Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. f 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme— eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ eträgt:— für ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————,———† auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„—„„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen A. der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Die Daltons 4 drei Lebenswege von 4 1 Charles Fever. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. Chr. Fr. Grieb. Erſtes bis drittes Bändchen. Stuttgart. Berlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. — — ——õ— — — Erſtes Kapitel.* Baden nach der Saiſon. Ein Theater, beim Tageslicht geſehen,— ein großes hiſtoriſches Gemälde während des Reinigungsprozeſſes,— eine Ballet⸗Tänzerin, die an einem Regentage in die Probe eilt,— ein Rennpferd, das, nachdem es ſchon manchen Preis gewonnen, nun todlahm in einem Hofe auf der Streu liegt,— ſind ihrer rechtmäßigen Illu⸗ ſionen kaum mehr beraubt, als ein faſhionabler Badeort bei herannahendem Winter. Die freundlichen Buden und Stände voll prunkender Waaren ſind geſchloſſen; die Promenaden, die ſo eben noch in zierlichſter Ordnung waren, ſind nun vernachläßigt und mit Unkraut überwach⸗ ſen; die welken und gelben Blätter fliegen und rauſchen über die Alleen hin, wo kaum noch die„Schönheit ſich zu ergehen gewohnt war.“ Muſik und Brunnen haben aufgehört zu ſpielen; ſelbſt die Statuen bekleiden ſich mit großen Oberröcken von Schnee, während die Pomeran⸗ zenbäume wie ein düſterer Leichenzug abziehen, um ſich bis zum kommenden Frühling in finſteren Schuppen zu verbergen. Blickt man um ſich her, ſo ſieht man, daß die Natur Die Daltons. I.— 1 ebenſo unwirklich geweſen iſt, wie die Kunſt ſelbſt, und daß all' die glänzenden Farben der Blätter und Blumen, — all' die Wohlgerüche, die dem Beet und dem Parterre entſtrömten,— all' das rieſelnde Fließen des Baches und der Quelle, nicht minder ein Reſultat künſtleriſchen Sinnes, nicht minder künſtlich geweſen ſind, als die Transparente, oder die Tyroler Sänger, die Feuerwerke, oder die Ausſtellung feiner Handarbeiten zu Unterſtützung armer herſona der irgend eines jener finnreichen Schau⸗ ſpiele, woran die großen Kinder der Mode ſich ergoͤtzen. Die Wenigen, die noch dageblieben, ſcheinen eine ſeltſame Umwandlung erlitten zu haben. Der lächelnde Adlerwirth — wir beziehen uns hauptſächlich auf Deutſchland, als das Land der Bäder,— iſt eine halbmürriſche, bäuriſch ausſehende Perſon, die nun an nichts Anderes mehr denkt, als an die Aufbewahrung ihres Welſchkorns, ihres Brenn⸗ holzes, und der übrigen für die Winterzeit noͤthigen Vor⸗ räthe. Den einſchmeichelnden Croupier, auf deſſen ruhi⸗ gem Geſichte kein Glücksfall auch nur eine vorübergehende Bewegung hervorzubringen vermochte, ſieht man nun mit einem Bauer mit all der Gier des Geizes um einen Sack Holzkohlen feilſchen. Das ſchmucke Mädchen, deſſen goldene Locken und ſanfte blaue Augen den Sträußen, die ſie verkaufte, eine weitere Schoͤnheit zu verleihen ſchie⸗ nen, iſt nun eine dicke Weibsperſon, deren wunderliche mit Pelz beſetzte Kopfbedeckung, und deren Holzſchuhe der Tod aller Romantik ſind. Alle Verwandlungen nehmen dieſelbe traurige Geſtalt an. Es iſt eine rückwärts gele⸗ ſene Pantomime. 1 So war Baden⸗Baden im November des Jahres 182—. Einige Wochen ſchlechten und veränderlichen Wetters hatten die ganze luſtige Geſellſchaft nach den vier Winden hin zerſtreut. Die Hotels und die Reunions⸗ Säle waren für den Winter geſchloſſen. Der Ballſaal, der kaum noch im Lichte von tauſend Kerzen erſchienen war, war nun wie ein Kerker verbarrikadirt. Sogar das 3 Poſtbüreau, um das ſich jeden Morgen eine ungeduldige und ſich drängende Menge zu ſammeln gewohnt war, war jetzt geſchloſſen,— nur noch eine kleine Oeffnung war zu bemerken, gleichſam, um anzudeuten, wie wenig mehr von all' dem maſſenhaften Briefwechſel übrig ge⸗ blieben. Das Hotel de Russie war das einzige Haus, das in dem Städtchen offen war; wenn man aber auch die halboffene Thüre gewahrte, ſo konnte doch kein ge⸗ ſchäftiges Gedränge von Kellnern, undeſ konnten doch keine Lampen in dem Reiſenden den auben erwecken, daß ihn dort eine gaſtfreundliche Aufnahme erwarten würde. Ein flüchtiger Blick nach Innen würde indeſſen jede derartige Illuſion bald verſcheucht haben, wenn eine ſolche überhaupt hätte vorhanden ſein koͤnnen. Die große Treppe, die früher mit Pomeranzenbäumen und Camellia's beſetzt war, war jetzt all' ihres glänzenden Blätterſchmuckes entblößt; die marmornen Statuen waren entfernt, der große Thermometer, deſſen kryſtallene Verzierungen den Blick mancher Vorübergehenden für einen Augenblick auf ſich gezogen hatten, war jetzt von einem hoͤlzernen Gehäuſe umgeben, als wenn er in ſeiner Geſchwätzigkeit unan⸗ genehme Wahrheiten enthüllen könnte, ſo lange er den Blicken der Neugierigen ausgeſetzt bliebe. Der geräumige Saal, worin täglich ſich an die achtzig Gäſte verſammelten, war aller ſeiner Möbeln, Spiegel und Candelabern baar; die Bronzefiguren und die Gemälde waren verſchwunden, und Nichts war dage⸗ blieben, als ein ungeheurer irdener Ofen, innerhalb deſſen Gitterwerk ein verwelkter Blumen⸗Strauß, der noch vom Sommer her dort lag, alle etwaigen Gedanken an ein Feuer niederſchlug. In dieſem unbehaglichen Zimmer ergingen ſich jetzt drei Perſonen mit jenem geſchwinden Schritte und jener lebhaften Bewegung, die anzeigen, daß man durch das Gehen ſich zu erwärmen ſucht; denn ſo troſtlos es auch im Hauſe ausſah, ſo mußte man ſich doch noch glücklich 1 4 ſchätzen, nicht draußen zu ſein, wo ein kalter, unaufhör⸗ licher Regen, der auf den umliegenden Hügeln die Geſtalt des Schnees annahm, herabſtrömte. Leute, die in einem Bade zuletzt zurückgeblieben, haben wie die, ſo ſich an ein Wrack anklammern, gewöhnlich etwas beſonders Trauriges in ihrem Aeußern. Gleichſam außer Stand, den Wellen wie ſtarke Schwimmer Trotz zu bieten, halten ſie, belebt von einer unbeſtimmten Hoffnung der Rettung, bis an's Ende aus, und laſſen ſich jetzt, wie eine ſchiff⸗ brüchige Mannſchaft, die im Unglücke ſich zu einem nä⸗ heren gegenſeitigen Anſchließen bequemt, als wenn Alles gut geht, herab, da Bekanntſchaft zu ſuchen, und ſogar eine vertraute Verbindung einzugehen, wo man zuvor durch ein bloßes Zunicken zeigte, daß man einander kenne. In ſolcher Lage befanden ſich die drei Perſonen, die jetzt, mit bis zum Kinn zugeknöpften Röcken und mit tief in den Seitentaſchen ſteckenden Händen, auf und abgingen, und von Zeit zu Zeit einige Worte wechſelten, jedoch nur in jener abgebrochenen und allgemeinen Weiſe, die zeigte, daß kein Band gegenſeitigen Geſchmacks oder der Kame⸗ radſchaft ſie mit einander verbinde. Der jüngſte von den Dreien war ein kleiner ſchmäch⸗ tiger Mann von etwa fünf oder ſechs und zwanzig Jah⸗ ren, deſſen Geſicht, Stimme und Geſtalt faſt weiblich zu nennen waren, und den Verdacht einer Verkleidung hätten erregen koͤnnen, hätte nicht ein kleines ſchwarzes Schnurr⸗ bärtchen das Gegentheil angezeigt. Seine lackirten Stie⸗ feln und untadelhaften gelben Handſchuhe ſchienen für die Jahreszeit nicht ganz zu paſſen, und ebenſo wenig der ſehr leichte Rock, den er trug; aber Herr Albert Jekyl war zufälliger Weiſe in Baden zurückgehalten worden, indem er auf jene grauſame Geldſendung wartete, die, ſei es die Schuld eines Agenten oder eines Verwandten, immer ſo langſam kommt. Daß er dieſen unangenehmen Um⸗ ſtand mit bewundernswürdiger Ruhe und ohne das ge⸗ ringſte Zeichen der Ungeduld ertrug, müſſen wir billiger ☛ 5 7 Weiſe eingeſtehen, und welchen Kummer ihm auch das gezwungene Dableiben, das ſchlechte Wetter, oder die Einſamkeit verurſachen mochte, ſo erſchien doch keine Spur von Unzufriedenheit auf Geſichtszügen, in denen der Blick eines feinen Weltmannes und ein höchſt ſüßes Lächeln vorherrſchte. Wer er war, oder mit andern Worten, woher er kam, welcher Familie er angehöoͤrte, wie beſchaffen ſeine Vermögens⸗Umſtände, was ſeine Be⸗ ſchäftigung, ſeine Ausſichten waren,— geſtehen wir ohne alle Scham, nicht zu wiſſen, indem wir ſehen, daß alle diejenigen, welche um jene Zeit ſich noch in Baden auf⸗ hielten, es eben ſo wenig wußten, trotzdem daß er mit denſelben auf ziemlich vertrautem Fuße lebte. Der ihm zunächſt Stehende war ein Mann von gallfüchtigem Ausſehen, etwas über das mittlere Lebens⸗ alter hinaus, mit jenen harten und ernſten Geſichtszügen, die einem vertrauten Umgange eher entgegenſtehen, als zu ſolchem auffordern. Er war ſtark und feſt gebaut, und ſein Tritt ſowohl, wenn er auf und abging, als ſeine Miene, wenn er ſtehen blieb, zeigte einen Mann an, deſſen Charakter ſeine ganze Betonung von der militäri⸗ ſchen Schule erhalten hatte, durch die er gegangen war. Gewiſſe ſtarke Linien um den Mund herum und ein eigen⸗ thümliches Runzeln der Augenwinkel deuteten auf ein ſarkaſtiſches Weſen hin, das alle ſeine Inſtinkte,— und es waren dieſelben ſchottiſch,— nicht ganz und gar zu⸗ rückdrängen konnten. Seine Stimme war laut, durch⸗ dringend und ſchallend ſeiner Pferde hatte ihn einige Wochen in Baden zurück⸗ gehalten,— ein Umſtand, der offenbar ſeine Geduld auf die härteſte aller Proben ſtellte. Der dritte Repräſentant der verlaſſenen Menſchheit war ein ſehr großer muskulöſer Mann, deſſen grüner, nach Jockey⸗Art geſchnittener Rock und breitrandiger Hut einen ſonderbaren Contraſt bildete mit einem ungeheuren weißen Schnurrbarte, der einem Hauptmann von der alten Garde Ehre gemacht haben würde. Auf Geſichtszügen, die urſprünglich ſchon waren, hatten Zeit, Armuth und Verſchwendung manche Spur zurückgelaſſen; aber dennoch zeigte das halb drollige, halb wilde Zwitzern ſeiner hellen, grauen Augen in ihm einen Mann, den kein Unglück ganz und gar darnieder drücken, und der ſelbſt in der härteſten Prüfung noch ſo viel Stärke finden konnte, um ſeiner Laune den Zügel ſchießen zu laſſen,— denn Peter Dalton war ſein Irländer,— und behielt, obgleich ſeit vielen Jahren landesabweſend, die liebe Inſel und deren Vorurtheile ſo friſch in ſeinem Gedächt⸗ niſſe, als ob er dieſelbe erſt vor einer Woche verlaſſen ätte. 3 So beſchaffen waren die Drei, die, ohne eine einzige ihnen gemeinſchaftlichen Sympathie, ohne einen Punkt der Berührung im Charakter, nur durch den bloßen Zu⸗ fall des ſchlechten Wetters Bekanntſchaft mit einander angeknüpft hatten. Ihre Unterhaltung— wenn man die⸗ ſelbe anders ſo nennen konnte,— zeigte, wie geringe Fortſchritte in der Vertraulichkeit von denen gemacht wer⸗ den könnten, deren Lebenswege auseinander liegen. Die verfloſſene Saiſon, die Geſellſchaft, der Spieltiſch und deſſen Abenteuer waren ſämmtlich ſo oft abgehandelt worden, daß nun Nichts mehr übrigeblieb als das Wetter. Indeſſen bot jetzt dieſer für Engländer ſo unerſchöpfliche Unterhaltungs⸗Gegenſtand wenig Varietät, denn es war ſeit mehreren Wochen gleichfoͤrmig ſchlecht geweſen. „ Wo werden Sie den Winter zubringen, mein Herr?“ 7 ſagte Haggerſtone zu Jekyl nach einer etwas langen Klage über den wahrſcheinlichen Zuſtand aller Alpenpäſſe. „Ich habe bis jetzt kaum daran gedacht,“ ſagte der Andere mit ſeinem gewöhnlichen gezierten Lächeln.„Man kann kaum ſagen, wo man ſein Zelt aufſchlagen ſoll, bis der Carneval angeht.“ 1 „Und Sie, mein Herr?“ fragte Haggerſtone ſeinen Genoſſen auf der andern Seite. „Bei meiner Ehre, ich weiß es nicht,“ ſagte Dalton; „es ſollte mich aber nicht wundern, wenn ich hier oder in der Umgegend bliebe.“ „Hier!— Wie, das iſt ja ein Tobolsk, Herr!— Sie können gewiß nicht im Sinne haben, hier einen Win⸗ ter zuzubringen?“ „Ich kannte einmal einen Mann, der es doch that,“ ſiel Zekyl ſanft ein.„Sie zogen ihn am Spieltiſche rein aus; und es blieb ihm daher Nichts übrig, als da zu bleiben. Indeſſen machte er ſich die Sache doch auch wieder in Etwas zu Nutze; denn es ſcheint, dieſe würdi⸗ gen Leute hatten, ſo gut ſie ſich auch auf die große Kunſt, Andere zu Grunde zu richten, verſtehen, die köͤnigliche Taſchenſpieler⸗Kunſt nie geſehen; und Frank Mathews kam über ſie Alle, und es gelang ihm, durch ſeine kleinen Talente ſo viel zu erobern, daß es ihm nie an Runkel⸗ rüben und geſottenem Rindfleiſch fehlte.“ „War das nicht der Burſche, dem es zu Kilmagund ſo ſchlecht ging?“ ſagte Haggerſtone in krächzendem Tone. „Etwas paſſirte ihm in Indien, ich wußte aber nie genau, was,“ ſagte Jekyl lächelnd.„Einige ſagten, er habe die Cholera bekommen, Andere, er ſei in den Dienſt der oſtindiſchen Compagnie getreten.“ „Vermuthe, Herr, in Folge irgend eines unglücklichen Zufalls,“ ſagte der Oberſt barſch. „Es wäre ihm wenigſtens ganz gleichgültig ge⸗ weſen. Gewiß war er,“ fuhr der Andere kalt fort, „ein Menſch von ſcharfem, durchdringendem Verſtande, ſtets bereit, den Ton jeder Geſellſchaft anzunehmen.“ Die Wange des Oberſten wurde gelber, und ſeine Augen funkelten von einem zornigeren Glanze; indeſſen erwiederte er Nichts. „Wie man mir ſagt, iſt das der Platz, ſich ein Vermögen zu erwerben,“ ſagte Dalton.„Ich höre, es gibt auf der ganzen weiten Welt keinen, der demſelben gleich kommt.“ „Oder der Platz, ein Vermoͤgen durchzubringen,“ fügte Haggerſtone kurz bei. „Gut, und warum nicht?“ erwiederte Dalton.„Ge⸗ wiß iſt es ebenſo angenehm, als Geld zurück zu legen— es ſei denn, daß man Schottland zu ſeinem Vaterlande hat.“ „Wenn er nun aber doch ein Schotte wäre, Herr? — Und wenn nun der Mann, der vor Ihnen ſteht, auch ein Schotte wäre?“ ſagte Haggerſtone, ſich ſtolz empor⸗ richtend und dem Andern ſtrenge ins Geſicht ſehend. „Ich wollte Sie nicht beleidigen,— um Nichts in der Welt; ich wollte Ihren Gefühlen nicht zu nahe treten. Gewiß kann ein Menſch Nichts dafür, daß er an dieſem oder jenem Orte geboren wird.“ „Mir däucht, wir Alle hätten wohl gern unſere Wiege im Buckingham⸗Palaſt gehabt,“ ſiel Jekyl ein, „wenn die Sache von uns abgehangen hätte.“ „Meiner Treu! Der Anſicht bin ich nicht,“ fiel Dalton ein.„Man gebe mir Corrig⸗O'Neal zurück, wie ſolches mein Großvater Pearce beſaß, mit der ganzen Baronie von Kilmurray⸗O'Mahon, zwei Koppeln guter Hunde, und dem erſten Keller der Grafſchaft,— und zum Teufel würde ich ſenden alle koͤniglichen Paläſte, die ich je in meinem Leben geſehen.“ 3 „Der Gedanke, den Sie da ausſprechen, iſt wohl kaum ein loyaler zu nennen, Herr,“ ſagte Haggerſtone, „und da ich zu denjenigen gehoͤre, die Seiner Majeſtät -— —— —2— I— 9 Tuch tragen, ſo nehme ich mir die Freiheit, Sie hleran zu erinnern.“ „Wohl mag er nicht ganz loyal ſein;— aber was thut es?“ ſagte Dalton, über deſſen gutmüthiges Geſicht eine Wolke des Mißvergnügens hinzog. „Es thut ſo viel, Herr, daß ſolche Worte nicht in meiner Gegenwart ausgeſprochen werden ſollten,“ ſagte Haggerſtone. „Pſt!“ ſagte Dalton mit einem langen Pfeifen. „Iſt es ſo? Sehen Sie jetzt her—“. Hier wandte er ſich ganz um, ſo daß er dem Oberſten Geſicht gegen Geſicht gegenüber ſtand,—„Sehen Sie nun her; ich bin der ungeſchickteſte Menſch von der Welt, wenn es ſich darum handelt, einen Handel anzufangen; aber zeigen Sie mir nur, was der Geſellſchaft gefällt, ſo wird Peter Dalton Ihrer Liebhaberei gewiß nicht feindlich entgegen treten.“ „Darf ich wohl bemerken,“ ſagte Jekyl ſanft,„daß Sie Beide ſich im Irrthum befinden, und ſo ſehr ich, in Anbetracht der kalten Jahreszeit, Ihre Wärme beneide, ſo heißt es denn doch, Wärmeſtoff umſonſt verſchwenden.“ „Ich war gar nicht warm,“ fiel Dalton ein, und brachte ſo durch das herzliche Gelächter, das auf dieſe bne Worte folgte, den albernen Streit glücklich zu nde. „Nun,“ ſagte Haggerſtone,„da wir Alle ſo ſehr Eines Sinnes ſind, ſo können wir nichts Beſſeres thun, als mit einander zu Mittag ſpeiſen, und ein Glas auf die Geſundheit des Koͤnigs leeren.“ „Ich ſpeiſe ſtets um zwei oder halb drei,“ ſagte Jekyl lächelnd;„und zudem hat mein Arzt mir eine eng⸗ Diät vorgeſchrieben, und ich trinke daher auch nie ein.“ „Gewiß liebt Niemand ein trauliches Zuſammenſitzen bei Tiſche mehr als ich,“ ſagte Dalton;„aber ich bin burch ein Verſprechen gebunden, das ich dieſen Morgen gegeben.“ Es lag eine offenbare Verwirrung in der Art und Weiſe, wie dieſe Worte geſprochen wurden,— was keinem der beiden Andern entging, die höchſt bedeutungsvolle Blicke wechſelten, während er ſprach. „Was kommt da?“ rief Jekyl, indem er auf das Fenſter zulief und hinaus ſah.„Bei Allem, was kothig iſt, ein Courier? Wer hätte ſich wohl zu dieſer Zeit auf eine ſolche Erſcheinung gefaßt gemacht?“ „Was mag wohl jetzt Leute hieher führen?“ ſagte Haggerſtone, während er mit ſeinem Glaſe am Auge die kleine wohlgenährte Geſtalt betrachtete, die in ihrer über und über mit Goldſtreifen beſetzten Jacke und ihren ſchweren Steif⸗Stiefeln dem Gaſthof⸗Beſitzer in den Ar⸗ men lag. Mit einem Male entfernte ſich Jekyl, um nähere Nachrichten einzuholen, und obwohl er nicht volle drei Minuten fortgeweſen war, ſo kehrte er doch mit einem genauen Bericht in Betreff der erwarteten Perſonen zu ſeinen Genoſſen zurück. „Es iſt der reiche Bankier Sir Stafford Onslow mit ſeiner Familie. Sie waren auf dem Wege nach Italien, und find auf irgend eine Weiſe im Schwarz⸗ walde ſtecken geblieben:— ſie wurden von einem Wald⸗ waſſer fortgeſchwemmt, oder durch eine Lawine zerſchmet⸗ tert, oder es ſtieß ihnen ſonſt was zu, und Sir Stafford bekam das Podagra, und ſo find ſie zurück gekommen, froh, ſelbſt einen Hafen wie Baden noch erreicht zu haben.“ „Wenn er am Podagra leidet,“ ſagte Dalton,„ſo habe ich das beſte Rezept von der Welt. Man nehme eine Pinte Schnapps— wo msglich Kartoffelbranntwein — und ſchlage zwei Eier nebſt einem Stück Butter darein, ſodann miſche man darein ein Zehe Knoblauch und etwas geſchabten Meerrettig, laſſe es über dem Feuer einige Minuten gelinde kochen, rühre es mit einem Rosmarin⸗ — —x 8 11 ſtengel um, um ihm einen guten Geſchmack zu geben, und trinke es dann.“ „Guter Himmel! Welche Doſis!“ rief Jekyl ent⸗ ſetzt. „Nun, nun, meines Wiſſens hat das Mittel ſeine Wirkung noch nie verfehlt. Mein Vater gebrauchte es vierzig Jahre lang, und gewiß war im ganzen Lande kein geſünderer Mann, als er. Hätte er nicht den Meerrettig weggelaſſen— denn er liebte den Geſchmack deſſelben nicht— ſo waͤre er zu dieſer Stunde vielleicht noch am Leben.“ „Die Kur wirkte aber doch etwas langfam,“ ſagte Haggerſtone mit einem höhniſchen Lächeln. „So hatte ſte denn um ſo größere Aehnlichkeit mit allen Heilmitteln, wodurch den Beſchwerden Irlands ab⸗ geholfen werden ſoll,“ bemerkte Dalton, und ſein Geſicht wurde etwas ernſter, während er ſprach. „Wen hat dieſer Onslow geheirathet?“ ſagte der Oberſt, ſich zu Jekyl wendend. „Eine Headworth, glaube ich.“ „Ach ja, Lady Heſter. Sie war eine ſchöne Frau, als ich ſie zum erſten Male ſah; ſie hat aber gewaltig abgenommen, und wäre das nicht der Fall geweſen, ſo würde ſie wohl auch ſich ſchwerlich zu einer Verbindung mit einem im Handel beſchäftigten Manne herbeigelaſſen haben, und wäre dieſer Mann auch Sir Gilbert Stafford.“ „Sir Gilbert Stafford!“ wiederholte Dalton. „Ja, Herr! und jetzt Sir Gifford Stafford Onslow. Er nennt ſich nun ſo nach einem Gute in Warwickſhire. Sie nennen es, glaube ich, Skepton Park.“ „Bei meinem Gewiſſen, ich wollte, der Name wäre das Einzige, was er ſich zugeeignet,“ rief Dalton mit einem Grade von Eifer, der die Andern ſtaunen machte, „denn er eignete ſich ein elegantes Landgut zu, das recht⸗ mäßiger Weiſe meiner Frau gehoͤrte. Sie haben wohl von Corrig⸗O'Neal gehört?“ 12² Haggerſtone ſchüttelte den Kopf, während er mit dem Elbogen ſeinen Genoſſen ſtieß, um anzudeuten, daß er von All' dem Nichts glaube.’ „Gewiß müſſen Sie aber von der Ermordung Arthur Godfrey's von Corrig⸗O'Neal gehört haben. War nicht die ganze Welt voll davon?“ Ein anderes verneinendes Zeichen beantwortete dieſe Berufung. „Nun, nun, das geht doch über Alles, was ich je gehört! Aber ſo iſt es, keinen Pfifferling kümmern ſie ſich in England, wenn wir auch Alle einander todſchlügen! Arthur Godfrey war, wie ich bereits geſagt, meiner Frau Bruder— es waren gerade zwei Geſchwiſter, Arthur und Jane— ſie war meine Frau.“ „Ahl da kommen ſie!“ rief Jekyl, dem das Er⸗ eigniß nicht unerwünſcht kam, welches die nicht vielver⸗ ſprechende Geſchichte Daltons zu ſo rechter Zeit unterbrach. Und nun wurde ein ſchwerer Reiſewagen, mit Koffern und Schachteln über und über bepackt, von ſechs dampfenden Pferden an die Thüre heraufgezogen Der Kourier und der Gaſthof⸗Beſitzer kamen alsbald zum Vorſchein, und nach einer kleinen Weile wurde der Kutſchentritt herab⸗ geſchlagen, und es ſtieg ein kleiner, dicker Mann mit einem ganz rothen Geſicht und einer ganz gelben Perücke heraus, und unterſtützte eine Dame beim Herabſteigen. Es war eine große Frau, deren Geſtalt und Haltung etwas Faſhionables verrieth. Nach ihr kam eine jüngere Dame, und zuletzt ein ſehr magerer, mild ausſehender Mann von etwa ſechzig Jahren, der ſich mit vieler Mühe bewegte, und durch ſein mattes Ausſehen und ſeine ge⸗ ſchwaͤchte Geſtalt die Leiden, die er ausgeſtanden, genugſam andeutete. Sich auf den Arm des Kouriers auf der einen Seite ſtützend und auf der andern auf den ſeines dicken Gefährten, den er Doktor nannte, folgte er den Damen langſam in's Haus nach. Kaum waren ſie ver⸗ ſchwunden, als eine Kaleſche, von drei Pferden in ſcharfem 13 Gallopp gezogen, heraufkam, und ein junger Menſch daraus hervorſprang, deſſen leichtes Weſen anzeigte, daß alle Genüſſe des Reichthums und Alles, was die Faſhion Verweichlichendes hat, nicht im Stande geweſen waren, die elaſtiſche Körperkraft zu unterhöhlen, die ein junger Engländer den Vergnügungen im freien Felde, wie Jagd, Fiſcherei, Wettrennen, Cricketſpiel u. ſ. w. verdankt. „Diefer Ort iſt ganz verlaſſen, vermuthe ich,“ rief Ser, 3 an den Gaſthof⸗Beſitzer wendend.„Niemand hier?“ 3 „Niemand, mein Herr. Alles fort,“ lautete die Antwort. Haggerſtone's Kopf zeigte eine Bewegung der Un⸗ geduld, als dieſe, ſeine eigene Wichtigkeit herabſetzende Bemerkung ſich vernehmen ließ; indeſſen ſagte er Nichts, und fing an, wie zuvor auf und abzugehen. „unſer iriſcher Freund iſt fortgegangen, wie ich ſehe,“ ſagte Jekyl, indem er ſich vergebens nach Dalton umſah. „Glauben Sie Alles, was er uns von dem Gut geſagt?“ „Nicht eine Sylbe, Herr. Noch nie habe ich einen Irländer getroffen— und es iſt mein Loos geweſen, einige Schocke ſolcher kennen zu lernen— der nicht um ein herrliches Vermögen betrogen worden, und nicht noch dazu mit der halben Pairie verwandt wäre. Nun iſt es meine Meinung, daß es unſerem ſo hoher Verbindungen ſich rühmenden Freunde etwas hinderlich geht!“ Und er lachte in ſeiner eigenthümlichen, harten Weiſe, als ob der bloße Gedanke an die Armuth eines Andern etwas un⸗ endlich Luſtiges und Angenehmes wäre. „Das Mittageſſen iſt ſervirt, mein Herr,“ ſagte der heretntretende Kellner, ſich an den Oberſten wendend. „Ganz recht,“ rief er;„es iſt die einzige Weiſe, an dieſem vermaledeiten Orte die Zeit todtzuſchlagen;“ und, indem er ſo ſagte, verließ der Oberſt, ohne ſich die Zeit zu geben, ſeinem Genoſſen Adieu zu ſagen, das Zimmer mit einem Schritte, der die Lebhaftigkeit der Jugend vorſtellen ſollte.„Dieſer Herr da zu Mittag?“ fragte er die Treppe hinauf folgte. Tagen gar nicht zu Mittag ſpeiſt um zwei Uhr den Kellner, indem er demſelben „Er hat ſeit einigen geſpeiſt, mein Herr,“ ſagte der Kellner. „Eine Taſſe Kaffee Morgens iſt nebſt etwas Back⸗ werk Alles, was er zu ſich nimmt.“ Der Oberſt machte eine ausdrucksvolle Geberde, indem er das Futter ſeiner Taſche herauskehrte. „Ja, mein Herr,“ erwiederte der Andere bedeutungs⸗ es iſt ganz ſo was„u und bei dieſen voll; nich glaube, den Deckel von der Suppenſchüſſel ab, Worten nahm er und es legte der Oberſt ſeine Serviette zurecht und ſchickte ſich an, ſein Mittagsmahl einzunehmen. Zweites Kapitel. Ein Inneres, wo es arm hergeht. Als Dalton von ſeinen Genoſſen im Hotel de Russie ſchied, hatte er durch ein Gewirre enger Gäßchen nach einem entfernten Theile der obern Stadt zu gehen, wo art an der Gartenmauer des großherzoglichen Palaſtes ein kleines, einſames⸗ zweiſtockiges, hoͤlzernes Haus ſtand h ſtark verwiſchte und noch ſteht, deſſen Wände einige Spuren von Fresko⸗Malereien zeigten. Hier war der wohlbekannte Laden eines Spielwaaren⸗Händlers; und obgleich derſelbe jetzt feſt verſchloſſen, und die Fenſter⸗ Läden ſämmtlich zu waren, ſo verſchlang doch während des Sommers manche luſtige und fröhliche Kindertruppe mit gierigen Augen die Schätze des Hans Roͤckle. 15 Dalton ging in einen dunkeln und engen Gang hinein und ſtieg die kleine krachende Treppe hinan, welche zu dem zweiten Stockwerke führte. Oben auf dem Treppen⸗ Abſatz lag Brennholz,— große, friſch abgehauene Buchen⸗ und Eichen⸗Aeſte, inmitten deren ein junger Menſch mit einem Beile in der Hand ſtand, eifrig damit beſchäftigt, die ſchweren Holzmaſſen um ihn her in Stücke zu hauen und zu zerſpalten. Die Röthe, welche dieſe Arbelt auf ſeinen Wangen hervorgebracht, paßte gut zu dem Charakter einer Geſtalt, die, bloß mit einem Hemde und einer Hoſe bekleidet, ein vollkommenes Bild jugendlicher Stärke und Symmetrie darbot. „Müde, Frank?“ fragte der alte Mann, als er heraufkam. „Müde, Vater! ganz und gar nicht. Ich wollte nur, ich hätte noch ein Mal ſo viel für Sie zu ſpalten, da der Winter kalt ſein wird.“ „Komm jetzt herein und ſetze dich, mein Junge,“ ſagte der Vater mit einem leichten Zittern, während er ſprach.„Wir haben jetzt nicht mehr ſo oft Gelegenhe mit einander zu ſprechen. Morgen iſt der 28. November.“ „Ja; und ich müſſe am 4. in Wien ſein, ſchreibt Oheim Stephan.“ „Du mußt ihn nicht Oheim nennen, Frank, er ſelbſt will es nicht haben; und zudem iſt er mein Oheim, und nicht der deinige. Mein Vater und er waren Brüder, ſahen aber vom Alter von fünfzehn Jahren einander nie mehr; denn da trat der Graf— ſo haben wir ihn immer genannt— in öͤſtreichiſche Dienſte, ſo daß wir einander ganz fremd find.“ „Sein Brief zeigt auch gar kein lebhaftes Verlangen nach einer innigeren Verbindung an,“ ſagte der Junge lachend.„Es iſt ein drolliger Brief, ſowohl nach Styl, als nach Inhalt.“ „Er verließ Irland, als er noch ein Kind war, und wohl ihm, daß er es that,“ ſeufzte Dalton ſchwer;„ich wollte, ich hätte das Nämliche gethan.“ Das Zimmer, in das ſie jetzt traten, verrieth, ob⸗ wohl es durchaus reinlich und ſauber war, durch Alles die Armuth ſeiner Bewohner. Der Möbeln waren es wenige, und auch dieſe waren von der beſcheidenſten Art. Das Tiſchtuch war von der Art, wie es die Bauern haben, während der große Waſſerkrug, der auf dem Tiſche ſtand, den Gipfel der Armuth anzudeuten ſchien in einem Lande, wo die Aermſten Wein trinken. Ein kleiner Torniſter, worauf eine leichte Reiſekappe lag, und ein Stock neben demſelben ſchienen Dalton's Augen, als er ſich ſetzte, auf ſich zu ziehen.„Es iſt das, Frank, nur eine armſelige Ausrüſtung,“ ſagte er endlich mit einem erzwungenen Lächeln. „Um ſo weniger habe ich zu tragen,“ erwiederte der junge Menſch froͤhlich. „Ganz richtig,“ ſeufzte der Andere.„Du mußt die Reiſe zu Fuß machen.“ „Und warum nicht, Vater? wozu habe ich all' dieß gute Blut, wovon man mir ſo oft und ſo viel geſagt, wenn es Einen nicht befähigt, mit dem niedrig gebornen Bauer in die Schranken zu treten. Und ſehen Sie einmal her, wie gut dieſer Torniſter aufliegt,“ rief er, indem er denſelben auf ſeine Schulter warf.„Ich zweifle, ob der kaiſerliche Torniſter ebenſo angenehm zu tragen iſt.“ „So lange Du kein ſchweres Herz zu tragen haſt, mein Junge,“ ſagte Dalton tief bewegt,„iſt, glaube ich, keine Laſt zu ſchwer!“ „Gälte es nicht, Sie und die Mädchen zu verlaſſen, ſo könnte ich nie glücklicher, nie hoffnungsvoller ſein, Vater. Warum ſollte ich nicht mir ebenſo gut, wie Graf Stephan, eine Stellung im Leben zu erringen ſuchen? Die Loyalität und der Muth ſind nicht das Geburtsrecht eines einzigen Mannes unſeres Namens!“ „Das Unglück iſt das einzige Geburtsrecht, das ich 17 je ererbt,“ ſagte der alte Mann leidenſchaftlich erregt; „Ungläck in Allem, was ich während meines ganzen Lebens anrührte! Wo Andere reich wurden, ward ich zum Bettler; wo ſie Glück fanden, fand ich nur Elend und Verderben! Aber ich ſollte jetzt nicht daran denken,“ rief er, ſeinen Ton verändernd.„Wir wollen ſehen, wo die Mädchen ſind.“ Und indem er dieß ſagte, trat er in eine kleine Küche, die an das Zimmer ſtieß, und wo, mit der Zube⸗ reitung des Eſſens beſchäftigt, ein Mädchen war, das, obgleich um einige Jahre älter, eine auffallende Aehnlich⸗ keit mit dem Jungen hatte. Auf Geſichtszügen, die einſt der Typus des Frohſinns geweſen ſein mußten, hatten Jahre des Kummers und der Leiden ihre tiefen Spuren zurückgelaſſen, und die ſchwarzen Ringe um die Augen verriethen, wie ſehr ſie Noth und Kummer gekannt. Die Geſtalt der Helene Dalton war fehlerhaft, inſofern ihre Größe mit ihrer Dicke nicht im Verhältniß ſtand; es hatte dieſelbe aber einen noch groͤßeren Fehler an einer theilweiſen Lahmheit, die ſie nur mit der groͤßten Mühe gehen ließ. Es war dieſelbe die Folge eines Unglücks, das ihr beim Reiten zugeſtoßen war, indem ein Pferd auf ſie fiel, und ihr das Hüftbein zerbrach. Es hieß auch, ſie habe ſich um jene Zeit verheirathen ſollen, ihr Geliebter aber habe, entſetzt über dieſe Entſtellung, die Heirath wieder rückgängig, und ſo dieſes Unglück zum Kummer ihres ganzen Lebens gemacht. „Wo iſt Käthchen?“ ſagte der Vater, als er im Zimmer umherſchaute. Helene ging zu ihm hin, und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. „Nicht bei dieſem furchtbaren Wetter; gewiß, Helene, buſ Du ſie nicht in einer Nacht, wie dieſe, ausgehen 9 een.“ „Stille!“ murmelte ſie,„Frank wird Sie horen; Die Daltons. 1. 2 8 und vergeſſen Sie iſt, die er bei uns zubringt.“ Rauch gebräunt waren, ſeine kleine Stutzperrit Ueberreſte eines alten ſcharlachrothen Jagdrockes, den er anhatte, einem jener Affen, müſſen 18. nicht, Vater, daß es die letzte Nacht „Hätte unſer alter Andy nicht den Ort finden koͤnnen?⸗ fragte Dalton; und während er ſo ſprach, wandten ſich ſeine Augen nach einer Ecke der Küche, wo ein altes Männchen, das Rüben ſchälte und dazu ein Liedchen vor ſich hinſummte, in einem Strohſtuhle ſaß; ſeine ſchmalen, abgelebten Züge, die durch die Länge der Jahre und den ücke und die verliehen ihm eine täuſchende Aehnlichkeit mit die auf der Straße Kunſtſtücke machen Armer Andy!“ rief Helene,„er würde ſich zwanzig 2 Mal verirrt haben, bevor er zu der Brücke gekommen wäre.“ „Meiner Treu! da muß er ſich gewaltig verändert haben,“ ſagte Dalton,„denn ich habe geſehen, wie er die Spur eines Fuchſes zwanzig Meilen lang verfolgte, wäh⸗ rend nicht einer von den Hunden dieſelbe auffinden konnte.“ „He, Andy!“ rief er laut, und bückte ſich ſo tief, daß er von dem alten Manne gehört werden konnte:„Erinnerſt Du Dich noch des Fuchslagers zu Corralin?“ „Fragen Sie doch nicht, Vater,“ ſagte Helene eifrig, „er kann die ganze Nacht nicht ſchlafen, wenn ſeine alten Erinnerungen wieder erweckt worden ſind.“ Der Zauber hatte aber bereits zu wirken begonnen, und der alte Mann legte, Meſſer und Rüben fallen laſ⸗ ſend, die Hände auf ſeine Knie, und begann in einem ſchwachen, zitternden Diskant eine ſeltſame, einförmige Arie, gleichſam um ſich wieder an die Worte zu erinnern, die ſich auch nach einigen Minuten in ſeinem Gedächtniſſe richtig einſtellten. Sie lauteten alſo: „Es war der alte Tom Whaley, 3 Und Anthony Balllie, 1 19 Und Fitzgerald, der Ritter von Glynn, Und Vater Clare Auf ſeiner großen braunen Mär', Den Morgen zu Corralin!“ „Ah, trefflich, Andy! trefflich!“ rief Dalton.„Das klingt ja ſo friſch, als wenn Du ein Knabe wäreſt.“ „Ja, ja!“ ſagte Andy, und fuhr mit ſeinem Ge⸗ ſange fort: „Und Miles O'Shea Auf ſeinem Stumpfſchwanz, dem Braunen, Ritt gar bald herbei. Er war bös' und verdrießlich Ob dem Reif, der gefallen, Den Morgen zu Corralin.“ „Mach' fort, Andy! mach' fort, mein Junge!“ rief Dalton ganz entzückt von den Worten, die ihn an man⸗ chen Tag, den er auf der Jagd zugebracht, und an man⸗ ches nächtliche Gelag erinnerten.„Was kommt jetzt?“ „Ja, ja!“ rief Andy: „Sagt er,„„wenn der Wind Der Witt'rung nicht günſtig, Iſt's Jagen'ne Sünd'; Der Henker hol' mich, wenn ich bleibe, Und wenn meine Zeit ich verliere Den Morgen zu Corralin.““ „Aber Sie ſehen, er verrechnete ſich!“ rief Andy; „denn gleichſam „Um ihn recht Lügen zu ſtrafen, Entſtand ein großen Gebell. Und es ließen die Hunde ſich hören. Und aus jedweder Kehle kam Ein Laut, und ſtets lauter tönt' es Den Morgen zu Corralin.“ Hier ſchloß ein Anfall von Huſten, veranlaßt durch einen kräftigen Verſuch, das Gebell einer Koppel Hunde nachzuahmen, Andy's Bardengeſang; und Helene, die ——õ— 20 eine derartige Kataſtrophe befürchtet zu haben ſchien, drang nun in ihren Vater, in das Wohnzimmer zurück⸗ zukehren, während ſie jene Hausmittel,— Schlagen auf den Rücken und kaltes Waſſer— die man in ſolchen Fällen gewoͤhnlich für wirkſam hält, angelegentlichſt in Anwen⸗ dung brachte. „Da habt Ihr's nunz laßt Euer Singen und nehmet Euer Meſſer zur Hand, und thut, was ich Euch geheißen,“ ſagte ſie, indem ſie eine vorwurfsvolle Miene annahm, während der alte Mann, deſſen Wahrnehmungen nicht über die eines Hühner⸗Hundes hinausgingen, ſeinen Kopf ſtillſchweigend hangen ließ. In demſelben Augenblicke ging die äußere Küchenthüre auf, und es trat Kate Dalton herein. Groͤßer, und um etliche Jahre jünger, als ihre Schweſter, ſtand ſie im vollen Glanze jener Schönheit, zu deren charakteriſtiſchen Zeichen blaue Augen und dunkle Haare gehoͤren, und die von Vielen als etwas ſpezifiſch Friſches angeſehen wird. Ihre Haut war von einer ſanften Weiße, und ihre Geſichtszüge ſo regelmäßig, wie die eines griechiſchen Modells; dabei hatte ſie etwas glänzend, ja faſt übermüthig Trotziges an ſich, was ihr Gang und ihre Haltung noch zu vermehren ſchienen; auch konnte ihre ärmliche Kleidung, worin Armuth, ja Duͤrftigkeit ſich ausſprach, dieſes Gefühl nicht zurückdrängen.. „Wie bald Du wieder da biſt, Theuerſte,“ ſagte Helene, indem ſie den triefenden Mantel von hrer Sch weſter Schultern nahm. „Und denk Dir nur, Helene, ich mußte nach Lichten⸗ thal gehen, wo der kleine Hans alle ſeine Winterabende zubringt. Ich mußte in den„Hahn“ gehen! und denk Dir nur ſelne Galanterie! Er wollte mich heimbegleiten, und den Regenſchirm über meinem Kopfe halten, obgleich er dabei ſeinen Arm ſtrecken mußte, ſo ſehr er nur konnte; und nicht minder ſtrengte ich ſeine Füße an durch mein raſches Gehen. Es iſt recht undankbar, wenn man über ihn lachen will, denn er ſagte mir tauſend hübſche Dinge, 21 — über meinen Muth, mich bei ſolchem Wetter hinaus⸗ zuwagen,— über meine Ausſprache, als ich deutſch ſprach, — und zuletzt über meine Geſchicklichkeit als Bildſchnitzerin, die er nicht genug erheben konnte. Denk Dir nur, Helene, welche Demüthigung es für mich war, geſtehen zu müſſen, daß alle dieſe hübſchen Sachen von Dir herrühren, und nicht von mir; und daß meine ganze Kunſt ſich darauf beſchränke, das Material zu ſuchen, das Deine Genie zu Figuren zu bilden habe. „Genie, Kate!“ rief Helene lachend.„Hat Meiſter Hans Dir eine Lektion im Schmeicheln gegeben? Aber ſo ſag mir doch, was Du ausgerichtet, welche er genom⸗ men?“ „Alle— Alles, Alles! rief Käthchen; denn obgleich das kleine Männchen anfänglich eine Figur ausleſen, und dafür eine andere nehmen wollte, ſo konnte man doch leicht ſehen, daß er es nicht über ſich gewinnen konnte, die eine oder die andere mir zu laſſen; bald ſetzte er ſich entzückt vor den„Reiſenden Studenten“ hin,— bald blickte er mit wonne⸗erfülltem Auge auf die„Kohlenbrenner,“ — aber ſeine Begeiſterung erreichte ihren hoͤchſten Grad, als ich ihm das„Waldmädchen am Brunnen“ zeigte. Er hielt zwar den„Tabulet⸗Krämer“ für zu ſchön, fand aber Nichts der Art an dem Waldmädchen auszuſetzen: und hier, Theuerſte— hier iſt der Erloös, denn ich ſagte ihm, daß wir Dukaten in glänzendem Golde in Frank's neue rothe Boͤrſe haben möchten; und hier ſind ſie.“ Bei dieſen Worten brachte ſie eine Börſe von hoch⸗ rother Farbe zum Vorſchein, durch deren Maſchen das glänzende Metall hindurch glitzerte. „Armer Hans?“ ſagte Helene gefühlvoll.„Selten trifft wohl ein ſo beſcheidener Künſtler einen ſo freigebigen Beſchützer.“ „Er kommt heute Abend,“ ſagte Käthchen, indem ſie die Flechten ihres glänzenden Haares vor einem kleinen 22 Spiegel glättete;„er kommt, um Frank Lebewohl zu ſagen. Er hat Frank ſo gern.“ „Und Frank's Schweſter Nelly; ja, ja, Theuerſte, Du brauchſt nicht zu erroͤthen; was mich betrifft, ſo kann ich wohl ſagen, die Bewunderung iſt nie übel angebracht, auch wenn ſie von einem ſo unanſehnlichen und unange⸗ ſehenen Geſchoͤpfe kommt, wie der Zwerg Hans Roͤckle iſt.“ „Ei, ſchäme Dich doch, Kate, ei, ſchäme Dich doch! Es iſt dieſe zweckloſe Eitelkeit, die den ehrlichen Stolz erdrückt, wie überwucherndes Unkraut es nützlichen Pflan⸗ zen unmoͤglich macht, in einem Boden fortzukommen.“ „Wohl magſt Du, Nelly, von Stolz reden, aber arme Dinger, wie ich, begnügen ſich gern mit dem gerin⸗ geren Metall, und laſſen ſogar die Eitelkeit dahin fahren! Nur jetzt kein Predigen, kein ernſthaftes Weſen, ich mag heute Nichts hören, was nach Traurigkeit ſchmeckt, und da ich Pa und Frank lachen höre, ſo will ich auch dabei ein.“ Der Blick der Liebe und Bewunderung, den Helene auf ihre Schweſter warf, war nicht ohne einen Ausdruck peinlicher Bekümmerniß; und der Seufzer, der ihr ent⸗ fuhr, ſagte genugſam, mit welch zärtlichem Intereſſe ſie über dieſelbe wache. Endlich kam das kleine Mittagsmahl, welches dieſes Mal mit außergewoͤhnlicher Sorgfalt bereitet war, und die Familie ſetzte ſich an den ärmlichen Tiſch mit einem Gefühle des Glückes, das nur durch den Gedanken Ein⸗ trag erlitt, daß morgen Frank's Platz unbeſetzt ſein würde. Indeſſen bemühte ſich Jedes, dieſen traurigen Ge⸗ danken zu überwinden, oder ſogar damit zu ſpielen, als ob derſelbe Vergnügen gewähren koͤnne; und als Helene unerwartet eine große Flaſche Markgräfler vor ſie hin⸗ ſtellte, um die Geſundheit des jungen Soldaten zu trinken, da erreichte die Fröhlichkeit ihren höchſten Grad. Auch wurde der alte Andy bei der allgemeinen Freude nicht 23 vergeſſen. Ein großes Glas Wein wurde ihm hingeſtellt, und die Thüre des Wohnzimmers offen gelaſſen, gleich⸗ ſam um ihn an dem frohen Geräuſche, das dort herrſchte, Theil nehmen zu laſſen. Wie natürlich und inſtinktmäßig verliehen auch ihre Hoffnungen Allem, was ſie ſagten, eine eigenthümliche Färbung: war ja doch der Anlaß ein ſo glücklicher! Mußte nicht der liebe Frank bald Offtzier fein, und ganz natürlich durch die Gunſt irgend eines Mächtigen ausgezeichnet werden! Endlich verweilten ſie auch mit ſolcher Vorliebe bei der Protektion und dem Einfluſſe des„Grafen Stephan“, wodurch ja das baldige Avancement des Jünglings ſo gut wie gewiß wurde. Schon oft hatten ſie von dem großen militäriſchen Rufe des Grafen und der Achtung gehoͤrt, worin derſelbe beim Wiener Hofe ſtehe; und nun ergingen ſie ſich in Spekulationen über das Vergnügen, das es dem alten Krieger— der ſelbſt nie verheirathet geweſen— gewähren würde, einen jungen Menſchen, wie Frank, zu haben, dem er durch ſeine Pro⸗ tektion würde nützen, den er durch ſeinen Einfluß würde befördern koͤnnen, und mit ſolchem Enthuſiasmus eroͤrter⸗ ten ſie dieſen Punkt, daß ſie ſich zuletzt wirklich ſelbſt überredeten, daß der Eintritt Frank's in den Dienſt des Kaiſers eine Art Hingebung für die Intereſſen ſeines Verwandten ſei, indem Letzterer dadurch einen Gegenſtand, würdig ſeiner Auszeichnung und Liebe, erhielte. Während Helene bei den großen Vortheilen Desjeni⸗ gen verweilte, der an dem Jungen Vaterſtelle vertreten würde, indem er ihm durch weiſen Rath an die Hand ginge und ihn über alle Schwierigkeiten hinüberbrächte, ſtellte Käthchen ſich den Grafen lieber ſo vor, daß er Frank in die glänzende Geſellſchaft der prächtigen Haupt⸗ ſtadt einführen, ihn denen, deren Bekanntſchaft von Werth ſei, vorſtellen und; ihn mit einem Male in die Welt der Faſhion und des Genuſſes einweihen würde. Daß der Graf auf den Brief ihres Vaters in Betreff Frank's ſo ſchnell geantwortet, wurde unaufhörlich als ein Beweis 24 ſeiner liebevollen Rückſicht für die Familie geltend gemacht; und wenn ſein Brief, der einzige, den er noch an ſie ge⸗ ſchrieben, zu den kürzeſten und trockenſten aller brieflichen Verſuche gehörte, ſo erklärten ſie ſich das ganz natürlich durch die lange Zeit, die verſtrichen, ſeit welcher er ſeine Mutterſprache nicht wieder geſchrieben oder geſprochen. Mitten unter dieſen Selbſtbeglückwünſchungen und dieſen angenehmen Gedanken ging die Thüre auf, und es erſchien Hans Roͤckle, von Kopf bis zu Fuß mit einem leichten Reife bedeckt, der ihm das Ausſehen einer jener Figuren verlieh, womit ein finnreicher Zuckerbäcker bis⸗ weilen einen Kuchen ſchmückt. Der Zwerg blieb voller Erſtaunen über die Zeichen einer ſo neuen und unerwarte⸗ ten Fröhlichkeit bei Tiſche ſtehen. „Iſt es Weihnachten, oder iſt es das Dreikönigsfeſt, oder ſonſt ein feſtlicher Tag, daß ich Sie alle ſo fröhlich ſchmauſend beiſammen finde?“ rief Hans, indem er den Schnee von ſeinem Hute ſchüttelte, und Anſtalt traf, einen Mantel abzulegen, den er, in durchaus künſtleriſche Falten geordnet, auf ſeiner Schulter liegen hatte. „Wir tranken Franks Geſundheit, Meiſter Hans,“ ſagte Dalton,„ehe er von uns ſcheidet. Kommen Sie her, und ſtoßen Sie mit ihm an, und wünſchen Sie ihm recht viel Glück, und daß er ein guter und geachteter Soldat des Kaiſers werden möge.“ Hans hatte nun ſeinen Mantel abgelegt, den er, in⸗ dem er auf einen Stuhl ſtieg, ſo glücklich war aufzuhän⸗ gen, und näherte ſich dem Tiſche mit großer Feierlichkeit, wobei ein Paar ungeheure Stiefeln von Juchtenleder, die ihm bis an die Hüften gingen, ſeinen Gang beſonders ſchwerfällig machten; indeſſen gehörten dieſelben, ſo gut wie ein langes bis an den Hals hinauf zugeknöpftes Wamms von Kaninchenhäuten, zu ſeinem unabänderlichen Winteranzug. „Ich trinke,“ ſagte der Zwerg, indem er ſich, ein großes Glas füllend, an jede der anweſenden Perſonen im 2⁵ Einzelnen wandte,„ich trinke auf das Wohl des ehrwur⸗ digen Vaters und der ſchöͤnen Mädchen, ſo wie auf das des vielverſprechenden Jünglings dieſer guten Familie, und wünſche ihnen allen Segen, um den gute Chriſten beten müſſen; was aber das Umbringen und Erſchlagen, das Anzünden von Dörfern und das Verheeren von Städten betrifft, ſo habe ich dafür gar keine Sympathie.