armuth vor Gram! Alles um meiner Kinder willen!“ „Es iſt das hoͤchſt verdienſtlich. Es macht das Ihnen Ehre, Dalton,“ ſagte der Andere emphatiſch.“ „Nun, ich hoffe es,“ ſagte Dalton mit einem Seuf⸗ zer.„Aber wie Wenige wiſſen das am Ende!“ „Und dieſer Sir Stafford hat ſonach nie einen Schritt gethan, Ihnen eine Vergütung zu geben 2 Haben Sie für die großen Verluſte, die Sie erlitten, nie Etwas erhalten, das einer amende gleich ſieht? „Oh, er hat mir einmal eine Art Anerbieten ge⸗ macht,— dieſe Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren laſſen; aber ſehen Sie, es waren an daſſelbe ſo viele Bedingungen und Reſtriktionen und dergleichen geknüpft, daß ich es mit, Verachtung zurückwies.„„Nein!* ſagte ich,„„nie ſoll die Armuth mich veranlaſſen, daß ich mich der alten Familie unwürdig zeige! Die Dal⸗ tons werden durch mich nie entehrt werden!“⸗ 30 „Er hätte Sie aber ohne eine ſolche Alternative un⸗ terſtützen können, Dalton!“ „Ci freilich hätte er es gekonnt!“ ſeufzte der Andere. „Ich weiß es wohl; der Mann iſt einer der reich⸗ ſten in England,— nebenbei iſt er das Haupt einer gro⸗ ßen Bank und macht jede Woche Tauſende.“ „Ich habe oft daran gedacht,“ ſprach Dalton.„Es würde ihm gewiß wenig koſten, wenn er mir ein kleines Wechſelchen, zahlbar auf drei Monate Sicht, escomptiren wollte. Ich würde mir es natürlich angelegen ſein laſ⸗ ſen, für Deckung zu ſorgen, und er würde durch mich kein Sirpenceſtück verlieren. Im Gegentheil, er würde dabei gewinnen, denn er würde ſeine Commiſſion, ſeinen Disconto, ſein Intereſſe und der Teufel weiß, welche Proteſtkoſten noch bekommen— Hier hielt er ploͤtzlich inne, denn, ohne es zu wiſſen, hatte er ſich in eine andere und zwar ganz verſchiedene Hypotheſe in Betreff des Schickſales ſeines Wechſels ver⸗ irrt. Indeſſen hielt er, wie bereits geſagt, mit einem Male inne, ſchüttete ſeinen Punſch hinunter, und ſagte: „Ich wollte nur, daß er es thäte!“ „Warum wollen Sie alſo nicht verſuchen, ob er es thun will?— Sie ſollten es wenigſtens probiren; viel⸗ leicht thut er es doch.“ „Und wenn er es mir abſchlüge, müßte ich ihn for⸗ dern,“ ſagte Dalton ernſt.„Und ſehen Sie nur einmal, zu welcher Confuſion Alles das führen würde. Bedenlen Sie, daß meine Tochter bei ihm auf Beſuch iſt, und daß ich ſelbſt hier bin, ſo daß ich vielleicht Hunderte von Meilen machen müßte, um ihn aufzuſuchen. Und ſtellen Sie ſich weiter vor, daß ich auch einen Freund mitneh⸗ men müßte, und daß ich ſo ſchwer Geld auszulegen hätte. Nein, nein! es würde das gar zu ſelbſtiſch ſein.“ „Wie wäre es, wenn Sie Ihrer Tochter ſchrieben und einen Wink in der angegebenen Richtung fallen lie⸗ ßen? Sagen Sie einige Worte über Ihren dermaligen 31 Geldmangel,— ſprechen Sie von Pächtern, die mit ihren Zahlungen im Rückſtande ſeien,— ſagen Sie, man habe Ihnen noch keine Fonds übermacht!“ „O lieber Herr! Sie brauchen mir in dieſen Din⸗ gen nicht zu ſouffliren,“ ſagte Dalton mit bitterem Lachen. „Ich kenne das Alles nur zu gut.“ „So ſchreiben Sie denn ein Paar Zeilen; Sie werden auf dem Tiſche dort Federn und Papier ſinden. Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich Ihren Brief unter meinem eigenen Siegel mit den Depeſchen abſchicken werde.“ Dalton war nie ein großer Freund vom Brieſſchrei⸗ ben geweſen; bei Nacht aber und bei Licht, und nach vierſtündigem Punſchtrinken eine ſolche Arbeit zu unter⸗ nehmen, ſchien ihm ein Ding der Unmöglichkeit zu ſein. Und doch war das Geſandtſchaftsſiegel keine geringe Ver⸗ ſuchung für ihn,— welcher Art daſſelbe immer ſein mochte; vielleicht ſtellte er ſich unter demſelben eines jener koloſſalen Anhängſel vor, die man auf koͤniglichen Schen⸗ kungen bemerkt! Wer vermag zu ſagen, welche Maſſe von Wachs und Bändern ſeine Imagination dem Siegel zuſchrieb! Auch hatte er noch einen andern Grund:— er dachte nämlich, daß er vielleicht im Stande ſein würde, ohne Nelly's Wiſſen an ſeine Tochter zu ſchreiben. Dieſe Rückſicht entſchied die Frage mit einem Male. Er ſetzte daher ſeine Brille auf und machte ſich in überaus ernſter Weiſe an die Arbeit. Das Schreiben aber lautete alſo: „Liebe Kate! „Ich bringe den Abend bei Deinem Freunde zu, dem Geſandten von— ich vergeſſe wo— Foglaß iſt ſein Name— und es iſt derſelhe ein ſo angenehmer Mann, als ich je einen getroffen; und er läßt ſich Dir und der ganzen Familie höflichſt empfehlen und überſendet dieſes unter ſeinem eigenen Siegel. 32 Hier geht Alles ſchlecht genug. Nicht ein Shil⸗ ling von Crognoborraghan. Healey iſt mit dem auf den November fälligen Pachtgelde und mit der Ernte zum Teufel gegangen; und Sweeney iſt in das Haus gekom⸗ men und will nicht mehr heraus, wenn man ihm nicht vierzig Pfund gibt! Ebenſo gern würde ich ihm vierzig von meinen Zähnen geben, wenn ich ſolche hätte. Ryan hat Mr. Johnſon erſchoſſen, als derſelbe von der Arbeit nach Hauſe ging, und wird am Samſtag gehenkt werden; und das iſt zu unſeren Gunſten, da wir ihn laut Honan’'s Contract behalten mußten. Wie Kellet mir ſagt, iſt in Irland Ueberfluß an Geldmangel und ein Gleiches iſt von dem hieſigen Ort zu ſagen. Wo zum Kuckuck iſt das Geld doch wohl hingekommen? Vielleicht ſtirbt es gleich den Kartoffeln aus! „Frank iſt des Soldatenlebens recht müde; ſie haben ihn an einem der vergangenen Abende wie einen Hund kurz geſchloſſen und in Ketten gelegt, weil er in das Theater gegangen iſt, und wäre er nicht von Adel ge⸗ weſen, ſo würden ſie ihm— ſo ſagt er—„„Vierund⸗ zwanzig““ aufgemeſſen haben. Stephen nützt ihm ſo wenig, wie ein alter Regenſchirm: er hat ihm noch kein Stück Brod, noch keinen Löffel voll Suppe gegeben! Der garſtige alte Neger!— ich mag gar nicht von ihm eeden! „Nelly fährt fort, darauf los zu ſchneiden und los zu ſchnitzen. Es iſt im ganzen Kalender kein Heiliger und keine Heilige, ſo ſie dieſen Winter nicht aus verfaultem Holze gemacht, und der kleine Hans kauft ſie alle,— wie er ſagt, zu einem honetten Preiſe; aber eine ganze heilige Familie iſt gewiß ſpottwohlfeil um zehn Gulden, und es heißt gewiß die heilige Jungfrau wegſchenken, wenn man ſte für einen preußiſchen Thaler verkauft. Eine ſchöne Art für eine Dalton, von ihrer Hände Arbeit zu leben! „Ich wünſche gar oft, daß Du wieder hier ſein 33 moͤchteſt, aber am Ende würde es mir doch leid thun, wenn Du kämeſt, denn es geht hier armſeliger denn je her, und Du biſt, wie ich weiß, recht gut aufgehoben, und es mangelt Dir an Nichts. „Sage mir doch, wie man Dich behandelt,— ob man gegen Dich noch ſo freundlich iſt, wie im Anfange, und wie ſich der alte Mann befindet, und ob ihn immer noch das Podagra viel plagt. „Ich lege meinem Briefe einen kleinen Wechſel von Martin Cox von Drumsnagh bei: es lautet derſelbe auf zweiundſechzig Pfund, zehn Shilling und acht Pence. Es wäre mir lieb, wenn Du den alten Baronet veran⸗ laſſen könnteſt, ſeinen Namen für mich darunter zu ſetzen 3 ſage ihm, das Papier ſei ſo gut, wie eine Note von der Bank von England; Cor ſei einer der reſpektabelſten Männer in Leitrim, und beſitze, wie ich, ein ſchönes Gut, und werde natürlich dafür ſorgen, daß der Wechſel zur Verfallzeit gehoͤrig bezahlt werde. „Wenn Sir Stafford mir dieſen Gefallen erweiſen will, ſo erweist er mir einen großen Dienſt, und Foglaß ſagt, daß die Sache keinen Anſtand haben werde. Und zudem dehnt der Baronet dadurch ſeine Bekanntſchaft unter dem iriſchen Adel aus. Wenn Du ſiehſt, daß er Luſt hat, auf die Sache einzugehen, dann ſag' ihm, Dein Vater ſei in ganz Irland gar wohl bekannt, und koͤnne ihm Kunden genug verſchaffen. In der That hätte er mit mir allein ſchon ein ganzes großes Vermoͤgen verdienen koͤn⸗ nen, wenn er während der letzten fünfzehn Jahre mein Escompteur geweſen wäre. „Indeſſen brauchſt Du auf dieſes nicht gar viel Rück⸗ ſicht zu nehmen, denn es iſt nicht ſein, zu prahlen; aber mach', daß er ſeinen Namen darunter ſetzt, und ſchick' mir den„„Fetzen““ mit umgehender Poſt. „Will er höflich ſein, ſo escomptirt er mir den Wech⸗ ſel auf der Stelle, und ſchickt mir das Geld; und wenn Die Daltons. III. 3 34 er das thut, ſo mache, daß er mir eine Anweiſung auf Haller und Oelcher ſchickt, denn ich ſchulde Koch und Elz eine ziemlich große Summe, und vielleicht würden dieſelben das Geld für ſich behalten, und dann wäre ich gerade wieder auf demſelben Fleck, auf dem ich jetzt bin. „Wenn ich kommenden Frühling den hieſigen Ort verlaſſen könnte, würde ich Viel erſparen, denn ich bin Jedermann Etwas ſchuldig, und ein neuer Ort gibt immer Muth. „Ich weiß noch nicht, ob ich nach Genua oder New⸗ York gehe, aber die Wohlfeilheit wird mich in meiner Wahl beſtimmen, denn ich lebe jetzt einzig und allein für meine Familie. „Ich verbleibe Dein Dich ſtets innig liebender Vater, „Peter Dalton.“ „P. S.— Sollte es Sir Stafford lieber ſein, meinen Accept zu haben, ſo kann er einen Wechſel auf hundert Pfund, zahlbar in prei Monaten, ausfertigen, und dann werde ich meinen Namen darunter ſetzen; aber ſorg' da⸗ für, daß mir geholfen wird,— ſei es nun in dieſer, oder in jener Weiſe. Das Holz koſtet hier jetzt fünfzehn Gul⸗ den per Klafter, und ich habe Niemand, um es mir zu ſpalten, wenn es abgeladen iſt, da Andy am vergangenen Freitag ſich mit der Axt ein Stück vom Schienbein ab⸗ gehauen hat, und ſeitdem immer im Bette liegen muß. Auch die Gemüſe ſind theuer, und ſeit Frank fort iſt, ſehen wir nie ein Stück Wildpret. „Zweites P. S.— Wenn Du einen warmen Winter⸗ mantel hätteſt, den Du nicht brauchteſt, ſo könnteſt Du denſelben Deiner Schweſter Nelly ſchicken. Sie geht aus in einem Dinge, das wie ein Stück Fließpapier ausſieht, und die Holzſchuhe geniren ſie bei ihrer Lahmheit nicht wenig. 35 „Drittes P. S.— Vergiß den Wechſel nicht! * 4 5 „Ei, ei, Dalton, Sie ſchreiben ja eine ellenlange Depeſche!“ ſagte Foglaß, der ſchon zwei Mal einge⸗ ſchlummert, und zwei Mal wieder aufgewacht war, und ihn immer noch mit ſeiner Epiſtel beſchäftigt ſah. „Jetzt bin ich fertig!“ ſprach Dalton mit einem Seufzer; denn er war, ohne recht zu wiſſen, warum, mit dem, was er gethan, nicht ganz zufrieden. „Wollten Sie nicht noch eine Zeile hinzufügen, und ſagen, daß Mrs. Ricketts,— daß die Frau Generalma⸗ jorin Ricketts, die in Florenz ſich aufhält, ſie ſo gerne kennen lernen möchte. Sie können ſagen, ſie gehöre zu den vornehmen Leuten, ſei aber ſo diffieil in Beziehung auf neue Bekanntſchaften, daß es beinahe eine Unmoͤg⸗ lichkeit ſei, ihr vorgeſtellt zu werden;— es werde aber in dem kommenden Winter die Geſandtſchaft höchſt wahrſchein⸗ lich ihre Thüren einer ſo überaus empfehlenswerthen Per⸗ ſon öffnen. „Lady Heſter kennt ſie doch wohl?“ ſagte Dalton, deſſen Schicklichkeitsſinn gewoͤhnlich klar genug war, wenn die Selbſtſucht nicht ins Spiel kam.„Und ich ſehe nicht ein, warum meine Tochter ihre Bekanntſchaft durch irgend einen andern Canal ausdehnen ſollte.“ „Ohl ganz richtig; es hat Nichts auf ſich. Ich meinte es nur als eine Aufmerkſamkeit gegenüber von Miß Dal⸗ ton; aber Ihre Bemerkung iſt ganz richtig,“ ſagte Fog⸗ laß, der ploͤtzlich fühlte, daß er ſich auf einem gefährlichen Boden bewegte. „Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, Foglaß, daß meine Tochter ſich immer in der beſten Geſellſchaft befindet. Eine Dalton wird nicht übergangen.“ Foglaß proteſtirte aegmalf, daß er unbedingt an dieſe Verſicherung glaube, und that Alles, was in ſeiner Macht 36 ſtand, um die Errinnerung an den von ihm geg ebenen Wink bei Dalton zu vertilgen; aber vergebens. Der Fa⸗ milienſtolz war bei dem alten Dalton eine Art Vogel⸗ leim, und ſobald er denſelben beruhrte, konnte er ſich nicht mehr davon los machen. Indeſſen hatte dieſer Umſtand keine andere Folge, als eine lange und verwickelte Diſſertation über das Dal⸗ ton'ſche Blut, wobei auf einige Jahrhunderte zurückge⸗ gangen wurde, und Foglaß ſo feſt ſchlief, wie die ver⸗ ehrten Individuen ſelbſt, deren Erwähnung gethan ward; — und der würdige Exkonſul wachte erſt dann wieder auf, als Dalton ſich erhob, um ſich zu verabſchieden,— ein Ereigniß, das endlich durch den leeren Zuſtand der Flaſche herbeigeführt wurde. „Und nun, Foglaß,“ ſagte er zum Schluſſe„werden Sie ſich nicht wundern, daß, wenn wir arm, wir auch ſtolz ſind. Vermuthlich haben Sie, ſeitdem Sie auf der Welt ſind, noch nie von einem beſſeren Stamme gehoͤrt.”“ „Noch nie, beim Jupiter! Guelfen, Ghibellinen und Habsburger ſind Nichts im Vergleich mit ihnen. Gute Nacht,— gute Nacht! Ich werde Ihren Brief beſorgen. Morgen ſoll derſelbe mit den Geſandtſchafts ⸗Depeſchen abgehen!“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Eine Invaſion. Um dem Leſer die in dem voranſtehenden Kapitel ent⸗ haltene Erklärung zu geben, ſind wir genöthigt geweſen, Kate Dalton in einem Zuſtande der Angſt und der Un⸗ 37 gewißheit auf die Stunde von Mrs. Ricketts' Beſuch war⸗ ten zu laſſen. Obgleich ihr Geiſt ſich hauptſächlich mit dem Briefe beſchäftigte, der als von ihrem Vater kom⸗ mend angekündigt worden war,— ein Ereigniß, ſo ſelt⸗ ſam, daß es natürlich Staunen verurſachen mußte,— ſo dachte ſie doch auch gelegentlich darüber nach, wie unan⸗ genehm es ſei, Perſonen empfangen zu müſſen, die Lady Heſter ſo ſorgfältig vermieden, und in eine Bekanntſchaft verwickelt zu werden, die ſo entſchieden für gemein erkläͤrt wurde. Erſt noch vor wenigen Monaten würde ihr die⸗ ſer Vorfall in einem ganz anderen Lichte erſchienen ſein. Sie würde allein bei der Freundlichkeit einer Perſon,— einer Wildfremden, die ſich in ſo höflicher Weiſe an fie wandte, und ſie mit einem Beſuche beehren zu wollen er⸗ klärte, ſtehen geblieben ſein. Sie wäre für die Gutmüthig⸗ keit, die ſich die Mühe nahm, ihr eine Mitheilung zu ma⸗ chen, dankbar geweſen. Sie würde das Ganze als eine Art ſchmeichelhafter Beachtung angeſehen haben; nie würde ſie ſich Etwas haben träumen laſſen von dem langen Ka⸗ taloge von„Unannehmlichkeiten“ und Läſtigkeiten, die jetzt mit dem Ereigniſſe in ſo reichem Maße verbunden wurden. 1 Es war in gar vielen Beziehungen eine gewaltige Veränderung mit ihr vorgegangen. Sie war Tag für Tag daran gewöhnt worden, die ſchmählichſten Verſtoͤße gegen die Moral leichtfertig behandeln, oder wenigſtens nur leicht tadeln zu hören. Für jeden Fehler,— für jeden Fehltritt,— für jede Sünde gab es eine geſchickte Entſchuldigung oder eine milde Erklärung. Die Sünden der faſhionablen Welt wurden als die geringere Zahl,— als unbedeutend,— als verzeihlich hingeſtellt; der Sitten⸗ coder zeigte keine Ausnahme von der Regel, wornach „wohlerzogene Leute nicht ſündigen konnten.“ Die Vulga⸗ rität war allein verpönt,— war allein ein Verbrechenz und die Sünden der„gemeinen Leute“ waren durchaus unentſchuldbar. 38 Ihr Gerechtigkeitsſinn hätte ſich gegen ſolche Urtheile empören können, wenn an die Vernunft appellirt worden wäre; aber das war nicht der Fall. Die Lächerlichkeit war der einzige Richter: was verhöhnt werden konnte, war verabſcheuungswerth; und ein Solöcism in Klei⸗ dung, Ton oder Benehmen war ein größeres Verbrechen, als manche grobe Sünde,— als manche ſchreiende Un⸗ gerechtigkeit. Die kleinen Nachäffereien von Albert Jekyl, wenn er Mrs. Ricketts beſchrieb,— die wenigen herabwürdi⸗ genden Bemerkungen von Lady Heſter über die ſo eben genannte Perſon, würden dieſelbe in Kate Dalton's Geiſt ruinirt haben, wenn auch ihr Charakter ein Füll⸗ horn von Güte geweſen wäre. Kate hörte alſo in keines⸗ wegs angenehmer Aufregung, gerade als die Uhr drei ſchlug, wie das ſchwere Thor des Palaſtes weit aufge⸗ riſſen wurde, und wie unter dem gewölbten Eingange ſich ein Geraͤuſch von Rädern hoͤren ließ. Einen Augen⸗ blick darauf fuhr ein kleiner einſpänniger Phaeton, auf dem ein überaus magerer Bedienter in phantaſtiſcher Livree ſaß, in den Hofraum, nachdem er die Geſellſchaft, die darin gekommen war, in der Vorhalle abgeſetzt hatte. Es gab einmal eine Zeit,— und dieſe Zeit war noch nicht ſo gar ferne,— wo der Anblick dieſes be⸗ ſcheidenen Wagens mit Beſuchern ihr Herz ebenſo ſtark bewegt haben würde, wenn auch die Emotionen anderer Art geweſen wären. Jetzt aber blickte ſie wirklich mit einer Art Schrecken zum Fenſter hinaus, um zu ſehen, ob derſelbe die Aufmerkſamkeit der Leute auf ſich gezogen hätte; ſie fürchtete, es möchten die, ſo ihn geſehen, dar⸗ über ſpotten. Nie hätte ſie in ihrem Leben gedacht, daß ein alter Grauſchimmel ſo häßlich ſein könnte;— noch nie hatten Räder ein ſo unerträgliches Geräuſch g. macht! Wie konnten nur die Leute ihre Bedienten w Harlekine herausputzen?— Was ſollte das Leoparden⸗ fell, das für die Füße beſtimmt war, bedeuten? Es war 39 mit einem Worte ein odiöſes kleines Gefährt. Es war eine harlekinartige, ſchmunzelnde, ſelbſtzufriedene Präten⸗ ſion bei all ſeiner Aermlichkeit zu bemerken,— eine Prä⸗ tenſion, die, wenn man das Gefährt anſah, Einen wün⸗ ſchen ließ, daß es zuſammenbrechen möchte! „Mrs. Montague Ricketts und Miß Ricketts,“ ſagte ein gravitätiſch ausſehender Kammerdiener; und obgleich ſeine Geſichtszuüge nur den höchſten Reſpekt ausdrückten, ſo fühlte ſich Kate voch beleidigt durch das, was in dem Benehmen des Bedienten ihr als Schalkhaftigkeit erſchien. Obgleich die Anmeldung ſo erfolgt war, ſo waren doch die hohen Perſonen noch drei Zimmer weit weg, und erſt in düſterer Entfernung ſichtbar. Sie kamen langſam heran. Zuerſt kam Mrs. Ricketts, auf den Arm ihrer Schwä⸗ gerin geſtützt, und mit einem Schritte, der ganz graziös und majeſtätiſch zugleich war. Dafür hielt wenigſtens Kate eine ungeheure Pyramide von karmeſinrothem Sammt und von Hermelin,— von deren Spitze herab eine Maſſe von Federn wehte, die für einen gewoͤhnlichen Leichenwa⸗ gen hinreichend geweſen wäre. Die Maſſe und das Würdevolle dieſer impoſanten Figur verdunkelte faſt ganz und gar die arme Martha, und ließ gar Nichis von den ſchmächtigen Proportionen von Mr. Scroope Purvis erblicken, der, da er einem Laſt⸗ eſel ähnlich, mit verſchiedenen Artikeln beladen war, die man auf dem Wege brauchte, von dem Kammerdiener ganz überſehen, und für einen Bedlenten gehalten wurde. Der Marſch war langſam genug; Purvis aber machte ihn noch langſamer, indem er bald dieſen, bald jenen Ge⸗ genſtand, womit er beladen war, fallen ließ; und da dieſe Gegenſtände einen Schemel, einen Pudel, zwei Sonnen⸗ ſchirme, ein Album, ein Riechfläſchchen, eine Lorgnette ſammt unterſchiedlichen Kiſſen, Shawls, und einem trag⸗ 3 baren Kaminſchirm in ſich begriffen, ſo mag man ſeine Verlegenheit eher bemitleiden, als tadeln. 40 „Seroope, wie kannſt Du nur ſo ungeſchickt ſein? Martha, ſprich doch mit ihm! Schon wieder hat er Etwas fallen laſſen. Er zerbricht meine Lorgnette gewiß noch in Stücke,— er erdrückt mir gewiß noch Fidèle. Wie albern,— wie ſeltſam,— wie abgeſchmackt werden wir ausſehen!“ Solcher Art war das Sotto-voce-Accompagnement, das die Intervalle ausfüllte, bis ſie in dem großen Ge⸗ ſellſchaftszimmer ankamen, in welchem Kate Dalton ſaß. Wenn der Leſer ſchon einmal geſehen hat, wie eine große Trauerſpiel⸗Koͤnigin aus den Garderobe⸗Räumen hervortaucht, und, nachdem ſie mit dem Soufleur ſich in ein lebhaftes Geſpräch eingelaſſen, und irgend einen drol⸗ ligen Scherz vorgebracht hat, endlich auf die offene Bühne hinaustritt, um die Schmerzen und die Klagen der in ihren Rechten verletzten Frauen auszuſprechen, ſo kann er ſich einen kleinen Begriff von der raſchen Umwandlung machen, die mit Mrs. Ricketts vorging, als ſie die Thürſchwelle überſchritt. Ihre erſte Bewegung war ein plötzlicher Sprung vorwärts, oder wenigſtens eine ſolche Annäherung zu einem Sprunge, wie eine ſo impoſante Körper⸗ maſſe ſie ausführen konnte; zu gleicher Zeit oͤffnete ſie ihre Arme weit, als ob ſie Miß Dalton in dieſelben ſchließen, und an ihr Herz drücken wollte. Auch würde ſie dieß ohne Zweifel gethan haben, wenn Kate hätte das Zeichen verſtehen wollen. Indeſſen war ein tiefer, recht ſteifer Knix die einzige Anerkennung, die ſie dieſem ſpon⸗ tanen Gefühlsausbruche zu Theil werden ließ. Gleich einem geſchickten Generale änderte Mrs. Ricketts alsbald ihren Angriffsplan: ſie verwandelte ihre Wärme in Staunen, und rief aus: „Haſt Du ſchon eine ſolche Aehnlichkeit geſehen! Hät⸗ teſt Du es je für möglich gehalten, Martha? Ich bitte tauſend Mal um Entſchuldigung, vaß ich ſo grob bin, meine liebe Miß Dalton, aber Sie gleichen ſo wunderbar unſerer lieben, lieben Freundin, Lady Caroline Montreſſor, 41 daß ich mich wirklich vergeſſen habe. Verzeihen Sie mir doch, und erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meine Schwä⸗ gerin, Miß Ricketts, vorſtelle. Mein Bruder, Mr. Servope Purvis, Miß Dalton!“ Als die Ceremonien der Vorſtellung vorüber waren, und Mrs. Ricketts ſich geſetzt hatte,— eine recht lang⸗ weilige Operation, bei welcher die Anordnung der Kiſſen und Schemel eine hervorragende Rolle ſpielte,— begann die ſo eben genannte holde Dame in ihrer allerſanfteſten Stimme: „Nun werde ich belohnt,— ja, nun werde ich in vollem Maße belohnt!— Was meinſt du, Martha?“ „Ich bin ganz Deiner Meinung, Schwägerin,“ ant⸗ wortete Martha, ſanft flüſternd. „Denken Sie ſich einmal, wie wonnevoll dieſer Au⸗ genblick für mich ſein muß,— für mich, als eine arme kranke Perſon, die ſelten von ihrem Sopha aufſteht, es ſei denn, um im Frühlinge die Wohlgerüche eines Veil⸗ chens einzuathmen, oder um dem Murmeln einer rieſeln⸗ den Ouelle zu lauſchen! Denken Sie ſich ein Mal, wie wonnevoll dieſer Augenblick ſein muß für eine Perſon, die ſich alle Aufregungen, welche die Geſellſchaft zu bieten vermag, verſagen muß wegen eines nervöſen Temperaments, deſſen Saiten ſo fein ſind, daß ihnen ſelbſt die entfernte⸗ ſte Berührung mit untergeordneteren Seelen wehe thut!“ Da Kate durchaus nicht wußte, welcher glücklichen Combination von Umſtänden dieſer wonnevolle Zuſtand zugeſchrieben werden koͤnnte, ſo konnte ſie nur höflich la⸗ chen, und ihr Vergnügen, ihre Freude und ſo fort in ganz allgemeiner Weiſe ausdrücken. „Eva in ihrem Paradieſe!“ rief Mrs. Ricketts, in⸗ dem ſie die Augen von Kate abwandte, und dieſelben in dem prachtvollen Zimmer umherlaufen ließ, in dem ſie ſaßen.„Darf ich fragen, ob dieſe Dekorationen ihr Da⸗ fn3 hrem feinen Geſchmacke verdanken, Miß Dal⸗ on?“ 4² „Sie verdanken Ihr Daſein dem Geſchmacke von Lady Heſter Onslow, Madame,“ ſagte Kate ruhig. „Ich erkläre, daß dieſe Tapeten mir beſſer gefallen, als Gobelins:— ſie ſind leichter und graziöſer. Du er⸗ innerſt Dich noch, Martha, wie ich der lieben Koͤnigin von Sachſen ſagte, daß blauer Sammt ſo gut zu ihren kleinen Gemälden paſſen würde. Wir erörterten den Gegenſtand eine Woche lang jeden Morgen beim Frühſtück — und der arme, liebe Koͤnig nannte uns am Ende„„blue devils*)““˙;— war das nicht recht glücklich geſagt, Miß Dalton? Aber er ſpricht ſo gut engliſch, wie unſereins.“ 1 „Es ſind dieß lauter Gemälde aus der holländiſchen Schule, wie ich ſehe,“ ſagte Purvis, der, mit ſeinem Pu⸗ del unter dem Arme, im ganzen Zimmer herumging, in Alles hineinguckte, Bücher aufmachte, in chineſiſche Vaſen hineinſchaute, und in Arbeitsſchachteln umherſpähte, gleich als wollte er einen Gegenſtand ſuchen, den er vermißte. „Ich mag Nichts mehr wiſſen von Wou— Wou— Wou.“ Hier bellte der Pudel, wahrſcheinlich in dem Glau⸗ ben, daß er einem andern Pudel antworte. „Schweig', Fideèle! Wou— Won-— Won-— Wouver⸗ mans,“ ſtotterte Purvis endlich heraus.„Er iſt immer und ewig derſelbe.“ „Aber die lieben Schimmel, wie ich ſie liebe! Ich habe ſtets einen Schimmel, aus hloßer Achtung vor Wou⸗ vermans.“ Kate dachte an den armen Grauſchimmel, der im Hofe ſtand, und ſagte Nichts. „Und es liegt etwas ſo Rührendes,— etwas ſo ausgeſucht Rührendes— in dieſen flämiſchen Intérieurs, wo die Hausfrau daſitzt und liest, und ein vereinzelter Sonnenſtrahl ſchief auf den aus Backſteinen beſtehenden *) blue devils ä=(wörtlich) blaue Teufelinnen;(und figürlich) Niedergeſchlagenheit. 43 Boden fällt. Es ſind dieß gleichſam kleine Einblicke in das Leben einer Menſchenklaſſe, von der wir Nichts wiſſen, denn unter Menſchen, wie wir ſind, Miß Dalton, ſind die Sympathien wirklich zu ſehr gefeſſelt, und es will mich oft bedünken, daß es beſſer wäre, wenn wir von den Mittelklaſſen mehr wüßten! Wenn ich ſo ſpreche, ſo meine ich natürlich nicht, daß wir mit denſelben zuſammen⸗ kommen ſollten;— noch viel weniger meine ich, daß wir in denſelben Vertraute haben ſollten;— ſondern ich meine bloß, daß wir ſie als Beſtandtheile in dem großen Plane der allgemeinen Natur anſehen ſollten.“ „Das e—e—e—e—e— e— edelſte Studium des Me—e— e— enſchen iſt— was iſt es, Schweſter? „Der Menſch, Scroope; aber der Dichter hatte die Abſicht, auf das große Endziel unſeres Daſeins hinzu⸗ deuten. Glauben Sie das nicht auch, Miß Dalton 2 Es war nicht der Menſch in den kleinlichen Sorgen des Alltagslebens,— nicht der Menſch in ſeinen geſelligen Beziehungen, ſondern der Menſch in ſeiner Beſtimmung in ſeiner großen Zukunft,„„wenn er nach dem Lande geht““— „„Aus dem noch Niemand herausgekommen,““ ſchnat⸗ terte Purvis, ganz entzückt darüber, daß er den Dichter ſo glücklich eitirt hatte. „„Aus dem kein Wanderer zurückkehrt,““ ſo heißt es, glaube ich, Scroope. „Es iſt aber nicht das Fe— Fe— Fe-— Fe— Fegfeuer darunter verſtanden, drückte Scroope heraus. der, ſobald er das Wort ausgeſprochen, davon ganz ſchokirt war. „Ich vergaß, daß ſie eine Ka— Ka— Ka— Katho⸗ likin ſind, Miß Dalton,“ ſagte er erroͤthend. „Du täuſcheſt Dich, Scroope,“ ſagte Mrs. Ricketts. „Miß Dalton gehoͤrt unſerer Religion an. Alle Irländer von Diſtinktion gehören der reformirten Kirche an.“ „Ich bin eine Katholikin, Madame,“ ſagte Kate, die nicht wußte, ob ſie über die Wendung, die das Geſpräch 44 hei genommen hatte, mehr lachen oder ſich ärgern ollte. „Ich habe es doch gewußt,“ rief Purvis entzückt. „Ich habe Ihren Wagen bis nach dem D— D— Duomo verfolgt, und bin hinter Ihnen hineingegangen, und habe Sie an dem B— B— B— B— B—* „Bilde der Jungfrau,“ flüſterte Martha, welche die gewaltigen Anſtrengungen, die Purvis machte, befürchten ließen, es moͤchte derſelbe krampfhafte Zufälle bekommen. „Nein, nicht beim Bilde der Jungfrau, ſondern beim Bei— Bei— Bei— Bei— Beich— Beichtſtuhl,— wo Sie nach meiner Uhr eine Stunde und vierzig Minuten blieben; und ich konnte mich nicht enthalten, zu denken, daß die Zahl Ihrer kleinen Sünden keine geringe ſein müſſe, da Sie ſo lange brauchten, um dieſelben zu— zu— zu— zu beichten.“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ ſagte Kate, ſich vernei⸗ gend und nur mit Mühe ihre Lachluſt bewältigend;„ich danke Ihnen für das überaus gütige Intereſſe, das Sie an meinem Seelenheile zu nehmen ſcheinen.“ „Ach, wenn ich doch nur auch an dieſem ſchönen Geſchäfte Theil nehmen dürfte, Miß Dalton!“ rief Mrs. Ricketts enthuſiaſtiſch.„Ach, wenn ich doch nur mit Ihnen über doktrinelle Fragen ſprechen dürfte!“ „Rück' ihr mit Deinen Fragen zu Leibe, Schweſter!“ flüſterte Purvis. „St, Scroope! Ich verlange bloß eine Gelegenheit, mich mit Ihnen in freundliche Erörterungen einzulaſſen: weiter verlange ich Nichts, Miß Dalton!“ „Rück' ihr doch mit Deinen Fragen zu Leibe, Schwe⸗ ſter!“ flüſterte Purvis lauter. „Sei doch ruhig, Scroope! Ich bin in meinem Le⸗ ben ſchon ſo glücklich geweſen, die Zweifel von mehr denn einer Perſon zu löſen. Der liebe Engel von einer Prin⸗ zeſſin— ich meine die Prinzeſſin Ethelinde von Coburg, — verdankt, ich kann es wohl ſagen, ihre jetzige Er⸗ 45 leuchtung den ſüßen Abenden, die wir bei einander zu⸗ brachten.“ 5 4 „So rück' ihr doch einmal mit den Fragen zu Leibe!“ „St, Scroope! St, ſage ich!“ „Darf ich fragen,“ ſagte Kate,„was Mr. Purvis ſo gut geweſen iſt, Ihnen wiederholt zuzuflüſtern?, „Er hat mir geſagt, ich ſolle Ihnen dieſes Traktätchen geben, Miß Dalton,“ ſagte Mrs. Ricketts, indem ſie aus einer tiefen Taſche eine Menge verſchledener Gegenſtände hervorzog, und aus der Maſſe eine kleine Broſchüre mit blauem Umſchlage auswählte,— eine Broſchüre, auf welcher als Titel zu leſen war!„„Drei Fragen für Pa⸗ piſten, von M. R.““— „Montgomery Nicketts,“ ſagte Purvis ſtolz;„ſie hat das Traktätchen ſelbſt geſchrieben, und deswegen will der Papſt uns nicht nach Rom laſſen. Es iſt dabei recht drollig; und der Theil, der von d— d— d— der J— J— J— Jungfrau—“ „Sie werden mich gewiß entſchuldigen, Madame,“ ſagte Kate,„wenn ich bitte, daß man über dieſen Gegen⸗ ſtand nicht weiter ſprechen möge. Mein Dank für das Intereſſe, das dieſer Herr und Sie ſelbſt für mich an den Tag gelegt haben, wird nur um ſo dauernder ſein, wenn Sie den Eindruck ganz ungeſchwächt laſfen und nichts Unangenehmes damit verbinden. Sie ſind ſo gütig geweſen, zu ſagen, daß Sie einen Brief für mich hätten?“ „Ja, es iſt ein Brief von Ihrem Vater,— von dem theuren zärtlichen Vater, der Sie ſo ſchwärmeriſch liebt, und in der That nur zu leben ſcheint, um ſich Ihrer Triumphe zu erfreuen. Martha, wo iſt der Brief?“ „Ich habe ihn Scroope gegeben, Schwägerin.“ .„Nein, Du haſt ihn mir nicht gegeben. Ich habe ihn nie geſehen—“ 4 „Doch, doch, Scroope, ich habe ihn Dir gegeben, — und zwar neben dem Kamin im Geſellſchaftszim⸗ mer— 46 „Ei, ei, jetzt erinnere ich mich wieder: ich habe ihn in den Vi— Vi— Vi— Vi— Vi— Viſttenkartenhalter geſteckt, dort iſt er jetzt.“ „Wie ärgerlich!“ rief Mrs. Ricketts;„Sie ſollen ihn aber morgen bekommen, Miß Dalton, ich will ihn ſelbſt herbringen.“ „Werde ich wohl ungeduldig ſcheinen, Madame, wenn ich noch heute Abend ihn holen laſſe?“ „Bei Leibe nicht, meine liebe Miß Dalton; ſoll ich aber die koſtbare Laſt der Hand eines gemeinen Bedien⸗ ten anvertrauen?“ „Sie koͤnnen das in aller Ruhe thun, Madame,“ ſagte Kate, nicht ohne in ihrem Ton einigen Aerger zu verrathen. „Mr. Foglaß, früher Geſchäftsträger und außerordent⸗ licher Geſandter zu—“ Hier wurde das Geſpräch durch ein furchtbares Ge⸗ krach, auf das ein entſetzliches Bellen folgte, unterbrochen, denn es hatte Fidéle eine große Sovres⸗Vaſe herabge⸗ worfen, und lag nun, halb begraben und heulend, unter den Ruinen. Natürlich ſtand nun die ganze Geſellſchaft auf,— die Einen, um dem unter den Ruinen ſich abar⸗ beitenden Pudel zu Hülfe zu kommen,— die Andern, um, was ganz unnütz war, die Bruchſtücke der einſt prachtvol⸗ len Vaſe außzuleſen. Dieſe Vaſe war ein Lieblingsgegenſtand Lady Heſter's geweſen; ſie war, ſowohl was Form, als Verzierungen betraf, von ſeltener Schönheit; und Kate ſtand ſprachlos, und faſt ohnmächtig vor Scham und Kummer da, und hörte auch nicht eine Sylbe von den auf ſie einſtürmen⸗ den Entſchuldigungen, ſowie von den eben ſo werthloſen Verſicherungen, daß die Vaſe leicht wieder zuſammenge⸗ ſetzt werden könnte; daß Martha dieſe Kunſt gründlich verſtände; und daß, wenn nur Secroope die Stücke ſorg⸗ fältig ſammeln dürfte, auch der diffteilſte Kenner nicht 47 fn Stande ſein würde, einen Sprung an der Vaſe zu nden. G „Ich habe hier einen Kopf, aber es fehlt daran die Na— Na-— Na— Na- Naſe,“ rief Purvis. „Hier iſt ſie, Scroope! Ich habe ſie gefunden.“ „Nein, das iſt eine Zehe,“ ſagte er;„es iſt ein Na⸗ gel daran.“ „Ich fühle mich unwohl,— es wird mir ohnmäch⸗ tig,“— ſagte Mr. Ricketts, indem ſie ſich auf ein mit Kiſſen wohlverſehenes Sopha zurückzog. Martha ſprang nun auf die Klingelſchnur zu, und riß heftig daran, während Purvis das Fenſter aufriß, und zwar ſo eilig, daß er einen Ständer mit Camellias umwarf, und ſo Pflanzen, Knoſpen, Erde und Porzellan auf dem Boden umherſtreute, während die arme Kate, durch die ſie umgebende Lawine von Ruinen erſchreckt, wie wenn ſie der Blitz getroffen hätte, ſich gegen die Wand lehnte und außer Stand war, ſich zu rühren, oder auch nur eine Sylbe zu ſprechen. Da Martha fortfuhr, an der Klingelſchnur zu reißen und zu zerren, ſo ſtürzten drei bis vier Domeſtiken zu gleicher Zeit in das Zimmer, da ſie glaubten, es ſei Feuer ausgebrochen. „Madeira! geſchwind, Madelra!“ rief Martha, wäh⸗ rend ſie an dem Halſe ihrer Schwägerin mehrere Klei⸗ dungsſtücke und Putzgegenſtände losmachte, und einen Ope⸗ rationsplan zur Wiederbelebung vorbereitete, der wenig⸗ ſtens eine erfahrene Hand verrieth. „So bringen Sie doch Wein herbei!“ ſagte Kate mit matter Stimme zu dem erſtaunten Haushofmeiſter, der, Miß Ricketts' Befehl nicht beachtend, den ihrigen zu erwarten ſchien. te. Aedefrel es muß Madeira ſein!“ ſagte Martha ſan „Sie trinkt auch Mar— Mar— Mar— Marco—brun⸗ 48 ner gern,“ flüſterte Purvis dem Haushofmeiſter zu,„und auch ich werde ein Gläschen trinken.“ Wären wirkliche Diebe in das Haus eingebrochen, ſo hätte Kate Dalton ſich hochſt wahrſcheinlich als Hel⸗ din erwieſen. Es iſt mehr denn wahrſcheinlich, daß ſie dann keinen Mangel an Muth oder an Geiſtesgegenwart bewieſen haben würde; aber in dem vorliegenden Falle konnte Niemand ſich ſo ganz und gar hülflos zeigen, wie ſie; und während ſie ſich in einen Seſſel ſinken ließ, ver⸗ riethen ihr bleiches Geſicht und ihre zitternden Züge ent⸗ ſchiedenere Leidenszeichen, als das maſſive Geſicht, das Martha jetzt mit kölniſchem und mit Lavendel⸗Waſſer überſchwemmte. Bald erſchien auch der Wein:— eine überaus im⸗ poſante Maſſe von ſtärkenden Mitteln,— die Reiſe⸗Apo⸗ theke der Ricketts'ſchen Familie,— entfaltete ſich auf ei⸗ nem Tiſche. Martha, die Shawl, Hut und Handſchuhe abgelegt hatte, war bereit, ihre Operation zu beginnen; und als ſo Alles parat war, fing Mrs. Ricketts, welche ſo viel Rückſicht hatte, daß ſie die Leute nie überraſchte, ihren nervöſen Anfall in beſter Form an. Hätten Wechſelfieber,— hyſteriſche Zufälle— tic- douloureux,— hätte ein Heer von Leiden,— hätten die Leiden eines dem Waſſertode nahe Geweſenen, oder eines mit Brandwunden Bedeckten ſammt und ſonders Re⸗ präſentanten ihrer eigenthümlichen Qualen geſchickt, mit dem Befehle, daß ſie um die Meiſterſchaft im Ausdrucke kämpfen müßten, ſo hätten die Symptome es kaum mit denen aufnehmen können, die ſich jetzt produzirten. Es gab keine Verzerrung, keine Convulſion, die ſich nicht in ihrem Geſichte zeigte, während ihre auf dem Boden eine Art Zapfenſtreich ſchlagenden Füße, und die gelegentlich den Tiſch, und dann und wann auch Scroope’s Kopf treffenden Knöchel ihrer Hand die Wirkung ihres Geſchrei's furchtbar erhoͤhten,— ihres Geſchreies, das von dem tie⸗ 49 fen Stoͤhnen des Melodramas zu den wildeſten Schreien der Tragödie überging, und umgekehrt.; „Es iſt keine Gefahr vorhanden, Miß Dalton,“ flü⸗ ſterte Martha, die im Reiben und Baden der Schläfe, im Geben von Wein u. ſ. w. fortfuhr, und zwar mit ei⸗ ner mechaniſchen Regelmäßigkeit, die ſich keinen Augenblick verieth. dedenn ſie ſch—ſch—ſch—ſchreit, dann iſt Alles recht,“ ſetzte Purvis hinzu, und gewiß würde auch der ängſtlichſte Freund bei dieſer Gelegenheit ſich getroſtet ge⸗ fühlt haben. „Soll ich nicht einen Arzt holen laſſen 2“ fragte Kate eifrig. . Bei Leibe nics Miß Dalton. Wir ſind an dieſe Anfälle ganz gewohnt. Die Nerven meiner lieben Schwä⸗ gerin ſind ſo reizbar.“ „Ja,“ ſagte Scroope, der, wir wollen es gelegentlich bemerken, ſchon eine halbe Flaſche Rheinwein geleert hatte, „die arme Zoe iſt die Senſibilität ſelbſt,— die Scheide iſt zu ſcharf für das Schwert. Wollen Sie nicht auch ein Gläschen Wein trinken, Miß Dalton 2“ „Ich danke Ihnen, Sir, ich trinke keinen. Ich denke, ſie befindet ſich etwas beſſer:— ſie ſieht nicht mehr ſo an⸗ gegriffen aus.“ „Sie befindet ſich beſſer; aber es iſt jetzt gerade der ſchwierige Augenblick,“ flüſterte Martha.„Jede Erſchüt⸗ terung,— jeder ploͤtzliche Eindruck könnte ſich in dieſem Augenblick als gefährlich erweiſen.“ „Was iſt denn aber zu thun?“ fragte Kate in ihrem Schrecken. „Sie muß alsbald zu Bette gebracht,— und es muß das Zimmer verdunkelt werden; und dann muß die groͤßte Stille herſchen. Können Sie Ihr Zimmer entbehren? „Oh, natürlich, Alles— Alles in einem ſolchen Au⸗ genblicke,“— rief das erſchrockene Mädchen, deren Ver⸗ ſtand jetzt von der Furcht vollkommen überwältigt war. Die Daltons. III. 4 50 „Sie muß getragen werden. Wollen Sie die nöthi⸗ gen Befehle geben, Miß Dalton? und Du Seroope, geh' Du hinunter, und bring aus dem Wagen—“ Hier artete Miß Ricketts' Stimme in ein unhörba⸗ res Geflüſter aus; Scroope aber verließ das Zimmer, um den erhaltenen Befehl auszuführen. Kate hatte ſich von ihrer Sympathie für die Leidende ſo weit fortreißen laſſen, daß die ganze Reihe unange⸗ nehmer Folgen, die aus dieſem unglücklichen Vorfalle her⸗ vorgehen konnten, ſich ihrem Geiſte gar nicht darbot; auch dachte ſie nicht an Lady Heſter, bis ihr Kammermädchen Nina im Geſellſchaftszimmer ſich zeigte, wo ihr dann Al⸗ les mit einem Male klar wurde. „In Ihr Zimmer, Mademoiſelle?“ fragte ſie mit einem Blicke, der mehr als alle Worte ſagte. „Ja, Nina,“ flüſterte ſie.„Was kann ich thun? Sie iſt ſo unwohl! Sie ſagen mir, es koͤnne jeden Augen⸗ blick gefährlich werden, und—“ St, meine liebe Miß Dalton!“ ſagte Martha;„ein einziges Wort kann ſie aufwecken.“ „Ich möchte ein Schmetterling ſein!“ trällerte die nervöſe Dame leiſe, während auf ihren Geſichtszügen ein Lächeln voll himmliſcher Wonne ſtrahlte. „Stl St!“ ſagte Martha, indem ſie den Umſtehen⸗ den mit einer Geſte bedeutete, daß ſie ſich ruhig verhal⸗ ten ſollten. „Was ſoll ich thun, Nina? Soll ich zu my Lady gehen, und mit ihr ſprechen?“ fragte Kate. Ein bedeutſames Achſelzucken, mehr verneinender als bejahender Art, war die einzige Antwort. 3„Ich wäre ein Sommerfaden, und Du wäreſt König von Theben,“ ſagte Mrs. Ricketts, einen himmellangen Bedienten anredend, der ſie forttragen helfen ſollte. „Ja, Madame,“ ſagte er reſpektvoll. „Es wird ſchlimmer mit ihr,“ flüſterte Martha be⸗ denklich. 51 „Und wir werden beim Mondlichte mit Kleopatra und Mr. Cobden auf der chineſiſchen Mauer ſpazieren gehen.“ „Gewiß, Madame,“ ſagte der Bediente, dem die Frage zu direkt vorkam, als daß es, nach ſeiner Anſicht, möglich geweſen wäre, derſelben auszuweichen. „Hat ſie ſchon Pantoffeln für den Planeten Ju— Ju— Ju— Ju— Jupiter geſtickt?“ fragte Purvis eifrig, als er, unter der Laſt eines ungeheuren Sackes mit gefärbter Wolle ſchwitzend, und mit feuerrothem Geſicht wieder in das Zimmer trat. „Nein,— noch nicht,“ flüſterte Martha.„Man kann ſie jetzt aufheben, aber ja recht ſanft,— ja recht ſanft, und es darf dabei keine Sylbe geſprochen werden.“ Und in ſtrenger Befolgung des erhaltenen Befehles hoben die Bedienten ihre ſchöne Laſt auf, und trugen ſie aus dem Zimmer, Nina folgend, die mit einer Miene voranging, welche eine mehr denn gewöhnliche Gleichgültig⸗ keit gegen menſchliche Leiden bekundete. „Wenn ſie an den Ju— Ju— Ju— Ju— Jupiter kommt,“ ſagte Purvis zu Kate, indem ſie den Zug ſchloſſen,„dann iſt es ein ſchlimmes Zeichen; oder wenn ſie ſich einbildet, ſie ſei Hec— Hec— Hec— Her— Hec—“ „Hecate?“ „Nein, nicht Her— Hec— Hec— Hec— Hecate, ſondern Hecuba— Hecuba; dann ſteht es wenigſtens einen Monat an, bis ſie wieder hergeſtellt iſt.“ „Wie furchtbar!“ rief Kate. Und gewiß war in der Wärme, womit ſie dieſe bei⸗ den Worte ſprach, auch nicht ein Gran Heuchelei. „Indeſſen glaube ich nicht, daß ſie dieſes Mal über die Sand— Sand— Sand— Sand— Sandwichs⸗ inſeln hinauskommen wird,“ ſagte er in tröſtendem Ton. „St, Scroope!“ ſagte Martha. Und nun ging es in das kleine, aber wundervoll aus⸗ 52 möblirte Ankleidezimmer Kate's hinein, an das ihr auf eine kleine Orangerie hinausgehendes Schlafzimmer ſtieß. Nina, die jedem Befehle ihrer jungen Herrin ſcrupuloͤs gehorchte, ſuhr während dieſer ganzen Zeit fort, hundert kleine Zeichen ſtummer Empörung von ſich zu geben. „Lady Heſter wünſcht Miß Dalton zu ſehen,“ ſagte ein Domeſtike an der äußeren Thüre. „Koͤnnen Sie mir erlauben, daß ich mich einen Augen⸗ blick entferne?“ fragte Kate zitternd. „Oh, natürlich, meine liebe Miß Dalton; wir wollen unter uns alles ſteife Weſen verbannen,“ ſprach Martha. „Ihre Güte hat die Wirkung gehabt, daß wir nicht um⸗ hin können, Sie ganz wie eine alte Freundin anzuſehen.“ „Ich fühle mich hier ganz heimiſch,“ rief Scroope, deſſen Kopf ſo viel Wein nicht zu widerſtehen vermochte. Dieß verhinderte ihn indeſſen nicht, ſich an einen der Be⸗ dienten zu wenden, mit der demüthigen Bitte, daß er ihm die zwei auf dem Tiſche des Geſellſchaftszimmers zurück⸗ gelaſſenen Flaſchen bringen möchte. Glücklicher Weiſe aber hoͤrte es Martha, und dieſe gab Gegenbefehl. Sofort entfernten ſich die verſchiedenen Domeſtiken, und ließen die Familie allein im Zimmer Kate's. Es läßt ſich leicht denken, daß Kate nicht eben in der angenehmſten Stimmung ſich zu Lady Heſter begab. Das Geſellſchaftszimmer zeigte, als ſie durch daſſelbe ging, immer noch einige Spuren von Ruinen, und die Bedien⸗ ten waren eifrigſt bemüht, Stücke Porzellan und Stücke von Blumentöpfen aufzuleſen. Die gemurmelten Bemer⸗ kungen der Dienerſchaft, die, während ſie vorüberging, verſtummten, ſagten ihr, daß der Vorfall bereits den Gegen⸗ ſtand der Geſpräche der Domeſtiken bildete. Sie konnte nicht umhin, ſich mit dem ganzen Unglücke in Verbindung zu bringen. Wäre ſie nicht geweſen!— Sie konnte dieſen Gedanken nicht ertragen, und trat, überaus gedemüthigt und am ganzen Leibe zitternd, in Lady Heſter's Zimmer. 53 „Entfernen Sie ſich, Celadon; ich muß mit Miß Dalton ſprechen,“ ſagte Lady Heſter zu dem Haarkräusler, der ſo eben mit der einen Hälfte von der checelare ihrer Ladyſhip fertig geworden war, und die andere Seite in jenen verſchiedenen Stufen der Vorbereitung aufgeheftet und aufgewickelt ließ, denen eher das Prädikat„vielver⸗ ſprechend,“ als das Prädikat„pittoresk“ zukommt. Ihre Wangen waren ſtark geröthet, und ihre Augen ſtrahlten von einem Feuer, das mehr Zorn, als Freude verrieth. „Was iſt denn das für eine entſetzliche Geſchichte, von der ich höre, Kind, und wovon das Haus voll iſt?2 Iſt es denn auch möglich, daß etwas Wahres daran iſt? Haben dieſe odiöſen Leute es wirklich gewagt, ſich hier feſtzuſetzen? Sagen Sie mir es, Kind,— ſagen Sie mir es!“ „Mrs. Ricketts iſt plötzlich unwohl geworden,“ ſagte Kate zitternd;„ihr Hund hat eine Porzellan⸗Vaſe herunter⸗ geworfen.“ „Hoffentlich nicht meine Sovres⸗Vaſe?— Hoffentlich nicht die große grüne Vaſe mit den Figuren?“ „Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß es gerade dieſe Vaſe iſt.“ „Fahren Sie fort! Was dann?“ ſagte Lady Heſter trocken. „Erſchrocken über dieſen Vorfall, ſowie über das Um⸗ ſtürzen eines Blumenſtänders, wurde ſie ohnmächtig, und es ſtand nicht lange an, ſo bekam ſie auch Krämpfe,— ſo ſchien es mir wenigſtens; ihre Freunde ſchienen jedoch vollkommen daran gewöhnt zu ſein, und erklärten dieſelben für ungefährlich. In dieſer peinlichen Verlegenheit frag⸗ ten ſie mich, ob ich ihnen nicht mein Zimmer abtreten wollte. Natürlich konnte ich ihnen dieſe Bitte nicht ab⸗ ſchlagen, und dennoch fühlte ich dabei, daß ich kein Recht hätte, die Gaſtfreundſchaft dieſes Hauſes auszudehnen. Ich ſah das Undelikate meines Benehmens. Ich war ärgerlich und ſchamerfüllt, und doch—“ 54 „Fahren Sie fort!“ ſagte Lady Heſter abermals, und mit einer ernſten Ruhe, die für Kate peinlicher war, als ein Zornausbruch. „Ich habe nur noch Wenig zu ſagen; und in der That weiß ich nicht einmal, was ich ſage,“ rief ſie ſchlu⸗ ckend, und bemüht, den Leidensſtrom zurückzudrängen, der in ihr kämpfte. „Miß Dalton!“ fing Lady Heſter an.— „Ohl warum nicht Kate?“ ſiel ſie mit halb erſtickter Stimme ein. „Miß Dalton,“ hob Lady Heſter, und gleich als hätte ſie die Bitte gar nicht gehoͤrt, wieder an,„eine ganz geringe Kenntniß der Welt, in der Sie während der letzten drei oder vier Monate gelebt haben, hätte Sie ein wenig Beſonnenheit— Beſonnenheit in ſchwierigen Umſtänden— lehren können. Ein noch geringerer Grad von Bekanntſchaft mit dieſer Welt hätte Ihnen geſagt, daß dieſe Leute nicht zu meinen Vertrauten gehoͤren; ſo daß, wenn es Ihnen auch an Takt gefehlt hätte, doch wenigſtens das Gefühl Ihnen hätte ſagen ſollen, was zu thun war.“ „Ich weiß, daß ich gefehlt habe. Ich wußte es ſogleich, und doch konnte ich bei meiner Unerfahrenheit keinen Entſchluß faſſen. Auch mein Gedächtniß half mich irre führen, denn es ſiel mir ein, daß, wenn dieſe Leute auch nicht von Ihrem Range und Stande waren, Sie ſich doch noch weiter herabgelaſſen hatten, als Sie Nelly und mich aufſuchten.“ „Hm!“ rief Lady Heſter, und zwar mit einer Geſte, die ganz unzweideutig zu ſagen ſchien, daß ſie ſich, indem ſie ſo gehandelt, einen ſchweren Fehler habe zu Schulden kommen laſſen. Kate ſah dieß alsbald, und ebenſo plötzlich ſtroͤmte das Blut nach ihrer Wange, ſo daß ihr Hals und Nacken ſich mit dem tieſen Roth der Scham färbten. Der alte Stolz der Daltons ſchien in ihr plötzlich wach geworden 5⁵ zu ſein; und indem ſie ſich zu ihrer vollen Höͤhe aufrich⸗ tete, lag in ihrem Blicke und in ihrer Haltung jedes Zei⸗ chen ſtolzer Indignation. Lady Heſter ſah ſie ein Paar Sekunden mit ſcharfem, forſchendem Blicke an. Vielleicht glaubte ſie einen Au⸗ genblick an die Möglichkeit einer Täuſchung,— vielleicht dachte ſie, es koͤnne Alles dieſes bloße Verſtellung ſein; aber ebenſo geſchwind erkannte ſie die unfehlbaren Kenn⸗ zeichen der Wahrheit, und ſagte: „Wiel Kind, Sie zürnen mir?“ „Oh, nein, nein!“ ſagte Kate, in Thränen ausbre⸗ chend, und die Hand küſſend, die nach ihr hin ausgeſtreckt ward—„oh, nein, nein! aber ich koͤnnte mich haſſen wegen einer Handlung, die ſo ganz wie Undankbarkeit ausſieht.“ „Kommen Sie, ſetzen Sie ſich auf dieſen Schemel, zu meinen Füßen, und erzählen Sie mir Alles; denn am Ende könnte ich ihnen die Vaſe und die Camellias noch verzeihen, wenn ſie darauf nur fortgegangen wären. Und natürlich wird das Ihnen eine Warnung ſein:— Sie werden ſich nun nicht mehr täuſchen laſſen!“ „Täuſchen laſſen,— wie ſo?“ rief Kate.„Sie war ſehr unwohl. Ich ſah es ſelbſt.“ „Unſinn, Kind! dieſes Stückchen iſt eine der gewoͤhn⸗ lichſten von den Spitzbübereien, die jetzt im Schwange gehen. Seit Tom Morris, wie man ihn nennt,— den Mann, der den Leuten auf den Fuß tritt, und durch ſeine Entſchuldigungen mit ihnen Bekanntſchaft anknüpft— gibt es Nichts, das weniger originell wäre. Sehen Sie, gerade ehe wir England verließen, drängte ſich der alte Bankhead in Slingsby Houſe ein,— einzig und allein damit die Zeitungen über ſeinen Tod in dem Hauſe des Grafen von Grindleton berichten könnten—„„Am achten, nach einer Krankheit von einigen Tagen, tief bedauert von dem edlen Lord, bei dem er auf Beſuch war.““ Nun aber würde das liebe Ricketts'ſche Weib faſt ihre Einwilligung 56 zum Scheiden aus dieſer Welt geben, wenn ſie gewiß wäre, daß ein ähnlicher Zeitungs⸗Paragraph ihrer wartete. Ich würde von ſolchen Leuten gewiß Nichts wiſſen, wenn Sir Stafford's Verwandte mir nicht ein Bischen die Augen geöffnet hätten. Er hat eine Menge von Couſins und Coufinen in Shropſhire drunten, und es ſind die⸗ ſelben um kein Haar beſſer, als Ihre— faſt hätte ich geſagt,„„Ihre Freunde““, die Nicketts'ſchen.“ „Es iſt faſt unmöglich, die Sache als einen bloßen Kunſtgriff anzuſehen.“ „Warum denn unmsglich, Kind? Es gibt keinen zu liſtigen und verwegenen Plan für Leute, die immer und ewig ſich in eine höher ſtehende Geſellſchaft eindrän⸗ gen wollen. Indeſſen muß ich Ihnen ſagen, daß ich ge⸗ wiſſer Maßen darauf gefaßt war.“ „Darauf gefaßt!“ „Ja; Jekyl ſagte mir, daß, wenn ſie einmal herein gekommen wären, es ſo gut wie unmöglich ſein würde, ſie ſpäter fern zu halten. Ein Vergleich, ſagte er, ſei das Beſte; man ſolle ihnen jedes Jahr gewiſſe Tage ein⸗ räumen, wo ſie Fremden das Haus zeigen,— wo ſie ſich Bouquets ſchneiden, und dergleichen kleine Freiheiten heraus⸗ nehmen dürften; oder aber ſollten wir, wenn das uns lieber wäre, ſie einen Teniers oder einen Gerard Dow zum Copiren mit fortnehmen laſſen, und denſelben nie mehr zurückverlangen. Er war der Anſicht, daß Letzteres der beſſere Plan wäre, weil man ſie nach Verfluß von einiger Zeit ganz ignoriren könnte.