——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —ã—:——————— auf 1 Monat: 1 Mtr.— Pf. 1 er. 50 Pf. 2 wer.— Pf. 3„ 3 8* 3. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre rigehen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defcete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Die Daltons bue drei Lebenswege von Charles Lever. ———— Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. Chr. Fr. Grieb. 8 Viertes bis ſiebentes Bändchen. Stuttgart. Berlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. — Fünkzehntes Kapitel. Contraſte. „So glaubſt Du alſo, Grounſell, ich werde in einem oder zwei Tagen im Stande ſein, dieſen Ort zu verlaſſen?“ ſagte Sir Stafford, indem er an dem Tage, der auf die von uns ſo eben berichteten Ereigniſſe folgte, in ſeinem Ankleidezimmer langſam auf und ab ging. „Gegen Ende der Woche koͤnnnen wir wieder auf dem Wege ſein, wenn nur das Wetter ſchön bleibt.“ „Ich bin froh darüber,— ja herzlich froh! Nicht als ob, was mich betrifft, viel darauf ankäme, wo ich liege: aber ich finde, daß dieſe Vereinzelung, anſtatt die Glieder meiner Familie einander mehr zu nähern, den Riß zwiſchen ihnen nur noch groͤßer gemacht hat. Lady Heſter und Sydney ſehen ſich ſelten; George ſieht weder die Eine, noch die Andere, und kommt auch zu mir nur ſehr wenig, und ſo wird es für uns Alle um ſo beſſer ſein, je bälder wir von hier fortkommen.“ Grounſell gab durch ein trockenes Nicken ſeine Zu⸗ ſtimmung zu erkennen, ſprach aber kein Wort. „Sydney hat ein lebhaftes Verlangen, einige Zeit bei ihrer Tante Conway zuzubringen; allein ich ſehe voraus, daß, wenn ich meine Zuſtimmung gebe, die Differenz zwi⸗ ſchen Lady Heſter und ihr alsdann ein Streit werden wird, deſſen Ende nicht abzuſehen iſt. Du biſt nicht meiner Meinung, Grounſell?“ Die Daltons. II. 1 2 „Nein. Ich wußte noch nie, daß die Enden eines zerſchmetterten Beines ſich wieder vereinigen, wenn man ſie beſtändig an einander reibt.“ „Und was George betrifft, ſo haben die commoden Gewohnheiten ſeines Dienſtes, ſowie ſeine Cigarren, ihn zu einer Indolenz geführt, aus der faſt keine Rettung mehr möglich iſt. Ich weiß in der That kaum, was ich mit ihm anfangen ſoll.“ „Das iſt ſchwer genug zu ſagen,“ erwiederte Groun⸗ ſell;„er hat wohl Beſtrebungen, aber gar keinen Ehr⸗ kraft.“ „Er hat aber einen ungeheuren Fehler, den Nichts gut machen kann,“ ſagte der Doktor feierlich. „Fleiß— Thätigkeit?“ „Nein, in ſeiner Lage thut man oft viel mit ver⸗ hältnißmäßig weniger Arbeit. Ich meine, ein größeres und wichtigeres Element.“ „Es fehlt ihm an Beſtändigkeit, an Beharrlichkelt, glaubſt Du 2 1 „Nein; ich will Dir ſagen, an was es ihm mangelt — er hat kein Herz, keine Courage!“ Sir Stafford's Wange wurde plöͤtzlich ſcharlachroth und ſeine blauen Augen wurden beinahe ſchwarz vor Zorn. „Herz, Sir? Meinem Sohn fehlt es an Courage?“ „Nicht, wie Du es jetzt verſtehſt,“ fuhr Grounſell ruhig fort.„Er hat Muth genug, oder mehr, denn ge⸗ nug, um mich oder irgend Jemand, der denſelben beſtrei⸗ ten möchte, zu erſchießen. Die Qualität, die ich meine, i*ſt ganz anderer Art. Es iſt die Kühnheit, Etwas heute ſchlecht zu machen, in dem gewiſſen Vertrauen, es morgen 5 beſſer, und in einem Jahre es vollkommen gut zu machen. Er hat nicht Muth genug, um, wenn er Etwas zu wie⸗ derholten Malen fehlſchlagen ſieht, jeden Morgen wieder von Vorn anzufangen; er hat nicht den Muth, mit der Mittelmäßigkeit einen Kampf einzugehen, in dem ſichern und feſten Vertrauen, daß er dieſelbe noch beſiegen werde; mit einem Wort, er hat nicht den Muth, welcher den Anforderungen untergeordneter Geiſter widerſteht, und durch Selbſtachtung Selbſtvertrauen einflößt.“ „Ich geſtehe, daß ich nicht abſehe, wie er in der Stellung, die er einſt einnehmen wird, ſolche Eigenſchaf⸗ ten überhaupt braucht,“ ſagte Sir Stafford in faſt hoch⸗ muͤthigem Tone. „Zwanzigtauſend Pfund per Jahr iſt etwas Schönes, und mag dem Beſttzer derſelben manche Talente und Fä⸗ higkeiten erſetzen; und ein Mann, wie ich, der nie den zwanzigſten Theil des Betrags beſaß, mag ein herzlich ſchlechter Richter in Betreff der Eigenſchaften ſein, die zur rechten Verwendung deſſelben erforderlich ſind; aber ich ſage Dir ſo viel, Onslow, das Organ, das die Phre⸗ nologen„Streitſinn“ nennen, iſt das beſte im ganzen Schädel.“ „Ich glaube, Dein iriſcher Freund Dalton hat Dir einige ſeiner angeborenen Vorurtheile beigebracht,“ ſagte Onslow lächelnd;„und, beiläufig geſagt, wann haſt Du ihn geſehen 2⸗ „Ich ging geſtern Abend hin, fand aber eine Thee⸗ geſellſchaft, und mochte daher nicht hineingehen. Aber denk' nur, dieſe Leute, welche die Bettelarmuth von allen Seiten umgibt, ließen Carananthee holen ich weiß nicht zu wie vielen Gulden das Pfund.“ Leac habe davon gehört; aber es iſt wohl nur ein al— „Ein Mal! Aber dieſes Eine Mal iſt für ſie der Ruin.“. „Nun, ich hoffe, Prichard hat um dieſe Zeit Alles 4 geordnet. Er iſt dieſen Morgen hinübergegangen, um das Geſchäft vollends abzumachen; ſo daß hoffentlich dieſe würdigen Leute, wenn wir Baden verlaſſen, ſich in beſſeren Umſtänden befinden werden.“ „Ich ſehe ihn gerade über die Straße kommen. Ich will Dich alſo mit ihm allein laſſen.“ „Nein, nein, Grounſell, warte und hoͤre ſeinen Be⸗ richt an; wir brauchen auch Deinen guten Rath, denn es iſt mir noch nicht recht klar, ob dieſe große rückſtändige Summe Dalton zu ungehinderter Verfügung gelaſſen werden ſoll, wie es Herr Prichard haben wollte, um da⸗ durch die Klugheit jenes vortrefflichen Herrn auf die Probe zu ſtellen.“ Jetzt ließ ſich das Klopfen Prichard's an der Thüre vernehmen, und im nächſten Augenblicke trat er herein. Sein blaſſes Geſicht war leicht geroͤthet, und im Aus⸗ drucke ſeines Geſichts konnte man leſen, daß er von einem ungewoͤhnlich aufregenden Auftritte gekommen. „Es iſt mir mißlungen, total mißlungen, Sir Staf⸗ ford,“ ſagte er mit einem Seufzer, indem er ſich ſetzte, und eine ſchwere Papierrolle auf den vor ihm ſtehenden Tiſch warf. Da Sir Stafford die Pauſe, die auf dieſe Worte folgte, nicht unterbrach, ſo fuhr Prichard alſo fort: „Ich habe Ihnen vergangene Nacht geſagt, daß Herr Dalton, da er meine Mittheilung nicht recht verſtehen konnte,— was zum Theil auch, ich geſtehe es, daher rühren mochte, daß ich, um jeder genaueren Unterſuchung von ſeiner Seite vorzubeugen, meine Mittheilung ſo viel wwiie moͤglich in das Gewand techniſcher Ausdrücke hüllte, = mich an ſeine älteſte Tochter wies, auf deren ſcharfen Verſtand er viel Vertrauen ſetzt. Wenn ſich mir, nach ſeiner Beſchreibung, die Schwierigkeit, es mit einem ſol⸗ chen Gegner aufzunehmen, als nicht ſehr groß darſtellte, ſo war es noch mehr der Fall, als ich dieſen Morgen mit dieſer jungen Dame zuſammenkam. Eine Perſon von beſcheidenen, ruhigen Manteren, und ziemlich gutem Ausſehen, das einmal wirkliche Schoͤnheit geweſen ſein muß, ſaß allein im Geſellſchaftszimmer, und wartete auf mich. Ihr Anzug war durchaus ſchlicht, und wie gefliſ⸗ ſentlich ſo; und hätte ſich nicht in Allem eine große Nettigkeit bemerklich gemacht, ſo würde ich ihn vielleicht ſogar armſelig nennen. Ich thue aller dieſer Dinge mit einiger Weitſchweiſigkeit Erwähnung, weil ſie auf das Folgende Bezug haben. „Ohne zu warten, bis ich mit meinem Auftrage herausrückte, begann ſie, ihre Anweſenheit einigermaßen zu entſchuldigen, die ihren Grund, wie ſie ſagte, in dem Unwohlſein ihres Vaters und in ſeiner daraus folgenden Unfähigkeit, Geſchäfte abzumachen, habe; ſodann fügte ſie einige Worte bei, worin die Hoffnung ausgedrückt war, daß meine Mittheilung in der einfachſten und verſtändlich⸗ ſten Form, und, ſo viel wie möglich, ohne alle techniſche Phraſeologie geſchehen möchte, ſo daß,— um mich ihrer eigenen Worte zu bedienen— eine ganz und gar nicht unterrichtete Perſon, wie ſie, dieſelbe verſtehen könnte.“ „Dieſer Eingang, ich geſtehe es, überraſchte mich ein wenig; ich erwartete kaum ſo viel von ihres Vaters Tochter; allein ich ließ es mir gefallen, und machte fort. Da wir den ganzen Plan hier mit einander abgemacht haben, Sir Stafford, ſo brauche ich Sie durch eine Wie⸗ derholung deſſelben nicht zu ermüden. Es genüge, wenn ich ſage, daß ich Nichts unterließ, was ſowohl das Ver⸗ mächtniß, als das Gefühl, womit die Vollziehung der bekannten Teſtamentsklauſel erfolgte, als plauſibel erſchei⸗ nen laſſen konnte. Ich verbreitete mich über das glück⸗ liche Ereigniß, das in ſcheinbar zufälliger Weiſe die zwei Familien zuſammen gebracht, und ihrem geſchäftlichen Ver⸗ kehr eine Freundſchaft habe vorangehen laſſen. Ich be⸗ merkte auch, welch guten Einfluß ein beſſeres Leben auf die Geſundheit ihres Vaters haben würde. Ich ſprach von ihrer Schweſter und ihrem Bruder, und deutete darauf 6 hin, wie auch ſie dadurch eine ihres Namens und ihrer Geburt würdigere Stellung einzunehmen befähigt würde. Sie hoͤrte mich mit großer Aufmerkſamkeit an, bis ich geendet, und unterbrach mich auch nicht Ein Mal, und drückte weder durch einen Blick, noch durch eine Geberde eine abweichende Anſicht aus.“ „Am Ende, als ich ausgeſprochen hatte, ſagte ſie: „„So iſt dieß alſo ein Vermächtniß?““ „Ich antwortete bejahend.“ „„In dieſem Falle,““ ſagte ſie,„„werden die Bedingungen, die daran geknüpft ſind, die ganze Schwie⸗ rigkeit unſerer Lage loͤſen. Sollte nach der Abſicht mei⸗ nes Oheims Godfrey dieſes Vermächtniß ein Sühnopfer ſein, ſo würden wir nicht anſtehen, es anzunehmen, ſo ſpät es auch gekommen ſein mag; wollte er aber ſeine Frei⸗ gebigkeit an Bedingungen knüpfen, ſie etwa dem Gutbe⸗ finden einer dritten Perſon unterordnen, ſo gewinnt die Sache ein anderes Anſehen. Was iſt die Wahrheit?““ „Ich war bei dieſer ſo direkten, und ſo unerwarteten Aufforderung unſchlüſſig, was ich ſagen ſollte; und nun wollte ſie ſchlechterdings das Teſtament ſehen. Noch mehr aus der Faſſung gebracht, gab ich nun vor, daß ich das Dokument nicht bei mir hätte; daß ich geglaubt, wie eine kurze Anführung des Inhalts genügen würde, und daß ich denſelben auf einem Papier verzeichnet hätte. Schließlich verſicherte ich ſie, daß an die Annahme des Vermächtniſſes ſchlechterdings keine Bedingung irgend einer Art geknüpft wäre.“ „„Es kann denn aber doch eine Verpflichtung damit verbunden ſein, mein Herr,““ ſogte ſie feſt.„„Laſſen Sie ſehen, ob dieß der Fall iſt.““ „Sind Sie ſo ſtolz, Miß Dalton,“ ſagte ich,„daß Sie nicht einmal Jemand verpflichtet ſein wollen?“ „„Sie erroͤthete tief, und antwortete mit ſchwacher Stimme: 3 „„Wir ſind zu arm, um uns mit einer Schuld zu beladen.““ „Da ich ſah, daß es vergebens ſei, bei dieſem Theile des Gegenſtandes länger zu verweilen, machte ich ſie auf das zunehmende Alter ihres Vaters, ſeine abnehmende Ge⸗ ſundheit, und die Nothwendigkeit aufmerkſam, ihm mehr Bequemlichkeiten zu verſchaffen, allein mit einem Male brachte ſie mich mit den Worten zum Schweigen: „„Sie können dieſe meine Zurückweiſung einer Gunſt — denn eine ſolche iſt es, und Nichts weiter— zu einer peinlicheren Pflicht machen, als ich glaubte; allein Sie vermoͤgen meinen Entſchluß nicht zu ändern, mein Herr. Die Armuth hat nichts Gemeines, nichts Herabwürdigen⸗ des an ſich, ſo lange ſie eine ehrenvolle iſt; aber Ab⸗ hängigkeit kann nie glücklich machen. Wohl ſagen Sie mir, mein lieber Vater koͤnne ſich dadurch ſeine kleinen Bequemlichkeiten und Genüſſe verſchaffen, an die er einſt gewoͤhnt geweſen; aber mit welch verändertem Herzen würden nicht ſeine Kinder ſie entbieten? Wo bliebe jenes hohe, anſprechende Pflichtgefühl, das jede Selbſtaufopfe⸗ rung jetzt begleitet? Wo bliebe jener reiche Lohn eines billigenden Geiſtes, welcher die Mühe erleichtert, und ſo⸗ gar die Müdigkeit erwünſcht und wonnevoll macht? Un⸗ ſere Armuth hat uns feſter mit einander verbunden; die Stürme der Welt haben uns Ein Herz, Eine Hoffnung und Eine Liebe gegeben, indem ſie Jedes von uns dem Andern näher brachte. So laſſen Sie uns denn fortkäm⸗ pfen, und werfen Sie nicht das düſtere Gefühl der Ab⸗ hängigkeit über Tage, die alle Uebel der Armuth nicht zu trüben vermochten. Wir ſind jetzt glücklich; wer kann aber ſagen, was in der Zukunft aus uns werden würde?““ „Ich ſuchte ihre Gedanken auf ihren Bruder zu leiten; aber ſie ließ mich mit einem Male nicht weiter reden und ſagte:* „„Frank iſt nun Soldat; der Lohn läßt in ſeiner 8 Laufbahn nie lange auf ſich warten, wenn man ſolchen verdient; auf jeden Fall würde der Reichthum ihm nicht anſtehen. Er wußte nie von etwas Anderem, als von der Armuth; und der Geiſt, der ſich für eine höhere Stellung ſchickt, iſt nicht das Erzeugniß eines Tages. „Ich fragte nun, obwohl mit aller Vorſicht und Zartheit, ob Ihre Hülfe und Ihr Einfluß ſie nicht in ihren etwaigen, künftigen Lebensplänen foͤrdern könnten?“ „„Wir haben keine Pläne,““ ſagte ſie einfach; „voder wir haben vielmehr deren ſo viele gehabt, daß ſie ſich alle in ein bloßes Bauen von Luftſchlöſſern auflöſen. Mein lieber Vater ſehnt ſich nach Irland zurück— denn er nennt es immer noch ſeine Heimath, und vergißt, daß wir dort ſchon längſt heimathlos geworden. Er bildet ſich ein, er werde dort warmherzige Freunde und Nach⸗ barn finden— Leute, die mit Liebe ſogar an den Tradi⸗ tionen ſeines Namens hangen; aber es iſt jetzt klüger, wenn wir dieſe Selbſttäuſchung nähren, als wenn wir dieſelbe zerſtören dadurch, daß wir ihm ſagen, daß nur nooch wenige, ja daß kaum Einer von ſeinen alten Freun⸗ den noch lebe— daß andere Einflüſſe, andere Namen, andere Größen an die Stelle unſeres Einfluſſes, unſeres Namens und unſerer Groͤße getreten; wir würden als Fremde dahin zurückkehren, und ſelbſt ohne den Anſpruch des Fremden auf eine freundliche Aufnahme. Dann hat⸗ ten wir auch an die neue Welt jenſeits des Ozeans ge⸗ dacht; aber das iſt ein Land für die Jungen, die Feu⸗ rigen, die Unternehmenden, für Leute voller Hoffnung, für Leute mit entſchloſſenen Herzen; und ſo hielten wir es am Ende für das Klügſte, einen ruhigen Ort in einem ruhigen Lande aufzuſuchen, wo wenigſtens unſere Armuth nicht auffallen würde, um dort mit und für einander zu leben; auch ſind wir glücklich, ſo glücklich, daß wir, die vorübergehende Furcht abgerechnet, daß dieſe köſtliche Le⸗ Behenuhe nicht von Dauer ſein dürfte, nur wenig Kummer a een.““ „Aber und abermal ſuchte ich ſie zu einem anderen Entſchluſſe zu bewegen, jedoch immer vergebens. Nur ein Mal zeigte ſie ſich einiger Maßen unſchlüſſig. Es war, als ich ihr Stolz, als die Urſache ihrer Weigerung, unterſchob. Plötzlich füllten ſich da ihre Augen, und es zitterte ihre Lippe, und es veränderten ſich ihre Züge ſo gewaltig, daß ich, wegen meiner eigenen Worie, mit mir boͤſe war.“ „„Stolz!““ rief ſie.„Wollen Sie damit jene un⸗ mäßige Selbſtachtung bezeichnen, welche die Vereinzelung der Sympathie vorzieht— die aus bloßem Hochmuthe Niemand verpflichtet ſein will, ſo kenne ich das Gefühl nicht. Unſer Stolz hat ſeinen Grund nicht in der Selbſt⸗ genügſamkeit— denn jeder Schritt im Leben lehrt uns, wie viel wir einander ſchulden; ſondern darin, daß wir bei unſern beſchränkten Mitteln und in unſerer niedrigen Stellung den Beweggründen und Grundſätzen, die uns in glücklichern Tagen leiteten, nicht untreu geworden ſind, und auch ferner nicht untreu zu werden gedenken. Ja, Sie koͤnnen uns ſtolz nennen, denn wir find es;— ſtolz, daß unſere Armuth uns nicht zur Gemeinheit herabge⸗ drückt hat— ſtolz, daß wir in einem fremden Lande Ge⸗ fühle der Freundſchaft, ja ſogar der Liebe eingeflößt— ſtolz, daß wir ohne eines jener Talente, oder einen jener Reize, welche die Menſchen anziehen, dieſes Beiſpiel von Edelmuth, deſſen Bote Sie jetzt ſind, veranlaßt haben. Ich ſchäme mich nicht, meinen Stolz in all' dieſem ein⸗ zugeſtehen.“ „Es war vergebens, weiter in ſie zu dringen, und mit der Bitte, daß, wenn in Folge eines künftigen Wech⸗ ſels der Umſtände ſie ſich veranlaßt ſehen würde, ihren Entſchluß zu ändern, fie den Antrag als fortbeſtehend an⸗ ſehen möchte, verabſchiedete ich mich.“ „Das iſt ja hoͤchſt ärgerlich,“ rief Onslow. „Aergerlich!“ rief Grounſell;„Du nennſt es ärger⸗ lich, daß da, wo Du eine Wohlthat zu erweiſen ſuchteſt, 10 Du einen Geiſt findeſt, der größer iſt, als alle Gunſtbe⸗ zeigungen, die je von dem Reichthum ausgingen, oder je ausgehen werden! Eine edle Natur, die über jeden Zu⸗ fall des Glückes erhaben iſt, ärgerlich!“ „Ich ſprach in Bezug auf mich,“ erwiederte Onslow barſch; nund ich wiederhole, es iſt hoͤchſt ärgerlich, daß ich mich außer Stand ſehe, da eine Belohnung anzubrin⸗ gen, wo ich unzweifelhaft an einem Unrecht Schuld ge⸗ weſen bin!“ „Ich danke Dir, lieber Gott, daß in dieſem geldmachen⸗ den und goldſuchenden Zeitalter noch Jemand lebt, deſſen Herz unverdorben und unverderblich iſt,“ rief Grounſell. „ätte ich es nicht geſehen, ſo hätte ich es nicht glauben koͤnnen!“ ſagte Prichard. „Natürlich nicht, mein Herr,“ fiel Grounſell barſch ein.„In eurem Gewerbe kommen ſolche Beiſpiele ſel⸗ ten vor; auch habe ich ſelbſt ſehr wenige erlebt!“ „Ich erlaube mir, zu bemerken,“ ſagte Prichard ſanft, „daß mir in meiner Laufbahn manche Handlungen ho⸗ hen Edelmuths vorgekommen ſind.“ „Edelmuth! Ja, ich weiß, was das ſagen will. Eine Schweſter, die ihr Legat einem verſchwenderiſchen Bruder überläßt— eine kinderloſe Wittwe, die ſich faſt jede Bequemlichkeit verſagt, um dem zu Grunde gerich⸗ teten Bruder ihres verſtorbenen Mannes aufzuhelfen— eine Frau, die einem in ſeiner Sorgloſigkeit keine Rück⸗ ſicht kennenden Manne die letzten, kleinen Ueberreſte eines Vermögens übergibt, die für den Tag gänzlicher Armuth dienen ſollten; und ſtets find es Frauen, die ſolches thun — ſparende, zuſammenſcharrende, ſorgſame Geſchoͤpfe, voller Selbſtverläugnung, und auf die kleinſten Erſparniſſe bedacht. Nicht wie jene großmüthigen Männer, wie die Welt ſie nennt, deren Edelmuth Nichts als Selbſtſucht— deren Freigebigkeit der Köder iſt, um Schmeicheleien zu erhaſchen. Aber ich ſpreche hier nicht von Großmuth: zu geben, ſelbſt ſeinen letzten Pfennig herzugeben iſt weit — 11 leichter, als die Hülfe zurückzuweiſen, wenn man deren bedarf. Die Lumpen der Armuth enger um ſich zuſam⸗ men zu ziehen, ihre Falten recht zu werfen, und die Noth und das Elend darin zu verbergen, das iſt in der That der Sieg.“ „Merken Sie ſich,“ ſagte Onslow lachend,„der Mann, der das ſagt, iſt ein alter Junggeſelle.“ Grounſell's Geſicht wurde ſcharlachroth, und eben ſo plötzlich blaß, wie der Tod; und obgleich er einen Ver⸗ ſuch machte, zu ſprechen, ſo kam doch keine Sylbe über ſeine Lippen. Einen Augenblick wurde die nun folgende Pauſe nicht unterbrochen, bis mit Einem Male ein leich⸗ tes Pochen an der Thüre ſich vernehmen ließ. Es war eine Botſchaft von Lady Heſter, die fragen ließ, ob ſie mit Sir Stafford ſprechen könne, wenn er frei wäre. „Du gehſt doch nicht, Grounſell?“ rief Sir Staf⸗ ford, als er den Doktor nach dem Hute greifen ſah; allein dieſer eilte aus dem Zimmer hinaus, ohne ein Wort zu ſagen. Der Sachwalter ſeinerſeits packte ſeine Papiere zuſammen, und ſtellte ſich an, ihm zu folgen. „Wir werden Sie beim Eſſen ſehen, Prichard?“ ſagte Sir Stafford.„Ich habe einige Hoffnung, mich heute der Geſellſchaft ebenfalls anzuſchließen.“ „Herr Prichard verbeugte ſich zum Zeichen ſeines Danks, und entfernte ſich. 4 Und jetzt ſetzte ſich der alte Baronet, um bei ſich zu überlegen, welcher Art wohl die Gründe ſein moͤchten, die Lady Heſter zu einem ſo ungewöhnlichen Morgenbeſuch bewogen.„Was mag das bedeuten? Sie kann doch kein Geld brauchen,“ dachte er;„erſt vor einigen Tagen habe ich ihr ja eine, auf eine große Summe lautende Anwei⸗ ſung geſchickt. Will ſie nach England zurück? Sind neue Zerwürfniſſe ausgebrochen?“ Letzterer Gedanke erin⸗ nerte ihn an diejenigen, von denen er ſo eben noch gehört — an diejenigen, deren Noth ſie einander genähert hatte, indem ſie ſie nachſichtiger und lieheyoller machte, wäh⸗ . . 12 rend er in ſeiner Familie, wo Alles im Ueberfluß vorhan⸗ den war, Nichts als Uneinigkeit ſah. Während er ſo da ſaß, und über dieſes nicht allzu angenehme Problem brütete, trat ein großer und ernſt ausſehender Bedienter in das Zimmer, einen Armſeſſel vor ſich her rollend. Ein anderer, und nicht minder würde⸗ voll ausſehender Diener folgte mit Kiſſen und einem Fuß⸗ wärmer:— lauter Zeichen, an denen Sir Stafford als⸗ bald erkannte, daß eine lange Unterredung beabſichtigt ſei; denn ihre Ladyſhip traf ihre derartigen Anſtalten ſtets mit einer Vorſicht, die ſie in Dingen von wirklicher Wich⸗ tigkeit nur hoͤchſt ſelten zeigte. Sir Stafford ſah allen dieſen Demonſtrationen zu, als die feierliche Stimme eines Oberbedienten Lady Heſter meldete, und nach einer Pauſe von einer Sekunde trat ſie ſelbſt in das Zimmer in all der gazeartigen Weite des Anzugs, die der betreffenden Perſon keine andere Wahl zu laſſen ſcheint, als die geräumigſten Appartements eines Palaſtes zu bewohnen. „Wie befinden Sie ſich?“ ſagte ſie ſchmachtend, in⸗ dem ſie auf ihren Stuhl niederſank.„Ich hatte nicht die geringſte Idee, wie weit dieſes Zimmer von mir weg wäre! Wenn mich Clements nicht im ganzen Hauſe herum geführt hat!“ Herr Clements, der noch eifrig beſchäftigt war, die Kiſſen zu ordnen und zurecht zu legen, verſicherte ihrer Ladyſhip mit einſchmeichelnder Stimme, daß ſie auf dem kürzeſten Wege gekommen wäre. „Es thut mir leid,“ ſagte ſie verdrießlich,„denn ich werde nur um ſo mehr Mühe haben, zurückzugehen. Da, Ihr macht es nur ſchlechter. Ihr koͤnnt nie lernen, daß ich nicht wie kranke Perſonen geſtützt ſein will. So iſt's recht; Ihr koͤnnt das Zimmer nun verlaſſen. Sir Stafford, wären Sie wohl ſo gut, jene Fenſtergar⸗ dine etwas mehr herabzulaſſen,— die Sonne ſcheint mir gerade in die Augen. Mein Gott, wie gelb Sie ſind! 13 Oder iſt es das Licht in dieſem abſcheulichen Zimmer? Sehe ich auch ſo abſcheulich gallſüchtig aus?“ „Im Gegentheil,“ ſagte er lächelnd,„ich würde ſa⸗ gen, daß Sie der vollkommenſten Geſundheit er⸗ freuen.“ „O, natürlich, ich bezweiſte das nicht. Ich wundere mich nur, daß Sie es nicht„derbe Geſundheit“ nannten. Ich kann mir nichts ſo durch und durch Aergerliches vor⸗ ſtellen, als die Gewohnheit, Jemandes Leiden gerade nach den Anſtrengungen zu beurtheilen, die man macht, um dieſelben nicht zu zeigen.“ „Leiden, meine Theure; ich wußte in der That nicht, daß Sie leidend ſind.“: „Ich bin ganz gewiß, daß ich leide; nur iſt es nicht meine Gewohnheit, Andere mit meinen Klagen zu behel⸗ ligen. Gewiß würde auch Ihr Freund, Herr Grounſell, das Vorhandenſein meiner Leiden nicht zu erkennen ver⸗ mögen. Wie haſſe ich doch den Mann! Und ich weiß auch, Sir Stafford, daß er uns haßt. O, Sie lächeln, als wollten Sie ſagen,„„Nur Einige von uns;““ aber ich ſage Ihnen, er kann keines von uns Allen leiden, er verabſcheut uns Alle und ſeinen alten Schulkameraden,— wie er Ste in ſeiner gemeinen Weiſe beharrlich nennt— ſo ſehr, wie die Andern.“ „Ich hege die aufrichtige Hoffnung, daß Sie ſich rren—— „Höflich, gewiß; Sie glauben, daß ſein Haß ſich auf mich beſchränkt. Nicht als ob es mir nicht völlig gleich wäre, mit wie viel Haß er mich beehren mag; es iſt der Tribut, den gemeine und obſeure Leute unvermeld⸗ lich den Leuten von guter Geburt zollen, und ich bin ganz bereit, denſelben hinzunehmen; aber ich geſtehe, es iſt ein wenig hart, daß ich mich der Strafe unter meinem eigenen Dache unterziehen muß.“ „Meine theure Heſter, wie oft habe ich Ihnen ver⸗ ſichert, daß Sie ſich irren; und daß, was Sie als einen 14 Mangel an Achtung gegen Sie anſehen, nichts Anderes iſt, als die Rauhheit einer unverfeinerten, aber ächten Natur. Die Bande, die ſich ſeit uaſerem Knabenalter zwiſchen ihm und mir geknüpft haben, dürfen nicht wegen eines bloßen Mißverſtändniſſes zerriſſen werden; und, wenn Sie ihn nicht ſchätzen koͤnnen, oder wollen wegen der guten Eigenſchaften, die er ohne alle Frage beſitzt, ſo haben Sie doch mit ihm wegen meiner Nachſicht.“ „Ja, das ſollte ich, und ich beſtrebe mich auch, es zu thun; aber das Uebel endigt hier nicht; er theilt Je⸗ dermann dieſe ſeine Gewohnheiten der Nichtachtung und der Gleichgültigkeit mit. Haben Sie nicht ſo eben Cle⸗ ments beobachtet, als ich wegen des Kiſſens mit ihm ſprach?“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich Etwas bemerkte.“ „Warum ſollen Sie auch; Niemand kümmert ſich um irgend Etwas, was auf mein Glück Bezug hat! Nun, ich habe es wohl bemerkt, und habe das übermü⸗ thige Lächeln wohl geſehen, das er annahm, als ich ihm ſagte, daß das Kiſſen nicht recht liege. Er blickte auch zu Ihnen hinüber, gleichſam um zu ſagen:„Sie ſe⸗ hen, wie unmöglich es iſt, ihr zu gefallen.““ „Fürwahr, davon habe ich Nichts geſehen.“ℳ „Ja, auch Prichard, der ſonſt der ſchüchternſte Menſch von der Welt war, fühlt ſich jetzt ſo behaglich, ſo ganz daheim in meiner Gegenwart. Es iſt wirklich luſtig mit anzuſehen. Erſt geſtern noch bat er mich, beim Eſſen mit ihm ein Gläschen Wein zu trinken. Der Anachronismus war ſchlecht genug, aber denken Sie ſich nur die Freiheit, die er ſich herausgenommen!“ 34 „Und was haben Sie gethan?“ fragte Sir Staf⸗ ford, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. „Ich ſtellte mich, als hoͤre ich es nicht, in der Hoff⸗ nung, daß er ſich nicht zum zweiten Male vor den Be⸗ dienten durch eine Wiederholung ſeiner Bitte compromit⸗ tiren würde. Aber er fuhr fort:„„Wollen Ew. Lady⸗ —— 15 ſhip““— ich verſichere Ihnen, das hat er geſagt— „„wollen Ew. Ladyſhip mir die Ehre erweiſen, ein Gläs⸗ chen Wein mit mir zu trinken?““ Ich ſtierte ihn nun an, nahm aber von ſeinen Worten lediglich keine Notiz. Würden Sie es glauben! Er kam noch ein Mal mit ſeiner Bitte, und begann, mit der Hand am Glaſe:„„Ich habe mir die Freiheit genommen.““— Mehr konnte ich nicht hoͤren, deßhalb wandte ich mich zu George hin und ſagte:„„George, wollen Sie dem Manne da ſagen, daß er das nicht thun ſolle.““— Sir Stafford konnte ſich nun nicht länger halten, ſondern brach in ein herzliches Gelächter aus.„Armer Prichard,“ ſagte er endlich,„ich glaube faſt, ich ſehe ihn vor mir.“ „Es fällt Ihnen nie ein, zu ſagen,„„Arme Heſter, das ſind nicht die Leute, mit denen Sie zu leben gewohnt ſind!““ aber ich wollte mir alles Dieſes noch gefallen laſſen, wenn nur die Mitglieder meiner eigenen Familie mich mit der gehoͤrigen Ehrerbietung und Achtung behan⸗ delten. Was Sydney und George indeſſen betrifft, ſo machen ſie mir's arg genug und thun, als ob ich gar nicht da wäre; und obgleich ich bei meiner Heirath voraus ſah, daß ich würde manche Opfer bringen müſſen, ſo ließ ich mir doch ſo Etwas nicht einfallen. Zwar ſagte mir Lady Wallingeroft ſo ziemlich, welchen Dingen ich mich ausſetzen würde; aber ich hegte die Hoffnung, daß Un⸗ gleichheit der Jahre und gewiſſe Unterſchiede, die Früchte früher Vorurtheile und Gewohnheiten die einzigen Dinge ſein würden, die meinem Glücke ſich entgegenſtellten, allein ich ſehe nun meinen Irrthum ein.“ „Die Folge hat in der That bewieſen, daß man ſich von der Sache zu viel verſprochen hatte,“ ſagte Sir Stafford langſam, und auf jedes Wort abſichtlich Nach⸗ druck legend. „O, ich verſtehe Sie vollkommen,“ ſagte ſie, leicht er⸗ roͤthend, und nun zum erſten Male in ihren Zügen einiges 16 Leben zeigend.„Sie haben ſich in Ihrer Erwartung nicht minder getäuſcht gefunden, als ich; eben das prophezeite mir ja auch meine Tante Wallingeroft.„„Erinnere Dich,““ ſagte ſte— und gewiß habe ich guten Grund, mich daran zu erinnern—„„ihre Begriffe ſind nicht die unſern; ſie haben nicht die nämlichen Hoffnungen, nicht dieſelben Be⸗ ſtrebungen, nicht denſelben Ehrgeiz, wie wir; ſogar ihre Moralität iſt nicht unſere Moralität!“ „Von welchen Leuten, oder welchem Volke ſprach ihre Ladyſhip?“ fragte Sir Stafford ſanft. „Von der City im Allgemeinen,“ erwiederte Lady Heſter ſtolz. „Da mußte ſie die Sache wohl kennen,“ entgegnete Sir Stafford;„ihr eigener Vater war Kaufmann in Lombard⸗Street.“ „Aber die Familie gehoͤrt zu den älteſten und beſten in Lanraſhire, Sir Stafford.“ „Es mag dem ſo ſein; allein ich erinnere mich, wie Walter Crofts ſelbſt ſich rühmte, daß er getanzt, um ſich auf den Stufen vor der Thür in Grosvenor⸗Square, das nachher ſein Eigenthum wurde, die Füße zu wärmen; und da er ſeinen Reichthum, und ſeine ganze Stellung in der Geſellſchaft ſeinem Fleiße, ſeiner Chrlichkeit, ſeinem Unternehmungsgeiſte und ſeinem Glücke verdankte„ ſo höͤrte ihn das Niemand ſagen, ohne ihn daram hoͤher zu ſchätzen.“. „Die Anekdote iſt neu für mich,“ ſagte Lady Heſter hochmüthig;„und ich zweiſle kaum, daß der würdige Mann bloß einen Vorfall verſchönerte, um ſeiner Geſell⸗ ſchaft zu gefallen.“ „Es war die um ſeinen Tiſch verſammelte Geſell⸗ ſchaft, als er Lord⸗Mayor von London war!“ „Ich hätte darauf geſchworen!“ ſagte ſie lachend; „aber was hat all, das mit dem zu thun, worüber ich mit Ihnen ſprechen wollte— wenn ich mich nur erinnern 17 könnte, was es war! Dieſe ewigen Abſchweifungen find Schuld, daß ich Alles vergeſſen habe.“ Obgleich ſie mit ihrer Berufung ſich offenbar an Sir Stafford wendete, ſo blieb er doch ſchweigend und bewegungslos ſitzen, und erwartete geduldig den Augenblick, wo ihr Gedächtniß ſie in den Stand ſetzen würde, fort⸗ zufahren. hrenzen lieber Gott! wie ärgerlich iſt es doch. Ich kann mich nicht entſinnen, weßhalb ich hieher ge⸗ kommen, und Sie wollen mich nicht im Mindeſten un⸗ terſtützen.“ „Bis auf dieſen Augenblick haben Sie mir noch kei⸗ nen Schlüſſel gegeben,“ ſagte Sir Stafford lächelnd. „Sie wollen doch nicht von Grounſell ſprechen?“ „Natürlich nicht. Ich mag nicht einmal an ihn denken!“ „Vielleicht von Prichard?“ fragte er, etwas ſchlau mit dem Auge blinkend. „Ebenſo wenig.“ „Vielleicht haben Sle an Ihren Freund, den Ober⸗ ſten Haggerſtone, gedacht?“ „Bitte, nennen Sie ihn doch nicht meinen Freund. Ich weiß ja nur ſehr wenig von dem Herrn; ich will ſogar noch weniger wiſſen. Ich wollte ihn dieſen Morgen nicht ſehen, als er ſeine Karte heraufſchickte.“ „Eine Aufmerkſamkelt, die er, wie ich befürchte, dem armen Geſchöpfe, welches er verwundet, nicht erwieſen hat: ſo ſagt mir wenigſtens Grounſell.“ „Oh, jetzt habe ich's!“ ſagte ſie mit einem Male; da die Anſpielung auf Hans ihr plötzlich die Daltons wieder ins Gedächtniß brachte, ſowie die Umſtände, worüber ſie ſprechen wollte.„Gerade wegen dieſer armen Leute wollte ich mit Ihnen reden. Sie müſſen wiſſen, Sir Stafford, daß ich hier eine höchſt intereſſante Familie, beſtehend aus einem Vater und zwei Töchtern, die ſich Dalton nennen, kennen gelernt habe— Die Daltons. II, 2 18 „Grounſell hat mir es bereits geſagt,“ fiel Sir Staf⸗ ord ein. 3„Natürlich iſt Ihnen dann jeder Schritt, den ich bei dieſer vertrauten Bekanntſchaft gethan, in dem gehäſſigſten Lichte dargeſtellt worden. Der liebenswürdige Doktor wird mir ohne Zweifel die unwürdigſten Motive unterſtellt haben, weßhalb ich Leute von ihrem Stande habe kennen lernen wollen.“ „Im Gegentheil, Heſter. Wenn er überhaupt eine Meinung über die Sache ausdrückte, ſo geſchah es in der Form einer Furcht, es möchten die Reize Ihrer Geſell⸗ ſchaft und Ihre bezaubernden Manieren es ihnen uner⸗ wünſcht machen, zu ihren gewöhnlichen, täglichen Ent⸗ behrungen und Beſchäftigungen geduldig zurückzukehren.“ »In der That!“ ſagte ſie hochmüthig.„Eine kleine Doſis ſeiner Bekanntſchaft wäre da das beſte Gegengift, das er ihnen verſchreiben könnte! Aber ich darf in der That nicht von dieſem Mann ſprechen; jede Anſpielung auf ihn regt ſtets meine Nerven auf, und verſetzt mich noch einen ganzen Tag darnach in eine gereizte Stim⸗ mung. Ich will Sie für dieſe Daltons intereſſtren.“ „Nichts leichter, meine Theure, da ich ſchon Etwas von ihnen weiß.“ „Der Doktor iſt natürlich Ihr Kundſchafter geweſen,“ ſagte ſie ſchnippiſch. 3 „Nein, nein, Heſter; vor vielen, vielen Jahren be⸗ ſtanden gewiſſe Beziehungen zwiſchen uns, und ich bedaure, ſagen zu müſſen, daß Herr Dalton Urſache hat, mich nicht von der günſtigſten Seite anzuſehen; aber noch in dem Augenblicke, wo ich Ihre Botſchaft erhielt, erfuhr ich von Prichard das Mißlingen meines Verſuchs, ein Unrecht wieder gut zu machen. Ich will Sie nicht mit einer lan⸗ gen und traurigen Geſchichte langweilen, ſondern nur kurz erwähnen, daß Herrn Dalton's ſelige Frau eine entfernte Verwandte von mir war.“ „Ja, ja; ich ſehe nun Alles. Es war etwas Liebe 19 dabei im Spiel, eine alte Flamme, die ſpäter wieder auflebte— natürlich nichts Ernſtes— aber Eiferſucht und Mißdeutungen ſonder Zahl. Mein Gott, und dieß war der Grund, warum ſie vor Gram ſtarb?“ Es war ſchwer zu ſagen, ob Sir Stafford mehr durch die Ahgeſchmacktheit dieſer Bezicht beluſtigt, oder durch die kalte Gleichgültigkeit, womit ſie dieſelbe ausſprach, geſtachelt wurde; auch war leicht zu ſehen, wie der Kampf in ſeinem Innern endigen würde, als ſie fortfuhr:„Es ſieht ſo albern aus, wenn ein paar ältliche Herrn einen Streit wegen einer„amourette“ aus dem verfloſſenen Jahrhundert wieder hervorſuchen. Sie ſind ſehr glücklich, daß Sie es an einem ſo ſtillen Orte thun können.“ „Es thut mir leid, Lady Heſter, eine Illuſion zer⸗ ſtören zu müſſen, die des Beluſtigenden ſo viel bietet; allein ich bin es allen Parteien ſchuldig zu ſagen, daß Ihre angenehme Phantaſie nicht einmal den Schatten einer Wahrheit hat. Ich habe auch nicht Ein Mal Mrs. Dal⸗ ton geſehen— bin auch nicht Ein Mal mit ihrem Manne zuſammengetroffen. Das Ereigniß, worauf ich anſpielen wollte, als Sie mich unterbrachen, bezog ſich auf ein Vermächtniß—ℳ „Ach, ich weiß nun die ganze Geſchichte! Auf Ihr Betreiben wurden dieſe lieben Leute ausgepfändet, und, da das Gut Ihnen verſchrieben war, von ihrem alten Stamm⸗ ſitze Mount⸗Dalton vertrieben. Ich habe die Geſchichte gewiß zehn Mal gehört, doch aber nie, daß Ihr Name damit verknüpft wäre. Ich verſichere Ihnen, Sir Staf⸗ ford, daß ſie auch nicht den entfernteſten Wink haben fal⸗ len laſſen, daß Sie mit dieſer traurigen Epiſode ihres Lebens verwoben ſeien.“ „Sie ſind nur gerecht geweſen, Lady Heſter,“ ſagte er ernſt.„Nie war mir dieſes Gut verpfändet, und noch viel weniger machte ich das ſtrenge Recht geltend, von dem Sie ſprechen. Es iſt aber ganz und gar unnütz, in einer Erzählung fortzufahren, die Ihre Geduld auf eine 20 ſo harte Probe ſetzt; es genüge Ihnen, wenn ich ſage, daß ich durch Prichard's Vermittelung Herrn Dalton überreden wollte, es ſei mir durch das Teſtament anheim geſtellt, ob ich ihm nicht eine kleine, lebenslängliche Rente reichen wolle. Er hat dieſelbe aber ein für alle Mal ausgeſchlagen, obgleich er, wie man mir berichtet, in großer Armuth lebt.“ 4 „Arm müſſen ſie in der That ſein. Das Haus iſt armſelig moͤblirt, und die Mädchen tragen Kleider, wie ich zuvor noch nie geſehen; nicht als ob letztere die ab⸗ getragenen Ueberbleibſel beſſerer Tage wären, ſondern es ſind dieſelben wirklich die groben Zeuge, wie ſolche die Bauern tragen.“ „So habe ich gehört.“ „Sie haben nicht einmal einen Beſatz von wohlfeilen Spitzen an ihren Krägen; nicht eine Bandſchleife; keine Schmuckſache an ſich, wie beſcheiden dieſelbe immer ſein mag. 3. und Beide ſind ſchön, wie man mir ſagt?“ „Die jüngere iſt in der That von bezaubernder Schoͤnheit!— die ſchoͤnſten, tiefblauen Augen von der Welt, nebſt langen, zierlichen Wimpern und dem vollkom⸗ menſten Munde, den Sie ſich denken koͤnnen. Auch die ältere iſt recht huͤbſch, ſieht aber traurig aus, denn ſie iſt mit einer fürchterlichen Lähme behaftet, das arme Ding. Sie ſagen, es komme von einem Sturze vom Pferde her⸗ ab her, allein ich vermuthe, daß ſie dieſelbe mit auf die Welt gebracht:— eines jener furchtbaren Dinge, das man Rückgratskrümmung nennt. Wie alle Perſonen in ihren Umſtänden iſt ſie ungemein geſchickt, und ſchneidet die prächtigſten, kleinen Gruppen aus Buchsbaumholz, und macht Modelle aus Thon und Gips. Sie iſt ein liebes, ſanftes, holdes Ding, aber, wie ich vermuthe, mit aller Infirmität des Temperaments behaftet, die von langer Krankheit herrührt; ſie iſt wenigſtens ſelten munter, wie ihre Schweſter. Kate, das füngere Maͤdchen, iſt mein 21 Liebling; ein ſchönes, edelmüthiges, warmherziges Ge⸗ ſchöpf, voll Leben und Feuer, und mir bereits ſo liebevoll zugethan.“. Wenn Sir Stafford über den unpaſſenden Nachdruck, der auf die letzten wenigen Worte gelegt wurde, nicht lächelte, ſo kam es nicht daher, daß er ihre volle Bedeu⸗ tung nicht verſtanden. „Und Herr Dalton ſelbſt— wie iſt denn er?“ „Wie Nichts, was ich bis jetzt geſehen: das ſeltſamſte Gemiſch von Geradheit und falſchen Folgerungen— von Wohlwollen und Grauſamkeit, Grobheit und Artigkeit, zarteſter Rückſicht und äußerſter Rückſichtsloſigkeit ge⸗ gen Andere und deren Gefühle— das je exiſtirte. Man weiß nie, welcher Art in einem gegebenen Augenblicke, oder in Beziehung auf irgend einen Gegenſtand ſeine Geſin⸗ nungen ſein werden, mit Ausnahme der Familienfrage, wo ſein Stolz faſt an Wahnwitz grenzt. Ich glaube, in ſeinem Vaterlande würde er nichts Seltſames oder Eigen⸗ thümliches ſein, aber außerhalb deſſelben iſt er eine Figur, die ſchlechterdings zu keiner Landſchaft paßt.“ „Es iſt ſchwer zu ſagen, wie viel von dieſer Eigen⸗ thümlichkeit vom Unglücke herrühren mag,“ ſagte Sir Stafford gedankenvoll. „Ich bin überzeugt, er war ſtets derſelbe; es wäre wenigſtens unmöglich, ihn ſich anders vorzuſtellen. Aber ich bin nicht gekommen, um über ihn zu ſprechen, ſondern über ſeine Tochter Kate, für die ich mich ſehr intereſſire. Sie müſſen wiſſen, Sir Stafford, daß ich einen kleinen Plan ausgeheckt habe, zu deſſen Ausführung ich Ihrer Mithülfe und Unterſtützung bedarf. Ich will nämlich dieſes liebe Mädchen mit uns nach Italien nehmen.“ „Sie nach Italien nehmen? In welcher Eigenſchaft, Lady Heſter? Sie wollen ihr doch keine Stelle unter Ihrer Dienerſchaft anweiſen?“ „Natürlich nicht; ſie ſoll mich als eine Art unter⸗ thäniger Freundin— was man in den Zeitungen„Ge⸗ 22 ſellſchaftsdame“ nennt— begleiten; ſie ſoll ſtets um mich ſein. Sie iſt ganz dazu geſchaffen, die Niedergeſchlagen⸗ heit und die Langeweile zu verſcheuchen, und wird, wenn ſie eine Zeit lang bei mir in der Schule geweſen, ein höchſt anziehendes Mädchen werden. So, wie ſie iſt, iſt ſie nicht ganz vernachläßigt worden. Ihre franzoͤſiſche Aus⸗ ſprache iſt ganz rein; das Deutſche ſpricht ſie, wie ich vermuthe, geläufig; ſie ſpielt, ſo weit man wenigſtens ur⸗ theilen kann, recht hübſch auf ihrem alten, ſchlechten, ſchetternden Clavier, deſſen Füße, ſo oft es berührt wird, tanzen; auch ſingt ſie recht angenehm jene kleinen deut⸗ ſchen Balladen, die jetzt in die Mode kommen. In der That geht ihr der Ton der Geſellſchaft— die Manieren der feinen Welt— mehr ab, als alles Andere.“ „Da könnte ſie gewiß keine beſſere Schule finden, als die Ihrige, Lady Heſter; aber ich ſehe einige ſehr große Hinderniſſe, die dem ganzen Plane entgegen ſtehen, und ohne ſolche anzuführen, die uns ſelbſt betreffen, will ich Sie nur auf ſolche aufmerkſam machen, die in der Stellung der jungen Dame ſelbſt liegen. Wäre es wohl ein Act der Güte, wenn wir ſie dem Kreiſe entziehen wollten, in dem ſie ſich gluͤcklich und zufrieden fühlt, um ſte für eine kurze Zeit in eine ganz andere und verſchie⸗ dene Welt einzuführen, wo ſie neue Gewohnheiten, neue Gedanken ſich aneignen, neue Verbindungen eingehen,— wo ſie jeden Tag lernen würde, auf das beſcheidene Loos hochmüthig herabzublicken, zu dem ſie doch ſpäter zurück⸗ kehren muß.“ „Sie braucht nicht zu demſelben zurückzukehren. Sie wird gewiß ſich verheirathen, und zwar gut. Ein Mäd⸗ chen, das ſo viel Anziehendes hat, wie ſie haben wird, darf wohl hoffen, daß ſie eine glänzende Heirath machen werde!“ „Es iſt das ein allzu gewagtes Spiel des Lebens, als daß es meiner Phantaſie gefallen könnte,“ ſagte Sir Stafford im Tone des Zweifels.„In einer ſo gewichti⸗ 23 gen Sache, wie dieſe iſt, ſollten wir jedem Zufalle Rech⸗ nung tragen.“ „Ich habe den Gegenſtand auf's Genaueſte und nach allen Seiten hin erwogen,“ erwiederte Lady Heſter ge⸗ bieteriſch.„Ich habe die Frage zu wiederholten Malen überlegt, und habe auch nicht eine einzige Schwierigkeit geſehen, die ſich nicht leicht heben ließe.“ „Sydney ſollte doch aber erſt zu Rathe gezogen werden.“ „Es iſt bereits geſchehen. Sie iſt von dem Projekte ganz entzückt. Vielleicht ſieht ſie auch, wie wenige geſel⸗ lige Eigenſchaften ſie ſelbſt beſitzt, und denkt, Miß Dalton werde bei mir die Stelle einnehmen, zu deren Ausfüllung ſie zu träge und zu gleichgültig iſt.“ „Wie würde aber die Famllie einen ſolchen Vorſchlag aufnehmen? Sie ſcheinen ſehr ſtolz zu ſein. Iſt es wahrſcheinlich, daß ſie ein ſolches Projekt billigen werden?“ „Da liegt die einzige Schwierigkeit; auch iſt dieſel⸗ be keine unüberwindliche, wenn wir die Sache recht an⸗ greifen. Es will dieſelbe zart behandelt ſein, denn wenn wir Kate bloß einladen, uns zu begleiten, ſo werden ſie ganz natürlich eine Einladung ausſchlagen, deren An⸗ nahme für ſie mit nicht unbedeutenden Ausgaben für Kleidung und Schmuckſachen verbunden wäre,— Ausga⸗ ben, die ſie in ihren Umſtänden unmöglich machen können. Wir müſſen diplomatiſch zu Werke gehen; indeſſen iſt der erſte Schritt bereits gethan.“ „Der erſte Schritt? Wie meinen Sie das?“ „Ich habe ganz einfach, obwohl in tiefſtem Ver⸗ trauen, bei Kate Dalton auf die Möglichkeit des Projekts angeſpielt, und ſie iſt außer ſich vor Vergnügen bei dem bloßen Gedanken daran. Das liebe Kind! Mit welchem Entzücken hörte ſie mich von den Bällen, Feſtlichkeiten und Theatern der großen Welt ſprechen! Von den tau⸗ ſend Zaubern, welche die Geſellſchaft für Alle in Bereit⸗ ſchaft halte, die einen rechtmäßigen Anſpruch auf ihre 24 Huldigung— den der Schöͤnheit gezollten Tribut hätten, der größer, als der ſei, ſo des Ranges oder des Genies ſelbſt wartel Ich ſagte ihr von all' dieſem, und zeigte ihr meine Diamanten.“ Sir Stafford machte unwillkürlich mit ſeiner Hand eine leichte Gebärde, gleich als wollte er ſagen,„das Letzte war der Gnadenſtoß.“ „Was ſonach Kate betrifft, ſo wird ſie eine bereit⸗ willige Alllirte ſein; auch erwarte ich keinen Widerſtand von ihrer ruhigen, demüthigen Schweſter, die ſie ganz närriſch zu lieben ſcheint. Was aber den Papa betrifft, ſo iſt es wohl möglich, daß er ſich widerſpenſtig zeigt, und dieſes Hinderniß zu bewältigen, iſt nun unſere Auf⸗ gabe.“ Lady Heſter, die zu Anfange der Unterredung in aller Gleichgültigkeit der Langeweile geſprochen hatte, war nach befolgen gelernt: ein Verfahren, das, ſei die Campagne bürgerlicher, militäriſcher oder ehelicher Natur, nicht ohne einen gewiſſen Grad von Verdienſt iſt, da ja immer wie⸗ der günſtige Eventualitäten ſich zeigen koͤnnen. In vor⸗ liegendem Falle gab es mehrere Thüren, durch die man entſchlüpfen konnte. Die Daltons waren drei an der Zahl, und mußten wohl einſtimmig ſein. Alle Schwie⸗ rigkeiten des Planes mußten nicht allein zu ihrer voll⸗ kommenen Zufriedenheit, ſondern auch ohne eine Wunde für ihr Zartgefühl gehoben werden. Grounſell war jeden⸗ falls ein entſchiedener Widerſacher der Maßregel, und man zog ihn ganz natürlich darüber zu Rathe. Und endlich war es keineswegs gewiß, daß Lady Heſter, auch voraus⸗ geſetzt, daß alle dieſe Hinderniſſe beſeitigt wurden und * 25 Alles erwünſcht ging, die Sache ſelbſt noch wünſchte, ſo⸗ bald ſie einmal jeden Widerſtand beſiegt hatte. Dieſe und manche ähnliche Gründe zeigten Sir Staf⸗ ford, daß er ohne Weiteres eine Mitwirkung zuſagen könne, die nie praktiſch zu werden brauche, und ſo machte er denn aus der Nothwendigkeit eine Tugend, und ſtellte ſich, als gäbe er Beweisgründen nach, die in ſeinen Augen lediglich keinen Werth hatten. 3 „Wie wollen Sie die Campagne eroͤffnen, Heſter,“ fragte er nach einer Pauſe. „Ich habe bereit Alles angeordnet,“ ſagte ſie mit vieler Lebhaftigkeit.„Wir müſſen die Daltons miteinan⸗ der beſuchen— oder, was noch beſſer,— Sie müſſen allein gehen. Nein, nein, ein Brief, ein recht ſorgfältig geſchriebener Brief iſt es, was wir brauchen; dieſer ſoll im Voraus jeden moͤglichen Einwurf gegen den Plan widerlegen, und den Daltons die ungeheuren Vortheile zeigen, die ſie daraus ziehen müſſen.“. „Zum Beiſpiel?“ ſagte Sir Stafford, mit ſcheinba⸗ rer Aengſtlichkeit auf weitere Aufſchlüſſe wartend. „Dieſe Vortheile werden in der That ungeheuer groß ſein!“ rief ſie;„zum Erſten darf Kate, wie ich bereits geſagt, beſtimmt darauf rechnen, daß ſie eine gute Heirath macht, und dann wird ſie ſich in der Lage befinden, den Andern, die,— wie bemitleide ich die armen Geſchöpfe — Nichts für ſich thun können, Wohlthaten zu erweiſen.“ „Ganz wahr, meine Theure; ganz wahr. Sie ſehen alle dieſe Dinge weit geſchwinder und klarer, als ich.“ „Ich habe ſo lange und ſo viel darüber nachgedacht, daß ich glaube, nur wenige aller moͤglichen Zufälle nicht in's Auge gefaßt zu haben; und jetzt, wo ich erfahre, wie Sie einſt die Mutter der armen Mädchen kannten, und derſelben zugethan waren,—“ „Es thut mir leid, Sie um eine ſo harmloſe Illu⸗ ſion ärmer machen zu müſſen,“ ſiel er lächelnd ein;„aber ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich ſie nie geſehen.“ 9„ 2 aben Sie wirklich das geſagt? Ich vergeſſe Alles darüber. Gut, es war Etwas da, was die Familien „ miteinander in Verbindung brachte, und es iſt gleichgültig, was es war; es muß daher auch Ihnen zu großer Be⸗ friedigung dienen, den Riß, und zwar durch mein Da⸗ zwiſchentreten, wieder beſeitigt zu ſehen, denn ich muß Ihnen ſagen, Sir Stafford, es gibt manche Frauen, die eine thoͤrichte Eiferſucht in Beziehung auf ein Weſen an den Tag legen würden, das einſt den erſten Platz in der Achtung ihres dermaligen Gatten einnahm.“ 3 „Muß ich Ihnen noch einmal ſagen, daß dieſe Ihre eermuthung ganz und gar grundlos iſt, daß ich nie—“ „Genug— es iſt mehr, als ich verlange— mehr, als was ich verlangen darf,“ fiel ſie ein.„Würden Sie mich nicht unterbrechen— und verzeihen Sie mir, wenn ich ſage, daß dieſe Ihre Gewohnheit unzählige Mißver⸗ ſtändniſſe mit ſich fuͤhren muß— ich ſage, wäre ich nicht unterbrochen worden, ſo hätte ich Ihnen geſagt, daß ich ſolche Eiferſüchteleien als etwas durchaus Gemeines und Unwürdiges anſehe. Wir ſind ebenſo wenig die Herren unſerer Liebe, als die unſeres Glücks, und wenn wir in unſerer Jugend uns durch die Bande der Liebe an Jemand geknüpft, oft unkluger Weiſe geknüpft haben— ℳ Hier wurde ihre Ladyſhip, die, ohne es zu wiſſen oder zu wollen, von Sir Stafford auf ſich ſelbſt zu ſpre⸗ en gekommen war, nicht wenig verwirrt: eine lebhafte Röthe überflog ihre Wange, und ihr Buſen hob ſich heftig; ſie ſchien in ihrer Verlegenheit ſich nicht mehr zu helfen zu wiſſen, und erſt nach einem langen Kampfe, und nach⸗ dem ſie ſich lange vergebens bemüht, den verlorenen Faden ihrer Rede wieder aufzuſtnden, konnte ſie ſtammelnd die Worte hervorbringen;„Sind Sie nicht auch meiner Mei⸗ nung? Sie theilen gewiß auch meine Anſicht?“ „Es wäre das gewiß der Fall, wenn ich Sie nur recht verſtehen könnte,“ ſagte er gutmüthig, und ſie durch 1 f 27 ſeine Stimme und ſeinen Blick mit einem Male wiede beruhigend.* „So iſt denn ſo weit Alles in Ordnung,“ ſagte ſte, ſich von Ihrem Stuhle erhebend;„und was nun den Brief betrifft, ſo iſt es meine Anſicht, daß er je eher, je lieber geſchrieben werden ſollte. Wann dürfen wir hoffen von dieſem traurigen Platze wegzukommen?“ „Grounſell ſagt mir, nächſten Freitag oder Samſtag werde ich im Stande ſein, die Reiſe fortzuſetzen.“ „Wäre es nicht geſchehen, um mich zu ärgern, ſo hätte er Sie ſchon vor zehn Tagen für ganz geſund er⸗ klärt.“ „Sie vergeſſen, Heſter, meine eigenen Empfindungen — um nicht zu ſagen Leiden— konnten mich doch wohl nicht trügen.“. „Im Gegentheil, Doktor Clarus verſicherte mir, Nichts auf der Welt trüge ſo ſehr; der Schmerz werde bloß von dem Gehirn auf den kranken Theil bezogen, und exiſtire überhaupt nicht: es gebe kein ſolches Ding, wie das, was man gewöhnlich Schmerz heiße. Er erklärte es mir vollkommen, und ich verſtand es zu der Zeit recht gut. Er iſt ſo geſchickt, der Herr Doktor Clarus, und läßt Einen ſo tiefe Blicke in die Natur einer Krankheit thun, daß es in der That ganz intereſſant wird, von ihm behandelt zu werden. Ich erinnere mich noch wohl, wie Clarus, als William, der Bediente, den Arm brach, ihn jeden Tag beſuchte, und, um zu zeigen, daß keine Verbin⸗ dung, wie er es nannte, Statt finden könne, ſo lange die Bewegung fortdauere, rieb er die Enden des zerbrochenen Knochens ſanft gegen einander.“ „Und war William von der Lehre, daß es keinen Schmerz gebe, überzeugt?“ rief Sir Stafford mit von augenblicklichem Zorne gerotheter Wange. „Das unwiſſende Geſchoͤpf ſchrie wirklich, ſo oft man es anrührte; aber Clarus ſagte, es würde wenigſtens 28 zwei Jahrhunderte brauchen, um die Vorurtheile des ge⸗ meinen Volkes zu überwinden.“ „ Es iſt das auch gar ni t unwahrſcheinlich!“ ſa te Sir Stafford. auch gar nicht unwahrſcheinlich“ ſag „Du, mein Gott! wie ſpät iſt es ſchon,“ rief ſie elogeid.„und wir ſpeiſen um ſechs Uhr!“ nd mit einer graziöſen Handbewegung ſagte ſie „Adieu! Adieu!“ und verließ das Zimmer. 2 Sechzehntes Kapitel. Der Saal des Hôtel de Russie. Hat der beobachtende Leſer je zwei Perſonen bemerkt, die auf dem Verdecke eines Schiffes einen halben Tag, Schritt für Schritt, mit einander auf⸗ und kurzen Weg wieder zu machen, mit einander wechſeln, ſo daß der Rhythmus des auffallen⸗ Wolkenbank zu ſchauen; vielleich ſchweinen zu, wie ſie ſich vorbeiw den Nautilus, wie er vorbeigleitet kein Laut, noch bemerkt man irgend ein Zeichen, wor⸗ aus ſich ſchließen ließe, daß ſie eina mit einander haben. Es iſt ihnen genug, daß ſie, von denſelben Einflüſſen umgeben, leben; daß ſie dieſelbe Luft . 29 athmen; daß ſie dieſelben Schritte machen: ſie haben ihre beſonderen Gedanken, die vielleicht ſo weit von einander liegen, wie die beiden Pole der Erde; und doch fühlen ſie, in Folge einer Art ſeltſamen Magnetismus, daß in ihrem ſtummen Verkehr eine Art Geſelligkeit liegt. Etwa aus einem ähnlichen Grunde mochten Oberſt Haggerſtone und Jekyl ihren gewohnten Spaziergang in dem öden Speiſeſaale des Hotel de Ruſſie machen. Der Abend war kalt und unfreundlich, und wie an jenem, wo wir ſie zum erſten Male dort trafen, ſchlug ein heftiger, mit Schloßen untermiſchter Regen an die Fenſter, und es ſeufzte der Wind in klagenden Tönen durch die öden und kalten Corridors hin. Es war eine unbehagliche Scene ſowohl im Hauſe als außerhalb deſſelben. Ein zufälliger Blick durch das Fenſter,— ein gelegentliches Stillſtehen, um zu horchen, wenn der Donner lauter und näher rollte, zeigte, daß bis zu einem gewiſſen Grade Beide die glei⸗ „chen Gemüthsbewegungen theilten; aber ſonſt verrieth Nichts eine Gemeinſchaft der Gefühle zwiſchen ihnen, indem ſie in dem Saale von einem Ende zu dem andern auf⸗ und abſchritten. „Die Engländer gehen auf den Continent des Kli⸗ mas wegen!“ ſagte Haggerſtone, indem er ſeinen Kragen feſt um ſeinen Hals knöpfte, und ſeinen Hut feſt auf ſei⸗ nen Kopf drückte.„Aber wer hat je ſo Etwas in Eng⸗ land geſehen?“ 3 „In England hat man zwar ein Wetter, aber kein Klima!“ ſagte Jekyl mit ſelbſtgefälligem Lächeln, denn er that ſich Etwas darauf zu gut, wenn er ein Bonmot aus⸗ „ ſprach, und ſchien alsdann nicht wenig mit ſich ſelbſt zu⸗ frieden zu ſein. „Es iſt nicht das Schlechteſte, was wir da haben, Herr, ich ſtehe Ihnen dafür,“ erwiederte Haggerſtone in gebieteriſchem Tone. „Unſere Huſten und Rheumatismen ſind in der That Ddinge, worauf ein Brite keine Urſache hat, ſtolz zu ſein.“ * 30 „Von denen ſpreche ich nicht, Herr; ich meine un⸗ ſere unverſchämte, übermüthige Ariſtokratie, die, obwohl aus dem Volke entſprungen, und durch Leute aus dem Handelsſtande oder aus dem Stande der Jurj die uns ſo behandeln? Der glückliche Spekulant, der eine Million aufgehäuft hat; der General⸗Anwalt, der die Stelle eines Oberrichters errungen; Leute ohne Ahnen, ohne Einfluß auf dem Lande durch ihre Beſitzungen; ein glücklicher Bankier vielleicht mag, wie unſer Freund dro⸗ ben, morgen oder übermorgen als Baron oder Viscount in der Staatszeitung ſtehen, ohne irgend ein anderes Er⸗ forderniß für ſeine neue Stellung, als ſein Geld.“ „Ich geſtehe, wenn ich eine Schwäche habe, ſo iſt ſie für Lords,1 ſagte Jekyl lächelnd.„Ich muß ſie wohl ſehr früh gehabt haben, da ſie wie ein Inſtinkt an mir 3 feſthält. „Ich fühle mich glücklich, zu geſtehen, daß ich keine habe, Herr. Ein ſechshundert Jahre altes, gutes Blut reicht für all' meinen Chrgeiz hin; aber ich bin vor Zorn außer mir, wenn ich den Uebermuth und die Anmaßung dieſer neuen Leute ſehe.“ „Am Ende dauern aber doch neue Leute, wie eine neue Uhr, ein neuer Rock und ein neuer Wagen am Läng⸗ ſten. Alt und abgenützt ſind zwei beinahe gleichbedeutende Ausdrücke.“ 3 „Das fſind Gefinnungen, Herr, die Ihnen bei der Famitlie droben vortreffliche Dienſte leiſten dürften, aber ganz weggeworfen find, wenn ſie einem bloßen Landedel⸗ mann, wie ich bin, aufgetiſcht werden.“ Jekyl lächelte, und zog ſeine Cravatte in die Hoͤhe mit ſeiner gewohnten lächelnden Miene, ſprach aber Nichts. „Haben Sie im Sinne, noch länger hier zu bleiben?“ fragte Haggerſtone kurz. „Hoͤchſtens noch einige Tage.“ 31— „Gehen Ste nach Norden oder Süden?“ „Ich denke, ich werde den Winter in Italien zu⸗ bringen.“ „Die Onslows gehen, wie ich glaube, nach Rom?“ „Kann es nicht ſagen,“ war die kurze Antwort. „Ganz die Art von Leuten, wie ſie für Italien paßt. Faſhionables zweiten Ranges, die aber zu Rom oder Neapel eine große Figur ſpielen.“ „Das ſind auch recht angenehme Orte,“ ſagte Jelyl lächelnd.„Das Klima geſtattet Alles— ſelbſt zweifel⸗ hafte Vertraulichkeiten.“ Haggerſtone antwortete mit einem kurzen„Ha!“ auf die Ketzerei dieſer Rede, machte aber keine anderen erläu⸗ ternden Bemerkungen darüber. „Man ſagt, Miß Onslow werde etwa ein hundert tauſend Pfund bekommen?“ ſagte Haggerſtone mit einer forſchenden Miene. „Welche Maſſe Makaroni und Parmeſan⸗Käſe könnte man mit dieſer Summe kaufen!“ „Wollten Sie, Herr, daß ſie einen Italiener hei⸗ rathete 2⸗ 2 „Vielleicht nicht, wenn ſie mich darüber zu Rathe zoͤge,“ ſagte Jekyl ſanft;„aber da es, um das Wenigſte zu ſagen, nicht ſehr wahrſcheinlich iſt, ſo darf ich geſtehen, daß ich Miſchheirathen ſo ziemlich gern habe.“ „Solche Heirathen machen miſerable Haushaltungen, Herr,“ fiel Haggerſtone ein. „Aber außerordentlich angenehme Häuſer für die, ſo ſie beſuchen.“ „Die Onslows ſind kaum die Leute, die auf dieſe Weiſe ihr Glück machen werden;“ erwiederte Hagger⸗ ſtone, deſſen Gedanken ſich um dieſe Familie zu drehen ſchienen, ohne von dem Thema ſich abwenden zu können. lehes Geld, Nichts als Geld, wovon ſie ſich leiten aſſen.“ „ In jetziger Zeit iſt das auch kein ſchlechter. Lothſe.“ Haggerſtone antwortete mit einem andern kurzen„Hal“ gleichſam, um gegen die ausgeſprochene Geſinnung ohne die Mühe einer Widerlegung Proteſt einzulegen. Es wa⸗ ren ihm alle ſeine Bemühungen, Jekyl in ein innigeres Geſpräch über die Bankier⸗Familie zu ziehen, oder von dem übermäßig vorſichtigen jungen Herrn auch nur die leichteſte Annäherung zu einer Meinung über ſie zu erlan⸗ gen, total fehlgeſchlagen; und doch war er gerade in der Abſicht, ſeinen Gefährten auszuholen, an jenem Abende herabgekommen, um ſeinen Spaziergang zu machen. In der Hoffnung, es würde Jekyl ihm einen Schlüſſel zu den edanken oder Gewohnheiten dieſer Leute, oder zu deren Abſichten für den kommenden Winter geben, war er die letzten anderthalb Stunden im Saale des Hotel de Ruſſie auf⸗ und abgegangen.„Wenn er Etwas davon weiß,“ dachte Haggerſtone,„ſo wird er nur zu ſtolz ſein, es zu zeigen, und Alles auszuſchwatzen, was er wiſſen mag!“ Er ſah ſich daher nicht wenig getäuſcht, als er er⸗ fuhr, daß Jekyl mit Lady Heſter kaum geſprochen, und ſogar Sir Stafford oder Miß Onslow noch gar nicht ge⸗ ſehen. Es war alſo eine pure Erfindung des Kellners, wenn dieſer ſagte, daß ſte mit einander bekannt wären. Jekyl hat Nichts gethan,“ murmelte er bei ſich ſelbſt, „und ich denke, ich brauche kein Eſſen wegzuwerfen, um das von ihm zu erfahren.“ So dachte er; und lange überlegte er bei ſich, ob es denn auch der Mähe werth wäre, in einer ſolchen Sache eine Flaſche Burgunder zu wagen; denn oft ereignet es ſich, daß das Fluidum, welches man in die Pumpe hinabwirft, durchaus verloren, und daß es vergebens iſt, den Pumpenſtempel zu befeuchten, wenn der Brunnen ſelbſt erſchöpft iſt! Zu ſein, oder nicht zu ſein,— war daher der wich⸗ tige Punkt, den er bei ſich erwog. Haggerſtone warf nie in ſeinem Leben ein Mittageſſen weg. Er gehörte nicht zu jenen gemeinen Leuten, die Einen ſo nebenbei bitten, 3³ mit ihnen„eine Suppe zu eſſen,“ manger la soupe, wie ſie ſagen, ohne weitere Vorbereitung, als daß ſie für den Eingeladenen decken. Nein; er kannte die ganze Wich⸗ tigkeit eines Mittageſſens, wußte auch— wir müſſen es geſtehen— wie er es zu geben hatte, und konnte gar gut unterſcheiden zwiſchen dem Eſſen, wie es ein Mann, der viel und oft zu Gaſte geladen iſt, erwartet, und einem Eſſen, wie es für einen erſt ſeit Kurzem auf dem Conti⸗ nente lebenden Engländer paßt: er konnte ſeinen Gaſt bis auf eine Trüffel ſchätzen und meſſen! Er rühmte ſich, daß er nie einen Faſan gegeben, wenn ein Huhn hinreichte, und daß er ſeinen„Chablis“ nie an einen Mann ver⸗ ſchwendet, der mit„Barsac“ ſich begnügt hätte. Die Schwierigkeit war daher nicht, wie er Jekyl traktiren ſollte, ſondern ob er ihn überhaupt traktiren ſollte. In der That war das kleine Mittageſſen ſelbſt ſchon am Morgen projektirt und angeordnet worden; und die Fo⸗ rellen aus der Murg, ſowie die Birkhühner vom Eberſtein waren auf dem Speiſezettel für„Nro. 24,“— wie man ihn unceremoniös bezeichnete,— angeſtrichen, ſowie auch in Betreff der Trüffeln mit Butter eine beſondere Wei⸗ ſung ertheilt worden, in der löblichen Abſicht, Herrn Albert Jekyl einzuladen. Wenn eine Dame in der Koketterie ihres Anzugs und der außergewoͤhnlichen Sorgfalt, die ſie auf ihr Aeußeres verwandt hat, einen geheimen Eroberungswunſch ent⸗ hüllt, ſo darfſt Du Deinen männlichen Freund im Ver⸗ dacht haben, daß er auf Dein Vertrauen oder Deine Frei⸗ gebigkeit einen Anſchlag mache, wenn ſein„petit diner“ allzu viele Sorgfalt verräth. Nie mußt Du in den ge⸗ meinen Irrthum verfallen, daß ſolche Dinge rein zufällig ſeien. Eben ſo gut magſt Du dem Zufalle den Wechſel der Jahreszeiten oder die Bewegungen der Himmelskörper zuſchreiben! Deine„Printanière,? im Januar— Dein „Epigramme d'agneau“ mit Spargeln, um Weih⸗ nachten, zeigen eine Sorgfalt, Dir ganz zu gefallen, die Die Daltons, II. 1 3 34 ebenſo lebhaft und um kein Haar minder aufrichtig iſt, als die ſanften Blicke, die vom Hintergrunde jener Opern⸗ Loge aus Dein Herz in heftige Bewegung verſetzt haben. „Wollen Sie heute Ihre Cotelette bei mir eſſen, Herr Jekyl?“ ſagte Haggerſtone nach einer Pauſe, während welcher er alle Für und Wider der Einladung lange und wohl erwogen hatte. „Danke, aber ich ſpeiſe bei den Onslows zu Mit⸗ tag!“ liſpelte Jekyl mit matter Gleichgültigkeit, die ihn aber nicht verhinderte, das faſt unglänbige Staunen im Geſichte des Oberſten zu bemerken;„und ich ſehe,“ fügte er hinzu,„daß es nun Zeit iſt, ſich anzukleiden.