“ „Aber Sie ſprechen von barbariſchen Zeiten, Meiſter Hans,“ ſagte Kate, deren Wange ſcharlachroth wurde, während ſie ſprach,„wo die Stärke darin beſtand, daß man grauſam war, und wo ſchlecht disciplinirte Horden gute Büecger tyranniſirten.“ „Ich ſpreche von Soldaten, wie ſie die Welt von je geſehen,“ rief Hans leidenſchaftlich; wobei indeſſen be⸗ merkt werden muß, daß der gute Zwerg ſeine ganze mili⸗ täriſche Erfahrung eben nur in ſeinem kleinen Laden ge⸗ ſammelt hatte.„Was ſind ſie?“ rief er.„Sind ſie etwas Anderes, als Spielzeuge, die nie lange dauern, mag nun der, ſo damit ſpielt, ein Kind oder ein Kaiſer ſein! Immer werden ſie zuſammengeſchmiſſen, dort flie⸗ gen Köpfe, dort Arme und Beine weg; ja, was das Sonderbarſte von Allem, man ſchätzt ſie am Meiſten, wenn ſie recht verſtümmelt ſind! Und am Ende packt man ſie in eine Schachtel oder Kaſerne zuſammen,— und dann ſind ſie für immer vergeſſen, und es ſieht ſie Nie⸗ mand mehr an! Hätteſt Du an etwas Nützliches gedacht, mein Junge,— an irgend eine gute Kunſt, etwa an einen Jäger, in dem ein Korkzieher verborgen, einen Schneider, der ſich in eine Lichtſcheere verwandelt, eine holländiſche Dame, die ein Nadelkiſſen bildet— das ſind Spielzeuge, woran die Leute nie müde werden— Aber ein Soldat! immer ſo dazuſtehen“— und Hans ſchul⸗ terte die Feuerſchaufel und ſtand da„gerichtet“.„So zu ſchwenken— zehn Schritte dahin zu machen— zehn Schritte rückwärts, dorthin— und nicht einmal das ſchmucke Mädchen anſehen zu dürfen, das hart an Dir 26 vorbei geht.“ Hier warf er einen Blick von ſo unbe⸗ ſchreiblicher Zärtlichkeit auf Käthchen, daß Alle unwill⸗ kürlich in ein lautes Gelächter ausbrachen. „Sie hätten mich wohl gern bei der Conſeription ausgehoben,“ ſagte Hans ſtolz,„aber ich war der einzige Sohn einer Wittfrau und deßhalb durften ſie nicht.“¹ „Und thut es Ihnen nie leid, wenn Sie daran denken, welch' ruhmvolle Gelegenheiten, ſich auszuzeichnen, ſo für Sie verloren gegangen?“ ſagte Kate, die, trotz aller bit⸗ tenden Blicke Helenens, dem Verſuche nicht widerſtehen konnte, ſich auf Koſten der Eitelkeit des Zwergs zu be⸗ luſtigen. „Ich habe mich von dieſem Gedanken nie beherrſchen laſſen,“ rief Hans mit der vertrauensvollſten Einfalt. „Zwar hätte ich wohl zu Rang und Ehren kommen kön⸗ nen; aber wie hätten ſie für mich gepaßt, oder ich für ſie? Oder wie hätte ich es vermocht, diejenigen, ſo mir am Theuerſten, an einem Glücke Theil nehmen zu laſſen, das für uns Alle ſo wenig gepaßt hätte? Denken Sie doch an die alte Mutter des armen Hans, wenn ihr Sohn in einem von Sternen und Kreuzen glitzernden Rocke ſie um ihren Segen bäte; und dann denken Sie an ſie, wie ich ſie geſehen habe, wenn ich ſie, wie es all⸗ jährlich geſchieht, im Bregenzer Wald beſuche, wenn ſie mir mit unſerem ganzen Dorfe, ſtolz auf ihren Sohn und doch nicht ſich ſchämend, entgegenkommt. Das iſt des Ruhmes— das iſt der Auszeichnung genug für Hans Roͤckle.“ Der Ernſt, der in ſeiner Stimme lag, und die ehr⸗ liche Mannhaftigkeit ſeiner Geſinnungen waren mehr denn genug, um den verzeihlichen Irrthum einer Eitelkeit ver⸗ geſſen zu laſſen, die pure Einfalt war. Zwar ſah Hans die Welt nur durch das Medium ſeines eigenen Berufs hindurch, und dieſer war kein ſehr hoher; aber doch ging durch alle ſeine Anſichten, ſo enge dieſelben auch ſein moch⸗ 27 ten, ein Ton der Herzlichkeit,— ein Geiſt des Wohl⸗ wollens, der ſeine Einfalt bisweilen faſt als Weisheit er⸗ ſcheinen ließ. Er hatte die Daltons als ſeine Mieths⸗ leute kennen gelernt, und bald bemerkt, daß ſie nicht wie jene reichen Engländer ſeien, von denen ſeine Landsleute ſo reichlichen Gewinn ziehen. Er ſah ſie in einer Jahres⸗ zeit ankommen, wo alle Andern ſich davon machen und entdeckte in allen ihren Bemühungen, zu ſparen, nicht allein, daß ſie arm, ſondern, was noch trauriger, daß ſie zu jenen Leuten gehörten, die ſich nie an die Entbehrun⸗ gen, welche der Mangel an Vermögen auferlegt, gewöh⸗ nen zu können ſcheinen; denn während Einige ſich ge⸗ duldig in ihr niedriges Loos fügen, iſt bei Andern das Leben ein langer und harter Kampf, in dem Geſundheit, Hoffnung und Gemüthsruhe vergeblich geopfert werden. Daß die Daltons gegenüber von Andern, deren Loos ein gleiches, eine gewiſſe Zurückhaltung beobachteten, und ſich von denſelben entfernt hielten, ging in der That über den Verſtand des armen Hans— vielleicht mißſtel es ihm auch— denn er dachte, es koͤnne Stolz ſein; aber dann entfernte die Art, wie ſie ihn behandelten, dieſen ſeinen Verdacht wieder, denn ſie nahmen ihn nicht allein immer herzlich, ſondern ſogar mit jedem Zeichen wirklicher Liebe auf, und wie durfte er Solches erwarten? Auch waren dieß nicht die einzigen Züge, die ihn bezauberten; denn trotz der rauhen Schale beſaß er als Kern ein Herz, ſo weich, ſo warm und ſo voll edler Gefühle, als nur je eines in einer weiteren Bruſt ſchlug. Die zwei Schwe⸗ ſtern waren in Hans' Augen gleich ſchön; jede beſaß etwas Grazidſes oder Bezauberndes, was er noch nie zuvor ge⸗ troffen; auch konnte er nie mit ſich darüber einig werden, ob ihm der Witz Käthchen's oder die Sanftmuth Helenens mehr gefalle. Wäre noch etwas Weiteres noͤthig geweſen, um das Maaß ſeiner Bewunderung voll zu machen, ſo hätte ihre Gewandtheit im Schnitzen der Holzſiguren, die er ver⸗ kaufte, vollkommen hingereicht. Dieſe waren in ſeinen Augen,— und er war kein ſchlechter Kenner— hohe Beſtrebungen des Genies, und Hans ſah darin eine Poeſie und eine Naturwahrheit, welche ſolche Produkte ſelten, wenn überhaupt je, beſitzen. Solche Dinge als bloße Spielwaaren zu verkaufen, hielt er faſt für einen Frevel, während es ihm, ſchon wenn er ſich von denſelben tren⸗ nen ſollte, einen Schmerz verurſachte, nicht unähnlich dem des Florentiner Goldſchmieds, ſo oft derſelbe einen Schatz von Benvenuto Cellini's Grabſtichel aus ſeinen Händen wandern ſah. Nicht als ob der ehrliche Hans mit jener verbrecheriſchen Leidenſchaft zu kämpfen gehabt hätte, welche den Goldſchmied antrieb, ſich ſelbſt durch Mord wieder in den Beſitz der heiß erſehnten Gegenſtände zu ſetzen; nein, im Gegentheil, er empfand eine Art Liebe und einen Grad von Intereſſe für die, in deren Beſitz dieſelben kamen, gleich als ob eine geheime Sympathie ſie mit einander verbunden hätte. Iſt es da ein Wunder, wenn der arme Hans ſich in ſo angenehmer Geſellſchaft vergaß, und volle anderthalb Stunden länger da blieb, als er hätte ſollen? Für ihn waren die kleinen Zwiſchenräume des Schweigens, die man bisweilen eintreten ließ, nur Augenblicke voll ent⸗ zückender Träumerei, wo ſeine Phantaſie tauſend wonnige Pfade einſchlug, und als am Ende der Nachtwächter— denn Du darfſt nicht vergeſſen, guter Leſer, daß ſie ſich in jenem urſprünglichen Deutſchland befanden, wo die Sitten ſich nicht zu raſch ändern— zwei Uhr rief, war dem kleinen Hans das wunderliche, alte Lied, das unter dem Fenſter geſungen wurde, nichts weniger als angenehm. „Der kleine Kerl würde wohl bis zum jüngſten Tag hier ſitzen bleiben, ohne ſeine Lippen zu benetzen,“ ſagte Dalton, als Frank den Zwerg die Treppe hinab bis an die Hausthüre begleitete. „Ich glaube, er vergaß nicht bloß die Stunde, ſon⸗ dern auch, wo er war, und alles Andere,“ ſagte Käthchen. 29 „Und der arme Frank, der ſchon ſeit mehreren Stunden hätte im Bette liegen ſollen,“ ſeufzte Nelly. „Endlich iſt er fort, Mädchen,“ rief Frank, indem er lachend hereintrat.„Hätte ihn nicht ein Windſtoß an der Thüre erfaßt, und ohne Weiteres entführt, ſo würde unſer Abſchiednehmen bis an den hellen Morgen gedauert haben. Der arme Mann! Er hatte mir ſo viele Vorſichtsmaßregeln anzugeben, hatte ſolche Berge guten Raths für mich; und ſeht her, da iſt eine geweihte Me⸗ daille, die ich von ihm annehmen mußte. Er ſagte mir, „die Schweden würden mir Nichts anhaben können, ſo lange ich dieſelbe trüge. Er glaubt immer noch, daß wir in den Zeiten des dreißigjährigen Krieges leben.“ Mit einem herzlichen Lachen über Hans Nöͤckle's politiſche Wiſſenſchaft wünſchte man ſich liebevoll gute Nacht, und trennte ſich. Frank ſollte ſein Frühſtück mit Tagesanbruch bekommen, und jede Schweſter ſtellte ſich, als wolle ſie die Zubereitung deſſelben der andern über⸗ laſſen, während doch jede ingeheim beſchloß, zuerſt auf und thätig zu ſein. Mit Ausnahme des alten Andy war dieſe Nacht Niemand aufgelegt zum Schlafen. Alle waren zu ſehr erfüllt von ihren eigenen Sorgen. Selbſt Dalton, ſo abgeſtumpft auch ſeine Gefühle in Folge eines langen Le⸗ bens voller Leiden waren, ward ängſtlich erregt; und eine peinliche Frage ſtieg immer und immer wieder vor ihm auf, ohne daß ſich ihm eine Antwort darbot.„Was wird aus den Mädchen werden, wenn es mit mir aus iſt? Ohne eine Heimath werden ſie bald ohne einen Beſchützer ſein!“ Die glänzenden Phantaſien, die hoffnungsvollen Viſionen, in denen der Abend hingebracht worden war, ließen dieſe düſteren Gedanken nur noch düſterer erſcheinen. Er lag da mit gegen das Geſicht gepreßten Händen, während heiße Thränen ſeinen Augen entſtrömten, denen das Weinen bis daher etwas Unbekanntes geweſen war. Er hatte Augenblicke, wo er halb und halb den 30 Entſchluß faßte, Frank nicht gehen zu laſſen; aber er brauchte nicht lange nachzudenken, um einzuſehen, wie unbedeutend die Veränderung ſein würde. Es würde ja nichts Anderes heißen, als ihn die Armuth theilen laſſen — ihn auf das Wenige anweiſen, was für ſie ſelbſt be⸗ reits zu wenig.„Wird wohl Graf Stephan den armen Mädchen als Freund zur Seite ſtehen?“— ſo fragte er ſich aber und abermal; und in ſeiner Ungewißheit griff er nach dem ſonderbaren Schreiben, worin der alte Ge⸗ neral Frank's Ernennung zum Kadetten anzeigte. Das Papier, die Art, wie es zuſammengelegt war, die geraden, ſteifen Buchſtaben, paßten genau zu einem Style, der deutlich anzeigte, wie viele Jahre der General ſein Engliſch hatte ruhen laſſen. Das Schreiben lautete alſo:— Graben, Wien, Octob. 9, 18— Geehrteſter Herr und Neffel „Ihr freundlich grüßender, aber lange unterwegs gebliebener Brief iſt in meinen Händen. Es gereicht mir zum Vergnügen, daß ich die Ernennung Ihres Sohnes zum Cadetten im 7. Bataillon von Karl⸗Franz⸗Infanterie Ihnen anzeigen kann. So laſſen Sie ihn denn ſich ſchleu⸗ nigſt hieher nach Wien begeben, wo er ſich vor dem Kriegs⸗ miniſter zu ſtellen, und ſeinen Taufſchein, als Beweis ſeiner Identität, vorzuweiſen hat.“ „Ich bin Ihr ergebenſter und wohlaffektlonirter Oheim Graf Dalton von Auersperg, Generallieutenant und Feldzeugmeiſter, K. K. A.“ „An den hoch⸗ und wohlgebornen Herrn Baron von Dalton in Baden⸗Baden.“ 31 Drittes Kapitel. „Der Waldweg.“ Dieſes trockene Schreiben las Dalton aber und aber⸗ mal, und ſuchte, wenn nicht eine Spur von Wohlwollen oder von Intereſſe, ſo doch wenigſtens einen Schlüſſel zu entdecken, der ihm die Natur des Schreibenden enthüllte; aber es war vergebens: der wunderliche Formalismus deſſelben bot aller Spekulation Trotz, und er gab alle weiteren Verſuche in der Verzweiflung auf. Daß der „Graf“ ſeines Vaters einziger Bruder und ein„Dalton“ war,— das waren alle Troſtgründe, die er bei ſeinem Nachdenken finden konnte; allein er hatte lange genug in der Welt gelebt, um zu wiſſen, wie wenig bindend die Bande der Verwandtſchaft find, wenn ſie einmal durch die Jahre und die Entfernung gelockert worden. Der Graf konnte ſie daher als Eindringlinge betrachten und bei der Wiedergeltendmachung einer Verwandtſchaft, die länger als ein halbes Jahrhundert geruht hatte, das ge⸗ rade Gegentheil von Vergnügen empfinden. Dalton's Stolz— oder was er als ſeinen Stolz betrachtete— em⸗ poͤrte ſich bei dieſem Gedanken; denn obgleich eben dieſer Stolz ihn nicht verhindert haben würde, ſich von dem Grafen eine Gunſt zu erbitten, ſo würde er doch, wenn eine abſchlägige Antwort gekommen, oder wenn die Bitte auch nur ungern gewährt worden wäre, ſich für 8 verletzt erachtet und ſich hoͤchſt unwillig gebärdet aben. Als ſich ſeinem Geiſte zuerſt der Gedanke darbot, ſich für Frank an ſeinen Oheim zu wenden, nahm er ganz und gar keinen Anſtand, eine Bitte an einen Mann zu 32 richten, mit dem er in ſeinem ganzen Leben noch nie eine Zeile gewechſelt; und jetzt wollte er ſich alsbald beleidigt finden, wenn nicht alle Wärme der Blutsverwandtſchaft das Herz des Mannes erfüllte, der von ſeiner früheſten Jugend an ſeine Heimath und ſeine Familie verlaſſen hatte. Eiine gemächliche, träge Selbſtſucht war der Geiſt von Dalton's ganzem Leben geweſen. Er hielt gern ſein Haus auf einem gutem Fuße und ſah gern Geſellſchaft um ſich; und dieß verſchaffte ihm den Ruf der Gaſt⸗ freundſchaft. Er mochte nicht unpopulär ſein, und fürch⸗ tete den„boͤſen Mund“ der Leute; und deßhalb ließ er bei ſeinen Pächtern die Rückſtände ſich anhäufen und ſein Gut dem Ruin anheimfallen. Ein eitler Wetteifer mit reicheren Nachbarn verhinderte eine Beſchränkung der Ausgaben von ſeiner Seite, als ſeine Mittel ſich vermin⸗ dert hatten. Die gedankenloſe Selbſtſucht ſeines Weſens zeigte ſich ſogar in ſeiner Heirath, da Miß Godfrey ſeine Hand annahm, um einem alten, vor Jahren ſchon gegebenen Verſprechen nachzukommen, und in Zorn und Aerger von ihrem Bruder ſchied, der ſie ſtets auf's Wärmſte geliebt hatte. Herr Godfrey verzieh ſeiner Schweſter nie; und bei ſeinem Tode, deſſen geheimniß⸗ volle Umſtände nie aufgeklärt wurden, ging ſein Gut an einen entfernten Verwandten, den reichen Sir Gilbert Stafford, über. Dalton, der ſich lange mit der Hoffnung einer Wie⸗ derausſöhnung getragen hatte, ſah alle Ausſicht ſchwinden, als ſeine Frau ſtarb,— wie er ſagte, vor Gram. Seine Schulden waren bereits bedeutend und alle Hülfsguellen, welche er ſich durch Borgen oder Verpfänden einſt eröff⸗ net hatte, waren ſchon lange erſchöpft; es blieb ihm da⸗ her Nichts übrig, als ſich mit ſeinen Gläubigern zu ar⸗ rangiren, und in Folge dieſes Arrangements erhielt er einen kleinen Jahrgehalt, womit er ſich gerade vor der drückendſten Armuth ſchützen konnte, und der ihn in den 33 Stand ſetzte, ſein Leben an den wohlfeilen Orten des Con⸗ tinents dahinzuſchleppen; und ſo war er, ſeit faſt 20 Jah⸗ ren, von Dieppe nach Oſtende, nach Brügge, nach Düſſel⸗ dorf, Koblenz u. ſ. w., ſo wie nach den kleinen deutſchen Reſidenzſtädten gewandert, bis er, bei ſtets mangelndem Gelde, ſeinen Wohnſitz für den Winter in Baden aufſchlug, wo wenigſtens die Hausmiethe für ihn faſt ganz wegfiel. Die nämliche Apathie, die ſeinen Ruin verurſachte, ſetzte ihn auch in den Stand, denſelben geduldig zu er⸗ tragen. Nichts hat eine ſo täuſchende Aehnlichkeit mit der Weisheit, wie der abſolute Kleinmuth; mit allem Anſchein wahrer Philoſophie nimmt er eine Haltung an, als ſei er über die Prüfungen der Welt erhaben; er ver⸗ folgt ſeinen Weg in aller Ruhe, unbeirrt und unabgeſchreckt durch die Ungluͤcksfälle, welche Andere darnieder drücken, und erträgt ſogar das härteſte Mißgeſchick mit dem ſanf⸗ ten Lächeln des Gleichmuths. Auf dieſe Weiſe hatte Dalton Manche getäuſcht, die ihn in beſſeren Tagen gekannt, und die ihn nun ſogar in ſeinem Unglücke daſſelbe ſorgloſe, gutmüthige Weſen zur Schau tragen ſahen, wie zu jener Zeit, wo er mit ſeinen eigenen Hunden jagte, oder an ſeinem Tiſche die mit Bordeaux gefüllte Weinflaſche herumgehen ließ. Selbſt ſeine eigenen Kinder ließen ſich dadurch täuſchen, und hörten ihm mit ſtaunender Bewunderung zu, wenn er von der Lebensweiſe, die er einſt geführt, und von der glänzenden Haushaltung zu Mount Dalton erzählte. Das waren für ihn die Gegenſtände, wovon er am Liebſten ſprach; und als er älter wurde, ſchien er eine Art Troſt darin zu finden, alle Unbilden ſeines jetzigen Schickſales mit ſeinem früheren Glanze und Reichthum in möglichſt ſcharfen Kontraſten zu vergleichen. Auf Helene Dalton, die ihre Mutter gekannt hatte, und ſich derſelben noch erinnern konnte, brachten dieſe 3 CErzählungen einen Eindruck tiefen Schmerzes hervor, da 5 Die Daltons I. 3 34 ſich die Leiden eines Krankenbettes und die peinlichen Schlußſcenen eines Lebens daran knüpften. Bei den An⸗ dern aber dienten ſie dazu, eine Art Geburtsſtolz aufrecht zu erhalen⸗ und andern Menſchen gegenuber, die ſich in gleicher Lage, wie ſie, befanden, eine Art Superiorität anzunehmen, worin ihr Vater ſeinen Ruhm ſuchte, indem dieß, wie er zu ſagen pflegte,„den alten Geiſt der Dal⸗ tons“ repräſentire. Was Käthchen betrifft, ſo fand ſie einen Erſatz für die gegenwärtige Armuth in dem Bewußtſein, daß ſie von edlem Blute ſeien, ſowie in dem Gedanken, daß, wenn das Glück ihnen dereinſt wieder hold werden ſollte, ſie nicht wie Emporkömmlinge ſich der Welt aufdringen, ſondern gleichſam nur wieder den Platz einnehmen würden, der ihnen ſo lange gebührte. Bei Frank hatte das Uebel noch tiefere Wurzeln ge⸗ ſchlagen. Von ſeiner früheſten Kindheit an gelehrt, ſich als den Erben eines alten Hauſes zu betrachten, erfüllt von Stolz auf ſeine Geburt und ſeinen Stand durch den alten Andy, den Jäger und einzigen Diener, den ſie mit charakteriſtiſcher Weisheit aus Irland mitgenommen hat⸗ ten, hörte er nie auf, über den Gegenſtand nachzudenken und ſich zu fragen, ob er es noch erleben würde, bis er wieder in den Beſitz ſeines„Eigenthums“ käme. So ſehr hatte dieſe Leid t ſich ſeiner bemäch⸗ tigt, daß er ſogar noch als ein Kin ſich oft Tage lang von Hauſe entfernte, um einſame und unbeſuchte Orte aufzuſuchen, über die Geſchichte, die er gehoͤrt, nachzu⸗ denken, und vor ſeinen Augen Etwas hervorzuzaubern zu ſuchen, was mit dem alten Hauſe und dem ehrwürdigen Beſitzthume, das ſo lange nis in ſeiner Familie fortgeerbt, Aehnlichkeit hätte. Man hatte ihm ja nicht geſagt, durch welche unfinnigen Verſchwendungen, durch welche Jahre lange fortgeſetzten Thorheiten und Extra das Vermoͤgen ſeiner Familie Schiffbruch gelitte oder richtiger geſprochen, man hatte in ſeinem G 35 manchen unbeſtimmten Verdacht in Betreff des ihnen an⸗ gethanen Unrechts, der ſtrengen, durch engliſche Unwiſ⸗ ſenheit oder Grauſamkeit auferlegten Geſetze feſtſetzen laſſen; auf der einen Seite zeigte man ihm die Unge⸗ rechtigkeit, auf der andern die herzloſe Gleichgültigkeit der Freunde, während das andauernde Grollen ſeines Oheims Godfrey das Maaß ihres Unglückes voll machte. Frank Dalton's Erziehung ging nicht viel weiter; aber ſo ſchlecht dieſelbe auch beſchaffen war, ſo wurde doch ihre Wirkung durch die natürliche Offenheit und den angeborenen Edel⸗ muth ſeines Charakters abgeſtumpft, indem ihre ſchlimm⸗ ſten Früchte eine Ueberſchätzung ſeiner ſelbſt und ſeiner Anſprüche waren— Fehler, welche die Welt ſtets die wachſame Güte hat, bei denen zu verbeſſern, welche fa⸗ denſcheinige Röͤcke und geflickte Stiefeln tragen. Er hing mit vieler Wärme und Innigkeit an ſeinem Vater und an ſeinen Schweſtern, und alle Bitterkeit, die ihren Weg zu ſeinem Herzen fand, rührte daher, daß er ſie die vielen Prüfungen der Armuth ertragen ſehen mußte. Seine ganze Begeiſterung für den Dienſt, in den er nun zu treten im Begriffe war, reichte daher kaum hin, den Kummer des Abſchieds von denen, die er allein auf der ganzen Welt liebte, zu überwinden; und als der Au⸗ genblick des Scheidens herbeikam, vergaß er die glänzenden Illuſionen, womit er ſeine Hoffnungen ſo lange genährt hatte, und konnte nur an den Schmerz der Trennung denken. Sein Licht war faſt bis auf die Dille herabgebrannt, als er aufſtand und auf ſeine Uhr blickte. Es war draußen noch ſo finſter, wie um Mitternacht, obgleich es nicht mehr weit von ſechs Uhr war. Er öffnete das Fenſter, und es drangen, von einem ſchneidenden Nordwinde ge⸗ tragen, dünne Schneeflocken herein; er machte es raſch wieder zu, und ſchauderte bei dem Gedanken an den vor ihm liegenden, langen und einſamen Weg. Alles war 36 ſtill im Hauſe, während er ſich ankleidete nnd reiſefertig machte. Mit leiſem Schritte näherte er ſich der Thüre ſeines Vaters und horchte; aber Alles war ſtill. Er konnte es nicht über ſich gewinnen, ihn in ſeinem Schlafe zu ſtoͤren, und ſo ging er nach dem Zimmer hin, wo ſeine Schweſtern ſchliefen. Die Thüre war bloß angelehnt und ein Licht brannte auf dem Tiſche. Frank trat auf den Zehenſpitzen hinein und ging auf das Bett zu; aber es war leer und es hatte Niemand darin geſchlafen. In⸗ dem er ſich umwandte, ſah er Käthchen, ſchlafend in einem Stuhle und angekleidet, wie er ſie zum letzten Male ge⸗ ſehen. Sie hatte ſich nicht niedergelegt, und das Gebet⸗ buch, das ihrer Hand entſunken war, zeigte an, wie ihre letzten Augenblicke, die ſie wachend zugebracht, vergangen waren. Er küßte ſie zwei Mal, aber ſelbſt die heißen Thrä⸗ nen, die von ſeinen Augen auf ihre Wange fielen, konn⸗ ten ihren Schlummer nicht ſtoͤren. Er ſah ſich nun nach einem Zeichen um, das er zurücklaſſen könnte, um anzudeu⸗ ten, daß er dageweſen; aber er ſah Nichts, und ſo ſchlich er, mit einem leiſen Seufzer, ſich aus dem Zimmer. Indem er in die Küche lin eninge ſah er, daß Helene dort war. Sie hatte ſchon ſein Frühſtück bereitet und war damit beſchäftigt, den Tiſch zu decken, als er eintrat. ͤͤ. „Wie gut, wie lieb iſt es doch von⸗ dir, Helene,“ ſagte er, indem er ſeinen Arm um ihren Nacken legte. „SStille, Frank, ſie ſchlafen Beide. Der arme Papa ſchloß ſeine Augen erſt vor einer halben Stunde, und Kate gab erſt nach langem Widerſtande ſich überwunden.“ „Sag' ihnen, daß ich ſie geküßt, daß ich Nelly zwei Mal geküßt,“ ſagte er mit leiſer und gebrochener Stimme, vund daß ich es nicht über's Herz bringen konnte, ſie aufzuwecken: das Abſchiednehmen iſt ſo peinlich! Ach⸗ Helene, wüßte ich doch, daß Ihr Alle glücklich wäret— 37 daß keine Mühſeligkeiten Eurer mehr harrten, wenn ich fort bin!’¹“—.: „Und warum ſollten wir nicht glücklich ſein, Frank,“ ſagte ſie ſtandhaft.„Es liegt keine Unehre in dieſer Ar⸗ muth, ſo lange die Noth nicht von der Art iſt, daß ſie dieſelbe anders erſcheinen läßt, als ſie wirklich iſt. Wir wollen lieber um den Geiſt beten, der zu dem Geſchicke paßt, das uns beſchieden iſt, welcher Art es immer ſein möge, als um ein Glück, das vielleicht nicht für uns paſſen würde.“ „Möchteſt Du vergeſſen, wer wir ſind, Helene?“ ſagte er in halb vorwurfsvollem Tone. „Ich moͤchte mich, Frank, daran erinnern mit einem weniger an Stolz, als an Demuth erinnernden Gefühle.“ „Ich ſehe in all' Dieſem nicht viel vom Familien⸗ Geiſte,“ erwiederte er beinahe ärgerlich. „Der Familiengeiſt?“ wiederholte ſie gefühlvoll. „Was hat er uns je Anderes gebracht, als Schaden? Hat er einen erhabenen Muth gegen die Uebel der Ar⸗ muth eingeflößt? Hat er uns gezeigt, wie wir die Noth mit Würde ertragen könnten, oder hat er uns Geduld und Unterwerfung unter unſer Schickſal gelehrt? Oder iſt er nicht im Gegentheil immer gegenwärtig geweſen, um uns zuzuflüſtern, wie verändert unſer Loos, unſere Glücks⸗Umſtände ſeien? Iſt er nicht Schuld daran, daß wir uns des Umganges mit Leuten ſchämten, mit denen wir in unſerer Lage umgehen konnten, und hat er uns nicht zur Vereinzelung geführt, und ohne alle Freunde gelaſſen, damit— ich errothe, das Wort zu mißbrauchen — unſerem Stolze Genüge geſchah? O, Frank, mein theurer, theurer Bruder, nimm es mir nicht übel, daß ich in den letzten Augenblicken, die wir, vielleicht für viele Jahre, bei einander ſind, ausſpreche, was Deinen Ohren unangenehm klingen mag; aber erinnere Dich, daß ich viel älter bin— daß ich weit mehr von der Welt geſehen habe, wenigſtens von deren Sorgen und deren Kummer, 38 als Du. Ich habe in der That die Noth und Trübſal in mancherlei Geſtalten kennen gelernt, habe aber dabei nie einen ſchlechteren Tröſter gefunden, als das, was wir unſeren Stolz nennen!“ „So möchteſt Du denn, daß ich vergeſſe, daß ich ein Dalton bin?“ ſagte der Jüngling in einem Tone voll kummervoller Bedeutung. „ Niemals! ſobald die Erinnerung eine edelmüthige Handlung eingeben, einen männlichen Ehrgeiz, oder einen hochherzigen Gedanken einfoͤßen kann; der Name wird aber ſeines Zaubers baar ſein, wenn man ſich deſſelben dazu bedient, einen herriſchen, unzufriedenen Geiſt zu nähren— wenn er nur dazu dienen ſoll, unſeren jetzigen Zuſtand mit dem, was er moͤglicher Weiſe hätte ſein koͤn⸗ nen, voller Bedauern kontraſtirend zu vergleichen, oder— was in einem weltlichen Sinne noch verderblicher iſt— wenn er uns auf den Ruf einer Familie, zu dem wir lediglich Nichts beigetragen, thörichter Weiſe pochen macht.“ „Ach, Du weißt nicht, theuerſte Nelly, welches Tro⸗ ſtes Du mich beraubt haſt,“ ſagte Frank kummervoll. „Sprich nicht ſo, theuerſter Bruder,“ rief ſie, ihn umarmend; eine Täuſchung, eine bloße Illuſion verdient einen ſolchen Namen nicht. Sieh' über die Befriedigung bloßer Eitelkeit hinweg, und Du wirſt gegen die vielen Wunden geſtählt werden, welche die Eigenliebe im Ver⸗ kehr mit der Welt immer ſicher genug empfängt. Ich kann nicht ſagen, wie oder mit wem Du fortan zu leben beſtimmt biſt; aber ich bin überzeugt, daß ein Mann von Ehre und Wahrheit ſich in jeder Stellung Achtung zu verſchaffen weiß. Sei ein ſolcher Mann, theuerſter Frank. Wenn der Familienſtolz— wenn der Name Dalton in Deinen Augen einen Werth hat, ſo erinnere Dich, daß es an Dir iſt, zu zeigen, in wiefern er auf Auszeichnung Anſpruch machen kann. Iſt, wie ich gerne hoffe, Dein Herz hier bei uns, ſo bedenke, welche Freude, welch' hei⸗ lige Dankbarkeit Du um unſeren beſcheidenen Herd ver⸗ 39 breiten wirſt, wenn wir wiſſen, daß unſer Bruder. ein guter Mann iſt.“ Es dauerte einige Augenblicke, ehe Beide wieder ſpre⸗ chen konnten. Sie waren zu tief bewegt, um Worte fin⸗ den zu können, wenn auch die ihre Herzen bewegenden Gefühle vielleicht verſchiedener Art waren. Frank's Au⸗ gen waren voller Thränen und ſeine Wange zuckte krampf⸗ haft, als er ſeinen Torniſter auf die Schulter warf. „Du mußt uns von Innsbruck ſchreiben, Frank; aber wie viele Tage brauchſt Du, um dieſe Stadt zu er⸗ reichen?“ „Wenigſtens zwoͤlf bis vierzehn, wenn ich zu Fuß gehe. Ei, theuerſte Nelly, ſo hilf mir doch nicht; ich werde Dich morgen nicht haben, um dieſe Riemen zu be⸗ feſtigen.“ „Das darf nicht vergeſſen werden, Frank; es iſt ein Geſchenk Käthchens. Wie leid wird es ihr thun, daß ſie es Dir nicht mit eigenen Händen übergeben konnte l“ Und ſo ſagend, gab ſie ihm die Börſe, welche ihre Schweſter gehäkelt hatte. „Aber es iſt ja Gold darin,“ ſagte der Jüngling, ſo tief bewegt, daß er erblaßte. „Sehr wenig, lieber Frank,“ antwortete ſie lächelnd. „Ein Kadet muß ſtets Gold in ſeiner Börſe haben,— — ſo ſagte uns der kleine Hans; und Du weißt, wie geſchickt er in allen dieſen Dingen iſt.“ „Und von Euch ſollte ich noch Gold mit mir neh⸗ men!“ rief er leidenſchaftlich. „Nein, Frank, Du mußt uns nicht glauben machen, daß wir ſo gar arm ſeien. Ich verſichere Dich, ich nſß mich durchaus nicht als eine Märtyrerin hinſtellen aſſen.“ Nicht ohne Schwierigkelt gelang es ihr endlich, ſeine Skrupel zu überwinden; auch wäre es ihr vielleicht gar nicht gelungen, wenn nicht ſeine Gedanken durch ein leich⸗ tes Pochen an der Thür eine andere Richtung erhalten 40 hätten. Es war Hans Röckle, der kam, um ihn aufzu⸗ wecken. Aber und abermals küßten der Bruder und die Schwe⸗ ſter einander; und in Thränen gebadet und von dem vie⸗ len Schluchzen halb erſtickt, riß Frank ſich weg und eilte die Treppe hinab. Einen Augenblick darauf ſchlug die ſchwere Hausthür heftig zu, und fort war er. Ach, wie einſam fand er ſich, als er durch die fin⸗ ſtern und engen Gaſſen ſich hindurch wandte, wo der Schnee ſchon tief lag! Mit welch' betrübtem Herzen wandte er ſich um, um zum letzten Male nach dem Fen⸗ ſter zu blicken, wo das Licht— das einzige, das zu ſe⸗ hen war— noch ſchimmerte. Wie wenig vermochten alle Einflüſterungen der Hoffnung gegen die traurige und trübe Wirklichkeit, wo er alles verließ, was er liebte, und Alles, was ihn liebte, um auf gut Glück in eine Welt hineinzuſteuern, wo für ihn Alles kalt und freundlos war. Aber alle ſeine düſteren Ahnungen konnten nicht in Vergleich kommen mit deren der treuen Schweſter, von der er ſich ſo eben verabſchiedet hatte; ihren Bruder mehr wie eine Mutter, als wie eine Schweſter liebend, hatte ſie oft über die Zäge ſeines Charakters nachgedacht, wo bei manchen edlen Naturgaben der böſe Samen einer verfehlten Erziehung den verderblichen Irrthum ungeregel⸗ ter Selbſtachtung und ungeregelten Stolzes, wie wuchern⸗ des Unkraut unter Blumen, zurückgelaſſen hatte. Unbe⸗ kannt mit der Laufbahn, die er zu betreten im Begriffe war, konnte Helene nur unbeſtimmte Vermuthungen darüber anſtellen, wie ein ſolcher Charakter geachtet werden, und ob ſeine angeborne Offenheit und ſein Edelmuth dieſe ernſteren Fehler bedecken, oder als bloße Schwächen er⸗ ſcheinen laſſen würden. Ihre eigene Armuth, die vielen damit verbundenen Entbehrungen, ſammt allen ihren grau⸗ ſamen Wunden für den ehrenhaften Stolz, und allen ihren herben Prüfungen für das Gemäth, konnte ſie mit uner⸗ ſchütterlichem Muthe ertragen. Sie hatte Solches in der 41 Schule gelernt, wo man es allein lernen kann, und die tägliche Gewohnheit hatte ſie nach und nach geſtählt; was aber Frank betrifft, ſo hoffte ihr Ehrgeiz ein höheres und glänzenderes Loos. Und nun kniete ſie in ihrer Ein⸗ ſamkeit und mit überſtrömendem Herzen nieder und betete für ihn. Und ach! wenn ein ſolches Gebet nie zum Himmel empor ſteigt, oder dort Erhörung findet, ſo übt es doch eine beſänftigende Wirkung auf den Geiſt deſſen, der es ausſpricht, und richtet in ihm eine Hoffnung auf, deren Fundamente über die Zufälligkeiten der Menſchheit hinausreichen, und verleiht einen Muth, den das bloße Selbſtvertrauen nie zu geben vermochte! Der kleine Hans kam nicht allein, um Frank zu wecken, ſondern auch, um ihm einige Stunden weit das Geleite zu geben— eine liebevolle Aufmerkſamkeit, wo⸗ für die gänzliche Befangenheit des Jünglings nur einen magern Erſatz zu bieten ſchien. In der That, Frank wußte kaum, daß er nicht in gänzlicher Einſamkeit reiſe, und alle Bemühungen des braven Zwergs, den Gedanken des Jünglings eine andere Richtung zu geben, waren frucht⸗ los, ſo geſchickt er es auch angreifen mochte. Wäre es hell genug geweſen, um den Anzug ſeines Gefährten mu⸗ ſtern zu können, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß dieſer Anblick wirkſamer geweſen wäre, um ſeine düſtere Stimmung zu zerſtreuen, als alle Gründe von der Welt. Meiſter Roͤckle, deſſen Geiſt ein vollkommenes Magazin von deutſchen Abenteuerlichkeiten und unirdiſchen Grauen⸗ ſcenen war; der ſich einbildete, daß die große Mehrheit der menſchlichen Bevölkerung des Erdballs aus Banditen oder Heren beſtehe, hatte ſich mit einem ganzen Muſeum von Amuletten und Zaubermitteln verſchiedener Art um⸗ geben. In ſeiner Kappe trug er den Schwanz eines ſchwarzen Eichhörnchens, als ein Mittel, ihn vor dem „Waldteufel“ zu bewahren; eine große getrocknete Kröte hing an ſeinem Halſe, wie ein Orden, um ihn vor den Anſchlägen böſer Leute zu bewahren; ein Entenfuß hing 42 an der Troddel ſeines Stiefels, als ein Talisman wider das Ertrinken, während ganze Schnüre voller Medalllen, Münzen, koſtbarer Steine, geweihter Paternoſterkügelchen und getrockneter Inſekten überall an ihm herumhingen. Was aber bei ſeiner ganzen Erſcheinung am Meiſten auf⸗ fallen mußte, war eine ungeheure Streitart aus dem fünf⸗ zehnten Jahrhundert, die er als eine Vertheidigungswaſſe gegen bloß ſterbliche Feinde führte, die aber, nach ihrem Gewichte und ihrer Groͤße zu ſchließen, weit eher ihren Träger darnieder drücken zu müſſen, als Andern Schaden zufügen zu können ſchien. Sie war urſprünglich in der Rüſtkammer zu Prag aufbewahrt geweſen, und ſollte die⸗ ſelbe Waffe ſein, womit Konrad den Rieſen zu Leitmeritz erſchlug, eine Thatſache, für die Hans einſtand, indem er es ſich zweihundert Gulden koſten ließ, um die Streitaxt zu kaufen; da— um ſeine eigenen emphatiſchen Worte zu gebrauchen—„man nicht alle Tage wiſſe, wo man eine Waffe finden koͤnne, um damit einen Rieſen zu be⸗ wältigen.“ Indem Hans, belaſtet durch alle dieſe verſchiedenen Gegenſtände, an der Seite ſeines kräftigen Gefährten hertrabte, entdeckte er bald, daß alle ſeine Bemühungen, ein Geſpräch anzuknüpfen, ganz und gar unbeachtet blie⸗ ben; er verſiel daher in ein düſteres Schweigen, und ſo wanderten ſie Stunden lang, ohne ein Wort zu wechſeln. Endlich kamen ſie bei dem kleinen Dorfe Hernitz⸗Kret⸗ ſchen an, von wo Frank auf einem Seitenwege die Haupt⸗ ſtraße erreichen ſollte, die durch das Höllenthal nach dem Bodenſee führt, und wo ſie von einander ſcheiden wollten. „Es iſt mir, als ob ich den ganzen Weg mit Ihnen gehen könnte,“ ſagte Hans, als ſie einen Augenblick ſtille ſtanden, um das Thälchen anzuſehen, worin das Dorf lag, und jenſeits deſſen ſich ein tiefer, dunkler Tannen⸗ Wald hinzog, der von einem einzigen Wege durchſchnitten war. 43 „Nein Hans,“ ſagte Frank lächelnd, als er zum erſten Male die ſeltſame Geſtalt neben ſich ſah:„Sie müſſen nach Ihrem kleinen, hühſchen Dorfe zurück, und vort glücklich leben, damit Sie auch Andern, wie mir heute, manche Gefälligkeit erweiſen können.“ „Ich möchte ſelbſt in den Dienſt der Kaiſerin treten,“ ſagte Hans,„wenn es nur eine gute und große Sache gälte, wie z. B. die Vertheidigung der Kirche gegen die Türken, oder die Vertilgung der Drachen, welche an der untern Donau hauſen.“ „Aber Sie vergeſſen, Hans, daß jetzt ein Kaiſer üͤber Oeſtreich herrſcht,“ ſagte Frank, der es vorzog, gegen die a Wenigſten auffallende ſeiner Viſtonen zu Felde zu ziehen. „Nein, nein, mein lieber Frank, ſie haben die gute Maria Thereſia nicht abgeſetzt— das thun ſie gewiß nie. Ich habe ihr Portrait über der Zimmerthüre des Bür⸗ germeiſters geſehen, als ich meine Mutter zum letzten Male in dem Bregenzer Walde beſucht, und ihre Krone, ſo wie ihr Scepter war gerade friſch vergoldet worden, — was ſie gewiß nicht gethan haben würden, wenn ſie nicht auf dem Throne wäre.“ „Wie wäre es nun aber, wenn ſie doch todt wäre, ſammt ihrem Sohne?“ ſagte Frank. Aber er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als er bedauerte, dieſelben geſagt zu haben: ſo auffallend war die Veränderung, die in den Geſichtszügen des Zwerges vor ſich ging. „Wenn das wirklich wahr wäre, ſo möge der Him⸗ mel Gnade mit uns haben!“ rief er fromm.„Der alte Friedrich wird mit den guten Katholiken nur wenig Mit⸗ leid haben! Aber nein, lieber Frank, das kann nicht ſein. Das letzte Mal, als ich von Nürnberg Soldaten bekam, hatten dieſe dieſelbe Uniform, wie immer, und das„„Mo⸗- riamur pro rege nostro, Maria Theresia, ſtand in goldenen Buchſtaben auf jeder Fahne, wie früher.“ Frank war nicht in der Laune, eine ſo unſchuldige 44 und angenehme Illuſion zu zerſtören, und machte daher keine weiteren Einwendungen. Und nun ging es den Weg hinab, der zu dem kleinen Wirthshaus in dem Dorfe führte. Hier wollte Hans ſchlechterdings den Bewirther ſpielen, und bald lag auf dem Tiſche das ſchwarze Brod, ſammt den harten Eiern, und den großen Würſten, wie die Deutſchen ſie lieben; verſchiedene Flaſchen Markgräf⸗ ler und andere Landweine wurden gleichfalls aufgetragen. „Wer weiß,“ ſagte Hans, indem er, mit ſeinem Ge⸗ fährten anſtoßend, deſſen Geſundheit trank,„ob, wenn wir wieder einmal zuſammenkommen, Du mit einem Men⸗ ſchen, wie ich bin, Dich zu Tiſche ſetzeſt.“ „Wie ſo, Hanſerl?“ fragte der Jüngling erſtaunt. „Ich meine, Herr Franz, Sie köoͤnnen Oberſt, viel⸗ leicht auch General werden, mit dem Joſephs⸗Orden im Knopfloche, oder dem Thereſiten⸗Orden am Halſe; und wenn das der Fall wäre, wie könnten Sie alsdann mit den urmen Spielwaaren⸗Händler ſich an Einen Tiſch etzen?“ „Ich ſchäme mich nicht, es jetzt zu thun,“ ſagte Frank ſtolz:„und der Kaiſer kann zu dem Adel, den mir die Geburt verliehen, Nichts hinzufügen. Würde ich mich derer ſchämen, ſo mir wohl wollten, ſo würde ich mei⸗ nem Range und meinem Namen zu gleicher Zeit Unehre machen.“ ſagte Hans gedankenvoll.„Als ein Führer durch's Leben geht der Stolz gar wohl an, ſo lange Wege und Wagen „Das ſind gute, obwohl etwas zu ſtolze Worte,“ Nichts zu wünſchen übrig laſſen; wenn man aber auf Bergpfade und in ſteinige Gegenden kommt, wo man über manchen wilden Seſßſan ſetzen muß, und manche finſtere Schlucht zu über muth, ja kindliche Demuth eine beſſere Lehrerin und Rath⸗ geberin.“ 1 5 „Ich habe kein Recht, anders als demüthig zu ſein!“ ſagte der Jüngling, allein der funkelnde Glanz ſeiner eiten hat,— da iſt die De⸗ 45 Augen, ſo wie das feurigere Roth ſeiner Wange ſchien ſeine Worte Lügen zu ſtrafen. Eine Weile kam das Geſpräch in's Stocken, oder aber wurden nur kurze und abgebrochene Worte geſpro⸗ chen, bis endlich Frank ſagte:— 4 „Sie werden ſie alſo recht oft beſuchen, Hanſerl: nicht wahr? Auch werden Sie Abends bei ihnen bleiben? Denn ſie werden ſich jetzt einſam fühlen, und mein Vater wird Ihnen gern von ſeiner Heimath erzählen, wie er es noch nennt.“ „Das will ich,“ ſagte Hans;„es ſind die glücklich⸗ ſen Stunden meines Lebens, wenn ich an jenem Heerde e.“ Frank fuhr mit der Hand über die Augen, und ſeine Lippen zuckten, als er zu ſprechen verſuchte. „Sie werden auch gegen die arme Helene gütig ſein; ſie iſt ſo ſchüchtern, Hans. Sie können nicht glauben, wie ſehr ſie der Gedanke ängſtigt, daß ihre kleinen Schu bereien nicht als preiswürdig erfunden werden möch⸗ en.“ „Es ſind Perlen! Es ſind Kunſt⸗Schätze!“ rief Hans enthuſiaſtiſch. 3„Und meine holde Kate!“ rief der Jüngling, indem ihm die Augen überliefen und die heftigeren Gemüthsbe⸗ wegungen, unter denen er litt, ihn nicht weiter reden zu laſſen ſchienen. „Sie iſt ſo ſchöͤn!“ rief Hans voller Gluth.„Nehme ich die heilige Jungfrau am Kreuze aus, ſo habe ich noch nie ſolche Liebenswuͤrdigkeit geſehen. Man läutet das An⸗ gelus; wir wollen den Segen Gottes auf ſie herabflehen,“ und Beide knieten in tiefſter Andacht nieder. Frank's Lippen bewegten ſich nicht, ſondern er blieb, mit überſtrö⸗ maendem Herzen und gefalteten Händen, ruhig wie eine . Slatben lDanſerl dagegen ſagte ein alterthümlich gereim⸗ ebet. 4 „Und dort ſteht der Hundſtern, hell und glänzend,“ 46 ſagte Hans, indem er aufſtand.„Noch nie war eine glucklichere Vorbedeutung beim Antritte einer Reiſe vor⸗ handen. Es wird Ihnen gut gehen, mein Junge; das Glück winkt Ihnen, wie wir hier ſehen. Derſelbe Stern ſchien auf meinem Pfade, als ich vor achtzehn Jahren nach Baden kam, und ſehen Sie, wie glücklich mein Leben geweſen.“ Frank konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, als er den armen Zwerg ſich ſo glücklich preiſen hörte; aber es lag in Hanſerl's Blicke Etwas, was eine glückliche und zufriedene Natur andeutete. „Und Ihr Leben iſt alſo ein glückliches geweſen, Hanſerl?“ ſagte er, halb fragend. „Ein glückliches? Ja, ein ſolches iſt es geweſen. Ich war ein armer Knabe, barfuß und hungrig in dem Walde, wo ich geboren wurde— ich war entſtellt und dazu noch verkrüppelt— ein bemitleidenswerthes Geſchöpf — zu ſchwach, um zu arbeiten, und ohne eine Perſon, die mich hätte unterrichten koͤnnen, und doch ward auch ich nicht vergeſſen von ihm, der die Welt ſo herrlich und ſo ſchön gemacht hat; aber in meinem Herzen lag der Wunſch, Etwas zu ſein— Etwas zu thun, was Andern zum Nutzen gereichen könnte. Die Kinder verſpotteten mich, wenn ich an ihnen vorüberging; aber eine Stimme flüſterte in mir,„„laß den Muth nicht ſinken, Hanſerl, ſie werden Dich noch ſegnen, ja, ſie werden Dich mit freudigem Lachen und jubelnd begrüßen, und Dich ihren guten Hanſerl nennen:un und ſo iſt es auch gekommen! Mein Name iſt weit und breit bekannt in Deutſchland. Kleine Knaben und Mädchen wiſſen und ſprechen von mir, ſobald ſie ihre erſten Worte zu ſtottern vermögen; und vom Palaſte bis in dits Mauerngutte hinab hat Hans Roͤckle ſeine Freunde; und wer weiß, ob nicht, wenn die⸗ ſer armſelige Staub wieder mit der Erde vereint iſt, mein Geiſt um den Chriſtbaum ſchwebt, wenn froͤhliche Stim⸗ — 4 — 8 47 men meinen Namen ausſprechen! Ich denke oft, daß es ſo ſein werde.“ Frank's Augen glänzten, als er den Zwerg anſchaute, der mit einem Feuer und einer Lebhaftigkeit ſprach, welche man ſonſt bei ihm nicht bemerkte. „So ſehen Sie alſo, Herr Franz,“ ſagte er lächelnd, „daß es mancherlei Abſtufungen des Ehrgeizes gibt: und Sie mögen den meinigen für den allergeringſten halten, allein für mich iſt er genug. Wäre ich ein großer Maler oder ein Dichter geweſen, ſo hätte ich in dem Gedanken geſchwelgt, daß meine Genie die Wände manches präch⸗ tigen Palaſtes ſchmücken, und daß meine Verſe in man⸗ chem Herzen, das wie das meinige fühlte, Anklang finden würden; aber bin ich, als Einer, an den die Natur ihre Gaben nicht verſchwendet hat— bin ich, als ein armer, niedrig geborener und ungelehrter Menſch, nicht glücklich, daß ich eine kleine Welt froher Herzen und fröhlicher Stimmen geſunden habe, die ſich um mich kümmern und von mir reden? Ja, und die mir in ihrer Achtung einen höhern Platz anweiſen möchten, als ſelbſt dem Jean Paul oder Göthe?“ Die Freunde hatten nur noch ſo viel Zeit, noch ein Mal mit einander anzuſtoßen, als der Poſtwagen, mit welchem Hans nach Baden zurückkehren wollte, herbei fuhr. Einige wenige Worte, halb froͤhlich, halb kummervoll dr Ae herzliche Umarmung— ein langer, langer Hände⸗ ruck. „Lebe wohl, guter Hanſerl.