“ „Aber dieß iſt wirklich unbegreiflich!“ rief Kate. „Und doch hat die Hälfte der abſurden und unpaſ⸗ ſenden Bekanntſchaften, die man in der Welt ſieht, einen ähnlichen Urſprung gehabt; und es hat die Gewohnheit die Wirkung, daß man ſich nach und nach mit einer Be⸗ kanntſchaft ausſöhnt, die anfänglich nur Gefühle des Ab⸗ ſcheues und Ekels einflößte. Fürwahr, ich kenne auch nicht ein gutes Haus in der Stadt, wo man nicht auf 57 gewiſſe Freunde ſtößt, die vermöge ihres Ranges, ihres Reichthums, ihrer Diſtinction, oder ihrer geſelligen Ei⸗ genſchaften auch nicht das geringſte Recht haben, dort zu ſein. Und doch ſind ſie dort,— und zwar nicht als bloß überzählige Perſonen, ſondern als ſehr hervorragende, und im Vordergrunde ſtehende Perſonen, die guten Rath ertheilen,— in Fragen der Familien⸗Politik mitſprechen, und ihre vulgären Namen auf jedes Teſtament, auf jedes Codicill, auf jeden Heirathscontract, auf jede Urkunde ſetzen, bis ſie einen Theil des Stammbaumes zu bilden ſcheinen, an dem ſie am Ende doch nur als Schmarotzer⸗ pflanzen hangen. „Sie ſcheinen über Alles das ſehr betrübt zu ſein, arme Kate; aber glauben Sie mir, das Syſtem wird uns Beide überleben. Und nun gehen Sie in Ihr Zimmer, und kleiden Sle ſich zum Eſſen an! „Aber was ſage ich da? Sie haben ja keines mehr? Cöleſtine muß Ihnen alſo das Ihrige abtreten, und ſo werden Sie ganz in meiner Nähe ſein. Es wird dieſer Umſtand es uns um ſo leichter machen, Maßregeln in Betreff der Ricketts'ſchen Leute zu verabreden, die wirk⸗ lich jenen liebenswürdigen Bauern gleichen, wovon mir Ihr Vater geſprochen hat,— jenen Bauern, welche ſich auf ſeinen iriſchen Gütern ohne Weiteres niederließen, und die er als„„Squatters““ bezeichnete. Es freut mich un⸗ endlich, daß ich das Wort behalten habe.“ Und ſo führte Lady Heſter fortplaudernd Kate's ge⸗ wohnte, frohliche Laune zurück, die durch die Widerwär⸗ tigkeiten des Morgens nicht wenig getrübt worden war. Auch war Nichts leichter, als ſie eine Quelle des Aer⸗ gers vergeſſen zu machen. Da ſie ſtets lieber die heitere Seite des Lebens anſah, ſo brauchte auch ihre Neigung nur wenig von der Ueberzeugung unterſtützt zu werden, um ſie von düſteren Gegenſtänden ab⸗ und angenehmen zuzuwenden; und ſchon erſchienen ihr die Vorgänge des Morgens als Abſurditäten,— und ſchon tauchten kleine 58 Züge vor Mrs. Ricketts und von deren Bruder in dem großen Strudel des Verdruſſes und der Confuſion auf, in dem ſie bis daher begraben geweſen waren. Auch nahm das herankommende Diner ihre Gedanken einiger Maßen in Anſpruch, denn es war ein großes Feſt⸗ mahl, zu dem alle die ausgezeichnetſten Freunde von Lady Heſter eingeladen waren, Ein Erzherzog und ein Cardi⸗ nal ſollten ſich dabei einfinden, und Kate ſah dem Abende mit ungewoͤhnlichem Intereſſe entgegen. Es war weniger gemeine Neugierde, die Manieren und das Benehmen hoher Perſonen zu beobachten, als die Wonne, die ſie empfand, indem ſie über eine Geſchichte ihres künftigen Lebens, welche ſchon der Phantaſie des Kindes vorgeſchwebt hatte, nachdachte,— eine Geſchichte, worin Fürſten und Prälaten figurirten, und Scenen des Glanzes und hoher Freude raſch auf einander folgten. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Das Ende eines großen Gaſtmahls. Das Diner, das Lady Heſter an dieſem Tage gab, war ein„großes“,— das heißt, es war eine jener gro⸗ ßen Vorſtellungen, die man von Zeit zu Zeit der Meinung der Welt als Opfer darbietet. Von ihrer eigenen, beſon⸗ deren Coterie waren nur Wenige anweſend. Einige ver⸗ gaß ſie ſelbſt abſichtlich; Andere wieder hatten ſich ent⸗ ſchuldigt. Indeſſen hatte ſich Midchikoff eingefunden; denn ſo ſehr auch der Ton und die Gewohnheiten eines nur der Ausſchweifung gewidmeten Lebens die ſeinigen ſein mochten, ſo beſaß er doch jede Eigenſchaft, die fuͤr einen 59 Mann erforderlich iſt, welcher mit der Geſellſchaft, wie ſie im Allgemeinen iſt, verkehren will. Zwar kam er nicht gerne mit„königlichen Hoheiten“ zuſammen, vor welchen ſein eigener, zweideutiger Nang zur Unbedeutenheit herab⸗ ſank; ebenſo wenig liebte er die„Cardinäle“, deren ſtolze Prätenſionen ſtets jeden andern Adel überragten. Indeſſen kam er doch, um ſich Lady Heſter zu verbinden, und er ließ ſich dabei ſogar ſo weit herab, daß er ſich in ſeine allerliebenswürdigſte Stimmung warf. Die Marcheſa Guardoni, eine alte Kokette aus den Tagen des franzoͤ⸗ ſiſchen Kaiſerreiches, nun aber eine arge Betſchweſter und hoͤchſt exeluſive Sittenrichterin; einige ältlichen Diplomaten von ruhigen, katzenartigen, glatten Manieren, ſowie gewiſſe Notabilitäen vom Hofe bildeten die Geſellſchaft. Eng⸗ länder waren keine anweſend, da Jekyl, der die Liſte an⸗ gefertigt hatte, wohl wußte, daß Florenz keinen aufzu⸗ weiſen hatte, den ſein Rang und Stand befähigt hätte, an dem Gaſtmahle Theil zu nehmen. Die einzige Aus⸗ nahme bildete Norwood, deſſen temporäre Abweſenheit eher eine Wohlthat, als das Gegentheil zu nennen warz denn der edle Viscount, der nun auf dem Lande war, ſchwieg gewöhnlich, wenn er nicht ſeinen„Slang“ anbringen konnte, und hatte in Folge ſeines langen Ver⸗ kehrs mit dem„Turf“ und den Anhängern deſſelben auf⸗ gehört, an Gegenſtänden ein Intereſſe zu finden, die nicht mit einer Wette endigen konnten. Das Gaſtmahl war überaus prachtvoll. Es fehlte Nichts, was der Luxus oder der gute Geſchmack erforderte. Die Weine waren koͤſtlich; die Speiſen vortrefflich. Die Gäſte waren artig und angenehm; allein es ging Alles überaus ruhig zu. Da hoͤrte man keinen der Witzaus⸗ brüche, keine der pikanten Anekdoten, keine der brillanten Antworten, die ſonſt an dieſem Tiſche ſo ſtark, wie der Hagel, ſielen. Noch viel weniger hoͤrte man jene kleinen Geſchichten aus dem Privatleben, wobei Fehltritte und Sünden allein das Intereſſante ſind. Der königliche Gaſt 60 legte den Gäſten eine Zurückhaltung auf, welche durch dle Anweſenheit des Cardinals noch vermehrt werden mußte. Die Converſation war, gleich der Küche, für feine Gaumen beſtimmt; beide waren leicht, leicht verdaulich, anregend. Man ſprach mehr über die Ereigniſſe ſelbſt, als über die Perſonen, welche dabei handelnd aufgetreten waren. Alles war Ruhe und Einfachheit; aber es war eine vornehme Art von Einfachheit, welche diejenigen, die nicht daran gewoͤhnt waren, kalt ließ. Dieß war wenigſtens bei Kate Dalton der Fall, und ſo hart uns auch dieſes Bekenntniß ankommt, ſo müſſen wir doch geſtehen, daß ſie den frelen und leichten Ton, der bei Lady Heſter's mitternächtlichen Receptionen herrſchte, der kälteren Feierlichkeit dieſer hoch⸗ ſtehenden Gäſte unendlich vorzog. Alles, bis auf den Whiſt⸗Tiſch des Cardinals herab, hatte etwas Feierliches und Würdevolles. Die Spielen⸗ den legten ihre Karten mit einem abgemeſſenen Ernſte weg, und meldeten ihre Honneurs mit der Miene von Männern, die ſich eines hohen und wichtigen Amtes ent⸗ ledigten. Was den Erzherzog betrifft, ſo ſaß er neben Lady Heſter auf einem Sopha, und ließ ſich durch die Hülfs⸗ quellen ihres Geplauders amüſiren, wobei er ſich von Zeit zu Zeit in holder Weiſe verneigte, ſich bis zu einem Lächeln herabließ, aber nur ſelten auch nur eine Silbe ſprach. Selbſt jene kleine geſellige Wärme, die durch das Gaſtmahl erzeugt wurde, ſchien im Geſellſchaftszimmer verſchwunden zu ſein, wo die Converſation in einem leiſen, ſanften Tone geführt wurde, der ſich nie über ein Ge⸗ murmel erhob. Vielleicht iſt es für kleine Leute eine Art Troſt, wenn ſie denken können, daß Fürſten in der Regel traurig ausſehen. Die unüberſchreitbare Schranke der Zurückhal⸗ tung, die ſie umgibt, ſchließt, wenn ſie ſie einerſeits vor allen Relbungen des Lebens ſchützt, auf der andern Seite auch von vielen ſeiner freundlichen Genüſſe aus; und alle 61 jene kleinen Annehmlichkeiten, die aus der Vertraulichkeit entſtehen, bleiben denen verſagt, die nicht ihres Gleichen haben. Solchen Betrachtungen überließ ſich Kate Dalton; und nur dann und wann wurde ſie aus denſelben geweckt, um durch ein Lächeln oder ein Woͤrtchen der Anerkennung eines jener kleinen Komplimente und eine jener kleinen Schmeicheleien zu belohnen, die alte Höflinge als ihren rechtmäßigen Tribut einem jungen und ſchönen Frauen⸗ zimmer zollen. Sie war an dieſe Art von Huldigungen ſchon ſo ſehr gewoͤhnt, daß ſie ſie annehmen konnte, ohne auch nur einen Augenblick den Faden des Gedankens zu verlieren, womit ihr Geiſt ſich gerade beſchäftigte. Auch konnte der Eintritt eines neuen Gaſtes,— es war näm⸗ lich noch eine gewiſſe Anzahl anderer Gäſte auf den Abend eingeladen worden,— ſie nicht aus ihrem halbträumeri⸗ ſchen Zuſtande reißen. Die Salons zeigten jetzt, ohne gerade überfüllt zu ſein, eine zahlreiche Geſellſchaft, und jeder Gaſt zeigte in ſeinem Benehmen die reſpektvolle Zurückhaltung, welche die Gegenwart einer Perſon von königlichem Geblüte ſtets einfloͤßt. Es ſchien in der That, es ſei die ganze Con⸗ verſation der übrigen Gäſte wie ein„Beiſeite“ neben dem wichtigeren Zwiegeſpräch, das neben dem Fürſten geführt wurde. Eine langſame, aber abgemeſſene Fluth von Perſonen ging an ihm vorüber; die Leute verbeugten ſich reſpektvoll, indem ſie ſo vorüberzogen. Mit Einigen ſprach er etliche Worte; für Andere hatte er ein Lächeln, oder ein kleines Kopfnicken der Erkennung, und wieder für Andere ein kaltes Stieren, womit große Leute kleine gelegentlich an⸗ zuſehen pflegen. Seine königliche Hoheit war keiner jener talentvollen Prinzen, die ihren Stolz darein ſetzen, Namen, Familie, Hantirung und Lieblingsbeſchäftigung eines und einer jeden Neuvorgeſtellten kennen zu lernen; im Gegentheil, er war 62 überaus zerſtreut, und bis zu einem kaum glaublichen Grade vergeßlich; ſein Mangel an Gedächtniß war Schuld, daß er ſich unzählige Male irrte,— Irrthümer, aus denen ihn, hätte er ſie auch gekannt, keine Geſchicklichkeit von ſeiner Seite hätte herauswinden können. An dem fraglichen Abende nun war er nicht beſon⸗ ders glücklich geweſen; er hatte einen Miniſter beglück⸗ wünſcht, der gerade in Ungnaden entlaſſen worden war; — er hatte einer jungen Dame zu ihrer bevorſtehenden Heirath gratulirt, während doch dieſe Heirath rückgängig gemacht worden war. Lady Heſter unterhielt er haupt⸗ ſächlich damit, daß er ſeine Verachtung gegen die Frem⸗ den ausſprach, die durch Gewohnheiten und Sitten, welche in ihrem Vaterlande ſelbſt nicht geduldet würden, ſeinem Hofe Unehre machten. Die Cheſcheidung, ja ſogar die bloße Trennung zwiſchen Ehegatten wurde von ihm heftig getadelt, und während ſein Sittencoder im Ganzen ſehr gnädige Beſtimmungen aufzeigte, verurtheilte er auf's Strengſte Alles, was der Welt ein Aergerniß geben konnte. Lady Heſter mußte dieſes anhören, ſo gut ſie konnte, — eine Aufgabe, die nicht gerade eine leichte war, da ſie allenthalben ein boshaftes Hohnlächeln bemerken mußte. Aus allen dieſen Gründen war die Unterhaltung mit ihrem königlichen Gaſte, ſo ſehr auch ihre Eitelkeit ſich dadurch geſchmeichelt fühlen mußte, weit entfernt, ihr angenehm zu ſein, und ſie wünſchte daher, daß der Abend vorüber ſein moͤchte. Der Fürſt ſah müde genug aus; aber ich weiß nicht, wie es kommt, daß Nichts ſo zäh und ausdauernd iſt, wie eine königliche Perſon. Das ganze Leben ſolcher hoch⸗ geſtellten Perſonen moͤchte das Geſagte zu bewahrheiten ſcheinen. Und ſo blieb denn der königliche Gaſt ſitzen,— ſagte dann und wann ein Wort,— verneigte ſich mit halbge⸗ ſchloſſenen Augenlidern,— und ſah aus, als ob er in jedem Augenblicke in Morpheus' Arme finken wollte. - 63 Es war gerade der Höhepunkt des ganzen ernſten Abends; eine jener kleinen Pauſen, die dann und wann eintreten, war auf das Gemurmel der Converſation ge⸗ folgt. Die Whiſt⸗Partie hatte ihr Ende erreicht, und es ſchritt der Cardinal langſam durch das Zimmer hin, wobet die Geſellſchaft, die Damen ſelbſt nicht ausgenommen, ſich ehrerbietig erhob, als die Flügelthüre weit aufgeriſſen wurde, und ein Bedienter Mr. Scroope Purvis an⸗ meldete. 1 Wenn der Name den verſammelten Gäſten unbekannt war, ſo war doch wenigſtens einer darunter, der ihn mit wahrem Schrecken ausſprechen hoͤrte, und die arme Kate Dalton ſank mit einer Art inſtinktmäßigen Beſtrebens, den Blicken des Angemeldeten zu entgehen, in ihren Seſſel, zurück. Hinter dem Angemeldeten hatte ſich unterdeſſen die Thüre wieder geſchloſſen, und es ſtand Mr. Purvis nicht wenig verblüfft über die prächtige Geſellſchaft, in die er ſich eingedrängt hatte, da. Lady Heſter's Ohr, das zu den guten gehörte, war der Name nicht entgangen, obgleich ſie ganz am entgegen⸗ geſetzten Ende des Zimmers ſich befand. Indeſſen ſchrieb ſie denſelben der ſchlechten Ausſprache zu, deren ausländiſche Bediente ſich ſo gerne ſchuldig machen, und war begierig, den Mann zu ſehen, dem der Name gehöoͤrte. Auch brauchte ſie nicht lange zu warten, denn ſobald der erſte Augenblick der Ueberraſchung vorüber war, legte Purvis ſein doppeltes Augenglas an, und fing an, in der eigenthümlich muſternden Weiſe, durch die er ſich aus⸗ zeichnete, eine Wanderung durch die Zimmer hin anzu⸗ treten. Das Faktum, daß ſämmtliche Geſichter ihm un⸗ bekannt waren, ſchien ihm bei ſeinen Nachforſchungen weiteren Muth zu verleihen, denn er ſtarrte ſo unbeküm⸗ mert umher, als ob er im Theater geweſen wäre. Die meiſten Leute würden in ſeiner Lage ſo egoiſtiſch geweſen ſein, daß ſie nur an ſich ſelbſt gedacht hätten, 64 ſowie an das Sonderbare ihrer Stellung. Purvis dagegen hatte für Alles ein Auge; von den großen Leuchtern an den Wänden bis zu den Sternen und Ordenakreuzen auf den Fräcken,— von den Deeoratlonen der Salons bis zu den Diamanten— muſterte er Alles ſorgfältig; Nichts entging ihm, und er theilte ſeine Blicke ſo unpartheiiſch aus, daß die Wangen des Cardinals ſo roth wurden, wie ſeine Strümpfe, während Scroope ihn muſterte. 3 Endlich erreichte er das Ende des großen Geſellſchafts⸗ zimmers, und fand ſich gerade vor dem mit einem Bal⸗ dachin verſehenen Sopha, auf dem der Erzherzog mit Lady Heſter ſaß. Ohne auf den kleinen Zirkel, den die Etikette vor dem Fürſten gebildet hatte, zu achten, wenn er denſelben überhaupt bemerkte, trat Purvis in den Zauberkreis hinein, und glotzte den Herzog an. „ Ich ſehe, daß einer Ihrer Freunde ängſtlich bemüht iſt, Ihnen ſeine Aufwartung zu machen, Lady Heſter,“ ſagte der Fürſt mit einem ganz eigenthümllichen Lächeln. „Ich bitte, Ew. Königlichen Hoheit verſichern zu dürfen, daß der Herr mir total unbekannt iſt; ſeine An⸗ weſenheit iſt eine Ehre, auf die ich mich ganz und gar nicht gefaßt gemacht hatte.“ „Mein Name iſt Purvis, Madame,— Se— Se — Scroope Purvis. Miß Dalton kennt mich; und meine Schweſter iſt Mrs. Ricketts.“ „Sie werden Miß Dalton dort unten finden, Ser,“ ſagte Lady Heſter, die ſich vor Zorn kaum zu halten ver⸗ mochte. „Ich ſehe ſie,“ rief Purvis, ſein Augenglas anlegend; waber ſie ſucht mir zu entrinnen. Es ſteht ein Mann mit einem rothen Ba— Ba— Ba— Ba— Barte vor ihr; aber das geht nicht ſo;— ich laſſe mich nicht ſo t— t— t— t-— täͤhſchen.“ Der Erzherzog lachte über die Worte Scroope's und zwar recht herzlich; und Purvis, der ſich dadurch ermuthigt 65 fühlte, drängte ſich noch mehr zu ihm hin, um ihm die fragliche Dame zu zeigen. 1 „Sie hat,“ fuhr er fort,„eine drollige Art Sch Sch— Sch— Schleier in ihrem Haare; dort, dort— ſehen Sie ſie? Haben Sie auch ſchon die Gemälde in dem Pitti⸗Palaſte geſehen?“ Die Frage war etwas ſonderbar, da die angeredete Perſon zufällig gerade in dieſem Palaſte wohnte. Indeſſen beſchränkte ſich der Erzherzog auf ein be⸗ jahendes Kopfnicken, und es fuhr nun Purvis alſo fort: „Meine Schweſter Zoe hat eines von den Gemälden copirt,— und es gefällt mir noch beſſer, als der Ti— Ti— Ti— Tit— Titian ſelbſt. Auch haben wir die Copie geräuchert und es ſieht dieſelbe nun ſo braun aus, daß gewiß kein Menſch auf den Gedanken käme, das Ge⸗ mälde für ein mo— mo— mo— mo— modernes zu halten.“ Nach dem verblüfften Ausſehen des Herzogs zu ur⸗ theilen, war das Geſagte ihm pures Chaldäiſch; und als er ſich nach Lady Heſter umwandte, um dieſelbe um eine Erklärung zu bitten, entdeckte er, daß ſie ihren Sitz ver⸗ laſſen hatte. 4 8 Sei es nun, daß er die Bewegung des Erzherzogs als eine Einladung anſah, daß er ſich ſetzen ſolle, oder ſei es, daß er aus eigenem Antriebe handelte,— ſo viel iſt auf jeden Fall gewiß, daß Seroope ohne Weiteres ſich neben den hohen Gaſt auf das Sopha ſetzte, und zwar mit einem ſolchen Grade von Selbſtbefriedigung, daß alle ſeine Geſichtszüge vor Freude ſtrahlten. „Sie gehoͤren nicht zu der Fa— Fa— Fa— Fa Familie, he?“ fragte er. „Ich habe nicht dieſe Chre,“ ſagte der Fürſt mit einer Verbeugung. „Es ſchien mir doch, daß Sie nicht dazu gehören Die Daltons., III. 5 koͤnnten. Es kam mir vor, daß Ihre Ausſprache des Engliſchen etwas Fr— Fr— Fr— Fremdländiſches habe,— aber Ihr Ge— Ge— Ge— Geſicht iſt mir gar gut bekannt.“ Der Herzog verbeugte ſich abermals. „Hübſche Zimmer das!“ ſagte Purvis, mit dem Glaſe am Auge;„was müſſen die nicht Geld ge— ge— ge— ge— gekoſtet haben. Es geht gar geſchwind mit dieſen Onslows.“ „Wirklich?“ ſagte der Fürſt, der die Bemerkung nur halb verſtand. „Ich weiß es,— ich kann es Ihnen verſichern,“ ſagte Scroope mit einem vertraulichen Blinzeln.„Ihr Fleiſcher be— be— be— bedient auch uns, und es will derſelbe nicht eher Etwas abgeben, als bis ſie ihre Order geſchickt haben; und was den Wein betrifft, ſo wird in dem Bedientenzimmer Bordeaux getrunken. Ich weiß zwar nicht, was für Wein Sie trinken, aber es iſt derſelbe gewiß um einen gu— gu— gu— guten Grad beſſer, als der, den ich bekomme.“ „Hoffentlich kann man aber hier guten Wein bekom⸗ men,“ ſagte der Herzog artig. „Ja, wenn man ihn einſchmu— ſchmu— ſchmu— ſchmuggelt,“ ſagte Scroope mit einem ſchlauen Lachen, während er, um die Bemerkung noch beißender zu machen, den Fürſten mit dem Elbogen ſtieß.„Es iſt dieß der einzige Weg, ſolchen zu bekommen. Die d— d— d— d— dumme Regierung ſieht gar Nichts.“ „Iſt das der Fall, Herr?“ fragte der Fürſt mit einem Grade von Intereſſe, den er bis daher nicht an den Tag gelegt. Tel iſt es,— ich kann es Ihnen wohl ſagen. Meine Schweſter Zoe zahlt von Nichts Zoll,— und wenn Sie zufällig wohlfeile C— C— C— C— Cigarren ha⸗ ben wollen, ſo brauchen Sie mir es nur zu— zu— zu — zu ſagen. Der Gro— Gro— Gro— Großherzog 67 hat von mir noch kein Sirpence⸗Stück bekommen, und wenn ich mich recht ke— ke— ke— ke— kenne, ſo wird er auch nie ein ſolches von mir bekommen.“ „Grollen Sie ihm etwa, mein Herr, da Sie dieſes ſo emphatiſch ſagen?“. „Bei— bei— bei Leibe nicht. Man ſagt mir, er ſei ein gutmüthiger Menſch, obgleich etwas ſchwa— ſchwa — ſchwach im O— O— O— Okberſtübchen;“ und hier ſchlug Scroope ſich bedeutſam auf die Stirne.„Aber das liegt nun einmal in der Familie. Meine Schweſter Zoe könnte Ihnen ſolche Ge— Ge— Ge— Geſchich⸗ ten von derſelben erzählen, daß Sie vor Lachen berſten müßten; und dann kann auch Jekyl dieſe Leute ſo trefflich nachäffen! Es iſt ein Ha— Ha— Ha— Hauptjur. Er gibt Einem einen Di— Di— Dialog zwiſchen dem Großherzog und dem päpſtlichen Nuntius zum Beſten, der beſſer, als die luſtigſte Farce iſt.“ Es läßt ſich in der That nicht ſagen, wie weit Mr. Purvis in ſeinem Beſtreben, ſich angenehm zu machen, gegangen ſein würde, als Lady Heſter mit der ſich auf ihren Arm ſtützenden Kate herankam. „Dieſer Herr behauptet, er kenne Sie, Miß Dalton,“ ſagte ſie ſtolz. „O gewiß,— ſie kennt mich; und ich habe einen Brief für ſie,— einen Brief von ihrem Va— Va— Va— Va— Vater,“ ſagte Purvis, indem er ein großes Packet hervorzog. „Es wäre Miß Dalton lieber, wenn ſie ſich ſetzen koͤnnte, Sir,“ ſagte Lady Heſter, während ſie mit der Hand eine Bewegung nach einem andern Theile des Zim⸗ mers hin machte. „Ja, ja,— ganz richtig; wir werden ſchon einen bequemen W— W— W— W— Winkel ausfindig machen, wo wir mit einander plaudern können; nehmen Sie nur meinen Arm,— wollen Sie? Laſſen Sie uns von all' dieſen großen Dons mit ihren Sternen und Kreuzen fortgehen.“ Und ohne erſt auf Kate's Antwort zu warten, zog er ihren Arm in den ſeinigen herein, und fing an, fortzu⸗ latſchen,— ein Gang, den er ſtets annahm, wenn er glaubte, er habe viele Geſchäfte. Der Gedanke, an einen ſolchen Gefährten gebunden zu ſein, würde in jedem andern Augenblicke Kate Dalton vor Scham ganz darnieder gedrückt haben; nun aber fühlte ſie, ſei es, daß die wenigen Worte, die Lady Heſter ihr iws Ohr geflüſtert hatte, oder daß das Factum ſeines nicht autoriſirten Erſcheinens, oder daß die Furcht vor noch größerer Schmach Schuld daran war, in dem Wort⸗ ſchwalle, der ſeinen Lippen entſtrömte, während ſie das Zimmer hinab gingen, keine geringe Erleichterung. „Wer war der Herr, der lächelte, als wir an ihm vorübergingen?“ fragte er. „Fürſt Midchikoff.“ „Oh, der war es,— war der es wirklich? Sie müſſen mich ihm vorſtellen.“ „Jetzt nicht, nur jetzt nicht, ich bitte Sie darum; zu irgend einer andern Zeit, nur jetzt nicht!“ rief ſie ſchreckerfuͤllt. „Gut, aber vergeſſen Sie es nicht. Zoe würde mir nie verzeihen, wenn ich ihr ſagte, daß ich die Ge— Ge — Ge— Ge— Gelegenheit verſäumt; ſie ſehnt ſich ſo ſehr, ſeine Bekanntſchaft zu machen.“ „Zu jeder andern Zeit will ich Sie ihm vorſtellen,“ ſagte Kate, immer geſchwinder mit ihm das Zimmer ent⸗ lang eilend. „Wer iſt der da?“ fragte Purvis, als eine hohe ſtattliche Figur ſich vor Kate artig verneigte. „Es iſt der öſterreichiſche Geſandte.“ „Doch nicht der Kerl, der den Kaiſer erdro— dro — dro— droſſelt hat? Oh, ich habe es vergeſſen, es war ein Ruſſe,— nicht wahr? Sie überwältigten und 1 69 e— e— e— e— erwürgten ihn; ha, ha, hal Da ſteht ein Mann mit einem rothen Schnurrbarte: er ſieht dem Kerl ſo ähnlich, der in dem Cascini die Bou— Bou— Bou— Bouquets verkauft.“ „Es iſt ein ungariſcher Magnat,“ flüſterte Kate. „Schau', ſchau',— iſt er das? dann muß ich ihn noch einmal a— a— a— anſehen. Er hat ſo viele goldene Ketten an ſich, als nur immer in einer Bude auf dem Ponte Vecchio zu finden ſind. Er würde Zoe ge⸗ wiß gefallen,— er ſieht ſo kurios aus!“ Endlich gelang es Kate, obwohl nicht ohne gewaltige Anſtrengungen, ein kleines Zimmerchen zu erreichen, in dem ſchon zwei andere Perſonen ſaßen,— zwei Perſonen, deren Geſtalten bei der Dunkelheit einer Lampe, deren Licht ſorgfältig gedämpft war, nicht unterſchieden werden konnten. „Iſt es nicht ſonderbar, daß ſie nicht einmal nach Zoe gefragt hat?“ ſagte Purvis, indem er auf dem Sopha Platz nahm.„Iſt das auch ein Benehmen, nicht einmal nach einer Perſon zu fragen, die unter ihrem Da— Da — Da— Dache krank darnieder liegt?“ „Lady Heſter kennt Mrs. Ricketts ja gar nicht!“ „Wohl, wohl, aber ſie ſo— ſo— ſo— ſollte ſie kennen. Zoe veranſtaltete ein Ga— Ga— Ga— Gaſt⸗ mahl ihr zu Ehren, und hatte Hagg— Haggerſtone, und Foglaß, und die Uebrigen eingeladen. Und dann wiſſen Sie ja wohl, daß die Leute nicht ſo weit her ſind: ſie ſind ja nur B— Bankiers, dieſe Onslows, und es brauchen dieſelben nicht ſo vornehm zu thun.“ „Sie haben einen Brief für mich, Mr. Purvis? Wollen Sie meine Ungeduld entſchuldigen?“ „Ei freilich. Ich habe einen Brief, und es iſt darin noch eine Einlage; es fühlt ſich wenigſtens ſo an, als ob eine Note, eine Banknote darin wäre. Ahal darum ſind Sie ſo ungeduldig: vielleicht hat das Ge— Ge— Ge — Geld lange auf ſich warten laſſen, he?“ Kate antwortete auf dieſe Worte auch nicht eine Silbe; ihre Wange aber wurde, während ſie geſprochen wurden, purpurroth. Unterdeſſen packte Purvis einen Haufen von Papie⸗ ren aus, und fing an, Dalton's Brief zu ſuchen. „ Nein, der iſt's nicht: es iſt der von Foglaß: es iſt darin von Nichts, als Norwood und deſſen N— N— N— Newmarket⸗Geſchichte die Rede. Dieß iſt ein Brief von Lord Gullſton's Kammerdiener; es enthält derſelbe einen ſo drolligen Be— Be— Be— Bericht über die ganze Familie. Zoe hat ihn e— e— e— e— em⸗ pfohlen; und der arme Kerl iſt recht dankbar; denn er ſchreibt uns Alles, was im Hauſe vorgeht. Lady Gull⸗ ſton iſt, wie es ſcheint, ein wahrer Sa— a— a— a — atan. Nun, nun, ſeien Sie nicht u— u— u— u — ungeduldig; ich finde Ihres Vaters Brief in einem Augenblicke. Er ſchreibt eine unleſerliche alte Hand, daß man ſie ſogleich unterſcheiden kann. Ich gla— gla— gla— glaube, daß er etwas eigen iſt, der alte He— He— Herr. Gewiß iſt er das; aber was habe ich mit ſeinem Briefe angefangen? Oh! da iſt er! da iſt er! Und ſehen Sie, in der Ecke ſteht:„„In Eile!““ Kate ergriff den Brief ungeduldig, und riß denſelben ohne Weiteres auf, ohne an Purvis oder den Ort zu denken, an dem ſie ſich befand. 3 Indem ſie dieſes that, fiel die Einlage auf den Bo⸗ den, jedoch ohne daß ſie es bemerkte; und noch ſonder⸗ barer war es, daß dieſes Hinunterfallen auch der Auf⸗ merkſamkeit unſeres Freundes Purvis entging. Aber dieſer würdige Mann hatte ſich, da er es nicht gerade wagen mochte, über ihre Schulter wegzuleſen, gerade vor Kate hingeſetzt, und verfolgte nun mit Hilfe ſeines doppelten Augenglaſes jede Veränderung, die während des Leſens in ihren Geſichtszügen vorging.— „Hoffentlich Alles wohl zu Hauſe, he? Wie ſich ihre Farbe verändert!“ murmelte er vor ſich hin.„Niemand 71 unwohl; Niemand geſtorben, he?“ fragte er lauter.„Es muß aber doch etwas Ernſtes ſein, ſie zittert wie Eſpen⸗ laub. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen einen Stuhl gebe, das heißt, wenn ich in dieſem kleinen Loche einen ſi— ſi— ſi— finden kann; man hat hier Nichts, als Di⸗ vane.“ Mit dieſen Worten eilte er in den größeren Salon hinaus, um für Kate einen Seſſel zu holen. Und nicht ohne viele Unbequemlichkeit für verſchiedene andere Perſonen gelang es endlich Purvis, das, was er ſuchte, zu finden: er kam, mit einem maſſiven Armſeſſel in den Händen, in das Boudoir zurück. Aber wie groß war nicht ſein Schrecken, als er fand, daß Miß Dalton unterdeſſen ſich geflüchtet. Vergebens ſuchte er ſie in allen Salons, die ſich jetzt raſch leerten, indem der allerhöchſte Gaſt ſich bereits mit andern hohen Gäſten entfernt hatte. Da und dort ſah man noch eine vereinzelte Gruppe, in der leiſe geſprochen wurde; und um die Kamine herum hatten ſich kleine Gruppen von Damen geſammelt, die eingemummt waren, und in ihren Mänteln ſtaken, und nur noch auf die Wagen warteten. Es ſah in dem Hauſe, wie auf einer Bühne aus, wenn das Stück zu Ende iſt! Ohne von dem Männchen Notiz zu nehmen, das augenſcheinlich mit dem größten Eifer ſeine Nachforſchungen fortſetzte, und jeden Winkel durchſpähete, entfernten ſich die Leute nach und nach und ließen Purvis allein in dem„verödeten Bankettſaale.“ Die Domeſtiken gingen, während ſie die Lichter aus⸗ löſchten, neben ihm hin und her, ohne eine Bemerkung zu machen, ſo daß er, geſchlagen und in ſeinen Erwar⸗ tungen getäuſcht, ſich endlich zurückziehen mußte, wobei er nicht umhin konnte, zu ſeinem großen Kummer ſich zu geſtehen, daß ſein kühnes Unternehmen gar unglücklich ab⸗ gelaufen. 1 Während er die Gallerien entlang und die Treppe hinabging, machte er verſchiedene kleine Verſuche, mit dem einen oder dem andern von den Domeſtiken ein Geſpräch anzuknüpfen; dieſe würdevollen Perſonen aber beantworte⸗ ten ſeine Fragen auf die trockenſte und kürzeſte Weiſe; und erſt als er das große Thor des Palaſtes erreichte, traf er auf einen Bedienten, der ſo hoͤflich war, daß er den Fragenden anhörte, bis derſelbe zu Ende war,— den Fragenden, der immer und ewig ſtotterte: „Wer war de— de— de— de— der mit dem großen Ste— Ste— Ste— Stern auf der Bruſt und dem w— w— w— w— weißen Bart?“ Der Portier ſtarrte den Sprechenden an, und ſagte ehrerbietig: „Der Signor meint wahrſcheinlich den Erzherzog?“ „Nicht den Erzherzog Fr— Fr— Fr—— „Ja, Sir,“ ſagte der Bediente, und ſchloß das ſchwere Thor hinter ihm zu. Purvis aber fand ſich endlich ſo draußen, ſeinen ei⸗ genen Ohren kaum trauend, und ſo beſchämt, wie nur ir⸗ gend möglich. Indeſſen haben wir nicht die Abſicht, bei ihm, oder ſeinen Empfindungen länger zu verweilen, ſon⸗ dern wollen, ihn heimtrollen laſſend, noch ein Mal in das Haus zurückgehen, aus dem er ſoeben fortgegangen. Wenn Lady Heſter's große Geſellſchaft auseinander gegangen war, ſo war das Geſchäft des Abends damit noch keineswegs vorüber; im Gegentheil, es war nun die Stunde ihrer nächtlichen Receptionen, und nun kamen die gewohnten bevorzugteren Gäſte, einer nach dem andern, angerückt, ſei es, daß dieſelben im Theater, in der Oper, oder bei einem ſpäten Diner geweſen waren. Dieſe Ver⸗ gnüglinge ſahen, wie gewöhnlich, gelangweilt und abge⸗ mattet aus, und mit Ausnahme der ſchwachen Diskant⸗ ſtimme Albert Jekyl's ließ ſich keine andere hören, während ſie die Corridore entlang gingen.— Als ſie in Lady Heſter's Boudoir traten, fanden ſie die genannte Dame, wie ſie eben Midchikoff die Abenteuer 73 des Morgens umſtändlich erzählte,— eine Erzählung, in der ſie ohne eine andere Unterbrechung, als ein Lächeln, oder ein Kopfnicken, oder eine kleine Handbewegung nach jedem der Neuankommenden hin, fortfuhr. War das Be⸗ nehmen der Dame durchaus unceremonios, ſo war das der Herren es noch viel mehr, denn dieſe dehnten ſich auf Divanen aus, legten ihre Beine auf Stühle, und kehr⸗ ten dem Feuer den Rücken zu mit einem Grade nach⸗ läſſiger Bequemlichkei, der bewies, daß ſie ſich vollkom⸗ men heimiſch fühlten. Jekyl war vielleicht der einzige unter den Anweſenden, der mit dieſer Freiheit einen ge⸗ wiſſen artigen Reſpekt verband, den keine Familiarität ihn je vergeſſen ließ. „Und ſind die Leute immer noch hier— im Hauſe?“ fragte der Fürſt.„Sind ſie wirklich in dieſem Augen⸗ blicke unter dieſem Dache?“ „Ja, in dieſem Augenblicke!“ antwortete ſie em⸗ phatiſch. „Die ganze Geſchichte iſt wahrhaftig unglaublich,“ rief er aus. Und nun zogen die gleichgültigen Müßiggänger ihre Stühle näher heran, um die Geſchichte zu hoͤren und zu lachen, wie Menſchen, die ſelten luſtig werden, es ſei denn, daß Spott oder Bosheit als Reizmittel gebraucht werden. „Ja, Sie haben aber noch nicht das Schlimmſte gehoͤrt,“ ſagte Midchikoff.„Erzählen Sie ihnen doch die Aben⸗ teuer des Abends,— erzählen Sie ihnen von dem ſon⸗ derbaren Beſuche, den Sie bekommen haben.“ Und Lady Heſter erzählte nun, wie Mr. Purvis er⸗ ſchien, der, nachdem er ſich durch einen Beſuch bei ſeiner Schweſter Eingang im Hauſe verſchafft, in ſo unceremo⸗ niöſer Weiſe ſich im Geſellſchaftszimmer präͤſentirt hatte. „Der Himmel weiß, was er Seiner Königlichen Hoheit geſagt hat, ſo lange ich fort war. Nach ſeinem Geſichte zu urtheilen, muß es etwas Abſcheuliches geweſen 74 ſein; und die letzten Worte, die er beim Weggehen ſagte, lauteten:„„Ich muß den Namen Ihres angenehmen Freundes nicht zu vergeſſen ſuchen.““ „Da hätten Sie am Ende eben ſo gut mich ein⸗ laden koͤnnen; ich wäre wohl keine anſtößigere Perſon geweſen, als Ihr„„Freund““ Purvis,“ ſagte ein junger italieniſcher Nobile, deſſen politiſche Meinungen bei Hofe keine Gnade fanden. 3 „Aber was haben Sie im Sinne zu thun, my Lady?“ fragte Midchikoff.„Soll der Feind ruhig die Feſtung behaupten dürfen?“ „Gerade darüber möchte ich mich bei Ihnen Raths erholen, Herr Fürſt.“ „Wie wäre es, wenn wir uns hier auf der Stelle zu einem Staatsrath bildeten?“ ſagte der öſterreichiſche General. „Ganz damit einverſtanden!“ ſagten die Andern, die nun vor Lady Heſter's Sopha einen Halbkreis bildeten. „Der jüngſte Ofſtzier ſpricht ſtets zuerſt,“ ſprach der Oeſterreicher. „Dann habe ich zu ſprechen,“ ſagte ein Männchen von etwa zwei und achtzig bis drei und achtzig Jahren, das Frankreich an der Hälfte der europäiſchen Höfe reprä⸗ ſentirt hatte.„Ich möchte ein Protokoll in der Form eines Proteſtes vorſchlagen. Es iſt eine augenſcheinliche, handgreifliche Invaſion, die aber, wenn von den gehoͤri⸗ gen Entſchuldigungen und einer alsbaldigen Räumung gefolgt, verziehen werden kann. Es gibt hiſtoriſche Be⸗ lege dafür, daß ſolche Uebergriffe beinahe wie gezwungene Acte angeſehen wurden.“ 1 „Wie zum Beiſpiel der Fall von Anſpach,“ ſagte der Oeſterreicher mit einem boshaften Lächeln. „Getroffen, General,— getroffen!“ ſetzte der alte Diplomat mit einer Verbeugung und einem Lächeln hin⸗ zu, das faſt dankbar ſchien.„Der kürzeſte Weg zum Siege iſt ſtets der beſte.“ 7⁵ „Wir wollen es einmal mit einem Fieber oder mit einem Feuer probiren, beim Jupiter! was liegt am Ende an ein Paar Stühlen und an einem Paar Vorhängen?“ meinte George Onslow. 3 „Warum ſollte man ſich auf keinen Vergleich ein⸗ zulaſſen ſuchen, my Lady?“ fiel ein junger, deutſcher Le⸗ gationsſekretär ein.„Warum nicht eine gemiſchte Garniſon, wie in Raſtatt oder in Mainz?“ „Lady Heſter's Truppen ſollten alſo mit den Rickett'⸗ ſchen abwechſelungsweiſe die Wache beziehen! Offener Verrath— niederträchtiger Verrath!“ rief ein Anderer aus. „Was würden Sie von einer Spezial⸗Miſſion hal⸗ ten, my Lady?“ ſagte Jekyl lächelnd.„Es würde wenig⸗ ſtens dazu dienen, daß wir über die Abſichten des Fein⸗ des in's Klare kämen. Die Diskuſſion des Vergangenen wirft oft viel Licht auf die Zukunft.“ „Jekyl moͤchte gern eine Decoration davon tragen,“ ſagte ein Anderer lachend;„er moͤchte ſich ſelbſt als Ge⸗ ſandten ſehen.“ „Ich wette, daß ich Midchikoff's Politik kenne,“ ſagte ein junger Sicilianer, welcher ſtets mit einer Furchtloſig⸗ keit und einer Offenheit ſprach, die bei den andern Ita⸗ lienern hoͤchſt ſelten ſind. „Wohlan, laſſen Sie hören!“ ſagte der Fürſt ernſt. „Sie würden das nationale Hülfsmittel des Rück⸗ zuges vor dem Feinde anrathen, und würden ferner vor⸗ ſchlagen, daß man das Land ſo kalt machen müſſe, daß er es nicht länger zu behaupten vermöchte.“ „Wie abſurd!“ ſprach Lady Heſter halbzornig;„wie kann man auch nur einen Augenblick daran denken, ſein Haus einem Pack zu überlaſſen, das ſo unverſchämt ge⸗ weſen iſt, ſich ungebeten in daſſelbe einzudrängen?“ „Und doch hat Giasconi Recht,“ ſagte der Fürſt. „Es iſt der beſte Vorſchlag, ſo wir bis jetzt gehoͤrt haben. Feindſeligkeiten ſetzen bis zu einem gewiſſen Grade 76 Gleichheit voraus; durch eine Unterhandlung gibt man einen gewiſſen Grad von Bekanntſchaft zu; durch einen würdevollen Rückzug aber werden beide Schwierigkeiten vermieden.“ „In dieſem Falle wollen wir ſie aushungern,“ ſagte George.„Man darf keine Mundvorräthe in den Platz werfen laſſen und muß auf eine Uebergabe auf Gnade und Ungnade dringen.“ „Wo ſollen wir dann aber hingehen? das iſt eine andere Frage,“ ſagte Lady Heſter. „Seine Eminenz hofft Sie in Rom zu ſehen,“ flü⸗ ſterte der Abbé, der nur auf eine günſtige Gelegenheit „gewartet hatte, um dieſen Rath zu geben.„Ich glaube, er verläßt ſich dabei auf ein Verſprechen.“ „Ganz richtig, aber es geht in dieſem Augenblicke nicht wohl an. Auch iſt die Saiſon jetzt beinahe vor⸗ über,“ ſagte Lady Heſter ein wenig verwirrt. „Haben Sie keine Furcht, Abbé!“ flüſterte Jekyl D'Esmonde in's Ohr.„Ihre Ladyſhip macht ſpäter ge⸗ wiß noch mehr Bekanntſchaft mit Rom.“ Der Prieſter lächelte mit einem Ausdrucke, der ſagte, wie vollkommen er die Phraſe verſtand. „Ich habe am Comer See eine kleine Villa, die Ihnen ganz zu Dienſten ſteht,“ ſprach Midchikoff mit der behaglichen Nachläſſigkeit einer Perſon, die einen Antrag macht, deſſen Annahme oder Ablehnung ihr völlig gleich⸗ giltig iſt. 1„Meinen Sie La Rocca, Fürſt?“ fragte der Sici⸗ aner.* „Ja. Sie ſagen mir, die Villa ſei hübſch gelegen, allein ich habe ſie nie geſehen. Die Kaiſerin brachte im vorigen Jahre dort einige Wochen zu, und die Villa ge⸗ ſiel ihr,“ ſagte Midchikoff matt. „Wenn ich nicht weiß, wie ich Ihr Anerbieten an⸗ nehmen ſoll, Fürſt, ſo vermag ich noch weniger, daſſelbe zurückzuweiſen.“ 77 „Wann wollen Sie hingehen?“ ſagte er trocken, und ſein Notizenbuch herausziehend, um darin eine Be⸗ merkung zu machen. „Was ſagt Mr. Jekyl?“ ſagte Lady Heſter, ſich zu der genannten Perſon hinwendend, die, ſcheinbar auf das, dns vorging, gar nicht achtend, doch jede Sylbe gehöͤrt atte. „Wir haben heute Dienstag,“ ſagte Jekyl.„Es iſt nicht Viel zu thun; die Villa iſt ganz parat, ich kenne ſie vollkommen.“ „Ah! Es iſt alſo ein behaglicher Ort,— ein Ort, an dem man ſich gefallen kann?“ ſagte der Fürſt etwas lebendiger. „La Rocca iſt ganz das, wozu Contarete's Geſchmack es machen konnte,“ erwiederte Jekyl. „Der arme Contarete! er war ein vortrefflicher Haushofmeiſter,“ ſagte Midchikoff.„Er iſt noch in mei⸗ nen Dienſten,— aber wo, weiß ich ſelbſt nicht; ich glaube faſt, daß er in dieſem Augenblicke in der Tartarei iſt.“ „Ew. Ladyſhip koͤnnen Florenz nächſten Donnerstag verlaſſen,“ ſagte Jekyl, der wohl wußte, daß er Midchi⸗ koff das ſchmeichelhafteſte Compliment machte, wenn er einen möglichſt kurzen Termin nannte. „Iſt es etwa zu frühe, Fürſt?“ fragte Lady Heſter. „Mit nichten, mit nichten. Wenn Jekyl einige Stunden vorausreiſen will, ſo wird, wie ich glaube, Alles parat ſein.“ „So wollen wir denn mit Ihrer Erlaubniß den kommenden Donnerstag als Tag der Abreiſe beſtimmen,“ ſagte ſie, die, wie immer, über alles Neue erfreut, vor Entzücken ſchon ganz außer ſich war. „Vielleicht komme ich, um Ihnen einen kleinen Be⸗ ſuch zu machen,“ ſprach Midchikoff.„Ich muß bald nach Wien gehen.“ Lady Heſter verneigte ſich und gab durch ein Lächeln ihren Dank für dieſe nicht allzu huldreichen Worte zu erkennen. „Dürfen wir Ihnen folgen, Lady Heſter?“ fragte der Stcilianer. „Wir erwarten von Ihrer Loyalität, Gentlemen, daß Sie uns folgen werden. Unſer Exil wird Ihre Treue auf die Probe ſetzen.“ „Ich glaube, in den Ställen könnte dieß oder jenes noch beſſer ſein,“ ſagte Midchikoff;„aber ich weiß nicht mehr, was gerade fehlt; ſie ſind entweder auf der Spitze eines Berges, oder in der Tiefe eines Thales. Ich weiß es nicht mehr; nur das iſt mir noch bewußt, daß der Kaiſer ſagte, es ſei Etwas nicht recht und müſſe geändert werden.“ „Sie find auf der andern Seite des See's, Herr Fürſt,“ fiel Jekyl ein,„und man muß vermittelſt eines Bootes bis zum Wagen gelangen, wenn man ausfahren will. „Oh, das iſt ja allerliebſt,— ganz allerliebſt!“ rief Lady Heſter mit wahrhaft kindiſcher Freude, als ſie dieſes hörte. „La Rocca liegt auf einem kleinen Vorgebirge,“ ſagte Jekyl,„und man kann bloß von der Waſſerſeite dahin ge⸗ langen, da der Berg durchaus unzugänglich iſt.“ „So Sie es wünſchen, ſo laſſe ich einen guten Weg machen,“ ſagte der Fürſt matt. „Mit nichten, mit nichten! Ich möchte um Alles in der Welt nicht die Iſolirtheit des Ortes zerſtören.“ „„Erinnern Sie ſich etwa, Mr. Jekyl, ob auch Ge⸗ mälde dort ſind?“ 3 „Es ſind dort einige wahre Bijous von Greuze.“ „Ohl da ſtecken ſie? Ich konnte mich nie des Orts entſinnen, an dem ſie gelaſſen wurden.“ 4 Die Converſation wurde nun allgemein, indem Lady Heſter's Wohnungsveränderung,— das Leben, das ſie Alle an dem See führen würden, und die unzähligen 79 Geſchichten beſprechen wurden, die unter den Leuten cir⸗ culiren würden, um die plötzliche Abreiſe zu erklären. Dieſes Myſterium war nicht der unangenehmſte Zug vom Ganzen, und Lady Heſter konnte nicht genug von all' den Vermuthungen reden, zu denen ihr neuer Schritt An⸗ laß geben würde; und obgleich Einige aus der Geſell⸗ ſchaft die bevorſtehende Schließung eines Hauſes bedauer⸗ ten, das die Hülfsquelle eines jeden Abends bildete, ſo freuten ſich doch Andere wieder eines Wechſels, deſſen die Monotonie ihres Lebens ſo ſehr zu bedürfen ſchien. „Sie müſſen morgen zum Frühſtück kommen, Mr. Jekyl,“ ſagte Lady Heſter, als derſelbe den weggehenden Baüen folgte.„Ich brauche Sie morgen den ganzen Tag.“ Er verbeugte ſich, mit der Hand auf dem Herzen, und nie verriethen gleiche Geſichtszüge eine unbedingtere Hingebung. Vierunddreißigſtes Kapitel. Jekyl's Rathſchläge. Eiinees der bedeutſamſten Kennzeichen unſerer Zeit iſt die ſonderbare Miſchung von Frivolität und Ernſt,— iſt der faſt abſurde Contraſt zwiſchen ernſter Unterſuchung und unbändiger Verſchwendung, wodurch die wohlhabenden Klaſſen der Geſellſchaft ſich auszeichnen. Noch nie hat es einen Zeitpunkt gegeben, wo das rein ſinnliche Vergnügen hoͤher geſchätzt und theurer bezahlt wurde; noch nie hat es hinwiederum wohl eine Zeit gegeben, wo jede Klaſſe der nothwendig und während der bloße Vergnügling Ge⸗ ſchmack für Literatur und Politik affectirte, ſo ſuchte der wirklich Geiſtesthätige entweder ſich zu zerſtreuen, oder aber dehnte er ſeinen Einfluß dadurch aus, daß er ſich bei frivolen, luſtigen Scenen betheiligte. Das Zeitalter, das aus Zierbengeln Philoſophen machte, machte Lordkanzler zu drolligen, und Biſchoͤfe zu ercentriſchen Perſonen. Es hatte ſich ein paradoraler Geiſt verbreitet und Jeder ſchien ſich Etwas darauf zu gute zu thun, daß er irgend Etwas that, was nicht für ſeinen Stand paßte. Das ganze Weſen der Geſellſchaft, ſowie der Converſationston bekundete dieſen neuen Ge⸗ ſchmack. Lady Heſter Onslow war kein ſchlechtes Specimen von dieſer graſſirenden Manie. Sie war von der Natur mit einer gewiſſen unruhigen, capriciöſen Veränderlichkeit geſegnet, die keine regelmäßige Beſchäftigung, keinen feſten Plan aufkommen ließ. Ihr Auffaſſungsvermögen war ziemlich gut, allein ihre Urtheilskraft war nur ge⸗ ring; und indem ſie Alles ſein wollte, wurde ſie Nichts. Da ſie fälſchlicher Weiſe ſtets Sympathien als Ueberzeu⸗ gungen anſah, ſo brauchte man nur ihre Imagination zu intereſſiren, um ſie zu einer Anhängerin zu machen;— dabei müſſen wir aber ſogleich bemerken, daß ihre Adhä⸗ ſion nicht gar viel werth war, indem ſie im beſten Falle eine nur ſchwache Alliürte war. In der Art und Weiſe, wie ſie ihre Zeit verwendete, kennzeichnete ſie ſich vollkommen. Die Morgenſtunden wurden zu Mesmer'ſchen Experimenten verwendet, wobei ſich ihr Doctor regelmäßig einfand,— oder aber zu ſogenannten theologiſchen Diseuſſionen mit dem Abbé D'Esmonde. Es wäre ſchwer zu ſagen, worin die Eraltation ihrer Geſellſchaft mehr dem Wiſſen nachjagte. Um dieſen Zu⸗ ſtand der Dinge herbeizuführen, war ein gewiſſer Vergleich Phantaſie mehr vorherrſchte. All' die authentiſchen und —— 8¹ unglaublichen Phänomene des Mesmerismus,— all' die wunderkramenden Prätenſionen der Theologie waren zu wenig für eine Leichtgläubigkeit, die an Nichts Anſtoß nahm. Ueber Doppelſeherei,— über magnetiſchen Rap⸗ port,— und über Heiligenwunder konnte ſie nie genug hören!„Geben Sie mir Facta!“ pflegte ſie zu ſagen, — worunter ſie Erzählungen verſtand.„Ich mag von Theorien Nichts hören, Doctor!“—„Bleiben Sie mir mit Argumentationen vom Leibe, Monſieur l'Abbé!“— „Facta, und nur Facta allein haben für mich. Werth.“ Nun aber waren ſolche Facta, wie ſie ſie verlangte, gar leicht zu erhalten, und der größte Geizhals hätte ihr ein reichliches Mahl ſolcher nicht zu mißgönnen gebraucht. Auch beſaßen viele von den Thatſachen den angenehmen Zug, daß ſie in ihrem Intereſſe perſönlich waren. Einſt hatte eine charmante junge Patientin des Doctors eine Flechte von Lady Heſter's Haar berühren müſſen, und hatte dann die erſtaunlichſten Enthüllungen über den Cha⸗ rakter ihrer Ladyſhip gemacht: die Somnambüle hatte über die Gefühle, das Weſen, ja ſelbſt die zarten Neigungen von Lady Heſter Ausſagen gemacht, von denen„ſie wußte, daß ſie nur ihrem Herzen anvertraut wären.“ Es wur⸗ den verſchiedene kleine Vorfälle ihres täglichen Lebens vorhergeſagt, und die Prophezeiung erſtreckte ſich ſogar auf ganz geringfügige Gegenſtände, wie z. B. auf den Ankauf von Bijouterie⸗Waaren, die ſie zur Zeit der Pro⸗ phezeiung noch nicht einmal geſehen hatte, und auf die ihre Augen ſpäter bloß zufällig trafen. Mit gleichem Erfolge verſicherte ſie der Abbé des lebhaften Intereſſes, das die Kirche an ihr nähme. Präch⸗ tig gebundene und reich illuſtrirte Bücher wurden ihr zum Geſchenke gemacht, mit dem ſchmeichelhaften Beiſatze, daß an gar manchem Altare täglich Gebete zum Himmel aufſtiegen, welche ihre Erleuchtung durch den heiligen Geiſt erflehen ſollten,— welche zum Zwecke hätten, den Die Daltons. II. 6. Himmel zu bitten, daß er ihrer Ladyſhip beim Leſen die⸗ ſer Bücher doch die Augen öffnen möchte. Es wurde we⸗ niger von ihr verlangt, daß ſie ſich einem neuen Glau⸗ ben fügen, als daß ſie den Glauben mit ihren eigenen Meinungen vereinigen ſolle. Und ſo hatte denn ihre Phan⸗ taſte einen gewaltigen Spielraum. Wurde ſie der Argu⸗ mentationen müde, und zeigte ſie ſich ungeduldig, ſo wurde die Sache durch eine ſpitzfindige Erläuterung, eine ge⸗ ſchickt angebrachte Metapher, oder bisweilen durch ein glückliches„mot“ abgethan. Der Abbé war ein gar geſchickter Redner, und wußte ſeine Themas meiſterhaft zu variiren. Er verſtand es, Alles, was die Poeſie, die Kunſt, und die Romantik beitragen konnte, zu Hülfe zu rufen. Das Thema war wirklich großartig, wenn die Phantaſie intereſſirt werden mußte, und verdiente wirklich eine beſſere Zuhoͤrerin; denn Lady Heſter legte in der Regel nur Gleichgiltigkeit, wenn nicht Apathie an den Tag, ausgenommen wenn von der wunderbaren Fürſprache der Heiligen, oder den präch⸗ tigen Ceremonien und dem Pompe der Kirche die Rede war. Indeſſen brauchte man nur ihre Eitelkeit mit in's Spiel zu bringen, wenn man ſie zurückführen wollte, und es war eine ſtets erfolgreiche Schmeichelei, wenn man ihr verſicherte, daß dieſer oder jener Cardinal inbrünſtig für ihre Bekehrung betete, und daß ſogar Seine Heiligkeit mit großem Verlangen dem Augenblicke entgegen ſähe, wo ſie ſeinen Kindern beigezählt werden könnte. Selbſt ihre Liebhabereien,— dieſelben Liebhabereien, die der ascetiſche Proteſtantismus ſtets tadelte,— waren wundervoll romiſch. Die Kirche liebte Alles, was dem Auge und dem Ohre ſchmeicheln konnte. Man durfte ja nur ihre Pracht und ihren Glanz, ihre herrlichen Kathe⸗ dralen, den Pomp und die Großartigkeit ihrer Ceremo⸗ nien anſehen! Was die Muſik betrifft, ſo war der Chor des„Duomo“ wahrhaft ſeraphiſch, und bedurfte nicht der Verbindung mit den düſteren, gewölbten Chorgängen, mit 83 dem fernen Altare, und mit den buntfarbigen Strahlen der gemalten Fenſter, um die Seele in frommer Entzück⸗ ung zum Himmel emporzutragen. Selbſt die Schönheit wurde von der Kirche gehegt und gepflegt, und die ſchö⸗ nen Madonnas waren Typen einer bewundernden Liebe, die in ihrer Verehrung wundervoll katholiſch war. Bei Allem dem aber war das Werk der Bekehrung ein wahrhaftes Penelope⸗Gewebe, das jeden Tag wieder von Neuem angefangen werden mußte, denn wenn die Stunde des Cascini herannahte, fuhr Lady Heſter's Wa⸗ gen vor, und dann mußten Mesmerismus, Heiligenwun⸗ der, und all' dergleichen Dinge lebhafteren Intereſſen, artigen Müßiggängern, dem Geplauder, und den„Bouquets von Camellias“ weichen. Während der nun folgenden Stunde oder Stunden war ihr Geiſt mit den kleinen Geſchichten des Florentiner Lebens beſchäftigt, indem alle Einzelheiten, welche die Oberfläche deſſelben darbot, von den lächelnden Dandies erzählt wurden, die ſich um ihren Wagen ſammelten; die tieferen,— und nicht ſelten dunkleren Geſchichten des Le⸗ bens der Hauptſtadt aber durfte Mr. Albert Jekyl erzäh⸗ len. Dann ging es nach Hauſe, um das Luncheon ein⸗ zunehmen, denn ſie dinirte, wie Haggerſtone berichtete, ſtets nach der Oper, und etwa erſt um Mitternacht ſing ſie wirklich zu leben an. Dann war ſie in all' dem Glanze und in all' der Pracht der Kleidung und der Juwelen eine um ſo anziehendere Perſon, da ihre Schönheit durch die Zeit noch nicht viel gelitten hatte, und da ihre Ma⸗ nieren die hoͤchſte Vollendung der Schule waren, zu der ſie ſich hielt. Kate Dalton’s Leben war natürlich genau daſſelbe. Die wenigen, religiöſen Controverſen gewidmeten Stunden ausgenommen,— Stunden, die ſie mit Leſen, oder mit Reiten im Cascini zubrachte, war Kate's Tag genau der ihrer Freundin. Die Reſultate waren gleichwohl nicht die nämlichen, denn waͤhrend die Eine der zahmen Rou⸗ tine ewigen Vergnügens, und des monotonen Kreiſes von Beluſtigungen müde war, gewann die Andere mit jedem Tage ein Leben, das des Glückes und der Wonne ſo Viel bot, mehr lieb. Was Lady Heſter als einförmig erſchien, erfüllte Kate mit einem Gefühle der Sicherheit. Es war nicht allein der ſie umgebende Glanz,— es waren nicht ſo ſehr die tauſend geſchmackvollen und eleganten Gegen⸗ ſtände, die ſich um ſie her zu vervielfältigen ſchienen, was ihr ſo anziehend erſchien; ſondern es war vielmehr die Abweſenheit aller Sorge,— die Befreiung von jedem Gedanken, daß dieſer Zuſtand ein bloß vorübergehender wäre. Dieß erſchien Kate als der allerhöchſte Ge⸗ nuß, und wenn ſie ſich Nachts zuflüſterte:„der morgende Tag wird wie der heutige ſein,“ ſo hatte ſie Alles deſagt. was ſie in der Zukunft nur hoffen und wünſchen onnte. Der Brief ihres Vaters war das Erſte, wodurch dieſe entzückende Illuſion einen Stoß erhielt! Es ſtellte ſich ihr jetzt ihre falſche glänzende Lage, ſeiner Armuth gegenüber, recht deutlich vor Augen, und anſtatt jener wonnevollen Träumereien, in denen ſie oft ganze Stunden zubrachte, erhoben ſich nun in ihrem Geiſte die bitteren Selbſtanklagen eines reuevollen Herzens. Sie konnte die ganze Nacht kein Auge zuthunz den größten Theil der⸗ ſelben brachte fie unter Thränen zu. Ihre Abweſenheit von Hauſe war, ſo kurz ſie immer ſein mochte, doch lange genug, um ſie viel von dem täglichen Leben der Ihrigen vergeſſen zu laſſen. Zwar konnte ſie ſich noch der Armuth und der Entbehrungen erinnern, nicht aber der Gefühle, die daraus hervorgingen.