“ Haggerſtone ſchaute ihm nach, als er das Zimmer verließ; dann klingelte er heftig und gab ſeinem Bedienten den Befehl,„aufzupacken,“ da er Baden am nächſten Morgen zu verlaſſen gedenke. Siebzehntes Kapitel. Eine Familien⸗Discuſſion, Es war nach den von uns zuletzt berichteten Sce⸗ nen etwas mehr als eine Woche verfloſſen. Die Daltons ſaßen um das Feuer herum, neben welchem Hans Rockle, am Ehrenplatze, in einem alten Lehnſeſſel und geſtützt von vielen Kiſſen ruhte. Eine kleine dreidochtige Lampe — wie ſolche bei den Bauern im Gebrauche iſt— ſtand auf dem Tiſche; indeſſen brannte nur einer der Dochte, und es ſiel ſein ungewiſſer Schein über den Tiſch hin, auf dem die Materialien eines hoͤchſt beſchei⸗ denen Mahles lagen. Aber auch dieſes war nicht ge⸗ 3 35 koſtet worden; und man konnte an den niedergeſchlage⸗ nen und gedrückten Geſichtern der Gruppe wohl ſehen, daß eine ſchwere Sorge auf ihnen laſtete. Dalton ſelbſt ſaß, mit gefalteten Armen, dem Feuer gerade gegenüber. Seine forgenſchwere Stirne lag in tauſend Falten, und ſeine Augen ſtarrten unverwandt nach dem Feuer hin, als ob ſie von demſelben eine Enthüllung der Zukunft erwarteten; ein offener Brief, der ihm aus der Hand geglitten zu ſein ſchien, lag zu ſeinen Füßen. Nelly ließ den Kopf ſinken und beſchäf⸗ tigte ſich damit, die kleinen Werkzeuge zu ordnen, die ſie beim Schnitzen zu gebrauchen pflegte; allein an der zitternden Bewegung ihrer Finger, ſowie an dem kurzen, ſchnellen Schwellen ihrer Bruſt konnte man die Zeichen eines Kampfes wahrnehmen, deſſen Unterdrückung ihr große Mühe koſtete. Halb verborgen unter dem Vorſprunge des Kamins ſaß Kate Dalton:— ſie nähete; obgleich ſie ſcheinbar in ihre Arbeit vertieft war, ſo entſtel doch mehr denn ein Mal ihren Fingern die Nadel, um die ihren Augen entſtrömenden Thraͤnen abzuwiſchen, während von Zeit zu Zeit ſich ein kurzer Schluchzer Luft machte und die rund umher herrſchende Stille unterbrach. Was Hans betrifft, ſo ſchien er in Träumereien zu ſchwelgen, denen er von Zeit zu Zeit entſagte, um eine kleine Holzfigur, die ſich neben ihm befand,— es war dieſelbe, welche Schuld an ſeinem Unglücke gewe⸗ ſen war— hold anzulächeln. Ueber Alles hatte ſich eine gewiſſe Düſterkeit ver⸗ breitet; und ſelbſt der alte Hühnerhund, Joan, kroch, als er ſich von dem Feuer zurückzog, ganz verſtohlen unter den Tiſch hin; er ſchien die trübe Stille der Scene achten zu wollen. Wie verſchieden war dieſes Bild von dem, ſo das beſcheidene Zimmer ſo oft dar⸗ geboten hatte! welcher Kontraſt gegen jene glücklichen Abende, wo Hans, während die Mädchen arbeiteten, einige jener ſeltſamen Jean Paul'ſchen Myſterien oder 36 einige der wilden Phantaſtegebilde Chamiſſo's laut vor⸗ zuleſen pflegte, der alte Dalton aber ſeine Pfeife weg⸗ legte und auf einen Augenblick ſeinem Brüten über iriſche Zuſtände und über iriſche Vergangenheit ein Ende machte, um zu fragen, worüber ſie lachten, und Frank zerſtreut von ſeinen alten deutſchen Kriegschroniken auf⸗ ſah, um an der Heiterkeit Theil zu nehmen! Wie pflegte in ſolchen Augenblicken Hans der Deutung zu lauſchen und mit welch' begierigen Ohren pflegte er den Verſionen zu folgen, welche die Mädchen von einer Stelle gaben, die ihnen beſonders gefallen hatte;— gleich als ob er befürchtete, es möchte deren Kraft durch die Mittheilung und Uebertragung geſchwächt oder deren Schönheit beeinträchtigt werden. Und dann die Ausbrüche der Bewunderung, die bei einem beſonders großen und glorioſen Gedanken zu gleicher Zeit bei den Verſammelten zu erfolgen pflegten— die nie aus⸗ blieben, ſo oft ein Gedankenſtrahl von himmliſchem Glanze, obwohl in die Sprache eines fremden Landes gehüllt, mit der Kraft zu ihren Herzen ſprach, die allein der Wahrheit inwohnt! Ja, das waren wirklich glückliche Abende, wo ſich um ihren beſcheidenen Herd die Gruppen mancher Dichter⸗ phantaſie drängten— lichtvolle Bilder mancher glorio⸗ ſen Scene— Bewegungen von Herzen, die im Ein⸗ klang mit ihren eigenen zu ſchlagen ſchienen! Da fühl⸗ ten ſie nicht länger ihre Armuth; da fühlten ſie nicht länger das Aermliche ihrer Lage:— da hatten ſie kein Gedächtniß mehr für die kleinen Bedrängniſſe und Prüfungen des entſchwundenen Tages, wenn ſie mit Tieck unter den Linden eines Dorfes auf⸗ und abgingen oder ſich mit Auerbach unter dem bedeckten Gang der Wohnung des Vorſtehers ſetzten! Die unerquicklichen Wirklichkeiten des Lebens verſchwanden vor den leben⸗ digen Gebilden der Phantaſie, und ſie ſogen von jenen Brüdern und Schweſtern, die Dichterkinder ſind, Lehren — 37 ein, die ſie ihr Schickſal mit Geduld ertragen und ihre Zuverſicht auf Gott ſetzen ließen. Und doch hatte— was kein Mißgeſchick, ſo hart daſſelbe immer ſein mochte, ihnen hatte nehmen koͤnnen — und doch hatte der erſte Strahl deſſen, was— we⸗ nigſtens weltlich geſinnten Menſchen— als der An⸗ fang eines beſſern Looſes erſcheinen konnte, ihnen bereits Etwas entzogen. Gleich dem Wanderer in der Fabel — der ſeinen Mantel im Sturm nur um ſo feſter zu⸗ ſammengehalten hatte, denſelben aber von ſich warf, als die heißen Sonnenſtrahlen ihn brannten— konnten ſie wohl dem Sturme Trotz bieten, nicht aber den Sonnenſchein aushalten. Die kleine hölzerne Uhr hinter der Thüre ſchlug neun, und Dalton fuhr plötzlich auf.— „Wie viel hat es geſchlagen, Mädchen?“ fragte er raſch. „Neun, Papa,“ erwiederte Kate mit leiſer Stimme. „Um wie viel Uhr wollte er kommen, um die Antwort zu holen?“ „Um zehn,“ ſagte ſie noch leiſer. „Wohlan, Du würdeſt am Beſten thun, wenn Du dieſelbe alsbald ſchriebeſt,“ ſagte er mit einer Gräm⸗ lichkeit, die gegen ſein gewöhnliches Weſen gewaltig abſtach;„ſie ſind bereits vier Tage länger hier geblie⸗ ben— ſind es nicht vier Tage?— um uns die zur Ueberlegung und Faſſung eines Entſchluſſes nöthige Zeit zu laſſen; wir dürfen ſie jetzt nicht länger hin⸗ halten.“ „Lady Heſter hat jede Rückſicht für unſere Be⸗ denklichkeiten an den Tag gelegt,“ ſprach Kate.„Wir können für ihre Güte nicht allzu dankbar ſein.“ „Sag ihr das,“ ſagte er bitter. Ich glaube, die Frauenzimmer wiſſen am Beſten, wenn ſie einander glauben dürfen.“ „Und was ſoll ich ihr antworten, Sir?“ ſagte ſie 38 ruhig, während ſie ſich an den Schreibtiſch ſetzte, nach⸗ dem ſie ihre Arbeit weggelegt hatte. „Meiner Treu, mir iſt es gleichgültig,“ ſagte er verdrießlich.„Auch liegt nicht viel daran, ob ich dieſe oder jene Meinung ausſpreche. Ich bin jetzt Nichts mehr; ich habe kein Recht, über irgend Etwas zu ent⸗ ſcheiden.“ „Sie haben ſowohl das Recht, als die Pflicht dazu, Papa.“ „Pflicht! So muß ich mich denn in meiner Pflicht wie im Uebrigen unterweiſen laſſen!“ ſprach er leiden⸗ ſchaftlich.„Glaubſt Du nicht, daß es noch an andern Leuten wäre, ſich zu erinnern, daß auch ſie Pflichten haben?“ „Ich wollte, ich könnte die meinige ſo erfüllen, wie mein Herz es von mir verlangt,“ ſprach Ellen; und ihre Lippe zitterte, während ſie die Worte ſprach.. „Meiner Treu! Kaum weiß ich, was meine Pflicht iſt, obgleich man mir dieſelbe beſtändig vor Augen hält und mir ſie einzutrichtern ſucht,“ murmelte er finſter. „Allein ſo viel weiß ich, ich darf keinen Willen mehr haben. Ich darf mich ohne Erlaubniß nicht mehr rühren.“ „Theuerſter Papa, ſeien Sie doch gerecht gegen ſich, wenn Sie es nicht gegen mich ſein wollen.“ „Spreche ich nicht die Wahrheit?“ fuhr er fort und ſein Zorn nahm mit jedem Worte, das er ſprach, zu. „Bald verbietet man mir, Freunde zum Eſſen einzu⸗ laden. Bald ſagt man mir, ich dürfe nicht bei den⸗ ſelben ſpeiſen. In jedem Augenblicke muß ich mich ſchulmeiſtern, muß ich mir Verweiſe geben laſſen. Nie ſteigt in mir ein Gedanke auf, der nicht unrecht wäre. Ich muß immer und ewig von Dir hören, wie gut es ſei, arm zu ſein, vorausgeſetzt, daß man zufrieden zu ſein wiſſe.“ 3 „Das war ja Ihre Lehre, lieber Papa,“ ſagte Nelly lächelnd.„Verläugnen Sie nicht, was Sie ſelbſt als den richtigen Grundſatz aufgeſtellt haben.“ 39 „Wohlan, um ſo thörichter war es von mir. Es iſt mir jetzt ein Licht aufgegangen. Allein was nützt es? Als ſich mir die Ausſicht auf ein etwas behag⸗ licheres Leben eröffnete, da haſt Du mich überredet, die Anträge zurückzuweiſen. Ja, ja, das haſt Du gethan! Du fingſt mit der alten Geſchichte von unſerem glück⸗ lichen Herde und unſerer Zufriedenheit anz und wo iſt dieſelbe nun?“ Ein kaum hörbarer Schluchzer entwand ſich der Bruſt Nelly's, und ſie preßte mit convulſiviſcher Kraft die Hand gegen ihr Herz. „Kannſt Du es läugnen? Du biſt Schuld, daß ich das einzige Freundſchaftsſtück, das mir während meines ganzen Lebens erwieſen wurde, ablehnte. Es bot ſich mir die Gelegenheit, den Reſt meiner Tage in Ruhe zu verleben, und Du wollteſt mich dieſelbe nicht ergrei⸗ fen laſſen. Welch' ein Thor war ich doch, daß ich auf Dich hörte!“ „Oh, Papa, wie ſehr thun Sie ihr doch Unrecht!“ rief Kate, während ſie ſich, in Thränen gebadet, über ſeinen Stuhl lehnte.„Die theuerſte Nelly denkt an Nichts, als an unſer Wohl. Ihr ganzes Herz gehört uns.“ „Wenn Sie es nur ſehen könnten!“ rief Nelly, die vor Schmerz kaum ſprechen konnte. „Fürwahr, es iſt eine ſonderbare Weiſe, Deine Liebe dadurch an den Tag zu legen, daß Du mich zwingſt, ein Bettler zu bleiben, während Du in einem Zuſtande verharren mußt, der um kein Haar beſſer iſt, als der einer Magd,“ ſagte Dalton.„Ich weiß, daß an mir nicht viel gelegen iſt. Ich bin alt und abge⸗ lebt— ein armer iriſcher Gentleman, an dem nichts Gutes mehr iſt, als das Blut. Aber Du, Kate, die Du jung und hübſch biſt— ja, meiner Treu! um ein Gutes huübſcher, als my Lady ſelbſt— Du dauerſt mich; und es iſt ein Bischen hart, daß Du nicht ſollſt annehmen dürfen, was Dich Dein ganzes Leben lang zu einem glücklichen Weſen machen kann.“ 40 „Sie würden doch wohl nicht ihr ganzes Glück auf das Spiel ſetzen wollen, Papa?“ entgegnete Nelly ſanft. „Glück!“ ſagte er verächtlich;„was nennſt Du Glück? Nennſt Du das Glück, wenn wir unſer Leben in Armuth dahinſchleppen müſſen; wenn wir keinen vornehmeren Freund haben, als einen alten Spielwaa⸗ renhändler?“ „Armer Hanſerl!“ murmelte Nelly leiſe; allein ſo ſanft auch die Laute waren, ſo hörte der Zwerg ſie dennoch. Zum Zeichen, daß er ſie gehört, nickte er zweimal mit dem Kopfe, gleich als wollte er für eine Anerkennung danken, deren Bedeutung und Sinn ihm entging. „Ganz richtig! Du bemitleideſt Fremde, zeigſt Dich aber gegen Deine eigenen Leute unbarmherzig,“ ſagte Dalton, während er aufſtand und im Zimmer auf⸗ und abging, wobei wir bemerken müſſen, daß die Bewegung nur dazu diente, ſeinen Zorn noch zu ſteigern.„Er war nie an ein beſſeres Leben und an eine beſſere Ge⸗ ſellſchaft gewöhnt; er iſt gerade das, was er ſtets war. Allein denk' an mich! Denk' an das Leben, zu dem ich beſtimmt war; denk' an meine Erziehung; denk' an die Stellung, die ich einzunehmen pflegte,— und ſieh mich jetzt an!“ „Theuerſter, beſter Papa, ſprich doch nicht ſo bittere Worte!“ rief Kate leidenſchaftlich.„Unſere liebe Nelly liebt uns aufrichtig. Was iſt ihr ganzes Leben Ande⸗ res geweſen, als eine immerwährende Selbſtver⸗ läugnung?“ „Und habe nicht auch ich die Tugend der Selbſt⸗ verläugnung genugſam üben müſſen 20 ſprach er etwas barſch.„Iſt mir auch nur eine der Bequemlichkeiten geblieben, an die ich ſtets gewöhnt war? Ich bin es müde, immer und ewig von Unterwerfung, von Ge⸗ duld, von Reſtgnation und dergleichen ſprechen zu hören; ich bin es müde, immer die Worte zu hören, daß wir 41 nie ſo glücklich geweſen ſeien, wie jetzt. Meiner Treu! Ich ſage Dir, ich mochte lieber einen Tag zu Mount Dalton, wie es einſt war, leben, als in unſerem der⸗ maligen Zuſtande zwanzig Jahre.“ „Nein, Papa, nein„zu ſagte Nelly, ihn mit den Armen um den Leib faſſend;„Sie möchten lieber an dem Fenſter dort ſitzen und einem Geſange Kate’s— einem Ihrer Lieblingslieder— lauſchen, oder an einem Sommerabende nach Sonnenuntergang mit uns einen Spaziergang machen und von Frank ſprechen, als zu aller Froͤhlichkeit jenes wilden Lebens zurückkehren, wo⸗ von Sie ſprechen.“ „Wer ſagt das?“ fragte er rauh. „Sie ſelbſt. Läugnen Sie es nicht,“ ſagte ſie lächelnd. „Wenn ich es einmal geſagt, ſo habe ich Unrecht gehabt,“ erwiederte er, ſie unſanft von ſich wegſtoßend. „Ich habe es geſagt, weil ich glaubte, meine Kinder liebten mich; und weil ich glaubte, es würden dieſelben Alles, woran mein Herz hängt, eben ſo ſehr lieben, wie ich ſelbſt.“ „Und wann iſt dieſe Zeit zu Ende gegangen?“ ſagte ſie ruhig. „Was?— wann ſie zu Ende gegangen 2“ ſagte er ſpitzig.„Fragſt Du mich das— Du, die Du Schuld biſt, daß ich das Legat zurückwies 244 „Seien Sie doch gerecht, Pava!“ fiel ſie ſanft ein. „Das Verdienſt dieſer Zurückweiſung gehörte ganz Ihnen. Ich erklärte Ihnen bloß die Umſtände, unter welchen dieſes Geſchenk— es war nichts Anderes— angeboten wurde, und Ihr eigenes richtiges Gefühl gab Ihnen die Antwort ein.“ Dalton ſchwieg. Es kämpfte in ihm der Stolz auf das ihm angedichtete würdevolle Betragen mit dem Verlafigen, ſeine Tochter zu tadeln. „Es mag ſein, daß ich es that!“ ſagte er endlich, nachdem die Selbſtachtung die Oberherrſchaft erlangt hatte. 42 „Es mag ſein, daß ich meine guten Gründe hatte, wenn ich ſo handelte. Ein Dalton weiß immer, was er ſeinem Namen und ſeiner Familie ſchuldet; allein hier iſt es ein anderer Fall. Hier iſt eine Einladung — ein ſo elegantes Höͤflichkeitsſtück, als ich je eines geſehen— von einer Perſon, die uns in jeder Beziehung gleichſteht; auch nennt ſie ſich unſere Verwandte— darüber wollen wir nun freilich nicht viel ſagen, da wir engliſche Verwandte nie hoch anſchlugen— und fordert meine Tochter auf, ſie auf ihrer italieni⸗ ſchen Reiſe zu begleiten. Wann werden wir das Glück wieder einmal auf ſolche Weiſe auf unſerer Seite haben? Wird uns jeden Tag eine ſo reiche Familie ein ſo ſchönes Anerbieten machen? Es koſtet uns ja keinen Heller; lies den Brief, ſo wirſt Du ſehen, in welch' artiger Weiſe darauf angeſpielt iſt, daß ihre Ladyſhip Alles auf ſich nimmt. Wohlan, wenn Jemand Etwas dagegen einzuwenden hätte, ſo dürfte gewiß ich es zu⸗ erſt thun; mich wird der Schlag am Härteſten treffen. Frank hat mich erſt vor einigen Tagen verlaſſen, und jetzt ſoll ich auch noch Kate verlieren; obgleich ich zu wohl weiß, daß Nelly Alles aufbieten wird, um mich glücklich zu machen.“ So unbedeutend auch das geſpendete Lob war, ſo küßte Nelly ihm doch leidenſchaftlich die Hand dafür; und es ſtand einige Sekunden an, ehe er in ſeiner Rede fortfahren konnte. „Ja, ich halte mich überzeugt, daß Du Alles thun wirſt, was in Deinen Kräften ſteht; allein was iſt das am Ende? Werde ich nicht die Lieder vermiſſen, die ſie mir vorſingt?— Werde ich nicht ihre lachende Stimme und ihren muntern Tritt vermiſſen?“ „Und warum ſollten Sie ſich ſolchen Entbehrun⸗ gen unterziehen, Papa?“ ſiel Nelly ein.„Dieß ſind, wie Sie ganz richtig ſagen, die größten Quellen unſe⸗ res Glücks. Warum wollen Sie ſich von denſelben trennen? Warum wollen Sie dieſem beſcheidenen Zim⸗ 43 mer ſeinen größten Schmuck rauben? Warum wollen Sie unſern Herd durch eine Abweſenheit verdüſtern, wofür uns Nichts einen Erſatz zu bieten vermag 2“ „So will ich Dir denn ſagen, warum ich dieſes thue,“ ſagte er und ſein Auge funkelte liſtig, indem er die Sache ſich recht kaſuiſtiſch zurecht legte.„Ich thue es, weil mir um meiner Kinder willen Nichts zu Viel iſt. Für ſie denke ich ſtets. Man gebe dem alten Peter Dalton, was ihm gebührt, und es wird ihn gewiß Nie⸗ mand ſelbſtſüchtig nennen können; ſelbſt der ſchlimmſte Feind nicht, den er je hatte! Man laſſe mir das Ge⸗ fühl, daß es meinen Kindern gut geht,— und ich ſchleppe mich gern auf dem rauhen Wege hin, der vor mir liegt.“ „Es bleibt ſonach nur noch übrig, zu unterſuchen, ob die verſprochene Wohlthat wirklich eine ſolche zu nennen iſt,“ ſagte Nelly. „Und warum ſollte es denn keine Wohlthat ſein? Weiß nicht Jedermann, daß eine Perſon, die reist und fremde Länder ſieht, dadurch ihre Erziehung vervoll⸗ ſtändigt? Und können Reiſen nicht für eine Erziehung gelten? Wie Vieles, von dem ich mir nie träumen ließ, ſo lange ich noch zu Hauſe war, habe ich auf meinen Reiſen kennen gelernt! Sieh nur, wie man hier zu Lande die Erbſen zubereitet— wie man Zucker daran thut! Sieh nur, wie die Leute hier zu Lande ein Pferd beſchlagen— wie ſie demſelben dabei ein Bein an einen Pfoſten binden, als ob ſie daſſelbe ab⸗ ſchneiden wollten! Sieh nur, in welch' drolliger Weiſe ſie ein Stück Holz an das hintere Rad einer Kutſche befeſtigen, damit es demſelben anſtatt eines Schuhes diene! Ich würde nicht zu Ende kommen, wenn ich allee ihus Erfindungen und Kunſtgriffe hier anführen wollte.“ „Wir wollen alle andern Rückſichten ſchweigen laſſen, und nur eine in’s Auge faſſen,“ ſprach Nelly ernſt.„Wie groß ſind die Gefahren, die unſerer liehen 8 44 Kate in einer ſo ſchwierigen Laufbahn harren mögen! und wie oft wird ſie unſeres guten Rathes oder un⸗ ſeres Troſtes bedürfen, wenn ſie, Hunderte von Stun⸗ den von uns entfernt, rathlos daſteht! Stellen Sie ſich dieſelbe als krank oder als bekümmert vor: oder denken Sie ſich,— was noch ſchlimmer iſt—, es ſei dieſelbe der Verſuchung und Verführung ausgeſetzt. Stellen Sie ſich vor, wie theuer jeder Zauber jener Verfeinerung, die Sie für ſie ſo ſehnlich wünſchen, er⸗ kauft wäre, wenn der Preis ein in ſeiner Anhänglich⸗ keit an die Familie geſchwächtes, des ſchlichten Glau⸗ bens, der im Zuſtande der Armuth keine Schande war, beraubtes Herz wäre. Bedenken Sie vor Allem,“ rief ſie— und zum Erſtenmale zitterten ihre Lippen, und ſchwammen ihre Augen in Thraͤnen—,„bedenken Sie vor Allem, daß wir nicht für immer auf ſie Verzicht leiſten können; und doch, wie ſoll ſie ſich dann wieder an ein ſo beſcheidenes Leben, und an die jeden Tag ihrer harrende mühſame Arbeit gewöhnen? Sie wird ſich dann mit Scham und Ekel davon abwenden. Ich frage nicht, wie ganz anders wir ihr dann erſcheinen werden; denn ich weiß, daß, wie ſehr ſich auch ihre Gewohnheiten geändert, und wie ſehr ſie ſich auch unterdeſſen verfeinert und ausgebildet haben mag, ihr zärtliches, treues Herz ſtets ganz uns und nur uns ge⸗ hören wird; allein koͤnnen Sie ihr Glück einem Ocean, wie dieſer iſt, anvertrauen?— Koͤnnen Sie ihre ganze Zukunft für ſo Wenig auf's Spiel ſetzen?“ „Wenn man Dich ſo ſprechen hört, Nelly, ſo könnte man verſucht ſein, zu glauben, ſie gehe nach Jeruſalem oder nach Auſtralien; und doch wird ſie in der That nur einige Tagreiſen von uns entfernt ſein. Und was die Gefahren betrifft, ſo hole mich der Teufel, wenn ich auch nar eine ſehen kann. Peter Dalton's Tochter wird nirgends mißhandelt werden. Wir haben ſtets unſere Stellung zu behaupten und uns Reſpekt zu verſchaffen gewußt; und kurz und gut, ich wünſche 45 es einmal, und ebenſo wünſcht es Kate ſelbſt; und ich ſehe in der That nicht ein, warum unſere Hoffnungen nicht ſo ſtark ſein ſollten, wie unſere Befürchtungen.“ „Sie werden ſich auch noch erinnern, Papa, daß Doktor Grounſell mir ganz beiſtimmte, und noch mehr, als ich, gegen das Projekt war.“ „Und hab' ich ihm wegen ſeiner Einmiſchung nicht meine Meinung ein Bischen geſagt? Habe ich ihm nicht bemerklich gemacht, daß, weil Jemand bei einer Familie als Arzt angenommen ſei, er ſich deßhalb nicht beigehen laſſen ſolle, derſelben in ihren eigenen Ange⸗ legenheiten einen guten Rath geben zu wollen? Meiner Treul ich glaube kaum, daß er noch einem andern Pa⸗ tienten mit ſeinem guten Rathe zur Laſt fallen wird.“ „Wir dürfen nicht vergeſſen, Sir, daß, wenn ſein guter Rath von uns nicht gefordert worden war, er für ſeine Bemühungen als Arzt Nichts erhalten hatte; als Rathgeber und als Arzt hatte er nichts Anderes als unſer Beſtes im Auge.“ „Der gute Rath hatte etwa eben ſo viel Werth, wie die Arzenei: beide machten mich krank; und dieß wird auch Dir gelingen, wenn Du mich noch länger quälſt. Ich ſage Dir nun, mein Entſchluß iſt gefaßt, und fort ſoll ſie!“ „Oh, Papa, ich gehe nicht, wenn die liebe Nelly glaubt—“ „Was kümmere ich mich darum? Kenne ich die Welt nicht beſſer, als ſie? Bin ich ſo alt geworden, um mich von einem kleinen Mädchen ſchulmeiſtern zu laſſen, das nie zehn Meilen über das väterliche Haus hinaus kam? Jetzt ſetz' Dich und ſchreibe die Antwort.“ Es lag in der Art und Weiſe, wie die letzten Worte geſprochen wurden, etwas ſo Ernſtes und Ent⸗ ſchloſſenes, daß Nelly einſah, es würde jeder weitere Widerſtand vergebens ſein. Auch hatte ſie ſeit langer Zeit bemerkt, wie die Stimmung ihres Vaters auf ſeine Geſundheit zurückwirkte, und wie jede längere Aufregung — 46 unfehlbar mit einem Gichtanfalle endigte. Das zuneh⸗ mende Alter verlieh ſolchen Anfällen einen beſonders gefährlichen Charakter,— was ſie bereits mit tiefer Unruhe zu bemerken anſing. Jetzt ſah ſie, daß Nichts übrig bleibe, als ſeinen Wünſchen unverweilt nachzu⸗ kommen. Sie ſetzte ſich alſo an den Tiſch, und machte ſich zum Schreiben bereit. Einige Sekunden benahm ihr die Verwirrung ihrer Gedanken— benahm ihr die bunte Menge der ihren Geiſt erfüllenden Empfindungen alle Macht, ſich die Sache ruhig zu überlegen; allein bald war der Kampf vorüber, und nun ſchrieb ſie raſch. So ſtille, ſo mäuschenſtille war es im Zimmer, daß blos das kritzelnde Geräuſch der Feder zu hören war. Raſch glitt ihre Hand über das Papier hin, auf das ſchon zwei ſchwere Tropfen gefallen waren— bren⸗ nende Schmerzenstropfen, die aus einem ſieberhaft er⸗ regten Kopfe hervorgequollen waren! Eine ganze Welt des Unheils, ein fürchterlicher Katalog von Uebeln aller Art enthüllte ſich vor ihr; allein ſie ſchrieb fort. Sie fühlte, daß ſie die Reihe von Ereigniſſen in Bewegung ſetzen müſſe, deren unaufhaltſamen Gang ſie nie zu be⸗ herrſchen im Stande ſein werde, gleich als ob ſie über einen Abgrund hinweg das Felſenſtück rollen müſſe, das beim Hinabſtürzen Verderben und Verheerung mit ſich führen werde; allein ſie ſchrieb fort. Endlich hörte ſie auf, und es war Alles ſtill; nicht ein Laut ließ ſich in dem kleinen Zimmer verneh⸗ men, und Nelly legte den Kopf auf den Tiſch und weinte. Allein während ſie weinte, betete ſie auch:— ſie betete zum Himmel, daß, wenn die Zeit der Noth und der Anfechtungen, die ſie im Geiſte vorausſah, denn kommen müſſe, und daß, wenn denn nichts Anderes übrig bleibe, als den Becher des Kummers zu leeren, ihnen von Oben herab die nöthige Stärke verliehen werden moͤchte, um dieſe Prüfungen zu tragen. Ihr 47 Geiſt mochte die Gefahren der Trennung— mochte die Gefahren, denen ſich eine Perſon von Kate's Tempera⸗ ment und Gemüthsart ausſetzte, ſich allzu groß vor⸗ ſtellen. Ihre eigene Erfahrung mochte ihr ſagen, wel⸗ ches Elend die Folge einer unglücklichen Liebe iſt; und ihr reflektirendes Weſen, über das ein früher Kummer ſeine Schatten geworfen hatte, mochte eine ſo ungewiſſe Zukunft ſich allzu dunkel ausmalen. Allein eine tiefe Vorahnung lag wie ein ſchweres Gewicht auf ihrem Herzen, und ſie fand ſich ganz außer Stand, dagegen anzukämpfen. Dieſe Inſtinkte unſerer Natur dürfen nicht unter⸗ ſchätzt, noch auch mit den ſchwachen und grundloſen Schrecken frivoler Menſchen zuſammen geworfen wer⸗ den. Die bei herannahendem Sturme ſich ſchließenden Blumenblätter; das wilde Gekreiſch der Seevögel, wenn eine Bö im Anzug iſt; das Sich⸗Sammeln der Schafe innerhalb der Hürden, ehe noch der Sturm los⸗ gebrochen iſt— ſind Zeichen, daß die Gefahr für die beobachtenden Inſtinkte nicht unangemeldet kommt. „Soll ich es leſen, Papa?“ ſagte ſie den Kopf erhebend und ihm Blicke voll ruhiger und ſtrahlender Liebe zuwerfend. „CEs iſt dieß nicht nothwendig,“ ſagte er barſch. „Es iſt natürlich voll von all den eleganten Phraſen, womit Frauenzimmer einander ſo gerne betrügen. Du haſt geſagt: ſie werde mitgehen— und das iſt genug.“ Nelly verſuchte es, zu ſprechen; allein es wollten die Worte nicht kommen— und ſo nickte ſie bloß zum Zeichen, daß dem alſo ſei. „Und natürlich haſt Du auch ihrer Ladyſhip ge⸗ ſagt, daß ich nie meine Einwilligung gegeben haben würde, wenn ſie nicht eine nahe Verwandte der Familie wäre— eine, die eine Art Recht hat, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, ſie ſich als Begleiterin zu erbitten. Sonſt würde auch ich meine Einwilligung nie gegeben haben!“ 5 48 „Ich habe geſagt, daß Sie keinen größeren Be⸗ weis Ihres Vertrauens zu Lady Heſter's Güte und Achtbarkeit geben knnten, als indem Sie das, was uns ſo theuer iſt, ihrer Obhut anvertrauten. Ich ſprach von unſerer Dankbarkeit“— hier verſagte ihr die Stimme, und es ſtand ein Paar Sekunden an, ehe ſie weiter ſprach; unſere Dankbarkeit!— ein ſonderbares Wort, um das Gefühl auszudrücken, womit wir uns von dem trennen, woran wir mit ſo vieler Liebe han⸗ gen!—„auch bat ich ſie, der eine Mutter zu ſein, ſo keine habe!“ „Oh, Nelly, ich kann nicht gehen— ich kann Euch nicht verlaſſen! platzte Kate heraus, indem ſie niederkniete, und ihr Haupt im Schooße ihrer Schweſter begrub.„Schon fühle ich, wie ſchwach und wie un⸗ fähig ich bin, unter Fremden zu leben, fern von Dir und unſerem theuren Papa. Ich brauch' Euch beide.“ „So wahr ich da bin, ihr macht mich noch wahn⸗ ſinnig!“ rief Dalton aus.„Du haſt zwei Nächte und einen Tag lang geweint, weil man Dich nicht gehen laſſen wollte. Du grämteſt Dich, bis Deine Augen roth und Deine Wangen von Thränen ganz gefurcht waren; und jetzt, wo Du die Erlaubniß bekommſt, zu gehen,— jetzt, wo ich einwillige, meine häuslichen Freuden zu Deinem Beſten zu— zu— zu opfern— ja, zu opfern— jetzt machſt Du plötzlich eine Front⸗ veränderung, und ſagſt, Du wollteſt nicht gehen.“ „Nein, nein, Papa,“ ſagte Nelly ſanft;„Kate geſteht nur, mit welchen Befürchtungen ſie uns ver⸗ laſſen würde, und hiedurch legt ſie eine Geſinnung an den Tag, die beſſer zeigt, daß ſie im Stande ſei, dem, was da kommen mag, Trotz zu bieten, als wenn ſie mit einem Herzen voll glänzender Erwartungen von uns ſchiede,— als wenn ſie nur eine Zukunft voller Herrlichkeit und Freuden im Auge hätte.1 4 „Ich frage euch abermals, geht ſie denn in die 3 1 49 — ꝗ- Urwälder von Newfoundland— geht ſie in die Wuſten Arabiens?“ ſagte Dalton ironiſch. „Das vor ihr liegende Land bringt Gefahren, die ebenſo groß, wo nicht größer ſind, als die, ſo ſie in den von Ihnen genannten Ländern erwarten würden,“ erwiederte Nelly niedergeſchlagen. „Man läutet an unſerer Glocke,“ ſagte Dalton, der es vielleicht nicht ungern ſah, eine Diskuſſion ab⸗ geſchnitten zu ſehen, bei der ſeine eigenen Zweifel und Befürchtungen mit ſeinen Worten im Widerſpruch ſtan⸗ den; denn während er mit aller Macht Nelly bekämpfte, war er gar oft gezwungen, ingeheim dem beizuſtimmen, wogegen er ſo entſchloſſen ankämpfte. Die Eitelkeit allein beherrſchte bei ihm jeden andern Beweggrund und verhärtete ſogar ſein Herz gegen die Trennung von ſeinem Lieblingskinde. Die Eitelkeit, die darin beſtand, daß er dachte, ſeine Tochter würde in den Salons der Grafen und Hochgeborenen die bewunderte Schön⸗ heit ſein— es würde dieſelbe ſich täglich in den höch⸗ ſten Kreiſen bewegen— es würde ſeine liebe Kate an Höfen bewundert werden— es würde dieſelbe überall, wo ſie ſich zeigte, den Mittelpunkt der Schmeicheleien bilden. So verblendet war er durch ſein falſches Ur⸗ theil, daß er wirklich ſich einbildete, er ſpiele die Rolle eines Märtyrers, um das künftige Wohl ſeiner Tochter zu begründen, und ſeine eingefleiſchte Selbſtſucht ſei nichts Anderes, als eine hohe und heilige Selbſtver⸗ läugnung. „Mein ſchlimmſter Feind nannte mich nie einen ſelbſtfüchtigen Menſchen“— das war der Balſam, den er bei ſeiner gereizten Stimmung immer und ewig, und zwar mit Glück anwandte. Indeſſen würde es eher einem Freunde, als einem Feinde zugekommen ſein, ihm zuzuflüſtern, daß die Selbſtſucht das wahre Gift ſeiner Natur ſei. Sie trieb ihn bei allen Verſchwendungen und Extravaganzen ſeines früheren Lebens. Sie lag Die Daltons. II. 4 1 8 50 allen ſeinen Kämpfen im Unglücke zu Grunde. Um einen ſcheinbaren Rang zu behaupten— um eine ſchein⸗ bare Stellung zu affektiren— um in den Augen der Menſchen als Edelmann, als eine Perſon von Stand zu erſcheinen, war er bereit, ſich und ſeine Kinder tau⸗ ſend Entbehrungen zu unterwerfen; und um einem al⸗ bernen Familienſtolz Genüge zu leiſten, ließ er ſich bereit finden, Alles zu ertragen— ja, ſich von dem Theuerſten zu trennen. „Lady Heſter's Kourier iſt da, um die Antwort auf ihren Brief zu holen, Papa,“ ſagte Nelly zwei Mal, ehe Dalton ſie hörte, denn er war ganz in Nach⸗ denken verſunken. „Er mag hereintreten, und ein Glas Wein trin⸗ ken! ſagte Dalton.„Ich möchte ihn Verſchiedenes über dieſe Leute fragen.“ „Oh, Papa!“ flüſterte Nelly in einem plötzlich ſo vorwurfsvollen Tone, daß der alte Mann roth wurde und wegblickte. „Ich wollte fragen, wenn ſie abzureiſen gedächten,“ ſagte er verwirrt. „Lady Heſter hat uns geſagt, daß ſte morgen von hier abreiſen würden, Sir.“ „Die Zeit iſt knapp zugemeſſen. Wie ſoll Kate alle ihre Kleider zuſammenpacken und Alles in Ordnung bringen? Ich glaube kaum, daß die Leute uns mit vielem Reſpekte behandeln, Nelly.“ „Sie warten nun ſeit vier Tagen auf unſere Ent⸗ ſcheidung, Papa— vergeſſen Sie das nicht.“ „Ja, ja, Du haſt Recht. Ich hatte es vergeſſen; und ſie kam ja jeden Tag und machte die Sache immer preſſanter; auch hörte ja das Brieſſchreiben gar nicht auf. Ich muß ſagen, daß Nichts über ihre Höflichkeit gehen konnte. Es war eine ungeheure Aufmerkſamkeit von dem alten Manne, daß er ſich ſelbſt hierher be⸗ mühte; auch iſt er ein feiner, geſunder, hübſcher Mann! Er ſieht beſſer aus, als je ſein Sohn ausſehen wird. 51 Mir gefällt Herr George, wie ſie ihn nennen, nicht ſehr.“ 1„Er iſt, glaube ich, etwas kälter und zurückhalten⸗ der, als der Andere,“ ſagte Nelly.„Allein wie ſteht es um die Antwort, Papa?“ „Was die Leute doch preſſirt ſind! Iſt es nicht, als ob es hier gälte, einen Gerichtsbefehl zu vollzie⸗ hen! Nun, nun, ich ſollte jetzt an alle Arten von Un⸗ terbrechungen und Störungen gewöhnt ſein. Hol' mir ein Licht, damit ich den Brief ſiegle.“ Und er ſeufzte, als er ſeine altmodiſche Uhr her⸗ auszog, an der das große Familienſiegel, durch eine maſſive ſtählerne Kette befeſtigt, hing— feſt überzeugt, daß er bei dem einfachen Akte, den er vorzunehmen im Begriffe war, eine gewaltige Arbeit, eine unendlich müh⸗ ſame Arbeit verrichte. „Es gibt keine Ruhe für die Gottloſen! wie mein alter Vater zu ſagen pflegte,“ murmelte er in glück⸗ licher Unwiſſenheit, ob dieſe Philoſophie von ſeinem .Vater oder von einer höheren Autorität ausgegangen ſei.„Man ſollte doch denken, daß ein Mann von mei⸗ nem Alter endlich ein Bischen Ruhe und Frieden hätte; allein Peter Dalton iſt nicht ſo glücklich. Gib mir den Brief her!“ ſagte er in zankſüchtigem Tone.„Da iſt Peter Daltons Hand und Siegel— ſeine Urkunde und ſein Teſtament,“ murmelte er mit halb feierlicher Stimme, während er mit ſeinem ſchweren Petſchaft auf das Siegellack drückte.„„Semper eadem;““— das iſt der alte Wahlſpruch unſeres Hauſes— und meiner Treu! ich glaube, Counſellor*) O'Shea hatte Recht, wenn er ihn mit„Beim Teufel,'s geht immer ſchlech⸗ ter!““ überſetzte.“ Er las die Adreſſe ein Paar Mal für ſich, gleich als ob ſchon in dem bloßen Anblicke der Worte etwas Angenehmes läge, und blickte dann nach Hans hin, der *) Rath, Conſulent. 52 in einem träumeriſchen, halbbewußten Zuſtande ruhig da ſaß und die kleine Statue der Margarethe be⸗ trachtete. „Iſt es nicht etwas Drolliges, daß wir an die be⸗ deutendſten Leute des Landes ſchreiben, während ein alter Spielwaarenhändler an unſerem Feuer ſitzt,” ſagte Dalton, während er den Kopf gedankenvoll ſchüt⸗ teite, in der feſten Ueberzeugung, daß er eine recht ver⸗ ſtändige und tiefe Bemerkung gemacht.„Nun— nun — nun! es iſt etwas Seltſames um das Leben!“ „Iſt es nicht noch ſonderbarer, daß wir die Freund⸗ ſchaft des armen Hanſerl gewonnen, als daß wir die Aufmerkſamkeit der Lady Heſter auf uns gezogen haben?“ ſagte Nelly.„Iſt es nicht ein ſtolzerer Gedanke, daß wir aus liebevollem Intereſſe die Güte an uns gefeſſelt haben, bei der von Herablaſſung keine Rede ſein kann?“ 3 „Hoffentlich vergleichſt Du nicht die Beiden mit einan⸗ der,“ ſprach Dalton zornig.„Was murmelt das Geſchöpf ſo vor ſich hin?“ 3 „Er ſucht ſich Gretchens Lied in's Gedächtniß zu⸗ rückzurufen,“ ſagte Kate. „„Nach ihm nur ſchau' ich Zum Fenſter hinaus!““ ſagte Hans in leiſem, obwohl deutlichem Tone.„Wazs kommt darauf? was kommt darauf, Fräulein?“ „Da müſſen Sie Schweſter Nelly fragen, Hanſerl,“ ſagte Kate; allein Nelly ſtand hinter dem maſſiven Ofen und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. 4 „„Zum Fenſter hinaus,““ wiederholte er langſamz „und dann, Fräulein? und dann?“ 1 „Sag' ihm doch, Nelly, ſag' ihm doch, wast kommt.“ „„Nach ihm nur ſchau' ich Zum Fenſter hinaus; 3 53 Nach ihm nur geh' ich . Aus dem Haus!“ wiederholte ſie. „Ja ja!“ rief Hans entzückt— „„Nach ihm nur geh' ich Aus dem Haus!““ „Was ſoll das bedeuten?“ ſprach Dalton unge⸗ duldig. 90s iſt Gretchens Lied, Papa,“ ſagte Nelly und überſetzte die Stelle ihrem Vater. „Hoffentlich iſt das Geſchöpf nicht verliebt,“ ſagte Dalton und lachte herzlich über dieſen Einfall, wobei er ſein Auge vom Zwerg abwandte, um auf die Ueber⸗ reſte ſeiner eigenen, einſt hübſchen Geſtalt einen raſchen, höchſt ſelbſtgefälligen Blick zu werfen.„Ach, du güti⸗ ger Himmel! ach, du gütiger Himmel!“ ſeußzte er; niſt es nicht wunderbar, daß es auf dieſer Erde keinen Krüppel gibt, der nicht eine Geliebte hat!“ Hier ließ ſich vom Vorzimmer her ein Huſten hö⸗ ren, das laut genug war, um die Anweſenheit des Kouriers anzuzeigen; und nun erinnerte ſich Dalton, daß der Brief noch nicht abgegeben worden. „Gib ihn dem Manne, Nelly,“ ſagte er kurz. Sie nahm den Brief in die Hand, blieb aber ein Paar Minuten ſtehen, gleich als od ſie nicht im Stande wäre, ſich von der Stelle zu bewegen. „Muß es denn wirklich ſo ſein, theuerſter Papa?“ ſagte ſie, war jedoch kaum im Stande, die Worte her⸗ auszubringen. Dalton riß ihr den Brief aus der Hand, und ver⸗ ließ das Zimmer. Man höoͤrte ihn einen Augenblick mit dem Kourier ſprechen; doch bald ſchlug die Thüre heftig zu, und dann war Alles ſtill. „Es iſt geſchehen, Kate!“ ſagte ſie, ihre Arme um 3den Hals ihrer Schweſter ſchlingend.„Wir wollen mnun von der Zukunft ſprechen; wir haben gar Vieles 54 zu ſagen und nur kurze Zeit dazu. Zuerſt aber wollen wir den armen Hans die Treppe hinab bringen. Der Zwerg, der das hoͤlzerne Bild ergriff, ließ ſich mit aller Unterwürfigkeit eines kranken Kindes un⸗ terſtützen, und kroch, auf beiden Seiten geſtützt, langſam die Treppe zu ſeinem Zimmer hinab. Als er ſeine Thür erreicht hatte, machte ſich Hans ſanft frei, zog die Mütze ab, und machte jedem der bei⸗ den Mädchen eine tiefe Verbeugung, während er ihnen eine gute Nacht wünſchte. „Leb' wohl, Hanſerl, leb' wohl!“ ſagte Kate ſeine Hand liebevoll ergreifend.„Bleib' immer der treue Freund, als welchen Du Dich bis jetzt erwieſen haſt, und laß mich, auch in der Ferne, dankbar Deiner ge⸗ denken.“ „Warum das? wie ſo, Fräulein?“ ſagte Hans ängſtlich;„warum„„leb' wohl?““ warum ſagſt Du leb' wohl, da es ja nur„„gute Nacht““ heißen ſoll?“ „Kate iſt im Begriffe, uns auf kurze Zeit zu ver⸗ laſſen,“ ſagte Nelly, die ruhig erſcheinen wollte.„Sie geht nach Italien, Hanſerl!“ „Das ſchöne Land! das ſchöne Land!“ murmelte er ein Paar Mal.„Dahin, dahin,“ rief er, mit dem Finger nach Süden deutend,„wo die goldene Orange blüht. Ach, dahin moͤcht' ich auch ziehen!“ „Sie werden mich nicht vergeſſen, Hanſerl,“ ſagte das junge Mädchen freundlich. „Ueber die großen Alpen hinüber!“ ſagte Hans, immer noch vor ſich hinſprechend;„über die hohen Schneegipfel hinüber, die ihre Schatten auf unſer kaltes Land werfen, aber für die Wein⸗ und Oliven⸗Gärten drüben Terraſſen haben! So verläſſeſt Du uns denn, Fräͤulein?“ „Nur auf kurze Zeit, Hans; bald komme ich wie⸗ der, und erzähle Dir Alles, was ich geſehen habe.“ „Man kommt nicht gern vom Sonnenſchein in den Schatten zurück,“ ſagte Hans feierlich.„Du wirſt den * 5⁵ Palaſt nicht verlaſſen, um wieder in die Hütte des Bauers einzuziehen; aber denk' bisweilen an uns, denk“ bisweilen an uns, Fräulein, wenn der ſanfte Sirocco durch Dein glänzendes Haar ſpielt— wenn in den Pomeranzenhainen und im Schatten alter Tempel die Töne der Muſik Deine Sinne umſchleichen— denk' dann an dieſes ſchlichte Vaterland und an ſeine grünen Thäler! Denk' an die, bei denen auch Du einſt ſo glücklich warſt! Wohl magſt Du ein glanzvolles Leben führen— es iſt das Recht Deiner Schönheit; allein werde nicht ſtolz, Fräulein. Erinnere Dich an das, was Chamiſſo uns ſagt:„„Die Noth lehrt beten,““ und dazu wird es bei Dir kommen, wie gläͤnzend auch Deine Stellung ſein mag.“ „Kate wird ſtets uns gehören, wo ſie auch ſein mag,“ ſagte Nelly, ihre Schweſter liebevoll an ſich drückend. „Bedenke wohl, Fräulein, auf Deinen Wanderun⸗ gen, daß das Große und Schöne Brüder des Guten und Einfachen ſind. Der Waſſerfall und der Thau⸗ tropfen ſind mit einander verwandt! Bei Allem denke ſtets an Deine Heimath; und vergiß nie, daß, wenn Du die Liebe zu dieſer niedrigen Erde verlierſt, Du in Gefahr biſt. Wenn Du zu einer Deiner kindiſchen Spielſachen ſagſt:„„Ich liebe dich nicht mehr,““ dann iſt in der That eine Veränderung mit Dir vorgegangen.“ Während Hans ſo ſprach, ſetzte er ſich auf ſein kleines Bett nieder, und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. Nelly beobachtete ihn ſchweigend einige Sekunden, ſchloß dann die Thüre mit ſanfter Hand, und führte Kate hinweg. Achtzehntes Kapitel. Sorgen und Widerwärtigkeiten. Die Lampe in Kate Dalton's Zimmer brannte noch, als der Morgen graute, und bei deren ungewiſſem, flackerndem Lichte konnte man die beiden Schweſtern ſehen, die, einander mit den Armen umſchlungen haltend, auf dem niedrigen Feldbette ſaßen. Nelly ſtützte, bleich und bewegungslos, Kate, als dieſelbe, in Folge des langen Wachens und der gewaltigen Aufregung, von einem bleiernen Schlafe überfallen worden war. Da ſie ſich nicht zu rühren wagte, aus Furcht, ſie möchte ihre Schweſter aufwecken, ſo hatte Nelly ſich an die Wand gelehnt, um an derſelben eine Stütze zu ſuchen. In ihren bewegungsloſen Geſichtszügen und ihrer To⸗ desblaͤſſe erſchien ſie wie eine monumentale Geſtalt des Kummers. Es war nicht allein der Schmerz der bevorſtehen⸗ den Trennung, der ſie darnieder drückte; ſo hart es ihr ankam, ſich von einem Weſen zu trennen, dem ſie Mut⸗ ter und Schweſter zugleich geweſen war, ſo nahm doch ihre Bekümmerniß durch ihre, die Zukunft betreffenden Befürchtungen einen noch trüberen Charakter an. Da ſte Kate mehr als Alles auf der Welt liebte, ſo kannte ſie auch recht gut alle ſchwachen Züge ihres Charakters; ihre Leichtgläubigkeit— ihr vertrauensvolles Weſen— ihr Verlangen nach Beifall, wenn letzterer auch von Leuten ausging, deren Urtheil ſie nicht ſehr hoch an⸗ ſchlug; ihre Bewunderungsſucht, ſelbſt in kleinen Din⸗ gen— waren ihr recht wohl bekannt; und während vielleicht eben dieſe Fehler, die ſo ganz kindlicher Natur waren, ſie Nelly wirklich theurer gemacht hatten, ſo konnte 57 Letztere doch deren Wirkung nur fürchten, wenn ihnen die Fremden⸗Welt als Schauplatz der Thätigkeit an⸗ gewieſen wurde. Nicht als ob Nelly ſich auch nur einen ganz un⸗ beſtimmten Begriff von der wirklichen Welt hätte machen können. Die Freuden und Gefahren, die Verbindlich⸗ keiten und Zufälle derſelben waren ihr ganz und gar unbekannt. Es waren dieſelbe nie auch nur das Traum⸗ land ihrer Phantaſie geweſen. Zu demüthig und be⸗ ſcheiden ihrem ganzen Weſen nach, um ſich mit den Großen und ſtolze Namen Führenden verwandt zu füh⸗ len, hatte ſie alle ihre Gedanken denen zugewandt, deren Leben die Arbeit iſt; für dieſe waren alle ihre Sym⸗ pathien. Es lag in dem ſich ſtets gleichbleibenden Looſe des Bauers für ſie eine einfache Schönheit— (und ſie hatte insbeſondere Gelegenheit gehabt, das Leben der Schwarzwälder Bauerſchaft kennen zu lernen), — die überaus viel Reizendes für ſie hatte. Dieſes friedliche, ruhige, häusliche Leben war, ihres Erachtens, die größte Annäherung zum Glücke, und ſie ſehnte ſich nach dem Tage, wo es ihrem Vater gefallen würde, ſich in irgend ein wenig bekanntes und einſames Dorf in einer der dunkeln Schluchten des alten Waldes zu⸗ rückzuziehen. Wäre nur Frank und Kate noch dabei geweſen, ſo wäre ein ſolches Loos ihr als ein Paradies erſchienen. Aber der Erſtere war bereits fort, und jetzt ſollte ſich auch noch die Andere verlieren.„Wie höchſt ſonderbar,“ ſagte ſie,„daß das Glück grauſamer iſt, als das Unglück. In einer Zeit, wo wir ohne alle Freunde, und dem Mangel preisgegeben, daſtanden, hielten wir zuſammen; und nun, in dem Augenblicke, wo unſer Loos ſich verbeſſern zu wollen ſcheint, wo der Stern unſeres Glücks wieder etwas höher ſteht, trennen wir uns.“ „Am Ende iſt es doch nur Selbſtſucht,“ dachte ſie, „ein ſolches Leben zu wünſchen; ein ſo beſcheidenes und niedriges Loos mag wohl für die„„lahme Nelly““ paſſen, allein Frank, der hochherzige, kühne Jüngling, 58 mit ehrgeizigen Hoffnungen und hohen Aſpirationen, verlangt eine andere, eine verſchiedene Sphäre der Thä⸗ tigkeit; und Kate, deren Reize einem Hofe zum Schmucke gereichen würden, hätte wohl alle Urſache, ſich wegen eines ſo gemeinen, niedrigen Looſes zu betrüben. Wie groß müßte nicht mein Kummer ſein, und welche Vor⸗ würfe müßte ich mir nicht machen, wenn ich ſähe, daß ſte, indem ſie ſich dem nämlichen monotonen und ruhi⸗ gen Leben unterwürfen, müde und gleichgültig würden; — wenn ſte weder an dem einfachen Zeitvertreib dieſer Leute Freude fänden, noch ſich zu ihnen herabließen,— und ſo mag denn Alles auf's Beſte ſtehen,“ ſagte ſie halblaut,„wenn ich nur ſo viel Muth in mir verſpüren könnte, um auch ſo zu denken. Es iſt möglich, daß ein Jedes von uns nur ſeinen wahren Lebensweg verfolgt.“ Eine lange, vertraute Bekanntſchaft mit dem Kum⸗ mer verleiht, wie man nicht ſelten findet, auch einem religiös geſtimmten Weſen eine ſtark fataliſtiſche Fär⸗ bung. Die anſcheinende Hoffnungsloſigkeit aller Be⸗ mühungen, das Unglück abzuwenden, oder ſich dem Strome, der uns demſelben entgegenführt, entgegenzu⸗ ſtemmen, erzeugt oft, als letzten Troſt, die Idee eines vorher beſtimmten Geſchickes, der wir ſchuldig und verbun⸗ den ſind, uns in aller Geduld und mit allem Vertrauen zu unterwerfen; geſellt ſich dazu noch eine große, na⸗ kürliche Demuth, ſo wird der Menſch in dieſer Ueber⸗ zeugung noch befeſtigt. Veides traf bei Nelly zu; von der Wiege an war der Kummer ihr Loos geweſen, während ſie von ſich ſelbſt eine möglichſt geringe Meinung gehabt hatte. „Es muß doch ſo ſein,“ ſagte ſte wiederum;„Alles ſteht auf's Beſte.“ Schon malte ſie ſich den neuen Frühling aus, der durch dieſen Glückswechſel in das Leben ihres Vaters kommen würde;— ſchon ſtellte ſie ſich vor, mit wel⸗ chem Entzücken er die Briefe ſeiner Kinder leſen,— 59 wie er durch ſie noch einmal die Freuden dieſer Welt koſten würde, die für ihn ſo vielen Reiz hatten. „Ich hätte ihm nie einen ſolchen Genuß verſchaffen können,“ ſagte Nelly, während Thränen ihr in die Augen traten.„Ich bin bloß das Bild unſeres Mißgeſchicks, und in mir,„„in der armen, lahmen Nelly,““ kann er bloß ein Spiegelbild unſeres Unglücks und unſeres Ruins entdecken. Alles iſt auf's Beſte eingerichtet, Alles ſteht auf's Beſte, es muß alſo ſein,“ ſeufzte ſie tief; und eben als ihr die Worte entſchwanden, trat ihr Vater mit geräuſchloſem Tritte in das Zimmer herein. „Es iſt gewiß ſo, meine liebe Nelly,“ ſagte er, in⸗ dem er ſich neben ſie ſetzte;„und es freut mich, daß Du endlich der Vernunft Gehör gegeben haſt. Es liegt am Tage, daß es den Daltons nicht ziemt, ihr Leben in einem kleinen Loche, wie dieſes, hinzubringen, ohne Geſellſchaft, oder ohne Bekannte irgend welcher Art. Du und ich mögen es vielleicht noch ertragen, obgleich es mir auch von Zeit zu Zeit überaus ſauer ankommt; aber Kate dort— ſieh ſie doch nur an— ſoll ſie, ſoll ein Mädchen ihres Gleichen ihre Jugendzeit in einem trübſeligen Dorfe vergenden? Lady Heſter ſagt mir, — und gewiß weiß das Niemand beſſer, als ſie,— daß es auf der Welt nie eine Zeit gegeben habe, wo die wahre Schönheit ſo viele Chancen gehabt habe, wie jetzt, und ich möchte das Mädchen ſehen, das ihr das Waſſer bietet. Weißt Du auch, Nelly,“— hier kam er näher, ſo daß er nur noch flüſternd ſprach,—„weißt Du auch, Nelly, daß ich mir einbilde, es könnten ſich bei uns noch die ſonderbarſten Dinge ereignen— es könnte aus Frank ein großer General werden, und es könnte Kate ſich mit Gott weiß welchem reichen und vornehmen Herrn verheirathen, wodurch es möglich wäre, Mount Dalton wieder auszulöſen, und meine alten Gebeine neben die meiner Vorfahren zu legen! Ich kann es mir nicht aus dem Sinne ſchlagen, daß es auf irgend eine Wei Du ſelbſt?“ „Ich bin im ſe noch geſchehen werde. Was glaubſt Luftſchlöſſerbauen nicht gar geſchickt, Papa,“ ſagte ſie ſanft lachend.„Ich verſuche es ſelten, mich über eine Bauerhütte oder ein kleines Milchhaus zu erheben!“ „Und Niemand könnte ſowohl die eine, als das andere netter und wohnlicher machen,— das ſage ich zu Deinem Lobe, Nelly. Ehe Du noch einen Tag unter dem Dache wäͤreſt, lich““ ausſehen.“ würde darin Alles ſo recht„„heim⸗ Das junge Mädchen erröthete tief; denn ſo beſchei⸗ den auch das Lob für andere Ohren geklungen haben möchte, ſo war es das ſie hören konn „Ich ſchmeich doch für die ihrigen das rührendſte, te. le Dir ganz und gar nicht. Du ſchlägſt eben Deiner Mutter nach; man konnte dieſe in den ödeſten nnd trübſeligſten Winkel Irlands verſetzen, und ſie wußte daraus einen Garten zu machen. Stand ſie in einer Hütte unter, ſo kannte man, ehe noch der Regen recht vorüb er war, den Ort gar nicht mehr. Mit einem Male war darin nun Alles ſauber geworden, und es ſtanden die Teller und Schüſſeln nun gar zier⸗ lich und in beſter Ordnung auf dem Küchentiſche; und das Schwein— ſie konnte ein Schwein nicht ausſtehen — war nun hinausgetrieben, und ebenſo hatten auch die Hennen nun in dem Kuhſtalle eine paſſendere Stätte gefunden; die Geſichter der Kinder waren nun gewaſchen, ihr Haar gekämmt, und vielleicht ſaß auch der kleine fünfjährige Bube au Maria““? oder ſeln ner Mutter zeigte, denn ſie konnte ſo if ihrem Knie, und ſagte ſein„„„Ave „„A B Cecce her, wäͤhrend ſie ſei⸗ wie man das Garn abzuwinden hatte, gut einen„„Schneller““ ſpinnen, wie nur irgend eine Bauerfrau! Die freundliche Crea⸗ tur, die ſie war! Allein an wirklichen Vergnügungen fand ſie nie Geſchmack; ſie wurde dadurch im Gegen⸗ 61 theil ſtets in eine gedrückte und traurige Stimmung verſetzt.“ „Vielleicht waren auch die Vergnügungen, von denen Sie ſprechen, zu theuer erkauft, Papa,“ ſagte Nelly. „Du magſt wohl Recht haben,“ ſagte er in etwas zweifelndem Tone, und gleich als ob ſich ihm dieſer Gedanke jetzt zum erſten Male aufgedrängt hätte;„und jetzt, wo Du mir es ſagſt, fange ich zu glauben an, daß ihr gerade das Gram verurſacht haben mochte. Auch war die Art, wie ſie erzogen worden, Schuld dar⸗ an, daß ſie alſo dachte. Der Bruder ſprach immer von Verſchwendung, und Erxtravaganzen, u. ſ. w.; und wenn es in ihrer Natur gelegen hätte, ſo würde er aus ihr ein ebenſo knauſeriges Geſchöpf gemacht haben, wie er ſelbſt eines war. Und ſieh, was das Ende vom Liede iſt. Wir verbrauchten es, während wir es hatten.— So machen es die Daltons,— und er ſcharrte und ſcharrte ſein Lebenlang zuſammen, um es einem reichen Manne zu hinterlaſſen, der nicht einmal weiß, ob er ſo viele tauſend Pfund mehr hat, oder nicht.“ Nelly antwortete Nichts, da ſie auch nicht durch das geringſte anſcheinende Intereſſe einer weiteren Be⸗ ſprechung des Themas, das ſtets zu den trübſten Träu⸗ mereien ihres Vaters Anlaß gab, Vorſchub leiſten wollte. „Iſt das ihr Koffer, Nelly?“ ſprach Dalton nach einer langen Pauſe das Stillſchweigen brechend, und auf ein altes und durch viele Reiſen abgenutztes Fell⸗ eiſen deutend, das halb offen auf dem Boden lag. „Ja, Papa,“ ſagte Nelly mit einem Seufzer. „Ei, es ſieht gering und ſchofel aus; es hat für⸗ wahr nicht die Groͤße einer rechten Theekiſte,“ ſagte er zornig. „Und doch iſt das Ding noch zu geräumig für ſei⸗ nen ganzen Inhalt, Papa. Die Garderobe der armen Kate iſt gar ſchlecht beſtellt.“ 62 „Ich möchte wiſſen, wo die Kaufläͤden, wo die Mo⸗ diſtinnen und Bandkrämer ſind. Sind wir in College Green oder Grafton Street, daß wir geradewegs Je⸗ mand hinſchicken und Alles in einem Augenblicke be⸗ kommen können? Ich verbrauche das Geld nicht für meine Perſon. Sieh dieſe Gamaſchen an; kommenden März ſind ſie nun neun Jahre alt, und der Rock, den ich auf dem Ruͤcken trage, iſt von Peter Stevens gemacht worden, der nun im Grabe liegt! Der größte Feind, den ich je hatte, konnte mir nie in's Geſicht ſagen, daß ich bloß für mich ſorge. Wenn das meine Art wäre, — wäͤre ich dann hier? Sieh einmal den Fetzen an, den ich um den Hals trage, es iſt ein Stück groben, alten wollenen Zeugs, wie— ℳ Hier hielt er inne, und ſtotterte, und ſchwieg dann mit einem Male ganz, denn er erinnerte ſich plötzlich, daß Nelly ſelbſt den fraglichen Gegenſtand verfertigt hatte. „Ei, Papa,“ fiel ſie mit ihrem eigenthümlichen, glücklichen Lächeln ein;„Sie koͤnnen— die Halsbinde morgen Andy geben, denn ich habe Ihnen eine neue gemacht— eine Halsbinde mit Ihren Lieblingsfarben, dem Dalton'ſchen Grün und Weiß.“ „Gar oft habe ich die nämlichen Farben bei den Wettrennen zu Corralin zuerſt ankommen ſehen!“ rief Dalton begeiſtert; denn es bedurfte nur eines neuen Wortes, um ſeinen Gedanken mit einem Male eine ganz verſchiedene Richtung zu geben, und dieſelben von einen, Gegenſtande von höchſtem und peinlichſtem Intereſſe ab⸗ zulenken und einem diametral entgegengeſetzten zuzu⸗ wenden.„Du warſt damals noch zu jung, als daß Du Dich der Sache noch erinnern könnteſt; allein Du warſt anweſend, und ſaßeſt mit Deiner Mutter im Landau, als der Baitherſhin über den Murra den Sieg davon trug: es war das prächtigſte Rennen, das ich je geſehen— es haben mir das auch Leute geſagt, welche die beſten Wettrennen in England geſehen haben— es war das 8 63 ſchönſte Wettrennen, das je im Königreich ſtattfand. Ich gewann an dem Tage achthundert Pfund, verlor aber am Abend Alles wieder im Spiele mit dem al⸗ ten Major Haggs, vom fünften Infanterieregiment— ohne einer Kleinigkeit zu erwähnen, die ich außerdem verlor. Und das iſt ihr Koffer!“ ſagte er nach einer andern Pauſe: und ſeine Stimme erſtarb bei dieſen Worten, gleich als ob er ſagen wollte:„wie ſehr hat ſich das Alles geändert!“—„Ich wundere mich, daß es keiner von euch Beiden einſiel, meine alte Reiſekiſte hervorzuziehen— meine Reiſekiſte, die doppelt ſo groß und außerdem noch ſo ſchwer iſt, wie ein bleierner Sarg. Der Teufel müßte die Hand im Spiele haben, wenn da nicht Jedermann meinte, ſie habe Kleider auf ihr ganzes Leben! Zwei Männer könnten die Kiſte nicht die Treppe hinauftragen, wenn ſie leer iſt.“ „Wenn aber ſchon dieſes Felleiſen zu groß iſt, Papa?“ „Ach, du gütiger Himmel! ach, du gütiger Him⸗ mel!“ ſiel Dalton ein;„bei All' dem ſehe ich, daß Du Dir nicht helfen kannſt. Siehſt Du nicht, daß ich ganz und gar nicht von Dem ſpreche, was darin iſt, ſondern bloß davon, daß die Welt glauben ſoll, es ſei Etwas darinnen? Habe ich nicht zu Mount Dalton fünf Jahre und acht Monate, nachdem ich zu Grunde gerichtet war, vom Fette des Landes gelebt, und hatte ich da nicht jede Bequemlichkeit, die nur ein Gentleman verlangen konnte? Und hatte ich nicht überall, wohin ich ging, Kredit, und wurde mir nicht Alles geliefert, was ich beſtellte? Und warum? Wegen des Hauſes und wegen des Ortes! Ich war ganz, wie der große Koffer dort: Niemand wußte, wie Wenig darin war. Oh, Nelly, liebe Nelly, wenn Du einmal das Leben ſo gut kennſt, wie ich, dann wirſt Du wiſſen, daß man um des guten Scheines willen gar Vieles thun muß.“ Nelly ſeufzte, antwortete aber Nichts. Vielleicht dachte ſie ingeheim, wie vieler Mühe und Noth uns 64 ein Bischen Aufrichtigkeit gegenüber von der Welt überheben könnte. 3 „Wir werden uns, wenn ſie einmal fort iſt, recht einſam fühlen,“ ſagte er nach einer Pauſe. Nelly nickte traurig mit dem Kopfe. „Ich habe geſtern Abend die Landkarte überblickt, und es iſt am Ende ſo weit doch nicht,“ ſagte Dalton. „Auf dem Papiere beträgt die Entfernung nicht mehr, als die Länge meines Fingers.“ „Innerhalb dieſes Raumes kann manche lange Meile liegen,“ ſagte Nelly ſanft. „Und hoffentlich werden wir weuigſtens jede Woche von ihr hören,“ ſagte Dalton, deſſen Geiſt zwiſchen Freude und Schmerz ſchwankte, ſeinen groͤßten Troſt aber immer von Außen erwartete. Indeſſen war die arme Nelly kaum im Stande, ihm ſolchen Troſt zu ſpenden. Ihr Geiſt ſah in der Gegenwart Nichts als Kummer, und in der Zukunft Schwierigkeiten, wo nicht Gefahren. „Du gibſt Einem ja gar keinen Troſt,“ ſagte Dal⸗ ton ungeduldig aufſtehend.„So wird es nun immer ſein, wenn Kate fort iſt. Alle Heiterkeit wird alsdann aus dem Hauſe verſchwunden ſein— kein Lied, kein luſtiges Lachen wird ſich alsdann mehr hören laſſen! Ich ſehe wohl, welch' trübſeliges Leben vor mir liegt.“ „Oh, theuerſter Papa, ich werde Alles aufbieten, nicht um ſie zu erſetzen, denn das vermöchte ich nie, ſondern um Ihre Tage weniger monoton und ermüdend zu machen. Auch wird es ein ſo großes Vergnügen ſein, von ihr zu ſprechen und an ſie zu denken! ihr Glück zu erfahren und ſich all' die ſchönen Wiſſensſchätze vorzuſtellen, die ſie mitbringen wird, wenn ſie endlich wieder nach Hauſe kommt!“ „Wenn ich nur ſo lange leben könnte, ſie Beide, Frank und Kate, wieder bei mir und an meiner Seite zu ſehen: das iſt Alles, um was ich jetzt in dieſer 65 Welt bitte,“ murmelte er, während er ſich leiſe fort⸗ ſchlich und die Thüre hinter ſich ſchloß. Neunzehntes Kapitel. Reiſe⸗Anſtalten. Wenn die Ankunft einer großen Familie in einem Hotel eine Scene von ungewoöhnlicher Geſchäftigkeit und Aufregung iſt, welche durch eine Menge von Muth⸗ maßungen in Betreff des Rangs und des Reichthums der Neuangekommenen noch einen weiteren Reiz erhält, ſo hat die Abreiſe ebenfalls ihr Intereſſe, und zwar ein Intereſſe von noch höherer Art. Im erſteren Falle iſt Alles unbeſtimmt, ſchattenhaft und ungewiß; das Auge des Zuſchauers wendet ſich von den eingemumm⸗ ten Geſtalten, während dieſelben ausſteigen, ab, um die Lackaien und ſogar das Gepäck, als einen Schluß auf die Gewohnheiten und den Stand der Fremden geſtat⸗ tend, zu muſtern; und ſelbſt für die ſcharfſinnigen Wahrnehmungen jenes hehren Funktionärs— des Ober⸗ kellners— nimmt die Identität der Reiſenden keine höhere Form und keine fühlbarere Geſtalt an, als die, daß ſie Nro. 42 oder 57 ſind! Wenn indeſſen die Stunde des Abſchieds gekommen iſt, iſt ihr Stand bereits bekannt;— hat man ihren Geſchmack und ihre Gewohnheiten kennen gelernt, und hat man keinen geringen Blick in ihre Vorurtheile, ihre Leidenſchaften und ihre Beſtrebungen gethan. Der im⸗ ponirende alte Herr, deſſen röthliche Naſe und weiße Die Daltons. II. 5 66 Weſte dafür bürgen, daß derſelbe gern Portwein trinkt, hat dem Gaſthofbeſitzer bereits eine aufrichtige Achtung eingeflößt.„My Lady's halb krankhafte Launen in Be⸗ treff der Koſt, und der Luft, und des Sonnenſcheins ſtehen alle in„der Rechnung“ deutlich genug verzeichnet. Die von einem Abend herrührende, und am folgenden Morgen unaufgeſchrieben gebliebene Champagner⸗Rech⸗ nung des erwachſenen Sohnes iſt keine in Vergeſſen⸗ heit gekommene Tugend, und ſelbſt die blaſſen jungen Damen, deren Neigung, Alles zu ſkizziren, Eſel und Pauhs und Picnies, nöͤthig machten, bleiben nicht ver⸗ geſſen. Die Stunde ihres Aufſtehens und Schlafengehens — ihre Gewohnheit, ſich viel unter anderen Menſchen zu bewegen oder abgeſchieden zu leben— ihre Vorliebe für die„Poſt“ oder für die„Times“— das Alles hat ganz in der Stille zu der Meinung, die man ſich von ihnen gebildet, beigetragen, ſo daß in den allergewöhn⸗= lichſten Items des großen Buches, das im Hotel geführt wird, die Materialien zu ihrer Geſchichte enthalten ſind. Und mit welch' wahrer Nächſtenliebe wird ihr Stand, wird ihr Charakter abgewogen! Wie gern verzeiht nicht der Gaſtgeber Sünden, die ihren Urſprung in ſeinem Burgunder haben— wie hold lächelt er über die Thorheiten, die aus ſeinem Johannisberger hervor⸗ gegangen ſind! Mit welch' engelgleicher Güte verzeiht nicht die Gaſtgeberin die kleinen Freiheiten, die ſich junge Herren, die gerade von der Univerſität kommen, erlauben! Ach! wollten doch nur unſere theuren, theu⸗ ren Freunde in uns mit halb ſo vieler Nächſtenliebe leſen, oder auch unſern kleinen Sünden den zehnten Theil dieſer Nachſichk zu Theil werden laſſen Und warum ſollte das nicht ſein? Was ſind dieſe nämlichen Freunde und Bekannten Anderes, als Gäſte in dem großen Gaſthauſe, das wir„Welt“ nennen;— als Gaͤſte, die, da ſte nie ſo generos ſind, unſere Rechnung— . 67 zu berichtigen, ſich doch gewiß nicht um die„Items“ derſelben zu kümmern brauchten? Während die Daltons immer noch in der von uns im letztern Kapitel beſchriebenen Weiſe beſchäftigt wa⸗ ren, war das„Hotel de Ruſſie“ der Schauplatz bedeu⸗ tender Geſchäftigkeit, indem die Reiſeanſtalten das ganze Perſonal des Hauſes, innerhalb und außerhalb des letzteren, in Anſpruch nahmen. Da waren an Wagen⸗ federn neue Stricke ſeſtzubinden— da mußten Rad⸗ ſchuhe ausgebeſſert werden— da waren Achſen zu ſchmieren— Gewinde und Charniere zu ölen— Im⸗ perialen anzuſchnallen— Hutſchachteln zu befeſtigen— und welche Sündfluth von kleinen Gegenſtänden mußte nicht in ganz kleinen Plätzchen und doch wiederum ſo aufgeſtaut werden, daß man zu jeder Zeit zu denſelben kommen konnte! Kiſſen und herzſtärkende Mittel, und „chauffe-pieds,“ und„Quarterlys,“ Riechfläſchchen und Pantoffeln, und Brillen, und Cigarrendoſen, Zei⸗ tungen und„John Murrays“— mußten an den paſſendſten Orten aufgehoben werden. Jeder Corridor und jeder Treppenabſatz war mit Gepäck angefüllt, und der Kourier wiſchte ſich die Stirn ab, und ließ in halber Verzweiflung über den vor ihm liegenden Berg von Koffern und Mantelſäcken einen kräftigen Fluch nach dem andern hören. „Das gehört uns nicht!“ ſagte er, als er zu einem gar hübſchen Felleiſen von lackirtem Leder, worauf die meſſingenen Anfangsbuchſtaben A. J. zu bemerken wa⸗ ren, kam. „Nein; es gehört Herrn Jekyl,“ ſagte Twig, der Bediente des Herrn George;„er geht nicht mit Euch — er reist in unſerer Britſchka.“ „Ich gleiche mehr dem Condukteur einer Diligence, als einem Familien⸗Kourier,“ murmelte der Andere verdrießlich.„Ich weiß Nichts von dem Gepäck mehr, ſeitdem wir auf jeder Station Fremde mitnehmen! und 68 zwar immer arme Teufel, die keinen Sou in der Taſche haben!“ „Nun, was iſt wieder los, Maſter Greg'ry,“ ſagte Twig, der das Kauderwelſch des Andern nur unvoll⸗ kommen verſtand. „Es iſt ſo viel los, daß ich meiner„Funktion“ entſage— je m'en vais— das iſt Alles! Es iſt um kein Haar beſſer, als im Eilwagen mit Reiſenden! Obenan haben wir den Doktor, wie ſie ihn nennen— mit ſeinen ausgeſtopften Vögeln und Beſtien, ſeinen ge⸗ trockneten Blumen und Stengeln, bis das Kutſchendach ausſteht, wie der Jardin des Plantes zu Paris, und er ſelbſt ſieht dazwiſchen wie der Bär aus; dann haben wir den verfluchten Papagai der my Lady, und Flounce, den Schooßhund, der auf jeder Poſtſtation trinken und alle Berge hinauflaufen muß, damit er nicht ſteif wird! Verdammt ſei er! Ich bin kein Hund, und brauche auch keine Berge hinaufzulaufen! Mademoiſelle Cö⸗ leſtine hat auch einen Affen! und ob er auch klein iſt, ſo iſt er doch ein wahres Teufelchen, und verſteckt über⸗ all Geld und Schlüſſel, wenn er derſelben habhaft wer⸗ den kann; und dann kommt die junge Lady, die auf dem Wege alle Steine aufliest— lauter Pflaſterſteine — die ſie mit einem kleinen Hammer zerſchlägt! Ach, Gott! was iſt doch aus der Welt geworden, wenn ein Fräulein ſich in Felſen und Steine verliebt!“ „Monsieur Grégoire! Monsieur Grégoire!“ kreiſchte von einem obern Fenſter eine durchdringende Stimme herab. „Mademoiselle!“ erwiederte er, indem er vor der femme-de-chambre höflich an die Mütze„hinauf⸗ ſtach.“. „Seien Sie doch ſo gut, Monsieur Grégoire, und nehmen Sie meine Koffer herab— es ſind zwei in dem Fourgon, ſowie eine Hutſchachtel auf dem großen Wagen.“ 69 „Hagel und Sturm— ſie liegen ganz unten. Wie ſoll ich— 2 3 „Das kann ich nicht ſagen—“ fiel ſie ein—„allein es muß geſchehen.“ 3 „Können Sie nicht warten, Mademoiselle, bis wir in Baſel find?“ 4 „Ich gehe fort, Monsieur Grégoire. Ich gehe nach Paris,“ lautete die Antwort, als die Sprechende das Fenſter zumachte und verſchwand. „Was ſagt ſie?“ fragte Twig, der, da dieſes Ge⸗ ſpräch in franzöſiſcher Sprache geführt wurde, über deſſen Sinn ganz und gar im Unklaren war. „Sie hat ihre„Démission“ gegeben,“ ſagte der Courier pomphaft—„ſie hat ihr Portefeuille abgege⸗ ben, und hat ein ſehr ſchlechtes Geſchäft gemacht!