“ „Gott geleite Dich, Franz;“— und ſie ſchieden von einander. Frank ſtand auf dem kleinen Platze, wo die Menge noch verweilte, dem abfahrenden Poſtwagen zuſehend, und ungewiß, wohin er ſich wenden ſollte. Er fürchtete, ſich ganz allein zu ſinden, und doch mochte er keinen neuen Reiſegefährten haben. Der neu aufgegangene Mond und die ruhige Luft luden ihn ein, ſeinen Weg fortzuſetzen; 48 und ſo machte er ſich denn auf, indem ſchon das Gehen für ſeine traurigen Gedanken ein Ableitungsmittel war. Wohl wenige Worte ſpricht man leichtfertiger aus, als die„er ging fort, um ſein Glück zu ſuchen;“— aber welche Welt liegt nicht darin! Eine Welt hochfliegender Hoffnungen und zweifelnder Furcht— eine Welt edlen Ehrgeizes und ruhmvoller, zu betretender Pfade, verbun⸗ den mit zarten Gedanken an die Heimath und an die, ſo ſie dazu machten. Welch' ausdauernden Muth muß der haben, ſo dieſen Weg einſchlägt, und auf dieſen fürchter⸗ lichen Kampf— den härteſten, den je ein Menſch kämpfte — auf den Kampf zwiſchen dem Leben, wie er es ſich vorſtellt, glänzend und herrlich, und der ernſten Wirklich⸗ keit der Welt, ſich einläßt. Wie viele Hoffnungen muß er aufgeben— wie manche Illuſionen muß er ſchwinden ſehen! Wie oft fühlt er ſich in ſeinem guten Glauben betro⸗ gen, wie oft wird ſein Vertrauen verrathen; und, was das Schlimmſte von Allem— welche verhängnißvolle Ver⸗ änderung bringen dieſe Prüfungen in ſeinem Innern her⸗ vor 5 Wie verſchieden iſt er nun von dem, was er war! Jung und unerfahren, wie Frank Dalton war, war er doch nicht ganz und gar unvorbereitet auf die Glücks⸗ Wechſel, die ſeiner warteten; die Lehren ſeiner Schweſter Nelly hatten ſein allzu zuverſichtliches Weſen nicht wenig gemäßigt, und ihm das, wenn auch noch nicht ganz klare, Bewußtſein gegeben, daß er ſeines Muthes mehr bedürfe, um die Gegenwart zu ertragen, als um die Zukunft zu vergolden. Sein Herz war auch mit Kummer erfüllt, weil er eine Heimath verließ, wo ſie vereint der Armuth vielleicht. beſſer hätten Trotz bieten mögen. Er fühlte, denn ſein eigenes Herz ſagte es ihm— wie viel man, im Vereine mit Andern, auszuhalten vermag, und wie leicht die Bürde des Unglücks— wie jede andere Laſt iſt, wenn Viele varan tragen. Bald an dieſes denkend, bald ſich die Art — 49 von Leben vorſtellend, die vor ihm liegen mochte, ſetzte er ſeinen Weg fort. Dann fragte er ſich, ob der Graf wohl ſeinem Vater ähnlich ſein möchte. Die Daltons zeichneten ſich durch ſtarke Züge von Familien⸗Aehnlichkeit, nicht allein, was das Geſicht, ſondern auch, was den Charakter betrifft, aus,— und welchen Troſt fühlte Frank bei dem Gedanken, daß der alte General an Offenheit und Güte ein vollkommener Dalton ſein würde, ein Mann, mit dem leicht umzugehen wäre, und der das ganze ſorgloſe, freie Weſen ſeines eigenen Vaters hätte! Wie wollte er ihn da lieben, wie eines der Seinigen! Es iſt eine wohlbekannte Thatſache, daß gewiſſe Fa⸗ milien vor andern ſich durch die Wichtigkeit auszeichnen, die ſte an die Bande der Blutsfreundſchaft knüpfen, indem ſie letztere ſtets auf Koſten einer zufällig im Leben ge⸗ ſchloſſenen Freundſchaft erheben. Dieß iſt vielleicht ganz beſonders der Fall bei Leuten, die wenig in der Welt leben, und deren tägliches Dichten und Trachten haupt⸗ ſächlich auf den engen Kreis des Hauſes beſchränkt iſt. Aber doch iſt es ſonderbar, wie lange dieſes Vorurtheil — denn vielleicht verdient es keinen beſſern Namen— im Kampfe mit dem wirklichen Leben Stand halten kann. Die Daltons waren ein beſonderes Beiſpiel von dem, was wir meinen. Bei ihnen Allen lag etwas Charakte⸗ riſtiſches im Blicke und in den Geſichtszügen, und ſie waren Alle darin einig, daß ſie das Band der Bluts⸗ freundſchaft als das ſtärkſte aller Bande anſahen: und es war ſonderbar, in wie viele, kleinere Kanäle dieſer Strom ſich theilte, indem er ſich dahin ſchlängelte. Jede alte Ruine, jedes Monument, jedes Bruchſtück einer alten Rüſtung, jedes alterthümliche Buch, das mit ihrem Na⸗ men verknüpft war, nahm in ihren Augen eine Art reli⸗ giöſen Werths an, und das Wort Dalton war ein Ta⸗ lisman, wodurch das Unbedeutendſte zu einer wahren Re⸗ liquie geſtempelt wurde. Von ſeiner früheſten Kindheit Die Daltons. I. 1 4 4 „ 50 an hatte Frank dieſe Lehren eingeſogen. Sie waren die Traditionen des Empfangzimmers und der Küche, und wurden durch die bloße Macht der Wiederholung ein Theil ſeines eigenen Weſens. Corrig⸗O'Neal war das Thema jedweder Geſchichte. Das alte Haus der Familie wurde, obgleich es durch den Wechſel der Zeiten in die Hände der Godfrey's— von denen ſeine Mutter abſtammte— übergegangen war, doch immer noch mit allen Gefühlen alten Stolzes betrachtet. Immer wieder erzählte man ihm von dem fürſtlichen Zuſtande, in dem ſeine Vorfahren einſt dort gelebt— von der Menge Diener,— von den vielen Leuten, die ihnen ſtets zu Pferde gefolgt. Das alte Haus ſelbſt wurde zu einem Palaſte erhoben, und die um daſſelbe herliegenden, großen, aber vernachläßigten Ländereien als ein eines Königs würdiger Park bezeichnet. Dieſes alte Haus ſeines Vaters zu ſehen, mit eige⸗ nen Augen den Sitz ihrer frühern Groͤße zu ſchauen, wurde ſo im Herzen des Knaben zur Leidenſchaft. Nie blickte der Beduine der Wüſte mit ſehnſuchtsvollerem Herzen nach Mekka hin! Eine ſolche Höhe hatte dieſe Leidenſchaft bei ihm erreicht, daß er, unfähig länger einem Triebe zu wi⸗ derſtehen, der weder ſeine Gedanken bei Tage, noch ſeine Träume bei Nacht verließ, aus ſeiner Schule in Brügge entfloh, und, in einem Alter von bloß zehn Jahren, ſeinen Weg nach Oſtende ſuchte, und unter dem Vorwande, zu ſeiner Familie zurückzukehren, den Kapitän eines Kauf⸗ fahrtei⸗Schiffes vermochte, ihn mit nach Limerick hinüber⸗ zunehmen. Es würde uns zu weit von unſerem Ziele ent⸗ fernen, da es ſchon ziemlich weit geſteckt iſt,— wollten wir ſeine Wanderungen verfolgen und alle Schwierigkeiten erzählen, die unſerem kleinen Manne auf ſeiner einſamen Reiſe entgegentraten. Es genüge, wenn wir ſagen, daß er endlich das Ziel ſeiner Wünſche erreichte, und daß er nach einer Reiſe von acht langen Tagen ſich an dem alten Thore von Corrig⸗O'Neal befand. Im Anfange war die Enttäuſchung gräͤßlich genug.) 31 7 51 Das ſtolze Gebäude, aus deſſen Pracht und Glanz ſeine Phantaſie einen orientaliſchen Palaſt geſchaffen hatte, war ein alterthümliches, aus Backſteinen gebautes Haus, vor dem eine lange Terraſſe hinlief, die einſt mit Bildſäulen geziert war, wovon jetzt aber nur noch die Fußgeſtelle ſich zeigten. Einige Hecken von kleinen Eibenbäumen, und da und dort Bruchſtücke einer marmornen Bildſäule oder eines Springbrunnens zeigten an, daß der alte franzoͤſiſche Chateau⸗Geſchmack hier einſt vorgeherrſcht; und davon legte auch eine ſchöne, gerade Allee von Lindenbäumen, die von dem Thore direkt nach dem Fluſſe hinlief, Zeug⸗ niß ab. Auf Allem lag der Ton der Traurigkeit und Verlaſſenheit; viele der unteren Fenſter waren zugemauert; das große Hausthor ſelbſt war zu und in einer Weiſe verbarrikadirt, daß man wohl ſehen konnte, daß es ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr benützt worden. Auch nicht Ein lebendes, menſchliches Geſchöpf zeigte ſich an dem Orte; und wäre nicht bei Nacht das flackernde Licht einer Kerze an dem kleinen Fenſter zu ſehen geweſen, das auf den Garten ging, ſo hätte man das Haus für unbewohnt halten konnen. Vielleicht übte Etwas in der geheimniß⸗ vollen Einſamkeit der Scene ſeinen Einfluß auf den Geiſt des Knaben aus; aber indem er Stunde um Stunde in dieſen ſtillen Gehölzen verweilte, und in dem hohen Graſe lag, und die Wolkenſchatten beobachtete, wie ſie vorbei⸗ ſchlichen, gewann er den Ort unendlich lieb; bald verlor er ſich in irgend eine Träumerei, deren Gegenſtand die längſt vergangenen Zeiten waren; bald ſann er über eine ihm nur noch dunkel vorſchwebende Erzählung aus der Kindheit ſeiner Mutter nach, als dieſelbe ſelbſt dort wohnte. Nachdem er all' das wenige Taſchengeld, das er hatte, ausgegeben,— nachdem er ſeine Kleider mit Aus⸗ nahme derer, ſo er auf dem Leibe hatte, verkauft,— ponnte er ſich kaum von einer Scene losreißen, die alle Zugange ſeines Herzens erfüllte. Indeſſen kam die Zeit herbei, wo ein Schiff, das nach der Schelde zu ſegeln im 5² Begriffe war, ihm Gelegenheit gab, nach Hauſe zurück⸗ zukehren; und nun war der letzte Tag ſeines Aufenthalts zu Corrig⸗O'Neal erſchienen. Und welcher Tag ſich bekämpfender Gedanken war es— da er bald entſchloſſen war, auf das Haus zuzu⸗ gehen und nach ſeinem Oheim zu fragen, und bald ſich zurückgeſtoßen fühlte durch die Erinnerung an die Härte, ſo derſelbe gegen ſeinen Vater an den Tag gelegt. Dann fragte er ſich, ob nicht in dem Sinne des alten Man⸗ nes unterdeſſen eine Veränderung vorgegangen ſein und ob derſelbe nicht in ſeiner Einſamkeit wieder ſeine Ver⸗ wandten um ſich ſehen moͤchte. 7 Er wußte nicht, was er thun ſollte, und der Abend fand ihn noch unentſchloſſen, und auf einer kleinen Er⸗ höhung ſitzend, von wo die Ausſicht ſich über den Garten hinter dem Hauſe ausdehnte, und von wo er oft das ein⸗ ſame Licht beobachtet hatte, welches die Nachtwachen des alten Mannes bezeichnete. Ermuüdet durch das lange Wachen und Nachdenken, ſchlief er ein; und als er erwachte, war das Licht ver⸗ ſchwunden— das Licht, das bis daher immer bis zum anbrechenden Tage gebrannt hatte! Und nach der Finſter⸗ niß zu ſchließen, mußte dieſe Stunde jetzt noch ferne ſein. Waährend Frank ſich wunderte, was dieß bedeuten möchte, wurde er durch Fußtritte— dafür hielt er es wenigſtens — die auf dem Kieswege des Gartens in ſeiner Nähe hingingen, aufgeſchreckt; und einige Minuten darauf licß ſich das klirrende Geräuſch eines Schlüſſels hoͤren, der eine kleine, in das Gehölz führende Thüre öffnete. Jetzt ſah er, daß am Fuße des kleinen Hügels ein Mann ſtand, der unentſchloſſen und unentſchieden zu ſein ſchien; denn zwei Mal ging er wieder nach der Thüre hin, ſteckte ein Mal den Schlüſſel hinein und zog dann denſelben wiedern ab, gleich als ob er ſeinen Entſchluß geändert. Plötzlich ſchien er zu einem Entſchluſſe gekommen zu ſein, denn er begann, ſich hückend, mit der groͤßten Energie zu graben: 4. 1 — 53 dabei hielt er von Zeit zu Zeit inne, um zu horchen, und ſetzte dann ſeine Arbeit wieder fort, wenn er ſich verſichert hatte, daß er nicht beobachtet werde. Die Stunde— die Scene ſelbſt— die Heimlichkeit, die der Mann offenbar ſuchte, erfüllten den Knaben der⸗ geſtalt mit Schrecken, daß er davon faſt gelähmt ward; auch bekam Frank erſt lange, nachdem der Raſen wieder an Ort und Stelle gethan, und dürre Blätter, ſowie ab⸗ geſtorbene Baumzweige über den Ort hingeſtreut waren und der Mann ſich ſelbſt entfernt hatte, ſo viel Muth, um hinwegzugehen. Dieß that er anfänglich behutſam und voller Furcht, und dann mit einer Eile, die ihn bald weit von dem Orte entfernte. Am folgenden Tage war er auf der See; und wenn anfänglich die ſeltſame Scene ihm nie aus dem Sinne kam, ſo verwiſchte ſich doch mit der Zeit nach und nach der Eindruck, bis derſelbe endlich die Unbeſtimmtheit einer Viſton oder eines Gemäldes, das die bloße Phantaſie geſchaffen, annahm. Als er endlich wieder heimkam, ſagte er Niemand, mit Ausnahme ſeiner Schweſter Nelly, wo er geweſen und warum er ſich von Hauſe entfernt; aber ſogar auch ihr ſagte er, aus einer ſeltſamen Liebe zum Geheimnißvollen, Nichts von dem, was er in der letzten Nacht geſehen; dieß war ein Geheimniß, das er, wie ein Geizhals ſeinen Schatz, aufbewahrte, und um das allein zu wiſſen, ſein Lieblingsgedanke war. Die aufregenden Ereigniſſe der Jahre, die er in der Schule verbrachte, ſowie ſpäter die wechſel⸗ reichen Scenen des herannahenden Mannesalters verwiſch⸗ ten nach und nach den Eindruck deſſen, was er geſehen, oder ließen daſſelbe bloß noch in all' der Unbeſtimmtheit eines Traumes erſcheinen. Und ſo bleiben Gedanken oft in dem Gedächtniſſe Jahre lang verſchloſſen— unbeachtet und ungekannt— bis ſie, nach einem langen Zeitraume, alle wieder ins Leben gerufen, und die Angelpunkte werden, um die unſer Schickſal ſich dreht. 54 Viertes Kapitel. Die Onslows. 1 Die kleine Stadt Baden wurde durch die unerwar⸗ tete Ankunft, von der wir in einem früheren Kapitel be⸗ richtet, in einen Zuſtand bedeutender Aufregung verſetzt, und der Beſitzer des Hotel de Ruſſie wußte kaum, wie er es anfangen ſollte, um den Effectiv⸗Stand eines Stabes, der jetzt möglichſt reduzirt war, wieder zu ergänzen. Köche, Kellner und Hausmädchen wurden allenthalben aufgeſucht, während nach links und rechts Boten ausgeſchickt wurden, um die Speiſekammer wieder zu füllen, und für alle Be⸗ dürfniſſe des reichen Engländers Rath zu ſchaffen. Auch war all' dieſe Thätigkeit und Bewegung nicht auf das Hotel allein beſchränkt, ſondern dehnte ſich auf das ganze Städtchen aus, wo manches ländliche Pferdchen, das für gewoͤhnlich im Winter der Ruhe pflegen durfte, wieder herausgeputzt, geſtriegelt und beſchlagen wurde, um vor den Fenſtern, mit einer ſcharlachrothen Decke und einer prächtigen geflochtenen Troddel am Zügel,— in all' dem verführeriſchen Staate eines Zelters auf⸗ und abgeführt zu werden. Sogar Blumenmädchen kamen jetzt wieder zum Vorſchein, mit einigen halb erfrornen Knöpfen und Blättern, während ein Fagott und ein Triangel, die ſich für eine Muſikbande ausgaben, gräuliche Zeichen ihrer Verfolgungsmittel von ſich gaben. 3 Unterdeſſen ließen ſich die glücklichen Individuen, zu deren Gunſten alle dieſe Anſtrengungen gemacht wurden, nicht im Entfernteſten träumen, wie viel Intereſſe ſie er⸗ weckten. Seit dem erſten Augenblicke ihrer Ankunft hatte ſie ſogar noch Niemand geſehen. Von ihren eigenen Leu⸗ 5⁵ ten bedient, kaum ſich hoͤren laſſend, ja kaum ſich an den Fenſtern zeigend, trugen ſie, ohne es zu wiſſen oder zu wollen, zu einem Myſterium bei, das jetzt jede Zunge und jedes Ohr in ihrer Nähe beſchäftigte. Da indeſſen bei allem ihrem Thun die Heimlichkeit gar keinen Antheil hatte, ſo nehmen wir keinen Anſtand, in ihr Inneres ein⸗ zudringen und den Leſer bei ihnen einzuführen. Sir Stafford Onslow war ein ungeheuer reicher Londoner Bankier, der, als ein von einem Flecken gewähltes Mitglied, fünfundzwanzig Jahre lang ſtand⸗ haft mit den Whigs geſtimmt, ſie mit dem ganzen Ein⸗ fluſſe ſeines Reichthumes und ſeiner Familie unterſtützt hatte, und nun, in einem Anfalle von Unzufriedenheit mit ſeiner Partei, weil ihm die Pairs⸗Würde abgeſchlagen worden, auf dem Continent reiste. Von Natur freigebig, gutherzig und liberal, hatte das beſtändige Drängen einer ehrgeizigeren Frau ihn in eine Laufbahn getrieben, die weder nach ſeinen Geſchmacke war, noch zu ſeinen Ge⸗ wohnheiten paßte. Man ſagte ihm immer und ewig, das Vermögen, von dem er ſelbſt ſo gern einen würdigen und freigebigen Gebrauch gemacht haben würde, müſſe dazu dienen, um eine höhere Stellung in der Geſellſchaft zu erringen. All' ſein Einfluß in der City, auf den er mit Recht ſtolz war, ſagte man ihm, ſei ein vulgärer Ehrgeiz, im Vergleich mit dem, ſo eine Pairskrone ihm verſchaffen würde, und da er in der That ſelbſt ſich für den Reprä⸗ ſentanten eines großen Intereſſes in der Geſellſchaft hielt, ſo ward er veranlaßt, auf ſeine Stellung mit Unzufrieden⸗ heit zu blicken und ſich einzubilden, daß ſeine gerechten Anſprüche mißachtet und verkannt ſeien. Lady Heſter Ons⸗ low, die einſt eine Schönheit und die bewunderte Schöne des Königthums ſelbſt geweſen war, hatte die Hand des Bankiers in einem Augenblicke der Empfindlichkeit ange⸗ nommen, und verzieh demſelben ſpäter nie den unglück⸗ lichen Vorzug. Da ſie einer zwar ſehr alten, aber armen Familie —— 56 angehoͤrte, ſo waren Wenige erſtaunt, als ſie die Hand eines um etliche dreißig Jahre älteren Mannes annahm; und wahrſcheinlich würde ſie die Klugheit ihrer Wahl in vollem Maaße anerkannt haben, hätte ſie nicht durch den Tod eines entfernten Verwandten in Indien, der einige Monate nach ihrer Heirath erfolgte, ein ſehr großes Ver⸗ mögen bekommen. Dieſes plöͤtzliche Reichwerden, das, wie ſie ſelbſt ſagte,„zu ſpät“ kam, verbitterte jede Stunde ihres ſpätern Lebens. Wäre ſie nur einige Monate früher zu dieſem Reich⸗ thum gelangt, ſo würde ſie den Mann geheirathet haben, den ſie liebte, oder den ſie wenigſtens zu lieben glaubte, — den herzloſen, ſchoͤnen, durch ſeine guten Manieren aus⸗ gezeichneten Lord Norwood, einen keinen Pfennig beſitzen⸗ den Viscount, der zu Grunde gerichtet war, ehe er noch majorenn wurde, und keine andere Unterhaltsmittel beſaß, als die Fähigkeiten, welche Spitzbüberei zu einem wahren Talente erhoben hatte. Miß Onslow und ihr Bruder,— beide aus einer früheren Ehe entſproſſen,— waren ihrem Vater auffallend ähnlich, nicht allein im Aeußern, ſondern auch in den Zügen ſeines offenen und edlen Charakters. Sie hingen mit Innigkeit an ihm, und vielleicht nicht weniger um der Umſtände einer Heirath willen, der ſie entſchieden entge⸗ gen geweſen waren, und deren Reſultate ſie nun in der Form vielerei Mißhelligkeiten und Diſſonanzen kennen lernten.— George und Sydney Onslow hatten beide eine bräun⸗ liche Haut, ſo wie ſchwarze Augen, und überhaupt manche Züge ſpaniſchen Urſprungs in ihrem Aeußern, da ihre Mutter eine Spanierin geweſen war. Lady Heſter dage⸗ gen war eine Blondine und gab ſich das Anſehen, als glaube ſie, daß die ſüdländiſche Geſichtsfarbe nur eine An⸗ näherung zum Neger ſei. Auch fand ſie nicht weniger an ihren Manieren auszuſetzen, deren froͤhliche Freiheit ſie für durchaus gemein erklärte. 3 1 57 So beſchaffen waren, mit wenigen Worten, die diſ⸗ ſonirenden Elemente, welche das Schickſal zu einer Fa⸗ milie verbunden hatte, und die jetzt, in Folge des ploͤtz⸗ lichen Unwohlſeins Sir Stafford's, ſich genoͤthigt ſahen, in dem verlaſſenen Baden eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen. Auch können wir nicht umhin, eines andern Mannes Er⸗ wähnung zu thun, der, obgleich nicht durch die Bande des Bluts an ſie gebunden, doch lange ein Mitglied des Fa⸗ milienzirkels geweſen war. Dieſer Mann war Dr. Grounſell, ein alter Schulkamerad Sir Staffords, und der, nachdem er den letzten Shilling ſeines Vermögens durch eine Spe⸗ kulation verloren, viele Jahre vor der zweiten Heirath des Bankiers ſeinen Wohnſitz in dem Hauſe des Letzteren aufge⸗ ſchlagen hatte. Lady Heſters Abneigung gegen ihn hatte ſich nach und nach bis zum wirklichen Haſſe geſteigert. Sie ver⸗ abſcheute ihn wegen des Einfluſſes, den er auf ihren Gatten übte— wegen ſeines unbeugſamen Charakters, der jeder Schmeichelel widerſtand— wegen eines wunderlichen We⸗ ſens, das in der That bisweilen an das Gemeine ſtreifte und hauptſächlich wegen der offenen und unverſtellten Art, womit er ſich ſtets gegen jeden Plan, der auf die Erlan⸗ gung eines Adelstitels abzielte, erklärte. Als Sir Staffords Arzt— der einzige, auf den der⸗ ſelbe Vertrauen hatte— war es dem Doktor ein Leichtes. den Angriffen, denen er ſonſt hätte erliegen müſſen, zu widerſtehen; und in Folge eines langen Widerſtandes und einer gewiſſen Zähigkeit in ſeinem Charakter hatte er nach und nach Gefallen an einer Oppoſition gefunden, die für einen Menſchen von feinerem Gefühle und feineren Sitten unerträglich ſein mußte: und obgleich er eine entſchiedene Anhänglichkeit für Sir Stafford und ſeine Kinder an den Tag legte, ſo iſt es doch wahrſcheinlich, daß er noch mehr durch den Haß gegen„Mylady,“ als durch alle ſeine Liebe an ſie gebunden war. Grounſell verabſcheute den Continent, und doch folgte er ihnen dahin, entſchloſſen, keinen Zoll Boden unbeſtritten 58 1 aufzugeben; und obgleich er tauſend kleine Beleidigungen hinnehmen und ſehen mußte, wie geringſchätzig man ihm von gewiſſer Seite begegnete, ſo ſtellte er ſich doch ſtand⸗ haft zur Wehr, und ließ ſich durch keine Anſtrengungen eines Schönladythums, durch keine franzöſiſche Kuͤche, durch keine Ziererei, durch keine Verſuche der Homöopathie und der Hydropathie aus ſeiner Stellung vertreiben. Es iſt gar möglich, daß in all' dieſem mehr mürriſche Bosheit jag, als liebenswürdige Anhänglichkeit an ſeine Freunde; allein wir ſind es dem Doktor ſchuldig, zu ſagen, daß er kein Heuchler war, und daß er, wenn dem Ankläger ehr⸗ lich gegenübergeſtellt, die Thatſache gewiß nie geläugnet haben würde. Obgleich die ganze Familie, ohne Myladys Aerger über die miniſterielle Nichtbeachtung, in ihrer prächtigen Villa zu Richmond an der Themſe einen eben ſo beque⸗ men als angenehmen Aufenthaltsort gefunden haben würde, ſo ſuchte ſie doch liſtiger Weiſe das ganze Gewicht jeder Beſchwerde, die ſie zu ertragen hatten, eher irgend einer andern Perſon, als ſich, aufzuhalſen; und da ſie gewiß keinen ſehr bemerkenswerthen Grad von Philoſophie gegen die Unannehmlichkeiten der Reiſe zu Hülfe rief, ſo er⸗ reichte das Budget ihrer Beſchwerden einen hoͤchſt anſehn⸗ lichen Umfang. In einem in jeder Beziehung untadelhaften Morgen⸗ Anzug, ihre Haube, ihre Handſchuhe, ihre geſtickten Pan⸗ toffeln— mit einem Worte, Alles genau ſo geordnet, wie es zu dem künſtlich abgeſchiedenen Weſen paßt, wo⸗ mit feine Damen den Beſuchenden beglücken, der vor ihnen erſcheinen darf, ſaß Lady Heſter an einem Fenſter und ſah gelegentlich von den koſtbaren Spitzen, die ihr Taſchen⸗ tuch ſchmückten, nach der pittoresken Berg⸗ und Fluß⸗ Scene hin, die vor ihr lag. Ein auch noch ſo ſchwer zu befriedigender Geſchmack hätte daran doch etwas An⸗ genehmes finden koͤnnen; aber gewiß legten ihre ſchönen Züge keine angenehme Gemüthsbewegung an den Tag⸗ 59 und ihr Ausdruck war der der entſchiedenen Langweile und Gleichgültigkeit. An einem andern Fenſter ſaß Sydney Onslow und zeichnete; ihr Bruder ſtand hinter ihrem Stuhle, und ertheilte ihr von Zeit zu Zeit ſeinen Rath, jedoch in einem gefliſſentlich leiſen und geflüſterten Tone.„Mach' dieſen Schatten da etwas tiefer, Syd, ſo, ſo bekommſt Du mehr Effekt in der Entfernung.“ „Was hoͤre ich da von Effekt und Entfernung?“ ſeufzte Mylady.„Sie zeichnen doch nicht?“ „Ich mache bloß eine Skizze von jenem Rade dort und dem ſeltſamen alterthümlichen Hauſe daneben,“ ſagte Sydney ſchüchtern. „Welch' raffinirte Grauſamkeit! das abſcheuliche Ge⸗ räuſch dieſer Mahle hat mich die ganze Nacht nicht ſchlafen laſſen, und Sie wollen nun die Erinnerung durch ein Gemälde verewigen. Seien Sie doch ein gutes Mäd⸗ chen und werfen Sie es zum Fenſter hinaus.“ Sydney ſah ihrem Bruder in's Geſicht, wo ſich be⸗ reits die Scharlach⸗Röthe des Zorns ſammelte; ehe ſie aber antworten konnte, ſprach er für ſie:— „Die Zeichnung iſt für mich, Lady Onslow, Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich nicht in das Schickſal willige, das Sie derſelben zudenken.“ „Laſſen Sie mich es anſehen,“ ſagte ſie matt, und das junge Mädchen erhob ſich und überreichte ihr die Zeichnung.„Wie treu!“ ſagte ſie lachend;„vermuthlich iſt es eine Eigenheit Deutſchlands, daß das Waſſer den Berg hinauf läuft.“ „‚Der Schatten wird das verbeſſern,“ ſagte Sydney lächelnd;„und wenn der Vordergrund dunkler iſt— „Hier ſchnitt ein heftiges Zuwerfen der Thüre die Er⸗ klärung ab. Es war George Onslow, der, allzu empört über die gegen ſeine Schweſter an den Tag gelegte Unart, zornig aus dem Zimmer rannte. „Wie unmanjerlich ſich doch Ihr Bruder ſtets zeigt, 60 meine Liebe,“ ſagte ſie ruhig:„dieſes abſcheuliche Zuſchla⸗ gen von Thüren lernen ſie, wie ich höre, in dem Garde⸗ Club. Gewiß glaubte ich immer, es gehöre einzig und allein in die durch ihre Melodramen berüchtigte Porte St. Martin.“ In dieſem Augenblicke erſchien ein Diener an der Thüre.„Oberſt Haggerſtone läßt ſich empfehlen, My⸗ lady, und läßt zugleich fragen, wie Sir Stafford ſich heute befindet.“ —„Etwas beſſer,“ ſagte ſie kurz; und als der Diener ſich entfernt hatte, ſetzte ſie hinzu: „Von wem meldete er eine Empfehlung?“ „Ich habe den Namen nicht gehört— er klang wie Haggerſtone.“ „Unmöglich, mein Kind; wir kennen keine ſolche Perſon. Wie viel Uhr iſt es?“ 1 „Einige Minuten nach zwei.“ „O Himmel! Ich glaubte, es ſei vier— oder fünf — oder ſechs Uhr,“ ſeufzte ſie traurig. „Der liebenswürdige Doktor hat heute noch keinen Bericht über die Geſundheit Ihres Papas gegeben, und er ging doch zu ihm gleich nach dem Frühſtück.“ „Er ſagte George, daß noch keine Beſſerung vor⸗ handen ſei,“ ſagte Sydney ernſt. „Er ſagte es George! Er wollte es alſo mir nicht ſagen.“ „Sie waren in dem Augenblicke nicht hier. Es war, als er eilig durch das Zimmer lief.“ „Da muß ich in meinem Ankleide⸗Zimmer geweſen ſein. Es paßt aber ganz und gar zu Herrn Grounſell's gefliſſentlicher Unehrerbietigkeit— ein Betragen, worin ich ihn zu meinem Leidweſen von Mitgliedern dieſer Fa⸗ milie unterſtützt ſehe.“ „Herr Alfred Jekyl, Mylady,“ ſagte ein Diener, „läßt ſich nach Sir Stafford erkundigen.“ „Sie ſcheinen am Beſten zu wiſſen, meine Liebe, wie 61 es mit Ihrem Papa ſteht. So geben Sie doch die ge⸗ wünſchte Auskunft.“ „Sir Stafford befindet ſich noch nicht beſſer,“ ſagte Sydney zu dem Diener. „Wer mögen wohl alle dieſe Leute ſein, meine Theure?“ ſagte Lady Heſter mit größerer Lebhaftigkeit, als ſie bis jetzt an den Tag gelegt.„Jekyl iſt kein unbekannter Name. Es gibt Northamptonſhire Jekyls, und, wenn ich nicht irre, ſo heirathete ein Jekyl Lady Olivia Droſſmore,— nicht wahr? Ach, was bin ich für eine Thörin, daß ich Sie frage, die Sie nie Etwas von Familien oder Ver⸗ bindungen wußten! Und doch habe ich Ihnen ja oft und viel geſagt, wie wichtig, ja, wie durchaus nothwendig es iſt, das zu wiſſen. Hätten Sie nur den zehnten Theil der Geduld und der Zeit, die ich Sie habe auf Lyell verwen⸗ den ſehen, auf Burke verwandt, ſo würden Sie ſich nicht, wie das vor einigen Tagen der Fall war, den abſcheu⸗ lichen Verſtoß haben zu Schulden kommen laſſen, über den Charakter der Herzogin von Dartley mit Lord Brandford zu ſprechen, von dem ſie geſchieden wurde. Gewiß würden Sie aber nie den Quarz oder den Sandſtein damit belei⸗ digen, daß ſie deren Verwandtſchaften nicht recht angäben. Aber da kommt ja der Doktor.“ Wäre Doktor Grounſell von der Natur dazu beſtimmt geweſen, allen überfeinerten Begriffen in Betreff der per⸗ ſönlichen Erſcheinung Hohn zu ſprechen, ſo hätte er wahr⸗ lich nicht beſſer gebildet ſein können. Etwas unter mitt⸗ lerer Statur und vierſchrötig gebaut, nahmen ſeine Füße nicht mehr denn den dritten Theil ſeiner Größe ein; ſein Kopf war übermäßig groß, und ſchien ſogar noch größer durch ein kurz geſchnittenes, ſich kräuſelndes, gelbliches Haar, deſſen ſtarke Okerfarbe es allein von dem Verdachte retten konnte, daß es eine Perrücke ſei. Seine Hände und Füße waren von ungeheurer Größe, und erheiſchten, wenn er ſie in Bewegung ſetzen wollte, eine Muskelanſtren⸗ gung, die alle ſeine Geberden grotesk und ungewoͤhnlich 62 machte. Neben allen dieſen angeborenen, graziöſen Eigen⸗ ſchaften trug er ſtets Kleider, die für ihn viel zu weit waren, weil er das modiſche Einzwängen und Einſchnüren, wie er es nannte, ſchlechterdings nicht leiden konnte. Da ſein ganzes Leben in der Beaufſichtigung eines großen Militärſpitals in Oſtindien, wo alle ſeine Geſpräche mit ſeinen Kollegen in techniſchen Ausdrücken geführt wurden, vergangen war, ſo hatte er das profeſſionelle Kauderwelſch nie in die Sprache der gewöhnlichen Men⸗ ſchenkinder überſetzt, ſondern bediente ſich bei jeder Gele⸗ genheit der in der Wiſſenſchaft gebräuchlichen Ausdrücke, ohne ſich im Mindeſten darum zu kümmern, ob die nicht⸗ mediziniſche Welt ihn auch verſtehen würde. „Nun, mein Herr, wie lautet Ihr Bericht heute?“ ſagte Lady Onslow, ihre vornehmſte Manier annehmend. „Beſſer und ſchlechter, Madam. Die Arthritis etwas gehoben, die das Cor betreffenden Symptome drohender.“ „Vergeſſen Sie gefälligſt nicht, mein Herr, daß ich nicht in der Apotheker⸗Halle ſtudirt habe.“ „Auch ich nicht, Madam, ſondern zu Edinburgh und Aberdeen, wo mediziniſche und chirurgiſche Fakultäten ſind,“ ſagte Gronnſell, ſeine Weſte herunterziehend und ſich, wie er es anſah, in Schlachtordnung aufſtellend. . f„Iſt es mit Papa beſſer, Doktor?“ ſagte Sydney ſanft. „Das Uebel in den Gliedern iſt gewiß etwas geho⸗ ben, aber da ſieht es fatal aus,“ ſagte Grounſell, die Hand auf die Herzgegend legend;„Faſergewebe, meine theure Miß Onslow,— Faſergewebe ſind kitzelige Dinge.“ „Muß ich das eher in einem moraliſchen, als medi⸗ ziniſchen Sinne nehmen?“ ſagte Lady Onslow mit einem maliziöſen Lächeln. „In welchem Sie wollen, oder auch in beiden,“ erwiederte der Doktor.„Das Herz iſt ſtets nervöͤſen Ein⸗ flüſſen in hohem Grade zugänglich.“ „Aber Papa—“ ſiel Sydney eifrig ein. 63 „Leidet unter einer Metaſtaſis— herumziehender Gicht, wie man es nennen kann,— die gerne von den Gliedern auf große organiſche Strukturen uͤbergeht.“ „ und natürlich geben Sie ihm die alten Gifte, die vor fünfzig Jahren im Gebrauche waren 20 „Was wollen Sie damit ſagen, Madam?“ ſagte Grounſell ernſt. „Ich meine damit das abſcheuliche Ding, das die Leute verrückt macht, vor Schmerz außer ſich bringt— Coloquinte oder Colchicum, oder Etwas der Art. Sie wiſſen, was ich meine?“ „Glücklicher Weiſe kann ich es errathen, Madam.“ „Und ſind Sie in Betreff der Kügelchen immer noch ſo hartnäckig, wie früher?“ „Sie meinen den homoͤopathiſchen Betrug?“ „Wenn Sie ſo höflich ſind, damit das zu bezeich⸗ nen, worein ich unbedingtes Vertrauen ſetze. Aber ich warne Sie, mein Herr, ich werde meinen gerechten und rechtmäßigen Einfluß bei Sir Stafford geltend zu machen wiſſen; und wenn ſich nicht morgen eine bedeutende Aen⸗ derung zeigt, ſo werde ich darauf beſtehen, daß er es mit dem Aconit probirt.“ „Wenn Sie das thun, Madam, ſo ſollen die Aſſe⸗ kuranz⸗Bureaux davon hören!“ ſagte Grounſell mit einem Ernſt, der die Drohung höoͤchſt bedeutungsvoll machte. „Ich werde, ohne weiter zu fragen, den Mann von Heidelberg kommen laſſen, Sydney,“ ſagte Lady Heſter, indea ſie, blaß vor Zorn, ſich an ihren Schreibtiſch etzte. „Nehmen Sie ſich wohl in Acht, Madam, und be⸗ denken Sie, was Sie thun,“ ſagte Grounſell, ſich ihrem Stuhle nähernd und in leiſem und feierlichem Tone ſpre⸗ chend.„Laſſen Sie ſich nicht von den Gefühlen des Miß⸗ vergnügens, die Sie gegen mich hegen, zu einer übereilten Handlung, zu einer Unbeſonnenheit verleiten. Der Zu⸗ ſtand meines alten Freundes iſt ein kritiſcher; er kann je⸗ 64 den Augenblick ein gefährlicher werden. Ich bin über⸗ zeugt, daß, was ich thue, ihm die beſten Dienſte leiſten wird: meine Hoffnung iſt in dieſer Beziehung ganz wohl begründet. Nehmen Sie ſich wohl in Acht, daß Sie ſein Zutrauen zu mir nicht ſchwächen, ſo lange er vielleicht nicht in der Lage iſt, es einem Andern zu ſchenken.“ „Hier, Sydney, Sie ſchreiben ja deutſch; und es iſt möglich, daß er nicht franzoͤſiſch verſteht. Hier iſt ſein Name— man hat ihn mir in Paris gegeben— Gräff⸗ nell. Sagen Sie ihm, er ſolle alsbald kommen— oder Francois ſoll ihn lieber gleich in einem eigenen Wagen holen.“ Sydney Onslow ſah ihre Mutter und dann den Doktor an. Der Blick, den ſie auf Letztern warf, war faſt ein flehender; aber er nahm keine Notiz davon, ſon⸗ dern wandte ſich raſch nach dem Fenſter hin, ohne ein Wort zu ſagen. „Koͤnnen Sie ihn zu einer Conſultation beiziehen, Doktor?“ fragte Sydney furchtſam. „Ach nein, das verſteht ſich ja von ſelbſt: er iſt ein Quackſalber.“ „Schreiben Sie, wie ich Sie geheißen habe, Miß Onslow,“ ſagte Lady Heſter.„Doktor Gräffnell iſt einer der erſten Männer in Deutſchland. Lady Heskiſſon ſandte nach ihm, als der Graf zu Wiesbaden krank wurde.“ „Und die Gräfin war vier Tage darauf eine Wittwe. Vergeſſen Sie das Dénouement der Geſchichte nicht, Madam.“ Es entfiel Sydney die Feder und ihre Hände ſanken kraftlos auf ihre Seite herab. Es lag Etwas in dem Ernſt des Doktors, was ſogar Lady Onslow Furcht ein⸗ flößte, denn ſie antwortete Nichts; während Grounſell, ſich im Vortheil erblickend, das Zimmer ploͤtzlich verließ, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Unſere Leſer werden uns wahrſcheinlich verzeihen, — 1 3 6⁵ wenn wir ſeinem Beiſpiele folgen, und nicht länger ver⸗ weilen, um den beredten Monolog anzuhoͤren, worin Lady Onslow ihre traurige Lage beklagte. Nicht allein be⸗ trauerte ſie ihr Loos, ſondern, gleich einer jener klaſſiſchen Perſonen, womit der griechiſche Chor uns bekannt macht, erging ſie ſich in Spekulationen über alle moͤglichen Un⸗ glücksfälle, welche die Zukunft für ſie noch in Bereitſchaft halten moͤchte, und erfand ſinnreich genug„Situationen“ und„Zuſtände,“ die nur eine ſo reich begabte Phantaſie, wie die einer Perſon, die ſich ſelbſt zu quälen gewohnt iſt, erdenken kann. Wir wollen ſie all' dem Vergnügen überlaſſen, das ein ſolcher Zeitvertreib gewähren kann, und aus dem Hauſe auf die Straße hinaustreten, obgleich ein kalter, unfreundlicher Abend in raſchem Anzuge iſt. Fünftes Kapitel. Der Patient. In der finſtern und engen Straße, über welche die herannahende Nacht einen düſtern Schatten verbreitete, war nur eine einzige angezündete Laterne zu erblicken, und dieſe befand ſich an der Thüre des Apothekers Ludwig Krauß.— Ein Leuchtthurm, wie wir billiger Weiſe hinzuſetzen müſſen, der weniger in der Hoffnung erleuchtet war, Kunden anzuziehen, als um den Vorſchriften des Geſetzes Genüge zu leiſten; denn Herr Krauß war ein „Staatsdiener“, und mithin ſchuldig und verbunden, den Befehlen der Regierung nachzukommen. Sein Laden war Die Daltons. I. 5 66 ein kleiner, breieckiger Raum, mit kaum ſo viel Platz, daß der gelehrte Arzneibereiter und ein Kunde zu gleicher Zeit ſich dort aufhalten konnten, wodurch alle ſeine Be⸗ ſprechungen die Heimlichkeit des Beichtſtuhls ſelbſt er⸗ hielten. Krüge, Flaſchen, Phiolen und Schubladen zeigten ſich auf allen Seiten; indeſſen waren dieſelben nicht mit den vulgären Namen der modernen Arzneiwiſſenſchaft ver⸗ ſehen, ſondern mit räthſelhaften Zeichen und Hieroglyphen, die allein Galen und Paracelſus bekannt geweſen ſein mochten. Ueberall traf das Auge auf arabiſche Buch⸗ ſtaben, auf Drachen, auf ſeltſame Ungeheuer und auf Thierkreis⸗Zeichen, was nicht übel zu der hagern Geſtalt und dem hohen, kahlen Kopfe des Eigenthümers paßte, deſſen mit wunderlichen Figuren geſchmückter Schlafrock und deſſen ſchwarzſammtne Mütze ihm eine Art Aehnlich⸗ keit mit einem Alchymiſten in ſeinem Laboratorium ver⸗ liehen. Als Grounſell ſich der Glasthüre näherte und hineinſah, kam die Scene, die ſich ihm darbot, dieſer Illuſion nicht wenig zu Hülfe, denn gerade vor dem kleinen Ladentiſche, auf den Krauß ſich ſtützte, ſaß der Zwerg Hans Roͤckle, der außerordentlich lebhaft ſprach, und von Zeit zu Zeit ſich über die Schönheiten einer Holzfigur zu verbreiten ſchien, die er ſorgfältig in ſeinen Händen hielt. Die kleine, halberleuchtete Stube, die paſſiven, bewegungs⸗ loſen Geſichtszüge des Chemikers, die ſeltſamen, wilden Geberden des kleinen Hans, indem derſelbe in ſeiner Sprache voll myſterioͤſer Kehllaute eine Fluth von Worten hervorſprudelte, erregten das Erſtaunen und die Neugierde Grounſell's im hoöchſten Grade. Er blickte lange Zeit hin, ohne errathen zu koͤnnen, was das wohl zu bedeuten habe, und endlich entſchloß er ſich, alle Vermuthungen aufgebend, hineinzugehen. Kaum hatte er aber den Griff der Thüre berührt, als der Zwerg die Figur eiligſt unter ſeinen Pelzmantel ſchob, und ſich in eine Ecke des Ladens zurückzog. Doktor Grounſell war gekommen, um für ſeinen Patienten einige Arzneimittel zu erhalten, die er, 67 da er des Deutſchen unkundig war, die Vorſicht gehabt hatte, mit lateiniſchen Namen zu bezeichnen. Er bot das Papier ſchweigend über den Ladentiſch hin, und wartete geduldig, während der Chemiker die Worte buchſtabirte. Nachdem er es ganz geleſen, gab er das Papier mit einigen trockenen Worten zurück, die aber, da ſie deutſch, für Grounſell ganz und gar unverſtändlich waren. „Sie müſſen doch aber dieſe Dinge haben,“ rief Grounſell;„ſie gehören zu den gewöhnlichſten aller Arzneimittel;“ und dann deutete er, ſich beſinnend, auf die Schubladen und Phiolen hin, um ſich beſſer verſtänd⸗ lich zu machen. Abermals ſprach der Chemiker einige Dutzend Worte. Der Doktor zog ſeine Börſe heraus, worin gewiſſe Goldſtücke glitzerten, gleichſam um anzudeuten, daß er, mit der Taxe unbekannt, bereit ſei, eine ſchöne Summe zu zahlen; der Andere aber ſchob ſie zurück und ſchüttelte den Kopf, zum Zeichen ſeiner abſoluten Weigerung. „Das iſt aber doch zu ſtark,“ murmelte Grounſell ärgerlich.„Ich nehme einen Eid darauf, daß er die Medikamente hat, und ſie nicht hergeben will.“ Hier winkte der Chemiker dem Zwerge, um ihm zu bedeuten, daß er zu ihm her kommen ſolle, und nun flüſterte er Hans einige Worte in's Ohr, worauf dieſer, ſeine Mütze zum Zeichen hoͤflicher Begrüßung abnehmend, Grounſell alſo anredete: „Hochgeborner und hochgeehrter Herr. Die Geſetze machen es nicht anders, als daß Doktoren allein das Recht haben, Arzneien zu verordnen.“ Dieſe Worte waren in halb deutſcher und halb eng⸗ liſcher Sprache geſprochen. „Was!“ rief Grounſell, der den Sinn der Rede nicht faſſen konnte. 4 Hans wiederholte ſeine Worte langſamer, und endlich gelang es ihm, dem Doktor begreiflich zu machen, daß 68 examinirte Doktoren allein das Recht hätten, Arzneien zu verſchreiben. „Aber ich bin ein Doktor, mein werther Freund, bin ſchon lange Zeit Doktor.“ „Das iſt möglich— wer weiß es?“ „Ich weiß es, und ſage es,“ erwiederte der Andere entſchieden. „Ja, ja!“ antwortete Hans, gleichſam um anzudeu⸗ ten, daß es nicht der Mühe werth ſei, daß man ſich über die Sache ereifere, wie ſie ſich nun auch verhalte. „Kommen Sie, mein lieber Herr,“ ſagte Grounſell mit einſchmeichelndem Tone:„Seien Sie doch ſo gut, und erklären Sie dem Herrn, daß ich dieſe Arzneimittel für einen kranken Freund brauche, der jetzt im Hotel hier an der Gicht gefährlich krank darnieder liegt.“ „Podagra— Gicht!“ rief Hans, ſich plötzlich bele⸗ bend,„und dieß ſind die Mittel für die Gicht?“ leiñ„Sie werden, wie ich hoffe, dagegen gute Dienſte eiſten.“ „Sie ſollen ſie haben, Herr, unter einer Bedingung. Das heißt, Sie müſſen einen andern kranken Mann, einen Engländer, beſuchen, der ebenfalls an der Gicht krank, ſehr krank darnieder liegt:— auch iſt er nicht reich— Sie verſtehen.“ „Ja, ja, ich verſtehe vollkommen. Mit Vergnügen werde ich zu ihm gehen. Sagen Sie dieſem werthen Manne da, er ſolle mir die verlangten Arzneimittel geben, und ich gehe dann gleich mit Ihnen.“ „Gut, ganz gut!“ ſagte Hans, und erklärte ſofort in wenigen Worten dem Apotheker, daß er im vorliegenden Falle das Geſetz wohl übertreten dürfe, da die Saiſon ja vorüber ſei, und dadurch Niemand ein Schaden erwachſe. 85 Während Hans hinaustrat, um dem Doktor den Weg zu zeigen, ſuchte er dieſem begreiflich zu machen, daß er hier Nichts für ſeine Mühe anrechnen dürfe, und daß er nicht vergeſſen möge, unter welcher Bedingung er 69 ſeinen Krankenbeſuch mache; und indem er immer noch bei dieſem Gegenſtande verweilte, kam er an dem Hauſe an, wo die Daltons wohnten. „Sie dürfen auch nicht vergeſſen,“ ſagte Hans,„daß ſie, obgleich arm, von gutem Stamme— wie ſagen Sie?— adelig ſind.“ Gronnſell hoͤrte mit pflichtmäßiger Aufmerkſamkeit auf alle Bemerkungen Hanſerl's, vermochte aber nicht ohne Schwierigkeit ſeinen wunderlichen Kehltönen zu folgen. „Ich will vorangehen. Bleiben Sie hier,“ ſagte Hans, als ſie auf dem Treppenabſatze anlangten; und ſo ſprechend, öffnete er haſtig die Thüre und verſchwand. Waͤhrend Grounſell ſo allein und im Finſtern da⸗ ſtand, fragte er ſich verwundert, welch' ſeltſame Umſtände einen ſeiner Landsleute mit einem ſolchen Gefahrten zu⸗ ſammengeführt haben möchten; denn es lag etwas ſo Groteskes in Hans' Erſcheinung und Weſen, daß es den Gedanken, als koͤnne mit demſelben auf dem Fuße freund⸗ ſchaftlicher Gleichheit verkehrt werden, ſchlechterdings nicht aufkommen ließ. Endlich ging die Thüre auf, und der Doktor folgte Hans in ein ſpärlich erleuchtetes Zimmer nach, wo Dal⸗ ton, halbangekleidet, auf ſeinem Bette lag. Ehe noch Grounſell recht über die Schwelle getreten war, ſagte der kranke Mann: „Ich befürchte, mein Herr, daß mein kleiner Freund da ſich gegenuber von uns Beiden einige Freiheit heraus⸗ genommen hat, da ich glaube, daß Sie eines Patien⸗ ten ganz eben ſo wenig bedurften, wie ich eines Doktors.“ Das ängſtliche, glänzende Auge, die hochgeröthete Wange und die zitternde Lippe des Sprechenden ſtanden zu gleicher Zeit mit ſeinen Worten in auffallendem Wider⸗ ſpruche. Grounſell's erfahrener Blick las dieſe Zeichen geſchwind, und, indem er ſich dem Bette näherte, ſetzte er ſich neben daſſelbe und ſagte: „Es iſt ganz klar, mein Herr, daß Sie unwohl ſind, 70 und obgleich dieſer mein Beſuch, wenn wir Beide in un⸗ ſerem Vaterlande wären, eine große Freiheit ſein würde, die ich mir herausnähme— wie Sie bemerken— ſo hoffe ich doch, Sie werden, in Anbetracht, daß wir uns in einem fremden Lande befinden, mein Erſcheinen nicht in ſolchem Lichte anſehen, ſondern mir erlauben, Ihnen, wenn ich kann, einen Dienſt zu erweiſen.“ Es waren weniger die Worte an und für ſich, als eine gewiſſe abſichtliche Freundlichkeit in dem Weſen des Sprechenden, welche Dalton veranlaßten, das Anerbieten anzunehmen, und auf die Fragen zu antworten, die der Andere ihm vorlegte. „Nein, nein, Doktor,“ ſagte derſelbe nach einigen Augenblicken;„es ſteht mit mir nicht ſo ganz übel. Die Wahrhelt iſt, ich wurde etwas ſchmerzlich aufgeregt, 1 etwas gequält. Es war wegen eines Sohnes— habe nur einen einzigen— und der iſt weggegangen, um bei den Oeſtreichern Soldat zu werden. Sie wiſſen na⸗ türlich— wer weiß es nicht?— wie ſchwer es heut zu Tage iſt, Etwas für einen jungen Mann zu thun. Koͤnn⸗ ten Familien⸗Verbindungen oder hohe Connexionen es thun, ſo ſtünde es mit uns nicht minder gut, als mit unſern Nachbarn. Wir gehoͤren zu den Daltons von Garrigmore, die, wie Sie wiſſen, den O'Neal's von Cappagh vollkommen ebenbürtig ſind. Aber wozu nützen heut zu Tage Ahnen?— Keinen Pfifferling nützen ſie Einem. Es wäre beſſer für einen Mann, einen Baum⸗ wollſpinner, oder einen Eiſenhüttenbeſitzer, als den Ab⸗ dwening von Shane Mohr na Manna zum Vater zu aben.“ „Ich glaube, Sie haben Recht,“ bemerkte der Dok⸗ tor trocken.. „Ich weiß, daß ich Recht habe, ich fühle es ſelbſt, und ſchäme mich faſt, es zu ſagen. Hier bin ich nun, Peter Dalton, der Letzte von ihnen, und moͤge ich nie dieſes Beit verlaſſen, wenn ich ein Barony⸗Conſtabel wer⸗ 71 den koͤnnte in der Grafſchaft, wo einſt ein koͤniglicher Befehl nicht ohne unſere Erlaubniß zur Ausführung ge⸗ bracht werden konnte.“ „Aber Irland ſelbſt hat ſich mehr verändert, als Ihre eigenen Glücksumſtände,“ bemerkte Grounſell. „Das iſt wahr— das iſt wahr,“ ſeufzte der kranke Mann.„SIch erinnere mich ſeiner beſten Tage nicht, allein ich habe gar oft meinen Vater davon ſprechen hoͤren. Die ſchoͤnen alten Zeiten, wo Mount Dalton vom Boden bis zum Dache mit Gäſten gefüllt war, und zwei Lords auf dem Kornboden logirten; ein Faß Portowein in der Vorhalle, und daneben ein ſilberner Becher; die Modereen⸗ Hunde, die Jagdleute u. ſ. f., Alles im Ueberfluſſe lebend, oft fünfzig Perſonen, die im Geſellſchaftszimmer Platz nahmen, und ich mag nicht ſagen, wie viele in der Be⸗ dientenſtube, die ſchoͤnſten Jagdpferde des ganzen weſtlichen Theils unſeres Landes in den Ställen. Das war einmal ein Leben! Man zeige mir ſo, was in der ganzen weiten Welt!“ „Und was iſt der gegenwärtige Zuſtand des Schau⸗ platzes aller dieſer Feſtivitäten 2“ ſagte Grounſell mit einem ruhigen, aber forſchenden Blicke. „Der jetzige Zuſtand?“ wiederholte Dalton, ſich plötzlich in ſeinem Bette aufrichtend, und den Vorhang mit krampfhafter Hand ergreifend:„ich kann Ihnen nicht ſagen, was er jetzt, was er heute, den 9. November iſt 3 aber ich will Ihnen ſagen, was er war, als ich Irland vor achtzehn Jahren verließ. Das Haus war eine Ruine; der Raſenplatz davor eine Gemeinweide; die Bäume nie⸗ dergehauen; der Garten eine Wildniß; die Pächter zu Beitlern herabgedrückt; der Eigenthümer ein Verbannter. Das iſt ein luſtiger Katalog,— nicht wahr?