„Wie ſehr muß er ſich doch ver⸗ ändert haben, daß er einen ſolchen Schritt gethan!“— ſo rief ſie aber⸗ und abermals. Was war all' der Dal⸗ ton'ſche Stolz, worauf ſie ſich ſo Viel zu gute zu thun pflegten? Was wurde aus der Familienwürde, die einſt ihr Bollwerk wider alle Schläge des Schickſals war? 8⁵ Auf dieſe Gedanken folgte der noch traurigere, was ſie nun zu thun hätte? Eine Schwierigkeit, die um ſo groͤßer war, da ſie das, was von ihr verlangt wurde, nur halb und halb verſtand. Er ſprach von einem Wechſel, und doch lag keiner in dem Briefe: ehe ſie das Siegel erbrach, fühlte ſich der Brief ſo an, als ob eine Einlage darin wäre,— und doch fand ſie keine;— und wenn ſich auch eine ſolche darin vorgefunden hätte,— was hätte es genützt? Es war ihr doch ſchlechterdings unmöglich, Sir Stafford mit einer ſolchen Bitte zu behelligen; jedes Ge⸗ fühl der Scham, der Delicateſſe und der Selbſtachtung empörte ſich bei dem bloßen Gedanken daran. Noch weniger konnte ſie ſich an Lady Heſter wenden, — an Lady Heſter, deren extravagante und verſchwenderiſche Gewohnheiten ſie ſtets geldarm ließen,— und doch konnte ſte ebenſo wenig ihrem Vater ſeine Bitte aus Gründen abſchlagen, die derſelbe für rein egoiſtiſch halten mußte. Sie wußte wohl, daß er in einem Augenblicke des Zorns und der Ungeduld,— daß er, ärgerlich über das, was er die Undankbarkeit ſeiner Kinder nennen würde,— wahrſcheinlich an Sir Stafford ſchreiben, und demſelben alle Umſtände auseinander ſetzen würde, die ihn zu dieſem Schritte veranlaßt. Ach, wie wünſchte ſie nun, daß ſie ihn nie verlaſſen haben,— daß ſie nie aufgehoͤrt haben möchte, das an Entbehrungen und Beſchwerlichkeiten reiche Leben zu führen, woran ſie ſich im Laufe der Zeit ge⸗ wöhnt hatte; all' die Armuth, die ſie noch gekannt, war nicht ſo demüthigend, wie dieſes! 3 Das Loos der armen Nelly war jetzt hundert Mal beſſer, als das ihrige. Auch ſah ſie, daß ihr Vater, wenn er die Sache einmal verſchmeckt, und ſeine Zurückhaltung in dieſem Stücke einmal ein Ende hätte, keinen Augenblick anſtehen würde, die Bitte ſo oft zu erneuern, als er in Geldverlegenheit wäre. Es war klar genug, daß er bei der Sache gar keine Verlegenheit, gar keine Schwierig⸗ keit für ſeine Tochter ſah; er ſah offenbar nicht ein, daß 86 vurch ein ſolches Verlangen ihre Gefühle verletzt, oder ihre Stellung gefährdet werden konnte. Nahm ſie zu einer zweideutigen oder ausweichenden Antwort ihre Zuflucht, ſo verlor er wahrſcheinlich die Ge⸗ duld, und dann ſchrieb er ohne Weiteres einen beleidigen⸗ den Brief an Sir Stafford. Wagte ſie die Bitte, und wurde ihr dieſelbe nicht gewährt, ſo hieß er ſie zurück⸗ kommen, und unter welchen Umſtänden mußte ſie dann das Haus ihrer Wohlthäter verlaſſen! Und doch war Alles dieſes beſſer, als wenn ſie ihrem Vater half. Unter ſolchen peinlichen und ſich bekämpfenden Ge⸗ danken vergingen ihr die langen Stunden der Nacht. Auch weinte ſte; die bitterſten Thränen find ſtets die⸗ jenigen, die von der Scham und dem Kummer zugleich ausgepreßt werden. Manch großherziger Entſchluß,— mancher Gedanke der Selbſtaufopferung ſtieg in ihrem Geiſte auf; in gewiſſen Augenblicken würde ſie jede Wunde geduldig ertragen haben, die ihre Selbſtachtung hätte er⸗ leiden müſſen,— nur um von ihrem Vater ein gutes Wort zu erhalten; in andern Augenblicken wieder wurde ſie durch die ganze Unwürdigkeit einer falſchen Stellung darniedergedrückt,— und dann weinte ſie, als wenn ihr das Herz berſten wollte. 4 Müde und ſieberhaft aufgeregt ſtand ſie auf, und ging in den Garten hinaus. Es war einer kjener herrlichen Morgen, die, eine Woche oder zehen Tage lang, in Italien den ganzen Frühling repräſentiren. Obgleich es noch früh war, ſo brannten doch ſchon die Sonnenſtrahlen, und unter deren Einfluß entwickelten die durch den ſtarken Thau erquickten Blumen und Ge⸗ ſträuche ihr ganzes üppiges Wachsthum. Die Spring⸗ brunnen funkelten, die Vögel ſangen, und Alles ſchien von dem fröhlichen Geiſte belebt zu ſein, welcher als der Athem des frühen Morgens erſcheint. Die ganze Natur freute ſich ihres Daſeins, nur die arme Kate nicht, die, mit ge⸗ 87 ſenktem Kopfe und langſamem Schritte in den Gängen auf und abging, und den düſterſten Gedanken nachhing. Das einzige Mittel, ihrer ſchwierigen Lage zu ent⸗ gehen, war, wenn ſie wieder nach Hauſe ging, wenn ſie wieder das beſcheidene Loos ihres Vaters und ihrer Schweſter theilte,— fern von einer Welt, in der ſie kein Recht hatte, zu leben! Ein anderes Mittel gab es in ihren Augen nicht. Und doch ſollte ſie dieſe Welt gerade in dem Augenblicke verlaſſen, wo ſich die Zauber derſelben ihres Herzens ſo ganz bemächtigt hatten,— wo ſie fühlte, daß außerhalb derſelben Alles unedel und unwürdig war.. Indeſſen ſchien ſich ihr, wie ſchon geſagt, kein anderer Ausweg darzubieten, und ſchon hatte ſie beſchloſſen, ſo zu handeln, als der kurze, geſchwinde Tritt einer Perſon hin⸗ ter ihr Schuld war, daß ſie den Kopf umwandte. Während ſie dieſes that, wurde ihr Name ausge⸗ ſprochen, und Mr. Albert Jekyl kam, mit hoͤflich gelüftetem Hute, auf ſie zu. „Ich ſehe, mit welcher Sorgfalt Miß Dalton die Roſen ihrer Wangen ſchützt,“ ſagte er lächelnd;„und boch⸗ wic Wenige gibt es, die dieſes einfache Geheimniß kennen!“ „Sie ſchreiben mir da ein Verdienſt zu, das ich nicht beanſpruchen kann, Mr. Jekyl. Ich habe beinahe das Ausſehen der aufgehenden Sonne vergeſſen; aber heute Morgen fühle ich mich nicht ganz wohl,— ein Kopfweh, — eine ſchlafloſe Nacht——“ „Vielleicht durch Angſt verurſacht,“ ſiel er ruhig ein. „Ich wollte, ich hätte Ihren Verluſt früher ſchon ent⸗ deckt; allein erſt als ich nach Hauſe kam, ſah ich, daß das Papier Ihnen gehoͤren müſſe.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Mr. Jekyl,“ ſagte ſie etwas unſchlüſſig. „Gehoͤrt dieſes Papier nicht Ihnen, Miß Dalton?“ ſagte er, den Wechſel vorzeigend, der, ohne daß ſie es ge⸗ ſehen, aus dem Briefe ihres Vaters herausgefallen war. „Ich fand es auf dem Boden des kleinen Boudolrs, und da ich dem Gegenſtande in dem Augenblicke nicht viel Aufmerkſamkeit ſchenkte, ſo ſah ich die Unterſchrift nicht, welche die rechtmäßige Beſitzerin des Papiers alsbald ver⸗ rathen haben würde.“ „Es muß aus einem Briefe herausgefallen ſein, den ich las,“ ſagte Kate, deren Wange jetzt ſcharlachroth ward, denn ſie kannte Jelyl ſo gut, daß ſie wohl wußte, daß ihr ganzes Geheimniß nun in ſeinen Händen ſei. Mit noch geringeren Materialien wärde ſein Verſtand eine ganze Theorie aufgebaut haben. Indeſſen bewies Nichts in ſeinem Benehmen, daß er der ganzen Sache auf den Grund ſchaute; denn er über⸗ reichte ihr das Papier mit einer Miene, welche die voll⸗ kommenſte Ruhe ausdrückte, während er, gleichſam um ihre Gedanken von dem ganzen unangenehmen Vorfalle abzuwenden, ſagte: 3 „Sie haben vermuthlich von Lady Heſter's plötzlichem Entſchluſſe, Florenz zu verlaſſen, noch Nichts gehoͤrt?“ „Sie will Florenz verlaſſen! Und wohin will ſie denn gehen?“ fragte ſie haſtig. „Auf Midchikoff's Villg am Comer See. Wir haben die ganze Sache in der vergangenen Nacht erörtert, nach⸗ dem Sie fort waren,— und in vier und zwanzig Stun⸗ den müſſen wir auf dem Wege ſein.“ „Und was iſt der Grund dieſer eiligen Abreiſe?“ „Die Ricketts'ſche Invaſton bildet den Vorwand; Sie wiſſen aber natürlich beſſer, denn ich, wie ſehr die Neuheit des Plans deſſen Anziehungskraft vermehrt.“ „Und morgen ſollen wir dieſen Ort verlaſſen!“ ſagte Kate, mehr für ſich ſelbſt, als für den neben ihr ſtehen⸗ den Menn. Jekyl merkte ſich den Ton und den Ausdruck der Sprechenden gar wohl, ſagte aber keine Silbe. Kate ſtand einige Sekunden gedankenvoll da. Die Schwierigkeiten mehrten ſich um ſie her, und auch nicht 89 ein Lichtſtrahl drang durch die düſtere Zukunft, die ſich vor ihren Blicken entfaltete. Endlich bedeckte ſie ſich, gleich als wäre ſie durch das Qual⸗ und Angſtvolle ihrer Lage überwältigt, mit den Händen das Geſicht, um die Thränen zu verbergen, die trotz aller Anſtrengungen, die ſie machte, um ſie zurückzudrängen, bereit waren, hervor⸗ zuſtürzen. „Miß Dalton wird mir verzeihen,“ ſagte Jekyl, mit leiſer und faſt ehrerbietiger Stimme ſprechend,„wenn ich ein einziges Mal den beſcheidenen Pfad verlaſſe, den ich mir im Leben vorgezeichnet, und wenn ich mir erlaube, ihr als Rathgeber meine armen Dienſte anzubieten.“ Nichts konnte hoͤflicher ſein, als dieſe Worte, oder der Ton, in vem ſie geſprochen wurden, und doch hörte Kate ſie mit einem peinlichen Gefühle. Sie fühlte, daß ihre perſoͤnliche Unabhängigkeit bereits gefährdet war, und daß der demüthige und verſchämte Mr. Jeky! ſie bereits beherrſchte. Letzterer ſah Alles dieſes,— er las jeden Kampf, der in ihrer Seele vorging, und wäre ein Rückzug mög⸗ lich geweſen, ſo würde er ſich zurückgezogen haben. Nach⸗ dem aber der Schritt einmal gethan war, galt es, vor⸗ wärts zu gehen.. „Miß Dalton mag meine Rathſchläge verwerfen; allein ſie wird gewiß nicht die Hingebung verachten, wo⸗ mit vieſelben angeboten werden. Ein bloßer Zufall“— hier blickte er das Papier an, das ſie immer noch in der Hand hielt,—„ein bloßer Zufall hat mir gezeigt, daß Sie ſich in einer Verlegenheit befinden,— daß eine Schwie⸗ rigkeit obwaltet, fuͤr welche weder Ihre Lebenskenntniß, noch Ihre Gewohnheiten die Löſung zu finden wiſſen.“ Hier hielt er inne, und ein ganz leichtes Kopfnicken von Seiten Kate's ermuthigte ihn, fortzufahren,— was er mit folgenden Worten that: „Wäre dem nicht ſo, Miß Dalton,— wäre der Fall ein ſolcher, daß Ihr eigener feiner Takt ausreichte, ſo würde ich es nie gewagt haben, mir dieſe Freiheit zu nehmen. Ich habe Sie mit voller Bewunderung bis daher beo⸗ bachtet,— ich habe mich gewundert, wie Sie, ohne Scha⸗ den zu nehmen, Ihren Weg zwiſchen Untiefen, Klippen und Triebſand hindurch fanden, wo auch der gewandteſte hätte Schiffbruch leiden können,— und es wäre daher von mir verwegen geweſen, mich Ihnen als Steuermann anzubieten. Aber hier haben wir, wenn ich mich nicht gewaltig täuſche, eine neue, unbekannte See,— und hier kann ich Ihnen vielleicht von Nutzen ſein.“ „Iſt es denn ſo klar, was Alles dieſes zu bedeuten hat?“ ſagte Kate, Jekyl den Wechſel hinhaltend. „Ach, Miß Dalton!“ ſagte er mit einem leichten Lächeln,„es ſind dieß keine Räthſel für uns, die wir alle Sorgen und Laſten des Lebens zu tragen haben.“ „Und wie löſen Sie dann das Räthſel?“ ſagte ſie, über die Leichtfertigkeit ſeines Tones beinahe lachend. „Mr. Dalton hält, als ein guter iriſcher Gentleman, ſeine Pächter nur läſſig zur Zahlung an, und ſo kommt es denn, daß die Rückſtände ſich immer mehr anhäufen. Die Leute wollen nicht bezahlen und er mag ſie nicht zur Zahlung anhalten; ſeine eigenen Gläubiger aber wiſſen ein ſolches Verfahren nur wenig zu würdigen, ſondern werden unverſchämt, und drängen ihn. Mr. Dalton wird zornig,— ſie gleichfalls; er läßt durch ſeinen Agenten ihnen ſchreiben,— und ſie geben ihren Advokaten den Auftrag, an ihn zu ſchreiben. Mr. Dalton weiß ſich nicht zu helfen, und wäre nicht— aber darf ich fortfahren?“ „Natürlich; fahren Sie fort!“ ſagte ſie lächelnd. „Sie werden ſich hoffentlich nicht beleidigt fühlen?“ ſagte er.„Denn ich bin Ihnen unnütz, wenn ich nicht offen ſein darf.“ „Es gibt keine wahre Beleidigung, ſo lange nicht die Abſicht zu beleidigen vorliegt.“ „Ganz richtig; aber ich möchte mir nicht einmal einen ganz kleinen Fehltritt zu Schulden kommen laſſen.“ 91 „Ich fürchte Nichts. Fahren Sie fort!“ ſagte ſie, mit dem Kopfe nickend.— „Woran war ich doch gleich? Oh! Ich erinnere mich nun. Ich ſagte: Mr. Dalton iſt es in ſeiner ſtets größer werdenden Verlegenheit und Noth plötzlich eingefallen, daß er eine Tochter hat,— eine junge Dame von ſolchem Liebreiz und ſolcher Schönheit, daß ſie in einer Geſellſchaft, wo Reichthum, Glanz und Rang die erſte Stelle behaup⸗ ten, bereits eine Herrſchaft begründet hat, die ihr ſanftes Weſen allein nicht zu einem Deſpotismus werden läßt.“ „Mr. Jekyl vergißt die Rolle eines Freundes, wenn er zum Schmeichler wird.“ „Es liegt in einer ſchlichten, ungeſchminkten Wahr⸗ heit keine Schmeichelei,“ ſagte er haſtig. „Und wäre auch Alles ſo, wie Sie ſagen,“ erwiederte ſie, während ihre Wange ſich noch mehr färbte, und ihr Auge blitzte,—„ſo ſehe ich doch nicht ein, wie ſolche Umſtände ſich mit denen in Verbindung bringen ließen, wovon Sie ſo eben geſprochen.“ „Das iſt gar leicht; Sie dürfen mir nur erlauben, Alles zu ſagen,“ lautete die Antwort. „Zur Zurückhaltung iſt es nun zu ſpät; fahren Sie fort, und ſagen Sie Alles!“ ſagte ſie mit einem ſchwachen Seufzer. 8 Und Jekyl fuhr alſo fort: „Mr. Dalton weiß,— tauſend Menſchen hätten ihm dieß ſagen können,— daß ſeine Tochter morgen eine Fürſtin werden kann, ſo ſie es wünſcht. Sie braucht ihren Rang und ihre Nationalität nur zu wählen, und es iſt im ganzen Europa auch nicht ein Land, deſſen Pairie ſie ihren Namen nicht beifügen darf. „Zur Zurückhaltung iſt es nun zu ſpät,“ ſagte er geſchwind,„und folglich iſt es auch zum Unwillen zu ſpät. Sie müſſen mir nicht zürnen, ich ſpreche nur vor Ihnen aus, was alle Welt hinter Ihrem Rücken ſagt. „Da er dieſes hört, und da er dieſes glaubt, wie Je⸗ 92 dermann es glaubt,— was iſt dann natürlicher, als daß er ſich an die Perſon wendet, der Alles zur Verfügung ſteht, worüber nur der Reichthum gebieten kann 2 „Die Sonne ſtroͤmt gar manchen warmen und glän⸗ zenden Strahl aus, ehe ſie den Zenith erreicht. Mißver⸗ ſtehen Sie mich nicht! Dieſe Bitte war kaum paſſend; es war eine unzeitige Bitte. Ihre Freiheit hätte wegen einer ſolchen Bagatelle nie gefährdet werden ſollen. Hätte nur Ihr Vater mit eigenen Augen Ihre hieſige Stellung geſehen, ſo würde er das nie gethan haben;z da er es aber einmal gethan hat, ſo ſchabet es nicht Viel.“ „Aber was muß ich denn thun?“ ſagte Kate, vor Verlegenheit und Aerger zitternd.— 8„Sie müſſen ihm natürlich das Geld ſchicken,“ ſagte er kalt. „Aber wie,— woher ſoll ich das Geld bekommen?“ „Sie üben ganz einfach einen Act des Wohlwollens aus,— ſonſt Nichts,“ ſagte er eben ſo ruhig.„Einer Gunſt bedarf es dabei nicht: Sie brauchen dabei Nie⸗ mands Güte anzuſprechen. Sie geben ganz einfach Ihr Verſprechen, daß Sie die Summe ſpäter zahlen wollen, und brauchen dabei keine Zeit anzugeben; und ich werde einen Bankier finden, der ſich nur zu glücklich ſchätzen wird, das Geſchäft zu machen.“ „Welche Ausſicht habe ich aber, die Summe wieder bezahlen zu koͤnnen; auf welche Hilfsquellen darf ich rechnen 2 0 „Sie werden böſe werden, wenn ich ſelbſt es wieder⸗ hole,“ ſagte Jekyl mit tiefer Demuth. „Ich bin ſchon böſe auf mich ſelbſt, daß ich Ihren Vorſchlag ſo geduldig angehört habe; die Noth, in der ich mich befinde, muß mich in der That ſehr afficirt haben, da ich mich habe ſo weit vergeſſen können.“ Jekyl ließ den Kopf auf die Bruſt herabſinken, und bot ein Bild des Kummers dar. Nach einer Weile ſagte er: 9³ „Ich weiß gar wohl, daß Sir Stafford Onslow ſich geehrt finden würde, wenn Sie ihn um dieſe kleine Gunſt bäten; aber dennoch vermöchte ich nicht, Ihnen zu dieſem Schritte zu rathen. Ihre Gefühle würden ein zu großes Opfer zu bringen haben, und deßhalb rathe ich Ihnen, aus der Sache ein bloßes Geſchäft zu machen; Sie brauchen ja bloß irgend eine Schmuckſache,— etwa ein Halsband, das Sie nicht mehr tragen wollen, als Pfand zu hinterlegen; oder aber geben Sie ein Bracelet her.— irgend etwas,— kurz, ein Nichts; dann ſind alle Schwie⸗ rigkeiten gehoben, und dann bleibt auch die Sache ganz unter uns.“ „Aber ich habe ja faſt gar Nichts 1“ ſagte Kate; „und was ich habe, ſind lauter Geſchenke von Lady Heſter.“ „Morlache würde ſich mit Ihrem bloßen Worte be⸗ gnügen,“ ſagte Jekyl in einſchmeichelndem Tone. „Und wenn ich nicht im Stande wäre, die Schuld zu bezahlen, würde dann das Wenige, was ich beſitze, zur Befriedigung des Gläubigers hinreichen 2“ „Ich getraue mir ohne Weiteres zu ſagen, daß es zur Bezahlung einer doppelt ſo hohen Summe hinreichen würde.“ 4 „Kann ich,— darf ich Ihren Rath befolgen?“ rief ſie im Tone tiefer Angſt. Koͤnnen Sie denſelben zurückweiſen, wenn eine ab⸗ ſchlägige Antwort ſo bitter ſein muß 20 Kate ſchauderte ein wenig, gleich als wenn dieſe Qual größer wäre, als alles Andere. „Glücklicher Weiſe hat die Sache gar keine Schwie⸗ rigkeit,— ich ſage Ihnen, gar keine,“ ſprach Jekyl raſch. „Sie werden natürlich noch Vieles zu kaufen haben, ehe Sie dieſen Ort verlaſſen. Wohlan! Nehmen Sie den Wagen, und fahren Sie mit Ihrem Kammermädchen nach dem Ponte Vecchiol Die letzte Bude auf der rechten Seite der Brücke iſt die„„Morlache'’s“. Von Außen iſt dieſelbe zwar unſcheinlich genug, aber drinnen befinden ſich Reichthümer, womit man einem verſchuldeten König⸗ reiche aus der Noth helfen könnte. Ich werde auf Sie warten, um Sie zu empfangen, und in wenigen Minuten wird das ganze Geſchäft abgemacht ſein. Iſt dann Ihr Brief fertig, ſo können Sie demſelben die Summe beifügen, und dieſe ſo alsbald mit der Poſt überſchicken.“ Wenn bei dieſem Arrangement Vieles war, was Kate ſchokirte, und ihre Delicateſſe, ſowie ihren Anſtandsſinn empoͤrte, ſo war auf der andern Seite ein Gegengewicht, das ſchwer genug war, um alle andern Gründe zu über⸗ wiegen.„Sie konnte ihrem Vater einen Dienſt erweiſen;“ — ſie, die von allen ſeinen Kindern bis daher allein Nichts zu ſeiner Behaglichkeit beigetragen hatte, es ſei denn etwa durch ihre Liebe, ſollte ſich nun in den Stand geſetzt ſehen, ihn auch materiell zu unterſtützen. Sie kannte die Leiden und die Aengſten nur zu gut, die ſeine knappen Mittel ihm verurſachten;— ſie konnte ſich nur zu gut des an Verzweiflung grenzenden Zuſtandes erinnern, in welchem er, darniedergedrückt und faſt mit gebrochenem Herzen, ganze Tage zuzubringen pflegte; und ſie war oft Zeuge von der Freude geweſen, der er ſich zu überlaſſen pflegte, wenn eine unerwartete Hülfe ihn plötzlich aus der Tiefe ſeiner Armuth zog. Um ihm eine ſo gute Botſchaft bringen zu können, — um in ſeinem Geiſte mit dieſer Hülfe verknüpft zu ſein, — um ſein inbrünſtiges„Gott ſegne Dich!“ zu gewin⸗ nen, würde ſie ſogar ihr Leben auf's Spiel geſetzt haben, und als Jekyl ihr ſo deutlich die Raſchheit aus einander ſetzte, womit die ganze Sache abgemacht werden koͤnnte, ſchwand alle Unſchlüſſigkeit.. Sie verſprach, noch an demſelben Nachmittage ſich präcis drei Uhr an dem angegebenen Orte einfinden zu wollen. „Es iſt noch zu frühe, um Lady Heſter meine Auf⸗ wartung zu machen,“ ſagte Jekyl;„und da ich dieſen Morgen in der That nur mit Ihnen ſprechen wollte, ſo 95 werde ich nun zu Midchikoff hinausfahren, und die nöthi⸗ gen Anordnungen wegen der Villa treffen. Alſo bis drei Uhr: adieu!“ „Adieu!“ ſprach Kate, die zum erſten Male geneigt war, wärmere Gefühle gegen das kleine Männchen zu hegen und ſich halb und halb Vorwürfe machte wegen einiger Vorurtheile, denen ſie bis daher in Beziehung auf daſſelbe Raum gegeben. Jekyl ging nun nach dem Stalle hin, ließ anſpannen, ſchlenderte in das Haus hinein, und trank ſeinen Kaffee, während er auf den Brougham wartete. Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Racca Morlache.“ Der Ponte Vecchio in Florenz hat ein gewiſſes mit⸗ telalterliches Ausſehen, das ihm in den Augen des Rei⸗ ſenden ein beſonderes Intereſſe verleiht. Die wunderlichen, kleinen, niederen Buden auf beiden Seiten, die alle von Gold und Edelſteinen ſtrotzen,— die prachtvollen Tiaras von Diamanten,— die reich emaillirten Becher und Vaſen neben dem grotesken Schmucke eines bäuerlichen Anzuges, — die ſchweren Ohrringe von geprägtem Golde,— die altmodiſchen, maſſiven Schlöſſer, Schnallen, und Spangen, — die nach ſchon lange vergeſſenen Modellen gearbeiteten Ketten,— die Schnüre orientaliſcher Perlen, koſtbar und ſelten genug für Koͤniginnen,— liegen alle in großer Menge umher, und ſtehen in einem ſeltſamen Contraſt 96 mit den unſcheinlichen Hütten,— denn es find dieſelben kaum etwas Anderes,— welche ſie enthalten. Das unaufhoͤrliche Vorüberrollen von Equipagen,— die Volksmenge und die Bewegung einer großen Stadt, — der zögernde Bauer, der mit entzückten Augen die funkelnden Waaren anblickt,— das dunkle iſraelitiſche Geſicht, das aus den Buden hervorſchaut,— die ſtete Fluth von Perſonen jeden Rangs, jeden Alters und jeden Landes, die der Scene unendlich viel Leben verleiht,— der Scene, die noch durch die herrliche Ausſicht gewinnt, welche ſich mitten auf der Brücke dem Auge eroͤffnet, und wo man in einem leeren Raume den Arno friedlich ent⸗ lang fließen, und ſeine kreiſenden Waſſerwirbel unter die graziöſen Bogen der„Santa Trinita“ hintreiben ſieht; — der kleine Ausblick auf Hügel, Weinberg und Fluß, — auf die mit Cypreſſen bekleideten Hoͤhen von San Mi⸗ niato,— und auf den fernen Berg von Vallombroſa,— Alles das iſt prächtiger, denn ſämmtliches Gold, das je der Paktolus mit ſich führte,— denn ſämmtliche Edei⸗ ſteine, die je auf einer Krone glänzte. Es befand ſich am Ende der Brücke eine Bude, die ſo beſcheiden ausſah, und ſo ſpärlich mit Waaren verſehen war, daß man nie einen Fremden davor ſtehen bleiben ſah. Einige wenige, aus Corallen beſtehende Schmuck⸗ Gegenſtände zum Gebrauche der Bauern,— einige ge⸗ prägte Medaillen zum Gebrauche der Frommen,— und einige jener kleinen ſilbernen Denkmünzen, die von from⸗ mer Hand an einem Heiligenſchrein aufgehängt werden, — das war Alles, was man ſehen konnte, während die maſſive Thüre, gleichſam um den Eindruck des ſpärlichen, in dieſer Bude betriebenen Handels zu beſtätigen, ganz nach Art einer Kerkerthüre verriegelt war. Eine faſt ausge⸗ löſchte Ueberſchrift, die wohl ſeit einem halben Jahrhun⸗ derte nicht wieder aufgefriſcht worden war, ſagte, daß dieſe Bude die des„Racca Morlache“ ſei. Es mag in den Geſchichten, die über den enormen 97 Reichthum des Juden cixculirten, viel Uebertriebenes ge⸗ weſen ſein; ohne Zweifel waren manche von den Berich⸗ ten durchaus fabelhaft; aber ſo viel iſt gewiß, daß aus dieſer beſcheidenen Bude Summen hervorgingen, die hinreichend waren, um den Credit manches wankenden Staates aufrecht zu erhalten, oder um die Koſten von Kriegskämpfen zur Wiederherſtellung einer Dynaſtie zu beſtreiten. Zu dieſen Juden kamen die Häupter despoti⸗ ſcher Regierungen,— die Führer einer rebelliſchen De⸗ mokratie,— der Ruſſe und der Circaſſier,— der Car⸗ liſt und der Chriſtino. Er war gleich zugänglich für alle,— für den ſtolzen Vorkämpfer des göttlichen Rechts, wie für den furchtloſen Vertheidiger der Freiheit und Gleichheit; worauf er allein ſah, war ſein Nutzen, ſowie die Zahlungsfähigkeit des Schuldners; was aber das Uebrige betrifft, ſo kümmerte er ſich nicht viel darum. Ihm war es ziemlich gleichgültig, ob durch ſeinen Reich⸗ thum das Gute oder das Böſe befördert,— ob damit ein Thron geſtützt, oder derſelbe untergraben,— ob damit ein Glaube aufrecht erhalten, oder ob damit deſſen Altäre entweiht,— ob damit ein Volk befreit, oder ob damit deſſen Feſſeln noch feſter geſchmiedet wurden. Bei ſeinen ungeheuren Geldmitteln hätte er es dem Koͤnigthum an Pracht und Glanz gleich thun können. Er hätte ſich Nichts,— Nichts zu verſagen gebraucht; auch wäre ihm, wie die Sachen jetzt ſtehen, keine Geſellſchaft unzugänglich geweſen. Mit Gold öffnet man ſich ſo gut die Thüren der Paläſte, wie die der Gefängniſſe; allein er zog dieſe kleine, ärmliche Wohnung vor, die ſeit länger denn zweihundert Jahren nie einen andern Namen gehabt hatte, als den Namen„Casa Morlache.“ Eine ſo ſonderbare Wahl ſuchte man durch unter⸗ ſchiedliche Gründe zu erklären. Unter Anderem hieß es, der Großherzog pflege den Juden vermittelſt eines gehei⸗ men, vom Pitti⸗Palaſte ausgehenden Ganges zu beſuchen, Die Daltons. II. 7 98 während Andere meinten, die geheimen Beſucher Morla⸗ che's kämen alle auf dem Waſſer, und es ſchwämme in dunkler Nacht gar manches Boot auf dem Arno hin, um bei dem letzten Bogen des Ponte Vecchio anzuhalten. Mit dieſen Gerüchten allen aber haben wir Nichts zu ſchaffen; und ebenſo machen wir mit Morlache ſelbſt nur flüchtig Bekanntſchaft. Als Kate Dalton an der Thüre der genannten Bude vorfuhr, war ſie beinahe ſchon entſchloſſen, ihr Vorhaben wieder aufzugeben. Die Beweisgründe, wodurch ſie ſich am Morgen, ſo zu ſagen, hatte überrumpeln laſſen, kamen ihr nun ſchwach und elend vor, und ſie war auf ſich ſelbſt böſe, daß ſie Jekyl's Rathſchlägen einen Augenblick nach⸗ gegeben. Ihr einziger Zweifel war noch, ob ſie, ohne länger anzubalten, vorüberfahren, oder einige Worte zu⸗ rücklaſſen und ſagen ſollte, daß ſie gekommen wäre, ſich aber nicht aufhalten könnte.— Letzterer Weg ſchien ihr der beſſere und höflichere zu ſein, und während ſie noch mit dem ſchwarzäugigen, adlernaſigen Burſchen ſprach, der an der Thüre erſchien, kam Mr. Jekyl heran. 3 „Geſchwind, Miß Dalton! Verlieren Sie keinen Au⸗ genblick!“ ſagte er.„Morlache geht in's Schloß, und wir laufen Gefahr, ihn zu verfehlen.“ „Aber ich habe meinen Entſchluß geändert. Ich mag von dieſer Hülfe Nichts mehr wiſſen. Es iſt beſſer, — weit beſſer, daß ich auf Ihren Vorſchlag nicht eingehe.“ „Es iſt nun aber zu ſpät, an ſo Etwas zu denken,“ ſagte er, ſie unterbrechend, und in ſeinem Tone einigen Aerger zeigend. 4 4 „In wie fern zu ſpät? Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß ich Morlache bereits die ganze Geſchichte ge⸗ ſagt, und daß die ganze Sache ſchon ſo gut wie abge⸗ macht iſt.“ „Oh, Sir! Warum haben Sie das gethan?4 rief ſie mit angſterfüllter Stimme.. 99 „Ich war durch Ihre freie Zuſtimmung zu dieſem Schritte berechtigt, Miß Dalton. Als wir heute Morgen von einander ſchieden, war die Sache zwiſchen uns Bei⸗ den abgemacht; indeſſen koͤnnen Sie immer noch zu⸗ rücktreten: Ihr Geheimniß ruht in ſicheren Händen. Nie verräth Morlache Etwas, was ihm im Vertrauen mitge⸗ theilt worden.“ „Und der Mann hat einen Namen gehört?“ rief ſie in gebrochenem, ſchluchzendem Tone. „Gewiß nicht zum erſten Male: darauf dürfen Sie ſich verlaſſen. Selbſt der Kröſus ſah von ſeinen Gold⸗ barren auf, um zu fragen, ob es„„la belle Dalton“““ wäre; und als ich„Ja““ ſagte, antwortete er:„„Das iſt genug; ich wollte nur, alle meine Gelder wären ſo ſicher angelegt!““— Aber verweilen Sie einen Augen⸗ blick; dort ſehe ich Purvis. Er ſtellt ſich, als wolle er in der gegenüberliegenden Bude ein Augenglas kaufen; allein ich ſehe wohl, daß er dort nur en vedette iſt.“ „Was ſoll ich thun?“ rief das arme Mädchen, das jetzt durch die entgegengeſetzteſten Impulſe und Gemüths⸗ bewegungen hin⸗ und hergezerrt wurde. „Etwas müſſen Sie alsbald thun,“ ſagte Jekyl; „Sie müſſen aus der Kutſche heraus, und in einige der Buden treten, gleich als wollten Sie einige Juwelen kau⸗ fen. Die Begierde, den genauen Gegenſtand Ihres Su⸗ chens zu erfahren, wird ihn bald aus dem„„Lager““ locken.“ Die Entſchiedenheit, womit dieſer Rath, der faſt einem Befehle gleichkam, gegeben wurde, imponirte Kate dergeſtalt, daß ſie alsbald ausſtieg, Jekyl's Arm nahm, und mit ihm die Brücke entlang ging. Sie waren noch nicht weit gekommen, als ſie den kurzen, kleinen, latſchigen Schritt unſeres Freundes Pur⸗ vis hinter ſich hrten. Sie blieben da und dort ſtehen, um einige der glänzenden, zum Verkaufe ausgeſtellten Waaren anzuſchauen, bis ſie am Ende eine überaus präch⸗ 100 tige Bude erreichten, in der Diamanten, Perlen und Ru⸗ bine in ganzen Haufen lagen. Und jetzt hatte ſich Purvis gerade hinter ihnen auf⸗ geſtellt; dabei hielt das Männchen den Kopf ſo geſchickt hin, daß es Alles hören konnte, was zwiſchen den Beiden vorging. Jekyl ſchien die Gegenwart des Männchens gleichſam inſtinctmäßig zu fühlen, und ſagte, ohne das Auge einen Augenblick von dem Glaskaſten abzuwenden, mit einer Stimme, die einige Verachtung ausdrückte: „Lauter moderne Faſſungen!— ungemein prachtvoll, — äußerſt brillant, aber durchaus nicht das, was wir wollen.“ Kate erwiederte Nichts, denn während ſie ſich ein Gewiſſen daraus machte, einem ſolchen Spiele Vorſchub zu leiſten, war ſie nicht minder von dem Wunſche beſeelt, ſa von der Gegenwart des„„Großinqulſitors““ zu be⸗ reien. „Dieß da würde vielleicht,“ ſagte Jekyl, auf ein präch⸗ tiges Brillantenkreuz deutend,„nicht übel zu dem Hals⸗ bande paſſen, obgleich die Steine etwas kleiner ſind. Sa⸗ gen Sie doch Etwas,— ſagen Sie, was Sie wollen,“ ſetzte er in leiſerem Tone hinzu;„der Zauber thut ſeine Wirkung.“ „Das iſt ſehr huͤbſch,“ ſprach Kate, auf's Gerathe⸗ wohl auf einen vor ihr liegenden Gegenſtand deutend. „Ja, das iſt es,“ ſagte Jekyl geſchwind.„Wir wol⸗ len einmal ſehen, wie hoch der Preis iſt. Oh,— ah,— hier iſt ja Mr. Purvis! Ci, ei, wie glücklich; vielleicht gibt es in ganz Florenz auch nicht eine Perſon, die ſich ſo gut, wie er, auf Alles, was Geſchmack und Eleganz betrifft, verſteht, und als ein alter Bewohner der Stadt iſt er glücklicher Weiſe vor all' den Kunſtgriffen und Li⸗ ſten geſichert, deren Opfer unſere Landsleute werden.“ „Ah, wie be— be— be— befinden Sie ſich— be— be— befinden Sie ſich? rief Purvis, Beiden die 101 Hand ſchüttelnd.„Sie haben doch von dem Bocke gehört, den ich geſtern Abend geſchoſſen habe? Sie wiſſen doch, was ich zu dem E— E— G— E— Erzherzog ge⸗ ſagt habe?“ de 1 weiß auch nicht eine Silbe davon,“ erwiederte ſekyl. „Ich habe ihm geſagt, er ſei ein Na— a— a— a— arr,“ gackerte Purvis heraus, mit einem Lachen, das bei ihm gewöhnlich auf eine Unvenſchämtheit folgte. „Meno male!“ rief Jekyl.„Auch Fürſten duͤrfen bisweilen die Wahrheit hören; aber Mr. Purvis, Sie koͤnnen uns hier einen kleinen Dienſt erweiſen. Sehen Sie die Chatelaine dort,— die Chatelaine mit dem großen ſmaragdenen Gehänge? Wollten Sie ſo gut ſein, und ſich für Miß Dalton nach dem Preiſe erkundigen? Man wird es nicht verſuchen, Sie zu überfordern,— was gewiß der Fall wäre, wenn ſie in die Bude hineinginge.“ gi freilich will ich es thun; he— e— e— e — erzlich gern. Für wen iſt es 24 „Das iſt ein Geheimniß, Mr. Purvis: Sie ſollen es jedoch ſpäter erfahren.“ „ Ah, ah, ich errathe es ſcho o— o o on,“ ſagte Scroope mit einem pfiffigen Schielen.„Sie verhei— ei— ei— ei— eirathen ſich bald?— Nicht wahr, i— i— i— ich weiß es?“ „Mr. Purvis, Mr. Purvis, ich muß Sie zur Ord⸗ nung rufen,“ ſprach Jekyl, der einſah, daß die Scene, wenn ſie ſich noch einen Augenblick verlängerte, für Kate unerträglich werden mußte. „Ho— o— o— o— offentlich iſt es keiner von den 1— i— i— italieniſchen Kerls; denn ſie ſind alle ſo arm, wie Lazza— Lazza— Lazza—“ „Ja, ja,— ganz richtig; wir wiſſen das: Ihre Discretion iſt unſchätzbar,“ ſagte Jekyl;„aber gehen Sie Pöbe da⸗ hinein, und fragen Sie für uns nach dem reiſe.“ —ᷣ—ᷣ—ᷣ—:; 10⁰² „Ich will Ihnen ſagen, wer beſſer iſt,“ ſagte Pur⸗ vis, der, einmal von einem Gegenſtande erfüllt, nie auf das Acht gab, was von andern geſagt werden mochte. „Midchi— Midchi— Midchi— k— k— offl Er be⸗ ſitzt halb—⸗ „Ei, laſſen Sie das gehen, und kümmern Sie ſich jetzt nicht um ſeinen Reichthum, ſondern erinnern Sie ſich, daß Miß Dalton ſchon lange genug wartet,“ ſagte Jekyl, der nur höchſt ſelten ſo ſehr ſich zu beherrſchen vergaß. Endlich that Purvis, wie man ihn geheißen, und trat in die Bude. „Und nun kommen Sie geſchwind!“ ſagte Jekyl zu ſeiner ſchönen Begleiterin;„er braucht wenigſtens fünf Minuten, bis er das Wort„„Chätelaine““ herausbringt, und ſo lange brauchen wir nicht, um ihm aus dem Ge⸗ ſichte zu kommen.“ Mit dieſen Worten eilte er mit ihr die Bruͤcke ent⸗ lang, und lachte, trotz aller ihrer Aengſten, über die Ab⸗ ſurdität des Abenteuers. 3 Dann ſetzte er hinzu: „Er wird, wenn er heraus kommt, den Wagen ſehen; ich will deßhalb dem Kutſcher ſagen, er ſolle langſam dem Pitti⸗Palaſte zufahren.“ Und ſo führte er ſie, ohne ſie um ihre Zuſtimmung zu fragen, ohne Weiteres fort, und ehe ſie recht wußte, wie oder warum, fand ſie ſich in der dunklen, düſteren Bude Morlache'’s. Jekyl ließ Kate nicht viel Zeit zum Nachdenken, ſon⸗ dern eilte mit ihr durch einen engen Gang hin, aus dem eine ſteinerne Wendeltreppe in eine ziemlich große Tiefe hinabführte, bis dieſelbe endlich in ein kleines, nettes Zim⸗ mer führte, welches das Niveau des Arno hatte,— deſ⸗ ſen Fenſter auf den Fluß hinausgingen,— und das von letzterem nur durch eine kleine, mit blühenden Geraniums bedeckte Terraſſe getrennt war. 4 In dieſem Zimmer bemerkte man eine ſeltſame, un⸗ 103 dulirende Bewegung, die ihm durch den Strom mitgetheilt zu werden ſchien. Jekyl erklärte ſeiner„Begleiterin die Sache alsbald als eine Vorrichtung, vermittelſt welcher das Zimmer mit der wechſelnden Waſſermaſſe gehoben und geſenkt werden koͤnne;„denn ſonſt müßte,“ ſetzte er hin⸗ zu,„das Zimmer während eines großen Theils des Jahres unter Waſſer ſtehen.“ Während er ſo über den ſinnreichen Mechanismus ſprach und die Aufmerkſamkeit Kate's auf die an den Wänden hangenden Portraits lenkte,— auf die Portraits der Könige und Kaiſer, mit welchen Morlache in Verbin⸗ dung ſtand und denen er Geld lieh,— ſchwanden die Minuten und Jekyl mußte ſeine ganze Gewandtheit als Plauderer aufbieten, um Kate die raſch verfließende Zeit vergeſſen zu machen,— wobei ſein unruhiges, nervoͤſes Weſen, ſowie die häufigen Blicke, die er auf die Uhr warf, anzeigten, mit welcher Ungeduld er auf die Ankunft des Juden wartete. 4 Allen Scrupeln Kate's wußte er etwas Plauſibles ent⸗ gegen zu halten, indem er ihr verſicherte, daß, ſo ſie es wünſchte, des Anlehens gar keine Erwähnung gethan wer⸗ den ſollte; daß der Beſuch ſo hingeſtellt werden koͤnnte, als wäre er aus bloßer Neugierde gemacht worden, in⸗ dem ſie— Kate— hüätte die wundervollen Edelſteine ſehen wollen, die einſt königliche Kronen geziert; und daß jedenfalls der kurze Aufenthalt in dem Zimmer ſie von Purvis befreien würde, der ſich durch ſeine Neugierde nach einer anderen Richtung würde hinziehen laſſen. Als nun aber ſchon über eine halbe Stunde ver⸗ floſſen war und der Jude ſich weder ſehen, noch hören ließ, entſchloß ſich Jekyl, denſelben aufzuſuchen. Er bat Kate, einige Minuten geduldig zu warten, und verließ ſodann das Zimmer. Im Anfange fuhr ſie, als ſie ſich allein ſah, erſchrocken bei jedem Geräuſch zuſammen; die Minuten ſchie⸗ nen ſich, indem ſie ſo die Uhr beobachtete, zu ganzen 104 Stunden auszudehnen; ſie horchte in peinlicher Angſt, ob nicht Jekyl zurückkäme, während ſie ſich, kummererfüllt Vorwürfe darüber machte, daß ſie an den Ort gekommen. Auf dieſen Zuſtand faſt ſieberhafter Aufregung folgte eine tiefe, düſtere Niedergeſchlagenheit, in der ihr die Zeit verſtrich, ohne daß ſie ſelbſt recht wußte, wie; dabei unterſtützten und mehrten das dumpfe Geräuſch der Stadt, das einförmige Toſen des vorbeirauſchenden Waſſers, und das ferne Geſchrei der Bootsleute, indem ſie ihre ge⸗ ſchwinden Barken den ſtarken Strom hinabgeleiteten, ein Gefühl, das beinahe ein lethargiſches zu nennen war. Schon war die Sonne hinter die Hügel hinabge⸗ ſunken und ſchon warfen die hohen Paläſte ihre rieſigen Schatten über den Fluß,— ein Zeichen, daß die Nacht heranrückte, und noch immer ſaß ſie allein da. Jekyl war noch nicht zurückgekehrt; auch war ſeit ſeinem Weg⸗ gehen noch Niemand die Treppe heruntergekommen. Schon zwei Mal hatte ſie die Betäubung abgeſchüt⸗ telt, die ſich ihrer bemächtigt hatte; ſchon zwei Mal hatte ſie ſich ihrem träumeriſchen Zuſtande entriſſen, und die Zimmerthüre zu finden geſucht. Aber es war ihr nicht gelungen, da dieſelbe in dem Täfelwerk verborgen war. Und nun ſetzte ſie ſich, in allen ihren Erwartun⸗ gen getäuſcht und von Angſt darniedergedrückt, neben das Fenſter, blickte gleichgültig auf den Fluß hinaus, und fragte ſich, wann und wie ihre Gefangenſchaft enden würde.. Schon fing man an, auf den Kais die Lampen an⸗ zuzünden, und ſchon konnte man auf dem dunklen Fluſſe die langen Lichtſtreifen entdecken. Da glitt über dieſe ein ſchwarzer Gegenſtand hin, und Kate erkannte in dem⸗ ſelben ein Boot, das langſam den Strom heraufkam. Während ſie ſo hinſah, kam es immer näher, und nun konnte ſie ganz deutlich Stimmen hören: die Sprache, welche geſprochen wurde, war die franzoſiſche. Wie groß war aber nicht ihr Erſtaunen, als das Boot, anſtatt auf 10⁵ die mittleren Bogen der Brücke zuzufahren, mit vieler Kraft quer über den Fluß und gerade nach dem Orte hingetrieben wurde, an dem ſie ſelbſt ſich befand. So peinlich ihre Lage zuvor auch geweſen war, ſo wurde ſie doch jetzt wahrhaft qualvoll. Es kamen offenbar Perſonen heran: noch einen Augenblick und ſie mußte entdeckt werden. Wie ſollte ſie da nun erklären, durch welche Verkettung von Um⸗ ſtänden ſie an den Ort gekommen? War ſie denn nicht jeder Vermuthung, jedem Verdachte, und jedem Argwohn ausgeſetzt, ſo der Zufall gebar, oder die Verleumdung ausheckte 2 Wie klagte ſie ſich in dieſem kurzen, aber furchtbaren Augenblicke an! Weiche Vorwuͤrfe machte ſie Jekyl im Stillen; und doch war Alles dieſes Nichts im Vergleich mit der Noth und mit der Pein, woran die nächſte Zu⸗ kunft ſo überreich zu ſein ſchien. Ein Paar Sekunden ſtand ſie unentſchloſſen da, und dann trat ſie, gleichſam dem Selbſterhaltungstriebe fol⸗ gend, auf die kleine Terraſſe hinaus, worauf die Blumen ſtanden, und ſtellte ſich, zitternd vor Furcht, in den Schatten eines der großen Pfeiler der Brücke. Das ſchwache und halbverfaulte Holz krachte und bog ſich un⸗ ter ihrer Laſt, und dicht vor ihr wälzte ſich der dunkle luß mit dumpfem Geräuſche, und gleichſam wehklagend, ahin. Indeſſen kam das Boot immer näher, bis es, lang⸗ ſam fortgleitend, endlich an dem Fenſter war. Zwei Ge⸗ ſtalten ſchlüpften in das Zimmer hinein, und die Boots⸗ leute ruderten, gleich als verrichteten ſie ein längſt ge⸗ wohntes Geſchäft, eine kleine Strecke in den Fluß hin⸗ aus, um da zu warten. 1 Aus dem Fenſter, das offen blieb, drang jetzt ein Lichtſtrom, und Kate's gutes Ohr konnte ein raſcheln⸗ des Geräuſch hoͤren, das offenbar von Papieren herrührte, die auf dem Tiſche entfaltet wurden. 106 „Da find ſie,“ ſagte eine Stimme, die ſie alsbald als die des Abbé D'Esmonde erkannte.„Da ſind ſie, Signor Morlache. Wir halten vor Ihnen Nichts ver⸗ borgen. Unterſuchen Sie die Papiere ſelbſt. Sie wer⸗ den darunter Berichte aus faſt allen Theilen des Koͤnig⸗ reiches finden;— einige lauten mehr, andere wieder weniger günſtig, alle aber ſtimmen darin überein, daß die Sache eine große, und daß der Erfolg faſt gewiß ſei.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt,“ ſagte der Jude, deſſen undeutliche Ausſprache ſich zugleich durch ihre eigenthümlichen Kehllaute auszeichnete,„daß meine Sym⸗ pathien mich nie zu Ausgaben verleiten. Nach meiner Meinung iſt jede Sache gut, die zahlungsfähig iſt; jede aber iſt ſchlecht, von der das Gegentheil geſagt werden muß.“ „Selbſt auf dieſem Boden bin ich bereit, mit Ihnen zu verkehren. Das Comité—“ „Ei, ei, wer ſitzt denn im Comité?“ ſiel der Jude haſtig ein.. DDas Comit enthält einige der beſten kathollſchen Namen Irlands; es ſitzen darin große Grundbeſitzer neben verſchiedenen Gliedern der hoͤheren Geiſtlichkeit.“ „Und die Biſchöfe?“ „Die Biſchöfe ſind uns faſt bis auf den letzten Mann von ganzem Herzen zugethan; allein ihre eigen⸗ thümliche Stellung macht ein überaus behutſames und delikates Benehmen von ihrer Seite nothwendig. Kein Glückswechſel darf ſie gefährden, ſonſt iſt unſere Sache auf immer verloren.“. 3 „Wenn eure Sache ſo iſt, wie Sie mir dieſelbe ſchil⸗ dern,— wenn eure Nationalität ſo ſtark iſt und die Thatkraft ſo groß, wie Sie ſagen,— warum machen Sie es dann nicht, wie die Italiener und wie die Ungarn es zu machen im Begriffe ſind?“ ſagte Morlache.„Ich verſtehe, wie man eine Anleihe machen kann, um einen feſt beſtimmten Zweck zu erreichen,— um Kriegsvorräthe, 107 Uniformen, Waffen und Munition zu kaufen; und ich ver⸗ ſtehe, wie auch der Darleiher ſein Riſiko nach dem wahr⸗ ſcheinlichen Ausgange des Kampfes berechnen kann; aber hier wollen Sie eine halbe Million Sterling haben, und wozu?“ „um ein Königreich zu gewinnen!“ rief D'Esmonde enthuſiaſtiſch.„Um in den Schafſtall der Kirche die lange verloren geweſenen Schafe zurückzuführen, und um Irland zu dem zu machen, was es einſt war,— das heißt zu dem Mittelpunkte der Frömmigkeit,— zum Mittelpunkte heiligen Eifers!“ „Ich bin kein Papſt,— bin kein Cardinal,— bin nicht einmal ein Monſignore,“ ſagte Morlache mit bit⸗ terem Lachen.„Bei mir müſſen Sie andere Gründe anwenden; und ich ſage Ihnen noch einmal, warum wollt ihr euch nicht mit den Männern der Partei verbinden, die bereits Willens ſind, ihr Leben bei dem Wagſtücke zu riskiren?“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, was und wer die Leute ſind, welche dieſe Partei bilden,“ ſagte D'Esmonde leidenſchaftlich.„Leſen Sie einmal die vor Ihnen liegen⸗ den Papiere! Studiren Sie die geheimen Berichte, die faſt aus jedem Kirchſpiele des Köͤnigreichs eingeſandt worden ſind. In einigen werden Sie die beſchworenen Ausſagen von auf dem Todbette liegenden Männern finden,— die letzten Worte, die ihre Lippen in dieſer Welt ausgeſprochen haben:— Alle ſtimmen darin über⸗ ein, daß ſie ſagen, Irland habe keine Hoffnung und keine Hülfe mehr, es ſei denn in der Kirche. Den Männern, die jetzt das Land zur Empörung aufſtacheln, fehlt es weder an Muth, noch an Kopf. Sie ſind kühn, ſie ſind Leute von Verſtand,— aber ſie ſind zu gleicher Zeit auch Ketzer. Sie möchten ihre Landsleute vermittelſt alter Erinnerungen,— indem ſie ihnen die Ungerechtigkeiten vergangener Jahrhunderte vor Augen halten,— zur Ab⸗ ſchuttelung ihres Joches bewegen;— ſie möchten zu den 108 Herzen durch Aufrufe ſprechen, die, der Himmel weiß es, rührend und erſchütternd genug ſind. Aber ſie werden auch nicht ein Feuer auf dem Altare der Freiheit anzün⸗ den,— ſie werden nicht das Panier tragen, das allein einem iriſchen Heere vorangehen ſollte. Ihre kühnen An⸗ klagen möͤgen Einige warnen,— ihre Poeſie wird viel⸗ leicht Andere rühren, aber ihre Proſa und ihre Verſe werden, wie ſie ſelbſt, in wenigen Jahren vergeſſen ſein, und mit Ausnahme einiger grasbewachſenen Hügel in einem Dorfkirchhofe, oder der, aus einem Lande der Ver⸗ bannung, über die See herkommenden Klage eines Ver⸗ banen wird von Irlands Patrioten Nichts mehr übrig eein.“ „England iſt zu mächtig, als daß es von ſolchen Feinden Etwas zu fürchten hätte,“ ſagte der Jude. „Wohl wahr, aber erinnern Sie ſich, daß der ſtolze Dreidecker, der nie vor einem Feinde die Flagge ſtrich, unter dem Einfluſſe der Trockenfäule nun zerfallen iſt,“ ſagte D'Esmonde mit wilder Energie.„So ſtehen die Sachen jetzt. In England iſt Alles Fäulniß und Corrup⸗ tion: im Innern Pauperismus, außerhalb Rebellion. Der Adel immer intoleranter, je größeren Ehrgeiz das Bür⸗ gerthum entfaltet;— Hülfsquellen, die ſich in dem Maße vermindern, als die Beſteuerung läſtiger wird;— überall Unzufriedenheit, in den Städten, wo die Leute leſen, ſo gut, wie auf dem Lande, wo ſie über ihre Armuth brüten; — und endlich, was das Aergſte iſt, ein Schisma in der Kirche,— eine Empoͤrung in jener unordentlichen Maſſe, die noch nie hat gehorchen lernen. „Sind das Zeichen der Stärke,— oder aber ſind es ſichere Zeichen kommenden Ruins? „Hören Sie!“ ſagte er raſch:„Ich will mit Al⸗ lem dieſen nicht ſagen, daß ein ſo winziger Aufſtand, wie der, den wir bald ſehen werden, im Stande ſei, eine Macht, wie England, zu erſchüttern. Dieſen Männern 1 109 wird es gehen wie Tone und Emmett: es werden ihnen nicht einmal die Sympathien folgen, die Letztere für ſich zu erwecken wußten! Sie werden untergehen,— ſie werden in ihrem Unternehmen total ſcheitern; allein ge⸗ rade auf dieſes Scheitern gründen ſich unſere Hoffnungen; gerade deshalb muß unſere Sache ſiegen! „Auch nicht ein Prieſter wird ſich zu ihnen ſchla⸗ gen. Im Gegentheil, ihr Unternehmen wird von unſern Altären aus als ein verwerfliches bezeichnet,— unſere Herden werden vor ihrem üblen Einfluſſe gewarnt werden. Unſere Biſchöfe werden mit den Häuptern der Regierung in enger Verbindung bleiben: all' die kleinen Koketterien, wodurch man Vertrauen und Offenheit heuchelt, werden angewendet werden; und unſere Loyalität,— ſo lautet die Phraſe,— und unſere Loyalität, ſage ich, wird er⸗ haben daſtehen. Selbſt der Spott und die Beleidigungen unſerer Feinde werden unſerem ſchoͤnen Beiſpiele neuen Glanz verleihen, und unſer ruhiges, würdevolles Beneh⸗ men wird einen vortheilhaften Contraſt bilden mit der gemeinen, überhandnehmenden Intoleranz, die uns an⸗ greift.“ 5 „Aber,“ ſagte Morlache hohnlachend,„zu all' dieſer klaſſiſchen Würde braucht ihr ja kein Geld; ſolcher See⸗ lenadel iſt am Ende der wohlfeilſte aller Lurusartikel.“ „Darin täuſchen Sie ſich,— darin täuſchen Sie ſich ungeheuer,“ ſiel D'Esmonde ein.„Gerade in ſolchem Augenblicke bedürfen wir einen ſtarken Freund, der uns unterſtützt. „ Die Preſſe iſt in England allmächtig. Wenn ſie die öffentliche Meinung auch nicht macht, ſo iſt ſie doch die Verkörperung derſelben, ohne welche die Leute ihre Gefuhle nie in paſſende Phraſen zu kleiden,— ohne welche die Leute nie ihre Gefühle durch jene Kernſprüche aus⸗ zudrücken wüßten, welche die Schlagwoͤrter und die Lo⸗ ſung einer Partei bilden. Glücklicher Weiſe iſt die Preſſe, Löſegeld iſt, ſo iſt der Handel dennoch ſein Geld werth. „Im rechten Augenblicke werden fünfzig oder hun⸗ dert tauſend Pfund den Sieg unſerer Sache entſcheiden. Wir werden gar manche Fuͤrſprecher brauchen; einige, die ſich ſelbſt dazu Glück wünſchen müſſen, daß Alles ſo gekommen, wie ſie es vorher geſehen, und daß ſie unſere Forderungen ſchon früher unterſtützt: dieſe Leute müſſen zu gleicher Zeit die abgedroſchene Behauptung wieder⸗ holen, daß wir treu an Thron und Conſtitution hangen; andere wieder müſſen unſer Verhalten der aufdringlichen Loyalität des Organismus gegenüberſtellen; und wieder andere müſſen noch weiter gehen und ſagen, daß, wenn wir nicht geweſen wären, Irland für England verloren gegangen wäre; und daß, wenn unſere Treue nicht in die Lücke getreten wäre, die Sache der Rebellion triumphirt haben würde.“ 1 „ und iſt denn auch ein ſolches Loyalitätszeugniß ſo viel Geld werth?