— Das iſt Alles. Euer großer Milor iſt oft bien béte — er iſt oft ſehr grob, wild, vergißt ſeine Manieren, und Alles das. Aber,“— und hier wurde er mit einem Male vollkommen verſtändlich—„aber er iſt immer reich. Ja, ja. Immer reich!“ ſagte er noch einmal vor ſich hin.„Allons! jetzt gilt es, bis zu ihrer ver⸗ dammten Bagage zu kommen! zu ihren zwei Koffern, und der kleinen Schachtel, und dem Affen, und dem Nachtſacke, und den vier oder fünf Körben! Diable d'affaire! Monsieur Tig, thun Sie mir den Gefallen, und ſteigen Sie da hinauf, und geben Sie mir die Schachtel da.“ „Ich habe mit Ihrem Wagen Nichts zu ſchaffen, Miſter Greg'ry; ich bin des Rittmeiſters Gentleman, und verdinge mich nie bei jemand Anderem, als einem einzelnen Herrn.“ Und mit dieſen hochmüthigen Worten zündete Herr Twig eine neue Cigarre an, und ſchlenderte fort. „Alle boͤſen Teufel holen de good vor Nichts,“ ſprudelte Grégoire heraus, der jetzt in das Haus hin⸗ einwackelte, um Leute zu ſuchen, die ihm Beiſtand leiſten könnten. 70 Auf welche Apathie und Gleichgültigkeit er auch bei den engliſchen Domeſtiken geſtoßen ſein mochte,— die Leute des Hotels waren wie ſeine Leibeigenen und Sclaven. Alt und jung, Männer und Weiber, der Kellner und der Stallknecht, und die Kammerfrau— und jene ſeltſame Art de grande utilité, die in deut⸗ ſchen Gaſthäuſern unter dem Namen„Hausknecht“ be⸗ kannt— und ein Compoſitum von Stiefelputzer, Kü⸗ chenjunge, Laſtträger, Portier, Mädchenzuführer, und Laſtthier iſt,— ſtanden ihm alle zu Dienſten. Auch war er kein allzu gütiger Monarch; ein Lauffeuer von Schmäh⸗ und Läſterworten begleitete jeden Befehl, ſo er gab, und er ſtimulirte ihre Behendigkeit durch die beleidigendſten Anſpielungen auf ihre perſönlichen Fehler und Gebrechen. Auf einer geräumigen Hutſchachtel ſitzend, mit ſei⸗ ner Couriersmütze auf einer Seite des Kopfes,— was ihm ein recht leichtfertiges Ausſehen gab— und mit ſeiner Meerſchaumpfeife, wie mit einem Scepter, in der Hand, verkündete Grégoire ſeine Befehle in ächt könig⸗ licher Weiſe; und bald war der Hof des Gaſthauſes mit Koffern, Schachteln, und Reiſeſäcken von jeder Form, Groöße und Farbe überſäet. Auch ging es nicht ohne Lärmen ab; denn während jede der helfenden Perſonen ſo laut ſchrie, als ſie nur konnte, und Grégoire von Zeit zu Zeit Laute von ſich gab, die einem Zuchtſtier alle Ehre gemacht haben würden, ließ der Papagai ein fürchterliches Geſchrei hören, als der Affe durch das Gitter ſeines Käfigs hindurch mit dem Stiele eines Sonnenſchirms nach ihm ſtieß. „Da, da iſt eine von denſelben,“ rief Monſieur Grégoire,„die runde Schachtel neben Ihnen; herunter damit!“ „Monsieur Grèégoire— Monsieur Grégoire,“ rief Mademoiſelle abermals vom Fenſter herab. Der Courier blickte hinauf, und berührte ſeine Kappe. 71 „Ich gehe nicht, Monsieur Grégoire; die Sache iſt arrangirt.“ „Ah, freut mich unendlich, es zu hören, Mademoi⸗ ſelle,“ ſagte er, in anſcheinendem Entzücken lächelnd, während er einen Fluch vor ſich hinbrummte. „My Lady unterwirft ſich, und ich verzeihe ihr Alles. Sie müſſen mir die viele Mühe, die ich Ihnen verur⸗ ſacht habe, vergeben.“ „Dieſe gluͤckliche Nachricht läßt mich dieſelbe ganz und gar vergeſſen,“ ſagte er mit einem Lächeln, das faſt ein Grinſen zu nennen war.„Peste!?“ brummte er vor ſich hin;„wir haben den ganzen Fourgon ab⸗ gepackt.“ „Ah que vous ètes aimable!“ ſagte ſie ſeufzend. „Belle tigresse!“ rief er, den Queerblick zurück⸗ gebend, den er von ihr erhalten, worauf ſich das Fenſter abermals ſchloß. „Ich hatte mich der Arbeit unterzogen, in der Hoffnung, daß wir mit Ihnen fortan Nichts mehr zu ſchaffen hätten,“ ſagte er, indem er ſich die Stirne ab⸗ wiſchte;„et la voil?— da ſind Sie wieder— ſind Sie wieder. Herugter mit dem Affen dort; fort damit, fort mit dem verfluchten Vieh!“ rief er, indem er ſeinen Zorn an dem Lieblinge ausließ, da er die Herrin nicht anzugreifen wagte.„Aber was haben wir da?“ Dieſer letzte Ausruf wurde durch das plötzliche Hereintreten von zwei Laſtträgern in den Hof verurſacht. Es trugen dieſelben einen ungeheuren Koffer, dem ſeine eiſernen Bänder, ſowie ſein maſſives Vorlegſchloß das Ausſehen einer Auswanderers⸗Kiſte verliehen. Auf dem Fuße folgte den Laſtträgern Herr Dalton, hinter dem hinwiederum der alte Andy kam, der, mit einem ungeheuren ölfarbigen ſeidenen Regenſchirme unter einem Arme, und einem Bündel von Mänteln, Shawls, und Kapuzen auf dem andern, nicht wenig Mühe hatte, fortzukommen. 72 Grégoire muſterte die Proceſſion mit kaltem Er⸗ ſtaunen; dann berührte er mit einer Art ſcheinbarer Höflichkeit ſeine Kappe, und ſagte: „Sie haben den Weg verfehlt, Saar; das Ell⸗ wagen⸗Bureau iſt drüben, über der Straße.“ „ Und wer hat denn Ihnen geſagt, daß ich dahin gehen wollte?“ ſagte Dalton in ſtrengem Tone.„Viel⸗ leicht bin ich gerade an dem Orte, an dem ich ſein ſoll! Iſt das nicht Sir Stafford Onslow's Wagen?“ „Ja, Saar; allein vergeſſen Sie nicht gefälligſt, daß es nicht der Eilwagen iſt.“ „Halten Sie doch Ihr Maul, kleines Bürſchchen; es wird angenehmer, und räthlicher— ja auch rälhli⸗ cher ſein, merken Sie ſich's. Sie ſehen den Koffer da; er muß zu dem Gepäck hinauf, und dabei muß er ſorg⸗ fältig gegen den Regen geſchützt ſein, denn es ſind werthvolle Effekten darin.“ „Das iſt kein Koffer: es iſt ein Schilderhaus; ein ſo ungeheures Ding geht nicht auf den Wagen eines Gentleman.“ „Es iſt ein Koffer, ſage ich Ihnen; und er gehört mir und ich heiße Peter Dalton, wie die Buchſtaben Ihnen beweiſen werden; und deßhalb bedarf es keiner weitern Worte. Thun Sie ihn alsbald hinauf.“ „Ich habe Befehl erhalten, das Gepäck einer jungen Dame mitzunehmen, nicht aber eine große Bahre mit eiſernen Bändern,“ ſprach Grégoire ſpitzig. „Jetzt ſeien Sie aber ſtille, und thun Sie, wie ich Sie geheißen habe, kleines Bürſchchen. Dieſe Kleinig⸗ keiten da thun Sie in das Innere des Wagens; und dieſen Regenſchirm bewahren Sie in einem ſichern Orte auf; und hier iſt ein Körbchen mit einer kalten Paſtete und einer Flaſche Wein.“ „Himmel und Erde! Glauben Sie denn, my Lady werde mit der Schweinerei reiſen 2“ „Es iſt kein Schweinfleiſch; es iſt Hammelfleiſch, und in der Mitte eine Taube,“ ſagte Dalton, der den —1 —1 73 Courier mißverſtanden hatte.„Auch habe ich ein Bis⸗ chen Käſe mitgebracht; allein es iſt derſelbe ſchon ein klein wenig angegangen, und vielleicht iſt es am Beſten, wenn ich denſelben nicht mitſchicke.“ „Soll das alte Männchen da auch mitgehen?“ fragte Grégoire mit einem inſolenten Grinſen, und ohne den abſcheulichen Käſe, oder den Korb anzurühren. „Das iſt mein Diener, und der geht nicht mit,“ ſprach Dalton;„und nun wiſſen Sie, was ich will, mein Bürſchchen. Tummeln Sie ſich ein Bischen, denn ich habe keine Luſt, meine Zeit hier bei Ihnen zuzu⸗ bringen.“ Ein recht überlegtes Starren, das von keiner Sylbe begleitet war, war Alles, was Grégoire darauf ant⸗ wortete; ſodann wandte er ſich an ſeine Gehülfen, und gab ihnen in deutſcher Sprache einige Befehle in Be⸗ treff der andern Koffer. Dalton wartete geduldig einige Minuten; allein keine Zeichen der Aufmerkſamkeit be⸗ wieſen, daß der Courier ſich auch nur ſeiner Anweſenheit erinnerte. Endlich ſagte er: „Ich warte, um dieſen Koffer hinaufgebracht zu ſehen; hören Sie mich?“ „Ich höre Sie recht gut, allein es liegt mir nicht gar viel an dem, was Sie ſagen,“ ſagte Grégoire grinſend. „Ah, das iſt es?“ ſagte Dalton lächelnd; zu glei⸗ ſcher Zeit aber konnte man an ſeinen grauen Augen ein Blinzen wahrnehmen, das dem Andern wohl ſchwerlich erwünſcht geweſen wäre, wenn er ſeinen Mann beſſer gekannt hätte.„Aha, das iſt es?“. Und nun ſchritt Dalton, Andy den Regenſchirm ab⸗ nehmend, bedächtig über den Hof hin, bis an die Stelle, wo ein großer Waſſerbehälter ſtand, der durch einen kleinen Springbrunnen geſpeiſt wurde, und den Poſt⸗ pferden als Tränke diente. Einige dünne Eiszapfen er⸗ hoben ſich in der Mitte, während die Oberfläche von einer ziemlich dicken Eiskruſte bedeckt war. 74 Grégoire konnte nicht umhin, dem Fremden mit den Augen zu folgen, während derſelbe mit dem mit Eiſen beſchlagenen Regenſchirme an ein Paar Stellen das Eis einſchlug, und die Maſſe durchſtieß, bis das Waſſer durch die Oeffnungen herausſpritzte. „Haben Sie einen Freund, der dort wohnt?“ ſagte der Courier höhniſch, indem das durch das Einſchlagen esps ds verurſachte Geräuſch dem eines Thürklopfers lich. 3 4„Das gerade nicht, mein Mann!“ ſprach Dalton ruhig;„aber ſo Etwas.“ „Was thun Sie denn aber?“ fragte Grégoire neugierig. „Ich will es Ihnen ſagen,“ ſprach Dalton; ich breche das Eis für einen neuen Bekannten.“ Und ſo ſprechend, faßte er den Courier an dem ſtarken, ledernen Gürtel, den derſelbe um den Leib trug, und riß ihn, ungeachtet ſeines Widerſtands und ſeines Gewichts, vom Boden auf, und würde ihn mit einem Schwunge, den Kopf voran, in den Waſſerbehälter hin⸗ einbefördert haben, als mit einem Male das Leder zer⸗ riß, und der Mann, faſt ganz betäubt vom Stoße und von der Furcht, auf den Boden hinplumpte. „Danken Sie dem Riemen, daß Sie ſo davon gekom⸗ men ſind,“ ſagte Dalton verächtlich, als er ihm die Bruchſtücke des zerriſſenen ledernen Gürtels zuwarf. „Ich werde Sie bei der Polizei und beim Gerichte verklagen. Sie müſſen mir dafür in den Kerker, in's Loch, in Ketten!“ kreiſchte Grégoire, der vor Zorn halb erſtickte.. „Ich ſtecke Sie, ſo wahr ich da bin, in den Waſ⸗ ſerbehälter, wenn Sie ihr ungewaſchenes Maul nicht halten! Setzen Sie ſich dahin, und thun Sie, was Ihres Amtes iſt; und vor Allem ſeien Sie höflich, und thun Sie, was man Sie heißt.“ „Ich will fort, ich will fort. Nichts kann mich in dem Dienſt zurückhalten,“ ſagte Grégoire, der den 84 75 Schmutz von ſeinem Aermel ahbürſtete und von ſeiner Mütze ſchüttelte.„Ich bin ein reſpektabler Courier— reiſe mit Fürſten von königlichen Häuſern— mit Ruſſen, Franzoſen, Oeſterreichern; nie aber mit Barbaren, nie mit wilden Thieren.“ 3 „Thun Sie das nicht; thun Sie es nicht, ich ſag' es Ihnen,“ ſprach Dalton abermals mit dem verräthe⸗ riſchen Lächeln, das er ſo eben gezeigt, und deſſen Be⸗ deutung der Courier nun zu verſtehen anfing.„Kein dummes Geſchwätz! keinen Unſinn! ſondern gehen Sie an Ihre Arbeit, wie es einem ordentlichen Bedienten jemt.“ 4„Ich bin kein Bedienter; ich bediene Niemand,“ rief der Courier zornig. Allein es lag in dem Geſichte des alten Dalton ein gewiſſes Etwas, was zu keinem offenen Widerſtande ermuthigte, und Monſieur Grégoire wußte recht wohl, wo es gerathen war, nachzugeben. Auch wußte er, daß es in ſeiner Macht ſtand, ſich hundertfach zu rächen, wodurch er eine ihm zugefügte Beleidigung mit Zinſes⸗ zinſen wieder heimzahlen konnte.„Ich will die paſ⸗ ſende Zeit abwarten:“— mit dieſem Gedanken beſchwich⸗ tigte er ſeine Wuth und ſtellte ſich, als habe er die grobe Beleidigung vergeſſen, der er ſo eben ausgeſetzt geweſen. 5 Dalton, der ein ganz anderes Naturell hatte, und ohne viele Mühe ſich oder ſeinem Nachbar verzeihen konnte, wandte ſich jetzt ganz ruhig weg und ging auf die Straße hinaus. Die Roͤthe, wovon ſeine Wange in Folge des augenblicklichen Zorns überflogen geweſen war, war nun verſchwunden und auf ſeinen bleichen Geſichtszügen lag ein trauriger Ernſt; denn ſein Auge ruhte auf der kleinen hölzernen Brücke, die über das kleine Waſſer führte, und wo jetzt zwei eingemummte Figuren ſtanden, die er alsbald als ſeine Töchter er⸗ kannte. Sie lehnten ſich auf das Geländer und blickten den 76 Berg an, der, von dicht neben einander ſtehenden Tan⸗ nenbäumen bedeckt, ſich neben dem Waſſer ſteil erhob. Er war der Schauplatz mancher glücklichen Wanderung während des Herbſtes, war der Schauplatz mancher wonnevollen Erkurſion geweſen, als ſie mit Frank kleine Holzſtöcke ſuchten, die Nelly zu ihren Schnitzereien brauchen konnte. Wie oft hatten ſie ihren kleinen Korb jenen ſteilen Pfad hinangetragen, um ihr beſcheidenes Nachteſſen auf dem Felſen zu eſſen, von wo man die untergehende Sonne ſehen konnte. Da war kein Fels⸗ ſtück, keine Klippe, kein mooſiger Abhang, keine Gras⸗ bank, die ſie nicht kannten; und jetzt, wo ſie hinblickten, drängten ſich alle vergangenen vergnügten Augenblicke ihrem Gedächtniſſe wieder auf, mit der düſteren Ahnung, daß dieſelben nie wiederkehren würden. „Dort iſt der Rieſenfels, Nelly,“ fagte Kate, in⸗ dem ſie auf einen großen, dunkeln Felſen hindeutete, an deſſen Abhängen der zuſammengewehte Schnee ſich feſtgeſetzt hatte.„Wie traurig und trübſelig ſieht er doch jetzt aus, wenn ich ihn dem Felſen gegenüberſtelle, den ich an Frank's Geburtstag ſah, als die Nachtigall über unſern Häuptern ſang, und das rieſelnde Waſſer funkelnd über das Gras herkam, wo wir beiſammen ſaßen. 8 kommt mir nicht ſo ſchwer an, mich von ihm in ſeinem jetzigen Zuſtande zu trennen, als wenn Alles ſo ſchön, wie damals wäre.“ Nelly ſeufzte und faßte die Hand ihrer Schweſter noch feſter, antwortete aber Nichts. „Erinnerſt Du Dich noch an des armen Hanſerl's Lied— und an ſeine kleine Rede, worin er davon ſprach, daß wir uns Alle im nächſten Jahre dort wieder zu⸗ ſammenfinden wollten— Nelly 7“ Ich erinnere mich derſelben wohl noch,“ ſagte Nelly mit leiſer, flüſternder Stimme. „Und als Frank aufſtand, und den kleinen vergol⸗ deten Becher nahm, und ſprach: 84 84 77 „„Mit Herzen, ſo frei von Schmerz und Sorge, Ich trink' auf'ne glückliche— ergänzte Hanſerl ſo paſſend den Vers durch das Wort „„Wiederkehr.““ Wie lachten wir da Alle, Nelly?“ „Ich erinnere mich deſſen noch gar gut!“ ſeufzte Nelly immer leiſer. „An was denkſt Du denn, theuerſte Nelly?“ ſagte Kate, als ſie die ſorgenbeladenen Geſichtszüge ihrer Schweſter ein Paar Minuten hindurch angeblickt hatte. „Ich dachte daran, Theuerſte,“ ſagte Nelly,„daß, als wir an jenem Abende dort verſammelt waren, Kei⸗ nes von uns vorausſah, was ſeitdem geſchehen iſt. Wir hatten auch nicht die geringſte Ahnung von einer Tren⸗ nung. Unſere Schickſale ſchienen wenigſtens an einan⸗ der gekett et zu ſein, was auch geſchehen mochte. So⸗ gar unſere Armuth ſah wie eine Bürgſchaft unſeres Zuſammenhaltens aus, und doch ſiehſt Du, was jetzt geſchehen iſt:— Frank iſt fort; Du, Kate, biſt im Be⸗ griffe, uns zu verlaſſen. Wie ſollen wir alſo auf die Zukunft rechnen können, da die Vergangenheit an uns alſo die Verrätherin geſpielt hat? Wie ſollen wir im Sturme unſeren Weg auf dem Ocean finden, wenn wir ſchon bei ganz ruhiger See davon abgekommen ſind?“ „Nelly! Nelly! Jeden Augenblick werde ich bei dem Gedanken an bie Trennung verzagter. Es iſt mir, als ob ich, um einer bloßen Laune zu fröͤhnen, ein großes Wageſtück unternähme, und mich irgend einer großen Gefahr ausſetzte. Erſcheint es Dir auch ſo?“ „Mit welchen Erwartungen trittſt Du in die große Welt ein, die ſich vor Dir öffnet, Kate? Iſt es bloße Neugierde, nun mit eigenen Augen die glaͤnzenden Sce⸗ nen zu ſehen, von denen Du bis jetzt bloß geleſen haſt? Trittſt Du in die Welt mit der Hoffnung, daß Du finden werdeſt, es ſeien die Eleganz und die Herzens⸗ güte zwei Schweſtern; es ſei die Verfeinerung der Sitten— die Begleiterin edler Geſinnungen und recht⸗ ſchaffener Handlungen— oder lauert in Deinem Her⸗ 78 zen die Sehnſucht nach einer Sphäre, in der Du ſelbſt ⸗ um den Preis der Bewunderung ringen könnteſt? Oh! wenn das einen Theil Deiner Wünſche bildet, liebe Schweſter, ſo ſei auf Deiner Hut. Je würdiger Du ſolcher Huldigungen biſt, um ſo größer iſt die Gefahr für Dich! Nicht darum, weil ich aller Verſuchungen dieſer Art überhoben bin; nicht darum, weil mir die Reize der Schönheit mangeln, ſpreche ich alſo:— ſelbſt die arme, lahme Nelly kann die Liebe zur Bewunderung nicht aus ihrem Weiberherzen reißen. Allein, was Dich betrifft, ſo fürchte ich— für Dich, Kate, da dieſe Ver⸗ ſuchungen noch dadurch werden erhöht werden, daß Du wirklich verdienſt, bewundert zu werden. Du biſt ſchön, und Du errötheſt, während ich das Wort ausſpreche; allein wie wird es ſein, wenn die Zeit kommt, wo Du es gleichgültiger anhörſt:— was wird das zarte, be⸗ ſcheidene Schamgefühl erſetzen, wenn es einmal dahin iſt? Der Stolz— ja, meine theure Schweſter, der Stolz und der Ehrgeiz! Du wirſt Dich nach einer Stellung ſehnen, die mit Deinen Prätenſionen mehr im Einklange ſteht, und Deinem Geſchmacke mehr ange⸗ meſſen iſt.“ „Wie Unrecht thuſt Du mir doch, Nelly!“ fiel Kate plötzlich ein.„Der glänzendſte Traum dieſer gan⸗ zen glänzenden Zukunft iſt die Hoffnung, daß ich, eurer Liebe würdiger, zurückkomme; daß ich, einige jener Züge mir aneignend, deren Zauber wir bereits verſpürt haben, unter unſer beſcheidenes Dach wenigſtens einige Erinnerungen mitbringen werde, um Dir damit Deine mühſame Arbeit zu erleichtern und zu verkürzen.“ „Ach, wenn dieſe Zeit einmal käme 14 „Und ſie wird kommen, theuerſte Nelly,“ ſagte Kate, während ſie ſie mit ihren Armen umſchlang und ſie liebevoll küßte.„Aber ſieh doch! dort ſteht Papaz er winkt uns, daß wir zu ihm hinkommen ſollen.“ Und die beiden Mädchen eilten nach dem Orte, nach der Straßenecke hin, wo Dalton ſtand. 3 — — 79 „Ich denke, daß wir jetzt hinaufgehen ſollten,“ ſprach Dalton mit einer Handbewegung nach dem Hotel hin.„Gebt mir jede einen Arm.“ Sie gehorchten und gingen ſchweigend fort bis ſie im Gaſthofe ankamen, in welchen Dalton mit einer ge⸗ wiſſen, angenommenen Ruhe und einem gewiſſen Ver⸗ trauen trat, die bei ihm gewöhnlich einen ſchwachen Vorſatz und einen zweifelnden Geiſt zum Hintergrund hatten. 4 „Iſt Sir Stafford oder Lady Onslow zu Hauſe?" fragte er Herr Twig, der, mit einer Cigarre im Munde und einem„Galignani“ in der Hand, ſich nicht von dem Sitze erhob, den er einnahm. „Kann's Ihnen nicht ſagen, Sir,“ lautete die kühle Antwort, die er von ſich gab, ohne von ſeiner Zeitung aufzublicken. „Wiſſen Sie es, Ma'am?“ ſagte er, ſich an Made⸗ moiſelle Cöleſtine wendend, die in dem Augenblicke zu⸗ fällig vorüberging.„Wiſſen Sie, Ma'am, ob Lady Onslow zu Hauſe iſt?“ „Sie empfängt morgens nie,“ lautete die kurze Antwort. Und mit einem recht unverſchämten, ſtarren Blicke auf die beiden Schweſtern, deren Anzug ihrer Inſolenz keinen Zwang auferlegte, fuhr Mademoiſelle an ihnen vorüber. „Kommt mit mir, Mädchen!“ ſagte Dalton ärger⸗ lich, da er ſeinen Kindern nicht als ein Mann erſchei⸗ nen wollte, dem es an Takt und Weltkenntniß fehle. „Kommt mit mir!“ 8 Und nun ging es kühn die Treppe hinauf. 3 Sie kamen an einer in ein großes Zimmer führen⸗ den, offenen Flügelthüre an. Im Zimmer ſelbſt lagen eine Menge Schachteln, Koffer und Reiſegeräthſchaften aller Art. Durch dieſe hindurchſteuernd, ging Dalton, während er ſeine Töchtern draußen ließ, auf eine Thür 80 zu, die in ein inneres Zimmer führte, und klopfte mit ſeinen Knöcheln laut an. „Sie können es nun fortnehmen; ich habe kaltes Waſſer genommen!“ rief eine Stimme von Innen, die ſich alsbald als die des Dr. Grounſell zu erkennen ab.— 1 Dalton klopfte abermals und zwar vertrauensvol⸗ ler an. „Gehen Sie zum Teufel, ſage ich,“ rief der Doktor; „Sie ſind Schuld, daß ich mich geſchnitten habe.“ Und mit dieſen Worten riß der wüthende Groun⸗ ſell, deſſen Geſicht voller Seife und voller Blut war, die Thüre auf. 1 „Oh, Dalton, Sie ſind es, und auch die Damen ſind da,“ fuhr der Doktor fort, der beſchämt zurück⸗ ſprang, als ihn Kate's lautes Gelächter begrüßte. „Kommen Sie herein, Dalton, kommen Sie herein!“ ſagte er, den Vater fortziehend und die Thüre hinter ihm zumachend.„Es verlangte mich ſehr, Sie zu ſehen, Mann; ich dachte ſo eben daran, wie ich es an⸗ greifen könnte, um ein Paar Minuten mit Ihnen zu ſprechen. Welche Antwort haben Sie auf den Brief gegeben, den man Ihnen geſchickt hat?“ „Welche glauben Sie?“ ſagte Dalton in ſcherz⸗ haftem Tone, während er ſich auf einen comfortablen Stuhl niederließ. „Was ich glaube, daß Sie ihnen geantwortet ha⸗ ben?“ wiederholte der Doktor zwei bis dreimal. „Fürwahr, ich weiß nicht, was ich glauben ſoll! Ich weiß bloß, was ich gern hoffe und wünſche, daß ge⸗ ſchehen ſein möchte?“ „Und was iſt es?“ ſprach Dalton mit einem faſt ſtrengen Blicke; denn er wußte gar wohl, was der Doktor von der Sache hielt. „Natürlich meine ich eine abſchlägige Antwort,“ ſagte Grounſell, der ſich noch nie in ſeinem Leben durch einen Blick, ein Zeichen, oder einen Wink hatte 81 abſchrecken laſſen, wenn es galt, ſeine Meinung auszu⸗ ſprechen. „Und warum das, Sir?“ antwortete Dalton mit Wärme. „Aus allen erdenklichen Gründen. Was hat Ihr feines, edelherziges, liebes Kind mit jener verächtlichen Welt voller Neid, Bosheit und Gottloſigkeit gemein, in die Sie es hineinſchleudern möchten? Welche Aehn⸗ lichkeit in Gedanken, Gefühlen oder Inſtinkten beſteht zwiſchen ihr und jener künſtlichen Menſchenklaſſe, un⸗ ter welche Sie ſie bringen möchten; zwiſchen ihr und jener Menſchenklaſſe, deren Ehre, Delikateſſe und Grund⸗ ſätze gleich falſch ſind? An dieſen Leuten iſt nichts Reelles und Subſtantielles, als ihre Schlechtigkeit. Wären Sie ein närriſches Weib, wie die Mutter im „Landpfarrer von Wakeſield,“ ſo könnte ich Ihnen ver⸗ zeihen, allein mit einem Manne, wie Sie ſind— mit einem ſo viel geprüften, weltlich geſinnten Manne, der weiß, was die Armuth iſt, der die vielen Leiden und Schwierigkeiten des Lebens kennt, mit einem ſolchen Manne habe ich keine Geduld— ich will verdammt ſein!“ „Wenn Sie noch eine Weile ſo fortmachen, ſo habe ich keine Geduld mehr mit Ihnen,“ ſagte Dalton, indem er die Fauſt ballte und damit heftig auf ſeine Knie ſchlug.„Sie meinen von uns, als von Leuten ſprechen zu können, die im Leben nie beſſere Tage ge⸗ ſehen; allein ich möchte Ihnen zu wiſſen thun, daß wir in unſern Adern beſſeres Blut haben—“ „Der Teufel hole Ihr Blut! Schon wieder ſind Sie Schuld geweſen, daß ich das meinige vergieße,“ rief Grounſell, indem er ſich ein Stück von ſeinem Kinn abſchnitt und vor Zorn ganz außer ſich, das Ra⸗ ſtermeſſer hinwarf, während in Dalton's Grinſen eine boshafte Schadenfreude zu bemerken war. „Konnte Ihr gutes Blut Sie nicht vor einem Ding bewahren, das ſehr wie Abhängigkeit ausſieht?“ Die Daltons. II. 6 8² Dalton ſprang auf die Beine, erfaßte den Stuhl und hob ihn in die Höhe; allein eben ſo plötzlich ſtieß er ihn wieder auf den Boden, ohne dabei ein Wort zu ſprechen.— „Fahren Sie fort!“ rief Grounſell in herausfor⸗ derndem Tone.„Ich möchte lieber, daß Sie mir den Schädel einſchlügen, als daß Sie dem lieben Mädchen das Herz brächen; und Letzteres wollen Sie mit aller Gewalt thun. Ja, ihr das Herz brechen! nicht weniger. Sie können mich mit dieſen zornigen Blicken nicht ſchrecken, Mann! Auch können Sie mich nicht dadurch verwunden, daß Sie mich mit gleicher Münze bezahlen, und mich einen abhängigen Menſchen nennen. Ich weiß, daß ich ein ſolcher bin. Ich kenne gar wohl all' das Unwürdige, alle Schande, aber ich kenne auch all' das Elend dieſer Stellung. Allein, merken Sie wohl auf das, was ich Ihnen jetzt ſage: Die Schmach und der Kummer endigen da, wo ſte anfangen— d. h. bei mir allein. Ich habe Niemand, der für mich zu errölhen braucht; ich ſtehe allein in der Welt,— ein armer, beſchädigter, ſaft⸗ und blattloſer Baumſtamm. Allein bei Ihnen ſſt das nicht der Fall. Kommen Sie, kommen Sie, Dalton; Sie bilden ſich ein, Etwas vom Leben zu wiſſen, weil Sie ſo viele Jahre unter Ihres Gleichen und unter Nachbarn in Ihrem Heimathlande gelebt haben; allein Sie wiſſen Nichts— abſolut Nichts— von der Welt, wie ſie hier iſt.“ Als Dalton dieſe Worte höoͤrte, brach er in ein der⸗ bes, aber verächtliches Gelächter aus. Eine ſolche An⸗ klage hatte in der That für ihn etwas Ueberraſchendes⸗ Ihm, Peter Dalton, der auf einen Blick wußte, ob ein Pferd den Spath hatte; der eine Flußgalle leichter ent⸗ decken konnte, als irgend ein Mann in der Grafſchaft; — ihm, der ſich nie von einem ſehr laut bellenden Hunde, oder einem Krippenbeißer taͤuſchen ließ— ihm ſagte man, er wiſſe vom Leben Nichts!. „Das genügt, das genügt, Doktor!“ ſagte er mit 1 ⸗* 83 einem höchſt mitleidigen Lächeln über die Unwiſſenheit des Andern.„Hoffentlich verſtehen Sie ſich beſſer auf die Medizin, als auf Männer und Frauen.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, ſchlug die Thüre heftig hinter ſich zu, und ſchämte ſich wirklich, daß er ſich durch eine Perſon, der es offenbar an der gewöhnlichſten Weltkenntniß gebrach, hatte in Harniſch jagen laſſen. „Es thut mir leid, daß ich Euch habe ſo lange warten laſſen, Mädchen,“ ſagte er, als er zu denſelben herankam.„Auch hätte ich meine Zeit gewiß beſſer be⸗ nützen können. Allein es liegt Nichts daran; wir müſſen jetzt ihre Ladyſhip ausfindig zu machen ſuchen, denn der Morgen verſtreicht allmählig.“ Während er ſo ſprach, erſchien George Onslow, der ſie, nachdem er die kleine Geſellſchaft mit vieler Herzlichkeit gegrüßt, in das Frühſtückszimmer führte, wo Sir Stafford, Lady Heſter, und Miß Onslow ſaßen. Wenn die Aufnahme, welche die beiden Schweſtern bei Sydney fanden, nicht ſo enthuſiaſtiſch war, wie die der Lady Heſter, ſo war ſie darum nicht weniger freund⸗ lich. Nelly ward faſt augenblicklich von der unaffektir⸗ ten Leichtigkeit und Einfalt ihres Benehmens einge⸗ nommen. Was Dalton ſelbſt betraf, ſo hatte ihre Ladyſhip beſchloſſen, ihn mit Sturm zu erobern. Sie ließ ihn von ſeinen Ahnen und deren Reichthum ſchwatzen; hörte ihm mit gekünſteltem Intereſſe bei allen ſeinen nie enden⸗ wollenden Geſchichten von den Daltons der letzten ſechs Generationen zu, und ſtellte ſeinem Bedauern über die bevorſtehende Abreiſe ſeiner Tochter gar liſtig den Troſt entgegen, daß ſie ja nicht zu Fremden käme, ſondern zu Leuten, die durch Bande des Blutes mit ihr verbun⸗ den wären. Mittlerweile hatte George ein Paar Verſuche ge⸗ macht, mit Kate ein Geſpräch anzuknüpfen; allein ſein Verſuch blieb ziemlich erfolglos, ſei es, daß das Mäd⸗ 84 4 chen in dem Augenblicke allzu beſangen war, was nicht Wunder nehmen darf, wenn man bedenkt, wie aufgeregt ſie im Augenblicke des Scheidens ſein mußte,— oder daß die Gegenſtände, die er auf's Tapet brachte, ihr ganz und gar neu waren und ſeltſam vorkamen. Auch drückte ſie ein Gefühl der Scham über ihr und ihrer Schweſter Aeußeres, wenn ſie die ruhige Eleganz der Lady Heſter und Miß Onslow's Anzug dagegen hielt, darnieder. Es war ſonderbar, daß ſich jetzt dieſes Gefühl in ihr regte. Hatte ſie doch dis daher nie einen Gedanken an ſolche Gegenſtände verſchwendet. Und doch waren jetzt ihre Gefühle tief und bitter genug; und als ſie von dem rauſchenden, ſeidenen Gewande weg— und auf die Falten ihres eigenen, ſchlichten Anzugs blickte, ſchlug ihr Herz in ſchmerzlicher Weiſe, und ging ihr faſt der Athem aus. War ſchon eine Aenderung mit ihr vorgegangen, daß Gedanken, wie dieſe, einen ſo ſtarken Eindruck auf ſie hervorbringen konnten? Hatte Adam's erſte Scham ſich auf ſeine Tochter vererbt?„Wie wenig gleiche ich doch ihnen!“ war der bittere Gedanke, der in ihrem Geiſte aufſtieg, und ſich krebsartig in ihr Herz hineinfraß. Das Gefühl der Inferiorität wird, ſo peinlich und — quälend es auch ſchon an und für ſich iſt, noch nnend⸗ lich unerträglicher, wenn es mit gewiſſen Dingen von geringer Bedeutung in Verbindung kommt. Das Ge⸗ fühl, daß zwiſchen uns und der höheren Geſellſchaft an⸗ ſcheinend nichts Anderes liegt, als bloße conventionelle Formen und Kunſtgriffe, empört den Menſchen, und ob⸗ gleich Kate die Quelle ihres unbehaglichen Gefühls nicht kannte, ſo hatte daſſelbe doch ſeinen Grund eini⸗ germaßen in dieſem Faktum. Jede kleine Geberde, jede Bewegung, die kleinſten Eigenthümlichkeiten in der Stimme oder Ausſprache erſchienen ihr nun als die Eigenthümlichkeiten einer Menſchenklaſſe, der ſie trotz aller Nachahmung nie ähnlich ſein würde. Hätte ſie 8⁵ ſich nicht geſchämt, ſo würde ſie ſich jetzt zur eilften Stunde noch zurückgezogen haben. Mehr als einmal ſtand ſie auf dem Punkte, zu geſtehen, was in ihrem Innern vorging; allein Befürchtungen verſchiedener Art — die Furcht, ihren Vater zum Zorn zu reizen, ſich lächerlich zu machen, oder als ein leichtſinniges Mäd⸗ chen angeſehen zu werden— vereinigten ſich, um ihr den Mund zu ſchließen; und ſo ſaß ſie da und hörte Beſchreibungen von Vergnügungen und Scenen zu, woran ſie ſchon alles Intereſſe verloren hatte, und an die ſich in irgend einer Weiſe das Gefühl ihrer jetzigen Inferiorität knüpfte. Nie ſchien ihr die Heimath ſo viele Reize zu haben, als in dieſem Augenblicke; der beſcheidene Ofen im Winter; die glücklichen Abende bei dem kleinen Hanſerl; die Wanderungen im Walde an Sommertagen; ihre kleinen Mahle neben dem Waſſerfalle, unter den mit Epheu bekleideten Mauern von Eberſtein— Alles das ſtieg vor ihr auf. Es waren dieß in ihrer beſcheidenen Lebensſtellung ächte, reine Freuden, und warum ſollte ſie ihnen nun entſagen? Faſt hatte ſie ſchon ſo viel Muth gefaßt, um zu ſagen, daß ſie nicht mitgehen wolle, als ein zufällig geſprochenes Wort ihr Ohr traf— ein Wort! Wie wenig iſt das doch, um ein Schickſal davon abhängig zu machen! Es war Lady Heſter, die, mit Herrn Dalton in halb flüſterndem Tone ſprechend, ſagte: „Sie wird wahrhaft ſchön ſein, wenn ſie angemeſ⸗ ſen gekleidet iſt.“ War ſonach dieſes Alles, was nöthig war, um ihr das Gepräge der Andern aufzudrücken, um ſie den An⸗ dern ähnlich zu machen? Oh, wenn ſie es doch nur hätte glauben können! Wenn ſie ſich nur hätte einbilden können, daß, in einer mehr oder minder entfernten Zukunft, ſie einer ſo graziöſen Eleganz theilhaftig werden würde; daß das ſanfte, ſchmachtende Weſen, die züchtige Ruhe Sydney's, oder die glänzende, 86 funkenſprühende Leichtigkeit der Lady Heſter ſelbſt auch auf ſie übergehen könnte! „Auf welche Stunde ſoll ich die Pferde beſtellen, Saar?“ ſagte der Courier, den Kopf in das Zimmer hereinſtreckend. „Ich weiß es fürwahr nicht— was ſagen Sie, Lady Heſter?“ 5 8 „Ich bin ganz parat— wenn es Ihnen recht iſt, ſo können wir ſchon in dieſem Augenblicke abreiſen— ich bin in der That ſtets die erſte,“ ſagte ſie heiter; „Niemand trifft weniger Reiſeanſtalten, als ich. Sehen Sie hin, dort iſt Alles, was ich brauche!“— und ſie deutete auf einen Fächer, und ein Buch, und ein Riech⸗ fläſchchen hin; gleich als ob ſie gar Nichts weiter brauchte, und als ob die vier großen Imperialen und ein Dutzend geräumiger Schachteln nicht mit ihrer Garderobe belaſtet und bepackt wären.„Ich kann den Lärmen und die Umſtände nicht leiden, den gewiſſe Leute eine Woche, ja ſogar einen Monat vor der Reiſe, die ſie antreten wollen, machen; ſie bringen ſich und ihre ganze Umgebung aus der Ordnung; legen die Hälfte der jeden Tag nothwendigen Dinge hinter Schloß und Riegel, und ziehen alle alten Mäntel und Anzüge wie⸗ der an's Tageslicht. Was mich betrifft, ſo mache ich mich ebenſo leicht auf die Reiſe, als ich in die Oper gehe, oder nach dem Park ausfahre— ich verlange meinen Hut, und dann iſt es aus!“ 5 Es lag hierin einige Wahrheit. In der That koſtete es ihrer Ladyſhip, wenn es galt, eine Reiſe an⸗ zutreten, nicht mehr Nachdenken, als ob die Reiſe eine bloße Promenade geweſen wäre. „Es iſt jetzt zwei Uhr,“ ſagte Sir Stafford,„und wenn wir noch heute Abend nach Offenburg kommen wollen, ſo dürfen wir keine Zeit mehr verlieren. Haben Sie uns nicht gerathen, Herr Jekyl, heute unſer Nacht⸗ quartier zu Offenburg zu nehmen?“ „Ja, Sir Stafford,“ antwortete die angeredete 2 87 3 Perſon lächelnd.„Es iſt ein höchſt comfortables kleines Gaſthaus; auch kann ich den Koch deſſelben mit beſtem Gewiſſen empfehlen.“ „Hat Jemand, beiläufig geſagt, hier daran gedacht, das Luncheon zu beſtellen?“ rief George. Jekyl nickte, um anzudeuten, daß er es an dieſer Vorſichtsmaßregel nicht habe fehlen laſſen.. „Und Herr Jekyl,“ ſagte Lady Heſter,„wo ſind die Dompfaffen, denn ich muß ſie haben?“ „Sie ſind in ihren Käfigen in Sicherheit, und be⸗ finden ſich in unſerer Britſchka, Madam. Auch werden Sie finden, daß Sie Ihr Skizzenbuch, ſowie Ihre Waſ⸗ ſerfarben jeden Augenblick haben können, Miß Onslow,“ ſagte er mit einer ehrerbietigen Geberde. Sie lächelte, und gab ihren Dank durch eine ſtille Verbeugung zu erkennen. „Und die Pferde, Saar?“ fragte der Courier noch einmal; denn während dieſes Geſprächs hatte er dage⸗ ſtanden, um die nöthigen Befehle zu erwarten. „Sagen Sie es ihm doch, Herr Jekyl!“ ſagte Lady Heſter in jenem ſchmachtenden Tone, der ſattſam an⸗ zeigte, welche Abneigung ſie gegen die auch mit einem unbedeutenden Grade von Entſchloſſenheit verbundene Mühe hatte. „Ich denke, in einer Stunde, Grégoire,“ ſagte Jekyl ſanft.„Und vielleicht wäre es beſſer, wenn Sie ſehen würden, ob— Welcher Art aber der Gegenſtand war, dem der Courier ſeine beſondere Aufmerkſamkeit widmen follte, davon ſteht in dieſer Geſchichte Nichts; indem der Red⸗ ner, ſobald er ſo weit gekommen war, zur Thüre hin⸗ ausging, und während des Gehens in leiſem und ver⸗ traulichem Tone ſprach. „Ein capitaler Burſche— der Jekyl!“ rief George aus;„er vergißt doch Nichts.“ „Er ſcheint ein überaus fein gebildeter Reiſender zu ſein,“ ſagte Sir Stafford. 88 „Und ein ſolcher Sprachkenner!“ ſagte Sydney. „Und ſo unterhaltend!“ ſetzte my Lady hinzu. „Und ein ſolcher Spitzbube!“ murmelte Dalton vor ſich hin, der, obgleich er ſo unendlich leicht zu hin⸗ tergehen war, ſobald der Betrug die Form der Schmeichelei annahm, ohne Mühe die Schurkenſtreiche entdecken konnte, deren Opfer Andere wurden, und mit einem Blicke den Charakter des neuen Bekannten las. „Lieben Sie die mit einer Reiſe verbundene Ge⸗ ſchäftigkeit und Aufregung nicht, mein liebes Kind?“ ſagte Lady Heſter zu Kate, die, mit roth geweinten Augen und überaus blaſſen Wangen, in einer Fenſter⸗ vertiefung ſtand, um der Beobachtung zu entgehen. „Es iſt immer ſo etwas Abenteuerliches um eine Reiſe. Sie wiſſen, man kann Räubern in die Hände fallen oder aber kann der Wagen umgeworfen werden, wie dieß vor einigen Tagen uns paſſirte; oder aber kann man für Jemand anders angeſehen und in's Gefängniß geſchleppt werden. Es regt Einen ſo gewaltig auf, wenn man an ſolche Dinge denkt, und um ein mono⸗ tones Leben iſt es etwas ſo Abſcheuliches.“ Kate verſuchte es, ihren Beifall durch ein ſanftes Lächeln zu erkennen zu geben, und Lady Heſter fuhr in derſelben Weiſe fort, Alles und Jedes, was einige Auf⸗ regung verſprach, bis an den Himmel zu erheben und als höchſt wonnevoll zu ſchildern. „Sie wiſſen, mein liebes Kind,“ ſetzte ſie hinzu, „daß dieſer kleine Ort bald eine Urſache des Todes für mich geworden wäre. Mein Leben lang hatte ich mich noch nie ſo gelangweilt; und ich gelobe, daß ich bis zu meinem Todestage eine Mühle und einen Tannenwald verabſcheuen werde. Hätte ich nicht das Glück gehabt, Ihre und Ihrer holden Schweſter Bekanntſchaft zu machen, ſo weiß ich in der That nicht, was wir gethan haben würden; allein es iſt jetzt Alles vorüber. Die trübe Zeit iſt nun vorüber, und wenn wir um den Fuß —— 89 jenes Hügels dort biegen werden, ſo werden wir den Ort zum letzten Male geſehen haben.“ Kate wollte faſt das Herz zerſpringen, als ſie dieſe Worte hörte. Es würde zu jeder Zeit eine Profanation geweſen ſein, ſo von dem kleinen Thale zu ſprechen; allein es jetzt zu thun, wo ſie im Begriffe war, es zu verlaſſen— wo ſie im Begriffe war, ſich von allen Banden der Liebe und Freundſchaft loszureißen, ſchien eine wahre Grauſamkeit zu ſein.— „Kleine Orte ſind für mich ein Abſcheu,“ fuhr Lady Heſter fort, die, ſo bald ſie an ihrem eigenen Gerede Vergnügen fand, ſich nie viel darum kümmerte, welche Wirkung daſſelbe auf Andere hervorbrachte.„Ohne daß man es merkt, ſinkt man bis zu dem Maßſtabe einer kleinen Lokalität, mit ihren kleinen Intereſſen, ihren kleinen Leiden, und ihren kleinlichen Schwätzereien, herab— ſind Sie nicht auch dieſer Meinung, meine Liebe?“ „Wir waren hier ſo glücklich!“ murmelte Kate mit einer Stimme, die anzeigte, wie viele Mühe es ihr koſtete, die Worte herauszubringen. 3 „Natürlich waren Sie recht glücklich, mein Kind; und es war recht gut von Ihnen, daß Sie es waren. Ja, recht gut, und recht paſſend.“ Hier nahm Lady Heſter einen eigenthümlichen Ton an, von dem ſie ſtets Gebrauch machte, wenn ſie ſich einbildete, daß ſie mo⸗ raliſtre.„Ein von Natur liebenswürdiges Weſen, und Alles das iſt in der That recht fein und gutv; allein ich ſehe, daß das Luncheon ſervirt iſt, und jetzt, meine Liebe, wollen wir uns ungeſäumt an den Tiſch ſetzen. George, wollen Sie Miß Dalton den Arm geben? Herr Dalton— aber wo iſt denn Herr Dalton 27 „Papa hat ihn in ſein Ankleidezimmer mitgenom⸗ men,“ antwortete Sydney;„allein er hat den Wunſch ausgedrückt, daß Sie nicht auf ihn warten möchten; ſie werden in einem Augenblicke wieder hier ſein.“ „Keine Lady wartet beim Lunchesn,“ ſagte Lady 90 Heſter ſchnippiſch, während ſie, Kate beim Arm nehmend, dieſelbe in das anſtoßende Zimmer führte. Die Geſellſchaft hatte ſich kaum zum Luncheon niedergelaſſen, als Jekyl ſich wieder zu ihnen geſellte. In der That hatte Lady Heſter bloß ſo viel Zeit, um ſich über ſeine Abweſenheit zu beklagen, als er bereits auch da ſtand; denn es gehörte mit zu den Kunſtgriffen des genannten Herrn, ſich nur ſo lange vermiſſen zu laſſen, daß man ihn wegen ſeines Ausbleibens nicht tadeln konnte. Und jetzt kam er, um zu ſagen, daß Alles parat wäre. Die Poſtillone ſäßen bereits im Sattel; die Wagen ſtänden vor der Thüre; die Relais wären auf dem ganzen Wege bereits beſtellt, und ebenſo auch das Souper, welches die heutige Tagesarbeit kroͤ⸗ nen ſollte. Dieſe angenehmen Facta würzte er mit einem Lauffeuer von allerlei Plaudereien und Nach⸗ äffungen, wobei der Gaſtwirth und Gregorie und Ma⸗ demoiſelle Cöleſtine die Individuen waren, die herhalten mußten. Nie waren Herr Jekyl's eigenthümliche Fähigkeiten mehr vonnöthen; denn der Abſchied kam Jedermann ungeſchickt: Alles war mehr oder minder verlegen, und Niemand, Jekyl ausgenommen, war im Stande, den Ernſt des Augenblicks zu mildern. Sogar Nelly lächelte über die witzigen und luſtigen Einfälle dieſes gewandten Plauderers, und wußte ihm faſt Dank dafür, daß er ſie auf einen Augenblick von düſtereren Gedanken abge⸗ zogen. Auch wurden ſeine Bemühungen mit ſo vielem Erfolg gekrönt, daß man alle ernſteren Gedanken ver⸗ gaß, um ſeinen angenehmen Plaudereien zuzuhören, und daß man gar nicht ſo viel Zeit hatte, an den Abſchied zu denken, der in einigen Minuten erfolgen ſollte. Sir . . 3 Stafford und Herrn Dalton that es nicht leid, die Ge⸗ ſellſchaft in ſolch' angenehmer Stimmung zu finden, und es nahmen dieſelben alsbald Antheil an der all⸗ gemeinen Heiterkeit. Endllich verkündeten die Poſthörner, daß es nun —,— 91 Zeit ſei, wegzufahren, und daß die halbe Stunde, welche die deutſche Höflichkeit zum Abſchiednehmen geſtattet, verſtrichen ſei.. Eine Todtenſtille folgte auf dieſe Töne, und, gleich als ob ſie von demſelben inſtinktmäßigen Gefühle be⸗ herrſcht wären, ſtanden die beiden Schweſtern auf und zogen ſich in eine Fenſtervertiefung zurück. Bruſt an Bruſt gepreßt, und einander mit den Armen feſt um⸗ ſchlungen haltend, konnte keine von Beiden ſprechen⸗ Bei Kate folgte ein tiefer Schluchzer auf den andern, und es ſchlug ihr Herz an dem ihrer Schweſter, gleich als wollte es zerſpringen. Was Nelly betrifft, ſo war Alles, was ſie hatte ſagen wollen, ſo waren die vielen Dinge, die ſie auf den letzten Augenblick aufgeſpart hatte, vergeſſen: ſie konnte bloß die naſſe Wange an ihre eigene drücken, und mit zitternder Stimme einen Segensſpruch murmeln. „Ach, wenn ich doch nur bei Dir bleiben könnte, theuerſte Nelly,“ ſchluchzte Kate;„ſchon fühle ich meine Vereinzelung. Iſt es zu ſpät, liebe Schweſter, iſt es zu ſpät, zurückzutreten?“ „Es iſt nicht zu ſpät, wenn es nicht bloß ein au⸗ genblicklicher Schmerz iſt, den Dir der Abſchied verur⸗ ſacht, Kate; es iſt nicht zu ſpät, wenn Du glaubſt, daß Du hier glücklicher ſein würdeſt.“. „Aber, Papa! wie wird er— was wird er—“ Mehr konnte ſie nicht ſprechen, da ihr Vater zu ihnen herantrat. Eine gewiſſe Aufregung in ſeinem Weſen zeigte, daß das viele Sprechen und der Wein nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben war. Auch lag in dem Ausdrucke ſeiner Geſichtszüge Etwas, was einen Geiſt verkündete, der mit ſich nicht ganz im Reinen war — der zwiſchen zwei verſchiedenen Entſchlüſſen hin und her ſchwankte. „Du biſt ein glückliches Mädchen, Kate,“ ſagte er, ſte mit dem Arme umſchlingend und ſie an ſeine Bruſt drückend.„Das Glück, das mir heute zu Theil wird, 92²2 entſchädigt mich für manche harte Schläge des Schick⸗ ſals. Du biſt bei guten Leuten: es ſind wirklich Leute von Bildung und Stand, und außerdem iſt es ja auch unſer Blut.“ Ein tiefer, ſchwerer Schluchzer war Alles, was ſie darauf zu antworten vermochte. „Gewiß thut es Dir leid; warum ſollte es Dir nicht leid thun, Deine Heimath zu verlaſſen und unter Fremden zu leben? Auch mir thut es leid, Dich ſcheiden ſehen zu müſſen!“ „Iſt dem wirklich alſo, theuerſter Papa? Thut es Ihnen wirklich leid, ſich von mir trennen zu müſſen; wäre es Ihnen lieber, wenn ich bei Ihnen und Nelly bliebe?“ rief ſie, mit in Thränen ſchwimmenden Augen zu ihm aufblickend. „Ob es mir lieber wäre?“ ſagte er eifrig, wäh⸗ rend er ſie zwei Mal auf die Stirne küßte. Doch mit einem Male bewältigte er ſich, und ſagte mit veränder⸗ ter Stimme:„Aber das wäre ja egoiſtiſch, Kate, ge⸗ radezu egoiſtiſch, nichts Anderes. Frag' Nelly dort, ob das meine Art iſt. Nicht als ob Nelly je in Ge⸗ fahr käme, mir ein allzu gutes Zeugniß auszuſtellen!“ ſetzte er bitter hinzu. Allein die arme Nelly hörte weder die Frage, noch die letzte Stichelrede; ihr Geiſt war weit, weit weg, und ſchweifte in Reichen trübſeliger Spekulation umher. „Es thut mir leid, Sie in einem ſolchen Augen⸗ blicke unterbrechen zu müſſen,“ ſagte Sir Stafford, „allein ich glaube, ich muß Sie nun entführen, Miß Dalton, denn wir haben jetzt keine Zeit mehr zu ver⸗ lieren.“ Die Schweſtern umarmten einander noch einmal zärtlich und lange, und nun wurde Kate zwiſchen Sir Stafford und ihrem Vater dahin gefuͤhrt, während Nelly in einem halb bewußten Zuſtande, der ihr wie ein Traum erſchien, von allen Uebrigen Abſchied nahm. Die artigen Schmeicheleien der Lady Heſter prallten 3 - 93 ebenſo machtlos an ihrem Ohre ab, wie die rauheren Glückwünſche Grounſell's. George Onslow's reſpekt⸗ volles Weſen wurde von ihr ebenſo wenig bemerkt, wie Albert Jekyl's Geſprächigkeit und luſtige Einfälle. So⸗ gar Sydney's ſanfter Verſuch, ſie zu troͤſten, blieb un⸗ beachtet; und als ſie Alle nacheinander ſich entfernt hatten, und Nelly allein in dem trübſeligen Zimmer zurück geblieben war, wurde ſie ihre Einſamkeit nicht mehr gewahr, als vorher, wo Alle ſie umſtanden. Couriere und Kellner gingen ab und zu, um nach⸗ zuſehen, ob Nichts vergeſſen worden; überall wurden Thüren heftig zugeſchlagen; überall hörte man laute Rufe; kurz, die ganze mit einer Abreiſe verbundene Unruhe war im Hauſe, allein ſie bemerkte Nichts da⸗ von. Sogar, als das laute Geknall der Peitſchen der Poſtillone in dem Hofe wiederhallte, und ein geſchwin⸗ des Pferde⸗Getrappe, ſowie ein Geraſſel und Geknarre ſchwerer Räder unter dem gewölbten Thorweg ſich ver⸗ nehmen ließ, ſaß ſie immer noch bewegungslos da; auch erlangte ſie ihr volles Denkvermögen nicht eher wieder, als bis ihr Vater neben ihr ſtand, und ſagte:„Komm, Nelly, wir wollen nach Hauſe gehen!“ Dann ſtand ſie auf, und nahm ſeinen Arm, ohne ein Wort zu ſagen. Sie würde ihr Leben hingegeben haben, wenn ſie im Stande geweſen wäre, dem armen, alten Manne, deſſen Wangen von Thränen genäßt wa⸗ ren, einige Worte des Troſtes zu ſagen; allein ſie konnte keine Sylbe herausbringen. „Fürwahr,“ murmelte er,„es wird jetzt ein trüb⸗ ſeliges Haus ſein!“ Und es wurde von Beiden kein weiteres Wort ge⸗ ſprochen, während ſie die ſtillen Straßen entlang gin⸗ gen, über welche der herannahende Abend einen duüͤſteren Schatten warf. Sie gingen mit geſenktem Kopfe fort, gleich als fürchteten fie ſich, die Gegenſtände wieder zu erkennen, die ſie ſo oft mit ihr angeſehen hatten; und, 94 langſam über den kleinen Platz hinſchreitend, kamen ſie endlich vor ihrem Hauſe an.. Hier blieben ſie einen Augenblick ſtehen, und klingel⸗ ten, wie es ſonſt ihre Gewohnheit geweſen war. Die Töne des Glöckchens, die ſie bei der rings umher herrſchen⸗ den Stille deutlich hören konnten, ſchienen plötzlich Beide aus ihrem traumartigen Zuſtande aufzurütteln, denn Dalton ſagte mit melancholiſchem Lächeln: „Es kommt jetzt der alte Andy! Es iſt nicht ihr Fuß, den ich hoͤre! Oh, Nelly, Nelly, warum haſt Du mich zu dieſem Schritte bewogen! Ich weiß gewiß, daß ich nie mehr glücklich ſein werde!“ Nelly antwortete Nichts. Die Ungerechtigkeit dieſer Worte verſchwand für ſie in dem Gedanken, daß ihr Vater, indem er den Tadel von ſich auf ſte ablüde, eine Art Troſt finden dürfte; und gern wollte ſie der Gegen⸗ ſtand ſeiner Vorwürfe werden, wenn dieſes Opfer ſeinen Schmerz lindern konnte. „Entferne dieſen Stuhl; wirf ihn zum Fenſter hin⸗ aus,“ rief er zornig;„es bricht mir das Herz, wenn ich ihn ſehen muß.“ Und mit dieſen Worten ſtützte er den Kopf auf den Tiſch, und fing an, wie ein Kind zu ſchluchzen. Imanzigſtes Kapitel. Ein„Inneres,⸗ das gar klein iſt. An einem der ſchönſten Punkte jenes anmuthigen Kais, der zu Florenz unter dem Namen„Lungo l'Arnoë bekannt iſt, ſtand ein kleines, elend ausſehendes, baufäl⸗ —,— 95⁵ liges, zweiſtockiges, altes Gebäude, das zwiſchen zwei maſſiven und impoſanten Paläſten eingekeilt war, gleich als ſollte es als ein Mittel zur Schwächung der Kraft des Zuſammenſtoßes dienen. Höchſt wahrſcheinlich ver⸗ dankte es ſeinen Urſprung einer kleinen Uſurpation, und hatte nach und nach, nachdem es zuerſt eine anſpruch⸗ loſe Schuhflickerbude geweſen, ſich in ein dauerhafteres, aber eben darum für die Nachbarſchaft läſtigeres Ge⸗ wand von Stein und Möͤrtel gehüllt.— Der von dem Häuschen eingenommene Raum war ſo klein, daß auf der Vorderſeite kaum Raum genug zu einer Thüre und einem kleinen Fenſterchen daneben vorhanden war. In dem durch das Fenſterchen ver⸗ ſchloſſenen Raume hingen eine Menge Zügel, Halftern und dergleichen Geräthſchaften: da und dort konnte man auch das mit Meſſing beſchlagene Geſchirr einer Cala⸗ ſina, oder die hellfarbigen Troddeln und den franſen⸗ artigen Schmuck eines bäuerlichen Barrocino ſehen. Der kleine Raum war dergeſtalt mit Waaren an⸗ gepfropft, daß er zu allen Handelszwecken vollkommen untauglich war; und es wurde deßhalb Alles, was den Verkauf betraf, auf der Straße abgemacht, was für die Nachbarſchaft eine weitere Urſache der Belaͤſtigung war. Drohungen, Tyrannei, Beſtechungen, Verführungen, Einſchüchterungen in hundert verſchiedenen Geſtalten, — Alles hatte den Eigenthümer des Häuschens nicht zu bewegen vermocht, ſeinen Wohnſitz in einem andern Theil der Stadt aufzuſchlagen. Gigi— zu Florenz kennt man Jeden bei ſeinem Taufnamen, und nie hoͤr⸗ ten wir ihn anders nennen— widerſtand der Unter⸗ drückung eben ſo mannhaft, wie ſanfteren Einflüſſen, und behauptete das Feld, hämmerte auf ſeine alten Halb⸗ pieken los, polirte Gebiſſe, und reinigte Schabracken, ohne auch mur die mindeſte Notiz von den dadurch ſo unangenehm aufgeregten Nerven und dem Aerger ſeiner vornehmen Nachbarn zu nehmen. Nicht als ob der Mann gleichgültig gegen Geld geweſen wäre. Nicht als ob ſich an den Ort Familien⸗Erinnerungen geknüpft hätten. Auch kam ſeine Zähigkeit nicht daher, daß die Lokalität für den Betrieb ſeines Geſchäfts beſonders günſtig war, da ſeine Hauptkunden in der Regel weniger faſhionable Quartiere beſuchten. Das einfache Faktum war dieſes: Gigi war ein Florentiner, und als Floren⸗ tiner ſah er keinen Grund, warum er nicht die Sonne und den Arno eben ſo gut haben ſollte, wie die Guie⸗ ciardoni, die zu ſeiner Rechten, oder wie die Rinuneini, die zu ſeiner Linken wohnten. So klein und enge auch dieſe elende Fronte war, ſo ſchien doch die Sonne gerade ſo anmuthig darauf, wie auf die der nebenan ſtehenden ſtolzen Paläſte, und ebenſo anmuthig glitt auch der glänzende Arno mit ſeinen ſich kräuſelnden Wellchen daran vorüber, während, von dem über der Treppe befindlichen kleinen Fenſter aus, das Auge über den mit Cypreſſen bedeckten Hügel von San Miniato, und über den ſchönen Garten des Boboli⸗Palaſtes hinſchweifen konnte. Auf einer Seite lag der alte, wunderſame Bau des Ponte Veechio, mit ſeinen ſchimmernden Schätzen von Juwelen⸗Waaren, und auf der andern überſpannten die graziöſen, elliptiſchen Bogen des St. Trinita den Fluß. Der Kai vor der Thüre war der Lieblingsſammel⸗ platz von ganz Florenz,— die Promenade, wo Abends ſeine ganze faſhionable Welt ſich erging, wenn ſie nach der gewohnten Spazierfahrt im Cascini ausſtieg. Die Guardie Nobili kamen hier täglich, in all' ihrer ſchar⸗ lachenen Tapferkeit, vorüber, entweder um nach dem Piitüſchen Palaſte ſich zu begeben, oder um von da nach ihrer Kaſerne zurückzukehren; die großherzogliche Equi⸗ page ſchlug nie einen andern Weg ein. Ein beſtändiger Strom von Reiſenden, der ſich nach den großen Hotels auf dem Kai zuwälzte, trug zu dem geſchäftigen Treiben und zu dem Leben, das man dort bemerkte, bei; ſo daß man wohl ſagen konnte, das ganze Lehen, die ganze 97 Geſchäftigkeit und Bewegung der Hauptſtadt concentrire ſich daſelbſt, wie in einem Brennpunkte. So beluſtigend und intereſſant auch dieſes beweg⸗ liche Panorama oft iſt, ſo iſt es doch weniger unſere Abſicht, bei demſelben zu verweilen, als uns durch die chaotiſchen Waaren in Gigi's Bude hindurch zu drängen, und die kleine, finſtere und kunchende Treppe hinauf zu ſteigen, die zu dem erſten Stocke führt, und wo wir uns jetzt erlauben, unſere Leſer einzuführen.. Es befinden ſich dort bloß zwei Zimmer, und keines derſelben iſt größer, als ein Cabinet; indeſſen ſind ſie mit einem Grade von Prätenſion ausmöblirt, der nicht verfehlen kann, das Staunen des Eintretenden zu er⸗ regen. Seidene Draperien, geſchnitzte Schubladen⸗ Schränkchen, allerlei Bronce⸗Figuren, Porcellan, Stühle von Ebenholz und Buhl'ſche Tiſche, ein perſiſcher Tep⸗ pich auf dem Boden, eine von der Decke herabhangende Alabaſter⸗Lampe, Miniatur⸗Gemälde in hübſchen Rah⸗ men, und eine Rüſtung, welche die Wände bedeckt: dieß ſind die Gegenſtände, worauf das Auge des Eintreten⸗ den zuerſt ſtößt. In den Zimmern herum liegen reich gebundene Bücher, Kupferſtiche und Aquarelle. Durch den halb weggezogenen Vorhang hindurch, der den Ein⸗ gang verdeckt— denn eine Thüre iſt nicht vorhanden — kann man in das hintere Zimmer blicken, wo ein leichterer und modernerer Geſchmack herrſcht; und in der That geben die Vorhänge eines franzoͤſiſchen Bet⸗ tes mit ihren goldenen blumenartigen Figuren, ſowie das überall ſchimmernde und glitzernde böhmiſche Glas Zeugniß, daß ſie einer andern Zeit und einem andern Geſchmacke in Decorationsſachen ihre Entſtehung ver⸗ danken. Niicht um einer neidiſchen Freude Raum zu geben, die wir etwa bei dem Gedanken, die von uns beſchrie⸗ benen Gegenſtände herabzuſetzen, empfinden könnten, ſondern einzig und allein, um der Wahrheit die Ehre 7 Die Daltons. II. 98 zu geben, müſſen wir jetzt unſerem Leſer ſagen, daß von all' dieſer anſcheinenden Eleganz, und von all dieſem Glanze Nichts, durchaus Nichts reell iſt. Die brokatartigen Seidenſtoffe ſind alte Unterröcke geweſen; das Ebenholz iſt blos lackirt; das Elfenbein iſt ganz gewöhnliches Bein; die Statuetten ſind bloße Gyps⸗ ſiguren, die ſo glaſirt ſind, daß ſie wie Marmor aus⸗ ſehen; die Rüſtung iſt bloß papier-maché— ſogar der Eigenthümer ſelbſt, Alles iſt reine Täuſchung, reiner Trug— denn dieſer Eigenthuͤmer iſt kein Anderer, als Albert Jekyl. Nun aber ſiehſt du, mein verehrter Leſer, dieſe Dinge genau in demſelben Lichte, wie ich; nachdem wir unſerer erſten Illuſion quitt ſind, lächeln wir, wenn wir ſo nach der Reihe die ſinnreichen Kunſtgriffe unter⸗ ſuchen, wodurch die alte Kunſt oder die moderne Ele⸗ ganz nachgemacht werden ſollte. Auch iſt es möglich, daß wir an der ſich hier an den Tag legenden Kunſt uns nicht minder ergötzen, als wenn wir die wirklichen Gegenſtände vor uns hätten, welche hier künſtlich dar⸗ geſtellt ſind. Indeſſen lebt ein Individuum, deſſen Kunſtgenuß dieſes Bewußtſein keinen Abbruch thut— Jekyl hat es ſo weit gebracht⸗ daß er Alles als ächt anſteht. Wie der Indier, der zuerſt ſeinen Gott aus⸗ ſchnitzt, und ſodann anbetet, hat er Alles ſelbſt fabri⸗ cirt, und blickt nun zu ſeiner Händearbeit mit den Augen eines wahren Glaͤubigen auf. Sich graziös auf eine Ottomane lehnend, mit dem Bernſtein vorſtellenden Mundſtücke einer vergoldeten Hookah zwiſchen den Lippen, träumt er, mit halb geſchloſſenen Augen, von orientaliſcher Ueppigkeit! Ein Sybarit in ſeinem ganzen Geſchmacke, hat er ein eigenes, kleines, philoſophiſches Syſtem aus⸗ geheckt. Er hat ſo viel vom Leben geſehen, daß er weiß, daß Tauſende vom Ueberfluſſe der Reichen herr⸗ lich und in Freuden leben können, ohne dadurch Letztere im Geringſten ärmer zu machen. Bei welchem Bankette konnte nicht, nach ſeiner Philoſophie, ein weiterer Gaſt —— Platz finden? Bei welchem Feſte hatte nicht noch Einer 99 Platz? Welcher ſtolze vierſpännige Wagen konnte vor⸗ bei rollen, in dem ſich nicht noch ein freier Sitz, wenn auch nur an dem für die Bedienten beſtimmten Platze, hinten auf der Kutſche, befand? In welcher vergoldeten Gondel konnte nicht noch eine Perſon aufgenommen werden? Dieſe Vervollſtändigung der Bedürfniſſe der Welt zu bilden, iſt alſo ſeine Miſſion. Niemand erfindet eine Handthierung, ohne viele und große Glückselemente. Schon in der Schöpfungs⸗ gabe liegt Etwas, was den Sieg verſpricht. Zwar hatte es auch ſchon vor Agamemnon große Männer ge⸗ geben; ſo hatte auch ſchon vor Jekyl eine Claſſe von Menſchen exiſtirt, die ſich ein Geſchäft daraus machten, bei Andern zu ſpeiſen; allein er war dennoch der Erſte, welcher die Sache in ein Syſtem brachte, indem er zeigte, daß an allen Triumphen der Kochkunſt, an allem Glanze einer Equipage, an allen Reizen der Schönheit, an allem Zauber der hohen Geſellſchaft auch ein Mann Antheil nehmen kann, der„keine Aktie bei der Geſell⸗ ſchaft“ genommen hat, und dennoch ſeinen Platz unter den Directoren einnimmt. Hätte er bei dieſem neuen Handwerke gewöhnliche Fähigkeiten und ein untergeordnetes Talent entwickelt, ſo würde er ſich in dem gemeinen Haufen der Ununter⸗ ſcheidbaren verloren haben, die jede Stadt heimſuchen, und deren Namen nicht einmal„mit Waſſer geſchrieben“ ſind. Allein Jekyl beſaß gar viele und mannigfaltige Talente. Er hätte an einem Badeorte einen recht guten volksthümlichen Prediger abgeben können; für Nerven⸗ leidende einen recht glücklichen Doktor; vor den Ge⸗ richtsſchranken hätte er als gewandter Advokat auftre⸗ ten, bei der Zeitungspreſſe hätte er eine der erſten Rol⸗ len ſpielen können. Auch als Schauſpieler würde er recht brav, als Auctionator aber würde er wirklich glorios geweſen ſein! Bei ſolchen Eigenſchaften, bei einem überaus plaſtiſchen Witze, und einem Gewiſſen von Gummi⸗ Elaſticum,— wo war da die Gränze ſeiner Erfolge! Und in der That gab es für ihn keine ſolche. Er war bei allen Geſellſchaften der Hauptſtadt; und er wurde dort nicht bloß geduldet, ſondern war wirklich ein will⸗ kommener Gaſt. Vielleicht kam er dem Einen nicht immer als ſo ungemein geſcheidt, oder dem Andern als ſo überaus angenehm vor. Einige mochten von ſeinem Witze mehr erwarten; Andere mochten glauben, daß man ſeine geſelligen Eigenſchaften überſchätze;— allein nie wurde Jemand durch Etwas beleidigt, was von ſeinen Lippen kam. Sein großes Geheimniß ſchien in dem Faktum zu liegen, daß er, wenn man ihn leicht finden konnte, ſo bald man ſeiner bedurfte, nie um den Weg war, wenn man ihn nicht brauchte. Hätte er die Gabe der Unſichtbarkeit beſeſſen, ſo hätte er in der letz⸗ teren guten Eigenſchaft kaum glücklicher ſein können. Nie unterbrach er ein vertrauliches Geſpräch; nie ſtörte er ein téte-A-téte; eine Art Inſtinkt pflegte ſeinen Schritten Einhalt zu thun, wenn er ſich einem Boudoir näherte, wo ſeine Anweſenheit im Augenblicke nicht er⸗ wünſcht ſein konnte; und man weiß ſogar von ihm, daß er ſich von Thüren zurückzog, auf die er bereits die Hand gelegt hatte, indem es ihm plötzlich einſtel, daß es heſſer wäre, an einem anderen Tage zu kommen. Dieß ſcheinen indeſſen bloße negative Eigenſchaften zu ſein; allein ſeine poſitiven Eigenſchaften waren nicht minder bemerkenswerth. Die Fähigkeiten, welche Andere auf eine abſtrakte Wiſſenſchaft oder zu metaphpyſiſchen Forſchungen verwendet haben würden, beſchloß, er in ſcharfſinniger Würdigung ſeines Talents, auf die ihn umgebende Welt anzuwenden. Seine Botanik war eine Menſchen⸗Claſſiftcation; ſeine ganze Chemie— eine Analyſe der die Menſchen leitenden Beweggründe. Zwar mochte er dabei nicht immer ſo zart zu Werke gehen, wie der Dichter; und es mochten, wenn„der Menſch der beſte Gegenſtand iſt, woran man die Menſchheit 101 ſtudiren kann,“ ſeine Forſchungen eine Geſtalt annehmen, die bei dem Schriftſteller kaum Glück machen dürfte. Es war nicht der frei handelnde und frei denkende Menſch, es war nicht der Menſch in dem ganzen Be⸗ wußtſein ſeiner Kraft, und in der hohen Hoffnung einer großen Beſtimmung, der ihn anzog— nein! er beküm⸗ merte ſich um die kleine Menſchheit— um alle Kämpfe, und Liſten, und Anſchläge, und Pläne dieſer gottloſen Welt— um den Menſchen, inmitten des Prunks und der Citelkeit, der Bälle, der Feſtlichkeiten, der Intriguen und des Elends derſelben. Mit dem großen Dramatiker fühlte er, daß die ganze Welt eine Bühne iſt, und um die Spielenden um ſo beſſer beobachten zu koͤnnen, nahm er bloß ſolche Rollen an, die ihm geſtatteten, ab⸗ und zuzugeheu. Da⸗ durch erhöhte er ſeinen Genuß als Beobachter. So beſchaffen war unſer Freund Albert Jekyl, oder, wie er von ſeinem Bekannten gewöhnlich genannt wurde, Le Duc de Dine-out, um ihn von den Talley⸗ rands zu unterſcheiden, die Ducs de Dino find. Wir wollen nun, ohne uns in weitern Spekulatio⸗ nen zu ergehen, zu ihm zurückkommen, wie er, bei offe⸗ nem Fenſter, um die Arno⸗Sonne hereinzulaſſen, nach ſeiner ganzen Länge auf ſeiner Ottomane ausgeſtreckt lag, und ſeine Diner⸗Liſte mit prüfendem Auge überſah. Er war einige Zeit von Florenz abweſend geweſen, und während dieſer ſeiner Abweſenheit waren viele neue Leute angekommen, und einige von den alten wegge⸗ gangen. Er muſterte daher die Namen der Anweſen⸗ den und der Fehlenden, und überließ ſich ſeinen Speku⸗ lationen in Betreff der Zukunft. „Eine ſchlechte Saiſon, wie es ſcheint!“ murmelte er, als ſein Auge raſch über die Liſte der engliſchen Namen hinſchweifte, worauf auch nicht ein beſonders ausgezeichneter figurirte.„Das kommt von dem Un⸗ fuge her, den die Carbonari und die Illuminaten trei⸗ ben. Dieſe Leute erſchrecken John Bull, und Letz⸗ 103 brauche ich bloß günſtige Gelegenheiten abzuwarten, und an ſolchen wird es nicht fehlen. Der junge Gar⸗ diſt ſpielt gern. Ich muß Acht geben, daß der Fürſt Carini mir ihn nicht in Beſchlag nimmt. Miß Ons⸗ low iſt eine Liebhaberin von gothiſchen Glasmalereien; dieß endigt heut zu Tage oft mit einer Liebe zu Heili⸗ gen⸗Gebeinen und andern Reliquien. My Lady iſt mir gewiß genug; und in der That fehlt es, weun man den rauhen alten Doktor ausnimmt, der ein vermale⸗ deiter Langweiler iſt, dem ganzen Schiffchen an Ballaſt. Allein ich vergaß„„die Dalton““,— pfui über mich, denn ſie iſt wirklich recht hübſch!“ Er ſchien nun einige Minuten lang nachzuſinnen und ſeinen Gedanken den Lauf zu laſſen, bis er end⸗ lich wieder laut ſagte: „Ja, ma helle Cathérine, hätteſt Du die Bei⸗ hülfe Albert Jekyl's, hätteſt Du ſeinen guten Rath, hätteſt Du ſeinen Kopf, ſo ließe ſich nicht ſagen, was Du nicht erreichen könnteſt! Ich weiß wohl, daß es ſehr ſchwer ſein würde, Dich davon zu überzeugen, und wollte ich es verſuchen, ſo wäre es möglich, daß Du die Thorheit ſo weit triebeſt, um Dir einzubilden, ich ſei in Dich verliebt!“ Albert Jekyl verliebt! Der Gedanke war ſo vortrefflich, daß er ſich wieder hinlegte, und darüber von ganzem Herzen lachte.