“ „Aber es muß doch ein Heilmittel für All' das ein⸗ mal gefunden werden,“ bemerkte Grounſell, deſſen Gedan⸗ ken in ganz verſchiedener Richtung beſchäftigt waren. „Meinen Sie etwa durch ein Armengeſetz? Laſſen 72² ſich dieſe Uebel dadurch kuriren, daß man die halb zu Grunde gerichteten Leute beſteuert, um die Faulen zu er⸗ nähren? oder etwa dadurch, daß man Alles, was einſt zu der Gentry gehörte, mit Stumpf und Stiel ausrottet, und an deren Stelle gierige Spekulanten aus Mancheſter und Leeds ſetzt? Iſt das Euer Heilmittel? Ich wünſche Euch'was dazu! Nein; wenn Ihr dem Lande Gutes thun, wenn Ihr ihm helfen wollt, ſo laßt Irland— Ir⸗ land ſein, und ſuchet nicht ein Norfolk daraus zu machen. Gebt ihm ein eigenes Parlament, das die Leute und ihre Bedürfniſſe kennt. Zeiget ihm, daß es auf ſeine eigene Nationalität ſtolz ſein müſſe, und daß es nicht immer⸗ dar, neben ſeiner reichen Schweſter, beſchämt auf ſich blicken ſolle. Gebet ihm von Zeit zu Zeit ein gutes Wort, wie Ihr das bei den Schottländern thut; vor Allem aber überlaſſet uns— uns ſelbſt. Wir verſtehen einander, Ihr aber verſtandet uns nie, und werdet uns auch nie verſtehen. Wir waren mit einander zerfallen, und ſöhn⸗ ten uns wieder aus, und Alles ging dann bei uns wieder erwünſcht. Ihr aber kamt herüber mit Euren Chancery⸗ Courts*) und Eurer Polizei, und ſo oft wir verſchiedener Meinung waren, ruhtet Ihr nie, als bis wir am Bettel⸗ ſtabe oder am Galgen waren.“ „Sie haben eine ſehr originelle Anſicht von unſeren Civiliſations⸗Beſtrebungen, ich muß es ſagen,“ ſagte Grounſell lächelnd. „Cviliſation! Civiliſation! ich verabſcheue ſchon das bloße Wort. Es erinnert mich an Nichts, als an Graf⸗ ſchafts⸗Gefängniſſe, Zuchthäuſer, Chauſſeen und Staats⸗ ſteuern. Iſt nicht die Civeliſation daran Schuld, wenn über mein Gut von Mount Datton jetzt ein eigener Mann geſetzt iſt der die Gelder einzuziehen hat? Würde man die armen Pächter wegen eines Pachtgeldes ſchinden, zu deſſen Bezahlung ich ihnen ſtets Zeit ließ? Wäre 2 *) Kanzletgerichtshöfen, ——— 73 ſonſt ein großes Armenhaus da mit ſeiner häßlichen, der Hauptſtraße zugekehrten Fagade, wie man mir ſagt, daß eines vorhanden,— und wäre ſonſt gerade gegenüber eine Polizei⸗Kaſerne, um demſelben Geſellſchaft zu leiſten? Ich ſage Ihnen abermals, mein Herr, daß Eure Einmiſchung Nichts als Unheil geſtiftet hat. Unſere kleinen Streitig⸗ keiten habt Ihr in Erbitterung verwandelt; unſere Ent⸗ fremdung in die Fehden und Kriege zweier feindlichen Volksſtämme; ja, Ihr habt uns gelehrt, unſere Ar⸗ muth, an die wir gewöhnt worden waren, als eine natio⸗ nale Schande anzuſehen, ohne uns einmal zu zeigen, wie wir uns davon befreien könnten; und nun müßt Ihr uns haben, wie wir durch Euch geworden— weder Engländer, dem Fleiße nach, noch Irländer, in Beziehung auf Unter⸗ würſigkeit— weder Willens, zu arbeiten, noch gern hungernd.“ Der Doktor ſah an dem unruhigen Blicke und an dem Tone des kranken Mannes, daß der Gegenſtand den⸗ ſelben allzuſehr aufrege, und beeilte ſich daher, dem Ge⸗ ſpräche eine andere Wendung zu geben, indem er in ſcherz⸗ hafter Weiſe die Hoffnung ausdrückte, daß ſeine Heilmittel bei ihm beſſer anſchlagen dürften, als die Englands bei ſeinen Landsleuten. „Ich zweifle daran, mein Herr,“ ſagte Dalton ernſt, „bin Ihnen aber darum nichts deſto weniger für Ihre Güte verbunden. Ich glaube, daß mir die Doktoren eben ſo wenig mehr helfen können, als meinem armen Vater⸗ lande.“ 1 Hier hielt er einige Sekunden inne, und ſetzte dann nzu: „Es iſt Nichts, als meine Bekümmerniß. Es kommt daher, weil ich an die Mädchen denke; für Frank bin ich unbeſorgt. Das fehlt mir.“ Grounſell ſah, daß eine Verlängerung ſeines Beſu⸗ ches nur dazu beitragen würde, die Stimmung des Kran⸗ ken noch gedrückter zu machen, was demſelben nicht An⸗ 74 ders als ſchädlich ſein konnte. Er ſchüttelte daher Daltön herzlich die Hand, mit dem Verſprechen, ihn am nächſten Morgen zu beſuchen, und folgte Hans in das anſtoßende Zimmer, wo Schreibmaterialien für ihn bereit lagen. Die beiden Mädchen ſtanden an dem Feuer, als er hereintrat; und ſo einfach auch ihre Kleidung war, ſo ſehr ſie ſogar von Armuth zeugte, ſo verrieth doch jede Kleinigkeit in ihrem Anzuge, ſo wie ihr ganzes Ausſehen, daß ſie von guter Herkunft ſeien; ihre ängſtlichen Blicke, als der Doktor näher trat, bekundeten ihre Begierde, von ihm den wahren Zuſtand ihres Vaters zu erfahren; in⸗ deſſen ſprachen ſie nicht eine Sylbe. „Aengſtigen Sie ſich nicht, meine jungen Damen,“ ſagte er, indem er ſich beeilte, ihren Befürchtungen ein Ende zu machen.„Die Krankheit Ihres Vaters hat keinen ernſten Charakter. Wenige Tage werden, wie ich zuverſichtlich hoffe, hinreichen zu ſeiner gänzlichen Wieder⸗ herſtellung. Inzwiſchen ſind Sie ſeine beſten Aerzte, da ſie ihn aufheitern, ſeine gedrückte Stimmung verſcheuchen können.“ „Seitdem mein Bruder uns verlaſſen hat, mein Herr, ſchien er mit jeder Stunde mehr den Muth ſinken zu laſſen; er kann von dem Schlag ſich nicht erholen,“ ſagte Helene. „Noch nie zuvor ſah ich ihn ſo zuſammenbrechen,“ fiel Kate ein.„Wenn ihm früher Etwas Kummer ver⸗ urſachte, ſo pflegte er zu ſagen,„„er würde Jemand be⸗ zahlen, um für ihn den Schmerz zu tragen.”“ℳ „Mit beſſerer Geſundheit werden Sie auch ſeinen alten Muth wieder zurückkehren ſehen,“ ſagte der Doktor, indem er geſchwind ein kurzes Rezept ſchrieb, und dann, den Kopf auf die Hand ſtützend, einige Minuten ganz ſeinen Gedanken nachzuhangen ſchien. Er wollte Einiges verordnen, was den Kranken ſtärken, was bei demſelben Gefühle der Behaglichkeit erwecken konnte, lauter Kleinit 7⁵ keiten, in der That, und doch ſtand er an, da er nicht wußte, in wieferne dieſelben ſich mit ihren Mitteln ver⸗ trügen; auch konnte er nicht wohl die beleidigende Frage an ſie ſtellen, in wie weit dieß der Fall ſei. Als er in dieſer Ungewißheit ſeine Augen aufſchlug, fielen dieſelben auf die Holzfigur, die der Zwerg in der Apotheke vor⸗ gezeigt hatte, und die nun auf einem Tiſche neben ihm ſiand. Es war ein ſchlafendes Kind am Fuße eines Kreuzes, um welches ſeine Arme ſich ſchlangen. Die ab⸗ gemagerten Glieder und die hohle Wange deuteten auf Faſten und Erſchöpfung hin, während in der Haltung ſelbſt der Schlaf an Tod zu grenzen ſchien. „Was iſt das?“ fragte er haſtig, indem er mit ſei⸗ ner Feder auf den Gegenſtand hindeutete. „Ein armes Kind wurde ſo auf dem Arlberg erfro⸗ ren gefunden,“ ſagte Kate,„und meine Schweſter ſchnitzte die Figur nach einer Beſchreibung, die man ihr von dem Vorfall gegeben.“ „Ihre Schweſter? dieß haben Sie gemacht?“ ſagte Grounſell langſam, ſein Auge von der Figur auf die Künſtlerin richtend. 3 „Ja,“ rief Hans, deſſen Geſicht vor Entzücken ſtrahlte, „iſt es nicht lieblich; iſt es nicht wunderbar? Das ſage ich ſtets; heut zu Tage hat Niemand Geſchmack— Nie⸗ mand mag bewundern!“ Zum Behuf beſſerer Prüfung ſich bückend, war Groun⸗ ſell durch den Ausdruck des Geſichtes überraſcht, auf dem ein Lächeln des Vertrauens und der Hoffnung mit den ſtarren Linien des herannahenden Todes zu käm⸗ pfen ſchien; ſo daß der Eindruck, den man erhielt, mehr der eines Siegs über das Leiden war, als der eines furcht⸗ baren Geſchicks. „Sie hat das ſelbſt gelernt, mein Herr; Niemand hat ſie auch nur mit gutem Rathe unterſtützt,“ ſagte Kate ſtolz. 76 „Das wird ſich vielleicht in meinen Arbeiten nur allzuſehr zeigen,“ ſagte Helene, kaum lächelnd. „Ich bin kein Künſtler, junge Dame,“ ſagte Groun⸗ ſell in ſeiner plumpen Weiſe,„aber ich bin wohlbekannt mit jeder Varietät menſchlichen Ausdruckes im Leidenz und was die bloße Naturwahrheit betrifft, ſo kann ich da⸗ von mit gutem Gewiſſen ſprechen. Das iſt eine ſchöne Arbeit! Ja,— ich ſage es wiederholt— Sie brauchen nicht zu erroͤthen. Ich bin kein Schmeichler. Darf ich es mitnehmen, und es anveren Leuten zeigen, die mehr von der Kunſt verſtehen, als ich?“ „Unter einer Bedingung,“ ſagte das Mädchen mit leiſer, tiefer Stimme. 3 „Es ſei alſo; unter jeder Bedingung, die Sie wün⸗ ſchen.“ 3„Wir ſind alſo mit einander einverſtanden?“ „Vollkommen.“ „Die Figur gehört Ihnen, mein Herr. Sie müſſen mir verſprechen, daß Sie ſie annehmen wollen.“ Grounſell ſtotterte und erröthete, und ſah ganz ver⸗ wirrt aus; in der That verſtand es Niemand weniger, als er, ſich aus einer Verlegenheit zu ziehen, und hier umgaben ihn allenthalben Schwierigkeiten, denn wenn er Anſtand nahm, das anzunehmen, was er als ein Geſchenk von wirklichem Werth betrachtete, ſo fühlte er, daß auch ſie ein Recht hätten, ſich von der Verbindlichkeit zu be⸗ freien, die ſeine Gegenwart als Arzt ihnen auferlegte. Endlich ſah er ein, daß er nichts Beſſeres thun könne, als nachzugeben; und in all der Verwirrung eines Mannes, der vor lauter Blödigkeit ſich nicht zu helfen weiß, mur⸗ melte er ſeinen Dank, nahm die Figur und entfernte ſich. Hans allein ſchien mit dem Reſultat nicht ganz zu frieden, denn, indem er ſeine ſehnſuchtsvollen Biicke der Holzfigur nachſandte, ſchwammen ſeine Augen in Thränen, und er murmelte, als er ſich entfernte, einige Worte in einem Tone, welcher eine tiefe Verzweiflung anzeigte. 8 77 Sechstes Kapitel. Ein erſter Beſuch. Das trübe Novemberwetter wollte ſich nicht auf⸗ heitern. Düſtere Nebeltage wechſelten mit kalten Winden und Schloßen ab, ſo daß der eingekerkerten Geſellſchaft, die auf ſo wenige Hülfsmittel beſchränkt war, wenn ſie die Zeit im Hauſe zubringen ſollte, alle Beſchäftigung im Freien durchaus verſagt war. Zwar zogen ſie aus der ſchlimmen Lage, in der ſie ſich befanden, nicht den beſt⸗ möglichen Nutzen. Lady Heſter wurde von Stunde zu Stunde reizbarer und grämlicher. Sydney Onslow ver⸗ ließ ſelten ihr Zimmer. George ging jeden Morgen auf die Berge, und kam nie vor der ſpäten Eſſens⸗Stunde zurück, während der Doktor, wenn er nicht bei Sir Staf⸗ ford war, alle ſeine Zeit bei den Daltons zubrachte, mit dene er ſich bereits auf einen ſehr vertrauten Fuß geſetzt atte. Lady Heſter hatte alle moͤglichen Mittel, die ſie er⸗ denken konnte, um ſich die Zeit zu vertreiben, erſchopft: ſie hatte ganze Tage mit Briefſchreiben zugebracht,— ganze Folio⸗Bögen voll nichtsſagender Worte an alle Perſonen geſchrieben, deren ſie ſich nur erinnern konnte. Sie hatte in allen Wagen, auf allen Kutſchenhimmeln ſuchen laſſen nach Büchern, von denen ſie wohl wußte, daß ſie ſie in England zurückgelaſſen. Sie hatte nach der Tochter des Gaſthoſbeſitzers geſchickt, um ſich von der⸗ ſelben Unterricht im Deutſchen geben zu laſſen, das ſie in einer Woche lernen zu können glaubte. Sie hatte einen ganzen Morgen damit zugebracht, daß ſie die weißen. Mäuſe des kieinen, italieniſchen Knaben anſah, und Stun⸗ 78 den lang über dem„Livre des Voyageurs“ zugebracht, und dort die Namen von Freunden gefunden, die, glück⸗ licher als ſie, ſchon längſt Italien erreicht hatten. Aber am Ende verſiegten auch dieſe ſchwachen Hülfsquellen, und ſo hatte ſie nun ſchlechterdings Nichts zu thun, ja, nicht einmal einen Gedanken, womit ſie ſich hätte be⸗ ſchäftigen können. Waren einmal die fünf Minuten vor⸗ über, während welcher ſie ſich jeden Morgen mit Groun⸗ ſell zankte, ſo kam auch nicht ein einziges Ereigniß mehr, nicht eine einzige Hoffnung, die in ihre Langeweile hätte einige Abwechslung bringen können. Zwar erholte Sir Stafford ſich wieder, aber doch ſo langſam, daß wohl Wochen noͤthig waren, ehe er ſeine Reiſe fortſetzen konnte. Wie nun dieſe Zeit zugebracht werden ſollte, das war die furchtbare Frage, auf die ſie keine Antwort zu finden vermochte. Mit wahrem Neide blickte ſie auf einige Bauern, die in dem gegenüberſtehenden Bierhauſe Domino ſpielten, und folgte mit ſehnſüchtigen Augen dem kleinen Poſtkarren, wenn er das Dorf verließ. Hätte ſie Deutſch verſtanden, ſo wären ihr Hunderte von Büchern zu Ge⸗ bote geſtanden. Hätte ſie nur ausgehen mögen, um Kranke und Nothleidende aufzuſuchen, ſo hätte ſie vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend vollauf zu thun gehabt. Sie wußte nie, was es heißt, ernſten Gedanken zu folgen; denn das Nachdenken iſt die Manufaktur, die nicht ohne ihr Roh⸗Material arbeiten kann, und mit die⸗ ſem war ihr Geiſt nicht ausgeſtattet. In dieſem bedauernswerthen geiſtigen Zuſtande ging ſie eines Morgens im Geſellſchaftszimmer auf und ab, gerade als der Doktor ſich entfernt hatte, und ſo auch der letzte kleine Auftritt zu Ende war, wodurch ſie die Zeit zu verkürzen hoffen konnte,— als mit einem Male der Diener mit der Karte des Oberſten Haggerſtone her⸗ eintrat, der ſich, wie bis daher alle Tage, nach Sir Staf⸗ fords Geſundheit erkundigen ließ. Hätte der tapfere Oberſt ſich zu Milton Creſcent, 79 oder auf der Villa melden laſſen, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß der wohlunterrichtete Portier ſeinen Paß nicht viſirt, ſondern einen Namen von ſo wenig im⸗ ponirenden Conſonanten alsbald der Vergeſſenheit über⸗ geben haben würde, während ein ſolcher Eintrag in das Viſitenbuch ganz ruhig als ein Verſehen bezeichnet worden wäre. Nicht aber ſo jetzt. Lady Heſter nahm die Karte, und ſagte, anſtatt der gewöhnlichen kurzen Worte— „Sir Stafford befindet ſich beſſer,““—„Sagt Oberſt Haggerſtone, daß Lady Heſter bereit ſei, ihn zu em⸗ pfangen.“ Der wackere Oberſt, der drunten nachläßig mit der Reitpeitſche auf ſeine Stiefeln ſchlug, war über die Bot⸗ ſchaft nicht wenig erſtaunt. Es war einſt eine Zeit, wo er dieſer Gunſt eine höͤchſt ſchmeichelhafte Deutung gege⸗ ben haben würde. Er würde bei ſich ſelber gefluſtert haben:„Sie hat mich an dem Fenſter vorüber gehen ſehen— ich bin ihr aufgefallen, als ich vorbeiritt.“ Die Zeit hatte indeſſen ſolche glänzende Illuſionen gewaltig herabgeſtimmt, und er erblickte, was auch der Wahrheit näher kam, in der Erlaubniß bloß die Laune einer ſchönen Lady, die ſich langweilt.„Ich dachte mir es wohl,“ murmelte er bei ſich, indem er langſam die Treppe hin⸗ anſtieg;„die Blockade war zu ſtrenge, als daß die Feſtung ſich nicht hätte am Ende ergeben müſſen. Keine Zeitung, keine Bücher, ha ha!! Da war's aus!“ Unterdeſſen hatte der Oberſt ſeinen Backenbart, ſo wie ſeinen Schnurrbart zum letzten Male gekräuſelt, und ſeinen Kopf in eine Lage ruhiger Würde geworfen, als der Diener, die Flügelthüren weit aufmachend, ihn meldete. Zwei Schritte vortretend und ſich tief verbeugend, ſagte Oberſt Haggerſtone: „Ew. Ladyſhip werden die Freiheit, die ſehr große Freiheit verzeihen, die ich mir genommen, indem ich mich ſeit einigen Tagen ehrerbietigſt nach dem Befinden Sir Staffords habe erkundigen laſſen, obwohl derſelbe ſich meiner ten, hieher zurück zu kommen.“ 80 wohl nicht mehr erinnern wird. Doch hatte ich einſt die CEhre, mit ihm bekannt zu ſein— wir trafen einander bei Lord Kerriſon in Schottland.“ Lady Onslow machte dieſer unintereſſanten Erklä⸗ rung durch ein mildes, aber etwas hochmüthiges Lächeln ein Ende, das zu ſagen ſchien,„Was in aller Welt mag das ſein,“ während ſie ihm zu gleicher Zeit einen Wink gab, daß er ſich ſetzen möge. „Darf ich hoffen, daß es mit Sir Stafford fort⸗ während beſſer geht?“ ſagte er, ſich abermals verbeugend. „Er befindet ſich heute beſſer,“ ſagte Lady Onslow mit ſchmachtender Stimme.„Vielleicht befindet er ſich ſo gut, als es in dieſem miſerablen Orte nur ſein kann. Sie haben vermuthlich von der Reihe von Un⸗ glücksfällen gehoͤrt, die uns zugeſtoßen und uns noͤthig⸗ Der Oberſt ſah ſie mit einem Blicke an, worin neben der Neugierde ſich ſanftes Mitleid ausdrückte. Er dachte an das Vergnügen, das es ihrer Ladyſhip machen würde, ihm von ſich zu erzählen, und er war ein gut geſchulter Zuhörer. Dieß Mal aber irrte er ſich. Entwe⸗ der hielt Lady Onslow die Gelegenheit nicht der Mühe werth, oder den Zuhöͤrer nicht für würdig genug, um ſich dieſe Laſt aufzulegen; und ſie ſagte daher bloß,„Es brach unſer Wagen zuſammen, und wir konnten nicht weiter kommen an einem Orte, das einen gräßlichen Namen führt. Sir Stafford wollte durch das Höllenthal reiſen, wo Jemand ſich durch ſeinen Marſch berühmt gemacht hat. Wer war es?“ „Maſſena, glaube ich,“ ſagte der Oberſt auf gut Glück, indem er dachte, der Name würde wenigſtens ben trovato ſein, gerade wie Kinder, die in die Sonn⸗ tagsſchule gehen, alle merkwürdigen Handlungen„Johan⸗ nes dem Täufer“ zuſchreiben. „O Himmel, nein, es war Moreau. Wir hielten, 4 um zu frühſtücken, an dem kleinen Gaſthauſe an, wo er 81 ſein Hauptquartier hatte, und in deſſen Garten er ſich damit beluſtigte, daß er mit Piſtolen nach einer Scheibe ſchoß— war das nicht ſonderbar?— Sind Sie ein guter Schütze, Oberſt?“ „Ein guter unter Schlechten,“ ſagte der Oberſt be⸗ ſcheiden. „ Dann müſſen wir mit einander eine kleine Probe anſtellen. Ich ſchieße ſo gern. Natürlich haben Sie Piſtolen?“ „Ich bin ſo glücklich, ein Paar ausgezeichnete Schle⸗ ſinger zu haben, ſie ſtehen Ew. Ladyſhip zu Dienſten.“ „Gut, das iſt alſo ausgemacht. Sie werden ſo gut ſein, im Garten einen paſſenden Ort auszuwählen, und wenn es morgen ſchön Wetter iſt— beiläufig geſagt, was iſt morgen?— Hoffentlich nicht Sonntag?“ Der Oberſt befreite ſie von ihrer Angſt durch die Verſicherung, daß der folgende Tag ein Montag ſein werde, und daß es daher eben Sonntag ſei. „Wie ſonderbar! Man läßt ſich im Ausland in dieſen Dingen ſonderbare Verſtöße zu Schulden kommen,“ ſagte ſie ſeufzend.„Ich glaube, wir ſind in dieſer Be⸗ ziehung in England beſſer daran; glauben Sie nicht auch 27 Die Frage war keine ſehr klare; nichtsdeſtoweniger ſtand der Oberſt nicht an, hr beizupflichten. „Sir Stafford vertheidigte im Unterhauſe ſtets dieſe Anſicht, und harmonirte daher in dieſem Stücke mit ſei⸗ ner Partei ebenſo wenig, als in ſeinen Anſichten über die iriſche Politik. Armes, theures Irland! Was kann man für daſſelbe thun?“ Dieß war eine etwas ſchwierigere Frage, als die vor⸗ angegangene, und der Oberſt huſtete und räuſperte ſich, und bereitete ſich auf eine Rede voll ſpitzfindiger Allge⸗ meinheiten vor; aber dieſes Bemühen war umſonſt; denn ihre Ladyſhip hatte bereits den Gegenſtand wieder ver⸗ geſſen, und Alles, was damit zuſammenhängt. Die Daltons. I. 6 8² Sie fuhr alſo fort: „Ach! wie bedaure ich dieſe lieben Wreckingtons, die verdammt ſind, dort zu leben. Der Graf, wie Sie wiſſen, hatte feierlich verſprochen, daß er Alles für die Partei thun würde, als er ſein blaues Ordensdand bekam, und ſo nahm man ihn beim Worte, und ernannte ihn wirklich zum Vicekönig. Es war etwas ſehr Grauſames, aber ich hoͤre, Nichts konnte beſſer ſein, als ſein Betra⸗ gen, als er dieſe Nachricht erhielt, und die theure Lady Wreckington beſtand darauf, ihn zu begleiten. Es war gerade wie die Geſchichte von— wie heißt der Mann, der den Kaiſer Paul ermorden half— Geroboffskoi, oder ſe Etwas, und deſſen Frau ihm nach den Bergwerken olgte.“ Wu Der Oberſt geſtand ein, daß die beiden Fälle durch⸗ aus gleich ſeien, und nun ging die Unterhaltung— wenn dieſes Wort anders zur Bezeichnung eines nichtsſagenden abgeriſſenen Geplauders herabgewürdigt werden kann— auf Londoner Perſöͤnlichkeiten und Ereigniſſe über— auf ihre Heirathen, ihre großen Gaſtmahle, ihre Tren⸗ nungen, Verbindungen, Eheſcheidungen und Abreiſen; mit welchen Gegenſtänden allen Haggerſtone nicht wenig vertraut zu ſein affectirte, obgleich es jedem Andern, der weniger mit ſich ſelbſt beſchäftigt geweſen wäre, als es bei ihrer Ladyſhip wirklich der Fall war, alsbald hätte einleuchten muſſen, daß er all ſein Wiſſen bloß aus Zei⸗ tungen geſchöpft. Als endlich Lady Heſter mit einem Klagliede über die abſolute Intereſſeloſigkeit aller Dinge und aller Orte zu Ende war, fragte er geſchickt, wo ſie den Winter zuzubringen gedächte.. „Ich wünſchte, ich wuͤßte es,“ ſagte ſie mit ſchmach⸗ tender Stimme.„Die Drollington's ſagen uns von Neapel; die Upsley's von Rom; und was mich betrifft, ſo kann ich mich weder für den einen, noch den andern der beiden Orte entſcheiden. Lady Drollington iſt mein Abſcheu, und die drei Upsley'ſchen Mädchen mit ihren 83 roͤthlichen Naſen und mit ihrem rothen Haar ſind für mich unausſtehlich.“ „Was halten Ew. Ladyſhip von Florenz?“ fragte der Oberſt beſänftigend. „Etwa eben ſo viel, als Jemand von den Tonga⸗ Inſeln halten koͤnnte. Ich weiß Nichts von dem Orte, den Leuten oder dem Klima. Sagen Sie mir doch Etwas darüber!“ „Es iſt darüber ſehr wenig zu ſagen,“ ſagte Hagger⸗ ſtone, die Achſeln zuckend;„nicht als ob der Ort nicht ſehr angenehm ſein könnte, wenn Jemand, deſſen Auto⸗ rität in Dingen der Faſhion wirklich wohl begründet, ſich an die Spitze ſtellen und in der Geſellſchaft den Ton angeben wollte, Jemand, der einen unbeſtreitbaren Rang und Reichthum mit perſönlicher Anmuth verbände, und ſo gleichſam in Folge eines Verjährungsrechts den erſten Platz einnähme. Dann möchte, ſage ich, Florenz keiner Stadt in Italien nachſtehen. Wollte, Ew. Ladyſhip würden ſich herablaſſen, den unbeſetzten Thron einzu⸗ nehmen!“ „Ich!“ ſagte ſie, ſich erſtaunt ſtellend, dann ſetzte ſie lachend hinzu: „O nein! ich verabſcheue alle Scheinherrſchaft. Es ſchaudert mich in der That bei dem Gedanken, die Rolle einer Lady Patroneß, einer Feſtordnerin ſpielen zu muſſen, und abgeſehen davon, über wen hätte ich zu herr⸗ ſchen? Etwa über die Browns und Smiths, und Per⸗ kinſes, üͤber die mit voller Penſion verabſchiedeten Oſt⸗ indier, die auf halbem Sold ſtehenden Oberſten, und die von gar keinem Einkommen lebenden iriſchen Honoratioren und Landedelleute, welche das Gros einer kleinſtädtiſchen Geſellſchaft bilbden? Sie möchten mir doch wohl nicht einen ſo triſten Vorrang anempfehlen?“ Der Oberſt lächelte ſchmeichleriſch über die beißen⸗ den Bemerkungen ihrer Ladyſhip und beeilte ſich, ihr zu verſichern, daß eine ſolche Ketzerei ſeinen Gedanken ganz 84 und gar fremd wäre, und ging dann mit erfahrener Fer⸗ tigkeit eine Liſte fremder— franzoͤſiſcher, ruſſiſcher und deutſcher Celebritäten durch, deren Namen meiſtens wie ächtes Metall klangen. Dieß ſah vielverſprechend aus; es kam faſt ganz ſo heraus, als ſollte alle engliſche Geſellſchaft vermieden werden, und erſchien als etwas recht Ausſchließendes, recht Unartiges und recht Unedles; und nun lieh ſie ein willi⸗ ges Ohr,. als Haggerſtone einen Operationsplan für eine ganze Wintercampagne enthüllte. Seinem Berichte nach war es eine vollkommene terra incognita, wo die Ter⸗ ritorial⸗Grenzen und Geſetze nach Belieben beſtimmt wer⸗ den könnten; es war ein Zuſtand, der eine große Diktatur und die Ausübung einer unbeſchränkten Autorität erheiſchte. Nun aber war Lady Heſter, wenigſtens ſeit ihrer Heirath und ſogar nur ſehr ſelten vor derſelben, nie wei⸗ ter gekommen, als bis an die Peripherie der faſhinablen Geſellſchaft. Wenn ſich ihr der Zauberkreis erſchloß, ge⸗ ſchah es nicht in Folge eines Verjährungsrechtes, ſondern eher in Folge irgend einer Goͤnnerſchaft oder einer zufäl⸗ ligen politiſchen Kriſe, die Sir Staffords Einfluß zu einer Sache von Wichtigkeit machte. Es lag daher etwas Schmeichelhaftes in dem Gedanken, ſo zu einer Ton an⸗ gebenden Perſon in der Geſellſchaft zu werden; und ſie dachte ſcharfſinnig genug, daß, obgleich wenig wirkliche Macht damit verbunden wäre, doch aller Tyrannei einer größeren Herrſchaft Raum gegeben ſein würde. Zwar ließ ſie durch Nichts merken, wie viele Be⸗ friedigung ihr dieſer Gedanke gebe; im Gegentheil, ſie bemitleidete die„armen lieben Geſchöpfe,“ die ſich an einem ſolchen Orte für„die Welt“ hielten, und lächelte mit engelgleichem Mitleiden über deren ſüße Einfalt; Haggerſtone durchblickte jedoch alle dieſe Verſtellungen, und es entgingen ihm ihre wahren Gefühle nicht, wie das bei einem erfahrenen„Krötenſchlucker“ ſtets der Fall, ſo bald pure Affektation im Spiele iſt. Es geſchickt ver⸗ 8⁵ meidend, auf die Frage weiter einzugehen, lenkte er das Geſpräch auf Baden und das abſcheuliche Wetter, bot ſeine Bücher an, ſeine Zeitungen, ſeine Pferde, ſeinen Phaeton, und Alles, was er ſein nennen konnte; ja, er bot ſogar ſeine Geſellſchaft an, und verſprach, ſie mit den beſten Reitpfaden und Spaziergängen bekannt zu machen, und verabſchiedete ſich, wie ein geſchickter Schauſpieler, gerade in dem Augenblicke, wo ſeine Gegenwart am Er⸗ wünſchteſten geweſen wäre. Lady Heſter ſah zum Fenſter hinaus und erblickte drunten auf der Straße die Reitpferde des Oberſten, welche durch einen Reitknecht im untadelhafteſten Koſtüm auf⸗ und abgeführt wurden. Die Pferde ſelbſt waren ſchön, und in einem Zuſtande, der Nichts zu wünſchen übrig ließ. Es war ein kleiner Schimmer von Civoiliſation in⸗ mitten der allgemeinen Oede, und es brachte derſelbe Erinnerungen mit ſich, von denen einige wenigſtens nicht ganz ohne Schmerz waren, in ſoweit man dem Ausdrucke der Geſichtszüge der Lady trauen durfte. „Wer mag es wohl ſein,“ ſagte ſie ſinnend.„Es iſt ein abſcheulicher Name: Haggerſtone! Vielleicht erinnert ſich Sir Stafford ſeiner. Es iſt fürwahr ein trauriger Gedanke, ſich auf ſolche Leute beſchränkt zu ſehen.“ Und ſie ſetzte ſich mit einem leichten Seufzer, um Gedanken tiefen und aufrichti⸗ gen Mitleidens mit ſich und ihrem Kummer nachzuhangen. Aus dieſen Träumereien wurde ſie durch die Ankunft eines Packes von Büchern und Papieren, die ihr der Oberſt ſchickte, aufgeweckt. Es waren darunter einige der neueſten Tageserſcheinungen, ſowohl in franzöͤſiſcher, als engliſcher Sprache, alſo gerade jene Art von Lektüre, wie ſie ſie liebte,— jene Art von Literatur, die in halb plau⸗ dernder Form ſich nur um gewiſſe Perſonen und Dinge bewegt, ſich nur mit Leuten und Vorfällen einer kleinen und abgeſchiedenen Welt beſchäftigt. Es waren darunter Reiſebeſchreibungen von adeligen Autoren und Romane von Verfaſſerinnen aus der Adelswelt; die einen ſo zahm, 86 geſittet und langweilig, als die andern feurig und leiden⸗ ſchaftlich waren.— Beiläufig geſagt, kein übler Beweis von der Richtigkeit der franzöſiſchen Maxime, daß die „Sicherheit der Lady Georginas mit der Kälte des Lord Georges ungemein verwandt iſt.“ Ferner befanden ſich darunter Bücher der Schönheit, Albums, worin die Lie⸗ benswürdigkeit höchſt ariſtokratiſch war; und Taſchenbü⸗ cher, worin der Adel ſich herabließ, nichtsſagendes Zeug zu ſchreiben. Ebenſo waren darunter Analyſen neuer Opern, worin die Liſte der Zuſchauer das einzige Intereſ⸗ ſante war, und beſſer als dieſe waren die neueſten Moden von„Longchamps,“ die neueſten Bulletins über jene große Campagne, die in Adams Garten begann und bis an’'s Ende der Tage dauern wird. Dieſe zu rechter Zeit gekommenen Reizmittel regten die Lebensgeiſter der Lady Heſter mit einem Male wieder auf; und als man ſich vor dem Mittagsmahl verſam⸗ melte, waren George und ſeine Schweſter ganz erſtaunt über die glückliche Veränderung in ihrem Weſen. „Ich habe einen Beſuch gehabt,“ ſagte ſie nach einer kurzen Myſtification;„ein gewiſſer Oberſt war bei mir, der mit Eurem Vater bekannt ſein will, deſſen ſich dieſer aber wohl kaum erinnern wird— er heißt Haggerſtone.“ „Haggerſtone!“ ſagte George, den Namen zwei oder drei Male wiederholend.„Iſt es nicht der Name des Mannes, der ſtets in der Geſellſchaft Arlinaton's war, und von dem man all' die Geſchichten erzählt?“ „Da ich nie von Arlington's Gefährten gehört habe, noch auch von den fraglichen Geſchichten, ſo kann ich es nicht ſagen. Klären Sie uns doch darüber auf,“ ſagte Lady Heſter herbe. „Haagerſtone klingt ſo ganz, wie der Name,“ wie⸗ derholte George für ſich. „Wie welcher Name? Seien Sie doch ſo gut, und erklären Sie's uns.“ „Ich mag nicht eine Geſchichte erzählen, die, wenn 87 ſie nicht mit Recht auf den Mann bezogen werden kann, ſich gewiß in unangenehmer Weiſe künftig an ſeinen Na⸗ men knüpfen wird.“ „Und in Ihrer übertriebenen Vorſicht, was Sie be⸗ trifft, gefällt es Ihnen, mich zu vergeſſen, Herr Ons⸗ low. Erinnern Sie ſich doch gefälligſt, daß, wenn ich ihn meiner Bekanntſchaft würdige—“ „Sie werden doch aber das nicht thun?“ „Und warum nicht?“ „Zum Erſten, Sie kennen ihn nicht, wiſſen Nichts von ſeinen Verhältniſſen.“ „Was Ihre Schuld iſt.“ „Es ſei alſo. Ich habe Ihnen wenigſtens genug ge⸗ ſagt, um Sie zu veranlaſſen, zurückhaltend und auf Ihrer Hut zu ſein.“ „Gerade genug, um meine Neugierde zu erregen, und einem ſehr alltäglichen Charakter einen gewiſſen Grad von Intereſſe zu verleihen.“ „Darf ich fragen, ob er jung iſt?“ ſagte George halblächelnd. „Nein, weit entfernt.“ „Sieht er gut aus?“ „Ebenſo wenig.“ „Iſt er recht angenehm, und hat er gute Manieren?“ „Er iſt für mich eher etwas zu proſaiſch, und zu militäriſch in ſeinem Tone.“ „Kommt er unter dem empfehlenden„Firman“ eines theuren Freundes oder Bekannten 2“ „Nichts von All' dem. Da iſt ſein Paß,“ ſagte ſie, auf ſeine Viſitenkarte deutend. 1„Ew. Ladyſhip pflegte ſonſt nicht ſo zugänglich zu ſein,“ ſagte George trocken. „Ganz wahr; und es mag wohl auch wieder ſo kommen. Es iſt eine nothwendige Pflicht, unter all' den Bekannten, die man hat, eine Auswahl zu treffen; aber, 88 wie mein Vater zu ſagen pflegte, es denkt Niemand dar⸗ an, ein Sieb zu gebrauchen, um Spreu zu ſondern.“ „Dieſer Herr iſt alſo ſehr glücklich in ſeinem obſcuren uſtande.“ „Hier kommt Miß Onslow,“ ſagte Lady Heſter; „ſie wird mir wohl mehr Dank wiſſen, wenn ſie erfährt, daß unſere Einſamkeit durch den tapfern Oberſten belebt werden wird.“ Sydney blickte über die Bücher und Zeitungen auf dem Tiſche hin, und bemerkte dann ruhig: „Darf man einen Mann nach ſeiner Geſellſchaft beurtheilen, ſo laſſen ſich aus dieſer keine ſehr günſtigen Schlüſſe auf den Geſchmack des Herrn ziehen.“ „Ich ſehe, daß Ihr Beide Euren Kopf darauf ſetzt, ihn zu einem Liebling von mir zu machen,“ ſagte Lady Heſter empfindlich;„und wenn Doktor Grounſell es ge⸗ lingt, irgend etwas Gräßliches in ſeiner Geſchichte oder ſeinem Charakter zu entdecken, ſo werde ich bereit ſein, ihn„bezaubernd“ zu nennen.“ Die Nachricht, daß das Mittageſſen ſervirt ſei, machte glücklicher Weiſe einer Eroͤrterung ein Ende, die bereits wenig Gutes verſprach; auch war es Niemand leid, daß ſie alſo abgebrochen wurde. Siebentes Kapitel. Eine Lektion im Schießen mit Piſtolen. Zwei große Ströͤmungen ſind es, welche die öffent⸗ liche Meinung in der ganzen Welt theilen, und alle Men⸗ . 89 ſchen können unter die eine oder die andere dieſer großen Kategorien gebracht werden—„die Leute, die Alles loben, und die Leute, die Alles tadeln und ſchlecht finden.“ Für gewiſſe Menſchen iſt in dem Leben Alles ſo, wie es ſein ſoll. Jederman iſt gut, lieb und liebenswürdig. Alle Maänner ſind begabt und angenehm; alle Frauen bezau⸗ bernd und hübſch. Ein ſteter Strom von Lobſprüchen ergießt ſich über Alles, was Jeder beſitzt, und die einzige Ueberraſchung, die der Zuhörer fühlt, iſt, wie eine Welt, in der Alles ſo vortrefflich, in der des Guten ſo unendlich viel, ſich vereinigen laſſe mit dem, was man gelegentlich in der Times und in dem Chroniele lieſt. Die zweite Kategorie iſt der Roland dieſes Oliver, und enthält alle Diejenigen, die für Niemand ein gutes Wort haben, und nach deren Anſicht die Welt eine unge⸗ heure Strafanſtalt iſt— wo die Aufſeher Nichts mehr und Nichts weniger ſind, als die beſſeren unter den Sträf⸗ lingen. Das Hauptgeſchäft dieſer Leute im Leben iſt, Alles ſorgfältig zu verzeichnen, was einer Familie zur Unehre gereichen kann; ihr Gedächtniß mit Unglücksfällen, Reſtſetzungen, Betrügereien, Selbſtmorden, unehrenhaften Manipulationen beim Spiele, unehrlich geführten Duellen, Verführungen, Entführungen und dergleichen anzufüllen, und, ſobald ein Name genannt wird, ſtets bereit zu ſein, den Mann, der ihn führt, oder ſeine Großmutter mit irgend einem merkwürdigen Brandmale, oder einem un⸗ glücklichen Ereigniſſe, das ſich ſchon vor Jahren zugetra⸗ gen, in Verbindung zu bringen. Wenn die immerwäh⸗ renden Lobſprüche der Einen das Leben allzu ſüß machen, als daß es geſund ſein koͤnnte, ſo macht die ewige Herab⸗ würdigung der Andern es zu bitter, als daß man es ge⸗ nießen moͤchte; auch wäre es nichts Leichtes, zu ſagen, ob die Geſellſchaft mehr unter der Uebung dieſer Schein⸗ liebe auf der einen Seite, oder unter der Uebung allge⸗ meiner Abgunſt auf der andern leidet. Vielleicht ſind unſere Leſer uns dankbar, wenn wir 90 ihnen verſichern, daß wir nicht gemeint find, dieſes Thema weiter auszuſpinnen. Der Gedanke drängte ſich uns un⸗ willkührlich auf bei dem Namen des Oberſten Haggerſtone, der ein ausgezeichnetes Mitglied von Claſſe Nro. 2 war. Sein Kopf war ein Polizeiregiſter, oder beſſer geſagt, wie eine Seite jenes berüchtigten„Livre noir,“ worin alle unabgebüßten Sünden einer Nation verzeichnet ſte⸗ hen. Er kannte jedes Familien⸗Unglück in ganz Europa; und man konnte in der Geſellſchaft keinen Namen nennen, woran er nicht eine Verführung, einen Betrug oder eine Feigheit zu heften im Stande geweſen wäre; und wenn ſolche Enthüllungen in ganz proſaiſcher Weiſe gegeben werden, unter Anführung von Zeit und Ort, und ohne die geringſte Beigabe von Witz oder Phantaſie, wodurch ſie einen pikanten Beiſchmack erhalten,— wenn ſie, mit einem Worte, einfach als„Mémoires pour servir à l'Histoire“ eines Individuums erzählt werden, ſo pflegt die Welt ſie lieber als Beweiſe von Lebenskenntniß hin⸗ zunehmen, als für das, was ſie in der That ſind— das heißt, für Beweiſe eines boͤsartigen Charakters. Auf dieſe Weiſe erſchien Haggerſtone Vielen als der bloße „alte Soldat“ und als Nichts weiter; während, wenn die Natur ihn mit Phantaſie oder epigrammatiſcher Schärfe begabt hätte, er als die leibhaftige Verläumdung gegolten haben würde. Es mag ſonderbar ſcheinen, wenn wir ſagen, daß Lady Heſter, die doch viel in der Welt gelebt hatte, nie auf einen alſo beſchaffenen Charakter geſtoßen war, und doch war dem alſo:; ſie gehoͤrte zu jener beſondern Claſſe von Menſchen, die dafür, daß ſie bei keiner Gelegenheit ſich damit abgeben, ihre Nachbarn zu kritifiren, eine Art Amneſtie für Alles, was ſie thun, verlangen. Dieſes an⸗ ſcheinend gutartige Weſen iſt eine beſſere Schutzwaffe, als die Uneingeweihten wiſſen, indem es der betreffenden Per⸗ ſon alle lockeren Sympathien zuführt, und es ſich ſogar 91 jene große ſchwankende Mehrheit, die viel ſpricht und wenig denkt, zu Vertheidigern wirbt. In London würde Haggerſtone ein für alle Mal für einen Mann von dem p„ſchlechteſten Tone“ gegolten, und ſie würde es ſorgfältig vermieden haben, mit ihm, dem ſo unglücklich Begabten, Bekanntſchaft zu machen; aber hier in Baden, wo ſie Nichts zu thun hatte, wo ſie mit Niemand reden konnte, wurde er wirklich etwas hoͤchſt Schätzbares, und Stunden lang höoͤrte ſie ihm mit Ver⸗ gnügen zu, wenn er alle die Miſſethaten jener„lieben, lieben Freunde“ herzählte, die ihre eigene„Welt“ gebil⸗ det hatten. Im Grunde ihres Herzens ſagte ſie ſich wohl auch, was ihr ſo wohl thun mußte,„von mir kann er Nichts ſagen; höchſtens kann er darauf anſpielen, daß ich einen Mann geheirathet, der alt genug iſt, um mein Vater zu ſein, und wenn ich dieſen Fehler mir habe zu Saulien kommen laſſen, ſo thut es mir ſelbſt gewiß herz⸗ leid.“ Er hatte Scharfblick genug, um die bekannten Fa⸗ milienmißhekligkeiten zu entdecken und dieſelben zu nützen, nicht durch eine unkluge oder übel angebrachte Anſpielung auf das, was den Stolz ihrer Ladyſhip zum Widerſtand gereizt haben würde, ſondern dadurch, daß er zu Beſchäf⸗ tigungen und Beluſtigungen rieth, von denen er ſah, daß ſie den Andern widerwärtig ſein und ſie ſo ihrer Geſell⸗ ſchaft je mehr und mehr entfremden würden. In der That, der große Gegenſtand ſeiner Bemühungen war, Lady Heſter zu einer Anhängerin jener neuen Schule zu machen, deren Schutzpatronin Georges Sand iſt, und die ſich „Lionne“ nennt. Es würde uns hier von unſerem Zwecke abführen, wollten wir uns bei dieſem Gegenſtande auf⸗ halten und unterſuchen, welchen geſellſchaftlichen Urſachen dieſe neue Sekte ihr Daſein verdankt. Die Haupturſache mag wohl in dem vorherrſchenden Geſchmacke der Männer für das Clubleben liegen— in jener bequemen Behag⸗ lichkeit, die keinen Tribut des Reſpekts oder ſogar der 92 Aufmerkſamkeit erheiſcht, ſondern die Männer ihren Lau⸗ nen nachhangen läßt, ſo weit es nur immer die Selbſt⸗ liebe fordern mag; dadurch aber paſſen ſie nicht mehr in die Geſellſchaft von Damen, oder paſſen ſie doch nur in die Geſellſchaft von ſolchen, die ſich ſo weit herabgeben, daß ſie ihrem Geſchlechte entſagen, und von Gegenſtänden ſprechen und Dinge eroͤrtern, die gewöͤhnlich für andere Zuhörer beſtimmt ſind. Gewiſſe talentvolle Männer liebten dieſe Freiheit— die Receptionen waren eine Art Freihafen, wo Alles zoll⸗ frei einging. Nichts war in dieſem ausgedehnten Tarif verboten, und ſo gab eine Converſation, die von der Zu⸗ rückhaltung der beſſeren Geſellſchaft befreit war, tauſend Gelegenheiten, ſich zu zeigen, was nach und nach die Leute zu dieſen Zuſammenkünften heranzog, und jede andere Geſellſchaft in Folge des Contraſtes als kalt, ſteif und heuchleriſch erſcheinen ließ. Dieſe neue Erfindung war noch nicht nach England gekommen, als Lady Heſter es verließ; allein ſie horchte mit vielem Intereſſe auf eine Beſchreibung der Vorzüge derſelben. Auch waren viele Punkte vorhanden, worin dieſelbe mit ihren eigenen Be⸗ griffen harmonirte. Unter den Dingen, ſo dieſelbe em⸗ pfahlen, war die Neuheit, die Freiheit und die unbegrenzte Caprice; und endlich mußte ſte den„Onslows“ in hohem Grade unangenehm ſein. Es war eine„Rolle,“ die eine beliebige Menge von Interpolationen zuließ. Unter ihrer Sanktion durfte ſie ja nun Alles ſagen, Jeden kennen und überall hingehen. Das herrliche Vorrecht, die ſchöne Freiheit, die Alles erlaubte und Nichts verſagte! Mit all' den vulgären Erforderniſſen des„Loͤwen⸗ thums“ war ſie bereits hinreichend vertraut, ſie konnte reiten, fahren, ſchießen und fechten; ſie war eine erträg⸗ liche Billardſpielerin und konnte auch ein wenig rudern. Allein mit den höheren Regionen der Kunſt war ſie noch nicht bekannt: ſie hatte noch nicht ſchwimmen gelernt, hatte noch nie geraucht, und befand ſich in gänzlicher Un⸗ 93 wiſſenheit, was jene Form der Sprache betrifft, die, halb myſtiſch und durch und durch verderblich, unter den Mit⸗ gliedern dieſer Sekte gebräuchlich iſt. Daß ſie alle dieſe Dinge in kurzer Zeit und leicht ſich aneignen koͤnne, ver⸗ ſicherte ihr der Oberſt, und um ſie zu„immatrikuliren“ erinnerte er ſie nun an ihre Aufforderung in Betreff des Schießens mit Piſtolen, wozu er in dem Garten des Gaſt⸗ hauſes alle Anſtalten getroffen hatte. Seinem Worte treu, hatte er eine ſehr hübſche Allee ausgewählt, an deren Ende ſich eine Mauer erhob, welche hoch genug war, um etwaige Unglücksfälle, welche ver⸗ irrte Kugeln hätten verurſachen konnen, zu verhindern. Auf einem Tiſche lag in all' dem Dandyismus, deſſen ſolche Gegenſtände fähig ſind, ein ſchönes Paar Piſtolen in einem kleinen Kiſtchen, dabei alles zum Schießen Noth⸗ wendige, wie Bockleder zum Füttern, Kugelgießer, Lade⸗ ſtöcke, Hämmer, Schrauben u. dgl.; ja, es lag ſogar ein in Juchtenleder gebundenes Büchelchen dabei, um die Schüſſe zu notiren; mit einem Worte Nichts war ver⸗ geſſen, und Lady Heſter ſah mit Vergnügen Vorbereitungen zu, die wenigſtens eine ängſtliche Aufmerkſamkeit in Be⸗ ziehung auf ihre Wünſche bekundeten. „Stellen Sie ſich nur einmal den barbariſchen Zu⸗ ſtand des Landes vor, worin wir uns beſinden,“ ſagte er: „Ich habe nach allen Seiten hin Boten ausgeſchickt, um einige jener Gypsfiguren aufzufinden, die in jeder Stadt Europas ſo gewoͤhnlich ſind, aber vergebens. Anſtatt daß nun Ew. Ladyſhip der Johanna von Arc den Kopf ab⸗ ſchießt, oder irgend einem furchtbaren Feinde Englands eine Kugel durch den Leib jagt, müſſen Sie ihre Tapferkeit und Geſchicklichkeit an einen gemeinen Krug von Porzellan, oder an eine Vaſe von boͤhmiſchem Glas verſchwenden, es ſei denn, daß mein letzter Bote glücklicher geweſen, und ich glaube faſt, daß dieß der Fall iſt.“ Während er dieſes ſagte, kam der Bediente des Ober⸗ 94. ſten herbei, mit einem ſorgfältig in Papier gehüllten Paͤck⸗ chen in der Hand. „Ich habe dieſe Figur bekommen, Sir,“ ſagte er, „jedoch nur mit der groͤßten Mühe, und weil ich vorgab, wir brauchten dieſelbe zur Verzierung unſerer Wohnung. Der kleine Kerl in dem Spielwaarenladen trennte ſich mit Thränen davon, gleich als ob dieſelbe ſein Bruder geweſen wäre.. „Sie iſt wunderſchön!“ ſagte Lady Heſter, indem ſie eine kleine, hoͤlzerne Bildſäule von Goͤthe's„Gretchen,“ wie dieſe eine Blume zerzupft, um zu ſehen, ob ihr Ge⸗ liebter ihr wirklich treu, betrachtete. „Ein bloßes Spielzeug!“ ſagte Haggerſtone.„Jedes Kind ſchnitzt ſolche Dingerchen im Schwarzwalde. Glaubt Ew. Ladyſhip, Sie koͤnnten die Feder an ihrem Hute treffen, ohne den Kopf zu verletzen?“ „Eine ſolche Profanation möchte ich mir nicht ein⸗ fallen laſſen,“ erwiderte ſie;„es liegt wirklich etwas ſehr Hübſches in der Haltung und im Ausdrucke. Wir wol⸗ len das Ding für ein minder furchtbares Loos aufbe⸗ wahren.“ Der Oberſt jedoch verſicherte ihr fortwaͤhrend, daß ſolche Spielwaaren zu den gewöͤhnlichſten gehoͤrten und die Hütte jedes Bauers ſchmückten;— jeder Bauer ſchnitze mit einem groben Meſſer ähnliche Figuren u. ſ. w. Und inmitten dieſer Erklärung ſtellte er die Statue auf einer kleinen, ſteinernen Säule in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritten auf.. Der Einwurf der Lady Heſter war kaum mehr als eine Laune geweſen; und in der That, wäre ſie überzeugt geweſen, daß die Figur ein werthvolles Kunſtwerk, ſo würde ſie ſich eher noch geſchmeichelt gefühlt haben durch die Koſtſpieligkeit des ihr verſchafften Vergnügens. Wie die Perle der Cleopatra, hätte es alsdann wenigſtens den Zauber der Extravaganz gehabt; allein ſie traute dem Oberſten nie ſo viel Galanterie zu, und glaubte daher — 9³⁵ nus um ſo eher Alles, was er uͤber den Gegenſtand ſagte.. Oberſt Haggerſtone ſchritt nun zum Laden der Piſto⸗ len mit all' dem Pomp und all' der Umſtändlichkeit, die gewiſſe Leute bei ähnlichen Gelegenheiten auf eine ſo be⸗ luſtigende Weiſe an den Tag legen. Die in weichem Gemſenleder ſteckenden, ſorgfältig mit Schmirgel beſtäub⸗ ten Kugeln wurden mit einem Hammer die Läufe hinab⸗ gezwängt, der Hahn geſpannt, und die Waffe mit gezie⸗ mender Feierlichkeit Lady Heſter übergeben. „Schieße ich weit vom Ziele weg, Oberſt, ſo bitte ich Sie, ſich erinnern zu wollen, daß ich ſeit mehr als drei Jahren keine Piſtole mehr in der Hand gehabt habe; es müſſen in der That faſt vier Jahre ſein, ſeitdem ich mit Lord Norwood ſchoß.“ „Lord Norwood! Fürwahr,“ ſagte Haggerſtone,„ich ußi⸗ nicht, daß Ew. Ladyſhip je deſſen Gegner ge⸗ weſen.