“ ſagte der Jude langſam. „Nicht als ein bloßer, leerer Name,— nicht als eine eitle Prahlerei,“ antwortete d'Esmonde raſch;„wenn aber der Baum verkrüppelt iſt, ſo ſind ſeine Früchte un⸗ bezahlbar. Unſer Märterthum wird nicht unbelohnt bleiben. „Iſt einmal der Augenblick der Gefahr vorüber, ſo beginnt die Zeit der Conceſſionen. Wie haßte ich einſt dieſes Wort!— Wie verachtete ich diejenigen, die ſich wenn groß, auch käuflich und obgleich der Preis ein fürſtliches mit dieſen Krumen vom Tiſche des reichen Mannes be⸗ gnügten,— nicht wiſſend, daß die Zeit kommen würde, wo wir ſelbſt uns an den Tiſch ſetzen dürften. „Conceſſion!— das Wörterbuch hat kein Wort auf⸗ zuweiſen, wogegen ich dieſes austauſchen möchte.— Con⸗ ceſſion heißt für uns: Eroberung, Herrſchaft, Souveräne⸗ tät,— Alles zuſammen. Durch Conceſſionen koͤnnen wir Alles erlangen, wornach wir ſtreben, was wir aber nie durch Gewalt erlangen koͤnnen. 3 „Nun aber ſind dieſe langſamen und ſententiöſen 111 Engländer ein Volk, dem eine ungeheure Triebkraft inn⸗ wohnt, mein guter Signor Morlache,— und gar oft laſſen ſie ſich zu den ſeltſamſten Exceſſen, was Milde und Vergeſſen betrifft, hinreißen, ſo daß ich gewiß weiß, daß uns Nichts verweigert werden wird, wenn wir nur unſer Spiel klug ſpielen.“ „Und worin beſteht denn dieſes Spiel?“ ſagte der Jude ungeduldig;„denn es ſcheint mir, daß Ihr nicht im Sinne habt, gleich den Ungarn oder den Lombarden euch unter dem Panier der Freiheit zu erheben. Was iſt denn der Preis, wornach Ihr ringet?“ „Es iſt der Katholicismus von Irland, und dann der von England;— es iſt die Unterjochung des ſtolzeſten Rebellen, den die alleinſeligmachende Kirche derzeit hat, — des einzigen Rebellen, deſſen Abneigung unſern heiligen Glauben bedroht; denn der Lutheranismus des Deutſchen verdient kaum den Namen eines Feindes. Iſt einmal England katholiſch, ſo gehört die Welt uns!“ Der Enthuſiasmus, womit der Abbé dieſe Worte ſprach, und die aufgeregten Töne ſeiner vollen, runden Stimme ſchienen dem Juden zu imponiren, deſſen kalte, ſarkaſtiſche Geſichtszüge mit einem Ausdrucke der Ver⸗ wunderung dem Prieſter zugewandt waren. Nach einer langen Pauſe ſagte endlich Morlache: „Laſſen wir alle dieſe Speculationen, und kommen wir auf den Boden der nackten Thatſachen zurück! Welche Sicherheit wird in Betreff der Rückzahlung dieſer Summe geboten?— denn obgleich die Sache für Sie von hohem Intereſſe iſt, ſo hat ſie doch für mich nur den Charakter eines kommerziellen Unternehmens.“ „Gerade das ſollte aber nicht ſein!“ ſprach d'Esmonde leidenſchaftlich.„Daß die Tyrannei Englands ihre End⸗ ſchaft erreiche, daran muß Euch ſoviel gelegen ſein, wie uns ſelbſt. Was Genua und Venedig einſt waren, das können ſie wieder werden. Iſt einmal jener ſtolzen Macht die Herrſchaft über die Meere entriſſen, ſo erwachen wie⸗ chen Europa's; die großen Handelsſtädte der Levante werden wieder zu ihrem früheren Anſehen und Reichthum gelangen, und die reichen Karaken des Oſtens werden wieder auf den Waſſern der ebbeloſen See ſchwimmen.“ „Aber nicht zu unſern Lebzeiten, Abbé,— aber nicht zu unſern Lebzeiten!“ ſagte der Jude lächelnd. „Sollen wir denn aber nur für uns ſelbſt bauen 2 fragte d'Esmonde.„Haben Ihre eigenen großen Vorfah⸗ ren ſo den herrlichen Tempelbau ausgeführt?“ Dieſe Anſpielung rief auf dem dunklen Geſichte des Iſraeliten nur ein kaltes Hohnlächeln hervor, und d'Cs⸗ monde war ſchlau genug, um einen Streich nicht zu wie⸗ derholen, der ſich als machtlos erwies. der die ſeit langer Zeit ſchlummernden Kräfte des füdli⸗ Hier wurde das Zwiegeſpräch durch einen ſanften, gegen die Thüre geführten Schlag unterbrochen, und es ließ ſich vor der Thüre die Stimme Jekyl's höͤren. „Sagen Sie, Sie hätten Geſchäfte,— Sie könnten ihn jetzt nicht ſprechen,“ flüſterte d' Esmonde.„Ich möchte nicht, daß er mich hier ſähe.“ „Ich bitte Sie tauſend Mal um Verzeihung, Mor⸗ lache,“ ſagte Jekyl draußen;„aber ich ließ, als ich Ihnen nach dem Pitti⸗Palaſte folgte, eine junge Dame hier. Iſt dieſelbe fortgegangen,— oder iſt ſie noch hier?“ „Ich habe ſie mit keinem Auge geſehen,“ ſagte Mor⸗ lache.„Sie muß weggegangen ſein, ehe ich zurückkam.“ „Ich danke Ihnen:— adieu!“ ſagte Jekyl; und man konnte hoͤren, wie ſein geſchwinder Fuß ſich wieder die Treppe hinauf bewegte. 4 „SDie Nachtluft wird allmählig kalt,“ ſagte der Abbé, indem er aufſtand und das Fenſter ſchloß. 4 Die Bootsleute hielten die geſprochenen Worte irriger Weiſe für einen Befehl, daß ſie ſich nähern ſollten, und kamen demgemäß herangerudert. Und nun ſprang Kate plötzlich in das Boot, während 113 es noch in einiger Entfernung von dem Fenſter war, und agte: ſas„Nach der Treppe neben der Santa Trinità!“ Sie zog ihre Boͤrſe heraus, und das Klingen der varin enthaltenen Münzen machte den kurzen Befehl leicht verſtändlich. Die Schiffer ließen ihr Boot den Strom hinab⸗ ſchießen. „Sprechen Sie nicht von mir!“ ſagte ſie, indem ſie das Geſicht mit ihrem Halstuche bedeckte, während ſie aus dem Boote ſtieg, und ein Napoleonsd'or gab der Bitte Nachdruck. Es war jetzt Nacht;— dle Lampen waren alle angezündet, und die Straßen voll von jener beweglichen, geſchäftigen Menge, für welche die Stunden der Arbeit oder des Vergnügens beginnen, ſobald der Tag der Nacht weichen muß. Ein feiner Sprühregen benetzte die Straße, und der Fußweg war naß und ſchmutzig. Kate, die, auf's Höchſte geputzt, ausgefahren war, ſchickte ſich nun an, mit vor Schrecken bebendem Herzen nach Hauſe zu gehen. Gar oft war ſie, im Stande der Armuth, mit einem geflickten und fadenſcheinigen Mantel nach Einbruch der Nacht auf dem dunklen Wege von Lichtenthal nach Baden gegangen, ohne daß die Furcht ihn ihr Herz einkehrte; in ihrer gluͤck⸗ lichen Gemüthsſtimmung hatte ſie keine Gefahr, hatte ſie keine Inſulten gefürchtet, und das„gute Nacht“ eines nach Hauſe gehenden Bauers war der einzige Laut ge⸗ weſen, der ſie begrüßte; jetzt aber war ſie nicht mehr in dem abgeſchloſſenen Thale des großen Vaterlandes; ihr Weg führte ſie durch eine große, von Menſchen wimmelnde Stadt, mit all' ihrem Geräuſche, mit all' ihrem Lärmen und mit all' ihrer Bewegung. Wenn ſie in ihrer wilden Verwirrung auch nicht mehr an alle Vorfälle des Morgens dachte, ſo war ihr Die Daltons. III. 8 Geiſt doch erfüllt von„Selbſtanklagen.“ Wie ſollte ſie Lady Heſter ihre lange Abweſenheit erklären,— und wel⸗ chen Grund ſollte ſie dafür angeben, daß ſie allein, und zu Fuß zurückkam? Konnte doch ſelbſt ihr Kammermädchen Nina ihre Aufführung verdammenswerth finden, und ſie mit Mißtrauen und Argwohn anſehen. Wie ſollte ſie Jekyl unter die Augen treten,— was mußte Jekyl von ihr halten,— Jekyl, der ihr Geheimniß bereits kannte; und welche Antwort ſollte ſie endlich ihrem armen Vater auf ſeinen Brief geben,— auf jenen Brief, der die Ur⸗ ſache ihres ganzen Unglücks war? „Ich will ihm Alles ſagen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie ihren Weg fortſetzte.„Ich will ihm alle Er⸗— eigniſſe dieſes Morgens erzählen, und er ſoll ſehen, daß, wenn mir mein Vorhaben nicht gelungen, ich mich doch keiner Lauheit anzuklagen habe. Ich will mich auch be⸗ mühen, ihm meine wahre Lage zu ſchildern, und will ihn wiſſen laſſen, welches Opfer er von mir verlangt. „Beharrt er aber auf ſeinem Verlangen,— was dann? Iſt es beſſer, daß ich in meine Heimath zurück⸗ kehre, und die Armuth theile, die ich nicht zu erleichtern vermag? „Aber welche Alternative habe ich? Jekyl's Schmei⸗ cheleien ſind bloße Fictionen. Sollte ich wünſchen, daß dieſelben etwas Anderes wären? Ach! Ich vermag es nicht zu ſagen; in dieſem Augenblicke kenne ich ſogar mein eigenes Herz nicht! Oh, hätte ich doch einen einzigen treuen Freund, der mich führen und mir mit gutem Rathe an die Hand gehen koͤnnte!! Sie dachte an den unbeſonnenen, ungeſtümen und feurigen George Onslow; ſie dachte auch an den Prieſter d'Esmonde;— aber die letzte Scene, in der er figurirte, machte ſie ſchreckerfüllt vor dem Manne zurückſchaudern, der mit dunklen Intriguen und geheimen Liſten umging; — ſie dachte ſogar an den armen Hanſerl, den ſie, be aller Einfachheit ſeines Weſens, in dieſem Augenblicke 4 115 bei ſich zu haben wünſchte.„Aber er würde ſagen: „„Gehe in die Heimath zurück,— ſuch' das beſcheidene Haus wieder auf, das Du verlaſſen haſt,— leg' all' das glitzernde Zeug weg, das an Deinem Herzen hängt, und Dich gefangen hält. Nimm wieder Deinen beſcheidenen Platz am Kamine und am Tiſche ein, und vergiß den glänzenden Freudentraum, den Du durchlebt.“4“ Aber wie ſoll ich den vergeſſen? Iſt er nicht meine Hoffnung, — iſt er nicht mein ganzes Leben geworden? Wie leicht iſt es für die, welche aus dem berauſchenden Becher nicht getrunken haben, zu ſagen:„„Bleibet kalt und vergeſſet Euch nicht!““ „Auch bin ich nicht mehr, was ich war. Wie ſoll ich alſo das wieder werden, was zu ſein ich aufgehört habe? Ich wollte, ich wäre immer geblieben, was ich war. Ich wollte, ich koͤnnte wieder in dem Traumlande der Dichter leben, das wir ſo ſehr liebten, und ich könnte wieder mit meiner lieben Nelly die Waldwege durchwan⸗ dern, die für uns mit den Schöpfungen Uhland's, Tieck's und Chamiſſo's bevölkert waren. Wie herrlich iſt ihre Welt,— und wie unähnlich iſt ihr die wirkliche!“ So in Gedanken verloren, die einander bekämpften; — ſo die Vergangenheit mit der fernen Zukunft vermi⸗ ſchend,— ſo von Hoffnung und Furcht erfüllt,— bald ſich ſelbſt zu überzeugen ſuchend, bald ihre eigenen Mei⸗ nungen wieder anfechtend, ging ſie eilig fort, ohne an Zeit und Ort, ja ohne ſelbſt an die rohen Blicke zu den⸗ ken, die ihr von Manchem wurden, welcher ſie mit inſo⸗ lenter Bewunderung anſchaute. Welch' treffliche Rüſtung iſt doch die Unſchuld! Wie hält ſie Stand gegen den vergifteten Pfeil der Bosheit! Kate wußte nicht, welche Feuerprobe ſie jetzt zu beſtehen hatte. Sie ſah die Blicke,— ſie hörte die Bemerkungen der Vorübergehenden nicht. Wenn ſich ihr Geiſt einmal von dem Haufen von Gedanken abwandte, der ſie darnieder drückte, ſo war es, wenn eine momentane Schwierigkeit, 116 die der Weg darbot, ſie wieder an den Ort erinnerte, an dem ſie ſich befand; denn als ſie aus den kleineren Straßen herauskam, nahm die Menſchenmenge und das Geräuſch zu, und ſie fand ſich wie von einem ſtarken Strome fortgetragen. „Führt dieſer Weg nach der Piazza Annunziata?“ fragte ſie ein Weib, das an einer Obſtbude ſtand. „Sag' ihr es, Giacomo!“ ſagte das Weib zu einem jungen Burſchen, der, mit einer Waſſermelone in der Hand, ſeiner ganzen Länge nach auf dem Pflaſter lag. „Per Bacchol ſie iſt hübſch!“ ſagte er, die Papier⸗ laterne in die Höhe haltend, um ſie anzuſchauen. Und Kate eilte, von Schrecken erfüllt, von dannen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Ein Straßen⸗Abentener. Lady Heſter Onslow hatte einen qualvollen Tag ge⸗ habt. Es gab in dem langen Kataloge von Widerwär⸗ tigkeiten auch nicht eine einzige, die nicht auf ſie einge⸗ ſtürmt war. Ihre Domeſtiken, die ſonſt ſo trefflich dis⸗ ciplinirt waren, hatten jeden langweiligen Beſuch zuge⸗ laſſen, während die Perſonen, die ſie wirklich zu ſehen wünſchte, abgewieſen worden waren. Das Geruüͤcht von einer bevorſtehenden Abreiſe war durch die Domeſtiken in's Publikum gedrungen, und Vorhalle und Hofraum waren von Gläubigern, ungeſtümen Mahnern, und bettelnden Schuften von jedem Alter, von jedem Stande, und von jedem Lande angefüllt. Es ſchien, als ob Jeder mit einer Bittſchrift, 117 einer Forderung, einer Klage, einer unbezahlten Rechnung ſich, wie zu einem allgemeinen Rendez⸗vous, an dem frag⸗ lichen Morgen im Palazzo Mazzarini eingefunden hätte. Man weiß gar wohl, wie ungeſtüm übermäßig höf⸗ liche Gewerbsleute werden, ſobald die Päſſe viſirt, und die Poſtpferde angeſchirrt ſind. Die Höflichkeit und Artigkeit, womit ſie„die Befehle ihrer Ladyſhip“ em⸗ pfangen, erleidet einen furchtbaren Wechſel. Das Wort „Abreiſe“ iſt ihnen faſt gleichbedeutend mit Tod. Ein anderes Land klingt ihnen wie eine andere Welt. Die ehrerbietige Verſchaͤmtheit, die es nicht über ſich gewinnen konnte, das Wort„Geld“ auch nur auszuſprechen, ſpricht nun kühn die Worte„Schuld“ und„Bezahlung“ aus. Der ſolvente Gläubiger, der ſtets ſagte:„Ganz, wie es Ihnen bequem iſt,“ muß nun mit einem Male„auf nächſten Samſtag eine große Summe haben.“ All' die kleinen Cajolerien und Koketterien, all' die kleinen Verführungskünſte und Verſuchungen, die im Handel gänge und gäbe ſind, haben nun aufgehört. Die Ein⸗ ladungen, daß man doch Etwas kaufen möge, haben ſich mit einem Male in Winke und Mahnungen verwandelt, „daß man baares Geld haben müſſe.“. Alles das iſt ungemein ärgerlich; es iſt Einem, als ob man aus den Wolken herabſiele! Mit einem Male ſieht man ſich in einen zweifelhaften Schuldner umge⸗ wandelt, nachdem man kaum noch ein liberaler, großmü⸗ thiger Patron geweſen. All' der Heiligenſchein, der Dei⸗ nen Geſchmack umgeben, iſt nun in die kalte Atmoſphäre des Argwohns und des Mißtrauens verwandelt. Die Gewerbsleute, deren ehrerbietige Stimmen in der Vor⸗ halle immer nur bei einem beſcheldenen Flüſtern geblieben waren, ſchrien jetzt in dem Vorzimmer, und drangen mehr denn ein Mal ſogar in die Zauberſphäre, in der Lady Heſter wohnte. Was war aus Miß Dalton geworden?— Wo mochte ſie wohl während dieſer ganzen Zeit ſein?— 118 War Mr. Jekyl nicht gekommen?— Wie kam es, daß er ſich mit all' dieſen„läſtigen Kreaturen“ nicht„abge⸗ funden“ hatte?— War Niemand da, der wußte, was zu thun war?— War ſelbſt Capitän Onslow nicht zu finden?— Dieſe Leute konnten doch unmöglich die Wahr⸗ heit ſagen; mußten ja doch die meiſten, wo nicht alle, ſchon bezahlt ſein, da ſie— Lady Heſter— in der letz⸗ ten Zeit eine Menge Geld ausgegeben. Cöleſtine wurde mit einer alſo lautenden Botſchaft beauftragt, die aber ein ganz anderes Reſultat hatte, als erwartet worden war; denn nun wurde das Geſchrei immer ärger und frecher,— ja es ließen ſich ſogar Verwünſch⸗ ungen und Drohungen hoͤren. Und immer noch kam ihr Niemand zu Hülfe;— und immer noch war ſie verdammt, das rebelliſche Schreien, das vom Hofe aus zu ihren Ohren drang, zu hoͤren, und die ſchlecht ſtyliſirten, und in Beziehung auf Orthographie ſo mangelhaften Unverſchämtheiten der Leute zu leſen, die es vorzogen, ihre Klagen ſchriftlich vorzubringen. Die Beſuchenden, die bis zum Geſellſchaftszimmer kamen, mußten durch dieſe bunte und ſchreiende Menge dringen; und ſo oft ſich die Thüre öffnete, ließ ſich ein noch tolleres Geſchrei hören. Mehr denn ein Mal wollte ſie in ihrer Noth zu Sir Stafford ihre Zuflucht nehmen; aber ein Gefühl der Scham hielt ſie zurück. Seine Freigebigkeit kannte in der That keine Grenzen; und darin lag die ganze Schwierig⸗ keit. Hätte es ſich um eine Diskuſſion, oder um zornige Vorſtellungen gehandelt, ſo hätte ſie die Sache ohne Furcht wagen koͤnnen. Sie hätte ſich leicht überreden können, einen Kampf zu wagen, konnte aber ſchlechterdings ſich nicht unterwürfig zeigen. Unter den zahlreichen Beſuchern, die jetzt die Salons anfüllten, war Lord Norwood, der ſo eben von einer Jagd aus der Maremma zurückgekehrt war, der einzige, mit dem ſie auf vertrautem Fuße ſtand.. 119 „ Ich bin in ſolchen Dingen nur ein armer Rathgeber,“ ſagte er lachend.„Noch nie in meinem Leben bin ich— das heißt, perſönlich— von ungeſtümen Mahnern gedrängt worden,— denn ich laſſe mich nie finden; und was ge⸗ ſchriebene Geſuche betrifft, ſo kenne ich das Siegel und die Hand eines Gläubigers ſo gut, als ob ich ſelbſt beim 1 Schreiben und Siegeln geweſen wäre. Schon das Poſt⸗ zeichen hat etwas Eigenthümliches.“ „Der leichtfertige Ton, in dem Sie ſprechen, iſt in einem ſolchen Augenblicke recht unpaſſend, und zeugt von Fühlloſigkeit,“ ſagte Lady Heſter zornig.„Sie ſehen mich ſo allein,— ſo ganz und gar verlaſſen, und ſprechen ſol““ „Wo iſt denn aber Jekyl? der ſollte doch wiſſen, wie eine ſolche Sache abzumachen iſt!“ „Er hat ſich ſeit heute Morgen hier nicht wieder blicken laſſen. Sein Betragen iſt wahrhaft unerklärlich!“ „Und George?“ „Iſt ſchon den ganzen Tag fort!“ 3„Und die„„Dalton?““ denn die hat, wenn ich mich nicht täuſche, einen ziemlich guten Kopf.“ „Sie iſt ausgefahren, und iſt noch nicht zurückge⸗ kommen.“ „Beim Jupiter! Da würde ich ein Paar Zeilen an Sir Stafford ſchreiben; ich würde ihm ohne Weiteres ſagen, daß ich, um eine Luftveränderung vorzunehmen, und aus noch anderen ähnlichen Gründen auf ein Paar Wochen nach Como ginge, und daß alle dieſe Leute ſo unverſchämt wären, und mich mit ihren Forderungen beſtürmten und ſo fort; ich würde noch hinzuſetzen, daß ich der Sache bis 3 zum GEkel überdrüſſig wäre, und daß ich, da ich meine Mittel ſo beſchränkt fände—"„ „Er iſt ja aber ſo außerordentlich freigebig geweſen. Seine Freigebigkeit hat keine Grenzen gekannt.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer! Um ſo lieber wird er Ihnen jetzt helfen.“ 120 „Ich ſchäme mich, dieſen Weg einzuſchlagen,“ ſagie ſie mit ſchwacher, matter Stimme. „Da ich nicht genau weiß, was für ein Gefühl die Scham iſt, ſo kann ich nicht dawider rathen; allein es muß doch demſelben eine große Macht beiwohnen, das es Sie verhindert, Geld anzunehmen.“ „Fällt Ihnen ſonſt Nichts ein, Norwood?“ „Ei freilich! Die Sache läßt ſich auf zwanzigerlei Art machen. Schließen Sie die Fenſterläden, und laſſen Sie Buccellini kommen: werden Sie krank,— gefährlich krank,— und verlaſſen Sie dieſen Ort morgen früh, mit Tagesanbruch; oder aber geben Sie, wie Daſhwood, einen Ball, und machen Sie ſich, wenn die Leute beim Souper ſitzen, aus dem Staube. Zwar verlieren Sie dann die Löffel und die Gabeln; es hat dieß aber nicht Viel zu bedeuten, und es kann dieſem Uebelſtande wieder abgeholfen werden. Auch koͤnnten Sie einen andern Verſuch machen: Sie könnten die Leute heftig anfahren, und ſie tüchtig ausſchimpfen,— obgleich es vielleicht zu dem zu ſpät iſt; und endlich koͤnnten Sie,— was ich auch für das Beſte halte,— einige hundert Pfund aufnehmen, und Jedem Etwas bezahlen.“ „Aber wie und wo ſoll ich das Geld finden?“ „Laſſen Sie mich dafür ſorgen, wenn es einmal ge⸗ ſchehen muß. Der größte Wohlthäter des Menſchenge⸗ ſchlechtes war der Kerl, der den Wechſel erfand. Der treffliche Philantrop, der zuer ſt das Mittel erſann, in Er⸗ mangelung klingender Münze von Papier zu leben, war ein großes, originelles Genie. Wie mancher arme Teufel hätte durch ein Paar Worte, auf ein fünf Shilling koſtendes Stempelpapler gekritzelt, dem Serpentine entgehen können! Wie oft iſt nicht die ganze irdiſche Laufbahn eines Menſchen eine andere geworden, indem ſeine Feder über die phanta⸗ ſtiſche Phraſe„„Ich verſpreche zu zahlen““ hinglitt.“ Lady Heſter hoͤrte nicht auf die moraliſchen Betrach⸗ 3 121 tungen des Viscount. Scham,— zornerfüllte Scham war das einzige Gefühl, das ſich jetzt in ihr regte. 4 „Wohlan!“ ſagte ſie endlich,„ich glaube, daß es nicht anders geht. Ich kann es nicht länger aushalten. Jekyl hat ſich ſchändlich benommen; und was George betrifft, ſo werde ich ihm ſein Ausbleiben nie verzeihen. Sie hätten für Alles das ſorgen ſollen. Und nun, Nor⸗ wood,— was iſt zu thun, damit wir das Geld be⸗ kommen?“ „Hier iſt das unſchätzbare Taſchenbuch,— hier iſt „„des jungen Mannes beſter Gefährte,““ wobei es Einem nie fehlen kann,“ ſagte er, indem er aus einem ſchwarz⸗ ſafflanenen Portefeuille drei oder vier geſtempelte Wechſel⸗ formulare ſammt einer Maſſe von Accepten verſchiedener Art,— Spielſchulden darſtellend, von denen er wußte, daß die meiſten völlig werthlos waren,— hervorzog.„Wie viel brauchen wir,— wie viel ſollen wir ziehen?“ ſagte er, ſich, mit der Feder in der Hand, an den Tiſch ſetzend. „Ich vermag es wahrlich nicht zu ſagen,— ich kann es nicht einmal muthmaßen,“ ſagte ſie, vor Verlegenheit und Verwirrung zitternd.„Hier liegen die Rechnungen und die Briefe aller dieſer Leute. Ich glaube, daß ſie alle abſcheuliche Betrüger ſind. Gewiß habe ich nie die Hälfte der Dinge bekommen, die hier ſtehen, und die, ſo ich bekomme, find bereits bezahlt. Aber es liegt jetzt Nichts daran; wir wollen uns das Lumpenpack um jeden Preis vom Halſe ſchaffen!“ „„Morlandi, Kutſchenmacher,““— ahl bravo, bravo, Signor Morlandi!“ ſagte Norwood—„eilfhundert Scudi für Wagenreparaturen— eilfhundert Seudi dafür, daß er Ihre Patent⸗Achſen gründlich verderbt, und Ihren eng⸗ liſchen Firniß durch eine elende Salbe erſetzt hat,— et⸗ was weniger, als zwei hundert und fünfzig Pfund!“ „Er iſt ein gefälliger Menſch,“ ſagte Lady Heſter; „auch iſt er ſtets pünktlich.“ „Wenn das der Fall iſt, ſo wollen wir ihm gegen⸗ 12²2 über die Großmüthigen ſpielen. Er ſoll das halbe Geld bekommen, vorausgeſetzt, daß er für das Ganze quittirt.“ „„Légendre, Coiffeur; achttauſend Frank““— Pas mal, monsieur Légendre!— glacirte Handſchuhe und Parfümerien, Madonna⸗Bänder und Macaſſar⸗Oel ſind gar theure Artikel.“ „Das iſt wirklich infam,“ ſagte Lady Heſter.„Ich ſehe, daß jedes Bouquet zu hundert Franks berechnet iſt!“ „Ein Gewächshaus iſt in ſolchem Falle ein beſſer rentirendes Eigenthum, denn ein Kohlenbergwerk. Wollen wir dieſem ehrlichen Coiffeur tauſend Frank geben?“ „Unmöglich. Ein ſolches Anerbieten würde er mit Verachtung zurückweiſen.“ „Verzeihen Sie mir! Ich kenne dieſe Leute etwas beſſer und etwas länger, als Sie; und weit entfernt, daß Sie dadurch in ſeiner Achtung ſinken,— wenn an derſelben überhaupt Etwas liegen koͤnnte,— werden Sie im Gegen⸗ theil in derſelben ſteigen. Ein Italiener verachtet ſtets einen Menſchen, der ſich von ihm betrügen läßt, hegt aber aufrichtige Achtung gegen Alle, welche eine Spitzbüberei entdecken. Ich ſchreibe alſo: Tauſend Franks, die auf fünfzehnhundert erhoͤht werden ſollen, wenn er mir ſagt, wie wir ſeinen Nachbar, Guereini, zum Schweigen bringen können.“ „Wie viel fordert Guercini?“ „Bah! eine Bagatelle! Etwas weniger, denn fünf⸗ tauſend Kronen.“ „Wie! faſt tauſend Pfund?“ rief ſie. „Sagen Sie lieber eilfhundert und darüber,“ ſprach Norwood.. „Es iſt unglaublich, wie wenig ich von ihm gehabt habe;— ein Paar lumpige Ringe und Brochen; einige unbedeutende Veränderungen und neue Faſſungen; ein Paar kleine Geſchenke für Kate; und ſonſt Nichts, wie ich glaube.“ „Es kommt immer beſſer,“ ſagte Norwood, die Rech⸗ 123 nungen durchmuſternd.„Contardo, der Weinhändler, und Friſoni, der Tafeldecorateur, verlangen Beide große Sum⸗ men. Hätten die Domeſtiken tagtäglich nichts Anderes zu eſſen, als Ananas, ſo könnten dieſe auf der Rechnung ſchwerlich mit einer furchtbareren Summe figuriren,— denn wenn die geſammte Dienerſchaft in all' ihrer freien Zeit ſich mit nichts Anderem beſchäftigte, als mit dem Kauen von Ananas, ſo könnte die Rechnung nicht größer ſein. „Wiſſen Sie auch, Heſter, daß die Spitzbübereien des Continents eine weit groͤßere Strafe ſind, als die Einkommensſteuer? und daß die gerühmte Wohlfeilheit des Auslandes gar ſehr vermindert wird durch das unglück⸗ ſelige Factum, daß von Neapel bis zum Nordpol auch nicht ein ehrlicher Gewerbsmann zu finden iſt. Sie thun ſich Etwas darauf zu gute, einen Andern prellen zu koͤnnen, und ſind nur dann entehrt, wenn ſie ſo ungeſchickt ſind, daß die Spitzbüberei entdeckt werden kann. Nun aber iſt es durchaus abſurd, in einer Rechnung einen Artikel zu leſen, der alſo lautet!„„Bonbons und trockene Früchte, drei⸗ hundertundſiebzig Kronen lun Ei, wenn Ihre Gäſte mit marrons glacès wirklich gefüttert würden, ſo würde die Forderung eine übertriebene ſein.“ „Sie ſind recht langweilig, Norwood,“ ſagte ſie gräm⸗ lich.„Ich will nicht wiſſen, daß dieſe Leute lauter Spitz⸗ buben ſind; ihr ehrlicher Name geht mich Nichts an. Ginge er mich aber auch Etwas an, ſo könnte Buccellini einen Jeden von ihnen leicht mesmeriſiren, und ſo alle ſeine Geheimniſſe erfahren. Ich wünſche bloß ihrer ledig zu werden:— ich kann ihre furchtbaren Stimmen nicht länger hoͤren, und kann ihre entſetzlichen Geſtalten nicht länger im Hofe drunten ſehen.“ „Die Aufgabe iſt etwas ſchwieriger, als ich anfäng⸗ lich glaubte,“ ſagte Norwood gedankenvoll.„Ich glaubte, daß einige hundert Pfund hinreichen würden; nun aber brauchen wir,— ich ſehe es ſchon,— Tauſende. Wie 124 dem aber auch ſein mag, ich will mit ihnen ſprechen, und ſehen, was zu machen iſt.“ „Dann thun Sie es, und verlieren Sie ja keine Zeit; denn ich ſehe drunten Midchikoff's Chaſſeur, und gewiß kommt der Fürſt bald.“ Norwood warf ihr einen Blick zu, der ſie plötzlich ſcharlachroth machte; und dann verließ er das Zimmer, ohne ein Wort weiter zu ſagen. Hätte er nicht ſelbſt den meiſten Perſonen, die unten warteten, geſchuldet, ſo hätten ſich gewiß Wenige eines ſolchen Auftrags mit mehr Ge⸗ wandtheit entledigen können. Er war ein Meiſter in der Kunſt, ungeſtüme Mahner ablaufen zu laſſen, und Ge⸗ werbsleute zu erweichen; er kannte jede kleine Drohung und jede Schmeichelei, die angewendet werden mußte; er wußte gar wohl, wo beſänftigende Worte am Platze waren, und wo man die Leute mit derben Worten abfertigen mußte. Alle dieſe Kunſtgriffe war er bereit, in Anwendung zu bringen, wäre nur ein unangenehmer Umſtand nicht ge⸗ weſen,— der Umſtand nämlich, daß ſeine eigenen Geld⸗ verlegenheiten ihn zu einem etwas zweifelhaften Geſandten machten. In der That hieß das, wie er es ſelbſt nannte, —„den Advokaten ſpielen, und dabei ſelbſt halb und halb auf der Anklagebank ſitzen.“ Er zögerte daher ein Bischen, ehe er hinunter ging, und blieb auf dem Treppenabſatze ſtehen, um auf die ge⸗ räuſchvolle Menge, die unten ſtand, hinunterzuſchauen, nach Art eines Generals, der die feindlichen Linien recog⸗ noseirt, ehe er ſich in einen Kampf einläßt. Auch war er nicht allzu freudig überraſcht, als er bemerkte, wie der kleine Purvis, ein Notizenbuch und ein Bleiſtift in der Hand, geſchäftig unter den Leuten herumging, und offenbar Faets aufzeichnete, von denen er ſpäter Gebrauch machen onnte. 1 Während er immer noch ſo hinunterſah, öffnete ſich mit einem Male das große Thor mit gewaltigem Geknarre, und es flog eine, offenbar in Folge einer langen Reiſe, 125 ſtark beſchmutzte Kaleſche in den Hof herein: an derſelben befanden ſich drei dampfende und keuchende Poſtpferde. Es ſtand nicht lange an, ſo ſtieg eine kurze, gedrungene Geſtalt in Reiſekleidern aus dem Wagen; darauf trat ſie, nachdem ſie, wie es ſchien, einige Fragen an die Umſtehen⸗ den in Betreff der Urſache des Drängens und Schreiens gerichtet, in das Haus hinein. Begierig, zu erfahren, wer und was der Neuange⸗ kommene war, und woher derſelbe kam, eilte Norwood die Treppe hinab; allein Alles, was er von dem Poſtillon erfahren konnte, war, daß der Fremde von Genua komme; und daß derſelbe die größte Eile gehabt, und bloß einige Minuten angehalten habe, um einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Der Reiſende war von keinem Diener begleitet, und ſein Gepäck trug weder einen Namen, noch ein Wappen, woraus man auf ſeine Perſon hätte ſchließen können. Daß der Mann ein Engländer, und daß verſelbe ohne Weiteres auf Sir Stafford's Zimmer zugegangen war, bildete den ganzen Wiſſensſchatz des Viscount. Aber ge⸗ rade dieß ſchien ihm ſo merkwürdig, daß er mit der Nach⸗ richt zu Lady Heſter zurückeilte, anſtatt ſich des bewußten Auftrages zu entledigen. Sie behandelte die Nachricht mit weniger Intereſſe. Es konnte Proctor,— Sir Stafford's vertrauter Diener ſein. War er groß, und hatte er einen ſchwarzen Backen⸗ bart? Nein, er war unterſetzt, und wie Norwood weiter meinte, blond. „Sie kenne Niemand,“ wurde dann erwiedert,„auf den dieſes Signalement paſſe. Es könne ein engliſcher Arzt aus Genua ſein,— es ſei ein ſolcher dort, oder in Nizza,— ſie wiſſe nicht mehr, an welchem dieſer beiden Orte; es ſei derſelbe geſchickt in der Behandlung des Podagras, oder in der Behandlung boͤſer Augen:— ſie wiſſe nicht mehr genau, worin; aber gewiß habe er wegen des Einen oder des Andern einen ziemlich ausgebreiteten 126 Ruf. Indeſſen ſei es, wenn ſie ſich recht beſinne, wahr⸗ ſcheinlich das Podagra, das er curire; denn er habe auch Lord Hugmore behandelt, der blind geweſen ſei.“ 1 „In ſolchem Falle,“ ſagte Norwood,„dürfte Ons⸗ low kränker ſein.“ Ja, der arme Mann iſt weit kränker. George wachte bei ihm in der vorgeſtrigen Nacht und ſagte, er leide ent⸗ ſetzlich. Auch ſchien er von Zeit zu Zeit zu phantaſiren; und dabei ſprach er, als ob er ſehr ungluͤcklich wäre.“ „Unglücklich,— ein Mann, der ein jährliches Ein⸗ kommen von mehr denn dreißigtauſend Pfund hat, un⸗ glücklich!“ ſagte Norwood, die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlagend, während er ſprach. „Sie vergeſſen, my Lord, daß es wenigſtens noch einige Perſonen gibt, denen das Geld nicht Alles in Allem iſt; und wenn auch Onslow ein fürſtliches Vermögen be⸗ ſitzt, ſo iſt es doch möglich, daß ihn das Gewiſſen ſchlägt wegen des abſcheulichen Benehmens, das er gegen mich beobachtet hat.“ „Oh, das vergaß ich!“ ſagte Norwood mit einer überaus lobenswerthen, ernſten Miene. „Es war recht artig von Ihnen, my Lord,— ſehr rückſichtsvoll, und ſehr güͤtig, daß Sie das vergaßen, und doch hätte ich geglaubt, es müſſe Jedermann zuerſt daran denken, wenn er in dieſes Zimmer tritt,— wenn er mein trauriges abgeſchiedenes Leben ſieht,— wenn er Zeuge iſt, wie ich die träge Zeit täuſchen muß,— gar nicht zu reden von den Verheerungen, welche der Kummer auf dieſen Zügen zurückgelaſſen hat.“ „Was Letzteres betrifft, ſo kann ich Ihnen wider⸗ ſprechen, Heſter,“ ſagte er, mit einem Lächeln voll ſchmei⸗ chelhafter Bedeutung.„Es ſind nun über acht Jahre, daß wir zum erſten Male—“ „Wie moͤgen Sie doch ſo langweilig ſein!“ ſagte ſie mürriſch. „Fürſt Midchikoff läßt ſich hoͤflichſt empfehlen, my 127 Lady, und wünſcht zu wiſſen, ob er heute bei Ew. Lady⸗ ſhip ſpeiſen kann, und wann?“ ſagte ein Diener. „Wie ärgerlich! Ja,— ſagen Sie:„„Ja, um acht Uhr,“u“ ſagte ſie, ungeduldig im Zimmer auf⸗ und ab⸗ gehend.„Sie werden dableiben, und ihn empfangen, Nor⸗ wood. Zwar weiß ich, daß Ihr Beide keine gar großen Freunde find, allein es thut Nichts: George iſt ſo unzu⸗ verläßig:— ſtellen Sie ſich einmal vor, er ließ uns, Kate und mich, vor einigen Tagen den Fürſten ganz allein unter⸗ halten; und da es ihn nicht ſelten ankommt, ganze halbe Stunden zu ſchweigen, auch Kate gelegentlich den ganzen Abend keine Sylbe ſpricht, ſo hatte ich eine ſchoͤne Auf⸗ abe!“ 4„Wie ſehr doch Florenz Ihnen Beiden unrecht thut,“ ſagte Norwood;„die Leute ſagen, Niemand ſei Ew. Ladyſhip lieber, als der Midchikoff,“ ſagte er langſam und beißend. „Als Miß Dalton's Bewunderer:— hoffentlich ſetzt das Gerücht das hinzu,“ ſagte ſie haſtig. „Wie? Iſt das Ihr Ernſt? Hat die Dalton Prä⸗ tenſionen?“ „Vielleicht nicht; aber der Fürſt hat ſolche,“ fiel Lady Heſter ein;„aber Sie vergeſſen ja unterdeſſen dieſe Leute ganz. So ihun Sie doch Etwas,— fangen Sie doch Etwas mit ihnen an; und vergeſſen Sie uns nicht um acht Uhr!“ Mit dieſen Worten eilte Lady Heſter aus dem Zim⸗ mer hinaus, wie wenn ihre Uhr ſie an die ſpäte Stunde erinnert hätte; in der That aber geſchah es, weil ſie weiteren Fragen von Seiten des Viscount um jeven Preis ausweichen wollte. Als Norwood in den Hof hinabkam, fand er ihn zu ſeinem großen Erſtaunen leer. Von den ungeſtümen Mahnern war auch nicht einer mehr da: es herrfchte eine Todtenſtille. „Was iſt aus dieſen guten Leuten geworden?“ fragte er den Portier. 128 „Der Fremde, der vor einigen Augenblicken aus der Kaleſche geſtiegen, hat mit ihnen einige Worte geſprochen, und darauf haben Sie ſich entfernt.“ Dieß war Alles, was er wußte, und da er ein Por⸗ tier war,— einer von jener privilegirten Kaſte, deren Vorrecht es iſt, nie das zu enthuͤllen, was vor ihren Augen geſchieht,— ſo war dieſe ſeine Mittheilung be⸗ merkenswerth. „Ich wollte, der gute Genius hätte in dieſer ſeiner Anwandlung von Großmuth auch an mich gedacht!“ murmelte Norwood, während er ſich auf den Weg machte, um ſich zu Hauſe zum Diner anzukleiden. Da Norwood ſtets jedes Mittel gut war, wodurch er ſich aus einer Verlegenheit ziehen konnte, ſo dachte er kaum weiter über die ganze Sache nach, ſchlenderte fort, und dachte an die letzte Scene ſo wenig mehr, als wenn ſie ſich ſchon vor zwanzig Jahren ereignet hätte. Während der Viscount ſo ſeiner Wohnung zuwan⸗ derte, ſuchte Kate Dalton, mit zitternden Gliedern und heftig klopfendem Herzen, ihren Weg durch die von Men⸗ ſchen wimmelnden Straßen, die in Folge eines feinen Regens, welcher immer noch fiel, jetzt naß und ſchlüpfrig waren. So lange ſie ihr Weg durch die weniger beſuchten Straßen führte, erregte ihre Erſcheinung bei den Vorüber⸗ gehenden nur wenig oder keine Aufmerkſamkeit; als ſie aber auf die Piazza Santa Trinità kam, die durch eine Menge von Gaslampen, und durch das reflectirte Licht, welches aus glänzenden Buden drang, hell erleuchtet war, und ſo zu ſagen, einem Feuermeere glich, blieben Manche ſtehen, und ſchauten, ſich verwundert umwendend, das junge ſchöne Mädchen an, das, im höchſten Staate, zu einer ſolchen Stunde allein in den Straßen umher ging. 3 Indeſſen lag, wie es ſchien, in ihrem Gange und in ihrer Haltung ein gewiſſes Etwas, was die Möglich⸗ keit eines nachtheiligen Eindruckes alsbald ausſchloß; und Manche berührten ihren Hut, oder zogen denſelben ehrer⸗ 129 bietig ab, während ſie ihr Platz machten. Unerklärlich blieb aber immer die Erſcheinung.— Um die Wagen zu vermeiden, die in jeder Richtung an ihr vorüberflogen, drängte ſich Kate an die Häuſer hin, und ſo geſchah es, daß ſie gerade in die glänzende Lichtſphäre kam, welche durch die Lichtmaſſen gebildet wurde, die aus den Glasthüren des großen, auf der Piazza lie⸗ genden Kaffeehauſes drangen. Es war gerade die Stunde, um welche die vornehmeren Müſſiggänger von Florenz,— jene gedankenloſe Menſchenklaſſe, welche den Fond unſeres engliſchen Clubhauslebens bildet,— herumſchwärmten, um von den Plänen des Abends zu ſprechen,— um ſich darüber zu berathen, wie man ſich divertiren koͤnnte, und welche Häuſer offen wären. Der feine Regen, und die kalte rauhe Luft verhinderten ſie, ſich vor die Thüren zu ſetzen, wo ſie ſonſt in jeder Attitüde graziöſer Trägheit ihre Cigarren rauchten, und, in der ganzen Fülle Erho⸗ lung ſuchender Indolenz, über die Vorübergehenden ihre Bemerkungen machten. Die Gruppe beſtand aus Männern jeden Alters und jeden Landes. Es waren Fürſten, Falſchſpieler, und Abenteurer dar⸗ unter; Einige konnten ſich wirklich eines hohen Ranges und eines großen Vermögens rühmen; Andere waren eben⸗ ſo titel⸗ als mittellos. Viele hatten große, berühmte, hi⸗ ſtoriſche Namen; Andere wieder hatten Namen, die nur in den Annalen der Criminaljuſtiz verzeichnet waren. Alle aber waren gut gekleidet, und beſaßen, ſo viel man auf den erſten Blick ſehen konnte, das leichte Benehmen und die Haltung von Männern, die lange in guter Geſellſchaft gelebt haben. Obgleich ſie durchaus verſchiedene Zirkel be⸗ ſuchten, ſo kamen ſie wenigſtens hier jeden Tag auf dem Fuße vertraulicher Gleichheit zuſammen, und beſprachen die politiſchen und andere Ereigniſſe der Welt mit an⸗ ſcheinender Offenheit und Aufrichtigkeit. In einem Zimmerchen im Hintergrunde des Kaffee⸗ Die Daltons. II. 9 hauſes ſchien eine kleine Ebbe und Fluth von Müſſiggän⸗ gern zu ſein, während das laute, raſſelnde Geräuſch eines Würfelbechers die Art der Beſchäftigung anzeigte, der man ſich dort überließ. Das kleine Zimmer war von Zu⸗ ſchauern ganz angefüllt, und ſelbſt um die Thüre herum ſtanden Mehrere, zufrieden, Nachrichten von einem Kampfe zu hoͤren, von dem ſie keine Augenzeugen ſein konnten. „Es wäre ein gerade ſo amüſanter, und keineswegs koflſpieligerer Zeitvertreib, wenn man ſich auf den Ponte Carraja ſetzte, und Rollen voller Goldſtücke in den Arno hinauswürfe,“ ſagte eine laute durchdringende Stimme, die man, wenn man ſie einmal gehört hatte, ohne Mühe als die Haggerſtone's erkennen mußte. „Aber Onslow ſpielt gut!“ ſagte ein Anderer. „Wenn er Glück hat, mein Herr!“ ſagte der Oberſt. „Man gebe ihm ſtets das Pferd zum Reiten, das gewinnt, und ich ſage nicht, daß er den Sattel verlieren werde; aber Marafft würde auf einem Eſel gewinnen.“ „Iſt er ein Ruſſe?“ fragte Einer. „Nein, Herr, er iſt etwas Schlimmeres: er iſt ein Grieche. Ich kenne die ganze Geſchichte des Mannes. Seine Mutter war eine Finnländerin, und ſein Vater ein Cepha⸗ lonier. Ich glaube kaum, daß der Satan ſelbſt würdigere Ahnen verlangen koͤnnte.“ „Welch' erſtaunliches Glück! Beim Jupiter! Noch nie ſah ich ſolches Glück!“ ſagte eine Stimme in dem Zimmerchen.„Onslow hat„„Pech!““ „Auch Ihnen wird es ſo gehen, Herr, wenn Sie fortfahren, Ihre Meinung in engliſcher Sprache auszu⸗ drücken,“ ſagte Haggerſtone.„Maraffi ſpricht jede Sprache, ſpielt jedes Spiel, und weiß ſich jeder Waffe zu bedienen, vom Spieße und vom Bogen bis zum Säbel und zur Piſtole.“ „Es wird mir nicht einfallen, ſeine Geſchicklichkeit auf die Probe zu ſtellen,“ ſagte der Andere lachend. „Per Baccho! da iſt eiwas Neues,“ ſagte ein junger 2 5 131 Italiener von dem Fenſter her, das auf die Straße hinaus⸗ ging.„Wer iſt dieſes Frauenzimmer?“ „Diantre!“ ſagt der alte Due de Parivaux. „Das iſt in der That etwas Feines. Sie iſt von dem Wagen, der ſo eben vorüber fuhr, beſpritzt worden, und ich habe ihren Fuß geſehen.“ „Sie iſt die Prima Donna von Mailand.“ „Sie iſt die Cipriani. Ich kenne ihre Geſtalt genau.“ „Sie ſieht der Princesse de Raoule ſehr ähnlich.“ „Sie iſt größer und jünger.“ „Und hundert Mal ſchöͤner. Welche Augen! Beim Jupiter! Ich wollte, die Droſchke käme nie vom Platzel Sie iſt dort ſo gut wie eingekerkert.“ „Sie ſind doch ſehr ungalant, meine Herren,— ich muß es Ihnen ſagen,“ ſagte der junge Comte de Guil- mard,— der faeſſche Legationsſecretär, der, nachdem er ſeinen Kaffee und ſeinen Liqueur ausgetrunken, vor dem Spiegel ganz ruhig ſeine Locken unter dem Hute ordnete, —„es iſt wirklich ſehr ungalant von Ihnen, daß Keiner daran denkt, einer unbeſchützten Prinzeſſin einen Arm an⸗ zubieten. Wir Franzoſen verſtehen unſere„devoirs ge anders.“ So ſprechend, trat er auf die Straße hinaus, wäh⸗ rend die Uebrigen ſich mehr an das Fenſter hindrängten, um zu ſehen, was er thun würde. „Bravo Guilmard!“ rief Einer. Sehen Sie doch, wie er ſich ſtellt, als habe er ſie vor der Deichſel des Wagens geſchützt!“ „Sie wird keine Notiz von ihm nehmen.“—„Ja, ſie wird“—„Sie hat“—„Nein, ſie hat nicht“— „Sie geht ihm entgegen!“—„Mit nichten!“—„Sie ſpricht!“—„Da, ich ſagte es doch, daß es ihm gelingen würde“—„Aber es iſt ihm nicht gelungen!“ Unter allen dieſen Phraſen, die geſchwinder geſpro⸗ chen wurden, als wir dieſelben niederzuſchreiben vermögen, ſtieß Onslow zu der Geſellſchaft, nachdem er noch durch eine einzige unglückliche Karte eine furchtbare Summe ver⸗ loren hatte. „Iſt dieß eine ihrer Landsmänninnen, Onslow?“ fragte ein junger ruſſiſcher Adeliger.„Wenn das der Fall iſt, ſo ſcheint die entente cordiale kaum ſo ſicher, als die Staatsmänner behaupten wollen.“ Onslow warf einen Blick durch das Fenſter, und ſtürzte nach Art eines wilden Thieres mit einem Satze zur Thüre hinaus. Er warf ſich zwiſchen Guilmard und Kate. Der Franzoſe hob ſeinen Stock in die Höhe, und in demſelben Augenblicke ſtürzte er rücklings auf das Pfla⸗ ſter hin, durch den ſtarken Arm des jungen Gardiſten mehr darniedergeſchleudert, als darniedergeſchlagen. Und ehe noch die Zuſchauer hinauseilen konnten, hatte George einen Wagen herangerufen, und war, nachdem er Kate hatte einſteigen helfen, mit dieſer davon gefahren. So ploͤtzlich war Alles gekommen, und ſo groß war der Schrecken der armen Kate geweſen, daß ſie von dem, was vorging, durchaus Nichts ſah: nur ſo Viel wußte ſie, daß ſie durch George's rechtzeitige Dazwiſchenkunft vor den inſolenten Aufmerkſamkeiten des Fremden bewahrt worden war. „Hat er mit Ihnen geſprochen? Hat er es gewagt, Sie anzureden?“ fragte Onslow mit einer Stimme, die der Zorn faſt unverſtändlich machte. „Wenn er es that, fo weiß ich es nicht,“ ſagte ſie, indem ſie ihr Geſicht vor Scham bedeckte, und gegen die innere Bewegung kämpfte, die ſie beinahe erſtickte. „Er hat Ihren Arm ergriffen,— gewiß hat er Sie bei der Hand gefaßt!“ „Es geſchah Alles ſo geſchwind, daß ich Nichts ſagen kann,“ ſagte ſie ſchluchzend;„und obgleich ich den Muth nicht ſinken ließ, bis Sie kamen, ſo glaubte ich doch, daß ich ſelbſt ohnmächtig werden würde.“ „Aber wie kamen Sie allein, zu Fuße, und noch zu 133 einer ſolchen Stunde an dieſen Ort? Wo ſind Sie ge⸗ weſen?“ 4 3 Dieſe Fragen ſtellte er an ſie mit einer Art ſtrenger Entſchiedenheit, die bewies, daß keine ausweichende Ant⸗ wort ſie würde retten koͤnnen. „Sind Sie ohne einen Wagen und vielleicht auch ohne einen Diener von Hauſe weggegangen 2“ fragte er abermals, als auf ſeine vorherige Frage keine Antwort erfolgte. „Ich bin heute Morgen ausgefahren; und— und—“ „Sie haben den Wagen zurückgeſchickt?“ fuhr George ungeſtüm fort.„Und wohin ſind Sie venn gefahren? — Wo haben Sie den Tag zugebracht 7“ Kate ſenkte den Kopf ſchweigend, während es ihr war, als ob ihr vor Angſt das Herz zerſpringen wollte. „Ich frage Sie das nicht aus bloßer, eitler Neu⸗ gierde, Miß Dalton,“ ſagte er langſam und in ange⸗ meſſenem Tone.„Die Geſellſchaft, die Sie hier gefunden, iſt nicht tadellos, noch über jeden Verdacht erhaben. Ich muß wiſſen, wo und bei wem Sie geweſen ſind.— Sie wollen es alſo nicht ſagen?— Sie ſchweigen? Wenn Lady Heſter um die Sache weiß—“ „Nein, nein, ſie weiß Nichts davon! Ich allein, und ſonſt Niemand weiß davon. Ich ſchwöre Ihnen bei Allem, woran wir Beide glauben, daß die Sache nur mich allein angeht.“ 3„Und können Sie mir das Geheimniß anvertrauen? Habe ich kein Recht, Kate, von Ihnen zu verlangen, daß Sie mir die Sache mittheilen?“ ſagte er zärtlich.„Ken⸗ nen Sie Jemand, der Sie mehr und aufrichtiger befreun⸗ det, als ich? Kennen Sie Jemand, der ſo bereit iſt, Sie zu beſchützen,— Sie zu unterſtützen, oder Ihnen mit gutem Rathe an die Hand zu gehen?“ „Aber ich kann das,— ich darf das Ihnen nicht ſagen,“ ſagte ſie, die Worte herausſchluchzend. „Sagen Sie mir wenigſtens ſo Viel, daß ich die Inſolenz einer Verläumdung, die ſich an Ihre Perſon wagen würde, widerlegen kann. Ich kann nicht die ver⸗ läumderiſchen Geſchichten ruhig mit anhoͤren, die morgen, oder in ein Paar Tagen in der ganzen Stadt circuliren werden.“ „Es kann nicht ſein,— es kann nicht ſein!“— das war Alles, was ſie hervorbringen konnte. „So wählen Sie doch einen andern Vertheidiger, wenn ich es nicht ſein kann! Sie dürfen nicht unbeſchützt und unvertheidigt bleiben.“ „Ich brauche keinen Vertheidiger, Sir; Niemand wird mich zu verläumden wagen!“ ſagte ſie ſtolz. „Wie? Sie ſagen das, während ich Sie noch vor kaum fünf Minuten auf offener Straße inſultirt ſah 2⸗ Hier entſtrömte Kate's Auge eine ſchon lange zurück⸗ gedrängte Thränenfluth, und während einiger Minuten wurde ihr Schluchzen allein gehöͤrt. Endlich brach George das Schweigen, und ſagte, während der Wagen in den gewöͤlbten Thorweg des Pa⸗ laſtes einfuhr, langſam: „Ich will Sie nur noch Eines fragen, Miß Dalton, und dann ſpreche ich nie mehr von der Sache. Wiſſen Sie allein um die Sache,— welcher Art dieſelbe immer ſein mag?— oder haben Sie einen Mitwiſſer?0 „Ja,“ murmelte Kate leiſe. „Sie ſagen, Ihr Geheimniß werde von Jemand ge⸗ theilt?“ fragte er eifrig. „Ja: Mr. Jekyl wenigſtens weiß—“ „Jekyl!“ rief George leidenſchaftlich;„und iſt denn Alfred Jekyl Ihr Nathgeber und Ihr Vertreter? Genug, — Sie haben mir mehr denn genug geſagt,“ ſagte er, den Kutſchenſchlag aufreißend, als der Wagen an der Thüre hielt. Dann gab er Kate die Hand, half ihr ausſteigen, wandte ſich weg, und verließ ſie, ohne ihr auch nur„adieu“ 13⁵ zu ſagen, während Kate, mit vor Angſt faſt brechendem Herzen, auf ihr Zimmer eilte.— „Ich werde zu ſpät kommen, Nina,“ ſagte ſie, in Stimme und Miene Gleichgültigkeit affectirend, als ſie in ihr Zimmer trat; Sie müſſen mich geſchwind ankleiden.“ „Mademoiſelle muß in überaus angenehmer Geſell⸗ ſchaft geweſen ſein, da ſie ſo die Stunde vergeſſen hat,“ ſagte die andere mit einer glücklichen Keckheit, die gegen ihr gewoͤhnliches Benehmen grell ausſtach. Mehr über den Ton, als über die Worte ſelbſt be⸗ troffen, wandte Kate der Sprechenden einen Blick des Erſtaunens zu. „Die Leute ſagen, es ſei ſo leicht, ſich bei Morlache zu vergeſſen,“ ſetzte das Mädchen mit frechem Lächeln hinzuz indeſſen nahm Kate, obgleich durch die Unverſchämtheit ſchmerzlich verletzt, von dieſen Worten nicht viel Notiz. „Mademoiſelle wird natürlich dieſes Kleid nie mehr tra⸗ gen,“ ſagte Nina, indem ſie mit verächtlicher Miene das naſſe und mit Koth beſpritzte Kleld bei Seite warf, das Kate an dem Tage getragen hatte.„Wir haben ein bas⸗ kiſches Sprichwort, Mademoiſelle, über Solche, die in einem Wagen von Hauſe weggehen, und zu Fuß zurück⸗ kommen.“ „Nina, was ſollen dieſe ſeltſamen Worte, und was ſoll dieſes noch ſeltſamere Benehmen bedeuten 2“ fragte Kate mit einem Stolze, den ſie dem Mädchen gegenüber noch nie gezeigt hatte. 3 „Ich will nicht ſagen, Mademolſelle habe nicht das Recht, ihre Vertrauten zu wählen, aber die Principessa di San Martello und die Duchessa di Rivoli hielten mich ihres Vertrauens nicht für unwürdig.“ „Nina, ich verſtehe Sie weniger, denn je,“ rief Kate, die, durch all' das dunkle Myſterium ihrer Worte hin⸗ durch, immer noch den drohenden Sturm kommender Ge⸗ fahr ſah. 2 „Es iſt möglich, daß ich mich zu ſchlicht— zu plump ausdrücke, Mademoiſelle; aber man kann mir ſchwerlich einen Vorwurf machen, daß ich doppelſinnig rede; und ich wiederhole Ihnen, daß meine früheren Herrſchaften mich mit ihrem geheimen Vertrauen beehrten. Und daran tha⸗ ten fie klug; ich würde ja doch ſelbſt Alles entdeckt haben, und meine Discretion würde dann durch einen Vertrag gebunden geweſen ſein.“ „Aber wenn ich keine Geheimniſſe habe,“ ſagte Kate, ſich mit ſtolzer Verachtung aufrichtend,„und wenn ich weder des guten Rathes, noch der Discretion meiner Kammerfrau bedarf?“. „In dieſem Falle,“ ſprach Nina ruhig,„hat Made⸗ moiſelle nur ſich ſelbſt ganz umſonſt gefährdet. Eine junge Dame, die ihren Wagen und ihr Kammermädchen ver⸗ läßt, um drei Stunden bei Morlache zu bleiben, und nach Einbruch der Nacht von da zu Fuße zurückkommt, kann wahrhaftig ſagen, ſie habe keine Geheimniſſe,— ſoweit es wenigſtens die Stadt Florenz betrifft.“ „Das iſt eine Unverſchämtheit, die Sie ſich früher nie erlaubten,“ ſagte Kate leidenſchaftlich. „Und doch würde ich, wäre ich Mademoiſelle's Freun⸗ din, anſtatt deren Dienerin zu ſein, ihr rathen, dieſe Un⸗ verſchämtheit zu ertragen.“ „Ich mag ſie aber nicht ertragen!“ rief Kate un⸗ willig.„Lady Heſter ſoll alsbald von Ihrem Betragen in Kenntniß geſetzt werden.“ „Einen Augenblick, Mademoiſelle,— nur einen Au⸗ genblick!“ ſagte Nina, ſich zwiſchen Kate und die Thüre ſtellend.„Meine Zunge ſpricht oft zu viel, und ich ſage Dinge, die ich ſpäter recht bedaure: verzeihen Sie mir, wenn ich Sie beleidigt habe; ich bltte Sie demüthigſt darum; verwerfen Sie meine Rathſchläge, verſchmähen Sie meine Hülfe, wenn es Ihnen gut dünkt, aber gefähr⸗ den Sie ſich nicht ſelbſt in einem Augenblicke des Zorns. Wenn Sie ſich nur wenig zu beherrſchen wiſſen, ſo weiß ich es noch weniger; gehen Sie zu dieſer Thüre 137 als meine Feindin hinaus, und ich bleibe die Ihrige bis zur letzten Stunde meines Lebens!