„Und doch,“ ſagte er nach einer Pauſe,„wirſt Du bald genug ein⸗ ſehen, daß ich Recht habe. Du wirſt einſehen, von welch ungeheurem Nutzen Dir meine Erfahrung ſein würde, wenn ſie mit Deiner Schönheit verbunden wäre. Ja, Kate! allein es wird dann zu ſpät, ja zu ſpät ſein: dann wirſt Du, wie alle Andern, alle Deine Trümpfe ausgeſpielt haben, ehe Du noch das Spiel recht verſtehſt. „Ein Mädchen, das innerhalb eines Monats alle Manieren und Kunſtgriffe ſich angeeignet hat, die in der Geſellſchaft nothwendig ſind, und die in dieſem Au⸗ genblicke die Prüfung des difficilſten Auges aushalten könnte, iſt ein großer Preis im Glücksrade. Dieſe— Geſchicklichkeit könnte zu großen Dingen führen, ob⸗ gleich ſie höchſt wahrſcheinlich immer nur ſehr kleine Reſultate erzielen wird!“ 3 Mit dieſen Gedanken ſtand Jekyl auf, um ſeine Toilette zu machen,— ein Geſchäft, bei dem er ge⸗ wöhnlich, weniger aus Dandyismus, als aus purer Selbſtliebe, den ganzen Morgen zubrachte. Es war für ihn eine Zeit der Selbſtprüfung. Er ſchien— um uns eines kaufmänniſchen Ausdrucks zu bedienen— einen Vorrath von Fertigkeiten einzulegen, und die Mittel ſeines künftigen Glücks zu unterſuchen. Es war ein„freier Tag“;„das heißt, er wußte nicht, wo er ſpeiſen ſollte, ſo daß ſein Koſtüm, während es alle Kennzeichen des Morgens an ſich trug⸗ doch gewiſſe kleine Züge in ſich vereinigte, die nicht übel angebracht waren, im Falle er gedrängt werden ſollte, eine unvor⸗ hergeſehene Gaſtfreundſchaft anzunehmen. 4 In der That würde Jekyl ſich nicht herbeigelaſſen haben, bei vielen Leuten ſo zu ſpeiſen; denn nicht al⸗ lein hätte er ſeiner Würde keine Blöße gehen mögen, ſondern er würde auch aus Grundſatz das beſcheidenſte Mahl in ſeinem eigenen Hauſe der Vulgarität eines gewöhnlichen Diners vorgezogen haben, das, wie er ſelbſt ſagte, die Berdauung immer nur ſtören, und zu ſchlechten Bekanntſchaften führen konnte. Nachdem er mit ſeiner Toilette zu Ende war, ſah er zum Fenſter hinaus, um einen Wagen zu erſpähen, wo er einen Platz finden könnte, um nach dem Cascini zu fahren. Mehr als eine einladende Gebärde konnte er bemerken, mehr als ein Platz wurde ihm ſo ange⸗ boten, als eine Equipage nach der andern vorbeifuhr; allein obgleich einige von den Perſonen, die ſo ſeine Geſellſchaft ſuchten, von hohem Range, und Andere durch ihre Schönheit und ſonſtigen Eigenſchaften ausgezeich⸗ net waren, ſo lehnte doch Jekyl die höflichen Einla⸗ dungen mit jener kleinen Handbewegung ab, die im — lienzüge überall dermaßen bemerklich, daß jeder Ver⸗ 10⁵ italieniſchen Leben ſo vielbedeutend iſt. Auch ſchien bisweilen ein mildes Bedauren ausdrückendes Lächeln anzudeuten, daß es ihm Leid thue, die ihm zuge⸗ dachte Ehre ausſchlagen zu müſſen; einmal legte er ſogar die Hand auf eine Stelle, wo ſein Herz liegen konnte, gleich als wollte er den unendlichen Schmerz ausdrücken, den es ihm verurſachte, nicht mitfahren zu können; allein er harrte immer noch. Endlich ſah ein ſehr dunkles, von einem kohlen⸗ ſchwarzen Backenbarte umgebenes Geſicht aus einer gar unanſehnlichen Kaleſche hervor, deren Pferd und Kutſcher gleichfalls zu den„mindeſt flotten“ gehörten; und nun rief Jekyl„Morlache!“ während er nach dem Cascini hindeutete. Der Andere antwortete damit, daß er die Hand vom Munde aus horizontal ausbreitete, und über die Oberfläche hinblies— eine Pantomime, die eine Eiſen⸗ bahn bedeuten ſollte. 3 Slsbaid ging Jekyl hinab, und nahm neben ihm atz. Einundzwanzigſtes Kapitel. Ein Familien⸗Gemälde. Das faſhionable Leben einer großen Stadt ſieht ſich allenthalben ſo gleich, daß es ſich ſchlechterdings nicht porträtiren laͤßt. Wohlerzogene, feingebildete Leute, und ihre Beluſtigungen ſind alle einander ſo vollkommen ähnlich— es machen ſich gewiſſe Fami⸗ —õ——— 1 ſuch, zu individualiſiren, immer und ewig mißlingen muß. London, Paris, Wien, St. Petersburg— über⸗ all findet man daſſelbe; überall ſuchen ſich dieſelben Intereſſen Geltung zu verſchaffen,— überall ſteht man die gleichen Leidenſchaften im Dienſte der gleichen Art von Leuten. Wenn dieß bei den erſten Hauptſtädten Europas als Norm dienen kann, ſo trifft das bei den kleineren Städten, die kleineren Staaten angehören, und ſei es aus Gründen der Geſundheit, der Sparſamkeit oder des Vergnügens, von Fremden aus verſchiedenen Thei⸗ len der Welt beſucht werden, keineswegs zu. In ſol⸗ chen Städten iſt die Geſellſchaft minder disciplinirt, der geſellſchaftliche Rang minder beſtimmt; Anſprüche, die einander bekämpfen, und rivaliſirende Nationalitäten geben da zu Störungen Anlaß, und es herrſcht daſelbſt, ſo zu ſagen, eine Art Kampf um den Vorrang, den man in beſſer regulirten Geſellſchaften nie wahrnimmt. Wenn, wie dieß unzweifelhaft der Fall iſt, ſolche Orte — ſelten ſich durch ihre gute Geſellſchaft auszeichnen, ſo bieten ſie dagegen dem bloßen Beobachter unendlich mannigfaltigere und beluſtigerende Anſichten des Le⸗ bens dar, als er je erwarten dürfte, anderwärts zu treffen. Wie innerhalb der wenigen Tage einer Revo⸗ lution, ſo lange es Barrikaden gibt, und Alles auf den Kampfplatz eilt, der Nationalcharakter ſich beſſer ent⸗ hüllt, als während eines halbhundertjährigen zahmen, ftreng geſetzlichen Gehorſams, eben ſo entfalten ſich hier auch, am hellen Tageslichte und bei vollem Son⸗ nenſchein, alle jene Leidenſchaften und Prätenſionen, die an andern Orten nur ſelten zu Tage kommen. Die große Sünde eines ſolchen ſockalen Zuſtandes, die Sünde, von der Niemand frei iſt, iſt der Wunſch, Aufſehen zu erregen. Alles muß dazu beitragen! nicht allein Reichthum, Glanz, Rang und Genie, ſon⸗ dern auch das Laſter, in allen ſeinen Geſtalten und Formen muß offenkundig ſein.„Es iſt beſſer, daß man 8* 107 in allen modis und temporibus verläumdet wird, als daß man gar nicht von Einem ſpricht,“— dieß iſt der große Grundſatz, der an ſolchen Orten gilt. Thue Etwas, damit man von Dir ſprechen kann; etwas Gu⸗ tes, ſo Du Luſt haſt— etwas Schlechtes, wenn Du mußt; aber thue es. Biſt Du nicht reich genug, um die Leute durch die Capricen Deines Reichthums in Staunen zu ſetzen, ſo mache Dich durch Deinen Witz oder auch nur durch Deinen Backenbart bemerklich. Schon oft hat die Farbe der Handſchuhe eines Mannes hingereicht, um ſein Glück zu machen. Auf dieſem ſeliſamen Ocean, der, wenn er ſelten von einem Sturme aufgeregt wurde, nie vollkommen ruhig war, befanden ſich jetzt die Onslows, und gefielen ſich dort ſo gut, wie alle jene Leute, die, in ihrem Heimathlande höchſtens die dritte oder vierte Rangſtufe einnehmend, im Auslande plötzlich gewahr werden, daß ſie Celebritäten ſind. Der Mazzarini'ſche Palaſt war lange unbewohnt geweſen. Sein letzter Bewohner war ein Glied der Borgheſe'ſchen Familie geweſen, deſſen fürſtliches Ver⸗ mögen dennoch nicht hinreichte, den Glanz einer Woh⸗ nung zu behaupten, die bloß für einen König geſchaffen war. Als es daher ruchbar wurde, daß ein„reicher Milordo“ angekommen ſei, und die Abſicht habe, den Winter dort zuzubringen, ſo waren alle Zungen der Stadt von dieſer großen Neuigkeit in Anſpruch genom⸗ men. Man bekümmerte ſich gar viel um das Privat⸗ leben der reichen Familie, und ſchlug in Betreff der Fakta, die zum öffentlichen Leben des Milordo gehör⸗ ten, im Adelsbuche nach. Sir Stafford's Reichthum wurde fleißig beſprochen, und ebenſo ſprach und ent⸗ ſchied man über alle möglichen Schmälerungen, die es durch die Extravaganzen ſeines Sohns erlitten haben mochte. Ebenſo ſtellte man genaue Unterſuchungen an hüber die Gründe, die ſie wahrſcheinlich veranlaßt, Eng⸗ land zu verlaſſen— wobei Vermuthungen zu Tage —yy——— kamen, die eher als ſcharffinnig, denn als wahr gelten konnten. Das einzige Tiſchgeſpräch in der Hauptſtadt war, was ſie thäten,— was ſie ſagten,— was ſie zu thun beabſichtigten,— welche Art von Leuten ſie wären. „Sie haben ihre Pferde aus England kommen laſ⸗ ſen,“ ſagte der Eine;„Sie haben die beſte Loge in der Pergola gemiethet,“ ſagte ein Anderer;„Sie haben Midchekoff's Koch in Dienſt genommen,“ ſagte ein Drit⸗ ter;„Sie haben mit Gridani wegen ſeiner Bande ge⸗ ſprochen,“ fiel ein Vierter ein; und ſo fort. Kurz, ihr ganzes Thun und Laſſen wurde beobachtet, und jede ihrer Bewegungen von jenem unerſättlichen Geier⸗ Geſchlecht verfolgt, das ſeinen Hunger mit Ortolanen ſtillen, und ſeinen Durſt mit im Eiſe abgekühltem Cham⸗ pagner löſchen möchte. Auch boten die Onslows der Neugierde, die ſich ſo viel mit ihnen zu ſchaffen machte, Stoff genug. Seit der erſten Stunde ihrer Ankunft hatte Lady Heſter mit ihrem Großvezier, Albert Jekyl, angelegentlichſt Pläne für den ſich nun eröffnenden Feldzug gemacht. Ein Heer von Tapezierern, Dekorateurs, und dergleichen Leuten umlagerte den Palazzo mit ungeheuren Wagen voller Geräthſchaften. Ein Mobiliar, das von königli⸗ chen Gäſten benützt worden, und noch ſehr friſch und gut erhalten war, mußte einem andern, neueren und koſtbareren weichen; reiche Stoffe und Vorhänge, wel⸗ che für viele Beſuchende ein Gegenſtand der Bewunde⸗ rung geweſen waren, wurden unbarmherzig herunterge⸗ riſſen, um anderen, noch prächtigeren Materialien Platz zu machen; bis man endlich in der Stadt ſich zuflüſterte, es ſei mit Ausnahme einiger antiken Cabinette, der Gemälde, und einiger Tiſche von Malachit oder Mar⸗ mor, Wenig oder Nichts von dem geblieben, was den Glanz des Ortes einſt ausgemacht habe. Indeſſen waren dieß doch nur bloße Gerüchte, denn bis jetzt hatte noch Niemand, ausgenommen Albert A — 109 Jekyl, das Innere geſehen; und von ihm durfte man keinerlei vertrauliche Mittheilungen erwarten, wenn er nicht ſelbſt es für gut fand, die Neugierde zu befrie⸗ digen. 3 In der That, ſein kleines Starren, wenn er ge⸗ fragt wurde— ſein Lächeln,„Es ſollte mich nicht wundern,“„Es iſt ſehr wahrſcheinlich,“ oder,„Jetzt, da Sie deſſen erwähnen, fange ich auch an, ſo zu denken,“ mußte den Verdacht aller Derjenigen entwaffnen, die ihn nicht beſſer kannten. Was alſo die Onslows im Begriffe wären, zu thun, und wenn ſie es thun würden,— das waren die Fragen, die immer und ewig wieder in jeder Coterie aufs Tapet gebracht wurden. Der Carneval ſollte in ein Paar Tagen beginnen, und doch hatte noch Nichts über ihre Abſichten verlautet— noch war kein Programm über die künftigen Feſtivitäten in der faſhionablen Welt bekannt geworden. Eine unbeſtimmte, und entſetzliche Furcht begann ſich der Leute zu bemächtigen,— die Furcht nämlich, daß die Onslows moͤglicherweiſe alle dieſe glänzenden Anſtalten nur für ſich träfen. Ein ſol⸗ cher Verrath war anfänglich ganz unglaublich; als aber ein Tag auf den andern folgte, und die Onslow'ſchen kein Zeichen von ſich gaben, ſteigerte ſich der Verdacht bis zur wirklichen Furcht; und nun fingen die Leute, die bis daher ängſtlich gewartet hatten, an, über ein ſo ſeltſames und unerklärliches Benehmen ſich allerlei unheimliche Dinge zuzuflüſtern. Haggerſtone trug zu dieſen myſteriöſen Zweifeln ſeinen redlichen Antheil bei; denn während er nicht ge⸗ ſtand, daß er die Onslow'ſchen nur äußerſt wenig kenne, und daß ſeine Bekanntſchaft nur einige Wochen alt ſei, ſprach er doch von denſelben mit all der affektirten Ruhe und Manier eines Mannes, der ſie ſchon ſeit Jahren gekannt. Auch waren ſeine Commentare nicht von der ſchmei⸗ hhelhafteſten Art; denn als er ſah, wie entſchieden jeder 110 Verſuch, die Bekanntſchaft zu erneuern, auf einen be⸗ harrlichen Widerſtand ſtieß, ſo verlor er keine Zeit mehr, ſondern nahm eine feindſelige Stellung ein. Der Um⸗ ſtand, daß es eine Zeitlang zweifelhaft geweſen war, welche Lebensweiſe ſte wählen würden, war ſeinem Operationsplane günſtig. Niemand wußte, ob er je be⸗ rufen ſein würde, an dem Glanze und der Pracht des Mazzariniſchen Pallaſtes Theil zu nehmen; Niemand konnte errathen, ob er zu den prachtvollen Banketten im Hauſe des reichen Mannes beigezogen werden würde. Es war eine Lotterie, bei der die Leute noch nicht ein⸗ mal ein Billet hatten, und was war ſo natürlich, als das Ganze herabzuwürdigen! Wenn über die Eigenthumsrechte von den ordent⸗ lichen Gerichten entſchieden wird, ſo exiſtiren in jeder Stadt gewiſſe, nicht minder entſchieden auftretende Ge⸗ richtshöfe, die über alle Fragen in Betreff der geſell⸗ ſchaftlichen Anſprüche entſcheiden, und über die Präten⸗ ſionen eines jeden Neu⸗Angekommenen endgültig abur⸗ theilen. Unter dieſen Leuten, deren Amt es war, über Andere zu Gericht zu ſitzen, ſtand in erſter Reihe eine gewiſſe Familie, Namens Ricketts, die ſchon ſeit etlichen dreißig Jahren in Florenz ihren Wohnſitz gehabt hatte. Sie beſtand aus drei Perſonen, aus General Ricketts, aus deſſen Frau, und aus einer unverheiratheten Schwe⸗ ſter des Generals. Dieſe Perſonen bewohnten ein kleines Haus in einem Garten innerhalb des Boulevards, und —— es war erſteres durch den Namen„Villino Zoe“ ge⸗ adelt worden. Urſprünglich war es der beſcheidene Wohn⸗ ſitz eines Kunſtgärtners geweſen; allein es hatte ſi durch einen ſaubern Anſtrich und durch Gips dermaßen herausgeputzt, daß es die Welt mit faſt eben ſo vielem Glücke täuſchte, wie die blonde Eigenthümerin ſelbſt, die derſelben mit Hülfe ähnlicher Beigaben Sand in die Augen ſtreuete. Indeſſen müſſen wir doch billiger Weiſe von den Perſonen ſprechen, ehe wir ihren Wohnort ſchildern. 111 Der General— der Himmel allein wußte, wann wo, oder in welchen Dienſten er es wurde— war ein kleines, zartgebautes Männchen von einſchmeichelnden Manieren,— ein Männchen, mit einer ſchwachen Stimme, einem ſchwachen Magen, und einem noch ſchwächeren Kopfe; ſeine Inſtinkte waren alle milder, ſanfter und unanſtoͤßiger Natur, und ſein ganzes Lebensgeſchäft be⸗ ſtand in einer Leidenſchaft, Fortiſikationen zu erfinden, und Päſſe und Brückenköpfe durch Linien, Umſchanzun⸗ gen, und Raveline zu vertheidigen,— wozu ganze Riſſe Papier und ganze Eimer voller Waſſerfarben erforder⸗ lich waren. Das einzige Feuer, das in ſeiner Bruſt brannte, war eine kleine, flackernde Flamme der Hoff⸗ nung, daß die Welt eines Tages ſeinen großen Ent⸗ deckungen doch noch Anerkennung zollen, und ſeinen Namen den Namen Vaubans und Carnots beigeſellen würden. Dieſe Hoffnung hielt ihn aufrecht, und ließ ihn die Vernachläßigung und die Gleichgültigkeit ſeiner Zeitgenoſſen geduldig ertragen; er flüſterte ſich zu, daß ihm, wie Nelſon, einmal noch eine eigene Zeitungsnum⸗ mer gewidmet werden würde, und in dieſer feſten Ueber⸗ zeugung fuhr er fort, vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend Winkelmaß und Zirkel zu handhaben, zu meſſen, zu zeichnen, und zu illuminiren, glücklich, be⸗ ſcheiden und zufrieden. Nichts konnte auf der Welt un⸗ anſtößiger und unſchicklicher ſein, als eine ſolche Exiſtenz. Sogar die Franzoſen— unſere natürlichen Feinde,— oder die Ruſſen— unſere Palmerſton'ſchen„Bôtes Noires“,— würden ihm ſeine patriotiſchen Pläne ver⸗ ziehen haben, wenn ſie dieſelben geſehen hätten. Nie brannte ein heroiſches Feuer in einem ſanfteren Buſen; denn obgleich ſein Kopf in allen Schrecken dee Belage⸗ rung und des Blutvergießens ſchwelgte, ſo würde er doch nicht das Herz gehabt haben, einen Käfer umzu⸗ bringen. Wer ihm in jeder Beziehung unähnlich war, war die Frau, welcher der ſchöne Beruf geworden, ſeine Freuden zu theilen: eine geſchäftigere, mehr von Ränken und Plänen erfüllte Exiſtenz konnte man ſich kaum vor⸗ ſtellen. Die meiſten Prätendenten begnügen ſich damit, daß ſte nach einer Krone trachten; ihr Ehrgeiz war „Legion.“ Als dem Columbus von den Höflingen in ſpöttiſchem Tone bemerkt wurde, daß ſeine Entdeckung gar leicht geweſen ſei, und als er darauf bloß erwiederte, daß das Verdienſt einfach in dem Faktum liege, daß er allein dieſelbe gemacht, ſprach er eine Wahrheit aus, die gar vielfacher Anwendung fähig iſt. Neun Zehntel der Erfindungen, welche das Glück der Menſchheit be⸗ fördern, oder deren Ruhe und Behaglichkeit ſichern, ſind um kein Haar ſchwerer geweſen, als die Erfindung, die darin beſtand, das Ei aufrecht hinzuſtellen. Es bedurfte bloß eines Mannes, der mit einem praktiſchen Kopfe daran ging. Tauſende von Menſchen mögen ſchon in herrlichen Spekulationen und Phantaſien geſchwelgt haben; das große Erforderniß war aber immer ein prak⸗ tiſcher Verſtand. Einen ſolchen hatte Mrs. Ricketts. Gleichwie ſie zu Neapel geſehen hatte, daß die Lava zum Pflaſtern von Straßen verwendet wurde, während dieſelbe von andern Händen, und durch eine andere Behandlung zu allen Arten und Farben böhmiſchen Glaſes hätte verar⸗ beitet werden können, ebenſo bemerkte ſie auch, daß ein gewiſſes Roh⸗Material nicht minder ſchlecht verwendet wurde,— ein Roh⸗Material, das von dem Genie nur berührt zu werden brauchte, um die Wunderkraft, die ein Stab in der Hand eines Zauberers beſitzt, zu erlangen. Dieſes Roh⸗Material war„die Schmeichelei.“ Lächle nicht, theurer Leſer, wie die ſpaniſchen Höflinge über ihre Entdeckung; auch darfſt Du nicht glauben, daß ſie bloß ein altes und ſchon erſchopftes Bergwerk unterſucht habe. Ihre Schmeichelei war nicht die gewöhnliche, übertriebene Würdigung vorhandener Eigenſchaften, ſon⸗ dern eine große poetiſche und ſchoͤpferiſche Kraft, die wirklich das Große und Erhabene erzeugte, das ſie pries. 4 11³ Welches auch Dein Lebensweg, Dein Rang oder Deine Stellung ſein mochte,— alsbald nahm ſie davon Anlaß, um Dich zu fangen. Welches auch Deine Größe, Statur oder Symmetrie ſein mochte,— in einer Minute konnte ſie Dich coſtümiren. Ihre Lobſprüche waren, wie eine elaſtiſch gewobene Livree, für alle ihre Sklaven paſſend; und Sklaven waren die,— Sklaven im vollſten, verächt⸗ lichſten Sinne des Wortes—, ſo ſich von den Ausſprüchen des liſtigen Weibes beſtimmen ließen! Noch ein Wort über die arme Martha, und wir ſind fertig; auch brauchen wir nicht weiter zu ſagen, als daß ſie bei allen ihren Bekannten bloß den Namen der„armen Martha“ führte. Ach, welche Geduld, welche Unterwürfigkeit, und welche Langmuth iſt nicht erforder⸗ lich, bevor die Welt ihren Märtyrer⸗Titel verleiht— bevor ſie ein Leben voller Selbſtaufopferung, wenn auch nur mit einem ſo wohlfeilen Dinge, wie das Mitleid iſt, belohnt. Martha hatte ihr Lebenlang nur ein Idol ge⸗ habt,— und das war ihr Bruder; und obgleich es ihr beinahe das Herz brach, als er ſich noch in vorgerück⸗ terem Alter verheirathete, ſo konnte ſie es doch nicht über ſich gewinnen, ſich von ihm und ſeinem Schickſale zu trennen,— von einem Weſen zu ſcheiden, um das ſie ſeit mehr als dreißig Jahren geweſen war, und dem ſie ſtets zu Willen gelebt hatte. Es hieß, ſie ſei urſprünglich eine Perſon von gut mittelmäßigen Fähigkeiten geweſen, und habe die Welt ziemlich ordentlich gekannt; allein wenn man ſie zu der Zeit ſah, von der wir jetzt reden, ſo konnte man von Beidem keine Spur mehr bemerken— kein Stein bezeichnete den Ort, wo einſt das Gebäude geſtanden hatte. Auch darf dieß uns nicht wundern. Wer konnte Jahre lang inmitten all' der Phantasmagorie jener unwirklichen Exiſtenz leben, ohne entweder total verrückt zu werden, oder doch von ſeinem geſunden Ver⸗ ſtande ein Bischen einzubüßen,— wenn er Alles als wirklich annahm? Die arme Martha hatte blos die Die Daltons. II- 8 Wahl, entweder Alles auf Treu und Glauben anzuneh⸗ men, und einen Floh für einen Elephanten anzuſehen, oder auf ewig aller Hoffnung zu entſagen. Wer kann den langen und fürchterlichen Kampf beſchreiben, der in einem ſolchen Geiſte vor ſich gegangen ſein mag? Wer mag beſchreiben, wie viele kleine Ausbrüche ehrlicher Energie durch die Furcht zurückgedrängt wurden? Wie viele gute Abſichten durch ihre natürliche Demuth und die Liebe vereitelt wurden, die ſie zu ihrem Bruder fühlte? Es mag ihr Viel gekoſtet haben, ja es koſtete ihr wirklich Viel, das ſeltſame Glaubensbekenntniß ihrer Schwägerin anzunehmen; allein endlich that ſie es doch. So unbedingt war ihr Glaube, daß ſie, wie eine wahre Betſchweſter, dem Zeugniſſe ihrer eigenen Sinne nicht traute, wenn es mit den Artikeln ihres Glaubens im Widerſpruch ſtand. Sogar von Gemälden, bei deren Verkauf ſie zugegen geweſen war, und die ſie mit ihren eigenen Händen reſtaurirt und neu geſirnißt hatte, konnte ſie jetzt behaupten, daß ſie Geſchenke königlicher oder —— fürſtlicher Perſonen wären. Sie ſchwor, daß die Bücher, 1 die ſie ſelbſt bei den Verlegern beſtellt hatte, Tribute wären, welche die betreffenden Schriftſteller vor dem Throne des Geſchmacks und der Gelehrſamkeit nieder⸗ gelegt hätten. Jeder Gegenſtand, mit deſſen beſcheidenem Urſprung ſie bekannt war, war in ihrem Geiſte mit irgend einer ſeltſamen Geſchichte verknüpft, in die ſie ſich allmählig hineingelebt hatte, und die ſie immer wieder erzählte, ohne deren Wahrheit ſelbſt im Mindeſten zu bezweifeln. Aehnlich dem wohlbekannten Athleten, der einen Stier in die Höhe hob, weil er ſich allmaͤhlig daran gewöhnt und damit angefangen hatte, daß er ihn ſchon als Bullenkalb auf den Schultern trug, hatte ſie ihre Fähigkeiten ſo erzogen, daß jetzt Nichts mehr über ihre Kräfte ging. Alle Schwierigkeiten und Kunſtgriffe, die erforderlich geweſen waren, um dieſes bunte Schau⸗ ſpiel zu Stande zu bringen— alle vorangegangenen 8 115 Pläne und Anſchläge— alle Diskuſſionen darüber, von von welchem Könige oder Kaiſer Etwas herrühre,— von welchem Künſtler etwas Anderes gemalt ſei,— wer dieſen Becher geſchnitzt und gearbeitet— wer jene Vaſe emaillirt habe— waren nicht im Stande, ihren Glauben zu erſchüttern, wenn einmal der Punkt entſchieden war. Es war möglich, daß ſie gegen die Bill in jedem Sta⸗ dium opponirte; es war möglich, daß ſie im Comite darüber Ausſtellungen machte, und bei jedem einzelnen Paragraphen auf Abſtimmung antrug;— allein wenn die Bill einmal zum Geſetz erhoben war, ſo verehrte und achtete ſie dieſelbe als ein Statut des Landes. Augen⸗ blicklich ſchwanden dann alle ihre Zweifel; mit einem Male ſchwiegen dann alle ihre Vermuthungen; ein neues Licht ſchien ihr dann aufgegangen zu ſein; ſie ſchien dann mit den Augen der Wahrheit zu ſchauen, und n li mit einer ſeltenen Scharfſicht begabt worden zu ſein. Wir haben uns bei dieſer Skizze länger verweilt, als unſere Abſicht war, und haben keinen Raum für den Tempel, in welchem dieſe Myſterien gefeiert wurden. Es genüge, wenn wir ſagen, daß derſelbe klein und daß darin Alles ſchlecht angeordnet war; daß man ſich in dem⸗ ſelben um ſo weniger behaglich fühlen konnte, als er von einer bunten Menge ſeltener und ſeltſamer Gegenſtände angefüllt war. Ausgeſtopfte Löwen ſtanden in der Vor⸗ halle; männliche Figuren in voller Rüſtung bewachten die zum Bibliothek⸗Zimmer führende Thüre; ungeheure Glaskäſten voll mineralogiſchen Reichthums, botaniſcher Specimens, ausgeſtopfter Vögel, angeſpießter Schmetter⸗ linge, indianiſcher Waffen, etruriſcher Becher, iriſcher Antiquitäten, chineſiſcher Curioſitäten, bedeckten die Wände allenthalben. Da war auch nicht ein Exemplar, das nicht von irgend einem berühmten und hochgeſtellten Manne geſchenkt worden war. Ueberall konnte man Miniatur⸗ Gemälde von überaus werthen Freunden er⸗ blicken; nnd welch⸗ katholiſche Freundſchaft war nicht 116 diejenige, die Jedermann in ſich ſchloß, von Lord Byron bis zu Chalmers, und alle Stufen der Moralität in ſich begriff, von Mrs. Opie bis zu Fanny Elsler. In der That führte, obgleich die blonde Zoe ſtreng tugendhaft war, ihre Vorliebe für das Genie, ihre Anbetung des Geiſtes, wie ſie es nannte, ſie oft zu gar ſonderbaren Bekanntſchaften mit jener intellektuellen Claſſe, deren Force in Pirouetten beſteht, und die kurze Unterroͤcke trägt. Mit einem Worte, über Alles, was Aufſehen machte, ſtel ſie als über ihre natürliche Beute her, mochte der Gegen⸗ ſtand nun ein großer Maler, ein großer Radikaler, ein großer Baſſiſt, ein großer Reiſender ſein; immer mußte ſie Jemand haben, den ſie als„Löwen“ produciren, woran ſie eine Geſchichte knuͤpfen konnte; immer mußte ſie, wenn auch nur auf einen Abend, Jemand engagiren, der in jener abſurden Comödie, die in ihrem Hauſe ge⸗ ſpielt wurde, auftrat, und den ſie für ihre Bekannten jenem langen Cataloge Solcher anreihen konnte, die den Tribut ihres Genius zu ihren Füßen niederlegten. Daß ein großer Theil der Geſellſchaft grob und unedelmüthig genug war, ſie als eine unausſtehlich langweilige Perſon anzuſehen, iſt ein Faktum, das wir, ſo ungerne wir es auch thun, bekennen müſſen; allein ihr wirklicher Einfluß wurde dadurch nur wenig beein⸗ trächtigt. Die wirklichen ernſten Geſchäfte des Lebens werden oft an Orten abgemacht, die von unzähligen Unbequemlichkeiten umgeben ſind. Man kauft und ver⸗ kauft Millionen, man unterſtützt Staaten mit Subſidien⸗ Geldern, man macht Anlehen, in Höhlen, die ſo finſter und trübſelig ſind, wie die Zellen eines Gefängniſſes. In derſelben Weiſe war das Villino das anerkannte Rendezvous aller Leute, die hören wollten, was in der Welt vorging, und in Betreff jeder Mdiſance, die der Tag brachte, auf dem Laufenden zu bleiben wünſchten. Nicht als ob dieß je der Ton der Converſation geweſen wäre; im Gegentheil, es ging Alles recht anſtändig zu⸗ 117 und wenn auch Skandaloſa abgehandelt wurden, ſo ge⸗ ſchah es doch immer nur nebenbei und beiſeits. Nun aber darf ſich in jener Saiſon des continentalen Lebens, die dem Carneval vorangeht, und an Abenden, wo keine Over iſt, jede Perſon, die ſich ſo wohlwollend zeigt, ihre Thüren zu öffnen, überzeugt halten, daß ſie ein volles Haus bekommen werde; und ſo benützte das Villino die ſich darbietende günſtige Gelegenheit, indem es eine Reihe von Dienſtagen und Freitagen ankündigte⸗ an denen ſich, wie die Zeitungen ſich ausdrücken, die ganze Faſhion und alle Notabilitäten der Hauptſtadt einfanden. In eine dieſer Abendgeſellſchaften, wo alle Steifheit verbannt iſt, möchten wir nun unſern Leſer einführen— zwar nicht während des Vollmonds des Empfangs, wo die Zimmer mit Beſuchenden angepropft waren, und man vor Hitze erſtickte, und man in allen europäiſchen Sprachen, und in jedem moglichen Dialekte derſelben ſich mit einander unterhielt. Das große bunte Tournier war vorüber, und es waren nur noch Wenige in den leeren Schranken zurückgeblieben, um in vertrau⸗ licher Weiſe über die vorangegangenen Gäſte, ſowie über die Ereigniſſe des Abends zu ſprechen. Dieſer Geheimerath beſtand aus Haggerſtone, ei⸗ nem alte Bekannten des verehrten Leſers, und einem ruſſiſch⸗polniſchen Grafen Petrolaffsky,— einem ſchwarz⸗ haarigen, ſeltſam ausſehenden Herrn von blaßgelber Geſichtsfarbe, deſſen nationale Vorliebe ihn zum Range eines Feindes des Kaiſers erhoben hatte, deſſen Privat⸗ Hülfsquellen aber, wie das Gerücht ging, aus der kai⸗ ſerlichen Schatzkammer floſſen, um ſeine Spionsdienſte zu belohnen; ein gewiſſer Herr Scroope Purvis, der Bruder der Mrs. Ricketts, vervollſtändigte die Geſell⸗ ſchaft. Letzterer war ein roſenwangiges altes Männchen, das etwas„knappte“ und ſtolperte, beſtändig in der Stadt herumlief, und allerlei Schwätzereien hin und her trug, wobei es, aus dieſem oder jenem Grunde, ſteis Alles ganz falſch auffaßte; und dieſes ging ſo 118 weit, daß der Mann auch bei dem unbedeutendſten An⸗ laſſe nie im Stande war, ein Ereigniß ſo zu erzählen, wie es ſich zugetragen hatte. 4 So beſchaffen waren die Individuen einer Gruppe, vie in vertraulichem und myſteriöſem Geſpräche um das Feuer herum ſaß. Mrs. Ricketts ſelbſt aber ſaß in der Mitte, und entfaltete in graciöſer Weiſe ihre Formen in einem Stuhle, deſſen Stickereien das Wappen ihrer Familie, wie daſſelbe ſeit Jahrhunderten ſich geſtalte hatte, darſtellten. 3 Die„Bill“ vor dem Hauſe waren die Onslow'ſchen, deren res gestae allenthalben gewaltig viel Intereſſe erregte. „Haben Sie Ihren Beſuch erwiedert, Madame?“ fragte der Pole mit einem faſt unbemerkbaren Blicke unter ſeinen ſchwarzen Augenbrauen hervor. „Noch nicht, Graf; wir haben unſere Karten erſt geſtern abgegeben.“ Dieß war, beiläufig geſagt, nicht ganz richtig— der Beſuch war ſchon vor acht Tagen gemacht worden.„Auch würden wir gar nicht hinge⸗ gangen ſein, wenn nicht Lady Forington uns da gebeten und an uns getrieben hätte.„„Sie werden ſo ganz aller Führung entbehren,““ ſagte ſie;„„Sie müſſen ſich wirklich der Leute annehmen.“ „Und wollen Sie ſich ihrer annehmen— he?“ „Je nach Umſtänden, mein lieber Graf— je nach Umſtänden,“ ſagte ſie nachdenkend.„Wir müſſen erſt ſehen, welches Leben ſte hier zu führen gedenken; Rang und Reichthum haben bei uns keinen Einfluß, wenn dieſelben nicht mit moraliſchen und intellektuellen Vor⸗ zügen Hand in Hand gehen.“ „In dieſem Falle glaube ich, daß Ihr Zirkel die⸗ ſen Winter mehr auserwählt, als amüſant ſein wird,“ ſprach Haggerſtone in ſeiner abſprechenden, ſchnalzenden Weiſe. „Es mag alſo ſein, Oberſt,“ ſeufzte ſie ſchmerzlit 7 7 119 „Wie ein allein ſtehender Leuchthurm auf einem Felſen, mit— ich vergeſſe die Stelle.“ „Mit dem phos— phos— phos— phosphorſauren Kalke?“ ſagte Purvis,„jener neuen Ent— Ent— Entde—e—e— e— eckung?“ „Mit nichts Derartigem! Eine Figur iſt, wie ich ſehe, eine gefährliche Art, ſich auszudrücken.“ „Hal hal ha!“ rief er, mit einem ganz eigen⸗ thümlichen Gegacker, deſſen hyſteriſche Laute ihn ſelbſt ſtets in den ſiebenten Freudenhimmel erhoben,„Du würdeſt eine hübſche Figur machen, wenn man aus Dir einen Leuchtthurm machen wollte, und Du, wie Moſes, brennen müßteſt. Hal ha! ha!“ Die Dame wandte ſich mit Widerwillen von ihm ab, und redete den Oberſten an. „Sie glauben alſo wirklich, daß die Leute ſich in finanziellen Verlegenheiten beſinden, und daß dies der wahre Grund ihres Hierſeins iſt?“ „Ich glaube, ſagen zu können, daß ich es weiß, Ma'am! erwiederte er.„Es exiſtirt eine Art Ver⸗ wandtſchaft zwiſchen unſern Familien, obgleich es mir ſehr leid thun ſollte, wenn ſie davon hörten— die Badelys und die Harringtons ſind Geſchwiſterkinder.“ „Ei, gewiß!“ ſiel Purvis ein.„Jane Harrington war der Vater— nein, nein, nicht Vater— ſie war die Mu— u— u— u— u— utter von Tom Badely; nein! es iſt nicht richtig, das iſt es nicht, ſie war ſeine Tante, oder ſein Schwager, ich weiß nicht mehr was.“ „Seien Sie doch ſo gut, Sir, eine reſpektable Fa⸗ milie nicht ſo mit Leuten zuſammenzuwerfen, die gegen das gemeine Recht geſündigt haben,“ ſprach Hagger⸗ ſtone in herbem Tone,„und überlaſſen Sie die Er⸗ klärung mir.“ „Wie ſehr iſt mir doch dieſe engliſche Gewohnheit, alle Couſins und Couiſinen aufzuführen, zuwider,“ ſagte der Pole;„man kann nie drei oder vier Engländer beiſammen ſehen, die nicht um einen kleinen genealogi⸗ 120 ſchen Baum herumſitzen. Und wenn ſie ſo herumſitzen, ſelben.“ „Finanzielle Gründe könnten ihnen es alſo er⸗ wünſcht machen, ſich zurückzuziehen?“ ſprach Mrs. Ricketts, auf das urſprüngliche Thema zurückkommend. Ein ſehr bedeutſames Nicken von Seiten Hagger⸗ ſtones ließ ſchließen, daß er dieſe Anſicht theile. „Vier beſtrittene Grafſchaftswahlen, Ma'am, eine verſchwenderiſche Frau, ein Sohn, der dem Spiele er⸗ geben iſt, vermehren ſelten das Einkommen eines Man⸗ nes,“ ſagte er in ſentenziöſer Weiſe. „Spielt er? Was ſpielt er am Liebſten 4 fragte der Pole eifrig. „Was er ſpielt, Sir? Ein Engländer ſpielt Alles — ſpielt immer und überall— man findet ihn auf dem Turf, wo es hohe Summen gilt, und man ſieht ihn wieder um Sovereigns Münz oder Flach ſpielen.“ „So ſagt Hamlet bei Shakſpeare,„„das Spiel geht über Alles,““ rief der Graf mit der Miene eines Mannes, der im Citiren beſonders glücklich geweſen. „Sie find im Begriffe, ein Theater einzurichten,“) fiel Purvis ein;„Jekyl hat es heute Abend bekannt. Sie beſchäftigen ſich mit der Aufführung eines Vau— vau— vau— vau—“ „Eines téôte-de-veau, wahrſcheinlich, Sir,“ ſprach Haggerſtone;„in welchem Falle Sie unſchätzbar wären,“ fuhr er flüſternd fort. „Nein, das iſt es nicht,“ ſiel Purvis ein;„ſie werden ſogenannte Pro— verbes*) haben.“ „Hoffentlich ſollen Sie dabei als Salomo figu⸗ riren, Sir,“ ſprach Haggerſtone, mit jenem ſelbſtzufrie⸗ denen Blicke, der bei ihm ſtets auf eine unverſchämte Rede folgte. „Ich habe von dem Inhalte eines dieſer Pro- *) Sprüchwoͤrter, eine Art dramatiſcher Dichtung. ſo ſchlagen ſie ſich gewiß immer um die Früchte deſ⸗ — —. 121 o— o— o— verbes gehört,“ fuhr der Andere fort, der viel zu ſehr mit ſeinem Thema beſchäftigt war, als daß er auf eine ſarkaſtiſche Einwendung hätte merken kön⸗ nen.„Eine Dame iſt darin verliebt in— in— in— in ihren Mam— Mam— Mam— Mam— Mam—“ „In ihre Mama?“ fiel der Pole ein, ihm zu Hülfe kommend. „Nein, es iſt nicht ihre Mama; es iſt ihr Mam— Mam— Mam— ameluk— ihr Mameluk und Sklave;. und er, der ein eingeborener Fürſt iſt, und viele, viele Frauen hat—“ „Pfui, pfui, Scroope, Du vergiſſeſt, daß Martha hier iſt,“ ſagte Mrs. Ricketts, die ſtets bereit war, dem langweiligen Menſchen dadurch Stillſchweigen aufzuer⸗ legen, daß ſie ihn wegen angeblicher Sittlichkeits⸗Rück⸗ ſichten zur Ordnung rief. „Es iſt nichts Unrechtes, ich verſichere Dich; hör' mich doch nur aus; laß mich es doch erklären—“ „Sie iſt eine Nichte— nein, ſie iſt eine Tante,— oder richtiger, ihr Vater iſt eine Tante des— des— des— des—“* 5„Es mag eine alte Dame ſein, Sir; allein ge⸗ wiß— „SOh, jetzt hab' ich's!“ fiel Purvis ein.„Es war ihre Mutter; Miß Da—a— a— a— a— alton's Mutter war ein Onkel Stafford's.“ „Vielleicht kann ich den Stammbaum abkürzen,“ ſagte Haggerſtone barſch.„Die junge Dame iſt die Tochter eines Mannes, den dieſer nämliche Sir Staf⸗ ford um ſein Vermögen betrogen hat; ſie waren ent⸗ 12²2 fernte Verwandte, und ſo konnte er denn nicht einmal die Blutsverwandtſchaft vorſchützen, um ſeine Ungerech tigkeit zu verhüllen. Indeſſen war es nur ein iriſches Vermögen, und ſein Verluſt iſt, gleich einem ſpaniſchen Schloſſe, mehr eine Frage des Gefühls, als etwas Thatſächliches. Die Advokaten ſagen indeſſen immer noch, daß das Recht Dalton's nicht angefochten werden könne, und daß die Onslow's auch nicht einen Schein von einem Anſpruche darauf haben.“ „Und hat die Dame keinen Bruder und keine Schweſter?“ fragte der Graf, der dieſe Geſchichte mit vieler Aufmerkſamkeit angehört hatte. „Ja, ſie hat ſowohl einen Bruder, als eine Schwe⸗ ſter, Sir; allein es ſind beide illegitim, ſo daß dieſes Mädchen die alleinige Erbin des Vermögens iſt.“ „Und wahrſcheinlich ſoll ſie den jungen Gardiſten heirathen?“ ſprach Mrs. Ricketts. „Errathen, Madame, mit Ihrem gewöhnlichen ⸗ Scharfſinn errathen!“ ſagte Haggerſtone, ſich ver⸗ neigend. „Wie abſcheulich! welch' weltliche Geſinnungen ſieht man nicht überall!“ rief ſie in klagendem Tone. „Die Welt iſt eben ungemein weltlich geſinnt, Madame,“ erwiederte Haggerſtone;„allein ich glaube in der That, daß wir um kein Haar ſchlimmer ſind, als die alten Patriarchen.“ „Ah, oui, les Patriarches!“ wiederholte der Pole echo⸗artig, und lachte dabei, da es ihn ſtets freute, eine Anſpielung, die einen etwas irreligiöſen Beiſchmack hatte, feſthalten zu können.. „Graf!— Oberſt Haggerſtone!“ rief Mrs. Ricketts in tadelndem Tone, und mit einem Blicke nach dem Orte hin, wo Martha an ihrem Stickrahmen ſaß.„Und iſt dieſe Miß Dalton auch hübſch?“ 3 „Sie iſt jetzt ſchon hübſch, Madame; allein ſie würde geradezu für eine Schöoöͤnheit gelten können, wenn ſie einen geſchickten Friſeur und eine gute Putzmacherin —,— — 123 hätte. Natürlich ſind dieß Beigaben, die ſie während ihres Aufenthalts bei den Onslows wohl ſchwerlich finden wird.“ „Das arme Geſchöpf! Wie froh würde man ſein, ihr ein beſſeres Aſyl anzubieten,“ ſprach Mrs. Ricketts, während ſie ihr Auge über die zerſprungenen porzel⸗ lanenen Monſtra und die unächten Vandyks, die ſie umgaben, hinſchweifen ließ;„wie gern würde man ihr,“ fügte ſie hinzu,„eine Heimath anbieten, wo geiſtiges Leben und Bildung die vulgären Vergnügungen des bloßen Reichthums erſetzen könnten.“ „Sie wird das wohl noch brauchen können, und zwar in nächſter Zeit, wenn ich mich nicht ſehr täuſche,“ ſprach Haggerſtone.„Onslow hat ſich in Eiſenbahn⸗ Speculationen feſtgerannt, und ſteckt tief; auch iſt er bei einigen mexikaniſchen Bergwerken betheiligt, wo er nicht Wenig zu zahlen hat. Sie Alle haben ſehr ſchnell gelebt; und ein Krach— ein wirklicher„„Krach““— dieſes Wort betonte er auf eine Weiſe, wie nur die Böswilligkeit es thun kann—„kann nicht ausbleiben, muß kommen. Welch' treffliche Pferde werden da zur öffentlichen Verſteigerung kommen! Es iſt darunter ein „„Boneſetter““ Hengſtfüllen, das allein tauſend Guineen werth iſt.“ Und nun trat im Geſpräche eine neue Pauſe ein, während welcher Jedes ſeinen Gedanken nachhing. Was Haggerſtone betrifft, ſo dachte er an die überaus gün⸗ ſtige Gelegenheit, die ſich ihm darbieten würde, ein Paar treffliche Pferde um den vierten Theil ihres Wer⸗ thes an ſich zu bringen; Mrs. Ricketts grübelte darüber nach, wie ſie es anzugreifen hätte, um ſich in den Be⸗ ſitz einer reichen Erbin, als eines Gliedes ihrer Fami⸗ lie, zu ſetzen,— einer Erbin, die ſie möglichſt lange unſelbſtſtändig erhalten, und im Nothfalle— wenn es nicht anders anginge— einem unverſorgten Couſin zur Frau geben könnte; Purvis dagegen, der nicht ſo ehr⸗ geizig war, wie die Uebrigen, ſchwelgte bloß in dem 124 Gedanken an all' die Schwätzereien, wozu ihm dieſes große Ereigniß, wenn es Statt ſinden ſollte, Anlaß geben würde; an die unzähligen Anekdoten, die er von der Familie und ihrer Verſchwendungsſucht würde er⸗ zählen können; an die Thee⸗Geſellſchaften, denen er durch ſeine Geſchichten Leben verleihen; an die Soireen, die er durch ſeine witzigen Einfälle beluſtigen würde. Glückliche Gabe der Geiſtesſchwäche! wie unendlich an⸗ enehmer ihrem Beſitzer, als alle Eigenſchaften und ttribute des Genies! „Das iſt recht hübſch, ja, ja, tréès joli!“ ſagte der Graf, einen billigenden Blick auf den Stickrahmen —, werfend, an dem die arme Martha nun ſchon ſeit acht ſterbenslangen Monaten ſich abmühte und abarbeitete, um das Wappen der Ricketts auszuſchmücken;„die klei⸗ nen Hunde ſehen aus, als ob ſie lebten.“ „Es ſind Tiger, Monsieur le Comte,“ erwiederte ſte ſittſam. „Oh, pardon! es ſind Tiger!““ „Die meiſten Hündchen*) ſind heut zu Tage etwas tigerhaft!“ ſiel Haggerſtone ein, indem er aufſtand, um ſich zu verabſchieden. „Sie verlaſſen uns heute ſehr bald, Oberſt,“ ſagte der alte General, der bis daher auf dem kleinen, an der Zimmerecke ſtehenden Sopha ruhig geſchlafen hatte. „Es iſt zwei Uhr vorbei, Sir, und ſelbſt in Ihrer Geſellſchaft kann man die Zeit nicht betrügen.“ Nachdem er ſich ſo ſeiner Unartigkeitsſchuld gehörig entledigt hatte, wünſchte er ihnen eine gute Nacht. Auch die andern verabſchiedeten ſich und gingen. *) Puppies, Hündchen, n. Zierbengel, ſüffiſante Menſchen. —— 12³⁵ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Kate. Wir wollen nun zu Kate Dalton zurückkehren, de⸗ ren Leben, ſeitdem wir ſie nicht mehr geſehen haben, eine ununterbrochene Reihe glänzender Genüſſe und Freuden geweſen iſt. Auf das Vergnügen der Reiſe, mit all' ihren mannigfaltigen und intereſſanten Gegen⸗ ſtänden, der pittoresken Scenerie der Via Mala, der großartigen Oede des Splügens, der ſtillen und ruhi⸗ gen Schönheit Comos, folgten die tauſend Schätze der Kunſt in den großen Städten, wo ſie verweilten. Anfänglich ſchien jedes Bild und jeder Gegenſtand durch ein unſichtbares Band mit Gedanken an die Hei⸗ math verknüpft zu ſein. Was würde wohl Nelly hie⸗ von denken oder ſagen? war die ſtets wiederkehrende Frage, die ſie ſich vorlegte. Wie ſollte ſie es angrei⸗ fen, um all' die wundervollen Dinge, die ſich in jedem Augenblicke ihrem Auge darboten, in ihrem Gedächt⸗ niſſe aufzubewahren, und ihrer Schweſter darüber Be⸗ richt zu erſtatten? Die raſch aufeinander folgenden Gegenſtände, die ſo blendend und ſo neu für ſie waren, waren nur eben ſo viele Wunder, die ſie an den theuren Heerd der Ihrigen zurückbringen wollte. Sogar die Onslows, die Alles und Jedes ohne einen Funken von Enthuſias⸗ mus ſahen, ſchienen an der Friſche der Bewunderung des jungen Mädchens Vergnügen zu finden. Sie ver⸗ ſchaffte ihnen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, eine Art zurückgeworfenen Vergnügens, und Nichts erſchien ihnen, unter allen ſeltenen und intereſſanten Kunſt⸗ ſchätzen, halb ſo erſtaunenswerth, als die unbegränzte Wonne ihrer noch ſo friſchen und unverderbten Natur. 126 Kate, die durch die Beobachtung der Beſtrebungen ihrer Schweſter bis zu einem gewiſſen Grade erzogen worden war, verſtand es, mit Geſchmack zu betrachten, und in ſinniger Weiſe zu bewundern. Es moöͤchte gar oft ſcheinen, daß hohe Schönheit mit dem Vermögen begabt iſt, die Schönheit der Kunſt zu würdigen,— indem faſt eine Art Verwandtſchaft zwiſchen beiden zu beſtehen ſcheint. Da ſie mit dieſem Inſtinkte begabt war, ſo lag in allen ihren Freuden und in ihrem Kunſtgenuſſe eine Intenſität, der ſich in der Lebendigkeit ihres Weſens und in dem erhöhten Ausdrucke ihrer Geſichtszüge aus⸗ ſprach. Die kälteſten und weltlichſten Naturen ſind ſel⸗ ten im Stande, dem Einfluſſe dieſes Enthuſiasmus zu widerſtehen; wie hart immer das Metall ihrer Herzen ſein mag,— es muß unter dieſer Flamme ſchmetzen. Lady Heſter Onslow ſelbſt konnte bei der reinen Auf⸗ richtigkeit und edlen Wärme dieſes ungekünſtelten Mäd⸗ chens nicht unempfindlich bleiben. Eine Zeitlang dau⸗ erte der Kampf zwiſchen dieſen zwei entgegengeſetzten ——— Naturen, ſtille, ungeſehen, aber folgenreich, indem das gute Princip mit dem Inſtinkte des Böſen Krieg führte. Der Sieg hätte der guten Sache zufallen koͤnnen— es war alle Ausſicht dazu vorhanden,— als Sydney Onslow, deren Sympathien ganz auf Kate's Seite wa⸗ ren, und deren Freundſchaft all' den Zauber der Schwe⸗ ſternliebe hatte, durch die Nachricht von der Krankheit ihrer Tante plötzlich nach England zurückgerufen wurde. Von ihrer Tante Conway erzogen, hatte ſie dieſelbe ſtets als eine Mutter angeſehen; auch konnten die un⸗ glücklichen Umſtände der zweiten, von ihrem Vater ein⸗ gegangenen Ehe nicht dazu beitragen, dieſes Gefühl der Anhänglichkeit zu ſchwächen. Die traurige Nachricht traf ſie zu Genua; und Sydney reiste, von Doktor Grounſell begleitet, alsbald nach London ab. Wenn die plötzliche Trennung gerade in dem Augenblicke, wo eine Freundſchaft auffeimte, von den beiden Mädchen —,— — 127 ſchmerzlich gefühlt wurde, ſo kam Lady Heſter das Er⸗ eigniß nichts weniger, als unerwünſcht. Lady Heſter hatte Sydney nie lieben können; ſie verabſcheute jetzt den Gedanken, eine Stieftochter, faſt ſo alt wie ſie ſelbſt, um ſich haben zu müſſen: außer⸗ dem fürchtete ſie noch den Einfluß, den Sydney auf Kate zu üben anfing,— auf Kate, deren ganzes Herz und Weſen ſie— Lady Heſter— zu monopoliſiren be⸗ ſchloſſen hatte. Dabei wurde ſie aber von keinem Gefühle der Anhänglichkeit oder Liebe getrieben:— es war das bloße Verlangen des Geizhalſes nach Beſitz, das ſie be⸗ lebte. Der Plan, Kate ihren Freunden und ihrer Hei⸗ math zu entreißen, war von ihr ausgegangen; ihr gehörte ſte daher auch; ſie hatte die erſten Anſprüche auf ſte; die ganze Zukunft des jungen Mädchens ſollte in ihren Händen liegen; ihr„Lebensweg“ ſollte von ihr beſtimmt werden, ſollte von ihr abhangen. Von Sydney und, zu gleicher Zeit von dem odiöſen Doktor be⸗ freit zu ſein, war ein doppeltes Glück, das ſich, trotz aller anſtändigen Zurückhaltung, die ſchlimme Nachrichten auf⸗ erlegen, auf die eclatanteſte Weiſe an den Tag legte. Der Palazzo Mazzarini ſollte ſich nun der Welt aufſchließen, mit allem Glanze, worüber der Reichthum gebieten konnte, und ohne eine jener Beſchränkungen, welche der Geſchmack Sydney's oder die Klugheit des Doktors vorſchreiben konnte. Sir Stafford, der immer bereit war, ſich um jeden Preis Ruhe zu erkaufen, machte auch nicht eine Einwendung. Die Wohlfeilheit Italiens, die Erwartungen, die man von einem Eng⸗ länder hegte,— das waren die Beweisgründe, die ihn ſtets zum Schweigen brachten, wenn er einmal gegen gewiſſe Ausgaben in der ſanfteſten Form zu remonſtri⸗ ren wagte: und alsbald mußte dann Jekyl als Zeuge erſcheinen, und beweiſen, daß auf dem Continente Nichts ſo wohlfeil ſei, als die Vergnügungen. Was George betrifft, ſo hatte er, wie man ſich leicht denken kann, Nichts dagegen, daß das Haus ſeines Vaters zum gro⸗ 128 ßen Mittelpunkte der Geſellſchaft gemacht, und er ſelbſt der vielgeſuchte und von Schmeichlern umgebene Jüng⸗ ling der Hauptſtadt wurde. Was Kate anlangte, ſo kam für ſie das Vergnü⸗ gen in Verbindung mit Allem, was es erhöhen konnte, — in Verbindung mit feinen Manieren, mit einem fei⸗ nen Geſchmacke, mit einem feinen Luxus, mit dem Zauber des Witzes, mit einer glänzenden Converſation. Sie hatte ſchon lange gewußt, daß ſie hübſch ſei, hatte es aber bis jetzt noch nie gefühlt; ſte war bis daher noch nie von jener Gemüthsbewegung durchbebt worden, die Einem leiſe ſagt, daß man über Andere eine mehr oder minder große Gewalt beſitze, und den Beſitzer einer großen Eigenſchaft zu einer Art kleiner Souveränität uͤber ſeine Mitmenſchen erhebt. Ihre Fortſchritte in dieſer Ueberzeugung wurden durch ihre Kammermädchen nicht wenig unterſtützt; denn auf Je⸗ kyl's Rath war ihr eine gewiſſe Mademoiſelle Nina als Dienerin beigegeben worden. Anfänglich konnte Kate nicht ganz recht an das Faktum glauben, daß ſie nun eine eigene Dienerin habe; auch mußte ſie ſich vielen Zwang anthun, um die Dienſte einer Perſon anzunehmen, deren Aeußeres und deren Betragen von vielem Takte und einer nicht geringen Bildung zeugte. Mademoiſelle Nina war bei der Fürſtin Menzikoff, der ausgezeichnetſten Belle von Florenz, dem Muſter von Geſchmack und Eleganz im Anzuge, als Kammerjunger geweſen; als aber die Für⸗ ſtin ſich von ihrem Gatten trennte, hatten einige uner⸗ klärte Umſtände den Namen der femme⸗ de chambre mit in die Geſchichte verwickelt, ſo daß ſie, anſtatt ſich nach irgend einem andern Dienſte umzuſehen, den eine ſo geſchickte Perſon ſonſt ohne allen Anſtand hätte fin⸗ —— den können, eine Zeitlang von der Scene und aus der Sphäre verſchwunden war, worin ſie ſich gewöhnlich bewegte, und aus ihrer Abgeſchiedenheit bloß hervor⸗ — 129 trat, um die beſcheidene Stelle einer Kammerjungfer bei Kate Dalton anzunehmen. Dieſe Mademoiſelle Nina war der vollkommene Typus ihrer Landsmänninnen, die den gleichen Beruf gewählt. Klein und zierlich gebildet, war ihr Kopf zu groß für ihre Statur, und die Stirne viel zu groß für das Geſicht, indem die Augenbrauen und Schläfe ganz unverhältnißmäßig entwickelt waren; ihre Augen, gagatſchwarz und tiefliegend, waren kalt und ſchläfrig, und zeichneten ſich durch ihren ſtrengen Blick aus: der charakteriſtiſche Ausdruck des Geſichtes aber war die Traurigkeit, oder, richtiger⸗geſagt, der Ueberdruß und die Langweile. Indeſſen milderte ihr Mund, wenn ſie lächelte, denſelben, und es erhielten dann ihre Geſichts⸗ züge etwas Sanftes. In ihrem Benehmen beobachtete ſie eine ehrerbietige Zurückhaltung: ſie erſchien wie eine Perſon, die ſtets in ſtrenger Disciplin gehalten worden, und der es nie ſo gut gegangen, daß ſie ſich hat die geringſte Freiheit herausnehmen dürfen. In⸗ deſſen ſuchte ſie ſelbſt bei ihrem Schweigen, oder bei den äußerſt wenigen Worten, die ſie ſprach, in ihre Dienſtleiſtungen eine Hingebung zu legen, welche die ſtrenge Abgemeſſenheit eines Benehmens, die anfänglich als kalt und ſogar als zurückſtoßend erſcheinen mußte, milderte. In der That fühlte ſich Kate im Anfang von der gefliſſentlichen Zurückhaltung und dem kaltehrerbietigen Weſen ihrer Kammerjungfer zurückgeſtoßen; allein es ſtand nicht lange an, ſo gewöhnte ſie ſich mehr und mehr an die Manieren des Kammermädchens: ſie fing an, an dem ruhigen und ſich ſtets gleichbleibenden Be⸗ tragen Gefallen zu finden, das einen Geiſt zu verrathen ſchien, der in einer bewundernswürdigen Schule an eine ſtrenge Pflichterfüllung gewöhnt worden. Während Kate an einem Schreibtiſche ſaß, und einige Linien zu dem Briefe hinzufügte, der, ſchon ſeit Die Daltons. II. 9 130 länger als einer Woche angefangen, immer noch lange nicht fertig war, arbeitete Nina, die neben dem Fenſter ſaß, mit geſenktem Kopfe, ohne ſich nur ſo viel Zeit zu goͤnnen, daß ſie um ſich geſchaut hätte; auch ſchien die Kammerjungfer an gar nichts Anderes zu denken, als an das vorliegende Geſchäft. Nicht ſo Kate; jeden Augenblick kamen und gingen Phantaſien, und unter⸗ brachen den Lauf ihrer Gedanken, oder ſchweiften in den endloſen Räumen der Spekulation umher. Bald wendete ſie ihr Auge von dem Papier ab, um in ver⸗ wunderungsvollem Entzücken die geſchmackvollen Deko⸗ rationen ihres kleinen Zimmers anzublicken, das, was die Eleganz betraf, in allen ſeinen Einzelheiten ein voll⸗ kommenes Bijou genannt werden konnte; bald ſprang ſie auf, um auf die Terraſſe hinauszutreten, wo ſelbſt im Winter noch die Pomeranzenbäume ſtanden, und bei jedem Lüftchen, das vom Arno herwehte, ihren ſüßen Duft verbreiteten; mit welchem Entzücken, mit welcher Wonne, folgte ſie da den Krümmungen des glänzenden Fluſſes, bis er ſich hinter den dunkeln Baummaſſen des Cascini verlor! Wie wurde ſie da von dem Geräuſche der vorüberfahrenden Wagen, von dem Glanze der ſich vorüberbewegenden Menge aufge⸗ regt, und mit welcher Ertaſe ruhten dann, als ſie in das Zimmer zurückkehrte, ihre Augen auf dem herrli⸗ chen Ballanzuge, den Nina ſo eben auf das Sopha ge⸗ legt hatte! Mit zitternder Hand berührte ſie das feine Gewebe der Brüſſeler Spitzen und legte es graziös auf ihren Arm, wobei ihre Wange glühete, und ihr Buſen ſich 3 im Bewußtſein erhöhter Schönheit hob. Nina's Kopf richtete ſich während dieſer ganzen Zeit nicht einmal auf, und eben ſo wenig hatten ihre flinken Finger aufgehört, ſich geſchäftig zu bewegenz allein unter ihren ſchwarzen Brauen ſchoſſen ihre noch ſchwaͤrzeren Augen einen vielſagenden und ſchlauen Blick —,— — Hℳ— 13³¹ hervor, während ſie die Geberde des jungen Mädchens beobachtete. „Nina,“ rief Kate endlich,„es iſt viel zu ſchön für mich; obgleich ich den Anzug gern anſehe, ſo fürchte ich mich wirklich, ihn zu tragen. Sie wiſſen, ich habe noch nie ſo Etwas auf dem Leibe gehabt.“ „Mademoiſelle iſt zu mißtrauiſch und zu ungerecht gegen ihre eigenen Reize; ſo ſchön das Kleid auch iſt, ſo ſteht es doch nur im Einklange mit der Eleganz der Perſon, für die es beſtimmt iſt.“ „Unter Falten, wie dieſe ſind, ſollte man in jeder Geberde ſo graziös, in jeder Bewegung ſo vollkommen ſein,“ rief Kate, die ſchönen Verzierungen immer noch entzückt anblickend. „Mademoiſelle iſt die Grazie ſelbſt!“ ſagte ſie mit leiſer, ſanfter Stimme, und es klangen ihre Worte ſo ruhig, daß ſie mehr wie eine unbewußt ausgeſprochene Reflexion erſchienen. „Oh, Nina! wenn ich doch das wäre! Wenn ich doch nur fühlen könnte, daß nicht jeder meiner Blicke, daß nicht jede meiner Bewegungen an das Bauermäd⸗ chen erinnert; denn, genau betrachtet, bin ich kaum mehr geweſen:— unſer gutes Blut konnte uns nicht vor Armuth ſchuͤtzen, und in dem Begriffe der Armuth liegt ſo viel Erniedrigendes!“ Nina ſeufzte, aber ſo leiſe, daß man es nicht hörte, und Kate fuhr alſo fort: „Meine Schweſter Nelly dachte nie ſo; ihre Ge⸗ fühle waren ſtets anderer Art. Ach, Nina, wie würden Sie dieſelbe lieben, wenn Sie ſie ſehen könnten, und wie würden Sie ihr ſchönes Haar bewundern, und ihre tief blauen Augen, die ſo ſanft, ſo ruhig, und doch ſo voller Bedeutung ſind.“ Nina blickte auf, und ſchien durch einen Blick ihre Zuſtimmung zu erkennen zu geben. „Nelly würde ſich hier ſo glücklich finden, wenn ſie durch alle dieſe Gallerien hinwandern„ und Stunden 13²2 lang in dieſen prächtigen Kirchen ſitzen könnte, umge⸗ ben von Allem, was die Gefühle zu heben, oder der Phantaſte einen kühneren Schwung zu verleihen ver⸗ mag; auch ſie würde aus dieſen Kunſtſchätzen Nutzen zu⸗ ziehen wiſſen. Die frivolen Freuden und Genüſſe, woran ich mein Gefallen habe, würde ſie, als ihrer unwürdig, verſchmähen; vielleicht würde ſie mich beſſere Dinge lehren; vielleicht würde ich mich dann von bloß ſinnli⸗ chen Vergnügungen abwenden, und höhere und reinere Quellen des Gluͤckes aufſuchen.“ „Will Mademoiſelle mir erlauben, daß ich ihr die⸗ ſen Kranz aufſetze, um zu ſehen, ob er ihr ſteht?“ ſprach Nina, mit einem Gewinde von weißen Roſen, das ſte graziös um Kate's Haupt legte, hervortretend. Ein kleiner Schrei des Entzückens entfuhr Kate, als ſie im Spiegel die Wirkung ſah. „Schöͤn, ſchön, fürwahr!“ ſagte Nina, gleichſam unwillkürlich. 4 „Aber, Nina, ich mag das kaum— es ſcheint, als ob— ich kann nicht ſagen, was ich wünſche— als ob ich die Aufmerkſamkeit der Leute auf mich ziehen wollte — die ich Nichts bin— die ich unbeachtet bleiben ollte.“ „Sie, Mademoiſelle!“ rief Nina, und zum erſten Male nahm ihr Ton und ihr ganzes Weſen einige Waͤrme an;„Sie, Mademoiſelle— die Schöne, die Schoͤnheit, die anerkannte Schönheit von Florenz?“ „Nina! Nina!“ rief Kate in tadelndem Tone. „Hoffentlich wird Mademoiſelle mir verzeihen. Ich möchte um Alles in der Melt nicht es an dem gehöri⸗ gen Reſpekte fehlen laſſen,“ ſagte Nina in tiefer De⸗ muth;„allein ich habe bloß wiederholt, was Andere geſprochen haben.“ „Ich bin nicht böſe, Nina— wenigſtens nicht auf Sie,“ ſagte Kate eilig.„Allein mit mir ſelbſt bin ich nicht ſo ganz zufrieden. Wer hat wohl etwas ſo Al⸗ bernes ſagen koͤnnen?“ b b — —— — 133 „Jedermann, Mademoiſelle; Jedermann, als die Geſellſchaft an einem der vergangenen Abende unter der Terraſſe ſtand. Ich habe gehört, wie Graf Labinski es zu Kapitän Onslow ſagte; und dann ſagte my Lady ihrerſeits:„„Sie haben ganz recht, meine Herren; an Schönheit kommt ihr Nichts gleich!““ „Nina! theure Nina!“ ſagte Kate über und über erröthend, und ſich das Geſicht mit beiden Händen be⸗ deckend. „Der Graf von Melzi war noch enthuſiaſtiſcher als die Uebrigen. Er betheuerte, daß er an ſeinen Raffa⸗ elles keinen Gefallen mehr finde, ſeitdem er Sie ge⸗ ſehen.“ 3 Ein plötzliches, lautes Gelächter von Seiten Kate's bewies, daß wenigſtens dieſe Schmeichelei zu weit ge⸗ trieben worden war. Und nun ſetzte ſie ſich wieder an den Schreibtiſch. Sie hatte den Splügener Paß, ſowie Como be⸗ ſchrieben; ſie hatte erzählt, welchen Eindruck der plötz⸗ liche Anblick von Italien auf ſie gemacht, als, nach Ueberſteigung der Hochalpen, das ſchöne Land mit ſeinen terraſſenförmigen Weinbergen ſich vor ihren Blicken ausgedehnt habe. Sie ſuchte ſich die glorioſe Scene, wie ſie ſich ihr darbot, noch einmal zu vergegenwär⸗ tigen; allein es war umſonſt. Andere, und himmelweit verſchiedene Gedanken hatten bei ihr die Oberherrſchaft erlangt. Sie konnte nicht länger an den ruhigen See denken, auf deſſen ſpiegelglatter Oberfläche ſchneebedeckte Berggipfel und Gletſcher ſich ſpiegelten;— es war vergebens, daß ſie ſich jene Felſenſpitzen wieder zu ver⸗ gegenwärtigen ſuchte, auf denen der wilde Feigenbaum, der Olivenbaum, der Oleander, und die Mimoſa fort⸗ kommen. Andere Bilder erfüllten ihren Geiſt; Haufen von Bewunderern ſtanden vor ihrer Phantaſte; das Gemurmel der Schmeichelei erfüllte ihre Ohren; präch⸗ tige Salons, von herrlicher Muſik wiederhallend, und durch tauſend Wachskerzen in ein Feuermeer verwandelt, 134 tauchten vor ihrer Phantaſite auf, und es ſchwoll ihr Herz im Bewußtſein ihres Triumphes. Der Uebergang von einer Beſchreibung von Natur⸗ ſcenen und Naturgegenſtänden zu einer Schilderung des wirklichen Lebens von Florenz war daher ein überaus plötzlicher:— „Bis daher, Nelly, haben wir Niemand geſehen, mit Ausnahme des Herrn Jekyl, deſſen Du Dich noch von Baden⸗Baden her erinnern wirſt. Jede Woche ſpeist er hier einige Male, und der Mann iſt mit ſeinen drolligen Geſchichten und Nachahmungen überaus be⸗ luſtigend; denn er kennt Jedermann, und iſt als Mi⸗ miker unübertrefflich. Du würdeſt ſchwören, es ſei Doctor Grounſell im anſtoßenden Zimmer, wenn Du faeß Jekyl ihn nachahmen ſäheſt und nachahmen hörteſt. „Es hat wegen einer Opernloge einige Schwierig⸗ keiten gegeben; denn Herr Jekyl, der Alles leitet, und Jedermann in Händen hat, will durchaus die Loge des Fürſten Midchekoff haben,— eine Loge, die beſſer iſt, als die königliche ſelbſt; allein es iſt ihm nicht gelungen. Deßhalb ſind wir auch noch nicht in der Oper geweſen; und da der Palaſt ganz neu dekorirt und meublirt wor⸗ den iſt, ſo haben bei uns bis jetzt noch keine Receptio⸗ nen ſtattgefunden; allein nächſten Dienſtag werden wir unſern erſten Ball geben. „Alles, was ich Dir von dem Glanze des Hauſes ſagen könnte, meine theuerſte Nelly, wäre gegen die Wirklichkeit Nichts. Eine ſolche Pracht in allen Ein⸗ zelheiten; eine ſolche Menge von Dienern, die alle ſo reſpektvoll und höflich find, und von denen einige in Livreen ſtecken, die ſchönen Uniformen gleichen. Ein ſo überaus prächtiges Gold und Silber⸗Geſchirr; überall ſo deliciöſe Blumen— auf der Treppe, im Geſellſchaftszimmer— und hier, neben mir, wäh⸗ rend ich Dir ſchreibe! Und oh, Nelly! wenn Du erſt meinen Anzug ſehen könnteſt! Spitzen, mit Bouquets —— —— — ꝓꝓ 13⁵ von rothen Camellias, und verziert mit Schnüren voll kleiner Perlen. Stelle Dir die arme Kate Dal⸗ ton in all' dieſem Glanze vor! Auch fühle ich mich, ſonderbar genug, darin gar nicht unbeholfen. Mein Haar, von dem Du glaubteſt, daß ich es ſelbſt ſo gut mache, iſt für etwas wahrhaftig Abſcheuliches erklärt worden; und obgleich ich geſtehe, daß es mir anfänglich überaus anſtößig war, ſo Etwas hören zu müſſen, ſo ſehe ich doch jetzt ſelbſt ein, daß die Leute vollkommen Recht hatten. Anſtatt der Bandeaus trage ich jetzt Ringeln, die mir bis auf die Schulter herab⸗ fallen, und Nina ſagt mir, es ſei nie eine ſo glückliche Verbeſſerung gemacht worden, da der Charakter meiner Geſichtszüge etwas ſanfter gemacht werden müſſe. „Und welche Menge von Kleidern habe ich nicht bekommen! Denn hier muß man immer mit ſeiner Toi⸗ lette beſchäftigt ſein; und obgleich ich mich jetzt all⸗ mählig daran gewöhne, ſo war ich doch anfänglich da⸗ durch entſetzlich gequält; auch blieb mir keine Zeit zum Leſen übrig. Und, à propos, Lady Heſter hat mir ein ſo ſeltſames Buch gegeben. Der Titel iſt„„Mathilde:““ Es iſt ein recht huͤbſches, überaus intereſſantes Buch, allein nicht die Art Lektüre, die Du liebſt; es ſind wenigſtens weder die Scenen, noch die Charaktere von der Art, daß ſie Dir ſehr gefallen würden. Natürlich halte ich es für ein gutes Gemälde des Lebens aus einer andern, als der mir bis jetzt bekannt geweſenen Sphäre; und wenn das Gemälde wahr iſt, ſo muß ich ſagen, daß es in der hohen Geſellſchaft mehr Laſter gibt, als ich geglaubt habe. Indeſſen kann ich doch nicht umhin, einen gewiſſen Zug in den Sitten zu be⸗ wundern: es iſt die außerordentliche Sorgfalt, womit Jedermann es zu verhüten ſucht, bei Andern anzuſtoßen, und wäre es auch nur durch das geringſte Wortz nicht allein ſagt man nie das, was nicht geſagt werden ſoll, ſondern man ſpielt nicht einmal entfernt darauf an. So außerordentlich viele Rückſicht für die Gefühle der An⸗ 136 dern zeigt eine große Sittenverfeinerung, wo nicht einen höheren und beſſeren Charakter an. In dieſer Bezieh⸗ ung iſt Lady Heſter wahrhaft entzückend. Ich kann Dir nicht ſagen, wie ſehr man von dem Zauber ihres Weſens hingeriſſen und unterjocht wird. „Kapitän Onslow ſehe ich nur wenig; allein er iſt ſtets guter Laune und luſtig; und was Sir Stafford betrifft, ſo gleicht er durch ſein wohlwollendes, liebe⸗ volles, herzliches Weſen ganz einem Vater. Sydney vermiſſe ich ſehr; ſie war beinahe ſo alt, wie ich, und obgleich ſie mir in allen Stücken ſo ſehr überlegen war, ſo zeigte ſie ſich doch ſo umgänglich und ſo ganz, wie eine Schweſter. Wenn ſie nicht bald zurückkehrt, ſo werden wir einander ſchreiben. „Ich hatte die Abſicht, Dir über die Gallerien ſo Vieles zu ſagen; allein Herr Jekyl zieht Einen ſo ent⸗ ſetzlich mit dem künſtleriſchen Enthuſtasmus auf, daß ich mich wirklich ſchäme, auch nur ein Wort zu ſagen; auch machen mir, Nelly, ſchöne Gemälde nicht ſowohl wegen ihres inneren Werthes Vergnügen, als wegen der Wahl des Gegenſtandes, und wegen der vielen und be⸗ ſonderen Gedanken, wozu ſie Anlaß geben; und aus dieſem Grunde ziehe ich den Salvator Roſa allen andern Malern vor. Der romantiſche Charakter ſeiner Scenerie; die Art Geſchichte, die ſeine Perſonen zu umgeben ſcheint; die feierliche Ruhe ſeines Mondlichts; der ſanfte Glanz ſeines Sonnenuntergangs, erhöhen für den Beſchauen⸗ den wirklich den Naturgenuß. Ich ſchäme mich, Dir zu geſtehen, daß Raffaelle weniger mein Liebling iſt, als Titian, deſſen Porträts den ganzen Charakter und das ganze Leben des dargeſtellten Individuums zu enthüllen ſcheinen. Bei Velasquez iſt noch ein anderer Zug— Hier wurde Kate uaterbrochen; denn Nina kam mit Handſchuhen herbei, von denen ſie einige Paare auswählen ſollte; und nun entſtand die ſchwierige Frage, ob man einer Franſe von Silber⸗Filigran, oder einem 137 reichen Beſatze von Valencienner Spitzen den Vorzug geben ſolle,— eine Frage, über die Mademoiſelle Nina gar Viel zu ſagen hatte. Bei all' dieſen kleinen Discuſſionen beluſtigte an⸗ fänglich die Wichtigkeit, die man bloßen Kleinigkeiten verlieh, Kate, und ſie mußte ſogar darüber lachen; allein nach und nach lernte ſie nicht bloß mit Aufmerk⸗ ſamkeit darauf hören, ſondern ſie nahm auch ſelbſt an den Berathſchlagungen Theil. Nina's große Kunſt beſtand in der Geſchicklichkeit, womit ſie dem beſonderen Charakter und Weſen der betreffenden Perſon ein Co⸗ ſtüm anzupaſſen wußte; und wie übertrieben auch einige ihrer Begriffe in dieſer Beziehung waren, ſo lag doch in ihren Bemerkungen ſtets ſo viel geſunder Verſtand und ſo viel geſunder Geſchmack, daß jede Abſurdität in ihrer Theorie dadurch überwunden wurde. Kate Dalton, deren ganzes Weſen die Einfachheit und Offenheit ſelbſt geweſen war, wurde nach und nach dahin gebracht, daß ſie bei jeder Veränderung ihrer Toilette auf einen ſtreng charakteriſtiſchen Anzug Rück⸗ ſicht nahm; denn wenn ſie in einem einfachen Mouſſelin⸗ Kleide beim Frühſtücke erſchien, ſo vertauſchte ſie es gegen ein„costume de paysanne,“ um in dem Gar⸗ ten ſpazieren zu gehen; und letzteres wieder gegen eine Art Reithabit, um im Cascini einen Spazierritt zu machen;— darauf erſchien ſie beim Diner in irgend einer, aus einer vergangenen Zeit entlehnten Tracht. Und ſo wurde am Ende ihre ganze Zeit und ihre ganze Aufmerkſamkeit von ſolchen Dingen in Anſpruch genom⸗ men, während wichtigere und intereſſantere Gegenſtände ausgeſchloſſen bleiben mußten. Es ſollte nun an dem Briefe weiter geſchrieben werden; allein ſie hatte den Faden verloren: ihr Geiſt war bloß mit Gegenſtänden, welche die Toilette betrafen, erfüllt. Sie ging auf die Terraſſe hinaus, um ſich wie⸗ der zu ſammeln; allein unter ihrem Fenſter rollte jene eendloſe Fluth von Leuten und Wagen dahin, die einen 138 Theil der großen Fluth einer Hauptſtadt bildet, und dieſelbe anſchwellt. Sie richtete ihre Schritte nach einer andern Seite hin, und da ſtand in der Anlage neben dem Palaſte George Onslow, der ſich in eine große leinene Pferdedecke gehüllt hatte, um einen neu gekauf⸗ ien Araber an das Anſchlagen eines Reitkleides zu ge⸗ wöhnen. Das Pferd war ein Geſchenk, das Sir Staf⸗ ford ihr den Tag zuvor gemacht hatte. 