“ Hätte nicht Lady Heſter ſelbſt ſo ängſtlich gewünſcht, die Verwirrung zu verbergen, welche die Anſpielung auf den Viscount ihr ſtets verurſachte, ſo hätte ſie bemerken müſſen, wie unangenehm überraſcht Haggerſtone war, als er dieſen Namen erwähnen hoͤrte. Sie mußte Etwas thun— irgend Etwas, was ihre Verlegenheit verdecken konnte, und deßhalb drückte ſie die Piſtole ab; aber der Schuß war kein glücklicher und keine Spur von der Ku⸗ gel zu ſehen. „Sie brauchen nicht darnach zu ſehen, Oberſt Hag⸗ gerſtone,“ ſagte ſie verdrießlich;„ich weiß gewiß, daß ich weit vom Ziele weggeſchoſſen habe.“ „Ich bin gewiß, das Futter von der Mauer, hier herum, herabfallen geſehen zu haben,“ ſagte der gefällige Oberſt, auf eine Stelle ganz in der Nähe der Figur deu⸗ tend.„Ja, und hier ſind die Zweige zerfetzt.“ „Es iſt gleichgültig; gewiß habe ich das Ziel ver⸗ fehlt, und das iſt genug. Ich habe, ehe ich gefeuert, 96 Ihnen geſagt, daß ich nicht treffen würdez und wenn man ſchon das Vorgefühl hat, daß man nicht treffen werde, ſo iſt es ſo leicht, den Eindruck geltend zu machen.“ Sie ſprach mit offenbarem Aerger über ihren Man⸗ gel an Glück, und alle Schmeicheleien ihres Geſellſchafters waren umſonſt. Unterdeſſen bot er ihr die zweite Piſtole hin, die ſie haſtig ergriff, und ohne ſich die Mühe zu ge⸗ ben, und ſich die noͤthige Zeit zu laſſen, zu zielen, mit gleichem Reſultate abſchoß. „Ich mag es nicht wieder probiren,“ ſagte fie ver⸗ drießlich.„Entweder paſſen die Piſtolen nicht für mich, oder iſt der Ort ſchlecht gewählt, oder iſt das Licht ſchlecht. An Etwas fehlt es, das iſt gewiß.“ Haggerſtone biß ſich ſchweigend in die Lippe, und lud wieder die Piſtolen, ohne eine Antwort zu wagen. Es ging in ihm ein kleiner Kampf vor, und alle ſeine für ihre Ladyſhip beſtimmten Schmeicheleien kämpften mit dem Wunſche, ſeine eigene Geſchicklichkeit an den Tag zu legen; denn er war ein berühmter Schütze, und nicht wenig ſtolz auf ſein Talent. Endlich trug die Eitelkeit den Sieg davon, und die Waffe zur Hand nehmend, er⸗ hob er ſie langſam, und brachte ſie mit ſeinem Auge in eine und dieſelbe Linie. So hielt er ſie eine oder zwei Sekunden, wobei ſeine Hand ſo feſt, wie ein Stück Mar⸗ mor, war. „Ich habe nun mein Ziel auf dem Korn, und ſie dürfen nur„Feuer“ kommandiren,“ ſagte er, ſeine Augen von dem Gegenſtande abwendend, und Lady Heſter gerade anſehend. Sie ſtarrte ihn an, gleichſam um ſich von der Rich⸗ tung ſeines Blickes zu vergewiſſern, und rief dann„Feuer!“ Der Schuß knallte hell und ſcharf; mit ihm ließ ſich ein gellender Schmerzensſchrei vernehmen, und gerade vor ihnen, am Fuße der Säule, lag Etwas, das wie ein Pack Kleider ausſah; eine keuchende Bewegung indeß zeigte an, daß Leben darunter verborgen ſei. Haggerſtone ſprang 97 darauf zu, und entdeckte zu ſeinem Entſetzen den Zwerg Hans Röckle, der mit zerſchmettertem Arme und in Blut gebadet da lag. Mit ſeiner andern Hand hatte er die kleine Statue an ſeinen Buſen gedrückt, während er vor ſich bin die Worte murmelte:„Gerettet! gerettet! ge⸗ rettet!“ Während Lady Heſter forteilte, um Hülfe zu ſuchen, verband Haggerſtone die blutenden Gefäße mit ſeinem Taſchentuche, und fragte in dem ihm zu Gebote ſtehenden Deutſch, wie das Unglück geſchehen. Einige leiſe gemurmelte Laute waren Alles, was der Zwerg ſprach; es küßte aber derſelbe das kleine Bild mit einer Inbrunſt, die an Wahnſinn zu grenzen ſchien. Unterdeſſen kam der Bediente des Oberſten herbei, erkannte alsbald Hans, und rief:„Es iſt der kleine Kerl aus dem Spielwaarenladen, Sir. Ich habe Ihnen geſagt, wie ungern er ſich von dieſer Figur getrennt. Ich glaube, er iſt toll.“ Die wilden Blicke, und die lebhaft, ja freudig ge⸗ murmelten Worte des Zwergs, während er das Bild krampfhaft hielt, und daſſelbe an ſein Herz drückte, ſchie⸗ nen den Verdacht zu rechtfertigen, und der Oberſt Hag⸗ gerſtone dachte, er könne in jeder Linie des Geſichts des armen Geſchöpfs den Wahnſinn leſen. Der Menge, die ſich alsbald an der Thür des Gaſthofs verſammelte, und worunter viele ſeiner Freunde und Bekannten waren, wollte Hans keine andere Erklärung von dem Ereigniß geben, als daß es ein bloßer Zufall ſei; er ſei, ſagte er, vorübergegangen, und es habe ihn zufällig die Kugel ge⸗ troffen. Weiter ſagte er Nichts. „Iſt er nicht wahnſinnig oder ein Narr?“ fragte Haggerſtone den Gaſthofbeſitzer. „Weder das Eine, noch das Andere, Sir; Hans Roͤckle iſt ein alter und geachteter Bürger unſerer Stadt, und wenn er auch excentriſch und in ſeiner Weiſe ſeltſam Die Daltons. I. 7 98 iſt, ſo fehlt es ihm doch nicht an geſundem Verſtand oder an einem guten Herzen.“ „Ja, ja!“ riefen zwei oder drei von den verſammel⸗ ten Leuten, denen der Gaſthofbeſitzer die Frage des Ober⸗ ſten überſetzt hatte;„Hans iſt ein gutherziger Menſch, und wenn er ſeine Spielwaaren und Holzfiguren allzu ſehr liebt, ſo fehlt es ihm doch nie an Liebe für lebende Geſchöpfe.“ Während ſolche und ähnliche Bemerkungen um ihn her gemacht wurden, verband Freund Ludwig Krauß die Wunden des Zwergs— eine ziemlich mühſame Operation, die aber der kleine Kerl mit heroiſcher Ruhe ertrug. Nicht ein Wort der Klage, nicht eine Silbe der Unge⸗ duld entfloh ſeinen Lippen, und während ſeine halbge⸗ ſchloſſenen Lippen von Zeit zu Zeit die Worte:„Geret⸗ tet, gerettet!“ leiſe murmelten, glaubten die Umſtehenden, er ſpreche ſeinen Dank dafür aus, daß er mit dem Leben davon gekommen. Aber nur ein Mal entfuhr ihm ein Wort der Ent⸗ rüſtung. Es war, als Haggerſtone ſeine Boͤrſe heraus⸗ zog, und, ſeine Großmuth in prahleriſcher Weiſe an den Tag legend, den Zwerg fragte, welche Belohnung er ha⸗ ben wolle.„Bringt mich nach Hauſe; bringt mich weg von hier!“ ſagte Hans ungeduldig.„Sagt dem reichen Engländer, daß es Wunden gibt, wofür der Kummer ein hinreichendes Heilmittel wäre: daß es aber auch an⸗ dei gibt, welche die Beſchimpfung ſchlimmer machen muß.“ 4 99 Achtes Kapitel. Die nächtliche Excurſion. Den Reſt des Tages, nach dem— dem Zwerge zuge⸗ ſtoßenen Unglücke, brachte Lady Heſter in einem Zuſtande fieberiſcher Reizbarkeit zu. So ſehr ſie auch den„trau⸗ rigen Vorfall“ bedauerte— dieß waren ihre eigenen Worte— ſo grämte ſie ſich doch noch weit mehr wegen der Wirkungen, die er auf ſie ſelbſt hervorbrachte; denn hatte er ihr nicht höchſt unangenehme, hoͤchſt peinliche Gemüthsbewegungen verurſacht?— war er nicht an dem unbehaglichen Gefühle der Aengſtlichkeit Schuld, womit Alles und Jedermann ſie erfüllte Eine Epikuräerin nach Sitten und Gewohnheiten, verabſcheute ſie Alles, was auch nur ein vorübergehendes Gefühl des Mißbehagens verurſachte, und deßhalb ſiel nun auf den unglücklichen Oberſten, den Urheber des angeſtell⸗ ten Unheils, ein unbegrenztes Maaß ihres Mißvergnügens. „Er hätte gegen ein ſolches Unglück Vorſichtsmaßregeln ergreifen ſollen— er hätte ſo viel Geiſtesgegenwart haben ſollen, innezuhalten,— er hätte in die Luft feuern ſollen — mit einem Worte, er hätte alles Andere thun ſollen, nur nicht das, was er wirklich that;“ denn hatte er nicht durch das, was er gethan, die Nerven einer ſchoͤnen Dame erſchüttert, und hatte er ſie nicht in einen höchſt wider⸗ wärtigen Zuſtand der Reizbarkeit verſetzt? Auch war das Benehmen der Familie weit entfernt, beſänftigender Art zu ſein. Sir Staffords Gicht hatte, bei der Nachricht von dem Ereigniſſe, ſich wieder ver⸗ ſchlimmert. George Onslow's Aerger war ſo groß, daß er ſich nicht einmal getraute, von dem Vorfalle zu ſpre⸗ 100 chen; und was Sydney betrifft, ſo hatte ſie, obgleich den Zwerg in hohem Grade bedauernd, auch nicht die geringſte Sympathie für ihre Stiefmutter.„Gab es je ſolche Leute?“ fragte Letztere ſich wiederholt. Hatte ja doch Niemand ſich die Mühe gegeben, ſie zu fragen, wie ſie den Unfall ertrage, und hatte ja doch Niemand die ge⸗ ringſte Beſorgniß in Betreff der Folgen, welche die Ner⸗ venerſchütterung für ſie haben könnte, ausgedrückt. Grounſell war wirklich unausſtehlich, und es ließ der⸗ ſelbe ſogar Winke fallen, daß, im Falle eines Todes, die ſehr ernſte Frage entſtehen könnte, ob nicht die Perſonen in Anklageſtand zu verſetzen wären, welche, ohne eine Er⸗ laubniß der Regierung, von Feuerwaffen Gebrauch gemacht hätten. Er erinnerte ihre Ladyſhip, daß ſie jetzt nicht in England wären, ſondern in einem Lande, das ſeine ei⸗ genthümlichen Vorurtheile und Begriffe habe, und in Nichts ſo ſtreng ſei, als im Strafen von Unglücksfällen, die ihren Grund in der Hintanſetzung der geſetzlichen Vor⸗ ſchriften hätten. Was die Wunde ſelbſt betrifft, ſo ſagte er ihr, daß die Kugel„den deltafoͤrmigen Armmuskel durchdrungen hätte, jedoch ohne die Armpulsader zu durchſchneiden; und daß für den Augenblick ein ſympathetiſches Fieber und eine ſubeutane Entzündung die ſchlimmſten Folgen ſein würden.“ Dieſe Nachrichten waren weder ſehr beruhigend noch ſehr verſtändlich; jedoch konnten alle ihre Kreuz⸗ und Querfragen kaum mehr von ihm herauslocken. „Hat Oberſt Haggerſtone ihn beſucht?“ fragte ſie. „Nein, Madame. Sein Bedienter kam mit einem Geſchenke von zwei Gulden.“ „Ach! unmöglich, mein Herr!“ „Vollkommen wahr, Madame. Ich war anweſend, als dem Bedienten das Geld wieder durch eine junge Dame zugeſtellt wurde, deren zarte Aufmerkſamkeit für den Lei⸗ denden dieſem die Qual erſparte, welche ein ſo unwürdi⸗ ges Betragen ihm verurſacht haben würde,“ * 101 „Eine junge Dame, ſagten Sie? wie kommt er zu dem Glücke, eine ſolche Wärterin zu haben?“ „Ihr Vater iſt der Miethsmann dieſes armen Ge⸗ ſchöpfs, und es haben viele Akte gegenſeitiger Freund⸗ ſchaft zwiſchen ihnen Statt gefunden.“ „Selbſt die Skandalſucht könnte in dem vorliegenden Falle ihre Beweggründe nicht übel deuten,“ ſagte Lady Heſter mit einem frechen Lachen.„Es ſah kaum menſch⸗ lich aus, als man es vom Boden aufhob.“ „Die Skandalſucht, Madame, hat ſich Dinge zu Schulden kommen laſſen, die nicht minder gehäſſig ſind,“ ſagte Grounſell ernſt;„aber hier könnte ich ſie wohl herausfordern, obgleich Schönheit genug vorhanden iſt, um alle ihre Böswilligkeit zu erregen.“ Und mit dieſen Worten, die in einem ſo beißenden Tone geſprochen waren, daß man ſich über ihre Be⸗ deutung nicht täuſchen konnte, verließ der Doktor das Zimmer. Eindrücke, oder, wie ſie es ſelbſt genannt haben würde, „Gefühle,“ folgten im Geiſte der Lady Heſter ſo raſch auf einander, daß jetzt ihre ganze Aufmerkſamkeit ſich der jungen Dame zuwandte, von der Grounſell ſprach, und deren ſeltſame chriſtliche Liebe ihre ganze Neugierde er⸗ regte. Leute, deren Intelligenz durch keinerlei Berufserfül⸗ lungen in Anſpruch genommen wird, haben ein ſonderbares Streben, Alles nachzuahmen. Da ſie ſelbſt keinen Trieb zu Etwas haben, ſo blicken ſie nach Außen, um ſich zu beſchäftigen und zu amüſiren. Lady Heſter war ein her⸗ vorragendes Mitglied dieſer Schule. Ihr ganzes Leben war der Aufgabe gewidmet geweſen, zu ſehen, ob die Moden, welche für Andere paßten, ob die Vergnügungen, womit Andere ihre Zeit vertrieben, nicht auch für ſie paſ⸗ ſen moͤchten. Wenn eine ſolche Lebensweiſe unvermeidlich zur Langweile und Unzufriedenheit führt, ſo iſt es nichts deſto weniger ſchwer, dagegen anzukämpfen, und die, ſo den Fußſtapfen Anderer folgen, kennen bloß all' das Er⸗ 10² müdende, was der Weg hat, ohne die erheiternde Aufre⸗ gung der Reiſe.. Wenn die junge Dame an der Wohlthätigkeit ein Vergnügen fand, warum ſollte nun nicht auch ſie Ver⸗ gnügen daran finden? Auch konnte ja, ſo viel ſie wußte, die Wohlthätigkeit zu einem ſehr anſtändigen Zeitvertreib werden. Es ließen ſich hunderterlei Arten, hunderterlei kleine Koſtümeveränderungen denken, um dieſem Wohlthä⸗ tigkeitsfinne Genüge zu thun. Welch' hübſche Verſion vom guten Samariter im modernen Gewande ließ ſich nicht geben in einer ſhetländiſchen Echarpe und in einem ländlichen Hute.— Dinge, wie ſie ein Chalons gerade malen würde, und welch' effektvolles„Innere“ ließ ſich nicht aus dem Zimmer des Zwerges machen, das mit groben, bäuriſchen Geſichtern, welche bei ihrem Eintreten Scheu, ja ſogar Ehrfurcht ausdrückten, angefüllt ſein mußte. Je länger ſie bei dem Gegenſtande verweilte, um ſo bezaubernder erſchien er ihr.„Es wäre in der That der Mühe werth,“ ſagte ſie endlich bei ſich ſelbſt,„ein ſo un⸗ terhaltendes und ſo ſeltſames Abenteuer wirklich auszu⸗ führen; zudem ſei es ja auch in der That ihre Pflicht, nach dem armen Geſchöpfe zu ſehen.“ Ganz richtig: Nie gab es eine frivole Handlung, nie heckte die Thor⸗ heit einen Gedanken aus, wofür deſſen Urheber nicht im Princip eine Rechtfertigung zu finden vermochte! Ewig und immerdar ſprechen wir uns gegen die Bübereien und Täuſchungen aus, deren Opfer wir im Leben durch die Schuld Anderer ſind; wollten wir aber einmal die vielen Betrügereien zählen, die wir uns gegen uns ſelbſt zu Schulden kommen laſſen, ſo würden wir finden, daß es keinen ſo großen Betrüger gibt, als unſer eigenes Herz. Lady Heſter war wohl diejenige Perſon, die eine ſolche Entdeckung zuletzt machte. Sie hielt ſich für Al⸗ les, was gut und liebenswürdig iſt; ſie wußte, daß ſie ſchön ſei. Welche Widerwärtigkeiten ihr auch im Leben 103 zuſtießen,— ſie hatte die Gewißheit, daß ſie ſie nicht ſelbſt verſchuldet; und wenn die Selbſtſchätzung glücklich machen könnte, ſo hätte ſie es ſein müſſen. Aber fie kann es nicht. Das große, neutrale Territorium zwiſchen dem, was wir von uns ſelbſt, und dem, was Andere von uns halten, iſt von kühnen Feinden unſeres Friedens an⸗ gefüllt, und man kann ſich nicht auf daſſelbe hinaus wa⸗ gen, ohne daß die Selbſtliebe verwundet wird. Um ihrem Beſuche beim Zwerge den Charakter eines vollſtändigen Abenteuers zu geben, mußte derſelbe im Ge⸗ heimen ſtattfinden. Niemand durfte darum wiſſen, als Cöleſtine, ihre Kammerjungfer, die ſie begleiten ſollte. Ein leichtes Unwohlſein vorſchützend, konnte ſie ſich am Abend auf ihr Zimmer zurückziehen, und dann hatte ſie Zeit genug, ihren Plan in Ausführung zu bringen. Aber auch dieſe wenigen Vorſichtsmaßregeln, die ſie ergriffen hatte, um einer Entdeckung zu entgehen, waren nicht noth⸗ wendig, denn George kam an dem Tage nicht zum Mit⸗ tagsmahl zurück, und Sydney entſchuldigte ihr Nichterſchei⸗ nen mit einem Kopfweh. Nur die Liebe zu Abenteuern und der Wunſch, eine Laune zu befriedigen, konnte Lady Heſter bewegen, in einer ſolchen Nacht ſich auf vie Straße hinaus zu wagen. Der Regen ſiel in Strömen herab und ſchoß durch die engen Straßen in Bächen, die mitunter zu Flüßchen anſchwollen. Der Fluß ſelbſt, durch manche Bergwaſſer genährt, ſtürzte mit einem bedeutenden Geräuſch, inmitten deſſen die kra⸗ chenden Zweige der Tannenbäume ſich von Zeit zu Zeit hoͤren ließen, über die Felſen herab. Wie groß wäre nicht ihre Angſt geweſen, wie hätte ſie nicht lamentirt, wenn ſie auf der Reiſe, obwohl von allen Bequemlichkei⸗ ten umgeben, die der Reichthum verſchaffen kann, einem ſolchen Wetter ausgeſetzt geweſen wäre?— und doch ging ſie nun, aus eigenem, freiem Antriebe, zu Fuß in die Fin⸗ ſterniß und in den Sturm hinaus, nicht allein ohne ſich 7 104 zu beklagen, ſondern ſogar noch eine Art Freude bei dem Gedanken an ihren eingebildeten Heroismus empfindend. Der Courier, der ihr als Führer voranging, theilte dieſe angenehmen Illuſionen keineswegs, ſondern murmelte im Gehen gewiſſe Betrachtungen vor ſich hin, die mit nichten als Complimente für die Capricen ſchoͤner Damen gelten konnten; während Mademoiſelle Cöleſtine bei ſich betheuerte, daß Alles,„was nicht poſitiv unrecht,“ durch die Gefahren einer ſolchen Excurſion theuer erkauft ſei. „Gregoire! Gregoire! wo iſt er doch nun?2“ rief Lady Heſter, als ſie ihren Führer ganz und gar aus dem Geſichte verlor. „Hier, Mylady,“ grunzte der Courier, offenbar ver⸗ drießlich;„ich breche mir faſt den Hals an den ſteiner⸗ nen Bänken.“ „Wo iſt die Laterne, Gregoire?“ „Zum Teufel geblaſen, glaube ich.“ „Was ſagt er, Cöleſtine?— was meint er damit?“ Aber Mademoiſelle konnte nur mit einem Schmer⸗ zensſeufzer antworten, den ihr der Zuſtand ihrer capote de Paris, die, wie ein hochländiſcher Hut, ganz platt auf ihrem Kopfe lag, auspreßte. „Habt Ihr kein Licht? Ihr müßt ein Licht bekom⸗ men, Gregoire.“ „Unmöͤglich, Mylady, es wohnt Niemand in allen dieſen Häuſern da.“ „Dann müßt Ihr in den Gaſthof zurück, um eines zu holen; unterdeſſen warten wir auf Euch.“ Ein matter Schrei von Mademoiſelle Cöleſtine drückte a0 den Schreck aus, den ein ſolches Vorhaben ihr ein⸗ ößte. „Mylady iſt verloren, wenn ſie hier allein bleibt.“ „Perdue! sans doute!“ rief Cöleſtine. „Ich will aber meinen Willen haben; thut, wie ich Euch geheißen, Gregorie, geht und holet ein Licht, und 105 unterdeſſen wollen wir uns unter dieſer Thüre vor dem Regen ſo gut ſchützen, als es eben angeht.“ Es war in keinem Geiſte allgemeinen Wohlwollens, daß Gregoire nach dem Hotel de Ruſſie zurückging, da er, wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, das Licht ſelbſt ausgelöſcht hatte, in der Hoffnung, Lady Heſter zum Zu⸗ rückgehen zu zwingen. Eine Auswahl jener kernigen, an⸗ genehmen Phraſen vor ſich hinmurmelnd, woran ſeine Mutterſprache ſo reich iſt, tappte er fort, mit dem ſtillen Vorſatze, ſeiner Gebieterin die gehöͤrige Zeit zu laſſen, über ihre unbeſonnene Expedition recht nachzudenken. Unterdeſſen ſtand Lady Heſter mit ihrer Kammerjungfer, vor Kälte zitternd und allen Unbilden des Wetters ausge⸗ ſetzt, unter einem kleinen Dachvorſprunge. Nur der Geiſt des Widerſtandes konnte ihre Ladyſhip in dieſer Lage auf⸗ recht erhalten, denn ſie war durch und durch naß, ihre Schuhe waren von Waſſer angefüllt, und der kalte Wind, der an ihr vorbei blies, ſchien das Blut in ihrem Herzen zum Gefrieren bringen zu wollen. Cöleſtine konnte ihr nur wenig Troſt geben und wie⸗ derholte ſtets die Worte:„Quelle aventure! Quelle aventure!“ in allen Abſtufungen der Klage. „Er könnte nun ſchon da ſein,“ ſagte Lady Heſter nach einer langen Pauſe und einer ängſtlichen Aufmerk⸗ ſamkeit auf jedes Geräuſch, das auf ſein Kommen deuten konnte;„ich bin gewiß, es iſt eine volle halbe Stunde, daß er uns verlaſſen. Welche Nacht!“ „Et quelle aventure!“ rief Cöleſtine abermals. Niemand wußte beſſer, als Lady Heſter, welche ver⸗ achtungsvolle Bedeutung in den Worten der Franzoͤſin lag, und wie ganz verſchieden dieſelbe alle Unannehmlich⸗ keiten und Gefahren des Unternehmens beurtheilt haben würde, wenn damit eine Bloßſtellung des Charakters ver⸗ bunden geweſen wäre. Indeſſen war nun keine Zeit zu Crörterungen, und ſie ließ daher die Worte unbeachtet. „Wenn er nun aber ſich verirrt hätte und uns nicht 106 Wehir finden koͤnnte!“ ſagte ſie nach einer abermaligen auſe. „Man wird uns am Morgen todt finden,“ rief Cö⸗ leſtine;„et pour quelle aventure! Mon dieu, pour quelle aventure!“ Die Möglichkeit, die ihre Furcht ſie erblicken ließ, und die zunehmende Heftigkeit des Sturmes— denn der Donner rollte nun über ihrem Kopfe, und ſogar der Bo⸗ den ſchien davon zu zittern— beängſtigte endlich denn doch Lady Heſter, und zum erſten Male floͤßte ihre Lage ihr Furcht ein. „Wir koͤnnen unſern Weg kaum zurückfinden, Coͤle⸗ ſtine!“ ſagte ſie, mehr in dem Tone einer Perſon, die Troſt ſucht, als um eine Frage zu thun. „Impossible, mi Ladi.“ ſe„Und Gregoire ſagt, daß dieſe Häuſer alle unbewohnt eien.“ „PQuelle aventure!“ ſtöhnte die Kammerjungfer. „Was mag wohl aus ihm geworden ſein? Es iſt jetzt über eine Stunde! Was war das Cöleſtine?— war es der Blitz?— Da, ſiehſt Du es nicht, dort un⸗ ten, am Ende der Straße? Es iſt Gregoire, ich ſehe die Laterne, ich bin meiner Sache gewiß.“ Ein Ausruf der Freude entfuhr Beiden; denn ſchon hatte die Hoffnung zu ſchwinden angefangen und ein Heer ſchrecklicher Vorempfindungen deren Platz einge⸗ nommen. Lady Heſter verſuchte es, ihn bei ſeinem Namen zu rufen, allein das raſſelnde Geräuſch des Sturmes über⸗ tönte die ſchwache Anſtrengung. Indeſſen kam das Licht mit jedem Augenblicke näher, und es war nun kein Zwei⸗ fel mehr, daß ſie errettet werden würden, als es mit einem Male um eine Straßenecke bog und verſchwand. Lady Heſter ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und in demſelben Augenblick zeigte ſich die Laterne wieder, zum Zeichen, daß der Traͤger derſelben die Laute gehört. 107 „Hier, Gregoire, wir ſind hier!“ rief ſie, ſo laut ſie konnte und in engliſcher Sprache. Allein die Perſon, welche die Laterne trug, ſchien einen Augenblick unentſchloſſen, was ſie thun ſollte; denn es erfolgte keine Antwort und ebenſo wenig bewegte ſie ſich einige Sekunden lang von ihrer Stelle, bis man endlich das Licht dem Orte ſich nähern ſah, wo Lady He⸗ ſter ſtand. „Ich glaube, ich habe eine engliſche Stimme gehört,“ ſagte Jemand, deſſen Töne anzeigten, daß es ein Frauen⸗ zimmer ſein müſſe.“ „Ach, ja!“ rief Lady Heſter leidenſchaftlich,„ich bin eine Engländerin. Wir haben uns verirrt. Unſer Führer iſt nach dem Gaſthauſe zurückgegangen, um dort ein Licht zu holen, iſt aber immer noch nicht zurückgekom⸗ men, und wir ſind faſt todt vor Kälte und Furcht. Kön⸗ nen Sie uns nach dem Hotel de Ruſſie zurückführen?“ „Das Haus, in dem ich wohne, iſt nur einige Schritte von hier. Es iſt wohl beſſer, wenn Sie dort für den Augenblick Schutz ſuchen.“ „Seien Sie auf Ihrer Hut, Mylady!“ flüſterte Coleſtine eifrig.„Es kann ein Anſchlag ſein, um uns zu berauben und zu ermorden.“ „Seien Sie deßhalb ohne Sorge, Mademoiſelle,“ ſagte die Unbekannte lachend, und in franzöſiſcher Sprache; „wir ſind zwar nicht ſehr reich, aber ebenſo gewiß haben Sie auch in unſerer Geſellſchaft Nichts zu fürchten.“ So kurz dieſe Worte auch waren, ſo lag doch in der Art, wie ſie geſprochen wurden, jener urbeſchreibliche Ton guter Erziehung und guten Gewiſſens, der Lady Heſter alsbald beruhigte, welche nun ihrer ungeſehenen Bekannten mit all' der Höflichkeit antwortete, die einer Perſon von gleichem Stande gebührt; auch nahm ſie ohne Anſtand den Arm, der ihr angeboten wurde. „Am Ende dieſer kleinen Straße, kaum zwei Minu⸗ ten Wegs, und Sie ſind dort,“ ſagte die Unbekannte. 108 Kaum hörte Lady Heſter dieſe Bemerkung, als ſie mit geläufiger Leichtfertigkeit ſich über die Gefahren, denen ſie ſich ausgeſetzt,— über den fürchterlichen Sturm— das Ausbleiben des Führers— ihre eigene Geiſtesgegen⸗ wart und Standhaftigkeit— die Feigheit ihrer Kammer⸗ jungfer u. ſ. f. verbreitete. „Was wäre wohl aus uns geworden, wenn wir nicht entdeckt worden wären?“ ſagte ſie wiederholt; bis es ihr endlich einfiel, zu fragen, welch ſonderbarer Zufall ihre Führerin in einer ſo fürchterlichen Nacht auf die Straße hinausgetrieben habe. „Ein Nachbar und Freund von uns iſt ſchwer krank, Madame, und ich bin in der Apotheke geweſen, um für ihn eine Arznei zu holen.“ „Auch ich hatte bei meinem Ausgange einen wohl⸗ thätigen Zweck vor Augen,“ ſagte Lady Heſter, hoch er⸗ freut, ihr eigenes Verdienſt zur Schau tragen zu können; „ich wollte ein armes Geſchöpf beſuchen, das dieſen Mor⸗ gen zufällig verwundet worden iſt.“ „Es iſt Hans Röckle, unſer Nachbar, den Sie mei⸗ nen,“ rief die Andere heftig;„und hier ſind wir an ſei⸗ nem Hauſe.“ Und mit dieſen Worten ſtieß ſie eine Thüre auf, die durch eine innen angebrachte Glocke ihre Ankunft unge⸗ ſäumt verkündete. 3 „Theuerſte Kate!“ rief eine Stimme von Innen, „wie unruhig bin ich wegen Deines langen Ausbleibens geweſen!“ Und in demſelben Augenblicke erſchien ein junges Mädchen mit einem Lichte, das, da ſie die Hand davor hielt, ſie die Anweſenheit von Fremden nicht bemerken ließ. „Denk' vielmehr an dieſe Dame, und an das, was ſie ausgeſtanden haben muß,“ ſagte Kate, als ſie, voller Aauiei zurücktretend, ihre Schweſter Lady Heſter vor⸗ ellte.. 3 „Oder vielmehr an das, was ich ausgeſtanden haben 109 würde, wenn Sie nicht glücklicher Weiſe gekommen wären,“ fiel Lady Heſter ein.„Noch vor wenigen Augenblicken, als ich, vor Kälte zitternd, dem Sturm und Regen Preis gegeben war, dachte ich kaum, daß ich meine Rettung einer Landsmännin zu verdanken haben würde. Darf ich den Namen der Perſon wiſſen, der ich ſo viel ſchulde?“ „Dalton, Madam,“ ſagte Nelly; und ſetzte dann mit einiger Verwirrung hinzu,„wir ſollten Sie vielleicht mit den Umſtänden bekannt machen, welche meine Schwe⸗ ſter veranlaßten, zu ſolcher Stunde auszugehen.“ „Sie weiß es Alles,“ fiel Kate ein,„und kann es um ſo eher verzeihen, als ſie ſelbſt in ähnlicher t hieher kam. Aber will dieſe Dame nicht zu dem Feuer herkommen?“ ſagte ſie, zu Mademoiſelle Coͤleſtine ge⸗ wendet, die, während ſie den Uebrigen in das beſcheldene Zimmer nachfolgte, auf Ort, Moͤbeln und Leute einen höchſt geringſchätzigen Blick warf. „Es iſt bloß meine Kammerjungfer,“ ſagte Lady Heſter nachläßig;„und nun muß auch ich mich Ihnen nennen, und ſagen, daß Lady Heſter Onslow Ihnen all' ihren Dank ſchuldet.“ Helene verneigte ſich ehrerbietig bei letzteren Worten, aber Kate Dalton's Wange röthete ſich leicht, und es warf dieſelbe einen Blick von mehr als gewöhnlicher Bewunderung auf die ſchoͤne Geſtalt der Fremden. Eine angeborene Ehrfurcht vor Rang und Titeln wurzelte in ihrer Bruſt, und ſie war außer ſich vor Freude bei dem Gedanken, daß die neue Bekannte, die der Zufall ihr zugeführt, jener Klaſſe angehoͤre, der Ehrenbezeigungen in ſo beſonderem Grade zu Theil wer⸗ den. Gewohnt, jede Grazie der Hochgeborenen, Alles, was dieſelben Bezauberndes haben, zu bewundern, beob⸗ achtete Kate mit gierigen und entzückten Blicken die klein⸗ ſten Gebärden, die geringſten Züge in dem Weſen der fahſtonablen Schöͤnheit. Sie waren für ſie ebenſo viele Anziehungspunkte, die ihren Verſtand und ihr Herz ge⸗ fangen nahmen. Der Ton, in dem ſie ſprach; die nach⸗ 110 läßige Eleganz ihrer Haltung, während ſie in ihrem Stuhl ſich zurücklehnte; die bezaubernde Nachläßigkeit, womit ſie die kleinen Anzugs⸗Theile trug, wogegen ſie die ihri⸗ gen vertauſcht, waren eben ſo viele unnachahmliche Lieb⸗ reize in den Augen des einfachen Mädchens. Was Lady Heſter betraf, ſo war es für ſie, die, an alle ſervilen Dienſtleiſtungen ihrer Domeſtiken gewoͤhnt, ſtets pünktlichen und augenblicklichen Gehorſam ſorderte, ein noch neues Gefühl, die eifrige und dienſtgefällige Hin⸗ gebung zu beobachten, womit die beiden Schweſtern allen ihren Bedürfniſſen entgegen kamen. Sich ſelbſt ganz und gar vergeſſend, hatten ſie die geringen Hülfsmittel ihrer beſcheidenen Garderobe zum Vorſchein gebracht, allzu glücklich, wie es ſchien, als ſie ſahen, daß ihre Dienſtlei⸗ ſtungen ſo gern angenommen wurden. Glücklicher Weiſe bemerkten ſie nicht die verächtlichen Blicke, womit„Ma⸗ demoiſelle“ ihre Aufmerkſamkeiten beobachtete, und ebenſo wenig hörten ſie deren Ausruf:„Mon Dieu! wo haben ſie doch alle dieſe„Chiffons“ her?— als ſie die Vor⸗ räthe ihrer etwas aus der Mode gekommenen Toilette mit dem Auge muſterte.“ Hätte auch Lady Heſter in ihrem guten Tone keinen Grund gefunden, das ſo freudig Angebotene mit Dank anzunehmen, ſo würde ſchon das Seltſame der Scene ſeinen Reiz in ihrer Meinung gehabt haben. Sie war von Allem entzückt, bis zu Kate Dalton's Pantoffeln her⸗ ab, die, in Folge eines für ſie höchſt ſchmeichelhaften Zufalls, ihr ein klein wenig zu groß waren. Auch bildete ſie ſich ein, daß ihr Koſtüm, das aus ganz und gar nicht zuſammenpaſſenden Fetzen und Stücken ſeltſam genug zu⸗ ſammen geſetzt war, der Anzug einer iriſchen Bäurin ſei, und war entzückt bei dem Gedanken, daß ſie auf ihrer nächſten Charakter⸗Redoute einen ähnlichen tragen würde! Neben allen dieſen inneren Urſachen der Selbſtzu⸗ friedenheit war die Bewunderung der beiden Schweſtern eine andere und rechtmäßigere Quelle des Vergnügens! 111 denn ſogar Helene war, bei aller ihrer natürlichen Zu⸗ rückhaltung und Vorſicht, kaum weniger, als Kate von dem Zauber dieſer Liebreize bewältigt, die, obgleich nur für eine Klaſſe der Geſellſchaft beſtimmt, doch in allen gleiches Glück machen. Helene Dalton's Leben war nicht ohne Prüfungen geweſen, auch hatten dieſelben ihre eigenthümlichen Lehren mit ſich geführt; und doch hatte ihre Erfahrung ſie nicht gelehrt, wie ſehr der gute Ton dem ächten Gefühle ähn⸗ lich ſein, wie täuſchend gute Manieren jeden Zug einer großen und edlen Natur nachahmen können. Neuntes Kapitel. Die Freundlichkeit einer Dame von allerbeſtem Ton. In unſerem letzten Kapitel haben wir Lady Heſter verlaſſen, wie ſie alle jene Bezauberungsmittel anwandte, die, wie unendlich verſchieden ſie in anderer Hinſicht ſein mögen, doch das mit der Tugend gemein haben, daß ſie gewiß ihre eigene Belohnung ſind. Der Zauber der Höflichkeit verurſachte denen, zu deren Gunſten er angewandt wurde, nie halb ſo viel Vergnügen, als dem, ſo ihn handhabte. Es kommt wenig darauf an, ob der Zauberer ein Prinz oder ein„Charlatan“ iſt; die Kunſt zu gefallen, iſt eine der angenehmſten Fähigkeiten, womit die menſchliche Natur begabt ſein kann. Ob nun Lady Heſter mit der Theorie vertraut war oder nicht,— immerhin fühlte ſie die That⸗ ſache, als ſie die unverſtellte Bewunderung in den Geſich⸗ tern der beiden Schweſtern ſah; denn waͤhrend ſie durch 112 die Erhabenheit ihrer Gefühle und das Freundliche in ihren Ausdrücken Nelly für ſich gewonnen hatte, war Kate durch ihre Schönheit, ihre Grazie, ihre ungezwungene Fröhlichkeit, und eine gewiſſe geſprächige Leichtigkeit, die ſich für Offenheit ausgibt, bezaubert. Ohne durch irgend Etwas auch nur annähernd eine unbequeme Neugierde zu verrathen— denn ſie hatte zu viel guten Ton und zu wenig Intereſſe, um einen ſol⸗ chen Beweggrund zu verſpüren— erkundigte ſie ſich, wie es komme, daß die Daltons ſo ſpät in der Saiſon zu Baden geblieben ſeien, ſtellte ſich, als ſehe ſie einige Aehnlichkeit in ihrer gegenſeitigen Lage, fragte in höchſt theilnehmender Weiſe nach ihrem Vater, deſſen Krankheit ſte bedauerte, und legte dann ſo vieles Intereſſe für den „lieben Frank“ an den Tag, daß Kate ſich nicht enthalten konnte, ein Porträt von letzterem zu zeigen, das, ſo be⸗ ſcheiden auch ſeine Anſprüche in Betreff der künſtleriſchen Ausführung ſein mochten, doch ein nicht ungetreues Bild von dem ſchoͤnen Jüngling bot. Waͤhrend ſie ſo von ihnen höͤrte, war ſie nicht minder mittheilſam über ſich ſelbſt, und gewann alle Sympathien der Mädchen, als ſie erzählte, wie ſie aus dem Waldſtrome im Schwarzwalde entronnen, und dar⸗ auf in Baden einen Zufluchtsort geſucht. Von dieſen Dingen ging ſie auf Sir Staſſords Krankheit, ihr eige⸗ nes, abgeſchiedenes und trauriges Leben über, und kanm dann in ganz natürlicher Weiſe auf den armen Hank Roͤckle und den unglücklichen Vorfall am Morgen deſſel⸗ ben Tags zu ſprechen. „Sagen Sie mir doch Alles, was Sie von dem armen, lieben Geſchöpf wiſſen,“ ſagte ſie ſchmollende „Man ſagt, es ſei toll.“ „Nein, Madame,“ ſagte Nelly ernſt;„Hans fehl es bei manchen Excentricitäten, die er in ſeinem Weſun hat, ganz und gar nicht an geſundem Verſtand oder n 8 113 Urtheilskraft; und er beſitzt einen ungewoͤhnlichen Grad von Herzensgüte und Menſchenliebe.“ „Er iſt doch aber ein Zwerg.“ „Ja, aber was die Intelligenz betrifft—“ „O, natürlich,“ unterbrach ſie,„ſolchen Leuten fehlt es ſelten an ſcharfem Verſtande, aber ſie ſind ſo boshaft, ſo voller Boͤswilligkeit. Mein liebes Kind, denen darf man nicht trauen. Nie vergeſſen ſie eine Beleidigung, ja nicht einmal eine vermeintliche Geringſchätzung. Da war jenes Geſchoͤpf— wie hieß es nur?— jenes pol⸗ niſche Ding Benywowski, glaube ich; Sie wiſſen, man backte ihn in eine Paſtete, um Karl II. zu amüſiren— nun, er konnte es nimmer vergeſſen, und bis an ſeinen Todestag war ihm der Anblick aller Paſteten verhaßt.“ „Ich muß den armen Hans von dieſer Kategorle ausnehmen,“ ſagte Nelly ſanft und mit Mühe ein Lächeln zurückhaltend.„Er iſt die Liebenswürdigkeit ſelbſt.“ Lady Heſter ſchüttelte den Kopf zweifelnd, und fuhr ort: „Sogar ihre Launen, meine Theure, verleiten ſte zu allen Arten von Ertravaganzen. So ſcheint z. B. dieſes arme Ding ſo verliebt in ſeine hölzernen Spielwaaren zu ſein, die es ſelbſt macht, daß es ſich nicht von denſelben zu trennen vermag. Nun läßt ſich aber nicht ſagen, bis zu welchen Exceſſen es durch dieſe abgeſchmackte Leiden⸗ ſchaft gebracht werden koͤnnte. Ich habe von den gräß⸗ lichſten Mordthaten geleſen, die unter einem ähnlichen Fanatismus verübt werden.“ „Ich verſichere Ihnen, Madame, daß im vorliegenden Falle nichts Solches zu befürchten iſt. Zum Erſten iſt dehs zu gut; zum Zweiten ſind die Gegenſtände zu werth⸗ o.* „Ganz richtig, das ſind ſie; aber Sie wiſſen, er iſt nun einmal nicht dieſer Anſicht.“— „Nein, Mylady; auch Sie würden dieſe ſeine Anſicht Die Daltons. 1. 8 114 theilen, wenn Sie dieſelben aufmerkſam betrachten wol⸗ len,“ fiel Kate ein, deren Wange nun wie ein ſcharlach⸗ rothes Tuch war.„Sogar dieſes, obwohl es erſt zur Hälfte vollendet iſt, kann Anſpruch auf Verdienſt machen.“ Und invem ſie ſo ſprach, zog ſie eine Serviette von einer kleinen Statue weg, vor die ſie das Licht hinhielt. „O pfui, Kate, theuerſte Kate!“ rief Nelly, ver⸗ ſchämt und verlegen ſich plötzlich von ihrem Stuhle er⸗ hebend. „Es iſt eine Statuette vom armen Frank, Madam,“ fuhr Kate fort, die, ohne die Unterbrechung ihrer Schwe⸗ ſter im Mindeſten zu berückſichtigen, die Figur jetzt näher zeigte.„Sie ſehen ihn gerade ſo, wie er, uns verließ,— den Torniſter auf dem Rücken, das Schwert quer über demſelben befeſtigt, die kleine Mütze auf einer Seite des Kopfes, und jenes glückliche Lächeln auf den Lippen. Armer, lieber Jungel welch' betrübtes Herz war darunter verborgen!“ „Und war das ſeine Arbeit?“ fragte Lady Heſter erſtaunt. „Nein, Madame; meine Schweſter Nelly war die Künſtlerin, die dieſes, ſowie alle andern Stücke gemacht hat. Niemand half ihr dabei, Niemand hat ſie es ge⸗ lehrt, ihr eigener Scharfſinn hat ihr die Mittel an die Hande gegehen, während ihre Phantaſie ihr die Idee dazu eingab.—“ „Kate! theure, theure Kate!“ ſagte Helene mit einet faſt tadelnden Stimme.„Du vergiſſeſt, wie unwürdig dieſe armen Beſtrebungen ſo hochtoͤnender Beiwörter ſind.“ Sodann fuhr ſie, zu Lady Heſter gewandt, fort: „Wären dieſe thörichten Worte, Madame, vor mindet wohlwollenden Ohren geſprochen, ſo würde ich die Kritik fürchten, die unſere Anmaßung hervorrufen zu müſſen ſcheinen möchte. Sie werden aber wegen unſerer Unwiſ⸗ ſenheit kein hartes Urtheil über uns fällen.“ „Aber dieſe Figur iſt in der That bewundernswür⸗ 115 dig; die Haltung iſt graziös; der Charakter des Kopfes, die Geſichtszüge ſind gut. Natürlich weiß ich nicht, ob ſte mit Ihrem Bruder Aehnlichkeit hat; als Kunſtwerk aber betrachtet, hat ſie, ich kann es wohl ſagen, einen hohen Werth. Et, ſagen Sie mir doch, wie Ihnen zuerſt der Gedanke kam, ſolche Dinge auszuführen.“ „Ich lernte ſchon als Kind zeichnen, Madame, und liebte es ſtets,“ ſagte Helene mit einer Art von Gezwun⸗ genheit, daß es ſchien, als ſei die Beantwortung dieſer Frage ihr peinlich. „Ja, auch ich habe Monate,— ja, ich glaube, ich koͤnnte ſagen Jahre— an der Malerſtaffelei zu gebracht, und zu Venedig jeden Giorgione, zu Genua jeden Van⸗ dyk kopirt und doch hat ſich mir nie ein ſolcher Gedanke dargeboten.“ „Ich bin glücklich in dieſem Gedanken, Madame,“ war die leiſe Antwort. „Wie ſo? Was meinen Sie damit?“ fragte Lady Heſter eifrig. „Ich meine damit, daß der Grund, der mich dazu trieb, nie der Ihrige hätte ſein koͤnnen, Madame.“ „Und welcher Art war dieſer Beweggrund?“ „Die Armuth, Madame. Es iſt dieß kein Wort, das man gerne ausſpricht, aber doch iſt es beſſer, als jeder Verſuch, ſich zu verſtellen. Dieſe Kleinigkeiten haben uns, während ſie mir manche traurige Stunde ver⸗ kürzten, über eine ungewoͤhnlich ſchwierige Zeit hinüber⸗ geholfen.“ „Ja, Madame,“ ſiel Kate ein.„Sie wiſſen, daß Papa's Eigenthum in Irland iſt, und ſeit einigen Jahren hat es durchaus kein Einkommen abgeworfen.“ „Wie traurig— wie ſchrecklich!“ rief Lady Heſter. Ob aber dieſe ihre Worte auf die Lage der Daltons oder auf die Irlands ſich bezogen, iſt nicht ganz klar. „Ich zweifle, Madame, ob ich je ein ſolches Geſtänd⸗ niß gemacht haben würde,“ ſagte Helene mit einem Tone 116 ruhiger Feſtigkeit,„böte es mir nicht Gelegenheit, von der Güte unſers armen Freundes dort, Hans Röckle, Zeugniß zu geben. Dieſe meine Arbeiten haben in ſeinen Augen ſo viel Gnade gefunden, daß er ſie alle annimmt, ſo bald ſie fertig ſind, und er behandelt mich, ich brauche es kaum zu ſagen, mit einem Edelmuth, und belohnt mich mit einer Freigebigkeit, die eines hoͤheren, reicheren Be⸗ ſchützers und eines beſſeren Künſtlers würdig ſind.“ „Das iſt ja ein vollkommener Roman,“ rief Lady Heſter;„der Waldgeiſt und das Mädchen. Nur hoffent⸗ lich mit dem Unterſchied, daß er nicht in Sie verliebt iſt.“ „Deſſen bin ich nicht ſo gewiß,“ ſagte Kate lachend; „ſo lange wenigſtens eine Rivalität von Seiten ihrer eige⸗ nen Holzfiguren nicht mit ins Spiel kommt.“ „Stille! Hans erwacht,“ ſagte Helene, indem ſie auf den Zehenſpitzen geräuſchlos über das Zimmer hinging, und die Thüre der Stube, worin der Zwerg lag, öffnete. Lady Heſter und Kate näherten ſich nun auch und lugten hinein. Auf einer Art niedrigen Feldbetts, über dem eine alte, ſcharlachrothe Satteldecke, welche mit keineswegs fri⸗ ſchen Spitzen beſetzt war, ausgebreitet lag, ruhte Hans Röckle: ſein ermüdeter Arm war geſtützt durch ein Kiſſen — ſeine dunkeln Augen glänzten vom Feuer des Fiebers, und ſeine Wangen waren hochgeröthet und brennend heiß⸗ während ſeine Lippen ſich unaufhörlich bewegten, und ein leiſes Gemurmel hoͤren ließen, das er unbekümmert um zi Gegenwart derer, ſo ſich ſeinem Bette näherten, fort⸗ ſetzte. „Was ſagt er?— Beklagt er ſich über ſeine Schmer⸗ zen?“ fragte Lady Heſter. „Ich kann ihn nicht verſtehen,“ ſagte Nelly;„denn ſeit dem Unglücke, das ihm zugeſtoßen, hat er ſtets in der Mundart ſeiner Heimath— des Bregenzer Waldes— geſprochen, und ich verſtehe dieſelbe durchaus nicht; indeſſen wird er mir, wenn ich eine Frage an ihn richte, in gutem 5 117 Deutſch antworten. Sodann beugte ſie ſich nieder und fragte—„Iſt es Ihnen beſſer, Hans?“ Hans ſah ihr feſt ins Geſicht, ohne zu ſprechen; es ſchien, als habe ihre Stimme ſeinem in der Irre umher⸗ wandernden Geiſt einen feſten Anhaltspunkt gegeben, noch nicht aber ſeinen vollen Verſtand zurückgerufen. „Sie ſind durſtig, Haus,“ ſagte ſie ſanft, indem ſie ein Glas Waſſer ſeinen Lippen näherte. Er trank gierig und fuhr dann mit der Hand über bie Stirne hin, gleich als wolle er einige Phantaſien, ſo ihn quälten, verſcheu⸗ chen. Nach einer oder zwei Sekunden ſagte er: „Es war in Nürnberg, in der Odengaſſe, daß dieſes ſich zutrug. Der Ritter von Ottokar erdolchte ſie, wäh⸗ rend ſie am Kreuze kniete; und der Zwerg, das Mohr⸗ chen, wie ſie ihn nannten, rieß ſeinen Turban vom Kopfe, um die Wunde zu verbinden; und was war ſein Lohn, Mädchen— ſag mir das! Seid ihr Alle ſo verſchämt, daß Ihr es nicht ſagen möget?“ „Wir wiſſen es nicht, Hans— wir haben nie zuvor vom Ritter noch auch vom Mohrchen gehoͤrt.“ „So will ich es Euch denn ſagen. Sie verbrannten ihn am nächſten Morgen als einen Hexenmeiſter auf dem Hohen⸗Platze.“ Mit einem wllden Gelächter ſchloß er ſeine Rede, die in gutem Deutſch geſprochen worden war; alsbald aber ſchienen ſeine Gedanken ſich wieder ſeiner alten Tyroler Heimath zuzuwenden, was auch aus folgenden, in ſeinem heimathlichen Dialekte mit leiſer Stimme geſungenen Wor⸗ ten hervorging:—. „A Büchſel zum Schießen, A Stoßring zum Schlag'n A Dienal zum Lie'bn Muß a Bue han.“ „Was mag das wohl bedeuten?— Sagen Sie mir es doch,“ ſagte Lady Heſter, deren Intereſſe an der Scene mehr das der Neugierde, als das des Mitleids war. 118 „Es iſt ein bäueriſcher Dialekt, und will ſagen, daß eine Büchſe zum Schießen, ein Stoßring zum Schlagen und ein Mädchen zum Lieben Alles iſt, was ein guter Tyroler in ſeinem Leben braucht,“ ſagte Kate, während Nelly geſchäftig das verwundete Glied in eine beſſere Lage brachte— kleine Dienſtleiſtungen, für die der arme Zwerg ſeinen Dank ſtill durch ſeine Blicke ausdrückte. „Wie wild ſeine Blicke ſind,“ ſagte Lady Heſter. „Sehen Sie, wie ſeine Augen an den Wänden hinſchwei⸗ fen, gleich als ob Etwas an denſelben vorüberginge.“ Und ſo war es in der That. Hanſerls Blicke waren auf die ſeltſame und bunte Sammlung von Spielwaaren geheftet, die, an Nägeln hangend oder auf Brettern aufgeſtellt, die Wände ſeines Zimmers ſchmückten. „Ja, ja,“ ſagte er endlich mit melancholiſchem Lä⸗ cheln,„ihr werdet all' dieſen Schmuck bald genug able⸗ gen müſſen, meine hübſchen Dämchen, um euch in den ſchwarzen Schleier und die klöſterliche Haube zu kleiden, denn euer Meiſter Hans ſtirbt nun!“ „Er ſpricht mit den Wachsfiguren,“ flüſterte Kate. „Und auch ihr, meine wackeren Huſaren, und ihr, ihr Uhlanen, mit euren flatternden Fähnlein, müßt eure Lanzen ſenken bei dem Leichenzuge, wenn Hanſerl todt iſt. Nimm den Wiſpel, nimm den Weinkranz von der Thüre weg, Wirthin, und knie ehrfurchtsvoll nieder, denn es läutet die Glocke, und hier kommt der Prieſter in ſeiner Alba, und vor ihm die Monſtranz. Stille! Sie ſingen ſein Requiem. Ach, ja! Hanſerl iſt dahin, er iſt heim⸗ gegangen in das weit entfernte Land, „Wo ſind die Tage lang genug, Wo ſind die Nächte mild.“ „Wir wollen uns entfernen, wir regen ſeinen Geiſt nur noch mehr auf zum Phantaſiren,“ ſagte Helene;„ſo lange Licht da iſt, daß er dieſe Spielwaaren ſehen kann, 119 verleiht ihnen allen ſeine Phantaſie Leben und Gefühl, und kann ſein armes Gehirn nicht zur Ruhe kommen.“ In demſelben Augenblick ließen ſich menſchliche Stim⸗ men in dem äußeren Zimmer vernehmen: es war der Courier der Lady Heſter, der mit Mademoiſelle Cöleſtine in ein eifriges Geſpräch ſich eingelaſſen hatte. Er bedauerte die zwei Stunden, die er damit zugebracht, daß er ſeine Gebieterin in den finſtern Straßen des Städtchens allent⸗ halben geſucht, und ſie beklagte ſich nicht minder beredt darüber, daß ſie in einer aller Bequemlichkeit baaren Hütte die Nacht ſo erbärmlich zubringen müſſe. Einen armſeligen Zwerg zu beſuchen,— welche Freude das ge⸗ währen könne! Parbleu! wenn es nur ein Rendezvous mit Jemand geweſen, der es verdiente, daß man ſich um ſeinetwillen derangirte; aber eine Excurſion ohne allen Zweck,„sans émotion méême;“ das ſei doch gar zu arg. „Que voulez-vous!“ ſagte Monſieur Gregoire, die Achſel zuckend;„ſie iſt eine Engländerin.“ „Ah! das iſt kein Grund für ſo gemeine Capricen, und ich mag es ein für allemal nicht länger ertragen. Ich kann es nicht. Solche Dinge compromittiren Einen. Mor⸗ gen künde ich noch auf. Was würde meine arme, liebe Gebieterin, la Marquise, ſagen, wenn ſie wüßte, wie „mes petits talents“ angewendet werden.“ „Uebereilen Sie ſich nicht, Mademoiſelle,“ fiel der Courier ein;„ſie ſind reich, ſehr reich, und wir gehen ja auch nach Italien, das wahre„Pays de Cocagne“ von Leuten unſeres Standes.