“ 4 Es lag in der Art und Weiſe, wie ſie dieſe Worte ſprach, ein ſeltſames, und faſt unverträgliches Gemiſch von Gefühlen; in dem erſten Augenblicke legte ſie eine verächtliche Unterwürſigkeit an den Tag, und in dem näch⸗ ſten bot ſie ihr wieder ſo hochmüthig Trotz, als ob ſie eine ihr gleichſtehende, beleidigte Perſon geweſen wäre. War das Kammermädchen zuerſt vor Zorn purpurroth geweſen, ſo war ſie jetzt todblaß, und zitterte ſte jetzt an allen Gliedern. Ihre Emotion deutete auf gewaltige Aufregung, und Kate ſtand, wie feſtgebannt, vor ihr. Ihr Zorn war ſchon vergangen, und ſie blickte faſt mit einem Gefühle des Mitleids das aufgeregte Geſicht, und den ſich heftig hebenden Buſen des ſpaniſchen Mädchens an. „Sie thun ſich und mir Unrecht, Nina,“ ſagte end⸗ lich Kate Dalton.„Ich habe zwar alles Vertrauen zu Ihrer Treue, allein ich habe keine Gelegenheit, dieſelbe zu erproben.“ „Es ſel denn ſo, Mademoiſelle!“ antwortete die An⸗ dere mit einem Knickſe. „Dann iſt Alles vergeſſen,“ ſagte Kate, eine Froͤh⸗ lichkeit affectirend, die ſie nicht fühlen konnte; und nun will ich hinabeilen, da ich mich bereits verſpätet habe.“ „Dem Fürſten wird die Zeit gar lange vorgekommen ſein, Mademoiſelle,“ ſagte das Mädchen, wobei wir be⸗ merken müſſen, daß ihr ruhiges, ernſtes Weſen den Wor⸗ ten jeden Schein von Unverſchämtheit nahm. Wenn Kate ernſt ausſah, ſo lag vielleicht eine kleine geheime Quelle der Freude in ihrem Herzen verborgen, und in dem Blicke, den ſie in ihren Spiegel warf, lag Etwas, was anzeigte, daß ſie ihres Triumphes ge⸗ wiß war. Dieſer Blick entging der luchsäugigen Nina nicht. „My Lady wartet mit dem Eſſen auf Sie, Miß 138 zaien fagte ein Diener, indem er an die Thüre klopfte. Und nun eilte Kate, während manche Unruhe in ihrer Vruſt kämpfte, in all' dem Stolze einer Liebenswürdigkeit und einer Schoͤnheit, die ſich nie mehr an den Tag legten, die Treppe hinab. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Heirathsanträge. Als Kate in den Salon trat, fand ſie, daß Lady Heſter, der Fürſt, und Mr. Jekyl auf ſie warteten. Alle dieſe Perſonen ſahen noch verdrießlicher und noch mehr gelangweilt aus, als in der Regel Leute ausſehen, die auf ihr Diner haben warten müſſen. „Alles hat ſich heute verſchworen, und will ſo lang⸗ weilig und unangenehm, wie möglich, ſein,“ ſagte Lady Heſter.„George hat geſagt, er wolle zum Eſſen kommen, und kommt nun nicht; Lord Norwood hat ebenfalls zuge⸗ ſagt, und ſchreibt mir nun, daß er ein Geſchäft habe, das ihn verhindere, ſo früh zu erſcheinen; und nun kommt auch Miß Dalton,— die ſonſt ein Muſter von Pünkt⸗ lichkeit iſt, während alle andere zu ſpät kommen,— eine volle halbe Stunde nach der Zeit. Nun, nun, meine Liebe,— keine Entſchuldigungen, keine Erklärungen über Alles, was Sie gethan,— über die tauſend Beſuche, die Sie gemacht, und die Kaufläden, die Sie durchwühlt haben. Sie haben gewiß einen elenden Tag gehabt.“ Kate erröthete tief und fürchtete, Jekyl's Auge zu „ 139 begegnen. Als Letzteres aber der Fall war, war die kleine gläſerne Kugel ſo ſanft bedeutungslos, wie nur je eine, die in dem Kopfe einer deutſchen Kinder⸗Puppe raſſelte. Selbſt als er ihr den Arm gab, um ſie in das Speiſe⸗ zimmer zu führen, war in ſeinem Blicke und in ſeinem ganzen Weſen Nichts zu bemerken, was auf ein geheimes Einverſtändniß zwiſchen Beiden hätte ſchließen laſſen kön⸗ nen. Ein Zuſchauer hätte ihn ohne Zweifel für einen neuen Bekannten gehalten. „Petits diners“ haben in der Regel den Vorzug, daß ſie angenehm find: ſie ſind die auserwählten Reu⸗ nionen weniger Vertrauten, die ihre Fröhlichkeit nicht gern auch nur durch einen langweiligen Menſchen ver⸗ wäſſern laſſen moͤchten. Auch ſind ſie glänzende Gele⸗ genheiten für jene kleinen Küchentriumphe, die in einer weiteren Sphäre nie verſucht werden koͤnnen. Epigramme, moͤgen ſie nun épigrammes d'agneau, oder ſprachlicher Art ſein, erheiſchen eine auserleſene und ſpecielle Jury, wenn ſie unterſucht werden ſollen; aber gerade in dem Maße, als der Erfolg ſolcher kleinen Partien größer iſt, iſt auch ihr Fehlſchlagen ein vollſtändigeres, wenn in Folge irgend eines Mißgeſchickes die Geſellſchaft der nöthigen frohen Laune ermangelt. Wir haben genug geſagt, um zu zeigen, daß wenig⸗ ſtens die Damen entſchuldigt werden konnten, wenn ſie nicht in der Unterhaltung die tauſenderlei Annehmlich⸗ keiten entfalteten, die alle in der einen großen Eigenſchaft, — in der Gemüthsruhe,— ihren Grund haben. Der Fürſt war verdrießlicher, denn gewoͤhnlich, indem ihm während des Morgens Mehreres vorgekommen war, was ihn unangenehm berührt hatte. Ein großer Sou⸗ verän,— den er mit Aufmerkſamkeiten überhäuft,— hatte ihm durch ſeinen Privatſecretär in einem Schreiben ſeinen Dank ausdrücken laſſen, und eine goldene Tabaks⸗ doſe beigefügt, anſtatt ihm ein Autographon und die erſte Klaſſe des Nationalordens zu ſchicken. Sein Handſchuh⸗ 140 macher in Paris hatte vergeſſen, ſeine rechte Hand groͤßer, als die linke zu machen, und es war daher ein ungeheurer, eben angekommener Packglacirter Handſchuhe völlig nutzlos. Sein„chef“ hatte ein Salmi von Ortolanen mit einer Droſſel vervollſtändigt, und gerade dieſes unglückſelige Stück hatteder Cardinal beim Frühſtücke genommen: die Folge war geweſen, daß Seine Eminenz alsbald den Teller ärger⸗ lich zurückgab. Auch hatte Rubion, ſein neunter Secretär, ſich geradezu geweigert, eine kleine danseuse zu heira⸗ then, die vor nicht langer Zeit zum erſten Male im Ballet aufgetreten war,— eine Unart und eine Empörung von ſeiner Seite, die nicht geduldet werden konnte. Fügen wir nun allen dieſen Unannehmlichkeiten noch ein unbe⸗ quemes Halstuch, und die Nachricht von einem Aufſtande in einer ruſſiſchen Provinz hinzu, wo der Fürſt ungeheuer reiche Bergwerke beſaß, ſo wird man geneigt ſein, ſeinen gereizten Zuſtand nachſichtiger zu beurtheilen. Sollen wir die Wahrheit ſagen, ſo war es Jekyl im Grunde um kein Haar beſſer zu Muthe als den drei übrigen Perſonen; wenn auch der Ocean, auf dem er ſegelte, kein großes atlantiſches Meer war, ſo war doch auf der andern Seite ſeine Barke auch nur eine Nuß⸗ ſchale:— er mußte auf ſeinem Lebenswege mit vollen⸗ deter Geſchicklichkeit und Gewandtheit verfahren, und doch war er ſelbſt dann nicht geſichert. Trotz Alles deſſen aber war er allein aufgeräumt, natürlich, und angenehm,— nicht etwa angenehm in der Weiſe eines untergeordneten Künſtlers, das heißt, nicht durch übermäßige Anſtrengungen, den Mangel an Mitwirkung von Seiten der Anderen zu er⸗ ſetzen, und ſo ihr Schweigen und ihr gedrücktes Weſen noch mehr hervorzuheben:— nein, ſeine Fröhlichkeit hatte Etwas von dem Tone der Geſellſchaft und alle ſeine beißenden Witzeleien wurden mehr inſinuirt, als geſprochen. Völlig zufrieden, wenn der Fürſt ihm zuhörte, oder Lady Heſter lächelte,— mehr denn belohnt, wenn Beide einmal über einen ſeiner Einfälle lachten,— plauderte er 141 fort über das Hof⸗ und Stadtgeſpräch, über die kleinen Scandale der Tagesgeſchichte,— und die kleinen Fehler der lieben Freunde, die ſie jede Nacht einluden. Während Jekyl ſo dem Anſchein nach damit beſchäf⸗ tigt war, die Andern zu amüſiren, war ſein wirkliches Geſchäft ein ganz anderes: er ſtudirte ihre Gedanken und verfolgte den Gang ihrer Speculationen. Schon längſt hatte er gemuthmaßt, daß der Fürſt ſich zu Kate Dalton hingezogen fühlte:— jetzt war er ſeiner Sache gewiß. Von der früheſten Kindheit an gewohnt, von jeder Seite Schmeicheleien zu hören, und überall das holdeſte Lächeln der Schönheit zu erhalten, war Midchikoff in Folge eines natürlichen Mißtrauens gegen ſolche Verführungskünſte ſtark gewaffnet, und hätte Kate den Weg der Anderen betreten und ſich die Aufgabe geſtellt, ihm zu gefallen, ſo würde ihre Niederlage gewiß geweſen ſein. Was ihr in ſeinen Augen einen ungewohnten Zauber verlieh, war ihre wirkliche, vollkommene Gleichgültigkeit in Betreff der fraglichen Sache, und es war für ihn ein total neues und überaus angenehmes Gefühl, daß man ihm nicht den Hof machte. Zu ſtolz auf ihr Dalton'ſches Blut, als daß ſie ſich durch die ſeltenen Aufmerkſamkeiten des großen Ruſſen übermäßig geehrt gefühlt hätte, goͤnnte ſie ihm nur ſo viel von ihrer Gunſt, als ſein eigenes angenehmes Weſen zu verdienen ſchien; vielleicht hätte keine abſichtliche Schmeichelei ſo glücklich ſein können! Es kam ein anderes Gefühl hin⸗ zu, das die Bewunderung noch ſteigerte, ſo er ihr zollte. Es war ein Theil jenes barbariſchen Inſtincts, der ſeine ſämmtlichen Handlungen zu beherrſchen ſchien, den Beſitz Alles deſſen zu wünſchen, was einzig in ſeiner Art war. Jene Geſtaltungen, welche die Natur in einem Exemplar hinſtellt, um dann die Form oder den Stem⸗ pel zu zerbrechen,— die waren ſeine Paſſtonen. Einen blaueren Türkiß, als irgend ein König oder Kaiſer, zu beſitzen;— ein arabiſches Pferd von einer bis daher 142 noch nie geſehenen Farbe ſein Eigenthum nennen zu kön⸗ nen;— ein Gemälde von einem Künſtler zu haben, der in ſeinem ganzen Leben nur eines gemalt,— das war ſeine Liebhaberei; mochte der Gegenſtand nun ein Edel⸗ ſtein, oder eine Vaſe, oder eine Waffe, oder ein Diamant, oder ein Hund ſein, immer wurde an ſeinen Werth ein und derſelbe Maßſtab gelegt:— er durfte nicht genau ſeines Gleichen haben. Nun aber vereinigte Kate Dalton dieſe Eigenſchaf⸗ ten mehr als irgend Etwas, was er bis dahin geſehen, in ſich. Sogar ihre Schönheit hatte etwas Eigenthüm⸗ liches; es vereinigte dieſelbe mit viel weiblicher Sanft⸗ heit und Zartheit einen Grad von Entſchiedenheit und Charakterſtärke, der für Midchikoff etwas königlich Stol⸗ zes hatte. Sie hatte eine Art fierté, die ſie vor an⸗ dern Frauenzimmern auszeichnete. Alles, was er ver⸗ mittelſt eines berühmten Titels oder einer Tiara von Diamanten hatte bewerkſtelligen ſehen, ſchien ſie in den einfachſten Coſtüm und ohne die geringſte Anſtrengung bewirken zu koͤnnen. Alles dieſes übte auf ſeine Augen eine wunderbare An⸗ b ziehungskraft aus; und wenn er ſich nicht ernſtlich verllebte, ſo kam dieß einzig und allein daher, weil er nicht wußte, wie er die Sache angreifen ſollte. Indeſſen that er, was ihm als Erſatz für die Leidenſchaft diente; es gelüſtete ihn nach einem Gegenſtande, der eine der größten Rari⸗ täten ſeiner Collectionen bilden ſollte, und deſſen Beſitz ihm weitere Anſprüche auf den Neid der Menſchen geben mußte,— auf den Neid, den er als den koſtbarſten Tribut anſah, den die Welt ihm zollen konnte. Seine Bewunderung war gleichwohl nicht abſolut: ihre Geburt war nicht hoch genug; ſeine eigene Familie noch zu neu, als daß ihm eine ſolche Heirath hätte als wünſchenswerth erſcheinen können,— und er wünſchte, ſie wäre eine koͤnigliche Prinzeſſin,— wenn auch„de la main. gauche,“— geweſen. Jekyl hatte durch unterſchied⸗ 14³ liche Anſpielungen auf iriſche Größe, ſowie auf das Blut vieler früheren Monarchen von Munſter und Connaught ſein Möglichſtes gethan; allein der Fuͤrſt war, was hiber⸗ niſche Größe betrifft, ungläubig; wahrſcheinlich hatte die Erinnerung an einen iriſchen Diamanten, der ihm einmal zum Kauf angeboten wurde, ſeinen Geiſt mit einiger Ver⸗ achtung in Beziehung auf alle iriſche Herrlichkeit erfüllt. Bei Allem dem aber erhob ſich Kate über jeden verklei⸗ nernden Einfluß, und er dachte nur noch an den Stolz, womit er ſie als ſein Eigenthum durch ganz Europa führen könnte. Wäre ſie ein Berber, oder ein Bracelet, oder ein antiker Becher, oder eine Sèvres⸗Vaſe geweſen, ſo würde er ſich keinen Augenblick beſonnen und den Kauf abge⸗ ſchloſſen haben. Die Heirath aber war eine feierlichere Verpflichtung; und er liebte einen Kauf, der mehr als bloßes Geld koſtete, nicht ſo ganz. Nichts, als die Möglichkeit, ſie ganz zu verlieren, hatte dieſe ſeine langen Scrupel überwinden können; und Jekyl hatte mit vieler Geſchicklichkeit auf eine ſolche Moͤglichkeit hingedeutet.„George Onslow's Aufmerk⸗ ſamkeiten,“ ſagte er,„ſeien offenbar genug; und obgleich Miß Dalton ſelbſt dieſelben bis daher dem Anſcheine nach nicht ermuthigt hätte, ſo ließe ſich doch nicht ſagen, welche Wirkung die Zeit und der tägliche Umgang haben könn⸗ ten. Auch wäre Norwood da, der ihr den Rang einer Pairin anbieten könnte; es ließe ſich nicht ſagen, wie ſehr ein ehrgeiziges Mädchen durch dieſen Koͤder angelockt werden koͤnnte.“ Kurz, der Fürſt hatte keine Zeit zu verlieren, und obgleich ſich mit ſeinen Gewohnheiten Nichts weniger ver⸗ trug, als Etwas, was Eile erheiſchte, ſo mußte er ſich bei dieſer Gelegenheit doch beeilen. Wenn wir bei den geheimen Gedanken der Geſell⸗ ſchaft ſo lange verweilt haben, ſo liegt der Grund in dem Umſtande, daß ihre Unterhaltung zu abgebrochen 144 und zu unzuſammenhangend war, als daß wir ſie hier aufzeichnen könnten. Sie ſprachen nur wenig, und dieſes Wenige war deſultoriſch. Eine gelegentliche Anſpielung auf irgend einen Umſtand aus dem Alltagsleben,— eine zufällige Erwähnung ihrer bevorſtehenden Abreiſe von Florenz,— einige Worte über Como und deſſen Scenerie, — das war Alles; und dann folgten, trotz aller Bemühun⸗ gen Jekyl's, deſſen Funktionen als„Schwungrad“ die Naſchine nicht im Gange erhalten konnten, lange Pau⸗ ſen, wobei Alles in ein tiefes Schweigen verſank, das allem Anſcheine nach erwünſchter war, als das Sprechen. Während dieſer ganzen Zeit ſchien Jekyl die Miſch⸗ ung von Zweifeln, Unentſchloſſenheit und Entſchloſſenheit zu ſtudiren, die Midchikoff's Geiſt erfüllte. Die ver⸗ ſtohlenen Blicke, die der Ruſſe nach Kate hin warf,— die faſt peinliche Aengſtlichkeit, womit er zu erforſchen ſuchte, ob ſie während ſeines Sprechens auch auf ihn merke,— die Sorgfalt, womit er ſie in jeder ihrer Ge⸗ berden und in jedem ihrer Worte beobachtete,— Alles das zeigte Jekyl den Kampf an, der in dem Geiſte des Fürſten vor ſich ging. Er hatte ſchon früher, obgleich in geringerem Grade, alle dieſe Symptome geſehen, wenn der Gegenſtand, nach dem es den Fürſten gelüſtete, ein Pferd oder ein Gemälde war, und Jekyl wußte gar wohl, daß Nichts, als die Furcht vor einer Concurrenz, den Ruſſen von dieſem Zuſtande des Zweifels und der Unge⸗ wißheit befreien würde. 1 Der Abend verſtrich langſam, und es war ſchon ſpät, als Lord Norwood erſchien. Mit einer kurzen Entſchul⸗ digung, daß er nicht zum Eſſen gekommen, zog er Jekyl auf die Seite und führte ihn, einen Arm um ſeinen ſchlingend, in ein anſtoßendes Zimmer. „He, Jekyl,“ flüſterte er, als ſie ſich von den An⸗ dern ſo weit entfernt hatten, daß ſie nicht mehr gehört werden konnten,„Onslow ſteckt in einer ſchönen Verlegen⸗ heit. Es hat wegen Miß Dalton einen Fracas auf der 145 Straße gegeben. Wie ſie zu ſolcher Zeit und allein da⸗ hin kam, iſt etwas Anderes; ſo viel iſt gewiß, daß George den Guilmard geſchlagen,— ja, daß er ihn, beim Jupiter, zu Boden geſchlagen hat; und morgen früh ſoll das Duell ſtattfinden. Natürlich war faſt nichts Ande⸗ res zu thun; für einen Schlag gibt es nur eine Genug⸗ thuung:— George wird ſich dem Feuer des gewandte⸗ ſten Schützen, den Europa hat, auszuſetzen haben.“ Jekyl haßte alle Duelle. Wäre er ein Mitglied des Friedenscongreſſes geweſen, ſo hätte er das Schiedsrich⸗ teramt der Waffen nicht mehr verabſcheuen können. Man mußte Partei nehmen,— Freundſchaften wurden dadurch gelost,— die Geſellſchaft litt dabei Noth,— und oft ſchloſſen ſich wegen eines Duells während einer ganzen Saiſon die angenehmſten Häuſer einer Stadt. Die An⸗ kündigung einer ſtrengen Blokade erfüllte die Kaufmann⸗ ſchaft eines Landes noch nie mit größerem Schrecken. Bei Norwood ſtellte ſich die Sache ganz anders. Nicht allein war er ein Adept in all' der Etikette und in all' dem Ceremoniell ſolcher Kämpfe; er liebte es auch, ſeinen Namen mit ſolchen Affairen verknüpft zu ſehen, als eine Art Garantie für ſeine Bereitwilligkeit, für Injurien eine ähnliche Genugthuung zu ſuchen. Schon ſeit langen Jahren hatte er ſich auf ſeine Fertigkeit als Schütze verlaſſen, und nie ließ er eine Gelegenheit vor⸗ beigehen, die Leute daran zu erinnern, daß er ſeinen Mani aus einer Entfernung von zwölf Schrittten, ſtets „liefere.“ Er erzählte daher mit dem Eifer eines Amateurs die verſchiedenen Schritte, die in der Sache bereits ge⸗ macht worden.„Merkheim, der öſterreichiſche Geſandt⸗ ſchaftsſekretär, ſei,“ ſagte er,„im Auftrage Guilmard's zu ihm gekommen, und da in einem ſo klaren Falle es Wenig zu arrangiren gebe, ſo liege die einzige Schwie⸗ rigkeit in der Wahl der Waffen.“ Die Daltons. II.. 10 146 „Der Franzoſe will ſich auf den Degen ſchlagen,“ ſagte Norwood;„und es iſt für einen Soldaten ſtets eine mißliche Sache, einen ſolchen Antrag zurückzuweiſen. Indeſſen vermuthe ich, daß George bei der einen Waffe gerade ſo viele Chancen hat, wie bei der andern.“ „Sie glauben, er werde ihn tödten, my Lord? „Ja, das glaube ich. Wäre die Beleidigung nicht ſo flagrant oder nicht ſo öffentlich gerweſen, ſo hätte er die Sache vielleicht nicht ſo ſtreng genommen. Aber ein Schlag!— Auf offener Straße darnieder geſchlagen zu werden! Ich ſehe nicht ein, wie er weniger thun ann.“ 1 „Wie wird ſich hier Alles aufloͤſen 1“ ſagte Jekyl mit einer Kopfbewegung nach dem Geſellſchaftszimmer hin. „Vermuthlich gehen ſie dann Alle nach England zurück?“ „Ich glaube es,“ ſetzte Jekyl mit traurigem Tone hinzu. 3 3„Wie ärgerlich! Die Geſchichte iſt für mich beſon⸗ ders unangenehm, da ich von George etwa ein halbes Dutzend Wechſel in Händen habe, die noch nicht fäl⸗ lig ſind; und natürlich wird der Alte nie daran denken, ſie zu bezahlen.“ 3 „Das Duell iſt alſo unvermeidlich?“ fragte Jekyl. „Gewiß. Onslow hat dafür geſorgt! Sagen Sie mir doch auch beiläufig, Jekyl, wie es kam, daß ſie zu ſolcher Stunde und allein an ſolchem Orte war.“ „Ich glaube, daß ſie verſchiedene Einkäufe gemacht und den Wagen verfehlt hat. Ich habe gehoͤrt, der Kut⸗ ſcher habe an der unrechten Thüre gehalten.“ „Bah, bah, Maſter Jekyl! Mir können Sie keinen Bären aufbinden, alter Burſche. Sie wiſſen Alles, wenn Sie es ſagen wollen.“ „Ich verſichere Sie, my Lord, daß Sie in dieſem Punkte mein Wiſſen überſchätzen.“ „Bah, bah, Sie kennen die ganze Geſchichte 147 von Anfang bis zu Ende, Jekyl. Ich moͤchte gegen das ganze Feld für Sie eintreten, mein Junge.“ Der Andere ſchüttelte den Kopf mit einer Miene hoͤchſter Unſchuld. „Dann weiß es George?“ ſetzte Norwood hinzu, halb fragend, und die Frage halb bejahend. „Vielleicht weiß er es, my Lord; indeſſen kann ich Nichts ſagen.“ „Wenn das der Fall iſt, ſo handelt er nicht ehrlich mir gegenüber,“ ſagte Norwood aufſtehend und das Zimmer durchſchreitend.„Er ſollte mir, als ſeinem Freunde, in dieſer Affaire Nichts verbergen. Gewiß können Sie doch ſo Viel ſagen, Jekyl, he? Welch' verſchloſſener Burſche Sie doch ſind!“ „Es iſt ſo leicht zu ſchweigen, wenn man Nichts zu ſagen hat,“ ſagte Jekyl lächelnd. „Kommen Sie, da iſt Etwas, was Sie mir ſagen können. Wohin führt der kleine Corridor hinter George's Zimmer? Es befindet ſich am Ende deſſelben eine Thüre, und jenſeits der Thüre wahrſcheinlich auch eine Treppe.“ „Sie führt, wenn ich nicht irre, zu Lady Heſter— nein, nun weiß ich es, ſie führt in Miß Dalton's Zim⸗ mer hinauf.“ „Ganz richtig; ich hätte darauf ſchwören können.“ „Wie ſo, my Lord?“ fragte Jekyl, deſſen Neugierde jetzt auf’s Aeußerſte erregt war. „Das iſt mein Geheimniß, Maſter Jekyl.“ „Aber die Thüre iſt ja von innen immer geſchloſſen und verriegelt, und es iſt ja außen gar kein Schlüſſelloch?“ ſagte Jelyl. „Ich laſſe mich nicht ausfragen, Jekyl. Wären Sie gegen mich offen geweſen, ſo würde ich gegen Sie ebenſo offen geweſen ſein.“ Einen Augenblick wußte Jekyl nicht, was er thun ſollte. Norwood wußte möglicher Weiſe Etwas, was 148 wirklich von großer Wichtigkeit war. Vielleicht war ſeine Entdeckung auch werthlos. Und doch mußte ihm, wenn die Sache Kate anging, Alles daran liegen, das, was Norwood wußte, zu erfahren, indem ſein großes Spiel darin beſtand, ſie zu einer Fürſtin zu machen, und dennoch ſie fortwährend ſo weit in ſeiner Gewalt zu haben, daß ſie in Wirklichkeit ſeine Sclavin blieb. „Die Dalton iſt doch ein ſonderbares Mädchen,“ ſagte Norwood.„Ich wollte, ſie hätte etwa vierzig tauſend Pfund.“ „Sie bekommt vielleicht noch mehr, my Lord,“ ſagte Jekyl trocken. „Was wollen Sie damit ſagen, Jekyl? Iſt denn etwas Wahres an der Geſchichte von dem iriſchen Ver⸗ mögen? Hat ſie wirklich Anſprüche auf das Gut? Sagen Sie mir Alles, was Sie wiſſen, alter Burſche,— und ich bin auch gegen Sie offen.“ Jekyl, der bei ſeiner Bemerkung auf Kate’s Ausſicht, von Midchikoff geehelicht zu werden, dunkel angeſpielt hatte, ſah jetzt, daß Norwood ihn total mißverſtanden, und beſchloß als ein geſchickter Taktiker, der er war, aus dieſem Mißverſtändniſſe Nutzen zu ziehen. „Kommen Sie, Jekyl, ſeien Sie offen, und halten Sie nicht länger hinter dem Berge! Was ſind ihre Ausſichten?⸗ „Sie ſind beſſer, als ich Ihnen nur geſagt, my Lord,“ antwortete er kaltblütig.„Wenn ich Ihnen auch nicht Alles ſagen, und wenn ich Ihnen auch meine Gründe nicht mittheilen darf, ſo bin ich doch ganz bereit, mein Wort dafür zu verpfänden, daß das, was ich ſage, die Wahrheit iſt,— oder, worauf Ew. Lordſhip mehr halten werden, meine Meinung durch eine Wette zu unterſtützen.“ „Beim Jupiter! Das ſind einmal Neuigkeiten!“ ſagte der Viscount, den Kopf auf das Kamin ſtützend, um nach⸗ zudenken.„Sie ſind ein ſo glatter Burſche, Maſter Jekyl, — Sie wiſſen ſich ſo zu wenden und zu drehen, daß man - ——̈⏑ʒ—ÿ—— —,— 149 bei Ihnen ſeiner Sache nie recht gewiß iſt; wenn man nun aber, größerer Deutlichkeit halber, annehmen wollte, es denke Jemand daran, aus dieſem ſchönen Mädchen eine Pairin zu machen,— hat dann die Sache keinen An⸗ ſtand,— braucht man dann nach keiner loſen Schraube zu ſehen?“ „Sie meinen in Beziehung auf ihre Geburt, my Lord?“ „Nein,— zum Henker mit ihrer Geburt! Ich meine, in Beziehung auf das Zinn.“ „Ich glaube, my Lord, daß ich Ihnen unnütze Spe⸗ culationen erſparen kann, wenn ich Ihnen ſage, daß weitere Bemühungen hier hoffnungslos wären. Der Midchikoff hat bereits einen ſchönen Vorſprung, und muß in einem leichten Galopp gewinnen.“ „Der tartariſche Kerl! Unſinn, Mann; das weiß ich beſſer. Nie wird er ein Mädchen heirathen, das nicht wenigſtens eine königliche Prinzeſſin iſt. Die Mutter des Kerls war eine Leibeigene, und er muß dieſen Flecken aus ſeinem Blute auswaſchen, ſo bald er kann.“ „Sie irren ſich, my Lord. Er will nur, ehe er ſeine Hand anbietet, erſt gewiß ſein, daß man ihm keinen Korb geben werde.“ 1 „Daß man ihm keinen Korb geben werde?“ ſagte Norwood lachend;„es iſt in ganz Europa kein Mädchen, das ſeine Hand ausſchlagen würde. Wäre auch jede De⸗ coration, die er auf der Bruſt trägt, eine Strieme auf ſeinem Rücken,— eine Strieme, verurſacht durch die Knuute,— ſo würde doch ſein Reichthum Alles zudecken.“ „Der Fürſt würde ſein halbes Vermoͤgen dafür geben, wenn er Alles deſſen, was Sie da ſagen, my Lord, ver⸗ ſichert wäre,“ ſagte Jekyl ernſt. „Beim Jupiter! man könnte ſelbſt ſo einen ſchönen Nutzen aus der Sache ziehen,“ ſagte Norwood halblaut. „He, Jekyl,“ ſetzte er lauter hinzu,„wie Viel bekommen Sie denn eigentlich?— Es liegt in dieſer Frage gewiß nichts Unverſchämtes, Mann: wir ſind zu ſehr Weltleute, als daß ſich Einer von dem Andern hinter's Licht führen ließe. Es iſt ganz klar, daß das Ihr Project iſt. Und nun ſagen Sie mir, was Sie als Schadenerſatz erhalten!“ „My Lord, Sie ſchmeicheln meinen Fähigkeiten eben ſo ſehr, als Sie gegen meinen Charakter ungerecht find.“ „Wir wollen Alles das als geſagt vorausſetzen,“ fiel Norwood ungeduldig ein,„und auf die urſprüngliche Frage zurückkommen,— auf die Frage, ob ich die Mittel habe, eben ſo freigebig zu ſein, wie der Ruſſe. Sprechen Sie ſich nur deutlich aus: es iſt unſer Beider Intereſſe, daß wir einander verſtehen.“ „My Lord, ich mag mich nicht ſelbſt inſultiren, indem ich glaube, ich verſtehe Sie,“ ſagte Jekyl ruhig. Und ehe noch Norwood ihn zurückhalten konnte, ver⸗ ließ er das Zimmer. 3 „Jekyl,— ſo kommen Sie doch zurück, Mann! So hören Sie mich doch ganz an!— Sie haben mich miß⸗ verſtanden! Verdammt ſei der Hund mit ſeiner hypokritiſchen 1 Affectation,— als ob ich nicht ſein Metier ſo gut kennete, wie das meines Schuhmachers,“ murmelte der Viscount vor ſich hin. Norwood ging ganz leiſe an die Thüre des Salons hin, und ſah hinein. Lady Heſter, der Fürſt, und Jekyl waren in ernſtem Geſpräche begriffen, während Kate allein ſaß, ſcheinbar mit ihrer Stickerei beſchäftigt, in Wahrheit aber zu ſehr in Gedanken verſunken, als daß ſie die glän⸗ zenden Farben, die ſie vor ſich hatte, bemerkt hätte. Norwood ging gleichgültig in den Salon hinein, durchſchritt denſelben, und ſetzte ſich ohne Weiteres neben ſie. Indem er ſeinen Stuhl vorwärts zog, machte ſie eine kleine Bewegung, und da ſah nun Norwood, während ſie ihre Falbel zurückzog, daß dieſelbe aus Spitzen von tiefem Schwarz beſtand. Er zog ganz kaltblütig ſein Taſchenbuch heraus, in 151. dem er das abgeriſſene Stück aufbewahrte, und ſah, als er es aufmerkſam anblickte, daß es ganz zu dem Kleide paßte. Dabei verfuhr er mit ſo vieler Behutſamkeit, und ſo gemächlich, daß mehrere Minuten verſtrichen, ehe er wieder aufſah. „Sie ſahen heute Abend ſehr nachdenklich aus, my Lord,“ ſagte Kate endlich, indem ſie es verſuchte, einer Situation ein Ende zu machen, die ihr etwas läſtig war; „ſagen Sie mir doch, woran Sie denken!“ „Ich bewundere Ihr Kleid, Miß Dalton, das mir 8 beſonders ſchön erſcheint, und Ihnen beſonders gut eht.“. „Es iſt das ein großes Lob, da es aus dem Munde eines ſo anerkannt guten Richters, wie Lord Norwood iſt, kommt,“ ſagte ſie lächelnd. „Ich ziehe es einem Kleide von antiken Spitzen vor, da dieſe, nach meinem Geſchmacke, in der Regel zu ſchwer⸗ fällig und plump ſind; ich liebe dieſe feinen und zarten Gewebe,— dieſe Gewebe, ſo leicht, und ſo ſommerfaden⸗ artig. Nicht als ob ihre Schwachheit, gleich jeder andern Schwachheit, nicht gelegentlich eine ſchwere Strafe nach ſich zöge; ſo ſehen Sie zum Beiſpiel hier, daß dieſes zer⸗ riſſen iſt.“. „Sie haben Recht,“ ſagte Kate verwirrt, nund ich habe es noch nicht einmal geſehen. Sie müſſen doch ein gar gutes Auge haben, my Lord.“ „Und auch ein gutes Ohr, Miß Dalton,“ ſagte er bedeutſam;„ich gehöre in der That zu den Leuten, deren alltägliche Fähigkeiten das erſetzen, was man bei Andern Talent, Geſcheidtheit und ſo weiter nennt. Es iſt doch Jammerſchade,“ ſagte er weiter, indem er auf das Kleid hinabſah;„Sie ſehen, Miß Dalton, was ein Fehltritt thun kann.“ 5 „Und doch kann ich mir gar nicht denken, wann dieß geſchah,“ ſagte ſie, ſich ſtellend, als verſtehe ſie ſeinen zweideutigen Ausdruck nicht. nicht mehr erinnern?— Sollten Sie wirklich nicht wiſſen, wie das kleine Unglück geſchehen?“ fragte er argliſtig. „Ich weiß es in der That nicht,“ ſagte ſie, über die Hartnäckigkeit erroͤthend, womit er bei dem Gegenſtande verweilte;„die Sache hat ja aber auch gar Nichts zu bedeuten.“ „Würde Miß Dalton es für ſehr ſonderbar halten, wenn ich im Stande wäre, ihrem Gedächtniſſe zu Hülfe zu kommen? Würde ſie den Dienſt eben ſo freundlich an⸗ nehmen, als er angeboten wurde?“ „Sie fangen wahrhaftig an, in Räthſeln zu ſprechen, my Lord!“ ſagte ſie, durch ſeine Beharrlichkeit ſich mehr, denn je, beleidigt findend. „Und doch,“ ſagte er, ſeine Gedanken weiter verfol⸗ gend,„bin ich gewiß ein eben ſo zuverläſſiger Rathgeber, als Albert Jekyl.“ Kate wurde todblaß, antwortete aber keine Silbe. „Und gewiß,“ fuhr er fort,„ſollte der Mann, der ſeine Sache ſelbſt vertritt, ſtets einem bloßen Geſchäfts⸗ träger vorgehen.“ „My Lord,“ ſagte ſie ſtandhaft,„das Wenige, was ich von Ihren Worten verſtehen kann, ſchließt eine Prä⸗ tenſion in ſich, die ich entſchieden zurückweiſen muß: Sie thun, als wüßten Sie Etwas,— und wollen einen un⸗ gebührlichen Einfluß auf mich ausüben; doch kann ich nicht glauben, daß Sie mich im Ernſt beleidigen wollen.“ „Ich will Sie natürlich nicht beleidigen,“ ſagte er; „ich bin in ganz anderer Abſicht hieher gekommen. Wenn ich im Vorübergehen auf die Vergangenheit angeſpielt habe, ſo wollte ich Ihnen damit bloß zeigen, daß Sie aufrichtig ſein können, wenn ich offen bin. Auch wir könnten, verbunden, gewiß uns ſehen laſſen,— deßhalb bin ich gekommen. Ich will damit nicht ſagen, daß der Ruſſe nicht reicher ſei,— mein Gott! daruͤber läßt ſich nicht ſtreiten;— aber doch glaube ich, daß, was den „Wie, Sie können ſich des Orts und der Zeit gar 15³3 Rang betrifft, ein engliſcher Pair keinem nachſteht. Ich brauche Sie nicht erſt an das alte Sprichwort zu erinnern, das da ſagt:„„Ein Vogel in der Hand,““— ich ſpreche Ffen⸗— ohne Rückhalt, weil Sie Ihre eigene Herrin nd.“ „Kate, kommen Sie doch einen Augenblick zu mir her, wenn Lord Norwood es erlaubt!“ rief Lady Heſter. „So ſagen Sie ja, ehe Sie gehen,— oder ſagen Sie mir, wenn Sie nicht ja ſagen wollen, ich dürfe hoffen,“ flüſterte Norwood. Sie aber ſtand auf, ohne eine Silbe zu antworten. „So laſſe ich mich fürwahr nicht abſpeiſen!“ ſagte Norwood mürriſch;„ſpielen oder zahlen,— ich kenne ſonſt Nichts!“ „Erlauben Sie mir, daß ich an Ihnen vorbeigehe, my Lord!“ ſagte Kate höflich. 3 „Nur ein Wort— ja oder nein,— Miß Dalton!“ ſagte er aufſtehend, und ſich ſtellend, als wolle er ihr Platz machen, waͤhrend er ihr immer noch den Weg verſperrte. Ein ſtolzes, verächtliches Lächeln war Alles, was ſie ihm antwortete. „Ganz gut!“ ſagte er frech;»nur vergeſſen Sie nicht, Miß Dalton, wie wir ſtehen, und daß ich das Siomin, das an Ihrem Kleide fehlt, in Händen abe.“ Und während er dieſes ſprach, machte er das Taſchen⸗ buch auf, und zeigte das Spitzenſtück vor. Ueberwältigt von einem Schrecken, den ſie ſich nicht erklären konnte, ſank ſie in ihren Seſſel zurück, unfähig, ſich zu bewegen. Norwood aber ſchlich davon, und ver⸗ ließ das Zimmer. „Liebe Kate, haben Sie mich denn ganz vergeſſen?“ ſagte Lady Heſter, die, wie Kate jetzt ſah, allein auf dem Sopha ſaß, indem Midchikoff und Jekyl ſich in eine an⸗ ſtoßende Gallerie zurückgezogen hatten, wo ſie, in leb⸗ 154 8 8 4* haftem Zwiegeſpräch, langſam mit einander auf⸗ und abgingen. „ Sie hätten nicht ſo alle Ihre Aufmerkſamkeit Nor⸗ wood ſchenken ſollen, meine Liebe. Der Fürſt iſt dadurch ganz irre gemacht worden, und es war beſonders nicht in einem ſolchen Augenblicke am Platze,— und wie feuerroth Ihr Geſicht iſt! Was hat er geſagt?“ „Ich weiß es ſelbſt kaum,“ ſagte Kate verwirrt. „Wohlan, es hat Nichts zu bedeuten, meine Liebe, weil ich Ihnen Etwas zu ſagen habe, was Sie es bald wieder vergeſſen laſſen wird. „Sie wiſſen, Kate, wie ich Ihnen ſtets wunderbare Dinge prophezeite; eben ſolche Dinge prophezeite ich früher der armen Georgina Elderton, und dann heirathete ſie einen Rajah, und ſtarb als Begum von Etwas, was auf „„Bad““ ausgeht. Ich koͤnnte zwar nun auch ſagen, daß die Sache für ſie ſelbſt, die arme liebe Perſon, ſchlecht abgelaufen ſei; denn ich glaube, daß ſie vergiftet wurde. Allein ich will mich nicht länger bei dieſer Sache aufhal⸗ ten, ſondern einfach daran erinnern, wie ich ſtets ſagte, daß auch Sie erſtaunliches Glück haben würden. So ſagte ich zu Sir Stafford. Am erſten Tage, wo ich Sie ſah, ſagte ich:„„Sie wird ihr Glück machen, wie Georgina. ℳ Und ein anderes Mal ſagte ich zu ihm:„„Sie werden dieſes Mädchen an einem ſchoͤnen Tage in einer wunder⸗ baren Stellung erblicken.““ „Nicht als ob die Männer ſich heut zu Tage mehr um ihre Frauen bekümmerten, als früher,— ich bin eher geneigt, das Gegentheil zu glauben; aber ſie haben in dieſem Augenblicke eine überaus große Paſſion für das, was ſchön iſt. Reichthum und gutes Blut waren einſt die einzigen Erforderniſſe; allein man mißachtet jetzt beide, und ſieht nur auf ein ſchoͤnes Aeußeres. Es will mich bedünken, daß dieſe Mode nicht lange dauern wird,— es wäre in der That recht abſurd, wenn ſie lange dauerte; — aber man muß, ſo lange dieſe Mode währt, daraus — — 2 15⁵ Nutzen ziehen. Gerade ſo, wie ich alle dieſe entſetzlichen alten Brokate, die von meiner Urgroßmutter herrühren, mit ihren odiöſen hochrothen und gelben Blumen trage, ſo lange man in der Kleidung dem„„Rococo⸗Genre““ huldigt; aber es werden natürlich in ein Paar Jahren die Leute wieder zu Sinnen kommen, und dann werden auch hübſche Mädchen, die kein Vermögen haben, Subaltern⸗ Ofſtzieren von der Linie überlaſſen bleiben, wie die Vor⸗ ſehung es auch haben wollte. Sind Sie nicht auch der Meinung, meine Liebe?“ Die kurze Frage am Ende dieſer langen, ſich über alles Mögliche verbreitenden Rede hätte Kate in Verlegen⸗ heit ſetzen koͤnnen, ſo daß ſie nicht gewußt hätte, was ſie antworten ſollte, wenn nicht Lady Heſter viel zu ſehr mit ihren eigenen Speculationen beſchäftigt geweſen wäre, als daß es ihr um eine Antwort zu thun geweſen wäre. Sie werden die Leute viel unſinniges Zeug über unſtandesmäßige Heirathen ſprechen hoͤren, und es werden dieſelben, der Himmel weiß wie viele, Mädchen, in der Regel iriſche, anführen, die Fürſten und Herzoge von königlichem Geblüte bekommen, und die alle recht unglück⸗ lich geworden. Glauben Sie keine Silbe davon, Theuerſte; da, wo ein großes Vermögen iſt, weiß man Nichts von uUnglück. „Die Leute, die in Sammt weinen, vergießen ſtets Roſenwaſſer⸗Thränen, welche der Haut und der Farbe nicht ſchaden. Nicht als ob ich ſo von mir ſelbſt ſprechen könnte,“ ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu;„aber ich bin ein eigenthümliches Geſchöpf. Ich hoffe zuver⸗ ſichtlich, daß die Natur nicht oft ähnliche Weſen bildet. Buccellini bat mir geſagt, ich habe ein fünftes Nerven⸗ paar:— ich verſichere Ihnen, daß er das geſagt hat. Es war etwas Arges, und er hätte mir es wohl nie ſagen ſollen; allein es erklärt dieß vollkommen die außerordent⸗ liche Senſibilität meiner ganzen Natur:— nicht wahr, meine Theure?“ 4 156 8 Kate gäb ihre Zuſtimmung durch ein ſanftes Lächeln zu erkennen, und dann fuhr Lady Heſter alſo fort: „Was ſodann die Religion betrifft, meine Theure, ſo befürchte ich wirklich, daß wir Alle viel zu wenig daran denken. Ich kann Ihnen ſagen, daß das, was ich in der Geſellſchaft ſehe, mich wahrhaft ſcho⸗ kirt. So iſt erſt an einem der vergangenen Abende noch Lady Grace Morton ſitzen geblieben, als der Cardinal mit ihr ſprach. Ich ſuchte ſie ſpäter zu entſchuldigen, und er ſagte mit einem ſo holden Lächeln: „„Wenn nur dieſe Proteſtanten uns unſere Kirchen zu⸗ rückgeben wollten, ſo würden wir es ihnen gern verzeihen, daß ſie ſitzen bleiben.““ Das„„mot““ war im Fran⸗ zöſiſchen recht artig und fein,— nicht wahr? „Natürlich werden Sie wegen der griechiſchen Kirche keine Schwierigkeiten machen; denn ich glaube, es iſt dieſelbe ganz wie die Ihrige, nur daß der Prieſter einen Bart hat, was ich für paſſender halte. Auch ſieht das liebe⸗ voll aus; es erweckt bei Einem ſtets die Idee der Hin⸗ gebung, wenn man ein Mädchen, ihrem Gatten zu Liebe, einen andern Glauben annehmen ſieht; und in der That iſt in dem langweiligen Zeitalter, in dem wir leben, eine neue Religion das einzige neue Ding, von dem man hoͤrt. „Wahrſcheinlich wird Ihre treffliche Familie,— wird die liebe Schweſter und der liebe alte Papa,— deßhalb viel Lärm machen; aber Sie wiſſen doch, wie abſurd das iſt; und wenn Sie einen Chineſen heirathen würden, dann könnte man ja gar nicht ſagen, zu welch' ſeltſamen Geſchoͤpfen Sie beten müßten. „Sie werden nach Rußland gehen müſſen, nur um ſich dort vorſtellen zu laſſen; iſt das einmal vorüber, ſo wird der Fuͤrſt die Erlaubniß erhalten, noch länger im Auslande zu bleiben. „Sollten Sie aber auch einen Winter in St. Pe⸗ tersburg zubringen müſſen, ſo wird das denn doch nicht ſo ganz unangenehm ſein. Zwar lieben dort die Frauen den — 157 Caviar und das Spiel gar zu ſehr; aber Sie koͤnnen ſich damit tröſten, daß ſie ſich gerade ſo gut kleiden, wie in Paris, und daß ſie noch beſſere Diamanten tragen. Midchikoff's Juwelen haben ihres Gleichen nicht; und jetzt, wo ich gerade daran denke, müſſen Sie mir beſtimmt verſprechen, daß Sie mir ein Ding geben wollen, woran mein Herz hängt:— es iſt ein kleines Stilett mit einem ſmaragdenen Hefte. Seit drei Jahren habe ich darnach geſchmachtet:— ich habe kein anderes Wort für mein Verlangen. Er trug es in London und ſeitdem iſt es mir nie mehr aus dem Sinn gekommen. „Sie koͤnnen recht großmüthig, recht freigebig ſein, Theuerſte. Ach wie beneide ich Sie um dieſes Ver⸗ gnügen! Und welche Wonne wird es Ihnen ſein, für den armen Papa und die arme Mary,— nein, Eliſa⸗ beth, will ich ſagen; ach nein, wie dumm, ich ſollte ſagen, für Ellen zu ſorgen. Es ſiel mir eben Etwas von Eliſabeth, der nach Sibirien Verbannten, ein. „Der Fürſt wird Alles thun, was er Ihnen an den Augen abſehen wird; und er hat bereits einige Winke fallen laſſen, daß Ihr Bruder Frank in ruſſiſche Dienſte treten müſſe. Er will ihn zum Offizier in der kaiſerlichen Garde ernennen laſſen. „Auch müſſen Sie darauf beſtehen, daß La Rocca Ihr Eigenthum,— daß es Ihnen zugeſchrieben wird. Man ſagt mir, es ſei der angenehmſte Ort in der gan⸗ zen Welt, und ich werde ſtets auf der Villa wohnen, wenn Sie ſie nicht brauchen. Ich ſpreche von dieſer Sache, weil man nie ſagen kann, wie ſich die Männer benehmen werden. Gewiß hatte ich von Sir Stafford nie das erwartet, was er mir angethan. Und dann koͤnnen Sie, wiſſen Sie, einem Ruſſen gegenüber nie zu ſehr auf ihrer Hut ſein. Sind Sie nicht mit mir einverſtanden? Wohlan, laſſen wir es gut ſein! Es kommt vielleicht einmal der Tag, wo Sie meine Anſicht theilen werden. „Aber da kommt der Fürſt, und Sie thun wohl am 158 Beſten, Theuerſte, wenn Sie ſich zurückziehen. Ich werde Sie in Ihrem Ankleidezimmer aufſuchen und Ihnen Alles ſagen.“ Und mit dieſer Verſicherung zog ſich Kate zurück; und Kopf und Herz waren bei ihr ſo voll, wie nur je bei einer jungen Dame. Sie eilte auf ihr Zimmer, als ein kurzer, geſchwin⸗ der Schritt, den ſie hinter ſich hoͤrte, Schuld war, daß ſie ſich umwandte. Was ſah fie?— Purvis, der ſich bemühte, ſie einzuholen.. „Oh, endlich habe ich Sie,“ ſagte er, nach Luft ſchnappend; und was ich habe he— e— e— e— erum jagen müſſen! Ich bin ſchon in fünf Zimmern geweſen, und faſt hätte ich mich mit der franzöſiſchen Kammerfrau der Lady Heſter prü— ü— ü— ü— ügeln müſſen. Sie iſt eine wahre T— T— T— T— Tartarin,— ja, das iſt ſie, und gab mir beinahe Ohrfeigen, weil ich in ein Kä— ä—ä—ä— äſtchen hineinguckte, worin Mylady's Lo— o— o— ocken liegen. Hal hal hal Aber ich ſah ſie doch,— zwei lange und zwei kurze, und eine Flechte für den Hinterkopf. Sie muß, wenn ſie ſich in's Bett legt, eu-— u— u— urios ausſehen!“ „Ich muß ſagen, daß Ihre Art, die Gaſtfreundſchaft zu vergelten, höchſt ſonderbar iſt,“ ſagte Kate ſtolz. „Ach, was Ga— Ga— Ga— Ga— Ga— Hier verurſachte die gewaltige Anſtrengung, die er machte, um das Wort herauszubringen, einen heftigen Huſten, der endlich mit der gezwungenen Ausſprechung der zwei letzten Sylben endigte; jedoch war er dadurch ſo ermüdet und erſchöpft, daß es ſchien, als würde er nicht fortfahren können. Endlich aber hob er wieder an: „Es iſt recht ſchön und gut, davon zu ſprechen, aber wir kamen nur durch unſere Ge— Ge— Ge⸗ Gewandt⸗ heit in's Haus; wir verdanken es wenigſtens der Ge⸗ wandtheit Zoe's.“ 159 „Weniger gutmüthige Perſonen würden ein anderes Wort dafür finden, Mr. Purvis.“ „Ja, das würden ſie. Haggerſtone nannte es eine Ricketty'ſche Kriegsliſt. Aber was thut's? Wir ſind nun einmal im Hauſe— ha! hal ha!— und er iſt draußen. Die Pr— Pr— Pr— Probe von dem Pu— Pu— Pu-— Pudding—“ „Wollen Sie mtch entſchuldigen, Sir, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie verlaſſen muß? „Gehen Sie doch nicht,— gehen Sie doch nicht! Ich muß Ihnen noch was recht Wi—— i— i— ichtiges ſagen. Zu-— u— u— uerſt müſſen Sie aber wiſſen, daß Zoe,— meine Schweſter Zoe,— Sie zu ſehen wünſcht. Der Koch iſt hoͤchſt u— u— u— u— unverſchämt gegen ſie geweſen. Sie ſagt, er habe in die Macca— Macca— Maccaroni Ingwer, anſtatt P— P— P— Parmeſankäſe gethan; alle ſeine Trüffeln ſind nur aus Piemont. Das iſt noch nicht Alles: Sie b— b.— b— brauchen nicht ſo zu eilen. Man hat uns auch andern Wein gegeben. Geſtern bekamen wir Ch— Ch— Ch— Chambertin und heute hat es Pomard gegeben. Wie ſollen wir uns das gefallen laſſen?“ „Ich ſehe wirklich nur ein Mittel, dieſem Uebel⸗ ſtande abzuhelfen, Sir,“ ſagte Kate in höhniſchem Tone. „Das hat auch Zoe geſagt; es iſt ganz und gar Ihre Anſicht. Die Dienerſchaft muß weggeſchickt werden. Zoe weiß einen recht ne— e— e— e— etten Koch. Er iſt zwa— a— a— ar kein Very,— aber er kann ein Stück O9— O— O— Ochſenfleiſch braten und macht einen c— c— c— capitalen Reißpudding, und verlangt monatlich nicht mehr als ſechs Thaler. Wäre das nicht eine ſchoͤne G— E— Erſparniß? Zoe hat ihm geſagt, daß er heute k— k— k— kommen und mit my L—L—Lady ſprechen ſolle.“ „Er wird das ſchwer finden, Sir,“ ſagte Kate trocken. „Und was den Haushofmeiſter betrifft, ſo habe ich * . in meinem Leben noch nie einen größeren C— E— Eſel geſehen; und Zoe würde Ihnen rathen, den kleinen Pier⸗ retto zu nehmen,— den Burſchen, den Sie jeden Tag im Pergola⸗Theater ſehen; er handelt mit Theaterbillets und Contremarken, die er an der Thüre verkauft. Er ſieht jetzt Zwar a— a— abgeriſſen aus, wenn er aber gut gekleidet iſt—“ „Sie müſſen einſehen,“ ſiel Kate ein,„daß dieß lauter Einzelheiten find, über die mir keine Anſicht zu⸗ ſteht; es wäre von mir undelikat und unverſchämt, wenn ich mich in dieſe Dinge miſchen wollte.“ „Mit nichten, Sie le— e— eben ja im Hauſe und find bei der F— F Familie. Wir Alle ſind jetzt in dem gleichen Bo⸗ o⸗— o— oot; und Zoe ſagt, es müſſe doch irgend Jemand daſſelbe regieren. Nun aber würde Lizetta, Zoe's Kammerfrau, die Schlü— ü— üſſel in die Hände bekommen.“ „Vergeſſen Sie doch nicht, Sir, daß dieß Lady He⸗ ſter Onslow's Haus iſt.“ „Meiner Treu! Es wird bald nicht mehr i— i— ihr Haus ſein, wenn es ſo fortgeht. Martha hat heute Morgen den Fleiſchkarren hereinkommen ſehen, und ich habe in das Bedientenzimmer hineingegn— u— uckt, als das B— e— e— edienten⸗Pack aß. Ach! Welche Ver⸗ ſchwendung, w⸗— w⸗ welch' ſündhafte—“ „Guten Abend, Mr. Purvis; ich kann mich nun nicht länger aufhalten,“ ſagte Kate. Und ehe er ein Wort herausbringen konnte, war ſie die Treppe hinaufgeeilt, und hatte ſie ihr Zimmer er⸗ reicht. Purvis aber konnte über die Unmaſſe von Din⸗ gen nachdenken, die er nicht berührt hatte, und worüber er hauptſäͤchlich mit Kate hatte ſprechen wollen. ——/ 161 Achtunddreißigſtes Kapitel. Eine Ankunft. Wir wollen in unſerer Geſchichte einige Stunden zurückgehen und der kurzen, dicken Geſtalt folgen, die, aus dem Reiſewagen im Hofraume des Palaſtes ſteigend, ſich durch die lärmende Menge der auf Bezahlung drin⸗ genden Gewerbsleute drängte, und in das Haus hinein⸗ trat. „Wie geht es Proctor,— wie befindet ſich Ihr Herr?“ ſagte der Fremde, indem er ſeinen Oberrock von ſich warf und eine ungeheure Binde vom Halſe abloͤste. „Wie befindet ſich Sir Stafford?“ „Oh, Doctor Grounſell, freut mich, daß Sie ge⸗ kommen ſind, Sir. Es wird für meinen Herrn ein wah⸗ res Vergnügen ſein, Sie wieder zu ſehen, Sir.“ „Wie befindet er ſich, Mann,— wie geht es mit dem Podagra?“ „Uebel, gar übel, Sir. Es iſt hier gar nicht gut gegangen, Doctor, ſeitdem Sie uns verlaſſen haben,“ ſagte er mit einem Seufzer. „Ja, ja; ich weiß es Alles; ich habe Alles gehört. Aber ſeine Geſundheit,— ſagen Sie mir, wie es mit ſeiner Geſundheit ſteht 7“ „Die iſt gewaltig erſchüttert, Sir. Bei Nacht kein Schlaf ohne Opium, und ſelbſt mit Opium keine Ruhe.“ℳ „Und ſeine Stimmung?“ „Auch mit der ſieht es gar übel aus, Sir. Er iſt gar nicht mehr das, was er früher war, Sir. Sie werden ihn gar nicht mehr erkennen. Kein luſtiger Die Daltons. I. 11 —O—— Scherz mehr, Sir, wenn Etwas ſchief geht, wie es doch ſonſt der Fall war; kein fröhliches Lachen mehr. Jede Kleinigkeit ärgert ihn jetzt und macht ihn ungedul⸗ dig; und er, der ſonſt von Niemand bedient ſein wollte, beklagt ſich nun immer, daß die ganze Welt ihn vernach⸗ läſſige, vergeſſe, und verlaſſe.“ „Kommt der Kapitän oft zu ihm, und bleibt er dann lange bei ihm?“ „Jeden Tag, Sir; aber dieſe Beſuche haben mehr eine üble, als eine gute Wirkung. Sir Stafford ärgert ſich über das, was im Hauſe vorgeht; und Maſter George,— ich weiß nicht, wie es kommt,— kann ihn jetzt nicht mehr beruhigen: oft wechſeln ſie zornige Worte. Dabei muß ich jedoch ſagen, daß mein Herr nicht ſelten Unrecht hat: er legt dem jungen Herrn zur Laſt, was er nicht verſchuldet hat; denn Sie ſehen, Sir, my Lady— 4 „Zum Teufel! Sprechen Sie mir von Sir Staf⸗ ford; von ihm will ich hoͤren. Liest er viel?“ „Ich muß ihm jeden Tag Alles vorleſen, was auf den Geldmarkt und die Eiſenbahn⸗Actien Bezug hat, Sir; bisweilen muß ich es ihm ſogar zwei Malvorleſenz und wenn ich ihn frage, ob es ihm nicht auch erwünſcht wäre, zu horen, was in der politiſchen Welt vorgeht, ſo ſagt er immer:„Nein, Proctor, leſen Sie mir noch ein Mal den City⸗Artikel.“ 3 „Und ſeine Briefe,— liest er die?“ „Der Kapitän liest ſie ihm vor, Sir, und ſchreibt dann und wann auch die Antworten, denn mein Herr kann keine Feder halten! Oh, Sie werden ihn nicht mehr erkennen, wenn Sie ihn ſehen! Ihn, der ein ſo wohlbelelbter und ſchöner Mann war, muß ich jetzt, ganz wie ein Kind, aus dem Bette heben und dann wieder in daſſelbe zurück tragen.“ „Hat er hier keinen Bekannten?“ „Keinen, Sir.“ 2 „Erkundigt ſich Niemand nach ſeiner Geſundheit?“ 9 163 „Doch, doch, Sir; es kommen täglich eine Menge Leute, die ſich nach ſeiner Geſundheit erkundigen: es ſind dieß Leute, denen er Geld zu geben pflegte, als er noch aufſtehen und ausgehen konnte,— arme Schauſpieler, Maler und dergleichen. Einige laſſen Bettelbriefe zurück, die ich nie übergebe; die Meiſten aber gehen wieder, ohne ein Wort zu ſagen.“ „Und ſeine hier wohnenden Landsleute: fragt von denen keiner nach ihm?“ „Nein, Sir. Die einzigen Engländer, die wir ſehen, beſuchen nur my Lady, und kommen nie in dieſen Theil des Hauſes.“ „Erkundigt ſich Miß Dalton nie nach ihm?“ „Jeden Morgen, und jeden Abend kommt ſie, Sir. Vermuthlich thut ſie das, ohne daß my Lady ſie es heißt, oder es auch nur weiß; denn als eines Tages Sir Staf⸗ ford in ſeinem Ankleidezimmer ſaß, und ich ſie fragte, ob ſie nicht herein kommen und einige Minuten bei ihm bleiben möchte, wandte ſie ſich ab, ohne eine Sylbe zu ſagen; und aus ihrem ganzen Weſen ſah ich, daß ſie weinte.“ „Was find das für Leute, die drunten ſtehen und lärmen?“ „Es ſind my Lady's Kauf⸗ und Handwerksleute, Sir. Sie haben gehöͤrt, daß ſie auf einige Wochen nach Como geht, und es ſind nun alle mit ihren Rechnungen gekommen, gleich als wollte ſie ſich aus dem Staube machen.“ „Gehen Sie zu ihnen hinunter, und ſagen Sie ihnen, ſie ſollen das Haus räumen;— machen Sie, daß ſie fortkommen, Proctor. Es würde für die Geſundheit Ihres Herrn ſehr nachtheilig ſein, wenn er das Geſchrei der Leute hörte. Sagen Sie ihnen, in ein Paar Tagen ſolle Alles bezahlt werden; Sir Stafford bleibe hier, und ver⸗ bürge ſich für Alles.“ Proctor eilte hinab, um ſich des erhaltenen Auftrages —C—— 164 zu entledigen; der Doctor aber ſetzte ſich, und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. „Armer Stafford! Iſt das der Lohn für all' Dein Zutrauen, und für alle Deine Affection? Iſt das der Lohn für Deine unbegrenzte Freigebigkeit und für Deine edle Gaſtfreundſchaft?“ Als Proctor zurückkam, erzählte er dem Doctor die verſchiedenen Ereigniſſe, die während ſeiner Abweſenheit ſich zugetragen hatten. Die meiſten kannte Grounſell be⸗ reits; und es höorte derſelbe die Einzelheiten ohne Ueber⸗ raſchung und kaltblütig an. „So iſt es,— ja, ſo iſt es,“ murmelte er vor ſich hin;„es mag in unſern engliſchen Sitten mehr Heuchelei herrſchen,— es mag bei uns ein größerer Schein von Tugend ſein; aber gewiß geſchehen dieſe Dinge bei uns nicht ſo, wie wir ſie hier ſehen. Es moͤchte ſcheinen, daß ſogar in der Luft des Landes etwas Entnervendes liegt; denn wie wäre es ſonſt möglich, daß ein Mann, wie er, in dieſe alberne Apathie verfiele! Wann kann ich ihn ſprechen, Proctor?