3 Alles, was ſie ſah— Alles, was ſie hörte, führte ihr nur ein Bild vor— und dieſes Bild war ſie ſelbſt! Dieſer Gedanke war für ſie in der That tief berauſchend. Das Leben ſtellte ſich ihr von einer ſo entzückenden Seite dar, wie ſie früher es nie für möglich gehalten hatte. Alles hatte für ſie Intereſſe, da ſie von Allem ihren Antheil hatte. Ach! das heimtückiſchſte aller Gifte iſt das des Egoismus, welches das Gewiſſen durch die ſanfte Schmeichelei, die wir uns ſelbſt zu⸗ flüſtern, einſchläfert, und uns glauben macht, wir ſeien wirklich das, wofür die Welt uns anzuſehen affektirt. Wie bereitwillig nehmen wir bei uns Eigenſchaften als wirklich vorhanden an, die uns bloß in Folge einer Art von Höflichkeit geliehen worden ſind, und die wir, ſobald man uns dazu auffordert, wieder heimgeben müſſen, ohne daß man uns fragt, ob es uns ſauer ankommt oder nicht! Eine Zeitlang iſt in der That die mit dieſer Selbſt⸗ täuſchung verbundene Extaſe gränzenlos! Wer hat nicht in dieſem oder jenem Momente ſeines Lebens dem entzückenden, berauſchenden Gedanken Raum gegeben, daß die Welt für ihn voller Freunde und Bewunderer ſei; daß ihn bei ſeinem Gehen Glückwünſche begleiten, und daß ihn bei ſeiner Ankunft ein freundliches Will⸗ komm erwarte? Ob wir im ſpätern Leben gute oder ſchlechte, nützliche oder durchaus hülfloſe Glieder der Geſellſchaft ſein werden, hängt zum großen Theile da von ab, wie wir die Prüfungszeit überſtehen. Kate Dalton beſaß gar Viel, um dieſe Leichtgläubig⸗ 139 keit zu ermuthigen; nicht allein war ſie überaus ſchön, ſondern es umgab ſie auch jener Zauber, den ein ſehr gewandter franzöſiſcher Schriftſteller als das Weſen einer Frau deſinirt: ſie war„plus femme que les autres femmes.“ Wenn auch ein ſehr kritiſches Auge in ihren Manieren und in ihrer Rede gewiſſe kleine Unbeholfenheiten hätte entdecken konnen, ſo würden die⸗ ſelben einem nicht ſo viel fordernden Urtheile wahrſchein⸗ lich als weitere Reize erſchienen ſein,— da ſie an ihre Jugend, ihre Einfachheit und die Friſche ihrer Natur erinnerten. Alle anderen Reize wurden indeſſen von der Glückſeligkeit überſtrahlt, die aus jedem ihrer Worte, jedem ihrer Blicke und jeder ihrer Geberden heraus⸗ leuchtete; ein ſo tief gehendes Gefühl der Glückſelig⸗ keit— eine ſo intenſive Freude am Leben gehört zu den ſeltenſten aller Naturgaben. Es lag in der Natur ihrer Lage ſo viel Sonder⸗ bares und Abenteuerliches, daß es alle Romantik ihrer Natur noch überbot; es umgab ſie ſo viel wirklicher Glanz, daß auch ihre kühnſten Phantaſien einen Anſtrich von Wahrheit und Realität erhielten. Wäre ſie die alleinige Tochter des Hauſes, und die alleinige Erbin des Namens geweſen, ſo hätten ihr nicht mehr Schmeicheleien zu Theil werden— ſo hätte ihr Wille nicht mehr zu Rathe gezogen— ſo hätten ihre Wünſche und ihr Geſchmack nicht mehr als maßgebend betrachtet werden können. Und doch war ſie bei all' dieſen ſie umgebenden Verführungen noch nicht verzogen— noch nicht! Die Heimath mit allen theuren Erinnerungen, ſo ſich daran knüpften, war ihrem Geiſte ſtets gegen⸗ wärtig; das einfache, beſcheidene Leben, das ſie dort ge⸗ führt hatte, ſchwebte ihr noch vor mit ſeinen Lehren der Demuth.— Lehren, die ihr noch nicht unangenehm waren. Sie konnte ſich immer noch an das Fenſterchen erinnern, das auf die Murg hinans ging, und konnte die Scenerie immer noch ſchön finden. Ihr theurer, theurer Papa war ihr immer noch das, was er ihr von 140 je geweſen war. Nelly war ihr immer noch die ſanfte, talentvolle, liebevolle Kreatur, die ſie als Schweſter anbetete; ſogar Hanſerl war ihr noch das freundliche, wunderliche Sinnbild ſeines träumeriſchen Vaterlandes. Bis jetzt hatte ſich noch kein Kampf zwiſchen der Ver⸗ gangenheit und der Gegenwart— zwiſchen der Erin⸗ nerung an ihre frühere Armuth und deren lähmendes Geleite einerſeits, und dem Genuſſe des Reichthums andererſeits, der die edlen Gefühle des Herzens noch zu erweitern ſcheint, erhoben. Der Glanz ihrer gegenwäar⸗ tigen Eriſtenz warf bis jetzt noch kein ſtörendes, un⸗ heimliches Licht auf die vergangene:— wollte Gott, es wäre immer ſo geblieben! Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Eine kleine Geſellſchaft beim Souper. Der große Ball in Palazzo Mazzarini ging glück⸗ lich zu Ende, wie andere große Bäͤlle bis jetzt zu Ende gegangen ſind, und ohne Zweifel noch Jahrhunderte hindurch zu Ende gehen werden. Man bemerkte auf demſelben den gewöhnlichen, vielleicht auch einen etwas außergewöhnlichen Glanz in Kleidern und Diamanten — denſelben Schimmer, denſelben Lärm, daſſelbe Glitzern, dieſelbe Menge, dieſelbe Hitze; dieſelbe Luſtigkeit unter den Jungen; dieſelbe verzehrende Langweile unter den Alten; man kritiſirte die Anzüge— man muſterte Ge⸗ ſichter— man entdeckte Liebeständeleien und Zwiſte— man verlegte Fächer— man verlor Herzen— es wur⸗ den Falbeln zerriſſen, und Gefühle verletzt. Es war 141 dort das gewöhnliche Maß jenes Dings, das man Ge⸗ nuß nennt: natürlich vermiſcht mit dem gewöhnlichen Maße von Neid, Schüchternheit, Prätenſion, Sarkas⸗ mus, Kälte und Bosheit. Es war ein großes Tur⸗ nier menſchlicher Leidenſchaften, in weißem Atlaß und Juwelen; und wenn die Wunden, die man da einander beibrachte, minder unſanft ausgetheilt wurden, ſo waren ſie doch ebenſo gefährlich, wie die, ſo man innerhalb der Schranken eines wirklichen Kampfes er⸗ hielt. Und doch ſchienen bei dieſem tödtlichen Conflikte Alle glücklich; über Alles war ein Schein von wol⸗ lüſtiger Nachläßigkeit verbreitet, und Alles ſchien ſich angenehm gehen zu laſſen; und welche Sorgen auch die Leute mitgebracht haben mochten, ſo ſchienen ſie doch Niemand gar ſehr zu drücken: im Gegentheile, Alles war dabei recht luſtig und munter. Indeſſen war der Ball wirklich glänzend: es war Alles da, was ihn dazu machen konnte. Die Salons waren, was die De⸗ koration betraf, wirklich prächtig:— die Beleuchtung glich einem wirklichen Feuermeere. An Schönheiten fehlte es keineswegs:— Diamanten waren in Maſſen vorhanden;— auch hatte ſich von Hofe eine königliche Hoheit eingefunden, die zwar bloß durch ein unbedeu⸗ tendes, kleines Männchen, das einen Stern trug, und ſtotterte, Jedermann anſtarrte, und mit Niemand ſprach, repräſentirt war; allein immerhin war es eine könig⸗ liche Hoheit. Und ſo kam es, daß es der Mittelpunkt einer glitzernden Gruppe hübſcher Adjutanten war, die in jeder Geberde, und in jedem Blicke ihre bezaubern⸗ den Eigenſchaften entfalteten. Neben der großen Fluth der Luſt— von der ſich ſo Viele forttragen laſſen— befindet ſich bei ſolchen Gelegenheiten ſtets eine tiefere Strömung— eine Stromung menſchlicher Argliſt und Strategie, gerade wie manchem zur Beluſtigung der Kindheit beſtimmten, ſchlichten, deutſchen Feenmärchen irgend eine ſeltſame und tiefe Philoſophie zu Grunde liegt, Es würde uns 142 von unſerer Geſchichte zu weit abführen, wenn wir dieſes feine, rothe Fädchen, das ſich durch das Gewebe hindurchzieht, verfolgen wollten; es mag vor der Hand genügen, wenn wir oberflächlich darauf aufmerkſam machen, indem wir unſern Leſer bitten, uns in das kleine Zimmer hinaufzubegleiten, in dem Albert Jekyl als Herr gebot, und wo nun, um die Mitternachtsſtunde, ein Souper für drei Perſonen an einem kleinen Tiſchchen ſervirt war.. Drei Flaſchen Champagner ſtanden in einer Ecke in einem kleinen, mit Eis gefüllten Eimer, und auf ei⸗ nem Drehtiſche war ein Deſſert aufgeſtellt, das, für die Saiſon, jeden Reiz der Seltenheit darbot; ein großes Bouquet von Moosroſen und Camellias ſchmückte den Mittelpunkt des Tiſches, und verbreitete im ganzen Zimmer einen angenehmen Geruch. Der Diener,— deſſen Tracht und Ausſehen einen Kellner aus einem benachbarten Reſtaurant verrieth— hatte eben alle Arrangements vollendet; hatte Stühle um den Tiſch herum geſtellt, und friſches Holz in das Kamin gelegt, als an der Thüre ein Wagen vorfuhr. Auf der Treppe hörte man fröhliche Stimmen, ſowie den Tritt von Füßen; und im nächſten Augenblicke trat eine Dame ein, deren ſchwarzes, mit Bouquets von blauen Blumen geſchmücktes Spitzenkleid eine Geſtalt und ein Geſicht von ſpaniſchem Charakter, auf eine be⸗ wundernswürdige Weiſe, hervorhob. Hiezu trug ein ſchwarzer Spitzenſchleier, der hinten am Haare befeſtigt war, und quer über die Schultern getragen wurde, noch bei. Es lag in ihrem Tritte, als ſie in das Zimmer hineinkam, eine Leichtigkeit, und eine Unerſchrockenheit, die zu dem dunkel⸗ſprühenden, feſten Blicke ihrer vollen ſchwarzen Augen paßte. Es würde in der That ſchwer geweſen ſein, in jener faſt inſolent ausſehenden Schön⸗ heit, die ſich ihrer ſelbſt ſo bewußt war, das ruhige, unterthänige, und faſt von Kummer darniedergedrückte Mädchen, das wir in einem früheren Kapitel als Ning — 143 geſehen haben, wieder zu erkennen; allein wie unähnlich ſie auch in der äußern Erſcheinung einander ſein moch⸗ ten, ſo waren ſie doch ein und daſſelbe Individuum, und die demüthige femme-de-chambre der Kate Dalton war die berühmte Ballettänzerin des großen Theaters von Barcelona. Die Figur, welche folgte, bildete einen ſeltſamen Gegenſatz zu dieſer leichten und eleganten Geſtalt. Es war ein alter, kurzer, überaus korpulenter Mann mit einem aufgedunſenen und durch ſeine Purpurfarbe auf habituelle Völlerei hindeutenden Geſichte. Er war wie ein Prieſter gekleidet, und war in Wirklichkeit Cano⸗ nikus an der Kathedrale. Sein unbeholfener Gang, ſeine kurze und mühſame Reſpiration, die durch das Heraufſteigen noch mühſamer geworden war, ſo daß er dem Erſticken nahe ſchien, und ſein plumper Anzug er⸗ ſchienen neben der loſen Leichtigkeit der„Ballerina““ doppelt abſurd. Endlich kam auch Jekyl zum Vor⸗ ſchein: er äffte den alten Cänonikus hinter deſſen Rücken nach, und ſtellte die Ernſthaftigkeit des Kellners durch das Aufblaſen ſeiner Backen und die finnenartige Be⸗ wegung ſeiner Hände, während er dem Canonikus ſo folgte, auf eine harte Probe. „Ecco me!““ rief der Canonikus mit tiefem Grun⸗ zen, während er in einen Stuhl ſank, und ſich mit dem Saume ſeines Kleides die dicken Tropfen von der Stirne wiſchte. „Sie ſind ja die Treppe wie eine Gazelle herauf⸗ getrippelt, Padre,“ ſagte das Mädchen, während ſie vor dem Spiegel ihr Haar in Ordnung brachte, und die Falten ihres Schleiers mit allem Takte der Koket⸗ terie zu recht legte. Ein gewaltiges Schnauben, etwa dem eines Fluß⸗ pferdes ähnlich, war die alleinige Antwort, und nach⸗ dem Jekyl einen Blick uͤber den Tiſch hingeworfen, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung wäre, gab er Nina durch ein Zeichen zu verſtehen, daß ſie ſich ſetzen ſolle⸗ 144 „Verflucht ſei die Treppe, und der, ſo ſie gemacht!“ murmelte der Padre.„Es iſt mir, als ob meine Glie⸗ der auf der Folter gelegen hätten. Ich habe heute ſchon drei Mal die Treppe des Hochaltars hinanſteigen müſſen, und bin ſo müde, wie ein Hund.“ „Da iſt Ihre Lieblingsſuppe, Padre,“ ſagte Jekyl, während er den Löffel durch ein rauchendes Compoſitum hinbewegte, aus dem ein reicher Geruch von Knoblauch und Liebesäpfeln aufſtieg.„Dieß wird Sie wieder ver⸗ jüngen.“ 4 „Und wer hat denn Ihnen geſagt, daß ich wieder jung zu werden wünſche?“ rief der Prieſter zornig. „Ich erfahre alle Tage im Beichtſtuhle, wie es ſich mit der Jugend verhält, und gelobe Ihnen, daß das Alter den Vortheil hat.“ „Ein ſo reifes und dabei ſo friſches Alter, wie das Ihrige, Padre!“ ſagte das Mädchen mit aſſektirter Einfalt. „Ganz richtig, Sie loſe Dirne!“ erwiederte er; „eine Reife, die darauf hindeutet, daß die Frucht nicht mehr lange am Baume hangen wird! Allein es iſt das auf jeden Fall noch beſſer, als wenn man am Stiele von den Würmern angefreſſen— ja! oder wenn ſogar ein Weſpenneſt darin iſt, Mädchen— Sie ver⸗ ſtehen mich ſchon.“ „Könnt Ihr denn nie eine halbe Stunde als gute Freunde beiſammen ſein?“ ſagte Jekyl, indem er ihre Gläſer mit Champagner füllte, mit ſeinem Glaſe an die ihrigen ſtieß, und daſſelbe leerte.. „Sie ſind aus Savoyen, dieſe Trüffeln, und ſind geſchmacklos,“ ſprach der Padre, ſeinen Teller weg⸗ ſioßend.„Ich will den Hummer da verſuchen, denn es iſt heute ein halber Faſttag.“ „Sie ſind wie die Pfaffen,“ ſagte Nina lachend; „außen ganz ſchwarz, und innen faul!“ „Der Ball lief geſtern Abend bewundernswürdig b V —— 145 ab,“ fiel Jekyl ein, um das vorausſichtliche, heftige Ge⸗ zänke von vornherein abzuſchneiden. „Ja,“ ſagte Nina matt.„Die Anzüge waren friſcher, als die, ſo ſie trugen. Ein großer Theil des Atlaſſes produeirte ſich da zum erſten Mal:— man könnte aber nicht von vielen Perſonen, die ſich einge⸗ funden hatten, das Gleiche ſagen.“ „Die Balderoni ſah gut aus,“ ſagte Jekyl. „Zu beleibt, zu dick, zu fett,— caro mio!“ er⸗ wiederte Nina. „Und ſie muß jede Woche acht Bußübungen ver⸗ richten!“ grunzte der Padre. „Nichts thut es der Gottloſigkeit an embonpoint gleich, Padre!“ ſagte Nina lachend. „Die Engel werden ſtets als bausbäckige Mädchen vorgeſtellt,“ ſagte der Canonikus, deſſen gute Laune nnt jedem Biſſen, den er zu ſich nahm, zuzunehmen chien. „Midchekoff war, wie ich glaube, den ganzen Abend übler Laune,“ fuhr Jekyl fort; er ging mit ſeinem Glaſe im Auge herum, und ſuchte Fehler am lapis lazuli, oder wollte ſehen, ob die Gemälde nicht retou⸗ chirt wären; auch ſchien er über das gute Souper ent⸗ ſetzlich ärgerlich zu ſein.“ „Ich vergebe ihm das Alles, weil er mit„„My⸗ lady““ nicht getanzt hat,“ ſagte Nina.„Sie tanzte die halbe Nacht nicht, um ſich für den Fürſten aufzuſparen, und ihre einzige Belohnung war ſein ruſſiſches Compli⸗ ment, welches in den Worten beſtand:„„Welch fürch⸗ terlich langweiliges Ding iſt es doch um einen Ball, wenn man vermöge ſeines Alters über das Tanzen hinaus iſt.““ „Ließ es ſich der Noncio ſchmecken?“ fragte der Canonikus, der in Betreff des geiſtlichen Würdeträgers zu gleicher Zeit von Neugierde und Neid geplagt zu ſein ſchien. Die Daltons. II. 10 146 „Er hat den ganzen Abend Whiſt geſpielt, und zwar immer mit einer und derſelben Perſon!“ ſagte „Dieſe Perſon war die alte Marcheſa Guidotti?“ „Dieſelbe. So wiſſen Sie denn davon, Padre?“ fragte Jelyl. Ein Grunzen und ein Nicken mit dem Kopfe war Alles, was der Prieſter antwortete. „Welch' intereſſantes Kapitel über„„La vie privèe de Florence“ würden nicht Ihre Enthüllungen ſein, Padre,“ ſagte Jekyl nachdenkſam.„Welche Maſſe von großer und kleiner Ungerechtigkeit muß Ihnen nicht immer zu Ohren kommen!“ „Welch' ungeheure Maſſe geht nicht von Deinem kleinen, Pläne ſchmiedenden Köpfchen, Signor Jekyli, ſo⸗ wie von Deiner ſchönen anſchlägigen Nachbarin aus! Die unglücklichen Heirathen, die Du zu Stande ge⸗ bracht,— die viel verſprechenden Verbindungen, die Du aufgelöst,— die Zweifel, der dunkle Verdacht, ſo Du erweckt und geſäet,— das wohlbegründete Miß⸗ trauen, ſo Du eingeſchläfert, die falſchen Bekenntniſſe, wozu Du ermuthigt haſt— Jüngling! Jüngling! Du haſt eine fürchterliche Verantwortung auf Dich geladen, — es wird von Dir einſt eine entſetzliche Rechenſchaft gefordert werden!“ „Wenn ich an den langen Katalog von Niederträch⸗ tigkeiten denke, Padre, die Sie angehört haben, nicht allein ohne eine Bemühung, ſondern ſogar ohne einen Wunſch von Ihrer Seite, denſelben Einhalt zu thun; — wenn jede gebeichtete Sünde, ſammt Preiscourant, in Ihrem Hauptbuche figurirt hat, und wenn man ſich um einen Spottpreis davon befreien konnte;— wenn Sie auf die ſtürmiſche See der Geſellſchaft hinausge⸗ blickt haben, wie ein Wracker, der während eines Sturms ſein Auge über eine unnahbare Küſte hin⸗ ſchweifen läßt, und an die herrenloſen Sachen denkt, die bald ihm gehören werden;— wenn Sie, wie ich 147 ſelbſt bezeugen kann, kleine Sünden, die eines Tags zu großen anſchwellen müſſen, mit nachſichtigem Auge be⸗ trachtet haben, und wenn Sie, wie ein geſchickter Ang⸗ ler, die kleinen Fiſche wieder in den Strom werfen, in der feſten Zuverſicht, daß Sie ſie wieder fangen wer⸗ den, ſobald ſie ihre volle Größe erreicht;— wenn Sie das Alles, und noch tauſend Mal mehr gethan haben, Padre, ſo kann ich nicht umhin, vor mich hinzumur⸗ meln:—„Alter! Alter! Welch' fürchterliche Verant⸗ wortung haſt Du auf Dich geladen,— welch' entſetz⸗ liche Rechenſchaft wird einſt von Dir gefordert werden!“ „Ich muß geſtehen,“ fiel Nina ein,„daß Ihr Beide nicht die beſte Geſellſchaft ſeid, und daß Nichts abge⸗ ſchmackter und übler angebracht ſein kann, als ein ſol⸗ cher Austauſch von Complimenten. Ihr Beide habet Recht, wenn Ihr Euch in dieſer Welt auf die Weiſe amüſtren wollt, die Euch am Meiſten zuſagt; allein jeder von Euch hat wieder durchaus Unrecht, wenn er dem Andern Beweggründe unterſchiebt. Bei Allem, was wunderbar iſt,— was haben wir mit Beweggrün⸗ den zu ſchaffen? Was mich betrifft, ſo weiß ich ge⸗ wiß, daß ich keinen Groll zu hegen, daß ich keine Schulden der Abneigung zu bezahlen habe. Wenn ich an einer Diablerie Theil nehme, ſo geſchieht es bloß des Unfugs wegen. Es ſcheint mir aber ſehr ungerecht, daß ich bei Geſichtszügen, die nicht zu den ſchlechteſten gehören, und, wie ich weiß, bei weit mehr Scharfſinn und Verſtand, als vielen Andern zu Gebot ſteht, in dieſer großen Komödie des Lebens nur höchſt unter⸗ geordnete Rollen ſpielen ſoll, während Andere, die nicht beſſer ſind, als ich, die erſten Rollen ſpielen. Dieſe kleine Rechnung treibe ich nicht von einzelnen Indivi⸗ duen, ſondern von der Welt im Großen ein. Der Un⸗ fug iſt für mich das Vergnügen des Kindes, das die Schachfiguren verrückt, während die Spieler ganz auf das Spiel erpicht ſind.“ 3 „Doch wir müſſen jetzt zu den Onslows kommen— 148 wir müſſen praktiſch ſein— Padre mio,“ ſagte Jekyl: „wir wollen daher ſehen, was mit den Leuten anzufan⸗ gen iſt. Was die Eheprojekte betrifft, ſo iſt der wirkliche Preis uns entſchlüpft, und befindet ſich für den Augen⸗ blick in England;— dieſe Dalton iſt vielleicht ein „Treffer“, vielleicht auch nicht: Einige behaupten, ſie ſei die Erbin eines großen Gutes, das die Onslows in Be⸗ ſitz genommen haben, und ſie ſei von Letzteren für den jungen Gardiſten beſtimmt. Dieß muß genau erforſcht werden. My Lady iſt auf's Beſte disponirt, und es kann aus ihr Alles gemacht werden, was man nur will.“ „Sie mag daher in die Kirche kommen!“ brummte der Canonikus. „Sachte, ſachte, Padre,“ ſagte Jekyl:„Sie ſind in der That zu habſüchtig, und moͤchten ſtets den ganzen Fluß mit ihrem Netze heraufziehen. Wir ſind während der letzten drei Saiſons großmüthig, ungeheuer groß⸗ müthig gegen Sie geweſen, und haben alle Ihre Con⸗ vertiten zu Lieblingen der Geſellſchaft gemacht, wie klein und unbedeutend auch ihre Anſprüche ſein mochten. Die gemeinen Leute ſind in den beſten Zirkeln aufgenom⸗ men, die Häßlichen für ſchön erklärt, die langweiligſten alten Jungfern wieder als neugeprägte Münzen ausge⸗ geben worden. Wir haben dieſen„„intereſſanten Chriſten““, wie das Tablet ſie nennen würde, auf jede nur erdenk⸗ liche Weiſe geſchmeichelt;— bis Mädchen zu fühlen an⸗ ſingen, daß es außer der römiſchen Kirche keine Partners für eine Polka gebe, und daß alle„Indulgenzen“ der Luſt, wie die der Religion, vom Papſte ausgingen. Wir können Ihnen die Onslows nicht geben, oder zum Wenig⸗ ſten, jetzt noch nicht. Wir haben noch die Tochter zu verheirathen, die Freundin zu verſorgen, den Sohn „„auszupreſſen.““ „Verworfener junger Menſch!— Gib mir den Cham⸗ pagner, Nina, und Nina, ſag' Deiner jungen Herrin, daß es kaum anſtändig ſei, zu Fuß in die Mittags⸗Meſſe zu kommen, daß es der Geiſtlichkeit der Stadt erwünſcht 149 ſei, die Equipagen der Reichen vor den Thüren der Kathedrale, als eine paſſende, der Kirche dargebrachte Huldigung, zu ſehen. Den Onslows fehlt es an Wagen nicht, und ihre Livreen ſind glänzend und prachtvoll.“ „Sie hat es ſelbſt ſo gewollt,“ ſprach Nina,„für eine Perſon, die zuvor nie irgend eine Art von Luxus kannte, iſt ſte ein ſonderbares Mädchen.“ „Ich haſſe ſolchen einfachen Geſchmack,“ brummte der Padre;„er deutet auf jenes hartnäckige, zähe Weſen hin, das die Leute„„ein ruhiges Temperament⸗“ nennen. Auch weist ihr Anzug ganz und gar nicht auf ihren Rang hin, Nina.“ „Das ſoll anders werden, Padre.“ „Warum ſollte der junge Soldat ſie nicht beglei⸗ ten? Sagen Sie ihm, daß unſer Chor prachtvoll ſei; flüſtern Sie ihm zu, daß die wunderſchöne Marcheſa di Sudon auf der nämlichen Bank neben Miß Dalton ſitze.“ Nina gab durch Nicken ihre Zuſtimmung zu er⸗ kennen. „Auch iſt das junge Mädchen in Betreff ihrer Pflichten ziemlich lar, Nina: ſie hat noch nicht einmal gebeichtet.“ 3 „Das kommt von dieſen Engländern her!“ rief Nina; „ſie machen aus unſerem Gottesdienſte beſtändig ein Geſpötte. Immer und ewig laſſen ſie ihren gemeinen Hohn und Spott über unſere Heiligenverehrung, über die Ehre, ſo wir Reliquien erweiſen, oder über die Ge⸗ heimniſſe des Beichtſtuhls aus. ſeso, ut ſie Nichts dagegen?“ fragte der Prieſter eifrig. „Bisweilen erröthet ſie; gelegentlich lacht ſie gut⸗ launig, und glaubt damit dieſe Angriffe abwenden zu können; dann und wann habe ich auch, wenn die Aus⸗ fälle zu weit gettieben worden waren, noch einige Stun⸗ den darauf Thränen in ihren Augen glänzen ſehen.“ „Ach, wenn ſich doch nur dieſe Ketzer des Spottes 150 enthalten könnten!“ rief der Canonikus.„Der Unge⸗ bildetſte unter ihnen kann ſpotten, und hoͤhnen, und ſchimpfen. Sie haben ihren Vorrath von Sarkasmen von ihren Vorfahren geerbt, und es iſt derſelbe von den Vätern auf die Söhne übergegangen. Und was ſind dieſe Sarkasmen? Armſelige, geiſtloſe Blasphemien, die ſie dem Voltaire abgeſtohlen haben,— dem Voltaire, der ſich über ſeine Nachbeter luſtig machte;— allein ſie richten dennoch vielen Schaden an. Sobald die Leute aber ein⸗ mal anfangen, zu leſen— ſo bald ſie„„zu forſchen““ anfangen, wie die Phraſe lautet, haben wir das Spiel gewonnen.“ „Es will mich bedünken, Padre,“ ſagte Jekyl,„daß die meiſten Ihrer engliſchen Convertiten aus purer Spar⸗ ſamkeit übertreten:— der Papismus iſt, gleich den Trüf⸗ feln, auf dem Continente ſo wohlfeil!“ „Fort mit Ihnen! fort mit Ihnen!“ rief der Pa⸗ dre in tadelndem Tone.„Sie kommen zu uns, wie Kinder, die die Mutterbruſt ſuchen. Geben Sie mir die Maccaroni her!“ „Padre mio,“ ſiel Jekyl ein,„ich wollte, Sie wären katholiſch genug, um minder papiſtiſch zu ſein. Wir verfolgen hier noch andere Pläne, und wollen nicht bloß das Vermögen der erheiligen ſtarmelierr ver⸗ mehren; und wäͤhrend wir uns um die Beute ſtreiten, kann das Wild andere Jagdgründe aufſuchen. Dieſe Onslows dürfen wir nicht ſo hinauslaſſen.“. „Albert hat Recht,“ fiel Nina ein.„Wenn der „„Midchekoff““ ſich ſo weit herabläßt, daß er glaubt, er ſei in die Dalton verliebt;— wenn der Gardiſt einige Tauſende mehr verloren hat, als er bezahlen kann; wenn my Lady die eine Häͤlfte von Florenz beleidigt, und die andere tyranniſirt hat,— dann wird die Stadt ſich an ihre Herzen feſtgeklammert haben, und dann können ſie Ihren Kreuzzug beginnen, ſobald es Ihnen belie Ich weiß in der That nicht, o t höre, im Falle die Saiſon langweilig ſein ſollte. A 151 „Wie Sie ſchon einmal auf den, Abbé D'Esmonde gehört haben,“ ſagte der Canonikus boshaft. Eine tiefe Röthe überflog hier die Wangen des Mädchens; ja ſogar über ihren Nacken und ihre Schul⸗ tern verbreitete ſich die Purpurröthe, während aus ihren Augen ein Blick voll feuriger Leidenſchaft flammte. „Wagen Sie es— koͤnnen Sie ſo unverſchämt und frech ſein, zu—“ Ihre Indignation hatte ſie ſo weit getrieben, als ſie mit einem Male innehielt, ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckte, und in Thränen ausbrach. Jekyl bedeutete dem Prieſter durch einen Wink, daß er ſchweigen ſolle, während er die Andere ganz artig in das anſtoßende Zimmer führte, den Vorhang vorzog, und ſie allein ließ. „Wie konnten Sie doch das ſagen?“ ſagte er.„Wie konnten Sie das ſagen, Padre,— Sie, der Sie wiſſen, daß das kein bloßer Spaß iſt 2 „Schone des Sünders nicht, auch laß die Streiche nicht ſanft ſein!„„Non sit levis Flagella,““ ſpricht Origines. 3„Sind die Ortolane gut, Padre?“ fragte Jekyl, während ſein funkelndes Auge anzeigte, wie gut er die Heuchelei des alten Canonikus zu wurdigen wiſſe. „Sie ſind deliciös, ſaftig und zart!“ ſprach der Pfaffe, indem er ſich die Lippen abwiſchte.„Francesco weiß ſie vortrefflich zuzubereiten.“ „Sie glauben doch wenigſtens noch an einen Koch,“ ſprach Jekyl, allein mit ſo leiſer Stimme, daß ſeine Worte dem Andern entgingen. „Sie ſchluchzt immer noch,“ ſprach der Canonikus mit flüſternder Stimme, und mit einer Geberde nach dem faatt einer Thür dienenden Vorhange hin.„Ich höre die Leute gar gerne ihre Seufzer hinunterdrücken und ver⸗ ſchlucken. Es iſt wie das Glu⸗Glu einer guten Flaſche „„Lagrime.““ 152 „Bemitleiden Sie aber die Leute nicht, Padre?“ fragte Jekyl mit geheucheltem Ernſte. „Nie! nie! Die Leute leiden ja zuerſt nicht bei all' dieſen Ausbrüchen. Es wird damit nichts Anders gethan, als daß ihre Gefühle in ein anderes Gefäß abgegoſſen werden, und ſie wollen es ſelbſt ja ſo haben! Ich habe ſte ſchon ſtundenlang ſo im Beichtſtuhle gehabt, und dann gehen ſie fort, ſo ruhig und ſo leichten Herzens, daß es kaum zu glauben iſt!“ 3 „Aber Nina,“ ſprach Jekyl ernſt,„iſt keine von dieſen.“ „Sie iſt ein Weib,“ entgegnete der Padre,„und in den Herzen der Weiber kann nur ein Prieſter leſen.“ℳ „Sie ſehen die menſchliche Natur, gleich dem Arzte, ſtets nur in ihrem leidenden Zuſtande, Padre. Von ihren fröhlicheren und leichteren Stimmungen wiſſen Sie weniger, als wir, die wir mehr ein Schmetterlings⸗Leben führen!“. „Wahr in einer Richtung, mein Junge; unſere Pfade ſind ſteinig— unſere Lebenswege ſind ermüdend! Der Burgunder da ſchmeckt mir!“ „Er iſt recht angenehm, Padre. Er iſt von einem Korbe, den ich für die Onslows beſtellte; allein ihr Kellermeiſter ſchüttelte die Flaſche, als er ſie auf den Tiſch brachte, und ſo baten ſie mich, dieſelbe weg⸗ zunehmen.“ „Dieſe Weine paſſen im Allgemeinen nicht ganz gut für das Klima von Italien,“ ſprach der Canonikus; „allein Florenz hat das Verdienſt, daß es innerhalb der Grenzen eines einzigen Tages alle Klimas beſitzt, und ſelbſt der Chambertin iſt kaum edel genug, wenn die Tra-montana weht!“ „Nun, ſind Sie jetzt manierlicher geworden? Kann ich hineinkommen?“ rief Nina, an dem Thürweg ſich zeigend. „„Venga pure! Venga pure!““ brummte der Cano⸗ nikus.„Ich verzeihe Dir Alles. Setz' Dich neben mich — — 153 hin: wir wollen nun ein Glas auf unſere ewige Freund⸗ ſchaft leeren!“— „Wohlan denn, dieß möge als Sühnopfer dienen!“ ſprach ſie, indem ſie den Blumenkranz von ihrem Kopfe herabnahm, und denſelben dem Padre auf die Stirne drückte. Jetzt ſehen Sie aus, wie der alte Baecchus im Boboli⸗Palaſte.“ „Und Du ſiehſt aus wie—“ „Wie was? heraus damit!“ rief ſie zornig.„ „Kommt, kommt, bleibt gute Freunde, ich bitte Euch darum! fiel Jekyl ein.„Wir ſind nicht hier, um gegen⸗ ſeitig Vorwürfe auszutauſchen.“ Es ſind dieß blos die„irae amantium““, mein Junge,“ ſprach der Pfaffe;„das Mädchen liebt mich von ganzem Herzen.“ „Wie Sie doch meine geheimſten Gedanken leſen!“ ſagte ſie mit einer Affektation von Aufrichtigkeit, wie man ſie bei Koketten findet. „Es würden lectiones pravissimae ſein!“ mur⸗ melte er zwiſchen den Zähnen. „Was iſt das? Was murmelt er da, Albert?“ rief ſie haſtig. „Es iſt ein Segensſpruch, Nina,“ erwiederte Jekyl, „haben Sie die lateiniſchen Worte nicht gehört?“ Am Ende ward der Friede hergeſtellt, und, Dank der Gewandtheit und den Kunſtgriffen Jekyl's, ſowie der Güte ſeines Champagners, folgte nun auf all' das Gezänke eine recht gemüthliche Stimmung, in welcher das kleine Feſt bis an den frühen Morgen dauerte. Nachdem das ernſtere Geſchäft, das ſie zuſammen ge⸗ führt— die Onslows und deren Angelegenheiten— erörtert war, überließen ſie ſich ganz der Freude des Augenblicks. Jekyl griff nach ſeiner Guitarre, und trillerte ein franzöſiſches Liebeslied in einer Weiſe, daß ihn ein Blutfink hätte beneiden mögen; Nina tanzte einen Bolero, wobei ſie ſich des Roſenkranzes des Padre anſtatt ihrer Caſtagnetten bediente; während der alte 154 Pfaffe ſelbſt in einen langen Choral ausbrach, in wel⸗ chem Ovid, Petrarca, Anacreon und ſein Brevier nach der Reihe ſigurirten, und unter deſſen Einfluß er am Ende feſt einſchlief, ohne im Mindeſten Etwas von dem Schnurrbarte und den Augenbrauen zu merken, womit Nina, ſich eines Korkſtöpſels bedienend, ſein ebrwürdi⸗ ges Antlitz zierte. Endlich erinnerte ſie ein Geräuſch von Rädern auf der ſtillen Straße an die Stunde. Jekyl öffnete das Fenſter, und ſah einen Brougham, der, Sir Staf⸗ ford gehörend, eben an der Thüre vorfuhr. „Frangois läßt nicht auf ſich warten,“ ſprach Nina, indem ſie auf ihre Uhr blickte;„ich habe ihm geſagt, daß er um fünf Uhr kommen müſſe.“ „Wäre es nicht beſſer, wenn wir ihn zuerſt nach Hauſe brächten?“ ſagte Jekyl mit einer Geberde nach dem Prieſter hin;„er wohnt nicht weit von hier.“ „Von Herzen gern,“ erwiederte ſie;„aber Sie wer⸗ den ihm doch nicht das Geſtcht abwaſchen? „Natürlich thue ich es, Nina. Der Spaß könnte uns weit mehr koſten, als er werth iſt.“ Und alſo ſprechend, fing Jekyl an die in Unord⸗ nung gebrachte Kleidung, ſowie das verwirrte Haar des Padre in Ordnung zu bringen, wäͤhrend welcher Arbeit der alte Pfaffe wieder in ſo weit zur Beſinnung kam, daß er ſich die Treppe hinabführen, und in den Wagen ſetzen ließ. Eine Stunde darauf war Alles ſtill! Jekyl ſchlum⸗ merte ruhig auf ſeinem kleinen franzöſiſchen Bette, über das die roſenfarbigen Muskitovorhänge ein ſanftes Dämmerungslicht verbreiteten, nicht unähnlich dem der untergehenden Sonne— ein holdes Lächeln trennte ſeine Lippen, während er in ſeinen Träumen— den Träumen einer glücklichen und zufriedenen Natur— anmuthige Phantaſten webte, und manchen Plan für die Zukunft erſann. 1 Was den Padre betrifft, ſo ſchlief er in ſeiner 155 trübſeligen kleinen Höhle, hinter dem„Duomo,“ einen bleiernen Schlaf, und nicht ein Gedanke, nicht eine Idee unterbrach die ſtagnirende Oberfläche ſeiner tiefen Lethargie. Nina aber war munter, und konnte nicht ſchlafen. Nachdem ſie ihr brillantes Koſtüm ſorgfältig bei Seite geſchafft hatte, flocht ſie ihr dunkles Haar wieder zu beſcheidenen Flechten, und ſogar ihre Geſichtszüge nah⸗ men, während dieſer Arbeit, wieder ihren gewohnten, ſanften und ſubmiſſen Ausdruck an. Da die ganze Veränderung, die in dem Anzuge ſtattgefunden hatte, gegen die vollſtändige Veränderung, die jetzt in ihrem ganzen Benehmen und Ausſehen zu bemerken war, wenig in Vergleich kommen konnte, ſo erſchien ſie als ein durchaus verſchiedenes Weſen. Und ſie war es auch. Denn während wir der Welt gegenüber die Heuchler ſpielen, vergeſſen wir ganz und gar, daß wir ſelbſt die Täuſchung theilen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Eine mitternächtliche Reception. Mitternacht war vorüber, ſo eben war die Oper zu Ende gegangen, und es verſammelten ſich die weni⸗ gen privilegirten Gäſte, die ſich bei Lady Heſter Ons⸗ low einfinden durften, in dem kleinen Salon und Bou⸗ doir, die für dieſe ercluſiven Receptionen beſtimmt wa⸗ ren. Nichts konnte einen ſtärkeren Contraſt bilden, als die Pracht und der Glanz des Appartements einerſeits, und das nonchalante,„pomadige“, auch im nachlaͤßigen 156 Anzuge ſich nicht verläugnende Weſen der Männer an⸗ dererſeits, die ſich auf die Ottomanen hinſtreckten, ſich auf den Sophas in behaglicher Ruhe ausdehnten, oder aus ihren Cigarren fleißig Wolken emportrieben, ohne auf den Ortk, noch auf die beiden Damen zu achten, deren Toilette die Vollkommenheit ſelbſt war, und die die Honneurs machten. Lady Heſter, die eine kleine geſtickte Sammtmütze, die recht kokett auf einer Seite ihres Kopfes ſaß, ſowie eine Art ſammtener Joppe trug, wie ſolche in Griechen⸗ land im Gebrauche iſt, lag auf einem Sopha, unter einem Baldachin von roſenrother, mit Spitzen verzierter Seide; eine prachtvoll verzierte Hooka, deren ſmarag⸗ denes Mundſtück ſie in der Hand hielt, ruhte auf einem kleinen Kiſſen neben ihr; während in jeder Stellung, welche der Geſchmack oder die Laune eingab— auf Stühlen, auf Kiſſen, auf niedrigen Polſterſtühlen, auf „prie-dieux“ und andern dergleichen Salonmöbeln— um ſie her gruppirt, etwa ein halbes Dutzend Männer ſaßen, deren Ausſehen und Benehmen genugſam andeu⸗ tete, daß ſie ſchon lange ſich in der höheren Geſellſchaft bewegt hatten. In ihrem Weſen und Ausſehen konnte man einen gemeinſamen Zug bemerken: blaß, ſchwarz⸗ äugig, ſchwarzbärtig und ermüdet ausſehend, erſchienen ſie als Männer, die, eines ausſchweifenden Lebens über⸗ drüſſig, dennoch durchaus unfähig waren, ein anderes zu ergreifen. In hoher Stellung, mitunter auch in glänzenden Vermögensverhältniſſen, geboren, fanden ſie Alle, daß ihnen keine andere Laufbahn offen ſtehe, als das Laſter in dieſer oder jener Geſtalt. Die Politik der Männer, die ihr Vaterland regierten, hatte ihnen jeden Weg, auf dem ſie ihren Ehrgeiz auf eine ehrenwerthe Weiſe befriedigen konnten, abgeſchnitten; weder als Staats⸗ männer, noch als Soldaten konnten ſie Ruhm zu erlan⸗ gen hoffen. Ihre Lebensgewohnheiten und der Ton der Geſellſchaft trieben ſie nicht an, die Wiſſenſchaft —— 15⁵7 oder die Literatur zu cultiviren. Die in ihrem Zirkel erörterten Gegenſtände bezogen ſich nie, wenn auch nur zufällig, auf ein Buch; und da ſaßen ſie nun, mit Köpfen, deren Entwicklung, mit Stirnen, deren Höhe auf das Vorhandenſein aller geiſtigen Fähigkeiten hin⸗ deutete,— da ſaßen ſie nun, ihr Leben in der lang⸗ weiligſten Routine der Ausſchweifung, die man ſich denken kann, vergeudend, ihre geiſtigen Fähigkeiten brach liegen laſſend, mit verdorbenen Herzen, körperlich ent⸗ nervt, und aller Energie des Charakters entbehrend; ſelbſt in ihrer Jugendzeit hatten ſie das erſchöͤpfte Aus⸗ ſehen des höheren Alters, und in jedem ihrer Geſichts⸗ zuüge ſprachen ſich Ermüdung, Ueberdruß und Unzufrie⸗ denheit aus. Im anſtoßenden Zimmer ſaß Kate Dalton an einem Theetiſche. Sie hatte— wir können kein milderes Wort gebrauchen— eine Art mittelalterlichen Coſtüms, das durch ſein langes Bruſtſtück und ſeine weit herab⸗ hangenden Aermel an die Porträts aus Titians Zeit erinnerte; eine kleine Mütze bedeckte ihren Hinterkopf, an dem das Haar ſich durch eine Oeffnung zeigte. Die reichen nußbraunen Maſſen deſſelben waren durch ein kurzes goldenes Stiletto feſtgehalten, deſſen Griff mit koſtbaren Steinen beſetzt war; eine maſſive goldene Kette ſammt einem ſchweren Kreuze von demſelben Me⸗ talle war der einzige Schmuck, den ſie trug. So ungeheuer verſchieden auch dieſer Anzug von der beſcheidenen Kleidung war, in der der Leſer ſie zu⸗ erſt kennen gelernt hat, ſo war die in ihrem Innern vorgegangene Veränderung doch noch größer; ſie war nicht mehr das verſchämte, leicht erröthende Mädchen, das, leichtgläubig, froͤhlich und ſich ſo ganz gehen laſ⸗ ſend, all' das ſtrahlende Entzücken einer glücklichen Na⸗ tur zur Schau trug, ſondern beherrſchte jetzt ihre Ge⸗ ſichtssüge, war ruhig und hatte feine Manieren; das ruhige Lächeln, das ihre Lippen bewegte, ihre graziöſen Kopfbewegungen, ihre kleinſten Geberden, ihre unbe⸗ 158 deutendſten Worte— Alles verrieth eine feine, abge⸗ meſſene Ruhe, und eine Eleganz, die ſelbſt ihre Schöͤn⸗ heit als minder anziehend erſcheinen ließen: ſo groß war der Zauber ihrer Manieren. Zwar war die edle Offenheit ihrer ſtrahlenden Augen verſchwunden; ſie trat Einem nicht mehr mit einem Blicke vollen und furchtloſen Vertrauens entgegen; die herzliche Wärme, ihre immer ſo friſchen und luſtigen Einfälle waren da⸗ hin, und an ihre Stelle war eine furchtſame Zurück⸗ haltung, eine behutſame, ſcheue Delikateſſe getreten, die mit einem ruhigen, aber ſtets wachſamen Geiſte ge⸗ paart war, welche durch paſſende Erwiederungen genug⸗ ſam ſeine Aufmerkſamkeit bekundete, und eben dadurch ſchmeichelte. Vielleicht wird es uns der Leſer nicht Dank wiſſen, wenn wir ſagen, daß ſie jetzt ſchöner war, als zuvor; daß der Umgang mit der Welt, daß Kleidung, Manie⸗ ren, daß der Takt der Geſellſchaft, daß der Sporn der Bewunderung, daß die Ueberzeugung von ihren Reizen, ſo ſehr dieſelben auch der ſittlichen Reinheit ihres We⸗ ſens Eintrag gethan haben mochten, dennoch ihr hö⸗ here und auffallendere Reize verliehen. Ihr Gang. ihr Knicks, ihre kleine Handbewegung, ihre Haltung, wenn ſie ſaß, konnten, was die Grazie betraf, als vollkom⸗ mene Studien gelten. Von ihren früheren Manieren war auch nicht eine Spur übrig geblieben; Alles war Ruhe, Leichtigkeit und Eleganz. Zwei Perſonen ſaßen neben ihr. Die eine derſel⸗ ben war unſer alter Bekannter, George Onslow; die andere ein ſchwarzer Mann mit blaßgelber Geſichts⸗ farbe,— ein Mann, der zwiſchen fünfunddreißig und ſechzig ſein konnte; denn während ſeine Geſichtszüge durch die harten Linien der Zeit markirt waren, hatte ſeine Figur noch das ganze Aeußere der Jugend. An einem breiten blauen Bande, das er um den Hals han⸗ gen hatte, trug er den St. Nikolausorden, und es war die Bruſt ſeines Rockes mit Sternen, Kreuzen, und ——õ 159 Orden von der Hälfte der europäiſchen Höfe bedeckt. Dieſe Perſon war Fürſt Midchikoff, deſſen Großvater an der Ermordung Kaiſer Pauls thätigen Antheil genommen hatte; ſeit dieſer Zeit hatte die Familie deſſelben in einer Art ehrenhafter Verbannung außer⸗ halb Rußlands leben dürfen, da ſie bei Hofe nicht mehr wohl gelitten war:— eine Strafe, die der Fürſt, mit dem wir es hier zu thun haben, mit bewunderungswür⸗ diger Standhaftigkeit ertrug. So hieß es wenigſtens. Sein Vermögen war, wie man ſagte, ungeheuer, und es gab in ganz Europa kaum eine Hauptſtadt, in der er nicht einen Palaſt beſaß. Der Charakter ſeines Ge⸗ ſichts war ganz eigenthümlich; denn während die Stirne und die Augen intelligent und offen waren, verriethen der untere Kinnbacken und der Mund ſeinen kalmükiſchen Urſprung: in den dünnen, geraden, zuſammengepreßten Lippen lag ein beim erſten Blicke auffallender Ausdruck gewaltiger, unbarmherziger Grauſamkeit; und was das jange, hervorragende Kinn betraf, ſo erſchien es durch den ſchwarzen Spitzbart, den er trug, noch länger. Es war nichts Gemeines oder Alltägliches an ihm zu be⸗ merken; er würde nirgends unbeachtet geblieben ſein, und doch war er gleich ſehr entfernt vom Typus hoher Geburt. Seine Manieren waren durchaus fein; und obgleich er ſelten ſprach, ſo zeigte doch ſeine ruhige und aufmerkſame Miene, ſowie ſein gelaſſenes Lächeln, daß er die noch ſeltenere Eigenſchaft beſaß, gut zuzuhören. Man bemerkte unter den Anweſenden noch eine andere Figur, die zwar nicht gerade zu dieſer Gruppe gehörte, aber doch nicht weit von da, neben einem Ti⸗ ſche in einer Zimmerecke, ſtand. Auf dem Tiſche lagen eine Menge Kupferſtiche und Zeichnungen herum, in deren Betrachtung er vertieft zu ſein affektirte; wäh⸗ rend von Zeit zu Zeit ſeine ſchwarzen Augen nach allen Seiten des Zimmers hin blitzten, um das, was vor⸗ ging, zu beobachten. Es war ein großer und überaus hübſcher Mann in einem Prieſtergewande. Sein ſchwar⸗ 160 zes und wallendes Haar bedeckte eine hohe, maſſive und gut entwickelte Stirne; ſeine Augen waren tief liegend und um deren Höhlen herum liefen Linien, die von langen und angeſtrengten Studien berichteten:— denn Abbé d'Esmonde war ein ausgezeichneter Gelehrter; und um ihn auf einige Zeit ſeinen allzu angeſtrengten literariſchen Arbeiten zu entziehen, hatte man ihn mo⸗ mentan in der Eigenſchaft einer Art von Unterſekretär der Miſſion des„Noncio“ beigegeben. So geſchah es, daß er in allen Geſellſchaften der Hauptſtadt Zutritt fand, und wir müſſen ſagen, daß ſeine feinen Manie⸗ ren und ſein gebildetes Weſen ihn dort bald zum all⸗ gemeinen Liebling machten. Gleich weit entfernt von der ſchwatzhaften Leicht⸗ fertigkeit der Abbés, als einer Klaſſe, und von dem rohen ſinnlichen Weſen des„alten Pfaffen,“ war d'Es⸗ monde ein vollkommener Weltmann, inſofern er an allen großen politiſchen Ereigniſſen ein lebhaftes In⸗ tereſſe nahm, die wechſelvollen Züge der Zeit eifrigſt beobachtete, und den Charakter der hervorragenden Männer, auf deren Gebot ſich dieſelben modiſicirten, genau ſtudirte. Auch an den Freuden und Beluſtigun⸗ gen der Welt nahm er in mäßiger, nicht auffallender Weiſe Theil; allein ſtets hielt er ſich von allen jenen Schwätzereien und Plaudereien fern, die in einer Ge⸗ ſellſchaft von laxen moraliſchen Grundſätzen eine ſo große Rolle ſpielen, und ſo viel Zeit wegnehmen, und woran die großen Würdeträger, die ſcharlach⸗ und purpurrothe Strümpfe tragen, oft ſehr lebhaft Theil nehmen. Einige ſchrieben dieſe Zurückhaltung ſeinen religiöſen Grundſätzen zu; Andere nannten dieſelbe eine Heuchelei; und wieder Andere hielten ſie vielleicht wahrheitgemäßer für die Politik eines Mannes, der ſich bereits für eine hohe und hervorragende Stellung be⸗ ſtimmt, und der zu dem Entſchluſſe gekommen, daß ſein Charakter ſeinen Talenten noch mehr Gewicht und Würde verleihen ſolle. 16¹ Zwar hätte er bei Receptionen, wie die, ſo uns hier beſchäftigt, als ein etwas ſonderbarer Gaſt erſchei⸗ nen können; allein Jekyl, der Alles leitete, hatte ihn, wie er ſagte, aus demſelben Grunde eingeladen, aus welchem ein Gourmand während des Diners ſtets eine Waſſer⸗Flaſche neben ſich ſtehen hat:„nicht um zu trin⸗ ken, ſondern weil es ausſteht, als befleißige er ſich der Mäßigkeit.“ Die Anweſenheit des Abbé hatte die gleiche Wirkung; und gewiß waren ſein ruhiges und würde⸗ volles Benehmen, ſeine feinen Manieren, ſein guter Ton, für die Uebrigen vortreffliche Leumundszeugniſſe. Am Theetiſche war die Converſation etwas flau, oder belebte ſich doch nur von Zeit zu Zeit. Onslow ſprach das Franzöſiſche nicht geläufig und ſchwieg aus Scham. Kate fühlte, daß es nicht an ihr ſei, voranzu⸗ gehen, und der Fürſt, der von Natur zurückhaltend war, ſprach ſehr wenig, und auch dann nur in dem unzuſam⸗ menhangenden Geſprächstone eines Mannes, der ſtets gewohnt war, zu finden, daß jeder Gegenſtand, den er aufs Tapet brachte, von der Geſellſchaft alsbald adop⸗ tirt zu werden verdiente. Der kalte, feſte, ſtarre Blick, womit er ſie muſterte, würde ihr noch vor kurzer Zeit die Schamrothe in das Geſicht getrieben haben; ſte hätte den forſchenden, faſt inſolenten Blick, den er auf ſie warf, nicht aushalten können, ohne die Augen niederzuſchlagen; allein jetzt waren ihre Geſichtszüge ruhig und leidenſchaftlos, was auch ihr Herz fühlen mochte; auch legte ſie durch Nichts an den Tag, daß ihr ein Betragen auffalle, das Onslow, der nicht wußte, ob er darüber lachen, oder ob er das⸗ ſelbe übel aufnehmen ſolle, einigen Kampf koſtete. Dieſe beiden Männer waren in einem Sinne Ri⸗ vale; allein es hegte jeder wieder eine ſo ſtolze Ver⸗ achtung gegen den andern, daß Beide ihre Rivalitäͤt nicht merkten. Kate indeſſen ſah dieß mit ihrem weib⸗ lichen Takt, und wußte wohl, wie ihr kleinſtes Lächeln Die Daltons. II. 11 162 oder ihr unbedeutendſtes Wort die Wagſchale auf dieſer oder jener Seite neigte. Der Fürſt zog über die Ge⸗ wohnheit, den Winter in Italien zuzubringen, als eine der größten Narrheiten der Zeit los. „Wir vergeſſen,“ ſprach er,„daß bei dem jetzigen Stande unſerer Civiliſation die Kunſt ſtets in erſter, die Natur bloß in zweiter Reihe kommt, wie wir bei allen Reſultaten der Agricultur deutlich genug ſehen können. Es iſt nicht der fruchtbarſte, ſondern der am Beſten bearbeitete Boden, der die beſten Früchte trägt; und ebenſo verhält es ſich mit dem Klima; wir denken nie daran, daß da, wo die Natur am Meiſten, der Menſch ſtets am Wenigſten thut,“ „Nach dieſer Regel, Fürſt, ſollte man in St. Peters⸗ burg den Winter, zu Caleutta aber die Hundstage zu⸗ bringen,“ ſagte Kate lächelnd.— „Gewiß, gewiß,“ erwiederte er;„die Erfindungen des Menſchen, um der Hitze oder der Kälte zu wider⸗ ſtehen, ſind weit mehr im Stande, unſern Genuß zu erhöhen, als die zufälligen Veränderungen des Klimas.“ „In meinem Vaterlande,“ ſprach Onslow in bei⸗ ßendem Tone,„ſucht man weniger dem Ungemach des Wetters zu entgehen, als dagegen gleichgültig zu wer⸗ den. Das Jagen, das Schießen, und die Parforcejagd ſind gar gute Methoden, ſich alſo abzuhärten.“ Der Fürſt achtete nicht auf dieſe Bemerkung, ſon⸗ dern gab der Unterhaltung eine andere Richtung, indem er Kate fragte, ob ſie ſchon Fourier's Werke geleſen; ſodann ging er auf die charakteriſtiſchen Verſchiedenhei⸗ ten in der Nationalmuſik über; ſprach ferner von den 4 Entdeckungen, die man ſo eben in Central⸗Amerika ge⸗ macht; und knüpfte endlich mit ihr ein ſehr lebhaftes Geſpräch über die Sklavenfrage an. In keinem dieſer Punkte beſaß er tiefe oder auch nur mittelmäßige Kennt⸗ niſſe; allein es mangelte ihm nicht an jener Geläuſig keit und Leichtigkeit, welche der Umgang mit gebildeter Geſellſchaft verleiht; und da all' ſein Wiſſen von Men⸗ 163 ſchen, und nicht aus Büchern entlehnt war, ſo trug es bis zu einem gewiſſen Grade den Stempel der Origi⸗ nalität an ſich, wodurch er ſich die Aufmerkſamkeit ſei⸗ ner Zuhörer zu verſchaffen wußte. Nicht ſo glücklich aber war er bei George Onslow; 3 denn dieſer war der elangweilteſte aller Menſchen. Keiner der von dem Fünſen zur Sprache gebrachten Gegen⸗ ſtände konnte ihn intereſſtren. Von Tatterſall's, von dem Wetten beider Garde⸗Clubs, von der Londoner Geſell⸗ ſchaft, von den Wettrennen hätte er recht gut und angenehm ſchwatzen können:— er hätte Einem Alles ſagen können von den Fehlern des Sambucca⸗Füllens an bis zu den Mängeln der Nichte von Lady Flutterton herab; allein alle dieſe andern Themas waren, nach ſeinem Dafürhalten, pure Pedanterie; und in der That gebrach es denſelben, um wirklich pedantiſch zu ſein, bloß an einem kleinem Grade von Wiſſen:— ein klein wenig hätte hingereicht. „Er iſt fort,“ ſprach der Fürſt mit einem kauſti⸗ fäet,ächeln, das einen Plan verrieth;„endlich iſt er ort!“ „Sie ſind alſo hier planmäßig zu Werke gegangen, Fürſt,“ ſprach ſie lächelnd.„Ich muß wirklich meinen Couſin zurückrufen und es ihm ſagen.“ „Thun Sie das bei Leibe nicht!“ ſagte er ernſt. „Ich habe die Schlacht gewonnen; laſſen Sie mich da⸗ her aus meinem Siege Nutzen ziehen. Sprechen wir mit einander von etwas Anderem!“ Während er ſo ſprach, zog er ſeinen Stuhl ein wenig näher an den Tiſch hin, und legte ſeinen Arm darauf. Kate's Herz ſchlug ſchnell und voll; ihre Wange färbte und entfärbte ſich wieder raſch, ein vages Ge⸗ fühl der Furcht, Scham, und triumphirenden Stolzes kämpfte ghre Bruſt zu gleicher Zeit. Es gab auf der ganzen Welt nur ein Thema, das einen ſolchen An⸗ fang— einen ſo ernſten, ſo feierlichen, ſo planmäßig⸗ ausſehenden Anfang rechtfertigte. Von was konnte er 4 164 wohl ſprechen? Die glitzernden Sterne,— die funkelnden Brillanten— die neben ihr glänzten, ſchienen ein Em⸗ blem jenes hohen Standes zu ſein, der jetzt in ihrem Bereiche war; und welche Maſſe ungeſtümer Gemüths⸗ bewegungen durchſtürmte jetzt ihren Buſen. Sie dachte an ihre Heimath, an ihren Vater, an Nelly, an Frank, und endlich an George— den armen George, von dem ſie wußte, daß er ſie liebte, und der ihr, ohne daß ſie ihn gerade geliebt hätte, nicht ganz gleichgültig war. „Seien Sie doch nicht ſo unruhig, Mademoiſelle,“ ſprach der Fürſt, mit ſeinen Fingern voller Juwelen ihren Arm nur ganz leicht berührend; nich bitte um ein Bischen Geduld und um ein Bischen ruhige Ueberle⸗ gung für das, was ich ſagen werde.“ „Sieht das wirklich aus, wie eine iriſche Bauer⸗ hütte, Miß Dalton?“ ſprach der Abbé, während er ihr eine Zeichnung, mit allen Details des auffallendſten Elends, vorhielt. „Ja, es iſt gar Nichts daran übertrieben, es iſt die pure Wahrheit,“ ſagte ſie eiligſt, während ſie zu gleicher Zeit über die Ueberraſchung und die Unterbre⸗ chung erröthete. „Ich glaube, Sie wiſſen in Rußland von ſolchem Elend Nichts, Monsieur le Prince,“ bemerkte der Prieſter mit höflichem Kopfbeugen. Wir ſind gut regiert, und Nichts zeigt es beſſer und handgreiflicher, als der Umſtand, daß Niemand ſei⸗ nen Stand vergißt,“ ſagte der Fürſt mit einer inſolen⸗ ten hauteur, die Kate über und über erröthen machte, während D'Esmonde ruhig daſtand, und ſich durch den Sarkasmus nicht im Mindeſten in Harniſch jagen ließ. „Ich habe das immer gehöoͤrt, mein Herr,“ ſprach er ſanft.„Ich erinnere mich, zu Wredna— „Sie ſind zu Wredna geweſen?“ fragte der Fürſt in verändertem Tone. 5 8 Allein der Andere achtete nicht au chung, ſondern fuhr alſo fort: ——COꝭ—C— die Unterbre⸗ 165 „Ich erinnere mich zu Wredna eine Anekdote gehört zu haben, welche den ſtrengen Gehorſam gegen die Be⸗ fehle der Regierung, ſowie den Zuſtand der öffentlichen Meinung zu derſelben Zeit aufs Schlagendſte darthut. Ein Leibeigener, der ſeine Freiheit erlangt hatte, und durch die Gunſt des Czars zu hohem Range und Reich⸗ thum gelangt war, war in der Eigenſchaft eines Gou⸗ verneurs nach Wredna zurückgekehrt. Kurze Zeit nach ſeiner Ankunft wurde er von einer ſich in großer Armuth beſindenden Frau, welche behauptete, daß ſie ſeine Mutter wäre, mit Briefen und Unterſtützungsgeſuchen beſtürmt. Feodorowna bewies natürlich die Wahrheit ihrer An⸗ gabe; allein die einzige Antwort, die ſie erhielt, war eine bedeutungsvolle Warnung, ſich ruhig zu verhalten, und nicht an eine Verwandtſchaft zu appelliren, die ſich bloß als anſtößig erweiſen koͤnnte. Sei es, daß ſie an den authentiſchen Charakter einer ſo grauſamen Antwort nicht glauben konnte,— ſei es, daß ſie darüber empöͤrt war, und in Zorn entbrannte, immerhin iſt es Thatſache, daß ſie die Früchte und Gemüſe, die ſie verkaufte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in ihrem beſcheide⸗ nen Korbe vor die Thüre des großen Schloſſes trug, in dem ihr Sohn wohnte. Anſtatt aber das Publikum auf ihre Waaren, wie es auf dieſen moskowitiſchen Märkten Gebrauch iſt, vermittelſt eines Heiligenbildes oder irgend eines Zettels mit heiliger Inſchrift aufmerk⸗ ſam zu machen, trug ſie ein kleines Plakat, mit folgen⸗ der Inſchrift:—„„Die Mutter des Alexowitſch,““— ſo hieß nämlich der Gouverneur. Bald ſammelte ſich eine große Menge Leute um dieſen ſeltſamen Stand, und ebenſo geſchwind verfügte ſich die Polizei an Ort und Stelle, und brachte die Frau, die ſo öffentlichen Anſtoß gegeben hatte, vor den Richter. Die Vertheidigung war 166 die Knute, und mußte nach Sibirien wandern. So viel habe ich über den Gouverneur zu ſagen. Was aber die Regierten betrifft, ſo konnten ſie ſeine Gerechtigkeit und Gnade nicht genug preiſen; denn er hätte der Frau den Kopf abſchlagen laſſen können!“ 3 „Erzählen Sie die Geſchichte als ein wirkliches Faktum, mein Herr?“ ſprach der Fürſt, deſſen dunkle Wange in ihrer blaßgelben Farbe faſt grün wurde, während der Abbé ſprach. 5 „Ich erzähle ſie entſchieden als ein Faktum. Der Papa, dem die arme Frau beichtete, wiederholte die Erzählung auf ſeinem Sterbebette, und ſo habe ich das Faktum erfahren.“ „Prieſter können Lügner ſein, ob ſie nun der grie⸗ chiſchen oder römiſchen Religion angehören,“ ſagte der Fürſt mit vor Zorn beinahe erſtickter Stimme; dann aber that er ſeinem Zorne plötzlich Einhalt, wandte ſich mit einem matten Lächeln zu Kate hin, und ſprach: „Mademoiſelle wird mir verzeihen, wenn ich mir in Verläumdung veranlaſſen konnte.“ „Ich werde Ihnen morgen alle Namen liefern, Monsieur le Prince,“ ſprach D'Esmonde flüſternd, und ſchlenderte in das anſtoßende Zimmer hinein. „Sie ſehen blaß aus, Miß Dalton,“ ſagte der Fürſt. „Dieſe haarſträubende Geſchichte— „Die Sie natürlich nicht glauben.“— „Ich habe ſtets gehört, der Abbé D'Esmonde ſei ein ſtreng wahrheitsliebender und äußerſt vorſichtiger Mann.“ „Nehmen Sie ſich vor ihm in Acht, Ich ſage Ihnen das nicht, ohne meine gu dazu zu haben.““ Es lag in der Art und Weiſe, wie ſprach, ein Grad von Feierlichkeit, der Ka te nach ihrer Gegenwart ein ſo unhöfliches Benehmen habe zu Schulden kommen laſſen, wozu mich bloß eine ſo plumpe denken 167 machte und ernſt ſtimmte. Ungewohnt, in der Geſell⸗ ſchaft etwas Anderes zu ſehen, als Züge der Freude und des Vergnügens, mußte in ihr plötzlich die Ueberzeu⸗ gung erwachen, daß die ruhigen Waſſer derſelben Fel⸗ ſen und einen Triebſand verdeckten, die ebenſo gefährlich ſeien, wie ſtürmiſchere Meere. Ob wohl Leute von ſo vieler Liebenswürdigkeit gefährliche Bekannte ſein könn⸗ ten?— ob wohl in dieſem Zauberbecher ein geheimes Gift verborgen liege?— das war der Zweifel, der in ihrem Geiſte aufſtieg; allein ſie hatte nicht ſo viel Zeit, um die Sache weiter zu erforſchen, da der Fürſt ihr ſeinen Arm anbot, um ſie in das Zimmer zu führen, wo das Souper ſervirt war. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ein landesflüchtiger Gantmann, Spieler u. ſ. w. Nichts ſindet man in unſeren Strafcolonien ge⸗ woöhnlicher, als daß Ehrenſtellen und höhere Aemter Männer zu Theil werden, die einſt Strafgefangene und deportirt waren, und die die glücklichere Wendung ihres Schickſals auf den Tag zurückführen koͤnnen, an dem ſte das Geſetz übertreten haben! Ebenſo findet man in gewiſſen Städten des Continents Individuen, die dort hervorragende Stellungen einnehmen, und einen großen Einfluß ausüben, nachdem ſie wegen allerlei mißliebi⸗ ger und unehrenhafter Geſchichten ſich gezwungen ge⸗ ſehen haben, ihr Vaterland zu meiden;— Individuen, die, nachdem ſie in ſchmachvoller Weiſe haben England 168 Lebewohl ſagen müſſen, im Auslande mit allen Ehren empfangen werden. Zwiſchen den beiden Fällen iſt der Unterſchied fol⸗ gender: Während der Strafgefangene die ganze künftige Beſſerung ſeiner Lage ſeinen eigenen Bemühungen, ſich zu beſſern, verdankt, erhält der Landesflüchtige, den wir im Auge haben, ſein Brevet als Mann von gutem Ruſe durch das bloße Faktum ſeiner Flucht in's Ausland. Er ſchüttelt ſeine Gaunereien ſo gut, wie ſeine Rheuma⸗ tismen, ab, wenn er das nebelige Klima von England verläßt, und, makel⸗ und tadellos, an den Ufern von Oſtende oder Boulogne wieder auftaucht. Um indeſſen Solches thun zu können, darf er keinen plebejiſchen Namen führen; auch darf er nicht zu dem großen, gemeinen Haufen gehören. Er muß im Gegen⸗ theil irgend einer großen und bekannten Familie ange⸗ hören, und Pairs zu Oheimen, und Pairinnen zu Couſinen haben; auch iſt er nicht immer geborgen, wenn er nicht ſelbſt ein Mitglied einer erblichen Legis⸗ latur iſt. 4 Zu dieſen Reflexionen ſind wir durch den Umſtand veranlaßt worden, daß wir nun die Ankunft Lord Nor⸗ wood's zu Florenz zu berichten haben. Ein unbeſtimm⸗ tes Gerücht, daß er in England Etwas, man wußte nicht was, peccirt habe, ging ihm voran. Einige nann⸗ ten ihn den„armen Norwood,“ und bedauerten ihn; Andere ſagten, er ſei ein capitaler Burſche, dem Nichts verborgen ſei, und drückten ihre Freude über ſeine An⸗ kunft aus. Einige, die ſelbſt von ſehr zarter und ſchwa⸗ cher Tugend waren, fragten ſich, ob ſie mit ihm auch ferner noch zuſammenkommen ſollen; allein der vorherr⸗ ſchende Eindruck war ein günſtiger. Die Geſchichte vom Graham'ſchen Hauſe konnte übertrieben ſein, und in Betreff der Newmarket Geſchichte konnte ein Irr⸗ thum obwalten.„Jeder kann Geld ſchuldig ſein, und ſich außer Stand ſehen, es zu bezahlen,“— ſo ſprach und glaubte man ziemlich allgemein;— und wenn es W W 169 wirklich ein Vorrecht des Engländers iſt, nur von Sei⸗ nesgleichen gerichtet zu werden, ſo hatte der edle Vis⸗ count, in Betreff der Gleichheit, hier gewiß Nichts gegen die über ihn zu Gericht ſitzende Jury einzu⸗ wenden. Wir ſind weit entfernt, hier andeuten zu wollen, daß Norwood's Ruf als„ein Mann, der mit den Pi⸗ ſtolen umzugehen wiſſe,“ bei dieſem gnädigen Wahrſpruche mitgewirkt habe; allein ſo viel iſt gewiß, daß ſeine Verdienſte in dieſer Eigenſchaft häufig angeführt wur⸗ den, und zwar ſtets in ſehr ehrenhafter Weiſe. „Niemand ſpielt beſſer Ecarté,“ ſprach Hagger⸗ ſtone zu einer Zeit, wo die Ankunft des Viscount noch unbekannt war; und während er die über den Letzteren umlaufenden Gerüchte vor einer Gruppe zuhörender Engländer, an der Thüre des„Clubs,“ erörterte, ſetzte er mit einem Gekicher, das die Bedeutung der Worte ergänzen ſollte, hinzu:„Niemand ſpielt beſſer und mit mehr Glück Ecarté!“ 3 „So hat er denn Viel gewonnen?“ fragte einer der Umſtehenden ehrerbietig, und ſah den Oberſten an, um von ihm das Weitere zu erfahren;— denn bei⸗ einer gewiſſen Claſſe von Menſchen wurde Letzterer als derjenige Mann angeſehen, der die Fehler und Thor⸗ heiten der hohen Geſellſchaft am Beſten kenne. „Niemand gewinnt ohne Unterlaß, Sir, es ſei denn vielleicht Brooke Morris,“ erwiederte er, ſtets glücklich, den Namen eines Mannes, der in der Faſſhion eine her⸗ vorragende Rolle ſpielte, im Tone der Vertraulichkeit anführen zu können. „Das war der Mo— Mo— Mo— Mo— Mo— Morris, der Hopeton zu Grunde richtete,— nicht wahr 20 ſiel Purvis ein, ganz und gar vergeſſend, daß das In⸗ dividuum, das er anredete, dem allgemeinen Gerüchte zufolge bei der Geſchichte betheiligt war. Haggerſtone würdigte ihn indeſſen keiner Antwort, ſondern trieb, die vollkommenſte Verachtung gegen den 170 Frageſteller an den Tag legend, Rauchwolken aus ſeiner Cigarre empor. „Doch, wer kommt da?“ ſagte Einer;„er ſieht wie ein Neuangekommener aus. Gewiß iſt es ein Eng⸗ länder;— der Rock hat den Londoner Schnitt— es iſt kein Irrthum möglich.“ „Beim Zeus! Es iſt ja Norwood!“ rief Hagger⸗ ſtone, indem er, während er ſo ſprach, ſich von der Gruppe wegmachte.. Unterdeſſen kam der edle Visconnt, ein wohlgeklei⸗ deter, etwa dreißig Jahre alter Mann mit ſchönem Backenbarte gemächlich heran, und ſagte, ſeinen Hut in vertraulicher Weiſe berührend: „Ha! Sie hier, Haggerſtone?— Was thun die Leute in Florenz?