“ Wie weit ſeine Ueberredungs⸗Kunſt gegangen wäre, um ſie zu veranlaſſen, ihren Entſchluß nochmals zu über⸗ legen, vermögen wir nicht zu ſagen. Plötzlich aber wur⸗ den ſie durch das Erſcheinen der Lady Heſter unterbrochen. Ihre erſte Sorge war, ſich zu vergewiſſern, daß ihre Abweſenheit vom Hotel nicht bemerkt worden, daß ihr Geheimniß, wie ſie gerne dachte, unverletzt geblieben. Nachdem ſie dieß erfahren, hörte ſie mit einer Art kindi⸗ 120 ſchen Vergnügens auf die Erzählung des Couriers, wie er ſie lange vergebens geſucht, bis er endlich ein Licht ent⸗ deckt, das einzige, das im ganzen Städtchen ſich an einem Fenſter gezeigt. 3 Da Gregoire ſich mit einer hinreichenden Anzahl von Shawls, Mänteln und Ueberſchuhen verſehen hatte, und der Sturm jetzt vorüber war, ſo ſchickte Lady Heſter ſich an, ſich zu verabſchieden, entzückt von ihrem nächtlichen Abenteuer. Es war von ſo viel Aufregung begleitet ge⸗ weſen, als ſie nur wünſchen konnte; auch wußte ſie nicht recht, ob ſie ihren Heldenmuth während des Sturmes mehr bewundern ſollte, oder den Erfolg, womit ſie die beiden Schweſtern für ſich gewonnen; den Muth, womit die Ex⸗ pedition entworfen, oder die Grazie, womit dieſelbe aus⸗ geführt worden. —„Sie müſſen mich beſuchen, Miß Dalton; merken Sie ſich wohl, daß ich ſtets zu Hauſe bin. Erinnern Sie ſich, Miß Kate Dalton, daß ich mich nicht verläug⸗ nen laſſe, wenn Sie kommen,“ ſagte ſie in ihrer einneh⸗ mendſten Weiſe. Die beiden Mädchen gaben ihr Verſpre⸗ chen mit verſchämter Schüchternheit, während ſie alſo fortfuhr:— „Sagen Sie auch Ihrem Papa, daß Sir Stafford ihm ſeine Aufwartung machen wird, ſobald er im Stande iſt, auszugehen. Herr Onslow ſollte in der That mit ſeinem Beſuch nicht auf ſich warten laſſen; aber er iſt ſo alt. Das thut aber Nichts, wir werden gute Freundinnen ſein; und bringen Sie alle Ihre kleinen Werkzeuge zum Holzſchnitzen, ſowie Ihre Modelle mit, und arbeiten Sie in meinem Zimmer. Ihre Schweſter mag ihre Stickerei mitbringen, oder ihre Spitzen, oder ihr„crochet,“ oder was es immer iſt; oder Sie koͤnnen mir auch aus einem deutſchen Buche vorleſen,— wie ein liebes Kind; es wird ſo entzückend ſein. Ich verſtehe kein Wort davon. Aber es klingt ſo ſanft, und Sie ſagen mir dann Alles, was 121 es bedeutet— nicht wahr? und dann darf es dieſem armen Geſchöpfe an Nichts mangeln.“ „Ach, Madame, er braucht Nichts als eine freundliche Behandlung; in einem Lande, wo die Sitten noch ſo ein⸗ fach, gilt Hans Röckle als reich.“ „Wie ſonderbar! wie hoͤchſt ſeltſam; aber ich erinnere mich des armen Fürſten von Stolzenheimer. Papa pflegte zu ſagen, daß er ſechs Ordensbänder gehabt, und nur einen einzigen Rock. Ich glaube, es war die Wahr⸗ it.“ „Hanſerl iſt beſſer daran, Madame,“ erwiederte Nelly lächelnd;„wenigſtens ſo viel die Roͤcke betrifft.“ „So ſagen Sie ihm denn, daß ich bei ihm geweſen, und daß mir ſein Unglück ſo ſehr zu Herzen geht, daß es aber allein die Schuld des Oberſten Haggerſtone geweſen — ein Anflug alberner Eitelkeit, um zu zeigen, wie gut er ſchießen koͤnne— und ich bin gewiß, es kommt gerade daher, daß man mit Piſtolen umzugehen weiß. Ich ſchoß nie fehl, wenn ich mit Norwoods ſchoß!“ Dieſer Name ſchien ihrem geſprächigen Weſen auf einmal Einhalt zu thun. Sie hielt inne und ſchwieg einige Augenblicke. Endlich wandte ſie ſich zu den Schweſtern, ſprach die wiederholte Hoffnung aus, daß ſie recht bald wieder zuſammen kommen würden, und wünſchte mit einem herzlichen Händedrucke für Beide ihre letzte gute Nacht und entfernte ſich. Zehntes KAapitel. Eine Diskuſſion in einer Familie. Schon lange, ehe Lady Heſter am folgenden Morgen aufwachte, war Grounſell jeder Umſtand ihres Beſuches bekannt. Es war die Gewohnheit des Doktors, Dalton jeden Morgen in der Frühe zu beſuchen, noch ehe Sir Stafford ſich rührte, und eine oder anderthalb Stunden mit dem Kranken zu verplaudern, ihm die Tagesneuig⸗ keiten zu berichten, und ſeine Lebensgeiſter durch jene klei⸗ nen Kunſtgriffe aufzuheitern, die nicht zu den ſchlechteſten Kunſtgriffen der materia medica gehören. Bei all' ſei⸗ ner Kenntniß von Lady Heſters Charakter— ihren Lau⸗ nen, ihren Einfällen und ihrem unerſättlichen Durſt nach Aufregung war er doch über die Maßen über dieſen Schritt erſtaunt: nicht als ob das Aushängeſchild des Wohlwollens oder der Nächſtenliebe ihn getäuſcht hätte— er war ein zu alter Prakticus und hatte zuviel von der dun⸗ keln Seite der menſchlichen Natur geſehen, um ſich ſo leicht hinter's Licht führen zu laſſen— aber ſein Erſtaunen hatte ſeinen Grund in der Neuheit eines Betragens, wobei die Lady ſich herabließ, Leute kennen zu lernen, und ſogar um die Gunſt von Solchen zu buhlen, die ſie ſonſt als die unintereſ⸗ ſanteſten aller Menſchenklaſſen anzuſehen vorgab. Die„un⸗ glückliche Dame“ oder der„unglückliche Herr“ waren Lady Heſters Geiſt durch das Medium einer zufälligen, ſeltſam geſchriebenen Anzeige in einem Morgenblatte erſchienen, und es knüpfte ſich daran unabänderlich ein darauf folgen⸗ der Polizeibericht, wo der Gegenſtand der Mildthätigkeit immer mit einem halben Dutzend Pairs oder Parlaments⸗ mitglieder in Verbindung gebracht war, deren Sympathien 3 123 er in Contribution geſetzt, um ein Leben der Schande oder Ausſchweifung fortſetzen zu können.„Ein betteln⸗ der Betrüger“ klang in ihrem Geiſte wie eine Phraſe, deren Worte nicht getrennt werden koͤnnten, und ſie war durchaus überzeugt, daß Betrug und Armuth gleichbedeu⸗ tend ſeien. Schon der Gedanke, daß Jemand einſt wohl⸗ habend geweſen, und nun in unglücklichen Verhältniſſen lebe, war nach ihrer Meinung ein hinreichender Beweis von einem früheren ſchlechten Leben und nunmehriger Spitzbüberei. Grounſell hatte ſie mehr denn ein Mal ſich über dieſes Thema verbreiten hören, mit gelegentlichen, ſchlauen Anſpielungen auf ihn ſelbſt und ſeine Glücksum⸗ ſtände, ſo daß er oft über die Schwierigkeit nachgedacht hatte, den Daltons bei Sir Stafford nützlich zu ſein: immer wieder fiel ihm die Feindſeligkeit ein, womit„Mylady“ jedem Projekte entgegentreten würde, und nun hatte der Zufall, oder Etwas, was einem ſolchen ſehr ähnlich war, gethan, was all' ſein Scharfſinn nicht ausfindig zu machen vermochte. Als er von dem Beſuche zum erſten Male hörte, war er vor Erſtaunen ganz ſtumm; er hörte die Nachricht an, ohne die Kraft zu haben, die geringſte Bemerkung zu ma⸗ chen, und erſt am Ende einer langen Beſchreibung, die ihm die zwei Schweſtern gegeben, rief er in einer Art halben Selbſtgeſprächs:„Beim Zeus, bei all' dem ſieht es ihr ſo gleich!“ „Ich bin deſſen gewiß,“ ſagte Nelly;„ihr Weſen war die Güte und Milde ſelbſt. Sie hätten nur ſehen ſollen, wie zärtlich ſie die Hand des armen Hanſerl er⸗ griff, und wie ſehr ſie uns bat, ihr die wenigen Worte zu überſetzen, die er in ſeiner Fieberhitze ſprach.“ „Natürlich that ſie es. Ich könnte es nun Alles be⸗ ſchwören, da meine Augen geoͤffnet ſind.“ „Und mit welch einnehmender Grazie ſie ſprach,“ rief Kate.„Mit welchem Zauber die letzte Phraſe ihren Lippen entfloß; er umſchwebt mich noch!“ 124 „Ja, ja; ja, ja, ganz richtig!“ murmelte Grounſell. „Wie ſehr adeln ſolche Züge des Wohlwollens einen hohen Stand,“ ſagte Nelly. „Wie leicht iſt es, Alles zu glauben, was man von dem Zauber des Umgangs hoͤrt, wo Manieren, wie die ihrigen, überall vorherrſchen,“ rief Kate enthuſiaſtiſch. 3 8„Wie aufmerkſam, wie gedankenvoll bei all' ihrer üte!“ „Welche Eleganz, welche Zierlichkeit in jeder Be⸗ wegung!“ „Mit welch' angeborner Artigleit ſie die kleinen werth⸗ loſen Aufmerkſamkeiten hinnahm, die Alles waren, was wir ihr bieten konnten.“ „Wie ſchön ſie ausſah in aller Unordnung einer Kleidung, die gegen ihren eigenen Glanz ſo ſehr abſticht. Ich könnte mir beinahe einbilden, vaß jener alte Stroh⸗ ſtuhl ein prächtiger Lehnſeſſel geworden, ſeitdem ſie darin geſeſſen.“ „Wie herrlich muß es ſein, täglich mit einer ſolchen Perſon frei umgehen, in der Atmosphäre ſo vieler Güte, und ſo vieler Verfeinerung leben zu dürfen.“ Und ſo gingen ſie lobpreiſend jede Gabe und Grazie durch, von der belebenden Wärme ihres Herzens bis zu der ſchneegleichen Weiße ihrer mit Grübchen verſehenen Hände; während Grounſell in ſeinem Stuhle ſich unruhig hin und her bewegte; bald ſein Taſchentuch, bald ſeine Brille, bald ſeine Schnupftabacksdoſe ſuchte— ſie alle nach einander fallen ließ und wieder aufhob, in einem vollſtändigen Fieber der Verlegenheit und Unſchlüſſigkeit. „Und Sie ſehen ſie alle Tage, Doktor?“ ſagte Nelly. „Ja, jeden Tag, Madame,“ ſagte er haſtig; und ohne zu wiſſen und zu bedenken, wem er antwortete. „Und iſt ſie ſtets ſo bezaubernd, ſtets ſo einnehmend?“ 5 125 „Faſt immer ſo, glaub' ich,“ ſagte er mit einem eigenthümlichen Grunzen. 197Bi entzuckend; und iſt ſie ſtets ſo gut aufge⸗ egt 14 „In der Beziehung läßt ſich kaum ein Wechſel be⸗ merken,“ ſagte er abermals grunzend. „Es that uns oft leid um den armen Sir Stafford, daß er in einem fremden Lande krank geworden und ſich genöthigt geſehen hat, ſich mit den armſeligen Hülfsmit⸗ teln, die ein Badeort im Winter zu bieten im Stande iſt, zu begnügen; ich muß aber geſtehen, mein Mitleid vermindert ſich ſehr, wenn ich daran denke, daß er die Geſellſchaft der Lady Heſter hat.“ „In dieſem Falle braucht er es ganz,“ ſagte Groun⸗ ſell, indem er, die Hände in ſeinen Taſchen begrabend, — ſaß, als ein vollkommenes Bild kämpfender Verlegen⸗ eit. 4 „Sind ſeine Schmerzen ſo ſehr groß?“ Grounſell nickte kurz, denn es kämpfte in ihm, und er wußte nicht, welches Benehmen er einhalten ſollte: einerſeits hielt er es für eine Ehrenſache, Fremden, wie die Daltons waren, Nichts von den häuslichen Umſtänden derjenigen zu ſagen, bei denen er lebte, und andererſeits widerſtrebte es ſeinen innerſten Gefühlen, die Freundlich⸗ keit der Lady Heſter für ächtere und lobenswerthere Eigen⸗ ſchaften gelten zu laſſen. „Sie hat die Mädchen zu ſich eingeladen,“ ſagte Dalton, jetzt zum erſten Male das Wort nehmend; denn obgleich er ſich in der Hauptſache durch das, was er von dem Benehmen der Lady gegen ſeine Tochter hoͤrte, ge⸗ ſchmeichelt fand, ſo ahnte es ihm nichtsdeſtoweniger, daß, was ſie als Artigkeit deuteten, ebenſo wahrſcheinlich Her⸗ ablaſſung genannt werden könnte, wogegen ſein iriſcher Geburts⸗ und Standesſtolz ſich auf's Heftigſte empörte. „Sie hat ſie zu ſich eingeladen, und es fiel mir ein, ob d 126 ſie nicht Etwas von der Familien⸗Verbindung gehört ha⸗ ben moͤchte.“ „Möglich!“ meinte Grounſell, zu ſehr in ſeine eige⸗ nen Berechnungen vertieft, um an eine ſolche Spekulation einen Gedanken zu verſchwenden.. „Meiner Frau Oheim, John Godfrey, heirathete eine Engländerin. Die Schweſter derſelben war die Tante eines reichen Londoner Bankier; und in der That ſchlu⸗ gen, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſeine Freunde in Irland dieſe Verbindung nie gar hoch an— aber Sie ſehen, die Zelten haben ſich geändert. Sie ſind jetzt oben, und wir unten— wie es eben in der Welt geht! Ich dachte in meinem Leben kaum je daran, meine Ver⸗ wandtſchaft mit Leuten ihres Schlags geltend zu machen!“ „Wenn es nun aber ſie ſind, die uns auſſuchen, Papa?“ flüſterte Kate. „Ja, ja, das gibt der Sache ein anderes Ausſehen, meine Liebe; nicht als ob ich mir die Höflichkeit nicht eben ſo gut verbitten moͤchte. Wir ſind hier und leben in beſchei⸗ dener Weiſe; ſo lange die Dinge in Irland nicht anders ſtehen, koͤnnen wir ſie nicht bewirthen— ja nicht einmal ihnen ein Eſſen geben.“ „O, theuerſter Papa,“ ſiel Nelly ein;„iſt unſere Armuth nicht ein Segen, wenn ſie uns die Demüthigung erſpart, abſurd zu ſein! Warum ſollten wir an ſo Et⸗ was denken? Warum ſollten wir bei unſern geringen Mitteln und bei den Gewohnheiten, die beſchränkte Glücks⸗ umſtände lehren, uns anmaßen, auch nur für einen Augen⸗ blick mit denen, welche ſo hoch über uns ſtehen, uns auf gleichen Fuß zu ſtellen?“ .„Meiner Treu, das iſt wahr genug!“ rief Dalton mit vor Zorn geroͤtheter Wange.„Es hat ſich mit uns geändert,— kein Zweifel, ſonſt würde kein Dalton die Worte ſagen, die Du eben ausgeſprochen. Ich wußte nie zuvor, daß die Beſten im Lande nicht ſtolz waren, inter unſer Dach zu kommen.“ v 127 „Als wir ein Dach hatten,“ ſagte Nelly feſt.„Und hätten dieſe Ahnen einen wahren und höheren Stolz ge⸗ habt, ſo hätten wir vielleicht jetzt noch ein ſolches. Hät⸗ ten ſie ſich geſchämt, an extravaganten Planen ſich zu betheiligen und ihre Verſchwendung zur Schau zu tragen — hätten ſie nicht zu einer Lebensweiſe ermuntert, die ſie zu Grunde richten mußte, ſo könnten wir noch in un⸗ ſerem eigenen Hauſe und in unſerer Heimath wohnen.“ Dalton ſchien wie vom Donner getroffen, als er eine ſo kühne Sprache, die dem ſanften Charakter der Spre⸗ chenden ſo wenig gleich ſah, hoͤrte. Einen Theil des Familien⸗Unglücks ihrem eigenen unangemeſſenen Leben zuzuſchreiben— ihre Erniedrigung etwas Anderem Schuld zu geben, als der engliſchen Geſetzgebung, den Parlaments⸗ akten, den Grandjury⸗Geſetzen, dem Fehlſchlagen der Kar⸗ toffelernte, dem Zehnten, den Terry⸗Alts oder dem Schmutze im Waizen— war eine Ketzerei, die er in ſeinen düſter⸗ ſten Augenblicken ſich nie hatte träumen laſſen, und nun mußte er ſie von den Lippen ſeines eigenen Kindes hören. „Nelly— Nelly Dalton,“ ſagte er;„aber warum nenne ich Dich noch Dalton? Haſt Du auch nur einen Tropfen von unſerem Blute in Deinen Adern— oder ſchlägſt Du den Godfreys nach? Exrtravaganzen— rui⸗ nöſe Lebensweiſe— Verſchwendung— was wirſt Du nun noch ſagen?“ Er konnte nicht fortfahren, der Un⸗ wille und der Zorn ſchienen ihn beinahe zu erſticken. „Papa,— theuerſter, liebſter Papa!“ rief Nelly, während Thränen aus ihren Augen ſtrömten,„ſeien Sie nicht böſe mit mir, und glauben Sie nicht, daß ein un⸗ edler Gram über unſer verändertes Loos in meinem Her⸗ zen Platz findet. Gott weiß, daß ich mich nicht um mei⸗ netwillen gräme; in der niedrigen Sphäre, in die ich ge⸗ ſtellt bin, habe ich wahre Zufriedenheit, ja vielleicht groͤßere Zufriedenheit gefunden, als beſſere Glücksumſtände mir gegeben haben würden; denn hier ſind meine Pflichten deutlicher beſtimmt, und mein Pflichtſinn klarer. Wenn 128 ich Kummer empfinde, ſo iſt es um Ihret⸗ und um mei⸗ ner Schweſter willen. Um Ihretwillen, Papa, der Sie ſo mancher Entbehrung ſich unterziehen müſſen, um ihret⸗ willen, die für eine höhere Stellung wohl eine Zierde wäre. Was aber mich betrifft, die lahme Nelly, wie Kinder mich zu nennen pflegten—“ Sie konnte ihre Rede nicht zu Ende bringen, denn ſchon hatte ihr Vater ſie in ſeine Arme geſchloſſen und Kate ſchluchzte, einen Thränenſtrom vergießend, an ſeiner Schulter. „Wo iſt der Doktor— was iſt aus ihm geworden?“ ſagte Dalton, indem er, von ſeiner Gemüthsbewegung ſich wieder erholend, ihren Gedanken eine andere Rich⸗ tung geben wollte. 3„Er iſt ſchon ſeit einer halben Stunde fort, Papa,“ ſagte Kate.„Er geht immer fort, ohne Lebewohl zu ſagen, ſobald man ein Wort über Familienangelegenheiten ſpricht.“ „Auch ich habe das bemerkt, meine Theure,“ ſagte Dalton,„und es ſollte mich nicht wundern, wenn er von niedriger Geburt wäre; dabei aber iſt er ein freundlicher, recht gutmüthiger Menſch.“ Nelly hätte wahrſcheinlich einen beſſern Grund für das Benehmen des Doktors angeben können, allein ſie unterließ es kluger Weiſe, abermals auf ein bereits allzu peinliches Thema anzuſpielen. Mit Erlaubniß des Leſers wollen wir ihm nun fol⸗ gen, wie er mit einer Geberde der Ungeduld das Zimmer ploͤtzlich verließ, ſobald er Dalton jenes Stammbaumes Erratning thun hoͤrte, in deſſen Zweige er ſich ſo gern etzte. 4 „Ein alter Narr,“ murmelte Grounſell, als er die Treppe hinabging,„ein alter Narr, den keine Erfahrung geſcheidter machen wird! Wohl mag ſein Vaterland ein Stein des Anſtoßes ſein für Geſetzgeber, wenn alle ſeine Landsleute ſind, wie er, mit ſeinem Familienſtolze und ſeinen 129 Anſprüchen! Zum Henker! Kann er denn nicht ſehen, daß es keine Unabhängigkeit gibt für einen Mann, der in Schulden ſteckt, und daß keine wahre Selbſtachtung dem übrig bleibt, der ſeinen Schneider nicht bezahlen kann? Was ihn betrifft, ſo iſt ihm nicht zu helfen; aber die armen Mädchen! Er wird ihr Ruin ſein. Kate iſt be⸗ reits eine willige Zuhörerin, ſo oft er ſeine unſinnigen Diatriben über Blut und Familie Preis gibt; und der Muth der armen Nelly wird in dem hoffnungsloſen Kampfe mit ſeiner Narrheit gebrochen werden! Ja, ja, das wird das Ende von dem Liede ſein; er wird die Eine verrückt machen, und der Andern das Herz brechen, und bei all' dem glaubt er feſt, er hinterlaſſe in ſeinem leeren Stolze ihnen ein beſſeres Erbtheil, als wenn er jeden Acker, der ihnen einſt gehoͤrte, vermachen könnte.“ So bei ſich ſelbſt ſprechend, verbreitete er ſich über jede Art von Unklugheit, Verſchwendung, Eitelkeit und Abſurdität, und glaubte, daß dieſelben, ſo bald man das einfache Beiwort„iriſch“ damit verbände, mit Einem Male verſtändlich würden und keiner anderen Erklärung bedürften. In dieſer Stimmung trat er in Sir Staffords Zim⸗ mer und zwar ſo voll von ſeinen eigenen Gedanken, daß der würdige Baronet nicht umhin konnte, ſeine Befangen⸗ heit zu bemerken. „He, Grounſell, was gibt es— wieder ein Streit mit Mylady— he?“ ſagte er, in ſeiner eigenthümlichen, ruhigen Weiſe lächelnd. „Heute noch nicht. Wir ſind dieſen Morgen noch nicht zuſammengetroffen, folglich iſt auch der Waffenſtill⸗ ſtand ſeit geſtern noch unverletzt. Ohne Zweifel hat die Ermüdung von der vergangenen Nacht her ſie etwas län⸗ ger ſchlafen laſſen, und deßhalb iſt es mir gelungen, die Mittagsſtunde zu erreichen, ohne die Gefahr, einen Schlag zu bekommen.“ Die Daltons. I. 9 13⁰ „Auf welche Ermüdung ſpielſt Du da an?“ „Ach, ich habe es vergeſſen— ich habe Dir eine lange Geſchichte zu erzählen. Was meinſt Du wohl, daß ihre Ladyſhip gethan?“ „Ich habe Alles gehoͤrt,“ ſagte Sir Stafford gräm⸗ lich.„George hat mir die ganze unglückliche Geſchichte erzählt. Wir müſſen für den armen Kerl ſorgen, Groun⸗ ſell, und ſehen, daß er an Nichts Mangel leidet.“ „Ah, Du denkſt an das Schießen; aber das iſt nicht die letzte Großthat ihrer Ladyſhip,“ ſagte der Doktor mit einem maliziöſen Lachen.„Als eine wahre Lady Boun⸗ tiful iſt ſie geſtern Nacht zum erſten Male aufgetreten— und ich muß es ſagen, mit unendlichem Erfolg.“ Uad ohne weitere Einleitung erzählte Grounſell das ganze Abenteuer des von Lady Heſter beim Zwerge ge⸗ machten Beſuchs, ohne eine jener Einzelheiten zu vergeſſen, die wir bereits dem Leſer mitgetheilt; dabei verbreitete er ſich mit ſeiner ganzen Gewandtheit über die moͤglichen Folgen des Schrittes. „Ich habe Dir bereits von dieſen Leuten geſagt,“ fuhr Grounſell fort;„ich habe Dir von dem alten Narren, dem Vater, mit ſeinem triſchen Stolze, ſeinen iriſchen Anſprüchen, ſeiner Armuth und ſeinen unfinnigen Adels⸗ Ideen erzählt. Nun ſieht es in ſeinem Kopfe, der zu allen Zeiten ein armes Ding war, ganz toll aus ſeit die⸗ ſem Beſuche. Und vollends die Mädchen! Gute, brave, liebevolle Kinder, wie ſie ſind, befinden ſie ſich in einer Art Verzückung über das Weſen ihrer Ladyſhip, ihre Schönheit, ihren Anzug, den Zauber ihrer Liebenswürdig⸗ keit, ihre einnehmenden Manieren. Die Erfüllung ihrer kleinen, einförmigen, täglichen Pflichten wird ihnen von nun an als eine traurige Laſt erſcheinen; ſogar die Dienſt⸗ leiſtungen ihrer Nächſtenliebe werden alles Feuer des Ei⸗ fers verlieren, wenn dieſelben jener Eleganz beraubt find, womit die Verfeinerung jede Kleinigkeit begleiten kann. Ah, lache nicht darüber— das Faktum iſt ein hart⸗ 131 näckiges. Sie würden die vollſte Hingebung, die ſie je gezeigt, um fremden Schmerz zu lindern, für einen einzi⸗ gen Kniff jener Schmeichelet hingeben, womit Mylady ſie gefangen genommen hat.“ „Wird alle Poeſie im Herzen der armen Nelly die Erinnerung an Liebreize ausſchließen, die mit den Eitel⸗ keiten der Faſhion verbunden find? Wird alle ſchuldige Liebe Kate's jene mühſamen, häuslichen Arbeiten in ihrer Meinung erheben, deren Verrichtung fortan dazu dienen wird, ſie je mehr und mehr von einem Weſen zu trennen danhre Phantaſie bereits wie ein Idol vorgeſchwebt, at 44 „Du nimmſt die Sache doch gar zu ernſt, Groun ſell,“ ſagte Sir Stafford lächelnd. 3 „Mit nichten; ich habe zu lange und zu ſorgfältig Symptome ſtudirt, als daß ich nicht immer mich auf Reſultate gefaßt machen ſollte. Für Lady Heſter iſt die⸗ ſer Beſuch eine kleine Epiſode, die ebenſo leicht wieder vergeſſen iſt, wie irgend ein anderer Zufall ihrer Reiſe. Aber was für ein Ereigniß iſt es in der einfachen Lebens⸗ geſchichte dieſer Mädchen!“ „Nun, nun,'s iſt einmal ſo, wir können es nicht ändern, und damit iſt es aus,“ ſagte Sir Stafford ver⸗ drießlich;„und ich geſtehe, ich kann die Sache nicht in dem Lichte erblicken, wie Du, denn ſeit zwei Tagen habe ich an dieſe Daltons gedacht, und wie ich ihnen in irgend einer Weiſe nützlich ſein könnte,— und eben dieſer Vor⸗ fall mag den Weg dazu bahnen. Ich habe einige aite Briefe und Papiere angeſehen, und ich zweifle nicht, daß ich— natürlich ohne meinen Willen— zu dem Ruin des armen Mannes einigermaßen beigetragen habe. Du weißt, Grounſell, es iſt der nämliche Peter Dalton, der mir einſt die beleidigendſten Briefe ſchrieb und mir ſogar eine Herausforderung zuſchickte, weil ein entfernter Verwandter mir ein gewiſſes Gut vermachte, das natürlicher ihm hätte zufallen ſollen. Anfänglich behandelte ich dieſe Briefe als 1³² keine ernſte Beachtung verdienend— ſie waren kaum ver⸗ ſtändlich und zeichneten ſich durch Nichts aus, was wie Vernunft ausgeſehen hätte; als aber der Schreiber der⸗ ſelben von den Beleidigungen zu Drohungen überging, ſo ſprach ich mit meinem Advokaten darüber, und gab ihm in der That die Erlaubniß, alle Schritte zu thun, die nöthig ſein koͤnnten, um mich von einem ſo unange⸗ nehmen Correſpondenten zu befreien. Ich hörte Nichts mehr von der Sache: aber jetzt ſehe ich, wenn ich einige Papiere durchgehe, daß es Dalton ſchlecht ging, und daß er wirklich wegen dieſer Sache acht Monat eingeſperrt wurde, ſo daß ich, außerdem daß mir ſein Eigenthum zugefallen, den armen Kerl auch ſeiner Freiheit beraubt habe. Gewiß des Ungemachs genug, wenn man bedenkt, daß ein einziger Mann, der dazu nicht einmal ſein Feind war, es ihm zufügte!“ „Und ſollteſt Du es glauben, Onslow, wir haben von Dir und Deinen Angelegenheiten hundert Mal ge⸗ ſprochen, ohne daß er hierauf auch nur ein einziges Mal⸗ angeſpielt hätte? Man ſollte wohl glauben, ein ſolches Ereigniß hätte auf die meiſten Menſchen einen Eindruck gemacht; aber gewiß iſt er entweder der vergeßlichſte oder edelmüthigſte Kerl von der Welt.“ „Wie höchſt ſonderbar! Und Du ſagſt alſo, er er⸗ innere ſich meines Namens und aller Umſtände jenes ſon⸗ derbaren Vermächtniſſes; denn ſonderbar war es von Seiten eines Mannes, den ich nie wieder ſah, ſeitdem er ein Knabe war.“ „Er erinnert ſich Alles deſſen. Es war der letzte Schlag, den das Schickſal gegen ihn führte, und in der That ſchien er kaum einen ſo heftigen Schlag zu brauchen, um ihn zu ſtürzen, denn nach ſeinem eigenen Berichte hatte er viele Jahre mit Schulden und Schwierigkeiten jeder Art zu kämpfen gehabt, und ſeine Gläubiger ſtets damit vertröſtet, daß ihm noch ein beträchtliches Vermögen zu⸗ fallen müßte. Ganz gewiß glaubte er das ſelbſt; zu — 133 gleicher Zeit aber lebte er auf einem Fuße, auf dem er, hätte er auch das Vermoͤgen bekommen, unmöglich lange hätte fortleben koͤnnen. Auch war die Sparſamkeit ſeines Schwagers für ihn eine beſtändige Urſache der Selbſtbe⸗ glückwünſchung, indem er ſich einbildete, daß im Teſta⸗ mente einer bedeutenden Summe baaren Geldes, als ihm zufallend, Erwähnung gethan ſein würde. Sich ganz und gar ausgeſchloſſen, ja nicht einmal ſeinen Namen erwähnt zu finden, war daher für ihn gleich bedeutend mit gänz⸗ lichem, unabwendbarem Ruin.“ „Der arme Kerl!“ rief Onslow.„Ich ließ mir nie träumen, daß es ihm ſo hart ergangen. Seine Briefe— Du ſollſt ſie ſelbſt leſen— waren ganz und gar die eines Mannes, der im Punkte der Ehre gar heikelig iſt, um eine bloße Geldſache aber ſich weniger kümmert. Er ſchien mir— der ich, wie ich Dir geſagt, den Herrn Godfrey ſeit mehr als vierzig Jahren nie geſehen— Etwas, wie ungehöri⸗ gen Einfluß zur Laſt legen zu wollen, und beſchuldigte mich geradezu, daß ich ſeinen Schwager gegen ihn einge⸗ nommen. Er datirte ſeine zornigen Epiſteln aus einem Parke oder Schloſſe— ich weiß es nicht mehr— und es waren dieſelben mit einem Siegel verſehen, das, in Betreff des prätentiöſen Wappens, ein Erzherzog als das ſeinige anerkennen koͤnnte. Alle dieſe Umſtände ſchienen mir ſo ſehr auf Vermögen und eine geachtete Stellung hinzuweiſen, daß ich meinen Freund als einen ſehr blut⸗ dürſtigen Irländer anſah; gewiß aber dachte ich nie, daß die Armuth der Beleidigung ihren Stachel geliehen.“ „Ich begreife Alles das recht leicht,“ ſagte Groun⸗ ſell. Sogar noch in dieſem Augenblicke, wo Mangel ihn allenthalben umgibt, mag er lieber von ſeiner früheren Lebensweiſe zu— der Henker hole den barbariſchen Ort, ich kann mich nie des Namens entfinnen, den er hat—, ſprechen, als auf einen vernünftigen Vorſchlag hoͤren, wodurch das künftige Wohl ſeiner Kinder begründet wer⸗ den könnte.“ 134 „Ich bin für ihn ein arger Feind geweſen,“ ſagte Sir Stafford ſinnend. „Er berechnet den Verluſt auf etwa ſechs tauſend Pfund per Jahr,“ ſagte Grounſell. „Es iſt nicht halb ſo viel, Doktor. Das Gut war in einem total verwahrlosten Zuſtande, als ich es erbte. Da waren verarmte und rebelliſche Pachter, von denen nie ein Pachtzins einging und entweder in offenem Kriege mit allem und jedem Geſetze lebten, oder daſſelbe durch hunderterlei Pfiffe und Kniffe zu umgehen ſuchten. Jetzt ſtehen die Sachen etwas beſſer; wenn es aber ſo iſt, ſo hat es mir Geld genug gekoſtet, es ſo weit zu bringen. Zieh' ihn doch aus dieſem ſeinem Irrthum, ich bitte Dich darum. Sein Verluſt war wenigſtens kein ſo ſchwerer, als er ſich einbildet.“ „Meiner Treu, ich mag einen ſo zarten Gegenſtand kaum berühren,“ ſagte Grounſell trocken.„Ich bin nicht ſo ganz ſicher, wie er die Sache aufnehmen würde.“ „Ich ſehe, Doktor,“ ſagte Onslow lachend,„daß ſeine Vorliebe für das Duell Dir den gehörigen Grad von Reſpekt eingeflößt hat. Nun, wir wollen an etwas Rützlicheres denken, als daran, wie eine bloße irrige Anſicht etwa zu berichtigen wäre. Wie koͤnnen wir ihm dienen? Was iſt für ihn zu thun?“ „Zu Grunde gerichtete Herren ſchickt man gewöhn⸗ lich, wie alte Uniformen, nach den Colonien,“ ſagte Grounſel„aber Dalton eignet ſich kaum zur Expor⸗ tation.“ „Wie wäre es, wenn wir ihm eine Beamtenſtelle, etwa die eines Friedensrichters, auf einer der weſtindiſchen Inſeln verſchafften?“ 6 „Der neue Rum würde ihm in der erſten Regenzeit das Garaus machen.“ I „Paßt er beſſer zu einem Conſul?“ „Ebenſo gut, wie zu der Stelle eines Lordkanzlers. Ich ſage Dir, der Stolz des Mannes würde ſich empo⸗ 135 ren über Alles, woran eine Pflicht geknüpft wäre. Wenn Du Etwas thun willſt, ſo dürfen keine Bedingungen die⸗ ſer Art daran geknüpft ſein.“ „So müß an ihm denn eine Leibrente geben, eine mäßige Summe, die hinreichend wäre, um ihm ein re⸗ fpektables Auskommen zu ſichern,“ ſagte Onslow;„das iſt das Einzige, was mir als thunlich erſcheint, und ich bin ganz bereit, das Meinige zu thun, da es ja auch ebenſowohl eine Sache der Ehre, als des Edelmuthes iſt.“ „Wie willſt Du es angehen, um ihn zur Annahme zu bewegen?“ „Das läßt ſich mit ein wenig Liſt machen, denke ich. Ich will Prichard zu Rathe ziehen; er kommt heute hieher wegen jener Pachterneuerungen, und er wird ſchon einen Weg finden, auf dem es geht.“ „Es iſt da große Vorſicht nöthig,“ ſagte Grounſell; „ohne daß er von Natur argwöhniſch iſt, hat ihn doch das Unglück in Allem, was wie eine Geringſchätzung ausſieht, ſehr empfindlich gemacht. Bis auf dieſe Stunde weiß er noch nicht, daß ſeine Tochter die kleinen Figuren verkauft; und obgleich er in hundert Dingen, die auf ſein Wohlſein und ſeine Behaglichkeit abzielen, Zeichen von Hülfsquellen ſieht, wovon er Nichts weiß, ſo zerbricht er ſich doch nie den Kopf darüber, woher das Geld kommen möge.“ „Welch ſeltſamer Charakter!“ „Seltſam, in der That. Wahrer Stolz und fal⸗ ſcher Stolz, männliche Geduld, kindiſche Ausgelaſſenheit, kindiſcher Edelmuth, kindiſche Selbſtſucht, Freigebigkeit und Kargheit,— ja ſogar eine zwiſchen knabenhaftem Leichtfinn und vollſtändiger Verzweiflung wechſelnde Stim⸗ mung! Das Ganze iſt ein ſolches Gemiſch, wie ich es noch nie zuvor ſah, und doch kann ich mir denken, daß es ſo gut das nationale Temperament, wie das des In⸗ dividuums iſt.“ Und nun ging Grounſell ohne Compaß oder Karte 136 auf eine weite, weite See hinaus, und verlor ſich in va⸗ gen Spekulationen über Fragen, worüber geſcheidtere Leute, als er, ſich ſchon den Kopf zerbrachen und zur Stunde noch zerbrechen. Eilltes Kapitel. Ein neuer Charakter,„durch die Fenſterladen hindurch geſehen.“ Nicht einmal Mademoiſelle Cöleſtine ſelbſt, noch auch die zwei Londoner Bedienten, die jetzt dazu verurtheilt waren, ihr glänzendes Aeußere den ungeſchulten Blicken deutſcher Bauern preiszugeben, hätten mit dem unglück⸗ lichen gezwungenen Aufenthalte zu Baden unzufriedener ſein und denſelben ungeduldiger ertragen können, als George Onslow. Ein junger Gardiſt, der ſich oft ein⸗ bildete, daß London, wenn die Saiſon vorüber, eine Art Palmyra ſei; der nur für das Leben lebte, welches bloß eine Hauptſtadt gewährt; der es nicht glauben konnte, daß man anderwärts reiten, ſich kleiden, ſpeiſen und fahren könne— war ganz und gar nicht an ſeinem Platze in⸗ mitten der Hügel und Thäler, der ſich dahinwindenden Schluchten und dichten Tannenwälder eines kleinen Winkels von Deutſchland. 3 2 Wenn er die Aufregung heftiger Leibesübungen liebte, ſo war es, wenn das Vergnügen, wie bei einer Fuchs⸗ jagd, mit einiger Gefahr verbunden, oder, wie bei einem Wettrudern, durch den belebenden Charakter eines Kampfes erhöht war. Auch um die Seenerie kümmerte er ſich, 137 wenn ſie in den Hochlanden unter den Zufällen eines der Parforcejagd gewidmeten Tages kam. Sogar das Gehen war ihm, wenn es galt, der Zeit einen Sieg abzugewin⸗ nen, durchaus nicht unangenehm; aber zu reiten, gehen, rudern, oder überhaupt ſich Bewegung zu machen um der Bewegung willen, war nach ſeiner Philoſophie nur um einen Grad beſſer, als eine Verurtheilung zur Tretmühle, da die Sklaverei eine willkührliche war, und nicht dazu diente, den Beweggrund zu erhöhen. Für einen alſo beſchaffenen Geiſt war der Aufenthalt zu Baden unerträglich. Lady Heſter's Syſtem, ihn durch Kleinigkeiten zu reizen und zu ärgern, entleidete ihm das Leben im Hauſe je mehr und mehr. Sie las nie gerne viel und nun waren keine Bücher zu haben; Sydney war ſo ſehr durch ihre deutſchen Studien beſchäftigt, daß ſie für den Umgang völlig verloren war. Ihr Vater war zu ſchwach, um viel ſprechen zu können; und was Groun⸗ ſell betrifft, ſo hatte George ihn ſtets als einen Mann angeſehen, der zwar in ſeiner Weiſe gutherzig, aber ein klein wenig langweilig und in alte Geſchichten allzu ver⸗ narrt ſei. Wäre er in ſolcher Lage eine junge Dame geweſen, ſo würde er ein Tagebuch, eine kleine Märtyrer⸗ Geſchichte von ſich und ſeinen Gefühlen geführt, und ſei⸗ nen Schmerz mit Childe Harold und Werther verlängert haben. Wäre er eine ältliche Dame geweſen, ſo würde er Foliobogen füllende Briefe geſchrieben, und ganze Morgen feinen Canevaſſes mit Hunden aus Wollengarn und mit Tigern aus Berliner Wolle bedeckt haben. Leider hatte er keine ſolchen Hülfsmittel. Die Erziehung hatte ihn nur mit einem Troſte verſehen— einer Cigarre, und ſo rauchte er unaufhörlich— bisweilen legte er ſich nach dem Frühſtücke, in allem Glanze einer geſtickten Sammt⸗ mütze und in einem prächtigen Schlafrocke, ans Fenſter; bisweilen kam er in den leeren Salon oder die verlaſſe⸗ nen Hausgänge, und in den mit Unkraut überwachſenen Garten im Deshabillé eines mit vielen Taſchen verſehe⸗ 138 nen Jagdrockes und mit Korkſohlen verſehener Schuhe. Bald trieb er ſich in den öden Straßen umher, oder ging auf der kleinen hölzernen Brücke auf und ab, und fragte ſich, wie lange wohl noch ein Menſch der Verſuchung widerſtehen könnte, die zu einem Sprunge über das Ge⸗ länder in den finſtern Pfuhl unter demſelben trieb. Er war theils ſeiner Schweſter Sydney wegen auf den Continent gegangen, theils weil, da er„in der Stadt zu ge⸗ ſchwind gelebt“ hatte, eine Abweſenheit räthlich geworden war. Jetzt aber, wo er in den verlaſſenen, einſamen Straßen des Städtchens umherwanderte, ohne zu wiſſen, wie lange ſeine Gefangenſchaft dauern würde, ohne eine Beſchäfti⸗ gung, ohne geiſtige Hülfsmittel,— fing ſowohl ſeine brüderliche Liebe als ſeine Klugheit an, ihn zu verlaſſen, und er wünſchte, er wäre daheim geblieben, und hätte es auf die Nachſicht ſeiner Gläubiger ankommen laſſen. Seine Geldverlegenheiten waren nicht unehrenhafter Natur; er hatte nicht mehr und nicht weniger gethan, als was man⸗ ches Dutzend junger Leute von ganz guter Erziehung ge⸗ than haben und zu dieſer Stunde noch thun,— ja, ge⸗ neigter Leſer, und noch thun werden, wenn Du und ich dahin gegangen ſein werden, wo all unſer Predigen nicht mehr täuſchen wird— er hatte Schulden kontrahirt, de⸗ ren Zahlung Andern mußte überlaſſen bleiben— er hatte geborgt, was keine Bemühungen von ſeiner Seite wieder⸗ erſtatten konnten— er hatte geſpielt, und Summen verlo⸗ ren, die mit ſeinem Vermögen ganz und gar im Mißver⸗ hältniß ſtanden; aber bei all dieſem mußte ſeine Aufführung immer noch eine ehrenhafte genannt werden— ſo ſagte wenigſtens der Codex, unter deſſen Herrſchaft er lebte, und George glaubte es. Sir Stafford, der nur etwa die Hälfte der Schulden ſeines Sohnes erfahren hatte, war wie vom Donner ge⸗ rührt. Es waren kaum anderthalb Jahre verfloſſen, daß er George's Schulden alle bezahlt hatte, und ſie waren damals nicht unbedeutend; und nun ſah er alle die alten 139 Items wiederkehren, und zwar in bedeutend vermehrter Auflage, gleich als gäbe es nur einen Weg zum Ruin— und dieſer begann in Crocky's Haus, und endigte in der „Bench.“ Sogar die Namen der dramatis personae waren die gleichen. Es war Lazarus Levi, der das Geld zu ſechzig Prozent hergeliehen hatte. Es war ein ande⸗ rer Patriarch, Namens Gideon Maſham, da, welcher Discontgeſchäfte machte: er discontirte die Wechſel Levi's; ein glücklicher Viscount hatte ihm im Haſardſpiel abermals übel mitgeſpielt, und wenn Krippenbeißer beim Dreſſiren nicht zu Grunde gegangen war, ſo war Madame Pom⸗ padour drauf gegangen, und ſo war das Reſultat das gleiche. George Onslow war, wie Newmarket⸗Männer es nennen,„gezwickt worden“ und war ſieben tauſend Pfund ſchuldig. Nichts iſt in unſerem engliſchen ſocialen Codex be⸗ merkenswerther, als der Scharfſinn, womit es uns ge⸗ lungen, Stände und Claſſen von Menſchen von einander zu trennen, wobei die Unterſchiede oft ſo klein ſind, daß eine lange Gewohnheit und eine lange Schule dazu ge⸗ hört, um dieſelben würdigen zu können. Nicht allein find die Abſtufungen unſeres Adels genau beſtimmt, ſondern dieſelben Unterſchiede herrſchen auch bei den„unbetitelten“ Claſſen vor, und reichen ſogar bis zu den Gewerbs⸗ und kleinen Kaufleuten hinab, ſo daß der Mann, der mit einer Waare handelt, einem andern„vorangeht“, und der, ſo dem Leſer ſein Glas Portwein zum Deſſert liefert, würde ſich aufs Tiefſte beleidigt finden, wenn man ihn mit dem zuſammenſtellte, der den Stiltonkäſe liefert! Dieſe Haarſpaltereien ſind für Fremde ſehr unverſtändlich: da wir nun aber an denſelben halten, ſo iſt wohl anzuneh⸗ men, daß ſie uns zuſagen und für uns paſſen, und ich würde mich jetzt nicht bei der Sache aufgehalten, würde dem Syſtem nicht im Vorübergehen einige Bemerkungen gewidmet haben, müßten wir es nicht in einigen Fällen bis zu einem Grade von Abgeſchmacktheit getrieben ſehen, 140 der die äußerſte Grenze des Möglichen zu ſein ſcheint, in⸗ dem wir ſogar aus derſelben Lebensbahn eine gleitende Scala der Reſpektabilität machen; ſo z. B. wird ein junger Herr mit guten Ausſichten und einem ſchoͤnen Ver⸗ mögen, wenn er ſeine Vormünder und Freunde durch ein extravagantes Leben geärgert oder beleidigt hat, alsbald aus der Garde entfernt und in ein Lininien⸗Infanterie⸗ Regiment geſteckt; iſt auch da ſeine Aufführung nicht die beſte, ſo ſchickt man ihn gewoͤhnlich nach Oſtindien; iſt er unverbeſſerlich, ſo muß er in einem Regiment dort blei⸗ ben; und nur in Fällen, wo ſchlechte Gewohnheiten tief eingewurzelt ſcheinen, geht er unter die Cap⸗Schützen durch Tauſch und erhält ſeine nächſte Beförderung von dem Meſſer eines Kaffern. Alte Geographen hatten entſchieden— wir wiſſen nicht aus welchen Gründen— es gebe keinen Platz zwi⸗ ſchen der„Hölle und Connaught.“ Eine neuere Ent⸗ deckung hat mit mehr Gewißheit einen ſolchen zwiſchen der Garde und der Linie nachgewieſen. Eine Art mili⸗ täriſchen Fegfeuers, aus dem, nach gehoͤriger Abbüßung ſeiner Sünden, der Sünder in das Paradies der zum kö⸗ niglichen Haushalt gehoͤrigen Brigade zurückkehren kann, ohne je das Inferno eines marſchirenden Regimentes be⸗ treten zu dürfen. Dieſer Uebergangszuſtand ſind die „Refles.“ So lange der junge faſhionable Mann nicht tiefer fällt, hat es keine Gefahr. Sein Charakter wird nicht angefochten, er iſt noch nicht ſo bloß geſtellt, daß man ſagen könnte, es laſſe ſich Nichts mehr gut machen. Nun aber war George Onslow gerade ſo weit gekommen. Er hatte durch Tauſch in das— te Regiment, das da⸗ mals in Irland lag, treten müſſen. Zwar war er nicht zu ſeinem Regimente geſtoßen, ſein Vater hatte Einfluß genug, um für ſeinen Sohn einen Urlaub zu erwirken, und Oberlieutenant Onslow durfte nun, während Ridge⸗ way befördert worden und ihn erſetzt, ſich amüſiren, wie und wo er wollte.. 141 Der„Tauſch“ und die Gründe, warum er erfolgte, waren unangenehme Gegenſtände der Betrachtung für George, und da er wenig andere hatte, ſo verfolgten ſie ihn ſtets, bis er am Ende ſich einbildete, daß Jeder um die Sache wiſſe, und während ſeines Vorübergehens die Worte murmele:„das iſt Onslow, der in den„Cold⸗ ſtreams“ diente.“ Lady Heſter ließ in der That die Sache nicht immer bloß in der Einbildung bleiben, ſondern gab hie und da Winke über Soldaten, die nie dienten, es ſei denn im St. James Palaſte oder zu Windſor, und die zur Verwunderung und Bewunderung fremder Souveräne gehalten würden, wenn dieſelben England beſuchten, gerade ſo, wie Viehzüchter von der Grafſchaft Suffolk, oder Pachter aus Berkſhire ein Rind oder ein Schwein vor⸗ zeigten zum großen Ergötzen der Liebhaber ſolcher Gegen⸗ ſtände. Wo Kinder Spielzeuge vorweiſen, zeigen Könige Soldaten vor, und die unſrigen werden als keineswegs zu verachtende Produkte der Art betrachtet; aber Lady Heſter behauptete, mit mehr Wahrheit, als ſie vermuthete, daß ein Mann von Geiſt und Herz eine etwas verſchiedene Laufbahn vorziehen würde. Dieſe Strömungen, die zu rechter und unrechter Zeit kamen, waren für George kein weiterer Grund, zu Hauſe zu bleiben, und ſo verließ er es denn jeden Tag, und kehrte ſelten vor einbrechender Nacht zurück. Zwar hätte er ſich zu Haggerſtone geſellen koͤnnen, der, nachdem er einmal Zutritt erhalten, es ſich möglichſt angelegen ſein ließ, ſich mit ihm auf einen vertrauten Fuß zu ſetzen; der Oberſt ließ es auch an Artigkeit und zuvorkommendem Weſen nicht fehlen; aber George Ons⸗ low war in einer Schule erzogen worden, deren erſte Lection ein empfindſames Vermeiden neuer freundſchaft⸗ licher Verbindungen, und deren hauptſächlichſtes Merkmal das Mißtrauen iſt. Nun aber hatte er über Oberſt Hag⸗ gerſtone einmal entweder Etwas gehoͤrt oder zu hören ge⸗ glaubt. Bei dem Oberſten ſei es nicht ganz ſauber, ſo 14⁴² oder ſo. Es ſei einmal eine Geſchichte über ihn in Um⸗ lauf geweſen, oder über einen Mann ſeines Schlages, und es ſei daher gerathen, auf der Hut zu ſein. Und ſo legte der junge Gardiſt, der ſeinen Hals bei einem Kirchthurm⸗ rennen gewagt oder ſein Vermögen auf einen„Derby“ ge⸗ ſetzt haben würde, die ganze beſonnene Weisheit eines Richters an den Tag, als es ſich darum handelte, eine vorübergehende Bekanntſchaft zu machen. Wenn wir uns etwas weitläufig über die Gründe der Einſamkeit des jungen Gentleman ausgelaſſen haben, ſo iſt unſere Entſchuldigung die, daß dadurch nicht allein Alles, was wir von ſeinem Charakter wiſſen, ſondern auch Alles, was zur Kenntniß deſſelben nothwendig iſt, mitge⸗ theilt worden. Er gehörte zu einer ſo großen Claſſe von Menſchen, daß nur wenige Leute nicht wenigſtens ein halbes Dutzend ſolcher unter ihren Bekannten zählen könn⸗ ten, und die ohne Weiteres als unfähig bezeichnet werden würden, zeigte ſich nicht dann und wann, etwa alle zehn Jahre ein Mal, einer dieſer trägen Dandys von gutem Ausſehen und gutem Tone, gleichſam ſeiner eigenen Müdigkeit müde, entweder als ein braver Soldat, der die kühnſten Pläne erſinnt, oder als ein politiſcher Führer mit einem Schatz von Kenntniſſen und einer Gewandtheit im Debat⸗ tiren, daß er den geübteſten und gebildetſten Veteranen im Unterhauſe die Spitze bieten kann. Unſere eigene Erfahrung in neueſter Zeit zeigt uns, daß dieß keine paradoren Spekulationen ſind. Allein wir können das Thema nicht weiter ausſpinnen, und haben bloß noch hinzuzufügen, daß der Leſer nicht glauben darf, es habe George Onslow zu einer dieſer glänzenden Ausnah⸗ men gehoͤrt. Ob der Fehler mehr an ihm oder an uns liegt, konnen wir nicht unterſuchen. Wenn ſeine einſamen Spaziergänge ihn nicht mit angenehmen Träumereien erfüllten, ſo brachte die Vergan⸗ genheit für ihn eben ſo wenig angenehme Botſchaften. Trockene Berichte von Herrn Arſon, ſeinem Advokaten— 1 143 jeder junge Mann, der in der Stadt lebt, hat heut zu Tage ſeinen Advokaten— über die Schwierigkeit, ſeine Angelegenheiten zu arrangiren, waren die hauptſächlichſten Nachrichten, die er erhielt; von Zeit zu Zeit kam auch eine kurze, kernige Epiſtel von einem gewiſſen adeligen Gläubiger, Lord Norwood, der, obgleich er Onslow große Summen abgewonnen hatte, nie in ſo großer Geld⸗ ealedenben zu ſein ſchien, als ſeitdem er ſo viel Glück gehabt. 1 Der Styl des Viscount war weder durch Originali⸗ tät ſo ausgezeichnet, noch ſo werth, nachgeahmt zu wer⸗ den, daß wir es der Mühe werth halten würden, hier ein Specimen davon zu geben; da aber einer ſeiner Briefe einiges Licht auf unſere Geſchichte wirft, ſo wollen wir denſelben geben, und zwar in extenso, da derſelbe, wie ſeine ganze Correſpondenz, ſehr kurz iſt. „Ach, abermals Norwood!“ ſagte Onslow, indem er auf das Siegel blickte, und den nicht ſehr leſerlichen eigen⸗ händigen Beiſatz am Rande las.