“ „Er ſchlummert jetzt ein Bischen, Sir; allein um Mitternacht wacht er auf, und dann verlangt er ſeine Medicin. Wenn Ihnen das nicht zu ſpät iſt—“ „Zu ſpät für mich! Ei, weßhalb bin ich Tag und Nacht,— ohne einen Augenblick auszuruhen,— hieher gereist? Seien Sie indeſſen vorſichtig in der Art, wie Sie mich anmelden; vielleicht wäre es beſſer, wenn ich den Kapitän zuerſt ſpräche.“ „Sie werden ihn um dieſe Stunde ſchwerlich zu Hauſe finden, Sir; gewoͤhnlich kommt er erſt zwiſchen drei und vier Uhr Morgens nach Hauſe.“ „Führen Sie mich in ſein Zimmer! Ich will ihm ein Paar Zeilen ſchreiben für den Fall, daß ich ihn nicht treffen ſollte.“ Proctor begleitete den Doctor über den Hofraum hin, führte ihn eine kleine Treppe hinauf, und kam endlich auf 16⁵ der Terraſſe an, auf welche das Appartement George Onslow's hinausging. Die Fenſterjalouſien waren nicht geſchloſſen, die Vorhänge nicht zugezogen; und in dem hellen Lichte mehrerer Kerzen, die in dem Zimmer brann⸗ ten, konnte Grounſell zwei Geſtalten ſehen, die an einem Tiſche ſaßen, und eifrig mit der Unterſuchung der Einzel⸗ heiten eines kleinen Kiſtchens mit Piſtolen, das vor ihnen lag, beſchäftigt waren. „Ich brauche Sie nun nicht weiter, Proctor,“ ſagte Grounſell;„Sie koͤnnen nun gehen. Um zwolf Uhr bin ich wieder bei Ihnen.“ Alſo ſprechend, ſchob er ihn ſanft nach der Thüre der Terraſſe hin, die er hinter ihm ſchloß und verriegelte; dann ging der Doctor geräuſchlos an ſeinen früheren Platz zurück. Es gab wenige Dinge, die Grounſell weniger liebte, als das Spioniren. Er verabſcheute das gründlich; auch glaubte er nicht, daß es ſich vertheidigen oder bemänteln laſſe. Indeſſen müſſen wir hier ſogleich bemerken, daß er vermöge ſeines ganzen geiſtigen Zuſtandes ſein Leben lang nur eine geringe Meinung von ſich ſelbſt gehabt hatte. Die beſchränkte Sphäre ſeiner Pflichten, die beſcheidene Routine ſeines täglichen Berufes, und die äußerſt wenigen Freundſchaften, die es ihm gelungen war anzuknüpfen,— Alles dieſes verſtärkte noch dieſe Meinung, bis er ſich am Ende als einen Menſchen anſah, der ſich nur dadurch nützlich machen koͤnne, daß er ſeine perſoͤnlichen Gefühle opfere, und auf alle Selbſtachtung verzichte; und ſo würde er es verſchmäht haben, einen Andern wegen Eigenſchaf⸗ ten kennen zu lernen, die ihm an ſeiner Perſon ganz un⸗ wichtig ſchienen. Sein Fehler beſtand nicht darin, daß er von Andern zu gut, ſondern darin, daß er von ſich ſelbſt zu gering dachte. Die Scene, die er jetzt vor Augen hatte, reichte hin, um ihm tiefe Angſt einzuflößen. Briefe und andere Pa⸗ piere lagen auf dem Boden und auf dem Tiſche umher; 166 im Kamine konnte man die ſchwarzen Ueberreſte eines großen Papierfeuers ſehen; überall zeigten ſich offene Schubladen und Kiſtchen; Alles das wies auf Vorberei⸗ tungen hin, deren Gegenſtand das Kiſtchen mit Piſtolen zur Genüge andeutete. Da die Geſtalten dem Fenſter den Rücken zuwand⸗ ten, ſo konnte Grounſell nicht ſehen, wer die beiden waren; allein die Stimme einer der Geſtalten gab ſich als die George Onslow's zu erkennen. „Und wo iſt denn der Ort,— auf dem Wege nach Arezzo?“ fragte er. „Nein; er liegt auf der entgegengeſetzten Seite der Stadt,— in einiger Entfernung von der nach Bologna führenden Chauſſee. Es iſt ein kleiner Park, der einen Sommerpalaſt des Großherzogs umgibt: man nennt ihn Pratolino,“ ſagte der Andere.„Alle ſind darin einig, daß es der beſte Ort ſei, den man finden koͤnne; es iſt da keine Beläſtigung, keine Einmiſchung irgend einer Art zu befürchten; und endlich kann man in dem Gaſthauſe ein kapitales Frühſtück von friſchen Forellen haben.“ „Eine höchſt intereſſante Rückſicht für diejenigen, die einen guten Appetit haben,“ ſagte Onslow lachend. „Noch nie habe ich einen Franzoſen geſehen, dem es bei einer ſolchen Gelegenheit an Appetit gefehlt hätte,“ erwiederte der Andere, und ließ den Hahn der Piſtole niederfallen, während er ſprach.„Ich liebe dieſe ſteifen Cols; man iſt ſeines Mannes faſt immer gewiß, wenn man den Arm ſteif hält und nieder zielt.” „Ich glaube nicht, daß ich Etwas vergeſſen habe, Norwood,“ ſagte Onslow, ſich erhebend, und das Zim⸗ mer mit übereinandergeſchlagenen Armen durchſchreitend. „Haſt Du auch an den Alten geſchrieben?“ 8 „Ja; auch habe ich der Wechſel Erwähnung gethan,“ ſagte Onslow mit einer höhniſchen Strenge, die der An⸗ dere gar nicht zu bemerken ſchien.„Du biſt geſichert, was auch geſchehen mag.“ 167 „Zum Henker, Mann, ich dachte gar nicht daran; zum Teufel mit dem Gelde, es kam mir auch nicht einen Augenblick in den Sinn!“ „Mein Vater wird es zahlen,“ ſagte George trocken, und fuhr fort, im Zimmer auf⸗ und abzugehen. „Da Du der Sache einmal Erwähnung gethan haſt, ſo haſt Du hoffentlich davon als von einer Anleihe ge⸗ ſprochen:— Alles, was einer Spielſchuld nur entfernt gleich ſieht, erinnert die Leute an eine Menge ſcandalöſer Geſchichten.“ „Ich habe es eine Schuld genannt,— und mehr braucht es nicht.“ „Ganz recht,— wie es Dir beliebt. Und nun wol⸗ len wir von dem Mädchen ſprechen. Willſt Du dieſes Myſterium fortdauern laſſen, oder glaubſt Du, daß unter den bewußten Umſtänden Lady Heſter ſie immer noch als eine Freundin und Gefährtin bei ſich behalten ſolle?“ „Ich weiß von Nichts, was ihr zur Unehre gereichen koͤnnte; auch habe ich noch Niemand gefunden, der ihre Chre anzutaſten gewagt hätte. Daß es Dinge gibt, die ſie mir nicht anvertrauen mag, iſt noch kein Grund, ſie zu verdächtigen.“ „Es macht Dir viele Chre, ſo zu ſprechen, George; allein ich muß geſtehen, daß das mehr iſt, als ſie von Dir verdient.“ „In wie fern 2 „Sie hat im Sinne, den Ruſſen zu nehmen:— das iſt Alles.“ „Gut,— und warum denn nicht? Würde nicht eine ſolche Heirath eine brillante Partie für ein Mädchen bn Weit höherm Range, von weit größeren Prätenſionen ſein?“ „Wozu alle dieſe Spiegelfechtereien, Mann?“ ſagte Nor⸗ wood halb zornig.„Ich weiß beſſer, wie die Sachen ſtehen. Erinnerſt Du Dich noch der Nacht, in der Du im Macao ſo ſchwer Geld verloren haſt? Wohlan! Ich lag auf 168 dem Sopha dort, ohne ein anderes Licht, als das des Feuers, als die Thüre aufging, und ſie ſachte hereintrat.“ „Wie, Kate Dalton?“ „Ja, Kate Dalton. Ohl unmöglich, wenn Du willſt; — leugne es, ſo viel Du willſt; ſie aber beſitzt nicht ſo viel Keckheit,— das kann ich Dir ſagen; und wenn ſie auch ſolche Keckheit beſäße, ſo würde es ihr doch nicht viel nützen: hier iſt der Beweis, der ſie verdammen könnte. Dieſes Stück von ihrer Spitzenfalbel blieb in der Thüre zurück, als ſie dieſe bei ihrer Flucht zuſchlug; und erſt heute Abend habe ich es mit dem ftaglichen Kleide ver⸗ glichen; noch mehr, ich zeigte ihr die Stelle an ihrem Kleide, an die es gehörte.“ Zwei Mal mußte Norwood ſeinem Freunde George dieſe Geſchichte erzählen; dann ſetzte er ſich, von Kummer und Scham überwältigt. „Du ſchwörſt mir alſo, Onslow, daß Du ſie nie hier geſehen,— daß Du nie um ihr Kommen gewußt?“ ſagte er nach einem langen Schweigen, das zwiſchen beiden geherrſcht hatte. „Nie, ich ſchwöre es!“ ſprach der Andere feierlich. „Dann iſt ein Anderer der Glückliche,— das iſt Alles. Wie gut wäre es, wenn es ſich herausſtellen ſollte, daß es Jekyl iſt!“ fnn Und er lachte herzlich über die Abſurdität des Ein⸗ alls. „Nichts mehr davon!“ ſagte Onslow leidenſchaftlich. „Der Ton der Geſellſchaft, in der wir hier leben, möchte jede, ja, jede Beſchuldigung zu rechtfertigen ſcheinen, und ſei das Leben des Beſchuldigten auch noch ſo rein; auch kenne ich keine größere Erniedrigung, als die Leichtigkeit, womit wir daran glauben. In dieſem Falle aber iſt mein Gewiſſen ruhig, und ich weiſe mit Verachtung ſchon den Gedanken zurück, daß die Ehre dieſes Mädchens bezweifelt werden könne.“ „Solche Geſinnung macht mehr Deinem ritterlichen 169 Sinne, als Deinem Verſtande Ehre, George,“ ſagte der Viscount ſarkaſtiſch.„Da Du aber im Begriffe biſt, Dein Leben für ihre Chre in die Schanze zu ſchlagen, ſo vermag ich Deine Aufrichtigkeit nicht anzufechten.“ Eine haſtige Bewegung George’s nach dem Fenſter hin beunruhigte hier Grounſell: er zog ſich geräuſchlos zurück, und ging wieder die Treppe hinab. „Ich finde hier eine ſchöne Maſſe von Noͤthen,“ murmelte er, indem er den Hofraum durchſchritt.„Schul⸗ den, ein Duell, und Krankheit,— das ſind die Freuden, die mich bewillkommen; und dieſe ſind vielleicht noch nicht die ſchlimmſten. Wenn man aber die Urſachen derſelben erſt erführe!“ „My Lady hat ſo eben von Ihrer Ankunft gehört, Doctor, und läßt Sie erſuchen, in ihr Zimmer hinaufzu⸗ kommen,“ ſagte Proctor, ihm entgegengehend. „Ich bin müde,— ich bin ganz abgemattet. Sagen Sie, ich ſei im Bette,“ ſagte Grounſell zornig. „Ihr Kammermädchen hat Sie ſo eben geſehen, Sir,“ wandte Proctor ſanft ein. „Thut Nichts; geben Sie ihr dieſe Antwort, oder, warten Sie,— vielleicht wäre es doch beſſer, wenn ich ſie ſpräche. Ja, Proctor, zeigen Sie mir den Weg!“ Und während er die Worte vor ſich hin murmelte: „Die Zuſammenkunft wird für ſie um kein Haar ange⸗ nehmer ſein, als für mich,“ folgte er dem Diener die Treppe hinauf. Obgleich Grounſell an die extravaganten und koſt⸗ ſpieligen Liebhabereien Lady Heſter's ſchon längſt gewöhnt war, ſo hatte er doch nicht die prächtigen Decorationen und herrlichen Verzierungen der Zimmer erwartet, durch die er kam, und er blieb von Zeit zu Zeit verwundert ſtehen, um eine Pracht zu betrachten, die durch das un⸗ gewiſſe Licht der Kerzen, welche der Diener trug, wahr⸗ ſcheinlich eher erhöht, als vermindert wurde. Er blickte die Porzellanvaſen an; er fuhr mit der Hand über die 170 aus Malachit und Jaſpis beſtehenden Tiſche hin; er unter⸗ ſuchte genau die reichen Moſalkarbeiten, als wenn er an ihrer Aechtheit zweifelte; und dann ging er traurig,— mit einem tiefen Seufzer,— mit einem Seufzer, der faſt ſo tief war, daß er für ein Stöͤhnen gelten konnte,— weiter. Sein Auge traf auf eine Büſte von Kate Dal⸗ ton,— die Arbeit eines großen Bildhauers, und überaus naturgetreu,— und er ſchaute ſie mit allen Zeichen einer ſtarken inneren Bewegung an. Es lag in der Büſte viel Schönheit,— viel eigenthümliche Schönheit; aber doch hatte der kalte Marmor in Zügen, die ſtrenger waren, als beim Original, die ambitiöſe Haltung des Kopfes und die ſtolze Erhebung der Stirne aufgefaßt. „Und ſchon iſt ſie das geworden!“ ſagte er halblaut. „Oh, wie unähnlich dem Modell der armen Nelly! Wie verſchieden von der einfachen und ſchönen Unſchuld jener Heiligenzüge!“ „My Lady erwartet Sie, Sir!“ ſagte Cüöleſtine, ſeine Betrachtungen unterbrechend. Und er folgte ihr in das Zimmer nach, wo Lady Heſter, in all' der Vollkommenheit eines eleganten Desha⸗ billé, in einem mit einer Menge von Kiſſen verſehenen Seſſel lag. Grounſell war gewiß nicht der Mann, der ſich von ſolchen Reizen ganz beſonders hinreißen ließ; und dennoch konnte er nicht ganz unempfindlich gegen dieſelben bleiben: es bemächtigte ſich ſeiner ein höchſt ſonderbares Gefühl der Bewunderung, während er ſie muſterte. Mit all' dem Scharfblicke einer Frau ſah ihre Lady⸗ ſhip die Wirkung, die ſie hervorgebracht: ſie ſtreckte ſchmachtend ihre Hand aus, und hieß ihn mit einem Lächeln, womit ſie ihn früher nie begünſtigt hatte, näher kommen, — ſo nahe, als ihm noch nie vergönnt worden war. Gleich als erinnerte er ſich mit einem Male wieder aller ſeiner alten Antipathien und Vorurtheile, war Groun⸗ ſell in einem Augenblicke wieder der Alte. 171 Kaum die ſpitzen, und von Ringen und Cbelſteinen ſtrotzenden Finger berührend, verbeugte er ſich ceremoniös, und nahm in einiger Entfernung von ihr Platz. „Fürwahr, das iſt ein recht unerwartetes Vergnügen,“ ſeufzte Lady Heſter;„Sie ſind erſt heute Abend ange⸗ kommen?“ „Vor einer halben Stunde, Madamez und hätte mich 35 Ladyſhip nicht rufen laſſen, ſo läge ich bereits im ette.“ „Wie finden Sie Sir Stafford? Er ſieht, fürchte ich, gar elend aus.“ „Ich habe ihn noch nicht geſehen, Madame, mache mich aber drauf gefaßt, ihn ſehr verändert zu ſehen.“ „Ich befürchte es,“ ſeufzte ſie in klagendem Tone; „George ſagt, es ſei eine vollſtändige Aufloͤſung, und Bue⸗ cellini nennt es„„Gotta Affievolita,““ und ſagt, es ſei dieſelbe bei ältlichen Perſonen ſehr gefährlich.“ „Die gewoͤhnliche Phraſe„„Gebrochenes Herz““ iſt weit ausdrucksvoller, Madame, und vielleicht ebenſo patho⸗ logiſch richtig.“ Lady Heſter richtete ſich ſtolz auf, und ſchien ſich auf einen Kampf vorzubereiten. Sie waren alte Feinde, und Jedes kannte die Angriffsweiſe des Andern gar gut. In dem vorliegenden Falle indeſſen ſuchte Grounſell keinen Streit, und begnügte ſich mit einem einzigen Schuſſe, den er auf den Feind abfeuerte, gleich als wollte er die Trag⸗ weite ſeines Geſchoſſes erproben. 1 „Wahrſcheinlich werden Sie zu einer Luftveränderung rathen, Doctor Grounſell,“ ſagte ſie ruhig, und gleich als ſuchte ſie ihrerſeits jeden Streit zu vermeiden. „Gerade deßhalb bin ich gekommen, Madame,“ ant⸗ wortete er mit kurzer, trockener Stimme.„Sir Stafford's Angelegenheiten erheiſchen ſeine alsbaldige Rückkehr nach England. Die Wechſelfälle, die im Gefolge großer com⸗ merzieller Unternehmungen kommen, bedrohen ihn mit großen,— ja ſehr großen Verluſten.“ 172 Lady Heſter ſank in ihren Seſſel zurück, und dieſes Mal wenigſtens waren ihre blaſſe Wange und ihre ohn⸗ mächtige Haltung nicht erheuchelt; allein Grounſell be⸗ ſchränkte ſich darauf, ihr ein auf dem Tiſche ſtehendes Riechfläſchchen zu überreichen, und fuhr alſo fort: „Seine Verbindlichkeiten laſſen ſich nicht mit einem Male genau ermitteln; es müſſen indeſſen dieſelben bedeu⸗ tend ſein. Er wird ſich glücklich ſchätzen müſſen, wenn ihm ein Viertel ſeines ganzen Vermögens bleibt.“ Lady Heſter's Haupt fiel ſchwer zurück, und ſie fiel in eine Ohnmacht. Der Doctor ſtand auf, beſprengte ihre Stirne mit Waſſer, und ſetzte ſich dann ruhig zu ihr hin, während ſein Finger auf ihrem Handgelenke lag, um ſich von der Rückkehr der Fluth der Circulation zu vergewiſſern. Als er endlich ſah, daß ihr Bewußtſein zurückgekehrt war, fuhr er fort: „Ein kleines Haus,— ſtricte Sparſamkeit,— genaue Ueberwachung aller häuslichen Anordnungen, wird, im Vereine mit dem Erlös aus alten nutzloſen Lumpereien, von denen er jetzt umgeben iſt, Viel thun; aber er muß dabei unterſtützt werden, Madame,— ich ſage, er muß dabei unterſtützt und in ſeinen Plänen und Einrichtungen nicht gehindert,— es darf ihm dabel nicht entgegenge⸗ arbeitet werden. George kann ſeine Stelle gegen eine andere in einem indiſchen Regimente vertauſchen; ſchon ſind zu dieſem Zwecke die nöthigen Schritte gethan worden.“ „Haben Sie, da Sie ſich dieſer Familie ſo ſehr an⸗ nehmen, auch daran gedacht, ein kleines Haus zu Brigh⸗ ton für uns zu miethen?“ „Ich habe zu Ramsgate eines geſehen, Madame,“ antwortete er trocken;„aber die Hausmiethe, die verlangt wird, iſt für uns zu groß.“. „Sind wir denn wirklich ſo arm, Sir?“ ſagte ſie, das Fürwort ſarkaſtiſch betonend. 173 „Viele treffliche und würdige Perſonen, Madame, konnen ganz anſtändig von einem noch geringeren Einkom⸗ men leben.“ „Soll Miß Onslow eine Gouvernantenſtelle ſuchen, Doctor? Ich fürchte, Sie haben ſie ganz vergeſſen.“ „Ich habe von ihr einen Brief in der Taſche, Madame, der zeigt, daß ſie ſich ſolche Vergeßlichkeit nicht zu Schul⸗ den kommen läßt: ſie macht darin gerade den Vorſchlag, auf den Sie anſpielen.“ „Und ich? Haben Sie keine Sphäre der Selbſtver⸗ leugnung und der Pflicht,— haben Sie keine erniedrigende Stellung, keine gemeine Knechtſchaft, die meinen Ge⸗ wohnheiten angemeſſen wäre?“ „Ich kenne keine, Madame,“ ſagte Grounſell ernſt. „Der Firniß allein macht ebenſo wenig ein Gemälde, als feine Manieren einen Erſatz für Geſchicklichkeit oder Fleiß bilden.“ „Das iſt in der That zu viel, Sir,“ ſagte ſie auf⸗ ſtehend und mit einem vor Zorn purpurrothen Geſichte; „und wenn auch Alles wahr iſt, was Sie da geſagt haben, ſo kann doch das Unglück keine härtere Strafe bringen, als die Ausſicht auf Ihre Freundſchaft und auf Ihre aufdringlichen Rathſchläge.“ „Sie brauchen dleſelben vielleicht nicht, Madame⸗ Im Unglücke,“ ſagte Grounſell lächelnd,„functionirt ein geſunder Magen recht gut ohne Bitterwein.“ So ſprechend verbeugte er ſich, und verließ er das Zimmer. Einige Augenblicke blieb Lady Heſter noch unter dem darnieder drückenden Einfluſſe der Neuigkeiten, die ſie ſo eben gehört; dann ſtand ſie plötzlich auf und läutete ihrem Kammermädchen. 1 „Schicken Sie Miß Dalton zu mir, Cöleſtine! Sa⸗ gen Sie ihr, ich wünſche ſie alsbald zu ſprechen!“ ſagte ſie.„Es iſt dieß vielleicht das letzte Mal, daß wir mit 174 einander ſprechen, ehe wir unſere Stellung gegenſeitig vertauſchen,“ murmelte ſie vor ſich hin. Und in der heftigen Aufregung, die ihre Geſichtszüge ausdrückten, konnte man all' die Qualen leſen, welche für ſie in dieſem Gedanken lagen. Nennunddreißigſtes Kapitel. Pratolino. Wie gleicht doch die ganze große Welt jedem Theil⸗ chen derſelben! Wie voll iſt jedes von allen ihren Lei⸗ denſchaften und Intereſſen, von ihren ſich bekämpfenden Eiferſüchteleien und ihren ſelbſtiſchen Kämpfen! Im Pa⸗ lazzo Mazzarini war an jenem Abende jede Gemüths⸗ bewegung und jedes Gefühl rege, welche die großen menſchlichen Geſellſchaften beherrſchen; und es ſaßen die Hoffnung und die Furcht, der kühne Chrgeiz und die düſteren Ahnungen der Verzweiflung, neben dem Bette Derjenigen, die vergebens den Schlaf herbeiriefen und ſich ſelbſt zu vergeſſen ſuchten. Noch ehe dieſe Nacht vergangen war, hatte Sir Stafford ſeinen Ruin erfahren,— denn ſeine Verluſte waren kaum weniger. Kate hatte den dringenden Bitten der Lady Heſter nachgegeben und hatte ſich endlich bereit erklärt, die Hand Midchikoff's anzunehmen; und gerade als der Tag graute, ſchlich ſich George Onslow an das Bett ſeines Vaters, um ihn noch ein Mal,— vielleicht zum letzten Male zu ſehen! 175 Es wäre ſchwer zu ſagen, in welchem von dieſen drei Herzen der düſterſte Kummer brütete! Mit leiſem Tritte und mit behutſamer Geberde durchſchritt George. das kleine Arbeitszimmer ſeines Va⸗ ters, um in deſſen Schlafzimmer zu treten; und ohne den Diener aufzuwecken, der gewöhnlich im Vorzimmer wachte, jetzt aber eingeſchlummert war, erreichte er das Bett Sir Stafford's, und ſetzte ſich. Die furchtbaren Nachrichten, die Sir Stafford in dieſer Nacht gehört, hatten augenſcheinlich einen gewal⸗ tigen Eindruck auf denſelben gemacht, und beſchäftigten, trotz allen Einfluſſes ſeines Opiats, immer noch ſeinen Geiſt; denn ſeine Lippen fuhren fort, ſich raſch zu be⸗ wegen, und unaufhörlich kamen kurze, abgebrochene Phra⸗ ſen aus ſeinem Munde. „Der arme George! Der arme George!“ murmelte er von Zeit zu Zeit, und es liefen dem jungen Manne die Thränen über die Wangen herab, als er dieß hörte. „Wie unwürdig bin ich ſeiner geweſen!“ dachte erz „wie ſchändlich unwürdig und vergeßlich! Hier wäre mein Platz geweſen in den Stunden, die ich in geräuſchvol⸗ len Ausſchweifungen verbracht habe; und nun komme ich zum erſten und wahrſcheinlich auch zum letzten Male! Oh, mein armer Vater! Wie wirſt Du den Schlag er⸗ tragen, der Deiner wartet?— Denn ich weiß, wie ſehr Du mich, trotz aller meiner Fehler, geliebt haſt.“ Eine ſchwere Thräne ſtel, indem er dieß ſagte, von ſeiner Wange auf die des Greiſes herab, und indem er dieſelbe mit ſeiner Hand ſanft abwiſchte, öffnete Sir Staf⸗ ford die Augen und erwachte. Ein mildes Lächeln erhellte ſeine Züge, als er ſeinen Sohn neben ſich ſah: er zog ihn zu ſich hin und küßte ihn. „Biſt Du ſchon lange hier, George?“ fragte er liebevoll. „Erſt ſeit wenigen Minuten. Es thut mir ſo leid, Sie in Ihrem Schlafe geſtört zu haben,“ murmelte der Andere verwirrt. „Haſt Du Grounſell ſchon geſehen? Hat er Dir es ſchon geſagt?“ fragte Sir Stafford. „Grounſell?— Nein, Sir. Ich habe nicht einmal von ſeiner Ankunft gehoͤrt. Welche Neuigkeiten bringt er?2 „Die traurigſten vielleicht, die ein Freund dem andern bringen kann,“ ſeufzte Onslow, indem er ſeine Augen mit der Hand bedeckte.„Doch nein, nein,— ich habe Unrecht,“ ſagte er raſch.„So lange Sydney und Du mir bleibſt, habe ich kein Recht, ſo zu ſprechen; und doch iſt es, George, ein furchtbarer Schlag, wenn ein Mann plötzlich ſein Vermoͤgen verliert, und wenn das Schickſal ihm, anſtatt des Reichthums und der Macht, Nichts übrig läßt, als Armuth, Ruin, Unbedeutenheit!“ „Guter Himmel, Vater! Phantaſtren Sie? Welche Phantaſten beſchäftigen in dieſem Augenblicke Ihren Geiſt?“ „Traurige und ernſte Wahrheiten, mein armer Sohn,“ erwiederte der Greis, die Hand ſeines Sohnes fieberhaft ergreifend.„Noch einige Wochen, und das große Ons⸗ low'ſche Haus iſt bankerott. Dieſe Dinge können nicht zu kurz geſagt werden, George,“ ſagte er, mit zitternder Geſchwindigkeit und voller Eifer ſprechend.„Man ſollte ſein Unglück frühe genug hören, um zu künftigen Maß⸗ regeln mehr Zeit zu gewinnen. Die Capitaliſten und der Kaufmannsſtand Englands haben einen furchtbaren Schlag erhalten. Die coloſſalen Eiſenbahn⸗Speculatio⸗ nen konnten nicht länger ſo fortgehen; Falliments gro⸗ ßer, auswärtiger Häuſer haben die Schwierigkeit der Lage noch vermehrt. Die Geſchäftsfreunde, deren Zah⸗ lungsfähigkeit wir nie bezweifelten, halten ſich nur noch mit Mühe und gehen ihrem Ruin entgegen. Jede Poſt bringt uns Nachricht von einem neuen Falliment; und von Odeſſa, Hamburg und den Häfen des baltiſchen Mee⸗ 177 res, bis zu den Ufern der neuen Welt ſieht man Nichts, als maſſenhaften Bankerott.“ „Aber Sie haben ja ſchöne Güter, Sir; Sie haben Beſitzthümer verſchiedener Art, die von dieſen Wechſelfällen nicht berührt werden.“ „Ich beſitze Nichts, worauf meine Gläubiger keine gerechten Anſprüche hätten; auch koͤnnte ich ja ſolches Eigenthum nicht behalten, George, ſelbſt wenn ich wel⸗ ches hätte,“ ſagte der Greis.„Wie mir Grounſell ſagt, ſo wird ſo viel da ſein, daß alle Forderungen befriedigt werden können,— aber nicht darüber. Es wird Nichts übrig bleiben!. „Lady Heſter wird natürlich ihr Leibgedinge in den Stand ſetzen, ein ſorgenfreies, obwohl beſcheidenes Leben zu führen; wir aber— Du und ich— müſſen uns umthun und ſehen, wie wir der nämlichen Welt, der wir ſo lange Gaſtmähler und Feſte gegeben haben, in's Geſicht ſchauen koͤnnen. „Wohl wird meine Zeit in dieſer Welt nur noch kurz ſein; Du aber, der Du wohl noch vielen Lebens⸗ jahren entgegenſehen kannſt, mußt nun ohne Weiteres an den neuen Pfad denken, der vor Dir liegt. Ermanne Dich daher, und ich weiß nicht, ob ich nicht noch ſtolzer auf Dich ſein darf, wenn Du gegen die wilden Wogen des Unglücks ankämpfſt und Dich wie ein kühner, muthi⸗ ger Mann durchſchlägſt, als ich je geweſen bin, wenn ich Dich in dem brillanten Zirkel all' Deiner hohen und ſtolze Titel führenden Bekannten ſah. „Ja, George, der engliſche Kaufmann iſt in meinem Herzen nie ausgeſtorben, trotz all' des ariſtokratiſchen Sauerteigs, den der Zufall mit meinem Glücke vermiſchte. Nie habe ich aufgehört, ſtolz zu ſein auf den Reichthum, der durch gemeinnützige Unternehmungen und ehrenhafte Arbeit aufgehäuft worden. Ich habe das arbeitſame Leben geliebt, das den Geiſt disciplinirte und nicht allein Die Daltons. M. 12² 178 den Verſtand übte, ſondern auch die im Menſchen woh⸗ nenden milden Geſinnungen wach erhielt, und einen Men⸗ ſchen an den andern knüpfte, wie Brüder, die denſelben Weg verfolgen,— mit verſchiedenen Laſten vielleicht, aber mit demſelben Ziele. „Was daher mich ſelbſt betrifft, ſo habe ich nur wenige Sorgen. Und es hängt nur von Dir ab, deren Zahl noch zu vermindern.“ „Sagen Sie mir, was Sie von mir verlangen, Sir!“ ſagte George mit ſchwacher, leiſer Stimme. „Für's Erſte, George, ſollteſt Du die Armee ver⸗ laſſen. Zwar muß ich ſagen, daß Grounſell dieſe An⸗ ſicht nicht theilt; er räth zu einer Verſetzung zu einem indiſchen Regimente, allein ich bin anderer Meinung. „Um unſerem Hauſe wo möglich wieder aufzuhelfen, mußt Du Dich einem arbeitſamen Leben widmen. Du wirſt Weſtindien und wahrſcheinlich auch den Oſten zu beſuchen haben. Wir beſitzen auf Ceylon noch viel werth⸗ volles Eigenthum; und unſere dortigen Kaffeeplantagen, die bis jetzt noch im Zuſtande der Kindheit ſind, brau⸗ chen Nichts, als eine gute Leitung, um zu gedeihen. „Grounſell lachte, als ich ihm ſagte, daß ich Dich zu ſolchem Geſchäfte beſtimmen würde; aber ich kenne Dich beſſer, George,— ich kenne Dich weit beſſer, als er. Der engliſche Muth, der eine Breſche erſtürmt, oder ſich an die Spitze einer Angriffscolonne ſtellt, iſt die näm⸗ liche Eigenſchaft, die einen Mann auf dem langen, dunk⸗ len Pfade des Unglücks aufrecht hält. Ich habe Groun⸗ ſell oft geſagt, daß der Stoff zu einem ſolchen Manne in Dir ſtecke, George.“ Der junge Mann drückte die Hand ſeines Vaters, mußte aber den Kopf abwenden, um die Thränen zu verbergen, die ſeine Augen anfüllten; denn welchen furcht⸗ baren Betrug ließ er ſich gerade in dieſem Augenblicke zu Schulden kommen, und welche Duplicität lag nicht ſelbſt in dem Schweigen, womit er ihn anhoͤrte! 179 Während einiger Sekunden ſchien Sir Stafford in all' den Viſionen einer warmen Phantaſie zu ſchwelgen. Die Ausſicht, die ſeine Imagination heraufbeſchworen hatte, ſchien ihn für den Augenblick jedem Kummer ent⸗ rückt zu haben. Er dachte an ſeinen Sohn,— er dachte, wie derſelbe, ein geſchäftiges Leben führend, in ſeiner neuen Laufbahn die Energie und die Hülfsquellen eines kühnen, muthigen Geiſtes entwickeln würde. Er dachte, wie aus dem wackeren jungen Manne der britiſche Kaufmann hervorgehen, und wie derſelbe auf dem alten Schauplatze aller ihrer Siege,— in der City von Lon⸗ von,— den Namen„Onslow“ wieder groß machen und demſelben wieder zu dem Anſehen verhelfen würde, das er einſt genoſſen! Konnte dieſes geſchehen,— konnte dieſer ſein Traum ſich verwirklichen, ſo wollte er die Stunde ſegnen, die ſeinen Ruin herbeiführte, und ſo ſeine Armuth zur Grundlage künftiger Größe machte. „Ich geſtehe Dir, George,“ ſagte er,„daß ich einen gewiſſen Stolz fühle bei dem Gedanken, daß ich Dich beſſer gekannt, denn Andere, und daß ich ſogar in Dei⸗ nen verkehrten Launen die Ungeduld eines thätigen Geiſtes und nicht die Langweile eines indolenten erblickte.“ Und nun fing der Greis an, von ſeinen Zukunfts⸗ plänen zu ſprechen; und gleich als ob er ſich zu neuer Thätigkeit geweckt fühlte, ſprach er gut und deutlich über Alles, was zu thun war. Es war ſein Plan, alsbald nach England zurückzukehren. Es war Sir Stafford, als wenn er ſich kräftig genug fühlte, um noch an dem⸗ ſelben Tage abzureiſen. Er ging dabei von der Idee aus, daß noch einige Wochen verſtreichen würden, ehe der große Schlag käme, und in der Zwiſchenzeit, meinte er, könnte Alles ruhig vorbereitet werden. „Hoffentlich,“ ſagte er gefühlvoll,„habe ich nur wenige Feinde; ich bin nicht ſo ſanguiniſch, um zu ſagen, ich habe keine; ſo wie ich ſte aber kenne, werden 180 ſie mich, wie ich glaube, durch keine unnothige Publicität zu demüthigen ſuchen.“ Das Thema war ein überaus peinliches, und wäh⸗ rend einiger Sekunden konnte er nicht fortfahren. Endlich hob er wieder an: „Die Extravaganz dieſes Haushalts, George, wird viel und zwar mit Recht angefochten werden. Es muß mehr geſpart werden und zwar von dieſem Tage, ja von dieſer Stunde an. Du wirſt dafür ſorgen. Es darf nicht von uns geſagt werden, daß wir, obwohl ſchon vom Ruin bedroht, dennoch dieſes verſchwenderiſche Leben fort⸗ geſetzt hätten. Vetabſchiede auf der Stelle dieſe Maſſe träger, unnützer Bedienten. Verkaufe, Lady Heſter's Wagen ausgenommen, ſämmtliche Cquipagen. Beküm⸗ mere Dich nicht um das Stadtgeſpräch; ein Sturz, wie der unſere, kann nie ein Geheimniß bleiben. Sorgen wir nur dafür, daß wir mit Würde fallen! Grounſell bleibt zurück, um Alles in Ordnung zu bringen, und unſere Abreiſe ſollte baldmöglichſt erfolgen. Aber Du merkſt ja gar nicht auf, George? Hörſt Du mich 2“ Es war ganz richtig, daß George nur wenig auf das merkte, was ſein Vater ſprach; denn er ſuchte mit gebeugtem Kopfe gewiſſe Toͤne in ſein Ohr aufzunehmen, die in der Form eines langen, leiſen Pfeifens aus dem Hofraume zu ihm heraufdrangen. Während er ſo horchte, wiederholte ſich das Pfeifen; er wußte nun, daß es Norwood's Signal, und daß„ſeine Zeit nun verſtrichen“ war. 34 „Ich muß Sie nun verlaſſen, mein lieber Vater!“ ſagte er, ſeine Hanze Kaltblütigkeit und Ruhe aufbietend. „Ich habe dieſen Morgen ein Rendez⸗vous, und ich kann daſſelbe nicht wohl aufſchieben. Ich und Norwood haben anigen Freunden verſprochen, daß wir in Pratolino mit ihnen zuſamenkommen wollten.“ „Gerade von dieſem Norwood wollte ich mit Dir ſprechen, George. Der Sophismus, wonach er„nicht 181 ſchlimmer ſein ſoll, als Leute ſeines Gleichen, geht nun nicht länger an. Solche Leute ſind keine paſſenden Bekannt⸗ ſchaften für einen Mann, deſſen Ruf tadellos ſein muß. Norwood iſt ein höchſt unwürdiger Freund für Dich.“ „Ich habe ihn noch nie als ſolchen angeſehen. Es iſt wahr, daß wir auf vertrautem Fuße mit einander ſohr⸗ aber ſolche Vertrautheit iſt noch keine Freund⸗ chaft.“ „Um ſo ſchmählicher iſt alsdann eine ſolche Bekannt⸗ ſchaft,“ ſagte der Greis ernſt.„Die dunkle Seite einer ſolchen Natur zu ſehen und dennoch unter deren giftigem Schatten zu leben, iſt unendlich ſchlinmmer, George, als all' die Selbſttäuſchung eines übereilten Vertrauens. Halt' heute noch Dein Verſprechen, aber laß Dich, ich „bitte Dich darum, zum letzten Male in ſolcher Geſell⸗ ſchaft ſehen.“ Noch ein Mal ließ ſich das Pfeifen hoͤren, und un⸗ mittelbar darauf ein heftiger, von Ungeduld zeugender Peitſchenknall; und in der Furcht, es moͤchte irgend ein Zufall ſein Geheimniß verrathen, ergriff George die Hand des Greiſes, druckte ſie mit vieler Wärme, und eillte, ohne ein Wort zu ſagen, von dannen. „Iſt das George?“ rief Norwood, der neben einem angeſpannten, mit brennenden Laternen verſehenen Caleſſino ſtand; denn wir müſſen bemerken, daß es noch dunkel war.„Iſt das George? Ei, was haſt Du denn während dieſer ganzen halben Stunde getrleben, Mann? Wir müſſen Schlag ſechs Uhr an Ort und Stelle ſein, und es hat ſchon lange fünf geſchlagen, und dabei geht es immer bergauf.“ „Ich habe den Weg oft in einer halben Stunde ge⸗ macht,“ ſagte George ärgerlich.— „Vielleicht war der Zweck der Fahrt ein angeneh⸗ merer,“ erwiederte Norwood lachend;„ſpring' aber nur herein, denn gewiß kommen die Andera vor uns an.“ George Onslow fühlte ſich zum Sprechen gar wenig 182 aufgelegt, während er ſich neben ſeine Gefährten ſetzte; die letzte Scene bei ſeinem Vater und das bevorſtehende Ereigniß mußten ihn genug beſchäftigen, ſelbſt dann, wenn er gegen Norwood ganz verſchiedene Gefühle ge⸗ hegt hätte; die Wahrheit aber iſt, daß er gegen den Vis⸗ count noch nie eine groͤßere Abneigung gefühlt hatte, als eben jetzt. All' die Leichtfertigkeit,— all' die kühle Gleichgültigkeit, die er entwickelte, waren ebenſo viele Beleidigungen für einen Mann, der im Geiſte ſein gan⸗ zes Leben uͤberſchaute,— von der ſrüheſten Kindheit an bis auf dieſen Augenblick. Es war möglich, daß er in ein Paar Stunden nicht mehr exiſtirte! Und ſo kam er auch an die Urtheile, welche die Menſchen über ihn fäl⸗ len würden; er konnte nicht umhin, zu denken, daß nur We⸗ nige ihm ein freundliches Andenken bewahren, und daß noch weit Wenigere ihn bedauern und vermiſſen würden. „Welch eine Laufbahn,“ dachte er,—„wozu habe ich Vermögen, Geſundheit, Kraft und eine hoͤhere Stellung gehabt?— um ein ausſchweifendes Leben zu führen und um wegen eines Gaſſenſtreites zu ſterben! Und Du, arme Kate! Welch' rückſichtsloſer Verleumdung wird Dich dieſes unglückſelige Duell ausſetzen; wie wenig darf man erwarten, die Wahrheit werde die finſtere Atmoſphäre des Myſteriums und der Boͤswilligkeit durchdringen, wo⸗ mit die Welt das Ereigniß bedecken wird!“ Norwod ärgerte ſich über das Schweigen, das George Onglow beobachtete, und verſuchte verſchiedene Mittel, daſſelbe zu brechen. Er ſprach von dem Wege, von dem Wetter, vom Tritte des Pferdes, von der Scenerie, — über welche der anbrechende Tag dann und wann un⸗ gewiſſe Lichter warf; aber Alles war vergebens. Endlich lenkte er, ärgerlich darüber, daß alle ſeine Verſuche vergebens waren, in recht boshafter Weiſe die Aufmerkſamkeit ſeines Begleiters auf ein neben dem Wege liegendes Thälchen, und ſagte: „Siehſt Du den Fleck dort neben den Fichtenbäumen? 183 port wurde Harry Mathews erſchoſſen. Malzahn jagte ihm aus einer Entfernung von vierzig Schritten die Kugel gerade durch den Schädel. Beide waren treff⸗ liche Schützen, und die einzige Frage war, wer zuerſt feuern ſollte. Harry wollte ſeine Kugel aufbewahren, und nahm ſie mit ſich in die andere Welt. Malzahn wußte, daß er ſich auf ſeine Geſchicklichkeit verlaſſen konnte, und drückte in demſelben Augenblick ab, in dem er auf dem für ihn beſtimmten Platze ankam. Die Nutzanwen⸗ dung davon iſt, daß man, wenn man einem Fremden ge⸗ genüber ſteht, ſo viel wie möglich zuerſt Feuer geben muß.“ „Ich höre ein Rädergeraſſel hinter uns; wer mag es wohl ſein?“ ſagte George, weder auf die Geſchichte, noch auf den Rath achtend. „Vermuthlich iſt es der Doctor. Ich beſtellte einen Caleſſino, der ihn am Thore des Palaſtes erwarten, und ihn ſo geſchwind wie möglich hieher bringen ſollte.“ „Wenn Guilmard ſeinen Ruf rechtfertigt, ſo werden wir die Dienſte des Doctors nicht brauchen,“ ſagte Ons⸗ low mit einem ſchwachen Lächeln. „Wer kann das ſagen? Wir werden Euch in kurzer Entfernung von einander aufſtellen, und Nichts erſchüttert die Nerven eines erfahrenen Schützen mehr, als zehn oder zwölf Schritte.“. Hier wurde der Weg ſo ſteil, daß ſte ausſteigen und einige Zeit lang zu Fuß gehen mußten, während das Pferd ihnen langſam und ſich abarbeitend folgte. Während ſie ſo fortgingen, fuhr Norwood fort, von dieſem und jenem zu ſprechen, gleich als wäre er verpflich⸗ tet, die Aufmerkſamkeit ſeines Begleiters zu beſchäftigen, während George, mit halbgeſchloſſenen Augen und in Ge⸗ danken vertieft, fortſchlenderte. „Wir ſind nun nicht mehr weit vom Orte entfernt, George,“ ſagte endlich Norwood,„und ich wollte, Du würdeſt Dich dieſes ſorgenvollen und zerſtreuten Weſens entledigen. Dieſe fremden Kerls werden ganz bereit ſein, 184 es falſch zu deuten. Stelle Dich ruhig, Mann, und nimm die Sache, wie Du ſte noch vor ein Paar Stunden genommen haſt,— ſieh ſie eher als einen guten Spaß, denn als etwas Anderes an.“ „Aber gerade das fühle ich nicht;— aber gerade ſo kommt mir die Sache jetzt nicht vor!“ ſagte George, ruhig lächelnd.„Noch vor vierundzwanzig Stunden, als das Leben mir alle möglichen Vortheile und Annehm⸗ lichkeiten zu bieten hatte,— als ich vorausſichtlich der Erbe eines großen Vermögens war, war ich ganz bereit, mich mit Jedem, der ein Recht hatte, mich herauszufor⸗ dern, zu ſchlagen; jetzt aber, wo ich ruinirt bin—“ „Ruinirt!“ ſiel Norwood ein;„was willſt Du damit ſagen? Du haſt doch nicht ſo Viel an den griechiſchen Kerl verloren 2 „Jetzt, wo mein Vater am Nande gänzlichen Ruins ſteht,“ erwiederte George langſam,—„die Nachricht iſt geſtern Abend gekommen,— regt ſich in mir der Wunſch, zu leben, ſo ſtark, wie noch nie. Noch einige Tage, oder noch einige Wochen, und es wird Jeder erfahren,— ich kann es Dir wohl ſagen,— daß wir dem Strome nicht entgangen ſind, der ſo viele von den reichſten Häuſern Europa's zu Falle bringt; und wenn ich bedenke, daß unſere Verbindlichkeiten ungeheuer ſind, und daß das Chr⸗ gefühl meines Vaters ein überaus ſcrupnloͤſes iſt, dann ſtellt ſich für mich die Möglichkeit heraus, daß wir wer⸗ den an den Bettelſtab gebracht werden.“ „Der Teufel!“ rief Norwood, der ploͤtzlich wieder an ſeine eigenen Forderungen, und an die unbezahlten Wechſel, die er von George noch in Händen hatte, dachte. „Darum iſt meine Stimmung eine ſo ſonderbare,“ ſagte George, jetzt mit einer gewiſſen Wärme und Leb⸗ haftigkeit ſprechend,„weil ich gerade in dem Augenblicke, wo das Leben aufhört, mir Verſprechungen zu geben, daſſelbe ſchätzen ſoll; und ich geſtehe Dir, daß ich Alles darum gäbe, wenn dieſes Duell nicht bevorſtünde.“ * 185⁵ Norwood fuhr zuſammen, und wandte ſeine ſcharfen Augen dem Andern zu. Er konnte indeſſen in den ruhi⸗ gen Zügen deſſelben keine Spur von Furcht, oder auch nur von Aufregung ſehen; und Onslow fuhr in ſeiner gewöhnlichen, ruhigen Weiſe alſo fort: „Ja, ich wollte, die Hand des Grafen würde ein Bischen zittern, Norwood. Ich würde der Kugel ſehr zu Dank verpflichtet ſein, die links oder rechts an mir vorbeifahren würde.“ „Komm, komm, George, ſprechen wir nicht weiter davon! Wir ſind zwar allein hier; allein wenn Du jetzt ſo ſprichſt, ſo iſt es möglich, daß Du in einer Weile auch ſo ausſiehſt.“ „ Und wenn ich nicht ſo ausſehe, dann wird mein Geſicht mit meinen Gefühlen in ſeltſamem Widerſpruche ſtehen,— das kann ich Dir ſagen,“ ſagte Onslow mit einem ruhigen Lachen.„Es liegt mir nicht Viel daran, wie Du dieſes Geſtändniß aufnimmſt, Norwood; aber ich ſage Dir offen, daß, wenn dieſe Beleidigung eine Ent⸗ ſchuldigung zuließe,— daß, wenn ich mich in ehrenhafter Weiſe aus der Sache ziehen könnte, ohne mich zu ſchla⸗ gen,— ich mich mit dieſem Franzoſen nicht ſchießen würde.“ „Haſt Du vergeſſen, welchen Ruf er als Schütze ge⸗ nießt?“ fragte Norwood haſtig. „Ich dachte nicht daran. Mein Geiſt beſchäftigte ſich nur mit meiner eigenen Perſon und mit meinen eige⸗ nen Intereſſen. Ich dachte, wie nützlich mein Leben An⸗ dern werden könnte, wenn ich es behielte, und wie mein Tod Andern ſchaden und nachtheilig ſein könnte.“ „Eine höchſt kaufmänniſche Gewinnſt⸗ und Verluſt⸗ berechnung, beim Jupiter!“ ſagte Norwood lachend;„und vielleicht iſt es ein Glück für Dich, daß keine„amende“““ moͤglich iſt, denn wenn Guilmard Dich nicht treffen ſollte—“. „Was die Wechſel betrifft,“ ſagte George, ohne auf —— —— 186 das zu merken, was der Andere ſagte,„ſo wäre es mir lieber, wenn dieſelben unter den dermaligen Umſtänden meinem Vater nicht präſentirt würden. Meine Pferde, meine Wagen, und einige andere Lumpereien, die mir ge⸗ hören, werden, wenn verkauft, mehr denn genug ſein, um Alles zu bezahlen; und ich habe ſchon die nöthigen Be⸗ fehle in dieſer Beziehung gegeben.“ „Komm, alter Burſche, wir ſind noch nicht ſo weit!“ ſagte Norwood, einen freundſchaftlichen Ton affectirend, der ſeinen Grund in der freudigen Ausſicht, daß er doch noch zu ſeinem Gelde kommen koͤnnte, hatte.„Aber ſtill! da find ſie ſchon Alle. Wir wollen über dieſe Dinge nicht weiter ſprechen; und nun, George, ſei um's Him⸗ melswillen kaltblütig!“ 1 Während Norwood dieſes ſagte, nahm er den Arm des Andern, und ging auf einen Ort zu, wo eine Gruppe von etwa einem halben Dutzend Perſonen ſtand; es war neben einem niedrigen Balkon, von wo man das Val d' Arno, ſowie das anmuthige Thal überſehen kann, in dem Florenz ſteht. Norwood ließ, als ſie eine Weile fortgegangen waren, den Arm ſeines Freundes fahren, und grüßte die Geſell⸗ ſchaft. Nichts konnte ruhiger und ungezwungener ſein, als der Ton ihrer Unterhaltung, da ſie über die Land⸗ ſchaft ſprachen, über der jetzt der graue Schatten der Morgendämmerung, gleich einem Schleier von Gaze, hing. Ein paar Italiener ausgenommen, waren es lauter Fran⸗ zoſen,— einige der jungen Faſhionables, welche die Salons und Kaffeehäuſer der Stadt anfüllten. „Haben Sie gefrühſtückt, my Lord?“ ſagte Einer. „Wenn nicht, ſo erlauben Sie mir, daß ich Ihnen einige vortreffliche Cotelette empfehle, die ſogar jetzt noch nicht zu kalt ſind.“ „Und die beſte Chokolade, die ich irgendwo, Paris ausgenommen, getrunken habe,“ rief ein Anderer. 187 „Ich danke Ihnen,“ ſagte Norwood.„Wir wollen den guten Rath benützen.“ Und eine Cigarre aus einer Cigarrendoſe heraus⸗ ziehend, zündete er dieſelbe an der Guilmard's an, wäh⸗ rend er, die Hände in ſeinen Paletot ſteckend, ſich nach⸗ läßig auf die Mauer ſetzte, und die unter ihm liegende Landſchaft überſah. „Komm, George, wir wollen Etwas eſſen und trin⸗ ken,“ flüſterte Norwood eifrig, denn das Hinſtieren Ons⸗ low's verurſachte dem Viscount fortwährend die größte Unruhe,„Dieſe Kerls ſtellen ſich, als ſeien ſie verteufelt kaltblütig. Wir wollen ihnen in dieſem Punkte nicht nachſtehen!“ 3 Und er ſchleppte mehr mit Gewalt, als in Folge bloßer Ueberzeugung, Onslow mit fort, und trat in das kleine Zimmer des Gaſthauſes. Ein großer, mit den Ueberreſten eines reichlichen Früh⸗ ſtücks bedeckter Tiſch ſtand in der Mitte des Zimmers, und vor dem Ofen ſtand eine Schüſſel mit Coteletten, die warm gehalten werden ſollten. Auf dem Tiſche lagen verſchiedene Papierfetzen herum, auf die abſurde und ſchlechte Caricaturen von Duellen hingekritzelt waren, wobei Attitüden voll ertravaganter Furcht vorherrſchten. Norwood blickte dieſelben einen Augenblick an, und warf ſie dann verächtlich in's Feuer. „Setz' Dich, George!“ ſagte er, dem Andern einen Stuhl hinſtellend;„und wenn Du nicht eſſen kannſt, ſo nimm wenigſtens einen Schluck Branntwein. Hoffentlich wird Jekyl in ein Paar Minuten da ſein. Ich habe ihm geſagt, er ſolle mit dem Doctor kommen.“ „Ich habe ſo früh am Tage noch nie Luſt gehabt, Etwas zu eſſen,“ ſagte Onslow,„und vielleicht iſt der jetzige Augenblick nicht gerade geeignet, Eßluſt zu er⸗ wecken.“ „Haſt Du Guilmard bemerkt?“ ſagte Norwood, während er eine Cotelette nahm, und auf ſeinem Teller 188 überaus künſtleriſche Anſtalten zu einem ſchmackhaften Mahle traf.„Haſt Du ihn beobachtet, George?“ „Nein; ich habe gar nicht dorthin geſehen.“ „Beim Jupiter! Er hat eine entſetzliche Narbe auf der Wange, ſie geht vom Auge bis an den Mundwinkel. Engliſche Knöchel verbeſſern gewiß nicht eine franzöoͤſiſche Phyfiognomie. Ein Schlag mit der linken Hand, he!“ 1, weiß Nichts mehr davon,“ ſagte Onslow gleich⸗ Rültig. 8„Wohlan, Du haſt ihm auf jeden Fall ein Andenken gegeben, und ihn gehörig gezeichnet,“ ſagte der Viscount, indem er fortfuhr zu eſſen.„Und vor einer Weile haſt Du noch von Entſchuldigungen geſprochen!“ „Ich wünſchte, daß ſolche möglich wären,“ ſagte Onslow ruhig. Norwood ſah den Sprechenden von der Seite an, und obgleich er Nichts ſagte, ſo zeigte doch eine Geſte zorniger Ungeduld, was in ihm vorging. „So verſuch' doch den Branntwein! So nimm doch ein Glas Curaçao!“ ſagte er, die Flaſche ungeduldig zu ihm hinſchiebend. „Etwas, irgend Etwas, was dazu dienen könnte, um mir Muth zu machen!— würdeſt Du ſagen, Norwood; aber Du täuſcheſt Dich vollſtändig in mir. Ich denke nicht an mich ſelbſt; meine Angſt rührt daher,— aber was könnteſt Du Dich darum bekümmern,— oder wie koͤnn⸗ teſt Du auch nur meine Beweggründe würdigen? Mach', daß Du mit Deinem Frühſtücke fertig wirſt, dann wollen wir die Sache beendigen!“ „Noch eine Minute, und ich ſtehe Dir zu Dienſten; allein ich muß Dir geſtehen, daß, wenn ich eine Schwäche habe, dieſelbe darin beſteht, daß ich eine einfache, gebratene Trüffel, mit Butter leidenſchaftlich liebe. Es war eine meiner früheſten Paſſionen, und wie das Sprüchwort ſagt: „On y revient toujours.“ Stände ich an dieſem Mor⸗ 189 gen in Deinen Schuhen, George, ſo würde ich auch nicht eine einzige auf dem Teller laſſen.“ „Nach welchem Grundſatze? ſag' mir das doch 1 fragte Onslow lächelnd. „Nach dem Grundſatze des alten Kardinals, der, als ſeine Aerzte ihm erklärten, daß bei ihm alle Hoffnung vorüber ſei, alsbald ein Souper, beſtehend aus Ortolanen mit Oliven, beſtellte. Es war für ihn eine herrliche Ge⸗ legenheit, ganz nach Appetit von ſeinem Lieblingsgerichte zu eſſen, ohne eine Indigeſtion befürchten zu müſſen, und à propos, wo bleibt denn unſer würdiger Doctor? Der Caleffino war doch immer dicht hinter uns.“ Norwood ſein Mahl verzehren laſſend, ſchlenderte George hinaus, um den Chirurgen zu ſuchen; allein es hatte Niemand von ihm Etwas geſehen oder gehört. Ein leerer Caleſſino ſtand am Wege; allein der Kutſcher wußte nur ſo viel, daß der Herr, den er mitgebracht, da ausgeſtiegen, und in den Park hineingegangen war. „Dann werden wir ihn in der Nähe des kleinen Sees finden,“ ſagte Norwood kaltblütig, als George, in ſeiner Erwartung getäuſcht, zurückkam.„Es iſt doch aber auch ſonderbar, daß er allein gekommen. Jekyl ſollte ihn beglelten. Dieſe Fremden wollen immer zwei Secundan⸗ ten auf jeder Seite haben. Es ſchaut daraus der Arg⸗ wohn hervor, und es kommt heraus, als ob man die andere Partie im Verdacht habe, unredliches Spiel zu ſpielen; ſie befinden ſich in dem Falle des Spielers, der immer neue Karten verlangt. Geh' doch zurück, George, und ſieh, ob der Kerl Nichts von Jekyl weiß. Du brauchſt dieſen bloß zu nennen, denn jedes Cabriolet und jeder Barcaruolo in Florenz iſt mit Maſter Albert bekannt.“ George ging an den Ort zurück, aber vergebens. Der Kutſcher ſagte bloß, daß er, dem erhaltenen Befehle zu Folge, ſich an dem Thore des Palaſtes aufgeſtellt hätte, und daß ein kleiner, dem Anſcheine nach etwas ältlicher Mann herausgekommen waͤre, und gefragt hätte, wohin 190 die Andern gegangen, und wie lange ſie ſchon weggefahren. „Sehen Sie alſo, daß Sie ſie einholen,“ ſagte er,„aber fahren Sie nicht an ihnen vorbei. Er ſprach unabläſſig,“ ſetzte der Kutſcher hinzu,„aber in ſo ſchlechtem Italie⸗ niſch, daß ich daraus nicht klug werden konnte, und deß⸗ halb antwortete ich auf's Gerathewohl. Wenn ich ſeiner müde war, ſo glaube ich, daß er meiner ganz überdrüſſig war; und als er dort unten ausſtieg und in den Park hineſagig. fühlte er ſich gewiß eben ſo ſehr erleichtert, als ich.“ George wandte ſich eben weg, als ſein Auge auf die glorioſe, zu ſeinen Füßen liegende Landſchaft fiel, über welche die ſo eben aufgegangene Sonne all ihren Glanz ausgoß. Es gibt ſelbſt in Italien wenige Scenen, die das Auge mehr mit Bewunderung erfüllen, als das Val d'Arno um Florenz her. Die prächtige Stavt ſelbſt mit ihren vielen Kirchen und Thürmen,— das coloſſale Schloß vom Bargello,— der graziöſe Bogen des Battiſterio, die maſſive Faeade des Pitti⸗Palaſtes,— Alles, ſelbſt der einſame Thurm auf dem Hügel, wo Galileo wachte, voll hiſtoriſcher Erinnerungen,— während auf dem ſanften Abhange des Berges Hunderte ſchoͤner Villas prangten, deren Namen ſchon auf die Imagination zauberartig wirk⸗ ten,— und die Dante, die Alfieri, die Boccaccio mit den ernſteren Realitäten der Medici, der Pazzi, der Salviati, und der Strozzi an Intereſſe wetteifern. Welche Fluth hiſtoriſcher Erinnerungen ſtrömt da auf den Geiſt ein, wenn man bedenkt, wie jedes Pomeranzenwäldchen, wie jede mit Pomeranzenbäumen bepflanzte Terraſſe, wie jede Gruppe von Olivenbäumen, wie jede Cedernallee Zeugen der ſtärkſten Leidenſchaften, oder der herrlichſten Triumphe menſchlichen Verſtandes oder menſchlichen Ehrgeizes ge⸗ weſen find, und daß jeder Ort, den wir ſehen, ſeinen eigenthümlichen Anſpruch auf Unſterblichkeit hat! Onslow überſchaute indeſſen die Landſchaft nicht in ſolcher Stimmung. Das Gefühl, das bei ihm herrſchte, 191 war eine an Entzücken grenzende Bewunderung ihrer pit⸗ toresken Schönheit. Der glänzende Strom, der ſich bald ſehen ließ, und bald wieder verſchwand,— die vom Winde bewegten Baumgipfel,— die Parterres voll herrlicher Blumen,— die ſtattlichen Paläſte, deren Terraſſen durch die Magnolie, den Oleander und den Feigenbaum beſchattet wurden,— Alles das bildete ein Gemälde von reicher, wundervoller Wirkung, und er wünſchte, ſich in das hohe Gras legen und das Gemälde Stunden lang anſchauen zu können. Während er ſo da ſtand, und ſich von der Scene nicht losreißen konnte, hoͤrte er dicht zu ſeinen Füßen das laute Knallen einer Poſtillonspeitſche, und als er hinabſah, er⸗ blickte er zwei ſchwer beladene Reiſewagen, welche die ganze Kraft von acht Pferden,— ſo viele waren an jedem Wa⸗ gen— kaum den ſteilen Berg hinaufbringen konnte. Gin vorausreitender Courier ſagte, daß es Perſonen von Stande wären, und an den Equipagen ſelbſt deutete Alles auf Reichthum und eine hohe Stellung hin. Da Onslow alle Perſonen kannte, die ſich in einer gewiſſen Klaſſe der Geſellſchaft bewegten, ſo war er ſehr begierig, zu ſehen, wer denn ſchon ſo frühe im Jahre nach Norden reiste; er trat daher in ein kleines Gebüſch, das neben dem Wege ſtand, um zu warten, bis die Wagen vorüberkommen würden. 