“ „So ziemlich daſſelbe, was ſie ſtets thaten, my Lord! Ich glaube nicht, daß der Ort ſeit den Paar Jahren, daß Sie nicht mehr hier geweſen ſind, an Sitt⸗ lichkeit gewonnen hat.“ „Sonſt würden Sie nicht hier ſein, Haggy,— he?“ ſprach der Viscount, über ſeinen eigenen Scherz lachend.„Würde nicht in Ihren Kram paſſen, wenn die Leute anfingen, tugendhaft zu werden— he?“ „Ich erkenne mich für ſchuldig, my Lord. Ich glaube, ich ſchieße die Thorheit gern im Fluge.“ „Ach, ja! Auch habe ich geſehen, wie Sie beim Schießen ſaßen, Haggy,“ ſagte der Andere mit einem noch herzlicheren Gelächter, das, trotz aller Bemühungen des Oberſten, den Unempfindlichen zu ſpielen, die Wir⸗ kung hatte, daß eine Purpurröthe plötzlich ſeine Wange überflog. „Wird hier auch ein Bischen geſpielt, Haggy 2“ „Oh, Sie würden es kaum nennenswerth finden⸗ my Lord; ein Bischen Whiſt, den Stich zu einem Nap, ein Bischen Ecarté, ein Bischen Piquet, und dann und wann ein Rundſpiel im Sabloukoff'ſchen Hauſe.“ 171 „Der arme, alte Kerl! Lebt er denn noch, der Sabloukoff? Und wo iſt der Jariominski?“ „Er iſt nach Rußland zurückgegangen.“ „Und Maretti?“ „In Sanct Angelo, wie ich glaube.“ 8 „Und der kleine Franzoſe— wie hieß er doch gleich?— Sein Vater war unter dem Kaiſerreiche Marſchall.“ „D'Acoſta.“ „Derſelbe. Wa iſt er?“ „Hat ſich dieſen Frühling erſchoſſen.“ „Ein hübſches Mädchen, ſeine Schweſter. Was iſt aus ihr geworden?“ „Es hat mir Jemand geſagt, es ſei dieſelbe eine Soeur de Charité geworden.“ „Es iſt Jammer und Schade! Wie ich ſehe, iſt alſo die ganze Geſellſchaft geſprengt.“. „Vollſtändig.“— „Und was haben Sie nun an deren Stelle?“ „Nichts, Nichts, my Lord, Ihre Freunde, die Ons⸗ lows, vielleicht ausgenommen.“ „Ja, wie ich hoͤre, ſo machen ſie ziemlich viel Auf⸗ wand. Iſt nicht eine reiche Nichte, oder Couſine, oder ſo Etwas bei ihnen?“ „Sie haben ein ziemlich hübſches Mädchen, Namens Dalton, bei ſich; allein was ihr Neichſein betrifft, ſo kommt es mir als ſehr unwahrſcheinlich vor, wenn ich bedenke, daß ihre Familie in Deutſchland in einem Zu⸗ ſtande der Durftigkeit lebt.“ „Und wie benimmt ſich Maſter George im Krieg⸗ führen?“ ſagte der Viscount, der die Berichtigung des Andern ganz unbeachtet gelaſſen zu haben ſchien. „Dann und wann ſpielt er ein Bischen Ecarté; allein man kann ſehen, daß er ſich die Finger verbrannt hat, und das Feuer fürchtet. Es heißt, er ſei in die Dalton verliebt.“ „Natürlich iſt er es, wenn ſie mit einander in dem⸗ 172 ſelben Hauſe wohnen; auch iſt er gerade der rechte Narr, um ſie zu heirathen. Wer iſt der kleine Kerl da, der uns zuhört?“ „Purvis, my Lord; erinnern Sie ſich ſeiner nicht mehr? Er gehört zu den Ricketts?“ „Ach, ja, ich erinnere mich noch ſeiner. Wie geht es, Purvis? Sie ſehen ſo jung und ſo friſch aus, daß ich nicht glauben konnte, es könne mein alter Bekannter ſein.“ „Ich habe mich der Homö— Homö— Homö— Homö— Homö— Homö— 4 Hier riß er den Mund weit auf, und machte ſo verzweifelte Anſtrengungen, das Wort herauszubringen, daß er im Geſichte ganz blau wurde. „Wie heißt das Wort? Sagen Sie es ihm, Haggy. Er kann nicht mehr,“ ſprach der Viscount. .„Homöopathie,— he?“ „Ganz richtig. Homö— Homö— Homö— Homs—ℳ „Zum Teufel, Mann; köonnen Sie nicht zufrieden, können Sie nicht ruhig ſein? Wenn Sie einmal über den Zaun hinüber find, ſo brauchen Sie nicht zurück⸗ zukommen, um abermals darüber zu ſetzen. Und wie geht es der lieben— wie heißt ſie doch gleich?— Agathe?— Nein, Zoe— wie geht es ihr?“ „Recht gut, my Lord, und es würde ihr ſehr an— an— an— an— angenehm ſein, Sie zu ſehen.“ Si. wohnt noch in dem ſonderbaren kleinen Ding — e 4 „In dem Vill— ino, my Lord, wollen Sie ſagen?“ „Meiner Treu! Sie ſcheint das einzige Weſen zu ſein, das übrig geblieben; wie der Hund auf dem Wracke. He, Haggy?“ „Ganz richtig, my Lord,“ ſprach der Andere mit ſelbſtgefälligem Lachen. „Welche Maſſe alter Topferwaaren muß ſie um dieſe Stunde beiſammen haben!“ ſprach der Viscount, 173 der bei der Erinnerung an die entſetzliche Langweiligkeit des Weibes gähnen mußte. „Sie ſind mit einer Yacht hiehergekommen, my Lord?“ fragte Haggerſtone. „Recht hübſch für einen Mann, den man für ru— ru— ru— ru— ru— ruinirt ausgibt,“ ſprach Pur⸗ vis lachend. Norwood warf ihm einen unwilligen und zornigen Blick zu, und ſagte dann, gleich als ob er die Unwürdig⸗ keit des Gegenſtandes einſaͤhe, bloß: „Eine Nacht iſt heut zu Tage das einzige Mittel, ſein Geld zu ſparen. Auf dieſe Weiſe wird man der Nothwendigkeit überhoben, zahlreiche Bediente in ſeinem Gefolge zu haben, ein eigenes Haus zu führen, Pferde zu halten,— und auf dieſe Art entzieht man ſich auch am Beſten langweiligen und läſtigen Bekannten. Adjeu — adjeu, Purvis!“ Und in bedeutungsvoller Weiſe Haggerſtone zu⸗ winkend, ging er über die Straße, um Onslow, der gerade vorüberging, noch einzuholen. „Ich glaube, ich ha— ha— ha— ha— habe ihm die Wa— Wa— Wa— Wa— Wahrheit derb ge— ge— ge— geſagt,“ rief Purvis mit einem hyſteriſchen Freudegelächter, wobei wir bemerken müſſen, daß der Mann ſich nie darum kümmerte, ob er ſelbſt auch vom Feuer des Feindes arg mitgenommen wurde, wenn er nur zum Schuſſe kommen durfte. Unterdeſſen eilte der Viscount mit ſeinem Freunde auf den Palazzo Mazzarini zu, und hatte Purvis ſo total vergeſſen, als ob das koſtbare Individuum gar nie exiſtirt hätte. Wir können dieſe Gelegenheit ergreifen, um zu erwähnen, daß, als die Gerüchte, die Lord Norwood eine grobe Verſündigung gegen die Geſetze der Ehre zuſchrieben, nach Florenz gekommen waren, Sir Staf⸗ ford, der nie eine außerordentliche Zuneigung zu dem Viscount gehabt hatte, ſich in den ſtärkſten Ausdrücken 174 über die Sünde des Lords ausſprach, und es ſich be⸗ ſonders angelegen ſein ließ, auf den großen Unterſchied hinzuweiſen, der zwiſchen bloßer Verſchwendung und Extravaganz und zwiſchen dem fraudulöſen und unehr⸗ lichen Schuldenmachen exiſtire. Vergebens ſagte man ihm, daß der ſtrenge Maß⸗ ſtab engliſcher Moralität auf dem Continente nicht an⸗ gelegt werden könne, und daß die moraliſche Breite in London und Neapel gar verſchieden ſei. Er gehörte ſo ſehr der alten Welt an, daß er glaubte, die Ehre ſei unter allen Himmelsſtrichen dieſelbe; und nachdem er aus England einen genauen und umſtändlichen Be⸗ richt über die Sünden des edlen Lords erhalten hatte, war er feſt entſchloſſen, ihn nicht in ſeinem Hauſe zu empfangen.. Bei aller Liebe und Achtung, die George Onslow gegen ſeinen Vater hegte, konnte der junge Mann doch nicht umhin, ſich zu ſagen, daß Sir Stafford ſich von einem bloßen Vorurtheile— einem der Ueberbleibſel einer vergangenen Zeit— beſtimmen laſſe; die Geſin⸗ nung ſeines Vaters möge eine recht achtungswerthe ſein, allein es ſei dieſelbe bei dem dermaligen Stande der Civiliſation total unanwendbar, und in der Geſell⸗ ſchaft total unausführbar. Er fragte ſich, wen man dann noch kennen dürfe, wenn man nach dieſer Regel handeln wolle? Welcher Mann und welche Frau aus der faſhionablen Geſellſchaft eine ſolche Prüfung aus⸗ zuhalten im Stande ſei? Wenn man es verſuchen wolle, ſo excluſiv zu ſein, ſo müſſe man ſich in irgend eine entfernte Provinzialſtadt— in irgend ein Fiſcher⸗ dorf voll patriarchaliſcher Einfachheit zurückziehen; und welche Garantie habe man auch da gegen ein unehren⸗ haftes Betragen? Wie laͤcherlich werde er in den Au⸗ gen ſeiner Bekannten und der Mitglieder ſeines Clubs ſein, wenn er es verſuche, von ſolchen ſtrengen Grund⸗ ſätzen auszugehen? Dieſe Gründe wurden noch dadurch verſtärkt, daß 175 er von Norwood nicht das Schlimmſte glauben konnte, oder vielmehr glauben mochte; und ferner durch Lady Heſter's offene Verachtung gegen allen ſolchen„hypo⸗ kritiſchen Quark,“ und ihr Bekenntniß, daß wenigſtens ſie den Viscount empfangen würde, unterſtützt. George Onslow war, ganz wie ſonſt, von Zweifeln befangen, und ſchwankte hin und her,— neigte ſich bald nach dieſer, bald nach der andern Seite hin— als, wie in ähnlichen Fällen ſo oft geſchieht, die Frage durch einen bloßen Zufall für ihn entſchieden wurde; denn als er die Straße entlang fortſchlenderte, fühlte er plötzlich, wie ein Arm ſich unter den ſeinigen ſchob. Plötzlich drehte er ſich um, und ſah Norwood, der, mit all ſeiner gewohnten Kühle, ſich nach jedem Gliede der Familie erkundigte, und ohne Weiteres die Abſicht ausſprach, denſelben einen Beſuch zu machen. Unter allen lebenden Menſchen war keiner weniger, als Onslow, geeignet, einen Entſchluß zu faſſen, oder eine entſchiedene Richtung einzuſchlagen, ſo lange die Sache ſich vermeiden oder auch noch hinausſchieben ließ. Auch war es ihm durchaus zuwider, ſich an irgend einem Orte, oder gegen irgend Jemand unfreundlich zu erweiſen. Er dachte, die unangenehme Geſchichte, in die Norwood ſich verwickelt, laſſe ſich vielleicht noch wegerklären. Vielleicht iſt, dachte er, die Sache doch nur eine Kleinigkeit; und ferner dachte er, daß, wenn er ſich dazu entſchlöſſe, einen Mann ohne genügenden Grund zu ignoriren, die Folgen für ihn überaus nach⸗ theilig ſein koͤnnten. Dieſe und hundert ähnliche Scru⸗ pel kämpften in ſeiner Bruſt, und nahmen ſeine Auf⸗ merkſamkeit dermaßen in Anſpruch, daß er von all' dem „Stadtgeplauder,“ womit Norwood ihn zu beluſtigen gedachte, wirklich auch nicht eine Sylbe hoͤrte. Endlich kam George, während er ſo ſeinen Gedan⸗ ken nachhing, zu dem Entſchluſſe, ohne Weiteres ſich über die Lage Norwood's genaue Auskunft zu verſchaf⸗ 176 ſen⸗ und fragte daher, was es in Newmarket Neues gebe. Norwood verlor bei einer Frage, deren Plötzlich⸗ keit ſchon jeden Andern in Verlegenheit ſetzen mußte, keinen Augenblick die Faſſung.. „Die Neuigkeiten ſind ſchlimm genug„“ ſprach er, und lachte dabei ganz ungezwungen. Wir Alle haben tüchtig Haare laſſen müſſen. Knolesby hat ſchwer ver⸗ loren. Auch Burcheſter hat einen„Hieb“ bekommen;— und ich bin nicht frei ausgegangen. In der That, George, den„Gaunern“ iſt es ganz nach Wunſch ge⸗ gangen. Vermuthlich haſt Du auch hier Etwas davon gehört?“ „Ei, ja; es liefen Gerüchte um— 4 „Ei, zum Henker mit den Gerüchten, Mann! Du mußt nie alte Weibermährchen glauben. Und gewiß hat der verfluchte Kerl von einem Haggerſtone alle Arten von Geſchichten ausgeſprengt. Allein die Fakta ſind einfach genug.“ „Es freut mich von Herzen, daß Du ſo ſagſt! denn mein Vater gehört, um Dir die Wahrheit zu ſagen, Norwood, zu den Leuten, die in dieſer Geſchichte von Vorurtheilen befangen ſind, und ich kann es kaum er⸗ waeten, ihm Alles, wie es ſich verhält, auseinander zu etzen.“ „Ah! auch Sir Stafford unter den Leichtgläubigen!“ ſprach Norwood langſam.„Ich hätte das kaum erwar⸗ tet. Doch es thut Nichts; nur dachte ich, er ſei nicht gerade der Mann, der Jemand ſo ohne Weiteres ver⸗ damme. Indeſſen kannſt Du ihm die Sache erzählen; denn, was mich betrifft, ſo werde ich mich nie ſo weit herablaſſen, um einem Andern, als Dir, die nöthig ſcheinenden Erklärungen zu geben. Die Geſchichte iſt höͤchſt einfach. Es war eine Mähre, die Hopeton gehörte, — ein Brockdon Füllen— daz ſie ſollte für den Slingsby laufen, und Mehrere von uns vereinigten ſich, um eine — 177 große Wette für ſie gegen das„Feld“*) einzugehen. Es iſt das immer ein kühner Coup, George, wenn man ſo gegen das ganze„Feld“ auftritt. Thu' es nie, mein Junge, und hauptſächlich thu' es dann nicht, wenn Du einen Haufen ausländiſcher Spitzbuben gegen Dich haſt — wenn Du es mit ſolchen Polen und Ungarn zu thun haſt, George: es ſind die durchtriebenſten Spitz⸗ buben auf der Welt,— Kerls, die Dich, in ihrem ver⸗ teufelten Rothwälſch, verkaufen, während Du dabei⸗ ſtehſt. Es kommt doch Nichts John Bull gleich, mein Junge. John iſt ſtets gerade, aufrichtig und offen! Verſetz' ihm derbe Schläge, und er wird Dich auch ſchla⸗ gen; aber er geht dabei ehrlich zu Werke— da kann von keiner Verrätherei, von keinem Dolchſtiche, der im Finſtern geführt wird, die Rede ſein. Oh, nein, nein! Der Turf war in England etwas ganz Anderes, ehe die Spitzbuben vom Continente zu uns herüber kamen. Ich war ſtets gegen ihre Zulaſſung innerhalb des„Rings.“ Im Club habe ich wohl zwoͤlf derſelben eine ſchwarze Kugel gegeben. Aber Du kannſt hier ſehen, was die Beharrlichkeit ausrichtet: ſie ſind jetzt Alle in demſelben. Wir Leute haben kein Nationalgefühl, und müſſen es nun theuer genug büßen. Trau den deutſchen Kerls nicht, George! Außerhalb Englands gibt es keine Chre, keine Wahrheitsliebe: außerhalb Englands kannſt Du Dich auf Niemand verlaſſen. Vor Allem aber tritt nicht gegen das„Feld“ auf; es werden ſo viele Kniffe gegen Dich gebraucht; Du wirſt ſo oft mit den Pfer⸗ den hintergangen. Das iſt's, ſiehſt Du; auf dieſe Weiſe bin ich ſo in die Patſche gekommen; denn als Rurton kam, und mir ſagte,„Help me Over“ ſei tod⸗ lahm, glaubte ich ihm. Eine Köthen⸗Lähme iſt keine Kleinig⸗ keit, weißt Du; und es war um die Krone herum eine Geſchwulſt, ſo groß, wie meine Hand. Die ausländiſchen *) Feld= der Haufen der üͤbrigen Pferde, die Daltons. N. 12 478 Kerls können das an einem Morgen machen, und noch am nämlichen Tage gewinnt das Pferd, wenn man es am Wettrennen Theil nehmen läßt. Ich habe es ſelbſt geſehen. Ach, es lebe ewig der ehrliche John Bull! An ihm iſt wirklich kein Arg'. Merk' auf, George, ich ſage dieß Niemand, außer Dir. Ich werde es nicht wiederholen. Unterſteht ſich Jemand, Anſpielungen zu machen, wodurch meiner Ehre zu nahe getreten würde, ſo werde ich mir nie ſo viel Mühe geben, daß ich auch nur ein Wort zu meiner Rechtfertigung vorbringe, ſondern werde den Betreffenden„annageln“— zwoͤlf Schritte, nicht weiter, und von einem Fehlen kann die Rede nicht ſein. Ich glaube nicht, daß meine rechte Hand ihre Gewandtheit verloren hat. Heraus muß der Kerl ohne Weiteres, George; paradiren muß er, mein Junge; ſo erreicht man allein ſeinen Zweck. Wie? iſt das Euer Quartier?“ fragte er, als ſie an dem Ein⸗ gange des geräumigen Palaſtes hielten.„Dieſes Haus kannte ich einſt recht gut. Es war zu Templeton's ſ Zeit das Geſandtſchaftshotel. Man fühlte ſich darin recht„heimlich.“ Freut mich, zu ſehen, daß Ihr all die verſtümmelten alten Gottheiten verbannt habt, womit ſonſt die Treppe beſetzt war; und daß auch die alten ſchlechten Tapeten entfernt worden ſind. Hübſche Vaſen das— recht friſch ausſehend das Gewächshaus dort: — ſie wiſſen in Florenz immer ſchöne Camellias zu ziehen. Dieß war ſonſt das Billardzimmer; ich glaube, die Veränderung, die Ihr getroffen, iſt nicht übel; es nimmt ſich beſſer als Salon aus. Ach! das gefällt mir,— von vortrefflichem Geſchmack die mit Zitz über⸗ zogenen Möbeln dort— ganz paſſend für Italien, ob⸗ gleich noch Niemand daran gedacht hatte 18 „Ich will nachſehen, ob my Lady ſichtbar iſt,“ ſprach George, indem er ſeinem Freunde die„Morning⸗ Poſt“ hinwarf, und das Zimmer eiligſt verließ⸗ ¹ Norwood war kaum allein, als er anfing, das Ap⸗ partement ganz nach Muße zu muſtern. Im Laufe 179 dieſer Prüfung heftete ſich ſein Auge auf eine in Waſſer⸗ farben ausgeführte Zeichnung, die ein über einen Bal⸗ kon ſich lehnendes Mädchen darſtellte,— und er dachte ſich alsbald, es müſſe Kate Dalton ſein. Es lag in dem Charakter ihrer Schönheit etwas faſt herausfordernd Hochmüthiges, das ihm ſehr aufzufallen ſchien; denn während er das Porträt anblickte, dehnte und ſtreckte er ſich, um ſeine ganze Höhe zu erlangen, und ſchien in ſeinen Zügen den ſtolzen Ausdruck des Porträts an⸗ zunehmen. 2 „Hätteſt Du neben Deinem Geſichte hunderttauſend Pfund, ſo könnte man Dich zu einer Viscounteß machen, und würde dabei nicht übel fahren!“ ſprach er bei ſich; und dann muſterte er, gleichſam überzeugt, daß er auf einen bloßen ſpeculativen Gedanken genug Zeit ver⸗ wendet, die Viſitenkarten, um die Namen der Perſonen, die mit den Onslows umgingen, zu erſehen—„Midchi⸗ koff, Eſtrolenka, Janini, Tiverton, Latrobe— die alte Coterie; auch die Ricketts, und Haggerſtone. Was kann wohl die hieher geführt haben? Oh! es muß ein Ball gegeben worden ſein; denn hier iſt eine Unzahl obſcurer Namen, von denen die gute Geſellſchaft Nichts weiß— die große Smith⸗Brown⸗ und Thompſon'ſche Gemeinſchaft; und hier, auf dem kleinſten Kartenpapier⸗ ſtücke, in den allerdemüthigſten und beſcheidenſten Buch⸗ ſtaben, haben wir unſern theuren Freund„„Albert Jekyl.““„Der wird mir Alles ſagen, was ich wiſſen will,“ ſagte Norwood, indem er wieder die comfortable Tiefe eines gut gepolſterten Seſſels aufſuchte, und ſich einer angenehmen Träumerei überließ. Als George Onslow Lady Heſter von Norwood's Ankunft benachrichtigt hatte, eilte er in Sir Stafford's immer, um ihm zu ſagen, wie vollſtändig ſich der Viscount gerechtfertigt, und wie wenig man ihm etwas Unehrenhaftes zur Laſt legen könne; nicht als ob George eine Sylbe von der ganzen Erklärung verſtanden hätte, oder als ob er im Stande geweſen wäre, unter den 180 abgeriſſenen Gliedern der Erzählung etwas einem Zu⸗ ſammenhange Aehnliches zu entdecken; er konnte bloß ſeine vollkommene Ueberzeugung von Norwood's Ehren⸗ haftigkeit ausſprechen, und einen gleichen Grad von Glauben von Seiten ſeines Vaters hoffen. Glücklicher⸗ weiſe ſollte ſein Ueberzeugungsvermögen nicht auf eine ſo harte Probe geſtellt werden; denn Sir Stafford war gerade ausgegangen. George nahm daher in ſeinem allzugroßen Eifer, Norwood weiß gewaſchen zu ſehen, ſeinen Hut, und zihs ſeinem Vater nach, in der Hoffnung, ihn einzu⸗ olen. Lady Heſter war bereits angekleidet, und im Be⸗ griffe, in das Geſellſchaftszimmer zu treten, als George ihr ſagte, daß Norwood im Hauſe ſei; und doch ging ſie in ihr Zimmer zurück, und nahm in ihrer Toilette einige Veränderungen vor,— Veränderungen, die viel⸗ leicht zu unbedeutend waren, als daß dieſelben hier er⸗ wähnt werden müßten, und doch wiederum nicht ganz unbedeutend ſein konnten, da ſie einige Zeit erforderten, und ihr ſo einige Augenblicke zu Reflexionen ließen, die, welcher Art ſie immer ſein mochten, dazu dienten, ihre Wange roth zu färben und ſie gewaltig aufzu⸗ regen. Es iſt zu allen Zeiten etwas Curioſes, etwas mehr oder minder Widerwärtiges, mit der Perſon zuſammen⸗ zutreffen, mit der man einſt verhetrathet werden ſollte; — als bloßen Bekannten, oder als bloße Bekannte das Individuum wieder zu ſehen, an deſſen Schickſal man zu einer Zeit ſein eigenes für immer zu knüpfen im Begriff war,— ſei es zum Guten oder zum Bö⸗ ſen, ſei es zum Glück oder zum Unglück. Die ſchalen Gemeinplätze der Welt, die armſeligen Rechenpfennige jenes kleinen Spiels, Geſellſchaft genannt, mit der Per⸗ ſon auszutauſchen, mit der man einmal in all' dem un⸗ begrenzten Zutrauen der Liebe durch's Leben gegangen iſt; mit der man Luftſchloſſer baute, oder mit der man 181 einen augenblicklichen Wonnerauſch theilte;— mit ce⸗ remoniöſem Reſpekte die Hand wieder zu berühren, die man ſo oft in der ſeinigen feſtgehalten;— mit reſpekt⸗ voller Zurückhaltung die Geſtalt anzuſehen, in deren Nähe man ſich wonnigen Phantaſien hingegeben, und Stunden lang geſeſſen hat;— ſo zu ſagen, dazuſtehen, und mit dem Auge einen Lebenspfad zu verfolgen, den wir hätten einſchlagen können, und uns verwundert zu fragen, wohin er uns wohl geführt haben würde, ob zu einem höheren Gipfel befriedigten Ehrgeizes, oder zu Abgründen, unheimlicher und unerfreulicher, als die, auf die wir geſtoßen find;— uns in Spekulationen über eine Zukunft zu ergehen, die bereits zur Vergan⸗ genheit geworden, und in unſerem Herzen die Thorhei⸗ ten, die uns irre geführt, und die Fehler zu unterſu⸗ chen, die an unſerem Schiffbruche Schuld geweſen ſind! Solche Gedanken müſſen beim Wiederſehen unter den bewandten Umſtänden im Menſchen aufſteigen; und es ſind dieſelben voll ſanften und rührenden, und zu glei⸗ cher Zeit nicht ganz unangenehmen Kummers, da ſie uns an unſere Jugend und an deren ſorgloſes Weſen erinnern. Ganz anders verhielt es ſich im vorliegenden Falle. Wie groß auch die Zuverſicht geweſen ſein mochte, wo⸗ mit Lady Heſter von ihrem Glauben an Norwood's CEhrenhaftigkeit Zeugniß gab, ſo widerſprach doch ihre innerſte Ueberzeugung dem, was ſie vor der Welt be⸗ hauptete. Sie wußte gar gut, daß er aller Grundſätze ermangelte, und daß er bloß jenen conventionellen Grad von Ehrlichkeit beſaß, der für ihn unumgänlich noth⸗ wendig war, wenn er mit ſeines Gleichen umgehen wollte. Daß er Alles thun würde, mit alleiniger Aus⸗ nahme deſſen, was ihn für immer ehrlos machen konnte, hatte ſie ſchon längſt eingeſehen; und vielleicht war der unglückliche Augenblick gekommen, wo er ſelbſt dieſe Schranke nicht mehr achtete. Und doch hatte ſie ihn — ſollte man es glauben— bei alle dem, trotz dem, 182 daß ſich der Mann ihr in keinem beſonders günſtigen Lichte darſtellte, einmal geliebt! Ja, ſie hatte ihn ſo aufrichtig geliebt, als ſie überhaupt einen Gegenſtand lieben konnte! Zwar hatte die Zeit mit ihren Folgen Viel von dieſem Gefühle verwiſcht;— ſeine eigene Gleichgültig⸗ keit hatte Etwas dazu beigetragen— noch mehr aber ihre neuen Beziehungen zu der Welt; und wenn ſie jetzt je einmal an ihn dachte, ſo geſchah es immer nur mit einer Art Schrecken, daß auf der Welt ein Mann lebe, der alle Geheimniſſe ihres Herzens ſo gründlich erforſcht, und jedes ihrer Gefühle kenne. Norwood ſaß bei ihrem Hereintreten in einem Lehn⸗ ſeſſel, und amüſirte ſich an den Sprüngen eines Schooß⸗ hündchens von der Blenheimer Race, auf deſſen ſilber⸗ nes Halsband die Krone des ruſſiſchen Fürſten gravirt war. Er bemerkte Lady Heſter nicht eher, als bis ſte hart neben ihm ſtand, und in ruhigem, halb gleichgül⸗ tigem Tone zu ihm ſagte: „Wie befinden Sie ſich, my Lord?“ — „Wie, Heſter!“ ſagte er, auffahrend, und ihre Hand in ſeine beiden legend. Sie zog dieſelbe aber langſam zurück, ſetzte ſich, nicht auf das Sopha, zu dem er ſie hinführen wollte, ſondern auf einen Stuhl, und fragte ihn, wann er an⸗ gekommen, und welchen Weg er gemacht. „Ich bin in einer Yacht hieher gekommen, und habe mich einige Tage zu Gibraltar, ſowie eine Woche zu Malta aufgehalten.“ „Haben Sie ſchönes Wetter gehabt?“ „Herrliches Wetter, ſobald wir den Kanal hinter uns hatten.“ „Sie ſind vermuthlich allein hieher gekommen?“ „Ganz allein.“ „Wie ſtehen Sie mit Ihrem theuren Freunde Effingdale, oder mit Ihrem„„Vertrauten,““ Upton?“ Norwood erröthete ein Bischen bei einer Frage, — 183 deren Zielpunkt ihm nicht entging; jedoch verſuchte er es, einer Antwort lachend auszuweichen. „Sind ſie in England? Ich glaube, ihre Namen unter denen anderer Perſonen, die ſich bei den Wett⸗ rennen in Newmarket betheiligten, geleſen zu haben,“ fragte ſie, nachdem ſie vergebens auf eine Antwort ge⸗ wartet hatte. „Ja; ſie waren beide in Newmarket,“ erwiederte er kurz. „Sind die Pferderennen gut ausgefallen?“ „Ich kann's kaum loben,“ erwiederte er, indem er zu lachen ſuchte.„Das Glück iſt mir nicht gar hold geweſen.“ „Ich hab' es gehört,“ lautete die kurze Antwort; auch wurde dieſelbe in einem ſo trockenen und bedeu⸗ mngaboſſen Tan gegeben, daß eine Todtenſtille darauf olgte. „Ein hübſches Schooßhündchen,“ ſagte Norwood, der gegen das feindliche Lager einen kleinen Ausfall auszuführen und in daſſelbe einzudringen verſuchte. „Vermuthlich ein Geſchenk von Midchikoff?“ „Ja.“. „ ndeſſen iſt es eben ſo wenig von ganz reiner Race, wie ſein früherer Beſitzer. Haben Sie den Für⸗ ſten häufig geſehen?“ „Er kommt jeden Abend nach der Oper hieher.“ „Wie langweilig muß er da ſein— er iſt ein unerträglich proſaiſcher Menſch.“ „Ich muß ſagen, daß ich Ihre Meinung nicht theile. Ich halte ihn für einen äußerſt angenehmen Mann.“ „Welche Veränderung muß mit Ihnen vorgegan⸗ gen ſein, Heſ—, Lady Heſter.“ „Ich glaube, daß Sie Recht haben, my Lord.“ „Und doch ſehen Sie noch ganz ſo aus— noch ganz ſo, wie zur Zeit, als wir Stunden lang in dem alten Gehoͤlze von Dipsley umherſchlenderten.“ 184 Sie errothete tief; weniger vielleicht über dle Worte, als über den Blick, der dieſelben begleitete. „Iſt dieß Ihre neue Nichte oder Couſine?“ ſagte Norwood, auf das Porträt von Kate Dalton deutend. „Ja. Iſt ſie nicht hübſch?“. „Das Porträt iſt es.“ „Sie iſt indeſſen noch weit hübſcher— iſt in jeder Beziehung ein bezauberndes Geſchöpf— wie Sie ſelbſt werden ſagen müſſen, wenn Sie ſie zu Geſicht bekom⸗ men werden.“ „Und wozu haben Sie ſie beſtimmt? Soll ſie eine ruſſiſche Fürſtin, oder eine italieniſche Ducheſſa, oder die gute Hausfrau eines unbetitelten Engländers werden?“ 3 „Sie hat, wie ich glaube, ganz die Wahl.“ „Das glückliche Mädchen!“ ſagte er in halb ver⸗ ächtlichem Tone;„und wann darf ich hoffen, ſo viel Vortrefflichkeit zu Geſicht zu bekommen?“ „Heute, wenn Sie hier ſpeiſen wollen.“ „Ich würde es recht gern thun— aber— aber—“ „Aber was?“ „Es iſt am Beſten, Heſter, wenn ich gleich mit der Wahrheit herausrücke,“ ſprach er kühn,„und wenn ich ſage, daß Sie ſehr kalt und zurückhaltend gegen mich geworden zu ſein ſcheinen. Es iſt dieß nicht Ihre frü⸗ here Art und Weiſe; es iſt dieß nicht gerade der Em⸗ pfang, den ich erwartete. Waͤre es nun aber, wenn Sie Urſache dazu zu haben glauben, nicht beſſer und ehrlicher, mit der Farbe herauszurücken, als mich noch ferner auf dieſe geringſchätzige Weiſe zu behandeln? Sie ſchweigen— es muß alſo irgend einen Anſtand haben. Laſſen Sie mich hören!“ „Wie ſteht es mit Newmarket?“ ſagte ſie mit ſo leiſer Stimme, daß es faſt einem Flüſtern gleichkam. „So, ſo; Das iſt es alſo?“ ſagte er, die Arme übereinanderlegend, und ſie feſt anblickend⸗ 185 Es lag in dem kalten und feſten Blick, den er auf ſie warf, Etwas, was Lady Heſter verlegen, wo nicht wirklich unruhig machte. Sie hatte denſelben Blick ſchon ein Paar Male geſehen, und ſtets war er ein Vorbote irgend einer fuͤrchterlichen Kundgebung ſeines Temperaments geweſen. „Lady Heſter,“ ſprach er mit leiſer, deutlicher Stim⸗ me, und ganz langſam, gleich als ob er befürchtete, ſie moͤchte ein Wort verlieren;„die Erklärung, die ein Mann auf die Gefahr hin, ſich das Lebenslicht aus⸗ blaſen zu ſehen, fordern würde, darf für eine Dame billiger Weiſe nicht ganz koſtenlos ſein. Es iſt recht wohl möglich, daß Sie ſich nicht um den Preis beküm⸗ mern— mag es ſo ſein; nur muß ich Ihnen ſagen, daß, wenn Sie irgend eine Auskunft über den Gegen⸗ ſtand haben wollen, auf den Sie anſpielen, ich fragen werde, ob—“ Hier wurde ſeine Stimme ganz leiſe: er flüſterte ihr raſch ein Paar Worte in's Ohr, worauf ſie ſich bleich, unwohl und faſt ohnmächtig zurücklehnte, ohne ſo viel Kraft zu haben, um ein Wort zu ſprechen, oder ch auch nur zu rühren. „Sagen Sie nicht, und denken Sie noch viel we⸗ niger, daß ich an dieſem Streit Schuld ſei. Noch nie war ein Menſch weniger aufgelegt, Feindſeligkeiten her⸗ vorzurufen, und noch beſonders von Seiten alter Freunde. Ich habe eben erſt Unglück gehabt— das entſetzlichſte Ungluͤck, das Jemand haben kann. Ich habe Alles verloren, nur meinen Kopf nicht; und auch dieſer, ſo kalt und berechnend er immer iſt, mag zum Teufel ge⸗ hen, wenn ich zu weit getrieben werde. Jetzt haben ie von mir ein offenes und freies Geſtändniß. Ich habe Ihnen mehr geſagt, als ich einem lebenden Weſen ſagen moͤchte; und vielleicht habe ich auch Ihnen mehr geſagt, als ich hätte ſagen ſollen.“ „Was wollen Sie dann aber hier thun?“ fragte ſie mit kaum hörbarer Stimme. 186 „Ich will warten— eine Zeit lang geduldig war⸗ ten; will Jeden, der eine Sylbe murmelt, wodurch meine Ehre angegriffen wird, auf's Korn nehmen, und ihn, wie einen Hund, erſchießen.“ „Es mag Leute geben, die, ohne ſich mit Ihnen in Erörterungen einzulaſſen, Ihre Geſellſchaft meiden, und Sie ferne zu halten ſuchen werden.“ „Zum Beiſpiel, Sir Stafford,“ ſprach er mit inſo⸗ lentem Lachen.. Sie nickte leicht mit dem Kopfe, worauf er alſo fortfuhr: „My Lady's Einfluß wird, ich weiß es gewiß, ſich da zu meinen Gunſten geltend zu machen wiſſen.“ „Vielleicht bin ich aber der Aufgabe nicht gewachſen.“ „Sie können es wenigſtens verſuchen, Madame.“ „Ich habe es verſucht, Norwood. Ich bin ſo weit gegangen, daß ich erklärt habe, ich glaube Nichts von alle dem, was gegen Sie geſagt werde; es ſei Ihre CEhrenhaftigkeit für mich über allen Zweifel erhaben, — und ferner habe ich erklärt, daß ich Sie nach wie vor empfangen würde.“ „Und natürlich werden Sie Ihr Wort auch halten?“ „Wenn Sie es durchaus verlangen— „Natürlich werde ich es verlangen! Heſter, es iſt jetzt keine Zeit zum Spaßen. Ich ſtecke in der Patſche — und noch nie habe ich mich in einer ſo fatalen Lage befunden, wie jetzt. Ein Bischen Zeit und ein etwas eingezogenes Leben— und es iſt mir geholfen; allein Beides iſt nothwendig; auch braucht ein Menſch an einem ſolchen Orte, und bei einer Geſellſchaft, wie die hieſige iſt, keine Nachforſchungen zu fürchten. Ich bin, wie man früher immer that, in der Abſicht hieher ge⸗ kommen, eingeſchränkt und fein ordentlich zu leben. Gonnen Sie mir wenigſtens die Wohlthat der Protek⸗ tion dafür, daß ich mich herablaſſe, an dieſem Orte zu leben!“ „Sir Stafford, my Lady!“ ſagte ein Diener, indem 187 er die Thüre öffnete; und der alte Baronet trat haſtig herein, und ging, ohne von Lord Norwood Notiz zu zu nehmen, geradewegs auf Lady Heſter zu, und ſagte mit leiſer Stimme einige Worte zu ihr. Norwood ſtellte ſich, als beſchäftigte er ſich mit den auf dem Tiſche liegenden Büchern, beobachtete aber mit ſcharfen, obwohl verſtohlenen Blicken das Zwiege⸗ ſpräch, und ſagte dann, als der Andere ſich plötzlich umdrehte: „Wie befinden Sie ſich, Sir Stafford? Es freut mich, Sie ſo wohl zu ſehen.“ „Ich danke Ihnen, my Lord; ich befinde mich ganz wohl!“ ſprach er mit überaus zurückſtoßender Kälte. „Sie ſind gewiß erſtaunt, mich in Florenz zu ſe⸗ hen,“ ſagte der Andere mit erzwungenem Lachen. „Ungemein erſtaunt, Sie hier zu ſehen, my Lord,“ lautete die barſche Antwort. „Ha! hal ha! Ich dachte mir es!“ rief Norwood lachend, und ſich ſtellend, als ob er,die Pointe der Be⸗ merkung nicht fühlte.„Allein hellt zu Tage flattert man in Pantoffeln und im Schlafrocke in der Welt um⸗ her; heut zu Tage iſt das Reiſen mit keiner Muhe mehr verennden. Ich habe England erſt vor zehn Tagen ver⸗ aſſen.“ „Die Poſt kommt in ſieben an, my Lord,“ ſprach Sir Stafford;„ich habe dieſen Morgen Briefe bekom⸗ men, die gerade eine Woche alt ſind und die neueſten Ereigniſſe im Stadtleben bis auf die letzte Stunde be⸗ richten.“ „Sol und welcher Art find dieſe Neuigkeiten?“ ſprach er nachläßig.. „Wenn Ew. Lordſchaft ſo gut ſein will, einige Mi⸗ nuten bei mir zu verweilen, ſo bin ich vielleicht im Stande, Ihnen darüber einige Aufſchlüſſe zu geben,“ ſprach Sir Stafford, auf die Thüre zugehend. „Mit dem größten Vergnügen. Adjeu, Lady He⸗ ſter!“ ſprach er, ſich erhebend;„wie ich glaube, ſo ha⸗ 188 ben Sie geſagt, daß das Diner um ſieben Uhr ſervirt werde../. „Ja,“ erwiederte ſie; aber mit einer vor Scham und Schrecken faſt unartikulirten Stimme. „Nun bin ich zu Ihren Dienſten, Sir Stafford,“ ſprach der Viscount fröhlich, als er das Zimmer ver⸗ ließ, gefolgt von dem alten Manne, deſſen purpurrothe Wange und feuerſprühendes Auge die Leidenſchaft ver⸗ riethen, die in ihm kämpfte.. Wir müſſen geſtehen, daß von den beiden Männern, die jetzt in Sir Stafford's Bibliothekzimmer traten, Lord Norwood derjenige war, der bei Weitem als der ruhigere und gefaßtere erſchien. Niemand, der ihn ge⸗ ſehen haben würde, hätte vermuthen können, daß eine hochwichtige Frage ihn erwartete; und während er die Augen über die wohlgefüllten Regale, ſowie über das hübſche Ameublement des Zimmers hinlaufen ließ, konnte Nichts natürlicher klingen, als die Paar bekomplimenti⸗ renden Ausdrücke über Sir Stafford's guten Geſchmack und über deſſen geſundes Urtheil. „Ich werde Sie nicht bitten, my Lord, Platz zu nehmen,“ ſprach der alte Baronet, deſſen bebende Lippe und zitternde Wange genugſam zeigten, wie gewaltig er aufgeregt war.„Die wenigen Augenblicke, die wir mit einander zu ſprechen haben, werden ohne Zweifel ſchon allzu peinlich für uns Beide ſein; auch könnten wir eine Verlängerung derſelben nicht wunſchen. Für mich ſind ſie, ich geſtehe es, ſehr, ſehr peinlich.“ Dieſe in der Cile geſprochenen, abgeriſſenen, und unzuſammenhangenden Sätze entfuhren ihm, waͤhrend er unter den auf dem Tiſche herumliegenden Papieren einen Brief ſuchte. Lord Norwood verbeugte ſich kalt, wandte ſich, ohne Etwas zu erwiedern, mit dem Rücken gegen das Feuer und wartete geduldig. „Ich befürchte, ich habe den Brief verlegt,“ ſprach Sir Stafford, deſſen nervöſe Aengſtlichkeit jetzt derma⸗ 189 ßen zugenommen hatte, daß er die Briefe und Papiere nach allen Seiten hin warf, ohne es zu bemerken⸗ Deer Viscount verhielt ſich dabei ganz ruhig, und ließ den Baronet fortſuchen, ohne ihn durch eine Be⸗ merkung zu unterbrechen. „Es war ein Brief von Lord Effingdale,“ fuhr der Baronet, immer noch ſuchend, fort;„ein Brief, der nach der Newmarket Abrechnung geſchrieben ward, my Lord; und ſollte ich ſo unglücklich ſein, denſelben nicht zu ſin⸗ den, ſo muß ich mich, in Betreff des Inhalts, bloß auf mein Gedächtniß verlaſſen.“ Lord Norwood verbeugte ſich abermals, jedoch leichter und kälter, als das erſte Mal, gleich als wollte er ſagen, er laſſe es ſich, ohne zu wiſſen was, ohne Anſtand gefallen. „Ahl da iſt er! da iſt er!“ rief Sir Stafford, als er endlich das vermißte Dokument entdeckte. Er öffnete es ſofort haſtig und durchlief es. Dieſer Brief, my Lord,“ fuhr er fort,„meldet mir, daß, in Folge der Nichterfüllung gewiſſer Verbindlichkeiten von Ihrer Seite, die Mitglieder des„„Whip⸗Clubs““ den Na⸗ men Ew. Lordſchaft aus ihrer Liſte geſtrichen, und Sie für unfaͤhig erklärt haben, ſich ferner bei den Wettren⸗ nen zu betheiligen. Hier, hier, my Lord, iſt die Stelle, in Verbindung mit einem ſehr ſtrengen, aber gerechten Commentar über die ganze Geſchichte: und ohne Zwei⸗ fel wird auch Ihnen derſelbe ſo erſcheinen.“ Norwood nahm den Brief und las ihn gemächlich, ſo gemächlich und ruhig, als ob der Inhalt ihn gar nicht berührte; ſodann legte er ihn wieder zuſammen, und warf ihn auf den Kaminſims, neben dem er ſtand. „Der arme Effingdale!“ ſprach er lächelnd;„er ſollte ſich beſſer auf die Orthographie verſtehen, da ſeine Mutter eine Gouvernante war. Er ſchreibt„naming““ mit einem„„e“. Haben Sie es bemerkt?“ Da aber Sir Stafford auf dieſe kritiſche Bemer⸗ kung nicht achtete, ſo fuhr er alſo fort; 130 „Was den„„Whip““ betrifft, ko kann ich Ihnen ſagen, daß ich meinen Namen ſelbſt ausgeſtrichen habe. Es iſt ein Haufen gemeiner Spitzbuben, und mit Aus⸗ name des armen Effy und einiger Andern von derſel⸗ ben brillanten Sorte befindet ſich auch nicht ein Gent⸗ leman unter ihnen.“ „Aber es iſt doch wahr, daß Sie mit Ihren Zah⸗ lungen im Rückſtande ſind?“ fragte Sir Stafford. „Wenn Sie damit fragen wollen, ob man zu Don⸗ caſter oder Newmarket ſtets gewinne, ſo bietet die Beant⸗ wortung der Frage nicht die mindeſte Schwierigkeit dar.“ „Ich nehme natürlich an, daß man ſtets bezahlt, was man verliert, my Lord,“ erwiederte Sir Stafford, den die ausweichende Frechheit des Andern vor Zorn erröthen machte. „Natürlich bezahlt man, wenn man das Geld hat, Sir Stafford; allein dieß iſt eine ſehr weſentliche Be⸗ dingung, denn der„„Turf““ folgt nicht ganz denſelben Geſetzen, wie der Handel.“ Sir Stafford krümmte ſich unter der leichtfertigen Frechheit, womit dieß geſprochen ward. „Man kann den Proſit nicht genau berechnen; auch kann man ſich gegen zufällige Verluſte nicht durch Aſſekuranzen ſichern. Ein Pferd, Sir Stafford, iſt kein Oſtindienfahrer; ein Mann, der wettet, iſt daher in einer ganz exceptionellen Lage.“ „Wenn Jemand ſo Viel anf's Spiel ſetzt, daß er es nicht mehr bezahlen kann, ſo iſt er ehrlos,“ ſprach Sir Stafford in kurzem barſchem Tone. „Ich ſehe, daß Sie von einem Gegenſtande, der allen Ihren Gewohnheiten und Veſchäftigungen ſo ganz fern liegt, ſich keinen richtigen Begriff machen können. Sie glauben, es ſei eine Art Bankerott, wenn Jemand bei ſeinen Wetten ein Bischen im Rückſtand bleibt. Sie ſehen nicht ein, daß bei allen dieſen Geſchäften nur auf das Ehrenwort eines Mannes geſehen wird, und daß, wenn man einmal„„durchbrennt““, und im 191 Rückſtande bleibt, man die Sache ein anderes Mal wie⸗ der anszugleichen im Sinne hat. Ihr eigener Sohn, George, hatte—“ „Was wollen Sie von ihm ſagen? was wollen Sie von George ſagen?“ rief Sir Stafford, den Stuhl convulſiviſch anfaſſend, während ſeine Wange ſich gänzlich entfärbte, und er vor Aufregung in eine Ohn⸗ macht fallen zu wollen ſchien. „Ach, Nichts, was Sie unruhig machen könnte. Es gab nie einen ehrlicheren Burſchen auf der Welt, als George.“ „Was wollen Sie alsdann über ihn ſagen? Wie kommt bei einer ſolchen Erörterung ſein Name auf Ihre Lippen? Sagen Sie mir es augenblicklich, my kord. Ich befehle es Ihnen— ich erſuche Sie dar⸗ um 44. Und der alte Mann zitterte wie ein Fieberkranker; allein Norwood erſah ſeinen Vortheil, und beſchloß, denſelben ſchonungslos zu nützen. Er lächelte daher bloß, und ſagte: „Seien Sie doch ruhig, Sir Stafford, ich bitte Sie darum. Ich wiederhole Ihnen, daß Sie ſich kei⸗ nen Augenblick in Unruhe zu verſetzen brauchen. Ich wollte bloß bemerken, daß, wenn ich eben ſo viel Ge⸗ ſchmack, wie der arme Effy, daran fände, Andern Böſes nachzuſagen, ich über Ihren Sohn George eine ganz äͤhnliche Geſchichte hätte in Umlauf bringen koͤnnen. Er verließ England, und ſchuldete mir eine hübſche runde Summe, die ich, beiläuſig geſagt, ſelbſt gar noth⸗ wendig hatte; und obgleich das Geld endlich bezahlt wurde, ſo möchte ich doch wiſſen, was Sie von mir — was die Welt von ihm gedacht haben würde,— wenn ich eine Epiſtel, wie dieſe hier, geſchrieben hätte.“ Und während er ſo ſprach, drückte ſeine Stimme und ſein ganzes Weſen einen heftigen Unwillen aus, in dem er, gleich als ließe er ſich wider Willen fort⸗ 192 reißen, den Brief vom Kaminſimſe wegnahm, um ihn in das Feuer zu werfen. Der Akt ſelbſt wurde von Sir Stafford nicht geſehen, denn es hatte derſelbe auf ſeinem Stuhle den Kopf tief zwiſchen den Händen be⸗ graben, wobet allein ein leiſes ſchwaches Stöoͤhnen ſeine geheime Herzenspein verrieth. „Mein Sohn hat Sie alſo bezahlt? Er iſt Ihnen Nichts ſchuldig, my Lord?“ ſagte er, endlich aufbli⸗ ckend, während ſein Geſicht in Folge der Aufregung ge⸗ furcht war. „Auf die„„flotteſte““ Weiſe!“ ſprach Norwood, eine ganz ruhige und ſelbſtzufriedene Haltung anneh⸗ mend.„Ich laſſe das Leben für George Onslow! decke ihm den Rücken, ſo groß auch die Summe ſein mag, und parire mit ihm überall gegen das ganze„„Feld“ Ein ächter John Bull!— geht nicht mit Lug und Trug um!— iſt ſtets gerade und ehrlich!“ „Ihre Lage iſt alſo dieſe, my Lord,“ ſprach Sir Stafford, dem die Ungeduld nicht erlaubte, länger zuzu⸗ hören;„Ihre Lage iſt alſo dieſe: Sie haben England verlaſſen, ohne eine Anzahl Schulden, zu deren Bezah⸗ lung Sie auch nicht die entfernteſte Ausſicht haben, zu berichtigen.“ „Ihr Schluß iſt voreilig— voreilig!“ ſprach der Viscount lachend. „Lord Effingdale gibt den Betrag zu 30,000 Pfund. an und ſetzt hinzu, daß Sie, als ein Mann, der mit ſeinen Zahlungen im Rückſtand geblieben,— daß Sie als Bankerottirer—“ „Ah, da ſteckt der Knoten!“ ſiel Norwood ein. „Sie machen das verdammte Wort immer und ewig geltend, und es iſt unnütz, wenn ich mich zu rechtfertigen ſuche. Man gebe einem Hunde einen ſchlechten Namen, wie das Sprüchwort ſagt, ſo wird Jedermann über ihn herfallen. Nun aber habe ich ſchon dieſen Morgen mir die Mühe gegeben, dieſe ganze langweilige Geſchichte mit 193 George durchzuſprechen. Ich habe ihm ausführlich, und, wie ich hoffe, zu ſeiner gänzlichen Befriedigung bewie⸗ ſen, daß ich bloß unglücklich geweſen— ſonſt Nichts. Man kann nicht ewig gewinnen; ich wollte, ich könnte es. Natürlich will ich damit nicht ſagen, daß es nicht verdammt langweilig ſei, hieher kommen, und an einem ſolchen Platze leben zu müſſen,— und zwar gerade zu einer Zeit, wo die Saiſon anfängt, und die Stadt ſich zu füllen beginnt; allein„„Noth kennt kein Gebot,““ wie das Sprüchwort ſagt.“ Wäͤhrend dieß geſprochen wurde, ſtand Sir Stafford mit gefalteten Armen und auf den Boden gehefteten Augen da. Er hörte von dem Geſagten keine Sylbe, ſondern war ganz in ſeine eigenen Gedanken vertieft. Endlich ſprach er mit voller und feſter Stimme: „Lord Norwood— ich bin, wie Sie mir geſagt haben, durchaus nicht im Stande, mich über Dinge auszuſprechen, die allen meinen bisherigen Beſtrebungen und Beſchäftigungen ſo fern liegen. Ich kenne ebenſo wenig die Gefühle und Geſinnungen derer, die ſich in ſolche Dinge einlaſſen, wie die Regeln der Ehre, nach welchen ſolche Geſchäfte behandelt werden; allein ſo viel weiß ich, daß der Mann, mit dem ſeine Freunde und Standesgenoſſen in der Heimath Nichts mehr zu ſchaffen haben wollen, ſich nicht darüber beklagen kann, wenn man ihn auch im Auslande nicht laͤnger kennen will, und daß Derjenige, ſo ſein Vaterland in ſchmachvoller Weiſe verläßt, auch in einem fremden Lande nicht mit Ehren leben kann.“ „Dieß würde, ſelbſt bei der beſchönigenden Vorrede in Betreff Ihrer Unwiſſenheit, recht grob klingen, Sir Stafford Onslow, wenn unſer Alter eine Gleichheit zwiſchen uns zuließe. Ich bin der friedfertigſte aller Menſchen— und glaube ſagen zu können, daß ich mich ſo zeigen darf. So lange Sie daher ſolche Geſinnungen bei ſich behalten, ſo werde ich mich nie darüber beklagen;z Die Daltons. N. 13 194 ſollten Sie aber einmal glauben, daß dieſelben ſich zur Mittheilung an Andere eigneten—“ „Nun, my Lord, was würde dann geſchehen?“ „Dann müßte Ihr Sohn dafür einſtehen— weiter habe ich Nichts zu ſagen!“ Bei dieſen Worten ſtellte er ſich kerzengerade hin, und heftete ſein Auge auf die ferne Wand des Zimmers, wobei er einen Blick und eine Geberde annahm, die den alten Mann in die unbehaglichſte Stimmung ver⸗ ſetzten. Norwood ſah, welchen Eindruck ſeine Worte hervor⸗ gebracht hatten, drehte ſich haſtig um, und ſprach: „Dieſe Unterredung hat wohl für uns Beide lange genug gedauert. Sollten Ihnen weitere Erklärungen erwünſcht ſein, ſo mögen Sie dieſelben durch einen jün⸗ geren Mann, und in einer regelmaͤßigeren Form von mir fordern. Guten Morgen!“ Sir Stafford verneigte ſich, ohne ein Wort zu ſa⸗ gen, während der Andere zur Thüre hinausging. Die Wenigſten von denen, ſo Beide in dieſem Au⸗ genblicle geſehen hätte, würden wohl errathen haben, auf welcher Seite alle Schande, und auf welcher die ehrenhafte Geſinnung war. Sir Stafford fuͤhlte ſich wirklich recht unglücklich. Konnten, wenn die nichtsſagenden Erklärungen des Vis⸗ count ihn von keinem einzigen ſeiner Serupel befreit hatten, dieſelben nicht von andern, in ſolchen Dingen mehr bewanderten Perſonen als genügend errachtet werden?„Vielleicht iſt er, dachte der Baronet weiter, nicht ſchlimmer, als andere Leute ſeiner Klaſſe. Muß ich nicht Bedenken tragen, George in einen Streit we⸗ gen einer ſolchen Sache zu verwickeln?“ Dieſer Gedanke draͤngte ſich ihm in zwanzigerlel Geſtalten auf: eine jede reichte hin, um ihn zu er⸗ ſchrecken. Alllein der Menſch iſt ein Bankerottirer; er i*ſt auf eine ſchmachvolle Weiſe aus England geflohen;— ſo 195 ſprach die hartnäckige Ueberzeugung, und keine Bemü⸗ hungen ſeiner Caſuiſtik vermochten dieſelbe zu bannen. Und je mehr er hin und herdachte, um ſo weniger ſchien eine Ausflucht und eine Compromiß unter die möglichen Dinge zu gehören. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Das Ende des erſten Akts.“ Der in unſerem letzten Kapitel eroͤrterte Punkt ſollte, wenn er auch nicht an und für ſich ſehr wichtig war, doch auf die Geſchicke der Onslow'ſchen Familie einen höchſt folgenreichen Einfluß ausüben. Die Unter⸗ redung zwiſchen Sir Stafford und dem Viscount dauerte kaum fünf Minuten. Nach derſelben ſchrieb der Baronet einen ziemlich langen Brief an ihre Ladyſhip, die den⸗ ſelben eben ſo raſch beantwortete. Auf den erſten Brief folgte ein zweiter, auf den zweiten noch ein dritter. as Diner, das an dieſem Abende gegeben werden ſollte, wurde verſchoben; eine gewiſſe ominöſe Stille machte ſich im ganzen Hauſe bemerklich. Die wenigen bevorrechteten Perſonen„ welche im Palazzo Mazzarini einen Beſuch abſtatten wollten, wurden abgewieſen. Herr Proctor, Sir Stafford's Kammerdiener, ſah un⸗ gewöhnlich ernſt aus. Aus Mademoiſelle Cöleſtinens Blicken ſprach ein übermüthiges Triumph⸗Gefühl. Selbſt die untergeordneteren Domeſtiken ſchienen zu fühlen, daß ſich Etwas zugetragen haben müſſe, und verriethen in ihren ängſtlichen Geſichtern Etwas, was jenen vagen, halb aus Neugierde, halb aus Schrecken zuſammenge⸗ 196 ſetzten Gefühlen glich, ſo man bei den Paſſagieren eines Dampfbootes wahrnimmt, wenn in Folge eines Unfalles, deſſen Natur ſie nicht kennen, die Maſchinerie in Un⸗ ordnung gekommen iſt. 3 Ihre Zweifel und Vermuthungen nahmen eine be⸗ ſtimmtere Geſtalt an, als der Befehl kam, daß Sir Staf⸗ ford im Bibliothekzimmer, ihre Ladyſhip aber auf ihrem Zimmer ſpeiſen wuͤrde; George Onslow erſchien allein im Speiſezimmer. Ueber Alles hatte ſich eine gewiſſe unheimliche Düſterkeit verbreitet, und mit einbrechender Nacht nahm die Stille noch zu. Die Domeſtiken gingen leiſe hin und her, zogen die Vorhäͤnge zu, und ſchloſſen die Thüren in halb verſtohlener Weiſe, und ſchienen gleichſam zu befürchten, ſie möchten einen ſchlummernden Ausbruch der Leidenſchaft wecken. Wir halten vor unſern Leſern Nichts geheim, und möchten Ihnen auch Nichts verbergen. Wir wollen uns deßhalb nach Sir Stafford's Ankleidezimmer verfügen, wo der alte Baronet in höchſt verdrießlicher Laune am Feuer ſaß; ſeine ängſtlichen, kummervollen Geſichtszüge zeigten, welche Verheerungen ein Seelenleiden, das doch erſt wenige Stunden gedauert, angerichtet hatte. Sein Tiſch war mit Papieren, Pergamenten, und andern fürchterlich ausſehenden Dokumenten überſäet. Hier lagen einige verſiegelte Briefe; dort lagen andere, die erſt zur Hälfte geſchrieben waren; ſein ganzes Aeußere verrieth den Kampf, der in ſeinem Geiſte vor ſich ging; und dieſer Kampf des Zweifels und der Unſchlüſſigkeit war gewiß ein höchſt peinlicher. 1 Er hatte ſeit einiger Zeit mit vielem Mißvergnü⸗ gen wahrgenommen, wie verſchwenderiſch es in ſeinem Hauſe herging; er hatte bemerkt, welch' unſinnige Aus⸗ gaben täglich gemacht wurden; da er aber ein ſehr großes Vermögen beſaß, und fühlte, daß mit dem kom⸗ menden Sommer wahrſcheinlich eine Veränderung ein⸗ treten würde, ſo hatte er es unterlaſſen, dagegen zu gemonſtriren, und hatte möglichſt geduldig eine Lebens⸗ 197 weiſe ertragen, die ihm ſchon wegen des damit verbun⸗ denen Gepränges zuwider war. Jetzt aber bot ſich ihm in der Klaſſe der von Lady Heſter zu ihrer Geſellſchaft erkorenen Vertrauten ein ernſterer Grund zu Beſorg⸗ niſſen dar. Von dem Fremden wußte er verhältnißmäßig nur Wenig; aber ſelbſt dieſes Wenige ſprach nicht zu ihren Gunſten. Einige waren reiche Wollüſtlinge, die gern ihre ausſchweifenden Gewohnheiten unter denen verbreiteten, von denen ſie vermutheten, daß ſie weniger beſäßen, als ſie ſelbſt. Andere waren Abenteurer, die keinen Heller Vermögen beſaßen, und alle Gelegenheiten wahrnahmen, und noͤthigenfalls hervorriefen, wo ſie Et⸗ was zu fiſchen hoffen durften. Alle waren Vergnüglinge, alle waren Männer ohne ernſteren Lebenszweck,— Männer, von jenem indolenten Charakter, der denen ſo beſonders unangenehm iſt, die ein thätiges Leben geführt haben, und ſtets von geſchäftlichen Sorgen und Inter⸗ eſſen in Anſpruch genommen geweſen ſind. Von ſolchen Männern urtheilte er richtig, daß ſie für ſeinen Sohn gefährliche Geſellſchafter, und für Kate, für die er bereits ein tiefes Intereſſe fühlte, die allerſchlimmſte Bekanntſchaft ſein müßten. Doch konnte in ihrem Rufe kein wirklicher Makel— nichts wirklich Entehrendes entdeckt werden, bis durch die An⸗ kunft Norwood's der Name des edlen Lords zu den üb⸗ rigen hinzukam. Einen Mann in ſeinem Hauſe empfangen zu müſſen, von deſſen übler Aufführung in England er alle Beweiſe in Händen hatte,— das war zu viel für ihn. Hier oder nie mußte er entſchieden auftreten; und er that es in mannhafter Weiſe. Zuerſt durch ruhige Vorſtellungen und Beweisgründe, und endlich durch einen feſten, mann⸗ haften Entſchluß. Ohne auf das anzuſpielen, was zwi⸗ ſchen ihm und dem Viscount vorgefallen war, that er in ſeinem Briefe Lady Heſter zu wiſſen, daß er den un⸗ wandelbaren Entſchluß gefaßt, Lord Norwood nicht zu kennen. Lady Heſter's Antwort lautete nicht minder — 198 peremptoriſch, und war kaum ſo höflich. Der Briefwechſel dauerte auf beiden Seiten mit ſteigender Wärme fort, bis Sir Stafford deutlich auf die möglichen Folgen ei⸗ nes mit dem ehelichen Wohl ſo unvereinbaren Geiſtes des Unfriedens und der Uneinigkeit anſpielte. Ihrer Ladyſhip kam dieſes ganz erwuͤnſcht: ſie ſchrieb dem Baronet zurück, daß, welche Scrupel auch ſeine Delica⸗ teſſe fühlen möchte, für die ihrige keine vorhanden wären, indem ſie das Wort„Trennung“ niederſchriebe. Wenn ſich auch ſein Geiſt bereits mit dem Gedan⸗ ken familiariſirt hatte, ſo war dieß doch in Betreff des Wortes noch nicht der Fall; auch iſt es ſonderbar, daß die geſchriebenen Silben eine Macht und eine Bedeutung hatten, welche der Gedanke ſelbſt nie für ſich in Anſpruch nehmen konnte. Für Männer, deren Leben zu keiner Zeit viel der Oeffentlichkeit verfallen geweſen, und deren Name ſtets nur in ehrenvoller Weiſe erwähnt worden iſt, gibt es keinen peinigenderen Gedanken, als den, ſich zum Gegen⸗ ſtande einer ſcandalöſen Notorietät gemacht zu ſehen. Ihren Namen mit boshaften Klatſchereien in Verbin⸗ dung und am Theetiſche zur Sprache gebracht— und, was noch ſchlimmer iſt, denſelben zum Gegenſtande höh⸗ niſcher und frecher Beurtheilungen gemacht zu wiſſen, iſt eine Qual, wogegen jedes bloß körperliche Leiden ver⸗ ſchwindet. Sir Stafford Onslow war ein ächter Reprä⸗ ſentant dieſer Klaſſe von Menſchen. Seinen Namen auf der Directoren⸗Liſte irgend eines großen Unternehmens zu erblicken, ſich als Schutzherrn einer wohlthätigen An⸗ ſtalt, als oberſten Director eines Hoſpitals, oder als Stifter einer Schule erwähnt zu ſehen,— dieß war et⸗ wa der Grad von Zeitungsnotorietät, die er noch er⸗ tragen konnte, ohne daß ſeine Delikateſſe darunter litt; allein in den Beziehungen ſeines Privatlebens die Ziel⸗ ſcheibe für öffentliche Erörterungen— mit ſeiner Familie vor die Schranken jenes fürchterlichen Gottes⸗Gerichts gezogen zu werden, wo die boͤſen Zungen die Beredten, r 199 und die, ſo den Andern Uebles nachſagen, die Witzigen ſind, war für ihn ein allzu entſetzlicher Gedanke, als daß er demſelben Raum zu geben vermocht hätte, und gerade das, woran er vor Entſetzen kaum zu denken wagte, hatte Lady Heſter nun ausgeſprochen! Iſt es nicht etwas Sonderbares, daß die Frauen, mit deren Weſen wir alle jene Tugenden, die ihren Grund in der Sittenverfeinerung und in der Sittſam⸗ keit haben, unzertrennlich(und zwar ganz richtig) ver⸗ knüpfen, bisweilen im Stande ſind, einem Grade von Notorietät Trotz zu bieten, den auch der verhärtetſte und ſchamloſeſte Mann nicht auszuhalten vermöchte, vor dem derſelbe entmuthigt und beſchämt zurückweichen würde; daß die furchtſame Delicateſſe, daß die Schamhaftigkeit der Frauen durch die Welt eine ſo ganz und gar ver⸗ ſchiedene Richtung erhalten kann, daß eine Notorietät, wo jeder Blick eine Anklage, und jedes Flüſtern eine Verurtheilung iſt, nichts Beunruhigendes und Peinliches für ſie hat! War nun auch Lady Heſter zu einer Trennung noch ganz und gar nicht entſchloſſen, ſo hatte ſie doch bereits einen Theil des Weges zurückgelegt. Sie hatte in ihrer Nähe zahlreiche Beiſpiele von Perſonen, welche in der Geſellſchaft überaus wohl gelitten und gern geſehen waren, obwohl ihr Haupt⸗Anſpruch auf die Achtung der Welt die Verachtung zu ſein ſchien, womit ſie alle Regeln und Normen derſelben behandelten. Es lag in dieſer Frechheit ein Anflug von Heroismus, der ihr geſiel; dieſe Leute erſchienen ihr luſtiger, aufgeräumter, und mit mehr geiſtiger Elaſticität begabt, als andere; ihre größere Freiheit ſchien größere und großherzigere An⸗ ſichten mit ſich zu führen; auch erſchienen ihr dieſelben ſtets als„gutmüthig“— kurz, ſie ſtattete dieſelben mit allen möglichen guten Eigenſchaften aus. Während alſo Sir Stafford, von Scham und Kum⸗ mer darniedergedrückt, in ſeinem Zimmer ſaß, und den bloßen Gedanken an die oͤffentlichen Eröͤrterungen, die 8 200 ſeiner warteten, unausſtehlich fand, erging Lady Heſter ſich in Spekulationen über das Beileid, das ihr hier, über die Billigung, die ihrer Handlungsweiſe dort zu Theil werden; über das Lob, das ihrem Muthe gezollt werden, über die Glückwünſche, die ſte wegen Erlangung ihrer Freiheit empfangen würde. Den kleinen, halb ver⸗ deckten Anſpielungen über die ſonderbare Unangemeſſen⸗ heit ihrer Heirath mit einem ſo alten Manne,— Anſpie⸗ lungen, die ihre Freunde ſich von Zeit zu Zeit erlaubten, würden, dachte ſie, ſich bald in Commentare voll unge⸗ zgelter Freiheit verwandeln. Zudem— und vielleicht hatte dieß für ſie den größten Zauber— würde ſie danu eine wirkliche Beſchwerde haben— nicht eine abgenützte Beſchwerde in Betreff irgend eines eingebildeten Leidens, woran Niemand glaubte, als der„Doktor“— nicht eine Beſchwerde in Betreff eines imaginären Herzleidens, das die Leidenden der Nothwendigkeit überhebt, ſchlechte Diners in vulgärer Geſellſchaft zu verzehren, ihnen aber ſtets ſo viel Ruhe läßt, um bei Hofe an einem déjeüner Theil zu nehmen, oder nach der Oper mit einigen auserwählten„convives“ ein reichliches Souper einzunehmen,— ſondern eine wirkliche, ſubſtantielle Be⸗ ſchwerde, die den Männern Gelegenheit geben würde, ihre Beredſamkeit an den Tag zu legen, den Damen aber, ſich pathetiſch zu zeigen. So beſchaffen und ſo verſchieden waren die Gefühle, womit zwei Perſonen ein und dasſelbe Ereigniß betrach⸗ teten. Sir Stafford's Gedanken wandten ſich alsbald England zu. Was würde dort von allen jenen Freunden geſagt werden, die ſich bemüht hatten, ihn von der un⸗ paſſenden Heirath abzubringen? Ihr kummervolles Mitleid war ſogar noch unerträglicher, als die Bös⸗ willigkeit Anderer; und— was würde ſein alter Freund Grounſell von einer ſo plötzlichen Kataſtrophe denken? Sir Stafford war in ſeinem Herzen froh, daß der Dok⸗ tor nicht da war, ſo ſehr er jetzt auch des guten Raths desſelben bedurft hätte; noch mehr fürchtete er den 201 Schrecken ſeines triumphirenden Auges, wenn der Dok⸗ tor ſeine oft wiederholte Prophezeiung in Erfüllung gehen ſehen würde. Von George wurde ihm keinerlei Unterſtützung zu Theil. Entweder glaubte derſelbe den Erklärungen Nor⸗ wood's, oder meinte er doch, daß er denſelben Glauben beimeſſe. Der Umgang mit einer gewiſſen Klaſſe„ſchnell lebender Männer“ hatte ihn gelehrt, daß man von Zeit zu Zeit wohl Etwas thun dürfe, was nicht ganz in der Ordnung ſei, ohne deßhalb von Freunden und Bekann⸗ ten in Zukunft inquirirt zu werden; und der junge Gardiſt ſah in den ſirengen Begriffen ſeines Vaters Nichts, als Vorurtheile— Vorurtheile, die ohne Zwei⸗ fel recht gut und löblich, allein auf unſere gegenwärtige Civiliſation ebenſo unanwendbar wären, wie ein Panzer⸗ hemd, oder dergleichen mittelalterliche Dinge. George Onslow blieb daher zwiſchen beiden Meinungen in der Mitte ſtehen. Aus Gefühlen der Liebe und Achtung es mit ſeinem Vater haltend, wurde er durch ſeine Ueber⸗ zeugungen zu Lady Heſter hingezogen,— ohne in der That zu wiſſen, wie weit bereits der Streit zwiſchen den beiden Eheleuten gediehen war, und ohne zu wiſſen, daß dieſelben, ehe noch die Nacht hereingebrochen war, gemeinſchaftlich eine Trennung beſchloſſen hatten, die, ſo lange ſie noch dasſelbe Haus bewohnten, allen Um⸗ gang ausſchließen mußte. Eines machte Sir Stafford gar viel zu ſchaffen. Was ſollte bei dieſer neuen Wendung der Dinge aus Kate Dalton werden? Die Stellung eines jungen Mäd⸗ chens, das bei einer in anſcheinender Einigkeit und ſcheinbar glücklich lebenden Familie auf Beſuch war, war himmelweit verſchieden von ihrer Stellung als Geſellſchafterin einer Frau, die von ihrem Gatten auch nur ſo weit getrennt war. Es würde, dachte er, ebenſo ſehr eine Unehrlichkeit gegenüber der Familie des Mädchens, als eine Ungerechtigkeit gegenüber der Letz⸗ teren ſein, wenn er ſie unter ſolchen Umſtänden länger in ſeinem Hauſe behielte. Und doch, was war zu thun? Ganz abgeſehen von der unangenehmen Aufgabe, ihr eine plötzliche Rückkehr zu den Ihrigen vorzuſchlagen, mußte er ihr auch noch die Gründe, weßhalb er es that, mittheilen— mußte er ihr das Bekenntniß ablegen, das er ſo ſehr fürchtete. Natürlich mußten durch die Schwätze⸗ reien der Domeſtiken bald Gerüchte in das Publikum dringen. Allein es war doch wenigſtens der Troſt dabei, daß dieſelben nicht bis über die Alpen drangen, und das Tagsgeſpräch eines deutſchen Badeortes wurden. So lagen ſeine egoiſtiſchen Gefühle im Kampfe mit höheren und reineren Gedanken. Allein der Kampf dauerte nicht lange. Er ſetzte ſich hin, und ſchrieb an Lady Heſter. Indem er von der natürlichen Voraus⸗ ſetzung ausging, daß alle Gründe, die für ihn ſo gewichtig waren, bei ihr eben ſo viel wiegen würden, verweilte er weniger bei den Gründen, welche Kate's Abreiſe als nothwendig erſcheinen ließen, als bei der Art und Weiſe, wie dieſelbe vorgeſchlagen und ausgeführt werden möchte. Er wies in gefühlvoller Weiſe auf das Opfer hin, das Lady Heſter durch den Verluſt ihrer jungen Freundin auferlegt werden würde, ſprach aber zu gleicher Zeit ſeine feſte Ueberzeugung aus, daß alle bloß egoiſtiſchen Rückſichten bei ihr höheren und wichtigeren Pflichten weichen würden.. „So wie die Sachen jetzt ſtehen,“ ſagte er,„be⸗ fürchte ich ſehr, daß wir zu dem Wohle und Glücke des lieben Mädchens in keiner Weiſe beigetragen haben. Im Gegentheil. Wir haben ſtie Blicke in ein Leben thun laſſen, deſſen Hohlheit ſie nicht zu würdigen ver⸗ mag, durch deſſen Glanz aber ſie ſich bereits angezogen fühlt. Wir haben ſie allen Verführungen der Schmeichelei ausgeſetzt, und haben eine Eitelkeit genährt, die viel⸗ leicht ihr einziger Fehler iſt. Ohne Zweifel haben wir ihre Phantaſte mit Träumen von einer Zukunft er⸗ füllt, die nie in Erfüllung gehen können,— und nun müſſen wir ſie wieder in eine Heimath zurückſchicken, 203 wo alle Liebe zärtlicher Verwandten nicht im Stande ſein wird, ihr deren Armuth und Dunkelheit zu verdecken. Aber auch dieß iſt beſſer, als wenn wir ſie hier be⸗ halten. 1 „Ich werde mir es angelegen ſein laſſen, die Art und Weiſe ausfindig zu machen, wie ich— ich wollte das Wort„„belohnen““ ſchreiben, auch würde daſſelbe nicht ganz unpaſſend ſein— wie ich Herrn Dalton am Beſten den Schaden vergüten kann, den wir ihm in der Perſon ſeines Kindes zugefügt haben; und wenn Sie mir in dieſer Hinſicht einen Vorſchlag zu machen haben, ſo werde ich denſelben mit Freuden annehmen.“ Der Brief ſchloß mit einigen Andeutungen in Be⸗ treff der Art und Weiſe, wie die Sache Kate mitge⸗ theilt werden könnte; und zu gleicher Zeit erkläͤrte ſich Sir Stafford bereit, nöthigenfalls dieſes unangenehme Geſchäft ganz auf ſich zu nehmen. Der ganze Ton des Briefes war gefühlvoll und zärtlich. Ohne auch nur im Entfernteſten auf das, was zwiſchen ihm und Lady Heſter vorgefallen war, an⸗ zuſpielen, ſprach der Baronet von ihrer Trennung bloß in ſo weit, als dadurch Kate Dalton berührt wurde, für welche ſie Beide, wie Sir Stafford ſich ausdrückte, mit aller Vorſicht denken und handeln müßten. Gleich als ob er jeden Gedanken auf ſie concentrirte, wollte er keinen andern Rückſichten Raum geben. Kate, und Kate allein bildete den Inhalt des Briefes. Indeſſen war Lady Heſter, als ſie die ihr über⸗ ſandten Zeilen las, von einem ganz andern Geiſt beſeelt. Sie war ſo eben wieder aus einem Mesmer'ſchen Schlafe erwacht, worein ſie, um ihre nervöſe Exaltation zu be⸗ ſchwichtigen, Dr. Buccellini verſenkt hatte. Sie hatte unter dem Einfluſſe einer übermäßigen Leichtgläubigkeit in einem Zuſtande halb hyſteriſcher Apathie einige Stunden dagelegen,— wobei all' ihre Willens⸗, ja faſt all' ihre Lebenskraft aufgehoben geweſen war,— als der Brief auf den Tiſch gelegt wurde. 204 „Was hat Ihre Kammerjungfer ſo eben abgegeben?