„Mein edler Freund gibt mir nicht ſehr viel Zeit;“ und indem er etwas un⸗ geduldig ſich in die Lippen biß, öffnete er das Papier und las: „Lieber Onslow,. „Orſon hat mir die zweitauſend Pfund bezahlt, wie Du ihn angewieſen; allein er weigert ſich beharrlich, die ſiebzehnhundert und achtzig, die von der Ascot⸗Geſchichte herrühren, zu zahlen, weil ich die zwei urſprünglichen Wechſel für zwoͤlfhundert Pfund, die mir für jene Schuld gegeben wurden, nicht herausgeben kann. Ich ſagte ihm, ſie ſeien,— ich war dabei teufelmäßig verſucht, das Ver⸗ fahren an ihm ſelbſt zu probiren— vor einem halben Jahre ins Feuer geworfen worden, als Du mir die neuen Wechſel ausgeſtellt; aber Alles das nützt Nichts, der alte freche Geſelle beſteht auf ſeinem Verlangen, worin ich ihm un⸗ 144 möglich willfahren kann, da ich nicht einmal die koſtbare Aſche aufbewahrt habe. Ich zweifle gar nicht, daß er, juridiſch oder advokatiſch geſprochen, ganz recht hat— allein unter Männern von Ehre iſt eine ſolche Pünktlich⸗ keit gerade zu abſurd— und wie Dillhurſt ſagt—„etwas mehr.“ Nun mußt Du, mein lieber Junge, an ihn ſchrei⸗ ben, und zwar alsbald— denn ich bin wegen„Chanti⸗ eleer,“ der Allem nach den Sieg davon zu tragen ſcheint, im Pech— und dabei mußt Du ihm ſagen, daß er Dei⸗ nem Willen gerade entgegen handle— wie es natürlich auch der Fall iſt— daß das Geld nun ohne weitern Ver⸗ zug bezahlt werden müſſe. Der Aufſchub hat mich bereits in große Verlegenheit gebracht, und ich weiß, wie ſehr Du Dich über ſeine Hartnäckigkeit ärgern wirſt.— Vermuth⸗ lich haſt Du gehört, daß Brentwood im Begriffe iſt, Lady Vaughan zu heirathen; ſie hat dreißigtauſend Pfund, was gerade ſoviel beträgt, als Jack im verfloſſenen Winter ver⸗ loren hat. Crosbie ſagt,„er ſolle, nachdem er ſich ein⸗ mal in Lauf geſetzt, ihr entlaufen,— da er nicht ſchwer zu tragen habe:“ was ſo ziemlich auch meine Meinung iſt. Wie heut zu Tage, wo die Fonds auf zweiundachtzig ſtehen, ein Mann, deſſen Rappe der erſte Renner iſt, ſich mit einem Weibe zu ſchaffen machen mag, geht über mei⸗ nen Verſtand. Doncaſter hat„umgeworfen“ und die Leute vom Rothen Hauſe werden es ſchmerzlich genug fühlen; er wollte Hayes zu Hülfe kommen, und Nichts vermag ihm wieder aufzuhelfen. Beiläufig geſagt, Orſon gibt mir zu verſtehen, daß, wenn ich auf mein Wechſelrecht oder dergleichen verzichte, er das Geld zahlen wolle,— dieß iſt aber nur ein Kniff, um ihm Gelegenheit zu ge⸗ ben, ſeine Pergamente, Stempel u. ſ. w. anzubringen; darum mag ich nicht darauf eingehen. Ein Schreiben von Dir an ihn wird die Sache alsbald beendigen. Welch! luſtige Welt wäre es, alter Burſche, wenn das ganze Ge⸗ ſchlecht der Orſons durch die Cholera oder etwas Aehn⸗ 1 145 liches hinweggerafft würde. Sie ſind die groͤßten Feinde des menſchlichen Friedens, die es auf dieſer Welt gibt. „Ich bin Dein ganz ergebener und getreuer „Norwood.“ „P. S.— Ich bilde mir ein, daß Baden um dieſe Zeit ganz verwaist iſt; ſollteſt Du aber zufällig auf ein Bürſchchen Namens Albert Jekyl ſtoßen— der Himmel weiß, wem es gehoͤrt, oder woher es kommt— ſo ſage ihm, daß ich ihm die zwanzig Pfund zukommen laſſen werde, ſobald ich mit meinem Renner den erſten Preis ge⸗ winne, oder mich mit Miß Home Greville verheirathe, oder mich das Glück auf ähnliche Weiſe verfolgt. Als er mir das Geld lieh, glaube ich kaum, daß er auf der Welt noch mehr Geld beſaß; allein er wollte nun einmal einen Viscount zum Schuldner haben— eine verteufelt ſchlechte Kapital⸗Anlage, wenn er Alles wüßte. Es iſt daher wohl möglich, daß er ſchon längſt untergegaagen iſt, und Du wirſt daher der Mühe enthoben ſein, ihm die Sache näher zu erklären; ſollte er aber noch leben, ſo ſag' Etwas zu meiner Entſchuldigung; denn das Briefſchreiben und Aus⸗ legen von Portos für Briefe, die ins Ausland gehen, macht aus ſchlecht nur noch ſchlechter.“ Obgleich das Poſtſcriptum dieſer eleganten Epiſtel unzweifelhaft derjenige Theil war, welcher die ſchärfſte Kritik gegen die Rechtſchaffenheit und das Ehrgefühl des Schreibenden enthielt, ſo machten doch George Onslow ſeine eigenen Angelegenheiten am Meiſten zu ſchaffen; auch nahm er ſich erſt nach Verfluß von einigen Tagen die Mühe, über den Paragraphen nachzudenken oder den Namen des angeführten Individuums zu erfahren. Auch dann war Alles, woran er ſich erinnern konnte, nur ſo viel, daß er „irgendwo“ den Namen geſehen oder gehört, und ſo wäre ihm wohl die ganze Geſchichte entfallen, hätte nicht ein Zufall die Erinnerung wieder aufgefriſcht. Die Daltons I. 146 Eines Abends, als er ſpäter als gewöhnlich von ſei⸗ nem einſamen Spaziergange zurückkam, fand er das Hotel zu: die Thüre war geriegelt, und alle gewoͤhnlichen, nächt⸗ lichen Vorſichtsmaßregeln waren ergriffen worden, im Glauben, daß alle Hausangehoͤrigen bereits daheim ſeien. Vergebens klopfte und polterte er an dem maſſiven Haus⸗ thore; die wenigen Diener wohnten ziemlich weit davon und hörten von dem Lärmen Nichts; er rief, er ſchrie, er warf kleine Kieſelſteine nach den Fenſtern hinauf und warf letztere in ſeinem Eifer ſogar ein. Alles war umſonſt; Niemand rührte ſich; auch konnte er nicht die leiſeſte Spur von der Anweſenheit eines Menſchen in dem ungeheuern und düſter ausſehenden Gebäude vor ihm ent⸗ decken. Die Ausſicht war keine der angenehmſten, und eine Dezembernacht unter freiem Himmel zuzubringen, konnte ihm keineswegs als wünſchenswerth erſcheinen; und doch, wo ſollte er hin, um ein Obdach zu finden. Die andern Hotels waren alle zu und verödet; und ſelbſt von den Privathäuſern war nicht eines unter zwanzigen be⸗ wohnt. Noch einmal wollte er es verſuchen, ob er nicht in das Hotel kommen könnte, und erſtieg deßhalb den Gartenzaun und erreichte die Hinterſeite des Gebäudes; aber auch hier waren alle ſeine Bemühungen ebenſo ver⸗ gebens, wie vorher, und ſchon war er im Begriffe, alle Hoffnung aufzugeben, als er einen ſchwachen Lichtſchimmer erblickte, der aus einem kleinen Fenſter im erſten Stock⸗ werke kam. Da es ihm mit all' ſeinem Rufen nnd Schreien nicht gelang, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, ſo beſchloß er, das Fenſter zu erreichen, bis zu welchem glück⸗ licherweiſe ein großer, ſich an der Wand hinaufziehender Rebſtock leicht gelangen ließ. George war ein geſchickter Kletterer; und in weniger, denn einer Minute, fand er ſich auf der Fenſterbank, von wo er durch die Oeffnung zwiſchen den halbzugemachten Läden hindurch in ein Zim⸗ mer blicken konnte. Sein erſter Anblick beim Hineinſehen war, daß es ein Bedientenzimmer ſein müſſe. Die nackten, 5 147 geweißten Wände, das beſcheidene, mit keinen Vorhängen verſehene Bett— drei Stühle von grobem Holze— Alles beſtärkte ſeine Vermuthung, ſelbſt der Tiſch, der mit einem groben Tiſchtuch bedeckt war und worauf ein Eſſen ſtand — wenn man es anders ſo nennen konnte— wie es wohl für einen Einſiedler an einem Freitage gepaßt haben würde. Auf einem Teller lag ein ſchwarzes Brod, wie ſolches auf dem Lande gewöhnlich, daneben einige Rettige und auf einem andern Teller ein ganz kleines Stückchen badiſchen Käſes; weiter bemerkte er eine große Flaſche voll Waſſer — und ein mit einem langen Dochte verſehenes Talglicht warf ſeinen düſtern Schimmer über das Ganze hin. Einige Augenblicke konnte George den Mann, dem dieſes ein⸗ fache Mahl gehöͤrte, nicht entdecken, da derſelbe damit be⸗ ſchäftigt war, ſein Feuer zu ſchüren; bald aber kam er wieder zurück, nahm ſeinen Platz am Tiſche ein, breitete ſeine Serviette vor ſich hin und ſah den Tiſch mit einer Miene der Selbſtzufriedenheit an, wie ſie etwa ein Fein⸗ ſchmecker für das vollkommenſte petit diner hat. Der Kleidung, dem Geſichte und ſeinem ganzen Ausſehen nach war er durchaus ein Gentleman; vielleicht etwas zu gecken⸗ haft in der Art, wie er ſeine Haare geordnet und wie er die Schmuckſachen, womit ſein Halstuch prangte, zur Schau trug; ſogar in ſeiner Haltung, während er am Tiſche ſaß, lag einige ſtudirte Eleganz, die mit dem arm⸗ ſeligen Mahle vor ihm einen ſeltſamen Contraſt bildete. Ein kleines Stückchen Käſe nehmend und ſich einen Becher voll von jenem Elemente einſchenkend, das weder aufhei⸗ tert noch berauſcht, ſchickte er ſich an, ſein Nachteſſen zu verzehren. Onslow ſah ihm halb verwundert, halb zum Lachen aufgelegt, zu, und während er nicht übel Luſt hatte, über das Mißverhältniß zwiſchen dem Eſſen und dem Eſſen⸗ den zu lachen, lag Etwas in dem Auftritte, was ſeinen Hohn zurückdrängte, und ihn ſogar zu einem theilnehmen⸗ den Zuſchauer deſſen, was vor ſich ging, machte. Die durchdringende Kälte der Nacht mahnte ihn endlich, da⸗ —— 148 für zu ſorgen, daß er endlich eingelaſſen werde; und ob⸗ gleich jetzt Nichts leichter war, als ſeine Anweſenheit kund zu thun, ſo empfand er doch einen natürlichen Widerwillen bei dem Gedanken an den Schmerz, den er dem Fremden verurſachen müſſe, wenn deſſen frugale Lebensweiſe und be⸗ ſcheidenes Innere ſo unceremoniös aufgedeckt würde. George dachte, daß dieſe Entbehrungen nur dadurch erträglich würden, weil ſie im Geheimen und ohne Aufopferung weltlicher Achtung Statt fänden. Wie kann ich, fragte er ſich, oder mit welchem Recht darf ich alſo dieſem jun⸗ gen Manne, wer er immer ſein mag, die Qual einer Bloßſtellung auferlegen? Sein Entſchluß war bald ge⸗ faßt, und eben ſo raſch handelte er auch darnach: denn er beſchloß, die Nacht lieber unter freiem Himmel zuzu⸗ bringen, als eine in ihren Folgen ſo peinliche Alternative anzunehmen. Seine Entſchlüſſe warteten gewoͤhnlich nicht lange auf ihre Vollführung; und ſo ſprang er, dem Fen⸗ ſter den Rücken kehrend, und das lange Verfahren, wo⸗ durch er hinaufgekommen, verſchmähend, mit einem Satze auf den Boden hinab: dabei aber ſtieß ſein Elbogen an das Fenſter, und im ſelben Augenblicke, wo er den Boden erreichte, kamen ihm auch die zerſchmetterten Bruchſtücke einer Glasſcheibe klirrend nach. In einem Augenblicke war das Fenſter geöffnet, und es erſchien ein Kopf an demſel⸗ ben.„Ich habe das Fenſter eingeworfen,“ ſagte George auf Franzoͤſiſch,— als das einzige Mittel, ſich verſtänd⸗ lich zu machen.„Man hat mich hinausgeſperrt und ich mag nicht eben in den Straßen von Baden eine Winter⸗ nacht zubringen.“. „Sind Sie ein Engländer?“ ſagte die Stimme von Oben in engliſcher Sprache. „Ja; aber ich ſehe nicht ein, was dieß mit der Sache zu thun hat,“ erwiederte Onslow mürriſch;„ſogar ein Lappländer würde es vorziehen, in einer ſolchen Jahres⸗ zeit ein Obdach zu haben.“ 5 „Wenn Sie die Güte haben wollen, an die Vorder⸗ —— —,.— 149 thüre zu gehen,“ ſagte die Stimme— eine der ſanfteſten und lieblichſten— ſo wird es mir viel Vergnügen machen, ſie Ihnen zu öffnen.“ Und zu gleicher Zeit hielt der Unbekannte ſein Licht vor, um die Schritte des Andern in höͤflicher Weiſe zu lenken. „Danke, danke; ich brauche das Licht nicht. Ich kenne den Weg vollkommen,“ ſagte George, nicht wenig beſchämt durch den Contraſt zwiſchen ſeinem eigenen, gro⸗ ben Betragen und der Höflichkeit des Fremden, deſſen Fen⸗ ſter er zerbrochen. Onslow hatte kaum ſo viel Zeit, das Thor an der Vorderſeite des Gaſthofes zu erreichen, als daſſelbe ihm geöffnet wurde, und er eine kleine, gar nette Geſtalt vor ſich ſah, die, indem ſie ihr unendliches Bedauern aus⸗ drückte, ihn nicht bälder gehöͤrt zu haben, George ihr Licht— dieß Mal ein Wachslicht— anbot. Mit der Verſicherung, daß die zerbrochene Scheibe ihm nicht die geringſte Unbequemlichkeit verurſache— daß das Zimmer ein kleines Ankleidekabinet,— daß es nicht der Mühe werth ſei, einen Augenblick über die Sache nachzudenken u. ſ. w., erlaubte der Fremde Onslow, ihn bis an die Thüre ſeines Zimmers zu begleiten, und wünſchte ihm dann eine gute Nacht. Der Auftritt hatte kaum ſo viel Zeit erfordert, als uns noͤthig war, denſelben zu erzählen, und doch hatte in dieſen wenigen Augenblicken George Onslow Gelegen⸗ heit, zu ſehen, daß der Unbekannte all' die leichte Haltung und die ruhigen Manieren eines an gute Geſellſchaft ge⸗ wöhnten Mannes habe. Es lag vielleicht ein kleines Ueber⸗ maß von Hoͤflichkeit in dem Benehmen des Unbekannten, wenigſtens jener Höflichkeitsſchule zu Folge, in die Ons⸗ low gegangen war; aber dieß könne ja auch, dachte er, die Wirkung eines langen Aufenthaltes im Auslande ſein, wo ein ſolcher Ton gewoͤhnlich vorherrſche. Die Urbanität war für George nicht kalt genug. Es iſt gleichgültig, 15⁵0 dachte er: der Mann gehört nicht zu den gemeinen Men⸗ ſchen, und wenn dieß auch der Fall wäre, ſo hat er mir doch einen guten Dienſt geleiſtet; und mit dieſen halb ſelbſtſüchtigen Gedanken legte er ſich ſchlafen, und ſchlief in der That auch geſund, ohne ſich auch nur durch einen Gedanken an den zu quälen, der eine Stunde bei dem Verſuche, ſeine zerbrochene Scheibe nothdürftig auszubeſ⸗ ſern, zubrachte, und den Reſt der Nacht wegen ſeiner un⸗ zureichenden Geſchicklichkeit vor Kälte zitterte. Glückliches Vorrecht der Leute, welche den Schmerz, ſo ſie Andern verurſachen, ſo leicht vergeſſen, und Alles, was bei ihnen ſelbſt keinen Kummer oder kein Bedauern zurückläßt, für eine Kleinigkeit erachten! Glücklich die Natur, die, ohne ſich zu grämen, den Wein über Tante Betty's einziges,„pfirſichfarbenes Atlaßkleid“ ſchütten, oder in ſorgloſer Stimmung die einzige Blüthe ihres einzigen Geraniums zerzupfen kann! Der beneidenswerthe Stoicismus, der das Keepſake einer armen Wittfrau ver⸗ legt, oder den Klepper eines alten Pfarrers— den theu⸗ ren Gefährten vieler Ausflüge— zu Schanden reitet! Dieß ſind, was auch Andere denken mögen, ſehr beneidens⸗ werthe Züge, und befähigen die Beſitzer, ein ruhiges Ge⸗ ſicht herumzutragen, und in höchſt ſalbungsvoller Weiſe von den Segnungen des Gleichmuths und den vortreffli⸗ chen Früchten eines gehörig geſchulten Geiſtes zu ſprechen. —— — 151 Zwölftes Kapitel- Herr Albert Jekyl. Onslow's erſter Gedanke, beim Aufwachen am näch⸗ ſten Morgen, war dem Vorfall der vergangenen Nacht und dem neuen Bekannten gewidmet; indeſſen konnte er über ihn nur ſo viel erfahren, daß er ein Engländer ſei⸗ der den Sommer in Baden zugebracht, und während der Saiſon Jedermann gekannt habe und von Jedem gekannt geweſen ſei. Der Kellner nannte ihn in der hergebrachten Weiſe„einen recht lieben Herrn,“ und ſchien anzudeuten, daß man jede weitere Auskunft erlangen koͤnne, wenn man — dafür bezahle. Hätte Onslow auch den Wink ver⸗ ſtanden, ſo wäre er doch nicht der Mann geweſen, der ſich denſelben zu Nutze gemacht haͤtte; er befahl ihm daher einfach, das große Hausbuch herbei zu bringen, worin die Namen aller Reiſenden verzeichnet ſtehen, und entdeckte alsbald, daß der Bewohner des beſcheidenen„Entresol,“ Nr. 6, ein Herr Albert Jekyl ſei, von Stand— wie es immer heißt—„Rentier Anglais.“ Als er in dem⸗ ſelben lehrreichen Buche weiter ſuchte, fand er, daß Herr Jekyl bei ſeiner Ankunft im Monat Juni ein kleines Ap⸗ partement im erſten Stocke inne gehabt, das er ſpäter ver⸗ laſſen, um ein anderes im zweiten Stocke zu beziehen; ſodann hatte derſelbe ein einziges Zimmer im dritten Stocke bewohnt, bis er endlich die ruhige Abgeſchiedenheit des Zimmerchens vorzog, worin George ihn zuerſt erblickt. Dieß waren ſehr geringe Materialien, um eine Geſchichte daraus zu bilden; allein ſie ließen doch wenigſtens einen Schluß ziehen— und dieß war ein ſehr gewoͤhnlicher— den Schluß nämlich, daß die Höhe von Jekyl's Glück und 1⁵² die ſeiner Wohnung in umgekehrtem Verhältniſſe zu einan⸗ der geſtanden, und daß es mit ihm aufwärts gegangen, während es mit ſeinen Mitteln abwärts ging. Wenn da⸗ her im Buche kein werthvoller Beitrag zu der Geſchichte des Herrn enthalten war, ſo gab es doch wenigſtens ſeinen Namen an; und als George Norwood's Brief wieder oͤff⸗ nete, gelangte er zu der Ueberzeugung, daß dieß daſſelbe vertrauensvolle Individuum ſei, das den edlen Viscount mit einem Darlehen von zwanzig Pfund erfreut. George erinnerte ſich nun, auf Lady Heſter's Tiſch ſeine Viſiten⸗ karte geſehen, ſowie auch gehört zu haben, daß er ſich nach der Geſundheit Sir Stafford's erkundigt.„Armer Kerl!“ dachte er;„abermals ein Opfer des„trente- et-un.“ Sie haben ihn am Spieltiſche rein ausgezogen und er ſchämt ſich nun, entweder nach Hauſe zu ſchreiben, oder aber wollen ſeine Freunde Nichts für ihn thun. Und auch Norwood— die Herzloſigkeit, einen armen jungen Menſchen, wie ihn, zu brandſchatzen! Onslow ta⸗ delte innerlich den edlen Lord deßhalb mehr, als wegen fünfzig anderer Streiche, wovon er zum Theil ſelbſt ein Opfer geworden. „Noch dieſen Morgen ſuche ſch ihn auf!“ ſagte George halblaut, und mit dem Tone und der Miene eines Mannes, der ſich bewußt iſt, etwas ſehr Edelmüthiges ge⸗ ſagt und ein Gefühl ausgedrückt zu haben, das ihn der Verdammung bis zu einem gewiſſen Grade ausſetzen muß. Am Ende iſt Jekyl doch ein recht guter Name. Lady Heſter ſagte Etwas von Jekyls, die ſie kenne, oder mit dennen ſie verwandt ſei. Guter Styl von einem jungen Burſchen— er ſah etwas tigermäßig aus, aber das rührt vom Continent her. Iſt er wirklich präſentabel, ſo wird auch Mylady in ihrem jetzigen Zuſtande der Verlaſſenheit ihn gerne empfangen. Norwood's unange⸗ nehme Miſſion ſei allerdings widerwärtig, aber er brauche ſte ja nicht zu übernehmen— es liege ja keine Nothwen⸗ digkeit vor, ſich die Mühe zu geben, unangenehm zu ſein, 153* „oder noch beſſer— weit beſſer,“ dachte er, und brach über den glücklichen Einfall in ein Gelächter aus,— „ich mißverſtehe den Sinn ſeines Briefes und zahle das Geld. Ein herrlicher Gedanke; denn da ich im Begriffe ſtehe, ſeiner Lordſchaft eine ſchwere Summe gut zu ſchrei⸗ ben, ſo heißt es ja bloß zwanzig Pfund abziehen und die⸗ ſelben Jekyl übermachen; und ich ſchwoͤre darauf, er braucht es am Nothwendigſten von uns Allen.“ Je mehr Onslow darüber nachdachte, um ſo mehr war er von dieſem bewundernswürdigen Anſchlage entzückt, und es erheiſcht die Billigkeit, daß wir hinzuſetzen, daß, ſo ſehr es ihm auch Freude machte, eine Gefälligkeit zu erweiſen, ihm doch der Gedanke noch weit mehr Spaß machte, wie ihre Bekannten im„Grosvenor“*⁴) und die „Ultras“ darüber lachen würden, daß man den„pfiffigen Viscount daran bekommen.“ Nur einem Manne von allen denen, mit welchen Onslow umging, hätte er einen ſol⸗ chen Streich gerne geſpielt, und dieſer Mann war Nor⸗ wood. Nachdem er dieſen ſeinen Plan gefaßt, dachte er zunächſt an deſſen Ausführung, und dieß ſollte durch einen Brief geſchehen. Ein kurzes Billet, enthaltend die Bot⸗ ſchaft Norwood's und die zwanzig Pfund, machte jede Erklärung unnöthig, und erſparte zugleich Jekyl jedes unan⸗ genehme Gefühl, das die Erörterung eines Privatumſtan⸗ des zur Folge haben konnte. Onslow's Billet endigte mit ſeinem„Danke für Herrn Jekyl's Gefälligkeit an dem vergangenen Abende,“ und drückte den Wunſch aus, zu erfahren,„um welche Stunde Herr Jekyl einen Beſuch von ihm annehmen wollte.“. Wenige Minuten, nachdem das Billet abgeſandt worden, meldete ein Bedienter Herrn Albert Jelyl, und dieſer junge Herr trat im Glanze eines prachtvollen, bro⸗ katnen Schlafrockes, mit einer griechiſchen Mütze auf dem *) i. e. Grosvenor Club. 8— 154 Kopfe, und mit Pantoffeln von ſchwarzem Sammt und goldenen Stickereien herein. Onglow, der ſelbſt ein ausgezeichnetes Mitglied jener modernen Schule des Dandyismus war, deren Stolz in Buckeln, Knoͤpfen, Vorſtecknadeln, Uhrenketten, Ringen und mit Juwelen beſetzten Stoͤcken beſteht, war ganz über⸗ raſcht von der koſtſpieligen Cleganz der Toilette ſeines Beſuchers. Die Knoͤpfe von Opal an ſeinen Manſchet⸗ ten; der elnzelne Diamant von ſchöner Größe und Glanz an ſeinem Finger— ſogar die maſſive bernſteinerne Mund⸗ ſpitze an dem prächtigen Meerſchaum, den er in der Hand hielt, waren lauter Beweiſe koſtſpieliger Gewohnheiten. „Iſt denn das auch der Mann, den ich geſtern Abend beim Eſſen geſehen?“ Das war die Frage, die er ſich alsbald vorlegte; aber es war jetzt keine Zeit, dieſen Punkt näher zu erörtern, da Jekyl mit einer in ihrer Sanftheit faſt mädchenhaften Stimme ſagte: „Ich konnte nicht umhin, Ihnen, Herr Onslow, für Ihr höfliches Billet alsbald zu danken und zu ſagen, wie lieb es mir iſt, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Maynard ſagte mir oft von Ihnen und ich geſtehe, ich war zwanzig Mal in einem Tage verſucht, mich Ihnen vorzuſtellen.“ „Maynard— Sir Horace Maynard!“ rief Onslow, halb vor Freude, halb vor Ueberraſchung leicht erröthend; denn der Baronet war der Chef jener Claſſe von Menſchen, zu der George gehoͤrte— ein Mann von großem Ver⸗ mögen, alter Familie, der Glücklichſte auf dem engliſchen Turf,*) und ein Gegenſtand des Neides und der Nach⸗ eiferung für jeden jungen Mann in der Stadt.„Kennen Sie Maynard?“ „O, recht gut,“ liſpelte Jekyl;„auch habe ich ihn recht gern.“ Onslow konnte nicht umhin, den Mann anzuſtarren, der, ſo ganz ruhig und gleichſam im Tone eines Goͤnners, *) Bei den Wettrennen. 15⁵ ſeine Meinung über den ausgezeichnetſten Faſhionable des Tages abgab. „Er hat einen recht netten Geſchmack, was Pferde und Wagen betrifft,“ fuhr Jekyl fort,„verſtand aber nie Etwas von einem guten Mittageſſen.“ Onslow war wie vom Donner gerührt. Maynard, deſſen Eſſen der Triumph des Clarendon⸗Clubs waren, von dem Manne, den er, wie eine Maus, ein Stückchen ſchimmeligen Käſes hatte zum Nachteſſen verzehren ſehen, ſo kritiſiren zu hoͤren! „Beiläufig geſagt, da wir gerade vom Eſſen ſpre⸗ chen,“ ſagte Jekyl,„was iſt aus Merewater geworden?“ „Lord Merewater?— Er hatte den Dienſt bei Hofe, als wir England verließen.“ „Er pflegte einen recht ordentlichen Koch zu haben — einen Spanier Namens Joſe— der alle provengali⸗ ſche Gerichte vollkommen zu bereiten verſtand. Guter Menſch, Merewater. Sind Sie nicht auch der Anſicht?“ Onslow murmelte eine Art halber Zuſtimmung, und ſetzte hinzu:„Ich kenne ihn nicht.“ In der That wurde der fragliche Lord als unerträg⸗ lich ſtolz angeſehen— als ein Mann, der ſelten einen Bürgerlichen der Ehre ſeiner Bekanntſchaft würdige. „Armer Merewater! Ich erinnere mich, ihm einen ſolchen Streich geſpielt zu haben; bis auf dieſe Stunde weiß er noch nicht, wer es that. Ich ſtahl das„menut⸗ eines ſeiner großen Eſſen, und gab es dem Koche des alten Lord Briſtock— einem Kerl, der recht gut als Koch auf ein Auswanderer⸗Schiff gepaßt hätte— und nie ſah man eine ſolche Traveſtie von einem Eſſen. Merewater ſtellte ſich unwohl und ging vom Tiſche weg in der feſten Ueberzeugung, daß dieß Alles geſchehen ſei, um ihm einen Schimpf anzuthun.“ „Ich glaubte aber, der Graf von Briſtock lebe auf einem ſchönen Fuße,“ ſagte George. „Drunten zu Breetwood ging es recht gut an— 156 man war auf dem Lande— und Haſelhühner und Faſa⸗ nen, Salme und Schnepfen, kamen natürlich und zur rechten Zeit; auch hatte er in der That recht guten Bur⸗ gunder; und obgleich jetzt wenige Leute ihn trinken, ſo iſt doch der Chambertin ein Wein, der für Weihnachten gut genug iſt.“ Der Käſe und die Waſſerflaſche kamen George nicht aus dem Kopfe, doch ſagte er Nichts, ſondern ließ ſeinen neuen Bekannten— was dieſer auch that,— über ein weites Feld adeliger und ausgezeichneter Familien ſich verbreiten, mit denen Allen er auf dem vertraulichſten Fuße gelebt zu haben ſchien. Gewiß erzahlte Jekyl von denen, ſo Onslow ſelbſt kannte, zwanzig kleine Züge und Merk⸗ male, die zeigten, daß er mit voller Kenntniß von den betreffenden Perſonen ſprach. Unähnlich Haggerſtone, ſpielte er ſelten, wenn überhaupt je, auf einen jener uner⸗ freulichen Gegenſtände an, welche die Stapelwaare der Skandalſucht bilden. Jekyl's Kritik beſchränkte ſich dar⸗ auf, eine kleine Excentricität in ganz milder Weiſe zu ver⸗ lachen, oder im Vorübergehen über irgend eine Eigen⸗ thümlichkeit in dem Anzuge, in der Stimme oder im Weſen eine witzige Bemerkung zu machen; weiter ging ſte nicht, und bei keiner Gelegenheit verrieth ſie Böswil⸗ ligkeit. Selbſt bei der Schilderung von Seltſamkeiten kam gewöhnlich eine leichte Nachäffung des fraglichen Indivi⸗ duums mit ins Spiel. Er ließ dieſelben in den Dialog ſeiner Erzählung einfließen, ohne ſich irgendwie aufzuhal⸗ ten, oder ſich behindert zu fühlen, und da er es mit vie⸗ lem Takte, großer Beherrſchung des Geſichtes und einer Fülle von Humor that, ſo trugen dieſe ſehr amüſanten, kleinen Talente zu ſeinem Glücke in der hoͤheren Geſell⸗ ſchaft ſehr viel bei. Onslow lachte herzlich über manche Nachäffungen und erkannte ſo Perſonen, die in eine Er⸗ zählung eingeführt wurden, ohne daß es noͤthig war, ihm dieſelben vorher zu nennen. „Sie haben vielleicht von der Reihe unglücklicher Zu⸗ 157 fälle gehört, die uns zwangen, hier eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen,“ ſagte George, um ſo auf der andern Seite einen gleichen Grad von Mittheilſamkeit herbeizuführen. „O, ja, unſer Wirth hat mir von Ihren Unglücks⸗ fällen erzählt.“ „Ich glaube aber dennoch, daß das größte Unglüͤck das war, daß wir in ſolcher Jahreszeit hieher kamen.“ „Gewiß ſieht man jetzt Baden nur„en papillote,“ ſagte Jekyl lächelnd,„und Sie ſind vielleicht kein Bewun⸗ derer ungeſchmückter Schönheit.“ „Sagen Sie lieber der Natur, wenn ſie am Häß⸗ lichſten— denn, wie der Ort auch im Sommer ausſehen mag mit dem Laubwerk, den klaren Bächen, den Blumen, der ſchönern ſpazierengehenden und ſpazierenfahrenden Welt, den Wagen und Pferden, der Mufik, der Bewegung und den luſtigen Stimmen— ſo iſt er doch jetzt in der That gar zu traurig. Sagen Sie mir doch, wie greifen Sie es an, um mit Ihrem Tage zu Ende zu kommen?“ Jekyl lächelte in ſeiner ruhigen, zweideutigen Weiſe und zuckte ein wenig die Achſel, ohne zu ſprechen. „Schießen Sie?“ „Nein,“ ſagte er. „Aber warum frage ich doch— es gibt ja Nichts, zu ſchießen. Sie reiten alſo?“ „Nein.“ „Cigarren leiſten gute Dienſte; aber der Henken hole mich, wenn man weiß, was man mit einem großer Theile des Tages anfangen ſoll, ſelbſt vorausgeſetzt, man widme dem Leſen und Schreiben ſo ziemlich viel Zeit.“ „Thue ſelten weder das Eine noch das Andere!“ ſagte Jekyl in ſeiner gewohnten ruhigen Weiſe. „Sie haben ſicherlich keine Liebſchaft mit irgend ei⸗ nem Fräulein mit gelbem Haare?⸗ „Ich kann auf ein ſolches Glück nicht Anſpruch ma⸗ men. Ich thue in der That Nichts. Ich habe nicht ein⸗ mal das gewöhnliche engliſche Hülfsmittel— einen Dachs⸗ 2 158 hund, der über den Stock ſpringt; auch war ich nicht frühe genug in das Myſterium des Branntweins und Waſſers eingeweiht— in der That, es läßt ſich wohl kaum ein weniger beſchäftigtes Individuum denken, und dennoch— Sie werden lachen, wenn ich es ſage— iſt mir die Langeweile unbekannt.“ „In dieſem Falle wäre es gar nicht großmüthig, Ihr Geheimniß zu verbergen,“ rief Onslow; denn ſicher⸗ lich iſt es etwas werth, die Kunſt zu wiſſen, wie man hier die Zeit todt ſchlagen kann, ohne Jemand zu todten.“ „Das Unglück iſt, daß ich dieſes Geheimniß nicht mittheilen kann; d. h. ſelbſt wenn Sie mir zutrauen, daß ich ein ſolches beſitze, iſt meine Geſchicklichkeit der eines großen, mediziniſchen Praktikers ähnlich, der gelernt hat, die Krankheit mit ſo geübten Augen anzuſchauen, daß das angemeſſene Heilmittel ſich ſeinem Geiſte ſo zu ſagen inſtinktmäßig darbietet— er weiß nicht wie, oder warum,— und der ſtirbt, ohne im Stande zu ſein, ſeine Wiſſenſchaft einem Nachfolger zu übermachen. Ich bin, etwa in gleicher Weiſe, ein vollendeter Faulenzer gewor⸗ den und mit ſolchem Erfolge, daß der traurigſte Regen⸗ tag, der je die ſchmutzigen Fenſter eines Dorfwirthshauſes verdüſterte, daß der brennendſte Hundstag, der je die Stra⸗ ßen einer italieniſchen Stadt leerte und alle Einwohner zur Ruhe ſchickte, mich nie melancholiſch machte. Ich habe mit vollkommener Zufriedenheit einen Monat in der Quarantäne zugebracht, und drei Wochen bei vollkom⸗ mener Windſtille zur See, ohne eine andere Beſchwerde, als das Geſtöhn und Geächze meiner Mitpaſſagiere. Es liegt kein Geheimniß darin, Herr Onslow; oder wenn eines darin liegt, ſo liegt es in der hübſchen Entdeckung, daß wir ſtets durch unſere Gewohnheit, uns auf Jemand anders zu verlaſſen, der ſich hinwiederum auf einen An⸗ dern verläßt u. ſ. w., gelangweilt werden. Nun aber läßt ſich ein Fieberkranker nicht einmal träumen, daß er ſeine Hand abkühlen koͤnne, wenn er ſie auf die Wange . 159 eines andern Patienten lege, und doch iſt es gerade das, was wir thun. Um durchaus und gründlich gelangweilt zu werden, müſſen Sie ſich mit einem halben Dutzend müder, an ſchlechter Verdauung leidender Schwätzer ver⸗ binden und alle Unfähigkeiten, die Jedem insbeſondere in⸗ wohnen, wie bei einer Bank anf Aktien, zuſammenwerfen und im Chor brummen lernen,— und dann können Sie heimgehen und es als Solo üben.“ „Und ſind Sie in letzter Zeit ganz allein hier ge⸗ weſen?“ ſagte George, der zu fühlen begann, daß die Rede über die Langweile ſelbſt nicht ganz frei von dem Uebel ſei. „Gelegentlich habe ich ein halbes Stündchen verplau⸗ dert mit zwei Herren, die hier wohnen— einem Oberſt Haggerſtone—“ „Beiläufig geſagt, wer iſt der Mann?“ fiel Onslow eifrig ein. 3 „Man hat ſeinen Weg bis nach Madras verfolgt, aber die ſorgfältigſten Nachforſchungen konnten ſonſt Nichts herausbringen.“ „Iſt er der Mann, den man Arlington's Oberſt Haggerſtone hieß?“ „Jekyl nickte; aber mit einer Miene, die zu ſagen ſchien, daß er nicht tiefer auf den Gegenſtand einzugehen wünſche. „Und Ihr anderer Gefährte— wer iſt er?“ „Peter Dalton von— ich ſchäme mich, es zu ſagen — ich weiß nicht, von wo,“ ſagte Jekyl, der, mit einem Male Dalton's aufgedunſenes Geſicht annehmend, in gut nachgeahmtem iriſchen Dialekte alſo fortfuhr:„Ein Sproſſe eines ſo alten und ehrenwerthen Hauſes, wie nur eines in den drei Königreichen zu finden iſt, und, wenn er etwas herabgekommen,— wehe denen, ſo daran Schuld ſind! — immer noch, wie früher, bereit, ſich in angenehmer Geſellſchaft zu erfreuen, und die erwärmenden Gefühle des Herzens ausſtrömen zu laſſen.“ „Er iſt der beſſere von den Zweien, ich wollte drauf ſchwören,“ ſagte Onslow. „Intereſſanter, gewiß— gerade wie ein in Ruinen liegendes Schloß ein pittoreskerer Gegenſtand iſt, als eine neue Polizeiſtation, oder ein Zuchthaus aus gehauenen Steinen. Auch iſt noch ein anderer Zug vorhanden, der ihm den Vorzug verſchaffen ſollte. Ich habe von Zeit zu Zeit, wenn ich an den Fenſtern vorüberging, zwei ſehr hübſche Geſichter geſehen, und die, wie ich vermuthe, ſei⸗ nen Toͤchtern gehoͤren.“ „Haben Sie nicht ihre Bekanntſchaft gemacht?“ fragte Onslow etwas überraſcht. „Ich bedaure, ſagen zu müſſen, daß es nicht der Fall,“ ſeufzte Jekyl ſanft. „Ei, man ſollte meinen, die Sache ſei nicht ſo ſchwer, an einem ſolchen Orte, in einer ſolchen Jahres⸗ zeit und bei—“ Er zögerte und Jekyl ſetzte hinzu— „Bei einem ſolchen Papa, wollten Sie ſagen. Gut, darin gerade liegt die Schwierigkeit. Hätte mein vorteff⸗ licher Freund, Peter, irgend einem andern Lande ange⸗ hört, ſo ſchmeichle ich mir, daß ich gewußt hätte, wie ich die erſten Schritte thun ſollte; aber bei dieſen lieben Irländern iſt gerade ihre Zugänglichkeit eine Schwierig⸗ keit von nicht gewöhnlicher Art. Man nehme eine herab⸗ laſſende und reſpektvolle Miene an, und alsbald ſehen ſie Einen als einen kalten Formaliſten an, mit welchem ſie Nichts gemein haben köonnen. Verſucht man es mit einem entgegengeſetzten Betragen, und ſtellt man ſich ungenirt und ungezwungen, ſo hat man Ausſicht, ein Duell zu bekommen, ehe man nur noch weiß, wen man beleidigt hat. Ich geſtehe, ich habe zu verſchiedenen Malen kleine Avancen gemacht, und verſchiedene Male kleine Winke über Einſamkeit, lange Abende u. ſ. w. fallen laſſen, und ob⸗ gleich er mir in jedem Stücke Recht gab, ſo hat doch feine Praris nie mit ſeiner Lehre gleichen Schritt gehalten. 1 161 Aber ich verzweifle nicht. Was ſagen Sie, wenn wir die Feſtung als Alliirte angreifen? Es däucht mir, wir würden es nicht ohne Erfolg thun.“ „Von ganzem Herzen. Welcher Art iſt Ihr Plan?“ „In dieſem Augenblicke habe ich noch keinen; auch iſt keiner nothwendig. Wir wollen wie einſt die fahren⸗ den Ritter auf Abenteuer ausgehen und ſehen, ob ſie uns nicht in die Hände laufen. Der erſte Schritt iſt, daß Sie Daltons Bekanntſchaft machen. Nun aber ergeht er ſich bei ſchlechtem Wetter jeden Tag in dem großen Saal drunten; ſollte er heute aber nicht erſcheinen, wie dieß bereits ſeit einigen Tagen der Fall iſt, ſo werde ich mich in meinem Hauſe nach ihm erkundigen. Sie begleiten mich dann. Das Uebrige wollen wir dem Zufalle über⸗ laſſen.“ Obgleich Onslow nicht einzuſehen vermochte, daß die⸗ ſer Schritt zu etwas Anderem als einer höflichen Antwort auf eine höfliche Frage führen würde, ſo ſtimmte er doch gern bei, und verſprach, noch an demſelben Abend um vier mit ſeinem Gefährten zuſammenzutreffen. Was Je⸗ kyl betrifft, ſo ſah er die ganze Sache aus einem andern Geſichtspunkte an, denn er wußte, daß, während es für ihn gar nichts Leichtes ſei, mit den Daltons eine nähere Verbindung anzuknüpfen, der Sohn des reichen Baronets hoͤchſt wahrſcheinlich ganz anders angeſehen werden würde. Stelle ich ihn vor— ſo dachte er,— ſo werde ich mit einem Male der Freund der Familie werden. Es war ihm ſchon oft zuvor im Leben vorgekommen, daß er auf dieſe Weiſe werthvolle Bekanntſchaften gemacht hatte, und obgleich es höchſt unwahrſcheinlich war, daß die Daltons je in der Kategorie der nützlichen Freunde figuriren wärden, ſo boten dieſelben doch ein angenehmes Mittel wider die Langweile der Winterabende und— wie er es ſelbſt nannte, — gegen die„Demoraliſation“, welche aus langer Ent⸗ behrung weiblicher Geſellſchaft entſteht. Und endlich ver⸗ Die Daltons. I. 11 ₰ 16² ſprach der Plan die⸗Anknüpfung einer vertrauten Freund⸗ ſchaft zwiſchen Onslow und ihm; und dieß war mehr werth, als alles Andere. Vierzehntes Kapitel. Ein verdächtiger Beſuch. Wie wenig ließen die Daltons ſich einfallen, daß ſie der Gegenſtand ſo vieler und ſo mannigfaltiger Sorge ſeien, und daß, während Lady Heſter ſich alle die faſhio⸗ nablen Schönheiten vorſtellte, die Kate durch ihre Lie⸗ benswürdigkeit verdunkeln, und welche Wirkung Reize, wie die ihrigen, auf die Geſellſchaft hervorbringen würden, Sir Stafford mit ſeinem Advokaten angelegentlichſt die Mittel berathe, ihnen wirklich Gutes zu thun; und George Onslow ſtellte— in Ermangelung von etwas Beſſerem — während er rauchte, Betrachtungen darüber an,„welche Art von Leuten“ dieſelben wohl ſein möchten, und fragte ſich, ob der Plan auch die geringe Mühe werth ſei, welche die Ausführung deſſelben ihm koſten mußte. Wenig wuß⸗ ten ſie von all dieſem— wenig ließen ſie ſich träumen, daß außerhalb ihres beſcheidenen Hauſes noch Jemand lebe— den„theuern Frank“ ausgenommen— der ſie in ſeine Gedanken einſchließe. Die„in Purpur und feine Leinwand gekleidete“ Kategorie dieſer Welt vermag die Macht dieſes Mangels an Sympathie nicht gehörig zu würdigen! Diejenigen, deren kleinſter Kummer und ge⸗ ringſte Trübſale im Leben ſtets des Troſtes von Freun⸗ den, und ſogar des ſanfteren Troſtes eines faſhionablen 1 —— „ 163 Arztes gewiß ſind, deren Leiden und Kummer in der Morning⸗Poſt und den Hoſzeitungen ihren Wiederhall finden, können ſich nicht das Gefühl der Ver⸗ einzelung vorſtellen, welches das Elend mit ſich führt. „Die Armuth,“ ſagt eine claſſiſche Autorität,„hat in ih⸗ rem Gefolge kein größeres Uebel, als daß ſie die Leute lächerlich macht.“ Aber ſo tief und ſchmerzlich auch dieſe Wunde für die Selbſtliebe ſein mag, ſo iſt ſie doch unbe⸗ deutend im Vergleich mit dem darniederdrückenden Ge⸗ fühle der Vereinzelung, jener gezwungenen Entbehrung aller Sympathie, worin die armen Leute leben! Die Dalton's ſaßen um Hanſerl's Bett herum und machten ſich ſchweigend mit dem kranken Manne zu ſchaf⸗ fen; mit tiefem und ängſtlichem Intereſſe beobachteten ſie ſein mühſames Athemholen und die krampfhaften Zuckun⸗ gen ſeines Fiebers. Die wilden und ſchnellen Bewegungen ſeiner Lippen und die ſeltſamen Phantaſien, die ihnen ent⸗ ſtrömten, wobei der Kranke oft in ein Gelächter ausbrach, verliehen ihren Geſichtern einen noch tiefern Ernſt, und den Blicken, die ſie wechſelten, einen Anflug von düſtrerer Bedeutung. „Es konnte ihm wohl nicht beſſer gehen,“ murmelte Dalton kummervoll; war er ja doch ein Freund von uns! Hätte er nie Etwas von uns geſehen oder gehört, ſo möchte er zu dieſer Stunde glücklich und geſund ſein!“ „Nein, nein, Papa,“ ſagte Nelly ſanft;„das heißt zu ſchwermüthig geſprochen; auch ziemt es uns nicht, dem Schickſal die Bürde aufzuladen, die wir ſelbſt geduldig tragen ſollten.“ „Sprich mir nicht davon, daß es kein ſolches Ding, wie das Glück, gibt!“ erwiederte Dalton in gereiztem Ton.„Ich weiß es wohl, ob es ein ſolches gibt oder nicht! Mit fünf und dreißig Jahren hat ſich Alles zu meinem Unglück gewendet, was ich in meinem Leben an⸗ rührte. Es war daſſelbe, ob ich Etwas in der Aufregung und im Drang des Augenblickes that, oder ob ich wochen⸗ 165 aber die Blicke Kate's waren mit einem Ausdrucke voll zärtlicher und liebevoller Bedeutung auf ſie geheftet. „Es iſt Jemand an der Thür,“ flüſterte Dalton; „ſieh doch nach, wer es iſt, Kate.“ Kate erhob ſich und erblickte, als ſie die Thüre ſanft oͤffnete, den alten Andy; ſeine zuſammengeſchrumpften Geſichtszüge und glanzloſen Augen ſchienen in einem Zu⸗ ſtande ungewoͤhnlicher Aufregung zu ſein. f„Was gibt es, Andy?— Was willſt Du?“ ſagte ſie. „Iſt der Herr da?— Wo iſt der Herr?“ „Er iſt hier; was willſt Du von ihm?“ entgeg⸗ nete ſie. „Ich muß ſelbſt mit ihm ſprechen,“ ſagte er, indem „er mit ſeiner halblahmen Hand Dalton winkte, herauszu⸗ kommen. „Was gibt es, Du alter Narr?“ ſagte Dalton un⸗ geduldig, indem er aufſtand und, ihm nachfolgend, das Zimmer verließ. „Da iſt wieder einer von ihnen!“ ſagte Andy, ſei⸗ nen Mund an Dalton's Ohr haltend, und, als gelte es das größte Geheimniß, leiſe fluͤſternd. „Einer von was?— einer von welchen?“ „Er iſt droben,“ murmelte Andy. „Wer iſt droben?— Wer iſt es?“ rief Dalton zornig. „Habe ich ihn nicht in dem Augenblick erkannt, als ich ihn ſah! Ja, ja, ſo alt ich auch bin, ſo ſind meine Augen doch noch nicht ſo trübe.4 „Gott gebe mir Geduld!“ ſagte Dalton, und, nach ſeinem Geſichte zu urtheilen, bat er nicht um einen ver⸗ geblichen Segen.„Sag mir, was Du willſt oder wer droben iſt.“ „Noch einmal näherte Andy ſeine Lippen Dalton's Ohr und flüſterte:„ein Sachwalter!“ „Ein Sachwalter?“ wiederholte Dalton. 166 „Ja,“ ſagte Andy mit bedeutungsvollem Nicken. „Und wie weißt Du, daß er ein Sachwalter iſt?“ „Ich habe ihn geſehen,“ erwiederte der Andere, die Zähne fletſchend;„und ich habe die Thüre hinter ihm zugeſchloſſen!“. „Warum?“ „Warum! warum! O Jemine!“ ſagte der alte Mann in weinerlichem Tone, da er in dieſer unglücklichen Frage den Beweis zu ſehen glaubte, daß der Verſtand ſeines armen Herrn Schiffbruch gelitten. Es war in der That für ihn kein geringer Schlag, zu hoͤren, daß Peter Dalton gegen die Gefahr gleichgültig geworden, und daß derſelbe das von ihm ausgeſprochene furchtbare Wort ohne ein Zeichen von Gemüthsbewegung vernehmen konnte. „Ich habe die Papiere mit einer rothen Schnur um⸗ wickelt geſehen,“ ſagte Andy, gleich als ob er durch die⸗ ſen neu hinzugekommenen Zug im Stande wäre, ſeinem Herrn die ganze drohende Gefahr recht lebhaft vor's Ge⸗ müth zu führen. „Kerl, Du biſt ein alter Narr!“ ſagte Dalton zor⸗ nig, und ſtürzte, dem Schlüſſel ſeine zitternden Fingern entwindend und denſelben heftig zurückſtoßend, an Andy vorbei und ging die Treppe hinauf. Wenn Dalton's Ungeduld durch die abſurden Schrecken und die närriſchen Warnungen des alten Mannes erregt worden war, ſo war doch auch ſein Herz nicht ohne eine gewiſſe unbeſtimmte Furcht, während er langſam die Treppe hinaufging. Zwar theilte er nicht die Furcht An⸗ dy's vor dem Manne des Geſetzes. Andy, Zeit und Ort vergeſſend, und nicht wiſſend, daß ſie ſich in einem andern Lande befanden, wo der königliche Gerichtsbefehl keine Geltung hatte, erblickte in der furchtbaren Erſcheinung die Schatten eines kommenden Unglücks. Jedem Unheil, das über das Haus ſeines Herrn gekommen war, war ein ſolcher Beſuch vorangegangen, und er hätte eben ſo gut — 167 ddie Banſhee*) von einem plötzlichen Tode trennen können, als den Anblick eines Sachwalters von einem herannahen⸗ den Unglücke. Zwar ging Dalton nicht ganz ſo weit; aber doch waren alte Eindrücke nicht ſo leicht verwiſcht. Und, wie man ſagt, daß der befreite Gefangene bei dem bloßen Raſ⸗ 4 ſeln einer Kette zittere, ſo hörte auch ſein Herz auf die Furcht, welcher die Erinnerung an die vergangenen Nöthen und Unglücksfälle neues Leben verlieh. „Was mag er nur von mir wollen?“ murmelte er, indem er einen Augenblick⸗ ſtehen blieb, um Athem zu holen.„Sie haben mir Nichts gelaſſen als das Leben; und das können ſie mir doch nicht nehmen. Nicht als ob ich mich viel darum kümmerte, wenn ſie es thäten! Möglich, daß ſie mich wieder wegen der Dokumente quä⸗ len wollen; aber ich mag mich damit nicht plagen. Ich habe das Gut verkauft und das Geld verbraucht; ja, was noch mehr iſt, ich habe es, wie ein Gentleman, un⸗ ter meinen eigenen Leuten, daheim verzehrt! Und wenn ich landesabweſend bin, ſo iſt es nicht meine Schuld. Ich glaube, er kann mich nicht verhaften!“ ſagte er nach einer Pauſe.„Aber Gott weiß es, ſie machen jetzt alle Tage neue Geſetze, und es iſt ſchwer zu ſagen, ob ſie mit Nächſtem überhaupt noch einem Mann, in welchem Theile der Welt ſich derſelbe auch befinden möge, Friede oder Ruhe laſſen werden. Nun, nun! was brauche ich erſt lange zu rathen? Ich habe Nichts zu verkaufen— Nichts zu verlieren; ich glaube, ſie ſetzen noch, ſelbſt für Ir⸗ ſänder, die Strafe des Galgens darauf, wenn man ein Bischen zu geſchwind lebt.“ Und mit dieſem Stücke beruhigenden Troſtes zog er ſeine Cravate hinauf, ſchlug ſeinen Rock zurück und machte ſich bereit, dem Feinde tapfer die Stirne zu eten. *) Friſche Zauberin oder Fee. 168 Obgleich Dalton beim Aufſchließen der Thür einiges Geräuſch machte und ebenſo auch, indem er über den kleinen Gang ging, der zu dem Wohnzimmer führte, ſo wurde doch ſein Hereintreten von dem Fremden, der eine halb vollendete, von Nelly gearbeitete Gruppe aufmerkſam betrachtete, nicht bemerkt. Dieſe Gruppe ſtellte einen al⸗ ten Soldaten vor, deſſen Augen von einer Binde bedeckt waren und der an einem Brunnen ſaß, während ein klei⸗ ner, jugendlicher Tambour ihm den großen Siegsbericht vorlas. Sie hatte die Arbeit zu einem Geſchenle für Frank beſtimmt und ihr ganzes Genie bei der Compoſi⸗ tion deſſelben aufgeboten. Die glühende Begeiſterung des blinden Veteranen— ſeine halbgeöffneten Lippen— die in ſeiner Stellung liegende Neugierde, waͤhrend er den Worten mit Wonne lauſchte, bildeten einen ſchoͤnen Con⸗ traſt mit der kindlichen Einfalt des Knaben, der, wie es ſchien, mehr die Worte herauszubringen ſuchte, als der Bedeutung derſelben folgte. Wenn der Fremde kein vollendeter Kenner war, ſo war er doch gewiß nicht ohne alle Kunſtkenntniß, da er, als Dalton zu ihm hintrat, ganz in die Betrachtung des Kunſtgegenſtandes vertieft war. „Ich bitte Sie um Verzeihung— Sie ſind wohl Herr Dalton— dieſe ſchöne Compoſition iſt Schuld ge⸗ weſen, daß ich mich ganz und gar vergeſſen habe. Darf ich fragen, ob es die Arbeit eines einheimiſchen Künſt⸗ lers iſt?