3 Es kamen dieſelben langſam den Berg herauf; indeſſen hielten ſie bald an, um die müden Pferde„ausſchnaufen“ zu laſſen; bald mußten letztere wieder einige Augenblicke ſich abarbeiten, um die Wagen weiter den Berg hinanzu⸗ bringen, bis endlich der erſte um einen ſcharfen Winkel, der den Weg bildete, bog, und gerade dem Orte gegen⸗ über, wo George ſtand, ploͤtzlich hielt. Die Panelen tru⸗ gen das prunkende und prätentiöͤſe Wappen des Fürſten Midchikoff, mit gar vielen Emblemen, die, ſo leicht man ſie auch in dem übrigen Europa duldet, der Czar in ſeinem Reiche nicht geſtatten würde. 192 Während George dieſe Wappen anſah, fuhr er zuſam⸗ men, denn eine ihm wohlbekannte Stimme traf ſein Ohr, und ſeinen Wunſch, verborgen zu bleiben, vergeſſend, neigte er ſich vorwärts, um zu horchen. Es war Kate, die ſprach; und wenn er auch die Worte nicht hören konnte, ſo war doch gewiß die Stimme die ihrige.„Ach, hätte ich doch nur einen Blick von ihr,— einen letzten Blick!“ dachte er, und ſtürzte durch das Gebüſch hindurch nach dem Orte hin, wo der Weg, abermals eine Biegung machend, ſich raſch hinaufwand. Schon waren die Pferde wieder zu Athem gekommen, und in ſcharfem Trabe davon geeilt, als George ſich durch die dicht verwobenen Zweige und das dicke Unterholz des Wäldchens hindurcharbeitete. Er hatte keinen Pfad, noch ſonſt Etwas, was ihn leiten konnte, wenn er den Weg einmal aus dem Geſichte verloren hatte, oder wenn er den Wagen nicht mehr hoͤrte; allein er ſtürzte in der Richtung fort, die, nach ſeiner Meinung, der Wagen eingeſchlagen haben mußte. Bei jedem Schritte, den er machte, wurde der Weg ſchwieriger; die Gruben, welche die Bauern grahen, um darin Kaſtanienblätter zu ſammeln,— die kleinen Haufen von Brennholz, auf die er jeden Augenblick ſtieß, hielten ihn in ſeinem Laufe auf. Dennoch ſtürzte er, mit zerriſſenen Kleidern und blutenden Händen, immer noch wie wahn⸗ finnig fort, nur ſeinen Zweck im Auge behaltend; und nachdem er ſich vielfach die Haut zerriſſen, erreichte er endlich das offene Feld gerade noch zu rechter Zeit, um den zweiten Wagen über ſeinem Kopfe, auf der Spitze des Berges zu erblicken, während er das laute klirrende Ge⸗ räuſch des Radſchuhs hörte, der an dem erſten Wagen eingelegt wurde. 3 8 Jeder Verſuch, ſie auf dem Berge einzuholen, mußte ihm jetzt als hoffnungslos erſcheinen. Er wußte wohl, wie geſchwind auf dem Continente ein Poſtillon einen Berg hinabfährt, und wie er ſeine Pferde ſelbſt die ſteilſten 193 Abhänge der Alpen und Apenninen in vollem Galopp hinablaufen läßt. Er konnte Meilen lang die vom Wege gebildeten Zickzackwindungen verfolgen, und bei jeder Windung glaubte er, Kate mit dem Auge erſpähen zu können. Der Berg ſelbſt war, von der Spitze bis zum Fuße, mit terraſſenartigen Weinbergen bedeckt; allein dieſe Terraſſen waren bei der großen Steilheit des Abhangs nur ſchmale Bodenſtreifen, die kaum dem Weingärtner einen Weg darboten, wenn er ſeine Pflanzen beſchnitt, oder wenn er deren Ertrag ſammelte. Man konnte dieſe gigantiſche Treppe,— denn als ſolche erſchien der Bergabhang,— nicht hinabſchauen, ohne daß Einem ſchwindelte, und Wenige hätten ohne ein Ge⸗ fühl der Gefahr den jähen Abhang geſehen. Onslow's Gedanken hatten indeſſen nur ein Ziel:— Kate noch ein Mal,— zum letzten Male zu ſehen. Rannte er geradezu den Berg hinab, und ſprang er von Terraſſe zu Terraſſe, ſo konnte er den Fuß des Berges erreichen, ehe die Wagen ſämmtliche Krümmungen des Weges durchlaufen hatten z und kaum hatte ſich ihm dieſer Gedanke aufgedrängt, als er beſchloß, denſelben auszuführen. Es iſt ſchwer, denjenigen, welche dieſe terraſſenförmigen Abhänge noch nie geſehen haben, einen genauen Begriff von der Gefahr eines ſolchen Unternehmens zu geben; die⸗ jenigen aber, die ſie geſehen, werden zugeben, daß nur die äußerſte Todesverachtung dieſes Wageſtück unternehmen konnte. Da man von einer Höhe zur anderen weniger herabſpringt, als herabfällt, ſo trägt der geringſte Impuls die Fußtritte über den Rand der Terraſſe hinaus, und dann kann man ſich durchaus nicht länger beherrſchen, und es iſt dann, allem Anſchein nach, die Vernichtung unver⸗ meidlich. Der Jüngling indeſſen, deſſen Nerven durch die Fuchs⸗ und Parforcejagd geſtählt worden ſind, wird ſelten von einer ploͤtzlichen Gefahr überraſcht; und George zögerte Die Daltons. III. 13 194 keinen Augenblick, ſobald ihm das Unternehmen als aus⸗ führbar erſchienen war. Durch Seitenſprünge kam er gut und wohlbehalten über die drei oder vier erſten Terraſſen hinab. Das Gefahrvolle ſeines Unternehmens wohl ein⸗ ſehend, wandte er das Auge nie von dem Platze ab, auf den er hinabſpringen wollte, ſondern maß jeden Sprung genau. Plötzlich aber zogen die Tone des Poſthornes, das ſich mehrere hundert Fuß unter ihm hoͤren ließ, ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich, und an einer Krümmung des Weges ſah er den Staub, den der ſchnell hinabrollende Wagen zurückließ. Seine Sicherheit,— ja Alles, nur ſein Ziel nicht, vergeſſend, ſprang er auf gut Glück zu, und langte, mit einem ungeheuren Satze über eine Terraſſe ganz hinweg⸗ ſpringend, auf der unter derſelben liegenden an. Der Im⸗ puls trieb ihn weiter, und ehe er ſich noch recht zu ſam⸗ meln vermochte, befand er ſich an dem Rande des Felſen. Selbſt jetzt noch hätte ſeine Geiſtesgegenwart ihn retten ſunene als das ſchlechte Mauerwerk nachgab, und ihn mit fortriß. Er ſtürzte vorwärts, den Kopf voran, und ſo fiel er, halb ſich wehrend, immer weiter, von Höhe zu Höhe, hinab, bis er endlich, verſtümmelt und blutend, als ein bewußt⸗ laſi Erdenhaufen in das lange Gras des Thales hinab⸗ xollte. 3 Keine fünfzig Schritte von dem Orte weg, an dem er lag, kamen die Wagen vorbei, und Kate lehnte ſich ſogar zum Kutſchenfenſter hinaus, um auf die vor ihr liegende Schlucht hinauszuſchauen: ſie dachte keinen Augen⸗ blick, von welch' fürchterlichem Intereſſe die ruhige Scene erfüllt war. Und ſo rollten die Wagen fort, während der arme George nur noch ſchwach athmend und in ſeinem traum⸗ loſen Schlummer dalag, der ſo viele Aehnlichkeit mit dem Tode hat. 195 Vierzigſtes Kapitel. Ein an Mißgeſchick jeder Art reicher Morgen. „Wohlan, my Lord, ſollen wir den ganzen Tag hier zubringen?“ ſagte Graf Trouville, der Seecundant der Gegenpartei, als Norwood, nachdem er George Onslow vergebens geſucht, zurückkam.„Oder ſollen wir dieß als die engliſche Weiſe, ſolche Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, anſehen?“ „Ich bin vollkommen bereit, Herr Graf, das Gegen⸗ theil zu beweiſen, ſo weit meine ſchwachen Fähigkeiten es erlauben,“ ſagte Norwood ruhig. „Aber Ihr Freund iſt verſchwunden, Sir; Sie ſind allein hier zurückgeblieben.“ „Was vielleicht Urſache iſt, daß Sie es gewagt haben, mich zu inſultiren,“ entgegnete der Andere.„Es iſt dieß vielleicht bei dergleichen Angelegenheiten ſo Sitte bei den Franzoſen.“ „Kommen Sie, kommen Sie, mein Herr,“ fiel ein alter Cavalerie⸗Officier ein, der Guilmard als zweiter Secundant zur Seite ſtand;„Sie beide müſſen einſehen, daß alle derartigen Discuſſionen unregelmäßig und un⸗ paſſend ſind. Wir ſind dieſen Morgen eines beſtimmten Zweckes wegen hieher gekommen:— wir wollten uns für eine grobe Beleidigung Genugthuung verſchaffen. Der Herr, der dieſelbe hätte geben ſollen, hat ſich plötzlich zurückgezogen. Ich will keine Anſicht über das Factum ausſprechen, daß er nur von einem einzigen Freunde be⸗ gleitet hieher kam; wir hätten vielleicht Wege und Mittel finden können, dieſem Uebelſtande abzuhelfen. Daß er ſich entfernte, koͤnnen wir nun einmal nicht ändern. Ich moͤchte 8 196 deßhalb fragen, was Sie uns, nachdem dieſer Fall unver⸗ ſehens eingetreten, vorſchlagen?“ „Ein Bischen Geduld,— weiter Nichts. Mein Freund muß ſich verirrt haben; irgend ein Umſtand hat ihn zurückgehalten, und ich erwarte ihn jeden Augenblick.“ „Sollen wir noch eine halbe Stunde zugeben, my Lord?“ erwiederte der Andere, ſeine Uhr herausziehend. „Es wird ſo acht Uhr werden.“ „Was, wenn man bedenkt, daß die ſixirte Zeit„„Schlag ſechs Uhr““ war, eine recht räſonnable Gnadenfriſt iſt,“ ſiel Trouville ein. „ Ihr Ausdruck iſt eine Unverſchämtheit, Monſieur,“ ſagte Norwood ſtolz. „Und doch habe ich nicht im Sinne, mich deßhalb zu entſchuldigen,“ ſagte der Andere lächelnd. „Das freut mich, Sir. Es iſt dieß das einzige vernünftige oder muthige Wort, das Sie heute geſprochen haben.“ „Genug, genug, my Lord,“ antwortete der Franzoſe froͤhlich.„Dans la bonne société, on ne dit jamais trop. Wo ſoll es ſein,— und wann?“ „Hier, und gleich jetzt,“ ſagte Norwood,„ſobald ich einen Secundanten finde.“ „Suchen Sie doch keinen, my Lord, ſonſt koͤnnen wir vergebens auf Sie warten,“ ſagte Trouville. „Ich will für mein Wiedererſcheinen eine Bürgſchaft ſtellen, an deren Realität Sie nicht werden zweifeln können, Sir,“ rief Norwood, mit aufgehobenem Stocke auf den Andern zugehend. Bei dieſer Drohung entfuhr den Franzoſen allen ein Schrei des Abſcheus, und alsbald warfen ſich drei oder vier zwiſchen die ſtreitenden Parteien. 3 „Wäre das nicht vorgefallen, my Lord,“ ſagte der alte Officier,„ſo würde ich Ihnen meine Dienſte ange⸗ boten haben.“ „Und ich würde dieſelben ausgeſchlagen haben, mein 197 Herr,“ ſagte Norwood raſch.„Der erſte Bauer, den ich treffe, iſt gut genug.“ Alſo ſprechend eilte er davon: ſein Herz borſt beinahe vor Zorn. Unter vielen Verwünſchungen gegen George, — unter einer Fluth von derben Flüchen auf Jeden, deſſen ſchlechtes Benehmen dazu gedient hatte, ihn in ſeine der⸗ malige Lage zu bringen, ging er nach der Chauſſee hin. „Was iſt wohl vorgefallen?“ murmelte er;„welch verteufelten Anfall von Feigheit hat er auf ein Mal ge⸗ habt? Ein Kerl, dem es doch ſonſt nie an Muth fehlte! Wie hat er nur wegbleiben, wie hat es nur jetzt ihm an Muth fehlen können? Und dieß mußte ſich in demſelben Augenblick ereignen, wo ſie am Bettelſtabe ſind! Wären ſie reich geweſen, wie noch vor einigen Monaten, ſo hätte ich gemacht, daß mir die Geſchichte Etwas eingebracht hätte. Ja, beim Jupiter! Ich würde, wie der Kerl in dem Schauſpiele ſagt,„„mein Blut ausgemünzt,““ und einen mit rother Dinte geſchriebenen Wechſel von unge⸗ heurem Betrage auf den Alten gezogen haben! Und jetzt habe ich eine fatale Geſchichte auf dem Halſe, die mir nie Etwas nützen kann! Und nun muß ich auf den Heer⸗ ſtraßen umhergehen, um Jemand zu ſuchen, der eine Piſtole laden kann!“ Ein Paar Bauern, die Florenz zuſchlenderten,— ein Poſtillon, der mit ſeinen Pferden zurückkam— ein ſchä⸗ big gekleideter Pfarrer, oder ein Mönch mit einem Bet⸗ telſacke auf dem Rücken,— das waren die Perſonen, die er auf meilenweite Entfernung ſah, und er kam daher noch ein Mal zurück, um den Kutſcher, dem der Caleſſino gehörte, über den Fremden auszufragen, den er aus der Stadt hierhergebracht. 4 4 Jeder, der ſo unglücklich geweſen, ſich bei einem italieniſchen Vetturino über irgend Etwas, ſei es auch noch ſo unbedeutend und unwichtig, zu erkundigen, wird mit Lord Norwood's Ungeduld über die ausweichenden und mißtrauiſchen Antworten ſympathiſiren, die er jetzt 198 auf ſeine Fragen erhielt. Obgleich das Factum für den Kutſcher gar kein Intereſſe haben, und ihn lediglich Nichts angehen konnte, ſo widerſprach er ſich doch wohl ein Dutzend Mal in Beziehung auf das Alter, das Vater⸗ land, und die äußere Erſcheinung des Fremden, ſo daß der Viscount voller Aerger ſich wegwandte, und ohne das Gzeringſte erfahren zu haben, wieder in den Park hinein⸗ ng. Hng„Vermuthlich wird man auch mich unter die Ver⸗ mißten zählen,“ ſagte er bitter, indem er auf einem klei⸗ nen Pfade fortging, der ſich an einem Teiche hinzog. „Beim Jupiter! Es iſt das eine angenehme Morgenar⸗ beit, und es muß mir dieſelbe früher oder ſpäter vergütet werden.“ Während er ſo ſprach, machte ihn ein gewaltiges Nießen plötzlich zuſammenfahren; er wandte ſich raſch um, konnte aber Niemand ſehen, und doch hatte ihn ſein Ohr nicht getäuſcht! Er durchſuchte den Ort mit vielem Ei⸗ fer,— unterſuchte den kleinen, für die Boote beſtimmten Schuppen,— das Gehoͤlz,— das Unterholz,— kurz Alles; allein es war nicht einmal die Spur von einem lebenden Weſen zu ſehen. Endlich ſchien ein leichtes Geraſchel von einem ge⸗ wiſſen bäuriſchen Muſchelwerke herzukommen, das einen auf ſeiner Urne liegenden Flußgott darſtellte, und als Norwood ſich näherte, entdeckte er deutlich ein Paar glän⸗ zende Augen in den Augenhöhlen der Figur. 4 „Ich will ihm einmal ein Paar Kugeln in den Leib jagen,“ rief Norwood, ein Käpſelchen aufſetzend.„Eine ſteinerne Figur, die nießt, iſt einem Menſchen zu ähnlich, als daß man ihr trauen koͤnnte.“ Kaum war dieſe Drohung ausgeſprochen, als ein zitternder Schrei aus dem Innern drang, und eine vor Schrecken gebrochene Stimme rief: „F— F— Feuern Sie doch nicht, my Lord! Sie —: — ᷣ--— 199 bringen mich gewiß um. Ich bin Purvis— Sc— Sc — Scroope Purvis.“ „Wie ſind Sie hierher gekommen?“ fragte Norwood halbzornig. „J— J— J— Ich will es Ihnen fagen, wenn i— i— i— ich herauskomme!“ lautete die Antwort. Und dann verſchwand er von dem Guckloche, an dem er einige Secunden lang das Geſpräch führte. Norwood fing an zu glauben, es ſei das Ganze eine Myſtification ſeines Gehirns, denn es war keine Spur von ihm zu ſehen, als er aus dem zur Aufbewahrung der Boote beſtimmten Schuppen mit einem ſeines Randes be⸗ raubten Hute heraustrat: ſeine Kleider zeigten nur noch Fetzen, und zu gleicher Zeit bezeugte ſein zerkratztes Ge⸗ ſicht und ſeine zerſchundenen Hände, daß ſein Durchgang keiner von den leichteſten geweſen war.„Es iſt ein wah⸗ res R— R— R— Rattenloch,“ rief er, nach Luft ſchnappend. „Und was zum Henker hat Sie dahin geführt?“ fragte Norwood rauh. „Ich bin hierher ge— ge— gekommen, um das Duell zu ſehen!“ rief er;„und wenn man drinnen iſt, ſo kann man den ganzen Park überſchauen, und zugleich iſt man drinnen ganz ſicher.“ „Somit waren Sie es, der in dem für den Doctor beſtimmten Caleſſino herausfuhr?“ ſagte Norwood mit der Miene eines Mannes, der eine unzweideutige Antwort verlangte. „Ja; es war eine Li— i— i— i— iſt von mir, um hierher zu kommen,“ ſagte er kichernd. „Wohlan, Maſter Purvis,“ ſagte Norwood, ſeinen Arm nehmend,„wenn Sie nicht der Doctor ſein können, ſo ſollen Sie wenigſtens der Secundant ſein. Das iſt meine Liſt; kommen Sie daher mit mir, und machen Sie keine weiteren Umſtände.“ „Aber ich ka— a— a— ann nicht; ich war 200 noch nie,— ich konnte noch nie ein Se— Se— Se — Secundant ſein.“ „Sie ſollen es alſo heute zum erſten Mal ſein, oder ich will nicht Norwood heißen. Sie ſind Schuld an all dem Mißgeſchick; und, beim Jupiter! Wäre die Strafe auch eine ſchwerere, ſo müßten Sie ſich doch derſelben unterziehen.“ „Ich ſage Ihnen, ich habe noch nie ein Du— Du — Duell geſehen; i— i— ich habe mich noch nie ge — ge— geſchlagen; auch w— w— w— wird es mir nie einfallen, mich zu ſchlagen; ich weiß nicht ein⸗ mal, wie man es m— m— m— acht.“ „SSie ſollen es lernen, Sir; und damit Punktum!“ ſagte Norwood, forteilend und den unglücklichen Purvis nachſchleppend.„Wären Sie nicht geweſen, Sir,“ fuhr er mit überaus zornigen Stimme fort,— wären Sie nicht geweſen, Sir, und hätten Sie ſich von Ihrer ver⸗ maledeiten Unart, ſich mit Dingen zu befaſſen, die Sie Nichts angehen, frei gehalten, ſo hätten wir heute mor⸗ gen nicht ſo lange zu warten gebraucht, und es wäre die ganze Geſchichte ſchon längſt abgemacht. Die Folge da⸗ von iſt, daß ich mich dahin ſtellen muß, wo ein Anderer hätte ſtehen ſollen, und daß ich einen Streit ausfechten muß, der mich von Haut und Haaren Nichts angeht.“ „In w— w— wie fern? Sa— a— a— agen Sie mir doch Alles!“ rief Purvis eifrig. „Ich ſage Ihnen Nichts, Sir— auch aicht eine Silbe. Ihre perſönlichen Abenteuer an dieſem Morgen müſſen den Gegenſtand Ihrer Enthüllungen bilden, wenn Sie nach Florenz zurückkommen,— wenn Sie überhaupt dahin zurückkommen.“ „Wie! J— J— Ich werde mich doch nicht mit Jemand ſchlagen ſollen!“ rief er, von Schrecken erfüllt. „Nein, Sir, aber ich muß mich ſchlagen; und im Falle ein Unglück paſſirt, iſt Ihre Stellung wohl nicht die angenehmſte. Fällt Trouville, ſo müſſen Sie machen, 201 daß Sie in die Lombardei, und von da in die Schweiz kommen; erſchießt er mich, ſo koͤnnen Sie meinen Paß nehmen, es iſt derſelbe nach Tyrol viſirt. Da ſie mich aber zu Innsbruck kennen, ſo werden Sie wohl daran thun, wenn Sie im Süden bleiben, an einem der kleineren Orte in der Nähe von Botzen oder Brixen.“ „Aber ich kenne ja Bo— Bo— Bo— Botzen nicht einmal auf der Landkarte! Und ich ſehe ja gar nicht ein, warum ich, wie ein polniſcher Fl— Fl— Flüchtling, mich auf dem Continente an ob— ob— obſcuren Orten herum⸗ treiben ſollte.“ „Das iſt Ihre Sache; vielleicht aber machen Sie zehn Jahre auf einer Feſtung ein Bischen klüger. Die Sache geht mich Nichts an, wiſſen Sie; und ich habe Ihnen dieſen Rath bloß darum gegeben, weil ich ſolche Dinge beſſer verſtehe, als Sie.“ „Aber wenn ich mit der Sache Ni— i— i— ichts zu thun haben will,— wenn ich nicht dabei bin,— wenn ich mich weigere—“ „Sie ſollen und müſſen beim Duelle ſein, Sir; und wenn ich noch eine Einwendung von Ihnen höre,— oder wenn Sie mich dadurch, daß Sie Ihre Feigheit in irgend einer Weiſe an den Tag legen, der riepelhaften Inſolenz dieſer Franzoſen ausſetzen, ſo werde ich, bei Gott! Ihre Hand in der meinigen halten, wenn ich auf den Grafen Trouville feure.“ „Und dann kann ich ja um's Le— Le— Leben kommen!“ ſchrie Purvis.„Es ſoll eines unſchuldigen Mannes Bl— Bl— Blut vergoſſen werden, und ganz umſonſt!“ „Blaubart legte ſeinen Weibern die gleiche Strafe für das gleiche Verbrechen auf, Maſter Purvis. Und nun hören Sie mich an, Sir, und merken Sie ſich wohl meine Worte! 1 „Mit den Urſachen, welche zu dieſer Geſchichte ge⸗ führt haben, haben Sie lediglich Nichts zu ſchaffen; Sie 20² ſtehen hier bloß als mein Secundant. Bleiben Sie beim Laden der Piſtolen; bleiben Sie dabei, wenn man das Feld abmißt; und wenn Sie nicht mehr thun koͤnnen, ſo ſuchen Sie wenigſtens nicht ſo auszuſehen, als ob Sie er⸗ ſchoſſen werden ſollten!“„ Weder der gute Rath, noch der Ton, in welchem derſelbe gegeben wurde, war ſehr ermuthigend; und Pur⸗ vis folgte Norwood mit geſenktem Kopfe und mit in den Taſchen ſteckenden Händen, und dachte über alle von Feuer⸗ waffen herrührenden Unglücksfälle nach, die er, neben den furchtbareren Paragraphen über unglückliche Duelle und die Criminalproceſſe gegen ſämmtliche dabei betheiligte Perſonen, in den Zeitungen geleſen hatte. Die Franzoſen ſaßen in dem Garten an einem Tiſche, und rauchten ihre Cigarren, als Norwood herankam, und in einigen Worten erklärte, daß einer ſeiner Landsleute, den er zufällig getroffen, ihm als Freund zur Seite ſtehen würde. „Ich habe Ihnen bloß zu ſagen, meine Herren,“ ſetzte er hinzu,„daß er noch nie bei einer ſolchen Affaire geweſen iſt; und ich muß mich an die franzoͤſiſche Loyali⸗ tät und Chrlichkeit wenden, und bitten, daß ſie etwaige Mängel in ſeinem Wiſſen ergänzen möge. Mr. Purvis, Meſſieurs!“ Nachdem der alte Oberſt ihn höflich gegrüßt, nahm er ihn ein wenig bei Seite, und ſprach einige Minuten überaus eifrig, während Norwood, von Bangigkeit und Unbehaglichkeit verzehrt, ſich völlig gleichgültig ſtellte und ſeine Cigarre zu rauchen ſuchte. „Gewiß bin ich nicht der MN— M— Mann, der Ihnen widerſpricht, wenn Sie dieſer Anſicht ſind,“ ſchrie Scroope,„da er ihn nicht geſchlagen hat—“ 3 „Tonnerre de Dieu! Monsieur,— geſchlagen hat!“ ſchrie der alte Soldat.„Haben Sie geſagt,„„ge⸗ ſchlagen?“° „Nein, das habe ich nicht geſagt,— das habe ich 203 nicht ſagen können,“ fiel Purvis ein.„Ich habe bloß be⸗ merden wollen, daß, da kein Schaden daraus entſtanden „Und wer wird es wagen, das zu ſagen, Monſieur?“ fiel der Andere ein.„Iſt es Nichts, daß einem Franzoſen gedroht worden?“ „Das iſt viel,— ungeheuer viel. Es iſt ſo gut, als ob der Andere geſchlagen worden wäre; ich weiß es,“ murmelte der arme Purvis demüthiglich. „Wollen Sie ſpoͤtteln, Monſieur?“ fragte der Oberſt, ſich zu ſeiner ganzen Höhe aufrichtend. „Nein, nein, ich will nicht ſpötteln; nein, bei meiner Seele, es iſt mein Ernſt. Noch nie in meinem Leben war ich weniger zum Scherzen aufgelegt.“ „Sie hätten keinen ungünſtigeren Augenblick wählen können, um Ihre Späſſe an den Mann zu bringen, Mon⸗ ſieur,— das will ich Ihnen ein für alle Male geſagt haben,“ antwortete der Andere ſtreng.„Soll ich alſo aus All' dem ſchließen, Monſieur,“ fuhr er nach einem Zwiſchenraume von einer Secunde fort,„daß wir in Be⸗ ziehung auf dieſe Affaire ganz dieſelbe Anſicht haben?“ „Wir find voͤllig mit einander einverſtanden. Ich pflichte Ihnen in Allem bei, was Sie ge— ge— ge⸗ hn⸗ und in Allem, was Sie noch zu ſagen ha— ha— aben.“ „Ihr Freund wird alſo Abbitte thun?“ hob der Oberſt wieder an. „Ja, das ſoll,— das muß er thun.“ „Er hat bloß ſein Bedauern auszudrücken, daß eine unvorſichtige Handlung zu einem Mißverſtändniſſe geführt, und daß, indem er den Arm aufgehoben, er die Geſte weder als eine Drohung, noch als eine Beleidigung ange⸗ ſehen wiſſen wollte. Iſt das nicht Ihre Anſicht?“ „Ganz und gar; und ferner iſt es meine Anſicht, daß⸗ wenn er auch geſchlagen hätte, er ihn nicht verletzt haben würde. 204 „Feu d'enfer! Monsieur, was ſagen Sie da? Oder walles Sie uns damit verſpotten?“ ſchrie der Oberſt zornig. „S— S— S— Sie erſchrecken mich ſo,“ rief Purvis;„Sie ſind ſo ba— ba— ba— barſch, daß ich wahrlich nicht weiß, was ich ſage.“ Der Franzoſe maß ihn mit einem Blicke voll ſelt⸗ ſamer Bedeutung. Offenbar war ein ſolcher Charakter etwas Neues für ihn, und er mußte ſeine ganze Geſchick⸗ lichkeit und all' ſeinen Verſtand aufbieten, um denſelben zu verſtehen. Endlich ſagte er: „Wohlan, Monſieur, ich überlaſſe Ihnen die Einzel⸗ heiten ganz und gar; ſprechen Sie mit Ihrem Freunde, arrangirt die Sache unter Euch, und beendigen wir die ganze Geſchichte ſo raſch wie möglich!“ „Wozu all dieſer Aufſchub?“ murmelte Norwood zornig, als der Andere wieder bei ihm war;„kann das Abmeſſen des Feldes ſo viele Schwierigkeiten darbieten? Es ſind ja bloß zwoͤlf oder zwanzig Schritte zu zählen?“ „Das hat allerdings keine Schwie— Schwierigkeiten; aber wir haben einen beſſern Pl— Pl— Plan ausgehegt, und Sie brauchen bloß zu ſagen, daß Ihnen die Sache L— 96L— L— Leid thue,— d— d— d— daß Sie ihn nicht haben beleidigen wollen,— und daß Sie nie einen Franzoſen ge— ge— geſchlagen,— und daß Sie auch in Zukunft k— k— keinen ſchlagen wollen.“ „Wie! Was meinen Sie damit?“ fragte Norwood erſtaunt. 4 „Daß wir Alle zurückgehen, und in dem Gaſthauſe zur Luna frühſtücken wollen; denn e— e— e— es gibt ja jetzt Nichts mehr auszufechten.“ Norwood ſtieß ihn verächtlich bei Seite, und ging mit eiligen Schritten auf den Ort zu, wo der alte Oberſt ſtand.„Sie ſind franzoͤſiſcher Officier, mein Herr,“ ſagte er,„und ich verſehe mich zu Ihrer Ehre, daß ſich in dieſer —— 205 Sache kein Tadel an meine Perſon heftet, in ſo fern der⸗ ſelbe ſeinen Grund in der Unwiſſenheit oder in der Unge⸗ ſchicklichkeit dieſes Herrn hätte. Ich habe nicht im Sinne, Abbitte zu thun, und habe nur eine Genugthuung.“ „Ganz gut, Monſieur, wir ſind parat,“ ſagte der Oberſt.„Ich will einen meiner Landsleute bitten, daß er für Sie handle, denn ich ſehe, Sie ſind in ſehr ſchlechten Händen.“ Und nun fingen ſie, wie ihrer Aufgabe gewachſene Männer, an, die Einzelheiten des Duells feſtzuſetzen, wäh⸗ rend Purvis, nun wieder frei geworden, ſich davon ſchlich und in das Gehoͤlz zurückzog. „Sie dürfen zuerſt feuern, my Lord,— das Glück hat es ſo gewollt,“ ſagte ein junger Franzoſe zu Nor⸗ wood;„die Bedingungen ſind: zwoͤlf Schritte— Rücken gegen Rücken:— bei dem Worte wenden Sie ſich um, und feuern!“ Norwood verbeugte ſich, und folgte, ohne ein Wort zu ſagen, dem Andern an den Ort nach, wo er ſich auf⸗ ſtellen ſollte. Während er ſo, mit der Piſtole in der Hand, wartete, befand er ſich gerade dem Orte gegenüber, wo Purvis eine Zufluchtſtätte geſucht hatte. Als Scroope Lord Norwood, mit geſpannter Piſtole und mit auf dem Drücker ruhendem Finger, ſich gerade gegenüber ſah, ſtieß er einen Schrei des Schreckens aus und ſtürzte geradezu auf den Boden hin. CEhe noch die Uebrigen die Urſache des Schreies ent⸗ decken konnten, ließ ſich von draußen der andere Schrei „die Polizei,— die Gensdarmen“ hoͤren, und es ſtürzte Doctor Grounſell, von verſchiedenen unberittenen Drago⸗ nern gefolgt, in den Garten. In einem Augenblicke waren Alle fort; Norwood ſprang von einem niedern Balkon in einen Weinberg hinab, während die Andern nach verſchiedenen Richtungen hin flohen, und Purvis allein auf dem Schlachtfelde ließ. 206 Purvis aber ſchätzte ſich nur zu glücklich, in die ſichern Hände der Obrigkeit gefallen zu ſein, und nahm ben⸗ Gefangenſchaft mit der größten Ruhe und Zufrieden⸗ eit an. „Wo iſt Kapitän Onslow? Haben Sie ihn geſehen, Sir?“ flüſterte ihm Grounſell zu. „Ich habe Jedermann geſehen, w— w— w— weiß aber Nichts mehr. Es ſchw— w— w— webt mir Alles nur noch wie ein Traum vor.“ „Es hat alſo kein Duell ſtattgefunden? Hat man ſich nicht geſchlagen?“ fragte Grounſell. „J— i— i— ich glaube nicht; w— w— w — wahrſcheinlich nicht,“ ſagte Purvis, deſſen geiſtige Fähigkeiten immer noch ſehr getrübt waren. Grounſell wandte ſich mit Verachtung weg, und ging in das Haus hinein. Auf alle ſeine Fragen erhielt er von den Kellnern des Gaſthauſes nur vage und unzu⸗ reichende Antworten; auch konnte der Doctor weder her⸗ ausbringen, was geſchehen war, noch die Gründe erfahren, warum man ſo lange an Ort und Stelle geblieben war. Unterdeſſen durchſuchten die Carabinieri, durch das Verſprechen großer Geldbelohnungen angeſpornt, den Park in allen Richtungen, und ebenſo durchſtreiften ſie auch die Umgegend, um die Flüchtigen beizufahen; die Bauern, die man finden konnte, mußten ſich gleichfalls bei der Ver⸗ folgung betheiligen, und rannten da und dort hin, um den Gensdarmen beizuſtehen. Ob die Dragoner die Flüchtlinge wirklich nicht ein⸗ holen konnten, oder ob ſie, was wahrſcheinlicher iſt, ſich beſtechen ließen und ihnen zur Flucht verhalfen, darüber ſchweigt die Geſchichte; nur ſo viel iſt gewiß, daß ſie nach einer Stunde in das Gaſthaus zurückkamen, ohne einen einzigen Gefangenen mitzuführen. Grounſell verwünſchte ihre italieniſche Indolenz, und ſchmähete auf jede Inſtitution ihres trägen Landes. Wie machte er ſeinem Unmuthe Luft,— wie ſchimpfte er auf 207 fremde Falſchheit und Spitzbüberei,— und wie ſehr wünſchte er eine Londoner Polizei und einen Richter von Bow⸗Street herbel! Nie dürſtete Lord Palmerſton ſo, auf fremden Boden britiſche Inſtitutionen zu verpflanzen, wie es ihn verlangte,„den Maccaroni⸗Spitzbuben zu zei⸗ gen, was eine gute Polizei wäre.“ Wie machte er nicht ſeiner ehrlichen Indignation gegen alle im Auslande reſi⸗ direnden Engländer Luft,— gegen ſeine Landsleute, die eines milden Klimas und laxer Sitten wegen ihr Vater⸗ land gegen den Continent vertauſchen konnten. Endlich ſetzte er ſich, von allen dieſen Verwünſchungen ziemlich ermüdet und erſchöpft, auf eine Bank. „Wollen Sie ihnen ſa— ſa— ſa— ſagen, ſie ſollen mich gehen laſſen?“ rief Purvis.„Ich habe ja Nichts gethan. Ich thue nie Etwas. Ich heiße Purvis, Sc— Sc— Scroope Purvis, und bin ein Br— Br.— Br— Bruder von Mrs. Ricketts im Villino Zoe.“ „Alles das kann mir vöͤllig gleichgültig ſein, Sir,“ brummte Grounſell heraus;„auch bin ich kein Gendar⸗ meriecorporal, und kann daher keine Befehle in Beziehung auf Ihre Freilaſſung geben.“ „Aber Sie werden mich in's Ge— Ge— Ge— Ge⸗ fängniß führen!“ rief Purvis. „Das ſoll mich freuen, Sir, und ich habe lediglich Nichts dagegen einzuwenden, vorausgeſetzt, daß ich nicht Ihr Mitgefangener werde,“ entgegnete der Doctor zornig, und verließ den Ort, während die Poltzei, ſo viele Vorſichts⸗ maßregeln zur Feſthaltung des armen Purvis nehmend, als ob er ein Moͤrder oder ein gefährlicher Dieb geweſen wäre, denſelben in eine Caleſche brachte und mit ihm Florenz zufuhr. Wir müſſen dabei noch bemerken, daß Purvis bei dieſer unfreiwilligen Fahrt zwiſchen zwei Gendarmen ſitzen mußte, die ihre geladenen Carabiner in der Hand hielten. „Man wird mich wahrlich für Fr— Fr— Fra Dia⸗ volo halten, wenn ich in ſolcher Weiſe in die Stadt hin⸗ einkomme,“ rief Purvis, wobei wir jedoch bemerken müſ⸗ 208 ſen, daß ſein reuevolles Ausſehen eine ſolche Beſchuldig⸗ ung gewiß Lügen geſtraft haben würde. Was Grounſell betrifft, ſo ſetzte er ſich, müde und niedergeſchlagen, auf eine Grasbank am Wege. Seit dem erſten Augenblicke ſeiner Ankunft in Flo⸗ renz hatte er noch keine Minute der Ruhe gehabt. Als er Lady Heſter's Zimmer verließ, hatte er ſich zu Sir Stafford begeben und war faſt bis Tagesanbruch bei ihm geblieben; er hatte ſeinem alten Freunde die traurige Nachricht von ſeinem Ruin mitgetheilt, und ihm die furcht⸗ bare Geſchichte der Unglücksfälle erzählt, die ihn aus einem reichen zu einem armen Manne machen ſollten. Von da eilte er in George Onslow's Zimmer; allein dieſer war bereits fort. Einige Minuten vorher war er mit Norwood nach Pratolino gefahren, und Al⸗ les, was Grounſell zu thun übrig blieb, war, daß er die Polizei von dem beabſichtigten Duell benachrichtigte, wäh⸗ rend er ſelbſt, weislich vermuthend, daß in Florenz Nichts geſchehen koͤnne, was Jekyl nicht wiſſe, alsbald ſich in die Wohnung des ſo eben genannten Herrn begab. Ohne ſich erſt anmelden zu laſſen, ging Grounſell die Treppe hinauf und öffnete die Thüre von Jekyl's Zimmer gerade in dem Augenblicke, wo der Bewohner deſſelben die erſten Vorbereitungen zu ſeinem Frühſtücke traf. Es lag in den Arrangements eine faſt ſpartaniſche Einfachheit, worüber Menſchen, die einen mindern Grad von Ruhe beſeſſen hätten, hätten erröthen können und wobei ſich dieſelben vielleicht unbehaglich gefühlt hätten. Der kleine hölzerne Teller mit Maccaront, die kleine un⸗ ſcheinliche Kaffeekanne, das Brod, das eine äthiopiſche Farbe hatte, und die Traube mit ihren zuſammenge⸗ ſchrumpften Beeren, boten ein Mahl dar, das man in Beziehung auf Koſtſpieligkeit oder in Beziehung auf Epi⸗ cuesmus gewiß untadelhaft finden mußte. Aber Jekyl ſchien, weit entfernt, ſich beſchämt zu fühlen, das Mahl mit aufrichtiger Befriedigung anzuſehen; 209 er hieß mit einem überaus artigen Lächeln den Doctor in Florenz willkommen, und dankte ihm für die überaus höfliche Aufmerkſamkeit eines ſo frühen Beſuches. „Ich glaube, daß ich mein gar zu frühes Kommen entſchuldigen muß, Sir,“ platzte Grounſell heraus, der durch dieſe übermäßige Urbanität ganz außer Faſſung gebracht wurde;„allein es muß die Urſache für mich ſprechen.“ „Jede Urſache, welche mir die Ehre verſchafft hat, Sie bei mir zu ſehen, kann nicht anders, denn erfreulich ſein. Kommen Sie doch näher zu dem Tiſche her! Sie werden finden, daß dieſe Maccaroni beſſer ſind, als ſie ausſehen. Der alte Duc de Montmartre ſagte ſtets, daß Maccaroni auf Holz ſervirt werden müßten. Seine Maxime war:„„Man behalte den Plat d'argent für eine Mayonnaise oder eine Galantine auf.““ „Entſchuldigen Sie mich, Sir, wenn ich Ihnen nicht auf dieſes Gebiet folgen kann. Nur eine Sache von äußerſter Wichtigkeit konnte mich veranlaſſen, Sie ſchon ſo frühe zu beläſtigen. Ich bin erſt ſeit einigen Stun⸗ den in Florenz angekommen, und finde im Palazzo Maz⸗ zarini Alles in Unordnung und in einem hoͤchſt unerfreu⸗ lichen Zuſtande der Uneinigkeit. Einige Fragen können ſpäter und reiflicher erwogen werden; andere aber drän⸗ gen zur Entſcheidung. Eine dieſer Fragen nun iſt die Affaire George Onslow's. Sagen Sie mir, mit wem er ſich zu ſchlagen im Begriffe, und was der Grund des Duells iſt.“ „Sein Gegner iſt ein recht angenehmer junger Mann,— durchaus ein Gentleman, ich verſichere Sie. Er iſt der hieſigen franzöſiſchen Geſandtſchaft beigegeben und mit den Morignys verwandt, die Sie im Hauſe der Mad. Parivaux in früheren Zeiten getroffen haben müſſen.“ „Ich habe noch nie von einem gehört, Sir. Was iſt denn aber die Urſache des Duells?“ 8 Die Daltons. III. 14 210 „Wie ich glaube, ſo iſt die Urſache ein Wortſtreit,“ lächelte Jekyl, indem er ſeinen Kaffee zuckerte und nippte.. „Eine Spielgeſchichte, he2“ „Ich glaube nicht; Graf Guilmard ſpielt nicht.“ „So weit wäre es gut,“ ſagte Grounſell.„Und nun, Sir, ſagen Sie mir, wie der Streit beigelegt wer⸗ den könnte. Ich ſpreche offen, vielleicht plump mit Ihnen, Mr. Jekyl, denn ich liebe höfliche Zweideutigkeiten nur wenig. Kann dieſe Geſchichte ohne ein Duell beigelegt werden?“ JZekyl ſchüttelte den Kopf und ließ einen kleinen, ſanften, klagenden Seufzer hören. „Beſteht im Lande ein Geſetz wider Duelle? Kann die Pollzei Nichts thun?“ „Es iſt ſo leicht, über die Grenze zu kommen,“ lächelte Jekyl, einen verſtohlenen Blick auf ſeine Uhr werfend. „Leider, leider!“ ſiel Grounſell unwillig ein;„ſchon die Geographie des Continents leiſtet dieſer Verruchtheit Vorſchub, und fünf Schritte über eine imaginäre Grenze hinaus ſichern einem Moörder Strafloſigkeit! Wohlan, Sir, kommen Sie mit mir an den Ort, wo das Duell ſtattfinden ſoll. Es iſt vielleicht möglich, daß wir noch jetzt von einigem Nutzen ſein koͤnnen.“ „Nichts könnte mir angenehmer ſein, als eine ſo günſtige Gelegenheit, Ihre Bekanntſchaft zu cultiviren, Doctor Grounſell, aber ich habe an Lord Norwood be⸗ reits ein Paar Zeilen geſchickt, um meine Abweſenheit zu entſchuldigen;— ein älteres Engagement— ℳ „Wie! Um dieſe Stunde ſchon, Sir?“ platzte Grounſell heraus. „Schon um dieſe Stunde, Doctor, fangen unſere Sorgen an,“ ſagte Jekyl in ſanftem Tone. *„So müſſen Sie denn bei dieſer Gelegenheit Pflich⸗ ten weichen!“ ſagte Grounſell ernſt.„Es mag dieſes —— 211 Wort etwas ſeltſam in Ihren Ohren klingen, Sir, allein ich gebrauche es abſichtlich. Sie ſind von dieſer Familie wohl aufgenommen und gaſtfreundlich bewirthet worden. Man hat Ihnen viele Zeichen der Güte und Aufmerk⸗ ſamkeit gegeben. Es iſt nun die Zeit gekommen, wo Sie ſich erkenntlich zeigen koͤnnen. So kommen Sie denn und ſehen Sie, ob man dieſen jungen Mann nicht aus der ihn bedrohenden Gefahr retten kann.“ „Sie berühren meine Gefühle am zarteſten Flecke,“ ſagte Jekyl ſanft.„Wenn der Dankbarkeit Erwähnung gethan wird, bin ich ein Kind,— ein bloßes Kind.“ „So ſeien Sie einmal ein Mann, Sir; ſetzen Sie Ihren Hut auf und begleiten Sie mich!“ rief Grounſell. „Sie werden doch nicht von mir verlangen, Doctor, ich ſolle einem gegebenen Worte untreu werden 2“ „Ei, warum nicht Sir? Ihr Rendez⸗vous iſt ge⸗ wiß nicht von ſo großer Bedeutung, während es ſich auf der andern Seite um Leben oder Tod handelt.“ „Wie fürchterlich!“ ſagte Jekyl, ſeine Locken am Spiegel ordnend.„Pascal vergleicht die Menſchen mit dünnen Glasfläſchchen, worin ein explodirendes Pulver enthalten ſei, und man ſieht jeden Tag, wie ſehr er Recht hat; Jean Paul aber drückt ſich noch beſſer aus, wenn er ſagt, wir Alle ſeien Brenngläſer von verſchiedener Dicke, ſo daß unſere Leidenſchaften bei verſchiedenen Wärmegra⸗ den ſich entzündeten.“ „Die meinigen find in dieſem Augenblicke nicht weit vom Focus,“ ſagte Grounſell mit wilder Energie;„holen Sie alſo alsbald Ihren Hut, Sir, ſonſt—“ „Wofern ich nicht eine Mütze vorziehe, wollten Sie hinzuſetzen,“ fiel Jekyl mit ſanftem Lächeln ein. „Wir müſſen uns beeilen, Sir, ſonſt kommen wir zu ſpät,“ entgegnete der Doctor. „Ich ſchmeichle mir, daß wenige Menſchen eine ſchnelle Toilette beſſer verſtehen,“ ſagte Jekyl, vom Tiſche aufſtehend;„wenn Sie ſich daher fünf Minuten lang 212 mit Bell's Life, Punch oder Jules Janin amüſiren wol⸗ len, ſo bin ich Ihr Mann.“ 2* „Ich kann mir ſo lange ſelbſt Geſellſchaft leiſten, Sir,“ ſagte der Andere barſch, und wandte ſich nach dem Fenſter hin, während man hören konnte, wie Jekyl, hin⸗ ter der die Stelle einer Thüre erſetzenden Draperie ver⸗ ſchwindend, im andern Zimmer eine Opernarie ſummte. Grounſell war nicht eben in der beſten Laune; auch würde er auf den Theil der Welt, den er am Beſten kannte, die wohlbekannte Lobrede auf die„Bayards“ aus⸗ gedehnt haben. Die Worte„Schwindler,“„Wüſtlinge“ und„Vagabunden“ waren die mildeſten, die er aus ſei⸗ nem Wörterbuche beſtändig vor ſich hermurmelte; und jedes war von einem Heere derber Flüche begleitet. Selbſt der Anblick, den das kleine Zimmer darbot, ſchien ſeinem Zorne Nahrung zu geben: der prätentiöſe Styl ſeiner Decoration reizte ſeine Nerven, und er hatte große Luſt, Bronzefiguren, Spielleuchter und Statuen einem gemein⸗ ſamen Ruin zu übergeben. Sogar die Viſitenkarten, die auf einem prächtigen Porzellanteller herumlagen, waren ihm anſtößig, indem die Namen Aller, die durch ihren Rang und ihre Stellung ſich am Meiſten auszeichneten, darauf ſtanden, und hie und da einige hoͤfliche Worte, wie„Dank,“—„kommen Sie wo moͤglich,“— oder„Wir erwarten Sie natür⸗ lich“ anzeigten, wie ſehr Jekyl in der Geſellſchaft geſucht war. „Ja, ja,“ murmelte er vor ſich hin,„hier iſt ein Menſch, der weder Diners, noch Bälle geben,— weder Stellen, noch Penſionen, noch Orden verſchaffen, weder Geld herleihen, noch ſolches verlieren kann, und doch ſucht ihn die Welt, da ſie nicht ohne ihn ſein kann. Die Indolenz der Verworfenheit ſucht die Beihülfe ſeiner ſtimulirenden Thätigkeit, und der geſchwächte Appetit der Sinnlichkeit muß erſt vom Laſter den Wohlgeſchmack borgen, der ihr das gibt, wodurch ſie pikant wird. Ohne ihn, als —,.— —— 213 Schwungrad, würde die ganze Maſchinerie des Unheils ſtille ſtehen. Er rühmt ſich, daß, während er keinen Sou beſitze, es keinen Millionär gebe, der reicher ſei, als er, und daß ihm Alles zu Dienſten ſtehe, was der Reich⸗ thum zu bieten vermöge. Er könnte hinzuſetzen, daß er, bei ſeiner allumfaſſenden Anſicht vom Laſter, alle Gott⸗ loſigkeit dieſer guten Hauptſtadt in ſich darſtelle. Ich würde einen ſolchen Kerl auf die Tretmühle thun,— ich würde ihn auf Lebenszeit deportiren laſſen,— er müßte mir während des Reſtes ſeiner Tage Känghurus jagen, — ich würde—“ Ploͤtzlich hielt er in ſeiner heftigen Tirade inne, denn es fiel ihm mit einem Male ein, daß er in dieſem Au⸗ genblicke ſelbſt Hülfe bei dem kleinen Manne ſuche. Durch dieſen Gedanken etwas beſchämt, rief er aus: „Mr. Jekyl, ſind Sie noch nicht parat?“ Auf dieſe Frage erfolgte keine Antwort, und Groun⸗ ſell wiederholte ſie lauter. Aber Alles war ſtill, und ſelbſt die ſanften Toͤne der Arie aus der„Lucia“ unterbrachen das Schweigen nicht. Nun verlor der Doctor alle Geduld: er ſchob den Vorhang zurück, und blickte hinein. Aber was mußte er ſehen? Das Zimmer war leer und Jekyl fort! Sein kleiner Koffer und ſein noch klei⸗ nerer Nachtſack, ſeine Hutſchachtel, ſeine Stöcke,— kurz jeder Gegenſtand, der ihm gehörte, war verſchwundenz und während Grounſell da ſtand und den„kleinen Spitz⸗ buben“ verwünſchte, ſaß Letzterer im Reiſewagen recht angenehm Lady Heſter und Kate gegenüber, und verſetzte ſie durch ſeine meiſterhafte Nachäͤffung des armen Dor⸗ tors in ein krampfhaftes Lachen. So groß nun Grounſell’s Zorn über dieſes Schel⸗ menſtück war, ſo ſteigerte ſich derſelbe doch noch, als er entdeckte, daß man ihn eingeſchloſſen. Er vergaß wäh⸗ rend ſeiner Meditation ganz und gar den ⸗Lauf der Zeit, —— —— 214 und konnte es nicht für möglich halten, daß ſo viele Zeit Lnſeben⸗ um alle dieſe Arrangements zu Ende zu ühren. Zu ſehr empört, als daß er hätte länger warten mögen, ſtieß er die Thüre mit dem Fuße ein und ging zum Zimmer hinaus. Das Geräuſch führte die Leute vom Hauſe alsbald herbei, und zu Grounſell's nicht geringem Staunen war auch ein Polizeibeamter dabei, der jetzt, mit all' der ſei⸗ nem Amte zukommenden Würde, den Durchgang mit ſeinem gezogenen Degen verſperrte. „Was ſoll das, was ſoll das?“ rief er erſtaunt. „Gewaltſame Effraction in einem Schuldenfalle iſt ſtrafbar nach Paragraph 127 des Coder,“ ſagte ein ſchmutziges Männchen, das wie ein Schuhputzer ausſah, und dabei eines der hervorragendſten Glieder des Flo⸗ rentiner Advocatenſtandes war. „Ich bin hier Nichts ſchuldig,— keinen Heller, mein Herr! Laſſen Sie mich fortgehen!“ rief Grounſell. „„Väter ſind auch verantwortlich für minderjährige und volljährige Soͤhne, die in demſelben Hauſe wohnen,““ fing der Advocat wieder an, aus einem Buche heraus⸗ leſend, das er in der Hand hielt. „Was leſen Sie da für dummes Zeug, mein Herr; ich habe keinen Sohn; noch nie in meinem Leben bin ich verheirathet geweſen; und wenn Sie mir dieſen Mr. Je⸗ kyl als Sohn aufbürden wollen, ſo werde ich mich bis zum letzten Blutstropfen wehren.“ „„Drohungen unter und ohne Vorweiſung von Waf⸗ fen werden mit Geld und Gefängniß beſtraft,““ fing der Advocat wieder an. Grounſell war ſo wüthend, daß er ſich mit Gewalt den Durchgang erzwingen wollte; aber ein allgemeines Dolchzucken von Seiten der Familie,— es war ſogar ein Bürſchchen von ſieben Jahren darunter,— zeigte ihm, daß der Verſuch denn doch allzu gewagt ſein koͤnnte, — 215 während ein wilder Chor von Schimpfreden aus einer Gruppe von„mitfühlenden“ Menſchen ſich erhob, die von der Straße hereinſtroͤmten, um zu ſehen, was vorging. „Ein Vater, der für ſeinen Sohn nicht bezahlen will!“—„ein Möoͤrder, der ſich ſeiner eigenen Kinder nicht erbarmt!“—„ein Birbante,“—„ein Briccone,“ und ein Dutzend ähnlicher Epitheta fielen hageldicht auf ihn ein, bis Grounſell, annehmend, der„Biß“ ſtehe möͤg⸗ licher Weiſe mit dem„Gebell“ im Verhältniß, ſich in ein kleines Zimmerchen zurückzog und auf einen gütlichen Vergleich antrug. Wenige Menſchen zahlen ihre eigenen Schulden gern, — noch wenigere lieben es, die ihrer Nebenmenſchen zu zahlen, und Grounſell ging in einer nichts weniger denn angenehmen Stimmung an die unerfreuliche Arbeit. Indeſſen hatte die Sache dennoch eine Seite, die ſie minder arg machte. Jekyl's Rechnung war ſo mäßig, daß ſelbſt der ſtrengſte Gantcommiſſär keinen Gruud zu einem Tadel gefunden haben würde. Seine häuslichen Ausgaben waren von der ſtrengſten Sparſamkeit dictirt. Einige Kronen für ſeine Hausmiethe,— einige Paoli für ſein Eſſen und einige„Grazie“ für Wäſche bildeten ſeine ganze Schuld, und ſelbſt ein Hume würde es nicht verſucht haben, die„Voranſchläge“ zu ermäßigen. Ohne Zweifel waren mehr als die Hälfte der Forderungen un⸗ gerecht und übertrieben; vielleicht waren auch manche ſchon befriedigt; da aber alle dieſe Spitzbübereien am Ende doch nur homdͤopathiſche Ungerechtigkeiten waren, ſo konnte man ſich die Doſis, in der ſie gegeben wurden, geduldig gefallen laſſen. Die Eile, womit er die Sache abzumachen ſuchte, hatte indeſſen eine ganz entgegengeſetzte Wirkung. Je mehr er nachgab, um ſo übertriebener wurden ihre For⸗ derungen, und man war mehrmals ſchon auf dem Punkte, zu offenen Feindſeligkeiten überzugehen. Endlich, eine ganze Stunde, nachdem Jekyl wegge⸗ 216 gangen, wurde Grounſell ſeiner Haft entlaſſen, und nun erſt konnte er George Onslow aufſuchen. Der Leſer iſt mit dem, was Grounſell in der Zwi⸗ ſchenzeit zuſtieß, nun hinlänglich bekannt, und wir kom⸗ men daher auf den Augenblick zurück, wo er ſich, ver⸗ wirrt und ſich nicht mehr zu helfen wiſſend, auf die Bank neben der Straße ſetzte. Einundvierzigſtes Kapitel. Eine traurige Haushaltung. Es war bereits Mittag vorüber, als Grounſell Florenz wieder erreichte. Er wurde am Thore durch Beamte auf⸗ gehalten, die einen Bauerkarren, der vor ihm ſtand, unter⸗ ſuchten,— ein Verfahren, das einen ungewöhnlichen Grad von Sorgfalt und Scharfſinn u erheiſchen ſchien. Und ſo hatte der Doctor abermals Gelegenheit, auf„die Dumm⸗ heit der Leute auf dem Continente loszuziehen, die dem Handel und Wandel jedes mögliche Hinderniß in den Weg legen.“ „Was mögen ſie nun entdeckt haben?“ rief er mür⸗ riſch, während er zwiſchen einen Haufen von Wagen jeder Art und jeder Größe eingekeilt war,— nicht unähnlich einem Kohlenſchiffe im Fluſſe.„Iſt denn der Bauer ein verkleideter revolutionärer General? oder hat er unter dem Stroh ſeines Baroccino Bibeln, oder britiſche Meſ⸗ ſerſchmiedwaaren?“ 3 „Nein, Eccellenza!“(Jeder Menſch, der im Zorne iſt, wird in Italien Eccellenza genannt, was wahrſchein⸗ 217 lichs eine lindernde Wirkung haben ſoll.)„Es iſt ein Kranker, und man weiß nicht, was man mit ihm anfan⸗ gen ſoll.“ 3 „Iſt auf ein kaltes, oder nervöſes Fieber hier zu Lande etwa ein Zoll gelegt?“ fragte er zornig. „Man hält ihn für todt, Eccellenza, und wenn das der Fall iſt, ſo braucht man ihn nicht in die Stadt hineinzubringen, da man ihn ja doch bald wieder hinaus⸗ ſchaffen muß.“ „Und wiſſen denn die Leute hier zu Lande nicht, ob ein Menſch todt oder lebendig iſt 2 „Wenn es ein Fremder iſt, Illuſtriſſimo,— dann weiß man es nicht; und dieß iſt gerade hier der Fall.“ „Ahl ganz richtig!“ ſagte Grounſell trocken, wie wenn er der Wahrheit der Bemerkung beipflichtete.„Laſ⸗ ſen Sie mich einmal ihn anſehen, vielleicht kann ich ihrem Urtheile zu Hülfe kommen.“ 1 Mit dieſen Worten ſtieg er ab, und drängte ſich durch die Menge durch, die mit all' dem Eifer der Neu⸗ gierde den Wagen belagerte. Ueber die Geſtalt des Kranken,— ja ſogar über das Geſicht deſſelben war der Ueberrock eines Bauers ausge⸗ breitet. Ferner iſt zu bemerken, daß der Patient nach ſeiner ganzen Länge auf einer Matte lag, die auf dem Boden des Baroccino ruhte; auf ſeiner Bruſt aber war ein Roſenkranz, und ein hölzernes Crueifix zu ſehen, die von einer frommen Hand gelegt worden waren. Grounſell zog die Decke eilig weg, und ließ, während er einen der Arme erfaßte, einen ſchwachen Schrei hoͤren, denn die blaſſen, todähnlichen Züge vor ihm waren die George Onslow's. Indeſſen überwanden die Inſtinkte des Doktors bald jedes andere Gefühl, und ſeine Hand faßte das Fauſtge⸗ lenk an, und unterſuchte den Puls. Die Schläge deſſelben waren langſam, mühſam, und unregelmäßig, und zeigten an, daß das Gehirn der verletzte Theil ſei. 218 Grounſell ſchickte ſich daher an, den Kopf zu unter⸗ ſuchen, der mit ſeinen Blutklumpen einen furchtbaren Anblick darbot; indeſſen war weder am Kopfe, noch an einem andern Theile des Körpers auch nur die Spur von einer Schußwunde zu entdecken. Es ſtand nicht lange an, ſo erfuhr der Doctor, wie der Koͤrper gefunden worden. Ein Schäfer hatte ihn, als er an dem Orte vorüberging, entdeckt. Als er darauf einige nach Florenz fahrende Bauern bemerkt, hatte er ihnen den Rath gegeben, ihn nach der Stadt zu bringen, mit dem Beifügen, daß ſie dort gewiß eine ſchöne Be⸗ lohnung erhalten würden. Der Gedanke, der ſich Grounſell natürlich aufdrängte, war, daß Onslow über einen Felſen hinabgefallen ſein müſſe, während er vor den Gensdarmen geflohen ſei. Seine erſte Sorge war nun, den Verwundeten nach Hauſe, und denſelben, wo möglich, zu Bette zu bringen, ehe noch Sir Stafford von dem Unglücke hörte; und dies gelang ihm. Es war gerade die Zeit, in der Sir Stafford zu ſchlafen pflegte; und Grounſell konnte noch lange, ehe der alte Baronet aufwachte, ſeinen Patienten unterſuchen, und ſich überzeugen, daß eine lebensgefährliche Verwun⸗ dung nicht vorliege. „Sir Stafford wünſcht Sie zu ſehen, Sir; er hat heute ſchon zu wiederholten Malen nach Ihnen gefragt,“ ſagte Proctor. „Hat er von der Sache ſchon gehört,— weiß er Etwas davon?