“ fragte der Doctor in halb gebieteriſchem Tone. „Einen Brief— einen verſiegelten Brief,“ erwie⸗ derte ſie, indem ſie mit der Hand vor ihren halb ge⸗ ſchloſſenen Augen myſtiſch hin und her fuhr. Der Doctor warf einen triumphirenden Blick auf die Umſtehenden, und fuhr alſo fort:— „Kommt der Brief aus einem fernen Lande, oder kommt derſelbe von einer Perſon, die in der Nähe iſt?“ „Von einer Perſon, die in der Nähe iſt!“ ſagte ſie ſchaudernd. „Wo iſt in dieſem Augenblicke die Perſon, die den Brief geſchrieben hat?“ fragte er.. „Im Hauſe,“ ſagte ſie, abermals und noch heftiger ſchaudernd. „Ich nehme jetzt,“ ſprach der Doctor,„den Brief in die Hand, und was ſehe ich jetzt an?“ „Ein Siegel mit zwei Greifen, die einen Sporn halten.“ Der Doctor zeigte mit einer ſtolzen und gebieteriſchen Geberde den Brief auf jeder Seite. „An der Ecke des Briefs, unter der Adreſſe, ſieht ein Name. Kennen Sie dieſen Namen??“ Ein ſchwerer Seufzer war die ganze Antwort. „Seien Sie, ſeien Sie ruhig,— ſeien Sie doch ruhig!“ ſagte er, indem er in majeſtätiſcher Weiſe beide Hände nach ihr hinbewegte, und alsbald wurde ſie wie⸗ der ruhig. „Iſt der Inhalt dieſes Briefes ſo beſchaffen, daß er Ihnen Freude machen wird?“ Ein Kopfſchütteln war die Antwort. „Iſt der Inhalt peinlicher Art?“ „Sehr peinlicher Art,“ ſagte ſie, die Hand an ihre Schläfe drückend. „Werden dieſe Nachrichten große Folgen haben?“ 1 „Ja, ja!“ rief ſie eifrig. — 2 20⁵ „Was werden Sie thun, wenn Sie den Brief leſen?“ „Handeln!“ rief ſie feierlich. „Werden Sie thun, was im Briefe ſteht, oder werden Sie demſelben entgegenhandeln?“ „Entgegenhandeln!“ „Schlafen Sie fort— ſchlafen Sie fort!“ ſagte der Doctor mit einer Handbewegung; und während er ſo ſprach, ſenkte ſich ihr Haupt und ſielen die Arme wie gefühllos an ihr herab. Ihr langes und ſchweres Athmen deutete auf einen tiefen Schlaf hin. „Es gibt Leute, Miß Dalton,“ fuhr der Doctor, zu Kate gewendet, fort,„die im Mesmerismus Nichts als Täuſchung und Betrug erblicken wollen,— Leute, deren Philoſophie darin beſteht, daß ſie Alles, was ſie nicht zu begreifen vermoͤgen, verwerfen. Hoffentlich werden Sie nie zu dieſer Klaſſe von Leuten gehören.“ „Es iſt höchſt wunderbar, höchſt ſeltſam,“ ſagte ſie gedankenvoll. „Wie alle Natur⸗Geheimniſſe, ſo ſind auch die Phänomene, welche der Mesmerismus darbietet, wun⸗ derbar; und doch, wie leicht laſſen ſich dieſelben in den Augen derjenigen, die ſie geduldig und fleißig ſtudiren, mit der ganzen Ordnung und dem ganzen Geiſte der Schöpfung vereinigen! Das große Syſtem der Vitali⸗ tät iſt nichts Anderes, als ein großes Syſtem actionärer und reactionärer Einflüſſe; das Centrifugale iſt in Wahrheit das Centripetale; und jene Impulſe, von denen wir uns eitler Weiſe einbilden, daß ſie unſere Inſtinkte ſeien, ſind die Eindrücke äußerer Einflüſſe. Verſtehen Sie mich?“ 1„Nicht ganz; vielleicht theilweiſe,“ ſagte ſie ſchüch⸗ ern. „Auch das iſt ſchon Etwas,“ erwiederte er mit hol⸗ dem Lächeln.„Eine Perſon, die durch ihre künftige Stellung in den Stand geſetzt ſein wird, großen Ein⸗ fluß auszuüben, auf den Weg der Wahrheit gebracht, 206 und aus ihr eine Convertitin gemacht zu haben, iſt Et⸗ was werth!“ „Ich— eine Perſon von Einfluß!“ ſagte ſie, zu gleicher Zeit vor Scham und Ueberraſchung erröthend; „ſicherlich täuſchen Sie ſich, mein Herr; ich bin weder in hohem Stande geboren, noch werde ich wahrſchein⸗ lich je zu ſolchem berufen ſein.“ „Und doch iſt Beides der Fall, junge Dame,“ ſagte er feierlich;„ſo hoch auch Ihre Stellung einſt ſein wird, ſo wird dieſelbe doch nur im Einklange mit Ihrer Herkunft ſtehen. Ich vermag die Zukunft zu leſen, ohne dabei befürchten zu müſſen, daß ich mich täuſche.“ „Und find Sie wirklich im Stande, mir mein Schick⸗ ſal vorherzuſagen?“ fragte ſie eifrig. „Gewiſſer, als Sie zu glauben verſucht ſein dürf⸗ ten, wenn ich es Ihnen ſage!“ ſprach er bedächtig. „Wie gern möchte ich es hoͤren,— wie gern moͤchte ich wiſſen— Hier hielt ſie inne, und eine tiefe Roͤthe bedeckte ihr Geſicht. „Und warum ſollten Sie nicht erfahren, daß Ihre Traͤume werden realiſirt werden?“ ſagte er haſtig, gleich als gehorche er einem unwiderſtehlichen Impulſe.„Was iſt natürlicher, als der Wunſch, einen, wenn auch nur flüchtigen, Blick in jene dunkle Region zu thun, auf welche der glänzende Blick der Prophezeiung ſein augen⸗ blickliches Licht fallen läßt?“ „Und wie wiſſen Sie denn, daß ich Träume ge⸗ habt habe?“ ſagte ſie unſchuldig. „Ich kenne dieſelben bloß durch ihre Erfüllung. Ich ſehe Sie nicht in der Gegenwart oder in der Ver⸗ gangenheit, ſondern in der Zukunft. Dort ſehe ich Ihr Bild, umgeben von einem Glanze, den ich nicht zu be⸗ ſchreiben vermag. Es iſt prachtvoll, und ſtrahlt in fremd⸗ ländiſcher Herrlichkeit; es liegt in Ihrer Umgebung etwas Feudales, das faſt von einem ältern Zeitalter Kunde gibt.“ ————— 207 „Das find eitle Traumgebilde; fürwahr, das Land, von dem Sie ſprechen, iſt das Land der Träume,“ ſagte ſie lachend. 2 „Nein, das iſt es nicht; auch iſt nicht Alles glän⸗ zend und herrlich, wie Sie glauben. Es bewegen ſich vielfach dunkle Schatten über die von der Sonne be⸗ leuchtete Oberfläche hin.“ „Aber wie wiſſen Sie Alles das?“ fragte ſie halb ungläubig. „Ich ſah es, als Sie am vergangenen Abende auf dieſem Sopha in einem Mesmer'ſchen Schlafe lagen. Bleiben Sie bei unſerer Patientin hier; und ſchicken Sie nach mir, im Falle der Brief ſie in allzugroße Auf⸗ regung verſetzen ſollte.“— Und mit dieſen orakelmäßig geſprochenen Worten verließ der Doctor das Zimmer, während Kate ſich an das Sopha hinſetzte, auf dem Lady Heſter ſchlief. Es war ſchon ſpät, als Lady Heſter aufwachte. Sie erinnerte ſich alsbald, daß ein Brief angekommen, er⸗ brach das Siegel, und las ihn. Wenn der Vorſchlag Sir Stafford's in jeder Hinſicht unannehmbar war, ſo lag in der Aufregung, den ein Act des Widerſtands hervorrufen mußte, Etwas, was für Alles einen Erſatz bot; auch las ſie nicht ohne ein Triumphgefühl Zeilen, die augenſcheinlich in kummervoller und gedrückter Stimmung geſchrieben worden waren. Auch verſiel ſie in den nicht ungewöhnlichen Irrthum, daß ſie in dem Kummer ein Reuegefühl erblickte, und glaubte, ſie er⸗ blicke im Tone ihres Mannes einen Wunſch, das Ge⸗ ſchehene wieder ungeſchehen zu machen. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob eine ſolche amende ihr Freude gemacht haben würde; gewiß aber würde ſie dieſelbe nicht an⸗ genommen haben, ohne ihm eine längere oder kürzere Prüfungszeit aufzuerlegen. Auf jeden Fall war ſte, was Kate betraf, alsbald zu einer entſchieden abſchlägigen Antwort entſchloſſen; und da bei ihr ein Entſchluß ge⸗ wöhnlich das Werk eines Augenblickes war, und da ſie 208 ferner ſchon in demſelben Augenblicke darnach handelte, ſo bedeutete ſie Kate durch einen Wink, daß ſie ſich zu ihr, auf das Sopha, hinſetzen ſolle; ſodann umſchlang ſie das Mädchen mit ihrem Arme, und zog es zärtlich zu ſich hin. „Kate, theuerſte Kate,“ ſagte ſie,„gewiß würden Sie ſich durch Nichts in der Welt beſtimmen laſſen, mich zu verlaſſen!“ 3 Kate drückte die Hand, die ſie in der ihrigen hielt, mit Inbrunſt an ihre Lippen, konnte aber nicht ſprechen: ſo groß war die Gemüthsbewegung, unter der ſie litt. „ Ich ſage dieß,“ ſprach Lady Heſter raſch,„weil der Augenblick herbeigekommen iſt, wo Ihre Treue auf die Probe geſtellt werden wird. Sir Stafford und ich — es iſt unnütz, daß ich Ihnen ſage, wie und wodurch — haben endlich gefunden, daß wir— was wohl die ganze Welt ſchon lange geſehen— ganz und gar nicht für einander paſſen, ſowohl was Geſchmack und Alter, als was Gewohnheiten, Gefühle, Lebensweiſe und Ge⸗ danken betrifft; daß wir Nichts mit einander gemein haben— weder die Vorliebe für dieſelben Dinge, noch den Abſcheu vor denſelben, ſondern daß wir in Betreff jedes nur erdenklichen Gegenſtandes und jeder nur denk⸗ baren Perſon wirklich verſchiedener Anſicht ſind. Na⸗ türlich muß jeder Verſuch, ſolche Mißhelligkeiten und Meinungsverſchiedenheiten zu verdecken, mißlingen. Wir könnten einen trügeriſchen Wafefenſtillſtand ſchließen, Kind, allein nie koͤnnte derſelbe ein Bund ſein; und deßhalb haben wir gedacht— gewiß iſt es etwas Glück⸗ liches, daß wir endlich einen Gegenſtand gefunden ha⸗ ben, wo wir mit einander harmoniren— und ſo haben wir gedacht, das Beſte, ja das Einzige, was wir thun könnten, ſei,— ſei,— daß wir uns trennen!“ Ein Ausruf, der faſt wie ein Schmerzensſchrei klang, entfuhr Kate bei dieſen Worten. 3 „Ja, Theuerſte,“ fuhr Lady Heſter fort;„er hat es ſelbſt vorgeſchlagen, und zwar in der käͤlteſten Form⸗ 209 die ſich nur denken läßt; denn die Männer haben ſtets dieſe Gewohnheit, und nehmen ſtets den Ton der Würde an, wenn ſie im Begriffe ſind, eine Ungerechtigkeit zu begehen. Indeſſen war ich auf Alles dieſes gefaßt und konnte es ertragen, ohne eine Klage vorzubringen; allein denken Sie ſich einmal, mein liebes Kind— nun will er Sie mir entziehen— nun will er mich der alleinigen Freundin und Vertrauten, ſo ich auf dieſer Welt habe, berauben! Es wundert mich nicht, wenn ich Sie deßhalb erbleichen ſehe; wenn ich ſehe, daß Sie von einer ſolchen Grauſamkeit empört ſind, obgleich ich ſagen muß, daß dieſelbe ſich hinter der Maske einer Sorge für Ihre Intereſſen und Ihre Wohl⸗ fahrt verſteckt; und das thut er mir, Theuerſte— mir, die ich in Ihnen eine Schweſter— eine theure, unendlich theure Schweſter erblicke!“ Hier zog Lady Heſter Kate zu ſich hin, und küßte ſie zwei Mal in hoͤchſt liebevoller Weiſe.„Hier iſt ſein Brief, mein holdes Kind; Sie können ihn leſen;— doch Sie thun beſſer daran, ihn nicht zu leſen, wenn Sie von ihm auch ferner eine gute Meinung behalten wollen!“ „Und das hat er gethan,— er, der ſtets ſo gütig, ſo aufmerkſam, und ſo großmüthig war!“ rief Kate. „Sie kennen dieſe Geſchöpfe nicht, meine Theure,“ fiel Lady Heſter ein.„Bei Allem, was ſie thun, ziehen ſie immer und ewig nur ihre Selbſtſucht zu Rathe; ſie wollen aber ſtets von uns Frauenzimmern bewundert ſein, und dieß iſt der wahre Grund ihrer geheuchelten Güte und Großmuth! Gewiß,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu, „gewiß habe ich Lehrgeld genug bezahlen müſſen! Welch' ein Leben der Prüfung und Entbehrung iſt das meinige geweſen!“ Lady Heſter ſeufzte tief, während ihre von Juwelen ſtrotzenden Finger ein Taſchentuch, das wohl hundert Pfund gekoſtet hatte, an die Augen drückten, und hielt ſich wirklich für eine Perſon, welche die Sympathie der Die Daltons. II.. 14 210 ganzen Welt verdiene. Ihr Kummer preßte ihr wirk⸗ lich ein Paar Thränen aus; denn es iſt zum Verwun⸗ dern, wie leicht wir uns bemitleiden können! Sie dachte über ihre ganze Lebensgeſchichte nach und weinte! Sie erinnerte ſich, wie ſie ſich gezwungen geſehen, dem Manne ihrer Wahl zu entſagen— vergaß, dafür dank⸗ bar zu ſein, daß ſie einem herzloſen Verſchwender ent⸗ gangen— erinnerte ſich, daß ſie die Hand eines viel älteren, vermöge ſeines Rangs unter ihr ſtehenden Man⸗ nes angenommen, vergaß aber auf der anderen Seite ſeinen Reichthum, ſeine Großmuth, ſein freundliches, liebevolles Weſen, und ſeinen edlen Charakter in An⸗ ſchlag zu bringen. Sie dachte an die Zeit, wo ſie achtzehn Jahre— die bewunderte Schönheit, und Toch⸗ ter eines Pairs war,— wo ihr Jedermann den Hof gemacht, wo Alles ſich um ſie gedrängt, wo Alles ihr geſchmeichelt hatte; allein ſie vergaß gänzlich, was ſie im Alter von dreißig Jahren war— mit ihrer ver⸗ welkten Schönheit, wo Niemand mehr an ſte dachte, und wo— was noch ſchlimmer war— ſie immer noch keinen Mann gefunden hatte. Auf der Creditſeite ihrer Rechnung hatte ſie auch nicht einen Poſten aufzufüh⸗ ren vergeſſen; die Schulden, womit ſie gegenüber dem Glücke belaſtet ſtand, überging ſie, als nicht erwähnens⸗ werth. Daß ſie im Stande war, ſich ſelbſt zu täuſchen, iſt nichts ſehr Neues oder Seltſames; allein daß es ihr gelang, eine andere Perſon zu täuſchen, iſt in der That ſonderbar;— und das war der Fall. Kate hörte ſie an, und glaubte Alles; und wenn ihre Vernunft ſie nicht mehr überzeugen konnte, ſo ſagte ihr ihr ſanftes Gemüth, daß es nie ein geduldigeres, langmüthigeres, gelaſſeneres Weſen gegeben habe, als Lady Heſter Onslow. „Und können Sie mich nun,“ ſagte ſie nach einer langen Aufzählung von Leiden,„können Sie mich nun hier allein und ohne alle Freunde laſſen?— Köͤnnen Sie mich verlaſſen?“ 211 „Oh, nimmermehr, nimmermehr!“ rief Kate, ihre Hand küſſend, und ſie an ihr Herz drückend.„Ich möchte gern mein Leben hingeben, um dieſes arge Un⸗ glück abzuwenden; wenn aber das nicht ſein kann, ſo will ich Ihr Loos mit der ganzen Hingebung meines Herzens theilen!“ Lady Heſter konnte kaum umhin, über die Einfalt des armen Mädchens zu lächeln, das ſich wirklich ein⸗ bildete, es ſei mit einer Trennung nothwendig ein ab⸗ geſchiedenes und kummervolles Leben mit eingeſchränkten Mitteln in einer obſcuren Stellung verbunden; und in einem halb drolligen Tone verſicherte ſte Kate, daß ihnen ſelbſt in ihrer neuen Lage viele kleine Vergnügungen und Bequemlichkeiten bleiben würden. In der That ſtellte es ſich nach und nach heraus, daß die große Veränderung wenig mehr in ſich ſchließe, als eine un⸗ beſchränkte Freiheit im Handeln,— als die Freiheit, überall hinzugehen, Jedermann zu kennen, und von Nie⸗ manden beſchränkt zu ſein. Dabei iſt zu bemerken, daß der zweideutige Charakter ihrer Stellung in der Geſell⸗ ſchaft etwas beſonders Pikantes verlieh, was für alle Diejenigen einen unausſprechlichen Zauber beſitzt, die mit der duchesse d'Abrantès der Anſicht huldigen, daß Etwas nur als„unrecht oder böſe“ zu erſcheinen brauche, um alsbald vollkommen bezaubernd zu wer⸗ den. Nachdem ſo Lady Heſter Kate bekehrt hatte, ant⸗ wortete ſie Sir Stafford kurz, daß ſein Vorſchlag ſo⸗ wohl Miß Dalton, als ihr ſelbſt ganz und gar nicht convenirte; daß ſie die Rückſichtsloſigkeit bedauerte, womit er ſie zu einer Zeit, wo ihr eine Geſellſchafterin mehr denn je nöthig wäre, ihrer Freundin hätte be⸗ rauben wollen. Nachdem dieß geſchehen war, küßte ſie Kate drei bis vier Mal in hoͤchſt liebevoller Weiſe, und zog ſich auf ihr Zimmer zurück, wohl zufrieden mit dem, was der Tag gebracht hatte, und bloß den Mor⸗ 212 gen herbeiwünſchend, der ihr einen neuen Lebenspfad öffnen ſollte. Es geſchieht gar oft im Leben, daß uns die Trag⸗ weite unſerer Anſichten, oder deren mögliche Folgen, nie genug vorſchweben, bis wir dieſelben einmal zufäl⸗ lig niederſchreiben. Dann erſcheinen die Anſichten, die wir ausgeſprochen, ſowie die von uns angenommene Handlungsweiſe plöͤtzlich in ihrer ganzen ungeſchminkten Wahrheit. Gleich den Bildern, die der Maler zum er⸗ ſten Male der Leinwand anvertraut, ſtehen ſie da, und fordern zu einer Kritik auf, der ſie, ſo lange ſie bloß in der Phantaſte blieben, entgangen waren. In dieſem Falle befand ſich jetzt genau Kate. Ihr warmherziges Weſen, ſowie ihr lebhaftes Dankbarkeits⸗ gefühl hatte ſie veranlaßt, Lady Heſter's Sache als ihre eigene anzuſehen. Motive der Großmuth, vor denen die Vernunft ſchweigen mußte, knüpften ſie an die Par⸗ tei, die ihr als die ſchwächere erſchien. Die Gottheit, welche die Schönheit umſchwebt, machte ſie glauben, daß ſo viel Liebenswürdigkeit durchaus infallibel und fündenfrei ſein müſſe; auch ſtieg in ihr nicht eher ein Zweifel auf, als bis ſie ihrer Schweſter von der Sache ſchrieb. Die Schwierigkeit, einen Umſtand zu erklären, wovon ſie nur Wenig wußte, wurde noch durch das Bewußtſein von Ellen's ſtrengem und unbeugſamem Rechtsſinne vermehrt.„Die arme, liebe Nelly,“ ſagte ſte,„wird, bei ihrer Unſchuld, von Allem dem Nichts verſtehen, oder aber wird ſie Lady Heſter alsbald ver⸗ dammen. Unterthänigkeit gegen ihren Mann würde, nach ihrer Meinung, die erſte aller Pflichten geweſen ſein. Sie iſt nicht im Stande, Motive zu würdi⸗ gen, welche in einem von dem ihrigen verſchiedenen Stande die Geſellſchaft beherrſchen. Auch würde ſie bei ihrer geringen Weltkenntniß es für unräthlich hal⸗ ten, daß ich länger hier bleibe; ſie könnte zu meiner Rückkehr in die Heimath rathen; und ſo müßte ich dann die theure Freundin verlaſſen, im Stiche laſſen, die mei⸗ 218 nem Herzen allen ihren Kummer anvertraut hat, und auf meine Treue, wie auf einen Felſen, baut. Dieß würde Lady Heſter und mir zu gleicher Zeit das Herz brechen; und doch iſt Nichts ſo wahrſcheinlich, als ein ſolches Verfahren. Es iſt tauſend Mal beſſer, wenn ich die Sache meiner Freundin nicht einem ſolchen Zufalle preis gebe. Ein Bischen Zeit und ein Bischen Geduld — und die Dinge können ſich anders geſtalten; dann wird Alles verſtändlicher werden und minder anſtößig erſcheinen. Auch iſt am Ende die Sache ein reines Familiengeheimniß, das ſogar einer Schweſter nicht geoffenbart werden darf.“ Mit ſolchen Gründen ſuchte ſie ihr Benehmen in ihren eigenen Augen zu rechtfertigen und zu beſchönigen; doch konnte ſie nicht ganz die Ueberzeugung gewinnen, daß ſie Recht habe. Sie hatte erſt einige Schritte auf dem abſchüſſigen Wege der laxen Moralität gemacht, und ſchon war ihr Kopf durch die neue Empfindung angeſteckt. Glücklich diejenigen, ſo die Laufbahn, und waͤre es auch aus Nervenſchwäche, wieder verlaſſen! Der Brief den Kate nach Hauſe ſchrieb, war alſo voll heiterer Enthüllungen. Es war darin viel von Gallerien, Kirchen und Gärten, von Kunſtgegenſtänden, oder von Gegenſtänden, die ein hiſttoriſches Intereſſe hatten, die Rede; ebenſo enthielt er neue Sittenſchil⸗ derungen und Skizzen aus der Geſellſchaft. Auch Be⸗ ſchreibungen von Feſten und brillanten Aſſembléen fan⸗ den ſich darin, wobei die Namen der vornehmen Gäſte ebenſo wenig vergeſſen waren, als der entfaltete Glanz. Alles das war recht ſchön und liebreich beſchrieben; und jede Zeile gab Zeugniß von dem ſeltenen Beobach⸗ tungsgeiſte und Scharfſinne der Briefſtellerin. Die ſcharffinnige Analyſe von Menſchen und deren Präten⸗ fionen,— welche immer von vielem Umgange mit der Welt zeugt,— herrſchte in Allem vor, was ſie ſagte; während in vielen Bemerkungen ein ziemlich beißender 214 Witz ſich kund gab, und in mancher Stelle die Funken deſſelben ſprüheten. 3 Es war überhaupt ein Brief voll Leben und An⸗ muth. Ein Fremder, der denſelben geleſſen hätte, würde die Schreiberin für eine geſcheidte und witzige Perſon erklärt; ein Freund aber würde den Mangel an per⸗ ſönlichen Details, würde die hundert kleinen egoiſtiſchen Züge bedauert haben, die ein zuverſichtliches Weſen ver⸗ rathen. Allein einer Schweſter,— und noch dazu ei⸗ ner Schweſter wie Nelly,— mußte er in der That leer und unerquicklich vorkommen. Eine ſolche fand darin keine Kundgebungen warmer Liebe, keine zärtlichen Erinnerungen an die Heimath, keine Anſpielungen auf das beſcheidene Haus, aus dem das Bild der Briefſtel⸗ lerin verſchwunden war, und wo man daſſelbe jede Nacht zurückwünſchte. Oh, Kate! hat die düſtere Prophezeiung Han⸗ ſerl's Deine Füße bereits mit ihrem Schatten um⸗ hüllt? Kann ein junges Herz ſo leicht und ſo bald verderbt werden?— Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ein kleines Diner im Villino Zoe. Unter den Strafen, welche vornehmen Leuten ihr hoher Stand auferlegt, befindet ſich eine, welche höchſt bemerkenswerth iſt, und es beſteht dieſelbe in dem lebhaften Intereſſe, welches tauſend würdige Leute, die nicht zu ihren Bekannten gehören, an allen ihren Angelegenheiten nehmen. Dieſes Gefühl, das über jede 215 bekannte Art von Sympathie hinausgeht, macht ſich am Meiſten in kleinen Städten geltend. In der Haupt⸗ ſtadt, von der wir jetzt ſprechen, hatte daſſelbe ſeinen höchſten Entwickelungsgrad erreicht. Die Onslows bil⸗ deten den Hauptgegenſtand des Geſprächs in der Stadt; allein in keinem Zirkel wurden ihre Verdienſte ſo häufig und ſo gewandt erörtert, wie in dem kleinen Plauder⸗ hurlimenie, das in dem„Villino Zoe“ ſeine Sitzungen ielt. Mrs. Ricketts, die keine gewöhnliche Diplomatin war, hatte Alles aufgeboten, um mit ihrer großen Nachbarin freundſchaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Sie hatte alle Künſte der Höflichkeit und Artigkeit an⸗ gewandt, um dieſe„entente cordiale“ herbeizuführen; allein Alles war vergebens geweſen. Ihre Zuvorkom⸗ menheit war auf Kälte, ja noch„auf Etwas mehr“ geſtoßen; ihre parfümirten Bilette, die in einem ganz eigenthümlichen euphuiſtiſchen Style geſchrieben waren, waren unbeantwortet geblieben; auch ihre in Früchten und Blumen beſtehenden Geſchenke waren nicht mit Dank aufgenommen worden— wobei wir indeſſen bil⸗ liger Weiſe bemerken müſſen, daß dieſelben nie über die Loge des Portiers hinauskamen;— ſogar ihre Vi⸗ ſitenkarten waren nicht anders erwiedert worden, als durch Karten, welche Lady Heſter's„Chasseur“ in ihrem Hauſe abgab— eine recht kühle und ſteife Art, die von ihr bewieſene Artigkeit zu erwiedern; ſo daß in Wirklichkeit alle ihre Bemühungen umſonſt geweſen waren, und daß ſie es nicht einmal bis zu der gewiß ſehr beſcheidenen Ehre, auf der Promenade von den Onslows erkannt zu werden, hatte bringen können. Dieß war eine höchſt bedenkliche Niederlage und konnte, wenn ſie bekannt wurde, die Oberherrſchaft der Ricketts in dem großen Kreiſe, der ſie als den Spiegel der Faſhion anzuſehen gewohnt war, ernſtlich gefähr⸗ den. Der Himmel weiß, zu welcher Inſubordination dieſer Umſtand Anlaß geben konnte! Der Himmel weiß, 216 was für rebelliſche Begriffe ſich unter den Leuten feſt⸗ ſetzen und Glauben verſchaffen konnten! Erſt noch im vergangenen Winter hatte eine Herzogin, die auf ihrer Reife nach Rom durch die Stadt gekommen war, gefragt, „wer denn die Ricketts wäre?“— und während der ganzen darauffolgenden Saiſon fühlte man noch den Schlag. Der Vandyk, deſſen Aechtheit Martha beſchwor, wurde wirklich in Zweifel gezogen. Die„Sevres“ Schale, die ſie ſelbſt gemalt hatte, war der Gegenſtand einer ebenſo erſtaunlichen Häreſte. Wir leben in einem Zeitalter der Bewegung und Convulſion:— heut zu Tage ſind Niemands Landmarken ſicher, und Mrs. Ricketts wußte das. Es lag am Tage, daß die Onslows ſie nicht ken⸗ nen wollten; es blieb ihr daher nichts Anderes übrig, als zu zeigen, warum ſie dieſelben nicht kennen wollte. Es war etwas Seltenes, wenn ſich unter den Familien, die ſich zu Florenz niederließen, eine fand, gegen die ſich nicht leicht eine Anklage in beſter Form wegen irgend einer früheren Sünde formuliren ließ. Wenige verließen England, die nicht dazu einen jener Gründe gehabt hätten, woraus ſich alsbald eine förm⸗ liche Anklage ſchmieden ließ. Bankerott und Eheſchei⸗ dung waren die leichteren Vergehen; von den ſchwereren mögen und dürfen wir hier nicht ſprechen. Nun aber gehörten die Onslows zufällig nicht zu dieſer Kategorie. Sir Stafford's Chaxakter war über alle Anfechtung er⸗ haben,— und gegen den ihrer Ladyfhip ließ ſich nichts Ernſteres vorbringen, als die gewöhnlichen Leichtfertig⸗ keiten ihres Standes. Zwar hatte George ein etwas luſtiges Leben geführt; jedoch ließ ſich nichts Unehren⸗ haftes gegen ihn vorbringen. In dem vergangenen Leben der Familie ließ ſich daher Nichts finden, woraus ſich eine Anklage hätte ſchmieden laſſen; und Mrs. Ricketts ſah ein, daß ihr Nichts übrig bleibe, als die allervagſten Beſchuldigungsgründe hervor zu ſuchen. Schon mancher Kopf iſt wegen eines bloßen Verdachts — 2¹17 unter der Guillotine gefallen, und ſchon manches Her iſt wegen einer bloßen Vermuthung gebrochen morden Ein kleines Diner im Villino zeigte, wie man zu verfahren gedachte. Es war ein kleines„Auto⸗da⸗fe,“ wobei die Onslows die Opfer ſein ſollten, während die Großinquiſttoren würdig repräſentirt waren durch den polniſchen Grafen, Haggerſtone, Purvis, und einen ge⸗ wiſſen Herrn Foglaß, der damals auf dem Wege nach England in Florenz war. Dieſer Herr, der für den Sohn eines angeblichen Sohns Georg's IV. galt, wurde in gewiſſen ausländiſchen Zirkeln als zum königlichen Geblüte gehörig empfangen, und wegen einer Perrücke, einer ſtattlichen Bruſt, und eines hoͤchſt imponirenden, pompöſen Weſens für das ſprechend ähnliche Ebenbild ſeines Großvaters erklärt— ganz nach demſelben Grund⸗ ſatze, nach welchem Johannisbeeren⸗Gelée mittelmäßiges Hammelfleiſch wie Wildpret ausſehen macht. Um des ungeſtümen Mahners und Bittſtellers los zu werden, hatte ein Miniſter ihn zum Conſul in einem fernen Dorfe des Morgenlands gemacht; da aber Fog⸗ laß bald fand, daß die für ihn abfallenden amtlichen Gebühren und Sporteln gar mager waren, ſo hatte er ſeinen Poſten verlaſſen, um die Thüren von Downing⸗ Street nochmals zu belagern, und, wenn als Bittſteller abgewieſen, für ein radikales Mitglied eine höchſt er⸗ ſehnte Beſchwerde, und für die Morgenblätter„ein recht grauſames Beiſpiel von Unterdrückung“ zu werden. Foglaß war ſeinem ganzen Weſen nach ein Be⸗ trüger; allein unähnlich den meiſten, wo nicht allen andern Betrügern, beſaß er auch nicht eine Spur von Talent und Geſchicklichkeit. Wenn man ſagt, daß Leute von ihrem Mutterwitze leben, ſo iſt ihr Kapital, im Allgemeinen geſprochen, durchaus hinreichend; und jene intereſſante Menſchenklaſſe, die man als Abenteurer kennt, zählt in ihren Reihen manchen geſchickten Plau⸗ derer, manchen ſcharfſinnigen Beobachter, manchen pfif⸗ ſigen Taktiker, und manchen bewundernswürdigen Billard⸗ 218 ſpieler, der immer mit der Piſtole da iſt, aber auch eine Beleidigung oder eine Kugel„einſteckt,“ wenn die Umſtände es erheiſchen. Foglaß beſaß keine dieſer Ga⸗ ben. Er beſaß auch nicht eine von den Eigenſchaften, womit man in der Welt oder in der Geſellſchaft Glück macht;— und doch erfreute ſich dieſer unerträgliche Langweiler ſeltſamer Weiſe einer Art von Popularität — das heißt, man wies ihm bei einem Eſſen einen leer gebliebenen Platz an, und erinnerte ſich ſeiner bei Pie⸗nics. Seine ganze Stärke lag in ſeiner Perrücke, ſowie in einer gewiſſen langſamen, abgemeſſenen Intonation, die, wie er fand, dem von ihm Geſagten oft aufmerk⸗ ſame Ohren verſchaffte, und ſeinen langweiligen Anek⸗ doten über John Kemble, Munden und Mathews an⸗ ſcheinend eine Pointe verlieh, die ſie gar nie hatten. Indeſſen war er in der jüngſten Zeit taub geworden, und hatte, wie die Meiſten, die an dieſem Gebrechen leiden, die Gewohnheit angenommen, ſo leiſe zu ſprechen, oder, richtiger geſprochen, zu flüſtern, daß man ihn nicht verſtehen konnte:— eine Höflichkeit, für die ihm ſogar unſer Leſer Dank wiſſen wird, da ſie ihn der Mühe Aberhebt, das armſelige Geſchwätz des Erkonſuls anzu⸗ ören. Haggerſtone und er ſtanden mit einander auf ſehr vertrautem Fuße— wäre es nicht eine Profanation des Wortes, ſo würden wir ſagen, ſie ſeien intime Freunde geweſen. Indeſſen waren ſie ſtets beiſammen; und Hag⸗ gerſtone nahm ſich die Mühe, von ſeinem Begleiter als einem„ungeheuer geſcheidten Burſchen zu ſprechen, den man nur zu kennen brauche, um ihn gehörig zu wür⸗ digen.“ Jekyl entdeckte wahrſcheinlich das wahre Ge⸗ heimniß ihrer Verbindung in der Thatſache, daß ſie mit einander ſtets über den Adel ſprachen, und den Gliedern deſſelben nie ihre Titel gaben,— eine illuſoriſche Fa⸗ 3 miliarität mit Herzogen und Grafen, die ſie unendlich glücklich zu machen ſchien. Richmond, Beaufort, Cleve⸗ 219 land und Stanley gehörten zu den Wörtern, womit ſie um ſich zu werfen pflegten. Am Ende war es eine harmloſe Art von Zeitver⸗ treib; und warum ſollten wir murren, wenn dieſe „imaginären Unterhaltungen“ ihnen Freude machten? Wir nehmen beinahe Anſtand, den verehrten Leſer auch nur zu einer Beſchreibung des Ricketts'ſchen Diners einzuladen. Es war ein wahres Eremiten⸗Mahl. An Blumen mangelte es nicht, und es ſtand ein prächtiges Bouquet auf der Tafel; ebenſo wenig fehlte es an Sil⸗ bergeſchirr— wenn man nämlich das aufgelegte Ge⸗ räth als aus Silber beſtehend anſehen wollte; an wunderlichem Porzellan, ſowie an unbrauchbarem Glas⸗ Geſchirre war großer Ueberfluß vorhanden; mit einem Worte, es gab gar Viel anzuſchauen, aber gar Wenig zu eſſen. Dieß merkte der Pole alsbald, und gleichſam inſtinktmäßig, und ebenſo merkten es bald Alle, die, als die Entrées herumgereicht wurden, nach ihm kamen. Weder im Weine, noch im Deſſert lag eine Verſuchung, lange bei Tiſche zu bleiben, und bald fand ſich die Ge⸗ ſellſchaft wieder im Salon beiſammen. „Seine Excellenz geht nach England?“ ſagte der Pole, zu Foglaß gewandt, der als Geſandter vorgeſtellt worden war.„Wenn ſie den Grafen Ojeffskoy ſehen, ſo ſagen Sie ihm, daß ich hier lebe, ſo gut ein armer Verbannter leben kann, der Paläſte, und Pferde, und Diamanten, und Alles, Alles verloren hat.“ „Ach! der arme liebe Graf!“ ſeufzte Mrs. Ricketts, während Martha das Echo verlängerte.. „Indeſſen führen Sie den Krieg recht erträglich fort,“ ſprach Haggerſtone, der von den im Piquet und CEcarté beſtehenden Hülfsquellen des Andern Etwas wußte. „Den Krieg fortführen!“ erwiederte er unwillig, „während mein Vater in den Bergwerken arbeiten muß! während meine wunderſchönen Schweſtern nackt in den Straßen von Krakau umhergehen müſſen!“ „Was für ein Klima haben die Leute in Krak— Krak— Krak—“ℳ 3 Ein krampfhafter Huſten machte einer Frage ein Ende, die Niemand zu beantworten gedachte; und Pur⸗ vis ſetzte ſich beſchämt in eine Ecke. „Arthur, mein Schatz,“ ſprach Mrs. Ricketts— fie verſtand es, eine Diverſion zu machen, ſo oft eine ſolche Taktik nöthig war—„Arthur, hörſt Du, was Oberſt Haggerſtone geſagt hat?“ 5 3 „Nein, Theuerſte,“ murmelte der alte General, während er mit Richtſcheit und Zirkel darauf los ar⸗ beitete. 1 3 „Er ſagt mir,“ ſagte die Dame noch lauter,„daß die Onslows ſich getrennt haben. Zwar iſt die Tren⸗ unng noch keine offene, formelle; allein deſſen unge⸗ achtet wohnen ſie Jedes für ſich, und verkehren gar nicht mit einander.“ „Sir Stafford wohnt im Rez de Chausséeè,“ ſprach Haggerſtone, der an demſelben Morgen die Ge- ſchichte ſchon ſieben Mal erzählt hatte, und ſie daher ganz geläufig auswendig wußte—„Sir Stafford wohnt im Rez de Chaussée und hat eine kleine Thüre, die in den Garten führt. My Lady hat den ganzen erſten Stock, ſowie das große Gewächshaus.— George hat ein kleines Junggeſellen⸗Appartement, das auf die Terraſſe geht, inne.“— „Ach wie unglücklich!“ ſeufzte Mrs. Ricketts, de⸗ ren jammervolle Blicke darauf ſchließen zu laſſen ſchie⸗ nen, daß ſie noch nie von einem ſolchen Vorfalle gehört, „und wie wenig ſieht das uns gleich, Arthur!“ ſetzte ſie mit einem Lächeln voll ſtrahlender Liebe hinzu. „Seit dem Tage, an dem er mein junges, argloſes Len dahl, iſt er ſtets ſo geweſen, wie Sie ihn jetzt ehen!“ 4 Der Oberſt ſah nach dem alſo bezeichneten Gegen⸗ ſtande hinüber, und ſchien, wenn man nach dem bos⸗ haften Grinſen auf ſeinen Geſichtszügen ſchließen durfte, 8— — ——ę˖:H:—B—B⏑—:—;—n: 2.:—— 221 der Anſicht zu ſein, daß das Compliment am Ende nicht ſehr ſchmeichelhafter Art ſei. „„John Anderſon, mein Jo, John,““ murmelte er halblaut. „„Wir ſind den Hügel mit einander hinauf geklett — klett— klett— klett— klettert,““ fiel Purvis ki⸗ chernd ein. „Um was zu ſammeln, Sir?— Brombeeren nicht wahr?“ rief Haggerſtone. „Citiren Sie doch nicht den gemeinen Menſchen,“ ſprach Mrs, Ricketts,„— citiren Sie doch nicht einen Dichter, der bloß mit Bauern und deren Gewohnheiten bekannt iſt! Sprechen wir bloß von Leuten unſeres Schlags! Wie ſteht es alſo mit den armen Ons⸗ low's?“ „Sir Stafford ſpeist um zwei, Madame. Eine Cotelette, etwas Gemüſe, und eine Kirſchentorte; zwei Glaſer von Gordon's Sherry, und eine Taſſe Kaffee.“ „Ohne Milch, Proctor hat es mir geſagt,“ ſiel Purvis ein, den die Genauigkeit, womit der Andere Alles berichtete, vor Neid berſten machte. „ Sie wollen ſagen, ohne Zucker, Sir,“ ſchnurrte ihn Haggerſtone an.„Niemand trinkt nach dem Diner Kaffee mit Milch.“ „Ich thue es immer,“ fiel Purvis ein,„wenn Mara— Mara— Mara— Mara— „Hoffentlich bringen Sie den Maraſchino leichter hinunter, als das Wort heraus, Sir.“ „Sei ſtill, Scroope,“ ſagte ſeine Schweſter;„Du unterbrichſt immer.“ „Er iſt mit ſeinem— wie heißt man es nur 2— immer an hölliſchen Mißverſtändniſſen Schuld,“ ſetzte der Pole verächtlich hinzu. Und der arme Purvis mußte, da Alles über ihn preſrt⸗ neben Martha und ihrer Stickerei Schutz uchen. „My Lady,“ fuhr Haggerſtone fort, ſetzt ſich um 222 elf Uhr zu Tiſche. Sobald Granzini's Solo im Ballet vorüber iſt, geht ein eigener Bote ab, um zu melden,⸗ daß das Diner jetzt aufgetragen werden ſolle. Der Tiſch iſt weit beſſer, als bei Midchikoff.“ „Ich glaube es wohl,,“ ſprach der Graf, der, um der Nationalität willen, es ſtets für angemeſſen hielt, auf den Ruſſen zu ſchmähen.„Der Midchikoff'ſche Koch hat mir geſagt, daß er bloß zehn Paoli— wie ſagt man nur gleich, auf den Kopf, per Kopf— für ſein Diner bekomme, und zwar Alles mit inbegriffen, vom Caviar bis zum Käſe.“— „So ging es ſonſt im Pavillon nicht her,“ brüllte Haggerſtone, indem er, die Bemerkung für Foglaß wie⸗ derholend, Letzterem in das Ohr ſchrie. Und der Exconſul lächelte Mrs. Ricketts hold zu, und ſagte, er würde mit Vergnügen Alles für ſie nach England mitnehmen. „Er iſt uͤbelhöriger, denn je,“ bemerkte Hagger⸗ ſtone ärgerlich.„Wenn man mit einem natürlichen Gebrechen behaftet iſt, ſo ſollte man wenigſtens zu Hauſe bleiben.“ „Insbeſondere, wenn es ein Tem— Tem— Tem — Tem— Temperamentsfehler iſt,“ ſprach Purvis, vor Zorn faſt berſtend. 1 „Beſſer ein hitziges Temperament, als eine un⸗ gefügige Zunge, Sir,“ ſagte Haggerſtone. „Sei ſtill, Scroope,“ ſetzte Mrs. Ricketts hinzu; und der Mann ſchwieg. Sodann fuhr ſie, zum Ober⸗ ſten hingewandt, fort: „Wie ſehr müſſen wir Gott danken, daß wir dieſe Leute nie kennen gelernt haben! Sie brachten Briefe an uns— Briefe, die zum Theil von theuren und hochgeſchätzten Freunden kommen. Die holde Diana Comerton, die den Herzog von Ellswater heirathete, bat mich in ihrem Briefe aufs Dringendſte, daß ich doch die Leute aufſuchen möchte.“ „Sie hat den Herzog nicht geheirathet, ſondern 223 nur deſſen Kap— Kap— Kap— Kap— Kaplan,“ fiel Purvis ein. „Willſt Du einmal ſtill ſein, Scroope?“ bemerkte die Dame.“ „Das muß ich wiſſen,“ erwiederte er durch das Bewußtſein ſeiner guten Sache ermuthigt.„Es war Bob Nutty. In der Schule pflegten wir ihn nur den bittern Bob zu nennen. Er hatte eine Art Poly— Poly— Poly— Poly—“. „Polyanthus,“ half ihm Haggerſtone nach. „Nein! Es war ein Poly— Poly— Poly— Polyp, der Schuld war, daß er durch die Naſe ſprach.“ „Ach Gott!“ ſeufzte der Pole; ob aber aus Kum⸗ mer für den armen„Bob,“ oder im Gefühle der un⸗ ausſtehlichen Langweile, ſo der Berichterſtatter ihm ver⸗ urſachte, war ſchwer zu ſagen. „Auch Lady Forington,“ ſeufzte Mrs. Ricketts,„bat uns auf's Dringendſte, daß wir uns mit ihrer Freun⸗ din Lady Heſter auf einen vertrauten Fuß ſtellen möch⸗ ten. Sie war ſo offen, daß ſie mir ſagte, ihre Ladyſhip würde mir nicht conveniren.„„Sie hat kein Herz, Zoe,““ ſchrieb ſie;„„ich brauche daher nicht weiter zu ſagen.“ℳ „Das iſt ſehr ſchlimm,“ ſprach der Pole ernſt. „Deſſenungeachtet würde ich mich herbeigelaſſen haben, ihre Bekanntſchaft zu machen; ich hätte es we⸗ gen der jungen Creatur,— ich glaube ſie heißt Miß Dal⸗ ton— gethan. Denn ich habe Gründe, zu vermuthen, daß ſie eine entfernte Verwandte von uns iſt. „Ja, es gab Fawkinſes zu Ereter— darunter war ein ſehr achtungswerther Prokurator, Namens Joe Dawkins,“ ſiel Purvis ein;„er pflegte zu ſagen, wir ſeien Ver— Ver— Ver— Verwandte.“ 3„Dieſe Familie, Sir, führt den Namen Dalton; und nicht einmal ein Stotterer vermag Dawkins daraus zu machen.“ „Köͤnnte nicht Ihr Freund, Herr Foglaß, auf ſei⸗ 224 ner Reiſe durch Deutſchland Etwas über dieſe Daltons für uns ausfindig machen?“ fragte Mrs. Ricketts den Oberſten. „Niemand könnte einen ſolchen Auftrag beſſer be⸗ ſorgen, Madame; nur müſſen Sie ihm ſeine Verhal⸗ ſacheigehle ſchriftlich geben. Foglaß,“ ſetzte er, ſo laut er nur konnte, hinzu,„geben Sie mir einen Au⸗ genblick Ihr Notizenbuch!“ „Mit Vergnügen,“ ſprach der Exconſul, ſeine Schnupf⸗ tabaksdoſe hinbietend. „Nein; Ihr Notizen⸗, Ihr Taſchen⸗ Buch!“ ſchrie der Andere noch lauter. „Sie iſt abgelaufen,“ flüſterte der faube Mann. „Ich habe vergangenen Dienſtag den Schlüſſel ver⸗ loren.“ „Nicht Ihre Uhr, Mann! Ich muß eine Zeile in Ihr Notizenbuch ſchreiben;“ und er machte eine Ge⸗ berde, als wollte er ſchreiben. 1 „Ja, gewiß; wenn Mrs. Ricketts es erlaubt, ſo werde ich ihr mit Vergnügen ſchreiben.“ „Zum Henker mit ihm!“ murrte Haggerſtone; ſo⸗. dann nahm er eine Viſitenkarte, und ſchrieb auf die Rückſeite derſelben:„Könnten Sie, wenn Sie über Baden nach England zurückreiſen, die Daltons ausfin⸗ dig Machen und Erkundigungen über dieſelben einzie⸗ en? Alsbald heiterte ſich das Geſicht des tauben Man⸗ nes auf; ein verſchmitzter Blick leuchtete aus ſeinen Fiſchaugen, als er ſagte:— „Ja, natürlich; ſagen Sie nur, was Sie wollen.“ „Antaa ntieh— Familie— Vermögen,“ ſchrieb Haggerſtone.— 3„Ob ſie Zinn haben,“ fiel der Pole beiſtimmend ein. „Ob ſie moraliſch und von gutem Rufe ſind,“ ſprach Mrs. Ricketts. „Sind ſie mit den andern Dawkinſes verwandt?“ 225 fragte Purvis.„Er ſoll fragen, ob ihre Mutter nicht Taufpathe,— nein, ich will ſagen, Großvater— war von dem Chrwürdigen Jere— Jere— Jere— „Schweig' Scroope! willſt Du endlich ſchweigen?“ „Da, nun haben Sie Alles,“ ſagte Haggerſtone, als er ausgeſchrieben hatte.„Ihre„„Familie, ihr Vermögen, ihre Fehler und Schwächen““—„„was ſie gethan, und wo ſie es gethan haben““— wobei Genauigkeit in Beziehung auf Taufnamen, und ſo viele Data wie möglich gewünſcht werden.“ 2 „Ich will's thun,“ ſprach Foglaß, indem er die Verhaltungsbefehle durchlas. „Auch müſſen wir's bald haben,“ ſagte Mrs. Ri⸗ cketts.„Sagen Sie ihm, daß wir uns ſeinen Bericht baldmöglichſt erbitten.“ „„Und zwar in möglichſter Bälde,““ fügte Hagger⸗ ſtone der von ihm geſchriebenen Notiz unten bei. Foglaß gab ſeine Zuſtimmung durch eine tiefe Verneigung zu erkennen. „Wie ähnlich ſeinem Großvater!“ ſprach Mrs. Ri⸗ cketts entzückt. 3 „Wir wußten nie, daß er einen ſolchen hatte,“ flüſterte Haggerſtone dem Polen zu,„ſein Vater war Kutſchenfabrikant in Long Acre.“ „Wird er nicht als ihm ſehr ähnlich angeſehen?“ fragte Mrs. Ricketts mit einem Seitenblicke der Be⸗ wunderung nach der kaſtanienbraunen Perrücke hin. „Ich habe gehoͤrt, die Perrücke ſei ächt, Madame.“ „Er hat in ſeinem Benehmen ſo viel königlichen Anſtand.“— „Wenn er nicht der erſte Gentleman von England iſt,“ murmelte Haggerſtone vor ſich hin,„ſo iſt er we⸗ nigſtens der erſte in ſeiner Familie.“ „Auch ſoll er,“ ſprach Mrs. Ricketts haſtig,„der Lord Norwood'ſchen Geſchichte auf den Grund gehen.“ „Iſt nicht noͤthig, Madame; ſie ſteht ſchon in Die Daltons. II. 15 8 226 Bell's Life, mit der bedeutſamen Frage:„„Wo iſt er?““ Allein er kann ſich jedenfalls die Einzelheiten ſagen laſſen.“ Und der Oberſt ſchrieb eine weitere Notiz in das Taſchenbuch. „Wie entſetzlich iſt Alles das, und wie traurig der Gedanke, daß Florenz von derartigen Leuten zu ihrem Aufenthaltsort erkoren wird!“ „Gäbe es nicht ſo viele Landſtreicher und Flücht⸗ linge hier, Madame, ſo würde die Hausmiethe ſehr nie⸗ drig ſein,“ ſprach der Oberſt mit gedämpfter Stimme, während er, ſich zu dem Polen hinwendend, hinzuſetzte: „Und wenn die Reſpektabilität ſtets eine Karrikatur ſein ſoll, ſo iſt mir deren Gegentheil eben ſo lieb. Vermuth⸗ lich empfangen Sie den Viscount nicht, Madame?“ „Er hat es noch nicht gewagt, ſich hier blicken zu laſſen,“ ſprach Mrs. Ricketts ſtolz.„Hoffentlich gibt es wenigſtens noch eine Freiſtätte, wo die Tugend unbeläſtigt leben kann.“ Und während ſie ſo ſprach, blickte ſie zu Martha hinüber, die geduldig darauf losarbeitete; ob Letztere aber bei dem genannten Sperrſyſtem ihre Rechnung fand, oder ob ſie des„Schutzes“ etwas überdrüſſig war, vermögen wir nicht zu ſagen. „Was hat er gethan?“ ſprach der Graf. „Er hat den ganzen„„Ring““ abgefangen, wie ich glaube,“ ſprach Haggerſtone, bei ſich über einen Scherz lachend, den er allein würdigen konnte. „Da ſprechen ſie in England vom Spielen!“ ſagte der Pole in verächtlichem Tone;„ſie ſpielen aber nie hoch mit ihren kleinen— wie heißen ſie doch?— mit ihren kleinen Wetten von drei, vier Guineen im Erarté⸗ ſpiele! Aber in Polen ſetzen wir zwei, drei, vier, fünftaufend Kronen auf jede Karte! Dort verlieren Sie gleich, krach! ein Vermögen, oder gewinne ich ein ſolches! Eines Abends verlor ich bei Garowidsky ein Gut, das ſiebzehn Millionen Gulden werth war; allein — 227 es war mir ganz gleichgültig! Ich war ſehr reich, mit meinen Paläſten und meinem Majorat— wie heißt man doch das gleich auf Engliſch?“ Doch ehe noch dieſe Frage beantwortet werden konnte, riß der Bediente die Flügelthüre des Salons auf, und meldete„Milordo Norwood.“ Eine Bombe, die im Zimmer geplatzt wäre, hätte keine größere Verwirrung anrichten koͤnnen. Mrs. Ri⸗ cketts ſah auf Martha hin, gleich als wollte ſie ſich vergewiſſern, ob dieſelbe in Sicherheit ſei. Was die arme Martha ſelbſt betraf, ſo zitterten ihre Finger, während ſie ſich über ihren Rahmen neigte; Hagger⸗ ſtone knöpfte ſeinen Rock von unten bis oben zu, und brachte ſeine Cravate mit der Miene eines Mannes in Ordnung, der ſich als einen ſo vollendeten Taktiker kennt, daß er ſich im Peche wälzen kann, ohne darnach zu riechen; während Purvis, der einen Duellanten noch mehr fürchtete, als einen tollen Hund, ſich hinter einen Blumentiſch— es ſtanden Geranien darauf— flüch⸗ tete, wo er ganz zurückgezogen zu leben beſchloß, bis der furchtbare Viscount wieder fort ſein würde. Was den Grafen betrifft, ſo brauchte er bloß an ſeinem Schnurrbarte ein wenig zu drehen, und ſein Haar ein wenig zu ordnen, um Hölle und Teufel Trotz zu bie⸗ ten; und da dieß die gewöhnlichen Details ſeiner täg⸗ lichen Toilette waren, ſo entwickelte er bei dieſem Ge⸗ ſafte eine Geſchwindigkeit, die als inſtinktartig gelten onnte. Um in einem Zimmer erſcheinen zu können, wo man nicht gerne geſehen wird, dazu gehört vielleicht nicht wenig Takt, und ein nicht gewöhnliches Maaß von Weltbildung und von— Frechheit; gegen die Ge⸗ fühle der Geſellſchaft gleichgültig ſein, heißt, gegen die Gefahr gleichgültig ſein; die Gefahr ſehen und dieſelbe doch nicht wahrzunehmen ſcheinen— das iſt das Wahre. Lord Norwood zeigte ſich in dieſem Stücke als einen Mann von vollendeter Bildung, und es lag weder eine 228 übermäßige Herzlichkeit, noch etwas Erzwungenes in ſeinem Benehmen, als er auf Mrs. Ricketts zuging, und, ihre Hand erfaſſend, dieſelbe reſpektvoll an ſeine Lippen preßte. „Dieſe Begrüßung,“ ſprach er heiter,„iſt ein Auf⸗ trag von Lord Kennycroft, Ihrem alten und treuen Anbeter. Sein letztes Wort, als wir von einander Abſchied nahmen, war„„Küſſen Sie für mich der Mrs. Ricketts die Hand, und ſagen Sie ihr, ich ſei. ihr ewig Getreuer.““ „Der arme theure Lord! General, hier iſt Lord Norwood, der uns die Ehre erweist, uns zu beſu⸗ chen. 11 „Wie gut— wie ungemein freundlich von ihm! Gerade aus dem Oxiente angekommen, my Lord?“ ſagte er, irrthümlicher Weiſe Foglaß die Hand ſchüt⸗ telnd. „Nein, Sir, von Malta.“ Aus guten Gründen mochte er nicht ſagen aus England.„Miß Ricketts, es freut mich unendlich, Sie zu ſehen; und immer noch mit den ſchönen Künſten beſchäftigt? Haggy, wie be⸗ finden Sie ſich? Es kommt mir wirklich vor, als ſei ich erſt geſtern noch in dieſem herrlichen Armſtuhle ge⸗ ſeſſen, und als habe ich erſt geſtern noch alle dieſe lieben und mir ſo wohlbekannten Gegenſtände, die mich umgeben, angeblickt. Sie haben, glaube ich, den Cor⸗ reggio(Pefeenißte, „Es iſt der Vandyk, my Lord!“ „Ach ja,— der Vandyk. Wie dumm bin ich doch! Lady Foxington hatte fürwahr Recht, als ſie ſagte, es würde all' Ihrer Bildung nie gelingen, Etwas aus mir zu machen.“ „Wie beſindet ſich Charlotte?“ fragte Mrs. Ri⸗ cketts, wobei wir bemerken müſſen, daß das zuletzt ge⸗ ſagte Wort der vertrauliche Ausdruck für Lady Foxing⸗ ton war. „Gerade ſo, wie damals, als Sie ſie zum letzten 229 Male ſahen. Vielleicht iſt ſie ſchmäͤchtiger; allein nichts deſtoweniger fieht ſie zum Verwundern gut aus.“ „Und wie befindet ſich der liebe Herzog?“ „Er leidet immer noch an dem Podagra— doch kann er dabei herumgehen.“ „Es freut mich, das zu hören. Es iſt ſo erqui⸗ ckend, von alten Freunden zu ſprechen.“ „Sie ſprechen immer von Ihnen. Gewiß iſt„„Zoe“ — verzeihen Sie mir die Freiheit— gewiß iſt Zoe Ricketts eine Autorität in Allem, was Geſchmack und Literatur betrifft.“ „Wie ſind Sie hieher gekommen, my Lord?“ flu⸗ ſterte Haggerſtone. „Die neue Oper machte entſchieden Fiasco, und vor zwölf Uhr iſt kein Haus offen,“ lautete die eilige Antwort. „Iſt Jemima verheirathet, my Lord?“ „Nein. Es iſt mit dem Leibgedinge noch nicht Alles im Reinen. Wer iſt der Fremde, Haggy?“ „Ein Pole: Petrolaffsky.“ „Nein, nein— keine Spur davon. Ich kenne ihn,“ ſagte der Andere raſch. Sodann wandte er ſich zu Mrs. Ricketts hin, und intereſſirte ſich gar ſehr für das Privatleben und die Abenteuer des Adels, für welchen ſie eine überaus katholiſche Liebe hegte. Es war in der That ein großer Muſterungstag für die Pairie; ſogar die„Penſtonäre“ mußten ſämmt⸗ lich unter die Waffen treten. Es war eine Revue, wie ſie ſelten eine ſah, und gewiß nützte ſie die ſich dar⸗ bietende günſtige Gelegenheit. Sie warf mit adeligen Perſonagen, wie ein Kind mit wilden Blumen, um ſich. Nichts wurde geſpart; ihre Verſchwendung kannte keine Grenzen. Da waren Herzoge, die ſte von der Wiege an gekannt; Marquiſen, mit denen ſie in ihrer Jugendzeit geſpielt hatte; Grafen und Viscounts, die ihre früheſten Spielkameraden geweſen waren;— ohne von einem 230 vorgerückteren Stadium in ihrer Geſchichte zu ſprechen, wo dieſe ausgezeichneten und hochgeſtellten Individuen alle als Bittende und Freier auftraten. Wenn man ſie ſo anhörte, ſo hätte man darauf geſchworen, daß ſie nie mit jemand Geringerem, als einem Carl, Federball geſpielt; daß ſie nie mit Jemand, der weniger, als ein Kammerherr ſei, einen Reif getrieben! Norwood ging ganz auf ihre verrückten Prätenſionen ein, und hörte nicht auf, ſie zum Beſten zu haben.. Wir brauchen wohl nicht hinzuzuſetzen, daß Mrs. Ricketts bei einer ſo angenehmen Unterhaltung für die Sünden des edlen Lords gar kein Gedächtniß mehr hatte. Er hätte die K. Sthatzkammer können beſtohlen, hätte die Kronjuwelen können entwendet haben, ohne daß es ihr eingefallen wäre! Und als er, ſcheinbar ganz zufällig auf Newmarket anſpielte, und ſein höchſt un⸗ glückliches Buch! beklagte, lächelte ſie beifällig, gleich als wollte ſie ſagen, er könne ſich ſelbſt den Luxus des Ruins gönnen, ohne nöthig zu haben, ſich darum zu kuͤmmern. „Florenz iſt wohl immer noch ſo ziemlich das alte,“ ſagte er;„und man bedarf wahrhaftig ſeiner Freunde, um alberne Gerüchte niederzuſchlagen und zu widerlegen, wenn ſte ins Publikum dringen. Sie werden mich daher verbin⸗ den, wenn Sie dieſer abſurden Geſchichte widerſprechen, im Falle dieſelbe Ihnen zu Ohren kommt. Ich habe dem Herzoge von Stratton weder vierzigtauſend Pfund abgenommen, noch habe ich ihn im Duell erſchoſſen, weil er mich nicht bezahlte.“— Dieſe beiden Sünden wurden vom edlen Lord in dem nämlichen Augenblicke erſonnen.—„Sie werden fünfzig andere ſolche Dinge hören, die man mir zur Laſt legt; und ich verlaſſe mich darauf, daß Sie und die Onslows dieſelben widerlegen werden. Auch liegt es ja den Leuten der Klaſſe, der man angehört, ob,„„ihren Stand““ zu vertheidigen.“ Mrs. Ricketts lächelte hold, und verbeugte ſich, als ob ihr Turban von Gaze eine Grafenkrone, und der — 231 Flitterkram aus koſtbaren Juwelen beſtehende Erdbeer⸗ blätter geweſen wären! Mit den Onslows die Verthei⸗ digung eines Viscount zu übernehmen,— das war ein ſtolzer Gedanke. Wie, wenn derſelbe zu einer glorioſen Realität würde? „Apropos, my Lord,“ ſagte ſie hinterliſtig;„Sie ſtehen mit den Onslows auf ſehr vertrautem Fuße. Wie kommt es, daß wir einander noch ſo wenig geſehen haben? Sind wir nicht geiſtesverwandt?“ „Gütiger Himmel! ich glaubte, ihr Beide ſtändet mit einander ſo gut, wie Schweſtern. Noch nie gab es Menſchen, die ſo ſehr für einander geſchaffen waren. Alle Eure Gewohnheiten, Liebhabereien, Verbindungen — verzeihen Sie mir, wenn ich ſage, ſogar Cure An⸗ tipathien— ſind von gleicher Art; ihr Beide ſeid unver⸗ ſöhnliche Feindinnen der Vulgarität. Es iſt, verlaſſen Sie ſich darauf, hier ein geheimer Einfluß im Spiele geweſen. Böſe Zungen haben Euch Beide, verlaſſen Sie ſich darauf, fern von einander gehalten.“ Dieſe bloß geflüſterten Worte waren von einem Seitenblicke nach dem Platze hin, wo Haggerſtone mit dem Polen ECcarté ſpielte, begleitet. „Glauben Sie das wirklich?“ fragte ſie, vor Zorn fol werdend, während ſie der Richtung ſeiner Augen olgte. „Ich kann mir keine andere Löſung des Räthſels denken,“ ſprach er nachdenkend;„allein ich werde und muß es herausbringen, Sie dürfen ſich darauf verlaſſen. Es iſt Ihnen natürlich nicht unbekannt, daß ſie ihn nicht ausſtehen können.“ „Nein, ich habe das noch nie gehört!“ „Es iſt nicht bloße Abneigung, ſondern wirklicher Abſcheu. Ich habe mir Mühe gegeben, dieſes Gefühl 2 mäßigen. Ich habe geſagt,„„Ganz gewiß iſt der ann mauvais ton; allein Sie brauchen ja nicht auf einem vertrauten Fuße mit ihm zu leben. Laſſen Sie ihn mit dem großen Haufen kommen und gehen; ziehen 23²2 Sie ihn bloß zu Ihren großen Geſellſchaften bei, und vor Allem vermeiden Sie es, ihm Etwas nachzuſagen, denn von Allem, was in der hoͤheren Welt vorgeht, gibt er ſtets nur eine gemeine Verſion.“ℳ Mrs. Ricketts zog ihre gewölbten Augenbrauen hinauf, und ſah erſtaunt aus; indeſſen war es ein Ge⸗ fühl, das eine gar ſchöne Beimiſchung von Zuſtimmung hatte, und der Viscount bemerkte es wohl. „Sie müſſen mir Etwas über dieſe Miß Dalton ſagen,“ ſagte er, ſeinen Stuhl näher herziehend;„ſie thun in Betreff ihrer ein Bischen myſteriös. Wer iſt ſte? Was iſt ſie?“ 1„Von ihrer Geſchichte circuliren verſchiedene Ver⸗ ſtonen,“ ſagte Mrs. Ricketts, die jetzt den Ton eines Oberrichters, welcher die Verhandlungen reaſſumirt, annahm.„Einige ſagen, ſie ſei eine natürliche Tochter Sir Stafford's; Andere behaupten, ſie ſei der letzte Sproſſe einer vornehmen Familie, deren Vermögen die Onslow's unehrlicher Weiſe an ſich gebracht; wieder Andere meinen, ſie ſei eine Halbſchweſter der Lady He⸗ ſter; allein wer kann die Wahrheit beſſer wiſſen, als Sie, my Lord?“ 1„Ich weiß durchaus gar Nichts. Sie iſt in Deutſch⸗ land zu ihnen gekommen; aber wo, wann, und wie— davon habe ich nie Etwas gehört.“ „Bald werde ich im Stande ſein, Ihnen über jede Einzelheit der Sache genaue Auskunft zu geben,“ ſprach ſte ſtolz.„Unſer guter Freund dort, Herr Foglaß, hat ſich erboten, Alles ausfindig zu machen. Herr Foglaß — Martha, willſt Du ihn aufmerkſam machen und ihm auf den Arm klopfen?“ Und der Herr, der alſo aufmerkſam gemacht worden war, ſtand nun auf, und näherte ſich dem Stuhle der Mrs. Ricketts. „Darf ich mir,“ ſprach Letztere,„Ihr Notizenbuch auf einen Augenblick ausbitten, um darin Etwas nach⸗ zuſehen?“ 4 233 Dieſe Worte waren von einer pantominiſchen Ge⸗ berde begleitet, die der Taube alsbald verſtand. „Ich will Ihnen zeigen, my Lord,“ fuhr Mrs. Ricketts, zu dem Viscount gewendet, fort,—„ich will Ihnen zeigen, daß wir überaus methodiſch zu Werke gehen, wenn wir, wie ich das Ding bisweilen nenne, den Titeln der Leute nachforſchen— hal hal hal hier iſt nun das koſtbare Büchelchen, und Sie werden daraus den Grad von Genauigkeit erſehen, den eine ſolche Un⸗ terſuchung erheiſcht. Dieß kommt von dem längeren Aufenthalte im Auslande her, my Lord,“ ſetzte ſie lä⸗ chelnd hinzu.„Man kann nie zu vorſichtig ſein— man kann bei neuen Bekanntſchaften ſich nie genug in Acht nehmen! Die Maſſe zweideutiger Leute, mit denen man zuſammengeführt wird— die Menſchen von zweiſelhaf⸗ tem Charakter und Stand, die ſich auf irgend eine Weiſe in die Geſellſchaft einzudrängen und dort eine Rolle zu ſpielen wiſſen— hier, ich muß Sie wirklich bitten, dieſe ſinnreichen Hieroglyphen ſelbſt zu ent⸗ ziffern.“ Und mit dieſen Worten reichte ſie ſeiner Lordſchaft das Buch hin. Er nahm das Taſchenbuch in recht artiger Weiſe da, wo ſie es aufgemacht, und als ſeine Augen auf das Blatt ſielen, überflog ſeine Wange eine leichte— überaus leichte Röthe; indeſſen las er die betreffenden Zeilen mehr denn ein Mal. „Fürwahr ſehr deutlich und unumwunden!“ ſagte er, während ein Lächeln von ſeltſamer Bedeutung ſeine Lippe kraͤuſelte. Sodann machte er das Buch zu und gab es wie⸗ der der Dame hin,— nicht eher indeſſen, als bis er das Blatt, das er angeſehen, geſchickt ausgeriſſen hatte. Dasſelbe enthielt folgende Worte:—„Norwood's Affaire— die genaue Geſchichte der Vorgänge in N. n.— ob in England gemieden und im„„Whip“⸗ ge⸗ richen.“— 234 „Ich kann Ihre Vorſicht und Ihren Takt nicht ge⸗ nug loben, Mrs. Ricketts,“ ſagte der Viscount, ſich artig verbeugend;„würde man es unterlaſſen, von Zeit zu Zeit ſolche Nachforſchungen anzuſtellen, ſo dürfte man in unſern Salons ſonſt Nichts als Falſchſpieler und Leute von üblem Leumund antreffen!“ Es war nun ſpät— ſpät genug für Lady Heſter — und der Viscount ſtand auf, um ſich zu verabſchieden. Er war mit den Reſultaten ſeines Beſuchs vollkommen zufrieden. Er hatte ſich insgeheim an allen Abſurditäten ſeiner Wirthin ergötzt, und ſich ſogar einige ihrer aller⸗ liebſten Phantaſien gemerkt, um ſie an andern Orten wieder preis zu geben; er hatte Haggerſtone, deſſen böſe Zunge er fürchtete, einen ſchlimmen Streich ge⸗ ſpielt, und denſelben dadurch, daß er ſeine Bildung an⸗ focht, um allen Credit gebracht; er hatte den polniſchen Grafen in einer Geſellſchaft geſehen, die, ſo wie ſie war, immer noch viel zu gut für ihn war, und obgleich ſie einander nicht zu kennen ſchienen, ſo war doch ein ge⸗ wiſſer Maurerblick, der eine nähere Bekanntſchaft ver⸗ rieth, zwiſchen ihnen gewechſelt worden; und endlich hatte er an der theuren Zoe ſelbſt eine Verbündete ge⸗ wonnen, die bereit war, ſeinen guten Charakter zu be⸗ ſchwͤren, und die Ehrenhaftigkeit ſeines Benehmens auf dem Turf oder am Spieltiſche, als über alle An⸗ fechtung erhaben, zu verbürgen. „Hat er die Newmarket Affaire erklärt, Madame?“ ſprach Haggerſtone, als die Thüre ſich hinter dem Vis⸗ count geſchloſſen hatte. „Vollkommen, Oberſt; es liegt auch nicht der Schat⸗ ten eines Verdachts auf ihm.“ „Er iſt alſo im„Whip““ nicht ge—ge— ge— ge⸗ ſtrichen worden?“ rief Purvis, aus ſeiner belaubten Zu⸗ fluchtsſtätte hervorkommend. „Nichts Derartiges, Scroope!“ „Vielleicht iſt er mit einem bloßen Ritze, anſtatt ——y——— 235 mit einer Wunde davongekommen,“ ſagte Haggerſtone mit boshaftem Grinſen. 5 „Freut mich recht ſehr— recht ſehr,“ ſprach der Graf;„freut mich recht ſehr wegen des ganzen Stan⸗ des. Ich bin zwar Republikaner, vergeſſe dabei aber nie, daß ich von edlem Blute bin.“ „Eine herrliche Geſinnung!“ rief Mrs. Ricketts enthuſiaſtiſch.„Martha, haſt Du gehört, was der Graf ſo eben geſagt hat? General, hoffentlich iſt es Dir nicht entgangen?“ „Ich habe es ſtets mit dem Volke gehalten,“ ſagte der Graf, ſein Haar wild zurückwerfend, und ſcheinbar bereit, jeden Augenblick ſich in einen Kampf einzulaſſen. „Als Antimonarchiſt ſchlägt er im Ecarté den Koͤ⸗ nig doch gar zu oft um,“ ſagte Haggerſtone leiſe mur⸗ melnd, ſo daß es bloß Martha hören konnte. „Ich glaube nicht, daß die demo— Demo— Demo— Demo—“ Allein ehe noch Purvis ſein vielſilbiges Wort her⸗ ausbrachte, hatte die Geſellſchaft ſo viel Zeit, um auf⸗ zubrechen und ſich zu verabſchieden. Und in der That fand der Diener, als er wieder hereinkam, um die Lam⸗ pen auszulöſchen, den Patienten Purvis, mit über und über rothem Geſichte und andern Zeichen der Aufregung, tief in einem Stuhle ſitzen, und es war, als ob der Arme gegen einen Anfall von Erſtickung kämpfte. 4 Welcher Art daher der tiefe Gedanke war, den er ausgeſprochen wünſchte, bleibt für die Geſchichte ver⸗ loren, und vermag dieſe getreue Erzählung nicht zu berichten. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Viſion des Viseount. Als Lord Norwood beim Mazzarini'ſchen Palaſte anlangte, war er erſtaunt, das gewöhnliche halbe Duz⸗ zend Wagen der Habitués nicht im Hofraume zu ſehen, und noch weit größer war ſein Erſtaunen, als er erfuhr, daß ihre Ladyſhip an dieſem Abende nicht empfange. Er ging in George Onslow's Zimmer hinauf, und ent⸗ deckte, daß er bei Fürſt Miſchikoff geſpeist hatte und noch nicht zurück war. Da er nicht wußte, wie er die Zeit zubringen ſollte, bis für ihn die Stunde des Schla⸗ fengehens herbeikam— und es war ja noch ſo frühe! — ſo zündete er eine Cigarre an, und warf ſich auf ein vor dem Feuer ſtehendes Sopha. Die Träumereien der Menſchen, die viel in der Welt leben, ſind ſelten ſehr angenehmer Art; die Arbeit der Selbſtprüfung iſt beſonders peinlich, wenn man ſie ſelten vornimmt, und an den großen Zeit⸗Arreragen hat man furchtbare Schuldpoſten. Lord Norwood bildete keine Ausnahme von dieſer Theorte. Nicht als ob er der Mann geweſen wäre, der ſeine Zeit oder ſeine gute Laune gerne vergeudet hätte, um ſich ſelbſt Vorwürfe zu machen. Das Vergangene war für ihn weſentlich das„Unwiderrufliche.“ Gelegentlich mochte es ihm zwar einen Wink für die Zukunft geben; allein nie gab es zu einem Kummer wegen der Vergangenheit Anlaß. Seine Philoſophie war ein ſehr kurzer Coder, und in Folgendem enthalten—„daß er keine hohe Meinung von ſich, allein eine noch ſchlimmere von allen Andern hätte.“ Alles, was er im Leben geſehen, war Doppelzüngigkeit, Falſchheit, Selbſtſucht und Verrätherei. In verſchiedenen — A — 237 Ständen nahmen für ihn dieſe charakteriellen Kennzüge verſchiedene Formen an; und was beim Lord ſich künſtlich in Artigkeit und Höſlichkeit hüllte, zeigte ſich beim Ple⸗ bejer in ſeiner ganzen nackten Häßlichkeit. Er hätte ein recht achtungswerther Menſch bleiben können, und wäre es auch geblieben, wenn er reich ge⸗ weſen wäre— ſo meinte er wenigſtens gar gern— allein er war arm, und mußte deßhalb zu allerkei Kunſtgriffen ſeine Zuflucht nehmen, um ſeine geſellſchaft⸗ liche Stellung zu behaupten. Von ſeinen Vormündern betrogen und von ſeinem Hofmeiſter vernachläßigt, wurde er halb ruinirt und total ignorant in die Welt hin⸗ ausgeſchickt, um zuerſt ein Opfer zu werden, und ſodann Andere zu ſeinen Opfern zu machen. Ohne daß er von einem Geiſte wiedervergeltender Rache beſeelt geweſen wäre— in ſeinem Betragen lag Nichts, was auf Re⸗ preſſalien hingedeutet hätte— dachte er ganz einfach, daß es einmal ſo ſein müſſe, und daß Jeder damit an⸗ fange, daß er düpirt werde, um als Spitzbube zu enden. Der hoͤchſte Flug des menſchlichen Geiſtes war, nach ſeinem Darfürhalten, Nichts als glückliche Heuchelei; und obgleich ihm der plaſtiſche Witz, und die wirkliche Le⸗ benskenntniß, abgingen, die nothwendig ſind, um eine Rolle gut zu ſpielen, ſo war es ihm doch gelungen, gar viele Menſchen, die an ihm den Rang ſchätzten, hinter das Licht zu führen; denn ſonderbarer Weiſe wurden Viele, die ſich von einem Bürgerlichen nicht hätten duviren laſſen, gar leicht ein Opfer der Künſte„my ords.“ Den Werth ſeines Titels kannte er gar gut. Er wußte genau, was er ihm nützen, und was er ihm nicht nützen konnte. Er ſah, daß die engliſche Ariſtokra⸗ tie ihre Angehörigen nicht ſo bald fallen läßt, und daß Derjenige, der eine Adelskrone ererbt, unter Umſtänden, wo ein minder adeliger Menſch unrühmlich umkommen muß, ein zauberhaftes Leben hat. Auch wußte er, wie die Ariſtokratie Schanden halber ihre Angehörigen in 238 Schutz nahm, und auf hunderterlei Art vor der Welt dem zu widerſprechen ſchien, was ſie hinter deren Rücken tief beklagte; und endlich wußte er wohl, daß er immer⸗ hin einen altadeligen Namen und Titel verſchenken könne, und daß die Pairie unter den Töochtern der Men⸗ ſchen der große Preis ſei. Nun hatte er aber in der jüngſten Zeit von ſeiner Prärogative einen allzu ausgedehnten Gebrauch gemacht; er hatte jungen Leuten, die noch nicht zwanzig waren, große Summen abgewonnen; er war mit Leuten, die nichts weniger als reputirlich waren, in Spielgeſchichten verwickelt geweſen; und endlich hatte er ſich an dem Tage, wo er zu Newmarket ungeheure Summen verloren hatte, plötzlich aus dem Staube gemacht. Er hatte da⸗ bei ganz ruhig calculirt. Es war ein coup, der, wenn er glückte, ihm wieder Credit und Alles, was er zu haben wünſchte, verſchaffte; ſchlug derſelbe fehl, ſo be⸗ ſtätigte er bloß das ſchwankende Urtheil ſeiner Standes⸗ genoſſen, und ließ ihn künftig in einer andern Sphäre ſein Glück ſuchen; denn während ein Viseount, der ſich mit Schande bedeckt hat, für Viscounts eine ſehr ſchlechte Geſellſchaft iſt, iſt er oft bei jener ſo liebenswürdig un⸗ ſchuldigen Menſchenklaſſe, nach deren Meinung die Privi⸗ legien der Ariſtokratie, neben blauen Bändern, auch ſchlechte Sitten in ſich ſchließen, ein höchſt willkommener Gaſt. Der Turf konnte von nun an nicht mehr ſein Tum⸗ melplatz ſein. Ecarté und Lansquenet waren ferner faſt ebenſo ſehr außer Frage. Das Blllardſpiel konnte, wie Sir Walter von der Literatur ſagte,„einen Spa⸗ zierſtock, nicht aber eine Krücke abgeben.