“ „Es iſt hier gearbeitet worden, mein Herr,“ erwie⸗ derte Dalton, deſſen Stolz auf die Geſchicklichkeit ſeiner Tochter durch ein minder würdiges Gefühl— die Scham, daß ein Dalton ſich zu einer ſolchen Arbeit hergeben koͤnne, verdunkelt war. „Ich habe ſehr ſchlechte Kunſtprodukte hoch ſchätzen und loben hören, und wenn ich mir keine Unbeſcheidenheit zu Schulden kommen laſſe—" „Um jeder derartigen Gefahr vorzubeugen,“ bemerkte ——— ,„f 4 169 Dalton, ihm unterbrechend,„nehme ich mir die Freiheit, S um Ihren Namen und den Zweck dieſes Beſuches zu ragen.“ „Prichard, mein Herr; Firma Prichard und Har⸗ ding, Prokuratoren, Lincolns⸗Inn⸗Fields,“ erwiederte der Andere, deſſen Stimme und Weſen mit einem Male einen Geſchäftston annahm. „Ich habe dieſe Namen noch nie gehört,“ ſagte Dal⸗ ton, auf einen Stuhl zugehend. Der Fremde ſetzte ſich und ſing, eine große Papierrolle auf den Tiſch vor ſich hinlegend, an, dieſelbe aufzubinden und die Papiere ganz methodiſch und mit der Miene eines Mannes zurechtzulegen, dem ſein Geſchäft zu wichtig erſcheint, als daß das Er⸗ ſtaunen eines dabei Stehenden ſeine Gedanken einen Au⸗ genblick in Anſpruch nehmen dürfte. „Prichard und Harding ſind eine recht kühle Art von Herren,“ dachte Dalton, indem er an dem entgegen⸗ geſetzten Ende des Tiſches Platz nahm und, obwohl nicht mit bemerkenswerthem Erfolg, ſo ruhig auszuſehen ver⸗ ſuchte, wie ſein Beſucher. „Verkaufsurkunde— Skizze von Verhaltungsbefeh⸗ len— Verzeichniß über die verkauften Papiere— nein, da iſt es! Das iſt es, was wir brauchen,“ murmelte Pri⸗ chard, halblaut.„Ich glaube, mein Herr, dieſer Brief iſt von Ihnen geſchrieben?“ Dalton ſetzte ſeine Brille auf und ſah das Dokument einige Sekunden an, während welcher ſein Geſicht allmäh⸗ lig ſich aufzuheitern und einen freudigeren Ausdruck anzu⸗ nehmen ſchien, denn ſein Auge glänzte und eine lebhafte Röͤthe zeigte ſich auf ſeiner Wange. „Es iſt, mein Herr— ja, ja, es iſt meine Hand⸗ ſoriſe jedes Wort iſt von mir; und was noch mehr iſt, ch bin bereit, es noch heute zu vertreten, wie in der Stunde, wo ich es ſchrieb.“ Herr Prichard hatte ſich, von der Antwort kaum 170 Notiz nehmend, abermals in ſeine Unterſuchungen vertieft; allein der Gegenſtand derſelben muß für ein anderes Ka⸗ pitel aufbehalten bleiben. Vierzehntes Kapitel. Eine in Verlegenheit ſetzende Frage. Wie ſelten iſt es, daß Jemand einen Brief anſieht, den er vor etwa zwanzig Jahren geſchrieben, und denſelben mit einiger Zufriedenheit liest. Wie angenehm auch der Gegenſtand, wie voller Intereſſe derſelbe auch zu der Zeit geweſen ſein mag,— die Jahre haben ſo gewaltige Ver⸗ änderungen in den Umſtänden herbeigeführt, haben ſeine Verhältniſſe zu der Welt ſo gewaltig verändert,— haben hier Illuſionen zerſtreut, dort neue Ausſichten eröffnet— daß es wohl möglich iſt, wenn er Nichts als Erſtaunen für das, was einſt ſeine Anſichten waren, empfindet, und wenn ihn ein ſeltſames Gefühl des Zweifels beſchleicht, ob er denn je auch ſich ſo habe ausdrücken können. Wir haben in unſerem letzten Kapitel Herrn Dalion im vollen Genuſſe dieſes ſo ſeltenen Vergnügens verlaſſen, und, während er ſein Schreiben las und wieder las, zeigte jeder Zug ſeines Geſichtes die Freude, die es ihm ge⸗ währte. hre Reine eigene Hand, ganz gewiß! Ich wollte, ich hätte nie die Feder in einer ſchlechteren Sache ergriffen! Iſt es nicht ſonderbar,“ murmelte er, wie das Herz eines Manns ſeine Finger überlebt? Ich köͤnnte jetzt nicht ſo gut ſchreiben, wie damals, aber ich kann noch ganz ſo fühlen. Da ſtehen gerade die Worte, die ich ſagte.“ 1 171 Und bei dieſen Worten las er halb laut folgende Stelle— „„Wenn Sie aber Advokaten und Sachwalter zum Teufel ſchicken wollen, und wenn es Ihnen erwünſcht iſt, daß wir die Sache, wie zwei Gentlemen, unter einander abmachen, ſo wird ſich Peter Dalton einfinden, wann, wo und wie Sie wünſchen, und mit der Satisfaction, die Sie ihm geben, wird er auf alle Anſprüche und For⸗ derungen, die er an Sie macht, Verzicht leiſten.““ Ganz richtig! Und ein ehrlicheres Anerbieten wurde nie gemacht, aber es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß man mir nicht mit gleicher Ehrlichkeit entgegen kam.“ „Als Sie dieſen Brief ſchrieben, Herr Dalton,“ ſagte Prichard, ohne von den vor ihm liegenden Papieren auf⸗ zublicken,„quälte Sie ohne Zweifel der Gedanke, daß Sir Stafford Onslow Ihnen Unrecht gethan.“ „Meiner Treu, ich glaube Ihnen. Ein ſo ſchoͤnes Gut zu verlieren, war keine Kleinigkeit, was Sie auch davon denken mögen!“ „Die Frage ſollte eher die ſein, welches Recht Sie gehabt, ihm jenen Verluſt zuzuſchreiben.“ „Welches Recht ich hatte? Alles Recht von der Welt. Wer bekam das Vermögen? Antworten Sie mir darauf. War er nicht der einzige Erbe? Aber von was rede ich? Es iſt nun einmal geſchehen und vorbei,— und was braucht er mehr?“ „Ich wollte eben auf dieſen Punkt kommen, mein Herr,“ ſagte Prichard.„Sir Stafford iſt auf die Sache zufällig aufmerkſam gemacht worden und er ſieht nun ein, daß er, ohne es zu wiſſen, Ihnen ein großes Unrecht ge⸗ than, und daß er wenigſtens zu Einem verbunden iſt, um ſeiner eigenen Satisfaction willen—“ „Satisfaction, ſagen Sie wirklich ſo?“ ſiel Dalton ein, das einzige Wort erfaſſend, das für ſein Ohr eine beſtimmte Bedeutung hatte.„Beſſer ſpäter, als nie, und es freut mich, ihn verbinden zu koͤnnen. Nicht als ob es 8 172 nicht Leute gäbe, die ſagen moͤchten, die Zeit ſei vorüber u. dgl., aber das war nie meine Geſinnung.„„Es gibt nie eine ſchlechte Zeit zu einer guten Handlung,““ pflegte mein armer Vater zu ſagen, und Sie können ihm ſagen, daß ich bis auf den Tag meines Todes auf ſeine Lands⸗ leute nun mehr halten werde, wenn er das thut, was Sie mir da ſagen.“ Prichard legte das Papier weg, das er las und ſtarrte den Sprechenden mit ſtummem Erſtaunen an. „Sie ſind ſein Freund, wie ich ſehe,“ ſagte Dalton. ſ„Sir Stafford iſt ſo gut, mich als ſolchen anzu⸗ ehen.“ „Meiner Treu! die Güte iſt ganz auf der andern Seite,“ erwiederte Dalton lachend;„in dieſem Lande wenig⸗ ſtens, denn die Sekundanten ſind hier gerade ſo ſtrafbar, wie die Hauptperſon ſelbſt, und haben für ihr Geld keinen Spaß. Aber wir koͤnnen ja nach Landau hinübergehen; man ſagt mir, es ſei dort Barbaria, über dem Rhein drüben.“ „Bavaria vielleicht?“ ſagte der Andere.. „Ja, das iſt's, was ich ſagte. In zwei Stunden ſind wir über der Grenze⸗ Es fehlt dort an Nichts, was man im Leben brauchen kann,“ ſagte er, ſeine Hände vor Freude reibend. 5 „Unſer Geſchäft, mein Herr, kann hoffentlich hier ab⸗ gemacht werden, und zwar ohne vielen Aufſchub.“ „Wenn Sie ſo wollen; ich liebe die Bewegung nicht ſehr, ſeitdem ich ein böſes Knie hatte, und ich thue, was man von mir haben will.“ „Sie ſcheinen ein feindliches Zuſammentreffen im Auge zu haben, mein Herr, wenn ich Sie anders recht verſtehe,“ ſagte Prichard langſam;„wären Sie aber ſo gut geweſen, mich bis an's Ende zu hören, ſo würden Sie geſehen haben, daß mein Freund und ich ſelbſt Nichts weniger als ſo Etwas beabſichtigen.“ „ „ 9 173 „O Jemine!“ ächzte Dalton, indem er in einen Stuhl zurückſank. „Wir hatten nie eine ſolche Abſicht.“ „Kein Duell?0 „Nichts der Art.“ „Aber ich habe Sie ja doch das Wort Satisfaction ausſprechen hören! Ich ſchwore darauf, Sie haben Sa⸗ tisfaction geſagt.“ „Ich hege die aufrichtige Hoffnung, mein Herr, daß das Wort eine friedliche Bedeutung mit ſich führen kann.“ „O Himmel, o Himmel!“ rief Dalton, während er, die Hände auf ſeinen Knien in einander ſchlingend, als ein vollkommenes Abbild getäuſchter Hoffnung daſaß, und ohne im Mindeſten auf eine ſehr beredte Erklärung zu hören, mit der Prichard herausrückte.„Sie ſehen nun hoffentlich, mein Herr ,“ rief der Letztere triumphirend, „daß, wenn die Abſichten meines Freundes nicht gerade von der Art ſind, wie Sie erwarteten, dieſelben nichtsdeſto⸗ weniger von einem lebhaften Wunſche zeugen, Ihre Freund⸗ ſchaft und Ihre Achtung zu erhalten.“ „Ich höorte nicht auf ſein Wort, das Sie ſagten,“ ſagte Dalton mit einer Aufrichtigkeit, die Manchen zu einem Lächeln bewogen haben würde; aber Herr Prichard lachte nie, oder nur dann, wenn der Scherz von einer ſeidenen Robe ausging, oder die Richterbank ſelbſt den Anſtoß da⸗ zu gab. 4 3Jch wollte Ihnen, mein Herr, begreiflich machen,“ ſagte er abermals und mit unendlicher Geduld,„daß in dem Teſtamente des ſeligen Herrn Godfrey eine Clauſel war, des Inhalts, daß, ſofern Sir Stafford Onslow es für paſſend und zweckmäßig erachten ſollte, der Erblaſſer Nichts dagegen hätte, wenn eine jährliche, lebenslängliche Rente von 150 bis 200 Pfund Herrn Peter Dalton ver⸗ abreicht würde. Sir Stafford iſt jetzt erſt auf dieſe Clauſel aufmerkſam gemacht worden, da er in der That das Te⸗ ſtament vorher nie ſah. Das Dokument war in unſern 174 Händen; und da gewiſſe Vorfälle, wovon der Brief, den Sie eben anerkannt, einen Theil bildet, Sie zu jener Zeit gegenüber Sir Stafford in eine beſonders feindſelige Stel⸗ lung brachten, ſo ließen wir, als ſeine Rechtsfreunde, es uns nicht beſonders angelegen ſein, ihm den Inhalt der Clauſel zu beſonderer Berückſichtigung zu empfehlen.“ „Fahren Sie fort, ich höre auf Sie,“ ſagte Dalton. „Nun, mein Herr, Sir Stafford will jetzt der in der Clauſel enthaltenen Auflage nachkommen, da er derſelben einen mehr obligatoriſchen Charakter zuſchreibt, als ſeine Rechtsfreunde zugeben möchten. In der That iſt die Sache für ihn mehr eine Sache des Gefühls, als des Rechts; und dieß iſt natürlich ein Punkt, worin wir kein Recht haben, eine Meinung geltend zu machen. Es ſind nun an die zehn Jahre ſeit Herrn Godfrey's Tod verfloſſen, und nimmt man an, die Summe ſei 200 Pfund, zu fünf Pro⸗ cent verzinslich, ſo hätten Sie jetzt etwas über 3200 Pfund zu bekommen, ſowie ferner Ihre lebenslängliche Rente; und um die Auszahlung dieſer Gelder zu beſorgen, ſowie um die noͤthigen Maßregeln zu deren künftiger Auszahlung zu treffen, habe ich die Ehre, vor Ihnen zu erſcheinen. Was dieſe Briefe betrifft, ſo gehören Sie Ihnen; und indem Sir Stafford ſie Ihnen wieder zuſtellt, wünſcht er, jede Erinnerung an die Sache, worauf ſie ſich beziehen, auszutilgen, und Sie zu verſichern, daß wenn Umſtände es ihm geſtatten, mit Ihnen zuſammenzutreffen, es auf dem Fuße vollkommener Freundſchaft und Herzlichkeit ge⸗ ſchehen möge.“ „Meiner Seele! Ich verſtehe von all' dem kein Wort!“ ſagte Dalton, deſſen verwirrter Blick die Wahr⸗ heit ſeiner Worte bezeugte.„Habe ich denn ein Recht auf als das Geld?“ „Ganz richtig, mein Herr; Sir Stafford fühlt, daß er bloß dem Wunſche Ihres Verwandten, des Herrn God⸗ frey, nachkommt—“ „Aber dieß hat Nichts zu ſchaffen mit dem kleinen „ — 1 — 175 Streite zwiſchen Sir Stafford und mir? Ich meine, das läßt uns gerade auf dem Punkte, wo wir zuvor waren.“ „Sir Stafford hofft, daß fortan ein beſſeres Einver⸗ ſtändniß zwiſchen ihm und Ihnen herrſchen werde; und daß Sie, wenn Sie ſehen, wie tadellos er in der ganzen Ge⸗ ſchichte Ihrer Verluſte geweſen, dieſen Akt als einen Be⸗ weis ſeines Verlangens anſehen werden, ſich Ihre Freund⸗ ſchaft zu erhalten.“ „Und dieſe 200 Pfund per annum 24 „Sind ein Vermächtniß des Herrn Godfrey.“ „Es hängt ja aber von Sir Stafford ab, die Leib⸗ ehie zu bezahlen, oder nicht zu bezahlen, wie es ihm be⸗ iebt.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, mein Herr, wie es ſeine Anſicht, daß ihm keine andere Wahl übrig bleibe, und daß der bloße Wunſch des Herrn Godfrey für ihn einem ausdrücklichen Befehle gleich komme.“ „Meiner Treu! dann hat es lange genug angeſtan⸗ den, bis er es ausfindig machte,“ ſagte Dalton lachend. „Ich glaube mich hierüber bereits ausgeſprochen zu haben,“ erwiederte Prichard; allein ich bin recht gern be⸗ reit, es zu wiederholen.“ „Da ſei Gott vor! Ich bin bereits confus genug im Kopfe und moͤchte es nicht noch mehr werden! Er⸗ klärungen, wie ſie es heißen, machen mich ſtets noch ver⸗ wirrter; wenn Sie aber die Sache mit meiner Tochter Nelly beſprechen wollen— ihr Kopf iſt ſo hell wie der des Lordkanzlers. Ich will ſie heraufrufen, denn, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich finde mich nie in Etwas ſo ganz zurecht, ſo lange die Sache mir durch Nelly nicht klar gemacht wird.“ Herrn Prichard that es wahrſcheinlich nicht leid, einen intelligenteren Zuhoͤrer zu bekommen, und er willigte da⸗ her gern in den Vorſchlag Dalton's. Letzterer verließ als⸗ bald das Zimmer, um ſeine Tochter zu holen. Als er in das kleine Zimmer hinabkam, wo er die 176 beiden Mädchen gelaſſen und wo dieſelben am Bette des Zwerges beſchäftigt geweſen waren, entdeckte er, daß ſie ſich entfernt hatten und daß der alte Andy ſie nun vertrat;— ein Wechſel, der, nach Hanſerl's aufgeregtem Blicke und wilden Worten zu urtheilen, keineswegs nach ſeinem Geſchmacke war. „Was machſt Du hier?“ ſchrie er ganz ernſt den alten Mann an. „St, Alannah! Schlaf' doch, Acuſchla!“ ſagte der alte Andy in winſelndem Tone, indem er in der falſchen Vorausſetzung, daß er bei einem kleinen Kinde wachen müſſe, das Bett des Zwerges wie eine Wiege zu ſchau⸗ keln ſuchte und dann mit ſchetternder Stimme eines ſeiner Nationalliedchen ſummte:—. „Es klagte ein Mann aus tiefer Bruſt. Er weinte und ſtöhnte genug, Denn er kannte wohl ihren Betrug, Und daß er ein fremdes Kind wiegen mußt'. „Was für Katzenjammer! Welche Katzenmuſik machſt Du da?“. „Wo ſind die Mädchen, Andy?“ flüſterte Dalton dem alten Mann ins Ohr. „Sie ſind fort,“ murmelte er. „Fort, wohln?— wohin ſind ſte gegangen?“ „Fort mit ihm, fort mit ihm. Laſſen Sie ihn nicht dableiben, mein Kopf iſt ſchwer und es dreht ſich mit mir Alles herum!“ ſchrie Hanſerl. 1 „Willſt Du mir ſagen, wohin ſie gegangen ſind, ſage ich?“ rief Dalton zornig. „St, St!“ ſagte der Mann in ſingendem Tone, in⸗ dem er glaubte, er koͤnne damit das ihm anvertraute Kind zum Schlafen bringen; und dann bedeutete er Dal⸗ ton durch Zeichen, daß er ja recht ſtille ſein und es auch nicht aufwecken möchte. Einige zornige Worte murmelnd, wandte Dalton ſich 5 177 ab und verließ das Zimmer, ohne im Mindeſten die Bitte Hanſerl's, daß er doch den alten Andy mit ſich nehmen moͤchte, zu beachten. „Ihr paßt gerade ſür einander!“ ſagte er mürriſch vor ſich hin.„Aber ich moͤchte doch wiſſen, wo die Mäd⸗ chen ſind.“ „O Papa, endlich habe ich ſie gefunden!“ rief Kate, indem ſie, die Treppe hinabſpringend und ſechs Tritte auf einmal nehmend, ihren Arm um ihn ſchlang.„Da iſt ſiel ſie iſt droben bei uns, und ſo entzückend und ſo gütig und ſo ſchön. Nie habe ich geglaubt, daß Jemand ſo bezaubernd ſein könnte.“ „Und wer iſt ſie, wenn ſie zu Hauſe iſt?“ ſagte Dalton halb verdrießlich. „Natürlich Lady Heſter, Papa. Sie kam, während wir bet Hanſerl ſaßen— kam ganz allein, um ihn und uns zu beſuchen; und als ſie eine Weile mit ihm ſo gütig und ſo freundlich geſprochen über ſeine Wunde und ſein Fieber⸗ und ſeine Heimath in Tyrol, und ſeine Mutter und über Alles, wandte ſie ſich zu Nelly und ſagte: „„Jetzt, meine Lieben, einige Worte mit Ihnen. Wo kön⸗ nen wir hingehen, um ganz allein und ungeſtört zu ſein?““ Wir wußten nicht, was wir ſagen ſollten, Papaz denn wir wußten, daß Sie und der fremde Herr im Wohnzim⸗ mer beſchäftigt waren; und während ich ſo dachte, wie wir uns entſchuldigen könnten, ſagte ihr Nelly, daß unſer einziges Zimmer für den Augenblick beſetzt ſei.„Oh, das thut ganz und gar Nichts,““ ſagte ſie;„„wir wollen uns in Ihrem Ankleidezimmer abſchließen.““ Unſer An⸗ kleidezimmer! Ich hätte in dem Augenblicke, wo ſie es ſagte, lachen und weinen mögen; aber Nelly ſagte, wir hätten keines, und bat ſie alſo, mit uns in ihr Schlaf⸗ zimmer hinaufzugehen; und da iſt ſie nun, Papa, auf dem kleinen Bette ſitzend, und Nelly muß Alles erzählen und ihr ſagen, wer wir ſind, woher wir gekommen und wie wir hieher gerathen.“ Die Daltons. I. 3 12 „Es wundert mich, daß Nelly nicht mehr Verſtand hatte,“ ſagte Dalton ärgerlich;„nicht einmal einen Vor⸗ hang vor dem Bette, noch ein Stück Teppich auf dem Boden. Was wird ſie von uns Allen denken!“ „O, Papa, Sie irren ſich ganz und gar; ſie nannte es ein allerliebſtes, kleines Zimmerchen; ſagte, ſie beneide Nelly ſo ſehr um die liebliche Ausſicht auf den Eberſtein und das Schloß, und ſetzte hinzu, ſie gäbe, ich weiß nicht was, darum, wenn ſie unſer glückliches und friedliches Leben, fern von der großen Welt, die ſie ſo gründlich ver⸗ achte, führen könnte. Wie traurig iſt es, denken zu müſ⸗ ſen, daß ihre Pflichten ſie an eine ſo ekelhafte und wider⸗ wärtige Knechtſchaft feſſeln l4 „Meine liebe Kitty, ſpielt nicht Mylady etwas Co⸗ mödie?“ flüſterte Dalton, während ſeine Augen in mali⸗ ziös⸗drolliger Weiſe funkelten. „Papa, Papa! Sie wollen doch damit nicht ſagen—“ „Ich wollte, meine Theure, ſie damit nicht beleidigen, auch wenn ſie wirklich eine kleine Comödiantin iſt. Ge⸗ wiß waren die angenehmſten, ja, ſelbſt einige der würdig⸗ ſten Leute, die ich je kannte, Comödianten; das heißt, ſie thaten ſtets ihr Moͤglichſtes, um ſich der Geſellſchaft an⸗ genehm zu machen; und wenn auch ihr Gewiſſen in dieſer Beziehung etwas elaſtiſch war, ſo darf man ſie deßhalb doch nicht ſo ſehr tadeln.“ „Lady Heſter iſt über ſolche Künſte weit erhaben, Papa; aber Sie ſollen ſelbſt urtheilen. Kommen Sie jetzt herein, denn es verlangt ſie ſo ſehr, Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen.“ Während Kate ſo ſprach, hatte ſie die Thüre des Schlafzimmerchens geoͤffnet, und, ihre Arme um den ihres Vaters ſchlingend, zog ſie ihn ſanft fort, an den Platz, wo Lady Heſter auf dem armſeligen Bette ſaß. „Sie haben ſie an einen ſchönen Ort geführt, My⸗ lady,“ ſagte Dalton, nachdem die Ceremonie der Vorſtel⸗ lung vorüber war;„und es war doch ja das Geſellſchafts⸗ 179 zimmer, oder das Bibliothekzimmer, oder das Frühſtuͤck⸗ zimmer zu Ihrer Aufnahme bereit.“ „Wir hoͤrten, daß Sie mit einem Herrn Geſchäfte hatten, Papa.“ „Gut, Nelly, und wenn ich wegen meinen Güter in Irland ein kleines Geſchäft abzumachen hatte, ſo waren wir doch gewiß in meinem Arbeitszimmer.“ „Ich erlaube mir, zu ſagen, daß ich für jeden Zu⸗ fall dankbar bin, der mir das Vorrecht einer vertraulichen Unterredung mit meinen lieben, kleinen Freundinnen ver⸗ ſchafft hat,“ ſagte Lady Heſter in ihrer allerlieblichſten Weiſe;„und was das liebe, kleine Zimmerchen ſelbſt be⸗ trifft, ſo iſt es in der That bezaubernd.“ „Ich wollte, Sie hätten Mount Dalton geſehen, My⸗ lady. Da iſt ein Fenſter, und es iſt nicht großer als jenes dort, und Sie koͤnnen ſieben Baronien durch daſſelbe hindurch ſehen, ſowie noch einen Theil von drei Graf⸗ ſchaften,— die Mahlmühleu von Killikelly und die Stadt Drumcoolaghan in der Ferne; gar nicht zu reden von dem Shannon, der Meilen lang ſich durch einen allerliebſten Sumpf hinwindet.“ „In der That!“ lächelte ihre Ladyſhip mit einem Blicke tiefen Intereſſes. „Ich ſage Ihnen die Wahrheit, Mylady,“ fuhr er fort;„und was mehr, es gehörte uns, jeder Stock und Stein davon. Von Criſhnamuck bis Ballymodereena auf einer Seite, und von der Kapelle zu Dooras bis nach Drumcoolaghan hinunter erſtreckte ſich das Gut der Dal⸗ tons.“ „Welch fürſtliches Gebiet!“ „Und warum nicht? Waren ſie nicht einſt Könige, oder ſo viel wie Könige? Entſchied nicht mein Großvater, Pearce, als Blutrichter, in ſeinem eigenen Hauſe über Leben und Tod? Das waren gute, herrliche Zeiten,“ ſeufzte er in klagendem Tone. „Aber hoffentlich ſind Ihre neueſten Nachrichten aus Irland günſtig?“ „Ach, des Rühmens iſt da nicht viel. Die alten Fa⸗ milien ſterben ſchnell aus und das Grundeigenthum geht in andere Hände über. Ein Haufe engliſcher Spitzbuben und Bankgeſchäfte treibender Burſche, die ihr Geld in ſchmutzigen, kleinen Straßen machten—“ Hier brachte eine Art flehender, bittender Aengſtlich⸗ keit von Seiten ſeiner Tochter Kate Dalton plöͤtzlich zum Schweigen, und ſo ploͤtzlich hielt er an, als ob er am Rande eines Abgrunds ſtände. „Fahren Sie doch fort, Herr Dalton,“ ſagte Lady Heſter mit einem einnehmenden Lächeln;„Sie koͤnnen nicht glauben, wie ſehr Sie mich intereſſirt haben. Sie ſehen, wir wiſſen in der That Nichts über das arme, liebe Ir⸗ land; und ich bin ſo entzückt, von Einem, der ſo befähigt iſt, darüber zu ſprechen, zu lernen.“ „Ich wollte Niemand beleidigen, Mylady,“ ſtam⸗ melte Dalton in ſeiner Verwirrung⸗„Es gibt überall Gutes und Schlechtes; aber wollte Gott, die Baumwoll⸗ ſpinner kämen nicht zu uns, und ihre Dampfmaſchinen und ihre ſchwarzen Kamine, und ihre großen Fabriken; und wie ich hoͤre, ſo ſind wir jetzt nicht mehr weit davon.“ Ein ſanftes Pochen an der Thür, die mit dem Wohn⸗ zimmer in Verbindung ſtand, ließ ſich in dieſem Augen⸗ blicke vernehmen, und Dalton rief: „Herein!“ Aber ohne ſich dadurch in ſeinem Ge⸗ ſpräche ſtoͤren zu laſſen, wollte er eben fortfahren, als Herr Prichard's wohlgepuderter Kopf ſich an der Thüre zeigte. hätten, Herr Dalton,“ ſagte er; kaum hatte er aber Lady Heſter erblickt, ſo hielt er inne, um wegen ſeiner Zudring⸗ lichkeit um Verzeihung zu bitten. 4 „Meiner Treu, ich hatte Sie wirklich vergeſſen,“ ſagte Dalton lachend.„Konnten Sie nicht Morgens zu uns „Ich fing an, zu vermuthen, daß Sie mich vergeſſen B 181 kommen? Dann können wir ja dieſe Kleinigkeit noch ein⸗ mal beſprechen.“ „Ja, Prichard; unterbrechen Sie uns jetzt doch nicht,“ ſagte Lady Heſter in halb mürriſchem Tone.„Ich kann Sie jetzt nicht wohl entbehren, Herr Dalton;“ und der Mann des Geſetzes zog ſich mit einer höchſt reſpektvollen Verbeugung zurück. „Sie verzeihen mir, nicht wahr?“ ſagte ſie, zu Dal⸗ ton gewandt, mit einem Blicke, deſſen einſchmeichelnde Freundlichkeit oft in einem ſchwierigeren Falle den Sieg davon getragen hatte. „Und nun, Papa, wollen wir in das Geſellſchafts⸗ zimmer gehen,“ ſagte Kate, die nach und nach hundert Mängel in dem Ameublement eines kleinen Zimmers ent⸗ deckte, das ihr bis daher oft als vollkommen erſchienen war. Demgemäß bot Dalton Lady Heſter ſeinen Arm an, die auch das höfliche Anerbieten in aller Form annahm, und nun ging die kleine Geſellſchaft in das Wohnzimmer; Nelly folgte mit einem Ausdrucke der Traurigkeit in ihren bleichen Geſichtszügen, der gar wenig zu den triumphiren⸗ den Blicken ihres Vaters und ihrer Schweſter ſtimmte. „Ich bin Ihrer Verzeihung gewiß, Herr Dalton, und eben ſo auch der Ihrigen, mein liebes Kind,“ ſagte Lady Heſter, ſich zu Kate hinwendend, während ſie ſich auf das harte, alte Sopha ſetzte;„wenn ich Ihnen ſage, daß ich hieher gekommen bin, mit dem feſten Entſchluſſe, den Abend bei Ihnen zuzubringen. Ich bin nicht ſo ganz verſichert, daß die Verzeihung meiner lieben Miß Dalton mir eben ſo leicht zu Theil werden wird. Ich ſehe, ihr Blick wird bereits ernſt, da ſie wohl lieber ihren eigenen bezaubernden Phantaſien folgen, als auf mein Geſchwätz hören mag.“ „Ohl wie Unrecht thun Sie mir doch, Mylady,“ fiel Nelly eifrig ein.„Müßte ich nicht befürchten, daß wir kaum im Stande,— kaum fähig“— ſtotterte ſie in 182 ihrer Verwirrung und Scham; der alte Dalton aber ſiel ein:„ „Hören Sie doch nicht auf ſie, Mylady; wir find an Geſellſchaft ſo gut gewoͤhnt, wie irgend eine Familie im Lande; aber Sie ſehen, wir miſchen uns nicht gern unter Leute, die man im Auslande trifft; und warum ſollten wir es auch? Gott weiß, wer ſie ſind. Vergangenen Sommer waren Burſche an den Spieltiſchen hier, die man nicht einmal in ein Bedientenzimmer hineinlaſſen würde. Da war Einer, den ich ſelbſt geſehen, mit einem eleganten Pferdepaar,— ſo ſchoͤne nette Springer, als Sie nur je geſehen, und dahinter ein Bedienter mit einem Riemen um den Leib, und einer—“— hier machte Herr Dalton eine Pantomime, indem er die Finger ſeiner offe⸗ nen Hand an der Seite ſeines Kopfes ausſtreckte, um eine Kokarde vorzuſtellen—„mit einer, wie heißt man nur das Ding?— an ſeinem Hut; und wer glauben Sie, daß er war?„„Billy Rogers,““ von Muck; ſein Vater war im Canal—“ „Im Canal!“ rief Lady Heſter erſchrocken „Ja, Mylady, im großen Canal,— als Inſpektor mit vierzig Pfund per Jahr,— der Teufel hole mich, wenn er einen Pfenning mehr hatte, und hätten Sie den Sohn hier geſehen, mit zwei Vorſtecknadeln an ſeiner Cra⸗ vate, und einer goldenen Kette, die in einer Menge Win⸗ dungen über ſeiner Weſte ſich hinſchlängelte, mit dem Hut auf einer Seite des Kopfes, und mit gelben Handſchuhen, die jeden Morgen neu waren, und hätten Sie noch geſehen, wie er die„Naps“*) bei dem Diebsſpiele, das ſie„Rouge et Noir“ nennen, hinwarf, ſo würden Sie ſagen, er ſei der Herzog von Leinſter!“ „War er denn Seiner Gnaden ſo ähnlich?“ fragte Lady Heſter mit entzückender Einfalt. *) i. e. Napoleonsd'or. 2 183 „Nein, ſondern groͤßer!“ erwiederte Dalton die Hand ſchwenkend. „ Es iſt wirklich ſo, wie Sie bemerken, ganz wahr,“ fuhr ihre Ladyſhip fort;„es iſt ganz und gar unmög⸗ lich, außerhalb Englands ſich auf neue Bekanntſchaften einzulaſſen, und Sie haben meinen herzlichen Beifall bei der Vorſicht, die Sie anwenden.“ „So ſage ich den Mädchen ſtets,—„„Beſſer keine Geſellſchaft, als eine ſchlechte!““ Nicht als ob ich nicht ſo gern, wie irgend Einer etwas Geſelligkeit liebte,— eine nette, kleine Geſellſchaft, die man ſo ganz kennt,— Leute, deren Väter und Mütter Namen hatten,— der wahre alte Stamm und Kern des Landes. Aber mit jedem Lumpen, den man zufällig auf den Kreuzwegen trifft, Bekanntſchaft zu machen,— mit Dieſem und Jenem vertrauten Umgang zu pflegen, das war nie meine Ge⸗ finnung.“ 4 1 Wir find es der Billigkeit ſchuldig, hier zu geſtehen, daß in dem ſanften Lächeln, womit Lady Heſter auf dieſe Rede antwortete, weniger Heuchelei lag, als man vermu⸗ then möchte; denn ſie verſtand, ſei es, daß die Schnellig⸗ keit, womit Dalton ſprach, oder, daß ſeine eigenthüͤmliche Betonung gewiſſer Worte Schuld daran war,— in der That auch nicht eine Sylbe von Allem, was er ſagte. Inzwiſchen ſaßen die beiden Mädchen ſtill und bewegungs⸗ los da. Nelly mit all der peinigenden Schaam, welche die Abgeſchmacktheit des Tons ihres Vaters,— die Ge⸗ meinheit einer Anmaßung, von der ſie ſo ganz hoffte, daß Jahre der Armuth ſie gemildert, wo nicht vertilgt hätten, einflößte; Kate, in ſtummer Bewunderung ihrer liebenswürdigen Beſucherin, deren graziöſes Weſen ſie mit nie endender Bewunderung erfüllte. Auch machte Lady Heſter keinen Verſuch, ſie in das Geſpräch zu ziehen, ſie war einzig und allein in der Abſicht gekommen, Herrn Dalton ganz für ſich einzunehmen; und Nichts durfte ſie daher in ihrem Vorhaben ſtören. Deßhalb höͤrte ſie auch ſeine langen und ermüdenden Monologe über iriſches Elend und Unglück, die mit einer Genauigkeit in Bezie⸗ hung auf lokale Verhältniſſe berichtet wurden, die das Ganze unverſtändlich machte, geduldig an; ſie horchte ihm mit wohlverſtelltem Intereſſe bei ſeinen Erzählungen über die Daltons aus ſchon lange entſchwundenen Zeiten,— über ihre wilde, ſchwelgeriſche und ertravagante Lebensweiſe, ihr geſetzwidriges Betragen, und ihre Kühnheit, zu; auch ließ ſie ihre Aufmerkſamkeit nicht ermatten, während er ihr Scenen und Theile häuslicher Annalen vorführte, die faſt eine Seite wilder Geſchichte gefüllt haben würden. „Wie leid muß es Ihnen gethan haben, ein Land zu verlaſſen, das durch alle ſeine Gewohnheiten und durch Alles, was mit ihm zuſammenhängt, Ihnen ſo theuer war!“ ſeufzte ſie, als er eine außergewöhnlich ſchrecken⸗ hafte Erzählung beendigte. „Bricht es mir nicht das Herz? werde ich nicht aus lauter Gram darüber zu Haut und Knochen?“ ſagte er, einen Blick des Bedauerns auf ſeine ſtattliche Figur werfend.„Aber was konnte ich thun? Ich mußte fort um der Erziehung meiner Kinder willen— die leidige Erziehung! ſie richtet heut zu Tage Jedermann zu Grunde. Als ich noch ein Knabe war, reichte Jedermann mit Le⸗ ſen und Schreiben und ein wenig Rechnen aus. Wenn man ſagen konnte, was zwanzig Stiere koſtete, das Stück zu zwei Pfund, vier Shilling und ſechs Pence, und was ein Schock Schweinchen koſtete, das Stück zu fünfzehn Shilling, und wenn man ſeinen Namen und ſeine Adreſſe gut und zierlich zu ſchreiben im Stande war, ſo brauchte man ſelten weiter; aber heut zu Tage muß man Alles lernen,— ja man muß ſogar lernen, was Jeder von Natur weiß— Reiten— Tanzen— ja ſie lehren ſogar auch, wie man mir ſagt, das Gehen! Dann kommt Franzoͤſiſch, das muß man lernen, um es zu ſprechen!— und Italieniſch, um es zu ſingen!— und noch Deutſch dazu— meiner Seel', man möͤchte ja darüber einſchla⸗ 185⁵ fen!— und das Muſiciren, Tanzen und Zeichnen nimmt kein en 1 daß Jeder wie ein Schauſpieler erzogen rd d. „Die moderne rziehung, wie Sie ganz richtig be⸗ merken, Herr Dalton, macht ſich mit bei Weitem zu vie⸗ len Dingen zu ſchaffen; allein es möchte ſcheinen, daß Sie glücklich genug den Irrthum vermieden. Eine junge Wae deren Genie ein Werk zu Stande bringt, wie die⸗ es da—“ „Ach ja, das iſt eine von Nelly's Arbeiten,“ ſagte er, die Gruppe, auf die ſie deutete, anſehend, aber in dem Geſtändniſſe mehr Scham als Stolz fühlend. Hier unterbrach ein Geräuſch von Stimmen— ein ganz ungewoͤhnlicher Lärm, der von draußen, von der Thüre herkam, das Geſpräch, und Andy's zitternde Dis⸗ kantſtimme ließ ſich im lauten Wortwechſel deutlich ver⸗ nehmen. „Nelly, Katty! ſo höret doch,“ rief Dalton,„ſehet nach, was der alte Teufel hat. Ich glaube, es iſt heute Etwas über ihn gekommen, denn er kann nicht zwei Mi⸗ nuten lang ruhig ſein.“ Kate beeilte ſich, die Urſache eines Lärms zu ent⸗ decken, das nun mit einem lauten Gelächter untermiſcht war. Da wir indeſſen das Prioilegium beſitzen, die That⸗ ſachen zu wiſſen, ehe ſie bis zu ihr dringen konnten, ſo konnen wir ebenſo gut den Leſer alsbald unterrichten, daß es Andy, deſſen Verſtand durch den Anblick eines Sach⸗ walters übernatürlich erweckt worden zu ſein ſchien, auf⸗ gefallen war, zwei Fremde zur Hausthür hereintreten und langſam die Treppe heraufkommen zu ſehen. In einem ſolchen Augenblicke, und da ſein ſchwaches Gehirn noch von dem letzten Eindrucke erfüllt war, hielt der alte Mann ſie ohne Weiteres für Gerichtsdiener, die gekommen ſeien, um ſeinen Herrn zu verhaften. Er hinkte ihnen daher, ſo gut es angehen mochte, nach, und langte gerade auf dem 186 Treppenabſatz an, als Herr Jekyl Onslow bei der Thüre angekommen „Ich glaube, es wohnt hier Jekyl. 1 1 „Gleich,“ murmelte Andy, der, obgleich er die Frage gehört, doch ſich ſtellte, als ſei das Gegentheil der Fall geweſen, und daraus Veranlaſſung nahm, ſich zwiſchen ſie und die Thüre zu ſtellen. „Ich fragte, ob Herr Dalton hier wohne,“ rief Jekyl lauter, und mit einigem Erſtaunen das Benehmen des alten Kerls gewahrend. „Wer hat geſagt, daß er da wohne, he?“ ſagte Andy, der den Zornigen ſpielen wollte. „Vielleicht iſt's einen Stock weiter unten?“ fragte Onslow. „Vielleicht, vielleicht auch nicht!“ war die Antwort. „Wir wollen ihn ſprechen, guter Mann,“ ſagte Jekyl, „oder wenigſtens eine Botſchaft an ihn ſchicken.“ „Ja, ja, ich weiß wohl, was ihr wollt,“ ſagte Andy, ſeine Hand ſchwenkend.„Es ſind nicht die Erſten Eurer Art, die ich in meinem Leben geſehen!“ „Und was mag das ſein?“ fragte Onslow, nicht wenig beluſtigt durch das Gemiſch von Albernheit und Verſchlagenheit im Geſichte des Alten. „Ei ja! Ich kenne Euch wohl,“ erwiederte er, den Kopf ſchüttelnd.„Packet Euch und bringt das Haus nicht in Aufruhr! Fort mit Euch, ehe die Dienerſchaft Euch ſieht.“. „Das iſt einmal ein rarer Kerl,“ ſagte Onslow, dem es, da ihm an dem Beſuche weniger gelegen war, als ſeinem Gefährten, genug war, mit dem alten Andy ſeinen Spaß zu treiben.„So willſt du alſo nicht einmal un⸗ ſere Complimente melden, und in unſerem Namen fragen, wie Dein Herr ſich befindet?“* „Gewiß wirſt Du nun traktabler werden,“ lächelte Jekyl, indem er eine anſcheinend gut geſpickte Boͤrſe aus 187 der Taſche zog, und mit einem bedeutenden Grad von Großthuerei dieſelbe öffnen zu wollen ſchien. Die Idee der Beſtechung, und noch dazu in einem ſolchen Falle, war zu viel für Andy's Gefühle; und mit einem plötzlichen Schlage ſeiner Hand ſchleuderte er die Boͤrſe, die Jekyl zwiſchen den Fingern hielt, fort und ſtreute den Inhalt über den ganzen Treppenabſatz und die Treppe hin.„Ha ha!“ rief er wild,„am Ende hat er ja doch nur halbe Kreuzer!“ und der ausgeſprochene Hohn war in ſoweit wahr, denn der Boden war bloß mit Kreu⸗ zern und andern Kupfermünzen von geringſtem Werthe überſäet. Was Onslow betrifft, ſo lag für ihn in der Scene zu viel Poſſirliches, als daß er ſein Lachen länger hätte unterdrücken koͤnnen, und obgleich Jekyl ebenfalls lachte, und an der Abgeſchmacktheit ſeines Mißgriffs, wie er es nannte, ſich zu ergotzen ſchien,— er wollte nämlich eine Sammlung ſeltener und merkwürdiger Münzen in ſeine Ta⸗ ſche geſteckt haben, ſo hatte doch ſeine Wange, während er ſich bückte, um dieſelben aufzuleſen, eine tiefere Röthe überflogen, als der bloße Akt des Bäckens verurſachen konnte. Es war gerade in dieſem Augenblicke, als Kate Dalton erſchien. „Was gibt es, Andy?“ fragte ſie, ſich zu dem alten Manne hinwendend, der, nach ſeiner Miene und Haltung zu urtheilen, entſchloſſen zu ſein ſchien, den Eingang zu hüten. „Zwei Burſche, die den Herrn fortnehmen wollen; das iſt es,“ ſagte er mit leidenſchaftlich bewegter Stimme. „Ihr trefflicher, alter Diener hat ſich in uns ge⸗ waltig geirrt.„Miß Dalton,“ ſagte Jekyl in ſeiner her⸗ ablaſſendſten Weiſe.„Mein Freund, Rittmeiſter Onslow,“ — hier bewegte er die Hand nach dem Orte hin, wo Geoge ſtand, der ſich verbeugte— und ich haben eine Jagdpartie im Murgthale vor, und ſind gekommen, Herrn 188 Dalton zu bitten, daß er uns mit ſeiner Geſellſchaft er⸗ freuen möge.“ 4 „O, die diebiſchen Spitzbuben!“ murmelte Andy; „ſo werden ſie ihn fangen.“ Inzwiſchen drückte Kate, welche ihre höfliche Einla⸗ dung zu melden verſprochen hatte, ihre Furcht aus, daß 4 die Geſundheit ihres Vaters für eine ſo anſtrengende Partie nicht ſtark genug ſein moͤchte. Alsbald ergriff Jekyl die ſich ihm darbietende Gelegenheit, ein kleines Geſpräch anzuknüpfen, was ihm denn auch durch allerlei Künſte wirklich gelang, ſo daß Kate ſelbſt endlich ent⸗ deckte, daß ſie ſich in eine kleine Diskuſſion eingelaſſen, während ſie doch nur eine kurze Antwort zu geben beab⸗ ſichtigt hatte; und indem ſie unſchlüſſig war, wie ſie eine Unterredung, die bereits zu lange gedauert, zu Ende bringen ſollte, erſchien Dalton ſelbſt. „Wollen dieſe Herren von mir Etwas?“ ſagte er zornig, während er allen Bemühungen Andy's, ihn zu⸗&. rückzuhalten, aus allen Kräften widerſtand. „O, mein lieber Herr Dalton,“ rief Jekyl mit vie⸗ ler Waͤrme,„es macht mir ſo viel Freude, Sie wieder ganz hergeſtellt zu ſehen! Hier find wir— Rittmeiſter Onslow, Herr Dalton— und wollen eine kleine Excur⸗ ſion das Murgthal hinab machen, den Schnepfen nach; und ich habe mich der Hoffnung hingegeben, daß Sie mitkommen werden.“ Die bloße Anſpielung auf eine Aufmerkſamkeit, ſchon jeder Gedanke, der an eine Hoͤflichkeit gränzte, ſchlug im Weſen des alten Dalton eine Saite an, die alle ſeine Sympathien erregte. Es war ja zu gleicher Zeit eine Anerkennung ſeiner eigenen Perſon und ſeiner Ahnen, für 6 ganze Generationen, die ins Grab geſunken; es war ja eine Rehabilitation aller Daltons von Mount Dalton für ganze Jahrhunderte, die verſtrichen; und indem er Jedem eine Hand hinhielt und ſie bat, hereinzutreten, fühlte er ſich wieder halb zu Hauſe, machte die Honneurs ſeines* — — 189 Hauſes, und legte wieder jene Gaſtfreundſchaft an den Tag, die ihn an den Bettelſtab gebracht hatte. „Iſt es Ihnen Ernſt mit der Jagdpartie?“ flüſterte Onslow Jekyl ins Ohr, während er vortrat. „Natürlich nicht. Es iſt bloß„nein griechiſches Pferd““ um in die Citadelle zu kommen.“ „Meine Tochter, Miß Dalton; Herr Jekyl— Miß Kate Dalton. Der Name Ihres Freundes iſt: glaube „Rittmeiſter Onslow.“ Lady Heſter fuhr bei dieſem Nam en zuſammen und ſagte, indem ſie aufſtand, alsbald: „O George! Ich muß Sie meinen ſchönen Freun⸗ dinnen vorſtellen. Miß Dalton, dieſer Herr nennt mich „„Mama;““ oder wenigſtens unterläßt er es nur aus Hoͤf⸗ lichkeit, wenn er es nicht thut. Rittmeiſter Onslow— Herr Dalton.— Welch glücklicher Zufall hat Sie aber hieher geführt?“ „Sollte ich nicht an Ew. Ladyſhip hier’ dieſelbe Frage richten?“ ſagte George ſchalkhaft. „Wenn Sie wollen; nur fragte ich ſie zuerſt—.“ „Ihre Frage ſoll zuerſt beantwortet werden. Lady Heſter QOnslow, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Herrn Albert Jekyl vorſtelle.“ „O, in der That!“ ſagte Lady Heſter, die Worte ziehend, während ſie mit ihrer kälteſten Verbeugung Herrn Jekyl durch ihr Augenglas hindurch anſah, und ſich dann abwandte, um mit Helenen weiter zu ſprechen. Jekyl war nicht der Mann, der eine kleine Zurück⸗ weiſung als eine Niederlage anſah; indeſſen ſah er zur gleichen Zeit ein, daß jetzt nicht die Zeit ſei, die Sache weiter zu verfolgen. Zudem ſah er auch, daß er, wenn er Dalton in ein Geſpräch verwickle, Lady Heſter und Onslow alle Gelegenheit gäbe, mit den beiden Schweſtern ungehindert zu ſprechen, und daß er durch dieſen Akt des Edelmuths ſich Jedermann zu Dank verpflichten würde. Und welche Selbſtaufopferung gehoͤrt am Ende, wenn wir alle die kleineren Arten von Märterthum, die dieſes Leben kennt, durchgehen, über die des Mannes, der aus purer Phi⸗ lanthropie ſich dazu hergibt, der Gelangweilte einer ganzen Geſellſchaft zu ſein. Chre dem Manne, der die verlorene Mannſchaft dieſer Veſte der Langweile anführen kann. Hoch ſei er geprieſen der Mann, der von dem verführe⸗ riſchen Lächeln der Schönheit und den ſanften Stimmen der Jugend ſich abwenden und nur dem Langweiligen und Unintereſſanten Auge und Ohr leihen kann. Unter den Großthaten des nicht zudringlichen Heroismus ſollte dieſe obenan ſtehen; und wenn Du daran zweifelſt, mein lieber Leſer, wenn Du verſucht ſein ſolltteſt, ſolche kühne Thaten gering anzuſchlagen, ſo verſuche es ſelbſt— verſuche es auch nur ein Mal. Setze dich neben jene taube, alte Dame mit hellbrauner Perrücke, oder ziehe deinen Stuhl zu jenem ältlichen Herrn hin, deſſen zwitzernde graue Augen, und deſſen bebende Lippe eine unendliche Geſprächigkeit und eine unendliche Maſſe perſönlicher Erinnerungen verrathen. Thue das auch in der Nähe angenehmer Stimmen und muntern Gelächters— in der Nähe. jenes klingenden Gerieſels, das anzeigt, daß die Unterhaltung leicht dahin fließt, wie ein Bach im Sommer, klar, wo er ſeicht, und zurückſtrah⸗ lend, wo er tief iſt! Höre auf das ermüdende Verzeich⸗ niß von Familienſchickſalen— von Geburten, Todesfällen, und den Heirathen von Perſonen, die du nie geſehen, noch je zu ſehen hoffteſt— höre auf die langen Erzählungen von Ereigniſſen, die ſchon längſt Statt gefunden, die blind unter einander geworfen, verwechſelt oder falſch berichtet, und auf die Lob und Tadel ſtets irrig angewendet werden, — und ich ſage Dir, Du wirſt fühlen, daß ſolche Handlungen, obgleich ſie nicht mit rothen oder blauen Bändern belohnt werden, doch einen moraliſchen Muth und eine Ausdauer erheiſchen, die auf einem größeren Felde dem, ſo ſie an den Tag legt, zu hohem Ruhme und einer hohen Stel⸗ lung verhelfen. 4 191* Albert Jekyl war ein Meiſter in dieſer großen Kunſt; und es entwickelten ſich in der That ſeine Kräfte mit dem Bedürfniſſe, ſo daß er anſcheinend um ſo aufmerkſamer und theilnehmender wurde, je unausſtehlicher und je lang⸗ weiliger die Perſon war, mit der er ſprach. Seine Geſichts⸗ züge waren wirklich eine Art„Langweile⸗Meſſer,“ worauf man nach der Lebhaftigkeit des Ausdruckes die Dummheit des Plagenden berechnen konnte; und das Queckſilber ſeiner Natur ſiel nicht, ſondern ſtieg unter dem Drucke. Und ſo hätte wohl Jeder geſagt, der ihn an jenem Abend geſehen hätte, wie er, neben Dalton ſitzend, ſtunde⸗ lang zuhörte, wie iriſche Gentlemen zu Grunde gerichtet und deren Vermoͤgen verſchwendet wurde. Welch' luſlige Zeiten waren es, als Jedermann dem Geſetze widerſtand und nie eine Schuld fürchtete! Nicht als ob er, während er all die raren Erfahrungen des Vaters verſchlang, für die Tochter kein Auge gehabt, und nicht geſehen hätte, was um ihn her vorging. Im Gegentheil, er bemerkte recht gut, wie Lady Heſter ſich an Kate Dalton anſchloß, geſchmeichelt durch jedes Zeichen ihrer unenuihrn Be⸗ wunderung, und entzückt von der von Staunen het eiteten Huldigung des ungekünſtelten Mädchens. Auch ſah er recht gut, wie Onslow ſich von den unbelebten Reizen der ge⸗ ſchnitzten Figuren Nellys abwandte, um die langen, dunkeln Augenwimpern und die ſchöne Geſtalt ihrer Schweſter zu bewundern. Er ſah die ganze, kleine Comodie, die um ihn her geſpielt wurde, ſogar die Verwirrung der armen Nelly, wie ſie mit Andy auf dem Theetiſche Alles anordnete, und, zum erſten Male ſeit ihrer Ankunft in Baden, ſich anſchickte, von jenem kleinen ſilber⸗ und goldplattirten Ser⸗ vice Gebrauch zu machen, das, auf einem marmornen Tiſche zur Schau ausgeſtellt, die unvermeidliche Zierde jedes auch noch ſo beſcheidenen Geſellſchaftszimmers in Deutſch⸗ land bildet. Er hörte ſogar, wie ſie, als ſie das Zimmer verließ, Andy wohl zwoͤlf Mal ſagte, wie er den Thee, den Zucker und die. Milch herbeiſchaffen ſolle— Ver⸗ 192 ſchwendungen, die ſie nicht ohne einen Seufzer ausſprechen konnte. Er ſah und höoͤrte Alles, und zog raſch ſeine Schlüſſe, daß ſie nicht allein arm, ſondern daß ſie auch unfähig ſeien, mit der Armuth zu kämpfen. 1 „Und doch möchte ich,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„eine Wette eingehen, dieſe Leute ſchwelgen in Genüſſen, die nicht unter die erſten Lebensbedürfniſſe gerechnet werden können; wenigſtens in Vergleich mit mir! Aber ſo iſt es; aus dem Felſen, den der Eine um ſeinen Hals bin⸗ det, macht der Andere einen Schrittſtein!“ Dieſer befriedigende Schluß verlieh noch weitere Anmuth dem ſanften Lächeln, womit er aus Nelly's Hand ſeine Theetaſſe entgegen nahm,⸗ während er zu gleicher Zeit das Getränk für das beſte erklärte, das er je an einem Orte, mit Ausnahme Moskauts, gekoſtet habe. Und ſo müſſen wir denn die Geſellſchaft verlaſſen.* 2 7 — Kſiſmſnſſſſnſnſſnſſnſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14