“ ſagte Grounſell, auf das Bett deutend, in dem George lag. „Nicht eine Sylbe, Sir. Er war den ganzen Mor⸗ gen recht aufgeräumt, wunderte ſich aber, wo Sie hin⸗ gegangen ſein könnten, und was Miſter George thun moͤchte.“ „Es muß alſo heraus!“ murmelte Grounſell vor ſich hin, indem er mit gefalteten Händen und gerunzelter Stirn fortging. Der Doctor fühlte die nämliche Bangig⸗ 219 keit, die ſich am Vorabend einer ſchmerzlichen chirurgiſchen Operation ſeiner oft bemächtigt hatte.— „Wohlan, Grounſell,“ ſagte der Greis mit einem Lächeln, als der Doctor eintrat,„ſoll es mir einen Vor⸗ ſchmack von meiner veränderten Stellung geben, daß ihr Alle mich heute verlaſſet? So Viel ich erfahren kann, biſt Du heute noch nicht bei mir geweſen, und eben ſo wenig George.“ „Wir haben dieſen Morgen Viel zu thun gehabt, Stafford,“ ſagte der Doctor, ſich auf das Bett ſetzend, und ſeinen Finger auf den Puls legend. Es geht beſſer mit Dir,— es geht heute viel beſſer mit Dir. Deine Hand iſt, wie ſie ſein ſoll, und Dein Auge iſt ſieberfrei.“ „Ich fühle es, Grounſell. Es iſt mir, als ob ich zwanzig Jahre weniger auf dem Rücken hätte, und als ob ich wieder meinen Kampf mit der Welt beginnen,— als ob ich mit den Tüchtigſten mich in einen Wettſtreit einlaſſen könnte.“ „Du biſt noch jung und thätig genug, um Deine Rolle gut zu ſpielen, Stafford. Ich habe Dir geſtern Alles geſagt,— in Farben, die vielleicht düſterer, als die Wirklichkeit waren. Die heutigen Zeitungen bringen etwas erfreulichere Nachrichten. Der Orkan kann vorübergehen, ohne uns zu vernichten; aber es wartet Deiner eine neue Prüfung, alter Freund, und Du mußt all' Deine Stärke zuſammennehmen, um dieſelbe mit männlichem Geiſte zu ertragen.“ Sir Stafford richtete ſich in ſeinem Bette auf, faßte Grounſell bei beiden Schultern, und rief aus: „Fahr' fort!— Sag' es geſchwind!“ „Sei ruhig, Stafford; verleugne Dich nicht, alter Freund!“ ſagte Grounſell, über die tiefe, innere Bewe⸗ gung, die er hervorgerufen, erſchreckend.„Dein Muth wird Dich jetzt nicht verlaſſen.“ „Ich weiß es,“ ſagte der Greis, indem er, die Schultern des Doctors fahren laſſend, auf das Kiſſen zu⸗ 220 rückſank, und, ſich auf das Geſicht legend, ein tiefes Aechzen hoͤren ließ. „Ich weiß jetzt, was Du mir berichten willſt!“ rief der arme alte Mann, von dem heftigen Schmerze über⸗ wältigt, weiter.„Oh, Grounſell, was iſt all' das andere Anaiück, und all' die andere Schmach, im Vergleich mit dem!“ „Ich ſpreche von George,— Deinem Sohne,“ fiel Grounſell plötzlich ein, die Gelegenheit, die ſich ihm dar⸗ bot, Alles auf ein Mal zu enthüllen, ergreifend.„Er iſt heute Morgen von hier weggegangen, um in Pratolino ein Duell auszufechten; in Folge eines Unglücks aber iſt er über einen Feſen hinabgefallen, und iſt ſchwer ver⸗ wundet.“ „Er iſt todt,— Du wollteſt mir ſagen, daß er todt ſeil“ ſagte der Greis mit ſchwachem, bebendem Geflüſter. „Weit entfernt! Er lebt, und bleibt allen Anzeichen nach am Leben; aber er iſt dennoch ſchwer verwundet und zerquetſcht.“ „O Gott!“ rief der Greis tief gerührt,„welcher Weltſinn wohnt in meinem Herzen, wenn ich für eine ſolche Nachricht dankbar bin! Wenn es mir Erleichterung verſchafft, zu erfahren, daß mein Kind, mein einziger Sohn, verſtümmelt und zerquetſcht auf einem Kranken⸗ bette liegt, anſtatt— anſtatt— Hier unterbrach ein Thränenſtrom ſeine Worte, und er weinte bitterlich. Grounſell wußte zu gut, welche Erleichterung ſolche Paroxysmen verſchaffen, als daß er hier hätte hemmend einſchreiten mögen. Indeſſen ſagte er, um jedes Zurückkommen auf die Urſache, ſelbſt in Gedanken, zu vermeiden, eilig Alles, was er von dem beabſichtigten Duell George's mit den Fran⸗ zoſen wußte, und erzählte, welchen Antheil er an der Stö⸗ rung des Rendez⸗vous gehabt. Sir Stafford ſprach während dieſer Erzählung auch — 221 nicht eine Sylbe. Der furchtbare Schlag ſchien auf ſeine Fähigkeiten einen betäubenden Einfluß ausgeübt zu haben; kaum daß er fähig ſchien, die Einzelheiten klar aufzufaſſen, in welche der Andere einging. „Sie iſt alſo nach Como gegangen?“ waren die er⸗ ſten Worte, die er ſprach.„Auf die Villa, die der Fürſt ihr geliehen hat?“ „Wie ich höre, iſt es ſo; und nach dem, was Proc⸗ tor ſagt, iſt der Ruſſe im Begriffe, die Dalton zu hei⸗ rathen.“ „Begleitet Miß Dalton Lady Heſter?“ „Gewiß; ſie reiſen miteinander, und George ſollte ihnen folgen.“ „Selbſt die Médiſance, Grounſell, muß hier ſchwei⸗ gen. Was ſagſt Du dazu, Mann? „In dieſem Punkte kannſt Du ſie herausfordern, Stafford; aber wir wollen von Etwas ſprechen, was jetzt näher liegt,— von George nämlich.“ „Ich muß ihn ſehen, Grounſell; ich muß meinen armen Sohn ſehen,“ ſagte er, ſich aufrichtend, und das Bett zu verlaſſen ſuchend; allein Schwäche und geiſtige Auf⸗ regung im Verein überwältigten ihn, und er ſank aber⸗ mals ohnmächtig und erſchoͤpft zurück. Nun folgte ein tiefer, ſchwerer Schlaf, und Grounſell ſchlich hinweg, froh, daß er ſich ſeiner peinlichen Pflicht entledigt, und daß er nun alle ſeine Gedanken andern Dingen ſchenken konnte. „Lord Norwood wünſcht Sie zu ſehen, Sir,“ ſagte ein Diener zu dem Doctor, als er ſich endlich in ſeinem Zimmer geſetzt hatte, um einen Augenblick auszuruhen. Noch ehe Grounſell eine Antwort geben konnte, trat der edle Viscount ſelbſt ein. „Entſchuldigen Sie dieſen unceremonioͤſen Beſuch, Sir; aber ich habe ſo eben von dem Unglück gehört, das dem armen Onslow zugeſtoßen. Bietet ſein Zuſtand einige Gefahr dar?0 222 „Große, drohende Gefahr, my Lord.“ „Beim Jupiter!— Es thut mir in der Seele leid, daß das Unglück paſſirt iſt. Wiſſen Sie etwa nicht, wie es paſſirt iſt 2 „Wahrſcheinlich war ein Sturz die Urſache; wie und warum aber der Sturz Statt fand, das kann ich mir nicht einmal denken.“ „Wann dürfen wir, vorausgeſetzt, daß er wieder auf⸗ kommt, erwarten, ihn wieder ganz geſund zu ſehen 2 Na⸗ türlich will ich die Zeit nur ſo beiläufig wiſſen.“ „Sollte er wieder aufkommen, ſo wird wenigſtens ein Monat,— ja“, es werden vielleicht zwei erforderlich ſein, ehe er halbwegs wieder geſund iſt.“ „Der Teufel! Man kann dieſen Franzoſen die Sache gar nicht verſtändlich machen; und da Guilmard perſön⸗ lich ſchwer beleidigt worden iſt, ſo iſt er ganz außer ſich, daß 5 ſo lange keine Satisfaction bekommt. Was iſt zu thun?“ „Ich bin in ſolchen Fällen nur ein ſchlechter Rath⸗ geber, my Lord; auch ſehe ich nicht ein, warum wir uns mit der Sache beſchäftigen ſollen.“ „Sie brauchen ſich vielleicht nicht damit zu beſchäf⸗ tigen,“ ſagte Norwood froh;„ich aber hatte das Unglück, ihn als Freund zu begleiten! Meine Lage iſt eine hoͤchſt peinliche und kritiſche. „Ich ſollte denken, es verſtehe Niemand beſſer, als Ew. Lordſhip, wie man ſich aus ſolchen Verlegenheiten zu ziehen hat.“ ⸗ „Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung; ich ſehe die Worte als ein Kompliment an, wie Sie immer dieſelben gemeint haben mögen. Ich glaube, ich bin in ſolchen Af⸗ fairen nicht ganz ungeſchickt, und gerade, weil dieſes der Fall iſt, ſtehe ich jetzt hier. Onslow iſt ein verlorener Mann, wenn ich mich nicht ſeiner annehme. Die Geſchichte läuft, man mag ſie erzählen, wie will, darauf hinaus, daß er, nachdem er einmal hinausgegangen, um ſich mit — 223 einem Manne zu ſchlagen, den er gröblich beleidigt, von dem Orte, an dem das Duell ſtatt finden ſollte, wegläuft, und, einige Stunden darauf, völlig bewußtlos am Fuße eines Felſen gefunden wird. Er kann gefallen ſein,— er kann in einen Hinterhalt gefallen ſein,— obgleich die⸗ ſer Anſicht Alles widerſpricht; oder kann er endlich ſich abſichtlich hinuntergeſtürzt haben. Jede dieſer Anſichten wird ihre Vertheidiger finden; allein es iſt für ſeine Ehre und ſeinen Ruf nothwendig, daß eine Geſchichte als au⸗ thentiſch hingeſtellt wird. Nun aber bin ich ganz bereit, eine ſolche Verſion zu beglaubigen, und ſämmtliche Folgen, wie ernſt dieſelben ſein mögen, auf mich zu nehmen.“ „Das iſt ſehr freundlich,— ſehr großmüthig von Ihnen, my Lord,“ ſagte Grounſell, mit einem Male einen Mann bewundernd, gegen den er bis daher immer ein Vorurtheil gehabt hatte. „Oh! Ich bin ein wahrer John Bull!“ ſagte der Viscount, mit einem Male jenen Ton anſchlagend, der ihm in allen Augenblicken der Heuchelei ſo trefflich zu Statten kam.„Nur immer wie die Alten, Sir,— denen kommt Nichts gleich! Das angloſächſiſche Blut wird noch überall den Sieg davon tragen; nie darf man einem Schuft von einem Ausländer erlauben, daß er einen un⸗ ſerer Landsleute mit Füßen trete. Der Kerl muß heraus, Sir; der Kerl muß ſich pauken; das iſt mein Plan!“ „Ihr Muth gefällt mir,“ rief Grounſell enthuſia⸗ „Ich glaube es wohl, alter Burſche!“ rief Norwood, ihm vertraulich auf die Schulter klopfend.„Ich werde George durchhelfen,— Sie können ſich darauf verlaſſen. Ich werde die Sache geſchickt durchführen. Sie wiſſen, es darf keine Dunkelheit über der Geſchichte liegen;— jeder Zweifel, jede Zweideutigkeit muß beſeitigt werden. Alles gerade, offen, und mannhaft: John Bull durch und durch. Das iſt wenigſtens meine Anſicht,— hoffentlich iſt es auch die Ihrige?“ 224 „Vollkommen,— ganz und gar!“ 3 „Wohlan, ſo überreichen Sie dieſen Brief Sir Stafford!“ Hier legte er einen geſiegelten Brief in Grounſells Hand. Dann fuhr er alſo fort: „Sagen Sie ihm, was ich Ihnen ſo eben geſagt. Erklären Sie ihm die ganze Sache, und ſchicken Sie mir heute Abend den Inhalt in das Kaffeehaus bei der Kirche Santa Trinità. Schicken Sie mir es etwa um neun Uhr,— nicht ſpaͤter. Dieſe Burſche verſammeln ſich im⸗ mer um die ſo eben genannte Stunde.“ „Ich werde die Sache beſorgen,“ ſprach Grounſell „Ganz gut!“ rief Norwood luſtig, indem er auf⸗ ſtand, und die Locken unter ſeinem Hute zurecht machte. „Meine Complimente an den alten Herrn, und ſagen Sie George, er könne ruhig ſein. Er iſt in guten Händen. Adieu!“ „Adieu, my Lord, adieu!“ ſagte Grounſell, dem es, als er dem Lord nachſah, war, als ſtiegen unwillkührlich alle ſeine früheren Vorurtheile und alle ſeine Antipathien wieder in ihm auf.„Dieſe Kerls,“ murmelte er,„find mir ſo unerklärlich, wie eine neue Krankheit, deren Ver⸗ lauf und Symptome mir unbekannt ſind! Was ich für ein Zeichen der Geſundheit halte, kann gerade ein Zeichen der Fäulniß ſein; und was mir als ungeſund vorkommt, kann ſich als das gerade Gegentheil erweiſen.“ Und ſo verfiel er in ein Brüten, während deſſen Lord Norwood immer tiefer in ſeiner Achtung ſank; je länger er nachdachte, um ſo geringer wurde ſeine Meinung vom edlen Viscount. Er ſagte ſich:. „Er muß ein Spitzbube ſein!— Er muß ein Schuft ſein! Die Natur verleiht allen ihren Lumpen und Schuf⸗ ten etwas Plauſibles, wie giftige Beeren ſtets prächtig anzuſehen find. Beide ſollen als Corrective für uͤbereilte —— 2²⁵ Eindrücke dienen, und ich war Nichts als ein Narr, daß ich mich von ihm hinter's Licht führen ließ. Wir müſſen um jeden Preis heraus,— das iſt das Erſte!“ murmelte Grounſell vor ſich hin, indem er im Zimmer raſch auf und ab ging.„Der Platz iſt wie ein verpeſteter Diſtrikt, und wir dürfen keinen inficirten Fetzen daraus mitnehmen! Herrliches Italien,— ja, ja! Es iſt mehr wahre Auf⸗ klärung in dem armſeligſten engliſchen Dorfe,— man verfolgt doch dort höhere Zwecke,— man hat doch dort eine edlere Anſicht vom Leben, als in den ſtolzeſten Hallen ihrer ewigen Stadt!“ In ſolchen angenehmen Reflexionen über den National⸗ charakter trat er in Sir Stafford's Zimmer, und fand ſeinen Freund an einem Tiſche ſitzen, der mit ſo eben an⸗ gekommenen Briefen bedeckt war. Die Siegel waren alle erbrochen, und der kranke Mann kehrte die Briefe immer wieder um, und ſah mit trauriger Apathie die Handſchrift auf jedem an. „Ich bin froh, daß Du gekommen biſt, Grounſell. Ich habe nicht den Muth, Alles dieſes zu leſen,“ ſagte er, auf die vor ihm liegende Maſſe von Briefen deutend. „Bettelnde Betrüger,— die Hälfte von ihnen,— ich will verdammt ſein, wenn es nicht ſo iſt!“ ſagte Groun⸗ ſell, ſich an den Tiſch ſetzend, um die Briefe zu muſtern. „Hatte ich nicht Recht? Hier bittet ein Miniſter um Deine Stimme bei einer iriſchen Frage, und erſucht Dich, alsbald nach England zurückzukehren, wo dann,— ſetzt er hinzu, — die Sache, die Euch Beide intereſſire, ohne Zweifel auf eine befriedigende Weiſe werde geordnet werden. Ah, der Ausflüchte ſuchende Schuft! Konnte er nicht ſagen: „„Sie bekommen die Würde eines Pairs, wenn Sie uns unterſtützen?“„ Wäͤre es nicht offener und verſtändlicher, zu erklären:„„Wir bezahlen Ihnen den von Ihnen ge⸗ forderten Preis?““ Dieſe da,“ ſagte er, ein halbes Dutzend Briefe verächtlich auf die Seite werfend,„ſind Die Daltons., II. 15 226 alle von Deinen Committenten. Der„„unabhängige Burg⸗ flecken““ zählt ſiebzig Wähler, und hätteſt Du die Beſetzung der Hälfte der Aemter in England und in Indien, ſo könnteſt Du die Leute doch nicht zufrieden ſtellen. Ich würde ihnen ganz einfach ſagen:„„Ich habe euch bereits gekauft; der Artikel iſt einmal bezahlt und geliefert. Wir wollen nun nicht weiter darüber ſprechen!“— Hler kommen erfreulichere Dinge. Schönhals in Riga ſteht feſt, und das Rotterdamer Haus wird den Sturm aus⸗ halten. Das ſind gute Nachrichten, Onslow!“ ſagte er, die Hand des Greiſes ergreifend.„Dieſer Brief kommt von Calcutta. Auch dort werden die Ausſichten ein Bis⸗ chen beſſer. Komm, komm,— der Himmel zeigt ſchon wieder einige blaue Flecke. Wer weiß, welch' gutes Wet⸗ ter unſer noch wartet?“ Onslow's Lippe zitterte, und er fuhr mit der Hand über die Augen weg, ohne eine Sylbe zu ſprechen. „Dieſes kommt von Como,“ ſagte Grounſell, ein ſtark parfümirtes, dreieckiges Brieſchen halb zornig bei Seite ſtoßend. 1 „Gib mir den Brief,— laß mich denſelben ſehen!“ rief Onslow eifrig, während er mit zitternden Händen ſeine Brille aufſetzte, um zu leſen. Grounſell überreichte ihm den Brief, und ging an das Fenſter hin. „Sie befindet ſich recht gut,“ las Sir Stafford laut; „ſie hatten während der Reiſe vortreffliches Wetter, und fanden bei ihrer Ankunft Como in voller Pracht.“ Grounſell murmelte einige zornige Worte zwiſchen den Zähnen, und zuckte verächtlich die Achſeln. Sir Stafford fuhr alſo fort: „Sie erkundigt ſich recht freundlich nach meiner Ge⸗ ſundheit, und wünſcht, daß ich gleichfalls dahin kommen möge, um bei Kate Dalton's Verlobung zu ſein.“ „Sie hat ſich aber nie die Mühe genommen, Dich 227 zu beſuchen, ſo lange ſie mit Dir unter einem Dache lebte!“ rief Grounſell unwillig. Der Greis legte den Brief bei Seite, und ſchlen einige Augenblicke über Etwas zu brüten. „Wie groß iſt die Summe?“ rief Grounſell barſch. „Die Summe? Was für eine Summe?“ fragte Sir Stafford. „Ich frage, wie Viel ſie verlangt, daß ſie eine ſolche Vorrede vorausſchickt?“ „Beim Himmel! Wäreſt Du nicht ein mehr denn fünfzigjähriger Freund, ſo dürfteſt Du mich nie mehr als ſolchen anreden,“ rief Onslow leidenſchaftlich.„Hat die Mißgunſt Deine Fähigkeiten ſo abſorbirt, daß Dir auch nicht ein einziger guter Gedanke, auch nicht ein einziges gutes Gefühl mehr geblieben iſt?" „Ich muß Dir geſtehen, Onslow, daß der Vorrath, den ich davon hatte, täglich,— ja ſtündlich abnimmt,“ ſagte er mit tieferer, innerer Bewegung, als er bis daher an den Tag gelegt.„Es iſt wahrlich ein trauriger Com⸗ promiß, daß, wenn das Alter uns weiſer machen ſoll, es uns auch weniger liebenswurdig macht!“ 7„Du zürnſt mir doch nicht?— Du biſt doch nicht beleidigt, Grounſell?⸗ ſagte Onslow, mit beiden Haͤnden die Hand des Freundes erfaſſend. „Ganz und gar nicht. Was aber das Temperament betrifft, ſo kann ich mich ebenſo wenig meines Mißtrauens entſchlagen, als Du Deine Leichtgläubigkeit uͤberwinden tunſ⸗— die am Ende doch eine glücklichere Philoſophie 1.. „So komm, und lles den Brief, Grounſell!“ ſagte Onslow, angenehm lächelnd;„entſchlage Dich auf einen Augenblick Deiner Vorurtheile, und ſei gerecht, wenn Du nicht großmüthig ſein kannſt.“ Grounſell nahm den Brief, und ging an das Fenſter hin, um ihn zu leſen. Es war gerade das, was er er⸗ wartet hatte,— eine in glücklichen Ausdrücken abgefaßte Erkundigung nach der Geſundheit ihres Mannes, durch⸗ woben mit verſchiedenen kleinen Scherzen, Reiſevorfällen u. ſ. w. Die Einladung war ein bloßer Rath, und Groun⸗ ſell war halb und halb ärgerlich darüber, daß er an dem Briefe ſo wenig zu tadeln finden konnte; denn Alles, bis zu der Phraſe„Ganz die Ihrige, Heſter Onslow,“ war ſo alltäglich, wie nur möglich. Als der Doctor indeſſen das Blatt zufällig umwandte, fand er einen kleinen Streifen Silberpapier,— eine auf fünfhundert Pfund lautende, nur noch der Unterſchrift Onslow's ermangelnde Anweiſung auf die Bank. Groun⸗ ſell zerknitterte dieſelbe convulſiviſch, und gab Onslow den Brief zurück, ohne eine Sylbe zu ſprechen. „Wohlan, biſt Du nun überzeugt?— Biſt Du nun befriedigt?“ fragte Onslow triumphirend. „Ja, das bin ich ganz und gar!“ ſagte Grounſell mit einem tiefen Seufzer.„Du mußt ſchreiben, und ihr ſagen, daß Deine Geſchäfte Deine alsbaldige Anweſenheit in England erheiſchen, und daß George's Zuſtand es noͤthig machen werde, die Heimreiſe auf einem Schiffe zu machen. Sag' ihr zugleich, daß die Daltons in Betreff dieſer Hei⸗ rath erſt zu Rath gezogen werden müßten,— was, ſo viel ich weiß, bis jetzt noch nicht der Fall geweſen iſt; auch moͤchte ich Dir rathen, ihr eine Geldanweiſung,— etwa auf fünfhundert Pfund lautend,— zu überſenden, da noch einige Zeit verfließen kann, ehe Du wieder im Stande biſt, ihr zu ſchreiben.“ „Du kannſt alſo doch billig ſein, Grounſell!“ rief der Andere freudig.. „Und hier iſt ein Brief von Lord Norwood,“ ſagte Grounſell, ohne auf die Bemerkung zu achten, und, während er ſprach, das Siegel erbrechend. 3 „Fürwahr, lakoniſch!“ fuhr der Doctor fort.„„Ueber⸗ machen Sie mir die Einlage noch heute Abend.— N.u" Die Einlage beſteht aus fünf Wechſeln, jeder auf zwei⸗ hundert Pfund lautend. Das„„Werth erhalten““ ſoll die ———F—⸗—xxx:— ——QO—————n—— 229 Dienſte Sr. Lordſchaft zur Aufrechterhaltung der Ehre Deines Sohnes darſtellen. Und nun, Onslow, will ich wenigſtens hierin meinen Willen haben.⸗ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich an den Tiſch, und rieb: ſ„My Lord! „Da wir in einem Lande leben, wo der Meuchelmord ſo wohlfeil iſt, und wo ſelbſt Leute von kleinem Vermögen einen Bravo halten konnen, ſo erlaube ich mir, die Wechſel Ew. Lordſchaft zurückzuſenden, ohne ſie meinem Freunde zur Indoſſirung vorzulegen, indem Ihr Preis den Tarif des Landes bedeutend überſteigt, und mehr auf Ihre Be⸗ dürfniſſe, als auf die Dienſte berechnet iſt, die er belohnen ſollte.— „Ich bin der Ihrige „Paul Grounſell.“ „Was haſt Du da geſagt, Grounſell? Du ſiehſt ſo ſehſizuſrieden aus,— es kann kaum übermäßig höflich ſein.“ „Da—„„An den Viscount Norwood,““ ſagte Grounſell, indem er den Brief ſiegelte, und die Adreſſe darauf ſchrieb.„Wir machen unſere Geſchäfte raſch ab. In einer Woche,— vielleicht in noch weniger Zeit wer⸗ den wir dieſen Ort verlaſſen, wenn George's Symptome auf keine Verſchlimmerung ſeines Zuſtandes deuten; und ſchon auf der See iſt es Einem halb und halb, als ob man in England wäre.“ Wir brauchen Grounſell nicht durch die nun folgen⸗ den geſchäftigen Tage zu folgen; auch brauchen wir ſeinen verſchiedenen Unterhandlungen mit Gewerbsleuten, Ban⸗ kiers, Hausagenten, und jener Legion von Menſchen nicht anzuwohnen, die man„Commissionnaires“ nennt; genug, wenn wir ſagen, daß, während er die nöthigen Anſtalten zur Abreiſe ſeiner Freunde traf, ſeine Eindrücke von italieniſcher Spitzbüberei manche nachträgliche Beſtätigung fanden, und daß, als der letzte Tag ihres Aufenthalts in Florenz her⸗ ankam, es ſeine feſte Ueberzeugung war, daß Niemand, als ein Millionär in dieſer, der allerwohlfeilſten Hauptſtadt Europa's leben koͤnne! Und nun find ſie fort, und fahren ruhig mit dem Dampfer über den genueſiſchen Meerbuſen hin! Sie haben die kleine Epiſode ihres Lebens in Italien beſchloſſen, und kehren nun mit ſchwerem Herzen in die Heimath zurück. Der große Palazzo Mazzarini ſieht traurig und verödet aus; und wir haben nicht im Sinne, länger auf einer Bühne zu verweilen, welche von den Schauſpielern ver⸗ laſſen worden. ¹ Zweiundvierzigſtes Kapitel. Eine letzte Seene. Noch einen Blick auf den Palazzo Mazzarini, und wir verlaſſen ihn auf immer. In dem Salon, in dem früher Lady Heſter gethront hatte,— ſogar in demſelben Stuhle liegend, um welchen ihre ergebenen Bewunderer und Courmacher ſich gedrängt hatten, produzirte ſich jetzt Mrs. Ricketts,— etwa in derſelben Weiſe und wahrſcheinlich mit denſelben Gefühlen, wie Louis Blanc, oder ſein Freund Albert, als ſie ſich nach der Februar⸗Revolution im Luxemburg⸗Palaſte inſtal⸗ lirt ſahen. Es waren, ſo zu ſagen, parallele Umſtände. Es hatten ein großer Glücksumſchwung, eine Abdankung, 234 und eine Flucht Statt gefunden. Die Sykophanten von geſtern waren jetzt die Herren, und keiner beſtritt die Prä⸗ tenſionen eines Menſchen, der frech genug war, um als Dictator aufzutreten. Allerdings war Mrs. Ricketts' Herrſchaft, gleich der Ledrü Rollin's, nur eine proviſoriſche Regierung, denn ſchon waren die Zettel, welche den be⸗ vorſtehenden Verkauf ſämmtlicher Möbeln u. ſ. w. ankün⸗ digten, am Palaſte angeſchlagen, und ſchon verzeichneten Racca Morlache's Leute jeden Gegenſtand mit einer Ge⸗ nauigkeit, die für die Zuſchauer ungemein peinlich war. Da es Sir Stafford dunkel vorſchwebte, daß ſie Freunde der Lady Heſter wären, und daß Mrs. Ricketts' Geſundheit immer noch ſich in einem ſehr precären Zuſtande befände, ſo befahl er, daß man ſie in keiner Weiſe beläſtigen, ſon⸗ dern ihnen erlauben ſollte, ihren Aufenthalt bis zu dem Augenblicke zu verlängern, wo die Anordnungen, die der Verkauf erheiſchte, die Räumung des Palaſtes abſolut noͤthig machten. Auch geſellte ſich zu dieſen Geſinnungen ein Gefühl der Dankbarkeit; venn Mrs. Ricketts hatte nie aufgehört, euphuiſtiſche Briefchen zu dietiren, worin ſie ſich nach dem Befinden George's erkundigte,— und Ge⸗ ſchenke von ungenießbaren Miſchungen von Backwerk und Eingemachtem, nebſt ganzen Flaſchen voller Mirturen, Bähmittel und Streichmittel zu überſenden, wovon der zehnte Theil hingereicht haben würde, um ein ganzes Regiment krank zu machen. Zwar empfing Grounſell alle dieſe Höflichkeiten in einer gar unangemeſſenen Weiſe; er nannte ſie eine alte Betrügerin, und fügte noch ein ſehr unhöfliches Füllwort bei; und es fehlte nicht Viel, daß er die Pharmacopde dem Boten an den Kopf ſchleu⸗ derte. Allein er hatte Sorgen, die ihn zu ſtark drängten, als daß er bei ſolchen Kleinigkeiten hätte verweilen moͤgen; und als Onslow den Wunſch ausdrückte, daß die Familie nicht geſtört werden moͤchte, brummte er bloß:„So mö⸗ gen ſie denn bleiben und zur Hoͤlle fahren!“— und dachte nicht weiter an ſie. 23²2 Obgleich nun der Palaſt, ſo zu ſagen, abgetakelt, die Dienerſchaft verabſchiedet, und die Pferde in einem frem⸗ den Stalle zum Verkaufe ausgeſetzt wacen, ſo war doch ſchon der bloße Aufenthalt Mrs. Ricketts erwünſcht. Sie hatte ſo eine günſtige Gelegenheit, das Villino Zoe voll⸗ ſtändig herauszuputzen,— ein Moment, das bei all dem Scharfſinne, den ſie ſeit neuerer Zeit entwickelt, hatte un⸗ berückſichtigt bleiben müſſen. Auch erhielt ſie ſo eine paſſende Gelegenheit, ihren Garten mit einer auserleſenen Samm⸗ lung von Blumen aus dem des Palazzo Mazzarini zu ver⸗ ſehen,— indem Fuchſien, Geranien und Orchideen das Inventirerwiſſen von Morlache's Leuten weit überſtiegen; und endlich konnte ſie ſo, was ihr beſonders ſchmeichelhaft ſein mußte, alle ihre Depeſchen an ihre hundert Correſpon⸗ denten aus dem Palazzo Mazzarini datiren, wo ſie, um ihre liebe Lady Heſter zu verbinden, noch weilte—„Se sacrificando ai doveri dell' amicizia,“ wie ſie ſich auszudrücken pflegte. Dieſen Pflichten unterzog ſie ſich nun als wahre Mär⸗ tyrerin. Der General glaubte an ihre Sorgen; Martha würde darauf geſchworen haben, und in nicht minder auf⸗ richtiger Weiſe darauf, daß ihr ganze Stunden damit vergingen, Tulpenzwiebeln und Hyazinthen auf die Seite zu bringen, während ein noch ſchlauerer Plan in der Ausfüh⸗ rung begriffen war, der in Nichts Geringerem, als darin beſtand, daß eine Copie von Gerard Dow dem Original ſubſtituirt, und daß ſo das Genie der Ricketts'ſchen Fa⸗ milie einer ſpäten Nachkommenſchaft überliefert werden ſollte. Die arme Martha würde auf den Befehl ihrer Schwägerin ſich ſogar bei einem Morde betheiligt haben, ohne ſich auch nur einen Augenblick einfallen zu laſſen, daß derſelbe ein Verbrechen ſei! Es war an einem Abende, wo ſie„ihre wenigen vertrauteſten Freunde um ſich verſammeln wollte,“ daß Mrs. Ricketts, das Privilegium einer Kranken in Anſpruch nehmend, in den Salon in einem Koſtüme herabkam, das 233 einen ſinnreichen Compromiß zwiſchen der Gewohnheit des Wachens und des Schlafens in ſich vereinigte. Eine kurze Tunica, eine Art weiblicher Affenjacke von verſchoſſenem, gelbem, mit Swansdown*) beſetztem Atlaß, und eine Mütze von dem gleichen Material,— eine Mütze,— deren Form der von den Beefeaters**) getragenen abge⸗ borgt war, bildeten den Obertheil eines Kleides, dem weite Pelzſtiefeln mit goldenen Quaſten, und eine große, herab⸗ hangende Taſche, ähnlich der Säbeltaſche eines Huſaren, ein falſches militäriſches Ausſehen verliehen.„Es ſei et⸗ was ſonderbar, aber doch recht anſtändig,“ bemerkte ſie zu wiederholten Malen mit einem ſanften Lächeln. Auch meinte ſie, daß dieſes Koſtüm für jedes Klima paſſe. In Windſor Caſtle beim Frühſtück ſei ſie immer darin er⸗ ſchienen; der Königin habe es ſehr gefallen; dem Bey von Tripoli ebenfalls; und der Hoſpodar der Walachei he⸗ ſich ein ganz ähnliches nach dem Muſter machen laſſen. Die Gäſte der Mrs. Ricketts waren dieſelben, die wir dem Leſer in dem Villino Zoe bereits vorgeſtellt ha⸗ ben,— das heißt, Haggerſtone, der Pole, und Foglaß. Dieſe waren die bevorzugten Wenigen, die vor ihr erſchei⸗ nen, ſich an ihren Whiſttiſch ſetzen, und ihre ehrerbietigen Gluͤckwünſche zu ihrer Wiedergeneſung darbringen durften. Da der Carneval vorüber war, ſo hatte die langweilige Faſtenzeit begonnen, und der Ricketts'ſche Theetiſch war eine Reſſource, wenn ſich nicht Anderes darbot. So räſon⸗ nirte Haggerſtone, als er mit Foglaß im Gaſthauſe zur Luna ein wohlfeiles Mittagsmahl einnahm. „Sie iſt hölliſch langweilig, Sir,— das weiß ich ſo gut, wie Sie;— aber ſagen Sie mir doch, wer nicht langweilig iſt?“. Dann ſetzte er leiſer hinzu: *) Swansdown,— eine Art Moll. **) Beefeaters= Hoftrabanten. . 234 „Gewiß ſind Sie es nicht!“ „Ja, ja, ich bin mit Ihnen ganz einverſtanden,“ ſprach Foglaß;„ſie hat ein Recht, über die Behandlung, die ihr von den Onslows geworden, böſe zu ſein.“ „Ich habe geſagt,„„langweilig,““ Sir, und nicht „„ boͤſe,““ ſchrie Haggerſtone. „Ha!“ antwortete der Andere, die Verbeſſerung nicht verſtehend.„Ich erinnere mich, daß einſt Trownſend— 1„Zum Teufel mit Ihrem Trownſend!“ ſagte Hagger⸗ one..1 „Nein, nicht Dan,— ſondern Tom Townſend. Der Kerl, der immer bei Mathews war.“ „Gehen Sie ein Bischen geſchwinder, und Sie kön⸗ nen ſo viel dummes Zeug ſchwatzen, als Sie wollen,“ ſagte der Andere, ſeinen Rock zuknoͤpfend, und entſchloſſen, den angenehmen Eigenſchaften ſeines Begleiters auch nicht die geringſte Aufmerkſamkeit zu zollen. „Wer iſt da? fragte Haggerſtone, indem er dem Diener die Treppe hinauf folgte. „Sonſt Niemand, als Graf Petrolaffsky, mein Herr.“ „Un Comte à bon compte, murmelte Haggerſtone vor ſich hin, den es ſtets freute, wenn er, ſelbſt im Al⸗ leingeſpräch, ſarkaſtiſch ſein konnte.„Sie werden jetzt nicht ſo leicht einen Miethmann für dieſes Haus bekommen. Mit Florenz geht es abwärts, Sir, und bald wird es um kein Haar beſſer ſein, als Boulogne-sur-Mer.“ „Recht angenehm, in der That, während eines Som⸗ mermonats,“ antwortete Foglaß, der nur das letzte Wort gehört hatte.„Haben Sie im Sinne, dahin zu gehen?“ „Dahin zu gehen!“ ſchrie der Andere ſo laut, daß ein weiteres Mißverſtändniß zu den unmöglichen Dingen gehoͤrte.„Faſt eben ſo gern würde ich mich in Wapping einlogiren, um die Landluft zu genießen!“ 4 Mit dieſen Worten langten ſie an der Thüre des Salons an, in den Haggerſtone jetzt hineintrat mit jenem eigenthümlichen Tritte, von dem er glaubte, daß er den 23⁵ leichten Gang eines Modemanns mit dem martialiſchen eines alten Soldaten vereinigte. „Hal Meine alten Freunde,— alle meine Treuen!“ ſeufzte Mrs. Ricketts, einem Jeden eine Hand zum Küſſen ebend. 1 Dann ſetzte ſie mit tief bewegter Stimme hinzu: „Moͤge Gott Sie Beide ſegnen! Möge Friede und Glück unter Ihrem Dache wohnen! Moͤge die Freude an Ihrem Heerde ſitzen!“ Haggerſtone erroͤthete ein wenig, denn ſo lebhaft er alles Poſſierliche fühlte, wenn es ſich an Andern zeigte, ſo wenig wünſchte er auf der andern Seite, bei dem Stücke eine Rolle zu ſpielen.. 1 barf 9S ſehen wieder ganz wie früher aus,“ ſagte er arſch. „Ja, die Seele iſt immer noch dieſelbe; der Geiſt— „Was iſt aus Purvis geworden?“ ſiel Haggerſtone ein, der ſolch hochpoetiſchen Flug nicht ausſtehen konnte. „Er wird bald erſcheinen. Dieſe abſcheuliche poli⸗ zeiliche Unterſuchung hat ihn dermaßen angegriffen und erſchoͤpft, daß er jetzt immer nur ſehr ſpät aufſteht. Auch habe ich ihm für einige Zeit einen Trank von Löwenzahn und Sturmhut verordnet, und die erſte Wirkung deſſelben iſt ſtets unangenehm.“ Haggerſtone ließ nun Foglaß bei der Hauswirthin ſtehen, und näherte ſich dem Grafen, der, in der Erwar⸗ tung, daß er würde angeredet werden, bereits vier Mal ſeine Toilettenoperation vorgenommen hatte, welche, wie der Leſer weiß, darin beſtanden, daß er mit den Händen ſich durchs Haar fuhr. „Wie geht es,— ſchon lange nicht mehr Piket ge⸗ ſplelt?“ fragte der Oberſt halb trotzig. „Als ob ich an das Piketſpiel dächte, ſo lange mein Vaterland in Ketten liegt! Wie koͤnnen Sie mich ſo'was fragen?“ „Was haben Sie an einem der vergangeuen Abende * 236 mit Norwood gemacht?“ hob der Andere mit etwas leiſerer Stimme wieder an. „Ich habe ihm vierhundert und fünfzig Pfund abge⸗ wonnen,— aber er hat mich nicht bezahlt!“ „Auch wird er Sie nie bezahlen.“ „Was ſagen Sie?— Mir nicht bezahlen, was ich gewinne!“ „Auch nicht einen Sou.“ „Und das nennt Ihr engliſche Edelleute, Pairs d'An⸗ gleterre!“ „St! Laſſen Sie ſich nicht durch Ihre Gefühle zu ſehr fortreißen! Gewiſſe Menſchen zahlt Norwood nicht, weil er ſie nicht kennt. Anderen macht er es gerade auch ſo, weil er ſie kennt:— recht billig, nicht wahr?“ Dieſe Bemerkung ſchien dem Polen mehr verſtändlich, als höflich, denn er biß ſich in die Lippe und ſchwieg, während Haggerſtone alſo fortfuhr: 8 „Er iſt fort, und das iſt wenigſtens ein Point, den wir gewonnen; und da nun auch die Onslows, und der Hund von einem Jekyl dieſen Ort verlaſſen haben, ſo dürfen wir, wenigſtens für einige Zeit, ein Bischen Ruhe erwarten; aber da kommt ja Purvis!“ Und wirklich kam auch das genannte würdige Indi⸗ viduum, auf Martha's Arm geſtützt, heran: ſeine Augen waren durch einen gewaltigen grünen Schirm geſchützt, während ſein Geſicht ſtark mit Mehl beſprengt war. „Was fehlt Ihnen denn, Mann? Man hat Sie ja ganz ſo herausgeputzt, wie einen Geiſt in einem Melo⸗ drama!“ „Sie haben mir die ganze Hau— Hau— Hau— Hau— „Sagen Sie Haut, Sir, und fahren Sie fort!“ „Hau— Haut des Geſichts mit einem Strei—Strei— Streichmittel genommen,“ rief er,„und ich möchte vor Schme-— Schme-— Schmerz ſchreien, ſo oft ich ſpreche.“ „Dotterblnmenbalſam mit Holzapfeleſſenz,“ ſagte Martha. — G — G 237 „Ich habe das Streichmittel ſelbſt gemacht.“ „Ich wollte beim Hi— Hi— Himmel, die, ſo es ge⸗ macht, hätte es ſelbſt auch pro—prohirt,“ flüſterte er. „Bruder Scroope, du biſt undankbar,“ ſagte Mrs. Ricketts mit der Miene eines ſeinem Delinquenten gegen⸗ überſtehendrn Richters. „Die ſtarken Temperaturwechſel, die hier zu Lande eintreten, erfordern den Gebrauch adſtringirender Mittel. Die außerordentliche Hitze, die in dem Saale des Polizei⸗ gerichts herrſchte—“ 3 „A propos, wie iſt die Geſchichte ausgegangen?“ fragte Haggerſtone. „J—— ich will es Ihnen ſagen,“ ſchrie Purvis überaus eifrig.„Sie haben mich um hundert und fü— fü— fü— fünfzig Scudi da— da-— dafür geſtraft, daß ich an einem Orte geweſen, w— w— w-— wo ich nie war, und daß ich mich mit einem Menſchen d— d— d— duel⸗ lirt, den ich nie ſah.“ „Da ſind Sie wohlfeilen Kaufs davon gekommen, Sir. Ich habe Jemand gekannt, der noch weniger gethan hatte, und ſein Lebenlang auf die Galeeren kam; und ſaben hatte er noch einen beſſern Ruf,“ murmelte er vor ſich hin. „Lord Norwood und die Uebrigen ſagten, ich ſer eine der Ha- Ha- Ha-— Hauptperſonen; auch hat er einen Eid geſchworen, daß er mich in einem Lo— Lo— Loche verſteckt gefunden habe.“ 5 „Und iſt dem wirklich ſo?“ „Ja; aber ich w— w— w- war da nur aus Neu— Neu— Neu—“ „Für die Neugierde, Sir, muß man ſo gut, wie für andere Luxusartikel, zahlen; und da Sie unerſaͤttlich zu ſein ſhenne ſo kann Ihr Appetit allerdings Ihnen viel Geld oſten. „Das Myſterium bleibt ungelost, was den jungen 238 Onslow betrifft, Oberſt?“ ſagte Mrs. Ricketts halb und halb fragend. „Ich glaube nicht, Madame, dle Erklärung iſt ſehr einfach. Der tapfere Gardiſt wollte, als er von Guil⸗ mard's Geſchicklichkeit hörte, lieber unter den„„Vermiß⸗ ten““ als unter den„„Getoͤdteten““ aufgeführt ſein, und hatte ſich vorher mit Norwood verſtändigt. Letzterer ſollte für den Gardiſten das Duell ausfechten. Der Preis war, wie ich mir denke, ein hübſcher:— Einige ſagen, fünf tauſend, Andere wieder ſagen, zehn tauſend Pfund. Welches übrigens auch die Summe geweſen ſein mag, ſo viel iſt gewiß, daß ſie nicht bezahlt worden, und daß Norwood wüthend iſt.“ 112„Aber das Unglück, das dem jungen Onslow zugeſtoßen 2 „Was das betrifft, Madame, ſo iſt Nichts natür⸗ licher, als daß man den Schädel verletzt, wenn man den Kopf verliert.“: Und Haggerſtone richtete ſich in dem ſtolzen Bewußt⸗ ſein ſeiner Geſcheidtheit aufe „Der arme junge Mann iſt alſo ganz zu Grunde ggerichtet?“ bemerkte Martha. „Ich meine es, Madame,— er iſt total zu Grunde gerichtet. Er kann zur Noth im Comitsé eines Polenballs ffiguriren, aber jede andere Geſellſchaft würde ihn natürlich ausſtoßen.“ Dieß wurde geſagt, um Petrolaffsky behohnlächeln zu laſſen, ohne daß dieſer im Stande ſein ſollte, den Grund zu errathen.— Dann fuhr der Oberſt alſo fort: „Ich glaube, ohne vielen Wlderſpruch befürchten zu müſſen, ſagen zu können, daß dieſe Onslows Nichts, als ein windbeutelndes Pack ſind! Der Reichthum des alten Bankiers, die feinen Manieren my Lady's, der Muth des Gardiſten,— Alles gehoͤrt in dieſelbe Kategorie,— Alles war eitel Lug und Trug!“ 239 „Wie er uns haßt,— wie er die⸗Ariſtokratie verab⸗ ſcheut!“ flüſterte Mrs. Ricketts dem Polen zu. „Und die Dalton,— wie iſt's mit der?— Iſt ſie eine Millionärin?“ fragte Petrolaffsky. 1 „Der Vater iſt ein kleiner Krämer in Baden, mein Herr; ſein Hauptreichthum beſteht in Kinderſpielwaaren, Nußknackern und Falzbeinen. Foglaß kann Ihnen Alles das ſagen. Er will über dieſe Daltons Näheres hören,“ ſchrie er dem tauben Manne ins Ohr. „So arm wie Hiob,— beſitzt keinen Shilling,— wohnt in einem Loche, und ſpeist für einen Zwanziger zu Mittag. Lahme Tochter verdient Etwas damit, daß ſie zu Stöcken und Regenſchirmen Koͤpfe ſchneidet. Er macht ſich ein Paar Batzen in den Hotels.“ „Ach, Gott! Und ich war ſo nahe daran, mich in die Schweſter zu verlieben!“ murmelte der Pole. „Aller Wahrſcheinlichkeit nach ko— ko— kommt ſie beſſer an, Graf!“ ſiel Purvis gackernd ein.„Die hält ihren Ta— Ta— Tartaren feſt,— ha, ha, ha!“ „Midchikoff hat nicht im Sinne, ſie zu heirathen, Sir; er denkt nicht daran,— verlaſſen Sie ſich darauf!“ ſagte Haggerſtone. „Martha, verlaß doch das Zimmer, meine Liebe!“ ſagte Mrs. Ricketts, ſich ins Kinn werfend.„Er würde ein Vergnügen, dem nicht ein Laſter beigemiſcht wäre, ebenſo wenig nach ſeinem Geſchmacke finden, als ein Diner ohne Caviar.“ 1 „Sie ſind ja aber ve— ve— verlobt!“ rief Pur⸗ vis.„Ich habe einen Brief geſehen, worin die Ceremonie beſchrieben war. Midchikoff ließ auf ſeiner Villa eine prächtige Kapelle einrichten, und es kam eigens ein griechiſcher Prieſter von M— M— Moskau— „Ich glaubte, Sie wollten ſagen, aus dem Monde, Sir; und es würde faſt eben ſo wahrſcheinlich ſein,“* krächzte Haggerſtone. „Ich habe aber den Brief geſehen, Ich habe ihn 74 * 240 zwar nicht leſen dürfen, aber ich habe ihn geſehen; als Brautmutter functionirte das Weib von Breslau.“ „Wie! die alte Madame Heidendorf? die iſt ſchon bei vielen ähnlichen Ceremonien geweſen, Sir.“ „Der Kaiſer hatte ſie zu dem Zwecke hergeſchickt,“ rief Purvis, der ſehr böſe war, daß man ſeine Geſchichte ſo verächtlich behandelte. „Ich muß ſagen, Sir, daß in dieſem ungläubigen Zeitalter Ihre kindliche Unſchuld etwas Bezauberndes hat; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich die alte Karoline Meersburg kenne:— ſie war eine Schweſter des Kerls, der dem Erzherzog Michael, auf dem zur Feier ſeines Geburtstages veranſtalteten Balle, ſeinen Galadegen ſtahl. Ich kenne das Weib nun ſchon ſeit fünfunddreißig Jahren. Sie müſſen ſie im Hauſe Lubetskoy's geſehen haben, Madame, als er zu Neapel Geſchäftsträger war: es war in dem Jahre nach der Schlacht von Marengo. „”Oh, damals trug ich noch mit Spitzen beſetzte Bein⸗ kleider; damals fing ich noch Schmetterlinge,“ ſagte Mrs. Ricketts, ſich gewaltig anſtrengend, um ein Lächeln heraus⸗ zubringen. „Ich zweifle keinen Augenblick daran, Madame.“ Und dann murmelte der Oberſt vor ſich hin: „Und wenn kindiſches Weſen gleichbedeutend mit Ju⸗ gend iſt, ſo wird ſie ſich eines ewigen Frühlings erfreuen!“ „Die Ceremonie,“ hob Purvis wieder an, der ſeine Geſchichte um jeden Preis an den Mann bringen wollte, „war dr— dr— drollig genug; man ſchnitt ihr eine 2— 6.— Locke ab, und band dieſelbe mit einer Locke von ſeinem Haare zuſammen.“ „Und ſo wurde eine gute Perrücke verderbt!“ krächzte Haggerſtone. 8 „Dann brachte man ein B— B— B— B— „Ein Boot, Sir?“ „Nein, kein B— Boot, ſondern ein B— Becken, 241 — ein ſilbernes Becken,— und goß Waſſer über Beider Hände.“ „Eine Ceremonie, die ſich mit den ruſſiſchen Vorur⸗ theilen keineswegs in Uebereinſtimmung bringen läßt,“ fiel Haggerſtone ein.„Die Ruſſen wiſſen weit mehr von Thran und Bärenfett, als von brauner Windſorſeife!“ „Aber nicht der höhere Adel, Oberſt,— aber nicht Leute von Rang,“ wandte Mrs. Ricketts ein! „Solche gibt es unter ihnen gar nicht. Ich habe mit Allen, vom Kaiſer Alexander abwärts, auf vertrautem Fuße geſtanden. Man mag ſie kleiden, wie man will, der Koſake ſteckt einmal im Blut. Rohes Ochſenfleiſch und rothe Hoſen ſind bei ihnen mehr, als Inſtincte; und, die Polen ausgenommen, ſind ſie das ſchmutzigſte Volk in ganz Europa.“ „Was ſagen Sie über Polen?“ fragte Petrolaffsky. „Ich ſage, daß wenn Oel die Schärfe der Politik mildern koͤnnte, Ihr noch ein glückliches Volk werden müßtet, mein Herr.“ „Und ſchon jetzt ſind wir ein großes Volk. Haben wir nicht Uredefrzkioctſch, den beſten General, den die Welt jetzt hat; und Krakuventkay, den groͤßten Dichter; und Vladoritzky, den ausgezeichnetſten Pianiſten?“ „Behalten Sie ſie mit allen ihren Conſonanten, Herr, und der Himmel gebe Ihnen Glück dazu!“ ſagte Hag⸗ gerſtone, ſich abwendend. „Nächſten Dienſtag,— nein, nächſten M.— M— Mittwoch reiſen ſie nach Sct.— P.— Petersburg ab. Und ſo bald vom Kaiſer die nöthige Erlaubniß eintrifft, folgt Midchikoff nach, aber nicht vorher.“ „Aber der Tyrann wird die Erlaubniß nicht geben,“ ſagte der Pole, mit den Zähnen knirſchend, und in ſeinem Zorne einen imaginären Dolch ergreifend.„Es iſt wahrſchein⸗ licher, daß er ſie in Ketten legen läßt, und, wie meine ſchöne Schweſter und meinen Vater, zu harter Arbeit verurtheilt.“ Die Daltons. II. 16 2 42 „Er wird bald an wichtigere Dinge zu denken haben, Herr,“ ſagte Haggerſtone gebieteriſch.„Europa ſteht am Vorabende gewaltiger Convulſionen. Einige Könige und Kaiſer werden, noch ehe das Jahr um iſt, ihre Entlaſſung einreichen.“ „Werden wir hier in Sicherheit ſein, Herr Oberſt? Meinen Sie, ich ſolle mit Martha—“ „Fürchten Sie Nichts, Madame; alte Perſonen wer⸗ den ſogar von Hunnen und Croaten reſpectirt. Und wäre dem auch nicht ſo, Madame, wohin wollten Sie fliehen? Frankreich wird ſeine eigenen Nöthen haben,— England hat die Einkommensſteuer,— und Deutſchland wird irgend eine alte Beſchwerde aus den Zeiten der Hohenſtaufen oder Kaiſer Konrad's hervorſuchen, und daraus gegen den Für⸗ ſten Metternich und den Bundestag eine Anklage ſchmie⸗ den! Es iſt eine recht ſchuftige Welt, und außerhalb Tatterſall's Hofraum erwarte ich nie, von Ehrlichkeit oder guten Grundſätzen ſprechen zu hoͤren; und à propos, Herr Graf, wollen Sie nicht einige Partien Piket ſpielen?“ Der Tiſch war bald hergerichtet, und die Spielenden hatten ſich ſo eben geſetzt, als ein Geraͤuſch von Wagen⸗ rädern, das vom Hofraume bis zu ihnen drang, ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog. „Was mag das wohl bedeuten, Scroope? Haſt Du gewiß auch geſagt, daß ich heute Abend nicht empfange?“ „Ja, ich habe ihnen geſagt, was Du mich ſagen hießeſt; ich habe ihnen geſagt, daß, wenn der Erzherzog komme—“ „Nun, nun, Du brauchſt es nicht zu wiederholen,“ fiel Mrs. Ricketts ein, denn gewiſſe Anzeichen um Hagger⸗ ſtone's Mund her bewieſen ihr, wie lächerlich der Oberſt die Geſchichte fand. „Vermuthlich geht es Ihnen, wie der armen Pauline, Madame, wenn ſie ſagte, ſie ſei dermaßen von Koͤnigen 243 und Kaiſern belagert, daß ihr kein Augenblick für gute Geſellſchaft übrig bleibe.“ „Du mußt durchaus ſagen, Scroope, daß ich heute Abend Niemand empfange.“ „Signor Morlache wünſcht Sie zu ſehen, Madame,“ ſagte ein Diener. Und während er noch ſo ſprach, ſtand ſchon die ge⸗ nannte Perſon hinter ihm, und verbeugte ſich beim Herein⸗ treten graziös gegen Jeden. „Thut mir leid,— thut mir unendlich leid, Ma⸗ dame, Sie ſtoͤren zu müſſen; aber Fürſt Midchikoff wünſcht die Gemälde und Decorationen anzuſehen, ehe er Florenz verläßt.“ „Wollen Sie ihm ſagen, daß morgen Nachmittag, gegen fuͤnf, oder—“ „Er geht ſchon morgen früh von hier weg, Madame; und wenn Sie—“ Ehe aber der Jude ſeine Bitte noch beendigen konnte, flog die Thüre weit auf, und es trat der große Midchikoff, mit den Händen in den Rocktaſchen, und ſein Glas gegen ein Auge gedrückt, herein. Er that, als ob gar Niemand im Zimmer wäre. Er warf nicht einmal einen Blick auf die lebenden Figuren der Scene, und in ſeinem ganzen Benehmen verrieth auch nicht ein Zug, daß er ihre An⸗ weſenheit bemerkte. Die Augen an den Wänden und Zim⸗ merdecken umherſchweifen laſſend, nahm er weder von der martialiſchen Attitüde Haggerſtone's, noch von den grazioͤſen Undulationen Notiz, womit Mrs. Ricketts, ſo zu ſagen, einen Knicks vor ihm repetirte. „Originalien zwar, aber dabei lauter pauvres sujets, Morlache!“ ſagte der Fürſt. Und in der That ſchien die Bemerkung mehr der Ge⸗ ſellſchaft, als den Gemälden zu gelten. „Mrs. Ricketts hat die Güte gehabt, Ew. Hoheit—“ fing der Jude an. 244 „Geben. Sie ihr einen Napoleond'or!“ ſagte er gleich⸗ gültig, und wandte ſich weg. „Meine Schweſter, Mrs. Ricketts,— Mrs. M— M— Montague Ricketts,“ fing Scroope an, deſſen ge⸗ wohnte Schüchternheit jetzt nicht länger Stand hielt, da ihm das Betragen des Ruſſen gar zu inſolent vorkam. Und der Fürſt wandte ſich langſam um, und muſterte den Redenden, ſowie die impoſante Geſtalt, die ſich hin⸗ ter ihm ſehen ließ. „Sagen Sie ihnen, Morlache, daß ich nicht im Sinne habe, mich hier häuslich einzurichten!“ Mit dieſen Worten ſchlenderte er fort, in ein anderes Zimmer hinein, während die Andern, wie Figuren in einem Gemälde, vor Wuth und Unwillen ſprachlos da ſtanden. „Er hat Sie für die Haushälterin gehalten, Ma'am,“ ſagte Haggerſtone, mit dem Feuer zugewandtem Ruͤcken, —„und noch dazu für eine Haushälterin außer Dienſt!“ „Martha, wo iſt der General? Wo iſt er, ſage ich?“ rief Mrs. Ricketts, vor Zorn ganz wüthend. „Er iſt ſchon um neun Uhr zu Bette gegangen,“ flüſterte Martha.„Er glaubte, daß er mit der Belagerung von Utrecht noch vor Nacht fertig werden wuͤrde, wenn er morgen baldv aufſtände.“ „Du biſt ſo närriſch, wie er. Seroope, komm hie⸗ her! Du mußt dem Ruſſen nachgehen. Du mußt ihm ſeine Rohheit vorhalten—"“ 2 „Ehe ich das thue, laſſe ich mich lieber hä— hä — hängen. Ich habe, wenigſtens für einen Winter, des Spektakels nun genug. Ich mag mich nicht wieder in Ge— Ge— Gefahr begeben, ſo lange ich es vermeiden kann.“— „Es thut mir unendlich leid, Madame, daß ich Ihnen meine Dienſte nicht anbieten kann,“ ſagte Haggerſtone; naber Sie müſſen wiſſen, daß ich mich nie in einen Streit miſche, der zu einem Gegenſtande des Spottes gemacht werden kann. Mr. Foglaß hat gewiß keine ſolche Scrupel.“ 245 „Der Fürſt ſcheint ein recht angenehmer Mann zu ſein,“ ſagte der Exconſul, der nicht den entfernteſten Be⸗ griff von dem hatte, was vorging, und bloß ſeinen Inſtink⸗ ten folgte, indem er die hochgeſtellte Perſon pries. „Die Ketten meines unterjochten Vaterlandes feſſeln meine Hände. Ich bin gebunden wie ein Galérien!“ ſagte Petrolaffsky vor Emotlon ſtöhnend. „Ich muß Sie noch einmal um Entſchuldigung bit⸗ ten, Madame,“ ſagte Morlache, in das Zimmer hinein⸗ ſchleichend, und ſich leiſe Mrs. Ricketts“ Stuhle nähernd. „Der Fürſt wird Alles,— Gemälde, Tafelgeſchirr, Por⸗ zellan und Bücher fortnehmen laſſen⸗ Hoffentlich wird es Sie nicht incommodiren, bis morgen Mittag dieſes Haus zu verlaſſen—“ 3 „Morgen! Unmoͤglich, mein Herr! vollkommen un⸗ möglich!“ „In dieſem Falle, Madame, müßten wir uns wegen der Hausmiethe mit einander verſtändigen. Seine Hoheit überläßt mir Alles, und ich werde mich beſtreben, Ihren Wünſchen in jeder Beziehung zu entſprechen. Wollen wir für jetzt die Hausmiethe auf zweitauſend Franken per Monat feſtſetzen?“ Dann wandte er ſich, ohne auf eine Antwort zu war⸗ ten, zu dem Polen, und flüſterte: „Er will Sie wieder in ſeine Dienſte nehmen. Er braucht einen Jäger: Sie ſollen nach Sct. Petersburg. Kommen Sie morgen früh, gegen zehn Uhr, zu mir!— Mr. Foglaß,“ rief er mit lauter Stimme,„wollen Sie, wenn Sie nach London ſchreiben, ſo gut ſein, und ſagen, daß der Firniß an der Droſchke des Fürſten die ruſſiſche Kälte nicht aushalte, und daß ſie, was die Barouche be⸗ treffe, irgend etwas Anderes probiren müßten. Ihr Bruder iſt ein ſinnreicher Burſche, und wird ſchon etwas Anderes finden. Oberſt Haggerſtone, der Fürſt hat Ihren Beſuch nicht erwiedert. Er ſagt, Sie werden den Grund errathen, wenn er ſage, daß er in einem gewiſſen, Ihnen wohl be⸗ 246 kannten Jahre in Palermo geweſen ſei. Und nun wünſche ich der ehrſamen Geſellſchaft eine gute Nacht,“ ſagte er, ſich faſt unterthänig verbeugend, und, während er ſprach, rückwärts aus dem Zimmer hinausgehend. Und mit ihm nehmen auch wir von ihnen Abſchied. Sie waren den Reiſenden ähnlich, denen man auf dem Wege zufällig begegnet,— mit denen man ſpricht, wenn man bei ihnen iſt, und die man vergißt, wenn man ſich von ihnen trennt. Würden wir uns nicht mehr für dle handelnden Perſonen, als für die Bühne intereſſiren, auf der ſie einen Augenblick erſcheinen, ſo konnten wir noch eine Weile bei dem Orte verweilen, womit das Andenken Kate Dalton's ſo innig verknüpft iſt,— ſo koͤnnten wir noch bei der Terraſſe verweilen, auf der ſie ſaß,— bei der kleinen Orangerie, in der ſie ſich Morgens erging,— bei dem Fenſter, an dem ſie las, und an dem ſie von jener glänzenden Zukunft träumte, die ihr näher lag, als ſie wußte, und nach der ſie bloß die Hand ausſtrecken durfte! Da waren ſie alle!— beſtimmt, neue Einflüſſe zu fühlen, und andere Fußtritte kennen zu lernen, denn Kate hatte he auf immer verlaſſen, und hatte nun ihren„Lebensweg“ etreten. 125 TTſnſſnſſinſ 8 9 10 11 ſnnnʒ·AAmn 12 13 14 15 16 17