“ Es blieb ihm daher Nichts mehr übꝛig, als ſich zu verheirathen. Eine reiche Erbin war ſein letzter coup, und da die Sache höchſt wahrſcheinlich nur einmal anging, ſo war große Vor⸗ und Umſicht erforderlich. In England konnte die Ausführung dieſes Plans keinen beſondern Schwierigkeiten unterliegen. Die Ma⸗ nufactur⸗Diſtricte waren ehrgeizig geworden. Baumwollen⸗ 6 — 1 — 239 Lords wünſchten einen mehr anerkannten Adel; und es waren Fabrikbeſitzer zu finden, die bereit waren, mit ihrem halben Vermoͤgen eine Adelskrone zu kaufen. Allein aus England hatten ihn neuliche Ereigniſſe ver⸗ bannt, und ſein Ruf hatte dabei in keiner Weiſe ge⸗ wonnen. Wenn er nun ſeinen Adel auf dem Continente pro⸗ duzirte, ſo hieß das, Kohlen nach Neweaſtle bringen, indem letzterer nach ſeiner ganzen Länge und Breite mit Grafen, Baronen, Herzogen nnd Fürſten überſäet iſt; und obgleich es mit dem engliſchen Adel eine andere Bewandtniß hat, ſo ließ ſich doch„die ächte Waare“ unter einer ſolchen Maſſe von unächten nicht heraus⸗ nden. Jeder Franzoſe, der ein kleines Vermögen hatte, war ein emigrirter Graf; jeder Deutſche, der keinen Heller beſaß, war ſicherlich ein Baron; alle Polen, ſo ungewaſchen und ungekämmt ſie immer waren, und ſo wenig Jemand auf ſie achtete, gehörten zur crème der Ariſtokratie; und was die Italiener betraf, ſo waren ſte eine Nation von Fürſten, mit lauter Cardinälen zu Oheimen! Ein Viscount in ſolcher Geſellſchaft zu ſein, war vielleicht, wie Lord Caſtlereagh's unbeſternter Rock, plus distingué, allein gewiß beſcheidener. Der Milor bedeutet im Auslande gar Nichts, wenn er nicht über einen unbegrenzten Reichthum, über ſechs Wagen, zwei Cou⸗ riere, drei Köche, und einen Kammerdiener,— wenn er nicht über das ganze Hôtel de Russie oder den ganzen „ſchwarzen Adler“ gebieten kann; wenn er ſich nicht durch alle Ertravaganz und alle Excentrizitäten des Reichthums bemerklich macht,— wenn er die Leute nicht durch ſeinen Glanz blendet, oder durch ſein wun⸗ derliches Weſen in Erſtaunen ſetzt! Es liegt ein Wider⸗ ſpruch darin, das Eine ohne das Andere ſein zu wollen; und ein engliſcher Edelmann ohne Verſchwendung und Abſurdität zu ſein, heißt nichts Anderes, als ſein Va⸗ 240 terland verläugnen, und bei den Leuten ſtarke Zweifel an ſeinem Adel erwecken. Lord Norwood wußte und fühlte das Alles. Gar oft hatte er darüber nachgedacht, ſo daß, wenn er jetzt ſich wieder mit dieſen Dingen befaßte, es in keiner an⸗ dern Abſicht geſchah, als um ſie als Facta für eine künftige Theorie anzuſehen, auf der er weiter bauen konnte, gleichwie Mathematiker von den Beweiſen der Geometrie Gebrauch machen, ohne ſich erſt die Mühe zu geben, deren Richtigkeit nachzuweiſen. Nein;— alle ſeine jetzigen Reflexionen nahmen eine praktiſche Geſtalt an, und konnten in den einen Entſchluß zuſammengefaßt werden:„Ich darf nicht weiter gehen— ich habe Alles gethan, was ein Mann thun darf, ja vielleicht ſchon ein klein wenig mehr, als er thun darf, wenn er nicht ſeine Stellung in der Welt gefährden will.“ Das ſtille Ver⸗ dict„nicht bewieſen,“ das über ſo viele ſeiner Hand⸗ lungen ergangen war, konnte jetzt jeden Augenblick um⸗ geſtoßen werden, und eine Muſterung ſeines bisherigen Lebenslaufs war mit einem nichts weniger als glänzen⸗ den Rückblicke verbunden. Ausſtoßung aus einer großen Schule im Alter von dreizehn Jahren; ein drei Jahre langes ingeheim ausſchweifendes und gottloſes Leben im Haufe eines Geiſtlichen; ein liederliches Regiment, aus dem er auf Malta austreten durfte, wo er ſeine Stelle verkaufte; zwei Jahre bei der Legion, oder bei Don Carlos in Spanien— ob bei jener oder bei dieſem war gleichgültig; etwa ein Jahr in London, mit einem ſchwachen Verſuche, ſich zu beſſern; eine Anſtellung beim Generalſtabe in Oſtindien, die aber alsbald wieder ver⸗ kauft wurde; eine zum Theil vertuſchte unehrenhafte Geſchichte; Schulden, Inden; Wechſel⸗Erneuerungen; das Fleet⸗Gefängniß; das Fallitengericht; einige un⸗ ehrenhafte Duelle; eine Klage wegen Verführung; und endlich die jüngſte Newmarket Affaire— das war ſein Lebenslauf, in großen Umriſſen gezeichnet. Die Einzel⸗ — — — 241 heiten enthielten noch verſchiedene kleine Epiſoden, womit wir uns hier nicht befaſſen können. Indeſſen trat ein Vorfall beſonders lebhaft vor die Seele des Lords, und ſo wenig auch bei ihm die Vergangenheit die Gedanken uſurpiren durfte, die der Gegenwart gehörten, ſo nahm doch der fragliche Vor⸗ fall beharrlich einen Theil ſeiner Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch. Es war nichts Anderes, als eine kleine Liebes⸗ geſchichte, die er in Spanien mit einer„ballerina““ von der Oper gehabt. Mit Hülfe eines jungen Prie⸗ ſters, der damals zu Saragoſſa ſtudirte, hatte er mit dem Maͤdchen eine Scheinheirath eingegangen. Der ploͤtzliche Aufbruch eines Armee⸗Corps, zu welchem er gehöͤrte, gab ihm eine gute Gelegenheit an die Hand, ſeine junge Frau ſitzen zu laſſen; und wahrſcheinlich hatte er ſeit dem Ereigniſſe keine zwei Male an ſte ge⸗ dacht. Nun aber, wo er ernſtlich an's Heirathen dachte, trat der Vorfall wieder mit aller Friſche vor ſeine Seele, und er fragte ſich ſcherzhafter Weiſe, ob ſeine zweite Saititt wohl glücklicher ausfallen würde, als ſeine erſte. Stunde und Ort begünſtigten dieſe ſeine Träume⸗ reien. Es war Mitternacht vorüber. Alles war im großen Palaſte ſtill und ruhig. Das ſcharf abgemeſſene Ticken der Uhr auf dem Kaminſimſe war der einzige Laut, der ſich hoͤren ließ, wenn man das ferne und dumpfe Rauſchen der Waſſer des Arnofluſſes abrechnete; das Zimmer ſelbſt, das nur durch ein flackerndes Holz⸗ feuer erleuchtet war, lag in tiefem Schatten; und durch dieſe Einflüſſe, ſowie durch ſeine milde„Manilla“ ein⸗ gelullt, konnte Norwood im Lande der Träume ſo weit umherſchweifen, als ihm beliebte, und als Naturen, wie die ſeinige, überhaupt gehen. Wer vermag zu ſagen, ob Leute ſeines Schlags wirk⸗ lich wiſſen, was„Kummer“ iſt— ob bei ihnen der Aerger über das augenblickliche Mißlingen eines Planes, über Die Daltons. II. 16 242 irgend ein Hinderniß, das ſich ihren Hoffnungen entge⸗ genſtellt, nicht das iſt, was dem Kummer der andern Menſchen am Nächſten kommt? Ihr ganzer Lebens⸗ lauf ſcheint die Idee eines reiferen, intenſiveren Gefühls, die ganze raſtloſe Thätigkeit ihres mit Scharfſinn be⸗ gabten Geiſtes die Möglichkeit eines Bedauerns aus⸗ ſchließen zu müſſen. Was Norwood betrifft, ſo würde er den Gedanken, ſein vergangenes Leben zu prüfen, als kindiſch verſpottet haben; wenn er daher auf ein früheres Ereigniß in demſelben zurückkam, ſo geſchah es unwillkürlich und wahrſcheinlich in Folge der zufäl⸗ ligen Aehnlichkeit, die es mit denen hatte, ſo jetzt ſeinen Geiſt beſchäftigten. „Wenn dieſe Dalton reich wäre,“ dachte er,„ſo wäre es ſo übel nicht. Es ſind keine Verwandten da, welche impertinente Nachforſchungen anſtellen, oder al⸗ bernes Zeug fragen könnten. Heſter kann und muß, ſo ich es wünſche, mir beiſtehen. Da das Mädchen im Auslande gelebt hat, ſo wird auch ſie von Allem, was ich gethan, Nichts gehört haben, und, ſowohl dem Namen, als dem Aeußern nach, iſt ſie in keiner Geſellſchaft de⸗ placirt.“ Ferner dachte er, daß, wenn er einmal ver⸗ heirathet wäre, er eben dadurch wieder einigermaßen zu Ehren kommen würde. Es würde ſein, als ob er einen neuen Lebensweg beträte; und wenn dieß mit einigem Anſtande und Pompe geſchehen könnte, ſo hätte er allen Grund, auf die Nächſtenliebe und die Nachſicht der Welt zu bauen, die ihm alles Bisherige pergeben würde.„Ein gutes Haus und ein guter Koch,“ dachte er,„ſind die beſten Zeugen, auf die ein Menſch ſich be⸗ rufen kann, wenn er ſich einen guten Ruf machen will: mir find keine beſſeren bekannt. Schildkrötenſuppe und Champagner haben ſich zu allen Zeiten als die beſten Mittel gegen die Verläumdung bewährt; und ein Menſch, der Abends Lafitte auftiſchen und Morgens zwanzig Federn in Bewegung ſetzen kann, kann dem Neide, dem V „ —, 243 Haſſe, der Bosheit, und aller Liebloſigkeit Trotz bie⸗ ten.“ Das Erſte, was er daher thun wollte, war, daß er ſich nach dem Vermögen des Mädchens erkundigte. Was ihre Familie betraf, ſo lag nicht viel daran: ſein Rang war ja für Beide genug. Allein die Sache mußte raſch abgemacht werden. Sobald die Londoner Saiſon zu Ende war, ſchüttete England ſeine Myriaden plaudernder, geſchwätziger Reiſenden über den Continent aus,— und denen mußte er ein Gegenſtand des Ta⸗ gesgeſprächs werden— und dann wurde er wahrſchein⸗ lich auch gemieden. Sogar jetzt ſchon kündigten ſich unzweideutige Zeichen der Kälte unter ſeinen Bekannten an. George Onslow wollte nicht ſpielen, wenn er in ſeiner Geſell⸗ ſchaft war. Treviliani, einer der Männer, die am Meiſten um Lady Heſter waren,— Treviliani, der Patron des Turf in Toscana, mochte vor ihm nicht einmal auf ein Pferd anſpielen. Fürſt Midchikoff ging noch weiter und vergaß— ſeltene Fäͤlle ausgenommen — ihn auf ſeine Diner⸗Liſte zu ſetzen. Obgleich nun Norwood behauptete, er verabſcheue das„petit jeu““ — haſſe das Geſchwätz der Uneingeweihten über Pfer⸗ derennen,— und fürchte die ermüdende Prachtentwicke⸗ lung eines„Tartaren⸗Feſtmahls,“ ſo waren dieß doch lauter drohende Anzeichen, und er ſah deren Bedeutung wohl ein. Gerne würde er Jemand feſtgehalten— einen Streit mit ihm angefangen, und ihn erſchoſſen haben. Mehr denn einmal in ſeinem Leben hatte er dieſe Politik befolgt, und zwar mit Glück; allein hier wäre das nicht angegangen, und die öffentliche Meinung, die er ſich günſtig zu ſtimmen ſuchte, würde dann nur noch mehr gegen ihn geweſen ſein. „In welch' unangenehme Lage kann doch der Man⸗ gel an Geld einen Menſchen bringen!“ dachte er, als er vor den allmählig erſterbenden Kohlen des Holzfeuers ſo dalag.„Hätte ich die Summen, die ich auf„Chan⸗ 244 ticleer““ gewettet, gewonnen, oder hätte ich auf„„Amon⸗ tillado““ gewettet,— wie ganz anders wäre jetzt meine Lage! daß ein bloßer Namenwechſel in meinem Wett⸗ buche— daß der bloße Zufall einer Wahl— und da⸗ zu noch einer Pferdewahl— auf das ganze Leben eines Mannes Einfluß üben kann, beweist abermals gar gut, wie es ſich im Grunde mit der Welt verhält! Hätte ich Glück gehabt, ſo wäre ich jetzt der begünſtigte Gaſt irgend eines edlen Herzogs; ich würde nun.Seiner Gnaden Faſanen ſchießen,— würde Seiner Gnaden Vurgunder trinken,— würde den Töchtern Seiner Gnaden den Hof machen. Das Schickſal hat es aber nicht gewollt; und hier bin ich nun und denke darüber nach, wie ich ein Mädchen ohne Namen zur Frau be⸗ kommen kann, um dem gänzlichen Ruin zu entgehen. Noch vor drei Wochen würde ich nicht geglaubt haben, daß ſo Etwas geſchehen könnte; und wer vermag zu ſagen, was die nächſten drei Wochen bringen werden? — Vielleicht zieht ſich ſchon jetzt ein Gewitter zuſam⸗ men. Wie,— wenn der Umſtand, daß my Lady heute Abend nicht empfängt, eine tiefere Bedeutung hätte? Haggerſtone iſt mir viel zu freundlich und arkig, und Jekyl hat mich ſeit meiner Ankunft noch nicht beſucht!“ Er lachte ironiſch, als er dieſes ſagte, und ſetzte hinzu: „Sie ſpielen am Ende doch ein gewagtes Spiel! Re⸗ preſſalien dürften— wenigſtens zweien unter ihnen— höchſt ungeſchickt kommen; und was„Maſter Albert“ betrifft, ſo ſollte er ſich nicht ſo„mauſig“ machen, da er ja bloß geduldet iſt! Seit langer Zeit iſt das Glück mir abhold geweſen:— Nichts als Unglück von dem Tage an, wo ich Heſter hätte heimführen können, und es unterließ: noch in dem nämlichen Jahre heirathet ſie einen Andern, und erbt ein ungeheures Vermögen von einem Verwandten in Indien. Welcher Schlag für uns Beide! So iſt es mir mein Lebenlang gegangen; ſtets hielt ich bei dem Verlierenden gerade ſo lang aus, 8 2 ——— — 245 bis das Glück wechſelte und die Reihe nun an ihm war zu gewinnen!“ Während dieſe Gedanken ſeinen Geiſt beſchäftigten, führten die Langweile, die Stille der Stunde, und die Dunkelheit des Zimmers den Schlummer herbei; und obgleich er einige Male es halb und halb verſuchte, ſich aufzuraffen und nach Hauſe zu gehen, ſo gewann doch die Apathie die Oberhand— und er ſank in Schlaf. Leute mit einem unruhigen Gewiſſen haben oft einen gar leichten Schlaf. Auch Norwood ſchlief überaus ru⸗ hig: nicht ein Traum, nicht eine ſchnell vorüberge⸗ hende Phantaſie ſtörte ſeinen Schlummer. Schon war der Tag nicht mehr fern, und noch lag er ſo da;— da weckhte ihn das dumpfe Räderge⸗ roll unter den Fenſtern theilweiſe auf;— es weckte ihn wenigſtens ſo weit auf, daß er ſich erinnerte, wo er war, und daß er ſich einbildete, es könne George Onslow ſein, der ſich endlich von ſeiner Tiſchgeſellſchaft verabſchie⸗ det hätte. Er lag einige Minuten ſo da, und erwar⸗ tete, ſeinen Tritt auf der Treppe zu hören, und ihn in das Zimmer hereintreten zu ſehen; da aber Alles wie⸗ der in die gewohnte Ruhe zu verſinken ſchien, ſo ſchlum⸗ merte er wieder ein, bis er plötzlich hörte, wie eine Hand ſich auf den Drücker des Thürſchlüſſels legte. Es iſt einer der ſeltſamen Inſtinkte des Halbſchlum⸗ mers, daß er leiſe Töne eher wahrnimmt, denn ein lau⸗ teres Geräuſch. Das leiſeſte Geflüſter, das leiſeſte Ge⸗ murmel einer menſchlichen Stimme, das Krachen eines Stuhles, das behutſame Zurückziehen eines Vorhangs weckt die Fähigkeiten, die für das Rauſchen eines Waſ⸗ ſerfalls, oder für das dumpfe Brauſen der See unem⸗ pfindlich geweſen ſind.. So leiſe auch das Geräuſch war, das ſich jetz vernehmen ließ, ſo ſtutzte doch Norwood, während er ſo lauſchte. Mit einem Male raffte er ſich zuſammen, und heftete die Augen auf die Thüre, deren Drücker langſam und vorſichtig nach Unten bewegt wurde. Als⸗ 246 bald kam ihm der Gedanke, daß es ein Räuber ſein moͤchte; und er beſchloß daher, ruhig und bewegungs⸗ los liegen zu bleiben, und der Dinge zu harren, die da kommen würden. Es fehlte ihm nicht an perſönlichem Muthe, und er hatte volles Vertrauen auf ſeine Stärke und Gewandtheit. Endlich ging die Thüre auf: zuerſt, nur ſehr we⸗ nig und langſam, dann immer weiter, bis Norwood bei dem myſteriöſen Halblichte, woran ſeine Augen ſich gewoͤhnt hatten, die Falbeln eines Frauen⸗Kleides, ſo⸗ wie darunter das kleine niedliche Füßchen eines Wei⸗ bes ſehen konnte. Die ſchwache, unſichere Flamme des Feuers ließ ihn ſo viel erkennen; der Reſt der Geſtalt aber blieb in tiefe Schatten gehüllt. War es übertriebene Vorſicht, oder war es Un⸗ ſchlüſſigkeit in Betreff deſſen, was ſie thun ſollte,— ſo viel iſt gewiß, daß die eingetretene Geſtalt einige Mi⸗ nuten ganz bewegungslos blieb. Norwood, der, ſo viel er nur konnte, den Athem angehalten hatte, lag in tie⸗ fem Schatten, und erging ſich in Muthmaßungen über ein Abenteuer, von dem er ſich wenigſtens eine amü⸗ ſante Geſchichte verſprach. Die kohlſchwarzen Spitzen, die über die gewölbte Fußbiege herabfielen, deuteten bei ihrer Beſitzerin auf einen Rang hin, der dem Vor⸗ falle etwas Pikantes verlieh, und die Neugierde eines Mannes, der kein höheres Vergnügen im Leben kannte, als die Geheimniſſe ſeiner Bekannten zu beſitzen, noch mehr ſteigerte. Er hatte ſo viel Zeit, um etwa ein Dutzend Muth⸗ maßungen über die Perſönlichkeit der Eingetretenen anzuſtellen, bevor dieſelbe ſich rührte; und endlich ſah er, oder glaubte er wenigſtens zu ſehen, daß die Thüre ſich langſam zu ſchließen anfing, gleich als wenn die Eingetretene plötzlich zu einem andern Entſchluſſe ge⸗ kommen wäre. Mochte dieſes nun ein bloßer Spuk ſeiner aufgeregten Phantaſie ſein, oder nicht, ſo viel iſt gewiß, daß eine plötzliche Geberde der Ungeduld 2— 0 — 247 von ſeiner Seite eines der Kiſſen des Sopha's auf den Boden war. Ein kleiner, kaum hörbarer Schrei ent⸗ fuhr dem Frauenzimmer, und alsbald ſchlug die Thüre zu. Norwood erreichte letztere in einem Sprunge; al⸗ lein obgleich er, als er die Thüre aufriß, noch das Rauſchen eines Frauenkleides im Gange hören konnte, ſo ließ doch das haſtige Zuſchlagen und Zuſchließen einer andern Thüre keinen Gedanken an eine weitere Verfolgung aufkommen, und er ſtand nun da, über das, was ſich zugetragen, nachſinnend, und faſt an deſſen Wirklichkeit zweifelnd. 7 „Meine ſchöne Beſucherin gehört wenigſtens zur Familie; darauf kann ich mich verlaſſen,“ ſagte er, indem er ein Licht anzündete, um die Lokalität ein we⸗ nig genauer zu unterſuchen. Indeſſen hörte der Corri⸗ dor plötzlich bei einer kleinen Thüre auf, die von Innen verſchloſſen war; in welchen Theil des Hauſes dieſelbe aber führte, das konnte er nicht einmal muthmaßen. Er war übrigens der Mann, der leicht den Schlüſſel zu einem ſolchen Abenteuer fand. Es war einer jener Vorfälle, womit ihn ſein Lebenslauf einigermaßen ver⸗ traut gemacht hatte; und Wenige waren ſo gut, wie er, im Stande, jede Lücke einer ſolchen Geſchichte durch Muthmaßungen auszufüllen. Auch war er nicht der Mann, der einen Verdacht zurückwies, wie ſehr derſelbe auch jedem Begriff von Ehre zuwiderlaufen, und wie unwahrſcheinlich derſelbe auch jedem andern minder la⸗ ſterhaften Menſchen erſcheinen mochte. Indeſſen zweifelte er während einiger Augenblicke beinahe, ob das Ganze nicht ein bloßer Traum gewe⸗ ſen. So plötzlich war die Geſtalt erſchienen; ſo kurze Zeit hatte ſie ſich gezeigt; ſo ſpurlos war Alles wie⸗ der verſchwunden. Indeſſen dauerte dieſer Zweifel nicht lange, denn, als ſeine Augen auf den Boden ſielen, ge⸗ wahrte er ein kleines Stück von einem Spitzenkleide, das offenbar beim Zugehen der Thüre abgeriſſen wor⸗ 248 den war. Norwood hob es auf, und ſetzte ſich, um es aufmerkſam zu unterſuchen.⸗. „Point d'Alengçon!“ ſagte er, das dentet auf etwas Außergewöhnliches hin; und ſolche Spitzen ſind es! Wer hätte gedacht, daß George Ouslow den Lo⸗ thario ſpielte! Allein es iſt ſo der Brauch in Italien. Und nun gilt es, die Perſon ausfindig zu machen.“ Er ließ ein halbes Dutzend Namen, in denen faſt eben ſo viele Nationalitäten repräſentirt waren, vor ſeinem Geiſte vorüber gehen; allein an jeden knüpfte ſich wieder ein kleiner Zweifel.„Schadet Nichts,“ dachte er,„die Sache bleibt geheim.“ Plötzlich erinnerte er ſich, daß er einem Bekannten das Verſprechen gegeben, einige Tage lang in der Ma⸗ remma mit ihm zu jagen. Es war ihm nicht unlieb, einen ſo guten Grund zu einer einige Tage dauernden Abweſenheit gefunden zu haben; er ſtand daher auf, und ging nach ſeinem Hotel zurück, nachdem er zuvor das kleine Spitzenſtuͤck ſorgfältig in ſein Taſchenbuch gelegt hatte;— denn es bildete daſſelbe den Schlüſſel zu einem Geheimniſſe, dem er ſpäter auf den Grund zu gehen entſchloſſen war. . 7 Nennundzwanzigſtes Kapitel. Frank's Reiſe. Unſere Leſer mögen ſchon längſt vermuthet haben, daß Frank Dalton's Lauſbahn als Soldat weder ſehr abenteuerlich, noch ſehr aufregend geweſen ſein müſſe, da wir ihn ſonſt wohl nicht ſo ganz aus den Augen —-——-—— 249 verloren haben würden. Als er ſich von Hanſerl trennte, um ſeine Reiſe fortzuſetzen, war ſein Herz voller Gefühle, die miteinander im Kampfe lagen: bald gewann die Liebe zur Heimath, bald die Hoffnung künftiger Auszeichnung bei ihm die Oberhand, ſo daß, während die Gefühle der Liebe ihn ſtets rückwärts zo⸗ gen, ſein Ehrgeiz ihn vorwärts trieb. „Ich hätte ſo glücklich ſein können, wenn ich bei ihnen geblieben wäre,“ dachte er,„und wenn ich auch das Leben eines Bauers mit ſeinen täglich wiederkeh⸗ renden Mühen geführt hätte. Ich würde mir kein grö⸗ ßeres Glück gewünſcht haben, als bei und mit den Mei⸗ nigen zu leben, umgeben von einer Liebe, die uns Alle glücklich machte und uns alle Genüſſe des Reichthums in ſo reichem Maaße erſetzte. Und doch würde in die⸗ ſer Niedrigkeit wieder etwas Unedles gelegen haben— Etwas, was einem Dalton nur übel anſtehen würde. So verſtanden meine Ahnen ihre Stellung nicht— ihre Herzen wurden von keinem ſo niedrigen Ehrgeiz bewegt. Graf Stephan ſelbſt würde wohl um dieſe Stunde noch in eben ſo großer Armuth und in ebenſo niedriger Stellung leben, wie wir, wenn er alſo ge⸗ dacht hätte; und jetzt iſt er Feldmarſchall, mit dem Maria⸗Thereſia⸗Orden auf der Bruſt! und zwar, ohne daß er auch nur einen Freund gehabt hätte, der ihm mit Rath und That beigeſtanden wäre! Wie edel iſt eine Laufbahn, wo das Verdienſt ganz allein und ohne fremde Beihülfe ſich emporarbeitet— wo, ohne das unwürdige Mittel der Gönnerſchaft, ein Feld ehrenvol⸗ len Strebens für Jeden offen und frei daliegt! Welch' edle Gedanken, welch' kühne Entſchlüſſe und Aſpiratio⸗ nen gibt nicht eine ſolche Laufbahn ein! Er ſoll ſich meiner nicht zu ſchämen,— ſoll für das Blut der Dalton's nicht zu erröthen haben,“ ſprach der Jüng⸗ ling enthuſiaſtiſch; und ſchon ſah er im Geiſte den al⸗ ten Grafen ſeelenvergnügt darüber, daß er einen ihres Namens ſo würdigen Neffen gefunden, und ſchon malte 250 er ſich künftige Scenen aus, wo er figurirte. Es hat⸗ ten alle denſelben roſenfarbenen Anſtrich; denn wäh⸗ rend ihm bei einigen hohe Belohnungen für ſeine Großthaten wurden, war er bei andern der eifrig ge⸗ ſuchte und gehätſchelte Gaſt der hohen Welt und der Schönheit.„Und denken, daß ich einmal ſo geweſen!“ rief er, über den Einfall lachend;„daß ich einmal mit dem Torniſter auf dem Rücken, wie ein Handwerksbur⸗ ſche während ſeiner Wanderjahre, auf der Chauſſee müh⸗ ſam einherwandelte;“— und dann gelobte er bei ſich, „daß er ſich in dem beſcheidenen Aufzuge, in dem er in die Welt hinausgezogen, malen laſſen wolle, um einſt dieſes Bild neben das des decorirten Soldaten hängen zu können.“ Die Selbſtſucht kann gar vielerlei Masken tragen. Bisweilen kann ſie Züge annehmen, die faſt edel ge⸗ macht werden müſſen— öfter aber ſind dieſelben über⸗ aus gemein. Frank's Egoismus gehörte zur erſteren Klaſſe. Er wollte durch eine ehrenvolle Laufbahn eine angemeſſene Stellung in der Geſellſchaft erringen; allein es ging ihm dabei ganz und gar das größte Element des Glücks ab— die Geduld, die, aus Beſcheidenheit und Selbſtvertrauen zuſammengeſetzt, warten kann, und die Preiſe des Lebens verdient, ehe ſie dieſelben fordert. Indeſſen war ſein Familienſtolz ſein größter Fehler, da er zu einem falſchen Begriffe in Betreff deſſen, was man mit dem Worte„Diſtinktion“ bezeich⸗ net, Anlaß gab; und es war derſelbe eine ſo grundloſe Prätenſion, daß er, gerade wie eine falſche Banknote, den Inhaber ſelbſt in Verlegenheit bringen und ihm verderblich werden mußte. So erfüllt war er von ſich und ſeiner Zukunft, daß er, während er ſo fortwanderte, von dem Wege nur wenig wahrnahm. Aus einem Gefühle des Stol⸗ zes die Geſellſchaft anderer Fußreiſenden vermeidend, wanderte er allein vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abende fort. Der Weg war größtentheils truͤbſelig und —— — —; 251 unintereſſant, und führte entweder durch düſtere und unheimliche Tannenwälder, oder über große ſumpfige Ebenen, wo die hohen Mais⸗Stoppeln, oder die ver⸗ krüppelten Weinſtöcke die einzigen Spuren von Vegeta⸗ tion waren. Als er indeſſen dem Tyroler⸗Lande näher kam, erſchienen die hohen Berge, während das beſtän⸗ dige Anſteigen des Gebirges ihm ſagte, daß er allmäh⸗ lig das Land der Gletſcher und Schneegipfel erreiche. Jeden Tag fand er die Straße einſamer: dieſe abgele⸗ genen Gegenden waren von den Handwerksburſchen wenig beſucht, ſo daß Frank oft von Tagesanbruch bis in die Nacht hinein auch nicht einen Reiſenden traf. Vielleicht war ihm das nicht ſo ganz unlieb, da er auf dieſe Weiſe zu jenen Träumereien in wachem Zuſtande, an denen er ſo viel Gefallen fand, mehr Zeit hatte. Dann und wann verſcheuchte zwar ein rieſiger, in der Sonne erglänzender Berg, oder eine düſtere, einige tau⸗ ſend Fuß unter ihm ſich hinziehende Schlucht ſeine Träumereien und verſetzte ihn eine Zeitlang in ein an Betäubung grenzendes, verwunderungsvolles Staunen; allein ſeine Gedanken ſchlugen bald wieder den gewohn⸗ ten Weg ein, und dann ging es auf dem mühſamen Pfade weiter. Da Frank ſchon vor Tagesanbruch ſich auf den Weg machte, und bis zur ſpäten Abendſtunde, mit dem Stocke in der Hand, fortwanderte, ſo machte er oft an einem Tage eben ſo viele Meilen, als der Reiſende, der ſich durch Poſtpferde weiter befördern ließ, aber bloß die wenigen Mittagsſtunden auf der Straße zu⸗ brachte; und in der That hätte er ſo, wäre er von ſeinen Gedanken weniger abſorbirt geweſen, die Eile, mit der er reiste, meſſen können, da auf dem Wege mehrere Tage hindurch eine Kaleſche mit drei Poſtpfer⸗ den regelmaͤßig und ſtets etwa um dieſelbe Stunde an ihm vorbeigekommen war. Frank aber ſah von Allem dem Nichts; und als er an einem hellen und froſtigen Tage den Arlberg 2⁵² hinanzuſteigen begann, hatte er keine Ahnung davon, daß der Wagen, der ihm etwa eine Viertelſtunde voraus war, ſeit einer ganzen Woche ſein Reiſegefährte geweſen. Da Frank nicht allen Windungen der Straße folgen wollte, ſo ſchlug er die Fußpfade ein, wodurch ſich die Zickzacke abſchneiden ließen, und war ſo der Kaleſche bald eine gute Strecke voraus. Endlich befand er ſich auf der halben Höhe der Steige, und ruhte einige Minuten auf einer der Bänke aus, welche die deutſche Fürſorge nie vergißt, zu Gunſten des Reiſenden an paſ⸗ ſenden Orten anzubringen. Eine niedrige, einige Fuß hohe Bruſtwehr trennte den Weg von einem tiefen und faſt ſenkrecht abfallenden Abgrunde, an deſſen Fuß, in eine Tiefe von mehr denn zweitauſend Fuß, das Dorf Stüben lag. Dort ſtand die kleine Kapelle, in der er an dieſem Morgen noch die Meſſe gehört— dort, der kleine Platz, wo er die Poſtpferde für die Reiſenden hatte tränken und anſpannen ſehen; dort befand ſich auch der kleine, mit Stroh bedeckte Brunnen, an dem gar viele Eiszapfen im Sonnenſcheine glänzten. So⸗ gar die Stimmen der Leute, und die Töne einer Leier⸗ orgel drangen durch die ſtille Atmosphäre bis zu ihm herauf. Es war eine Seene voll friedlicher Iſolirung, wie ſie Nelly gefallen haben würde. Es war ein Dorf, ähnlich denjenigen, die ſie ſelbſt oft geſchnitzt hatte, um einen Winterabend angenehm auszufüllen,— und Frank's Augen füllten ſich mit Thränen, als er an ſie und an die Heimath dachte. Plötzlich wurde Frank durch ein Geräuſch von Füßen, die ſich auf dem Schnee fortbewegten, aus ſei⸗ nen Träumereien aufgeweckt, und als er ſich umſchaute, ſah er einen Reiſenden, der langſam den Weg herauf⸗ kam. Seine Kleidung verrieth augenblicklich, daß er bloß aus Liebhaberei zu Fuße gehen müſſe, und daß er ſeinem Wagen bloß vorangehe. Frank konnte, ſo flüch⸗ tig er ihn auch anſah, doch ſehen, daß es ein junger und hübſcher Mann war, deſſen kühne, aber etwas —; 2⁵53 ſtrenge Züge gar gut zu einer gewiſſen militäriſchen Haltung paßten. „Sie ſind ein guter Fußgänger, junger Burſche,“ ſagte er, Frank vertraulich anredend.„Wir ſind nun ſchon ſeit fünf Tagen Reiſegefährten; und obgleich ich Poſtpferde gehabt habe, ſo haben Sie doch mit Ihren Füßen ſtets die gleiche Strecke Wegs zurückgelegt.“ Frank berührte bei dieſer unceremoniöſen Anrede ſeine Mütze, und verbeugte ſich etwas ſteif, gab aber keine Antwort, ſondern beſchäftigte ſich damit, die Rie⸗ men ſeines Torniſters in Ordnung zu bringen. „Sind Sie Soldat?“ fragte der Fremde. „Cadet!“ erwiederte Frank ebenſo barſch. „Bei welchem Regimente, wenn ich fragen darf?“ „Bei Franz Carl!“ „Oh! mein eigenes altes Corps,“ ſagte der An⸗ dere fröhlich.„Ich habe im Banat vier Jahre bei demſelben gedient. Aus welchem Theile des Reichs ſind Sie— denn Sie haben nicht die Ausſprache eines Oeſterreichers?“ „Ich bin ein Irländer.“ „Ohl das erklärt es. Und Ihr Name?“ „Dalton. Und jetzt, mein Herr, welches iſt der Ihrige? Denn ich ſehe nicht ein, warum dieſe Neu⸗ gierde einſeitig bleiben ſollte,“ ſprach Frank mit einer Miene, die ſogar noch inſolenter war, als die Worte ſelbſt. „Ich bin Graf Ernſt von Walſtein,“ ſagte der Andere, ohne eine Spur von Gereiztheit zu zeigen. „Welchen Rang haben Sie in der Armee?“ fragte Frank kühn.— „Den eines Oberſtlieutenants, mein Junge.“ „Und Sie mögen etwa dreißig ſein?“ ſagte Frank, in halb fragendem und halb ſarkaſtiſchem Tone. „Letzten Auguſt war ich achtundzwanzig,“ lautete die ruhige Antwort. „Beim Zeus! das nenne ich ein raſches Avance⸗ 254 ment!“ rief Frank aus.„In Oeſterreich kann alſo ein Mann, der kaum zehn Jahre älter iſt, als ich, es bis zum Regimentscommandanten bringen!“ Der Andere lachte, und ſagte nach einer kurzen Pauſe: „Die Leute ſagen gewöhnlich, ich habe Glück ge⸗ habt; Sie dürfen daher nicht annehmen, mein Fall ſei die Regel.“ „Es ſei alſo; aber auch als eine Ausnahme be⸗ trachtet, iſt das Beiſpiel ein recht glänzendes. Ein Anderer kann ebenfalls thun, was Sie gethan haben.“ „Wenn Sie damit ſagen wollen, ich habe meinen Rang durch wirkliche Kriegsdienſte errungen, mein Junge,“ ſprach der Graf lächelnd,„ſo würden Sie ſich gar arg täuſchen. Meine Befördernng verdanke ich einem andern Grunde.“ 8 Frank blickte den Fremden an, als erwarte er eine weitere Erklärung; allein es kam keine. „Wie heißen Sie?“ fragte der Fremde Frank nach einer Pauſe. „Dalton,“ erwiederte der Jüngling in ehrerbieti⸗ gerem Tone, als vorher. 4 „Wir haben einen Feldmarſchall, der den gleichen Namen führt:— auch iſt er ein überaus tapferer alter Soldat.“ „Mein Großoheim!“ rief Frank mit Enthuſiasmus. „Wirklich! Sie ſind alſo ein Großneffe vom Gra⸗ fen von Auersperg?“ ſprach der Graf, den Jüngling aufmerkſamer muſternd.„Wie kommt es denn, daß Sie alſo, und zu Fuß reiſen?“ „Ich habe Sie nicht gefragt, warum Sie in einer Kaleſche mit drei Poſtpferden reiſen,“ fragte Frank un⸗ verſchämt. 4 „Es iſt ſo meine Gewohnheit.“ „Dann kann dieß die meinige ſein, mein Herr!“ ſagte Frank, den Torniſter auf die Schulter werfend und ſich reiſefertig machend. 25⁵ „Iſt nicht das Regiment Franz Carl in Wien?“ ſagte der Graf, der die Gereiztheit des Jünglings nicht wahrzunehmen ſchien. „Ich glaube ſo.“ „Wohlan denn! da ich dahin reiſe, ſo nehmen Sie vielleicht einen Platz in meiner Kaleſche an?“ Es lag in der Art und Weiſe, wie dieſes Anerbie⸗ ten gemacht wurde, eine Offenheit und Herzlichkeit, welche die üble Laune, in die Frank verfallen war, plötz⸗ lich verſcheuchte. Niemand war weniger, als er, ge⸗ neigt, ſich von einem total fremden Menſchen eine Gunſt erzeigen zu laſſen; allein der Ton und die ganze Weiſe des Fremden hatten das Anerbieten ſogar jedes Scheins einer ſolchen entkleidet, und als Frank ſo daſtand, ohne zu wiſſen, was er antworten ſollte, ſetzte der Graß hinzu: „Ich habe ſtets Glück. Ich hatte mir ſo eben noch einen Reiſegefährten gewünſcht, nnd ſiehe da, das Schick⸗ ſal hat uns zuſammengeführt!“ „Ich weiß nicht— ich kann kaum ſagen, wie oder was ich antworten ſoll,“ ſprach Frank zandernd. „Sie vergeſſen, daß wir Kameraden ſind, Dalton — oder es wenigſtens in einigen Tagen ſein werden,“ ſagte der Graf in vertraulichem Tone;„ſteigen Sie daher ein, und machen Sie keine weiteren Umſtände.“ Wäͤhrend er ſo ſprach, war die Kaleſche herange⸗ fahren, und der Courier ſtand, mit der Mütze in der Hand, neben dem Kutſchenſchlage, ſo daß Frank nur noch ſo viel Zeit blieb, um das Anerbieten kurz zurück⸗ zuweiſen, und das konnte er nicht; er verneigte ſich deß⸗ halb, und ſprang hinein. Die Thüre ward heftig zu⸗ geſchlagen, und im nächſten Augenblicke fuhr der Wagen über den Schnee hin, wobei die Glocken und Gloͤckchen an dem Geſchirre der Pferde luſtig klingelten. Es konnten wohl keine zwei Weſen einen ſtärkeren Contraſt darbieten, als die beiden Menſchen, die jetzt mit und neben einander reiſeten. Der eine reich, hoch⸗ 256 geſtellt, und im vollen Sinne des Worts ein Glücks⸗ kind,— dabei doch der Vergnügungen überdrüſſig, müde, und unzufrieden; der andere arm, und faſt ohne alle Freunde, aber voller Hoffnung, voll Feuer, und voll jugendlicher Schnellkraft. Der Graf war des Le⸗ bens gerade ſo überdrüſſig, als der Cadet vor Begierde brannte, daſſelbe zu genießen. Ungeachtet— vielleicht wäre es richtiger zu ſagen, in Folge— dieſer Charak⸗ ter⸗Widerſprüche gaben ſie Reiſegefährten ab, die treff⸗ lich zu einander paßten, und Jedem entſchwand der Weg, ohne daß er wußte, wie. Zu Innsbruck blieb man ein Paar Tage liegen, und Frank ging mit ſeinem neuen Freunde in die Kaffee⸗ häuſer und Theater, und miſchte ſich unter den Haufen derjenigen, deren Leben eine fortgeſetzte gemüthliche Verſchwendung iſt. Zwar ſah ſich Frank, um ſich die⸗ ſen in Kleidung und Lebensweiſe gleichzuſtellen, ge⸗ zwungen, die Goldſtücke in Nelly's Börſe auszugeben; ein Louisd'or wurde nach dem andern vergeudet, und es koſteten ihm dieſe Opfer manchen ſchweren Seufzer; allein ſein Stolz gebot ihm, dieſe Verluſte mit anſchei⸗ nender Gleichgültigkeit zu ertragen. Walſtein ſtellte ihn überall als den Neffen des alten Feldmarſchalls von Auersperg vor; und da es etwas ganz Gewöhnliches war, Cadetten zu ſehen, die an Equipagen, Livreen und Diener ungeheure Summen verſchwendeten, ſo ſchien es Niemanden zu überraſchen, daß der Jüngling dieſe Ge⸗ wohnheiten theilte. Schon die Art und Weiſe, wie er an allen Genüſſen Antheil nahm, ſchien zu beweiſen, daß er an ſolche Lebensweiſe längſt gewöhnt ſei; denn mochte er trinken oder ſpielen, oder ſich bei irgend einer andern Ausſchweifung betheiligen— immer war ſeine Stimmung eine gleich fröhliche; und Frank Dalton war allem Anſchein nach mit Glücksgütern reich geſeg⸗ net. Anfangs ſielen ihm zwar dieſenigen ein, durch deren Opfer er in den Stand geſetzt worden war, ſich ſo koſtſpielige Vergnügungen zu verſchaffen;— er dachte A . 25⁵7 an die Armuth der Seinigen, und fühlte, vor lauter Scham und Kummer, ſich vor ſich ſelbſt erniedrigt; allein bald folgte— wie es immer zu gehen pflegt— der leichtſinnigen Handlung die leichtſinnige Denkungs⸗ weiſe, und er überredete ſich,„daß er nicht ſchlechter wäre, als Andere.“ Einer unglückſeligeren Philoſophie huldigte noch nie ein Jüngling, und der, deſſen Vor⸗ bild kein erhabenes iſt, ruht ſelten eher, als bis er unter daſſelbe ſogar noch hinabſinkt. Der Familienſtolz machte Frank eitel, und die Eitelkeit leichtgläubig; er glaubte daher unbedingt Alles, was ſeine neuen Ge⸗ ſellſchafter ihm ſagten. Dabei gab das vertrauliche„Du“ der Kameradſchaft allen Schmeicheleien einen Anſtrich von Freundſchaft. „Wäͤre ich der Neffe eines Feldmarſchalls, wie Du, ſo würde ich nicht bei einem Infanterie⸗Corps dienen. Ich würde unter die Liechtenſtein Huſaren, oder unter die Kaiſer Uhlanen treten,“ ſagte Einer. „Das wird er auch thun,“ rief ein Anderer. Dalton iſt bloß deßhalb zu Franz Carl gegangen, da⸗ mit er bald avancirt. Iſt er einmal in Wien, ſo avan⸗ eirt er zum Offizier, und dann kann er in ein anderes Regiment treten.“ „Der alte Auersperg kann Dich zu Allem machen, was er will, Junge,“ ſagte ein Dritter.„Er ſelbſt hätte Kriegsminiſter werden können, wenn er Luſt ge⸗ habt hätte. Kaiſer Franz liebte ihn wie einen Bruder.“ „Auch iſt er reich; Niemand weiß, wie viel er be⸗ ſitzt,“ fiel ein Vierter ein.„Er hat lange Jahre an der türkiſchen Grenze commandirt, zu einer Zeit, wo unſere Grenzer über die Dörfer herzufallen pflegten, und jedes Paſchalick den Frieden mit ſchwerem Gelde erkaufen mußte.“ „Du biſt wahrlich ein glücklicher Burſche, Dalton, daß Du ein ſo ſicheres Avancement und eine ſo ſchöne Erbſchaft in Ausſicht haſt.“ Die Daltons, II. 17 258 „Wenn Du einmal ein Regiment haſt, Junge, ſo vergiß doch nicht uns arme Teufel hier, die wir keine mit dem Maria Thereſia Orden geſchmückten Oheime haben.“ „Ich gebe mein Leben zum Pfande, wenn er nicht Oberſt iſt, ehe ich Rittmeiſter werde,“ ſagte ein junger Dragoner⸗Lieutenant;„und doch habe ich fünf Jahre zau⸗ in Galizien und Serbien einen ſauern Dienſt ge⸗ a f.* „Und warum denn nicht?“ ſiel Graf Walſtein ein, der bis daher geſchwiegen und in einer Ecke ruhig ſei⸗ nen Meerſchaum geraucht hatte.„Hat das Reich ſeinen ariſtokratiſchen Charakter verloren? Müſſen nicht Ge⸗ burt und Blut berückſichtigt werden, wie ſeit uralten Zeiten?“ Die Worte fanden allgemeinen Beifall, denn die Geſellſchaft beſtand aus Solchen, die entweder wirk⸗ lich adelig waren, oder doch es zu ſein affektirten. „Wie doch unſere Väter ſich täuſchen, indem ſie uns zu täuſchen ſuchen!“ ſagte ein junger ungariſcher Cadet.„Auch ich ſollte zu Fuß zu meinem Regimente ſtoßen. Denket Euch einmal— ich ſollte von Arad nach Preßburg zu Fuß gehen! Ich, der ich in meinem ganzen Leben noch keine zehn Stunden gemacht hatte, es ſei denn zu Pferde. Man gab mir einen Torniſter — gerade ſo ein Ding, wie das Dalton's. Auch glaube ich, daß etwa ebenſo viele Gulden in meiner Börſe klingelten, wie in der ſeinigen. Meine Eltern gaben mir ihren Segen und eine Reiſekarte, worauf jede Tage⸗ reiſe bemerkt war. Und wie weit glaubſt Du wohl, daß ich zu Fuß gegangen ſei?— Nicht ganz eine Stunde. Dann nahm ich einen Eilbauer mit vier guten Pferden und einem Korbwagen; da machten wir täg⸗ lich unſere fünfzehn bis zwanzig Stunden. Jeden Abend hielten wir bei einem ſchönen Edelfitze an, der einem Hunyady, Czecheny, oder Palfy gehörte; alle lagen an der Hauptſtraße, und ich fand wohl fünfzig 259 Vettern, von denen ich noch nie gehört, und machte auch eine famoſe Bekanntſchaft— die des Fürſten Paul von Ettlingen nämlich, der, als Inhaber eines leichten Dragoner⸗Regiments, mich in ſein Corps aufnahm; und als ich in Teutmeritz zu demſelben ſtieß, war ich bereits Offizier. „Was doch die Leute dummes Zeug ſchwatzen! Da predigen ſie Sparſamkeit! Sind wir Söhne von Bauern und kleinen Kaufleuten? Auch ſteht es ihnen in ihren fürſtlichen Schlöſſern wohl an, uns zu ſagen, daß wir wie gemeine Soldaten leben müſſen! Demnach müßte ich, nachdem ich geſtern noch an einem mit Sil⸗ ber beladenen Tiſche geſeſſen und meinen Tokayer aus einem venezianiſchen Glaſe getrunken, mich heute mit ſaurem Melnicker, oder vielleicht mit bayeriſchem Biere und ſchwarzem Brode begnügen, und vielleicht dürfte ich noch eine Wurſt eſſen, um das Alles leichter hinunter zu bringen! „Die würdigen Herren, denen wir das Leben ver⸗ danken, wirthſchafteten ein Bischen anders in ihren jungen Tagen,— oder hätten wir ſonſt ſo viele Schulden auf unſern Gütern— he, Walſtein?“ „Die Welt bleibt ſich, glaube ich, immer ſo ziem⸗ lich gleich,“ ſprach der Graf lachend.„Dann und wann will ſie zwar einen Anlauf zur Tugend nehmen, und affectirt beſſer zu ſein, als früher; allein es will mich bedünken, daß der Unterſchied einzig und allein in der hypokritiſchen Prätenſion liegt. Als ich in die Armee trat,— und es iſt ſchon ſo lange, daß es mir kaum noch denkt— lautete die Lieblingsphraſe, daß man die ſtrenge Schule aus den Tagen des alten Fritz und der Maria Thereſia zum Vorbild nehmen müſſe. Trenck's Panduren, mit ihren in die weiten Stiefeln geſteckten ſcharlachrothen Hoſen, waren damals die höchſte Mode, und ein ächter Soldat war allein daran zu er⸗ kennen, daß er einen bis an die Schultern reichenden Schnurrbart trug, und jeden Augenblick„„Beim Henker!a¹ 260 und„„Alle Blitze““ rief. Jetzt haben wir Alles das geändert. Wir haben nun, als Anglomanen, engliſche Grooms und Cquipagen, Stulpenſtiefeln, Curricles,*) Hurdle⸗Races,**) Champagner⸗Soupers. Dalton wird bei ſeinem Regimente den Ton angeben, und jede Extra⸗ vaganz, mit der er vorangeht, wird gewiß Nachahmer finden.“ Der Jüngling erröthete hier tief, theils weil ſein Stolz ſich geſchmeichelt fühlte, theils weil er ſich inner⸗ lich ſchämte,— wohl wiſſend, daß die Schmeichelei hier gar übel angebracht ſei; und ſelbſt die Aufrichtigkeit, womit ſeine Cameraden ſeine Geſundheit tranken, ver⸗ mochten die Vorwürfe nicht zu erſticken, die er ſich ſelbſt machte und worunter er litt. „Du biſt auch ein einziger Sohn, Dalton!“ ſagte ein Anderer.„Mit welchen Gunſtbezeigungen wird das Gluͤck Dich glücklichen Burſchen überſchütten! Hier bin ich einer von ſteben; und obwohl mein Vater Reichs⸗ graf iſt, ſo müſſen doch vier von uns bei der Infanterie dienen.“ „Was will das heißen?“ ſprach ein Burſche von dunkler Geſichtsfarbe, deſſen hohe Backenknochen und ſpitze Unterkinnlade einen Polen verriethen.„Ich bin Second⸗Lieutenant bei dem Regimente, das mein Groß⸗ vater auf ſeine eigenen Koſten errichtete und equipirte; und würde ich morgen Landsknecht ſpielen und tauſend Gulden verlieren, ſo müßte ich, wie der gemeinſte Burſche beim Corps, als bankerott meinen Abſchied nehmen.“ „Es iſt beſſer, wenn man ein reicher Engländer iſt,“ rief Einer. „Und wenn man einen Feldmarſchall zum Groß⸗ oheim hat,“ ſiel ein Anderer ein. „Und einen„„Maria⸗Thereſia,““ der Einem den Offtziersgrad verſchaffen kann,“ ſagte ein Dritter. *) Zweiräderige Wagen. **) Hürden⸗Rennen. 261 „Es iſt doch etwas Luſtiges um das Soldatenleben,“ ſagte ein junger Boͤhme, der⸗ obwohl bloß Cadet, ein Fürſt war, und ein ungeheures Vermögen beſaß.„Cs fehlt ſonſt Nichts, als ein Krieg, um es zum allerbeſten Leben zu machen.“ r„Ein⸗Krieg mit wem?“ riefen Mehrere auf ein⸗ mal. „Was ſchere ich mich darum? Mit wem, oder wo, — iſt mir gleichgültig. Mit Preußen, wenn Ihr wollt, um wegen Schleſiens abzurechnen;— mit Rußland, wenn es Euch lieber iſt, wegen der Donau⸗Provinzen, und wegen ſeiner ſerbiſchen Suprematie;— mit Frank⸗ reich, denn dieſes iſt immer parat, mit oder ohne Grund; — mit Italien, um unſere Grenze abzurunden, und dieſelbe bis zu den Apenninen vorzuſchieben;— faſt würde ich ſagen, mit England, nur befürchte ich, da⸗ durch Dalton zu mißfallen.“ „Und wo würdeſt Du mit England anbinden 2 ſagte Frank lachend. „Ganz leicht— durch unſern Geſandten bei der Pforte, oder an irgend einem fernen Platze, wo Ruß⸗ land ſein Nebenbuhler iſt.“ „Zum Henker mit Eurer Politik!“ fiel ein Ungar ein.„Laſſet uns kämpfen, wenn die Zeit kommt; allein die Köpfe wollen wir uns darüber nicht zerbrechen. Lieber möchte ich, ſo oft man es haben will, meinen Kopf einem Säbelhiebe ausſetzen, als denſelben durch zu vieles Denken ermüden. Ich trinke Deine Geſund⸗ heit, Dalton— mögeſt Du bald Huſaren⸗Rittmeiſter ſein, Junge; etwas Schöneres kannſt Du Dir nicht wünſchen!“ „Du ſollſt uns im„„Schwan““ ein luſtiges Souper geben, Dalton, wenn wir in Wien mit einander zu⸗ ſammenkommen,“ ſagte ein Anderer. „Und dann wollen wir mit dem beſten Tokayer, der aus Palfy's Weinbergen kommt, das Wohl Deiner Schweſtern trinken— und ich will verdammt ſein, wenn nicht Beide hübſch ſind.“ 262 „Mein Regiment kommt nächſten Monat nach Wien — in die Leopoldsſtadt— in Garniſon, und ich werde Dich an dieſe Geſundheit erinnern.“ „Und wir kommen nach Linz,“ fiel ein Anderer ein;„und Du darfſt auf mich zählen, wenn ich auch einige Tage Zimmer⸗Arreſt dafür bekomme.“ „Es iſt alſo ausgemacht, Dalton: wir ſind Deine Gäſte. An welchem Tage kommen wir zuſammen?“ „Ja, ja, wir wollen den Tag beſtimmen,“ ſchrieen Mehrere auf einmal. 3 „Wenn er zum Offtzier ernannt iſt,“ ſprach Wal⸗ ſtein;„es wird dieß immer noch früh genug ſein.“ „Nein, nein,— einen Monat nach ſeiner Ankunft in Wien,“ rief der Böhme.„Ich habe auf Grund meiner Beförderung ſchon drei Frühſtücke und fünf Soupers gegeben,— und noch iſt die Beförderung nicht gekommen.“ „Das Souper ſoll alſo, auf den Tag hin, einen Monat nach meiner Ankunft Statt finden,“ ſagte Dal⸗ ton.„Wo kommen wir zuſammen?“ „Im„„Schwan,““ mein Junge:— dem erſten Reſtaurant Europa's. Die Leute mogen vom Cadran Bleu und den Trois Frères noch ſo Viel ſchwatzen: ich nehme Hetzinger's Koch gegen die ganze Welt in Schutz; und was den Wein betrifft, ſo hat er Stein⸗ kammer, die Flaſche zu dreißig Gulden! Wir wollen auch davon trinken,— nicht wahr, Dalton? Und dann wollen wir Deinen alten Großvater oder Großoheim leben laſſen. Wir werden ſeinem Leben zehn Jahre hinzufügen.“ „Ein ſchlechter Dienſt, den wir da unſerem Freunde Dalton erweiſen werden!“ ſprach ein Anderer;„aber hier kommen Walſtein's Pferde, und jetzt noch ein Glas zum Abſchied!“ Der Abſchied ſchien in der That ein„gar ſüßer Kummer“ zu ſein, denn Flaſche folgte auf Flaſche, und es ſchien die Freundſchaft ſelbſt wunderbare Fortſchritte — 263 zu machen, während man ſo ein Glas nach dem andern leerte. Endlich machte der dritte Ruf des Poſthorns — eine Aufforderung, der ſelbſt die deutſche Loyalität nicht den Muth hatte, zu widerſtehen— dem Zechen ein Ende, und Frank befand ſich abermals in der Kaleſche, wo wenigſtens ein Dutzend Hände ſich um die Ehre ſtritten, die ſeinige zum letzten Male zu ſchütteln, und ein Heer von Glückwünſchen ſich mit dem Geräuſche der knarrenden Räder vermiſchte.. „Prächtige Burſche!“ rief Dalton, faſt außer ſich vor Entzücken;„ſolche Kameraden ſind wie Brüder!“ Walſtein lächelte über den Enthuſiasmus des Jüng⸗ lings, und zündete ſchweigend ſeine Meerſchaumpfeife an; und ſo reiſeten ſte weiter, Jeder zu ſehr erfüllt von ſeinen eigenen Gedanken, als daß er hätte ein Ge⸗ ſpräch anknüpfen mögen. In einem ſolchen Augenblicke konnte Dalton keinen düſteren oder ernſten Gedanken Raum geben; die freundliche Aufnahme, die er bei ſeinen neuen Kameraden gefunden, erfüllte ſeinen Geiſt zu ſehr, um irgend eine Nebenbuhlerſchaft zuzulaſſen; und ſelbſt wenn er ſeine Gedanken der Heimath zu⸗ wandte, geſchah es nur, um ſich den Stolz ſeines Va⸗ ters vorzuſtellen, wenn dieſer ihn in der Geſellſchaft der hochgeborenen jungen Männer ſehen koͤnnte; um ſich Kate's Entzücken über die ihm zu Theil werdende Auf⸗ merkſamkeit zu vergegenwärtigen;— und ſelbſt Nelly — die arme Nelly!— würde, glaubte er, in ihrer holden Weiſe, wenn auch vielleicht mit halbem Wider⸗ ſtreben, eine Kameradſchaft billigen, die, wenn gleich koſtſpielig, doch gewiß ehrenhaft und hochherzig ſei. „Was würde wohl der arme Hanſerl ſagen,“ dachte er,„wenn er mich mit denen, deren glorioſe Namen der Stolz des öſterreichiſchen Ritterthums find— wenn er mich mit einem Thun, einem Lichtenſtein, einem Schwartzenſchild, einem Walſtein— Familien, ſo alt, wie die Habsburger ſelbſt— an einem Tiſche ſähe! Der kleine Hanſerl, dem dieſe ruhmvollen Familien die 264 großen Lichter der Geſchichte waren— oh, wie würde er mich geſtern Abend angeſchaut haben! wo ſie, die Arme um meinen Hals legend, mich ihren Kameraden nannten!“ Und dann dachte er an ſeinen Oheim, und bekleidete den alten Feldmarſchall mit allen edlen und einen Soldaten zierenden Attributen, und ſtellte ſich ihn, vor Allem, als von Liebe und Güte überfließend vor. Welche Menge von Fragen richtete er an ihn in Be⸗ treff ſeines Vaters und ſeiner Schweſtern— wie oft mußte er ihre Namen wiederholen und von ihrer Fa⸗ milien⸗Aehnlichkeit erzählen— wie oft mußte er auf die geringſten Einzelheiten der Familien⸗Geſchichte zurückkommen, und ihr tägliches Leben bis auf die ein⸗ fachſten Vorkommenheiten ſchildern!„Denn Oheim Stephan würde ja Alles wiſſen wollen.“ Unter ſolchen angenehmen Phantaſien ſchlief er feſt ein, um dieſelben noch in ſeinen Träumen fortzuſpinnen, — Phantaſten, denen, ſchon in wachem Zuſtande, die Vernunft ſo gar keinen Zügel anlegte. Frank Dalton wurde aus einem tiefen Schlafe und einem angenehmen Traume von der Heimath durch die heiſere Stimme eines berittenen Dragoners aufgeweckt, der dem Poſtillon anzuhalten befahl; und als er hin⸗ ausblickte, ſah er, daß ſie ſich dicht neben der Ecke der großen hölzernen Brücke befanden, die unter den Wällen von Wien, über die Donau führt. Die ganze Scene erfüllte ihn mit Staunen und Verwunderung. Zu ſei⸗ nen Füßen wälzte ſich der ſchnelle Donauſtrom fort: die ungeſtümen Fluthen ſpritzten und ſchäumten unter den Eisſtücken, die aus den Berg⸗Gegenden herabge⸗ ſchwommen waren, und jeden Augenblick mit donner⸗ ähnlichem Gekrache an den ſteinernen Eisbrechern zer⸗ ſchellten. Jenſeits des Fluſſes erhoben ſich die befe⸗ ſtigten Wälle der Stadt, mit ihren dichten Menſchen⸗ maſſen, die ſich hier verſammelt hatten, um einem gro⸗ ßen militäriſchen Schauſpiele anzuwohnen, das, mit all' ſeiner kriegeriſchen Pracht, von dem dunklen 265 Bogen des Eingangsthores ausging, ſich über das „Glacis“ hinwand, die Brücke überſchritt, und nach dem Prater hin ſich entfaltete. Es war ein ſchöner, heller Wintertag; der blaue Himmel faſt wolkenlos, und Alles zeigte ſich in der dünnen Atmoſphäre in ſcharfen und feſten Umriſſen. Nichs konnte für den Effekt eines ſolchen Schauſpiels günſtiger ſein. Die Waffen der Krieger glänzten und funkelten, und blitzten, wie Silber— die hellfarbigen Schabracken und die brillanten Uniformen zeigten ſich in all' ihrer Pracht— die ſcharlachrothen Uhlanen, die blauen Huſaren, die Küraſſire mit ihren hohen Helmen fuchten in kriegeriſcher Haltung es einander zuvorzu⸗ thun; während die dichten Infanterie⸗Maſſen ſich wo⸗ genartig fortbewegten— ähnlich einem großen aufge⸗ regten Meere. Es war eine in allen Einzelnheiten vollſtändige Armee; denn es war Alles da— bis zu den Krankenwagen herab. „Eine Revüe vor dem Kaiſer!“ ſagte Walſtein; „und ſehen Sie, dort kommt ſein Stab!“ Und er deutete auf eine Gruppe von Reitern hin, deren flatternde Federbüſche und loſe herabhängende Dolmans man nicht weit davon auf der Ebene ſehen konnte. „Oh, wir wollen ihnen folgen!“ rief Frank enthu⸗ fiaſtiſch.„Ein ſo glorreiches Schauſpiel habe ich mir nicht einmal als möglich gedacht!“ „Sie werden noch genug ſolche— vielleicht noch zu viele zu ſehen bekommen!“ ſprach der Graf mit matter Stimme.„Es iſt ein Lieblingszeitvertreib un⸗ ſers alten Generals, uns in der Mitte des Winters ausrücken und einen Tag im Schnee des Praters zu⸗ bringen zu laſſen.“ „Wer möoͤchte auch an das Wetter oder an die Mühſeligkeiten denken, wenn er bei einer ſolchen Scene betheiligt iſt?“ ſagte Frank. 1 „So denken offenbar die würdigen Feldmarſchäͤlle 266 und Diviſionsgenerale, die gut beritten und in warmen Pelzröcken ſteckend, eine Stunde nach uns herangeſprengt kommen, und, ſobald ſie„die Parade abgehalten“ haben, wieder nach Hauſe reiten, und uns, ſo gut wir koͤnnen, durch die naſſen, ſchmutzigen und ſchlüpfrigen Straßen in unſere kalten Kaſernen zurückmarſchiren laſſen. Aber das gerade Gegentheil denken jene armen Kerls dort, mit den blauen Geſichtern und halb erfrorenen Knöcheln; die ſind weder ſtolz auf dieſes Schauſpiel, noch haben ſte viele Sympathie für das Gelingen eines ſogenann⸗ ten„ſchönen Manoeuvres.“ Frank ſchüttelte ungläubig den Kopf. Er wollte die ausgeſprochene Anſicht nicht gelten laſſen, und doch wußte er auf der andern Seite nicht, wie er dieſelbe widerlegen ſollte. Er ſchwieg daher. 2 „Dieß iſt das Regiment Franz Carl, Dalton,“ ſprach Walſtein, auf eine Infanterie⸗Colonne hindeutend, die, in ihren dunkelgrauen Oberröcken, als eine düſtere Maſſe erſchien.„Das Regiment hat unter allen Corps der kaiſerlichen Armee die beſte Muſikbande„ und den ſtrengſten, roheſten Obriſten.“ Frank blickte mit einem ſeltſamen Gefühle der Ehr⸗ furcht und des Schreckens auf das Regiment hin. „Dort liegen meine Geſchicke!“ dachte er.„Wer weiß, welche Freundſchaften oder Feindſchaften dort meiner warten? Welche Herzen unter jener dunklen Maſſe werden im Einklang mit dem meinigen ſchlagen — auf welche Quellen der Betrübniß oder des Kum⸗ mers werde ich unter ihnen ſtoßen?“ „Ich wollte, Sie hätten ein beſſeres Regiment, Dalton,“ ſagte Walſtein.. „In wie fern ein beſſeres? Iſt es nicht ein tapferes und ausgezeichnetes Corps?“ „Tapfer iſt es wohl,“ ſprach der Andere lachend; gund auch an Diſtinction fehlt es ihm nicht, da ein Erzherzog Inhaber deſſelben iſt, und es commandirt. Allein das iſt's nicht, was ich meine. Das Regiment 267 iſt ein armes; die Offiziere ſiad aus Oberöſterreich mit wenig oder keinem Vermögen— Burſche, die für einen Zwanziger zu Mittag eſſen, die Partie Domino zu zwei Kreuzern ſpielen, in den Weingärten Walzen, und ſich mit Säbeln ſchlagen.“ Frank lachte bei dieſer Beſchreibung; allein ſein Lachen war mehr ein trauriges, als fröhliches, denn er fühlte in jedem Augenblicke die falſche Stellung, die er einnahm, und wie ſehr er ſich immer mehr verwickelte. Jede Anſpielung auf Andere zeigte ihm, in welchem Lichte er ſelbſt betrachtet wurde.„Iſt dieſe Täuſchung ehrenhaft?— iſt es möglich, dieſelbe länger fortzu⸗ ſetzen?“ Das waren die Fragen, die ſich ihm auf⸗ drängten, und auf die ſein Scharfſinn keine Antwort ſinden konnte. „Dort iſt das rechte Corps für Sie, Dalton,“ ſagte Walſtein, indem er ihn auf die„Ungariſche Garde“ aufmerkſam machte, die in ihren reichen goldgeſtick⸗ ten Uniformen ſtrahlte, und auf den prächtigſten weißen Pferden ſaß— zu gleicher Zeit die vollkommenſten Reiter und die beſtberittene Cavalerie in Europa.“ Wenn Sie dieſem Regimente beigegeben werden, ſo dürfen Sie darauf zählen, daß Sie entweder hieher oder nach Prag in Garniſon kommen. Dieſe goldge⸗ ſtickten Jacken ſind zu theuer, als daß man ſie in's Banat hinab oder in Einöden der Wallachei ſchicken koͤnnte. Zudem ſieht die Kaiſerin gar gern dieſe präch⸗ tigen Burſche auf ihren Schimmeln vor den Fenſtern des Schloſſes. Natürlich würde Ihr Oheim ein Bis⸗ chen über die Koſten brummen; vielleicht wird auch Ihr Vater eine etwas ernſte Miene annehmen, wenn er von den ſechstauſend Gulden für einen Dolman, und den viertauſend für eine Schabracke hört; während zehn bis zwölf Pferde— die allergeringſte Zahl, die Sie halten können— kaum wie ein nur kleiner Stall klingen dürften. Indeſſen iſt, Sie dürfen ſich darauf ver⸗ laſſen, das Corps ebenſo dienſttüchtig, als koſtſpielig, 268 und Creptowitz, der Oberſt deſſelben, ein ächter Huſar.“ Einen Augenblick war Dalton unſchlüſſig, ob er nicht geradezu ſeine Armuth bekennen und ſagen ſollte, daß er auf ſo koſtſpielige Gewohnheiten keinen Anſpruch mache; allein das Schamgefühl war zu mächtig, um ein ſolches Bekenntniß zuzulaſſen. Er war bereits zu weit gegangen, als daß er jetzt mit einem Male hätte anders ſprechen können; auch fühlte er, daß jede Auf⸗ richtigkeit jetzt das Bekenntniß eines Betrügers ſein würde. Wenn dieſe Reflexionen peinigend und quälend waren, ſo blieb immer noch ein Strahl der Hoffnung, der durch die ihn umgebende Dunkelheit hindurch ſchim⸗ merte,— ſein Oheim, mit allen Erwartungen, die ſich an denſelben knüpften. „Iſt er wirklich reich, wie ſie ſagen,“ dachte Frank; „gilt er bei dem Kaiſer wirklich ſo viel, ſo darf ich vielleicht meine Blicke ſelbſt ſo hoch erheben.“ Während er ſo dieſen Gedanken nachhing, hatte er den Kopf zwiſchen ſeinen beiden Händen begraben, und den Ort, an dem er ſich befand, ſowie Alles, was ihn umgab, ganz und gar vergeſſen. „Sie ſehen ja gar Nichts, Dalton,“ ſagte Wal⸗ ſtein. Sehen Sie, dort marſchiren die Kaiſerjäger, mit ihren Hörnern, die ſchönſten, welche die Armee aufzu⸗ weiſen hat; und dort iſt die Liechtenſtein'ſche leichte Cavalerie, mit ihren Pferden edelſter Race; und dort, zur Linken, jene wild ausſehenden Kerls mit den langen Bärten, es ſind die kroatiſchen Grenadiere. Aber hier kommt der Kaiſer!“ Und während der Graf alſo ſprach, ließ ſich auf der ganzen langen Linie ein betäubendes Hurrah hören, und es hallte dasſelbe von den Wällen Wiens zurück; während jedes Muſikcorps die öſterreichiſche National⸗ hymne zu ſpielen anfing, und die ſtolzen Töne„Gott erhalte unſern Kaiſer!“ durch die Luft drangen. Ein glänzender Stab von Generalen jeder Waffen⸗ — 269 gattung begleitete den Kaiſer; und Walſtein nannte raſch deren Namen, wovon viele dem höchſten Reichsadel angehörten. Einige waren die unter den Waffen ergrau⸗ ten Veteranen der großen Feldzüge; andere, die junge Hoffnung der öſterreichiſchen Chevalerie; aber vor allen machte ſich eine Figur bemerklich, deren Statur und ſeltſame Uniform Frank's Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Es war ein Greis von ſtattlichem, hohem Körperbau, der in einer mit Goldborten reich beſetzten Uniform von purpurfarbigem Sammt gekleidet, und deſſen Bruſt mit verſchiedenen Ordens⸗Kreuzen und Decorationen im buchſtäblichen Sinne des Wortes überdeckt war. Seine Kopfbedeckung war ein Tſchako von rothbraunem Pelz⸗ werk, ein langer gerader ſcharlachrother Federbuſch hing von demſelben herab, und darunter war ſein graues Haar in einem über die Hälfte des Rückens hinabrei⸗ chenden Zopfe befeſtigt. Gelbe, mit maſſiven goldenen Sporen geſchmückte Stiefeln vollendeten ein Coſtüm, das faſt ein Compromiß zwiſchen der Gegenwart und einem andern Jahrhundert zu ſein ſchien. Auch paßte die Figur des Mannes, der die Uni⸗ form trug, gar gut zu dieſem Eindrucke. Es lag, wäh⸗ rend er ruhig und bewegungslos im Sattel ſaß, in ſeiner Miene etwas Strenges und Steifes, das ſich in die feine Urbanität eines alten Hofmanns verwandelte, ſo oft der Kaiſer ihn anredete. Wenn er ſich bis zur Mähne ſeines Pferdes herab verbeugte, erſchien er als der wahrhafte Typus der Höflichkeit; während ſich, ſo oft er ſein Pferd zurückzog, die ganze Geſchicklichkeit und Leichtigkeit eines erfahrenen Reiters zeigte. „Sehen Sie den ſchönen alten Mann im Purpur⸗ rocke, dort auf dem kräftigen Rappen, zur Linken Wal⸗ moden’'s?“ fragte Walſtein. „Ich beobachte ihn ſchon ſeit einigen Minuten,“ erwiederte Frank.„Welch' ſeltſame Uniform!“ „Ja. Es war die Uniform der kaiſerlichen Garde⸗ Artillerie, in den Tagen von Lobau und Wagram; und 270 er darf dieſelbe, in Folge einer ſpeziellen Erlaubniß des Kaiſers, beibehalten— eine Gunſt, von der er nur bei Gelegenheiten, wie dieſe, Gebrauch macht.“ „Welche Maſſe von Orden er trägt!" „Er hat alle Orden des Reiches, vom eiſernen Kreuze bis zum Maria⸗Thereſta⸗Orden. Auch hat er den Orden der Ehrenlegion, der ihm von Napoleon ſelbſt zugeſchickt worden iſt. Er war der Offtzier, der zu El⸗ chingen auf die Spitze der franzöſtſchen Colonne zuritt, und ſagte, daß die Wagen, die ſie verfolgten, die Mu⸗ nitionswagen der Arrière⸗Garde wären!“„„Wenn Ihr nicht Halt macht,““ ſprach er,„„ſo zünden wir ſie an, und ſchmettern Euch und uns ſelbſt zu Atomen zuſam⸗ men!““ Dieſe Kaltblütigkeit und dieſe heroiſche Kühn⸗ heit wurde von einem tapfern Feinde gebührend aner⸗ kannt. Die Franzoſen machten Halt, und unſer Train konnte ſeinen Marſch ruhig fortſetzen. Vielleicht haben Sie die Anekdote ſchon gehört?“ „Nie,“ ſagte Frank, den alten Soldaten immer noch voller Bewunderung anblickend, „Dann muß ich Ihnen auch ſagen, daß es der Graf Dalton von Auersperg iſt,“ ſagte Walſtein, ſich zurück⸗ lehnend, um ſich an dem Staunen des Jünglings zu weiden. „Wie! Onkel Stephan?— Iſt das unſer Onkel?“ platzte Frank in ſeinem Entzücken heraus. „Ich wünſchte von ganzem Herzen, daß ich ihn den„„unſrigen““ nennen könnte!“ ſagte Walſtein la⸗ chend.„Auf einen ſolchen Verwandten dürfte wohl Jeder ſtolz ſein 10 Allein Frank hörte und beachtete dieſe Bemerkung nicht; ſeine ganze Seele war mit dem Anſchauen des alten Feldmarſchalls beſchäftigt, zu dem er aufblickte, wie eine gläubige Seele zu ihrem Heiligen. „Er gleicht meinem Vater,“ murmelte Frank halb⸗ laut;„nur ſieht er ſtolzer und älter aus. Ein ächter — 271 Dalton in jedem Zuge! Wie verlangt es mich, mit ihm zu ſprechen— ihm zu ſagen, wer ich bin!“ „Aber nicht hier— nicht hier!“ ſagte Walſtein, ſeine Hand auf des Jünglings Arm legend, denn er befürchtete faſt, es möchte derſelbe dem plötzlichen Im⸗ pulſe folgen.„Wären Sie ſelbſt Oberſt von einem Re⸗ gimente, ſo könnten Sie ſich ihm jetzt nicht nähern.“ Frank ſtaunte, nicht wenig überraſcht, über eine Bemerkung, welche die Bande des Blutes und der Verwandtſchaft ſo geringſchätzig zu behandeln ſchien; Walſtein aber, der zu der Beſonnenheit ſeines Reiſege⸗ fährten kein gar großes Vertrauen hatte, befahl dem Poſtillon, zuzufahren. uUnd ſo ging es in die Stadt hinein. Winmmennnmnnſſſſſſſſſiſſſſſſiſſſſiſiſiſſnſe 9 1 12 1 10 1 3 14 15